Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöfiſcher Literatur v Eduard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Feſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr pffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 M— Pf. 3 . „„ 2 Snswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Das Erſtaunen, mit welchem Valentin in Mr. Plum⸗ plee's Hauſe erfuhr, ſein Beſchutzer ſei nicht angekommen war eben ſo groß als das, in welches er Goodman durch ſeine Erzählung hatte verſetzen wollen„ doch natuͤrlich von ganz entgegengeſetztem Charakter. Aber Valentin war nicht allein erſtaunt: Mr. Plumplee, und Mr. Jonas Beagle, ein excentriſcher alter Herr, der ſeine Zeit in Gravesend todtſchlug, der Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit wegen, die ihn jedoch nie auch nur einen Augenblick verlaſſen hatte, ſprachen ebenfalls ihre Verwunderung aus, waͤhrend Miß Madonna Plumplee, die jungfräuliche Schweſter von Good⸗ man's Freunde, ſich in alle möglichen Conjecturen in Bezug auf dieſen Fall einließ. Valentin Vor »„Wer weiß!« rief die gutherzige Perſon:»er iſt viel⸗ leicht uͤbergefahren oder dergleichen!... die Fuhrleute in London ſind ſo unvorſichtig. Neulich verſuchte ich es Drei⸗ viertelſtunden lang, queer uͤber Fleetſtreet zu gehen, und dabei war es noch ein Wunder, daß ich nicht umkam; denn ein Hundekarren fuhr ſo raſch daher, daß ich meinte, ich läge ſchon darunter! Es iſt abſcheulich, daß man derglei⸗ chen erlaubt. Der Mann, der darauf ſaß, rauchte ruhig ſeine Pfeife, und kümmerte ſich nicht um die Gefahr, in welche er das Leben und die Beine der Leute brachte. Er ſchien es gar nicht zu bemerken. Er kriegte jedoch ſeine gerechte Strafe dafuͤr, denn kaum war er bei mir voruber, als das Rad, uͤber welchem er ſaß, in ein Loch fuhr. Der Karren ſchlug um, und der Menſch war uͤber und uͤber voll Dreck.« »O, ich furchte nicht, daß ihm etwas Ernſtliches be⸗ gegnet ſei,« ſagte Mr. Plumplee.»Die Nachricht davon wäre ohne Zweifel noch vor heute Morgen eingelaufen; denn er geht nie aus, ohne ſein Kartenetui; auch befindet ſich ſein Name und ſeine Adreſſe auf ſeinem Taſchenbuche.« »Aber,« meinte Miß Madonna,»die Taſchen konnten ihm ja vorher ausgeleert ſein. London iſt ſolch ein Ort. Erſt kurzlich noch las ich in der Zeitung von einem Herrn der Bauchredner. 5 der, als er ſein Taſchentuch verloren, in einen Laden ging und ein neues, aber geſaͤumtes kaufte; und er war noch keine fuͤnf Minuten weiter, ſo war auch das wieder fort.« »„Und kaufte er ſich abermals ein anderes?« fragte Mr. Jonas Beagle. „Das ſtand nicht dabei; aber ſolche Vorfälle ſind wirk⸗ lich ſchrecklich,« entgegnete Miß Madonna.»Ich habe es tauſendmal geſagt und bleibe dabei... die Polizei nutzt zu gar nichts. Wenn Jemand gepluͤndert wird, ſo ſind ſie nicht da.« »Ich fuͤr mein Theil,« ſagte Mr. Jonas Beagle, „glaube, er iſt gepreßt worden.... Daß er die ganze Nacht ausblieb, kommt mir ſehr verdaͤchtig vor... Was braucht Jemand die ganze Nacht außer dem Hauſe zu blei⸗ ben? Ich ſehe keinen Grund dafuͤr, weshalb ich es fuͤr ſehr auffallend halten muß.« Und Mr. Jonas Plum⸗ plee ſchien mit ſeinen kleinen zwinkernden Augen andeuten zu wollen, daß in ſeiner Meinung Goodman nicht voͤllig rein daſtände. Die Aufmerkſamkeit Mr. Plumplee's und ſeiner liebens⸗ wuͤrdigen Schweſter richtete ſich nun auf Valentin's Anzug. Ein Schneider in der Naͤhe ward requirirt, da er aber nichts Zweckdienliches vorrathig hatte, ſo wurde der Fall Valentin Vor einer nebenan wohnenden Familie mitgetheilt, und eins der juͤngern Mitglieder derſelben ſandte gefaͤllig einen voll⸗ ſtändigen Anzug, der denn auch zum Gluͤck Valentin voll⸗ ſtändig paßte. „Nun,« ſagte Mr. Beagle,»wollen wir eine Pro⸗ menade machen.« Und da man ſich uͤberzeugt, daß es un⸗ nuͤtz ſein wuͤrde, auf Goodman zu warten, der ſchwerlich am Abend eintreffen wuͤrde, ſo verließen Beagle, Plumplee und Valentin das Haus, und geriethen plotzlich in einen Strom luſtiger Leute, die ſchwer mit Kindern und Mund⸗ vorraͤthen bepackt waren. »Laßt uns nach der Pellevieh gehen,« rief eine Frau, die ein Kind auf dem Arme und ein anderes auf dem Ruͤcken trug, waͤhrend ſie ein Drittes an der Hand fuͤhrte. „'s iſt weit und breit der ſchoͤnſte Platz,« bemerkte eine Dame, welche die Mutter jener intereſſanten Unmuͤn⸗ digen zu ſein ſchien, und ein Taſchentuch trug, in welchem die Geſtalt eines Tellers deutlich zu erkennen war.»Ich habe darum die Pellevieh ſo gern, weil man die Schiffe ſo nahe vorbeifahren ſehn kann.« „Die Pellevich!« rief Valentin.„Was iſt das?⸗ „Sie meinen die Bellevue, ein kleines Wirthshaus am Berge,« antwortete Mr. Jonas Beagle, der kaum dieſe gle, der Bauchredner. 7 intereſſante Erklaͤrung gegeben, als er in dasjenige einbog, was er den Tivoligarten nannte. Scenen von Volksbeluſtigungen jeder Art boten ſich ih⸗ ren Augen dar, fuͤr Valentin ein hoͤchſt intereſſantes Stu⸗ dium, waͤhrend Beagle und Plumplee ſich in ein Geſpräch vertieften, das ſie denn auch auf die bei ihnen unveränder⸗ lich gebräuchliche Weiſe endigten, indem jeder uͤberzeugr war, der andere habe unrecht. Nachdem ſie dieſe hochſt wichtige Angelegenheit alſo zu einem gluͤcklichen Ausgange gebracht, ſah Mr. Plumplee nach der Uhr, und nachdem er einige ori⸗ ginelle Bemerkungen in Bezug auf den Flug der Zeit ge⸗ macht hatte, gingen ſie den Berg hinab, und langten in demſelben Augenblicke zu Hauſe an, als ihre Gegenwart durchaus erforderlich wurde, wenn Miß Madonna's See⸗ lenruhe fortdauern ſollte. Die erſte Frage war naturlich nach Goodman, und da Goodman eben ſo natuͤrlich nicht angekommen war, ſetzten ſie ſich zu Tiſch, worauf Beagle und Plumplee ſich in phi⸗ loſophiſche Betrachtungen uͤber den traurigen Zuſtand der Dinge im Allgemeinen einließen, während Valentin und Miß Madonna ſich am Fenſter damit unterhielten, daß ſie tiefe intereſſante Bemerkungen uͤber das Aeußere der anhal⸗ tend Voruͤbergehenden machten. Valentin Vox. Gegen Abend jedoch fuhlte ſich Valentin unbehaglich, und ſprach den Wunſch aus, mit dem letzten Boote zuruͤck⸗ zukehren; aber Miß Madonna, deren Wort in dieſem Hauſe als Geſetz zu gelten ſchien, widerſetzte ſich durchaus. Sie hielt es fur hochſt gefäͤhrlich. Die Böte wären des Abends ſo gedrängt voll, zumal das letzte, daß es ein wahres Wunder ſei, nicht uͤber Bord geworfen zu werden. Einem ſo triftigen Grunde zu widerſprechen wuͤrde als Lollheit betrachtet ſein; es ward daher beſchloſſen, daß er die Nacht uber hierbleiben ſollte. Nun gab es in dem Hauſe nur vier Schlafzimmer; das beſte hatte natuͤrlich Miß Madonna im Beſitz, das zweite Mr. Plumplee, das dritte Mr. Beagle, das vierte die Magd; das jedoch, in welchem Mr. Beagle ſchlief, hatte zwei Betten, ſo daß Valentin zwiſchen dieſem zweiten Bette und dem Sopha wählen konnte. Er zog natuͤrlich jenes vor, und da dieſes Mr. Beagle hoͤchſt angenehm zu ſein ſchien, ſo brachten ſie den uͤbrigen Theil des Abends ſehr gut hin und begaben ſich zur paſſenden Zeit zur Ruhe. Nachdem ihm ſein Bett angewieſen war, lag Valentin nach Verlauf einer Minute ſchon darin; denn, wie Mr. Jonas Beagle witzig bemerkte, er brauchte ſich nur zu ſchuͤtteln, und das Zeug fiele ihm wie von ſelbſt vom Leibe. der Bauchredner. 9 Da Valentin jedoch noch nicht müde war, ſo meinte er, es koͤnne nicht ſchaden, wenn er ſeinem Schlafkameraden eine kleine Unterhaltung gewährte. Er ͤberlegte ſich daher die Sache, während Mr. Beagle ſich ruhig entkleidete. »Wohlſchlafende Nacht,« ſagte Maſter Beagle endlich, als er ruhigen Sinnes das Licht ausblies und ſich in die Federn rodete. »Miau! miau!« rief Valentin leiſe, indem er ſeine Stimme unter Mr. Beagle's Bett ſandte. S verdammte Katze! rief Mr. Beagle. »Du mußt auf alle Fälle hinaus.« Damit ſprang er aus dem Bette, oͤffnete die Thuͤr, rief abermals mit Nachdruck »Hſch!« und warf ſeine Hoſe nach dem Orte, wo er die Katze vermuthete. Als Valentin nun das Geſchrei wieder⸗ holte und zwar ſo, daß es von der Treppe herzukommen ſchien, dankte Beagle dem Himmel, daß ſie fort war, ver⸗ ſchloß die Thuͤr, und huͤllte ſich wieder ſorgfältig in die Kiſſen. Miau iat iat rief Valentin, eben als Beagle ſich wieder in eine bequeme Lage hatte. »Was! biſt Du noch da?« fragte Beagle in ſarkaſti⸗ ſchem Tone.„Ich dachte„ Du waͤreſt fort!.. Horen 10 Valentin Vox Sie nur die verdammte Katze!« wandte er ſich an Valen⸗ tin, in der Abſicht, ihm das ehrenvolle Amt eines Kam⸗ merjägers zu uͤbertragen; aber Valentin antwortete durch ein tiefes, ſchweres Schnarchen, und fing an, noch nach⸗ druͤcklicher zu miauen. Beagle ſprang abermals aus dem Bette.— Er hſchte immer ſtaͤrker, oͤffnete von Neuem die Thuͤr, und als Va⸗ lentin leiſe am Bettpfoſten zu kratzen anfing, hielt er das fuͤr den Abzug der Katze, warf ihr ſein Kopfkiſſen nach, verſchloß die Thuͤr wieder und kehrte triumphirend nach ſei⸗ nem Bette zuruͤck. In dem Augenblicke jedoch, als er ſich bequem zurechtgelegt hatte, vermißte er das Kopfkiſſen, das er in ein Werkzeug der Rache verwandelt hatte, und da dieſes ein Gegenſtand war, ohne den er nicht einſchlafen konnte, ſo mußte er ſich abermals entſchließen, das Bett zu verlaſſen. »Wie oft mag ich in dieſer verdammten Nacht noch aufſtehen ſollen?« bemerkte er fuͤr ſich.»Anſtrengung iſt gewiß ſehr nuͤtzlich und der Geſundheit zuträglich; aber dies iſt mir doch etwas zu viel. Wo biſt Du denn hinge⸗ fahren?« redete er das Kopfkiſſen an, welches er, ſo viel er auch mit den Fuͤßen umherfuhr, eine Zeit lang durchaus nicht finden konnte.»Ah, da biſt Du ja!« und er nahm der Bauchredner. 11 den Gegenſtand ſeines Suchens auf, und gab ihm mehrere Stoͤße. Dann rodete er ſich wieder in die Kiſſen und ſchickte ſich zum Einſchlafen an. Maſter Jonas Beagle war ein Mann, der ſich viel auf die Gleichmäßigkeit ſeines Temperaments zu Gute that. Er ruͤhmte ſich, daß nichts ihn in Leidenſchaft ſetzen konnte, und da eigentlich nie ſich Jemand die Muͤhe gegeben hatte, ihn zu plagen, ſo hatte er ſeinen Gleichmuth leicht bewah⸗ ren koͤnnen. Den Mangel dieſer urſache ſchrieb er natuͤr⸗ lich der Liebenswuͤrdigkeit ſeines Charakters zu. Hätte Mr. Jonas Beagle gegen viele von den Uebeln zu kämpfen ge⸗ habt,»deren Erbe das Fleiſch iſt,« ſo wuͤrde er es wahr⸗ ſcheinlich eben ſo gemacht haben, wie die meiſten ſeiner Mitmenſchen; da ihm aber nur wenige, und noch dazu ſehr leichte, Unannehmlichkeiten begegnet waren, ſo hielt er ſich in dieſer Hinſicht für einen Philoſophen, und fuͤr com⸗ petent, Geſetze aufzuſtellen, nach denen der Charakter der Menſchen im Allgemeinen geleitet werden muͤſſe. Er fuͤhlte jedoch, daß die eben gehabte Aufregung ſich ein wenig der Leidenſchaftlichkeit nähere, und machte ſich eben Vorwurfe daruͤber, als Valentin abermals;»„Miau!. miaul« xief. 12 Valentin Vox »Holla!« ſchrie Mr. Jonas Beagle;»ſchon wieder » Miau!⸗ rief Valentin in einem etwas hoͤhern Tone. „Was! noch eine!« „Miau! miau!« rief Valentin in noch hoͤherem Tone.. »„Nun, wie viel ſeid Ihr Eurer denn?« fragte Mr. Beagle.„Das wird ein allerliebſtes Concert geben.« und Valentin begann aus Leibeskraͤften zu ſchreien, zu ſchnurren und zu miauen. „Nur immer zu, meine Damen!« rief Beagle, als er dem unterhaltenden Concert zuhorchte.»Ich wuͤnſchte nur, daß ich mich nicht ſo ſehr vor Euch fuͤrchtete... Schon wieder? Das iſt ja um des Teufels zu werden!.. Ho⸗ ren Sie denn die verdammten Katzen gar nicht? rief er; aber Valentin antwortete abermals nur durch ein lautes Schnarchen.„»Wahrhaftig, das iſt ſehr angenehm,« fuhr er fort, ſich im Bette aufrichtend.»„Hoͤren Sie denn nicht? Nun, Gott ſegne ſolch einen geſunden Schlafl« eine Be⸗ merkung, die wahrſcheinlich durch den Umſtand hervorgerufen wurde, daß das Schreien und Quicken desperater wurde. „Was iſt da zu machen? Meine Hoſe liegt mitten zwi⸗ ſchen ihnen. Ich kann jetzt alſo nicht hinaus: ſie riſſen mir der Bauchredner. 13 das Fleiſch von den Beinen; und der Menſch ſchlaͤft da wie eine Ratz.. Sollten Sie denn wirklich dieſes heilloſe Geſchrei nicht hoͤren?« Das war nun keineswegs der Fall; denn die ganze Zeit, daß Valentin nicht mit Miauen und Schreien beſchäf⸗ tigt war, verwandte er eifrigſt auf das Schnurren, was von guter Wirkung war, und die Pauſen trefflich ausfüllte. Endlich begann Mr. Jonas Beagles Geduld nachzu⸗ laſſen; denn die unſeligen Thiere ſchienen immer wüthender an einander zu gerathen. Er warf daher mit aller Gewalt einen Pfuͤhl in das Bett ſeines Schlafcameraden, und ſchrie ſo laut, daß Valentin einſah, daß es unſinnig ſein wuͤrde, ſich länger ſchlafend zu ſtellen, aͤußerſt naturlich zu gähnen begann, und dann rief:»Wer iſt da 2« »Ich bin's!« ſchrie Mr. Jonas Beagle.»Hören Sie denn dieſe verdammten Katzen nicht?« »Pſch!« rief Valentin.»Ei, es ſind ja ihrer zweiie »Zwei!« ſagte Beagle.»Sagen Sie lieber zweiund⸗ zwanzig! Ein ganzes Dutzend habe ich ſelber ſchon hinaus⸗ gejagt. Es iſt ein Schwarm, eine ganze Colonie voh ih⸗ nen hier, und ich weiß gar nicht, wie ich Licht bekommen ſoll.« »Ach, kuͤmmern Sie ſich nicht darum,« entgegnete 14 Valentin Vor Valentin.»Wir wollen einſchlafen, und ſie werden dann allmaͤlig ſchon von ſelbſt aufhoͤren.« „Das iſt leicht geſagt!... Wir wollen einſchlafen!... Aber wer iſt das denn im Stande?« rief Beagle.„Hol der Teufel die Katzen. Ich wollte, es gäbe keine einzige unter der Sonne... wahrhaftig, das wollte ich! Segar wenn man ſie hinausjagt... Hilf Himmel! hören Sie nur die eine iſt jetzt grade ſo recht im Zuge Ich wuͤnſche von Grund meines Herzens, daß dies der letzte Athem ſein mochte, den ſie in der Kehle hat.« Waͤhrend Mr. Jonas Beagle dieſe hoͤchſt geeigneten Be⸗ merkungen machte, quälte ſich Valentin mit aller Anſtren⸗ gung, dasjenige verſchiedenartige durchdringende Geſchrei hervorzubringen, welches dem Katzengeſchlechte eigenthuͤmlich iſt, und für einen Mann, der nur eine ſehr oberflächliche Kenntniß von der grammatikaliſchen Conſtruction der Spra⸗ che dieſer Race hatte, entwickelte er— dieſe Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren laſſen— einen Grad von Ge⸗ läufigkeit, der ihm aue Ehre machte. Er ſchnurrte, und miaute, und kreiſchte, und ſpann, und ſpie, bis der Schweiß ihm aus jeder Pore drang und ſein ganzes Betttuch durch⸗ näßte. »In der That, eine allerliebſte Situation,« bemerkte der Bauchredner. 15 Mr. Beagle.„Haben Sie jemals ſolch Heulen und Zäh⸗ neknirſchen gehört? Wil Euch der Teufel denn gar nicht holen, Ihr Racker?« fuhr er fort, indem er einen andern Pfuͤhl mit aller Macht unter das Bett ſchleuderte, und zwar, wie es ihm vorkam, mitten unter ſie. Statt jedoch die Katzen damit zu treffen, warf er unglucklicher Weiſe etwas anderes um, das mit großer Schnelligkeit von einem Ende des Zimmers zum andern rollte, und ein ſo ſonderbares Geraͤuſch hervorbrachte, daß er unter fortwäͤh⸗ rendem»Hm! Hm! ſich laut hinter dem Ohre kratzte. »„Wer iſt da?« fragte Plumplee in dem Gange unten, denn er ſchlief in dem darunter liegenden Zimmer, und war durch das Rollen des genannten Artikels beunruhigt wor⸗ den.»„Wer iſt da?. Hort Ihr?... Antwort, oder ich ſchieße Euch todt wie einen tollen Hund.⸗ In dem Augenblicke hoͤrte man den Knall einer Piſtole⸗ die ohne Zweifel in der Abſicht abgefeuert war, Jeden, den es anging, zu überzeugen, daß er ſolch ein Ding, wie eine Piſtole, im Hauſe habe. »Wer iſt da?« fragte er abermals.„Ich will Euch ſchon kriegen, Ihr Vagabonden!. eine Bemerkung, die unter dieſen Umſtänden ſehr natuͤrlich war, nicht nur weil er auch nicht die leiſeſte Abſicht hatte, einen ſo verzweifel⸗ — Laterne in der andern Hand, blaß wie ein Geſpenſt, im 16 Valentin Vor ten Plan in Ausfuͤhrung zu bringen, ſondern auch, weil er— ſeltſam genug— zu viel Gurken gegeſſen, die ihm ſchwer im Magen lagen, und geträumt hatte, er werde von Dieben angefallen, und habe ſie durch eine ganz aͤhn⸗ liche Drohung gluͤcklich verjagt. „Beagle!« ſchrie er, nachdem er vergebens auf Ant⸗ wort geharrt. „Hier!« rief Beagle;»kommen Sie herauf!. es iſt nichts... ich will es Ihnen ſchon erklären. um Got⸗ teswillen,« fuhr er zu Valentin gewendet, fort,» oͤffnen Sie die Thuͤr.« Aber Valentin war zu ſehr beſchaͤftigt, als daß er ſolche Aufforderung irgend hatte beachten ſollen. In dieſem Augenblicke hörte man Plumplee's Schritte auf der Treppe, und Mr. Beagle, der ſich jetzt etwas woh⸗ ler zu fuͤhlen begann, rief:„Kommen Sie herein, lieber Freund! Kommen Sie herein!« „Was giebt es denn, um Gottes willen?« fragte Mr. Plumplee, indem er, eine Piſtole in der einen, und eine Hemde eintrat. „Es iſt nichts!« antwortete Beagle.»Den Spek⸗ tackel habe ich gemacht. Ich war von einer Schaar Katzen belagert. Sie haben ſeit zwei Stunden das ſchonſte Concert der Bauchredner. 17 von der Welt ausgefuͤhrt, und indem ich ſie mit dem Pfuͤhle zur Ruhe zu bringen ſuchte, habe ich das Ding da umge⸗ worfen— das iſt die ganze Geſchichte,« »„Katzen!« ſagte Mr. Plumplee;» Katzen! i haben zuviel Gurken gegeſſen lieber Freund!.. ſie liegen Ihnen zu ſchwer im Magen!... Hm! Sie haben ge⸗ trͤumt!... der Alp hat Sie gedruͤckt.... Wir haben keine Katze im ganzen Hauſe ich kann die Thiere nicht ausſtehn.« »Da irren Sie ſich ſehr,« antwortete Beagle,„ſie ſind in ganzen Schwärmen hier. Wenigſtens zwanzig Stuͤck habe ich hinausgejagt, und die ganze Nacht faſt nichts an⸗ deres gethan. Ein und aus, und wieder ein und aus!.. So wahr ich lebe, ich glaube ich habe die verdammte Thuͤr nicht weniger als hundertundfunfzig mal aufgemacht; und der junge Mann da hat die ganze Zeit uͤber wie ein Kirch⸗ thurm feſtgelegen.« »„Ich ſage Ihnen, beſter Freund, Sie haben geträumt So lange ich lebe haben wir keine Katze im Hauſe gehabt.« »Miau!. miau!« rief Volentin ruhig. »Nun! habe ich geträumt?« rief Mr. Beagle trium⸗ phirend.»Hat mich der Alp gedruͤckt?« Volentin Vox U. 2 — 18 Valentin Vor »Gott ſteh' mir bei!« rief Mr. Plumplee, indem er auf Mr. Beagle's Bett ſprang;„ſie gehoͤren nicht uns.« „Ich weiß nicht, wem ſie gehoͤren,« verſetzte Mr. Beagle,„auch iſt mir das ganz gleichguͤltig. Ich weiß nur, daß ſie da ſind.... Wollen Sie mir meine Hoſe unter dem Bette hervorziehn, ſo ſtehe ich auf und⸗ morde ſie bei der Nath! Nur muß ich erſt meine Hoſe ha⸗ ben... Ich drehe ihnen den Hals um!« »„Ich kann die Hoſe nicht abreichen,« rief Mr. Plum⸗ plee.»Hſch! hſch!v— Als er jedoch fand, daß harte Worte ohne Wirkung blieben, nahm er ſeine Zuflucht zu dem ſanftern, beredendern Rufe:» Swies! ſwies! ſwies!« »Hſch! Ihr Satansbrut!« rief Mr. Beagle, der wirk⸗ lich in Zorn zu gerathen anfing. „Swies! ſwies! ſwies!... Mieschen! Mieschen!« wiederholte Mr. Plumplee in den ſchmeichelndſten, verfuͤh⸗ reriſchſten Toͤnen, indem er die Piſtole bei dem Laufe faßte, um der erſten ungluͤcklichen Katze, die erſchiene, den Hirn⸗ ſchädel einzuſchlagen. Doch all ſeine Liſt blieb ohne Erfolg. Sie blieben unſichtbar, während das Miauen auf die me⸗ lancholiſchſte Weiſe fortdauerte. „Was in aller Welt ſollen wir nur anfangen?« fragte der Bauchredner. 19 Plumplee.»Was mich betrifft, ich habe einen unwider⸗ ſtehlichen Abſcheu vor Katzen.« „Mir geht es nicht beſſer,«. bemerkte Mr. Beagle. „Wir wollen den jungen Mann aufwecken vielleicht macht der ſich nichts daraus.« »Holla!« rief Plumplee. „Holla!« ſchrie Beagle; da Valentin aber nicht hoͤrte, und Beide ſich ſcheuten, aus dem Bette zu ſteigen, um ihn durch Schuͤtteln zu erwecken, wickelten ſie die Betttuͤ⸗ cher und Kiſſen in Buͤndel zuſammen, und fingen an, mit unendlichem Eifer nach ihm zu werfen. »Wer da!.. Was giebt's?« rief Valentin endlich, ſo kalt als moglich, obgleich ſeine Anſtrengung ihn in hef⸗ tigen Schweiß geſetzt hatte. »Um Gottes Barmherzigkeit willen, mein theurer jun⸗ ger Freund,« ſagte Mr. Plumplee,„helfen Sie uns, dieſe Katzen herausbringen.« „Katzen!. Wo ſind ſie?... Hſch!„ rief Valentin. »Ach, das hilft nichts. Ich habe ſelber ſchon genug gehiſcht. Alles Hiſchen der Welt hilft hier nichts. Man muß ſie hinaus pruͤgeln. Sie fuͤrchten ſich nicht vor Katzen, nicht wahr 2 20 Valentin Vox. „Fuͤrchten!... Vor einer Handvoll Katzen?« rief Valentin, indem er aͤußerſt muthvoll that.»Wo ſind ſie?« „Unter meinem Bette,« antwortete Beagle.»Das iſt ein braver Junge!.. Schlagen ſie ihnen die Hirn⸗ ſchaͤdel ein!« Valentin ſprang aus dem Bette, und nachdem er nach den imaginairen Thieren heftig mit dem Kopfkiſſen ge⸗ worfen hatte, kreiſchte er wuthend und machte ein Geräuſch, genau, als ob die Thiere fortlaufen wollten. Dann oͤffnete er die Thuͤr, und ließ das»Miaul« immer entfernter ertönen, bis es endlich unten an der Treppe verſchwand. »Gott ſei Dank! Jetzt ſind ſie fort!« rief Mr. Bea⸗ gle.»Nun werden wir hoffentlich Ruhe haben.« und nachdem er genau in jeden Winkel geſehen, wo ſich moͤgli⸗ cher Weiſe eine Katze verſteckt halten konnte, zundete er ſein Licht an, wuͤnſchte Mr. Plumplee eine gute Nacht, und bat ihn, ſogleich zu Miß Madonna zu gehen, die unten wie⸗ derholt mit aͤngſtlicher Stimme gerufen hatte. Sobald Mr. Plumplee fort war, half Valentin Mr. Beagle, das Bett wieder in Ordnung bringen; und nachdem ſie dies wichtige Geſchaͤft mit der Gewandtheit zweier ausge⸗ lernter Kammermädchen vollbracht hatten, ward das Licht wiederum ausgeloſcht, und Mr. Beagle nahm ſich vor, der Bauchredner. 21 einen geſunden, ununterbrochenen ſechsſtundigen Schlaf zu thun. Er hatte jedoch kaum die Augen geſchloſſen, als das Miauen von Neuem losging, und da er durchaus nicht Luſt hatte, ein abermaliges Concert anzuhoͤren, ſo ſprang er auf und rief: »„Mich ſoll der Teufel holen, wenn ſie alle hinaus ſind!.. HBier ſchreit noch eine!« fuͤgte er zu Valentin gewendet hinzu; aber Valentin, der einen tiefen Athem an⸗ genommen hatte, antwortete nur durch ein foͤrmliches Schnar⸗ chen.»Bei dem lebendigen Gott, er ſchlaͤft ſchon wieder!« fuhr Beagle fort.„Solch ein Schlaf iſt mir denn doch noch nicht vorgekommen. He! Mr. Valentin! He!... faſt wie ein vierjahtiges Kind!. Hoͤrſt Du auf zu ſchreien, verdammtes Vieh! Soll ich denn die ganze Nacht kein Auge zuthun? Sie muß dort in dem Glasſchranke ſitzen. das habe ich uͤberſehen.... und doch ich ſehe die Möglichkeit nicht ein!...„ Er griff nach ſeiner Doſe, nahm herzhaft eine Priſe, und uͤberlegte ſich die Sache ernſtlich. „Was iſt hier zu thun?« fragte er ſich.»Was iſt zu thun, Jonas?... Es hilft nichts wir werden nicht ſchlafen.... Eben ſo gut koͤnnten wir ein Loch in den Valentin Vor Mond werfen wollen.... Hſch! Du ver... Jonas, Jo⸗ nas, bewahre Deinen Gleichmuth!... bleib ruhig! Laß Dich durch eine verächtliche Katze nicht in Harniſch bringen.« Und Mr. Beagle nahm abermals eine Priſe Tabak, die ihm offenbar wieder Troſt gewahrte.»Was! ſchon wieder?« fuhr er fort.»Ich wollte, ich konnte Dir den Hals um⸗ drehen!... Du willſt mich gewiß erſt zornig machen!... Doch... das ſoll Dir nicht gelingen!... Schmeichle Dir ja nicht, daß Dir das gelingen koͤnnte!... Jedoch, Jo⸗ nas, was iſt zu thun? Soll ich die ganze Nacht hier ſitzen, oder das Bett auf den Nacken nehmen und ſpatzie⸗ ren gehn?.. wie24 Jonas hielt dies letztere Mittel fuͤr ſo angemeſſen, daß er allem Anſchein nach es ſogleich auszufuͤhren beſchloß; denn er kleidete ſich zunächſt im Bette halb an, hing ſich dann das Bettlaken und Deckbett über die Schulter, nahm das Kopfkiſſen und einen Pfuͤhl unter den Arm, und ſagte: „So! nun überlaſſe ich Dich Deinem eignen Gewiſſen! Gute Nacht!« Damit verließ er das Zimmer, um auf dem Sopha die Ruhe zu ſuchen, welche er hier nicht fand. Valentin erſtaunte uͤber die Ruhe und Kaltbluͤtigkeit, welche Mr. Beagle bei dem ganzen Vorfalle gezeigt hatte; und nachdem er ſich wegen des boshaften Geiſtes, der in der Bauchredner. 23 ihm war, Vorwuͤrfe gemacht, und es ſich als Strafe auf⸗ erlegte, daß er ſich nun ebenfalls der Ruhe berauben wolle — was ihm eben ſo gut gelang, wie ehemals den Moͤn⸗ chen, die ſich mit Geißelhieben zuͤchtigten— ſuchte er ſich damit zu entſchuldigen, daß es ſein Zweck ſei, den wahren Charakter der Menſchen kennen zu lernen. und da dieſe Rechtfertigung ihm vollkommen genuͤgte, ſo verfiel er bald in einen geſunden Schlaf. Am Morgen hoͤrte man natuͤrlicher Weiſe nichts als Schreckensgeſchichten. Mr. Plumplee erzaͤhlte die ſeinige mit der Miene eines Mannes, der ſeines Muthes ſich be⸗ wußt iſt; und Miß Madonna die ihrigen mit tiefer Em⸗ pfindung und großer Wirkung. Als aber Mr. Beagle zu erklären anfing, wie er verfolgt worden ſei, vergaßen ſie ihre eignen Beſchwerden und lachten herzlich uͤber ſein Miß⸗ geſchick. Dies war unter ſolchen umſtänden gewiß ſehr tadelnswerth, obſchon die Naturphiloſophen behaupten, daß grade durch die kleinen Unfaͤlle Anderer die Lachfaͤhigkeit des Menſchen am Unwiderſtehlichſten herausgefordert wird. Wo aber war waͤhrend dieſer ganzen Zeit der arme Goodman?— Während Valentin auf dem Wege nach der Stadt iſt, wohin er gleich nach dem Fruͤhſtucke aufbrach, ſoll das nächſte Kapitel dieſes in der Kuͤrze erzaͤhlen. Valentin Vor Vierzehntes Kapitel. Goodman wird nach ſeinem neuen Aufenthaltsorte gehracht.— Erklärung eines bis jetzt unbekannten Syſtems. Da Mr. Goodman, der, als man ihn in die Kutſche warf, ohnmaͤchtig geworden war, endlich wieder zur Beſinnung kam, fuͤhlte er ſich gänzlich durchnäßt; denn als die Kerle bemerkten, daß alles Leben aus ihm gewichen war, fuͤrchteten ſie, in ihrer Gewaltthätigkeit zu weit gegangen zu ſein, und holten daher eine Flaſche Waſſer, mit welchem ſie ihn fortwaͤhrend beſprengten, bis er wieder erwachte und nun zum deutlichen Bewußtſein ſeiner Lage kam. Er ergriff den Arm des neben ihm Sitzenden, ſah ihm in das Geſicht und rief:— »Sagen Sie mir, beſter Mann, ſagen Sie mir, was dieſe unerhoͤrte Kraͤnkung bedeuten ſoll?« „Sie werden es bald genug erfahren.... Nur nicht ungeduldig!« antwortete Jener. »Aber warum hat man mich ſo ergriffen, wie einen * der Bauchredner. 25 Dieb?. Wen habe ich beleidigt?... Ich wuͤßte nicht, daß ich auch nur einem Menſchen zu nahe getreten wäre.« »Sparen Sie Ihre Fragen„« antwortete Jener.»Wir wiſſen nichts davon. Wir haben unſre Vorſchriften und das iſt genug.« „Nur das ſagen Sie mir,« drängte Goodman,»nur das Eine ſagen Sie mir, wohin Sie mich jetzt bringen.« »O, das erfahren Sie fruͤh genug!... Nur Ge⸗ duld... Sie werden es bald ſelbſt ſehen.« »Es kann Sie doch aber ſchwerlich etwas abhalten, mir das zu ſagen,« bemerkte Goodman. »O, ſag' es dem Herrn doch,« rief der gegenuͤberſi⸗ tzende Kerl.»Du ſiehſt, er iſt nicht ſo ſchlimm, wie die Andern. Sag' es ihm nur, es verſchlägt ja nichts« »Es iſt nicht in der Ordnung,« rief der Andere; vzwar weiß ich grade nichts dagegen zu ſagen, aber es iſt nicht in der Ordnung. Doch... er gefällt mir, weil er ein Gennelman iſt, und ſo mag es drum ſein.« »O, reden Sie,« ſagte Goodman ungeduldig. »Nur nicht ſo eilig!« rief der Burſche.» Ihr Pa⸗ tienten ſeid immer gleich ſo hitzig!« »O, ſcherzen Sie nicht mit mir, im⸗Namen des Himmels.— W Valentin Vor „Schon wieder!« rief der Burſche;„ſchon wieder!... Koͤnnen Sie denn gar nicht ruhig ſein?... Meinetwegen mögen Sie es denn wiſſen. Wir bringen Sie an einen Ort, wo man Sie voͤllig wieder herſtellen wird.« „In ein Irrenhaus?... Nicht wahr?« rief Goodman. „Sie könnten es nicht beſſer treffen, und hätten Sie einen ganzen Monat darauf gerathen.... Aber es iſt ein huͤbſcher Ort... recht ablegen und allerliebſt... keiner von Ihren oͤffentlichen!... Alles nett und anſtändig!« Goodman hatte viel von Privatirrenhaͤuſern und den darin ausgeuͤbten Schändlichkeiten gehoͤrt... Schändlich⸗ keiten jedoch, die er fuͤr bloße Erdichtungen gehalten, in der kranken Phantaſie derer entſprungen, die man daſelbſt mit Recht eingeſperrt; denn es ſchien ihm unmoöglich, daß etwas ſo Abſcheuliches in einem Lande, wie England, ge⸗ duldet werden könne. Alle dieſe Handlungen der Barbarei indeß ſtellten ſich ihm jetzt als Wirklichkeit dar und veran⸗ laßten ihn zu einem desparaten Verſuche zur Flucht; denn er war uͤberzeugt, daß man, haͤtte man ihn ohne Wiſſen ſeiner Freunde einmal hier eingeſperrt, ihn wahrſcheinlich ſo lange dort behalten wuͤrde, bis er unter Martern jeder Art den Geiſt aufgäbe. Um daher keinen Verdacht zu er⸗ regen, ſtellte er ſich vollkommen ruhig, und nachdem er der Bauchredner. 27 ſich ſeiner Meinung nach bei den Kerlen hinreichend in Gunſt grſetzt, legte er fuͤnf Sovereigns in die Hand desjenigen, welcher der Erſte zu ſein ſchien, und erklaͤrte, daß er ihm einen Wechſel uͤber hundert andere ausſtellen wuͤrde, wenn er, ſtatt ihn in das ſogenannte Irrenhaus zu fuͤhren, ihm zuruͤckzukehren geſtattete. »Es kann nicht geſchehen,« ſagte Jener.»Es iſt un⸗ moͤglich. Ich wollte, ich koͤnnt's. Wir werden bewacht. Die beiden Doctors ſind hinter uns mit Ihrem... 4 Hier brach er plotzlich ab. »Mit wem, lieber Freund, mit wem?.„ fragte Goodman. »Nun mit mit dem Herrn, der die Doctors holen ließ,« entgegnete Jener mit offenbarem Zoͤgern. »„Und wer iſt das?« fragte Goodman dringend.»Wer iſt das? Nur das ſagen Sie mir.« »Nein, das iſt gegen das Geſetz, entgegnete Jener.»Es iſt ein Geheimniß!... Doch werden Sie es ſchon erfahren.« »„Sind ſie jetzt hinter uns?« fragte Goodman, und verſuchte aus dem Fenſter zu ſehen. „Ja wohl, ſie kommen... bleiben Sie ſitzen bleiben Sie ſitzen!« ſagte der Burſche, und Goodman, der 3 1 28 Valentin Vor jeden Verdacht vermeiden wollte, ſetzte ſich wieder an ſeinen Platz. »Haben wir noch weit?« fragte er. „Nein, wir ſind gleich da in zehn Minuten ſind wir da.« Goodman ſah nun, daß keine Zeit zu verlieren war; denn er hatte ſich entſchloſſen, einen verzweifelten Verſuch zu wagen. Er wußte, daß, wäre er einmal aus dem Wagen, ein ſehr behender Mann erforderlich ſein wuͤrde, ihn einzuholen, und dadurch kuͤhn gemacht, bereitete er ſich zu einem Sprunge vor. „Nun noch fuͤnf Minuten,« ſagte einer der Kerle und ſteckte den Kopf aus dem Fenſter. Goodman benutzte dieſe gönſtige Gelegenheit, nahm ei⸗ nen verzweifelten Anſatz, und ſprang aus der gegenuͤber⸗ befindlichen Thuͤr. „Er iſt fort!... Halt, Kutſcher! halt!« rief einer der Kerle.»Den holen wir nicht wieder ein, er hat kein Pfund Fleiſch auf dem Leibe.⸗ Sie wurden ihn auch ſchwerlich wieder gefaßt haben; allein Goodman vertrat ſich bei dem Sprunge eine Sehne und fiel zu Boden. Die Kutſche hielt, und die Kerle ſyranhe heraus; und der Bauchredner. 29 da ſich auf den einen Fuß nicht verlaſſen konnte, ſo holten ſie ihn bald ein, und ein Schlag auf den Nacken ſtuͤrzte ihn jählings zu Boden. »Iſt das der Dank fur unſre Guͤte?« rief der Kerl, indem er ihm in die Seite ſtieß.»Iſt das Ihr Dank?« „Schurken!« ſchrie Goodman, und die Boͤſewichter ſchlugen immer heftiger auf ihn ein. »Auf mit Euch!« rief einer von ihnen.»Sam, wo ſind die Daumſchrauben?“ Der Angeredete holte dieſelben hervor und war im Be⸗ griff, ſie Jenem anzulegen. »Unerhoͤrt!« rief Goodman, indem er die Daumſchrau⸗ ben packte und dieſelben wie eine Schutzwaffe emporhielt. »Ich kämpfe fuͤr meine perſoͤnliche Freiheit, und ſetze mein Leben auf's Spiel, ſie zu vertheidigen. Obgleich nicht toll, bin ich doch in Verzweiflung, und das Blut deſſen, der mich angreift, komme auf ſein eigen Haupt.« Die Kerle hielten ſich einen Augenblick entfernt. Ob⸗ ſchon daran gewoͤhnt, mit Verzweifelten zu thun zu haben, ſchienen ſie doch einen Augenblick lang betroffen zu ſein. »Ich fordere Gerechtigkeit!« fuhr Goodman fort.»Bin ich toll, ſo moͤge es vor der Welt bewieſen werden. Aber 30 Valentin Vor ſo laſſe ich mich nicht aus der menſchlichen Geſellſchaft fort⸗ ſtehlen!« In dieſem Augenblicke fuhr eine Kutſche auf den Ort zu, und Goodmanis Augen richteten ſich mit dem Ausdruck banger Hoffnung auf dieſelbe. Die Kerle bemerkten das kaum, als ſie auf ihn einſprangen, ihn bei der Gurgel faßten und durch einen Stoß gegen die Beine zu Boden warfen. »Huͤlfe!« rief Goodman, als er die Kutſche herankom⸗ men ſah,„Huͤlfe!.. Moͤrder!« »„Wollen Ihnen ſchon helfen!« rief eine Stimme aus dem Wagen»Gewiß, das ſoll geſchehen!« rief gleich darauf eine andere;»wollen Ihnen ſchon helfen!« Goodman erkannte die Stimme recht wohl, und als er ſich ihnen zuwandte, verſchwand jede Hoffnung, die er ge⸗ faßt hatte, bei dem Anblick der Doctoren Bowlemout und Dobb. »„Hinein mit ihm!« rief Dobb, mit teufliſchem Lächeln. »„Ihr junger Bulldogg iſt jetzt nicht hier!« ſchrie Bow⸗ lemout, und er und Dobb faßten Goodman bei den Bei⸗ nen, während die beiden Schließer ſeinen Rumpf nahmen und ihn nach der Kutſchenthuͤr trugen. Goodman jedoch wehrte ſich mit aller Kraft und es ge⸗ der Bauchredner. 31 lang ihm mehrere Male, die beiden Doctoren zuruͤckzuſtoßen; und obgleich dieſe jedes Mal mit erneuter Wuth zuruͤck⸗ kehrten, ſo ward doch jeder Verſuch, ihn in die Kutſche zu ſchaffen, vereitelt. Das brachte die beiden Schließer ſo in Harniſch, daß ſie, nachdem ſie ihn mit neuer Brutalität faſt zu Boden geſchlagen, ihn abermals bei der Kehle pack⸗ ten, um ihn durch theilweiſe Strangulation am Widerſtande zu hindern. Doch auch das wollte nicht helfen. Sein Rin⸗ gen ward immer heftiger, und ſie konnten ihn nicht hin⸗ einbringen. Sie riefen den Kutſcher um Beiſtand an, aber vergebens; er wollte nichts damit zu ſchaffen haben. ⸗ „Sagen Sie ihm,« rief Dobb endlich,»er müſſe kommen. Es hilft nichts; wie kriegen ihn nicht hinein.... Er muß kommen!« Und als in Folge deſſen ein Mann, der bis jetzt in der zweiten Kutſche verborgen geweſen war, von Bowle⸗ mout herbeigezogen wurde, rief Goodman:»Barmherziger Gott!. mein Bruder!. O Walter! Walter!. theurer Walter, rette mich!.. Rette mich aus den Haͤn⸗ den dieſer Moͤrder!« Walter kam naͤher und Goodman wehrte ſich noch hef⸗ tiger als zuvor. Statt aber ihn aus den Haͤnden dieſer 32 Valentin Vox. Kerle zu befreien, leiſtete Jener ihnen Beiſtand, ihn wie einen Hund in den Wagen zu werfen. Sobald er darin war, folgten ihm die Schließer, und dieſen die beiden Doctoren. Erſtere packten ihn an Kragen und Gurgel, während letztere ihm die Beine banden und ſie niederhielten. „Mein Bruder!« rief Goodman;»mein Bruder gegen mich!... Großer Gott! iſt es möglich?«— Dicke Thraͤ⸗ nen rollten uͤber ſeine Wangen und er ſchluchzte wie ein Kind.»Es iſt jetzt keine Gewalt mehr noͤthig,« fuhr er fort.„Mein Bruder!... mein leiblicher Bruder! den ich ſo herzlich liebte, iſt mein Feind! Verfahren Sie mit mir, wie Sie wollen; ich werde keinen Widerſtand mehr leiſten!« „Nein!« rief einer von den Kerlen, indem er ihn mit brutaler Gewalt ſchuttelte.»Wir haben an dem einen Spaße genug. Wollen ſchon beſſer aufpaſſen!«— Und wiederum wuͤrgte der Schändliche an ſeiner Kehle und fuhr fort, ihn zu ruͤtteln. Die Kutſche hielt. Der Thorweg eines hubſchen, an⸗ ziehenden Hauſes oͤffnete ſich, und ward in dem Augenblicke wieder geſchloſſen, als ſie hineingefahren waren. „Jetzt, Du alter Racker, biſt Du hier auf Lebenszeit der Bauchredner. 33 eingeſperrt!« rief der eine von den Kerlen.»Hier biſt Du uns ſicher genug. Nun verſuch' mal wieder eine von Dei⸗ nen Tollheiten!« Als die Wagenthüͤr geoffnet war, ſtiegen die Doctoren aus, und die Schließer banden Goodman's Beine los, und ließen ihn dann, noch immer ſchluchzend, einen Augenblick allein. »Nun, wollt Ihr nicht heraus?« fragte endlich einer von ihnen, und der arme, vollig erſchoͤpfte Goodman, machte einen Verſuch auszuſteigen. Ehe er aber noch den zweiten Tritt erreicht hatte, ſtießen die beiden Kerle ihn ſo heftig vorwärts, daß er mit dem Geſichte auf den Weg von grobem Kiesſande fiel. »Aufgeſtanden!« rief der Menſch, indem er ihn wie einen todten Hund mit dem Fuße ſtieß; und als Goodman zu matt war, um aufzuſtehen, ſchleifte er ihn auf dem Boden her, ſo daß ihm aus Naſe, Mund und Ohren das Blut ſtroͤmte. „Seid doch menſchlich!« rief der Kutſcher, dem ſich bei dem Anblicke das Herz umdrehte.„Iſt er wirklich ver⸗ ruͤckt, Gott verdamm', ſo behandelt ihn nicht wie ein Stuck Vieh.« „Steckt Eure Naſe nicht in Sachen, die Euch nicht angehn,« ſagte ein verdaͤchtig ausſehender Menſch, der der. Valentin Vox. H. 3 34 Valentin Vor Eigenthuͤmer dieſes ruchloſen Hauſes zu ſein ſchien.»Was koſtet die Fuhr?« „Sieben Schillinge!« ſagte der empoͤrte Kutſcher. „Hier!... Und nun packt Euch!... Wir brauchen hier ſolche unverſchämte Mäaͤuler nicht.« „Der Himmel behuͤte mich vor einer ähnlichen Fuhr!« rief der Kutſcher, während er wieder auf den Bock ſtieg. „Das hätte ich wiſſen ſollen, Ihr hättet mich fuͤnfhun⸗ dertmal beſtellen koͤnnen, ſolche Fuhr hätte ich nicht ange⸗ nommen.« Zornig hieb er auf ſeine Pferde, und ließ im Vorbei⸗ fahren dem Burſchen, welcher den Thorweg hielt, wie zu⸗ fällig ſeine Peitſchenſchnur ziemlich unſanft uͤber die Backe gleiten. Sobald der arme Goodman dazu im Stande war, ſah er ſich nach ſeinem unnatuͤrlichen Bruder um, der jedoch in der draußen befindlichen Kutſche geblieben war. Er hatte jedoch kaum den Kopf umgebreht, als er in ein Gemach geſtoßen wurde, wo er, nachdem eine abermalige Thraͤ⸗ nenfluth ihn wieber zu ſich gebracht, zu der Perſon, wel⸗ cher Bowlemout und Dobb ein das Zeugniß ſeines Wahn⸗ ſinns enthaltendes Papier gegeben, ſagte:» Sind Sie, 2 mein Herr, der Eigenthuͤmer dieſer Anſtalt?« der Bauchredner. 35 »Der bin ich,« antwortete der Gefragte, mit gerun⸗ zelter Stirn. „So haben Sie wohl die Guͤte, mir die Vollmacht zu zeigen, kraft welcher Sie mich hier einſperren.« »Halten Sie das Maul, Sir!« »Ich bitte nur..„ „Ruhig!« unterbrach ihn der Unmenſch.»Zieht ihn aus und bringt ihn zu Bett,« rief er einigen ſeiner Leute zu.»Und wagt er es, wieder mit ſeinen Teufeleien anzu⸗ kommen, ſo wißt Ihr, wie Ihr ihn zu bedienen habt.⸗ Goodman wurde demnach in ein enges dunkles Loch ge⸗ ſchleppt, entkleidet, auf einen Strohſack geworfen, und die Kerle ſchloſſen ihn fuͤr die Nacht ein, nachdem ſie geſchwo⸗ ren hatten, daß ſie ihm»den Brägen einſchlagen« wuͤrden, wenn er ſich im Geringſten»rippelte.« »Wie Gott will! Sein Wille geſchehe!« rief Good⸗ man, als er allein war.»Aber, o, mein Gott! bin ich denn verruͤckt?.. Ich muß es wohl ſein!... Ich fuhle es, ich muß es ſein; denn ich dachte und denke noch immer, daß ich meinen Bruder geſehn habe! Den Bruder, gegen welchen ich nie unfreundlich war... den ich mein anzes Leben lang zärtlich geliebt... den ich unterſtuͤtzt habe. Oh! es iſt unmoͤglich!... unmoglich!. Ja, ich bin 36 Valentin Vor wahnſinnig. und doch. ein Traum kann es doch nicht ſein? Nein!... nein! Jetzt wache ich! Gott, mein Gott! was kann es ſein? Nicht Wahnſinn?... Ich er⸗ innere mich jedes umſtandes. kann die ganze Folge von Begebenheiten uberſehen... Dieſe Aerzte.. Sie ſpra⸗ Mir iſt der Gedanke an ſolche Verwandtſchaft nie einge⸗ fallen! Es muß ein Irrthum ſein. Allein.. wer ſchickte ſie? Walter!... und der Grund? ummittelbar in den Beſitz meines Vermogens zu treten!... Ja, ja, das muß es ſein! O, abſcheulich! Wer iſt nun davor ſicher, ergrif⸗ fen, eingeſperrt, ermordet zu werden? Bin ich noch nicht toll, ſo werde ich's bald ſein!« So fuhr er fort, bis geiſtiges und körperliches Ringen eine völlige Erſchöpfung herbeifuͤhrte. der Bauchredner. 37 Funfzehntes Kapitel. Valentin's Beſuch im brittiſchen Muſeum.— Memnon bekommt Leben und redet mit einer Grabesſtimme. Als Valentin Goodman's Wohnung erxeichte, fand er die alte Magd in Thränen, und da er fuͤrchtete, es moͤchte ſich ein ernſtlicher Unfall zugetragen haben, ſo ging er ſo⸗ gleich in das Wohnzimmer und bat ſie, ihm zu folgen. „Es iſt etwas vorgefallen, Anna!« ſagte er ernſt. »Sag mir, was giebt es?« Anna ſchluchzte bitterlich, brachte dann aber doch die Worte heraus: Sch weiß nicht v ch 3 gethan habe, Herr.. ich dachte... ich. haätte mich immer.. gut betragen..4 „Um Gottes willen, was iſt denn vorgefallen?« rief Valentin ungeduldig. »Man hat mir den Abſchied gegeben.« »Oh!. wann iſt Mr. Goodman heimgekehrt?⸗ Valentin Vor 38 „Seit Sonnabend, als er mit Ihnen fortging, habe ich ihn mit keinem Auge geſehen.« „Wie kann er Dir denn den Abſchied geben?« „Durch ſeinen Bruder,« rief Anna.»Mr. Walter war hier, und las mir einen Brief vor, den er eben vom Herrn bekommen, und worin er ſagt, er verließe die Stadt auf einige Zeit, und ich ſollte mich nach einer andern Stelle umſehn.« „Und wo iſt er jetzt?* „Mr. Walter ſagt, das wuͤßte man nicht.« „Er hat Dir den Brief vorgeleſen?« „Ja. und. beinahe haͤtte ich es vergeſſen... Ich ſoll Ihnen viele herzliche Gruͤße von ihm ſagen, und da er vielleicht erſt in einigen Wochen oder Monaten zu⸗ ruͤckkomme, ſo glaubt er, daß Sie gutthun wuͤrden, auf das Land zuruͤckzukehren. Er wuͤrde Sie dann gelegentlich wieder einladen.«. „Sonderbar!« dachte Valentin.»Wann willſt Du das Haus verlaſſen, Anna?⸗ „Heute Abend, Sir.« „Heute Abend?« „Ja, heute Abend noch. Mr. Walter hat es mit mir ſo ausgemacht und mir meinen Lohn bezahlt, und ſo gehe der Bauchredner. 39 ich denn heute Abend fort.... Hätten Sie das wohl ge⸗ dacht 25 „und wer will die Aufſicht uͤber das Haus fuͤhren?« »Mrs. Horace kommt heute Abend, und ſie und ihr Mann bleiben dann hier.« »Wirklich!.. Hm! Ich muß Mr. Walter ſpre⸗ chen. 6 »Ach ja, das thun Sie. Aber wollen Sie nichts ge⸗ nießen? Sie kommen doch zu Mittag nach Hauſe, Herr?« »Nein, ich werde auswärts ſpeiſen,« ſagte Valentin, und verließ das Haus in der Abſicht, bei Walter vorzu⸗ ſprechen.»Der arme alte Herr!« murmelte er unterwegs. »Er hat ſich in eine ungluckliche Speculation eingelaſſen. Welch eine ſonderbare Leidenſchaft iſt doch die Sucht nach Reichthum! Ein alter Mann wie er, der genug hat, ris⸗ kirt Alles, was er beſitzt, um mehr zu gewinnen, als er moͤglicher Weiſe genießen kann! Wie kommt es nur, daß die Menſchen nie mit dem, was ſie haben, zufrieden ſind?« Ehe er ſich dieſe Frage genuͤgend beantwortet hatte, langte er vor Walter's Hausthuͤr an. »Mr. Goodman iſt nicht zu Hauſe,« antwortete die Magd auf Valentin's Frage. »Auch Mrs. Goodman nicht?« 8 40 Valentin Vor »Nein, Sir; ſie ſind mit Mr. und Mrs. Horace aus⸗ gegangen. Vor Abend erwarte ich ſie nicht zuruͤck.« Aus dem unſteten Auge und der unſichern Rede des Maͤdchens merkte Valentin im Augenblick, daß ihre Aus⸗ ſage nicht ganz richtig ſein mochte. Jedoch drang er nicht weiter in ſie, gab ſeine Karte ab und beſtellte, daß er am Abend wiederkommen wuͤrde. »Was ſoll ich nun mit mir anfangen?« dachte Valen⸗ tin, als er langſamen Schrittes das Haus verließ.„Ich wollte, ich wuͤßte etwas mehr von London. Ich muß mich dem Zufall ͤberlaſſen.« Damit ſchritt er weiter, unbekuͤmmert, wohin er ge⸗ langte. Er war jedoch noch nicht weit gekommen, als er ein altmodiſches Gebaude aus rothen Backſteinen ſah, an deſſen Thuͤr auf jeder Seite eine Schildwache ſpatzieren ging, wahrſcheinlich, um durch dieſe zweckmäßige Bewegung den Umlauf des Blutes in Ordnung zu halten. »Was iſt das fuͤr ein Haus?« fragte er einen der Nationalwaͤchter. »Das brittiſche Muſeum,« antwortete die Schildwache, uͤber ſeine unwiſſenheit verwundert, und ging ſo ſteif und⸗ aufgerichtet weiter, als hätte er aus Verſehn ſeinen Lade⸗ ſtock uͤbergeſchluckt. der Bauchredner. 41 »Das brittiſche Muſeum!« ſagte Valentin, ohne dem Soldaten fuͤr ſeine außerordentliche Hoͤflichkeit zu danken. »Das iſt grade der Ort, den ich ſehn moͤchte!« Er trat in den Hof, betrachtete dann neugierig ein Ge⸗ ſchoͤpf in einer langen hölzernen Peruͤcke, und einen Kahn von hohem Alter, der von einigen ingeniöſen Wilden aus Baumrinde gemacht zu ſein ſchien, erreichte die Halle, be⸗ kam hier einen Catalog von einer Perſon, gab ſeinen Stock einer andern, paſſirte ein wohlausgeſtopftes Rhinozeros, das offenbar kennen gelernt hatte, wie ein Paar Kugeln im Leibe ſchmeckten, und ging dann die Treppe hinauf, wo ein Paar gigantiſche Giraffen ſtanden, mit ſo langen Haͤl⸗ ſen, daß ſie von der Straße aus ohne die geringſte Unbe⸗ quemlichkeit im erſten Stock hätten ſpeiſen können. Nachdem er dieſe luftigen Weſen betrachtet, ging er durch die Zimmer, in welchen die Exemplare der verſchie⸗ denen Thiere ſo zahlreich waren, daß ein der Naturgeſchichte Befliſſener die ganze Zeit ſeines Studiums darauf verwandt haben koͤnnte, ohne eine vollkommene Kenntniß ihrer Ei⸗ genthuͤmlichkeiten zu erlangen. Dies jedoch ſchien fuͤr die Mehrzahl der Beſucher keineswegs das Anziehendſte zu ſein, der Hauptanziehungspunkt ſchien in den Beſuchern ſelbſt con⸗ centrirt zu ſein; denn Valentin bemerkte bald, daß dieſe 42 Valentin Vor Nationalanſtalt zugleich ein nationales Stelldichein ſei. Nie hatte er auf einmal ſo viel verdächtige Blicke auf ſich ge⸗ richtet geſehen. Die Wittwen ſchienen auf irgend etwas außer⸗ ordentlich geſpannt zu ſein, und da ſeine Augen bei jeder Wendung den ihrigen begegneten, ſo ſchloß er, daß ſie, waͤren ſie auch wirklich tugendhaft, in der That nicht ſehr discret wären, und nachdem er noch einen Blick auf einen tuchti⸗ gen Hummer geworfen, der an die Decke genagelt war, ging er nach der Antikengalerie hinab. Hier fand er es ungemein kuͤhl und angenehm. Er uͤberſah ohne Unterbrechung eine Legion kleiner Goͤtter, die in ihrer Kindheit barbariſch verſtuͤmmelt zu ſein ſchienen, und richtete ſeine Aufmerkſamkeit dann auf eine Anzahl junger Kuͤnſtler, in deren Geſichtern man die ueberzeugung las, daß ſie ſich auf der Heerſtraße zu unſterblichem Ruh⸗ me befanden. Der Eine ſkizzirte eine Goͤttin ohne Naſe; ein Anderer portraitirte eine widderköpfige Dame; ein Dritter zeichnete das Fragment eines Helden, der den groͤßeſten Theil ſeiner ſelbſt in einer wuͤthenden Schlacht verloren zu haben ſchien; ein Vierter zeichnete ein reizendes Frauenzimmer, das nicht nur den Kopf und die eine Schulter verloren zu haben, ſondern aus deſſen Arme auch ein großes Stuͤck gebiſſen zu der Bauchredner 43 ſein ſchien, und das vor einer mit außerordentlich intereſſan⸗ ten Hieroglyphen bedeckten Tafel kniete, waͤhrend ſich ein Fuͤnfter mit drei waſſerſuchtigen kleinen Gottheiten zu thun machte, die ausſahen, als hätten ſie in ihrem Leben große Dinge ausgefuͤhrt. . Rachdem Valentin dieſen Kuͤnſtlern ungehoͤrt alles Lob geſpendet, das ihnen zu gebuͤhren ſchien, ging er weiter, bis er zu einer Geſtalt kam, vor welcher mehrere Perſonen in Bewunderung verloren daſtanden. Die Figur ſtand auf einem hohen Steinblock, und obgleich das Geſicht derſekben bei Weitem das Huͤbſcheſte von allem hier Befindlichen war, ſo war doch die eine Seite des Kopfes anſcheinend mit ei⸗ nem ſchweren Inſtrumente abgeſtoßen, waͤhrend der linke Arm und die linke Schulter, nebſt dem ganzen Koͤrper un⸗ ter der dritten Rippe rein hinweggeſchlagen waren. In ſeinem Cataloge fand Valentin, es ſei die Buͤſte des jungen Memnon, und da mehrere aͤltliche Herren, welche zu der Gruppe gehoͤrten, ſich uͤber Orakel im All⸗ gemeinen unterhielten, ſo hoͤrte er aufmerkſam ihrem Ge⸗ ſpraͤche zu, und fand, daß ſie aͤußerſt redſelig waren. »Nichts,« ſagte einer der aͤltlichen Herren,»nichts be⸗ weiſ't ſo deutlich den reißenden Fortſchritt des menſchlichen Verſtandes, als ein Orakel. Fiele es gegenwaͤrtig Jeman⸗ 44 Valentin Vor dem ein auch nur im Entfernteſten davon zu traͤumen, daß eine bloße Steinmaſſe das Vermögen zu ſprechen be⸗ ſitze, man wuͤrde ihn als einen Narren einſperren; und wie wirkten dagegen die Prieſter und falſchen Propheten, die Eugaſtrimandi der Griechen, die Magier, die Wahrſager und Zauberer Roms in den fruͤhern Zeiten auf die aber⸗ gläubiſche Menge!« „Gewiß,⸗ dachte Valentin,»gewiß wußten dieſe Pro⸗ pheten und Prieſter nichts von der Bauchredekunſt.« „Es waren ohne Zweifel verſchlagene Racker„« be⸗ merkte ein langer duͤnner Menſch mit einer auffallend klei⸗ nen Brille.»Aber wie fingen ſie es an? Das ſetzt mich in Verlegenheit. Durch welche Mittel vermochten ſie, ihr Spiel zu treiben?« »Das läßt ſich unmoglich ſagen,« entgegnete der ält⸗ liche Herr, welcher den Gegenſtand angeregt hatte.„Man erzählt bekanntlich von dem beruͤhmten Kireber, daß er, um das leichtglaͤubige Volk zu enttauſchen, und um gewiſſe ſonderbare Dinge in Bezug auf das delphiſche Orakel auf⸗ zuklären, eine Roͤhre in ſeiner Schlafkammer anbrachte, ſo daß er, wenn Leute in ſeine Gartenthuͤr kamen, ſie hoͤren konnte, wenn ſiez auch nur fliſterten; vermittelſt die⸗ ſer Roͤhre ſtellte er Fragen und gab Antworten. Später der Bauchredner. 45 brachte er ſie in ſein Muſeum und befeſtigte ſie in einer Figur, ſo daß dieſelbe lebendig zu ſein ſchien und dem An⸗ ſchein nach deutlich redete; er nahm an, daß die heidniſchen Prieſter durch die Anwendung ſolcher Röhren den Aberglau⸗ ben nährten, das Goͤtzenbild ſelbſt beantworte die Fragen. Ohne Zweifel wandten die Prieſter irgend einen Betrug an, und meinten, als ſie ihre Macht abnehmen ſahen, dieſelbe durch Wunder der Art aufrecht zu erhalten.« »War dieſer Memnon ein redender Gott?« fragte der lange duͤnne Herr. »Gewiß war er das, und einer der großeſten.« »Wenigſtens ſcheint er ſehr fett geweſen zu ſein; aber ich ſehe weder eine Röhre, noch eine Oeffnung, in welcher eine ſolche haͤtte angebracht werden konnen.« »Es ging auch ohne Röhren,« dachte Valentin.»In jenen Zeiten wuͤrde ich einen trefflichen Wahrſager abgege⸗ ben haben; doch kann ich auch jetzt einmal einen Verſuch machen.« Damit nahm er eine paſſende Stellung ein, und rief in tiefen Grabestonen, indem ſeine Stimme dem An⸗ ſchein nach aus den dicken Lippen Memnon's hervordrang: »Ihr Thoren!... Meint Ihr, Memnon haͤtte nie gelebt?« Die Gruppe fuhr erſchrocken zuruͤck. Einige waren faſt ohnmächtig vor Schreck, als Sie zitternd die Statue an⸗ * 46 Valentin Vor. ſahen, während die uebrigen einander erſtaunt anblickten. Aber Keiner von ihnen wagte es, em Wort zu äußern. »Fort mit Euch!« rief Valentin durch Memnon's Mund. „Haͤtten Sie meine Beine nicht in Aegypten gelaſſen, ſo ſpränge ich hinab und jagte Euch zum Teufel!« „Wunderbar!« rief unwillkuͤrlich der aͤltliche Herr, der gegen die alten Prieſter ſo ſtreng geweſen war. „Wunderbar!« rief Valentin verächtlich.»Ueberzeuge Dich ſelbſt!... Stelle meinen prophetiſchen Geiſt auf die Probe! Willſt Du Dein Schickſal kennen lernen? Rede!« „Ja!« rief der alte Perr, der ſich offenbar mit ſeinem Muth bruͤſtete.»Wer fuͤrchtet ſich?« »Nieder auf die Knie!« rief Memnon.„Anders thue ich's nicht, und fange nicht eher an.« Die betroffene Gruppe warf einander wilde Blicke zu. »Haben ſie geſehn, ob er die Lippen bewegte?« fragte der Eine. » Ich glaube wohl,« ſagte ein Anderer;»es war mir, als bewegte er ſie.« „Thor!« rief Memnon.»Willſt Du mich ſchmähen? Glaubſt Du, Dummkopf, der begeiſterte Memnon wuͤrde ₰ ſich herablaſſen, gleich einem käuenden S ſeine hei⸗ 3 ligen Lippen zu bewegen?« der Bauchredner. 47 In dieſem Augenblicke näherte ſich ein Mann, deſſen rothes Geſicht und deſſen Athem eine Geſchichte von vielem juͤngſt genoſſenen Grog erzaͤhlten, und als man ihm den Vorfall mitgetheilt, lachte er aus vollem Halſe. »Sie wollen es nicht glauben?... Reden Sie mit ihm, und Sie werden ſich uͤberzeugen,« ſprach der aͤltliche Herr mit großem Ernſt. „MWit ihm reden?« rief der mit dem glühenden Geſichte. „Mit ihm reden?... Gut, alter Burſche! wie befindet ſich Deine Mutter?« »„Gotteslaſterer L« rief Memnon zornig.»Erkenne Dich ſelbſt, und trink' weniger Rum!« »Holla!« rief der Herr mit dem hochrothen Geſicht. »Polla!« und er ſchloß das eine Auge, um mit dem an⸗ dern die Statue deſto beſſer zu ſehn, waͤhrend ſein Mund ſo weit offen ſtand, wie ein Mund von der Groͤße es nur kann. »Seid Ihr zufrieden?« rief Memnon.»Lernt zu ach⸗ ten, was Ihr nicht begreifen koͤnnt!... Ich bedarf der Ruhe. Hoͤrt Ihr? Fort mit Euch, und ſtort mich nicht mehr!«— und Valentin ſah mit ſtillem Vergnuͤgen das Erſtaunen, welches ſich in den Geſichtern Aller malte, wäh⸗ rend ſie ͤber das Wunder ganz außer ſich waren. 28 Valentin Vox Nachdem er dieſe Perſonen hatte erklären hören, daß ſie, wie vielen Ungläubigen ſie auch in ihrem Leben begeg⸗ nen moͤchten, ſich doch in ihrem Glauben, daß das Orakel wirklich geſprochen habe, nicht wuͤrden wankend machen laſſen, begab ſich Valentin nach den Elginſchen Antiken, und ergoͤtzte ſich uͤber ein Paar gei iche Kenner, die laut und mit großer Gelehrſamkeit ſprach „ Nun, Jones,« ſagte einer dieſer vwas ſa⸗ gen Sie dazu? 5e »Was ich dazu ſage?« rief Jones veraͤchtlich, indem er die Haͤnde in ſeine weiten Rocktaſchen ſteckte.»Keine zwei Pfenninge gäbe ich fuͤr den ganzen Kram.« »„Sie kennen ihren Werth vermuthlich nicht.« »Allerdings... falls ſie mehr werth ſind. Haben Sie je in ihrem Leben ſolch Geruͤmpel geſehn! Ich naͤhme ſie nicht auf, wenn ich ſie auf der Straße faͤnde, und wurde es fur eine Beleidigung halten, wenn ſie mir Jemand ſchen⸗ ken wollte. Gehörten ſie mir, ich wuͤrfe den ganzen Plun⸗ der in die Themſe.« »Aber hier zum Beiſpiel... ſehn Sie doch nur.. dieſe Symmetrie.. 4 „Symmetrie! Was hilft mir die?. Er hat keinen Kopf und nur einen halben Rumpf. Wo hat er die Beine der Bauchredner. 49 gelaſſen?. Sehen Sie nur, vom Ellenbogen an iſt der Arm zum Teufel! Symmetrie!... meinetwegen. Ich habe zu Hauſe eine Partei Goͤttinnen, fur die ich fuͤnfzehn Pence gab, und die hinſichtlich der Symmetrie dieſen gan⸗ zen Plunder uͤbertreffen.« Sie müſſen dieſelben als Fragmente nehmen. 4 »Das thue ich j grade. Als etwas Anderes kann ich ſie nicht nehmen!.. ſchoͤne Fragmente ſind mir das!« »Aber ihr Alter, mein werther Freund!« » Schweigen Sie mir davon ſtill!.. Sehen Sie nur dieſes Frauenzimmer... nicht der vierte Theil iſt mehr davon uͤbrig.« »Ei, Sie muͤſſen die Theile betrachten, welche noch da ſind.« »Zum Teufel, das thue ich. Weiter giebt es ja nichts zu ſehen. Wie man den Leuten weiß machen kann, daß an ſolchem Plunder etwas Schoͤnes ſei, iſt mir unbegreiflich. Keins von Allen iſt nur einigermaßen vollſtändig erhalten. Der Burſche hier iſt noch das Beſte, und auch dem haben ſie alle hervorragenden Theile ſeines Koͤrpers abge⸗ ſchlagen. Kommen Sie!« fuhr er fort, indem er den Arm ſeines Freundes ergriff, und ihn aus dem Zimmer zog; »laſſen Sie uns gehen und etwas Beſſeres betrachten.« Valentin Vox 11. 4 50 Valentin Vor Valentin fand an dieſen gelehrten Bemerkungen und der ſelbſtzufriedenen Miene des Redenden ſo viel Vergnuͤgen⸗ daß er ihm und ſeinem Freunde folgte. 4. Ein huͤbſch geformter Sarg!« bemerkte Mr. Jones/ als er ſich einem ſchweren Grabmale von Granit naͤherte, deſſen Deckel durch Balken emporgehalten wurde, ſo daß man das ganze Innere ſehen konnte.»Wohl verpackt hätten darin ein Paar Dutzend Leichen Raum. Waſſer kann nicht hinein. und was die Wuͤrmer betrifft... die ſollten ſich ihre Zähne ſchon ſtumpf daran beißen. Ich moͤchte, daß es ſolche Särge noch jetzt gabe... nur wären ſie ſchwer zu transportiren. Er faßt zwanzig Mann, und ſelbſt die könnten darin ſpatzieren gehn. Hier iſt noch einer,« fuhr er fort, und ging auf die andere Seite;»es ſcheinen ein Paar Gegenſtuͤcke zu ſein.« Da der Deckel dieſes zweiten verſchloſſen war, und Mr. Jones offenbar das Muſeum nur betreten hatte, um ſich in Erſtaunen ſetzen zu laſſen, ſo hielt Valentin es für ſchade, wenn er getäuſcht fortgehn ſollte. Er ließ daher, während er mit Andern ein außerordentlich breites ägyptiſches Piede⸗ ſtal betrachtete, und Jones ſeine Freunde auf die lächerliche Geſtalt einiger Hieroglyphen aufmerkſam machte, ein tiefes Seufzen aus dem Grabmale ertonen. Weeheh der Bauchredner. 51 »Horch!« rief Jener, indem er plotzlich zuruͤckfuhr und den Arm ſeines Freundes ergriff.»Haben Sie ge⸗ hört 76 »Es war mir allerdings ſo!« bemerkte ſein Freund fliſternd. Pſi und Valentin ſeufzte abermals leiſe. »So wahr ich lebe!... Es iſt ein Menſch!« rief Jones. »Unmoglich!« entgegnete ſein Freund.»Bedenken Sie doch das Alter dieſes Dinges.« „Ich frage den Leufel nach dem Alter! und wäre es funfzig Millionen Jahre alt, ich gebe keinen Heller dar⸗ um. es iſt etwas Lebendiges darin, hoͤren Sie nur.« Und die Heftigkeit ſeiner Bewegungen verſammelte einen Kreis von Menſchen, welche zu erfahren wuͤnſchten, was es hier gaͤbe. Leider war Valentin in der Sprache der Aegypter kei⸗ neswegs bewandert, und da er den ganzen Spaß zu ver⸗ derben fuͤrchtete, wenn er ſpraͤche, ſo ließ er ein langes ſchlaftrunkenes Gähnen ertoͤnen, das man, wie er glaubte, in allen Zeiten und Himmelsſtrichen wohl gekannt habe.— Ehe das Gähnen jedoch zu Ende war, fuhr Jones wieder 52 Valentin Vor auf, wandte ſich an einen Mann, der in einem Lehnſtuhle ſchlef, und keief:„Hören Sie! Er iſt lebendig begra⸗ ben!... Eben wacht er auf!... Hoͤren Sie es?« Der Mann riß die Augen auf, rieb ſich die Stirn und eilte vorwaͤrts mit dem Rufe:»Was iſt denn los?.. was giebt es hier?« „Es iſt hier Jemand lebendig begraben,« ſagte Mr. Jones. „Pah! dummes Zeug!.. Sind Sie toll?« rief der Mann, indem er ſeine ganze Amtswuͤrde zuſammennahm. »Sie moͤgen ſagen, was Sie wollen,« antwortete Jones, vich weiß, daß Jemand darin iſt!... Haben Sie nie gehört, daß Jemand lebendig begraben ward?« „Es muß bei Ihnen ſpuken!«.. rief der Inſpector. „Das Grabmal iſt leer geweſen, che Sie und Ihre Groß⸗ muͤtter und Großväter geboren wurden.« „Ich gebe keinen Pfifferling darum, wie lange es leer geweſen iſt. Aber ich wette um funfzig Pfund, daß jetzt Jemand darin iſt.« „In der That, auch ich habe etwas gehoͤrt,« bemerkte ein Herr, der mit vielen Andern herbeigekommen war. „Ei wasl« rief der Inſpector.»Erſt vor einigen Tagen iſt es ja gereinigt.⸗ der Bauchredner. 53 „Ueberzeugen Sie ſich ſelbſt!« rief Jones, uͤber die handfeſte unglaͤubigkeit des Mannes verwundert. »O, ich habe mich ſchon uͤberzeugt!« ſagte der In⸗ ſpector. Ein abermaliges Gaͤhnen jedoch bewirkte, daß er zu⸗ ruͤckfuhr, und eilig lief er davon, um ſeinen Collegen den Vorfall mitzutheilen. Dieſe, welche aus ſeiner Aufregung ſchloſſen, daß an der Sache wirklich etwas ſein muͤſſe, kehr⸗ ten mit ihm in der Abſicht zuruͤck, jeden erforderlichen Bei⸗ ſtand zu leiſten. Als die Sache ihnen jedoch erklärt wurde, ſpotteten ſie daruͤber, und lachten herzlich, was in phyſiſcher Hinſicht um ſo wohlthaͤtiger fuͤr ſie ſein mußte, als ſie in langer Zeit nicht gelacht hatten. „Ei, Simpkins,« rief der Eine,»auf Ehre, ich hätte Sie?nicht fuͤr ſo nervenſchwach gehalten.⸗ Aber Mr. Simpkins hielt die Sache keineswegs fuͤr ſo ſpaßhaft, als Jene zu glauben ſchienen. Er ſah den Vorfall aus einem ganz andern Geſichtspuncte an, denn obſchon feſt uberzeugt, daß das Grabmal keinen Aegypter enthielte, da er es erſt den Tag zuvor offen und leer geſehn hatte, ſo war er doch minder uͤberzeugt, ob die Arbeiter nicht bei dem Verſchließen des Deckels einen armen Teufel von 54 Valentin Vor ihren Cameraden aus Verſehen mit eingeſperrt haͤtten. Er ſcheute ſich daher nicht, ſich der Verſpottung ausʒuſezen, ſondern hielt', da er ein äußerſt humaner Mann war, ſein Ohr dicht an das Grabmal, waͤhrend die vebrigen lachten und ſpotteten. „um Gottes willen!« rief er endlich,»ſein Sie einen Augenblick ruhig.« Aber ſie wollten nicht ſtill ſein; ſie fuhren fort, laut zu lachen, bis Jones und einige Andere voll Ernſt ihre Menſchlichkeit aufriefen und ſie nur um einen Augenblick Ruhe baten, damit ſie ſich ſelbſt uberzeugen könnten, ob die Toͤne, welche ſie gehort hatten, nicht bloße Einbil⸗ dung ſeien. „Gut, wir wollen Ihnen den Gefallen thun!« rief einer von denen, die am Heftigſten gelacht hatten.»Wir wollen auf die Seufzer dieſer Mumie horchen. Pſt! Pſt!« Mehrere von Denen, welchen auf dieſe Weiſe Stillſchweigen auferlegt war, fingen plotzlich wuthend an zu ſeufzen, ein umſtand, der nicht nur ein neues Gelaͤchter, ſondern Mr. Jones heftigſten unwillen erregte. „Die Unmenſchen!« rief er.„Helfen Sie mir, den Deckel aufnehmen, denn es iſt Jemand darin, ſage ich Jh⸗ der Bauchredner. 55 nen... Ich weiß es.. ich bin davon uͤberzeugt... Mit jedem von Ihnen wette ich um funfzig Pfund.« Und Mr. Jones zog ein Taſchenbuch mit einem Paket Banknoten hervor, was die Augen der Inſpectoren ſo in Staunen ſetzte, daß ſie ehrerbietig die Ohren öffneten. Die Wirkung war elektriſch. Ein ſchlagenderer Beweis war nicht moglich, denn ſie bekehrten ſich ploͤtzlich zu dem Glau⸗ ben, daß wirklich etwas darin ſein muͤſſe, und daß die groͤßeſte Aufmerkſamkeit erforderlich ſei. Als Valentin fand, daß man allgemein den im Grab⸗ mal Eingeſchloſſenen nicht fuͤr einen Aegypter, ſondern fuͤr einen Arbeiter hielt, ſo ſchloß er, daß unter dieſem Arbeiter ein Irlaͤnder zu verſtehen ſei, und konnte nicht eben fehl⸗ gehen, wenn er ihn als ſolchen reden ließ. »Oh! wo bin i denn?« rief er.»Mein' Sirche, i ſein halb todt!« »Nun!... was ſagen Sie nun?« rief Simpkins triumphirend. »In der That, es iſt Jemand darin,« ſagte Einer von denen, welchen die Sache vorhin ſo ſcherzhaft vorge⸗ kommen war.»Aber wie hat er hineinkommen konnen?« »Das thut nichts zur Sache!« rief Jones.„Es kommt nur darauf an, wie wir ihn herausbringen.« 56 Valentin Vor 35 Ach! ein Tropfle Waſſer... nur ein Biſſel Luft, oder i muß erſticke oh! oh 14 »Einen Augenblick nur!... hier... faſſen Sie an ſo!.. jetzt hoch!« Uund Mr. Jones und alle Umſtehenden ſtämmten die Haͤnde unter den Beckel, der jedoch ällen ihren Anſtrengun⸗ gen Trotz bot. „Lauft.. lauft nach den Arbeitern!« rief Simpkins. »Holt ſie augenblicklich, oder der Mann iſt eine Leiche,« und zwei Unterbediente eilten fort, um die Arbeiter Lzu holen, welche in andern Theilen des Muſeums beſchaͤftigt waren. „Welch ein Gläck, daß ich ihn zufälig hörte!« be⸗ merkte Mr. Jones.»Er wäre ſonſt ſchwerlich wieder le⸗ bendig herausgekommen. Es war ein reines Wunder, daß ich ihn ſeufzen hoͤrte.« »Ei,« ſagte Simpkins,„fuͤnf Tage muß er darin geweſen ſein; das Ding iſt ſeit Mittwoch nicht geoffnet geweſen.« Fuͤnf Tage!« riefen mehrere der Umſtehenden, und ein Schrei des Entſetzens zog ſich durch ſie hin.»Fuͤnf Tage!« und ſie machten ſich gefaßt, ein pures Skelett zu ſehen. der Bauchredner. 57 „Huͤlfe!.. Will mi denn kein Seel retten!« rief Valentin.»Soll i hier verſchmachte?« »Nur noch einen Augenblick Geduld... armer Mann, nur einen Augenblick!« rief Jones, indem er ſeine Lippen dicht an den Deckel des Grabmals brachte. »Gleich bin i todt... Hul's iſt a Grauſamkeit... Kann man denn ſo ruhig daſtehn, wenn man weiß, daß a Seel ſterbe thut!... Den Deckel ab, oder bei der Seel' i mir »Werdet nicht ungeduldig!« rief Jones.»Ihr durft nicht ungeduldig werden.« »Ung duldig, thut Ihr meine?... Den Deckel auf. das boͤſe Wetter uͤber Euch!. den Deckel auf!« In dieſem Augenblicke kamen die Arbeiter mit ihren Werkzeugen, und es gelang ihnen in kurzer Zeit, einen He⸗ bel unter den Deckel zu bringen. Dies war kaum geſche⸗ hen, als Valentin, der wohl einſah, daß das Spiel nun zu Ende ſei, ausrief: »'s iſt aus mit mir!... S bin des Todes.. oh! oh!« Die Zuſchauer waren in der ngſtlichſten Spannung; die Pedellen waren kaum fähig zu athmen, während die Arbeiter, wegen der Schwere des Deckels, in Schweiß gebadet waren. 58 Valentin Vor Endlich aber gelang es ihnen, denſelben hoch gemg aufzu⸗ heben, um das Innere unterſuchen zu konnen, und ſogleich draͤngte ſich ein Dutzend heran, einen Menſchen auf dem Boden des Grabmals liegen zu ſehn. „Wo iſt er?« rief der Eine. „Ich kann ihn nicht ſehn,« rief ein Anderer. „Er iſt nicht da!« ſagte ein Dritter,»das Ding iſt leer.« »„Ei, warum nicht gar!« riefen mehrere der entfernt ſtehenden Zuſchauer. „So kommen Sie her und ſuchen Sie ihn,« ſagten diejenigen, welche hineingeſchaut hatten, und machten den Unglaͤubigen Platz. „Wo mag er denn geblieben ſein?« fragte Mr. Jones. »Er war gar nicht darin!« rief jener Aufſeher, der vorher am Herzlichſten gelacht hatte.»Ich habe es ja gleich geſagt! Welch eine Idee! ein Menſch darin!. Wie hätte er denn hineinkommen ſollen?« „Meinen Sie damit,« bemerkte Jones,»daß in die⸗ ſem Dinge uͤberall kein Menſch geweſen ſei 74 „So iſt es,«erwiederte der Aufſeher zuverſichtlich. „Dann meine ich, daß Sie nichts davon wiſſen!.. der Bauchredner. 59 Sonderbar iſt es allerdings; aber ſoll man denn ſeinen ei⸗ genen Ohren nicht trauen? Ich habe es ſelbſt gehoͤrt! und haben nicht auch Sie es gehoͤrt, mein Herr2... und Sie 24 Da mehrere der Fremden beſtaͤtigten, daß ſie in dem Grabmale eine Stimme gehoͤrt hätten, fuhr Jones fort: »Alſo!. Wir haben es Alle gehört. Einer könnte ſich allenfalls getäuſcht haben, auch zwei, ja ſogar drei konnten ſich getäuſcht haben; aber wir Alle... nein, das iſt nicht moͤglich!⸗ »Ganz gut!.. Aber wo iſt er geblieben?.. Wo iſt er?« »Das iſt es eben, was ich nicht begreife, obgleich es allerdings die Hauptſache iſt.« Man ſuchte und ſuchte, machte Conjecturen uͤber Con⸗ jecturen, aber vergebens. Sie konnten nicht begreifen, wie ein Menſch aus dem Grabmal hätte entwiſchen koͤnnen, und konnten eben ſo wenig glauben, daß keiner darin geweſen ſei. Sie unterſuchten das Grabmal auf das Sorgfältigſte, von unten bis oben, fanden aber ſelbſt nicht einmal den kleinſten Knochen, der ihrer Meinung, es ſei ein Menſch darin geweſen, hätte Gewicht geben können. Dennoch ſetzten 60 Valentin Vor ſie mit äußerſter Muͤhe ihre Nachforſchungen fort, um die Thatſache, daß ſie die Stimme eines Menſchen gehoͤrt, mit dem Factum in Uebereinſtimmung zu bringen, daß kein Menſch da war; und da Valentin einigen Hunger verſpurte, ſo ließ er ſie erſtaunt über das Geheimniß zuruͤck, das, wie er wußte, ihnen vollig unerklärbar bleiben wuͤrde. v— der Bauchredner. 61 Sechszehntes Kapitel. Nachdem Valentin in der erſten anſtändigen Taverne geſpeiſ't, welche er getroffen, eilte er nach Goodman's Woh⸗ nung; da er ſie aber verſchloſſen und vollig oͤde fand, begab er ſich zu Mr. Walter, um wo moglich den Grund dieſer plotzlichen Veraͤnderung zu erfahren. Er fand an der Thuͤr die Magd, die ihm als Antwort auf ſeine zahlreichen Fragen eine intereſſante Geſchichte er⸗ zählte, wie Mr. Goodman, ihr Herr, mit ſeiner Gemah⸗ lin den ganzen Tag ausgeweſen ſei, und mit ihnen Mr. Horace und ſeine Frau. Sie häͤtten ein dringendes Ge⸗ ſchäft, und wuͤrden ſchwerlich vor Mitternacht zuruckkehren. »Ich will ein Paar Zeilen fuͤr Deinen Herrn zuruck⸗ laſſen,« ſagte Valentin.»In dem Wohnzimmer finde ich wohl Feder und Dinte.« * 62 Valentin Vor. »Ach!« ſagte die Magd, indem ſie ſich eiligſt ihm in den Weg ſtellte,„Madame hat die Stube zugeſchloſ— ſen. Das thut ſie immer, wenn ſie ausgeht.« »„Hat ſie denn das Viſitenzimmer ebenfalls zugeſchloſ⸗ ſen?« fragte Valentin. »„Ja wohl!... Druͤben iſt eine Taverne; wollen Sie dort einen Brief ſchreiben, ſo gebe ich ihn meinem Herrn, ſo wie er nach Hauſe kömmt.« In dieſem Augenblicke trat Walter, der nicht wußte, daß die Thuͤr offen ſtand, in Schlafrock und Pantoffeln aus dem Wohnzimmer, und wollte eben die Treppe hinauf⸗ gehn, als er Valentin ſah. „Ah! wie befinden Sie ſich!« rief er, und ſuchte äußerſt linkiſch ſeine Verlegenheit zu verbergen.»Ich freue mich, Sie zu ſehen!... Treten Sie näher!« und er warf der Magd einen wuͤthenden Blick zu, obſchon es offen⸗ bar nicht ihre Schuld war. In dem Wohnzimmer fand Valentin die ganze Familie mit dem Durchſuchen einer Maſſe von Papieren beſchäftigt, womit der Tiſch bedeckt war; und obgleich ſie außerordent⸗ lich freundlich thaten, ſo bemerkte er doch klar, daß er ein ſehr unwillkommner Gaſt ſei. »Run iſt der Alte zum Teufel gegangen und hat Sie der Bauchredner. 63 im Stich gelaſſen,« bemerkte Horace, indem er das eiſerne Tintenfaß zu verbergen ſuchte, was Goodman gcehoͤrte. „Das ſieht ihm ganz ähnlich.« »Ich will nicht fuͤrchten, daß ihm ein ernſtlicher Unfall begegnet ſei,« ſagte Valentin. »O, nicht das Geringſte!... ernſtlich!... Keine Spur davon!« entgegnete Horace.»Aber er iſt nun ein⸗ mal ſo an das Umherſtreichen gewoͤhnt, daß es ihn nir⸗ gend leidet.« »Ich war beſorgt,« ſagte Valentin,»er mochte ſich in eine ungluckliche Speculation eingelaſſen haben und ſo in Verlegenheit gerathen ſein.« »Speculation!« rief Horace.»Das fehlte auch noch! Meinen Sie denn, ſo ein alter Narr hätte Gruͤtze genug im Kopfe, um..4 »Aber lieber Horate, was ſchwatzeſt Du nur wieder, unterbrach ihn Mrs. Goodman.»Du weißt ja, daß er eine Speculation 4 »Ach! ja, ganz recht!« ſagte Horace, der offenbar ſeine Rolle vergeſſen hatte. »Er ſitzt etwas in der Patſche,« ſagte Walter,»und darum moͤchte er auf eine oder ein Paar Wochen unſichtbar ſein verſtehn Sie?« 64 Valentin Vox Valentin nickte, denn er verſtand, was er verſtehn ſollte, aber weiter auch nichts.»Es ſteckt etwas dahinter,⸗ dachte er.»Dieſe zoͤgernden Worte und heimlichen Blicke bedeuten etwas.« „Und was haben Sie nun beſchloſſen?« fragte Walter, waͤhrend Valentin genau auf alle ihre Bewegungen achtete. „Wollen Sie in London bleiben, oder wieder zuruͤckkehren Da die Sache ſo plotzlich kam, ſo habe ich mich noch nicht entſchloſſen.... Vielleicht kehre ich nach Hauſe zuruͤck.« „Mein Bruder ſchreibt mir, ſagte Walter,»daß er Ihnen zur Ruͤckkehr riethe. Wäre dann Alles wieder in Ordnung, ſo wuͤrde er ſich freuen, Sie wieder zu ſehen.« „Haͤtte er zu dem Zwecke an mich ſelbſt geſchrieben,« ſagte Valentin,»ſo wuͤrde ich ohne Zweifel ſeinen Rath vefolgt haben; da er das aber nicht that— was ich aller⸗ dings ſehr auffallend finde— ſo darf ich mich gewiß von meinen eignen Empfindungen leiten laſſen.« »Wir ſollten uns eigentlich bei Ihnen entſchuldigen,« bemerkte Mrs. Goodman, indem ſie drei Stucke Pergament zuſammenband und ſie zeichnete;»bei ihrem nächſten Beſu⸗ 6 aber werden Sie uns hoffentlich minder beſchäftigt finden.« der Bauchredner. 65 »Wo denken Sie ſich bis zu Ihrer Abreiſe aufzuhal⸗ ten?« fragte Horace. »Ich weiß es noch nicht,« ſagte Valentin. »Es thut mir leid,« bemerkte Mrs. Goodman,„daß wir Ihnen nicht einmal ein Bett anbieten können; doch wird es uns jedesmal angenehm ſein, ſo oft Sie uns mit Ihrem Beſuche beehren.« »Wenn ich morgen nach meinen Koffern ſchicke, ſo werde ich ſie wohl bekommen koͤnnnen?« fragte Valentin. »Gewiß, mein beſter Herr,« entgegnete Walter.»Ich ſelbſt werde dafür ſorgen, daß ſie Ihnen unverletzt einge⸗ haͤndigt werden.« »Nun, wenn Sie denn durchaus gehn wollen....4 ſagte Horace.»Aber laſſen Sie uns ja wiſſen, wo Sie ſtecken... hoͤren Sie2« Valentin verſprach es, empfahl ſich den Damen„ward von Walter, der aͤußerſt hoͤflich war, bis zur Thuͤr beglei⸗ tet, und verließ das Haus in der feſten Ueberzeugung, daß irgend etwas Abſcheuliches vorgefallen ſei. Als er, das Geſehene nochmals ſeinem Geiſte voruͤber⸗ fuhrend, die Straße hinabſchlenderte ſah er in einem Fen⸗ ſter gerade dem Hauſe gegenüber, in welchem er und der arme Goodman gewohnt hatte, eine Karte, auf welcher Valentin Vox. II. 5 66 Valentin Vor gedruckt ſtand:»Wohnungen fuͤr einen einzelnen Herrn,« und da er faule Fiſche vermuthete, und dadurch, daß er eine dieſer Wohnungen miethete, Walters und ſeiner Familie Bewegungen ungeſehn beobachten zu können hoffte, ſo ging er in das Haus, ſchloß mit der Wittwe, der die Wohnungen gehoͤrten, ab, ſagte ihr, daß er gegenuͤber ge⸗ wohnt habe, was die Wittwe recht wohl zu wiſſen ſchien, und nahm von der Wohnung ſogleich Beſitz. Er hatte noch nicht lange an ſeinem Fenſter geſeſſen, das die volle Ausſicht auf Goodmans Haus gewaͤhrte, als er Walter, Horace, deſſen Frau und die Magd mit zwei Tagelöhnern eintreten ſah. Sobald ſie im Hauſe waren, ward die Thuͤr verſchloſſen, und bald nachher ſah man die Tagelohner in den Zimmern, dann an den Fenſtern oben, wo ſie von Walter Inſtructionen zur Fortſchaffung gewiſſer Gegenſtände zu bekommen ſchienen und bald nachher das Haus mit ihm verließen, das nun unter der Aufſicht Ho⸗ race's und ſeiner Frau blieb. Als der Abend kam, wurden die Fenſterläden verſchloſ⸗ ſen und jede Vorkehrung fuͤr die Nacht getroffen, während Valentin, der wegen des Katzenconzerts die vorige Nacht wenig geſchlafen, fruͤh zu Abend ſpeiste und ſich zur Ruhe begab. der Bauchredner. 67 Lange vorher, ehe er am andern Morgen aufſtand, und dann den ganzen Tag hindurch war die Familie ſchon mit Zimmerleute und Trägern beſchaͤftigt, Mobilien fortzu⸗ ſchaffen. Valentin beobachtete ihre Handlungen genau, ſchluͤpfte gegen Abend aus dem Hauſe, nahm einen Wagen und fuhr in Perſon vor, um ſeine Koffer abzuholen, ohne den Anſchein nach die herrſchende Verwirrung zu bemerken; und nachdem er einen weiten umweg gemacht, damit ſie ſeinen Aufenthalt nicht bemerken moͤchten, kehrte er ungeſehn nach ſeiner Wohnung zuruͤck. Etwa um zehn uhr kam ein Karren vor die Thuͤr, und nachdem eine Quantitat Koͤrbe, die offenbar Silber, Porzellan und Glas enthielten, ſorgfaͤltig auf denſelben gepackt waren, fuhr er wieder ab. Valentin verfolgte ihn bis zu Walter's Hauſe, ſah hier die Koͤrbe abladen, und kehrte zuruͤck. An dieſem Abende ward nichts mehr abgeholt; in der Fruͤhe des folgenden Morgens aber lud man mit großer Leichtigkeit drei mächtige Korbwannen auf. Es ſchien Wal⸗ tern viel daran gelegen zu ſein, daß ſie ſobald als möglich fortgeſchafft wuͤrden, und als dieſes endlich geſchah, folgte Valentin und ſah die Sachen vor dem Hauſe eines Auctio⸗ nairs abladen. Er wußte nun, daß ſie verkauft werden 6 3 68 Valentin Vor ſollten, und als er auf dem Anſchlagzettel las, daß am naͤchſten Tage hier eine Auction von Hausgeraͤth gehalten werden ſolle, beſchloß er, ſich ebenfalls einzuſtellen, um der Sache wo moͤglich auf den Grund zu kommen. Er machte ſich daher um zwoͤlf Uhr am nächſten Tage auf, kam an den Eingang, an deſſen beiden Seiten eine Menge von Katalogen und Placaten hing, ſchritt durch einen langen, engen Gang, und ſtieg dann eine kleine Treppe hinauf, die unmittelbar in das Luctionsʒimmer fuhrte. In der Mitte des Zimmers ſtand ein ganz mit Kindern Jsraels beſetzter Tiſch. Als Valentin eintrat, ſah er ſich nach Walter und deſſen liebenswuͤrdiger Familie um, die durch ſein unerwartetes Eintreten in große Beſtuͤrzung ge⸗ rathen zu ſein ſchienen. Er ſchien ſie indeß nicht zu bemer⸗ ken, ſondern ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf diejenigen zu richten, welche dadurch, daß ſie beſtändig dieſe Auctions⸗ zimmer belagern, ihr Vermogen aus den Ruinen von An⸗ derer Vermogen zu vergroßern ſtreben. Ehe Valentin noch das Ganze genau uͤberblickt hatte, trat ein Mann mit weißem Geſicht in das Zimmer, der, nachdem er auf den runden Tiſch geſprungen, ſich hinter einen kteinen Pult ſtellte, eine Art Anrede uͤber das bevor⸗ ſtehende Geſchäft an die Verſammelten hielt, eine Brille hochſt der Bauchredner. 69 geſchickt zwiſchen Backenknochen und Braune befeſtigte, und ſeinen Auctienshammer hervorzog. Er war aͤußerſt kurz⸗ ſichtig, und mußte ſeine Naſe bis auf einen Zoll dem Ka⸗ taloge nahe bringen, um die Nummern ſehn zu konnen; als dies zu ſeiner Zufriedenheit geſchehen war, kratzte er ſich aͤußerſt graziös auf dem Kopfe rieb ſich die Naſe, die, ob⸗ ſchon, wie die Mehrzahl aller anweſenden Naſen, gebogen, doch zu einer ganz verſchiedenen Art gehoͤrte, da die Bie⸗ gung nach einwaͤrts ging; er huſtete zweimal mit Geiſt, gab mehrere„A— hms!« von ſich, und ſchritt dann zum Werke. Die erſte Nummer ward eingeſetzt und zwar ohne die ge⸗ ringſte Unterbrechung von Seiten Valentins, denn obſchon er beſchloſſen hatte, den Verkauf zu hintertreiben, ſo mußte er doch warten, bis er den Gang des ihm unbekannten Ver⸗ fahrens kennen gelernt hatte. Als jedoch die zweite Num⸗ mer kam,— zufaͤllig des ormen Goodmans Schreibzeug, vierzig bis funfzig Schillinge werth,— fuͤhlte er ſich hin⸗ reichend au fait, um zu beginnen. »Ein Pfund,« ſagte ein judiſcher Herr. »Ein Pfund iſt geboten,« ſagte der Auctionator. »Dreißig Schillinge,« rief Valentin, naturlich mit einer angenommenen Stimme. 70 Valentin Vor „Dreißig Schillinge; ein ſchoͤnes Schreibzeug von Ro⸗ ſenholz, geheime Schubladen, vollſtändig fuͤr dreißig Schillinge.« „Zwei Pfund!« rief Valentin abermals mit einer an⸗ dern Stimme. „Zwei Pfund geboten. zum erſten... zum.„ „Fuͤnf,« ſagte ein Jsraelit. „Fuͤnf Schillinge.... zwei Pfund fuͤnfl« und da allem Anſchein noch nicht hoͤher geboten werden ſollte, wollte der Auctionator eben zuſchlagen. „Zehn Schillinge!« rief Valentin. „Zwei zehn... zwei Pfund zehn... Bietet Jemand mehr? „Drei Pfund.« „Drei Pfund... zum erſten.. 65 h »Drei zehn„ drei Pfund zehn... dies elegante Schreibzeug fuͤr drei Pfund zehn Schillinge... zum er⸗ ſen „Vier Pfund.« „Vier Pfund.... Bietet Jemand mehr?. 6 „Vier Pfund zehn.« „Doppelt geboten.. 4 der Bauchredner. 71 »„Ich trete zuruͤck,« ſagte Valentin. »Vier Pfund zehn.. dies koſtbare Schreibzeug.„ »Funfzehn.« »Vier funfzehn. vier funfzehn. zum erſten„ „Fuͤnf Pfund.« »Fuͤnf Pfund. wer bietet mehr?« »Fuͤnf Pfund zehn.« »Fuͤnf zehn fuͤnf Pfund zehn. Wahrſcheinlich hat das Geraͤth noch einen geheimen Werth. Fünfzehn 4 „Sechs Pfund.4 »Sechs Pfund.. ein hoͤchſt werthvolles Schreibzeug ſechs Pfund nur ſechs Pfund... 4 Sehn „Zehn 4 »Sechs Pfund zehn.. zum erſten... zum...„ „Sieben Pfund 4 »Sieben geboten.. ſieben Pfund... zum erſten.. zum zweiten.. und...„ Und nieder fiel der Hammer. . Die Israeliten wunderten ſich außerordentlich, und mach⸗ ten einander Vorwuͤrfe, daß ſie nicht höher geboten, indem ſie es als gewiß anſahen, daß in einer der geheimen Schub⸗ laden Banknoten, Gold oder Diamanten verborgen wären. — 8 Valentin Vox »„Wer hat das hoͤchſte Gebot?«.. fragte der Auc⸗ tionator. »Goodman!« rief Valentin mit Goodman's Stimme. Walter und ſeine Familie fuhren betroffen auf, und zitter⸗ ten heftig, als ſie im Zimmer umherblickten, voll Angſt, daß Goodman ſelbſt vor ihnen ſtehen moͤchte. Der Protocollfuͤhrer ging nach dem Orte, von wo die Stimme gekommen zu ſein ſchien, allein es war kein Käu⸗ fer zu finden. „Wer hat das Schreibzeug erſtanden?«.. fragte der Auctionator. Aber es erfolgte keine Antwort. »Setzen Se's noch mal F rief ein Israelit,»das werd's Beſchte ſein!« Es ward abermals eingeſetzt, und da die Juden in der Meinung, es enthielte etwas Werthvolles, hoͤher boten, ſo trieb es Valentin leicht wieder bis auf ſieben Pfund, als der Auctionator, deſſen Geſicht nicht ſtark genug war, um zu ſehen, wer bot, einhielt, um nach dem Namen des Bie⸗ tenden zu fragen. „Wer hat ſieben Pfund geboten 20 fragte er. »Goodman!« rief Valentin. »Wieder Kootman... 14 rief ein Jude.»Immer Kootman!« ——— der Bauchredner. 73 Der Protocollfuͤhrer ſah ſich abermals nach dem Käu⸗ fer um, während das heftige Zittern, von welchem Walter und ſeine Familie befallen wurden, Valentin's Verdacht zur Gewißheit ſteigerte. Hätten ſie den armen Goodman er⸗ mordet, dachte er, ſie könnten bei dem Ton ſeiner Stimme nicht erſchrockener ſein. Uund der Gedanke, daß ſie ihn ge⸗ radezu ermordet hätten, ſchien unter dieſen Umſtänden viel fuͤr ſich zu haben. »Sonderbar,« bemerkte der Auctionator, als ſich kein Käͤufer fand.»Sollten einige Perſonen in der Abſicht hie⸗ her gekommen ſein, Verwirrung anzurichten, ſo thaten ſie beſſer, ſich zu entfernen, che ſie hinaus gebracht werden! Wir duͤrfen die Zeit nicht ſo unnutz hinbringen.... Stellen Sie das Schreibzeug zur Seite,« fuhr er fort, zum Auctionsdiener gewendet;»wir wollen zur nächſten Nummer uͤbergehn.... Die nächſte Nummer, meine Her⸗ ren, iſt ein elegantes ſilbernes, vergoldetes Theeſervice, ſchoͤn gearbeitet und complett. Wie hoch ſollen wir dieſes elegante Service einſetzen?« Von dreißig Schillingen trieben es die Juden bis auf vier Pfund, und von vier Pfund trieb es Valentin bis auf zehn, und als dann der Zuſchlag erfolgte, fand ſich natuͤrlich abermals kein Käufer. 74 Valentin Vor »Was ſoll das heißenz« fragte der Auctionator un⸗ willig.»Wer hat zehn Pfund geboten?« „Goodman!« rief Valentin, und Mrs. Walter fiel mit einem lauten Schrei in Ohnmacht. „Kott beſſere mich!... Kootman?.... Wer iſch Kootman?... Immer Kootmann!« und ſämmtliche Js⸗ raeliten ſahen ſich erſtaunt an, waͤhrend Mrs. Walter in einem beſinnungsloſen Zuſtande fortgeſchafft wurde. Unter allen andern Umſtaͤnden wuͤrde Valentin zu ihrem Beiſtande herbeigeeilt ſein, doch der Argwohn, daß ſie Theilnehmerin an irgend einem ſchwarzen Complott gegen Goodman ſei, ließ ihn in allem unangenehmen, was er ihr bereitet haben moͤchte, nur eine gerechte Strafe erken⸗ nen. und er wurde von ſeinem Verdachte allmaͤlig ſo feſt uͤberzeugt, daß er voll Freude Walter mit den Empfindun⸗ gen kämpfen ſah, die in ſeinem Gewiſſen emporſtiegen. „Sehr ſonderbar,« bemerkte der Auctionator.»Geht das ſo fort, ſo wird es unmoͤglich ſein, mit dem Verkaufe fortzufahren.« „Wer iſcht Kootman?« rief ein Jude.»Was iſcht er? Wir muͤſſen doch erfahren, wer er iſcht. dann wiſſen wir, woran wir ſind.« ——— der Bauchredner. 75 „Will Mr. Goodman gefaͤlligſt vortreten?« ſagte der Auctionator. Walter's Kräfte ſchwanden; er fiel in Horace's Arme, der ihn, mit Huͤlfe eines Andern, in ein Nebenzimmer fuͤhrte. »Alles fallt in Ohnmacht,« rief ein Israelit.»Was iſt nun anzufangen mit die Nummer?« »Stellt ſie zur Seite,« ſagte der Auctionator zornig. »Das Naäͤchſte iſt ein Spiegel, mit reich verziertem Rah⸗ men. Wie hoch ſollen wir es einſetzen?« Die Juden boten mit gewohnter Freigebigkeit; dann fing Valentin an, und als der Spiegel bis fuͤnfmal uͤber ſeinen Werth emporgetrieben war, ward nach dem Namen des Kaͤufers gefragt, und die Antwort war abermals: »Goodman.« „Immer Kootman!... nir als Kootman! er will uns alle auskaufen!« rief ein Jude, deſſen glänzender Witz mit einem lauten Ausbruch israelitiſcher Fröhlichkeit empfangen wurde. „Es fuͤhrt zu nichts, wenn wir ſo fortfahren,« ſagte der Auctionator hitzig.»Ich muß wiſſen, was das heißen ſoll.« Damit ſprang er von ſeinem Pult und ging in das 16 Valentin Vor Zimmer, in welches Walter gebracht worden war. Waͤh⸗ rend ſeiner Abweſenheit lachten und ſcherzten die Juden in unendlicher Luſt. Einer von ihnen nahm den grauen Hut eines Andern und rief: „Mr. Kootman!... wollen Se bieten auf dieſe Num⸗ mer?« Das erregte abermals ein lautes Gelächter, welches anhielt, bis der Auctionator zuruͤckkehrte. „Laſſen Sie uns fortfahren, meine Herren,« ſagte der Auctionator, und als es mit der naͤchſten Nummer nun eben ſo ging, wie mit den vorigen, ſo zeigten ſich an dem Auctionator endlich wirkliche Spuren von Wuth. Endlich rief Valentin mit einer lauten befehlenden Stim⸗ me, die von dem andern Ende des Zimmers herkam: „Wer autoriſirte zu dieſem Verkauf?« „Mr. Goodman,« entgegnete der Auctionator. „Schon wieder Kootman!.. Kott ſei mir gnädig!⸗ rief der ganze Stamm in einem Athem. »Er hat keine Macht dazu,« rief Valentin,„die Sa⸗ chen gehoren nicht ihm.« „Was geht das uns an?« fragten mehrere der Jsrae⸗ liten, indem ſie ſich nach dem Orte wandten, woher die der Bauchredner. 77 Stimme gekommen zu ſein ſchien.»Wenn er ſie hat ge⸗ ſtohlen, ſo iſch das ſeine Sache.« »Will jener Herr ſo gefällig ſein, mich in das Neben⸗ zimmer zu begleiten?« ſagte der Auctionator, ein in der That achtungswerther Mann, der aus dem aufgeregten Zuſtande Walters geſchloſſen hatte, daß die Sache nicht ganz ihre Richtigkeit habe.»Will er die Guͤte haben, mir zu folgen?« fuhr er fort, und ging abermals nach dem Zim⸗ mer, in welchem Walter noch immer bebte. Niemand folgte, doch Jener ging hinein, und die Ju⸗ den wurden immer lebendiger. Sie forderten Goodman fortwaͤhrend auf, auf verſchiedene kleine Artikel zu bieten, die ſie in der Hand hatten.»Wollen Se bieten auf mei⸗ ven Stock, Mr. Kootman?« rief Einer von ihnen.— »Was wollen Se geben fuͤr mein Hemd?» rief ein Ande⸗ rer.—»Hier iſt ein Paar ſchoͤner Stiefel,« rief ein Drit⸗ ter, und legte gewaltſam die Beine ſeines Nachbars auf den Tiſch, waͤhrend ein Vierter rief:»Halt, hier bin ich ſelbſt. will Wiſchter Kootman nich kaufen mein eignes Selbſt?. Der Auctionator kehrte zuruͤck, ſtieg auf ſeinen Pult und ſagte:»Meine Herren, ich muß Ihnen leider anzeigen, daß die Auction nicht vor ſich gehen kann.« 78 Valentin Vor Dieſe Nachricht erregte ein allgemeines Murren. „Es thut mir leid,« fuhr er fort»ſo leid, als es nur irgend Ihnen ſelbſt thun kann, aber an einem unrecht mag ich nicht Theil nehmen.— „Worum nich?... Se werden ja entſchädigt...„ „Keine Entſchädigung, meine Herren, wird mich dazu vermogen, bis ich weiß, daß Alles ſeine Ordnung hat.« Eine Bemerkung, die von allen Iöraeliten mit großer Ver⸗ achtung aufgenommen wurde.—» Ich will Sie daher nicht länger aufhalten, meine Herren, und bedaure nur, daß ich Ihnen ſo viel von Ihrer koſtbaren Zeit geraubt habe.« Die Geſichter des Stammes zeigten in dieſem Augen⸗ blicke den höchſten unwillen, und ihr Murren und Schreien ward immer ſtärker. Gerade der Verdacht, daß die Sache nicht in Ordnung ſei, ſchien der ſchärfſte Stachel fuͤr ſie zu ſein, denn ſie fahen das, was ſie dabei hätten gewinnen können, als einen offenbaren Verluſt an. Ver⸗ gebens bemuͤhte ſich der Auctionator, ſie zu beruhigen. Sie wollten ſich nicht beruhigen laſſen.»Ich werde ſchlagen Alles zu Brei!« rief Einer.—„» Wollen Se uns halten fuͤr Narren?« ſchrie ein Anderer.—» Was fahren Se nich fort?« fragte ein Dritter, und da der Auctionator ſah, daß ihre Wuth wahrſcheinlich immer zunehmen wuͤrde, ſo der Bauchredner. 79 verließ er das Zimmer, hinter ihm her die Soͤhne Israels, welche ſchrieen und lärmten und ihn verfolgten, bis er ſich in einem der untern Zimmer eingeſchloſſen. und da Va⸗ lentin durchaus keine Neigung fuͤhlte, Walter oder irgend Jemand von deſſen Familie zu ſehen, ſo verließ auch er das Zimmer mit dem Strome der zornigen Soͤhne Israels. 80 Valentin Vor. Siebzehntes Kapitel. Volentin beſucht Guildhall.— Wird mit den alten Kriegern „Gog und Magog“ bekannt, verleiht ihnen temporär Sprache, und verhandelt dann wichtige Sachen mit den beredten Mitgliedern des Gemeinderathes. In der Abſicht, Goodman aufzuſuchen, eilte Valentin am Tage nach der Auction in die City, um Mr. St. Leb⸗ ger um Rath zu fragen, den Kaufmann, bei welchem Goodman auf dem Wege nach der Werfte vorgegangen war. Die Glocke der Koͤniglichen Bank ſchlug zwolf Uhr, als er in Mr. Ledger's Comtoir trat, und er fand dieſen Herrn nicht nur zu Hauſe, ſondern auch frei von Ge⸗ ſchäften. „Ich moͤchte,« ſagte Valentin nach den gewoͤhnlichen Bezrußungsformeln, vich möchte Sie um Ihren Rath bit⸗ ten in einer Angelegenheit, die mir außerordentlich zu ſein ſcheint.« „Reden Sie, mein junger Freund,« entgegnete Mr. Ledger;»verfuͤgen Sie ganz über mich; allein warum wenden Sie ſich nicht an Freund Goodman?« der Bauchredner. 81 »Eben weil ich ihn nicht finden kann,« antwortete Valentin. „Wie! haben Sie ihn nicht geſehen, ſeit Sie bei mir nach ihm fragten?... Fanden Sie ihn nicht zu Hauſe?« „Er iſt ſeitdem noch nicht wieder zu Hauſe geweſen, und daher wuͤnſchte ich zu erfahren, wodurch ich vielleicht Nochricht bekommen könnte, wo er ſich jetzt befindet.« »„In der That, das kann ich nicht ſagen.... Haben Sie ſeinen Bruder geſprochen?« „Ja, und er ſagt mir, daß jener in Folge einer ungluͤcklichen Speculation ſich eine Zeit lang entfernt halten muͤſſe.« „Wirklich!« rief Mr. Ledger, während er raſch ein dickes, ſchweres Buch aufſchlug und ängſtlich nach einer Seite ſuchte.»Sehr, ſehr ſeltſam!« fuhr er fort, als er das Buch wieder mit zufriedener Miene geſchloſſen,»ſehr ſeltſam, daß ich kein Wort davon erfahren.. Eine Spe⸗ culation!... ohne Zweifel eine ſpaniſche... Wie un⸗ vorſichtig!... Ich hätte ihm das Alles vorausſagen kön⸗ nen; aber die Leute in ſolchen Sachen ohne Rath handeln wollen, ſo muͤſſen ſie auch die Folgen auf ſich neh⸗ men. Laſſen Sie ſich indeß die Sache nicht allzuſehr zu Valentin Vox 11. 6 82 Valentin Vox Herzen gehn. Es wird ſich ſchon Alles arrangiren laſſen. Wie unvorſichtig!... Hm! wie unvorſichtig!.. »Aber iſt es nicht ſehr auffallend, daß...„ »„Durchaus nicht! durchaus nicht! Ich kenne funfzig ſolche Fälle, und in nachſter Woche, glauben Sie meinen Worten, werden wir abermals von funfzig andern hoͤren. Ich weiß es, und kenne das.... Mein ganzes Vermoͤgen ſetze ich zum Pfande. Ich habe die Sache von Anfang an beobachtet.. »Aber ſein ganzes Mobiliar.„ »Mein werther junger Freund,« unterbrach ihn Mr. Ledger,„wenn Sie älter ſind, werden Sie mehr Erfah⸗ rung haben.« Nach dieſer ausgezeichneten Bemerkung legte er ſeine Hand feſt auf Valentin's Schulter, und fuhr in leiſerm Tone fort:„Sagen Sie Niemand ein Wort davon, Sie konnten ſonſt ſeinem Credite weſentlich ſchaden. Er iſt vielleicht noch in andere Geſchaͤfte verwickelt, wiſſen Sie, und iſt er das, ſo fällt dann Alles wie Tiger uͤber ihn her.« „Ich dachte mir, er beſaͤße ein bedeutendes Vermoͤ⸗ gen 4 »Ganz recht; aber der weiſe Mann laßt ſein Vermo⸗ gen nicht ſchlafen. Es giebt wenig Leute, welche im Stande waͤren, in einer und derſelben Stunde alle an ſie gemachten der Bauchredner. 83 Forderungen zu bezahlen. Sie haben neulich von der Ver⸗ legenheit der Vank gehoͤrt?... Das iſt daſſelbe... ganz daſſelbe!.. Wie unvorſichtig!... Er hätte ſich nicht darin einlaſſen ſollen; aber fragen Sie nicht, machen Sie die Sache nicht ruchbar; reden Sie gegen keine Seele ein Wort davon, wenn Sie ſeinen Credit nicht ruiniren wollen.« 6 Das war denn auch keineswegs Valentins Abſicht, und da er fand, daß er von Mr. Ledger, der das Ganze wie eine Geſchäftsſache betrachtete, nichts mehr würde heraus⸗ bringen koͤnnen, verließ er, bedeutend erleichtert, das Com⸗ toir. Dachte er jedoch an Walters auffallendes Benehmen in dem Auctionszimmer, als er Goodmans Stimme nach⸗ ahmte, ſo ſah er ein, daß noch etwas dahinter ſtecke, was nicht zu Mr. Ledger's commerziellen Berechnungen gehoͤrte. Er beſchloß daher, ein wachſames Auge auf die Familie zu haben, und eben, als er den Vorſatz gefaßt, ſich eine Zeit lang ruhig zu verhalten, kam er durch eine wohlgebaute, lebhafte Straße, an deren Ende ein altmodiges, mit vielen Zierathen verſehenes Gebaͤude ſtand. Da die Thuͤren deſſelben offen ſtanden, und viele Per⸗ ſonen ungehindert aus- und eingingen, ſo ſchritt er dreiſt in das Portal und gelangte in eine huͤbſche Halle mit Sta⸗ 84⁴ Valentin Vor tuengruppen auf hohen Fußgeſtellen und einem ſchmutzigen Fenſter an jedem Ende. Valentin betrachtete eben zwei rieſenmaͤßige Statuen in kriegeriſchem Coſtuͤm, als zwei ſchmächtige verhungerte In⸗ dividuen ſich näherten. Sie waren Weber von Spitalfield, und hieher beſchieden worden, um vom Magiſtrat eine Er⸗ mahnung zu bekommen, weil ſie eine alte Kuh gejagt hat⸗ ten, die ſie, in einein außerordentlichen Schwunge ihrer Phantaſie, fur einen tollen Schſen gehalten. „So wahr ich lebe, Bill! Sieh dies Wunder!« rief einer dieſer intereſſanten jungen Herren.»Sieh nur ein⸗ mal, wie er die Beine ſpreizt. Achtehalb Ellen wären no⸗ thig, um ihm nur ein Paar Struͤmpfe zu machen.« „Welcher iſt Gog und welcher Magog?« fragte ſein Gefährte, der ziemlich einfältig zu ſein ſchien. „J, der in der engen Hoſe!« entgegnete der Andere. „Wenn ſie zwölfe ſchlagen hoͤren, ſpringen Beide herunter und laufen zum Eſſen.« „Nicht möglich!« rief Bill.»Das mach' einem An⸗ dern weiß.« „Du mußt nur ſo lange warten, bis ſie es hoͤren, und Du wirſt Dich ſelbſt uͤberzeugen,« ſagte der Andere lachend. der Bauchredner. 85 „Pallunken!« rief Valentin plotzlich aus dem Munde des großen Gog.»Was ſeht Ihr mich ſo an?« Bill packte den Arm ſeines Gefährten, und da dieſer eben ſelbſt im Begriff war, zuruͤckzuſpringen, ſo warf die⸗ ſer Stoß ihn vollends zu Voden, und ſein Freund fiel mit all ſeiner Schwere auf ihn. »Fort mit Euch!« rief Valentin durch Goghs Mund. „Wie koͤnnt Ihr es wagen, meinen Freund zu bele idi⸗ gen?« rief Magog, ebenfalls durch Valentin's Vermitte⸗ lung.»Fort mit Euch!« und die kleinen erſchrockenen Weber rappelten ſich in aller Eile auf und ſtuͤrmten der Thuͤr zu. In dem Au⸗ genblicke, als ſie dieſe erreichten, begegneten ſie einer offen⸗ bar hochgeſtellten Perſon in einer mit Pelz verbrämten Robe, und mit einer dicken goldenen Kette, dem eine Mi⸗ litairperſon voranſchritt, mit einem Marſchallshute in der einen, und einem Stabe in der andern Hand; ferner einem ernſt ausſchenden Manne, der ein auffallend langes Schwert trug. Sie waren eben aus einem reich galonnirten Wagen geſtiegen und ſchritten nun feierlichſt der Halle zu. Gegen dieſe feierliche Prozeſſion rannten nun die armen Weber, gewiß ohne Vorſatz, ja ohne es zu wiſſen, jedoch mit ſol⸗ cher Gewalt, daß die Perſon mit der goldenen Kette au⸗ 86 Valentin Vox genblicklich am Boden lag, ſo daß die beiden armen Weber auf ihr umherkollerten. Der ernſte Träger des Schwerts und die Militairperſon legten mit einem Male ihre Wuͤrde ab und eilten zu ſeinem Beiſtande, waͤhrend mehrere Un⸗ terbeamte die Weber zu faſſen ſuchten, die jedoch wie Aale ſich ihren Haͤnden entwanden und gluͤcklich entkamen. Das Erſtaunen der Perſon, welche man ſo ohne alle Ceremonie zu Boden geworfen, war außerordentlich. Die nebrigen wollten durchaus nicht glauben, daß er unverletzt geblieben ſei; ſie waren feſt uͤberzeugt, daß er irgend eine ernſtliche Verletzung davongetragen, und erſt, als Jener wiederholt verſichert, daß Alles an ihm in Ordnung ſei, wandte ſich die Prozeſſion langſam der Halle zu, und dann einige Stufen hinauf in einen langen engen Gang⸗ „Wohin führt dieſe Gallerie?« fragte Valentin einen Mann, der gedankenvoll mit untergeſchlagenen Armen da⸗ ſtand. „Welche! die? O, nach allen Arten von Aemtern und Buͤreaur und Zimmern und Gerichten,« antwortete der nachdenkliche Mann. „Wirklich!« bemerkte Valentin, ſehr erkenntlich uͤber die außerordentlich aufklärenden Charakter dieſer Nachricht. „Geht hier etwas Wichtiges vor?« der Bauchredner. 87 „Sehr wahrſcheinlich,« antwortete Jener,» vielleicht die Sitzung der Aldermen... es ſollte mich gar nicht wundern, oder etwas anderes der Art, aber ich weiß es nicht genau. 3 und damit ging er auf die Statue des großen Chatam los. Valentin begab ſich in die Gallerie, druckte dort einem Mann in einem blauen Rocke ein Stuͤck Geld in die Hand, und bat ihn um Einlaß zu der Sitzung. »„Es iſt heute keine Sitzung der Aldermen,« entgegnete Jener. „Gut. Was iſt denn ſonſt?« „Gemeinderath.« »Wirklich!... Wer fuͤhrt den Vorſitz?« »Ei, natuͤrlich der Lord Mayor.« „Vortrefflich!« ſagte Valentin und ging hinein. Als er aber einen kleinen ſchmäͤchtigen Mann in dem Präſiden⸗ tenſtuhle ſah, war er uͤberzeugt, daß hier ein Irrthum ob⸗ walte. Er ging daher wieder hinaus und fragte den Mann im blauen Rocke: „Ich wollte in die andere Sitzung.« »In welche andere Sitzung?« „Nun, in den Gemeinderath.« »Aber, das iſt ja der Gemeinderath.« 88 Valentin Vox »So?« fragte Valentin ungläubig.„ Wann kommt denn der Lord Mayor?« »Der Lord Mayor iſt ſchon längſt da. Der da iſt es in dem Stuhle.« Valentin ſah den Mann an, als wollte er ihn mit ſei⸗ nem Blicke an die Wand nageln.»Und Sie wollen mir weiß machen,« ſagte er,„der kleine Mann dort ſei wirk⸗ lich der Lord Mayor?« »Nun, das iſt er, und weiter nichts. Sehn Sie nicht ſeine goldene Kette und das Schwert der Gerechtigkeit vor ihm?« »Sonderbar,« dachte Valentin.»Er iſt wohl lange krank geweſen 7« fragte er dann. »Krank?. nein!.. Wie kommen Sie darcf?« »Er ſcheint ganz abgezehrt zu ſein.« „O, er war nie fetter, 6 entgegnete Jener.„So lange ich ihn kenne, hat er nie anders ausgeſehn.« Valentin wunderte ſich.»Iſt es möglich,« dachte er, »daß ein ſo winziges Männchen der Lord Mayor von Lon⸗ don ſein kann! Er iſt hochſtens der Geiſt eines Lord Ma⸗ yor.. das bloße Skelett eines ſolchen. Sind alle Alder⸗ men ihm an Köͤrperbeſchaffenheit gleich, ſo muß eine ſelt⸗ ſame Entartung gegenwaͤrtig ſtattfinden.« der Bauchredner. 89 Als Valentin in den Sitzungsſaal zuruckkehrte, hielt eben ein ehrenwerthes Mitglied eine langweilige Rede, die er dadurch unterbrach, daß er plötzlich ein»Genug!... Hingeſetzt!« von verſchiedenen Seiten her ertoͤnen ließ. „Wenn man mich noch einmal unterbricht, ſo bewirkt man, daß ich„ „Ein Narr werde!« rief Valentin.»Nieder.. nie⸗ der „Zur Ordnung!« riefen Mehrere, waͤhrend Andere lachten. „Das ehrenwerthe Mitglied, welche dieſe Bemerkung machte, trete vor, wie es einem Manne geziemt.« Valentin fragte nach dem Namen eines Mannes, wel⸗ chev in einer Ecke eingeſchlafen war, und da mehrere Stim⸗ men in die zornige Aufforderung des Redners einſtimmten, ließ er ploͤtzlich in verſchiedenen Stimmen Mr. Snobſon's Nan n ertönen. Dieſer Name wurde laut von mehrern Mitgliedern wiederholt, die uͤberzeugt waren, Snobſon habe es gethan, und ſtelle ſich nun ſchlafend, um jeden Verdacht zu vermeiden. Endlich wurde das Rufen nach Snobſon ſo laut, daß dieſer Herr erwachte, ſich heftig die Augen rieb, und na⸗ turlicherweiſe fragte, weshalb man ihn rufe, da er durch⸗ 90 Valentin Vor aus keine Art von Motion vor den Hof zu bringen habe. Seine Unſchuld jedoch hielt man fuͤr verſtellt. Man rief daher immer energiſcher:»Snobſon! Snobſon!« und begleitete dieſen Ruf mit der Forderung, er ſolle ſich ver⸗ theidigen. Mr. Snobſon war in Verlegenheit. Mehrere Minuten lang war ſein Geſicht bald blaß, bald roth, bis ſeine Ge⸗ ſichtsfarbe ſich in ein gelbliches Blau verwandelte; und als man die Forderung einer Vertheidigung mit fortwaͤhrend geſteigertem Eifer wiederholte, ſagte er endlich mit eben ſo viel Wuͤrde als Schärfe: „Herr Lord Mayor! Ich kann nicht ſagen, daß ich wuͤrklich den wuͤrklichen Zuſammenhang der Sache einſehen thaͤte... Was ich aber ſagen kann, iſt, daß Alles, was ich ſagen kann, darin beſteht, nämlich daß, habe ich Je⸗ mand Unrecht gethan, ich gern bereit bin, ihm Recht an⸗ gedeihen zu laſſen; denn es iſt gewiß Keiner hier, der dieſe Gerechtigkeit lieber ertheilte, als wie ich.« »Abbitte!... Abbitte!« riefen mehrere ehrenwerthe Mitglieder. »Wofuͤr? was habe ich gethan?... Das ſagen Sie mir!« rief Snobſon, der ſich zu ereifern begann. »Wenn das ehrenwerthe Miglied,« bemerkte der Lord der Bauchredner. 94 Mayor wuͤrdig und entſchieden,»ſich des auf das ehren⸗ werthe Mitglied bezuglichen Ausdruckes bediente, ſo bin ich uͤberzeugt, das ehrenwerthe Mitglied wird die Nothwen⸗ digkeit einſehn, jenen ſogleich zuruͤckzunehmen.« Das Geſchrei ward immer lauter. „Herr Lord Mayor,« ſagte der ehrenwerthe Beſchul⸗ digte ruhig nach einer Pauſe, während welcher er umherge⸗ ſehn, als habe er einen theuren Freund verloren.» Wenn ich weiß, was das Alles bedeutet, ſo ſoll mich der Teufel holen!« „Das hilft nichts, Mr. Snobſon; das hilft nichts, alter Junge!« rief Valentin mit einer Stimme, die auf⸗ fallend der eines Mannes glich, welcher an dieſer Verwir⸗ rung viel Gefallen zu jinden ſchien. Sobald der Lord Mayor ſich von dem Erſtaunen erholt, in welches der antiſenatoriſche Styl dieſer Anrede an Mr. Snobſon ihn verſetzt, erhob er ſich raſch und feierlich, ſah das ehrenwerthe Miglied, deſſen Stimme er mit Unrecht im Verdacht hatte, an und ſagte: „Es thut mir leid, daß ich gezwungen bin, eine Be⸗ merkung hinſichtlich des Benehmens eines ehrenwerthen Mit⸗ gliedes zu machen, aber ich habe eine große öffentliche Fflcht zu erfuͤllen, die ich gewiß nicht in Anwendung bringen wuͤrde, Valentin Vor muͤßte ich die ehrenwerthen Mitglieder nicht bitten, ſich zu erinnern; daß ſie ſind, wo ſie ſind.« Der Schluß dieſer Rede war ſo ſchneidend, daß er dem ehrenwerthen Mitgliede, dem ſeine ganze Schaͤrfe zugedacht war, durch die Seele zu gehen ſchien. Er erhob ſich da⸗ her, legte feierlichſt die Hand auf das Herz, und ſagte: „Herr Lord Mayor! Meint man, ich wäͤre es gewe⸗ ſen, ſo iſt das ein großer Irrthum, weil ich es nicht war.« „O doch, doch!« rief Valentin dicht hinter dem ehren⸗ werthen Mitgliede hervor, das ſich in dem Augenlicke mit außerordentlicher Schnelligkeit umdrehte, und die Geſichter der hinter ihm Sitzenden pruͤfte, um zu ſehen, wer das geſagt. „In der That,« ſagte der Lord Mayor,„dieſes Ver⸗ fahren iſt im hoͤchſten Grade unregelmaͤßig,« und Alle ſa⸗ hen die Richtigkeit dieſer Bemerkung ein, außer Valentin, der mit tadelnswerther Dreiſtigkeit ausrief:»Faſſen Sie ſich nur an Ihre eigne Naſe!« und zwar in Bezug auf den Lord Mayor. »An meine eigne Naſe!4 rief ſeine Lordſchaft, aͤußerſt empört.»An meine eigne Naſe!« wiederholte er noch feierlicher; er ſah erſtaunt umher, hielt den Athem an, um ſeinem Buſen Gelegenheit zu geben, vor Unwillen anzu⸗ der Bauchredner. 93 ſchwellen, wandte ſich dann an den Secretair, und ſagte ihm:„Haben Sie je 6 worauf der Secretair ant⸗ wortete!»Nein, nie!« „Pfui! pfui!« riefen mehrere ehrenwerthe Mitglieder, die ſich von ihrem Erſtaunen erholt hatten. „An meine eigne Naſe!« rief ſeine Lordſchaft zum drit⸗ ten Male, und ohne Ruͤckſicht auf die Wuͤrde des erſten Beamten der erſten Stadt der Welt, rief Valentin aber⸗ mals:»Ja, an Ihre eigne Raſe!« Ein Schrei des Entſetzens fuhr durch den Saal. Jedes Mitglied ſchien vom Schlage geruͤhrt zu ſein. Einige mach⸗ ten verzweifelte Verſuche, aufzuſtehn, um gegen ein ſolches Benehmen zu proteſtiren; aber es ſchien ſie jedes phyſiſche wie moraliſche Vermoͤgen verlaſſen zu haben, und eine Tod⸗ tenſtille trat ein. Endlich brach ſeine Lordſchaft, die ſich erinnerte, was ſie als Mayor und als Mann ſich ſchuldig ſei, den Zauber, der ihre Zunge band, und ſagte:»Ich fordere eine Er⸗ klärung.« »Eine Erklaͤrung?« fragte Valentin. „Ja, eine Erklärung!« rief ſeine Lordſchaft hochherzig. »Es hat ein ehrenwerthes Mitglied mir geſagt, ich ſolle an meine eigne Naſe faſſen.... Ich kann ohne Anmaßung 94 Valentin Vor ſagen, daß ich in meinem Amte nichts verſehe. Ich melde jenem ehrenwerthen Mitgliede, daß, ſo lange ich die Ehre habe, den Praͤſidentenſtuhl einzunehmen, die Achtung, wel⸗ che man dem Amte ſchuldig iſt, welches ich die Ehre habe zu bekleiden, im Nothfall mit Gewalt erzwungen werden wird!« In dieſem Augenblicke hatte Valentin die Kuͤhnheit, ein dreifaches deutliches Gelaͤchter von drei verſchiedenen Seiten her ertönen zu laſſen. »Ich wuͤnſche,« fuhr der Lord Mayor fort, indem er desperat an ſeinen Amtskteidern zupfte,»ich wuͤnſche, die ehrenwerthen Mitglieder mögen erkennen, daß ich nicht be⸗ leidigt werden darf. Die Wuͤrde... 4 »„Wuͤrdel« unterbrach ihn Valentin in einem bitter ſpot⸗ tenden Tone.»Würde!« »Ich wiederhole es!« rief ſeine Lordſchaft mit einiger Pitze.»Die Wüͤrde des Amtes, zu welchem ich erwählt wurde, ſoll unverletzt auf meinen Nachfolger kommen!« Ehe das Beifallsgeſchrei, das dieſe majeſtätiſche Bemer⸗ kung hervorgerufen, ſich vollig gelegt hatte, erhob ſich ein ernſt ausſehendes ehrenwerthes Mitglied, um gradezu auf einen öffentlichen Verweis anzutragen; kaum aber hatte er ſeine Abſicht erklärt, als Valentin rief: ———„— der Bauchredner. 95 »Gegen wen? Und in dem Augenblicke ſchrie man von allen Seiten: »Den Namen! den Namen!« wodurch das ehrenwerthe Mitglied in die außerordentlichſte Verlegenheit zu kommen ſchien. „Ich bin,« ſagte er endlich, nachdem er mit den ihm zunächſt Stehenden geredet,»ich bin micht im Beſitz des Namens des ehrenwerthen Mitgliedes... vermuthlich aber wird ein anderes ehrenwerthes Mitglied mich daruͤber beleh⸗ ren koͤnnen.« Valentin hatte bis dahin leider nur den Namen eines einzigen ehrenwerthen Mitgliedes nennen gehoͤrt, und zogerte daher nicht,»Snobſon!« zu rufen. »Nein, nein!« ſchrie dieſer, indem er aufſprang und ſich auf viele andere ehrenwerthe Witglieder bezog, die denn auch ſeine unſchuld ſogleich bezeugten. »So weit die Sache mich perſoͤnlich betrifft,« bemerkte der Lord Mayor, der nach Gleichmuth rang,»wuͤrde ich von dem beleidigenden Ausdruck keine weitere Notiz nehmen, allein mein Stand als der eines oberſten Beamten verpflich⸗ tet mich dazu.« „Sie. ein oberſter Veamter!« vief Valentin, dem die Kleinheit ſeiner Lordſchaft wirklich erbärmlich vorkam, 96 Valentin Vor obſchon er vor dem Amte die groͤßeſte Achtung hatte.»O, Sie ſcherzen!« „Ich!.. ſcherzen le rrief ſeine Lordſchaft mit Entſetzen. »Ein ſchoͤner oberſter Beamter!« ſagte Valentin.„Sie wiegen ja keine hundert Pfund!« Mit zuſammengezogenen Brauen und wuͤthendem Blick erhob ſich ein ehrenwerthes Mitglied, und verlangte, daß die beleidigenden Ausdruͤcke ſämmtlich zu Protocoll genom⸗ men wuͤrden, was denn auch wirklich geſchah. »Nun,« fuhr dieſer ehrenwerthe Herr fort,»will ich, Serr Lord Mayor, nicht davon reden, was in dieſem Falle zu thun ſei; nur das will ich ſagen, daß etwas Abſcheuli⸗ cheres, Unregelmäͤßigeres jemals weder in dieſem noch in einem andern Lande geſchah, welches auf die hochſte Stufe der Civiliſation Anſpruch macht; und Alles, was ich ſagen kann, Herr Lord Mayor, iſt, daß ſolch ein Benehmen mit ewiger Schande das ehrenwerthe Mitglied brandmarkt,— gleichviel wer es iſt— denn er hat nicht den Muth, ſeine unerhoͤrte Aeußerung wie ein Mann zu bekennen« Dieſer Ausbruch einer zornigen Beredſamkeit wurde mit dem lauteſten Beifall aufgenommen. Saͤmmtliche Mitglie⸗ der ſahen geſpannt umher, ob ſich der Delinguent nicht —— der Bauchredner. 97 melnen wuͤrde, und als dieſes nicht geſchah, erhob ſich ein Anderer, der mit pfiffiger Miene folgende Rede hielt: „Die Sache iſt ſchwierig; aber der Zweig derſelben, welcher der wichtigſte zu ſein ſcheint, iſt der, welcher ſich auf das Gewicht Eurer Lordſchaft bezieht. Das ehrenwer⸗ the Mitglied klagt daruͤber, daß Eure Lordſchaft keine hun⸗ dert Pfund woͤgen, und ſcheint in ſeiner Schaͤtzung der Richtigkeit ſo nahe als moͤglich gekommen zu ſein; aber er behauptet, Eure Lordſchaft ſei deshalb nicht zu einem ober⸗ ſten Beamten geeignet, weil ſie nicht mehr als hundert Pfund woͤgen. Muß denn ein Lord Mayor ein dickes Fleiſch⸗ gebirge ſein? Soll er nach dem Gewicht gewähit und zuvor auf die Wage geſetzt werden?« »Wenigſtens ſollte er ein Bischen Fleiſch auf den Rip⸗ pen haben,« rief Valentin dicht hinter dem Redner. »Fleiſch!« rief der wuͤrdige, beredte Alderman, indem er ſich raſch umdrehte.»Ein Bischen Fleiſch!. Auf mein Wort, das iſt ſehr ſonderbar. Es iſt ein Irrthum der ſich im Geiſte der unwiſſenden fortgepflanzt hat, daß Aldermen, in Folge ihrer unbeſieglichen Neigung zum Satt⸗ eſſen, alle charakteriſtiſchen Eigenſchaften der Schlinger be⸗ ſaͤßen, waͤhrend ſie doch, ſtatt Freſſer und Verſchlinger unermeßlicher Maſſen von Speiſe zu ſein, die enthaltſam⸗ Valentin Vox. I. 6 98 Valentin Vor ſten Leute von der Welt ſind..., Ich weiß, ja wir Alle wiſſen, daß Aldermen, gleich den Biſchöfen„dem verdor⸗ benen Geſchmacke des großen Haufens zu Gefallen, als— Leute mit blutrothen Backen, dicken Naſen und unermeßlichen Koͤrpern dargeſtellt werden, obgleich die größere Mehrzahl derſelben außerordentlich ſchmalbaͤuchig iſt, und durchaus keine Neigung zum Fettwerden beſitzt; wenn ich aber ein chrenwerthes Mitglied dieſes Magiſtrats, das doch alle Al⸗ dermen perſoͤnlich kennen muß, behaupten höre, ein Mann paſſe darum nicht zu einem oberſten Beamten, weil er keine hundert Pfund woͤge, ſo muß ich ſagen, daß man in den Annalen kurioſer Geſchichten keine kurioſere finden kann.« Dieſe Rede ſchien ſich keineswegs eines allgemeinen Bei⸗ falls zu erfreuen zu haben. Zwar ſuchten ſich die gegen⸗ waͤrtigen Aldermen, durch Zuruͤckhalten des Athems, ſo ſchmächtig als moͤglich zu machen, allein da ſie die Ge⸗ wohnheit hatten, mit Entzuͤcken den periodiſchen Faſten ent⸗ gegenzuſehn, ſahen ſie ein, daß, wurde ſolch eine ungaſt⸗ freundliche, hungrige Idee mit zu den Buͤrgertugenden ge⸗ rechnet, ſie endlich auf Waſſer reducirt und das Rathhaus in ein Mäͤßigkeitsvereinshaus verwandelt werden würde. Daß ein ſo empoͤrender Zuſtand der Dinge auf keine Weiſe befördert werden duͤrfe, waren ſie vollkommen und der Bauchredner. 99 feſt uberzeugt, und als Valentin ſah, daß dieſe Anſicht allgemein herrſchend war, erhob er bei dem Schluß der obigen Rede ein lautes Gelaͤchter, dem ſogleich Toͤne der bitterſten Jronie folgten. »Mag der Stadtrath immerhin verjnuͤgt ſind,« ſagte ein ehrenwerthes Mitglied, als das Gelaͤchter aufgehoͤrt. »Doch. auf die Beleidigungen zuruͤckzukommen!.. Wie iſt's damit?... Wie iſt's mit der Beſchimpfung des Praͤſidentenſtuhls!... Ich dächte, das waͤre die Haupt⸗ ſache.« »„Welch ein Viech!« ſagte Valentin. »Dieſe Sprache,« rief der Lord Mayor voll unwillen, »kann nicht geduldet werden!« »Warum machen Sie nicht, daß er beſſer ſpricht?« rief Valentin, was unter dieſen uUmſtänden gewiß ſehr ta⸗ delnswerth war. »Zur Ordnung!« rief der Lord Mayor,»ich ſite hier nicht, um mich beleidigen zu laſſen.« »Pfui! pfui!« riefen mehrere ehrenwerthe Mitglieder zugleich, während ſeine Lordſchaft ſich mit dem Secretair beſprach. »Es iſt unausſtehlich!« riefen mehrere Andere; aber die Mehrzahl lächelte, als ob ſie Gefallen daran fände. 100 Valentin Vor „Keineswegs,« ſagte der Lord Mayor, nachdem er die Meinung ſeines geſetzlichen Berathers eingeholt,„kei⸗ neswegs beneide ich die Empfindungen derjenigen ehrenwer⸗ then Mitglieder, deren Benehmen heute ſo ruckſichtslos war, hoffe und vertraue aber, das Sie uͤber den betretenen Weg nachdenken werden, und da ich die unmoͤglichkeit einſehe, fuͤr die Geſchaͤfte wieder die noͤthige Aufmerkſamkeit zuruck⸗ zurufen, ſo habe ich nur noch hinzuzufuͤgen, daß die Sitzung aufgehoben und vertagt iſt.« Damit ſtand der Lord Mayor auf, und während die ehrenwerthen Mitglieder in Gruppen zuſammentraten, um ihre Privatmeinung uͤber dieſen Vorfall auszuſprechen, uber⸗ ließ ſie Valentin ihren Conjecturen, und entfernte ſich ruhig aus Guildhall. der Bauchredner. 101 Achtzehntes Kapitel. Walter's Gewiſſen. Man hat die Behauptung aufgeſtellt, manche Menſchen haͤtten kein Gewiſſen. Allein es ſcheint klar zu ſein, daß ein Menſch, der kein Gewiſſen hat, auch keine Seele haben kann.— Sei dem jedoch, wie ihm wolle, ſo viel iſt voll⸗ kammen ſicher, daß Walter ein Gewiſſen hatte; nach dazu eins, welches zu der arbeitenden Claſſe der Gewiſſen ge⸗ hoͤrte,— ein Gewiſſen, welches ſich mit der Cultur mora⸗ liſcher Dornen abgab, die ihn Tag und Nacht hochſt wirkſam prickelten und ſtachen. unahlſſig ſtand ſeines Bruders Geſtalt vor ihm, ſtets klang ihm ſeine Stimme im Ohre, und kein Schlaf ſenkte ſich auf ſeine Augen. Richt minder gedruckt war der Geiſt ſeiner liebenswuͤrdigen Familie. Da ſie nicht genau wußten, was aus Grimwood geworden, ſo floßte ihnen der ſchreckliche Zuſtand von Walters Nervenerſchutte⸗ rung die Beſorgniß ein, daß er ihn entweder ſelber ermor⸗ det, oder haͤtte ermorden laſſen. 102 Valentin Vor „Es fuͤhrt zu nichts bemerkte Mrs. Walter, einige Abende nach dem Moͤbelnverkauf,„es fuͤhrt durchaus zu nichts, wenn wir auf dieſem Wege fortgehen. Ich muß mein apartes Bett haben. Ich kann nicht bei Dir ſchla⸗ fen durchaus nicht... Du ſprichſt, und winſelſt, und ſeufzeſt, und ringſt die Hände, und trittſt. ich bin uͤberzeugt, daß meine Beine ganz mit Beulen bedeckt ſind. und das Deckbett muß ich wenigſtens funfzig Mal alle Nacht wieder heraufziehn. Das halte ich nicht aus... ich halte es wahrhaftig nicht aus, wenn Du ſo fortfahrſt.« „Ja, es iſt unangenehm;« bemerkte Mrs. Horace, ihr beiſtimmend. „Unangenehm, Kind? o, es iſt unausſtehlich.. es iſt entſetzlich. Ich wundere mich, daß ich nicht ſchon längſt den Tod davon gehabt habe. Erſt dieſe Nacht noch . Du weißt, wie muͤde ich war... kaum hatte ich fuͤnf Minuten geſchlafen, da drehte er ſich um, und Alles fuhr dahin... Deckbett, Kiſſen, Laken... kurz Alles, obſchon ich es an dem Strohſacke feſtgeſteckt hatte, ehe ich in das Bett ſtieg.« „So geht es gerade auch mit meinem Horace, wenn er des Nachts etwas benebelt nach Hauſe kommt.« „Was?« rief Horace.»Was ſagſt Du von mir?«⸗ der Bauchredner. 103 „Daß Du lauter unangenehme Streiche machſt; Du wälzeſt Dich umher und ſchnarchſt, und..„ »„Was! alſo ich ſchnarche?. ſchon gut, ſchon gut... Ich und ſchnarchen! Nie ſchnarche ich!. ich kann es nicht ausſtehn. Hoͤrte ich mich einmal ſchnarchen, ich glaube, ich ſchnitte mir die Kehle ab. Ich kann es nicht ausſtehn... nein, ich ſchnarche nicht.« »Aber, Horace 4 „Nie ſchnarche ich, ſage ich Dir!... Ich muͤßte es doch wohl wiſſen„ „Aber wie kannſt Du es wiſſen, wenn Du ſchläfſt?« „Wollt Ihr mir ſagen, daß ich, wenn ich ſchnarchte und wie ein Schwein grunzte, nicht auf wachen ſollte?« »Nun,« ſagte Mrs. Walter,» ich weiß nicht, wer es war; doch da Ihr neben uns an ſchlaft, ſo weiß ich, daß Einer von Euch einen entſetzlichen Lärm machte.« »So muß es Poll geweſen ſein,« bemerkte Horace; »denn die ſchnarcht nach Noten.« »Aber, mein Gott! Horace »Du weißt, daß Du es biſt! Leugnen hilft michts. Ehe ich mich daran gewoͤhnte, konnte ich kein Auge zuthun; doch, wie alles Andere, iſt es mir jetzt ſo zur Gewohnheit 104 Valentin Vor geworden, daß ich darauf warte, und nicht eher einſchlafen kann, als bis Du losorgelſt.«. „Schnarchen thut Dein Vater allerdings nicht,« ſagte Mrs. Walter,„ich muß es zugeſtehn; aber dafur ſeufzt und ächzt und ſtöhnt er deſto mehr.« »Grog! Grog!« grunzte Walter, deſſen Benehmen in das eines Bären verwandelt war, und deſſen Geſicht duͤ⸗ ſter und entſtellt ausſah. S »O, trink nicht mehr, lieber Mann!« ſagte Mrs. Walter;»Du haſt bereits fuͤnf große Glaͤſer getrunken.* »„Und hätte ich fünfundfunfzig getrunken. meinetwe⸗ gen. Ich mill noch Grog haben.« »Nun gut, aber dann ſehr wenig, und ſehr, ſehr ſchwach.« »Stell es hieher.... ich will ihn ſelbſt miſchen.... Du machſt ihn ſo ſchwach, daß er wie warmes Waſſer ſchmeckt.« Damit miſchte er ſich den Grog, und nachdem er den groͤßeſten Theil deſſelben hinuntergeſchluckt, ließ die Span⸗ nung in ſeinen Muskeln ein wenig nach, und er machte einen hoͤchſt kläglichen Verſuch, zu ſingen. der Bauchredner. 105 „Mynheer Von Bunken, der nie betrunken, „Goß fleißig Brandy in Waſſer hinein, „Er löſchte den Durſt mit zwei Quart von dem erſten, „Von dem letzten mußt's eine Pinte ſein, „Von dem letzten mußt's eine Pinte ſein.“ „Willſt Du,« redete Horace ſeinen Vater an,»willſt Du nicht eine Cigarre rauchen?... Hier iſt eine ganz ausgezeichnete.« Und er ſuchte die ſchwärzeſte und ſtärkſte aus, die er finden konnte. Walter nahm ſie, und fing an, desperat zu rauchen. »Forſche ihn jetzt aus,«. fliſterte die ältere Mrs. Goodman. »Gut. Wie gefällt ſie Dir?« »Gar nicht; ſie iſt ekelhaft,« entgegnete Walter; vaber die blauen Teufel treibt ſie nicht fort. „Geht, o geht, ihr tollen Quaken, „Geht und laßt mich hier allein.“ »Ich ſage Dir, altes Menſch, ſchaff' eine Bowle Punſch.« „Und alle Sorgen, groß und klein, „Laßt jetzt hinab uns ſpühlen.“ „Wer hat Sorgen? wer?.. Gieb mir einen Kuß, 106 Valentin Vor alte Vettel! Warum ſingſt Du nicht?... Kommt, laßt uns ein Lied ſingen!« „Die Sache ging gut,« ſagte Horace,»Alles vortrefflich, nicht wahr?« „Nein.. nein!.. durchaus nicht!... er ſah mich! o, es ging ſehr ſchlecht!« »Ich moͤchte wiſſen„ wie es ihm gefallen hat.« „Frag ihn!« rief Walter, indem ſeine Augen in eine leere Ecke des Zimmers ſtarrten.»Frag' ihn!... da! da iſter »Wo? ſchrie Horace, und Alle ſahen nach der Stelle, welche Walter bezeichnet. »„Da!. ſeid Ihr denn blind? Stunden lang hat er ſchon da geſtanden!« »Großer Gott! wie haſt Du mich erſchreckt!. das Blut iſt mir in den Adern erſtarrt. Grade ſo machteſt Du es vorige Nacht. Du behaupteteſt ſteif und feſt, er ſtände am Fuß des Bettes.« »Das that er auch. aber wer fragt was danach?« Und er nickte nach der Stelle hin, nach welcher er gewieſen, und leerte ſein Glas.»Nun, warum ſingt Ihr nicht?... Da! gebt mir noch Grog! 4 ——.— der Bauchredner. 107 „Aber wo haſt Du ihn denn hingethan?“. fragte Horace. »Sage ich Dir nicht, daß er dort ſteht?« »„Dummer Schnack! ſag, wo haſt Du ihn gelaſſen? Walter ſchob die Lichter zur Seite, ſchloß dann ein Auge, um mit dem andern deſto beſſer zu ſehen, ſah Ho⸗ race ernſtlich an und ſagte: »Frage nicht, ſo brauchſt Du keine Luͤgen zu ſagen...— Nun, wo bleibt der Grog?. Die ſchändliche Bande! „„ ſie wollten ihn nicht loslaſſen... ſie verſprachen, ihn ſo lange zu behalten, als ich das Koſtgeld bezahlte. Und da ſteht er nun doch!«— Und er bedeckte die Augen mit der Hand, und fiel in den Stuhl zuruͤck, in welchem er durch den Einfluß des Grog's und Tabaks bald in Schlaf verſank. »Er iſt eingeſchlafen,« ſagte Horace,» weckt ihn nicht auf.... So weit habe ich ihn bis jetzt noch nicht gehen ſehen.« »Wie ſonderbar! ſagte Mrs. Goodman.»Nicht wahr? Ein Troſt iſt jedoch dabei... ſo viel ich verſtanden habe, hat er es nicht zum Aeußerſten kommen laſſen.« »Nein! ſo viel iſt ziemlich gewiß,« ſagte Horace;»erſt dachte ich, er haͤtte es gethan. Aber wo mag er ihn nur 108 Valentin Vor gelaſſen haben?.. Ich kann es nicht herausbringen.... In ein Arbeitshaus kann er ihn nicht gebracht haben, und noch weniger in ein Gefaͤngniß. Es iſt mir etwas ſo Ku⸗ rioſes noch nicht vorgekommen.« „Wahrſcheinlich,« meinte Mrs. Goodman,»hat er ihn uͤber das Meer geſchickt.« »Warum nicht gar!« rief Horace;»er kann nicht weit ſein!... Auch weißt Du wohl, daß er kein Narr iſt. Er wuͤrde ſich nicht halten laſſen.... Horch!... Pst. l fuͤgte er hinzu; denn Walter fuhr in dem zennees rowürſviſch zuſammen. »So macht er's die ganze Nacht hindurch,« fliſterte Mrs. Goodman;» horch! er traͤumt!« „Nun laßt alle Eure Wuth los!« rief Walter, indem er ſeine Arme trotzig verſchlang.»Laßt Eure Wuth los! Ich gehe frei aus!... das Certificat!... das war die Ermaͤchtigung... O, ich kenne das... ja, ja!.. Du wareſt toll!... Nein, nicht doch! nicht doch!... Aber es geſchieht ja zu Deinem Beſten!.. Sieh nur die an, die das Zeugniß ſchrieben!... Kein Wort mehr!.. Still!... Ich bin entſchloſſen mich zu vertheidigen!. Ruhig!... nur ruhig!... Aber glaube mir... nie! nie!. ——.— der Bauchredner. 109 Nachdem er dieſe abgeriſſenen Säaͤtze, gleichſam als Ant⸗ wort anf eine Reihe von Fragen, geaußert, verzog er hoh⸗ niſch die Oberlippe; indem er aber den Kopf zuruͤckzog, ſchlug er mit demſelben ſo heftig gegen die Stuhllehne, daß er erwachte und mit dem Rufe aufſprang: »Ha, das ſollſt Du mir theuer bezahlen!.. es iſt Dein letzter Schlag geweſen... 14 »„Walter!« rief Mrs. Goodman, die ihn mit Horace's Beiſtand unterſttzte.„Walter! wache auf!... ermuntre Dich!« „Habt Ihr nicht geſehen, wie er mich ſchlug?« »Nein, nein! er iſt nicht hier.« „Wie koͤnnt Ihr mir das ſagen? Da ſteht er ja!... Soll ich meinen eignen Augen nicht trauen?... Habt Ihr Euch alle gegen mich verſchworen? Fluch, Fluch Euch!... Warum haltet Ihr mich?.. Ich will ihn erwuͤrgen!... Warum haltet Ihr mich?«— und wiederum ſtarrte er wild vor ſich hin, und wies nach dem Orte, wo er die Geſtalt deſſen zu ſehn glaubte, den er gekraͤnkt.»Laßt mich los!« ſchrie er, indem er ſich gewaltſam loszureißen ſuchte.„Soll ich hier angenagelt werden, während er ſo uͤber mich triumphirt?« »Komm! komm!« ſagte Horace.»Mach' es ein an⸗ 110 Valentin Vor dermal mit ihm aus. Ich wette zehn gegen ein, daß Du ihn nicht bezwingſt 9 »Lieber, beſter Walter, wache auf,« ſagte Mrs. Good⸗ man;»es iſt ja nur ein Traum. Gewiß, er iſt nicht hier, lieber Mann! glaube mir, er iſt nicht hier.« „In der That, er iſt nicht mehr da; Ihr habt ihn entwiſchen laſſen!« „Laß ihn laufen,« ſagte Horace.»Du kannſt es ja morgen mit ihm ausmachen... Komm, komml« und da Walter erſchoͤpft in ihre Arme geſunken war, brachten ſie ihn ruhig zu Bett. »„Die Sache iſt nun klar,« bemerkte Horace, als er in das Wohnzimmer zuruͤckkehrte.»Er hat ihn in irgend ein Privattollhaus gebracht:— anders iſt es nicht moͤglich. Ich durchſchaue jetzt Alles.« »„Großer Gott! das iſt nicht moͤchlich!« rief Mrs. Good⸗ man.»Er iſt ja nicht toll« „O, das thut nichts zur Sache,« meinte Horace. »„Wenn er nicht toll iſt, ſo können ſie ihn ja nicht darin aufnehmen.« „Das könnten ſie nicht?... Was kämmern die ſich darum, ob ein Menſch toll iſt oder nicht, ſo lange fur ihn bezahlt wird! Ich könnte meinen Alten, wenn ich wollte, „ ——— der Bauchredner. 111 morgen dort einſperren laſſen. Sie brauchen nur nach ein Paar Narrenärzten zu ſenden, die ſich fuͤr einen halben Sovereign erkaufen laſſen„ und ohne Weiteres das Certi⸗ ficat ausſtellen« „Was ohne daß ſie wiſſen, ob der Menſch toll iſt oder nicht?» »Was kuͤmmert ſie denn das?... Sie werden geru⸗ fen, um das Zeugniß zu ſchreiben;.. ſie werden bezahlt, um das Zeugniß zu ſchreiben... und darum ſchreiben ſie das Zeugniß und ſtecken das Geld ein.« »Du ſetzeſt mich in Erſtaunen!« rief Mrs. Goodman. »Dich!... die halbe Welt wuͤrde erſtaunen, wenn ſie hoͤrte, wie dieſe aͤrztlichen Blutſauger verfahren.« »Aber ſie ſtellen doch zuvor eine Pruͤfung an?« »Das fallt ihnen nicht ein! Sie beſcheinigen im Noth⸗ fall, ohne den Patienten auch nur geſehn zu haben; und wenn ſie ſich die Muͤhe geben, ihn zu beſuchen, ſo bringen ſie ihn durch tauſend Fragen in ſolche Aufregung, daß er wirklich als toll erſcheint, und ſie ihr Gewiſſen damit be⸗ ſchwichtigen.« »Aber iſt das nicht fündlich?« »Freilich wohl, aber zugleich ein vortrefliches Mittel. Betrachten wir die Sache genau, ſo ſollte Niemand in dieſe 112 Valenttn Bor Spelunken eingeſperrt werden, bis ſein Zuſtand oͤffentlich unterſucht worden iſt. Dann aber huͤlfe es nichts! Dann koͤnnte man nie einen geſunden Menſchen aus dem Wege ſchaffen, ſo reich er auch ſein moͤchte.« „Aber wie machen ſie das möglich?« fragte Mrs. Goodman. „Denke Dir, ich wollte meinen Alten einſperren laſſen. Dann brauche ich dem Eigenthuͤmer einer ſolchen Privatan⸗ ſtalt nur Folgendes zu ſchreiben: „Mein Herr!— Ich bitte Sie, mir morgen zwei For⸗ mulare von Certificaten nebſt zwei handfeſten Leuten wegen eines ſtarken, hoͤchſt gefährlichen Patienten zu ſchicken, den ich Ihrer Sorafalt zu ubergeben wuͤnſche. Und wollen Sie mir der Certificate wegen zugleich zwei Aerzte mitſchicken, ſo wird das viele Unannehmlichkeiten verhindern und mich Ihnen ſehr verpflichten.«— „Zur veſtimmten Zeit erſcheinen dann die Aerzte, die dem Alten mit einer Menge von Fragen uͤber den Hals fallen, bis ſie ihn dermaßen in Wuth bringen, daß er ſie aus dem Hauſe zu werfen droht. Kaum iſt er aber bis zu dieſem Puncte gelangt, ſo werden ein Paar Kerle herein⸗ gerufen, die ihm eine eiſerne Jacke anziehn oder ein Paar der Bauchredner. 113 Daumenſchrauben anlegen, und ihn, mit dem Certiſicate verſehen, nach der Spelunke abfuͤhren.« »und wuͤrde das Geſetz Dich in dieſem Falle frei⸗ ſprechen?« 3 „Das Geſetz!... Was kuͤmmert mich das Geſetz? Das Geſetz hat mit Privatnarrenhaͤuſern nichts zu ſchaffen. Sind die armen Teufel einmal darin, ſo ſieht kein menſch⸗ liches Auge ſie wieder:— es muͤßte ein ſonderbarer Zufall ſein, der ſie befreite. Sie bleiben dort ſo lange, als fuͤr ſie bezahlt wird; und ſterben ſie, was liegt daran, wo und wie ſie begraben werden? Werden ſie ermordet, ſo iſt das daſſelbe, es wird keine Nachfrage nach dem Leich⸗ nam gehalten. Der Kronadvocat hat daſelbſt keine Macht — keine Spur von Macht.« »Das ſcheint mir,« ſagte Mrs. Goodman,„das ſcheint mir entſetzlich zu ſein.... Aber ſie werden doch gut be⸗ handelt?« »O ſehr!« entgegnete Horace ironiſch,» ſehr! Sie haben jede Bequemlichkeit. Der Eigenthuͤmer bekoͤmmt fuͤr jeden ſo und ſo viel des Jahrs, er denkt alſo nicht daran, einen von ihnen wieder vernuͤnftig werden zu laſſen. Es iſt im Aligememen ein ſanfter, netter Menſch— ein Mann von großer Humanität— verwendet ohne Zweifel alles Valentin Vox 1. 8 Valentin Vox Geld, welches er empfängt, fuͤr ihre Beduͤrfniſſe,— und verliebt ſich endlich ſo ſehr in ſie, daß er nie einen losläßt, ſo lange die Zahlung regelmaͤßig eingeht. Ja, ſeine An⸗ haͤnglichkeit iſt ſo groß, daß er, ſollte ja einer ſeiner Pa⸗ tienten ſterben oder entwiſchen, dies als einen wirklichen Verluſt betrachtet.« In dem Augenblicke hoͤrte man oben»Moͤrder! Mör⸗ der!« ſchveien und vernahm einen ſchweren Fall. Mrs. Goodman kreiſchte laut auf und fiel in Ohnmacht, und Ho⸗ race eilte in das Schlafzimmer ſeines Vaters, wo er ihn auf dem Fußboden liegen ſah. Als er ihn aufgerichtet hatte, war derſelbe ohne alle Beſinnung, und es verging eine lange Zeit, bevor ihm das Leben wiederkehrte; dann aber verfiel er in das wildeſte Delirium. Horace wachte daher die Nacht bei ihm, holte ſich, nachdem er ſeine Mutter und ſeine Frau zu Bette geſchickt, eine Flaſche Brandy und ein Käſichen mit Cigarren, und ſtreckte ſich dann mit vollkom⸗ mener Reſignation in einen bequemen Lehnſtuhl. der Bauchredner. 115 Neunzehntes Kapitel. Das Opfer der Wittwe. Als Valentin an jenem Abende, an welchem Walter ſich ſeiner liebenswuͤrdigen Familie entdeckt hatte, in ſenem Zim⸗ mer allein ſaß, voll Verwunderung, wo die Karte geblie⸗ ben ſein möchte, die ihm der Vater des liebenswuͤrdigen Mädchens gegeben, klopfte die Magd der Wittwe, bei wel⸗ cher er wohnte, leiſe an ſeine Thuͤr, und ſagte, nachdem ſie eingetreten: »Madame laͤßt ſich Ihnen empfehlen, und Sie um Verzeihung bitten; aber Sie hat heute Abend eine kleine Geſellſchaft, und wuͤrde ſich ſehr freuen, wenn auch Sie kämen, da ſie meint, es muͤßte doch einſam ſein, hier ſo allein zu ſitzen.« »Madame iſt ſehr gůtig,« ſagte Valentin,„ich werde mir die Freiheit nehmen.. Sagen Sie, haben Sie nicht eine kleine Viſitenkarte im Zimmer geſehn?« Sanction der Vernunft gab. 116 Valentin Vor „Nein, Herr!... wenigſtens, ſo viel ich mich erin⸗ nere; ſollte ich ſie aber finden...« „Ich habe es!« ſagte Valentin.»Meine Empfehlung an Madame, und in fuͤnf Minuten wuͤrde ich da ſein.« Obgleich man aus Valentin's Ausruf hätte ſchließen koͤn⸗ nen, er habe die Karte, ſo hatte er ſie doch nicht. Es fil ihm in dem Augenblice nur ein, daß ſie noch in der geſtreiften Jacke des Stewart ſtecken muͤſſe, die derſelbe ihm auf der Fahrt nach Grapesend geliehen. Er kannte weder den Namen des Stewart, noch ſeines Schiffes, dagegen die Werfte, bei welcher das Schiff anlegte. Er beſchloß daher, gleich am folgenden Morgen nach dieſer Werfte zu gehen, um wieder in den Beſitz der Karte zu kommen, und begab ſich in das Geſellſchaftszimmer ſeiner Wirthin. Dieſe Wirthin fuͤhrte den Namen Smugman, den ſie von ihrem verſtorbenen Manne empfangen. Obgleich ihr Wandel äußerſt tugendhaft war, ſo hatte ſie ihr Auge doch auf zwei ehrenwerthe Junggeſellen geworfen— Mr. For⸗ glove, einen beſcheidenen Schreiber bei der Bank, und Mr. Crankey, einen in guter Nahrung befindlichen Materialwaa⸗ renkrämer. Dieſem letztern gab ſie einen kleinen Vorzug, doch nur in Folge ſeines Reichthums, der dieſer Wahl die der Bauchredner. 117 Dieſer Bevorzugte war ein ſauertoͤpfiſcher Mann, deſſen Lachen ſo gezwungen herauskam, daß Alle, die es ſahen, angſt wurden. Eben war die Wittwe in einem zaͤrtlichen Ge⸗ ſpraͤche mit ihm begriffen, als Valentin eintrat. Begruͤßungen und Vorſtellungen der anweſenden Herren und Damen, die faſt ſämmtlich um einem Spieltiſch herumſaßen, folgten unmit⸗ telbar ſeinem Eintritt, denn die freundliche Wittwe fuͤhlte ſich durch ſeine Anweſenheit wirklich geehrt, und wußte nicht, wie ſie ihm ihre Freude genug ausſprechen ſollte. Valentin bemerkte jedoch bald, daß Crankey dieſe Auf⸗ merkſamkeit durchaus nicht billigte, daß er finſter und ſchreck⸗ lich ausſah, und ſowohl auf die Wittwe als auf ihn wuͤ⸗ thende Blicke ſchoß; und da er ſich ſpäterhin aͤußerſt unan⸗ genehm machte, indem er einige Worte in Bezug darauf fallen ließ, wie unpaſſend ſolche Aufmerkſamkeiten gegen junze Leute im Allgemeinen ſeien, beſchloß Valentin, Mr. Crankey fuͤr ſein unpaſſendes Benehmen zu zuͤchtigen. „Welch ein ſauertoͤpfiſcher alter Narr,« ſagte er, in⸗ dem er ſeine Stimme von dem Spieltiſche her ertoͤnen ließ. »Ich kann grade nicht ſagen, daß ich den Geſchmac der Mrs. Smugman bewunderte.« »Wirklich!« murmelte Crankey, indem er ſeine ſchwar⸗ zen buſchigen Brauen zuſammenzog, und zu erfahren ſuchte, 118 Valentin Vor wer das geſagt.»Meine Gegenwart,« fuͤgte er gegen Mrs. Smugman hinzu,»ſcheint einigen Ihrer Freunde nicht angenehm zu ſein.« „Ei was!« bemerkte Mrs. Smugman.„Das war nur eine alberne Bemerkung, die aber nichts zu bedeuten hat. ohne Sinn und Verſtand.« „Sie ſollten doch keine Perſonen zugleich mit mir ein⸗ laden, Mrs. Smugman, die im Stande ſind, alberne Bemerkungen zu machen, in denen kein Sinn liegt.« Die Wittwe biß ſich in die Lippen und ſchwieg. Mr. Crankey fuͤhlte ſich nicht aufgelegt zu ſchweigen, ſondern ließ ſich weit und breit daruͤber aus, daß er nicht hieherge⸗ kommen ſei, um ſich beleidigen zu laſſen. „So!. hm!« ſagte Valentin, indem er ſeine Stim⸗ me aus derſelben Richtung wie vorhin kommen ließ:»Der Kerl iſt ein Bär.« »„Meine Herren!« ſagte die Wittwe, indem ſie ſich dem Tiſche naͤherte, an welchem uͤber den Spielfehler einer Dame ein großer Aufſtand eingetreten war.»Ich muß Sie wirklich bitten, unangenehme Bemerkungen unterwegs zu laſſen.« Alle ſahen die Wittwe erſtaunt an.»Bedenken Sie,« fuhr die Dame fort,„daß Mr. Crankey mein Freund iſt, — der Bauchredner. 119 wie Sie Alle meine Freunde ſind, und es wuͤrde mir un⸗ angenehm ſein, eine unfreundliche Bemerkung uͤber irgend Einen von Ihnen zu hoͤren.« »Das muß ein Irrthum von Seiten Mr. Crankey's ſein,« bemerkte einer der Herren am Tiſche.»Ich habe keine ſolche Bemerkung gehoͤrt.« »Aber ich habe ſie gehoͤrt!« bruͤllte Mr. Crankey. „Ich kann nur wiederholen, daß ich nichts der Art ge⸗ hoͤrt habe,« entgegnete der Herr. »Auch ich nicht,« riefen alle Anweſenden in einem Athem, und das war denn auch in der That der Fall, da ſie zu eifrig mit dem Spiele beſchaͤftigt waren. Mr. Crankey war damit nicht zufrieden; die Spielen⸗ den aber hielten ſich uͤberzeugt, daß Mr. Crankey im Irr⸗ thum ſei, und fuhren in ihrem Spiele fort. Valentin hatte erſehen, auf welchem Fuße Mr. Cran⸗ key und die Wittwe ſtänden, und erkannte, daß es, je eher ſolch ein Verhaͤltniß abgebrochen wuͤrde, deſto beſſer füͤr die Dame ſein wuͤrde: und obſchon er ihr das Recht nicht ſtrei⸗ tig machen wollte, fuͤr ſich ſelbſt zu urtheilen und zu wäh⸗ len, ſo beſchloß er doch, daß ſie noch heute Abend Mr. Crankey's Charakter kennen lernen ſollte, der ihr vollig unbekannt zu ſein ſchien. 120 Valentin Vor »Kommen Sie,« ſagte die Wittwe nach einer drucken⸗ den Pauſe, in welcher Crankey wie eine Gewitterwolke aus⸗ ſah, die eben losbrechen will.„Was meinen Sie zu einem Rubber Whiſt?« »Wie Sie wollen, Madame,« ſagte Crankey,„ich bin zu Allem bereit,« und er ſandte nach dem Spieltiſche einen duͤſtern, herausfordernden Blick. „Gut! Sie nehmen Theil, nicht wahr?« wandte die Wittwe ſich an Valentin, den ſie mit einer ihrer freund⸗ lichſten Mienen beehrte, was Crankey's Blut zum Kochen zu bringen ſchien. Valentin erklaͤrte ſeine Bereitwilligkeit; ſie zogen, und Crankey war ſein Aide, während Mr. Wrightman und Forglove, beide ein Paar ruhige ſtille Leute, ihre Gegner waren. An der desperaten Art, wie Crankey ſpielte, ſah man bald, daß ſein ganzes Innere in Aufruhr war, und er ſchenkte dem andern Spieltiſche, deſſen jede Bemerkung er auf ſich bezog, ſo viel Aufmerkſamkeit, dß er einen Fehler uͤber den andern machte. Mr. Forglove bemerkt das, und ſagte: „So wollen wir alſo mit Chikanen ſpielen?* »„Meinetwegen... mir gilt es gleich!« ſagte Mr. der Bauchredner. 121 Crankey, indem er die Karten in offenbarer Desperation miſchte.»Ich muß geben!« „O, er kann nicht ſpielen,« fliſterte Valentin hinter Crankey's Stuhle her, als dieſer die Karten gab. Mr. Crankey ſah ſich um, und obgleich er bloß ſagte: „Kann er wirklich nicht?« ſo war die Folge doch, daß er ſich vergab. „Wer zum Teufel kann bei ſolcher Unterbrechung ſpie⸗ len, oder geben, oder ſonſt etwas thun!« rief Crankey. »Was fuͤr Unterbrechungen?« ſenht Mr. Forglove. »„Nun, die unhoͤflichen Bemerkungen, dieſes Fliſtern und Wispern, waͤhrend man die Karten giebt.« „Ich habe keine Bemerkungen gehoͤrt,« ſagte Mr. Forglove. „Aber ich, Herr! ich!— Wenn Andere taub ſind, Herr, ich bin es nicht.« »Ich habe Ihnen geſagt, daß er nicht ſpielen kann.« rief Valentin mit einer Stimme, die von dem andern Spiel⸗ tiſche herzukommen ſchien. Crankey erhob ſich zaͤhneknirſchend, faßte kraͤftig die Ruͤcklehne ſeines Stuhls, warf einen wuͤthenden Blick auf die ſpielende Gruppe und rief:»In der That, wenn er 422 Valentin Vor nicht Karten ſpielen kann, ſo koͤnnte er doch mit Ihnen ein ſonderbares Spiel machen.« Die ganze Geſellſchaft ſah Mr. Crankey hoͤchſt verwun⸗ dert an; da aber Keiner ſeine Herausforderung annahm, warf er auf Jene einen veraͤchtlichen Blick und ließ ſich nieder. Das Spiel ward fortgeſetzt, aber Mr. Crankey war ſo aufgeregt, daß er ſich auf keine Karte beſinnen konnte, die bereits ausgeſpielt war. Seine Gegner machten faſt immer das Trick, und das Spiel gewann ein immer desperateres Anſehn, als Valentin, waͤhrend Wrightman nicht wußte, welche Karte er ausſpielen ſolle, mit Mr. Forglove's Stim⸗ me leiſe»Pique« fliſterte, das grade Trumpf war; und da Wrightman nun glaubte, ſein Aide habe die ganze Hand voll Trumpf, ſo ſpielte er Pique aus. „Das iſt das Rechte, nicht wahr?« rief Erankey ſar⸗ kaſtiſch, indem er ſeine Karten hinwarf.»Das mußte wohl das Rechte ſein... Ich dachte, wir hätten geſpielt.« »Das thun wir ja auch,« ſagte Mr. Forglove;„nicht wahr?« »Nennen Sie ſolche Andeutungen ein Spiel, Herr?« 6 Was meinen Sie damit?« fragte Mr. Forglove. „Das meine ich damit, Herr, daß Sie kein Recht der Bauchredner. 123 hatten, Ihrem Aide zuzufliſtern, er ſolle Trumpf ſpielen! Das iſt es, was ich meine, Herr!« „Und das hätte ich gethan?... Ich leugne es, mein Herr, ich leugne es gradezu.« und dieſes Leugnen erſchien Mr. Crankey ſo unverſchämt, daß er fuͤr den Augenblick keiner Antwort fähig war. „Sie machen ſich ſehr unangenehm,« fuhr Mr. For⸗ glove fort.»Ich will die Sache nicht weiter unterſuchen, um aber zu beweiſen, daß ich wahrhaftig nicht Trumph verlangte... hier ſind meine Karten, ich habe auch nicht ein einziges Blatt Trumpf in der Hand.« Damit breitete er ſeine Karten auf den Tiſch. »Ich habe alle Trumpfs!« ſagte Valentin, indem er nicht weniger als ſieben zeigte, wodurch das Spiel offenbar gewonnen geweſen waͤre. Allein der Gewinn warde von Mr. Forglove in Anſpruch genommen, da Mr. Crankey die Karten aufgeworfen. »Hoffentlich ſind Sie nun zufrieden,« ſagte Mr. Fox⸗ gleve.»Ich hoffe es... Wenn wir einmal ſpielen, Herr, in Gottes Namen denn! ſo laſſen Sie uns vergnügt ſpielen, damit das Spiel angenehm bleibt. Ich liebe den Streit nicht. 124 Valentin Vor »Auch ich, mein Herr, auch ich.... Aber wenn ich nicht gehoͤrt habe, daß.. 4 »Sie muͤſſen ſich geirrt haben,« unterbrach ihn die Wittwe, die ſich uͤber ſein Betragen wirklich zu ſchämen ſchien, und, zu Mr. Forglove's groͤßeſter Freude, die Richtigkeit der Bemerkungen dieſes Herrn einzuſehen anfing. »Ich ſage Ihnen, ich habe Pique nennen gehoͤrt, Mrs. Smugman!« rief Mr. Crankey, mit einem Blicke, der die Wittwe durchbohren zu ſollen ſchien.»Soll man denn ſei⸗ nen eignen Ohren nicht trauen?« »„So muß es an dem andern Tiſche geweſen ſein.» »Ich weiß nicht, wer es geweſen iſt, Madame, auch iſt mir das gleichviel! Nur weiß ich, daß das Wort ge⸗ ſagt iſt, und das iſt mir genug.« „Sollen wir fortfahren?“ fragte Vaolentin. »Mit dem groͤßeſten Vergnuͤgen,« antwortete Mr. For⸗ glove. »Sie ſind doch damit zufrieden, Mr. Crankey*« fragte Valentin, und als dieſer Herr nickte, ward von Neuem gegeben. Mr. Erankey machte die erſten drei Stiche; doch eben als er im Begriff war, auch den vierten auszuſpielen, fli⸗ ſterte Valentin hinter ihm:„Herzen!« der Bauchredner. 125 „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, aber ich ſpiele mein eignes Spiel. Ich brauche weder Rath noch Belehrung,« ſagte Crankey, indem er ſich zornig umdrehte, in der Hoff⸗ nung, mit ſeinem Ellenbogen Jemand zu treffen. Da er aber an der rechten Seite Niemand fand, wandte er ſich raſch zur linken, und da er auch hier Niemand ſah, ſo ſpielte er grade aus Oppoſition Pique aus. Seine Hand war glucklich geweſen, und da er das Trick bekam, nahm er einen tuͤchtigen Schluck Grog, dann eine Priſe, und fing wirklich an, ſich etwas beſſer zu fuhlen. „Ich wuͤnſche zu Gott, er mochte gehen,« ſagte Va⸗ lentin mit weiblicher Stimme. „Wirklich?«1.. rief Crankey in der heftigſten Wuth. „Wenn Sie das wuͤnſchen, Madame! ſo bleibe ich grade deſto laͤnger hier!« Darauf beehrte er den ganzen andern Tiſch mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln, bewege anmuthig die Hand, verbeugte ſich ungemein hoͤflich, und drehte ſich dann mit aͤußerſter Verachtung um, um ſeine Karten zu beſehen. »Welch ein komiſcher Narr!« ſagte Valentin mit einer andern Stimme. »Ein Narr, Herr!... ein komiſcher Narr?« rief 126 Valentin Vox Crankey, indem er abermals aufſprang.»Was wollen Sie mit dem Narren ſagen?« „Um Gottes willen! was giebt es denn?« rief die Wittwe. vWas es giebt, Madame?... Das giebt es!. Ich bin nicht hiehergekommen, Madame, um vbnn zu hoͤren, grobe Beleidigungen.« „Aber wer hat Sie denn beleidigt? wer 24 »Wer, Madame?... Nun, einer von Ihren Freun⸗ den, Madame, iſt es.« »Aber wer von ihnen denn?« »Was geht das mich an?« rief Crankey, wandte ſich von der Wittwe ab, und warf ſich mit einer Gewalt auf den Stuhl, die von der ſoliden Beſchaffenheit des letztern Zeugniß gab. 3 Und hätte Amor ſelbſt in dem Herzen der Wittwe ge⸗ redet, um ſie zur unterſtutzung der Sache Crankey's auf⸗ zufordern, er wuͤrde ſich in dieſem Augenblicke zuruckgezo⸗ gen haben. Da die Wittwe aber Mr. Crankey dem Mr. Forglove nur darum vorzog, weil jener etwas reicher war, ſo erwiederte ſie ſeine Hoͤflichkeit durch eine Verbeugung, und kuͤmmerte ſich nicht weiter um die Sache. »Was iſt Trumpf?« rief Crankey.»Wenn man der Bauchredner. 127 denkt, ich ließe mich beleidigen, ſo irrt man ſich.. das kann ich verfichern...« »Wirklich!« ſagte Valentin. »„Ja! wirklich!« rief der Geopferte, indem er ſich wie⸗ derum nach dem Spieltiſche wandte.»Ich bin der Mann, der die ganze Geſellſchaft auskaufen kann, wenn Sie das etwa meinen ſollten.« »„Der Bube iſt zu nehmen,« ſagte Valentin mit ſeiner natuͤrlichen Stimme. „Das ſehe ich wohl!« rief Crankey, indem er die Dame heftig niederwarf. »Gut! gut!« ſagte Valentin,»ſein Sie mir darum nicht boͤſe.« »„Wer Teufel, Herr, ſollte ſich dabei nicht aͤrgern! Ich will verdammt ſein, wenn das nicht genug iſt, auch die ſanfteſte Natur in Harniſch zu bringen. Ich bin nicht der Mann, der ſich das gefallen läßt. Man iſt an den unrechten gekommen... an den Uunrechten, Herr, das kann ich verſichern!« In dieſem Augenblicke ertoͤnte ein froͤhliches Gelächter an dem andern Spieltiſche, und Mr. Crankey ſprang aber⸗ mals auf und fing eine ernſtliche Pruͤfung an; als er aber ſah, daß Alle, mit Ausnahme eines Einzigen, herzlich 128 Valentin Vox uͤber dieſen Einen lachten, weil er falſch ausgeſpielt, ſetzte ſich Mr. Crankey wieder auf ſeinen Platz, indem er etwas murmelte, was nicht grade wie ein Segen klang. „Sie ſind am Spiele, Herr,« bemerkte Mr. Forglove. „Das weiß ich!« rief Crankey, der es nicht einmal mehr ertragen konnte, daß man ihn anredete. »Herzen!« fliſterte Valentin mit Mr. Forglove's Stim⸗ me, und Forglove's Aide ſpielte das Coeur⸗As aus. Kaum bemerkte das Crankey jedoch, als er abermals aufſprang, die Karten heftig auf den Tiſch warf, und, indem er rings umher wuͤthende Blicke warf, die Arme maiſeſtätiſch in die Seiten ſtemmte, und aus dem Zimmer lief. Sein Weggehen war Allen angenehm, und der uͤbrige Theil des Abends ward recht vergnuͤgt zugebracht. Am andern Tiſche ſpielte man bis etwa zwoͤlf Uhr, dann kam das Abendeſſen, und darauf ward geſungen; und Mr. Forglove, ein hoͤchſt beſcheidener Mann, hatte an dieſem Abende die Freude, von der liebenswuͤrdigen Wittwe das Geſtaͤndniß zu empfangen, daß er der unbeſchraͤnkte Gebie⸗ ter ihres Herzens ſei. der Bauchredner. 129 Zwanzigſtes Kapitel. Grimwood Gvodman traurige Lage. Obgleich es ſehr beſtritten werden mag, daß Gewohn⸗ heit die zweite Natur iſt, und daß ſelbſt der ſchneidendſte Kummer mit der Zeit ſeine Schärfe verliert, ſo giebt es doch offenbar gewiſſe Lagen, mit denen man ſich, ſo ſehr man ſich auch daran gewoͤhnen mag, doch nie ausſöhnen kann. Goodman war ein Anhaͤnger der univerſalglückſelig⸗ keitstheorie. Er ſtritt gar zu gern dafuͤr, daß das Gluͤck auf gleiche Weiſe verbreitet ſei; aber ſeit dem Augenblicke ſeiner Einſperrung bei Dr. Poldem hatten ſich ſeine Anſich⸗ ten allmälig verändert. Es koͤnnte auf den erſten Blick auf⸗ fallen, daß ein Mann mit feſten Grundſätzen, wie Good⸗ man, ſo veraͤnderlich ſei; damit man ſeine Unbeſtändigkeit aber nicht fuͤr tadelnswerth halte, wird es paſſend ſein, die Art und Weiſe zu ſchildern, durch welche dieſe Veranderung in ſeinen Meinungen hervorgebracht wurde. Es war etwa acht uhr an dem Morgen nach ſeiner Einſperrung, als ein Kerl, indem er die Thuͤr der Celle aufſchloß, in welcher Goodman eine entſetzliche Nacht ver⸗ lebt, rief:»Aufgeſtanden!... Hoͤrt Ihr?« Pglentin Vor. I. 9 130 Valentin Vor Goodman bebte unwillkuͤrlich vor dieſem Rufe zuruͤck, ermannte ſich jedoch bald wieder, und verſuchte aufzuſtehn. Aber ſeine Glieder waren ſo ſteif und ſtarr, daß er ſtoh⸗ nend zuruͤckſank. „Wird es bald?.. Macht nur ja keine Streiche wie⸗ der! Das gilt hier nicht.« „Beſter Mann,« ſagte Goodman,» ih bitte Euch, ſeid nicht ſo hart. Ich fuͤhle mich zu elend... wahrlich, ich bin zu elend, um aufzuſtehn.« „Das wollen wir bald ſehen,« rief der Kerl, indem er die eine Ecke des Strohſacks faßte und den armen Good⸗ man mit einem Ruck auf die Dehle zog.»Aufgeſtanden! Ich kann hier nicht den ganzen Tag ſtehen!« Goodman machte abermals einen desperaten Verſuch, aufzuſtehn; aber der Schmerz, den dieſes ihm verurſachte, bewirkte, daß er wiederum zurückſie. „Vorwärts! ich habe keine Zeit, hier zu ſtehen,« rief der Menſch, packte ihn bei der Kehle und zog ihn in die Höhe. »Soll ich ermordet werden„„ rief Goodman, vſo ſeid barmherzig; tödtet mich mit einem Male.. Aber, großer Gott! laßt ab, mich ſo zu martern.« „Ei was!« rief der Kerl, indem er die Fauſt ballte und fletſchend die Zahne wies:»ſagt das noch einmal der Bauchredner. 131 noch ein einziges Mal, und ich will Euch zeigen, was Ihr damit ausrichtet.« Da Goodman ſich vollig in der Gewalt dieſes Kerls ſah, ſo ſchwieg er; und nachdem er, mehr todt als leben⸗ dig, ſich angekleidet, ward er in ein Zimmer geſchleppt, in welchem eine Anzahl Perſonen beim Fruͤhſtuͤck ſaß. Bei ſeinem Eintreten toͤnten ihm Seufzer aus der Gruppe entgegen, und alle Anweſenden ſahen ihn beſorgt und theilnehmend an. Eine Perſon von anſtändigem Aeu⸗ ßern erhob ſich, ſtellte einen Stuhl fuͤr ihn an den Tiſch, ſetzte ſich dann neben ihn, und nachdem er mit großer Zart⸗ heit ihn gebeten, an den Erfriſchungen theilzunehmen, die aus Butterbrot und ſchwachem Thee beſtanden, ſuchte er ihn zu beruhigen, und ſagte ihm endlich, daß er wenigſtens einen Troſt haben wuͤrde, den ſeiner Geſellſchaft. „Vorwärts! in den Garten!« vief ein Burſche, als Butterbrot und Thee verſchwunden waren; und die Patienten— wie man ſie nannte, obgleich ſie eigentlich Gefangene waren— ſtanden auf und gingen traurig da⸗ von. Goodman allein zoͤgerte⸗ »„Nun, ſoll ich Euch Beine machen?« rief der Kerl. »Ich bin wahrlich zu elend, um zu gehen,« ſagte Goodman matt. 132 Valentin Vor »Einbildung!... Vorwaͤrts!«.. Iſt's gefällig? »Ich moͤchte gern einen Brief ſchreiben.« »„Marſch in den Garten, ſage ich Euch!... Koͤnnt Ihr nicht hoͤren?4 „Doch, doch!... Aber kann ich den Herrn die⸗ ſes Hauſes nicht einmal ſprechen?« „Paltet mich nicht länger auf!... Vorwaͤrts.. und damit gut!« Auf dem Wege nach dem Garten begegnete ihm Dr. Holdem, den er anredete. »Ich kenne Ihre Regeln nicht,« ſagte er;„allein ich bitte Sie herzlich, leiden Sie nicht, daß Ihre Leute mich ſo brutal behandeln.« »Brutal!« rief der Doctor.»Meine Leute behandeln Sie brutal!.. pah! pah!... das bilden Sie ſich nur ein.« »Nein, Herr,« entgegnete Goodman mit Rachdruck; »es iſt keine Einbildung. Man hat mich 4 „Palt! Keine unverſchaämtheit!« unterbrach ihn Dr. Holdem.»Fort mit Ihnen.« Und einer ſeiner Leute nahm Goodman bei dem Kragen und ſchleppte ihn weg. Als er den Platz erreichte, den man mit dem Ramen eines Gartens beehrte, in dem ſich etwa ein Dutzend ver⸗ welkte Pflanzen befanden, traf er auf Mr. Vhitely, den der Bauchredner. 133 Herrn, der bei dem Fruͤhſtuͤck ihn ſo freundlich angeredet. Von ihm erfuhr er die Regeln dieſes entſetzlichen Ortes, und empfing Rathſchläge, wie er ſein Benehmen einzurich⸗ ten habe, um einer noch uͤblern Behandlung zu entgehen. Er rieth ihm, ſich nie zu beklagen,— jede Unbill ſchwei⸗ gend zu dulden, und ſich an der Hoffnung auf eine gluͤck⸗ liche Flucht zu ſtarken. „Flucht. l rief Goodman.»Wie, kann ich nicht an meine Freunde ſchreiben 24 »Nein, das iſt nicht erlaubt.« „Nicht erlaubt! So werden doch Beamte zur Viſitation kommen 2« »Dieſe beſuchen uns allerdings bisweilen. Sie muͤſſen viermal im Jahre kommen, doch geſchieht das haͤufig in Zwiſchenräumen von fuͤnf bis ſechs Monaten.« „Nun gut, wenn ſie dann kommen, und ich rede mit ihnen, ſo werden ſie hoffentlich ſehen, daß ich nicht toll bin.« „Das dachte ich auch. Darauf hatte ich meine Hoff⸗ nung geſetzt; als ſie aber zum erſten Male kamen, gab der Waͤrter mir ein gewiſſes Getraͤnk, das mich in einen Zuſtand heftiger Aufregung verſetzte, den er durch ſeine Behandlung immer hoͤher ſteigerte, ſo daß ich, als ich . 134 Valentin Vor gepruͤft wurde, als toll erſchien, und dieſen erſten Eindruck habe ich nachher nie wieder verwiſchen konnen.« „So ſei Gott mir gnädig!« rief Goodman;»aber es giebt doch wohl einige Wahnſinnige an dieſem Orte?« »Einige allerdings, aber ſehr, ſehr wenige,« entgeg⸗ nete Mr. Whitely. „Das dort iſt vermuthlich einer,« ſagte Goodman, in⸗ dem er auf ein melancholiſches Weſen zeigte, das Hand⸗ ſchellen trug und an einen Block gekettet war. „Er iſt ſo wenig toll, Herr, als ich,« ſagte Whitely, »da er aber vor etwa einem Jahre einen Verſuch zur Flucht machte, ſo wird er ſeitdem Tag und Nacht in Ket⸗ ten gehalten.« In dieſem Augenblicke näherte ſich einer der Wärter, und ſchlug mit einem einzigen Hiebe einen Mann zu Bo⸗ den, weil er einen Stein uͤber die Mauer geworfen. Der Arme nahm keine Notiz von dieſer Kränkung, ſondern er⸗ hob ſich, um Fußtritten zu entgehen, und ging fort. „Welch ein entſetzliches Verfahren!« ſagte Goodman empoͤrt. „Nichts,« bemerkte Whitely,»nichts iſt ſo entſetzlich, Doch ſtill!.. daß es hier nicht begangen wuͤrde. er kömmt hieher.« der Bauchredner. 135 »„Nun geht nur noch einmal hin, und ſagt dem Doctor, Ihr wuͤrdet ſchlecht behandelt, wollt Ihr 7« rief der Kerl, mit welchem der Doctor gezankt, aus Beſorgniß, daß Goodman, der außerordentlich hinfällig zu ſein ſchien, durch zu große Grauſamkeit des Lebens, und die Anſtalt dadurch einer gewiſſen jährlichen Summe beraubt werden moͤchte. „Nun geht hin, und ſagt ihm, ich haͤtte Euch geſtoßen: wollt Ihr?« fuhr er fort, indem er Goodman bei der Kehle packte und ihn heftig ſchuͤttelte.„Ich behandele Euch brutal, nicht wahr?... Brutal!.. brutal!... brutal! hel brutal! 4 Bei jeder Wiederholung des Wortes»brutal« gab er ihm mit aller Kraft einen Stoß, und ließ ihn dann er⸗ ſchoͤpft auf den Boden fallen. Dieſe Schandthat zog mehrere Leidensgefährten herbei. Whitely's Blut kochte, aber er durfte ſich nicht einmiſchen, und mehrere andere geſunde Schlachtopfer fuhlten ſich eben ſo empoͤrt, aber auch eben ſo machtlos. Ein religioſer Schwaͤrmer ſah zum Himmel empor, indem er auf dieſe Grauſamkeit wies, wäͤhrend zwei arme Narren die Haͤnde rangen und in Erſtaunen verloren zu ſein ſchienen. Als der Kerl mit den Worten:»So! nun ſagt es dem Doctor!« den Ort verlaſſen, hob Mr. Whitely den 136 Valentin Vor armen Goodman vom Boden guf, und ſuchte ihn zu troͤ⸗ ſten. Er bat ihn, den Vorfall gegen Dr. Holdem nicht zu erwaͤhnen, da jener Kerl ſich gewiß raͤchen wuͤrde, und bemuͤhte ſich, ihm ſowohl die Nutzloſigkeit, als die Gefahr einer Klage zu zeigen. Goodman ſchluchzte, und bittere Thraͤnen rannen uͤber ſeine Wangen bei dieſer Guͤte ſeines Freundes. Um ein uhr wurden ſie in das Haus beſchieden, um an einem kläglichen Mittageſſen Theil zu nehmen, und gleich darauf wieder in den Garten getrieben. um fuͤnf Uhr, zur Theezeit, fand dieſelbe entwuͤrdigende Ceremonie ſtatt. uUnd ſo wiederholte es ſich jeden Tag, ohne daß ihnen die ge⸗ ringſte Beſchäftigung oder Unterhaltung geboten wurde. Kein Brief konnte geleſen, kein Buch angeſchafft werden; nichts war erlaubt, das auch nur auf eine Minute ihr lend hätte mildern koͤnnen, von dem Augenblicke an, wo ſie ſich am Morgen erhoben, bis ſie des Abend, wie eine Heerde Vieh, in ihre Celle zuruͤckgetrieben wurden, um dort in Finſterniß zwoͤlf ſchreckliche Stunden zuzubringen, mit dem guälenden Gedanken an die grauſame Unmenſch⸗ lichkeit derer, denen ſie doch ſtets mit Liebe entgegengekom⸗ men waren. der Bauchredner. 137 Einundzwanzigſtes Kapitel. Beweis der Gleichheit der Menſchenrechte. Warum ſind in ſocialer Hinſicht nicht alle Menſchen gleich? Sind ſie nicht mit gleichen Rechten geboren? Stam⸗ men ſie nicht von einem und demſelben Vater und haben ſie daher nicht ein gleiches Recht, an allen Bequemlichkeiten des Lebens theilzunehmen? Iſt die Natur vollkommen, muß dann nicht dasjenige, was mit ihr nicht uͤbereinſtimmt, un⸗ vollkommen ſein? Gewiß!... Und da der civiliſirte Zu⸗ ſtand diametraliſch dem Naturzuſtande entgegengeſetzt iſt, ſo ergiebt ſich daraus klar, daß die Civiliſation das Unvoll⸗ kommenſte iſt, was je die Welt ſah. Die Natur ſchreibt keine ſociale ungleichheit vor,— und doch ſind einige reich, waͤhrend andere arm ſind; und diejenigen, welche Tag fuͤr Tag eifrig arbeiten, ſind in ſocialer Hinſicht durchaus ſchlim⸗ mer daran, als diejenigen, welche uͤberall nicht zur Arbeit gezwungen ſind. In der Abſicht, dieſen monſtroͤſen Zuſtand der Dinge zu verbeſſern, ward von Patrioten eine Verſammlung in g. 138 Valentin Vor Clerkenwellgreen gehalten, an demſelben Tage, als Valen⸗ tin mit Kummer erfuhr, daß von einem jungen Herrn— der ohne Zweifel nach demſelben ewigen Prinzipe der glei⸗ chen Rechte verfuhr— des Stewarts's geſtreifte Jacke ge⸗ ſtohlen worden ſei. Als er dem Orte zuging, der ohne Zweifel einſt ein wirkliches Gruͤn geweſen, jetzt aber nur dem Namen nach ein ſolches war, befand er ſich grade nicht in der gluͤcklich⸗ ſten Laune; denn obgleich er bisher wenig an die Karte und an die Dame, deren Namen darauf ſtand, gedacht, begann er nun um die eine äußerſt beſorgt, und in die an⸗ dere desperat verliebt zu werden. Als er jedoch die gewal⸗ tige verſammelte Maſſe bemerkte, vergaß er fuͤr den Au⸗ genblick Beide, und draͤngte ſich bis an einen Wagen vor, der von einem ſtelettartigen Pferde dahingezogen war. Auf dem Wagen ſtand ein dichter Haufen von Patrioten, die vor unwillen ſchwitzten, und ſich bemuͤhten, der Maſſe die Segnungen begreiflich zu machen, die aus einem Syſteme ſocialer Gleichheit nothwendig entſpringen muͤßten. Als begonnen werden ſollte, ſahen einige der Lenker ein, daß ein Präſident noͤthig ſei; kaum aber trat Einer mit dieſem Antrage vor, als ihm vorgehalten wurde, Alle hät⸗ een ein gleiches Anrecht auf den Präſidentenſtuhl, weshalb der Vauchredner. 139 keiner Anſpruch darauf machen duͤrfe, uͤber einen Andern geſetzt zu werden. Das ſtimmte vollkommen mit dem vo⸗ rigen Gleichheitsrechte uͤberein; da man ihnen aber darthat, daß man in ſo weit ganz fuͤglich der corrupten Vorſchrift der Civiliſation nachgeben koͤnne, erkannten die mächtigen Maſſen einen Zimmermann als ihren Präſidenten an, und begruͤßten ihn, als er ſeinen Hut abnahm, um eine Anvede an ſie zu halten, mit einem dreifachen lauten Jubelgeſchrei. »Meine Landsleute!« ſagte er, indem er ohne Zweifel einſah, daß die Anrede»Gentlemen« nicht ganz paſſend ſein wuͤrde.»Ein herrliches Bild ſteht hier vor meinen Augen. Sehe ich das ſouveraine Volk gleich einem mächti⸗ gen Strome daherbrauſen, der Alles mit ſich fortreißt, und den nichts hemmen kann,— ſehe ich die glorreichen Maſ⸗ ſen im Todeskampf ſtohnen unter dem eiſernen Huf oligar⸗ chiſcher Tyrannei und durch eine ſchauderhafte Anhaͤufung des bitterſten Elends zu Boden geworfen— ſehe ich Euch, meine Landöleute, hieherſtroͤmen, um Eure entehrenden Ket⸗ ten zu zerbrechen, und mit einem Schreie rufen:„Wir wollen frei ſein!«— ſo jauchzt mein Herz vor Entzuͤcken, meine Augen funkeln S Freude, meine Seele iſt begeiſtert und mein Buſen ſchwillt vor Wonne!—(unermeßlicher Beifall)— Was ſeid Ihr, meine Landsleute? was ſeid 140 Valentin Vox Ihr?. Sclaven! niedrige, verworfene, geiſtloſe Scla⸗ ven!— Sclaven in den Augen der Welt, Sclaven des niedrig⸗ ſten Ranges:— Sclaven, mit dem Vermoͤgen, frei zu ſein!— Stehet auf!... Schuͤttelt die Apathie ab, die wie ein Alp auf Eurer Energie liegt.... Nieder mit den Tyrannen, die Euch un⸗ terdruͤcken!.. Bewaffnet Euch bis zu den Zähnen!... (eftiger Npplaus!)— Folgt dem ruͤhmlichen Bei⸗ ſpiele Eurer braven Landsleute im Norden.... Auf! ver⸗ ſchafft Euch Geld!.... Verwandelt alle Eure Noten in baares Geld!... Laßt das den erſten Schritt zu der all⸗ gemeinen Auflöſung ſein! Seid entſchloſſen! ſeid feſt! 4 Handelt wie Maͤnner, die ihre Rechte kennen, und die⸗ ſelben aufrecht erhalten wollen! Die Stunde iſt da! Stuͤrzt die ſchändlichen Tyrannen in das allgemeine Chaos 1« »Nieder mit den Tyrannen!« jauchzten Alle, und ſchwangen einen Wald von Meſſern, die maleriſch in der Sonne blitzten. Kaum ſah das Valentin, als er, doch nur zu ſeiner Sicherheit, ebenfalls ſein Federmeſſer hervorzog, das an⸗ derthalb Zoll lang war; und da er einſah, daß er als loyaler unterthan dieſer Scene wo moͤglich mit einem Male ein Ende machen muͤſſe, rief er:»Soldaten! Soldaten!« indem er ſeine Stimme dicht hinter den Praͤſidenten ſchickte der Bauchredner. 141 — und die tobende Menge ſteckte raſch die Meſſer in die Hoſentaſche, und ſah ſich beſorgt nach den Soldaten um. „Die Soldaten,« rief der Praͤſident, nachdem er ſich uͤberzeugt, daß keine in der Nähe waren;»die Soldaten ſind unſre Freunde!... Und ſelbſt wenn ſie es nicht waͤ⸗ ren,— was gehn uns die Soldaten an? Doch ich weiß, daß ſie bereit ſind, ſich mit uns zu verbinden. Laßt nur den Chriſtmond 4 „Was fuͤr einen Mond?« rief Valentin. „Ich ſage,« fuhr der Präſident mit einem verächtlichen Seitenblicke fort,»laßt nur den Chriſtmond herankommen, und Ihr werdet ſehn, wie die Soldaten. 4 „Euch wie Gras niedermähn!« rief Valentin. »Nein, nein!«... das moͤgen ſie verfuchen!„ ſchrieen Alle, und ſchwangen abermals ihre Meſſer und ſchrieen wie Beſeſſene. „Landoleute! Es ſind Verräther unter uns. Doch laßt ſie zu den Tyrannen zuruͤckkehren, denen ſie dienen, und denſelben von uns melden, daß wir ihnen nicht nur Trotz bieten, ſondern ſie auch tief verachten.« Dieſen kuͤhnen Worten folgte ein dreimaliges wuͤthendes Gebruͤll nach den Spionen. Damn fuͤhrte der Präſident einen Mr. Goweel vor, der den erſten Antrag ſtellen ſollte. 142 Valentin Vor „Lanbsleute! rief Mr Coweel, der ein gewaltiger Mann, aber ſehr ſchmutzig war.»Ich ſtimme fuͤr die Aufhebung aller Steuern, aller Penſionen, aller Sinecuren und aller andern Arten von Verderbniß. Gleichfalls bin ich fuͤr Abſchaffung der Kirche. Was ſollen wir mit einer Heerſchaar von feiſten Biſchoͤfen? Warum ſollen wir neun⸗ zehn Millionen jährlich bezahlen, um ihre Krabben und Concubinen zu erhalten?... Wozu ſou das? Ja ich bin ſogar 4 »Rieder! nieder!« rief Valentin mit der Stimme des Präſidenten. »Was meint Ihr mit dem» Nieder?« fragte Mr. Coweel den Präſidenten. Der Praͤſident buͤckte ſich nach Mr. Coweel und verſi⸗ cherte, er habe kein Wort geſagt. „Gut! Ich dachte mir auch gleich, die Bemerkung ſei zu unconſtitutionell fuͤr Euch,« ſagte Mr. Comeel;»doch, was ich ſagte, die Heerſchaar von Biſchoͤfen...4 „Nieder, alter Narr! 4 rief Volentin dicht hinter dem Redner. »Was ſoll das heißen?« rief Mr. Coweel.»Mit Euch will ich bald niederkommen, wenn Ihr Euch noch lange mauſig macht. Was!... Meint Ihr, ich kuͤm⸗ der Vauchredner. 143 mere mich um Euch!«— Und Mr. Coweel ſchoß Blitze nach jedem Patrioten, den er in dem Augenblicke zufallig lächeln ſah; dann wandte er ſich um, nahm den Faden wieder auf und fuhr fort:»Wohl, nieder mit allen Uncon⸗ ſtitutionellen „Still, Dummkopf! Sonſt werfe ich Euch aus dem Wagen!« rief Valentin mit aller Kraft, deren er fahig war. „Was!« rief Mr. Coweel, indem er ſich raſch umdrehte. „Was wollt Ihr thun?.. mich aus dem Wagen wer⸗ fen?... Wie viele ſeid Ihr denn Eurer?.. Mich her⸗ auswerfen!.. verſucht es einmal!... werft mich ein⸗ mal hinaus 1« In dem Augenblicke beging ein Patriot, der danach ſchmachtete, das ſouveraine Volk anzureden und etwa ſechs Fuß von Mr. Coweel entfernt ſtand, die unvorſichtigkeit, in ſeiner ungeduld zu rufen:»Entweder fahrt fort, oder hoͤrt auf.« „Oho!« rief Mr. Cowecl.»Habe ich Euch gefunden? .. Alſo Ihr wollt mich aus dem Wagen werfen, nicht wahr?« Damit fuͤhrte er einen Streich nach Jenem, ver⸗ fehlte ihn aber um drittchalb Fuß. Aber feſt entſchloſſen, Jenem zu beweiſen, daß er mit ſich nicht ſpaßen laſſe, ge⸗ 144 Valentin Vor N rieth er nur immer mehr in Wuth. Er brauchte ſeine El⸗ lenbogen, und rannte die elben ſeinen Rachbarn ſo feſt in die Rippen, daß ſein Benehmen den Zunaͤchſtſtehenden ſehr unangenehm wurde. Sie hielten daher ſeine Arme feſt, faß⸗ ten ſeine Beine und warfen ihn unter das ſouveraine Volk hinab. Aus dem ſouverainen Volke erhob ſich ein lautes Ge⸗ ſchrei. Obgleich die Maſſen deutlich einſahen, daß das Prin⸗ zip, nach welchem Coweel von dem Wagen geworfen, das der reinen phyſiſchen Gewalt war, ſo konnten ſie in dem Augenblicke doch das Fundamentalprinzip noch nicht begrei⸗ fen, nach welchem dieſe phyſiſche Gewalt entwickelt war. Anfangs meinten ſie, er ſei einer von den Spionen; als er aber auf die Nabe des nächſten Hinterrades ſtieg, und — nachdem er, ohne unterſchied, desperate Hiebe ausge⸗ theilt— die Maſſen als Britten und als Menſchen anre⸗ dete, den Vorfall als einen unconſtitutionellen Act der Ty⸗ rannei denuncirte, und ſie aufforderte, wenn ſie die Freiheit liebten, ihm behuͤlflich zu ſein, den Wagen umzuwerfen— hielten ſie ihn fuͤr einen Mann, der ſich beſtrebe, Unrecht zu redreſſiren, und hielten ſich fuͤr verpflichtet, ihm bei dem umſtürzen des Wagens behuͤlflich zu ſein. In dem Augenblicke jedoch drang der Ruf:„Die der Bauchredner. 145 Schnurren! die Schnurren!« in ihre patriotiſchen Ohren, und veranlaßte ſie, ihr Liebeswerk aufzuſchieben. Große Haufen des ſouverainen Volkes ſtuͤrmten davon, indem ſie uͤber die Maſſen ſtuͤrzten, die vor ihnen gefallen waren, und nun ihrerſeits diejenigen zum Fallen brachten, denen ſie muthig vorangeeilt waren. »Die Schnurren!« dachte Valentin...»die Schnur⸗ ren!... Was ſind die Schnurren, daß ihre bloße Ankunſt ſo viel Schrecken unter dem ſouverainen Volke verbreiten kann?« Seine Conjecturen jedoch, die darauf hinausliefen, daß ſie furchterliche Ungeheuer oder gigantiſche Feinde waͤren, wurden raſch durch die Ankunft von ſechs Polizeibeamten beendigt, die ſich feierlichen Schrittes vorwäͤrts bewegten; und als ſie ſich näherten, waren die Haufen des ſouve⸗ rainen Volks, welche nicht hatten von der Stelle kommen koͤnnen, ſo ruhig wie Lämmer. Mit einem Male wurde es klar, daß dieſe ſechs Schnur⸗ ren in irgend einer beſtimmten Abſicht gekommen waren; und bevor das ſouveraine Volk noch Zeit gehabt hatte, uͤber dieſe Abſicht nachzudenken, nahm einer von den Schnurren dem Pferde kaltbluͤtig die Naſenklemme ab, ein legte ihm eben ſo ruhig das Gebiß wieder ins Maul; ein Valentin Vox 1I. 10 146 Valentin Vor dritter faßte mit gleicher Kaltbluͤtigkeit die Zugel, waͤhrend ein vierter, der ohne Zweifel minder kaltbluͤtig war, ver⸗ mittelſt eines kurzen runden Stabes das paſſive Thier in Bewegung zu ſetzen ſuchte. Der Wagen war ſo ſchwer beladen, daß das Pferd alle ſeine phyſiſche Kraft aufbieten mußte; aber die Patrio⸗ ten entwickelten ſo viel Behendigkeit im Herabſpringen un⸗ ter das ſouveraine Volk, daß dieſes im Nu den Wagen vollig leer ſah. Valentin konnte ſich uͤber den Tact und die Ruhe der Schnurren nicht genug wundern. Als Letzterer ſich umdrehte, begegnete er dem vollen Blicke eines Mannes, der wie ein achtbarer Grobſchmied ausſah, ihn anredete, und fragte:»Siend Sie ein Gleich⸗ heitsrechtsmann?« »„Wenigſtens habe ich ein Recht,« bemerkte Valentin,„dieſe Frage an Sie zu richten.« »Sie haben ein Federmeſſer bei ſich, nicht wahr?« „So iſt's,« entgegnete Valentin.»Was weiter?« »Sie hatten es in dem Gedraͤnge geoͤffnet.« »Wohl! was geht das Sie an?« Der Mann, der ein heimlicher Schnurre war, rief plotz⸗ lich ſeine unverkleideten Cameraden, die denn herbeieilten⸗ Valentin packten, und Miene machten, ihn fortzuſchleppen —————————————— —.— ——— — ——— — der Bauchredner. 147 Die Maſſen hatten ihre Augen auf die Schnurren gerichtet, welche ſie als ihre natürlichen Feinde betrachteten. Als ſie aber nur noch zwei derſelben vor ſich ſahen, fuͤhl⸗ ten ſie ſich durch die Grundſätze, zu denen ſie ſich bekan⸗ ten, verpflichtet, ſich jeder tyranniſchen Bewegung derſelben kräftig zu widerſetzen. Als ſie daher in Valentin's Verhaß⸗ tung die perſönliche Freiheit verachtet ſahen, erhoben ſie ein Geſchrei des Unwillens und ſtuͤrmten muthig zu ſeiner Befreiung herbei. Die Schnurren ſahen augenblicklich, daß das ſouveraine Volk etwas im Schilde führe. Sie zogen daher ihre Hirſchfaͤnger, und packten Valentin noch feſter; aber trotz dieſer bedenklichen Zeichen von Entſchloſſenheit, warfen ſich die Maſſen wie ein Strom auf ſie, und ſuchten ſie dadurch, daß ſie ſie zu Boden ſchlugen, zu bereden, ihre tyranniſche Abſicht aufzugeben. Die Schnurren blieben ſtandhaft. Obgleich zu BVoden geworfen, hielten ſie ihn doch feſt. Mit erhoͤhter Kraft bedienten ſie ſich ihrer kurzen Hirſchfänger gegen die Ferſen und Beine des ſouverainen Volks, und das mit ſolcher Wirkung, daß ſie ſich, ohne Valentin losgelaſſen zu haben, wie neugeſtärkte Rieſen auf⸗ rafften. Abermals ſtuͤrmte die Menge auf ſie, abermals warfen die Schnurren ſie vermittelſt ihrer Hirſchfaͤnger zu⸗ ruͤck. Vergebens bat ſie Valentin, ſich dieſer Gewaltthä 148 Valentin Vor tigkeiten zu enthalten. Sie wollten davon nichts horen, ſondern ſtuͤrmten von Neuem an, packten ihn bei den Bei⸗ nen, und hielten nun den Sieg fuͤr ausgemacht. „Laßt los!« rief Valentin unwillig.» Laßt los, Ihr Affen!« was, obſchon undankbar, unter dieſen Umſtänden doch ſehr natuͤrlich war, da er in Gefahr war, bei dem Hin⸗ und Hergeriſſenwerden zwiſchen den Schnurren und dem ſouverainen Volke ſich ein Glied nach dem andern ab⸗ geriſſen zu ſehen. Die wuͤthende Menge war jedoch der Erfuͤllung ihrer Hoffnungen zu nahe, um auf dieſen Ausbruch der Undank⸗ barkeit zu achten. Sie wollten und wollten ihn durchaus forthaben!— und geſchähe es auch nur, um ihren Fein⸗ den eine Niederlage beizubringen. Sie ſtuͤrzten daher mit einem abermaligen»Hurrahl« heran, und in einem Au⸗ genblicke, im Nu, waͤhrend Valentin glaubte, Arme und Beine ſeien ihm in Fetzen gegangen, riſſen ſie ihn aus den Haͤnden der Schnurren. Ein lautes Triumphgeſchrei drang durch die Lufte, als ſie ihre Trophäe emporhielten, und nachdem ſie dreimal dem ſouverainen Volke ein Lebehoch, und den Schnurren eine dreimalige Verwuͤnſchung ausgebracht hatten, verwandelten der Bauchredner. 149 ſie ihre hohen, machtigen Schultern in eine Art Triumph⸗ wagen, und trugen ihn paradirend rings um den Schau⸗ platz ihres Sieges, bis ſie ſich endlich der Heimkehr erin⸗ nerten. Da machte ſich Valentin von ihnen los, ſprang in eine Kutſche und entkam gluͤcklich. 150 Valentin Vor Zweiundzwanzigſtes Kapitel. In welchem Horace mit Goodman's Geiſte zu thun hat, und Walter das Geſpenſt wegbrennt. „Komm, Alter! laß das, ſage ich!« rief Horace, etwa um die Mitte der dritten Nacht, welche er bei ſeinem unwuͤrdigen Vater aufgeſeſſen, deſſen Delirium fortwaͤhrend in gleicher Stärke anhielt.»Es geht nicht, ſiehſt Du.. Fleiſch und Blut halten's nicht aus.« „Hſch!« rief Walter, indem er die Hand erhob und in die leere Luft ſtarrte.»Da!« fuhr er mit ſchrillendem Fliſtern fort,»da! da wieder!.. Jag' ihn hin⸗ aus! jag' ihn hinaus!« Es giebt Augenblicke, in denen auch der Gedankenloſeſte von einem Gefuhle des Grauens ergriffen wird. Dieſe Em⸗ pfindung beſchlich Horace, als er ausrief:„Pah!.. es iſt nichts, ſiehſt Du!... unſinn!. purer Unſinn« Walter jedoch packte feſt ſeinen Arm, wies auf das Geſpenſt, und rief:»Geſchwind! ſpring hinter ihn!... da! pack' ihn bei der Gurgel!« ———— — der Bauchredner. 151 »Ei was, Alter,« rief Horace, indem er ſeinen Vater mit mehr Gewalt, als Gefuͤhl rttelte,»will es Dir denn gar nicht in den dummen Kopf, daß keine Seele hier iſt, als Du und ich? Nimm doch Vernunſt an! Willſt Du mir weißmachen, ich koͤnnte ihn nicht ſehen, wenn er hier wäre 2... Iſt das moglich?. iſt es nur einiger⸗ maßen möglich?... Pah! Dummheiten!.. Mach die Augen zu und ſchlaf ein, und damit Punctum!« „Erſt will ich ihn hinaus haben!« rief Walter zornig. »Hinaus! hinaus!« »Gut, gut!.. ſo will ich ihn hinausbringen, wenn das Alles iſt,« und Horace oͤffnete die Thuͤr, und rief dem Eeſpenſte zu:»Nun, alter Knabe, jetzt trolle Dich! Iſt's gefällig?... Wir brauchen Dich hier ſicht Hurtig! mach' ein Ende!«— und er ging rings im Zim⸗ mer umher, ließ auf die Erſcheinung eine Menge von Fußtritten regnen, faßte ſie bei dem unkoͤrperlichen Kragen, warf ſe hinaus und ſchloß die Thuͤr mit einer Miene des vollkommenen Triumphes. Sein würdiger Vater aber ließ ſich dadurch nicht hin⸗ ter das Licht fuͤhren; Horace's Pantomime war in der That ganz vortrefflich, er fuͤhrte das Ding mit einer wehren ar⸗ tiſtiſchen Geſchicklichkeit aus; aber das Phantom ſtand noch 152 Valentin Vor immer vor Walters Augen, und war nicht vom Platze ge⸗ wichen. Als Horace daher nach dem Bette zuruͤckkehrte, um den Beifall in Empfang zu nehmen, der einer genialen Leiſtung nicht entgehen kann„war er äußerſt erſtaunt, als er fand, daß ſeine Bemuͤhungen nicht nur nicht anerkannt wurden, ſondern daß Walter noch immer auf das Geſpenſt ſtarrte, wie vorher. »Er iſt jetzt weg, ſage ich Dir!« rief Horace.»Er hat jedenfalls eine huͤbſche Ladung gekriegt, wenn ich ihm nicht gar das Genick gebrochen habe. Das Wiederkommen wird ihm wohl vergangen ſein. Haſt Du wohl geſehen, wie er uͤberpurzelte? Fuͤr dieſe Nacht hat er genug, nicht wahr 2 4 Walter nahm von dieſen paſſenden Bemerkungen keine Notiz, und antwortete nicht darauf; er ſchien gar nicht be⸗ merkt zu haben, daß ein Wort geaͤußert worden ſei. Sein Feind war da, und ſeine Augen waren feſt und wild auf denſelben geheftet. „Er ſoll hinaus!« rief er nach einer Pauſe....„Er ſoll nicht hierbleiben.« »Er iſt ja gar nicht hier,« rief Horace, indem er ſei⸗ nes Vaters Arm ergriff;»ich wollte, ich könnte Dir etwas 3 der Bauchredner. 153 Verſtand in den Schädel bringen.... Kennſt Du mich denn nicht, Alter?« Walter ſah einen Augenblick zur Seite, ſtarrte dann aber wieder auf das Geſpenſt.„Ich will ihn hier nicht wiſſen!« rief er;»er ſoll hinaus! Und willſt Du es nicht, ſo thue ich es!« Damit machte er abermals einen Verſuch, aufzuſtehn, aber Horace hielt ihn nieder; ſie ran⸗ gen mit einander, da fiel es Horace ein, daß dieſelbe Kraft, welche jenen hier Jemand ſehen ließ, ihn auch zu der Ein⸗ bildung bringen koͤnne, er habe ihn fortgetrieben. Er ließ ihn daher los. Kaum fuhlte ſich Walter frei, als er auf den bezeichne⸗ ten Ort zuſtuͤrzte und einen wirklich desperaten Verſuch machte, das Geſpenſt zu packen. Dieſes ſchien ſich jedoch zuruͤckzuziehen, denn er jagte ihm raſch und eifrig rings umher nach, bis er ſo erſchoͤpft wurde, daß Horace ihn wieder in das Bett hob und rief:»Komm, komm! es hilft nichts!... Du kannſt ihn doch nicht kriegen!« „Aber ich will!« rief Walter, indem er abermals auf⸗ zuſtehn verſuchte. »Nein, nein! ich nehme es ſchon mit ihm auf! Bleib nur liegen.... Ich muß,« ſprach er fur ſich,»dem al⸗ ten Knaben nur nachgeben.« Damit zog er den Rock aus, 154 Valentin Vor ſtellte ſich in eine Fechterattituͤde, und nachdem er eine Zeit⸗ lang gezielt, ſchlug er plotzlich mit großer Kraft und Ge⸗ ſchicklichkeit aus, und fuhr ſo lange rechts und links um ſich zu ſchlagen fort, bis er ſich die Arme beinahe verrenkt hatte, dann, als habe er den geind regulaͤr beſiegt, fragte er ihn, ob er genug habe, machte alsdann das Fenſter auf, und that, als ſtuͤrze er ihn hinaus. Es war jedoch Alles verlorene Mühe; denn Walter ſah das Geſpenſt noch immer an derſelben Stelle, und Horace erſtaunte nicht wenig, als er, nachdem er das Fenſter ge⸗ ſchloſſen, ſeinen Vater noch eben ſo wild hinſtarren ſah, wie zuvor.»Es hilft Alles nicht!« dachte er in Verzweif⸗ lung, miſchte ſich noch ein Glas warmen Grog und ſteckte wieder eine Cigarre an.»Sei doch vernuͤnftig, Alter,« ſagte er dann zu ſeinem Vater.»Es iſt ja nichts!... Mach die Augen zu und er iſt fort; aber eher geht er keinen Schritt.« Walter lag ohne alle Bewegung. Die letzte Anſtren⸗ gung ſchien ihn vollig erſchoͤpft zu haben; und als er fort⸗ waͤhrend dalag, ohne einen Laut von ſich zu geben, ſah Horace ein, daß er nun eine Stunde Ruhe haben wuͤrde, ſetzte ſich daher in den bequemen Lehnſtuhl, und ward bald — der Bauchredner. 155 von der Beſchreibung einer Schlacht zwiſchen Simon dem Starken und Konky Brown lebhaft angezogen. Dicjenigen, welche das Vergnuͤgen gehabt haben, eine ganze Nacht bei einem Wahnſinnigen zuzubringen, werden ſich erinnern, daß zwiſchen drei und vier uUhr Morgens das Gemuͤth ſich mit beſonderm Vergnuͤgen einer Taſſe ſtarken Kaffee mit Zwiebaͤcken zuwendet. Verhaͤlt ſich der zu beauf⸗ ſichtigende Patient gerade ruhig, ſo iſt die Stille in dem Zimmer grauenerregend, und nichts in der Welt, außer Kaffee mit Zwiebaͤcken, ſcheint im Stande zu ſein, den Geiſt zu beſchäftigen, oder die ſchlummernde Energie des Koͤrpers anzuregen. Dieſe Stunde— dieſe traurige, feier⸗ liche Stunde war gekommen, als Horace, nachdem er ſich uͤberzeugt, daß ſeines Vaters Augen geſchloſſen waren, ſich leiſe aus der Kammer ſchlich, und nach der Kuͤche ging, wo der Kaffee auf den Kohlen und Zwieback nebſt allem Zubehoͤr zu einem comfortablen Fruͤhſtuͤck auf dem Tiſche ſtand. In dem Augenblicke jedoch, als Horace das Zimmer verließ, ſprang ſein Vater, der ſich nur ſchlafend geſtellt und liſtig auf ſein Weggehn gelauert hatte plotzlich mit dem Entſchluß aus dem Bette, das Geſpenſt, welches ihn ängſtigte, hinauszubringen. Zuerſt ſuchte er es zu haſchen 156 Valentin Vor — dann entſchwand es ihm eine Zeit lang— dann blickte er wild umher— dann ſah er es wieder, und jagte es rings im Zimmer umher, bis er ſich einbildete, er habe es unter das Bett getrieben. Nun nahm er das Licht, ſteckte das Bettzeug in Brand, und im Augenblicke ſtand das ganze Bett in Flammen. »Ha!« rief er;»Wirſt Du nun gehen?. Ha ha ha ha! Ich kann Dich nicht hinausbringen! Ha ha ha hal Porace hoͤrte das laute krampfhafte Lachen und ſtürzte die Treppe hinauf. Dicke Rauchwolken drangen ihm ent⸗ gegen, als er die Thuͤr oͤffnete. Er konnte nicht vorwärts! — das ganze Gemach ſtand in Flammen. „Vater!« rief er;»Vater; lauf nach der Thuͤr!.. Rette Dich!.. rette Dich!.. Vater!« Das Lachen hatte noch immer fortgewährt. Plötzlich aber hoͤrte es auf und Walter fiel zu Boden. »Feuer! Feuer! Feuer!« rief Horace, und ſein Ge⸗ ſchrei ward ſogleich durch ein Gekreiſche von oben beant⸗ wortet. Er rannte auf die Straße, machte hier Laͤrm, und bald hallte die ganze Nachbarſchaft von dem Muß»Feuer! Feuer!« wieder. Raſch fand ſich die Polizei an dem Orte ein, und meh⸗ der Bauchredner⸗ 157 rere Tageloͤhner, die zur Arbeit gingen, eilten zum Bei⸗ ſtande herbei. „Mein Vater!... mein Vater iſt in dem Zimmer!« ſchrie Horace.»um Gottes willen, rettet ihn!.. ret⸗ tet meinen Vater!« und er ſturmte die Treppen hinauf, um ſeine Mutter und ſeine Frau der Gefahr zu entreißen. Seine Frau lag in Ohnmacht, und ſeine Mutter war zu erſchrocken, als daß ſie ſich auch nur haͤtte bewegen koͤn⸗ nen.»Hulfe! Hülfe!« ſchrie er;»hier!«— In dem Augenblicke kam ein Arbeiter zum Beiſtande herbei, der ſeine Mutter ergriff; Horace nahm ſeine ohnmaͤchtige Frau auf den Arm, und beide wurden in Sicherheit auf die Straße getragen. Das Feuer wuͤthete ſchrecklich und breitete ſeine Flam⸗ men nach allen Richtungen aus. Schon brannte das Haus und das Kniſtern und Krachen war furchtbar. „Wer iſt noch im Hauſe?«. rief einer der Ar⸗ beiter. »Mein Vater!. mein Vater!« antwortete Horace. „Wo iſt die Magd? die Magd?. fragte einer der Polizei. »Oben!« entgegnete Horace, der ſie ganz vergeſſen 158 Valentin Vor hatte, und der Polizeidiener eilte fort; aber die Magd war nirgend zu finden. »„Vater! Vater!« ſchrie Horace von Neuem, und in dem Augenblicke traf ein tiefes rochelndes Stohnen ſein Ohr. „Nach der Thuͤr!.. nach der Thuͤr 6 Die Fenſter wurden zertruͤmmert, und ein WaſſerſtroQm drang in das Zimmer, in welchem Walter im Todeskampfe lag. Niemand konnte hinein. Das Zimmer ſtand ganz in Feuer, und durch das in das Fenſter ſtroͤmende Waſſer wurden die Flammen nach der Thuͤr zu getrieben. Ein neues heftigeres Stoͤhnen ward gehoͤrt. Es ſchien von der andern Seite des Zimmers zu kommen. Horace riß das Treppengelaͤnder ab, und ſchlug damit die Wand ein. Ein zuͤngelnder Feuerſtrom fuhr wie ein Blitz durch die Oeffnung, aber da lag Walter. »Hier iſt er!« rief Horace, indem er ihn ergriff und raſch auf den Vorſaal zog.»Er lebt noch!... Huͤlfe!“ Huͤlfe« Man eilte zum Beiſtande herbei und Walter ward auf die Straße getragen; aber er bot einen ſo ſchrecklichen An⸗ blick dar, daß man eine Tragbahre holen mußte. Auf dieſe ward er gelegt und zu einem Wundarzte gebracht. Nun kamen aus allen Quartieren die Spritzen an und der Bauchredner. 159 arbeiteten gegen das Feuer, das durch die Wände brach und aus jedem Fenſter hervorleckte. Trotz dem eilte Horace abermals in das Haus, in der Abſicht, die Papiere ſeines Vaters in Sicherheit zu bringen. Er erreichte das Zimmer, in welchem ſie lagen, und ſtieß die Thuͤr auf:— aber noch ein Schritt, und er wäre in ein Meer von Flammen geſtuͤrzt. Der Fußboden war eingefallen, und die Flam⸗ men ſchlugen von unten in feuriger Lohe empor. Entſetzt nd betäubt ſtand er einen Augenblick da. Da krachte es hinter ihm— die Treppe— die Treppe, auf welcher er hieher gelangt war, hatte nachgegeben, ſo daß ihm jeder Rückweg abgeſchnitten war, und er nun mitten in Flam⸗ men ſtand. Was ſollte er in dieſer ſchwierigen Lage be⸗ ginnen? Eine Hoffnung.. eine einzige, ſchwache Hoff⸗ nung trieb ihn vorwaͤrts. Er rannte uͤber den krachenden, gluͤhenden Vorſaal, erreichte die nach oben fuͤhrende Treppe und ſprang hinauf, von dem Feuer verfolgt. Wie durch ein Wunder erreichte er den Boden. Die Luke war offen, er kletterte hinein, blickte dann zu dem im feurigen Wie⸗ derſchein ſtrahlenden Himmel empor, faltete die Haͤnde und dankte Gott inbruͤnſtig. Ein Balken, der unter ihm hinabſturzte, trieb ihn zur Eile an; er kroch auf Händen und Fuͤßen das Dach ent⸗ 160 Valentin Vor lang, und fuͤhlte ſein Blut erſtarren, als er ploͤtzlich ein menſchliches Antlitz beruͤhrte. Es war die Magd, die eben⸗ falls durch die Luke entkommen war und in Ohnmacht lag. Er fuhr anfangs zuruͤck, als er aber wieder zur Beſinnung kam, nahm er das arme Mädchen auf den Ruͤcken, und kletterte uͤber die Daͤcher der benachbarten Haͤuſer, bis meh⸗ rere Schornſteine ihm den Weg verſperrten. Hier legte er ſeine Laſt nieder, wandte ſich nach dem Orte, welchen er verlaſſen hatte, und empfand erſt jetzt die furchtbaren Wirkungen, die das Feuer auf ihn gemacht. Er war ſchrecklich geroͤſtet; das Haar war ihm rein vom Kopfe weggeſengt, und das Zeug, welches noch an ihm ge⸗ blieben war, in puren Zunder verwandelt. Laut ſchrie er nach Huͤlfe, wurde aber nicht gehoͤrt; er ſah das Getuͤm⸗ mel unten, ihn aber konnte Niemand ſehen. Die Spritzen waren in voller Thätigkeit„und das Geſchrei derer, welche daran arbeiteten, wurde ſelbſt den heftigſten Donnerſchlag uͤbertäubt haben. »Vorgeſehen!« ſchrieen funfzig Feuermänner in einem Athem, und Alles ſtürmte nach der gegenuͤberliegenden Seite. In dem Augenblick ertonte ein furchtbares Krachen. Das Dach war eingeſtürzt, und Wolken von Rauch und Staub wirbelten brauſend empor, mit einem Hagel von glühenden der Bauchredner. 161 Kohlen und Funken, die Alles umher mit Vernichtung be⸗ drohten. Die Wirkung war ſchrecklich, und der ganze Him⸗ mel ſchien in Flammen zu ſtehen. Da ertoͤnte abermals Geſchrei:— man hatte Horace bemerkt, da nun alle Gegenſtaͤnde ſichtbar waren. Es ward eine Rettungsleiter angelegt und ein Feuermann ſtieg hinauf. „PHier!« rief er dem betaäubten Horace zu, der eben ſeinen Kopf ſehen konnte.»Steigen Sie in dieſen Sack! Sſein Sie unbeſorgt.« Horace vrachte die arme ohnmaͤchtige Magd an die Bruſtwehr, und bat, ſie zuerſt hinunterzuſchaffen. „Geben Sie mir das Maͤdchen,« ſagte der Feuermann. „Da! nun ſteigen Sie hinein.. aber rutſchen Sie nicht zu ſchnell 1« und Horace ſtieg in den roͤhrenfoͤrmigen Sack und glitt allmaͤlig bis zum Boden ſtinab. Als er aus der Roͤhre herauskam, war er im buchſtaͤb⸗ lichen Sinne nackt; denn waͤhrend des Hinabgleitens waren die muͤrben Kleidungsſtuͤcke ihm gaͤnzlich vom Leibe geriſſen. Man wickelte ihn jedoch raſch in eine Decke und brachte ihn ſo, zugleich mit der Magd, nach dem Hauſe des Wund⸗ arztes.. Valentin Vox. U. 11 162 Valentin Vor Während dem war das Haus vollig zuſammengefallen, und man ſpritzte nur auf die heißen Scheidewände, damit das Feuer die Nachbarhäuſer nicht erreichte. Dieſer Zweck ward denn auch erreicht; die Haͤuſer blieben unverſehrt, und bald nachher war nichts als Rauch mehr zu ſehen, obgleich die Spruͤtzen auch dann noch fortwährend in Thaͤ⸗ tigkeit blieben. der Bauchredner. 163 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. * Volentin wohnt einer phrenologiſchen Vorleſung bei und erfüllt den Schädel eines Mörders mit Unwillen. In der Abſicht, den Menſchen eine richtige Schätzung der Segnungen beizubringen, welche die Wiſſenſchaft der Phrenologie gewaͤhrt, war ein ausgezeichneter Profeſſor im Begriff, eine hoͤchſt intereſſante Vorleſung zu halten, als Valentin vor einem oͤffentlichen Inſtitute voruͤberging, das durch die hineinſtrömende Menſchenmenge ſeine Aufmerkſam⸗ keit erregte. Valentin war an dieſem Abende grade verſtimmt; denn da er keine Nachricht von Goodman bekommen konnte, ſo ſah er die Moͤglichkeit nicht ein, den Aufenthalt derjenigen ausfindig zu machen, in welche er mehr als je verliebt war. Er kaufte daher, um ſich zu zerſtreuen, ein Billet, und gelangte in ein wohlgebautes Zimmer, mit terraſſenfoͤrmig ſich uͤber einander erhebenden Baͤnken, auf denen etwa vier⸗ hundert Perſonen Platz finden konnten, waͤhrend neben dem Katheder ein Tiſch ſtand, auf welchem mehrere eigenthuͤm⸗ 164 Valentin Vor lich geformte Schäͤdel lagen, die ueberreſte einiger der gro⸗ ßeſten Schurken, Narren, Philanthropen und Staatsman⸗ ner, welche je gelebt hatten. Alles war gedraͤngt voll, und als die beſtimmte Zeit voruͤbergegangen war, ohne daß der Profeſſor erſchien, ſing die Verſammlung an, jene reſpect⸗ volle Art von ungeduld zu zeigen, welche ſich in einem leiſen ſchuͤchternen Pochen mit Stoͤcken und Regenſchirmen ausſpricht. Valentin hatte jedoch noch nicht lange umhergeſehn, als auf dem Katheder eine Bewegung entſtand— eine Bewe⸗ gung, die offenbar irgend etwas zu bedeuten hatte. Alle Augen richteten ſich daher in geſpannter Erwartung auf die Thuͤr, und als der Profeſſor, der einen Theil einer feier⸗ lichen Prozeſſion bildete, eintrat, war der Applaus eben ſo liberal, als laut. Die Mitglieder des Comité's ſetzten ſich in einer ehrerbietigen Entfernung an jede Seite, und als der Profeſſor ſich geſammelt hatte, huſtete er leicht, gab mehrere eigenthuͤmliche»A— hems a von ſich, und ſagte dann in ſuͤßen ſilberartigen Toͤnen: „Meine Damen und Herren! Redet man von der Wiſ⸗ ſenſchaft der Phrenologie, ſo muß man zuvoͤrderſt betrach⸗ ten, ob die äußere Entwickelung der Neigungen und Let venſchaften des Menſchen die urſache oder die Wirkung der der Bauchredner. 165 Neigungen und Leidenſchaften ſind. um Ihnen mun deut⸗ iich zu machen, daß die Entwickelung die Wirkung, nicht die urſache iſt, erſuche ich Sie, Ihre Aufmerkſamkeit auf die eigenthuͤmliche Organiſation der Koͤpfe gewiſſer wohl⸗ bekannter Charaktere zu richten, deren Schädel ich hier habe.— Dies hier,« fuhr der gelehrte Profeſſor fort, in⸗ dem er einen hoͤchſt ſonderbar geformten Schädel in beide Haͤnde nahm und ihn aufmerkſam betrachtete...„dies iſt der Kopf Tim Thornhill's, des Moͤrders.« »„Weſſen?« rief Volentin, indem er ſeine Stimme ge⸗ ſchickt aus dem Schaͤdel hervortoͤnen ließ. Erſchrocken warf ihn der Profeſſor ſogleich hin, und da derſelbe, wie unwillig, auf dem Katheder dahinrollte, brach die Verſammlung in lautes Gelaͤchter aus. Der Profeſſor lachte anfangs nicht. Im Gegentheil— er war betroffen, ward blaß, ſehr blaß, und zitterte, als er auf den rollenden Schaͤdel ſtarrte. Als er ſich aber wie⸗ der genugſam ermannt hatte, um zu bemerken, daß Alles rings umher lachte, machte er einen klaglichen Verſuch, in dieſes Gelaͤchter mit einzuſtimmen. Und das gab ihm ſo viel Muth, daß er ſich entſchloß, den Gegenſtand ſeines Schre⸗ ckens wieder aufzunehmen; kaum hatte er jedoch ſeine Hand 166 Valentin Vor wieder an den Schädel gelegt, als Valentin in tiefem, feier⸗ lichem Tone rief: „Ein Moͤrder 214 Der Profeſſor fuhr abermals zuruͤck; allein das Gelaͤch⸗ ter der Verſammlung war diesmäl weder ſo laut, noch ſo allgemein als vorher, indem Viele von der Idee ergriffen wurden, daß etwas Uebernatuͤrliches dabei im Spiele ſei. „Sonderbar!... ſehr ſonderbar!. außerordent⸗ lich!« ſagte der Profeſſor;.„ ſehr, ſehr ſonderbar.« „Ein Moͤrder?⸗ wiederholte Valentin in einem Tone des Vorwurfs, der natuͤrlich aus Tom Thornhill's Schaͤdel zu kommen ſchien. Das Auditorium lachte nicht mehr. Ja, ſie hatten ſo⸗ gar zu lächeln aufgehoͤrt, während der Profeſſor in Er⸗ ſtaunen verloren war. Auch die Gomitemitglieder ſahen einander ernſt an, und ſchienen nicht zu wiſſen, wie ſie ihre Empfindungen hieruͤber ausſprechen ſollten. „Meine Damen und Herren,« ſagte der Profeſſor nach einer grauenvollen Pauſe, waͤhrend wecher es ihm einfiel, daß er doch irgend etwas ſagen muͤſſe.»Ich weiß kaum was ich Ihnen ſagen ſoll. Dieſer Vorfall iſt ſo außeror⸗ dentlich, daß ich in der That nicht weiß, was ich davon denken ſoll. Zur Befoͤrderung der Wiſſenſchaft 4 der Bauchredner. 167 „Hal ha! hal« lachte Valentin dicht hinter dem Pro⸗ feſſor, der zuſammenfuhr, aber nicht ſich umzuſehen wagte. „Ha! ha! ha,« wiederholte er, und ließ die Stimme etwas weiter her ertoͤnen, und waͤhrend der Praͤſident und die Comitémitglieder kaum zu athmen vermochten, ſchienen die Schädel auf dem Tiſche ihre Freude daruͤber zu haben; denn allen Anweſenden kam es vor, als ob ſie ſcheußlicher als je grinsten. Es giebt jedoch einzelne Menſchen, die, ſobald der erſte Eindruck voruͤber iſt, das, welches ſie beunruhigte, lächer⸗ lich zu finden beginnen, und zu dieſen gehoͤrte der Präſident des Comité's. Er war ohne Zweifel mehr als alle Andern erſchrocken; als er aber die Toͤne nicht mehr hoͤrte, fuͤrchtete er ſich auch nicht mehr davor; er fing daher an zu lachen, kniff die neben ihm Sitzenden, und ſuchte den ganzen Vor⸗ fall ins Lächerliche zu ziehen. Die Uebrigen jedoch vermoch⸗ ten nicht, mit einzuſtimmen; denn obgleich ſie jedes Mal erſchracken und zuruͤckfuhren, wenn er ſie heimlich kniff, ſo bewahrten ſie doch eine wuͤrdevolle Haltung, die unter die⸗ ſen umſtänden alle Anerkennung verdiente. Dann näherte er ſich dem Profeſſor, und ſuchte ihn zu uͤberzeugen, daß es»Alles in Allem gar nichts« ſei, bis es ihm endlich 16 Valentin Vor gelang, die Starrheit aus den Mienen dieſer Herren zum Theil zu vertreiben. „Nehmen Sie den Schäͤdel auf!« rief Valentin; und der Praͤſident zupfte an ſeiner Cravatte, nahm eine mu⸗ thige Miene an und nahm den Schaͤdel auf. Valentin war ſtill, der Profeſſor war ſtill, das Auditorium war ſtill, waͤhrend der Praͤſident den Schaͤdel in der Hand hatte und ihn genau unterſuchte. Er ſah, daß ſein Muth Bewun⸗ derung erregt hatte, und fuͤhlte ſich daher gedrungen, noch mehr Muth zu zeigen. Er drehte alſo den Schaͤdel hin und her, hielt die grinſenden Kinnbacken deſſelben muthig an ſein Ohr, warf ihn in die Hoͤhe, als wäre er ein blo⸗ ßer Ball, und fing ihn mit großer Geſchicklichkeit wieder. Das fuͤhrte in die Verſammlung eine Stimmung zuruͤck, die einige Aehnlichkeit mit guter Laune hatte. Ein halb⸗ unterdrucktes Lächeln kam zum Vorſchein, wodurch der Prä⸗ ſident immer kuͤhner wurde, und da er entſchloſſen war, zu zeigen, wie ſehr er ihre Furcht verachte, drehte er den Schädel von einer Seite zur andern; hielt die Finger zwi⸗ ſchen ſeine ſcheußlichen Zähne, und behandelte ihn in der That äußerſt verächtlch. n »„Was habt Ihr denn?« fragte er den Schaͤdel im Scherz.»Was qualt Euch?.. Iſt Euch nicht wohl, der Bauchredner. 169 Mr. Thornhill? Ich bedaure von Herzen, daß Ihr geſtoͤrt ſeid.« Die Verſammlung begann nun wieder herzlich zu la⸗ chen, und zu glauben, daß ſie ſich Aue gaͤnzlich geirrt. Eben aber, als ſie im Begriff waren, ſich wegen des Fruͤ⸗ hern zu ſchaͤmen, ſchlug der Präſident den Schaͤdel Tom Thornhill's ſo heftig gegen den eines ausgezeichneten Phi⸗ lantrophen, daß Valentin hinter dem ſcherzenden und lachen⸗ den Comité her in einem tiefen, hohlen Tone rief: »Wehe Euch!« Die Wirkung war elektriſch. Sämmtliche Mitglieder des Comité's waren augenblicklich auf den Beinen, der Praͤſident warf den Schaͤdel hin und ſtand zitternd da; der Profeſſor ward blaß, oͤffnete den Mund und rang nach Luft, waͤhrend die Verſammlung wo moͤglich noch er⸗ ſtaunter war als vorher. »um Gottes willen!« rief der Eine.»Was hat das zu bedeuten?« »„Gott ſegne mich!« ſtammelte ein Anderer;„es muß ein Geiſt ſein.« »Der Ort iſt behext,« rief ein Dritter. »Fort von hier!« ſchrie ein Vierter, und funfzig weib⸗ liche Stimmen wiederholten dieſes:„Fort! fort!« 170 Valentin Vor „NRun draͤngte ſich Alles nach der Thuͤr. Sämmtliche Damen eilten davon, und nur wirklich muthvolle Männer blieben zuruͤck, die dazu vermocht waren, weil Valentin gerufen hatte:»Zwei hundert von uns konnen es mit ei⸗ nem Geiſte ſicher aufnehmen!« Sie machten daher Halt, und ſahen geſpannt der Er⸗ ſcheinung des Geiſtes entgegen, waͤhrend die Comitémit⸗ glieder ihr Erſtaunen in wirklich cabbaliſtiſchen Ausdruͤcken laut werden ließen. „Was iſt hier zu thun, meine Herren?« ſagte endlich der Profeſſor;»was iſt hier zu thun?» Die Angerebeten erhoben die Augen zur⸗Decke und ſchüttelten feierlich das Haupt. Der Präſident ſah geheim⸗ nißvoll aus. Er ſchnob und biß ſich in die dicken Lippen und kratzte ſich heftig am Kopfe.. kurz, ſein ganzes Aeußere war ganz das Gegentheil von dem, was er zeigte, als er mit Tom Thornhill's Schaͤdel ſpielte. Endlich echob ſich einer ſeiner Collegen,— ein corpu⸗ lenter Herr, deſſen Naſe ganz blau und kugelrund war, — um zu bemerken, daß jede Wirkung ihre regelrechte, rechtmäßige urſach haben muͤſſe; daß, obſchon vielleicht bis⸗ weilen die urſache nicht zugegen waͤre, waͤrend die Wirkung ſich zeige, in dieſem Falle die Sache ſich anders verhalte.. der Bauchredner. 17¹ Er ſei daher der Meinung, daß, kämen die Toͤne, welche ſie gehoͤrt hätten, aus dem Schadel, ſo wurden ſie wahr⸗ ſcheinlich, wenn man den Schaͤdel entfernte, mit ihm ver⸗ ſchwinden. Dieſer Meinung ſtimmte Alles bei. Sie wunderten ſich, wie ſie haͤtten ſo dumm ſein koͤnnen, daran nicht ſchon fruͤher zu denken. Sie waren vollkommen uͤberzeugt, daß die Entfernung des Schädels jenes Reſultat haben wuͤrde; aber die Frage war, wer ſollte ihn fortſchaffen? Der Profeſſor ſchien ſich keineswegs dazu zu drängen, eben ſo wenig der Präſident; der Herr, welcher den Vorſchlag ge⸗ macht, dachte natuͤrlicher Weiſe, er habe das Seinige ge⸗ than, und ſeine Collegen meinten eben ſo natuͤrlich, daß ſie, durch die Anerkennung der Zweckmäßigkeit dieſes Mit⸗ tels, Alles gethan hätten, was man unter dieſen Umſtaͤn⸗ den irgend von ihnen erwarten könnte. Endlich kam dem Präſidenten ein neuer Gedanke. Der Portier war in der Halle! Er konnte von den Weggehen⸗ den allerdings etwas bon dem ſeltſamen Vovfalle vernom⸗ men haben, allein man hielt dieſes fuͤr ſehr unwahrſchein⸗ lich, da er nicht nur ein Irlaͤnder war, ſondern auch einen ſehr geſunden Schlaf hatte. Man ſchickte daher nach dem Portier, der denn auch alsbald erſchien. Er verbeugte ſich 172 Valentin Vor in offenbarer Verlegenheit zuerſt vor dem Profeſſor, dann vor dem Präſidenten, dann vor den Comitémitgliedern, dann vor der Verſammlung, und da dies offenbar ſein erſtes oͤffentliches Auftreten war, ſo ſah er ungemein linkiſch und drollig aus. 4 „Murphy,« ſagte der Präſident;»nehme Er den Schädel auf und trage Er ihn in die Halle.« „Den Schädel dort, meinen Sie?.. Ja, Herr! ...„ ſagte Murphy, und breitete die Schultern aus, als habe er eine ſchwere Laſt fortzutragen. Kaum aber hatte er ihn aufgehoben, als Valentin aus dem Innern hervorrief:„Nimm Dich in Acht!« „Mord! Mord!« rief Murphy, indem er den Schaͤdel von ſich warf, und die Hände erhob, indem er die Finger ſo weik als moglich aus einander ſperrte. Der Athem ſchien ihm zu fehlen, um noch ein Wort zu aͤußern, und mit weit offenem Munde ſtarrte er entſetzt den Schädel an. „Nun? wird's bald?« ſagte der Praͤſident nach einer Pauſe.»Was giebt's? Augenblicklich nehme Er ihn auf.⸗ Murphy ſtarrte den Präſidenten an, dann den Pro⸗ feſſor, dann die Verſammlung, dann den Schaͤdel. Er wollte nicht ungehorſam ſein, und fuͤrchtete ſich doch, zu gehorchen. Er beruͤhrte daher den Schädel ein wenig, fuhr der Bauchredner. 173 dann ein wenig zurck, unterſuchte ihn dann ein wenig, und ſtieß ihn dann abermals an. „Nun! hoͤrt Er?« rief der Präſident. „Ja!l« rief Murphy, am ganzen Leibe zitternd.»Der thut lebe, Herr!... mein Seelche! er thut lebe!« »„Dummes Zeug!« rief der Praͤſident;»fort damit.« „Was Teufel ſoll i thun?« jammerte Murphy. „Kann Er nicht hoͤren?.. Fort mit dem Schädel!« Murphy naͤherte ſich abermals, rieb ſich dann uͤber den ganzen Leib, ſchob dann die Aermeln hinauf, um Zeit zu gewinnen, und beruͤhrte den Schädel dann abermals mit dem Fuße, wäͤhrend er zweifelnd den Kopf ſchuͤttelte und wilde Blicke ſchoß. „Nun denn!« rief der Präſident, und Murphy buͤckte ſich abermals, und ſtreckte dann die Hand bis in die Nähe des Schaͤdels aus, und näherte ſie dann Zoll fuͤr Zoll. In dem Augenblicke jedoch, als er ihn eben wieder anfaſſen wollte, rief Valentin:»Zuruͤck!« *„Ha.. l« rief Murphy und fuhr erſchrocken, die Augen feſt auf den Schaͤdel gerichtet, bis an die Ruͤcklehne des Katheders zuruͤck. Der Präſident und der Profeſſor hielten eine Berathung, 174 Valentin Vor deren Reſultat war, die Vorleſung muͤſſe jedenfalls ausge⸗ ſetzt werden. „Was wir heute Abend gehoͤrt haben,« ſagte der Pro⸗ feſſor,„iſt ſo myſterios... ſo ſeltſam, daß ich es mir nicht zutraus, heute fortzufahren. Es iſt jedoch ein Ge⸗ heimniß, welches wir hoffentlich ergruͤnden werden; wenn wir »Begrabt mich!« unterbrach ehn Valentin.»Laßt mich in Ruhe und ſucht nicht mehr zu erfahren.« Der Profeſſor vollendete den angefangenen Satz nicht, ſondern verbeugte ſich vor dem Auditorium und verließ den Katheder, von dem Präſidenten und den Comitémitgliedern gefolgt. Murphy durfte natuͤrlicher Weiſe nicht voranlau⸗ fen; er draͤngte ſich daher, die Augen fortwährend auf den Schaͤdel gerichtet, ſo dicht als moͤglich an den Letztern; aber ehe er noch hinaus war, uͤberfiel ihn der entſetzliche Gedanke, daß er, wenn Alle fort wären, derjenige ſei, der die Lichter ausloͤſchen muͤſſe. der Bauchredner. 175 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Der Leſer wird zu Goodman zurückgeführt, der einen kühnen Plan faßt, deſſen Ausführung jedoch verſchoben wird. Obſchon Goodman uͤberzeugt war, daß die Theilnehmer der Verſchwoͤrung, deren Opfer er war, ihrer eventuellen Strafe nicht entgehn wuͤrden, ſo dachte er doch durchaus nicht daran, daß die Vergeltung bereits ſeinen unnatuͤrli⸗ chen Bruder erreicht habe. Er meinte, Walter lebe im beſten Wohlſtande, da er nun genug habe, um das uͤp⸗ pigſte Leben fuͤhren zu koͤnnen; aber er bedauerte ihn im Gegentheil aufrichtig; er fühlte, daß das böſe Gewiſſen ſeinen Geiſt martern wuͤrde; daß er aber damals gerade in dem furchtbarſten phyſiſchen Todeskampfe lag, davon hatte er keine Ahnung. Goodman war von Haus aus nicht rachſuͤchtig, und der Gedanke, daß ſein Bruder ſich um das, was er ge⸗ than, durchaus ſelbſt haſſen, und daß er von Gewiſſens⸗ qualen erfullt ſein muͤſſe, bewirkte, daß er ſich dennoch fuͤr den gluͤcklichſten von ihnen Beiden hielt. 176 Valentin Vor Dieſes Gefuͤhl bewirkte, daß er mit Feſtigkeit alle Schmach und alle Brutalitäten ertrug, denen er ausgeſetzt war; er ſoͤhnte ſich in kurzer Zeit ſo ziemlich mit ſeiner Lage aus, und er und ſein Freund Whitely, ſein unzer⸗ trennlicher Gefaͤhrte, beſchloſſen, ſich die Zeit ſo angenehm zu vertreiben, als es unter dieſen traurigen umſtaͤnden ge⸗ hen wolle. Goodman dachte gar haͤufig an Valentin, den er ſeinem Freunde Whitely genannt, und ſie beſchaftigten ſich häufig den ganzen Tag mit der Erfindung von Scenen, die er durch ſein Vermoͤgen hervorrufen koͤnnte. Dies war fuͤr ſie eine Quelle großen Vergnugens; ſie vergaßen dabei auf Stunden ihre Leiden, und lachten ſo herzlich, als waͤren ſie frei geweſen. Ihr Lachen jedoch wurde oͤfter von dem Gekreiſch einer weiblichen Perſon unterbrochen, die am Ende des Gartens zwiſchen vier Mauern von Backſteinen eingeſperrt ſaß.— Goodman hatte haͤufig den Wunſch geaͤußert, das arme verlorene Geſchoͤpf zu ſehen; und Whitely, dem einer von den Schließern gewogen war, überredete den letztern durch vieles Bitten, ihn und Goodman in eins der obern Zim⸗ mer mitzunehmen, von wo aus man den Aufenthalt jenes Frauenzimmers uͤberſehen konnte. der Bauchredner. 177 Aus dem wilden Geſchrei und den bittern Verwuͤnſchun⸗ gen ſchloß Goodman, die Bewohnerin jenes Hauschens ſei ein altes, zerlumptes Weib, das durch unmaßigkeit in einen Zuſtand der Raſerei gerathen. Man denke ſich daher ſein Erſtaunen, als er, ſtatt eines elenden, ſcheußlichen We⸗ ſens, ein ſchoͤnes Mädchen ſah, mit einer Haut, ſo rein wie Alabaſter, und Haaren, die in üppigen Locken auf ih⸗ ren Nacken herabhingen; ſie rannte umher, ſchrie, kreiſchte und ſtieß die gräͤßlichſten Fluͤche aus. „Großer Gott!« rief Goodman;» welch ein Anblick!« „Entſetzlich!« ſagte ſein Freund;»o, entſetzlich!« „Die Arme! mir blutet das Herz.. Hat ſie keine Freunde 7« „Verwandte hat ſie,« entgegnete Whitely;„ſonſt wäre ſie nicht hier.« „Aber ſie iſt wahnſinnig?6 „Ohne Zweifel; aber iſt das der rechte Weg, ſie zu heilen? Iſt es recht, daß ein junges Geſchoͤpf, wie dieſe, noch nicht mannbar und kaum achtzehn Jahre alt, zwiſchen vier Mauern eingeſchloſſen werde, und kein lebendes Weſen zu ſehen bekommt, außer dem Elenden, der ihr ihre Nah⸗ rung bringt, und ſie des Nachts auf ihrem Strohſack an⸗ kettet?... Iſt das nicht gradezu darauf berechnet, das Valentin Vor 1l. 12 178 Valentin Vor Uebel zu verſchlimmern? Aber ſie iſt ja auch nicht hicher geſandt, um geheilt zu werden!... Ewige Schmach uͤber ihre unnatuͤrlichen Verwandten!... ihr einziger Zweck iſt, ſie gefangen zu halten.« »Vielleicht aber,« meinte Goodman,„haben ſie Alles gethan, was in ihrer Macht ſtand, und fanden ſie un⸗ heilbar.« »Ihr Alter,« entgegnete Whitely,„widerſpricht ſolch einer Annahme. Ihre Krankheit kann ſich erſt im funfzehn⸗ ten oder ſechszehnten Jahre entwickelt haben, und jetzt iſt ſie noch nicht achtzehn alt.— Häͤtten ſie uͤberall ihre Hei⸗ lung gewuͤnſcht, ſo wuͤrden ſie ſie nicht hieher geſandt ha⸗ ben. Es iſt ſchauderhaft, ein liebliches junges Geſchöpf, in der Bluͤthe der Jugend und Schoͤnheit, ſolch einer ſchreck⸗ lichen Behandlung ausgeſetzt zu ſehen.« „Hoͤren Sie nur, wie wild ſie den Himmel anruft,« ſagte Goodman, vals ob ſie Huͤlfe von ihm erwartete.« „Ja, armes Kind, von dort, nur von dort kann Dir ja Huͤlfe kommen.« »Nun, Ihr Beiden! habt Ihr ſie genug beſehn?« rief der Waͤrter, indem er wieder in das Zimmer zuruͤckkehrte, in welchem er ſie, aus beſonderer Gunſt, einen Augenblick gelaſſen. der Bauchredner. 179 „Ich danke Euch, Johnſon,« ſagte Whitely, der den Kerl zu behandeln wußte.»Wie lange iſt das arme Maͤd⸗ chen ſchon hier?« »Etwa zwei Jahre.... Dort das Haus wurde fuͤr ſie gebaut.... Ein huͤbſches Plätzchen für eine einzelne Perſon, nicht wahr?... Uebrigens eine Hauptpatientin .. bezahlt mehr als irgend ein Anderer... und die Gelder gehen regelmaͤßig auf die Stunde ein.« „Und iſt ſie immer ſo heftig geweſen, wie jetzt?⸗ „Nein, zuerſt nicht; bald aber wußte ſie ihre Stimme zu gebrauchen.... Hat ſie nicht eine tuͤchtige Kehle?.. und ſchreien thut ſie in einem fort, denn ſie ſchläft nie, und das iſt das Schlimmſte. Ich glaube, ſie hat in dem letzten Jahre keine zwölf Nächte geſchlafen. Sie heult Tag und Nacht, und Nacht und Tag.« „Das iſt vermuthlich ihre Schlafſtelle?« forſchte er, in⸗ dem er auf die obere Seite des Haͤuschens wies, von wel⸗ chem ein Theil mit einem Dache verſehen war, und der andere nicht. »Ja, das iſt der Ort, wo ſie... ſchläft, haͤtte ich bei⸗ nahe geſagt aber es iſt vielmehr der Ort, wo ſie des Nachts nur angekettet wird.« Valentin Vor „Der Charakter ihrer Krankheit,« bemerkte Whitely, iſt vermuthlich ſehr furchtbar.« »O nein, es hat nicht viel zu bedeuten.... Sie will bloß einen Mann haben; da ſie aber nicht viel Ausſicht hat, hier einen zu finden, ſo wird ſie wohl noch lange hier bleiben muͤſſen.« In dem Augenblicke bemerkte das arme Maͤdchen ſie am Fenſter, und ihr Geſchrei wurde wahrhaft grauenvoll. Sie ſtreckte die Arme aus, und raſ'te, und lief in dem Ge⸗ mache umher, und ſuchte ſie zu faffen, und faltete die Arme, als ob ſie Jemand damit umſchlänge, und fing dann wieder furchterlich zu kreiſchen an. „Kommt,« rief der Wärter,»kommt mit; Ihr habt nun genug von ihr geſehen.».« Den ganzen Tag hindurch ſprachen die beiden Freunde von nichts, als von dem traurigen Schauſpiele, deſſen Zeu⸗ gen ſie geweſen waren, und als die Zeit kam, wo ſie in ihre Zellen getrieben wurden, trennten ſie ſich mit ſchwerem Herzen. Am folgenden Morgen jedoch war Goodman ein ganz anderer Mann geworden. Er war munter, ja ſogar hei⸗ ter, und als er ſeinem Freunde wärmer als gewohnlich die Hand druͤckte, lächelte er mit innerlicher Zufriedenheit. der Bauchredner. 18¹ Whitely freute ſich uͤber ſein verandertes Ausſehen. Er meinte, jener muͤſſe gute Nachrichten bekommen haben, und da er uͤberzeugt war, die Befreiung Goodman's wuͤrde die ſeinige nach ſich ziehn, befand er ſich die ganze Fruͤhſtuͤcks⸗ zeit hindurch in aͤußerſter Spannung. Als ſie in den Garten traten, lächelte Goodman aber⸗ mals. Da ergriff Whitely ſeine Hand, ſah ihn ſcharf an und ſagte: „Mein theurer Freund! Sie haben... etwas gehoͤrt.« „Nein,« ſagte Goodman, immer noch lächelnd,„nein.« „Nichts gehört?« rief Whitely, deſſen Hoffnungen mit einem Male verſchwanden.»Warum denn dieſes Lächeln?« „Weil ich an etwas gedacht habe,« verſetzte Goodman, „das vielleicht unſern Wuͤnſchen eben ſo ſehr entſpricht.« „Wirklich!« rief Whitely, deſſen Hoffnung ſich wieder belebte.»Was iſt es denn?« „Ich kann Ihnen vertrauen, und will mich daher er⸗ klären. Der ganze Plan iſt fertig in mir; ich habe faſt die ganze Nacht darauf verwandt... Es kann nicht fehl⸗ ſchlagen.«. „Aber was iſt's?.. was iſt es denn?« rief Whi⸗ tely ungeduldig. »„Ich faßte dieſe Nacht einen Plan,« ſagte Goodman, 182 Valentin Vor „der nur ausgefuͤhrt zu werden braucht, um uns frei zu machen.« „Ich merke ſchon,« ſagte Vhitely kopfſchuͤttelnd,»eine Flucht. Ach, mein Freund, das iſt unmöglich.« „Ich kann nicht anders,« ſagte Goodman,„ich muß es fuͤr moͤglich halten. Zuvoͤrderſt.. wie viele von die⸗ ſen Burſchen... dieſen Waͤrtern, ſind hier 2 »Sechs,« ſagte Whitely,»mit Einſchluß des Thuͤr⸗ huͤters.« »Sechs.. ſehr gut! und wie viele Patienten oder Gefangene giebt es hier, die vollkommen geſund ſind?⸗ „Dreißig vielleicht; doch wir wollen nur fünfundzwan⸗ zig annehmen.« „So laſſen Sie uns auch nur zwanzig annehmen.... Ich bin ein alter Mann, doch habe ich noch immer einige Kraft; Sie ſind viel juͤnger und ſtärker als ich, und ich könnte Ihnen Viele zeigen, die noch mehr Kraft haben, als Sie. Iſt es nun nicht abſcheulich, daß zwanzig oder fuͤnfundzwanzig muthige, kräftige Burſchen an ſolch einem Orte von einem halben Dutzend tyranniſcher Schurken ge⸗ fangen gehalten werden, die ſie im Nothfall binnen fuͤnf Minuten ſtranguliren koͤnnten!... Iſt es nicht abſcheulich, frage ich, daß wir, die wir Geſundheit und Kraft und das der Bauchredner. 183 Recht auf unſrer Seite haben, uns von einem halben Du⸗ tzend ehrloſer Knechte tyranniſiren und treten, und in Ket⸗ ten legen laſſen, wie das Vieh, wenn wir bloß durch die Anwendung der Kraft, welche wir beſitzen, unſte Freiheit erlangen konnen?« Mr. Vhitely ſchuttelte mit dem Kopfe, lächelte und ſeufzte dann, antwortete aber keine Sylbe. „Kommt es Ihnen denn, frage ich,« fuhr Goodman fort,»kommt es Ihnen denn nicht entſetzlich vor, daß fuͤnfundzwanzig Menſchen, die gleich uns aus der Geſell⸗ ſchaft weggeſtohlen wurden, fortwährend dieſer brutalen Behandlung ausgeſetzt bleiben ſollten, während ſie doch die Macht haben, ihre Ketten zu brechen?« »Allerdings,« ſagte Whitely,»allerdings iſt das ent⸗ ſetzlich. „Warum ertragen wir es denn laͤnger?« „Weil.. nun einfach darum, weil wir uns nicht helfen können, tieber Freund.« „Aber warum denn nicht? Was koͤnnte uns hindern, insgeſammt zu entfliehen, und zwar auf der Stelle?» »Sind Sie der Meinung,« bemerkte Whitely mit gro⸗ er Ruhe, daß wir Beide, Sie und ich, die ſechs Schließer 184 Valentin Vox uͤberwältigen können, wenn wir alle unſre Kraft aupbie⸗ ten?* »Wir allein?... Gewiß nicht. Selbſt Mann gegen Mann wuͤrden ſie uns uͤberlegen ſein Aber fuͤnfundzwan⸗ zig gegen ſechs!.... Bedenken Sie das nur.« »Ich habe es bedacht, mein werther Freund, habe es ruhig uͤberlegt, und bin zu dem Schluſſe gekommen, daß, wenn wir Beiden allein nicht die Schließer uͤberwaͤltigen koͤnnen, Ihr Plan wenigſtens fuͤr den Augenblick unaus⸗ fuhrbar iſt.„ „Aber warum denn?« »Weil wir allein auf uns rechnen duͤrfen, und nicht den geringſten Beiſtand zu erwarten haben. Unſre Leidens⸗ gefaährten ſind bereits ſo lange hiergeweſen, daß ihr Geiſt voͤllig entnervt iſt:— ſie haben nicht die Kraft, den mo⸗ raliſchen Muth, ſich mit uns zu verbinden. Theitten wir ihnen die Sache mit, ſo wuͤrden unſre Gruͤnde ihnen ohne Zweifel einleuchten, ja ſie wuͤrden ſogar die Wahrſcheinlich⸗ keit des Gelingens zugeben; zunaͤchſt aber wuͤrden ſie auf die Folgen eines Fehlſchlagens denken, und das allein wäre ſchon hinreichend, ſie zuruͤckzuſchrecken. Ich hatte an dem Tage, als ich hieher kam, denſelben Plan, und hielt ihn fuͤr eben ſo zuverläſſig, als Sie; doch brauchte ich nur einige —.— der Bauchredner. 185 zu ſondiren, um zu erkennen, daß jene, ſelbſt wenn ſie auch zu dem Verſuche bereit waͤren, grade in dem entſchie⸗ denſten Augenblicke mich verlaſſen wuͤrden. Sie haben den Muth dazu nicht, mein werther Freund,— glauben Sie mir, ſie haben den Muth nicht.« Goodman ſchwieg, war jedoch keineswegs von der Un⸗ ausfuͤhrbarkeit ſeines Planes uͤberzeugt. Da aber in dieſem Falle durchaus nichts uͤbereilt werden durfte, ſo ließ er die Sache fur einige Zeit fallen, mit dem feſten Vorſatze jedoch, Alles zu thun„um ſeinen Leidensgefährten hinreichenden Muth einzufloßen, daß ſielſich mit ihm und Whitely zur Flucht verbaͤnden. Valentin Vor Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Valentin beſucht den Ball der Victualien⸗ händler. In den Caffeezimmern der Taverne, in welcher Valen⸗ tin dann und wann zu Mittag ſpeiſ'te, ſah er einige Tage nach dem Vorfall bei den Phrenologen ein Placat, uͤber welchem die Worte ſtanden:»Aſyl der privilegirten Victualienhaͤndler,« und worin ein glaͤnzender Ball und ein laͤndliches Feſt angekuͤndigt waren. „Aſyl der privilegirten Victualienhaͤndler!« dachte Va⸗ lentin, dem gelehrt worden war, die privilegirten Victua⸗ lienhaͤndler mit Allem zu verbinden, was egoiſtiſch, habſuͤch⸗ tig und roh iſt.»Iſt es moͤglich, daß ſie ein Aſyl errich⸗ tet,— daß ſie es uͤber ſich vermocht haben, die Ungluͤckli⸗ chen, Bejahrten und Kranken zu unterſtuͤtzen?... und doch... warum ſollten ſie nicht?« Er hielt bei dieſer Frage inne und fand keine Antwort dafuͤr. Er konnte nicht ſagen, warum ſie nicht wohlthaͤtig ſein ſollten, und da er den Charakter jeder Menſchenclaſſe — der Bauchredner. 187 zu ſtudieren ſtrebte, mit welcher er in Beruͤhrung kam, ſo erſuchte er einen aͤußerſt corpulenten, ſehr gutmuͤthig ausſe⸗ henden alten Burſchen, der Niemand anders, als der Wirth ſein konnte, ihm eine Flaſche Wein zu bringen. »„Welcher Art iſt dieſes Pflegehaus?« fragte Valentin. »Ei nun, Herr,« entgegnete der Wirth, deſſen Name Broadſides war,»das, Herr, iſt das Victualienhändler⸗ Pflegehaus, von Victualienhaͤndlern errichtet, und zwar ein ganz vorzugliches.« »Das bezweifle ich nicht,« bemerkte Valentin;»allein welchen Zweck hat es?« »Nun, natuͤrlich, Herr, alten hinfaͤlligen Victualien⸗ haͤndlern einen ruhigen Aufenthaltsort zu bieten, und den finden ſie denn wirklich. Auch fuͤr ihre Kinder ſorgen wir.„die armen Dinger!.... Wir haben eine Schule fur ſie, deren ſich kein Edelmann im Lande zu ſchä⸗ men brauchte. Sie ſollten ſie nur ſehen, Gott ſegne ſie! wie glucklich ſie find.'s iſt eine wahre Herzensfreude, ſie zu ſehen, ja, eine Herzensfreude.« „Morgen giebt's einen Ball, wie ich ſehe?« „Natuͤrlich, Herr. Den haben wir jedes Jahr, und zwar geht's immer recht luſtig dabei her. Es wird Ihnen gefallen, wenn Sie nie dort waren. Haben Sie nichts 188 Valentin Vor Beſſeres vor, ſo rathe ich Ihnen, hinzugehn. Und der Zweck iſt ja ſo gut.« Valentin freute ſich uͤber den gefuͤhlvollen Ton,— in welchem der alte Herr ſprach, beſonders als er die Kinder erwaͤhnte; denn bei den Worten:»die armen Dinger!— Gott ſegne ſie!«ſtanden ihm die Thränen in den Augen, die er auch gar nicht zu verbergen ſuchte. „Wollen Sie hin?« rief Broadſides, indem er vertrau⸗ lich auf Valentin's Schulter ſchlug, als habe er ihn ſchon Jahre lang gekannt. »Ja, ich will!« rief Valentin, indem er ſich lächelnd die Schulter rieb. »Dann will ich Ihnen etwas ſagen. Ich mag Sie lei⸗ den; ich denke, Sie ſind eine ehrliche Haut, und darin ver⸗ rechne ich mich ſelten. Wenn Sie hingehn wollen, ſo gehn Sie mit mir, und Sie ſollen ein ſo gutes Glas Wein ha⸗ ben, als dort nur irgend zu haben iſt.« »Fuͤr den Wein muͤſſen Sie in dem Falle mich ſorgen laſſen,« ſagte Valentin.»Doch fuͤrchte ich, daß ich Je⸗ manden aus Ihrer Familie ſeiner Platzes berauben werde.« „Durchaus nicht! durchaus nicht!.... Meine Frau und die Maͤdchen gehn am zweiten Tage hin, weil.... Sie wiſſen ja.... das Geſchaͤft nicht leiden darf. Es ———— der Bauchredner. 189 wird mir daher eine herzliche Freude ſein, in Ihrer Geſell⸗ ſchaft hinzugehn.« Es ward beſchloſſen. Der Morgen kam und Valentin begab ſich zum Mr. Broadſides, der ihm mit der Wärme eines Freundes die Hand druͤckte, und ihn ſeiner Frau und ſeinen beiden Toͤchtern vorſtellte. Dann beſtiegen ſie, nach einem kleinen Imbiß, den Gig, und fuhren davon. Sobald der Wagen in Bewegung war, begann Broad⸗ ſides zu erzählen, ſprach zuerſt von ſeinem Pferde, dann von ſeiner Frau und ſeinen Toͤchtern, bis ſie endlich vor einem Wirthshauſe hielten, in welches er ſein Pferd brachte, und dann an Valentins Seite eine Straße entlang ging, die zu dem Pflegehauſe fuͤhrte. Schon in der Thuͤr bot ſich ihnen eine Scene der Hei⸗ terkeit dar. Broadſides wurde von allen Seiten umringt und begruͤßt, und fuͤhrte Valentin dann die Treppe hinauf, in einen Vorſaal, in welchem die Bilder und Namen derje⸗ nigen hingen, welche dem Pflegehauſe Schenkungen ge⸗ macht. »Das,« ſagte Broadſides, indem er auf ein wohlaus⸗ gefuͤhrtes Portrait an einem Ende des Zimmers wies,»das iſt der Gruͤnder der Anſtalt.« 190 Valentin Vor Valentin konnte der Verſuchung nicht widerſtehn; er ſchickte daher ſeine Stimme in das Portrait und ſagte: „Wie geht es Dir? was machſt Du?« Broadſides fuhr zuruͤck, und der Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes war ungemein komiſch. „Hoͤrten Sie nicht?« rief er, indem er den Arm Va⸗ lentins ergriff, der ihm erwiederte, er habe wirklich etwas gehoͤrt. „Etwas!« fuhr jener fort.»Es iſt das Bild!« „Erſchrick nicht!« ſagte Valentin, abermals aus dem Bilde heraus, und der Gruͤnder ſchien zu lächeln, als Broadſides nickte, letzteres jedoch auf eine Art, die deutlich zeigte, daß er aus dem Allen nicht klug werden koͤnne. „Bowles! Bowles!« rief Mr. Broadſides, indem er den Arm eines Freundes ergriff, der eben eingetreten war. „Ich ſage, da!.... ſieh das Bild an!.... Eben hat es geſprochen!... 4 „Was hat es?« rief Mr. Bowles mit ungläubigem Lächeln. »„Geſprochen!« entgegnete Broadſides, und Mr. Bow⸗ les lachte herzlich. „So wahr ich hier ſtehe, es hat geſprochen. Ich habe es ſo deutlich gehört, als ich jemals etwas hoͤrte.« der Bauchredner. 191 „Was iſt Dir, Du alter Narr?« fragte Mr. Bowles. „Haſt Du ſo fruͤh ſchon Dir einen Kleinen angeraucht? Was ſteckt Dir denn im Kopfe?« »Sag' was Du willſt. Ich horte das Bild ſo deutlich ſprechen, wie Fleiſch und Blut!« „Wie wäre das moͤglich!« »Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß es geſprochen hat, und das iſt mir genug.« Bowles ſchlug Mr. Broadſides auf den Ruͤcken, und ſagte ihm in den freundſchaftlichſten Ausdruͤcken, er ſei durch und durch ein alter Affe, und ſetzte hinzu, ſie wuͤrden ſchon noch einmal wieder zuſammentreffen. »Die kurioſeſte Geſchichte, die mir jemals vorgekommen iſt,« ſagte Mr. Broadſides, als Bowles das Zimmer verlaſſen. »Keineswegs,« ſprach Valentin, aus dem Bilde her⸗ aus;»haſt Du nie von einem lebenden Bilde gehoͤrt?* Der Gedanke an ein lebendes Bild ſchien Mr. Broadſi⸗ des Licht zu geben. Schon oft hatte er von lebenden Bil⸗ dern gehoͤrt, bisher aber nicht gewußt, welcher Art von Bildern dieſe Bezeichnung rechtmaͤßig zukäme. Jetzt nun glaubte er im Klaren zu ſein, und, obſchon er nicht grade zitterte, ſo war ihm doch etwas ſonderbar zu Muthe. 192 Valentin Vor »Sie haben ihn gekannt?« fragte Valentin, der ſehr erſtaunt that. »Gekannt!« antwortete Broadſides.»Er und ich, wir waren Buſenfreunde, und haben manche Flaſche Wein zuſammen ausgeſtochen!« 3 »„Nun, ſo haben Sie ja keine urſache, ihn zu fuͤrch⸗ ten!« »„Ich— ihn fuͤrchten!« rief Broadſides.»Er wuͤrde mir kein Haar kruͤmmen. O, das iſt es nicht.... was mich ſo anpackt, es iſt nur die Sonderbarkeit dieſes Vorfalls.« Und Mr. Broadſides ſetzte ſich nieder und ſahe das Portrait an, bis es voͤlliges Leben zu bekommen ſchien. »Nun, ſollen wir einmal zuſehn, was ſie unten ma⸗ chen 2« fragte Valentin. „Ja. ja wohl!« antwortete Mr. Broadſides, deſ⸗ ſen Augen noch immer auf das Portrait geheftet waren. „Ja! das Einzige, ſehen Sie, was mich in Verle⸗ genheit ſett, iſt, daß es nicht ſeine Stimme iſt;«— ein natuͤrlicher Umſtand, da Valentin den Gruͤnder nie hatte ſprechen hoͤren.»Doch ich vermuthe, daß Geiſter nicht in denſelben Tonen ſprechen, wie regulaires Fleiſch und Blut.⸗ „Einen fröhlichen Tag!« rief Valentin, abermals aus dem Bilde heraus. der Bauchredner. 139 »Gott ſegne Dich! guten Tag!« ſagte Mr. Broadſi⸗ des, der, nachdem er noch einen Blick darauf geworfen, Valentins Arm ergriff und aus dem Zimmer ging. Als Broadſides ſich etwa auf der Mitte der Treppe be⸗ fand, fiel ihm wieder ein, daß die Sache doch wirklich hoͤchſt ſonderbar waͤre. Er blieb daher ſtehen, blies ſeine Backen auf, ſah Valentin ſehr ernſt an, und ſagte:»Wahr⸗ lich, dies iſt ohne allen Zweifel der ſonderbarſte Vorfall, der mir je in meinem ganzen Leben vorgekommen iſt;« und nachdem er dieſe aͤußerſt bemerkenswertheEmpfindung geäußert, ſtieg er mit Valentin gemächlich hinab. Als ſie das Ende des Ganges erreichten, der durch das Gebaͤude fuͤhrte, fand Valentin, daß, obgleich die Feſt⸗ lichkeit auf die Front des pflegehauſes beſchraͤnkt war, der Hauptanziehungspunct jedoch hinten ſei; hier befand ſich ein geraͤumiger Grasplatz, dicht gedrängt voll von buntge⸗ kleideten Perſonen, die ſehr glucklich ausſahen, während ſich am Ende des Raſenplatzes mehrere huͤbſche Zelte befan⸗ den, die in ihrem gleichmäßigen Aeußern eine allerliebſte Wirkung machten. »In der That, das uͤbertrifft meine Erwartung,« ſagte Valentin, indem er auf die glänzende Scene wies. „Ja,« ſagte Brondſides,»ja, allerliebſt. ganz Valentin Vox. 1l. 13 194 Valentin Vor allerliebſt! aber das Bild... es will mir nicht aus dem Kopfe.« »Laſſen Sie doch das Bild in Ruhe,⸗ bemerkte Va⸗ lentin.»Dieſes Zelt iſt ſehr einladend.« Sie traten hinein. »Gut,« ſagte Mr. Broadſides,„Laſſen Sie uns fruͤh⸗ ſtuͤcken.... He, Aufwärter! Was giebt es heute?« und ein kleiner ſchielender Burſche, ein Seitenſtuͤck von Fieschi, und bei dieſer Gelegenheit als Aufwaͤrter fungirend, ant⸗ wortete: „Tauben, Herr... Schinken, Herr... Tauben und Schinken, Roaſtbeef, Schinken und Roaſtbeef, Herr, S und gebratene Enten.« Gebratene Tauben und Schinken fuͤr zwei Perſonen wurde beſtellt, und bald darauf ein Stuͤckchen Schinken nebſt ei⸗ nem Stuͤck Taube ihnen vorgeſetzt. „Was ſoll das heißen, daß Ihr uns dieſe beiden Fetzen bringt?« rief Mr. Broadſides, indem er voll Unwillen ſeine Gabel in eins der Stuͤcken ſteckte, um es genauer zu betrachten. »Sie beſtellten zwei Portionen Tauben und Schinken, Herr!« entgegnete der Aufwaͤrter. „Nennt Ihr das Tauben und Schinken fur zwei Per⸗ der Bauchredner. 195 ſonen?... Bringt uns eine ganze Taube und hinreichen⸗ den Schinken, und nicht zwei ſo erbärmliche Schnitte.« Ficschi ſah wo moͤglich noch finſterer aus und brachte bald etwas, daß man allenfalls eine Taube nennen konnte, nebſt dem gewuͤnſchten Schinken. „Und habt Ihr denn jetzt wohl eine Flaſche,« fragte Broadſides,»die ſich trinken läßt?⸗ „Von dem beſten, Herr?« fragte Fieschi. „Ja, bringt uns eine Flaſche von dem anſtändigſten, den Ihr habt!. verſtanden?« In Folge deſſen ward eine Flaſche Sherry gebracht, die aber Broadſides kaum gekoſtet hatte, als er ploͤtzlich zu ſpeien und zu ſchnauben begann, und ein ſo ſonderbares Geſicht machte, daß Fieschi meinte, er habe ſich vergriffen und eine Flaſche Weineſſig gebracht. »Nennt Ihr das Wein?« rief Broadſides, indem er noch immer mit bedeutender Energie ſpie und ſchnob. »Bitt' um Entſchuldigung,« entgegnete Fieschi, indem er den Kork an die Naſe hielt,»es riecht doch wie Wein, mein Herr 4 »Riecht wie Wein ka entgegnete Broadſides verachtlich. „Das läßt es wohl bleiben. Sogar ein Elephant koͤnnte das Delirium davon bekommen. Beſtellt Eurem Herrn ein 196 Valentin Vor Compliment, und ſagt ihm, mein Name ſei Broabſides, und wenn er mir nicht eine etwas beſſere Flaſche ſenden könne, ſo moge er ſie nur behalten und lieber ſelber trin⸗ ken.— Dieſe laßt nur hier, da ſie einmal offen iſt, und holt nun einmal eine, die fuͤr einen chriſtlichen Magen paßt!!... Haben Sie je ſolchen Wein geſchmeckt!« fuhr er zu Valentin gewendet fort, der den Wein fuͤr recht gut hielt und ſich demgemaͤß ausſprach; aber Broadſides er⸗ klärte, daß er, wenn er je einem ſeiner Kunden ſolchen Wein vorſetzte, ſich den Hals abſchneiden wuͤrde. Der Name Broadſides ſchien auf Fieschi's Herrn eine große Wirkung zu machen; denn dieſer ſandte nicht nur eine Flaſche Wein, die Broadſides Beifall fand, ſondern hatte Fieschi auch aufgetragen, die andere Flaſche zuruͤck⸗ zunehmen. Dieſe Freigebigkeit machte dagegen wieder einen großen Eindruck auf Broadſides, der die letzte Flaſche pries, ehe er ſie noch gekoſtet hatte, und Fieschi ſagte, er moge die andere nur dalaſſen. Fieschi dagegen beſtand ehrerbietig darauf, den Befehl ſeines Herrn zu erfuͤllen, und Brvad⸗ ſides wiederum darauf, daß Fieschi's Herr, ſobald er einen Augenblick uͤbrig habe, kommen und ein Glas mit ihnen trinken muͤſſe. „Huͤbſch!.. recht huͤbſch!. ſagte er dann; der Bauchredner. 107 „aber mein Seel, dem, was ich in meinem Keller habe, kommt es doch nicht gleich! was freilich auch nicht zu erwarten iſt.« Als Valentin und Broadſides ihr Mahl beendet, kam Mr. Bowles mit drei außerordentlich rothnäſigen Freunden in das Zelt, denen Broadſides, obgleich er ſie recht wohl kannte, als der Mann vorgeſtellt wurde,»der das Bild hatte ſprechen hoͤren.« Mr. Bowles und ſeine Freunde lachten herzlich, und baten Jenen dann, mit ihnen auf den Tanzplatz zu kom⸗ men. Hier ward Valentin zwei ſchon herausgeputzten Damen vorgeſtellt, von denen die eine außerordentlich kurz und fett war, die ändere dagegen ſich durch ſkelettartige Eigenſchaf⸗ ten auszeichnete. Auch ſie wurde Valentin vorgeſtellt, die kurze fette Dame als die Frau eines der Freunde, und die duͤnne als Miß Amelie Spinks. „Wir ſind im Begriff, ein Tänzchen zu machen,« ſagte der rothnaſige Ehemann;»wollen Sie theilnehmen?« »Mit Vergnuͤgen,« entgegnete Valentin, indem er in die kleinen lachenden Augen der kurzen fetten Dame ſah, die mechaniſch ihren Arm aus dem ihres Gemals nahm, während Valentin ihr eben ſo mechaniſch den ſeinigen bot. 198 Valentin Vor So ſchritten ſie über den Raſen, erreichten den Tanz⸗ platz, bezahlten die Entree, und traten ein. Obgleich es hier entſetzlich heiß war, ſo bat Valentin die kurze fette Dame doch um den naͤchſten Tanz. »O, mein Lieber,« ſagte die Dame,»wird etwa ein Contretanz getanzt werden?« Das wuͤnſchte Valentin unter dieſen umſtaͤnden keines⸗ wegs, und freute ſich, als er hoͤrte, daß Contretänze hier nicht getanzt wuͤrden. Er erfuhr dagegen, daß ein ſpani⸗ ſcher Tanz an der Reihe ſei, theilte dieſes der Dame mit, und bot ihr die Hand.. Die Herren klatſchten nun in die Hände, um den Mu⸗ ſikern, die wie Stiere ſchwitzten, das Signal zum Anfangen zu geben, und der Tanz begann. „Ich hoffe,« ſagte ſie, als ſie die Tour durchgemacht hatten und unten am Ende ſtanden,»wir kommen noch einmal an die Reihe... es war ſo ſchoͤn!«— Aber zum ungluͤck fur ſie hoͤrte die Muſik im naͤchſten Augenblicke auf, und der Tanz war zu Ende. Dennoch war ſie ganz entzuͤckt, und voͤllig ͤberzeugt, daß es auf der Welt keinen beſſern Tänzer gäbe, als Valentin. Auch Valentin war ſehr gluͤcklich, und der rothnaͤſige der Bauchredner. 199 Herr war ſehr gluͤcklich, und Alle waren ſehr gluͤcklich, und lachten herzlich und waren guter Dinge. »Da,« ſagte der Gemahl, indem er ſein Glas Grog hinhielt,»trinken Sie, mein Herr ich freue mich, in Ih⸗ nen einen Freund Mr. Broadſides kennen zu lernen, und Sie verdienen es, Herr, Jedermanns Freund zu ſein. trinken Sie!« Valentin nippte. Er war der Meinung, ein Glas Li⸗ monade wuͤrde nach ſolcher Strapaze ihm beſſer thun, und waͤhrend er ging, um ſolche fur ſich und die Damen zu holen, waren dieſe außer ſich vor Verwunderung uͤber ſein liebenswürdiges Benehmen. Der naͤchſte Tanz war eine Ecoſſaiſe, und Valentin mußte abermals mit der kurzen fetten Dame tanzen. Die Muſik begann. »Haͤnde gekreuzt, wieder an die Stelle zuruͤck!« rief ein Mann, der als Ceremonienmeiſter mit einer ſo auffal⸗ lenden Stimme ſeine Anordnungen machte, daß Valentin nicht umhin konnte, dieſelbe nachzuahmen. Die erſte Figur war zu Ende, und die kleine fette Dame, die ſich ohne Valentin's Leitung keinen Zoll weit bewegte, ganz gluͤcklich hindurchgekommen; eben aber, als die zweite Figur begin⸗ nen ſollte, rief Valentin mit der Stimme des Ceremonien⸗ 200 Valentin Vor meiſters:»LEté!« und diejenigen, welche ihn grade hoͤr⸗ ten, begannen trotz des Ceremonienmeiſters, der:»Falſch! nein! nein!« rief, dieſe Tour zu tanzen. Der Irrthum wurde nach einer kleinen Verwir⸗ rung berichtigt, und ſie avancirten und retirirten vor⸗ trefflich; als aber die Promenade kam, rief Valen⸗ tin:„Chassez! avancen!« und diejenigen, welche ge⸗ horchten, tanzten auf die Promenirenden abſichtlich los, denn ſie wußten, daß ſie es recht machten, und die Veruͤh⸗ rung war ſo heftig, daß im Augenblick wenigſtens funfzig Paare am Boden lagen. Die Verwirrung wurde entſetzlich und das Geſchrei und Gelächter betäubend; Valentin jedoch brachte ſeine kleine Tänzerin gluͤcklich in Sicherheit; denn da er vermuthete, was geſchehen wuͤrde, faßte er ſie un den Leib und trug ſie in die Mitte, wo ſie den Tumult ungeſtoͤrt betrachten konnten. Die gefallenen Paare rafften ſich naturlich bald wieder auf, und, als ſie aufgeſtanden, war das Abſtäuben von Seiten der Herren, und das Erröthen von Seiten der Da⸗ men ohne Gleichen, während die Muſiker, die Augen feſt auf die Noten geheftet, fortarbeiteten, als ſei gar nichts vorgefallen, bis das Stuͤck zu Ende war. „Warum riefen Sie denn„chassez-croisez?« riefen ——— ——ÜHG%Y— der Bauchredner. 5 201 mehrere Herren im Tone des Vorwurfs.»Wir machten es ganz recht, bis Sie dazwiſchen kamen.« Der Ceremonienmeiſter verſicherte dieſen Herren, einzeln und im Ganzen, daß er das gar nicht gerufen habe; es muͤſſe Jemand anders geweſen ſein. Valentin hielt es fuͤr unrecht, den klaren Strom ihres Vergnuͤgens nochmals zu truͤben. Er ließ ſie daher ruhig alle vorgeſchriebenen Figuren durchmachen, und tanzte mit der kurzen fetten Dame, zu ihrer und ihres Mannes Freude, ſo viel, daß, als der Tanz zu Ende war, ihr Ver⸗ gnuͤgen keine Grenzen kannte. Sie waren gegen Valentin ſo dankbar, und ließen ihn ſo ſehr fuͤhlen, daß das größeſte Vergnugen darin beſtehe, Andern Vergnugen zu machen, daß es ihm wirklich Freude machte„ auch die andern Taͤnze mit der Dame zu tanzen, obgleich ſie ihn tuͤchtig mitnahm, bis er endlich, nach zehn uhr, ſich beurlaubte, und ſich nach Mr. Broadſides umſah. Er erfuhr, daß derſelbe, nachdem er lange Zeit an allen Orten nach ihm geſucht, vor zehn Minuten mit Mr. Bowles aufgebrochen ſei. Er verließ daher ſogleich den heitern Ort, und machte ſich, da kein Fuhrwerk mehr zu haben war, zu Fuße auf den Weg nach der Stadt. Noch „ 202 Balentin Vor war er indeß nicht weit gekommen, als er an eine Stelle gelangte, an deren einer Seite offenes Feld, und an der andern eine Reihe Häuſer war, die indeß eine Strecke vom Wege entfernt lagen. Alles war finſter und ſtil, und kam ihm zumal ſo vor, da er eben erſt den Lärm und Glanz des Balles verlaſſen hatte. Ohne ſich jedoch aufzuhalten, ſchritt er raſch vorwärts, und hatte eben das Ende dieſes Feldes erreicht, als zwei Kerle dicht vor ihm ſtanden. Er konnte ſie nur undeutlich ſehen, hoͤrte ſie aber außerordent⸗ lich deutlich rufen:»Ihr Geld oder Ihr Leben!« »Ahalv murmelte Valentin;»iſt es ſo gemeint?« und er zog ſich zuruͤck, um ungehindert ausſchlagen zu koͤnnen; aber als haͤtten ſie ſeine Abſicht erkannt ergriffen ihn die Kerle ſogleich, und einer von ihnen, der ihm etwas an den Kopf hielt, was, da er es nicht zu unterſcheiden vermochte, eben ſo gut die Muͤndung einer Piſtole, als ein Stock ſein auch die Uhr!« Valentin war durchaus nicht gewillt, ſeine Uhr oder ſein Geld herzugeben. Als er daher ſah, daß die Kerle außerordentlich ungeduldig waren, und gewiß nicht warten wuͤrden, bis er einen Freund um Rath gefragt, rief er, indem er ſeine Stimme eine Strecke zuruͤckſandte:„Hier der Bauchredner. 203 ſind ſie!.. hier ſind die Schurken!.... Nehmt ſie feſt!« Augenblicklich ließen die Kerle ihn los und drehten ſich mit außerordentlicher Schnelligkeit um, und grade als der letzte von ihnen fortſprang, beſchenkte Valentin ihn mit ei⸗ nem Souvenir das große Aehnlichkeit mit einem Piebe hatte, und erreichte dann ohne weitere Beſchwerde ſeine Wohnung. Valentin Vox Sechsundzwanzigſtes Capitel. Valentin beſucht die Londoner Docks, und ein Malheur. Valentin beſuchte aus Hoͤflichkeit am andern Morgen Broadſides, und fand dieſen Herrn„wie er ſich der eheli⸗ chen Operation unterzog, ſeine Ohren von der liebenswür⸗ digen Mrs. Broadſides zerreißen zu laſſen, weil er von dem Balle etwas zu ſehr erheitert zurückgekehrt ſei. Als Valentin jedoch dem Fenſter voruͤberging, fuhlte Broadſides einige Erleichterung, indem er den ganzen Morgen ſchon auf den Eintritt eines Freundes gewartet hatte, deſſen An⸗ weſenheit der Zunge ſeiner Frau doch wohl Zuͤgel anlegen wuͤrde. Er ſprang daher auf, ergriff Valentin's Hand, und ſagte ihm, er wäre ein ſchöner Kerl, daß er geſtern Abend fortgelaufen ſei; dann nothigte er ihn zum Sitzen, und fragte, wie er ſich befände. »O, er iſt anders, als gewiſſe Leute,« warf Mrs. Broadſides hochſt ſarkaſtiſch ein.„Er kann einen ganzen Tag lang dem Vergnügen nachgehn, ohne ſich zum Vieh der Bauchredner. 205 zu machen, und das iſt mehr, als gewiſſe Leute können.« Dabei ſah ſie ihren Mann giftig an, warf einen Kork hef⸗ tig zu Boden, und fing dann an, ein enormes Loch in Mr. Broadſides Struͤmpfe zu ſtopfen. „Sie ſind doch gut nach Hauſe gekommen?« fragte Valentin. „Gut?« rief die Dame.»Er kommt nie gut nach Hauſe. Wohin er auch gehen mag, immer kommt er we ein Vieh nach Hauſe. Es iſt mir unbegreiflich, daß die Maͤnner nie ausgehen koͤnnen, ohne ſich toll und voll zu trinken. Wenn ich nun auch ausginge, und dann eben ſo, wie Du, nach Haus käme?« „O, das wäre etwas ganz Anderes,« bemerkte Bro⸗ adſides. »Durchaus nicht! Das mußt Du mir nicht weißma⸗ chen! Wir haben eben ſo viel Recht, uns zu betrinken, als Ihr. Es iſt um kein Haar ſchlimmer. Der unterſchied liegt bloß darin, daß man es nicht glauben will.« Mr. Broadſides ging hinaus, um in der Küche nach den Toͤpfen zu ſehn. Valentin that, als ob er im Calender laſe. Plötzlich ließ er dicht hinter der Wirthin ein:»Run, das iſt mir 206 Valentin Vor eine Fantippe!« ertoͤnen. Mrs. Broadſides drehte ſich um und zankte mit dem Aufwaͤrter. »Nein! nein!« entgegnete dieſer,»ich bin es nicht ge⸗ weſen.« »Aber wer denn ſonſt? Das mochte ich doch wiſſen?« rief die Dame, aber der Aufwärter konnte es ihr nicht ſagen. Er ſah ganz verlegen aus, nicht minder die Wir⸗ thin, die endlich meinte, er waͤre es doch wohl nicht gewe⸗ ſen, aber doch zu deutlich gehoͤrt hatte, daß irgend Jemand geredet habe. Da rief Valentin, welcher noch immer zu leſen ſchien, in einem tiefen, hohlen Tone, der ſich immer mehr zu entfernen ſchien:»Leb' wohl! behandele ihn beſ⸗ ſer. Er iſt freundlich mit Dir! 8. ſei es auch mit ihm.« Mochte nun das zarte Gewiſſen der Dame erwacht ſein, oder hielt ſie es fuͤr unmoͤglich, Broadſides beſſer zu behandeln, oder wollte ſie ihn in dem geſegneten Zuſtande der Unkenntniß einer beſſern Behandlung laſſen:— als Mr. Broadſides zuruͤckkehrte, ſagte ſie ihm von dem gan⸗ zen Vorfalle kein Wort. Doch daß die Sache einen Ein⸗ druck auf ſie gemacht haben muͤſſe, konnte man daraus abnehmen, daß ſie auf Mr. Broadſides Frage, ob ſie mit den Maͤdchen nach dem Feſte gehen wolle, antwortete: der Bauchredner. 207 „Ach, lieber Mann, wenn ich nicht hinkomme, ſo ſchadet es nichts.« „So iſt es recht, mein gutes altes Weibchen!« rief Broadſides, wie electriſirt.»Ich habe Dich ſo gern, wenn Du freundlich und gluͤcklich biſt!« Und er belohnte ſie mit einem ſo ſchallenden Kuſſe, daß man ihn mitten durch einen Sturm hindurch gehoͤrt haben wuͤrde. »Wie lange wirſt Du denn ausbleiben?« fragte die Dame. »Poͤchſtens ein Paar Stuͤndchen. Aber warte nicht auf mich; ſetze Dich nur gleich in Schuß und mach Dich auf den Weg. Ich will ſchon Alles beſorgen.... Ich gehe nach den Docks,« fuhr er zu Valentin gewendet fort. »Vermuthlich waren Sie noch nicht dort? Was meinen Sie, wenn Sie mich begleiteten?« Valentin willigte ein. Mrs. Broadſides verließ das Schenkzimmer und der Aufwaͤrter trat an ihre Stelle. „Das beſte Weib von der Welt,« bemerkte Broadſides. »Vollkommen iſt Keiner; aber wenn ſie ihre verdammte Hitze ablegen koͤnnte, waͤre ſie die Vollkommenheit ſelbſt.« Mr. Broadſides gab nun ſeinen Leuten noch einige Be⸗ fehle, und brach dann mit Valentin auf. Sie ſtiegen in einen Omnibus, der ſo baufaͤllig war, daß er, wie Broad⸗ 208 Valentin Vor ſides richtig bemerkte, in Granatbischen zerſchmettert wer⸗ den wuͤrde, wenn es dem Pferde einfiele, hinten aus zu ſchlagen. Sie ſaßen jedoch vollkommen ſicher, denn ſie be⸗ fanden ſich hinter einem jener frommen Thiere, die kaum noch ein Fuͤnkchen Leben in ſich haben, obgleich es ſie in etwa einer halben Stunde an den Eingang der Londoner Docks brachte. »Da ſind wir,« ſagte Broadſides, als ſie durch das Thor gingen, wo gewiſſe Officianten jeden Hinausgehenden ſcharf auf das Korn nahmen.»Das ſind die Sucher, die alle Arbeiter unterſuchen, ehe ſie nach Hauſe gehn... Das gefaͤllt mir nicht; denn es iſt eine Behandlung, als ob man ſie alle fuͤr Diebe hielte.« Sie gingen weiter, und Broadſides wies, nachdem ſie an einer Menge von Kaufläden mit Koͤrben, Tonnen ꝛc., voruͤbergegangen waren, auf eine Kellerthuͤr, durch welche man ganze Reihen von Fäſſern ſah. »Die ſind wohl leer?« fragte Valentin, als ſie den Eingang betraten. „Leer!. Voller Wein, Herr voll, Herr! durch die Bank voll. Aber das iſt noch nichts gegen das, was Sie unten ſehen werden. Unten in den Gewoͤlben lie⸗ gen wenigſtens hundert tauſend Pipen. Die Zinſen des d Bauchredner. 209 Capitals betragen wenigſtens hundert und zwanzig tauſend Pfund Sterling, und der Werth ſelbſt, wenn wir die Pipe im Durchſchnitt zu fuͤnfundvierzig Pfund rechnen, nahe an funf Millionen!.. funf Millionen, Herr!... Was ſa⸗ gen Sie dazu?« Valentin meinte, das ſei enorm, und Broadſides be⸗ merkte, England koͤnnte nicht erobert werden, ſo lange es ſolch einen enormen Vorrath an Wein beſaͤße.»Was,« ſagte er,„hat die brittiſche Nation ſo glorreich gemacht? Was hat unſere Generale und Admirale ſo ſiegreich ge⸗ macht?... Wein, Herr, Wein, und nichts als Wein! „Wein, Herr, geſund wie eine Nuß! Das iſt ſo meine Meinung.«— und das Ausſprechen dieſer Meinung hatte ihn in ſolche Hitze gebracht, daß er lange Zeit am Ein⸗ gange des Gewoͤlbes ſtehn bleiben mußte, den Hut in der Hand, um ſich abzukuͤhlen. »Licht!« rief ein Mann, als ſie hinabſtiegen; und zwei ſehr oͤlige Perſonen ſtockelten die Dochte von zwei runden Lampen in die Höhe, die ſich auf etwa zwei Fuß langen Stäben befanden; denn es war Gebrauch, iedem Eintretenden ein ſolches Licht in die Hand zu geben.— Broadſides zog nun einige Papiere hervor, und als er ſie zu ſeiner und des dienſthabenden Aufſehers Zufriedenheit ar⸗ Valentin Vox U. 14 Valentin Vor 210 rangirt hatte, ward ein Kuͤper gerufen, der ſie an den weitberuͤhmten Ort brachte, der, nach Broadſides Dafuͤr⸗ halten, hundert tauſend Pipen der Eſſenz des Ruhmes Großbrittanniens enthielt. Valentin war anfangs nicht im Stande, irgend etwas Anderes genau zu erkennen, als die Lampen, welche ſich in verſchiedenen Theilen des Gewoͤlbes befanden; aber Broad⸗ ſides, der den Platz ſchon kannte, litt durch die Dunkelheit weniger. „Wie lang iſt die Eiſenbahn in dieſen Gewoͤlben?« fragte Broadſides den Kuͤper, indem er auf die in der Mitte jedes Durchgangs befindlichen eiſernen Schienen wies, welche zur Erleichterung des Fortrollens der Faͤſſer ange⸗ bracht waren. „Neunundzwanzig Meilen,« antwortete der Kuͤper. »Reunundzwanzig Meilen.. l« rief Valentin erſtaunt. »„So iſt es, Herr, und kein Fuß druͤber oder drunter. Hier werden wir ſie finden,« fuhr er fort, als ſie ein Ge⸗ wölbe erreichten, in welchem ſich einige von den Weinen befanden, die Broadſiedes zu koſten wuͤnſchte.»Dies iſt Nr. 1,« ſagte der Kuͤper, der vorausgegangen war, und jetzt mit einem Bierglaſe voll Wein zuruͤckkam. Broadſides faßte das Slas unten an, hielt es gegen der Bauchredner. 211 das Licht, ſchuͤttelte es dann ein wenig, roch darauf, koſtete es, ſpie es wieder aus, machte dann ein ſeltſames Geſicht, und ſagte:»Das iſt nicht das rechte; geh' nur gleich nach Nr. 6.« Es ward daher ein Glas von Nr. 6 gebracht, und als er dieſes geſchuͤttelt, berochen und gekoſtet, nannte er es das»ſchaͤndlichſte Gift von der Welt.« Broadſides ging nun ſelber mit, um eine andere Sorte zu probieren. Waͤhrend dem ſah Valentin eine lange dun⸗ kele Geſtalt auf eine Weiſe hinter ſich hergehn, die ihm ge⸗ heimnißvoll vorkam, und ihn veranlaßte, dem Kuͤper und Broadſides ſich zu naͤhern. „Eben ging eine lange Geſtalt voruͤber,« ſagte er zu dem Kuͤper.»Wer war das 2« »Einer der Waͤchter. Sie gehn in der Dunkelheit ein und aus, um danach zu ſehen, daß Keiner zweimal bezahlt. Sie werden ihn noch oͤfter ſehen.« »Schon gut,« dachte Valentin;»ſehe ich ihn, ſo will ich ihn ſchon auf die Beine bringen,« und ſah, waͤhrend der Kuͤper den Heber in ein Faß ſteckte, aufmerkſam in dem Gewoͤlbe umher. s Sie davon halten.« 212 Valentin Vor Valentin koſtete, und fand den Wein ſo vortrefflich, vaß er faſt unbewußt das ganze Glas leerte. „Das ſchmeckt doch noch wonach, nicht wahr? Das iſt es, was ich einen Wein nenne! Geſund wie eine Ruß. Gieb uns noch ein Glas.« Ein zweites Glas ward geholt, und waͤhrend Broadſi⸗ des es gegen das Licht hielt, ſchuͤttelte, roch, koſtete, ausſpie und es alle Arten von Manoeuvres paſſiren ließ, ging der Waäͤchter abermals voruͤber. »Hſch!« rief Valentin, indem er ſeine Stimme zwi⸗ ſchen den Fäſſern hervorkommen ließ;»er iſt da!« Der Wächter ſtand ſtill, und geſtattete ſich kaum, zu athmen. Er war ein aͤußerſt vorſichtiger Mann und hieß Job Scroggins. Statt daher wie ein Narr auf den Ort zuzuſtuͤrzen, gebot er mit der Hand Stilſchweigen, und ſuchte mit großer optiſcher Energie das tiefe Dunkel des Gewoͤlbes zu durchdringen. In der Richtung, von wo die Stimme kam, war Alles ſchwarz, rabenſchwarz, ſo daß man nichts unterſcheiden konnte. Zwanzig Mann hätten dort unbemerkt trinken koͤnnen. Scroggins machte daher ſeinen Angriffsplan, und fliſterte dem Küper leiſe zu:»Wenn Ihr hier ſtehn bleibt, ſo faſſen wir ſie,« und ſchlich ſich verſtohlen nach der gegenüberliegenden Seite des Gewoͤlbes. der Bauchredner. 2¹3 Das wuͤnſchte Valentin eben. Er wollte nur den Ver⸗ dacht des Wächters erregen, um dann ſein Spiel fortzu⸗ ſetzen. Job Scroggins war daher kaum angelangt, als Valentin in ſeiner Nähe ein leiſes Gefliſter ertonen ließ, des Inhalts, Job ſei ein Narr, daß er nicht hinter die Fäſ⸗ ſer gehe. »Hallo!« rief Scroggins mit einer Donnerſtimme als er den leiſen Ausdruck jener freundſchaftlichen Geſinnung hoͤrte. »Verkriech Dich!« rief Valentin leiſe,„ſie faſſen uns ſonſt.« »Palloh!« rief Job Scroggins abermals mit aller Energie, die ihm zu Gebote ſtand.»Was macht Ihr da! Hoͤrt Ihr?« »Hſch!« ſagte Valentin.»Hſch!.... kein Wort!« »O, ich hoͤre Euch wohl!. Nur heraus mit Euch!. Hier, Jones!« »Halloh!« rief Jones;»was wollt Ihr hier?« „Hierher!« rief Scroggins.»Geſchwind! geſchwind! hierher! Nr. 9!.... Wollen Euch ſchon kriegen!« Und er raͤumte mehrere im Wege ſtehende Geraͤthe zur Seite, wahrend Broadſides das Weinglas Valentin gab und ſeine Valentin Ver Aermel emporſchob, um ihm bei dem Einfangen behuͤlflich zu ſein. „Nun!« rief Jones, der mit der»Fortification« zweier Pipen Portwein beſchaͤftigt geweſen, und deſſen Naſe in unwirkſamem Feuer gluͤhte;»was giebt's hier?« »Hier ſind ein Paar Kerle,« entgegnete Scroggins, „die den Wein wie Schwämme einſchlucken.« »Wo2« rief der gluthnäſige Küper mit außerordentli⸗ cher Wildheit. »„Pier!« rief Scroggins.»Licht! Licht!« „Was giebts? Halloh!« riefen zwei Stimmen in eini⸗ ger Entfernung. „Pier! Nr. 91... Licht! Licht!« wiederholte Scrog⸗ gins, der grade in dem Augenblicke in außerordentlicher Aufregung zu ſein ſchien. „Jetzt ſind wir ſicher. Lieg' ſtill,« ſagte Valentin, indem er ſeine Stimme zwiſchen einer Schicht von Fäſſern hervortoͤnen ließ, die ſich zur Linken Job Scroggins be⸗ fand. ironiſch.„In wohl!.... ſeid nicht bange!.... Ihr ſeid ganz ſicher.— Raſch! raſch!« fuhr er fort, als noch zwei andere Kuͤper mit Lichtern herbeieilten.»Wenn Ihr der Bauchredner. 215 jetzt entwiſcht, ſo laſſe ich mich pruͤgeln. Ihr geht und Ihr habt auf Alles ein wachſames Auge. Und wenn ſie nun entwiſchen, ſo ſoll ihnen kein Leid geſchehen.« Nachdem Job Scroggins die Kuͤper, mit Lampen in der Hand, in verſchiedenen Theilen des Gewoͤlbes aufge⸗ ſtellt hatte, ſchlich er leiſe zwiſchen zwei Reihen von Fäſ⸗ ſern hin, und Valentin, der ihm allen moͤglichen Beiſtand zu leiſten wuͤnſchte, ging ihm voran. Eben jedoch als ſie den dunkelſten Theil des Gewoͤlbes erreicht hatten, rief er, natuͤrlich mit angenommener Stimme:»Wir wollen ihn erſäufen!« und goß das Glas Wein, welches er in der Hand hatte, ſo geſchickt uͤber den Kopf zuruͤck, daß der ganze Inhalt dem Mr. Scroggins in das Geſicht flog. „Hier ſind ſie!.... hier ſind die Diebe!⸗ rief Scroggins, indem er ſein Geſicht mit dem Rockaͤrmel ab⸗ wiſchte.»Da! da!« und er ſtuͤrmte aͤußerſt erzuͤrnt an Valentin vorbei, und bohrte wild in jedes Loch, das groß genug war, um moͤglicher Weiſe einen Rattenſchwanz auf⸗ zunehmen. »Hſch!« rief Valentin, und Scroggins ſprang nach dem Orte, woher das Gefliſter zu kommen ſchien, waͤhrend 216 Valentin Vor die Kuͤper jeden Augenblick die Diebe hervorkommen zu ſehen glaubten. »Ruhig, Harry! ruhig!.... Sie wollen uns fan⸗ »„Euch fangen!« rief Scroggins.»Verlaßt Euch dar⸗ auf!« Und er fuhr mit ſeinem Stabe kräftig zwiſchen die Fäſſer, und da ſich die Lampe grade unter ſeinem weinbe⸗ fleckten Geſichte befand, ſo erſchienen ſeine Zuͤge ſo abſchre⸗ ckend, daß er wirklich wie ein Feind ausſah. „Ha ha ha ha!« rief Valentin luſtig, und ließ ſeine Stimme aus dem dicht daneben liegenden Bogen heraus⸗ toͤnen. Job Scroggins eilte dahin, von den Küpern gefolgt, die ihre Lampen geſchickt in die Eckfäſſer ſtießen und uͤber die Lager hinuͤberſprangen. »Fort! fort!« rief Valentin, indem er ſeine Stimme grade an den Ort verlegte, den jene eben verlaſſen, und von Rachſucht erfuͤllt, ſtuͤrmte Job Scroggins mit den Kuͤpern dahin. »Bleibt hier ſtehen!« rief Scroggins;»hier muͤſſen ſie vorbei!« und wiederum fuhr er mit ſeinem dicken Stabe desperat zwiſchen die Fäſſer. der Bauchredner. 247 „Jetzt iſt es aus mit uns, Harry:— ſie haben uns eingeſchloſſen,« fliſterte Valentin im Tone der Verzweif⸗ lung.»Vergebt es uns!« fuhr er dann in einer andern Stimme fort, als ob Harry ſich wirklich in großer Angſt befände.»Vergebt es uns; wir wollen es nicht wieder thun. Seid barmherzig! 4 Dem Worte»Barmherzigkeit« kann kein Englaͤnder widerſtehen. Man darf ſich daher nicht wundern, daß der treuherzige Scroggins, als dieſes Wort ſein empfindliches Ohr erreichte, ausrief:»Barmherzig!.... barmher⸗ „Wir haben nicht viel getrunken,« ſagte Valentin kläg⸗ lich.»Wirklich nicht. Ihr pollt Alles zuruͤck haben, wenn Ihr uns vergeben wollt.« Scroggins lächelte ſardoniſch. »Auf dieſe Art findet der Wein Abnehmer,« ſagte Mr. Broadſides. »Und dabei ſollen wir noch dafuͤr ſtehen, daß nichts verloren geht,« fuͤgte der gluthnäſige Kuͤper hinzu. »Nun, wollt Ihr kommen oder nicht?« rief Scrog⸗ zins. 218 Valentin Vor Valentin ließ ein herausforderndes Gelächter erſchallen, was den ſchwellenden Buſen Scroggins mit Zorn erfuͤllte. Durch Demuͤthigung haͤtte er ſich vielleicht beſaͤnftigen laſſen, obſchon er es eigentlich nicht durfte; als er aber uͤber die ungeheure Idee nachdachte, ihm Trotz zu bieten, konnte und wollte er ſich das nicht gefallen laſſen. Er eilte nach dem Orte, woher das Gelächter dem Anſcheine nach gekom⸗ men war, und hieb im hoͤchſten Zorne zwiſchen die umlie⸗ genden Fäſſer. „Wollt Ihr kommen oder nicht,« rief er,»ehe Euch ein Leid geſchieht?« „Nein!« rief Valentin. »Dann nehmt auch die Folgen hin,« rief Scroggins, der in dieſem Augenblicke wirklich wild ausſah.»Nun kei⸗ nen Pardon!« rief er den Kuͤpern zu;»kein Wort mehr mit ihnen gewechſelt! Sie muͤſſen jetzt heraus, todt oder lebendig!⸗ Ehe man aber dieſen loblichen Vorſatz ausfuͤhren konnte, mußte man ſie vor allen Dingen erſt gefunden haben.— Scroggins und die Kuͤper ſchienen das einzuſehn; ſie gingen ſogleich an's Werk, und zeigten bei dieſer Vorarbeit einen Eifer, der ihnen wirklich zur Ehre gereichte. der Bauchredner. 21¹9 »„Pier herum muͤſſen ſie irgendwo ſein,« bemerkte der gluthnäſige Kuͤper. „O, wir finden ſie ſchon!... wir finden ſie ſchon!« rief Scroggins;»und wenn wir ſie faſſen, ſo ſollen ſie ſchon daran denken! Der hoͤchſt ſarkaſtiſche Ton, in welchem dieſe Worte geaͤußert wurden, wies deutlich auf etwas Desperates hin; und als die Kuͤper, welche ungeduldig zu werden begannen, mit einem Eifer ohne Gleichen ihre Rachſuchungen fortſetz⸗ ten, warf Valentin das Glas, welches er in der Hand hatte, unbemerkt unter die Fäſſer in dem dunkeln gegenuͤ⸗ berliegenden Bogen und rief dann: „Ei! Schafskopf und kein Ende!... Nun koͤnnen wir keinen Tropfen mehr trinken.« „Hier ſind ſie!« rief Scroggins, als er das Klirren des Glaſes hoͤrte.»Auf, Leute! Hurrah! wir wollen ſie nageln!« Die Kuͤper ſtuͤrmten, auf dieſe Rede, mit noch erhoͤh⸗ tem Muthe dem Bogen zu; ehe ſie aber die Stelle erreich⸗ ten, an welcher das zerbrochene Glas lag, rief Valentin, der den Ausdruck»nageln« nicht voͤllig verſtand:»Jetzt wollen wir nur gehen!... wir koͤnnen ja nun doch nicht mehr trinken!« 220 Valentin Vor »Halt, Shr Vagabonden!« ſchrie Scroggins heftig, in der Abſicht, ſie zu ſchrecken.»Ihr ſeht, daß Ihr uns nicht mehr entgehen konnt;... kommt alſo lieber gleich von ſelbſt zum Vorſchein.« Sie erreichten nun die Stelle, an welcher die Glasſcher⸗ ben lagen.»Hier haben wir den Beweis vor Augen,« fuhr er fort.»Hier ſind die Vagabonden geweſen.« »Buͤcke Dich!« fliſterte Valentin. »Heraus!... heraus!« rief Scroggins.»Es hilft nichts.... Wir ſahen Euch!« Eine Bemerkung, die, ſo loblich ihre Abſicht auch ſein mochte, doch eine tadelnswer⸗ the Luge enthielt. »„Gut!.. kriech nur n leiſe,« fliſterte Valentin. »Komm her!« Scroggins ſprang in einem Augenblicke uͤber die Lager und ſah erſtaunt rings umher. »Habt Ihr ſie?«... fragte der gluthnäſige Kuͤper. »Ich wollt', ich hätte ſie!« rief Scroggins.»Ich wollte ihnen einen Denkzettel geben, den ſie ihr Leben lang nicht vergeſſen ſollten.« Da ließ Valentin ein leiſes Gelaͤchter ſo nahe an Mr. Scroggin's Veinen ertoͤnen, daß dieſer Herr ſich wie ein der Bauchredner. 221 Kreiſel umdrehte.»Wo moͤgen ſie ſich verkrochen haben*« rief er erſtaunt.»Sie ſind keine Hand breit von mir ent⸗ fernt, und doch.. wo ſind ſie? wo 24 »Zwei Menſchen finden hier gar nicht Raum,« vemerkte der Kuͤper mit der feurigen Naſe. »Sie muͤſſen ſehr winzig ſein,« ſagte Broabſides. „Sie muͤſſen ſehr hurtig ſein,« ſagte Scroggins, und Valentin ließ dicht neben ihm abermals ein leiſes Gelächter ertoͤnen. Job Scroggins Blick ward immer wilder. Er ſchuͤt⸗ telte ſein rothes Haupt, und knirſchte in raſender Wuth mit den Zaͤhnen.„Wo können ſie ſich verſteckt haben?« rief er.»Hol' ſie der Teufel! Wo können ſie ſtecken?« Er machte eine Pauſe, als erwarte er eine Antwort, und ſah ſeine Collegen an, und ſeine Collegen ſahen ihn an, waͤhrend Broadſides ſich mit der rechten Hand hinter dem Ohre kratzte, und mit der linken das Kinn rieb. In dieſem Augenblicke wagte es ein geiſtreicher Kuͤper, der bis dahin geſucht hatte, ohne eine Silbe zu aͤußern, eine vernünftige Vermuthung auszuſprechen, die darin be⸗ ſtand,„daß ſie doch irgendwo ſein muͤßten.« »„Irgendwo. l« rief Scroggins aufgebracht.»Das 222 Valentin Vor wiſſen wir ſelbſt! Aber wo iſt dieſes Irgendwo? Das iſt die Frage!« Der einſichtsvolle Kuͤper ſchwieg; denn er bemerkte, daß Scroggins ausſah, als wolle er ihn freſſen. Stiuſchweigen war daher Weisheit, und die Unterſuchung ward mit ge⸗ ſteigertem Eifer fortgeſetzt. Nun aber gerieth Valentin ſelbſt in einige Verlegenheit. Er wußte nicht recht, was er beginnen ſollte. Er wollte die unſichtbaren Vagabonden gern mit Eclat fortſchicken, wie aber ſollte er das anſtellen? Wäͤhrend der Wächter und die Kuͤper in allen Richtun⸗ gen und in der groͤßeſten Verwirrung umherſtreiften, fiel ihm plotzlich ein guter Gedanke bei, allerdings ein etwas desperater, der in nichts Anderm beſtand, als ſeine Stim⸗ me in eins der Stuͤckfaͤſſer zu verlegen, um zu ſehen, was Job Scroggins und ſeine Collegen dann anfangen wuͤrden. Allein Valentin, der ſich durch den desperaten Gharakter dieſes Planes nicht abſchrecken ließ, hielt ihn feſt, und in dem Augenblicke, als der energiſche Job, nachdem er mit wildem Blicke rings umher gerannt war, und die außeror⸗ dentlichſte Rache gelobt hatte, ſtillſtand, um ein wenig zu verſchnaufen und ſich mit dem Rockärmel den Schweiß ab⸗ der Bauchredner. 223 zuwiſchen, ſandte Valentin ſeine Stimme geſchickt in ein außerordentlich altes Faß und rief:»Es war nur ein Gluͤck, daß wir dieſes leer fanden, nicht wahr?« Job Scroggins horchte, eben ſo Broadſides und der Kuͤper mit der feurigen Raſe; dann naͤherten ſie ſich dem Faſſe, von welchem der Ton ausgegangen zu ſein ſchien, und forſchten mit dem Ausdruck des tiefſten Erſtaunens. »Zieh den Kopf ein!« fliſterte Valentin ſehr hoͤrbar. »Hier ſind ſie!« rief Scroggins, und riß dem Kuͤper mit der feurigen Naſe ein Beil aus der Hand.»Da!... nun ſind ſie genagelt!« und ohne zu zoͤgern, ohne zu erwaͤ⸗ gen, ob daß Faß leer oder voll ſei, ohne auch nur denje⸗ nigen, welche bei ihm waren, die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken, hieb er ein Loch in das Stuͤckfaß, und der Wein ſtuͤrzte in Stroͤmen heraus. »Dummrian!« rief der Kuͤper mit der feurigen Raſe, als der Strom ihnen die Lampen aus den Haͤnden riß und die Lichter auslöſchte. »Huͤlfe!... Huͤlfe!« rief Scroggins. »Ruhig, alter Affe! haltet das Maul!« rief der Kuͤ⸗ per mit der feurigen Naſe.»Hebt das Faß vorn in die Hoͤhe!.. Nun!... noch ein Bischen!... So! Faßt Alle mit zu!... Hurrah!« 224 Valentin Vor In einem Augenblicke war es geſchehen, denn Valentin, dem der Vorfall ſehr leid that, bot, gleich den uebrigen, alle ſeine Kräfte auf. »So, macht keinen Lärm,« ſagte der Kuͤper mit der feurigen Naſe;»holt die Lampe dort... geſchwind!« und Scroggins, der in einer ſchrecklichen Gemuͤthsverfaſ⸗ ſung war, fühlte ſich aus dem Bogen heraus, während die Uebrigen in totaler Finſterniß zuruckblieben, und bis an die Knöchel im Weine ſtanden. Scroggins kehrte bald dar⸗ auf zuruͤck, und da hieß es denn zunächſt:„Was iſt es fuͤr ein Faß« „Alles gut!« ſagte der Kuͤper mit der feurigen Naſe, nachdem er es genau unterſucht.» Es iſt eines von den alten, die hier ſchon ſo lange liegen.« „Wie! eins von den dreien!« rief ſein Camerad. Es wird nie abgezapft werden. »Gottlob!« dachte Valentin. »Aber was iſt zu thun?« rief Scroggins voll Beſorg⸗ niß.»Wie ſollen wir es verbergen?« »„Macht nur keinen Lärm,« ſagte ſein Freund mit der feurigen Naſe.»Ich verſpunde es... bringt ſo viel Sägeſpähne, als moglich... geſchwind! geſchwind! Es ————————ꝓ%— iſt zwar ein hübſcher Sumpf!.. aber die Säͤgeſpähne ſaugen es auf!« Damit reparirte er das Faß, während die Uebrigen Sägeſpähne herbeiholten, damit den Wein auftrock⸗ neten, und dieſelben dann, als ſie voͤllig geſättigt wa⸗ ren, unter das Lager warfen, damit ſie dort wieder aus⸗ trockneten. Ihrem angeſtrengten Bemühen— und Alle, mit Ein⸗ ſchluß Broadſides, der furchtbar keuchte, legten Hand an— gelang es, binnen zwanzig Minuten den Sumpf auszu⸗ trocknen. Und da der Kuͤper mit der rothen Naſe während der Zeit auch das Loch wieder verſtopft hatte, ſo wurde das Faß langſam wieder auf das Lager gebracht, und als man von Neuem friſche Sägeſpähne uͤber die Stelle ge⸗ ſtreut, ſah der Ort aus, als wäre nichts vorgefallen. »Gut,« ſagte Scroggins,»daß es nicht ſchlimmer iſt; aber haͤtte ich die Racker gefaßt... ſie ſollten an mich denken 1« »Nein, uͤber den Dummrian,« bemerkte der Kuͤper mit der rothen Naſe;„ſchlägt einem Faſſe den Boden ein, und weiß doch, daß wir kein leeres Faß im Keller haben. » Nun, ja doch!« bemerkte Mr. Scroggins zoͤgernd »ich dachte nicht daran. Ich war ſo wild, daß ich wahr⸗ Palentin Vox. I. 15 der Vauchredner. 225½ 226 Valentin Vor haftig nicht wußte, was ich that... und ich dachte mir, die Vagabonden ſteckten hier drin.« „Ich auch!« entgegnete ſein Freund mit der feurigen Nafe;»aber ich wußte ja, daß es nicht moglich war.« „Sie muͤſſen hinter dem Faſſe geweſen ſein,« fuhr Scroggins fort; adas muͤſſen ſie durchaus... und ich wuͤnſchte nur, ich hätte ſie gefaßt, ſonſt nichts. Hätte ich ſie nicht zu Pulver zermalmt, ſo will ich nicht geſund nach Hauſe kommen!« Waäͤhrend dieſes hoͤchſt intereſſanten Geſprächs waren Broadſides und Valentin eifrig bemüht, ſich ihre ſchmutzi⸗ gen Haͤnde und Geſichter abzuwaſchen, um nicht eine beſon⸗ dere Aufmerkſamkeit zu erregen. Ihr Aeußeres aber wieder völlig anſtändig zu machen, war eine ſchwierige Aufgabe, da der Wein ganz uͤber ſie her gefloſſen war. Als ſie aber ſorgfältig die Kragen niedergeſchlagen, und die Roͤcke ſo dicht bis ans Kinn zugeknoͤpft hatten, daß von ihrer vollig beſchmutzten Wäſche nichts geſehen werden konnte, ward einſtimmig beſchloſſen, es zu wagen. „Aber Sie wollten ja noch das andere Faß Portwein koſten, mein Herr, nicht wahr?« fragte der Kuͤper. »„Der Lampenqualm,« entgegnete Broadſides,»hat meinen Geſchmack auf vierzehn Tage verdorben. Auch frage . der Bauchredner. 227 ich nichts danach; ich kam nur, um das zu koſten, was ich um keinen Preis haben moͤchte; denn es ſind ſechs Fäſſer voll Gift. Da das Geſchäft alſo zu Ende war, ſäuberte der Kuͤ⸗ per mit der feurigen Naſe Valentin's Stiefel. Broadſides gab den Leuten eine halbe Krone, und er und Valentin— der ihnen einen halben Sovereign gab— wurden ehrerbie⸗ tig aus dem Gewoͤlbe geleitet. Dann gingen ſie durch das Thor, ohne mehr als die gewoͤhnliche Aufmerkſamkeit zu erregen, ſtiegen in einen Wagen, und fuhren heim. 228 Valentin Vox Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Valentin wird mit einem entſetzlichen unglücke bekannt gemacht. Valentin merkte ſeit einiger Zeit, daß es mit ſeinem Gelde auf die Neige ging, und daß es durchaus nothwen⸗ dig wuͤrde, um neuen Vorrath an Onkel John zu ſchrei⸗ ben. Wer bloß zu ſagen braucht:»Ich muß ſo und ſo viel haben,« und dem es dann als etwas, das ſich von ſelbſt verſteht, geſandt wird, iſt in einer gluͤcklichen Lage. Das war genau die Lage Valentin's. Ehe er jedoch nach Hauſe ſchrieb, wollte er die Godman's noch einmal beſuchen, um vielleicht weitere Nachrichten in Bezug auf ſeinen wohlwol⸗ lenden alten Freund zu bekommen. Daher machte er ſich an dem Tage, an welchem er an Onkel John ſchreiben wollte, nach Walter's Wohnung auf den Weg, und war ohne Zweifel ſehr erſtaunt, als er das Haus nicht mehr fand, in welchem jener gewohnt hatte. Als er an dem Orte anlangte, wo das Haus geſtanden, ſah er nur noch die Grundmauer und ein Paar verbrannte —— der Bauchredner. 229 Balken; doch als er ſich in einem benachbarten Laden er⸗ kundigte, erfuhr er nicht bloß den traurigen Vorfall, ſon⸗ dern auch, daß Walter mit ſeiner Familie in einem grade gegenuͤber liegenden Hauſe wohnten. Dahin begab er ſich alſo auf der Stelle, gab ſeine Karte ab, und verweilte in dem Beſuchzimmer, tief bekuͤmmert uͤber die ſchrecklichen Vorfaͤlle, welche man ihm erzaͤhlt hatte. Er hatte jedoch dieſen traurigen Gedanken erſt kurze Zeit nachgehangen, als eine Perſon in das Zimmer ſtuͤrzte und ausrief:»He, al⸗ ter Burſche, kennen Sie mich nicht?« Valentin erkannte ſogleich Horace's Stimme, deſſen Perſon jedoch ganz unkenntlich geworden war.»„Großer Gott!« ſagte er, indem er ſeine Hand ergriff; v„iſt es moͤglich?« »Ganz zuverlaͤſſig,« rief Horace;»Sie irren ſich nicht. Sch' ich nicht prächtig aus, he? Haben Sie je ſolch eine Schoͤnheit geſehn?... Doch, Gott ſei Dank;« fuhr er fort, indem er die Peruͤcke vom Kopfe nahm, deſſen ſchwarze Haut eben abzublättern begann;»wenn man die Sache im rechten Lichte betrachtet, ſo iſt immer noch ein Troſt dabei.« »Und wie geht's Ihrem Vater?« „Ei nun,« ſagte Horace feierlich,»der ſieht wie ein 230 Valentin Vor rechter Hoͤllenbraten aus. Er iſt uͤber und uͤber geſchmort. Ich bin gehoͤrig mitgenommen, aber, Gott verdamm' mich! der noch ganz anders.« „Er iſt doch hoffentlich außer Gefahr?« „Ah! ja wohl... kregel wie ein Fiſch. Haben Sie ſchon einmal eine geſchmorte Ratte geſehn?... dann kön⸗ nen Sie ſich eine Idee von ihm machen. Sie wuͤrden nicht glauben, daß er aus Fleiſch und Blut gemacht ſei, ſon⸗ dern ihn fuͤr ein altes Stuͤck gebrannten Korks halten.— Er uͤberſtand es jedoch ganz prächtig; wird ſich aber fuͤr die Folge wohl vor ähnlichen ſalamandriſchen Verſuchen huͤten.« »Und wie geht es den Damen?« »O, die ſind bloß ein Bischen eklig... Sie wiſſen ja, wie das Weibszeug iſt. Sie ſcheinen den Alten nicht gern zu ſehen, und er ſieht wirklich nicht grade allzu friſch s »Dieſer unglůckiche Vorfall geht mir wirklich recht na⸗ he,« ſagte Valentin, indem er ſich erhob.»Kann ich Ihnen auf irgend eine Weiſe dienlich ſein, ſo verfuͤgen Sie ganz uͤber mich. Jetzt will ich Sie nicht länger ſtoͤren.« „Ich moͤchte, Sie blieben noch,« ſagte Porace ſehr ernſthaft.»Sie koͤnnten mir einen großen Gefallen thun. der Bauchredner. 231 unſer alter Narr von Doctor will mich täglich nicht mehr als ein einziges Glas Wein trinken laſſen, obgleich Alles bei mir in der beſten Ordnung iſt. Aber der alte Narr will keine Vernunft annehmen; eben ſo wenig die beiden Weiber, die naturlich auf ſeiner Seite ſind, und den ver⸗ dammten Wein ſo unter Schloß und Riegel halten, als ob Leib und Seele auf einen anſtändigen Fuß mit einander durch das ſcheußliche Geſoͤff kommen konnten, das ich, wie er erwartet, herunter ſchlucken ſoll. So wahr ich lebe, der Junge, welchem er monatlich etwa zwei Pfennige gibt, um ſein Gift auszutragen, iſt ewig an der Thuͤr mit ſei⸗ nem Korbe voll hoͤlliſchen Gebräues. Dreimal ſchon habe ich ihn auf die Straße geworfen, aber er kommt und kommt immer wieder. Noch einmal, und ich erwuͤrge ihn.« »Aber es bekommt Ihnen doch?« „Kann man das vernuͤnftiger Weiſe annehmen?. Kann ſolch ein Spuͤhlwaſſer Jemandem bekommen? Es iſt das ſcheußlichſte Geſoͤff, das je zuſammen gebraut wurde, um die Eingeweide eines Chriſten in Unordnung zu brin⸗ gen.. Wiſſen Sie vielleicht, was Afafoͤtida iſt? Dann können ſie ſich einen Begriff von der Art von Medicin ma⸗ chen, die ich einſchlucken muß, denn in jede Flaſche thun ſie ein Loth davon. Weiter kann es nichts ſein; ich kenne 232 Valentin Vor es auf eine Meile Entfernung; das und der Stoff, welchen ſie verkaufen, um die Ratten und Mäuſe zu vergiften, bildet die»Mirtur wie vorher«, und eine angenehme Mirtur iſt es, das kann ich verſichern.... Sie muͤſſen mir daher einen Gefallen thun; wenn Sie noch verweilen, und wäre es auch nur auf ein Viertelſtuͤndchen, ſo ſehe ich dies als einen großen Beweis der Freundſchaft an, denn alsdann kann ich ihnen etwas Wein fuͤr Sie abzwicken, und das iſt das einzige Mittel fuͤr mich, ſelber zu einem Glaſe Wein zu gelangen; denn mit dieſem verraͤucherten und verbrann⸗ ten Geſichte, das taͤttowirt und geſchunden iſt wie das eines Chocktaw⸗Indianers, kann ich ja natuͤrlich nicht aus dem Hauſe. Es iſt ſchlimmer, zehnmal ſchlimmer, als hätte ich die Pocken. Die Maſern wollen dagegen nichts ſagen; und was das Jucken betrifft... moͤgen Sie es nun glauben oder nicht, wie Sie wollen!... aber wenn alle Wespen, Muͤcken, Muskitos, Fueen und alles andere ungeziefer der Erde unaufhoͤrlich auf mir ſpazieren ginge, ſo koͤnnten ſie doch kein ähnliches Jucken hervorbringen. Aber ich will ihnen Trotz bieten!... und dazu iſt der alte Dummkopf, der mich austrocknen will, albern genug, mir zu ſagen, ich ſolle mich nicht kratzen. Sieben Mal täglich werde ich mit etwas beſchmiert, was er eine Einreibung nennt.— der Bauchredner. 233 Es bekommt mir nicht; es macht das Jucken nur noch heftiger, wie ich auch dem alten Narren ſage. Aber der nimmt von Allem, was ich ſage, keine Notiz, als ob ich nicht am Beſten wuͤßte, was ich fuͤhle. Wenn ich ernſt⸗ haft mit ihm verhandle, ſo lacht er, und befiehlt jenen, mich einzureiben....»Reiben Sie ein!... Reiben Sie ein!. kehren Sie ſich an nichts!« Und ſie reiben ein wie Teufel.... Sie bleiben alſo noch.. nicht wahr?⸗ fuͤgte er hinzu, und eilte aus dem Zimmer, voll Freude, daß er nun noch ein Glas Wein mehr bekommen wuͤrde. »Ein ſonderbarer Menſch!« dachte Valentin, als er allein war.»Wie ſchrecklich muß er leiden, und doch hält ihn ſein lebhafter Geiſt aufrecht.... Die meiſten Menſchen wuͤrden in ſeinem Zuſtande im Bette liegen, und ſtoͤhnen, als ob das Stoͤhnen allein die Heilung bewerkſtelligen koͤnnte.« „Es geht Alles vortrefflich!« rief Horace; indem er in das Zimmer ſprang.»Ich habe ihnen erzaͤhlt, Sie haͤtten einen weiten Weg gemacht, und waͤren ganz er⸗ ſchoͤpft.... Freilich wollten ſie mir nicht recht glauben, und gaben mir den Wein nicht mit. Aber dieſes Freund⸗ ſchaftsſtuͤck werde ich Ihnen nie vergeſſen.« 234 Valentin Vor In dieſem Augenblicke trat die Magd mit dem Weine ein, und ſagte zu Valentin: »Die Damen laſſen ſich Ihnen empfehlen, und wuͤrden es als eine große Gefaͤlligkeit anſehn, wenn Sie Mr. Ho⸗ race nicht mehr zu trinken erlaubten. als ein halbes Glas.« »Was, Du dumme Vettel!... was ſoll das heißen 26 rief Horace.»Iſt das Deine Dankbarkeit? Habe ich Dich nicht uͤber die Daͤcher geſchleppt?!... Fort mit Dir! Dein Anblick iſt mir verhaßt!«— und er riß ſich die Pe⸗ ruͤcke vom Kopfe und warf ſie ihr heftig nach, als ſie raſch wie der Blitz aus dem Zimmer eilte.»Da ſehen Sie es!« fuhr er fort, indem er ſeine Peruͤcke wieder auf⸗ nahm;»ſo gehn ſie Tag fuͤr Tag mit mir um. Und waͤre ich geduldig wie ein Engel, ſie wuͤrden mich doch am Ende toll machen.... Doch kommen Sie!... Mag es uns nie an etwas fehlen.« Nachdem er ſein Glas geleert, ſchnalzte er mit den Lippen, und ſchenkte auf das Neue ein. »Bringen Sie mir eine Flaſche Wein mit, beſter Freund,« bat er.»Thun Sie es, wenn Sie ein menſch⸗ liches Herz haben.... Sie haben keine Idee davon, wie dankbar ich Ihnen dafuͤr ſein wurde. Es iſt das koſtbarſte der Bauchredner. 235 Geſchenk, welches Sie mir machen koͤnnen. Schon morgen könnten Sie kommen und mir den Wein in der Taſche mitbringen. Aber daß ihn ja Niemand ſieht; ſehen ſie ihn, ſo bin ich ihn los. Ihr Wohlſein, alter Burſche!« fuhr er fort, indem er ſein Glas leerte.»Sie glauben nicht, wie gluͤcklich ich bin, Sie zu ſehen.« »Aber wie geſchah denn dieſes furchterliche ungluͤck?« fragte Valentin. »Ja. ſehn Sie,« antwortete Horace,»dem Alten war nicht ganz recht im Kopfe, und da hielten ſie es fuͤr gut, daß Jemand bei ihm wachte. Ich merkte bald, wer mit dieſem Jemand gemeint ſei; denn dergleichen faͤllt mir immer zu, und ich hatte mich nicht verrechnet.... Drei vermaledeite Nachte mußte ich wachen, und wenn ich mich dann nach dem Fruͤhſtuͤck zu Bett legte, ſo ſtand ich zum Abendeſſen wieder auf. Sehen Sie nun, in der dritten Nacht war es mit dem Alten gar nicht mehr auszuſtehn; er bildete ſich ein, Onkel Grim ſei in dem Zimmer! So wahr ich lebe, das that er! Er ſollte durchaus am Fuße des Bettes ſtehen, von wo ihn nichts vertreiben konnte. Ich that mein Moͤglichſtes, um den alten Affen zu dem Glauben zu bringen, ich kriegte jenen beim Kopfe und wuͤrfe ihn aus dem Fenſter; aber nein.. er wollte es 236 Valentin Vor nicht glauben; er bildete ſich ein, er ſähe ihn noch immer, und nachdem er ſo wie toll zwei bis drei Stunden fortge⸗ rast hatte, ward er ſtill und ich glaubte, er waͤre einge⸗ ſchlafen. Sobald ich ſah, daß er die Augen geſchloſſen, verließ ich das Zimmer, um eine Taſſe heißen Kaffee zu trinken, der, wie ich wußte, in der Kuͤche parat ſtand; und, wahrſcheinlich ſobald ich den Ruͤcken gewendet, ſpringt der alte Affe auf und ſteckt das Bettzeug in Brand, denn als ich wieder hinauflief, was kopfüͤber und uͤber ging, fand ich das ganze Zimmer ſchon in Flammen und iihn wie toll lachen. Ich rief, aber er hoͤrte es nicht; ich fragte ihn, ob er denn wirklich ganz verruͤckt geworden ſei, aber er antwortete nicht, und ich konnte ihn nicht herauslocken; eben ſo wenig konnte ich zu ihm in das Zimmer kommen; und nicht eher, als bis das ganze Haus eine Flamme, und er uͤber und uͤber ſchwarz wie ein alter Kochtopf war, gelang es mir, dadurch, daß ich ein Loch in die Wand ſchlug, ihn auf den Vorſaal und von da aus dem Hauſe zu ſchleppen. Dann rannte ich wieder hinauf, um ein klei⸗ nes Päckchen Documente zu retten; aber, Gott verdamm' mich, das ganze Zimmer war voll Feuer„ und um meine Lage noch angenehmer zu machen... ich will hier nicht geſund ſtehen, wenn die alte Treppe nicht in dem Augen⸗ der Bauchredner. 237 blicke zuſammenſtuͤrzte, als ich hinabgehn wollte. Gut, ich lief auf den Voden und flog von da wie ein Ball auf die Ziegel. Hier traf ich das Mädchen, welches Sie eben ſa⸗ hen. und das mich allerdings ein wenig erſchreckte. und hier mußten wir bleiben, bis einer von den Feuerleu⸗ ten. ein prachtiger Kerl... uns zu Huͤlfe kam. Gut! nachdem er das Mädchen gefaßt, mit einer Kaltblutigkeit, als ſei gar nichts vorgefallen, ſchob er mich in eine Art langen baumwollenen Strumpf, und ich glitt allmälig von dem Dache auf den Erdboden hinab. Aber das Reiben!.. Doch kein Wort davon! Meine Haut war wie die Schwarte an einer verbrannten Schweinskeule;... und was meine Kleider betrifft, das Feuer hatte ſie ſo ſonderbar muͤrbe gemacht, daß ich ſo nackt wie ein neugebornes Krabbe aus dem Sacke kroch. Damals jedoch empfand ich nicht viel davon; aber am Morgen, als die Aufregung voruͤber war, da ging es los! Kein Maͤrtyrer kann mehr ausgehalten haven; zehn gegen eins will ich wetten, daß Keiner von ihnen auch nur den zehnten Theil litt, was ich leiden mußte. Es machte mich ganz wild!... Doch laſſen Sie uns da⸗ von aufhoͤren. Kein Uebel iſt ſo groß, daß nicht ein Gluͤck dabei wäre; wäre es nicht geſchehen, ſo konnte es auch nicht voruber ſein, und das iſt doch ein offenbares Gluͤck.« 238 Valentin Vor Valentin hoͤrte mit der groͤßten Aufmerkſamkeit zu; was ihn aber am Heftigſten ergriff, war der Umſtand, daß Wal⸗ ter verſucht hatte, die Erſcheinung ſeines Bruders aus dem Zimmer hinauszubrennen.»Was veranlaßte ihn dazu?« dachte er.»Man ſollte glauben, daß die Erſcheinung ſei⸗ nes Bruders, ſtatt ihn in Wuth zu verſetzen, ihm Freude und Troſt gebracht haben wuͤrde. Aber Alles beſtaͤtigt mich in dem Glauben, daß Grimwood das Opfer eines Schur⸗ kenſtreiches geworden iſt.« Es trat eine Pauſe ein, die aber nicht lange waͤhrte, denn Horace fuͤllte ſein Glas wieder und ſagte: »Der alte duͤrre Quaͤcker ſoll leben!« »Haben Sie von Ihrem Onkel etwas geſehn oder ge⸗ hoͤrt?« fragte Valentin ſehr ernſt. Horace ſah ihn aufmerkſam an, als wolle er den Be⸗ weggrund dieſer Frage in ſeinen Zuͤgen leſen, und antwor⸗ tete dann: »Nein, das kann ich nicht ſagen; irgendwo wird er vermuthlich ſein, aber wo... das weiß weder ich, noch ſonſt Jemand, außer dem Alten.« 3 „Gut,« dachte Valentin;»da der Alte krank, und ſeine Phantaſie fuͤr ubernaturliche Einfluͤſſe allem Anſchein der Bauchredner. 239 nach ſehr empfänglich iſt, ſo will ich verſuchen, ihm ſein Geheimniß durch ſolche Mittel zu entreißen.« »„Wie! Sie wollen ſchon fort!« rief Horace, als Valen⸗ tin aufſtand. »„Ich habe Briefe zu ſchreiben„ die meine Zeit in An⸗ ſpruch nehmen werden.« »Gut, wenn Sie muͤſſen, ſo wiſſen Sie am Beſten, warum; aber vergeſſen Sie mich nicht, wenn Sie ein chriſt⸗ liches Herz haben. Sie koͤnnen ſich keinen Begriff davon machen, wie dieſe Paar Gläſer Wein mich heute erquickt haben. Koͤnnen Sie keine ganze Flaſche mitbringen, nun denn, ſo bringen Sie eine halbe. Der Dieb von Doctor, ich weiß es, moͤchte mir mit ſeinem ſcheußlichen Gifte gern die Seele aus dem Leibe jagen.... Vergeſſen Sie mich nicht, hoͤren Sie 7« Valentin verſprach es, wuͤnſchte ihm gute Beſſerung, bat, ihn den Damen zu empfehlen, und verließ das Haus, um ſogleich an Onkel John zu ſchreiben. Valentin Vor Achtundzwanzigſtes Kapitel. Die Maskerade in Vauxhall. Valentin hatte zwar ſchon viel von Maskeraden gehoͤrt, aber, da dieſe faſt nur in der Hauptſtadt gehalten werden, noch nie eine geſehn. Er ergriff daher die Gelegenheit, welche ein»Carneval« in Vauxhall darbot, kaufte ſich fuͤr den Abend ein Billet und eine außerordentliche Naſe, die er ½ in den Hut ſteckte, um ſie nicht zu verderben, und machte ſich muntern Sinnes auf den Weg. Es war ein ſchoͤner Abend und Valentin beſchloß, we⸗ nigſtens die Haͤlfte des Weges zu Fuße zu machen; doch 3 war er noch nicht weit gekommen, als ſeine Aufmerkſamkeit auf ein wahrhaft glaͤnzendes Weſen in einem griechiſchen Coſtuͤm gezogen wurde, das eine Unterredung mit einem ſchmutzigen Lohnkutſcher hatte. Valentin meinte, die Bei⸗ den paßten nicht fuͤr einander; als er aber auf des Fuhr⸗ manns Bemerkung:»die Fahrt koſtet achtzehn Penny!« 8 die griechiſche Schoͤnheit antworten hörte:„Ich habe nur einen Schilling,« erklaͤrte ſich ihm das Räthſel. der Bauchredner. 241 »„Ich kann Ihnen etwas Muͤnze leihen,« ſagte Valen⸗ tin.„Wie viel gebrauchen Sie?* ch bin Ihnen ſehr verbunden,« antwortete die griechiſche Schoͤnheit, die ganz verlegen zu werden ſchien.. „Ich brauche nur ſechs Pence.« Valentin gab ihr eine halbe Krone, und ging dann bis Kenſington⸗Groſſ, wo er in einen Wagen ſtieg und in fuͤnf Minuten vor dem Vaurhall anlangte. Tauſende waren an dem Eingange verſammelt, um die Masken vorbeigehn zu ſehen; und da Valentin unten auf dem Zettel die Notiz geleſen, daß Niemand ohne Maske zugelaſſen wuͤrde, hielt er es fuͤr gut, ehe er ausſtieg, ſeine Naſe vorzuſtecken. »Ein Gentleman! ein Gentleman!« riefen etwa funfzig Stimmen im Chorus. Valentin fuͤhlte ſich durch dieſe Zeichen der Bewunde⸗ rung geſchmeichelt, verneigte ſich daher vor der Menge, und ſchritt in das Haus. Bei der glönzenden Scene, welche ſich Valentins Augen darbot, war er wie bezaubert, und ſah verwundert auf das Schauſpiel hin. Er nahm die Naſe ab, aber gleichviel! ſeine Bewunderung dauerte fort; und als er endlich wieder zu Valentin Vox U. 16 242 Valentin Vor ſich kam, ſah er rings um ſich her Gruppen heiter gekleide⸗ ter Weſen, die aus allen Theilen der Erde zuſammengekom⸗ men zu ſein ſchienen, um die Scene zu beleben. Griechen, Deutſche, Chineſen, Ruſſen, Holländer, Tuͤrken, Perſer, Italiener, Affen, Bären, Sylphen, Indianer und Teufel gehoͤrten zu den ausgezeichnetſten Fremden, welche da waren, während die ausgezeichnetſten Einheimiſchen aus Buͤtteln, Clowns, Pantalons, Soldaten, Matroſen, Schornſteinfegern, Gauklern, Advocaten, Rittern, Jockeys, Feuerleuten, Non⸗ nen, Läufern, Wittwen, Harlekins, Balladenſaͤngern und al⸗ ten Jungfern beſtanden. Als Valentin's Erſtaunen einigermaßen nachließ, ſteckte er ſeine Naſe wieder vor, kam dann mitten in einen Strom von Sterblichen und unſterblichen, die dem Klange einer Glocke folgten, und befand ſich bald innerhalb eines wirklich eleganten kleinen Theaters, worauf ein armer Mann etwas vortrug, was man»Nachahmungen eines der beliebteſten Schauſpieler des Tages nannte. Valentin hoͤrte dem Beginn dieſes traurigen Geſchäftes verächtlich zu. Er hielt es fuͤr eine Zeitverſchwendung, die bei ſolch einer Gelegenheit unerträglich ſei. Indem er daher ſeine Stimme dicht hinter den armen Burſchen ſandte, rief er feierlich in der notoriſch holpernden und ſchnarrenden der Bauchredner. 243 Sprache des nachgeahmten Schauſpielers:»Herrr! ſind Sie derrr Meinung, ich wuͤrrrde dieſe Krrraͤnkung errrtrrra⸗ gen2 4 Der Mann ſah ſich um, in der vollen Erwartung, ſei⸗ nen Prototyp hinter ſich zu ſehen, und obgleich er ſich hier⸗ in irrte, ſo bewirkte doch ſeine Verlegenheit, daß er ſo drollig ausſah, daß die ganze Verſammlung aus vollem Herzen lachte. „Genug! genug!« rief Valentin, und dieſer Ruf fand mindeſtens hundert Echo's, die den armen Mann noch mehr in Verwirrung brachten; und obgleich er ſich wieder zu ermannen ſuchte, ſo wurde doch uͤber Alles, was er that, dermaßen gelacht, das er mit wuͤthendem Bliche plotzlich von der Buͤhne fortrannte. Die Verſammlung jedoch blieb da, um noch mehr zu ſehen:— ein Factum, das Valentin unter ſolchen umſtän⸗ den fuͤr unerhoͤrt hielt. Er eilte daher aus dem Theater, um den Mann aufzuſuchen, welcher die Glocke handhabte, und nachdem er ihn mit dem Inſtrument unter dem Arme glůͤcklich gefunden, machte er Anſtalt, ſich der Glocke auf irgend eine Weiſe zu bemächtigen. „He, Alter,« ſagte er, indem er ſich in einer der Lauben niederließ,„trinken Sie gern Grog?« 244 Valentin Vor »Jederzeit, Herr! wenn ich ihn haben kann,« erwie⸗ derte der ſchlaue Gloͤckner. »Gut,« ſagte Valentin, indem er ihm einen Schilling gab,„ſo laufen Sie und holen ein Glas.« Ohne Argwohn zu ſchoͤpfen, legte der Mann die Glocke auf den Liſch, und trabte davon, und das war es gerade, was Valentin wuͤnſchte; denn ſogleich ergriff er das lär⸗ mende Inſtrument, begab ſich in einen der dunkeln Spa⸗ ziergänge hinter dem Theater, und fing mit einer Wuth ohne Gleichen zu klingeln an. Der ganze Garten gerieth in Be⸗ wegung, ein lebendiger Strom drängte ſich dem Theater zu, was er mit Entzuͤcken ſah. Als ſie aber näher kamen, ſchlich er ſich durch das Gebuͤſch, welches zu einem andern eben ſo dunkeln Spaziergange fuͤhrte, nahm dann die Glo⸗ cke in beide Hände und läutete abermals aus Leibeskräͤften. Der Haufen draͤngte ſich zuruͤck, in der Meinung, er habe eine falſche Richtung eingeſchlagen, und da Valentin ſo hef⸗ tig läutete, als wollte er die Todten auferwecken, ſo ward ihre Neugierde dermaßen angeregt, daß ſie ihre Eile ver⸗ doppelten. Der Strom bog um die Ecke und wälzte ſich in dem Gange hinab; aber Valentin, der einen kleinen freien Platz in der Mitte des Gartens bemerkte, eilte raſch in dieſer Richtung fort indem ihn zugleich der Umſtand der Bauchredner. 245 ergötzte, daß die Schaar noch immer in dem Gange hin⸗ wogte, voll Verwunderung, was denn hier zu ſehen ſein moͤchte. Waͤhrend der Gang ſich fullte, hatte er den offe⸗ nen Raum in der Mitte des Gartens erreicht, ſprang auf einen der Tiſche, die dicht hinter dem großen Orcheſter ſtan⸗ den, und begann, wie vorher, wuͤthend zu klingeln. Die Draͤngenden machten einen Augenblick Halt, als zweifelten ſie wirklich an ihren eignen Ohren; als ſie aber die Glocke abermals laͤuten hoͤrten, kehrten ſie plotzlich wieder um, und da ſtand Valentin, und laͤutete mit aller Macht, die ihm zu Gebote ſtand. Keinen Zoll breit wich er vom Pla⸗ tze, bis Alles ſich um ihn verſammelt hatte. Kaum aber war das geſchehen, als ſie den luſtigen Schwank merkten, und einſtimmig in ein lautes Gelaͤchter ausbrachen. um den Scherz fortzufuͤhren, begann er nun eine förmliche Anrede; aber der Laͤrm war ſo groß, daß ſeine Stimme von dem allgemeinen Geſchrei uͤbertäubt wurde. »Hurrah! angefaßt, Jungen!« rief ein Matroſe.»Legt Pand an!« und ein Dutzend ſtämmige Burſchen hoben den Liſch, auf welchem Valentin ſtand, in der preiswuͤrdigen Abſicht auf, ihn im Triumph durch die Gaͤrten zu tragen. Alles Andere hätte er ſich gern gefallen laſſen, allein er war ſchon einmal im Triumph umhergetragen!.... die 246 Valentin Vor Anhaͤnger des Syſtems der gleichen Rechte hatten ihn um den Anger von Clerkenwell getragen,— ein Umſtand, der ihm noch ſo lebendig im Gedächtniſſe war, daß er die erſte, die beſte Gelegenheit benutzte, um von dem Tiſche zu ſprin⸗ gen. Dann riß er ſeine Naſe ab, um nicht erkannt zu werden, und miſchte ſich unter die Menge, die ſich uͤber den Vorfall ungemein zu ergötzen ſchien. Sein nächſter Zweck war nun, dem rechtmäßigen Inha⸗ ber die Glocke zuruͤckzugeben, und nachdem er dies zur voll⸗ kommnen Zufriedenheit jenes Individuums gethan, begab er ſich gemaͤchlich nach dem Orte, an welchem Neptun in einer Muſchel ſitzend abgebildet war, die von vier ſtolzen Roſſen gezogen wurde, aus deren Nuͤſtern Waſſerſtröme ſpruͤhten. Dieſe Gruppe nahm ſich aͤußerſt maleriſch aus, und während Valentin ſie bewunderte, nahete ein kleiner Burſche in dem Coſtuͤme eines Schulknaben, mit einem Kinde, das ein Schiffstau um den Guͤrtel gebunden hatte. »Das, mein liebes Herzchen,« ſagte der Schulknabe, wiſt Neptun, der Gott der Meere,« und der Ton, in welchem dieſe Erklärung abgegeben wurde, erregte Valen⸗ tin's Aufme nkeit, der es ſonderbar fand, daß ein Knabe ſolche Sme haben ſollte, und doch war er ganz wie ein der Bauchredner. 247 ſolcher gekleidet, und hatte eine aͤußerſt jugendliche Maske. In der Hand trug er einen Tonnenreif. „Das iſt ja allerliebſt!« bemerkte das kleine Mädchen. »Aber was bedeutet es denn?« Der Schulknabe begann nun, ihr Neptuns Verwand⸗ lungen und deren Zweck zu erklären. Aber Valentin merkte kaum ſeine Abſicht, als er aus Neptuns Munde rief: „Schurke!... nimm Dich in Acht!« Der Knabe zitterte, ließ ſeinen Tonnenreif fallen, ſuchte in allen Taſchen, und zog dann eine goldene Brille hervor; in dem Augenblicke jedoch, als er die jugendliche Maske emporſchob, um die Brille aufzuſetzen, lief das kleine Mädchen ſchreiend davon, denn er zeigte das verwitterte Geſicht eines hinfälligen Greiſes, das wirklich wie ein acht⸗ zigjähriges ausſah. Valentin war unangenehm beruͤhrt und zog ſich etwas auf die Seite; da nahm der Burſche ſeine Kappe ab, wo⸗ bei er als vollkommen kahl erſchien, und nachdem er ſeine jugendliche Maske noch hoͤher hinaufgeſchoben, um deutlicher durch die Brille ſehn zu koͤnnen, betrachtete er genau die Gruppe. »Schaͤme Dich!« rief Valentin aus Neptuns Munde, »Du elender, erbärmlicher alter Menſch!... Sind meine 248 Valentin Vor Handlungen der Art, daß man ſie einem Kinde erklären darf?« Der»Knabe« zitterte abermals heftig, und während er unruhig umherſah, trat er mit dem Fuße auf den Ton⸗ nenreif, der ſich nun erhob, und ſo heftig ihm gegen das Kinn ſchlug, daß er vor Schmerz heulte. »Fort!« rief Valentin.»Beſſere Dich, ehe es zu ſpät iſt!« und der Knabe ſprang, ſo raſch es ſeine ſchwachen Beine nur erlaubten, nach einem heller erleuchteten Orte fort. Hier trat er in eins der Zelte, um nach ſeinem alten Kinne zu ſehn, das er heftig rieb, indem er auf Neptun und auf den Faßreif fluchte. Das Feuerwerk ward angekuͤndigt, und Valentin begab ſich nach der Galerie, um ungeſtort zuſchauen zu koͤnnen. »Oh! oh! oh!« riefen wenigſtens hundert Stimmen, als die erſte ſtrahlende Rakete ziſchend emporſtieg. Valentin war ſehr aufmerkſam, denn die ganze Darſtellung kam ihm ungemein praͤchtig vor. Etwas ſo großartiges hatte er nie geſehen. Als das Feuerwerk voruͤber war, entſtand ein neuer Lärm. Eine Schaar von Schornſteinfegern und eine Legion Raketen traten ein, und erhoben ein entſetzliches Geſchrei. Dazu toͤnten die Trommeln und Pfeifen ſo belebend, daß J 3 der Bauchredner. 249 Valentin beinahe unbewußt mit ihnen zog, bis er vor einem Gebaͤude ſtand, welches der große pavillon genannt wurde, und eine Ausſicht uͤber den großeſten Theil der Gärten ge⸗ ſtattete. „Hier muß es ſich gut ſitzen laſſen,« dachte Valentin. „Ich will hineingehn.« Er trat daher in den Pavillon, und fand ihn gedrängt voll von ſonderbar ausſehenden Per⸗ ſonen, die ſich lebendig und neckend zwiſchen einander um⸗ hertrieben. Nachdem er ſich in eine der Ferſtervertiefungen der Frontſeite geſetzt, ſo daß er die Scene vollkommen uͤberſe⸗ hen konnte, nahm er wiederum ſeine wirklich außerordent⸗ liche Naſe ab, um freier ſehen zu koͤnnen. Unmittelbar unter ihm tanzten mehrere auffallende Charaktere eine Qua⸗ drille, was eine ſonderbare Wirkung machte, inſofern alle unterſchiede aufgehoben zu ſein ſchienen. Ein Straßenkehrer tanzte mit einer perſiſchen Prinzeſſin, ein wilder rother In⸗ dianer mit einer Nonne, ein gelehrter Richter mit einer nußbraunen Zigeunerin, und ein Schornſteinfeger mit einer Sylphide, waͤhrend der Styl, in welchem ſich jeder bewegte, ſo charakteriſtiſch war, daß ſie darauf ſtudiert zu haben ſchienen, die Scene ſo grotesk⸗ſpaßhaft zu machen, als moͤglich. 250 Valentin Vor »Was haben Sie beſtellt, mein Herr?« wandte ſich einer der Aufwärter an Valentin. »Nichts. Was haben Sie zu eſſen?« »Schinken und junge Huͤhner, mein Herr, gebra⸗ »Gut, gut! bringen Sie mir das ſobald als moͤglich,« ſagte Valentin, der in der Aufregung ſeinen Magen ganz vergeſſen hatte, und nun bemerkte, daß derſelbe leer ſei. X Er hatte jedoch kaum Zeit, daruͤber nachzudenken, als die Teller ſchon vor ihm ſtanden, und nachdem er noch Wein beſtellt, begann er eine angenehme Operation, die die heitere Scene noch reizender machte. Da der Platz, an welchem er ſaß, ſo gelegen war, daß Jeder, der den Pavillon paſſirte, ihn ſehn mußte, ward er bald von der nämlichen griechiſchen Schoͤnen entdeckt, die er im Geſpraͤche mit dem Fuhrmann geſehn, und die nun ſogleich in den Pavillon trat. »Ich bin Ihnen,« ſagte ſie, indem ſie die Maske abnahm,»fuͤr Ihre Freundlichkeit an dem heutigen Abende noch herzlichen Dank ſchuldig. Es iſt mehr, als ich von ei⸗ nem voͤllig Fremden je erwarten konnte.« »Ah! wegen des Fuhrmanns,« entgegnete Valentin, der Bauchredner. 251 dem der Vorfall wieder einfiel.»Reden Sie von der Klei⸗ nigkeit nicht. Sie ſind wohl ſeitdem immer hiergeweſen?« »Ich habe,« erwiederte ſie, vich habe vergebens eine Perſon aufgeſucht, die ich hier zu finden hoffte.« „Sie ſind wohl ganz erſchoͤpft?« bemerkte Valentin. »Nehmen Sie Platz, wenn es Ihnen gefaͤllig iſt, und ſpei⸗ ſen Sie mit mir.« „Ich bin Ihnen ſehr verpflichtet, allein... ich furchte, Sie zu beläſtigen.« »Durchaus nicht! durchaus nicht!... Nehmen Sie Platz.« Sie ſetzte ſich, doch mit offenbarer Blodigkeit. »Da iſt,« dachte Valentin,»mitten in dieſer Scene doch wenigſtens ein ſchweres Herz.. ein Herz, wahr⸗ ſcheinlich fuͤr jede ſanftere Empfindung des Menſchen em⸗ pfänglich, und doch von dem Bewußtſein der Schuld ge⸗ quält.« Und er betrachtete voll Bedauern das ſchöne Geſchoͤpf, und bemerkte, daß Thraͤnen uͤber ihre Wangen perlten, die ſie offenbar zu verbergen ſtrebte. In der Meinung, ſein ſcharfer Blick würbe ſie in Ver⸗ legenheit ſetzen, nahm er eine heitere Miene an, obgleich er ſich in dieſem Augenblicke keineswegs heiter fuͤhlte— 252 Valentin Vor und ſuchte ihre Aufmerkſamkeit auf die groteskeſten Geſtalten zu lenken, die ſich dort zeigten. Er vermochte jedoch nicht, ſie zum Lächeln zu bringen. Sie ſchien fur alle ihr erwie⸗ ſene Aufmerkſamkeit dankbar, unenblich dankbar zu ſein, allein ihre Zuͤge blieben ſtarr, wie Marmor. Sie aß nur wenig, und ſchwieg, außer wenn eine directe Frage Valentins durch⸗ aus eine Antwort erheiſchte. „Sie ſind heute Abend nicht laufgeräumt?« bemerkte er, nachdem er lange verſucht hatte, ſie zu zerſtreuen.« »Das bin ich nie,« entgegnete ſie leiſe.»Ach, ich war es ſeit vielen ſchrecklichen Monaten nicht« In den herzbrechenden Toͤnen, womit ſie dieſe Worte äußerte, lag etwas unwiderſtehlich Ruͤhrendes. Da Valen⸗ tin die Qual, welche ſie auszuſtehn ſchien, nicht noch ver⸗ mehren wollte, ſo brach er ab, und ſuchte nach neuen Ge⸗ genſtaͤnden, die ſie zerſtreuen konnten. „Iſt das der Graf?« fragte eine Perſon, die hinter Valentin ſaß, und wies auf eine kleine, ſchwäͤchliche Figur, die ſich an die Wand des Pavillons lehnte, als koͤnne ſie ſich ohne Stuͤtze nicht aufrecht erhalten. Die griechiſche Schoͤne fuhr auf, und ſchien ſehr verle⸗ gen zu ſein. „Warum zittern Sie? fragte Valentin. —— der Bauchredner. 253 „Er iſt es,« entgegnete ſie;»die Urſach' all' meines Kummers.« Und wiederum drangen Thraͤnen in ihre Au⸗ gen, und ſie ſchluchzte, waͤhrend ſie die Thraͤnen zu ver⸗ bergen ſuchte. Valentin wandte ſich nach dem Grafen und ſah ihn mit einem Ausdrucke der Verachtung an. „Aber fuͤr ihn,« fuhr das arme Maͤdchen fort,»wuͤrde ich immer tugendhaft, immer rein geblieben ſein.« „Iſt es moͤglich,« ſagte Valentin,»daß ein ſo erbärm⸗ liches Geſchoͤpf, wie der, Ihnen die Tugend geraubt haben kann?« „Sein Titel verlockte mich,« antwortete ſie,»nicht ſeine Perſon.« „Aber wie lernten Sie ihn kennen?« fragte Valentin. »Erzählen Sie mir... erzaͤhlen Sie mir Alles,« und nachdem ſie ihre Aufregung ein wenig beſchwichtigt hatte, erzaͤhlte ſie. »Mein armer Vater,« ſagte ſie,»iſt ein Geiſtlicher, etwa hundert Meilen von London, und das Leid, in welches ich ihn gebracht, betruͤbt mich mehr, weit mehr, als alles Uebrige. Er nahm mich vor etwa ſechs Monaten zu dem Wahlballe mit. Der Graf war da, ich tanzte mit ihm, er erzeigte mir den ganzen Abend hindurch viel Aufmerk⸗ 254 Valentin Vor ſamkeit, beſuchte uns den folgenden Tag, und da er mit der Lage meines Vaters, der ein ſehr geringes Einkommen hatte, bekannt wurde, ſo verwandte er ſeinen Einfluß zu deſſen Gunſten, und das Reſultat war, daß mein Vater befoͤrdert wurde. Ich.... ja wir Alle waren naturlicher Weiſe ſehr dankbar fur dieſe Gute, und er wurde ein täg⸗ licher Beſucher. Aber ſein Zweck.... den wir leider nicht bemerkten.... war, mich zu verderben, und das gelang ihm nur zu gut. Ich entfloh und kam mit ihm nach Lon⸗ don, wo er mir ein Haus miethete, und einige Wochen hin⸗ durch ſehr aufmerkſam und guͤtig gegen mich war. Dann aber wurden ſeine Beſuche immer ſeltener, bis er mich end⸗ lich voͤllig verließ.« »Und kennt Ihr Vater Ihre jetzige Lage?« »Nein; ich wagte nicht, an ihn zu ſchreiben.« »Fuͤrchten Sie, daß er Sie nicht wieder aufnimmt, wenn Sie ihm Ihre Lage ſchildern, und daß Sie zu ihm zuruͤckzukehren wuͤnſchten?« „Ach! ich fuͤrchte es! Da ich aber gehoͤrt hatte, der Graf wuͤrde heute Abend hier ſein, ſo borgte ich mir dieſen Anzug, der einem von denen gleicht, die er mir gab, und kam hieher, um ihn zu bitten, mir eine Summe zu geben, die es mir moglich machte, zu meinem armen, unglucklichen ——,— der Bauchredner. 255 Vater zuruͤckzukehren, daß ich mich reuig ihm zu Fuͤßen werfen, und auf den Knieen ihn um Verzeihung anflehen kann.« »Wie viel brauchen Sie zu dem Zwecke?« ſagte Va⸗ lentin, den dieſe Erzählung geruͤhrt hatte. »Mit dreißig Schillingen waͤre mir geholfen,« antwor⸗ tete ſie.„Damit kame ich wieder nach Hauſe.« Valentin zog ſogleich ſeine Boͤrſe heraus. Er hatte nur zwei Sovereigns und etwas Silbergeld, gab ihr die beiden Sovereigns, und bat ſie, mit dem Grafen gar nicht zu ſprechen, ſondern ſogleich nach Hauſe zu gehn, und ſich zur Abreiſe vorzubereiten. Das arme Maͤdchen ſchien von Dankbarkeit uͤberwältigt zu werden. Warm und beredt dankte ſie ihm tauſendmal, ſegnete ihn, kußte innig ſeine Hand, und verließ den Pavil⸗ lon, ohne daß der Graf ſie geſehen. Valentin ſuchte nun die Empfindung los zu werden, womit die Erzählung dieſes ſchoͤnen Mädchens ihn erfullt hatte. Er ſteckte ſeine Naſe wieder vor, ging in dem Gar⸗ ten umher, kam bei dem Eremiten voruͤber, und ſetzte die Beſchauer dadurch in Erſtaunen, daß er jenem Worte aus Byron's Corſar in den Mund legte. Alles das wollte jedoch nicht recht helfen; er kehrte da⸗ 256 Valentin Vox her nach dem Theater zuruͤck, und als er hier die Masken luſtig tanzen ſah, miſchte er ſich unter ſie, engagirte eine Tänzerin, die wie ein kleiner weiblicher Midſhipman aus⸗ ſah, und wurde wieder einer der Froͤhlichſten unter den Froͤhlichen. Nach einer Stunde etwa vernahm er ein wiederholtes Geſchrei, das offenbar aus dem Pavillon drang, und als mehrere Frauenzimmer hereinſtuͤrzten und meldeten,„Fuchs⸗ hannchen« habe eben ein glorreiches Gefecht mit einer Be⸗ ſenbinderin gehabt, ſo ſchloß er ſich dem Strome an, der ſich ſogleich nach jenem Orte hinbewegte. Vor dem Pavillon war ein außerordentliches Gedränge:— es hatte ſich ein Kreis gebildet, und die Zuſchauer ſtanden zwoͤlf Mann hoch. Noch immer hoͤrte er das Geſchrei, mit faß in die Haarel« und dergleichen, aber auf die kriegfuͤh⸗ renden Maͤchte einen Blick zu werfen wollte ihm nicht ge⸗ lingen. „Ich will ſehen, wer ſie iſt!« rief ein Frauenzimmer in der Mitte des Kreiſes. „Dieſe Stimme!« dachte Valentin;»dieſe Stimme!« Sogleich bahnte er ſich mit den Ellenbogen einen Weg durch . der Bauchredner. 257 die Menge, und erkannte in»Fuchshannchen« die griechiſche Schöne. Er ſprang ihr nach und riß ſie zuruͤck; aber ſie wehrte ſich wie eine Verzweifelnde. »Laßt mich los la rief fie.»Sie iſt mir verhaßtl!.... »Thoͤrichtes Mädchen! ich will nicht!« rief Valentin entſchloſſen, hatte aber kaum dieſes Wort geaußert, als ſie ſich umdrehte und ihm heftig in das Geſicht ſchlug. Erzürnt ließ er ſie los, und ſie fuͤhlte ſich kaum frei, als ſie auf ihre Gegnerin losſprang, und Maske und Kappe derſelben augenblicklich in Stuͤcken riß. Die Beſen⸗ binderin ward dadurch noch mehr gereizt, ſchlug rechts und links um ſich, wie ein Mann, und fuͤhrte dabei die abſcheulichſten Reden, die je uͤber menſchliche Lippen kamen. Valentin empfand ſolchen Ekel, daß er ſich raſch aus dem Kreiſe draͤngte, naͤherte ſich dann einer Nonne, und fragte ſie, ob ſie die griechiſche Schoͤnheit kenne. »Ob ich ſie kenne!« rief die Nonne.»Was! Fuchs⸗ hannchen?.. Wer kennte die nicht! Ich habe ſie von klein auf gekannt. Wir ſind zuſammen erzogen,— nur hatte ſie zufaͤllig eine etwas beſſere Erziehung, als ich, und das machte ſie zu der liſtigſten Katze, die je auf zwei Bei⸗ nen ging.« »Aber ihre Eltern ſind achtungswerth, nicht wahr?« fragte Valentin. „O, ihr Vater gewiß,« entgegnete die Nonne,»denn ihre Mutter ließ ihn anſtändig fur ſie bezahlen. Sie iſt Valentin Vox. I. 17 258 Valentin Vor die Tochter der alten Mutter Maxwell wiſſen Sie das nicht?« Davon wußte nun Valentin allerdings nichts, aber wohl, daß er ſchaͤndlich hinter das Licht gefuͤhrt ſei.»Aber was war die Veranlaſſung dieſes Kampfes?« fragte er. »Sehen Sie, entgegnete die Nonne,»vor etwa einer Stunde verſammelt Hannchen einige Mädchen um ſich, und tractirte ſie mit Champagner, und dann mit Grog. Sie ſagte, ſie habe eben eine Unſchuld geſpielt gegen einen ge⸗ fuͤhlvollen jungen Narren, dem ſie ein Paar Sovereigns ablockte, wofuͤr ſie nach ihrem Vater zuruͤckkehren ſollte, und ſie lachte ſo herzlich, als ſie ihnen zeigte, wie ſie das angefangen, und trank ſo unmaͤßig, daß ſie, als ſie alles Geld ausgegeben hatte, anfing zu zanken— was ſie immer thut, wenn ſie getrunken hat.— Sie fiel uͤber das erſte beſte Maͤdchen her, deſſen ſie habhaft werden konnte, und das war nun grade die arme Beſenbinderin, ein ſo harmloſes Geſchoͤpf, als je gelebt hat.« »Der ihr das Geld gab, muß wohl ein rechter Narr geweſen ſein,« bemerkte Valentin, und erwartete keineswegs eine fur ihn ſchmeichelhafte Antwort. »Ich weiß es nicht,« entgegnete die Nonne.»Wenn ſie einen Angriff auf einen Mann macht, ſo läͤßt ſie nicht von ihm ab, bis ſie ihren Zweck erreicht hat. Wer Fuchs⸗ hannchen widerſtehen will, muß ein ganzer Mann ſein« In dem Augenblicke begann der Kampf von Neuem, und wurde bald allgemein, da mehrere ſich hineinmiſchten. Auch blieb er nicht auf dieſen beſondern Ort beſchraͤnkt, der Bauchredner. 259 denn da ein Herr in der Maske des Punch, während er ſich uͤber die Front des Pavillons lehnte, ſich den Spaß gemacht hatte, eine Quantität Wein in den Mund einer Maske zu gießen, die ihr Eigenthuͤmer in die Hoͤhe geſcho⸗ ben hatte, um ein Blumenmaͤdchen zu kuͤſſen, ward der Herr, dem dieſe Beleidigung geſchah, daruͤber ſo ungehal⸗ ten, daß er plotzlich aufſprang, in der loblichen Abſicht. Punch uͤber die Bruſtwehr herabzureißen; und dies fuͤhrte er denn auch ſo unbarmherzig aus, daß, da einige»Pfui!« und andere»Bravo!« riefen, ſich auf der Slelle zwei Parteien bildeten und das Gefecht bald allgemein wurde. Von dem Pavillon aus verbreitete ſich der Kampf all⸗ mälig durch den Garten. Die friedlich Geſinnten ſchrieen änzſtlich, und liefen verzweiflungsvoll in alle Richtungen umher. Einige ſuchten ihre Zuflucht im Theater, aber eben dieſes ward bald eine Arena fuͤr die Gladiatoren, waͤhrend andere in das Schenkzimmer in der Naͤhe des Eingangs ſtuͤrmten, wo denn das Raſſeln und Klirren der Punſch⸗ bowlen und Glaͤſer bald entſetzlich wurde. Tiſche und Stuͤhle wurden zerbrochen, Zweige von den Baͤumen geriſſen,— kurz, was nur irgend als Waffe dienen konnte, wurde von den Wuͤthendſten begierig ergriffen, während am aͤußerſten Ende des Gartens die Vernuͤnftigern der intereſſanten Be⸗ ſchäftigung oblagen, die bunten Lampen abzureißen und ſich damit einander geſchickt zu bewerfen, was eine vortreffliche Wirkung machte. Denn da jede Lampe eine Quantität Oel enthielt, ſo wurden dieienigen, welche davon getroffen wurden, mit Oel begoſſen, und contraſtirten ergotzlich mit dem wuͤthenden Gemetzel derer, die entſchloſſen zu ſein ſchie⸗ 260 Valentin Vor nen, Alles aufzubieten, um den Gegnern ſo viel Schaden als moͤglich zuzufuͤgen. Valentin hielt ſich vorſichtig von dem Allen fern. Er ſah, wie die Kaͤmpfenden ohne unterſchied desperate Hiebe austheilten, und hatte keine Neigung, ſich mit ihnen zu verbinden, da ihre Waffen hie und da eine furchtbare Wir⸗ kung machten. Die Mäͤnner ſchimpften und fluchten, während die Frauenzimmer kreiſchten; einige lagen zappelnd am Boden, während Andere auf ihnen umhertraten; dieſe kletterten in den Pavillon, waͤhrend jene daraus auf die Köpfe der un⸗ tenſtehenden herabſprangen; kurz, ſie fochten ſo wild, und ſchrieen ſo wuͤthend, daß eine entſprechende Zahl von Losge⸗ laſſenen Tollen weder mehr Lärm gemacht, noch desperater gekämpft haben koͤnnte. Die Polizei that alles Moͤgliche, um den Zwiſt beizule⸗ gen, konnte aber nicht viel ausrichten; da ſie an Zahl zu gering waren, ſo achtete man ihre Autorität wenig. Den⸗ noch gelang es ihnen endlich nach langer Anſtrengung, der griechiſchen Schoͤnen habhaft zu werden, die ſie dann aus dem Garten ſchleppten, um ſie einzuſperren. Valentin, der keineswegs bedauerte, bei dieſem Schauſpiele zugegen gewe⸗ ſen zu ſein, aber genug von den Tollen geſehn hatte, die ſich herumſchlugen, ohne zu wiſſen, warum oder mit wem, verließ ſie, während das Handgemenge noch immer fortdau⸗ erte, und hatte grade noch Geld genug, um ſich nach Hauſe fahren zu laſſen, und keinen Heller mehr. Ende des zweiten Bandes. — — 8 9 ſſ ſiſ ſn . ſin. 7 9 6 y 8 E §.* — F„* — . J 1 90