deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oltmann in Gießen, 3 Veih- und Feſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sumine inerlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. . 4. Abonnement. Daſſ be muß voraus bezahlt werden und beträgt:. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . 6 3 ber: 4 Bücher: 6 Bücher: für wöchentlich auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 W.— Pf. „„ 2 5. Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In einem der aͤlteſten, volksreichſten Flecken der Graf⸗ ſchaft Suffolk lebte ein Genie, Namens Jonathan Vor, der, um raſch ſein Gluͤck zu machen, Alles verſuchte, dem Alles aber fehlſchlug, weil er bei nichts die gehoͤrige Ausdauer hatte. Im Alter von fuͤnfundzwanzig Jahren ward dieſer Gentleman, den man fuͤr einen hoͤchſt achtbaren Chriſten hielt, weil er regelmaͤßig jeden Sonntag zweimal die Kir⸗ che beſuchte, in die Ausſichten der Miß Penelope Long verliebt, einer jungen Dame, die einen Onkel von väter⸗ licher Seite hatte, welcher ein huͤbſches Vermoͤgen erworben haben ſollte, und einen Onkel von muͤtterlicher Seite, dem man daſſelbe nachſagte. Nach ihrem feſten Glauben hatte Miß Penelope kei⸗ nen andern Verwandten in der Welt, und da, ſonderbar genug, auch Jonathan dieſen Glauben theilte, ſo drängte 4 Valentin Vor ſich ihm in Folge deſſen ploͤtzlich die Ueberzeugung auf, daß er nichts Beſſeres thun koͤnnte, als ſich der Miß Penelope zu verſichern, da er einſah, daß es, wuͤrde er auch nicht mit einem Male reich, doch Reichthum in der Familie gabe, der zu irgend emer Zeit in ſeine Hände kommen muͤſſe, da weder Onkel von väterlicher, noch Onkel von muͤtterlicher Seite unſterblich ſind, obſchon ſie fur Viele zu lange leben. Jonathan benutzte daher die erſte Gelegenheit, welche ſich darbot, Miß Penelope's Herz zu beſtuͤrmen, und er vollfuͤhrte dieſes mit großem Gluͤcke fuͤr ſich, und zu nicht geringer Zufriedenheit der Dame; denn waͤhrend einerſeits Jonathan ein einſchmeichelndes Aeußere beſaß, gehoͤrten andrerſeits er und Penelope demſelben»Stande« an, was in einer Stadt, wo die Achtzehnpfennigleute ſich mit den Schillingindividuen nicht verbinden koͤnnen, ohne regelmaͤßig von den Halb-Kronen todtgeſchlagen zu werden, in Sa⸗ chen der Art gewiß von großer Wichtigkeit iſt. Jonathan begann daher ſeinen Angriff muthig mit ei⸗ ner allgemeinen Bemerkung, welche ſich auf das Wetter bezog; da er jedoch fand, daß dieſes ein ziemlich breit ge⸗ tretener Gemeinplatz ſei, denn man kann ſich doch nicht mehrere Stunden lang bei dem Wetter, und nur bei dem —————— der Bauchredner. 5 Wetter, aufhalten, ſo ging er geſchickt zu der Beredſamkeit des Predigers von St James uͤber,— ein Gegenſtand, der Beiden gelaͤufig war, und der, mit einigen zärtlichen Interpolationen, vorhielt, bis ſie es ſchicklich fanden, ſich am Abend zu trennen. Am naͤchſten Abend wurde der Angriff erneuert, und das waͤhrte ſo mit geziemendem Eifer einen Zeitraum von funfzehn Jahren hindurch, da Jonathan es ſich natuͤrlicher Weiſe angelegen ſein ließ, die Vollendung ſeines Gluͤckes ſo lange als moͤglich hinauszuſchieben, in Erwartung eines Ereigniſſes, das ihn und Penelope veranlaſſen koͤnnte, die Erfuͤllung ihrer Wuͤnſche zu beſchleunigen. Als nach Ver⸗ lauf dieſer Zeit jedoch Penelope zart bemerkte, daß ſie einander lange genug gekannt haͤtten, um ſich genau zu kennen, ward der Tag beſtimmt, und Jonathan und Pe⸗ nelope in Gegenwart der beiden Onkel John und Eleanor zuſammengegeben. In weniger als zwoͤlf Monaten ward Jonathan mit einem ruͤhrenden Beweiſe der Liebe in der vollkommenen Aehnlichkeit eines Sohnes beſchenkt, und dieſes Geſchenk erfreute ſein Herz. Er kuͤßte ſeinen Erben, ſang ihn in Schlaf, ſchaukelte ihn auf den Knieen, und wuͤrde ihn ohne Zweifel umgebracht haben, hätte ſich nicht die Amme in das Mittel gelegt, 6 Valentin Vox die ihm das Kind in dem Augenblicke wegnahm, als Jo⸗ nathan es noͤthigen wollte, auf die Geſundheit ſeines Papa ein Glas Branntwein mit Waſſer zu trinken. Nun aber konnte Jonathan, wie bemerkt, in Geldan⸗ gelegenheiten nie vorwaͤrts kommen, eine Unannehmlichkeit, die nicht allein dem Umſtande zuzuſchreiben iſt, daß er nie lange bei irgend etwas ausdauern konnte, ſondern auch der Thatſache, daß er, bei all ſeiner Liebe zur Unabhaͤngigkeit, bei all ſeinem eifrigen Streben, raſch zu einem glaͤnzenden Vermoͤgen zu gelangen, hoͤchſt unvorſichtig war und eine außerordentliche Verachtung gegen alle kleinen Geldſummen hegte. Zwar ging dieſe Verachtung nicht ſo weit, daß er etwa eine Zwanzig⸗Pfund⸗Note in ſeine Flinte geſtopft hätte, wenn es ihm gerade an Werg fehlte, allein er war der Mann danach, zwanzig Pfund auf einmal zu verleihen, ohne die geringſte Ausſicht, ſie je wieder bezahlt zu erhal⸗ ten, oder einen Wechſelbrief zu acceptiren, ohne die ge⸗ ringſte Sicherheit, daß der Ausſteller ihn honoriren wuͤrde. Daher kam es, daß er beſtändig ohne Geld blieb. Je mehr er bekam, deſto mehr ließ er darauf gehen:— er hatte daher ſtets Schulden, und zwar immer nach Verhaͤltniß ſeiner Einnahme. Da Onkel John wußte, daß dies eine der Hauptei⸗ — — — der Bauchredner. 7 genſchaften Jonathans ſei, und es fur hohe Zeit hielt, ihn zu vermoͤgen, daß er in Zukunft minder unvorſichtig handle, ſo ſuchte er, gleich nach der Taufe des Erben, der nach dem Onkel Eleanor den Namen Valentin erhielt, ihn von der Noth⸗ wendigkeit einer Reform zu uͤberzeugen. Jonathan ſah im Augenblick die Wichtigkeit ſeiner Beweisgruͤnde ein, ver⸗ ſprach ſich zu ändern, und aͤnderte ſich wirklich. Einen Monat lang war er unerbittlich. Keinen Schilling wollte er verleihen, keinen Wechſelbrief annehmen. Er hatte Fa⸗ milie, und konnte aus Ruͤckſicht gegen dieſe nicht darein willigen. Nach Verlauf dieſes Monats jedoch ward ſein Entſchluß wankend. Er wurde von einem Freunde verleitet das zu thun, was er vorher oft gethan, aber dem Onkel John verſprochen hatte, nie wieder zu thun, und als die Verfallzeit des Wechſels da war, konnte weder er noch ſein Freund die Summe aufbringen, und die Folge davon war, daß er auf der Stelle eingeſperrt wurde. Valentin war damals naturlicher Weiſe noch zu jung, um thaͤtig zu der baldigen Befreiung des urhebers ſeines Lebens beitvagen zu koͤnnen; und doch ſteht es nichts deſto weniger feſt, daß er ſeine Freilaſſung bewirkte, da allein ſeinetwegen Onkel John den Wechſel bezahlte, und ſo jenen in Freiheit ſetzte. Dieſes Ereigniß machte eine heil⸗ 8 Balentin Vox ſame Wirkung auf Jonathan. Mit ſolchen gefährlichen Inſtrumenten, als Wechſelbriefe ſind, wollte er nichts mehr zu thun haben; was er verlieh, verlieh er nur in baarem Gelde, aber ſeinen Namen wollte er Niemand mehr leihen. Dem unveraͤnderlichen Geſetze der Natur gemaͤß, wuchs Maſter Valentin immer mehr heran, und als er das neunte Jahr erreicht hatte, ward er von Onkel John un⸗ ter die Aufſicht Sr. Ehrwuͤrden, des Herrn Henry Paul geſtellt, der, unfahig, mit den funfzig Pfund Sterling, welche er jährlich von ſeiner Pfarre bekam, ſich, ſeine Frau und ſieben Kinder nur einigermaßen gemächlich zu erhalten, eine beſchränkte Zahl von Zoͤglingen annahm, das heißt, ſo viele, als er bekommen konnte, und zwar fuͤr zwölf Guineen jährlich, ohne alle ſonſtigen Extraor⸗ dinaria. Maſter Paul's Erziehungsanſtalt lag ganz in der Nähe von New⸗Market, und Maſter Paul ſelbſt war ein aͤußerſt wohlwollender, tugendhafter Mann. Selbſt vor dem Schein einer unredlichen Handlung bebte er zuruͤck, und ehe er ſich einer ſolcher ſchuldig machte, ſo verzeihlich ſie auch in den Augen der Welt ſein moͤchte, wollte er lieber ruͤhmlich in der Rechtſchaffenheit ſeines Wandels leben, und muͤßte er —— ———— der Bauchredner. ſich allen Entbehrungen unterziehen. Sein Vater war ein bedeutender Kaufmann geweſen, und ſo gluͤcklich in der erſten Periode ſeiner Laufbahn, daß er zu einer gewiſſen Zeit einmal ein Vermoͤgen von wenigſtens 200,000 Pfund Sterling zuſammengebracht hatte. Dennoch zog er ſich nicht von den Geſchaften zuruͤck. Entſchloſſen, Alles, was er vermochte, fuͤr ſeinen Sohn zu thun, der, nachdem er eine geſunde Vorbildung erhalten, nach Cambridge geſandt wurde, ſetzte er ſein bisheriges Geſchäft des Geldaufhau⸗ fens mit einem Eifer und einer Energie fort, als hätte er fuͤr die nothduͤrftigſten Exiſtenzmittel arbeiten muͤſſen. Das Jahr jedoch, in welchem ſein Sohn Cambridge verließ, war fuͤr ihn ſehr ungluͤcklich. Eine Reihe unglucklicher Speculationen ruinirte ihn gaͤnzlich, und er verlor nicht nur jede Guinee, die er beſaß, ſondern gerieth auch in Schulden, deren Tilgung unmoͤglich war. Er mußte daher ſeinen Bankerott erklären, und in dem Zimmer, in wel⸗ chem ſeine Glaͤubiger zum erſten Male zuſammenkamen, uͤberwaͤltigte ihn das Bewußtſein ſeiner Lage dermaßen, daß ein Schlagfluß ſeinem Leben ein Ende machte. So ſtand Maſter Henry Paul denn mit einem Male ohne Schilling und ohne Freund in der Welt. Er hatte verſaäͤumt, ſich auf dem Colleg Freunde zu erwerben, und 10— Valentin Vor war daher ohne Ausſicht auf Befoͤrderung. Lange Zeit hindurch war er buchſtäblich dem Verhungern nahe; endlich aber bekam er eine Pfarre, und verliebte ſich bald nachher in ein vortreffliches junges Geſchoͤpf, die Gouvernante in ⸗ der Familie des Rectors und eben ſo arm war, als er ſelbſt. Er heirathete ſie, und beſiegelte ſo in pecuniärer Hinſicht das Geſchick Beider fuͤr immer. Von ſolch einem Manne hatte Valentin keine Strenge zu fuͤrchten, obſchon er dieſes Anfangs beſorgte. Maſter Paul ging aͤußerſt zaͤrtlich mit ſeinen Zoͤglingen um; waͤ⸗ ren es ſeine eigenen Kinder geweſen, er haͤtte ſie nicht liebreicher behandeln koͤnnen. Seine Hauptſorge beſtand„ darin, ihnen eine Kenntniß des richtigen Weges und eine vollkommene Wuͤrdigung der daraus hervorgehenden Vor⸗ theile beizubringen. Sein Tadel war in dem Lobe Anderer enthalten, und ſeine einzige Strafe beſtand in dem Zuruͤck⸗ halten der Belohnung. Als Valentin in dieſer Anſtalt fuͤnf Jahre geweſen, in denen er bedeutende Fortſchritte gemacht hatte, ſtuͤrzte ſein Vater bei einem nautiſchen Verſuche, den er in einer Waſ⸗ ſergelte anſtellte, zum groͤßeſten Kummer des ausgedehnten 9 Kreiſes ſeiner Freunde, in das Waſſer, und ertrank. Dieſes Ereigniß verſetzte Valentin natuͤrlich in die groͤ⸗ Pand. 3 So ging es vier Jahre lang, als ein umſtand eintrat, der Bauchredner. 11 ßeſte Traurigkeit; er verließ die Schule, vorgeblich auf einen Monat, in der That aber, um nie dahin zuruͤckzu⸗ kehren; denn nach der feierlichen Beiſetzung der Ueberreſte des Hingeſchiedenen in der Familiengruft, behielt die be⸗ truͤbte Wittwe, als das Einzige, wovon ſie einigen Troſt erwarten konnte, Valentin bei ſich zu Hauſe. Sein Kummer verſchwand jedoch bald. Er hatte Alles, was er wuͤnſchte. Onkel John gab der Wittwe einen an⸗ ſehnlichen Jahrgehalt, und die Wittwe ließ ihren Valentin thun, was ihm beliebte. Den groͤßeſten Theil des Tages brachte er gewoͤhnlich außer dem Hauſe mit Fiſchen, Schie⸗ ßen, Jagen, Reiten, Baden oder Spielen zu, und als er bald ein Meiſter in faſt allen gebraͤuchlichen Spielen wurde, hatte er ſtets die eine oder die andere Partie zur der auf ſeinen Lebenswandel ſo weſentlich influirte, daß, waͤre er nicht eingetreten, aller Wahrſcheinlichkeit nach ſeine Abenteuer nie der Welt bekannt geworden ſein wuͤrden. ð 12 Valentin Vor Zweites Kapitel. Genie und Charakteriſtik eines großen Zauberers.— Valentin faßt den Geiſt ſeiner Kunſt. Als Valentins Geburtsort von Signor Antonio Hespe⸗ rio de Bellamoniac, Hofkuͤnſtler Sr. Majeſtät des Koͤnigs von Neapel und Lehrer der ſchwarzen Kunſt bei Gwang⸗ Fu⸗Twang, dem Kaiſer von China, beſucht wurde, ward bekannt gemacht, daß eine wunderbare Darſtellung der edlen Taſchenſpielerkunſt, deren Profeſſor der italieniſche Signor war, in einem Hinterzimmer des Bull, eines we⸗ gen ſeines aͤußerſt alten Bieres beruͤhmten Wirthshauſes, ſtattfinden wuͤrde. Nun aber war der Bull, in Folge ſeiner beſondern Celebrität, der abendliche Sammelplatz einer ausgewaͤhlten Zahl von Buͤrgern, unter denen in der Meinung der gan⸗ zen Geſellſchaſt Maſter Timotheus Jronſides am Hoͤchſten ſtand, der Redacteur und Mitherausgeber eines Journals 2 — ein Herr, den der Signor am Abend vor der wun⸗ derbaren Darſtellung ſo entzuͤckte, daß er ihm ſeine volle der Bauchredner. 13 unterſtutzung zuſagte, wofuͤr der Signor ihm denn aus Dankbarkeit freie Entree fuͤr ſo viele Freunde, als er mit⸗ bringen wolle, bewiligte. Die Stunde, in welcher die Darſtellung beginnen ſoll⸗ te, kam heran, und der Signor ſah zu ſeinem groͤßeſten Aerger, daß er ſich in eine ſehr gewagte Speculation ein⸗ gelaſſen. Es hatten ſich im Ganzen nur fuͤnfundzwanzig Kunſtliebhaber eingefunden, und von dieſen nur ſieben das Eintrittsgeld bezahlt, nämlich die geringe Summe von drei Deniers, und da der ganze Ertrag ſich alſo auf nicht mehr als einen Schilling und neun Deniers belief, ſo beſchloß Signor Antonio Hesperio de Bellamoniac, am folgenden Morgen nach einem Orte abzureiſen, in welchem das Ge⸗ nie mehr geſchaͤtzt und etwas freigebiger belohnt wuͤrde. Als er nach der Vorſtellung ſeinen Entſchluß Maſter Jronſides mittheilte, bewies ihm dieſer Herr ſogleich die außerordentliche Thorheit dieſes Gedankens, erklärte ihm, Mittwoch ſei der große Markttag, ſeine Zeitung erſchiene am Dinſtag, Hunderte von Landleuten wuͤrden dann mit ihren Frauen und Toͤchtern in die Stadt kommen, und er ſei vollkommen uͤberzeugt, nach der gerechten und unpar⸗ teiiſchen Kritik, die er zu geben beabſichtige, das Haus bis an die Decke gedrängt voll von Zuſchauern zu ſehen. Der 14 Valentin Vox Signor hoͤrte ihn mit einem gewiſſen halben Lächeln an, das deutlich auf das Vorhandenſein einer Art von Unglaͤu⸗ vigkeit hinwies, welche diejenigen, die Andere zu betruͤgen pflegen, unveraͤnderlich gegen alle diejenigen hegen, von denen ſie vorausſetzen, daß dieſelben ſie hintergehen wollen. Er ſaͤhe die Sache nicht genau ein; er hege nicht den ge⸗ ringſten Zweifel gegen die Richtigkeit alles deſſen, und er wiſſe, daß er Alles in Erſtaunen ſetzen wuͤrde.— Wie aber konnten die Zuſchauer herbeigelockt werden? Welche Art von Kritik könne geſchrieben werden, um ſie herbeizu⸗ führen? Das waren die Fragen, welche der Signor, und mit Recht, als aͤußerſt wichtig betrachtete. »Ich will Ihnen ſagen,« ſprach Ironſides,„wie wir es machen wollen; bleiben Sie hier, und Sie können ſelbſt urtheilen.« Sie zogen ſich zu dem Zwecke in ein kleines Hinter⸗ ſtübchen zuruͤck, in welchem ſie etwas uͤber zwei Stunden blieben, und eine Kritik uͤber die Darſtellung des Abends braueten, die nach des Signors eignem Geſtaͤndniſſe ein »wahrer Feuerbrand« war. „Nun,« ſagte der Signor,„koͤnnen Sie das drucken laſſen?« »Gewiß,« rief Ironſſdes,„auf meine Ehre!« — der Vauchredner. 15 »An Ihrer Ehre zweifle ich nicht,« meinte der Signor; »aber ſind Sie es auch im Stande?« »Ohne allen Zweifel!« entgegnete der Journaliſt. »Gut,« ſagte der Signor,„gut, ſehr gut.... die Sache gefällt mir,.... gut, ſehr gut!... Wiſſen Sie, was ich nun thun will? Das hier zieht es zieht ganz ſicher..... Was meinen Sie dazu?.. Ich will den großen Concertſaal auf dem Marktplatze miethen, und Sie ſollen bei dem Profit in gleiche Theile mit mir gehen.« »Es gilt!« rief Ironſides.„Und ſo feſt bin ich uͤber⸗ zeugt, daß wir ein volles Haus haben werden, daß ich erboͤtig bin, die Hälfte von allem Verluſte zu tragen.« »Vortrefflich!« ſagte der Signor.»Ich bin entzuckt! Haben Sie wohl ſo etwas, wie eine Krone, bei ſich? Ich erwartete heute eine Geldſendung, die aber nun vor morgen nicht eintreffen wird.« »Mit Vergnugen!« rief Jronſides, und im Augen⸗ blicke befand ſich die Krone in Jenes Hand. »Ich muß einige Zettel drucken laſſen,« fuhr der Si⸗ gnor fort,»morgen in aller Fruͤhe.« »Ueberlaſſen Sie Alles mir,« bemerkte Ironſides; Valentin Vor »ich abernehme das Alles. Ehe Sie aufſtehen, werther Freund, ſollen ſie ſchon an allen Straßenecken kleben.« »Gut! wiederum gut!« rief der Signor.« Sie verſtehen das beſſer, als ich. Ich uͤberlaſſe Ihnen die ganze Sache,— wie ein Kind will ich mich Ihrer Lei⸗ tung uͤberlaſſen.« „Sie werden ſehen, daß ich das Ding verſtehe,« be⸗ merkte Jronſides, indem er aufſtand und dem Signor die Hand gab.»Gute Nacht!« „Mit der Lerche muͤſſen Sie auf ſein!« rief der Signor noch dem Journaliſten nach. „Geht das auf Rechnung Maſter Jronſides?« fragte der Wirth beſorgt. »„Freilich, freilich!« antwortete der Signor,„»das verſteht ſich von ſelbſt. Jetzt bringt Licht!« In drei Minuten uͤberließ ſich Signor Antonio Hespe⸗ rio de Bellamoniac— deſſen wirklicher Name, wie hier bemerkt werden mag, John Tod war,— Morpheus Ar⸗ men mit all der chriſtlichen Reſignation, deren er fähig war. Am nächſten Morgen ſchrieb Maſter Jronſides die Pla⸗ cate, und ließ ſie ſo raſch drucken und ankleben, daß bis Mittag die ganze Stadt damit bedeckt war. der Bauchredner. 17 Der große Magier betrachtete dieſe Affichen mit Freu⸗ de, und als am Abend Jronſides, deſſen ſäͤmmtliche Ge⸗ danken ſich in dieſem Vorhaben concentrirten, ein Zeitungs⸗ blatt brachte, um ihm die unparteiiſche Kritik zu zeigen, erſchoͤpfte der Signor ſich in Dankesergießungen. Noch an dieſem Abende wurden alle Vorkehrungen getroffen, das Zimmer ward gefegt, die Leuchter geputzt, und der Caſſirer gemiethet, waͤhrend die Becher, und Bälle, und Degen zum unendlichen Vergnugen nicht nur Jronſides, ſondern des Signor Antonio Hesperio de Bellamoniac ſelbſt, in Ordnung gebracht wurden. Zur gehoͤrigen Zeit kam der Marktmorgen heran, und die Stadt war, wie gewoͤhnlich, ſchon fruh voll Menſchen. Der Signor war außer ſich, als er ſo viele feſtlich geklei⸗ dete Perſonen ſah, deren Geſichter anzuzeigen ſchienen, daß ihre Beſitzer vollkommen bereit waͤren, ſich anfuͤhren zu laſſen, indem ſie gemaͤchlich in den Hauptſtraßen auf und niederzogen, mit weit geoͤffnetem Munde, als ob ſie Alles verſchlingen wollten. Er ging daher den Tag uͤber in der ganzen Stadt umher, um ſich von der Begierde zu uͤberzeugen, mit welcher die Placate geleſen wurden, und bemuͤhete ſich, incognito, beſonders, jeder Gruppe eine myſteriöſe Idee von der wunderbaren Vorſtellung beizubringen. Valentin Vox. I. 2 18 Valentin Vor Es ſchlug ſieben Uhr, und der Signor draͤngte ſich— mit einem ungeheuren Schnurrbarte ſpielend, den er aus⸗ druͤcklich zu dieſem Zwecke gekauft— durch die bereits ver⸗ ſammelte Menge. Die getroffenen Anordnungen waren vortrefflich. Nur Einer konnte auf einmal eintreten, und da ſtand der Magier, und nahm von jeder Perſon einen Schilling, bis der Saal beinahe gefuͤllt war, wo er dann, mit dem Befehl, Niemanden ohne Bezahlung hineinzulaſſen, ſeinen Poſten dem verantwortlichen Individuum abtrat, welches Jronſides zu dem Zweck gemiethet hatte. Nun war der Signor, was die Leute einen gewandten Burſchen nennen wuͤrden. Er wußte, daß er voͤllig unge⸗ bildet war, und war ſich nicht minder bewußt, daß ſeine Conſtructionen bei dem Reden eher alles Andere, als grammatikaliſch waren. Einerſeits daher um dieſes zu verbergen, und andererſeits ſein Publicum glauben zu ma⸗ chen, daß er das wirklich ſei, wofur er ſich ausgab, ein Italiener, nahm er ſeine Zuflucht zu einem Jargon von ſeiner eigenen Compoſition, der denn auch nie verfehlte, ſeinen Zweck zu erreichen. War er zu Hauſe, ſo konnte er ſich recht gut verſtändlich machen, und war er draußen, ſo brauchte er nur zu ſeiner unbekannten Sprache zu greifen, um ſich ſo myſteriös unverſtändlich, als moglich, zu machen. der Bauchredner. 19 Mit dem Schlage acht uhr rollte der Vorhang auf und zeigte den großen Magier in eine Pferdedecke ge⸗ huͤllt, die er von dem Stallknecht zu dem Zweck geborgt hatte und welche die Stelle eines Talars vertreten ſollte. Sein Aeußeres war ungemein impoſant; denn er hatte einen kangen wallenden Bart umgebunden, der, obgleich ſchwarz, einen außerordentlich cabbaliſtiſchen und patriarcha⸗ liſchen Effect machte, während er ſein Geſicht, ſtatt, wie gewoͤhnlich, mit Zinnober gefärbt— ſorgfaͤltig mit Kreide gerieben, als ſei er von tiefen Studien ſo blaß gewor⸗ den, und mit einem gebrannten Kork vorn einige Li⸗ nien in das Geſicht gezogen hatte, um die Furchen zu be⸗ zeichnen, die anhaltendes Denken dort hervorgebracht. Als der Enthuſiasmus, womit ſeine Erſcheinung begruͤßt wurde, aufhorte, trat der große Magus mit gebuͤhrender Wuͤrde vor, und redete ſein Publicum folgendermaßen an »Meine Erren und Damen! ick haben die Ehr ßu ſagen, daß ick werd' Verßiedenes vorſtell, und wenn ick werd haben überßlucken dieſen Swert, ick Sie will geben eine Prob von die Bauckredenkunſt, ſo das ick werd ßeinen ßu reden in die Bauck.« Was davon verſtanden wurde, erregte große Freude; 20 Valentin Vox das Unverſtändlichſte aber wurde gerade am Meiſten be⸗ klatſcht. Die Vorſtellung begann und der Signor wand ſich recht geſchickt durch eine Menge alter Taſchenſpieler-Stuͤckchen hindurch. Als er aber zum Bauchreden gelangte, ſetzte er ſeine Zuhoͤrer voͤllig in Erſtaunen; denn da ſie bis jetzt nie etwas der Art gehoͤrt hatten; ſo waren ſie im Zweifel, ob in ihm nicht wirklich etwas Uebermenſchliches verborgen ſei.— Dann fing er an, die Geige zu ſpielen; und ob⸗ gleich er ein ſchändlicher Fiedler war, ſo riß er ſein Pu⸗ blicum doch hin, indem er die fuͤrchterlichſten Toͤne hervor⸗ brachte, und damit endete die wunderbare Darſtellung des Abends. Signor's Anktonio Hesperio de Bellamoniac naͤchſte Sorge war es nun, das Geld in Empfang zu nehmen, welches während der Vorſtellung an der Thuͤr eingegangen war, und das mit dem Gelde, welches er ſelbſt aufge⸗ nommen hatte, ſich auf die bedeutende Summe von 23 Pf. Sterling 15 Schilling belief. Damit und mit ſeinen Zau⸗ bergeraͤthen— die ſaͤmmtlich in einem kleinen baumwollenen Taſchentuche Platz fanden— kehrte er nach ſeinem Quar⸗ tiere zuruͤck, wo dann bald ſein Verbuͤndeter, der Journa⸗ liſt, zu ihm traf. der Bauchredner 21 „O, mein beſter Herr!« rief der Signor, als Iron⸗ ſides eintrat,»ich bleibe fuͤr immer Ihr Schuldner!« »„Kein Wort davon!« rief der Journaliſt.»Sie ſe⸗ hen, ich hatte Recht.« „Ihre geiſtreiche Kritik gab den Ausſchlag,« bemerkte der Signor,»mein' Seel', das that ſie.« »Sehr guͤtig,« entgegnete Jronſides,»ſehr guͤtig!« »O,« ſagte der Signor mit Waärme,»Worte koͤnnen meine Dankbarkeit nicht ausſprechen. Was meinen Sie? Vor allen Dingen moͤchte ich Ihnen den Vorſchlag machen, ein gutes Abendeſſen mit mir einzunehmen.« Demzufolge wurde ein Abendeſſen beſtellt und gegeſſen, und Branntwein und Waſſer ad libitum getrunken, und der Signor gab dem Wirthe die Weiſung, Alles auf die allgemeine Rechnung zu ſetzen, fuͤr die natuͤrlich Jronſides allein verantwortlich war und haftete. „Sollen wir,« ſagte der Signor, als Ironſides wacker getrunken hatte,»ſollen wir die Einnahme dieſes glorrei⸗ chen Abends jetzt theilen, oder morgen?« »Wie es Ihnen beliebt, Herzensfreundchen,« ſagte der Journaliſt. »Gut denn; ich moͤchte Ihren Antheil gern los ſein,« 22 Balentin Vor meinte der Signor,»doch iſt es mir auch recht, wenn es bis morgen bleibt.« „Ganz recht, ganz recht!« ſagte der Journaliſt. »Wann wollen Sie kommen?« fragte der Signor. »Wann Sie wollen,« entgegnete Jronſides. »Um zwoͤlf denn,« ſagte der Magus;„bis dahin haben Sie denn auch Zeit, Alles aufzuſetzen, was Sie für die Zettel und ſonſt ausgelegt; und darauf muß ich drin⸗ gen, daß Sie fuͤr die Kritik in der Zeitung noch ein Paar Guineen ertra bekommen.« »Keinen Schilling!« rief Jronſides. »Ich beſtehe darauf,« ſagte der Signor. »Meinetwegen. aber keinen Schilling... keinen Schill 4 »Nun, beleidigen will ich Sie nicht. Wollen Sie nicht, ſo iſt's gut.— Kommen Sie noch ein Glas.„ Aber Jronſides konnte nicht mehr trinken. Er fuͤhlte, daß er ſchon mehr als genug getrunken, und verließ daher ſeinen Freund und Compagnon mit der Verabredung, daß ſie am folgenden Tage um zwoͤlf Uhr zuſammenkommen wollten. Der Morgen kam, und der Journaliſt war ſo puͤnkt⸗ lich, wie die Sonne; aber Signor Antonio Hesperio de der Bauchredner. 23 Bellamoniac ward nicht mehr gefunden. Niemand im gan⸗ zen Bull hatte ihn den Morgen geſehen. Er hatte die Sache kurz abgemacht, und war mit dem Gelde und ſeinen Geräthſchaften davongegangen, ohne auch nur ſo viel zu⸗ ruͤckzulaſſen, als ſeine Zeche betrug.— Maſter Jronſides mußte daher Concertſaal, Affichen, Caſſirer und Abendeſſen bezahlen, nebſt der Rechnung in dem Wirthshauſe, welches der Signor mit ſeinem Beſuche beehrt hatte;— und er bezahlte das Ganze in aller Stille, damit die Sache nicht ruchbar wuͤrde; denn es waͤre ihm äußerſt unangenehm geweſen, die beſtandige Zielſcheibe von Spottereien in der Stadt zu ſein. — moͤgen beſaß, Toͤne im unterleibe zu bilden, und daß Valentin Vor Drittes Kapitel. Valentin macht reißende Fortſchritte.— Sein erſter öffentlicher Verſuch.— Schlagende Entwickelung politiſcher Ungerech⸗ tigkeit.— Unterdrückung eines blutigen Local⸗Aufruhrs. Von allen Zuhoͤrern, welche der Magus bei der großen Gelegenheit, die wir beſchrieben, hatte, war Valentin einer der aufmerkſamſten, und der Theil der Vorſtellung, der ihn am Gewaltigſten ergriff, war das Vermoͤgen des Bauch⸗ redens, welches der Signor entwickelte. Wirklich machte es auf ſeinen Geiſt einen ſo tiefen Eindruck, daß er ſich entſchloß, ſich am folgenden Tage mit der Frage an den Magus zu wenden, ob es möglich ſei, daß auch er ein Bauchredner wuͤrde. Als er jedoch fand, daß der Signor ſo ohne umſtände aus der Stadt verſchwunden war, blieb er ganz ſeiner eigenen Hülfe uͤberlaſſen, und nach mehrtagigen verzweifelten Verſuchen entdeckte er eben ſo erſtaunt, als entzückt, daß er in der That das Ver⸗ der Bauchredner. 25 durch eifrige Uebung dieſes Vermoͤgen ſich voͤllig entwickeln wuͤrde. Er begann daher einen ſtrengen Curſus. Jeden Mor⸗ gen ſtand er fruͤh auf, und uͤbte ſich in den Feldern; und dabei erſchreckte er ſich oft ſelbſt, denn da das Vermoͤgen, welches er beſaß, nicht ganz unter ſeiner Herrſchaft ſtand, ſo ſchickte es die Tone oft an den einen Ort, waͤhrend er ſie an einen andern haben wollte. Das Bewußtſein jedoch, daß er dieſes außerodentliche Vermoͤgen beſitze, trieb ihn zur Beharrlichkeit an, und in weniger als ſechs Mo⸗ naten ſtand es vollkommen zu ſeiner Verfuͤgung. Nun fing er an, jeden in Erſtaunen zu ſetzen, der ihm begegnete. Er rief Jemand bei Namen, und bewirkte, daß der Ton ſcheinbar von der andern Seite der Straße herkam. Gingen Damen vor ihm, ſo rief er:»Ein toller Hund!« und ahmte vollkommen das Heulen des Thiers in ſeinen Wuthanfällen nach. Gingen Leute vor einem leeren Hauſe voruͤber, ſo ſchrie er laut:»Moͤrder!— Diebe!« und konnte er ſie dann mr dahin bringen, daß ſie die Thuͤr aufbrachen, ſo lockte er ſie durch nachgeahmtes Todesrocheln und Huͤlferufen von Zimmer zu Zimmer, bis das Haus dann in den Ruf kam, es ſpucke darin. Er war nun im Stande, ſich an Allen zu raͤchen, die ihn be⸗ 26 Valentin Vor leidigt hatten, und hatte er dergleichen vor, ſo war er ſo wenig ſtrupulos, daß er einſt die Verheirathung einer jungen Dame, die ihn, wie er glaubte, beim Tanze belei⸗ digt hatte, verhinderte, indem er, als der Geiſtliche ſagte: »Weiß Jemand von Euch einen Grund oder ein Hinder⸗ niß, weshalb dieſe beiden Perſonen nicht in heiliger Ehe vereinigt werden konnen, ſo moͤge er es erklären!«— mit weiblicher Stimme rief:»„Ich thue Einſpruch gegen dieſe Heirath!« »Die Perſon,« entgegnete der Geiſtliche mit Wurde, »welche Einſpruch gethan hat,— ſich gefaͤlligſt in die Sacriſtei.« Die Augen der Verſammelten ſuchten forſchend umher, aber ihr Blinzeln und Suchen war vergebens. Es erſchien Niemand in der Sacriſtei; allein die Dame, gegen deren Verheirathung auf dieſe Weiſe Einſpruch geſchehen war, fiel in Ohnmacht und mußte in einem Wagen nach Hauſe gebracht werden. Valentin's erſtes öffentliches Auftreten jedoch geſchah bei einer Volksverſammlung in der Guildhall, die den Zweck hatte an die Stelle eines mit Tode abgegangenen Depu⸗ tirten einen andern paſſenden Mann zu erwaͤhlen. Der Parteigeiſt brach bei der Gelegenheit in helle Flammen aus, der Bauchredner. 27 und die Halle war zur beſtimmten Stunde bis zum ueber⸗ maß von den Freunden der Candidaten angefuͤllt, die ein⸗ ander Blicke zuwarfen, als wuͤrden ſie nur durch die Ge⸗ ſetze von Gewaltthätigkeiten zuruͤckgehalten. Als der Mayor im Begriff war, die Sitzung zu eroff⸗ nen, und lebhaft die Hoffnung ausſprach, daß alle Par⸗ teien ein ruhiges, unparteiſches Ohr mitgebracht haben wuͤrden, trat Valentin ein, und als es ihm durch Beharr⸗ lichkeit gelungen war, die Stufen der Rednerbuͤhne zu erreichen, von der herab die Wähler haranguirt werden ſollten, ſo ſchickte er ſich an, ſeine Operationen zu be⸗ ginnen. Der erſte Redner war Maſter Creedale, ein aͤußerſt ſchmaͤchtiger Herr, mit einer ſeltſamen tiefgefurchten Naſe, der von der liberalen Seite her auftrat, um Maſter Job Stone zu empfehlen. »Gentlemen!« ſagte Maſter Creedale. „Dummes Zeug!« rief Valentin, mit verſtellter Stim⸗ me, die aus einem entfernten Theile der Halle herzukom⸗ men ſchien. »Gentlemen!« wiederholte Maſter Creedale, mit Nachdruck. »Pah! pah!« rief Valentin, mit verandertem Tone. Valentin Vox »Mag es,« ſagte Maſter Creedale,»mag es dummes Zeug, oder mag es: pah, pah! ſein; aber, Gentlemen, ich rede Sie als Gentlemen an, und bitte mich nicht zu unterbrechen.« »Ruhig, Maſter Tibbs! Fortfahren!« rief Valentin. »Pm, Tibbs! wahrhaftig!« bemerkte Maſter Cree⸗ dale, mit verächtlichem Lächeln.»Wahrhaftig! ja, es iſt Maſter Tibbs!« »Nein! nein!« rief der Beſchuldigte, ein ſehr geach⸗ teter Materialwaarenhaͤndler, und ſeines friedfertigen, ruhi⸗ gen Benehmens wegen bekannt. „Ich wundere mich uͤber Maſter Tibbs,« fuhr Maſter Creedale fort;..„ich habe ihn bisher immer fuͤr eine Perſon gehalten... 4 »Nein! nein!« eiferte Tibbs von Neuem; vich bin es nicht, ich habe keine Sylbe geſprochen.« »Wuͤnſcht Maſter Tibbs« bemerkte der Mayor,„oder wünſcht irgend ein anderer Gentleman, eine Rede an die Verſammlung zu halten, ſo findet er ſpäter dazu Gele⸗ genheit.« »Auf Ehr' und Seligkeit!« rief Tibbs,»ich habe 4 Nun erhob ſich ein allgemeines Geſchrei:»Zur Ord⸗ nung! Ruhe! Ruhe!« und Maſter Creedale fuhr fort: der Bauchredner. 29 »„Gentlemen! ohne Dinge zu beruͤhren, die außerhalb dieſer Angelegenheit liegen, macht es mir außerordentliches Vergnuͤgen, Ihnen einen Mann vorzuſchlagen, der..4 „Ein Revolutionair iſt!« brummte Valentin im tief⸗ ſten Baß. »Das ſoll ich nun wohl auch wieder gethan haben! nicht wahr?« fuhr Tibbs auf, indem er, kopfſchuttelnd, einen triumphirenden Blick umherwarf. „Ich kenne die Stimme,« ſagte Maſter Creedale. „Es iſt die Stimme des conſervativen Eiſenfreſſers. Ja, es iſt Maſter Brownrigg.« »Was?1« bruͤllte Brownrigg mit Donnerſtimme. »Was?« wiederholte Maſter Ereedale. »Sagen Sie mir das noch einmal!« rief Brownrigg, »nur ein einziges Mal ſagen Sie mir das.«. »Maſter Brownrigg,« bemerkte der Mayor,„wird die Gute haben ſich hier geziemend zu betragen.« »Was ſoll das heißen?« fuhr Brownrigg auf.»War⸗ um ſoll gerade ich es geweſen ſein?« »Es iſt nicht das erſte Mal,« ſagte Maſter Creedale, „daß Maſter Brownrigg in der Abſicht hier iſt, zu Gun⸗ ſten der Conſervativen Lärm zu machen; doch ich will nicht 4 30 Valentin Vor »So wahr ich lebe,« rief Brownrigg,»ich habe den Mund nicht aufgethan! That ich's...„ Lautes Schreien:»„Ruhe! zur Ordnung!... Ruhel⸗ machte den Schluß dieſes Satzes, ſo intereſſant er auch geweſen ſein mochte, unhoͤrbar, und Maſter Creedale fuhr fort: »Wie ich die Ehre hatte, zu bemerken, Gentlemen, als ich auf unangenehme Weiſe unterbrochen wurde, es macht mir außerordentliches Vergnuͤgen, Maſter Stone als 4 »Ein Affe!« rief Valentin mit einer gellenden Wei⸗ berſtimme.„Nehmt ihn nicht! er iſt ein Affe1« Hier rief die ganze Verſammlung: Pfui!« und der Candidat erhob ſich, um dieſe Beſchimpfung zuruͤckzuweiſen. »Conſtables!« rief der Mayor,„ſogleich werfen Sie jene verdorbene Frauensperſon hinaus.« Augenblicklich traten mehrere Conſtables mit ihren Stä⸗ ben ein, und eilten nach der Stelle, von wo die Worte gekommen zu ſein ſchienen; aber es war kein Frauenzimmer zu finden. „Halloh!« rief Valentin, indem er ſeine Stimme nach einem andern der Halle ſandte, und die Conſtables eilten in rühmenswerthem Eifer dahin, indem ſie geſetzlich der Bauchredner. 31 jeden Wähler zur Seite warfen, der ihnen im Wege ſtand; aber kaum hatten ſie dieſen Ort erreicht, als die»verdor⸗ bene Frauensperſon« im dickſten Haufen der Verſammelten aus vollem Halſe zu lachen ſchien. Die Conſtables kehrten um, von dem Schalle verlockt, und waren außer ſich vor Wuth, jene nicht faſſen zu kön nen, als in demſelben Au⸗ genblicke wiederum ein lautes„Halloh!« von dem Orte her erklang, den ſie ſo eben verlaſſen hatten. Die Con⸗ ſtables kehrten abermals um, ſtießen Alles zur Seite„was in ihre Naͤhe kam, und richteten ſo eine unbeſchreibliche Verwirrung an. »Werft ſie hinaus!« rief der Mayor laut in dem Tone verletzter Wuͤrde.»Werft ſie hinaus!« »Gott ſtraf' mich!« rief der Dickſte von den Conſta⸗ bles, vor Wuth ſchäumend.»Wir koͤnnen ſie nicht fin⸗ den!« Wiederum ließ ſich ein lautes Gelächter vernehmen, in welches endlich die ganze Verſammlung mit einſtimmte, als ſie den loblichen Eifer ſah, mit welchem die Conſtables die Jagd fortſetzten. »Verwahrlostes Geſchoͤpfl« rief der Mayor;»war⸗ um verlaßt Ihr die Halle nicht?« »Laßt mich los! laßt mich los!« rief das»Geſchoͤpf«, Valentin Vox. „und ich will ruhig ſein,«— und in dem Augenblicke erfolgte ein lauter Schrei, dem Toͤne folgten, welche ver⸗ muthen ließen, daß das»Geſchoͤpf« eben im Begriff war, in Ohnmacht zu fallen. Die Conſtables glaubten nun, ihrer gewiß zu ſein, und ſtuͤrmten daher abermals hin, jedoch mit eben ſo wenig Erfolg. Endlich rief der Mayor:»Man laſſe ſie!. man uͤberlaſſe ſie ihrem Gewiſſen!« Die Conſtables zogen ſich mit dem groͤßeſten Wider⸗ ſtreben zuruͤck, und es ward ziemlich ſtill. Maſter Creedale fuhr nun fort:—»Eine erbärmliche Erfindung des Feindes—(Nein! nein! und lautes Bra⸗ vo!)— ich wiederhole es... 4 „Ihr ſeid ein Narr!« rief Valentin mit durchdringen⸗ dem Tone, worauf wieder ein lautes Schreien:»Pfui!« und»Zur Ordnung!« folgte. „Den Erſten,« rief der Mayor im höchſten unwillen, „den Erſten, der dieſe wichtige Verhandlung nochmals un⸗ terbricht, laſſe ich einſperren, wer es auch ſei.« „Das koͤnnt Ihr nicht, atter Burſche!« rief Valentin. »Wer, wer iſt das?« zuͤrnte der Mayor.»Auf der Stelle will ich wiſſen, wer es wagt, ſo..4 der Bauchredner. 33 »„Wagt! ja wohl! wagt!« wiederholte der Mayor. »Fuͤnf Pfund verſpreche ich dem, der mir dieſes wider⸗ ſpenſtige Individium nachweiſt.« Die Wäͤhler ſahen einander mit unverkennbarem Er⸗ ſtaunen an. Der Mayor ſtand abermals auf, und fuhr in einem ruhigern Tone fort: „In der That, Gentlemen, ſolch ein Benehmen iſt unerhoͤrt. 8o weit meine lange Erfahrung reicht, iſt mir nie etwas vorgekommen, was auch nur entfernt verglichen werden koͤnnte mit dieſer..„ »„Jonathan Sprawl.!« rief Valentin.»Er iſt es ge⸗ weſen!« »Koͤnnte ich,« ſagte der Mayor,»konnte ich glauben doch nein, ich bin uͤberzeugt... Maſter Sprawl. 6 »Ich kann verſichern,« ſagte Jonathan,» daß die Un⸗ terbrechung nicht von mir ausging, auf meine Ehre. Wer das behauptet, iſt ein Schurke, und kein Gentleman, und das ſage ich ihm offen in die Zähne.« »Ich bin zufrieden,« ſagte der Mayor,„vollkommen zufrieden, und hoffe nun zuverſichtlich, daß wir ungeſtort werden fortfahren koͤnnen.« Maſter Creedale, der noch immer auf der Rednerbuͤhne Valentin Vox. 1. 3 34 Valentin Vor ſtand, fuhr fort:»Es iſt keineswegs meine Abſicht, bei dieſer Gelegenheit mich auf etwas einzulaſſen, was die Ge⸗ muͤther aufreizen koͤnnte; doch wird man mir geſtatten, meine Verwunderung auszuſprechen uͤber das Benehmen von 4 „Maſter Marill!«... ſagte Valentin, indem er die Stimme Maſter Creedale's nachahmte. „Gott ſtraf' mich!« ſchrie Maxill, ein kurzer, ſtäm⸗ miger Mann, mit breitem Geſichte,»ich bitte, daß wir zur Tagesordnung kommen. Straf' mich! Ich fordere den Beiſtand des Mayors auf, und iſt es ſo, wie Maſter Creedale meint, da er meint, daß ich es bin, und da er es nicht bloß meint, ſondern auch ausſpricht, ſtraf' mich, ſo weiſe ich die Beſchuldigung zuruͤck, und kann nur ſa⸗ gen—(Bravo, Marill!)— und kann nur ſagen— (Beifall)— daß. daß 4 »„Ihr ſeid ein Affe!« rief Valentin mit einer Stimme, die unmittelbar hinter Maſter Maxills Ruͤcken herzukom⸗ men ſchien:»Haltet das Maul!“ Der kleine dicke Maxill ſprang auf. Er bildete ſich ein, den Helinquenten entdeckt zu haben, und nichts konnte ihn in dem Glauben erſchuͤttern, daß ein Mann Namens Abra⸗ ham Bull/ der lg dicht hinter ihm ſtand, die Perſon der Bauchredner. 35 ſei, von der er ſo eben beleidigt worden. Er ſprang da⸗ her ſo heftig, als es ihm moͤglich war, auf ihn ein; da er von den umſtehenden, die von Bull's vollkommner Un⸗ ſchuld uͤberzeugt waren, gehindert wurde, ſo fuhr er, auf Rache erpicht, und drängend, ſtoßend, rechts und links Schläge ohne den geringſten Unterſchied auszutheilen fort, bis die Conſtables ihn aus dem Gedraͤnge heraushoben und ihn ohne Umſtände aus der Halle hinaus auf die Gaſſe warfen. Der Mayor war nun feſt uͤberzeugt, daß die Ruhe dadurch vollkommen wuͤrde hergeſtellt werden; er meinte, nach ſolchem Exempel wuͤrde Niemand es mehr wagen, die Verhandlungen durch die geringſte Unterbrechung zu ſtoͤren; und nachdem er ſich in dieſem Sinne ruhig ausgeſprochen, verbeugte er ſich, und gab Maſter Creedale mit der Hand⸗ ein Zeichen, fortzufahren. Dieſer trat daher abermals vor und ſagte:»Gentle⸗ men, mit außerordentlicher...« »Dummheit!« ergänzte Valentin. »Ruhe!« rief der Mayor, und ſtampfte mit dem Fuße, daß der Boden droͤhnte. „Die Augen England's,« fuhr Maſter Creedale fort, »ja, die Augen ganz Europa's—(Aſiens, Afrika's und X 36 Valentin Vor Amerika's, ergänzte Valentin) ſind auf uns gerichtet, und ich kann nur ſagen, daß nichts auf der Welt ſo »Laͤcherlich!« rief Valentin mit der Stimme eines re⸗ ſpectabeln Bleigießers, der neben ihm ſtand. »Gott im Himmel!« jammerte der Mayor,„auf wel⸗ che Stufe der Verderbniß ſind wir herabgeſunken! Bei der Barmherzigkeit Gottes! laßt es mich ſagen, daß mir im ganzen Bereiche meiner Erfahrung nie etwas Traurigeres vorkam, als heute. Will man mich unterſtuͤtzen?—(Lautes Geſchreis Ja! jal) So fordere ich Euch im Namen der Vernunft, laut, dreiſt, mit Nachdruck, und mit aller Ener⸗ gie, deren ich fähig bin, auf, alſo zu thun„—(„Ja, ja le —»Rieder mit den Tory Myrmidonen!«—»Nieder mit dem revolutionairen Schlingel j« und lautes Beifakrufen.) Unter ſolchen Umſtänden machte der Mayor dem Ma⸗ ſter Creedale bemerklich, daß es vielleicht beſſer ſein wuͤrde, die Sache kurz abzumachen; und da Maſter Creedale die Richtigkeit dieſes Rathes einſehen mochte, ſo ſchloß er, un⸗ ter allgemeinem Aufruhr, mit folgender gehaltvollen Be⸗ merkung: »Gentlemen! da Sie mich nicht anhören wollen, ſo bitte ich nur noch um Eylaubniß, meinen Freund, Maſter Stone, nennen zu duͤrfen, einen Mann, desgleichen, als der Bauchredner. 37 einer zu einem Deputirten in jeder Hinſicht geeigneten Per⸗ ſon, nicht zu finden ſein moͤchte.« Hierauf erfolgte ein lautes Beifallgeſchrei von der libe⸗ ralen, und Ziſchen und Pfeifen und Scharren von der Tory⸗Partei, und als Maſter Leechamp ſich erhob, um dieſe Wahl zu unterſtuͤtzen, ging der Beifall und das Zi⸗ ſchen und Pfeifen von Neuem los. Darauf trat Maſter Mac Freling vor, um Maſter Slapp vorzuſchlagen, der alle Conſervativen auf ſeiner Seite hatte; in dem Augenblicke aber, als er auf der Red⸗ nerbuͤhne erſchien, rief Valentin:»Nun glänzende Rache fuͤr uns! Nun die Vergeltung!« „Gentlemen!« ſagte Maſter Mac Freling. »„Wenn Ihr Männer ſeid, ſo laßt Ihr keinen elenden Tory ſprechen!« rief Valentin, und in dem Augenblicke erhob ſich gegen Maſter Mac Jreling ein ungeheures Zi⸗ ſchen und Schreien von der Seite der Liberalen, die natuͤr⸗ lich glaubten, die ganze varige Stoͤrung ſei von den Con⸗ ſervativen ausgegangen. 4 »Gentlemen!— Gentlemen!— Gentlemen!«— wiederholte der Mayor in Zwiſchenraͤumen, die mit Ziſchen, Scharren, Beifallsgeſchrei und Pfeifen ausgefuͤllt wurden. „Ich fordere Aufmerkſamkeit. Ich fordere ich fordere 38 Valentin Vor Ruhe—(Ruhe! Ruhe! zur Ordnung!)— Bei Allem, was heilig iſt, laßt es nicht... laßt es nicht.. o! laßt es nicht bekannt werden, daß die Männer dieſer alten, erleuchteten Stadt, im neunzehnten Jahrhundert, im Herzen des Brittiſchen Reichs, im Mittelpuncte, ja, mitten im Auge der Civiliſation, Sclaven ihrer Leidenſchaft, toll, verruͤckt, wahnſinnig ſind.—(Lauter Beifall).— Bin ich eine Null?—(Hoͤrt! hoͤrt!)— Im Augenblick wuͤrde ich dieſe hochſt empoͤrende Verſammlung aufheben, waͤre ich nicht entſchloſſen, die Wuͤrde des Amts, in wel⸗ chem ich die Ehre habe zu ſtehen, unverletzt aufrecht zu erhalten, und mich nicht durch bloßes Geſchrei beunruhigen, einſchuͤchtern, erſchrecken oder zum Weichen bringen zu laſ⸗ ſen.—(Geftiges Bravo.)— Sollen wir fortfahren, ſo laßt es uns thun, im Namen der blinden unparteiſſchen Gerechtigkeit, der maͤchtigen, unſterblichen Vernunft, des unbeſieglichen, geſunden conſtitutionellen Menſchenverſtandes, laßt es uns thun l« Dieſe ſcharfe, poetiſche Anrede, die in Toͤnen des bered⸗ teſten unwillens gehalten wurde, erfuͤllte die Verſamm⸗ lung mit einer Ehyfurcht, die wirklich etwas hervorbrachte, was man eine gewiſſe Ordnung nennen konnte. Maſter Mac Ireling trat nun abermals vor und ſagte, der Bauchredner. 39 »Gentlemen, mein Benehmen iſt hoffentlich der Art gewe⸗ ſen, daß ich dadurch Anſpruch machen kann auf die Ach⸗ tung 4 »„Der Tories!« rief Valentin. „Gott im Himmel!« jammerte der Mayor händerin⸗ gend, indem ſeine Stimme vor Zorn bebte;»bei Allem was gewaltig und rein iſt, ich laſſe jeden einſperren, der auch nur noch eine Sylbe aͤußert, um dadurch„ Valentin ließ hier mitten aus der Verſammlung heraus ein lautes»Ha! ha! hal« ertoͤnen, das den Mayor zu electriſiren ſchien, der nun mit wuͤthender Stimme rief: „Conſtables, thut jetzt, was Eures Amtes iſt!« Vergebens ſtuͤrmten dieſe reſpectabeln Beamten, vor unwillen ſchwitzend, mitten in die Halle, in der loblichen Abſicht, den Delinquenten zu verhaften. Das laute Gelach⸗ ter dauerte immer fort, war aber, wohin ſie ſich auch wen⸗ den mochten, ſtets hinter ihnen. Der Schweiß rann ihnen uͤber den Ruͤcken, denn ihre Anſtrengungen waren furchtbar. Sie ſtampften den Boden, keuchten, rannten umher, be⸗ wegten ihre Stäbe, und ſchleuderten durchbohrende Blicke auf jeden, der in ihre Naͤhe kam. Immer aber waͤhrte das Lachen fort, und wiederum nahmen ſie mit erneuter Energie einen Anlauf, angefeuert durch den wiederholten 40 Valentin Vor. Ruf des Mayors:»„Conſtables, thut, was Eures Amtes iſt!«— Endlich in einem Zuſtande voölliger Geiſtesver⸗ wirrung, beſchloſſen ſie in ihrer Verzweiflung, irgend Einen zu ergreifen, und faßten demzufolge Maſter Lym, einen angeſehenen Baͤcker, den ſie gluͤcklicher Weiſe in dem ver⸗ verbrecheriſchen Acte des Lächelns uͤber den lächerlichen Cha⸗ rakter ihres Eifers uͤberraſchten.— Vergebens betheuerte Maſter Lym ſeine unſchuld!— ſie hatten ihn auf friſcher That ertappt, und fingen nun an ihn mit aller moͤglichen Gewalt nach der Thuͤr hin zu ſchieben. Es waͤhrte keine Minute, ſo war er des Hutes, des Rocks und der Weſte beraubt, da dieſe Artikel ihm von den wuͤthenden Conſta⸗ bles in der gebuͤhrenden Ausuͤbung ihrer Pflicht völlig vom Leibe geriſſen wurden. Lym hätte die Halle gern in aller Stille verlaſſen, aber die Radicalen geſtatteten es nicht. Sie eilten ihm zu Huͤlfe, und auf Valentin's Ruf:»Nie⸗ der mit den Republikanern!« in einer Stimme, und:»Nie⸗ der mit den Tories!« in einer andern, erhob ſich ein all⸗ gemeiner Kampf, der von beiden Seiten mit außerordentli⸗ chem Eifer fortgeſetzt wurde, während der Mayor, der unterdeſſen auf den Tiſch geſtiegen war, die Ordnungswi⸗ drigkeit dieſes Benehmens mit aller Energie, die ihm zu Gebote ſtand, demonſtrirte. der Bauchredner. 41 Valentin's Stimme war nun nicht mehr nöthig. Auch ohne ſeine Huͤlfe machten die Waͤhler einen hinreichenden Spectakel. Er ſtieg daher auf die Rednerbuͤhne, theils der Sicherheit wegen, theils um die ganze Scene uͤberſehen zu können, und entdeckte nun erſt, daß die Kaͤmpfenden, ſtatt, wie ſie haͤtten thun muͤſſen, ſich in zwei große politiſche Parteien zu ſondern, ihre Schlaͤge ohne unterſchied in blin⸗ der Wuth austheilten, nur auf das Vergnuͤgen bedacht, irgend Jemandem die Ehre eines Hiebes anzuthun. In einer Ecke der Halle hing eine dichte Maſſe von Wählern, deren Mehrzahl ſehr corpulent war, in einem dicken Knauel an einander, gleich einem Bienenſchwarm. In einer andern Ecke ſtanden zwei Reihen von Gladiatoren, die ſo wuͤthend ausſchlugen, als ſie nur konnten; da ſie aber, aus Vor⸗ ſicht, ſaͤmmtlich die Augen geſchloſſen hatten, und wie Boͤcke mit den Koͤpfen vorruͤckten, ſo waren ihre Evolutionen nicht ganz ſchulgerecht. In einer dritten Ecke ſtand ein Phalanr von Individuen, die einen vollkommenen gordi⸗ ſchen Knoten bildeten, und ſich darauf beſchränkten, mit dem preiswuͤrdigſten Eifer Ellenbogenſtoͤße auszutheilen und einander die Zähne zu weiſen; während in der vierten zwei Reihen von unabhaͤngigen Wählern ſtanden, deren eine Hälfte ihren Freunden dadurch beizuſtehen ſuchte, daß ſie uͤber die 42 Valentin Vor Schultern derjenigen Freunde hinuͤberſchlugen, die ſie vor ſich hingeſtellt hatten, damit ſie alle Hiebe auffingen. Der in⸗ tereſſanteſte Punct jedoch war das Centrum. Hier war ein Kreis von etwa zweiundzwanzig Fuß Durchmeſſer mit ho⸗ rizontal liegenden, zappelnden Koͤrpern bedeckt, hier uͤber die Oberflaͤche hervorragend, dort unterhalb derſelben, wie Aale in einem Gefäße, und ſelbſt ohne die Möglichkeit, ſich aufzurichten und wieder auf die Beine zu kommen. Je verzweifelter ihre desfalſigen Verſuche waren, deſto vergeb⸗ licher waren ſie. Sie rangen, und ſchlugen und waͤlzten ſich und kollerten uͤber einander, bewahrten aber ſtets den Grundcharakter der Scene, und namentlich den einer all⸗ gemeinen Verwirrung. Waͤhrend dieſer ſeltſamen Vorfälle waren einige wohl⸗ meinende Perſonen, die entkommen waren und dieſen Tu⸗ mult fuͤr den Anfang einer blutigen Revolution hielten, in athemloſer Eile nach dem Hauptquartier einer Abtheilung Dragoner gerannt, die auf eirige Zeit in der Stadt ſta⸗ tionirten. Und ehe die ſchreckliche Geſchichte nur zum zwei⸗ ten Male erzaͤhlt werden konnte, ward auf dem Markt⸗ platze der Generalmarſch geblaſen, und in weniger als fuͤnf Minuten galloppirte die ganze Abtheilung, mit einer berit⸗ der Bauchredner. 43 tenen Magiſtratsperſon an der Spitze, dem Orte des Auf⸗ ruhrs zu. Als die Soldaten die Halle erreichten, konnten ſie die Revolutionairs nicht ſehen. Sie hoͤrten nur einen furcht⸗ baren Lärm,— einen Lärm, der das Gebaͤude uͤber den Haufen zu werfen drohte, aber ſehen konnten ſie nichts. Die Thuͤr war feſt verſchloſſen. Keiner von den Rebellen drinnen wußte ſie zu oͤffnen, und eben ſo wenig konnte ſie von außen geoͤffnet werden. Maſter Alldread, der Ma⸗ giſtratsbeamte, befahl jedoch im Namen des Koͤnigs, ſie einzuſchlagen, welchem Befehle von Seiten der unruhſtifter auf das Schleunigſte Folge geleiſtet wurde. Nun aber zeigte ſich eine andere Schwierigkeit; entweder konnten die Rebel⸗ len nicht herauskommen, oder ſie wollten nicht. Entſchloſſen, jedes Hinderniß zu beſiegen, befahl Maſter Alldread daher in des Koͤnigs Namen den Soldaten, hineinzugaloppiren. Er wollte die Rebellion im Keime erſticken, feſt uͤberzeugt, daß, wuͤrden nicht raſch energiſche Maßregeln ergriffen, das brittiſche Reich mit dem voͤlligen Umſturz bedroht waͤre. Daß ein Trupp Dragoner ohne Weiteres in eine dicht von Menſchen angefullte Halle hineingaloppiren ſollte, mußte dem Capitam Copeland, dem commandirenden Officier, natuͤrlicher Weiſe als etwas Neues in der militairiſchen 44 Valentin Vor Taktik erſcheinen; theils aber der beſorgten Magiſtratsper⸗ ſon zu Gefallen, und theils, weil er einſah, daß das bloße Erſcheinen der Soldaten hinreichen wuͤrde, allen buͤrgerli⸗ chen Feindſeligkeiten ein Ende zu machen, befahl er ſeinen Leuten, ihm mit aller möglichen Vorſicht zu folgen, und ſo ritten ſie alle hinein. Die Augen des großeſten Theils der Inſurgenten wa⸗ ren bei dieſer Kriſis geſchloſſen, und da die Augen der uͤbrigen feſt auf ihre Gegner gerichtet waren, ſo wurde das ruhige Eintreten der Soldaten„außer von einigen We⸗ nigen, die der Thuͤr zunächſt waren, gar nicht bemerkt. Da befahl Capitain Copeland, in die Trompete zu ſtoßen, und der Trompeter blies dermaßen, daß wie durch Zauberei im Augenblick die Feindſeligkeiten aufhorten. »Auf ſie!« rief Maſter Alldread;»„legt an!« Der tapfere Capitain lächelte, und ſeine Leute hatten die Kuͤhnheit, ſich, lächelnd, bezeichnende Blicke zuzuwerfen. »Zum Teufel!« rief Maſter Alldread, auf das Aeu⸗ ßerſte uͤber die offenbare Abneigung der Soldaten erſtaunt, die Rebellen Stuͤck fuͤr Stuͤck in Granatbiſſen zu ſchießen. »Wovor furchtet Ihr Euch? Im Namen des Koͤnigs wie⸗ derhole ich den Befehl, die Verräther niederzumachen!« Capitain Copeland, der Aller Augen auf ſich gerichtet — S der Bauchredner. 45 ſah, ſchwenkte plötzlich ſein glänzendes Schwert, bis die Spitze deſſelben in der Richtung der Thuͤr haften blieb, und die Rebellen, die darin eine Andeutung ſahen, daß es ihnen geſtattet ſei, ſämmtlich ungefährdet abzuziehen, ſtuͤrm⸗ ten ſo eilig als moglich auf die Gaſſe, und in Zeit von fuͤnf Minuten war die ganze Halle leer. Darauf wurde an Ort und Stelle ein Kriegsrath ge⸗ halten. Der Mayor war zu erſchoͤpft, um auch nur einen verſtändlichen Satz hervorzubringen, Maſter Alldread da⸗ gegen konnte den lauten Ausdruck ſeines außerordentlichen Erſtaunens uͤber Capitain Copeland's ſeltſam unconſtitutis nelle Abneigung nicht zuruͤckhalten, die weitere Verbreitung der Rebellen zu verhindern. Auf alle Fälle wurde jedoch entſchieden, daß weitere Schritte in der Sache nicht noͤthig wären, und da der Capitain einen vergnuͤgten Abend zu haben wuͤnſchte, ſo lud er den Mayor und jedes Mitglied der anweſenden Corporation ein, mit ihm in dem»Bull« ein Mittagsmahl einzunehmen. Die Einladung wurde an⸗ genommen, und als ſie die Halle verließen, machten ſich mehrere Rebellenhaufen, welche unterwegs die ſtreitige Sa⸗ che mit bedeutender Energie discutirten, ſchleunigſt auf die Beine und eilten nach verſchiedenen oͤffentlichen Häuſern, die ſie zu beſuchen pflegten, natuͤrlicher Weiſe jeder in der 46 8 Valentin Vor Abſicht, zu beweiſen, daß er ganz mit Recht ſich in den Streit eingemiſcht habe. Die Soldaten lachten, als ſie die Rebellen davonlaufen ſahen; aber obgleich Maſter Alldread darauf beſtand, daß die Dragoner ihnen nachſetzen ſollten, begab ſich die Geſellſchaft mit gebuͤhrender Wuͤrde zum Mittageſſen, nach deſſen Beendigung die Flaſche heiter bis Mitternacht die Runde machte. Dann wurden der Mayor und die übrigen Mitglieder des Magiſtrats, auf Maſter Alldread's ausdruͤcklichen Wunſch, unter einer furchtbaren militairiſchen Escorte jeder nach ſeiner Wohnung begleitet. der Bauchredner. 47 Viertes Kapitel. Mütterliche Bekümmerniß.— Großonkel John in Krämpfen.— Die Keuſchheit einer Jungfrau wird verdächtigt. Nichts gleicht dem Entzuͤcken, mit welchem Valentin das Reſultat der erſten oͤffentlichen Anwendung ſeiner ge⸗ heimen Kunſt betrachtete. Ganz außer ſich kam er nach Hauſe, und ſtrengte ſeine Stimme dermaßen an, und ahmte die Verrenkungen der Conſtables ſo grotesk nach, daß die beſorgte Mutter ihn durchaus von demſelben Geiſte beſeſſen glaubte, der einſt in die Schweine getrieben war. Wie⸗ derholt bat ſie ihn um Erklaͤrung des Geſchehenen; doch in der Ueberzeugung, daß ſeine Kunſt einen großen Theil von ihrem Werthe verlieren mochte„wenn ihr Vorhanden⸗ ſein bekannt wuͤrde, beſchränkte er ſich darauf, zu erzah⸗ len, daß er in der Verſammlung geweſen ſei und Alles aufruͤhreriſch gemacht habe. Der ſonderbare Styl jedoch, in welchem die Mittheilungen gemacht wurden, und das laute, unbeſchreibliche Lachen, welches ſie begleitete, veranlaßten Mrs. Vor zu der ernſtlichen Beſorgniß, ihr Valentin möchte 48 Valentin Vox von der Tollwurzel gegeſſen haben, und eilte, ſich vom Onkel John Rath zu holen, waͤhrend Valentin beſchaͤftigt war, den kalten Ueberreſten einer Hammelkeule Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Onkel John hatte, ſeit länger als zweiundzwanzig Jah⸗ ren, ohne auch nur einen Tag auszuſetzen, auf drei wohl⸗ gepolſterten Stuͤhlen gelegen, eine Pfeife im Munde und ein Glas mit trefflichem Brandy und Waſſer neben ſich, und zwar ſtets vor der Zeit, daß das Tiſchtuch abgenom⸗ men wurde, alſo von zwei Uhr an, bis fuͤnf Uhr. Aus dieſer Lage ließ er ſich durch nichts bringen, bis die alte Hannah die Theemaſchine brachte, und in dieſer Lage fand ihn denn auch Mrs. Vor. »Sieh Pen!« ſagte Onkel John, als die bekuͤmmerte Mutter eintrat,»iſt huͤbſch von Dir, daß Du mich be⸗ ſuchſt. Biſt ein gutes, liebes Kind.« Mrs. Vor näherte ſich dem Stuhle, auf welchem ſein Kopf lag, und als ſie ſeine Stirn kußte, fiel ihm eine Thräne auf die Naſe. Was ſoll das?« rief Onkel John.„Was giebt's, mein Kind?. Was iſt vorgefallen? Komm, komm, ſet Dich hieher und erzähle mir Alles.« der Bauchredner. 49 „Ach, Onkel!« ſagte Mrs. Vor,»ich bitte Sie, ſehen Sie nur meinen Valentin.« »Nun, was iſt's denn mit dem Jungen!« rief Onkel John. „Mit einem Worte,« antwortete Mrs. Vor tief ſeuf⸗ zend,„ich glaube er iſt toll geworden.« »Pah! pah! pah!. dummes Zeug, Kind!« rief Onkel John.»Toll! Papperlapapp!.. toll!... pah! pah!. was hat er denn angeſtellt? »„Ich habe Ihnen ſchon fruͤher geſagt,« bemerkte die betrübte Dame,»welch einen ſeltſamen Laͤrm ich oft rings um das Haus herum hoͤre, wenn er darin iſt.« „Ich weiß, ich weiß,« unterbrach ſie Onkel John; »Einbildung, Kind, pure Einbildung,. pah! pah! pah! ſei doch nicht abergläubiſchl« »Aber heute,« fuhr Mrs. Vor ſeufzend fort,„heute, Onkel, als er nach Hauſe kam, hoͤrte ich nicht nur einen ſchrecklichen Lärm durch das ganze Haus, ſondern er machte auch ſo entſetzliche Geſichter, daß er mich in tiefſter Seele erſchreckte, und Alles, was ich von ihm herausbringen konnte, war, daß er in der Verſammlung geweſen ſei und Alles in Aufruhr gebracht habe.« „In der Verſammlung! Wer giebt ihm das Recht, Valentin Vox. I. 4 50 Valentin Vor ſich mit Politik abzugeben?« rief Onkel John, indem er mit ungewoͤhnlicher Heftigkeit die Klingel zog.»Es giebt ohne ihn in der Stadt politiſche Kannengießer genug!.. In Aufruhr gebracht!... He, Hannah!...« rief er der alten Haushälterin entgegen, welche eben eintrat... »geh' und ſag dem Musje Valentin, er ſolle auf der Stelle hierherkommen. Bring ihn mit, und komm mir nicht ohne ihn wieder!... So! ſo!... in Aufruhr gebracht. Wer giebt ſolchem Burſchen das Recht... er iſt noch nicht zwanzig Jahr alt...« »Nein,« unterbrach ihn Mrs. Vor,»am 14. Februar war er erſt neunzehn alt.« »Wer giebt ſolchem Burſchen das Recht, in Verſamm⸗ lungen zu gehen? Ich gehe nie an ſolche Oerter. Der Schlingel ſturzt ſich in's ungluck.« »Ach, wenn es weiter nichts wäre,« ſagte Mrs. Vor, »das ſollte mich gar nicht kümmern; aber ich fuͤrchte, er iſt behert... ja, ja! es iſt dem armen Jungen ange⸗ than worden.« »Pah! Dummheiten, Kind Dummheiten 1« bemerkte Onkel John,„»der Junge iſt aufgeweckt und hat einen leb⸗ haften Geiſt. um Alles in der Welt möcht' ich den nicht unterdruͤcken... aber er darf nicht verdorben werden der Vauchredner⸗ 51 ja, er darf nicht verdorben werden. Iſt der Teufel in ihm, ſo ſoll er ſchon heraus Hich will ihn da nicht wiſſen.... Doch wir wollen ſehen, Kind... wollen ſehen!« Onkel John fing an, ſeine Pfeife wieder zu laden, bat dann Mrs. Vor, ihm noch ein»Biſſel« Brandy und Waſſer zu miſchen, und bereitete ſich zum Angriffe vor. »Nun, junger Herr?« ſagte er, indem er die Augen⸗ brauen zuſammenzog und desperat ausſah. Mrs. Vor drehte ſich raſch nach der Thuͤr, und fand, daß Onkel John nur ſeine Rolle ſtudirte. Gleich darauf jedoch trat Valentin ein und Onkel John begann: „Nun, junger Herr! Was ſind mir das füͤr Ge⸗ ſchichten?« „Was denn, lieber Onkel?« fragte Valentin ruhig. „Was? wasl« rief Onkel John....» Run dieſe.. dieſe ganze ſaubere Auffüͤhrung... die meine ich.« „Welche Auffuhrung?« fragte Valentin mit vollkom⸗ mener Ruhe. „Welche Auffuͤhrung?« rief Onkel John.»Nun denn, Deine Aufführung! Biſt Du toll?« „Ich hoffe nicht,« ſagte Valentin,» wenigſtens habe ich noch nichts davon bemerkt.« Valentin Vor 8 »O, mir mußt Du damit nicht kommen,« eiferte der alte Herr.»Hier iſt Deine arme Mutter hier. der um Deinen abſcheulichen Spektakel das Herz brechen will. Ich laſſe Ihn in ein Narrenhaus ſperren, Musje! weiß er das?. Er muß auf den Drehſtuhl.. Aber wo haſt Du denn den ganzen Tag geſteckt? was haſt Du angegeben?« »Ich bin in der Verſammlung geweſen,« geſtand Va⸗ lentin. »In der Verſammlung!« ſagte Onkel John,»was Teufel hatteſt Du denn da zu ſuchen?« »Komm, lieber Onkel, ſei nicht Poͤſe,« ſagte Valentin lachend.„3ch wil Dir 4les erzählen. Aber ſei nicht böſe willſt Du auch nicht 2« »Boͤſe!« ſagte Onkel John;„ich bin nicht boͤſe, ich bin nie böſe!« Valentin zog einen Stuhl an den Kamin, und fing an, den ganzen Vorfall zu erzählen. Zuerſt ſetzte er Onkel John in das lebhafteſte Erſtaunen, daß er ihm ſeine geheime Kunſt offenbarte, und fuhr dann fort, die Wirkung zu erzaͤhlen, welche dieſelbe auf die Verſammlung hervorge⸗ bracht. In zehn Minuten hatte Onkel John mehr Dampf verſchluckt, als er in den aanzen dreißig Jahren gethan, der Bauchredner. 53 ſeit er ein Raucher war. Sieben Mal kam der Brandy mit Waſſer in die unrechte Kehle, und als er eine voll⸗ kommene Kenntniß von beinahe Jedem bekommen, der in der Halle gegenwaͤrtig geweſen war, ſo verſetzte ſich ſeine Phantaſie ſo lebhaft in die Scene hinein, und er lachte bei der Beſchreibung ſo unmäßig, daß er am Ende weder trinken, noch rauchen, noch ſitzen konnte, ſondern mit in die Seite geſtemmten Armen im Zimmer umherrannte, und von Zeit zu Zeit ein erſticktes„Halt! halt!« vernehmen ließ. Je mehr indeß Onkel John lachte, deſto lebendiger ward Valentin's Schilderung, bis der entzuckte alte Herr endlich in ausgelaſſener Luſtigkeit ſich auf den Sopha warf und wie in Kraͤmpfen hin und her waͤlzte. „Du Sakermenter!« rief Onkel John, als er wieder ſo weit zu Athem gekommen war, daß er ſprechen konnte. »Siehſt Du denn nicht ein, daß es unrecht, ſehr unrecht war, ſo zu. 4 Hier uͤberwältigte ihn abermals ein ſo lauter, qual⸗ voller Lachanfall, daß er zur Erleichterung mit ſeinem Kor⸗ per vor und zuruͤck, und dann von einer Seite nach der andern fuhr, waͤhrend der Schweiß ihm vom Geſichte floß, das ſo roth war, wie die Sonne, wenn ſie durch eine Valentin Vor dunkle neblige Atmosphäre am Rande des Horizontes er⸗ ſcheint. Auch auf Mrs. Vor machte die Beſchreibung dieſer Scene einen aͤhnlichen Eindruck. Sie bedeckte ihr Geſicht mit dem Taſchentuche, und gerieth ebenfalls in Zuckungen, obſchon ihre Heiterkeit ſich nicht ſo laut außerte. »Palt das Maul, Schlingel!« befahl Onkel John, als Valentin abermals die Lippen oͤffnete, um einen Vor⸗ fall zu erzahlen, den er vorhin vergeſſen hatte. Valentin jedoch war nicht zum Schweigen zu bringen. So lange er ſah, daß der alte Herr ſich daruͤber freute, ſo lange unterhielt er das Feuer, bis Onkel John endlich mit der feierlichen Er⸗ klärung, er koͤnne es nicht länger aushalten, ihm befahl, das Zimmer zu verlaſſen, welches er denn auch that, jedoch nicht ohne die Abſicht, die alte Hannah in der Kuͤche zu beunruhigen. Kaum war er aus dem Zimmer, als Mrs. Vor einfiel, daß, wuͤrde die Sache der Behoͤrde bekannt, das Reſultat keineswegs angenehm ſein duͤrfte, und da Onkel John ihre Meinung theilte, ſo dachte er daruͤber nach, wie die Ent⸗ deckung am Beſten zu verhuͤten waͤre. Anfangs hielt er es fuͤr hinreichend, Valentin Schweigen aufzuerlegen, da er aber ſpaͤter meinte, dem Jungen wuͤrde der Spaß viel zu der Bauchredner. 5 koſtlich vorkommen, als daß er ihn geheim halten koͤnnte, ſo war er der Meinung, daß, da er ſchon längſt daran gedacht hatte, ihn zu Mr. Goodman, einem in London wohnenden alten Freunde von ihm, zu ſenden, es am Ge⸗ rathenſten ſei, ihn auf der Stelle wegzuſchicken. „Aber was ſoll ich dann anfangen?« fragte Mrs. Vor bekuͤmmert. „Komm und wohne bei mir,«.. ſagte Onkel John. „Keine Einwendungen! Er iſt bei Mr. Goodman gut auf⸗ gehoben, das weiß ich, ſonſt wurde ich ihn nicht hinſchicken.« Seine Abreiſe wurde daher auf den Mittwoch Morgen feſtgeſetzt, und als Alles verabredet war, rief Onkel John Valentin, eben als dieſer die alte Hannah veſchuldigte, ſie hätte ein Kind verſteckt, deſſen halb erſticktes Schreien und krampfhaftes Schluchzen in einem der groͤßern Schraͤnke in der Kuͤche er mit großer Vollkommenheit nachahmte. Als Valentin gerufen wurde, ließ er das uberraſchte, unwillig gewordene alte Maͤdchen in der Kuͤche, um ihre Nachſu⸗ chungen allein fortzuſetzen, und nachdem er mit Großonkel John hinſichtlich ſeiner Abreiſe, die ihn mit wahrer Freude erfüllte, ein Paar Worte gewechſelt, ging die kleine Fami⸗ lie auseinander. Der ganze Morgen des folgenden Tages, des Dinſtags 56 Valentin Vor wurde von Valentin und Mrs. Vor zum Einpacken ver⸗ wandt, waͤhrend Onkel John ſich mehrere Stunden damit beſchäftigte, einen Brief an Mr. Goodman zu Stande zu bringen, ein mit unendlicher Sorgfalt und in einem ihm ganz eigenthuͤmlichen Style abgefaßtes Document; und am Abende beſuchten Valentin und ſeine Mutter wiederum den alten Herrn, der ſich bis zum Schlafengehn bemuͤhte, Va⸗ lentin hinſichtlich ſeines Verhaltens in London gute Lehren zu geben. der Bauchredner. 57 Fünftes Kapitel. Valentins Abreiſe nach London.— Wie unterhaltend Reiſegefähr⸗ ten ſein können.— Ein Grobſchmied auf der Hundejagd.— Wie feſt ein Kutſcher an Hexereien glauben kann.— Auf welche Weiſe ſich eine Reiſe in die Länge zieht⸗ Nichts läßt ſich mit den Empfindungen vergleichen, die einen ſanguiniſchen jungen Mann aus einer Landſtadt an dein Abende vor ſeiner erſten Reiſe nach London beſtuͤrmen. Sein ganzes Innere iſt aufgeregt. Der vloße Gedanke, einen Ort zu beſuchen, von dem er ſo viel hörte und von dem er ſo wenig weiß, erzeugt tauſend andere. Im Schlaf und im Wachen iſt all ſein Denken auf die Reiſe gerichtet, und muͤßte er um vier Uhr Morgens aufſtehn, obgleich er nicht vor zwei Uhr zu Bett kam, er wuͤrde ſo zuverlaͤſſig zu rechter Zeit erwachen, um vier Uhr ſchlagen zu hoͤren, als wäre er durch eine galvaniſche Batterie aus dem Schlafe geruͤttelt. Nachdem Valentin die ganze Nacht von der großen Stadt und ihren Herrlichkeiten geträumt, ſtand er einige Stunden vor ſeiner gewohnten Zeit auf, doch nicht fruher 58 Valentin Vor als Mrs. Vor, die gar nicht geſchlafen, und ſtatt deſſen jede Schublade und jede Schachtel im Hauſe noch einmal durchſucht hatte, um ſich zu uͤberzeugen, daß nichts vergeſ⸗ ſen ſei. Etwa anderthalb Stunden vor der Abfahrtszeit kam Onkel John, um zu bemerken, daß, wenn Valentin nicht genau aufpaßte, die Kutſche ohne ihn abfahren wuͤrde, und um zu erklaͤren, daß der Kutſcher, den er kenne, wie die Zeit ſei, die ebenfalls auf Niemand wartete. Waͤhrend das Fruͤhſtuͤck zubereitet wurde, verglich Onkel John die Uhren, und als er ſie in uebereinſtimmung gebracht, ver⸗ glich er ſie mit der großen Hausuhr, und ſandte dann die Magd, und ging endlich ſelbſt, um ſich zu uͤberzeu⸗ gen, daß die Hausuhr mit der Kirchenuhr uͤberein ginge. Als dies Alles zu ſeiner voͤlligen Zufriedenheit arrangirt war, ſetzten ſie ſich, verſteht ſich mit den Uhren auf dem Tiſche, zum Fruͤhſtuͤck. Valentin hatte keinen Appetit.— Vermittelſt der vorlaͤufigen Hinabfuͤhrung eines Stuͤcks ge⸗ kochten Schinkens ward endlich ein Ei durch die Kehle ein⸗ genommen, doch ſelbſt dieſes ward unbewußt verſchluckt, waͤhrend er mit dem Kaffee in der Hand im Zimmer um⸗ herging. Er konnte es auf ſeinem Stuhle nicht aushalten, eben ſo wenig Mrs. Vor und Onkel John. Sie waren &——.————— — ————— der Bauchredner. 59 alle drei in Bewegung, thaten aber alle drei nichts, weil in der That nichts zu thun war. Ein Dutzendmal wurde die Magd fortgeſchickt, um zu ſehen, ob die Pferde da wa⸗ ren, und nach langer fieberiſcher Erwartung wurde endlich gemeldet, daß zwei Frauenzimmer neben drei Schachteln im Thorwege ſtänden. Das war genug. Das Gepaͤck ward auf einem Schubkarrn fortgeſchafft, Valentin in zwei Ober⸗ rocke geſteckt, daruͤber ein Pelz von Lammfellen gezogen, dann ihm noch ein Glas Brandy aufgedrungen, und das Alles in weniger als dreißig Secunden. Mrs. Vor ſollte bei Valentin's Abreiſe nicht zugegen ſein; ſie nahmen daher ſchon jetzt von einander Abſchied, während Onkel John vor der Hausthuͤr ſtand und ſeine Meinung dahin ausſprach, daß der Wagen ohne Zweifel längſt abgefahren waͤre; kaum war er aber mit Valentin davongerannt, als Mrs. Vor, trotz des Verbotes, den Shawl umwarf und um die Stra⸗ ßenecke lief, um einen letzten Blick von Valentin zu erhaſchen; ſie wußte, daß der Wagen hier vorbeikommen wuͤrde. „Nu, die kommen mal anjeloffen,« rief der Fuhrmann aus der Thuͤr des Buͤreaus, als Onkel John und ſein Pflegebefohlener nahten.»Du haſt doch ufiepaßt, daß die Hufe jut umergeſchlagen ſind, Simon?« „Alles in Ordnung, Sir!« entgegnete Simon, und 60 Valentin Vor trat herum, um nachzuſehen, ob dem auch wirklich ſo wäre, während das Gepaͤck in Sicherheit gebracht wurde. »Nu injeſtiegen, Gennelmen!« rief der Fuhrmann, indem er mit der Peitſche in der einen„und dem Perſonen⸗ zettel in der andern Hand daherwatſchelte. Die Reiſenden begannen ſich in den verſchiedenen Theilen des Wagens zu arrangiren, und Valentin ſetzte ſich, auf Onkel John's beſondern Wunſch, dicht hinter den Kutſcherſitz. »Pättet Ihr wohl die große Guͤte„« ſagte die alte Dame, die mit Ihrer Tochter ſeit laͤnger als einer Stunde im Thorwege geſtanden hatte,„hättet Ihr wohl die große Guͤte, Euch meiner Tochter unterwegs ein wenig anzu⸗ nehmen? »Unbeſorgt,« ſagte der Fuhrmann, indem er die Zuͤgel losband.»Es ſoll ihr nichts jeſchehen.... Macht ſie die janze Tour mit?« »Ja, mein Herr,« entgegnete die alte Dame.„ Gott ſegne ſie! ſie hat in London eine Stelle bekommen.« »Bind' hinten zwei Säcke mit Habern uf,« rief der Kutſcher,»ick mag jetzund nich anders fahren.« »Gott ſegne Dich, mein Kind! Gott ſegne Dich!« rief die alte Dame, und Thränen ſtürzten ihr aus den Augen, als ſie das arme Maͤdchen kußte, das ſchluchzend und ſeuf⸗ der Bauchredner. 61 zend am Halſe ihrer Mutter hing.»Der Himmel wird Dich nicht verlaſſen... ich weiß es, er wird Dich nicht verlaſſen, mein Kind.— und wirſt Du auch an Deine arme alte Mutter denken?... Aber ſo weine doch nicht, Herzenskind; es iſt ja Alles zu Deinem Beſten... gewiß, gewiß, ich bin recht glucklich, daß Du es ſo gut getroffen haſt. Ja, liebes Kind, Du biſt Alles, Alles, was ich auf der Welt habe, aber doch fuhle ich mich recht gluͤcklich jetzt, wenn...« und die Thraͤnen brachen in neuen Stroͤ⸗ men hervor, während ſie den Muth ihres Kindes dadurch zu beleben ſuchte, daß ſie ſich zum Lächeln zwang. »Alles fertig?« rief der Fuhrmann. „Gott behuͤte Dich, mein Herz!« ſchluchzte die alte Dame mit gebrochenem Herzen, und kuͤßte ihre Tochter nochmals, als ſie die Leiter beſtiegen hatte.» Gott ſegne Dich! Schreibe mir ja recht bald, nicht wahr, mein ſuͤßes Kind? GSieb mir ja recht oft Nachricht. Und ſorge ja fuͤr Dich. Hier 6 fuhr ſie fort, indem ſie ſich ein Tuch ausband,»das binde noch um Dein liebes Hälschen.« .„Nein, Mutter, nein!« ſagte die Kleine, bitterlich- weinend,„das iſt ja das einzige, was Du behalten haſt. Ich bin warm genug angezogen.« Valentin Vor »Thu' es, mein Kind, thu' es,« ſagte die alte Dame. »Du erkäͤlteſt Dich ſonſt ganz gewiß.« »Hiho!« rief der Kutſcher, und die Pferde zogen an. »Pssst!«— Und luſtig ſprangen die Pferde dahin, als wuͤßten ſie, daß ihre Laſt geringer ſei, als die, welche ſie hinter ſich gelaſſen. Selbſt Onkel John fuͤhlte, als er rief:»Gott ſegne Dich, guter Junge!« und zum letzten Male mit der Hand winkte, daß Thraͤnen uͤber ſeine Ba⸗ cken rannen. »Ne, Madammecken,« ſagte der Fuhrmann kopfſchuͤt⸗ telnd, als er ſich der Ecke naͤherte, wo Mrs. Vor ſtand, »ne, Madammecken, keen Platz nich mehr.« Dadurch ward Valentin's Aufmerkſamkeit auf ſeine Mut⸗ ter gelenkt, die ihm eine Menge Kußhaͤnde zuwarf. Va⸗ lentin erwiederte den Gruß und der Wagen fuhr voruͤber. Valentin's Herz war ſo voll, daß er die erſte Stunde hindurch ruhig blieb; dann aber gaben die beſtändige Ab⸗ wechſelung der Scenen und die friſche Morgenluft ſeinem Geiſte die fruͤhere Spannkraft in dem Maße wieder, daß er ſich kaum enthalten konnte, ein luſtiges Lied anzuſtim⸗ men. Als er jedoch eben im Begriff war, zu ſeiner eignen unterhaltung zu beginnen, hielt der Wagen an, um die Pferde zu wechſeln. Tooler, der Fuhrmann, ſtieg ab, und der Bauchredner. 63 da mehrere von den Paſſagieren ſeinem Beiſpiele folgten, ſtieg auch Valentin aus; und da Alle in das Poſthaus gin⸗ gen und ein Glas Ale forderten, ſo that auch Valentin desgleichen, und trank es mit eben ſo viel Vergnuͤgen, als die Uebrigen. In weniger als zwei Minuten ging es wie⸗ der fort, und Valentin, der ſich jetzt zu Allem aufgelegt fuhlte, dachte ernſtlich an die Ausubung ſeiner Kunſt. »„Hissst!« rief Tooler, zwiſchen Ziſchen und Pfeifen, als die Pferde munter den Berg hinauf galloppirten. „Halt! halt!« rief Valentin mit einer Stimme, die aus einiger Entfernung zu kommen ſchien. „Ihr habt Jemanden zuruͤckgelaſſen,« meinte ein Herr in ſchwarzer Kleidung, der ſich den Platz neben dem Kut⸗ ſcher ausgeſucht hatte. »Laßt'en mant en Bisken loofen,« ſagte Tooler.— »Hissst! det wird'en lehren, kunftig fruͤher ufzuſtehn. Wenn wir uf jeden Paſſagier warten wollten, der Luſt hat, zuruͤckzubleiben, ſo kämen wir in vierzehn Tagen nich an.« „He! halt! halt! halt!« wiederholte Valentin mit der Stimme eines Mannes, der gänzlich außer Athem iſt. Ohne es fuͤr der Muͤhe werth zu halten, ſich umzuſe⸗ hen, ließ Tooler die Zugel nur noch mehr ſchießen, und 64 Valentin Vor freuete ſich königlich bei dem Gedanken, daß er einen Paſ⸗ ſagier nun recht tuͤchtig in Schweiß ſetzte. Die Stimme ward nicht mehr gehoͤrt. Als Tooler auf dem Berge angekommen war, hielt er an und ſah ſich um, konnte aber keinen Menſchen erblicken, der ihm nachgelau⸗ fen wäre. »„Wo is er denn?« fragte Tooler. „Im Graben!« antwortete Valentin aus der Ferne. »„Im Fraben!« rief Tooler.»Jott ſtraf mir!. wo denn?« „Hier!« rief Valentin. „Gott ſteh' mir bei!« rief der Herr in Schwarz, ein äußerſt nervenſchwacher Landgeiſtlicher.»Die arme Perſon vefindet ſich ohne Zweifel in einem Zuſtande voͤlliger Er⸗ ſchoͤpfung. Wie ſehr, ſehr Unrecht habt Ihr gethan, Kut⸗ ſcher, daß Ihr nicht ſtill hieltet.« Tooler, der irgend einen ernſtlichen Unfall fuͤrchtete, ſtieg in der Abſicht vom Wagen, den erſchoͤpften Paſſagier aus dem Graben zu ziehen, aber obgleich er mehrere hun⸗ dert Schritte weit den Berg hinablief, ſo konnte er doch keine ſolche Perſon entdecken. »Hat ihn denn Keener jeſehen?« keuchte Tooler, als er den Berg wieder hinaufkam. der Bauchredner. 65 „Ich ſah nur einen Jungen uͤber den Zaun ſpringen,« ſagte ein Paſſagier hinten im Wagen. Tooler ſah auf ſeinen Perſonenzettel, zählte die Paſſa⸗ giere, fand, daß Riemand fehlte, ſtieg wieder auf den Bock, und ſetzte die Pferde in Galopp, feſt uberzeugt, daß irgend ein boshafter Dorfjunge den falſchen Lärm gemacht habe. »Hssst! Hol der Teufel die Racker!« grollte Too⸗ len,»ſtatt ihre Jänſe zu huͤten, denken ſe an Dumm⸗ heeten!.. Sollt ne mant hier haben, den Racker, ick wollt' es'en ſchonſt lehren!«— In dieſem intereſſanten Augenblicke, und um dasjenige praktiſch zu erlaͤutern, was er in dieſem Falle gethan haben wuͤrde, gab er dem Hand⸗ pferde dermaßen einen Hieb, daß es mit dem einen Beine uͤber die Deichſel ſchlug. Tooler war genoͤthigt, auf der Stelle anzuhalten, und nachdem er Alles wieder in Ord⸗ nung gebracht, und das Pferd ernſtlich gefragt hatte, was das bedeuten ſolle, indem er der Frage durch einen Schlag auf die Naſe Nachdruck zu geben ſuchte, ſchickte er ſich wieder zum Einſteigen an; kaum aber hatte er den linken Fuß auf die Radnabe geſetzt, als Valentin ſo natuͤrlich das ſcharfe biſſige Brummen eines Hundes unter dem Vor⸗ derſitze nachahmte, daß Tooler ſo raſch zuruͤckfuhr, als Volentin Vor. I. 5 66 Valentin Vor hätte er einen Schuß bekommen, waͤhrend der ſchwarze Herr in die Zuͤgel griff und faſt in das Rad geſprungen wäre. »Barmherziger Gott!« ſchrie der ſchwarze Herr zit⸗ ternd.»Wie Unrecht, wie ſchrecklich Unrecht iſt es von Euch, Kutſcher, mir nicht zu ſagen, daß unter Euren Fuͤßen ein Hund läge!« „Zum Teufel!« eiferte Tooler;»habe ich's denn ſelbſt jewußt?.. Heraus mit ihm!... Wo ſteckt die Toͤle denn?« „Um Alles in der Welt nicht!« ſchrie der ſchwarze Herr, als Tooler ſich näherte, um den Sitzkaſten zu oͤff⸗ nen.» um Alles in der Welt nicht, o— o— oder i— ich ſtei— ei— eige zuerſt aus. Ich habe nicht Luſt, an der Hu— u— undswuth zu ſterben.« „So ſeid ſo jut, un legt de Fuͤße uf'n Wagenrand,« ſagte Tooler.»Wollen den Schlingel bald herauskriegen.« Damit nahm er die Zugel wieder auf, ſtieg auf den Bock, und ſetzte die Pferde auf das Neue in Trab. Der ſchwarze Herr fing nun gegen Tooler eine lebendige Erläuterung an, wie außerordentlich unbegreiflich die Zahl von Perſonen ſei, die in unendlich kurzer Zeit ganz in der Rachbarſchaft eines ſeiner Freunde in London an der Waſ⸗ ſerſcheu geſtorben wären, und eben als er ſich in eine der Bauchredner. 67 entſetzliche Schilderung des geiſtigen und phyſiſchen Todes⸗ kampfes eingelaſſen hatte, den die Krankheit in ihrem hoͤch⸗ ſten Stadium hervorbringe, ſprangen er und Tooler plotzlich zuruͤck, die Fuße hoch in die Luft geſtreckt, und mit den Koͤpfen zwiſchen den Paſſagieren hinter ihnen, da Valentin plötzlich ein noch biſſigeres, wuͤthenderes Knurren ausgeſto⸗ ßen hatte, als ob der Hund eben zuſchnappen wollte. Da Tooler vei dieſem unwillkürlichen Sprunge die Zů⸗ gel zu feſt angezogen hatte, ſo blieben die Pferde augen⸗ vlicklich ſtehen, und ließen ihm Zeit ſich gemaͤchlich wieder aufzurichten. „Ich kann... ich kann durchaus.. ſagte der Herr in Schwarz in einem Zuſtande furchtbarer Aufregung, »ich kann hier nicht ſitzen bleiben... meine Nerven hal⸗ ten es nicht aus... es iſt entſetzlich!« »So ſchlag ein Donnerwetter drin!« rief Tooler, deſſen Abſicht es zuerſt war, den Hund auf alle Gefahr unter dem Sitze hervorzuziehen, als er aber die Pferde auf der Chauſſee ganz nahe vor der nächſten Station ſah, hielt er es fuͤr zweckmäßiger zu warten, bis man dort angekom⸗ men.»Aber er ſoll an mir denken!... die Toͤle hat die längſte Zeit jelebt.... Sie ſoll an mir denken, ſo wahr ick ebe Valentin Vor „He! Kutſcher! mein Hut iſt aus dem Wagen gefal⸗ len!« rief Valentin mit einer Stimme, die hinten aus dem Wagen zu kommen ſchien. „Meinetwegen!« ſagte Tooler. Konnt'en Euch wie⸗ derholen, wenn wir anhalten.« In weniger als einer Minute hielt der Wagen vor dem Stationshauſe, und der ſchwarze Herr kam zuerſt zum Vorſchein. Eben als ſein Fuß aber den Wagentritt erreicht hatte, ſchreckte ein abermaliges Knurren Valentin's ihn zu⸗ ruͤck, ſo daß er auf einen der alten Knechte fiel, ihn zu Boden warf und dann ſelbſt mit ſeiner ganzen Laſt auf ihn ſturzte. »Hol der Teufel Euren Fettwanſt,« ſchrie der um⸗ geworfene, indem er ſich wieder aufrichtete,»muͤßt Ihr denn immer erſt die Leute umrennen, wenn Ihr aus'en Wagen ſteijen wollt.« „O, ich... ich bitte recht ſehr... recht ſehr um Verzeihung,« ſagte der ſchwarze Herr zitternd; hoffent⸗ lich »Pah!... Verzeihung!« wiederholte der Knecht ver⸗ ächtlich, als er nach der Deichſel hinkte, um die Pferde auszuſpannen. »„Nu, Beeſt, laß mal ſehen, wer Du biſt,« ſagte der Bauchredner. 69 Toöler und näherte ſich der Wagenthur; als er aber im Begriff war, das Sitzbrett abzuheben, bewirkte ein aber⸗ maliges Zuſchnappen, daß er daſſelbe raſch wieder zuſchlug. „Hoͤllenelement!« fluchte Tooler, indem er zuruͤckfuhr. „Komm mal her, Jim, und bring das vermaledeite Beeſt heraus.« Iim naͤherte ſich; das Knurren ward immer grimmi⸗ ger, und der ſchwarze Herr bat Iim flehend, er moͤchte ſich ja in Acht nehmen, daß das Thier ihn nicht in die Hand biſſe. „Hore mal, Harry!« rief Jim;» Du fuͤrchteſt Dir nich vor Hunde.. krieg Du'en raus... ick mag die Beeſter nich leiden.« Harry kam alſo, dann Sam, dann Bob, dann Bill, aber da man den Hund nicht ſehen konnte, und das Knur⸗ ren fortdauerte, ſo wagte kein Einziger, die Hand hineinzu⸗ ſtrecken, um das Ungeheuer hervorzuziehen. Bob lief daher zu Tom Titus, dem Grobſchmied, der ſich bekanntlich we⸗ der vor einem Hunde, noch vor dem Teufel fuͤrchtete, und in zwei Minuten kam Tom Titus mit einer viertehalb Fuß langen gluͤhenden Eiſenſtange an. „Mein Seell« rief Tom,»das ſoll'n ſchonſt zur Vernunft bringen.« Valentin Vor. »Aber, beſter Mann,« ſagte der ſchwarze Herr,»laßt doch das unchriſtliche Geräth weg! verurſacht dem armen Thiere doch nicht ſo entſetziche Qualen.« „Ei was!« rief Tooler.»Ick mag hier nich den jan⸗ zen Tag ſtille halten. Heraus muß er, da hilft ihm keen Jott nich von!« Nun fuhr Tom Titus mit ſeiner Waffe hinein, und ſtieß mit aller Anſtrengung unter dem Sitze umher, wah⸗ rend das Knurren und Zuſchnappen mit jedem Stoße grimmiger wurde. „Ich will Euch ſagen, was es is,« ſagte Tom Titus, indem er ſich umdrehte, und ſich mit ſeinein nackten Arme den Schweiß von der Stirn wiſchte,»die Töle iſt toll, wuͤthend toll!« »„Ach! das habe ich wohl gewußt!« rief der ſchwarze Herr, und ſprang in einen leeren Wagen, der ohne Pferde in der Nähe ſtand, vich erkannte deutlich, daß er die Hundswuth hatte.« „S is noch dazu ein Bull⸗dog,« ſagte Tom Titus, „det hör' ick ant Brummen. Wenn die toll werden, ſo hoͤrt Allens uf.« „Aber was ſollen wir denn mit det Beeſt anfangen?« fragte Tooler. der Bauchredner. 7¹ 2 Todtſchießen! todtſchießen!« rief der ſchwarze Herr. „Ick habe'ne alte Muskete zu Haus, Bob!« ſagte Tom Litus;»„loof doch mal hin und hole ſe.« Bob eilte fort, und Tom behielt die Stange in der Hand, waͤhrend Tooler, Sam, Harry und Jim die Pferde an den Kopfen hielten.“ »Er hat ſie!« rief Tom Titus, als Bob mit dem Gewehr auf der Schulter ankam.»Nu is et aus mit Dir!« fuͤgte er hinzu, und fuͤhlte mit ſeiner Stange hin, in welcher Ecke der Bull⸗ dog laͤge. „Is ſie geladen?« fragte Bob, als er Tom Titus das Mordinſtrument einhändigte. „Meinſt Du, ſie ſchoͤſſe von ſelbſt?« rief Tooler. „Nu,« ſagte Tom Titus, indem er das Gewehr an die Schulter legte,»nu ſei Jott Deine arme Seele jnä⸗ dig!« und im Augenblick druckte er ab. Die Pferde fuhren auf, richteten aber weiter kein Un⸗ heil an, und ehe der Dampf noch verflogen war, ließ Volentin unter dem Bocke hervor ein ſo melancholiſches Geheul ertonen, daß Tom Titus überzeugt war, der Schuß habe ſeine Wirkung gethan. „Er jiebt den Jeiſt auf!« rief Tom, indem er wieder mit der Eiſenſtange hineinfuhr. 72 Valentin Vor „Jut! macht mal en Bisken uf,« ſagte Tooler,„daß wir ſehen, wie der Racker ausſehn duht.« Der Herr in dem ſchwarzen Anzuge ſprang ploͤtzlich von ſeinem Wagen und alle näherten ſich, als Tom, von ſei⸗ ner Eiſenſtange, die er auf dem Koͤrper im Wagen feſt⸗ hielt, geleitet, ſeine Hand in den Wagen ſtreckte und einen trefflichen Haſen hervorzog, der ganz zerſchoſſen war. „Es is ja doch keen Bull⸗dog,« rief Bob. »Ei, des is er je noch jar nich,« entgegnete Tom »Er liegt noch d'rin; aber kaput is er, ick weeß, er is kaput.« »Weeßt Du des jewiß?« fragte Tooler. »So kaput, wie noch niemals keen Vieh nich war,« rief Tom.»Da, ick will'n herauskriegen un Euch zei⸗ gen„4 »Ne, ne!« rief Tooler, als Tom im Begriff war, das Gepaͤck herauszulangen;»ick mag mir dabei nich uf⸗ halten. Jott verdamm mir, ick bin ſo ſchonſt'ne Jlocken⸗ ſtunde zuruͤck!... ufgeſtiegen, meine Herren..... Wolln Se ſo guͤtig ſind..4 Tom Titus und ſeine Begleiter, die den Bull⸗dog gern als Trophae gehabt hätten, baten Tooler um Erlaubniß, ihn mitnehmen zu duͤrfen, und als ſie ſeine Einwilligung der Bauchredner. 3 erhalten hatten, fing Tom an, den vorderſten Sitz aus⸗ zukramen. Aller Augen waren auf das gerichtet, was her⸗ ausgezogen wurde, und als Tom endlich feierlich erklaͤrte, das ganze Cabriolet ſei leer, waren Alle vor Erſtaunen außer ſich. Alle ſahen einander unglaubig und voll Ver⸗ wunderung an, und durchſtoberten das Gepäck ſo lange, bis ſie ſich endlich uͤberzeugt, daß von einem Hunde keine Spur zu finden ſei. »„Wollt' Ihr damit ſagen,« meinte Tooler,»das wirklich janz und jar niſcht mehr in't Cabriolet is?« »Keene Nadelſpitze!« betheuerte Tom Titus,»kommt, un ſeht ſelbſt.« und Tooler ſah hinein, und der Herr in dem ſchwar⸗ zen Anzuge ſah hinein, und Bob, und Harry, und Bill und Sam ſahen hinein, und alle Andern ſahen hinein, aber das Cabriolet war und blieb leer. »Hml« ſagte Tooler,„aberſt irgendwo muß er doch ſind.« „Ick will nich ſelig wer'n, wenn er nich da geweſen is.« „Ick habe'n ſelbſt geſehen,« verſicherte Bob,»mit meenen eignen Hogen, un habe keenen Blick von en ab⸗ gewandt.« N Valentin Vor »Nicht der geringſte Zweifel,« ſagte der Herr im ſchwarzen Kleide,„nicht der geringſte Zweifel kann obwal⸗ ten, daß er da war. Nun aber iſt es die Aufgabe, reif⸗ lich zu erwaͤgen, wo er jetzt iſt.« „Um ein Jlas Ale,« ſagte Harry,»Ihr habt'en wegjeblaſen.« »„Wegjeblaſen... Schaafskopp!... wie ſollt' ick en denn wegjeblaſen haben?« ſagte Tom Titus in veraͤchtli⸗ chem Tone. »Aber er war doch hier;« ſagte Bob,»un jetz is er weg, alſo muͤßt Ihr'ne wegjeblaſen haben. Seht mal in den Gewehrlauf...«. „Ne, des jeht uͤber meenen Horizont!« ſagte Tooler, indem er beide Haͤnde tief in ſeine Taſchen ſteckte. „Es iſt in der That zum Erſtaunen!« rief der Herr im ſchwarzen Kleide, indem er abermals in das Cabriolet ſah, während die Andern daſtanden und ſich anſahen, mit ſo weit geoͤffnetem Munde, als ein menſchlicher Mund nur offen ſein kann. „Hm! hm!« brummte Tooler, und ſchuͤttelte mit dem Kopfe.»Hm! hm!« wiederholte er, kratzte ſich hinter den Ohren, und fing an, die Bagage wieder einzupacken. Als dieſes geſchehen war, ſetzte Tooler ſich wieder in der Bauchredner. 75 das Cabriolet und ſagte den Leuten, ſie ſollten ſich einen Krug Bier geben laſſen; der Herr im ſchwarzen Habite aber gab ihnen generos eine halbe Krone, und die Pferde trabten davon, und ließen Tom mit ſeiner Muskete, Harry, Bill, Sam und ihre Cameraden zuruͤck, voll Erſtaunen uͤber die geheimnißvolle Geſchichte, die ſie ſich nicht zu er⸗ klären wußten, obgleich ſie den ganzen Tag daruͤber im Bierhauſe zubrachten. Valentin war uͤber das Gelingen ſeines Scherzes das Lachen ſo nahe, daß er, um nicht verdächtig zu werden, in langer Zeit nichts Neues zu beginnen wagte. Die ab⸗ ſurden Annahmen des verwunderten Tooler, und die kaum weniger lächerlichen Vermuthungen des Herrn im ſchwar⸗ zen Habit erhielten ihn in einem beſtaͤndigen Fieber, als ſie dem»Retourwagen« begegneten. »„Ihr werdet uns hier verlaſſen?« bemerkte der Herr in Schwarz. „Ne, ſagte Tooler,»ick habe mir mit Waddle, dem andern Fuhrmann, beſprochen. Er will jern dorthin, un ick mochte nach London. Das thue ick oͤfter. Ick habe en Billet fuͤr t Theater jekriegt, um ſieben Uhr.. un nu ſitz ich hier noch... hiho!... un komme en Paar Stunden zu ſpät.« —————— ———————₰₰₰W— 76 Valentin Vor »Des is nich uͤbel!« ſchrie Waddle Toolern entgegen. »Drei Stunden zu ſpät un ick habe noch ſechszehn Meilen.. 4 Tooler ſchuttelte bedächtig mit dem Kopfe. »Is Dir was paſſirt?... Was kaputjebrochen?«. fuhr Waddle fort.»Is was paſſirt?« »„Was Schlimmeres,« entgegnete Tooler,„als Dir vorjekommen is. Doch ick mag mich jetzt nich ufhalten; ick will es Dir morgen erzaͤhlen.« »Schoͤn!« ſagte Waddle, und die Wagen fuhren in entgegengeſetzten Richtungen davon, indem Tooler mit außer⸗ ordentlicher Strenge gegen die Pferde verfuhr. Als Valentin ſeine Lachmuskeln wieder vollkommen in ſeiner Gewalt hatte, und bemerkte, daß Toolers Nerven ſo angegriffen waren, daß der geringſte Vorfall ihn ernſt⸗ lich reizen wuͤrde, gab er ſich ſeiner Lieblingsneigung, der Nachahmung eines muͤrriſchen Kindes hin, auf deren täu⸗ ſchende Genauigkeit er ſich ganz beſonders viel einbildete. Er ſchluchzte, und knoͤrte, und huſtete, und ſchluckte, und gnarrte, er hielt den Athem an, und ſchluchzte dann wie⸗ der krampfhaft und mit der groͤßeſten Heftigkeit, während Tooler in fieberiſcher Aufregung auf die Pferde peitſchte, ſchnob und vor ſich hin brummte. der Bauchredner. 77 „Pol der Teufel das Kind!« rief Tooler endlich, in⸗ dem er ſich umſah.»Wenn das Kind en Bisken ruhiger wäͤre, Madammeken, et koͤnnte nich ſchaden.« Valentin fuhr jedoch in ſeiner intereſſanten Nachahmung fort, während Tooler, der in ſolch eine Aufregung gera⸗ then war, daß er kaum die Zügel halten konnte, ärgerlich aubreß⸗ »Madam, Se muͤſſen das Kind en Bisken ruhiger halten. Mene Pferde können das nich vertragen: ſie jehn mir durch! Hössst!. des is ja um toll zu werden!« „Vermuthlich leidet das arme Ding an den Zähnen,« bemerkte der ſchwarze Herr. »An den Zähnen!« rief Tooler.»Die Bruſt will es haben! Hoͤrt doch nur ſein Schreien!... Jott ſoll mir verdammen..4 „Ich kann es nicht zur Ruhe bringen,« rief Valentin mit einer Weiberſtimme,„oder ich muͤßte es aus dem Wa⸗ gen werfen.«— In dem Augenblicke ſtieß er einen durch⸗ dringenden Schrei aus und rief:»Das Kind! das Kind! das Kind iſt weg!« Tooler hielt augenblicklich an, gab dem Herrn im ſchwarzen Habite die Zuͤgel, und ſprang vom Wagen, um 78 Valentin Vor das Kind ſeiner gefährlichen Lage zu entreißen, waͤhrend er der Mutter deſſelben in Ausdruͤcken der gerechteſten Em⸗ porung die unmenſchlichkeit ihres heilloſen Benehmens vor⸗ warf. „Wo is et denn geblieben?« fragte Tooler, indem er rings umher ſuchte. „Habt Ihr was verloren, Kutſcher?« fragte ein Land⸗ mann, der hinten im Wagen ſaß. „Verloren!« wiederholte Tooler ärgerlich.»Wo, wo is das Kind?« „Was fuͤr'n Kind?« fragte der Landmann. »„Nu, das Kind jener Frauensperſon, die es eben rausjeworfen!» rief Tooler. »„Wir haben hier keen Kind jehabt,« ſagte der Land⸗ mann, was alle hinten Sitzenden bezeugten. „Was!« rief Tooler;»was ſoll das heeßen? Meent Ihr, ick habe nich gehort, daß das Kind eine volle Stunde jeſchrien und meene Pferde ſo in Schweiß jeſetzt hat?» „Ich ſage Euch,« erwiederte der Landmann,» wir haben hier keen Kind gehabt; wir haben hier niſcht von 'n Kinde jeſehen.« »Nu, ſo will ick verdammt ſind!« rief Tooler, in⸗ dem er ſich heftig hinter dem Ohre kratzte und mit dem der Bauchredner. 79 rechten Arme durch die Luft fuhr.»Des uͤberſteigt meene Bejriffe. Ick weeß nich,« fuhr er fort, indem er wieder in das Cabriolet ſtieg,»ſitzt der Teufel im Wagen drin, oder draußen. Aber da iſt er jewiß!« Und Tooler holte ſeinen Perſonenzettel hervor, um herauszubringen, welcher incognito reiſende Paſſagier wohl Seine ſataniſche Majeſtät ſein koͤnnte, während der neben Tooler im Cabriolet ſi⸗ tzende Herr im ſchwarzen Habit, die drei mit Valentin auf demſelben Sitze befindlichen Paſſagiere, und Valentin ſelbſt, mit großer Beredſamkeit und Wärme gegenſeitig ihr Erſtaunen uͤber den ſonderbaren Charakter des Vorfalls ausſprachen. »Aha! hab' ick es!v ſagte Tooler fuͤr ſich, als eine Bauerfrau mit einem Korb am Arme voruͤber ging. »Hm! jetzt weeß ick es.... Hol' der Teufel die ole Vettel!« Es war deutlich zu bemerken, daß in dem Augenblicke Toolern ein Gedanke durch den Kopf gefahren ſein mußte, der ihm neuen Anlaß zum Zorne gab; er ſchien in außer⸗ ordentlicher Aufregung zu ſein, und blieb darin, indem er kurze, bittere Säaͤtze hervorſtieß, ſich hinter dem Ohr kratzte, den Hut hin und her ſchob und mit den Zaͤhnen knirſchte, bis er die naͤchſte Station erreichte; hier lief er 80 Valentin Vor in athemloſer Eile in den Stall, und kehrte dann raſch mit einem Kaſten voll Hammer und Nägel in der einen, und mit einem Hufeiſen in der andern Hand zuruͤck. „Haͤng die Pferde mal aus, Bill,« ſagte er, indem er niederkniete und ein Hufeiſen vorn an das Fußbrett na⸗ gelte.»Da! nun mach was Du willſt! Jetzt kann er mir niſcht mehr anhaben.« Während friſche Pferde vorgeſpannt wurden, nickte Tooler triumphirend mit dem Kopfe, und blickte mit in⸗ nerlicher Zufriedenheit lächelnd auf das Hufeiſen. „Im Namen des barmherzigen Gottes,« ſagte der Herr im ſchwarzen Habite, als Tooler wieder eingeſtiegen war,„was habt Ihr vor den Wagen genagelt?« „Hssst!.. ein Hufeiſen!« rief Tooler.»Der Wagen is behert, Sir!... wenigſtens war er es; aber ick habe dem Dinge abjeholfen...'s is en Gegenmittel!« „Entſetzlich!« rief der Herr im ſchwarzen Anzuge mit gebuͤhrender Wuͤrde.„Wie konnt Ihr, Kutſcher, ſo got⸗ teslaͤſterliche Gedanken hegen.« »Oh! ick weeß et! ick kenne das! das Weib, das mit en Korbe vorbeiging, hat mir dran erinnert. Sie ſieht uf'n Haar aus, wie die.. 4 „Wie wer?« fragte der ſchwarze Herr. 3 der Bauchredner. 81 „Nu, wie die Hexe!« entgegnete Tooler.„Ick will et Euch erzählen. Neulich, wie ick des Weges kam, ſah ick ſie hier mit enen Korbe an'n Iraben ſitzen. Der junge Harry, der Reffe unſert Herrn, ſaß mit mir in't Cabrio⸗ let, un da ſagt' er, Tooler, ſagt' er, ick ſetze Dir uf'ne Bohle Punſch, wenn Du den Korb mit der Peitſche her⸗ ufſchweppſt. Es gilt, ſag ick. Schoͤn, es gilt, ſagt er. Ick mache alſo meine Peitſche zurecht, und juſt als wir bei dem Weibe vorbeikommen, ſchweppe ick die Peitſchen⸗ ſchnur um den Korbhenkel... wupp! is er da, Harry packt ihn mit beeden Haͤnden, und druͤckt die Paar Man⸗ del Eier kaput, die darin waren und deren Inhalt uns nu in't Geſicht fliegt. Jut! ick halte alſo die Zügel an, weil ick meene Pferde nich ſehn konnte, bis ick mir abje⸗ wiſcht, und waͤhrend Harry un ick lachen, kommt die Alte un ſchimpft uns aus. Ick fahre mit der Hand in die Taſche un werfe ihr'ne halbe Krone zu, un Harry warf ihr voch eene zu; aberſt damit war die olle Vettel noch nich zufrieden; ſie wollte durchaus ihre Eier wieder haben, un keene andere als dieſe, un da fluchte un wet⸗ terte ſie, daß ick an dieſen Lag jedenken ſollte. Nu ſagt Harry: Weeßt Du, wer ſie is?— Ne, ſag' ick, des kann ich nich ſagen. Jut, ſagt er, es is die beruͤchtigte olle Valentin Vox. I. 6 Valentin Vor. Hexe!— Der Teufel is es, ſage ick, und ſo war es ooch; un jetzt will ſie et mir nu entjelten laſſen. Aber ick habe ihr mit det Hufeiſen en Damm jeſetzt; ſie kann uns nu niſcht mehr anhaben.« „Weißt Du das ſo gewiß? Sei auf Deiner Hut!« ſagte Valentin in einer hohlen ſchauerlichen Stimme, doch ſo leiſe, daß nur Tooler es hoͤren konnte. Tooler erbebte; da aber ſein Glaube an die Kraft des Hufeiſens feſtſtand, ſo faßte er ſich bald wieder, gab ſich ein trotziges Anſehn, und druͤckte den Hut auf den Kopf, feſt entſchloſſen, ſich um keine Drohung zu bekuͤmmern. „He! Kutſcher!«. rief in dem Augenblicke einer der Paſſagiere;»ſeht einmal nach dieſem Rade.« Tooler ſaß unbeweglich wie eine Statue, und hielt es nicht fuͤr der Muͤhe werth, auch nur eine Muskel zu be⸗ wegen. „Kutſcher, Kutſcher!« ſchrie ein Landmann, der hinten ſaß,»das Rad will abloofen!« »„Pol's der Teufel!« rief Tooler.» Laß es abloofen! Hßßßt!„ und die Pferde trabten den Berg hinab; in dem Augenblicke aber ließ ſich eine offenbare Nei⸗ gung des Wagens nach der rechten Seite verſpuͤren. „Lehnt Euch alle links!« rief Tooler, und die Paſſa⸗ —————— der Bauchredner. giere gehorchten; aber er trieb die Pferde ebenfalls ſo hef⸗ tig links, daß die Kutſche dem Graben zu nahe kam, uͤber⸗ ſchlug, und ſich und die Paſſagiere auf ein friſches weiches Miſtlager warf. Nach Toolers Meinung hatte die Hexerei abermals triumphirt, und ſein Glaube an die Kraft des Hufeiſens verſchwand. Er hatte einen tuͤchtigen Stoß bekommen, und nachdem er daher, mit großer Muͤhe, ſeine Paſſagiere aus dem umgeſtuͤrzten Wagen geſchafft, uberließ er Pferde, Wagen und Paͤckerei der Sorgfalt derer, die zum Gluͤck Zeugen des unfalls geweſen waren, und humpelte mit dem Fragmente ſeiner Peitſche einem ein Paar hundert Schritte entfernten Wirthshauſe zu. Hier wurde er in einem Athem mit tauſend Fragen beſtuͤrmt; aber keine einzige wuͤrdigte Tooler einer Antwort. Er warf ſich ſorglos in einen großen Lehnſtuhl, erklärte, daß er heute keinen Schritt weiter fah⸗ ren wuͤrde, und trank mit vielem Behagen in einem Glaſe Brandy auf die»ewige Verdammniß der Hepe.« 84 Valentin Vor Sechstes Kapitel. Seltſame Freigebigkeit des Herrn im ſchwarzen Habit.— Das grünäugige Ungeheuer verhindert die Ausführung eines ſehr uneigennützigen Freundſchaftsactes. Auf einen nicht an tiefes Denken gewohnten Mann macht ein tiefer Gedanke eine ſonderbar einſchläͤfernde Wirkung. Kaum ſenkt er ſich unter die Oberfläche, fo fallt er in tie⸗ fen Schlaf, und obgleich er von ſeinem Gegenſtande mit allem Eifer träumt, Schluͤſſe aus den Prämiſſen zieht, Probleme loͤſt, Sätze aufſtellt, und ſeine Plane in der Phantaſie ausfuͤhrt, ſo ſpringt ſein Geiſt bei dem Erwa⸗ chen doch uͤber das intereſſante Interregnum zuruͤck, und fängt wieder bei dem Puncte an, von welchem er ausging., So war denn auch Toolers lebhafte Phantaſie beſchaͤftigt, und das war genau ſeine Lage, als er bei der Ankunft der Paſſagiere im Wirthöhauſe erwachte. Nachdem er ſeinen Vorſatz, auf die»Ewige Verdammniß der Hexe zu trin⸗ ken«, getreulich ausgefuͤhrt, gerieth er plotzlich in ſo tiefe der Bauchredner. Gedanken, daß ſie ihn, als eine natuͤrliche Folge, in feſten Schlaf verſenkten, in welchem er eine viſionaire Unterre⸗ dung mit der Hexe hatte, deren Einfluß er eben auf dem Puncte ſtand, zu vernichten, als die Paſſagiere in das wohl erwärmte Gaſtzimmer traten, in welchem er laut ſchnarchte. »Wir haben'ne wieder uf die Beene gebracht,« ſagte John Brown, der Wirth, der an der Spitze der Gruppe eintrat;»wir haben'en wieder uf geholfen, Sir!« ſuhr er in lauterem Tone fort, indem er Tooler auf eine Weiſe rüttelte, die in einem gewoͤhnlichen Falle fuͤr eine hoͤchſt unnoͤthige Gewalt häͤtte gehalten werden koͤnnen. Tooler nickte beifällig mit dem Kopfe, ohne zu wiſſen, wovon die Rede ſei, und begann alsdann wieder ſo laut wie vorher zu ſchnarchen. »Kommt, Kutſcher! kommt, kommt, guter Mann!« ſagte der Herr im ſchwarzen Kleide; aber auch er machte auf Tooler keinen Eindruck. Endlich aber gelang es John Brown durch vieles Rufen und Ruͤtteln, Tooler zu veran⸗ laſſen, daß er die Augen aufſchlug, die er ploͤtzlich mit großer Heftigkeit rieb. »S iſt Alles wieder im Jange,« ſagte John Brown. Valentin Vor „O— ah!...« bemerkte Tooler, indem er ſich ſtreckte und dehnte. „Wir haben'en ufgerichtet;... es is Alles wieder in Ordnung,« fuhr John Brown fort. „Ah ja.. janz recht„ bemerkte S in Zwiſchenräumen; vjut.. is was kaput?« »Ne, niſcht; der Wagen konnte nich weicher fallen.« „Jut, ſehr jut!« ſagte Tooler.»Steht der Wagen jut verwahrt in dem Schoppen?« »„Im Schoppen... l« rief John Brown;»ne, er ſteht angeſpannt vor der Thuͤr.« „Keenen Schritt fahr ick heute Abend mehr,« ſagte Tooler, indem er den Hut abnahm und ihn mit der Miene eines Mannes an die Erde warf, der, hat er einmal einen Entſchluß gefaßt, unerſchutterlich iſt. „Was. l« rief der Herr im ſchwarzen Anzuge. „doch nein, nein!... Ihr ſcherzt.« um zu zeigen, daß er nichts beabſichtige, was auch nur eine entfernte Aehnlichkeit mit einem Scherz habe, fing Tooler an, ſeinen Shawl abzubinden und den Rock auszu⸗ ziehn, während die Paſſagiere ſich in größeſtem Erſtaunen anſahen. »Beſter Mann!« fuhr der Herr im ſchwarzen Anzuge edner. 87 Abſicht, hier zu bleiben. aut, kommt, laßt uns aufbrechen.« „Hier bin ick un hier bleibe ick!«... ſagte Tooler be⸗ ſtimmt; dann ſchuͤttelte er den Kopf, und fing an, ſeine Gamaſchen aufzuknopfen. †ch will und kann nicht glauben,« ſagte der Herr im ſchwarzen Habit,»daß das Euer Ernſt iſt. Kommt, kommt, Kutſcher, kommt!« „Ick ſage,« rief Tooler,»wir muͤſſen hier bleiben... Wenn ick voch meene Pferde zu Schanden peitſchte, vor zwölf Uhr morgen wären wir doch nich da, un was konnte p das helfen?« »Et jinge wohl noch bis zehn Uhr,« bemerkte John Brown. »„Un wat koͤnnte es um zehn helfen?« fragte Tooler unwillig.»Wat koͤnnte es um zehn helfen, wenn ick um ſechs Uhr haͤtte da ſein muͤſſen?« „Ich bin ein Mann, der wenig Worte macht,« ſagte der Herr im ſchwarzen Anzuge,»„ein Mann, der ſehr we⸗ nig Worte macht, und muß Euch bitten, zu glauben, daß „ ich das, was ich ſage, auch wirklich meine. Ich muß heute Abend noch in London ſein, und ſeid Ihr daher ent⸗ ſchloſſen, hier zu bleiben, ſo nehme ich mir Ertrapoſt bis 88 V zur Stadt, und mad Koſten verantwortlich.« Als der Herr im ſchwarzen Anzuge ſich zitternd alſo ausgeſprochen, drehte er ſich raſch um, und als er ſich anſchickte das Zimmer zu verlaſſen, um gewiſſe nothwen⸗ dige Nachfragen zu halten, nahm Valentin ſeine Stimme an, und beſtellte ſieben große Gläſer Brandy mit Waſſer, und Beeſſteacks mit Zwiebeln fuͤr neun Perſonen. Dieſer Befehl war kaum gegeben, als das ganze Haus⸗ weſen John Brown's in Aufſtand gerieth. Dann wurde nach dem Fleiſche ausgeſchickt, Mary ſollte die Zwiebeln abſchaͤlen, Roger die Roſte ſaͤubern, und Sally Feuer an⸗ machen, waͤhrend die Wirthin ſelbſt den Brandy mit Waſ⸗ ſer miſchte, und dabei keifend und ſcheltend in gewohnter Weiſe rechts und links Befehle austheilte. Während dieſer Vorbereitungen hatte der Herr im ſchwarzen Habite durch eingezogene Erkundigungen erfah⸗ ren, daß ſieben Meilen im umkreiſe kein Poſthaus zu finden ſei. Er hielt es daher fuͤr zweckmäßig, einen andern Ton anzunehmen, und nachdem er mehrere Ueberzeugungsgruͤnde ausgeſonnen, die unmoͤglich ihre Wirkung verfehlen konn⸗ ten, kehrte er zuruͤck, um ſie in Anwendung zu bringen, ——— —— —— r. 89 rat, und auf ihrem . Brandy brachte. »Habt Ihr auch wohl bedacht, beſter Mann,« ſagte er,»welche Unannehmlichkeiten dieſer Auftritt nach ſich ziehen kann?« »„Meinetwegen,« ſagte Tooler,»es kann mir Alles niſcht helfen. Ich kann un kann nich weiterfahren,'s is rein unmoͤglich. Ich habe nich mehr Jewalt uͤber die Pfer⸗ de, wie'nkleenes Kind.... Kurz, ick kann nich fahren, un damit jut.« „O, wenn es ſonſt niſcht is,« rief Brown,„ick helfe jern'en Freunde aus der Noth, un will ſelbſt fuͤr Euch fahren.« »„Du biſt nich klug!« bemerkte die Wirhin, in hoͤrba⸗ rem Fliſtern, wäͤhrend ſie ihm zugleich heftig am Rock⸗ ſchoße zog, und ihm von der Seite gewiſſe bezeichnende Blicke zuwarf, die ihn fuͤr ſeinen ehelichen Frieden hätten beſorgt machen koͤnnen. John Brown jedoch blieb dabei, daß ihm dieſer uneigennuͤtzige Freundſchaftsdienſt viel Ver⸗ gnuͤgen machen wuͤrde; denn obſchon er im Allgemeinen die Winke ſeiner Gattin ſehr reſpectirte, und recht wohl einſah, daß ſie gerade bei dieſer Gelegenheit von dem Wunſche ge⸗ leitet wurde, ſo viel als moͤglich von einer Geſellſchaft zu 90 ziehen, deren eines Mithrro ve⸗ gebige Beſtellungen gemacht hatte, ſo hielt er es vvs, aus nicht fuͤr unwahrſcheinlich, daß Tooler in Folge deſſen abgeſetzt und er zu ſeinem Nachfolger ernannt werden wuͤr⸗ de, wonach er ſich ſeit mehrern Jahren ſchon beſtändig ge⸗ ſehnt hatte. »„Aber meent Ihr denn im Ernſt,« ſagte Tooler nach einer Pauſe,»deß Ihr im Stande ſein wuͤrdet, bis zwoͤlf uhr anzukommen?« „Bis zwoͤlf!« rief John Brown.»Bin ich nich da, ehe die Jlocke zehn ſchlägt, ſo will ick mir verjiſten laſſen. Sagt nur das Wort, un waͤhrend die Herren un Damen ihren Imbiß thun, will ick mir jeſchwind in Stand ſetzen.« »Seid vernuͤnftig, beſter Mann. Ihr ſeid damit zu⸗ frieden... nicht wahr?« ſagte der Herr im ſchwarzen Anzuge in einem Tone voll unwiderſtehlicher Ueberredungs⸗ kraft. »„Na, jut!.. jut!« ſagte Tooler, mit offenbarem Widerſtreben,»machen Sie's, wie Sie wollen;« damit fuhr er fort, ſeine Gamaſchen wieder zuzuknoͤpfen, wäh⸗ rend Mary ſorgfältig das Tiſchtuch auflegte. Als dieſe große Frage abgemacht war, verließ John Brown das Zimmer, und die Wirthin brachte, von ihren der Bauchredner. 91 Mägden in ſaubern weißen Schurzen unterſtuͤtzt, das Beef⸗ ſteack mit Zwiebeln auf den Tiſch. »„Wenn es Euch nun gefaͤllig iſt, Sir!« ſagte die Wirthin, indem ſie den Herrn im ſchwarzen Kleide mit einem ihrer freundlichſten Blicke begluͤckte, waͤhrend ſie fuͤr ihn an das obere Ende der Lafel einen Stuhl ſetzte.»Laßt es nich kalt werden, werther Herr.« »„O, ich fuͤr mein Theil danke verbindlichſt,« ſagte der Angeredete außerſt hoflich.»Ich habe nicht den geringſten Appetit, und bitte um ein Glas Sherry und einen Zwie⸗ back.« »Ei, ſchmecken mußt Ihr's wenigſtens einmal,« drang die Wirthin in ihn.»Seht nur, wie lecker es riecht,« fugte die Verſucherin hinzu, indem ſie den Deckel abnahm 2 und dadurch ein treffliches Beefſteack mit Zwiebeln zur Schau legte, deſſen Anblick auch die ubrigen Paſſagiere nach dem Tiſche zog. »Eſſen Sie einen Biſſen mit, Sir, thun Sie esl« riefen die Paſſagiere im Chor.»Es ſchmeckt uns nicht halb ſo gut, wenn Sie nicht miteſſen.« »Aber warum nicht, meine werthen Herrſchaften?«. fragte der Paſtor. 9 Valentin Vor Veit Ihr,« erwiederte die Wirthin,»die Guͤte hat⸗ tet, es zu beſtellen.« »„Ich, liebe Frau?!« fragte der Paſtor, indem er vor Erſtaunen ſeine Brille in die Hoͤhe ſchob.»Ich haͤtte das beſtellt?... ich? † »Ei, gewiß, Sir!« entgegnete die Wirthin, und der freundliche Ausdruck ihres Geſichtes verſchwand. »Ei, mein Gott, beſte Frau,« begann der Paſtor von Neuem,»Ihr muͤßt geträumt haben.« »Ick berufe mir auf dieſe Herren un Damen,« ſagte die Wirthin,»ob Ihr nich ſieben Jlas Brandy mit Waſ⸗ ſer, un Beeſſteacks mit Zwiebeln fuͤr neun Perſonen beſtellt habt.» »„Ganz gewiß,« ſagte einer der Paſſagiere,»das wa⸗ ren die naͤmlichen Worte, und Ihr werdet es jetzt nicht ableugnen wollen, nicht wahr?« „Auf meine Ehre, Ihr lieben Leute,« entgegnete der Paſtor,»glaubt mir, Ihr wart in Eurem Leben nie mehr im Irrthum.« »Keeneswegs,« bemerkte Tooler,»ick hab' es mit eig⸗ nen Ohren jehoͤrt.« »Gott ſteh' mir bei! Es iſt unmoͤglich! unmoglich!« rief der Paſtor, indem er eifrigſt nach der Redensart ſuch⸗ Ai — der Bauchredner. te; die hinſichtlich des Klanges einige Aehnlichkeit mit„ſie⸗ ben Glas Brandy mit Waſſer, und Beeſſteaks mit Zwie⸗ beln fuͤr neun Perſonen« gehabt haben moͤchte. 5 »Nu, mag eins ſind oder das andere,« bemerkte die Wirthin,»hier is das, was beſtellt wurde, un ick erwarte jedenfalls meine Bezahlung.« „Kommt,« ſagte der Pachter, der einen Platz im Hintertheile des Wagens gehabt hatte,»laßt uns ein Ende machen, denn ich ſpuͤre eine verdammte Eßluſt,« und er und Valentin nebſt zwei andern Paſſagieren machten den Anfang, während die Uebrigen ſich von der LTafel fern hielten, damit nicht auch von ihnen am Ende ihr Antheil zur Bezahlung der Zeche gefordert wuͤrde. »Da Ihr doch einmal die ganze Zeche bezahlt,« ſagte der Pachter,»ſo koͤnnt Ihr eben ſo gut einen Biſſen mit⸗ eſſen, wie nicht.« ⸗ „In der That,« ſagte der Herr im ſchwarzen Kleide, „ich weiß durchaus nicht, daß ich ſolch ein Arrangement getroffen haͤtte.« »Gut, gut!« ſagte Valentin in ſeiner natuͤrlichen Stimme,»es wird am Beſten ſein, wenn wir die Sache beilegen, da hier ein kleines Mißverſtaͤndniß obzuwalten ſcheint: Ihr bezahlt das Beeſſteack, und ich den Brandy.« 94 Valentin Vor⸗ »„Ja,. ſo iſt es recht!... prächtig!« rief der Pachter,»und um zu zeigen, daß auch ich mein Theil gern beitragen will, geb' ich noch ein Paar Flaſchen Wein was ſagt Ihr nun?« „Unter dieſen umſtänden kann ich mich nicht langer weigern, Theil zu nehmen,« ſagte der betretene Paſtor; „doch erlaube ich mir, zu ſagen, daß die Sache mir voͤllig unerklaͤrlich iſt. Ich trete nicht gern mit feſten Behaup⸗ tungen auf; ich weiß, daß die menſchliche Natur nichts wei⸗ ter als menſchliche Natur iſt, und daher keinen Anſpruch auf vollige Ausnahme von jener Schwäͤche machen kann ihr unterſcheidendes Merkmal iſt:— ich kann im Irrthum ſein:— ich bekenne, daß ich im Irrthum ſein mag; den⸗ noch aber halte ich es fuͤr durchaus unmoͤglich, daß Je⸗ mand ſolch einen Befehl geben könne, ohne es zu wiſſen.« „O, ſo wahr ich lebe,« ſagte der Pachter,»es ver⸗ halt ſich ganz und gar ſo.« „So will ich nicht dagegen ſtreiten,« erwiederte der Paſtor, deſſen Unglaͤubigkeit ſich nicht bannen ließ.»Ich kann nur ſagen, daß ich mich durchaus nicht mehr daran erinnere; gab ich aber den Befehl, ſo fuge ich mich Eurer Entſcheidung.« der Bauchredner. 95 Kaum war dieſe Anordnung getroffen, als die Paſſagiere, welche ſich beſcheiden bisher fern gehalten hatten, plötzlich verwandelt erſchienen. Sie thaten, als wären ſie zu Hauſe und ſtuͤrmten an den Tiſch, an deſſen oberſtem Ende na⸗ tuͤrlicher Weiſe der Paſtor ſaß, der fuͤr dieſe Gelegenheit den langaufgeſparten Appetit eines ungezähmten Elephanten geborgt zu haben ſchien. Da fuͤr den Augenblick alle ſo⸗ cialen Rangunterſchiede aufgehoben waren, ſo ward auch Tooler zum Miteſſen eingeladen; aber obgleich er ſich eifrig bemuͤhte, mit den Uebrigen Stich zu halten, ſo verließ ihn doch ſeine gaſtronomiſche Kraft voͤllig. Er aß kaum ein wenig, obſchon das Gericht vor ihm zu denen gehoͤrte, die ſonſt ſehr hoch in ſeiner Gunſt ſtanden. Bei dem Trinken jedoch merkte er keine Schwierigkeit. Er ließ ſich den Wein und ben Brandy trefflich ſchmecken, zumal in der Abſicht, den fatalen Einfluß der Hexe darin zu ertränken; aber je mehr er trank, deſto ſtärker fuͤhlte er, daß jener Einfluß immer im Sunehmen begriffen ſei. Als John Brown meinte, die Geſellſchaft habe Alles beſtellt, was ſie wahrſcheinlicher Weiſe beſtellen wuͤrde, ſo trat er in das Zimmer, um zu melden, daß er fertig, und ihnen die Nothwendigkeit einer alsbaldigen Abfahrt zu erklären. Man forderte daher die Rechnung, bezahlte die 96 Valentin Vor Zeche nach der fruͤhern guͤtlichen Uebereinkunft, und die Rei⸗ ſenden ſchickten ſich zur Vollendung ihrer Reiſe an. In dem Augenblicke jedoch, als John in das Zimmer trat, ſtieg in Valentin der Argwohn auf, daß jener eine Treuloſigkeit gegen Tooler im Schilde fuͤhre. Er beobach⸗ tete ihn daher genau, und als bald ſein forſchendes Auge genug entdeckte, was ſeinen Verdacht beſtätigen konnte, be⸗ ſchloß er, Mr. John Brown's Plan dadurch zu vereiteln, daß er jenen von dem Plane abbraͤchte, den uneigennutz⸗ gen Freundſchaftsdienſt, wozu er ſich erboten, auszufuͤhren. Valentin verließ daher ploͤtzlich das Zimmer, um ein Mittel zu ſuchen, deſſen er ſich zu ſeinem Zwecke bedienen konnte; und als er die Wirthin mit einem Fleiſcher auf der Flur ſtehen ſah, dem ſie wegen der Zähigkeit einer Ham⸗ melkeule Vorwuͤrfe machte, wartete er die Ankunft John Brown's ab. Kaum hatte er ſich jedoch den Weg vorge⸗ zeichnet, welchen er einſchlagen wollte, als John mit der Peitſche in der Hand erſchien. Valentin ſah, daß keine Zeit zu verlieren war, und fliſterte daher, laut genug, daß John es hoͤren konnte, indem er die Stimme der Wirthin annahm:»RNun geh, mein Junge, geh; komm aber ja bald wieder; Du haſt niſcht zu fuͤrchten, denn John kommt erſt morgen fruͤh wieder.«⸗ „ —— der Bauchredner. 97 »Wirklich!« murmelte John, indem er bei dem Schall eines zärtlichen Kuſſes, womit Valentin ſchloß, zuruͤckfuhr. »Wirklich!« wiederholte er, und biß ſich heftig in die Lip⸗ pen, und holte gewaltſam Athem, als die Gruppe im Hintergrunde ihn der Thuͤr zudraͤngte, und ihn ſo zwang, den Stolz ſeines Herzens und ſeines Hauſes im Geſpraͤch mit einem Manne zu ſehen, der eben jener Fleiſcher war, auf welchen er ſchon lange ein eiferſuͤchtiges Auge geworfen. Valentin ſah, daß er die rechte Saite angeſchlagen, denn John's Geſicht ward ſo weiß, als es werden konnte, das heißt, ſeine Farbe verwandelte ſich in ein blaſſes Ber⸗ linerblau, die größeſte Annäherung an Weiß, deren es fähig war, wäͤhrend ſeine Zähne wie Caſtagnetten zuſam⸗ menſchlugen und ſein ganzer Koͤrper convulſiviſch bebte. Gegen Valentins Erwartung jedoch bot John, nachdem ſeine blitzenden Augen wie Dolche durch die Bretterwand gedrungen waren, welche ihn von jenen trennte, allen ſei⸗ nen Muth auf und ſtieg in das Cabriolet. Aber die Ab⸗ fahrt geſchah nur zum Schein, denn im naͤchſten Augenblicke ließ er den einen Zuͤgel und ſeine Peitſche zugleich fallen. Dem war nun freilich bald abgeholfen, aber ſie waren noch nicht weit gekommen, als Toolers Aufmerkſamkeit auf den aufgeregten Zuſtand von John's Nerven gelenkt wurde. Valentin Vor.. 7 J. 98 Valentin Vor „Habt Ihr'en Bisken zu tief int Jlas jeſehn?« fragte Tooler, als ſie von einer Seite zur andern fuhren. »Keenen Tropfen!« antwortete John, und der Wa⸗ gen fuhr wieder auf die andere Seite.»Aber die Sache iſt die,« fuhr er fort, indem er ſich umſchaute, ob er von ſeinem Hauſe aus auch nicht geſehen werden konnte,»die Sache iſt die, daß ich mir ſehr elend fuͤhle, und daß ich furchte, ich werde uͤberall nicht viel weiter kommen.« „Jut, ſo jebt mir die Zuͤgel,« ſagte Tooler, der, als er ſich einigermaßen wohler fuͤhlte, ſich ſeiner paſſiven Stellung zu ſchämen ſchien.»Ick will die Pferde ſchonſt in Ordnung halten. Jeht nu wieder nach Hauſe, un nehmt meinen beſten Dank mit.« »Nu, wenn Ihr meint, daß Ihr fahren könnt.. 4 bemerkte John. „Mein Seel',« unterbrach ihn Tooler, deſſen Stelz ſich bei dieſer Bemerkung emporte,»kann ick es nich beſſer, als ſo, ſo kann ick es uͤberall nich!« Das war genug fuͤr John Brown. Er hielt ſogleich an, und nachdem er ſeine Unfähigkeit, ſein Verſprechen zu halten, beſchönigt hatte, ſprang er vom Wagen, um ſich die Gewißheit zu verſchaffen, vor der ſein Herz zuruͤckbebte, und um der weitern Entwickelung des vermutheten uner⸗ der Bauchredner. 99 laubten Verhaͤltniſſes zwiſchen ſeiner liebenswuͤrdigen Gattin und dem kaltbluͤtigen Fleiſcher Schranken zu ſetzn. In dem Augenblicke jedoch, in welchem Tooler die Zuͤ⸗ gel wieder in die Hand bekam, nahm auch der gefuͤrchtete Einfluß der Hexe wieder von ſeinem Geiſte Beſitz; aber Valentin, der ſich auf den durch den Abgang John's er⸗ ledigten Platz im Cabriolet begeben hatte, bot Alles auf, um ihn zu beruhigen, und da es ſein feſter Vorſatz war, ihn nicht mehr zu quälen, ſo gelang es ihm durch das Aufgebot ſeiner ganzen Ueberredungskunſt, ihn zu dem Glauben zu bringen, es ſei ein unwandelbares Naturgeſetz daß die Gewalt keiner Hexe ſich weiter, als auf einen Ra⸗ dius von vierzig engliſchen Meilen, erſtrecken konnte. 100 Valentin Vor Siebentes Kapitel. Großonkel John's Freund und ſeine liebenswürdige Verwandt⸗ ſchaft, nebſt dem Ritter eines neuen Ordens, zwei unſicht⸗ baren Hausdieben und einer höchſt ſonderbaren Schornſtein⸗ fegerei. Mr. Grimwood Goodmann, Großonkel John's Freund, an den Valentin adreſſirt war, beſaß ein ziemlich bedeu⸗ tendes Vermogen, daß er groͤßtentheils gluͤcklichen Specula⸗ tionen in Wallfiſchthran verdankte. Er war auffallend ma⸗ ger,— ſo mager, daß ſein Herz gegen die nackten Rip⸗ pen mit einer Gewalt ſchlug, aus der allein ſchon man ſchließen konnte„ daß dieſes Organ unempfindlicher gegen das Gefuͤhl, als gegen das Geſicht iſt. War jedoch! Good⸗ man's Herz, wie die Herzen der Menſchen uͤberhaupt, in phyſiſcher Hinſicht unempfindlich, ſo war es dagegen in moraliſcher Hinſicht das empfindlichſte aller Organe, welche er beſaß. Eine Thräne ruͤhrte ihn außerordentlich, und die Geſchichte eines Ungluͤcks fand ſtets ſein Herz offen; in der That, Kummer in jeder Geſtalt brauchte ihm nur zu na⸗ der Bauchredner. 101 hen, um ſich mit Wohlwollen umgeben zu ſehen, wodurch die dem Unluͤck angehoͤrigen Thränen getrocknet, und nur die der Dankbarkeit und Freude vergoſſen wurden. Grimwood Goodman war, obſchon er ſich damit bruͤ⸗ ſtete, daß er unter den Freiwilligen, ohne ſeine Schuh, ſechs Fuß gemeſſen habe, zu der Zeit, von welcher hier die Rede iſt, etwa fuͤnf Fuß acht Zoll hoch. Verhei⸗ rathet war er nie geweſen. Seine Verwandten,— die einzigen Verwandten, von denen er wußte, nämlich ein Bruder, ein Neffe, und deren Frauen,— hatten auf die uneigennutzigſte Weiſe ganz beſonders dafuͤr geſorgt; denn damit der Gedanke an eine Heirath recht wirkſam aus ſei⸗ nem Geiſte verbannt werden moͤchte, beſuchte er ſie nie und empfing nie von ihnen einen Beſuch, ohne Zeuge eines jener intereſſanten Familienkriege zu ſein, durch welche der Eheſtand dann und wann belebt wird. Nicht daß ſein Bruder und Reffe ungluͤcklich mit denen lebten, die ſie ſich erkoren hatten: ſie erfreuten ſich vielmehr eines groͤßern Theiles haͤuslichen Wohlbehagens, als gewoͤhnlich Eheleu⸗ ten zuzufallen pflegt; doch ſie hatten die Eintichtung ge⸗ troffen, daß ſie, ſo oft Grimwood zugegen war, am aͤußer⸗ ſten Rande haͤuslichen Elendes zu ſtehen ſchienen, um ihn von dem Eintreten in einen Stand abzuſchrecken, zu wel⸗ 102 Valentin Vox chem gewiſſe Wittwen und Maͤdchen ihn beſcheidentlich auf⸗ gefordert hatten. Dieſe Liſt war von Erfolg. Er zitterte bei dem Gedanken, ſich n etwas einzulaſſen, das man als im beſten Falle aͤußerſt ſtuͤrmiſch vorgeſtellt hatte; denn was ihn am meiſten abſchreckte, war die ernſtliche Sorg⸗ falt, die ſie bei jeder Gelegenheit bewieſen, ihn zu uͤber⸗ zeugen, daß ſie, obſchon ſie ſeufzten, und duldeten, und quälten, und ſich den Tod wuͤnſchten, in der That aber ſo gluͤcklich, wo nicht noch glucklicher lebten, als es bei Verheiratheten gewöhnlich der Fall ſei. Da er alſo an den lebenden Beweiſen ehelichen Gluͤcks, welche ſie ihm beſtän⸗ dig vor Augen hielten, keinen Geſchmack fand, ſo war er feſt entſchloſſen, bis an ſein ſeliges Ende unbeweibt zu bleiben. Als dieſe liebevollen Verwandten hoͤrten, daß Valentin nach London kommen wuͤrde, geriethen ſie in fieberiſche Unruhe; denn obgleich ſie ihn nie geſehen, ſo waren die uͤber ihn empfangenen Nachrichten uͤberaus ſchmeichelhaft ausgefallen; ſie hielten ihn deshalb fuͤr einen Solchen, der, durch einen guͤnſtigen Eindruck auf denjenigen, auf welchem ihre ganze Hoffnung beruhte, ihnen, wie ſie ſich ausdruͤck⸗ ten, einen Theil des Vermoͤgens»rauben« koͤnnte, auf welches ſie nach Grimwood's Tode ſtark rechneten. Sie N 1 der Bauchredner. 103 verloren daher keine Zeit, um irgend einen Plan zu erſin⸗ nen, durch welchen ihre hauptſaͤchlichſte Angſt verſcheucht werden moͤchte, und da Mr. Walter Goodman von ſeinem Bruder Grimwood abgeſandt war, auf Valentin in dem Wirthshauſe zu warten, ſo ward nach langer Deliberation der Beſchluß gefaßt, daß er ſich ihm als Grimwood vor⸗ ſtellen, Valentin in einem gewiſſen Privatlogis unter⸗ bringen, und ihm allenfalls eine Hangmatte auf einem Kriegsſchiffe auswirken, damit er in alle Welt ſegelte, oder ihn als einen Abenteurer fortſchicken ſolle, um anderswo ſein Gluͤck zu verſuchen. Walter ging daher zur beſtimmten Zeit nach dem Wirthshauſe, waͤhrend ſein hoffnungsvoller Sohn, Horace, Alles zu Valentin's Empfange vorbereitete,— es war nämlich beſchloſſen worden, daß er in dem Augenblicke ſei⸗ ner Ankuaft weggefuͤhrt, und wenn er ſeinen neuen Auf⸗ enthaltsort erreicht, Grimwood benachrichtigt werden ſollte, daß er überall nicht angekommen ſei.— Zum Glück für Valentin jedoch vlieb der Wagen ſo lange aus, daß Grim⸗ wood, als das dringende Geſchäft, welches er zu beſorgen hatte, abgemacht war, ernſtlich beſorgt wurde; indem er daher ſelbſt nach dem Wirthöhauſe ging, beſtand er dar⸗ auf, Bruder Walter von aller Verantwortlichkeit zu ent⸗ 104 1 Valentin Vox binden, und wartete zum groͤßeſten Aerger dieſes Herrn die Ankunft der Poſtkutſche in dem Caffeezimmer ab. Allein die zärtliche Familie gab darum ihren Plan noch nicht auf. Kaum hatte Grimwood ſeinen Entſchluß aus⸗ geſprochen, als Walter forteilte, um die Ankunft der Kut⸗ ſche draußen zu erwarten und dann Valentin ſogleich abzu⸗ fuͤhren, wahrend Grimwood in dem Caffeezimmer ſaß, das Glas Claret, welches er gefordert hatte, austrank, ohne daß er etwas davon ſchmeckte, und mechaniſch die»Times« las. Obgleich ſeine Augen auf dem Papiere ruhten, ſo waren ſeine Gedanken doch bei der Kutſche, und er hatte eben den letzten Tropfen Wein getrunken, und fing an ſich zu wundern, wie es moͤglich ſei, ſtundenlang zu leſen, ohne zu wiſſen was, als es zehn Uhr ſchlug. »Aufwärter,« ſagte er zu einer Perſon mit rundem Geſichte...„ſehr ſonderbar, nicht wahr?« »In der That, Sir!« entgegnete dieſe intereſſante Perſon, die kein Wort hervorbringen konnte, ohne ſich mit der Ser⸗ viette etwas zu ſchaffen zu machen,»in der That, Sir, das iſt es, das iſt es wirklich; doch unbeſorgt, Sir, er pflegt mmer etwas ſpaͤt zu kommen.« »Ich furchte, daß irgend ein ernſtlicher Unfall...« be⸗ merkte Goodmann. 1 — SSec9ecchehtehehcec der Bauchredner. 105 »Nicht doch, nicht doch,« unterbrach ihn jener;»der alte Tooler iſt langſam, aber ſicher... uͤbrigens muß ich geſtehen, daß ich mich nicht erinnere, daß er jemals ſo lange wie heute ausgeblieben waͤre.« Dadurch, daß dieſe Zoͤgerung von dem Aufwaͤrter fuͤr nicht ganz ungewoͤhnlich erklaͤrt war, einigermaßen beru⸗ higt, begab ſich der alte Herr in die Hausthuͤr,— nicht gerade in der Abſicht, die Ankunft der Poſtkutſche zu be⸗ ſchleunigen, ſondern um bei jedem Fuhrwerke, das ihm zu Geſicht kam, uͤber die Moͤglichkeit zu ſpeculiren, ob es nicht gerade dasjenige ſei, welches er erwartete.— Kaum hatte er jedoch ſeinen Stand auf der Schwelle genommen, als er Bruder Walter und deſſen hoffnungsvollen Sohn in fie⸗ beriſcher Aufregung ſich auf dem Platze umhertreiben und Jedermann fragen ſah, ob die Kutſche auch wirklich noch nicht angekommen waͤre. „Walter! Horace!« rief Grimwood, und die Gerufe⸗ nen erſchracken heftig; da ſie aber kein Mittel zur Flucht ſahen, ſo näherten ſie ſich, und ſprachen, nachdem ſie etwas in Bezug auf ihre Verwunderung ſtotternd vorgebracht, ihre Ueberzeugung aus, daß er, da der Abend kalt ſei und die Kutſche vielleicht vor Mitternacht nicht ankommen wuͤrde, lieber nach Hauſe gehn und einen von ihnen dalaſſen moͤch⸗ 106 Valentin Vor te, um Volentin bei ſeiner Ankunft in Empfang zu neh⸗ men. »Es iſt huͤbſch von Euch, Walter und Horace, wirk⸗ lich recht huͤbſch,« ſagte Grimwood, indem er Beiden die Hand ſchuͤttelte,»daß Ihr ſo beſorgt ſeid um Jemand, fuͤr den ich mich intereſſire, ich werde es Euch nicht ver⸗ geſſen.— Er kann indeß nicht lange mehr ausbleiben; wir wollen daher zuſammen warten und ein Glas Wein mit einander trinken.« Walter und Horace brachten Entſchuldigungen vor, aber Grimwood bat ſie ſo dringend, als haͤtte er die Quelle gekannt, aus der alle ihre Aufmerkſamkeit entſprang. Sie hatten indeß kaum in dem Caffeehauſe Platz genommen, als die Ankunft der Kutſche gemeldet wurde und Grimwood augenblicklich ſeine liebevollen Verwandten verließ, um Va⸗ lentin zu empfangen. »Nun kann es uns nicht mehr helfen!« ſagte Walter, als Grimwood fort war.»Warum blieb ich auch nicht an dem letzten Schlagbaume!... Aber die verdammte Kutſche waͤre trotz dem vielleicht vorbei gefahren.« »Man ſollte des Teufels werden!« rief Horace;»ich denke, der Schlag ruͤhrt mich, als der Onkel rief.« »Fuͤr diesmal ſind wir an der Naſe herumgefuhrt,« be⸗ der Bauchredner. 107 merkte Walter.»Doch unbeſorgt, Horace,« fuhr er nach einer Pauſe fort,„es ſoll doch ſchon gehen,« und Walter und Sohn verſanken in tiefes Schweigen. „Ihr Name iſt, glaube ich, Valentin Vor?« redete Mr. Goodman den jungen Mann an, der eben ausgeſtie⸗ gen war. »So iſt es!« entgegnete Valentin. »Mein Name iſt Goodman, und ich freue mich, Sie zu ſehen. Hoffentlich iſt Ihnen unterwegs nichts Unange⸗ nehmes begegnet.4 „Nichts von Belang!« entgegnete Valentin. „Bleibt mir mit Euren Fragen vom Leibe!« rief Too⸗ ler, und ſuchte ſich aus einer Gruppe von fragenden Hausbeſitzern und Aufwärtern Fherauszudräͤngen, die ihn beſtuͤrmte.»Es hilft Euch niſcht,.. ick will verdammt ſind, wenn mir nich ſchont bei dem bloßen Gedanken daran janz elend un jämmerlich zu Muthe wird. Daß wir uͤber⸗ all noch herjekommen ſind,« fuhr er zu Goodman gewendet fort, vverdanke ick dieſen jungen Herrn. Ohne ihn waͤren wir noch lange nich da.« Dieſe Bemerkung hatte ſogleich den Erfolg, daß ſie Valentin veranlaßte, ſtatt einer halben Krone fuͤnf Schil⸗ linge zu geben, und daß ſie einen hochſt guͤnſtigen erſten 108 Valentin Vor Eindruck auf Mr. Goodman machte, der, nachdem er das Gepaͤck in Sicherheit gebracht ſah, Valentin ſeinen Ver⸗ wandten vorſtellte, welche ihn mit Blicken empfingen, die eher alles Andere, als Freude, ausdruͤckten. »Nun, mein junger Freund,« ſagte Mr. Goodman, indem er Valentin's Hand wieder ergriff und ſie herzlich druͤckte,»ich freue mich von Herzen, Sie wohlbehalten hier zu ſehen, Sie ſind von der Reiſe erſchoͤpft und kalt.. ja, ja, das ſind Sie.... Aufwärter! Caffee fuͤr dieſen Herrn!... Was um des Himmels willen hat Sie denn unterwegs aufgehalten?... Aber erzaͤhlen Sie es jetzt nicht.... Sie ſind muͤde.« »Nicht im Geringſten,« ſagte Valentin, der ſich in der Geſellſchaft dieſes alten Herrn ſehr heimiſch fuͤhlte, obſchon er voll Verdacht die ungluͤck weißagenden Blicke Walter's und Horace's bemerkte. »Kommen Sie her und trinken Sie ein Glas Wein,« ſagte der gutmuͤthige Alte, der ſich uͤber Valentin ſo freute, als wäre er ſein eigner Sohn geweſen.»Mein lieber, lie⸗ ber Junge!« fuhr er fort, indem er ſeinem Schuͤtzlinge die Hand druͤckte und ihm ernſt in das Geſicht ſah:»Gott ſegne Sie!« Das war Wurmſaamen fuͤr Horace und ſeinen Vater. ———— der Bauchredner. 109 Sie konnten die Wirkung deſſelben nicht verheimlichen, und gingen daher, nachdem ſie einige hoͤhniſche Bemerkungen an Valentin gerichtet, der ſich verbeugte, ohne zu antworten, in der Abſicht fort, einen boshaften Streich auszuhecken, der ihre beinahe erloſchene Hoffnung wieder beleben könnte. »Gut, und nun,« ſagte der alte Herr, als ſeine Ver⸗ wandte fortgegangen waren und Valentin ſich hinreichend erholt zu haben ſchien;»nun kommen Sie, und erzählen Sie mir den Grund dieſer ungewoͤhnlichen Zoͤgerung.« Valentin ſah ihn ernſthaft an und laͤchelte. Er ſcheute ſich anfangs, den eigentlichen Grund zu ſagen; aber aus den Geſichtszuͤgen des alten Herrn ſprach ſo viel Gutmuͤ⸗ thigkeit, daß er nicht umhin konnte, Vertrauen zu ihm zu faſſen. Er fuͤhlte, daß er ihm das Geheimniß ſeiner Kunſt anvertrauen koͤnne, ja, daß dieſes fuͤr ihn eine Quelle an⸗ haltender Ergotzlichkeit ſein wuͤrde, und geſtand daher nach einigem Anſtande, daß die Zögerung einzig und allein ihm zur Laſt fiele. »Aber ich hoͤrte doch,« ſagte Goodman,»daß, wenn Sie nicht geweſen wären, die Kutſche heute gar nicht an⸗ gekommen ſein wuͤrde.« »Das iſt vollkommen wahr,«. entgegnete Valentin, veben ſo wahr aber iſt es, daß, wäre ich nicht geweſen, 110 Valentin Vor die Kutſche mindeſtens vier Stunden fruͤher angekommen ſein wuͤrde.« „Wirklich!« rief Goodman, mit einem Ausdruck der Verwunderung, und Valentin zögerte abermals; da er in⸗ deß fuͤhlte, daß ſeine Meinung von Goodman's Charakter richtig ſei, begann er, alle die im fuͤnften und ſechsten Kapitel dieſer Erzählung beſchriebenen umſtände zu ſchil⸗ dern, deren Mittheilung den alten Herrn in ſolche Convul⸗ ſionen verſetzte, daß ſeine Verzerrungen allein ſchon lächer⸗ lich genug waren, um die Heiterkeit aller Anweſenden zu erregen, ſo daß endlich das ganze Zimmer von ſympatheti⸗ ſchem Gelaͤchter wiederhallte. „Nun. nun... Herzensjunge,« bemerkte Good⸗ man, ſobald er ſich wieder etwas erholt hatte,»ſei uͤber⸗ zeugt, daß es ſo gut iſt, als hätteſt Du es Niemandem erzählt. Das ſoll uns manche vergnuͤgte Stunde machen! Aber, mein Junge, halte es ja geheim!« Und hier er⸗ griff ihn abermals ein Anfall von Heiterkeit, in den das ganze Zimmer wieder auf die lächerlichſte Weiſe einſtimmte, waͤhrend Valentin ſich zu dem freundlichen Empfange von Seiten ſeines wohlwollenden Beſchuͤtzers Gluͤck wuͤnſchte. Sobald Grimwood Goodman's Geſtalt fähig wurde, einen Anſchein von Ruhe anzunehmen, fing er an ſein der Bauchredner. 111 Verlangen zu bezeugen, von dem, was er noch immer fuͤr beinahe unmoͤglich hielt, einen Beweis zu ſehen. Er drang daher in Valentin, und da Valentin einſah, daß jener fuͤr den Augenblick zu erſtaunt ſein wuͤrde, um ſich jenen Aus⸗ bruͤchen des Lachens hinzugeben, die Verdacht erregen koͤnn⸗ ten, ſo erklärte er ſich bereit. »Aber ſei vorſichtig, mein Junge, ſei ja vorſichtig,« ſagte Goodman. »Eine Entdeckung iſt durchaus unmoͤglich... Aufwär⸗ ter!« rief Valentin, indem er ſeine Stimme aus einer Ecke hervorkommen ließ, in welcher ein Paar Männer ge⸗ bratene Huͤhner aßen. »Ja, Sir,« rief der Aufwärter, indem er die Ser⸗ viette unter den Arm nahm und ſich dem Tiſche näherte. »Aufwärter!« rief Valentin mit einer Stimme, die aus der gegenuͤberliegenden Ecke zu kommen ſchien. »Ja, Sir,« wiederholte der Aufwaͤrter, und drehte ſich um, nachdem er ſich uͤberzeugt, daß Niemand etwas fordere. »Aufwaͤrter!« rief Valentin mit derſelben Stimme, wie zu Anfang. »Ja, Sir!« rief der arme Burſche, abermals um kehrend.„Sie haben gerufen? 4 Balentin Vor „Nein,« ſagten die Herren,»wir haben nicht ge⸗ rufen.« „NLufwärter!« rief Valentin aus dem andern Ende des Zimmers her, wohin der corpulente Aufwäͤrter denn auch ſogleich eilte. „Nun! Kommt die Flaſche Portwein denn noch nicht?“ rief Valentin aus der Mitte des Zimmers. „Verzeihung, Sir... ich weiß doch nicht.„re⸗ dete der Aufwärter die Perſon an, die, wie er meinte, geru⸗ fen hatte.»Haben Sie eine Flaſche Portwein beſtellt, Sir?« „Nein,« ſagte der Angeredete,»ich trinke keinen⸗« »Aufwärter!« rief Valentin ſo laut, als er konnte. „Ja, Herrl⸗ entgegnete der Aufwärter mit entſpre⸗ chender Energie, und folgte wiederum der Stimme, und fuhr fort ihr zu folgen, bis Valentin aufhörte. Da na⸗ herte ſich der Ritter von der Serviette, deſſen Blut zu kochen begann, dem Feuer und ſtoͤrte mit aller Macht darin umher. »„Jiml« rief Valentin oben im Kamin, während der Aufwärter ſeine Rache ausuͤbte...»ſteig hoͤher, Iim; ich werde hier ſonſt gebraten.« * »Pſt!« ſagte Valentin mit der Stimme Iims, der der Bauchredner. 113 halb erſtickt zu ſein ſchien...»pſt!... ſprich nicht ſo laut!« Der Aufwärter, welcher noch immer mit der einen Hand das Werkzeug ſeiner Rache gefaßt hielt, erhob die andere, um Ruhe zu gebieten, ging auf den Zehen zum Schenktiſche, und kehrte von da mit dem Wirth, der Wir⸗ thin, der Kellnerin und den BVurſchen, alſo mit faſt allen Mitgliedern des Hausſtandes, zuruck, die äußerſt vorſich⸗ tig auf den Zehen zum Feuer ſchlichen, während Valentin folgendes intereſſante Geſpräch zwiſchen»Jim« und»Jon« oben im Kamine fuͤhrte: „'s iſt verdammt heiß hier, Jim. da oben wird's beſſer ſind. Haſt Du Dein Lebtage ſolch' ein Feuer ge⸗ ſehn!« »Halt's man noch en Bisken aus, Jon; unſer Schweiß wird es bald ausloͤſchen.« „Ich wollte, der, der es angeſchuͤrt hat, ſaͤße darin.« „Das wuͤrde noch was helfen! Er iſt ſo dick un fett, daß ſein Talg man noch heller brennen wuͤrde.« Der Wirth näherte ſich. „Haben wir Euch endlich erwiſcht, Ihr Schwerend⸗ ther?.. Halloh 1* rief er im Schornſteine hinauf. »Pſt!« ſagte der unſichtbare Jim. Valentin Vor. J. 8 Valentin Vor »Pſt! oder nicht pſt!« rief der Wirth,»wir haben Euch gefangen, Ihr Racker! Allons! herunter!« Die»Racker« ſchienen nicht geneigt, dieſer freundlichen Aufforderung Folge zu leiſten. »Hoͤre, Jerry,« fuhr der Wirth fort,»lauf nach der Polizei,« und Jerry trabte in groͤßeſter Eile fort. „Es wäre beſſer fuͤr Euch, wenn Ihr herunter kamet, Ihr Vagabonden!« rief der Wirth. »Entſchuldigen Sie!«.. ſagte Jim.»Sie ſind ſehr gutig.« »Wollt Ihr nicht, ſo blaſe ich Euch oben zum Schorn⸗ ſtein hinaus!« rief der Wirth. »Ihr habt ja nicht Pulver genug!« ſagte der unſicht⸗ bare Jim. Hier trat der Polizeidiener ein, erhob ſich auf den Zehen und rief in den Schornſtein hinein:»Nun, Bur⸗ ſchen, kommt herunter, ich habe Euch was zu ſagen.« »Wirklich?« ſagte einer der Burſchen. »Schon gut, ſchon gut!« ſagte der Polizeidiener, der ſich durch jene ruhige Bemerkung in ſeiner Amtswuͤrde beleidigt fuͤhlte und ſeine Autorität fuͤr verſpottet hielt. „Kommt nur geſchwind herunter: es iſt beſſer, wißt Ihr.⸗ der Bauchredner. 115 »„Wahrhaftig, ein ſehr guter Rath,« ſagte einer von jenen;»allein wir ſind anderer Meinung.« »Jut! ſehr jut!... He, geben Sie mir eine Stange oder ſo etwas,« ſagte er zu dem Aufwaͤrter, und das Stubenmaͤdchen eilte fort, um eine ſolche zu holen. Wäh⸗ rend dem trat ein anderer Polizeidiener ein, zu welchem der erſte ſagte:»Geh, Smith, un ſtell Dir uf's Dach bei den Schornſtein, willſt Du?«— Und Smith ſtieg hinauf. »Halloh!« rief der Poltzeidiener, als er eine lange Stange bekommen hatte,»kommt Ihr jetzt nich, Ihr Gal⸗ genſchwengel, ſo hole ich Euch, un damit Punctum.« In Erwiederung dieſer ſpitzigen Bemerkung ließ der eine von den»Galgenſchwengeln« ein veräͤchtliches Lachen ertoͤnen, welches den Polizeidiener ſo in Wuth ſetzte, daß er die lange Stange augenblicklich in den Schornſtein ſteck⸗ te, in Folge deſſen eine ganze Ladung Ruß herabſturzte. Dieſe ihm hoͤchſt unerwartet gekommene Beſcheerung be⸗ wirkte, daß er heftig ſchnob und ſpie, waͤhrend ſein Ge⸗ ſicht ſo ſchwarz geworden war, daß er die Theilnahme jedes Abolitioniſten erregt haben wuͤrde. »Nun, Ihr Herren!« rief Smith von oben her,»was wollt Ihr nun, herauf oder herunter? Sagt es nur!« 116 Valentin Vor. Als der erſte Anfall des Nieſens und Schnaubens vor⸗ uͤber war, wollte der unten im Zimmer befindliche Polizei⸗ diener dem unwillen Luft machen, der in ſeiner Beamten⸗ bruſt wuͤhlte, als er von einem zweiten Anfall ergriffen wurde, der ſich in ſeinen Wirkungen noch weit heftiger zeigte, als der erſte. „Iluͤck uf den Weg,« ſagte er, als er wieder zu ſprechen vermochte.»Geben Sie etwas, was es hinab⸗ ſpuhlt, oder ick erſticke..... Deſto ſchlimmer fuͤr Euch, Hundsvötter, wenn ick Euch erwiſche. Is es Euch jetzt gefäͤllig? Wo nich... auch gut!... Thut niſcht! Wir bleiben hier.... Kurz un jut! wollt Ihr nu herunter kommen?« „Sie ſind ſehr, ſehr guͤtig,« entgegnete einer von den Hundsvottern,»aber wir wollen doch lieber hierbleiben.« „Dann,« ſagte der Conſtable verſtellt, der, was die jetzige Zurichtung ſeines Geſichtes betraf, vollkommen dem Moͤrder Othello glich,»dann muͤſſen wir Euch holen.« Als auf dieſe Bemerkung des Conſtables abermals ein verchtliches Lachen erfolgte, ſo ward jener ehrenwerthe Beamte ſo aufgebracht„ daß er ſich mit dem Gedanken be⸗ ſchaͤftigte, ſie durch Feuer und Rauch zu vernichten. Wäh⸗ rend er jedoch uͤberlegte, ob die Jury dieſes fuͤr einen qua⸗ der Bauchredner. 117 lifizirten Mord oder einen Todtſchlagakt, und ob ſie es überall unter dieſen umſtänden entſchuldigen wuͤrde, ward die Meinung geäußert, daß in der Nachbarſchaft ein ſehr humaner, verſtändiger Eſſenkehrer wohnte, der der groͤßern Bequemlichkeit wegen eine Maſchine beſaͤße, die von dem hohen und niedern Adel ſehr patroniſirt wuͤrde, und in dieſem Falle vielleicht den Herauswerfungsprozeß erleichtern koͤnnte. Nach dieſem merkwuͤrdigen Eſſenkehrermeiſter wurde daher geſandt, wäͤhrend der Conſtable, uͤber einen unge⸗ heuren Steinkohlenhaufen gebuͤckt, die unſichtbaren dadurch zum Herabſteigen zu vermögen ſuchte, daß er das Feuer mit einer Wuth anblies, die nur ein Paar junge Sala⸗ mander auszuhalten im Stande geweſen ſein wuͤrden. Kein Blaſen jedoch, keine Flamme, konnte die Diebe herunterbringen, und eben, als Valentin's jetziger Beſchutzer erklärte, er muͤſſe entweder laut lachen oder berſten, trat ein kurzer ſtämmiger, etwa fuͤnf Fuß hoher Mann, auf Beinen, die ſchiefer und duͤnner waren, als ſich je in den Annalen der Beine verzeichnet fanden, mit der Maſchine auf der Schulter in das Zimmer, und nahm die Miene ei⸗ nes Individuums an, das ſich des unbefleckten Charakters ſeiner Beweggruͤnde und der Reinheit ſeines auf ſeine Pro⸗ feſſion ſich gruͤndenden Rufes bewußt iſt. 118 Valentin Vor „Ich pöre,«ſagte er, indem er mit all der Wichtig⸗ keit, deren ein Schornſteinfegermeiſter nur fähig iſt, dem Kamin entgegenkugelte, vich hoͤre, daß Sie gewiſſe diebiſche Diebe im Schornſtein haben.... Wohl! da die unverletzli⸗ che unverletzlichkeit dieſes glorreichen koͤniglichen Koönigreichs erfordert, daß alle unehrliche Diebe, wenn ſie gefangen ſind, vor die Schranken der gerichtlichen Gerechtigkeit ge⸗ bracht werden, ergo, das heißt: folglich, daher, muͤſſen ſie herabkommen, und dies hier ſoll ſie herunterbringen... Es hat nie fehlgeſchlagen,« fuhr er fort, indem er ein gewaltiges Taſchenmeſſer hervorzog, um die Schnur durch⸗ zuſchneiden, mit welcher die Maſchine zuſammengebunden war,»nie und in nichts, was mit Erfolg begonnen wurde. Dieſe Maſchine wird von dem hohen Adel, und der geiſtli⸗ chen Geiſtlichkeit in allen Staͤnden, den officiellen Offician⸗ ten des Staatshaushalts, und den vornehmſten ariſtokrati⸗ ſchen Mitgliedern der Ariſtokratie in den hochſten Ständen, beguͤnſtigt, und ſollte es in jedem Theilchen der Erdkugel und ihrer Colonien ſein. Vor einiger Zeit wurde ich geru⸗ fen, um in dem Kamine eines unſrer großeſten Herzoge, eines reichen laͤndlichen Grundbeſitzers und eines intimen Freundes von mir, zu arbeiten, der von einem Vagabun⸗ der Bauchredner. 119 den gehoͤrt hatte, was ich mit geziemender Verachtung er⸗ fahren, daß meine Maſchine ein Malheur angerichtet haͤtte. —„So,«. ſagte er, als ich ihm die Sache erklaͤrt, „Schufflebottom,« ſagte er,»man hat Euch hintergan⸗ gen, Ihr ſeid ein Individuum, das uͤberall geachtet wird, weshalb es ſehr zu bedauern iſt, daß Ihr als ein Opfer der Verleumdung fallt.«—»Ei,« ſage ich,„Herr Her⸗ zog, Sie wiſſen recht gut, wie ich ſolche Vagabunden mit gebuͤhrender Verachtung behandle. Doch ich bin Ihnen ver⸗ bunden, Herr Herzog, wie ich denn uͤberhaupt fuͤr jede Gefälligkeit ſehr dankbar bin, und ſie gern vergelte, be⸗ ſtnders wenn derjenige, der ſie mir erweiſt, ſich, Sie wiſſen ja, etwas weit von dem Wege der Freundſchaft entfernt, ſo daß ſeine Beweggrunde verdächtig ſind.« „Hier,« ſagte der Wirth, dieſen merkwuͤrdigen Schorn⸗ ſteinfeger unterbrechend, der im beſten Zuge war, noch eine ganze Stunde ſo fortzufahren,»kommt und laßt uns ſehen, ob wir dieſe Schurken aus dem Kamine bringen können.« Schufflebottom erſtaunte uber dieſe unhoͤfliche Unterbre⸗ chung, ſteckte jedoch, nachdem er einen verächtlichen Blic auf den ungebildeten Gaſtwirth geworfen, die Spitze ſeiner Naſchine in den Kamin, und ſchob ſie Glied für Glied hinauf. Bei jedem Ruck fiel natuͤrlich eine bebeutende 120 Valentin Vor Quantität Ruß herab, als die den Kopf bildende Buͤrſte aber oben im Schornſteine angelangt war, packte ſie der oben befindliche Conſtable, der ſie fuͤr das rothe Haar eines der Diebe hielt, und riß ſie Schufflebottom gänzlich aus der Hand. »Die Schurken ſind oben!« ſchrie Schufflebottom laut; »ſie haben meine Maſchine geſtohlen!... Vorwaͤrts! auf das Dach!« »Kommt mit,« ſagte der Conſtable, da aber Schuff⸗ lebottom nicht den dazu erforderlichen Muth beſaß, ſo ging der Conſtable mit dem Knechte hinauf, um den noͤthigen Beiſtand zu leiſten. Als ſie auf dem Dache ankamen, ent⸗ deckten ſie den Grund von Schufflebottom's Beſorgniß; ſie warfen daher die Maſchine durch den Kamin wieder hinab, und ſtiegen hinunter, um ein anderes Mittel zu verſuchen. Der oben befindliche Conſtable war uͤberzeugt, daß in dem Kamine uͤberall keine Diebe wären; denn er ſelbſt war bloß dadurch, daß er von oben in den Schornſtein geſehn hatte, beinahe erſtickt worden; doch als dieſe ganz vernuͤnftige Idee von allen unten Befindlichen als monſtroͤs verworfen wurde, ſo gab Schufflebottom in dem Uebermaße ſeiner humanen Geſinnung den Rath, man ſolle einen Sack dicht uͤber den Schornſtein ziehen, damit die unſichtbaren Diebe, * der Bauchredner. 121 wenn ſie nicht erſticken wollten, zu einer Uebergabe auf Gnade oder ungnade gezwungen wuͤrden. Da dieſes das wirkſamſte Mittel zu ſein ſchien, ſie zum Herabſteigen zu zwingen, ſo beſtand der Conſtable mit Heftigkeit darauf, und da der Wirth nichts dagegen hatte, ſo ward Befehl gegeben, die obere Muͤndung des Rauchfangs durch einen Sack zu verſchließen. Dieſe menſchenfreundliche, ingeniöſe Operation war kaum zu Ende gebracht, als das Zimmer ſich mit Rauch fullte, und in weniger als drei Minuten war Alles davon gelau⸗ fen, mit Ausnahme des Conſtable und Schufflebottom, des Eſſenkehrers, die es jedoch bald fuͤr gerathen hielten, um nicht zu erſticken, auf Haͤnden und Fuͤßen hinauszukriechen. Valentin und ſein Beſchuͤtzer, nebſt mehrern andern Her⸗ ren, erſchienen wieder am Fenſter, als Befehl gegeben wurde, den Sack zu entfernen. Und da nach Abzug des Rauches beſchloſſen wurde, der eine Conſtable ſollte die ganze Nacht im Zimmer, der andere auf dem Dache bleiben, ſo ward eine Kutſche beſtellt, und Goodman und ſein Pflegling fuhren nach Hauſe, hoͤchlich erfreut uͤber dieſe Abendunterhaltung. 122 Valentin Vor Achtes Kapitel. Ein Familienrath, worin beſchloſſen wird, daß etwas geſchehen müſſe. »Schoͤn, lieber Mann,« rief die zärtliche Mrs. Good⸗ man, als Walter und ſein Sohn in das Zimmer traten, in welchem ſie und Mrs. Horace aͤngſtlich geharrt hatten, »wir haben große Angſt ausgeſtanden, denn Julie behaup⸗ tete durchaus, Ihr hättet ihn verfehlt.« »„Sie hat ganz Recht gehabt,« brummte Walter, in⸗ dem er ſich ſchwer auf einen Stuhl fallen ließ. »Recht!«. rief Mrs. Goodman.»Was, Ihr habt den Burſchen nicht erwiſcht? Erzähle mir, Horace.« Horace ſchuͤttelte mit dem Kopfe. »„Ahl« ſagte die alte Dame, indem ſie Waltern auf die Wange klopfte, und ihm eine Reihe chelicher Kuͤſſe gab..„er iſt nicht angekommen.« »Doch, er iſt angekommen,« rief Horace,»und Onkel hat ihn mitgenommen.« Die alte Dame fiel auf ihren Stuhl. — der Bauchredner. 123 »Lieber Mann!« ſagte Mrs. Horace, der es ſchmei⸗ chelte, daß ſie das Fehlſchlagen vorhergeſagt,»wie haſt Du aber nur ſo dumm ſein koͤnnen!« Horace erzählte, die alte Dame weinte und Walter zog mit desperater Heftigkeit ſeine Stiefel aus. »„Ihr habt ihn alſo geſehen?« fragte die alte Dame ärgerlich. »Natuͤrlich,« antwortete Horace. »Was iſt es denn fuͤr'ne Art Geſchoͤpf?» fragte die juͤngere Mrs. Goodman. »Ich weiß es ſelbſt nicht,« antwortete Horace.»So ein liſtiger Burſche. Am meiſten fiel mir ſein Auge auf.« »Er hat nur eins?« rief die alte Dame, von neuer Hoffnung belebt. »Warum nicht gar,« antwortete Horace,»er hat zwei 4 »Und ſie ſind abſcheulich?« unterbrach ihn die alte Dame zuverſichtlich. »Es ſind,« antwortete Horace,»die abſcheulichſten Augen, die je durch einen Menſchen fuhren:— ſolche Boh⸗ rer! Sie dringen durch die Paulskirche oder durch die Erde, und ſehen, wie es bei unſern Antipoden ſteht. Der wuͤrde das Geld einmal fliegen laſſen!... er wuͤrde der Welt 124 Valentin Vox zeigen, wie man es verſchleudern muͤſſe, wenn er die Ge⸗ legenheit dazu hätte.« Die bloße Erwaͤhnung des Geldes bewirkte, das Wal⸗ ter aus der Lethargie auffuhr, in welche er verſunken war. Er ging ploͤtzlich auf den Tiſch zu, ſtemmte die Arme dar⸗ auf, und ſagte feſt und nachdruͤcklich: »Etwas muß geſchehen!... Ich ſah,« fuhr er nach einer Pauſe fort,» den Eindruck, den der Burſche auf Grimwood machte. Ich beobachtete ſie Beide, und als ich ſah, wie warm Grimwood ihm die Hand druͤckte, und ihm dann ſagte:»Mein lieber Junge— Gott ſegne Dich!« — da wurde es mir klar, daß der»liebe Junge« die beſte Ausſicht habe, ſein Erbe zu werden.« »Das wolle Gott verhuͤten,« rief Mrs. Goodman, die aͤltere, indem ſie die Augen aufriß, und einen Arm um den zarten Nacken der liebenswuͤrdigen Mrs. Goodman, der juͤngeren, ſchlug, eine Bewegung, die Zaͤrtlichkeit be⸗ deuten ſollte, waͤhrend die andere ſich ſo hoch als moͤglich uͤber ihren Kopf erhob, um die hoͤchſte Ueberraſchung aus⸗ zudrucn»Sein Erbe!... Barmherziger Gott! Was hat er fuͤr Rechte?.. fuͤr Anſpruͤche? Welche Verwandt⸗ ſchaft beſteht zwiſchen ihm und jenem? Wer giebt ihm das — der Bauchrednr. 125 Recht, uns einen Theil deſſen zu rauben, was nach jedem Geſetze der Natur uns allein zugehoͤrt?« Auf dieſe intereſſante Reihe von Fragen antwortete Walter bloß durch die Bemerkung, die Niemand jemals auf dem Wege des Rechts beraubt wäre.»Die Frage, auf die es hier ankommt,« ſagte er,»beruht nicht auf dem natuͤrlichen Rechte des Einen, ſondern bezieht ſich nur auf die geſetzliche Macht des Andern.« »Was waͤre das aber fuͤr ein abſcheuliches Geſetz,« ſagte Mrs. Goodman,»welches Jemandem erlaubte, ſein Vermoͤgen Andern, als ſeinen Verwandten zu hinterlaſſen.« »Es fuͤhrt zu nichts, daß wir daruͤber ſprechen,« be⸗ merkte Walter.»Er hat die Macht, und das iſt ge⸗ nug. Es fragt ſich nur, wie kann man verhindern, daß er von ſeinem Rechte in dieſem Falle Gebrauch macht?« »Aber der Onkel wird an dergleichen gar nicht denken,« meinte die juͤngere Mrs. Goodman. »Er denkt nicht daran?« rief Walter.»Denkt nicht daran! Aber wenn er's doch thaͤte? Wenn er jeden Schil⸗ ling dieſem Burſchen vermachte:— wo ſollten wir dann bleiben? Statt im uUeberfluß zu leben, wie un zuäme, wären wir plotzlich jedem Mangel preisgegeben.« »Ganz recht, das iſt die Sache,« ſagte Mrs. Good⸗ 126 Valentin Vor man, die altere.»Das iſt es, lieber Mann! Ich zittere, wenn ich daran denke.« »Aber haltet Ihr es fuͤr wahrſcheinlich,« bemerkte die juͤngere Dame,»daß Onkel ſo herzlos ſein konnte?« „Das thut nichts zur Sache, Kind,« entgegnete Wal⸗ ter.»Hat er ſich einmal in den Burſchen vernarrt, ſo macht er ihn zum Univerſalerben, und thut er das, ſo iſt mein erbärmlicher Gehalt aus dem Stempelbuͤreau von 200 Pfd. St. jährlich Alles, was wir zu unſerm Unter⸗ halt haben; und gehe ich einmal ab, ſo fällt auch das weg. Ich wiederhole, was ich ſchon tauſendmal geſagt habe, hätte Horace die Karten beſſer gemiſcht, ſo wäre er bei Grimwood beſſer angeſchrieben, als er iſt.« „Was konnte ich denn mit dem alten Bock anfan⸗ gen?« rief Horace, indem er in offenbarer Verzweiflung eine Eigarre anſteckte. »Anfangen!« entgegnete Watter.»„Du hätteſt jede Gelegenheit wahrnehmen muͤſſen, Dich ihm angenehm zu machen.» » das habe ich ja gethan!« rief Horace;»ich habe ales Moͤgliche verſucht, aber nichts war ihm recht. Habe ich ihn nicht funfzig Mal gebeten, er moͤchte mit mir nach der Masquerade gehn?— Habe ich nicht dem p der Bauchredner. 127 Hunde, der ihn in das Bein beißen wollte, zur Strafe den Schwanz abgeſchnitten? und als ich ihn eines Tages aus Verſehen in das Waſſer geſtoßen hatte, habe ich ihn nicht ſo ſaͤuberlich wieder herausgezogen, wie eine Nähna⸗ del?. und doch habe ich nun meine Karten ſchlecht ge⸗ miſcht... und doch bin ich ihm nicht gehoͤrig um den Bart gegangen!« »Du haſt es nicht auf die rechte Weiſe angefangen,« ſagte Walter. »Aber was verlangte er dann?« fragte Horace wuͤ⸗ thend.»Konnte ich mich zerreißen? Wenn er ſich nicht amuͤſiren wollte, ſo konnte ich ihn nicht dazu zwingen! Ich habe gethan, was ich konnte„und wenn er mich nicht leiden mag, nun, ſo muß er wohl das Gegentheil thun.« und Horace, dem waͤhrend dieſer Rede die Cigarre ausge⸗ gangen war, warf ſie unwillig in das Feuer und ſteckte eine neue an. »Gut, gut!« ſagte die aͤltere Mrs. Goodman;»es iſt unnutz, daruͤber viel Worte zu verlieren. Was geſche⸗ hen iſt, iſt geſchehen, und darum ſollten wir unſre Gedam ken auf dasjenige richten, was wir zu thun haben.« »Etwas muß gethan werden,« wiederholte Walter, und das bald. Sein Teſtament iſt jetzt zu unſern Gun⸗ 128 Valentin Vor ſten... ich weiß es, ich habe es geſehen. Wie aber können wir ihn nun davon abhalten, dieſes Teſtament zu aͤndern?« „Ganz recht, das iſt die Sache, das iſt die Hauptſa⸗ che!« bemerkte Mrs. Goodman.»Es wäre doch trau⸗ rig, wenn wir, nachdem wir alle dieſe Jahre hindurch ſo eifrig geſtrebt haben, es uns zu ſichern, nun deſſelben in dem Augenblicke beraubt werden ſollten, wo ſeine Conſti⸗ tution ſchwächer zu werden anfängt. Man kann ſich un⸗ moͤglich mehr Muͤhe geben, als wir gethan haben. Gott weiß, wie viel Sorge es uns gemacht hat. Wir hätten ihn nicht ſorgfaltiger bewachen konnen, und wäre die Sum⸗ me funfzig Mal großer. Am Tage dachten wir an ihn und des Nachts träumten wir von ihm. Er iſt uns keinen Augenblick aus dem Kopfe gekommen, und daher iſt der Gedanke, doch endlich noch beraubt zu werden, wirklich unausſtehlich.« „Wir wollen dem alten Burſchen einreden,« bemerkte Horace,»daß er in Grabe keine Ruhe haben wird, wenn er nicht ſeinen ganzen Plunder denen hinterlaͤßt, die das groͤßeſte Recht daran haben.« »Pah!« ſagte Walter verächtlich;»Grimwood iſt kein Narr!« — der Bauchredner. 129 »So ſollte man ihm wenigſtens einreden,« bemerkte die ältere Mrs. Goodman,„daß er dann nicht ſo gluͤcklich ſein wuͤrde.« »Ja, das ſollte man!« ſagte Horace,»und das iſt der beſte Weg, einen alten Burſchen zu uͤberrumpeln. Da iſt der alte... nun, wie heißt er denn gleich?... Sniggers!— der beſtimmte ſeinen ganzen Nachlaß zu einer milden Stiftung, fuͤr einen Haufen alter Weiber, die ihn gar nicht angingen. Aber was that ſein Sohn Harry, als er davon hoͤrte? Kaum fand er, daß er mit ſo und ſo viel monatlich abgefunden werden ſolle, als er den alten Simpkinſon hinſchickt, der dem Vater in das Gewiſſen re⸗ den muß, und der Erfolg war, daß Harry Alles bekam.« »Denk nur an den verſtorbenen Mr. Lucas,« ſagte die ältere Mrs. Goodman, um ebenfalls zu der Aufklärung des Verhaͤltniſſes beizutragen.»Er hatte, ſchicklicher Weiſe, ſein ganzes Hab' und Gut ſeinen Verwandten vermacht⸗ trat aber kaum in Verbindung mit Cantall's Congregation, als Cantall ihn nicht wieder aus den Klauen ließ, und in ihn drang, daß er zuerſt eine neue Capelle und ein großes Nebengebaͤude auffuͤhren ließ, und dann den ganzen Reſt ſeines Vermoͤgens denen vermachte, die ſeinen Geiſt vergiftet hatten, und waͤhrend ſich die Cantalls nun in Valentin Vor. I. 130 Valentin Vor Lurus und ueppigkeit waͤlzen, ſind Lucas Verwandte dem Verhungern nahe.« „So iſt es!« ſagte Horace, indem er ſeine Cigarre wieder anzuͤndete.»Und da der alte Burſche grade keinen glänzenden Verſtand hat, ſo muß man ihn auf dieſelbe Weiſe faſſen. Man muß ihm weiß machen, daß, machte er ſich einer ſo ſchmutzigen, gar nicht zu vertheidigenden Handlung ſchuldig, er von einem Geſchlechte zum andern in einem hoͤchſt unbequemen Zuſtande der Aufregung ge⸗ halten werden wuͤrde.„ »Und Du meinſt, er wuͤrde das nicht durchſchauen?« fragte Walter hoͤhniſch.. »„Gewiß nicht, wenn es nur recht angefangen wird,« antwortete Horace.»Ich fuͤr mein Theil paſſe freilich nicht recht dazu, weil ich gleich etwas zu handgreiflich wer⸗ den wuͤrde; aber ein Burſche mit einem ernſthaften Ge⸗ ſichte, wie der alte.. wie heißt er denn? der in dem Bureau gleich neben Dir ſitzt, und der nicht ſterben will, wie Du weißt, obſchon er bemerkt haben muß, daß Du ſchon ein Paar Generationen hindurch auf ſeine Stelle lauerſt.„ „Wie! Coggle? 4 ſagte Mrs. Goodman, die ältere. der Bauchredner. 131 »Ganz recht Coggle!... ein durch und durch ehrbarer alter Narr, wie dieſer, der in ſeinem ganzen Le⸗ ben nicht zweimal gelacht hat, wuͤrde die Sache auf das Beſte ausfuͤhren.« »Pah! dummes Zeug!« rief Walter. »Nun, ſchaden koͤnnte es gerade nicht, wenn wir es verſuchten,« meinte Horace. »Ich ſage Dir,« entgegnete Walter,»es geht auf die Weiſe nicht.« „Auf welche andere Weiſe ſollte es denn aber moͤglich fein?« fragte Horace. Walter Goodman konnte dies entweder nicht erklaͤren, oder er wollte es nicht; doch nach dem Abendeſſen trennte ſich dieſe in der That intereſſante Familienverſammlung mit dem gemeinſchaftlichen Verſtaͤndniſſe, daß irgend etwas ſedenfalls geſchehen muͤſſe. Valentin Vor Neuntes Kapitel. Valentin's Beſuch im Hauſe der Gemeinen. Weder Walter, noch Grimwood, konnten die Nacht ſchlafen, aber Beide aus ſehr verſchiedenen Gruͤnden! Es waͤre gewiß intereſſant, zu erforſchen, wie viele Urſachen dieſelbe Wirkung hervorbringen koͤnnen; da wir eben hier⸗ bei nicht zu lange verweilen duͤrfen, ſo wird es gengen, wenn wir erklaren, daß, während Walter uͤber verſchie⸗ denen abſcheulichen Plane bruͤtete, Grimwood, entzuckt über die froͤhliche Ausſicht, welche ſich ihm eroͤffnet hatte, ſich gänzlich den angenehmen Vorempfindungen uͤberließ, die aus den unzähligen Scenen entſprangen, welche ſeine lebhafte Phantaſie ihm vorfuͤhrte. Da er die ganze Racht hindurch den Morgen herbeige⸗ ſehnt hatte, ſo rächte die Nacht ſich dadurch, daß ſie den Morgen gerade in dem Augenblicke herbeifuͤhrte, als Grim⸗ wood zu wuͤnſchen begann, er moͤchte noch etwas ausblei⸗ ben. Doch blieb ſein Kopf mit der Hartnäckigkeit eines der Bauchredner. 133 Polypen in das Kopfkiſſen vergraben, bis er die Glocke eilf ſchlagen horte; da klingelte er nach Waſchwaſſer und bewegte ſich aus dem Bette. Valentin, der die ganze Nacht wie ein Ratz geſchlafen hatte, und deſſen gewohnliche Zeit des Aufſtehens ſechs Uhr war, wäͤlzte ſich verzweiflungsvoll in ſeinem Bette. um fuͤnf uhr war er ſchon wach, und hungrig wie ein Wolf; da aber Grimwood's letztes Wort am vorigen Abende ge⸗ weſen war:»Stehe mir unter keiner Bedingung eher auf, bis Du gerufen wirſt,« ſo wartete er gehorſam, mit aller chriſtlichen Geduld, die er auftreiben konnte, bis man ihn riefe. In den erſten drei Stunden amuͤſirte er ſich erträg⸗ lich damit, daß er herauszubringen ſuchte, was verſchiedene Ausrufer auf der Straße ſchrieen, und von neun Uhr an horchte er aufmerkſam auf das Gekreiſch einer heiſern Or⸗ gel unter ſeinem Fenſter; doch als er es eilf ſchlagen hoͤrte, dachte er ernſtlich daran, der Sache ein Ende zu machen. Kaum hatte er ſich jedoch aufgerichtet, als er Grimwood's Klopfen hoͤrte, der ihn fragte, ob er im Bett fruͤhſtuͤcken wolle. Das bloße Klopfen ſchon war hinreichend. Er fuͤhlte ſich frei, und nachdem er die Frage verneinend be⸗ antwortet, begann er, ſich in moͤglichſter Eile anzukleiden⸗ Ungemein freudig ward er im WohnzimmerLempfangen, Valentin Vor Der vergnuͤgte alte Herr druͤckte ihm wiederholt die Hand, und ließ während des Fruͤhſtuͤcks die Ereigniſſe des vorigen Abends in der Kuͤrze die Revue paſſiren. „Und nun, mein Junge,« ſagte er, als Valentin ſei⸗ nem Appetit Genuͤge geleiſtet,»was ſollen wir nun heute beginnen?« „Ich brauche nur nach Hauſe zu ſchreiben,« entgeg⸗ nete Valentin,„dann ſtehe ich Ihnen ganz zu Befehl.« „Biſt Du,« ſagte Goodman,»ſchon im Unterhauſe geweſen?... Nein! das biſt Du natuͤrlich nicht. Hätteſt Du wohl Luſt dazu?« „Außerordentliche Luſt!« entgegnete Valentin. „Gut! Empfiehl mich zu Hauſe.... Siegele Deinen Brief zu, und wir wollen zu einem Mitgliede gehen, das uns ohne Zweifel heute einfuͤhren wird.« Dem zufolge ward ein fruͤhes Mittageſſen beordert, und Valentin und ſein Beſchuͤtzer begaben ſich ohne Aufenthalt nach der Wohnung eines hochberuͤhmten Parlamentsmit⸗ gliedes. Valentin's Geiſt war nie gebrochen worden. Seine Zunge hatte nicht gelernt, in den Ausdruͤcken eines Scla⸗ ven zu reden, noch ſeine Seele, vor der Gegenwart eines Mannes zuruͤckzubeben, ſo hoch ſeine Stellung im Leben, R der Bauchredner. 135 und ſo ſcharf und durchdringend auch ſein Blick ſein mochte. Indeß fuhlte er ein leichtes Zittern, als er das Haus die⸗ ſes großen Mannes betrat, von welchem er oͤfter gehoͤrt, deſſen Reden er haͤufig geleſen, und der ſich, wie er wuß⸗ te, Jahre lang in einer Stellung ausgezeichnet hatte, in welcher ſo leicht ſich ein Nebenbuhler findet. Man denke ſich daher ſein Erſtaunen, als er, in das Heiligthum dieſes großen Mannes gefuͤhrt, von deſſen un⸗ ermuͤdlichem Eifer er ſo oft geleſen, ſtatt eine prachtvolle, mit ſchoͤn eingebundenen Buͤchern ausſtaffirte Bibliothek, und ein in einen langen Talar, mit deſſen Glanze nur der praͤchtige Teppich wetteifern konnte, gehulltes Individuum zu ſehen, er einen ſtämmigen Mann mit gewoͤhnlichem Ee⸗ ſichte, in einer ſonderbaren kurzen Jacke, auf einem Stuhl ſitzen ſah, die Fuͤße auf ein Stuͤck alten Wachstuches ge⸗ ſtellt, das als eine Art Apologie fuͤr einen Teppich auf den Fußboden genagelt war. Anfangs meinte Valentin natuͤrlicher Weiſe, die Per⸗ ſon, welche er ſah, ſei der Hausmeiſter des Parlaments⸗ mitgliedes, denn er ſah ihn ſorgfältig etwas nachrechnen, was eine Baͤckerrechnung zu ſein ſchien, und war eben im Begriff, zu ſchließen, daß, wenn die Conſumtion der Fa⸗ milie nicht unermeßlich ſei, der Boͤcker in der That ſehr 136 Valentin Vor lange Credit gäbe, als die fragliche Perſon ſagte:»Neun und ſiebenzig... neun.. einmal ſin Wie be⸗ finden Sie ſich? ſieben... Wie geht es Ihnen?« Damit ſchob er einen Federſtumpf in den Mund, bot jenem die Hand, und fuhr fort:»Ich freue mich, Sie zu ſe⸗ hen; womit kann ich Ihnen dienen 2« »Wir wuͤnſchen heute Abend in das Unterhaus zu ge⸗ hen,e ſagte Goodman. »Ja wohl!... wollen Sie mich abholen, oder wollen Sie mich in dem Verſammlungszimmer erwarten?« »So können wir Sie ja in dem Verſammlungszimmer erwarten.« »Punct vier Uhr werde ich dort ſein..... Guten Tag!!« Und Goodman, der weiter nichts zu erwarten ſchien, zog Valentin aus dem Studirzimmer, während das Par⸗ lamentsmitglied ſchon wieder mit ſonorer Stimme murmelte: »Sieben. ſieben und neun, ſechszehn... vierundzwan⸗ zig, einunddreißig, vierzig, ſechsundvierzig, zweiundfunfzig, ſiebenundſechszig, achtzig, dreiundachtzig,« und ſo mit er⸗ ſtaunlicher Schnelligkeit fortfuhr, als die Thuͤr ſich ſchloß und den Ton ihnen entzog. der Bauchredner. 137 »Iſt das der Mann?« fragte Valentin, als er drau⸗ ßen war. »Er iſt es... derſelbe!« antwortete Goodman. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten„« ſagte Va⸗ lentin, der noch immer die ſonderbare Jacke vor ſich fah. »Du wirſt ihn heute Abend in einem ganz verſchiede⸗ nen Charakter ſehen,« bemerkte Goodman.„Er hat et⸗ was Wichtiges vor, wie ich an ſeinem Benehmen ſehen konnte.« Ohne von dem Benehmen eines brittiſchen Parlaments⸗ mitgliedes durch das eben geſehene Beiſpiel einen gar zu hohen Begriff bekommen zu haben, ließ ſich Valentin von ſeinem Beſchuͤtzer nach Hauſe fuͤhren, von wo ſie, nachdem ſie etwas eilig zu Mittag geſpeiſt, nach dem unterhauſe aufbrachen. 3 Es fehlte gerade noch eine Viertelſtunde an vier uhr, als Goodman und ſein Pflegling Weſtminſterhall paffirten, und da der hohe Staatsmann, der ſie einfuͤhren ſollte, zuverläſſig weder eine Minute fruͤher noch ſpaͤter vor der beſtimmten Zeit kam, ſo gingen ſie der Abtei gegenůber ſpazieren, und ſuchten in den Geſichtern der verſchiedenen Mitglieder, weche ſich dem Hauſe näherten, etwas zu ent⸗ decken, was auf ein ungewoͤhnliches Talent hindeutete, bis 138 Valentin Vor ſie, als ſie nur noch eine Minute bis vier Uhr hatten, durch ein Zimmer gingen, in welchem ſie zwei Beamten bemerkten, welche ausſahen, als ob ſie Jeden, der hier durchpaſſirte, zum Wohle des Staats einer ſcharfen Mu⸗ ſterung unterwerfen wollten, und von da in einen Durch⸗ gang gelangten, in welchem ſich mehrere hundert Haken befanden, an deren jedem ein ſchmutziges Brett mit dem Namen eines ehrenwerthen Mitgliedes hing. Sie hatten kaum die Treppe am Ende dieſes Ganges erreicht, als das Mitglied, welches ſie am Morgen beſucht hatten, ankam. Er hatte ſeine kurze Jacke mit einer gel⸗ ben Weſte und einem blauen Oberrokke mit vergoldeten Knoͤpfen vertauſcht, und nachdem er ſie hinaufgefuͤhrt, trat er in ein Zimmer, in welchem ein auserleſenes Comité ſaß, deſſen Mitglieder in dem Augenblicke benachrichtigt wurden, der Sprecher ſei bei dem Gebet. Aus dieſem Zim⸗ mer traten ſie mit einem Male in das»Haus«, und als ihr Fuͤhrer ſie zu einem erhoͤhten Sitze nahe am Eingange gebracht, begannen ſie, umherzuſehen. „Und dies iſt das brittiſche Haus der Gemeinen?1« dachte Valentin;»iſt es wohl moͤglich, daß dieſe hier unſere Staatsmaͤnner ſind?« Wie ſehr auch die Dimenſionen des Hauſes und das der Bauchredner. 139 ſchlichte Aeußere der Mitglieder ihn in Erſtaunen ſetzen mochte, er beſchloß, ſeine ganze Aufmerkſamkeit demjenigen zu weihen, was hier vorgehen moͤchte. Zuvoͤrderſt rief der Sprecher:»Zur Ordnung! zur Ordnung! Ordnung am Tiſche!... Zur Ordnung! zur Ordnung!«— und eine Schaar ehrenwerther Nitglieder, die um den Tiſch herumgeſtanden hatten, eilten ſogleich nach ihren Plaͤtzen. Es war fuͤr Valentin intereſſant, die Achtung zu bemerken, welche die Mitglieder dem Sprecher zollten. Wenn ſie ſaßen, ſo behielten ſie die Huͤte auf; bewegten ſie ſich aber auch nur eine Elle weit, ſo nahmen ſie die Huͤte ab, und ſetzten ſie wieder auf, ſobald ſie ſich wieder niederließen; und wenn ſie von einer Seite des Hauſes nach der andern gingen, ſo verneigten ſie ſich im Vorbeigehen vor dem Sise des Sprechers, ſelbſt wenn ſie auch nur auf einen Augenblick voruͤbergingen. Als ein magerer Herr in Gallatracht, deſſen einzige Be⸗ ſchaͤftigung es zu ſein ſchien, ſich tief zu verbeugen, und einen Stab zu tragen, der beinahe eben ſo groß und ſchwer, als er ſelbſt, zu ſein ſchien, eine Zeit lang hinter den Schranken umhergegangen war, ward abermals:»Zur Ordnung!« gerufen; und nachdem dem Sprecher ein Pa⸗ ket Schriften in die Hand gegeben war, gab er eine kurze, 140 Valentin Vox ſehr kurze Beſchreibung des Inhalts oder Titels, und be⸗ merkte dann:»Dieſe Bill ſoll zum zweiten Male geleſen werden; wer es will, ſage Ja! wer nicht, ſage Nein!.. Dieſe Bill ſoll geleſen werden, wer es will, ſage Ja! wer nicht, jage Nein!« ohne daß die Mitglieder Ja oder Nein ſagten oder uͤberall nur der Sache ihre Aufmerkſamkeit zu widmen ſchienen. Der Sprecher rief dann den Namen eines aͤußerſt ma⸗ gern Mannes, der, obſchon der aͤlteſte Sohn eines Her⸗ zogs, ausſah, als haͤtte er ſein ganzes Leben lang an der Hobelbank geſtanden, und ſich nach dem Tiſche bewegte, in auffallend kurzen Nanking⸗Beinkleidern, die kaum den Theil des Beines erreichten, an welchem die Natur eine Wade zu bilden beabſichtigte. Er hatte eine Petition ein⸗ zureichen, und entwickelte bei der Darlegung ihres Inhalts eben ſo viel Beredſamkeit, als Demoſthenes nur immer entwickeln konnte, ehe er zu den Kieſelſteinen ſeine Zuflucht genommen hatte. »Legen Sie die Petition auf den Tiſch,« ſagte der Sprecher, und ein ſtaͤmmiger Mann mit rothem Geſicht wickelte ſie zuſammen, und warf ſie, als verſtaͤnde ſich das von ſelbſt, unter den Tiſch. Nun kehrte der edle Earl, der ſie eingereicht, nach ſeinem Platze zuruͤck, und, nachdem er einen ungewöhnlich kleinen Hut auf den Kopf geſetzt, ſchlug er das linke Bein nachlaͤſſig uͤber das rechte, mit der Miene eines Mannes, der ſich bewußt iſt, Alles, was in ſeiner Macht ſteht, gethan zu haben, um das, was die Petitionairs beabſichtigten, zu befoͤrdern. »„Sergeant!« rief der Sprecher, als dies geſchehen war; und die Perſon in dem Gallakleide verbeugte ſich drei⸗ mal auf dem Wege zum Tiſch, nahm dann den Stab, welcher dort lag, verbeugte ſich abermals drei Mal wäh⸗ rend ſeines Ruͤckzuges, und ſagte dann etwas zu zwei Perſo⸗ nen, die einige Documente von den Lords brachten; dann gingen er und ſie bis an die Schranken, machten vier Schritte, verbeugten ſich wie Mandarinen, machten auf das Neue vier Schritte, und verbeugten ſich dann aber⸗ mals; dann machten ſie wiederum einige Schritte, die ſie bis an den Tiſch brachten, vor welchem ſie ſich abermals verbeugten, dann, nachdem ſie etwas gemurmelt, was ſich auf irgend etwas bezog, und die Documente niedergelegt hatten, vier Schritte zuruͤcktraten und ſich verbeugten, dann abermals vier Schritte machten und ſich verbeugten, bis ſie, zuletzt noch, auf das Neue vier Schritte machten, und nachdem ſie ſich abermals verbeugt, ſich umdrehten und luchen das Haus verließen. der Bauchredner. 121 VBalentin Vor Dies Verfahren erſchien Valentin äußerſt lächerlich, doch ward dieſes Gefuͤhl einigermaßen durch die Thatſache neu⸗ traliſirt, daß nicht nur die»Maſters in Chancery« aͤngſt⸗ lich waren ruͤckwärts zu gehen, ohne hinter ſich zu ſehen, ob ihnen etwas im Wege ſtände,— ſondern auch die Per⸗ ſon im Gallakleide, die, wie Valentin erfuhr, der Deputy⸗ Sergeant war, mußte ſich zuruͤckziehen, als hätte ſie von der Geburt an nicht auf feſten Fuͤßen geſtanden, da ſie ihr Schwert nicht bereden konnte, ihr zwiſchen den Beinen wegzubleiben. Jedes andere Gefuͤhl daher bekämpfend, wel⸗ ches dieſe Ceremonie auf die natuͤrlichſte Weiſe in jedem erzeugen konnte, der ihre große nationale Wichtigkeit zu bezweifeln unfaͤhig war, konnte Valentin ſich eines Lächelns nicht enthalten, und in dem Augenblicke, als er zu dem Schluſſe kam, daß weder ein wirklicher Sergeant, noch ein Deputy⸗Sergeant, noch ein Maſter in Chancery, ſich leidlich aus dieſem gefaͤhrlichen Unternehmen ziehen konne, ohne bei einem Seilermeiſter einen Lehrcurſus durchgemacht zu haben, ward abermals»Zur Ordnung!« gerufen, und darauf der Name eines gewiſſen ehrenwerthen Mitgliedes genannt, das ploͤtzlich die Aufmerkſamkeit des Hauſes auf das Fortbeſtehen eines gewiſſen Mißbrauches richtete, in deſſen Bedeutung Valentin eben nicht tief eingeweiht war. der Bauchredner. 143 Der Styl dieſes ehrenwerthen Mitgliedes war unbieg⸗ ſam, ſeine Stimme laut und ſonor. Er hatte einen ge⸗ wiſſen Provinzialaccent, der, bei einem verfeinerten Ohre gar leicht die Wirkung der Beredſamkeit, die er etwa be⸗ ſaß, beeinträchtigen konnte, und er nahm den Ton eines Mannes an, der gewohnt iſt, Myriaden anzureden, welche geneigt ſind, zu hoͤren und Beifall zu klatſchen. Er ſprach häufig von Maſſen, von Papierumlauf, von Märkten, von commerziellem Ruin, von Einfuhr und Ausfuhr, von Ame⸗ rika, Frankreich, Portugal, China und Spanien; kurz, er ſchien entſchloſſen zu ſein, in keinem Theile der Erde einen Stein auf dem andern zu laſſen, der ſeiner Meinung nach zum Beweiſe des von ihm aufgeſtellten Satzes beitragen konnte. Valentin bemerkte bald, daß die Meinungen dieſes Herrn, welche Wichtigkeit ihnen auch beizulegen ſein möchte, in dieſem Hauſe durchaus kein Gewicht hätten; denn die Wenigen, die ſehr Wenigen, welche aufmerkſam zu ſein ſchienen, hörten mit Lächeln und Spott zu, während die Uebrigen converſirten, ſcherzten, lachten, und allem Anſchein nach von nichts zu wiſſen ſchienen, was ſich nicht unmit⸗ telbar auf ſie ſelbſt bezog. Offenbar war dieſer Herr einer bei weitem großern Beredſamkeit fähig, als er entwickelte; 144 Valentin Vor aber die Kälte der Mitglieder, die er anredete, ſchien ſeine natuͤrliche Waͤrme abzukuͤhlen, und er nahm ſeinen Sitz wieder ein, ohne ein Zeichen des Beifalls zu erhalten. Die Beendigung ſeiner Rede ſchien ſehnlichſt gewuͤnſcht worden zu ſein, und kaum war das Ende da, als die Aufmerkſamkeit des Hauſes auf Jemand gerichtet wurde, der, obſchon von Perſon ſehr klein, doch in der Meinung derer, welche die eine ganze Seite des Hauſes einnahmen, ſehr groß zu ſein ſchien. Er war in der Abſicht aufge⸗ ſtanden, zu zeigen, daß die Argumente des ehrenwerthen Mitgliedes, welches vor ihm geredet, vollig grundlos und abſurd wären; und obgleich ſein Ton und Benehmen kei⸗ neswegs empfehlend waren, während ſeine Veredſamkeit ſich tief unter der Mittelmäßigkeit hielt, ſo ward ihm doch lauter Beifall gezollt, und zwar von denen, welche den Argumenten, denen dieſe Widerlegung galt, nicht die ge⸗ ringſte Aufmerkſamkeit geſchenkt hatten. Als dieſes kleine, doch wichtige Individuum geendet hatte, erhob ſich ein Mann, deſſen Haar weder ebenholz⸗ farbig noch voͤllig roth war, und deſſen Stärke in dem Ausſpeien der bitterſten in die ſuͤßeſten Tone gekleideten Sarcasmen zu liegen ſchien, mit etwas, das ein Porte⸗ feville zu ſein ſchien, in der Hand, um einen Zweig der der Bauchredner. 145 von der Regierung ausgeuͤbten Polizei zu bekaͤmpfen. Er ſchien fuͤr ein Orakel zu gelten, denn bei ſeinem Aufſtehen ward das ganze Haus ſtill wie das Grab. Jeder Satz ſeiner Rede ward von denen, die mit ihm an einer Seite ſaßen, ſtuͤrmiſch beklatſcht, und wenn er auf den Schluß einer Sentenz, von welcher kein Wort verſtaͤndlich war, einen beſondern Nachdruck legte, ſo ſah er mit Blicken umher, die ſeinen Freunden bemerklich machen ſollten, daß, wenn ſie es auch nicht deutlich ſähen, die Sentenz doch eine Pointe habe, und jedesmal erfolgte ein enthuſiaſtiſches Freudengeſchrei. In dem Augenblicke, als dieſer politiſche Gott unter lautem, anhaltendem Beifall ſeinen Platz wieder eingenom⸗ men hatte, erhob ſich ein ehrenwerthes Mitglied, deſſen Geſicht einem alten Portrait Carls 1. aͤhnlich ſein ſollte, und der alle Raſiermeſſer zu verachten ſchien, denn ſeit vielen Tagen hatte er offenbar ſich keines derſelben bedient, bloß um zu bemerken, daß er Allem beitraͤte, was gegen das jetzige Cabinet, deſſen Mitglieder er fuͤr die erbärm⸗ lichſten, ſchäbigſten und unverſchaͤmteſten Wichte hielt, mit denen das brittiſche Reich jemals heimgeſucht ſei, irgend ge⸗ ſagt ſei, geſagt werden moͤge, oder geſagt werden konne. »Ich denunzire ſie,« ſagte er mit einem kanibaliſchen Ge⸗ Valentin Vor. I. 10 146 Valentin Vor heul, das er angenommen hatte, um die Wirkung ſeiner Philippika zu ſteigern,»ich denunzire ſie als eine Schaar entarteter politiſcher Buben, die, in einem unmaͤßigen und hoͤchſt unconſtitutionellen Zuge, den Becher der Verdorben⸗ heit bis auf die Hefen geleert haben, und es ſollte mir ganz recht ſein, wenn der ganze Haufen an die Waͤnbe dieſes Hauſes genagelt und feierlichſt zu Tode geſteinigt wuͤrde.« Zu Valentin's Erſtaunen erregte dieſer Ausbruch des unwillens nichts als ein Gelächter und ehe Mr. Goodman ihm erklaͤren konnte, daß das Haus ſtets lachte, wenn jener Herr ſpreche, ſprang ein Staatsmann en miniature, mit zuſammengezogenen Brauen, ſo raſch auf, als ſei er aus einem Moͤrſer abgeſchoſſen, um rings Zerſtoͤrung zu ver⸗ breiten. „Das iſt ein Sechszigpfuͤnder!« ſagte Goodman; und das meinte Valentin auch, denn er hoͤrte in dem Augen⸗ blicke einen furchtbaren Knall, uͤberzeugte ſich jedoch, daß derſelbe von einer Doſe ausging, welche die eine Ecke des Tiſches zierte, und auf die der kleine Mann mit der Kraft eines jungen Grobſchmieds losſchlug, waͤhrend er ſeinen eignen kleinen Koͤrper in jede moͤgliche Attitude druͤckte und zerrte, gerade als ob diejenigen, die in ſeiner Naͤhe ſaßen, der Bauchredner. 147 ihn aus purem Muthwillen von hinten gekniffen hätten. Selbſt die Berichterſtatter uͤberließen ſich ihrem Erſtaunen; denn obgleich ſeine Rede ſich in der Mitte zwiſchen einem Geheul uud einem Geſchrei hielt, ſo war ſie doch mit den ſchoͤnſten poetiſchen Bildern ausſtaffirt, die je die Kraft einer menſchlichen Phantaſie entwickelte. Wie die Schnell⸗ ſchreiber den Reden dieſes kleinen Herrn folgen konnten, war fuͤr Valentin unbegreiflich. Er wußte, daß dieſe Reden im Druck erſchienen, und da er gehoͤrt hatte, die Aufzeichnung wäre ſehr treu, ſo wollte er eben den Schluß ziehen, daß die Schnellſchreiber ſich auf ihr Gedächtniß verlaſſen muͤßten, das dann ohne Zweifel außerordentlich ſtark ſein mußte, da er ſah, daß dieſelben bei einer Gelegenheit eine aͤußerſt ge⸗ treue Mittheilung einer Rede machten, die er zu halten nur beabſichtigt hatte, als das Schreien einen Augen⸗ blick aufhorte, und das allgemeine Beifalljauchzen wahrhaft enthuſiaſtiſch wurde. Noch ehe dieſer heftige Applaus nachließ, erhob ſich das ehrenwerthe Mitglied, welches vor dem Miniatuͤr⸗Staats⸗ manne geredet hatte, in heftiger Aufregung, um zu fragen, ob eine gewiſſe Bemerkung, die dem kleinen Herrn enrfallen wäre, und im Allgemeinen auf Narrenspoſſen Bezug zu haben ſcheine, ſich perſoͤnlich auf ihn beziehen ſolle.»Wäre 148 Valentin Vor dem ſo,« ſagte das ehrenwerthe Mitglied voller Unwillen, „ſo weiſe ich die Zumuthung verächtlich zuruͤck! Ich bin nicht der Mann, der ſich unbeſtraft beleidigen läßt, am wenigſten von einem ſchmutzigen... 4— (Zur Ordnung! zur Ordnung!«) „Das Schicklichkeitsgefühl,« bemerkte der Sprecher, „durch welches das Benehmen des ehrenwerthen Mitgliedes ſich ſo ſehr auszeichnet, wird ihn einſehn laſſen, daß der Weg, welchen er jetzt einſchlägt, nicht völlig in der Ord⸗ nung iſt.« »Gern,« rief das erzuͤrnte, ehrenwerthe Mitglied, „gern zolle ich der Verſammlung die ſchuldige Ehrfurcht; aber in den ſtaͤrkſten Ausdruͤcken, welche die Formen des Hauſes erlauben, denunzire ich einen vagabundirenden, ſchmu⸗ tzigen.4 Die Heftigkeit, mit welcher er ſeinen Arm dabei ſchwang, bewirkte, daß das ehrenwerthe Mitglied, welches offenbar etwas ſtark zu Mittag geſpeiſ't hatte, ſchwer auf die Koͤpfe der unter ihm Stehenden ſfiel. Dieſer Vorfall rief einen lauten Ausbruch der Heiterkeit hervor, der ſich kaum ein wenig gelegt hatte, als Valentin in einem Gefuͤhl der Ver⸗ achtung und des Unwillens ausrief:»Hanswurſt!« indem der Bauchredner. 149 er die Stimme des Redners annahm, der der Doſe ſo grau⸗ ſam mitgeſpielt hatte. Die Mitglieder ſahen ſich erſtaunt an; denn von ihm hatten ſie das nicht erwartet. »Ich bedaure,« ſagte der Sprecher in ſeinem hoͤflich⸗ ſten Tone,„ich bedaure bemerken zu muͤſſen, daß ſolche Aeußerungen zu weit gehn.« Nun erhob ſich das ehrenwerthe Mitglied, um zu er⸗ klären:»Sollte Jemand glauben, daß ich dieſes beleidi⸗ gende Wort ausſprach, das jene Bemerkung veranlaßt hat, ſo kann ich verſichern, daß es ein Irrthum iſt; denn auf meine Ehre, ich that es nicht.« »Zwar habe ich bemerkt,« ſagte der Sprecher,»daß dieſes Wort von dem ehrenwerthen Mitgliede ausging; al⸗ lein wenn 4 »„So iſt es! 6 ſo iſt es!..„ riefen mehrere eh⸗ renwerthe Mitglieder. »Nein! nein!« riefen mehrere andere, die freilich eben ſo feſt uberzeugt waren, daß er ſich jenes Wortes bedient. »Es iſt keineswegs meine Abſicht, mich in dieſe An⸗ gelegenheit einzumiſchen,« ſagte ein ehrenwerthes Mitglied, das ein merkwuͤrdiges Proſil hatte und deſſen buſchiges Haar 150 Valentin Vor. uͤppig auf die Schultern herabfiel,»doch muß ich ſagen, daß ich das ehrenwerthe Mitglied deutlich..„ »Nein! nein!« von der einen Seite des Hauſes, und lauter Beifall von der andern uͤbertoͤnten kraͤftig die Stim⸗ me dieſes ehrenwerthen Mitgliedes. Abermals machte er einen Verſuch, ſich Gehoͤr zu verſchaffen, wurde aber immer unterbrochen, bis er endlich verzweiflungsvoll ausrief:„Sie wollen mich nicht hoͤren, doch die Zeit wird kommen, wo Sie mich hoͤren werden! Ja, die Zeit wird kommen, wo Sie mich hoͤren werden!« »Sir,« ſagte ein ehrenwerthes, tapferes Ntgie, das in der Hitze einer blutigen Schlacht geweſen zu ſein ſchien,„wenn das ehrenwerthe Mitglied es nicht that, ſo möchte ich wiſſen, wer ſonſt?.. Giebt es in dem ganzen Hauſe ein anderes Mitglied mit ſolcher Stimme?« »Hoͤrt! hoͤrt!« rief ein ehrenwerthes Mitglied, das auf ſeine Stulpenſtiefeln und die Reinheit und Strenge ſei⸗ ner Grundſaͤtze ſich etwas einbildete. »Hoͤrt! hoͤrt! hoͤrt!« rief ein anderes ehrenwerthes Mitglied, deſſen kleine blinzelnde Augen einem wohlgenährten Geſichte Glanz gaben, auf welchem die natuͤrliche Gutmuͤ⸗ thigkeit durch einen malizioͤſen Zug verdorben wurde, der immer mehr hervorzutreten ſchien. der Bauchredner. „Iſt das ehrenwerthe, tapfere Mitglied nicht zufrieden geſtellt?« fragte das beſchuldigte ehrenwerthe Mitglied.»„Iſt mein Ehrenwort nicht genuͤgend 2« „Gewiß!« ſagte das ehrenwerthe und tapfere Mit⸗ glied,»die Formen dieſes Hauſes geſtatten mir nicht, auch nur die Moͤglichkeit anzunehmen, daß irgend ein ehrenwer⸗ thes Mitglied einer abſichtlichen Unwahrheit ſich ſchuldig machen koͤnne.« »Wollen Sie mich damit einer abſichtlichen Unwahr⸗ heit zeihen?« ſchrie das ehrenwerthe Mitglied, das, auf die Antwort,»Ich hoͤrte es deutlich!« in einer Aufregung, die man als einen kaltbluͤtigen Entſchluß bezeichnete, das Haus verlaſſen wollte.»Iſt es ſeine Meinung, mich einer abſichtlichen unwahrheit zu zeihen?« wiederholte er, als ſeine Freunde Alles aufboten, um den kleinen Teufel zu bannen, welcher in ihm ſein Weſen trieb. »Das ehrenwerthe und tapfere Mitglied,« bemerkte der Sprecher,„wird ſicherlich die Nothwendigkeit einſehn, dasjenige zu thun, was das Haus mit Recht verlangen kann.« Aber der ehrenwerthe und tapfere Gentleman blieb trotzig auf ſeinem Platze. Ein Mitglied nach dem andern 152 Valentin Vor erhob ſich, um ihn zu bitten, er moͤge dieſe Beleidigung zu⸗ ruͤcknehmen; aber er blieb unbeugſam. Er wußte allerdings, daß er ſeine Worte entweder zuruͤcknehmen, oder, bis er es gethan, in dem Verwahrſam des Sergeant ſchmachten muͤſſe, der, mit der eigenthuͤmlichen Hoflichkeit, durch wel⸗ che er ſich ſtets auszeichnete, ſich nur zu glücklich gefüͤhlt haben wuͤrde, ihm jede Bequemlichkeit zu gewähren, allein er fuͤrchtete, ſein Ruf, daß er Muth beſitze, moͤchte in Ge⸗ fahr kommen, wenn er nicht ſtandhaft bliebe. Der Spre⸗ cher erhob ſich wiederholt, um, in ſeiner gewohnten Hoͤf⸗ lichkeit, die Zuruͤcknahme jenes Ausdrucks zu fordern, der ſo viel Unheil angerichtet; aber den ehrenwerthen und tapfern Gentleman konnte nichts bewegen, bis eine Perſon mit ſchoͤn gefärbten Wangen vortrat, um eine reiflich uͤberlegte Mo⸗ tion zu machen. Da erklärte jener, was er vorher nicht kannte, ohne ſeine Ehre zu verletzen, daß er, indem er das ehrenwerthe Mitglied einer abſichtlichen unwahrheit ge⸗ ziehen, keineswegs beabſichtigt habe, ihn perſoͤnlich zu beleidigen, und damit war die Sache abgemacht. Nun ward ein Verſuch gemacht, die Aufmerkſamkeit der ehrenwerthen Mitglieder wieder auf die Tagesordnung zu lenken. Da aber die Mehrzahl dagegen eine ſtarke Ab⸗ neigung an den Tag legte, ſo beſchloß Valentin auf Bitten der Bauchredner. 153 Goodmans, dieſe Majorität fuͤr dieſen Abend von ihren legislativen Functionen zu befreien. Als daher ein Mann, der offenbar eine Rede aufge⸗ ſchrieben im Hute hatte, den Faden der Debatten aufzu⸗ nehmen verſuchte, rief Valentin unter einer der Gallerien hervor:»Den Antrag!« »Ei, dies iſt ja der Antrag!« ſagte das ehrenwerthe Mitglied, das nun genoͤthigt war, wieder nach der Rede im Hute zu blicken. „Laßt ihn von dem Secretair leſen!« rief Valentin. „Zur Ordnung! zur Ordnung! zur Ordnung!« ſagte der Sprecher. „Ja, gebt ihn dem Secretair!« riefen zwei junge Abgeordnete. »Den Antrag! den Antrag!« und da das Geſchrei auf der einen Seite des Hauſes allgemein wurde, ſo nahm das ehrenwerthe Mitglied voll unwillen ſeinen Sitz wieder ein. In dieſem Augenblicke erhoben ſich zwei ehrenwerthe Mitglieder zugleich, und das Rufen fuͤr Beide ward allge⸗ mein und laut. Beiden ſchien außerordentlich viel am Re⸗ den zu liegen, weshalb eine Zeit lang keiner von ihnen zum Nachgeben geneigt war. Endlich trat einer von' ihnen c⸗ — — 154 Valentin Vox zuruͤck; kaum aber war das geſchehen, als Valentin»Nie⸗— der!« rief und dieſes Geſchrei fand wenigſtens hundert Echo's, da man in einem Augenblicke nichts als»Nieder! nieder! nieder!« hoͤren konnte. Der ehrenwerthe Gentleman iedoch blieb ſtehen, und ſchlug die Arme mit einem heraus⸗ fordernden Blick unter, der etwa funfzig andere ehrenwerthe Mitglieder in Wuth zu verſetzen ſchien, die vorher kein Wort geſagt hatten, jetzt aber ploͤtzlich von einem heftigen, boͤsartigen Schnupfen befallen zu ſein ſchienen; denn ſie fingen mit außerordentlicher Heftigkeit an zu huſten und zu ſchnauben. Kaum war dieſes Huſten und Schnauben noch zu dem lauten Geſchrei»Nieder!« hinzugekommen, als mehrere ehrenwerthe Mitglieder die Verſammlung mit einem kleinen Geheul erfreuten; dann ließ ſich ein kleines Pfeifen verneh⸗ men, und darauf bewunderungswuͤrdige Nachahmungen der gewiſſen intereſſanten zoologiſchen Merkwurdigkeiten eigen⸗ thuͤmlicher Sprachen, dann ein verworrenes Geſchrei:„Zur Ordnung!«—»Pfui!«—»Bravo!«— dann ein hef⸗ tiges Haͤndeklatſchen, dann ein lautes, dem Anſchein nach hyſteriſches Gelaͤchter, bis ſich endlich eine Maſſe abſcheuli⸗ cher Toͤne erhob, mit denen ſich nur etwa der Larm ver⸗ gleichen ließe, der aus einer Hoͤhle hervordraͤnge, in wel⸗ der Bauchredner. 155 cher fuͤnfhundert Beſeſſene mit einer gleichen Zahl wilder Thiere kämpften. Valentin hatte es nicht fuͤr moͤglich gehalten, daß ſo bald ein Sturm erregt werden koͤnnte, und nun gar, daß ſolch ein Sturm ſich erheben koͤnne, hatte er ſich⸗ uͤberhaupt nicht denken können. Als der Lärm jedoch ein⸗ mal im Gange war, machte er ſich ruhig daran, die Ton⸗ maſſe zu analyſiren, indem er ſie in ihre verſchiedenen ein⸗ zelnen Theile zerlegte. Auf einer der Baͤnke ſaßen ein Paar hoͤchſt geiſtreiche Individuen, die fuͤr die nächſte Sitzung einen neuen Spre⸗ cher vorſchlagen wollten, und zu dem Zwecke einen al⸗ ten Volksgeſang anſtimmten, während eine Perſon hintet ihnen Toͤne von ſich gab, als wuͤrde ein Meſſer auf einem Steine geſchliffen. Nicht weit von ihnen ſaß ein Staats⸗ mann, der das Wohl des Landes im Allgemeinen, und das ſeiner Conſtituenten im Beſondern dadurch befoͤrderte, daß er ſortwährend durch die Zähne pfiff. Weiter hin ſchritt ein tiefſinniger Politiker fuͤr die ewige Wahrheit ſeiner Prinzi⸗ pien, indem er»Quack! quack!« mit einer Energie ſchrie, um die ihn jede Ente in der Welt beneidet haben wuͤrde. Neben ihm ſaß ein Senator, der die Wuͤrde der Krone aufrecht zu erhalten ſuchte, indem er dasjenige ſpielte, was 156 Valentin Vor ſeine Phantaſie ihm als eine Trommel erſcheinen ließ. Meh⸗ rere ariſtokratiſche Individuen unter der Galerie pfiffen mit der durchdringenden Kraft der Götter, waͤhrend ein luſtiger alter Burſche, dem mehrere Papierſtreifen unter dem Rock⸗ kragen hervorragten, ein Inſtrument ſpielte, das er bei dieſer beſondern Gelegenheit fuͤr eine Davidsharfe halten mochte, und wie wir mit Recht geſtehen muͤſſen, mit ſena⸗ toriſchem Geſchmack und Tacte verarbeitete. Auf einer der letzten Baͤnke ſaß eine Reihe Individuen, die, in der Ab⸗ ſicht, die Intereſſen des Ackerbaus zu vertreten, ſich einbil⸗ den mochten, einen ungemein ſchweren Anker aufzuheben, und da jeder die Arme um die Taille des vor ihm befind⸗ lichen Schlachtopfers geſchlungen hatte, bewegten ſie ſich in einer Linie vor- und ruͤckwärts, indem ſie dabei aus Lei⸗ beskräften:»„Ho! hioh! ho!« ſchrien. Der anziehendſte Punct jedoch— der Valentin vor allen andern die Ueberzeugung einſtoͤßte, daß er ſich hier mitten in der Geſammtweisheit der Nation befaͤnde,— war eine Atheilung von Politikern, die ſich in eine Art Knoten zuſammengedraͤngt hatten, und nicht nur vollig entſchloſſen waren, zu der Harmonie des Abends Alles beizutragen, was in ihrer Macht ſtaͤnde, ſondern denen es auch vollkom⸗ men gelang, den allgemeinen Lärm um ein Bedeutendes zu der Bauchredner. 157 vermehren. Der Eine ſtrebte nach Gerechtigkeit fuͤr Irland, indem er auf die natuͤrlichſte Weiſe bloͤkte; ein Anderer wollte das Land vor einer Revolution bewahren, indem er „Quieck! quieck!« ſchrie, als ſchwache Nachahmung eines zjugendlichen Ferkens, das gezwickt wird; der Dritte wollte der brittiſchen Flagge zugefuͤgte Beleidigungen dadurch raͤ⸗ chen, daß er ſich bemuͤhte, wie ein Hahn zu krähen; ein Vierter behauptete die Integritaͤt des Reichs durch Nachah⸗ mung des Schalls eines franzoͤſiſchen Hornes, ein Fuͤnfter unterſtuͤtzte die beſtehende Kirche, indem er fortwaͤhrend »Hiho! Hurrah!« ſchrie; ein Sechster, der fuͤr die Ab⸗ ſchaffung des Spießruthenlaufens plaidirte, zeigte genau, wie eine Katze die andere ruft; ein Siebenter ſuchte dem bluti⸗ gen Bürgerkriege in Spanien dadurch ein Ende zu machen, daß er ſeinen Hut und den eines unmittelbar vor ihm ſitzen⸗ den Mitgliedes in ein Paar Keſſelpauken verwandelte, die er mit einer außerordentlichen Energie ſchlug;ein Achter, der fuͤr die Aufhebung des Sclavenhandels geredet hatte, war beſchäͤftigt, ein Volkslied zu Gehoͤr zu bringen. Vergebens ſuchte der Sprecher waͤhrend dieſer regelwi⸗ drigen Vorgänge zu zeigen, daß ſolch ein Betragen ſich nicht vollig mit dem Charakter einer berathenden Verſamm⸗ lung vertrage; vergebens bemuͤhte er ſich, die Aufmerkſam⸗ 158 Valentin Vor keit der ehrenwerthen Mitglieder auf die Thatſache hinzu⸗ lenken, daß die Intereſſen und Meinungen des Landes uͤber⸗ haupt auf dieſe Weiſe nicht fuͤglich repräſentirt wuͤrden:— er donnerte ſein„Zur Ordnung!« hervor, und erhob ſich zwanzig Mal vergebens, um demſelben Nachdruck zu geben, man achtete nicht auf ſeine Gegenwart und verachtete ſeine Autorität, ſo daß er endlich in ſeinen Stuhl zuruͤckſank, und die Scene mit Kummer und unwillen betrachtete. Va⸗ lentin fühlte Mitleid mit dem alten Herrn, denn er ſchien Thraͤnen zu vergießen; indem er ſich daher entſchloß, dem Dinge wo moöglich ein Ende zu machen, benutzte er einen Augenblick, in welchem die Kehlen derer, welche die erſte Ständeverſammlung in der Welt bildeten, Symptome von Erſchoͤpfung zeigten, und ließ ein ſo lautes»Pfui! ſchämt Euch!« ertönen, daß die Mehrzahl erſtaunt aufſah. Als der Larm ſich in Folge deſſen ein wenig legte, rief Valentin abermals:»Schämt Euch!« doch minder deutlich als das erſte Mal, ſo daß jener alte Herr, welcher die Davidsharfe ſpielte und uͤber die ſonderbare unterbre⸗ chung unwillig zu ſein ſchien, ſich in der Abſicht erhob, die Aufmerkſamkeit auf eine außerordentliche Thatſache zu rich⸗ ten,— von der er vorher wirklich nichts gewußt zu haben ſchien,— daß ſich nämlich Fremde auf der Galerie befän⸗ der Bauchredner. 159 den! In dem Augenblick aber, als dieſer Herr aufſtand, uͤbertäubte ein lautes Gelaͤchter alle andere Töne; denn das ganze Haus ſah, daß eine demuͤthige Petition in Stuͤ⸗ cken geſchnitten, und nicht nur an ſeinen Rockkragen ge⸗ ſteckt, ſondern mit Nadeln auf ſeinem ganzen Ruͤcken befe⸗ ſtigt war, und bis auf die Schoͤße hinab reichte. Der Herr ſelbſt wußte natuͤrlich nichts dapon; da aber ſein Zweck in ſo fern erreicht war, als der Laͤrm wieder begann, ſetzte er ſich ruhig wieder nieder, und begann abermals das In⸗ ſtrument zu ſpielen, welches er zwiſchen den Knieen zu haben glaubte. Er ward jedoch auf das Neue unterbrochen; denn ein ehrenwerthes Mitglied, welches mehrere Male vergebens ſich Gehoͤr zu verſchaffen geſucht hatte, benutzte einen Augen⸗ blick der Ruhe, um auf eine Vertagung anzutragen. Dem Antrage folgte ein lautes»Nein! nein!« und eine wirklich außerordentliche Art von Pfeifen; als der Herr aber er⸗ klärte, daß er entſchloſſen ſei, den geſunden Menſchenver⸗ ſtand des Hauſes in Anſpruch zu nehmen,— zum größe⸗ ſten Erſtaunen Valentin's, der nicht begreifen konnte, wo der geſunde Menſchenverſtand zu finden ſein moͤchte,— wurde die Vertagung einſtimmig angenommen, und ſogleich drängte Alles mit furchtbarem Getoͤſe der Thuͤr zu. 160 Valentin Vor Sobald das Gedränge ſich nur ein wenig lichtete, ver⸗ lieſten Soodman und ſein Pflegling das Parlament und gin⸗ gen nach Hauſe, jener voll von unausſprechlichem Vergnu⸗ gen, waͤhrend in Valentin's Herzen uberraſchung, Stau⸗ nen, Verwunderung und Zorn ſich miſchten. der Bauchredner. 161¹ Zehntes Kapitel. Syodman empfängt. ſeltſamen Beſuch, in Folge deſſen er auf geheimnißvolle Weiſe entführt wird. Ohne in jene chaotiſche Regionen einzudringen, zu de⸗ ren Erforſchung die Geologie die Phantaſie in Verſuchung fuhren könnte— ohne weiter zuruͤckzugehen, als zu den Ta⸗ gen Adam's und Eva's, kann man verſichern, daß von allen Zerſtorungskriegen, von denen die Menſchheit heimge⸗ ſucht wurde, der Neigungskrieg am Anhaltendſten wuͤthete. Vor der Geburt der Sonne, des Mondes und der Sterne bis zur Suͤndfluth, von der Suͤndfluth bis zum Beginn der chriſtlichen Kra, und von da bis zu dem Erſcheinen dieſer Abenteuer, haben die Neigungen einander blutgierig die Keh⸗ len abgeſchnitten, indem ſie ſich in alle möglichen Formen zwaͤngten,— mit einem Worte, alle Uebel, mit denen der Menſch belaſtet iſt, ſind einzig und allein dieſem Neigungs⸗ kriege zuzuſchreiben. In demſelben Verhaltniß, in welchem Goodman's Nei⸗ gung zu Valentin wuchs, verminderte ſich die Neigung zu Valentin Vox. I. 11 162 Valentin Vor ſeinen liebenswuͤrdigen Verwandten; und die eine Neigung war im Begriff, die andere gänzlich zu verdrängen, als dieſe Verwandten eine neue Verbindung ſchloſſen, von der ſie eine Befoͤrderung ihrer großen Pläne hofften. An einem herrlichen Morgen, gegen zwoͤlf Uhr, als die Blätter der Espe im Morgenwinde ſaͤuſelten, die Kuͤhe jeden Augenblick erwarteten, gemolken zu werden, und, wahrend Valentin nach einem Banquier geſandt war, Good⸗ man, mit Leſen beſchaͤftigt, allein in ſeinem Bibliothek⸗ zimmer ſaß, trat die Magd mit zwei außerſt ſchön glaſirten Viſitenkarten ein, die folgende merkwuͤrdige Aufſchrift tru⸗ gen:— Dr. Emanuel Bowlemout, und Dr. Dionyſius Dobb. »Dr. Emanuel Bowlemout?—— Bowlemout.. Bowlemout..„ ſagte Goodman ſinnend;»Dr. Diony⸗ ſius Dobb? Dobb?. Dobb? Ich kenne dieſe Herren nicht. Laß ſie eintreten.« Während die Magd die beiden Doctoren aus dem Ge⸗ ſellſchaftszimmer holte, las Goodman die Karten wieder und wieder, in der Hoffnung, daß die Namen ihm viel⸗ leicht die Beſitzer derſelben wieder in das Gedächtniß rufen wuͤrden. »„Guten Morgen, Sir!« ſagte ſich tief verbeugend ein —— ——— der Bauchredner. 163 merkwuͤrdig kurzes apoplektiſches Individuum, das ſeit ſeiner Jugend an der Waſſerſucht gelitten zu haben ſchien. »Guten Morgen,« ſagte Goodman, indem er auf ein Paar Stuͤhle wies, von denen die Doctoren ſogleich Beſitz nahmen. »Ich heiße Bowlemout,« bemerkte der Waſſerſuchtige. »„Mein Freund, Dr. Dobb.« Goodman verbeugte ſich und legte die Karten auf den Tiſch. »Sie befinden ſich hoffentlich vollkommen wohl?«.. ſagte Dr. Emanuel Bowlemout. »Vollkommen!« ſagte Goodman;»Gott ſei Dank, ich bin in meinem ganzen Leben noch nicht krank geweſen.« Dr. Bowlemout ſah Dr. Dobb an, der, das Kinn auf ſeinen Stock geſtütt, Goodman aufmerkſam betrachtete. »Darf ich,« verſetzte Goodman, nachdem er eine be⸗ trächtliche Zeit ſchweigend gewartet hatte,„darf ich fragen, was mir die Ehre dieſes Beſuches verſchafft?« »Gewiß, mein werther Herr!« antwortete Dr. Bowle⸗ mout, und ſah abermals Dr. Dobb an, der fortwährend wie eine Statue daſaß, die um einen theuren Freund trauert. »Es koͤnnte etwas ſonderbar erſcheinen, mein werther Herr, daß wir uns die Freiheit genommen haben, Ihnen ohne 164 Valentin Vor vorherige Anmeldung unſere Aufwartung zu machen:— doch können ſolche Fälle vielleicht eine Ausnahme entſchul⸗ digen.« Uund Dr. Bowlemout ſah abermals Pr. Dobb an, der ſich nun herabließ, mit dem Kopfe zu nicken, um dadurch anzuzeigen, daß jene Bemerkung mit ſeiner Meinung uͤber⸗ einſtimmte. Goodman war noch immer nicht im Stande, die Abſicht dieſer Herren zu enträthſeln; doch hoffte er, daß er ſie fruh genug erfahren wuͤrde, und wartete daher geduldig die na⸗ tͤrliche Enthuͤllung derſelben ab, waͤhrend dieſe Herren ihn mit einer Miene anſahen, die er fuͤr einen Ausdruck des Bedauerns hielt. „Erlauben Sie guͤtigſt,« ſagte Dr. Bowlemout end⸗ lich, indem er ſeinen Finger auf Goodman's Puls legte, während deſſen Hand auf dem Tiſche ruhte,—»erlauben Sie „Meine Herren,« ſagte Goodman feſt, indem er ſeine Hand wegzog.»Sie haben mich mit Ihrem Beſuche beehrt, und ohne Zweifel in irgend einer Abſicht. Dürfte ich Sie daher bitten, mir den Zweck Ihres Beſuches zu erklären.« »Gewiß, mein werther Herr,« entgegnete Dr. Bow⸗ lemout.»Wir ſind von gewiſſen intimen Freunden von — — der Bauchredner. 165 Ihnen, welche bemerkt zu haben glauben, daß Sie ſeit längerer Zeit nicht mehr ganz ſo wohl ausſehen, aufgefor⸗ dert, uns genau von dem Zuſtande Ihres Befindens zu uͤberzeugen.« „In der That!« ſagte Goodman lächelnd.»Dieſen Freunden muß ich ja ſehr dankbar ſein. Darf ich fragen, wem ich fuͤr dieſe außerordenliche Guͤte verpflichtet bin?« „Das, mein werther Herr, iſt ein ſehr delikater Um⸗ ſtand,« antwortete Dr. Bowlemout.»Sie konnen leicht denken, daß dieſelben fuͤrchten, fuͤr allzu aufmerkſam gehal⸗ ten zu werden... als ob ſie ihre Freundſchaft gar zu ſehr zur Schau truͤgen.« »Diejenigen,« ſagte Goodman,»welche meinen, ich⸗ wuͤßte dieſe oder irgend eine andere Aufmerkſamkeit nicht zu ſchätzen, kennen mich ſehr wenig. Es kann alſo der Nennung ihrer Namen nichts Bedeutendes im Wege ſtehn.« »„Ich weiß nicht,« ſagte Dr. Bowlemout,»ob ich es wuͤrde verantworten koͤnnen.« »Nein, nein, nein!« fuhr Dr. Dobb rauh heraus. »Es iſt durchaus nicht noͤthig« »Ich ſehe das in der That nicht ein,« bemerkte Good⸗ man, uͤber Dobb's Grobheit ein wenig pikirt.»Hoffentlich 166 Valentin Vor iſt dieſer Beſuch doch nicht aus eitler Neugierde hervorge⸗ gangen?« »O, keineswegs! keineswegs, mein werther Herr! keineswegs!« rief Dr. Bowlemout;»Gott ſtraf mich! kei⸗ neswegs!« »Dann, meine Herren,« ſagte Goodman,»melden Sie gefälligſt dieſen ſo außerordentlich aufmerkſamen Freun⸗ den, daß ich im Stande bin, uͤber mein Ben mir mein eigenes Urtheil zu bilden.« »Da haben wir's! da haben wir's!« unterbrach ihn Dr. Bowlemout, indem er ſich zu Dr. Dobb vanbte der wiederholt mit dem Kopfe nickte. »Was haben Sie denn?« fragte Goodman. »Daß man nicht immer im Stande iſt, ſolch ein ur⸗ theil zu bilden,« bruͤllte Dr. Dionyſius Dobb.»Sie, zum Beiſpiel, koͤnnen eine der ernſtlichſten Krankheiten beſitzen, die den menſchlichen Koͤrper betreffen koͤnnen, ohne ſich deſ⸗ ſen im Geringſten bewußt zu ſein.— Haben Sie vielleicht zufaͤllig von Ihrem Freunde, dem verſtorbenen Kaiſer, gehoͤrt. »Ich brauche,« fiel Goodman ein, als er bemerkte, daß Dr. Bowlemout dem Dr. Dobb geheimnißvolle Winke der Bauchredner. 167 gab,»ich brauche doch nicht zu fürchten, daß es Ihre Abſicht iſt, mich zu beleidigen?« »O, keineswegs, beſter Herr, keineswegs!« rief Dr. Bowlemout. »Ich muß bekennen, daß jene Frage mir ſonderbar vorkommt.. in der That, das ganze Verfahren iſt ſo ſeltſam, daß ich wahrhaftig nicht weiß, was ich daraus machen ſoll.... Haben Sie mir ſonſt noch etwas zu ſa⸗ gen, meine Herren? »Es ſind noch zwei oder drei Puncte vorhanden,« antwortete Bowlemout,„uͤber die ich Auskunft zu haben wünſcht Sie ſind, wenn ich nicht irre, mit der koͤnig⸗ lichen Familie verwandt?« »Herr!!« donnerte Goodman mit blitzenden Augen. „So alt ich auch ſein mag, ſo bin ich doch nicht der Mann, der ſich ungeſtraft beleidigen läͤßt.« »Beruhigen Sie ſich, beſter Herr; ſtill, ſtill!... beſinnen Sie ſich doch!« ſagte Dr. Bowlemout. „Beſinnen, Herr!« rief Goodman.»Halten Sie mich fuͤr toll? Meinen Sie, ich wuͤrde mich zu einem Spielzeug fuͤr Narren hergeben! Wer ſchickt Sie? Hat Sie uͤberhaupt Jemand geſchickt? Iſt das der Fall, war⸗ um ſagen Sie nicht...« 168 Valentin Vor »Maſter Valentin iſt zuruͤckgekehrt!« rief die Magd. die, nachdem ſie eine Zeit lang geklopft, eingetreten war, »und läßt fragen, ob er Sie jetzt ſprechen kann.« »Jal« ſagte Goodman,»ich erwarte ihn.« Und Valentin, der ſchon an der Thuͤr ſtand, trat ein. » Ich bin ſchändlich beleidigt, mein Junge,« ſagte Goodman,»mehr als ich je beleidigt wurde, und zwar von dieſen beiden Perſonen, die mir voͤllig unbekannt ſind« »Wir fragten ihn nur,« ſagte Bowlemout,»ob er nicht mit der königlichen Familie verwandt ſei?« »Und wozu dieſe lächerliche Frage?« ſagte Valentin mit einem ſeiner eigenthuͤmlich durchdringenden Blicke. „Weil wir hoͤrten,« entgegnete Dr. Bowlemout,„daß er nach der brittiſchen Krone trachte.« »Und wenn auch? Selbſt wenn er ſolche Anſpruͤche machte, was kuͤmmerte das Sie? Was geht Sie die ganze Sache an?... Wuͤnſchen Sie,« fuͤgte Valentin, zu Good⸗ man gewendet, hinzu,»dieſe Herren hierzubehalten?« »Durchaus nicht!« antwortete Goodman;»im Ge⸗ gentheil, ich wollte, ſie waͤren fort.« der Bauchredner. 169 „Dann haben Sie wohl die Gute, mir nach der Thuͤr zu folgen,« ſagte Valentin zu jenen, die ſich nicht vom Platze bewegten. „Wir kamen hierher, junger Mann,« ſagte Bowle⸗ mout ſalbungsvoll,»um eine öffentliche Pflicht auszuuben, und werden gehen, wann es uns beliebt.« „In dem Falle,« ſagte Valentin,„muß es Ihnen belieben, augenblicklich fortzugehn.« „Wie ſo? 1« donnerte Dr. Dionyſius Dobb. „Weill ich, thun Sie es nicht,« ſagte Valentin,» mich genöthigt ſehe, Sie fortzuſchaffen, ehe es Ihnen beliebt.« In dem Augenblicke erhoben die beiden Doctoren ein ſpottiſches Lachduett, fanden jedoch bald, daß ſie in der Schätzung von Valentin's Charakter einen kleinen Irrthum begangen; denn er faßte Dr. Bowlemout an den Kragen und warf ihn ohne die geringſte Schwierigkeit zu Boden. So wie Dr. Bowlemout ſtuͤrzte, ſprang Dr. Dobb mit der Wuth eines Tigers auf Valentin, und Goodman auf jenen; ehe dieſer denſelben aber noch erreicht hatte, packte Valen⸗ tin, der ſich auf ein Knie niedergelaſſen, Dr. Dobb's Beine, und warf ihn plotzlich uͤber Dr. Bowlemout's Ruͤcken. »Halten Sie den Schmerbauch feſt!« rief Valentin. 170 Valentin Vor »Daß er ſich nicht von der Stelle bewegt! Im Augenblicke bin ich wieder da!« Damit ſchleppte er Dr. Dobb nach der Thuͤr, oͤffnete ſie, warf ihn auf die Gaſſe, verſchloß die Thuͤr wieder, und kehrte zuruͤck, um den Andern zu holen. »Nun, Sir!« ſagte Valentin zu Dr. Bowlemout, der nach Luft ſchnappte und dem Erſticken nahe war, »wuͤnſchen Sie Ihrem Freunde kopfuͤber zu folgen, oder wollen Sie lieber ſelbſt gehen?« Dr. Bowlemout zog mit Freuden die letztere Art vor und eilte nach der Thuͤr. Als er aber ſicher bis zur Treppe gelangt war, drehte er ſich um, ſah Goodman wuͤthend an, und rief mit all dem Athem, den er in ſeinem Koͤr⸗ per zu haben ſchien:»Ha! das ſollen Sie buͤßen! wir werden uns zu rächen wiſſen!« Und Valentin jagte ihn die Treppe hinab und ſchloß die Thuͤr zu. Etwa eine halbe Stunde nach dem Abgange dieſer Herren traten Walter und Porace ein, um Goodman auf den Abend zu einer kleinen Geſellſchaft in ihrem Hauſe einzuladen. Er erzählte ihnen, was ihm begegnet ſei, und ſie — * der Bauchredner. 17¹ ſprachen mit außerordentlicher Waͤrme ihr Erſtaunen aus. Er ſagte ihnen ferner, daß er eben im Begriff ſei, mit Valentin nach Gravesend zu fahren, woruber ſie ebenfalls zu erſtaunen ſchienen, und nachdem ſie ſich genau nach der Zeit erkundigt, wann das Boot abfuhre, verließen ſie eilig das Haus. Valentin Vor Eilftes Kapitel. Die myſteriöſe Gefangennahme.— Es ertrinkt Jemand.— Va⸗ lentin's erſtes Erſcheinen auf der Bühne der italieniſchen Oper. Nachdem Goodman die Zeitungen von dieſer Woche geordnet hatte, gingen er und Valentin gemachlich nach Cornhill; da erſterer aber in der Nähe der Bank ein klei⸗ nes Geſchaͤft zu beſorgen hatte, ſo ſchickte er Valentin vor⸗ aus, um ſich ein halbes Stuͤndchen auf der Dampfboot⸗ werfte zu amuͤſiren. Noch vor Verlauf der halben Stunde hatte Goodman ſein Geſchaͤft abgemacht, und da er noch zeitig genug ein⸗ traf, ehe das um drei Uhr fahrende Boot abging, ſo ſchlenderte er in aller Bequemlichkeit nach dem Quai zu. Er hatte jedoch kaum in Fish⸗Street-Hill eingebogen, als zwei ſtaͤmmige Burſche quer uͤber die Straße kamen und ſich dicht vor ihn hinſtellten. »Schoͤnes Wetter, Herr!« ſagte der Eine in einem ſonderbar rauhen ſchweren Tone. uhteee — der Bauchredner 173 „Sehr ſchoͤnes Wetter,« bemerkte Goodman, indem er an ihnen vorbeizugehen ſuchte,»wirklich, ſehr ſchoͤnes Wetter.« „Es wäre Ihnen gewiß ſehr dienlich, wenn Sie eine kleine Spazierfahrt mit uns machten,« ſagte der Burſche, indem er Gocdmaws regzen Arm faßte. »Was ſoll das teiß Mann?« rief Goodman, indem er ſich loszumachen ſuchte. »Ei nun, wir wollen eine kleine Landpartie machen, und bitten Sie, uns zu begleiten, ſonſt nichts!« und in dem Augenblicke fuhr eine Kutſche, die an der andern Seite gewartet hatte, auf ſie zu. »Im Namen des Himmels!« rief Goodman, im hoch⸗ ſten Grade beunruhigt,»was ſoll das beduten?« Und er verſuchte abermals ſich loszumachen, fand aber ſeinen Arm ſo eingeklemmt, als wuͤrde er von einer Zange gehalten. „Kommen Sie, kommen Sie, und verhalten Sie ſich ruhig.. es hilft zu nichts, ſehen Sie... machen Sie keine von Ihren Wippchen... es hilft nichts...„ ſagte der Mann. »Beſter Mann,« ſagte Goodman,»Sie irren ſich je⸗ denfalls, wahrlich, Sie irren ſich.« „Keineswegs,« brummte jener,„keineswegs! Sie 174 Valentin Vor heißen Goodman, nicht wahr? Mr. Grimwood Good⸗ man?« „Ganz recht, aber„ „Sehen Sie wohl? der Vetter des Kaiſers von China?.. Wenn Sie übrigens durchaus nicht wie ein Gentleman behandelt ſein wollen, ſo muͤſſen Sie, ohne wei⸗ tere umſtände, mit Gewalt hinein.« »Aber ich will nicht!« rief Goodman. »Gut!« ſagte der Kerl ruhig;»von Zwang, ſehen Sie, iſt keine Rede; aber Sie mü „Noch einmal, Herr... Wer gab Ihnen den Auftrag zu dieſ fahren?« »O, das thut nichts zur Sache!« rief jener. und ſein Gehuͤlfe ließ den Wagentritt herab, waͤhrend der Kutſcher die Thuͤr offen hielt. „Huͤlfe! Huͤlfel« rief Goodman, als ein Herr vors⸗ berging.»„Um Gottes Barmherzigkeit willen„retten Sie mich aus den Händen dieſer Kerle!« »Was geht hier vor?« fragte der Herr, indem er ſich Alles richtig, Herr!... Alles in Ordnung,« ent⸗ — der Bauchredner. 175 gegnete jener, indem er mit dem Finger uͤber ſeine Stirn fuhr.»Sie verſtehn mich... 4 »Der arme Menſch!« rief der Herr mitleidig aus. „Aber, beſter Herr, hoͤren Sie mich doch... ich bitte Sie, hoͤren Sie mich!« rief Goodman. »Fügen Sie ſich,« ſagte der Herr, der offenbar ge⸗ ruͤhrt war;...»es geſchieht zu Ihrem Beſten... Dieſe Maͤnner thun Ihnen nichts zu Leide, gewiß nicht!... Kommen Sie, kommen Sie!« »Herr!« rief Goodman,»o, hoͤren Sie mich an!. nur einen Augenblick noch verweilen Sie!... bleiben Sie, Herr, wenn Sie ein Chriſt ſind!« Aber der Herr, der Eile zu haben ſchien, ſeufzte tief, waͤhrend ihm eine Thraͤne in das Auge trat, und ging fort.— »„Soll es nun werden, oder nicht!« ſagte der Menſch, der ungeduldig zu werden begann. »Großer Gott!« rief Goodman.»Will denn Niemand mir beiſtehn?... Huͤlfe, Hulfe! Im Namen des Himmels! . Huͤlfe! Huͤlfe!« wiederholte er in den durchdringend⸗ ſten Tonen, waͤhrend er ſich mit aller Macht wehrte. Er war jedoch nur wie ein Kind in der umſchlingung eines Rieſen; denn jener ſchob ihn mit einem Ruck in den Wagen, Valentin Vor in welchem Goodman, der freundliche wohlwollende Good⸗ man, augenblicklich in Ohnmacht verfiel. Waäͤhrend dieſes geſchah, wartete Valentin mit Ungeduld an der Werfte. Das Boot, mit welchem ſie hatten abfah⸗ ren wollen, war ſchon fort, und das letzte war beinahe ſchon ganz angefullt. Da es Samſtag war, ſo ſtroͤmten Hunderte von Perſonen, meiſt Kaufleute, Commis, Ge⸗ ſchäftsfuͤhrer, deren Familien drei Wochen oder einen Monat jährlich in Gravesend wohnen, herbei, um noch vor Abend zu ihren Familien zu kommen und am Montage zuruͤckzukeh⸗ ren. Dieſe Perſonen hatten faſt jeden Sitz auf dem Verdeck ſchon eingenommen. Einige blaͤtterten in Zeitungen, andere ordneten Papiere, mit denen ihre Taſchen angefuͤllt waren, waͤhrend wieder andere mit untergeſchlagenen Armen das Zunehmen der Fluth beobachteten. Endlich begannen die Matroſen auf dem Verdeck geſchaͤf⸗ tig zu werden, und der Capitam ſtieg auf einen der Ka⸗ ſten, durch welche die Ruder zum Theil verborgen waren, und fing an, ſeine Befehle zu geben. Da Alles nun auf eine unmittelbare Abfahrt hindeutete, ſo eilte Valentin an Bord, uͤberzeugt, daß er Goodman in dem Gedraͤnge ver⸗ paßt haben muͤſſe. Auf dem Verdeck wie in der Cajuͤte ſuchte er jedoch vergebens, und als er beſorgt nach dem der Bauchredner. 177 Lande zuruͤckblickte, um zu ſehen, ob Goodman vielleicht käme„gab der Capitain den Befehl zur Abfahrt. „Einen Augenblickl!« rief Valentin dem Capitain zu. „Ich erwarte einen Freund, der im Augenblick hier ſein muß.« „Die Zeit iſt hin, Sir!.. kann nicht mehr warten,« ſagte der Capitain.»Halloh! Jungen, friſch darauf!« und ſeine Leute fingen an, die Taue loszubinden, als Valentin wieder von dem Schiffe auf die Fähre zuruͤck⸗ ſprang, welche die Paſſagiere Lande nach dem Schif brachte, feſt entſchloſſen, das Schiff noch eine Weile auf⸗ zuhalten. „Capitain!« rief Valentin, indem er ſeine Stimme aus einem kleinen, mit rothen und blauen Placaten geſchmuͤckten Wachthauſe ertoͤnen ließ. „Halloh!« rief der Capitain. „Sie werden im Buͤreau verlangt!« rief Valentin. »Ei was, wir fahren ſchon ab!... Wer will mich ſprechen?« „Einer von den Eigenthuͤmern!.. Sie muͤſſen kom⸗ men!« „Pol' ihn der Teufel le brummte der Capitain vor ſich Valentin Vor. I. 12 178 Valentin Vor. hin.»Haltet noch einen Augenblick!... Es ſoll mich wundern, was es giebt« Damit ſprang er vom Verdeck in das Landungsboot, und fuhr nach dem Bureau mit einem Geſicht, das eher alles Andere ausdruͤckte, als Freude. Valentin ſah wiederum aͤngſtlich nach Goodman umher, und eben, als er ſich eine Perſon, die jener ſein konnte, der Werfte nähern ſah, kehrte der Capitain zuruͤck, und rief, nachdem er jeden, der ihm im Wege ſtand, zur Seite geſtoßen: »Wer hat geſagt, de man mich ſprechen wolle? Ich ſollte es nur wiſſen,« fuhr er ärgerlich fort, als keine Antwort erfolgte,„auf mein Wort, er muͤßte uͤber Bord!« Damit kletterte er auf den Ruderkaſten und gab abermals das Signal zur Abfahrt. Valentin jedoch, der entſchloſſen war, Goodman noch einige Minuten Zeit zu laſſen, horte kaum das wohlbe⸗ kannte Signal, als er unter dem Stern des Schifes her⸗ vorſchrie:„Huͤlfe! Huͤlfe!... Ein Boot! ein Boot!... Huͤlfe! Huͤlfe!«... und zwar ſo laut, daß die Perſonen, welche auf der Werfte ſtanden, ſammt den Paſſagieren am Bord in das Geſchrei mit einſtimmten. Das an dem Stern des Schiffes heraufgewundene Boot ſturzte mit ſolcher Ge⸗ ————————— 5 der Bauchredner. 179 walt herab, daß es Jeden, auf den es gefallen waͤre, todt⸗ geſchlagen haben wuͤrde, waͤhrend noch andere Boote her⸗ beieilten und jedes freie Tau ſogleich in Requiſition geſetzt wurde. Vergebens ſtuͤrmten die Boote rings um das Schiff herum, von den Augen der Paſſagiere verfolgt, die in größeſter Aufregung zu ſein ſchienen, während der Dampf⸗ keſſel ſchnob, und keuchte und brummte, ſo aͤrgerlich und laut, als hätte er den tollen Streich gekannt. »„Arme Seele!« rief ein alter Herr, der am Rande des Verdeckes ſtand.»Er iſt wtergegangen, fuͤrchte ich⸗ um nie wieder an das Tageslicht zu kommen.« „Huͤlfe! hier! hier! hier!« rief Valentin, und die Boote flogen nach dem Orte, woher die Stimme zu kom⸗ men ſchien, wäͤhrend die Paſſagiere in der groͤßeſten Angſt von einer Seite zur andern liefen. »Wo ſeid Ihr denn 2« rief einer der Bootsleute⸗ »„Gebt noch einmal ein Zeichen! ruft noch einmal... wo ſeid Ihr« »Hier!« rief Valentin. »„Stern! Stern!« rief der Capitain.»Halloh!« und die Boote eilten wieder nach dem Sterne. »Habt Ihr ihn?« fragte er dann,„habt Ihr ihn?« . e ——— 180„ Valentin Vox „Wenn wir ihn wenigſtens ſehn koͤnnten,« antwortete jener,»ſo ſollte es ſchon gehen.« »Geſchwind! geſchwind!« rief Valentin. »Wo?« rief der Capitain,»Wo, wo?«. armer Burſche... wo ſeid Ihr?« »Am Rade!« rief Valentin mit matter Stimme. „Halt! halt! halt!... Nun, meine Jungen, nun! nach dem Rade! hurrah!« rief der Capitain, deſſen Augen plotzlich vor Freude blitzten, weil er nun hoffen durfte, den Armen zu retten. ₰ „Umgelegt!« rief Valentin mit der Stimme eines Ma⸗ troſen, den er vorhin hatte Befehle geben hoͤren, und un⸗ ter einem allgemeinen Geſchrei des Entſetzens fingen die Rä⸗ der wieder an zu arbeiten. Man hemmte ſie wieder, der Dampf hoͤrte auf, aber die Stimme ward nicht mehr gehoͤrt. Die Paſſagiere ſahen einander erſchrocken an. Der Capitain ſtarrte auf den Bur⸗ ſchen und der Burſche auf den Capitain, aber Niemand ſagte ein Wort... mehrere Minuten lang herrſchte eine Grabesſtille, und Jeder war uͤberzeugt, das Rad habe den ungluͤcklichen, der zu erſchoͤpft geweſen ſei, um wieder em⸗ porzukommen, niedergeſtampft. Valentin blickte abermals nach ſeinem Fuͤhrer umher, der Bauchredner. 18¹ ſah ſich aber von Neuem getäuſcht. Das Schiff war ſchon eine halbe Stunde uͤber die Leit zuruckgeblieben, und da er ſah, daß ein längeres Zoͤgern zu nichts fuhren wuͤrde, ſo entſchloß er ſich, es gehen zu laſſen. Die Matroſen im Boot beobachteten noch immer aufmerkſam die Oberflaͤche des Stroms; der Capitain erklärte dem Burſchen, was er angerichtet haͤtte, und dieſer erklärte dem zweifelnden Ca⸗ pitain, daß der Befehl zum Umlegen nicht von ihm aus⸗ gegangen ſei, während die Paſſagiere einander erzäͤhlten, wie der ungluͤckliche gerungen habe, als ſie ihn, wie ſie ſich einbildeten, untergehen ſahen. Der Capitain, der endlich einſah, daß fuͤr den»armen Burſchen« nichts mehr gethan werden koͤnne, ſchickte ſich abermals zur Abfahrt an, als Valentin, um ihn wieder zu beruhigen, dicht hinter ihm ein lautes Gelaͤchter erſchal⸗ len ließ. Das machte eine electriſche Wirkung. Richts glich dem Erſtaunen des Capitains. Er drehte ſich, voll Unwil⸗ len, raſch um, um zu ſehen, was fur eine Art Menſch ſo kaltblutig und unmenſchlich ſein konnte, in einem ſo ſchreck⸗ lichen Augenblicke zu lachen. „Es war nur ein Scherz!« rief Valentin. »Ein Scherz!«. rief der Capitain zornig,» ein Scherz!« 182 Valentin Vor „Ja wohl!.. ich war gar nicht uͤber Bord!« rief Valentin.„Ich that nur ſo!« »That nur ſo!« rief der Capitain, indem er zornig nach der Stelle ſah, woher die Stimme zu kommen ſchien. „Wer ſprach da?... Wer iſt es, der nur ſo that!... Eine Krone aus meiner eignen Taſche gebe ich darum, es zu erfahren!... denn dieſer Menſch, und waͤre er der Koͤnig von England, ſollte auch nicht einen Augenblick län⸗ ger auf meinem Schiffe bleiben. Ich wollte ihm ſchon Beine machen, wenn er nicht ginge.... Wer war es?« Als die fragliche»unmenſchliche Perſon« hartnäckig ſchwieg, und der erboste Capitain es unmöglich fand, den Delinquenten zu entdecken, gab er mit offenbarem Wider⸗ ſtreben abermals das Signal zur Abfahrt, und das Schiff fuhr majeſtätiſch dahin. Sobald ihm das Dampfboot aus den Augen war, eilte Valentin nach der Wohnung des Mannes, zu welchem Goodman gegangen war, und als er hier erfahren, daß derſelbe ſchon längſt wieder fort ſei, ging er nach Hauſe, in der Meinung, daß irgend etwas Wichtiges ſeinen Be⸗ ſchuͤtzer zur Ruͤckkehr vermocht haben wuͤrde. Als er jedoch hoͤrte, daß er nicht zuruͤckgekehrt ſei, ſo ſchloß er dar⸗ aus, daß jener, in dem Gedraͤnge verſteckt, mit dem er⸗ — der Bauchreduer. 183 ſten Boote abgefahren ſein wuͤrde; er ließ ſich daher von der Magd etwas kalten Braten und Salat bringen, und dachte dann daruͤber nach, wie er bis zum Morgen, wo er ihm zu folgen gedachte, die Zeit am Beſten hinbringen könnte. Er hatte kaum ſein Mahl vollendet und ein Paar Glä⸗ ſer Wein getrunken, als Horace in großer Aufregung ein⸗ trat, um zu fragen, ob ſein Vater dageweſen ſei. Als die Frage verneint wurde, nahm ſeine Aufregung noch zu; doch als er hoͤrte, daß Valentin ſo eben allein zuruckgekehrt ſei, lächelte er mit innerlicher Zufriedenheit und trat in das Wohnzimmer. »Nun, Vetter!« rief Horace, vich dächte, Sie wären nach dem ariſtokratiſchen Gravesend.« »„Das war auch meine Abſicht,« entgegnete Valentin, „doch verfehlte ich leider Ihren Onkel.« „Sonſt nichts?... Ja! das ſieht dem Alten ganz ähnlich. Er und mein Atter gleichen ſich wie ein Paar Wagenaxen. Läßt man ſie los, ſo gehn ſie zum Teufel, und wenn Sie wieder etwas von ihnen ſehen wollen, ſo muͤſſen Sie Augen haben, wie ein Falke. Doch, altes Kameel, haben Sie nicht ein Glas Wein fuͤr eine durſtige Kehle? Wo hat der Alte ihn liegen?« 184 Valentin Vor „Auf mein Wort, ich weiß es nicht, doch Anna wird uns ohne Zweifel welchen bringen,« ſagte Valentin, indem er die Klingel zog. »Ich bin durſtig wie ein Häring,« ſagte Horace und ſtreckte die Beine auf den Tiſch.»Ich ſage Dir, mein holder Engel,« rief er der eintretenden Haushälterin ent⸗ gegen,„hier iſt großes Verlangen nach einer Flaſche Wein. Hole eine, alter Burſche.« Der Befehl ward durch einen Wink Valentin's beſtä⸗ tigt, und in Folge deſſen erſchien eine Flaſche Portwein nebſt Korkzieher. Horace jedoch nahm, nachdem er der alten Haushaͤlterin einige Elogen gemacht, ein Brotmeſſer und ſchlug damit aͤußerſt geſchickt der Flaſche den Hals ab. »Hilf Himmel! Mr. Horace!« ricf Anna,»ich denke, Sie ſollen den Kork herausziehen, und nun machen Sie es ſo.« »Bring' noch ein Glas, alter Burſche,« ſagte Horace und fuhr, als dieſes geſchehen, fort:»Du ſollſt nun ein⸗ mal ſehen, daß er auf dieſe Weiſe viel beſſer ſchmeckt.« Und als Anna ſich weigerte, ihn zu koſten, zog er ſie ein⸗ fach auf den Sopha, und, nachdem er ſie gekuͤßt und ge⸗ zwungen hatte, den Wein hinabzuſchlucken, lachte er uͤber ihren Zorn und ließ ſie gehen. — der Bauchredner. 185 „Es thut mir in der Seele weh,« ſagte Horace, nach⸗ dem er ſein Glas dreimal gefuͤllt, ohne die Flaſche nur ein einziges Mal aus der Hand zu laſſen,»daß Sie ſolch ein ehrbares Kameel ſind. Was denken Sie heute Abend mit Ihrem Leichnam anzufangen?« „Ich weiß es nicht,« antwortete Valentin. »Gut, ſo will ich es Ihnen ſagen; ſtellen Sie ſich unter meine Obhut, und ich will Ihnen ein Stuͤck vom Leben zeigen.« „Ich meinte,« bemerkte Valentin,»Sie haͤtten heute Abend Geſellſchaft?« „Ganz recht,« entgegnete Horace;» aber Sie halten mich doch nicht fuͤr ſo albern, daß ich lange dort bliebe? Wäre der Onkel mitgegangen, ſo hätte ich dableiben muͤſ⸗ ſen, denn er kann ohne mich nicht ſein. Da er aber, wie Sie wiſſen, nicht kommen wird, ſo glauben Sie ja nicht, daß ich den Abend mit ein Paar alten Vetteln und Spieß⸗ vuͤrgern hinbringen werde, die vom Wetter, vom hohen Preiſe des Wechſels, uber die Nationalſchuld und andere Dummheiten zaulen. Ein Robber Whiſt iſt noch das Höch⸗ ſte, wozu ſie gebracht werden können, und dabei paſſen ſie dann dermaßen auf, daß man nicht einmal eine Karte verleugnen kann, ohne daß ſie es merken, und das iſt 186 Valentin Vor grade etwas, was mir in den Tod zuwider iſt. Wie ſollte ich nun in eine Geſellſchaft gehen, wenn ich nicht der Zeit gerade zu den Hals abſchneiden will? Darum, wollen Sie mir folgen, ſo ſollen Sie etwas erblicken, was Sie in Ih⸗ rem Leben noch nicht geſehn haben.« »Das wird mir ſehr angenehm ſein,« bemerkte Va⸗ lentin. »Gut, ſo wollen wir dieſe Flaſche austrinken, eine Stunde in meinem Hauſe vorſprechen, und dann einen klei⸗ nen Ausflug machen. Doch vergeſſen Sie nicht... wenn Sie mich eine Cigarre anſtecken und die alten Vetteln ihre Naſen rümpfen ſehen, ſo verlaſſen Sie das Zimmer, und ich komme dann gleich hinter Ihnen her.« Die Flaſche wurde alſo, und zwar faſt allein von Ho⸗ race, geleert, und ſie gingen dann nach Horace's Hauſe, wo ſie ein halbes Dutzend alte Hexen fanden, deren Maͤn⸗ ner nach dem Thee erwartet wurden. »Paſt Du Deinen Vater geſehen, Horace?« fragte Mrs. Goodman. »Nein,« ſagte Horace, der ſeiner lieben beſorgten Mutter einen Wink gab und ſie nach dem Fenſter zog, wo ſie eine Weile fluͤſterten. »Da iſt er!« rief Mrs. Horace Goodman. der Bauchredner. 187 „Kein Haar von ihm,« ſagte Horace,»ſo klopft der Alte nicht an.« „Gewiß, er iſt es,« bemerkte Mrs. Goodman die Juͤngere. „Und er iſt es doch nicht,« ſagte Horace aͤrgerlich; »ich dächte, das mußte ich doch wohl wiſſen.« In dieſem Augenblicke trat Walter ein, bleich wie ein Geſpenſt, und ſchauderte, als ſein Blick auf Valentin fiel. Er ermannte ſich jedoch bald wieder; aber als er Valentin die Hand gab, fand dieſer, daß ſie heftig zitterte. Sobald Mrs Goodman es fuglich bewerkſtelligen konnte, fliſterte ſie ihm zu:»Iſt es geſchehen?« und als ſie eine bejahende Antwort empfing, theilte ſie Mrs. Horace die Nachricht mit, die Beiden angenehm zu ſein ſchien. Nun ward Thee gebracht und die ganze Geſellſchaft ſetzte ſich um den Tiſch; doch bemerkte Jeder leicht, daß in Wal⸗ ter etwas vorging, was aller Ruhe trotz bot. Ward er angeredet, ſo ſprach er mit erzwungener Heiterkeit und lachte, dann aber zogen ſeine Brauen ſich wieder zuſammen, und ſeine Zuge wurden finſter und ſtarr wie vorher. Wie Horace vorhergeſagt, wuͤrde es eine Dummheit geweſen ſein, den Abend in ſolcher Geſellſchaft zuzubringen. Zwar ward geredet, viel geredet, aber in einer ganzen 188 Valentin Vor Stunde kein Wort vorgebracht, was auch nur einer Mi⸗ nute werth geweſen wäͤre. Als daher der läſtige Thee voruͤber war, zog Horace ſeine Cigarrentaſche hervor und feuchtete eine Cigarre an, indem er ſie mit beſonderer Geſchicklichkeit uͤber die Zunge rollte. »Du wirſt doch nicht rauchen wollen?« ſagte die juͤn⸗ gere Mrs. Goodman. »O, die Damen werden es mir gewiß erlauben,« be⸗ merkte Horace. »Oh! ſehr gern!« rief, wie aus einem Munde, die Mehrzahl der Damen, während ſie zu gleicher Zeit ihre Riechfläͤſchchen hervorzogen.. »Mrs. Schrewell kann es nicht vertragen, ich weiß es,« ſagte Mrs. Horace. »O, doch, doch! geniren Sie ſich nicht,« rief die lie⸗ benswuͤrdige Dame. »Ja, wenn das iſt,« ſagte Horace,»ſo...« »Nein, nein! auf keinen Fall! Zwar darf mein Mann nicht rauchen, aber geniren Sie ſich ja nicht. Im Gegen⸗ theil, es iſt mir eher angenehm, als unangenehm.« 5 »Nun, alſo!« ſagte Horace, der wohl wußte, daß die alte Dame nun bald mit ſolcher Gewalt huſten wuͤr⸗ —— der Bauchredner. 189 — de, daß ſie im ganzen Geſichte ſchwarz werden duͤrfte. „Nun, alſo!« Damit hielt er ein Stuckchen Fließpapier an das Licht, wodurch ein ſchauderhafter Geruch verbreitet wurde, und ſetzte die Cigarre in Brand. Dies war das Zeichen zum Aufbruch. Valentin verließ daher das Zimmer, und bald folgte ihm Horace mit ſeiner Cigarre, zur groͤßeſten Freude der Damen, die ihn keines⸗ wegs in ihr Herz geſchloſſen hatten. »Nun fort, ſagte Horace, und ſie machten ſich auf den Weg nach dem Haymarket, hoch erfreut, ſo gluͤcklich entkommen zu ſein. „ „Wir könnten,« ſagte Horace, als ſie Leiceſter-Soquare erreicht hatten,» wir koͤnnten bei dem alten Leatherlungs vorgehen. Waohrſcheinlich treffen wir ihn noch, und dann ſoll es ſchon gehen.« »„Wer iſt Leatherlungs?« fragte Valentin. „Das iſt nur ſein Künſtlername„« entgegnete Horace. „Sein wirklicher Name iſt Growlaway. Er iſt im Opern⸗ chor. Dies iſt die Kneipe, die er in ſeinen beſondern Schutz genommen hat.« und Valentin ward in eine kleine ſchmutzige Kneipe ge⸗ drängt, wo ſie im Pintergrunde endlich in ein finſteres Zimmer gelangten. 190 Balentin Vor „ Anfangs konnte er nichts unterſcheiden; denn das Zim⸗ mer war nicht nur finſter, ſondern auch ganz voll von Ta⸗ backsdampf, waͤhrend ein Ventilator im Fenſter mit einer Schnelligkeit raſſelte, die dreißig Meilen auf die Stunde betrug. Horace jedoch faßte einen Mann bei der Hand, der aus einer außerordentlich langen Pfeife rauchte, und als Valen⸗ tin dieſem Herrn formlich vorgeſtellt war, ſetzten ſie ſich alle traulich nieder. »Nun, was geben Sie denn an?« war die erſte Frage, welche Mr. Growlaway that. »vWas Sie wollen,« antwortete Horace.»Was trin⸗ ken Sie? »Palb ein, halb ander,« ſagte Growlaway. »Mag ich nicht,« bemerkte Horace.»Wir wollen et⸗ was Brandy mit Waſſer trinken;« und des Choriſten Au⸗ gen funkelten, und er zog noch einmal ſo viel Dampf aus ſeiner Pfeife, bis der Brandy ankam. Dann that er, ohne die Lippen abzuſetzen, einen gug, daß beinahe das ganze Glas leer war. »Wir moͤchten gern hinter die Couliſſen,« ſagte Ho⸗ race.»Sie koͤnnen uns hinfuhren, nicht wahr?« 1 »Hm!« ſagte Growlaway.»Weiß nur nicht recht, wie ich's anfangen ſoll. Sie muͤſſen es darauf wagen.— der Bauchredner. 191 Folgen Sie mir dicht auf dem Fuße nach. Sehen Sie um⸗ her, ſo iſt es um Sie geſchehen, denn Sie wiſſen dann gleich, daß Sie nicht dazu gehoͤren.« »Unbeſorgt,« ſagte Horace. »Aber wäre es micht beſſer, wir bezahlten?« fragte Valentin. Horace lächelte uͤber ſeine Einfalt, und erklärte, daß an der Thuͤr, in welche ſie gingen, kein Geld genommen wuͤrde. Valentin bezahlte daher den Brandy aus ſeiner wohlgefullten Boͤrſe, die Growlaway kaum ſah, als er ſich plotzlich daran erinnerte, daß er am nächſten Montage in der Taverne»zur Rattenfalle« ein Benefiz habe, und zu⸗ gleich ein Paquet Billets aus der Taſche zog, von denen Valentin ſich genothigt ſah fuͤnf Stuck fuͤr den aͤußerſt ge⸗ ringen Preis von einem halben Sovereign zu kaufen. Dann wendeten ſie ſich nach der Buͤhnenthuͤr des italieniſchen Opernhauſes. Nachdem ſie dieſe paſſirt hatten, zeigte ihnen Mr. Growl⸗ away an, es ſei Alles ſicher. Sie zogen daher gemaͤchlich in einem langen ſchmutzigen Gange hinab, der hie und da dürftig von einem Paar Talglichtern erleuchtet war. Am Ende dieſes Ganges ſtiegen ſie einige Stufen hin⸗ auf, die ſie zu einem weiten, offenen Raume fuͤhrten, wo 192 Valentin Vor eine Menge in Räuber, Bauern, ſpaniſche Grandes und Tuͤrken verkleidete Perſonen mit bemalten Geſichtern ſpazie⸗ ren gingen. Im Pintergrunde ſaß, mit aufgeſchlagenen Hemdsaͤrmeln, eine Anzghl Perſonen, welche Bier tranken, während über ihnen eine Menge Stricke und zerriſſene Lum⸗ pen bemalter Leinwand hingen. Links daran ſtand etwas, was Valentin anfangs fuͤr eine eiſerne Saͤule hielt, was in der That aber eine eiſerne Wendeltreppe war, und das an ihr auf und nieder kletternde bunte Volk ſah aus wie Schmetterlinge, die an einem Korkzieher umherlaufen. »Nun hier,« ſagte Growlaway, indem er dieſe ſelt⸗ ſame Treppe hinaufſtieg. Horace und Valentin folgten ihm ſo raſch als moͤglich, und nachdem ſie ſich ſo lange herum⸗ gedreht, bis ſie vollkommen ſchwindlig geworden waren, gelangten ſie in ein kleines ſtaubiges Zimmer unter dem Dache, in welchem ſich etwa zwanzig Perſonen ankleideten. Hief warf ſich Valentin auf die Ecke eines alten Stuhls mit einem Arm und ohne Boden, der neben einem verwit⸗ terten Waſchtiſche ſtand, welcher einen ſchmutzigen Waſſerbe⸗ haͤlter trug. Sobald der von dem Treppenſteigen verurſachte Schwin⸗ del voruͤber war, richtete Valentin ſeine Aufmerkſamkeit auf das Benehmen der gegenwaͤrtigen Kuͤnſtler, deren At⸗ der Bauchredner. 193 tituͤden S zur Bewunderung hinreißen mußten. Der Eine ſuchte ſich in der Baßpartie des Introductionschors zu vervollkommnen, indem er ſich uber ein Buch lehnte und die Noten mit unendlichem Geiſte ſang, und gewiß ſah er außerſt kuhl und intereſſant aus, da er in dieſem Augen⸗ blicke nichts am Leibe hatte, als ſein Hemd; ein Anderer, mit Ausnahme eines Paars purpurrother Struͤmpfe genau in demſelben Coſtuͤm, machte einige desperate Verſuche zu agiren; ein Dritter, der mit ſeinem Anzuge beinahe fertig war, ſprengte bei dem Anziehen von einem Paar buͤffel⸗ lederner Stiefel, die viel zu klein zu ſein ſchienen, ſeine Kleidungsſtuͤcke in allen Richtungen; ein Vierter ſtieg in ein Paar Beinkleider, die auch dem feiſteſten Sollander gepaßt haben wuͤrden; ein Fuͤnfter, in der Tracht eines edlen Spaniers, brachte den Mantel eines andern Edelmannes in Ord⸗ nung, der, um keine Zeit zu verlieren, die veberreſte einer Schweinsſchnauze verzehrte, die er nebſt Brot und Senf in ſeinem Hute mitgebracht hatte. In der Mitte des Zimmers ſtand ein Tiſch, um wel⸗ chen mehrere andere Künſtler ſaßen, die die letzten Pinſel⸗ ſtriche in ihre furchtbaren Geſichter zeichneten, was, im en betrachtet, einen ungemein maleriſchen Anblick dar Der Eine woͤlbte ſeine Augenbrauen mit einem Stuͤck glentin Voy. I. 13 194 Valentin Vor gebrannten Korkes, ein Anderer ließ ſeine Naſe mehr her⸗ vortreten, indem er an beide Seiten Baumwolle klebte und dieſe bemalte; ein Dritter, der einen Bauer darſtellte, brachte auf ſeiner Oberlippe einen ausgezeichneten militairi⸗ ſchen Bart an; ein Vierter malte ſich Pausbacken; ein Fuͤnfter ſuchte eine Buͤrgermeiſterperucke ſich paſſend zu ma⸗ chen, die ſchon vor ihm die Koͤpfe von tauſend Collegen geziert hatte, während ein Anderer einen Fuhrmannshut in den eines italieniſchen Nobile verwandelte, indem er die Krämpe vorn in die Hohe ſchlug und ein Loch hineinſchnitt, in welches eine lange Pfauenfeder geſteckt wurde. » Wollen Sie ſich nicht anziehn?6 fragte Horace, als Valentin ſeine Augen an dieſer Scene peidete.»Thun Sie'ssnicht, ſo kriegen Sie von dem Hauſſ nichts zu ſehn« „Vo Herzen gern,« entgegnete Vzlentin, dem die Sache zingemein zu gefallen ſchien. „Dal ſagte Horace, indem er ihfn ein Paar gelbe Schnußſtiefel wtrf, die er von einem Haken genommen. »Nu see Das wird ſich nicht tbel ausnehmen.« mir nicht,« bemerkte Valenti er verſucht) anzuziehn. » giehn S Ihre Hoſen auf und wickeln Sie die die Waden,„ſſagte einer von den Theaterſchneidern, i 4 3 195 der Bauchredner. er mehrere Ellen rothes und blaues grobes Band hervorzog, das in einiger Entfernung fuͤr Seide gelten konnte.»Sie koͤnnen eben ſo gut ein Räuber ſein.« Die Hoſen wurden bis uͤber die Kniee gezogen, dann das rothe und blaue Band um das Bein gewickelt, dann eine Jacke mit geſchlitzten Aermeln hervorgeſucht und ange⸗ zogen, und Mr. Growlaway erbot ſich dann freundlichſt das Geſicht des Raͤubers in Ordnung zu bringen. Sobald dieſe intereſſante Operation zu Ende war, be⸗ gann die Ouvertuͤre, und der zum Rufen beſtimmte Bur⸗ ſche kam, um dieſes wichtige Factum zu melden, indem er vermuthlich der Meinung war, daß ſaͤmmtliche anweſende Fuͤnſtler ploͤtzlich mit totaler Taubheit geſchlagen wären. Valentin warf einen Blick auf ſich, und glaubte einen ſchö nen Raͤuber zu ſehen. Er drehte ſich dann um, um Ho⸗ race anzureden, aber der Stuhl, auf welchem er denſelben eben noch geſehn hatte, war im Beſitz eines beturbanten Tuͤrken, der ſeine Hoſenbänder feſtband. Zu weiterer Nach⸗ forſchung hatte er indeß keine Zeit, da er von dem Kuͤnſt⸗ lerhaufen nach der Thuͤr gedrängt wurde. Er ging alſo, uͤberzeugt, daß er ſeinen Cameraden unten finden wuͤrde, mit dem Strome die eiſerne Treppe hinab, blieb zur Seite ſtehen, bis der Vorhang aufgezogen wurde, nahm dann ein 196 Valentin Vor kleines rundes Bauermaͤdchen an den Arm, und machte mit ungemeinem Anſtande ſein erſtes Debut. Das Haus war an dieſem Abende außerordentlich be⸗ ſucht. Alle Logen waren beſetzt, und waͤhrend die Leute in dem Parterre foͤrmlich eingepfaͤhlt zu ſein ſchienen, zeigte die geräͤumige Gallerie eine Maſſe von Menſchenkoͤpfen, die vom Gelaͤnder bis zur Decke reichten. Sobald Valentin uͤber die Rampenlichter, die ihn an⸗ fangs blendeten, deutlich hinwegſehn konnte, meinte er, daß er immerhin einmal einen Verſuch mit ſeinem Talent ma⸗ chen koͤnnte; und als er in einer der Logen nahe am Pro, ſcenium ein kleines Männchen mit außerordentlicher Heftig⸗ keit unter fortwaͤhrendem„Bravo! bravissimo!« der Prima donna unaufhorlich Beifall klatſchen ſah, offenbar in der Abſicht, die Augen der Dame auf ſich zu ziehen, hielt er es fuͤr zweckmäßig, die Anſichten dieſes Mannes wenigſtens in ſo weit zu befoͤrdern, daß er ihn zu einem anziehenden Gegenſtand machte. Als daher der, auf eine wirklich koſtliche Scene folgende Applaus aufgehoͤrt hatte, ſandte er ſeine Stimme in die Loge, in welcher jener Herr ſaß, und rief in Toͤnen des Entzuͤckens: „Schoͤn!.. o, ihr Goͤtter!.. oh!. herrlich, der Bauchredner. herrlich!... Es iſt unerhoͤrt,.. koͤſt⸗ ichꝛmi. bhr enp⸗ »„Ruhig! ruhig!« ſchrieen wenigſtens hundert Stimmen da capo!... auf einmal. »Oh! ich ſage Ihnen, es iſt ausgezeichnet!... Hat man je ſo etwas gehört?.. Bravissimo!.. da capo! da capo! da capo!«... rief Valentin, und der kleine Herr, deſſen Stimme er angenommen, ſaß wie ein Affe grinſend da. »Ruhig! ward abermals allgemein gerufen, und jedes Auge richtete ſich auf die erwähnte Loge. »Ja, ja.. ich bin ja ruhig!« rief Valentin.»Oh! iſt es nicht entzuͤckend!... Hat man je etwas ge⸗ hoͤrt, was nur halb ſo praͤchtig geweſen ware? Oh! ſie iſt ein großes Geſchöpf... wahrlich, ein großes Ge⸗ ſchoͤpf!. oh! 4 »„Ruhig!«.. erhoben ſich mehrere zornige Stimmen in dem Parterre.»Werft ihn hinaus l« »„Ich wiederhole es,« rief Valentin,„ſie iſt ein gro⸗ ßes Geſchöpfl Lautes Geſchrei:»Ruhe! Ruhe! werft ihn hinaus! er iſt betrunken!« erhob ſich aus jedem Theile des Hauſes, wäͤhrend der kleine gemißbrauchte Mann, der von dem Vor⸗ Valentin Vor gange durchaus nichts wußte, voll Verwunderung ſah, daß jedes Glas, einfache wie doppelte, im ganzen Hauſe imper⸗ tinent auf ihn gerichtet war. Die Vorſtellung blieb waͤhrend der ganzen Zeit unter⸗ brochen; und da die Heldin des Stuͤcks eine Stellung an⸗ genommen, die ſie unmoͤglich aͤndern durfte, bevor ſie einen gewiſſen Ausruf gethan, und dieſen Ausruf unmoͤglich thun konnte, ehe ſie das Stichwort bekommen, ſo gab ſie in aller Ruhe zu verſtehen, man moͤchte den Vorhang herab⸗ laſſen, was denn auch unter allgemeinem Aufruhr geſchah. In dem Augenblicke, als der Vorhang gefallen war,“ ward die Aufmerkſamkeit des Individuums von zwei Per⸗ ſonen in Anſpruch genommen, die abgeſandt waren, um ihm die außerordentliche unſchicklichkeit des, wie ſie natuͤr⸗ lich glaubten, von ihm eingeſchlagenen Weges zu zeigen. Er erklärte jenen Perſonen alles Ernſtes und ſehr energiſch ſeine vollkommene unſchuld; dieſe aber ſchienen außerordent⸗ lich ungläubig zu ſein, uud wunderten ſich ſehr, wie er auf den Namen, welchen er truge, ſo wenig Ruͤckſicht nähme, daß er ſich zu einer ſo offenbaren unwahrheit erniedrigen koͤnnte, als die Erklärung waͤre, die Stoörung ſei nicht von ihm aus⸗ gegangen. Allein was konnten ſie machen? Sie wuͤrden ge⸗ ſchworen haben, daß ſie von ihm und nur von ihm ausge⸗ — der Bauchredner. 199 gangen ſei; hier aber ſtand ein Mann, ein vornehmer Be⸗ ſchuͤtzer der Oper, ein Nobleman! der erklaͤrte, daß ſie, wenn ſie ſchwuͤren, einen Meineid leiſten wuͤrben. Was konnten ſie machen? Sie konnten nicht mehr thun, als ſie thaten,— ſie ſprachen die Hoffnung aus, die Stoͤrung moͤge nicht wiederholt werden, und entfernten ſich. Da der ein Mann gleich nachher dem Publicum un⸗ ſichtbar wurde, ſo hoͤrte der Lärm raſch auf, und als der Vorhang ſich wieder aufrollte, ſah man die Heldin genau in derſelben Attituͤde, in welcher ſie vor dem Fallen deſſel⸗ ben geſtanden hatte. Das lang' erwartete Stichwort kam, dann folgte der durchdringende Schrei, dann ein lauter Ausbruch enthuſiaſtiſchen Beifalls, wäͤhrend deſſen die Cho⸗ riſten von der Buͤhne wanderten, und Valentin mußte na⸗ türlich mit ihnen gehn. 5 Als er erfahren, daß die Herren und Damen vom Chor zwei bis dreitauſend Tacte Pauſen hatten, hielt er es fuͤr ſeine Pflicht, ſie vor dem ungluͤck zu bewahren, in welches ſie ſich durch Blicke und Kuͤſſe, und Druͤcken und Fliſtern des leiſeſten Unſinns zu ſtuͤrzen ſehr geneigt ſchienen, als ſie bunt durch einander hinter den Couliſſen ſtanden. Dieſem menſchenfreundlichen Vorſatze gemäß blickte er ſorgfaͤltig um⸗ her, um ihren Geiſt mit irgend etwas Tugendhafterm zu Balentin Vor beſchäftigen; denn er fuͤhlte es in dem Augenblicke ſtärker als je, daß es die Pflicht eines jeden ſei, dem Fortſchritte der Indiscretion auf jede Weiſe Einhalt zu thun. Kaum hatte er ſich von dieſen Kuͤnſtlern und Kuͤnſtlerin⸗ nen abgewendet, deren Augen in feuchter Wolluſt zu ſchwim⸗ men ſchienen, als er etwa dreißig alte Verſetzſtuͤcke und Decorationen an die Wand gelehnt ſah, und ſogleich be⸗ merkte, daß er die große Sache der Moralität nicht beſſer befoͤrdern koͤnne, als indem er die Herren veranlaßte, jene Verſetzſtuͤcke wegzuſchaffen. Zu dieſem aͤußerſt lobenswerthen Zwecke ließ er hinter den alten Decorationen hervor das Geſchrei:»Moͤrder!« ertoͤnen, bei welchem natuͤrlicher Weiſe die Herren und Da⸗ men auffuhren und einander erſchrocken anſahen. Das Ge⸗ ſchrei ward wiederholt; die Damen wurden unruhig, und ſuchten Schutz an dem klopfenden Buſen der Herren. Von Neuem wurde das Geſchrei gehoͤrt und die Aufregung da⸗ durch noch geſteigert; da aber die Herren eben ſo erſchro⸗ cken waren, als die Damen, und keine Neigung zeigten, ſich zu regen, ſo rief Valentin mit weiblicher Stimme: »Erloͤſen Sie mich! oh!... Huͤlfe!... laſſen Sie mich heraus!... Nehmen Sie die Couliſſen weg!... Nehmen Sie die Couliſſen weg, oder ich ſterbel« — — der Bauchredner. 201 „Warum kommen Sie nicht, und legen Hand mit an?« rief einer der Zimmerleute, der auf das Geſchrei berbeige⸗ eilt war.»Hoͤren Sie denn nicht?.. Hat denn Keiner von Ihnen ein Herz im Leibe?« Dieſer Aufruf an ihre Menſchlichkeit veranlaßte die ſchau⸗ ſpielenden Gentlemen, ſich in einem dicken Haufen den al— ten Decorationsſtuͤcken zu nähern, und als Valentin nun ein tiefes melancholiſches Seufzen ertoͤnen ließ, wurden ſie uͤberzeugt, daß, wenn nicht bald Huͤlfe käme, es zu ſpaͤt ſein wuͤrde. Sie gingen daher raſch an das Werk, ungeachtet des Staubes, der zolldick auf jeder Decoration lag, ungeachtet ihrer glänzenden Anzuͤge und Wuͤrden, kurz, an nichts denkend, als an die Entfernung dieſer Decorationen, die, wie ſie meinten, Jemand zu erſticken drohten. »Buͤcken Sie ſich!« rief der Zimmermann, als etwa die Hälfte der Decorationen entfernt war;„buͤcken Sie ſich und kriechen Sie darunter hervor.« »Ich kann nicht.. ich kann nicht! Oh!. ge⸗ ſchwind!.. oh! bringen Sie ſie weg!« rief Valentin, wie Jemand, der nach Luft ſchnappt. g »Nun Hand angelegt, meine Herren! raſch!... Hand angelegt!« rief der Zimmermann, und die Nobili, und die Valentin Vor Räuber, und die geſammte Bauernſchaft, ſämmtlich bereits mit dickem Staube überzogen, ſchritten wieder eifrig an das Werk, während die Damen, deren Beſorgniß ihrer natur⸗ lichen Neugierde gewichen war, genau zuſahen, wie jedes Stuck fortgetragen wurde, um zu erfahren, wer das wohl irgend ſein koͤnne, und einen gewiſſen unverhuͤllten Argwohn auszudruͤcken, der ſich auf den Grund bezog, weshalb eine Dame ſich wohl hätte veranlaßt fuͤhlen koͤnnen, hinter dieſe Couliſſen zu kriechen. Da die Decorationen immer groͤßer und ſchwerer wur⸗ den, ſo ward es endlich immer muͤhſamer, ſie fortzuſchaf⸗ fen; Valentin jedoch war entſchloſſen, die Herren nicht los⸗ zulaſſen, und trieb ſie daher durch wiederholtes Huͤlferufen fortwährend zu neuen Anſtrengungen an. Jeder, der nicht grade auf der Buͤhne beſchaͤftigt war, wurde laut zum Beiſtande herbeigerufen, und da man bald einſah, daß dieſe nothwendigen, oder vielmehr requirirten Unterſtuͤtzungen mit dem Fortgange der Oper unverträglich waͤren, befahl der Regiſſeur, den Vorhang niederzulaſſen, und trat vor, um anzuzeigen, daß ein unvorhergeſehener trauriger Vor⸗ fall ſich ereignet, und um die Rachſicht des Publicums auf einen Augenblick in Anſpruch zu nehmen, was das Publi⸗ cum denn auch auf das Bereitwilligſte geſtattete. — ——— —— der Bauchredner. 203 Nun legte Alles mit vermehrtem Eifer Hand an, und die alten Decorationen wurden auf eine Weiſe durch ein⸗ ander geworfen, wie nie zuvor. Mit dem Wegnehmen jeder einzelnen erhob ſich ein dicker Staub, aber weder Nobili, noch Bauern, noch Räuber ließen ſich durch Be⸗ trachtungen der Art von der Ausfuͤhrung eines Acts der rein⸗ ſten Humanitaͤt abhalten. Sie arbeiteten, wie Steinkoh⸗ lengräber, und waren beinahe eben ſo ſchwarz, waͤhrend der Schweiß ihnen aus allen Poren drang. Endlich gelangten ſie durch faſt ubermenſchliche Anſtren⸗ gungen zu den drei letzten Decorationen, und da dieſe bei weitem ſchwerer zu ſein ſchienen, als alle uͤbrigen, ſo ward beſchloſſen, ſie, ſtatt wegzutragen, nur von der Wand abzuſchieben. Dies geſchah denn allerdings auch, aber Va⸗ lentin hoͤrte dennoch keineswegs auf zu ſeufzen. »Iſt es Sie denn noch nicht moklick, herausßukom⸗ men?« fragte der Maſchiniſt der Buͤhne, ein Franzoſe, der mit ſeiner Geſchicklichkeit prunkte, das Engliſche mit der Reinheit und Kraft eines Eingebornen zu ſprechen. »Oh!. nein, nein!« rief Valentin mit kaum hoͤr⸗ barer Stimme,»ſchaffen Sie Alles fort... oh! ich erſticke...„ »Kut! kut! Sie muſſen ſaͤhr fett ſein, wenn Sie nit Valentin Vor ein im Stand hervorßukrieken.... Warum haben Sie auk gegangen hinter ſie!?« »Geſchwind! oh!... geſchwind!« rief Valentin; und wiederum wurde ein großes Verſetzſtuck fortgeſchafft. »Nun, keben Sie mir Ihre And,« ſagte der Maſchiniſt, indem er niederknieete und ſeinen Arm hinter die beiden noch uͤbrigen Decorationen ſteckte.»Kommen Sie! ick werd' Sie herausßiehn.« »Ich kann Sie nicht erreichen,« ſagte Valentin,« vo, geben Sie mir einen Tropfen Waſſer.« „Das arme Kind!... Etwas Waſſer!« rief er den umſtehenden zu, und ſogleich ward etwas Waſſer in einer Kanne gebracht, die er ſo weit als er nur reichen konnte hinter die Decorationen ſchob. Da nur noch zwei Verſetzſtuͤcke uͤbrig waren, ſo wur⸗ den ſie von der Wand abgeſchoben, und da das Seufzen aufgehoͤrt hatte und man allgemein glaubte, das Frauen⸗ zimmer läge in Ohnmacht, ward eine Laterne gebracht, mit welcher der Maſchiniſt hinter die Decorationen ging; in dem Augenblicke jedoch fiel er uͤber die Kanne und das Licht verloſch. Es ward jedoch raſch eine andere Laterne geholt und er begann auf das Neue ſeine Forſchungen. »„Wo ſind Sie?« fragte er.»vWo krieken Sie umher, ——— der Bauchredner. 205 arm Ding?.. Kommen Sie!... Wo Teufel ſtecken Sie denn?« fuhr er mit verſtarktem Nachdruck fort, und betroffen, daß er Niemand finden konnte, kam er hervor und rief verwundert:»Kein' Seel darin!« »Was!« rief der Zimmermann, indem er die Laterne ergriff,»ich wette um eine Krone, ich finde Jemand.« Er ging hinein, kehrte aber gleich darauf ebenfalls be⸗ troffen wieder zuruͤck, und beſtätigte die ſeltſame Ausſage des Maſchiniſten. »Nun! iſt ſie heraus?« fragte der Regiſſeur. »Mon, Sie hat nicht drin keweſen!« ſagte der betrof⸗ fene Maſchiniſt. »Wer denn?« rief der Regiſſeur. »Kar Keiner!« »Pah! Dummheiten! ſie iſt ohnmaͤchtig geworden... Geben Sie mir ein Licht,« und der hoͤchſt erzuͤrnte Regiſ⸗ ſeur kroch dahinter.»„Sind Sie uͤberzeugt,« fragte er, nachdem er vergebens umhergeſucht,»daß ſie nicht ent⸗ wiſchte, um eine Entdeckung zu verhindern?« »Zum Teufel auk!« rief der Maſchiniſt.„Ick aben kein Auge von ſie abgewandt... es iſt unmoͤklik.« »Sie wollen mir doch nicht weiß machen, ſie ſei gar nicht dageweſen 2 Valentin Vor „Sehr außerordentlik, ſehr, ſehr!... aber es hat nix geweſen darin, als der Waſſer, den wir haben ſelber hineingeſetzt.« Das Publicum ward ungeduldig, und der Regiſſeur, der wohl einſah, daß es eine Favorite des Maſchiniſten ge⸗ weſen, welcher dieſer zur Flucht behuͤlflich war, ſprach in mehrern Ausrufungen ſeinen Unwillen aus, und ließ die Vorſtellung wieder beginnen. Es wurden daher die Haupt⸗ perſonen der naächſten Scene gerufen, und der Vorhang ging wieder auf, trotz der ernſtlichen Einreden des Chordi⸗ rectors, welcher den ſchmutzigen Zuſtand derjenigen bemerkte, die er mit einem Gefuͤhle des Abſcheues hinausfuͤhrte; denn außer dem Staube, der feſt an ihren bemalten Geſichtern klebte, hatten ſich dick mit Zinnober vermiſchte Schweißſtro⸗ me in allen Richtungen ergoſſen, und ſahen wie geronnenes Blut aus. Daß dieſen Theaterindividuen alſo Zeit gelaſſen werden muͤſſe, ſich wieder ſchon zu machen, mußte Jedem klar ſein; allein der Regiſſeur war unbeugſam, und da gleich darauf der Chor erſcheinen mußte, ſo traten ſie auf, wie ſie waren. Die Aufreguug bewirkte, daß ſie mit einem falſchen Ghor einſetzten:— ein umſtand, der eine kleine rothnaͤſige Perſon, die dicht bei der Rampe in einem kleinen Loche „ — der Bauchredner. 207 faß, dermaßen in Harniſch brachte, daß ſie, nachdem ſie heftig:„Cedi il campo alla vendetta!— cedi il cam- po alla vendetta!« geſchrieen, das Buch erhob, um es ihnen an die Koͤpfe zu werfen. Das brachte ſie zur Be⸗ ſinnung. Sie fingen den richtigen Chor an, und nachdem ſie ihn leidlich durchgefuͤhrt, ſchloß der erſte Act unter ei⸗ nem ſo lauten Ziſchen, daß u uſend Schlangen verge⸗ bens mit ihm rivaliſirt haben wuͤrden. Im Zwiſchenacte waren die Herren vom Chor eifrig beſchäftigt, ihre Geſichter zu waſchen und neu anzuſtreichen, waͤhrend die Damen verwundert fragten, wer wohl hinter den alten Couliſſen geſteckt haben moͤge, feſt uͤberzeugt, daß es eine Dame vom Chor geweſen, und ſie ungeſehn aus dieſer zweideutigen Situation entſchluͤpft ſei. Der Maſchi⸗ niſt dagegen, welchem ſie ihre Vermuthungen mittheilten, wollte das durchaus nicht zugeben. Er ſagte: »„Jeder Weck war verſperrt, und ick hatt' meinen Auge auf ihr; und ſo hat es der Teufel geweſen, wenn es uͤber⸗ all Jemand war, und er warf mir ßu Boden, als ick ein⸗ trat, und floh ſick dann weck.« Während die Herren vom Chor ſich wieder ein leidli⸗ ches Anſehn gaben, amuͤſirte ſich Valentin ungemein uͤber die ſonderbaren Hypotheſen, welche ſie aufſtellten. Endlich 208 Valentin Vor gelangte man zu der einſtimmigen Meinung, daß ſie, wer ſie auch geweſen ſei, nicht beſſer waͤre, als ſie ſein moͤchte; ihr Entſchluͤpfen aber war ein Geheimniß, deſſen Loͤſung Alle fuͤr unmoͤglich erklärten. Der Burſche trat nun ein, um die Choriſten zu rufen, die ſogleich hinabſtiegen; und der zweite Act begann. Das Publicum war offenbar, was ſich leicht erklren laͤßt, etwas piquirt, da es aber Valentins Abſicht war, es wie⸗ der in gute Laune zu verſetzen, ſo rief er in halbunter⸗ druͤcktem Tone mitten aus dem Parterre heraus: „Nehmen Sie die Taſchen in Acht!« Kaum waren dieſe einfachen Worte gerufen, als eine ⸗ gleichzeitige Bewegung von Seiten der Herren bewies, wie ſehr ſie bemuͤht waren, den ihnen ertheilten Rath zu be⸗ nutzen, und waͤhrend jeder nachſuchte, ob er auch Alles, was er mitgebracht, noch habe, warf er auf jedes in ſei⸗ ner Naͤhe befindliche Individuum verdaͤchtige Blicke. „Ladies! ſehen Sie ſich vor!« rief Valentin, und ſo⸗ gleich erhob ſich ein beiſpielloſes Rauſchen ſeidener Kleider. »„Meine Uhr!« fuhr er mit weiblicher Stimme fort.»mei⸗ ne Uhr! o, meine liebe kleine Uhr!« In dem Augenblicke erhob ſich das ganze Parterre, waͤhrend die Perſonen in den Logen ängſtlich umherblicktenz 209 der Bauchredner. zu ihrem groͤßeſten Erſtaunen aber konnte Niemand die Dame entdecken, welcher beſagte liebe kleine Uhr geſtohlen war. »Polizei!... Polizei!“ rief Valentin, mit derſelben Stimme. Und aus allen Theilen des Bauſes ſtuͤrmten ner in das Parterre. „Ich habe ihn!⸗ Vatentin fort. „Wo?« rief ein mit Suc bewaffüeter Herr. »Pier! Polizei! Polizei!« und die ehrenwerthen Polizeibeamten folgten eifrig und gewandt der Stimme. „Sie wiſſen, daß haben! Sie wiſſen es zu gut! O, geben Sie ſie mir zuruc und ich laſſe Sie los ich laſſe Sie entwiſchen! »Nein! halten Sie ihn!.. halten Sie ihn« rief ein Polizeidiener, der nach dem Orte eilte, woher der Ton zu kommen ſchien; hier aber ſah er ſich getäuſcht. Er konnte weder eine Perſon finden, die eine Uhr geſtohlen hatte, noch eine Perſon, der eine Uhr geſtohlen war. Die umſtehenden ſahen einander betroffen an, nicht die geringſte Auskunft konnte er erlangen, und da die Stimme nicht Valentin Vox. 1. 14 210 Valentin Vor mehri gehort ward, ſo nahm man als gewiß an, daß der Dieb entkommen ſei.„ In dieſer Ueberzeugung nahmen die Leute allmälig wie⸗ der ihre Plaͤtze ein, und als die Ruhe einigermaßen wieder hergeſtellt war, ward abermals ein verzweifelter Verſuch gemacht mit der Oper fortzufahren.. Bei den erſten Toͤnen aus dem Orcheſter, deſſen Mit⸗ glieder rings umher in der Eile eine tuchtige Priſe Schnupf⸗ taback genommen, eilten vier der vorzüglichſten Artiſten wuͤthend vor, um ein ruͤhrendes Quartett zu ſingen. Sie begannen mit offenbarer Verachtung der Muſik, und ſangen uͤberhaupt in einem ſo ſorgloſen Style, daß ſie das Pu⸗ blicum in Ungewißheit ließen, ob ſie wirklich ſaͤngen oder nicht. um daher etivns Leben in das Haus zu bringen, ließ Valentin, noch ehe das Quartett halb zu Ende war, aus der Omnibus-Loge ein ſchoͤnes Echo ertönen, und —— da dieſes gerade in einige glaͤnzende Paſſagen der Prima Donna fiel, ſo ſchleuderte die Dame einige durchbohrende Blicke nach dem Echo, und ſtuͤrzte mit mehr Feuer, als Anmuth, von der Buͤhne. Die Oper ward daher abermals unterbrochen und das Publicum im hoͤchſten Grade aufgebracht. Die Zuſchauer verlangten laut und gebieteriſch den Regiſſeur, und als er. —— „ —— ————————— der Bauchredner. 211 erſchien, wollten ſie ihn nicht zu Worte kommen laſſen. Sie ſahen, wie er ſich in ſchuldiger Demuth verbeugte, mit ſchuldiger Heftigkeit bebte; aber obſchon ſie eine Er⸗ klärung uͤber dieſe ſeltſamen Vorfälle forderten, geſtatteten ſie ihm doch auf keine Weiſe, dieſem Verlangen zu genuͤ⸗ gen. Als er ſeinen anmuthigen Koͤrper immer tiefer ver⸗ beugte, und lächelte, und grunzte, und feierlich die Hand auf das Herz legte, war es, als ob er ſich ſelbſt eine Reihe hoͤchſt wichtiger Fragen vorlegte und ſich dieſelbe auf das Ungenuͤgendſte beantwortete. Endlich jedoch wagte er es, von der Buͤhne zu ſchluͤpfen, um wo moͤglich die Pri⸗ ma Donna zum Wiederauftreten zu bewegen. Dieſe aber war unerbittlich. Nichts konnte ſie zum Nachgeben bewe⸗ gen. Sie erklärte, ſie wollte ieber ſterben, als wieder auftreten, und nachdem ſie einer Schneidermamſell einen Fußtritt verſetzt und einer andern mit großer Geſchicklichkeit ein Opernglas an den Kopf geworfen, machte ſie ihrem Zorne gegen den armen Regiſſeur mit außerordentlicher Kraft und Wirkſamkeit Luft. Der Laͤrm in dem Hauſe dauerte noch immer fort; denn, wie der Regiſſeur vorausgeſetzt, hielt man ihr Weg⸗ laufen fuͤr eine Verletzung der Achtung. Zitternd ſah er durch das Loch im Vorhange, horchte dann an den Couliſſen 242 Valentin Vor und zankte mit einem Zimmermann, weil er nieste; als er aber in unharmoniſchen Toͤnen und immer ſtaͤrker wiederholt gerufen wurde, warf er einem unſchuldigen Lampenputzer mit großer Heftigkeit ſeinen Hut an den Kopf und trat dann in tiefſter Demuth wieder vor den Vorhang. Er ward mit zornigem Geſchrei empfangen, doch blieb er ſte⸗ hen, bis die Lungen des Publicums unverkennbare Symp⸗ tome der Erſchoͤpfung zu zeigen begannen; da trat er dicht an die Rampe, und bat um Erlaubniß, anzeigen zu důr⸗ fen, daß in Folge einer plotzlichen unpaͤßlichkeit der Ma⸗ dame Placidi mit gutiger Erlaubniß des Publicums Ma⸗ dame Graciani die Ehre haben wuͤrde, die Partie zu Ende zu ſingen. Es war unmöglich zu entſcheiden, ob bei der Abſtim⸗ mung das„Ja« oder das»Nein« uͤberwiegend war Der Regiſſeur jedoch nahm an, ſein Antrag ſei mit bedeutender Mäjorität durchgegangen, und verließ die Buͤhne, um Ma⸗ dame Graciani, die der Neid hergefuͤhrt hatte, zur Uneber⸗ nahme der Partie zu bewegen. Die Dame zeigte ſich an⸗ fangs abgeneigt, als der Regiſſeur ihr aber den hohen Enthuſiasmus ſchilderte, mit dem ihr Name begrußt worden ſei, erfullte dieſes gluͤhende Gemälde ſie mit neuer Hoff⸗ nung, und ſie eilte, ſich zu einem Triumphe vorzubereiten. „———— der Bauchredner. 2¹3 Als jedoch Madame Graziani eben auftreten wollte, kam dieſe erſtaunliche Kunde der Madame Placidi zu Ohren, die ſich nun ſo ploͤtzlich von ihrer ernſten Unpaͤßlichkeit er⸗ holte, daß ſie darauf beſtand, ſie wolle ihre Partie ſelber zu Ende ſpielen. Der Regiſſeur erklaͤrte ihr zur Strafe, daß ſie, da ſie nicht gewollt habe, als es ohne ſie nicht gegangen wäre, nun, da es ohne ſie ginge, nicht ſolle; das machte ſie aber nur noch wuͤthender, und da der Re⸗ giſſeur mehrere ſchlagende Beweiſe ihrer freundlichen Geſin⸗ nungen hatte, ſo hielt er es unter dieſen Umſtaͤnden fur gerathener, nachzugeben. Er erſchien daher abermals vor dem Publicum, um das außerordentliche Ereigniß zu mel⸗ den, daß Madame Placidi gluͤcklich wiedet hergeſtellt ſei, und die Vorſtellung nahm ihren Fortgang. Da der Regiſſeur indeß nicht im Stande geweſen war, Madame Placidi zu beſtrafen, ſo beſchloß Valentin, es auf ſeine eigne Hand zu thun. Er ließ daher abermals das intereſſante Echo ertoͤnen, das endlich das Publicum wirklich zu amuͤſiren ſchien; aber nun war die Wuth der Madame Placidi unbeſchreiblich. Niemand wagte es, ihr nahe zu kommen, wenn ſie die Buͤhne verließ. Sie ſtampfte mit den Fuͤßen und knirſchte mit den Zaͤhnen, und biß ſich in die Lippen, bis ſie bluteten; und lag ihr von den Couliſſen 214 Valentin Vor bis in die Garderobe irgend ein kleines lebloſes Ding im Wege, zum Beiſpiel eine Buͤrſte oder dergleichen, ſo packte ſie es, und warf es heftig zu Boden und trat in wildem Zorne darauf herum. Unter dieſen Umſtaͤnden aͤußerte der verbluͤffte Maſchiniſt die Meinung, daß es rathſam ſein mochte, die Oper ſo kurz als moglich abzuthun, und da dieſer wirklich treffliche Rath am geeigneten Orte Beifall fand, kam das Finale, ehe es erwartet wurde, aber darum gewiß in keiner Hin⸗ ſicht unwillkommen. »Nun« ſagte ein Herr, der halb wie ein Tuͤrke und halb wie ein Italiener ansſah, in welchem Valentin aber ſogleich Horace erkannte,»nun wollen wir uns raſch um⸗ ziehn; dann ſind wir unten, ehe das Ballet beginnt.« Beide eilten daher hinauf, und ſtiegen dann, nachdem ſie ſich wieder in etwas verwandelt was ſie wie anſtän⸗ dige Chriſten erſcheinen ließ„noch einmal die eiſerne Wen⸗ deltreppe hinab. Die Buͤhne bot nun einen ganz andern Anblick dar. Der Vorhang war noch herunter, und unzählige ſylphen⸗ artige Geſtalten in kurzen Roͤcken, mit weißen Nacken, ro⸗ then Wangen und zierlichen Wädchen flatterten luſtig in al⸗ ————.———— der Bauchredner. 21¹5 len Richtungen umher. Im Hintergrunde lag eine Gruppe kleiner Feen auf einem hoͤlzernen Kaſten, der ſo bemalt war, daß er ein Roſenlager darſtellte, waͤhrend auf beiden Seiten eine Reihe engelgleicher Weſen beſchäftigt war, die Beine bis zu einer bedeutenden Hoͤhe zu erheben,— eine Operation, bei der ſie ſolche Ausdauer zeigten, daß Va⸗ lentin wirklich erroͤthete. Er hielt es jedoch fuͤr unwoͤglich, daß das Laſter ſeinen Sitz in Weſen aufgeſchlagen haben ſollte, die ſo lieblich, ſo unſchuldig ausſahen; aber waͤhrend er bereit war, dieſe Spielerei, an der ſie Vergnuͤgen zu finden ſchienen, einem muntern, ſcherzenden Geiſte zuzu⸗ ſchreiben, mußte er ſich doch bekennen, daß dieſes ein Spiel waͤre, welches einzig und allein auf den Spielplatz gehörte. Aber. ach! wie ſchoͤn ſahen ſie aus! wie unſchuldig! ach, wie gluͤcklich! „Fort, Sie Viech!« vief eine derſelben einem ſehr ehr⸗ wuͤrdig ausſehenden Herrn zu, der ſeine weißen Glacéhand⸗ ſchuhe mit der roſigen Farbe ihrer Wangen in zu nahe Beruhrung gebracht hatte.»Ich ſchlage Sie in's Geſicht, Sie alter Narr!« fuhr der Engel fort, und indem ſie Va⸗ lentin zuruͤckdrängte, ließ ſie einen großen Theil der ſchneei⸗ gen Weiße ihres Nackens auf deſſen Rockärmel ſitzen, wäh⸗ rend der ehrbare alte Herr, mit einem Blicke, den er ſo 216 Valentin Vor lockend als moͤglich zu machen ſuchte, und mit ſo viel ju⸗ gendlicher Behendigkeit, als er auftreiben konnte, hinter ihr herlief. Valentin war erſtaunt.»Iſt es moͤglich,« dachte er,„daß ſolch ein Ausruf von einer ſo eleganten Perſon ausgehn kann!« und er ſah auf ſeinen Aermel; als er aber gleich darauf eben jenen Engel den alten Herrn »mein werther Freunde nennen hoͤrte, meinte er, er muͤſſe wohl gegen einen Bäcker oder eine friſch getuͤnchte Wand gelaufen ſein. Doch konnte er ſich bei alle dem nicht von dem Glauben losmachen, daß, obſchon der alte Herr ihr Großvater ſein koͤnnte, und ſo langweilig und fad' er auch ſein moͤchte, es doch ſehr unrecht waͤre, ihn ein»Viech« zu nennen. Nachdem er dieſe Scene noch einmat betrachtet, naͤherte er ſich einer dicht hinter dem Vorhange ſtehenden Gruppe vornehmer Perſonen, von denen die meiſten etwa ſechszig Jahre alt waren. Sie hattey einen Kreis gebildet, in deſ⸗ ſen Mitte ein wunderſchönes Maͤdchen tanzte, ohne daß ſie die Gegenwart der ſie umgebenden im Geringſten zu be⸗ merken ſchien. Ihr Haar war mit Blumen und goldenen Kaͤmmen geſchmuͤckt, während ihr reizender Hals mit einer Schnur blitzender Diamanten geziert war, die auf dem Vuſen von beinahe unſichtbaren Fäden gehalten wurde.— Ihr Anzug war glaͤnzend weiß und aͤußerſt zart, und da — — der Bauchredner. 217 er kaum zwolf Zoll unter die Huͤften hinabreichte, ſo glich er, während ſie auf einem Zehen herumwirbelte, einem ausgeſpannten Sonnenſchirme. Waͤhrend ſie ſprang und pirouettirte und anmuthige Capriolen jeder Art machte, ſchienen die Herren rings umher in Bewunderung verloren zu ſein; aber in den Geſichtern Aller lag ein ſo ganz be⸗ ſonderer Ausdruck, daß Valentin durchaus nicht entraͤthſeln konnte, welche Empfindung ſich darin ausſpräche. „Nun,« ſagte Horace, der ſich eben von einer der Feen losgemacht hatte,»was meinen Sie dazu? Schmucke Thierchen, nicht wahr?« „Virklich, ſehr elegante Geſchoͤpfe!« ſagte Valentin; »doch kommt es Ihnen nicht vor, als ſetzten ſie die Delica⸗ teſſe ein wenig aus den Augen?« „Die Delicateſſe?u wiederholte Horace lächelnd.»Sie haben doch nicht erwartet, daß Sie hier gar zu viel Deli⸗ cateſſe finden wuͤrden?« »Sehen Sie nur!« rief Valentin, indem er auf eine Sylphide wies, deren linker Fuß ſich in gleicher Hoͤhe mit ihrem Scheitel befand,„das finde ich denn doch wirklich etwas ungeziemend.« 218 Valentin Vor Horace lächelte abermals, und rief, als Valentin noch einige ſolcher unſchuldiger Bemerkungen machte, endlich aus: »Was glauben Sie denn, weshalb dieſe alten ehrwuͤr⸗ digen Herren hieherkommen? Bemerken Sie ihre luͤſternen Blicke nicht? Doch achten Sie jetzt einmal auf die, die ihre Familien im Hauſe haben. Was die fuͤr lange Ge⸗ ſichter machen werden! Wäͤhrend ſie wieder herum zu ih⸗ ren Frauen und Tochtern gehen, die vielleicht eben ſo ſchoͤn ſind, als dieſe Geſchoͤpfe hier, nehmen ſie wieder eine ſo moraliſche Miene an, wie ein Uhu.« In dem Augenblick klingelte es, Alles lief von der Buͤhne und der Vorhang ging auf. Wie Horace vorher geſagt, zogen die meiſten von den alten Herren ab, und da Valentin vollkommen genug geſehen hatte, um ſich zu uͤberzeugen, daß die Tugend keineswegs zu den charakteri⸗ ſtiſchen Eigenſchaften der Zuruͤckbleibenden gehoͤrte, war es ihm, als koͤnnte er der Geſellſchaft einen weſentlichen Nutzen ſtiften, wenn er ihnen eine ernſtliche Lection gäbe. »Warten Sie auf mich in der Halle!« fliſterte er einem gichtiſchen Alten in das Ohr, als eine Nymphe hin⸗ ter ihm durch ſchluͤpfte, um auf die Buͤhne zu gehn. »Ja, ja, mein Herzchen, ich werde warten!« ſagte 1 —— der Bauchredner. 2¹9 der alte Herr, in der Meinung, die Einladung käme von jener Nymphe her, und er rieb ſich entzuͤckt die Haͤnde, und preßte ſie an ſeine duͤrren Lippen, und ſeufzte, und lächelte, und warf ſo ſchmachtende Blicke, als er nur ir⸗ gend hervorbringen konnte. „Abſcheulich!« rief Valentin, indem er ſeine Stimme dicht hinter dem alten Herrn ertoͤnen ließ.»Schaͤmen Sie ſich, Herr... Ein ſo alter Mann wie Sie!« Der gichtbruͤchige alte Herr ſah ſich erſtaunt um; da er aber nicht entdecken konnte, woher die Worte kamen, uͤberkam ihn eine Empfindung, die ihn veranlaßte, ſich ſo eilig als moͤglich von dem Orte zu entfernen. Dieſes Liebeswerk ſetzte Valentin die naͤchſte halbe Stunde hindurch eifrig fort, und als er es etwa funfzig Mal wie⸗ derholt, alſo bei allen Perſonen, welche da waren, drang Horace in ihn, die Buͤhne zu verlaſſen. Er folgte ihm, ohne jedoch die befriedigende ueberzeugung mitzunehmen, daß ſein Beſtreben die Sache der Tugend ſonderlich befoͤrdern wuͤrde. Horace ſuchte nun Valentin zu bewegen, ihn dahin zu begleiten, was er ſeinen»Club« nannte, ein geraͤumiges Haus in der Naͤhe des Theaters, deſſen Thuͤr zum Theil Valentin Vor offen ſtand und das glaͤnzend erleuchtet zu ſein ſchien. Da es aber ſchon zwoͤlf uhr war, und er am andern Morgen in aller Fruͤhe aufzuſtehn wuͤnſchte, ſo entſchuldigte er ſich, rief einen Wagen herbei, verließ Horace, der ſich im Club erholen wollte, und fuhr allein nach dem Hauſe ſeines Beſchuͤtzers. —— der Bauchredner. 22¹ Zwölftes Kapitel. Valentin's Fahrt nach Gravesend. Ohne den Lauf dieſer Abenteuer irgend unterbrechen zu wollen, konnen wir hier doch bemerken, daß Valentin ſo⸗ wohl in Bezug auf den Kopf, als auf das Herz, durch⸗ aus keinen hohen Begriff von Horace hatte; denn indem er ſeine Handlungen genau beobachtete und nach der Ab⸗ ſicht einer jeden forſchte, hatte er ſich vollkommen uͤberzeugt, daß die umſtaͤnde zwar einen großen Schurken, aber nim mer einen großen Mann aus ihm wuͤrden machen können. Voll von dieſer Ueberzeugung zog er ſeine Uhr auf und legte ſich nieder, und nachdem er die ganze Nacht hindurch vom Feenlande geträumt, ſtand er ungewoͤhnlich fruͤh auf, aß ein tuͤchtiges Fruͤhſtuͤck, und eilte nach der Dampf⸗ bootwerfte. 5 Es war an dem Morgen ungemein heiß; als er dahin eilte, raſſelten die oͤffentlichen Wagen mit großer Schnellig⸗ keit uͤber die Steine, und während die Pferde mit blauen. 222 Valentin Vor und gelben Roſetten geſchmuͤckt waren, weil es Sonntag war, trug jeder Fuhrmann ſtolz ſeine ſchoͤnſten Kleider und den dickſten Blumenſtrauß, den man fuͤr einen Pfenning bekommen konnte. Als Valentin ſich der Werfte näherte, eilten ganze Schaaren von Menſchen in derſelben Richtung hin: ei⸗ nige mit Kindern auf den Armen, andere mit Vorraths⸗ korben in der Hand, und wieder andere, die, obſchon ohne Kinder und Koͤrbe, doch eben ſo gluͤcklich zu ſein ſchienen, als die, welche beides hatten. Als es zehn Uhr ſchlug, hatten ſich ſchon fuͤnf bis ſechs⸗ hundert Perſonen auf dem Verdeck niedergelaſſen, und unter den Toͤnen des Orcheſters, das aus einer Harfe, einer Geige und einer Floͤte beſtand und eine ſehr populaire Me⸗ lodie anſtimmte, fuhr das Boot ab. Sogleich wurden Ing⸗ werbier und Ale requirirt, und waͤhrend viele von den Herren ihre Cigarren rauchten, merkte ſich Valentin die verſchiedenen Befehle, die von dem Capitain durch den Jun⸗ gen ertheilt wurden, der bereits uͤber dem Raume ſtand, in welchem die Dampfmaſchine arbeitete. Das Schiff war noch nicht weit gekommen, als Valen⸗ tin, uͤberzeugt, die Stimme des Burſchen genau nachahmen zu können, einen Verſuch zu machen beſchloß, welche Wir⸗ —— der Bauchredner. 223 kung dieſes Erperiment wohl haben könnte. und da er ſich die ertheilten Befehle ſelbſt genau gemerkt hatte, ſo begann er mit dem Ausrufe:»Hiſſen!« »Nein, nein! gehn laſſen!« ſagte der Capitain. »Gehn laſſen!« rief der Burſche. »Hiſſen!« rief Valentin abermals. »Wer hat Dir das geſagt?⸗ fragte der Capitain den Jungen. »Halt! halt!« rief Valentin, und im Augenblick wurde die Maſchine gehemmt. »Was fällt Dir ein 2 rief der Capitain.»Bedenke ja, was Dir bevorſtebt.. Vorwaͤrts, und mach mir ſolche Dummheiten nicht mehr.« »Vorwaͤrts!« rief der Junge, der nicht klug daraus werden konnte, obgleich er uͤberall umherſah und ſich ener⸗ giſch den Kopf kratzte. In dieſem Augenblicke ſah man eine Fähre warten, im Begriff, drei Paſſagiere an Bord zu bringen, und als dus Schif ſch ihr näherte, hob der Capitain die Hand auf.* »Hiſſen!« rief der Burſche, der die Hand beobachtete, und als ſie ſich abermals bewegte, commandirte er:»Haltle . 224 Valentin Vox. Die Leiter ward hinabgelaſſen, und ein Mann ſtand bereit mit einem Seile, an welchem ſich unten ein Boots⸗ haken befand. »Vorwärts!« rief Valentin, eben als die Fähre bei dem Schiffe angelangt war, und dieſes fuhr weiter und ließ die Faͤhre weit hinter ſich. »Halt! halt!« rief der Capitain ärgerlich.»Was iſt's heute Morgen denn mit Dir?« »Halt!« rief der unſchuldige Burſche, und der Fähr⸗ mann, alt und nicht ſehr kraͤftig, ruderte ſo raſch, als er nur konnte; da er aber gegen die Fluth ankämpfen mußte und ziemlich weit von dem Schiffe entfernt war, ſo währte es lange, ehe er, in Schweiß gebadet, ſich ihm wieder nahern konnte. Dennoch erreichte er es endlich wieder; als er aber eben an der Treppe anlegen wollte, rief Va⸗ lentin:»Umlegen!« wodurch, da das Schiff mit der Fluth ging, die Fähre abermals eine ziemliche Strecke zu⸗ ruckblieb. Halt! Schurke! vorwärts! Was ſoll das heißen 24 rief der Capitain zornig. S »Halt! Vorwaͤrts!« rief der Burſche, der aus dem Allen nicht klug werden konnte. der Bauchredner. 225 »HPiſſen« rief er dann wieder, als der Capitain die Hand erhob,»halt!« »Vorwaͤrts!« rief Valentin in demſelben Tone, und das Schiff ließ abermals die Faͤhre hinter ſich. Da der Capitain in dieſem Augenblicke ſeinen Hut nach dem Jungen warf, und dieſer ſeinen Kopf heftig zu reiben begann, als ob jener ihn wirklich getroffen haͤtte, ſo lief das Schiff, bis der Gegenbefehl gegeben wurde, ſo weit vor, daß der Fährmann, der wohl einſah, daß man ihn zum Beſten habe, die Sache aufgab. Nun war der Capitain gewiß ein merkwuͤrdiger Mann, aber die hervorſtechenden Eigenſchaften ſeines Geiſtes waren noch merkwuͤrdiger, als die ſeines Koͤrpers. Er war ein außerordentliches Fluchmaul geweſen, ſeit er aber eine be⸗ ſondere Vorliebe fuͤr Literatur und Kunſt gefaßt, hatte ihn ein zehnmonatliches Studium darin zu einem ganz andern Menſchen gemacht. Statt jeden Abend in ein nahes Wirths haus zu gehen, um dort ſeine Pfeife zu rauchen und ein Glas Wachholder mit Waſſer zu trinken, blieb er philoſo⸗ phiſch zu Hauſe, um ſich in den Gegenſtänden der Theo⸗ logie, Geologie, Phrenologie und Phyſiologie vollkommen auszubilden, und was das Schworen und Fluchen betrifft, Vslentin Vox. 1. 15 226 Valentin Vor ſo bemerken wir hier nur, daß er geſchworen hatte, nie wieder zu ſchwoͤren noch zu fluchen! Wie er nufk ſeinen Zorn ausdrücken ſollte, ward fuͤr ihn eine Schwiepigkeit, die er jeden Tag zu beſiegen hatte. Er hatte nicht den geringſten Begriff davon, ſeine Leiden⸗ ſchaft zu zuͤgeln, ſein Zweck beſtand nur darin, ſeine Zunge zu zuͤgeln, und da das Fluchen bei ihm zur zweiten Natur geworden war, ſo kam er haͤufig in Gefahr, ſich ein Paar bedeutende Blutgefäße zu ſprengen, weil er ſeinem Zorn nicht in der Sprache Luft machen wollte, an die er ſo lange gewoͤhnt geweſen war. Als er nun ſah, daß der Fährmann aufgehoͤrt hatte, ſeine Geſchicklichkeit zu entwi⸗ ckeln, und daß folglich das Schiff, mit welchem er rivali⸗ ſirte, die drei Paſſagiere bekommen wuͤrde, kannte ſeine Wuth keine Grenzen. »Schurke!« rief er endlich dem Burſchen zu, als er einſah, daß er entweder reden muͤſſe, oder platzen werde. »Oh! Gott verdamm' Deine lieben Augen!.. Du ver⸗ ſtehſt mich!« »Hiſſen!« rief Valentin. »Schon wieder!« ſchrie der Capitain.»O Du... Du.. zehn aus dem Pfeffer!... Laß mich nur zu Dir der Bauchredner. 227 kommen, dann iſt's ſchon gut, Du Ente. Du kriegſt die ſchoͤnſte Tracht Hiebe, die Du je gekoſtet haſt.... Laß halten.« »Halt!« rief der Junge weinend.„»Ich bins nicht. Ich weiß mir nicht zu helfen.« »Was? Das ſag noch einmal... nur noch ein Mal ſag' mir das. und wenn ich Dich nicht windelweich dre⸗ ſche, ſo nenne mich eine alte Ratte.« und der Burſche wiſchte ſich die Augen und heulte abermals, daß er es nicht geweſen. »Laß das Heulen, Junge!« rief der Capitain.»Mach mir keinen Lärm oder.* »Hiſſen!« vief Volentin. »Was! Du wilſſt nicht ruhig ſein?« »Halt!« »Was ſoll das heißen, Du kleiner. Tauſendſaſa? Was ſoll das heißen?« rief der Capitain, der mit auf die Kniee geſtuͤtzten Haͤnden daſaß.„Juckt Dir der Rücken? Sag' es nur, mein Junge, und Du ſollſt das ſchönſte Tauende kennen lernen, das Dir je vorgekommen iſt. Ich warne Dich. Hoͤre ich noch einmal dergleichen, ſo komme ich, und gebe Dir die ſanfteſte Ermahnung, die je Deine 228 Valentin Vor Nerven erſchuͤtterte! Sieh Dich vor, mein Junge, nimm freundſchaftlichen Rath an und ſieh Dich vor. Nun.. 24 »Vorwärts!« rief der Burſche, und rieb ſich heftig die Augen. „O, Du Racker!. haſt Du mich nicht verſtanden 2« rief der Capitain zähneknirſchend dem unſchuldigen Jungen entgegen, deſſen Augen während der Zeit ſo geſchwollen waren, daß er kaum aus ihnen hervorſehen konnte.»Dir juckt wahrhaftig der Ruͤcken, und ich will Dir die Freude machen, mein Junge.. thu' ich's nicht, ſo will ich nicht heißen, wie ich heiße!... So, nun kennſt Du meine Mei⸗ nung.« und nachdem er ſich auf dieſe Weiſe laut ausge⸗ ſprochen, ſteckte er triumphirend ſeine Haͤnde in die Hoſen⸗ taſchen, und richtete ſeine ganze Aufmerkſamkeit nach oben. Kaum hatte ſein Auge ſich jedoch von dem Burſchen ab⸗ gewandt, als Valentin:»Vorwaͤrts!... Halt!« rief. Doch ehe noch das letzte Wort verhallt war, ergriff der Capitain ein armdickes Tau, und ſprang, ohne ein Wort zu ſagen, von Rachſucht erfuͤllt, auf das Verdeck. »Fort, Junge! Lauf!« rief Valentin raſch, und der Burſche, der nicht auf den Kopf gefallen war, fuhr wie ein Blitz zwiſchen die Paſſagiere. Der Capitain war ihm dicht auf die Ferſen geſprungen, aber der Junge ſchoß mit * —— der Bauchredner. 229 ſolcher Geſchicklichkeit vorwärts und ſprang ſo raſch um ihn herum, daß man deutlich ſah, er werde heute nicht zum erſten Male ſo gefagt. »Paltet den Jungen!« rief der Capitain;»haltet ihn!« Aber die Paſſagiere, denen die Jagd Vergnuͤgen machte, hatten dazu keine Luſt. Sie ſuchten im Gegentheil den Burſchen zu beſchuͤtzen, und wenn ſie meinten, der Ca⸗ pitain habe ihn nun erreicht— obſchon er ihn wahrſchein⸗ lich in vierzehn Tagen noch nicht erwiſcht haben wuͤrde— ſo ſtellten ſich ihm ein Dutzend der Staämmigſten wie zu⸗ faͤllig in den Weg. „Komm hieher!« rief der Capitain keuchend.»Willſt Du hoͤren!.. hieher!« Aber der Burſche, der anderer Meinung zu ſein ſchien, weigerte ſich, der Aufforderung Folge zu leiſten, ſo daß der Capitain ihm abermals nachſetzen mußte. Endlich ließ Valentin ein verachtliches Lachen ertönen, und da es in einem Augenblicke wenigſtens hundert Echo's fand, ſo gingen dem Capitain die Augen auf, und er hielt es fur geeignet, die Jagd einzuſtellen. »Robinſon!« ſagte er,»komm Du hierher.« Damit befahl er dem Matroſen„weiterzufahren, ging 230 Valentin Vor wieder an ſeinen Platz, und Robinſon nahm die Stelle des Burſchen ein. Das Schiff fuhr nun ohne unterbrechung weiter, und da Valentin Robinſon's Stimme nicht nachahmen konnte, bis er ihn wirklich ſprechen gehoͤrt, ſo verließ er dieſen Ort, um ſich anderwaͤrts ein wenig umzuſehn. Die erſte Perſon, auf welche er ſtieß, war ein ſtaͤmmiger Herr mit ſchwarzem Backenbart, mit der Zerſtoͤrung eines huͤbſchen kleinen Buchs beſchaͤftigt, aus welchem er Blätter riß, und jedes fuͤr zwei Schillinge hingab. Die auffallende Begierde, womit dieſe Blaͤtter gekauft wurden, brachte Valentin na⸗ turlich auf die Vermuthung, daß ſie irgend eine ſchätzbare Belehrung enthielten. Er kaufte daher eins derſelben, und nachdem er den Inhalt deſſelben kennen gelernt, rief er, indem er ſeine Stimme dicht hinter den Zerſtoͤrer ſandte: »Nun, wo ſind meine ſieben?« »Sieben?« ſagte der Zerſtoͤrer;»ja drei... fuͤnf. ſieben,«— und ſieben Blaͤtter wurden auf ein⸗ mal herausgeriſſen. »Nun?« ſagte Valentin mit derſelben Stimme. »Pier ſind ſie, Herr!... hier ſind ſie,« ſagte der Zerſtorer. der Bauchredner. 231 »Gut, reichen Sie ſie nur heruͤber!« rief Valentin. „Hier, mein Herr... Sieben, Herr?.. ſieben?„ und die ſieben Blätter wurden jedem, Ider in ſeiner Nähe ſtand, angeboten. »Ich und meine Frau brauchen zwei,« ſagte ein Herr, der mit der einen Hand die Taſche aufhielt und mit der andern bis auf den Boden fuhr. »Gieb uns ein Paar, alter Burſche!« ſagte ein An⸗ derer, der einen Hut mit neun Zoll breitem Rande trug. »Bitte Herr, mir auch eins,« ſagte eine kleine Dame mit vier Locken an jeder Seite, die dicker waren, als ihr Arm. »Zum Teufel! wo bleiben denn meine ſieben?« rief Valentin von Neuem mit derſelben Stimme, wie vorher. »Laſſen Sie die Dummheiten ſind, darum will ick Ih⸗ nen recht ſehr jebeten haben,« ſagte der Zerſtoͤrer aͤrgerlich, ohne ſich umzuſehn. »Dann ſteige ich aus und bezahle gar nicht,« bemerkte Valentin. »So 74 fragte der Mann, welcher das Buch hatte, mit ironiſchem Lächeln, und ſah dabei ſtarr einem Manne in das Geſicht, der in dem Augenblicke zufaͤllig lachte.— 232 Valentin Vox »Oder auch nich; ick will es Ihnen ſchont ſagen.... Sie nennen ſich einen Gentleman, nich wahr? Ich aber nenne Sie nich ſo,«— und ſein Blut begann zu kochen, ſeine Adern ſchwollen an, und in heftigem Zorne zerriß er meh⸗ rere Blätter bei dem Herausziehen. Valentin begab ſich nun in den Salon; da er aber hier nur ein Paar junge Damen mit ihren Liebhabern fand, die in ſuͤßen Geſprächen begriffen waren, und von Zeit zu Zeit etwas Ingwerbier ſchlurften, ſo ſtörte er ſie nicht in hren Herzenseroffnungen und ging weiter nach der Cajuͤte. Hier ſchienen die Herren und Damen denſelben Zweck zu haben, waren aber bei Weitem weniger ſentimental da⸗ bei. Porter war offenbar das Lieblingsgetränk, doch hatten einige ein Gläschen Genevre dabei ſtehen, und da die mei⸗ ſten Herren rauchten, ſo ſchienen ſie im vollſten Genuß des reinſten irdiſchen Vergnügens zu ſein, indem ſie eine Pfeife in der Rechten hielten, und mit der Linken die Taille ihrer Zukuͤnftigen umſchlungen hielten. Ihre unterhaltung wurde durchaus nicht privatim ge⸗ fuͤhrt. Vorherrſchend ſchien eine Klage uͤber zu große Nie⸗ drigkeit des Lohns zu ſein, und um dieſen merkwuͤrdigen Zuſtand der Dinge zu demonſtriren, erregte ein Indivi⸗ duum dadurch eine unbeſchreibliche Senſation, daß es die der Bauchredner. 233 abſolute Nothwendigkeit der Annahme einer allgemeinen Abſtimmung zeigte. Der Laͤrm, welchen dieſer aus⸗ gezeichnete Redner machte, erſtickte die Stimmen Aller, die ebenfalls ihr Wort dazu zu geben wuͤnſchten, und wenn Jemand beabſichtigte, eine Meinung zu äußern, die auch nur im Geringſten von der abwich, welche jener geaußert hatte, konnte er gewiß ſein, daß einige, weder elegant noch grammatiſch richtig ausgedruͤckte, ſonderbare Redensarten auf ihn herabregnen wuͤrden. Um zu erfahren, wie weit jener in der Durchfuͤhrung ſeiner Grundſatze gehen wuͤrde, nahm Valentin endlich, als der Redner jeden einen Verräther nannte, der das beſtrei⸗ ten wuͤrde, Gelegenheit, in einem groben Tone zu bemer⸗ ken:»Wir brauchen hier keine allgemeine Abſtimmung.« »Wir brochen hier keene!« rief der Redner.»Mein Seel'!. broochen keene!... Ei daß Dir!... broochen keene allge... Hol' mir der Teufel!... Was broochen wir denn anderſch? ZJeder Menſch ſoll gleich ſind, ohne Unterſchied, un wer das nich voch ſagt, muß aus de menſchliche Jeſellſchaft rausgeſchmiſſen werden... Broochen keene alljemeene Abſtimmung!... Ei da ſollte ja... doch halt! eine kleene Erholung uf dieſe Dumniheit üt Nu, un worum broochen wir denn keene?.. Das is 234 Valentin Vox die Frage!« Und der Redner nickte bezeichnend mit dem Kopfe.»Nu, worum alſo broochen wir keene 24 »Weil,« entgegnete Valentin, mit einer Stimme, die von der entgegengeſetzten Seite der Cejuͤte zu kommen ſchien, »weil dann jeder Narr, wie Sie, dieſelbe mißbrauchen koͤnnte.« Das war genug. Der Redner legte ſeine Pfeife hin, that einen tuͤchtigen Schluck Bier, zog den Rock aus, ſchob die Hemdsärmeln uͤber den Ellenbogen und forderte die Stimme zu einem Borkampfe heraus. Im Augenblicke war die ganze Cajute in Aufruhr. Die Damen baten ihre Liebhaber dringend, ſich nicht hin⸗ einzumiſchen, waͤhrend die Dame des Redners ihre Arme um ſeinen Hals ſchlang, und ihn mit Thraͤnen in den Augen beſchwur,»ſeine Haͤnde nicht zu beſchmutzen, indem er ſich mit einem ſo niedrig gebornen Menſchen gemein mache.« Lange Zeit blieb der enragirte Redner unerbittlich, wurde aber doch endlich vermocht, ſeinen Rock wieder anzuziehn und die Gemuͤther der Herren und Damen beruhigten ſich wieder, obſchon er jedem Rache gelobte, der es wagen wuͤrde, anberer Meinung zu ſein, als er. Es befanden ſich hier indeß einige verheirathete Herren, — der Bauchredner. 235 deren Frauen auf dem Verdeck ſchmachteten, und da Va⸗ lentin das fuͤr unpaſſend hielt, ſo ging er hinauf, um die⸗ ſelben wieder zu vereinigen. »Kennen Sie,« ziſchelte er, natuͤrlich mit angenom⸗ mener Stimme, einer geputzten Dame in das Ohr,„ken⸗ nen Sie die Perſon nicht, die Ihr Mann in der Cajuͤte kuͤßt? Die Dame ſah erſtaunt umher. „Kennen Sie ſie?« fuhr er fort, und obgleich jene durchaus nicht entdecken konnte, wer dieſes geſagt, ſo eilte ſie doch plötzlich fort, um ihren Mann zu beaufſichtigen. »Laſſen Sie Ihren Mann von dem Genevre nicht mehr trinken,« ſagte er zu einer andern, mit demſelben Erfolge. »Geht denn Ihr Mann mit jedem Mädchen, welches er findet, ſo um?« ſagte er einer Dritten. Und ſo fuhr er fort, bis er beinahe alle verheirathete Frauen, deren Maͤnner ſich abſentirt, in die Cajute ge⸗ ſchickt hatte. »Hiho!« rief Robinſon in einem rauhen, plumpen Tone. »Das iſt alſo die Stimme, die ich nachahmen muß?* dachte Valentin.»Es iſt jetzt Zeit, den armen Burſchen wieder in ſeine Stelle einzuſetzen.« Und da er ein Boot 236 Valentin Vop auf das Schiff zurudern ſah, rief er mit aͤcht robinſon⸗ ſcher Energie: »Vorwärts!⸗ »Nein, nein!« rief der Capitain;„nein, nein; Du biſt eben ſo ſchlecht, wie der Junge.« »Halt!« rief Robinſon.„Ich habe nicht geſprochen.« »Vorwärts!« rief Valentin, und die Räder ſchlugen wieder in das Waſſer; denn auch der Maſchiniſt ward nun aͤrgerlich. »Wollt Ihr mich verruͤckt machen!« rief der Capitain. „Was ſoll das heißen?.. a ſchrie Robinſon.»Ich bin es nicht geweſen!« »Was? was?« rief der Capitain.»Du biſt es nicht geweſen?.. O, Robinſon, Robinſon! Weißt Du nicht, Robinſon, wie himmelſchreiendes Untecht es iſt, eine Un⸗ wahrheit zu ſagen, um einen Fehler zu verheimtichen?⸗ »Ich ſage Euch, ich war es nicht! und wenn Ihr keine Luſt habt, mir zu glauben, ſo moͤgt Ihr ſelbſt ru⸗ fen!«— Und Robinſon ging nach dem Vordertheil des Schiffes, faßte hier ein Seil, hieb damit desperat auf das Verdeck, ſchlug dann, nachdem er auf dieſe Weiſe Rache genommen, die Arme unter, und ſchien ſich ein wenig beſſer zu fuͤhlen. der Bauchredner. 237 »Willſt Du mir verſprechen, Junge, Dich beſſer auf⸗ zufuͤhren, wenn ich Dich wieder afnehme2« rief der Ca⸗ pitain. »Ja, Herr!« antwortete der Burſche, ſo gut er in dem Augenblick konnte, da er an einem tuchtigen Butter⸗ brot käͤuete, und die Hand des Capitains beobachtend, rief er dann:»Palt!... anhalten!«— denn das Boot kam immer näher. Der Burſche leerte ſeinen Mund ſo bald als moͤglich, wiſchte ſeine Lippen mit einer Handvoll oligen Werges ab, und entſchloſſen, den Burſchen die gute Meinung des Ca⸗ pitains wiedergewinnen zu laſſen, begab ſich Valentin auf die Seite des Schiffes. In dem Boote, welches ſich näherte, ſaßen ein ältlicher Herr und eine ausgezeichnet elegante junge Dame, die ſeine Tochter zu ſein ſchien. Valentin war von der Schoͤnheit ihres Geſichts betroffen, und ſah ſie aufmerkſam an. Es war ihm, als habe er nie ein ſchoͤneres Mädchen geſehen, und je näher ſie dem Schiffe kam— welches ſich, obgleich die Maſchine ruhte, immer noch langſam fortbewegte— deſto mehr ward er hingeriſſen. In dem Augenblicke jedoch, als ein Matroſe den Haken in das Boot werfen wollte, ſtand der alte Herr auf, und der durch das Anprallen hervorge⸗ 238 Valentin Vor brachte Ruck warf ihn ſo heftig zuruͤck, daß er rucklings in den Strom ſchlug. „Mein Vater!... o, mein Vater!« rief die Dame und ſank ihm mit ausgebreiteten Armen ohnmächtig nach. »Rettet ſie!«... ſchrien funfzig von den Paſſagieren zugleich. »Laßt das Boot los!« rief der Fährmann,„laßt das Boot los!« Aber die Hand deſſen, der den Bootshaken hielt, war kraftlos, und als die an einander geklammerten Koͤrper mit der Fluth dahinſchwammen, eilte Valentin an den Stern des Schiffes und ſtuͤrzte ſich in den Strom. Die Kraft, mit welcher er ſprang, trieb ihn tief hinab; ſeine Kleidungsſtuͤcke wurden vom Waſſer ſo ſchwer, daß er ſich kaum wieder emporarbeiten konnte, und als ihm dieſes end⸗ lich gelang, befand er ſich in bedeutender Entfernung von jenen; aber er ruderte mit aller Macht, und erreichte ſie in dem Augenblicke, wo ſie auf immer verſinken wollten. Das erſte, was er faßte, war das Haar des Vaters, der nun augenblicktich ſich an die Hand zu klammern ſtrebte, die ihn gefaßt hielt; aber Valentin wich dem Griffe geſchickt aus, bemächtigte ſich des Kleides der Dame, die ihren Va⸗ ter noch immer feſt umſchlungen hielt, und hielt ſo Beide uber dem Waſſer, während die Boote ſich näherten. Das der Bauchredner. In dieſem Coſtuͤm kehrte er in den Salon zuruͤck, um zu ſehen, wie diejenigen ſich befaͤnden, die er gerettet hatte. Er fand die junge Dame ziemlich wieder hergeſtellt, und hoͤrte den alten Herrn die feurigſten Aeußerungen machen; als ſie jedoch hoͤrten, daß der, der ſie gerettet, gegenwaͤr⸗ tig ſei, ergriff der alte Herr die eine Hand, waͤhrend die junge Dame die andere nahm und ſie innig kuͤßte. „Sie wackerer junger Mann! Gott ſegne Sie!« rief der alte Herr und fuhr dann, aus ſeiner Kleidung ſchlie⸗ ßend, daß er zur Schiffsmannſchaft gehoͤren moͤchte, hinzu: „Hier, hier iſt meine Karte; beſuchen Sie mich und ich werde Sie belohnen, ja, mein braver junger Mann, Sie ſollen in mir einen dankbaren Mann finden.« Valentin laͤchelte, als er dieſen Irrthum bemerkte, nahm jedoch die Karte und ſprach mit der Dame, die, obſchon ſehr blaß, doch noch ſchoͤner als vorher ausſah. »Kommen Sie! da!.. trinken Sie!.. Sie gefal⸗ len mir!. Sie ſind ein ganzer Mann!« rief ein mun⸗ ter ausſehender Mann in karrirten Beinkleidern, und hielt ihm ein Glas heißen Grog entgegen.»Wahrhaftig, das war brav!.. Trinken Sie rein aus, wir laſſen dann noch eins kommen. Herunter damit, mein Jungel.. das treibt alle Kälte aus.« Valentin Vox I. 16 242 Valentin Vor Daran zweifelte Valentin denn auch keinen Augenblick, denn er fand den Grog außerordentlich ſtark; da er vorher ſchon mit mehrern Perſonen getrunken hatte, ſo nippte er nur, und gab das Glas dann mit hoͤflichem Danke zuruck. Das Schiff kam nun in die Nähe von Gravesend, und Valentin nahm von derjenigen Abſchied, die einen ſo tiefen Eindruck auf ſein Herz gemacht hatte. »Sie beſuchen uns, nicht wahr?« ſagte die Dame, indem ſie ihm die Hand drückte und ihre Augen erhob, die wie in Gold gefaßte Brillanten blitzten. Valentin blickte in ihr ſchoͤnes Geſicht und ſchwieg. »Sie kommen!« fuhr ſie fort,»nicht wahr?. Sie verſprechen es mir!. Mein Vater wird ſich herzlich freuen, Sie zu ſehen! Verſprechen Sie es mir!« »Wohlan,« ſagte Valentin, der, waͤhrend er der Mu⸗ ſik ihrer Stimme lauſchte, gar nicht daran dachte, daß man eine Antwort erwartete,»wohlan, ich verſpreche es, und kann verſichern, daß es mich unendlich gluͤcktich ma⸗ chen wird. Er druͤckte ihre Hand, konnte aber kein Wort mehr hervorbringen; denn ihre Augen waren wieder in all' ihrer Fulle auf ihn gerichtet und ſchienen von Dank⸗ barkeit und Liebe zu ſtrahlen. »Kommen Sie, laſſen Sie uns noch einen Zug thunle — — — der Bauchredner. 243 rief der ſidele Herr, indem er näher trat.„Es dauert mich... Sie ſehen ſo blaß aus... daß Sie mir nur ja keinen Schnupfen kriegen!« „Ich bin Ihnen ſehr verbunden,« ſagte Valentin, der, obſchon er ſeine Freundlichkeit zu ſchätzen wußte, ihn in die⸗ ſem Augenblicke doch zu allen Teufeln wuͤnſchte. »Vielleicht befiehlt die junge Dame ein Tropfchen?« fuhr der unermuͤdliche Quälgeiſt fort.»Nippen Sie ein 1 wenig, Miß! Das thut dem Herzen wohl.... Meine 3 Frau behauptet, Sie kämen zu liegen, wenn Sie es nicht thäten, und was ſie ſagt, ſehn ſie, das iſt ſo gut, als waͤre es gedruckt.« Die Dame jedoch lehnte es hoͤflich ab, und nachdem . Valentin von ihr und ihrem Vater noch manchen herzlichen Dank empfangen, nahm er Abſchied von ihnen und ging auf das Verdeck. Gravesend erſchien und der Capitain erlangte glücklich ſeine gewohnte Ruhe wieder; obgleich der Burſche mit dem angeſtrengteſten Eifer ſeine Pflicht zu erfullen geſucht hatte, ſo war er doch keineswegs uͤberzeugt, daß der Capitain . hinſichtlich des»Durchwalkens« nicht Wort halten wuͤrde. Zwar ſprach der Capitain freundlicher mit ihm, als er vielleicht je gethan, das ſteigerte aber nur noch mehr den — Valentin Vor. Argwohn des Jungen. Er beobachtete daher genau alle Bewegungen des Capitains, und zitterte heftig, als das Schiff die Rhede erreichte; denn der Capitain ſtieg in dem⸗ ſelben Augenblicke von ſeinem Poſten herab— eine Opera⸗ tion, die er ſonſt gewoͤhnlich ſo lange verſchob, bis ſämmtliche Paſſagiere ausgeſchifft waren.— Nichts glich der Angſt, mit welcher der Burſche ſeine Augen auf ihn gerichtet hielt, und als jener in den Bereich eines Taues kam, ſchickte er ſich an, auf der Stelle davon zu laufen. Seine Beſorgniß war indeß ungegruͤndet; denn die Bewunderung, welche dem Capi⸗ tain Valentin's Benehmen eingefloͤßt, hatte jeden Zorn erſtickt, und da er offenbar nur deshalb herabgeſtiegen war, um dieſes Gefuͤhl auszuſprechen, ſo fing der Burſche an, ſich wieder etwas heimiſch zu fuhlen. »Ich bin entzuckt,« rief der Capitain, indem er Va⸗ lentin's Hand ergriff,»wirklich entzuͤckt uͤber ihren Hel⸗ 3 denmuth bei der Rettung dieſer beiden Mitgeſchoͤpfe. Etwas ganz Aehnliches findet ſich in Oſſians Fliade Oſ⸗ ſians? ja wohl, es iſt Oſſian„ wo ein Herr, ich glaube es war Artaxerxes, doch weiß ich's nicht gewiß, auf den Boden des Po niedertauchte, um Peter den Großen hervorzuziehn, der nebſt Caſſius, einem der griechiſchen Goͤt⸗ ..—. 6 ter, wie Sie wiſſen, am ufer ſeine Fuͤße wuſch.« der Bauchredner. 245 »Ah! und gelang es ihm?« fragte Valentin mit affectirter Neugierde. »Das kann ich nicht ſagen,« erwiederte der Capitain, »doch iſt ſo viel gewiß, daß er nie wieder zum Vorſchein kam.« »O, das iſt ja traurig! wirklich, recht traurig! Und ſo konnte er der Welt denn nicht ſagen, ob es ihm gelang oder nicht?« »Ganz recht,« bemerkte der Capitain,„und, ſehn Sie, das iſt grade das ungluͤck in der Geſchichte. Kein Menſch war je im Stande, ſein eignes Leben vollſtaͤndig zu beſchrei⸗ ben. Ehe er damit fertig iſt, wird ihm der letzte Strich hindurch gemacht, und das iſt das ungluͤck Ich ſehe,« fuhr er fort, indem er Valentin ernſthaft anſah,»ich ſehe, ob⸗ ſchon ich mich vielfach geirrt habe, daß das Organ des Muthes bei Ihnen außerordentlich entwickelt iſt. Gern un⸗ terſuchte ich einmal Ihren Kopf. Dieſes Organ hier, juſt uͤber dem Auge, ſcheint ſehr voll zu ſein, und tritt es mit jenem zuſammen, welches ſich dort unter dem Ohre befin⸗ det, ſo deutet es auf den vollkommenſten Muth. Doch ich wußte, daß Sie es haben wuͤrden, als ich Sie ſo wunder⸗ ſchoͤn untertauchen ſah. Auch bei den Enten finden wir es ungemein ſtark.« »Ein Phrenolog, wie ich ſehe.« »Die Wiſſenſchaft macht mir viel Vergnuͤgen. Ich kann Ihnen den Charakter eines Menſchen auf ein Haar ſagen⸗ Alle Organe habe ich in den Fingerſpitzen; dieſes, zum Beiſpiel„ »Sie haben da einen praͤchtigen Jungen,« ſagte Va⸗ lentin, während der Capitain ſeine Organe betaſtete;»er ſcheint ſehr aufmerkſam zu ſein.« 246 Valentin Vor »O ja, er iſt ſchon ganz gut,“ ſagte der Capitain, val⸗ lein er weiß ſich oft nicht recht zu benehmen. Haben Sie geſehen, was er heute Morgen angeſtellt hat?« »Jungen, wiſſen Sie ja, ſind Jungen!« bemerkte Va⸗ lentin, und die Neuheit dieſer bemerkenswerthen Behaup⸗ tung, die noch dazu von einem ſo bemerkenswerthen Manne ausging, bewirkte, daß der Capitain ſich entſchloß, den verſprochenen»Pfeffer« zu verſchieben, bis der Burſche ſich abermals wuͤrde etwas zu Schulden kommen laſſen. »Wuͤrden Sie wohl erlauben,« ſagte Valentin,»daß der Junge meine naſſen Kleidungsſtuͤcke an das ufer ſchafft 2« »Bei Allem was heilig iſt!« entgegnete der Capitain. »„Pier, Junge! begleite dieſen Herrn. Geh' und ſieh nach ſeinen Sachen, und denke daran, daß Du Dich vernůnftig betragſt, hoͤrſt Du 2« Der Burſche gehorchte mit Freuden, und Valentin em⸗ pfahl ſich dem Capitain, offenbar in der Abſicht, einen Blick auf die Rhede zu werfen. Die Paſſagiere ſtroͤmten wie ge⸗ wohnlich von dem Schife. Wären ſie ruhig geweſen, ſo 2 wuͤrden ſie alle weit eher und weit bequemer an das ufer gekommen ſein; aber ſie mußten ſich dräͤngen, und ſtoßen, und einander die Zähne weiſen, und ſich mit den Ellenbogen durcharbeiten, da jeder zuerſt kommen wollte. Eine Dame jammerte laut, ihre Haube ſei zerdruckt; eine andere ſuchte ihren Ridicul loszumachen, deſſen Tragbänder ſie hatte, während der Beutel zwiſchen den Huͤften zweier Damen ſteckte, die etwa fuͤnf Reihen hinter ihr mit dem Strome gingen, während eine andere ſehr unfreundlich einen Herrn anſah, der ihr auf die unſchuldigſte Weiſe ſeinen der Bauchredner. 247 Ellenbogen grade in die Vertiefung bohrte, welche ſich hin⸗ ter dem Ohre befindet. »Um Gottes willen!« ſchrie eine,» quetſchen Sie mich nicht.« »Wo ſoll es denn hingehn?« rief eine Andere. »Ich ſage Ihnen, Herr,« rief eine Dritte„»nehmen Sie ſogleich Ihren Stock mir von dem Rücken, ſonſt geht es Ihnen uͤbel!« Das Gedrange aber ließ nicht nach, und die Paſſagiere zeigten eine ſolche ungeduld, aus dem Schiffe zu kommen, als hätte es in Flammen geſtanden. »Haben Sie etwas verloren, mein Herr?« fliſterte Valentin einem Manne zu, deſſen Bemuͤhungen, ſeine Nach⸗ barn zuruͤckzudrängen, wirklich desperat geweſen waren. Der Mann drehte ſich augenblicklich um, von dem ent⸗ ſetzlichen Argwohn erfullt, er habe etwas verloren, obgleich er offenbar nicht viel zu verlieren hatte. Zuerſt faßte er an alle ſeine Taſchen und durchſuchte dann eine jede einzeln; dann beſann er ſich, ob er etwas von Hauſe mitgebracht, was er jetzt nicht mehr fände; aber ſelbſt dann, als er ſaͤmmtliche Taſchen ausgekramt und Alles unverſehrt gefun⸗ den hatte, war er noch keineswegs uͤberzeugt, daß er nicht beſtohlen worden ſei. »Koͤnnen Sie das ſo ruhig anſehn?« fliſterte Valentin einer alten Dame in das Ohr, der die Natur, weil ſie nur ein Auge beſaß, dafuͤr ein doppeltes Kinn gegeben. »Mr. Jones!« rief die Dame, die zwei Frauenzimmer an der Seite ihres Mannes gehen ſah.»Pfui! Ich ſchäme mich in Deine Seele hinein. Bleib zuruͤck, und laß bie Menſchenkinder vorangehn.« 248 Valentin Vor. „Was iſt denn los, Frau?« fragte Mr. Jones. Liebe Frau hin, liebe Frau her, ich habe es wohl geſehen!« rief die Dame; und Mr. Jones ſah in dem Au⸗ genblicke aus, als dächte er, es wuͤrde ganz gut ſein, wenn er ſie in ſeinem Leben nicht geſehn hätte. „Haben Sie Ihre Karte?« ſagte Valentin, indem er ſeine Stimme dicht hinter die Perſon ſandte, welche die Billets annahm. „Ich brauche keine,« antwortete er in einer andern Stimme,» ich komme uͤberall ohne Karte durch.⸗ „So?.. wirklich?« rief der backenbärtige Herr, der dieſe wichtigen kleinen Papierſtreifen verkauft hatte. „Das dächte ich doch nicht.... Iim, ſei hier ganz be⸗ ſonders aufmerkſam, hörſt Du?«— Und er gab Jim eiten Wink.— Iim nickte ihm wieder zu, und er ſtellte ſich mitten in den Gang, um an dem Erſten, der ohne Billet vorbeipaſſiren wollte, ſeine Rache zu nehmen. Während der Herr mit dem ſchwarzen Backenbarte und Iim ſo beſchaͤftigt waren, ging Valentin zu dem Stewart, der ihm eine pferdehaarene Muͤtze gab; und als ſeine Klei⸗ dungsſtucke von der freundlichen Frau deſſelben in ein Tuch geſchlagen waren, empfahl er ſich, von dem Burſchen ge⸗ folgt, dem philoſophiſchen Capitain und verließ das Schiff, indem er ſich lebhaft das Erſtaunen dachte, in welches der wackere Goodman gerathen wuͤrde, wenn er ihn in dieſem ſeltſamen Anzuge ſähe. Ende des erſten Bandes. 6 8 9 10 11 2 7 4 Un ſſſ 13 1 15 1 1 6 9 8 † ——— * —