Shakspeare's Sämmtliche Sthauspiele; i b von Meyer. Elftes Baͤndchen. Die beiden Veroneſer⸗ ww 3 Wohlfeile Taſchenansgabe mit Kupfern. Gotha, Hennings'ſche Buchhandlung⸗ 8 2 Der Buchſtabe tobtet, nur der Geiſt giebt Leben. Die beiden Yeroneser. Luſtſpiel von Shakspeare. Fyrei b von Meyer. Mit einem Kupfer. G h Hennings'ſche Buchhandlung⸗ 1 8 2 7. Die beiden Veroneſer. ———————— Die beiden Veroneſer. 1 Per ſonen. Der Herzog von Mailand, Silvia's Vater. Valentin, Proteus, Antonio, Proteus Vater. 3 4 Thurio, Valentin's Nebenbuhler.* Eglamour, Silvia's Vertrauter. Hurtig, Valentin's Diener. Lanz, Proteus Diener. Panthino, Antonio's Diener. Ein Gaſtwirth in Mailand. Räuber. Sulie, eine Veroneſerin; Proteus Geliebte. Silvia, die Tochter des Herzogs von Mailand; Valentin's Geliebte. Lucette, Julien's Kammermaͤdchen. Diener, Spielleute. Ndie beiden Veroneſer. Das Stuͤck ſpielt abwechſelnd in Mailand, in Verona, und an den Graͤnzen von Mantua. — S2 † Die beiden Veroneſer. S S Ein freier Plat in Verona. Valentin und Proteus treten auf. Valentin. Laß ab, in mich zu dringen, lieber Proteus; Wer ſtets daheim bleibt, hat nur Hausverſtand. Wärſt du in deinem zarten Alter nicht Gefeſſelt durch der Liebe ſußen Blick, Wuͤrd' ich dich bitten, daß du lieber mir Geſellſchaft leiſten moͤchteſt, um die Wunder Der fremden Welt zu ſchau'n, ſtatt traͤg' und muͤßig Die Jugend in der Heimath zuzubringen. Doch da du liebſt, ſo geh's in dieſem Triebe Dir ſo nach Wunſch, wie mir, wenn ich einſt liebe. Proteus. So willſt du ſcheiden, theurer Valentin? Leb' wohl, und denke mein, wenn auf der Reiſe Sich etwas Seltnes und Bemerkenswerthes Dir zeigt. Begegnet dir ein Gluͤck, ſo laß P S— —— 4 Mich's theilen; in Gefahr, wenn jemals dich. Gefahr umgeben kann, ſey es dein Troſt, Daß ich ſtets fuͤr dich bete, Valentin. Valentin. Aus einem Liebesbuch vermuthlich! Proteus. Ja,* Aus einem Buche, das ich liebe. Valentin. Na,. Das heißt in einem ſeichten Liebesmaͤhrchen: Wie uͤber'n Helleſpont Leander ſchwamm. Proteus. Das iſt ein tiefes Maͤhrchen tiefer Liebe; Leander war verliebt— verliebt bis uͤber Die Ohren. Valentin. Du, du ſteckſt noch tiefer drin; und doch durchſchwammſt du nie den Helleſpont. Noch tiefer ich? Du wilſſt mich ſchrauben! Proteus. Valentin. Nein, Ich will es nicht. Es kann dir doch nichts helfen W u 6e Was? Wo du durch Aechzen ſproͤde Blicke nur, Durch zwanzig wache, ruheloſe Naͤchte, Valentin. Zu lieben, wo man deiner Seufzer ſpottet; Langſam hinſchleichend, einen Augenblick † ———— Der flucht'gen Luſt erkaufſt, der, wenn du ihn Gewannſt, dir wenig weiteren Gewinn, Verlierſt du ihn, nur Schmerz und Muͤhe bringt; Kurz, wo du Thorheit um Verſtand erhandelſt— Zu lieben da?— o armer, armer Proteus! u So bin ich denn ein Thor nach deiner Anſicht? Valentin. In deiner Lage, fuͤrcht' ich, wirſt du's ſeyn. Proteus. Es iſt die Liebe, die du ſchmähſt— ich bin Die Liebe nicht. Valentin. Die Lieb' iſt deine Herrin, Denn ſie beherrſcht dich, und mich duͤnkt, wer ſo Sich von der Thoͤrin unterjochen laͤßt, Verdient den Namen eines Weiſen nicht. Proteus. Doch Dichter ſingen: wie der Wurm verzehrend Oft in der ſchonſten Knose weilt, ſo hauſt Verzehrend oft die Lieb⸗ um kluͤgſten Kopfe. Valentin. Und Dichter ſingen: Wie die fruͤh'ſte Knospe Der Wurm verzehrt, noch ehe ſie erbluͤht, So pflegt die Lieb' in Thorheit oft den zarten Verſtand zu wandeln; in der Knospe welkt Er hin, den erſten Fruͤhlingsglanz verlierend Und aller kunft'gen Poffnung ſchoͤne Frucht. Doch, was verſchwend' ich Zeit, um dir zu rathen, Der du der Liebesſehnſucht dich geweiht? 6 w Noch einmal, lebe wohl! Mein Vater wartet Schon auf der Rhede, um mich einzuſchiffen. Proteus. Ich gehe mit dir, Valentin, zum Hafen. Valentin. Nein, theurer Proteus, laß uns von einander Hier Abſchied nehmen. Schreibe mir nach Mailand, Vie dir es in der Liebe ging, und was Sich Neues ſonſt, ſeitdem dein Freund entfernt, Hier zugetragen. Auch von meiner Hand Empfaͤngſt du einen Brief. Proteus. Ein jedes Gluͤck Begruß' in Mailand dich! Valentin. Wie dich daheim! Und ſo leb' wohl! (Valentin ab). Proteuns. Er jagt der Ehre nach, Wie ich der Liebe; von den Freunden trennt Er ſich, um ihrer wuͤrdiger zu werden. Ich gebe mich und meine Freunde— Alles Geb' ich um Liebe auf. Du, Julie, Haſt mich ſo umgewandelt. Deinetwegen Verſäum' ich meine Studien; dir zum Opfer Bring' ich die Zeit, verachte guten Rath, Und ſpreche Hohn der ganzen Welt. Durch Traͤume Schwaͤcht ſich mein Geiſt; das Herz fuͤhl' ich erkranken Von duͤſteren, ſchwermuͤthigen Gedanken. (Hurtig tritt auf). ——,—. — See W 7 S urtig. Herr Proteus, guten Morgen! Saht ihr nicht Herrn Valentin? Proteus. So eben ging er, um ſich Nach Mailand einzuſchiffen. Hurtig. Na, da wett' ich Gleich zwanzig gegen eins, daß er bereits An Bord und fort iſt. Element! wie dumm auch, Daß ich allein ihn ließ. Proteus. Wenn ſich der Hirt Entfernt, hat manches Schaf ſich ſchon verirrt. Hurtig. Der Meinung nach, iſt alſo mein Herr ein Schaͤ⸗ fer und ich ein Schaf! Proteus. Hurtih. Da wären ja meine Hoͤrner ſeine Hoͤrner; ei! Proteus. Eine ſchafdumme Antwort. rig. Alſo bin ich doch ein Schaf! Proteus. Freilich, und dein Herr iſt dir, was ein Schaͤfer dem Schaf iſt. Hurtig. Aber, Herr, der Schaͤfer ſucht das Schaf und nicht das Schaf den Schäfer. Nun ſuch' ich meinen Herrn, und mein Herr nicht mich. Folglich bin ich kein Schaf. Ja. 8 w Proteus. Jedoch das Schaf folgt, um des Futters willen, dem Schäfer, nicht der Schaͤfer, ſeiner Nahrung halber, dem Schafe. Du folgſt, um zu leben, deinem Herrn, aber dein Herr folgt, um leben zu koͤnnen, nicht dir. Alſo du bleibſt das Schaf. Hurtig. So bleibt mir nichts uͤbrig, als„Baͤ zu ſchreien. Proteus. Aber hoͤr“! haſt du meinen Brief Julien richtig uͤbergeben? n Freilich, Herr! Proteus. Wos ſagte ſie denn?(Hurtig nickt mit dem Kopfe) Nickte ſie? Hurtig. Ich! Proteus. Nickte ſie? ich? Ei, uͤber den Narren! i3 Ihr verſteht mich falſch, Herr! Ich ſage: ſie nickte. Ihr fragtet mich, ob ſie nickte, und ich ſagte: Ich. Proteus. Und das zuſammengeſetzt iſt ein Narr. 5 ü i8. Nun, wenn ihr euch die Muͤhe gegeben habt, es zuſammenzuſetzen, ſo nehmt es hin fuͤr eure Muͤhe. Proteus. Nein, du ſollſt's als Brieftraͤgerlohn behalten. — — 9 Hurtig. Nu, ich merke wohl, ich muß das ſchon von euch ertragen. Proteus. Was, Kerl, ſprichſt du da von Tragen? Hurtig. Ei, Herr, den Brief. Ich trug ihn richtig hin, obgleich ich fuͤr meine Muͤhe nichts habe, als das Wort: Narr. Proteus. Das muß wahr ſeyn! Dein Witz iſt ſchnell. Hurtig. Und doch kann er euern traͤgen Geldbeutel nicht er⸗ haſchen. Pro teu s. Kurz: was ſprach ſie? Hnrtig. Heffnet euern Geldbeutel, damit Geld und Sach auf einmal an den Tag kommen. Proteus. Vertrakter Burſche! da iſt etwas fur deine Muͤhe. Nun, was ſagte ſie? HPurtig. Wahrlich, Herr, ich glaube, es wird hart halten! Proteus. Wie? Ließ ſie ſich ſo viel merken? Hirig. Herr, ich konnte durchaus gar nichts an ihr be⸗ merken, nicht einmal ein Dukaͤtchen Brieftraͤgerlohn. Und da ſie ſich ſo hart gegen mich, der eure Liebes⸗ 1* 5 erklaͤrung uͤberbrachte, benahm, ſo fuͤrcht' ich, ſie wird euch eben ſo hartnaͤckig die ihrige vorenthalten. Gebt ihr kein anderes Liebeszeichen, Steine, denn ſie iſt hart, wie Stahl. Proteus. Wie? Sagte ſie nichts? H urt i g⸗ Nein; nicht einmal ſo viel: da haſt du was fuͤr deine Muͤhe! eure Freigebigkeit kann ich bezeugen, und dank' euch fuͤr euer Sechspfennigſtuͤck ganz unterthänig. Als Erkenntlichkeit dafuͤr tragt hinfort eure Briefe ſelbſt; ſomit will ich euch meinem Herrn empfehlen. (Er geht ab). Proteus. Geh, euer Schiff iſt vor'm Verſinken ſicher; Denn in dem Meer zu ſterben iſt ſo wenig Beſtimmt dir, als der ſchneußgeweihten Droſſel.— Ich muß nach einem beſſern Abgeſandten Mich ſchleunig umſehn, denn ich fuͤrchte faſt, Daß Julie meinen Brief zuruͤckgewieſen, Da ihn ſolch grober Bote uͤberbrachte, Zweite Seene. Ein Garten bei Juliens Hauſe. Julie und Lucette treten auf. Jie. Nun ſag', Lucette, jetzt, da wir allein ſind; Du rathſt mir, daß ich mich verlieben ſoll? Lucette. Ei wohl! doch ſeht euch vor, daß ihr nicht ſtrauchelt. — — Sue Und welcher aus dem Kreis der ſchoͤnen Männer, Die ich hier täglich ſeh', dunkt dir der werthſte? e Nennt mir gefälligſt ihre Namen„und Ich ſag' euch unmaaßgeblich meine Meinung. Fü e. Was denkſt du von dem ſchoͤnen Eglamour? uette. Beredt iſt er und fein, auf alle Falle; Doch wählt' ich nimmer ihn an eurer Stelle. Was von dem reichen Herrn Mercatio? Lucette. Von ſeinem Gelde gut, von ihm: ſo, ſo! Sie Was von dem holden Proteus? Lucett'e. Guter Gott! Wie doch die Thorheit uns beherrſchen kann! Sülie Warum ergreift der Name dich ſo ſehr? Lucee Vergebt! es iſt nur fluͤcht'ge Schaam, nichts mehr! Geziemt wohl mir, unwürdig, wie ich bin, Die Muſterung ſo eines wuͤrd'gen Mannes2 Suie. Weshalb nimmſt du ihn aus? Du muſtert'ſt Alle. ü ee Der Beſte duͤnkt er mir in jedem Falle. 11 J u 1 i e. Dein Grund? e. Ich habe keinen, als den Grund des Wortes: Er ſcheint mir ſo, weil er mir ſo erſcheint. ue⸗ Du meinſt, auf ihn ſoll ich mein Auge werfen? n e Gewiß, wenn Ihr eins eurem wüͤrdig ſucht. Sulie. Gleichguͤltig war er mir vor allen Andern. e Und doch liebt er vor allen Andern euch. Fule. Ich kann's nicht glauben, daß ich ihm ſo theuer; Er ſpricht ja kaum. Lucette Am ſtaͤrkſten gluͤht das Feuer, Wenn es ein eng verſchloſſener Raum umgiebt. Su e. Wer wahrhaft liebt, der zeigt auch ſeine Liebe. Snee e Doch der am wenigſten, der aller Welt Sie laut verkundet. ier Wuͤßt' ich doch die Wahrheit! Lneet en (ihr einen Brief reichend). Leſ't dieſen Brief, 13 J ulie An Julie? Von wem? Lacette Sein Inhalt ſagt's euch. Leſ't! Julie. O rede— ſprich: Von wem empfiengſt du ihn? Vom Diener Herrn Valentin's, den Proteus, duͤnkt mich, ſchickte. Wahrſcheinlich haͤtt' er ihn euch ſelbſt gebracht; Doch da ich grad' zugegen war, ſo nahm ich Den Brief ihm ab. Vergebt die Kuͤhnheit, Fraͤulein! Jiie. Ei! heil'ge Mutter Gottes! Das nenn ich Doch eine ſaubre Kuppelei! Darfſt du es wagen, Solch' freches Schreiben auch nur anzunehmen? Mir zuzufluͤſtern? gegen meinen Ruf Dich zu verſchwoͤren? Nein, bei meiner Treu', Ein wuͤrdig Amt, dem, wie es ſcheint, du vollig Gewachſen biſt. Trag' gleich den Brief zuruͤck: Wo nicht, ſo laß dich nie mehr vor mir ſehen. eee Wer fur die Lieb' das Wort fuͤhrt, ſollte eher Belohnung, wie mich duͤnkt, als Haß verdienen. Ich frag dich, gehſt du? Lu e ke Daß ihr euch bedenkt. (Sie geht ab). Furie. Hm,— dumm! ich wollt', ich haͤtt' den Brief geleſen! Doch eine Schande wär's, rief ich ſie jetzt Zuruͤck, und noͤthigte ſie zu dem Unrecht,“ um deſſen Willen ich vorhin ſie ſchalt. Die Thoͤrin auch! Sie kennt mich; weiß es ja, Daß ich ein Mädchen, und empfindlich geht ſie Fort mit dem Briefe bei dem erſten Worte! Ach! Sittſamkeit gebietet Maͤdchen oft Zu manchem Nein zu ſagen, waͤhrend ſie Im Stillen wuͤnſchen, daß der Frager Ja Verſtehen moͤchte.— Pfui! wie verkehrt Iſt dieſe Liebesthorheit! Kraßt ſie doch Die Amme, wie ein eigenſinnig Kind, Und kuͤßt dann wieder demuthsvoll die Ruthe! Wie barſch auch ſchalt ich die Lucette fort Und haäͤtte ſie gleichwohl ſo gern noch da! Wie furcht' ich nicht die Stirn vor Zorn und Aerger, Indeß mein Herz vor innrer Freude lachte! Doch ich will buͤßen. Augenblicklich ruf ich Lucetten wieder; bitten will ich ihr Das Schelten ab, ſie um Vergebung flehen. Lucette! Lucette kommt zuruͤck. nete Was befehlt ihr, Fraͤulein? uie Iſt es bald Eſſenszeit? Lucet te. Ich wuͤnſcht', es wäre, Damit ihr euch mit eurem Leller was Zu ſchaffen macht, und nicht mit eurem Maͤdchen. (Sie laͤßt den Brief fallen). — — 15⁵ Smhine. Was hebſt du denn da auf ſo ſorgſam? Lmchethe Nichts. ue Du buͤckteſt dich doch? eee. Da, nach dem Papier, Das mir entfallen war. Julie. Iſt dies Papier⸗ Denn nichts? Lucette Nichts wenigſtens, was mich angeht. Jie So laß es liegen, wenn es dich nichts angeht. Lucette. Es wird nicht lügen dem, fuͤr den es iſt, Wenn es nicht falſch verſtanden wird. ien Gewiß Ein Liedchen, ha! das dein Geliebter dir Gedichtet. ucette. Meint ihr? wuͤßt' die Melodie Ich nur dazu! O gebt mir einen Ton an; Ich weiß, Ihr componirt. Jlie Nichts weniger Als das fur ſolchen Tand. Am beſten ſingt's Sich nach der Melodie wohl;„Leichte Liebe.⸗ — 16 w Lucetre.. Für dieſe leichte Weiſe iſt's zu ſchwer. Suhie.. Zu ſchwer? So iſt es wohl in Reimen? Lucettey Ja; und liehlich wuͤrd' es klingen, wenn Ihr's ſaͤngt. Julie. Warum nicht du? Lucette.“ Ich kann ſo hoch nicht ſingen. Julie. Gieb her das Lied. Ei, ei, Lucettchen! Le e Haltet Nur ſtets den Ton, ſo ſingt ihr es zu Ende; 3 Doch noch gefaͤllt die Melodie mir nicht., .. Dir nicht? Lucette. Sie iſt zu ſcharf, mein Fraͤulein. Suien Deine Zu naſeweiß.- Lweette Nein, eure Heiſerkeit Verdirbt die Harmonie durch rauhe Toͤne; Ein Tenoriſt fehlt, Fraͤulein, den Geſang Ganz auszufuͤllen. Je. Den Tenor erſtickt Dein regelloſer Baß. Ich ſuchte nur Darin mit Proteus wettzueifern. Nein! Nicht laͤnger ſoll mich dein Geſchwaͤtz belaͤſt'gen; Sieh hier, daß ich, dir widerſprechen kann. (ſie zerreißt den Brief). Geh, pack' dich fort! Laß liegen dies Papier, Das du nur deshalb vorhin aufhobſt, um mich zu aͤrgern. (ſeitwaͤrts). Sie benimmt ſich ſeltſam! Und doch behagen wuͤrd' es ihr, wenn ich Durch einen zweiten Brief ſie alſo kraͤnkte. (Sie geht ab). Suie (Die Stuͤcke des zerriſſenen Briefs aufſammelnd). Verruchte Haͤnde! Solche Liebesworte So zu vernichten! O grauſame Wespen! So ſuͤßer Honig dienet euch zur Rahrung, und gleichwohl toͤdtet ihr mit eurem Stachel Die Bienen, die ihn euch geſpendet! Kuͤſſen Will ich, zur Suͤhne, jedes Stuͤck des Briefes. Ich unhold!(tiest):„Holde Julie!“ ach! und was? „Unholde Julie!« unverſchamter! da! So werf' ich deinen Namen auf die Straße, Daß er zerſchelle; deinen uebermuth Tret' ich mit Fuͤßen. Ah! was ſteht denn hier? „Der liebewunde Proteus! O du armer, Du wunder Name! Wie auf Pflaumen ſoll Mein Buſen dich, bis du geneſen, wiegen; und mit dem gluͤhſten Kuſſe heil ich dich. Noch zweimal, dreimal leſ' ich„Proteus⸗ hier; Still, ſtill doch, lieber Wind, verwehe mir Kein Wort, bis ich gefunden jede Silbe In dieſem Brief, nur meinen Ramen nicht! Den moͤg' ein Wirbelwind an einen Fels, Der furchtbar uͤber's Meer hinabhaͤngt, ſchleudern, Und dann ihn ſtuͤrzen in die wilde Fluth. Sieh, ſieh! in einer Zeile ſteht ſein Name Zweimal:„Der arme, der verlor'ne Proteus, Den Liebe zog zur ſuͤßen Julia,„ Vertilgen will ich der Grauſamen Name! Doch nein! nein, nein! Hat er ihn doch ſo lieblich Gepaart mit ſeinem ſchwermuthsvollen eignen! So falte ich den einen auf den andern—— Nun kuͤßt, umarmt euch, ſtreitet— was ihr wollt! (Lucette kommt zuruͤck). L e 's iſt aufgetragen, Fraͤulein; euer Vater Erwartet euch. N Juie. So komm, wir wollen gehen! Lueette Mein Fräulein, ſollen die Papiere da, Die Schwaͤtzer, liegen bleiben? Wenn ſie fuͤr dich von Werth ſind. Lies ſie auf, — . Zuͤrntet Ihr doch, als ich ſie fallen ließ. Sie ſollen Sich hier am Boden mindſtens nicht erkaͤlten. Iulie Ich ſehe, dir geluͤſtet ſehr danach. L Ei, Fraͤulein, ſagt nur immer, was ihr ſeht; Auch ich ſeh' gut, wenn ihr auch denkt, ich blinze. S ie Komm! Willſt du mich begleiten? Komm, Lucette! (Beide ab). B Ein Zimmer in Antonio's Hauſe. Antonio und Pan⸗ thino treten auf. Untomi o⸗ Sag' mir, Panthino, welch' ein ernſt Geſpraͤch Hatt'ſt du mit meinem Bruder in dem Kloſter? Panthino. Von ſeinem Neffen Proteus ſprachen wir; Von eurem Sohne. Antonio. Nun? anthi. S Er wundert ſich, Wie Ew. Herrlichkeit es dulden konne, Daß er die Jugendzeit daheim verträume, Indeſſen Andre, von gering'rem Anſehn, Doch ihre Sohne, um ſich auszuzeichnen, 20 w Hinaus ſie ſchicken in die weite Welt: Bald in den Krieg, ihr Gluͤck dort zu verſuchen, Zur See bald, ferne Inſeln zu entdecken, Bald auf gelehrte Univerſitaten. Fuͤr eins und jedes dieſer Unternehmen Wär' Proteus, euer Sohn, nun, meint' er, reif. Darum erſucht' er mich, in euch zu dringen, Daß er nicht laͤnger ſeine Zeit daheim Vergeuden moͤg': denn zu großem Nachtheil Wuͤrd' es im Alter ihm dereinſt gereichen, Wenn er in ſeiner Jugend nie gereiſt. Antomio. Nicht mhſam brauchſt du das erſt zu bewirken, Woran ich ſeit gar lange ſchon gedacht. Erwogen hab' ich ſeinen Zeitverluſt, Und wie ihm ſtets Vollendung fehl'“, wenn ihn Die Welt zuvor nicht pruͤf' und unterweiſe. Doch ſag', Panthino, wohin meinſt du wohl, Daß ich ihn ſchicke? Panthino. Wohl nicht unbekannt Iſt's Ew. Herrlichkeit, wie ſein Genoſſe, Der junge Valentin, dem Kaiſer dient An ſeinem Fuͤrſtenhof. Antoniv. Ich weiß es wohl. Panthino. Es waͤre, duͤnkt mich, gut, wenn Ew. Gnaden Ihn gleichfalls dahin ſchickten. Dort kann er * * Im Lanzenbrechen Muth und Kraft erproben, Sich uͤben in Beredtſamkeit und umgang; Dort iſt er Zeuge ſtets von jeder uebung, Die ſeiner Jugend, ſeinem Adel ziemt. Antonio. Dein Rath gefällt mir; du haſt wohl geſprochen; Und als Beweis, wie ſehr er mir behagt, Sey ſtraks er ausgefuͤhrt. Wenn, meinſt du, koͤnnte Er reiſen?* Panthino. Wenn es euch gefaͤllt, ſchon morgen, Mit Don Alphons und andern Juͤnglingen Von edlem Stand, die ſich am Hof begeben. Antonio. Mit ihnen ſoll er. Ah, da kommt er ja! Recht zur geleg'nen Zeit, um ihm ſogleich Den Entſchluß zu eroffnen. Porteus tritt auf, mit einem Briefe in der Hand und ohne die Anweſenden ſogleich zu bemerken. Proteus. Suͤße Liebe! O ſuͤße Zeilen! Suͤßes Leben! Hier Iſt ihre Hand, der Anwalt ihres Herzens; Hier iſt ihr Liebesſchwur, ihr Ehrenpfand. Daß unſre Vaͤter dieſe Liebe doch Genehmigten— einwill'gend unſer Gluͤck Beſiegelten! O Julie! Himmliſche! Antonio. Was lieſt du da fuͤr einen Brief? Proteus.. Mit eurer 22 Erlaubniß, nur ein paar Empfehlungsworte, Von Valentin durch einen Freund geſandt, Der ihn in Mailand traf. no ni9. Gib her den Brief! Ich will doch ſehen, was er Neues ſchreibt. Proteus. Nichts Neues, gnaͤdger Vater! nur wie glucklich Er leb', wie man ihn lieb', wie taͤglich ihn Des Kaiſers Gnad' erfreu'. Er wuͤnſcht, ich moͤchte Dort ſeyn, um Theil an ſeinem Gluͤck zu nehmen. Wn t o. Und was ſagſt du zu ſeinem Wunſche? Proteus. à Doch nur von Ew. Gnaden Willen ab; Lins 39 Nicht von dem Wunſch' des Freundes! Antonio. Diesmal trifft Mein Wille faſt mit ſeinem Wunſch zuſammen. Daß ich ſo ſchnell entſchließe, moͤge dich Nicht Wunder nehmen, Proteus! G'nug, ich will's— und damit gut! Beſchloſſen hab' ich, daß Du eine Zeitlang an des Kaiſers Hofe Bei Valentin verweilen ſollſt. Was er Als Unterhalt empfaͤngt von ſeinem Vater, Das ſey auch dir von meiner Hand verwilligt. Mach' dich bereit, um Morgen abzureiſen; Erwiedere mir nichts. Es iſt entſchieden. Proteus. Unmoͤglich iſt's, ſo ſchnell mich auszuruͤſten. Gewährt nur einen Tag mir oder zwei, —— 23 Antonio. Was mangeln ſollte, wird dir nachgeſendet. Nichts von Verzoͤg'rung. Morgen reiſeſt du. Panthino, komm! Ich mach' es dir zur Pflicht, Daß du ſogleich zur Reiſe dich bereiteſt. (Antonio und Panthino gehen ab). Ne Verwünſcht! Aus Furcht vor dem Verbrennen ſcheut' ich Die Flamm', und ſturzte mich hinab in's Meer, Wo ich ertrinke. Meinem Vater wagt' ich Nicht Juliens Brief zu zeigen, aus Beſorgniß, Er werde meine Lieb' nicht billigen: Und nun, um kraͤftig Einhalt ihr zu thun, Bedient' er meiner eignen Ausflucht ſich. Wohl gleicht mein Liebesfruͤhling dem April und ſeinem ungewiſſen Glanz und Schimmer, Der uns die Sonn' in aller Schönheit zeigt; Doch plotzlich in Gewolk ſie birgt fuͤr immer, Panthino kommt zurück. Panthinmo. Herr Proteus, euer Vater fragt nach euch! Er iſt in Eils, ich bitt euch, gehet mit mir. Proteus. Ich muß. Vernunft ſpricht„Ja⸗ zu ſeiner Wahl, und„Nein!, antwortet's Herz doch tauſendmal. Ende des erſten Acts. —————— 8 ESrſt e Seene. Mailand. Ein Zimmer im herzoglichen Palaſt.— Valen⸗ tin und Hurtig treten anf. Der Letztere hat einen Frauenzimmerhandſchuh in der Hand. Hurtig. Herr, euer Handſchuh! Ba e in Es iſt nicht der meine. Ich habe meinen Handſchuh. Hurtig. Ei, es muß der eure ſeyn, denn es iſt nur einer. Valentin. Na! laß mich ſehn! Ja, gib ihn, er iſt mein! Du ſuͤße Zierde eines gottlichen Geſchoͤpfs! O Silvia! Silvia! Hurtig. Fraͤulein Silvia! Fräulein Silvia! Valentin. Was ſoll das heißen, Burſche? 5 u 3 Sie hoͤrt uns nicht, Herr! Valentin. Aber wer hat dir denn geheißen, ſie zu rufen? -H urig. Euer Gnaden ſelbſt, wenn ich nicht falſch verſtan⸗ den habe. ʒ entihn. Naſeweiſer, vorſchneller Bube! urig. und doch ward ich erſt neulich von euch geſcholten, daß ich zu traͤge waͤre. Valenhin. Halt's Maul, Burſche!— Sage mir, kennſt du Fraͤulein Silvia? uri3 In die Ew. Gnaden verliebt ſind? Vaentin. Woher weißt du, daß ich verliebt bin?2 Hurtig. Aus folgenden untruͤglichen Merkmalen: 1) ſchlagt ihr, verdroſſen, die Arme kreuzweis uͤbereinander, ſo— gerade wie Herr Proteus; 2 ſingt ihr nichts als Nachti⸗ gallmelodien; 3) geht ihr allein ſpazieren und flieht die Menſchen, wie ein Ausſätziger; ſeufzet wie ein Schulknabe, der ſein ABC vergeſſen hat, und weint, wie eine junge Dirne, deren Großmutter geſtorben iſt. Ihr faſtet, wie ein Patient nach der Vorſchrift ſeines Arztes; wachet wie Einer, der immer Geſpenſter und Raͤuber ſieht, und ſingt ſo heißer, wie ein Bettler am Allerheiligenfeſte. Sonſt lachtet ihr wie ein krähender Hahn, und euer Gang war wie das Einherſchreiten des Loͤwen. Ihr fa⸗ ſtetet nur, wenn ihr ſatt waret, und ſaht ihr traurig, ſo war gewiß die Schwindſucht eures Beutels die urſache. Jetzt aber ſeyd ihr ſo gänzlich umgewandelt durch ein Mädchen, daß ich kaum in euch meinen Herrn wieder erkenne. Valentin. und das Alles ſieht man mir an? Die beiden Veroneſer. 2 rti8. Das Alles ſieht euch Jederman an, außer euch. Vaentin Außer mir? unmoglich! Purti g⸗- Außer euch! nun das iſt klar. Denn außer euch wuͤrde Niemand ſo ſimpel ſeyn. Nur ihr ſeht alle eure Thorheiten nicht, und doch durchſcheinen ſie euch, wie das Waſſer ein Uringlas. Jeder, der euch nur an⸗ ſieht, kann gleich, wie ein Arzt, eure Krankheit er⸗ klaͤren. Valentin. Aber ſage mir, kennſt du Fraͤulein Silvia? Hurtig. Iſt es die, die ihr bei Tiſche immer ſo anſtarrt? Vu lentin Haſt du das bemerkt? Ja, eben die mein⸗ ich. Hurtig. Ei, Herr, die kenn' ich nicht. Valeütin. Du kannteſt ſie daran, daß ich ſie anſah, und doch kennſt du ſie nicht? H n t ig. Iſt ſie nicht von etwas unzartem Aeußern? ſ Valenn. Nicht ſo ſchon iſt's, Burſche, als ihr Inneres ſchon iſt. Hurtig. Herr, ich kenne ſie recht gut. Valentin. Was weißt du von ihr? n Hurtig. Daß ſie nicht ſo ſchoͤn, als von euch geliebt iſt. Valentin. Groß, lieber Hurtig, iſt ihre Schoͤnheit, aber un⸗ begrenzt iſt ihre Holdſeligkeit. Süri3. Das eine iſt freilich gemalt, und das andere ohne allen Werth. Valentin. Was gemalt? Was iſt ohne Werth? Hurtig. Nun, Herr, ſo gemalt, daß Niemand einen Werth auf ihre Schoͤnheit legt. Valentin Was? Wiſſe, ich achte ihre Schoͤnheit hoch. Surtig. Ihr ſaht ſie noch gar nicht, ſeitdem ſie haͤßlich iſt. Valentin. Haͤßlich! ſeit wann? Hurtig. Schon ſeit ſo lange, als ihr ſie liebt. Valentin. Ich habe ſie geliebt, ſeit ich ſie ſah, und ſchoͤn war ſie damals, bei Gott! Hurtig. Wenn ihr ſie liebt, ſo ſeht ihr ſie ja nicht. Valentin. Weshalb nicht? Hurtig. Iſt die Liebe nicht blind? O daß ihr meine Augen haͤttet? w Valentin. Was wuͤrd' ich dann ſehen? H urtg. Eure Thorheit und ihre Haͤßlichkeit. Aber in eurer Verliebtheit ſeht ihr kaum, ob ihr Hoſen anhabt oder nicht. Valentin. Nun, dann biſt du auch verliebt, Burſche, denn geſtern Morgen ſahſt du nicht, ob meine Schuhe geputzt waren. Hurtig. Das iſt wahr, Herr. Ich war in mein Bett ver⸗ liebt. Ich dank' euch, daß ihr mich fuͤr meine Liebe auspruͤgeltet; denn es gibt mir Muth, euch wegen der eurigen zu tadeln. Valentin. Ich brenne fuͤr ſie; ich ſtehe in Flammen! H ürtig. Ich wollte, ihr ſaßet; ihr wuͤrdet eher zur Ver⸗ nunft kommen. Valentin. Geſtern Abend trug ſie mir auf, einige Zeilen an Einen, den ſie liebt, zu ſchreiben. Hurtig. Und Ihr thatet es? V en. Allerdings. Hurtilg. War das nicht ein lahmes Geſchreibſel? Valentän. Nein, Burſche, ich that mein Stille! da kommt ſie. Silvia tritt auf. H urtig. O ercellentes Puppenſpiel! O welch' ein herrliches Puͤppchen! Nun wird er's reden laſſen. Valentin. Fräulein! Gebieterin! Tauſendmal guten Morgen! H g. O bekaͤmt ihr doch einen guten Abend dazu. Hier giebt's eine Million von Artigkeiten. S Herr Valentin! Mein Ritter! Zweitauſendmal euch! Hurtig. Er ſollte ihr Intereſſen geben, und ſie giebt ſie ihm. V en in Ich ſchrieb den Brief, um den ihr mich erſuchtet, An den geheimen, namenloſen Freund. Hochſt ungern that ich's; nur die Pflicht fuͤr euch, Mein Fräulein, konnte mich dazu bewegen. Silvia. Ich dank' euch, edler Ritter, fuͤr den Brief. Ihr ſeyd gewandt im Schreiben. Valentin. Nein, mein Fraͤulein, Glaubt, daß es mir recht ſauer ward. Nicht wiſſend, An wen der Brief gerichtet ſey, ſchrieb ich Phantaſtiſch ſ hinein in's Blaue. Silvia. Es ſcheint, ihr ſchlagt die Muhe gar zu hoch an. 30 Valentin Nein⸗Fräulein! Wenn ihr's wuͤnſcht, ſo ſchreib ich gleiche — Gebietet nur— noch tauſendmal ſo viele; Und gleichwohl— Silvia. Eine art'ge Redensart! Nun ich errathe ſchon, was folgt— ich will's Nicht ſagen— gleichwohl liegt ja nichts daran. Da nehmt es wieder hin!— und doch— ich dank“ euch, Und will in Zukunft euch nicht mehr beläſt'gen. Hurtig. Und doch, ihr wollt; und jedes will es, doch! Valentin. Mein Fraͤulein, wie? Gefaällt der Brief euch nicht? Silvia. Ach ja; er iſt recht zierlich abgefaßt. Allein ihr ſchriebt ihn ungern; nehmt ihn wieder. So nehmt ihn doch! Valentin. Ich ſchrieb ihn ja fuͤr euch. S ilvig. Nun ja, ihr ſchriebt den Brief auf meine Bitte; Allein ich mag ihn nicht. Der Brief ſey euer. Ich wollt', ihr haͤttet zaͤrtlicher geſchrieben. n Gefaͤllt es euch, ſo ſchreib' ich einen andern. Siloia. und wenn ihr ihn geſchrieben habt, ſo leſet Ihn fuͤr mich durch. Gefällt er euch: nun gut! Wo nicht: guch gut! * Valentin. und wenn er mir gefaͤllt, Was dann, mein Fraͤulein? Silvia. So behaltet ihn Für eure Muͤh'. Herr Ritter, guten Morgen! (Sie geht ab). i Dos iſt ein nie erhorter, ein unergruͤndlicher Spaß! Wie je eine Naſ' am Kopf, auf dem Thurm ein Wet⸗ terhahn ſaß. Mein Herr bewirbt ſich um ſie; dem Werber ſchaͤrft ſie ein, Daß er, ihr Schuͤler jetzt, bald werd' ihr Lehrer ſeyn. O herrlich auserdacht! Kann man's weiter noch treiben? Mein Herr ſoll ihre Brief' an ihn ſich ſelber ſchreiben! Valentin. Nun, Burſche, was raͤſonnirſt du da mit dir ſelbſt? Hurtig. Ich reimte, und ihr habt die Raiſon. Balentin. Wozu? Hurtig. Fraͤulein Silvia's Fuͤrſprecher zu ſeyn⸗ Valentin. Fuͤr wen? Hurtig. Für euch ſelbſt. Erklärt ſie euch nicht ihre Liebe auf eine verbluͤmte Weiſe? M Valentin. Wie das? 32 Hurtig. Durch einen Brief, hätt' ich ſagen ſollen. Valentin. Wie? Sie hat ja nicht an mich geſchrieben? . Hurtig. Wozu hat ſie das noͤthig, wenn ſie euch bewog, an euch ſelbſt zu ſchreiben? Seht ihr denn den Spaß nicht ein? Valentin. Nein, wahrlich nicht. Hurtig. Seht ihr's wirklich nicht ein? Begreift ihr aber ihren Ernſt? Valentin. Sie ſprach ja nichts, als ein Wort im Zorn. Hurtig. Gab ſie euch denn nicht einen Brief? Valentin. Das war der Brief, den ich an ihren Freund ſchrieb. Hurtig. und den Brief uͤbergab ſie euch; damit hat die Sache ein Ende. Valentin. Ich wollte, es ſtände nicht ſchlimmer. Daß Alles gut geht, dafur buͤrg⸗ ich euch. Denn oͤfters habt ihr ſchon an ſie geſchrieben, und ſie, voll Scheu und Sittſamkeit, Vielleicht aus Mangel auch an Zeit, Vielleicht aus Furcht, daß es geheim nicht bliebe, g ß Iſt ſtets die Antwort ſchuldig euch geblieben; Doch jetzt lehrt ſchlau die Lieb ihr an'n Geliebten Zu ſchreiben durch ihn ſelbſt. So iſt es, auf mein Wort. Was traͤumt ihr, Herr? Kommt, es iſt Eſſenszeit! Valentin. Ich habe ſchon gegeſſen. Hurtig. Bedenkt, Herr! Nährt ſich auch des Chamaͤleon Liebe von der Luft, ſo bin ich doch ein Menſch, der von etwas Tuͤchtigerm geſättigt werden muß. O ſeyd nicht wie euer Fräulein! Seyd nicht grauſam! Laßt euch bewegen! (Beide gehen ab). Zweite Secene. Verona. Ein Zimmer in Juliens Hauſe. Proteus und Julie treten auf. 5 u. Geduldig, holde Julie! u Da muß man's ſeyn, wo's keine Huͤlfe gibt. Proteus. Sobald ich irgend kann, kehr' ich zuruͤck. ie Verkehrt ſich nicht dein Sinn, ſo kehrſt du bald.— (Sie gibt ihm einen Ring). Nimm dies von Julien zum Angedenken. Proteus. Wir wollen tauſchen. Nimm hier meinen Ring. „ 2 34 w Sue und unſern Tauſch beſiegle dieſer Kuß. Proteus. Hier meine Hand darauf! ich bleib' dir treu, Entflieht mir eine Stunde meines Lebens, In der ich, Julie, nicht nach dir ſeufze, 3 So moͤgen in der naͤchſten Stunde mich Der Holle ſchreckenvollſte Qualen foltern! Mein Vater wartet meiner Ankunft; o Erwiedere mir nichts. Die Zeit der Fluth Iſt da, nicht deiner Thraͤnen Fluth. Sie hält Mich laͤnger, als ich ſollte, hier zuruͤck. (Fulie geht ab). Julie, leb' wohl!— Wie? nicht ein Abſchiedswort? und doch— ſo macht es ſtets die treue Liebe; Sie kann nicht ſprechen; denn der Treue gilt Die That mehr, als das Wort. Panthino tritt auf. Panthino. Herr Proteus, man erwartet euch! Proteus. Ich komme. Ach, Scheiden raubt den Liebenden die Sprache. (Beive gehen ab). Dritte Seene. Eine Straße in Verona. Lanz tritt auf mit einem Hunbe. Lanz. Ja! ja! eine Stunde wird wohl vergehen, eh' ich ausgeweint habe. Die ganze Lanziſche Familie hat die⸗ . . de. ie⸗ ſen Fehler. Ich habe mein Erbtheil bekommen, wie der verſchwenderiſche Sohn, und gehe nun mit dem Herrn Proteus an den kaiſerlichen Hof. Ich glaube, mein Hund Krab iſt der unempfindlichſte Hund, den es auf der Welt gibt. Meine Mutter weinte, mein Vater wehklagte, meine Schweſter jammerte, unſre Magd heulte, unſre Katze rang die Pfoten, und im ganzen Hauſe herrſchte die groͤßte Beſtuͤrzung; nur dieſe hartherzige Beſtie vergoß keine Thräne. Sie iſt ein Stein, ein wahrer Kieſelſtein, und hat nicht mehr Mitleid in ſich, als ein Hund. Ein Jude wuͤrde geweint haben, hätt' er unſern Abſchied geſehen; ja ſeht, ſogar meine ſtock⸗ linde Großmutter weinte ſich die Augen aus beim Abſchied. Aber ich will Euch's deutlicher machen! Dieſer Schuh iſt mein Vater— nein, dieſer linke Schuh iſt mein Vater!— RNicht doch! dieſer linke Schuh iſt meine Mutter!— Naͤ, das kann nicht ſeyn.— und doch — richtig! es iſt ſo! er hat die ſchlechteſte Sohle. Die⸗ ſer Schuh, mit dem Loch darin, iſt meine Mutter, und dieſer hier iſt mein Vater.— Daß dich die Peſt! ſo iſt's! Jetzt, der Stab da iſt meine Schweſter, denn er iſt, wie ihr ſeht, ſo bleich wie eine Lilie und ſo duͤnn wie eine Gerte. Dieſer Hut da iſt Aennchen, unſre Magd, und der Hund bin ich!— Rein, der Hund iſt er ſelbſt und ich bin der Hund. O der Hund iſt ich, und ich bin ich ſelbſt! Ja, ja, ſo iſt's. Nun komm' ich zu meinem Vater: Vater, euren Segen! Jetzt kann der Schuh vor Weinen kein Wort ſprechen; jetzt kuͤß' ich meinen Vater; aber der weint immer fort. Jetzt komm' ich zu meiner Mutter. O daß der Schuh nun ſo ſprechen konnte, wie ein närr'ſches Weib. Ich kuͤſſe ſie— ja, ja, das iſt meiner Mutter Athem 36 ganz und gar. Jetzt komm' ich zu meiner Schweſter! Hoͤrt nur, wie ſie wehklagt! Aber der Hund macht waͤhrend der ganzen Zeit kein Aug' naß und ſpricht kein Wort. Aber ſeht, jetzt koͤmmt's. Eer ſchluchzt und weint). Panthino tritt auf. Panthino. Fort, Lanz, fort! An Bord! Dein Herr hat ſich eingeſchifft, und du wirſt ihm nachrudern muͤſſen. Nu, was iſt das? Was weinſt du, Burſche? Fort fort, Eſel! Du verſaͤumſt die Fluth, wenn du noch länger zoͤgerſt. Lanz. Es wäre wenig daran gelegen. Panthino. Ei, wenn du die Fluth verlierſt, ſo verlierſt du die Reiſe; und wenn du die Reiſe verlierſt, ſo verlierſt du deinen Herrn, und wenn du deinen Herrn verlierſt, ſo verlierſt du deinen Dienſt, und verlierſt du deinen Dienſt— Nun, warum haͤltſt du mir den Mund zu? anz. Ich fuͤrchte, du moͤchteſt deine Zunge verlieren. Pabthino. Wie ſo meine Zunge? Lanz. Bei deinem Geſpraͤch. Panthino. Bei deinem Geſchwatz. La nz. Die Fluth verlieren, die Reiſe, den Herrn und den Dienſt? Die Fluth! Hoͤre, wenn der Fluß austrock⸗ at n. rt — nete, ſo wär' ich capabel, ich fullte ihn wieder an mit meinen Thraänen, und ſchwiege der Wind, ſo könnten meine Seufzer das Boot treiben. Panthino. Komm, Burſche, komm! Ich ward hergeſchickt, dich zu rufen. 3 Herr, ruft mich, wie ihr wollt. Panthin o. Willſt du gehen? Lanz. (Beide gehen ab). Vierte Seene. Ein Zimmer in dem Perzoglichen Palaſte zu Mayland.— Valentin, Silvia, Thurio und Hurtig treten auf. Sivi a Ritter! Valentin. Herrin? Hurtig. Herr, Thurio macht euch ein ſauer Geſicht. Valentin. Das, Burſche, macht die Liebe. . Hurti g. Doch nicht die Liebe zu euch? Valentin. Freilich nicht; die Liebe zu meiner Gebieterin. Hurtig. An eurer Stelle blaͤu'te ich ihn tuͤchtig ab. Silvia. Ritter, ihr ſeyd traurig! Valentin. So ſcheint es allerdiygs, mein Fraͤulein. Thurio. Scheint ihr, was ihr nicht ſeyd? Wäenih. Vielleicht. Thurio. So ſeyd ihr nur ein Bild. Vaenin. Das ſeyd ihr. Thurio. Was ſchein' ich und bin es nicht? Valentin⸗ 5 Klug. Thuvio. Welchen Beweis? Valentin. Eure Thorheit. Shurio Und woran bemerkt ihr meine Thorheit? Valent i n. An eurem Wamms. T h urio. Mein Wamms iſt doppelt. Valentin. Wohlan, ſo verdoppelt ſich eure Thorheit. Thurio. Wie? Silvia. Wie? So entruͤſtet, Thurio? Ihr verändert eure Farbe. Valentin. Erlaubt ihm das, Fraulein! er iſt ein Chamä⸗ leon. Shurid⸗ Das mehr Luſt hat, von eurem Blut zu leben, als in eurer Luft. Valentin. Ihr habt geſprochen, Herr! Thurio. Ja, Herr, und ich bin für jetzt zu Ende. . Valentin. Das weiß ich wohl, Herr! Endet ihr doch ſtets eher, als ihr anfangt. 4 Silhvia. Eine artige Wortſalve, ihr Herren, und recht lebhaft abgefeuert. Valentin. Allerdings, Fräulein, wir danken's dem Geber. Silviüa. Wer iſt das, Ritter? Valentin. Ihr ſelber, holdes Fräulein, denn ihr gabt das Feuer. Aus euren Augen borgt Thurio ſeinen Witz, und was ihr ihm geliehen, das gibt er in eurer Ge⸗ genwart freundlich zum Beſten. 40 Thurio. Herr, wenn ihr Wort um Wort mit mir wechſeln wollt, ſo mach' ich Euren Witz bankerott. t Valentin. Das iſt mir wohl bekannt, Herr! Ihr habt ei⸗ nen Schatz von Worten; außerdem aber, ſo ſagt die boͤſe Welt, wenig, um eure Diener zu erhalten. Nach ihren kahlen Livreen ſcheint es, daß ihr ſie mit euern kahlen Worten abſpeiſt. Silvia. Genug, ihr Herren, genug! Da kommt mein Vater! Der Herzog von Mayland tritt auf. Herzog. Nun, Silvia, du biſt ja hart belagert! Eu'r Vater, Valentin, befindet ſich recht wohl; So ſagt ein Schreiben von ihm, das ſo eben Kam von Verona. Valentn Gnaͤd'ger Herr, Ich danke unterthaͤnigſt fuͤr die Huld, Die mir von dorther frohe Botſchaft bringt. Herzog. Kennt ihr, Antonio, euren Landsmann? Valentin. Ja, Mein gnäd'ger Herr; er iſt in meinen Augen Ein Mann von Werth und hoher Achtung wuͤrdig; Ein groß' Verdienſt geſteht der Ruf ihm zu. Herzog. Hat er nicht einen Sohn? eln ei⸗ die ch rn Valentin. Ja, gnaͤd'ger Herr, und einen Sohn, der wohl der Ehr' und Achtung Solch' eines Vaters wuͤrdig iſt. Herzog. h Ihn ſo genau? Valentin. Ich kenn' mich ſelbſt nicht beſſer. Wir hatten mit einander Umgang ſchon Als Kinder, traulich ſtets zuſammenlebend; Und war ich ſelbſt ein eitler Muͤßiggaͤnger, Der oft die Zeit verſäumt', in das Gewand Der Wiſſenſchaft die Jugend mir zu kleiden, So wußte Proteus— dies, Herr iſt ſein Name— Dagegen ſeine beſſer zu benutzen. An Jahren iſt er jung, alt an Erfahrung, Sein Haupt noch unreif, aber reif ſein urtheil. Kurz jedes Lob, das ich ertheilen kann, Bleibt hinter ſeinem Werthe weit zuruͤck. An Koͤrper, wie an Geiſt iſt er vollendet, Geſchmuͤckt mit jeder Anmuth. Herzog. Nun fuͤrwahr! Wenn es ſich ſo verhaͤlt, ſo iſt er eben So werth der Liebe einer Kaiſerin, Als faͤhig, eines Kaiſers Rath zu ſeyn. Wohl! dieſer Juͤngling kam hier eben an; Er bringt von vielen hohen Goͤnnern Empfehlung mit, und, wie ich hoͤr', gedenkt er An unſerm Hof zu weilen. Iſt euch, Herr Ritter, Nicht froher noch die Botſchaft? 41 Valentin⸗ Wahrlich, e Als je mir eine wurde. Herzog. Gut, ſo heißt Ihn denn willkommen, wie er es verdient. Dir, Silvia, ſag' ich es, und Thurio, dir; Denn Valentin bedarf der Mahnung nicht. Ich ſchick' ihn zu euch! (Der Herzog geht ab). Valentin. Eben der iſt's, Herrin, Der, wie ich euch erzaͤhlt, mit mir hierher Gekommen waͤre, wenn nicht der Geliebten Kryſtallner Blick ſein Aug' gefeſſelt hätte. Sivia Vielleicht gab ſie ihm nun die Freiheit wieder, Weil er wo anders ſeine Treu' verpfaͤndet. Valentin. Das glaub' ich nicht. Sie hält ihn ſtets gefangen⸗ Da muͤßt' er wahrlich blind ſeyn. Iſt er das, Wie er aber denn zu euch den Weg? Va e ntin ach, Fräulein, zwanzig Augen hat die Liebe. Thurio. Und gleichwohl nennt man oft die Liebe blind. Valentin Erblickt ſie Liebende ſo rohen Schlags, Wie Ihr es ſeyd, druͤckt ſie die Augen zu. Proteus tritt auf. 5 in, Silvia. Still! ſtill! Da kommt der edle Juͤngling. Valentin. Sey Willkommen, theurer Proteus! Laßt mich hoffen, Mein Fräulein, daß ihr durch beſondre Gunſt Noch dieſen Gruß perſtärkt. Silvia. Sein Rang verbuͤrgt Ihm einen freundlichen Empfang, und mehr noch Da er es iſt, von dem ſo oft ihr ruͤhmtet. Wulentin. Er iſt's, mein Fräulein! Poides Fräulein, gönnt Auch ihm, daß er, wie ich, euch huldige. Soü hvi a. Für ſolchen hohen Diener iſt die Herrin Zu niedrig. Proteus. Nein, Gebieterin; zu niedrig Der Diener iſt, den Blick zu einer Herrin Von ſolchem Werthe zu erheben. Valentin. . Brecht Doch dies Geſpräch von Werth und unwerth ab. Nehmt ihn zu eurem Sklaven, holdes Fräulein. Proteus. Auf meine Sklavenpflichten nur werd' ich ſtets ſtolz ſeyn. S a Und treu erfullter Pflicht fehlt nie der Lohn. Seyd einer Herrin ohne Werth willkommen. Proteus. Ich todte den, der außer euch, ſo ſpricht. Silvia. Daß ihr willkommen— Proteus. Daß ihr ohne Werth ſeyd Ein Diener tritt ein. Diener. Fräulein, der Herzog wuͤnſcht mit euch zu ſprechen. Silvia. Ich komme gleich. (Der Diener geht ab Geht mit mir, Thurio, (zu Proteus).* Noch einmal, ſeyd als einer meiner Ritter Willkommen, Herr. Ich überlaſſ⸗ euch nun Euch ſelbſt und euren Freunden; bald, ich hoff' es, Wird mir des Wiederſehns Vergnuͤgen. uProte u s Wir Beide warten euch, mein Fraͤulein, auf. (Silvia, Thurio und Hurtig gehen ab). V ale ntui n. Nun ſog mir, Freund, wie es zu Hauſe ſteht? Proteus. 2 Recht wohl befinden ſich all' deine Lieben; Ich ſoll dich vielmal gruͤßen. Valentin. K und die deinen? Proteus. Auch ſie verließ ich ganz geſund. — ſeyd. n⸗ 45 Valentin⸗ Wie geht Es deiner Braut! wie ſteht's mit deiner Liebe? Proteus. Stets läſtig war dir ja mein Liebesmährchen! Ich weiß, du liebſt nicht ſolch' verliebt Geſchwaͤtz. Valentin. Ach, Proteus, anders iſt mein Leben jetzt. Schwer hab' ich ſchon gebuͤßt, daß ich die Liebe Verachtete. Ihr hoher Herrſcherſinn Hat mich dafuͤr geſtraft durch bittre Faſten, Durch reuevolles Aechzen, Nachts durch Thränen, Am Tag' durch Seufzer, die mein Herz beklommen. Denn ſie, die ich verſchmäht, die Liebe ſcheucht Aus meinen Augen mir den Schlaf, und macht ſie Zu Waͤchtern meiner Herzensqual. O Proteus, Die Lieb' iſt eine harte Herrſcherin! Sie hat mich ſo gebeugt, daß, wie mich duͤnkt, Kein Weh auf Erden ihrer guͤcht'gung gleicht: und doch gewaͤhrt kein Dienſt ſo hohe Wonne. Jest ſprech' ich von nichts Anderm, als von Liebe, Jetzt fruhſtuͤck ich, und eſſ' und trink' und ſchlafe und leb' von nichts als Liebe. Proteus. Genug! dein Gluͤck leſ' ich in deinen Augen. War dies die Gottin, die du ſo verehrſt? Valentin. Sie war's. Iſt ſie nicht eine Heilige Des Himmels? Proteus. Nein, ein irdiſch Muſter nur Der hoͤchſten Huld. w Valentin. O nenne goͤttlich ſie! Proteus. Nicht ſchmeicheln will ich ihr. Valentin. O ſchmeichle mir! Denn an dem Lob' ergoͤtzt die Liebe ſich. Prot ü5. Du gabſt mir bitt're Pillen, als ich krank war, Nun muß ich gleiche Arzenei dir reichen. Valentin. Sprich Wahrheit, Freund. Wenn ſie nicht gottlich iſ, So raͤum' ihr mindſtens unter allen Weſen, Die dieſe Erde traͤgt, den Vorrang ein. Proteus. Doch meine Herrin nehm' ich aus. Valentin. Nicht Eine! Wenn du nicht meine Liebe ſchmaͤhen willſt. Proteus. Hab' ich nicht Recht, die Meine zu erheben? Vealentin. Dazu will ich dir ſelbſt behuͤlflich ſeyn. Gewuͤrdigt werde ſie der hohen Ehre, Die Schleppe meiner Herrin nachzutragen, Damit die niedre Erde ihr Gewand Nicht heimlich kuͤſſ', und ſtolz auf dieſe Gunſt, Der zarten Blumenwurzel nicht die Nahrung Entziehen moͤg' und ewig dauern laſſe Den rauhen Winter. 20 S 85 2 iſ, Proteus. Welche Prahlerei! Vaentin. Vergib mir, Proteus. Iſt dies Alles doch Nichts gegen ihren Werth, der jedes Wuͤrd'ge In Nichts verwandelt. Einzig ſteht ſie da. Proteus. So laß ſie einzig ſtehn! Valentin. Nicht um die Welt! Nein, Proteus, ſie iſt mein, und ich ſo reich durch dieſen Schaßz, als hätt' Ich zwanzig Seen, in denen Perlen blinkten Statt Sand, ſtatt Waſſer Nektar, reines Gold Statt Felſen. Dacht' ich deiner nicht, vergib mir's! Du ſiehſt ja meiner Liebe Raſerei. Ein Narr, mein Nebenbuhler, den ihr Vater Nur ſeines großen Reichthums halber liebt, Iſt ihr Begleiter; folden muß ich ihnen; Denn Lieb' iſt eiferſuͤchtig, wie du weißt. Proteus. Sie liebt dich ebenfalls? Valentin. Wir ſind verlobt, Ja, unſer Hochzeitfeſt iſt ſchon beſtimmt, Die ſchlaue Art, wie wir entfliehen wollen, Wie ich zum Fenſter ihres Zimmers klimm' Auf hänfner Leiter, und was ſonſt noch frommt Zu meinem Gluͤck, iſt kluͤglich ausgeſonnen. Komm, lieber Proteus, mit mir auf mein Zimmer, und leih' mir deinen Rath. w Proteus. Ich treff' dich dort. Jetzt, Lalentin, muß ich gleich fort zur Rhede, um auszuſchiffen dort, was ich bedarf. Dann folg' ich gleich dir nach. Valentin. Du eilſt doch? Proteus. Sicher. (Valentin geht ab). Wie eine Glut ausktelbt die andre Glut, So wie ein Nagel mit Gewalt den andern Hinausdraͤngt, ſo iſt die Erinnrung An meine fruͤh're Liebe mir verſchwunden, Durch dieſe neue himmliſche Erſcheinung. Iſt's Augentrug? iſt's Valentin? ſein Lob? Ihr Werth? wie? oder iſt's mein Wankelmuth, Durch welchen ich, vernunftlos, ſo vernuͤnftle? Schoͤn iſt ſie; doch das iſt auch Julie, Die— die ich einſt geliebt; denn meine Liebe Schmolz, wie in Feuersgluth ein Bild von Wachs. Erkaltet iſt fuͤr Valentin die Freundſchaft, Ich lieb' ihn nicht, wie ich ihn ehmals liebte. Nur ſeine Braut, nur ſeine Braut lieb' ich. Wie werd' ich ſie, wenn ich ſie naͤher kenne, Erſt lieben, da ich ſie ſchon jetzt ſo liebe? Bis jetzt erblickt' ich ihr Gemaͤlde nur, und ſchon hat des Verſtandes Licht es ganz vbl Zeigt die Vollendete ſich meinem Blick, So werd' ich ohne Zweifel voͤllig blind. Ich will, kann ich's, der irren Liebe wehren; Wo nicht, muß Liſt ſie mein zu machen lehren. (Er geht ab)“ —————— —— — . 8— zec)— B er. et. Fünfte Seene. Eine Straße in Mayland. Hurtig und Lanz treten auf. Hurtig. Lanz! ſo wahr ich ehrlich bin, du biſt mir herzlich willkommen in Mayland. Lanz. Verſchwoͤre dich nicht, lieber Junge; denn ich bin nicht willkommen. Ich denke immer ſo; ein Menſch iſt nicht eher ganz verloren, als bis er am Galgen hängt; und nicht eher willkommen, als bis er die Zeche bezahlt hat, und die Wirthin ihr, ſeyn ſie bald wieder willkom⸗ men, zu ihm ſagt. Hurtig. Komm her, du Strohkopf, ich will ſogleich mit dir in eine Schenke gehen, wo du fuͤr eine Zeche von fuͤnf Dreyern fuͤnftauſendmal willkommen geheißen werden ſollſt. Aber, hoͤr' mal Bruder, wie konnten denn dein Herr und Fräulein Julie es uͤber's Herz bringen, von einander zu ſcheiden. Lanz. Meiner Treu, leichter als ich je dachte. Hurtig. Aber wird ſie ihn denn heirathen? La n3r Nein. Hurtig. Wird er ſie heirathen? Lanz. Nein, ebenfalls nicht. H ur ti g. Wie? Haben ſie gebrochen? Die beiden Veroneſer, 3 —— Banz. Rein, ſie ſind beide ſo geſund, wie ein Fiſch. S i Nun, wie e ſteht's denn mit ihnen? Lanz. Meiner Treu', wenn's mit ihm gut ſteht, ſo ſteht auch mit ihr gut. Hurtig. Was fuͤr ein Eſel biſt du doch! Ich verſtehe dih 1 n Klotz, du, daß du mich nicht verſtehſt! Men Stock verſteht mich. Hurtig. Was du ſagſt! Lanz. Freilich, und was ich thue, obendrein. Siehſt du n ich brauche mich blos aufzulehnen, und mein Stock ver ſteht mich gleich. H urti g⸗ v Er ſteht freilich unter dir. 3 Lanz. Nun, unterſtehen und verſtehen koͤmmt ja am En„ auf eins hinaus. 2 Dummes Zeug; aber offen: wird's eine Heirch Li geben? Sanz. Frage meinen Hund. Sagt er Ja, ſo gibt's ein ve ſpricht er Nein, ſo gibt's eine; wedelt er mit d gr Schwanze und ſagt nichts, ſo gibt's ebenfalls eine. —————— — h Nei ver n ral n den Hurtig. Daraus läßt ſich alſo ſchließen, daß es eine geben wird. Pratnz. Du ſollſt ein ſolches Geheimniß nicht anders von mir herauskriegen, als durch ein Geheimniß. Hurtig. Gut, wenn ich's nur heraus bekomme. Aber, Lanz, was ſagſt du dazu, daß mein Herr ein ſo trefflicher Lie⸗ besjäger geworden iſt? Lanz Ich hab' ihn nie anders gekannt. Wie denn? Lanz. Nun, als einen trefflichen Packträger, wie du ihn nennſt. Hurtig. Du Eſel aller Eſel! Du haſt mich abermals falſch verſtanden. Lanz. Narr! ich meinte ja nicht dich, ich meinte deinen Herrn. Hurtig. Ich ſage dir, mein Herr ſteht in Flammen vor Liebe. La n3. Und ich ſage dir, es iſt mir gleichviel, wenn er auch vor Liebe verbrenne. Willſt mit nach der Schenke— gut! Wo nicht, ſo biſt du ein Hebraer, ein Jude, nicht deines Chriſtennamens werth. 5. 3 52 Hurtig. Warum? Lanz.⸗ Wei du nicht ſo viel Menſchenliebe haſt, mit einer chriſtlichen Seele in die Schenke zu gehen. Nun, n du mit? Hurtig. Ich ſtehe zu Befehl. (Veide gehen ab) Sechſte Seene. Ein Zimmer im Palaſte zu Mayland. Proteus tritt auf. Proteus. 5 Verlaſſ' ich meine Julie, bin ich treulos, Und treulos bin ich, wenn ich Silvia liebe; Und noch treuloſer waͤr's, den Freund zu täuſchen. Die Macht, die mir zuerſt den Schwur entlockt, Verfuͤhrt mich zu dreifachem Meineid jetzt. Die Liebe hieß mich ſchwoͤren, und ſie bricht Den Eid jetzt. Liebliche Verſucherin, Haſt du geſuͤndigt, lehre mich, den du Verfuͤhrt, die Suͤnd' entſchuldigen. Zuerſt Verehrte ich ein blinkendes Geſtirn, Nun bet' des Himmels Sonne ſelbſt ich an. Ein unvorſichtiger Eid kann mit Bedacht Gebrochen werden, und dem fehlt's an Kopf, Der nicht Entſchloſſenheit genug beſitzt, Das Schlechte gegen Beſſres zu vertauſchen. O pfui, unheil'ge Zunge! Nennſt du ſchlecht Sie, deren ſanfte Herrſchaft du ſo oft Erkennet haſt durch zwanzigtauſend Schwüre? unmoͤglich iſt es, ſie nicht mehr zu lieben; Dem ungeachtet thu' ich's. Doch ich hore Da auf zu lieben, wo ich liebon ſollte. Ich opfre Julien auf und Valentin:! BVehalt' ich ſie, muß ich mich ſelber opfern; Verlier' ich ſie, find' ich fuͤr Valentins Verluſt mich ſelbſt, für Julien Silvia. Mir ſelber bin ich näher, als der Freund, Denn Liebe legt auf ſich den meiſten Werth. und gegen Silvia— bezeug' es, Himmel, Der ſie ſo hold erſchuf— iſt Julie Nur eine gelbe Aethiopierin. Vergeſſen will ich, daß ſie je gelebt, Erinnern will ich mich, daß meine Liebe Zu ihr erloſchen iſt; und Valentin Muß ich hinfort als einen Feind betrachten, Der meine Silvia zu beſitzen ſtrebt. Nicht treu kann ich fortan mir ſelber ſeyn, Begeh' ich nicht an Valentin Verrath. Noch dieſe Nacht gedenkt auf einer Leiter Er zu dem Fenſter Silvia's zu ſteigen; Doch ich, ſein Nebenbuhler, weiß davon. Fort! gleich ertheile ihrem Vater Rachricht Von der Vermummung und beſchloſſ'nen Flucht. Der, aufgebracht, wird Valentin verbannen, Da er zum Eidam Thurio erwählt. Iſt Valentin erſt fort, ſo ſpiel' ich leicht Dem plumpen Thurio einen ſchlauen Streich. Befluͤgle du, o Liebe, dieſen Plan, Du, die mir Geiſt lieh', daß ich ihn erſann. (Er geht ab). iner illſt auf. ——— Siebente Scene. Verona. Ein Zimmer in Juliens Hauſe. Julie und Lucette treten auf. Füie. Lucette, liebes Mädchen, rathe mir! O leih mir deinen Beiſtand. Ich beſchwoͤre Dich bei der holden Liebe ſelbſt. Steht doch Ein jeglicher Gedanke meiner Seele In deinem Buſen, wie auf einer Tafel Auf's Deutlichſte geſchrieben und geprägt. Belehre mich, und ſage mir ein Mittel, Wie ich wohl, unbeſchadet meiner Ehre Zu dem geliebten Proteus reiſen kann. L u ete Ach! lang und ſehr beſchwerlich iſt der Weg. J lize. Dem wahrhaft frommen Pilger wird's nicht ſchwer, Mit ſchwachem Fuße Reiche zu durchwandern. Wie ſollt' denn ich ermuͤden, da die Liebe Mir ihre Schwingen leiht, und mich der Flug Zu meinem theuern Proteus fuͤhrt, zu ihm, Dem Muſter irdiſcher Vollkommenheit. Lueette Es iſt doch beſſer wohl, ihr harrt, bis Proteus Zuruͤckkehrt. Weißt du's nicht, daß ſeine Blicke Die Nahrung meiner Seele ſind? Hab' Mitleid Mit mir und mit der Qual, die mich verzehrt, Wenn ich ſo lang' nach Nahrung ſchmachten ſoll. Ach, kennteſt du der Liebe inn're Regung, 5 — 55 Viel eher koͤnnteſt du mit Feuer Schnee Entzuͤnden, als der Liebe Gluth durch Worte Erſticken. L estt e Eure heiße Liebesflamme Will ich nicht loͤſchen; maß'gen will ich nur Des Feuers hoͤchſte Wuth, eh' es gewaltſam Die Grenzen der Vernunft gar uͤberlodert. Jule. Es brennt, je mehr du's hemmſt, nur um ſo ſtaͤrker. Der Bach, der, wie du weißt, mit ſanftem Murmeln Dahin rinnt, brauſt, wenn man ihn hemmen will: Allein in ſeinem Laufe nicht gehindert, Fließt er auf glattem Kies, mit lieblicher Muſik dahin, und jede Binſe kuͤßt er, Die er auf ſeinem Wege trifft. So gleitet Durch manche Kruͤmmung er und unter Scherzen Zum wilden Ocean.— Drum laß mich geh'n, Und hemme nimmer mich in meinem Lauf. Geduldig, wie der ſaufte Strom, ſoll mir Zur Kurzweil dienen jeder mäde Schritt, Bis mich der letzte meiner Liebe zufuͤhrt: Dann will ich ruhen, wie ein ſeel'ger Geiſt Nach ird'ſchem Drangſal in Elyſium. ee Doch ſagt mir, wie verkleidet wollt ihr reiſen? Julie. Nicht wie ein Weib, daß mir kein Ueberfall Von zuͤgelloſen Maͤnnern drohen moͤge. Lucette, ſchaffe mir ein Kleid, wie's ſich Fuͤr eines Ritters Edelknaben ziemt. Buchette. ² Dann, Fraͤulein, muͤßt ihr euer Haar verſchneiden. Juie⸗ Nein, Kind! ich knuͤpf' es auf an ſeidnen Locken In zwanzig Knoten, wunderbar verſchlungen. Phantaſtiſch Weſen muß ja einem Knaben, In meinem Alter, mein' ich, trefflich ſtehn. Lü eet ter Sagt, Fraͤulein, welchen Schnitt ſoll eurer Hoſ⸗ Ich geben? Fi! das heißt ſo viel, als: Herr, Wie wuͤnſcht ihr euren Reifrock zugeſchnitten? Waͤhl' nach Belieben einen Schnitt, Lucette. u ete Doch ohne einen Hoſenſchlitz geht's nicht. Jui e. Pfui doch, Lucette, das wird garſtig ausſeh'n. Lucette. Wie anders aber, ſagt, mein edles Fräulein? Fulie Lucette, liebſt du mich, ſo ſchaffe Alles, Was noͤthig iſt, und ſich am Beſten ziemt. Doch, Madchen, ſprich, was wird die Welt wohl ſagen, Zu dieſer unbedachten Reiſe? Faſt Befuͤrcht' ich, daß man hart mich tadeln wird. Leete Wenn das ihr denkt, ſo bleibt zu Hauſe. ie. In keinem Falle. S— =— nmeette. Nun dann, ſo laßt euch nie Von Schande traͤumen, ſondern reiſit. Wenn Proteus Die Reiſ' und eure Ankunft nur behagt, Was kuͤmmert's euch, mißfaͤllt ſie aller Welt; Ich fuͤrchte nur, er freut ſich nicht daruͤber. Julie. O die geringſte Sorg' iſt das, Lucette! Zehn tauſend Schwuͤre, ganze Thränenmeere, Und ſeiner Lieb' unendliche Beweiſe Verbuͤrgen mir, daß ich willkommen bin. Lete O alles dies dient truͤgeriſchen Maͤnnern Zu ihrem Zweck. Julie. Verworf'ne ſind's, die es Gebrauchen zu ſo niedrem Zweck. Ihm ſtrahlte Ein treueres Geſtirn bei der Geburt. Sein Wort iſt ihm Geluͤbd', ſein Eid Orakel, Aufrichtig ſeine Lieb' und ſein Gedanke Rein, makellos. Aus ſeinem Herzen kommt Die Thräne, die er weint, und dieſes Herz Iſt von Betrug ſo fern, wie Erd' und Himmel. Lcette Gott geb's, daß er ſich, wenn ihr kommt, ſo zeigt! Julie. Wenn du mich liebſt, ſo thu' ihm nicht die Schmach an, Von ſeiner Treue ſo gering zu denken. Verdiene meine Liebe, Kind, indem Du ihn liebſt. Komm ſogleich in mein Gemach, und zeichne Alles auf, was mir vonnoͤthen 3** Auf dieſer Reiſe, die ich laͤngſt erſehnt; Was mein iſt, übergeb' ich dir: Vermoͤgen, Beſitzungen und meinen guten Ruf. Dafuͤr befoͤrd're ſchleunig meine Reiſe. Komm! Keine Antwort! Auf der Stelle thu's; Denn muͤde bin ich meiner Sehnſucht Folter. (Beide gehen ab). Ende des zweiten Acts. ————FᷣàÜů SD r e e Erſte Seene. Mailand. Ein Zimmer im Palaſte des Herzogs.— Der Herzog, Thurio und Proteus treten auf. Herzog. Laßt, Thurio, uns einen Augenblick! Wir haben mit einander insgeheim Zu ſprechen. —„ (Thurio geht ab). Nun, was wuͤnſchet ihr von mir? Proteus. Erlauchter Herr, was ich entdecken will, Sollt' ich, dem Recht der Freundſchaft nach, verhehlen; Und doch, erinnre ich mich der hohen Gunſt, Die ich ſo unverdienter Weiſ euch danke, So treibt die Pflicht mich an, das auszuſprechen, Was ich, um keines ird'ſchen Gutes willen Jemals verkuͤndet haͤtte. Wißt, mein Fuͤrſt, Daß Valentin, mein Freund, die Tochter euch — 2„„ — 1— —)c„ 28 37) w In dieſer Nacht noch zu entfuͤhren denkt. Ich ſelbſt bin eingeweiht in dieſen Plan. Ich weiß, ihr wollt ſie Thurio vermaͤhlen, Den aber eure edle Tochter haßt. Ich weiß, würd' ſie geraubt auf dieſe Art, Wuͤrd' es in euch dem Land den Vater rauben. Darum hielt ich eher es fuͤr meine Pflicht, Die Abſicht meines Freundes zu vereiteln, Als euer Haupt, indem ich ſie verhehlte, Mit Sorge, Schmach und Kummer zu beladen, Die vor der Zeit in's Grab euch ſtuͤrzen wuͤrden. Herzog. Proteus, ich danke dir fuͤr deine Sorgfalt; und ich erbiete mich, ſo lang' ich lebe, Zu jeglicher Vergeltung. Oefters ſchon Bemerkt' ich ihre Liebe, wenn ſie glaubten, Ich ſchliefe feſt; auch hab' ich mehrmals mir Schon vorgenommen, Valentin den umgang Mit ihr, wie meinen Hof zu unterſagen. Doch ich beſorgte, daß vielleicht mein Argwohn Mich taͤuſchen koͤnnt', und ich dann ungerecht Ihn kränken moͤchte— eine uebereilung, Vor der ich immer ſorgſam mich gehuͤtet. So blickt' ich freundlich ſtets auf ihn herab, Bis ich nun finde, was du mir entdeckt. Schon die Beſorgniß, daß die zarte Jugend Zu leicht nur der Verfuͤhrung unterliegt, Vermochte mich, in einen hohen Thurm Sie einzuſchließen jede Nacht. Den Schluͤſſel Dazu hab' ich in eigener Verwahrung, und ſchwerlich wird ſie mir von dort entfuhrt. 59 60 Poten. Wißt, edler Herr, daß ſie ein Mittel fanden, Wie er hinauf zum Fenſter klimmen kannz Auf einer Leiter will er auf dem Ruͤcken Herab ſie tragen. Schon ging er danach, Und kommt ſogleich hieher, und bringt ſie mit. Ihr koͤnnt ihn nach Belieben hier ertappen; Allein benehmt euch ſchlau, damit er nicht Errathen moͤge, wer es euch entdeckt. Die Liebe nur zu euch, und nicht der Haß Des Freundes, ließ mich ſeinen Plan verrathen. Herzog. Auf meine Ehre. Nie erfahren ſoll er's, Daß du mir Licht verſchafft in dieſer Sache. Proteus. Lebt wohl, mein Fürſt! Dort naht ſich Valentin. Valentin tritt auf. Herzog. Woher ſo eilig, Valentin?. Va 1. Ein Bote, Mit eurer Gnaden Gunſt, erwartet mich, Der meinen Freunden Briefe bringen ſoll. Ich will ſie ihm ſo eben überliefern. . Herzog. Enthalten ſie was Wicht'ges? enin. Nur, daß ich Geſund bin, meld' ich, und begluckt mich fuhle An eurem Hofe, (WProteus geht ab). Herzog. Ei das eilt ja nicht.“ Drum bleibe noch ein wenig hier; ich mochte Gern uͤber eine Sache mit dir ſprechen, Die nahe mich betrifft; doch als Geheimniß Mußt du in deinem Buſen ſie bewahren. Du weißt, daß meinem Freunde Thurio, Ich meine Tochter zu vermaͤhlen wuͤnſchte. Valentin. Das iſt mir wohl bekannt, und die Verbindung Waͤr' reich und ehrenvoll in jedem Fall. Durch manche Tugend zeichnet ſich der Mann, Durch Werth und Großmuth aus, durch Eigenſchaften, Die einer Frau, wie eure Tochter, wohl Geziemen. Kann denn Ew. Hoheit nicht Sie dahin bringen, ihn zu lieben* Herzog. Nein! Du glaubſt nicht, wie ſie trotzig iſt, verſtockt, Stolz, ungehorſam; ihre Pflicht vergeſſend Betrachtet ſie ſich kaum noch als mein Kind, und keine Furcht hat ſie vor ihrem Vater. Ja, laß es mich geſtehen, dieſer Stolz Hat meine Liebe voͤllig ihr geraubt. Zuruͤckgekommen von dem Wahn, daß ſie Durch kindlichen Gehorſam mich im Alter Erfreuen werde, hab' ich nun den feſten Entſchluß gefaßt, mich wieder zu vermaͤhlen, Und ſie dem hinzugeben, der ſie mag. Mag denn die Schoͤnheit ihr als Mitgift dienen, Denn mich und meine Guͤter ſchatzt ſie nicht. w 62 Valent in. D und was ſoll ich bei dieſer Sache thun? E Herzog. In Mailand hier, wird eine Dame, Herr, S Von mir geliebt, doch iſt ſie ſproͤd' und ſcheu, V und wenig gilt ihr die Beredtſamkeit V Des Alters. Deshalb wuͤnſcht ich wohl, daß ihr Y Mein Anwald waͤret— denn den Hof zu machen, B Vergaß ich lange ſchon, und außerdem Hat mit der Zeit die Mode ſich veraͤndert. Sagt mir, wie ich dazu gelangen kann, Daß ſich ihr ſtrahlend Auge auf mich heſte? v Valentin. Sucht, wenn ſie eure Worte nicht beachtet, 5 Sie durch Geſchenke zu gewinnen. Oft Bewegen Weiber Schätze und Juweelen⸗ Wenn Worte ihre Wirkung ganz verfehlen. W Herzog. dHi Doch ſie vérſchmähte meine fruͤhern Gaben. Valentin. Die Weiber ſchmäh'n, was ſie am liebſten haben.* Ein neu Geſchenk! ſie weiſ't es nicht zuruͤck, S und Liebe kundet deutlich bald ihr Blick. 5 Zürnt ſie, glaubt nicht, daß es aus Haß geſchehe; Sie will von hoh'rer Lieb' entflammt euch ſehen. Entfernt euch nur nicht gleich, wenn ſie euch ſchilt; Vi Laßt ihr ſie ſteh'n, ſo wird das Narrchen wild. Nehmt keinen Korb von ihr, und ſpräch' ſie gleich: So „Geht! nun ſo heißt das doch nicht: Fort mit euch!“ Er Lobt ihren Reiz, verhuͤllet ihre Maͤngel, und iſt ſie ſchwarz, nennt weiß ſie, wie ein Engel. Sie 4 „ Der, ſag' ich, iſt kein Mann, dem's nicht gelingt, Daß er mit ſuͤßer Red' ein Weib gewinnt. Herzog. Sie aber, die ich meine, ward bereits Von ihren Freunden einem edlen Juͤngling Verlobt, und ſtreng iſt jeder umgang ihr Mit Maͤnnern unterſagt, von denen ſelbſt Bei Tage keiner Zutritt hat. Valentin. So ſucht' ich Mir in der Nacht den Zutritt zu verſchaffen. Herzog. Verſchloſſen ſind die Thuͤren, und die Schluͤſſel So wohl verwahrt, daß Niemand nahen kann. Valentin. Was aber hindert euch, zu ihrem Fenſter Hinein zu ſteigen? Herzog. Ihr Gemach liegt hoch Weit von der Erd', und iſt ſo ſchroff erbaut, Daß ohne augenſcheinliche Gefahr Es Niemand wohl ſo leicht erklimmt. Valentin. So nehmen Wir eine Leiter, gut geknuͤpft von Stricken, Mit ein paar Haken d'ran, ſie aufzuhaͤngen. So laͤßt ſich wohl der neuen Hero Thurm Erklimmen, wenn es ein Leander wagt. Herzog. Gieb Auskunft, wie erlang' ich ſolche Leiter? Valentin. Vann braucht ihr ſie? Ich vitt' euch, ſagt es mir Herzog. In dieſer Nacht. Denn Lieb' iſt wie ein Kind. Sie ſehnt nach jedem Dinge ſich, das ſie Erreichen kann. Valentin. um ſieben Uhr verſchaff' ich Die Leiter euch. Herzog. Doch hoͤr', ich will allein Zu ihr. Wie ſchafft am beſten man die Leiter Dahin?— Valentin. Das geht gar leicht; ihr tragt ſie ſelbſt In einem maͤßig weiten Mantel fort. Herzog. So etwa von der Weite wie der deine? Valentin. Ja, Herr. Herzog. Laß deinen Mantel mich betrachten; Ich ſchaffe einen mir von gleicher Weite. Valentin. Dazu, mein Fuͤrſt, iſt jeder zu gebrauchen. Herzog. Wie ich mich wohl aus in einem Mantel? Gieb her! Komm, haͤnge mir den deinen um;— Was iſt das fuͤr ein Brief? An Silvia? und hier iſt ja das Werkzeug, das ich brauche Zu meinem Zweck!— Ich nehme mir die bni 3 Das Siegel zu erbrechen. 65 (Er lieſt). „An Silvia denk' ich jede Nacht; Als treue Boten fliegen die Gedanken Zu ihr. O hemmten keine Schranken, Ich hätt' es laͤngſt, wie ſie, gemacht. O laß ſie ruh'n an deiner reinen Bruſt, Wo ſie durch deine Reize ſich verklären. Ich, ihr Gebieter, muß die Luſt, Die ſie ſo hochbegluͤckt, entbehren. Verwuͤnſchen muß ich mich, als ihren Herrn, Denn wo ſie weilen, waͤr' ich ſelbſt ſo gern.“ Und was ſteht hier?—„In dieſer Nacht Befrei' ich, Silvia, dich. So iſt es wirklich! und hier iſt auch zum ſchonen Zweck die Leiter 17 Wie? Phaeton— denn du biſt Merops Sohn— Tollkuͤhn willſt du den Pimmelswagen lenken, Durch deine Thorheit unbedacht die Welt In Flammen ſetzen.? Willſt, weil ſie auf dich Herniederblicken, die Geſtirn⸗ erreichen? Geh', nied'rer Raͤuber, du verwoͤhnter Sklave! Dein ſchmeichleriſches Lächeln magſt du ſparen Fuͤr deines Gleichen. Meiner Nachſicht dank' es, Nicht deinem Werth, daß du ſo frei von hier Dich wegbegeben darfſt. Du biſt dafuͤr Mehr Dank mir ſchuldig, als fuͤr alle Gunſt, Mit der ich dich ſo reichlich uͤberſchuͤttet. Doch weilſt du länger noch in meinen Landen, Und fliehſt nicht meinen Fuͤrſtenhof ſo ſchnell Als es dir irgend moͤglich iſt, beim Himmel! Mein Zorn ſoll ſtärker ſeyn, als alle Liebe, Die ich gehegt fuͤr dich und meine Lochter. Fort! ich will keine neue Luͤge hoͤren. Wenn du dein Leben liebſt, ſo fliehe ſchnell. 2(Der Herzog geht ab). Valentin. Waͤr' es nicht beſſer todt, als auf der Folter Mich lebend zu befinden? Sterben heißt Nur von mir ſelbſt verbannt ſeyn, und mein Ich Iſt Silvia. Von ihr verbannt, bin ich Von meinem Selbſt getrennt— die toͤdtlichſte Verbannung! Was iſt Licht, wenn ich nicht ſie Erblicke, was iſt Luſt, die ſie nicht theilt? Wenn ich nicht denken darf, ſie iſt dabei, So iſt mein hoͤchſtes Gluͤck nur unvollkommen. Bin ich nicht Nachts bei Silvia, ſo flotet umſonſt fuͤr mich die holde Nachtigall; Erblick' ich Silvia bei Tage nicht, So moͤcht' ich lieber keinen Tag mehr ſchau'n. Sie iſt mein Weſen; ihrem holden Einfluß Verdank' ich Nahrung, Waͤrme, Licht und Leben. Nicht ſeinem Todesurtheil zu entflieh'n⸗ Flieh' ich den Tod; verweil' ich laͤnger hier, Kann ich nur Tod erwarten, doch entflieh'n Von hier, heißt von dem Leben flieh'n. Prote us und Lanz treten auf. P0 ü s. Lauf, Burſche! lauf, lauf! und ſuch' ihn auf. Lanz. Oho! oho! Proteus. Wen ſiehſt du? A Lanz.* Ihn, den wir ſuchen. Da iſt nicht ein Haar auf ſeinem Haupte, das nicht Valentin's iſt. Proteus. Valentin! Valentin. Nein⸗ Proteus. Wer den? Sein Geiſt? Valentiün˖ Auch nicht. t Was denn? in Richts. Kann Nichts denn ſprechen? Soll ich zuſchlagen, 2 S Proteus. Wen wrillſt du ſchlagen? Lanz. Nichts. Proteus⸗ Schurke, halt ein! Lanz. Aber, Herr, ich bitt' euch— ich ſchlage ja nichts. Proteus. Halt ein, Burſche, ſag' ich. Valentin, ein Wort! Valentin. Mein Ohr iſt taub, und kann nichts Gutes hoͤren, Denn es iſt von zu vielem Boͤſen voll. Proteus. So ſey in ſtummes Schweigen das begraben, Was ich dir melden wollte. Rauh und ſchlimm Klingt meine Nachricht ſo. Nein, Valentin. Nein, Valentin. Herr, es laͤuft ein Geruͤcht umher, daß ihr eu von hier weggewandt. Proteus. Daß du verbannt biſt— o das iſt die Nachricht, Von hier, von Silvia, von deinem Freunde. Valentin. O ſchon empfunden hab' ich dieſen Schmerz; Sein uebermaß wird mich zu Boden druͤcken. Weiß Silvia, daß ich verbannt bin? Proteus. Ja und jenem Urtheit, das mit Götterraft Nicht umzuſtoßen iſt, hat ſie bereits Ein ſchmelzend' Perlenmeer, von tauſend Thränen Zum Opfer dargebracht. Des Vaters rauhen Fuß, und demuthsvoll Hat ſie auf ihren Knien vor ihm gelegen, Die zarten Haͤnde ringend, deren Weiß Valentin. Iſt Silvia todt? Proteus. Vale ntin. Fuͤrwahr, kein Valentin Der heil'gen Silvia. Ward ſie treulos mir? Proteus. Valentin. Kein Valentin, wenn ſie MWir treulos ward. Wie lautet deine Nachricht? Die Welle netzte * E u D 7 D D YV E K 3„„ 38 7„„ 2 =) 8 ℳ uch w Wie's ſchien, ſo eben erſt vor Schmerz erblaßten. Doch bog ſie gleich ihr Knie, hob ſie die Hand Empor zum Himmel: ihre tiefen Seufzer, Ihr Aechzen, ihrer Thraͤnen Silberſtrom Bewegten nicht den mitleidloſen Vater. Er rief: Wenn Valentin ergriffen wird, So muß er ſterben! und ſein Zorn entbrannte, Als ſie ihn bat, dich doch zuruͤckzurufen, So ſehr, daß er in einen RKerker ſie Verwies, mit ew'ger Haft ihr grauſam drohend. Valentin. Hoͤr' auf, wenn du nicht mit dem naͤchſten Wort Mich todten willſt— doch iſt dies deine Abſicht, So bitt' ich dich, o fluͤſt're mir's ins Ohr, Als Grabgeſang fuͤr meinen ew'gen Schmerz. Proteus. Hoͤr' auf zu klagen uͤber das, was du Einmal nicht aͤndern kannſt, und ſinne lieber Auf Mittel, deinen Klagen abzuhelfen. Die Zeit iſt Amm' und Mutter alles Gluͤcks. Hier zogernd, ſiehſt du deine Liebe nie, Und du verkuͤrzeſt nur dein Leben dir. Die Hoffnung iſt der Liebe Stab. Drum ſtuͤtze Auf ihn dich, wenn Verzweiflung dich ergreift. Dein Brief kann hier ſeyn, biſt du auch entfernt. Du ſchickſt ihn mir, und ſchnell an der Geliebten Milchweißem Buſen ſoll er ruh'n. Die Zeit Erlaubt nicht, lange hin und her zu ſtreiten. Komm! zu dem Stadtthor hin geleit' ich dich; Und eh' ich von dir ſcheid⸗ erzaͤhle noch Mir deine Liebesangelegenheiten. 70 w Gleichviel, ob Silvia du liebſt, ob nicht— Erwaͤge die Gefahr, und fort mit dir! Valentin. Lanz, wenn du meinen Diener triffſt, ſo heiß⸗ Ihn eilen. An dem Nordthor trifft er mich. Proteus. Geh', Burſche, ſuch' ihn auf. Komm, Valentin. Valentin. O teih Silvia! armer Valentin! (Valentin und Proteus gehen ab). Lanz. Ich bin nur ein Narr, ſeht ihr, und doch hab⸗ ich ſo viel Verſtand, um einzuſehen, daß mein Herr ein Art von Schurke iſt. Aber das iſt Alles eins, wenn et nun einmal ein Schurke iſt. Es gibt ſicher Niemand, der weiß, daß ich mich verliebt habe, und doch hah ich mich verliebt. Aber das ſoll kein Geſpann Pferde herauskriegen, in wen ich verliebt bin. Und doch iſts ein Frauenzimmer! Aber was fuͤr ein Frauenzimmer, das halt' ich vor mir ſelbſt geheim, denn es iſt ein Milchmaͤdchen. Ein Mädchen iſt's freilich nicht mehr, dem ſie hat zu Gevatter gebeten, und gleichwohl iſt's ein Mäd chen, denn es iſt eines Herrn Mädchen und dient um Lohn. Es hat mehr gute Eigenſchaften, als ein Hund der in's Waſſer geht, und das iſt doch viel fuͤr ein bloße Chriſtin. Hier iſt ein Verzeichniß ihrer Eigenſche ten(er zieht ein Papier aus der Taſche) Erſtens: ſi kann holen und tragen. Ei, ein Pferd kann nicht mehr! Ein Pferd kann nicht einmal holen, es kann nur tr gen; alſo iſt ſie beſſer, als eine alte Mähre. Item ſie kann melken. Ei ſeht doch, das iſt gar eine ſchin Tugend an einem Maͤdchen, das reine Hände hat! Hurtig tritt auf. Großmutter war's. leſen kannſt. Hurtig. Nun, Herr Lanz, was gibts Reues bei deiner Herr⸗ ſchaft? anz Mein Herr ſchifft? Nun ja, auf der See. Hurtig. Immer noch der alte Fehler, daß du falſch verſtehſt! Was gibt's denn in dem Papier da Neues? Lan 3. Das Schwärzeſte, was du je hoͤrteſt. Hurtig. Ei, wie ſchwarz denn? Lanz. Nun— ſo ſchwarz, wie Tinte. Hurteg. Laß mich's leſen! Sanz. Dummkopf! Du kannſt ja nicht leſen. ig. Das iſt gelogen, ich kann's. Lanz. Na, ich will dich examiniren. Sprich: Wer hat dich gezeugt? Furtüg Nun, wer denn anders, als der Sohn meines Großvaters? Lanz. O du unwiſſender Tagedieb! Der Sohn deiner Da ſieht man's, daß du nicht 12 w 5 urtig. Komm, Narr, komm! Examinire mich aus v nem Papier. dr Lanz. 4 Da! Nun ſtehe St. Niklas dir bei! Hurtig. Inprimis. Sie kann melken. Lanz. eie Ja, das kann ſie. ha Hurtig. Item. Sie braut gutes Bier. Lanz. und daher kommt das Sprichwort: Gott ſegn' eu ihr braut Bier. — Hurtig. xt Item, Sie kann naͤhen. Lanz.⸗ Das will ſo viel ſagen, als: Flicken iſt nicht ih e Sache. Hurt ig. Item. Sie kann ſtricken. Lanz.⸗ Beſtrickt hat ſie dich ſchon. Hurtig.⸗ Item. Sie kann waſchen und fegen⸗ an Eine Haupttugend! Da braucht ſie nicht vnnſn ey und gefegt zu werden. H urtig. Item Sie kann ſpinnen. ei⸗ , en Lanz. Da kann ich die Welt auf Räder ſetzen, wenn ſie durch Spinnen ſo viel verdient, daß ſie leben kann. Hurtig. Item. Sie hat mancherlei unnennbare Tugenden. Lanz Das heißt. ſo viel! als Baſtard⸗Tugenden, die ihren eig'nen Vater nicht kennen und darum keinen Namen haben. Hurtigt Nun folgen ihre Fehler. Lanz. Ihren Tugenden dicht auf der Ferſe. Hurtig. Man kann ſie nicht nuchtern kuͤſſen, wegen ihres Athems. Lanz. Nun, der Fehler iſt durch ein Fruͤhſtuͤck zu verbeſ⸗ ſern. Weiter! Surtig. Item. Sie hat ein ſuͤßes Muͤndchen. an Das macht ihren ſauren Athem wieder gut. H urtih Item. Sie ſpricht im Schlafe. Lanz. Das hat nichts zu ſagen, wenn ſie nur nicht beim Sprechen ſchläͤft. Hurtig. Item. Sie ſpricht wenig. Die beiden Veroneſer. 4 74 nn Lanz. Du Schafkopf, wie kannſt du ihr das als Fehler an⸗ rechnen? Wenig ſprechen iſt die ſeltenſte Tugend eines Weibes. Loſch' das ja aus, und ſetz es unter ihre Haupttugenden. Hurtig. Item. Sie iſt eitel. Lanz. Gleichfalls fort damit! Das iſt Eva's Vermächt⸗ niß, und kann ihr nicht genommen werden. Hurtig.⸗ Item. Sie hat keine Zähne. Len Das iſt mir ganz gleichguͤltig, denn ich eſſe gern Rinde. Hutig Item. Sie iſt beißig. Lanz. Auch einerlei! Hat ſie doch keine Zaͤhne. Sie lobt ſich nicht ſelten ein Gläschen. Lanz. Wenn ihr Trank gut iſt, mag's ſie's thun. Vil ſie's nicht, ſo will ich's, denn was gut iſt, muß man loben. S ie Item. Iſt ſie zu freigebig. Lanz. Mit der Zunge kann ſie's nicht ſeyn, denn vorhn laſeſt du ja, daß ſie langſam ſpräche; mit dem Geldbeu⸗ tel ſoll ſie es nicht ſeyn; denn den will ich ſchon ve rn Bill nan hin beu⸗ ver⸗ — ſchließen; iſt ſie es mit andern Dingen, da weiß ich mir freilich nicht zu helfen. Nun, fahre fort. Surti8. Item. Sie hat mehr Haar als Kopf, und mehr Fehler als Haare, und mehr Geld als Fehler. Lanz. Halt ein! ich muß ſie haben. Sie war zwei oder dreimal mein und nicht mein in dieſem letzten Artikel. Lies ihn mir doch noch einmal. Hurtig. Item. Sie hat mehr Haar als Kopf. La nz Mehr Haar, als Verſtand?— das mag paſſiren. Ich will's pruͤfen. Der Deckel des Salzfaſſes bedeckt das Salz, und daher iſt er mehr, als das Salz. Das Haar bedeckt den Kopf; daher iſt das Haar mehr als der Kopf, denn das Groͤßere bedeckt das Kleinere. Nun, weiter! Hurtig. und mehr Fehler als Haare. Lanz. Dos iſt ungeheuer! Ach! wenn das nur nicht da⸗ ſtände! ti8 Und mehr Geld als Fehler. Ei, Geld macht Fehler reizend. Ja, ich will ſie haben, und wenn's zur Heirath kommt, wie denn nichts in der Welt unmoͤglich iſt— Hurt.ig. Nun dann? 4* w Lanz. Dann will ich dir ſagen, daß dein Herr an dem Nordthor auf dich wartet. Hurtig. Auf mich? Lanz. Auf dich? Ei, wer biſt du denn? Er wartet auf einen beſſern Burſchen, als du biſt. 5 ntig. Soll ich denn hingeh'n? Lanz. Laufen mußt du, denn du haſt dich hier ſo lang' aufgehaten, daß bloßes Gehen nicht ausreicht. Hurtig. Warum ſagteſt du mir denn das nicht eher? Hol' der Teufel deine Liebesbriefe! (Er laͤuft fort). Lanz. Nun wird er Prugel bekommen wegen des Leſens meines Briefes. Ein unverſchaͤmter Bube auch! Sich in die Geheimniſſe Anderer miſchen zu wollen! Ich will ihm nach, und freuen ſoll mich's, zuzuſehen, wie der Burſche gbgeblaͤut wird! (ab). Zweite Seene. Ein Zimmer im Palaſte des Herzogs. Der Herzog und Thurio treten auf; ſpaͤterhin Proteus. Herzog. Thurio, ſeyd unbeſorgt! ſie wird euch lieben, * Da Valentin aus ihren Augen nun Verbannt iſt. Thurio. Seit der Zeit werd' ich noch mehr Von ihr verachtet. Meinen Umgang meidend, Schilt ſie auf mich, und ich verzweifle faſt Sie zu gewinnen. Herzog. Dieſer ſchwache Nachhall Der vor'gen Liebe gleicht dem Bild von Eis, Das an der Sonne bald in Waſſer Zerfließt, und ſeine Form verliert. In kurzem Zerſchmilzt auch ihres Herzens Froſt, und dieſer Unwuͤrd'ge Valentin iſt bald vergeſſen. Proteus tritt auf. Nun, Proteus, hat ſich euer Landsmann ſchon Entfernt, wie wir befahlen? Proteus. Er entfloh. Herzog. Mit Schmerz erfullt ſein Scheiden meine Tochter. Proteus. In kurzer Zeit wird dieſer Schmerz ſich mildern. Herzog. Das denk' ich auch; doch Thurio glaubt es nicht. Proteus, ich halte viel auf dich! Beweiſe Haſt du von deiner Treue mir gegeben; Drum wuͤnſch' ich ſehr, mit dir mich zu berathen. Proteus. So lang' nur, als ich Ew. Hoheit treu, Nicht laͤnger laßt mich leben! 78 Herzog. Wie ich Thurio Mit meiner Tochter gern vermaͤhlte, weißt du. Proteus. Ja, gnäd'ger Fuͤrſt. Herzog. So weißt du, glaub' ich, auch Wie ſie ſich meinem Willen widerſetzt. Proteus. Das that ſie, Herr, als Valentin noch hier war. Herzog. Und ſie beharrt dabei mit Eigenſinn. Wie machen wir's nun, daß ſie Valentin Vergißt, und Thurio liebt? Proteus. Der beſte Weg Wär's, wenn man Volentin verlaͤumdete Mit Falſchheit, Feigheit, niedriger Geburt— Drei Dinge, jedem Weib zum Tod verhaßt. Herzog. Doch ſie wird glauben, nur der Haß ſpricht ſo. Proteus. Sie wird's, wenn ſie's von ſeinem Feinde hoͤrt. Erfahren muß ſie's d'rum von einem Mann, Den ſie fuͤr ſeinen Freund haͤlt. Herzog. Ihr Muͤßt die Verlaͤumdung uͤbernehmen. Proteus. Ungern Nur thu' ich es, mein Fuͤrſt. Ein boͤſes Amt Iſt es fuͤr einen edlen Mann; beſonders, Wenn die Verlaͤumdung ſeinem Freunde gilt, Herzog Wo eure Fuͤrſprach' ihm nicht helfen kann⸗ Koͤnnt ihr ihm auch nicht ſchaden durch Verlaͤumdung. Gleichguͤltig iſt daher fuͤr euch dies Amt, um das euch uͤberdieß ein Freund erſucht. Proteus. Mein Fuͤrſt, ihr habt den Sieg davon getragen! Was ich zu ſeiner Schmach nur ſagen kann, Sag' ich ihr vor, und bald wird ihre Lieb' Erloſchen. Doch ſetzt wirklich auch den Fall: Daß ſie der Lieb' für Valentin entſagte, Drraus folgt noch nicht, daß ſie dann Thurio liebt. Dhurio. So muͤßt ihr, wenn ihr Silvia's Liebe ihm Entzieht, dieſelbe wiederum auf mich Zu lenken ſuchen. Dies geſchieht, wenn ihr So hoch mich preiſet, als ihr Volentin An Werth herabſetzt. Herzog. Und wir duͤrfen wohl In dieſer Sache, Proteus, euch vertrau'n, Wir wiſſen es aus Valentin's Bericht, Daß ihr euch treu der Liebe ſchen geweiht, und nicht ſo bald veraͤndert euren Sinn⸗ Auf dieſe Buͤrgſchaft mogt ihr Zutritt haben Zu Silvia, und euch mit ihr beſprechen. Truͤbſinnig, finſter, wie ſie ſtets ſich zeigt; Wird ſchon des Freundes halbev, ein Beſuch Von euch ihr lieb ſeyn. Sucht durch überredung 80 nn Sie zu bewegen, daß ſie Valentin Von Herzen haßt, und daß ſie Thurio liebe. Proteus. Was irgent ich vermag, es ſoll geſcheh⸗n. Doch, Thurio, ihr ſeyd nicht ſchlau genug; In eine Falle muͤßt ihr ihre Wuͤnſche Zu locken ſuchen, in Sonetten muͤßt ihr g klagen euren Liebesſchmerz. Herzog. Groß iſt die Macht der Himmelstochter Dichtkunſt! Proteus. Sagt, daß ihr auf dem Altar ihrer Schoͤnheit Geopfert Thraͤnen, Seufzer, euer Herz. Schreibt, bis die Tint' in eurem Tintenfaß Vertrocknet iſt; mit euren Thraͤnen feuchtet Sie wieder an. Schreibt Verſe, ſo gefuͤhlvoll, Daß ſie des Herzens Sprache nicht verkennt. Denn Dichterſaiten hatte Orpheus Laute; Ihr gold'ner Ring vermochte Stahl und Felſen Zu ruͤhren; Tiger zähmt' er; ja der grauſe Seeteufel ſelbſt erhob ſich aus des Oceans Grundloſer Tiefe, auf den Klippen tanzend. Beſingt ſie, Thurio! ſchleicht euch Nachts Zu ihrem Fenſter hin, begleitet dort Mit lieblicher Muſik der Liebe Lied. Die Nacht iſt ja ein Freund der Liebenden. Herzog. Der unterricht beweiſt, daß du ſchon liebteſt. Shurio. Noch dieſe Nacht befolg' ich euren Rath. D'rum laß uns gleich zur Stadt, mein theurer Proteus⸗ w um einge in Muſik geuͤbte Manner Dort aufzuſuchen. Ein Sonett⸗ recht paſſend 3n dieſen Zwecke, hab' ich ſchon. Herzog. Wohlan Geht raſch an's Werk! Proteus. Wir warten euer Durchlaucht, Wenn ihr's erlaubt, bis nach der Tafel auf. Zeit iſt's dann noch, den Angriff auszufuͤhren. Herzog. Rein, gleich an's Werk. Ihr ſeyd bereits entlaſſen. (Alle gehen ab) Ende des dritten Acts. Bierter Aet. Sr ſte S een Ved in der Nöhe von Mantua. Mehrere Räuber treten auf. Er ſter Raͤuber. Auf, Bruͤder, auf! Dort naht ein Reiſender⸗ 3 weiter Raͤuber. und wären's zehn! Weicht nicht! Schlagt ſie zu Boden! Valentin und Hurtig treten auſ. Sr itted R Halt, Herr! Gebt auf der Stell' her, was ihr habt! 6 Wo nicht, ſo pluͤndern wir euch mit Gewalt⸗ 82 Hurtig. Wir ſind verloren, Herr! das ſind die Raͤuber, Vor denen jeder Reiſende ſich fuͤrchtet. Valentin. Hoͤrt, Freunde— Erſter Raäuber. Eure Feinde ſind wir, Herr! 3 weiter Raäuber. Sey ſtill, wir wollen hoͤren, was er ſagt. Dritter Ruber. Bei meinem Barte, ja, das wollen wir! Es iſt ein feiner Mann. Valentin. So wiſſet denn, Daß ich nur wenig zu verlieren habe. Vom ungluͤck hart verfolgt, iſt all' mein Reichthum Dier dieſes duͤrft'ge Kleid; raubt ihr es mir, So nehmt ihr Alles mir, was ich beſitze. 3 weiter Räuber. Wohin geht eure Reiſe? Valentin. Nach Verona. Erſter Räuber. Wo kommt ihr her? Valent in. Von Mailand. Dritter Räuber. Habt ihr euch Dort lange aufgehalten? Valentin. Sechzehn Monde; und laͤnger haͤtt' ich gerne dort verweilt, Wenn der Tyrann mir keinen Querſtrich machte. Er ſter Räuber. Wie? Wurdet ihr vielleicht verbannt? Venib Ich ward es. 3 weiter Raäuber. Weshalb* Valentin. Es martert mich, euch die Geſchichte Zu wiederholen. Von mir umgebracht Ward Jemand, deſſen Tod ich ſehr bereue. Doch ich erſchlug ihn maͤnnlich im Gefecht Und ohne Tuͤck' und niederen Verrath. Erſter Raäuber. Laßt's euch nicht reuen, wenn es ſo geſchah. Doch ſolch' gering Vergehen war die urſach' 33 Weshalb man euch verbannte? Valentin. Keine größ're. Erſter Räuber⸗ Verſteht ihr Gaunerwelſch B entii⸗ In meiner Jugend Erlernt' ich es bei meinen Abentheuern. Dritte Rnben Nun, bei der Glatz' von Robin Hoods Gefährten, Dem fetten Bruder Duck, der Burſche ſchickte Sich wohl zum Koͤnig unſerer freien Bande. Erſter Räuber. Das ſoll er werden! Auf ein Wort, ihr Herrn. (Sie ſprechen heimlich mit einander). Hurtig. Herr, laßt euch rathen, ſchlagt nicht aus den Antrag, Va entin. Schweig, Schurke! 3 weiter Raänber, Sag', was fuͤr Ausſicht in die Zukunft haſt du? aentii. Nichts, als Verfolgung— Elend. Dritter Räuber. So wiſſe, daß ſich unter uns hier Leute Befinden, welche jugendlicher Leichtſinn Aus der Geſellſchaft edler Männer ſtieß. So ward ich felbſt verwieſen aus Verona, Weil ich ein Fräulein dort, des Herzogs Erbin, Und nah' mit ihm verwandt, entfuͤhren wollte. 8 weiter Ränber⸗ und ich von Mantua, weil ich voll Rache Mit einem Dolche einen Schuft durchbohrte. Erſter Räuber. und ich um eben ſolcher Lumperei'n.— Doch nun zur Sache; wir erwähnten's gleichſam Nur zur Entſchuld'gung unſ'res wilden Lebens. Da wir theils ſeh'n, daß ihr ſo wohl gebildet An Koͤrper, und in unf'rer Sprache, wie ihr Vorhin erwaͤhnt, nicht unerfahren ſeyd; Und da uns ein vollkommner Mann, wie ihr Gar ſehr gefehlt bei unſerem Gewerbe— 3 weiter Räuber⸗ und wahrlich, eben weil man euch verbannt, Deshalb beſonders fragen wir: Waͤrt' ihr's Zufrieden, unſer General zu ſeyn? Macht eine Tugend aus der Noth, und theilt Wald und Gewerb mit uns. Dritter Räuber. Was meinſt dazu? Sag', ob du unſer Raubgenoß' ſeyn willſt? Sprich Ja, und du biſt Hauptmann uͤber uns. Wir huld'gen dir, wir ſchwoͤren dir Gehorſam, und ehren als Gebieter dich und Konig. Erſter Räuber. Verſchmaͤhſt du unſre Freundſchaft, beiß'ſt in's Gras du. 3 weiter Raäuber. Nicht leben ſollſt du, unſ'res Antrags dich Bu ruͤhmen. Valentin. Euren Antrag nehm' ich an. Ich lebe unter euch, mit der Bedingung, Daß ihr nicht ſchwachen Frau'n und armen Wandrern Gewalt zufuͤgt. Dritter Räuber. Solch' niedriges Benehmen Verabſcheu'n wir. Komm mit! Wir fuͤhren dich Zu unſ'rer Schaar, und zeigen dir die Schätze, Die wir gewonnen, und woruͤber du Mit gleichem Recht, wie wir, verfügen kannſt. (Alle gehen ab), 86 Zweite Seene. Ein Hof des Palaſtes zu Mailand. Proteus tritt auf. Proteus. An Valentin ward ich bereits ein Verräther; 6 Nun muß ich auch nicht minder ſchlau und ſchelmiſch An Thurio handeln. Waͤhrend ich den Schein Mir gebe, als betreib' ich ſeine Sache, Such' ich fuͤr meine Liebe nur zu wirken. Doch Silvia iſt zu ſchoͤn, zu treu und hehr, um ſie mit ſproͤden Gaben zu beſtechen. Erklaͤr' ich ihr Ergebenheit, ſo wirft Sie Falſchheit gegen meinen Freund mir vor. Richt' ich an ihre Schoͤnheit mein Geluͤbde, Erinnert ſie mich, wie ich treulos ward Der holden Julie, die ich einſt geliebt. Doch ihrer bitt'ren Vorwuͤrf' ungeachtet, Von denen der geringſte ſchon die Hoffnung Des Liebenden troſtlos vernichten koͤnnte— Doch— wie ein Hund— je mehr ſie meine Liebe Verächtlich fortſtoͤßt, deſto heißer gluͤht ſie, und ſchmeichelt ihr noch immer.— Aber dort Kommt Thurio. Thurio tritt auf mit Muſikanten. i Nun, e habt ihr euch ſchon beigeſchlchen? Proteus. Ja Shres die Liebe, wißt ihr wohl, Muß ſchleichen da, wo ſie nicht gehen darf⸗ Dhurio. Doch hoff' ich, Herr, hier liebt ihr nicht! Protie s. Ei freilich! Sonſt wär ich ja nicht hier. Thurio. Wen? Silvien? vote Nun freilich! Silvien— um euretwillen. ih u i o. So dank' ich euch. Wohlan, ihr Herrn, laßt jetzt Ertoͤnen die Muſik auf luſt'ge Weiſe. Julie in Knabenkleibern, von ihrem Hauswirth beglei⸗ tet, tritt in einiger Entfernung auf., Gaſtwirth. Nun, mein junger Gaſt, es ſcheint, ihr ſeyd ſchwer⸗ muͤthig. Ich bitt' euch, ſagt mir doch weshalb? Julie. In der That, mein guter Wirth, ich bin es nur, weil ich nicht froͤhlich ſeyn kann. Gaſtwirth. Kommt! ihr ſollt ſchon munter werden. Ich fuͤhr' euch wohin, wo ihr Muſik hoͤren und auch den Herrn ſehen ſollt, nach dem ihr fragtet. Werd' ich ihn auch ſprechen hoͤren? Ga ſtwirt h. Nun freilich. uie. Das wird Muſik fuͤr mich ſeyn. Gaſtwirt h. Horcht! Horcht! (Die Muſik ertoͤnt). 8⁸ Iſt er bei ihnen? Gaſt wirth. Ja, aber ſeyd ſtill, und laßt uns aufhorchen! Lied. Wer iſt Silvia? Was iſt ſie, Daß ſie alle Schaͤfer loben? Heilig, ſchon und klug iſt ſie, Und ſie dankt's dem Himmel droben⸗ Der ihr Huld und Anmuth lieh. Sſt ſie gůtig, wie ſie ſchön? Mild und Schoͤnheit ſind verbundenz Ihr in's Aug' muß Amor ſehn, Seine Blindheit iſt verſchwunden, Und er muß bei ihr ſtets ſtehn. Preiß der Silvia! Preiß. Führwahr⸗ Ihre Reize uͤberglänzen Alles, was die Erd' gebahr. Schmuͤck't darum ihr Haupt mit Kränzen⸗ Ziert mit Vlumen ihr das Haar. Gaſtwirth. Was iſt das? Ihr ſeyd ja wahrlich noch trauriger geworden, als vorher? Was fehlt euch, junger Herr? Behagt euch die Muſik nicht? Suie Der Saͤnger gefällt mir nicht. Gaſtwirth⸗ Weshalb nicht, junger Herr? JFulie. Er ſpielt falſch. Gaſt wirth. Wie? Griff er falſche Saiten* er —————————————————— Fuie. Das nicht, aber doch ſo falſch, daß er die Saiten meines Herzens verſtimmte. G aſſt wirth. Ihr habt ein feines Ohr. Fü ien Ach, ich wollte, ich waͤre taub Es wird mir ganz wehe um's Herz. Gaſtwirth. Ich ſehe wohl, ihr ſeyd kein Freund von Muſik. . Sn Nicht im mindeſten, wenn ſie ſo mißtoͤnt. Gaſtwirth. Horcht nur auf den ſchoͤnen Wechſel! — uli e. Ach, eben der Wechſel! Gaſt wirth. Sollen ſie denn ſtets eine und dieſelbe Melodie ſpielen? Sue Einer ſollte immer nur daſſelbe ſpielen. Aber, gu⸗ ter Wirth, iſt jener Proteus, von dem wir ſprachen, oft in des Fräuleins Geſellſchaft? Gaſtwirth. Ich ſag' euch nur, was mir Lanz, ſein Diener er⸗ zählt hat. Er iſt ſterblich in ſie verliebt. Jurie. Wo iſt denn aber Lanz? Eaſtwirth. Er iſt fortgegangen, um das Hündchen zu holen, das er, wie ihm ſein Herr befahl, morgen dem Fraͤulein zum Geſchenk bringen ſoll. W S Bſt! Verſteckt euch. Sie gehen fort. Proteus. Thurio, ſeyd unbeſorgt, ich werde ſchon So fuͤr euch ſprechen, daß ihr meine Liſt Vollendet nennen ſollt. i5. Wo treff' ich euch? Proteus. Am St. Gregoriusbrunnen. Thurio. So lebt wohl! (Thurio und die Spielleute gehen ab). Silvia erſcheint oben an ihrem Fenſter. Proteus. Ich wünſch' euch guten Abend, holdes Fraͤulein! S i lvi a. Dank' euch fuͤr die Muſik, ihr Herrn. Wer ſprach So eben hier? Proteus. Ein Mann, den, foalls ihr wuͤßtet, Wie treu ſein Herz, ihr an der Stimme gleich Erkennen wuͤrdet. Silvia. Proteus? Proteus. Euer Diener. Silvia. Was iſt zu euerm Willen? Proteus. Dem euren zu entſprechen. Silvia. Nun, ſo wißt: Mein Wille lautet, daß ihr auf der Stelle Nach Hauſe geht, und euch zur Ruh begebt. Argliſtger Mann, meineidig, falſch und treulos, Haͤltſt du mich fuͤr ſo ſchwach und unbeſonnen, Daß du durch deine Schmeicheleien mich Verfuͤhren konnteſt— du, der ſchon ſo Viele Durch falſche Schwuͤre hintergieng? Zuruͤck! und ſoͤhne dich mit der Geliebten aus. Was mich betrifft, ſo ſchwoͤr' ich's bei dem bleichen Geſtirn der Nacht, ich bin ſo weit entfernt JFemals Gehoͤr zu geben deinen Wuͤnſchen, Daß ich dein ſchändlich Werben tief verachte. Ich ſetze mich gerechtem Vorwurf aus, Daß ich ſelbſt dieſe Zeit an dich vergeude. Proteus. Ja, Holbe, ich geſteh's, ich liebt' ein Maͤdchen; Doch ſie iſt todt. (für ſich). Der Luͤgner! Duͤrft' ich ſprechen! Ich weiß gewiß, begraben ward ſie nicht. Silvia. Geſetzt ſie waͤr's auch, iſt doch Valentin Dein Freund, am Leben noch. Du ſelbſt biſt Zeuge, Daß ich verlobt ihm bin. Schämſt du dich nicht, Mir zuzumuthen, ſelbſt ihn zu betrügen? Proteus. Ich hoͤrt', auch Valentin ſey todt. 92 Silvia. So glaube, Daß meine Liebe ruht in ſeiner Gruft. Proteus. Laßt aus der Erde ſie, mein ſuͤßes Fraͤulein, Mich wieder graben. Silvia. Wecke die Geliebte Aus ihrer Gruft, und kannſt du's nicht, ſo ſcumn „Zum mindeſten mit ihr in einem Grabe. S (fuͤr ſich). Dos hoͤrt' er nicht. Proteus. S Iſt euer Herz ſo hart, Mein Fraͤulein, o ſo moͤgt ihr meiner Liebe Nur euer Bildniß goͤnnen, das bei euch Im Zimmer haͤngt. Ich ſpreche dann mit ihm, Ihm gelten meine Seufzer, meine Thraͤnen. Da ihr das Weſen eures edlen Selbſt's Schon einem Anderen geweiht, ſo bin Ich Schatten nur; doch auch als Schatten will ich Mit treuer Liebe ewig an euch haͤngen. u i (füͤr ſich). Waͤr' es ein Weſen, du betroͤgſt es ſicher, In einen Schatten es, wie mich, verwandelnd. Sv Daß ihr als euren Abgott mich verehrt, Selbſt das iſt mir verhaßt; doch ſchickt ſich's wohl Fuͤr eure Falſchheit, Schatten anzubeten? 93 cict Morgen her, und ihr bekommt das Bild; und ſomit gute Nacht. Proteus. Ja, eine Nacht Wie die des Schuld'gen, der dem Todesurtheil Am naͤchſten Morgen bang' entgegen ſieht. (proteus geht ab, und Silvia ſchließt das Fenſter). Fulie. Mein Wirth, wir wollen geh'n! Gaſtwirth. Nun, bei meiner Trew, ich war feſt eingeſchlafen. uli e⸗ Bitte, ſagt mir doch, wo Proteus wohnt! Gaſtwirth. Ei, in meinem eig'nen Hauſe. Ich glaube wahr⸗ lich, es iſt bald Tag. Fulie. Nein; doch die letzte Nacht war's, die Ich je durchwacht hab' und die traurigſte. (Sie gehen ab). un ———— —.—— Dritte Scene. m Hofe des Palaſtes vor Silvja's Fenſtern. Eglamour 3 tritt auf. . Eglamour. Dies iſt die Stunde, wo mich Silvia Zu ſich veſchied, ihr Herz mir aufzuſchließen. Bu irgend einem Dienſt von Wichtigkeit Will ſie mich brauchen.— Fraͤulein!. Silvia erſcheint am Fenſter. Silvia. Hier! Wer ruft? 94 Eglamour⸗ Ein Freund und Diener, der auf Ew. Gnaden Befehle wartet, Silvia. Seyd mir tauſendmal Gegruͤßt! Eglamour. und ihr nicht minder, theures Fraͤulein! Ich kam, wie ihr befahlt, ſo fruͤh hieher, um zu vernehmen, was fur einen Dienſt Ihr mir gefaͤlligſt uͤbertragen wollt. Silvia. O Eglamour, du biſt ein edler Mann; — Beſchwoͤren kann ich dir's, daß ich nicht ſchmeichle— Biſt tapfer, klug, mitleidig und vollkommen. Dir iſt nicht unbekannt, welch' eine Liebe Zu dem verbannten Valentin ich fuͤhle. Du weißt, daß mich mein Vater zu der Ehe Mit Thurio, dem Thoren, zwingen will. Mein Herz verabſcheut ihn. Du haſt geliebt, Aus deinem eig'nen Munde hoͤrt' ich's einſt. Kein Kummer ging ſo nahe deinem Herzen⸗ Als der Geliebten Tod, auf deren Gruft Du unverletzte Keuſchheit ihr gelobteſt. O Eglamour, ich wuͤnſchte Valentin In Mantua zu ſehen;— dort wohnt er⸗ Wie ich vernahm; und da der Weg dahin Gefahrvoll, bitt' ich dich, begleite mich. Auf deine Ehr' und Treu verlaſſ' ich mich. Denk' nicht an meines Vaters Zorn— 0 denke Nur meines Kummers, Eglamour, nur daran, Daß meine Flucht gerecht iſt, weil ſie mich Befreit von dieſer ſchändlichen Verbindung, Die Himmel und Geſchick durch Qual velohnt. Ich bitte dich, mit einem Herzen, voll Von ſo viel Sorgen, als der Sand am Meere, Begleite guͤtig mich auf dieſem Wege. Doch willſt du's nicht, verſchweige, was ich dir Entdeckt. Ich wage dann allein zu fliehn. Eglamour. Mein Fraͤulein, euer Leiden ſchmerzt mich ſehr, Da es aus tugendhafter Quelle fließt. Wohlan, ich gehe mit euch! unveſorgt, Was mich auch treffen moͤge, wuͤnſch' ich euch Nur Gluck. Wann wollt ihr fort? Silvia. Noch heute Abend. Eglamour. Wo treff' ich euch? Silvia. Bei Flausner Patrick's Zelle, Wo ich die heil'ge Beichte hoͤren will. Eglamour. Ich werd' euch nicht verfehlen, edles Fraͤulein, Und wuͤnſch' euch guten Morgen. Silvia. Guten Morgen, Mein guter Eglamour. (Veide gehen ab). Vierte Scene. Lanz tritt auf mit einem Hunde. Lanz. Es iſt, ſeht ihr, doch ein ſchwer Ding fuͤr eines Herren Diener, einen Hund bei vornehmen Leuten zu in⸗ troduziren. Einen, den ich von Jugend an aufzog, einen⸗ den ich vom Erſaͤufen gerettet, als drei oder vier von ſeinen blinden Schweſtern d'ran mußten— den ich abgerichtet, gerade ſo, wie Einer beſtimmt ſagen kann: ſo wuͤrd' ich einen Hund dreſſiren: mit dem, dieſem meinen Hunde, ſchickt man mich her, ihn an Fraͤulein Silvia abzugeben, als ein Geſchenk von meinem Herrn; und kaum daß ich in das Speiſezimmer getreten, als er auch ſogleich auf eine Schuͤſſel zutrabte und die Keule von einem Kapaun ſtahl⸗ Es iſt eine boͤſe Sache, wenn ein Hünd ſich nicht in allen Geſellſchaften zu benehmen weiß. Ich wollte, daß einer, der ſich's, ſo zu ſagen, zur Pflicht macht, ein or⸗ dentlicher Hund zu ſeyn, auch in jeder Hinſicht ein Hund waͤre. Wenn ich nicht mehr Verſtand, als er hatte, und ſein Vergehen nicht auf mich nahm, ſo glaub' ich in der That, er wäre aufgehangen worden. So wahr ich lebe, er haͤtte dafuͤr pampeln muͤſſen. urtheilt einmal ſelbſt! Er wagt ſich da mit drei oder vier wohlgezoge⸗ nen Hunden unter die Tafel des Herzogs. Kaum hatte er ſich, bei meiner Treu, da ſo lange aufgehalten, als man ſein Waſſer laſſen kann, als man ihn ſchon im ganzen Zimmer roch.„Hinaus mit dem Hunde!“ rief der Eine.„Wos iſt das fuͤr eine Beſtie!/ ſchrie der Andere.„Peitſcht ihn hinaus! ſchrie ein Dritter. Hängt ihn auf!“ fluchte der Herzog. Ich, der ich ſeinen Geruch ſchon kannte, wußte, daß es Krabb war, und ging zu ch kt dem Kerl, der die Hunde peitſchte.„Freund, ſagt' ich, ihr wollt den Hund peitſchen*“ Ei freilich, das will ich, ſagte er.„Ihr thut ihm das groͤßte unrecht, ſagt' ich, ich war's, der das Ding that, was ihr wißt. Das ließ er ſich nicht zweimal ſagen, ſondern peitſchte mich ohne Weiteres zum Zimmer hinaus. Wie viele Herren gäb' es wohl, die das fuͤr ihre Diener thaͤten? Ja, ich kann's beſchwoͤren, daß ich für ihn im Stock geſeſ⸗ ſen habe, als er einmal Wuͤrſte ſtahl, weil man ihn ſonſt wuͤrde todtgeſchlagen haben. Am Pranger hab' ich geſtanden wegen der Gaͤnſe, die er erwuͤrgt; ſonſt hätte er dafuͤr buͤßen muͤſſen. Aber daran denkſt du nicht mehr. Ich denke noch immer an den Streich, den du mir ſpielteſt, als ich von Fraͤulein Silvia Abſchied nahm. Sagt' ich dir nicht immer, du ſollteſt auf mich merken, und Alles ſo machen, wie ich es mache? Wenn haſt du je geſeh'n, daß ich mein Bein aufhob, und gegen eines Fraͤuleins Reifrock mein Waſſer ließ? Haſt du je einen ſolchen Streich von mir geſehen? Proteus und die verkleidote Fulie treten auf. P 9 en Sebaſtian iſt dein Name? Du gefallſt mir, Ich will ſogleich dir einen Auftrag geben. S ie. Wie's euch beliebt! Ich thue, was ich kann. Pnotens. Das hoff' ich. Gu Lanz) Nun, Hallunke du, du Toͤlpel, Wo haſt du dich zwei ganze Tage lang Umhergetrieben? Lanz. Ei, Herr, ich habe, wie ihr mir befahlt, Der Fraͤulein Silvia das Praͤſent gebracht. Die beiden Veroneſer. 5 Proteus. und was ſagte ſie zu meinem theuren Kleinod? Lanz.⸗ Eii, ſie ſagte, euer Hund ſey eine Beſtie, und ſie läßt euch ſagen, ein Hundedank ſey genug fuͤr ein ſol⸗ ches Präſent. Proteus. Aber ſie nahm ihn doch an? Lanz⸗ Rein, das that ſie nicht. Hier hab' ich ihn wieder mitgebracht. Proteus. Wie? Dieſe Beſtie da haſt du ihr gebracht? Lanz. Ja, Herr. Die and're hat mir der Schinders⸗ knecht weggefangen. Aber ich, geſcheit, bot dem Fraͤu⸗ lein meinen Hund an, der zehnmal großer iſt, als der eurige. So war denn auch das Praͤſent um ſo groͤßer. Proteus. Fort, ſag' ich, ſchaffe meinen Hund mir wieder, Sonſt kehre nimmermehr zu mir zuruͤck. Fort, ſag' ich! Zoͤgerſt du, um mich zu höhnen? Du Sclave, der du Schande auf mich haufſt! 8(Lanz geht ab) Sebaſtian, ich nehme dich in Dienſt, Denn theils bedarf ich eines ſolchen Burſchen, Der mit Verſtand und Einſicht ſich benimmt; Und dann auch trau' ich keinem Einfaltspinſel, Daß pfiffig du, wenn meine Ahnung Mich nicht betrügt, buͤrgt dein Geſicht, dein Anſtand, und weil du das, drum nehm' ich dich in Dienſt. Jetzt geh', nimm dieſen Ring, und übergieb ſie ⸗ 6 u⸗ w Ihn Fräͤulein Silvia. Wohl liebte ſie mich, Von der ich ihn empfieng. J i Ihr liebtet ſie Wohl nicht, da ihr euch von dem Pfande trennt? Sie ſtarb vielleicht? Proteus. Das nicht. Sie lebt noch, glaub' ich. Juie Ach! Proteus. Wn E du? Sie Sie dauert mich. Proteus. Weshalb? Juie. Vielleicht liebt ſie euch ſo, wie ihr Jetzt Fraͤulein Silvia liebt! Vielleicht träumt ſie Von dem, der ſie vergaß um eines Maͤdchens, Das eure Liebe wenig achtet. Ach Iſt ſo die Liebe mit ſich ſelbſt im Streit? Seht, daran dacht' ich, deshalb ſeufzt' ich. Proteus. Du biſt nicht klug. Gib ihr den Ring, den Brief. Dort iſt ihr Zimmer. Sag', verſproch'nermaßen Baͤt' ich ſie um ihr himmliſches Gemaͤlde. Haſt du dies ausgerichtet, ſo begieb Dich auf mein Zimmer, wo du mich und trauernd finden wirſt. (Er geht ab). 5* Fue. Wie viele Frauen wuͤrden ſich dazu Verſteh'n, ſolch' eine Botſchaft auszurichten? Ach, armer Proteus, du haſt einen Fuchs Zum Hirten deiner Laͤmmer angenommen. Wie, arme Thoͤrin, du bedauerſt ihn, Der ſo von ganzem Herzen dich verachtet? Weil er ſie liebt, ſo ſetzt' er mich herab, Weil ich ihn liebe, muß ich ihn bedauern. Ich gab ihm dieſen Ring, als wir uns trennten, An mich und meine Lieb' ihn zu erinnern. Jetzt werd' ich abgeſandt— ein Ungluͤcksbote— um das zu bitten, was ich gleichwohl zu Empfangen bebe, das zu fordern, was ich So gern verweigert ſaͤhe, ſeine Treue Zu ruͤhmen, die ich gleichwohl laͤſtern moͤchte. Ich bin die treue Liebe meines Herrn, Doch kann ich ihm nicht treue Dienſte leiſten, Sonſt wuͤrd' ich an mir ſelber zum Verraͤther. Ich will zwar fuͤr ihn bitten, doch, weiß Gott, So kalt, als ob es Hohn nur von ihm waͤre. Silvia tritt auf, von Dienern umgeben Seid ehrfurchtsvoll gegruͤßzt! O ſag't mir guͤtig: Find' ich jetzt die Prinzeſſin im Palaſte? und wenn ich ſelbſt ſie waͤre, was begehrſt du? J ui e Wenn ihr es ſeid, ſo bitt' ich um Gehoͤr, Denn eine Botſchaft hab' ich euch zu bringen⸗ Silvia. Von wem? Ju Von Proteus, meinem Herrn, Prinzeſſin⸗ Silvia. Aha! er ſchickt nach einem Bilde? Sulie Ja, Prinzeſſin. Silvia. Urſula, gieb mir mein Bild. (Die Zofe uͤberreicht ihr ein Bild). Geh', bring dies deinem Herrn! und ſagen ließ' Ich ihm, daß Julie, die er vergaß In ſeinem Wankelmuth, ſein Zimmer wohl Mehr zieren wuͤrd', als dieſer Schatten hier. S ue Durchleſ't gefaͤlligſt dieſen Brief, Prinzeſſin.— Verzeiht! ich gab euch unbedacht ein Schreiben, Das nicht an euch gerichtet war. Dies iſt Der Brief an Ew. Hoheit. Silvia. Laß das andre, Ich bitte dich, noch einmal ſehn. Juie Ich darf nicht. Vergebt mir, Ew. Hoheit. Silvia. (gibt ihr den Brief zuruͤck). Nun, ſo nimm! Ich mag nicht leſen deines Herren Briefe. Voll ſind ſie von Betheurungen und neu Erfund'nen Eiden, die er wieder bricht, So leicht, als ich hier dies Papier zerreiße. Julie. Er ſchickt euch, Hoheit, dieſen Ring. Silvia. Ha! ſchaͤmen Sollt' er ſich um ſo mehr, ihn mir zu ſenden, Da ich wohl tauſendmal von ihm gehoͤrt, Daß Julie ihm den Ring beim Abſchied gab. Hat auch ſein Finger ihn entweiht, der meine Soll Julien nicht kraͤnken. ₰ mreie. Sie dankt euch. Silvia. Was ſagſt du? Jüie Ich dank' Prinzeſſin, euch, in ihrem Namen, Fuͤr eure Guͤte. Ach! das arme Maͤdchen! Wie leidet ſie! Silvia. Du kennſt ſie 7 Jie Faſt ſo gut, Als ich mich ſelber kenne— hundertmal Hab' ich geweint, dacht' ich an ihren Schmerz⸗ Silvia. Sie weiß es wohl, daß Proteus ſie vergaß? Julie. Ich glaub's, und dies iſt ihres Kummers Quelle. Si Iſt ſie nicht ausgezeichnet ſchoͤn? Juie Sie war Weit ſchoͤner als ſie iſt, zu jener Zeit, Wo ſie von meinem Herrn geliebt ſich glaubte. Da war ſie, wie mich duͤnkt, ſo ſchoͤn, wie ihr. 103 Doch ſeit ſie ihren Spiegel ganz verſaͤumt, Und ihren Sonnenſchleier von ſich warf, Blich in der Luft der Wangen Roſenroͤthe⸗ Es ſchwand die Lilienweiße des Geſichts, Daß ſie ſo braun nun ausſieht, als ich ſelbſt. Silvia. Wie iſt ihr Wuchs? Dem meinen taͤuſchend aͤhnlich. Denn als das Pfingſtfeſt froͤhlich ward gefeiert, Erſuchten die Geſpielen mich, ich moͤchte Die Rolle eines Mädchens uͤbernehmen. Ich ward mit Fraͤulein Juliens Kleid geſchmuͤckt, Das, nach dem urtheil Aller, ſo genau Mir paßt', als wär's fuͤr mich gemacht, Drum weiß ich, Daß ſie dieſelbe Groͤße hat, wie ich. Und manche Thrane hab' ich durch mein Spiel Ihr damals ausgepreßt. Denn meine Rolle War traurig, Fraͤulein. Ariadne ſpielt' ich, Die bang um Theſeus klagt, der treulos floh. Das ſtellt' ich nun mit meinen Thraͤnen ſo Lebendig dar, daß Zähren tiefer Ruͤhrung Mein armes Fräulein weinte. Sterben will ich, Wenn ich nicht ihren Schmerz im Innern fuͤhlte. S i vi e. Sie iſt dir ſehr verpflichtet, lieber Juͤngling. Ach, armes Mädchen, einſam und verlaſſen! Denk' ich an deine Worte, wein' ich ſelbſt. Nimm meine Voͤrſe, Juͤngling! Dieſes Gold Sei dein, weil du ſo ſehr dein Fräulein liebſt. Leb' wohl! (Ab ſammt Gefolge). 5 ulie Sie ſagt dir Dank, herzinniglichen Dank! Ein tugendhaftes Maͤdchen, ſanft und ſchoͤn! Kalt, wird ſie, hoff' ich, meinen Herrn empfangen, Da ſie ſo achtet meines Fraͤuleins Liebe. Ach, wie die Liebe mit ſich ſelber ſpielt! Hier iſt ihr Bildniß.— Ich daͤchte, waͤr' ich ſo geſchmuͤckt, wie ſie; Mein Antlitz waͤr' ſo reizend, als das ihre und doch, der Maler hat ein wenig ihr Geſchmeichelt, ſchmeichl' ich mir nicht ſelbſt zu viel. Braun iſt ihr Haar, das meine golden gelb. Iſt dies die urſach' ſeines Wankelmuths, So ſchmuͤck' ich mich mit falſchen braunen Locken. Ihr Aug' iſt blau wie Saphir, ſo iſt meins; Doch ihre Stirn iſt flach, die meine hoch. Was kann es ſeyn, das er an ihr bewundert, An mir vermißt? Iſt nicht der Gott der Liebe Ein blinder Gott?— Nimm meinen Schatten auf Du Schattenbild, dein Nebenbuhler iſt's. Lebloſes Bild, du biſt verehrt, gekuͤßt, Geliebt und angebetet. Waͤr' ein Sinn „In dieſem Goͤtzendienſt, ſo moͤcht' ich wohl An deiner Stelle ſein. Doch freundlich will ich um deines Fraͤuleins willen dich behandeln. Sie war es gegen mich— ſonſt hätt' ich— wahrlich— Das war mein Vorſatz,— dir die blinden Augen Rein ausgekratzt, die Liebe meines Herrn Fuͤr immer zu vernichten! Ende des vierten Acts. F unfter Aet. Erſte Scene. Mailand. In der Gegend einer Abtei.— Eglamour tritt auf. Eglamour. Die Sonn' umzieht bereits mit ihrem Golde Den Abendhimmel, und um dieſe Zeit Sollt' ich mit Silvia bei St. Patricks Zelle Zuſammentreffen. Schwerlich bleibt ſie aus. Denn Liebende verſaͤumen nicht die Zeit, Sie eilen eher ihr noch vor, befluͤgelt Von ihrer Sehnſucht. Aber ſieh! dort kommt ſie! Mein Fräulein, guten Abend! Silvia. Amen! Amen! Mein guter Eglamour. Jetzt laß uns eilen Zur Hinterthuͤr der Mauer der Abtei. Wir ſind umgeben, furcht' ich, von Spionen. Eglamour. Seid ohne Furcht. Der Wald iſt kaum drei Stunden Entfernt, und haben ihn wir erſt erreicht, So ſind wir voͤllig ſicher. (Veide gehen ab). Zweite Seene. Mailand. Ein Zimmer im herzoglichen Palaſt.— Thurio, Proteus und Julie treten auf. Thurio. Nun, Proteus, was ſagt Silvia zu meiner Bewerbung. 2 Proteus. Milder ſchon, als ehemals Zeigt ſie ſich jetzt, doch hat ſie gegen euch Noch Manches einzuwenden. Thurio. Wie? Iſt etwa Mein Bein zu lang? Proteus. it nichten! doch zu duͤnn iſt's. F hüri 0 Stopf' ich's mit Watt' aus, daß es voller wird. Proteus. Da, wo ſie haßt, laͤßt ſich die Liebe nicht Erzwingen. Shurio. Wie behagt ihr mein Geſicht? Proteus. Sie ſagt, es ſei zu bleich. Thurio. Da lügt das Schaͤtzchen; Denn mein Geſicht iſt braun. Proteus. Bleich ſind die Perlen, und braune Männer, wie das Sprichwort ſagt, Sind Perlen gleich in ſchoͤner Maͤdchen Augen. ie (für ſich ⸗ Ja, Yerlen, um der Maͤdchen Augen zu Vernichten. Lieber ſchließen moͤcht' ich ſie, Als einen Blick ihm ſchenken. Thurio. Wie gefällt Ihr mein Geſpräch? Proteus. Wenn ihr vom Kriege redet, Schlecht. Thurio. Aber ſchoͤn, nicht wahr, wenn es von Lieb“ und Frieden handelt? e (fuͤr ſich). Beſſer noch, wenn ihr Sie laßt in Frieden. Thurio. und was ſagt ſie denn Von meiner Tapferkeit? Proteus. O daran, Freund, Hat ſie nicht den geringſten Zweifel. (fuͤr ſich) Ei, Sie vraucht's auch nicht, da ſie als feig⸗ ihn kennt. Thurio. und meine Abkunft? Proteus. Findet ſie vortrefflich⸗ J u i— (für ſich. Von einem Edelmanne bis zum Thoren! Shurih Erwaͤhnte meiner Guͤter ſie 2 Proteus. Ei freilich! Es thut ihr leid— Thurio. Was ² n e (fuͤr ſich). Daß ein ſolcher Toͤlpel Sie inne hat. Proteus. 8 Daß ſie verpachtet ſind. S i ie Da kommt der Herzog! Der H erzog tritt auf. Herzog. Nun Thurio, nun Proteus? Wer von ach Hat Eglamour zuletzt geſehn? Ich nicht. Proteus. Noch ich. Herzog. Saht ihr wo meine Lochter? Proteus. Nein. Herzog. Ha! dann iſt ſie zu jenem Valentin Entfloh'n und Eglamour vegleitet ſie. So iſt es ſicher! denn der fromme Bruder Laurentius begegnete den Beiden, Da er als Buͤßender den Wald durchſtrich. Ihn kennt' er gleich, und rieth⸗ daß ſie es ſei; Doch konnt' er ſie, da ſie verkleidet war, Nicht ſo genau erkennen. Ueberdieß Gab ſie noch vor, daß in St. Patricks Zelle Sie dieſen Abend Willens ſei zu veichten. Gleichwohl war ſie nicht dort; kurz alle dieſe Vermuthungen beſtät'gen ihre Flucht. Drum bitt' ich euch, nicht länger im Geſpraͤch Hier zu verweilen. Auf, zu Roß! Wir treffen uns auf der Hoͤh', am Fuße des Gebirgs, Das ſich nach Mantua erſtreckt. Denn dorthin Sind ſie entfloh'n. Folgt eilig mir, ihr Herrn! .(Er geht ab). Thurio. Welch' eine Thoͤrin. So das Gluͤck zu flieh'n, Das ſie verfolgt! Ich will ihr nach. Mich ſpornt Mehr Sehnſucht, mich an Eglamour zu raͤchen, Als Liebe zu dem unbebachten Maͤdchen. (Er geht ab). Proteus. Ich folge mehr aus Lieb' zu ihr, als weil Ich Eglamour, der ſie begleitet, haſſe. .(Er geht ab). Juie. Ich folge mehr, zu hindern dieſe Liebe, Als weil ich Silvia haſſe, die aus Liebe Von hier entfloh. (Sie geht ab). Dritte Seenme. Ein Wald an den Grenzen von Mantua. Silvia und Raͤuber treten auf. Erſter Raäuber. Kommt! kommt! Habt nur Geduld! Wir fuͤhren euch Zu unſrem Hauptmann hin. Silvia. So manches ungluͤck, Das tauſendfaͤltig groͤtßer war, als dieß, Hat mich gelehrt, mich in Geduld zu fügen. 8 weiter Räuber. Kommt, fuͤhrt ſie fort! Erſter Raͤuber. Wo iſt der Mann, der ſie begleitete? Dritter Raäuber⸗ Schnellfuͤßig iſt er uns entwiſcht, doch Moſes Verfolgt ihn nebſt Valer. Geh' du mit ihr Nach Weſten zu; in dieſem Theil des Waldes Befindet ſich der Hauptmann. Wir verfolgen Indeß den Fluͤchtling. Laßt uns das Gebuͤſch Beſetzen. Er kann nimmer uns entflieh'n. Erſter Ra uber. Kommt! Zu der Hohle unſ'res Hauptmanns muß ich Euch fuͤhren. Fuͤrchtet nichts. Sein Herz iſt edel, und gegen Frau'n begeht er keinen Frevel. Silvia. O Valentin! fuͤr dich ertrag' ich dieß! (Alle gehen ab). w Vierte Seene. 11¹ Eine andre Gegend des Waldes. Valentin tritt auf. Valentin. Wozu Gewohnheit doch den Menſchen macht! Der dode, dunkle, unbeſuchte Wald Iſt lieber mir als das Geraͤuſch der Stadt. Hier kann ich einſam ſitzen, unbemerkt Von Menſchen; mit dem ſanften Trauerton Der Nachtigall vermiſcht ſich meine Klage, und ihr kuͤnd' ich mein Leid. O du, die du In meinem Buſen wohnſt, laß nicht ſo lang Die Wohnung leer, daß in Verfall gerath' und einſtuͤrz' das Gebaude, keine Spur Von dem, was es geweſen, uͤbrig laſſend. Erquicke mich durch deine Gegenwart, O Silvia! Holde Nymphe gib dem armen ⸗ Verlor'nen Schaͤfer Troſt! Welch' ein Halloh, Welch' ein Getuͤmmel iſt das! Ha! Ach meine Genoſſen ſind's; Willkuͤhr iſt ihr Geſetz. Sie machen ſicher Jagd auf einen armen Verirrten Reiſenden. Sie lieben mich; und dennoch bin ich's oͤfters kaum im Stande, Von Frevelthaten ſie zuruͤckzuhalten. Allein wer kommt? BVerbirg dich, Valentin! (er verbirgt ſich hinter eine Eiche). Proteus, Silvia und Julie kommen. Proteus. Ich, Fräulein, war's der euch den Dienſt geleiſtet, So wenig Werth ihr drauf zu legen ſcheint, Daß ich mein Leben wogt', euch zu befrei'n Von ihm, der euch ſonſt Ehr' und Lieb' entriß. Goͤnnt mir dafuͤr nur einen ſanften Blick; Kaum kann ich bitten um geringern Lohn, und wen'ger könnt ihr ſicherlich nicht geben. Valentin (fur ſich). Mir duͤnkt ein Traum, was ich hier ſeh' und hoͤre— O Liebe, leih' ein Weilchen mir Geduld! 5 Silvia. Wie ich ungluͤcklich, wie ich elend bin! PMroteus. ungluͤcklich war't ihr, Fraͤulein, eh' ich kam, Doch meine Ankunft war fuͤr euch ein Gluͤck. Silvia. machteſt du mich durch dein Kommen. J e „ ECfuͤr ſich). und mich, als er dir nahte. Silvia. Hätte mich Ein Loͤwe, den der Hunger quält', ergriffen, Weit lieber haͤtt' ich dieſem Thier zum Mahl Gedient, als dem verraͤtheriſchen Proteus Die Rettung danken moͤgen. Sei der Himmel Mein Zeuge, wie ich meinem Valentin Ergeben bin. Sein Leben iſt mir theurer Als meine Seele; und in gleichem Maaße (Denn mehr noch, waͤr' unmoͤglich) iſt ein Abſcheu Mir dieſer ſchaͤndliche Verraͤther Proteus. Hinweg von mir, und quäl' mich länger nicht! Proteus. Vech einer That, und wenn Gefahr und Tod Mir drohten, wuͤrd' ich mich nicht unterzieh'n, Wenn nur Ein ſanfter Blick dafuͤr belohnte? w O hier bewaͤhrt ſich, daß ein Fluch die Liebe, Wenn die Geliebte nicht fuͤhlt gleiche Triebe. Silvia. Es liebe Proteus da, wo man ihn liebt. In Julien's Herzen lies. Sie war die erſte, War deine beſſ're Liebe. Tauſend Eide Der Treue haſt du ihr gelobt, und dennoch Haſt du gebrochen alle dieſe Eide um meinetwillen. Keine Treue blieb Dir nun, wenn du nicht zwiefach ſie beſaßeſt. und dies iſt ſchändlicher, als keine haben. Zweifache Treue iſt um eins zu viel. Verrathen haſt du deinen treuſten Freund. Proteus. Wer denkt wohl in der Lieb' an ſeinen Freund 7 Silvia. Ein Jeder; nur nicht Proteus. P roteus. Nun wohlan! Wenn euch der ſanfte Geiſt der überredung Zu mild'rem Sinne nicht bewegen kann, So muß ich eure Liebe mir erzwingen. Silvia. O Himmel! Proteus. Zwingen will ich dich, daß du Dich meinen Wuͤnſchen fuͤgſt! Volentin. Ha, Schurke! ruͤhre ſie ſo roh nicht an! Du falſcher Freund! prdteus. Wos ſeh' ich? Valentin? Valentin. Gemeiner Freund, dem keine Treu' und Liebe Im Herzen wohnt! So ſind die Freunde jetzt! um meine Hoffnung haſt du mich betrogen, Verraͤther! Meinen eig'nen Augen nur Konnt' ich es glauben. Sagen darf ich nun Nicht mehr: Mir lebt ein Freund! Du wuͤrdeſt mich Der Luͤge zeihn. Wem ſoll ich noch vertrau'n, Wenn meine Rechte treulos ward der Bruſt? Proteus! es krankt mich tief, daß du betrogſt, Du warſt mein Glaube noch; um deinetwillen Steh' ich jetzt wie ein Fremdling in der Welt. Das iſt die tiefſte Wunde! Fluch der Zeit, Wo man den Freund mehr als den Feind muß ſcheu'n! Proteus. Verlegen ſteh' ich da vor Schaam und Schuld⸗ Vergib mir Valentin! Kann tiefe Reue Die Schmach verſoͤhnen, die ich auf dich lud, So nimm ſie an. Ich dulde jetzt ſo wahrhaft, Wie ich je ſchuldig war. Valentin. Dir ſei verzieh'n. Wen Reue nicht verſoͤhnt, iſt von der Erde, Vom Himmel nicht; denn ſie ſind beide mild, und ſelbſt des Ew'gen Zorn verſoͤhnt die Reue, Daß die Vergebung klar und rein erſcheine Tret' ich dir Silvia ab— ſie ſei die Deine! Ju ie Ich ungluͤckſel'ge! .(Sie faͤllt in Ohnmacht). Proteus. Steht dem Knaben bei! Valentin. Nun, Knabe! Wie? Wos gibt's? Blick auf und rede! S i Ach, lieber Herr, auf meines Herrn Befehl, Sollt' ich an Fraͤulein Silvia einen Ring Ausliefern, und ich hab' es gans vergeſſen. Proteus. Wo iſt der Ring? S (indem ſie ihm den Ring reicht)⸗ Hier, dieſer iſt's! Proteus. Laß ſehn! Das iſt der Ring ja, den ich Julien gab! S Verzeiht mir, Herr! ich habe mich geirrt. Dies iſt der Ring, den Silvia von euch Empfing. (ſie zeigt ihm einen andern Ring). Proteus. Doch wie kamſt du zu dieſem Ring, Ich gab ihn Julien, als wir uns trennten. F u 8 und Julie übergab ihn ſelber mir, Und Julie ſelbſt hat ihn hierher gebracht. Proteus. Wie ² Julie ſteht vor dir! Julien galten All' deine Eide, die ſie tief gepflanzt In ihrem Herzen. O wie oft haſt du Durch Meineid ihre Wurzeln aufgeriſſen? 116 Moͤgſt du vor dieſem Kleid erroͤthen, Proteus, Dich ſchaͤmen, daß mich dieſer Anzug hier Unziemlich ſchmuͤckt, wofern die Liebe anders Sich der Verkleidung ſchaͤmen darf. Viel leichter Verzeiht man Weibern Tauſch mit den Gewaͤndern, Als Maͤnnern, welche die Geſinnung aͤndern. Proteus. Wahr iſt's, daß Männer die Geſinnung aͤndern! O Himmel, waͤre nur der Menſch beſtändig, Vollkommen waͤr' er, denn ein einz'ger Irrthum Haͤuft ſeine Fehler auf, und treibt ihn bald Durch alle Suͤnden fort. Der unbeſtand Faͤllt ab, eh' er beginnt. O welche Reize Gaͤb' es in Silvia's Antlitz, die ich nicht An Julien erblickt, als noch mein Auge Nicht unbeſtändig hier und dorthin ſchweifte? Vaenti. Kommt, reicht mir eure Haͤnd' und goͤnnet mir Die Luſt, ſie gluͤcklich zu vereinigen. Es waͤr' doch Schade, wenn zwei ſolche Freunde Noch laͤnger Feinde blieben. Proteus. Der Himmel ſei mein Zeuge, daß auf Erden Mein hoͤchſter Wunſch erfuͤllt iſt. S e Auch der meine. Mehrere Raͤuber, nebſt dem Herzog und Thurio treten auf. Rauber. Ein Fang! Ein Fang! Ein Fang! Valentin. Halt! ſag' ich, halt! Das iſt mein Herr, der Herzog! — 117 Mein Fuͤrſt, o ſeid willkommen mir, dem armen Verbannten Valentin. [Herzog. Wie? Valentin? Shurio. Ha! dort ſteht Silvia, und ſie iſt mein!. Valentin. Gieb ſie zuruͤck, wenn dir dein Leben lieb iſt! Bleib fern vom Kreiſe meines Zorns und nenne Nicht Silvia dein. Wenn du's noch einmal wagſt, So ſiehſt du nimmer Mailands Thore wieder. Wenn du ſie mit der Hand, mit deinem Athem Nur zu beruͤhren wagſt— Thurio. Nein, Valentin! Sie geht mir nichts mehr an. Der iſt ein Thor, * Der um ein Maͤdchen, das ihn nie geliebt, Sein Leben wagt. Ich gebe jeden Anſpruch Fuͤr immer auf, und ſie ſei euer! Herzog. Ha! Du Schaͤndlicher, bewarbſt du darum nur Mit ſolchem Eifer dich um ihre Hand, um jetzt ſie ſo veraͤchtlich aufzugeben? Nun, bei der Ehre meiner Ahnen, hoch Verehr' ich deinen Muth, mein Valentin. Der Liebe einer Kaiſerin halt' ich Dich werth und alles fruͤh're unrecht ſei Vergeſſen, jeder Groll vertilgt, und du, Zuruͤckgerufen wieder in die Heimath. Neu anerkennen ſoll man dein Verdienſt, Und ſo befehl ich dir: Nimm Valentin,— 118 Du biſt ein Edelmann von guter Abkunft— Nimm Silvia! denn du haſt ſie verdient. Valentin. O Herr, ich dank' euch! O wie glucklich Macht dies Geſchenk mich! Doch um eurer Lochter, Gewaͤhrt noch eine Bitte mir. Herzog. Sie ſei um deinetwillen dir gewaͤhrt. Mag ſie Beſteh'n, worin ſie will. Va entin Hier die Verbannten, In deren Mitte ich gelebt, ſind Maͤnner, Geſchmuͤckt mit ehrenwerthen Eigenſchaften. Vergebt, was ſie begiengen; ruft auch ſie Huldvoll mit mir zuruͤck aus der Verbannung⸗ Gebeſſert ſind ſie, ſittlich, gut und ruhig, und großer Thaten faͤhig, edler Fuͤrſt. Herzog. Du haſt geſiegt. Wie dir, ſo ſei auch ihnen Verziehn, weil du es wuͤnſch'ſt. Fort von hier Es ſchweige jeder Zwiſt! Laßt Freude herrſchen! Valentin. Und auf dem Wege wag' ich es, ein Laͤcheln, Mein Fuͤrſt, euch abzulocken durch die Frage: Was denkt ihr wohl von dieſem Pagen da? Herzog. Es ſcheint ein holder Knabe; er errothet. Valentin. Mehr hold, als Knabe iſt er, in der That! Herzog⸗ Was wollt ihr damit ſagen? — Valentin. Gönnet mir, Mein Füͤrſt, es unterwegs euch zu erzaͤhlen. Und ſehr verwundern werdet ihr euch drob. Proteus, zur Buße ſollſt du die Geſchichte, Wie deine Braut entdeckt ward, nun vernehmen. Dann ſei mein Hochzeitstag zugleich der deine, Dein Feſt auch mein Feſt, dein Gluͤck auch das meine. (Alle gehen ab). E n d e Anzeige. Von der Bibliotheca Graecu iſt neu er⸗ ſchienen der XI. Band der Proſaiker: Platonis Dialogos Selectos recensuit et commentariis in usum scho- larum instruxit Godofr. Stallbaum. Dieſer Band enthaͤlt in drei Abtheilungen: 1) Apologia Socratis et Crito. 2) Phaedo. 3) Smposium. Der Tert iſt nach den beſten Huͤlfsmitteln kritiſch bearbeitet, und uͤber jede Abweichung von den andern Ausgaben in den Noten Rechenſchaft gegeben. Der Kom⸗ mentar eroͤrtert alles, was in Ruͤckſicht der Sprache und der Sachen eine Erlaͤuterung bedarf, mit derjenigen Flarheit, welche man an dieſem Verfaſſer gewohnt iſt. Der erſten Abtheilung iſt eine allgemeine Einleitung in ſämmtliche platoniſche Schriften vorausgeſchickt, in wel⸗ cher die Meinungen Anderer ſorgfältig aufgefuͤhrt und gepruft, und eigene neue Anſichten über Entſtehung und Zuſammenhang der platoniſchen Dialogen mitgetheilt werden. Der dritten Abtheilung iſt ein vollſtandiger Inder uͤber alles, was in dem Kommentar enthalten, beigegeben. Da dieſe Ausgabe fuͤr den Schulgebrauch ganz geeignet iſt, ſo haben wir die Einfuͤhrung derſel⸗ den dadurch zu erleichtern geſucht, daß wir dieſen Band in drei Abtheilungen, welche einzeln verkauft werden, zerlegten. Platonis Dialogos selectos recensuit et commentariis in usum Scholarum instruxit Godofr. Stallhaun 39 Bogen. 8. papier 1 Thlr. 6 Gr. Sächſ. — auf Poſtpapier 1— 16—— — auf Velinpapier 1— 16—— Ladenpreis auf weiß Druckp. 2———— — auf Poſtpapier 2— 12—— — auf Velinpapier 3— 8— Zum Beſten der Schnlen ſollen die 8 Abtheilungen dieſes Bandes auch einzeln verkauft werden; und zwar 1) Apologia Socratis et Crito, nebſt der allgemei⸗ nen Einleitung zu Plato's ſämmtlichen Schrif⸗ ten. 12 Bogen 16 Gr. 2) Phaedo. 14 Bogen 18— 3) STmposium, nebſt dem vollſtändigen Index zu dem ganzen Bande. 13 Bog. 18— [ Im Jahre 1826 ſind folgende Bande von der Bibliotheca graecu elc. erſchienen: Delectus epigrammatum graecorum, quem novo ordine concinayit et commentariis in usum Scholarum instruxit Friedr. Ja coh s. Druck- Päpier 2 Thlr. Postpap. 2 ½ Thlr. Velinpap. 8 Thlr. 8 Gr. Lysiae et Aeschinis orationes selectae, commen- tariis in usum scholarum instructae a Dr. Joh. Heinr. Bremi. gr. 8 Druckpapier 2 Thlr. Postpap. 2 Thlr. 12 Gr. Velinpap. 3 Thlr. 8 Gr. Anacreontis carmina, ed. Mochius. Druckpap. 12 Gr. Postpap. 16 Gr. Velinpap. 1 Thlr. Wer auf das ganze Werk unterzeichnet, dem ſollen noch bis Ende Auguſt d. J. die äußerſt billigen Subſcriptions⸗Bedingun⸗ gen gewaͤhrt werden. Gotha, im July 1827. Hennings'ſche Buchhandlung. ———— Subſcriptionspreis fuͤr 1½ Alphabet auf weiß Druck⸗ Shakspeare's Sämmtliche Schauspiele; frei bearbeitet von meyer. Zwölftes Bändchen. W f r a Wohlfeile Taſchenausgabe mit Kupfern. . Vuchhandlung. 1 Der Buchſtabe tödtet, nur der Geiſt giebt Leben. ——— —— — ,— Nraas rür Maas. Luſtſpier von Shaksvpeare. Frei bearbeitet von Meyer. Mit einem Kupfer. Gotha, Sennings'ſche 1 8 2 7 —— — = S 8 — S — — S 5 W er ſo n n. Vincentio, Herzog von Wien. Angelo, Landesverweſer in des Herzogs Abweſenheit. escatus, Herzoglicher Rath und Gehülfe Angelo's bei der Landesverwaltung. Ctaudio, ein junger Ritter. Lucio, ein junger Wüſtling. Zwei Herren, Genoſſen Lucio's. Varrius, ein Höfting im Dienſte des Herzogs. Sin ei ſter. zwei Mönche. Ein Richter. Elbogen, ein Gerichtsdiener. Schaum, ein Dümmling. Ctown, Diener der Frau Overdone⸗ Abhorſon, Scharfrichter. Bernardino, ein Verbrecher. Iſabelta, Claudio's Schweſter. Mariana, Angelo's Verlobte. Juliette, Claudio's Geliebte. Francisca, eine Nonne⸗ Frau Overdone, eine Kupplerin. Edelleute, Herren, Wachen, Beamte und andres Gefolge. Die Scene iſt in und bei Wien. ———————————— ————— —— E — Erſte Sceme⸗ Ein Zimmer im Palaſte des Herzogs. Der Herzog, Escatus und andere Edelleute treten auf. Herzog. Escalus!— Escalus. Mein Fuͤrſt 2 Herzog. Redſelig wuͤrd' es ſcheinen, wollt' ich euch —— Erklären, was gehoͤrt zu guter Herrſchaft. Ich weiß es wohl, daß eure eigne Einſicht Die Graͤnzen alles Raths weit uͤberſchreitet, Den euch ich geben kann. Eins nur braucht ihr: Mit eurer Fähigkeit verbindet Würde. Ihr kennet den Charakter unſres Volks, Kennt die Verfaſſung unſrer Stadt, und mit Den Graͤnzen des gemeinen Rechts ſeyd ihr So wohl bekannt in Theorie und Praxis, Als irgend Jemand. Escalus, ihr wißt ℳ 4 Nun euren Auftrag. Bleibet feſt und treu. Ruft Angelo hieher! (Einer von dem Gefolge geht ab.) Was meint ihr? Wie wird er ſich an unſrer Statt benehmen? Denn ihr muͤßt wiſſen, daß wir vorzugsweiſe Zu unſrem Stellvertreter ihn erwaͤhlt. Wir liehn ihm unſre Furchtbarkeit, wir haben Ihn ausgeſchmuͤckt mit aller unſrer Liebez Wir geben jedes Werkzeug unſrer Macht In ſeine Haͤnde. Nun, was ſaget ihr dazu? Escalus. Giebt es in Wien hier irgend einen Mann, So hoher Gunſt und ſolcher Ehre wuͤrdig, So iſt es Angelo. (Angelo tritt auf.) Herzog. Da kommt er ſchon! Gehorſam ſtets dem Willen eurer Hoheit, Erſchein ich, eure Wuͤnſche zu vernehmen. Herzog. Dein Leben, Angelo, iſt von der Art, Daß es dem Forſcher einen tiefen Blick Vergoͤnnet, in dein Inneres zu werfen. Du ſelbſt und dein Talent ſind nicht ſo ganz Dein eigen, daß du fuͤglich zehren kannſt Von deinen Tugenden, und ſie von dir. Der Himmel braucht uns, ſo wie wir die Fackeln; Sie leuchten nicht fuͤr ſich. Geht unſre Tugend Richt von uns aus, ſo iſt's ſo gut, als ob Wir keine Tugend haͤtten. Geiſter werden 1. Act⸗ —— — 1. Scene. Nur aufgeregt, wo's große Zwecke gilt. und die Natur leiht nie das kleinſte Quentchen Von ihrer Trefflichkeit, wo ſie nicht ſparſam Die Glorie des Glaͤubigers beſtimmt, Den Dank ſo wie den Vortheil. Doch mein Wort Gilt einem Mann, der meine Pflichten kennt. Drum bleib' ſtets Angelo! Sind wir entfernt, ſo biſt du ganz wir ſelbſt. In Wien haͤngt Tod und Gnade nun von dir, Von deiner Zunge, deinem Herzen ab. Der Greis da, Escalus, ob wir ihn gleich Zuerſt dazu erwaͤhlt, ſey dein Gehuͤlfe. Nimm deine Vollmacht hin. S Ange lo. Mein theurer Fuͤrſt, ² O laßt erſt reiner läͤutern das Metall, Bevor ihr ein ſo edles, hohes Bild Drauf praͤgen laßt. Nein, keinen Einwand mehr! Nach reifer Ueberlegung fiel die Wahl Auf dich, und daher nimm die Ehre an. Gs treibt die hoͤchſte Eil⸗ uns fort von hier, uud mancher Gegenſtand von Wichtigkeit Muß unerdrtert bleiben. Doch ſobald Die Zeit und unſre Angelegenheit Es uns erlaubt, ſo melden wir euch ſchriftlich, Wie es uns geht, und wuͤnſchen gleichfalls dann Zu horen, wie es euch ergangen iſt. Gehabt euch wohl! Vertrauend uͤbertragen— Wir unſer Amt auf euch. W n 6. Erlaubt, mein Fuͤrſt, Daß wir euch eine Strecke Wegs begleiten. Herzog. Dank euch; doch meine Eile laͤßt's nicht zu. Lebt wohl! und ſchaltet, wie es gut euch duͤnkt; Ihr ſeyd mit meiner eignen Macht bekleidet. Schaͤrft die Geſetze, mildert ſie, begnadigt, Als wär't ihr Herzog. Gebt mir eure Hand. Ich reiſe ganz im Stillen ab. Dem Volke, So ſehr ich's liebe, mag ich nicht zur Schau Mich ſtellen. Wenn auch noch ſo gut gemeint, Hab' ich nicht gern den lauten Beifallöruf, Den leeren Prunk der Macht; denn kein Verſtand'ger Erfreut ſich, duͤnkt mich d'ran. Und ſo— Noch einmal lebet wohl! Angelo. Der Himmel ſegne In eurem unternehmen euch! Escalus. Geleit' euch, und bring' euch glucklich wiederum zuruͤck. Herzog. Ich dank' euch. Lebet wohl! (Er geht ab.) Escalus. Herr Landverweſer, gönnt mir frei zu ſprechen. Ich wuͤnſche das mir uͤbertrag'ne Amt Genau zu kennen. Vollmacht ward mir, Allein von welcher Kraft ſie iſt, von welcher Beſchaffenheit, erfuhr ich nicht. 4 —— ——— —— ⸗ 2. Scene. 2in 5el o Gefaͤllt's euch, Verſuchen wir in meinem Hauſe, ob wir uns uͤber dieſen Punkt verſtaͤnd'gen können. Escalus. Ich ſteh euch zu Dienſten. (Beide gehen ab). Zweite Scene. Eine Straße. Lucio und zwei andere Herren tré⸗ ten auf.. * E o. Vergleichen ſich die Herzoͤge nicht mit dem Konig von ungarn, ſo fallen alle Herzoͤge uͤber ihn her. Erſter Herr. Der Himmel geb' uns ſeinen Frieden, nur den Frieden des Koͤnigs von Ungarn nicht. 3weiter Herr. Amen! Lud v. Du machſt den Beſchluß, gleich dem gottſeligen Seeraͤuber, der die zehn Gebote mit zu Schiffe nahm, aber eins von der Tafel wegloͤſchte. Zweiter Herr. Du ſollſt nicht ſtehlen? L uri o. Das kratzte er aus. Erſter Herr. Ei, das war auch ein Gebot, welches dem Capi⸗ ——— 1. Act⸗ tain und der uͤbrigen Mannſchaft, ihrem Dienſte zu entſagen gebot. Sie liefen ja aus, um zu ſtehlen. Es giebt unter uns Allen keinen Soldaten, dem beim Dankgebet vor der Mahlzeit die Bitte um Frieden recht ſchmecken will. Zweiter Herr. Ich habe noch nie gehoͤrt, daß ſie einem Solda⸗ ten mißfallen haͤtte. 5 Das will ich gern glauben, denn du warſt wol noch nie zugegen, wo das Gratias geſprochen ward⸗ 3weiter Herr. Richt? Ein Dutzend Mal zum wenigſten. Er ſt er Herr. Wie? In Verſen? In jeder Form oder in jeder Sprache. Erſt er Herr. Oder in jeder Religion, denk' ich. . Ei, warum benn nicht? Gratias bleibt Gratias, trotz allem Disputiren! Du, zum Beiſpiel, biſt ein gottloſer Schelm, trotz allem Gratias. Erſter Herr. Ganz recht, wir ſind von Einem Stuͤck. de Das geb' ich zu! Wie die Anſchrote vom Tuch. Du biſt die Anſchrote. 2. Scene. 9 Erſter Herr. und du das Tuch; du biſt gutes Tuch— biſt ein dreimal geſchorenes Stuͤck, dafuͤr bin ich gut. Ich meine aber doch, eine gutbehaarte Anſchrote zu ſeyn iſt beſſer als kahlgeſchornes Tuch. Sprech' ich ſo nicht recht fuͤhlbar? Ltcio. Das will ich meinen, und in der That man hoͤrt's, daß dir das Sprechen ſchwer wird. Aus dei⸗ nem eignen Bekenntniß will ich lernen, deine Geſund⸗ heit auszubringen; aber Zeitlebens nicht wieder nach dir trinken. Erſter S Mich duͤnkt, ich habe mir ſet unrecht gethan. Nicht wahr? Zweiter Herr. Das ſagſt du allerdings, magſt du angeſteckt oder rein ſeyn. (Frau Overdone tritt ein.) 5. Seht! Seht! Dort kommt die Frau Beſänftige⸗ rin! Die Krankheiten, die ich mir unter ihrem Dache auf den Hals geſchafft habe, belaufen ſich auf— Zweiter Herr. Auf wie viel? Ich bitte dich! Srſte r err. Rath' einmal! 3weiter Herr. Auf dreitauſend Thaler jaͤhrlich? 1** ——— Erſter Herr⸗ Freilich! und noch höher. Lueio⸗ Noch eine franzöſiſche Krone mehr. Srſter Serr Du denkſt immer, ich ſey krank, aber da biſt du vollig im Irrthum. Ich bin geſund. ü Nun, was man ſo eigentlich geſund nennt, das biſt du nicht; aber doch wenigſtens ſo geſund, wie ſolche hohle Sachen gemeinlich ſind. Deine Knochen ſind hohl; die Gottloſigkeit hat ſich mit deinem Mark ein Feſt⸗ eſſen gemacht. Erſter Herr C(zur Kupplerin.) Nun, in welcher Huͤfte ſteckt heute die Gicht? Kpherin Laßt das jetzt gut ſeyn! da iſt Einer verhaftet und ins Gefängniß gefuͤhrt worden, der mehr werth iſt, als fuͤnftauſend eures Gleichen. Erſter Herr. Wer waͤre denn das? ſag! pp Claudio! Erſter Heyr. Claudio in's Gefängniß? Das kann nicht ſeyn. und gleichwol weiß ich, daß es ſo iſt! Sah ich ihn doch verhaften, ſah ich ihn doch wegfuͤhren! Und Bei meiner Treu, Herr, es iſt Claudio! Herr — 2. Scene⸗—— 11 was noch mehr— in drei Tagen ſoll er gekoͤpft werden. Lruc i p. Rin, bei aller ſeiner Narrheit, das moͤcht' ich doch nicht gern! Biſt du deiner Sache gewiß? K pp he riin. Nur zu gewiß; und zwar, weil Fraͤulein Juliette S von ihm iſt. Sucio. Glaubt mir, das iſt moͤglich. Er verſprach mir, ſchon vor zwei Stunden zu mir zu kommen, und ſein Verſprechen pflegte er ſtets puͤnktlich zu halten. Zweiter Herr. ueberdieß kommt es, wie ihr wißt, einigermaßen dem nahe, woruͤber wir geſprochen haben. Er ſter Heyrr. und vorzuͤglich ſtimmt es mit der oͤffentlichen Be⸗ kanntmachung uͤberein. Kommt! Wir muͤſſen erfahren, wie es mit der Sache ſteht. (Lucio und die beiden Herren gehen ab.) Kupplerin. So ſchmilzt durch Krieg, Schwitzen, Galgen, Ar⸗ muth meine Kundſchaft immer mehr zuſammen. (Clown tritt auf.) Nun, was bringſt du fuͤr Neuigkeiten? Clown. Der Mann iſ in's Gefaͤngniß abgeführt. ———-—— . Act. Kup pleirin Was hat er denn vorgehabt? Glown. Ein Frauenzimmer. ri h. Aber was iſt denn ſein Verbrechen? Clown. Er fiſchte Forellen in einem fremden Bache. K up in. Wie? Iſt ein Maͤdchen von ihm ſchwanger? Clown. Nein, aber ein Frauenzimmer hat ein Kind pon ihm. Habt ihr denn nichts von der oͤffentlichen Be⸗ kanntmachung gehort? in. Von was fuͤr einer Bekanntmachung? Alle offentlichen Häuſer in den Vorſtaͤdten von Wien ſollen niedergeriſſen werden. Kupplerin. und was ſoll aus denen in det Stadt werden? Clown. Die ſollen zur Saat ſtehen bleiben; ſie ſollten zwar auch niedergeriſſen werden, allein ein kluger Buͤrger iſt dagegen eingekommen. K erin Aber ſollen denn alle unſce Geſellſchaftshaͤuſer niedergeriſſen werden? ———— 3. Scene⸗—— Clown. Bis auf Grund und Boden, Madam. Kupplerin. Nun, das iſt in der That eine Veranderung im Gemeinweſen! Was ſoll denn aus mir werden? Elown. Seyb unbeſorgt! guten Rathgebern feytt es nicht an Clienten. Veraͤndert ihr auch den Ort, ſo duͤrft ihr deshalb ja nicht euer Gewerbe ändern. Ich bin und bleibe euer Bierzapfer. Nur Muth gefaßt! Man wird ſchon Ausnahmen machen. Auf euch, deren Augen im Dienſte beinah erblinden, wird man gewiß billige Ruͤckſicht nehmen. Kupplerin. Komm, Thomas! Laß uns fort! Clown. Da kommt Herr Claudio, den der Profoß ims Gefängniß fuͤhrt, und da iſt auch Fraͤulein Juliette. (Sie gehen ah.) Dritte Scene. Der Profoß, Claudio, Juriette und Gerichts⸗ beamte treten auf, ſpäterhin Lucio und zwei Edelleute⸗ Claudio Warum ſtellſt du mich ſo der Welt zur Schau? Fuͤhr' in den Kerker mich, der mir zur Haft Beſtimmt ward. 14—— 1. Act⸗ Mrofoß. Nicht aus boſem Willen that' ich's, Herr Angelo befohl es mir ausdruͤcklich. Claudio. So kann der Halbgott Herrſchaft durch Gewalt Fuͤr unſere Vergehn uns zahlbar machen. Des Himmels Worte lauten: Wem ich gnadig Will ſeyn, dem bin ich's, wem ich's nicht ſeyn will, Dem bin ich's nicht;— und gleichwol iſt's gerecht. S i 5 Nun, Claudio, woher kommt dieſer Zwang? Claudio. Von zu viel Freiheit, Lucio, zu viel Freiheit! Wie nach zu vielem Faſten ſich der Magen Leicht uͤberfuͤllt, ſo wird auch jede Freiheit, Die man im Uebermaaß genießt, zum Zwang. Wie Ratten, die ihr eignes Gift verſchlingen, Verzehrt die menſchliche Natur der Durſt Nach Suͤnd', und wenn wir trinken, ſterben wir. u ei5 Wenn ich gewiß waͤr', in einem Gefaäͤngniß ſo weiſe ſprechen zu lernen, traun, ich ſchickt' nach Eini⸗ gen von meinen Gläubigern. und doch, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ſo iſt mir das Narrenweſen der Freiheit lieber, als die Moral der Gefangenſchaft. Was haſt du denn begangen, Claudio? Claudio. Erlaß mir die Erzaͤhlung. 0 Was iſt es? Mord? 3. Scene⸗ 15 Claudio. Nein. io. Ein fleiſchliches Verbrechen? Claudio. Renn es ſo. 2 Profoß. Wir muͤſſen weiter, Herr! Claudio. Ein Wort nur noch, guter Freund.— Ein Wort mit dir, Mein Lucio! c 5 Und waͤren's hundert. Sprich, Verfolgt man ſo die Luſt? Claudio. Vernehmen ſollſt du, Wie's mit mir ſteht. Durch treue Uebereinkunft Nahm ich Beſitz von Juliettens Bett. Du kennſt das Fraͤulein; ſie iſt ganz mein Weib, Doch insgeheim; und um es vor der Welt Laut auszuſprechen, wie's die aͤußre Form Erheiſcht, hat eine Mitgift nur gefehlt, Die in dem Koffer ihrer Anverwandten Zuruͤckblieb, denn vor ihnen wollten wir Bis zu geleg'ner Zeit noch unſre Liebe Verbergen. Doch der Zufall fuͤgt' es, daß Die Spur der wechſelſeitigen Genuͤſſe Zu deutlich ſichtbar ward an Julietten. o. Durch Schwangerſchaft? 16 Act. Claudio. Zu meinem unglück, ja! und er, der jetzt ernannt zum Stellvertreter Des Herzogs— ſey es nun, daß ihn die Neuheit Des äbertrag'nen Amts geblendet, ſey's Daß ihm der Staat vielleicht als Roß erſcheint, Auf dem der Herrſcher reitet, und den Sporn Sogleich ihm fuͤhlen laßt, damit man wiſſe, Daß er gebietet; ſey's, die Tyrannei Gehoͤrt zu ſeinem Amte, zu der Wuͤrde, Womit es ihn erfullt— ich weiß es nicht. Doch dieſer neue Herrſcher weckt auf einmal Die tegiſtrirten Strafgeſetze all', Die, gleich dem roſt'gen Panzer an der Wand So lang geruht, daß neunzehnmal der Thierkreis Die Runde macht', eh' eins von ihnen je Gebraucht ward;— und um einen Namen ſich Zu machen, läßt er nun das ſchlummernde, Vergeſſene Geſetz friſch gegen mich In's Leben treten— ihm allein zum Ruhm. oe Wahrlich, ſo iſt's, und dein Kopf ſchwankt ſo auf deinen Schultern, daß ein verliebtes Milchmaͤdchen ihn herunterſeufzen konnte, Schicke nach dem Herzog und appellire an ihn. Craudio.. Ich that's bereits, doch iſt er nicht zu finden. Lucio, du kannſt mir gefällig ſeyn. In's Kloſter tritt heut meine Schweſter, dort Ihr Probejahr beginnend. Gieb ihr Nachricht Von den Gefahren meiner Lage bitt' In meinem Namen ſie, ſie möge Freunde — 4. Scene. Bei dieſem ſtrengen Stellvertreter ſich Erwerben, moͤge ſelbſt ihn dringend anflehn. Ich hoffe viel davon, wenn ſie es thut. In ihrer Jugend liegt die demuthsvolle Beredtſankeit, die, ſprachlos, Mäͤnner ruhrt. Mocht' es ihr doch gelingen! ſowohl eines Freun⸗ des in aͤhnlichem Fall wegen, der ſich ſonſt in einem Zuſtand von Angſt und Furcht befinden wuͤrde, als auch deines eignen Lebensgenuſſes halber. Denn es ſollte mir leid thun, wenn du ihn auf ſo närriſche Weiſe verlieren ſollteſt. Ich will ſogleich zu ihr., Claudio. Hab' Dank, guter Lucio. o Binnen zwei Stunden iſt's abgemacht. * X* Claudio. Ich folge euch, Profoß. CAue gehen ab). Vierte Scene. õ Ein Kpoſter, Der Herzog und Mönch Thomas tte⸗ ten auf. Herzog. Nein, heil'ger Vater, bannet den Gedanken! Glaubt nicht, daß einen feſten Buſen jemals Der Liebe ſchwacher Pfeil durchbohren kann. Wenn ich euch bitt' um ein geheim Aſyl, Iſt meine Abſicht ernſter, als der Zweck, Den die erhitzte Jugend oft verfolgt. Th om a s. und darf ich dieſe Abſicht wohl vernehmen? Perzog. Mein frommer Bruder, ihr vor Allen wißt, Wie ich ein einſam Leben ſtets geliebt, und wie ich wenig Werth darauf gelegt, Herumzutreiben mich im hoͤfſchen Eirkel, Wo Aufwand herrſcht, geiſtloſe Prahlerei und andre Thorheit, ſo die Jugend liebt. Drum gab ich Angelo, der miv durch ſtrenge Enthaltſamkeit bekannt iſt, meine Wuͤrde, und unumſchränkte Macht in Wien. Er glaubt, Ich ſey gereiſt nach Polen. Dies Geruͤcht Ließ ich auch unter meinem Volk verbreiten, Das daran glaubt. Und nun, mein heil'ger Vater, Nicht wahr, ihr fragt, weshalb ich das gethan? Thomas. Ja wohl, mein Fuͤrſt. Herzog. Wir haben aͤußerſt ſtrenge Verordnungen, und ſcharf ſind die Geſetze (Hoͤchſt noth'ge Zügel fuͤr den Trotz und Starrſinn). Seit vierzehn Jahren ließen wir ſie ſchlummern, Gleich dem ergrauten Lowen in der Hoͤhle, Der nicht nach Beute geht. Doch wie ein Vater Der voll Zaͤrtlichkeit nur mit der Birke Zweigen Die Kinder warnt, doch nimmer ſie beſtraft, und ihnen ſo gar bald die Ruthe mehr Zum Gegenſtand des Spotts macht, als der Furcht! ——— ——, 4. Seene.———— 19 So ſind auch unſre Satzungen erſtorben, und der Gerechtigkeit ſpricht Frechheit Hohn. Das Kind ſchlägt ſeine Ammez Schicklichkeit und Anſtand ſind erloſchen. Thomas. Hing es doch Allein von Eurer Hoheit Willen ab, Die Feſſeln der Gerechtigkeit zu loͤſen. Furchtbarer, duͤnkt mich, haͤtte ſie in euch . Sich, als in Angelo, gezeigt. Herzog⸗ Sch fürchte Zu furchtbar nur. Da es mein Fehler war, Dem Volke dieſe Freiheit zu geſtatten, So wär' es Tyrannei, wollt' ich fuͤr das Sie ſtrafen, was ich ihnen ſelbſt geheißen. Deshalb vertraut' ich Angelo dies Amt, An meiner Statt das unrecht zu beſtrafen; Indeſſen ich, den man nicht ſieht, dem Vorwurf Der Haͤrt' entgehe. Doch um ſeiner Herrſchaft Gebrauch zu ſchau'n, will ich mein ſchoͤnes Wien Beſuchen im Gewande eures Ordens. Drum bitt' ich, gebt mir eine Kutte und Belehrung, wie ich mich als Moͤnch betrage. Was mich noch mehr beſtimmt zu dieſem Plan, Sollt ihr bei großrer Muße bald erfahren. Dies eine ſag' ich euch: Gewiſſenhaft Iſt Angelo, und auf der Huth vor Neid. Wer, wie er lebt, es weiß, kaum glauben ſollt' der, Daß noch das Blut in ſeinen Adern fließt. Doch Herrſchermacht, ſagt man, kann Menſchen aͤndern! 20——— 1 At. So wirb es weiſe ſeyn auf alle Fäͤlle, Wie er ſich zeigt als Fuͤrſt an unſrer Stelle. (Sie gehen ab). Fuͤnfte Scene. Ein Nonnenkloſier. Iſabelte und Francisea tre⸗ ten auf. J ſab elle. und habt ihr Nonnen ſonſt kein andres Vorrecht? Francisca. Sind dieſe nicht ſchon groß genug? S ſab elle⸗ Gewiß! Ich ſagt' es nicht, als wuͤnſcht⸗ ich groößere. Lieb wär' mir eine ſtreng're Obſervanz Der Schweſterſchaft, geweiht der heil'gen Clara. L 9. (draußen). Ich bitte, öffnet! Friede dieſer Stätte! Wer ruft da? Francisca. Es iſt die Stimme eines Mannes! Geh! Geh, liebe Iſabelle, ſchließ' ihm auf, und frag' ihn, was er will; du darfſt's, ich nicht. Denn noch haſt du die Weihe nicht empfangenz Doch wenn du das Geluͤbde abgelegt, So darfſt du anders nicht mit Mäaͤnnern ſprechen, Als wenn die Priorin zugegen iſt. Sprichſt du, ſo darfſt du nicht dein Antlitz zeigen, ———,——— ——,—— s. Scene. 21 Und zeigſt du dein Geſicht, darfſt du nicht ſprechen. Er ruft ſchon wieder. Gieb ihm Antwort. (Francisca ab). Jſabelle. Fried' und Segen dir. Wer ruft? (Lucio tritt auf) Lucio. Heil, Jungfrau dir, Wenn du es biſt, wie dieſe Roſenwangen Verkuͤnden. Laß mich Iſabelle ſehn. Sie iſt Noviz' im Kloſter und die Schweſter Des ungluͤckſel'gen Claudio. Sfab er le Wie? was ſagt ihte So laßt mich raſch euch das Geſtaͤndniß thun; — bin Iſabelle, ſeine Schweſter. . denſege Jungfrau, freundlich ſeyd gegruͤßt Von eurem Bruder, der— nicht laͤnger berg' ichs— Verhaftet iſt. . Weh mir! Weshalb verhaftet? e Waͤr' ich ſein Richter, ſtrafen wuͤrd' ich nicht. Iſt's ein Vergeh'n, daß Juliette Mutter? Jſa here. Tiſcht mir kein Mhrchen auf! u 6 Es iſt gewiß. Ich nmoͤchte nicht, wenn zur Gewohnheit auch 1. Act. 22— Mir ſchon die Suͤnde ward, mit Mädchen Kuckuk Zu ſpielen, durch Geſchwätz, woran die Wahrheit Nicht Antheil hat, um alle Welt euch kraͤnken. Denn ihr erſcheint mir eine Braut des Himmels, Ein Geiſt, unſterblich durch Entſagung ſchon. Wer mit euch ſpricht, ſpricht— ohne Schmeichelei Mit einer Heil'gen. a Ihr laͤſtert Gott, Indem ihr meiner ſpottet. Su ci o. Glaubt das nicht. Der Wahrheit nach verhaͤlt ſich's kuͤrzlich ſo: umarmt hat euer Bruder die Geliebte, und wie die Weide fett macht, wie zur Zeit Der Reife ſich die ſuße Kirſche aufbläht, So zeigt hochſchwellend auch ihr Leib die Folgen. S ſabelle. So ward denn meiner Nichte Juliette Die Mutterhoffnung? Lucio. Eure Nichte, ſagt ihr? Jſabelle. Seit ſie verlobt mit ihm, nenn' ich ſie ſo. n cio. Sie iſt's. Iſabelte. O mog' er ſich mit ihr vermählen! ————— s. Scene⸗— 25 Eyu t ſo. 2 Das iſt der Punkt. Auf hoͤchſt ſeltſame Weiſe Entfernte ſich der Herzog, waͤhrend er So manchen Mann, mich ſelbſt nicht ausgenommen, Durch Hoffnung und Erwartung großer Thaten Vertroͤſtete. Nun aber wiſſen wir Von denen, die des Staates Kraͤfte kennen, Daß ſeine wahre Meinung anders war, Als er ſie uns verkuͤndet. Seine Stelle, Rimmt Angelo, mit ſeiner Allgewalt Bekleidet, ein; Eis wallt in ſeinen Adern Statt Blut, und nie empfand er noch die Regung Der Sinnlichkeit; er ſtumpft ſie ab und ſchwächt Den heft'gen Trieb der menſchlichen Natur, Mit geiſtigem Gewinne, durch Stubiren und Faſten. Dieſer Mann— um in gewohnter Freiheit uns einzuſchuͤchtern, die ſchon lang Dem furchtbaren Geſetz entrann, wie eine Maus Dem Lowen— ſuchte ein Geſetz hervor, Nach deſſen Haͤrte eures Bruders Leben Verwirkt iſt; er verhaftet ihn, und haͤlt Genau ſich an die Streng' des todten Wortes. Jedwede Hoffnung ſchwand, gelingt's nicht euch Mit holdem Flehen Angelo zu ruͤhren. Und darum euch zu bitten, iſt der Auftrag, Den ich von Claudio an euch empfing. Jf abete.* Will angelo ſein Leben? ucrv. Er iſt ſchon Verdammt, und der Profoß, hat, wie ich horte, Befehl, ihn hinzurichten. Fſabel Ue. Ach) wie arm Bin ich an Kraft, um ihn vom Tod zu retten! o Verſuchet eure ſ bee Ach, leiher zweifl' ich— u e Die zweifel ſi nd Verrätherz denn ſie rauben* Durch unentſchloſſenheit uns manches Gut, Das wir wohl außerdem gewonnen haͤtten. Geht hin zu Angelo! Er moͤg' erfahren, Daß er, den Goͤttern gleich, gewaͤhren muß, Wenn einer Jungfrau ruͤhrend Flehn erſchallt. und weint ſie gar, ſinkt ſie vor ihm aufs Knie, So wird ſo ſicher ihr Geſuch gehört, Als ob's ſie's an ſich ſelber richtete. Fſea bie 1h. Ich will verſuchen, was ich kann. Lu ci o⸗ Doch ſhnel Fſabelle. Ich ſäume nicht. Nur unſter Aebtiſſin Will ich zuvor noch davon Nachricht geben. O Lucio, ich danke euch! Gruͤßt meinen Bruder! Heut Abend noch vernehmt ihr den Erfolg. L u ci b. Geb's Gott, den beſten!— Lebet wohl! 5 e. Leb't wohl! (Sie gehen ab). 3weiter —— ——————— 1. Scene. 25 8 weiter Act. Erſte Seene. Eine Halle in Angelo's Hauſe. Angelo, Escalus, ein Richter, der Profoß, Gerichtsbeamte und andres Gefolge treten auf. Angelo. Kein leerer Popanz werde das Geſetz, Raubvögel zu verjagen! Die Gewohnheit, Es ſtets in einerlei Geſtalt zu ſchau'n, Nimmt endlich ihm den Schrecken. Escalus. Allerdings; Laßt ſcharf uns ſeyn, doch eh'r ein wenig ſchneiden, Als ihn fuͤr immerdar zu Boden ſchmettern. Ach, dieſer Juͤngling, deſſen Rettung mir Am Herzen liegt, hat einen edlen Vater. Erwage Euer Gnaden nur, (Sch weiß, daß euch die ſtrengſte Tugend eigen) Ob in der Gährung eig'ner Leidenſchaft, Wenn euren Wuͤnſchen Zeit und Ort entſprach, Und das erhitzte Blut zu eurer Abſicht Behuͤlflich war, ihr nicht in eurem Leben Auch wohl einmal gefehlt in dieſem Punkt, Den ihr ſo ſtreng an Claudio jetzt tadelt, und ſo nun ſelber dem Geſetz verfielt. ig 6 Ein andres iſt's, verſucht ſeyn, Escalus, Ein andres, fallen. Leugnen will ich nicht, Maaß für Maaß. 2 Es koͤnne unter den geſchwornen Zwolfen, Die den Gefangnen richten, ſich ein Dieb, Vielleicht auch zwei, befinden, ſchuldiger Als der, den ſie verhoͤren. Das Gericht Ergreift ſtets den, der ihm bezeichnet wird. Was kuͤmmert's die Geſetze, daß ein Dieb Hier einen andern richtet? Es iſt klar, Wir bleiben bei dem Edelſtein, den wir Auf unſrem Wege finden, ſtehn; wir heben Ihn auf, weil wir ihn ſehn, doch was wir nicht ſehn, Drauf treten wir, und denken nicht daran. Verringert wird nicht ſein Vergehn dadurch, Daß ich auf gleiche Weiſe einſt gefehlt. Sagt lieber mir, der ihn verdammt, ſollt' ich, Dereinſt mich ſo vergehen, nun ſo moge Mein jetz'ges urtheil meinen Tod beſtimmen, und nichts mir zur Entſchuldigung gereichen. Herr, er muß ſterben. Escalus. Wie es eure Weisheit Fuͤr gut befindet. Angelo. Wo iſt der Profoß? profoß. Hier, Euer Gnaden. Angelo. Claudio ſoll morgen um neun uhr Morgens hingerichtet werden. Bringt ihm den Geiſtlichen, damit er beichte und ſich zum Tod bereite, denn ſehr nah Iſt er dem Ziele ſeiner Pilgerſchaft. (Der Profoß geht ab.) „ r. Scene„— 27 Escalus. Verzeih der Himmel ihm, ſo wie uns Allen! Der ſteigt durch Suͤnd', der muß durch Tugend fallen; Durch alle Laſter ſieht man Ein'ge wandern, Ein kleiner Fehltritt nur verdammt die Andern. (Elbogen, Schaum, Ctown und Gerichts⸗ beamte treten auf.) Elbogen. Kommt, ſchafft ſie fort! Sind das gute Buͤrger im Staat, die nichts als Mißbraͤuche in offentlichen Haͤuſern treiben, ſo weiß ſch nicht, was Recht iſt. Schafft ſie fort! Angelo. He da, wie heißt ihr, und was giebt's2 Elbogen. Euer Gnaden erkauben, ich bin des armen Her⸗ zogs Gerichtsdiener, und heiße Elbogen. Ich ſtutze mich auf die Gerechtigkeit, und bringe hier vor Ew. Gnaden zwei beruͤchtigte Wohlthaͤter. AR8eide Wohlthaͤter? Was fuͤr Wohlthäter ſind es denn? Sind es nicht etwa uebelthäter 2 Elbogen. Wie es Ew. Gnaben beliebt. Was ſie ſo eigent⸗ lich ſind, weiß ich nicht, aber daß es ausgemachte Spitzbuben ſind, das weiß ich gewiß; und ohne alle Profanation, die jeder gute Chriſt beſitzen ſollte. Escalus. Gut geſagt! Das iſt ein geſcheidter Beamter. 2* 28———— 2. Act. Angelo.— Fahre fort! Von welchem Stande ſind ſie? El⸗ vogen iſt dein Name? Warum ſprichſt du nicht, El⸗ bogen? Clown. Er kann nicht Herr, er kann den Ellbogen nicht ruͤhren. n (zu Elown.) Wer ſeyd Ihr? E b d en. Der da, Herr! das iſt ein Bierzapferz eine Art von Kuppler, ein Menſch, der einem ſchlechten Weibs⸗ bild dient, deren Haus, Herr, wie man ſaßt, in der Vorſtädt niedergeriſſen wurde, und nun bewohnt ſie ein Badehaus, das, glaub' ich, obendrein ein recht ſchlechtes Haus iſt. Escalus. Wie wißt ihr das? Elbogen. Von meiner Frau, die ich vor dem Himmel und Ew. Gnaden deteſtire. Escalus. Wie? deine Frau? Elbogen. Ja, Herr, und die, Gott ſey Dank, eine recht⸗ ſchaffene Frau iſt. E s cbs. und darum deteſtirſt du ſie? 1. Scene.—— 29 Erbogen. Ich ſage, Herr, ich will mich, ſo gut wie ſie, verfluchen, daß, wenn dies Haus kein Hurenhaus iſt, es Leben Schade iſt; denn es iſt ein nichtéwuͤr⸗ aus. Escalus. Woher weißt du denn das, Gerichtsdiener? Elbogen. Von wem denn anders, als von meiner Frau, die, wenn ſie cardinaliſch geſinnt waͤre, der Puren des Ehebruchs und andrer Unſauberkeit halber haͤtte be⸗ zuͤchtigt werden koͤnnen. Escarus. Durch die Vermittlung jenes Weibes? Elbogen Freilich, Herr, durch die Vermittlung der Frau Overdone. Aber ſo wie ſie ihm in's Geſicht ſpie, ſo bot ſie ihm Trotz. Clown. Ew. Gnaden erlauben, ſo verhaͤlt ſich's nicht. E b d 3eÿ. Beweiſ' es vor dieſen Schurken hier, du ehrlicher Mann. Beweiſ' es. Escalus. Hoͤrt ihr, wie er die Worte verſetzt? Clown. Herr, ſie wurde ſehr dick und wohlbeleibt, und da ſehnte ſie ſich— mit Reſpect zu ſagen— nach geſchmorten Pflaumen. Herr, wir hatten nur zwei im Hauſe, die zu jener ſehr fruͤhen Zeit auf einem 30—— 2. Act. Fruchtteller lagen, auf ſo einem Fruchtteller fuͤr etwa drei Pfennige. Ew. Gnaden haben gewiß ſchon ſolche Teller geſehnz Porcellanteller ſind's nicht, aber doch ſehr gute Teller. Escalu s. Nur weiter! nur weiter! An bem Teller iſt nichts gelegen. Clown. Rein, wehrlich, Herr, nicht ein Pfiffer ling Darin habt ihr Recht. Hoch zur Sache. Wie ge⸗ ſagt, dieſe Frau Elbogen war ſchwanger und dick be⸗ leibt, und hatte, wie geſagt, Sehnſucht nach Pflau⸗ men, und fand deren nicht mehr auf dem Teller, als zwei, denn wie geſagt, der Herr Schaum hier, dieſer naͤmliche Menſch, hatte die Uebrigen aufgegeſſen, wie geſagt, und ſie rechtſchaffen bezahlt, ſag' ich euchz denn wie ihr wißt, Herr Schaum, konnt' ich euch die drei Pfennige nicht herausgeben. Sſcha um. Nein, wahrlich nicht. Clown. Gut! Entſinnt ähr euch noch? Ihr knacktet da⸗ mals die Steine von vorbemeldeten Pflaumen auf. Sſchaum. Das that ich allerdings. Clown. Nun gut. Da erzahlt' ich euch, wenn ihr euch noch erinnert, daß eine gewiſſe die und die unheilbar von dem Dinge wäre, was ihr ſchon wißt, wenn ſie nicht eine recht gute Diät hielte, wie ich euch erzaͤhlte. 1. Scene. 31 S 6 a um. Das iſt Alles wahr. Clown. Freilich. Alſo gut! Escalus. Geht! Ihr ſeyd ein langweiliger Narr. Zur Sache! Was habt ihr Elbogens Frau gethan, daß er urſache hat, ſich daruͤber zu beklagen? Kommt end⸗ lich darauf, was ihr mit ihr zu thun hattet. Clown. Herr, Eure Gnaden koͤnnen doch nicht dazu kommen. Esealus. Nein, Freund; das hab' ich auch gemeint. Clown. Aber, Herr, ihr muͤßt dazuf kommen, mit Ew. Gnaden Erlaubniß. und ich bitt' euch, betrachtet einmal den Herrn Schaum hier, Herr. Er iſt ein Mann, der ſeine achtzig Pfund Sterling jaͤhrlich zu verzehren hat, und ſein Vater ſtarb am Allerheili⸗ gentage. War's nicht am Allerheiligentage, Herr Schaum? Schaum. Am Abend vor dem Allerheiligenfeſte. Clown. Nun, recht gut! Ich hoffe, hier wird die Wahr⸗ heit geſprochen. Da ſaß er nun, wie geſagt, auf einem niedrigen Seſſel, Herr— es war in der Weintraube, wo ihr gewiß gern ſitzt, nicht wahr? 32— 2. Aet. Schaum. Allerdings; es iſt eine freie Stube, und gut im Winter. Clown. Nun gut, recht gut! Ich hoffe, hier wird die Wahrheit geſprochen. Angelo. Das dauert länger noch, als eine Nacht In Rußland, wo die Nächt' am längſten waͤhren. Ich geh' und uͤberlaß⸗ euch das Verhoͤr; Ihr findet, hoff' ich, Grund, ſie insgeſammt Zu ſtaͤupen. Escalus. So ſcheint's auch mir; ich wuͤnſch' Ew. Gnaden guten Morgen. (Angelo geht ab.) Nun, Freund, fahrt fort. Was geſchah Elbo⸗ gens Frau? Ich frag' euch noch einmal! Cbown. Einmal, Herr? Ihr iſt nichts einmal geſchehen. Elbogen. Ich bitt' euch, Herr, fragt ihn nur, was dieſer Menſch mit meiner Frau gemacht hat? Clown. Ich bitt' euch, Herr, fragt mich. E au Nun, Freund, was that ihr dieſer Mann? Clown. Ich bitt' Ew. Gnaden, ſeht doch einmal dem Herrn da in's Geſicht. Lieber Herr Schaum, betrach⸗ 7. Scene⸗ 33 tet doch einmal ſein ehrliches Antlitz. Vemerkt Eure Herrlichkeit ſeine Zuͤge? Escalus. Ja, Freund, recht gut. Clown. Nun, ich bitt' euch, merkt ſie euch genau. Escalus. Das thu⸗ ich. Clown. Bemerkt Eure Herrlichkeit irgend etwas Boͤſes in ſeinem Geſicht? Escalus. Bewahre! nein. Clown. xuſs Evangelium moͤcht' ich's beſchwoͤren, daß ſein Geſicht das Schlimmſte an ihm iſt. Alſo gut! Wenn ſein Geſicht das Schlimmſte an ihm iſt, wie konnte denn Herr Schaum des Gerichtsdieners Frau irgend ein Leid zufuͤgen? Das mocht ich nur bon Ew. Gnaden— Escalus. Er hat Recht. Gerichtsdiener, was ſprecht ihr dazu? Elbogen. Pro primo, dies Haus, mit Eurer Erlaubniß, iſt ein reſpectables Haus; ſodann iſt dies ein reſpec⸗ tabler Kerl und ſeine Frau ein reſpectables Weib, Clown. Bei meiner Treu, Herr, ſein Weib„ eine re⸗ ſpectablere Perſon, als wir Alle ſind. 2 6* 2 ————— 84—— 3. Act. E gem Schurke, du luͤgſt! Du luͤgſt, verruchter Schurke! Die Zeit ſoll noch kommen, wo ſie, ihr Mann oder Kind reſpectirt worden iſt. Clown. Herr, ſie war ſchon mit ihm reſpectirt, eh' er ſie noch heirathete. Escalus. Wer iſt hier der klügere Theil? Die Gerechtig⸗ keit oder die Ungerechtigkeit?— Iſt das wahr? Elbogen. O du ſchlechter Hund! O du Schurke! O du gott⸗ loſer Hannibal! Ich mit ihr reſpectirt, ehe ich ſie geheirathet? Wenn ich je mit ihr reſpectirt geweſen bin, oder ſie mit mir, ſo glaube mir Ew. Gnaden nicht, daß ich des armen Herzogs Gerichtsdiener bin. Beweiſe das, du verruchter Hannibal, oder ich ver⸗ klage dich wegen Schlaͤgerei. Escalus. Wenn er euch eine Ohrfeige gäbe, ſo könntet ihr auch eine Klage wegen Beſchimpfung vorbringen. Elbogen. Meiner Seele, dafuͤr bin ich Ew. Herrlichkeit verbunden. Was befehlen denn Ew. Gnaden, daß ich mit dieſem nichtswuͤrdigen Hund machen ſoll? Escalus. Nun, Gerichtsdiener, da er doch etwas Schlechtes an ſich hat, das ihr gern entdecken wuͤrdet, wenn ihr nur konntet, ſo laßt ihn nur ſo lange fortgehen auf ſeinem Wege, bis ihr dahinter gekommen ſeyd. 1. Scene.—— 60 O Elbogen. Meiner Seele, dafuͤr bin ich Ew. Herrichkeit verbunden. Du ſiehſt nun, gottloſer Schurke, was dich treffen ſoll. Fahre nur ſo fort, du Schurke, fahre nur ſo fort. E s e a u 5 (zu Schaum). Wo ſeyd ihr geboren, Freund? Sſchaum. Hier in Wien, Herr. E 3 e a u3. Habt ihr wirklich achtzig Pfund des Jahrs? Sſchaum. Ja, mit Eurer Gnaden Erlaubniß. Es dal6. So!— Czu Elown) Was iſt dein Gewerbe? Clown. Ich bin ein Bierzapfer, einer armen Wittwe Bierzapfer. Escalus. Wie heißt ſie? Clown. Frau Overdone. Escalus. Hat ſie mehr als einen Mann gehabt? Clown. Neun, Herr; Overdone war der letzte, Escalus. Neun! Kommt einmal her zu mir, Herr Schaum — Herr Schaum, ich wuͤnſchte, ihr haͤttet keinen 36 umgang mit Bierzapfern. Sie werden euch abzapfen, Herr Schaum, und ihr werdet ſie haͤngen. Geht! und laßt mich nichts weiter von euch horen. 2. Act. Sſchaum. Ich danke Euer Gnaden; ich meines Theils komme nie in eine Bierſchenke, wenn ich nicht hinein⸗ gezogen werde⸗ Escalus. Gut! Nichts mehr davon, Herr Schaum. Lebt wohl! (Schaum geht ab). Komm her zu mir, Meiſter Bierzapfer! Wie heißt du, Meiſter Bierzapfer? Sd w 1 Pompejus. Escalus. Wie weiter? Clown. Steiß, Herr. Escalus.. Nun wahrlich, dein Steiß iſt das Größte an bir, und ſo biſt du in dem beſtialiſchten Sinne Pompejus der Große. Pompejus, du biſt eine Art von Kupp⸗ ler, magſt du dir auch den Anſtrich eines Bierzapfers geben. Iſt's nicht ſo? Sage die Wahrheit, um ſo beſſer iſt's fuͤr dich. Clown. Meiner Seele, Herr, ich bin ein armer Krl der leben will, 1. Scene⸗—— 37 Esecalus. zuf welche Art willſt du leben, Pompejus? Als Kuppler? Haͤltſt du das fuͤr ein geſetzlich erlaubtes Gewerbe, Pompejus? Clown. Wenn das Geſetz es zulaſſen will, Herr, ſo— Escalus. Das Geſetz will es aber nicht zulaſſen, Pompejus, und es ſoll auch in Wien nie geduldet werden. Clown. Wollen denn Eure Herrlichkeit alle jungen Leute in der Stadt verſchneiden und caſtriren laſſen? Escalus. Rein, Pompejus. Crown. Nun, Herr, da wird es, meiner geringen Mei⸗ nung nach, doch nicht unterbleiben. Wenn Ew. Herr⸗ lichkeit nur gegen die Gaſſenhuren und Spitzbuben ge⸗ hoͤrige Maaßregeln treffen, ſo habt ihr von den Kupp⸗ lern nichts zu fuͤrchten. Eseaus. Es ſind ſchon Maaßregeln im Werke, ſo viel kann ich dir ſagen. Wir brauchen nur zu koͤpfen und zu haͤngen. Wenn ihr alle die köpfen und haͤngen laſſen wollt, die nur innerhalb zehn Jahren auf die Art fuͤndigen, ſo muͤßt ihr wahrlich eine Verordming er⸗ laſſen, daß mehr Kopfe herbeigeſchafft werden. Hat dies Geſetz in Wien zehn Jahre lang Beſtand, ſo 2. Act. 38——— will ich mir im ſchonſten Hauſe ein Logis fuͤr drei Pfennige miethen. Wenn ihr's erlebt, ſo ſprecht, das hat Pompejus geſagt. E s calusb. Dank dir, guter Pompejus, und zum Lohn deiner Prophezeihung, hoͤr' einmal: Ich rathe dir, komm“ mir mit keiner Klage mehr vor die Augen; ja nicht einmal deshalb, daß du da wohnſt, wo du wohnſt. Thuſt du's, Pompejus, ſo werd⸗ ich dich bis in dein Zelt zuruͤckſchlagen, und du ſollſt einen furchtbaren Cäſar an mir finden. Unverbluͤmt zu reden, Pom⸗ peius, ich werde dich auspeitſchen laſſen. So lebe fuͤr diesmal wohl, Pompejus. Clown. Ich dank' Euer Gnaden fuͤr euren guten Rath, und werd' ihn befolgen, wie Fleiſch und Geld es nun eben fuͤgen werden. Nich peitſchen? Nein! der Kärner peitſcht ſein Pferd; Den Wackern jagt man nie von Brot und Heerd. (Er geht ab). Escalus. Her zu mir, Herr Elbogen, und ihr, Herr Ge⸗ richtsdiener! Wie lang' habt ihr ſchon euer Amt als Gerichtsdiener verwaltet? Elbogen. Sieben und ein halbes Jahr, Herr. Escalus. Nach eurer Gewandtheit zu ſchließen, ſollt' ich denken, ihr muͤßtet es ſchon lange verwaltet haben. Sieben Jahr im Ganzen, ſagt ihr? Stcene. 39 . Elbogen. Und ein halbes, Herr. S Escalus. Ach! Ihr habt gewiß Plackerei genug gehabt. Es iſt unrecht, daß man euch ſo oft beſchwert. Giebt es denn nicht Leute genug in eurem Bezirk, die dazu fuͤglich zu brauchen wären? Elbogen. Meiner Treu, Herr, nur wenige haben einigen Verſtand zu ſolchen Geſchäften; und trifft ſie die Wahl, ſo ſind ſie ſtets froh, daß ich ihre Stelle vertreten kann. Das thu' ich denn fuͤr eine Kleinig⸗ keit, und ſetze Alles durch. Escalus. Hoͤrt einmal! Bringt mir doch die Namen von ſechs oder ſieben der fähigſten aus eurem Kirchſpiel. Elbogen. In Eurer Gnaden Wohnung, Herr? Escalus. In meine Wohnung. Lebt wohl! (Etbogen geht ab). Welche Zeit iſt's wohl jetzt? Richter. Eilf uhr, Herr! Escalus. Ich bitt' euch, ſpeiſt mit mir in meinem Hauſe. Richterr. Dank' unterthaͤnigſt. Escalus. Der Tod des Claudio bekummert mich, Doch nicht zu aͤndern iſt's. Richter. Sehr ſtreng iſt Angelo. Escalus. Das thut wohl Noth. Was oftmals Gnade ſcheint, iſt es nicht immer, Verzeihung hat oft neues Leid zur Folge. und doch— du armer Claudio— fuͤr dich Giebts keine Rettung mehr. Kommt, Herr! 5(Sie gehen ab). Zweite Scene. Ein anderes Zimmer in Angelo's Hauſe. Der Pr ofoß und ein Diener treten auf. r Er hat noch ein Verhor. Er kommt ſogleich. Ich will ihm ſagen, doß ihr da ſeyd. Profoß. Shüt Das, Freund, ich bitt' euch drum. um ſeinen Willen Will ich ihn fragen. Moͤglich wär' es doch, Daß er's bereute! Hat er doch nur wie Im Traume ſich vergangen⸗ Jedes Alter und jeder Stand begeht ja dieſe Suͤnde, und er ſoll darum ſterben? (Angero tritt auf.) Angelo. Nun, Profoß, Was giebt's 7 n Pro foß. Wout ihr, daß Glaudio morgen ſtiebt? 2. Scene.—— 41 Wn g e o Gebot ich vir es nicht? Gab ich dir nicht Befehl dazu? Was fragſt du denn ſchon wieder? Profoß. Ich moͤchte doch nicht gern zu raſch verfahren, Denn unter eurer eignen guten Aufſicht Hab' ich es ſchon erlebt, daß das Gericht Den urtheilsſpruch, als er vollzogen war, Bereute. Angelo. Das laß meine Sorge ſeyn. Thu' beine Pflicht; ſonſt raͤume deine Stelle, Leicht biſt du zu entbehren⸗ Profoß. O verzeiht, Was ſoll geſchehen, Herr, mit Julietten, Die raſtlos jammerte Ihre Stunde naht. Bring' ſie an einen angemeſſnern Ort, und eilig, hoͤrſt du? (Ein Diener tritt auf.) Draußen ſteht die Schweſter Des Mannes, der verurtheilt ward. Sie bittet Euch um Gehoͤr. Angelo. Hat Claudio eine Schweſtet? P r5 f5 Ja, gnaͤd'ger Herr, ein tugenbhaftes Maͤdchen, Daß eine Nonn' in kurzem werden will, Wenn ſie es nicht ſchon iſt. 42 2. Act. Aemgelo. 3 Sie moͤge kommen. (Der Diener geht ab). (Zum Profoß)⸗ Du ſorgſt, daß fortgeſchafft die Hure wird. Was ſie zum nöth'gen Unterhalte braucht, Erhalte ſie, doch nichts zum Ueberfluß, Befehl dazu ſoll ausgefertigt werden. Profoß. Erhalt' euch Gott! (Er wiu gehen)⸗ Lucio und Iſaberte treten auf⸗ Angelo. Verweilt noch! (Zu Fſabette). Seyd willkommen! * Was wuͤnſchet ihr? Sſabelle. Ein trauriges Geſuch, Fuhrt mich hieher. Befall' es Ew. Gnaden Mich enzuhoͤren⸗ Angelo. Sprich! Was wuͤnſcheſt du? Sſabelle. Es giebt ein Laſter, tief von mir verabſcheut, Dem ich die Schläge der Gerechtigkeit 6 In vollem Maaße wuͤnſchte, das ich nie In Schutz wuͤrd' nehmen, wenn ich es nicht mußte; Fuͤr das ich nimmer ſprechen darf, und doch Hier ſchwanke, ob ich's thun ſoll oder nicht. 2. Scene. 43 Aengelo. Nun? Sprecht! ſa be e Mein Bruder ward verdammt zum Tode. Ich bitt' euch! O verdammet ſein Vergehn, Doch meinen Bruder nicht. Wr o o 6 (fr ſich). O daß der Himmel Dir jede Huld verlieh', fein Herz zu ruͤhren Verbammen ſoll ich das Vergehn, und nicht Den Thäter? Iſt doch jeder Fehliriit ſchon Verdammt, eh' er begangen ward. Nur ſcheinbar Wuͤrd' ich mein Amt bekleiden, wenn die Strafe Den Fehltritt nur, und nicht den Frevler trafe. O ein gerecht Geſetz, doch nur zu ſtreng!— So hatt' ich einen Bruder denn! Der Himmel Erhalt' euch, Herr! (Sie wit gehen). 0 (zu Iſabelle). Nein, gebt es ſo nicht auf! Noch einmal bittet ihn. O knieet nieder, und haͤngt euch an ſein Kleid. Ihr ſeyd zu kalt! Ihr koͤnntet, wenn ihr eine Nadel brauchtet, Mit zahm'rer Zunge ſchwerlich ſie begehren. Noch einmal zu ihm hin! Iſabelle. So muß er ſterben? 44. 2. Act. Len g e 63 Ja, ohne Rettung, Maͤdchen! F ſta b e ler . Ach! mich dänkt, Ihr könntet ihm verzeihen, und die Gnade Wuͤrd⸗ nicht der Himmel noch die Welt bedauern. n 3 eo. Ich will es nicht. Ihr koͤnntet's, wenn ihr wolltet n geld.* Was ich nicht wil, das kann ich auch nicht thun. J. ſeabeh le. Ihr konntet's, ohne Nachtheil fuͤr die Welt: Wuͤrd euer Herz geruͤhrt von jenem Mitleid, Das mich fuͤr ihn erfuͤllt. Angelo. Er iſt verurtheilt! Es iſt zu ſpat. (zu Iſabelle)⸗ Ihr ſeyd zu kalt. Zu ſpaͤt? O nein! Kann ich das Wort, das ich geſprochen, Nicht wiederrufen? Glaubt mir, kein Gepränge Ziert ſo die Großen, nicht die Koͤnigskrone Den Füͤrſten, ſeinen Stellvertreter nicht ⸗ Das Schwert, den Marſchall nicht der Stab, den Richter 2. Scene. Sein Amtskleid nicht, als Gnade Alle ziert. und waͤr⸗ mein Bruder, was ihr ſeyd, und wär⸗t Ihr er, ihr haͤttet ſo, wie er, gefehlt; Doch waͤr' er nimmermehr ſo ſtreng geweſen. 45 An g e lo. Ich bitt' euch, geht! S ſ e O daß ich eure Macht beſaͤß'! O daß Ihr Iſabelle waͤr't! Stuͤnd' es dann ſo? Nein! Euch erklaͤren wuͤrd' ich, was es heißt Ein Richter ſeyn, was ein Gefangener! S 1 8 i Cleiſe). So ruͤhrt ihr ihn! Ihr habt den Punkt getroffen. Angelo. Verfallen dem Geſetz iſt euer Bruder, Und ihr verſchwendet eure Worte nur. S Wie? Waren denn nicht alle Seelen einſt Verfallen dem Geſetz? Doch er, der ſie Beſtrafen konnte mit dem groͤßten Recht, Er fand ein Mittel aus zu ihrer Rettung. Wie wuͤrd' es euch ergehen, wenn dereinſt Der hoͤchſte Richter ſtreng nach euren Thaten Euch richtete? O denkt daran. Laßt Gnade Entſtroͤmen euren Lippen! Seyd ein Menſch! Angelo. Beruhigt, holdes Mädchen, euch; nicht ich, Nur das Geſetz verurtheilt euren Bruder. Wär's mein Verwandter, Bruder, waͤr' es ſelbſt WMein Sohn, er muͤßte dennoch morgen ſterben. 46— 2. Act⸗ Fſaberle. Schon Morgen? O das iſt zu ſchnell. Schont ſeiner! Er iſt zum Tode noch nicht vorbereitet. Wird doch fuͤr eure Kuͤche ſelbſt der Vogel Nur zur gehoͤrigen Zeit getoͤdtet! Sollten Dem Himmel wir mit mindrer Ehrfurcht dienen, Als unſrem eignen groben Selbſt. Bedenkt! Wenn ward um dieſes Fehltritts halber, den So Mancher ſchon beging, ein Menſch getoͤdtet? Lucio. Recht gut geſagt 1 Angelo. Nicht todt war das Geſetz, Wenn es auch ſchlummerte. Wie viele haͤtten Den Frevel nicht gewagt, wofern man den, Der das Geſetz zuerſt verletzt, ſogleich Deshalb zur Rechenſchaft gezogen haͤtte. Doch nun iſt das Geſetz erwacht, nun ruͤgt Es, was geſchehen iſt; wie ein Prophet Schaut es im Spiegel, welche kuͤnft'ge Uebel Durch falſche Nachſicht uns bedrohn, und denkt Auf Mittel, ihren Fortſchritt raſch zu hemmen, Fa b e r r⸗ Ach, dennoch zeigt Erbarmen! Angel o. Das beweiſ' ich Um meiſten durch Gerechtigkeit. Durch ſie Erbarm' ich derer mich, die das Erlaſſen Solch eines Frevels kuͤnftig quaͤlen wuͤrde. und laſſe Recht dem widerfahren, der Ein ſchaͤndliches Verbrechen ausgeubt, 2. Scene. 47 und nicht mehr lebt, ein zweites zu begehen. Das mög' euch g'nuͤgen. Euer Bruder ſtirbt, und morgen ſtirbt er! Seyd gefoßt! S ſa bee. So muͤßt ihr Der Erſte ſeyn, der ſolch ein urtheil ſpricht? und er der Erſte, den es treffen muß! O Rieſenkraͤfte zu beſitzen, iſt Vortrefflich, doch tyranniſch iſt es, wie Ein Rieſe ſie gebrauchen. Lucio. Gut geſagt! I ſa bes e O wenn die Großen donnern koͤnnten, ſo Wie Jupiter— ſo haͤtt' er keine Ruh; Denn jeder niedre Staatsbeamte wuͤrde Alsdann zum Donnern ſeinen Himmel brauchen. Ha, nichts als Donnern! Gnadenreicher Gott! Dein ſcharfer Schwefelpfeil zerſplittert lieber Die knot'ge Eich⸗, als die geſchmeid'ge Myrthe. Allein der Menſch, der ſtolze Menſch, der ſich Mit ſeinem kleinen, kurzen Anſehn bruͤſtet, unwiſſend, waͤhrend ſein gebrechlich Weſen Er hoͤchſt genau zu kennen waͤhnt, begeht Gleich einem zorn'gen Affen, vor den Augen Des hohen Himmels ſo phantaſt'ſche Streiche, Daß wenn die Engel unſre Laune haͤtten, Sie, ſtatt zu weinen, druͤber lachen wuͤrden. Lucio. Beſtürm' ihn Maͤdchen, er wird in ſich gehn. Er wankt ſchon! 48—— 2. Act. Profoß. Himmel, laß es ihr gelingen! S ee Wir duͤrfen unſern Bruder mit uns ſelber Nicht meſſen. Große Menſchen koͤnnen mit Den Heil'gen ſcherzen; es iſt Geiſt bei ihnen. Doch bei Gemeinen iſt's Entheiligung. So recht! Nur mehr der Art! F Ein hitzig Wort Iſt das beim Feldherrn nur, was platte Läſterung Bei dem gemeinen Krieger iſt. Lucio. Biſt du 2 So unterrichtet? Mehr davon! Angelo. Was ſollen Mir alle dieſe Worte! Jſabe rre. Allgewalt Hat, irrt ſie auch gleich Andern, eine Art Von Arzenei in ſich, von der das Laſter, Wenn es die hoͤchſte Höh' erreicht, verharrſcht. An eurem eignen Buſen klopfet an; Fragt euer Herz, ob meines Bruders Fehltritt Fhm gaͤnzlich fremd iſt, und geſteht es zu Solch ein natuͤrliches Vergehn, ſo komme Rie ein Gedanke mehr auf eure Zunge, Der meines Bruders Lehen raubt. Angelo. 8 2 1 2. Scene⸗ Angelo. (Für ſich) Sie ſpricht Mit ſo viel Einſicht und Verſtand, daß ich Daruͤber bruͤten muß. (Laut.) Lebt wohl! 3 5 ee 5 Kehrt um, Mein guter Herr! Angelo. Ich will mir's uͤberlegen. Kommt morgen wieder! Hoͤrt nur, wie ich euch Beſtechen will. Kehrt wieder um! Angelo. Beſtechen? JſabellLe Durch Gaben, die der Himmel gern mit euch Vuͤrd' theilen. o (Leiſe zu ihr.) Alles habt ihr nun verdorben! Jicht mit dem nicht'gen Schatz geprägten Goldes, Noch auch mit Edelſteinen, deren Werth Rur eingebildet iſt, bald hoch, bald niedrig. Vit treulichem Gebet, das hoch empor 3um Himmel dringt, und ihn erreicht, noch eh' die Sonn' erwacht, mit dem Gebet von Seelen, Vaal für Maaß. 5 50 N Act. Die unverderbt, von Jungfrau'n, deren Geiſt Den irdiſchen Genuͤſſen ganz entſagt. Angelo. Wohlan! Kommt morgen wiederum zu mir. Lucio. (Leiſe.) Nun geht“ Es iſt genug. Der Himmel moͤg' Euch ſchutzen. Angelo. Gür ſich) uneto Amen! Ich befinde ſchon Mich auf dem Pfade der Verſuchung, wo Mir das Gebet im Wege iſt. S Wann ſoll ich Vor euch erſcheinen, gnäd'ger Herr? Angelo. Vormittag, Zu jeber Stunde, wenn ihr wollt. F ſb ee. Der Himmel Mög' euch beſchuͤtzen, Herr! (Lucio und Jſabelte gehen ab.) Angelo. Vor dir! Vor bdir! Vor beiner Tugend moͤg' er mich beſchuͤtzen. Was iſt das? Wie? Iſt's ihre Schuld? Iſt's meine Wer ſuͤndigt wohl am meiſten? Der Verſucher? n „ 2. Scene. 51 Wie? Oder der Verſuchte? Ha! ſie nicht! Sie hat mich nicht verſucht! Ich bin's vielmehr, Der bei dem Veilchen in der Sonne riegt, und wie das Aas, nicht wie die Blume, vom Wohlthät'gen Strahl verdirbt. Sollt' unfre Sinne Der Weiber Sittſamkeit mehr als ihr Leichtſinn Verfuͤhren? Sollen wir, die wuͤſten Grund Genug beſitzen, auch das Heiligthum Noch ſchleifen, und durch Laſter es verpeſten? O pfui! o pfui! Was thuſt du, und wer biſt Du, Angelo? um ihrer Tugend willen, Begehrſt du ſchaͤndlich ſie? Ihr Bruder lebe! Erhaͤlt der Dieb zum Rauben nicht ein Recht, Wenn ſelbſt der Richter ſtiehlt? Wie? Lieb ich ſie, Daß ich ſie wiederum zu ſprechen wuͤnſche, Daß ich mich ſehn an ihrem Blick zu weiden? Worüber brut' ich denn? O ſchlauer Feind, Der du, um einen Heiligen zu fangen, Als Koder eines Heil'gen dich bedienſt! Wohl am gefaͤhrlichſten iſt die Verſuchung, Die durch der Tugend Reiz zur Suͤnde lockt. Die Hure, die die Gaben der Natur Durch Kunſt hervorhob, hat mich nie geruͤhrt, Und dieſes tugendhafte Mädchen hier Beſiegt mich ganz. Bis jetzt hab⸗ ich gelächert, Wenn ich Verliebte ſah, und mich ergötzt An ihrer Pein, die mir ein Räthſel war. (Er geht abe) 8* 32——— 2. Aet⸗ Dritte Scene. Ein Zimmer in einem Gefängniß. Der Herzog, als Mönch gekleidet, und der Profoß. Herzog. Seyd mir gegrußt, Profoß! Mich duͤnkt, ihr ſeyd's! P rofoß. Ich bin Profoß. Was wuͤnſcht ihr, guter Monch? Herzog. Die Menſchenlieb' und meines Ordens Regel Verpflichtet mich, die tiefgebeugten Seelen In dieſem Kerker zu beſuchen. Drum Vergonnet mir das allgemeine Recht, Sie hier zu ſehn, daß ich von ihrem Fehltritt Mich unterricht' und Jeden ſo behandle, Vie's ſeiner Schuld geziemt. Profoß. Gern wuͤrd⸗ ich mehr Als das noch thun, wenn's nothig ware. (Jutiette tritt auf.) Seht, Da kommt ſchon eine meiner Damen, die In ihrem Jugendfeuer ihren Ruf Gebrandmarkt; ſie iſt ſchwanger und zum Tode Ward der bereits verdammt, der ſie verführt. Es iſt ein junger Mann, geſchickter, abermals Solch' einen Fehltritt zu begehen, als Dafuͤr zu ſterben. Her o 8 und wenn ſoll er ſterben? 3. Scene. 53 Profoß. Ich glaube morgen.. (zu Julietten.) Nun, ich habe ſchon Fuͤr euch geſorgt. Verzieht ein wenig nur; Man fuͤhrt ſogleich euch hin. Herzog. Mein ſchoͤnes Kind, Thut eure Suͤnd⸗ euch leid? F et*. Ja, ich bereue Sie ſehr, geduldig meine Schand' ertragenb. Herzog. Ich will euch lehren, wie ihr das Gewiſſen Beruh'gen ſollt, will eure Buße pruͤfen, Ob ihr im Ernſt, ob ſcheinbar Reue fuͤhlt. F ie Ich laſſe gerne mich belehren. e g. Liebt ihr Den Mann, der euch beleidigt hat? Süie So wie Das Weib, das ihn beleidigte. Herzog. Es ſcheint, daß ihr Beide gleiche Schuld habt an dieſer unerlaubten Handlung? Fer6. So iſt's. 54——— 2 Act Herzog. So habt ihr ſchwerer noch geſuͤndigt, e Ja, ich bekenm es, und bereu's. Herzog. So, meine Tochter, ſoll es ſeyn. Doch fuͤhlt Ihr Reue nur daruͤber, daß die Suͤnde Euch bracht' in dieſe Schmach, ſo ſorgt ihr nur Fuͤr euer eignes Selbſt, nicht fuͤr den Himmel, und zeigt, daß ihr den Himmel weniger Aus Liebe, wie aus Furcht, nicht kraͤnken wolltet. Fuliette. Ich fühle Reue uͤber meine Suͤnd', und gern Ertrag' ich meine Schmach. Herszog. 3 Bleibt ſtets bei dieſer Geſinnung. Der Genoſſe eurer Schuld, Muß, wie ich vorhin hoͤrte, morgen ſterben. Ich gehe, ihn zum Tode zu bereiten. Der Herr ſey mit euch! Benedicite!⸗ (Er geht ab.) F Muß morgen ſterben! ungerechte Liebe, Die mir ein Leben friſtet, deſſen Troſt Nichts iſt als Todesſchauer. Profoß. Schad um ihn! (Sie gehen ab.) 4. Scene.——— 55 Ein Zimmer in Angelo's Hauſe. Angeto tritt auf. 26 n 9 el o. Wollt' ich auch beten, hier und dorthin ſchweifen Mir die Gedanken unbeſtimmt umher, und leere Worte ſprech' ich, waͤhrend mich Die Phantaſie an Iſabellen feſſelt. Der Himmel iſt in meinem Mund; im Herzen Regt furchtbar ſchwellend ſich der Trieb zur Suͤnde. Der Staat, der ich ſtudirt, gleicht einem Buche, Das, oft geleſen, furchtbar wird und langweilt. Ja, meinen Ernſt— o daß es Niemand höre! Ja, meinen Ernſt, auf den ich ſonſt ſo ſtolz war, Koͤnnt' ich um eine Feder wohl vertauſchen, Die jede Luft umhertreibt. Stand und Form, Wie floͤßeſt du mit deinem Kleid und Aeußern Dem Thoren Ehrfurcht ein, wie feſſelſt du Den Weiſern ſelbſt mit deinem falſchen Schein? Ja, Blut, du bleibſt ſtets Blut. Wir ſchreiben an Das Horn des Teufels„guter Engel“ hin, und es iſt nimmermehr des Teufels Helmbuſch. (Ein Diener tritt auf.) Was giebt's? D e r Perr, eine Nonne, Iſabelle Mit Namen, bittet um Gehoͤr. W n g e o Zeig' ihr Den Weg. O Himmel, wie das Blut empor Zum Herzen ſteigt; wie es mir alle Kraͤfte Zur Selbſtbeherrſchung nimmt, mein ganzes Weſen 56 2. Act⸗ untuͤchtig macht und ſchwach. So ſpielt der Poͤbel Thoͤricht mit Einem, der in Ohnmacht fielz Indem ein Jeder helfen will, verdickt Er ſo die Luft, die ihn beleben ſollte. und ſo verlaͤßt das Volk, wenn es den König Erblickt, die Arbeit, ihm entgegeneilend, und kraͤnkt ihn ſo durch unbedachte Liebe. (Fſabelte tritt auf.) Nun, holdes Maͤbchen! Euren Willen zu Vernehmen, kam ich her. Angelo. Mir waͤr⸗ es lieber, Ihr wuͤßtet ihn, als daß ihr euch danach Erkundigt. Euer Bruder kann nicht leben. Jſabelle. Nicht?— Nun der Himmel ſchuͤtze eure Hoheit! (Sie wilt gehen.) Nngelo Nun allenfalls ein Weilchen konnt' er leben, Vielleicht ſo lang' als ihr und ich. Doch ſterben Muß er auf jeden Fall! Jſabelle. Durch euer Urtheil? e e Wenn? ich bitt' euch! Goͤnnet ihm nur Friſt, Lang oder kurz, daß er ſich vorbereite und mit geſtaͤrktem Geiſt von hinnen ſcheide. 4. Scene.——. 57 n 8 eb. Ha! dieſe ſchmutz'gen Laſter! Sollte man Mit gleichem Rechte nicht auch dem verzeihn, Der einen Andern toͤdtete, als jenem, Der von Begier erfüllt und frecher Luſt, Des Himmels Bild in falſche Stempel prägt, Ein aͤchtes Leben tuͤckiſch zu zerſtören, Iſt ja nicht ſchwerer, als ein unächt Leben Auf ſtreng verbot'ene Weiſe zu erzeugen. Jbe So iſt's im Himmel, doch auf Erben anders. Wngehc So? Meinſt du? Schaͤrfer pruͤfen muß ich dich. Was willſt du lieber? Daß das rechtlichſte Geſetz den Bruder toͤdte, oder daß Du ſelbſt, ihn zu befrei'n, den eignen Leib Der ſuͤßen unzucht Preis giebſt, ſo wie ſie, Die er befleckt. Jeſabelle. O entt mir, Herr! Weit lieber Geb' ich den Leib, als meine Seele hin. Angelo. Von eurer Seele hab' ich nicht geſprochen. Erzwungne Suͤnden werden ſchwerlich wohl, Wie zahlreich ſie auch ſind, uns angerechnet. . Wie meint ihr? Angelo. Buͤrgen kann ich nicht dafuͤr, Denn ich kann gegen meine Worte ſprechen. Ertheile Antwort mir! Denn in dem Namen 3** 58 2 Znn A Des hier beſtehenden Geſetzes faͤll' ich Das Todesurtheil wider deinen Bruder. Waͤr's Milde nicht, durch eine ſolche Suͤnde Das Leben deines Bruders zu erretten? Fſcbelhe Vegeht ſie nur! Ich nehm's auf meine Seele, Es iſt nicht Suͤnde, iſt nur Menſchenliebe. elo. Begeht ihr ſie, und nehmt ſie auf die Seele, So wiegt die Suͤnd' die Menſchenliebe auf. 5 ſabelle. Wenn um ſein Leven bitten, Suͤnde iſt, So laſſe ſie der Himmel mich nur tragen. Wenn's Suͤnde iſt, daß ihr mein Flehn erhört, So will ich jeden Morgen beten, daß Zu meinen Fehlern dieſe Suͤnde mir Werd' angerechnet, und daß ihr daruͤber Rie Rechenſchaft habt abzulegen. Angelo. — Gut! Doch ihr verſteht mich nicht. Sey es aus Einfalt, Sey's, daß ihr liſtig euch ſo ſtellt, als ob Ihr meine Worte nicht begreifen koͤnnt. Das iſt nicht gut!. F ſabelle. Laßt mich in meiner Einfalt, In nichts mich gut, als daß ich demuthsvoll Erkenn': daß ich nicht beſſer ſey. Angelo. So wuͤnſcht Die Weisheit ſich im hochſten Glanz zu zeigen, 4. Scene. u 59 Wenn ſie ſich ſelber tadelt. Zehmmal lauter Verkuͤndet jene ſchwarze Maske dort Die Schoͤnheit, welche ſie verhuͤllt, als jede, Die offen ſich dem Blicke zeigt. Doch hoͤrt! Damit ihr mich verſteht, muß ich mich derber Erklaͤren: euer Bruder ſtirbt. S So iſt's. Angelo. Und ſein Vergehn iſt, wie es ſcheint, der Strafe Gemaͤß, die das Geſetz gebietet. ſa e. Wehr. 6 6 Geſetzt, es gäbe keinen Weg, ſein Leben Zu retten— ſchlag' ich ihn auch gerad' nicht vor, Nur angenommen— als daß ſeine Schweſter, Daß euch ein Mann begehrte, deſſen Anſehn Beim Richter oder auch ſein hoher Rang Die Feſſeln des Geſetzes loͤſen könnte Fuͤr euren Bruder, und daß auf der Welt Kein Mittel uͤbrig bliebe, ihn zu retten, Als wenn ihr ſelber eurer Keuſchheit Schatz Dem Manne Preis gaͤbt— nun, was würdet ihr In dieſem Falle thun? e. Fuͤr meinen Bruder So viel, als fuͤr mich ſelbſt. Das heißt: im Fall Ich einmal ſterben ſollte, ließ ich lieber Mit ſcharfer Geißel mich zu Tode peitſchen, Der laͤngſt erſehnten Ruh' entgegeneilend, 60 2. Aet. Als daß ich jemals meinen Leib der Schande Zum Opfer bringen ſollte. Sterben muß Dann euer Bruder. ſ ab ele Und wohlfeilern Wegs. Denn beſſer iſt's, ein Bruder ſtirbt einmal, Als daß die Schweſter ewig untergeht Durch ſeine Rettung. Angelo. Run, da waͤr't ihr eben So grauſam, als das urtheil, das ihr ſchmäht. J a b ee. Die Schmach des Loſegelds, freiwillige Verzeihung ſind ja himmelweit verſchieden. Verwandt iſt nicht die Gnade des Geſetzes Mit einer Rettung, welche uns entehrt. Vor kurzem, wie es ſchien, galt das Geſetz Euch als Tyrann— der Fehltritt eures Bruders Schien mehr ein Scherz euch, als ein Laſter. S ſa b ele. Mögt Ihr mir verzeihn. Ein Wunſch verfuͤhrt uns oft, Zu außern, was nie unſre Meinung war. Eutſchuld'gen kann ich das, was mir verhaßt iſt, Heiſcht es der Vortheil deſſen, den ich liebe. Wngelo. Schwach ſind wir Alle. 4. Scene.— 61 S ſabelle. Wahr. Laßt meinen Bruder, Wofern ſich außer ihm ſonſt kein Vaſall Der Schwäͤche ſchuldig machte, ſterben. „Angelo. Schwach Iſt auch das Weib! F ſabele und ſo zerbrechlich, wie Der Spiegel iſt, in dem es ſich erblickt, So leicht zerſtoͤrbar, als er Formen zeigt⸗ Der Himmel ſchuͤtz' euch, Weiber! Denn der Mann Vernichtet, wenn's ihm frommt, die eigne Schoͤpfung. Nennt zehnmal uns gebrechlich; denn wir ſind So weich, wie unſre Koͤrper, jedem Eindruck Zu leicht nur Glauben zollend. Angelo. Das iſt wahr. Dies Zeugniß deines eigenen Geſchlechts Macht— da wir, denk' ich, uͤber jcden Anfall Von Schwäche nicht erhaben ſind— mich kuhner. Ich halte bich beim Wort. Sey, was du biſt,— Mit andern Worten: ſey ein Weib! denn wenn Du mehr biſt, biſt du Nichts. Doch biſt du das, Was deine aͤußere Geſtalt verkündet, So zeig's und fuͤge in dein Schickſal dich. S a ei Ich hab' nur eine Zunge, edler Herr, Ich bitt' euch, ſprecht zu mir, wie fruͤherhin. Angelo. So laßt mich's gerad' heraus geſtehn, daß ich Euch lieb'! 62— 8. Act. S ſabelle. Mein Bruder liebte Julietten; und ſterben muß er deßhalb, wie ihr ſagt. Angelo. Er ſtirbt nicht, Iſabelle, wenn ihr liebt. J ſa bel Ich weiß, daß eure Tugend ſich wohl etwas Erlauben darf. Sie ſcheint ein wenig roher, als Sie iſt, wo es die Pruͤfung Andrer gilt. Angelo. Glaub' mir auf meine Ehre, daß ich deutlich Dir meinen Vorſatz ausgedruͤckt. S ſabelle Wie klein Iſt Ehre, die ſolch' einen Glauben fodert! Ha, ſchaͤndliches Beginnen! Heuchelei! Ich, Angelo, will dich entlarven! Sieh Dich vor, und ſalls du nicht fuͤr meinen Bruder Gleich unterzeichneſt den Pardon, ſo will ich Es laut der Welt verkuͤnden, wer du biſt. Angeo⸗ Wer aber wird dir glauben, Iſabelle? Mein unbefleckter Name, meines Lebens Enthaltſamkeit und Strenge, wie mein Rang Im Staat, mein Zeugniß gegen dich Wird deine Klage zehnfach uͤberwiegen, Im eigenen Berichte wirſt du ſtocken, und da ſtehn als Verſeumderin. Der Anfang Iſt nun gemacht, und meinem Sinnentrieb Laß ich die Zügel ſchießen. Fuͤge dich Der flammenden Begier, die mich verzehrt. Fort Ziererei und zuͤchtiges Erroͤthen, 4. Scene.— 63 Das nur verbannt, wonach du ſelbſt verlangſt. Erretten kannſt du deinen Bruder, wenn Du meinem Willen hingiebſt deinen Leib. Wo nicht, ſo iſt der Tod ſein Loos, und langſam Soll er, um deiner Haͤrte willen, ſierhen, und leiden tauſendfache Qual. Gieb Morgen Mir Antwort, denn die Leidenſchaft treibt ſonſt Mich bis zum Aeußerſten, und macht mich zum Tyrannen gegen ihn. Was dich betrifft, So ſage, was du willſt, dein wahres Wort Vird meine Falſchheit dennoch ſtets beſiegen. (Er geht ab). S e Wem ſoll ich's klagen? Ach, wer glaubte mir Wenn ich ihm dies erzaͤhlt'? Verruchter Mund, Der mit derſelben Zung' eins und daſſelbe Verdammt und gutheißt, dem Geſetz gebietet, Nach ſeiner eignen Willkuͤhr ſich zu fuͤgen, Und wenn es ihm geluͤſtet, Recht und Unrecht Mit Einem Zuge angelt. Ich will hin Zu meinem Bruder! unterlag er gleich Dem Anreiz, der Verſuchung ſeines Bluts, So wohnt doch in ihm ſolch Gefuͤhl der Ehre, Daß, haͤtt' er zwanzig Häͤupter zu verlieren,— Er ſie auf zwanzig Blutgeruͤſten freudig Zum Dpfer bringen wuͤrd', eh' er es litte, Daß ſeine Schweſter ihren Leib ſo ſchaͤndlich Entweihte. Leb' in Keuſchheit, Iſabelle. Du Bruder, ſterbe; denn die Keuſchheit gilt Mehr als ein Bruder mir. Vernehmen ſoll er Den Antrag, den mir Angelo gethan, und ſchnell zum Tod bereit' ich ihn alsdann. (Sie geht ab.) — 64 3. Aet. E rſte S c ne Ein Zimmer im Gefängniß. Der Herzog, Ctandio und der Profoß treten auf. Herzog. So hofft ihr noch Pardon von Angelo? Claudio. Des ungluͤckſel'gen einz'ger Troſt iſt nur Die Hoffnung! Ich hoffe Leben, und zum Tode bin ich Gefaßt.. Herzog. Seyd auf den Tod allein gefaßt. Der Tod, ſo wie das Leben wird euch dann Rur um ſo ſuͤßer ſeyn. Sprecht darum ſo Zu eurem Leben: Wenn ich dich verliere, Verlier' ich nur ein Ding, das ſich der Thor Allein zu ſichern wuͤnſcht. Du biſt ein Hauch, Der dienſtbar jedem Himmelseinfluß iſt, und ſeine Huͤlle jede Stunde qualt. Du biſt nichts weiter als des Todes Narr; Ihm ſuchſt du raſtlos zu entfliehn, und eilſt Ihm ſtets entgegen doch: Du biſt nicht edel, Denn jeder Vorzug, deſſen du dich ruͤhmſt, Ward nur genaͤhrt durch niedrige Gemeinheit. Auch muthig biſt du nicht. Du fuͤrchteſt dich Schon vor dem zarten Stachel einer Schlange. Dein Beſtes iſt der Schlaf, den du oft ſuchſt, 1. Scene. 65 und gleichwohl vor dem Tod dich thoͤricht fuͤrchteſt, Der Schlaf nur iſt, nichts mehr. Du biſt nicht ſelbſt! Denn dich erhalten tauſende von Koͤrnern, Die aus dem Staub hervorgehn. Gluͤcklich biſt Du nicht; denn was dir fehlt, das moͤchteſt bu Beſitzen, und vergiſſeſt, was du haſt. Du biſt nicht zuverlaͤſſig, denn dein Leib Veraͤndert ſich mit jedem Mondeswechſel. Im Reichthum arm, biſt du dem Eſel gleich, Den man mit Silberbarren ſchwer belaſtet. Nur eine Tagereiſe ſchleppeſt du Den Reichthum fort, bis ihn der Tod dir nimmt. Du haſt nicht einen Freund; dein Eingeweide, Das Herr dich nennt, und deinen Lenden nur Den urſprung dankt, flucht ſtets der Gicht, dem Ausſatz, Dem Fluß, daß ſie nicht eher dich zerſtoͤren. Du haſt nicht Jugend, haſt nicht Alter; nur Wie im Nachmittagsſchlaf traͤumſt du davon. All' deine Jugendanmuth, ſie veraltet, und iſt genoͤthigt das gelaͤhmte Alter um eine Gabe anzuſprechen. Biſt Du alt und reich, ſo haſt du weder Gluth Noch Leidenſchaft und koͤrperliche Schoͤnheit, Dich deines Reichthums zu erfreu'n? Was bleibt Denn noch dem Dinge, das wir Leben nennen? In ihm ſind mehr, als tauſend Tode wohl Verborgen; und doch fuͤrchten wir den Tod, Der uns befreit von allen dieſen Leiden! Claudio. Rehmt meinen Dank. Indem ich nach dem Leben Mich ſehn“, find' ich, daß ich zu ſterben ſuche, 3 2 66 3 Act Gleichwohl den Tob aufuchent, in ich keben 1 So komm' es denn! n(Sfabette tritt 10 8 ſa belet Der Friede walte pur Die Gnad und froöhliches Zuſammenſeyn! Pr fo5 Herein! Der Wunſch verdient Erwiederung. Herzog. Bald, Herr, werd' ich euch wiederum ee. Claudio. 56 dank“ euch, heil'ger Vater. S at e1 Ich hab' hier Rur ein Paar Wort' mit Claudio zu ſprechen. re ß. Seyd mir willkommen.— Eure Schweſter, de erzo g⸗ Profoß, ein Wort mit euch! Profoß. 1 So viel ihr wollt. Herzg. Bringt mich an irgend einen Ort, wo ich Kann im Verbörgnen hoͤren, was ſie ſprechen. (Der Herzog geht mit dem Profos ab.) Nun, Schweſter, was fuͤr Troſt bringſt du? Iſia benl. Fuͤrwehr, Den henichſent dent ich dir bringen kann. 1. Scene.—-—— 62 Bum Abgeſandten hat dich Angelo, Der ein Geſchaͤft im Himmel hat, beſtimmt. Dort ſollſt du ewig bleiben; drum bereite Dich vor, ſo ſchnell du kannſt, zu dieſer Reiſe. Du trittſt ſie morgen en. Claudio. Iſt keine Rettung? Sp cel Nein, keine andre Rettung, als ein Herz, Statt eines Haupts, zu ſpalten. Claudio. Alſo giebt's Doch eine noch? 3 ₰ ſ aß enl re. Ja, Bruder, du kannſt leben! In dieſem Richter wohnt ein teufliſches Erbarmen; willſt du's anflehn, retteſt du Dein Leben; aber deine Feſſeln traͤgſt Du bis in's Grab. Claudiv. Ein ewiges Gefaͤngniß? Du haſt's getroffen! Ewiges Gefaͤngniß, Ein Zwang, der ſtets an einen Punkt dich feſſelt, und waͤre dein der unermeſſ'ne Weltraum. Claudio. Ein Zwang von welcher Art? F ſabel Von einer ſolchen, Daß, wenn du darin willigſt, du die Ehre Von deinem Stamme ſtreifſt und nackt daſtehſt. * 68 e Claudio. Erklaͤr' dich beutlicher. O Claudio, Ich fürchte, daß ein fieberhaftes Leben Dir werth, ſechs oder ſieben Winter dir Mehr gelten, als die Dauer deiner Ehre. Wagſt du's zu ſterben? Das Gefuͤhl des Todes Iſt meiſtens leere Furcht; der arme Kaͤfer, Von unſrem Fuß zertreten, fuͤhlt nicht minder Des Todes Schmerz, als ihn ein Rieſ' empfindek. Claudio. Warum thuſt du mir dieſe Schmach an? Glaubſt du, Daß zum Entſchluſſe nur die Zärtlichkeit Mich treiben kann? Nein, wenn ich ſterben muß, Will ich der Dunkelheit, wie einer Braut Begegnen, ſie in meine Arme ſchließend. Sſ bele. Das war die Stimme meines Bruders, die Aus meines Vaters Gruft empordrang. Ja! Ja, du mußt ſterben, denn du denkſt zu edel, Als daß du einer niedern Schaͤndlichkeit Dein Leben danken ſollteſt. Wiſſe, jener Scheinheil'ge Stellvertreter, der die Jugend Mit ernſtem Antlitz und bedaͤcht'gem Wort Einſchuͤchtert, jede Thorheit einſperrt, wie Der Falkenier den Falken— iſt ein Teufel! Ein Blick, geworfen in ſein Innerſtes, Entdeckte grauſe Höllenſchluͤnde. Claudio. Wie? Der koͤnigliche Angelo? 1. Seene. 69 Jſabhhhe Das iſt Nur bas betruͤgeriſche Kleid der Holle, Das in die Koͤnigstracht den ſchaͤndlichſten Der Koͤrper huͤllt. Glaubſt du es, Claudio, Du biſt gerettet, wenn ich meine unſchuld Ihm opfre? Claudio. Gott! das iſt nicht möglich! Nein! Jſabee und er erlaubt dir fernerhin zu ſuͤnd'gen, Wenn er das Schaͤndliche vollbracht. Begehen Soll ich in dieſer Nacht noch, was ich nur Mit Abſcheu nennen kann— ſonſt ſtirbſt du morgen, Claudio. Du ⁰ ſollſt es nimmer thun. Jſabelle. O waͤr' es nur Mein Leben— koͤnnt' ich dich dadurch erretten, Ich wuͤrf' es von mir weg, wie eine Nadel. Claudiv. Nimm, theure Iſabelle, meinen Dank. Jſa5 e1e Bereit⸗ auf Morgen dich zum Tode vor, Claudio. Ja.— Darf die Leidenſchaft es ihm erlauben, So zu verdrehen das Geſetz, indem er Es Andern aufzwingt, offenbar iſt's dann Wohl keine Suͤnde, oder doch die kleinſte Der ſieben Todesſuͤnden. 70———— 3. Act. Ffabelre Welche meinſt Du? Claudio. Wär's ſo verdammenswerth, ſollt' er, der doch So weif' iſt, um der Luſt des Augenblickes Sein ew'ges Heil fuͤr immerdar verſcherzen. O Iſabelle! F a bel Was verlangſt Du, Bruder? Claudio. Der. 4 fürchtbar. 3 Ino— Ein entehrtes Leben Giaüdiv. Ja; döch zu ſterben, hinzugehn⸗ Wer weiß wohin? So das zu liegen, kalt, Erſtarrt, und zu veyfaulen; eingehuͤllt Die Lebenswarm' in einen Erdenklos;— n3 nn Der heitre Geiſt in wilder Fluth gebadet, Vielleicht auch wohnend in der Region Des harten Eiſes, ei ic in Den unſichtbaren Räune; um die Angeln Der Welt mit furchtbarer Gewalt geblaſenz Vielleicht auch Einer gar von denen, die Der unſtät ſchwankende Gedank' als heulend Sich vorſtellt. Nein! es iſt zu furchtbar! Sebt Ein Erdenleben, noch ſo kuͤmmerlich, Noch ſo beſchwerlich, wie es Alter, Schmerz Des Hungers Pein, Verhaftung machen können, Iſt doch ein Paradies, mit dem verglichen, Womit der Tod uns droht, vehijt. 1. Schne. 51 J ſa belle. F Ach! Ach! Claudio. Mich leben, ſuͤße Schweſter! Suͤndigſt du, Den Bruder zu erretten, ſo vergiebt Dir die Natur in ſoweit dein Vergehn, Daß es zur Tugend wird. 37 a b 1. Du niedriges Geſchoͤpf! Du feige Memm! Ehrloſer Wicht! Zum Manne willſt du werden durch mein Laſter? Iſt's nicht Blutſchande, deiner Schweſter Schmach Das Leben zu verdanken? Ha! was foll ich glauben? Verhuͤt' es Gott, daß meine Mutter nicht Den Vater hinterging! Denn ſolch ein wilder, Verdorb'ner Zweig entſproß nicht ſeinem Stamm. Wie ich dich tief verachte! Stirb! Geh⸗ unter! Und wenn ich dich durch einen Fußfall konnte Vom Tode retten, thät' ich's nimmer. Tauſend Gebete will ich thun fur deinen Tod, Doch nicht ein Wort zu deiner Rettung — Claudio. O hoͤre, Iſabelle! Fſabelre. Pfui! o pfui! RKein zufall, en Gewerb' iſt deine Suͤnde. Die Gnabe wuͤrde dir zur Kupplerin. Es iſt am beſten, daß du ſchleunig ſtirbſt. (Sie wil gehen) Claudio. O hoͤre, Iſabelle! Qer Herzog kommt zuruck.) Herzog. Nur auf ein Wort, junge Schweſter, nur auf ein Wort! bere, Was wuͤnſcht ihr? berzog. Habt ihr einige Zeit uͤbrig, ſo möcht' ich wohl mit euch ſprechen. Das, warum ich euch erſuchen will, koͤnnte vielleicht fuͤr euch ſelbſt vortheilhaft ſeyn. Sſabere. Sch habe keine Zeit zu verlieren. Während ich hier verweile, ruht manches andere Geſchaͤft. Indeß will ich euch ein Weilchen anhoͤren. Herzog Cheimlich zu Elaudio). Mein Sohn, ich habe gehort, was zwiſchen euch unb eurer Schweſter vorgefallen iſt. Angelo hat nie die Abſicht gehabt, ſie zu verfuͤhren; er ſtellte nur ihre Tugend auf die Probe, um durch die Betrach⸗ tung der verſchiedenen Naturanlagen ſein Urtheil zu ſcharfen. Sie, die die wahre Ehre in ſich traͤgt, hat ihm eine abſchlaͤgliche Antwort gegeben, die von ihm mit der innigſten Freude anfgenommen ward. Ich bin Angelo's Beichtvater, und weiß, daß die Sache ſich ſo verhaͤlt. Bereitet euch daher zum Tode. Ver⸗ laßt euch nicht auf Hoffnungen, welche truͤgeriſch ſind. Morgen muͤßt ihr ſterben. Kniet nieder und berei⸗ tet euch. Clandio. . Scene⸗— 73 Claudio. Laßt mich meine Schweſter um Verzeihung bitten. Meine Liebe zum Leben iſt ſo erloſchen, daß ich mich ſehne, davon erloſt zu werden⸗ Ser o6 Bleibt bei dieſem Gedanken! Lebt wohl! (Ctaudio geht ab). (Der Profoß kehrt zurück). Profoß, ein Wort mit euch! Profoß. Was begehrt ihr, Vater? H erz og Daß ihr wieder fortgeht, und mich mit dem Mad⸗ chen eine Zeitlang allein laßt. Mein Charakter, wie meine Kleidung ſind Bürge, daß ſie in meiner Geſell⸗ ſchaft nichts zu befuͤrchten hat. Profoß (Er geht ab) Herzog. Die Hand, welche euch ſo ſchon bildete, hat euch auch gut gemacht. Die Guͤte, welche der Schonheit mangelt, laͤßt auch die Schoͤnheit nur kurze Zeit dauern. Allein die Anmuth, welche die Seele eurer Geſtalt iſt, wird euren Korper ſtets reizend erhalten. Wie Angelo euch beſturmt hat, iſt mir durch einen glucklichen Zufall bekannt geworden, und hätte die menſchliche Schwaͤche nicht Beiſpiele ihres Falles, ſo konnt' ich mich uͤber Angelo wundern. Wie wollt ihr es anfangen, dieſem Stellvertreter zu genuͤgen und euren Bruder zu retten? Waaß für Maaß. 4 Es iſt gut! 74—— 3. Act. . Ich bin eben im Begriff, ihm meinen Entſchluß zu eroͤffnen. Ich will lieber, daß mein Bruder, dem Geſetz gemaͤß, ſterbe, als daß ich, dem Geſetz zuwi⸗ der, einen Sohn gebaͤhre. Aber ach! wie hat ſich der gute Herzog in Angelo getaͤuſcht! Wenn er je zuruͤckkehrt, und ich ihn ſprechen ſollte, ſo will ich entweder meine Lippen nie oͤffnen, oder die Art ſeiner Regierung enthuͤllen, Herzog. Das wuͤrde nicht zur unzeit ſeyn. Aber wie die Sachen jetzt ſtehen, wuͤrd' er eurer Anklage aus⸗ weichen. Er hat euch nur auf die Probe geſtellt. Hoͤrt daher auf meinen Rath. Bei der Liebe, die mich beſeelt, Gutes zu thun, bietet ſich mir ein Huͤlfs⸗ mittel dar. Ich glaube, daß ihr einem ungluͤcklichen, ge⸗ kraͤnkten Maͤdchen eine verdiente Wohlthat redlicher Weiſe erzeigen, und euren Bruder vor der Strenge des Geſetzes retten koͤnntet, ohne euer eigenes reizen⸗ des Selbſt zu beflecken, und daß der Herzog, wenn er je zuruͤckkehrt, ſich ſehr daruͤber freuen wurde. J ſa bee Laßt mich euch ferner zuhören, Vater. Ich fuͤhle Muth in mir, Alles zu unternehmen, was meiner Seele rein erſcheint, Herzog. Die Tugend iſt kuͤhn, und Herzensgüte kennt keine Furcht. Habt ihr nie von Marianen, der Schwe⸗ ſter des beruͤhmten Helden Friedrich gehoͤrt, der zut See verungluͤckte? — ie 8. ie 8⸗ e ge n⸗ m hle ſe er int ve⸗ zut 1. Scene. 75 5 Fa b e. Wohl hoͤrt' ich von dem Fraulein, und ihr Name ſtand in gutem Rufe. g Sie ſollte dieſem Angelo vermählt werden, war mit ihm eidlich verlobt, und die Hochzeit ſchon be⸗ ſtimmt. In der Zwiſchenzeit von der Verlobung bis zum Hochzeitstage litt ihr Bruder Friedrich Schiff⸗ bruch, und in dem geſcheiterten Schiffe befand ſich die Mitgift ſeiner Schweſter. Aber hoͤrt nun, wie ſchwer dies dem armen Maͤdchen zu ſtehen kam. Sie verlor einen edlen und beruͤhmten Bruder, von dem ſie auf's innigſte geliebt ward, mit ihm einen Theil und den Rerven ihres Gluͤcks, ihren Brautſchatz, und mit beiden ihren Verlobten, dieſen redlich ſcheinenden Angelo. S ſa bele. Iſt das moglich? Konnte Angelo ſie ſo verlaſſen? Herzog. In Thränen verließ er ſie, nicht eine durch ſeinen Troſt trockenend. Er ſagte ſich von all' ſeinen Ge⸗ läbden los, indem er vorgab, Entdeckungen gemacht zu haben, welche ihr zur Schande gereichten. Kurz, er uͤberließ ſie ihren eignen Klagen, denen ſie noch um ſeinetwillen ſich hingiebt, während er, kalt wie ein Marmorſtein, von ihren Thraͤnen benetzt wird, und doch keine Reue empfindet. Fſabelle. Welch ein Verdienſt erwuͤrbe ſich der Tod, wenn er dieß arme Maͤdchen von der Welt nähme! Wie verderbt iſt dieſes Leben, daß dieſer Mann noch leben darf! Wie kann ihr aber hieraus ein Vortheil er⸗ wachſen? 2 76 3 Herzog. Dieſe Wunde koͤnnt ihr leicht hellen, und ihr rettet durch die Cur nicht nur euren Bruder, ſondern ſchutzt euch auch dadurch vor aller Entehrung. ſa. Sagt nur, wie, guter Vater! „ Herzog. Das genannte Maͤdchen hegt noch immer ſeine erſte Neigung. Seine ungerechte Häͤrte, die billiger Weiſe ihre Liebe haͤtte erſticken ſollen, hat ſie, wie ein Hinderniß den Strom, nur noch heftiger und un⸗ geſtuͤmer gemacht. Geht zu Angelo, fuͤgt euch mit ſcheinbarem Gehorſam in ſeine Wuͤnſche, und bewilligt ſeine Forderungen. Aber macht zugleich die Bedin⸗ gung, daß ihr nicht lange bei ihm verweilen duͤrft, daß es die ganze Zeit hindurch ſtill und dunkel bleibe, und daß der Ort mit den gehdrigen Bequemlichkeiten verſehen ſey. Iſt dies zugeſtanden, ſo ergiebt ſich die Folge von ſelbſt. Wir geben dem gekraͤnkten Maͤdchen Nachricht, an eurer Stelle bei ihm zu erſcheinen. Muß er nachher dieſe Zuſammenkunft ſelbſt anerken⸗ nen, ſo iſt er genoͤthigt, ihr Genugthuung zu geben; und auf dieſe Weiſe wuͤrde euer Bruder gerettet, eure Ehre bliebe unbefleckt, die arme Mariane wuͤrde gluͤck⸗ lich, und der verderbte Stellvertreter des Herzogs entlarvt. Ich will das Maͤdchen unterrichten, und ſie euf das unternehmen vorbereiten. Glaubt ihr dieſen Plan ausfuͤhren zu koͤnnen, ſo ſpricht die zwiefache Wohlthat den Betrug von allem Tadel frei. Was meint ihr dazu? ſie en che a6 2. Scene.——— 77 ſab e e Schon der Gedanke macht mich froh, und ich hoffe den glucklichſten Erfolg. Herzog. Es kommt Alles darauf an, wie ihr euch benehmt. Eilt ſchnell zu Angelo. Wuͤnſcht er noch dieſe Nacht ſein Lager mit euch zu theilen, ſo verſprecht, ihm zu genuͤgen. Ich eile ſogleich nach dem Meierhofe von St. Lucas, wo die verachtete Mariane wohnt. Dort trefft ihr mich. Macht die Soche mit Angelo bald ab, damit Alles ſchnell in's Werk geſetzt werde. 8 ſa e Ich dank' euch fuͤr dieſen Troſt. Lebt wohl, gu⸗ ter Vater! (Sie gehen nach verſchledenen Sciten ab). Zweite Scenr gine Straße vor dem Gekängniß. Der Herzog als Mönch, Etbogen, Elown und Gerichtsbe⸗ amte treten auf. Nein, wenn es kein Mittel dafür giebt, und ihr durchaus Männer und Weiber wie das Vieh verhandeir müßt, ſo wird die ganze Weit braunen und weißen Baſtard trinken muͤſſen. Herzog. 0 Himmel, was giebt's hier? Clow n. Es ging in der Welt nicht mehr luſtig zu, ſeit der frohlichſte von zwei Wucherern unterdruͤckt wurde, und man den Andern von Rechtswegen in einen Pels⸗ 78——— 3 Act. rock hullte, um ihn warm zu halten, und obendrein mit Fuchs⸗ und Lammsfellen verbraͤnt, um anzuzei⸗ gen, daß der Betrug reicher iſt, als die Unſchuld, und es mit einem zierlichen Aufſchlage halte. Elbogen. Fort mit euch, Burſche!— Gott ſegn' euch, guter Vater Moͤnch! Herzog. und euch, guter Bruder Vater. Was hat euch der Menſch gethan, Herr? Elbogen. Herr, er hat ſich gegen das Geſetz vergangen, und Herr, auch Diebſtahls halber haben wir ihn ein⸗ gezogen, Herr, denn einen Dietrich haben wir bei ihm gefunden, Herr, den wir dem Statthalter zugeſchickt haben. Herzog. Pfui! Burſch! Ein Kuppler! ein verruchter Kuppler! Die Suͤnde, welche du befoͤrderſt, giebt Dir deinen Lebensunterhalt. Bedenk⸗ Indeſſen, was es heißt, den Wanſt anfullen, Sich kleiden von ſo ſchmutz'gem Laſter! Sprich Zu bir: Von viehiſch rohen Trieben muß ich Mich kleiden, muß ich eſſen, trinken, leben. Glaubſt du dein Leben, durch ſo ſtinkenden Erwerb gefriſtet, ſey ein Leben? Geh! Geh, ſag' ich, beßre dich! Clown. Allerbings, Herr, in gewiſſer Art ſtinkts, und gleichwohl, Herr, koͤnnt' ich beweiſen— „ 3 2. Scene.—— 79 Herzog. Nun, wenn der Teufel dir Beweiſe giebt Fuͤr Suͤnden, wirſt du zeigen, daß du ſein biſt. Fuͤhrt, Haͤſcher, in's Gefängniß ihn. Belehrung und Zucht muß wirken, eh⸗ dieß rohe Thier Sich beſſern kann. Elbogen. Er muß zum Statthalter, Herr. Der hat ihn ſchon gewarnt; denn der Statthalter kann keinen Hu⸗ renwirth leiden. Wenn er ein Hurenkuppler iſt, und vor ihm erſcheint, ſo waͤr' es ſo gut, als lief' er eine Meile von ihm auf Bothſchaft. Herzog. O wär' boch jeder, was er ſcheint zu ſeyn, Von Fehlern frei, und dieſe frei vom Schein! (Lucio tritt auf)⸗ Elbogen. Sein Hals wird, wie euer Kleid, mit einem Strick zugeſchnürt werden, Herr. Clown. Ich ſehe mich nach Troſt um. Ich ſuche mir einen Buͤrgen. Hier iſt ein Herr und Freund von mir. e i5. Nun, mein edler Pompejus? Wie? an Cäſars Ferſen im Triumph umhergefuͤhrt? Wie? giebt es keine Statue Pygmalions mehr, die vor kurzem zum Weibe ward, damit du die Hand in die Taſche ſtecken, und ſie geballt wieder herausziehen kannſt? Nun, was erwiederſt du? He! Was ſagſt du zu dieſem Ton, zu dieſer Art und Weiſe? Kam es nicht mit dem 80 35 c b letzten Regen herab? He! Was ſagſt du, Pflaſter⸗ treter? Iſt die Welt noch wie ſie ſonſt war, Menſch? Wo geht der Wesg hin? Iſt's traurig? Iſt's ein⸗ ſubig? Oder wie? Was iſts fuͤr ein Streich? Herzog. Noch immer ſo ſo! Immer ſchlecht! Was macht meine theure Haͤlfte, deine Frau? Schafft ſie noch immer was herbei? He? „ Clown. Meiner Treu', ſie hat all' ihr Rindfleiſch aufge⸗ geſſen, und ſteckt jetzt ſelbſt in der Wanne. Suci. Nun, das iſt gut! So iſt's recht! So muß es ſeyn. Stets eure friſche Hure, und eure ſchwitzende Kupplerin. Eine unvermeidliche Folge. So muß es ſeyn. Gehſt du in's Gefaͤngniß, Pompejus? Clown. Ja, in der Thot, Herr. L u ci 6. Nun, da iſt nichts verloren, Pompejus. Leb' wohl! Geh' und ſag', ich hätte dich dahin geſchickt. Schulden halber, Pompejus, oder aus irgend einem andern Grunde. Elbogen. Weil er ein Kuppler iſt! Weil er ein Kupp⸗ ler iſt! ü e Gut! Fuͤhrt ihn in's Gefängniß! Wenn Ver⸗ haftung der Lohn eines Kupplers iſt, ſo geſchieht ihm 2. Scene. 81 ganz Recht. Ein Kuppler iſt er ohne allen Zweifel, und noch dazu von Alters her. Ein geborener Kuppier! Lebe wohl, guter Pompeius! Empfiehl mich dem Ge⸗ fängniß! Du wirſt nun ein guter Hausvater werden, Pompejus; wirſt in deinen vier Wäaͤnden bleiben⸗ Clowen, Ich will hoffen, Herr, daß ihr fuͤr mich Buͤrg⸗ ſchaft leiſten werdet. 5 L e o Rein, wahrlich nicht, Pompejus! das iſt meine Mode nicht. Ich will beten, deß deine Bande noch größer werden, wenn du ſie nicht geduldig erträgſt. um ſo mehr wird dein Muth wachſen. Lebe wohl, redlicher Pompejus!— Gott ſegn' euch, Moͤnch! Hers o g. Auch euch! i Schminkt ſich Brigitte noch immer, Pompe⸗ ius? He! 4 Elbogen. Kommt, Freund! Verwaͤrts! Clo wn. Ihr wollt alſo nicht Buͤrgſchaft fuͤr mich leiſten, Herr? Lu 9. Weder ſetzt, Pompejus, noch jemals! Was giebt's Neues in der Fremde, Moͤnch? Kommt, Freund, vorwärts! 6 4** L u cio. In's Hundeloch mit dir, Pompejus! Fort! Eibogen⸗ Clown und die Serichtsdiener ge⸗ hen ab). Was hort man Neues vom Herzoge, Mönche Herzog. Ich weiß nichts. Konnt ihr mir etwas berichten? u c o Einige ſagen, er ſey zum Kaiſer von Rußland gereiſt; Andere behaupten, er befinde ſich in Rom. Wo meint ihr, daß er ſey? Herzog. Sch weiß es nicht, mog' es ihm indeß wohlgehen, wo er ſich auch befinden möge. ü e 0 Ein ſeltſamer Streich war's von ihm, ſich ſo heimlich aus dem Lande zu entfernen, und ein kärg⸗ liches Leben zu fuͤhren, zu dem er doch nie geboren war. Angelo benimmt ſich in ſeiner Abweſenheit als Herzog ganz vortrefflich; er zuͤchtigt die der Geſetze. Herzog. Daran thut er wohl. Ln ei o Ein wenig mehr Nachſicht gegen die unzucht könnt' ihm nicht ſchaden. In dieſer Hinſicht iſt er gar zu graͤmlich, Moͤnch. Her 3 o g. Es iſt ein zu allgemeines Laſter, dem nur durch Strenge Einhalt gethan werden kann. 2. Scene.———— 83 u 0 Ja, das iſt wahr! Dies Laſter hat eine gar zu große Verwandtſchaft. Es hat treue Anhaͤnger. Aber unmöglich iſt's, es gänzlich auszurotten, Moͤnch, wenn nicht zugleich Eſſen und Trinken abgeſchafft wird. Man ſagt, dieſer Angelo ſey nicht auf dem geraden Wege der Erzeugung durch Mann und Weib zur Welt gekommen. Glaubt ihr, daß das wahr iſt? Herzog. Wie ſollte er denn erzeugt worden ſeyn? o Einige ſagen, eine Syrene habe ihn gelaichtz Andre: er ſey von zwei Stockſiſchen erzeugt worden. So viel iſt indeß gewiß, daß wenn er ſein Waſſer läßt, der Urin Eis iſt. Daß dies wahr iſt, weiß ich gewiß, und daß er eine geſchlechtloſe Puppe iſt, daß iſt außer Zweiſel. Herzog. Ihr ſcherzt, Herr, und ſprecht ſchnell. 2 L c i o⸗ Wie unbarmherzig iſt es nicht von ihm, einem Menſchen das Leben zu nehmen, weil er einem Na⸗ turtriebe folgte? Haͤtte das der abweſende Herzog wohl gethan? Ehe der einen Mann haͤtte haͤngen laſſen, der hundert Boſtarde erzeugte, haͤtte er lieber die Koſten des Unterhalts fuͤr Tauſende bezahlt. Er hatte einiges Gefühl fuͤr ſolchen Spaßz und das lehrte ihn, barmherzig zu ſeyn.* H erz o g. Ich habe nie gehoͤrt, daß man dem Abweſenden gerade umgang mit Weibern Schuld gegeben hätte. Er war nicht dazu geneigt. S e o O Herr, da hat man euch falſch berichtet. Herzog. Das iſt nicht möglich! nci Wer? Der Herzog nicht? Pflegt' er doch der funfzigjährigen Bettlerin einen Dukaten in ihre Klap⸗ perſchuͤſſel zu legen! Der Herzog hat ſo ſeine Vut⸗ ken. Auch muß ich euch ſagen, daß er den Trunk liebt. 5 Ihr thut ihm offenbar Unrecht. Luciſo⸗ Herr, ich war einer ſeiner Vertrauten. Der Her⸗ zeg war ſtets ein verſchloſſener Menſch, und ich glaub', ich weiß, warum er ſich davon gemacht hat. Herzog. Ich bitt' euch, ſagt mir die urſache. Lucio. Rein— verzeiht! Das iſt ein Geheimniß, wel⸗ ches zwiſchen den Lippen und Zähnen bleiben muß. Aber ſo viel kann ich euch ſagen: der groͤßere Theil der unterthanen haͤlt den Herzog fuͤr klug. Herzog. Fuͤr klug? Nun daran iſt doch wohl kein 6 Lucio. Es iſt ein oberflaͤchlicher, wniſſoen unbeſonn⸗ ner Menſch. 4 2. Scene. S 35 Herzog. Dazu kann ihn nur Neid von eurer Seite, Thor⸗ heit oder Mißverſtand machen. Sein Lebenslauf, und die Art, wie er ſo manche Hinderniſſe bekaͤmpft hat, verbuͤrgen ihm nothwendig einen beſſern Ruf. Seine eignen Thaten moͤgen für ihn zeugen, und ſelbſt in den Augen des Neides wird er als ein Gelehrter, als Staatsmann und Krieger gelten. Ihr ſprecht dahen als ein unwiſſender, oder habt Ihr wirklich genauere Kenntniß, ſo wird ſie verdunkelt durch eure Bosheit. Herr, ich kenn' ihn und liebe ihn. Herzog. Ltebe ſpricht mit beſſerer Kenntniß, und Kenntniß mit innigerer Liebe. c i Geht mir doch! Ich weiß, was ich weiß. Herzog. Das kann ich kaum glauben, da Ihr nicht wißt, was Ihr ſprecht. Allein, wenn der Herzog je wie⸗ derkehrt(wie unſere Gebete dies erflehen) ſo erlaubt mir, daß ich euch vor ihm zur Rechenſchaft ziehen darf. Habt Ihr geſprochen als ein redlicher Mann, ſo wird es euch auch nicht an Muth fehlen, es zu be⸗ haupten. Ich bin verpflichtet euch dazu aufzufodern, und bitt' euch daher um euren Namen. Lueio. Ich heiße Lucio, Herr, und bin dem Herzoge wohl bekannt. Herzog. Er ſoll euch beſſer kennen lernen, wenn ich ſo lange lebe, es ihm zu berichten. Lucio. Euch furcht' ich nicht. Herzog.⸗ O ihr hofft, der Herzog werde nie wiederkehren, oder ihr haltet mich fuͤr einen zu geringfuͤgigen Geg⸗ ner. Aber wahrlich, ich kann euch ein wenig zu ſchafſſen machen. Ihr werdet dies Alles wieder ab⸗ ſchwoͤren muͤſſen. n i6 Cher laſſ' ich mich haͤngen! Du irrſt dich in mir, Mönch. Doch nichts mehr davon! Kannſt du mir ſagen, ob Claudio morgen ſtirbt oder nicht? er 3 Warum ſollt' er denn ſterben? Nun, weil er eine Flaſche mit einem Trichter füte. Mochte doch der Herzog, von dem wir ſpra⸗ chen, zuruͤckkehren. Dieſer geſchlechtsloſe Statthalter wird unſre Provinz durch Enthaltſamkeit entvolkern. Die Sperlinge duͤrfen unter der Traufe ſeines Hauſes nicht niſten, weil ſie verbuhlt ſind. Der Herzog in⸗ deß wuͤrde Thaten, die im Dunkeln geſchehen, auch im Dunkeln behandeln laſſen. Er wuͤrde ſie nie an's Licht ziehen. Ich wollte, er kehrte zuruͤck! Wahr⸗ lich, dieſer Claudio iſt nur deshalb verurtheilt, weil er ſich aufkndpfte. Lebe wohl, guter Mönch! Ich vitte dich, bete fuͤr mich. Der Herzog, ſag' ich dir noch einmal, wurde Freitags Hammelfleiſch eſſen. Jetzt 2. Scene. 87 iſt er daräber hinweg, doch ſag' ich dir, er würde wohl mit einer Bettlerin ſchnabeln, trotz ihres Ge⸗ ruche nach ſchwarzem Brode und Knoblauch. Sage nur, ich hab's geſagt. Leb' wohl! (Er geht ab). Herzog. Nicht Macht noch Große kann den Sterblichen Vor Tadel ſichern. Die Verleumdung faͤllt Im Ruͤcken auch die reinſte Tugend an. Wo gab' es einen Koͤnig, der die Galle Verleumderiſcher Zungen feſſeln koͤnnte? Doch wer kommt da? (Escatus, der Profoß, die Kupplerin und Ge⸗ richtsdiener treten auf)⸗ E scalus. Fort mit ihr in's Gefangniß! p i Mein guter Herr, ſeyd doch gnädig gegen mich. Ew. Herrlichkeit ſind als ein ſo barmherziger Mann bekannt. Beſter Herr! 6 Trotz doppelter unb dreifacher Warnung ſtets auf dieſelbe Weiſe geſuͤndigt! Da möchte die Barmherzig⸗ keit ſelbſt fluchen, und den Tyrannen ſpielen! Profoß. Eilf Jahre lang iſt ſie ſchon eine Kupplerin, mit Ew. Gnaden Erlaubniß. Gnäd'ger Herr, das iſt einer von denen, wel⸗ che Lucio gegen mich angeſtiftet hat. Jungfer Ka⸗ tharina wurde zu des Herzogs Zeit ſchwanger von 88——— Act. Kin iſt. tonnd 3h kobi teljahr at. ch hab es aufgezogen, und ſeht nur, wie ſchlecht er mich behandelt. alus. Das iſt ein gar zu frecher Burſche! Ladet ihn vor uns. Fort mit ihr in!s Gefüngniß Nur fort! Kein Wort weiter! (Die Kupplerin wird von den Gerichtedienern ab⸗ 4 geführt). Profoß, mein Bruder Angelo iſt nicht von ſefnem Entſchluſſe abzubringen. Claudio muß morgen ſterben. Sorgt dafuͤr, daß ihn ein Geiſtlicher beſucht, und daß jede chriſtliche Vorbereitung ihm zu Theil werde. Waͤre mein Bruder ſo nitleidig⸗ wie ich, ſo ſtänd' es nicht ſo mit ihm. Profo. Mit eurer Erlaubniß, dieſer Monch hier hat ihn beſucht, und ihn zum Tode vorbereitet. Escal u s. Guten Abend, frommer Vater! Her z ong.„ Heil und Seegen uͤber Euch! Escalus. Wo ihr her? er g. xus dieſer Gegend nicht, wiewohl mein Scicu Mich eine Zeitlang hier verweilen heißt. Ich bin ein frommer Ordensbruder, erſt Vor kurzem in beſonderen Geſchäften Vom Stuhl des heil'gen Vaters hergefandt. 2. Scene. 89 Escalus. Was giebt's in der Welt Neues? Herzog. Richts, als daß die Rechtſchaffenheit an einem großen Fieber leidet, das nur durch die Aufloͤſung zu heilen iſt. Nur nach dem Neuen wird gefragt, und es iſt eben ſo gefaͤhrlich, in irgend einer Laufbahn alt zu werden, als es rechtſchaffen iſt, bei irgend einem uUnternehmen ſtandhaft auszudauern. Es lebt kaum noch genug Wahrheit, um das geſellige Leben zu ſichern, aber doch Sicherheit genug, um die Cam⸗ meradſchaft zu verwuͤnſchen. Die Weisheit der Welt beſchäftigt fich ſehr mit dieſem Räthſel. Dicſe Neuig⸗ keit iſt alt genug, und doch iſt ſie die Neuigkeit jedes Lages. Sagt mir doch, Herr, was fuͤr einen Cha⸗ rakter beſaß der Herzeg? Escalus. Er war erhaben über jede andere Nacheiferung, und nur hemüht, ſich ſelbſt kennen zu lernen. Herzog. Und welche Vergnuͤgungen liebte er beſonders* E scalus. ueber den Frohſinn Anderer freute er ſich mehr, als uͤber etwas, das ihn ſeibſt ergötzte. Er iſt ein Mann von der großten Maͤßigung. Aber uͤberlaſſen wir ihn ſeinem Geſchick, mit dem Gebet, daß es ihn begluͤcken moge. Sagt mir doch, wie fandet ihr laudio vorbereitet? Wie ich horte, habt ihr ihn beſucht. Her 3o 8. Er geſteht, von ſeinem Richter nicht ungerecht 90——— 3. Act. verurtheilt worben zu ſeyn, und unterwirft ſich willig der Verfuͤgung des Geſetzes. Doch hat ihn ſeine Schwaͤche zu manchen truͤgeriſchen Lebenshoffnungen verleitet, die ich ihm aber, bei gehoͤriger Muße, in ihrem wahren Lichte dargeſtellt habe. Er iſt jetzt entſchloſſen zu ſterben. Escalu s. Ihr habk dem Himmel gezollt, wes eures Amt iſt's, und dem Gefangenen, was ihr eurem Berufe ſchuldig ſeyd. Ich habe mich fuͤr dieſen ungluͤcklichen, ſo weit es irgend die Beſcheidenheit geſtattete, bemuͤhtz allein ich fand die Gerechtigkeit meines Brubers ſo ſtreng, daß ich ihm geſtehen mußte: er ſey die Ge⸗ vechtigkeit ſelbſt. Herzog. Wenn ſein eignes Leben der Strenge ſeines Ver⸗ fahrens entſpricht, ſo ziemt es ihm wohl. Wenn er indeß etwa ſelbſt fehlt, ſo hat er ſich ſelbſt das ur⸗ theil geſprochen. Escalus. Ich gehe, den Gefangenen zu beſuchen. Lebt wohl! Herzog. Friede ſey mit euch! (Escatus und der profoß gehen ab N. Er, der das Schwert des Himmels hat, Muß ſtreng und heilig ſeyn auf Erden, und wandelnd auf der Tugend Pfad, Muß Andern er zum Muſter werden. Von ihnen werde nie begehrt, Was er ſich ſelber nicht verwehrt. Weh' ihm, wenn er ſich unterfing, 2 Scene⸗— 91 Zu ſtrafen, was er ſelbſt beging. Schmach uͤber Angelo, der ſ ich So manche Fehl' verzeiht und Maͤngel, Doch Andern nicht! Und äußerlich Glich dieſer Mann faſt einem Engel. Wie taͤuſcht uns leider mit verhaßter Scheinheiligkeit ſo oft das Laſter! Wie fein es ſein Gewebe ſpinnt, und Macht und Anſehn ſich gewinnt! Doch ſchlaue Liſt ſoll es beſiegen! Denn Angelo ſoll heut noch liegen Bei ihr, der er verlobt einſt war, Doch ihr gebrochen ſeine Treuez Liſt und Betrug werd' offenbar, Das alte Band, es knupfe ſich auf's neue! (Er geht ab). Vierter Act. Erſte Scene. Ein Zimmer in Marianens Hauſe. Mariane in ſizen⸗ der Suci Ein Knabe ſingt folgendes Lied. Dieſe Lippen zieh zurück, Voll von ſüßem Liebesſchwur; Bende dieſer Augen Blick, Denn der Morgen dämmert nur. Meine Küſſe gieb zurück! Gieb zurück! Liebesſieget ohne Glück! Ohne Glück! Mariane. Brich ab dein Lied, und eile ſchnell hinweg. Hier kommt ein Mann, der oft durch Troſt und Rath Den Ausbruch meines Kummers mir geſtillt. (Der Knabe geht ab). Der Herzog tritt auf). Verzeiht mir Herr! ich haͤtte wohl gewuͤnſcht, Daß ihr mich nicht bei der Muſik getroffen. Entſchuldigt mich! Es iſt ein trauriges Vergnuͤgen, doch beſaͤnftigt's meinen Kummer. Herzog. Recht gut; doch macht der Zauber der Muſik Aus Boͤſem Gutes, dies zum Mißgeſchick. Ich bitt' euch, ſagt mir doch, ob heut hier Je⸗ mand nach mir gefragt hat. Denn un dieſe Zeit verſprach ich, hier zu ſeyn. Scene 93 W 3 8 a e. Man hat bis jetzt nicht nach euch geſragt. Ich war den ganzen Tag zu Hauſe. „(Iſabelte tritt auf.) S Ich glaub' euch unbedenklich. Die Zeit iſt nun da! Ich muß euch bitten, uns ein wenig allein zu laſſen. Es kann ſeyn, daß ich euch bald wieder rufe. Es geſchieht zu eurem Beſten. Mariane. Ich bin euch ſtets verpflichtet. (Sie geht ab). Nun gut, daß ich euch treffe! Seyd willkommen! Was bringt ihr Neues von dem Stellvertteter? J ſa be e Sein Garten iſt umringt von einer Mauer, An die nach Weſten zu ein Weinberg grenst, Wohin man durch ein Plankenthor gelangt. Mon öoffnet es mit dirſem großen Schluͤſſel, Der andre hier gehoͤrt zur kleinen Pforte, Die aus dem Weinberg in den Garten fuͤhrt. Dort woüt' ich rufen ihn um Mitternacht. Herzog. Doch iſt der Weg euch ſo bekannt, daß ihr Allein ihn finden koͤnnt? 5 e Ich hab' ihn mir Genau gemerkt, als er mit Fluͤſtern mir, und mit dem Eifer eines Schuldbewußten, Zweimal den Weg gezeigt. 94 4. Act. Herzog. Ward ſonſt kein Merkmal Von euch beſtimmt, auf das ſie achten muß? Jſab ele Kein andres, als daß Alles dunkel ſey. Auch ſagt' ich ihm, nur eine kurze Zeit Könn' ich verweilen. Eine Dienerin Begleitet mich und harret mein. Sie ſteht Im Wahn, ich komme wegen meines Bruders. Herzog. Recht gut erſonnen! Marianen hab' ich Noch nicht ein Wort bavon geſagt. He! Holla! M ariane (kommt zurück). Ihr muͤßt dies Maͤdchen kennen lernen. Wahrlich Sie meint es gut mit euch. ßa b ee Das wuͤnſch' ich ſehr, Herzog. Nicht wahr? Ihr glaubt, daß ich euch achte? M a ri Ja, Mein guter Mönch! Ihr habt es ja gezeigt. er o 3 So nehmt denn die Gefaͤhrtin bei der Hand;z Sie hat euch ein Geſchichtchen zu erzaͤhlen. Ich ſeh' gelegentlich euch wieder! Eilt! Es naht ſich ſchon die Nacht mit ihrem Nebek⸗ Mariane. Gefaͤllt es euch, ſo gehen wir. (Iſabelte und Mariane gehen sb)⸗ 1. Scene.—— 95 Herzog. ½ O Rang und Groͤße! Millionen falſcher Augen Sind ſtets auf dich geheftet. Eine Menge Von faͤlſchlichen und widerſprechenden Berichten ſtellt ſich deinem Thun entgegen. Der Witz macht dich auf tauſendfache Weiſe Zum Vater ſeiner leeren Hirngeſpinnſte, und foltert dich durch ſeine Traumgebilde. (Mariane und IJſabelle kommen zurück). Willkommen! Seyd ihr einig? Sabele Ja, ſie will Auf euren Rath das unternehmen wagen. Herzog. Ich rieth nicht nur dazu, ich drang darauf. ſ 5 e e (zu Marianen). Zu ſprechen habt ihr wenig; doch beim Abſchied Sagt leiſ und fanft zu ihm: Gedenket nun Auch meines Bruders! Mariane. Seyd ganz unbeſorgt. Herzog. Ihr, theure Tochter, bannet jede Furcht. Durch das Verloͤbniß iſt er euer Gatte, und dies Zuſammentreffen keine Suͤnde, Da eu'r gerechter Anſpruch den Betrug Beſchoͤnigt. Kommt, und laßt uns gehn, Damit er reift, muß man den Zehnten fa'n. (Sie gehen ab). 4. Act. 3eite Scene. Ein Simmer im Geföngniſe. Der Profoßund Clown⸗ P r of on ßen 6 Komm her, Burſche! Kannſt du einem Menſchen en Kopf abſchlagen? CElown. Wenn's ein Junggeſell iſt, ſo kann ich's, iſt's aber ein verheiratheter Mann, ſo iſt er ſeines Wei⸗ bes Haupt, und einen Weiberkopf kann ich nicht ab⸗ ſchlagen. „ ro foß Geh' mir mit deinen Spitzfindigkeiten, Burſche, und gib mir eine ordentliche Antwort. Claudio und Bernardino muͤſſen morgen ſterben. Nun iſt in un⸗ ſrem Gefaͤngniſſe ein gewöhnlicher Scharfrichter, und der braucht bei ſeinem Amt einen Gehuͤlfen. Willſt du's auf dich nehmen, ihm beizuſtchen, ſo will ich dich befreien von deinen Feſſeln; wo nicht, ſo bleibſt du deine gehsrige Zeit verheſtet, und wirſt dann mit unbarmherzigen Peitſchenhieben entlaſſen, denn du biſt ein beruͤchtigter Kuppler geweſen. Gpw n. Herr, ich war ſeit undenklichen Zeiten ein geſetz⸗ widriger Kuppler; allein ich bin es zufrieden, ein ge⸗ ſetzmäßiger Henker zu werden. Aber ich mochte doch einige Anweiſung von meinem Collegen empfangen. Pro fo 6 He da, Abhorſon! Iſt Abhorſon nicht da?„ (Abborſon titt aut). Abhorſon. Ruft ihr mich, Herr? 45 — e„— e. e — e„. 2. Scene. 97 P.r ofo Freund, hier iſt ein Burſche, der euch morgen bei der Hinrichtung beiſtehen will. Scheint euch das annehmlich, ſo ſchließt auf ein Jahr lang einen Contract mit ihm ab, und laßt ihn hier bei euch wohnen. Wollt ihr das nicht, ſo braucht ihn bei dieſer Gelegenheit, und laßt ihn dann laufen. Er kai ſich mit euch an Range nicht meſſen, denn er war ein Kuppler. A bhorſon. Ein Kuppler, Herr! Pfui! das wuͤrde unſre Kunſt in uͤbeln Ruf bringen. Prrofoß. Geht nur, Freund! Ihr wiegt beide gleich viel. Ein Jeder wuͤrde der Waage den Ausſchlag geben. (Er geht ab.) Clown. Nun, Herr, wenn ihr eine gute Miene zu mei⸗ ner Frage machen wolltet(und eine zute Miene habt ihr, nur zu gleicher Zeit ſo einen Henkersblick), ſo ſagt mir doch, nennt ihr eure Beſchaͤftigung eine Kunſt? 5 n Nun freilich, eine Kunſt. Clown. Das Malen, hoͤrt' ich, ſey eine Kunſt, und die Huren, Herr, die zu meinem Gewerbe gehoren, be⸗ dienen ſich des Malens, und beweiſen dadurch, daß mein Gewerbe eine Kunſt iſt. Aber was fuͤr eine Kunſt beim Haͤngen ſtatt findet, wenn ich gehangen werden ſollte, das kann ich nicht recht einſehen. A bhorſon. Herr, es iſt eine Kunſt! Raaß fuͤr Maaß. 5 98 4. Pet. Clown. Beweiſt es! b h o r ſ 6 F. Jedes ehrlichen Mannes Kleid paßt fuͤr einen Dieb. Wenn es zu klein fuͤr den Dieb iſt, ſo haͤlt es der ehrliche Mann fuͤr groß genug. Iſt's zu gros fuͤr den Dieb, ſo haͤlt es der Dieb fuͤr klein genug. So paßt jedes ehrlichen Mannes Kleid fuͤr einen Dieb. (Der protoß Se zurück.) Profoß. Nun, ſeyd ihr einig? Clown. Herr, ich will ihm dienen, denn ich merke, der Henker treibt ein bußfertigeres Gewerbe, als der Kuppler. Jener bittet oͤfter um Vergebung. Pro fo ß⸗ Burſche, verſeht euch mit einem Bloc und Beit u Morgen um vier Uhr. 1bhor ſon. Komm, Kuppler, ich will dich in meinem Gewerbe unterrichten. Folge mir. Clown. Ich bin ſehr lernbegierig, Herr, und wenn ihr mich etwa nothig habt bei euch ſelber, ſo ſollt ihr mich, hoff ich, nicht ungewandt finden. Denn wahr⸗ rich, Herr, fuͤr eure Guͤte ſteh' ich bei euch in 3i Schuld. Pro fo ß. Ruft Bernardino mir, und Elaudio; Der Eine dauert mich, der Andere te thi6 und Abhorſon gehen ab.) 6 — — e — + 3 2. Scene. 99 Nicht im geringſten; waͤr's mein Bruder ſelbſt, Er iſt einmal ein Moͤrder! (Claudio tritt auf.) Claudio, Hier iſt der Urtheilsſpruch. Jetzt herrſcht die Stille Der Mitternacht, und Morgen fruͤh acht Uhr, Lebt ihr nicht mehr. Wo bleibt denn Bernardin? Claudio. Sein Schlummer iſt ſo feſt, wie der des Wandrers, Den, ſchwer ermuͤdet, keine Schuld bedruͤckt. Er wacht nicht auf. Profoß. Wer kann ihm Gutes denn Erweiſen? Gut! Bereitet euch zum Tode. Horch! Welch' Geraͤuſch? (Man klopft. ECtaudio geht ab.) Der Himmel ſtaͤrke dich Mit Muth. Noch hoff⸗ ich auf Pardon, auf Aufſchub⸗ Zum mind'ſten fuͤr den edlen Claudio. (Der Herzog tritt auf.) Wiutommen, Vater! He r 3 0 g. Der beſte Hauch der Nacht, geſund und heilſam, umhuͤlle dich, du guter Kerkermeiſter. Wer war vor kurzem hier? ₰ rofo ß. Niemand, ſeitdem Die xbenbgocke hat. Auch Nicht Fſatele 2 5* Profo 5. Nein. Herzog. So kommt ſie bald. 6 Und welch ein Troſt bleibt Claudio? 5 evz o g. Es iſt Noch eing'e Hoffnung. Profoß. Gar ein harter Mann Iſt dieſer Stellvertreter. Herzog. Nein, das nicht! Act. Sein Leben gleicht dem Recht in jedem Punkt, In jeder Zeil'. Er unterdruͤckt in ſich, Mit heiliger Enthaltſamkeit, was er Vermöge ſeiner Macht an Andern ruͤgt. Waͤr⸗ er befleckt mit dem, was er beſtraft, Waͤr' er Tyrann, ſo iſt er nur gerecht. (Man klopft.)* Sie kommen ſchon! (Der Profoß geht hinaus.) Das iſt ein edler Mann! Wie ſelten findet man in ſich vereint Den Kerkermeiſter und den Menſchenfreund⸗ Doch welch Geraäuſch! Den kreibt der Geiſt der Eile, Der ſo an dieſe off'ne Thuͤre ſchlägt. (Der Profoß kehrt zurück, mit Jemand an der 2hi ſprechend.) a. Seene⸗— 101 S. Er ſoll dort warten, bis der Scherge kommt, Ihn herzufuͤhren; er iſt ſchon geweckt. erz o8. Erhieltet ihr in Abſicht Claudio's Nicht Contreordre— muß er morgen ſterben? Profoß. Nein, heil'ger Vater, keine. Herzog. Nun, ſo nah⸗ Der Morgen iſt, Profoß, Ihr ſollt, noch eh' Er anbricht, mehr erfahren. Profoß. 43 Geb' es Gott! Ihr wißt zwar etwas; doch Begnadigung Wird, wie ich glaube, ſchwerlich wohl erfolgen. Wir haben gar kein Beiſpiel dieſer Art. und außerdem verkuͤndet Angelo Selbſt auf dem Richterſtuhl dem Ohr des Volks Das Gegentheil. (Ein Bote tritt auf.) Herzog. Das iſt der Diener Sr. Herrlichkeit. enn Profoß. Er bringt uns die Begnad'gung Claudio's. t Mein Herr ſendet euch dies Schreiben, und läß euch durch mich ſagen: Ihr ſollt nicht von dem klein⸗ ſten Artikel abweichen, nicht in der Zeit, noch in der Sache ſelbſt, noch in irgend einem andern Umſtande. 102 4 Act. Guten Morgen! denn, wenn ich nicht irre, bricht der Tag ſchon an.“ Pro foß. Gehorchen werd' ich ihm. (Der Bote geht ab.) ₰H erzog (für ſich.) Dies der Pardon, Den er, erkauft durch eine Suͤnd', empfing, Wie der Begnadiger ſie ſelbſt beging. Wie ſchnell doch das Vergehen weiter ſchreitet, Wenn es von hohem Anſehn wird begleitet. Winkt Laſter Gnad', wird ſie ſo weit getrieben, Daß um der Suͤnde wir den Suͤnder lieben. Ctaut.) Nun, Freund, was giebt es Neues? Profoß. Wie geſagt, Angelo, der wielleicht glaubt, daß ich ſaumſelig in meiner Pflicht ſey, ſpornt mich durch dieſe ungewoͤhnliche Aufforderung. Es iſt ſeltſam. Das war nie ſeine Gewohnheit. Herzog. Ich bitt' euch, laßt mich's hören. Prrofoß. Ctieſt.) „Was ihr auch immer vom Gegentheil horen moͤgt, Claudio ſoll um vier uhr, und Bernardino Nachmittags hingerichtet werden. Zu meiner völligen Beruhigung ſchickt mir Claudio's Kopf um fuͤnf Uhr. Laßt dies auf's puͤnktlichſte vollziehen, und glaubt, es haͤngt mehr davon ab, als ich euch jetzt mittheilen kann. Seyd nicht ſaumſelig in eurer Pflicht, wenn 2. Scene.— 103 ihr nicht mit eurem eignen Kopfe dafuͤr haften wollt.“ — Nun, was ſagt ihr dazu, Herr? Herzog. Was iſt das fuͤr ein Bernardin, der Nachmittags hingerichtet werden ſoll 2 Pro foß. Ein geborner Boͤhme, der aber hier aufgezogen worden iſt. Er ſitzt ſchon ſeit acht Jahren im Ge⸗ faͤngniß. Herzog. Wie kam es denn, daß der abweſende Herzog ihn nicht entweder in Freiheit ſetzte, oder ihn hinrichten ließ? Wie ich gehoͤrt, hat er immer ſo verfahren. Profoß Seine Freunde wirkten ihm ſtets eine neue Friſt aus. Außerdem iſt aber auch ſein Verbrechen erſt un⸗ ter Angelo's Regierung vollig erwieſen worden. H erzog. Iſt es jetzt vollig dargethan? Profoß. Auf das Klarſte; auch wird es ſelbſt von ihm nicht geleugnet. Herzog. Hat er im Gefaͤngniß Reue blicken laſſen? Scheint er geruͤhrt? Der Tod iſt ihm nicht furchtbarer, als der Schlaf nach einem Rauſche. Er iſt ſorglos, unbekuͤmmert und ohne Furcht in Bezug auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, unempfindlich gegen den Tod, und ein verzweifelter Menſch. — 4 Act. Herzog. Es fehlt ihm an Belehrung. Profoß. Die will er nicht anhoͤren. Er hat alle moͤgliche Freiheit im Gefaͤngniß genoſſen; und erlaubte man ihm wirklich zu fliehen, er würde keinen Gebrauch da⸗ von machen. Er iſt mehrmals des Tages, ja manch⸗ mal ganze Tage lang betrunken. Wir haben ihn oͤf⸗ ters aufgeweckt, als wollten wir ihn zum Richtplatze fuͤhren— haben ihm auch einen vorgeblichen Befehl zur Hinrichtung gezeigt; allein das hat ihn nicht im mindeſten geruͤhrt. er o8. Wir wollen nachher weiter uͤber ihn ſprechen. Auf eurer Stirn, Profoß, ſtehen die Worte Redlichkeit und Beharrlichkeit. Leſ⸗ ich unrecht, ſo hat mich meine alte Geſchicklichkeit getaͤuſcht; aber im feſten Vertrauen auf meine Erfahrung will ich mich ſelbſt in Gefahr ſetzen. Elaudio, den ihr nach dieſem Befehl hinrichten ſollt, iſt dem Geſetz nicht mehr verfallen, als Angelo, der ihn verurtheilt. Um euch das vollig deutlich zu machen, erſuch' ich euch, die Hinrichtung nur noch vier Tage zu verſchieben, wodurch ihr mir einen augenblicklichen und gefaͤhrlichen Dienſt leiſtet, Profo ß. Ich bitt' euch, Herr, wodurch? Herzog. Durch die Verzoͤgerung ſeines Todes. 104 Profoß. Ach! wie kann ich das thun, da die Stunde be⸗ ſtimmt iſt, und ich dem ausdruͤcklichen Befehl zu Folge, 2. Scene.———— 105 bei Strafe Elaudio's Haupt an Angelo ſenden muß?2 Ich würde mir Claudio's Schickſal zuziehen, wenn ich im geringſten davon abwiche. Herzog. Bei meinem Ordensgeluͤbde beſchwoͤr' ich euch: folgt meiner Leitung. Laßt Bernardin dieſen Morgen hinrichten, und ſchickt Angelo ſein Haupt. 1 Pro foß. Angelo hat beide geſehen, und wuͤrde die Geſichts⸗ zuͤge ſogleich erkennen. Herzog. O der Tod iſt ein Meiſter im Verſtellen; und ihr koͤnnt ihm noch nachhelfen, wenn ihr ihm das Haupt und den Bart ſcheert. Der Buͤßende, muͤßt ihr ſagen, habe gewuͤnſcht, vor ſeinem Tode noch ge⸗ ſchoren zu werden. Ihr wuͤßt ja, daß ein ſolches Verfahren gewohnlich iſt. Wenn euch etwas Anderes dafuͤr wird, als Dank und Gluͤck, ſo will ich— bei meinem Schutzheiligen! mich mit meinem Leben dage⸗ gen verwenden. o Vergebt mir, guter Vater, das iſt gegen mei⸗ nen Eid. Herzog.„ Habt ihr dem Herzoge oder ſeinem Stellvertreter geſchworen? 2 Ihm und ſeinem Stellvertreter. Hero g Ihr wuͤrbet alſo kein Verbrechen zu begehen glau⸗ ben, wenn der Herzog eure Handlung gerecht und bil⸗ lig faͤnde? 5 8* 106 4. Act. Perofoß. In wiefern iſt das aber vehrſcheintich? Herzog. Nicht blos wahrſcheinlich, ſondern gewiß. Doch da ich ſehe, daß ihr euch fuͤrchtet, und daß weder mein Kleid, noch meine Rechtſchaffenheit und Ueberre⸗ dung euch bewegen kann, ſo will ich weiter gehen, als ich eigentlich wollte, um euch von jeder Beſorg⸗ niß zu befreien. Seht her! Hier iſt die Handſchrift und das Siegel des Herzogs. Ihr kennt ohne Zwei⸗ fel die Züge, und die Unterſchrift kann euch nicht fremd ſeyn. Profoß. Ich erkenne beides. S 9 Der Inhalt dieſes Schreibens iſt die Ruͤckkehr des Herzogs. Ihr ſollt es bald nach Belieben durchleſen, und werdet dann ſehen, daß er binnen zwei Tagen hier eintreffen muß. Angelo weiß nichts von dieſem umſtande; denn heute noch erhaͤlt er Briefe ſeltſamen Inhalts, welche ihm des Herzogs Tod, vielleicht auch ſeinen Eintritt in's Kloſter melden, doch wahrſchein⸗ lich von dem, was hier geſchrieben ſteht, keine Sylbe. Seht ihr! die Sonne weckt den Schaͤfer in ſeiner Huͤrde! Wundert euch nicht daruͤber, wie dieß Alles zugeht; jede Laſt iſt leicht, wenn man ſie kennt. Ruft den Scharfrichter, und herab mit Bernardins Kopf! Ich will ſogleich ſeine Beichte hoͤren, und ihm einen beſſern Ort anweiſen. Ihr ſeyd noch immer erſtaunt; aber dies muß euch zu einem beſtimmten Entſchluß bewegen. Kommt! Es iſt ſchon heller Tag. (Sie gehen ab). 3. Scene. S 107 Drite Scene. Ein anderes Zimmer im Gefängniß. Clown tritt auf. Clown. Ich bin hier ſchon ſo gut bekannt, wie ich's in unſrem Hauſe und Gewerbe war. Man ſollte den⸗ ken, dieß wäre das Haus der Frau Overdone: ſo viele ihrer alten Kunden befinden ſich hier. Da iſt erſtens der junge Herr Raſch. Der ſitzt hier, weil er aus einem Lager von 197 Pfund braunem Papier und altem Ingwer fuͤnf Mark baaren Geldes loͤſete. Nun wahrlich, nach Ingwer fragte man nicht viel, denn die alten Weiber waren alle todt. Dann iſt hier ein gewiſſer Herr Kaper, auf die Klage des Herrn Seidenhaͤndlers Dreiſtapel, wegen vier Stuͤcke pfirſichbluthfarbenen Atlas, welche ihn nun ausweiſen, daß er nicht bezahlen kann. Dann haben wir hier den jungen Schwindel, und den jungen Tiefſchwur, und den Herrn Kupferſporn, und den Herrn Hunger⸗ lakey, den Degen und Dolchmann, und den jungen Tropferbe, der den muntern Pudding toͤdtete, und Herrn Gradaus, den Fechter, und den wackern Herrn Schuhriemen, den großen Reiſenden, und den wilden Halbkanne, welcher Topf durchbohrte, und noch vier⸗ zig andere, glaub' ich— lauter beruͤhmte Helden in unſerm Gewerbe, und Alle ſind nur aus Barmherzig⸗ keit hier. (Abhorſon tritt auk.) ſ on. Burſche, bringe Bernardin her. Clown. Herr Vernardin! Steht auf! Ihr ſollt gehängt werden. Herr Bernardin! 108—— 4. Act. Abhorſon. Heda! Bernardin! S Bernardin (draußen.) Verflucht ſey eure Kehle! Wer macht denn ſol⸗ chen Laͤrm? Wer ſcyd ihr? Clown. die Guͤte haben, aufzuſtehn, und euch hinrichten laſſen. Bernardin (draußen.) Fort, Schurke, fort! ich bin ſchläfrig. Nb ſ Sag' ihm, er muͤſſe ſich ermuntern, und zwar geſchwind. Sow n . Ich bitt' euch, Herr Bernardin, ermuntert euch nur ſo lange, bis ihr hingerichtet ſeyd, und ſchlaft nachher. Abhor ſon. Geh hinein zu ihm, und ſchlepp' ihn heraus. Clown. Er kommt ſchon, Herr, er kommt ſchon! Ich hoͤre ſein Stroh raſſeln. (Bernardin tritt auf.) Abhorſon. Liegt das Beil auf dem Block, Burſche? Clown. Es iſt Alles parat, Herr! Euer Freund, Herr, der Henker. Ihr muͤßt ſchon 3. Scene.—— 109 B ernardin. Nun, Abhorſon, was giebt's? A bhorſon. Ich wollt' euch nur bitten, euer Gebetbuch aufzu⸗ ſchlagen, denn der Befehl, ſeht ihr, iſt einmal ge⸗ kommen. Bernardin. Du Schurke! Ich war die ganze Nacht betrunken. Ich bin nicht vorbereitet. Clown. O deſto beſſer! Wer die ganze Nacht hindurch trinkt, und am Morgen drauf bei Zeiten gehenkt wird, der ſchlaͤft am naͤchſten Tage deſto Ke (Der Hersog tritt auf.) b 5 0 ſ o i Seht ihr! da kommt euer Beichtvater! Glaubt ihr noch, daß wir blos ſcherzen? Herzog. Freund, die chriſtliche Liebe fuͤhrt mich her. Ich habe gehoͤrt, daß ihr ſchnell von hinnen ſcheiden muͤßt, und da bin ich denn gekommen, um euch Rath und Troſt zu ertheilen und mit euch zu beten. Bernardin. Nein, Moͤnch! Ich hab' die ganze Nacht hindurch getrunken, und brauche mehr Zeit, mich vorzubereiten. Eher ſoll man mir mit einem Scheit Holz das Gehirn zerſchmettern. Aus freiem Willen ſterb“ ich heute nicht, ſo viel iſt gewiß. Herzog. Ihr muͤßt, Freund; darum bitt' ich euch, werft einen Blick auf die Reiſe, die ihr ſogleich antvetet. 110— 4. Act Bernar diin. Ich ſchwoͤr' es euch, Niemand ſoll mich uͤberre⸗ den, heut' zu ſterben. Herzog. Aber hoͤrt doch nur! Bernardin. Keine Sylbe! Habt ihr mir etwas zu ſagen, ſo kommt in mein Gewahrſam; denn das verlaſſ' ich heute nicht. (Er geht ab.) (Der Profoß tritt auf.) H e rz o g. unfaͤhig wie zum Leben, ſo zum Tode. Verſtocktes Herz! Ihr Leute, eilt ihm nach! Zum Block mit ihm. (Abhorſon und Elown gehen ab.) Profoß.. Nun, Herr, wie fandet ihr Denn den Gefangenen. Herzog. unvorbereitet! Er kann noch nicht dem Tod' entgegengehn. Es waͤr' verdammenswerth, ihn hinzurichten In dieſem Zuſtand. Profoß. Hier in unſerem Gefaͤngniß ſtarb an einem heft'gen Fieber An dieſem Morgen Ragozin, ein höchſt Beruͤchtigter Pirat, der Claudio An Jahren gleicht; ſein Haupthaar und ſein Bart Sind g'rade von derſelben Farbe. Wie? 3. Scene. n 1 Wenn wir noch dieſen Frevler leben ließen, Damit er in ſich geht, und Angelo Durch's Haupt des Ragozin befriedigten, Das mehr dem Kopfe Claudio's gleicht. Herzog. Das iſt Ein Zufall, den der Himmel ſo gefuͤgt, Send' es gleich hin. Die Stunde naht ſich ſchon, Die Angelo beſtimmt', doch laß es ſchnell Geſchehn, und handle dem Befehl gemaͤß, Indeß bered' ich dieſen rohen Frevler, Den Tod freiwillig zu erdulden. Profoß. Gleich Soll es geſchehn. Doch Bernardin muß heut Nachmittag ſterben; und wie machen wir's Mit Claudio, daß ich vor der Gefahr Mich rette, wenn man hoͤrt, daß er noch lebt? Herz og. Habt keine Furcht. Sorgt nur, daß Claudio und Bernardin verborgen bleibt. Eh' noch Zum zweitenmal die Sonn' in ihrem Lauf Die Antipoben gruͤßt, ſeyd Ihr geſichert. Profoß. Ich folg' euch unbedingt. Herzog. Beſorgt es ſchnell, und ſendet Angelo das Haupt. (Der Profoß geht ab). Ich will Indeſſen an ihn ſchreiben. Meinen Brief Soll der Profoß ihm uͤberbringen. Leicht Wird ihm der Inhalt zeigen, daß ich ſchon Sehr nahe bin, und wicht'ge Gruͤnde mich Zum oͤffentlichen Einzug noͤthigen.* n dem geweihten Quell, der eine Stunde Entfernt iſt von der Stadt, will ich ihn treffen, Und ſtufenweiſ' mit ruh'ger Ueberlegung Mit Angelo verfahren. (Der Profoß kommt mit einem Kopfe zurück.) Profoß. Hier iſt das Haupt! Ich trag' es ſelber hin. Herzog. So recht! Allein beſchleunigt Eure Rückkehr. Ich hab' euch Dinge zu vertraun, die Niemand Vernehmen darf, als ihr allein. Profoß. Ich eile! (Er geht ab.) J ſabe e, (draußen.) Sey Friede hier! Herzog. Die Stimme Iſabellens! Sie kommt, ſich zu erkund'gen, ob ihr Bruder Begnadigt ward. Sie ſoll ihr Gluͤck noch nicht Erfahren, daß der Troſt des Himmels ſie Erquicke, wenn ſie, ſchon verzweifelnd, ihn Am wenigſten erwartet. (Iſaberte tritt auf.) I ſabelle⸗ Mit Erlaubniß— Herzog. Sey, holde Tochter, mir gegruͤßt! 142— 4 Act. 3. Scene.— 113 S 5 ee. Ich bin Begluckt, da ſo ein heil'ger Mann mich gruͤßt. Iſt die Begnad'gung meines Bruders da? Herzog. Er ward befreit— befreiet von der Weltz Sein Haupt an Angelo geſendet. J ſabel. Nein! Das iſt unmöglich! Herzog. Dennoch iſt es ſo. Zeig' deine Klugheit, Tochter. Dulbe ruhig. Fſpabel 1 e O ich will zu ihm hin! Die Augen reiß Ihm aus dem Kopf. Herzog. Auf jeden Fall Wird man den Zutritt dort euch ſtreng verſagen. S fabe he. O armer Claudio! ungluͤckſeel'ge Schweſter! Ruchloſe Welt! Verwuͤnſchter Angelo! Herzog. Das ſchadet weber ihm, noch frommt es euch! Ertragt's, und ſtellt dem Himmel eure Sache Anheim. Merkt wohl, was ich euch ſagen werde. Bis auf die kleinſte Silb' iſt's reine Wahrheit. Der Herzog trifft ſchon morgen ein. Ja, trocknet Nur eure Thraͤnen. Wißt, ein Kloſterbruder, Sein Beichtiger, gab dieſe Nachricht mir. An Escalus und Angelo iſt ſchon au— 4 Aet Bericht erſtattet; bis zum Thore wollen Sie ihm entgegen gehn, und die Gewalt, Die ihnen ward, ihm wieder uͤbergeben. Mog' eure Klugheit euch den richt'gen Pfad, Wie ich's von ganzen Herzen wuͤnſche, leiten. Ihr buͤßt dann eure Luſt an dieſem Schurken, Ihr ſeyd gerächt, euch wird des Herzogs Gnade, Und Ehr' und Ruhm. ſ b e Ich folge eurer Leitung. Herzog. So gebt dſun dieſen Brief dem Moͤnche Peter; Er gab mir Nachricht von des Herzogs Heimkehr. Sagt ihm bei dieſem Zeichen, daß er Nachts mir Geſellſchaft leiſt in Marianens Wohnung. Von ihrer Lag' und von der eurigen Will ich ihn auf's genauſte unterrichten. Er ſoll euch vor den Herzog fuͤhren; dort Koͤnnt' in's Geſicht ihr Angelo verklagen. Was mich betrifft, ſo kann ich, durch ein heil'ges Geluͤbd' gebunden, nicht zugegen ſeyn. Geht mit der Schrift, und ſtillet leichten Herzens Die Thraͤnen, welche euren Augen ſchaden. Vertraut dem heil'gen Oen nimmermehr, Wenn ich euch irre leit' in eurer Sache. Wer iſt da? (Lucio kommt). Guten Abend. Wißt ihr nicht, Wo der Profoß iſt, Moͤnch? Hier iſt er nicht. 3. Scene. 115 Lucio. O reizende Iſabella! Es thut mir im Herzen weh, wenn ich deine Augen ſo roth ſehe. Du mußt geduldig ſeyn. Ich bin gezwungen, Mittags und Abends eine Suppe von Waſſer und Kleien zu eſſen. Ich darf, wenn ich meinen Kopf nicht verlieren will, meinen Wanſt nicht fuͤllen. Wie leicht könnte mich eine gute Mahlzeit zur Suͤnde reizen. Allein es heißt, der Herzog kehrt morgen zuruͤck. Meiner Treu', Iſabelle, ich liebte deinen Bruder. Waͤre der alte wunderliche Herzog daheim geweſen, der die dunkeln Winkel ſo iebt, ſo lebte ex noch hue Perzo g. Der Herzog iſt euren Berichten wenig verpflichtet, allein das Beſte iſt, daß man ihn Sris n wieder erkennt. Luciv. Moͤnch, du kennſt den Herzog nicht ſo gut wie ich. Er iſt ein beßrer Jaͤger, als du glaubſt. Herzog. Nun, ihr werdet einſt daruͤber Rechenſchaft able⸗ gen muͤſſen. Lebt wohl! Ei! warte doch! Ich will dich begleiten; gar artige Geſchichtchen kann ich dir von dem Herzog er⸗ zaͤhlen. 8 Heenr 3 og. Ihr habt mir ſchon zu viel von ihm erzaͤhlt, wenn es wahr iſt, und iſt es unmhr ſo war Richts n genug. 4. Act. uci o. Ich ſtand ſchon einmal vor ihm, weil ich eine Dirne geſchwängert hatte. So? Hattet Ihr das gethan? Lu eko⸗ Nun freilich! Allein ich ſah mich zerbthiut, e es abzuſchwören, weil ich ſonſt die haͤßliche Dirne haͤtte heirathen muͤſſen. Herr, eure Geſellſchaft iſt unterhaltender, als ſie 6 Lebt wohl! L uci o. Meiner Treu', ich muß dich bis aws Sn⸗ der Gaſſe begleiten. Wenn dir die Hurengeſchichtes zu⸗ wiber ſind, ſo wollen wir nicht mehr viel davon reden.— Ja, Moͤnch! ich bin eine Art von Klette. Ich hange mich überall an. 6 Sie gehen ab.) Vierte Scene. Ein Zimmer in Angelo's Hauſe. Angelo und Esca⸗ lus treten auf. Escalus.. unter al ſeinen Briefen wiverſpricht immer einer dem andern. Angelo. Auf die unpaſſendſte und verruͤckteſte Weiſe. Seine Handlungen verrathen den Wahnſinn nur zu ſehr. Der Himmel erhalt⸗ ihm ſeinen Verſtand! Warum ſollen wir ihm nur bis an die Thore entge⸗ 4. Scene.—— 117 genkommen, und ihm die uns verliehene Macht dort zuruͤckgeben? Escalus. Ich kann es nicht errathen. Angelo. und warum ſollen wir eine Stunde vor ſeiner Ankunft bekannt machen, daß, wer ſich wegen einer ungerechtigkeit zu beklagen habe, ſeine Bittſchrift auf der Straße uͤberreichen ſolle? Escalus. Dafür fuͤhrt er als Grund an: er wolle alle Klagen beſeitigen, und uns von ſpäterhin vorgebrach⸗ ten Beſchwerden befreien, die hernach keine Kraft ge⸗ gen uns haben ſollen. Aengelo. So laßt es denn verkuͤnden. Morgen fruh Ruf⸗ ich bei Zeiten euch vom Hauſe abz Gebt denen Nachricht auch, die Stand und Rang Verpflichtet, daß ſie ihm entgegengehn. 2 Escalus. Es ſoll geſchehen, Herr. Gehabt euch wohl! (Er geht ab.) Angelo. Nun, gute Nacht!— Wie hat mich dieſe That So gaͤnzlich umgewandelt, den Verſtand Zu allen andern Thaten mir geraubt! Ein Maͤdchen ward entehrt durch einen Mann Von hohem Stande, der nun das Geſetz Dagegen ſelber geltend macht! O wenn Nicht zarte Sittſamkeit es ihr verbietet, Laut zu verkuͤnden ihrer unſchuld Fall⸗ Wie wuͤrde ſie mich nennen? Doch erlaubt Es ihr wohl die Vernunft, mich anzuklagen? Nein! Denn mein Anſehn ſteht beim Volk ſo hoch, Daß keine Schmaͤhung es beruͤhren kannz Sie faͤllt auf den zuruͤck, der ſie geäußert. Er häͤtte leben koͤnnen, wenn ich nicht Befuͤrchtet, daß der ungeſtuͤme Sinn Der Jugend ihn in kuͤnft'ger Zeit zur Rache Verleiten konnte, da mit ſolcher Schmach Er ein entehrtes Leben mußt⸗ erkaufen. O daß er dennoch lebte! Nimimer wandelt, Woll' er es oder nicht, auf rechtem Pfade, Wer einmal nur vergaß der Mild⸗ und Gnabe. (Er geht F tee Ein öffentlicher Platz außerhalb der Stadt. Der Hert zog in ſeiner gewöhnlichen und der S Peter treten auf. Herzog. Beſorgt zu rechter Zeit mir dieſe Briefe. um unſern Plan weiß der Profoß, und ſchon Im Gang' iſt unſre Sache. Moͤg' euch dieß Zur Richtſchnur dienen: Weichet nimmer ab Von unſrem eigentlichen Plan, wenn ihr Auch, wie ſich wohl der Fall ereignen könnte, Genoͤthigt wär't, von dem zu dem zu ſpringen. Geht, fragt nach Flavius Wohnung, gebt ihm Wo ich verweile; auch dem Valentin, Roland und Craſſus gabt dieſelbe Kunde.„ Sie ſollen an das Thor Trompeter ſendben; Allein den Flavius ſchickt zuerſt mir her. 118——— 4. Aet. 6. Scene.— 119 Petr Es ſoll aufs eiligſte geſchehn. (Er geht ab.) (Varrius tritt auf.) Herzog. Ich danke Dir, Varrius, daß du ſo eilig nahſt. Komm, laß uns gehn. Dort giebt es andte Freunde, Die uns begruͤßen wollen, Varrius.. (Sie gehen ab.N Sechſte Scene. Eine Straße in der Nähe des Stadtthors. IJſabette und Mariane treten auf. J Ich bin der truͤgeriſchen Worte muͤde, Und gerne moͤcht' ich nichts als Wahrheit ſprechen. Doch liegt es dir ob, ihn ſo zu verklagen. Mir ſchärft' er ein, daß es noch nöthig ſey, Den Vorſatz zu verhuͤllen. Mariane. Folg' ihm ganz. JFſabele. Auch ſagt' er mir, daß wenn es etwa ſchiene, Als ſpräch' er wider mich, ſo moge dieß Wich nicht befremden; nur ein bitteres Heilmittel ſey's zu einem ſuͤßen Zweck. War i an e Ich wollte, Peter— 3 ct S ſabelre. Still! Da kommt er ſchon. (Peter tritt auf.) N. Kommt! Ich hab' einen Platz, der fuͤr euch paßt, Gefunden. Dort kann euch der Herzog nicht Entgehn. Schon zweimal ſchallten die Trompeten. Die edelſten und wuͤrdigſten der Buͤrger Verſammelten ſich ſchon am Thor, und nah' iſt Des Herzogs Einzug. Darum eilig fort! (Sie gehen ab.) 1. Scene. 121 Fuͤnfter At. Erſte Scene. Ein öffentlicher Pratz in der Nähe des Stadtthors. Ma⸗ riana Cverſchleiert), IJſaberte und Peter, alle drei in einiger Entfernung. Der Herzog, Var⸗ rius und Edetteute treten auf von der einen Seite, von der andern A ngelo, Escatus, Lucio, der Profoß, Gerichtsdiener und Bürger. Herzog. Mein wuͤrd'ger Vetter! mit Vergnügen ſeh' ich Euch wieder, meine alten treuen Freunde! Angelo und Escalus. Wir wuͤnſchen eurer koniglichen Hoheit Begluͤckte Ruͤckkehr.* Herzog. Herzlich danken wir Euch Beid'! Wir haben uns bereits nach euch Erkundigt, und vernahmen, wie ihr eifrig Recht und Gerechtigkeit gepflegt. Drum ſey Euch oͤffentlich hier unſer Dank gezollt, Dem bald ein höh'rer Lohn noch folgen ſoll. Angelo. Ihr ſpannt nur hoͤher unſte Pflicht. Herzog. O kaut Spricht eur Verdienſt, und unrecht wuͤrd⸗ ich thun, Maaß für Maaß. 6 s. Act. Wenn ich's in meinem Buſen nur verſchloͤſſe. Nein, es verdient, daß es durch eh'rne Lettern Verewigt werde— eine feſte Burg, unangegriffen von dem Zahn der Zeit und immerdar in der Erinnrung lebend. Gebt mir die Hand. Ein jeder unterthan Moͤg' ſehen, wie die außre Hoͤflichkeit Die innre Gunſt ſo gern verkuͤnden moͤchte. Kommt, Escalus! Geht auf der andern Seite Stets neben mir! Denn ihr ſeyd gute Stuͤtzen. (Peter und Iſabelle nähern ſiche) Peter (zu Iſaberle. N Jetzt iſt es Zeit! Sprecht laut! Knie't vor ihm nieder! S ſabee Gerechtigkeit! Erhabner Herzog! Laßt Euch mild herab, und ſenkt den Blick hernieder Auf ein gekraͤnktes— Mäͤdchen, moͤcht' ich ſagen. Entehrt nicht euer Auge, wuͤrd'ger Fuͤrſt, Durch einen andern Gegenſtand, bis ihr Die Wahrheit meiner Klage angehoͤrt. O laßt Gerechtigkeit mir widerfahren, Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Serzog. Erzähle Dein unrecht nur: Worin beſteht's? Durch wen Ward es dir zugefuͤgt? Gerechtigkeit Soll widerfahren dir durch Angelo, Entdeck's ihm ſelber. 1. Scene. 123 Fſab le. O mein edler Herzog, Ihr heißt vom Teufel mich Erloͤſung ſuchen! Vernehmt mich ſelbſt! Denn was ich ſpreche, muß, Falls es nicht Glauben findet, mich in Strafe Verwickeln, oder zum Erſatz euch nöth'gen. Hort mich! Angelo. Ich fuͤrchte, ſie iſt nicht bei Sinnen Fuͤr ihres Bruders Leben bat ſie, den Der Lauf des Rechts geſtuͤrzt. Der Lauf des Rechts? S neo Höchſt bitter wird ſie nun und ſeltſam ſprechen, I ſabelrre Hoͤchſt ſeltſam werd' ich ſprechen, aber wahr. Daß Angelo meineidig, iſt's nicht ſeltſam? Daß Angelo ein Moͤrder, iſt's nicht ſeltſam 2 Daß Angelo ein Ehebrecher, Heuchler, Ein Jungfraunſchänder iſt— iſt das nicht ſeltſam? Serzog. Ja, zehnfach ſeltſam. Jſabelre. Dies iſt wahr, ſo wahr Er Angelo, ſo ſeltſam es auch iſt. Ja zehnfach wahrz denn Wahrheit bleibt ja Wahrheit Einmal fur allemal. 6* Herzog. Hinweg mit ihr! Die Arme iſt nicht ihrer Sinne maͤchtig. S a ee Fuͤrſt, ich beſchwoͤre dich, ſo wahr du glaubſt, Daß es ein hoͤh'res Seyn, als dieſe Welt giebt, Glaub⸗ nicht, daß Wahnſinn aus mir ſpricht und halte Nicht fuͤr unmöglich, was nur unwahrſcheinlich Dir duͤnkt. Wofern es nicht unmöglich iſt, Daß der Verruchteſte der Schurken, den Die Erde trägt, ſo kalt, ſo ernſt, ſo feſt und ſo gerecht als Angelo erſcheint, So kann auch Angelo, trotz allem Glanz, Der ihn umgiebt, trotz ſeinem Rang und Titel, Doch ein Erzſchurke ſeyn. O glaub' es, Fuͤrſt. Iſt er was minderes, ſo iſt er nichts; Doch er iſt mehr. O daß ich fuͤr die Bosheit Rur Namen haͤtte! Herzog. Nun, bei meiner Ehre, Wenn ſie von Sinnen iſt, wie ich nicht anders Faſt glauben kann, ſo liegt in dieſem Wahnſinn Der wunderbarſte Sinn. Solch' eine Folg'rung Des einen aus dem andern hab' ich nie Im Wahnſinn noch gehoͤrt. a ete Mein gnaͤd'ger Fuͤrſt, Beruͤhrt das nicht, und haltet nicht fuͤr Wahnſinn Das regelloſe Wort der Leidenſchaft. —— ————————— 1. Scene. Deckt auf die Wahrheit, wo ſie ſich verbirgt, Und jene Falſchheit, welche Wahrheit ſcheint. 125 Herzog. So Manchem, der nicht raſend iſt, fehlt mehr Vernunft als ihr. Sprich! was begehrſt du denn? ſa b e Ich bin die Schweſter Claudio's, den man Verurtheilt wegen eines fleiſchlichen Vergehens, auf dem Hochgericht zu ſterben. Er ward verdammt von Angelo, und ich, Die in dem Kloſter noch Novice war, Erhielt davon durch meinen Bruder Nachricht, Der einen, Namens Lucio, zu wir Geſendet. 7 L e Das bin ich, mit euer Gnaben Erkaubniß! Ich begab von Claudio Mich zu ihr hin, und bat ſie, ihre Reize An Angelo zu pruͤfen, um dem Bruder Verzeihung auszuwirken. S ſta b e e. Ja, ſo iſt's. Serzog Gzu Lucio.) Man hat euch nicht zum Sprechen aufgefordert. L Nein, Fuͤrſt! doch Niemand wuͤnſchte, daß ich ſchwiege. Herzog. So ſchweigt denn jetzt! Ich bitte, merkt euch das! 126— 5. Act. und habt ihr etwas fuͤr euch ſelbſt zu ſagen, So fleht zum Himmel, daß es rechtlich ſey⸗ S u ci o. önſt brg⸗ ich Eurer Hoheit“ Herzog. Buͤrgt Nur fuͤr euch ſelbſt, und ſeyd auf eurer Hut, J ſ a b e e. Der S nyc nur, was mich betraf. ei o Ganz recht! Herzog. und ſey's auch recht. Ihr habt ſehr Unrecht, So vorlaut hier zu ſeyn. (zu Jſabelle) Nun, fahre fort! ſa b Ich kam zu dieſem Hund von Stellvertreter! Herszog. Das klingt wie Wahnſinn. Jſabelle. O verzeiht das Wort, Die Redensart gehoͤrt zur Sache. Herzog. Mag's Drum ſeyn! gur Sache! Fahre fort! ſ Laßt mich Nur kurz erzählen, und das uͤbergehn, ——— — ———ů 1. Scene. 127 Was hier unnothig iſt, wie ich ihn dringend Gebeten, wie ich vor ihm niederkniete, Wie er mich abwies, was ich ihm erwiedert (Dies währte lang). Mit Schmerz und Schaam Zeſteh' ich Nur den verruchten Schluß. Begnad'gen wollt' er Nur meinen Bruder, wenn ich meine Unſchuld Preis gaͤbe ſeiner zugelloſen Luſt. Nach langem Kampfe unterlag dem Mitleid, Der Schweſterliebe meine Ehr'] Allein Am naͤchſten Morgen, als er ſeinen Zweck Erreicht, ließ er den Bruder mir enthaupten. Herzog. Hoͤchſt glaubhaft in der That! J ſab e1 D waͤr' es glaubhaft, So wie es wahrhaft iſt. Herzog. Bei Gott, du Thörin, Du weißt nicht, was du ſprichſt, wofern du nicht, Gedungen, ſeine Ehre zu verlaͤſt ern, Durch boͤſen Leumund ihm zu ſchaden ſtrebſt. Wie fleckenlos iſt ſeine Reblichkeit! Und dann, ſo ſtreng' ein Laſter zu beſtrafen, Das er doch ſelbſt beging, waͤr' unvernuͤnftig. Er haͤtte, wenn er ſelber ſo gefehlt, Wohl deinen Bruder mit ſich ſelbſt verglichen Und nimmer ihn enthaupten laſſen. Sprich, Geſteh die Wahrheit mir! Du biſt beſtochen! Auf weſſen Rath kamſt du hieher zu klagen? 123 5. Aet. ſabelhe. unb iſt das Alles? O ihr Engel droben, Leiht mir Geduld, und moͤgt ihr einſt entlarven Das Boͤſe, das den Schein der Tugend heuchelt. Vor jedem Kummer mioge eure Hoheit Der Himmel ſchuͤtzen, waͤhrend ich gekraͤnkt Von hinnen gehe, da man mir nicht glaubt. erzog. Du moͤchteſt gehn, das merk' ich! Fort mit ihr, Fort in's Gefängniß. Sollen wir es dulden, Daß ein verderblich läſterlicher Hauch Den Mann beruͤhre, der ſo nah' uns ſteht? Das iſt auf jeben Fall ein ſchlauer Kunſtgriff. Wer war in unſre Plaͤne eingeweiht? Wer wußte, daß wir uns hieher begaben? S irre Ein Mann— o waͤr' er hier!— Der Pater Ludwig. Herzog. Ein Geiſtlicher? Wer kennet dieſen Ludwig? 2 L uei o. Ich kenn' ihn, Herr. Ein Kuppelbruder iſt's, Den ich nicht leiden kann, und waͤr' er Laie, So hätt' ich ihn recht tüchtig ausgeprügelt, Der Reden wegen, die er wider euch,. Als ihr verreiſt war't, ſich erlaubte. Herzog. Wie? Er unterfing ſich gegen mich zu ſprechen! Ein ſaubrer Monchz und nun noch dieſe Dirne 3 —————— 1. Scene⸗ 129 Auf unſern Stellvertreter loszuhetzen! Sucht dieſen Pater auf! Noch geſtern Abend Sah ich ſie mit dem Pater im Gefaͤngniß. Ein unverſchaͤmter Mönch! ein Lumpenkerl! Pyeter. Heil euer Hoheit! Mit Erſtaunen hoͤr⸗ ich, Wie euer koͤnigliches Ohr getaͤuſcht wird. Zuerſt vernehmt, daß dieſes Madchen hier Hoͤchſt ungerecht den Stellvertreter anklagt. Er iſt ſo frei von der Beſchuldigung, Sie angetaſtet und befleckt zu haben, Als wie ein neugebornes Kind. Herzog. Wir glauben's. Kennt ihr den Pater Ludewig, von dem Sie ſprach? P e ter. Er iſt mir als ein heiliger und frommer Mann bekannt, und nicht als Kuppler, Wie ihn hier dieſer Ehrenmann beſchrieb. Glaubt mir, er iſt ein Mann, der nie, wie hier Geſagt ward, eure Hoheit läſterte. Auf's ſchaͤndlichſte, mein Fuͤrſt! Verlaßt euch drauf. Rechtfert'gen wird er ſich auf jeden Fall. Allein ein heft'ges Fieber, es ergriff ihn In dieſem Augenblicke, gnäd'ger Herr. 6** 130 Auf ſein Geheiß— da das Geruͤcht— Von einer Klage gegen Angelo— Kam ich hieher, an ſeiner Statt zu Was Wahres er und Falſches weiß, und was er Mit ſeinem Eid, und jeglichem Beweis, Der Klarheit hier verbreitet, will belegen, Sobald er worgefodert wird. Zuerſt Sollt ihr dies Weib, von dem der wuͤrd'ge Herr So offentlich, perſoͤnlich angeklagt wird, Vor ihren eignen Augen widerlegt ſehn, Bis ſie von ſelbſt bekennt. Herzog. Laßt hoͤren, Moͤnch. (Fſaberte wird bewacht abgeführt: Mariane tritt näher) Muͤßt ihr nicht laͤcheln, Angelo? O Himmel! Was das fuͤr leere, arme Thoren ſind! Gebt Seſſel uns. Kommt, Vetter Angelo, Hier muß ich unpartheiſſch ſeyn. Seyd Richter In eurer eignen Sache. Iſt dies hier Der Zeuge, Mönch?— Wohlan, ſie zeige erſt Ihr Angeſicht und rede dann! Mariane. Verzeiht Mein Furſt, enthullen werd' ich eher nicht Mein Antlitz, als bis mein Gemahl es mir Gebietet. Herzog. Wie? Vermaͤhlt? Mariane. 8 Aot. Nein, gnäd'ger Herr. 5 5 ) 1. Scene⸗—— 131 Herzog. So bit t du Maͤdchen noch? Mariane. Nein, gnaͤd'ger Herr. Herzog. Biſt Wittwe? Mariane. Nein, mein Fuͤrſt. Herzog. So biſt du nichts? Viſt Maͤdchen nicht, noch Wittwe oder Frau? r Sie wird eine Hure ſeyn, gnaͤd'ger Herrz denn manche Huren ſind weder Maͤdchen, noch Wittwen, noch Frauen. Herzog. Bringt doch den Menſchen da zum Schweigen. Haͤtt' er Nur fuͤr ſich ſelbſt zu reden eimgen Grund. e. Wohl, graͤd'ger Herr. Mariane. Laßt mich bekennen, daß ich nie vermählt war; Und gleichwohl bin 36 auch nicht Jungfrau mehr. Ich kannte meinen Gatten; doch mein Gatte Weiß nichts davon, daß er mich je erkannt. o Da muß er betrunken geweſen ſeyn, gnaͤd'ger Herr. Anders iſt's nicht möglich. 132——— A et⸗ Herzog. Ich wollte, ihr wär't es, damit ihr nur ſchwiegt. Lucio. Wohl, gnaͤd'ger Herr. Herzog. Dies iſt fuͤr Angelo kein Zeugniß. Mariane. Gleich Komm' ich zur Sache, Herr. Sie, die ihn hier Der unzucht anklagt, ſie bezuͤchtigt auch Auf gleiche Weiſe meinen Gatten mir, und ſie beſchuldigt ihn zu einer Zeit, Wo er— ich ſchwoͤr's— mit allen Aeußerungen Der Lieb' in meinen Armen lag.— Angelo. Beſchuldigt Sie noch mehr Männer, außer mich? M ariane. Daß ich Nicht wuͤßte! Herzo g. Richt? Ihr ſagt ja: euren Gatten. M i Ganz recht, mein Fürſt, und das iſt Angelo. Er glaubte Iſabellen zu beruͤhren, und weiß nicht, doß er meinen Leib beruͤhrt. i Angelo. Seltſame Schmähung! Zeige mir dein Antlit! — r. Scene. 138 Mariane. Mein Gatte heißt es mir! Jetzt will ich mich Enthuͤllen. Sieh, das iſt das Angeſicht, Grauſamer Angelo, das, wie du ſchwurſt, Einſt deines Anblicks werth war; dies die Hand, Die, durch ein Ehgeluͤbd' an dich gekettet, Einſt in der deinen ruhte; dies der Leib, Der die Vereinigung mit Iſabellen Geſtoͤrt, und in dem Gartenhauſe dir An ihrer Stell⸗ entgegen kam. Herzog (zu Angelo.) Erkennt Ihr dieſe Jungfrau? Lucio. Fleiſchlich, wie ſie ſagt, Herzog. Still, Burſch! S eio. Sehr wehl! Angelo. Mein Fuͤrſt, ich muß geſtehn, Ich kenne dies Geſchoͤpf. Fuͤnf Jahre ſind's, Da war von Eh' einſt zwiſchen uns die Rede. Allein wir brachen mit einander, theils Weil die verſprochne Mitgift dem Vertrag Nicht angemeſſen war; vorzuͤglich aber, Weil ſie im Rufe großen Leichtſinns ſtand. Fuͤnf Jahre ſind's nunmehr, ſeit ich ſie nicht Geſprochen, nicht geſehn, nie von ihr horte; Das glaubt auf Ehr' und Treue mir. Mariane. Mein Fuͤrſt, So wie vom Himmel kommt das Licht, das Wort Vom Athem— wie in Wahrheit Sinn, und Wahrheit In Tugend iſt— wie Worte mit dem Schwur, Bin ich verbunden hier mit dieſem Manne. und, gnaͤd'ger Herr, in ſeinem Gartenhauſe Erkannt' er Dienſtag Nachts mich als ſein Weib. Verhält ſich's ſo, ſo möge ſich mein Knie Erheben, doch wo nicht, hier ewig ruhen Gleich einem Marmorſtein. Gelaͤchelt nur Hab' ich bisher. Vergoͤnnet mir, mein Fuͤrſt, Das Recht in ſeinem Umfang auszuuͤben. Mir ſchwindet die Geduld. Ich merke wohl, Daß dieſe armen hirnverrückten Weiber 4 Das Werkzeug maͤcht'ger Leute ſind. Vergonnt Mir Muße, dieſe Raͤnke zu entlarven. Herzog. Von Herzen ſey ſie dir gewaͤhrt. Beſtrafe ſie nach Willkuͤhr und Belieben. Thoͤrichter Moͤnch, und du gefahrlich Weib, 4 Mit jener andern in Verbindung ſtehend, Glaubſt du, daß deine Eide— ſchwuͤrſt du auch Bei jedem Heil'gen insbeſondere— Wohl ſeinen laͤngſtbewaͤhrten Ruf und Werth* Verkleinern können? Escalus, bleibt ihr Bei meinem Vetter; ſucht mit ihm zugleich Der Quelle dieſer Schmaͤhung nachzuforſchen. Ein andrer Moͤnch noch ſtiftete ſie an. Man ſuch' ihn auf! 1. Seene,—— 135 Peter. Ich wollt' er wäre hier, Denn er hat offenbar zu dieſer Klage Die Frauen angeregt. Der Kerkermeiſter Weiß, wo er wohnt. Er ſchaff' ihn ſchnell herbet. Herzog. Ja, auf der Stelle! Und ihr, mein edler, wohlbewährter Vetter, Betheiligt ſeyd ihr ſehr bei dieſer Sache. Beſtraft die Schmach, die ihr erduldet habt, Durch jede Zuͤcht⸗gung, die euch paſſend duͤnkt, Auf einen Augenblick verlaß' ich euch; Ihr aber geht nicht fort, bis die Verleumder Durch euch empfangen ihre Strafe. CEr geht ab). Escalus. Mein Fuͤrſt, wir wollen die Sache voͤllig been⸗ digen. Lucio, ſagtet ihr nicht, daß euch der Moͤnch Ludwig als ein unrechtlicher Menſch bekannt waͤre? L ucto. Cucullus non Facit monachum. Er hat nichts Rechtliches an ſich, als ſeine Kleider, und hat die ſchaͤndlichſten Reden gegen den Herzog ausgeſtoßen. E s carus. Wir muͤſſen euch erſuchen, hier zu bleiben, bis er kommt, damit wir die Beweiſe gegen ihn ver⸗ ſtärken. Dieſer Peter muß ein beruͤchtigter Menſch ſeyn. Lucto. Wie es nur einen in Wien giebt, das koͤnnt' ihr glauben. 186—— Escalus. Iſabelle werde wieder hergerufen! Ich will mit ihr ſprechen. (Einer aus dem Gefolge entfernt ſich.) Erlaubt mir, Herr, ſie auszuforſchen. Ihr ſollt ſehn, wie ich ſie behandeln werde, S ei 0 Nicht beſſer, als jener, ihrem eignen Bericht zufolge. Escalus. Was ſagt ihr? Wahrlich, Herr, ich ſollte glauben, wenn ih mit ihr ins Geheim zu thun haͤttet, ſo wuͤrde ſie vielleicht eher bekennen. Vielleicht ſchaͤmt ſie ſich ffentlich. (Serichtsdiener nebſt Iſabertlen, der Herzog in Mönchskleidung und der Profoß treten auf.) Escalus. Ich will ganz dunkel mit ihr zu Werke gehn. Das iſt der rechte Weg; denn die Weiber haben das Dunkel gern. G s calus czu Iſabelten. Kommt näher, Fräulein. Hier iſt ein Frauen⸗ zimmer, welches alles, was ihr geſagt habt, leugnet. L ucnio. Gnäd'ger Herr, da iſt der Schurke, von dem ich euch vorhin ſagte; da kommt er mit dem Profoß⸗ — 1. Scene. 157 E a l 5 Gerabe zu rechter Zeit Doch redet nicht mit ihm, bis man euch ſprechen heißt. gucio. Pſt! — Escalus. Kommt naͤher, Freund! Wart ihr es, der bieſe Weiber anſtiftete, Angelo zu laͤſtern? Sie bekann⸗ ten, daß ihr es gethan habt. Hero 6. Das iſt nicht wahr! Escalus. Wie? Wißt ihr, wo ihr ſeyd? Hderzog. Vor eurem hohen Sitze alle Achtung! und laßt auf ſeinem Flammenthron dem Teufel Auch ſeine Ehre dann und wann. Wo iſt Der Herzog? Er ſoll mich vernehmen. Escalus. Er iſt in uns; wir wollen euch vernehmen, Doch ſeyd auf eurer Hut, und redet wahr. Herzog. Furchtlos zum mind'ſten! Aber, arme Seelen, Kommt ihr beim Fuchs, hier euer Lamm zu ſuchen? Hofft ihr auf Abhilf' eurer Schmach? Ihr irrt! Verließ der Herzog euch, ſo iſt verlaſſen Auch eure Sache. Doch er hat ſehr unrecht, So eure offne Klage zu verſchmaͤhn, und in des Buben Mund die unterſuchung Zu legen, S ihr gekommen ſeyd, Ihn zu verklagen. Lurto. Von dem ich euch geſagt. Escalus. Du unbeſcheid'ner Uund unehrbiet'ger Mönch! Iſt's nicht genug, Daß du hier dieſe Weiber angeſtiftet, Hart zu Geſchuldigen dieſen wuͤrd'gen Mann? Wagt es dein boͤſer Mund noch, einen Buben Vor unſern eignen Ohren ihn zu nennen? Mit einem Seitenblick den Herzog ſelbſt Der Ungerechtigkeit zu zeihn? Ergreift ihn! Zur Folter chin, und zerrt ihm Glied fuͤr Glied, Damit wir ſeine Abſicht kennen lernen. Was? ungerecht Herzog. Erhitzt euch nicht ſo ſehr! Der Herzog kann ſo wenig einen Finger Mir dehnen, als die eigenen ſich foltern. Ich bin nicht ſeiner Unterthanen einer, Bin nicht zu Hauſe hier, und mein Geſchaͤft Iſt, uͤberall in Wien mich umzuſehn. Ich ſah, wie das Verderben ſiedend kocht⸗ Und uͤberſchaͤumend Blaſen warf. Geſetze Giebt es fuͤr jeden Fehltritt; doch ein Jeder Iſt ſo geſchuͤtzt, daß auch das haͤrteſte Geſetz dem Werkzeug gleicht in Baderſtuben, Das halb zum Zeichen, halb zum Spotte dient. E s k alus. Der Staatsverlaͤumder! Fort mit ihm ins Gefängniß! 138— 3. Act. Seht, das iſt der Schurke, . Scene.—— 139 Angero. Was konnt' ihr gegen ihn ausſagen, Lucio? Iſt dies der Mann, von dem ihr uns erzahlt habt? L e i Ja, gnäd'ger Herr! Nur näher, Freund Kahl⸗ kopf! Kennſt du mich? Herzog. Ich erkenn' euch, Herr, an dem Ton eurer Stim⸗ me. Ich traf euch, wäͤhrend der Abweſenheit des Herzogs, im Gefaͤngniß. Aha! ganz recht. Und da entſinnt ihr euch wohl noch, was ihr vom Perzog ſpracht. Herzog. Sehr genau, Herr. o Wirklich? Iſt der Herzog denn noch immer ein Kuppler, ein Thor und eine feige Memme, wie ihr ihn damals nanntet? Herzog. Ihr verwechſelt die Perſonen, wenn ihr ſo etwas von mir berichtet habt. Ihr war't es, der ſo, und noch viel ſchlimmer, von ihm ſprach. uc i o O du verdammter Kerl! Zog ich dich, deiner Reden wegen, nicht an der Naſe herum? Herzog. Dagegen proteſtir' ich. Ich liebe den Herzog, wie mich ſelbſt. 140 5. Act. An g e lo Ei hoͤrt doch! wie der Schurke, nach ſeinen ver⸗ rätheriſchen Aeußerungen, ſich heraushelfen will! E s eau 6 An einen ſolchen Menſchen ſollte man gar kein Wort verlieren. Fort mit ihm in's Gefaͤngniß! Wo iſt der Profoß? Fort mit ihm in's Gefaͤngniß! Feſſelt ihn gehoͤrig! Er ſoll nicht mehr ſprechen. Fort auch mit dieſen liederlichen Dirnen, und mit der ganzen verruchten Sippſchaft! (Der Profoß legt Hand an den Herzog.) Herzog. Warter, Freund; wartet noch ein wenig! Wie? Er widerſetzt ſich? Helft, Luciv. Luciv. Kommt, Herr, kommt! Pfui, Herr! Ei, ihr kahlkopfiger, lͤgenhafter Schelm! Ihr muͤßt ent⸗ ſchleiert werden! Zeigt euer Schurkengeſicht, und der Henker hol' euch! Zeigt euer Schaafsgeſicht, und ihr ſollt dann eine Stunde lang am Galgen hängen.— Nun, wird's bald?“ (Er reißt dem Mönch die Kutte ab und erblickt den Herzog.) Herzog. Du biſt der erſte Schurke, der je einen Herzog geſchaffen hat. Fuͤr dieſe edlen Drei, verbuͤrg' ich mich, Profoß. (zu Lucio.) Schleicht euch nicht fort! Der Moͤnch hat noch ein Wort mit euch zu ſprechen. Haltet ihn! Lucio. Das kann weit uͤbler noch, als Hängen werden, 1. Scene. 141 Herzog S(zu Escatus.) Was ihr geſagt, verzeih' ich. Setzt euch nieber, Er nehme jenen Platz dort ein. (zu Angelo.) Erlaubt! Kann dir ein Wort, kann Witz, kann unverſchämtheit Dir jetzt noch dienen? Nun ſo ſttze dich Darauf, bis du vernommen, was ich die Erzaͤhlen will, und halt⸗ nicht laͤnger aus. AW ngero. O mein erzuͤrnter Fuͤrſt! Ich waͤre ſchuld'ger Noch als ich bin, wenn ich noch unentdeckt Mich glauben wollte. Jeden meiner Schritte Habt ihr belauſcht, wie eine Himmelsmacht. Drum haltet laͤnger nicht, mein edler Fuͤrſt, Hier Sitzung uͤber meine Schande. Moͤg⸗ Euch mein Bekenntniß gelten als Verhoͤr; Dann faͤllt mein urtheil, und die einz'ge Gnade, um die ich bitte, iſt ein ſchneller Tod. Herzog. Kommt, Mariane! Sprich! Warſt du verlobt Mit dieſem Fräulein? Angelo. Ja, ich war's, mein Fuͤrſt. Serzog.. So nimm ſie, und vermähle dich mit ihr. (zu Peter.) Ihr, Mönch, thut eure Pflicht, und kehrt ſodann Zu uns zuruck. Profoß, begleitet ſie! (Angeto, Mariane, Peter und der Profoß gehen ab.) 8. Act⸗ Escalus. Ich wundre mehr mich uͤber ſeine Schande Als uͤber ihre ſeltſame Enthuͤllung. Herzog. Kommt naͤher, Iſabelle! Euer Moͤnch Hat ſich in euren Fuͤrſten nun verwandelt. Wie ich euch damals treulich Rath ertheilt, So hab' ich mit dem Kleide nicht das Herz Veraͤndert. Rechnet ſtets auf meinen Beiſtand⸗ Sſ a 5 ere. O moͤchtet Ihr verzeihn, daß ich, als eure Vaſallin, eurer unbekannten Herrſchaft So läſtig fiel! Herzog. Verziehn iſt, Iſabelle,. Euch Alles; doch an euch, verehrte Jungfrau, Iſt jetzt die Reihe zu verzeihn. Ich weiß, Wie ſehr euch eures Bruders Tod bekuͤmmert⸗ Ihr wundert euch, warum ich mich verbarg, Da ich doch ſo bemuͤht war, ihn zu retten. Ihr wundert euch, warum ich meine Macht Nicht lieber zeigte, als ihn ſterben ließ? Sein ſchneller Tod kam leider mir zuvor, Ich ſtand im Wahn, er wuͤrde langſam nur Sich nahenz und ſo ſcheiterte mein Vorſatz. Doch Friede ſey mit ihm! Denn er genießt Das beſſre Leben nun, das nicht den Tod, Wie dieſes irdiſche, zu fuͤrchten hat. Mdoͤg' es euch Troſt verleihn, daß euer Bruder Nun dieſes Gluͤckes theilhaft iſt. Inſ b e be. Es troͤſtet Mich, edler Fuͤrſt. (Angelo, Mariane, Peter und der Profoß kommen zurück.) Herzog. und dieſem Neuvermaͤhlten, Der hier ſich naht, und der mit uͤppiger Einbildungskraft die wohlerhalt'ne Ehr' Euch kraͤnkt⸗, muͤßt ihr, um Marianens willen, Verzeihn. Da euren Bruder er verurtheilt, Und doch ſich ſelbſt verging durch die Verletzung Der Keuſchheit und den Bruch des Ehgeluͤbdes, So ruft, aus ſeinem eignen Munde, ſelbſt Die Milde des Geſetzes laut die Worte: Fuͤr Claudio Angelo, und Tod um Tob. Die Eile zahlt mit Eil“! Die Muß⸗ entſpricht Der Muße! Gleich und gleich! ſo heißt es hier und Maaß fuͤr Maaß. Denn, Angelo, der Frevel, Den ihr veruͤbt, iſt vollig nun erwieſen. Nichts frommt es euch, wenn ihr ihn leugnen wolltet. Und ſo verdammen wir euch zu dem Block! Zu jenem Block, auf welchem Claudio Enthauptet wurde, Schafft mit gleicher Eile Ihn fort! Marane Mein gnäd'ger Fürſt, ich hoffe, Ihr werdet mein mit dem Gemahl nicht ſpotten. Herzog. Er ſelber war es, der als Gatte euch Verſpottete. Die Sich'rung eurer Ehre Verlangte dieſe Heirath. Eurem Leben Koͤnnt' jener Vorfall leicht zum Vorwurf dienen, und euch verſcheuchen eurer Zukunft Gluͤck. Als Witthum bleiben ſeine Guͤter euch, Die durch's Geſetz an uns verfallen ſind, Erkauft damit euch einen beſſeren Gemahl. Mariane. O nein, mein theurer Fuͤrſt! Ich wuͤnſche Mir keinen andern, keinen beſſern Mann. Herzog. Nur dieſen fodert nicht! Wir ſind entſchloſſen. M ariane (vor ihm niederkniend.) Mein guͤt'ger Lehnsherr! Herzog. Muͤht euch nicht umſonſt! Hinweg mit ihm zum Tode. (zu Luciv.) Nun zu euch! Mariane. Mein guͤt'ger Fuͤrſt! O Iſabelle, hüf mir Vereint auf deinen Knieen ihn erbitten. Mein ganzes kuͤnft'ges Leben will ich dir und deinem Dienſte weihn. Herzog. Habt doch Verſtand, und quält ſie nicht. Wenn ſie kann Gnad' erflehn Fuͤr dieſe That, kann ihres Bruders Geiſt, Wohl auch zerbrechen ſchnell ſein Bett von Stein, und ſie voll Schreck und Graus von hinnen fuͤhren. Mariane. 8 Ac t. 1. Scene⸗. 145 Mariane. O Iſabelle, liebe Iſabelle! Komm, kniee mit mir, hebe deine Haͤnde Empor, und ſage nichts! ich nur will ſprechen, Die beſten Menſchen haben ihre Fehler, 1 Wie's heißt, und der wird unter ihnen meiſt Der Beſte, der einmal ein wenig boͤſ⸗ war. So wird's auch mein Gemahl. O Iſabelle, Willſt du nicht mit mir knien? 7 Er ſtirbt um Claubio. 31 S fab elkle (niederkniend.) Mein guͤt'ger Fuͤrſt, o blickt auf diefen Mann, Den ihr verdammt, als lebe noch mein Bruder. Rechtſchaffen, duͤnkt mich, war ſein Thun, bis er Mich ſah; und da dem alſo iſt, ſo ſterb⸗ Er nicht. Gerechtigkeit ward nur geubt An meinem Bruder; denn er hatte das Gethan, wofuͤr er ſtarb. Was Angelo Betrifft, ſo ward ſein boöſer Vorſatz nicht Zur That; drum werde ſie auch als ein Vorſatz, Der anf dem Wege ſtarb, begraben. Denn Gedanken ſind nicht Thaten, und der Vorſatz Nur ein Gedanke. Mariane Ein Gedanke nur. Herzog. Steht auf! Vergebens bittet ihr!— Mir fällt Ein anderes Verbrechen ein. Profoß! Wie kam es, daß in ungewohnter Stunde Man Claudio enthauptete? Naaß für Maaß. 7 Es ward So anbefohlen. Herzog. Hatteſt du Befehl In der iron Form zu dieſer That? Profoß. Nein, mein Gebieter! ein geheimer Bote Trug mir ihn auf. Herzog. Du biſt dafuͤr des Imts, Das du bekleidet, auf der Stell' entlaſſen. Gieb deine Schluͤſſel ab⸗ Profoß. Verzeiht, mein Firſt! Ich hielt es ebenfalls fuͤr ein Vergehn; Allein ich wußt⸗ es nicht. Doch reut' es mich, Als ich es mir genauer uͤberlegte; und als Beweis ſitzt einer noch im Kerker, Der ſterben ſollt' auf heimlichen Befehl⸗ und den ich gleichwohl leben ließ.. Herzog. Wer iſt's? YProfoß. Sein Nam' iſt Bernardin. Herzog. O hätteſt du Ein Gleiches auch an Claudio gethan. Geh', hring ihn her! ich will ihn ſehn. (Der Profoß geht ab). 1. Scene⸗— 147 Escalus. Wie traurig: Daß ſolch' ein weiſer, kenntnißreicher Mann, Wie ihr euch, Angelo, von jeher zeigtet, Durch heißes Blut ſich ſo vergehen konnte, und durch den Mangel kluger Maͤßigung. Angelv. Es ſchmerzt mich, daß ich euch die Sorge machez und es verletzt ſo tief mein reuig Herz, Daß ich um Tod mehr bitte als um Gnade. Ich hab⸗ ihn wohl verdient, und bitte drum. (Der Profoß kommt zurück mit Bernardin⸗ dem verhüllten Claudio und Fulietten.) Herzog. Wer iſt hier Bernardin? Profoß. Der hier, mein Fuͤrſt! Herzog. Ein Moͤnch hat mir von dieſem Mann erzaͤhlt. He, Burſch! Man ſagt: du ſeyſt verſtockten Sinns, Begriffeſt nichts, als dieſe Welt, fuͤr die Du lebſt. um irdiſcher Vergehen nur Warſt du verurtheilt; ſie ſind dir erlaſſen⸗ Ich bitte dich, benutze dieſe Gnade Fuͤr eine beßre Zukunft. (zu Peter.) Moͤnch, belehr' ihnz Ich überlaß⸗ ihn deiner Leitung nun. Wer iſt denn der Vermummte dort? Profoß. Es ißt Noch ein Gefangener, den ich gerettet. 7* Er ſollte ſterben, als man Claudio Enthauptete, und gleicht ſo, 2 waͤr⸗ Es Claudio ſelbſt. (Er enthült S Perzog (zu IJſabellen.) um eures Bruders willen, Dem er ſo ähnlich ſieht, ſey ihm verziehn. Ihr aber, Holde, gebt mir eure Hand, und ſagt: ihr wollt die Meine ſeyn. Dann iſt Er auch mein Bruder. Doch das Weitere Laßt uns zu ſchicklicherer Zeit beſprechen. Gerettet ſieht ſich nun auch Angeloz Mich duͤnkt, es glanzt ein neuer Lebensſtrahl In ſeinem Auge. Angelo— die Suͤnde Trennt ſich von euch. Liebt euer Weib! Ihr Werth Giebt die verlorne Wuͤrde euch zuruͤck. Ich fuͤhle zur Verzeihung mich geneigt. Nur einem Einz'gen kann ich nicht vergeben. (Zu Luciv.) Cuch, der als einen Thoren, eine Memme, Als Wollͤſtling, als Eſel und Verruͤckten Mich ſchilderte! Womit verdient' ich denn Die Ehrennamen? 8 e Meiner Treu, gnaͤdigſter Herr! das ſagt· ich ja nur zum Spaß. Wollt ihr mich deßhalb aufhängen laſſen, ſo ſteht das bei euch. Doch waͤr' mir's lie⸗ ber, wenn es euch gefiele, mich auspeitſchen zu laſſen. Herzog. Erſt ausgepeitſcht und hinterdrein gehangen! Profoß, macht in der Stadt umher bekannt Wenn bieſer lieberliche Kerl ein Weib 3 1. Scene.—-——— 149 Geſchwaͤcht— und ſchwoͤren hort' ich ſelber ihn, Daß Eine von ihm ſchwanger iſt— ſo moͤge Sie nur erſcheinen; denn vermaͤhlen muß Er ſich mit ihr, und nach der Hochzeit wird Er ausgepeitſcht und dann gehaͤngt. Ich bitt' eure Hoheit! Verheirathet mich an keine Hure! Noch ſo eben ſagten Ew. Hoheit, ich hätte euch zu einem Herzoge gemacht; beſter Herr, belohnt mich nun nicht dadurch, daß ihr mich zu einem Hahn⸗ reih macht. Herzog. Auf meine Ehr'! Heirathen ſollſt du ſie. Ich will dir die verlaͤumderiſchen Reden Verzeihn, und abch, was du noch ſonſt verſchuldet, Fuͤhrt in's Gefängniß ihn, und ſorgt dafuͤr, Daß mein Befehl hierin vollzogen werde. Sn e 5 Eine Hure heirathen, gnädiger Herr, heißt ſo viel, als erdrückt, gepeitſcht und gehangen zu werden. Herzog. Wer einen Fuͤrſten ſo verleumdete, Hat's wohl verdient. Sie, deren Ehre du Verletzteſt, Claudio, ſie ſey nun dein. Freut euch, Mariane! Liebt ſie, Angelo! Gebeichtet hat ſie mir, und ihre Tugend Iſt mir bekannt. Ich dank' euch, Escalus! Ihr habt ſehr gut gehandelt. Rechnet noch Auf hoͤhern Lohn von mir. Auch dir, Profoß, Dank' ich fuͤr die Verſchwiegenheit und Sorgfalt, Die du gezeigt. Ein wuͤrdigeres Amt „ 150 5. Act⸗ Sey dein. Vergebt ihm, Angelo: baß er Das Haupt von Ragozin, ſtatt Claudio's, Euch uͤberbracht. Das unrecht ſelbſt verzeiht es. Warum ich, Iſabelle, euch will bitten, Betrifft zu nahe euer eignes Gluͤck; Doch wollt ihr euer Ohr mir leihen, Theure, So iſt das Meine eu'r, und mein das Eure. Kommt mit in's Schloß! Dort ſollt ihr mehr 8 erfahren, und was noch dunkel, wird ſich offenbaren. Schluß. — ——,———————— Nachſtehende Werke ſind in der Hennings'ſchen Buchhandlung in Gotha zu haben: Anacreontis, quae feruntur, Carmina, Sapphus et Frinnae Fragmenta. Textum passim refinxit brevique annotatione illustravit Ern. Anton Moebius. gr. 8. Druckpapier 12 Gr. Postpa- pier 16 Gr. Velinpapier 1 Rthlr⸗ Vehlen, St., Lehrbuch der Gebirgs⸗ und Boden⸗ kunde, in Beziehung auf das Forſtweſen. 2 Bde. Mit 6 illuminirten und ſchwarzen Kupfern. gr. 8. 1ſte Abtheilung 18 Gr. 2te Abtheilung 1 Rthlr. 10 Gr. 2 Rthtr. 4 Gr. Deſſen Grundſatze des Geſchäftsſtyls, mit Beziehung auf die ſchriftlichen Arbeiten bei der Forſtverwal⸗ tung. gr. 8. 14 Gr. Buſe, G. H., das Ganze der Handlung, oder voll⸗ ſtändiges Handbuch der vorzuͤglichſten Handlungs⸗ kenntniſſe fuͤr angehende Kaufleute, Manufakturiſten, handlungsbefliſſene Juͤnglinge und Lehrer in den Handlungsſchulen, in ſyſtematiſcher Qrdnung. 7r Theil: Handlungsgeographie. gr. 8. 1 Rthlr. 16 Gr. „Comtoir⸗Handbuch, Geographiſches, fuͤr Kaufleute. gr. 8. 1 Rthlr. 16 Gr. Doering, Heinrich, Jean Paul Friedr. Richters Leben, nebſt Charakteriſtik ſeiner Werke. Mit Jean Pauls Portrait. 12. Wohlfeile Taſchenausgabe, Brochirt 14 Gr. Ehrmann, Th. Fr., allgemeines hiſtoriſch⸗ſtatiſtiſch⸗ geographiſches Handlungs-, Poſt⸗ und Zeitungs⸗ lexicon fuͤr Geſchaͤftsmaͤnner, Reifende, Zeitungsle⸗ ſer u. ſ. w. öten Theiles 1 ſte Abtheilung. 4. 2 Rthlr. 12 Gr. Eupel, J. Chr.,(Conditor in Gotha). Das Ganze der Conditorei und Kunſtbaͤckeret, oder voll⸗ kommene und gruͤndliche Anweiſung, ohne Vorkennt⸗ niſſe alle dahin gehoͤrigen Arbeiten zu verfertigen, als die Zubereitung der Conſerven, Bonbons, Zuk⸗ kerkuchen, Stangenzucker, Eſſenzpaſteten, alle Ar⸗ ten Dragon und Tragantarbeiten ꝛc., ſo wie auch zum Einmachen, Candiren und Glaſtren der Fruͤchte ꝛc. Nebſt einem Anhang, in welchem die Verfertigung mancherlei zur Haushaltung noͤthiger und nätzlicher Gegenſtände gezeigt wird. Nach gepruͤfter Erfah⸗ rung. 2te wohlfeile Ausgabe. gr. 8. In Pappe gebunden 2 Gr Forſt- und Jagdwiſſenſchaft nach allen ihren Theilen, fuͤr angehende und ausuͤbende Forſtmaͤnner und Jä⸗ ger. Ausgearbeitet von einer Geſellſchaft, und ehe⸗ mals herausgegeben von Bechſtein, nun aber fort⸗ geſetzt von C. P. Laurop. 8ten Theiles 4ter Bandz enthaͤlt: Behlens Lehrbuch der Gebirgs⸗ und Vo⸗ denkunde. 2 Bde. Mit Kpfrn. gr. 8. 2 Rthl. 4 Gr. Deſſelben Werkes 13ter Theil enthaͤlt: Rommerdts Handbuch der Land⸗ und Waſſerbaukunſt zc. 1ſter Band: die Landbaukunſt. Mit 24 Kupfertafeln. gr. 8. Rthlr. 12 Gr. Deſſelben Werkes 14ter Theil; enthalt: Behlens Grund⸗ ſaͤtze des Geſchaͤftsſtyls ꝛc. gr. 8. 14Gr. 8 Mſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 18 9 8 † 8 —