3 95* 8* 6duard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v Geih- und Feſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und h der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 hr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jeem Ta Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe iee welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1. thchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: Nt.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„ 5. Auswärtige Wonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Wäͤhrend Walter die Hauptpuncte des in dem vorigen Kapitel mitgetheilten Geſpräches nochmals uͤberlegte, befand ſich ſein tiefgekränkter Bruder mit Valentin, Onkel John und Whitely in einem Geſpraͤche, das entſcheiden ſollte, ob es zweckmaͤßig ſei oder nicht, ein neues Teſtament zu ma⸗ chen. Goodman fuͤhlte, daß die Hand des Todes auf ihm lag. Zwar war eine gar zu baldige Auflöſung nicht grade zu furchten; aber ſeine Conſtitution war durch die brutale Behandlung ſo erſchuͤttert und untergraben, daß er vollig uͤberzeugt war, könnte die Kunſt der Aerzte ihn auch viel⸗ leicht Wochen, ja Monate lang, hinhalten, lange hinaus⸗ zuſchieben vermoͤchten ſie den Tod nicht. Das machte ſeinen Geiſt vollkommen ruhig. Jede Empfindung der Rache und des Zorns war verſchwunden; er hielt dafuͤr, daß er die ihm noch uͤbrige Zeit der Vergebung weihen muͤſſe, ſo daß feine wohlwollende Stimmung einen immer hoͤhern Grad ——— 4 Valentin Vor erreichte. Von ihr geleitet, vermochte er nicht, Walter zur Rechenſchaft zu ziehen; eben ſo wenig wollte er ihn ſeinem eignen Gewiſſen uͤberlaſſen, da dieſes, ſeiner Meinung nach, offenbar den Wunſch einſchlöſſe, er moͤge von ſeinem Ge⸗ wiſſen tuͤchtig gemartert werden. Es drängte ihn, ſeine Vergebung auszuſprechen durch ſein Benehmen kund⸗ zugeben, daß er glaube, jener habe nicht aus angeborner Schlechtigkeit gehandelt, ſondern nur in Folge irgend eines ſchlimmen Einfluſſes, dem er ſich in dem verhängnißvollen Augenblicke nicht habe entziehen koͤnnen. Er that ſein Mog⸗ lichſtes, um Entſchuldigungsgruͤnde fur ihn aufzufinden, in der Abſicht, dadurch eine Art Rechtfertigung fuͤr ſeinen Bru⸗ der herbeizufuͤhren; da es ihm aber gaͤnzlich unmoͤglich war, dieſe Abſicht zu erreichen, ſo lenkte er ſeine Blicke nicht auf das, was Walter geweſen war, ſondern auf das, was aus ihm wuͤrde. Er nahm an, ſeine Reue wäͤre aufrichtig, er wuͤrde fuͤr die Folge tugendhaft leben, und daß folglich der⸗ jenige, der die Macht habe, ihn den Verſuchungen, welche das Elend mit ſich fuͤhrt, zu entreißen, ſeine Pflicht als Chriſt nicht erfuͤllen wurde, wenn er von jener Gewalt kei⸗ nen Gebrauch machte. In dieſer Gemuͤthsſtimmung erbat ſich der arme Good⸗ man den Rath ſeiner Freunde, mehr in der Abſicht, ſie der Bauchredner. 5 mit ſeiner Meinung uͤbereinſtimmend zu finden, als ihren Vorſchlagen Gehoͤr zu geben. Er ſah ein, daß ſie anfangs zur Haͤrte geneigt ſein. daß ſie ihm rathen wuͤrden, den Weg der Milde zu verlaſſen; als er daher fragte, ob nicht auch ſie ihn fuͤr verbunden hielten, ſein Teſtament im Weſentlichen ſo zu laſſen, wie es waͤre, erſtaunte er kei⸗ neswegs, als er jene einmuͤthig antworten hoͤrte: „Durchaus nicht!⸗ „Wie!« rief Whitely,»Sie wollten den Elenden, der Sie auf ſo unnatuͤrliche Weiſe zu berauben ſuchte, mit Schaͤtzen belohnen? Wollen Sie dem Gelegenheit geben, im Ueberfluß zu leben, der Sie nicht nur der Freiheit, ſon⸗ dern auch der Geſundheit beraubte? Bedenken Sie, was Sie ausgehalten haben.. erinnern Sie ſich der ſchreck⸗ lichen Lage, in welcher Sie waren... der monſtroͤſen Bru⸗ talitaͤt, mit welcher man Sie behandelte.. und betrach⸗ ten Sie die Folgen dieſer Brutalität. Wer fuͤhrte das Alles herbei? Eben derjenige, deſſen unnatuͤrliche Bosheit und ſchmutzigen Geiz Sie nun dadurch belohnen wollen, daß Sie ihm Alles vermachen, was Sie beſitzen!« »Was er auch gethan,« bemerkte Goodman,»wie unrecht er auch gehandelt haben mag, ich kann nicht ver⸗ geſſen, daß er mein Bruder iſt. Valenti n Vor »Das duͤrfen Sie auch nicht vergeſſen, denn es erhoͤht ſeine Schuld tauſendfach. Sie muͤſſen ihn als einen Bruder betrachten, der jedes menſchliche Gefühl verletzte, und durch ſeine Handlungsweiſe allen Anſpruch auf Ihre Zuneigung verloren hat. In ſolch einem Falle kann die bewunderungs⸗ wuͤrdige Vorſchrift, Boſes mit Gutem zu vergelten, leicht zu weit getrieben werden. So wuͤrden Sie z. B. ein höchſt verderbliches Beiſpiel geben, indem Sie zeigen wuͤrden, daß, wie ruchlos auch das Benehmen eines Menſchen, wie ab⸗ ſcheulich ſeine Pläne und Anſchläge ſein moͤgen, er ſeine Schaͤndlichkeiten ungeſtraft gegen einen Bruder veruͤben mo⸗ ge, wenn dieſer Bruder ein wohlwollendes Herz beſitzt.. Wäre es mein Bruder, ich wuͤrde mich gänzlich von ihm losſagen; thäte ich's nicht, ſo wuͤrde ich glauben, meine Pflicht gegen die menſchliche Geſellſchaft verletzt zu haben.⸗ »Aber wenn ich mich nun von ihm lasſagte? fragte Goodman.„Was wuͤrde aus ſeiner Familie werden?.. Soll der Unſchuldige mit dem Schuldigen leiden?⸗ „Sie fkoͤnnen nicht wiſſen, ob Jene unſchuldig ſind. Seine Familie kann eben ſo ſchuldig ſein, als er, und in dieſem Falle iſt ſie es aller Wahrſcheinlichkeit nach. Doch, auch angenommen, ſie waͤre es nicht, was ſollte aus der Gerechtigkeit werden, wenn Jemand fur ein Verbrechen nicht der Bauchredner. 7 beſtraft werden ſollte, bloß, weil ſeine Angehorigen mit darunter leiden? Wenn Sie, falls ihre Schuld nicht be⸗ wieſen iſt, ihn beſtrafen koͤnnten, ohne daß dieſe an den Folgen der Strafe mit theilnaͤhmen, ſo wären Sie natuͤrlich verbunden, es zu thun; da das aber unter dieſen Umſtaͤn⸗ den unmoͤglich iſt, ſo fordert die Gerechtigkeit, daß Sie ſo handeln, als waͤren Jene gar nicht dabei betheiligt.⸗ „Aber wuͤrde dieſe Abſicht nicht einigermaßen auch da⸗ durch erreicht,« meinte Valentin,»wenn, ſtatt Walter das Vermoͤgen zu legiren, dieſes ſeiner Frau und der Frau Horace's hinterlaſſen wuͤrde?« „Sie koͤnnte,« entgegnete Whitely,„ſie koͤnnte eini⸗ germaßen dadurch erreicht werden, doch mur in dem Falle, wenn dieſe Frauen treulos wären. Bleiben ſie tugendhaft, ſo macht es keinen Unterſchied, ob das Vermoͤgen ihm oder ihnen vermacht wird; nur in dem Falle, daß ſie ſchlecht ſind, wird er unter dieſer Anordnung leiden; und in Be⸗ tracht, wie haͤufig Frauen, ohne feſte tugendhafte Grund⸗ ſätze, in Hinſicht des Geldes ſich fuͤr unabhaͤngig von ihren Maͤnnern halten, moͤchte ich nie meine Zuſtimmung zu ei⸗ nem Arrangement geben, welches ein neuer Sporn zum Laſter ſein könnte. Nein, lieber vermachen Sie ihm Alles, und uͤberlaſſen ſeine Beſtrafung dem Himmel, als daß Sie 8 Balentin Vor ſo daruͤber verfügen, daß es vielleicht ein neues Reizmittel zum Laſter wird.«. »Aber glauben Sie nicht,« fragte Goodman,„daß er bereits hinlänglich beſtraft iſt?« »Gewiß nicht,« entgegnete Whitely;„er ſollte gehan⸗ gen werden. Ich bin weder rachſuͤchtig noch grauſam, aber ein Mann, wie der, Sir, verdient lebendig verbrannt zu werden.⸗ »Er hat eine weit groͤßere Marter ausgehalten,« ſagte Goodman,„als je ein Menſch ertrug. Er iſt lebendig verbrannt worden. iſt verbrannt worden, bis er das Bewußtſein verlor, und dann, als der Tod ihm angenehm ſein mußte, erduldete er jene Qualen, die ſeine allmalige Wiederherſtellung nothwendig begleitet haben muͤſſen. und das ſchreibe ich Alles dem umſtande zu, daß er mich ſo ſchwer verletzt hat; denn ſein Geiſt war damals ſo krank, daß er ſich einbildete, er ſähe mich im Zimmer. Ich fuhle mich daher.. ſelbſt wenn ich nur ihn im Auge habe.. nicht gerechtfertigt, zu ſeinen uͤbrigen Leiden auch noch die Strafe des abſoluten Mangels zu fuͤgen, und betrachte ich diejenigen, welche mit in ſein Elend verwickelt werden, und die, bis zuletzt, von ſeiner unthat vielleicht nicht einmal etwas gewußt haben, ſo halte ich es mit meiner Chriſtenpflicht der Bauchredner. 9 durchaus nicht verträglich, etwas Anderes zu thun, als was ich vorſchlage. Aber was iſt Ihre Meinung, mein werther Freund?« wandte er ſich zu Onkel John.»Sie haben bis jetzt geſchwiegen. Halten auch Sie es fuͤr zu rechtfertigen, wenn ich meinen Bruder und deſſen Familie dem äußerſten Mangel und Elend preisgebe? Glauben Sie nicht vielmehr, daß er ſchon hinreichend beſtraft ſei?« „Sehen Sie,« erwiderte Onkel John,„ich befinde mich in einer eigenthuͤmlichen Lage. Ich verſprach Ihrem Bruder, nach beſten Kräften Alles auszugleichen, was die umſtände an Erbitterung in Ihnen erzeugt haben koͤnn⸗ ten:— ich verſprach ihm das unter der Bedingung, daß er Sie augenblicklich aus dem Irrenhauſe befreite. Es war eine Art Contract zwiſchen uns; aber nun er ſeinen An⸗ theil daran erfullt hat, finde ich es ungemein ſchwierig, den meinigen zu erfuͤllen. Es waͤre mir daher weit lieber, wenn die Sache ohne mich abgemacht werden koͤnnte, denn waͤh⸗ rend ich mit gutem Gewiſſen nichts Guͤnſtiges fuͤr den Mann ſagen kann, bin ich durch mein Verſprechen gebun⸗ den, nichts gegen ihn zu ſagen, und ſelbſt dann bin ich noch nicht gewiß, daß ich wirklich Alles gethan habe, was mein Verſprechen erheiſcht.« »Ei,« ſagte Goodman,»Sie haben nichts weiter 10 Valentin Vor verſprochen, als daß Sie verſuchen wollten, alle Erbitte⸗ rung in mir zu beſaͤnftigen, die die Umſtaͤnde erzeugt haben könnten; und, in der That, was auch an Erbitterung vorhanden geweſen ſein mag, es iſt Alles verſchwunden. Die ganze Schwierigkeit iſt daher beſeitigt. Da ich keine Erbitterung gegen ihn mehr fuͤhle, ſo haben Sie keine mehr zu beſänftigen, ſo daß Sie weiter nichts zu thun haben, als Alles zu vermeiden, was darauf abzweckt, neue Erbit⸗ terung hervorzurufen, und Sie haben Ihr Verſprechen treulich erfüllt.* »Mein Verſprechen erheiſcht mehr als das,⸗ ſagte On⸗ kel John.„Ich erinnere mich in dieſem Augenblicke nicht, was ich darunter verſtanden zu haben wuͤnſchte, doch bin ich uͤberzeugt, daß es mehr als das enthielt. Ich bin nicht vollkommen gewiß, ob es nicht vielleicht bloß das enthielt, daß ich Alles aufbieten wuͤrde, um jede Erbitterung zu be⸗ ſänftigen, ſondern auch, daß ich Alles thun wuͤrde, was in meinen Kraͤften ſtände, eine vollſtändige Verſoͤhnung herbeizufuͤhren. Es wäre mir lieb, wenn ich uͤber dieſen Punct Licht bekaͤme; denn ich wuͤßte gar zu gern, was er denkt, daß ich damals gemeint hätte.⸗ „Aber, werther Freund,⸗ ſagte Goodman,„»das hat — der Bauchredner. 11 mit Ihrer Meinung uͤber den vorliegenden Fall nichts zu thun. ⸗ »Freilich wohl; doch bin ich in dieſem Augenblicke ſehr geneigt, es zu glauben; denn, ſehen Sie, ſpreche ich meine Meinung dahin aus, daß er bereits genugſam beſtraft ſei, ſo ſage ich damit vielleicht etwas, was meiner Ueberzeu⸗ gung gewiſſermaßen widerſtreitet, waͤhrend ich andererſeits dadurch, daß ich ſage, er ſei es nicht, dem Sinne eines Contractes zuwider handle, der, gleichviel mit wem er geſchloſſen wurde, ſtreng gehalten werden ſollte.« »Gut! Gewiß waͤre es mir angenehm, Ihre Mei⸗ nung uͤber dieſen Gegenſtand zu vernehmen, ehe ich mich entſcheide; denn es wird ohne Zweifel die letzte wichtige Handlung meines Lebens ſein. Da Sie ſich indeß jetzt nicht befugt fuͤhlen, Ihre wirkliche Meinung auszuſprechen, ſo will ich meinen Entſchluß lieber verſchieben.⸗ „Ja, das wird das Beſte ſein« ſagte Onkel John, der in der That keineswegs ſeine Meinung hieruͤber abzu⸗ geben wuͤnſchte; denn obſchon uͤberzeugt, daß Walter auch nicht die mindeſte Ruͤckſicht verdiente, konnte er ſich dennoch nicht einreden, daß er unter ſolchen umſtänden recht handeln wuͤrde, wenn er dieſes als ſeine Meinung ausſpraͤche. Die Sache wurde daher unentſchieden gelaſſen, und 12 Valentin Voy Goodman freute ſich, daß ſein Freund Waltern dieſes Ver⸗ ſprechen gegeben; denn er fuͤrchtete, es moͤchte irgend ein triftiger Beweis beigebracht werden, daß er nach ſolchen Vorſällen das Teſtament nicht ſo laſſen dürfe, wie es ſei, zu Gunſten deſſen, welcher ihn ſo unnatuͤrlich und ſo tief gekraͤnkt. Er vergab ihm von Herzen. Der einzige Punct, uͤber welchen er Beruhigung wuͤnſchte, war der umſtand, ob der Weg, welchen er einſchlagen wollte, der rechte ſei. Und doch ſah er ein, daß. obgleich, wuͤrde die Sache publik, dieſes ein ſchlimmes Beiſpiel geben wuͤrde er in einem Privatfalle, wie dieſer ſei, nicht eben großes Un⸗ recht beginge, wenn er das thäte, was ſein wohlwollendes Herz forderte. Haͤtte er es auch fuͤr vollkommen in der Ordnung gehalten, in dieſem Falle die Gerechtigkeit walten zu laſſen, ſo wäͤre es ihm doch nie eingefallen, dieſelbe mit Haͤrte zu handhaben, und er konnte nicht umhin, es fuͤr hart zu halten, wenn nicht nur Walter, ſondern auch ſeine Familie, alles deſſen beraubt wuͤrden, wovon ſie leben mußten. Er wußte, daß ſie keine andere Exiſtenzmittel hatten, wußte, daß ſie, ließe er ſie ohne Geld, entweder verhungern, oder ſich dem Verbrechen und der Infamie in die Arme werfen mußten; und da er dies wußte, ſo konnte er die Handlung, wodurch er ſie in Verſuchung führte, der Bauchredner. 13 weder mit ſeiner Pflicht als Chriſt, noch mit der als Menſch, in Uebereinſtimmung bringen. Er beſchloß daher eventuell, den peinlichen Gegenſtand nicht wieder zur Sprache zu brin⸗ gen. Er hatte das Gericht bevollmaͤchtigt, ſein Eigenthum zuruͤckzufordern, und dieſe Vollmacht ließ ſich ohne Grund nicht fuglich zuruͤcknehmen; aber er hoffte, daß keine Hand⸗ lung von Seiten Walters. daß kein Beweisgrund Onkel John's oder Whitely's kurz, daß nichts ihn veranlaſſen wuͤrde, ſein Teſtament zu ändern. 14 Valentin Vor Vierundvierzigſtes Kapitel. Der neue Vetter. Da Valentin Louiſen ſeit fuͤnf Tagen ſeine Karte abge⸗ geben, ohne ſie zu Hauſe zu finden... und da er nicht die geringſte Mittheilung von ihrer Seite empfangen, ſo ſtieg allmälig die Beſorgniß in ihm auf, Onkel John mochte Recht haben, daß nämlich ſein Streben nach Unabhaͤngigkeit ihn dieſes Mal etwas zu weit gefuͤhrt habe. und doch... was hatte er gethan? Es iſt wahr, zwei ganzer Tage lang hatte er ſich nicht ſehen laſſen; aber damals war er ruhig, vollkommen ruhig, waͤhrend ſie lei⸗ denſchaftlich auffuhr. Er war nicht widerſpänſtig, ſondern ſagte bloß:»Gut, ich will gehn, wenn Sie es wuͤnſchen le Weiter hatte er nichts geſagt, und doch war er ſeitdem nicht im Stande geweſen, ſie zu ſehen! Es war ihm, als ſei das nicht vollkommen in der Ordnung, und als wäͤre ihm etwas uͤbel mitgeſpielt worden. Was konnte ſie denn erwarten?. Durfte ſie hoffen, er würde ſich zu ihrem Sclaven erniedrigen? Er liebte ſie, liebte ſie innig, und der Bauchredner. 15 ſie wußte es; nie aber konnte er ſich zum Spielball ihrer Launen hergeben. Noch einmal wollte er bei ihr vorgehn noch ein einziges Mal!... ließ ſie ſich dann wieder verleugnen, ſo war er entſchloſſen, den Weg einzuſchlagen, welchen die Würde des Mannes ihm vorſchrieb. Weder er, noch Louiſe, wollten nachgeben. Sie ſpielten daſſelbe Spiel, hatten Beide den nämlichen Zweck, und hatten nun Beide die gleiche Gewißheit, denſelben zu erreichen; denn obſchon Louiſe ſich vorher ein wenig uͤberwaͤltigt ſah, ſo hatte ſie jetzt in der Geſtalt eines Fremden eine Waffe in Händen, die ſie der Art zu fuͤhren beſchloß, daß ſie einen vollſtändi⸗ gen Triumph erlangte. Valentin nahm die Sache im Grunde viel zu ernſthaft. Spraͤche er zum letzten Male vor, und Louiſe wuͤrde ihm abermals verleugnet, ſo nahm er ſich alles Ernſtes vor, daß es wirklich das letzte Mal geweſen ſein ſolle; ohne be⸗ ſondere Einladung wuͤrde er dann nicht wieder hingegangen ſein. Man kann es daher fuͤr beide Seiten als ein Gluͤck betrachten, daß Louiſe zu Hauſe war, als er vorſprach. Er hatte dies kaum erwartet; aber Louiſe erwartete ihn und hatte ihren Plan demgemaͤß angelegt. Sie hatte befohlen, ihn in das Fruͤhſtuͤckszimmer zu fuͤhren, aus dem man den Garten uͤberſehen konnte, und in dem Augenblicke 16 Valentin Vor als er das Zimmer betrat, ſah er ſie auf den Arm eines großen jungen Mannes gelehnt, mit welchem ſie auf dem zaͤrtlichſten Fuße zu ſtehen ſchien. Valentin ſah und ſah und ſein Blick wurde ſtreng. Sie blickte den Fremden an, und laͤchelte, und ſcherzte, und ſchien ungemein heiter zu ſein. Valentin riß, ohne es zu merken, ſeine Handſchuh in Stuͤcken. Wer war der Fremde? Welches Recht hatte er hier?. Er wußte es nicht, ſondern konnte nur Vermuthungen anſtellen. Er ging in dem Zimmer umher, zog die Brauen zuſammen, biß ſich in die Lippen, holte tief Athem und ſchob ſeine Haͤnde bis auf den zußerſten Boden der Taſche. Da waren ſie! ia, da waren ſie! es war nur eine einzige Aus⸗ legung moͤglich. Er hatte große Luſt, zu ihnen zu gehn, und ſich zu uͤberzeugen, was das Alles bedeute. Und doch warum kam ſie nicht? Er zog die Glockenſchnur.. und zwar ziemlich heftig.„denn er war grade in keiner allzuſanften Stimmung. „Weiß Miß Raven, daß ich hier bin?« fragte er den eintretenden Diener. „Bitt' um Verzeihung, Sir. habe vergeſſen, es ihr zu ſagen, Sir bitte tauſendmal„ „Dummkopf!« rief Valentin, und wuͤrde in ſeiner der Bauchredner. 17 Hitze noch mehr geſagt haben, waͤre der Bediente der nur nach den empfangenen Inſtructionen handelte.. nicht ſogleich verſchwunden. »Nun,« dachte Valentin,»werde ich ſehn, wie die herzloſe Kokette ſich benimmt, wenn man ihr ſagt, daß ich hier bin.« Er ſtand in der Mitte des Zimmers und hielt ſeine Augen feſt auf ſie geheftet. Der Bediente trat in den Garten, redete ſie an, und entfernte ſich wieder. Sie drehte ſich um, zog ihren Arm aber nicht zuruͤck... ja, ſie zitterte nicht einmal! Sie lächelte, ſah an dem Fremden empor, ſagte ihm etwas, und ſtatt ihn dann da zu laſſen, fuhrte ſie ihn ſcherzend nach dem Hauſe. Valentin ſetzte ſich nun auf den Sopha, und ſuchte ſo ruhig und gefaßt, als moglich, auszuſehn. Jene traten ein und ſie ſtellte den langen Fremden ihm als einen Mr. Llewellen vor. Valentin ſah ihn an. er war zu dick, um gefreſſen aber nicht, um vernichtet zu werden. „Iſt Ihnen nicht wohl?« fragte Louiſe. »Ja,« entgegnete Valentin. „Was fehlt Ihnen denn?« Valentin Vor. IV. d Valentin Vor „Nichts von Bedeutung.. ich werde⸗es uͤberleben.. gewiß, ich werde es uͤberleben! ⸗ „Ja, ja, tieſe ſchlimmen Finde thun Niemand kut,⸗ bemerkte Mr. Llewellen. Valentin's Zunge ſpitzte ſich ſchon, um dem Fremden nachzuäffen; aber obgleich er einſah, daß es vollkommen unmoͤglich ſei, ihn mit der gebraͤuchlichen Höflichkeit zu be⸗ handeln, ſo dachte er doch, daß es vielleicht beſſer ſein wurde, ihn nicht geradezu zu beleidigen. Er verbeugte ſich daher kalt und mit ziemlich verächtlichem Blicke, und wandte ſich dann plotzlich nach dem Fenſter, an welchem Louiſe ſich bemuͤhte, ein herzliches Lachen zu unterdruͤcken. Er wußte nicht, was er ſagen, noch was er thun ſollte. In Gegen⸗ wart des Fremden konnte er nicht ſprechen, und mit ihm zu reden... nein, dieſer Ehre wollte er ihn nicht wuͤr⸗ digen. Es trat daher eine Pauſe ein. eine lange Pauſe wahrend welcher beide Herren ungemein einfältig aus⸗ ſahen, und Louiſe nicht wagte, ſich umzudrehn. Endlich jedoch dachte Llewellen... der in die großeſte Verlegenheit gerieth.. ſonderbar genug, daß er hier offenbar uber⸗ flſſig ſei, und kaum hatte er dieſen großen Gedanken ge⸗ faßt, als er auch ſchon das Zimmer verließ. Das war natürlich gerade dasjenige, was Valentin der Bauchredner. 19 wuͤnſchte. Die Entfernung dieſes Elenden. denn als einen Elenden betrachtete er ihn auf die unbarmherzigſte Weiſe war etwas, was er ſtark gewuͤnſcht hatte; und doch verſaͤumte er, unmittelbaren Vortheil aus ſeiner Ent⸗ fernung zu ziehen. Er wuͤnſchte, Louiſe moͤchte zuerſt ſpre⸗ chen, aber das that ſie nicht. Sie ſtand noch immer am Fenſter, und ſchien in Bewunderung Llewellen's verloren zu ſein, der ſich mit dem Ausjäten des Unkrauts beſchaͤftigte. Als Valentin aber bemerke, daß Llewellen wieder im Gar⸗ ten ſei, fuhlte er ſich verbunden, das Schweigen zu bre⸗ chen. „Ich muß um Entſchuldigung bitten,⸗ ſagte er,„daß ich Sie geſtört habe. Hätte ich gewußt, daß Sie ſo an⸗ genehm beſchaͤſtigt waͤren, ich hätte mich wahrlich nicht auf⸗ gedrängt.« »Was wollen Sie damit ſagen 3* »Sie wiſſen, was ich meine.... Wer iſt jener Bur⸗ ſche. jener Menſch.. jener Llewellen 26 »Llewellen?. oh, er iſt ein rocht alter Freund.« »Wirklich!« „Ja, ich kenne ihn von meiner Kindheit an. Wir wa⸗ ren Geſpielen.« »Und ſind noch immer Geſpielen, wie ich ſehe. ⸗ 20 Valentin Vop „Nun ja, wir koͤnnen die vielen glucklichen Stunden nicht vergeſſen, die wir mit einander in unſrer Kindheit verlebten. Dazu iſt er ein ſo anhaͤngliches Weſen, und ſo vernarrt in mich!« „Daran zweifle ich nicht im Geringſten; und Sie ſind vielleicht wohl in ihn eben ſo ſehr vernarrt?„ „Wie! Sie ſind doch nicht eiferſuͤchtig?« »Eiferſuͤchtig!« wiederholte Valentin mit bitterm Lä⸗ cheln.„Auf ihn?.. Nun, der waͤre grade der Mann danach!« „Aber warum denn nicht? Er iſt etwas größer und ſtämmiger, als Sie, und beſitzt jedenfalls ein gutes wohl⸗ wollendes Herz.« „In Ihren Augen, Miß Raven, iſt er ohne Zweifel die Vollkommenheit ſelbſt. Aper ßehn Sie nur, ter ſchimme Find feht auf ßeinen Koͤrber. Tas thut ihm nit kut. Er könnte ſich erkälden.« „Sie ſind ſatyriſch,« ſagte Louiſe,„das ſind Sie im⸗ mer; aber in dieſem Augenblicke, fuͤrchte ich, iſt Ihre Sa⸗ tyre boßhaft. Warum ſind Sie ſo erzuͤrnt auf ihn?.. Womit hat er Sie beleidigt?* »Oh, mit nichts, mit gar nichts,« ſagte Valentin gieichgultig. der Bauchredner. 21 „Warum wollen Sie nicht freundlich gegen ihn ſein? Sie ärgern ſich vielleicht, weil Sie uns im Garten umher⸗ wandern ſahn, aber gewiß, darin finde ich durchaus nichts Schlimmes.« „Oh! natuͤrlich nicht. In Allem, was Miß Raven thut, kann durchaus nichts Schlimmes ſein.... Es kann nichts Schlimmes ſein, wenn Sie ſich an ſeinen Arm haͤn⸗ gen, als waͤren Sie ſterblich in ihn verliebt. Es kann nichts Schlimmes ſein, wenn Sie ihm geſtatten, mit Ihrer Hand, Ihrem Haar, Ihrem Kinn, oder Ihrer Taille zu ſpielen.« „Ich kann ja nicht davor, daß er in mich verliebt iſt.⸗ „Die Schicklichkeit, Miß Raven, koͤnnte vielleicht ein⸗ wenden, daß Sie nicht grade verbunden waͤren, ſeine Ver⸗ liebtheit zu ermuthigen. Aber das geht mich natürlich nicht an. Ich habe bei dem Allen keine Stimme, obgleich ich ſagen muß, daß, wären Sie etwas gerechter verfahren, dies fur alle Theile beſſer geweſen ſein duͤrfte. Wie dem auch ſei, ich fuͤhle, daß ichzhier im Wege bin, und will mich daher empfehlen.« »Sie ſind ein eigenſinniger, unfreundlicher Menſch,⸗ ſagte Louiſe.„ch wollte Sie bitten, mit uns heute zu 22 Valentin Vor ſpeiſen; nun aber weiß ich wahrlich nicht, ov ich's wagen darf.« »Ich bitte, bemuͤhen Sie ſich nicht. Ich wuͤrde nicht bleiben, ſelbſt wenn Sie mich darum bäten. Meine Ge⸗ genwart ſcheint in keiner Hinſicht erforderlich zu ſein.« »Nach Ihrem Belieben. Ich ſehe, daß ich auch nicht den geringſten Einfluß auf Sie habe. Und doch hatte ich gehofft, wir wuͤrden, das Vorgefallene gegenſeitig vergeſ⸗ ſend, einen recht gluͤcklichen Tag mit einander verleben. Doch ich bemerke, daß Ihr Charakter durchaus unverſohn⸗ licher Natur iſt, und nun ich dieſes bemerke, bin ich voll⸗ kommen uͤberzeugt, daß Sie an Allem ſchuld ſind, und daß Ihre Vernachläſſigung mich zwang, das zu ſagen, was ich geſagt habe.« »Das, was zwiſchen uns vorfiel, Miß Raven, habe ich längſt vergeſſen, und ſeit meinem Eintritte in das Haus gar nicht mehr daran gedacht.« „Warum ſind Sie denn ſo verdrießlich? Weil ich mit Llewellen lachte und ſchezte?. Wiſſen Sie, wer er iſt2. „Nein, auch liegt nir durchaus nichts daran.« „Wenn Ihnen nichts daran liegt, es zu erfahren, ſo brauche ich es wohl auch nicht zu ſagen. Da ich aber glaube, daß Sie es dennoch zu erfahren wuͤnſchen, ſo will ich es der Bauchredner. 23 Ihnen ſagen... vorausgeſetzt, daß Sie mich darum bit⸗ ten.« „Miß Raven, Sie behandeln mich wie ein Kind, und das kann ich unmöglich länger dulden. Ich ſehe, daß Sie treulos ſind, und die Liebe eines Ehrenmannes nicht ver⸗ dienen. Ich empfehle mich Ihnen daher. auf immer.« „Wenn Sie ein Ehrenmann ſind,« ſagte Louiſe, die jetzt in der That etwas beunruhigt wurde,„beſitzen Sie nur irgend etwas von den Geſinnungen eines Gentleman, ſo nehmen Sie in jenem Stuhle Platz, und erklären mir offen, was Sie mit jenen Worten gemeint haben. Gegen wen war ich treulos? und warum verdiene ich die Liebe eines Ehrenmannes nicht?« „Treulos waren Sie gegen mich!« entgegnete Valen⸗ tiu;„und heute habe ich mich uͤberzeugt, daß Sie eine Kokette ſind.« „Das leugne ich!« rief Louiſe,»gegen Niemand bin ich treulos geweſen, noch war ich je eine Kokette!.. aber reden Sie wirklich im Ernſt?.. Glauben Sie wirklich, ich ſei eine Kokette wäre ich das, ich wuͤrde mich ſelbſt verachten.. weil ich keine Unſchicklichkeit darin ſehe, mit meinem Couſin zu plaudern?« „Iſt Llewellen Jhr Couſin?⸗ 24 Valentin Vor » Ei freilich. ⸗ »Warum ſagten Sie das nicht gleich?« »Sie ſagten ja, es läge Ihnen nichts daran, zu erfah⸗ ren, wer er ſei.« »Aber warum ſtellten Sie ihn mir nicht als Ihren Couſin vor« „Das hatte ich allerdings thun können„„ ſagte Louiſe, ſtatt die Frage zu beantworten,„doch, um Gotteswillen, ſehen Sie nicht ſo verdießlich aus... Sie ſind doch nun wohl zufrieden?« Der umſtand, daß Llewellen ihr Couſin ſei, ſtimmte ihn etwas milder, ohne daß er ſich jedoch gaͤnzlich zufrieden fuhlte. Er hatte ſchon ofter von Couſins von Damen ge⸗ hoͤrt, und wußte, daß der beſtändige umgang haͤufig Ge⸗ fuhle erzeugte, welche bei weitem ſtärker waren, als bloße verwandtſchaftliche. Er ſah daher ein, daß er ein wachſa⸗ mes Auge auf den Fremden haben muͤſſe, beſonders da er ſo vernarrt in Louiſen war; ferner, daß„obgleich ſie Vet⸗ ter und Baſe wären, dieſe Familiarität, die er bemerkt hatte, durchaus nicht ſanctionirt werden duͤrfe. »Gut,« ſagte Louiſe nach einer Pauſe;»nun werden Sie doch wohl mit uns zu Mittag ſpeiſen?« „Ich muß abermals um Entſchuldigung bitten. Meine 15 der Bauchredner. 25 Gegenwart koͤnnte vielleicht die Heiterkeit Ihres Couſins geniren.« „O, nicht doch, nicht doch!« „Thut ſie es nicht,« dachte Valentin,»ſo will ich ihn bearbeiten!«. In dieſem Augenblicke trat Mr. Raven ein. „Ah, Valentin, mein Junge!« rief er, indem er ihm die Hand entgegenſtreckte;»wo haben Sie denn ſeit einem halben Jahrhundert geſteckt? Ich will Euch ſagen, was es mit Euch Beiden heißt,« fuhr er fort;„Ihr benehmt Euch gegen einander grade ſo, als gehoͤrtet Ihr zur Ari⸗ ſtokratie. Warum koͤnnt Ihr nicht friedfertig mit einander umgehn? Wozu hilft es, daß Ihr ewig zankt, und ſchmollt, und Euch ungluͤcklich macht? Ich ſehe, Ihr ſeid ſchon wieder im Werke geweſen. Kein Wort!.. ich mag es gar nicht wiſſen; gleich als ich eintrat habe ich es bemerkt. Nehmt guten Rath an:— zankt Euch nicht mehr; laßt dieſes das letzte Mal ſein, und legt den Zwiſt ſo bald als mog⸗ lich bei. Ihr wollt doch nicht den bettelhaften Ariſtokraten gleichen, deren Abſicht in Dingen der Art nicht iſt, die Zuneigung zu befeſtigen, ſondern ſich einer uͤber den andern zu erheben. Aber was iſt denn aus Fred geworden„ wo ſteckt er?⸗ 26 Valentin Vor „Im Garten,« entgegnete Louiſe. „Haſt Du ihn nicht vorgeſtellt?« „O doch; er bemerkte, daß die Finde ſchlimm fären.« »Ein kurioſer Kerl das! Sie lachten ſich todt, wenn Sie ihn eſſen ſaͤhen.⸗ „ „Valentin will heute zum Eſſen nicht bei uns bleiben.« „Nicht zum Eſſen bleiben?... Warum nicht?... Pah, nichts da!. Er muß. er hat kein anderes Engagement. Er iſt einmal hier und darf nicht wieder fort. Und ſo lauft ein Bischen umher, und ſeht zu, ob Ihr nicht das Zanken laſſen koͤnnt. Ich muß einen langen Brief ſchreiben. Und wenn Ihr Euch amuͤſiren wollt, ſo ſucht Fred auf.« Louiſe nahm Valentin's Arm, und ſie gingen in den Garten, wo der Vetter noch immer beſchaͤftigt war, Un⸗ kraut auszuraufen. „'s iſt prennend heiß heut',« ſagte Llewellen, und wiſchte ſich den Schweiß von ſeinem rothen vollen Geſichte. Finden Sie viel unkraut?« fragte Valentin, der jetzt allerdings hoͤflich ſein zu duͤrfen glaubte. der Bauchredner. 27 „Unkraut!. kerechter Hott!. ßehen Sie nur, nir als Unkraut. Hier verſtehn ſie nicht, es auszukäten; ſie prechen's uͤper ter Erd' ab, wo es tann fieder waͤchſt, ßehn Sie, ſtatt es mit ter Furzel auszureißen.« Valentin ſah die Richtigkeit dieſer Bemerkung ein, und war im Stande, Llewellen mit leidlichem Vergnuͤgen anzu⸗ ſehn. Er war nicht ganz ſo abſcheulich mehr, als er ihm anfangs erſchien; er war groß, aber vollkommen grade, und zwar ſtämmig, aber ſymmetriſch gewachſen. Sonder⸗ bar, daß er in Valentins Augen ſo abſcheulich erſcheinen konnte! Doch geſchah dies nur, ſo lange er ihn fuͤr einen Liebhaber Louiſens hielt. Louiſe dagegen war hocherfreut, jenen eiferſuͤchtig ge⸗ macht zu haben, was ihr, wie den Damen uͤberhaupt, großes Vergnuͤgen gewaͤhrte; und obgleich es ihr der eignen Sicherheit wegen nothwendig geſchienen hatte, ihm zu ſagen, daß jener ihr Vetter ſei, ſo beharrte ſie doch bei ihrem Entſchluſſe, ihn dadurch zu aͤngſtigen, daß ſie ſich ſo liebe⸗ voll gegen den Fremden ſtellte, wie ein Verwandter nur immer gegen den Andern ſein kann. Als Valentin am folgenden Morgen wiederkam, hatte ſie vollig wieder die Herrſchaft uͤber ſich gewonnen; ſie 28 Valentin Voy ſcherzte ſo heiter, und ſchien ſich in ſeiner Geſellſchaft ſo gluͤcklich zu fuͤhlen, daß jeder Groll gegen Llewellen bei ihm verſchwand, und dieſer ihm ordentlich lieb wurde. und dieſer gluͤckliche Stimmungswechſel fand auf beiden Seiten ſtatt. Llewellen fuͤhlte ſich ungemein zu Valentin hingezo⸗ gen, und es herrſchte bald unter ihnen ein ſo gutes Ein⸗ verſtaͤndniß, daß ſie beſchloſſen, den Nachmittag virgendwo⸗ gemeinſchaftlich zuzubringen. Louiſe billigte aber dieſes Arrangement keineswegs. Sie wuͤnſchte, dieſes„irgendwo« moͤchte in ihrem Hauſe ſein, und wuͤrde ohne Zweifel ihr Veto eingelegt haben, hätte ſie nicht ſeit Kurzem ihren gebieteriſchen Ton vollig aufge⸗ geben. Sie hielt es daher kluglich fuͤr paſſend, das vor⸗ geſchlagene Arrangement zu ignoriren. Als nun kein direr⸗ ter Einſpruch geſchah, blieb es bei der Verabredung, und Valentin, der ſeinem Onkel verſprochen hatte, mit ihm zu Mittag zu ſpeiſen, empfahl ſich, nachdem jede Empfindung der Eiferſucht bei ihm erloſchen war. Er betrachtete Llewellen nicht mehr als Nebenbuhler, und nun der Schleier der Eiferſucht von ſeinen Augen ge⸗ zogen war, bemerkte er, daß jener Eigenſchaften beſäße, die kennen zu lernen großes Vergnügen gewaͤhren wuͤrde. der Bauchredner. 29 Mit Freuden holte er ihn daher nach Tiſche ab, und nach⸗ dem ſie Louiſen zugehoͤrt, die fuͤr dieſe Gelegenheit einige ruͤhrende Reden vorbereitet, welche ſich auf das Leben und Treiben der Welt im Allgemeinen, und auf die ſocialen Einfluſſe im Beſondern bezogen, machten ſie ſich auf den Weg, um eine neue Unterhaltung zu ſuchen. Valentin Voy Fünfundvierzigſtes Kapitel. Louiſe ſoll eine höchſt intereſſante Frage beantworte n⸗ s Valentin am folgenden Morgen Louiſen beſuchte, fand er ſie beſchäftigt, Llewellen ſtreng ins Gebet zu neh⸗ men, ſie hatte ihn neben ſich auf dem Sopha, und beſtand darauf, er ſolle ihr Alles bekennen, weshalb ſie nach dem Greenwicher Markte gegangen. denn daß ſie dort ge⸗ weſen, hatte er bereits bekannt.. beſonders aber, was ſie dort gethan und geſehn hätten, und warum ſie ſo lange ausgeblieben waͤren. Llewellen erzaͤhlte ihr Alles deutlich und der Wahrheit gemäß; weil Damen aber Sachen der Art gemohnlich im Sinne der gefeierten ſpaniſchen Inquiſition zu fuͤhren pfle⸗ gen, ſo wolle auch Louiſe in dieſem beſondern Falle, ob⸗ gleich ſie behauptete, es ſei ihr Zweck, die Wahrheit her⸗ auszubringen, die Wahrheit nicht glauben, wenn ſie erſchien, weil dieſe mit ihrer Meinung oder ihren Abſichten nicht uͤbereinſtimmte. Llewellen war daher tauſend Kreuz⸗ und der Bauchredner. 3 Querfragen unterworfen, durch welche ſie ſeine Beſinnung dermaßen verwirrte, daß er zuletzt weder wußte, was er ſagen muͤſſe, noch was er ſagen wolle, noch was er geſagt habe; und als ſie ihm nun eben vorhielt, daß ſeine ganze Ausſage eine chaotiſche Maſſe von Widerſpruͤchen ſei, ſprang er in dem Augenblicke, als Valentin eintrat, dieſem ent⸗ gegen und rief: »Mein lieber Freund! F freu mich unpaͤntik, taß Sie kommen; ßie hat mich termaßen üper tie Keſchickte kemar⸗ tert, taß i nit weiß, ob i auf d' Fuͤß oder auf dem Kopf ſteh. ⸗ „Wegen welcher Geſchichte« fragte Valentin, indem er ſich Louiſen näherte. »„Kommen Sie mir nicht nahe, mein Herr, bis Sie mir Aufklärung uͤber Ihr Betragen gegeben.« Valentin ſah Llewellen mit einem Blicke an als ver⸗ ſtände er wirklich kein Wort von der ganzen Sache. Aber Llewellen brachte Licht hinein, indem er ausrief: »'s iſt fegen des Markts.. in meinem kanzen Leben pin i ßo nit kemartert worden.« „Ah! der Markt!« rief Valentn.»Das iſt es alſo! .. Wohl, wir wollen uns ſetzen, und Alles mit einem Worte erklären.« * 32 Valentin Vor »J mack nir mehr tamit zu ſchaffen haben,« rief gu wellen, indem er ſich dem Fenſter näherte.„J hab' kenuk, und üperlaſſe das Kanze Ihnen... Kott ſei Ihnen knä⸗ tik!« „Nun wohl, Louiſe, was ſoll ich erklären?« „Ihr Betragen, Herr, auf dem verwuͤnſchten Markte Ja, ja, es iſt ein verwuͤnſchter Ort... gewiß, das iſt er 1« »Sie haben ganz recht; es iſt ein verwunſchter Ort, und ich kann ſagen, daß Fred und ich von allen Anweſen⸗ den vielleicht zwei der verwuͤnſchteſten Perſonen waren.⸗ Llewellen drehte ſich um und ſah betroffen aus. „Sein Betragen,« fuhr Valentin fort,„war vielleicht ſchrecklicher als das meinige; doch geſtehe ich, daß auch das meinige ſchlecht genug war.« »„Kott!« rief Llewellen, der die Faſſung verlor. »Ich kenne Ihre Schlauheit,« ſagte Louiſe;»doch laſſe ich mich nicht zu dem Glauben verleiten, Sie wären dar⸗ um beſſer, weil ſie ſich ſelbſt ironiſch als ſchlechter darſtellen, als Sie wirklich ſind.« »Ohla rief Llewellen,„Wir ſint peite kanz apſcheu⸗ liche Menſchen.« »Ruhig, Sir. Von Ihnen war nicht die Rede.« der Bauchredner. 33 »Wollen Sie im Ernſt wiſſen,« ſagte Valentin, vwie wir unſere Zeit dort hinbrachten„ſo kann ich verſichern, daß es auf die unſchuldigſte Weiſe geſchah. Wir ſahen Tau⸗ ſende von gluͤcklichen Menſchen in dem Park, und wieder Tauſende am Fluſſe, auf der Hayde und in der Stadt; es war im Ganzen eine lebendige Scene, und nie wird es mich reuen, daß ich Greenwich beſucht habe.« »In der That,« ſagte Louiſe,„Ihre Erklärung iſt hochſt lichtvoll und ausführlich. Ich bin Ihnen vielen Dank ſchuldig, daß Sie ſo in das Detail gehen; denn ich finde, daß ich mit Keinem von Ihnen Beiden etwas anfangen kann.« Sie verzweifelte indeß keineswegs, ſondern beſchloß ins⸗ geheim, bei der erſten Gelegenheit Llewellen einer zweiten Inquiſition zu unterwerfen, in der Hoffnung, dadurch je⸗ denfalls die Wahrheit aus ihm herauszulocken. Man ließ die Sache nun ruhen, und Llewellen„dem es nicht recht war, daß Valentin ſo leichten Kaufes davon kam, waͤhrend er ſo viel hatte aushalten muͤſſen, fing an zu pfeifen, ein Act, der bei ihm unveraͤnderlich andeutete, daß er ſich zu entfernen wuͤnſche. Louiſe verſtand ihn recht gut, und rief daher: »Fred! Fred! Wenn Sie etwa gern hinausgehn moͤch⸗ Valentin Vor. WW. 3 34 Valentin Vor ten, ſo thun Sie das in Gottesnamen. Nur martern Sie uns nicht mehr mit dieſem ſchrecklichen Pfeifen.« »Kommen Sie, lieper Freund,« rief Llewellen.„Fir hapen Erlaupniß pekommen, zu kehen.« »Sie, Herr!... Aber Valentin wuͤnſcht zu bleiben.« Das war denn auch in der That der Falh, er wuͤnſchte wirklich zu bleiben; denn er ſehnte ſich, allein mit Louiſen zu reden, und zwar uͤber einen Gegenſtand, der ihn direct zum Ziele fuͤhren ſollte. Louiſe jedoch wußte davon kein Wort. Als ſie ſagte, Valentin wuͤnſche zu bleiben, that ſie das aus bloßer Spe⸗ culation, aber wenn gleich dieſe Speculation vollkommen mit ihren Wuͤnſchen uͤbereinſtimmte, ſo realiſirte ſie doch keineswegs die Hoffnung, Fred dadurch loszuwerden. Er wuͤnſchte ſo ſehr als möglich, ſich zu entfernen; nichts aber konnte ihn dahinbringen, ohne Valentin das Haus zu ver⸗ laſſen. Wohin er auch gehen mochte, ſein„ ferther Freund⸗ mußte ihn begleiten, ein umſtand, der in dieſem Augenblicke ſowohl Valentin als Louiſen hochſt läͤſtig erſchien. »Fred, Sie haben wohl die Guͤte, mir Poodle's Ge⸗ dichte aus der Bibliothek zu holen,« ſagte Louiſe, der es war, als ob Valentin ihr etwas mitzutheilen wuͤnſche. X der Bauchredner. 35 »Pootle's Ketichte.. kut!« ſagte Llewellen, und ging nach der Bibliothek, um ſie zu holen. „Hätten Sie nicht Luſt zu einem Spaziergange?... fragte Valentin. „Herzlich gern. Allein wie ſollen wir nur dieſe Peſt los werden? „Das iſt leicht geſchehen. Sie können ihn irgend⸗ wo hinſchicken, wenn wir draußen ſind.... Warten Sie ja! ſchicken Sie ihn nach Band oder dergleichen aus.« »Die Frage iſt nur.. wird er auch gehen 7* »Ohne allen Zweiſel. Geht er hin, um Poodle's Ge⸗ dichte zu holen, ſo thut er auch alles Andere. Laſſen Sie ihn z. B. bis zu den Horſe-Guards mit uns gehn, dann können wir ihm ſagen, wo er uns im Park finden wird.⸗ „Gut!... Aber wonach ſoll ich ihn ausſchicken?... Ich will es uͤberlegen„ ſagte Louiſe, und waͤhrend ſie noch mit dieſer Ueberlegung beſchäftigt war, trat Lle⸗ wellen wieder in das Gemach. »Wahrhaftik,⸗ ſagte er,„i kann Poot'e's Ketichte nit finten. Cooper's und Pyron's Ketichte ſind ta, aper kein Teufel von einem Pootle.« 36 Valentin Vor »Sie ſind aber auch ſo ungeſchickt,« ſagte Louiſe, die kaum ihre Faſſung behaupten konnte. »Kanz kut! aper Pootle's Ketichte ſint nit ta, klau⸗ pen Sie mir! Iſt es ein tickes Puk 7« »Gleichviel, es iſt jetzt nicht mehr noöthig. ⸗ »Wir wollen einen Spaziergang machen,« ſagte Va⸗ lentin.»Begleiten Sie uns 24 »Natuͤrlick; aper kommen's mit mir, fährent Louischen ihre Haupe aufſetzt, und ſehen Sie zu, ob Sie Pootle's Ketichte finten können. Sie ferten ſehen, taß Sie ſie nit finten.« »Wir brauchen das Buch jetzt nicht mehr.... Sind Sie bald fertig, Louiſe 2« „Im Augenblick.« »Sagen Sie mir, Fred,« fragte Valentin, als Louiſe das Zimmer verlaſſen.„Was gab es vorhin?« »O, Louichen frakte mich fegen des Feſtes aus, unt obkleich i ihr Alles erzählte, ſo frakte ſie mich toch tie Kreuz unt tie Quere, ßehn Sie, pis i nit meht fußt' fas i ſagen ſollt.... Aper fohin ſollen wir tenn kehen?.. S fünſchte wol, ter kleine Teufel, ßehn Sie, kink nit mit. ⸗ der Bauchredner. 37 „Sie wiſſen ja, wir muͤſſen das arme Maäͤdchen bis⸗ weilen mit ausnehmen.« „Kanz recht! Aper ßaken Sie mir, kann i in tieſem plauen Rock wol mit einer Tame keehen?« „Jedenfalls; doch wenn Sie wollen, ſo laufen Sie hin und ziehen Sie einen andern an.« „Sehr wohl. In einer halpen Secunte pin i fieter ta.⸗ „Sie brauchen nicht ſo zu eilen. Sie wiſſen, daß ein Augenblick bei einer Dame in den meiſten Fäallen einer Stunde ziemlich nahe kömmt.« Gleich nachdem Llewellen das Zimmer verlaſſen, trat Louiſe wieder ein, und Valentin war es, als habe er ſie nie ſchoͤner geſehen. Er nahm ihre Hand, die er druckte, ſah ſie mit innigem Blicke an, rief:»Meine meine Louiſe;« und.. kuͤßte ſie! Louiſe erroͤthete tief, aber ſchwieg. „Fas ſaken Sie zu meinem neuen Klaskruͤnen?« rief Llewellen, indem er in das Zimmer huͤpfte, ſeinen Rock zuknopfte, uber die linke Schulter ſah, und ſich nach allen Seiten drehte, um ſeine Geſtalt ſo vortheilhaft als möglich erſcheinen zu laſſen.»Sieht er nit ſehr ſchoͤn und präch⸗ tik aus?* „O, ſehr,« ſagte Valentin; aber Louiſe ſagte nichts 38 Valentin Vor obgleich ſie ihn in dieſem Augenblicke herzlicher, als je, nach Wales, ſeiner Heimath, zuruͤckwuͤnſchte. Llewellen wunderte ſich, daß ſie uͤber ſeinen glasgruͤnen Rock keine Bemerkung machte, da ſie ſich doch ſonſt fur dergleichen ſehr intereſſirte und ihn ſtets tragen ließ, was ſie wuͤnſchte, und er hatte in der That hinſichtlich ſeines Anzugs ſehr wenige Artikel, die ſich nicht ihrer Billigung zu erfreuen gehabt hätten. Zu jeder andern Zeit wuͤrde ſie mit inniger Freimuͤthigkeit ihre Meinung geſagt haben, jetzt aber waren ihre Gedanken mit einem wichtigern Ge⸗ genſtande beſchäftigt, wahrend Llewellen ihr Schweigen dem umſtande zuſchrieb, daß an ſeinem neuen Glasgruͤnen durch⸗ aus kein Fehler zu entdecken ſei. Sie brachen nun auf, und als ſie ſich dem erwähnten Orte naherten, waren Louiſe und Valentin in tiefe Gedan⸗ ken verſunken, in den ſchweigenden Genuß jener Empfin⸗ dungen, welche gegenſeitige Liebe erzeugt. Bisweilen begeg⸗ neten ſich ihre Augen... dann lächelten ſie... und wie ausdrucksvoll!... Jedes Seele ſchien in die andere zu verſchwimmen. »Oh, Fred!« rief Louiſe, als ſie die Horſe⸗Guards erreichten, indem ſie ſtehen blieb, als wäre ihr plötzlich et⸗ was eingefallen.„Wollen Sie mir einen Gefallen thun?« der Bauchredner. 39 „Mit tem krößeſten Verknuͤken.⸗ „Sie ſind ein guter Menſch!.. ſo gehn Sie, und ſagen Sie Bull, dem Fleiſcher, daß er Rindfleiſch nach Hauſe ſchickt.⸗ „Fie! fuͤr tas Tiner?« „Sagen Sie ihm, er moͤchte es auf der Stelle hin⸗ ſchicken.« „Sehr kut; fo fohnt er?« „Am Ende dieſer Straße werden Sie eine Kirche ſehn, dort fragen Sie. Kommen Sie dann wieder zu uns; wir werden im Park ſein an der Suͤdſeite des Waſſers.« Llewellen verſprach, ſobald als moglich zuruͤckzuſein, und machte ſich auf, um den unentdeckbaren Fleiſcher auf⸗ zuſuchen. Der arme Fred!« ſagte Louiſe, als ſie in den Park traten.»Wahrlich, es iſt recht ſchlecht von mir.« So war es in der That; und da man ihm geſagt hatte, er ſolle ſich an der Suͤdſeite des Waſſers halten, ſo bega⸗ ven ſie ſich auf die nördliche. Wäre noch irgend ein Zweifel in Bezug auf Louiſens Geſinnung gegen Llevellen geblieben, dieſes Verfahren wuͤrde ihn gänzlich verſcheucht haben. Dennoch hielt Valentin es fuͤr 40 Valentin Vor gerathen, und ſein Herz verlangte danach, der Hauptſache naͤher zu kommen und ſich vollige Gewißheit zu verſchaffen. Louiſe merkte, daß eine Entſcheidung bevorſtand; ſie wußte ſo gut, als Valentin, daß Etwas, welches ſich auf Etwas bezog, wovon bisher noch nicht die Rede geweſen, zur Sprache kommen wuͤrde: ſie hing ſich daher feſter, als ie, an ihn, und wartete mit athemloſer Ungeduld, daß er reden moͤge; denn da der Gegenſtand vom hoͤchſten In⸗ tereſſe war, ſo glaubte ſie ihm auch mit Recht die großeſte Aufmerkſamkeit ſchenken zu muͤſſen. Betraͤchtliche Zeit hindurch ward keine Sylbe geaͤußert; ſie gingen langſam und ſtumm uͤber den Grasboden dahin. Valentin wußte, daß die Reihe des Redens an ihm ſei; aber wie ſollte er ſeine Frage ſtellen? Er war in der groͤßeſten Verlegenheit und ſo befangen, wie noch nie in ſeinem Leben. »Louiſe,« ſagte er endlich,„ſollen wir uns hinſetzen, Louiſe?« Louiſe ſah ihn an und ſagte lächelnd:„Gern.« Sie ſetzten ſich, aber ſchwiegen noch immer, was Louiſe ungemein langweilig fand. Sie wünſchte, er mochte ſagen, was er zu ſagen habe, und furchtete ſich doch, es zu hoͤren. Das Schweigen waͤhrte fort; ſie ſpielte mit den Frangen der Bauchreduer. 4¹ ihres Sonnenſchirms, und er wickelte ſeine Uhrlitze um die Weſtenknoͤpfe.. bis er endlich zu der Ueberzeugung ge⸗ langte, daß dies ſie nicht weiter fuͤhrte, all ſeinen Muth zuſammen nahm, und redete. „Louiſe,« ſagte er ſanft.»Ich bin hoͤchſt einfältig.* „Welch eine Menge neuer, intereſſanter Bemerkungen haben Sie heute Morgen ſchon gemacht!« rief Louiſe ſcher⸗ zend, in der Hoffnung, ihm dadurch Muth zu geben.»Sie ſind wirklich ungemein unterhaltend. Man ſollte meinen, Sie haͤtten etwas auf dem Herzen, daß Sie ſehr ſchwer druckte.⸗ „So iſt es wirklich, Louiſe; ich habe in der That etwas auf dem Herzen, daß mich ſehr, ſehr ſchwer druͤckt. Erra⸗ then Sie nicht, was es iſt?« „Wie waͤre das moͤglich?... Koͤnnen Sie da Sie doch ſo ſcharfſinnig ſind... koͤnnen Sie errathen, was in dieſem Augenblicke in meinen Gedanken vorgeht?⸗ „Ich glaube, dazu reicht mein Scharfſinn aus. Sie denken genau an daſſelbe, was auch meine Gedanken beſchäftigt.« „Welch ein ſonderbares Zuſammentreffen! Aber woran denken Sie denn nun?« »An den Tag„ entgegnete Valentin, indem er ihre Hand ergriff. »Ah! an den Tag... Es iſt wirklich ein ſchoͤner Tag 42 Valentin Vor herrliches Wetter. Zwar brennt die Sonne ein wenig, aber der ſanfte Wind iſt ungemein erfriſchend.⸗ „Sie ſpotten, Louiſe. Sie wiſſen recht gut, daß ich nicht das Wetter meine, ſondern den Tag, der uns Beide gluͤcklich machen wird.⸗ „Der uns Beide glucklich machen wird?.. Sind Sie denn jetzt ungluͤcklich?⸗ „Nicht ganz ſo gluͤcklich, als ich zu werden hoffe. und ich glaube, Louiſe, daß das in der That ein gluͤcklicher Tag ſein wird.« „Das hoffe auch ich. Aber welchen beſondern Tag mei⸗ nen Sie denn eigentlich?« „Den Tag,⸗ ſagte Valentin ernſt,»der uns auf im⸗ mer vereinigen wird.⸗ „Oh!a ſagte Loniſe, zwiſchen Lispeln und Seufzen, und begann abermals, an den Frangen ihres Sonnenſchirms zu zupfen; denn obgleich ſie Volentin's Entgegenkommen vei dieſem intereſſanten Puncte beſchleunigen zu muͤſſen ge⸗ glaubt hatte, in der Ueberzeugung, daß ſchwerlich etwas geſchehen koͤnne, wenn ſie Beide zu gleicher Zeit in Verle⸗ genheit waͤren, fand ſie nun, daß jetzt an ihr die Reihe ſei, ſich verlegen zu fuͤhlen, und es war in der That ein hochſt intereſſanter Augenblick. der Bauchredner. 43 „Louiſe,« ſagte Valentin, der ſich nun etwas leichter zu fuͤhlen begann,»Louiſe, wann wird dieſer gluckliche Tag erſcheinen?« Louiſe ſchwieg, zupfte aber heftiger als fruͤher an den Frangen. „Ich brauche Ihnen, meine theure Louiſe, nicht zu er⸗ klären,« fuhr Valentin fort,»wie innig ich Sie liebe:— ich fuͤhle, daß Sie davon vollkommen uͤberzeugt ſind. Sagen Sie mir daher o, ſagen Sie mir wann.. wann wird dieſer Tag erſcheinen?⸗ „Ich weiß es nicht,« ſagte Louiſe. „Ziehen Sie den May vor 2.. oder den Juni?⸗ ü de hat die Frae iſt ſehr ſchr ſonderbar 1 »Vielleicht!. doch wird ſie ſich leicht beantworten laſſen.« »Ich weiß aber nicht, was ich darauf antworten ſoll Wirklich ich habe darin keine Erfahrung... ich war bisher nie in dem Falle, ſolch eine Frage beantworten zu muͤſſen.« „Das habe ich auch keinen Augenblick geglaubt. Aber giebt es wohl etwas Einfacherers? Angenommen. wenn Sie erlauben, will ich die Frage ſo ſtellen.. angenommen 44 Valentin Vor alſo, Sie waͤren gewillt, meine liebe kleine Frau zu werden, in welchem Monate wuͤrden Sie ſich am liebſten verheira⸗ then? May oder Juni?« v„Ich weiß es nicht. ich kann es wirklich nicht ſa⸗ gen. Kaͤme ich aber je in dieſe furchterliche Lage, ſo glaube ich, wurde der Juni mir beſſer gefallen, als der May.* „Louiſe, laſſen Sie uns zum Ziele kommen:— wir kennen einander lange genug, um uns genau zu kennen. Ich weiß, daß Sie eine kleine Quälerin ſind, von der das Gluck meines ganzen Lebens abhangt, und Sie wiſſen, daß ich der ſchoͤnſte. nicht wahr? der ſchoͤnſte und liebevollſte Menſch bin, der je gelebt hat. und der darauf ſinnen wird, Alles, was in ſeiner Macht ſteht, zu thun, um Sie recht ungluͤcklich zu machen. Sollen wir nun unter dieſen ſchauderhaften umſtänden uns im Juni vermaͤhlen?.. Was meinen Sie?* „PVermählen?. ich mich vermaͤhlen? im Juni? wie kann Ihnen dergleichen nur in den Sinn kom⸗ men?* „Ich weiß nicht, ob ich im Stande bin, Ihnen dieſen ganzen Denkprozeß zu erklären; aber jedenfalls macht er einen Theil derjenigen Gedanken aus, welche Sie in mir der Bauchredner. 45 erweckten. Wiſſen Sie aber wohl, Louiſe, daß Sie mir noch keine Antwort gegeben haben?« „In der That.. ich weiß nicht... ich wie kann ich nur.. ſolch eine Frage... Sie haben mich ſo ſehr uͤberraſcht... ich weiß wahrhaftig nicht, was ich Ih⸗ nen antworten ſoll.“ „Soll ich Ihr Lehrer ſein? Sagen Sie»Ja!« Es wird Ihnen viel Verlegenheit erſparen. Sagen Sie »Ja!« und die Sache iſt abgemacht. Folgen Sie meinem Rathe und ſagen Sie»Ja!« »Halten Sie dieſe Frage fuͤr vollkommen ſchicklich?« »Wahrſcheinlich wohl, ſonſt wuͤrde ich ſie Ihnen nicht vorgelegt haben.« „Denken Sie denn gar nicht daran, daß ich einen Va⸗ ter habe 7„ „Gewiß!⸗ „Haben Sie je mit ihm uͤber dieſe Sache geredet?« „Direct noch nicht. Doch iſt er jedenfalls auf den ſchrecklichen Schlag vorbereitet und wartet ohne Zweifel ſchon ſeit geraumer Zeit darauf.« »Aber ſehen Sie dann nicht ein, daß er der Erſte iſt, mit welchem uͤber ſolch einen Gegenſtand geredet werden muß?« 46 Valentin Vor „Es ſcheint mir, Louiſe, daß Sie wirklich recht wenig Erfahrung in ſolchen Dingen haben; denn meiner Meinung nach iſt er der Zweite. Glauben Sie indeß, daß er unter dieſen betruͤbenden umſtänden der Erſte ſei, der gefragt werden muͤſſe, ſo will ich zuvörderſt ſeine Antwort zu er⸗ halten ſuchen, falls Sie mir treulich verſprechen, daß, ſagt er jal«. und dazu werde ich ihm ſtark rathen.. Ihre Antwort die nämliche ſein wird.« „Es iſt meine Pflicht, den Wuͤnſchen meines Vaters zu gehorchen; und Sie erwarten ſchwerlich von mir, daß ich mich ſolch einer Antwort entgegenſtellen wuͤrde.« „Gewiß nicht. Die Sache iſt alſo abgemacht;— Sagt er:„Ja, es mag im Juni geſchehen!« ſo ſagen Sie ebenfalls:»Ja, es mag im Juni geſchehen!« Das heißt mit andern Worten, daß Sie vollkommen geneigt ſind, den Juni als die Zeit unſrer Vermaͤhlung zu beſtimmen, wenn der Vater keine beſondern Einwendungen dagegen macht. Habe ich Recht?⸗ „Sie ſind ein recht abſcheulicher Menſch; ich will jetzt durchaus nichts mehr davon horen.« „Bis ich die Einwilligung Ihres Vaters empfangen?« „Keine einzige Frage beantworte ich mehr. Ich ſehe, daß Sie mich ausdrucklich hieher gelockt haben, um mich der Bauchredner. 47 mit Fragen zu quälen, und wenn es Ihnen recht iſt, wollen wir jetzt zurückkehren.« Es war wohl ſehr naturlich, daß während dieſes kur⸗ zen, aber fur die betreffenden Parteien höchſt intereſſanten Zwiegeſprächs der arme Llewellen gänzlich vergeſſen worden war; es würde ſonſt unverzeihlich ſein; denn ſie dachten in der That nicht mehr an ihn, als hätte er gar nicht eri⸗ ſtirt. Erſt als ſie ſich zum Weggehn anſchickten, ſahen ſie ihn zufällig am gegenüberliegenden ufer, wo er eifrig be⸗ ſchaͤftigt war, die Schwäne zu füttern. Dieſe Beſchäftigung war natuͤrlicher Weiſe zu intereſſant, als daß Llewellen's Aufmerkſamkeit auf das andere ufer hätte gelenkt werden koͤnnen; Louiſe und Valentin mußten alſo herumgehen, und als ſie ihn erreichten, uͤberraſchten ſie ihn in dem Augenblicke, als er mit einer Schaar allerlieb⸗ ſter kleiner Enten ſpielte, die er durch eifriges Ködern an das Land gelockt hatte. »Wo haben Sie denn geſteckt?« fragte Louiſe, als ſie ſich ihm näherten.. »Fo ich keſteckt habe?« rief Llewellen.»Seit langer Zeit pin i hier. Aber,« fuhr er traurig fort,»Rindfleiſch ferten fir zum Tiner heute nit haben i habe ten Fleiſcher nit finten können.« Valentin Vor „Wie!« rief Louiſe. „Kein Menſch kennt ten Fleiſcher Pull« „Wie! a A. „Aber tas kuͤmmerte mich nicht. i that alles Möklicke, um ihn aufzufinten, king in alle Läten.. aper nein, Chetermann lackte, fenn i frakte, unt keine Seele kannte einen Mann Namens Pull.« „So geht es immer,« ſagte Louiſe.»„Ich werde Sie in meinem ganzen Leben nicht wieder um eine Gefalligkeit bitten, Fred.⸗ „Tas thut mir leit. J fußte wohl, taß es uͤper mick herkehn fuͤrte, aber i that mein Moͤklickſtes, unt nach ter Anfeiſung, felke Sie mir kapen, kann ter Teufel ſelpſt ten Fleiſcher Pull nit finten.« „Laſſen Sie die Sache ruhen, Louiſe,« ſagte Valentin. „Wahrſcheinlich iſt ſie von keiner großen Wichtigkeit. Am beſten wäre es, Sie zeigten Fred, wo Bull wohnt, dann weiß er, wo er ihn finden kann.⸗ „Ja, Louiscken, tas thun Sie; fuͤr mein Leben kern möckte i fiſſen, fo er fohnt, tenn i ſuckte ihn nack allen Richtungen. Es firt nit feit aus tem Fege ſein.„ „Das werde ich wohl pleipen laſſen,« ſagte Louiſe, indem ſie Valentin heftig in den Arm kniff.»Iſt Jemand der Bauchredner. 49 ſo dumm, daß er nicht einmal den Laden eines Fleiſchers ausfindig machen kann, ſo fuͤhle ich mich keineswegs ver⸗ bunden, mich deshalb irgend zu beläſtigen. Was Sie be⸗ trifft, mein Herr,« fuhr ſie gegen Valentin fort,„ſo ſoll⸗ ten Sie ſich ſchämen, daß Sie ſolch einen Vorſchlag mach⸗ ten. Ich bitte ſehr, daß der Gegenſtand nicht auf das Neue angeregt wird.« Llewellen ſah nun ein, daß ſie in der That ſehr ärger⸗ lich ſei, und ſprach daher kein Wort mehr; und da Valen⸗ tin ihn keineswegs merken laſſen wollte, daß man ihn angefuͤhrt, ſo beſtand er weiter nicht darauf, daß ſein Vor⸗ ſchlag ganz in der Ordnung ſei. Sie machten ſich auf den Ruͤckweg; und obgleich die Liebenden nicht mehr ganz ſo ſchweigſam waren, als zuvor, waren ſie doch noch immer gedankenvoll, und wurden ge⸗ woͤhnlichen Beobachtern als ſehr einfältig erſchienen ſein. Valentin hielt ſich unter ſolchen Umſtaͤnden natuͤrlich fuͤr verbunden, zum Diner zu bleiben. Zwar dachte er einmal daran, es wuͤrde wohl beſſer ſein, wenn er ſich ent⸗ ſchuldigte, damit er und Louiſe uͤber das Vorgefallene nach⸗ denken koͤnnten, ehe er den naäͤchſten Schritt thäte; doch ſah er bald ein, daß dies ganz unnoͤthig ſein wuͤrde, da er uͤberzeugt war, daß ſie bereits eben ſo reiflich, als er ſelbſt, Valentin Vor. IV. 4 5 50 Valentin Vor daruͤber nachgedacht hätte, und daß er daher ohne weitern Verzug mit Raven über die Sache ſprechen konne. Er blieb daher und ergoͤtzte ſich im Garten mit Llewel⸗ len, bis zum Eſſen gerufen wurde; da fand er denn, daß Louiſe zu Ehren dieſer Gelegenheit ſich alle Muͤhe gegeben hatte, noch reizender als gewoͤhnlich auszuſehn. Ihr ganzes Benehmen jedoch war verändert; ſie war zuruͤckhaltender, ſprach nur wenig, und ſchien in der That etwas verlegen zu ſein. „Du biſt ja heute ganz verwandelt, mein Mädchen,« ſagte Raven, als er dieſe Veraͤnderung bemerkte.»Wie kommt denn das?« „O, ſie iſt poſe auf mich,« ſagte Llewellen,»feil ich, ſehn Sie, den Fleiſcher Pull nit finten konnte.« „Sie irren ſich, mein Herr.. in der That, Sie ir⸗ ren ſich,« rief Louiſe,»und ich bitte ſehr, daß Sie ſchweigen.« „Wie! haſt Du einen andern Fleiſcher angenommen, mein Mädchen?« fragte Raven. „O nein, es iſt nur ſeine Dummheit mit jedem Tage macht er es ſchlimmer.« „Ich dachte, Scraggs lieferte uns das Fleiſch?⸗ „Natuͤrlich,« entgegnete Louiſe. der Bauchredner. 51 »Aber Sie ſagten, Pull! Sagte ſie nit ſo, lieber Freund? O, ich fill tarauf ſchwoͤren, taß ſie Pull ke⸗ ſagt hat.« „Haben Sie je einen ſo einfältigen Menſchen geſehn? »Aber pehaupten Sie denn firklich, Sie hätten nit Pull keſakt?« »Großer Gott! So ſchweigen Sie doch, Fred.. ſein Sie doch vernuͤnftig.« „Aber i ſake, Louischen, ßehn Sie.. meinen Sie wirklich, Sie hätten nit Pull keſakt?« „Ich meine, Sir, daß kein Wort mehr daruͤber verlo⸗ ren werden ſoll. Ich ſchame mich in Ihre Seele hinein.« „Ohne Zweifel,« bemerkte Raven,„entſprang das Mißverſtändniß aus der merkwuͤrdigen Aehnlichkeit der Namen.⸗ „Fas, zwiſchen Pull und Scraggs!« rief Llewellen. „Kott feiß es! aber iſt es, ßehn Sie, iſt es irkend fahr⸗ ſteinlick? Scraggs kenne i rekt kut; aper ſie hat Pull keſakt!« »Sie thäten am beſten, wenn Sie ſchwiegen,« ſagte Louiſe.»Sie machen ſich ſonſt gar zu lächerlich, fuͤrchte ich.« »Laſſen Sie die Sache ruhen, Fred,« ſagte Raven. ———————————— 52 Valentin Vor »Solch ein Mißverſtändniß kommt leicht. Hier nehmen Sie noch etwas Fiſch.« Wider den Fiſch hatte Llewellen nichts, wohl aber ge⸗ gen die Annahme, er habe die Namen Scraggs und Bull verwechſelt. Jedoch ließ er ſich dadurch nicht im Eſſen ſtoͤ⸗ ren, ſondern nahm ſich vor, das Ding nach dem Diner genugend zur Erklärung zu bringen. Das Diner ging daher voruͤber, ohne daß die Sache weiter erwaͤhnt wurde; und als Llewellen bedeutende Symp⸗ tome zeigte, daß er den Gegenſtand von Neuem aufzuneh⸗ men wuͤnſche, fing Valentin zum Gluͤck ein Geſpräch an, an welches jener Vorfall ſich durchaus nicht anknuͤpfen ließ. Zu paſſender Zeit zog Louiſe ſich zuruͤck, und da ſie vorher Llewellen benachrichtigt, daß ſie ihm im Geſellſchafts⸗ zimmer etwas Wichtiges mitzutheilen habe, ſo folgte er ihr und ließ Raven und Valentin allein. Valentin durchſchaute natuͤrlich dies Arrangement, ob⸗ gleich er durchaus nicht die Hand dabei im Spiele hatte. Er wußte, weshalb Llewellen entfernt war, und wußte ebenfalls, daß ſeine Abweſenheit verläͤngert werden wuͤrde, da Louiſe, wenn ſie ihn nach dem Eſſen in die Nähe des Pianoforte bringen konnte, die wunderbare Fähigkeit beſaß, ihn in Schlaf zu ſpielen. Valentin ſchickte ſich daher an, der Bauchredner. 3 mit Raven zu ſprechen. Er fuhlte ſich ungemein linkiſch, und wußte in der That nicht, wie er beginnen ſollte; jedoch ermuthigt durch die Ueberzeugung, daß die Einwilligung, um welche er nachſuchen wollte, ihm nicht vorenthalten wer⸗ den wuͤrde, beſiegte er ſeine Skrupel und begann. „Mr. Raven,« ſagte er, indem er ſein Glas fuͤllte, als wolle er einen Toaſt ausbringen, was jedesmal Ravens Aufmerkſamkeit feſſelte, da er dieſen Gebrauch ungemein liebte. »Mr. Raven, die gleichmaͤßige Guͤte, mit welcher Sie mich ſtets behandelten, und fuͤr die ich Ihnen jederzeit dankbar ſein werde, erweckt die Hoffnung in mir, daß Sie dasjenige guͤtig anhoͤren werden, was ich Ihnen jetzt zu ſagen wuͤn⸗ ſche.« »Gewiß, gewiß,« ſagte Raven, indem er ſein Glas fuͤllte und aufmerkſam zuhoͤrte. „Die Neigung, welche zwiſchen Louiſe und mir beſteht,⸗ fuhr Valentin fort,»halte ich fuͤr gegenſeitig und feſt.« vDas leidet keinen Zweifel,« ſagte Raven,„nicht den geringſten Zweifel von der Welt.⸗ »Und da Sie dem Wachsthum dieſer Liebe nie in den Weg zu treten ſchienen, habe ich Muth gefaßt, zu glauben, daß Sie dieſelbe uͤberhaupt nicht ſtoͤren wollen.⸗ 54 Valentin Vor „Durchaus nicht, mein Junge, das fallt mir gar nicht ein.« „In dem Falle erlaube ich mir, Sie um Ihre Einwil⸗ ligung zu unſrer Verbindung zu bitten.« „Die haſt Du, mein Junge,« ſagte Raven.»Ich gebe ſie Ihnen freiwillig und auf der Stelle. Ich will Ih⸗ nen kein Geheimniß daraus machen, wie ſehr ich Ihren Charakter bewundere, und da ich weiß, daß Sie als Ehe⸗ mann treu und liebevoll ſein werden, ſo nehmen Sie ſie hin, und mag Ihr Leben reich an Segnungen ſein. Gott ſegne Euch Beide,« fuhr er fort, indem er mit Thränen in den Augen das Glas an die Lippen ſetzte.„Ja, Sie werden gluͤcklich ſein... gewiß, gewiß, das werden Sie. Sꝛie iſt ein gutes Mädchen, glauben Sie mir, ſie iſt ein gutes Maͤdchen, und wird als Frau Alles ſein, was ein Mann nur wuͤnſchen kann.« Er trank das Glas aus, fuͤllte es wieder, und brachte Louiſens Geſundheit aus. „Louiſe und ich,« begann Valentin auf's Neue, als er mit herzlicher Freude dem Toaſt Genuͤge gethan,„hat⸗ ten heute Morgen ein kleines Zwiegeſpraͤch uͤber dieſen Punct, da ſie aber, und zwar mit Recht, meinte, Sie wären der der Bauchredner. 55 Erſte, mit welchem ich reden muͤſſe, ſo uͤberließ Sie Alles Ihrem Entſchluſſe.« „Das ſieht ihr ähnlich!« rief Raven hoͤchſt erfreut. „Sie iſt das beſte und liebenswuͤrdigſte Mädchen von der Welt.* „Und da dachte ich mir denn,« fuhr Valentin fort, „der Juni waͤre ein ſehr angenehmer Monat.⸗ „Ganz recht; doch das muͤßt Ihr unter Euch abma⸗ chen. Nur ſagt mir, wenn es geſchehen iſt.... Warten Sie. Juni!. Ja, das geht. Empfehlen Sie mich Ihrem Onkel, und ſagen Sie ihm, ich wuͤrde mich freuen, ihn zu ſehen, wann es ihm gelegen wäre. Vielleicht ſpeiſtt er morgen mit uns zu Mittag?.. Fragen Sie ihn doch.« Valentin verſprach es, und nachdem ſie noch einige paſ⸗ ſende Toaſts ausgebracht, ſtanden ſie auf, um zu Louiſen zu gehen. „Mein Kind,« ſagte Raven, als er in das Zimmer trat.„Komm hieher.« Louiſe naͤherte ſich ſchuͤchtern, und er legte ihre Hand in die Hand Valentin's, und ſegnete ſie, und ging dann, um Llewellen zu wecken. Dieſer Herr war auf dem Sopha 56 Valentin Vor feſt eingeſchlafen; aber obgleich es ſtets ungemein ſchwierig war, ihn unter ſolchen umſtäͤnden zu wecken, ſo wandte Raven dieſes Mal doch ſolche Mittel an, daß es ihm bald gelang. »Ei, ei, Fred, das iſt ja recht artig von Ihnen!⸗ rief Raven, als er ſeine Bemuhungen mit Erfolg gekrönt ſah. »Kott feiß, wie i einkeſchlafen ſein mack!« ſagte Llewel⸗ len, faſt außer Faſſung.»Toch,« ſuhr er fort,„es iſt Louischens Schuld. Sie verleitete mich, hieherzukommen, ßehn Sie, und follte mich nit fieder fecklaſſen.« Bei jeder andern Gelegenheit wuͤrde Louiſe offen ihre Meinung uͤber das Paſſende dieſer Bemerkung geſagt haben; aber ſie war in dem Augenblicke ſo dringend beſchaͤftigt, in⸗ dem ſie Kaffee einzuſchenken und gewiſſe Sefuhle zu verber⸗ gen hatte, daß ſie unmöglich auf etwas ſö durchaus unwich⸗ tiges hatte Achtung geben können. Ihre Zuruͤckhaltung war auffallend. Kaum ſagte ſie ein Wort. Sie ſah vor ſich hin, und erroͤthete, und lächelte dann und wann, und fuͤhlte, daß ſie durchaus die Herrſchaft uͤber ſich verloren. Valentin dagegen war heiter, ja ausgelaſſen. Er ſcherzte mit Raven und foppte Llewellen mit ungewoͤhnlichem Geiſt, der Bauchredner. 57 bis es ſpät Abends wurde. Dann empfahl er ſich und ver⸗ ließ das Zimmer mit Louiſen, die grade heute ganz beſon⸗ ders zu wuͤnſchen ſchien, ihn geſund und wohlbehalten aus dem Hauſe gelangen zu ſehen. »Mein ſuͤßes Mädchen,« ſagte er, indem er in der Nähe der Thuͤr des Beſuchzimmers ſtehen blieb, „ich brauche Ihnen wohl nicht zu ſagen, daß Ihr Vater in unſere Verbindung einwilligt. Er iſt mit mir uͤberzeugt, daß der Juni ein ſehr paſſender Monat ſein wuͤrde; da er das Alles aber Ihnen uͤberlaͤßt, ſo bitte ich Sie herzlich, daruͤber nachzudenken. Morgen fruͤh komme ich wieder.... Ach, Louiſe, ich war, und bin noch jetzt, ſo glůcklich! Gute Nacht, mein ſuͤßes Mädchen, gute Nacht!« Louiſe ſchwieg, erwiderte ſeine umarmung aber mit war⸗ mer Zaͤrtlichkeit. Dann ſagte er ihr nochmals Lebewohl, und ging. Als Valentin zu Hauſe ankam, theilte er das Vorge⸗ fallene mit kurzen Worten Onkel John mit, der daruͤber hocherfreut war. Er hatte einen traurigen Abend zugebracht; denn Whitely, der nun verzweifelte, die geringſte Nachricht uͤber ſeine Kinder zu bekommen, war ſeine einzige Geſell⸗ ſchaft geweſen. Als jedoch Valentin mit ſeiner„glorreichen ——————— 58 Valentin Vor Neuigkeit« kam, fiel es ihm ein, noch ein Glas zu trinken, und er lud Whitely und Valentin dazu ein. Whitely dazu zu bewegen, fiel ihm indeß ungemein ſchwer; denn dieſer Mann pflegte ſeine truͤben Gedanken, als ob er ſie liebte, und ſchien Alles zu verabſcheuen, was nur irgend den An⸗ ſchein hatte, als wuͤrde es ſie auf einen Augenblicke verſeuch⸗ chen. Dennoch ſetzte Onkel John es durch, der Wein brach bald die Hoffnung an die Stelle der Verzweiflung, und nach einer Stunde lebhafter unterhaltung ging Whitely viel gluͤcklicher zu Bett. Am Morgen.. nachdem er eine wichtige Berathung mit Onkel John gehalten, welcher einſah, daß er heute eine große Pflicht zu erfuͤllen habe.. machte ſich Valentin auf den Weg zu Louiſen, die er noch immer verlegen, aber lie⸗ bevoll und freundlich fand. Sie ſchien vollkommen entwaff⸗ net zu ſein; und obgleich ſie ihm zum Empfange entgegen⸗ eilte, blieb ſie doch ungemein ſtill, und begegneten ſich ihre Augen, was keineswegs ſelten geſchah, ſo errothete ſie und ſchien noch verlegener zu werden. »Ick ſake Ihnen, lieper Freunt,« fliſterte Llewellen, in⸗ dem er die erſte Gelegenheit benutzte, ihn auf die Seite zu ziehn,„fas heißt es mit Louischen? Sie hat mich ten kan⸗ zen Morken noch nit auskezankt« der Bauchredner. 59 „So haben Sie ihr wahrſcheinlich nichts zu Leide ge⸗ than 74 »Kott feiß es, aper tanach frakt ſie nit.... Es iſt etfas im Werke.⸗ „Verzweifeln Sie nicht,« ſagte Valentin, um ihn zu ermuthigen.„Sie werden es ſicherlich ſchon erfahren.« —.———————————————————————— Valentin Vox Sechsundvierzigſtes Kapitel. Vorbereitungen zu der Hochzeit.— Eine Ueberraſchung. Der Tag der Hochzeit war beſtimmt, und man hatte alle Haͤnde voll zu thun. Onkel John ſagte„er ſtecke bis uͤber die Ohren in Geſchäften. Valentin, Raven, Louiſe und alle Betheiligten ſteckten ebenfalls in Geſchaͤften. Da der wichtige Tag nun beſtimmt war, ſo erkannten Alle, daß keine Zeit zu verlieren ſei. Die Vorbereitungen, be⸗ ſonders die, welche auf Onkel John's Theil gefallen. wurden fuͤr unermeßlich gehalten, denn er hatte ſich feſt vorgenommen, nicht nur ſeine Pflicht zu thun, ſondern Raven foͤrmlich in Erſtaunen zu ſetzen. Nur vierzehn Tage hatte er vor ſich, und es koſtete ihn allein ſchon eine volle Woche, nur eine Wohnung ausfindig zu machen. Eine ſolche Laſt hatte er nie auf den Schultern gehabt. Nach Verlauf dieſer Zeit indeß gelang es ihm, eine paſſende Wohnung aufzufinden, und er athmete bedeutend leichter. Louiſe war in der groͤßeſten Verlegenheit. Sie hatte keine Freundinnen. Seit Raven ſich aus dem Geſchaͤfte der Bauchredner. 61 zuruͤckgezogen, war ſeine ſociale Stellung ſo eigenthuͤmlich geworden, daß er, obgleich von Reichthum und Glanz umgeben, doch beinahe von der Welt abgeſchloſſen lebte. Er wollte ſich Niemandem, der unterhalb der Ariſtokratie ſtand, anſchließen, und die Ariſtokratie ſah voll Verachtung auf ihn herab. Daher ſein bitterer Haß gegen dieſelbe im Allgemeinen, und daher Louiſe's Verlegenheit. Sie hatte Niemand, der ihr Rath geben und dem ſie vertrauen konnte, als ihre Magd. Nur zwei Damen gab es auf Erden, mit denen ſie in einem einigermaßen vertrauten Verhältniſſe geſtanden, und ſie waren Beide abweſend. Sie blieb daher voͤllig ſich ſelbſt uͤberlaſſen, und fuͤhlte ſich daruͤber ziem⸗ lich unglucklich. So ſehr man es Valentin auch verbergen mochte, währte es doch nicht lange, daß er den Stand der Dinge genau einſah, und von dem Augenblicke an fuͤhlte er ſich verbun⸗ den, ſeine ganze Kraft aufzubieten, um ihr wieder Muth zu geben. „Louiſe,« ſagte er, indem er die erſte Gelegenheit er⸗ griff, welche ſich ihm darbot,»Louiſe, ich fuͤhle mich ſehr verletzt.« »Aber beſter Valentin, woruͤber denn?« ——————————— 62 Valentin Vor „Ich weiß in der That nicht, ob ich Dir je vergeben werde.« „So ſag doch, mein Junge, was es iſt?⸗ »Meine Mutter,« ſagte Valentin....»Du haſt ſie nicht eingeladen. Du weißt nicht, wie glucklich ſie ſein wuͤrde, wenn Du ſie auf eine Woche herholen ließeſt, um Dir zu rathen, Dir jede Schwierigkeit zu erleichtern, kurz Dir mit Rath und That an die Hand zu gehn.« „Theurer Valentin!« rief Louiſe, mit Thränen in den Augen, denn ſie erkannte ſogleich ſeine Abſicht.»„Du weißt nicht, welche herzliche Freude Du mir dadurch machſt. O gewiß, es wuͤrde mich gläcklich machen. Ich wußte nicht, wie ich die Rede darauf bringen ſollte; aber ſei uberzeugt, mein Herzensjunge, daß mir in dieſer Verlegenheit nichts erwuͤnſchter ſein konnte.« „Du biſt mein gutes Kind, Louiſe, und ſie ſoll ſo⸗ gleich kommen. Noch mit der heutigen Abendpoſt will ich an ſie ſchreiben, und morgen fruh ſelbſt ſie abholen.⸗ „Ach ja, das thu. Aber Du bleibſt doch nicht lange aus, Geliebteſter 2« „Sobald als möglich kehre ich zuruͤck. Sie rechnet darauf, nicht eher herzureiſen, als bis zum dreizehnten. der Bauchredner. 63 Doch ich will ſchon Alles einrichten. Und da Fred hier doch nur im Wege iſt, ſo nehme ich ihn mit.«. Hoch erfreut gab Louiſe zu dieſer Anordnung ihre Zu⸗ ſtimmung; und Valentin, der ſie nicht abhalten wollte, machte ſich auf, um mit Llewellen Ruͤckſprache zu nehmen. Dieſer Herr befand ſich grade in der Bibliothek, wo er „For's Buch der Maͤrtyrer« las. Er ſah ganz erſchrocken aus, und als Valentin ohne Ceremonie eintrat, fuhr er auf und zitterte an allen Gliedern. »Kroßer Kott!« rief er.»Sie jagen mir einen fuͤrk⸗ terliken Schreck ein! J hape hier fon tieſen kaltplutigen Perſonen keleſen, pis mir angſt unt pange wurde!⸗ »Eil« ſagte Valentin.»Doch ich hoffe, das iſt nun voruͤber.⸗ »„Ja, jetzt iſt Alles voruͤber; aper auf mein Fort, fenn i leſe, fie tieſe Teufel tie armen Menſten lepentik ferprannt hapen, unt terkleicken, ßo erroͤthe i for ihrer Prutalität.⸗ »„Wohl! Laſſen wir das jetzt.. Ich habe Ihnen et⸗ was zu ſagen, Fred.. Morgen fahre ich auf das Land.⸗ „Morgen!. feshalb tenn 2« »Um meine Mutter zu holen.... In der Fruhe bre⸗ che ich auf.« »Tann pleipe i ten kanzen Tak im Pette liegen, unt 64 Valentin Vor ſtehe kar nit auf. Fas huͤlfe es auk? J hape Niemant, mit tem i ſpreken konnt:— Louischen hat Kſchaͤfte, unt alle Andern kleikfalls;— und fill i auskehn, ßo feiß i nit, fohin.« „Hätten Sie nicht Luſt, mich zu begleiten?⸗ „Im Ernſt?.O, mein Freunt!... Fuͤr mein Lepen kern!« „Gut, ſo ſei es; wir reiſen zuſammen. Aber es iſt mehr als ſiebenzig Meilen weit.« „J frak' ten Teufel nak ten Meilen, unt fären es ſie⸗ penzit Millionen.... J ſoll alſo mitfahren?« „Ich werde mich herzlich freuen, wenn Sie mich beglei— ten wollen.« „Knuk, i fert' pereit ſein, unt ſollt' i te kanze Nakt aufſitzen.« „O, vor neun Uhr fahren wir nicht ab; ſo daß wir, kommen Sie um acht Uhr zu mir, fruͤhſtuͤcken und dann abfahren.« „ fert' kommen, mein fertheſter Freunt, i fert kwiß kommen*s jird eine praͤktike Reiſe ferten...* thut Ihnen tok nit an Röcken fehlen?... J hab trei ter pe⸗ ſten von ter Welt.« „So nehmen Sie ja zwei mit; Sie werden ſie von der Bauchredner. 65 Nutzen finden.. Doch ich muß nun fort, um meinem Onkel Beſcheid zu ſagen; denn er weiß bis jetzt noch nichts davon.« „Darf i nit mit Ihnen kehn?« „O doch; kommen Sie.« Zu Llewellen's Freude machten ſie ſich auf den Weg, erſtlich, um Plätze zu belegen, und dann, um Onkel John aufzuſuchen, den ſie, mitten unter Arbeitsleuten, und ganz von Staub bedeckt, im Hauſe fanden. „Ah, Mr. Llewellen,« rief er;»Sie ſehen uns hier bis uber die Ohren in Geſchäften.... In wenigen Tagen ſoll das Haus ganz anders ausſehen,« fuͤgte er leiſe hinzu, „und dann ſoll ein Fuͤrſt ſich dieſer Wohnung nicht ſchämen duͤrfen traun Sie meinem Worte!« Valentin zog ihn auf die Seite und erklaͤrte ihm, was er morgen fruͤh beabſichtige. „Das freut mich, mein Junge,« rief Onkel John. »„Noch heute habe auch ich daran gedacht, denn es giebt manche Kleinigkeit, die ich, wie ich finde, nicht allein be⸗ wältigen kann. Bring' ſie ja mit, Val, bring' ſie jeden⸗ falls mit.* „Es liegt mir beſonders daran, daß ſie Louiſen an die Hand geht.« Valentin Vor. 1V. 5 66 Valentin Vor „Gut, dut, das kann ſie, nan Junge, das kann ſie; doch muß ſie mir auch bisweilen etwas Rath geben, wenn ich deſſen beduͤrfen ſollte. Es wäre wohl gut, wenn Du hinliefeſt und mein Wechſelbuch holteſt. Die Bank wird geſchloſſen werden, weißt Du, eho ich nach Hauſe komme. „Ich habe Geld genug,« ſagte Valentin. „Gut, aber Deine Mutter braucht vielleicht etwas.⸗ „Ich habe genug fuͤr uns Beide.« „Wenn Du das ganz gewiß weißt, ſo mag es ſein. Haſt Du mir noch etwas zu ſagen?« »Nein.« „Gut, ſo mach, daß Du fortkommſt. Mr. Lewellen, um ſechs Uhr bin ich zu Hauſe... wollen Sie mit uns zu Mittag ſpeiſen?« „Mit kroßem Tank thu' i Ihre Einlatung annehmen.« »„Und mir machen Sie eine herzliche Freude damit,« ſagte Onkel John, indem er ihm die Hand druͤckte.„Doch nun fort mit Euch... Ihr habt hier nichts zu thun.« Nachdem Ihnen ſo die Thuͤr gewieſen war, nahm Va⸗ lentin Llewellen mit ſich nach Hauſe, und gab ihm zur Un⸗ terhaltung etwas kalte Kuͤche und Bier, waͤhrend er an ſeine Mutter ſchrieb. Dann ſtreiften ſie bis ſechs Uhr umher. Um dieſe Zeit kam Onkel John nach Hauſe, und er⸗ —— ——— 7 der Bauchredner. 67 klärte, daß er an allen Gliedern zerſchlagen ſei, da er ſich aber während des Diners unendlich beſſer fuͤhlte, ſo ging Alles ganz gut von Statten. Vhitely und Lewellen wur⸗ den die beſten Freunde; ſie bewieſen einander die großeſte Aufmerkſamkeit, ſchienen ſich Einer in des Andern Geſellſchaft gluͤcklich zu fuͤhlen, und unterhielten ſich ſo ungezwungen, als hätten ſie ſich ſchon jahrelang gekannt. Man unterhielt ſich uͤber verſchiedene Gegenſtände. Valentin erzählte, daß Echo ſich entſchloſſen habe, Llewellen zu heirathen, und Llewellen theilte mit, wie die Portraits in der Kunſtaus⸗ ſtellung ſo myſteriss geſprochen hätten, und wie laut er von einem ſeiner Freunde gerufen ſei, ohne ihn irgend finden zu koͤnnen. Whitely und Onkel John wußten recht gut, daß alle dieſe Streiche von Valentin herruͤhrten, und kamen aus dem Lachen gar nicht heraus. Der arme Whitely hatte ſeit langen Jahren keinen ſo glücklichen Abend verlebt, und vergaß fuͤr den Augenblick all' ſeinen Kummer. Punct acht uhr erſchien Llewellen am Morgen und ſetzte ſich mit Valentin zum Fruyſtuͤck; aber ſonderbar, Llewellen konnte nicht eſſen!.. Er hatte keinen Appetit. Es war fuͤr ein aͤußerſt ſubſtanzielles Fruͤhſtuͤck geſorgt worden, fuͤr ein Fruͤhſtuͤck, das ganz nach ſeinem Herzen war, und dem 68 Valentin Vor er zu jeder andern Zeit volle Gerechtigkeit wuͤrde haben widerfahren laſſen. Er war uͤber dieſes ſeltſame Ereigniß etwa zu gleicher Zeit fertig, wie Valentin mit dem Eſſen; dann nahmen ſie Abſchied von Onkel John und Whitely, und brachen auf. Da der Kutſcher bei ihrer Ankunft eben im Begriff war, auf den Bock zu ſteigen, ſo nahmen ſie raſch ihre Plätze ein und fuhren ab, und kaum hatten ſie den auf der Stadt liegenden Rauch verlaſſen, als Llewellen jedes Lied ſang, an welches er ſich irgend erinnern konnte. Er war ſo heiter als moͤglich, ſtieg jedesmal, wenn die Pferde gewechſelt wurden, ab, um ein Glas»ſchoͤnes Pier⸗ zu ſich zu nehmen, und bot ſeine Cigarrenbuͤchſe allen Peſſa⸗ gieren ohne Ausnahme an. Zur beſtimmten Zeit erreichten ſie zu ſeiner groͤßeſten Freude das Haus, bei welchem die Poſtkutſche etwa ſieben Minuten anhaͤlt, damit die Paſſagiere dasjenige zu ſich nehmen können, was dort mit einem Kunſtausdrucke »Diner« genannt wird, und gewoͤhnlich aus einer Ham⸗ melkeule, Brot, Kartoffeln und Kohl beſteht. Llewellen jedoch war damals grade nicht lecker, und machte ſich uͤber die Hammelkeule her. Er hätte billiger Weiſe fur ſechs Perſonen bezahlen muͤſſen. Die Paſſagiere wunderten ſich, —————— der Bauchredner. 69 ſagten aber nichts; und das war jedenfalls weniger, als der Wirth that, als er die uͤbriggelaſſenen Knochen be⸗ trachtete. Sie ſetzten nun ihre Reiſe fort, und Heiterkeit und gute Laune herrſchten, bis ſie an dem Orte ihrer Beſtimmung ankamen. Valentin lag bald in den Armen ſeiner Mutter, und wuͤrde in den Armen keines andern lebenden Weſens die Empfindungen gehabt haben, von denen er in dieſem Au⸗ genblicke beſeelt war. Zwar konnte die gute Dame kaum ſprechen, war aber ſo entzuͤckt, und lächelte mit ſo ſichtba⸗ rer Freude durch ihre Thraͤnen hindurch, daß Llewellen, als ſie ihn beredt und warm willkommen hieß, in der That vemerkte, daß er ein gewiſſermaßen gefuhlvolles Herz beſäße. »Wohl, mein Junge, der Thee iſt bereit,« fuhr die Mutter fort, als dieſer erſte Ausbruch der Zärlichkeit vor⸗ uber war,»Du biſt gewiß ganz ohnmaäͤchtig.... Und Sie, mein Herr,« fuhr ſie gegen Llewellen fort,„bitte ich, ganz ſo zu thun, als waͤren Sie zu Hauſe.⸗ „In ter That. Ihre Kuͤte pewirkt, tas i mi prreits kanz ſie z' Haus fuͤhle,« entgegnete Llewellen. „Das freut mich herzlich. Kommen Sie, nehmen Sie Platz am Tiſche.... Und wie befindet ſich Miß Raven, 70 Volentin Vor mein Junge? Mich verlangt ſo ſehr, ſie zu ſehen, daß ich es Dir gar nicht ſagen kann.⸗ „Sie befindet ſich wohl, und auch die Andern,« ent⸗ gegnete Valentin.„Du biſt doch bereit, Morgen mitzu⸗ fahren 24 „Morgen?.. unmoglich!... Bedenke doch nur, mein Junge! Ich habe noch nichts im Stande! Seit ich heute Morgen Deinen Brief bekam, habe ich Alles gethan, was nur moͤglich war; aber was das betrifft, daß ich ſchon Morgen... Rein, nein, das iſt ganz unmoglich!... Auch geht es durchaus nicht, daß Du Morgen ſchon zuruͤck⸗ kehrſt. Nicht um alle Schätze der Welt moͤchte ich, daß Du es thaͤteſt. Den einen Tag ankommen und den andern wieder wegfahren!... Das reichte vollkommen hin, Dich auf das Krankenlager zu bringen.... Ich bin uͤberzeugt, mein Junge, Du haͤltſt dieſe Strapatze nicht aus. Nein, meine Meinung iſt dieſe:— kann ich Morgen Alles beſchaf⸗ fen, ſo reiſen wir Uebermorgen... und es ſoll mich ſehr freuen, wenn ich bis dahin fertig bin.« »Alſo iſt auch das noch nicht voͤllig gewiß?* „Ich hoffe es. Jedenfalls will ich Alles thun, was nur moͤglich iſt. Du haſt mir keine Zeit gelaſſen.. die Sache kam ſo unerwartet!.. Doch glaube ich deſſen ungeachtet, —— ——————— — der Bauchredner. 71 daß ich es wagen darf, zu ſagen, daß ich uͤberzeugt bin, wir werden Morgen abfahren können.“ Während dieſes kurzen Zwiegeſprächs verſchwanden die gebratenen jungen Huͤhnchen ungemein raſch. Llewellen gab ſich die groͤßeſte Muͤhe damit, und ließ jedem einzelnen Stuͤcke volle Gerechtigkeit widerfahren. „Ich freue mich, daß es Ihnen ſchmeckt,« ſagte die Wittwe in ihrer Unſchuld.„Valentin, mein Junge, prä⸗ ſentire Mr. Llewellen noch etwas Schinken.* „Mr. Llewellen,« entgegnete Valentin,»verſorgt ſich lieber ſelbſt, Mutter.⸗ Und das war in der That der Fall. „Gott feiß es, tieſe Haͤnd'l ſind funterſchön,« bemerkte Llewellen. „Es freut mich, daß Sie Ihren Beifall haben.« „Kroßen Peifall, ſehn Sie; unt was tas Pier betrifft, ſo prauen ſie ſolches Pier nit'mal in Caermarthen.« „Unſer Bier iſt beruͤhmt,« ſagte Valentin.»Wie alt iſt dies, Mutter?« „Zwei Jahre.« „Zwei Jahre alt! Kroßer Kott,'s iſt zwei Jahr alt! In ter Stadt, aus ter i komm', praun ſie's am Sams⸗ 72 Valentin Voy tag unt trinken's am Montag.... Zwei Jahr alt!... 's iſt'n herrliches Ketraͤnk.« Es war in der That vortrefflich, und er trank eine Menge davon, und freute ſich den ganzen Abend daruͤber, der ungemein heiter verging. Der nächſte Tag wurde von Valentin dazu verwandt, ſeinem Freunde die alten Baudenkmale der Stadt zu zei⸗ gen, und von der Wittwe, Vorbereitungen zur Reiſe zu treffen, an die ſie mit Zittern und Beben dachte. Am Morgen darauf fuhren ſie endlich ab. Aus purer Hoͤflichkeit gegen die Dame, von der er ſo ungemein freundlich aufgenommen war und die er hoch ver⸗ † ehrte, beſtand Llewellen darauf, im Innern des Wagens zu fahren. Dies war, wie Valentin wußte, eine Prufung, die ihm ſehr hart ankommen wuͤrde, und das war während der erſten vierzig Meilen denn auch in der That der Fall, denn er konnte weder die ſchoͤnen Cigarren rauchen, die er bei ſich hatte, noch jedesmal, wenn die Pferde gewechſelt wurden, ausſteigen, um Bier zu trinken. Nach dem Mit⸗ tagseſſen jedoch empfand er nichts mehr davon; denn er ſiel in feſten Schlaf, und ſchlief, bis ſie die Stadt erreichten. Da Valentin den Onkel John ſchuldigermaßen benach⸗ richtigt, daß ſie an dieſem Tage eintreffen würden, ſo er⸗ der Bauchredner. 73 wartete derſelbe ſie am Wagen und fuͤhrte ſie nach Hauſe. Hier war jede zu ihrer augenblicklichen Bequemlichkeit noͤthige Vorkehrung getroffen; ſie tranken Thee zuſammen, und waren gluͤcklich und froh. Die Wittwe meinte indeß, Onkel John ſahe etwas bläſſer als gewoͤhnlich aus; doch als er verſicherte, daß er ſich nie im Leben beſſer befunden habe, war ſie vollkommen zufrieden. „Aber ſehe ich wirklich blaß aus?« fragte er.»Meinſt Du wirklich, ich ſähe blaß aus?« „Nun, ich will grade nicht ſagen, daß es eine krank⸗ hafte Bläſſe ſei; aber Du ſiehſt nicht ganz ſo voll aus, wie ſonſt.« Onkel John trat vor den Spiegel und unterwarf ſeine Geſichtsfarbe einer genauen unterſuchung; doch war er nicht im Stande, irgend eine Veränderung zu entdecken. Da er ſich aber jeden Tag ſah, ſo meinte er, er ſei wohl nicht ganz ſo gut im Stande, ſich zu beurtheilen, wie Jemand, der ihn mehrere Monate lang nicht geſehn. Indeß war er uͤberzeugt, die Veränderung ſei nicht beunruhigend, beſonders da er ſich erinnerte, daß er bei dem Raſieren heute Mor⸗ gen ungemein wohl ausgeſehn habe. Und doch, wenn er es genau bedachte, ſo hatte er ſich in der That ſeit einigen Tagen etwas matt gefuͤhlt, das offenbar von der allmäligen 74 Valentin Vor natürtichen Abnahme der Kraͤfte herruͤhrte; doch als er die Sache wiederum ruhig überlegte, war er keineswegs geneigt zu glauben, daß dem alſo ſei. „Die Sache iſt die, mein Mäͤdchen,⸗ ſagte er,„ich bin ſeit einiger Zeit ſo umhergehetzt worden, daß es mich gar nicht wundern ſollte, wenn ich noch bleicher ausſähe, als ich thue. Denn in der letzten Woche habe ich kaum ein Auge zugethan, und ich leugne durchaus, daß irgend Jemand, und wäre er ſo ſtark wie ein Elephant, ſo wohl ausſehen koͤnnte, als er muͤßte, wenn er ſeine natuͤrliche Ruhe nicht hat.« „O, Du ſiehſt recht wohl aus. Meine Bemerkung be⸗ zog ſich nur auf die Farbe; aber die bloße Farbe, ſiehſt Du, iſt nicht immer ein Zeichen von dem Zuſtande der Geſundheit. ⸗ Onkel John war jedoch nicht befriedigt; hätte irgend ein Anderer noch beigeſtimmt, daß er blaß ausſähe, ſo wuͤrde er ſich ohne Zweifel beinahe krank gefuͤhlt haben. Gleich nach dem Thee machten Llewellen und Valentin ſich auf den Weg, erſterer, um Loviſen die Tugenden der Wittwe zu verkünden, und der letztere, ſie ſeiner gluͤcklichen Wiederkehr zu verſichern. Valentin fand, daß ſie ihn ängſt⸗ lich erwartet, und als ſie ihn zärtlich willkommen geheißen, —— der Bauchredner 75 begann Llewellen eine lange Erzählung in Bezug auf die bewunderungswuͤrdigen Eigenſchaften der Wittwe. „Sie iſt eine ſchlichte, gute, freundliche, liebevolle Mut⸗ ter,« ſagte Valentin, um den warmen Lobpreiſungen Lle⸗ wellen's ein Ende zu machen.»Aber Fred geht etwas zu weit.« „Nit a Piſſel,« rief Llewellen;»ſie iſt ein Herz von einer Frau, i pewundere ſie!.. und, Louischen!.. ſie kab mir a Pier! zwei Jahr alt, Louischen!.. Pier zwei Jahre alt!.„ „Oh, ich bin uͤberzeugt, daß ich ſie liebgewinnen werde!« ſagte Louiſe.»Gewiß, das werde ich. Du mußt mich ihr vorſtellen, und das muß das erſte ſein, was wir morgen fruͤh thun. Wann ſoll ich kommen?« „Nein, liebe Louiſe, Du brauchſt nicht zu kommen,« ſagte Valentin.»Es iſt nicht noͤthig; ſie kann mit mir hieherkommen.« »Aber Papa beſteht darauf, daß ich's thue. Er ſagt, ich muͤſſe ſie auf jeden Fall zuerſt beſuchen, um ſie dann zu bitten, daß ſie mit mir hieherkame; und ich wuͤnſche von Herzen, ihr jede moͤgliche Aufmerkſamkeit zu beweiſen« Valentin ſah im Augenblicke, wie die Sache ſtand, und 76 Valentin Vor ſagte daher nichts mehr davon; nur beſtimmte er Louiſen die Zeit, wann ſie kommen moͤge. „Und nun,« ſagte Louiſe ſcherzend, indem ſie nach ihrer Uhr ſah,»erlaube ich Dir, noch zehn Minuten zu bleiben; dann mußt Du nach Hauſe gehn, damit Du ordentlich ausſchlafen kannſt.⸗ „Ich bin nicht im Geringſten ermuͤdet, mein ſuͤßes Maͤdchen.« „Ei, das mußt Du ja ſein! Sieh nur, der arme Fred iſt bereits eingeſchlafen.* „Das iſt bei ihm wohl etwas ganz Außerordentliches.⸗ „Nun freilich, das iſt wohl kein Kriterium. Aber noch zehn Minuten... mehr erlaube ich Dir durchaus nicht.⸗ Valentin willigte endlich ein, daß er nicht länger als zehn Minuten bleiben wolle. Dann beſprachen ſie ſich ernſt⸗ lich uber den Gegenſtand, der faſt ausſchließlich ihre Ge⸗ danken beſchaͤftigte, bis irgend ein Umſtand Louiſen veran⸗ laßte, abermals nach der Uhr zu ſehen; und da fand ſie denn, daß bereits zwei Stunden verfloſſen waren. „Großer Gott!« rief ſie.»Da, ſieh!.. Nun bleibſt Du mir keinen Augenblick länger. Ich habe Dich ſo lange aufgehalten, da Du doch der Ruhe ſo ſehr bedarfſt, Du der Bauchredner. 77 armer Junge. Gute Nacht, und beſtelle zu Hauſe ja die herzlichſten Gruͤße.« Sie umarmten ſich, wuͤnſchten einander eine gute Nacht, und ſchieden. Am Morgen zur beſtimmten Zeit fuhr Louiſe in ihrem Wagen vor. Valentin hatte ſeine Mutter darauf vorbe⸗ reitet, und ſie zu uͤberzeugen verſucht, es ſei dieſes»gar nichts,« was die gute Dame, ſelbſt als ſie es ſah, kaum glauben konnte. Aber als Louiſe in das Zimmer trat, und ihr entgegenflog, und ſie kuͤßte, und ſich an ihren Nacken hing, und ſich gluͤcklich pries, verſchwand Alles, was irgend auf Ceremoniel hindeutete. Sie fuͤhlte, daß ſie Louiſe von dem erſten Augenblicke an herzlich liebgewonnen hatte. Louiſe hatte ſich ſo einfach als moͤglich gekleidet, und das erhoͤhte nicht nur die Wirkung ihrer natuͤrlichen Reize, ſondern auch die gute Meinung ihrer muͤtterlichen Freundin, die in ihr nicht, was ſie eine„feine Dame« genannt ha⸗ ben wuͤrde, ſondern ein liebenswuͤrdiges Madchen ſah, dem ſie die herzlichſte Liebe ſchenken konnte. Eben ſo innig freute ſich Louiſe uͤber die Mutter; ſie fuͤhlte, daß ſie in ihr in der That eine Freundin hatte, der ſie vertrauen könne, ja, daß ſie eine Mutter in ihr haben wuͤrde. 78 Valentin Vor unter dieſen erfreulichen Umſtaͤnden... erfreulich fuͤr Beide„ſaßen ſie neben einander auf dem Sopha, und plauderten, und ſchloſſen einander ohne Ruͤckhalt ihre Her⸗ zen auf, als waͤren ſie wirklich Mutter und Kind. Louiſen verlangte es, ſie mit nach ihrem Hauſe zu nehmen. „Ich will Alles aufbieten,« rief ſie,»Ihnen das Leben angenehm zu machen... und Papa wird ſich herzlich freuen, Sie zu ſehen.« „In der That, mein Herzenskind, ich fuhle bereits⸗ daß ich bei Ihnen nur gluͤcklich ſein kann.« „Sie ſind eine ſo liebe herzensgute Frau,« entgegnete Louiſe,„und ich fuͤhle, daß ich Sie nur lieben kann.« In dem Augenblicke trat Valentin wieder in das Zim⸗ mer, und als die Wittwe ſich entfernte, um ſich anzuklei⸗ den, fing Louiſe an, ſie bis in die Wolken zu erheben. Und ſie that es aus reinſter Ueberzeugung; ſie empfand wirklich, was ſie ſagte, und liebte die gute Mutter innig. „Nun, mein liebes Kind, ſtehe ich zu Dienſt,« ſagte die Mutter, als ſie zuruͤckkehrte. Es ward geklingelt und Valentin ſchickte ſich an, mit ihnen zu fahren; aber man deutete ihm an, daß man die Ehre ſeiner Begleitung keineswegs begehre. »„So laßt mich wenigſtens mitfahren,« rief Valentin, der Bauchredner. 79 „damit ich ſehe, das Ihr gut nach Hauſe kommt. In Eure myſtiſchen Arrangements will ich mich durchaus nicht einmiſchen.« Das that er denn auch nicht. Alles, was er begehrte, war, mit ſeiner Mutter zu fahren, damit ſie im Wagen ſich nicht verlegen fuͤhlte; als er aber ſah, daß ſich Beide trefflich mit einander verſtanden, fuͤhrte er ſie nur bei Ra⸗ ven ein, und verließ ſie dann. Waͤhrend ſeiner Abweſenheit von der Stadt waren große Fortſchritte gemacht. Die Zimmerleute, Tiſchler, Maler, Glaſer, Tapezierer, unter Onkel Johns thaͤtiger Aufſicht, hatten das Haus zur Aufnahme des Möblements vorberei⸗ tet, welches Onkel John bereits ſo ausgewaͤhlt, daß es ſei⸗ nem Geſchmack alle Ehre machte. Dieſes nur brauchte noch hineingeſchafft zu werden, und als dies nun wirklich geſchah, war der Stolz, mit welchem er das ganze Arrangement uͤberſchaute, außerordentlich. Seiner Meinung nach mußte Raven nothwendiger Weiſe hocherſtaunt ſein. Er war da⸗ von vollkommen uͤberzeugt, und da das einer ſeiner haupt⸗ ſäͤchlichſten Zwecke war, ſo fuͤhlte er ſich gluͤcklich. Aber auch Raven war nicht unthaͤtig geweſen. Juwe⸗ len, die Jahre lang das Licht nicht geſehn hatten, wurden 80 Baleutin Vor aus ihrer Dunkelheit hervorgezogen, polirt und neu gefaßt, um Louiſen am Hochzeitstage zu ſchmuͤcken. Dieſe vor den Augen ihrer muͤtterlichen Freundinnen zu verbergen, vermochte Louiſe nicht uͤber ſich. Sie zeigte ſie ihr alle, und die Wittwe war erſtaunt uͤber die blendende Schoͤnheit; aber als Louiſe ihr eine dicht mit Brillanten beſetzte Uhr vorlegte, die Raven ihr zum Geſchenk zu ma⸗ chen beabſichtigte, wußte ſie nicht, was ſie ſagen oder was ſie thun ſollte, ſo groß war ihr Entzuͤcken. Solchen Fortgang nahmen die Dinge; jeder freute ſich und fuͤhlte ſich im höchſten Grade gluͤcktich. Louiſe machte mit Huͤlfe ihrer Freundin, die ſie fuͤr die geſchickteſte Frau auf Erden anſah, bedeutende Fortſchritte. Nein, mit ihr konnte unmoͤglich Jemand verglichen werden Die Fräulein Stevens.... die zu Brautjungfern beſtimmt waren.. waren nichts gegen ſie, obgleich es eine Zeit gab, wo ſie dieſelben fuͤr ganz außerordentlich geſchickt hielt. Der Tag kam immer naͤher. Louiſe zahlte die Stun⸗ den, und Valentin fuͤhlte ſein Herz hoͤher ſchlagen. Eine glänzende, gluckliche Zukunft lag vor ihnen da. Keine Wolke erſchien am Himmel ihres Gluͤcks; der Horizont war rein und klar, und kein Zweifel regte ſich, daß auch unterhalb deſſelben Alles eben ſo ſchoͤn und klar ſein wuͤrde. der Bauchredner. 8¹ Onkel John war beinahe mit Allem fertig. Aus der Freude, welche aus ſeinen Zuͤgen ſtrahlte, ſchloß man, daß ſeine Abſichten und Wuͤnſche erfullt ſeien, daß aber Jemand das Haus beträte, litt er durchaus nicht!... Nein!... waͤre Alles in Ordnung, dann ſollten ſie Alle auf einmal Zutritt haben, und er wuͤrde dann glucklich ſein, ſie dort zu ſehen; aber eher nicht!.. Das war ſein Edict. Das, was Raven zu beſorgen hatte, war bereits längſt vollendet; mit Ausnahme desjenigen natürlich, was erſt an dem Tage ſelbſt geſchehen konnte. Er hatte daher mehr Zeit, als die Uebrigen, die er jedoch immer allein zubrachte. Jedoch am Abend vor dem Tagẽ, an welchem er Alle zum Diner eigeladen... und das wär der Tag vor dem ei⸗ gentlichen Hochzeitstage... nahm er Gelegenheit, Valen⸗ tin zu erkennen zu geben, daß er mit ihm ein Wort allein zu reden wuͤnſche. Valentin, der grade im Begriff war, ſich zu empfehlen, blieb nun, und da die Uebrigen gehoͤrt hatten, daß Raven mit ihm allein zu reden wuͤnſche, ſo gingen ſie und ließen die Beiden allein. »Mein lieber Junge,« ſagte Raven nach einer Pauſe, »der Tag iſt vor der Thuͤr, der Tag, an welchem Ihr hoffentlich eine lange Laufbahn voll Gluͤckſeligkeit beginnen werdet. und da ich vielleicht nicht mehr Gelegenheit Valentin Vor. IV. 82 Valentin Vor finden werde, mit Dir zu reden, ſo will ich jetzt einige nur ſehr wenige Worte mit Dir ſprechen, ehe Du mein Maͤdchen mir nimmſt. Sieh,« fuhr er mit tiefer Ruͤhrung fort,»Alles Vertrauen, was nur der Menſch zum Menſchen haben kann, habe ich zu Dir. Ich weiß, daß Du liebevoll, ich weiß, daß Du feſt und beſtändig biſt; ich weiß ferner, daß Du genug maͤnnlichen Muth beſi⸗ tzeſt, um allen Widerwaͤrtigkeiten, in welcher Geſtalt ſie auch erſcheinen moͤgen, die Stirn zu bieten. Aber ich werde alt, und ſchwach, und beſorgt, mein Junge, und dieſe Schwaͤche veranlaßt mich.. trotz meines feſten Vertrauens zu Dir.. Dir das feierliche Verſprechen abzunehmen: was auch mir widerfahren moͤge... Gott allein weiß, was das ſein kann!.. aber was auch mir widerfahren moͤge, daß Du treu und feſt an Louiſen hältſt!« „Ich gelobe es heilig,« ſagte Valentin,»und Liebe und Ehre verpflichten mich, dieſes Geluͤbde treu zu erfullen.« „Und willſt Du ſie nie verlaſſen? Nie! es möge mir widerfahren, was da wolle 7« „Niel« »Ich bin zufrieden. Nie habe ich an Deiner Beſtändig⸗ keit, an Deiner Aufrichtigkeit gezweifelt... glaube mir, nie! aber ich hielt es fuͤr meine Pflicht, Dir dieſes der Bauchredner. 83 Verſprechen abzunehmen, obgleich es in dem fruhern mit eingeſchloſſen lag.. allein ich war uͤberzeugt, daß Du durch ein direct gegebenes Verſprechen Dich um ſo mehr fur gebunden erachten wurdeſt. So vieles begegnet uns im Leben, woran wir nie dachten, waͤhrend Dinge, vor wel⸗ chen wir uns täglich, ja ſtundlich fürchteten, ungeſchehen bleiben. Niemand kann ſagen, was geſchehen mag. Aber ich bin gluͤcklich in der Ueberzeugung, daß, was mir auch begegnen moͤge, Du immerdar feſt an der armen Louiſe halten wirſt.« „Gott verhuͤte, daß Ihnen irgend etwas begegnen moͤge, welches wichtig genug waͤre, meine Standhaftigkeit auf die Probe zu ſtellen.« »Amen! Amen!« „Ich ſehe die Moglichkeit nicht ein,« fuhr Valentin fort,„daß Ihnen etwas der Art begegnen koͤnnte; denn ſelbſt wenn der Tod Sie uns raubte, ſo wuͤrde das nur die Wirkung auf mich machen, daß ich mich durch ein neues Band an Louiſen gebunden fuͤhlte... da ich dann der ein⸗ zige ſein wuͤrde, von dem Sie Schutz und Beiſtand erwar⸗ ten duͤrfte. Fuͤrchten Sie alſo nichts... unter allen Um⸗ ſtänden werde ich feſt und beſtändig bleiben... ich kann kein Verräther an meinem eignen Herzen ſein.« 84 Valentin Vor »Du biſt ein edler Mann! Hoffentlich begegnet mir nichts, aber das Gehirn eines alten Mannes bruͤtet manch⸗ mal ſonderbare Dinge aus. Doch nun fort mit allen Be⸗ ſorgniſſen. Moͤget Ihr recht, recht gluͤcklich ſein!... Ge⸗ ſchähe dem guten, lieben Maͤdchen irgend ein Leid, ich über⸗ lebte es nicht. Sie iſt mir alles Das geweſen, was ein Kind einem Vater nur ſein kann, und ich fuͤhle es tief in meinem Herzen, daß auch ich ihr Alles geweſen bin, was ein Vater einem Kinde nur ſein kann. Gott ſegne ſie!.. ſegne Euch Beide!.. Theile Niemand mit, was ich Dir geſagt habe; Andere könnten meinen, ich wuͤrde es nicht geſagt haben, wenn ich. was ich doch gewiß und wahr⸗ haftig thue unbegrenztes Vertrauen in Deine Ehre ſetzte.« Valentin verſprach, keine Sylbe davon zu erwaͤhnen, und nachdem Raven ihm abermals die Verſicherung gegeben, daß er ihn ehre und liebe, trennten ſie ſich. Valentin konnte nicht umhin, das Alles ſonderbar zu finden. Wohl konnte er ſich denken, wie ein Vater am Vorabend vor der Vermaͤhlung ſeiner Tochter aͤngſtlich fuͤr ihre Wohlfahrt beſorgt ſein konne; doch begriff er nicht, wie grade in ſolchem Augenblicke Beſorgniſſe ſich regen koͤnnten, zu denen allem Anſchein nach auch nicht der geringſte Grund der Bauchredner 85 vorhanden war. Indeß ſuchte er ſobald als moͤglich dieſen Gedanken zu entfernen. Er kannte Raven als etwas epcen⸗ triſch, und ſchrieb dieſem Umſtande das Ganze zu. Am folgenden Morgen meldete Onkel John, daß er Punct ein Uhr das Vergnuͤgen haben werde, bei Mr. Raven vor⸗ zukommen, um ihn, Louiſe, Valentin, Llewellen und die Mutter nach der kuͤnftigen Wohnung des Brautpaars ab⸗ zuholen. Er kam denn auch puͤnctlich zur feſtgeſetzten Zeit, und fand Alle bereits fertig und hochſt begierig, die neue Wohnung zu ſehen. „Ich habe die Ehre, Ihnen zu melden, meine Damen und Herren,« begann er ſo pomphaft als moͤglich, wobei ſeine kleinen Augen vor Vergnügen zwinkerten,»ich habe die Ehre, Ihnen zu melden, daß der kuͤnftige Wohnſitz gewiſſer Perſonen.. von denen ſpeciell die eine namenlos it, denn ihr Name wird kaum noch zwanzig Stunden vor⸗ halten.. daß alſo dieſer kuͤnftige Wohnſitz zur Beſichti⸗ gung bereit iſt. Gleichfalls habe ich die Ehre, zu melden, daß Ihr ergebener Diener, den Sie hier vor ſich ſehen, ſich gluͤcklich ſchätzen wird, Sie ohne Verzug dorthin zu führen.⸗ Dieſe Nachricht erregte große Freude; man druͤckte dem Herold die Hand, und uͤbergab ſich ſeiner Leitung. Der Wagen. welcher auf Punct ein Uhr beſtellt war.. 86 Valentin Vor hielt vor der Thuͤr, und ſo ſtiegen denn Alle, außer Va⸗ lentin und Llewellen, ſogleich ein. Den beiden Verſtoßenen hatte er angedeutet, ein Cabriolet zu nehmen und ihnen zu folgen, und ſo langte die Geſellſchaft denn bald auf dem Schauplatze ſeines Ruhmes an. Welche Freude Alle ausſprachen, als ſie in das Haus eintraten, wie hingeriſſen Alle waren, als ſie durch die Zimmer ſchritten, kurz, mit welchem Entzuͤcken das ganze Arrangement ſie erfullte, kann man ſich leicht denken. Selbſt unter minder guͤnſtigen Auſpicien wuͤrden ſie es natuͤrlich fuͤr Pflicht gehalten haben, ſich mit einiger Waͤrme daruͤber auszuſprechen, hier aber war Grund genug, foͤrmlich hin⸗ geriſſen zu ſein. Onkel John hatte ſeine ſanguiniſchen Hoff⸗ nungen nicht nur erfullt, ſondern noch uͤbertroffen; er hatte in der That eine Wohnung eingerichtet, der ſich kein Prinz zu ſchämen brauchte. Da Valentin wußte, daß die Keller eben ſo vortrefflich verſehen waren, ſchlug er mit großer Beredtſamkeit vor, Onkel John's Geſundheit auszubringen, ein Antrag, der uͤberall Anklang fand. Der Wein ward gebracht, man trank Onkel John's Geſundheit, dann die der Braut, dann die des Braͤutigams, dann die Mr. Ravens, dann die der der Bauchredner. 87 Wittwe, dann die Llewellen's... und jede dieſer Geſund⸗ heiten mit der groͤßeſten Herzlichkeit und Freude. Alle, außer Onkel John, entfernten ſich nun. Er mußte nach Hauſe, um ſich zum Diner anzukleiden, und Whitely zur Eile anzutreiben, der bei dieſer feierlichen Gelegenheit ebenfalls ſpeciell eingeladen worden war. Es gelang ihm denn auch, und zwar ſo gut, daß ſie Punct halb ſechs Uhr das Haus verließen, um ſich zu dem glucklichen Voölkchen in Mr. Ravens Wohnung zu begeben. Bei ihrer Ankunft waren Louiſe, Valentin, Raven, Lle⸗ wellen und die Wittwe im Geſellſchaftszimmer verſammelt, und plauderten ſo heiter und ſahen ſo fröhlich aus, daß ſie feſt entſchloſſen zu ſein ſchienen, wenigſtens fur dieſen Abend jede mogliche Sorge zu verbannen. In dieſem Augenblicke des Gluͤcks und der Heiterkeit traten Onkel John und Whitely ein; Louiſe eilte dem letz⸗ tern entgegen, um ihn herzlich willkommen zu heißen, und er dankte ihr mit geruͤhrtem Herzen. In dem Augenblicke jedach, als Raven's Auge das ſeinige traf, fuhr er zuruck, als habe ihn der Schlag geruͤhrt. Er erkannte in Raven den Verfuͤhrer ſeines Weibes!.. und ſtand eine Weile in heftigem Ringen mit den Empfindungen, die der Anblick deſſelben in ihm hervorgerufen; als aber die lebhafte Erin⸗ 88 Valentin Vor nerung des ihm widerfahrenen unrechts mit uͤberwältigender Kraft auf ihn einſtuͤrmte, ſprang er in raſender Wuth auf Raven zu und packte ihn an die Kehle. »Elender!« rief er wild.„ Grauſames, herzloſes un⸗ geheuer!. Meine Kinder! Wo. wo ſind meine Kinder?⸗ „ ſag, laſſen's los!« rief glewellen. »Sind Sie toll?« rief Valentin.„ Laſſen Sie los!« und im Augenblick riß er ihn zuruͤck und hielt ihn feſt. Raven außerte kein Wort. Er ſank in Llewellens Arme, und wurde beſinnungslos von demſelben aus dem Zimmer getragen. — der Bauchredner. 89 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Verſchiedenes auf dieſe Wiedererkennung Bezügliches. Eine Weile, nachdem Raven, welchem die faſt ohn⸗ mäͤchtige Louiſe und ihre theure zitternde Freundin folgten, das Zimmer verlaſſen hatte, ſtanden Whitely, Onkel John und Valentin in ſtummer Betaͤubung da. Der Ausdruck von Whitely's Geſichte war beinahe der der Tollheit; ſeine Augen rollten furchterlich, er knirſchte wild mit den Zähnen, waͤhrend ſeine Haͤnde ſo krampfhaft verſchlungen waren, als hätte er noch immer Raven's Kehle in denſelben. Endlich loͤste ein Wort Onkel Johns den Zauber, wel⸗ cher ihn feſſelte, und er rief: „Was ſtehe ich hier, da er in meiner Gewalt iſt?« „Halt!« rief Valentin, als Whitely aus dem Zimmer eilen wollte.»Wollen Sie ihn morden?⸗ »Ja morden!« „Es iſt hier weder der Ort, noch die Zeit, fuͤr das Ih⸗ nen zugefugte Unrecht Genugthuung zu ſuchen.« 90 Valentin Vox »Was kuͤmmern mich Zeit und Ort?« rief Whitely. »Was kuͤmmert mich der Anſtand, wenn ich den Schurken erreichen kann!«⸗ „Beim Himmel!« rief Valentin;„Sie verlaſſen dieſes Zimmer nur in dem Falle, wenn Sie zugleich auch das Haus verlaſſen wollen. Iſt er der Mann, der Sie beein⸗ traͤchtigte, ſo wiſſen Sie, wo er zu finden iſt:— ver⸗ fahren Sie gerichtlich gegen ihn, nach Ihrem Belieben; aber ſo weit ich es verhindern kann, ſollen Sie nicht Hand an ihn legen.« Whitely ſchaute Valentin mit wildem Blicke an; da er aber deſſen Entſchloſſenheit kannte, ſo machte er keinen Ver⸗ ſuch, ſich den Durchweg zu erzwingen. „Mein werther Freund,« ſprach Onkel John beſaͤnfti⸗ gend,„laſſen Sie ſich rathen.. Laſſen Sie Ihren Ver⸗ ſtand nicht durch die Leidenſchaft verblenden. Ich weiß, daß Sie Urſach dazu haben, weiß, daß man an Ihnen ein ſchreckliches Unrecht beging... doch laſſen Sie uns die Sache uͤberlegen.. laſſen Sie uns ſehen, was zu thun iſt. Es iſt allerdings ein trauriger Vorfall, allein, mein theurer Freund, aus dieſer raſenden Rachſucht kann nichts Gutes kommen. Laſſen Sie uns gehen.. laſſen Sie ſich von mir fuͤhren... wahrlich, ich kann Ihnen unmoglich der Buachredner. 91 dazu rathen, einen Weg einzuſchlagen, der mit Ihren Men⸗ ſchenpflichten unverträglich iſt. Laſſen Sie uns nach Hauſe gehn... ſo.. das iſt recht! Ich wußte ja, daß Sie vernuͤnftig ſein... daß Sie guten Rath annehmen wuͤrden.« Whitely ließ ſich von Onkel John unter den Arm faſſen und ſich aus dem Hauſe fuͤhren, ohne ein Wort zu aͤußern. Valentin war nun allein. Obgleich aber der Vorfall wie ein Donnerſchlag ihn betaͤubt hatte, ermannte er ſich doch bald wieder. „Das alſo war es,« dachte er,»was Raven ſo ſehr fuͤrchtete! Das iſt die Entdeckung, von der er glaubte, ſie wuͤrde meine Beſtändigkeit auf die Probe ſtellen. Die Pruͤ⸗ fung iſt da.... Iſt meine Beſtändigkeit erſchuͤttert wor⸗ den? Wie koͤnnte ſie das? Warum ſollte ich Louiſen minder lieben, als vorher? Ohne Zweifel verdient ihr Vater das Epitheton, welches Whitely ihm gab:— ohne Zweifel iſt er ein Verfuͤhrer, ein Schurke geweſen... aber konnte das meine Liebe zu Louiſen ſchwächen, ſollte ich darum mein Wort brechen, bloß weil ſie ſein Kind iſt? Sie iſt rein, rein wie ein Engel, und wäre er mit allen Verbrechen be⸗ fleckt, ich wurde ſie dennoch nimmer verlaſſen.« Nachdem er noch eine Zeit lang im Zimmer auf und ab 92 Valentin Bor geſchritten war, klingelte er, denn das ganze Haus ſchien in Aufregung zu ſein. Niemand antwortete. Er klingelte abermals, und wieder kam Niemand. Da klingelte er zum dritten Male ſo heftig, daß endlich der ſentimentale Portier erſchien, und mit Thraͤnen in den Augen fragte, ob es wahr ſei, daß er geklingelt. „Morgan ſoll kommen,« ſagte Valentin. „Sie iſt bei Miß, Sir.. die gute arme Miß.. ſie befindet ſich ſehr ſchlecht, Sir... Ich furchte, ſie uͤber⸗ ſteht es nicht.« „Was nicht?. Wer? Was ſoll daß heißen? Laß eine von den Mägden meiner Mutter ſagen, ich wuͤnſchte ſie zu ſprechen.« Der Burſche ſeufzte tief, ſchlug die Augen empor, und verließ mit langem Geſichte das Zimmer. In kurzer Zeit erſchien die Wittwe, ſchlang ihren Arm um Valentins Hals, druͤckte ihr Geſicht an ſeine Bruſt, und ſchluchzte laut. „Mutter! Mutter!« ſagte er, als er ſie nach dem Sopha fuͤhrte.»Faſſe Dich, liebe gute Mutter.⸗ „Ach, es iſt traurig, ſehr traurig... und noch dazu an ſolchem Tage!« der Bauchredner. 93 „Ja, es iſt recht ungluͤcklich. Aber wie geht es Louiſen?« „Das arme Kind!. Ich weiß in aller Welt nicht, wie ſie das ͤberſtehen wird. Zweimal hat ſie die heftigſten Kraͤmpfe gehabt, und jetzt ſchreit ſie, daß Einem das Herz brechen mochte. Ach, ſie uͤberlebt es nicht!« „Thorheit, Mutter! Die Sache iſt allerdings traurig genug, aber nicht ſo furchtbar, als es auf den erſten Blick ſcheint. »Oh, für das Gefuhl eines armen Mädchens, und noch dazu in einem ſo kritiſchen Augenblicke, iſt der Schlag bitter genug.« „Kann ich Louiſen ſprechen?« „Nein, mein Junge, unter keiner Bedingung. Sie liegt zu Bett und wir haben nach dem Arzte geſandt.. Ich erwarte ihn jeden Augenblick. Sähe ſie Dich jetzt, ſo ginge es von Neuem los... nein, nein, ſie wuͤrde es nicht uͤber⸗ ſtehen.„ „Ich furchte, Du biſt eine ſchlechte Troöſterin, Mutter; aber geh zu ihr und beruhige ſie, und gieb ihr dieſen Kuß⸗ und ſage ihr von mir, ſie ſolle huͤbſch ſtandhaft ſein. Die Wirkungen des Schlages wuͤrden ſehr bald voruͤbergehen; 94 Valentin Vor uͤberhaupt ſei die Sache gar ſo ſchrecklich nicht, und trotz des Vorgefallenen wuͤrde ich Punct eilf Uhr bereit ſein. ⸗ »Das ſchlag Dir nur vollig aus dem Sinne; das muß aufgeſchoben werden.« „Warum denn aber?« „Horch! der Arzt.... Ja, es iſt ſein Wagen. Ich komme wieder, mein lieber, guter Junge, ſo bald ich kann; halte Deinen Muth aufrecht.« »„Auch Du, Mutter, auch Du, und gewiß, Louiſe wird Troſt an Dir finden.« Die Wittwe verſprach, es wo moglich zu thun, und eilte aus dem Zimmer, um den Arzt zu empfangen. Valentin wunderte ſich nicht, daß dieſer Schlag Louiſen ſchwer betroffen: aber da er hoffte, die Sache wuͤrde keine ernſtlichen Folgen haben, ſo beſchloß er, der Niedergeſchla⸗ genheit keinen Raum zu geben. Er zog daher abermals die Klingel, und als derſelbe Puritaner, den Valentin fuͤr nicht tugendhafter hielt, als die uͤbrigen ſeiner Caſte, wie⸗ der eintrat, trug er ihm auf, Mr. Llewellen zu ſagen, er wuͤnſche ein Wort mit ihm zu reden. Der Portier, der jetzt noch entſetzlicher betruͤbt zu ſein ſchien, als vorhin, entfernte ſich, um ſeinen Auftrag zu erfullen, und in kurzer Zeit trat Llewellen ein. der Bauchredner. 95 „Mein ferther Freunt,« ſagte er,»fas iſt tas fuͤr'ne ſchreckliche Keſchichte?... J kann nit kluk t'raus ferten, ßehn Sie!« »„Wie geht es Ihrem Onkel?« fragte Valentin. „Recht ſchlecht, wie es ſcheint... Was aper meinte tenn Fhitely mit ten Kintern?« „Ex war in Wuth,« entgegnete Valentin, welcher be⸗ merkte, daß Llewellen von der Sache nicht ſonderlich viel wiſſe.»„Es ſcheint eine ungluckſelige Geſchichte zu ſein.« „Kanz recht!... aper i verſteh' kein Fort tavon... IF fuͤrcht', es ſteckt fas Schlimmes tahinter 4 „Thun Sie mir einen Gefallen,« ſagte Valentin, der es fur beſſer hielt, Llewellen in ſeiner Unwiſſenheit zu laſſen. „Sagen Sie Mr. Raven, es wuͤrde mich herzlich freuen, wenn ich einen Augenblick mit ihm reden duͤrfte.« „Von Herzen kern. J follt', Sie könnten ter Sache auf ten Krunt kommen; tenn opkleich i d' kanze Zeit uͤper pei ihm k'ſeſſen hap', konnt i's doch nit erlangen, taß er mir nur ein einzig Fort zur Erklaͤrung ſakte.« „Sagen Sie ihm, ich wuͤrde ihn nur einen Augenblick beläſtigen.⸗ „Kut, kut!« ſagte Llewellen und verließ das Zimmer. Rach drei Minuten, die Valentin dazu anwandte, daß Valentin Vor er die Rolle, welche er zu ſpielen hatte, noch einmal durch⸗ ging, kehrte Llewellen mit der Nachricht zuruͤck, Raven be⸗ fande ſich ſo unwohl, daß es ihm im Augenblicke ganz un⸗ moͤglich ſei, mit ihm uber den Gegenſtand zu reden. In wenigen Stunden jedoch hoffte er ſich erholt zu haben.„J weiß beim allmächtigen Kott nit, was es kiebt,« fugte Llewellen hinzu.„Nur tas weiß i, taß i nimmer Thra⸗ nen in den Augen meines Onkels ſah.. Aber ſagen Sie mir, verehrteſter Freund wie ſteht's mit tem Eſſen?. Das wird doch nit kanz und kar verkeſſe ſein?« „Leider iſt das, was Sie fuͤrchten, der Fall.« „Aber irgend etwas muͤſſen wir toch ſpeiſen wir könne toch nit verhungern. J wollt', Whitely hätt' auf tem Poden tes todten Meeres keſeſſen, ehe er uns unſer Eſſen zu Waſſer machte. Toch wir muͤſſen die Sache uͤberlege. laſſen Sie uns hinabkehn. J weiß, taß es tort einige huͤbſche Sachen kiebt.. Louieschen hat es mir kſagt. Auf tieſe Weiſe hungern wir zu Skeletten z'ſammen.« Valentin ging mit ihm, nicht, weil er ſich im Gering⸗ ſten zum Eſſen aufgelegt gefuͤhlt hatte; allein, da er weiter nichts zu thun hatte, ſo konnte er ſich mit jenem eben ſo gut an den Tiſch ſetzen, als nicht. Llewellen war mit ſeinem Diner beinahe ſchon fertig, der Bauchredner. 97 als der Arzt erſt das Haus verließ; in dem Augenblicke trat auch die Wittwe ein, um Valentin zu melden, die arme Louiſe läge im heftigen Fieber, und muͤßte ſich des⸗ halb mehrere Tage vollkommen ruhig halten.»Ich theilte dem Arzte mit,« fuhr ſie fort,»was heute Morgen hatte ſtattfinden ſollen; obgleich derſelbe aber verſicherte, daß Louiſe keineswegs in abſoluter Gefahr ſei, erklärte er doch, daß jeder Gedanke daran völlig aufgegeben werden muͤſſe.« Dieſer Punct wurde alſo feſtgeſtellt, und Valentin empfing die Nachricht mit Feſtigkeit. Nachdem er daher ſeine Mut⸗ ter gebeten, ſogleich zu Louiſen zuruͤckzukehren und es ihn ſogleich wiſſen zu laſſen, ſobald die geringſte Veraͤnderung in ihrem Befinden eintraͤte, verſenkte er ſich in ſeine Ge⸗ danken, in denen die Bitterkeit der vereitelten Hoffnung, die er nicht ganz unterdruͤcken konnte, vor ſeiner Beſorgniß um Louiſen in den Hintergrund zuruͤcktrat. Valentin Vox. IW. 7 Valentin Voy Achtundvierzigſtes Kapitel. Onkel John's Bemühungen. Während Valentin jeden Augenblick erwartete, zu Ra⸗ ven gerufen zu werden, waren Whitely und Onkel John im tiefſten Geſpräche daruͤber, welchen Weg man am beſten einſchlagen könne. Whitely natürlich wollte ſich durchaus rächen. Er blieb dabei, daß er mit Recht gegen ſeinen Feind alle Schrecken des Geſetzes anrufen koͤnne. Onkel John dagegen ſchlug einen Vergleich vor, und erbot ſich, einen ſolchen unter den glänzendſten Bedingungen zu Stande zu bringen, indem er beſchloſſen hatte, falls Raven auf ſeinen Antrag nicht einginge, das Fehlende aus eignen Mit⸗ teln zu beſtreiten. Aber Whitely wies jeden Gedanken daran zuruͤck. „Was!« rief er unwillig,»ein Vergleich mit einem ſo nichtswuͤrdigen Schurken! Nie! Ich will ihn mit der äußerſten Strenge verfolgen.« „Laſſen Sie uns die Sache ruhiger überlegen, mein werther Freund,« ſagte Onkel John,»und ſie nur aus der Bauchredner. 99 dem Geſichtspuncte des Geſchäfts betrachten. Sie ſind ver⸗ letzt, ſchwer verletzt worden, ich kann daran nicht im Ge⸗ ringſten zweifeln, und Sie ſind im vollkommenſten Rechte, denjenigen, der Sie antaſtete, vor Gericht zu ziehn, ia, vom ſocialen Geſichtspuncte aus ſind Sie gewiſſermaßen ver⸗ pflichtet, es zu thun, ſo weit es möglich iſt; aber obgleich ich moraliſch an dem Factum durchaus nicht zweifle, er⸗ laube ich mir dennoch die Frage, welchen juridi ſchen Be⸗ weis Sie haben, daß bieſer Mann Sie verletzte? ⸗ „O, ich kann eine Kette von umſtaͤnden vorbringen, die einen genuͤgenden legalen Beweis liefern werden. Ge⸗ wiß, er ſoll mir nicht entgehen! ⸗ „Ganz wohl, in dem Falle behaupte auch ich, daß Sie verbunden ſind, genau ſo zu verfahren, wie Sie ſagen; aber Ihres eignen Beſten wegen ſorgen Sie ja fuͤr genuͤ⸗ gende Beweismittel, ehe Sie zu weit gehen.« Onkel John war vollkommen gewiß, daß Whitely ſolche Mittel nicht beſaͤße; und indem er daher mehr als je einen Vergleich zu Stande zu bringen wuͤnſchte, verließ er ihn, um zu Raven zu gehn, in der Hoffnung, dieſen von der Zweckmäßigkeit ſolch eines Auskunftsmittels zu uͤberzeugen- Als er ankam, wies man ihn in das Speiſezimmer, wo⸗ Valentin und Llewellen noch immer ſaßen; und obgleich ar Valentin Vor ſich leicht denken konnte, daß die Hochzeit unter ſolchen Um⸗ ſtänden aufgeſchoben worden ſei, wurde er doch von der Nachricht, daß Louiſe ernſtlich unwohl ſei, tief ergriffen. Nachdem er ſeine innige Theilnahme ausgedruͤckt und Valentin zu tröſten verſucht hatte, fragte er nach Raven, und als er horte, daß derſelbe immer noch in ſeinem Zim⸗ mer ſei, bat er Llewellen, ihm zu melden, daß er ihn einen Augenblick allein zu ſprechen wuͤnſche.»Sagen Sie ihm,« fugte er hinzu,„die Sache ſei hoͤchſt wichtig, und obgleich ſie in wenig Minuten abgemacht ſein wuͤrde, ſo wäre doch kein Augenblick zu verlieren.« Llewellen ging und kehrte gleich darauf mit der Ant⸗ wort zuruͤck, daß Raven, obſchon noch immer ſehr unwohl, doch bereit ſei, ihn zu empfangen, und Onkel John begab ſich in Folge beſſen unmittelbar zu ihm. Als er eintrat, ſaß Raven in tiefſter Niedergeſchlagen⸗ heit am Tiſche, erhob ſich aber ſogleich und ſagte mit be⸗ bender Stimme: „Mein Freund... denn als Freund muß ich Sie immerdar betrachten, wie verhaßt Ihnen auch mein Anblick ſein moge... wahrlich, es iſt ein entſetzlicher Vorfall.« Onkel John ergriff ſeine Hand, ſetzte ſich neben ihn, und ſagte: der Bauchredner. 101 „Ein trauriger Vorfall. Doch,« fuhr er nach einer Pauſe fort,»wir muͤſſen der Gefahr entſchloſſen entgegen⸗ gehn. Es fuͤhrt zu nichts, wenn wir uͤber den Vorfall jammern oder uns bei der urſache deſſelben verweilen. Was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Eine Hauptſchwierigkeit aber tritt uns entgegen, die wir beſeitigen muͤſſen; und es iſt die Frage, auf welche Weiſe dies geſchehen könne.* „Das iſt allerdings die Frage. Was muß geſchehen?.. Welche Vorſchläge laſſen ſich machen?. wie muß ich handeln 2* „Läßt die Sache ſich nicht auf irgend eine Weiſe ar⸗ rangieren? und läßt ſich das nicht privatim thun, ohne daß die Gerichte dabei in das Spiel kommen?« „Was mich betrifft, ſo bin ich zu Allem erboͤtig, um die Sache gutlich abzumachen. Ich gebe ihm Alles, was er fordert.. jede Summe, die er begehrt. und ich konnte ihm allerdings etwas anfuͤhren, wodurch das Zweckmäßige eines gutlichen Vergleichs ſelbſt ihm in ſeinen ruhigern Augenblicken bewieſen werden konnte.« „Was iſt es? Sagen Sie es mir, damit ich darauf fußen kann; denn es liegt mir außerordentlich viel daran, daß er ſich auf einen Vergleich einläßt.« „Mein Freund!« ſagte Raven, mit beſonderm Nach⸗ 102 Valentin Vor druck;„ich bemerke ſehr wohl, wie ſehr Sie das Verbre⸗ chen verabſcheuen, deſſen ich mich offen ſchuldig bekenne; da aber auch Sie Ihre Empfindungen unterdruͤckten, und in dem Charakter eines Mannes zu mir gekommen ſind, der die Sache nur nach weltlichen Gruͤnden erwaͤgen will, ſo will auch ich auf dieſe Gruͤnde eingehn, um das Ihnen mitzutheilen, was ich fuͤr hinreichend halte, um Mr. Whi⸗ tely... oder Mr. Vhitebread, wie er meiner Meinung nach heißt... von der Zweckmaͤßigkeit eines guͤtlichen und recht baldigen Vergleichs zu uͤberzeugen. Zuvoͤrderſt alſo laſſen Sie uns den Weg betrachten, den er einzuſchla⸗ gen gedenkt:— ich möchte den Mann nicht noch mehr verletzen, als bereits geſchehen, moͤchte ihn nicht zu Gerichts⸗ koſten veranlaſſen, die ihm nothwendig zufallen wuͤrden; und eben ſo wenig mag ich ſeine Lage mißbrauchen, was ich dadurch zu beweiſen glaube, daß ich mich zu jeder Summe erbiete, die er möglicher Weiſe fordern kann. Aber es iſt ſeine Abſicht, vor Gericht zu gehen, und das kann er ohne Zweifel; Niemand kann ihn daran hindern; doch wuͤnſchte ich von Herzen, ihm begreiflich zu machen, daß das Geſetz mich nicht erreichen kann. Er hat Ihnen natuͤrlich Alles erzählt. Zuvoͤrderſt beſchuldigt er mich der Verfuͤhrung ſei⸗ ner Frau. Wie aber will er juridiſch ſeine Anklage be⸗ der Bauchredner. 103 gruͤnden? Womit will er ſie beweiſen? Welche Zeugen kann er ſtellen? Er kann keine Zeugen ſtellen: aber vermoͤchte er das auch.. da die Sache ſchon uͤber funß⸗ zehn Jahre her iſt, ſo iſt ſie verjährt, und er kann das Ge⸗ richt nicht mehr gegen mich aufrufen: und ſelbſt im Fall, letzteres ſtände ihm frei, ſo wurde die Entſchädignug, welche er dann bekäme, nichts ſein im Vergleich zu dem, was ich ihm jetzt biete. Es erhellt alſo ſo viel, daß er vor Ge⸗ richt auf jeden Fall im Verluſt ſein wuͤrde. Und wenden wir uns nun zu der zweiten Anſchuldigung, in Bezug auf ſeine Einſperrung in ein Irrenhaus, ſo fehlt es an allen Beweiſen, daß ich dabei irgend die Hand im Spiele ge⸗ habt hätte; ließe ſich das aber auch beweiſen, ſo muß er einſehn, wie lächerlich die Annahme iſt, ich ſolle fuͤr die Handlungen zweier Aerzte verantwortlich ſein, die das Cer⸗ tificat unterzeichnet und deren unterſchriften allein ſchon mich freiſprechen wuͤrden, ſelbſt wenn ich die directe Ver⸗ anlaſſung ſeiner Einſperrung geweſen waͤre. Allein mit dem Certificate hatte ich weiter nichts zu thun; nirgend kommt mein Name vor, ſo daß er unmoͤglich einen Grund finden kann, mich als denjenigen anzuklagen, der ſeine Ein⸗ ſperrung bewirkt. Wenn er alſo dieſes erwaägen will, wenn man ihn zu einer richtigen Einſicht in ſeine Lage bringen 104 Valentin Vor kann, die in der That, ſo weit das Geſetz dabei in das Spiel kommt, Außerſt hilflos iſt, ſo muß er begreifen, wie wohl er thut, in ein Arrangement, wie wir es ihm ſchlagen werden leinzugehn. Ich wuͤrde uͤber einen Gegen⸗ ſtand der Art nicht alſo geſprochen haben, wären Sie hier nicht in der Abſicht erſchienen, nicht auf das Verbrechen einzugehn, deſſen ich mich ſchuldig gemacht, ſondern um die Mittel aufzufinden, wodurch die aus dieſem Verbrechen ent⸗ ſprungene Schwierigkeit am beſten beſeitigt werden kann⸗ Unter allen andern umſtänden wuͤrde ich mich geſchämt ha⸗ ben, die Sache auf dieſe kalte, berechnende Weiſe zu erör⸗ tern; denn ſo haſſenswerth ich auch erſcheinen mag, alles edlere Gefuͤhl iſt hoffentlich noch nicht in mir erloſchen. Da Sie indeß die Gruͤnde zu erfahren wuͤnſchten, welche ich vor⸗ bringen, und die dazu dienen konnten, eine Privatvereini⸗ gung zu befoͤrdern, ſo glaubte ich, Recht zu thun, als wäre die zur Erwägung vorliegende Sache von einem rein pecu⸗ nüären Charakter.« Onkel John horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf jedes Wort, erwog Alles, was Raven ſagte, und ſah ein, daß in geſchaͤftlicher Hinſicht nichts deutlicher ſein konnte. Er hatte in der That eine außerordentlich ſchlechte Mei⸗ nung von ſeinem Charakter als Menſch, betrachtete ihn der Bauchredner. 105 aber jetzt nur als Advocaten; und da er feſt uͤberzeugt war, daß der erwähnte Weg der einzige ſei, weichen Whitely mit einiger Ausſicht auf Erfolg einſchlagen koͤnne, ſo ſprach er denn ſeinen Entſchluß dahin aus, daß er jedes Mittel, welches in ſeiner Macht ſtände, anwenden wolle, um jenen zur Annahme zu bewegen. „Bitte, thun Sie das,« ſagte Raven,„nicht um mich, ſondern meines Kindes wegen. Louiſe's wegen wuͤnſchte ich, daß die Sache nicht vor einen Gerichtshof kommen moͤchte; denn obſchon ich weiß, daß kein Gerichtshof mich erreichen kann, ſo wuͤrde doch die oͤffentliche Schmach, welche die gerichtliche Verhandlung der Sache hervorbraͤchte, mein ar⸗ mes Kind fuͤr immer ungluͤcklich machen. Er iſt natürlich vollkommen berechtigt, Alles, was er vermag, gegen mich zu unternehmen; aber geht er vor Gericht, ſo ſchadet er nur ſich ſelbſt, nicht mir, ausgenommen, was das oͤffent⸗ liche Aergerniß betrifft; und es iſt noch immer ſehr die Frage, ob er hinreichend Beweiſe liefern kann, wodurch ſelbſt das Publicum veranlaßt wuͤrde, ihn zu glauben, ſo begie⸗ rig dieſes ſonſt auch allen Verleumdungen Glauben ſchenkt. Dringen Sie in ihn, ich bitte Sie, daß er die Sache aus dieſem Geſichtspuncte betrachtet. Kein anderer Weg kann zu ſeinem Vortheile ausſchlagen:— im Gegentheil, um 106 Valentin Vor eine gerichtliche Rache zu verfuchen, wird er unerſchwingliche Koſten aufwenden muͤſſen. Wenden Sie all ihren Einfluß an, und bewegen Sie ihn wo moͤglich zu einem Vergleiche. Betrachtet er die Sache mit ruhigem Blick, ſo muß es ihm meiner Meinung nach einleuchten, daß er beſſer thut, nach⸗ zugeben.« „Das iſt auch meine Meinung,« ſagte Onkel John. „Ich gehe jetzt gleich wieder zu ihm, und will ihm die Gruͤnde auf das Dringendſte an das Herz legen.« „Allein, abgeſehen hiervon, mein Freund was iſt zu thun?« „Vor der Hand thun wir beſſer, uns in nichts einzu⸗ laſſen. Erſt wollen wir dieſes abmachen. Das, worauf wir uns ſo ſehr freuten, muß nun aufgeſchoben werden.« „Allerdings,« ſagte Raven,»es wird ſich nicht ändern laſſen. Allein Valentin hat den ganzen Abend auf mich ge⸗ wartet, und ich weiß, daß er gefaßt iſt; ich jedoch fuͤhle mich in der That nicht ſtark genug, ihn zu ſehen. „Es iſt fuͤr den Augenblick auch durchaus nicht nöthig. Ich will ihn mit nach Haus nehmen. Ich fuͤrchte, er hat mehr deshalb gewartet, um in Louiſens Nähe zu ſein.« „Gott ſei Dank, ſie iſt jetzt ruhiger. Sollte ihr das der Bauchredner. 107 Geringſte begegnen, ſo wuͤrde ich die kurze Zeit, die ich noch zu leben habe, unter Qualen hinbringen.« „Wir wollen das Beſte hoffen. Ich heg⸗ nicht den geringſten Zweifel, daß ſie bei gehöriger Pflege bald wieder hergeſtellt ſein wird. Doch„ gute Nacht. Ich muß die Sache, wo moͤglich, noch vor dem Schlafengehn in Ord⸗ nung bringen.« „Ich lege ſie voll Vertrauen in Ihre Haͤnde. Welche Vorſchläge Sie auch machen, ich werde mit Freuden Alles genehmigen.« Onkel John verließ ihn und ſah ſich nach Valentin um; und da dieſer eben von ſeiner Mutter gehoͤrt hatte, Louiſe befände ſich ganz wohl und ſei in einen ruhigen Schlaf ge⸗ fallen, entſchloß er ſich, Onkel John nach Hauſe zu beglei⸗ ten. Unterwegs dankte er dem Onkel fuͤr ſeine Abſicht, einen Vergleich zu Stande zu bringen, und der Onkel da⸗ 1 gegen lobte ihn wegen ſeiner Erklärung, daß er, was auch vorfallen moͤge, nimmer von Louiſen laſſen wuͤrde. 108 Valentin Vor Neunundvierzigſtes Kapitel. Horace als Bevollmächtigter. Als ſie zu Hauſe ankamen, ſagte ihnen Mrs. Smugman, die in groͤßeſter Verwirrung an der Thuͤr erſchien, Horace ſei da, und zwar, wie ſie vermuthe, im Zuſtande der Be⸗ trunkenheit; mit Gewalt ſei er in Goodman's Zimmer ge⸗ drungen, habe hier allerlei Spectakel gemacht, und ſich dann in das Wohnzimmer begeben, das er nicht eher verlaſſen zu wollen erklärte, bis ſie nach Hauſe kämen. Beide waren daruͤber natuͤrlich im hoͤchſten Grade empoͤrt und eilten nach dem Wohnzimmer, wo ſie Horace im feſteſten Schlafe auf dem Sopha ausgeſtreckt fanden. Aber obgleich er im feſte⸗ ſten Schtafe lag, hatten ſie ihn doch bald wach gemacht; denn in der Wahl der Mittel, durch welche man Jemanden unter beſondern umſtänden erweckt, waren ſie keineswegs ſehr ſorgfältig zu Werke gegangen. In kuͤrzeſter Zeit hat⸗ ten ſie ihn wach, und ſobald ihnen dieſes gelungen war, rief er: „Ah! da ſeid Ihr!... Wie geht es Euch?⸗ der Bauchredner. 109 „Was wollen Sie von uns?«.. fragte Onkel John ſtreng. „Iſt das die Art und Weiſe, wie man einen alten Freund anredet?« entgegnete Horace mit ſonderbarem Blick und eben ſo ſonderbarem Tone.»Iſt das wohl huͤbſch?. . Schickt ſich das wohl?« „Haben Sie uns etwas zu ſagen, junger Mann, ſo machen Sie raſch. Wir haben keine Zeit zu verlieren.« „Schon wieder!... junger Mann!.. Warum ſo ſpitz?. Koͤnnen Sie mich nicht etwas eleganter anreden?« „Was wollen Sie hier?„ „Das iſt es eben! Ich bin hier als verantwortlicher Bevollmaͤchtigter vom Alten, und wenn ich meine Creditive vorzeige, hoffe ich mit der gebuͤhrenden Höflichkeit behandelt zu werden. Ich habe hier eine ganze Menge alter ſchmu⸗ tziger Documente, die ich abzugeben bevollmächtigt bin, je⸗ doch unter einer gewiſſen Bedingung Doch... ſein Sie nicht ſo krauskoͤpfig; ſetzen Sie ſich und ſehen Sie freund⸗ lich aus, dann will ich Ihnen die ganze Sache erklären.« „Ich wuͤnſchte,« ſagte Onkel John,»Sie wären zu einer paſſendern Stunde gekommen.« „Konnte ich es aͤndern? Fruͤh Morgens ſchon brach ich auf, um zeitig genug zu kommen, und waͤre gewiß auch 110 Valentin Vor zu rechter Zeit hiergeweſen, da begegneten mir zufällig ein Paar luſtige Bruͤder, die ohne mich nicht fertig werden konnten.« In der Meinung, es ſei der Zweck dieſes Beſuchs, Goodman's Papiere zuruͤckzugeben, ließ Onkel John ſich ernſthaft nieder. „Sehn Sie,⸗ ſagte Horace,»hier iſt ein ganzer Hau⸗ fen alter verſchimmelter Pergamente, die ich im Auftrage des Alten ſeinem Bruder uͤbergeben ſollte; da der alte Narr aber, der nie Vernunft hoͤren wollte, wenn ſie von meinen Lippen kam, mich an Sie verwieſen hat, ſo wartete ich hier, und wuͤrde bis in alle Ewigkeit gewartet haben, wä⸗ ren Sie auch erſt nächſte Woche gekommen.« „Und was iſt Ihre Bedingung, Sir?« „Da Sie vermuthlich die noͤthige Vollmacht zu handeln haben, ſo liefere ich Ihnen dieſe Papiere unter der Bedin⸗ gung aus, daß, da der Alte ſich nicht ganz flott fuͤhlt, er nie in Anſpruch genomwen wird, die kleine Rechnung fuͤr dieſe Hunde von Advocaten zu bezahlen.« „Sind dies alle die Papiere, welche meinem Freunde gehoͤren?* „Naturlich! Meinen Sie, ich wuͤrde weniger als alle bringen 24 der Bauchredner. 111 „Gut, Sir; ſo bin ich erboͤtig, ſie in Empfang zu nehmen.« „Und Sie geben mir eine Quittung uͤber den Empfang, worin die Bebingung ausdrücklich bemerkt iſt... dann iſt Alles in der Ordnung.« „Gut, Sir, auch das noch will ich auf mich nehmen,« ſagte Onkel John, der dann einen Schein ſchrieb, daß er unter der erwähnten Bedingung die Papiere empfangen und in Goodman's Namen daruͤber quittire. „Und was wird nun?« fragte Horace, indem er den Schein einſteckte.»Nicht einmal ein Glas Wein haben Sie fuͤr eine durſtige Kehle.« „Wir haben eilig, ſehr eilig zu thun,« ſagte Onkel John,„haben Sie die Gewogenheit, uns nicht länger auf⸗ zuhalten.« »Gut, ſehr gut!... Warum ſagen Sie nicht lieber gleich:»„Da iſt die Thuͤr!. packe Dich!« Wahrſcheinlich moͤchten Sie mich gern beleidigen, aber das gelingt Ihnen nicht, obgleich es genug iſt, um einem Menſchen Krämpfe in die Glieder zu jagen. Da ſieht man die niedrige Un⸗ dankbarkeit dieſer gottgeſegneten Welt. Doch... gleich⸗ viel. Adieu.. Im Grabe iſt doch Alles eins. Wir er⸗ 112 Valentin Vor kennen den Werth eines Freundes nicht eher, als bis wir ihn verloren haben.« Nachdem er ſich ruhig in dieſer Weiſe ausgeſprochen, ſetzte er ſeinen Hut ſo genial auf die eine Seite des Kopfs, daß das rechte Auge und Ohr voͤllig verſteckt waren, und ſchritt mit hochherziger Miene aus dem Hauſe. Und in der Meinung, daß das Eigenthum ſeines Freundes nun geſichert ſei, begab Onkel John ſich alsdann in Goodmans Kammer. Indeß muß hier bemerkt werden, daß dieſe Documente vollkommen werthlos waren. Von ſeiner Frau und Horace gedrängt, hatte Walter uͤber Alles verfuͤgt, was irgend von Werth war, und dieſe werthloſen Pergamentſtucken zuruͤck⸗ geſandt, in der feſten Zuverſicht, daß ſein Bruder, viel zu ſchwach, um ſie zu pruͤfen, allem gerichtlichen Verfahren Einhalt thun, ja vielleicht gar ſchon die bis jetzt entſtan⸗ denen Koſten tragen wuͤrde. Wir haben geſehen, wie die Liſt gelang;— Onkel John hatte es uͤbernommen, im Namen ſeines Freundes mit dem Anwalt zu unterhandeln, und als man die Documente Good⸗ man überbrachte, war dieſer ſo erſchoͤpft, daß man ſie un⸗ beſehen bei Seite legte. Horace's gewaltſames Eindringen in das Zimmer hatte ihn in eine faſt toͤdtliche Aufregung verſetzt, und Onkel John erkannte, als er eintrat, daß ein der Bauchredner. 113 ähnlicher Anfall der letzte ſein wuͤrde, den er je zu erdulden haͤtte. Goodman zitterte noch immer, ſtohnte nach Luft, waͤhrend er ſeinem Freunde die Hand druͤckte, und ihn bat, ihn nicht eher zu verlaſſen, bis er ſich einigermaßen erholt habe. „Valentin,« fuhr er dann ſo leiſe fort, daß es wie Fliſtern klang,»der liebe gute Junge hat morgen früh Hochzeit... moͤge er recht gluͤcklich werden!« „Die Hochzeit,« ſägte Onkel John,„iſt aufgeſchoben. Die Braut iſt ploͤtzlich krank geworden.« „Das thut mir ja herzlich leid. Jung oder alt... jung oder alt, mein theurer Freund. jeder hat ſeinen Kummer.« Seufzend ſchwieg Goodman; Onkel John ſtoͤrte ihn nicht, ſondern blieb ruhig neben ihm ſitzen, bis jener ein⸗ ſchlummerte, dann ſchlich er leiſe aus dem Zimmer. Er erfuhr nun, daß, waͤhrend er bei Goodman gewe⸗ ſen, Whitely, der voͤllig gegen ſeine Gewohnheit den ganzen Abend außer dem Hauſe geweſen war, zuruͤckgekehrt ſei; und als er erfahren, daß Valentin, der ihn am Morgen etwas hart angelaſſen, in dem Wohnzimmer ſei, habe er ſich ſogleich in ſeine Kammer begeben. Valentin Vox. IV. 8 Valentin Vor Onkel John ſah ſich daher genoͤthigt, die Ausfuͤhrung des Planes, den er ſich vorgeſetzt aufzuſchieben, ſaß aber vis Mitternacht auf, im tiefen Geſpräch mit Valentin, der durch jene Feſtigkeit aufrecht erhalten wurde, die den Mann befaͤhigt, Schwierigkeiten, gleichviel in welcher Geſtalt ſie erſcheinen mogen, nur als uebel in das Auge zu faſſen, 114 die uͤberwunden werden muͤſſen. der Bauchredner. 115 Funfzigſtes Kapitel. Onkel John und Whitely bei Writall, dem Anwalt. Am folgenden Morgen ging Valentin gleich nach dem Fruͤhſtuͤck mit der lebhaften Hoffnung fort, über Louiſens Befinden die beſten Nachrichten zu bekommen; und kaum war er fort, als Onkel John behutſam die Rede wieder auf den Vergleich lenkte, den er zwiſchen Whitely und Ra⸗ ven zu Stande zu bringen ſo ſehr wuͤnſchte. „Ich ſprach Raven geſtern Abend,« ſagte er,»und habe im Leben keinen Menſchen geſehen, der in dieſem Grade von Gewiſſensqualen gefoltert geweſen wäre.« »Der Schurke!« rief Whitely.»„und er ſchämt ſich nicht, ſein Geſicht Ihnen oder einem andern redlichen Manne zu zeigen!« »Doch!.. er ſchämt ſich.. er ſchämte ſich, als er mich geſtern Abend ſah. Es wurde mir äußerſt ſchwierig, vorgelaſſen zu werden, und als es mir endlich gelang, fand ich ihn in tiefſter Niedergeſchlagenheit Natuͤrlich drehte ſich unſer Geſpräch nur um dieſen ungluckſeligen Vorfall, und 116 er drang auf das Ernſtlichſte in mich, allen meinen Einfluß Valentin Bor aufzubieten, um Sie zu einem Privatvergleiche zu bewegen, nicht ſeinetwegen, ſondern um ſeines Kindes willen, das jetzt ernſtlich krank darniederliegt.⸗ „Um das arme Maädchen thut es mir leid.. ſehr leid; ich konnte ſie nicht mehr bedauern, wenn ſie mein eignes Kind wäre; auch um Valentin thut es mir herzlich leid; denn obgleich er mich heftig anfuhr, glaube ich doch, daß er es nur that, um eine vielleicht nicht zu rechtfertigende raſche Handlung zu verhindern. Es thut mir leid um Beide, und herzlich lieb ſollte es mir ſein, könnte ich Ihnen dieſe unannehmlichkeit erſparen; allein ich kann mich nicht uͤber⸗ zeugen, daß ich, ließe ich den Elenden entwiſchen, ſo han⸗ deln wuͤrde, wie es ſich fuͤr einen Mann unter dieſen Um⸗ ſtänden geziemt.« „Fuͤr ſie nur fuͤr ſie, bat er. So weit er dabei betheiligt war, geſtand er zu, daß Sie als Mann verpflichtet wären, ihn durch alle Ihnen zu Gebote ſtehenden Mittel zu verfolgen.« „Und das will ich denn auch!« »Da ich ihn kenne, und durch Valentin gewiſſermaßen mit ihm in Verbindung ſtehe, ſo denken Sie vielleicht, daß der Bauchredner 117 ich mich etwas zu ſeiner Meinung hinneige, ohne die Ihrige hinreichend zu beruͤckſichtigen.« „Nein, mein theurer Freund, das thue ich wahrlich nicht. Ihre Redlichkeit, die Reinheit der Geſinnung, von welcher Sie ſich leiten laſſen, beſtäͤrken mich in der Ueber⸗ zeugung, daß Sie unfähig ſind, mir zu einem Schritte zu rathen, den Sie fuͤr unverträglich mit meiner Ehre halten.⸗ „Ich bekenne, daß ich mich in ſo fern zu ihm hinneige, als ich dieſe traurige Geſchichte, ſo weit das moglich iſt, privatim beigelegt zu ſehen wuͤnſche nicht ſeinetwegen denn ſein Benehmen laͤßt ſich nicht entſchuldigen... ſondern um der armen Tochter willen, deren Herz bei einer oͤffentlichen Ausſtellung brechen wuͤrde. Aber ſelbſt davon abgeſehen, ſchon als Ihr Freund wuͤrde ich Ihnen, Ihres eignen Beſtens wegen, rathen, nicht in die ungewiſſe Tiefe des Geſetzes zu tauchen, aus Furcht, daß Sie, ſollten Sie ihm auch an ſeinem Rufe ſchaden, doch ſich ſelbſt am Mei⸗ ſten beeinträchtigen wuͤrden. Sie kennen die hierauf bezug⸗ lichen Geſetze beſſer... gewiß, beſſer als ich, aber ſelbſt nach meiner geringen Kenntniß wäre Folgendes mein Rath; Sie wuͤnſchen vor Gericht zu gehen, gut. Eine Criminal⸗ klage koͤnnen Sie nicht gegen ihn anſtellen... Sie muͤſſen eine Civilklage erheben:— doch auch angenommen, Sie Valentin Vor 118 verklagen ihn doppelt und gewinnen beide Prozeſſe... nie wird die erlangte Beſtrafung auf etwas Anderes hin⸗ auslaufen, als auf eine Geldbuße. Und wie hoch, meinen Sie wohl, wurde ſich dieſe Entſchädigung belaufen? vielleicht auf fünftauſend Pfund?« 5 „Aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht auf die Hälfte.⸗ „Gut; bietet ſich nun eine Ausſicht dar, dieſe Summe zu bekommen, was wuͤrden Sie ſagen, wenn ſtatt der Laſt, Sorge und Gefahr eines Prozeſſes, Ihnen zehntauſend geboten wuͤrden?⸗ „Ich wuͤrde antworten:— Es vertragt ſich nicht mit meinem Gewiſſen, mit einem Schurken irgend einen Ver⸗ gleich einzugehn.« „Konnen Sie es aber bei ſich ſelbſt rechtfertigen, wenn Sie ſich geradezu ruiniren, bloß um an einem Schurken Rache zu nehmen? Und wuͤrden Sie, falls Sie den Prozeß verlieren, nicht ganz und gar ruinirt ſein?« „Ich bin arm, ganz arm. ich kann es nicht leug⸗ nen.« „So vermeiden Sie es, mit einem reichen Manne vor Gericht zu gehn.« „Wäre dieſe Maxime richtig, ſo duͤrfte der Reiche den Armen ungeſtraft mit Füßen treten!« * der Bauchredner. 1¹9 „In einem Falle dieſer Art, in welchem der Reiche erbotig iſt, vielleicht zehn mal mehr zu bezahlen, als durch das Geſetz zu erlangen iſt, keineswegs. Boͤte er die Sum⸗ me, um einer Leibesſtrafe zu entgehen, ſo wäͤre der Fall anders; allein er kann nur an ſeiner Boͤrſe geſtraft werden, und iſt nun erboͤtig, ſich zehnmal mehr zu beſtrafen. Er bietet zehntauſend Pfund, um Sie dadurch allen Sorgen und Plackereien eines Prozeſſes zu uͤberheben, und ich muß ſagen, daß der Ausgang in dieſer Sache, mindeſtens geſagt, doch ſehr zweifelhaft iſt.⸗ »Ich bin anderer Meinung. Aes, was ich erfahren, hat mich zu dem Glauben gebracht, daß ich nicht den ge⸗ ringſten Zweifel zu hegen brauche. Geſtern Abend ward ich zu einem aͤußerſt gewandten Advocaten gefuͤhrt, welcher mich auf heute Morgen zwoͤlf Uhr wieder zu ſich beſchieden hat. Als ich ihm die Hauptumriſſe gegeben, verſicherte er, daß in ſolch einem Falle, wo ſo viele Verbrechen ſich haͤuften, das Geſetz an dem Schuldigen die ſchrecklichſte Rache nehmen würde. Da mir nun daran gelegen, Ihnen eine andere Meinung zu geben, ſo ſoll es mich herzlich freuen, wenn Sie mich heute Morgen als mein Freund begleiten wollen, damit Sie hoͤren, wie die Sache ſteht, und ſelber urtheilen koͤnnen.⸗ 120 Valentin Vor „Es wird mir ein Vergnuͤgen ſein; zudem bin ich feſt uͤberzeugt, daß Sie glauben, daß ich, obgleich noch immer in Verbindung mit Raven, doch nichts von dem, was ich zu hoͤren bekommen mag, zu Ihrem Rachtheil mißbrauchen werde.« ⸗ „Sein Sie davon uͤberzeugt. Dächte ich anders, ſo wuͤrde ich Sie nicht ſo dringend gebeten haben, mitzugehn. Sie gehen bloß in dem Charakter eines Freundes mit, und duͤrfen ſich auf keine Weiſe merken laſſen, daß Sie die an⸗ dere Partei kennen.« Sie beſchloſſen nun, dieſem Herrn gemeinſchaftlich ihre Aufwartung zu machen, und begaben ſich zur beſtimmten Stunde nach Mr. Writalls Bureau. Sie klingelten, und nach einigen Ceremonien fuͤhrte man ſie in das Allerheiligſte. Als ſie eintraten, ſtand Mr. Writall ein Mann von unermeßlicher perſoͤnlicher Importance und mit feurigen Pausbacken, mit dem rechten Daumen im Armloch der Weſte und mit dem linken Fuß auf dem Stuhle, und ſah ſo majeſtatiſch aus, als hätte er eben erſt einen Krug Por⸗ ter verſchluckt. „Ich freue mich, Sie wohl zu ſehen, Sir,« ſagte er, der Bauchredner. 121 und ließ dabei jedes Wort dermaßen anſchwellen, bis es den ganzen Mund fuͤllte»Vermuthlich ein Freund?⸗ Whitely's Antwort beſtand darin, daß er Onkel John foͤrmlich vorſtellte; dann ließen ſie ſich nieder. „Ich habe uͤber den ſchauderhaften Fall nachgedacht, den Sie mir vorlegten, Sir. Ich habe ihn reiflich uͤber⸗ legt, habe die beſten Autoritäten zu Rathe gezogen, und kann nun ohne Scheu behaupten, daß die Sache klar iſt.⸗ „So kann ich ihn offen angreifen?« fragte Vhitely. »Ohne allen Zweifel, und ſo hart, als Sie wollen.⸗ »Das iſt eben der Punct,« entgegnete Whitely, zu Onkel John's groͤßeſter Zufriedenheit,»das iſt eben der Punkt uͤber den ich Aufklaͤrung wuͤnſche.« »Nichts leichter, als das, Sir. Der Angeklagte ver⸗ fuͤhrte Ihre Frau. Er wohnte mit ihr zuſammmen. Sie ſtand unter ſeinem Schutze. Folglich ſteht einer Klage wegen crim. con. nichts im Wege.« »„Trotz dem, daß ſeitdem beinahe funfzehn Jahre ver⸗ floſſen ſind?« »Trotz dem, daß ſeitdem beinahe funfzehn Jahre ver⸗ floſſen ſind. Wir brauchen nur darzuthun, daß jener da⸗ durch, daß er Sie boͤslicher Weiſe in ein Irrenhaus ſperren 122 Valentin Vor ließ, Ihnen gaͤnzlich die Macht nahm, Ihre Klage binnen der geſetzlichen Friſt vorzubringen.« „Das leuchtet mir ein, und es läßt ſich beweiſen?« „Natuͤrlich.⸗ »Darf ich fragen, wie?« fragte Onkel John. „Durch Zeugen.⸗ „Leider aber hat mein Freund keine Zeugen.⸗ »„Keine Zeugen! 8 Wo iſt denn der Eigenthuͤmer des Irrenhauſes?. Wo ſind die Wärter. Alle sub. poena; ſie muͤſſen Alle vor Gericht. „Koͤnnen dieſe aber beweiſen, daß Mr. Raven bei der Einkerkerung meines Freundes die Hand im Spiele hatte?* „Das muß ſich dann zeigen.⸗ „Aber, wie jeder vorſichtige Mann, wuͤnſcht Mr. Whi⸗ tely zuvor der Sache klar auf den Grund zu ſehen, ehe er zum Prozeſſe ſchreitet.« „Es iſt unmoͤglich, Sir, daß er das nicht thun ſollte.⸗ „Auf mein Wort,⸗ bemerkte Whitely, vich muß be⸗ kennen, daß das noch nicht der Fall iſt.« „Haben Sie ſelbſt den geringſten Zweifel, daß dieſe Perſonen beweiſen koͤnnen, jener habe, direct oder indirect, bei Ihrer Einkerkerung die Hand im Spiele gehabt?⸗ „ — der Bauchredner. 123 „Ich fuͤrchte, ſie wiſſen nichts von ihm. Sein Name kam bei der ganzen Angelegenheit nicht zum Vorſchein. ⸗ „Nun, dieſe Schwierigkeit iſt leicht zu uͤberwinden.. Koͤnnen jene es nicht beweiſen, ſo können es andere Zeu⸗ gen. „Was für andere Zeugen?« fragte Whitelh. „O, ich nehme es auf mich, Zeugen anzuſchaffen,« ent⸗ gegnete Mr. Writall, indem er geheimnißvoll nickte. „Ich ſehe in der That nicht ein, wo Sie dieſelben finden wollen.« „Sein Sie unbeſorgt. Ich ſetze meine Ehre zum Pfan⸗ de, daß ich genuͤgende Zeugen finden werde.« „So können wir denn,« ſagte Onkel John, indem er Whitely mit einer Miene anſah, als verſtaͤnde er von dem Allen kein Wort,»ſo koͤnnen wir denn dieſen Punct als abgemacht betrachten.« „Das verſteht ſich.⸗ „Und das genuͤgt?« „Vollkommen.« „Aber auf weſſen Autoritat ward mein Freund hier in dem Srrenhauſe aufgenommen und feſtgehalten? Geſchah es nicht in Folge des Certificats der beiden Aerzte 7. 124 Valentin Vor »Allerdings in Folge des Certificats der beiden Aerzte. »Wie konnen wir denn aber dieſen Beweis von der damaligen Geiſteskrankheit meines Freundes anfechten?« „Das ſoll ſchon gehen. Laſſen Sie mich nur machen.« »Aber, forſchte Whitely,»wie kann das geſchehen?⸗ »Geht es nicht auf die eine Weiſe, ſo geht es auf die andere. Wir koͤnnen ſogar alle Betheiligten dieſes Com⸗ plotts wegen anklagen. ⸗ „Aber was fuͤr Zeugen haben Sie fuͤr ſolch eine An⸗ klage?« „Zeugen ſind ſchon zu finden, und Documente leicht zu erlangen. Ueberlaſſen Sie das Ganze mir, und es macht ſich Alles. Im ſchlimmſten Falle können wir ihm ſo zuſetzen, daß er es noch fuͤr ein großes Glück halten wird, wenn wir uns zu einem Vergleiche herbeilaſſen.« »Und darf ich wohl fragen,« bemerkte Onkel John, „auf welche Summe wir in dieſem Falle wohl rechnen könnten?⸗ „Nun, da er reich iſt, ſo käme er unter ein Paar tau⸗ ſend Pfund nicht ab. unter das laſſe ich ihn nicht los.⸗ »Aber wenn er ſich nun gleich zu einer Summe von.. angenommen zehntauſend Pfund bereit erklärte?„„ —— — der Bauchredner. 125 „O, von ſolch einer Summe kann uͤberall nicht die Rede ſein. Zehntauſend Pfund ſind eine gewaltige Summe, Sir, bedenken Sie das.. eine Summe, die man nicht gleich auf der Straße findet. Doch, welche Summe er auch bieten mag, und ſei ſie noch ſo groß, ich will ihm die Holle ſchon heiß genug machen, ehe wir uns dazu verſtehn.« »Entdeckte er nun aber, daß es Ihre Abſicht wäre, ihn in die Enge zu treiben, boͤte Ihnen Trotz und ſchluͤge jeden Vergleich aus, in welcher Lage wuͤrde ſich mein Freund alsdann befinden 2« »Geld,« ſagte Whitely,»iſt nicht mein Hauptzweck. Es iſt wahr, ich moͤchte ihn beſtraft ſehen, denn das ver⸗ dient er; allein woran mir hauptſaͤchlich liegt, iſt, daß er mir Anweiſung giebt, wo ich meine Kinder wiederfinden kann.« „Erſt beſtraſen Sie ihn,« ſagte Mr. Writall,„und dann zwingen Sie ihn, die Kinder herauszugeben.« »Doch,« wandte Onkel John ein,»erklärte er ſich be⸗ reit, nicht nur ſogleich zehntauſend Pfund zu zahlen, ſon⸗ dern auch jede ihm moͤgliche Rachweiſung uͤber die Kinder zu geben, ſollte es dann nicht räthlich ſein, in dieſen Vor⸗ ſchlag einzugehen?« »Wie geſagt, zehntauſend Pfund ſind eine Summe, an Valentin Vor die wir gar nicht denken duͤrfen; böte er jedoch eine huͤbſche runde Summe, nebſt der geforderten Nachweiſung, ſo nähme ich keinen Anſtand, zu ſagen, daß es dann räthlich ſein wuͤrde, darauf einzugehn, doch nicht, bevor der Prozeß eingeleitet iſt, damit er ſieht, daß es wirklicher Ernſt iſt.« „Ich kann ihn alſo zwingen, die Kinder herauszugeben?« „Natürlich. Eine Schwierigkeit jedoch bleibt. Ich moͤchte Ihnen den Rath geben. ja, nun ich die Sache näher betrachte. weigert er ſich hartnaͤckig, ſo bringen wir ihn in Verdacht, die Kinder ermordet zu haben. „Ermordet!« rief Whitely ſchaudernd. „Aber,« ſagte Onkel John,»wie können wir bewei⸗ ſen, daß er ſie jemals auch nur ſah?« „O, das iſt leicht zu beweiſen; was indeß die Ermor⸗ dung betrifft.. ſo geſtehe ich, daß es etwas ſchwierig ſſt, fuͤr einen Mord Zeugen zu werben. Allein auch ſolche ſind zu haben.« „Zeugen werben?« „Ein Kunſtausdruck, Sir. Sollten wir jedoch hiemit auch nicht durchkommen, ſo wird jedenfalls ſchon die bloße Drohung einer Anklage wegen Word ihn veranlaſſen, noch etwas zuzulegen.« — der Bauchredner. 127 Wiederum ſahen Onkel John und Whitely einander ernſt⸗ haft an, und ſtanden nach kurzem Schweigen auf. „Ich werde Alles, was Sie mir geſagt haben, uͤberle⸗ gen, Sir,« ſagte Whitely,»und Ihnen heute Morgen noch meinen Entſchluß melden.« „Sehr wohl, Sir,« entgegnete Mr. Writall, offenbar uͤber das ploͤtzliche Abbrechen der Conſultation betroffen. „Sehr wohl, Sir. Uebergeben Sie die Sache meiner Fuͤh⸗ rung, ſo ſtehe ich Ihnen fuͤr den gluͤcklichen Erfolg. Ich kann mich ruͤhmen, Sir, daß nie einer meiner Clienten einen Prozeß verlor.« Onkel John und Whitely empfahlen ſich Mr. Writall, mit dem ſie keineswegs ſehr zufrieden waren. Er hatte Beiden in der That reichen Stoff zum Nachdenken gege⸗ ben; aber waͤhrend der eine von ihnen mur mit Verachtung auf ihn ſah, betrachtete der andere ihn mit unausſprech⸗ lichem Abſcheu. „Ich kann eben nicht ſagen, daß ich von der Unrichtig⸗ keit meiner Meinung uͤberzeugt wäre,« ſagte Onkel John, nachdem ſie eine Zeit lang ſchweigend neben einander her⸗ gegangen waren.»Woher aber will er alle dieſe Zeugen nehmen?« „Mein Freund,« entgegnete Whitely,»dieſer Mann 128 Valentin Vox iſt ein legaler Schurke. und dieſe Zeugen ſind Niederträch⸗ tige, die ſich erkaufen laſſen, um zum Verderben eines Menſchen jeden möglichen Eid zu ſchwoͤren.« „Iſt es moͤglich?« »Es iſt ſo. Man findet ſie zu allen Preiſen, von zehn Schillingen bis zu zehn Pfund. und ſolche Zeugen wollte er denn auch mir verſchaffen; denn es iſt klar, daß es keine anderen giebt.« Onkel John war erſtaunt. Er konnte es kaum glau⸗ ben, und Tauſende, welche die Sache genauer kennen, als er, wuͤrden eben ſo ungläubig geweſen ſein, hätte man ih⸗ nen geſagt, daß aus dem Schwören und Zeugnißablegen foͤrmlich ein Handwerk gemacht wird. Uebrigens ließ ſich Whitely in ſeinem Vorſatze dadurch nicht irre machen; er war noch immer fuͤr gerichtliche Ver⸗ folgung. Da ſich jedoch bei der Berathung mit Writall ihm verſchiedene Zweifel aufgedrangt hatten, ſo beſchloß er, einen ausgezeichneten Anwalt um Rath zu fragen, auf deſſen Meinung und Redlichkeit er ſich, wie man ihm ge⸗ ſagt habe, verlaſſen konne der Bauchredner. 129 Einundfunfzigſtes Kapitel. Valentin als moraliſcher Arzt. Daß unter allen moglichen Umſtänden Louiſe die Ver⸗ ſchiebung ihrer Hochzeit bitter empfunden haben wuͤrde, läßt ſich nicht verleugnen, aber unter ſo traurigen umſtänden, als diejenigen waren, welche den Aufſchub herbeigefuͤhrt hat⸗ ten, hielt ſie dieſelben wirklich fur ſchrecklich. Allein nicht bloß der Kummer uͤber dieſe getäuſchte Hoffnung verzoͤgerte ihre Wiederherſtellung; als die phyſiſchen Wirkungen des Schlages beſiegt waren, traten die moraliſchen Wir⸗ kungen an die Stelle derſelben, denn ſie ſah ein, daß das ungluͤck ihres Vaters zum Theil auf ſie ſelbſt zuruͤckfallen wuͤrde. Seit drei unſäglich langen Tagen hatte ſie denſenigen nicht geſehen, welchen ſie anbetete; aber obgleich ihr dieſe Trennung ſchmerzlich genug wurde, und ſie den Tag her⸗ beiſehnte, an welchem ſie ihn wiederſehen wurde„ ſo bebte ſie doch, als dieſe Zeit herankam, vor dem Wiederſehen Valentin Vor. IW. 9 130 Valentin Vor zuruck, als fuͤrchte ſie, er koͤnne ihr nicht treu bleiben, ohne ſich zu entehren. Endlich willigte ſie auf das dringende Bitten ihrer lie⸗ bevollen Freundin, die ſie als ihre Mutter betrachtete, zit⸗ ternd ein, ihn zu ſehen, und als er in das Zimmer trat, in welchem ſie bleich wie der Tod ſaß, ſprang ſie auf und flog ihm entgegen, als ob nun all ihr Leid verſchwunden waͤre; nachdem ſie ihn jedoch an ihr Herz gedruͤckt, und mit der Hand ſanft uͤber ſeine Stirn geſtrichen und ihn einen Augenblick voll Entzuͤcken angeſchaut hatte, erloſch dieſer heftige Ausbruch der Freude, Thränen ſturzten aus ihren Augen, und ſie ſchluchzte wie ein Kind. »Meine, meine Louiſe!« rief Valentin, indem er ſie warm an ſein Herz druͤckte.»Schau auf, mein ſußes Mädchen! Sieh, ich bin feſt, Louiſe:«. Aber ſeine Stimme bebte, waͤhrend Thränen uͤber ſeine Wangen ran⸗ nen. Es brach ihm das Herz, als er ſie ſo leiden ſah⸗ Alles Andere hätte er ertragen, allein bei dieſem Anblicke brach ſeine Kraft. Eine Pauſe trat ein, in welcher er ſeine Aufregung zu verbergen ſtrebte; er fuͤhrte Louiſen nach einem Stuhle, waͤh⸗ rend ſeine Mutter, welche von dieſem Wiederſehen tief er⸗ griffen war, ſchluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. der Bauchredner. 131 Endlich jedoch wurden ſie ruhiger, und waͤhrend Valen⸗ tin Louiſens Hand in der ſeinigen hielt und Balſam in ihr wundes Herz traͤufelte, ſetzte ſich die Wittwe neben ſie, um ihr den Troſt mitzutheilen, den ſie fuͤr beſonders wirkſam hielt, und verließ dann das Zimmer. »Mein ſuͤßes Maͤdchen,« ſagte Valentin, ſobald ſie allein waren,»komm.. ſei nicht ſo traurig; nein, mein ſuͤßes Leben, das mußt Du nicht.« „Valentin,« ſagte Louiſe mit dem tiefſten Ernſt,„ich liebe Dich innig und warm... Du weißt, wie ich Dich liebe. Aber dieſe Zuſammenkunft muß unſere letzte ſein.« »Warum, Du thörichtes Mädchen 2... Was ſoll das heißen?⸗ »Daß ich nie zugeben werde, daß Du Dich entehrſt.« »Ich weiß es, Louiſe.. ja, das wirſt Du nie zu⸗ geben.« »Ich thäte es aber, wenn ich einwilligte, Dich auch ferner noch zu ſehen.« »Louiſe, ich kenne die Reinheit Deines Geiſtes, und weiß daher, daß dieſer beklagenswerthe Vorfall Dir in den dunkelſten Farben erſcheint, in welcher er der Unſchuld er⸗ ſcheinen kann. und Gott ſei gelobt, daß er Dir ſo erſcheint. 132 Valentin Vor In den Augen eines ſo reinen Weſens moͤchte ich dieſe Far⸗ ben um Alles nicht heller ſehen. Doch, mein Herz, ſelbſt angenommen, Alles, was wir gehoͤrt haben, ſei wahr, wie kann die Verbindung mit Dir mir Unehre bringen? Du haſt ja nichts verbrochen, haſt ſo wenig von dem Allen gewußt, als ich ſelbſt. Wie denn könnten wir, Du oder ich, dadurch entehrt werden?« »Schmach wird ſich an meinen Namen knpfen,« ſagte Louiſe. »Der Name wird nicht lange mehr der Deinige ſein.« »Aber werden die Boshaften nicht ſagen, und mit Recht, Du habeſt in eine Familie geheirathet, deren Charakter be⸗ fleckt ſei?« „Es kann wohl ſein, daß Boshafte das ſagen; aber nicht mit Recht. Wollte man den Charakter einer Familie deshalb befleckt nennen, weil die Handlungen irgend eines der Mitglieder derſelben unrein ſind, ſo wuͤrde man wenige Familien finden, die ſich eines unbefleckten Charakters ruͤh⸗ men koͤnnten. Allein moͤgen die Boshaften ſagen, was ſie wollen, ſie muͤſſen es kunſtlich anfangen, wenn ſie beweiſen wollten, daß irgend ein Makel an dem Namen, welchen Du jetzt fuͤhrſt, im Geringſten auf mich fallen könnte. Aber, mein ſuͤßes Mädchen, ſolch ein Makel wird guch nicht eim W der Bauchredner. 133 mal den Namen treffen. Die Sache wird gar nicht ruch⸗ bar. Ich habe das vollkommenſte Vertrauen, daß Dnkel John Whitely vermoͤgen wird, in einen Vergleich zu willi⸗ gen. Und geſchieht das, woran ich nicht zweifle, ſo kommt der Scharfſinn der Boshaften gar nicht einmal in Verſu⸗ chung, wir muͤßten ihnen denn ſelbſt die Sache mittheilen.⸗ „Immer fuͤrchte ich noch,« erwiderte Louiſe,»daß es Dir unangenehm iſt... dieſe unangenehme Empfindung ſtoͤrt Dein Gluͤck, und bewirkt vielleicht, daß Du bedauerſt. „Louiſe, ſäheſt Du in dieſem Augenblicke nicht ſo wun⸗ derhuͤbſch aus, ſo glaube ich wahrhaftig, ich muͤßte mit Dir ſchelten. Wie, Du kleines zitterndes Weſen! wer ſoll mir denn unangenehmes ſagen, wenn die Sache nicht be⸗ kannt wird?« »Aber es iſt keineswegs gewiß, daß ſie nicht bekannt wird.« „Gut, mag auch das geſchehen; dann aber muß ich leider bemerken, daß die Welt auf einen Vorfall dieſer Art keineswegs ſo viel Gewicht legt, als Du. Aber geſchähe das auch... die Sache muß und darf nicht bekannt werden. Ich will zu Whitely gehn und ihm Alles ſagen. Ich will ihm ein Compliment von Dir bringen, und ihm ſagen, daß, ginge er auf einen Vergleich ein, Du mich Valentin Vor nehmen wolleſt; ginge er aber nicht darauf ein, ſo wäre Alles vorbei.« Louiſe lächelte, aber ſchwach, ſehr ſchwach. »Du meinſt vielleicht,« fuhr Valentin fort, vich be⸗ trachte dieſe Sacht leichtfertig; allein das iſt durchaus nicht der Fall; nur iſt es unnuͤtz, daruͤber zu klagen und zu jammern und ſich abzuhaͤrmen. Und liefen wir auch auf den Straßen umher und erfuͤllten die Luft mit unſern Kla⸗ gen, ſo wuͤrden wir die Leute in Erſtaunen ſetzen, und vielleicht beluſtigen; an der Sache ſelbſt wuͤrde dadurch aber nichts geändert. Es iſt nun einmal geſchehen, und wir muͤſſen es ſo gut als moͤglich zum Beſten kehren.⸗ „Mein lieber, lieber Valentin!« ſagte Louiſe und ſtrich ihm das Haar aus dem Geſichte.»O, nicht um alles Gluͤck der Welt moͤchte ich Dich verlieren!« fuhr ſie fort und kuͤßte ihm die Augen;»und doch... doch wollte ich lieber Dich, die Welt und Alles verlieren, ehe ich Dich ungluͤcklich machte. und dieſer traurige Vorfall... Du ſagteſt eben, es ſei Ausſicht da, ihn in der Stille zu beſeitigen?« »Die beſte Ausſicht von der Welt; ich zweifle durchaus nicht daran. Zwar will Whitely bis jetzt noch von nichts wiſſen; doch bin ich uͤberzengt, daß wir ihn dazu veran⸗ laſſen werden.« der Bauchredner. 135 „Der arme Mann!. Eine ſolche Handlung haͤtte ich meinem guten Vater nicht zugetraut, und wuͤrde es auch nicht geglaubt haben, hätte er es nicht ſelbſt beſtätigt.... Wie ſchrecklich muͤſſen Whitely's Empfindungen geweſen ſein!... Aber die Frau war jedenfalls ein hoͤchſt verdor⸗ benes Geſchoͤpf; zuverlaͤſſig hat ſie meinen Vater ermuthigt, ſonſt wuͤrde er ſich nie ſo weit vergeſſen haben. Und das war natuͤrlich wohl die urſache von Mr. Whitely's Gei⸗ ſteskrankheit?« Aus dieſer Frage ſah Valentin, daß ſie nicht Alles wußte, und da er ihr nichts mittheilen mochte, wodurch Raven noch mehr in ihrer Achtung ſinken koͤnnte, ſo erwi⸗ derte er, Whitely ſei nie geiſteskrank geweſen, ſondern in das Irrenhaus durch einige Perſonen geſperrt, denen er im Wege ſtand. Und das war denn auch in der That der Fall, wie wir wiſſen. „Dann iſt es nicht ſo ſchrecklich,« bemerkte Louiſe,»als es geweſen ſein wuͤrde, waͤre er dadurch wahnſinnig ge⸗ worden.⸗ „Gewiß; das waͤre etwas ganz Anderes geweſen.« „Aber Ihr Männer!... Ihr Maͤnner!.. Ihr ſeid ein ſchreckliches Volk!... Behandelte Mr. Vhitely ſie denn wohl auch freundlich?« 136 Valentin Vor »Das weiß ich wahrhaftig nicht.« »Vielleicht that er es nicht, war lieblos gegen ſie.. vielleicht rauh und thranniſch.. aber ſelbſt dann läßt ſich ihr Benehmen nicht rechtfertigen. Sie muß wirklich ſchlecht geweſen ſein. Waͤre ſie das nicht geweſen, ſo wuͤrde ſie meinen Vater nicht verleitet haben, dieſes Ungemach uͤber uns zu bringen. Aber was iſt denn aus ihr geworden? vielleicht ziemt ſich dieſe Frage nicht fuͤr mich. allein haſt Du nicht erfahren, was aus ihr geworden iſt?⸗ „Nie. »Vielleicht ging ſie nach Amerika, und nahm die armen Kinder mit.« »Vielleicht doch laß dieſe peinliche Sache ruhen. Ich mochte Dir etwas vorlegen, uͤber das ich nähere Aus⸗ kunft zu haben wuͤnſche. Du kannſt mir dieſelbe geben.. wuͤrdeſt Du es thun?« „Von Herzen gern.« »Nun denn;— wann meinſt Du ich will mich ſo verſtändlich als möglich ausdruͤcken.. wann meinſt Du wohl, daß das am Beſten geſchähe, was am erſten dieſes Monats geſchehen ſollte?⸗ »Am erſten dieſes Monats?. Ach, beſter Valentin, daran duͤrfen wir nicht denken.« der Bauchredner. 137 „Es iſt aber grade dasjenige, woran ich unaufhoͤrlich denken muß.« „Ich. ich weiß nicht... ich weiß wahrhaftig nicht.. wir muͤſſen warten, bis dieſer traurige Vorfall beigelegt iſt.⸗ »Aber warum, mein ſuͤßes Mädchen?... Warum ſoll⸗ ten wir ſo lange warten?... Wir haben ja mit dem Vergleiche nichts zu ſchaffen.« »Erzeig' mir die Liebe, und rede jetzt nicht mehr da⸗ von. Ich ſehe ein, daß es nichts hilft, Dir zu widerſpre⸗ chen. Alle meine Vorſaͤtze wirfſt Du uͤber den Haufen. Wie es zugeht, weiß ich nicht, aber wohl, daß kein Anderer das vermoͤchte.« In dieſem Augenblicke trat die Mutter wieder in das Zimmer, und war angenehm uͤberraſcht, als ſie Valentin lächeln ſah. »Nehmt es nicht uͤbel, Kinderchen,« rief ſie.»Ich wollte nur meine Taſſe holen. Sieh, mein liebes, gutes Toͤchterchen ſo gefällſt Du mir weit beſſer. Das hat ſich ja herrlich geaͤndert!« Louiſe ſah in der That wieder aus, wie fruͤher; die Trauer war verſchwunden, ihre Augen funkelten im gewohn⸗ ten Glanze, und ſie fuhlte, daß eine druckende Laſt ihr vom Herzen gewälzt war. Valentin Vor „ Zweiundfunfzigſtes Kapitel. Verſchiedene unterredungen, beſonders eine zwiſchen Whitely und Raven. Wieder verging eine Woche, und noch hatte ſich nichts entſchieden. Whitely, der durchaus nichts unternehmen wolle te, bis er die Meinung jenes Rechtsgelehrten eingeholt, wartete auf die Ruͤckkehr deſſelben, obgleich Onkel John im⸗ mer von Neuem in ihn drang, die Sache nicht länger zu verſchieben, ſondern dem Rathe zu folgen, den er fuͤr den beſten hielt. Waͤhrend der ganzen Zeit hatte Raven kaum einmal ſein Zimmer verlaſſen. Sein Geiſt war niedergedruckt und er war ſo reizbar geworden, daß die Diener ſich nur mit Zittern ihm näherten. Ein liebevoller Gebieter war er nie geweſen, aber die Art, wie er ſie jetzt behandelte, kam ihnen ganz unertraͤglich vor. Einen derſelben behandelte er jedoch auffallend milde, und das war Joſeph, der ſentimentale Portier. Raven's auffallende Guͤte gegen dieſen Kerl ſchien Allen unerklaͤrlich. Niemand konnte begreifen, weshalb grade er bevorzugt ſei der Bauchredner. 139 denn bevorzugt war er ſtets, obſchon er allem An⸗ ſchein nach ein heilloſer Halunke war, und aͤußerſt unver⸗ ſchaͤmt wurde, ſobald ihm etwas in den Weg kam. Seine Cameraden haßten ihn von Herzen, um ſo mehr, da ſie ihn im Verdacht hatten, daß er manche Verleumdungen ge⸗ gen ſie bei dem Herrn angebracht; nie aber haßten ſie ihn ſo innig, als jetzt; denn waͤhrend Raven's Freundlichkeit gegen ihn durch den Contraſt noch auffallender wurde, prahlte er nicht nur damit, daß er viel Geld beſaͤße, ſondern auch, daß er eine gewiſſe Perſon in ſeinen Händen habe. Bis⸗ weilen ließ er ſich herab, ihnen zu erklären, daß er, wenn er wollte, die beſte Stelle im Hauſe bekommen koͤnnte, und er wuͤrde es auch wollen, wenn nicht die Stelle, die er gegenwaͤrtig bekleidete, ihm mehr Muße zum Nachdenken ließe. Alles dieſes war ausſchließlich fuͤr die Kuͤche berechnet, erreichte aber bald Louiſens Ohr; dieſe theilte es ꝛctarich Valentin mit, und bemerkte dann: »Es iſt wirklich auffallend, nicht wahr? Was in aller Welt kann er damit meinen, wenn er prahlt, eine gewiſſe Perſon in ſeiner Gewalt zu haben?« „Domeſtiken plaudern viel,« ſagte Valentin, der Loui⸗ ſen dieſen Gedanken zu entreißen wuͤnſchte.»Man muß 140 Valentin Vor dergleichen nicht gar zu genau unterſuchen; es wuͤrde wenig dabei herauskommen, wollte man Alles, was die ſagen, analyſiren.« „Aber wen kann er mit der gewiſſen Perſon mei⸗ nen? Keinesfalls doch den Papa!... und doch iſt die Art, wie mein Vater mit ihm umgeht, mir oft aufge⸗ fallen. Ich fuͤr meine Perſon kann den Menſchen nicht ausſtehn, und ſpreche nie mit ihm; aber Papa macht ihm ſtets Geſchenke. Ich bin uͤberzeugt, daß dem irgend ein Geheimniß zum Grunde liegt.« „Laß das, Geliebteſte,« ſagte Valentin.»Wahrſchein⸗ lich kannte der Mann das Geheimniß, welches nun offenbar geworden iſt, und fußte darauf, wie Menſchen der Art zu thun pflegen; nun die Sache aber kein Geheimniß mehr iſt, hat ſeine Macht ein Ende genommen.« „Ja, das wird es geweſen ſein.... Daß ich auch nie daran gedacht habe!.. Es iſt mir ſtets aufgefallen, daß er mit ſo großer Ruͤckſicht behandelt wurde; aber dies er⸗ klärt Alles.⸗ „An Deines Vaters Stelle jagte ich ihn aus dem Hauſe.« „Gewiß, denn er iſt traͤge und ſaumſelig, außer wenn er irgend etwas Unangenehmes anrichten kann. Ich will — der Bauchredner. 141 mit Papa daruͤber reden, denn ich moͤchte gern wiſſen, wie die Sache ſich verhaͤlt.« „Beſſer wäre es, wenn Du fuͤr den Augenblick ihm nichts davon ſagteſt. Es wird ihm nur unangenehm ſein. Laß uns warten, bis Alles in Ordnung iſt.« „Wohl wahr.« Valentin lenkte das Geſpraͤch nun auf einen andern Gegenſtand; denn obgleich er Louiſen gegenuͤber that, als ſähe er in dieſem Vorfalle nur etwas Gleichgultiges, fuͤhlte er doch, daß das Geheimniß noch nicht geloſ't war, und daß dieſes folglich ein Gegenſtand ſei, von den man ihre Gedanken ablenken muͤſſe. Wenige Tage nachher kehrte der erwartete Anwalt nach London zuruͤck, und Whitely verlor keine Zeit, ihn um Rath zu fragen. Er trug ihm den Fall umſtaͤndlich vor, ver⸗ ſchwieg nichts, und das Reſultat war, daß der Anwalt, nachdem er Alles reiflich uͤberlegt, erklärte, daß es kein Ge⸗ ſetz gabe, durch welches Raven belangt werden könne. »Das Geſetz iſt ſogar ſein Schild,« ſagte er.„Es bietet ihm den vollkommenſten Schutz. Es iſt traurig genug, allein unſere jetzigen Geſetze geſtatten einem Menſchen, einen andern, mag er noch ſo geſund ſein, unter dem Vor⸗ wande der Geiſteskrankheit einſperren zu laſſen. Die Un⸗ 142 Valentin Vor terſchriften der Aerzte rechtfertigen ihn; ihr Certificat iſt ſeine Rechtfertigung, und die Aerzte werden ihrerſeits eben⸗ falls durch das Geſetz beſchützt, welches annimmt, daß das Opfer zu der Zeit, als das Certificat ausgeſtellt wurde, wirklich geiſteskrank war. Und was die uͤbrigen Schurke⸗ reien betrifft... die Verfuͤhrung ihrer Frau, die Dispoſi⸗ tion uͤber Ihr Eigenthum, und ſo weiter.. ſo können Sie auch nicht einen einzigen Beweis dafuͤr liefern.. nicht den kleinſten Beweis haben Sie keinen Zeugen.. kein Document irgend einer Art. Ich muß Ihnen daher unter dieſen Umſtaͤnden rathen, daß Sie einen fuͤr ſie moͤg⸗ lichſt guͤnſtigen Vergleich zu Stande zu bringen ſuchen.« „Aber iſt es nicht Pflicht gegen die Geſellſchaft,« fragte Whitely,„daß ich ſolch einen Schurken der oͤffentlichen Ahndung preisgebe?« »„Mag ſein; allein ſteht es in Ihrer Macht?.. und thäte es das,— haben Sie die dazu erforderlichen Mittel? Zwei wichtige, reiflich zu erwaͤgende Fragen... Ein Verſuch der Art wuͤrde ohne Zweifel an fuͤnfhundert Pfund koſten, und ſchluͤge er fehl, was zuverlaͤſſig geſchehen duͤrfte, ſo wuͤrden ſie ſich einer Entſchaͤdigungsklage aus⸗ geſeht ſehn, die ebenfalls wenigſtens fuͤnfhundert Pfund koſten wuͤrde.« — der Banchredner. 143 »„Aber kann ich ihn nicht zwingen, meine Kinder her⸗ auszugeben, oder mir wenigſtens Auskunft uͤber dieſelben zu geben?« „Nein. Wenn er nun behauptete, daß er nichts von ihnen wiſſe... wie wollen Sie das Gegentheil beweiſen? Ja, wie wollen Sie auch nur beweiſen, daß er dieſe Kin⸗ der jemals ſah? Sie haben keinen Beweis dafüͤr; denn vor Gericht gilt ſein Wort natuͤrlich eben ſo viel, als das Ihrige.« »Aber meinen Sie nicht, daß es von Erfolg ſein wuͤr⸗ de, wenn ich ihm, im Fall er mir dieſe Auskunft verwei⸗ gert, mit einer oͤffentlichen Anklage bedrohte?« „Als ein Mann von Erfahrung wuͤrde er dieſe Dro⸗ hung verachten. Nein, da er noch nicht alles Gefuͤhl fuͤr Recht verloren hat. haͤtte er das, ſo wuͤrde er Ihnen nicht einen ſo uͤberaus guͤnſtigen Vergleich angeboten haben konnen Sie mit ihm wegen der gewuͤnſchten Auskunft unterhandeln, das heißt, Sie koͤnnen, unter dem Vor⸗ behalt, daß dieſe Auskunft gegeben wird, in einen Pri⸗ vatvergleich einwilligen. Doch erlauben Sie mir, Sir, Sie dringend darauf aufmerſam zu machen, daß Sie nicht viel⸗ leicht ein natuͤrliches Rachegefuͤhl mit dem Gefuͤhl Ihrer Pflicht gegen das Pubicum verwechſeln. Durch dieſen Irr⸗ 144 Valentin Vor thum zieht man ſich nur zu häuſig die größeſten Unanehm⸗ lichkeiten zu; und in Ihrem ungluͤcklichen Falle wurde dieſer Mißgriff Sie völlig ruiniren.« Whitely war uͤberzeugt. Er ſah deutlich ein, daß Ra⸗ ven außerhalb des Bereichs des Geſetzes ſtehe, und beſchloß daher, unmittelbar nachdem er ſich bei dieſem wackern Man⸗ ne Rath erholt, dem Onkel John, der ihn aͤngſtlich erwar⸗ tete, Antwort zu geben. »Wohl, mein Freund,« ſagte dieſer, als Whitely in das Zimmer trat,„haben Sie ihn geſprochen?« „Ja,« entgegnete Whitely, etwas niedergeſchlagen. „Und was meint er dazu?« »Er hat mir bewieſen, mein werther Freund, daß Sie Recht hatten. daß ich auf keine Weiſe mit einiger Si⸗ cherheit einen Prozeß anfangen darf. Es bleibt mir alſo keine Wahl. ich muß in einen Vergleich willigen, vor⸗ ausgeſetzt daß ich von ihm ſolche Auskunft bekomme, die zu der Entdeckung meiner Kinder fuͤhren kann.« „Ohne Zweifel empfangen Sie jede Auskunft daruber, die er moͤglicherweiſe geben kann.... Ich bin davon uͤber⸗ zeugt. Er hat jetzt keinen Grund mehr, ſie Ihnen vorzu⸗ enthalten.... Welchen Antrag ſoll ich ihm nun machen? der Bauchredner. 145 Soll ich ihm ſagen, daß Sie, im Fall er die verla gte Auskunft gabe, die offerirte Summe acceptiren wuͤrden« „Nein,« entgegnete Whitely,„ich werde nicht mehr nehmen, als was mir zukommt. Freilich weiß ich nicht, wie hoch mein Eigenthum verkauft worden iſt; aber er muß das wiſſen. denn ich zweifle durchaus nicht daran, daß er es verkaufte und an ſich nahm.... Moͤge er mir den Ertrag herausgeben.. mehr verlange ich nicht.« »Hat er es wirklich verkauft, wie Sie meinen, ſo muß er ein ſehr ſchlechter Menſch ſein.. ein Menſch, mit dem ich nichts mehr zu thun haben moͤchte. Allein da ich nun einmal ſo weit gegangen bin, ſo will ich mich nicht zuruͤck⸗ ziehen. Ich will ſogleich zu ihm gehn und all' meinen Ein⸗ fluß aufbieten, um Ihr Intereſſe zu befoͤrdern.« »Davon bin ich berzeugt, mein theurer Freund,« ent⸗ gegnete Whitely.»Ich lege die ganze Sache mit dein voll⸗ ſten Vertrauen in Ihre Haͤnde.« Onkel John machte ſich auf den Weg. Valentin Vor. IV. 10 Valentin Vox Laß ihn kommen.« gefuͤhrt. Pomphaftigkeit. Dreiundfunfzigſtes Kapitel. Mr. Raven und Writall— Onkel Johns Dazwiſchenkunft. Etwa um dieſelbe Zeit erſchien eine Perſon in Raven's Hauſe, die, als ſie erfahren, daß er daheim, ihre Karte abgab mit der Bemerkung, daß ſie mit ihm in einer wich⸗ tigen, dringenden Angelegenheit zu ſprechen habe. S„Mr. Writall!« ſagte Raven, nachdem er auf die Karte geblickt.„Ich kenne ihn nicht... Writall?... Als der Bediente ſich entfernt hatte, um Mr. Writall zu holen, verſuchte Raven, ſowohl ſich auf den Namen zu beſinnen, als auch zu errathen, worin dieſe wichtige Ange⸗ 1 legenheit beſtehen könne. Beides jedoch mißglückte ihm, und Mr. Writall wurde mit aller Foͤrmlichkeit in ſein Zimmer „Mr. Raven?« fragte Writall mit ſeiner gewoͤhnlichen „Nehmen Sie Platz, Sir,« ſagte Raven; Mr. Writall der Bauchredner 147 folgte dieſer Einladung, huſtete dreimal, um ſeine Kehle zu reinigen, zog mit Anſtand ſein Taſchentuch heraus, fuhr da⸗ mit uͤber ſeine edle Stirn und ſagte: „Mr. Raven, der Gegenſtand, welcher mich zu Ihnen fuͤhrt, erfordert vielleicht einige vorlaͤufige Erklärungen. Ich bin Anwalt, Sir, und habe die Ehre, zu meinen Clienten Mr. Whitely zu zählen, den Sie, wie ich glaube, kennen werden.« Mr. Writall ſchwieg hier, um die Wirkung zu beob⸗ achten, welche Whitely's Name auf jenen machte; allein Raven, der in einem bequemen Lehnſtuhl ruhte, zeigte nicht die geringſte Bewegung und ſagte nur: »Nun, Sir 4 »Mein Client, Sir,« fuhr Writall fort,»hat die ungluͤckſelige Angelegenheit, auf welche ich wohl nicht wei⸗ ter einzugehn brauche, gänzlich in meine Hand gelegt; al⸗ lein da ich ihn ſo ſtorriſch auf Rache erpicht ſche, und ich es mir zur Ehrenſache mache, nie die bloß rachſuͤchtigen Ab⸗ ſichten meiner Clienten zu befoͤrdern, ſo bin ich zu Ihnen gekommen, um, da Sie ein Mann von Erfahrung ſind, zu ſehen, ob die Sache ſich nicht privatim arrangieren läßt.« »Hat Mr. Whitely Sie dazu autoriſirt?« fragte Mr. Raven. 148 Vor „Nein. Er ahnt nicht im Entfernteſten, daß ich zu Ihnen gekommen bin.« „So iſt es alſo, mit klaren Worten, Ihre Abſicht, ⸗ ſagte Raven,»ihn zu verkaufen?« Nicht doch!« entgegnete Writall, der bei der raſchen Art, mit welcher Mr. Raven auf die Hauptſache losging, etwas verlegen wurde.»Nein, nein, das nicht.« „Sagten Sie nicht vorhin,« bemerkte Raven, ſcharf, „Sie hielten mich fuͤr einen Mann von Erfahrung?« „Ja,« entgegnete Mr. Writall. „Gut; je deutlicher Sie mit mir reden, beſto beſſer. Legen Sie alle Verſtellung bei Seite; klopfen Sie nicht auf den Buſch, und nennen Sie jedes Ding bei ſeinem rechten Namen. Was wollen Sie mir vorſchlagen?« „Mr. Raven, Sie haben mir eine Menge Verlegenhei⸗ ten erſpart. Ich habe lieber mit einem Manne, wie Sie, zu thun, als mit funfzig Andern, die keine Idee von dem Weſen der Dinge haben, und voll von Scrupeln, Beſorg⸗ niſſen und Zweifeln ſind. Es iſt äußerſt angenehm, mit einem Manne zu thun zu haben, der. 4 „Wohl, Sir,« unterbrach ihn Raven ungeduldig,„laf⸗ ſen Sie uns zur Sache kommen. Sie haben, wie Sie ſag⸗ ten, dieſe Angelegenheit fuͤr Whitely zu beſorgen?« der V auchredner. 149 „So iſt es; und wahrlich, es war nicht leicht„ „Das thut nichts zur Sache. Die Frage iſt:— wel⸗ chen Vorſchlag haben Sie mir zu machen?« »Mit einem Worte alſo... denn ich ſehe, daß wir uns vollkommen verſtehen... ich bin zu dem Verſuche bereit, entweder ihn auf eine falſche Fährte zu bringen, ſo daß er Klagen vorbringt, die er nicht begruͤnden kann, oder ihn zu der Annahme jedes Vergleichs zu bewegen, den Sie ihm zu machen fuͤr gut halten.« „Sind Sie der Meinung, daß irgend eine gegen mich vorgebrachte Klage begruͤndet werden kann?« „Ja,« ſagte Writall,„das iſt eine Frage, deren Be⸗ antwortung Sie in dieſem Augenblicke von mir nicht erwar⸗ ten koͤnnen. Es wuͤrde nicht redlich ſein, wenn ich...« »Bei dieſem Geſchaft thun wir beſſer,« unterbrach ihn Raven,„die Redlichkeit ganz aus dem Spiele zu laſſen.« „Ich pflichte Ihnen bei; es duͤrfte allerdings beſſer ſein, dieſelbe ganz aus dem Spiele zu laſſen; doch Sie ſehen, ſo weit ich allein dabei betheiligt bin.. es wäre keineswegs klug von mir gehandelt, ſchon jetzt meine Privatanſicht uͤber dieſen Punct zu offenbaren.« »Ich verſtehe Sie. Es iſt auch durchaus nicht erfor⸗ derlich.... Ihre Abneigung vor einer Beantwortung dieſer Valentin Vor 150 „ Frage iſt mir ein hinreichender Beweis, daß Sie der Mei⸗ nung ſind, es werde keine Klage gelingen.« „Nun, das will ich doch nicht behaupten.« „Als Rechtsgelehrter muͤſſen Sie wiſſen, daß kein Geſetz mich erreichen kann.« „Selbſt wenn ich dieſes zugeſtehe, werden Sie doch ein⸗ ſehen, daß Sie ſich in einer Lage befinden, die Sie vielen Unannehmlichkeiten ausſetzen kann.« „Endlich reden Sie!... Ich ſehe das vollkommen ein, und ſtrebe danach, es zu vermeiden. Indeß iſt es keines⸗ wegs mein Wunſch, Ihren Clienten zu ubervortheilen; im Gegentheil, ich bin bereit, ihm die vorgeſchlagene Summe zu geben, vorausgeſetzt, daß er ſich ſchriftlich verpflichtet dieſe ungluͤckſelige Geſchichte auf immer ruhen zu laſſen. Konnen Sie ihn dazu veranlaſſen, ſo ſoll es gewiß Ihr Nachtheil nicht ſein; wo nicht, ſo muß er ſeinen eignen Weg gehen, und Sie und ich haben nichts mehr mit ein⸗ ander zu ſchaffen.« „Ich will es uͤber mich nehmen, ihn dazu zu veran⸗ laſſen.« „Die Vollmacht dazu haben Sie natuͤrlich.« „Ohne allen Zweifel.« „Sehr gut. Als ſein Anwalt muͤſſen Sie dieſelbe der Bauchredner. 151 beſitzen; und falls es Ihnen gelingt, auf welche Remune⸗ ration wuͤrden Sie Anſpruch machen 24 „Ich. ſehn Sie.. ich kann es nicht ſagen.. ich ſtelle das lieber Ihrer Freigebigkeit anheim.« „Ueberlaſſen Sie meiner Freigebigkeit nichts. Es iſt mein Wunſch, daß wir die Summe feſt beſtimmen.« »„Wohl! wuͤrden Sie. da die Sache doch jeden⸗ falls ſehr ungewohnlich iſt.. wuͤrden Sie hundert Pfund fuͤr zuviel halten?« »Nein; ich bewillige Ihnen hundert Pfund, und je eher Sie dieſelben einſtecken, deſto lieber iſt es mir.« „Verlaſſen Sie ſich darauf, Sir, es ſoll geſchehen.« „Gut; ſo gehen Sie gleich an das Werk, und geben Sie mir Nachricht, ſo bald er eingewilligt hat.« „Das werde ich,« ſagte Mr. Writall, und nun trat eine Pauſe ein, waͤhrend welcher er Raven geheimnißvoll anſah, der ihn endlich fragte, ob noch etwas zu beſprechen vorläge. „Sie ſehen ein,« entgegnete Writall, indem er jedes Wort wog,« daß in Sachen dieſer Art... ich kann of⸗ fen mit Ihnen reden, weil Sie ein erfahrner Mann ſind und die Dinge in ihrer natuͤrlichen Beſchaffenheit ſehen... ich ſage daher, daß Sie leicht einſehen werden, daß es 152 Balentin Vor in Fällen dieſer Art gebräuchlich iſt Sie verſtehn mich, nicht wahr?« »„Nicht ſo ganz.« »Nun, ich meine, daß es gebräuchlich iſt.. im Vor⸗ aus zu bezahlen.« »So! iſt das wirklich Gebrauch!. Ich will daru⸗ ber mit Ihnen nicht ſtreiten. Ich will es fuͤr ausgemacht halten, daß dem ſo iſt, denn ſchwerlich giebt es Jemand, der beſſer wuͤßte, als Sie, was in ſolchen Fällen ge⸗ braͤuchlich iſt. Wenn Sie aber meinen, ich wuͤrde ſie fuͤr dieſen Dienſt im Voraus bezahlen, ſo erkläre ich Ihnen grade heraus, daß Sie im Irrthum ſind. Sie nennen mich einen Mann von Erfahrung, einen Mann, der die Welt kennt, und wollen mich doch behandeln, als wäre ich ein Dummkopf. Bezahite ich Sie im Voraus, welche Sicher⸗ heit haͤtte ich dann, daß mir dieſer Dienſt wirklich geleiſtet wuͤrde 2« »O, ich nehme es auf mich ich ſetze Ihnen meine Ehre zum Pfande, daß ich es ausführe.⸗ »„Ihre Ehre, Mr. Writall, iſt etwas, worauf mich zu verlaſſen mir nicht im Traume einfallen kann. Sie ſind ein heilloſer Schurke, Writall; Sie wiſſen es, und halten der Bauchtedner. 153 mich fuͤr einen beinahe ehen ſo großen Schurken, als Sie ſelbſt ſind.« Mr. Writall lächelte, und wuͤrde laut gelacht haben, hätte Raven nicht fortgefahren:»Laſſen Sie uns daher in dieſem Geſchaͤfte ſo mit einander verfahren, wie ein Schurke mit dem andern umgeht. Iſt die Sache abge⸗ macht, ſo zahle ich, aber nicht eher.⸗ „Gut, Sir, ich habe die Offenherzigkeit gern, und be⸗ wundere jeden, der ſeine Meinung grade heraus ſagt. Al⸗ lein wenn Sie von Sicherheit reden... welche Sicherheit habe denn ich, das Geld, wenn die Sache abgemacht iſt, be⸗ zahlt zu bekommen?« »Sie wiſſen ſtets, wo ich zu finden bin.« „Das wiſſen auch Sie von mir! Auch ich bin ſtets zu finden, und Sie wollen mir nicht trauen. Und dazu... was hilft es mir, wenn Sie ſtets zu finden ſind? Sie wiſſen recht gut, daß ich Sie nicht belangen kann, will ich mein Geſchaͤft nicht compromittiren. Nein; ich will Ihnen etwas ſagen:— da wir Einer dem Andern vertrauen muͤſ⸗ ſen, ſo wollen wir die Sache unter uns theilen:— Sie zahlen mir jetzt die Hälfte des Geldes aus, und ich ver⸗ laſſe mich auf Ihr Ehrenwort, daß Sie mir den Reſt zah⸗ 154 etn Vor len, ſobald das Geſchäft zu Stande gebracht iſt. Sie ver⸗ ſtehn mich? 4 »O vollkommen! Ich verſtehe Sie recht wohl, Wri⸗ tall. Allein ich thue es nicht. Es ſollte mir leid thun, wenn Sie ſich vergebliche Hoffnungen machten, und darum ſage ich Ihnen grade heraus:— ich thue es nicht. Ich zweifle durchaus nicht daran, daß Sie vollkommen ſo red⸗ lich ſind, als Sie zu ſein ſcheinen:— ich bin geneigt, ſo weit zu gehen, obgleich ich leider geſtehen muß, daß das nicht viel ſagen will. Indeß iſt es gut, daß Sie es er⸗ fahren, damit Sie ſich uͤberzeugen, daß ich nicht eher zah⸗ len werde, als bis das Geſchäft wirklich zu Stande gebracht iſt.« „Wohl, Sir, das iſt, wie es ſein muß:— offen und zur Sache gehoͤrig. Da Sie jedoch ſehen, daß Sie mich voͤllig in Händen haben, was meinen Sie, wenn Sie mir abſchläglich fuͤnfundzwanzig Pfund oder ſo bezahlten, bloß um den Anfang zu machen, oder vielmehr als eine Andeutung deſſen, was Sie thun werden, wenn ich meiner⸗ ſeits den Contract erfuͤllt habe? Dagegen werden Sie doch mit keinem Scheine von Grund etwas einwenden können.« „Bringen Sie mir die ſchriftliche Einwilligung Ihres der Bauchredner. 155 Clienten, und ich gebe Ihnen augenblicklich einen Wechſel uͤber den Betrag. Allein vorher zahle ich keinen Schilling.« »Halten Sie,« fuhr Writall fort, der die Sache ſo leicht nicht aufgeben zu wollen ſchien,„halten Sie Ihr Benehmen fuͤr ganz in der Ordnung? Sie wollen mir nicht in Bezug auf ein Viertel des Betrages trauen, und ich ſoll Ihnen in Bezug auf das Ganze trauen?« »Nun, fuͤr lumpige hundert Pfund bin ich immer gut.« „Gut, mein werther Herr! O, Sie ſind mir fuͤr hun⸗ derttauſend gut! Aber das hat damit nichts zu ſchaffen. unter andern umſtänden wären Sie mir füͤr jede mogliche Summe gut, weil ich vollkommen weiß, daß ich zu dem Meinigen kommen wuͤrde. Allein, Sir, hier. hiermit verhält es ſich ganz anders. Es iſt dies kein regulaires Geſchäft; ja, ich kann es nicht einmal in meine Buͤcher ein⸗ tragen. Es hängt einzig und allein von Ihrer Ehre ab; und ſollten Sie. bemerken Sie wohl; ich ſage bloß:— ſollten Sie, wenn ich das Nöthige gethan habe, nicht geneigt ſein, mich zu bezahlen, ſo wäre ich auf keine Weiſe im Stande, Sie dazu zu zwingen, ohne mich zu compro⸗ mittiren und ſo meine Reputation zu vernichten, die ich na⸗ tuͤrlicher Weiſe nicht fur das Hundertfache dieſer Summe 156 Valentin Vox hingeben wuͤrde. Sie ſehen alſo, daß ich durchaus keine Sicherheit habe. In dieſem Augenblicke pochte Onkel John laut an die Thur, und Raven, derihn am Klopfen erkannte, rief:»Das trifft ſich ja ſehr gluͤcklich.. Dann klingelte er, damit die Bedienten ihn einfuͤhrten und fuhr fort:»Es iſt ein Freund, der die Sache genau kennt. Er wird mein Buͤrge ſein.« »Iſt er ein Mann, auf den man ſich verlaſſen kann?⸗ fragte Writall.»Vergeſſen Sie nicht, daß mein Gharakter bei der Sache auf dem Spiele ſteht, und daß das tieſſte Geheimniß beobachtet werden muß.« »Fuͤrchten Sie nichts,« entgegnete Raven; ich wuͤrde ihm mein Leben anvertrauen. Ihr Charakter iſt in ſeinen Händen ſo ſicher, als in den meinigen.« Mr. Writall ſchien an dem Gedanken, einen Freund zu⸗ gezogen zu ſehen, keinen ſonderlichen Gefallen zu finden; er fuhlte ſich fuͤr den Augenblick beklommen; als er aber uͤber⸗ zeugt war, daß ſein Geheimniß ſicher ſein wuͤrde, hatte er eben ſeine Beſorgniſſe verſcheucht, als Onkel John eintrat. In dem Augenblicke jedoch, als er ihn ſah, nahmen ſeine Zuͤge einen hochſt ſonderbaren Ausdruck an. Auf einen Blick erkannte er in ihm Whitely's Freund; da indeß Flucht der Bauchredner. 157 unmoͤglich war, ſo ermannte er ſich, ſah ſeinen Feind wie eine Ratte in der Ecke an, und machte ſich auf das Schlimmſte gefaßt. Onkel John verbeugte ſich, als Raven ihn vorſtellte, und wunderte ſich hoͤchlich, was jenen hieher gebracht ha⸗ ben moͤchte. Kaum hatte er jedoch Platz genommen, als Kaven den Gegenſtand mit Ernſt und Genauigkeit zu er⸗ klären begann. „Dieſer Herr,« ſagte er,»Mr. Whitely's Anwalt, iſt zu mir gekommen, um mir einen Vorſchlag zu machen, in den ich einzugehen geneigt bin:— nicht weil ich Mr. Whi⸗ tely im Geringſten zu uͤbervortheilen wuͤnſchte, ſondern weil ich dieſen Mann fuͤr ſeinen Freund halte, der ihn zu einem bewegt, ſtatt daß er thorichter Weiſe ſich an das Gericht wendet. Mr. Writall hat ſich dazu erbo⸗ ten, und ich bin geneigt, darauf einzugehen, da ich es fur den beſten Weg halte, den ſein Client einſchlagen kann.« Onkel John war erſtaunt. Er wußte nicht, was en daraus machen ſollte. Er ſah bald Writall, bald Raven an, und rief dann: »Pfui, wie ſchamlos muß derjenige ſein, der, während er als Anwalt der einen Partei daſteht, dieſe betruͤgt, um den Wuͤnſchen der andern entgegenzukommen!« 158 Valentin Vor „Wir wiſſen recht wohl,« ſagte Mr. Writall,»daß dieſe Unterhandlung nicht ganz in der Ordnung iſt.« „In der Ordnung!...— Man ſollte Sie aus der Liſte der Anwälte ſtreichen!⸗ »Mich?.. Wer ſollte das thun?.. Was koͤnnen Sie beweiſen?« »Sind Sie nicht etwas haſtig, mein werther Freund?« redete Raven den Onkel John an.»Writall's Verfahren iſt unrechtlich, er weiß es ſelbſt, und wäre es darauf berech⸗ net, Mr. Vhitely zu uͤbervortheilen, ſo wuͤrde ich nimmer⸗ mehr darauf eingehn; da es aber nur ſein Beſtes befoͤrdert, meinen Sie da nicht auch, daß ich es lieber billigen, als jenen verleiten ſoll, vor Gericht zu gehen, wo er jedenfalls im Nachtheil ſein wirb?⸗ „Sie kennen den Mann nicht,« ſagte Onkel John, „Sie wiſſen nicht, was er iſt. Sie haben ihn natuͤrlich fuͤr dieſen Dienſt bezahlt?« Er hat ſich erboten, es fuͤr hundert Pfund zu thun, und dieſe Summe habe ich ihm zugeſagt.« „Sie haben ſie ihm hoffentlich noch nicht gegeben?« »Nein, ich habe ihm geſagt, daß ich ſie auf keinen Fall im Voraus bezahlen wuͤrde.« der Bauchredner. 159 »Er wollte alſo doch hundert Pfund ergaunern?... Natuͤrlich!... das erwartete ich.« „Wirklich?« ſagte Writall hoͤhniſch.»Ei, das iſt ja hoͤchſt wunderbar. Das haben Sie alſo wirklich erwartet? „wirklich?« „Welch ein unreputierlicher Mann muͤſſen Sie ſein!« ſagte Onkel John.»Wie abſcheulich iſt Ihr Benehmen! Sie haben die Dreiſtigkeit gehabt, hieherzukommen, um dieſen Herrn zu beſtehlen, während....„ „Beſtehlen, Sir!... beſtehlen!... was meinen Sie damit?« rief Writall, der, als er fand, daß es hier voͤllig mit ihm aus ſei, es fuͤr das Gerathenſte hielt, Trotz zu bieten.»Wollen Sie damit ſagen, ich hätte die Abſicht, Jemand zu beſtehlen 2« »Ja, das will ich,« entgegnete Onkel John;»Sie ka⸗ men ausdruͤcklich hieher, um Mr. Raven hundert Pfund un⸗ ter dem Vorwande abzunehmen, ſie ſeien Whitely's Anwalt waͤhrend Sie doch recht gut wiſſen, daß Sie das nicht ſind.« „Sie ſind ein—.«(Hier folgte ein gemeines Schimpf⸗ wort.) „O Sie abſcheulicher Mann!⸗ rief Onkel John, im hoͤchſten Grade empoͤrt.»Wie koͤnnen Sie ſolch ein Wort auf mich anwenden, der ich, ſo viel ich weiß, nie im Leben 160 Valentin Vor eine Unwahrheit ſagte! Ich wiederhole es:— Sie ſind nicht ſein Anwalt. Ein einziges Mal nur war er bei Ih⸗ nen, und zwar in meiner Begleitung, als Sie ſich erboten, zur Begruͤndung ſeiner Klage ihm falſche Zeugen zu ver⸗ ſchaffen.« Abermals rief Mr. Writall das obige Schimpfwort aus, welches dem Onkel John eine helle Rothe in das Ge⸗ ſicht trieb. „Haben Sie Mr. Whitely zu dieſem Manne begleitet 26 fragte Raven. „Ja, auf ſeine Bitten. Er wollte mir beweiſen, daß ſeine Abſichten vollkommen ehrenwerth und redlich waͤren. a „Fort aus dem Hauſe!« rief Raven Mr. Writall zu, indem er auf die Thuͤr wies. „Fort aus dem Hauſel« wiederholte Writall.»Das iſt eine kuͤhle Art, Jemand anzureden.« „Soll ich Sie etwa erſt auf die Gaſſe werfen laſſen?« »Das iſt noch kuͤhler!... Auf die Gaſſe werfen laſſen! Sehr fein!... Ich moͤchte den ſehn, der das wagte.« »O Sie ſehr, ſehr ſchlechter Mann,« ſagte Onkel John, indem er ſich erhoo.»„Iſt es nicht beſſer, das Haus in aller Stille zu verlaſſen?« »Wenn ich's nun aber nicht thue?⸗ der Bauchredner. 161 »In dem Falle, Sie unverſchaͤmter Menſch, muß man Sie dazu zwingen.« „Zwingen!.. Sie mich zwingen! Das iſt das Laͤcherlichſte, was ich je gehoͤrt habe.« 9 „Sie wuͤrden geſchwind machen, daß Sie fortkämen Sir, waͤre mein Valentin hier.« »„Ihr Valentin? Wer iſt das? Laſſen Sie ihn in Gottesnamen kommen.« »Mein Freund, ziehn Sie die Glocke Iſt es Ih⸗ nen nun gefaͤllig, Sir, das Haus zu verlaſſen?« Writall ſetzte ſich entſchloſſen auf eine Ecke des Tiſches und rief: »Nein! nicht eher, als bis ich es fuͤr zweckmäßig halte. Wie können Sie es wagen, mich ſo abſcheulich zu verlaͤumden, Sie alter Narr!« Onkel John konnte ſich kaum noch mäßigen, und trat ihm naͤher.„Ruͤhren Sie mich an!« rief Writall;„ruͤh⸗ ren Sie mich nur einmal an... nur einen Finger legen Sie an mich, und Sie ſollen ſich wundern. Thun Sie's doch! hier bin ich!... thun Sie es!. Sie kön⸗ nen mich nicht fehlen!.. Ich bin dick genug und nahe genug... Warum thun Sie es nicht?... Ich wollte, Sie thäten es!« Valentin Vor. W. 11 . 162 Valentin Vor „Ich werde jetzt alle meine Domeſtiken rufen laſſen, Sir!« ſagte Raven, als einer derſelben eintrat. „Bitte ſehr, bemuͤhen Sie ſich nicht,« ſagte Writall. »Es ſollte mir leid thun, einem Herrn von Ihrer zarten Gemüthsverfaſſung die geringſte Muͤhe zu machen; wenn Sie mich aber einzuſchuͤchtern glauben, Sir, ſo ſind Sie im Irrthum. Ich gehe, weil, und bloß weil, ich nicht mehr zu bleiben wuͤnſche; aber ich bin nicht der Mann, Sir, der ſich einſchuͤchtern läßt.. darauf können Sie ſchworen! Guten Morgen, meine Herren! Geheimhaltung iſt Ihr Wunſch!. O es ſoll Alles ganz geheim gehalten wer⸗ den. Es wird die Zeit kommen, Sir, wo Sie den Tag verfluchen, an welchem Sie mich beleidigten!» Mr. Writall verzog ſeine dicken Lippen zum Ausdruck aller der Verachtung, deren ſie faͤhig waren, blickte die Bei⸗ den drohend an, ſteckte die Daumen in die Armlocher ſeiner Weſte, und ging gravitätiſch aus dem Zimmer. Onkel John beſchrieb nun die Zuſammenkunft, welche er und Whitely mit dieſem»Rechtsverdreher« gehabt, und ſchloß damit, daß er ſagte, er wuͤrde mit dieſer Erklärung nicht zum Vorſchein gekommen ſein, hätte Whitely nicht zu einem Privatvergleich ſeine Einwilligung gegeben. der Bauchredner. 163 »In der That?» rief Raven aus, als er dies ver⸗ nahm.»In der That?« „So iſt es. Eben komme ich von ihm her. Heute Morgen entſchloß er ſich.« »„Das freut mich herzlich. O mein Freund, ich bin Ihnen viel, viel Dank ſchuldig. Und was iſt es?. Was verlangt er?.. Wozu wird er ſich verſtehen?« »Er hat mich beauftragt, Ihnen zu ſagen, daß er er⸗ boͤtig iſt, die Summe anzunehmen, wofür ſein Eigenthum realiſirt wurde, unter der Bedingung, daß Sie ihm alle die Auskunft geben, welche zu der Entdeckung ſeiner Kinder fuͤhren kann.« Raven verſtummte; als ihm aber einfiel, daß er da⸗ durch die Empfindungen verrathen koͤnnte, durch welche dieſe Pauſe veranlaßt war, ſagte er: „Wohl, mein Freund, und zu welchem Preife iſt ſein Eigenthum realiſirt worden?« »„Das weiß er nicht! Er meint, Sie wuͤrden das am Beſten wiſſen, da der Verkauf durch Sie bewerkſtelligt wor⸗ den ſei.« »Durch mich!.. wer kann ihm dieſe abſcheuriche Un⸗ wahrheit geſagt haben?⸗ 164 Valentin Vor „Er empfing dieſe Nachricht durch einen Mann, der fruͤher in ſeinem Dienſte ſtand.« „Und wo iſt dieſer Schurke?.. Wo kann ich ihn finden?« „Das iſt Whitely nicht im Stande, zu ſagen. Er ſah ihn nur ein einziges Mal, und bat ihn, er mochte ihn be⸗ ſuchen; das iſt aber bis jetzt noch nicht geſchehen. Er ſagte ihm grade heraus, Sie das heißt derjenige, mit wel⸗ chem ſeine Frau davonlief... hätte das Eigenthum ver⸗ kauft und den Erloͤs behalten.« „Ich moͤchte den Nichtswuͤrdigen ſehen! Glauben Sie mir, mein Freund, es iſt eine grundloſe Luͤge. Ich habe nicht das Geringſte damit zu thun gehabt. So wahr ich auf Gottes Gnade hoffe, ich habe nichts davon gewußt. Nein, nein!.. I†ch bin ſchlecht genug, es iſt wahr, al⸗ lein doch nicht ſo ſchlecht.« »Ich dachte, es waͤre ziemlich„ »Ziemlich, Sir!... Wo waren denn damals die Documente?* „In den Haͤnden ſeines Anwalts.« »Und wo iſt dieſer Anwalt?« „Er iſt todt.« „Es war ein ähnlicher Anwalt, fuͤrchte ich, wie der der Bauchredner. 165 welcher uns ſo eben verlaſſen hat... Daneben erwaͤgen Sie, wie abſurd die Sache iſt. Iſt es wahrſcheinlich, daß dieſer oder ein anderer Anwalt mir die Documente ausge⸗ liefert haben wuͤrde?« „Es ſcheint mir allerdings, nun ich daruͤber nachdenke, als wäre das nicht ſehr wahrſcheinlich. Bisher habe ich nicht daran gedacht, und bin uͤberzeugt, daß es auch Whi⸗ tely nie eingefallen iſt. Ich will ihm die Sache vorſtellen, und zweifle nicht, daß er ſie augenblicklich einſehn wird.« „Ich hoffe es; denn ich erklaͤre feierlichſt, daß ich die Wahrheit geſagt. Doch zur Sache. Wie hoch ſchatzt er ſein Eigenthum?« »Auf etwa ſechstauſend Pfund.« „Gut; ſo wird die Summe, welche ich ihm bot, dieſes vollkommen decken. Und dieſe will ich ihm geben.« »„Er wird nicht mehr annehmen, als den Werth ſeines Eigenthums, ich weiß es.« »Gut, ſo mag er das empfangen, was er fuͤr den Werth ſeines Eigenthums haͤlt.« „So weit waͤre die Sache denn abgemacht... Nun wegen der Kinder.« »Ueber dieſen Punct,« entgegnete Raven,„darf er von mir nicht die geringſte Auskunft erwarten.⸗ 166 Valentin Vor »Ei, das iſt grade die Hauptſache, grade dasjenige woran ihm am Meiſten gelegen iſt. Können Sie ihm denn gar keine Andeutung geben? Der Mann, welchen er ſprach, deutete darauf hin, daß er ihm vielleicht eine Aus⸗ kunft geben koͤnnte, die zu ihrer Entdeckung fuͤhren wuͤrde! Kann er das, ſo iſt es wirklich zu bedauern, daß er ſich nicht wieder ſehen ließ, nicht wahr?... Indeß bin ich in Folge deſſen, was Sie mir geſagt haben, ſehr geneigt, zu glauben, daß er nichts von den Kindern weiß.« »„Was fuͤr eine Art Mann war es? Wiſſen Sie es nicht?« »Nein. Whitely beſchrieb ihn mir nicht; doch will ich ihn darum fragen.« »Bitte, thun Sie das. Es liegt mir viel daran.« »Die Sache,« ſagte Onkel John,„läuft alſo auf Fol⸗ gendes hinaus:— Sie ſenden ihm einen Wechſel uͤber den Betrag, wofür er Ihnen einen Schein ausſtellt, daß er die Sache ruhen laſſen wird, und daß Sie hinſichtlich der Kin⸗ der ihm leider keine Auskunft geben können.« „Sie ſehen, mein Freund,« ſagte Raven,«man koönnte vermuthen, daß ich allerdings von ihnen Nachricht haben muͤßte; allein Sie wiſſen, eine Frau, die ihrem Manne un⸗ treu wird, bleibt ſelten einem Andern treu.« der Bauchredner. 167 „Sehr wahr,« ſagte Onkel John,»ſehr wahr.« „Es iſt mir peinlich, dieſen Gegenſtand zu beruͤhren doch ich habe genug geſagt, und Sie werden mich verſtehen.« „Ja wohl, ja wohl!.. Nun, unmogliches können Sie nicht thun, und deshalb kann dies kein Hinderniß bei dem Vergleiche mehr ſein. Es waͤre mir angenehmer ge⸗ weſen, hätten Sie dieſe Nachricht geben können; da Sie es aber nicht können, nun, ſo koͤnnen Sie es nicht, und es läßt ſich daruͤber weiter nichts ſagen. Ich will noch ein⸗ mal zu ihm gehn, und ihm mittheilen, was Sie mir geſagt haben; denn je eher die Sache nun abgemacht wird, deſto veſſer. Er iſt ein verſtaͤndiger Mann, und ich hoffe, Ih⸗ nen im Laufe des Tags den Schein mit ſeiner Unterſchrift bringen zu koͤnnen.« „Thun Sie das, mein werther Freund, und augenblick— lich ſtelle ich den Wechſel aus. Ich kann es nicht ausdruͤ⸗ cken, wie ſehr ich Ihnen verpflichtet bin...„ „Kein Wort, kein Wort davon,« ſagte Onkel John, und empfahl ſich in der vollen Ueberzeugung, daß Ravens Worte die Wahrheit enthielten, obgleich Jemand, der zum Verdacht geneigter geweſen waͤre, bemerkt haben wuͤrde, daß dieſe Antworten, ſo weit ſie die Kinder betrafen, nicht ganz richtig zu ſein ſchienen.« Valentin Vor Vierundfunfzigſtes Kapitel. Neue Sorgen. Einige Zeit nachher waren Valentin, Louiſe, die Wittwe und Llewellen ſpazieren gegangen. Letzterer hatte alle ſeine Leiden vergeſſen, ſein Appetit, den er eine Zeit lang verlo⸗ ren, war wiedergekehrt, und Louiſe fuhlte ſich ſo gluͤcklich, ſo uber alle Maßen glucklich durch Valentin's Liebe, daß, als ſie ihn anſchaute, ihr Geſicht einen faſt wehmůthigen Ausdruck hatte. »Biſt Du muͤde, mein gutes Maͤdchen?« fragte er „Oh! nein 4 „Du ſiehſt ſo truͤbe aus.« „Ich bin ſo gluͤcklich!« ſagte Louiſe, und eine Thräne ſchimmerte in ihrem Auge. Sie nahmen darauf einen Wagen und fuhren nach Hauſe, und mit Recht kann man ſagen, daß es wohl nie eine gluͤcklichere Geſellſchaft gegeben hat. Sie waren mit ſich und aller Welt zufrieden, und es iſt nicht ausgemacht, der Bauchredner. 169 ob Louiſe und die Wittwe unterwegs nicht Freudenthraͤnen vergoſſen. In dem Augenblicke, als ſie ankamen, fragte Louiſe wie gewoͤhnlich nach ihrem Vater, und als ſie erfuhr, daß er noch immer da ſei, wo ſie ihn verlaſſen, und daß er ver⸗ muthlich ſchliefe, da man ſeit länger als zwei Stunden nichts von ihm gehoͤrt, ſo eilte ſie nach ſeinem Zimmer hinauf; und wie ſie, als ſie die Thuͤr erreichte, Joſeph, den Portier, mit lauter, drohender Stimme ſagen hoͤrte:»Nicht fuͤr einen Schilling weniger gehe ich; geben Sie mir nicht, was ich gefordert habe, ſo ſchlage ich an die große Glocke!«— trat ſie ohne Weiteres in das Zimmer, und ſah voll Er⸗ ſtaunen Joſeph mit ihrem Vater am Tiſche ſitzen. „Pſt!„fliſterte Raven, als ſie eintrat. „Wie duͤrft Ihr es wagen, Sir, ſo mit Eurem Herrn zu reden!« rief Louiſe. „Bekuͤmmern Sie ſich um ſich, Miß!« ſagte der Kerl. »Der Herr wird ſchon fuͤr ſeine, und ich fuͤr meine Ange⸗ legenheiten ſorgen.» »„Unverſchämter! Wie koͤnnt Ihr mir ſo antworten? Fort aus dem Zimmer!... augenblicklich!« Der Kerl verließ das Zimmer, aber mit einer höhniſchen Miene, die fuͤr Raven ſehr bezeichnend war. 0 Valentin Vor »„Wie, Papa, wie kannſt Du dulden, daß einer Deiner Domeſtiken Dich ſo beleidigt?« rief Louiſe. „Sei unbeſorgt, mein liebes Kind,« antwortete Raven. »Bald, ſehr bald werde ich ihn loswerden. ⸗ »„Wie darf er es auch nur wagen, ſich in Deiner Ge⸗ genwart zu ſetzen. Vater, haſt Du von dem Manne ir⸗ gend etwas zu fürchten?« „Ob ich etwas von ihm zu fuͤrchten habe?« »Wo nicht, warum vehaͤltſt Du ihn im Hauſe. Kannte er das, was nun kein Geheimniß mehr iſt, und bewahrte es treulich, ſo belohne ihn; aber laß ihn keinen Augenblick laͤnger im Hauſe.« »Habe ich Dir nicht geſagt, liebes Kind, daß ich im Begriff ſei, ihn fortzuſchicken? Woraus ſchließeſt Du aber, daß er das Geheimniß gewußt habe?« »Weil er beſtändig mit der Gewalt prahlte, die er uͤber Dich beſitze... Er ruͤhmt ſich, daß er Dich gaͤnzlich in Haͤnden habe.« »Wirklich! Und gegen wen prahlt er damit?« „Gegen die Domeſtiken. Er ſagt ihnen fortwaͤhrend, daß der beſte Platz im Hauſe ihm zu Gebot ſtände; er konne Dich zu Allem zwingen, was ihm gefiele, und hätte der Bauchredner. 171 Dich, um ſeinen eignen Ausdruck zu gebrauchen, ganz un⸗ ter ſeinem Daumen.« Raven biß die Lippen zuſammen und athmete ſchwerz dann zog er Louiſen in ſeine Arme und küßte ſie innig. „Lieber Vater,« fuhr ſie fort,»ſag' mir, ich bitte Dich, ſag' mir, was waltet hier fuͤr ein Geheimniß 2 4 „Geheimniß?... Welches Geheimniß, mein Kind?« „Ich fuͤrchte, es lauert im Verborgenen noch mehr, als bekannt geworden iſt, und iſt das der Fall, oh! ſo theile mir es mit. Iſt das aber nicht der Fall, o, ſo beſchwoͤre ich Dich, Vater, entlaß den Menſchen, denn es iſt etwas in ihm, was mich ängſtigt.« „Fuͤrchte nichts, mein Kind. Du haſt Recht, er kannte mein Geheimniß; er kannte es, kannte es von Anfang an. Wäre dem anders geweſen, ich hätte nimmer einen ſo ge⸗ fährlichen Menſchen im Hauſe behalten. Allein Du haſt jetzt von ihm nichts zu befuͤrchten.« „Aber Du, Vater, Du?... O, antworte mir!... Waltet hier noch ein anderes Geheimniß?... Iſt Alles zur Aufklärung gekommen?... Hat dieſer Menſch die Macht, irgend etwas auszuplaudern, was Du geheim zu halten wuͤnſcheſt?« »Mein gutes Kind,« entgegnete Raven,»Du ſollſt Al⸗ 172 Valentin Vor les erfahren. Morgen verlaͤßt er das Haus. Geh, mein Mädchen.. geh.. laß mich allein.. Doch, Louiſe . kein Wort hieruͤber gegen Valentin. Verſprich mir das, Louiſe verſprich es mir feſt.⸗ Louiſe verſprach es ihm und kuͤßte ihn; aber ſie ging mit ſchwerem Herzen und mit von neuer, banger Beſorgniß niederoedruͤcktem Gemuͤthe. der Banchredner. 173 Fünfundfunfzigſtes Kapitel. Goodman verläßt die Seene auf immer. Ohne zu wiſſen, was eben zwiſchen Louiſe und ihrem Vater vorgefallen ſei, ging Valentin am Abend zur ſchickli⸗ chen Zeit nach Hauſe. Zwar bemerkte er ihre Aufregung, als ſie zuruͤckkam, ja ſogar, daß ſie geweint hatte; da ſie aber haͤufig vor Freude weinte, und ſie, ſeit der Entdeckung des Geheimniſſes, immer nur durch einen truͤben Schleier lächelte, ſo machte ihr Ausſehn keineswegs einen tiefen Ein⸗ druck auf ihn. Nachdem er daher eine treffliche Vorleſung uͤber die phyſiſche Wirkung der Thraͤnen auf die Schoͤnheit gehalten, kuͤßte er Louiſen, wiederholte dieſes zwanzig Mal und ſagte eben ſo oft»Gute Nacht!« 3 Da Onkel John ihm erklärt, daß Whitely einen Pri⸗ vatvergleich genehmigt habe, ſo eilte er nach Hauſe, um zu erfahren, ob dasjenige, was das einzige Hinderniß ſeiner ſofortigen Verbindung mit Louiſe ausmachte, gaͤnzlich geho⸗ ben ſei. 174 Valentin Vor Bei ſeiner Ankunft erwartete ihn jedoch eine traurige Scene:— der arme Goodman lag im Sterben. Er hatte ſich durch jenen truͤgeriſchen Schein von Kraft, den die Natur vor ihrem letzten Kampfe zu zeigen pflegt, verleiten laſſen, einen Gang durch das Zimmer zu machen; kaum aber war das geſchehen, als er in voͤlliger Erſchoͤpfung zu Boden ſank. Dies geſchah etwa eine Stunde vor Valentin's An⸗ kunft; und da Letzterer es ſogleich erfuhr, ſo eilte er ohne Aufenthalt in ſeines wackern alten Freundes Zimmer, in welchem ſich, außer den Krankenwaͤrtern, Onkel John und der Arzt befanden. Goodman lächelte ihm entgegen; ſein Erſcheinen ſchien demſelben angenehm zu ſein. Er ergriff ſeine Hand, druͤckte ſie ſchwach, aber ernſt, und kuͤßte ſie. Am Rande der Aufloͤſung zeigt ſich vor dem Auge ein glaſiger Schleier; dieſer zeigte ſich bereits auch bei Good⸗ man; allein ſein Geiſt war ruhig und ſein Blick heiter.— Ergebung ruhte auf ſeiner Stirn der Tod hatte fuͤr ihn keine Schrecken. Nachdem er Valentin eine Zeit lang mit innigem Wohl⸗ gefallen betrachtet, ſchien plötzlich eine leichte Wolke ſein der Bauchredner. 15 Geſicht zu uͤberſchatten; er blickte im Zimmer umher, zog dann Valentin leiſe näher, und fliſterte ihm in das Ohr: »Mein Bruder.. ich ſehne mich nach meinem Bru⸗ der. meinſt Du wohl nicht, daß er jetzt zu mir kommen wuͤrde?« »O gewiß, gewiß, mit herzlicher Freude,« ſagte Va⸗ lentin.»Ich will ſogleich zu ihm gehn.« „Thu das, mein lieber Junge... Gott ſegne Dich! Sage ihm, ich ſehnte mich, ihm Lebewohl zu ſagen; aber eile, denn ich fuͤhle, daß meine Stunde gekommen iſt.« Valentin druͤckte ſeine Hand wieder, verließ das Zim⸗ mer, und eilte ohne Verzug nach Walter's Wohnung, in der vollen Ueberzeugung, die bruͤderliche Liebe wuͤrde uͤber die Schaam den Sieg davontragen, und Walter ſeiner Bitte ſogleich nachgeben. Er kam vor dem Hauſe an, ſah aber kein Licht. Es war allerdings ſpaͤt, aber doch fruͤher, als Walter zur Ruhe zu gehen pflegte. Er klopfte, empfing aber keine Antwort; er klopfte von Neuem und wiederholt, aber noch immer erſchien Riemand. Endlich aber, nachdem er ſo heftig geklopft und gelaͤutet hatte, daß er die Sie⸗ benſchläfer damit erweckt haben wuͤrde, hoͤrte er, wie eins der obern Fenſter geoffnet wurde, ſah hinauf und bemerkte den Kopf einer Frau, welche mit kreiſchender Stimme rief 176 Valentin Vor „Wer iſt da?« „Ich muß augenblicklich Mr. Goodman ſprechen,« rief Valentin.»Heffnen Sie die Thuͤr.« „Gehn Sie fort, Sie betrunkener Mann!« rief das Frauenzimmer.»Ein Mann dieſes Namens wohnt hier nicht.« „Aber, beſte Frau,« ſagte Valentin, nachdem er ſich uͤberzeugt, daß er ſich in dem Hauſe nicht geirrt habe:— »er hat hier gewohnt.. konnen Sie mir nicht ſagen, wo er zu finden iſt?6 „Ich weiß nichts davon. Ich bin nur in dem Hauſe, um die Aufſicht daruͤber zu fuͤhren! Die Familie, welche in voriger Woche auszog, iſt weithin auf das Land gereist Ich weiß nicht wohin, aber fort ſind ſie.« Die Frau verſchloß das Fenſter, und Valentin begab ſich nach dem gegenuͤberliegenden Wirthshauſe wohin, wie er wußte, Horace zu gehn pflegte... und hier er⸗ fuhr er, daß Walter und ſeine Familie, nachdem ſie Alles verkauft, wirklich die Stadt verlaſſen hätten; aber wohin ſie gegangen, konnte er nicht erfahren. Er kehrte daher raſch nach Hauſe zuruͤck, und da ihm natuͤrlich daran lag, Alles von Goodman fern zu halten, was ihm im Geringſten unangenehm ſein koͤnnte, ſo nahm z ji der Bauchredner. 177 er ſich vor, ihm, bis auf das nackte Factum, daß Walter abweſend ſei, Alles zu verheimlichen. Als er leiſe in das Zimmer zuruͤckkehrte, waren Good⸗ mann's Augen geſchloſſen wie im Tode; in dem Augen⸗ blicke jedoch, als er eintrat, oͤffneten dieſelben ſich wieder, und richteten ſich forſchend auf ihn, als er dem Bette nä⸗ her trat. »Er will kommen?« fragte Goodman ſchwach, denn ſeine Kräfte nahmen raſch ab...»Er will kommen?« »„Er wuͤrde es,« entgegnete Valentin, vo gewiß, er wuͤrde gekommen ſein; leider aber iſt er verreist. ⸗ „Wohl, wohl. Das Wiederſehn moͤchte ſchmerzlich fuͤr ihn geweſen ſein S ja, ſehr, ſehr qualvoll. Sage ihm ja, daß Alles, Alles vergeſſen und vergeben ſei. Es würde mir eine herzliche Freude geweſen ſein allein fuͤr ſeinen Frieden... fuͤr ſeinen Frieden„iſt es viel⸗ eicht beſſe Valentin ſetzte ſich neben ihn, und behielt die eine Hand deſſelben in der ſeinigen; und während der Arzt, der in jedem Augenblicke ſeinen Tod erwartete, mit aͤußerſter Auf⸗ merkſamkeit Goodmams Zuͤge beobachtete, ſaß Onkel John in einem Lehnſtuhle und weinte bitterlich, aber ſchweigend. Valentin Vor. Iv. 12 178 Valentin Vor Goodman war ſein älteſter Freund: er war der Ge⸗ fährte ſeiner Kindheit geweſen; und während der Name deſ⸗ ſelben mit ſeinen fruͤheſten Erinnerungen verwoben war, war ihre Freundſchaft, als ſie Maͤnner wurden, durch die gegenſeitige Kenntniß ihres Werths, ihrer Redlichkeit und ihrer Herzensguͤte noch erhoͤht und gekraͤftigt worden. Er war daher tief ergriffen und vergoß, obwohl ſchweigend, bittere Thränen. „St! St!⸗ rief plotzlich der Sterbende, in einem durchdringenden Gelispel, nachdem er eine Zeit lang in die leere Luft geſtarrt.»Horch!... hoͤrt Ihr nicht?« Der Arzt erhob die Hand, zum Zeichen, daß Niemand reden moͤge. „Horch!.. horch!« fuhr der Sterbende wie in ſeli⸗ gem Entzuͤcken fort, erhob ſeine ſchwachen Hände und rich⸗ tete die Augen nach oben. Ein Seufzer entfloh ſeiner Bruſt.. ein ſchwerer lang⸗ ſamer Seufzer.... Es war ſein letzter. er athmete nicht mehr!.. Die Augen waren noch immer emporge⸗ richtet, aber ſeine Seele war entflohen!—— der Bauchredner. 179 So ſtarb der wohlwollende, menſchenfreundliche Good⸗ man, als das Opfer eines ſchauderhaften, barbariſchen Sy⸗ ſtems, das lange Zeit hindurch ein verderblicher, gefraßiger Krebsſchaden der Civiliſation war, und noch jetzt, ſo lange es beſteht, auf uns als Chriſten, wie als Menſchen, die tiefſte Schmach ladet. Valentin Voy Sechsundfunfzigſtes Kapitel. Horace meldet ſeinem Vater was geſchehen iſt. Beinahe vierzehn Tage verfloſſen ſeit dem im vorigen Kapitel erzählten traurigen Ereigniſſe, bevor Valentin ſich von ſeiner Trauer einigermaßen erholt hatte. Er hatte den armen Goodman freilich nur wenig gekannt, da deſſen Ein⸗ ſperrung bald nach ſeiner Ankunft geſchah, allein der Tod deſſelben machte dennoch einen tiefen Eindruck auf ihn, denn er hatte genug von ihm geſehen, um uͤberzeugt zu ſein, daß Niemand ein Herz voll reinern Wohlwollens beſitzen konne. Auch Louiſe war tiefer ergriffen als man hätte glauben ſollen, da Goodman ein Mann war, den ſie nie geſehen. Sie kannte jedoch, was ihm begegnet war, kannte ſeine grauſame Einkerkerung und die brutalen Gewaltmittel, wel⸗ che ſeinen Tod veranlaßten, und dieſe Kenntniß wurde ſtets von dem Gedanken begleitet, daß ihr Vater einſt derſelben Mittel ſich bedient habe. Dieſer Todesfall ergriff daher ſie, wie Alle, ungemein; denn waͤhrend Onkel John ſeinen ge⸗ —— ———— der Bauchredner. 181 ſchiedenen Freund betrauerte, als wäre ihm ein Bruder ent⸗ riſſen, wurde Whitely noch empoͤrter gegen Raven, und Raven ſelbſt ſchien die eigne Selbſtachtung verloren zu haben. Einer jedoch war da, den der Vorfall noch tiefer er⸗ grif:— Walter. Horace war von ihm in der Stadt gelaſſen, um zu beob⸗ achten, was ſich ereignete, und von Zeit zu Zeit Bericht abzuſtatten; er ſtand in fortwaͤhrender Communication mit der Magd, welche die Aufwartung bei Goodman beſorgte, und der er die Ehe verſprochen hatte,„ſobald der alte Mann todt ſei.. Er erfuhr daher Alles ſehr bald, und hatte kaum vernommen, daß Goodman todt ſei, als er vorſprach, um ſich nach deſſen Befinden zu erkundigen. Als er die einzige Antwort empfing, die unter dieſen umſtänden moͤglich war, gerieth er natuͤrlich außer ſich.... Er hatte ſich zu dieſer Komoͤdie vorbereitet; ſie gehörte mit zu ſeinem Plane; und nachdem er in dem ihm eigenthuͤm⸗ lichen Style der Wittwe Smugman, deren Kummer un⸗ ſäglich war, ſeinen Antheil daran ausgedruͤckt, dankte er ihr fuͤr dieſe Anhaͤnglichkeit an ſeinen Onkel, und bat ſie, Valentin zu einer Unterredung mit ihm zu veranlaſſen, da⸗ mit er erfuͤhre, ob irgend etwas da ſei, was er thun könne. Die geruͤhrte Wittwe— welche nun Horace fuͤr einen 182 Valentin Bor jungen Mann zu halten begann, der ſchändlich verleumdet ſei— war natuͤrlich gleich dazu bereit, und ging nach dem Wohnzimmer, wo Valentin mit Onkel John ſaß. Hier verſuchte ſie, durch ihre Beredtſamkeit Valentin zu bewegen, denjenigen zu ſehen, welchen ſie den„armen betruͤbten jun⸗ gen Herrn« nannte. Bei Valentin jedoch bedurfte es keines Zuredens; ſobald er hörte, daß Horace unten ſei, ging er hinab, und freute ſich, als er zu bemerken glaubte, daß Horace noch nicht fur jedes Gefuhl abgeſtorben ſei; denn letzterer hatte ſeinem Geſichte den erforderlichen Ausdruck gegeben, während der Pon, in welchem er ſprach, von wirklichem Kummer zu zeugen ſchien. Die unterredung war nur kurz. Valentin erzählte ihm Alles, was vorgefallen ſei, und hob beſonders Goodman's ernſten Wunſch hervor, ſeinen Bruder vor ſeinem Dahin⸗ ſcheiden noch zu ſehen; und als Horace durch einen ſchlauen Winkelzug herausgebracht, daß das Teſtament nicht geän⸗ dert worden ſei— was eigentlich das einzige war, wonach er etwas fragte— verſprach er, ſeinem Vater ſogleich Alles mitzutheilen, und empfahl ſich. Das Land iſt ohne Zweifel der unpaſſendſte Aufenthalt fuͤr Jemand, der ein boͤſes Gewiſſen hat. Das empfand der Bauchredner. 183 auch Walter. Die Ruhe, welche er hier ringsumher ſah, contraſtirte ſo ſchlagend mit der beſtändigen Aufregung ſei⸗ nes Innern, daß es ihn faſt toll machte. Trinken war das einzige Mittel, durch welches er ſich Erleichterung verſchaffen konnte. Mochte er ausgehn oder zu Hauſe bleiben, es war fr ihn immer daſſelbe:— uͤberall trat ihm Ruhe entge⸗ gen, nur in ſeinem Gewiſſen wohnte ſie nicht, und das marterte ihn ſo unabläͤſſig, daß er an eben dem Tage, an welchem Goodman ſtarb, den Entſchluß faßte, nach der Stadt zuruckzukehren, und zwar nicht bloß, um dort der Qual zu entgehen, welche die ländliche Ruhe in ihm er⸗ zeugte, ſondern auch, um ſeinen Bruder zu beſuchen und ſeine Verzeihung zu erflehen. Das hatte er feſt beſchloſſen, und war eben im Begriff, ſeiner Frau dieſen Plan mitzu theilen und auf die unmittelbare Abreiſe zu dringen, als Horace anlangte. „Was iſt geſchehen?« fragte Walter, als er ihn ein⸗ treten ſah. „Nun, nun, ſetze Dich nur erſt,« ſagte Horace,»und gerathe nicht gleich in Hitze. Nimm einen auf die Lippe und gieb mir einen dito, und ſobald ich dann meinen Ben⸗ jamin ausgezogen, will ich Alles gruͤndlich vortragen. Eher kann ich nicht.« 3 184 Balentin Vor Walter zitterte. Er dachte nicht an ſeines Bruders Tod, aber es war ihm, als waͤre etwas geſchehen, was ſie Alle mit einem Male in das Verderben ſtuͤrzte. »„Wohl,« ſagte Horace, nachdem er es ſich bequem gemacht,„die Sache iſt noch ganz gut abgelaufen.⸗ „Welche Sache?« fragte Walter ungeduldig. „Nun, der Alte iſt hin, und„„ bin toptno 12 »Nun, was denn ſonſt!« entgegnete Horace.„Komm, komm, komm,« fuhr er fort, als er bemerkte, wie heftig dieſe Nachricht ſeinen Vater ergriffen.»Nun iſt es genug, Du machſt es zum Entzuͤcken gut!. doch nun laß es gut ſein es iſt genug.. Laß dieſe Poſſen„ „Schweig!« donnerte Walter in furchtbarer Wuth. »Allerliebſt!. es wuͤrde prächtig klingen, wuͤrde es in Muſik geſetzt; allein ich muß ſagen, der Ton harmonirt nicht ganz mit meinen Gefuͤhlen. Habe ich nicht Alles ge⸗ than, was ich konnte?.. Habe ich ihnen nicht weißge⸗ macht, die Papiere, die ich ihnen uͤbergab, ſeien wirklich die Papiere und weiter nichts? und ließ ich mir dar⸗ uͤber nicht eine Quittung geben?.. und kriegte ich nicht die Magd herum, und machte ihr weiß, ich waͤre unver⸗ heirathet und wollte ſie heirathen, um Alles aus der erſten der Bauchredner. 185 Hand zu erfahren? und doch heißt es: Schweig!.. Das iſt der Lohn der Tugend!« „Horace!... Horacel« rief die Mutter,»um Gottes⸗ willen, halte ein.« „Einhalten!... Ja, ja, das iſt es eben, was ich Dankbarkeit nenne.« „Wir wiſſen, wie viel Du gethan, wir erkennen es, und wiſſen es zu ſchätzen.« „Ja, das ſcheint allerdings ſo!.. es ſieht genau ſo aus.« »Allein, im Namen des Himmels! rede mehr wie ein Chriſt.⸗ „Mehr wie ein Chriſt!.. Nun, das iſt wahrhaftig genug, um jedem Menſchen den Magen zu verderben. Wie ſoll ich denn reden?« »Minder unmenſchlich, Horace! Es geht Einem durch Mark und Bein.« „Das wundert mich gar nicht. Aber was fällt dem Alten denn ein? Er hat noch nicht den vierten Theil von dem gehoͤrt, was ich ihm zu ſagen habe.« „So ſag mir Alles,« rief Walter,»„und gleich mit einem Male.« „Sprich doch nicht in einem ſo unangenehmen Tone. 186 Valentin Vor Waͤre er nicht ſo rauh, er wuͤrde weit milder ſein. Schon vorhin hätte ich Alles ausgekramt, wäreſt Du mir nicht in das Wort gefallen.... Aber wem meinſt Du wohl, daß er ſein ganzes Vermogen hinterlaſſen hat?... Rathe einmal.« „Vielleicht Valentin,« rief Miſtreß Walter,„es ſollte mich nicht wundern.« „Mir ware es ſchon recht,« meinte Walter,»es iſt mir ganz gleichguͤltig.« „Was!« rief Horace,»was wuͤrdeſt Du ſagen, wenn er den ganzen Kram Dir vermacht... wenn er Dich, trotz alles Vorgefallenen, zum einzigen Erben eingeſetzt.. und wenn er, wie ein guter Chriſt, Alles vergeſſen und vergeben hätte?* »Iſt das wirklich der Fall?« fragte Walter mit dem tiefſten Ernſt.»Hat er das wirklich gethan?⸗ „So iſt es. Keinem Andern hat er auch nur den Werth eines Pfennigs hinterlaſſen.« „Gott ſei gedankt!« rief Miſtreß Walter; allein Wal⸗ ter ſelbſt wurde ſtarr und ſchweigend. Hätte ſein Bruder das geringſte Gefuͤhl von Feindſchaft oder Rache gezeigt; haͤtte er ihn, zur Strafe fuͤr ſein unnatuͤrliches Benehmen, im Elend gelaſſen, es wuͤrde ihn nur leicht beruͤhrt ha⸗ der Bauchredner. 187 ben:— er hätte es nur als eine Strafe betrachtet, und all ſeine Kraft wuͤrde ſich auf die Mittel gerichtet haben, dem Elend dadurch zu entgehen, daß er dasjenige, was er einmal in Haͤnden hatte, ungeſetzlich behielte. Nun ſein Bruder aber handelte, als ware man ihm nur mit Wohl⸗ wollen und bruderlicher Liebe entgegengekommen, durchſchnitt es ihm das Herz. „Wie la rief Horace, welcher erwartete, ſein Vater wuͤrde vor Freude außer ſich ſein,»Du ſcheinſt jetzt grade nicht recht auf Deinem Schick zu ſein.« Walter ſtand auf und ging hinaus; ſeine Augen ſchie⸗ nen aus dem Kopfe herausdringen zu wollen, waͤhrend er ſtohnte, mit den Zähnen knirſchte, und ſich mit den geball⸗ ten Händen wuthend vor die Stirn ſchlug. „Sag einmal,« bemerkte Horace,„haſt Du je ſo et⸗ was geſehen? Ich bringe ihm die beſten Nachrichten, die er moͤglicherweiſe bekommen kann, und ſtatt in Extaſe zu gerathen, läuft er davon und paukt ſich vor ſeinen alten Kopf, wie Jemand, der keine Hoffnung mehr hat.« „Die Nachricht von dem Tode ſeines Bruders hat ihn ergriffen,« ſagte Mrs. Walter,»und das iſt ſehr natuͤr⸗ lich. „Mag ſein, ſo weit das einzuſehen iſt; aber das iſt 188 Valentin Vor es uͤberall nicht, da wir ſeit Monaten täglich ſeinen Tod erwarteten.« »Wohl wahr; allein ſo lange derſelbe auch erwartet ſein mag, kommt er, ſo macht er immer ſeinen Eindruck.« „Nun ja, und das ſollte mich nicht wundern. Aber es war nicht der Tod, der ihn ſo ergriff; es war die Erb⸗ ſchaft, die ihn in dieſen Zuſtand verſetzte. Aber ich ſage nur, was ſind wir in dieſer Sache fuͤr Gimpel geweſen! Das iſt es, was ich bedenke. Wir werfen das Geld weg, wie Tolle, indem wir erſt die eine Häͤlfte opfern, um die andere zu behalten, und knauſern dann dermaßen, als haͤt⸗ ten wir nur auf ſechs Monate zu leben; waͤhrend wir, haͤtten wir uns ruhig verhalten, das Ganze im gewoͤhnli⸗ chen Wege der Natur bekommen haben wuͤrden, was uns in Stand geſetzt haben wuͤrde, den Reſt unſerer Tage in angenehmer Unabhaͤngigkeit zu verleben.« „Sehr wahr! ſehr wahr!.. Wir ſind in der That zu vorſchnell geweſen.« „PVorſchnell, ja; aber was mein Gefuͤhl am Meiſten verletzt, iſt der umſtand, daß wir eigentlich nichts davon gehabt haben. Das Geld iſt gradezu weggeworfen worden. Es iſt wahr, wir haben wenig Gluͤck gehabt, das muß jeder vernuͤnftige Menſch zugeben. Das dumme Feuer war der Bauchredner. 189 das erſte... es koſtete etwas uͤber eine Kleinigkeit. Dann der Verkauf der ſpaniſchen Papiere.. haͤtten wir eine halbe Stunde länger gewartet, wir wuͤrden noch einmal ſo viel dafuͤr bekommen haben. Dann der Verluſt des geheim⸗ nißvollen Taſchenbuches des Alten, mit den Banknoten dar⸗ in... das war ebenfalls ein ſchoͤner Segen. Solch ein Gluͤck iſt mir noch nicht vorgekommen, es uͤberſteigt meine Erfahrung. Und dann... daß wir jenes Haus mit dem vollſtändigen Inventarium fuͤr den hoͤchſten Preis kaufen, und es dann wieder zu dem allerniedrigſten Preiſe verkau⸗ fen, um hieherzuziehen, ſo daß wir nun jetzt wiederum ein neues Haus zu dem allerhoͤchſten Preiſe kaufen muͤſſen.... Das ſind redende Beiſpiele!« „Sehr wahr! Keinen Augenblick haben wir Ruhe oder irgend etwas Anderes, als Ungluͤck, gehabt, ſeit Dein Onkel nach jenem Orte gebracht wurde.« „Wir haben das Ding verkehrt angegriffen; die ganze Sache iſt ſchaͤndlich verpufft. Indeß muͤſſen wir uns jetzt ſo gut zu helfen ſuchen, als wir koͤnnen.« „Um das Moͤblement thut es mir leid. Hätten wir den Verkauf nur ein Paar Tage aufgeſchoben, ſo, ſiehſt Du, brauchten wir es jetzt gar nicht zu verkaufen.« 190 Valentin Vor „Das iſt eben das Schoͤne dabei. Wir thun Alles zur unrechten Zeit.* „Aber wer hätte das denken können? Wer haͤtte ahnen können, daß Dein Onkel, trotz des Vorgefallenen, ſo ver⸗ ſtändig, ſo guͤtig ſein wurde? Ich meinestheils habe das wenigſtens nie erwartet. Ich hätte es nie fuͤr möglich ge⸗ halten. Ich war feſt uͤberzeugt, als Du des Vermoͤgens erwähnteſt, er habe es jenem jungen Manne vermacht, deſſen Ankunft in der Stadt ich all unſer Mißgeſchick zuſchreibe, und daß wir folglich entweder das Land verlaſſen, oder uns verborgen halten muͤßten, um nicht durch die Gerichte rui⸗ nirt zu werden. Aber ſag, was Du willſt, Horace, Dein Onkel muß jedenfalls ein guter Menſch geweſen ſein.« »O, ich kann wohl ſagen, er war ein ganz anſtändiger alter Burſche. Vielleicht hätte ich ihn lieber gehabt, wenn er mich lieber gehabt haͤtte, denn das thut viel zur Sache; da er aber nach mir nicht viel fragte, ſo fragte ich auch nicht viel nach ihm. Aber wo ſteckt denn der Alte? Wir duͤrfen ihn unmöglich in ein offenbares Unwohlbefinden gera⸗ then laſſen. Ich kann wohl ſagen, bisweilen gefaͤllt mir ſein Ausſehn ganz und gar nicht.« „Ich furchte, er wird nie wieder derjenige werden, der er fruͤher war.« der Bauchredner. 191 „Hoͤre, es waͤre doch beſſer, wenn Du einmal nach ihm ſäheſt. Er koͤnnte wieder in ſeine Tollheiten verfallen, und uns noch mehr zu ſchaffen machen, als damals. Wenn ſeine Erſcheinungen wiederkommen, ſo kann das unmoͤglich gut thun.« Mrs. Walter benutzte den Wink und verließ das Gemach. Als ſie in das kleine hintere Sprachzimmer trat, fand ſie Walter am Tiſche ſitzen, mit den Augen in das Leere ſtar⸗ rend, und in tiefer Geiſtesqual ſtohnend. Sie redete ihn an er fuhr empor, aber gab keine Antwort. Sie ver⸗ ſuchte es, ihn aus ſeiner Träumerei zu wecken, doch ver⸗ gebens. Von dieſer Stunde an, wurde ſein Zuſtand wahrhaft abſchreckend. 192 Valentin Vor Siebenundfunfzigſtes Kapitel. Der Hochzeitstag wird auf das Neue angeſetzt. Als ein Monat nach des armen Goodman's Tode ver⸗ gangen war, ohne daß von der Hochzeit auch nur eine Sylbe erwähnt worden wäre, ſah Valentin ein, daß es, da jedes Hinderniß entfernt ſei, thöricht ſein wuͤrde, die Wiederan⸗ regung dieſes Gegenſtandes länger zu verſchieben, beſonders da er ſehr ungeduldig zu werden begann. Es ſah Louiſen täglich, ſpeiſ'te und ſprach mit ihr täglich, und ſah ein, daß ſie eben ſo gut verheirathet ſein konnten, als nicht; ja, er hielt erſteres jedenfalls ſogar für beſſery da ſie ſich als⸗ dann ruhiger und geſetzter, und ſo weiter, fuͤhlen wuͤrden. Nachdem er ſich daher uͤberzeugt, daß nichts vernuͤnftiger ſei, beſchloß er, die Sache wieder in Anregung zu bringen, und da nun er und Louiſe zu der Zeit, als dieſer Entſchluß zur Reife kam, ſich in dem Wohnzimmer allein befanden, ſo ſchloß er das Buch, welches er in der Hand hatte, und näherte ſich dem Tiſche, an welchein ſie ſeit einiger Zeit ſchweigend arbeitete. der Bauchredner. 193 Damen verſtehen faſt in jedem Falle die Abſichten ihrer Liebhaber, und ſo geſchah es denn auch, daß Louiſe kaum Valentin ſich geheimnißvoll dem Tiſche nähern ſah, als ſie mit außerordentlichem Eifer zu arbeiten begann, und fuͤhlte, wie ihre Wangen roth wurden. „Louiſe,« ſagte er,„ich mochte heute frohlich ſein. Ich vin nun lange genug traurig geweſen. Aber obgleich jene truͤbe Scene einen Eindruck auf mich machte, der nie ver⸗ wiſcht werden wird, ſo halte ich es doch fuͤr das grade Gegentheil von Weisheit, finſtere Gedanken zu naͤhren, bis ſie einen ſo großen Einfluß auf den Geiſt erlangen, daß ſie jede heitere Empfindung durch duͤſtere Farben truͤben.« Hier machte er eine Pauſe; Louiſe aber arbeitete mit dem großeſten Eifer fort, ohne das Geringſte zu erwidern oder auch nur die Augen außzuſchlagen. „Louiſe,« fuhr er fort,»Du biſt heute ja ungemein fleißig. „Ein ſehr zweideutiges Compliment,« entgegnete Louiſe. „Bin ich nicht immer fleißig?« „Dein Geiſt iſt immer thätig, ich geſtehe es zu; aber nie ſah ich Dich ſo eifrig arbeiten, wie in dieſem Augen⸗ blickze. Wirſt Du damit noch lange ſortfahren 2« „Womit denn?« Valentin Vor. W. 13 194 Valentin Vor „Nun, mit dem Moußline... oder was es ſonſt iſt. Nein, nein.. ich brauche es durchaus nicht zu wif⸗ ſen... Aber lange faͤhrſt Du damit nicht mehr fort.. nicht wahr?« »„Nein. Aber warum fragſt Du danach?« „Weit ich, wenn Du damit fertig biſt, uͤber einen gewiſſen nicht unintereſſanten Gegenſtand mit Dir reden moͤchte.« „Geht das nicht eben ſo gut, wäͤhrend ich arbeite?« „Nein, beſte Louiſe, nicht ganz, denn Deine Augen richten ſich dann auf die Arbeit waͤhrend ich ſie auf mich gerichtet zu ſehen wuͤnſche.« Louiſe legte ihre Arbeit zur Seite, und war ganz Auf⸗ merkſamkeit. „Ich ſagte eben,« fuhr er fort,„daß ich heute froͤh⸗ lich zu ſein wuͤnſchte.. Louiſe, wir muͤſſen Beide ſrohlich ſein.« „Ich fuͤrchte nur,« entgegnete Louiſe,„daß ich nie wieder ſo recht heiter werde ſein konnen.« „Das, mein fuͤßeß Maͤdchen, iſt eben die Wirkung des Einfluſſes, worauf ich hindeutete, und gegen den wir auf unſrer Hut ſein muͤſſen. Indeß freue ich mich, daß Du es fuͤrchteſt, da das den Wunſch einſchließt⸗ Du moͤchteſt der Bauchredner 195 lieber heiter ſein. Naͤhre dieſe Furcht, bis Du ſie als grund⸗ los erkennſt; unterhalte ſie, und Du biſt ſicher. Aber ich habe keine Furcht der Art, nicht einmal einen Zweifel, daß Du, und zwar bald, wieder dieſelbe liebe, kleine Tyrannin ſein wirſt, die Du vor drei Monaten warſt.⸗ Loniſe ſchuͤttelte das Haupt und ſeußzte. „Du natuͤrlich denkſt anders,« fuhr er fort.„Aber liebes Kind, wir muͤſſen den Kummer nicht ſo in in unſer Herz einſchließen, als liebten wir ihn. Er bleibt nicht aus, auch ohne daß wir ſeine Geſellſchaft ſuchen. Und wie ein vernünftiges Weſen ſolch einen Gefährten lieben kann, iſt mir unbegreiflich.« „Seine Beſuche,« ſagte Louiſe,„beſchränken ſich lei⸗ der nicht auf diejenigen, welche ihn lieben.« »„Freilich; allein begegnet man ihm muthig, ſo macht er ſich bald wieder davon. Nun aber bemerke ich, Louiſe, daß er etwas gar zu verliebt in Dich iſt; ſeine Zuneigung zu Dir wird in der That etwas auffallend; waͤre es daher nicht vielleicht vernuͤnftig, wenn Du ihm begreiflich machteſt, daß er von Deiner Seite auf keine Erwiderung zu hoffen habe? Was iſt Deine Meinung daruͤber, mein herziges Mädchen?« „Ich weiß es wahrhaftig nicht,« entgegnete Louiſe. 196 Valentin Vor „Biſt Du in den Kummer verliebt?« „Nein. „Wuͤnſcheſt Du nicht, Dich mit ihm fuͤr Dein ganzes Leben zu verbinden 2 4 „Gewiß nicht!« „Und wenn Du ein Mittel wuͤßteſt, dieſe ſchwere Buͤrde von Deinem Herzen abzuwaͤlzen, wuͤrdeſt Du es anwenden 2« „Mit Freuden!« „So ſoll die Sache ſchon gehen, und ich will Dir zei⸗ gen, wie es zu machen iſt. Doch muͤſſen wir zuvor zu ei⸗ nem gegenſeitigen klaren Verſtändniſſe kommen. Willſt Du Dich meiner Leitung anvertrauen? Gelobſt Du, meine In⸗ ſtructionen buchſtablich zu befolgen?« Louiſe ſchwieg, ſagte aber endlich: „Ja, ich gelobe es.« „Gut.. zuerſt alſo... und ich rechne auf den voll⸗ kommenſten Gehorſam.. zuerſt... warte... wir ha⸗ ben den ſechsten.. ja!... Gut.. beſtimme nun, an welchem Tage zwiſchen heute und dem zwanzigſten wir von unſerm Hauſe volligen Beſitz nehmen ſollen?* „O, daß iſt etwas ganz Anderes!« rief Louiſe.»„Wir ſprachen ja vom Kummer.« „Ganz recht; und da ich beſchloſſen habe, in jenem der Bauchredner. 197 Hauſe keinen Kummer zu dulden, ſo muͤſſen wir je eher, deſto lieber, von demſelben Beſitz nehmen... Vergiß nicht, daß Du mir Gehorſam gelobt!... zwiſchen heute und dem zwanzigſten.« „Du haſt mich uͤberliſtet! Du kannſt nicht erwarten, daß ich mich durch ein Verſprechen fur gebunden halte, wel⸗ ches Du mir abgelockt haſt. Doch im Ernſt, beſter Valen⸗ tin, bitte, laß es uns noch aufſchieben.« „Gut, mein Kind, es ſoll geſchehen... vorausgeſetzt, daß Du mir die Nothwendigkeit eines Aufſchubs beweiſen kannſt.« „Iſt mein bloßer Wunſch nicht genuͤgend?« „Das haͤngt ganz von der Regierungsform ab, unter welcher wir uns befinden. Iſt es ein abſoluter Despotis⸗ mus, ſo braucht der Wunſch natüͤrlich nur geäußert zu werden, um augenblicklichen Gehorſam zu finden; iſt es aber nur eine beſchränkte Monarchie, ſo muß zuvor auch die Zu⸗ ſtimmung des andern Theils eingeholt werden, ehe der Wunſch Geſetzeskraft bekommt. Allein ich dachte, Du wä⸗ reſt fuͤr den Augenblick meine Muͤndel... meine Unter⸗ thanin. Ich dachte, Du hätteſt verſprochen, mir zu gehor⸗ chen. War es nicht ſo? „Allerdings verſprach ich das; allein...„ 198 Valentin Vor »Das genügt Dein Wille bleibt dann natuͤrlich ganz aus dem Spiele, und mein Wille iſt das Geſetz, dem Du Gehorſam verſprochen. Dennoch bin ich zum Nachgeben er⸗ boͤtig, ſobald Du mir irgend einen triftigen Grund entge⸗ genſtellen kannſt.« „Ich weiß nichts, was Du als triftig gelten laſſen wuͤrdeſt; allein beſter Valentin. ich fuhle mich nicht. hinreichend... vorbereitet... ⸗ »Bis zum Zwanzigſten haſt Du Zeit gemug zur Vor⸗ bereitung. Bedenke, wie viel in vierzehn Tagen gethan werden kann. Bedenke auch nur das ſchoͤne Moͤblement! Es ſollte mir wirklich leid thun, wenn es verfiele; und verder⸗ ben wird es wahrſcheinlich, wenn wir die Sache noch länger ſo forttreiben.« »Oh! hoffentlich wird recht ſorgſam damit umgegangen.« »Kann ſein.. ich ſage, es kann ſein, aber Du weißt, wie Domeſtiken ſind, wenn ihnen Niemand auf die Finger ſieht. Allein davon abgeſehen, ich glaube, wir wur⸗ den uns dort heimiſcher, viel heimiſcher fuhlen. Morgen denn für den Augenblick dringe ich nicht darauf... morgen ſag mir den Tag, an welchem unſer Gluͤck wirklich beginnen ſoll, und vor dieſer freudigen Ausſicht wird jeder Kummer ſchwinden.« der Bauchredner. 199 Louiſe ſchwieg; Valentin war mit ſeinem Stuhle dicht an den ihrigen geruͤckt und hatte ihre beiden Haͤnde ergrif⸗ fen; und obgleich ſie die Augen feſt auf ihren Anzug zu heften ſuchte, ſo begegneten dieſelben doch alle Augenblicke den ſeinigen, was ſie natuͤrlich nicht verhindern konnte. „Louiſe!« ſagte er nach einer Pauſe, waͤhrend welcher er ſie mit der reinſten Bewunderung betrachtete;»was meinſt Du, ſollen wir heute Morgen nach unſerm Hauſe gehn, und zuſehen, wie das Moͤblement und das Uebrige ſich befindet 24 „Ach ja, das wuͤrde mir viel Freude machen.« „So wollen wir hingehn, mein ſuͤßes Mädchen, lauf hin, und ſetze Dich in Stand.« Louiſe erhob nun ihre Augen; und bevor ſie das Zim⸗ mer verließ, richtete ſie dieſelben feſt auf ihn, und ſagte, er ſei ein lieber, guter Junge, den ſie mit jedem Tage mehr lieben muͤßte; dafuͤr belohnte ſie denn Valentin auf geeignete Weiſe, und von Beider Herzen ſchien eine ſchwere Laſt ge⸗ waͤlzt zu ſein. „Ach, Louischen!« rief Llewellen, der zufaͤllig in dem Augenblicke eintrat, als ihre Li ppen ſich beruͤhrten.. „Oh!!« Louiſe erroͤthete, und eilte ſchnell aus dem Zimmer. 200 Valentin Vox Achtundfunfzigſtes Kapitel. Enthüllung eines neuen Geheimniſſes. Als Valentin und Louiſe einige Tage ſpäter, nachdem von Neuem alle Vorkehrungen zur Hochzeit auf den funf⸗ zehnten getroffen waren und die Gemuͤther ſich wieder be⸗ ruhigt hatten, in dem Wohnzimmer ſaßen und uͤber die frohe Ausſicht ſprachen, die vor ihnen lag, hielt eine Kut⸗ ſche vor dem Hauſe, und mit einer Miene, in welcher ſich Freude und unwillen ausſprachen, ſtieg Whitely aus der⸗ ſelben. »Großer Gott!« rief Louiſe erſchrocken.»„Was geht hier vor?« »Ruhig, mein ſüßes Mädchen; faſſe Dich!« ſagte Va⸗ lentin. »Sieh!« rief ſie betroffen und mit Thränen in den Augen, als ſie auch Joſeph ausſteigen ſah. Valentin! beſter Valentin.. Jetzt wird ſich etwas Schreck⸗ liches enthuͤllen.« der Bauchredner. 201 »Muth, Geliebteſte!... Warum willſt Du Dich mit ſelbſtgeſchaffener Furcht quaͤlen?« „Was moͤgen die hier wollen?« »Oh! vielleicht iſt Whitely nicht ganz zufrieden, wuͤnſcht vielleicht eine kleine Aenderung in den Ausdruͤcken des Con⸗ tracts.. tauſenderlei Dinge koͤnnen ihn veranlaßt haben, hieherzukommen.⸗ „Warum aber bringt er jenen Mann mit? Ach, Va⸗ lentin! mir iſt ſo angſt, ſo beklommen.« „Wohl, Louiſe, was auch geſchehen moͤge, laß uns ihm muthig entgegengehn. Ermanne Dich, Louiſe; ich weiß es, Du kannſt feſt ſein. Doch.. wir aͤngſtigen uns verge⸗ bens. Laß uns den Erfolg geduldig abwarten.« Waͤhrend dem hatte man Whitely und ſeinen Begleiter in das Viſitenzimmer gefuͤhrt. Letzterer war ſeinem Nach⸗ folger unbekannt, der daher zwiſchen jenen keinen Unter⸗ ſchied machte, und ſich vor Beiden verbeugte, als er ging, um Raven Vbhitely's Karte zu bringen. Raven ſaß grade in ſeinem Lehnſtuhl, in freundliche Traͤume von dem Gluͤck ſeiner geliebten Louiſe verſunken. Als er jedoch WVhitely's Karte ſah, fuhr er auf, wurde blaß wie der Tod und heftete dann ſeine Augen wild auf 202 Valentin Vor den Boden, bis er ſich nach einiger Zeit der Gegenwart des Dieners erinnerte und ſich zu faſſen ſuchte. »Dieſe Perſon,« ſagte er mit einer Bewegung der Hand, indem er ſo gleichguͤltig als moͤglich auszuſehn ſtrebte, »mag eintreten.. Sei ein Mann!« fuhr er gegen ſich ſelbſt fort, als der Diener ihn verlaſſen hatte.»Muth! Was kann ich fuͤrchten? Was iſt fuͤr Gefahr da?« Er ſtand auf, ſchlug an ſeine Bruſt, holte tief Athem und ſuchte die Furcht zu verſcheuchen, und hatte ſich eben einigermaßen wieder gefaßt, als Whitely in das Zimmer gefuͤhrt wurde. »Nun, Sir!« ſagte Raven;„was wuͤnſchen Sie?« Vhitely ſtand da, ſah ihn einen Augenblick wild an und ſagte dann mit ſarkaſtiſchem Lächeln: „Sie wundern ſich, mich bei ſich zu ſehen?« »Ja,« entgegnete Raven,»ich wundere mich. Ich dachte, Sie wuͤrden nun aufhoren, mich zu beläſtigen.« »Dazu hatte ich mich allerdings verbindlich gemacht, allein unter der Bedingung, daß, entdeckte ich irgend, daß Sie nicht offen mit mir zu Werke gegangen waren, unſer Vertrag als dadurch erloſchen angeſehen wuͤrde. Ich habe dieſes entdeckt; ich habe entdeckt... „Wohlan, Sir! Was haben Sie entdeckt?« der Bauchredner. 203 »Daß Sie ein vollendeterer Schurke ſind, als ich bis⸗ her geglaubt habe.« „Sir!« rief Raven, und ſprang wild von ſeinem Sitze auf.„Ich kann Vieles ertragen und habe Vieles ertra⸗ gen; wenn Sie aber glauben, ich ließe mich mit Fuͤßen tre⸗ ten, ſo irren Sie. Sind Sie ausdruͤcklich hiehergekommen, mich zu beleidigen? Iſt das der einzige Zweck Ihres Kom⸗ mens?« »Nein,« entgegnete Whitely,»ich komme in der Ab⸗ ſicht hieher, meine Kinder zuruͤckzufordern!... meine Kinder, Schurke!« In dem Augenblicke eilten Valentin, Llewellen und Louiſe in das Zimmer. »Um Gotteswillen! was giebt es hier?« fragte Va⸗ lentin, waͤhrend Louiſe auf Raven zuflog und ihn zu beru⸗ higen ſuchte.»Was bedeutet dieſes 2« „Er iſt toll!« ſchrie Raven;— ver iſt toll!« »„Was giebt es hier?« wandte Valentin ſich an Whi⸗ tely.»Was wollen Sie hier? Iſt das recht. iſt das billig. da Sie ſich doch bereit erklärt hatten, die Sache ruhen zu laſſen?« „Valentin,„ ſagte Whitely, indem er ihn beinahe bit⸗ tend anſah.»Ich achte Sie und habe Sie ſtets hochge⸗ 204 Valentin Vor Se, ſchätzt. Zerſtoͤren Sie dieſe Achtung nicht dadurch, daß Sie ſich ſo hitzig in eine Sache miſchen, deren Wichtigkeit Sie nicht kennen. Ich bin gekommen, nm meine Kinder zuruͤck⸗ zufordern. Sie ſind hier.. Dieſe ſind meine Kin⸗ der!« Die Wirkung dieſer Worte war elektriſch. Ein Schau⸗ der uͤberlief Alle; aber Louiſe klammerte ſich noch feſter an Raven, der fortwaͤhrend erkläͤrte, jener ſei toll. »Nein,« rief Whitely,»ich bin nicht toll. Es ſind meine Kinder. Si kennen mich nicht, und das iſt ſehr natuͤrlich, obgleich es eine Zeit gab... doch die iſt ja vorüber.« »„Mr. Whitely,« ſagte Valentin,»Ihr Benehmen zeigt, daß Sie nicht unbedacht handeln. Welche Beweiſe haben Sie 74 „Ja!« rief Raven„„welche Beweiſe hat er? Mag er ſeine Beweiſe vorbringen!« „Ich habe Beweiſe... genuͤgende Beweiſe, und werde ſie vorbringen!« rief Whitely, indem er aus dem Zimmer eilte.— Während ſeiner Abweſenheit ward keine Sylbe geſpro⸗ chen. Alle waren wie betäubt und harrten in athemloſer Erwartung auf ſeine und ſeines Zeugen Ruͤckkehr. „ ——— der Bauchredner. 205 Als Raven dieſen erblickte, fuhr er auf, als haͤtte er ein Geſpenſt geſehen. „Kennen Sie mich nicht?« ſagte der Kerl höhniſch. „Teufel!« rief Raven,»Du biſt es 74 „Niemand anders! So haben wir Sie denn end⸗ lich gefangen! Sie meinten, ich wäre in Amerika, nicht wahr? Hoffentlich empfingen Sie meinen freundſchaftlichen Brief, da„ »Ruhig, Kerl« rief Valentin. „Kerl 1« „Ja, Kerl!.. Sag' aus, was Du von dieſer Sa⸗ che weißt, und kein Wort mehr.« „Es iſt mir, als wuͤrde ich an Euch Allen mein Muͤth⸗ chen kuͤhlen. Ich bin Euch Allen einen kleinen Denkzettel ſchurdig.« „Unterdruͤcken Sie jetzt,« ſagte Whitely,„jedes Ge⸗ fuͤhl der Feindſchaft oder des Zorns, und antworten Sie mir deutlich und der Wahrheit gemäß. Dort ſteht Miß Raven, hier Mr. Llewellen. Weſſen Kinder ſind dieſelben 24 „Die Ihrigen.« Raven ſprang plötzlich auf, als wolle er den Zeugen ergreifen; der aber ſtemmte den Fuß gegen die Thuͤr und rief: 206 Valentin Vor „Bleiben Sie mir vom Leibe!... Ich weiß, was Sie vorhaben, aber ich laſſe mich nicht hinauswerfen!⸗ „Das iſt auch Niemandes Abſicht,« bemerkte Valentin. »Ich habe mit Ihnen nichts zu ſchaffen; ich ſage nur die Wahrheit, und er weiß es und darum fährt er ſo auf.« „Hoͤren Sie mir zu, Sir,« unterbrach ihn Whitely, „Sie ſagen, dies waͤren meine Kinder?« »Natürlich, und er weiß es. ⸗ „Aber woher wiſſen Sie es 7« »Wie! war ich nicht bei ihnen, als ſie noch Kinder waren, und ſind ſie mir ſeitdem je auch nur einen Augen⸗ aus dem Geſichte gekommen? Weſſen Kinder ſollten ſie auch ſein? Er hatte nie Kinder, auch nie eine andere Frau, als die Ihrige, die an gebrochenem Herzen ſtarb... und nahm ſie nicht die Kinder mit, als ſie Ihr Haus verließ? Nicht wahr, da iſt doch wohl kein Irrthum moöglich?« »„Haben Sie keinen andern Beweis, als das Wort die⸗ ſes Mannes?« fragte Valentin.»und ſind Sie auch feſt uberzeugt, daß er dieſe Fabel nicht erfunden habe, um ſeine Bosheit zu befriedigen?« »Ich bin davon feſt aberzeugt.⸗ »Natuͤrlich!« rief Joſeph.„Und wäre er's nicht, ich der Bauchredner. 207 wollte ihn ſchon dahin bringen. Ich kann Documente und Zeugen ſtellen; aber ſehen Sie ihn nur an! Daran wer⸗ den Sie ſehen, ob ich die Wahrheit ſage, oder nicht. Se⸗ hen Sie ihn nur an.. weiter iſt nichts nöthig. Er hat nicht die Courage, zu behaupten, es wären ſeine Kin⸗ der; er weiß, daß das, was ich ſage, richtig iſt'. er leugnet es nicht und hat es auch bis jetzt noch nicht ge⸗ leugnet.« »Vater! rief Louiſe in Todesqual,„Vater!..„Ich füͤhle, daß Du noch immer mein Vater biſt.. ſtets haſt Du mich wie Dein Kind behandelt... iſt es.. nein! ich kann, ich mag es nicht glauben!« »Mag er es leugnen!... mag er es leugnen!« »Nur ein Wort, Vater!« rief Louiſe,„nur ein einzi⸗ ges Wort, um jenen Elenden auf immer zum Schweigen zu bringen. Iſt es wahr?« »Mein Kind!. mein ſüͤßes, liebes Kind!... Jal es iſt wahr« rief Raven, und ſank zerſchmettert in ſeinen Lehnſtuhl. 208 Valentin Vor Neunundfunfzigſtes Kapitel. Erklärungen gller Art. Durch dieſes Bekenntniß ward jeder Zweifel aufgeho⸗ ben; und waͤhrend Louiſe noch immer Raven umklammert hielt, als könne ſie ſelbſt dann noch nicht an die Wahrheit glauben, bat Valentin, der ſich durch nichts aus der Faſ⸗ ſung bringen ließ, Whitely, ſich mit ihm zu entfernen, da⸗ mit die Wirkungen der plötzlichen Entdeckung einigermaßen nachließen, bevor weitere entſcheidende Schritte gethan wuͤr⸗ den. Whitely willigte ein, und ſie verließen das Zimmer; das Geſicht mit den Händen bedeckt, blieb Louiſe an der Seite Raven's, der ſich in der tiefſten Verzweiflung zu be⸗ finden ſchien, wäͤhrend Llewellen ſo bewegungslos hinter ihm ſtand, als wäre er voͤllig zu Stein geworden. Als Valentin und Whitely in dem Beſuchzimmer an⸗ kamen, ſetzten ſie ſich an den Tiſch, um zu uͤberlegen, wel⸗ cher Weg unter ſolchen Umſtänden am Beſten eingeſchlagen werden koͤnnte, während der ſentimentale Joſeph, um ohne Verdacht horchen zu koͤnnen, an ein Fenſter trat, ein Ge⸗ der Bauchredner. 209 ſangbuch aus der Taſche zog, und in religioſe Betrachtun⸗ gen vertieft zu ſein ſchien. „Hinſichtlich der Richtigkeit der Ausſage jenes Mannes,« begann Valentin,»kann kein Zweifel mehr herrſchen, da Raven ſelbſt es zugeſtanden hat; es fragt ſich daher nur, welches Verfahren unter dieſen Umſtänden das geeignetſte ſei.« „Das iſt die einzige Frage,« ſagte Whitely,„ich wuͤnſche nichts vorſchnell.. nichts ohne die nothige ue⸗ berlegung zu thun.« »„Davon bin ich uͤberzeugt, ſo wie nicht minder davon, daß Sie, wie wenig Sie ſich auch um Raven's Empfindun⸗ gen kuͤmmern moͤgen, doch Alles vermeiden werden, was dem Schmerz der armen Louiſe neue Rahrung geben könnte.« »Natuͤrlich liegt mir Alles, Alles daran, die Empfin⸗ dungen meines geliebten Kindes zu ſchonen,« erwiderte Whitely. »„In dieſer Ueberzeugung,« fuhr Valentin fort,»darf ich Ihnen voll Vertrauen den Vorſchlag machen, nicht auf Louiſens augenblickliche Entfernung aus dieſem Hauſe zu dringen.« »Wie!« rief Whitely,»ich ſollte ſie hierlaſſen, und Valentin Vox. IV. 14 2¹0 Valentin Vor noch dazu bei dem Elenden, der ſie mir auf immer vor⸗ enthalten haben wuͤrde? »O, es iſt nur fur den Augenblick! vis ſie ruhiger geworden!.. bis die Sache arrangirt iſt. Sie werden doch nimmermehr fordern, daß ſie ſogleich aufbrechen ſoll, ohne ihr Zeit zu der geringſten Vorbereitung zu laſſen? Ich moͤchte, Sie ſpraͤchen mit meinem Onkel daruͤber. Wol⸗ len Sie hierbleiben, bis er kommt? Ich werde ihn ſogleich ſenden.« »Ich werde ihn mit dem groͤßeſten Vergnuͤgen erwar⸗ ten; denn ehe ich weitere Schritte thue, wuͤnſche ich von Herzen, zuvor mit ihm zu reden.« Valentin klingelte, ſchrieb raſch ein paar Zeilen an ſeinen Onkel, worin er ihn bat, ohne Verzug zu kommen, und trug dem Diener auf, ſo ſehr als moͤglich zu eilen, da es eine Sache von der groͤßeſten Wichtigkeit ſei. Wäͤhrend der Diener auf das Billet wartete, erblickte er den ſentimentalen Joſeph... trotz dem, daß dieſer die Augen feſt auf ſein Buch gerichtet hatte, damit ſie nicht auf irdiſche Dinge fallen möchten. und nachdem er ſich uͤberzeugt hatte, daß es Joſeph, und kein anderer, als Jo⸗ ſeph, ſei, nahm er das Billet und verſprach die groͤßeſte Eile; ehe er jedoch das Haus verließ, theilte er das, was der Bauchredner. 211 er geſehen, der uͤbrigen Dienerſchaft mit, die es denn über⸗ nahm, bis zu ſeiner Ruͤckkehr auf Alles ein wachſames Auge zu haben. Sobald der Brief abgeſandt war, bat Valentin Whi⸗ tely, ihn zu entſchuldigen, und kehrte zu Louiſen zuruck, die er in Thraͤnen mit Llewellen auf dem Sopha fand, wäh⸗ rend Raven, die Augen mit der Hand bedeckend, noch im⸗ mer bewegungslos in ſeinem Lehnſtuhle ſaß. „Ach!« ſagte Louiſe, indem ſie Valentin die Hand ent⸗ gegenſtreckte,»dieſer Schlag iſt ſehr, ſehr hart.⸗ »Ja,« entgegnete Valentin und ſetzte ſich neben ſie, „der Schlag iſt gar hart, aber ſelbſt das darf uns nicht beugen.« Louiſe ſchuͤttelte traurig den Kopf und ſeufzte. »„Muth, Louiſe, Muth!« fuhr Valentin fort.»Gehe jetzt; komm, wir wollen meine Mutter aufſuchen. bei ihr wirſt Du ruhiger ſein.. komm!„ Er zog ſie von dem Sopha auf, und führte ſie ſanft nach der Thuͤr. Kaum jedoch hatte ſie dieſe erreicht, als Raven rief: „Louiſel« Sie drehte ſich augenblicklich um, flog in ſeine ihr ent⸗ gegengeſtreckten Arme, und rief: 212 Valentin Vor »Vater!. Oh!.. bleibe mein Vater!« Sie lag eine Zeit lang in Raven's ſie umſchlingenden Armen, aͤußerte aber kein Wort; ſie ſchluchzte laut, wäh⸗ rend Thränen uͤber Raven's gefurchte Wangen liefen, und Beide ſchienen die ſchrecklichſte Seelenqual auszuhalten. Endlich naͤherte ſich Valentin, um ſie wo möglich zu einer Trennung zu bewegen, bis ſie ruhiger geworden; und das gelang ihm denn auch, nachdem er wiederholt erklärt hatte, daß er nimmermehr zugeben wuͤrde, daß Louiſe ohne Weiteres aus dem Hauſe gebracht wuͤrde. »Ich vertraue Ihnen mit feſter Zuverſicht,« ſagte Ra⸗ ven.»Was ich auch ſein oder ſcheinen mag... denn in dieſem Falle erſcheine ich ſchlechter, als ich bin ich weiß, Sie werden nicht zugeben, daß man ſie jetzt von mir wegreißt.« Valentin wiederholte ſein Verſprechen, und verließ mit Louiſen das Gemach. Die Wittwe wußte von dieſer Entdeckung noch kein Wort. Zwar hatte ſie von einer der Mägde gehoͤrt, es ſei irgend etwas vorgefallen, aber hinſichtlich der Sache ſelbſt war ſie in der vollkommenſten Unkunde, bis Valentin ihr Louiſen brachte und Auftlaärung gab. Wie ſehr ſie er⸗ ſtaunte, kann man leicht denken. Sie geſtand, daß ſie in der Bauchredner. 213 der That nicht wiſſe, was ſie davon denken oder ſagen ſollte, und nachdem Valentin ihr geſagt, daß es bis zu ausgemachter Sache am Beſten ſei, wenn ſie ſo wenig als moͤglich daran daͤchte, verließ er die beiden Damen, um zu Whitely und deſſen gefuͤhlvollen Geſellſchafter zuruͤckzukeh⸗ ren. Auf der Treppe begegnete ihm Llewellen, der ſich in ei⸗ nem wahrhaft traurigen Zuſtande befand. Seine geſamm⸗ ten geiſtigen Fähigkeiten ſchienen in Unordnung gerathen zu ſein:— er ſah wie ein moraliſch desorganiſirter Mann aus. „'ne ſchoͤne Keſchichte, mein lieper Junge,« ſagte er. »Kott feiß, fas noch traus ferden ſoll. Aper fas iſt zu thun?.. O kommen Sie mit, und ßagen Sie mir, was i thun ßoll.« Damit nahm er Volentin's Arm, fuͤhrte ihn in ein Zimmer, und wiederholte: „Fas iſt zu thun?. Fie ßoll i handle? Fas kann i thun?... J weiß mir nit zu helfen. Sa⸗ gen Sie mir, fas muß i thun?« „Gedulden Sie ſich nur kurze Zeit, Freund, dann werde ich wiſſen, wozu ich Ihnen rathen kann. Fuͤr den Augen⸗ 214 Valentin Vor blick wuͤßte ich nur eins, wozu ich Ihnen rathen koönnte, namlich, daß Sie ſich ganz ſtill verhalten. ⸗ „Aber tas Eine nur noch:— muß i klauben, taß Mr. Phitely firklich mein Vater iſt?« »Meiner Meinung nach kann daruͤber jetzt kein Zwei⸗ fel mehr herrſchen.« »Recht kut, recht kut tas, aper ßehn Sie, es fird mir ſo ſchwer falle, ihn Vater zu nennen.« »Anfangs wird es Ihnen allerdings ſonderbar vorkom⸗ men, doch gewoͤhnen Sie ſich ohne Zweifel bald daran.⸗ »Kanz kut, mein Junge, aper i klaub's nit. Hap' i tenn nit in Caermarthen meine Vaterſtadt?« »Schwerlich, wenn Mr. Whitely Ihr Vater iſt.« »Aper i klaub's nit, taß er mein Vater iſt. Noch heut fill i nach Caermarthen ſchreiben, und meinen eignen Va⸗ ter. tas heißt meinen Vater Llewellen.. fragen, ob er mein Vater iſt, oder nit. Sakt er, er ſei es, ſo feiß i, fas i z'thun hab'; i klaub' dann tieſem Phitely nit, und kämen ihrer zehntauſend. Ja, ja, noch heut ferd'i ſchreibe.⸗ »Warten Sie noch, beſter Fred, gedulden Sie ſich,« ſagte Valentin;„warten Sie wenigſtens noch einen oder zwei Tage.« . der Bauchredner. 2¹5 „Kut, kut; fenn Sie es fur peſſer halten, ſo fill i's thun.« hi „Noch ehe dieſer Tag zu Ende geht, werden wir ohne Zweifel mehr, weit mehr erfahren, als wir jetzt wiſſen.« „Kut, ſo fill i tas Schreiben aufſchieben; aper i kann mich nit uͤberwinten, jeden fuͤr meinen Vater zu halte, ter ſich tafuͤr auskiebt, ohne alle Peweiſe, Kott feiß es. Aber, ſag' i,« fuhr er mit ſeltſamem Ausdrucke fort,»kurios müßt's toch ſein, fenn es ſich herausſtellte, taß Louischen meine Schweſter färe i ſag', fenn ſie's färe. Faͤr' tas Alles,'s ſollt' mir ſchon recht ſein, tenn i hab' ſie im⸗ mer herzlich lieb kehabt; aper i klaub nit, taß Phitely mein Vater iſt, feil i mich ſo freuen fuͤrde, fenn Louischen meine Schweſter faͤr'.« »Ich geſtehe Ihnen, daß ich wenigſtens nicht daran zweifeln kann; doch wir werden ſehen. In wenig Stun⸗ den wird Alles klar ſein.« In dem Augenblicke hielt eine Kutſche, mit dem an Onkel John abgeſandten Bedienten auf dem Bocke, vor der Thuͤr. „Nun wird ſich Alles aufklären,« ſagte Valentin.„Da iſt mein Onkel. Ich muß jetzt zu ihm und ihm die Sache 216 Valentin Vor mittheilen, ehe er Whitely ſieht; dann aber„Fred, werde ich Ihnen ſogleich ſagen, wie es ſteht.« Er eilte fort, traf Onkel John auf der Flur, fuͤhrte ihn in das Wohnzimmer, und erzaͤhlte ihm in aller Kuͤrze, was vorgefallen ſei. Onkel John war ganz erſtaunt. „Iſt es möglich!« rief er,»iſt es möglich!... Iſt es kann es möglich ſein!... WVhitely's Kinder und nicht die ſeinigen. Er hat mir nicht Wort gehalten er hat mich hintergangen... Er verſicherte... Welchen Grund konnte er haben?... Jedenfalls ſind es nicht ſeine, ſondern Whitely's Kinder. Sind ſie beiſam⸗ men?« »Nein. Whitely iſt mit dem Manne, den er als Zeu⸗ gen mitbrachte, in dem Beſuchzimmer. Er erwartet Dich. Ich bat ihn darum, da ich wuͤnſchte, Du moͤchteſt ihn ver⸗ anlaſſen, daß er nicht auf die unmittelbare Entfernung Louiſens dringt, weil, da dieſes nicht grade nothwendig ge⸗ ſchehen muß, ſeine Weigerung Stoͤrungen veranlaſſen wuͤrde, die beſſer vermieden werden.⸗ »Natuͤrlich, mein Junge, natürlich; ja, ich will gleich zu ihm gehn. Komm mit.... O, ein ſchlechtes Beneh⸗ men ein ſehr, ſehr ſchlechtes Benehmen.« der Bauchredner. 217 Sie traten in das Beſuchzimmer; Whitely erhob ſich, und ſie druͤckten ſich mit gewohnter Wärme die Hand. „Fürwahr, mein Freund,« ſagte Onkel John, indem er ſich den Schweiß abwiſchte, der ihm bei dieſer Mitthei⸗ lung in dicken Tropfen auf die Stirn getreten war,„ich bin erſtaunt... voͤllig erſtaunt!« »Und mit Recht,« rief Whitely,„wahrlich mit vol⸗ lem Rechte; aber nicht uͤber die Falſchheit eines Schurken; denn darin liegt nichts Erſtaunliches.⸗ »Das haͤtte ich nimmermehr geglaubt!« fuhr Onkel John fort;»nein, nein, nie hätte ich das für moͤglich gehalten!« „Ich ſehe nicht ein, mit welchem Recht wir erwarten konnten, daß er uns die Wahrheit geſagt haben wuͤrde. Doch fuͤhrt das Reden hieruͤber zu nichts. Die Frage iſt, nachdem ich, Gott ſei gelobt! meine Kinder wiedergefunden habe, wie ich jetzt handeln ſoll. Wie ich bereits gegen Va⸗ lentin ausſprach, wuͤnſche ich durchaus nichts zu uͤbereilen, und bitte Sie daher, ehe ich handle, um Ihren Rath.« »Auf mein Wort,« ſagte Onkel John,„ich fuͤhle mich kaum im Stande, uͤberall irgend einen Rath zu geben; ich bin ganz verblufft... die Sache kömmt mir wie ein 218 Valentin Vor Traum vor. Hat denn Raven ſelbſt keine Erklärung ge⸗ geben 2« „Nicht die geringſte, auch wurde keine von ihm gefor⸗ dert. Es genügte mir, daß er die Kinder als die meinigen anerkannte.« »Ich kann nicht begreifen, was ihn zu dem Wunſche veranlaßt haben mag, ſie Ihnen vorzuenthalten. Welchen Zweck konnte er haben? Welchen Beweggrund?.. Bis ich von ihm ſelbſt Auskunft erhalten habe, darf ich mir nicht erlauben, Ihnen irgend einen Rath in Bezug auf den von Ihnen einzuſchlagenden Weg zu geben. Hoffentlich haben Sie keine Eile; laſſen Sie mich daher zu ihm gehn, und hoͤren, was er uͤber die Sache mir mitzutheilen hat; ich kann dann beſſer urtheilen. Soll ich das thun?« »Gewiß, mein werther Freund, und beſonders, da Sie es wuͤnſchen,« entgegnete Whitely; vich habe durchaus keine Eile und kann warten.« »Ich werde Sie nicht lange warten laſſen,« ſagte On⸗ kel John;„ſobald als moͤglich bin ich wieder da. Valen⸗ tin bleib bei Mr. Whitely, bis ich zuruͤckkehre.« Er ging, und nachdem er Raven um eine augenblickliche unterredung hatte erſuchen laſſen, die ihm bewilligt wurde, begab er ſich nach dem Zimmer, wo das Geheimniß offen⸗ der Vauchredner. 219 bart war, und in welchem er Raven dem Anſchein nach halb todt fand. Ihr Zuſammentreffen war peinlich. Raven war beſchämt, und Onkel John fuͤhlte, daß er ein Heuchler ſein wuͤrde, wenn er Jenem als Freund die Hand böte. Sie ſahen da⸗ her einander kalt an; allein Onkel John ſagte, ſobald er inen Stuhl genommen: »Mein werther Freund, wie kamen Sie dazu, mich irre zu führen und zu täuſchen? Da Sie mir das Arran⸗ gement dieſer Angelegenheit einmal uͤbertrugen, konnte ich mit Recht erwarten, daß ich, da ich fuͤr beide Parteien als Freund handelte, auch von beiden Parteien mit Offenheit behandelt werden wuͤrde. Run ſehe ich mit Kummer, daß Sie nicht offen gegen mich waren. daß Sie mich ver⸗ anlaßten, das für wahr zu halten, was ſich jetzt als falſch erwieſen het. 4 »Es iſt wahr,« ſagte Raven,„daß, obgleich ich mich keiner directen Unwahrheit ſchuldig machte, ich Sie doch zu dem Glauhen verleitete, daß ich uͤber die Kinder keine Nach⸗ richt geben könne; ich geſtehe dieſes zu, und wurde zu dieſer Zweizüngigkeit durch die ſtäͤrkſten Beweggruͤnde getrie⸗ ben; da ich Sie aber ſtets fuͤr einen Mann hielt, der es 220 Valentin Vor verſchmaͤhen würde, einem Gefallenen rauh zu begegnen, ſo habe ich Härte von Ihnen doch nicht erwartet.« „Ich habe weder den Wunſch, noch das Recht, hart zu ſein,«entgegnete Onkel John;„dazu aber habe ich ein Recht, daß ich Jemandem, der mich verleitet, zu erkennen gebe, daß das mich betrübt.« »Aber ſelbſt wenn Sie dieſes Recht haben,« warf Ra⸗ ven ein, viſt es denn edel, gerade in dem Augenblicke davon Gebrauch zu machen, wenn der Geiſt des Andern gebrochen iſt?« »Gott verhüte, daß ich irgend Jemandes Kummer ver⸗ großere, allein...« „Wäre ich für alles Gefuͤhl fuͤr Recht und Edelmuth, wäͤre ich für alle tugendhaften Geſinnungen abgeſtorben, ſo wuͤrden die jetzgen Unfaͤlle vermieden worden ſein. Ich wäre dann nicht in eine ſo demuͤthigende Lage gerathen; da ich mich nun aber einmal darin befinde, kann unfreundlichkeit von Seiten derer, von welchen ich Rath und Beiſtand er⸗ wartete, nur dazu dienen, mich verhärtet und geneigt zu machen, die Welt mit eben der Verachtung zu behandeln, mit welcher ſie mich behandelt.⸗ »Mr. Raven,« ſagte Onkel John ernſt,„hoffentlich —— der Bauchredner. 22 konnen Sie nicht mit Recht ſagen, daß ich mich je unfreund⸗ ſchaftlich gegen Sie benahm.« »Unfreundſchaftlich iſt es, in ſolch einem Augenblicke hart mit mir zu reden. Zu jeder andern Zeit wurde ich es ertragen haben. Im Elend gerade bedarf man eines Freundes, und dann pflegt ein ſolcher zu fehlen. Alles was ich ſeit dem erſten falſchen Schritte gethan, mag die Welt erfahren; mit Ausnahme dieſes einzigen brauche ich mich keiner Handlung meines Lebens zu ſchaͤmen, da auf der einen Seite mich Großmuth, auf der andern die reinſte Liebe leitete. Doch unterlaſſe ich jede fernere Erklärung; ich ſehe, daß Alles gegen mich iſt.» »Ich bin nicht gegen Sie, und eben ſo wenig iſt ein anderer von denen, die vorher fur Sie waren, jetzt gegen Sie. Ich gebe zu, daß ich Sie etwas heftig anredete, aber warum?. nicht daß ich gewuͤnſcht haͤtte, gegen Sie zu ſein, ſondern nur, weil es mir leid that, daß Sie nicht aufrichtiger gegen mich waren.« »Ich war ſo aufrichtig, als ich unter dieſen umſtänden ſein konnte und durſte. Von ganzem Herzen wuͤnſchte ich geheim zu halten, daß dieſe Kinder Whitely gehoͤrten. Ich verſprach ihr, die ihre Mutter war ich verſprach ihr auf ihrem Sterbebette, daß ich alle Kenntniß ihrer Schmach 22 Valentin Vor von ihnen fern halten wolle, und das wuͤrde auch geſchehen ſein, hätte jener heuchleriſche Schurke geſchwiegen, dem ich jahrelang die Taſchen fullte, der nun das Geheimniß ver⸗ kaufte, und der doch feierlich geſchworen hatte, es zu be⸗ wahren, nachdem ich ihm ſo viel Geld gegeben hatte, daß er ſein ganzes Leben lang eine unabhängige Exiſtenz fuhren konnte.« »Ihre Mutter iſt alſo todt?« fragte Onkel John. »Ja, ſie ſtarb recht bald, nachdem ſie ihren Gemahl verlaſſen; denn obgleich es ihr an nichts fehlte, und ſie von mir mit der aͤußerſten Zärtlichkeit behandelt wurde, lag ihr der Schritt, welchen ſie gethan, doch ſo ſchwer auf dem Perzen, daß daſſelbe bald brach. Ihre Kinder liebte ich ſo innig, als wären ſie meine eignen geweſen, und wären ſie das geweſen, ſie haͤtten mir nicht mehr Zärtlichkeit bewei⸗ ſen können, als ſie thaten. Beſonders hing ſich das liebe Mädchen recht innig an mich; ach, und ich empfinde für ſie die herzlichſte Zuneigung eines zaͤrtlichen Vaters, und werde ſie lieben, bis ich in das Grab ſinke. Sie war mehr als Tochter fuͤr mich... ſie war ein Engel!... Moͤgen die Engel ſie ſchützend umſchweben. Oh, mein Freund, viel⸗ leicht hat man geglaubt, daß der Verkehr mit der Welt die beſten Gefuhle in mir erſtickt habe; aber wuͤßten ſie, der Bauchredner. wie rein, mit welcher Hingebung ich dieſes herrliche Mäd⸗ chen liebe, ſo wuͤrden Sie nicht erſtaunen, daß ich jene Verheimlichung anwandte, um dadurch mein liebes Kind mir zu erhalten. Ja, ich habe ſie als mein eignes Kind geliebt; ſie war mein Troſt, die Quelle aller meiner Freuden, und mein hoͤchſtes Entzucken war es, ihr Gluck zu befoͤr⸗ dern. Und nun grade in dem Augenblicke, als meine Hoff⸗ nung ſich erfuͤllte, als ihr Gluͤck auf ünmer geſichert wer⸗ den ſollte, wird ſie auf immer von mir losgeriſſen!. O, das betruͤbt mich mehr, als ich es ſagen kann. Kein un⸗ gluͤck, das mich befallen, hätte mich ſo im tieſſten Herzen treffen konne; denn ich fuhle mich jetzt allein und verlaſſen in der Welt, auf immer derjenigen, die mein Troſt war, auf immer meines Kindes beraubt!« Raven war tief ergriffen, nicht minder Onkel John, der nicht wußte, was er erwidern ſollte, und ſchweigend daſaß. Endlich ſuhr Raven tiefgerührt fort: »Ja, ſelbſt der Wunſch, dieſe Kinder ihrem Vater vor⸗ zuenthalten, war unrecht, ſehr unrecht. Ich kann mich nicht rechtfertigen; das jedoch darf ich ſagen, daß ich ſie nicht aus nebermuth, noch aus einer grauſamen Abſicht zuruͤck⸗ hielt. Dazu kommt, daß ich, wenn ich das liebe Maͤd⸗ chen als mein eignes Kind erzog, nur dem der ungluͤcklichen ⸗ Valentin Vor erſprechen nachkam, daß ihre Kinder fayren ſollten. Das war die Abſicht, i andelte, und ich wuͤrde dieſen Zweck ſicher erreicht haben, hatte jener Schurke nicht Verrath geuͤbt. Aber der Wuͤrfel iſt gefallen.. ich ſtehe einſam und ver⸗ laſſen da.« Wiederum ſchwieg Raven, aber Onkel John wußte noch immer nicht, was er ſagen ſollte. Er konnte nicht ſagen, was Raven eigentlich ſei. Daß er ein durchaus herzloſer Schurke ſei, konnte er nicht glauben; denn obgleich ſein Be⸗ nehmen gegen Whitely ſelbſt hoͤchſt tadelnswerth geweſen war, ſprach nach Onkel John's Anſicht doch Manches fuͤr ihn, was nicht ohne Gewicht war. Und als er endlich ſah, daß Raven noch immer ſchwieg, und er deshalb etwas ſa⸗ gen muͤſſe, ſo fragte er, weshalb Fred in ſeiner Kindheit von Louiſen getrennt worden ſei. »Ich erzog ſie nicht als Geſchwiſter,« ſagte Raven, »ſondern als Couſin und Couſine, damit das Geheimniß deſto beſſer bewahrt bliebe. Ich hielt es fur ſehr wahr⸗ ſcheinlich, daß Fred, wenn er heranwuͤchſe, neugierig ſich nach ſeinem urſprung erkundigen wuͤrde; bei Louiſen war das weniger zu fuͤrchten, und haͤtte ſie es auch gethan, es wuͤrde ihr nicht ſo leicht geworden ſein, als jenem. Ich der Bauchredner. 225 ſandte ihn daher nach Wales, wo ich ihn einem freundli⸗ chen, ſtillen Manne uͤbergab, der ihn als ſeinen Sohn erzo⸗ gen und einen wackern Burſchen aus ihm gemacht hat Einen gutmuͤthigern Jungen hat es nie gegeben; dennoch, mein Freund, wuͤrde ich ſeinen Verluſt ertragen können, da ich natuͤrlich nicht ſo viel fuͤr ihn empfinde, wie fuͤr Loui⸗ ſen ſie war ſtets meine Freude, meine freundliche Ge⸗ fährtin, mein Stolz. Eine Trennung von ihr ertrage ich nicht ich fuhle, daß ich das nicht lange uͤberleben werde. Auf keinen Fall aber darf ſie mir jetzt, in dieſem Augenblicke, entriſſen werden.« »Hoffentlich läßt ſich das machen, ich zweifle nicht daran,« ſagte Onkel John.»Valentin hat mit Whitely bereits daruͤber geredet. Ich will jetzt zu ihm gehn, und ihm zu⸗ reden. Ich denke, Sie koͤnnen darauf rechnen, daß dieſes wenigſtens ſich arrangiren läßt. ⸗ „Nun ich wiederum in Ihren Händen bin, fuͤhle ich mich ruhiger,« bemerkte Raven.„Sie werden für mich thun, was Sie können, ich weiß es.« »Verlaſſen Sie ſich darauf, es ſoll Alles geſchehen, was möglich iſt. Gleich will ich zu ihm gehn, und hoffe, die Sache in Ordnung zu bringen.« Onkel John kehrte nach dem Beſuchzimmer zuruͤck, wo Valentin Vor. 1v. 15 226 Valentin Vor Valentin und Whitely noch immer in ein ernſtes Geſprach vertieft ſaßen, während der gefuͤhlvolle Portier mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit, das Geſangbuch in der Hand, am Fenſter horchte. Onkel John bemerkte ſogleich, daß Valentin durch Ver⸗ nunftgruͤnde Whitely's Aufregung beſchwichtigt habe; denn dieſer war vollkommen ruhig, und ſagte, als Onkel John ſich neben ihn geſetzt, mit großer Faſſung: »Wohl, mein Freund, ſind Sie jetzt im Stande, mir einen Rath zu ertheilen?« „Ja,« entgegnete Onkel John.„Doch, damit Sie ſelbſt urtheilen können, will ich dasjenige, was zwiſchen uns vorfiel, nicht nur dem Inhalte nach, ſondern Wort fuͤr Wort wiederholen, ſo genau ich mich deſſen erinnern kann.« Er that es und ſuchte keinem Worte einen andern An⸗ ſtrich zu geben:— allerdings zeigte ſich das, was er von Raven's inniger Liebe zu Louiſen erzählte, äußerſt wirkſam, allein dieſe Wirkung war keineswegs berechnet. Whitely war hochſt aufmerkſam; er erwog jedes Wort. Den Kopf in die Hand geſtuͤtzt, bewegte er keinen Mus⸗ kel, noch äußerte er die kleinſte Sylbe, bis Onkel John fer⸗ tig war. Dann rief er laut: »Wäre er nicht der Verfuhrer meiner Frau geweſen, der Bauchredner. 227 ſo könnte ich ihn verehrt haben!.. hatte er die Kinder einer gefallenen Frau hingenommen, an deren Falle er nicht ſelbſt Schuld geweſen, und dieſelben ſo geliebt, bis das innige Vatergefühl bei ihm ſich erzeugt hatte... ich wuͤrde den Mann angebetet, ja, ich würde ihn angebetet haben da er aber der Verfuͤhrer, der Moͤrder meiner Frau iſt, treibt mich die Liebe zu jenen, ihn nur noch mehr zu haſſen!... Doch ich will ruhig ſein... ganz ruhig.. er hat mir die Liebe meiner Kinder geſtohlen.. aber ich will ruhig ſein.« Während dieſes kurzen Ausbruchs der Leidenſchaft legte der ſmnenen ſein Geſangbuch auf den Schooß, und rieb ſich vor Vergnuͤgen die Hände. Er war entzuckt, und wuͤrde vor Freude außer ſich geweſen ſein, wenn Whi⸗ tely in einem Anfall der Wuth in Ravens Zimmer geeilt wäre, und dieſen entweder erdroſſelt oder durchbohrt hätte. Whitely jedoch nahm, als hätte er dem Sentimentalen das Herz zerſchneiden wollen, ſeine fruhere Attituͤde wieder an, und ſagte nach einer Pauſe ruhig: »Wohl, mein Freund, was iſt nun Ihr Rath?« „Daß ich wuͤnſchte,« entgegnete Onkel John,»der ar⸗ men Louiſe wegen, und einzig und allein ihretwegen, mochte die Sache vor der Hand ſo bleiben, wie ſie iſt. Sie den⸗ 228 Valentin Vor ken natuͤrlich nicht daran, dieſelbe noch in dieſer Stunde aus dem Hauſe zu treiben, weil dies ihre Gefuͤhle verletzen und einen unguͤnſtigen ernſten Eindruck auf ſie machen wuͤrde. Nein, nein, das, was geſchehen ſoll, muß ſanft geſchehen. Einen oder zwei Tage lang laſſen Sie die Sache erſt einmal ruhen; inzwiſchen fällt uns ſchon etwas ein.... Durch vorſchnelles Pandeln kann jedoch auf keinen Fall etwas gewonnen werden.« »Daruͤber bin ich vollkommen mit Ihnen einverſtanden,« ſagte Whitely.»Wohl, mein Freund, wohl!... ich will Ihrem Rathe folgen, und bin bereit, meine Tochter ihrer ſelbſt wegen noch einen Tag oder ſo hierzulaſſen, um..„ „Sie ſind toll, Sir, wenn Sie das thun, Sir!« rief plotzlich der Sentimentale. „Kommt hieher!« ſagte Valentin. »Glauben Sie etwa, ich furchtete mich, zu kommen?« rief der Kerl, indem er ſein Geſangbuch ſchloß, und wild nach dem Tiſche ſprang. »Warum, Sir,« ſagte Valentin,„warum wuͤrde Mr. Whitely»toll« ſein, wenn er geſtattet, daß ſeine Tochter noch hierbleibt?« »„Wird er das?.. wird er das wirklich?« rief der Sentimentale.»Was! meinen Sie denn, ich wuͤrde zuge⸗ der Bauchredner. 229 ben, daß Sie hier bei ihm bleibt? Nein, keine Stunde mehr! Ich ſchaffe ſie fort. Das bricht ihm das Herz ja, das thut es! Ich weiß es. ich weiß es gewiß. Ha! ich ſollte ſie bei dieſem Satansſohne laſſen! kei⸗ nen„. »Joſeph,« ſagte Whitely ruhig,»ich werde Eurer Dienſte heute nicht mehr beduͤrfen; Ihr koͤnnt jetzt gehen. Morgen fruͤh aber findet Euch wieder ein.⸗ »Gut, Sir! ſehr gut; aber folgen Sie meinem Rathe, Sir; laſſen Sie ſie nicht hier; thun Sie es, ſo befoͤrdern Sie nur die Freude eines Mannes, der eine Seele hat, welche nimmer gerettet werden wird noch kann.« »Morgen fruh um zehn Uhr,« ſagte Whſtely,»er⸗ warte ich Euch.« »Dieſe ruhige Weiſe, den Rath des Sentimentalen zu verſchmähen, hatte keineswegs den Beifall des letztern. Er ſchickte ſich jedoch augenblicklich zum Weggehen an, rief noch einmal:»Gut! o, ſehr gut!« zupfte ſeine aͤußerſt breite Cravatte zurecht, und verließ das Zimmer mit der Miene eines tief Gekraͤnkten. »Iſt das der Mann, der fruͤher in Ihrem Dienſte ſtand?« fragte Onkel John. »Ja,« entgegnete Whitely,„und ich halte ihn fuͤr 2³0 Valentin Vor einen der ausgemachteſten, verabſcheuungswürdigſten Schur⸗ ken, die je exiſtirten, obgleich ich mich natuͤrlich in dieſem Falle ſeiner bedienen mußte.... Doch, um zu unſerm Ge⸗ genſtande zuruͤckzukehren; ich bin bereit, Ihrem Rathe zu folgen, das heißt, ich willige ein, daß meine Kinder noch einen oder zwei Tage, oder ſo lange hierbleiben, bis ſie ſich von den ploͤtzlichen Wirkungen dieſer Entdeckung erholt ha⸗ ben, vorausgeſetzt, mein Freund, daß Sie uͤberzeugt, feſt uberzeugt ſind, daß wir keine neue Verheimlichung derſelben zu fuͤrchten haben.« »Ich bin davon uͤberzeugt,« entgegnete Onkel John, »ſo feſt überzeugt, daß ich mit Freuden mein Leben zum Pfande ſetzen würde.« »Auch ich,« rief Valentin;»ja, ich darf wohl in Loui⸗ ſens Namen erklären, daß jeder ähnliche Antrag, den man ihr unter dieſen Umſtänden machte, von ihr verworfen wer⸗ den wuͤrde.« »Das genuͤgt mir,« ſagte Whitely.»Und ſo möge es denn ſein. Hoffentlich ſehe ich Sie im Laufe des mor⸗ genden Tages?« »Wann Sie wollen,« erwiderte Onkel John;»haben Sie indeß kein Engagement, ſo laſſen Sie uns heute ge⸗ der Bauchredner. 23¹ meinſchaftlich zu Mittag ſpeiſen. Gehen Sie mit mir nach meiner Wohnung, dann können wir die Sache ruhig be⸗ ſprechen. Was ſagen Sie dazu?« Whitely willigte ein, und ſie verließen gleich darauf das Haus, zu Valentins größeſter Freude, deſſen Hand, als er jene bis zu der Thuͤr begleitet hatte, von Vhitely mit ungewoͤhnlicher Wärme gedruͤckt wurde. 232 Valentin Vor Sechzigſtes Kapitel. Die Geſchichte neigt ſich dem Ende zu. Als Valentin mit ihnen die Treppe hinabging, hoͤrte er unten einen ſonderbaren Aufruhr, und kaum waren jene Beiden fort, als er mit halberſtickter Stimme, und unter heftigen Ausbruͤchen des unwillens und des Geläͤchters, ſchreien hoͤrte. »Moͤrder!. Morder!. Feuer!.. Huͤlfe!.. Feuer!« Da dieſes keineswegs in der Ordnung war, ſo eilte Valentin ohne weitere Ceremonie hinab, langte bei der Kuͤ⸗ che an, und ſah hier eine eben ſo wirkungsreiche, als inter⸗ eſſante Scene. Joſeph, der heilige, gefuͤhlvolle Joſeph. der, als Whitely ihn entlaſſen hatte, von den Domeſtiken aufgefan⸗ gen war, die gewiſſe Sachen privatim mit ihm in das Reine bringen wollten ſtand dicht an dem Heerde, dem gluͤhenden Feuer ausgeſetzt, und über und uber von Bra⸗ der Bauchredner. 233 tenſauce triefend; und waͤhrend der Kutſcher ihn am Kra⸗ gen feſthielt und wild anblickte, ſchuͤttelte die Koͤchin ihn ſehr geſchickt mit der einen Hand, während ſie mit der an⸗ dern gegen ſeine Bruſt einen moͤrderiſchen Bratſpieß ge⸗ kehrt hielt, ſo daß es ihm unmoͤglich war, auch nur einen Schritt zuruͤck oder vorwärts zu thun, ohne entweder durch⸗ bohrt oder lebendig verbrannt zu werden... und das Feuer brannte in hellen Flammen! Es war ein ruͤhrender Anblick, dem in der geſammten Martyrologie des Mittelalters nichts gleichkommt. Der Ge⸗ danke, ein Individuum, noch dazu ein ſo gefuͤhlvolles, in dieſer Situation zu ſehen, die Rockſchoͤße verſengt und die Hoſen mit Hammelfett begoſſen, iſt an ſich ſchon entſetzlich, wie viel mehr wird das nun noch die Wirklichkeit geweſen ſein. Valentin fragte und erfuhr, daß der Kutſcher und die Koͤchin ihm Jedes eine Summe von fuͤnfundzwanzig Pfund gegeben, die er fuͤr ſie in die Vank zu legen verſprochen hatte. Aller Wahrſcheinlichkeit nach hatte er jedoch das Geld in ſeine eigne Taſche geſteckt. Valentin forderte ihn auf, das Geld herauszugeben, drohte, als Jener ſich weigerte, mit einer gerichtlichen Anklage, und wollte in der That ſo⸗ gleich einen Conſtable holen laſſen, als Joſeph aus Angſt 232 Valentin Vor endlich in die Forderung willigte, jedem ſeiner beiden Opfer funfzig Pfund herauszuzahlen, was denn auch auf der Stelle geſchah. Dann eilte er mit ben ſchrecklichſten Fluͤchen und Drohungen fort. Valentin kehrte zu Louiſen zuruck, und fand ſie und ſeine Mutter in Thränen. Er ſuchte ſie zu tröſten, und fragte endlich: »Willſt Du meinem Rathe folgen, Louiſe? Willſt Du Dich von mir leiten laſſen?« »Ich habe ſo viel Vertrauen zu Dir, daß ich ohne Bedenken dazu bereit bin, und mich vollig in Deine Hand gebe. Was Du mir auch rathen magſt, ich will es thun.⸗ »Du gutes, kleines, vertrauensvolles Weſen!« ſagte Valentin.»Nun hore mich an:— Mr. Vhitely iſt Dein Vater. es laͤßt ſich nicht mehr daran ʒweifeln folglich kann er auf Deine Liebe Anſpruch machen. Gut! Nun aber, obſchon wir dergleichen haufig gehort und auf der Buͤhne darſtellen geſehn haben, halte ich es doch fuͤr unmoͤglich, daß Du mit einem Male das fuͤr ihn empfinden koͤnnteſt, was ein Kind fuͤr einen Vater empfinden muß da dieſes nur durch ein laͤnger waͤhrendes Verhaͤltniß ſich erzeugt. Deine Lage aber iſt noch ſchwieriger; während Du einen Andern als Vater liebſt, der von Kindheit an der Bauchredner 235 Dich pflegte und behuͤtete, ſollſt Du nun plotzlich dieſe Liebe von demjenigen, den Du immer fuͤr Deinen Vater hielteſt, auf einen Andern uͤbertragen, den Du vorher nicht im Ge⸗ ringſten kannteſt.« »„Ach ja,“ unterbrach ihn Louiſe, und das zerreißt mir das Herz.⸗ „Einen Augenblick Geduld,« ſagte Valentin.»Offenbar wüͤrdeſt Du, muͤßteſt Du unter dieſen Umſtänden das Haus, mit andern Worten, muͤßteſt Du Mr. Raven verlaſſen, um bei Mr. Vhitely zu leben, Dich, mindeſtens geſagt, ſehr unbehaglich fuhlen.« „Ach, elend, ungluͤcklich wurde ich mich fuͤhlen!« „Gewiß. Wie ſehr Du auch Mr. Vhitely ſchätzen und verehren, wie ſehr Du Dich beſtreben moͤchteſt, ihn zu lie⸗ ben, Du wuͤrdeſt bald erkennen, daß Du nicht dieſenigen Gefuͤhle gegen ihn befitzeſt, die ein Kind gegen einen Vater haben ſoll... denn dieſe Gefuͤhle entſtehen erſt allmälig daß Du Dich alſo aͤußerſt ungluͤcklich fuͤhlen wuͤrdeſt. Nun kommt die eigentliche Schwierigkeit.... Offenbar wird man nicht geſtatten, daß Du noch lange hier im Hauſe bleibſt, ich zweifle ſehr, daß Mr. Whitely darin einwilligen wird, und geſtehe, daß ich es an ſeiner Stelle ebenfalls nicht thun wuͤrde. Es entſteht daher folgende Frage, die 236 Valentin Vor ich Dir offen vorlegen will, da in ſolchen Dingen Offenheit erforderlich iſt. Wird es unter dieſen Umſtänden fuͤr Dich beſſer ſein, mit Mr. Whitety zu leben, oder mit mir?⸗ Louiſe erroͤthete und ließ den Kopf ſinken. »Nein,« ſagte Valeutin,»ich erwarte von Dir keine Beantwortung dieſer Frage. Ich habe es uͤbernommen, ſie fuͤr Dich zu beantworten; ich habe zu entſcheiden, und um meine innigſten Gefuhle auszuſprechen, glaube ich, daß es, Alles wohl erwogen, unendlich beſſer fuͤr uns ſein wuͤrde, uns gleich zu heirathen, da Du alsdann ganz gemächlich diejenigen Empfindungen füͤr Mr. Whitely nähren und in Dir erwecken kannſt, die Du natuͤrlich zu erlangen wuͤn⸗ ſcheſt.« Volentin machte eine Pauſe, allein Louiſe ſchwieg. »„Was meinſt Du dazu, Mutter?« fuhr er endlich fort.»Meinſt Du nicht auch, daß es ſo am Beſten ſei?⸗ »Sieh, mein Junge,« entgegnete die Wittwe,»das iſt eine ſehr kitzliche Frage. Gewiß aber wuͤrde dadurch mit einem Male dasjenige beſeitigt, was wir bis jetzt fuͤr die Hauptſchwierigkeit gehalten haben.« »Natuͤrlich!« ſagte Valentin.»Sch ſchlage alſo vor, Louiſe, daß es bei dem funfzehnten bleibt. Das ſchlage ich vor, und da nichts im Wege ſteht, und Du mir ſondern auch, damit wir nicht länger mehr jenen unfällen und Verſchiebungen ausgeſetzt bleiben, die uns ſo äußerſt unangenehm waren.« Louiſe hatte die Augen auf den Boden geheftet und ſchwieg noch immer; ihr Herz willigte ein, aber ihre Zunge weigerte ſich, dieſes auszuſprechen. „Indem ich alſo,« fuhr Valentin lächelnd fort,„in⸗ dem ich alſo hiermit meine Befehle gegeben habe, habe ich fuͤr den Augenblick nichts weiter zu thun. Darf ich,⸗ fuhr er nach einer Pauſe fort,„darf ich aus Deinem Schwei⸗ gen ſchließen, daß Du an meinem Vorſchlage nichts auszu⸗ ſetzen haſt?„ »Mein lieber, lieber Valentin!« rief Louiſe innig;»ver⸗ fuͤge Du über mich, wie Du willſt. Ich habe verſprochen, daß ich Dir in allen Dingen folgen wuͤrde, und will es halten. Doch waͤre es mir lieb, wenn Du vorher die Ein⸗ willigung Mr. Whitely's meines Vaters, wollte ich ſagen einholen wollteſt.« »Es verſteht ſich von ſelbſt, mein kleines Liebchen, ButentenBr werden muß; ohne ſeine Einwilligung möchte mehr handeln.« Nein Herzensvalentin!« Während dieſer unterredung befand ſich Fred in der Biblithek, und wartete hier mit der äußerſten Ungeduld auf Valentin, um das Reſultat von deſſen Conferenz mit Whitely und Onkel John zu erfahren. Er fuhlte ſich ſehr, ſehr elend; denn obgleich ſein Fall von dem Louiſens in ſo fern verſchieden war, als er Raven nie fuͤr ſeinen Vater gehalten, ſo hegle er doch die Gefuͤhle eines Sohnes gegen Mr. Llewellen in Caermarthen, den er natuͤrlich fuͤr ſeinen Vater hielt. Als daher Valentin ihm erzählte, was ſo eben zwiſchen ihm und Whitely vorgefallen ſei, war er noch verbluͤffter, als vorher. »Fas!« rief er,»that mein Onkel... tas heißt Mr. Räven.. that er ſelbſt es keſtchen? Sagte er, taß mein Vater i mein, Mr. Llewellen.. Kott in Himmel, i weiß nit, wo mir der Kopf ſteht. i weiß nit, ſteh ich auf tem Kopf ober auf ten Füßen... aber ſagte er, taß mein Vater nit mein Vater waͤr', und taß i nit Llewellen, ſondern Vhitely heißen thät' Sagte er tas wirklich 7« — der Bauchredner. 239 Valentin erklärte ihm, das ſei allerdings der Fall, und fuchte den unglucklichen Menſchen, der nicht wußte, ob er verrathen oder verkauft war, auf alle Weiſe zu troſten. Endlich fagte er ihm, Mr. Whitely ſpeiſe bei Onkel John, und es wuͤrde gewiß eine gute Wirkung machen, wenn auch ſie Beiden unerwartet ankämen. Fred hatte anfangs gegen dieſen Vorſchlag Vieles ein⸗ zuwenden.»J werd' nit wiſſen, fas i anfangen ſoll,« ſagte er;»i weiß nit, fas i thun, noch fas i ſagen ſoll. ⸗ »Ei nun,« entgegnete Valentin,„benehmen Sie ſich ſo, wie Sie unter allen andern umſtanden thun wuͤrden. Es iſt nicht noͤthig, daß wir auf dieſe Vorfälle anſpielen, und ich zweifle ſehr, daß auch jene es heute thun werden.⸗ »Unankenehm pleibt es immer, und i plieb' lieber hier.« „Nun, ich will nicht darauf dringen, obgleich ich uͤber⸗ zeugt bin, daß es ihm eine herzliche Freude ſein wuͤrde; und da Sie ſein Sohn ſind, wie ich ſein kuͤnftiger Schwie⸗ gerſohn, ſo denke ich, muͤſſen wir Alles aufbieten, uns ihm angenehm zu machen.« »Fas, mein Junge!« rief Fred, indem er ſich mit weit geoffneten Augen, Mund und Armen ploͤtzlich in den Stuhl zuruͤckwarf...»Fas!« hier benahm ihm dieſer Gedanke abermals den Athem..»Fasa führ er end⸗ Valentin Vor lich fort,„fas, fenn Sie Louischen heirathen, ſo ſind wir ja Schwäger!... Kroßer Kott!... kroßer Kott!« 3 »Iſt Ihnen das vorher noch nicht eingefallen?« »Nie!. Kroßer Kott!... Tas iſt ſchön. tas iſt herrlich!.. O, nun frag' ich nach allem Andern nichts mehr.« „So gehen wir alſo hin?« »Ja, mein Junge, ja; zwar werd' i in kroßer Noth ſein, aper i keh' tennoch mit.« Fuͤr Whitely war ihr Erſcheinen eine wahre Gluͤckſelig⸗ keit. Er erhob ſich, als ſie eintraten, reichte Beiden die Hand, und ſah bald den einen, bald den andern an, waͤh⸗ rend ihm Thränen in das Auge traten. Auch Onkel John war hoͤchlichſt erfreut, kurz Alle waren gluͤcklich und der Abend verfloß auf die heiterſte Weiſe. Am folgenden Tage fanden gſie ſich, auf Valentins Ein⸗ ladung, wieder in dem Hauſe zuſammen, ſetzten ſich zu Tiſche, und nachdem das Diner voruͤber und Fred als Eil⸗ bote nach Louiſen geſandt war, ruͤckte Valentin mit dem⸗ jenigen heraus, was ihm am Meiſten am Herzen lag. WVhitely ſprach unverhohlen ſeine Freude aus, einen ſolchen Schwiegerſohn zu bekommen, machte indeß gegen eine ſo ſchleunige Hochzeit mancherlei Einwendungen, die der Bauchredner. 241 beſonders darauf hinausliefen, daß er ſich zuvor erſt die 3 Liebe ſeiner Tochter erwerben wolle. Valentin dagegen ſtellte ihm mit ſiegenden Gruͤnden vor, daß ſeine Einwilligung grade das beſte Mittel zu die⸗ ſem Zwecke ſein wuͤrde, und uͤberzeugte jenen endlich ſo ſehr, daß derſelbe erwiderte: »Mag es denn ſein, ich weiß nichts mehr entgegenzu⸗ ſetzen. Der funfzehnte wird bald da ſein, aber je eher, deſto beſſer vielleicht. Mag es denn der funfzehnte ſein. Eins aber muß ich mir ausbedingen: Sie darf ſich nicht aus dem Hauſe jenes Mannes verheirathen.« „Natuͤrlich nicht,« verſetzte Valentin,»ich habe bereits dafuͤr geſorgt und die noͤthigen Vorkehrungen getroffen. Am Morgen des vierzehnten verlaͤßt Louiſe mit meiner Mut⸗ ter Ravens Haus, um hier einzuziehen; wir ſpeiſen dann hier zuſammen, und am folgenden Morgen holen Sie die⸗ ſelbe zur Kirche ab.« „Hervlich!« ſagte Whitely,»herrlich! Dieſes Arran⸗ gement hat meine ganze Billigung.« In dem Augenblicke kehrte Fred zuruͤck, mit freudeſtrah⸗ lendem Geſichte. Louiſe hatte ihn Miß Lovelace vorgeſtellt, einer jungen Dame, die zu einer der Brautjungfern aus⸗ erſehen war, und»von allen ſchoͤnen Maͤdchen, die er Valentin Vor 1V. 16 22 Valentin Vor je in ter Felt keſehn, ſei ſie, Louischen auskenommen, die Allerſchoͤnſte! Das war fuͤr Valentin genug, um darauf einzugehen. Er faßte es begierig auf, und ſchrob den armen Fred auf eine Weiſe, die großes Gelaͤchter erregte. Fred erklärte ſtets von Neuem, er ſei„pis uͤper peite Ohren verliebt unt frage ten Teufel tanach, fenn auch tie kanze Felt es erfuͤhre.⸗ So verging der Abend in großeſter Heiterkeit, bis ſie entzuͤckt, um eilf Uhr aufbrachen. Noch an demſelben Abende theilte Valentin Louiſen, die auf ihn gewartet hatte, Vhitely's Einwilligung mit und erfullte ſie dadurch mit großer Freude. Als er ging, war es zwoͤlf uhr vorbei; da 66 die Nacht, wenn auch dunkel, doch ruhig war, beſchloß er, recht langſam nach Hauſe zu gehen, obgleich er wußte, daß On⸗ kel John warten wuͤrde, bis er käme. Kaum hatte er jedoch das Haus verlaſſen, als eine ausgemergelte Geſtalt mit den äußern Zeichen des Wahnſinns, und unzuſammen⸗ hängende Worte mit ſich ſelbſt redend, hinter ihm her eilte, dann ploͤtzlich ſtehen blieb, dann ſich wieder aufmachte, aber⸗ mals ſtehen blieb, umkehrte, und bald lachend, bald ſtöh⸗ nend, weiter eilte. 243 Valentin ſchauderte. Er hatte den Mann ſchon geſe⸗ hen. wer konnte es ſein? um ſich Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen, beſchleunigte er ſeinen Schritt. Wiederum blieb die Geſtalt ſtehen. Er eilte an ihr voruͤber, und machte bei der Bauchredner. der naͤchſten Laterne halt, damit er, wenn das Licht auf die Zuͤge jenes Mannes fiele, erkennen könne, wer es ſi. Stoͤhnend und zähneknirſchend näherte ſich jener, und blieb dann plotzlich in der Nähe der Laterne wieder ſtehen. Das volle Licht fiel auf ihn es war Walter!... wahnſin⸗ ſig, offenbar wahnſinnig! Seine tiefliegenden Augen ſtarr⸗ ten in das Leere, und er ſah wie ein boͤſer Geiſt aus. »Gerechter Gott!« dachte Valentin.»Eine ſchreckliche Vergeltung!.. Kennen Sie mich nicht?« redete er dann Walter an, indem er ſeinen Arm ergriff⸗ 1 »Ihr koͤnnt es nicht beweiſen!« rief Walter, indem er ſeine Augen wild auf Valentin heftete.„Du haſt keinen Beweis. ſie muͤſſen mich freiſprechen. Ich habe ihn nicht gemordet. Laßt mich los!« »Erinnern Sie ſich Valentins nicht mehr?« »O doch, er war ſchuld daran, die einzige Schuld.... O, ich kenne ihn, ich kenne ihn recht gut.« „Er ſteht hier vor Ihnen ich bin Valentin.« Walter ſtarrte ihn abermals an, ergriff ſeinen Arm, 244 Valentin Vor fuhr ſich dann mit der Hand mehrere Male uͤber die Augen und ſagte kopfſchuͤttelnd; »Nein nein... nein! Du biſt es nicht. Laß mich nach Hauſe gehn!... nach Hauſe..1„ »Ich will mit Ihnen gehen,« ſagte Valentin.„Wo wohnen Sie?« »Ich habe es ſchon einmal geſagt. Laßt mich gehn— Ich laſſe mich nicht feſthalten. Ihr könnt es nicht bewei⸗ ſen, ſage ich Euch.. Ha, ha, ha! Ihr habt keinen Be⸗ weis. Ich laſſe mich nicht feſthalten!« Ploͤtzlich riß er ſich von Valentin los, und ſprang da⸗ von, indem er fortwährend wilde Worte mit ſich ſelbſt ſprach und dann und wann ein wahnſinniges Gelächter ausſtieß. Valentin wußte nicht, was er thun ſollte. Sollte er der Polizei davon Anzeige machen, oder ihm folgen? Er hatte vom Nachhauſegehn geſprochen... vielleicht war er auf dem Wege dahin. Valentin wußte nicht, wo er wohnte, und beſchloß, ihn ungehindert gehen zu laſſen, ohne ihn jedoch aus den Augen zu verlieren, bis er ihn in irgend ein Haus eintreten ſähe. Er hielt ſich daher immer einige Schritte hinter ihm, mußte zu dem Zwecke jedoch anfangs ſo raſch laufen; als er nur konnte, denn bei Waſter's der Bauchredner. Schritte hätte man in der Stunde drei Meilen zurucklegen konne. Als Walter Bloomsbury Square erreichte, blieb er plotzlich ſtehen; als er jedoch Valentin hinter ſich ſah, lief er weiter, in Holbornſtreet hinein, und beſchleunigte ſeinen Schritt immer mehr, da ihm offenbar daran gelegen zu ſein ſchien, ſich aller Verfolgung zu entziehen. Valentin indeß hielt gleichen Schritt mit ihm, in der Hoffnung, je⸗ ner wuͤrde entweder bald ſtehen bleiben, oder in ein Haus eintreten; jener aber raſtte immer weiter, bis er das Ende von Polbornhill erreichte, und murmelnd, und lachend, und die Hände ballend, mit erneuter Kraft in Ferringdonſtreet einbog. »„Wohl,« dachte Valentin, der nachgerade matt wurde, »auf dieſe Weiſe kann er es unmoͤglich lange aushalten.⸗ Da fiel ihm ein, daß er durch ſein Nachlaufen jenen viel⸗ leicht nur zu noch großerer Eile antriebe, und daß Walter, wenn er auch bei ſeinem Hauſe ankäme, vielleicht doch nicht hineintreten wuͤrde, ging daher auf die andere Seite der Straße und folgte ihm dort. Walter ließ nicht nach: er paſſirte Fleetſtreet, ſah ſich dann ploͤtzlich um, und als er Niemand hinter ſich bemerkte, ging er langſamer, blieb aber nicht eher ſtehen, als bis er Valentin Vor Chatam Place erreichte; hier machte er Halt, heftete die Augen auf den Boden, ließ die Haͤnde ſinken und murmelte laut. Nachdem er ſo eine Weile geſtanden, ohne die Au⸗ gen aufzuſchlagen, brach er plotzlich wieder auf, und eilte uͤber die Bruͤcke, allem Anſchein nach in der Abſicht, raſch nach Hauſe zu kommen. Als er jedoch eben den mittlern Bogen der Brucke erreicht hatte, eilte er in einen der Aus⸗ baue und ſprang auf den Sitz. Valentin flog ihm nach, und rief ſeinen Namen. Der Ungluckſelige horte ihn und ſprang mit einem gellenden Hohngelächter uͤber die Balu⸗ ſtrade, und Valentin kam eben noch fruͤh genug an„um das Brauſen des über dem ungluͤcklichen zuſammenſchlagen⸗ den Waſſers zu hoͤren. Beiſtand war unmoͤglich.»Polizei!... Polizei!... Huͤlfe!... Huͤlfe!« rief Valentin, und eilte nach der Treppe. Da nahte Jemand. »Ein Mann hat ſich von der Brͤcke geſtuͤrzt!« rief Valentin.»Wie koͤnnen wir ihn retten?« „Ich fuͤrchte, wir werden ihm nicht helfen können,« ſagte der Fremde.»Es iſt Niemand von den Waſſerleu⸗ ten in der Naͤhe.« Valentin ſprang die Treppe hinab, und der Fremde fo'gte Es war Ebbe und das Waſſer ſehr flach. Alle der Bauchredner. 247 Boͤte ſtanden auf dem Trocknen, und ſo weit man den Strom abrufen konnte, ließ ſich nichts ſehen. »Großer Gott!.. was koͤnnen wir thun?« rief Va⸗ lentin. »Nichts!« entgegnete der Fremde.»Er iſt rettungs⸗ los verloren.« Einmal war es Valentin, als ſaͤhe er den Kopf eines Menſchen uͤber der Oberfläche erſcheinen, aber im Augen⸗ blicke war er wieder verſchwunden und ward nicht mehr geſehen. Roch immer ſtand er am Waſſer, die Augen feſt auf die Wellen gerichtet, bis der Fremde ihn aus ſeinem Sin⸗ nen aufweckte. Dann ging er mit ſchwerem Herzen nach Haus, und erfuͤllte durch die Erzaͤhlung dieſes traurigen Vorfalls das Herz ſeines Onkels mit Entſetzen. Den ganzen folgenden Tag brachte Valentin mit dem Verſuche hin, zu erfahren, ob Walter's Leichnam gefunden ſei; aber ſeine Bemuͤhungen waren vergeblich. Er nahm an der Towertreppe ein Boot, und ward eine beträchtliche Strecke ſtromab gerudert, konnte aber nichts erfahren. Nicht einmal Walter's Familie konnte er den Vorfall mittheilen, da er nicht wußte, wo ſie wohnte. Und obgleich er ſich bei vernuͤnftiger Ueberlegung hinſichtlich ſeines Benehmens nichts 248 Valentin Vor vorzuwerfen hatte, machte dieſer ſchreckliche Ausgang doch einen tiefen Eindruck auf ſeinen Geiſt. Louiſen blieb die Sache ein Geheimniß. Whitely ward es mitgetheilt, doch dabei blieb es; die Vorbereitungen zur Hochzeit wurden getroffen, als ſei nichts vorgefallen, und Valentin ſchien in Louiſens Gegenwart ſo heiter wie immer zu ſein. Die Nachricht, daß Louiſe am Tage vor ihrer Hochzeit ſein Haus verlaſſen wuͤrde, druckte Ravens Geiſt noch mehr danieder. Er war nun wirklich in einem bejammernswer⸗ then Zuſtande. Er fuͤhlte, daß er, mitten in Reichthum und Glanz, von nun an allein in der Welt ſtehen wuͤrde, ohne ein Kind, das ihn liebte; ohne Freund, der ihn ach⸗ tete, ohne irgend ein Weſen, dem er ſich anſchließen könnte, ausgeſchloſſen von aller Geſellſchaft. ein Geächteter. Perzzerreißend war Louiſen's Abſchied von ihm. Selbſt Valentin war tief geruͤhrt, als er Raven's Jammer ſah. Es war, als wollte dieſen der Schmerz erſticken.„Leb' wohl, leb' wohl!... Sei gluͤcklich!. Moͤge der Himmel Euch Alle ſegnen!..„ rief er endlich, druͤckte Louiſen in Valentin's Arme, und verließ laut ſchluchzend das Zimmer. Am Hochzeitstage in der Kirche ſah Valentin eine Ge⸗ der Bauchredner. 249 ſtalt, die ſich ſorgſam hinter den Pfeilern in der Nähe des Altars verbarg. Er hatte nur einen Blick auf die Geſtalt geworfen, aber ſogleich Raven in derſelben erkannt. Er verſchwieg es jedoch; denn da er allein ihn nur geſehen, ſo lag ihm natuͤrlich daran, ſeine Gegenwart den Uebrigen verborgen zu halten. 250 Valentin Vor Letztes Kapitel. Schluß. Das Leben und die Abenteuer Valentin's als Bauchred⸗ ner hatten, wie letztere fruͤher ſchon immer ſeltener gewor⸗ den waren, mit ſeiner Verheirathung nun wirklich ein Ende. Einzig Louiſen zu Gefallen, die er fortwaͤhrend mit der reinſten Waͤrme liebte, machte er dann und wann von je⸗ ner Fähigkeit Gebrauch; da er aber fand, daß, je ſtärker dieſe kunſtliche Stimme wurde, deſto mehr die Kraft ſeiner naturlichen Stimme abnahm, ſo begnuͤgte er ſich bei allen andern Gelegenheiten mit der Erzählung der verſchiedenen Stenen, die er durch ſeine eigenthumiche Fähigkeit hervor⸗ gerufen, und erregte durch ſolche Schilderungen dann jedes⸗ mal das ausgelaſſenſte Gelächter. Louiſe war als Frau die hingebende Liebe und Gluͤck⸗ ſeligkeit ſelbſt, und ſchien die hochſte Aufgabe ihres Lebens darin zu finden, ihn gluͤcklich zu machen. »Lieber Valentin,« ſagte ſie oft,„ich weiß nicht, ob — der Bauchredner. 251 alle Verheiratheten ſo gluͤcklich ſind, wie ich; ſind ſie es aber, ſo muß die Ehe etwas Koͤſtliches ſein.« Raven uͤberlebte den Schlag, der ihn durch Louiſens Verluſt betroffen, nicht lange. Am Hochzeitstage kehrte er, als die Trauung voruͤber war, in dem elendeſten Zuſtande nach Hauſe zuruͤck, und mußte in Folge deſſen mehrere Tage lang das Bett huͤten; doch gelang es der aufmerkſa⸗ men Pflege des Arztes, ihn wieder herzuſtellen. Kaum in⸗ deß war er im Stande, das Bett zu verlaſſen, als er... in einem Briefe, in welchem er ſeine ganze Geſchichte ge⸗ draͤngt erzaͤhlte und uͤber das Vorgefallene wiederholt ſeine tiefſte Reue ausſprach.. einen foͤrmlichen Heirathsantrag an Valentin's Mutter ſandte, mit der feſten Verſicherung, daß der Reſt ſeines Lebens einzig ihrem Gluͤcke geweiht ſein ſolle. Als die Wittwe dieſen Antrag empfing, wußte ſie erſt nicht, was ſie thun ſollte. Sie fragte Onkel John um Rath, ſie fragte Valentin, ſie fragte Louiſe; als ſie aber aus Niemand ein einziges Wort des Rathes herauspreſſen konnte, war ſie genoͤthigt, ihrem eignen urtheil zu folgen, und das Reſultat dieſes Urtheils war, daß ſie den Antrag auf das Hoͤflichſte ablehnte, aus dem einzigen Grunde, weil es ihr feſter Entſchluß ſei, nicht wieder zu heirathen. 252 Valentin Vor Obgleich dieſe Ablehnung in den zarteſten Ausdruͤcken abgefaßt war, verſetzte ſie Raven dennoch den Todesſtoß. Von dem Augenblicke an verließ er das Haus nicht mehr lebend; er hielt ſein Schickſal dadurch für beſiegelt, und da er es dem umſtande zuſchrieb, daß Alles ihn verachte, ſo uberließ er ſich der heftigſten Verzweiflung. Als er auf dem Sterbebette lag, beſuchte ihn Onkel John haͤufig; auch Valentin beſuchte ihn oft, und als die Todesſtunde näher kam, troͤſtete ihn die Gegenwart Louiſens, die er mit all' dem Entzuͤcken liebkoste, wozu ihm die Kraft geblieben war. Aber eben dieſes Eutzucken beſchleunigte ſeinen Tod. Faſt gleich nach ihrem Weggehen hoͤrte er zu athmen auf, mitten in einem Gebete, daß der Himmel ſeinen reichſten Segen ihr ſenden moge. Sein ganzes Vermoͤgen hinterließ er Valentin, und ob⸗ gleich er Jahre lang in dem glänzendſten Ueberfluſſe ge⸗ lebt, hatte er ſich doch ſo fern von aller Geſellſchaft gehal⸗ ten, daß, waͤren nicht manche Andere des Scheines halber mitgegangen, Onkel John und Valentin die einzigen Perſo⸗ nen geweſen waͤren, die ſeinem Sarge folgten. Auch Whitely uͤberlebte ihn nicht lange. Die grauſame Behandlung in dem Irrenhauſe hatte ſeine Geſundheit der⸗ maßen zerruͤttet, daß er, als die Aufregung, welche ihm der Bauchredner. 253 eine unnatuͤrliche Kraft gab, nachließ, ruhig uud allmälig immer ſchwaͤcher wurde. In ſeinen letzten Augenblicken je⸗ doch hatte er die Freude, von ſeinen Kindern gepflegt zu werden; er war glücklich, als er jene glucklich ſah, und ſtarb ſanft und ruhig. Bald nach ſeinem Tode heirathete Fred Miß Lovelace. Es waͤhrte lange, ehe ſie ihm das Jawort gab... ob⸗ ſchon die Sache eigentlich längſt abgemacht war... end⸗ lich aber konnte ſie nicht länger mehr ausweichen:— er war ja auch eine ſo gute Seele!.. hatte ein ſo gluͤckli⸗ ches Gemuͤth.. war ſo aufmerkſam, ſo freundlich, ſo liebevoll... ſo äußerſt liebevoll!... ſo ergeben! und wirklich lebten ſie ſehr gluͤcklich mit einander und hatten zur gehoͤrigen Zeit eine recht huͤbſche Familie von Kinderchen um ſich her. Freilich, um die Wahrheit zu ſagen, ſie ſetzte ſich, obgleich ſonſt keine große Freundin von ritterlichen Ue⸗ bungen, gegen Fred nicht ſelten auf das hohe Pferd. Er verſuchte dann bisweilen, uͤber dieſen Punkt vernnftig mit ihr zu reden, allein was das Reden anbetraf, ſo ſchlug ſie ihn jedesmal aus dem Felde. Darin konnte er es durch⸗ aus nicht mit ihr aufnehmen, und verſuchte es endlich auch gar nicht mehr. Bisweilen meinte er, wenn ſie nur ein bischen Gäliſch verſtände... denn in dieſer Sprache wußte 254 Valentin Vor er ſeine Empfindungen auf das Beredteſte auszudruͤcken ſo wuͤrde er mehr Ausſicht auf Erfolg haben, und zu dieſem Zwecke ſuchte er bei mehreren Gelegenheiten und durch verſchiedene gewichtige Gruͤnde ſie zu veranlaſſen, daß ſie dieſe ſo ganz beſonders wohlklingende, fließende Sprache lernen moͤchte, doch vergebens; ſie hatte einen wahren Ab⸗ ſcheu vor derſelben, konnte ſie nicht ausſtehn, und erklaͤrte, ſchon bei dem bloßen Gedanken daran wuͤrden ihr die Zähne ſtumpf. So ſah ſich Fred denn genoͤthigt, ſeinen Verſuch aufzugeben, war jedoch weit entfernt, unglücklich zu ſein. Er liebte ſeine kleine Caroline und ſie liebte ihn; um kei⸗ nen Preis der Welt wuͤrden ſie ſich von einander getrennt haben; doch ließ ſie freilich keine Gelegenheit voruͤbergehen, ihre Oberherrſchaft immer feſter zu begruͤnden. »Thut Louieschen,« fragte Fred einſt Valentin, in der erſten Zeit ſeiner ehelichen Laufbahn, mit ſonderbarem Aus⸗ druck,„thut Louieschen pei jeter Kelegenheit mit Hänten und Fuͤßen ausſchlagen?« »Niemals!« entgegnete Valentin. »Auch nit, fenn Sie mit ihr allein ſind?« »Auch dann nicht! Sie iſt immer daſſelbe freundliche Weſen, ſtets ſanft, ſtets ruhig.« »Nun, tann iſt, Kott feiß es, Cary ihr nit a Piſſel der Bauchredner. 255 ähnlich. J will tamit nichts Schlimmes von ihr ſage. nein, ſie iſt ein kutes Mädchen, von Herzen ein ſehr kutes Mäbchen; toch i muß ſage, wär' ſie a Piſſel mehr, wie Louieschen, es war' peſſer.« »Ei, Caroline ſcheint ja immer ſehr freundlich und lie⸗ bevoll zu ſein.« »Das iſt ſie auch, mein Junge, das iſt ſie! Wenn ſie außer dem Hauſe iſt, penimmt ſie ſich wie eine Prinzeſſin, und tann iſt es funterhuͤbſch in ihrer Kſellſchaft; aber zu Hauſe iſt es nit ſo funtechuͤbſch pei ihr.« Fred und Caroline beſuchten Valentin haͤufig. Er war des armen Fred Rathgeber, obgleich er ſich nie gradezu in das Mittel legte; jene waren woͤchentlich zweimal und öf⸗ ter bei Valentin zum Eſſen; da aber Caroline niemals ihre Oberherrſchaft blicken ließ, ſo ging Alles vortrefflich, und ihr geſelliges Verhaͤltniß wurde durch nichts geſtort. Eines Morgens, als Valentin und Louiſe ihren Wagen vorausgeſchickt hatten und nach Pall Mall einen Spazier⸗ gang machten, zog ein ſonderbar ausſehender Kutſcher ihre Aufmerkſamkeit auf ſich, der ſich vor ihnen verbeugte, die Muͤtze abnahm, lächelte und ganz in Extaſe zu ſein ſchien. Valentin ſchuttelte den Kopf, um ihm anzudeuten, daß ſie ſeiner Dienſte nicht beduͤrften; allein der Mann. an 256 Valentin Vor welchem man viel Styl bemerkte, denn ſeine Cravatte war in den neueſten Knoten geſchlungen und auf ſeinem Rocke hing eine Lorgnette, während ſeine Unterlippe mit einem trefflichen Henri quatre geziert war... der Mann, ſage ich, war damit nicht zufrieden, ſondern fuhr fort zu laͤcheln und ſeinen Hut zu ſchwenken, und trieb ſeinen Wagen end⸗ lich auf ſie zu. Da erkannte ihn Valentin... es war Horace. „Wie! Horace?« rief er, erſtaunt und lächelnd. »Ja, Sir, ich bins. Hoffentlich befinden Sie ſich wohl g habe Sie ſeit verſchiedenen Generationen nicht geſe⸗ hen.„ »Seit wie lange treiben Sie dieſes Geſchäft?* »Naäͤchſten ſiebenundzwanzigſten ſind's ſechs Monate.« »Beſuchen Sie mich,« ſagte Valentin, und gab ihm ſeine Karte,»wir wollen die Sache beſprechen, und ſehn, was ſich thun läͤßt.« »Ich fahre Sie nach Hauſe, nicht wahr?« ſagte Ho⸗ race.„O, erlauben Sie es. Ich kann jetzt grade ein bis⸗ chen Gluͤckſeligkeit recht wohl brauchen, und Sie wuͤrden mir dadurch eine recht große Freude machen. Es iſt auch beſſer, als ſo uͤber die Steine dahinzutrampen. Aber be⸗ ſonders... es wird mich recht gluͤcklich machen.« der Bauchredner. 257 »Wohl,« ſagte Valentin,„es ſei.« Und als er und Louiſe in den Wagen geſtiegen waren, trabte das Pferd mit der groͤßeſten Schnelligkeit dahin, deren es fähig war. Als ſie zu Hauſe ankamen, und das waͤhrte nicht lange, ſprang Horace mit außerordentlicher Schnelligkeit von ſeinem Sitze, und führte einen der»reſcherſchirteſten. Schlaͤge gegen die Thuͤr aus. „Kommen Sie mit,« ſagte Valentin im Ausſteigen; „der Bediente ſoll Ihr Pferd halten.« „Sehr guͤtig,« entgegnete Horace,„aber das Pferd geht ohne mich keinen Schritt. Indeß konnen Sie,« wandte er ſich an den Bedienten mit einer vornehmen Handbewe⸗ gung,„immerhin ein wachſames Auge auf das Thier ha⸗ ben.« »Nun laſſen Sie uns ein Glas Wein trinken,« ſagte Valentin, als er mit Horace in das BViſitenzimmer trat. „Wie geht es den Ihrigen« „Polly iſt huͤbſch geſund,« entgegnete Horace,»aber mit der Alten geht es nicht vom Beſten. Sie hat es nie uͤberwinden koͤnnen, daß der Alte in das Waſſer ging. Sie haben doch von der Geſchichte gehoͤrt?« »Leider ſah ich es.⸗ »Sie ſahen es?« Valentin Vor IW. 17 Valentin Vox „Ich war gerade zu derſelben Zeit auf der Bruͤcke.⸗ »Wie! ſprang er von der Bruͤcke? Wie war es?2 Erzählen Sie es mir. wir haben es nie erfahren koͤn⸗ nen. Nur ſoviel konnten wir herausbringen, daß er jenſeit des Towers herausgefiſcht wurde, todt wie ein. Aber wie war es 74 Valentin erzählte es ihm, und mit ſolcher Waͤrme, daß in Horace's Augen Thräͤnen traten. »Ja, ja,« ſagte dieſer dann, als Valentin ſchwieg; »Alles kommt zu ſeinem gebuͤhrenden Ende. Das Vermo⸗ gen des Onkels... Sie wiſſen es wohl?.. Was half es uns?.. Es flog dahin, wie ein Stuͤck Papier vor dem Sturme, und war bald verthan. An dem Tage, als wir den Alten vermißten, hatten wir Execution im Hauſe, und ſo blieb uns denn nicht einmal mehr ſo viel Geld, um eine Hammelkeule zu kaufen. In der ſchoͤnſten Ordnung wurde uns Alles abgenommen; kein Bett mehr, worauf wir uns legen, keine Roſte, worauf wir einen Hammel⸗ ſchwanz kochen konnten. Der Alte wurde von dem Kirch⸗ ſpiel begraben, denn da wir es nicht fruͤh genug erfuhren, konnten wir es nicht ſelbſt thun, und ſparten ſo dieſe Aus⸗ gabe. Aber der Hunger ſtarrte uns mitten in das Geſicht hinein, und verhungert wurden wir auch ohne Zweifel ſein, der Bauchredner. 259 hätte die Mutter nicht einen Haufen Pfandſcheine gehabt die wir nach und nach verkauften, und uns dadurch ein Paar Wochen lang das Leben friſteten. Ich verſuchte na⸗ tuͤrlich, mir irgend einen Dienſt zu verſchaffen, aber die Narren, an die ich mich wandte, lachten mich jedesmal aus. Ich war entſchloſſen, Alles in der Welt zu thun, war aber nicht im Stande, das Geringſte von der Welt zu thun zu bekommen. Ich verſuchte es auf der Werfte, allein verge⸗ bens; kräftige Männer warteten unbeſchäftigt. Endlich wollte ich mich als Reitknecht vermiethen.»Wie lange waren Sie in Ihrer vorigen Stelle?«— Damit war es dann im⸗ mer abgemacht. Ich ſagte ihnen, daß ich mein Moͤg⸗ lichſtes thun wuͤrde, aber die Narren wollten nichts von mir wiſſen Was ſollte ich nun anfangen? Kein Geld, keine Arbeit, keinen Freund, der mir einen Heller geborgt hätte. Und wenn auch ich fuͤr meine Perſon etwas gefunden hätte... aber die Weiber, was ſollte aus ihnen werden? und verlaſſen konnte ich ſie nicht!... Sie litten ſo ſchon ge⸗ nug, da weder ſie, noch ich, einen Heller erwerben konn⸗ ten. Einmal dachten ſie ſtark daran, Zeug fuͤr Andere zu rollen, aber wir hatten nicht genug Geld, um eine Ma⸗ ſchine zu kaufen, nicht einmal ſo viel, um einen Schild machen zu laſſen:»„Hier wird gerollt!« Allein das hätte 260 Valentin Vor man mit Kreide auf den Fenſterladen ſchreiben können; aber die Hauptſache war die Rolle: ſie hätten es anfangen ms⸗ gen, wie ſie wollten, ohne Rolle hätten ſie nicht rollen kon⸗ nen. Auch das Waſchen ging nicht, denn ſie hatten kein Waſchfaß, und unter dem ganzen weiten Himmelszelt war keine Seele, die ihnen ein halb Pfund Seife geborgt hätte. Ich machte ihnen nun den Vorſchlag, dadurch Geld zu er⸗ werben, daß ich meine perſönliche Sicherheit auf das Spiel ſetzte, allein ſie wollten es nicht, obgleich ich ihnen goldene Berge verſprach. So ſchlugen wir uns eine Woche nach der andern monatelang durch.. ich vom Morgen bis zum Abend außer dem Hauſe, um ſo viel zu erwerben, daß ich ein Stuͤck Brot kaufen konnte, während jene hungrig und halbnackt zu Hauſe ſaßen, und fuͤr mein gutes Gluͤck bete⸗ ten. Bisweilen brachte ich einen Sirpence mit nach Hauſe, noch häufiger aber gar nichts. Wenn ich heimkam, merk⸗ ten ſie im Augenblicke, ob ich Etwas hatte, oder nicht. Hatte ich Etwas, ſo glänzten ihre Augen wie Brillanten, waͤhrend ſie mich kuͤßten; hatte ich nichts, ſo kuͤßten ſie mich ebenfalls, und ich hoͤrte keine andere Klage, als etwa die, welche in einem Seufter lag; und auch den wuͤrden ſie unterdruͤckt haben, wenn ſie gekonnt hätten.« Wahrlich, das iſt ſehr, ſehr traurig 1« bemerkte Valentin. der Bauchredner. 261 »Traurig!« wiederholte Horace.»O, es brachte mich in Verzweiflung, und oft war ich ſchon auf dem Sprunge, lange Finge zu machen nach einem Stuͤcke Fleiſch, wenn ich ſie ſo hungern ſah.... Ich wuͤrde es auch gewiß ge⸗ than haben; aber da jene Unredlichkeit uns in dieſes Elend gebracht hatte, ſo hatte ich den feſten Entſchluß gefaßt, ſo lange ich lebte mich nicht in die kleinſte ungerechtigkeit wie⸗ der einzulaſſen.« „Und bei dieſem Vorſatze ſind Sie geblieben?« „Ja, und werde immer dabei bleiben. Größern Ver⸗ ſuchungen, als ich gehabt habe, kann ich nicht mehr ausge⸗ ſetzt ſein, und ich weiß nun, daß ich ihnen widerſtehen kann.* »Warum wandten Sie ſich aber nicht an mich 24 »Stolz war die erſte Urſache, und die Unmoglichkeit die zweite. Ich war zu ſtolz, es zu thun, ehe nicht Alles fort war, und während dem hatten Sie Ihre frühere Woh⸗ nung verlaſſen, und wahrſcheinlich glaubte man, Sie wuͤnſch⸗ ten nicht, durch mich belaͤſtigt zu werden, denn ich konnte ſie nicht bewegen, mir Ihre Adreſſe zu geben.* „Das war ſehr unrecht von den Leuten,« bemerkte Valentin,»ſehr unrecht.« „Zum Gluͤck gelang es mir, bald nachdem ich vorge⸗ Valentin Vox ſprochen hatte, was nicht eher geſchah, als bis alle Hoff⸗ nung fort war, dadurch, daß ich den Stallknechten bei dem Putzen der Pferde und dergleichen half, ein Paar Sirpence zu eruͤbrigen, die mich eine Zeit lang uͤber Waſ⸗ ſer hielten, bis einer der Stallknechte zum Reitknechte avan⸗ cirte, da trat ich in ſeine Stelle, und ſo gelang es mir nach und nach, da ich mit den Pferden ganz gut umzugehen weiß, auf den Bock zu kommen. Das erfuͤllt alle meine Wuͤnſche. ich bin ſeitdem bei dieſem Geſchaͤfte geblieben die Weiber koͤnnen nun wieder ein Häppchen Fleiſch einholen, und Alles geht gut, obſchon ich fuͤrchte, meine Mutter wird den Tod des Alten nicht uͤberſtehen.... Wie er aber darauf kam, auf dieſe Weiſe aus der Welt zu ge⸗ hen, kann ich nicht klein kriegen.« „Vermuthlich war er wahnſinnig geworden!« „Die Wahrheit zu ſagen... und warum ſollte ich es auch jetzt noch verheimlichen?... ſeit jener ungluckſeligen Geſchichte war es ihm nicht recht im Kopfe. Sein Geiſt war ſtets krank und verwirrt, und ſeine Einbildungskraft immer unterwegs. Fortwährend beſchwur er ein Geſpenſt, da er ſich immer einbildete, ſein Bruder ſtände vor ihm. Was ihn aber am Meiſten erſchutterte, war der umſtand, daß ſein Bruder ihm ſein ganzes Vermoͤgen hinterlaſſen — der Bauchredner. 263 hatte, als ſei gar nichts vorgefallen. Das gab ihm den Todesſtoß. Seit der Zeit gewoͤhnte er ſich an Brandy, den er in ungeheurer Menge zu ſich nahm. Aber betrun⸗ ken wurde er nie davon, und das war das Wunderbarſte dabei. Toll machte es ihn, und desperat in ſeinen Spe⸗ culationen; denn hätte ſich eine Geſellſchaft zur Wiederher⸗ ſtellung fauler Eier gebildet, ich bin uͤberzeugt, daß er ein Paar hundert Actien genommen haben wuͤrde. Doch er iſt dahin.. und vielleicht.. je weniger von ſeinen Verirrungen geredet wird, deſto beſter.« »Wohl,« ſagte Vatentin,„was Ihre jetzige Lage betrifft:— Sie muſſen etwas Beſſeres thun, als den Kut⸗ ſcher ſpielen. Ueberlegen Sie ſich die Sache, und beſuchen Sie mich in einigen Tagen wieder. Findet ſich irgend ein Geſchäft, das Ihnen zuſagt, ſo laſſen Sie es mich wiſſen, und zeigt ſich nur die kleinſte Ausſicht auf gänſtigen Er⸗ folg, ſo leihe ich Ihnen alles Geld, was Sie zum Anfange brauchen; Sie zahlen es mir dann zuruͤck, wenn ſie reich werden. Einſtweilen,« fuhr er fort, indem er einen Wech⸗ ſel uber hundert Pfund ſchrieb,» geben Sie dieſes Ihrer Frau, und ſagen Sie ihr, ſie ſolle getroſt auf beſſere Zei⸗ ten hoffen.« Horace ſah eine Weile ſo aus, als könne er nicht glauben, was er hoͤrte, als ihm aber Valentin die Hand druckte, und dabei ihm den Wechſel gab, uͤberwaͤltigte ihn die Dankbarkeit und Thränen ſturzten aus ſeinen Augen. „Ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll!« rief er endlich. 264 Valentin Vor »Sagen Sie nichts,« entgegnete Valentin,„und he⸗ ſuchen Sie mich bald wieder.« Porace wiſchte ſich die Augen aus und ſchickte ſich zum Weggehn an; aber ehe er das Zimmer verließ, ergriff er Valentins Hand und ſagte ernſt und mit tiefem Gefuͤhl: „Ich danke Ihnen im Namen meines armen Weibes und meiner Mutter.« Valentin ſah ihn ſeitdem haͤufig. Er leiſtete ihm auf jede Weiſe Beiſtand, und Horace verſäumte keine Gelegen⸗ heit, ſeine Dankbarkeit an den Tag zu legen. Er kaufte ihm die Stelle eines Pferdelieferanten, die ein Bedeutendes abwarf, und ſah mit Freuden, wie Horace durch Ordnung und Fleiß immer mehr emporkam.. wahrlich, für Va⸗ lentin, der ſein Gluͤck im Wohlthun fand, war das eine herzliche Freude. Da er unermeßlich reich war, ſo ſtand es in ſeiner Macht, unbeſchränkt Gutes zu thun, und er ließ nie eine Gelegenheit voruͤbergehn. Je gluͤcklicher er An⸗ dere machte, deſto gluͤcklicher fuͤhlte er ſich ſelbſt. Er war von Allen geachtet, die ihn kannten, war geehrt und ge⸗ liebt, und lebte mit ſeiner ſchoͤnen, liebevollen Louiſe, ſeinen ſuͤßen Kindern, ſeiner guten Mutter und Onkel John.. der faſt immer in einem Zuſtande des Entzuͤckens lebte, und ſowohl zu Hauſe als draußen ſelten einen Augenblick hin⸗ brachte, ohne eins von den Kindern auf ſeinem Schooße zu haben fortwährend in dem reinſten Genuſſe der Ge⸗ ſundheit, des Reichthums, der Ehre und der Zufriedenheit. Ende. ——————————— S ſiſſſſſicſiſim 15 16 17 18 ſ 8 9 10 13 14 9 S v llliilillall — * 4 —