Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzö iſcher Literatur 1 von Cdnard Ollmann in Gieſen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. S Leih und Keſebedingungen. 1 Ofengein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteh 6 „ t zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 uy bis Abends S. Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3§ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Puches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe tinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M. 50f. 2 W Pf. 3 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 2c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſgeſeht und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 eiterperleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben — 1 Shakspeare's dramatiſche Verke. Auguſt Wilhelm von Schlegel, ergänzt und erlaͤutert Ueberſetzt von von Ludwig Tieck. —— Meunter Theil. Cymbeline. Liebes Leid und Luſt. Romeo und Julia. Macbeth. Berlin, b G. Remn r. — — y m b e —.—,—————— ——————— e ſd nen Cymbeline, König von Brittanien. ℳ Cloten, Sohn der Königin, von ihrem erſten Gemahl. Leonatus Poſthumus, ein Edelmann, Imogens Gemahl. Bellarius, ein verbannter Lord, unter dem Namen Morgan. Guiderius,) Cymbelins Söhne, unter den Namen Polydor Arviragus, und Cadwall, für Bellarius Söhne gehalten. Philario, Poſthumus Freund. Jachimo, Philarios Freund. Ein Franzöſiſcher Edelmann, Philarios Freund. Cajus Lucius, Römiſcher Feldherr. Ein Römiſcher Hauptmann, zwei Brittiſche Hauptleute, Piſanio, Poſthumus Diener. Cornelius, ein Arzt. Zwei Edelleute. Zwei Kerkermeiſter. Die Königin, Cymbelins Gemahlin. Imogen, Cymbelins Tochter, von der vorigen Königin. Helene, Imogens Kammerfrau. Lords, Hofbamen, Römiſche Senatoren, Fribunen, Geiſter, ein Wahrſager, ein Holländer, ein Spanier, Muſiker, Anführer, Soldaten, Boten, Gefolge. (Szene: abwechſelnd in Brittanien und Rom.) „ — — A ufzug. Erſte Szene. Brittanien; Garten bei Cymbelins Pallaſt. (Zwei Edelleute treten auf.) 1. Edelmann. Ja, hier ſchaut jeder finſter: unſer Blut Gehorcht nicht mehr dem Himmel, als der Hofling Stets wie der Konig ſcheinen will. 2. Edelm. Der Grund? 1. Edelm. Die Erbin dieſes Reiches, ſeine Tochter, Beſtimmt' er ſeiner Frauen einz'gem Sohn; Vor Kurzem Wittwe noch, jetzt Königin. Die Tochter waͤhlte nun den Gatten ſelbſt, Der arm, doch edel iſt: ſie ſind vermählt; Der Mann verbannt, verhaftet ſie: und Alles Iſt äuß'rer Schmerz; obwohl der Konig, mein' ich, Wahrhaft bekuͤmmert iſt.— S 2. Edelm. Der Koͤnig nur? 4. Edelm. Auch er, der ſie verlor? die Koͤn'gin gleichfalls, Die jenes Buͤndniß wuͤnſchte. Doch kein Hoͤfling, 8 (Wenn alle auch ihr Antlitz ſtimmen nach 3 Des Koͤnigs Blick) deß Herz ſich nicht erfreut Ob dem, worauf ſie grollen. 2. Edelm. Und weshalb? 1. Edelm. Dem die Prinzeß entging, iſt ein Geſchoͤpf, Zu ſchlecht, ihn ſchlecht zu nennen: der ſie hat (Das heißt, dem ſie vermaͤhlt,— der Aermſte— der Deshalb verbannt) iſt ſolch' vollendet Weſen, Daß, wenn man auch den Erdkreis rings durchſuchte Nach einem, ſo wie er, ſtets blieb' ein Mangel Dem, der ſich ihm vergleicht. Ich glaube nicht, 1* 4 Cymbeline. A. I. Mit ſo viel innerm Werth und aͤußrer Schoͤnheit Sey jemand ſonſt begabt. 2. Edelm. Ihr uͤbertreibt. 1. Edelm. Ich meſſ' ihn nur weit unter ſeiner Groͤße; Druͤck' ihn zuſammen, ſtatt ihn zu entfalten In voller Macht. 2. Edelm. Wie iſt ſein Nam' und Stamm? 1. Edelm. Deß Wurzel iſt mir nicht enthuͤllt: Sicilius, So hieß ſein Vater, kaͤmpft' einſt Ruhm bekraͤnzt Gegen die Roͤmer, mit Caſſibelan; Doch vom Tenantius hatt' er ſeine Wuͤrden, Dem er mit Glanz und ſeltnem Gluͤck gedient: So ward er Leonatus zubenannt: Er hatte, außer jenem edeln Sohn, Zwei andre noch, die, in dem Kriege damals, Das Schwert in Haͤnden, fielen, was des Greiſes Zu heft'ge Vaterliebe ſo erſchuttert', Daß er ſich todt gehaͤrmt; ſein edles Weib, Schwanger mit dem, von dem wir ſprechen, ſtarb Bei der Geburt. Da nimmt das Kind der Konig 8 In ſeinen Schutz, und nennt ihn Poſthumus Leonatus; Laͤßt ihn erziehn, macht ihn zu ſeinem Pagen, Und giebt zu jeder Wiſſenſchaft ihm Zutritt, Fuͤr die ſein Alter reif: das ſog er ein, Wie wir die Luft, es augenblicks begreifend; Sein Fruͤhling ward ſchon Herbſt; er lebt' am Hofe (Was moͤglich kaum) in Lieb' und Lob der Erſtez Dem Juͤngſten Muſterbild, dem Reiferen Ein Spiegel fuͤr des Schmucks Vollendung, und Ein Kind den Ernſtern; die zu Thoren wurden, Um fuͤhren ſich zu laſſen; ſeiner Gattin, Fuͤr die er jetzt verbannt,— ihr eigner Werth Zeigt, wie ſie ihn und ſeine Tugend ſchaͤtzte; In ihrer Wahl koͤnnt ihr am beſten leſen, Was fuͤr ein Mann er iſt. 2. Edelm. Ich ehr' ihn ſchon In Eurer Schild'rung. Doch, ich bitt' Euch, ſagt mir, Iſt ſie des Koͤnigs einz'ges Kind? 3 1. Edelm. Sein einz'ges. Zwei Söhne hatt' er(duͤnkt's Euch merkenswerth, So hoͤrt mir zu): der aͤlteſte drei Jahr, Der andr' in Windeln, wurden ſie geſtohlen Sz. Z Cymbeline. ₰ Aus ihrer Ammenſtub', und niemand ahndet, Bis dieſe Stunde, was aus ihnen ward. 2. Edelm. Wann fiel das vor? 1. Edelm. Vor etwa zwanzig Jahren. 2. Edelm. Daß Koͤnigskinder ſo entwendet wurden! So ſchlecht bewacht! ſo ſchlaͤfrig aufgeſucht, Daß keine Spur ſich fand! 1. Edelm. Mag's ſeltſam ſeyn, Und faſt zum Lachen ſolche Laͤſſigkeit, So iſt es dennoch wahr. 2. Edelm. Ich glaub' es Euch. 1. Edelm. Wir muͤſſen uns zuruͤckziehn; denn hier kommt Der edle Herr, die Koͤn'gin und Prinzeſſin. cſie gehn ab.) 3 weite Szene. Ebendaſelbſt. (Es treten auf die Königin, Imogen und Poſthumus.)„ Roͤnigin. Nein, Tochter, ſey gewiß, nie find'ſt du mich, Nach der Stiefmuͤtter allgemeinem Ruf, Scheelaͤugig gegen dich: zwar als Gefangne Bewahr' ich dich, doch giebt dein Waͤchter ſelbſt Den Kerkerſchluͤſſel dir. Und„Poſthumus, Sobald ich kann den grimmen Koͤnig ſaͤnft'gen, Sollt Ihr in mir den Anwald ſehn: doch jetzt Entflammt ihn noch der Zorn; drum iſt es beſſer, Ihr neigt Euch ſeinem Spruch, und ſo geduldig, Wie Euch die eigne Weisheit lehrt. Poſth. Ja, Hoheit, Ich reiſe heut. 5 Roͤn. Wohl kennt Ihr die Gefahr;— Nur durch den Garten geh' ich, denn mich jammert Die Qual gehemmter Lieb'; obwohl der Kénig Befahl, Ihr ſollt nicht mit einander ſprechen. (ſie geht ab.) —— 6 Cymbeline. A. I. Imog. O heuchleriſche Guͤte! Schmeichelnd kitzelt Die Schlange, wo ſie ſticht!— Geliebter Mann, Wohl fuͤrcht' ich etwas meines Vaters Zorn, Doch nicht(mein heilig Buͤndniß ausgenommen) Was ſeine Wuth mir thun kann: du mußt fort; Ich bleibe hier zuruͤck, ein ſtuͤndlich Ziel Erzuͤrnten Blick's; nichts troͤſtet mich im Leben, Als daß die Welt das Kleinod noch bewahrt, Es wieder einſt zu ſehn. Poſth. O meine Kön'gin! Herrin, Geliebte, weint nicht mehr; daß mich Verdacht nicht treffe weich'rer Zärtlichkeit Als ſie dem Manne ziemt! Ich bleib' auf ewig Der treu'ſte Gatte, der je Treu' gelobte. In Rom nun wohn' ich, bei Philario dort, Der meines Vaters Freund war, doch mit mir Durch Briefe nur verbunden: dorthin ſchreibe, Und mit den Augen trink' ich deine Worte, Iſt Galle gleich die Tinte. (Die Königin kommt zurück.) Roͤn. Eilt, ich bitte! Denn wenn der Koͤnig kommt, ſo faͤllt auf mich Wer weiß wie viel von ſeinem Zorn. Cbeiſeit.) Doch fuͤhr' ich Ihn dieſes Weges: kraͤnk' ich ihn auch ſtets, Mein Unrecht kauft er ab, verſoͤhnt zu ſeyn; Zahlt mein Verſuͤnd'gen ſchwer. (geht ab.) Poſth. Naͤhmen wir Abſchied So lange Zeit als wir noch leben ſollen, Der Schmerz der Trennung wuͤchſe ſtets; leb' wohl! Imog. O, nicht ſo raſch; Ritt'ſt du nur aus um friſche Luft zu ſchoͤpfen, Zu kurz waͤr' ſolch ein Abſchied. Sieh, Geliebter, Der Demant iſt von meiner Mutter: nimm ihn; Bewahr ihn bis ein andres Weib du frei'ſt, Iſt Imogen geſtorben. Poſth. Wie! ein andres?— Ihr Goͤtter, laßt mir die nur, die ich habe, Und wehrt mir die Umarmung einer andern Mit Todesbanden!— Bleib', o bleibe hier, So lang' hier Leben wohnt!(er ſteckt den Ring an.) Und, Suͤße, Holde, Sz. 2. Cymbeline. 7 Wie ich mein armes Selbſt fur dich vertauſchte, Zu deinem ſchlimmſten Nachtheil: ſo gewinn' ich Sogar bei dieſem Tand; dies trag' von mir, »S iſt eine Liebesfeſſel, die ich um Die holdeſte Gefangne lege. (er legt ihr ein Armband an.) Imog. Goͤtter! Ach! wann ſeh'n wir uns wieder? (Cymbeline tritt auf mit Gefolge.)! Poſth. Weh! der Koͤnig! Cymb. Hinweg! Elender du, mir aus den Augen! Belaͤſtigſt du den Hof nach dieſem Wort Mit deinem Unwerth noch, ſo ſtirbſt du; geh! Gift biſt du meinem Blut. Poſth. Die Göͤtter ſchuͤtzen Euch! Und ſegnen alle Guten, die hier bleiben! Ich gehe. Cer geht ab.) Imog. Keine Marter hat der Tod So ſcharf wie dieſe. Cymb. Pflichtvergeßnes Ding, Du ſollt'ſt die Jugend mir erneu'n, und haͤufſt 8 Mir nur der Jahre Laſt. Imog. Ich bitt' Eu'r Hoheit, Kraͤnkt Euch nicht ſelbſt mit Eurem Gramz ich bin Gefuͤhllos Eurem Zorn; ein tief'res Leid Tilgt Furcht und Angſt. Cymb. So ohne Gnad' und Sitte? Imog. Ja, ohne Hoffnung; ſo weit ohne Gnade. Cymb. Den einz'gen Sohn der Koͤn'gin auszuſchlagen! Imog. O! wohl mir, daß ich's that! Den Adler wählt' ich, Und warf den Raben fort. Cymb. Den Bettler nahmſt du; hätteſt meinen Thron Zum Sitz der Niedrigkeit gemacht. mog. O nein; Ich gab ihm neuen Glanz. Cymb. Verworf'ne! Imog. Vater, Nur Ihr ſeyd ſchuld, lieb' ich den Poſthumus: Ihr zogt ihn auf als meinen Spielgefährten; 8 Cymbeline. A. I. Er iſt ein Mann, werth jeder Frau; und der Faſt um den ganzen Preis mich uͤberzahlt. Cymb. Was!— biſt du toll? Imog. Beinah: der Himmel ſteh' mir bei!— O, waͤr' ich Doch eines Schaͤfers Tochter! mein Leonatus Des Nachbar⸗Hirten Sohn! (Die Königin tritt auf.) Cymb. Du thoͤricht Maͤdchen!— Beiſammen waren wieder ſie: Ihr thatet Nicht, wie wir Euch befahlen. Fort mit ihr, Und ſchließt ſie ein. Roͤn. Ich bitt' Euch, ruhig:— ſtill, Prinzeſſin Tochter, ſtill;— geliebter Herr, Laßt uns allein; und ſucht Euch zu erheitern, Wie Ihr's am beſten koͤnnt. Cymb. Mag ſie verſchmachten Taͤglich um Einen Tropfen Bluts; und alt An dieſer Thorheit ſterben! (er geht ab.) (Piſanio tritt auf.) Roͤn. Pfui!— gebt nach: Hier iſt Eu'r Diener.— Nun, was bringſt du Neues? Piſ. Der Prinz, Euer Sohn, zog gegen meinen Herrn. Roͤn. Kein Leid doch iſt geſchehn? hi Es konnte treffen, Nur ſpielte mehr mein Herr, anſtatt zu fechten, Und war durch Zorn nicht angereizt; es trennten Sie ein'ge Herren in der Nah'. Roͤn. Das freut mich. Imog. Ja, meines Vaters Freund iſt Euer Sohnz Er nimint ſich ſeiner an.—. Auf den Verbannten ziehn!— O tapf'rer Held!— Ich wuͤnſchte ſie in Afrika beiſammen; Und mich mit Nadeln dort, um den zu ſtechen, Der ruͤckwaͤrts geht.— Was ließeſt du den Herrn? iſ. Weil er's befahl: zum Hafen ihn zu bringen Shr er nicht: er gab mir dies Verzeichniß Von Dienſten, die ich Euch zu leiſten haͤtte, Gefiel's Euch, mich zu brauchen. Roͤn. Dieſer war „ Sz3. Cymbeline. 9 Dein treuer Diener ſtets: mein Wort verpfaͤnd' ich, Daß er's auch bleiben wird. Piſ. Ich dank' Eu'r Hoheit. Roͤn. Komm, laß uns etwas gehn. Imog. Frag' bei mir an In einer halben Stunde: meinen Herrn Mußt du an Bord noch ſehn: fuͤr jetzt verlaß mich. (ule ab.) Dr t 6 e. Freier Platz⸗ (Cloten tritt auf mit zwei Edelleuten⸗) 1. Edelmann. Prinz, ich moͤchte Euch doch rathen, das Hemde zu wech⸗ ſeln; die Heftigkeit der Bewegung macht, daß Ihr wie ein Opfer raucht: wo Luft ausſtroͤmt, zieht auch Luft ein: und keine aͤußere Luft iſt ſo geſund, als die Ihr ausſtroͤmt. Clot. Wenn mein Hemd blutig wäre, dann follt's ge⸗* wechſelt— Hab' ich ihn verwundet? 2. Edelm. Cür ſich.) Nein, wahrhaftig; nicht einmal ſeine Geduld. 1. Edelm. Ihn verwundet? ſein Koͤrper iſt ein durch⸗ dringliches Beingerippe, wenn er nicht verwundet iſt: er iſt eine Durchfahrt fuͤr Stahl, wenn er nicht verwundet iſt. 2. Edelm.(für ſich.) Sein Degen hatte Schulden; und verſteckte ſich hinterwaͤrts. Clot. Der Schurke wollte mir nicht ſtehn. 2. Edelm.(für ſich.) Nein; er floh immer vorwarts, auf dein Geſicht zu. 1. Edelm. Euch ſtehn! Ihr habt ſelbſt ſchon Land genug: aber er vergroͤßerte Euren Beſitz; er gab Euch noch etwas Boden zu. 2. Edelm.(für ſich.) Ja, ſo viel Zoll als du Welt⸗ meere haſt; Ihr Laffen! Clot. Ich wollte, ſie waͤren nicht zwiſchen uns ge⸗ kommen. 2. Edelm.(für ſich.) Das wollte ich auch, bis du ge⸗ —— 10 Cymbeline⸗. i haͤtteſt, wie lang ein Narr iſt, wenn er auf der Erde iegt. Und daß ſie dieſen Kerl lieben muß, und mich ab⸗ weiſen! 2. Edelm. Cfür ſich.) Wenn es Suͤnde iſt, eine richtige Wahl zu treffen, ſo iſt ſie verdammt. 1. Edelm. Prinz, ich ſagte es Euch immer, ihre Schoͤn⸗ heit und ihr Verſtand halten nicht gleichen Schritt; ſie iſt ein treffliches Gemaͤlde, aber ich habe wenige Reflexe ihres Geiſtes geſehen. 2. Edelm. Cfür ſich.) Sie ſcheint nicht auf Narren, der Reflex moͤchte ihr ſchaden. Clot. Kommt auf mein Zimmerz ich wollte, es ware irgend ein Ungluͤck geſchehen. 2. Edelm.(für ſich.) Das wollte ich nicht; es waͤre denn der Fall eines Eſels, was kein großes Ungluͤck iſt. Clot. Wollt Ihr mit uns gehn? 1. Edelm. Ich folge Euch, gnaͤdiger Herr. Clot. Nein, kommt, gehn wir zuſammen. 2. Edelm. Wohl, mein Prinz. .(ule ab.) Vierte Szene. Zimmer im Pallaſt. (Imogen und Piſanio treten auf.) Imogen. Ich wollt', am Hafen ſtaͤnd'ſt du eingewurzelt, Und fragteſt jedes Schiff: wenn er mir ſchriebe, Und ich bekäm's nicht, ſolch ein Brief verloren, Iſt wie Verluſt des Heils. Was war das Letzte, Was er dir ſagte? Piſ. Es war: o meine Koͤn'gin! Imog. Dann winkt' er mit dem Tuch? Piſ. Und kuͤßt' es, Fräulein. Imog. Fuͤhlloſe Leinwand, gluͤcklicher als ich!— Und das war Alles? Piſ. Nein, Prinzeſſin; denn Sz. 4. Cymbeline. 11 So lang' er machen konnte, daß ihn Auge Und Ohr von andern unterſchied, blieb er Auf dem Verdeck, mit Handſchuh, Tuch und Hut Stets winkend, wie der Sturm und Drang der Seele Ausdruͤcken konnt' am beſten, wie ſo langſam Sein Herz von hinnen zieh', wie ſchnell ſein Schiff. Imog. Er mufßte klein wie eine Kraͤh' dir werden, Und kleiner, eh' du aufgabſt, nachzuſchaun. Piſ. Das that ich, gnaͤd'ge Frau. Imog. Zerriſſen haͤtt' ich mir die Augennerven, Nur um nach ihm zu ſehn, bis die Verklein'rung Des Raums ihn zugeſpitzt wie meine Nadel: Ihm ſchaut' ich nach, bis er verſchmolzen waͤre Von Kleinheit einer Muͤck' in Luft; und dann Haͤtt' ich mich abgewendet und geweint.— Piſanio, ſprich, wann hoͤren wir von ihm? Piſ. Gewiß mit naͤchſter Schiffsgelegenheit. Imog. Wir nahmen Abſchied nicht, und noch viel Huͤbſches Wollt' ich ihm ſagen: zu erzählen wuͤnſcht' ich, Wie ich ſein daͤcht' in der und jener Stunde, Gedenkend dies und das; und ſchwoͤren ſollt' er, Italiens Liebchen moͤchten nicht verlocken Mein Recht und ſeine Ehro; ich wollt' ihn noͤth'gen, Um ſechs Uhr Morgens, Mitternacht und Mittag Mir betend zu begegnen, weil ich dann Fuͤr ihn im Himmel bin: ich wollt' ihm geben Den Abſchiedskuß, den in zwei Zauberworte Ich eingeſchloſſen;— da tritt ein mein Vater, Und wie der grimme Hauch des Nordens, ſchuͤttelt Er unſre Knospen ab, eh ſie erbluͤht. (Eine Hofdame tritt auf.) Zofd. Die Koͤn'gin wuͤnſcht Eu'r Hoheit Gegenwart. Imog. Waos jch dir aufgetragen, das beſorge.— Der Koͤn'gin wart' ich auf. piſ. Wie Ihr befehlt. (Alle ab.) 12 Cymbeline⸗ A. I. F Rom, in Philarios Hauſe. (Es treten auf Philario, Jachimo, ein Franzoſe, ein Holländer und ein Spanier.) Jachimo. Glaubt mir, Herr: ich kannte ihn in Brittanien: ſein An⸗ ſehn war damals im Wachſen; und man erwartete die Vor⸗ trefflichkeit von ihm, die ihm ſpaͤter auch dem Namen nach zugeſtanden wurde; aber ich haͤtte ihn damals ohne die Nach⸗ huͤlfe der Bewunderung anſehn koͤnnen, wenn auch das Ver⸗ zeichniß aller ſeiner Gaben neben ihm aufgeſtellt geweſen waͤre, und ich ihn ſo artikelweiſe durchgeleſen haͤtte. Phil. Ihr ſprecht von einer Zeit, da er noch weniger ausgeſtattet war, als er jetzt iſt, mit allen den Gaben, die ihn geiſtig und leiblich ſo vorzuͤglich machen. Franz. Ich ſah ihn in Frankreich; und dort hatten wir Viele, die mit eben fo feſtem Auge, als er, in die Sonne blicken konnten. Jach. Der Umſtand, daß er ſeines Koͤnigs Tochter ge⸗ heirathet hat(wobei er mehr nach ihrem als nach ſeinem eigenen Werthe gewogen werden muß), iſt gewiß ein Haupt⸗ grund, daß man ihn weit uͤber die Wahrheit hinaus preiſt. Franz. Und dann feine Verbannung:— Jach. Ja, und die Billigung derer, die dieſe klaͤgliche Scheidung beweinen, und der Fuͤrſtin zugethan ſind; alle dieſe erheben ihn wunderbar uͤber ſein Maaß; geſchaͤhe es auch nur, um der Prirzeſſin Urtheil mehr zu befeſtigen, welches außerdem ein ſchwaches Geſchuͤtz niederſchmettern wuͤrde, wenn ſie einen Bettler genommen haͤtte, den nicht die hoͤchſten Gaben ſchmuͤckten. Aber wie kommt es, daß er bei Euch wohnen wird? Woher ſchreibt ſich dieſe Be⸗ kanntſchaft? Phil. Sein Vater und ich waren Kriegskameraden, und ich hatte dieſem oft nichts geringeres als mein Leben zu danken. (Poſthumus tritt auf.) Hier kommt der Britte; laßt ſeine Aufnahme unter Euch Sz. 5. Cymbeline. 13 ſo ſeyn, wie ſie Maͤnnern von Eurem Verſtand gegen einen Fremden von ſeinen Verdienſten ziemt.— Ich bitte Euch Alle, macht Euch naͤher mit dieſem Herrn bekannt, den ich Euch als meinen edlen Freund empfehle; ſeine Vortrefflichkeit moͤge ſich in Zukunft lieber ſelbſt kund geben, als von mir vor ſeinem Ohr geprieſen werden. Franz. Herr, wir kannten uns in Orleans. Poſth. Seitdem war ich Euer Schuldner fuͤr Artigkei⸗ ten, an denen ich ſtets abzuzahlen haben, und doch in Eurer Schuld bleiben werde. Franz. Herr, ihr uͤberſchaͤtzt meine geringen Freund⸗ ſchaftsdienſte; es war mir lieb, daß ich Euch und meinen Landsmann verſoͤhnen konnte; es waͤre Schade geweſen, waͤ⸗ ret Ihr mit ſo toͤdtlichen Vorſaͤtzen zuſammen gekommen, wie Ihr ſie damals beide hattet, und wegen einer Sache von ſo leichter, unbedeutender Art. oſth. Verzeiht mir, ich war damals ein junger Rei⸗ ſender; etwas ſtoͤrriſch, dem, was ich hoͤrte, eſteen und wenig geneigt, mich in jeglicher Handlung durch die Er⸗ fahrung anderer leiten zu laſſen; aber auch nach meinem rei⸗ feren Urtheil(wenn ich nicht prahle, es reifer zu nennen) war mein Zwiſt von damals doch nicht ſo ganz unbedeutend. Franz. Wahrhaftig doch zu unbedeutend, um der Ent⸗ ſcheidung der Waffen unterworfen zu werden; und von zwei ſolchen Maͤnnern, wo, hoͤchſt wahrſcheinlich, einer vom an⸗ dern vernichtet oder beide gefallen waͤren. Jach. Darf man, ohne Unbeſcheidenheit, fragen, was der Streit war? Franz. Warum nicht? es wurde offentlich verhandelt, und mag drum ohne Anſtoß wieder erzaͤhlt werden. Es be⸗ traf einen Punkt, dem aͤhnlich, uͤber den wir geſtern Abend ſtritten, wo jeder von uns ſich im Lob der Damen ſeines Landes ergoß; dieſer Herr betheuerte damals(und zwar auf die Gewaͤhr, es mit ſeinem Blute zu beweiſen) die ſeinige ſey ſchoͤner, tugendhafter, weiſer, keuſcher, ſtandhafter und unverfuͤhrbarer, als irgend eine unſter auserleſenſten Damen in Frankreich. Jach. Dieſe Dame lebt nicht mehr; oder der Glaube ſe Herrn iſt, was den Punkt betrifft, ſchwaͤcher ge⸗ worden. Poſth. Sie behauptet noch ihre Tugend, und ich meine Meinung. 14 Cymbeline. AR Jach. Ihr durft ſie nicht ſo ſehr uͤber unſere Italiäne⸗ rinnen erheben. Poſt. Wenn ich ſo gereizt wurde, wie damals in Frank⸗ reich, ſo wurde ich ſie eben ſo wenig beeintraͤchtigen laſſen; obwohl ich mich ihren Anbeter nenne, nicht ihren Geliebten. Jach. Eben ſo ſchoͤn als gut(faſt eine zu verſchwiſterte Vergleichung), waͤre etwas zu ſchoͤn und zu gut fuͤr irgend eine Dame in Brittanien geweſen. Wenn ſie andre, die ich gekannt habe, ſo ſehr uͤbertrifft, wie dieſer Euer Diamant manchen, den ich ſah, uͤberſtrahlt, ſo muß ich wohl glauben, daß ſie unter Vielen die Vorzuͤglichſte iſt; doch unter allen Fleinodien, die es giebt, ſah ich wohl nicht das Koͤſtlichſte, noch Ihr die Hoͤchſte unter den Weibern. Poſth. Ich pries ſie, wie ich ſie ſchaͤtze: und ſo auch meinen Stein. Jach. Wie hoch achtet Ihr ihn? Poſih. Höher als Alles, deſſen die Welt ſich ruͤhmt. Jach. Entweder iſt Eure unvergleichliche Geliebte todt, oder ſie wird von einer Kleinigkeit uͤberboten. Poſtb. Ihr ſeyd im Irrthum; das eine mag verkauft oder verſchenkt werden, wenn Reichthum genug fuͤr die Zah⸗ lung, oder Verdienſt genug fuͤr die Gabe da waͤre; das an⸗ dere iſt nicht feil, und nur einzig Gabe der Goͤtter. Jach. Welche die Goͤtter Euch gegeben haben? Poſth. Welche, durch ihre Gnade, mein bleiben wird. Jach. Ihr moͤgt ſie, dem Namen nach, als die Eurige haden; aber, Ihr wißt, fremde Voͤgel laſſen ſich auf den Teich des Nachbars nieder. Euer Ring kann Euch ebenfalls geſtohlen werden: ſo iſt, von Euren beiden unſchaͤtzbaren Guͤtern, das eine nur ſchwach, und das andere zufaͤllig; ein liſtiger Dieb, oder ein in dem Punkt vollendeter Hofmann, wuͤrden es unternehmen, Euch das eine und das andere ab⸗ zugewinnen. Poſth. Euer Italien beſitzt keinen ſo vollendeten Hoͤfling, daß er die Ehre meiner Geliebten in Gefahr bringen koͤnnte; wenn Ihr ſie im Bewahren oder Verluſt derſelben ſchwach nennen wollt. Ich zweifle nicht im mindeſten, daß Ihr einen Ueberfluß von Dieben habt, demungeachtet fuͤrchte ich nichts fuͤr meinen Ring. hil. Laßt uns hier abbrechen, meine Freunde. oſth. Von Herzen gern. Dieſer wurdige Signor, ich danke ihm dafur, behandelt mich nicht als Fremden; wir ſind gleich bei erſter Bekanntſchaft Vertraute. Sz. 5. Cymbeline. 15 Jach. Mit fuͤnf mal ſo viel Geſpraͤch wurde ich mir bei Eurer ſchoͤnen Gebieterin Bahn machen, ſie ruͤckwarts treiben, ja, zum Wanken bringen, hätte ich Zutritt und Gelegenheit zu Freunden. Poſth. Nein, nein. Jach. Ich wage es, darauf die Haͤlfte meines Vermoͤ— gens gegen Euren Ring zu verpfaͤnden, die, nach meiner Schätzung, noch etwas mehr werth iſt; aber ich unternehme meine Wette vielmehr gegen Eure Zuverſicht, als ihre Ehre: und, um hierin auch jede Beleidigung Eurer auszuſchließen, ich wage den Verſuch gegen jede Dame in der Weit. Poſth. Ihr ſeyd außerordentlich getäͤuſcht in dieſer zu dreiſten Ueberzeugung, und ich zweifle nicht, Euch wird das, was Ihr durch ſolcherlei Verſuch verdient. Jach. Und das waͤre? Poſth. Eine Abweiſung; obwohl Euer Verſuch, wie Ihr es nennt, mehr verdient; Zuͤchtigung auch. Phil. Ihr Herrn, genug davon: das kam zu ploͤtzlich; laßt es ſterben, wie es geboren ward, und, ich bitte, lernt Euch beſſer kennen. Jach. Ich wollte, ich hätte mein und meines Nachbars Vermögen auf die Beweisfuͤhrung deſſen geſetzt, was ich behauptete. Poſth. Welche Dame waͤhltet Ihr zu Eurem Angriff? Jach. Die Eure, deren Feſtigkeit Ihr fuͤr ſo unerſchuͤt⸗ terlich haltet. Ich ſetze zehntauſend Dukaten gegen Euren Ring, ausbedungen, Ihr empfehlt mich an den Hof, wo Eure Dame lebt, ohne mehr Beguͤnſtigung, als die Gelegen⸗ heit eines zweiten Geſpraͤchs, und ich bringe von dort dieſe ihre Ehre mit, die Ihr ſo ſicher bewahrt glaubt. Poſth. Ich will Gold wetten gegen Euer Gold: meinen Ring achte ich ſo theuer als meinen Finger; er iſt ein Theil von ihm. Jach. Ihr ſeyd der Geliebte, und deshalb um ſo vor⸗ ſichtiger. Wenn Ihr Frauenfleiſch auch das Quentchen fuͤr eine Million kauft, ſo konnt Ihr es doch nicht vor An⸗ ſteckung bewahren; aber ich ſehe, es iſt etwas Religion in Euch, daß Ihr furchtſam ſeyd. Poſth. Dies iſt nur eine Gewohnheit Eurer Zun e; Euer Vorſatz iſt, hoffe ich, ehrbarer. S Jach. Ich bin Herr und Meiſter meiner Reden; und wurde unternehmen, was ich ſprach, das beſchwoͤr' ich. — 16 Cymbeline. A. I. Poſth. Wuͤrdet Ihr?— Ich werde Euch meinen Dia⸗ mant bis zu Eurer Ruͤcktehr nur leihen;— mag ein Ver⸗ trag zwiſchen uns aufgeſetzt werden. Meine Geliebte uͤber⸗ trifft in Tngend die Unermeßchkeit Eurer unwuͤrdigen Denk⸗ art. Ich fordre Euch zu dieſer Wette auf: hier iſt mein Ring. Phil. Es ſoll keine Wette ſeyn. 8. Jach. Bei den Göttern, ſie iſt es;— wenn ich Euch nicht hinlaͤngliche Beweiſe bringe, daß ich das theuerſte Kleinod Eurer Geliebten genoß, ſo ſind meine zehntauſend Duka⸗ ten Euer, und Euer Diamant dazu. Wenn ich abgewie⸗ ſen werde, und ſie die Ehre bewahrt, auf welche ihr ſo feſt vertraut, ſo iſt ſie, Euer Juwel, dies Euer Juwel und mein Gold Euer;— doch bedungen, ich habe Eure Empfehlung, um ungehinderten Zutritt zu bekommen. Poſth. Ich nehme dieſe Bedingungen an; laßt die Ar⸗ tikel unter uns aufſetzen:— und, nur inſofern ſollt Ihr verantwortlich ſeyn. Wenn Ihr Eure Unternehmung gegen ſie richtet, und mir deutlich zu erkennen gebt, daß Ihr ge⸗ ſiegt habt, ſo bin ich nicht ferner Euer Feind, ſie war un⸗ ſers Streites nicht werth; wenn ſie aber unverführt bleibt, und Ihr das Gegentheit nicht beweiſen koͤnnt, ſo ſollt Ihr, wegen Eurer ſchlechten Auffuͤhrung, und fuͤr den Angriff auf ihre Keuſchheit, mir mit dem Schwerte Rede ſtehen. Jach. Eure Hand, es gilt. Wir wollen dieſen Vertrag gerichtlich feſtſetzen, dann fort nach Brittanien; daß dieſe Un⸗ ternehmung ſich nicht erkälte und abſterbe. Ich will mein Su holen, und unſte gegenſeitige Wette niederſchreiben laſſen. Poſth. Einverſtanden. 8 (Poſthumus und Jachimo gehen ab.) Franz. Glaubt Ihr daß dies durchgehn wird? Phil. Signor Jachimo wird nicht davon abſtehen. Kommt, laßt uns ihnen folgen. (Alle ab.) Cymbeline. Sechſte Szene. Briltanien, in Cymbelines Pallaſt. Es treten auf die Königin, Hofdamen und Cornelius) Rsnigin. eo lang' der Thau am Boden, pfluͤckt die Blumen; iaſch Wer hat das Verzeichniß? 1. Bofd. Ich. 6 Roͤnig. So geht:— Edie Hofdamen gehn ab.) MNun, Doctor, bracht'ſt du mir die Specereien? Corn.(ihr ein Fläſchchen reichend) Wie Eure Hoheit mir „ befahl; hier ſind ſie: Doch ich erſuch' Eu'r Gnaden,(zuͤrnt mir nicht, ß Denn mein Gewiſſen dringt auf dieſe Frage); Weshalb vete Ihr die gift'gen Mittel, Die, angewandt, hinſchmachtend Sterben ſtiften, Langſam, doch todtlich ſind? Roͤnig. Mich wundert, Doctok, Daß du mich alſo fragſt: War ich nicht lange Schon deine Schuͤlerin? Lehrt'ſt du mich nicht Einmachen, deſtilliren, Weihrauch miſchen? Daß unſer großer Koͤnig ſelbſt mich oft Um meine Fruͤchte bat? So vorgeſchritten, (aͤltſt du mich nicht fur teufliſch) iſt's ein Wunder Wenn ich mein Wiſſen zu erweitern trachte Durch andre Proben? So will ich die Kraͤfte Der Kunſt an ſolchen Creaturen pruͤfen, Die nicht des Haͤngens werth,(an Menſchen nicht), um ihre Wirkung zu erproben, wend' ich Dann Gegeénmittel anz und ſo erforſch' ich Den mannigfachen Einfluß. Corn. Solche Uebung Muß, hohe Fuͤrſtin, Euer Herz verhaͤrten: Auch iſt der Anblick dieſer Wirkung ſchaͤdlich Sowohl, als ekelhaft. Ronig. O, ſey ganz ruhig.— M. 2 18 Cymbeline. A. I. Cpifanio tritt auf.) Roͤnig.(ſür ſich.) Hier ein ſchmeichleriſcher Bub'; an ihm õ Pruf' ich's zuerſt; er iſt fuͤr ſeinen Herren, Und meinem Sohn entgegen.— Ei, Piſanio.— Doctor, fur jetzt bedarf ich dein nicht mehr: Du magſt nun gehn. Corn.(für ſich.) Ich trau' euch nicht: doch, Koͤn'gin, Ihr ſollt kein Unheil ſtiften. 3 Roͤnig. Gzu Piſanio.r) Hoͤr' ein Wort— Corn.(für ſich.) ſie mir. Sie glaubt, te habe Ein zehrend Gift: doch kenn' ich ihren Sinn, Und wuͤrde keinem, der ihr gleicht an Tuͤcke, So hoͤll ſchen Trank vertraun: Das, was ſie hat, Betaͤubt und ſtumpft den Sinn auf kurze Zeit: Vielleicht verſucht ſie's erſt an Hunden, Katzen; Dann immer hoͤher auf; doch in dem Schein Des Todes, den dies giebt, iſt nicht Gefahr, Es feſſelt nur auf kurze Zeit den Geiſt, Der um ſo friſcher dann erwacht. Gethoͤrt Wird ſie durch falſchen Schein; ich, falſch an ihr, Bin um ſo treuer. Roͤnig. Doctor, du magſt gehen, Bis wir dich rufen laſſen. Corn. Ich gehorche. Cer geht ab.) Ronig. Du ſagſt, ſie weint noch immer? Glaubſt du cht nicht, Daß mit der Zeit ſie ruh'ger wird, und Rath Einläßt wo Thorheit herrſcht? Thu' was du kannſt: Sagſt du mir einſt, ſie liebe meinen Sohn, Dann, glaube mir, ſtehſt du im Augenblick och, wie dein Herr, und hoͤher; denn ſein Gluͤck iegt ſprachlos da, ſein Name ſelbſt ſchoͤpft bald 3 Den letzten Hauch; heimkehren kann er nicht,„ 6 Noch bleiben wo er iſt: den Ort veraͤndern, Heißt nur ein Elend mit dem andern tauſchen; Und jeder neue Tag zerſtört ihm nur Des vor'gen Tages Werk; was kannſt du hoffen, Lehnſt du dich an ein Ding, das im Verfall, du Sz. 6 Cymbeline. 19 Und neu gebaut nicht werden kann? er hat Nicht Freund' um ihn zu ſtuͤtzen.— (Die Königin läßt das Fläſchchen fallen, Piſanio hebt es auf.) Du nimmſt auf, Und weißt nicht was; doch nimm's fuͤr deine Muͤh': Ich macht' es ſelbſt, und fuͤnfmal hat's den Koͤnig Vom Tod gerettet; keine beßre Staͤrkung Iſt mir bekannt:— Behalt's, ich bitte dich; Es ſey das Handgeld eines groͤßern Lohn's, Den ich dir zugedacht. Sag' deiner Herrin Wie ihre Sache ſteht; thu's, wie von ſelbſt. Bedenk' wie ſich dein Glucksſtand ändert; denk' nur: Die Fuͤrſtin bleibt dir, meinen Sohn gewinnſt du, Der dich auszeichnen wird: den Koͤnig ſtimm' ich Zu jeder Art Befoͤrd'rung, wie du nur Sie wuͤnſchen magſt; zumeiſt bin ich verpflichtet Die Muͤhe glaͤnzend zu belohnen. Sende Mir meine Frau'n, und denke meiner Worte.— (Piſanio geht ab.) Ein ſtandhaft, tuckſcher Schelm: nicht zu erſchuͤttern: Der Anwald ſeines Herrn; und ihr ein Mahner, Um ihre Hand dem Gatten zu bewahren. Ich gab ihm etwas, wenn er es genießt, So hat ſie keinen mehr, der Botſchaft laͤuft Fur ihren Schatz; und beugt ſie nicht den Sinn, Soll ſie es wahrlich auch bald koſten muͤſſen. (Piſanio kommt mit den Hofdamen zurück.) So, ſo;— recht gut, recht gut: Die Veilchen, Schluͤſſelblumen und die Primeln Bringt in mein Schlafgemach: Leb' wohl, Piſanioz Gedenke meines Wort's. (die Königin und Hofdamen gehen ab.) Piſ. Das werd' ich thun: Doch ſollt' ich meine Treu' am Herren brechen, Wuͤrg' ich mich ſelbſt; mehr will ich nicht verſprechen. (Er geht ab.) 2* Cymbeline⸗ A. I. Siebente Szene. Ein anderes Zimmer im Pallaſt. (Imogen tritt auf.) 5 Imogen. Ein Vater hart, falſch eine Stiefmutter; Ein thoͤr'ger Freier der vermaͤhlten Frau, Und deren Mann verbannt!— O, dieſer Mann! Mein hoͤchſter Glanz des Leid's! und alle Drangſal Um ſeinetwillen!— Wär' ich auch geraubt, Wie meine Bruͤder, wohl mir! Doch hoͤchſt elend Iſt Sehnſucht auf dem Thron! Geſegnet, wem, Wie niedrig auch, ehrbarer Wunſch erfuͤllt wird, Durch Freud' erheitert.— Wer denn guält mich wieder? (Piſanio und Jachimo treten auf.) iſ. Juͤrſtin, dies iſt ein edler Herr aus Rom, v Briefen meines Herrn. . ach. Erſchreckt Ihr, Fuͤrſtine Der wuͤrd'ge Leonatus iſt ganz wohl, Und gruͤßt Eu'r Hoheit herzlich. (er giebt ihr einen Brief.) Imog. Herr, ich dank' Euch:* Ihr ſeyd willkommen ſehr. 8 Jech⸗ Cfür ſich.) Alles an ihr, was aͤußerlich, wie reich! Iſt ihr Gemuͤth ſo herrlich ausgeſtattet, Iſt einzig ſie Arabiens Phoͤnix, und Verloren hab' ich. Kuͤhnheit, ſey mein Freund! Frechheit, bewaffne mich von Kopf zu Fuß! Sonſt muß ich, wie der Parther, fliehend fechten; Ja, gradezu entfliehn. Imog.(lieſt.„Er iſt ein Mann von der edelſten Aus⸗ zeichnung, deſſen Freundſchaft mich ihm unendlich verpflichtet hat. Beachte ihn in dem Maaße, wie dir deine theuer iſt. Leonatus.“ Nur ſo weit leſ' ich laut: Doch meines Herzens Inn'res wird durchgluͤht Vom Uebrigen, und nimmt es bankbar an.— Den Willkomm habt Ihr, edler Herr, den ich Sz. 7. Cymbeline. 2 Mit Worten geben kann; und follt ihn finden, In allem, was mein Thun vermag. Jach. Dank, ſchoönſte Frau.— Ha! Wie? ſind Menſchen toll? Gab die Natur Das Aug' um arzuſchaun des Himmels Bogen, Und dieſen reichen Schatz von See und Land? Das trennend unterſcheidet Stern von Stern, Und Stein von Stein am kieſelreichen Strand? Und kann ſolch koͤſtliches Organ nicht fondern Häͤßlich von ſchoͤn? Imog. Was macht Euch ſo erſtaunen? Jach. Im Auge kann's nicht ſeyn; denn Aff' und Pavian Wird, bei zwei ſolchen Weibchen, dahin plappern, Und der Geſichter ziehn: Auch nicht im Urtheil; Der Blodſinn wird als weiſer Richter, Schoͤnheit Wohl unterſcheiden: Noch in Luͤſternheit; Schmutz, ſolchem reinen Glanz entgegen, zwaͤnge Den leeren Magen der Begier zum Brechen, Nicht lockt' er ihn zur Speiſe. Imog. Herr, was iſt Euch? Jach. Der uͤberfuͤte Wille, die Begier, Satt und doch ungeſättigt; dieſes Faß, Voll und doch leck, frißt erſt das Lamm, und luͤſtert Dann noch nach dem Gedärm. Imog. Was, theurer Herr, Reißt Euch ſo hin? feyd Ihr nicht wohl? Jach. Dank, Fuͤrſtin; mir iſt o— Ich bitt' Euch, reund, Sucht meinen Diener auf wo ich ihn ließ: Er iſt hier fremd und blöde. Piſ. So eben wollt' ich gehn, ihn zu begruͤßen. (er geht ab.) Imog. Wie geht es meinem Gatten? iſt er wohl? Jach. Prinzeſſin, er iſt wohl. Imog. Und iſt er frohen Muth's? Ich hoff', er iſt es. Jach. Ausnehmend aufgeweckt; kein Fremder dort Iſt ſo voll Scherz und Heiterkeit: man nennt ihn Den ausgelaßnen Britten. Imog. Als er noch hier war, Neigt' er ſich oft zur Schwermuth; wußt' er gleich Selbſt nicht warum. Zu wiſſen, was mich nah betrfft: Ich bitte 22 Cymbeline. A. I. Jach. Ich ſah ihn niemals ernſt. Dort iſt ſein Kamrad ein Franzoſ“, ein ſehr Ausbuͤnd'ger Herr, der, ſcheint es, iſt verliebt In ein franzoͤſiſch Kind zu Hauſ'; er dampft Die ſchwerſten Seufzer aus; der luſt'ge Britte, Eu'r Gatte, lacht aus voller Bruſt, und ruft: O! meine Seiten ſpringen, denk' ich, daß Ein Mann, der durch Geſchichte weiß und eigne Pruͤfung, Was Frauen ſind, ja, was ſie muͤſſen ſeyn,— In ſeinen freien Stunden ſchmachten kann Nach ſichrer Knechtſchaft. Imog. So ſpricht mein Gemal? Jach. Ja, und die Augen thränen ihm vor Lachen. Es iſt ein Feſt ihn anzuhoͤren, Wie er den Franzmann hoͤhnt: Doch, weiß der Himmel, Mancher iſt ſehr zu tadeln. Imog. Er nicht, hoff' ich. Jach. Er nicht: doch hätte wohl des Himmels Huld Mehr Dank verdient.— In ihm ſchon unbegreiflich; In Euch, die ſein ward uber ſein Verdienſt,— Wie ich erſtaunen muß, ſo muß ich auch Tief Mitleid fuͤhlen. Imog. Und mit wem, mein Herr?. Jach. Mit zweien Weſen. Imog. Und bin ich das eine? Ihr blickt mich an: Was iſt an mir zerſtoͤrt, Das Euer Mitleid heiſcht? Jach. O, welch ein Jammer! Dem Glanz der Sonn' entfliehn, und Tröſtung ſuchen Im Kerker bei der Schnuppe Dampf? Imog. Ich bitt' Euch, Laßt Eure Antwort offen das Was ich gefragt. Weshalb beklagt Ihr mich? 5 Jach. Daß von andern, Fe woit ich ſagen, Euch geraubt wird— Doch s iſt der Götter Amt dies zu beſtrafen, Nicht mein's, davon zu ſprechen. Imog. Scheint Ihr doch 3 (Da Ahndung eines Uebels oft mehr quaͤlt, Als Ueberzeugung: Denn gewiſſes Ungluͤck Iſt ohne Rettung; oder, fruͤh erkannt, I. * Sz. 7. Cymbeline. 23 Dadurch geheilt), entdeckt mir, was zugleich Euch ſpornt und zuͤgelt. Jach. Haͤtt' ich dieſe Wange Die Lippe drauf zu baden; dieſe Hand, Die, nur beruͤhrt, des Fuͤhlens Seele zwingt Zum Eid der Treu'; dies Angeſicht, das feſſelt Das wilde Schweifen meines Auges, einzig Es hier entzuͤndend: Wuͤrd' ich geifern dann Mit Lippen(Schmach!) gemein, ſo wie die Stufen Zum Capitol; und Haͤnde druͤcken, hart. Durch ſtete Falſchheit(Falſchheit ihre Arbeit) ann in ein Auge blinzeln, niedertraͤchtig, Und glorreich wie das qualm'ge Licht, das ſich Von ranz'gem Talge nährt? Gerechte Strafe, Wenn aller Hoͤllenfluch auf ſolchen Abfall Zugleich ſich ſturzte. Imog. Mein Gemal, ich furchte, Vergaß Brittanien. Jach. Und ſich ſelbſt. Nicht gern Gab ich aus freier Neigung dieſe Kunde Von ſeinem Bettlertauſch; nur Euer Reiz Beſchwor, aus ſtummſtem Gram, auf meine Zunge Das herbe Wort. Imog. Laßt mich kein zweites hören. Jach. O göttlich Weſen! Eure Schmach erſchuͤttert Krankhaft mein Herz. Ein Frauenbild, ſo ſchoͤn, Und Erbin eines Faiſerthums, erhoͤhte Zu Doppelkraft den groͤßten Koͤnig! Dirnen Nun zugeſellt, bezahit von Ausſtattung, Die Ihr ihm ſchenkt! mit angeſteckten Laufern, ie um Gewinn mit jeder Krankheit koſen, Durch die Natur verweſet! Stoff ſo aͤtzend, Daß er das Gift vergiften koͤnnte! Raͤcht Euch; Sonſt war, die Euch gebar, nicht Koͤnigin, Und Ihr entartet Eurem großen Stamm. Imog. Mich raͤchen! Wie koͤnnt' ich wohl mich raͤchen? Iſt dies wahr (Doch hab' ich ſolch ein Herz, das meine Ohren So ſchnell nicht taͤuſchen ſollen), iſt es wahr, Wie könnt' ich wohl mich raͤchen? Jach. Er ließe mich, Im kalten Bett, wie Dianens Prieſt'rin, leben? Indeß er frevelt in den frechſten Luſten, W Cymbeline. A. I. Zur Kraͤnkung Euch, von Eurem Golde? Rächt es. Ich weihe ſelbſt mich Euren ſuͤßen Freuden; Weit edler als der Fluͤchtling Eures Lagers; Und werde feſt an Eurer Liebe halten, So ſicher wie geheim. Imog. Heda, Pifanio Jach. Laßt Euren Lippen meinen Dienſt verpfänden, Imog, Hinweg!— Fluch meinen Ohren, die ſo lange Dich angehoͤrt.— Waͤr'ſt du ein Mann von Ehre, Du haͤtt'ſt um Tugend dies erzaͤhlt, und nicht Fuͤr einen Zweck ſo ietig als befremdend. Du ſchmaͤhſt'nen edlen Mann, der ſo entfernt Von deiner Schild'rung iſt, wie du von Ehre; Und buhlſt um eine Frau, die dich verabſcheut, Dich und den Teufel gleich.— Piſanio, he!— Dem Koͤnig meinem Vater wird gemeldet Dein Angriff: und wenn er es ſchicklich findet, Daß hier am Hof ein frecher Fremdling marktet, Wie in dem roͤm'ſchen Bad, und viehiſch darlegt Den ſchnoͤden Sinn; ſo hat er einen Hof, Fuͤr den er wenig ſorgt, und eine Tochter, Die er fuͤr gar nichts achtet.— He, Piſanio!— Jach. S ſel'ger Leonatus! ſo nun ſprech' ich; Der feſte Glaube deiner edeln Gattin Verdient wohl deine Treu'; und deiner Tugend Vollendung ihren Glauben!— Lange lebt begluͤckt! O Weib des Edelſten, den je ein Land Den Seinen nannte! und Ihr, ſeine Herrin, Die nur der Edelſte verdient! Verzeiht, Ich fprach dies, pruͤfend nur ob Euer Zutraun Tief Wurzel ſchlug; ſo wird nun Euer Gatte, Das was er iſt, erneut; Und er iſt einer Von reinſten Sitten; ſolch ein hohes Weſen, Daß Zauber die Gefährten an ihn bindet; Der Herzen Haͤlft' iſt ſein. Imog. Ihr ſoͤhnt mich aus. Die Huld'gung, die ihm wird, hebt ihn empor Vor gllen Sterblichen. Seyd nicht erzurnt, Erhabne Fuͤpſtin, daß ich es gewagt Durch Luͤge Euch zu pruͤfen; Eure Weisheit Hat durch den feſten Sinn ſich neu bewaͤhrt, Jach. Verehrt, ein Gott, ſitt er im Kreis der Wenſch 8 5 n 15 Sz. 7. Cymbeline. Wie in der Wahl des einzig edeln Mannes, Der fehllos iſt; zu ihm die Herzensliebe Gab mir die Sichtung ein; doch, allen ungleich, Schuf Euch der Himmel ſpreulos. Drum vergebt. Imog. Jetzt iſt es gut, mein Herr: Wos ich am Hof vermag, ſteht Euch zu Dienſt. Jach. Ich dank' in Demuth. Faſt hätt' ich vergeſſen um Eure Huld zu flehn in kleiner Sache, Und wichtig doch, denn Euren Herrn betrifft es; Ich ſelbſt und ein'ge Freunde nehmen Theil An dem Geſchaͤft. Imog. So ſagt mir, was es iſt. Jach. Ein Dutzend von uns Roͤmern, und Eu'r Gatte, Die ſchoͤnſte Feder unſter Schwinge, kauften Gemeinſam fur den Kaiſer ein Geſchenk; Ich, der Agent der andern, that's in Frankreich; S iſt Silberzeug von ſeltner Arbeit, Steine Mit reicher, edler Faſſung; großen Werth's, Und etwas ängſtlich bin ich hier, als Fremder, Sie ſicher zu verwahren: Naͤhmet Ihr Sie wohl in guͤt'ge Obhut? Imog. Herzlich gernz Fuͤr Ihre Sicherheit buͤrgt Euch mein Wort: Und da mein Gatte Theil dran hat, bewahrt ſie Mein Schlafgemach. Jach. Sie ſind in einer Kiſte, Bei meinen Leuten: und ich bin ſo kuͤhn Sie Euch zu ſenden, nur fuͤr dieſe Nacht; Ich muß an Bord ſchon morgen. Imog. O, nein, nein. Jach. Verzeiht, ich ſonſt kommt mein Wort zu urz, Verlaͤngr' ich meine Reiſe. Von Calais Kreuzt' ich die See, mein Wunſch war's und Verſprechen, Zu ſehn Eu'r Hoheit. Imog. Dank fuͤr Eure Muͤh'; Doch morgen reiſt Ihr nicht. Jach. Ich muß, Prinzeſſin; Drum bitt' ich ſehr, wenn Ihr noch Euren Herrn Durch Briefe gruͤßen wollt, ſo thut's heut Abend: Ich blieb zu lange ſchon; und wichtig iſt Die Ueberreichung des Geſchenks. 26 Cymbeline. A. I. Imog. Ich ſchrelbe. Schickt Eu're Kiſte; ſie wird Und ſicher Euch zuruͤck geſtellt. Lebt wohl. (Sie gehn ab.) Z weiter Aufzug. Erſte Szene. Brittanien, ein Hof vor dem Pallaſt. (Cloten tritt auf mit zwei Edelleuten.) Cloten. Hatte je ein Menſch ſolch Ungluͤck! wenn meine Kugel ſchon die andre beruͤhrte, weggeſtoßen zu werden! Ich hatte hun⸗ dert Pfund darauf geſetzt: und dann muß ſolch ein verwuͤnſch⸗ ter Maulaffe mir noch mein Fluchen vorwerfen; als wenn ich meine Fluͤche von ihm borgte, und ſie nicht nach Gefallen aus⸗ geben koͤnnte. 1. Edelm. Was hat es ihm geholfen? Ihr habt ihm mit Eurer Kugel den Kopf zerſchlagen. 2. Edelm.(für ſich.) Wenn ſein Verſtand dem Verwun⸗ denden gleich waͤre, ſo ware er alle ausgelaufen. Clot. Wenn ein vornehmer Herr Luſt hat zu fluchen, ſo ſchickt ſich's nicht fuͤr irgend jemand, der dabei iſt, ihm ſeine Fluche verſchneiden zu wollen. 2. Edelm. Nein, mein Prinz.(für ſich.) oder ihnen die Ohren zu ſtutzen. Clot. Verwuͤnſchter Hund!— Ich ihm Genugthuung geben? Ich wollte er waͤre von meinem Range! 4 Edelm.(für ſich.) Um auch ſolche Range zu ſeyn wie du? Clot. Nichts auf der Welt kann mich ſo aͤrgern,— der Henker hol's! Ich möchte lieber nicht ſo vornehm ſeyn als ich bin; ſie getrauen ſich nicht mit mir zu fechten, wegen der Kö⸗ Sz. 1. Cymbeline. 27 nigin meiner Mutter; jeder Hansnarr ſchlagt ſich die Haut voll, und ich muß auf und ab gehen, wie ein Hahn, an den ſich keiner traut. 2. Edelm.(für ſich) Und doch iſt euch die Dummheit angetraut. Clot. Was ſagſt du? 1. Edelm. Es ſchickt ſich nicht fuͤr Euer Gnaden, ſich mit jedem Geſellen herum zu ſchlagen, den Ihr beleidigt. Clot. Ja, das weiß ich wohl; aber es ſchickt ſich fur mich, die zu beleidigen, die weniger ſind als ich. 3 Edelm. Ja, das ſchickt ſich nur fuͤr Euer Gnaden allein. Clot. Nun, das mein' ich. 1. Edelm. Habt Ihr von jenem Auslaͤnder gehoͤrt, der heut Abend an den Hof gekommen iſt? Clot. Ein Auslaͤnder! und ich weiß nichts davon? 2. Edelm.(für ſich.) Er iſt ſelbſt ein ausländiſch Thier, und weiß es nicht. 1. Edelm. Ein Italiaͤner iſt angekommen; und, wie man ſagt, ein Freund des Leonatus. Clot. Leonatus? der verbannte Schuft; und dieſer iſt auch einer, er mag ſeyn wer er will. Wer ſagte Euch von dieſem Auslaͤnder? 1. Edelm. Einer von Euer Gnaden Pagen. Clot. Schickt es ſich, daß ich gehe und ihn anſehe? Iſt das keine Erniedrigung fuͤr mich? 1. Edelm. Ihr konnt Euch gar nicht erniedrigen, Prinz. Clot. Nicht ſo leicht, das glaube ich auch. 2. Edelm.(für ſich.) Ihr ſeyd ein ausgemachter Narr, und dadurch ſo erniedrigt, daß nichts, was ihr thut, Euch noch mehr erniedrigen kann. Clot. Kommt, ich will dieſen Italiaͤner anſehn; was ich im Kugelſpiel verloren habe, will ich heut Abend von ihm wieder gewinnen. Kommt, gehn wir. 2. Edelm. Zu Euer Gnaden Befehl. (Cloten und der 1. Edelmann gehn ab.) Daß ein ſo liſt'ger Teufel, wie die Mutter, Der Welt den Eſel gab! ein Weib, das alles Mit ihrem Geiſt erdruͤckt; und er, ihr Sohn, Kann, fuͤr ſein Leben, nicht von zwanzig zwei Abziehn, daß achtzehn bleiben. Arme Fuͤrſtin, O edle Imogen, was mußt du dulden! 28 Cymbeline. A. II. Der Vater hier, den die Stiefmutter lenkt; Die Mutter dort, die ſtuͤndlich Raͤnke ſpinnt; Ein Freier, haſſenswurd'ger als der Bann Des theuren Gatten und der ſuͤnd'ge Vorſatz Der Scheidung! Unerſchuͤttert halte Gott Die Mauer deiner Ehr'; und unentweiht Den Tempel, dein Gemuͤth; die Treu' belohne Ruͤckkehr des Gatten, und die Herrſcherkrone! Cer geht ab.) 3 weite Szene. Schlafzimmer, in einer Ecke ſteht die Kiſte. (Fmogen im Bett, leſend, eine Kammerfrau.) Imogen. Iſt jemand da? wie, Helena? Rammerf. Hier bin ich. Imog. Was iſt die Uhr? Rammerfr. Faſt Mitternacht, Prinzeſſin. Imog. Drei Stunden las ich denn: mein Aug' iſt matt:— Schlag' hier das Blatt ein wo ich blieb; zu Bett: Nimm nicht die Kerze weg: nein, laß ſie brennen; Und koͤnnteſt du um vier Uhr munter werden, So bitte, weck' mich. Schlaf umfängt mich ganz. (die Kammerfrau geht ab.) Ihr Götter, Eurem Schutz befehl' ich mich! Vor Elfen und den naͤchtlichen Verſuchern, Schirmt mich, ich flehe! (ſie ſchläft ein. Jachimo ſteigt aus der Kiſte) Jach. Die Heimchen ſchril'n, der Menſch, von Ar⸗ beit matt, Gewinnt ſich Kraft im Ruhn: So leiſ' auf Binſen Schlich einſt Tarquin, eh' er die Keuſchheit weckte, Die er verwundete.— O Cytherea, Wie hold ſchmuͤckſt du dein Bett! du friſche Lilie! Und weißer als das Linnen! Duͤrft' ich ruͤhren! I. ſin. u Sz. 2. Cymbeline. 29 Nur kuͤſſen; Einen Kuß!— Rubinen himmliſch, Wie zart ſie ſchließen!— Ihre Athemzuͤge Durchwuͤrzen ſo den Raum: Das Licht der Kerze Beugt ſich ihr zu, und moͤchte lauſchen, unter Das Augenlied, zu ſehn verhuͤllte Sterne, Jetzt von den Fenſtergattern zugedeckt: Weiß und Azur umſaͤumt mit Himmelsdunkel. Allein mein Vorſatz? Das Zimmer merken:— Alles ſchreib' ich nieder;— Gemaͤlde, die und die:— das Fenſter dort:— Des Bettes Umhang ſo;— Teppich, Figuren, Sind ſo:— dies der Geſchichte Stoff;— doch o! Nur ein natuͤrlich Merkmal ihres Leibes, Mehr als zehntauſend niedre Dinge, wuͤrd' es Bezeugen, mein Verzeichniß zu bekraͤft'gen. Schlaf, Todesaffe, liege ſchwer auf ihr! Und ihr Gefuͤhl ſey wie ein ſteinern Bild, Das in der Kirche ruht!— Komm, komm hetäb. Cer nimmt ihr das Armband ab.) So ſchlupfrig, wie der Gord'ſche Knoten feſt! Mein iſt's, und iſt nunmehr ein aͤuß'rer Zeuge, So kraͤftig wie Bewußtſeyn innerlich, Zur Raſerei den Mann zu treiben. Auf Der linken Bruſt ein Mahl, funfſprenklich wie Die rothen Tropfen in dem Schooß der Primel. Beweis, hier guͤlt'ger als Gerichtsausſpruch: Dies Zeichen zwingt ihn daß er glaubt ich loͤſte Das Schloß, und raubte ihrer Ehre Schatz. Genug.— Was ſoll's? Wozu noch ſchreiben, was geſchmiedet mir, Geſchroben ins Gedaͤchtniß? Sie las eben Vom Tereus noch; das Blatt iſt eingelegt, Wo Philomele ſich ergab;— genug: Zuruͤck zum Schrein, die Feder ſpringe zu. Schnell, Drachenzug der Nacht!— Daß Daͤmmrung oͤffne Des Raben Auge: umſchließt die Stelle; Ruht hier ein Engel gleich, iſt dies doch Hoͤlle. Cdie uhr ſchlägt.) Eins, zwei, drei.— Nun iſt es Zeit! Cer geht wieder in die Kiſte.) * 30 Cymbeline. A. II. Drite Vor Imogens Gemach. (Cloten tritt auf und die Edelleute.) 1. Edelmann. Euer Gnaden ſind der geduldigſte Mann beim Verluſt, der kaltblutigſte, der je ein As aufſchlug. Clot. Es muß jeden Menſchen kalt machen, wenn er verliert. 1. Edelm. Aber nicht jeden ſo geduldig, wie Eure edle Gemuͤthsart iſt, mein Prinz: Ihr ſeyd nur hitzig und wuͤthig wenn Ihr gewinnt. Clot. Gewinn macht den Menſchen muthig. Koͤnnte ich nur dieſe alberne Imogen erlangen, ſo haͤtte ich Gold ge⸗ nug;j nicht wahr, es iſt faſt Morgen? 1. Edelm. Schon Tag, gnädiger Herr. Clot. So wollte ich daß die Muſik kaͤme; ſie haben mir gerathen ihr des Morgens Muſik zu bringen; ſie ſagen, das wuͤrde durchdringen. (die Muſiker kommen.) Na, kommt; ſtimmt: Wenn Ihr mit Eurer Fingerei bei Ihr durchdringen koͤnnt, gut; dann wollen wir es auch mit der Zunge verſuchen: wenn nichts hilft, ſo mag ſie laufen; doch aufgeben will ich es nicht. Erſt ein vortreffliches, gut geſpieltes Ding; nachher ein wunderbar ſuͤßer Geſang, mit erſtaunlichen, uͤbermaͤßigen Worten dazu.— Dann mag ſie ſich's uͤberlegen. Lied. Horch! Lerch' am Himmelsthor ſingt hell, Und Phoͤbus ſteigt herauf, Sein Roßgeſpann trinkt ſuͤßen Quell Von Blumenkelchen auf; Die Ringelblum' erwacht aus Traum, Thut uͤldne Aeuglein auf; Lacht jede Bluͤth' im gruͤnen Raum, Drum, holdes Kind, ſteh auf; Steh auf, ſteh auf. 7 II. ſt, le ig ich ge⸗ nir s bei nit wt nit ſie S. 3. Cymbeline. 31 Clot. So, nun fort; wenn dies durchdringt, werde ich Eure Muſik um ſo beſſer beachten: wo nicht, ſo iſt es ein Fehler an ihren Ohren, den Roßhaare, Darmſaiten und die Stimmen von Hämlingen noch dazu nicht beſſern koͤnnen. (die Muſiker gehn ab.) (Cymbeline und die Königin treten auf.) 2. Edelm. Hier kommt der König. Clot. Es iſt mir lieb, daß ich ſo ſpät noch auf war, denn das iſt Urſach, daß ich ſo fruͤh ſchon wieder auf bin. Er muß dieſe Liebesbewerbung väterlich aufnehmen. Ich wuͤnſche Eurer Majeſtaͤt und meiner gnaͤdigen Mutter einen guten Morgen. Cymb. Ihr harrt vor unſrer ſtrengen Tochter Thuͤr? Und kommt ſie nicht? Clot. Ich habe ſie mit Muſik beſtuͤrmt, aber ſie geruht nicht darauf zu achten. Cymb. Zu neu iſt die Verbannung ihres Lieblings; Poch denkt ſie ſein: und eine lang're Zeit Muß erſt ſein Bild in ihrer Seele loͤſchen, Dann iſt ſie dein. Rönig. Viel Huld zeigt dir der König; Er nutzt jedweden Anlaß, der dich foͤrdert Bei ſeiner Tochter; thu' nun ſelbſt das Beſte Durch angebracht Bewerben; ſey befreundet Mit Zeit und Stunde: durch Verweigerung Vermehre ſich dein Eifer: daß es ſcheine, Begeiſtrung treibe dich zu allen Dienſten, Die du ihr weihſt; daß du ihr ſtets gehorchſt, Nur wenn ſie dir befiehlt dich zu entfernen, Dann ſey wie ſinnlos. Clot. Sinnlos? das fehlte noch! (Ein Bote tritt auf.) Bote. Geſandte ſind von Rom da, hoher Herr; Der ein' iſt Cajus Lucius. Cymb. Ein wackrer Mann, Kommt er auch jetzt auf böſen Anlaß; doch Nicht Schuld iſt er; wir wuͤſſen ihn empfangen Gemaß der Ehre deſſen, der ihn ſendet; Und daß er einſt uns Freundesdienſte that, Sey friſch in der Erinn'rung.— Theurer Sohn, Sobald Ihr Eure Herrin habt begruͤßt, 32 Cymbeline, A. II. olgt uns und Eurer Mutter; Ihr ſeyd nothi In Gegenwart des Römers.— Komit, ewalin. (Cymbeline, Königin, Vote und Edelleute gehen ab.) Clot. Iſt ſie ſchon auf, ſo will ich mit ihr ſprechen; Wo nicht, ſo ſchlaf' und traͤume ſie.— Heda!— (er klopft an.) Stets hat ſie ihre Frau'n um ſich: Wie waͤr's Salbt' ich die Hand der einen? Gold iſts ja, Das Zutritt kauft; ſehr oft; ja, es beſticht Dianens Foͤrſter, daß ſie ſelbſt das Wild Dem Dieb entgegen treiben; Gold iſt's ja, Was Brave mordet, und den Raͤuber ſchuͤtzt; Ja, manchmal Dieb und Redlich bringt zum Galgen! Was kanns nicht ſchaffen und vernichten? mir Soll's eine ihrer Frau'n zum Anwald machenz Ich ſelbſt verſteh' das Ding noch nicht ſo recht⸗ Iſt niemand da!(er klopft.) cine Kammerfrau ttitt auf.) Rammerfr. Wer klopft? Clot. Ein Edelmannt Rammerfr. Nichts mehr? CClot. Ja, einer Edeldame Sohn. Rammerfr. Und das iſt mehr als mancher ruͤhmen kann Schneider ihm ſo hoch kommt als der Eure: as iſt denn meinem gnaͤd'gen Herrn gefallig? Clot. Eu'r gnaͤdges Fraͤulein da: Iſt ſie bereit? Rammerfr. O ja, aus ihrem Zimmer nicht zu gehn. Clot. Da habt Ihr Gold, verkauft mir Eure Liebe. Rammerfr. Wie! Euch zu licben? oder andern nur Mit Liebe von Euch ſprechen?— Die Prinzeß— (Fmogen tritt auf.) Clot. Guten Morgen, ſchönſte Schweſter:— Eure Hand⸗ Imog. Guten Morgen, Prinz 5 3 kauft mit zu vitl uͤhe Euch Unruh' nur; der Dank, den ich Euch gebe, Iſt das Geſtändniß, daß ich arm an Dank, ihn Nicht miſſen kann. Ciot. Stets, ſchwor ich, lieb' ich Euch⸗ 8— — —— 1— 1 nn ind. viel h. Sz. 3. Cymbeline. 33 Imog. Sazt Ihr es bloß, ſo gilt's mir minder nicht: Doch ſchwoͤrt Ihr ſtets, bleibt Euer Lohn doch ſtets Daß ich's nicht achte. Clot. Das iſt keine Antwort. Imog. Nur daß mein Schweigen nicht Nachgeben ſcheine, Sonſt ſpraͤch' ich nichts. Ich bitte, laßt mir Ruhet, Glaubt, Eure beſte Zaͤrtlichkeit erweckt Mißhöflichkeit wie jetzt; ein Mann ſo weiſe Lernt doch wohl, einen Vorſatz aufzugeben. Clot. Euch in der Tollheit laſſen? Suͤnde wär's. Ich thu' es nimmer. Vnog Narren ſind nicht toll. Clot. Nennt ihr mich Narr? Imog. Ich thu' es, da ich toll bin. Seyd Ihr vernuͤnftig, bin ich nicht mehr toll; Das heilt uns beide. Es thut mir leid, mein Prinz, Ihr zwingt mich Frauenſitte zu vergeſſen, Und gradezu zu ſeyn; hoͤrt ein fuͤr all' mal, Ich, die mein Herz gepruͤft, betheu're hier Bei deſſen Treu', ich frage nichts nach Euch; Und bin faſt ſo der Nachſtenlieb' entfremdet Sch klage ſelbſt mich an) daß ich Euch haſſe: Fuhltet Ihr's lieber, braucht' ich mich nicht deſſen Zu ruͤhmen. Clot. Am Gehorſam ſfuͤndigt Ihr, Den Euer Vater fordern darf. Denn Ehe Die Ihr vorſchuͤtzt mit dieſem niedern Wicht, (Den Almos, kalte Schuͤſſeln aufgefüttert, Abfall des Hofes,) iſt nicht Ehe, nein: Und wenn man niedern Staͤnden auch vergoönnt, (Doch wer iſt niedriger?) ihr Herz zu binden (Bei ihnen wird nichts mehr erzielt als Bälge Und Bettelpack) in ſelbſt geſchuͤrzten Knoten; Haͤlt Euch vor ſolchem Unfug doch gezuͤgelt Das Anrecht auf den Thron; deß Koſtbarkeit Duͤrft Ihr nicht ſchmaͤhn mit einem niedern Sclaven, Einem Miethling fuͤr Bedient', einem Tiſchaufwärter, Brodtſchneider, noch zu ſchlecht fuͤr ſolche Wuͤrden. Imog. Verworf'ner Menſch! Waͤr'ſt du der Sohn des Zeus, und ſonſt ſo wie Du jetzt biſt, wär'ſt du doch zu niedertraͤchtig Sein Knecht zu ſeyn; hoch wäreſt du geehrt, Selbſt um den Neid zu wecken, ſchaͤtzte man IX. 3 34 Cymbeline. A. IM. Euch beide nach Verdienſt, wuͤrd'ſt du ernannt In ſeinem Reich zum Unterbuͤttel; und Gehaßt fuͤr unverdiente Gunſt. Clot. Treff' ihn die Peſt! Imog. Kein groͤßer Unheil kann ihn treffen, als Von dir genannt zu ſeyn. Das ſchlecht'ſte Kleid, Das je nur ſeinen Leib umſchloß, iſt Fuͤr mich, als alle Haar auf deinem Kopf, Waͤr jedes ſolch ein Mann.— Heda, Piſanio! (Piſanio tritt auf.) 5 Clot. Sein Kleid? Der Teufel hol's— Imog. Geh ſchnell zu Dorothee, der Kammerfrau— Clot. Sein Kleid? Imog. Ein Narr mich wie ein enn Macht Schreck und noch mehr Aerger:— Heiß d Maͤdchen Nach einem Kleinod ſuchen, unverſehens Glitt mir's vom Arm; es war von meinem Gatten; nicht fuͤr den Schatz des groͤßten Koͤnigs In ganz Europa moͤcht' ich's miſſen. Hent Am Morgen, duͤnkt mich, ſah ich's noch, doch ſicher War's geſterz 1 Abend noch an meinem Arm; Da kuͤßt' ich es, nicht, hoff' ich, iſt's entwichen, Ihm ſagen, daß ich außer ihm was kuͤßte. Wohl findet ſich's. Imog. Das hoff' ich: geh', und fuch. (Piſanio geht ab.) Cio. Ihr habt mich ſchwer wſinp,— Sein ſchlecht⸗ Imog. Ja wohl: das war mein Pd Wenn Ihr mich drum verklagen wollt, ruft Zengen. Clot. Eu'r Vater hort es. Imog. Eure Mutter auch. Sie iſt mir hold geſinnt; 16 wird das Schlimmſte Gern von mir denken. So empfehl' ich Euch Dem ſchlimmſten Unmuth. Su geht ab.) Clot. Rache muß ich haben:— Sein ſchlecht'ſtes Kleid?— Schon gut.(ab.) uk; das hr⸗ Sz. 4. Cymbeline. Vierte Szene. Rom, in Philarios Hauſe. (Poſthumus und Philario treten auf.) Poſthumus. Freund, fuͤrchtet nichts: waͤr' ich ſo ſicher nur Den Koͤnig zu gewinnen, wie ich weiß, Daß Ihre Ehre ſicher iſt. Phil. Welch Mittel Gebraucht Ihr ihn zu ſuͤhnen? Poſth. Kein's; ich warte Der Zeiten Wechſel ab; und zittre jetzt Beim Winterfroſt, in Hoffnung waͤrm'rer Tage: So kraͤnkelnd kann ich nichts als Dank Euch biethen; Schlaͤgt Hoffen fehl, ſo ſterb' ich Euer Schuldner. Phil. Schon Eure Freundſchaft, Euer edler Umgang, Zahlt uͤbervoll was ich gethan. Eu'r Koͤnig Hat jetzt Auguſtus Botſchaft: Cajus Lucius Wird ſtreng, mit Nachdruck ſprechen: Jener, denk' ich Bewilligt den Tribut, und zahlt den Ruͤckſtand, Sonſt ſchaut er unſre Roͤmer, die noch friſch Im Angedenken ſind im Leid der Britten. Poſth. Ich glaube (Bin ich kein Staatsmann gleich, und werd' es nie) Dies bringt uns Krieg; und Ihr vernehmt wohl eher, Daß die Legionen, die in Gallien ſtehn, Gelandet in Brittanien, das nichts fuͤrchtet, Als daß man Einen Deut zahlt. Kriegsgeuͤbter Iſt unſer Volk, als einſt da Julius Cäſar, Ihr Ungeſchick belaͤchelnd, ihren Muth Doch finſtrer Blicke werth fand: Ihre Kriegszucht, Nunmehr von Muth beſchwingt, wird es beweiſen, Dem, der ſie pruͤft, ſie ſeyen wohl ein Volk Das fortſchritt mit der Zeit. (Jachimo tritt auf.) Phil. Seht! Jachimo! Poſth. Die ſchnellſten Hirſche zogen Euch zu Lande, Und alle Winde kuͤßten Eure Seegel, Um Euer Schiff zu treiben. 3* 36 Cymbeline. 2. B. hil. Seyd willkommen. Poſth. Die kurze Abfert'gung, die Ihr erhieltet, Bracht' Euch ſo ſchnell zuruͤck: nicht? Jach. Eure Frau, Sie iſt die ſchoͤnſte, die ich je geſehn. Poſth. Dazu die beſte; ſonſt mag ihre Schönheit Durch's Fenſter ſchaun und falſche Herzen locken, Und falſch mit ihnen ſéyn. Jach. Da habt Ihr Briefe. Poſth. Ihr Inhalt iſt doch gut? Jach. Das glaub' ich wohl.. Phil. War Cajus Lucius an dem Britt'ſchen Hof, Bei Eurer Ankunft dort? Jach. Er wurd' erwartet, Doch war noch nicht gelandet. Poſth. Alles gut.— Glaͤnzt dieſer Stein wie fruͤher? oder iſt er Zu ſchlecht fuͤr Eure Hand? Jach. Verlor ich ihn, So haͤtt' ich ſfeinen Werth an Gold verlohren. Gern macht' ich einen Weg, noch mal ſo weit, Fuͤr eine zweite Nacht ſo ſuͤß und kurz, Als mir Brittanien gab; mein iſt der Ring. Poſth. Zu ſchwer iſt es dem Steine beizukommen. Jach. Nicht, da ſich Eure Frau ſo leicht erfand. Poſth. Macht nicht zum Spaß ſo den Verluſt: Ich hoſſe, Ihr wißt daß wir nicht Freunde bleiben duͤrfen. Jach. Doch, guter Herr, wenn den Vertrag Ihr haltet: Haͤtt' ich nicht die Ergebung Eurer Frau Mit mir gebracht, dann gaͤb' es freilich Kampf; Nun nenm ich mich Gewinner Ihrer Ehre, Und Eures Ring's dazu; und nicht Beleid'ger Von ihr noch Euch, da ich nach beider Willen Gethan. Poſth. Koͤnnt Ihr beweiſen daß Ihr ſie Im Bett umarmt, iſt Euer Hand und Ring: Wo nicht, ſo muß dafuͤr, daß Ihr ſo ſchaͤndlich Von ihr gedacht, mein oder Euer Schwert Verlohren ſeyn; vielleicht daß herrenlos Sie beide liegen fuͤr den naͤchſten Finder. Jach. Was ich ausſagen kann iſt faſt Beweis, Durch jeden Umſtand, daß Ihr glauhen werdet: Sz. 4. Cymbeline. 37 Doch will ich alles noch durch Eid erhaͤrten Was Ihr mir, zweifl' ich nicht, erlaſſen werdet, Wenn es Euch ſelber uͤberfluͤſſig ſcheint. Poſth. Fahrt fort.. Jach. So hört denn: Erſt, ihr Schlaf⸗ gemach (Wo ich nicht ſchlief, geſteh' ich; doch bekenne, Erhielt was Wachens werth) iſt rund umhangen Mit Teppichen von Seid' und Silber; ſchildernd Cleopatra, die ihren Roͤmer trifft, Der Cydnus uͤber ſeine Ufer ſchwellend, Aus Drang der Fahrzeug' oder Stolz: Ein Werk So reich, ſo ſchoͤn gewebt, daß Kunſt und Pracht Ihr Aeußerſtes gethan; mich macht' es ſtaunen Daß in ſo feiner, ausgefuͤhrter Arbeit So treues Leben ſeyn kann.— Poſth. Dies iſt wahr; Doch hoͤrtet Ihr's vielleicht von mir, wo nicht Von andern. Jach. Manch beſond'rer Umſtand noch Muß den Beweis verſtaͤrken. oſth. Ja, daß muß er, Sonſt kraͤnkt Ihr Eure Ehre. Jach. Der Camin Iſt ſuͤdwäͤrts im Gemach; und das Caminſtuck Die keuſche Dian' im Bad: nie ſah ich Bilder So durch ſich ſelbſt erklaͤrt: der Kuͤnſtler ſchuf Stumm, wie Natur; und uͤbertraf ſie, ließ Nur Athem und Bewegung aus. oſth. Dies alles. Habt Ihr wohl durch Erzählung Euch geſammelt; Da man viel druͤber ſpricht. Jach. Des Zimmers Decke Iſt ausgelegt mit goldnen Cherubim: Die Feuerboͤcke(ich vergaß) von Silber, Zwei ſchlummernde Cupidos, jeder ſtehend Auf einem Fuß, zart auf die Fackeln ſtuͤtzend. Poſth. Und dies iſt Ihre Ehre!— Mag ſeyn Ihr ſaht dies alles(und ich lobe Eu'r gut Gedaͤchtniß), die Beſchreibung deſſen Was ihr Gemach enthält, gewinnt noch lange Die Wette nicht. 38 Cymbeline. A. II. Jach. Dann, wenn Ihr koͤnnt, erbleicht; (Er zieht das Armband hervor.) Erlaubt das Kleinod nur z luͤften: Seht!— Nun iſt es wieder fort: Mit Eurem Ring Vermaͤhlt ſich dies; und mein ſind beide. Poſth. Zeus! Laßt mich's noch einmal ſehn: Iſt es daſſelbe Was ich ihr gab? Jach. Ja, Dank ſey ihr, daſſelbe: Sie ſtreift's von ihrem Arm; ich ſeh' ſie noch; Ihr lieblich Thun war mehr noch als die Gabe, Und machte doch ſie reich: Sie gab mir's, ſagend, Sie ſchaͤtzt' es einſt. poſth. ann ſeyn, ſie nahm es ab, Um mir's zu ſenden. Jach. Schreibt ſie ſo? Seht nach. poſth. S, nein, nein, nein;*s iſt wahr. Hier nehmt das auch; (Er giebt ihm den Ring.) Er iſt jetzt meinem Aug' ein Baſilisk, Und toͤdtet mich im Anſchaun:— Keine Ehre, Wo Schoͤnheit; keine Treu', wo Schein; noch Liebe, Wo je ein andrer Mann: Der Frauen Schwur Haͤlt feſter nicht an dem, dem er geweiht, Als Frau'n an ihrer Tugend; das iſt— gar nicht:— O ungeheure Falſchheit! hi Faßt Euch, Freund, Nehmt Euren Ring zuruͤck; noch iſt er Euer: Kann ſeyn, daß ſie's verlor; wer weiß, ob nicht Ein' ihrer Frauen, die beſtochen ward, Es ihr entwendet hat.* oſth. Gewiß; Und ſo, denk ich, erlangt' er's:— Her den Ring! Nennt mir an ihr ein koͤrperliches Zeichen, Von mehr Gewicht als dies; dies ward geſtohlen. Jach. Beim Jupiter, von ibrem Arm bekam ich's. Poſth. O hort, er ſchwoͤrt; er ſchwoͤrt beim Jupiter. Wahr iſts;— hier, nehmt den Ring— wahr iſt's: O ſichet, Sie konnt' es nicht verlieren: ihre Diener Sind treu, beeidigt all':— Verfuͤhrt zum Stehlen? Und durch'nen Fremden?— Nein; ſie war die ſeine: Dies iſt das Wappen ihrer frechen Luſt,— 1— n . II. mi her Sz. 4. Cymbeline. 39 So theuer kaufte ſie den Namen Hure.— Nimm deine Zahlung, da; und Hoͤll' und Teufel Mag unter Euch ſich theilen! Phil. Freund, ſeyd ruhig: Denn dies genuͤgt zur Ueberzeugung nicht, Da ihr des Glaubens— Poſth. Ha! verliert kein Wort mehr: Denn ſeine Buhle war ſie. Jach. Wenn Ihr fordert Noch ſtaͤrk're Proben, unter ihrer Bruſt (So werth des Druckes) iſt ein Mahl, recht ſtolz Auf dieſen ſuͤßen Platz: Bei meinem Leben, Ich kuͤßt' es; und es gab mir neuen Hunger Zu friſchem Mahl, nach dem Genuß. Erinnert Ihr Euch des Mahls? Poſih. Und Zeuge iſt's des Brandmahls, So ungeheuer wie der Raum der Hölle, umſchloͤß' er nichts als dieſen Greul. Jach. Hoͤrt noch mehr. Poſth. Spart Eure Rechnung; zaͤhlt nicht auf die Suͤnden; Einmal, und'ne Million! Jach. Ich ſchwoͤre— Poſth. Schwoͤrt nicht. Schwoͤrt Ihr daß Ihr's nicht habt gethan, ſo luͤgt Ihr; Und ich ermorde dich, wenn du es laͤugneſt Daß du mich haſt beſchimpft. Jach. Ich laugne nichts. 8 Poſth. Haͤtt' ich ſie hier, ſie ſtuͤckweiſ⸗ zu zerreißen! Ja, ich geh hin, und thu's; am Hofe; vor Des Vaters Augen:— Etwas will ich thun— 6(er geht ab.) Phil. Der Faſſung ganz beraubt!— Ihr habt gewonnen: Laßt uns ihm nach, die raſche Wuth zu wenden, Die auf ſich ſelbſt er kehrt. Jach. Von ganzem Herzen. C(ſie gehen ab.) 40 Cymbeline. 2. m Fuͤnfte Szene. Ebendaſelbſt. Goßhumus tritt auf.) Poſthumus. Kann denn kein Menſch entſtehn, wenn nicht das Weib Zur Haͤlfte wirkt? Baſtarde ſind wir alle; Und jener höchſt ehrwurd'ge Mann, den ich ſtets Vater Genannt, war, weiß der Himmel wo, als ich Geformt ward; eines Muͤnzers Werkzeug pragte Als falſches Goldſtuͤck mich: Doch meine Mutter Galt fuͤr die Diana ihrer Zeit: ſo ſteht Mein Weib in dieſer gleichlos.— Rache, Rache! Rechtmaͤß'ges Gluͤck verweigerte ſie mir, Und bat mich oft um Maͤß'gung: that es mit So roſiger Sittſamkeit; dies ſuͤße Bild Haͤtt' auch Saturn erwaͤrmt; mir ſchien ſie rein Wie ungeſonnter Schnee:— O, all ihr Teufel!— Der gelbe Jachimo, in einer Stunde,— Nicht wahr?— Nein, ſchneller,— gleich: Er ſprach wohl kaum! Wie ein gemaͤſt'ter, Deutſcher Eber ſchrie er Nur Oh! und that's: fand ſolch Entgegnen nur Daß, was ihn hemmen ſollte, ſie ihm ſchnell Als Sieger gab. O, faͤnd' ich doch nur aus Des Weibes Theil in mir! Denn keine Regung Die ſich zum Laſter neigt im Mann, ich ſchwör' es, Die nicht des Weibes Theil: Sey's Luͤgen, merkt, Es iſt des Weibes; Schmeicheln, ihr's; Trug, ihr's; 4 3 Wolluͤſt'ger Sinn; ihr's, ihr's; die Rachſucht, ihr's; Geiz, Ehrſucht, Hohn, Hoffarth im ſteten Wechſel, Verlaͤumdung, ſeltſam Luͤſten, nkelmuth, Was Laſter heißt, was nur die Hoͤlle kennt, Iſt ihr's, zum Theil wenn ganz nicht; ja, doch ganz: Denn ſelbſt im Laſter Sind ſie nicht feſt, nein, tauſchen immer Laſter ſ alt⸗ it einem andern ur halb ſo alt. Ich ſchreibe gegen ſie, Verfluche ſie:— Rein, Rache mehr zu ſtillen Bet' ich aus Haß, es geh' nach ihrem Willen: Mehr quaͤlen kann ſie nicht der ſchlimmſte Teufel. Cer geht ab.) Sz. 1. Cymbeline. 41 Dritter Azug. S ſt e S en. Brittanien, im Pallaſt. (Es treten auf von einer Seite Cymbeline, die Königin, Cloten und Gefolge; von der andern Seite Cajus Lucius und ſeine Begleiter.) Cymbeline. Nun ſprich, was uns Augnſtus Caͤſar will? Luc. Als Julius Cäſar(deß Gedaͤchtniß noch Lebt in der Menſchen Blick; fuͤr Ohr und Zunge Ein ew'ger Gegenſtand) im Reich hier war, Und es beſiegt, Caſſibelan, dein Ohm, (Beruͤhmt durch Caͤſars Lob, nicht minder als Sein Thun verdiente) gab fuͤr ſich und ſein Geſchlecht Tribut an Rom, dreitauſend Pfund Jedwedes Jahr; ſeit kurzem haſt du diefen Nicht eingeliefert. Roͤnig. Und nie wird's geſchehn, Das Staunen gleich zu tödten. Clot. S giebt viel Caͤſars, Eh ſolch ein Julius Brittanien iſt Ne Welt fuͤr ſich; und wir bezahlen nichts Fuͤr unſre eignen Naſen. Roͤnig. Zeit und Gluͤck, Die ihnen guͤnſtig waren uns zu druͤcken, Stehn jetzt uns bei zu weigern:— Denkt, mein Herrſcher, Der Koͤn'ge, Eurer Ahnen; und zugleich Wie die Natur umbollwerkt unſte Inſel; Sie ſteht, ein Park Neptuns, umpfaͤhlt, verzäunt Mit unerſteigbar'n Felſen, bruͤll'nden Fluthen; Mit Seichten, die kein feindlich Fahrzeug tragen, Nein, es verſchlucken bis zum Wimpel. 42 Cymbeline. A. III. Wohl ward hier Cäſarn eine Art Erob'rung; Doch ward ihm hier ſein Prahlen nicht erfuͤllt, Von kam, und ſah, und ſiegte: nein, mit Schmach, (Der erſten die ihn je beruͤhrte) floh Zweimal geſchlagen er von unſerm Strand: Sein Schiffgezeug, arm, unbehuͤlflich Spielwerk Auf unſrer Schreckensſee, wie Eierſchaalen Hob es die Brandung, und zerſchellt' es leicht In unſern Klippen: Frendig des Erfolgs, Caſſibelan ruhmreich, einſt Meiſter faſt (O ungetreues Gluͤck!) von Caſars Schwert, Erleuchtete Luds Stadt mit Freudenfeuern, Und jeder Britt' erhob ſich ſiegesſtolz. Clot. Was da! es wird kein Tribut mehr gezahlt; unſer Reich iſt jetzt ſtarker als damals; und, wie geſagt, es giebt nicht ſolche Cäſars mehr: Manche moͤgen noch krumme Naſen haben; aber ſo ſtammige Arme hat keiner⸗ Cymb. Sohn, laß die Mutter reden. Clot. Wir haben noch Manchen unter uns, der eben ſo tuͤchtig zugreifen kann wie Caſſibelan: Ich will nicht ſagen daß ich einer bin; aber eine Fauſt hab' ich auch.— Warum Tribut? Warum ſollen wir Tribut bezahlen? Wenn Cäſar uns die Sonne mit einem Laken zudecken kann, oder den Mond in die Taſche ſtecken, ſo wollen wir ihm fuͤr das Licht Tribut zahlen; ſonſt, Herr, kein Tribut mehr, kurz und gut. Cymb. Erinnert Euch, Bis Rom anmaßend den Tribut uns abzwang, War frei dies Volk: Der Ehrgeiz dieſes Cäſar (So angeſchwollen, daß er ſaſt zerſprengte Den Bau der Weit), warf ohne Schein und Vorwand Dies Joch auf uns; es wieder uſchütteln Ziemt einem tapfern Volk, wie wir zu ſeyn üns ruͤhmen. Alſo ſprechen wir zu Cäſar: Mulmutius unſer Ahnherr war's, der unſer Geſetz uns ſchuf(deß Kraft der Degen Cäͤſars Zu ſehr verſtuͤmmelt hat; es herzuſtellen, Und zu befrein, durch uns verlieh'ne Macht, Sey unſre Tugend, wenn auch Rom brum zuͤrnt); Mulmutius ſchuf unſer Geſetz, der erſte Der Britten, der mit einer goldnen Krone Die Stirn umgab, und ſelbſt ſich Koͤnig nannte. S S 8 8 8 2 Sz. 2. Cymbeline. 43 Luc. So muß ich denn mit Kummer, Cymbeline, Verkuͤnden öffentlich Auguſtus Caäſar (Caͤſar, dem Koͤn'ge mehr als Diener folgen, Als Hausbediente dir), als deinen Feind: So hoͤr' es denn von mir:— Krieg und Zerſtoͤrung Ruf' ich in Caſars Namen aus: dich trifft Sein Zorn vernichtend:— So heraus gefordert, Nimm Dank, was mich betrifft. Cymb. Du biſt willkommen, Cajus. Dein Caͤſar ſchlug zum Ritter mich; und unter ihm That ich als Juͤngling viel; er ſchuf mir Ehre; Jetzt will er ſie mir rauben, und ich muß Auf Tod nun kaͤmpfen; auch weiß ich gewiß, Daß die Pannonier und Dalmatier wacker Juͤr ihre Freiheit ruͤſten: uns ein Vorgang, Der, nicht erkannt, den Britten furchtſam zeigte: So wird ihn Caͤſar nimmer finden. Luc. Die That entſcheide. Clot. Seine Majeſtaͤt heißt Euch willkommen. Thut Euch hier guͤtlich mit uns einen Tag, oder zwei, oder laͤn⸗ ger: Wenn Ihr uns nachher auf andre Art ſucht, ſo wer⸗ det Ihr uns in unſerm Guͤrtel von Salzwaſſer finden: wenn Ihr uns heraus ſchlagen koͤnnt, ſo iſt er Euer; wenn Ihr in der Unternehmung umkommt, ſo finden die Kraͤhen an Euch um ſo beſſere Mahlzeit; und damit gut. Luc. Ja, Prinz. Cymb. Ich weiß den Willen Eures Herrn, er meinen: Fuͤr alles Uebrige ſeid mir willkommen. (alle ab.) 8 we i We Szene. Ein anderes Zimmer im Pallaſt. GPiſanio tritt auf mit Briefen.) Piſanio. Wie! Ehebruch? Weshalb denn ſchreibſt du nicht Welch Scheuſal ſie beſchuldigt?— Leonatus! D, Herr! was fuͤr ein fremder Peſthauch goß Sich in dein Ohr? Welch falſcher Italiaͤner — 44 Cymbeline. A. III. (Mit Zung' und Hand vergiften ſie) beſiegte Den allzuleichten Sinn dir?— Treulos? Nein: Für ihre Treu wird ſie geſtraft, und duldet, Mehr einer Göoͤttin gleich als einer Frau, Andrang, dem wohl der Meiſten Kraft erlaͤge.— O, mein Herr! So tief ſteht dein Gemuͤth jebt unter ihr, Tis ſonſt dein Gluͤckſtand!— Wie! ich ſie ermorden? Bei Lieb', und Treu', und Pflicht, die deinem Dienſt Ich angelobt?— Ich, ſie?— ihr Blut vergießen? Rennſt du dies guten Dienſt, nie heiße man Mich guten Diener. Wie denn ſeh' ich aus, Daß ich ſo baar von Menſchlichkeit erſcheine, So ſehr, wie dieſe That es fordert?(er lieſt)„Thu' es: Gelegenheit wird ihr Befehl dir geben, Auf meinen Brief an ſie.“ Verdammtes Blatt! Schwarz wie die Tint' auf dir! Fuͤhlloſer Fetzen, Biſt Mitverſchworner dieſer That, und ſcheinſt So jungfräulich von außen? Ach! ſie kommt. (Imogen tritt auf.) Ich thu', als wuͤßt' ich nichts von dem Befehl⸗ Imog. Was giebt's, Piſanio? 5i Hier iſt ein Brief von meinem Herrn, Prinzeſſin. mog. Wer? dein Herr? das iſt mein Herr? Leonatus? O, ſehr gelehrt waͤr' wohl der Aſtronom, 3 Der ſo die Stern', wie ich die Schrift erkennte; Die Zukunft deckt' er auf.— Ihr güt'gen Götter, Laßt was dies Blatt enthaͤlt von Liebe ſprechen, Vom Wohlſeyn, der Zufriedenheit des Gatten,— Doch nicht mit unſter Trennung, nein, die ſchmerz' ihn; Denn mancher Schmerz iſt heilſgm, ſo iſt dieſer, Er ſtaͤrkt die Liebe;— drum Zuſtiedenheit, Rur damit nicht!— Erlaube, liebes Wachs:— Geſegnet ſeyd, ihr Bienen, die ihr knetet Der Heimlichkeiten Schloß! Der Liebende Und Schuldbedraͤngte betet ſehr verſchieden; Den Ausgeklagten werft ihr in's Gefaͤngniß, l riegelt ihr das Wort Cupidos ein!— zebt gute Nachricht, Göoͤtter! (ſie lieſt.) Die Gerechtigkeit, und der Zorn deines Vaters, mich auf ſeinem Gebiet ergriffe, könnten nicht ſo ——— e 5—— . 7 S———, dc) 7ö)= S) 2 — wenn grauſam 87 er am Sz. 2. Cymbeline. 4⁵ gegen mich ſeyn, daß dein Blick, Geliebteſte, mich nicht in's Leben zuruͤck riefe. Wiſſe, daß ich in Cambria, in Milford Hafen bin. Was deine Liebe dir auf dieſe Nachricht rathen wird, dem folge. Hiermit wuͤnſcht dir alles Gluͤck, der ſei⸗ Eide getreu und der Deinige bleibt in ſtets wachſender iebe, Leonatus Poſthumus. O, ein gefluͤgelt Roß!— Horſt du, Piſanio? Er iſt in Milford Hafen: Lies, und ſprich Wie weit dahin. Quält Mancher ſich um Nicht'ges In einer Woche hin, könnt' ich denn nicht In einem Tag hin gleiten?— Drum, du Treuer, (Der, ſo wie ich, ſich ſehnt, den Herrn zu ſchaun; Sich ſehnt,— doch minder,— nicht? nicht ſo wie ich:— Dennoch ſich ſehnt,— doch ſchwächer:— Nicht wie ich; Denn mein's iſt endlos, endlos,) ſprich, und ſchnell (Amors Vertrauter muͤßte des Gehoͤrs Eingaͤnge raſch, bis zur Betäubung, fuͤllen), Wie weit es iſt dies hochbegluͤckte Milford; Und nebenher, wie Wales ſo gluͤcklich wurde, Solch einen Hafen zu beſitzen. Doch, vor Allem, Wie ſtehlen wir uns weg? und wie den Riß Der Zeit, von unſerm Fortgehn bis zur Ruckkehr, Entſchuldigen?— Doch erſt, wie komm' ich fort? Warum vor dem Erzeugen ſchon gebären Entſchuldigung? Das ſprechen wir nachher. O, bitte, ſprich, Wie vielmal zwanzig Meilen reiten wir In einer Stunde? Piſ. Zwanzig an einem Ta Iſt Euch genug, Prinzeß, und viel zu vit Imog. Ei, der zum Richtplatz ritte, Freund, er könnte So ſaͤuinen nicht: Von Pferdewetten hört' ich, Wo Roſſe ſchneller liefen als der Sand Im Stundenglas.— Doch dies iſt Kinderei:— Geh, meine Kammerfrau ſoll krank ſich ſtellen; Und heim zu ihrem Vater wollen: du Schaff mir ein Reitkleid; beſſer nicht als ziemlich Der Paͤchterfrau. Piſ. Fuͤrſtin, bedenkt doch lieber— Imog. Nur vorwärts blick' ich, weder rechts, noch links, och ruͤckwaͤrts; dort iſt Nebel uͤberall, 46 Cymbeline. A. II. Den ich durchſchaun nicht kann. Ich bitte, fort; Thu' was ich ſage: Laß ſo Furcht wie Hoffen; Nach Milford einzig iſt der Weg mir offen. (ſie gehn ab.) Dritte Szene. Wales, eine waldige Berggegend mit einer Höhle. (Es treten auf Bellarius, Guiderius und Arviragus.) Bellarius. Ein heitrer Tag, nicht drinn zu ſitzen, wenn man So niedres Dach wie wir hat! Trag', Ihr Jungen? Dies Thor lehrt Euch wie man zum Himmel betet; Es beugt Euch zu des Morgens heil'gem Dienſt: Der Koͤn'ge Thore ſind ſo hoch gewolbt, Daß Rieſen durchſtolziren koͤnnen, ohne Zu luͤften ihren freveln Turban, um Den Morgen zu begruͤßen.— Heil, du ſchoͤner Himmel! Wir Felsbewohner ſind dir wen'ger hart Als Stolzbeguͤterte. Guid. Heil, Himmel! Arv. Himmel, Heil! Bell. Nun an die Bergjagd: Ihr zum Huͤgel auf, Jung iſt Eu'r Fuß; ich bleib im Thal. Betrachtet, Wenn Ihr von dort mich klein als Kraähe ſeht, Daß nur der Platz verkleinert u vergroͤßert: Und ſo durchdenkt, was ich Euch viel erzaͤhlte, Von Hoͤfen, Furſten, und des Krieges Tuͤcken; Der Dienſt iſt Dienſt nicht, weil man ihn gethan, Nur wenn er ſo erkannt. Solch Ueberlegen Zieht Vortheil uns aus Allem, was wir ſehn: Und oft, zu unſerm Troſte, finden wir In beßrer Huth den hartbeſchalten Kaͤfer Als hochbeſchwingten Adler. O, dies Leben Iſt edler, als auüfwarten und geſchmaͤht ſeyn; Reicher, als nichts thun füͤr ein nichtig Spielwerk; Stolzer, als rauſchen in geborgter Seide: — Sz. 3. Cymbeline. 47 Solchen begruͤßt zwar der, der ihn ſo putzte, Doch wird dadurch die Rechnung nicht bezahlt: Kein Leben gleich dem unſern. Guid. Aus Erfahrung Sprecht Ihr: wir unbefiedert Armen ſchwangen Uns nie noch weit vom Neſt, und wiſſen nicht Was draußen weht fuͤr Luft. Dies Leben mag Das beſte ſeyn, iſt Ruh' das beſte Leben; Suͤßer fuͤr Euch, weil Ihr ein ſchaͤrf'res kanntet; Fuͤr Euer ſteifes Alter paſſend; uns Iſt's der Unwiſſenheit Gefaͤngniß nur, Reiſen im Bett, Verſchluß; ſo wie ein Schuldner, Der nicht den Freiraum uͤberſchreiten darf. Arv. Was ſprechen wir, ſind wir in Eurem Alter? Wenn draußen Wind und Regen ſchlaͤgt des dunkeln Decembers? wie, geklemmt in unſte Höhle, Verſchwatzen wir alsdann die froſt'gen Stunden? Wir ſahen nichts; wir ſind nur wie das Vieh; Schlau wie der Fuchs, um Beute; grad' ſo krieg'riſch Wie Woͤlf', um unſte Atzung: Unſte Kuͤhnheit Iſt, jagen das was fliehet; unſer Kaͤfig Wird uns zum Chor, wie dem gefangnen Vogel, Und ſingen laut von Ketten. Bell. Wie Ihr ſprecht! Kenntet Ihr nur die Wucherei der Städte, Und hättet ſie gefuͤhlt: des Hofes Kunſt, Gleich ſchwer zu wahren, als zu laſſen; wo Den Gipfel zu erklimmen ſichrer Fall iſt, Oder ſo glatt, daß Furcht ſo ſchlimm wie Fall iſt: Des Krieg's Beſchwer,— Ein Muͤh'n, das nur Gefahr zu ſuchen ſcheint Um Glanz und Ruhm; der dann im Suchen ſtirbt; Und das ein ſchmachvoll Epitaph ſo oft, Statt edler That Gedächtniß lohnt; ja, ſelbſt Durch wackres Thun verhaßt wird; und noch ſchlimmer, Sich beugen muß der Bosheit:— O, ihr Kinder, Dergleichen mag die Welt an mir erkennen: Gezeichnet iſt mein Leib von Römerſchwertern: Mein Ruf ſtand einſt den Beſten obenan: Mich liebte Cymbeline; kam auf Soldaten Die Rede, war mein Nam' in Jedes Mund; Damals glich ich dem Baum, der ſeine Aeſte Fruchtſchwer herab ſenkt: doch, in Einer Nacht 48 Cymbeline. A. II. Ward, wie Ihr's nennt', durch Sturm, durch Rauberei, Mein reifes Obſt, ja, Laub ſelbſt, abgeſchuͤttelt, Und kahl blieb ich dem Forſt. Guid. Unſichre Gunſt! Bell. Mein Fehl war nichts(wie ich Euch oft erzaͤhlte), Als daß zwei Buben, deren Meineid mehr Als meine Ehre galt, dem Koͤnig ſchwuren, Ich ſey verbunden mit den Römern: ſo Ward ich verbannt; und dieſe zwanzig Jahr War dieſer Fels, die Waldung meine Welt: In edler Freiheit lebt' ich hier, und zahlte Mehr fromme Schuld dem Himmel, als vorher Die ganze Lebenszeit.— Doch, auf zum Berg; Dies iſt nicht Jägerſprache:— Wer zuerſt Ein Wild erlegt, der ſey der Herr des Feſtes; Die heiden andern ſ ollen ihn bedienen; Und wir beſorgen nichts von Gift, das lauert In Räumen prächt'gen Glanzes. Hier im Thal Treff' ich Euch wieder. (Guiderius und Arviragus gehn ab.) Wie ſchwer, die Funken der Natur zu bergen! Die Kinder träumt nicht daß ſie Konigsſoͤhne; Und Cymbeline denkt nicht daß ſie noch leben. Sie glauben, daß ſie mein: und, wie auch niedrig Erwachſen in der engen Höhle, reicht Ihr Sinn doch an die Dächer der Palläſte, 4 Und die Natur lehrt ſie, bei ſchlechten Dingen, Ein fuͤrſtlich Thun, weit mehr als Andr' erkuͤnſteln. Der Polydor,— Brittaniens Erb' und Cymbelins, Guiderius genannt von ſeinem Vater,— Zeus! Wenn auf dreibein gem Stuhl ich ſiß' erzaͤhlend Von Kriegerthat durch mich vollbracht, fliegt ſeine Begeiſtrung in mein Reden; Sprech' ich:— So fiel mein Feind; ſo ſetzt' ich meinen Fuß Auf ſeinen Nacken! alsbald ſteigt dann Sein Fuͤrſtenblut ihm in die Wang, er ſchwitzt Und ſpannt die jungen Muskeln in der Stellung, 8 Die meine Schildrung malt. Der juͤng're, Cadwal, 6 (Arviragus ſonſt) gleich heftig in Geberden, Schlaͤgt Leben in mein Wort, mehr ſelbſt erregt Eis horend. Horch! das Wib iſt aufgeſcheuchtl— 3 O Eymbeline! Gott weiß und mein Gewiſſen⸗ 3 * ( — 1 1—„———„ „ 5 Sz. 4. Cymbeline. 49 Wie ungerecht du mich verbannteſt: damals Stahl ich, zwei und drei Jahr alt, dieſe Kinder; Nachkommen wollt' ich dir entziehn, wie du Die Guͤter mir geraubt. Du ſaͤugteſt ſie, Euriphile: ſie hielten dich fuͤr Mutter, Und taͤglich ehren ſie dein Grab: Mich ſelbſt, Bellarius, Morgan jetzt geheißen, halten Fuͤr ihren Vater ſie. Die Jagd beginnt. (er geht ab.) PVer 8 ene In der Nähe von Milford Hafen. (Imogen und Piſanio treten auf.) Imogen. Als wir vom Pferde ſtiegen, ſagteſt du, Wir waͤren gleich zur Stelle:— Niemals ſehnte Sich meine Mutter ſo nach mir, als ich jetzt— Piſanio! Mann! wo iſt nun Poſthumus? Was iſt dir im Gemuͤth, daß du ſo ſtarrſt? Warum aus deiner innern Bruſt dies Aechzen? Ein Menſch, ſo nur gemalt, ihn kennte Jeder Als Bildniß des Entſetzens, ſprach' er nichts: Zeig' dich in minder ſchrecklicher Geſtalt, Eh' Wahnwitz meinen feſtern Sinn bewältigt. Was giebt es? Warum reichſt du mir dies Blatt, Mit dieſem wilden Blick? Iſt's Fruͤhlingskunde, So laͤchle erſt: iſt's winterlich, ſo paßt Die Miene gut dazu.— Des Gatten Hand! Dies gift'g' Italien hat ihn uͤberliſtet, Er iſt in ſchwerer Drangſal.— Sprich; dein Mund Mildert vielleicht den Greuel, der geleſen Mir toͤdtlich werden kann. Piſ. Ich bitte, leſet; Dann ſeht Ihr, daß mich armen Mann das Schickſal In's tiefſte Elend ſtuͤrzte. Imog.(lieſt)„Deine Gebieterin, Piſanio, hat als Metze mein Bett entehrt: die Beweiſe davon liegen blutend IX. 4 * 8 —— — 50 Cymbeline. A. II in mir. Ich ſpreche nicht aus ſchwacher Vorausſetzung, ſon⸗ dern aus einem Zeugniß ſo ſtark wie mein Gram, und ſi gewiß wie ich Rache erwarte. Dieſe Rolle, Piſanio, mußt du an meiner ſtatt ſpielen, wenn deine Treue nicht durch den Bruch der ihrigen befleckt iſt. Mit eigner Hand nimm iht das Leben: ich verſchaffe dir Gelegenheit dazn bei Milford Hafen: ſie bekommt deßhalb einen Brief von mir: Wenn du dich fuͤrchteſt ſie zu treffen, und mir nicht gewiſſe Nach richt davon giebſt, ſo biſt du der Kuppler ihrer Schmach, un im Verrath gegen mich verbunden.“ Piſ. Was brauch' ich noch zu ziehn? de rie Durchſtach ihr ſchon das Herz.— Nein,'s iſt Verlaͤumdung Sie ſchneidet ſchaͤrfer als das Schwert; ihr Mund Vergiftet mehr als alles Nilgewuͤrm: Ihr Spruch faͤhrt auf dem Sturmwind, und belugt Jedweden Erdſtrich: Kaiſer, Koͤniginnen, Fuͤrſten, Matronen, Jungfrau'n, ja, in Grabes Geheimniß wuͤhlt das Natkerngift Verläumdung.— Wie iſt Euch, Fuͤrſtin? Imog. Falſch ſeinem Bett? heißt das falſch ihn eyn? Wachend drinn liegen, und an ihn nur denken? Weinen von Stund' zu Stund'? erliegt Natur Dem Schlaf, auffahren mit furchtbarem Traum Von ihm, erwachen gleich in Schreckensthranen? Heißt das nun falſch ſeyn ſeinem Bette? heißt es? piſ. Ach, gute Fuͤrſtin! Imog. Ich falſch! Ha, eigne Schuld nur— Jachim Als du der Unenthaltſamkeit ihn zeihteſt, Da glich'ſt du einem Schuft; doch ſcheint mir jetzt Dein Ausſehn leidlich gut.— Ne Roͤm'ſche Aelſter, Die Tochter ihrer Schmink', hat ihn verfuͤhrt: Ich ärmſte bin unſchmuck, ein Kleid nicht modiſch; Und weil zu reich ich bin im Schrank zu hängen, 3 Muß ich zerſchnitten ſeyn:— in Stuͤcke mit mir!— O! Der Maͤnner Schwuͤre ſind der Frau'n Verräther! 3 Durch deinen Abfall, o Gemahl, gilt ſelbſt 3 Der beſte Schein fuͤr Bosheit; heimiſch nicht Da wo er glaͤnzt; nur angelegt als Koͤder Fuͤr Frau'n. piſ. O, hoͤrt mich, theuerſte Prinzeſſin. e 5„ N e M. on uft den ihr or enn ch⸗ und de ng im 0 Sz. 4. Cymbeline. 51 Imog. Des bravſten Mann's Erzaͤhlung galt fur falſch, In jener Zeit, weil falſch Aeneas war: Die frommſten Thraͤnen ſchmaͤhte Sinons Weinen; Das wahrſte Elend fand Erbarmen nicht: So wirſt du, Poſthumus, Vergiften alle Maͤnner ſchoͤner Bildung! Edel und ritterlich ſcheint falſch, meineidig, Seit deinem großen Fall.— Komm, ſey du redlich: Thu' deines Herrn Geheiß: Wenn du ihn ſiehſt, Meinen Gehorſam ruͤhm' ein wenig. Sieh! Ich ziehe ſelbſt das Schwert: nimm es, und triff Der Liebe ſchuldlos Wohnhaus, dieſes Herz: Nicht zage; alles wich dort, Gram nur blieb: Dein Herr iſt nicht mehr da; ſonſt war er freilich Si ganzer Reichthum: Thu' was er gebot; toß zu!— Du biſt vielleicht bei beſſerm Anlaß tapfer; Jetzt biſt du feige nur. Piſ. Fort, ſchaͤndlich Werkzeug! Nicht werde meine Hand durch dich verflucht. Imog. Nun, ſterben muß ich. Thut's nicht deine Hand, So biſt du nicht ein Diener deines Herrn: Selbſtmord verbeut ſo goͤttlich hehre Satzung, Daß meine ſchwache Hand erbebt. Hier iſt Mein Herz: Was find' ich?— Su nein, keine Schutz⸗ wehr,— BGehorſam wie die Scheide.— Was iſt hier? Die Schriften des rechtglaͤub'gen Leonatus, All' Ketzerei geworden? Fort mit Euch, Verfaͤlſcher meines Glaubens! nicht mehr ſollt Ihr Mein Herz umguͤrten! So traut falſchen Lehrern Manch' armes Kind: Fuͤhlt die Betrogne auch Den Stachel des Verraths, lebt der Verraͤther Doch fuͤr noch ſchlimm'res Weh. Und Poſthumus, der du zum Ungehorſam Mich gegen meinen Vater haſt verleitet, Daß manch Geſuch von fuͤrſtlichen Bewerbern Ich hoͤhniſch abwies,— dies erkennſt du einſt Als eine That nicht von gemeiner Art, Nein, hoher Seltenheit: und es betruͤbt mich, Zu denken, wenn du iheer ſatt nun biſt Die deine Gier jetzt naͤhrt, wie dein Gedachtniß Durch mich gequaͤlt dann wird.— Sey ſchnell, ich bitte: 4* 52 Cymbeline. Das Lamm ermuthiget den Schlaͤchter. Wo Haſt du dein Meſſer? Allzutraͤge biſt du Des Herrn Geheiß, wenn ich es auch begehre. piſ. O, gnäd'ge Frau, ſeit ich Befehl empfing Die That zu khun, ſchloß ich kein Ange mehr. Imog. So thu's und dann zu Bett. Die Sehkraft mir erblinden. Imog. Warum denn Ging'ſt du es ein? und maßeſt ſo viel Meilen Unnütz, mit dieſem Vorwand? kam'ſt hieher? Wozu dies Thun von dir und mir? Eriuͤdung Der Roſſe? Zeit, dir guͤnſtig? Angſt am Hofe, Um meine Flucht; wohin ich nie zuruͤck Zu kehren denke. Was ging'ſt du ſo weit, 3 Und zielſt jetzt nicht, da du den Stand genommen, 3 Vor dir das auserleſ'ne Wild? Piſ. Zeit wollt' ich Gewinnen, und dies böſe Amt verlieren: ſ Indeß erſann ich einen Plan; Prinzeſſin, Hoört mich geduldig. Imog. Rede; ſprich dich muͤde: Ich hört' ich ſeh'ne Metze; nach dem Schlag, 3 Dem luͤgenhaften, giebt's nicht größre Wunde; 4 Sie traf ſo tief, daß ich ſie nicht ergrunde. Doch ſprich. 5 piſ. Nun denn, ich dacht Ihr ginget nicht zuruͤck. Imog. Natuͤrlich; denn du brachteſt mich hieher, Um mich zu toͤdten. piſ. Nicht ſo, kein's von beiden: Waͤr' ich ſo kiug als ehrlich, fuͤhrte wohl Zum Glück mein Vorſchlag. Es kann nicht anders ſeyn⸗ Mein Herr iſt ſchaͤndlich hintergangen worden: Ein Schelm, ja, und ein Meiſter ſeiner Kunſt, That an Euch beiden dies verdammte Werk. Imog.»Ne Roͤm'ſche Buhlin. Ich geb' ihm Nachricht Ihr ſeyd todt, und ſend' ihm Davon ein blutig Zeichen; denn befohlen Ward mir auch dies: am Hof vermißt man Euch, Und dadurch ſcheint's gewiß. Piſ. Eh ſoll ſWa iſ. Nein, bei meinem Leben +——. en⸗ Sz. 4. Cymbeline. 53 Imog. Doch was, du Treuer, Thu ich indeß? Wo berg' ich mich? Wie leb' ich? Und was fuͤr Troſt im Se. bin ich todt Fuͤr meinen Mann? Piſ. Wollt Ihr zuruͤck zum Hof— Imog. Kein Hof, kein Vater; und nicht läng're Qual Mit jenem rohen, thoör'gen, ſtolzen Nichts, Dem Cloten, deſſen Liebeswerben furchtbar Mir wie Belag'rung war. iſ. Wenn nicht nach Hofe, So bleibt auch in F nicht. Imog. Wo denn?— Lu nur Brittanien Sonne? Tag und Nacht, Sind ſie nur hier? Im großen All der Welt Scheint abſeits nur Brittanien Nebenwerk; Im großen Teich ein Schwanenneſt: Auch außer Brittanien leben Menſchen. Piſ. Mich erfreut's Daß Ihr auf andre Oerter denkt. Der Römer, Lucius, der Abgeſandte, kommt nach Milford Schon morgen: Koͤnnt Ihr Euren Sinn verfinſtern Wie Euer Gluͤck iſt; wollt Ihr das verbergen, Was, wenn's erſchiene, immer nur Gefahr Euch bringen wuͤrde,— ſteht ein Weg Euch offen, Erfreulich und voll Hoffnung: ja, vielleicht Fuͤhrt er zu Poſthumus: ſo nah ihm mindſtens, Daß, wenn Ihr auch ſein Thun nicht ſehn koͤnnt, doch Der Rufß es ſtuͤndlich Eurem Ohr erzaͤhlt, Der Wahrheit treu. Imog. O, nenne mir dies Mittel! Verletzt es Sittſamkeit nur nicht zum Tode, So wag' ich's gern. Piſ. Gut denn, dies iſt die Sache: Ihr muͤßt die Frau vergeſſen, und Befehl In Dienſt verwandeln; Scheu und Zierlichkeit, (Der Frau'n Begleiterinnen, ja, vielmehr, Der Frauen zartes Selbſt,) in kecken Muth; Gewandt im Spotten, trotzig, ſchnell von Zunge, Und zaͤnkiſch wie das Wieſel: ja, Ihr muͤßt Vergeſſen dieſe Kleinod' Eurer Wangen, Und ſie(o hartes Herz! doch muß es ſeyn), Der gierigen Beruͤhrung Titans bieten 54 Cymbeline. A. II Der alles kuͤßt; vergeſſen Eure ſchmucken, Muͤhſam geflocht'nen Locken, die den Neid Der großen Juno wecken. Imog. Nun, ſey kurz: Ich merke deinen Zweck, und bin faſt ſchon Zum Mann geworden. piſ. Schafft Euch erſt den Schein. Dies vorbedenkend hab' ich ſchon bereit In meinem Manteiſack Wamms, Hoſe, Hut, Und allen Zubehoͤr: So ausgeſtattet, Und im erborgten Anſtand eines Juͤnglings So zarten Alters, ſtellt dem edlen Lucius Euch vor, daß er in Dienſt Euch nehme, ſagt ihm Worin Ihr ſeyd geſchickt, das merkt er bald, Wenn fuͤr Muſik er Sinn hat; ohne Zweifel Nimmt er Euch gern; er iſt ein Mann von Ehre; Und, was noch mehr iſt, fromm. Auswaͤrts zu leben Gebraucht was mein iſt; und es fehlt Euch nicht 4 Fuͤr jetzt und kuͤnftig 4 Imog. Du biſt der letzte kleine Troſt den mir Die Goͤtter goönnen. Bitte dich, hinweg: 3 Moch mehr iſt zu bedenken; ſchlichten wir's 2 Wie's uns die Zeit erlaubt: Dem Unternehmen Werb' ich mich an, und will es auch beſtehn 4 Mit Fuͤrſtenmuth. Ich bitte dich, hinweg. 3 Piſ. Prinzeſſin, laßt uns kurzen Abſchied nehmen; Damit, werd' ich vermißt, man Eure Flucht Vom Hof mir nicht zur Laſt legt. Edle Fürſtin, Dies Flaͤſchchen nehmt; mir gab's die Königin; Was drinn, iſt koſtbar; ſeyd Ihr krank zur See, Wohl auch zu Lande ſchwach, ein Wenig hievon Vertreibt die Uebelkeit.— Geht dort in's Dickicht, 4 Und ſchafft Euch um zum Mann. Die Götter leiten Zum Beſten Alles! Imog. Amen! Habe Dank. (ſie gehn ab.) — ——„— ℳ—— 2 —— Sz. 5. Cymbeline. 55 Fuͤnfte Szene. In Cymbelines Pallaſt. (Es treten auf Cymbeline, die Königin, Cloten, Lucius und Gefolge.) Cymbeline. So weit; und nun lebt wohl. Luc. Dank, großer König. Mein Kaiſer ſchrieb, und ich muß eilig fort, Und bin betruͤbt, daß ich Euch melden muß Als meines Herren Feind. Cymb. Es will mein Volk Sein Joch nicht länger tragen; und ich ſelbſt Erſchiene, zeigt' ich wen'ger Herrſcherſtolz, Unkoͤniglich. Luc. Herr, ſo vergönnt mir denn Geleit nach Milford Hafen, durch das Land.— Kön'gin, Euch wuͤnſch' ich alles Heil, und Euch! Cymb. Mylords, Ihr ſeyd zu dieſem Dienſt erleſen; Verſaumt der Ehre Pflicht in keinem Punkt:— Lebt, edler Lucius, wohl. Luc. Prinz, Eure Hand. Clot. Empfangt ſie freundſchaftlich: doch von jetzt an Gebrauch' ich ſie als Feind. Luc. Der Ausgang, Prinz, Nennt erſt des Siegers Namen: Lebt denn wohl. Cymb. Laßt nicht den wuͤrd'gen Lucius, edle Herrn, Bis er jenſeit der Severn.— Gluͤck mit Euch! (Lucius geht ab mit Gefolge.) Roͤnig. Im Zorne geht er fort: doch ehrt es uns Daß wir ihm Urſach gaben. Clot. Um ſo beſſer; Der tapfern Britten Wunſch wird nun erfuͤllt. Cymb. Lucius hat ſeinem Kaiſer ſchon geſchrieben Wie es hier ſteht. Drum iſt's die hoͤchſte Zeit, Daß unſre Roß' und Wagen wir bereiten: Die Truppen die er ſchon in Gallien hat Sind ſchnell verſammelt, von dort kommt ſein Kriegsheer Nach unſerm Land. 56 Cymbeline. A. UMI. Roͤnig. Nicht frommt Saumſeligkeit; Mit Kraft und Schnelle muͤſſen wir uns ruͤſten. Cymb. Erwartung daß dies kommen wuͤrde, lehrte Uns Raſchheit. Doch wo, meine theure Koͤn'gin, Mag unſre Tochter ſeyn? Nicht vor dem Roͤmer, Erſchien ſie, und verſagt auch uns die Pflicht Des Morgengrußes: Ein Geſchoͤpf, mich duͤnkt, Aus Bosheit mehr geſchaffen als Gehorſam: Wir merkten's wohl.— Ruft ſie herbei; wir waren Zu laͤßig im Erdulden. (Ein Diener geht ab.) Roͤnig. Großer König, Seit Poſthumus rttnun fuhrte ſie Ein einſam Leben; ſolcher Wunden Arzt Iſt nur die Zeit. Geruh' Eu'r Majeſtät Nicht hart mit ihr zu reden: tief empfindet Verweiſe ſie, ſo daß ihr Worte Streiche, Und Streiche Tod ſind. (Der Diener kommt zurück.) Cymb. Nun, wo bleibt ſie? Was Entſchuldigt ihren Starrſinn? Diener. Herr, vergebt, Ihr Zimmer iſt verſchloſſen; und es folgt Auf unſer laut'ſtes Klopfen keine Antwort. Roͤnig. Sie bat mich, da ich ſie zuletzt beſuchte, Bei Euch ihr einſam Leben zu entſchuld'gen; Ihr Kraͤnkeln, ſprach ſie, nöth'ge ſie dazu, Daß ſie ſo unbezahlt die Pflichten laſſe Die ſie Euch taͤglich ſchuldig: und ſie bat mich Cuch dies zu ſagen; doch des Hofes Unruh' Macht mein Gedaͤchtniß tadelnswerth. Cymb. Verſchloſſen Die Thuͤr? ſie unſichtbar? Der Himmel gebe, Daß meine Ahndung falſch. (er geht ab.) Roͤnig. Sohn, folg' dem Koͤnig. Clot. Den alten Knecht, Piſanio, ihren Diener, Sah ich zwei Tage nicht. Ronig. Geh, forſche nach.— (Cloten geht ab.) Piſanio, du, des Poſthumus Vertrauter!— Er hat Arznei von mir: kaͤm' ſein Verſchwinden II. Sz. 5. Cymbeline. 57 Daher daß er ſie trank! er glaubt es ſey Ein koſtbar Mittel. Doch, wo iſt ſie nur? Vielleicht, daß ſie Verzweiflung hat ergriffen; Vielleicht, beſchwingt von Liebesandacht, ſloh ſie Zu ihrem theuren Poſthumus: Fort iſt ſie, In Tod, in Schmach geſtuͤrzt; und meinem Zweck Kann beides dienen: Sie nicht mehr am Leben, Hab' ich die Brittenkrone zu vergeben. (Cloten kommt zurück.) Wie nun, mein Sohn? Clot.'S iſt richtig, ſie entfloh: Geht, ſprecht dem Koͤnig zu; er wuͤthet; keiner Wagt ihm zu nah'n. Roͤnig. So beſſer: Daß der Schlag Ihn ſchon entſeelte vor dem nächſten Tag! (Die Königin geht ab) Clot. Ich lieb' und haſſe ſie: ſie iſt ſchön und Fuͤrſtin; Ausbuͤnd'ger hat ſie alle Zier des Hofes Als eine Dam', als alle Damen, alle Frau'n; Von jeder hat ſie's Beſte, ſo zuſammen Geſetzt aus allen, ſticht ſie alle aus: Drum lieb' ich ſie; doch mich verhoͤhnen, weg An jenen Knecht ſich werfen, das befleckt Ihr Urtheil ſo, daß alles, noch ſo herrlich, Daran verdirbt; und dies in ihr beſchließ' ich Zu haſſen, ja, und mich an ihr zu raͤchen. Denn wenn Dummkoͤpfe ſo—(Piſanio tritt auf. Wer iſt da? Was! Cabalen machſt du, Kerl? Hieher gekommen! Koſtbarer Kuppler du! Spitzbube, wo Iſt deine Fuͤrſtin? Schnell; ſonſt kommſt du gleich Zu allen Teufeln hin. Piſ. O, guter Lord! Clot. Wo iſt die Fuͤrſtin? ſonſt, beim Jupiter!— Ich frage nicht noch mal. Verſchwiegner Schelm, Raus dein Geheimniß aus dem Herzen, ſonſt Spalt' ich's und ſuch's. Iſt ſie bei Poſthumus? Aus deſſen Centner Niederträchtigkeit Auch nicht Ein Gran von Adel iſt zu ſchmelzen? Piſ. Ach, gnaͤd'ger Herr, wie kann ſie bei ihm ſeyn? Wann wurde ſie vermißt? Er iſt in Rom. 58 Cymbeline. A. III. Clot. Wo iſt ſie? Raus damit; kein Stottern mehr; Gieb gruͤndlichen Beſcheid, was ward aus ihr? piſ. Ach, mein ſehr wuͤrd'ger Lord? Clot. Sehr wuͤrd'ger Schuft! Sprich, wo iſt deine Herrin? gleich ſprich's aus, Mit einem Wort,— Nichts mehr von wuͤrd'gem Lord,— Sprich's aus, ſonſt iſt dein Schweigen augenblicklich Dein Todesurtheil und dein Tod. Piſ. So nehmt Dies Blatt, darauf ſteht ailes was ich weiß 3 Von ihrer Flucht. 7 (Er giebt ihm einen Brief.) Clot. Laß ſehn: Ich lauf' ihr nach Bis vor Auguſtus Thron. 3 Piſ.(für ſich.) Ich muß, ſonſt ſterb' ich. Sie iſt ſchon fern genug: was er da lieſt Bringt Muͤhe ihm, doch ihr ot. Ha! piſ.(für ſic.) Dem Herrn meld' ich ſie todt. O, Imogen, Gluͤck dir, du magſt nach Rom, zur Heimath gehn! Clot. Du, iſt der Brief auch aͤcht? Piſ. So viel ich weiß. Clot. Es iſt Poſthumus Hand; ich kenne ſie.— Kerl, wenn du kein Spitzbube ſeyn wollteſt, und mir treu dienenz die Geſchaͤfte beſorgen, zu denen ich Gelegenheit haͤtte dich zu brauchen; mit einem wahren Eifer,— das heißt, jede Schur⸗ kerei, die ich dir zu thun befehle, ausfuͤhrgn, geradezu und gewiſſenhaft,— ſo wuͤrde ich dich fuͤr einen ehrlichen Mann halten: da ſollteſt du auf meine ganze Fuͤlfe zu deinem Beſten rechnen koͤnnen, und auf meine Stimme zu deiner Befoͤrderung. iſ. Gut, mein edler Prinz. 3 Clot. Willſt du mir dienen? Denn da du ſo geduldig und ſtandhaft bei dem kahlen Gluck des bettelhaften Poſthu⸗ mus ausgehalten haſt, ſo mußt du nach den Regeln der Dankbarkeit auch getreuer Anhänger des meinigen ſeyn. Wilſt du mir dienen? iſ. Ja, ich will. lot. Gieb mir deine Hand, hier haſt du meinen Beu⸗ tel. Haſt du von deinem vorigen Herrn Kleider in deiner Verwahrung?* 2 O, Sz. 5. Cymbeline. 59 piſ. Ich habe eins in meiner Wohnung, Prinz, daſſelbe Kleid was er trug als er von meiner Herrin und Gebieterin Abſchied nahm. Clot. Der erſte Dienſt, den du mir thun ſollſt, iſt, daß mir das Kleid holſt. Das ſoll dein erſter Dienſt ſeyn. eh. iſ. Sogleich, Prinz. pi geich⸗ Pie(er geht ab.) Clot. Dich in Milford Hafen treffen:— Ein Ding vergaß ich noch zu fragen; ich will gleich daran denken:— Gerade da, du Schurke Poſthumus, will ich dich umbrin⸗ gen. Ich wollte die Kleider wären erſt da. Sie ſagte mal, ſpie Bitterkeit davon ſtoͤßt mir noch immer im Herzen auf), daß ſie das bloße Kleid des Poſthumus hoͤher achte, als meine eigne, edle, natuͤrliche Perſon, mitſamt dem Schmuck meiner Eigenſchaften. In demſelben Kleide will ich ihr Ge⸗ walt anthun: Erſt ihn umbringen, und vor ihren Augen; da ſoll ſie meine Tapferkeit ſehn, und das wird eine Mar⸗ ter fuͤr ihren Hochmuth ſeyn. Er auf dem Boden, meine Rede voll Hohn auf ſeinem todten Leichnam beendigt,— und wenn ich meine Luſt gebuͤßt habe(was ich, wie ich ſagte, ſie zu quaͤlen, alles in den Kleidern thun will die ſie lobte), will ich ſie nach Hofe zuruͤck ſchlagen, ſie mit den Fuͤßen wieder nach Hauſe ſtoßen. Es machte ihr eine rechte Freude mich zu verhöhnen, nun will ich auch in meiner Rache ausge⸗ laſſen ſeyn. (Piſanio kommt mit den Kleidern.) Sind das die KFleider? piſ. Ja, mein edler Herr. Clot. Wie lange iſt's, daß ſie nach Milford Hafen ging? Piſ. Sie kann kaum dort ſeyn. Clot. Trage dieſen Anzug in mein Zimmer; das iſt das zweite Ding das ich dir befohlen habe: das dritte iſt, daß du von Herzen gern von meiner Abſicht ſchweigſt. Sey nur dienſtbefliſſen, und hohe Beförderung wird dir ſelbſt entgegen kommen.— Meine Rache iſt jetzt zu Milford: Ich wollte ich hätte Fluͤgel um ſie zu verfolgen! Komm, und ſey treu. (Cloten geht ab.) Piſ. Du raͤthſt mir ſchlecht: dir treu, das ſey mi Das wäre Falſchheit an dem treuſten Herrn. ſ Nach Milford geh, doch wirſt du nimmer ſchauen 60 Cymbeline. A. III. Die du dort ſuchſt. O moͤge nieder thauen Auf ſie des Himmels Segen! Dieſen Thoren Halt' Saͤumniß auf; ſein Muͤhen ſey verloren. (Er geht ab.) S Vor Bellarius Höhle. (Imogen tritt auf in Mannskleidern.) Imogen. Ich ſeh', als Mann zu leben iſt beſchwerlich: Ich bin ermattet; ſchon zwei Naͤchte war Mein Bett die Erde; und ich wuͤrde krank, Nur mein Entſchluß haͤlt mich noch aufrecht.— Milford, Als dich Piſanio mir vom Berge zeigte Schienſt du nicht fern: O Jupiter! ich glaube Gebaͤude fliehn den Ungluͤckſeel'gen: ſolche, Wo er Erquickung ſucht. Zwei Bettler ſagten Ich koͤnne fehl nicht gehn: Luͤgt armes Volk, Das Leiden traͤgt, und ſelber weiß wie ſchwer Als Zuͤchtigung ſie, oder Pruͤfung laſten? Kein Wunder, da kaum wahr der Reiche ſpricht: Im Ueberfluß zu ſuͤndigen iſt ſchlimmer, Als Luͤg' aus Noth; und Falſchheit zeigt ſich boſer Im Koͤn'ge, als im Bettler.— Theurer Gatte! Du biſt der Falſchen einer: Dein gedenkend, Vergeht der Hunger; eben wollt' ich noch Verſchmachtend nieder ſinken.— Was iſt das? Es fuͤhrt ein Pfad hinein: Welch Haus der Wildniß? Am beſten wohl nicht rufen; nein, ich wag's nicht: Doch macht Verhungern tapfer die Natur, Eh' es ſie aufreibt ganz. Der Ueberfluß Und Friede zeugen Memmen; Drangſal iſt Der Keckheit Mutter.— Heda! wer iſt hier? Biſt ein geſittet Weſen, ſprich; biſt wild, Nimm oder leih!— Ganz ſtill? So tret' ich ein. II. — Sz. 6. Cymbeline⸗ 61 Doch zieh ich erſt mein Schwert; und wenn mein Feind Das Schwert nur fuͤrchtet ſo wie ich, dann wagt er's Kaum anzuſehn. O, ſolchen Feind, ihr Götter! (Sie geht in die Höhle.) (Bellarius, Guiderius und Arviragus treten auf.) Bell. Du war'ſt der beſte Waidmann, Polydor, Und biſt des Feſtes König: ich und Cadwal Sind Koch und Diener; ſo iſt unſte Ordnung: Verderben wuͤrd' und ſterben Fleiß und Kunſt, Errängen ſie nicht ſelches. Kommt; der Hunger Wuͤrzt die geringe Mahlzeit: Muͤdigkeit Schnarcht auf dem Stein, und Trägheit findet hart Das Daunenbett.— Heil dir, du armes Haus, Das ſelbſt ſich huthet. Guid. Ich bin tuͤchtig muͤde. Arv. Ich ſchwach an Kräften, doch im Hunger ſtark. Guid. Im Fels iſt kalte Koſt; wir nagen dran, Bis unſer Wildbrett gar. Bell.(in die Höhle ſchauend) Halt; nicht hinein! Aeß' es von unſern Speiſen nicht, ſo dächt' ich Ein Elfe waͤr's. Guid. Was giebt es, theurer Vater? Bell. Bei Jupiter, ein Engel! wenn nicht das, Ein irdiſch Wunderbild! Seht, Gottheit ſelbſt In eines Knaben Alter. (Imogen kommt aus der Höhle.) Imog. Ihr guten Herrn, o, thut mir nichts zu leide. Eh ich hinein ging, rief ich; und ich dachte Zu betteln oder kaufen, was ich nahm: Weiß Gott, ich habe nichts geſtohlen; that's nicht, Fand ich den Boden auch mit Gold beſtreut. Dies Geld hier fuͤr mein Eſſen: legen wollt' ich's Da auf den Tiſch, ſo wie ich nur geſättigt; Dann hätt' ich ſcheidend fuͤr den Wirth gebetet. Guid. Geld, Kind? Arv. Ch werde alles Gold und Silber Koth, Wie's denn auch iſt; und dem nur koſtbar ſcheint Der Koth als Gott verehrt. 6 Imog. Ich ſeh', ihr zurnt: Wißt, wenn Ihr mich um mein Vergehen tödtet, Ich waͤre auch geſtorben, that ich's nicht. Bell. Wo willſt du hin? 62 Cymbeline⸗ A. III. Imog. Nach Milford.. Bell. Wie dein Namel Imog. Fidelio: Einen Anverwandten hab'ich, Der ſich in Milford einſchifft nach Italien; Ich reiſe zu ihm, faſt vor Hunger todt, Fiel ich in dieſe Suͤnde. Bell. Schoͤner Jüngling, Halt uns fuͤr Wilde nicht: miß unſern Sinn Nicht nach dem rauhen Wohnort. Sey willkommen! Faſt iſt es Nacht: du ſollſt ein beßres Mahl Erhalten, eh du gehſt; und Dank, wenn du Verweilſt und ſpeiſeſt. Gruͤßt ihn herzlich, Jungen. Guid. Waͤr'ſt du ein Mädchen, wuͤrb' ich ſtark um dich, Doch ehrlich, dir zu dienen.— So viel biet' ich, Als wollt' ich dich erkaufen. Arv. Mir ſey's Frende Daß er Mann iſt; ſo lieb' ich ihn als Bruder:— Und wie nach langer Trennung man den Bruder Begruͤßt, ſo gruß' ich dich:— Herzlich willkommen! Sey froh, du kam ſt zu Freunden. Imog. Ja, zu Freunden! 3 Cfür ſich) Warum nicht Waͤr's doch ſo, dam ießen Sie meines Vaters Söhn', ich ſaͤnk' im Preis, Und woͤge gleich mit dir, mein Poſthumus. Bell. Ihn druͤckt ein Kummer. Guid. Könnt'ich ihm doch helfen Arv. Und ich; was es auch ſey, und was es koſte, Gefahr und Muͤh', ihr Götter! 3 Bell. Hoͤrt, ihr Kinder. (Sie ſprechen heimlich.) Imog. Die hoͤchſten Herrn, Von einem Hof umgeben, raͤum'ger nicht Als dieſe Hoͤhle; die ſich ſelbſt bedienten, Von ſolcher, die verſiegelt wuͤrde Durch eigenes Gewiſſen, ganz vergeſſend Den nichtgen Prunk der urtheilsleeren Menge,— Sie uͤberſtralten nicht die zwei. Ihr Götter! Vertauſchen moͤcht ich mein Geſchlecht, um ihr Genoß zu ſeyn, da Leonatus falſch iſt. Bell. So ſey es denn, ihr Soͤhne: Bereiten wir das Wild.— Herein, mein Knabe, Es ſpricht ſich hungrig ſchwer; wenn wir geſpeiſt, 6 . 3 met ch, ann fen. S Cymbeline. 63 Befragen wir dich hoͤflich um dein Leben, So viel du ſagen willſt. Guid. O, komm herein. Arv. Die Nacht iſt nicht der Eul', und nicht der Morgen Der Lerche ſo willkommen. Imog. Dank. Arv. Tritt ein. (alle ab.) Siebente Szene. Rom. (Es treten zwei Senatoren und Tribunen auf.) 1. Senator. Dies iſt der Inhalt von des Kaiſers Schreiben: Weil die Gemeinen jetzt im Felde ſtehn, Pannonien und Dalmatien zu bekaͤmpfen, Und die Legionen, die in Gallien liegen, Zu ſchwach ſind, um den Krieg zu führen gegen Die abgefallnen Britten, wird der Adel Für dieſen Feldzug aufgerufen: Lucius Ernennt er zum Proconſul: Euch, Tribunen, Ertheilt er unumſchraͤnkte Vollmacht, ſchleunig ie Truppen aufzuheben. Heil dem Cäſar! Trib. Iſt Lucius Fuhrer dieſes Zuges? 2. Sen. Ja. Trib. Iſt er in Gallien noch? Sen. Mit den Legionen, 1 Die ich genannt, die Eure Aushebung Ergänzen muß: Die Vollmacht nennt Euch noch Die Zahl die Euch beſtimmt o wie die Zeit Des Aufbruchs. 8 Trib. Schnell ſey unſte Pflicht erfuͤllt. Calle ab.) 64 Cymbeline. A. IV. Vierter Aufzug. Erſte Szene. Der Wald bei der Hoͤhle. (Cloten tritt auf.) Cloten. Der Platz wo ſie ſich treffen ſollten muß hier in der Nähe ſeyn, wenn's Piſanio richtig verzeichnet hat. Wie gut mir ſeine Kleider paſſen! Warum ſollte ſeine Geliebte, die von dem gemacht wurde der den Schneider machte, mir nicht auch paſſen? um ſo mehr weil man zu ſagen pflegt, ein Weib kommt einem zu Paſſe wenn man ihr aufzupaſſen weiß; und das iſt jetzt meine Sache. Ich mag es mir ſelbſt wohl geſtehen(denn es iſt keine Eitelkeit fuͤr einen Mann mit ſeinem Spiegel zu Rathe zu gehnz in ſeinem eignen Zimmer, mein ich), die Fugen meines Koͤrpers ſind ſo rich⸗ tig wie die ſeinigen; eben ſo jung bin ich, ſtaͤrker, ſtehe nicht unter ihm im Gluͤck, und uber ihm in allen Vortheilen der Zeit, bin höher von Geburt, eben ſo bewandert im allgemei⸗ nen Dienſt, und preiswuͤrdiger im einzelnen Gefecht: und doch liebt ihn dies eigenſinnige Ding mir zum Trotz. Was iſt doch der ſterbliche Menſch! Dein Kopf, Poſthumus, der jetzt noch auf deinen Schultern ſteht, muß noch dieſe Stunde herunter; deiner Geliebten wird Gewalt gethan; deine Klei⸗ der vor deinen Augen in Stuͤcke geriſſen: und wenn das vor⸗ bei iſt, treib' ich ſie mit Fuſiſtoßen zu ihrem Vater zuruͤck; der vielleicht etwas boſe uͤber mein zu hartes Verfahren ſeyn wird: aber meine Mutter, die ſeine wunderlichen Launen ganz beherrſcht, wird alles zu meinem Beſten kehren. Mein Pferd hab' ich angebunden: Heraus, Schwert, zu deinem toͤdtlichen Werk! Fortuna, gieb ſie in meine Hand! Dies muß gerade der Platz ſeyn wo ſie ſich treffen wollten; und der Kerl wagt wohl nicht mich zu hintergehen. (er geht ab.) Sz 2. Cymbeline. 65 3 w ei te S ene Vor der Hoͤhle. (Bellarius, Guiderius, Arviragus und Imogen kommen aus der Hoͤhle.) Bellarius. Du biſt nicht wohl: drum bleib' hier in der Höhle; Wir kommen zu dir nach der Jagd. Arv. Bleib', Bruder; Sind wir nicht Bruͤder? Imog. Das ſollte Menſch dem Menſchen immer ſeyn; Doch giebt ſich Staub vor Staub der Hoheit Schein, Iſt Beider Staub auch gleich. Ich bin recht krank. Guid. Geht Ihr zum Jagen, ich will bei ihm bleiben. Imog. Nein, ſo krank bin— und doch nicht wohl: Doch ſolch verwoͤhnter Staͤdter nicht, der glaubt Zu ſterben, eh' er krankt: Drum geht, und laßt mich; Folgt Eurem Tag'sgeſchaͤft: Gewohnheit ſtören Heißt alles ſtören. Ich bin krankz doch hilft mir Eu'r Bleiben nicht: Geſellſchaft iſt kein Troſt Dem Ungeſell'gen; Ich bin nicht ſehr krank, Ich kann noch druͤber reden. Laßt das Haus Mich huͤten: Nur mich ſelbſt werd' ich berauben; Und wenn ich ſterb', iſt's nur ein kleiner Diebſtahl. Guid. Ich liebe dich, ich hab's geſagt, ſo innig Und kräftig, wie ich nur den Vater liebe. Bell. Wie! Was iſt das? Arv. Iſt's Suͤnde das zu ſagen, trag' ich auch Des Bruders Schuld: Ich weiß es nicht warum Ich dieſen Juͤngling lieb'; ihr ſagtet einſt, Der Liebe Grund ſey grundlos; wenn die Bahre Hier ſtaͤnd', und einer muͤßte ſterben, ſpraͤch' ich: Mein Vater, nicht der Juͤngling. Bell.(für ſich.) Hohes Streben! O Adel der Natur, und großer Urſprung! Schlecht ſtammt von ſchlecht, niedrig von niedrig nur, Mehl hat und Kleie, Huld und Schmach Natur: Ich bin ihr Vater nicht; doch wundervoll M. 66 Cymbeline. A. IW. Daß mehr als mich man dieſen lieben ſoll. Es iſt des Morgens neunte Stunde. Arv. Bruder, Leb' wohl. Imog. Euch Gluͤck. Arv. Dir Beſſ'rung.— Woll'n wir gehn. Imog.(für ſich) Wie freundliche Geſchoͤpfe! Gott, wie luͤgt man! Der Hofmann ſagt, was nicht am Hof, ſey wild: Erfahrung, ach, du zeigſt ein andres Bild! Das tiefe Meer zeugt Ungeheu'r, indeſſen Der Bach manch ſuͤßen Fiſch uns giebt zum Eſſen. Ich bin wohl krank; recht herzensmatt:— Piſanio, Dein Mittel koſt' ich jetzt. Guid. Nichts bracht' ich raus: Er ſprach, er ſey von Adel, doch im Elend; Unredlich zwar gekraͤnkt, doch redlich ſelbſt. Arv. Die Antwort gab er mir: doch ſagte dann, Einſt wurd' ich mehr erfahren. Bell. Fort, zum Wald:— Wir laſſen Euch indeß; ruht in der Hoͤhle. Arv. Wir bleiben lang' nicht aus. Bell. Und ſey nicht krank, Du biſt ja unſre Hausfrau. Imog. Wohl und uͤbel, Euch ſtets verbunden.. Bell. Und das ſollſt du bleiben. (Imogen geht ab.) Wie kummervoll der Knab' auch iſt, ſo ſcheint er Doch edeln Bluts. Arv. Wie engelgleich er ſingt! Guid. Und ſeine Kochkunſt— Arv. Wurzeln ſchnitzt er zierlich; Und wuͤrzt die Bruͤh'n, als waͤre Juno krank, Und er ihr Pfleger. Und wie lieblich paart er Ein Laͤcheln mit dem Seufzer: als wenn ſeufzte Der Seufzer, daß er nicht ſolch Laͤcheln war; Als ſpottete das Laͤcheln jenes Seufzers, Der aus ſo holdem Tempel flieht, um ſich Mit Sturm zu miſchen, den der Seemann ſchilt. 6 Guid. Ich ſeh' Geduld und Kummer, ſo verwachſe, Daß ſie die Wurzeln in einander ſchlingen. Sz. 2. Cymbeline. 67 Arv. O wachſe du Geduld! Und mag der bittr' Holunder Gram entſchlingen Der Wurzel Gift, daß Rebe Frucht kann bringen. Bell. Siſt hoch am Tage. Fort.— Doch wer kommt da? (Cloten tritt auf.) Clot. Ich finde die Landſtreicher nicht, gehöhnt Hat mich der Schuft:— Nun bin ich matt. Bell. Landſtreicher! Meint er nicht uns? Kenn' ich ihn nicht?— Es iſt Cloten, der Koͤn'gin Sohn. Verrath beſorg' ich. Ich ſah ihn manches Jahr nicht, und weiß doch Er iſt's:— Wir ſind nur vogelfrei: hinweg! Guid. Es iſt nur einer: Sucht ihr mit dem Bruder Was fuͤr Geſellen in der Naͤhe: geht Mit ihm, laßt mich nur machen. (Bellarius uud Arviragus ab.) Clot. Halt! wer ſeyd ihr, Die vor mir fliehn? wohl tuͤckiſche Waldraͤuber? Man ſpricht von ſolchen.— Welch ein Sclav' biſt du? Guid. Nicht ſo ſehr Sclave, daß ich ſolchen Gruß Erwiedert' ohne Schlag. Clot. Du biſt ein Raͤuber, Ein Spitzbub' und ein Schuft: Ergieb dich, Dieb. Guid. Wem? dir? Wer biſt du? Iſt mein Arm ſo ſtark Wie deiner nicht? mein Herz nicht ganz ſo ſtark? In Worten biſt du freilich ſtaͤrker, denn Ich trage nicht den Dolch im Mund. Wer biſt du? Weßhalb mich dir ergeben? Clot. Niedrer Schuft, Kennſt mich an meinen Kleidern nicht? Guid. Nein, Schelm, Noch deinen Schneider, deinen Großvater: Er machte dir das Kleid, das, wie es ſcheint, Dich macht. Clot. Wie, auserleſ'ner Schelm, mein Schneider Hat's nicht gemacht. Guid. Fort denn, und danke dem Der dir's gegeben hat. Du biſt ein Narr; Mich ekelt's, dich zu ſchlagen. Clot. Boͤſewicht, Hoͤr' meinen Namen nur, und zittre. 5* 68 Cymbeline. A. IV. Guid. Nun? Wie iſt dein Name denn? Clot. Cloten, du Schurke. Guid. Du Doppelſchurke, ſey Cloten dein Name, Ich zittre nicht davor; wär's Kroͤte, Spinne, Das ruͤhrte eh mich. Clot. Mehr dich noch zu ſchrecken, Ja, vollig zu vernichten, ſollſt du wiſſen, Ich bin der Kon gin Sohn. Guid. Das thut mir leid; Du ſcheinſt nicht edel wie dein Stamm. Clot. Und noch Fuͤrcht'ſt du dich nicht? Guid. Die ich verehre, furcht' ich; Die Klugen: über Narren lach' ich nur, Die furcht' ich nicht. Clot. So ſtirb des Todes denn: Wenn ich mit eignen Händen dich erſchlagen, So folg' ich jenen nach die erſt geflohn, Und auf Luds Thore pflanz' ich Eure Koͤpfe: Ergieb dich, wilder Raͤuber des Gebirges. (Sie gehn fechtend ab.) (Bellartus und Arviragus treten auf.) Bell. Kein Menſch iſt weiter dort. Arv. Richts in der Welt: Ihr irrtet Euch in ihm. Bell. Ich weiß nicht: Lang' iſt's her ſeit ich ihn ſah, Doch keinen Zug des Angeſichts von damals Hat Zeit verwiſcht; dies Stottern ſeiner Stimme, Dies Sprudeln wenn er ſpricht iſt ſein's: ich bin Gewiß, es iſt Cloten. Arv. Hier blieben ſie: Wird nur mein Bruder nicht von ihm beſchaͤdigt, Ihr ſagt er iſt ſo ſchlimm. Bell. Mur duͤrftig ausgebildet, gum Menſchen, mein' ich, nahm er auch nicht wahr Was Graus und Schrecken ſey: ſo macht der Mangel An urtheil furchtbar oft. Doch ſieh, dein Bruder. (Guiderius kommt, mit Clotens Kopf.) Guid. Der Cloten war ein Narr; ein leerer Beutel⸗ und ohne Geld. Nicht Herkules konnt' ihm Das Hirn ausſchlagen, denn er hatte keines: Sz 2. Cymbeline. 69 Hätt' ich dies nicht gethan, ſo trug der Narr Jebt meinen Kopf, wie ſeinen ich⸗ Bell. Was that'ſt du? Guid. Ich weiß es wohl: ich ſchiug ab Clotens Kopf, Der Koͤn'gin Sohn, wie er mir ſelbſt geſagt; Der mich Verraͤther, Raͤuber nannt'; und ſchwur, Daß er allein uns All' hier fangen wolle, Abnehmen unſre Köpfe, wo, Gott Lob, Sie ſtehn, und uͤber Luds Stadt henken. Bell. Weh! Wir Alle ſind verloren. Guid. Wuͤrd'ger Vater, Was koͤnnen wir verlieren, als was er Zu nehmen ſchwur, das Leben? Das Geſetz Beſchuͤtzt uns nicht: Drum, weßhalb ſchwächlich zagen, Wenn ein hochmuͤth'ger Fleiſchklotz uns bedroht; Der Richter ſpielt und Henker, alles ſelbſt, Weil das Geſetz wir fuͤrchten? Von Genoſſen Wie viele ſah't ihr? Bell. Keine Seele weiter Kann man erſehn, doch muß, vernuͤnft'ger Weiſe, Gefolge bei ihm ſeyn. Sucht' er auch Ehre Zumeiſt im ſteten Wechſel; ja, und das Vom Schlechten nur zum Schlimmern, konnte doch Verruͤcktheit, Aberwitz ſo raſen nicht, Allein hieher zu kommen. Moͤglich wohl, Wie man am Hof gehort, daß unſers Gleichen, Felswohner jagen hier, als vogelfrei, Und mit der Zeit zur Bande werden koͤnnten: Er hoͤrt' es wohl, brach auf(es ſieht ihm gleich) Und ſchwur uns einzufangen; doch nicht glaublich Daß er allein kam, weder wagt' er das, Noch litten ſie's: drum fuͤrchten wir mit Grund, Wenn wir den Schweif von dieſem Haupt mehr furchtbar Beſorgen als das Haupt. Arv. Das Unheil komme Wie Gott es ſendet: aber dennoch that Mein Bruder recht. Bell. Ich hatte keine Luſt Zu jagen heut: Fidelios Krankheit machte en Weg mir lang. Guid. Mit ſeinem eignen Schwerdt, Das gegen meinen Hals er zuckte, ſchlug ich 70 Cymbeline. A. IV. Den Kopf ihm ab: ich werf' ihn in die Bucht An unſerm Fels; er ſchwimm' in's Meer, den Fiſchen Er ſey Cloten, der Koͤn'gin Sohn, erzaͤhl er: Was kuͤmmert's mich! (Er geht ab.) . Bell. Ich fuͤrcht', es wird geraͤcht; O Polydor, haͤtt'ſt du's doch nicht gethan! Wie ſehr dein Muth dich ziert!— Arv. That ich es lieber, Wenn mich allein die Rache traͤfe!— Polydor, Dich lieb' ich bruͤderlich; doch neid' ich dir Die That die du mir nahm'ſt: Vergeltung moͤchte, Kann Menſchenkraft ihr widerſtehn, uns nur Hier finden, und zur Rede ſtell'n. Bell. Geſchehen iſt's:— Heut keine Jagd, laßt uns Gefahr nicht ſuchen, Wo uns kein Vortheil winkt. Geh in den Fels; Du und Fidelio ſind die Koͤch': ich warte Hier auf den raſchen Polydor, und bring' ihn Zur Mahlzeit gleich. Arv. Du armer, kranker Knabe! Gern geh' ich hin: Die Wangen ihm zu roͤthen, Ließ ich ein ganzes Dorf voll Clotens bluten, Und ruͤhmte mich der Menſchlichkeit. (Er geht ab.) Bell. O göttliche Natur, wie herrlich du dich ſelbſt verkundigſt In dieſen Fuͤrſtenkindern! Sie ſind ſanft Wie Zephyr, deren Hauch das Veilchen kußt, Sein ſuͤßes Haupt nicht ſchaukelnd: doch ſo rauh, Wird heiß ihr Königsblut, wie grauſer Sturm, Der an dem Wipfel faßt die Bergestanne, Und ſie zum Thal beugt. Es iſt wundervoll, Wie unſichtbar Inſtinkt in ihnen bildet Koͤnigsgeſinnung, ohne Unterricht; Ehr', ungelehrt; Anſtand, geſehn von keinem; Muth, welcher wild in ihnen wächſt, und Erndte Gewaͤhrt, als wär' er ausgeſaä't! Doch ſeltſam, Was Clotens Kommen uns bedeuten mag; Und was ſein Tod uns bringt. Sz. 2. Cymbeline. 71 (Guiderius kommt zurück.) Guid. Wo iſt mein Bruder? Den Strom hinab mag Clotens Klotzkopf treiben, Als Bot' an ſeine Mutter; Geißel bleibt Sein Leichnam bis zur Wiederkehr. C(feierliche Muſik in der Höhle.) Bell. Mein kunſtreich Inſtrument! Horch, Polydor, Es toͤnt! Doch welchen Grund hat Cadwal jetzt Daß er es ſpielt? Horch! uid. Iſt er drin? Bell. Er ging erſt jetzt hinein. Guid. Was meint er? ſeit der theuren Mutter Tode Erklang es nicht. Nur feierlichem Anlaß Entſpricht ein feierliches Thun. Was deutet's? Triumph um nichts, und Klag' um Kleinigkeit, Iſt Affenluſt, und eitler Knaben Leid. Iſt Cadwal toll? (Arviragus tritt auf, und trägt Imogen wie tobt in fei⸗ nen Armen.) Bell. O, ſiehl da kommt er her, Und traͤgt der Klage bittern Grund im Arm, Um die wir ihn geſchmaͤht. Arv. Todt iſt das Voͤglein, Das wir ſo zaͤrtlich pflegten. Lieber wollt ich Von ſechzehn Jahr zu ſechzig uͤberſpringen, Und kraͤft'gen Schritt mit matter Kruͤcke tauſchen, Als dies erblicken. Guid. O du ſuͤße Lilie, Nicht halb ſo ſchon ruhſt du in Bruders Arm, Als wie du ſelbſt dich regteſt. Bell. O Melancholie! Wer maß je deine Tiefe? fand den Boden, Zu rathen, welche Kuͤſt' am leichteſten Der ſchwer belad'nen Sorg' als Hafen dient?— O du geſegnet Kind! die Götter wiſſen Welch edler Mann du wurdeſt einſt; doch ach! Schwermuth dem Tode fruh die Pflanze brach!— Wie fand'ſt du ihn? Arv. Starr todt wie jetzt; ſo lͤchelnd, Als haͤtt' ihn eine Flieg' in Schlaf gekitzelt, 72 Cymbeline. A. W. Nicht wie des Todes Pfeil, bei dem er lachte. Die rechte Wang' auf einem Kiſſen ruhend. uid. Wo? Arv. Auf dem Grund; die Arme ſo verſchraͤnkt: Ich dacht' er ſchlief'; und zog die Naͤgelſchuh Mir ab, die ſchwer, zu laut die Tritte ſtampften. Guid. Er ſchlaͤft auch nur: Iſt er verſchieden, macht er Sein Grab zum Bett; weibliche Elfen tanzen Um ſeine Gruft, und Wuͤrmer nahn dir nicht. Arv. Die ſchoͤnſten Blumen, So lange Sommer waͤhrt, und ich hier lebe, Streu' ich auf deine Gruft: Dir ſoll nicht fehlen Die Blume, deinem Antlitz gleich, die blaſſe Primel; Die Hyazinthe, blau wie deine Adern; Noch Roſenblaͤtter, die, um ſie zu preiſen, Suͤß wie dein Athem ſind: Rocthkehlchen werden Mit frommem Schnabel alles dies dir bringen, (D Schande jenem reich gewordnen Erben, Der ohne Denkmal läßt des Vaters Grab!) Auch weiches Moos, wenn Blumen nicht mehr ſind, Fuͤr deines Leichnams Winterſchmuck. Guid. Hoͤr' auf; Und ſpiele nicht in maͤdchenhaften Worten Mit dem was ernſt iſt. Laß uns ihn begraben, Und nicht verzoͤgern mit Bewundern ſo Was unſre Pflicht.— Zum Grab. ₰ Arv. Wo legen wir ihn hin? Guid. Zur guten Mutter Euriphile. Arv. Wohlan! Und laß uns, Polydor, ſind unſre Stimmen Gleich maͤnnlich rauh ſchon, ihm das Grablied ſingen, Wie einſt der Mutter; gleiche Wort' und Weiſe, Nur ſtatt Euriphile Fidelio. Guid. Cadwal! Ich kann nicht ſingen: weinend ſprech ich's mit; Denn Töne, die durch Schmerz verſtimmt, ſind ſchlimmer Als Prieſterlug im Tempel. 3 Arv. Nun, ſo ſprich es. Bell. Ein großer Schmerz heilt kleinern: ihr vergeßt Cloten. Er war doch einer Koͤn'gin Sohn: Und kam er auch als unſer Feind, bedenkt, Er hat's gebuͤßt: Verweſ't gleich Hoch und Niedrig Sz. 2. Cymbeline. 73 Vereint, in ſelbem Staub, ſo trennt doch Ehrfurcht, Der Engel dieſer Welt, den Platz des Mächt'gen Vom Niedern. Unſer Feind war Prinz; und nahmt Ihr ihm das Leben gleich als unſerm Feind, Beſtattet ihn als Fuͤrſten. Guid. Holt ihn her, Therſites Leichnam iſt ſo gut wie Ajax, Sind beide todt. Arv. Geht ihr, und bringt ihn her, So ſprechen wir das Lied indeß.— Fang' an. (Bellarius geht ab.) Guid. Nach Oſten, Cadwal, muß ſein Antlitz liegen; Der Vater hat'nen Grund dafuͤr. Arv.»Siiſt wahr. Guid. Komm, hilf, hier leg' ihn hin. Arv. So, nun fang an. Lied. Guid. Fuͤrchte nicht mehr Sonnengluth, Noch des Winters grimmen Hohn! Jetzt dein irdiſch Treiben ruht, Heim gehſt, nahmſt den Tageslohn: Züngling und Jungfrau goldgehaart, Zu Eſſenkehrers Staub geſchaart. Arv. Fuͤrſtenzorn macht dir nicht Noth, W Fuͤrchte nicht Tyrannenſtreich; Sorge nicht um Kleid und Brod; Eich' und Binſ'iſt dir nun gleich: Koͤnig, Arzt und Hochgelahrt, „All' in Einem Staub gepaart. Guid. Fuͤrchte nicht mehr Flammenblitze, Arv. Zittre nicht vor'm Donnerſchlage; Guid. Stumpf iſt der Verlaͤumdung Spitze; Arv. Dir verſtummt jetzt Luſt und Klage: Beide. Jung Liebchen, Liebſter goldgehaart, Wird, ſo wie du, dem Staub gepaart. Guid. Kein Zauberſpruch verſtoͤr' dich! Arv. Nicht Hexenkunſt beſchwoͤr' dich! Guid. Kein irr Geſpenſt umſchwaͤrm' dich! Arv. Und nie was Boͤſes haͤrm' dich! Beide. Ruhiges Verweſen hier; Ehre, nach dem Tod', ſey dir! 74 Cynbeline. 4. w. (Bellarius kommt mit Clotens Leiche.) Guid. Die Feier iſt vollbracht: Legt den hier nieder. Bell. Hier ſind auch Blumen; mehr um Mitternacht; Die Kraͤuter, die der kalte Nachtthau feuchtet, Sind beſter Schmuck fuͤr Gräber.— Auf ihr Antlitz:— Ihr war't wie Blumen, jetzt verwelkt, wie dieſe, Welkt dieſes Kraut auch, jetzt entpfluͤckt der Wieſe.— Kommt nun: und fern dort werft euch auf die Knie. Die Erde, die ſie gab, nahm ſie zuruͤck: Hier iſt ihr Leid geendet, wie ihr Gluͤck (Bellarius, Guiderius und Arviragus gehn ab.) Imog.(indem ſie erwacht.) Ja, Herr, nach Milford Hafen: Dies der Weg?— Ich dank' Euch.— Bei dem S— Wie weit iſt's noch?— Ach, Gottes Heil!— Kanns noch ſechs Meilen ſeyn?— Nacht durch gegangen:— Ei ich leg' mich ſchlafen wieder.— Doch ſtill! kein Schlafkam'rad? O, all ihr Goͤtter! (Sie ſieht den Leichnam.) Die Blumen ſind wohl wie die Luſt der Welt; Der blut'ge Mann die Leiden drunter.— Immer Noch Traum,— das hoff' ich. So war mir auch, ich ſey ein Hoͤhlenwaͤchter, Und Koch fuͤr wackre Leute: Doch,'s iſt nichts; Es iſt ein Pfeil von Nichts auf Nichts geſchoſſen, Den unſer Hirn aus Duͤnſten formt: Selbſt Augen Sind manchmal, wie das Urtheil, blind. Fuͤrwahr, Ich zittre noch aus Furcht: Doch blieb im Himmel Ein kleiner Tropfen Mitleid, winzig wie Ein Haͤnflingsaug' ihr furchtbar'n Götter, davon Ein Theilchen mir! Der Traum bleibt immer noch: Selbſt wachend iſt er außer mir wie in mirz Nicht vorgeſtellt, gefuͤhlt. Hauptlos ein Mann!— Das Kleid des Poſthumus! o, ich erkenne Des Beins Geſtalt: und dies iſt ſeine Hand; Der Fuß Merkurs; des Kriegesgottes Schenkel; Der Arm des Herkules: ſein Zeusantlitz— Im Himmel Mord?— Wie?— Dieſes fehlt.— Piſanio, Die Fluͤche all, die raſend Hekuba Den Griechen ſchrie, zermalmen dich mit meinen! Sz. 2. Cymbeline. 75 Du, mit Cloten vereint, dem wilden Teufel, Erſchlugſt hier meinen Mann!— Sey Schreiben, Leſen Verrath fortan!— Du hoͤlliſcher Piſanio! MWit falſchen Briefen— hoͤlliſcher Piſanio! Schlugſt du vom ſchoͤnſten Fahrzeug in der Welt Den Hauptmaſt ab!— O Poſthumus! weh mir! Wo iſt dein Haupt? wo iſt es? ach! wo iſt es? Piſanio konnte ja dein Herz durchbohren, Ließ er dir nur das Haupt!— Wie konnt's? Piſanio? Er und Cloten, Bosheit und Habſucht legten Dies Weh hieher. O, zu, nur zu gewiß! Der Trank, den er mir gab, und köſtlich nannte, Und herzerquickend, ward er mir nicht moͤrd'riſch, Betaͤubend? Das beſtaͤtigt's noch: Dies iſt Piſanios That und Clotens: Ach!— Mit deinem Blut ſchmink' mir die bleichen Wangen, Daß wir ſo ſchrecklicher uns denen zeigen Die uns hier finden. O, Gemahl! Gemahl! (Es treten auf Lucius, ein Hauptmann, mehrere An⸗ führer und ein Wahrſager.) Zauptm. Die Galliſchen Legionen kreuzten ſchon Das Meer, wie Ihr befahlt, und harren Euer In Milford Hafen, wo die Schiffe liegen: Sie ſind bereit. Luc. Was hoͤren wir von Rom? Zauptm. Die Edelleute und die Grenzbewohner Hat der Senat entboten; raſche Geiſter, Die edeln Dienſt verheißen: und ſie kommen, Der kuͤhne Jachimo befehligt ſie, Siennas Bruder. Luc. Doch wann landen ſie? Sauptm. Mit naͤchſtem guͤnſt'gem Wind. Lue. Dies Eilen ſchafft Uns ſchoͤne Hoffnung. Laßt die Truppen muſtern, Die hier ſind; jeder Fuͤhrer achte drauf.— Nun, Freund, was traͤumteſt du von dieſem Krieg? Wahrſ. Die Gotter ſandten mir die Nacht ein Zei Ich faſtete, und betet' um Erleuchtung: 3 Roms Aar, der Vogel Jupiters, entſchwebte Vom feuchten Sud zu dieſem Theil des Weſt, Wo er im Sonnenlicht verſchwand: dies deutet, *— 76 Cymbeline. A. IV. Iſt nicht durch Suͤndlichkeit mein Schaun getrubt, Den Roͤm'ſchen Waffen Gluͤck. Luc. Traͤum' immer ſo, Und nimmer falſch.— Still, welcher Stamm iſt dies, Beraubt des Gipfels? Dieſe Truͤmmer ſprechen, Dies war ein edler Bau einſt.— Seht, ein Page!— Todt oder ſchlafend auf ihm? Doch wohl todt: Denn die Natur ergraut vor ſolchem Bette, Bei Abgeſchiednen, auf des Todes Staͤtte.— Laßt mich des Knaben Antlitz ſehn. Bauptm. Er lebt. Lue. Dann giebt er Kunde von dem Leichnam.— Juͤngling, Erzaͤhl' dein Schickſal uns; denn, wie mich duͤnkt, Iſt es des Forſchens werth: Wer iſt's, den du Zu deinem blut'gen Kiſſen machſt? Wer war's Der, was Natur mit edler Hand gebildet, Zerſtoͤren durfte? Wie viel ging dir unter In dieſem Schiffbruch? wie geſchah's? wer iſt dies? Wer du? Imog. Ein Nichts bin ich, und beſſer waͤr' mir Ein Nichts zu ſeyn. Mein Herr war dieſer Mann, Er war ein trapfrer Britt', und liebevoll, Und iſt durch Bergbewohner hier erſchlagen:— Ach! ſolchen Herrn giebt's nicht mehr: wandert'ich Von Oſt nach Weſt, und weinte laut um Dienſt, Fänd' manchen, alle gut, und diente treu, Nie traͤf' ich ſh i uc. Ach, guter Juͤngling! Du ruͤhrſt mich minder nicht durch deine Klagen, Als durch ſein Blut dein Herr: Wie war ſein Name? Imog. Richard du Champ. Cfür ſich.) Luͤg' ich und ſchade keinem, Wenn's auch die Götter hoͤren, hoff' ich doch Verzeihn ſie's.— Wie? Luc. Dein Name? Imog. Herr, Fidelio. Luc. Wohl zeigſt du dich als ſolcher wunderſam: So treu wie du, ziemt dieſer Treu' der Nam'. Willſt du's mit mir verſuchen? Find'ſt du gleich So guten Herrn nicht mehr; doch ſicher einen Der dich nicht minder liebt. Ein Brief des Kaiſers, Mir vom Senat geſandt, empfoͤhle dich Nicht beſſer als dein eigner Werth: Komm mit. Sz. 3. Cymbeline. 77 Imog. Ich folg' Euch, Herr. Doch erſt, gefäll's den oͤttern, Berg' ich vor Fliegen meinen Herrn, ſo tief Wie dieſe armen Schaufeln graben koͤnnen: Hab'ich mit Blum' und Laub die Gruft beſtreut, Und hergeſagt ein Hundert von Gebeten, Zweimak, wie ich ſie weiß, mit Seufzern, Thraͤnen, Verlaß' ich ſeinen Dienſt, um Euch zu folgen, Wollt Ihr mich naͤhren. Luc. Ja, mein guter Knabe; Und mehr dein Vater als Gebieter ſeyn.— Dies Kind, ihr Freunde, lehrt uns Maͤnnerpflicht: Laßt uns den ſchoͤnſten Raſenfleck erkieſen, Und ihm mit Lanz' und Spieß die Gruft bereiten. Um deinethalb iſt er mir lieb, o Knabe:— Kommt, hebt ihn auf, beſtattet ihn zum Grabe Auf Kriegerart.— Erheitre deinen Blick; Ein tiefer Fall fuͤhrt oft zum hoͤhern Gluͤck. Calle ab.) in In Cymbelines Pallaſt. (Es treten auf Cymbeline, Lords, Piſanio.) Cymbeline. Fort; bringt mir Nachricht wie es mit ihr ſteht. Ein Fieber um des Sohns Abweſenheit; Ein Wahnſinn, der dem Leben droht:— O Himmel, Wie hart ſchlaͤgſt du mich plotzlich! Imogen, Mein groͤßter Troſt, dahin: die Koͤnigin Liegt auf dem Todesbett; zu einer Zeit Da Krieg mir ſchrecklich droht; ihr Sohn verſchwunden, So unentbehrlich jetzt: Es trifft mich ſchwer Und hoffnungslos.— Doch du, Geſell, der ſicher Um ihre Flucht gewußt, und jetzt dich ſtellſt Wie einer der nichts weiß, dir wird's erpreßt Durch Folterqual. * 78 Cymbeline. A. IV. piſ. Mein Leben, Herr, iſt Euer, Demuͤthig leg' ich's Euch zu Fuͤßen: Doch, Wo meine Herrin iſt, ich weiß es nicht, Weßhalb ſie floh, noch wann ſie wiederkehrt; Ich bitt' Eu'r Hoheit, haltet mich fur treu. 1. Lord. Mein Koͤnig, Den Tag als ſie vermißt ward, war er hier: Ich ſteh' fur ſeine Treu', und weiß, er thut Was einem Unterthan geziemt. Cloten, Mit Fleiß und Eifer wird nach ihm geſucht, Man findet ihn gewiß. Cymb. Die Zeit iſt ſtuͤrmiſch: Fuͤr diesmal ſchluͤpfe durch; doch ſchwebt Verdacht Noch uͤber deinem Haupt. 1. Lord. Eu'r Majeſtaͤt, Die Roͤm'ſchen Legionen ſind gelandet Von Gallien aus, und werden noch ergaͤnzt Durch Roͤm'ſchen Adel, vom Senat geſandt. Cymb. D, jetzt den Rath der Koͤn gin und des Sohnes! Zu viel bricht auf mich ein. 1. Lord. Mein edler Fuͤrſt, Eu'r Heer iſt minder ſtark nicht als der Feind: Und kommt auch mehr, ſeyd Ihr fuͤr mehr geruͤſtet: Es fehlt nur noch, die Macht in's Feld zu ſtellen, Die nichts als dies begehrt. Cymb. Ich dank' Euch: Kommt: Begegnen wir der Zeit, wie ſie uns ſucht. Wir fuͤrchten nicht, was von Italien draͤut: Uns quaͤlt der naͤchſte Kummer nur. Hinweg. (Cymbeline und Lords ab.) Piſ. Kein Wort von meinem Herrn, ſeit ich ihm ſchrieb Daß Imogen erſchlagen: Das iſt ſeltſam: Auch hoͤr' ich nichts von ihr, die doch mir Nachricht Verſprach zu geben; kann auch nicht erfahren Was aus Cloten geworden: Alles dies Macht mich verwirrt. Die Goͤtter moͤgen helfen: Durch Falſchheit bin ich ehrlich; treu durch Untreu: Im Krieg' zeig' ich, wie ich Brittanien liebe, Der Koͤnig ruͤhme ſelbſt mich, fall' ich nicht. Die Zeit mag, was wir ſonſt noch fuͤrchten, hellen: Heim bringen ſteuerlos manch Boot die Wellen. (er geht ab.) Sz. 4. Cymbeline. 79 Vierte Scene. Vor der Hoͤhle. (Bellarius, Guiderius und Arviragus treten auf.) Guiderius. Der Laͤrm iſt ringsum. Bell. Ziehn wir uns zuruͤck. Arv. Wo iſt des Lebens Luſt, verſchließen wir's Vor That und vor Gefahr? Guid. Ja, welche Hoffnung Bringt uns die Flucht? die Roͤmer morden doch Als Brittten uns; wo nicht, ſo nehmen fie Uns auf als unnatuͤrliche Rebellen, ebrauchen uns, und morden uns nachher. Bell. Kommt hoͤher aufs Gebuͤrg', da ſind wir ſicher. Wir duͤrfen nicht zum Königsheer; der Schrecken Von Cloten's Tod(wir unbekannt, gemuſtert Nicht mit den Schaaren) zieht uns in Erforſchung o wir gelebt; ſo zwingt man denn von uns, as wir gethan, die Antwort iſt dann Tod Verlaͤngt durch Qual. Guid. Dies, Vater, iſt Befurchtung, Die Euch in ſolchen Zeiten nicht geziemt, Noch uns genügt. Arv. Es iſt wohl nicht zu glauben, Daß, hoͤren ſie die Roͤm ſchen Roſſe wiehern, Sehn ihre Lagerfeuer, Aug' und Ohr Geblendet und betäubt durch's Wichtigſte, Daß ihnen Zeit noch bleibt, uns zu bemerken, u fragen, wer wir find. Bell. Ich bin gekannt Im Heer, von manchen dort; ſo manches Jahr, War Cloten jung auch damals, loͤſcht ihn nicht Aus dem Gedaͤchtniß mir. Auch iſt der Koönig und Ste werth; kein Bann war uld, daß Euch rziehung fehlte Daß Ihr als Wilde lebtet; alles Glück Das Eure Wiege Euch verhieß, verſchwand, Daß Euch der heiße Sommer bräunt, als Sclaven Ihr ſchaudern muͤßt dem Winter * Cymbeline. A. IV. Guid. Beſſer ſterben Als ſo zu leben. Bitte, kommt zum Heer; Mich und den Bruder kennt kein Menſch; Ihr ſelbſt Seyd längſt vergeſſen, drum aus Aller Sinn, Und niemand fragt nach Euch. Arv. Beim Licht der Sonne, 85 muß dahin: Was iſt's, daß ich noch nie ah ſterben einen Mann? Kein Blut erblickte, Als feiger Haaſen, hitz'ger Gemſen, Hirſche? Daß ich kein Roß beſtieg, als eins, das Reiter Nur trug wie ich bin, ſolche, deren Ferſe Nie Sporn und Eiſen ziert'? Ich ſchäme mich Die heil'ge Sonne anzuſchaun, die Wohlthat Des ſeel gen Strals zu haben, und zu bleiben Ein armes Nichts. Guid. Beim Himmel, ich will gehn: Wollt Ihr mich ſegnen, freundlich mich entlaſſen, So geh' ich froher; wollt Ihr aber nicht, So falle die Gefahr nur dreiſt auf mich, Durch Roͤmerſchwerdter! Arv. So ſag' ich; und Amen.. Bell. Da ihr ſo wenig Euer Leben achtet, Was ſoll mit großrer Sorg' ich mein verfallnes Noch ſchonen? Söhne, auf; ich geh' mit Euch, Und opfert ihr fuͤr's Vaterland das Leben, So ſey auch mir ſolch Todesbett gegeben:— (für ſich.) Die Zeit ſcheint lang. Zorn jagt ihr Blut in Flammen, Bis es entſtroͤmt und zeugt woher ſie ſtammen. (Alle ab.) Sz. 1.„ Cymbeline. 81 F un ßter Aufzug. Erſte Szene. (Feld zwiſchen dem Römiſchen und Brittiſchen Lager.) (Poſthumus kommt mit einem blutigen Tuche.) Poſthumus. Ja, blutig Tuch, dich heb' ich auf; denn ſo Verlangt' ich dich gefärbt. Ihr Ehemänner, Verfuͤhrt ihr alle ſo, wie wuͤrde Mancher Ein Weib erſchlagen, beſſer als er ſelbſt, Weil ſie ein wenig fehlte!— O Piſanio! Ein guter Diener thut nicht jeden Dienſt; . Nur was gerecht, iſt Pflicht.— Ihr Götter! ſtraftet Ihr meine Suͤnden ſo, dann lebt' ich nicht ies anzuregen: und es ward zur Reue Rettung der edlen Imogen und mich Verworfnen traf gerechte Rache. Doch Um kleine Schuld entrafft ihr Den, aus Liebe, Daß er nicht tiefer falle: Jener darf Auf Uebles Uebles thun, und ſchlimmer ſtets; Ja, Scheu erregen ſie, ſich ſelbſt zum Vortheil. Doch ihr nahm't Imogen: Sey's wie ihr's wollt, Ich bet' in Demuth an!— Ich kam hieher Mit Röm'ſcher Ritterſchaft, um zu bekaͤmpfen Der Gattin Reich: doch iſt's genug, Brittanien, Daß deine Fuͤrſtin ich erſchlug; ſey ruhig! Dir geb' ich keine Wunde. Drum, ihr Göͤtter, Hoͤrt meinen Vorſatz gnädig an: Hier leg' ich Italiens Kleider ab, und huͤlle mich In Britt'ſche Bauerntracht; ſo fecht' ich gegen Das Volk, mit dem ich kam; ſo will ich ſterben Fuͤr dich, o Imogen, iſt doch mein Leben, Ja, jeder Athemzug ein Tod: ſo unbekannt, Gehaßt nicht noch beklagt, weih' ich mich ſelbſt Dem Untergang. Erkenne kuͤhnern Geiſt IX. 82 Cymbeline. A. V. Jedweder jetzt, als mein Gewand verheißt. Schenkt, Goͤtter, mir der Leonate Kraft! Die Welt beſchaͤmend will ich jetzt beginnen Den neuen Brauch: ſchlecht außen, koſtbar innen. (geht ab.) 3 weite Szene. Ebendaſelbſt. (Von einer Seite kommen Lucius, Jachimo und das Roͤ⸗ miſche Heerz von der andern Seite das Brittiſche Heer, Leona⸗ tus Poſthumns darunter, als gemeiner Krieger. Sie mar⸗ ſchieren vorüber und gehen ab. Kriegsgetümmel. Im Gefecht kommen Jachimo und Poſthumus zurück; dieſer befiegt und entwaffnet den Jachimo, und geht dann ab⸗) Jachimo. Die Schwere meiner Schuld in meiner Bruſt Laͤhmt meine Mannheit; eine Frau belog ich, Die Fuͤrſtin dieſes Reich's, zur Strafe raubt Die Luft mir alle Kraft: wie konnte ſonſt Der Kerl, der Ackerknecht, mich ſo bezwingen Im Ritterkampf? Geerbte Ehr' und Wuͤrde Trag' ich nur als der Schmach und Schande Buͤrde. Brittanien, ſteht dein Adel dieſem Lump Voran, wie er uns Große macht zum Spott, Sind wir kaum Männer, jeder hier ein Gott, (er geht ab.) (Die Schlacht dauert fort; die Britten fliehen; Cymbeline wird gefangen: Bellarius, Guiderius und Arviragus kommen ihm zu Hülfe.) Bell. Steht, ſteht! Des Bodens Vortheil haben wir; Der Paß iſt wohlbeſetzt: nichts macht uns wanken Als unſrer Feigheit Schmach. Guid. und Arv. Steht, ſteht, und kaͤmpft! Sz. 3. Cymbeline. 83 (Poſthumus kommt und hilft den Britten; ſie befreien Cym⸗ beline und gehen abz dann kommen Lucius, Jachimo und Imogen.) Luc. Fort, aus dem Haufen, Knab', und rette dich; Denn Freund ſchlaͤgt Freund, Verwirrung waͤchſt, als wäre Krieg blind und taub. Jach. Das macht die friſche Huͤlfe. Luc. Das Gluͤck hat ſeltſam ſich gewandt: bei Zeiten Laßt uns verſtaͤrken, oder fliehn. (Alle ab.) Dritte Szene. (Ein anderer Theil des Schlachtfeldes.) (Poſthumus tritt auf und ein Brittiſcher Lorde) Lord. Kommſt du von dort, wo Stand ſie hielten? oſth. Ja. Doch Ihr, ſo ſcheint's, kommt von den Fluͤcht'gen. Lord. Ja. Poſth. Kein Tadel derum, denn alles war verloren; Nur Hoffnung auf den Himmel: der Koͤnig ſelbſt Entbloͤßt der Fluͤgel, ganz ſein Heer durchbrochen, Und nur der Britten Ruͤcken ſichtbar, alle In Flucht durch engen Paß; der Feind voll Sieg'sluſt, Nach Blut die Sut lechzend, mehr zur Schlachtung In Vorrath als er Meſſer hatte, faͤllte Die toͤdtlich wund, die leicht beruͤhrt, die ſtuͤrzten Aus bloßem Schreck; ſo ward der Paß gedaͤmmt Mit Todten, wund im Ruͤcken, Feigen lebend, Um mit verlaͤngter Scham zu ſterben. War dieſer enge Paß? Poſth. Beim Schlachtfeld dicht, im aufgeworfnen Raſen; Was zu Nutz ein alter Krieger machte,— Ein Chrenmann, das ſchwoͤr' ich; wohl verdient Er langes Leben und ſein Silberhaar Durch dieſe That fur's Vaterland;— im Paß, 6* 84 Cymbeline. A. V. Er mit zwei Knaben(Kindern, mehr geeignet Zum muntern Tanze als zu ſolchem Morden; Mit Angeſichtern wie fuͤr Larven, ſchoͤner 2 Als die verhuͤlt Scham oder Reiz bewahren), Schuͤtzt' er den Weg; und rief den Fluͤcht'gen zu: Der Britt'ſche Hirſch ſtirbt auf der Flucht, kein Krieger: Zur Hoͤlle rennt, ihr ruͤckwaͤrts Flieh'nden! Steht; Sonſt macht ihr uns zu Roͤmern, und wir ſchlachten Wie Vieh euch, die ihr viehiſch lauft; euch rettet Ein zornig Ruͤckwaͤrtsſchauen; ſteht, o ſteht!— Die drei, drei Tauſend durch Vertraun, und wahrlich, Nicht minder waren ſie durch Kraft und That, (Drei Helden ſind das Heer, wenn alle andern Ein Nichts ſind), mit dem Worte: Steht, o ſteht! Beguͤnſtigt durch den Platz, doch mehr noch zaubernd Durch eignen Adel(der wohl wandeln konnte Zum Speer die Kunkel), entflammten matte Blicke, Halb Scham, halb mutherneut; und Manche, feige Durch's Beiſpiel nur(D, eine Suͤnd' im Kriege, Verdammt im erſten Suͤnder!), wandten um Auf ihrem Weg, und ſchaͤumten, Löwen gleich, Dem Jaͤgerſpieß entgegen. Da entſtand Ein Anhalt der Verfolgung, Ruͤckzug; ſchnell Verwirrung, Niederlage: die als Adler Daher geſtuͤrmt, entfliehn als Tauben; Sclaven, Wo ſie als Sieger prangten: unſre Memmen (Wie Brocken auf bedraͤngter Seefahrt) wurden Nun Lebensrettung in der Noth; die Hinterthuͤr Der unbewachten Herzen offen findend, O Himmel! wie nun hieben ſie! auf ſchon Erſchlagne, Sterbende, auf Freunde, die Die vor'ge Woge uͤberwaͤlzte: zehn Die Einer jagte, jeder iſt nun jetzt Von zwanzigen der Schlaͤchter: die eh'r ſterben Als kaͤmpfen wollten, ſind des Feld's Entſetzen. Lord. Wie ſonderbar: Ein enger Paß! zwei Knaben und ein Greis! Poſth. Wundert Euch nicht t Euch ziemt wohl mehr zu 8 aunen Ob Thaten, die Ihr hoͤrt, als welche thun. Wollt Ihr's im Reim, als Spottgedicht? So klingt's: Zwei Knaben, ein Greis, zweimal ſo alt als beide, Ein Paß, ward uns zum Hort, dem Feind zum Leide. Sz. 3. Cymbeline. 85⁵ Lord. Nun, ſeyd nicht boͤſe. Poſt. So war's nicht gemeint. Wer vor dem Feind nicht ſteht, dem bin ich Freund: Denn, thut er ſeiner Art nach, ſicherlich Läßt er auch meine Freundſchaft bald im Stich. Ihr bringt in's Reimen mich. Lord. Geht, Ihr ſeyd böſe. (geht ab.) Poſtb. Doch gehn? Das heißt ein Lord! O Adelsheld! Fragt in der Schlacht, wie's um die Schlacht beſtellt! Wie Mancher heut gab ſeine Ehre preis, Den Leichnam nur zu retten! lief davon, Und ſtarb doch! Ich, durch Schmerzen feſt gemacht, Fand nicht den Tod, wo ich ihn aͤchzen hoͤrte; Fuͤhlt ihn nicht, wo er ſchlug; ein Unthier, ſcheußlich, Seltſam! verbirgt er ſich im luſt'gen Becher, Im ſanften Bett und ſußen Wort; hat mehr Bedient', als wir, die ſeine Klingen zuͤcken. Sey's, dennoch find' ich ihn; Denn, wie ich jetzt den Britten beigeſtanden, Bin ich nicht Britte mehr, und nehme wieder Das Kleid, in dem ich kam:(er wechſelt die Kleider.) Nicht fecht' ich mehr, Ich gebe mich dem ſchlecht'ſten Bauer, der Mich nur beruͤhrt. Groß iſt der Mord, den hier Der Römer angeſtellt; ſchwer muß ſich raͤchen Der Britte. Ich— mein Loͤſegeld ſey Sterben; Um Tod wollt' ich auf beiden Seiten werben; Und laͤnger ſoll er mir nicht widerſtehn, Und ſo vollend' ich's denn fuͤr Imogen. (Es kommen zwei Brittiſche Hauptleute und Soldaten.) 1. Zauptm. Dank allen Goͤttern! Lucius iſt gefangen: Man haͤlt die Knaben und den Greis fuͤr Engel. 2. Zauptm. Ein vierter Mann war noch, im ſchlech⸗ . ten Rock, Der auch den Feind zuruckſchlug. 1. Zauptm. So erzaͤhlt man: Doch alle ſind verſchwunden.— Halt! wer biſt du? Poſth. Ein Roͤmer, Der nicht hier um ſich triebe, haͤtten andre Wie er gethan.. 86 Cymbeline. A. V. 2. Zauptm. Legt Hand an ihnz ein Hund! Es ſoll kein Bein zuruͤck nach Rom und ſagen, Wie hier die Kraͤh'n ſie hackten. Er ſtolziert, Als waͤr' er Großes: bringt ihn hin zum Koͤnig! (Cymbeline tritt auf mit Gefolge; Bellarius, Guide⸗ rius, Arviragus und Römiſche Gefangene. Die Haupt⸗ leute führen Poſthumus vor Cymbeline, welcher ihn einem Kerkermeiſter übergiebt; darauf gehn Alle ab.) Vierte Szene. Gefängniß. (Poſthumus tritt auf mit zwei Kerkermeiſtern⸗) 1. Rerkermeiſter. Jetzt ſtiehlt Euch keiner, Ihr ſeyd angeſchloſſenz Graſt, wenn Ihr Weid⸗ habt. 2. Rerkerm. Ja, oder Hunger. (ſie gehn beide ab.) Poſth. O ſeyd willkommen, Ketten! denn ihr fuhrt, Hoff' ich, zur Freiheit: ich bin weit begluckter Als einer, den die Gicht plagt: weil der lieber Mocht' ewig ſeufzen, als geheilt ſich ſehn Durch Tod, den ſichern Arzt; er iſt der Schluͤſſel, Der dieſe Eiſen loͤſt. O, mein Gewiſſen! Du biſt gefeſſelt mehr als Fuß und Hand: Schenkt, gut'ge Goͤtter, mir der Buͤßung Mittel, Den Riegel aufzuthun, dann, ew'ge Freiheit! Genuͤgt's, daß es mir leid thut? So ſaͤnftigen Kinder wohl die ird'ſchen Vaͤter; Doch Goͤtter ſind barmherz'ger. Soll ich denn bereu'n? Nicht beſſer kann's geſchehen als in Ketten, Erwuͤnſcht, nicht aufgezwaͤngt:— Genng zu thun, Iſt das der Freiheit Hauptbeding? So ſchreibt Picht haͤrt're Pfändung vor, nehmt mir mein Alles. S habt mehr Mild' als gier'ge Menſchen, weiß ich, ie'n Drittel vom bankrutten Schuldner nehmen, Sz. 4. Cymbeline. 87 Ein Sechstel, Zehntel, daß am Abzug wieder Er ſich erhole; das begehr' ich nicht: Fuͤr's theure Leben Imogens nehmt meins, Und gilt's auch nicht ſo viel, iſt's doch ein Leben⸗ Ihr praͤgtet es: man waͤgt nicht jede Muͤnze, Man nimmt auch leichtes Stuͤck des Bildes wegen; Ihr um ſo eher mich, als euren Stempel: So, ihr urew'gen Maͤchte, Nehmt ihr den Rechnungsſchluß, ſo nehmt mein Leben, Und reißt entzwei den Schuldbrief. Imogen! Ich ſpreche jetzt zu dir im Schweigen. Cer ſchläft ein.) (Feierliche Muſik. Als Geiſtererſcheinung treten auf Sicilius Leonatus, der Vater des Poſthumus, ein Greis in kriegeri⸗ ſchem Schmuck; er führt eine Matrone an der Hand, ſeine Gat⸗ tin, die Mutter des Poſthumus. Ihnen folgen die jungen Leonate, des Poſthumus Brüder, mit ihren Wunden, wie ſie in der Schlacht fielen. Sie ſtellen ſich rings um den ſchla⸗ ſenden Poſthumus.) Sicil. Du Donnerſchleud'rer, kuhle nicht Am ſchwachen Wurm den Muth: Den Mars bedraͤu', und Juno ſchilt, Die eiferſuͤcht'ge Wuth Zur Rache treibt. War nicht mein Sohn ſtets fromm und rein, Deß Blick mir nie gelacht? Denn als ich ſtarb, hatt' ihn Natur Noch nicht an's Licht gebracht. Als Vater(ſagt man doch, du ſollſt Der Waiſen Vater ſeyn) Warum nicht ſchirmſt und rett'ſt du ihn Von dieſer ird'ſchen Pein? Mutt. Lucina half mir nicht, ich ſtarb Schmerzvoll, noch im Gebaͤren: Mir Poſthumus entſchnitten ward; Zu Feinden kam mit Zaͤhren Das arme Kind. Sicil. Ihn ſchuf Natur, den Ahnen gleich, So maͤnnlich, ſtark und groß, Und er erwarb den Preis der Welt Als des Sicilius Sproß. ——— Mutter. Sieilius. 2. Brud. 1. Brud. Sicilius. Mutter. Sicilius. 2. Brud. Cymbeline. Und als er nun zum Mann gereift Im maͤcht'gen Brittenland, War keiner ihm an Tugend gleich; Weshalb er Gnade fand or Imogen, die ſeinen Werth, Sein edles Herz erkannt. Was ward durch Eh'gluͤck er gehöhnt, Verbannt zu ſeyn mit Schmerz, Geraubt ihm Leonatus Gut Und der Geliebten Herz, Der ſuͤßen Imogen? Was litt'ſt du, daß ihn Jachimo, Italiens ei ler Thor, In eiferſucht'gen Wahn verſtrickt, Daß er den Sinn verlor; Daß fremdes Bubenſtuck ihm Hohn Und Thorung aufbeſchwor? Drum kommen Vater, Mutter aus Der Seel'gen Heiligthum, Und wir, die fuͤr das Vaterland Gefallen ſind mit Ruhm; Verfechtend des Tenantius Recht Im aͤchten Ritterthum. Mit gleichem Muth zog Poſthumus Fuͤr Eymbeline das Schwert: Was haſt du, Götterfurſt, ihm nicht Verdienten Lohn gewährt? Und was er wuͤrdiglich erwarb In Leid und Schmerz verkehrt? Thu dein kryſtallnes Fenſter auf; Schau her; hoͤr' unſer Flehn: Laß nicht ſo alten, edeln Stamm Durch deinen Grimm vergehn! O Jupiter, mein Sohn iſt fromm, Drum löſ' ihm dieſe Weh'n. Schau aus dem Marmorhaus und hilf: Wir armen Geiſter ſchrein Sonſt gegen dich zum Götterrath, Daß ſie uns Huͤlfe leihn. Hilf; wir verklagen ſonſt dich ſelbſt, Willſt du gerecht nicht ſeyn. A. V Sz. 4. Cymbeline. 89 (Fupiter ſteigt mit Donner und Blitz herab, auf einem Adler ſizend; er ſchleudert einen Blitzſtrahl. Die Geiſter fallen auf die Kniee.) Jup. Schweigt, ſchwache Schatten ihr vom niedern Sitz, Betaͤubt mein Ohr nicht, ſtill!— Wie wagt ihr, Geiſter, Den Donn'rer zu verklagen, deſſen Blitz, Rebell'n zerſchmetternd, kenntlich macht den Meiſter? Elyſiums leichte Schatten, fort: und ruht Auf eurer nie verwelkten Blumenflur: Kein irdiſches Geſchick truͤb' euren Muth; Ihr wißt, nicht eure Sorg' iſt's, meine nur. Den hemm' ich, den ich lieb'; es wird ſein Lohn Verſpaͤtet, ſuͤßer nur. Traut meiner Macht; Mein Arm hebt auf den tief gefallnen Sohn,. Sein Gluͤck erbluͤht, die Pruͤfung iſt vollbracht. Mein Sternlicht ſchien als er zur Welt geboren, Mein Tempel ſah' den Eh'bund,— Auf und ſchwindet!— Ihm iſt nicht Fuͤrſtin Imogen verloren, Und durch dies Leid wird mehr ſein Gluͤck begruͤndet. Dies Taflein legt auf ſeine Bruſt; aus Huld Spricht hier ſein Schickſal unſer Wohlgefallen; Und ſo hinweg, daß meine Ungeduld Nicht aufwacht, hoͤr' ich ſolche Klagen ſchallen.— Auf, Aar, zu meinen kryſtallin'nen Hallen. (er ſteigt wieder hinauf.) Sicil. Er kam im Donner; und ſein Goͤtterhauch War Schwefeldampf; der heil'ge Adler ſtieg Mit Draͤu'n hernieder: doch ſein Aufſchwung iſt Suͤß wie Elyſiums Flur: der Koͤnigsvogel Spreizt ſeine ew'gen Schwingen, wetzt den Schnabel, Als wär' ſein Gott vergnuͤgt. Alle. Dank, Jupiter! Sicil. Die Marmorwölbung ſchließt ſich, er erreicht Sein ſtrahlend Götterhaus:— Fort! uns zum Heil Vollbringt ſein großes Machtgebot in Eil'! (die Geiſter verſchwinden.) (Poſthumus erwacht.) poſth. O Schlaf, du war'ſt mein Ahnherr, und erzeugteſt Den Vater mir: auch meine Mutter ſchuf'ſt du, Mein Bruͤderpaar: doch hoͤhnend nur, verloren! „ . 90 Cymbeline. A. V. Schon abgeſchieben als ſie kaum geboren, So nun erwacht.— Armſel'ge, die ſich ſtuͤtzen Auf Gunſt der Großen, traͤumen wie ich traͤumte; Erwachen, finden nichts.— Doch, leerer Dunſt! Mancher hat nicht Verdienſt noch Traumesgunſt, Und wird bedeckt mit Lohn; ſo wird mir hie, Ich finde goldnes Gluͤck und weiß nicht wie. Was hauſen hier fuͤr Feen? Ein Buch? O, Kleinod! Sey nicht wie unſre Stutzerwelt, ein Kleid Edler, als der es traͤgt: laß deinen Inhalt Auch golden ſeyn, ganz ungleich jetz'gem Hofmann, Halte, was du verſprichſt.(er lieſt.) „Wenn eines Loͤwen Junges, ſich ſelbſt unbekannt, ohne Suchen findet, und umarmt wird von einem Stuͤck zarter Luft; und wenn von einer ſtattlichen Ceder Aeſte ab⸗ gehauen ſind, die, nachdem ſie manches Jahr todt gelegen haben, ſich wieder neu beleben, mit dem alten Stamm ver⸗ einen, und friſch emporwachſen: dann wird Poſthumus Lei⸗ geendigt, Brittanien begluͤckt, und in Frieden und Fuͤlle luͤhend.“ Noch immer Traum, wo nicht ſolch Zeug wie Tolle Verſtandslos plaudern: beides, oder nichts: 3 Entweder ſinnlos Reden, oder ſolch Gerede, Das Sinn nicht kann entraͤthſeln. Sey's was immer, Dem Irrſal meines Lebens iſt es gleich, Der Sympathie halb will ich es bewahren. (Die Kerkermeiſter kommen zurück.) Rerkerm. Kommt, Herr, ſeyd Ihr fuͤr den Tod gar gemacht? Poſth. Beinah ſchon zu hart gebraten: gar ſchon lange. Berkerm. Haͤngen iſt die Loſung; wenn Ihr dafuͤr gar ſeyd, ſo ſeyd Ihr gut gekocht. Poſth. Wenn mich alſo die Zuſchauer wohlſchmeckend finden, ſo zahlt das Gericht die Zeche. Rerkerm. Eine ſchwere Rechnung fuͤr Euch, Herr; aber der Troſt iſt, Ihr werdet nun nicht mehr zu Zahlungen ge⸗ fordert werden, keine Wirthshausrechnung mehr zu fuͤrchten hen die oft das Scheiden betruͤbt macht, wie ſie erſt die uſt erweckte: Ihr kommt ſchwach an, weil Ihr der Speiſe beduͤrft, und geht taumelnd fort, weil Ihr ein Glas zu viel getrunken habt: traurig, weil Ihr zu viel ausgegeben: trau⸗ rig, weil Ihr zu viel eingenommen habt: Kopf und Beutel — Sz. 4. Cymbeline. 91¹ leer: der Kopf um ſo ſchwerer, weil er zu leicht iſt, der Beutel um ſo leichter, weil ihm ſeine Schwere abgezapft iſt: O! aller dieſer Widerſpruͤche werdet Ihr nun los.— O uͤber die Menſchenliebe eines Pfennigſtricks! Tauſende macht er in Einem Augenblicke richtig: es giebt kein beſſeres Debet und Credit als ihn; er quittirt alles Vergangene, Jetzige und Zukuͤnftige:— Euer Hals iſt Feder, Buch und Rechenpfen⸗ nig; und ſo folgt der vollige Abſchluß. Poſth. Ich bin freudiger zu ſterben, als du zu leben. Rerkerm. Wahrhaftig, Herr, wer ſchlaͤft, fuͤhlt kein Zahnweh; aber einer, der Euren Schlaf ſchlafen ſollte, wo⸗ bei der Henker ihm in's Bett ſteigen hilft, ich denke, der tauſchte gern ſeinen Platz mit ſeinem Helfershelfer: ſeht, Ihr wißt noch nicht, welches Weges Ihr gehen werdet. Poſth. O ja, Freund, ich weiß es wohl. Rerkerm. Nun, dann hat Euer Tod Augen im Kopf; ſo habe ich ihn noch nicht gemalt geſehn: Ihr muͤßt Euch entweder von denen fuͤhren laſſen, die behaupten den Weg zu kennen, oder Ihr muͤßt Euer eigner Fuͤhrer ſeyn, da ich doch weiß, Ihr kennt den Weg nicht: oder Euch auf eigne efahr uͤber alle dieſe Unterſuchungen hinwegſetzen: und wie es Euch am Schluß geraͤth,— nun, ich denke, Ihr kehrt niemals zuruͤck, um irgend einem das zu erzaͤhlen. Poſth. Ich ſage dir, keinem fehlen die Augen, ihn auf dem Wege zu leiten, den ich jetzt gehen werde, als ſolchen, die die Augen zudruͤcken, und ſie nicht gebrauchen wollen. Rerkerm. Welch ein Tauſend Spaß waͤre das, daß ein Menſch den beſten Gebrauch ſeiner Augen hätte, um den Weg der Blindheit zu ſehen! Ich bin gewiß, Haͤngen iſt der Weg, die Augen zuzudruͤcken. (Ein Bote tritt auf.) Bote. Nehmt ihm die Feſſeln ab, und fuͤhrt Euren Ge⸗ fangenen zum Koͤnig. Poſth. Du bringſt gute Botſchaft;— ich werde zur Freiheit gerufen. Rerkerm. Dann will ich mich haͤngen laſſen. Poſth. Dann wirſt du freier ſeyn als ein Schließer; fuͤr den Todten giebt es keine Riegel. (Poſthumus geht mit dem Boten ab.) Rerkerm. Wenn einer einen Galgen heirathen wollte, um junge Kniegalgen zu erzeugen, koͤnnte er nicht verſeſſener 32 Cymbeline. N W drauf ſeyn wie der. Doch, auf mein Gewiſſen, es giebt noch groͤßere Schurken, die zu leben wuͤnſchen, mag dieſer auch ein Roͤmer ſeyn: und unter ihnen giebt es auch welche, die ge— gen ihren Willen ſterben; wie ich thun wuͤrde, wenn ich einer waͤre. Ich wollte, wir waͤren Alle einer Geſinnung, und die eine Geſinnung waͤre gut; o! dann wuͤrden alle Ker⸗ kermeiſter und Galgen ausſterben! Ich ſpreche gegen mei⸗ nen jetzigen Vortheil; aber mein Wunſch ſchließt eine Befoͤr⸗ derung ein. (er geht ab.) F ünfte Szene. In Eymbelines Zelt. (Es treten auf Cymbeline, Bellarius, Guiderius, Arviragus, Piſanio, Lords, Krieger und Gefolge.) Cymbeline. Steht mir zur Seit', Ihr, die die Goͤtter ſandten Als Stuͤtzen meines Throns. Es quaͤlt mein Herz, Daß jener Arme, der ſo herrlich focht, Deß Kittel goldne Ruͤſtungen beſchämte, Deß nackte Bruſt ſich vordrang erznen Panzern, Nicht kann gefunden werden: der ſey gluͤcklich, Der ihn entdeckt, kann unſre Huld begluͤcken. Bell. Nie ſah ich ſolchen Heldenzorn in ſo Armſel'gem Bild; ſolch fuͤrſtlich Thun in einem, Der nur geboren ſchien fuͤr Bettlerangſt. Cymb. Und weiß man nichts von ihm? piſ. Man ſucht' ihn unter Lebenden und Todten, Doch fand man keine Spur. Cymb. Zu meinem Kummer Bin ich der Erbe ſeines Lohn's; und fuͤge Ihn Euch noch zu, Herz, Leber, Hirn Brittaniens, Durch Euch ja lebt es nur; jetzt iſt es Zeit Zu fragen, wo Ihr herſtammt:— ſprecht. Bell. Mein König, Aus Cambria gebuͤrtig ſind wir, adlich: Sz. 5. Cymbeline. 93 Unſchicklich waͤr' und unwahr mehr zu ruͤhmen; Nur daß wir ehrlich, ſag' ich noch. Cymb. Kniet nieder: Steht auf als meine Ritter von der Schlacht: Ihr ſeyd hiermit die Nächſten im Gefolge, Und Wuͤrden geb' ich, Eurem Stand geziemend. (Cornelius kommt mit den Hofdamen.) Eil' ſpricht aus Aller Blick:— Warum ſo traurig Begruͤßt Ihr unſern Sieg? Ihr blickt gleich Römern, Nicht, wie vom Britt'ſchen Hof.„ Corn. Heil, großer Koͤnig! Dein Gluͤck zu truben muß ich dir den Tod Der Kön'gin melden. Cymb. Wem ſteht ſolche Botſchaft Wohl ſchlechter als dem Arzt? Doch wiſſen wir, Arznei verlaͤngt das Leben wohl, doch rafft Der Tod zuletzt den Arzt auch hin.— Wie ſtarb ſie? Corn. Im Wahnſinn, ſchanderhaft, wie ſie gelebt; Grauſam der Welt im Leben, ſtarb ſie auch Granſamen Todes. Was ſie hat bekannt, Meld' ich, wenn Ihr befehlt; und dieſe Frauen, Sie moͤgen, irr' ich, mich der Luge zeihen; Sie ſahen, feuchten Blicks, ihr Ende. Cymb. Sprich. Corn. Zuerſt bekannte ſie, ſie liebt' Euch nie; Durch Euch erhöht ſeyn war ihr Ziel, nicht Ihr; Nur Eurem Thron war ſie vermaͤhlt als Gattin, Euch ſelber haſſend. Cymb. Sie nur konnt' es wiſſen: Und ſprach ſies ſterbend nicht, ſo glaubt' ich's nimmer Selbſt ihren eignen Lippen. Fahre fort. „Corn. Und Eure Tochter, der ſie truͤgeriſch So große Liebe zeigte, ſie bekannt' es, War ein Scorpion im Aug' ihr; und ſie wollte, Nur daß die Flucht ſie hinderte, mit Gift Ihr Leben tilgen. Cymb. O du liſt'ger Teufel! Wer kann ein Weib durchſchaun?— Weißt du noch mehr? Corn. Und Schlimm'res. Sie geſtand, daß ſie fuͤr Euch Ein todtlich Mittel habe; das, genommen, Minutenweiſ' am Leben zehrt, und langſam Euch zollweiſ todten ſollt indeſſen ſie, „ —— — ———— 94 Cymbeline⸗ A. V. Durch Wachen, Weinen, Pfleg' und Zaͤrtlichkeit, Durch falſchen Schein Euch taͤuſchte: ja, die Zeit, Indem ihr Mittel auf Euch wirkte, nuͤtzte Um ihrem Sohn die Krone zu verſichern. Da nun ihr Zweck durch ſein Verſchwinden fehl ſchlug, Erfaßte ſie ſchamlos Verzweifeln; Menſchen Und Gott zum Trotz, geſtand ſie ihre Abſicht; Bereute, daß das Unheil nicht gereift, Und ſtarb in Wuth. Cymb. Ihr Frau'n vernahmt dies auch? Zofd. So iſt es, hoher Koͤnig. Cymb. Meine Augen Sind ohne Schuld, denn ſie war ſchoͤn; mein Ohr, Das ſie mit Schmeichelei erfullt; mein Herz, Das ihrem falſchen Schein getraut; nur Laſter Konnt' Argwohn faſſen: aber, o mein Kind! Daß ich ein Thor geweſen, darfſt du ſagen, Dein Ungluͤck hat's beſtaͤtigt. Hilf uns, Himmel! (Es treten auf Lucius, Jachimo, der Wahrſager und mehrere Römiſche Gefangene mit Wachen; Poſthumus und Imogen zuletzt.) Jetzt kommſt du nicht, Tribut zu fordern, Cajus; Den hat Brittanien ausgetilgt, wenn auch Durch manches Braven Tod; die Freunde dieſer Verlangen Suͤhnung ihrer Geiſter durch Die Toͤdtung der Gefangnen, was ich ihnen Bewilligt: So erwaͤge dein Geſchick. Luc. Bedenk' des Krieges Wechſel: nur durch Zufall War dein der Sieg; und wär' er uns geworden, Bedraͤuten wir mit kaltem Blute nicht Die Kriegsgefangenen. Doch da die Goͤtter Es alſo wollten, daß nur unſer Leben Als Zahlung gilt, ſo mag es ſeyn: man weiß, Ein Roͤmer kann mit Roͤmerherzen dulden: Auguſtus lebt, und raͤcht es einſt: So viel Was mich betrifft. Dies eine nur will ich Von Euch erbitten: Nehmet Loͤſung an Fuͤr meinen Knaben, dieſes Landes Sohn? Kein Herr hatt' einen Pagen je, ſo ſanſt, So pflichtergeben, aufmerkſam und fleißig, So allerwege treu, ſo weiblich pflegſam: Sz. 5. Cymbeline. 95 Mag ſein Verdienſt mit meiner Bitte ſprechen, Ihr könnt ſie, edler Koͤnig, nicht verſagen; Er kraͤnkte keinen Britten, war er Diener Auch eines Roͤmers: ihn verſchont, und ſpart Kein Blut ſonſt. Cymb. Sicher hab' ich ihn geſehn; Sein An iſt mir wohlbekannt.— Mein Knabe, Es hat dein Blick ſich in mein Herz geſenkt, Und du biſt mein.— Mich treibt's, ich weiß nicht wie, Zu ſagen, lebe, dank' nicht deinem Herrn, Und fordre was du willſt von Cymbeline, Ziemt's meiner Guͤt' und deinem Stand, gewähr' ich's; Ja, wenn du auch von den Gefangnen forderſt Den edelſten. amog In Demuth dank' ich Euch. Luc. Nicht bitt' ich, daß du ſollſt mein Leben fordern; Doch weiß ich, liebes Kind, du wirſt. Imog. Nein, nein, ach nein: Um ganz was anders handelt ſich's; da ſeh' ich, Mir Schlimm'res noch als Tod: dein Leben, guter Herr, Muß ſelbſt ſich umthun. Lue. Mich verſchmaͤht der Knabe, Verlaßt, verſpottet mich: wie ſchnell verſchwindet Ein Gluck, das ſich auf Knab und Madchen gruͤndet.— Was ſteht er ſo betaͤubt? Cymb. Was willſt du, Knabe? Mehr lieb' ich dich und mehrz denk' mehr und mehr, Was du gern hätteſt. Kennſt du, den du anſchauſt? Willſt du ſein Leben? Iſt's dein Freund? Verwandter? Imog. Er iſt ein Romer; mir nicht mehr verwandt, Als ich Eu'r Hoheit; doch ich ſteh' Euch naͤher Als Unterthan. Cymb. Was ſchauſt du ihn ſo an? Imog. Ich ſag's Euch im geheim, wenn Ihr geruht ich anzuhoͤren. Cymb. Ja, von ganzem Herzen, Und bin fuͤr dich ganz Ohr. Wie iſt dein Name? Imog. Fidelio, Herr. Cymb. Du biſt mein wack'rer Knabe; Mein Page, ich dein Herr: komm, und ſprich frei. (Eymbeline und Imogen ſprechen heimlich.) Bell. Iſt er vom Tod' erſtanden, dieſer Knabe? 96 Cymbeline.. Arv. Ein Sandkorn ſieht dem andern nicht ſo gleich: Das roſ'ge Kind, Fidelio, welches ſtarb:— Wos meint Ihr? Guid. Ganz daſſelbe Weſen lebend. Bell. Still! Er ſieht uns nicht an; ſeyd ruhig; wartet Wohl gleichen Menſchen ſich; und wenn er's wäre, So ſpräch' er auch mit uns. * Guid. Wir ſah'n ihn todt. Bell. Schweigt; warten wir es ab. Piſ.(für ſich.) S iſt meine Herrin: Nun, da ſie lebt, mag kommen was da will, Gut oder ſchlimm. E Cymb. Komm, ſtell' dich neben mich; Thu' deine Fragen laut.— Du da, tritt vor, Gieb Antwort dieſem Knaben, und ſprich frei; Sonſt, bei der Majeſtät, und ihrer Gnade, Der wir uns ruͤhmen, ſollen ſchwere Foltern Wahrheit und L cheiden.— Sprich zu ihm. Imog. Ich bitte, daß der Edelmann uns ſage, Wer ihm den Ring gab. Poſth.(für ſich.) Was kann ihn das kümmern? Cymb. Der Diamant an deinem Finger, ſprich, Wie ward er dein? Jach. Du wirſt mich foltern, daß ich das nicht ſage, Was ausgeſprochen ſelbſt dich foltert. Cymb. Mich? Jach. Erwuͤnſcht iſt mir der Zwang, das auszuſprechen Was mich im Schweigen quaͤlt. Durch Schurkerei Ward mir der Ring, einſt Leonatus Kleinod: Den du verbannteſt; und(dies pein'ge dich Mehr als mich ſelbſt) nie lebt' ein beßrer Mann Auf weiter Erde. Willſt du mehr noch hoͤren? Cymb. Das Nothige. Jach. Der Engel, deine Tochter, Um die mein Herz Blut weint, und, an ſie denkend, Mir Pein die Kraft raubt— Weh! ich ſinke nieder— Cymb. Mein Kind! was iſt mit ihr? Ermanne dich: Eh' ſey dir Leben bis Natur es endet, Als daß du ſchweigend ſtirbſt: friſch auf, und rede. Jach. Zu einer Zeit(unſelig war die Glocke, Die jene Stunde ſchlug!) in Rom,(verflucht Das Haus!) bei einem Feſt,(o, waren Gift Die Speiſen! mindeſtens die ich genoß!) ———— — Sz. 5. Cymbeline. 97 Der gute Poſthumus—(gut ſag' ich? freilich, Zu gut, mit böſen Menſchen zu verkehren; War er doch ſelbſt bei Auserwählten, Höchſten, Der Beſte Aller) ernſthaft ſaß er, hoͤrte, Wie die Geliebten unſers Land's wir prieſen, Um Schönheit, die den hoͤchſten Schwung erlahmte Deß, der am beſten ſprach; und um Vollendung, Daß Venus und Minerva ward verdunkelt, Bildwerke die Natur beſchaͤmen; und Um Geiſtesadel; alle Wundergaben, Um die man Weiber liebt;(der Reiz beſeitigt Des Herzens Angel, der die Augen eiſ— Cymb. Es brennt der Boden mir: Laß mich's erfahren. Jach. Zu bald, wenn nicht bald dir Kummer wun⸗ eſt.— Er, Poſthumus, in Liebe hochgeſinnt, Fuͤrſtlich geliebt, ſprach nun in ſolcher Wuͤrde, Und nicht mißpreiſend die wir prieſen(darin Wie Tugend mild), begann er ſeiner Herrin Gemaͤlde, das, wie ſeine Zung' es ſchuf, Und ihm dann Seele gab, uns prahlen hieß Von Kuͤchenmägden, oder ſeine Schildrung Zeigt' uns als Blödſinn, dem die Rede fehlt. Cymb. Zur Sache; ſchnell! Jach. Die Keuſchheit Eurer Tochter— hier beginnt's— Er ſprach, als hätte Diana uͤpp'ge Träume, Und ſie allein ſey kalt: worauf ich Bube Sein Lob verhoͤhnt', und mit ihm Wette ſpielte, Goldſummen gegen das, was damals trug Sein ehrenvoller Finger, durch Verfuͤhrung Und ſeine Schmach den Ring hier zu gewinnen, Durch Ehebruch mit ihr; er, treuer Ritter, Der ihrer Ehre minder nicht vertraute Als ich ſie wahrhaft fand, ſetzt dieſen Ring, Und hätt's gethan, war's ein Karfunkel auch An Phöbus Rad; und konnt es ſicher, galt's Den Werth ganz des Geſpanns. Fort, nach Brittanien Eil' ich deshalb: Ihr mogt Euch wohl erinnern Am Hofe mein, wo Eure keuſche Tochter Den großen Unterſchied von Lieb' und Unzucht Mir kehrte. So, im Hoffen, nicht im Wuͤnſchen Erſtickt, fing an mein Wälſches Hirn zu wirken In Eurer ſchweren Luft, höchſt niedertraͤchtig, X. 1 N 98 Cymbeline. A. v. Doch herrlich meinem Nutzen. Und, in Kuͤrze: Durchaus gelang mein Kunſtſtuͤck, daß ich kehrte Mit Scheinbeweiſen, g'nug, um toll zu machen Den edeln Leonatus, ſchwer verwundend Sein feſt Vertraun in ihrer Tugend Ruhm, Durch die und jene Zeichen: Ich beſchrieb Gemaͤlde, Tepp'che, zeigt' ihr Armband ihm; (O Liſt, die mir's gewann!) und nannt' ein heimlich Merkmal an ihrem Leib. Er mußte glauben, Vernichtet ſey'n die Pflichten ihrer Keuſchheit, Und ich Beſitzergreifer. Nun hierauf,— Nich dunkt, ich ſeh' ihn jetzt— (hervortretend.) Ja, alſo iſt's, Du Waͤlſcher Teufel!— Weß weh mir leichtglaͤub'gen oren! Ausbuͤnd'gem Moͤrder, Dieb! ja, alles, was Nur Boͤſewichter ſchimpft der Vorzeit, Gegenwart Und Zukunft!— Gebe Strick mir, Meſſer, Gift Ein biedrer Richter! König, ſende fort Nach ausgeſuchten Foltern: ich bin der, Der alles, was die Welt verabſcheut, adelt, Denn weit verworfner ich! Ich bin der Poſthumus, Der dir dein Kind erſchlug!— O nein, ich luge bubiſch: Der einem ſchuft'gern Buben als ich ſelbſt, Nem kirchenräuberiſchen Dieb den Mord befahl;— Der Tugend Tempel war ſie; nein, die Tugend ſelbſt. Wirf Stein' und Koth auf mich, und ſpei mich an; Laß hetzend auf mich los der Straßen Hundez Geſchimpft ſey jeder Bube Poſthumus; Und jede andre Buͤberei ſey Ruhm!— O Imogen! Mein Weib, mein Leben, meine Koͤnigin! O Imogen! Imogen! Imogen! Imog. Still, Herr; hoͤrt— Poſth. Iſt hier ein Schauſpiel? Du vorwitz'ger Page, Da liege deine Rolle. (Er ſchlägt ſie, ſie fällt hin.) Piſ. Helft, Ihr Herrn, Helft mein und Eurer Fuͤrſtin:— Poſthumus! Erſt jetzt erſchlugt Ihr Imogen:— helft, helft! O theure Fuͤrſtin! Cymb. Dreht die Welt ſich um? Sz. 5. Cymbeline. 99 Poſth. Wie kommt der Schwindel mir? Piſ. Erwacht, Prinzeſſin! Cymb. Iſt dies, ſo wollen mich die Goͤtter todten N xoncjteroen ürjünt iſ. ie geht es, Fuͤrſtin Imog. Geh mir aus den Augen; Du gabſt mir Gift: fort, du heimtuck'ſcher Menſch! Und athme nicht, wo Fuͤrſten ſind. Cymb. Es iſt Die Stimme Imogens. Hiſ⸗ Gebieterin, Zerſchmettern mich durch Schwefelſteine Goͤtter, Wenn ich das Fläſchchen nicht, was ich Euch gab, Fuͤr heilſam hielt; mir gab's die Königin. Cymb. Noch etwas Neues? Imog. Mir war's Gift. Corn. O Himmel! Eins, was die Koͤngin noch geſtand, vergaß ich, Das rettet deine Ehre: Gab Piſanio, Sprach ſie, das Fläſchchen ſeiner Herrin, das Ich als Arznei ihm ſchenkt', iſt ſie bedient, Wie Ratten man bedient. Cymb. Wie nun, Cornelius? Corn. Die Koͤnigin, mein Fuͤrſt, drang oft in mich, Ihr Gift zu miſchen; Trieb nach Wiſſenſchaft Gab ſie ſtets vor, und ſprach, ſie wolle toͤdten Nur niedrige Geſchoͤpf', als Katzen, Hunde, Die man nicht ſchont; ich, furchtend, daß ihr Anſchlag Auf Größ'res ziele, miſcht' ihr einen Trank, Der, eingenommen, augenblicklich hemmt Die Lebensgeiſter; doch nach kurzer Zeit Erwachen alle Kraͤfte der Natur Zum vor'gen Dienſt.— Habt Ihr davon genommen? Imog. Gewiß; denn ich war todt. Bell. Seht, meine Soͤhne, Daher der Irrthum. Guid. Ja, es iſt Fidelio. Imog. Wirfſt du ſo weg dein angetrautes Weib? Denk', daß du auf'nem Felſen ſtehſt, und wirf Mich wieder fort.(Sie umarmt Poſthumus.) oſth. Häng' hier als Frucht, mein Leben, Bis der Baum ſtirbt. Cymb. Wie nun, mein Fleiſch, mein Kind 7. 100 Cymbeline. Machſt du zum Gaffer mich in dieſem Spiel? Haſt du kein Wort fuͤr mich? Imog.(vor ihm knieend.) Herr, Euren Segen! Bell. Daß Ihr den Juͤngling liebtet, tadl' ich nicht; Ihr hattet Grund. Cymb. Sey dieſer Thraͤnenguß Geweihtes Woßſet dir! O Imogen, Deine Mutter ſtarb. Imog. Es thut mir weh, mein Vater. Cymb. O, ſie war boͤf“; und ihre Schuld allein Iſt's, daß wir ſo uns wiederſehn. Ihr Sohn Iſt fort, wir wiſſen nicht wohin. Piſ. Mein Koͤnig, Jetzt, frei von Furcht, verhehl' ich nichts. Prinz Cloten Kam, als die Fuͤrſtin man vermißt, zu mir Mit bloßem Schwert, und ſchaͤumt' aus Wuth und ſchwur, Entdeckt' ich ihm nicht gleich, wohin ſie floh, So wär's im Augenblick mein Tod; durch Zufall Hatt' ich'nen falſchen Brief von meinem Herrn In meiner Taſche: dieſer gab ihm an, Bei Milford in den Bergen ſie zu ſuchen; Dahin, voll Wuth, in meines Herren Kleidern, Die er von mir erzwang, geht er in Eil', Mit böſem Vorſatz, meiner Herrin Ehre Schwur er zu rauben: was aus ihm geworden, Erfuhr ich nicht. Guid. So ſchließ' ich die Erzaͤhlung: Ich hab' ihn dort erſchlagen. Cymb. Gott verhut' es, Daß deinen edeln Thaten meine Zunge Ein hartes Urtheil ſprechen ſoll: ich bitte, Verlaͤugn' es, tapfrer Juͤngling. Guid. Ich ſagt' es, und ich that's. Cymb. Er war ein Prinz. Guid. Ein ſehr unhoͤflicher: wie er mich ſchmaͤhte, Das war nicht prinzlich; denn er reizte mich Mit Worten; brullte ſo das Meer mich an, Ich boͤt' ihm Trotz: den Kopf ſchlug ich ihm ab; Und freue mich, daß er nicht hier kann ſtehn, Von meinem dies erzaͤhlen. Cymb. Ich klag' um dich: Dein eignes Wort verdammt dich, das Geſetz Heißt Tod: du ſtirbſt. Sz. 5. Cymbeline. 101 Imog. Den Leichnam ohne Haupt Hielt ich fuͤr meinen Gatten. Cymb. Bindet ihn, Fuͤhrt den Verbrecher fort. Bell. Halt ein, Herr Koͤnig: Weit beſſer iſt der Mann als der Erſchlagne, Er iſt ſo viel als du; und hat um dich Wohl mehr verdient als eine Bande Clotens, Die keine Narbe wagten. Laßt die Arm' ihm frei, Sie ſind fuͤr Bande nicht. Cymb. Ha! alter Krieger, Willſt du noch ungelohnt Verdienſt dir rauben, Und unſern Zorn verſuchen? So viel wär' er, Als ſelber wir? Arv. Darin ging er zu weit. Cymb. Er ſtirbt dafuͤr. Bell. Wir ſterben alle drei: Erſt zeig' ich's, zwei von uns ſind ganz ſo vornehm Wie ich geſagt.— Geliebte Söhn', ich muß Ein Wort entrathſeln, das gefaͤhrlich mir, Doch gluͤcklich iſt fuͤr Euch. Arv. Was Euch gefaͤhrlich, Iſt's uns. Guid. Und unſers, Euer Gluͤck. Bell. Wohlan!— Du iß⸗ o Koͤnig, einen Unterthan, Er hieß Bellarius. Cymb. Was von ihm? verbannt Ward der Verraäther. Bell. Er iſt's, der dies Alter Erreicht hat: freilich, ein verbannter Mann; Weshalb Verraͤther, weiß ich nicht. Cymb. Fort mit ihm; Die ganze Welt ſoll ihn nicht retten.. Bell. Nicht zu hitzig: Erſt zahle mir die Koſt fuͤr deine Söhne; Und alles ſey verfallen gleich, wie ich's Empfangen habe. Cymb. Koſt fuͤr meine Sohne? Bell. Ich bin zu kuͤhn und dreiſt. Hier knie' ich nieder, Und ſteh' nicht auf, eh' ich die Soͤhn' erhoben; Dann ſchone nicht den Alten. Großer König, Die beiden edeln Knaben, die mich Vater 102 Cymbeline. A. V. Genannt, ſich meine Soͤhne, ſind nicht mein; Sie ſind die Sproſſen deines Stamms, mein Lehnsherr, Und Blut von deinem Blut. Cymb. Wie, mir entſproſſen? Bell. Wie deinem Vater du. Ich, alter Morgan, Bin der Bellarius, den du einſt verbannt: Dein Will' allein war meine Suͤnd' und Strafe; Dies mein Verrath; daß ich ſo dulden mußte, War mein Verbrechen. Dieſe edeln Prinzen, Sie ſind es wahrlich, hab' ich auferzogen Seit zwanzig Jahren: und ihr Wiſſen iſt Wie ich es lehren konnte; meine Bildung Kennt Ihr. Euriphile, die Waͤrterin, Die fuͤr den Raub ich freite, ſtahl die Kinder Nach meinem Bann, ich reizte ſie dazu; Da ich vorher die Straf' empfing fuͤr das, Was ich nachher veruͤbt; fuͤr Treu' geſchlagen, Ward ich dadurch Verräther: ihr Verluſt, Je mehr von Euch gfühte⸗ entſprach ſo mehr Der Abſicht meines Raub's. Huldreicher Herr, Nimm deine Söhne hier; verlier' ich auch Die holdeſten Gefaͤhrten von der Welt:— Des Himmels vollſter Segen thau' herab Auf ihre Haͤupter! denn ſie ſind es werth, Den Himmel auszulegen mit Geſtirnen. Cymb. Du weinſt und redeſt. Was Ihr drei im Kriege Vollbracht, iſt Wunder mehr als dein Erzählen; Geraubt ſind meine Kinder; find es dieſe, Kann ich mir nicht zwei beßre Söhne wuͤnſchen. Bell. Geduld ein Weilchen.— Der Juͤngling, den ich Polydor genannt, Iſt Prinz Guiderius, Euer edler Sohn; Mein Cadwal, dieſer Juͤngling, Arviragus, Eu'r juͤngſter Prinz; er war in einen Mantel Gehuͤllt, kuͤnſtlich gewebt von eigner Hand Der Koͤn'gin, ſeiner Mutter, den, als Merkmal, Ich leicht dir zeigen kann. Cymb. Guiderius hatte Ein Mahl am Hals, ſo wie ein blut'ger Stern: Es war ein ſeltſam Zeichen. 8 Bell. Dieſer tragt Noch jenen Stempel der Natur an ſich: „ Sz. 5. Cymbeline. 103 Sie gab ihm dies aus weiſer Vorſicht mit, Sein Zeugniß jetzt zu ſeyn. Cymb. Bin ich ſo Mutter Von breien Kindern? Nie war eine Mutter So froh nach der Geburt:— O, ſeyd geſegnet, Daß, wie Ihr ſeltſam Eurem Kreis entwicht, Ihr jetzt drin herrſchen moͤgt!— O Imogen, Dadurch haſt du ein Koͤnigreich verloren. Imog. Mein Vater, neinz zwei Welten ſo gewonnen.— O liebſte Bruͤder, trafen wir uns ſo? Sagt kuͤnftig nie, daß ich nicht wahrer ſpreche: Ihr hieß't mich Bruder, und ich war nur Schweſter; Ich nannt' Euch Bruͤder, die Ihr wirklich waret. Cymb. Habt Ihr Euch ſchon gehnt lrv. Ja, theurer Koͤnig. Guid. Und liebten uns beim erſten Blick; beharrten Im Lieben, bis wir ihn geſtorben wähnten. Corn. Vom Trank der Koͤnigin. Cymb. O Wunder des Inſtinkts! Wann faß' ich's ganz? Die rohe Abkuͤrzung Iſt ſo ſeltſam verzweigt, daß jedes einzeln Sich glaͤnzend hebt.— Wie, wo habt Ihr gelebt? Und wie kam'ſt in den Dienſt des Roͤmers du? Wie fand'ſt du, wie verließeſt du die Bruͤder? Weshalb entflohſt vom Hof du, und wohin? Auch was Euch alle drei zur Schlacht getrieben, Und wie viel and'res noch muß ich erfragen; Die Nebenſachen all', wie ſich's begeben, Gluͤcklich und ſeltſam; doch nicht Zeit noch Ort Paßt fuͤr ſo lange Fragartikel. Seht, Es ankert Poſthumus auf Imogen; Und ſie, wie Wetterleuchten, wirft ihr Auge Auf ihn, die Bruͤder, mich, den Gatten, ſchießend Auf jeglichen den Freudenblitz; in jedem ſpricht Entzuͤcken anders. Gehn wir denn von hier, Und fuͤlle Weihrauchduft die Tempelhallen.— Du biſt mein Bruder; der ſollſt du mir bleiben. Imog. Ihr ſeyd mein Vater auch; erquicktet mich, Um dieſes Heil zu ſehn. Cymb. Es jauchzt nun Alles, Nur die in Ketten nicht; ſie moͤgen auch Sich freuen unſter Milde⸗ Cymbeline. A. v. nh Euch, Gebieter, noch. Will ich doch helfen Luc. Seyd denn begluͤckt. Cymb. Der tapfte Krieger, den wir noch vermiſſen, Er hätte dieſen Kreis geziert, dann wäre Die Dankbarkeit des Königs nicht verkuͤrzt. Poſth. Mein Fuͤrſt, Der Krieger, der mit dieſen dreien kaͤmpfte In armer Tracht, wie ſie der Abſicht ziemte, Die damals ich verfolgte,— der bin ich. Sprich, Jachimo; du lagſt vor mir am Boden, Erſchlagen konnt' ich dich. Se ihm knieend.) Hier lieg' ich wieder: Doch des Gewiſſens Druck beugt jetzt mein Knie, Wie damals deine Kraft. Nimm hin mein Leben, Das ich ſo oft verwirkt: doch erſt den Ring; Und hier das Armband der getreuſten Furſtin, Die jemals Liebe ſchwur. Knie nicht vor mir; Poſtb. Die Macht, die ich beſig', iſt dich verſchonen; Und meine Rache, dir verzeihen; lebe, Sey beſſer gegen andre. Cymb. Edler Spruch: Es ſoll uns Großmuth unſer Eidam lehren; Verzeihung Allen! Arv. Herr, Ihr halfet uns, Als wenn Ihr wirklich unſer Bruder wäret: Wir freun uns, daß Ihr's ſeyd. Poſth. Eusr Knecht, Ihr Prinzen.— Edler Herr von om, Ruft Euren Zeichendeuter. Als ich ſchlief, Schien mir's, daß Jupiter auf ſeinem Adler Sich mir genaht, mit andern Geiſtgeſtalten Von meinem Haus; als ich erwachte, fand ich Dies Täfelchen guf meiner Bruſt; die Schrift Iſt dunkeln Sinnes, ſo daß ich ſie nicht ir deuten kann; laßt ſeine Kunſt ihn zeigen. Luc. Philarmonus— Wahrſ. Hier, Herr. Luc. Lies und erkläre. Wahrſ. Eieſt.) Wenn eines Lowen Junges, ſich ſelbſt unbekan.t, ohne Suchen findet, und umarmt wird von 5 Sz. 5. Cymbeline. 105 einem Stuͤck zarter Luft; und wenn von einer ſtattlichen Ceder Aeſte abgehauen ſind, die, nachdem ſie manches Jahr todt gelegen haben, ſich wieder neu beleben, mit dem alten Stamm vereinen, und friſch empor wachſen: dann wird Poſthumus Leiden geendigt, Brittanien begluͤckt, und in Frieden und Fuͤlle bluhend. Du, Leonatus, biſt des Loͤwen Junges; So wird dein Name treu und recht erklaͤrt, Da Leo natus ganz daſſelbe deutet; Das Stuͤck der zarten Luft, dein edles Kind, Wir nennen's mollis aer; mollis aer Bedeutet mulier: mulier nun, erklär ich, ð dies ſtandhafte Weib, die eben jetzt, uchſtäͤblich nach den Worten des Orakels, Euch unerkannt und ungeſucht umſchloß Als zarte Luft. Cymb. Ein Schein, doch von Bedeutung. Wahrſ. Die Ceder, königlicher Cymbeline, Biſt du: und deine abgehau'nen Zweige Sind deine Soͤhne, die Bellarius ſtahl: Seit lange todt geglaubt, und neu belebt, Vereint der maͤcht'gen Ceder, deren Zweige Brittanien Fried' und Ueberfluß verheißen. Cymb. Wohl! Beginnen wir mit Frieden:— Cajus Lucius, Zwar Sieger, unterwerfen wir uns Cäſarn, So wie dem Roͤm'ſchen Reiche, und verſprechen Tribut zu zahlen, wie bisher, wovon Die boſe Königin uns abgerathen; Die Rache der gerechten Götter fiel Mit ſchwerer Hand auf ſie und ihren Sohn. Wahrſ. Der Himmelsmaͤchte Finger ſtimmt die Saiten Zur Harmonie des Friedens. Das Geſicht, Was ich dem Lucius offenbart', eh' noch Die kaum erkuͤhlte Schlacht begann, erfullt Sich dieſen Augenblick. Der Roͤm'ſche Adler, Der, hohen Flug's, von Suͤd nach Weſten ſchwebte, Ward kleiner ſtets, bis er im Sonnenſtrahl Verſchwand: dies zeigt, daß unſer Fuͤrſtenadler, Der große Cäſar, ſich in Liebe wieder Mit Cymbeline, dem ſtrahlenden, vereint, Der hier im Weſten glaͤnzt. 106 Cymbeline. A. V. Sz. 5. Cymb. Preis ſey den Goͤttern! Es wirble Rauch empor zu ihrem Sitz Aus heil'gen Tempeln! Ruft den Frieden aus All unſern Unterthanen. Ziehn wir heim: Ein Roͤmiſch und ein Brittiſch Banner wehe Freundlich vereint: ſo gehn wir durch Luds Stadt; Und in dem Tempel Jupiters beſchwoͤren Den Frieden wir, beſiegeln ihn mit Feſten; Brecht auf!— Nie hatt' ein Krieg, eh' noch die Haͤnde Vom Blut ſich wuſchen, ſolch ein ſchoͤnes Ende. (Alle gehn mit Muſik und in einem feierlichen Marſche ab.) Liebes Leid und Luſt. Perſonen. Der König von Navarra. Biron, Longaville, Herren im Gefolge des Königs. Dumain, Boyet. Mercade. Don Adriano de Armado, ein Spanier. Nathanael, ein Dorfpfarrer. Dumm, ein Conſtabel. Holofernes, ein Schulmeiſter. Schädel, ein Bauer. Motte, Page des Don Adriano de Armado. Ein Förſter. Die Prinzeſſin von Frankreich. Roſaline, Maria, Hoffräulein der Prinzeſſin. Catharina, Jacguenette, ein Milchmädchen. Gefolge des Königs und der Prinzeſſin. (Szene: in Navarra.) * —— ————————————— — Er ſter Erſte Szene. Navarra. Park vor dem Königlichen Schloß. An u Ze (Es treten auf der König, Biron, Longaville und Dumain.) Roönig. Mag Ruhm, den jeder ſucht, ſo lang' er lebt, Leben in Schrift auf unſerm erznen Grabe, Und dann uns zieren in des Todes Unzier; Wenn, trotz der räuberiſch gefraͤß'gen Zeit, Das Streben dieſer Gegenwart uns kauft Die Ehre, die der Sichel Schaͤrf' ihr ſtumpft, Und uns zu Erben macht der ganzen Zukunft.— Deshalb, Ihr tapfern Sieger! denn das ſeyd Ihr, Die Ihr die eigne Neigung kuͤhn bekaͤmpft, Zuſammt der ird'ſchen Luſte mächt'gem Heer,— Bleib' unſer letzt Gebot in voller Kraft: Navarra ſoll das Wunder ſeyn der Welt; Sein Hof ſey eine klein Akademie, Der Kunſt ſtiller Beſchaulichkeit ergeben. Ihr Drei, Biron, Dumain und Longaville, Beſchwurt, drei Jahre hier mit mir zu leben, Als Schulgenoſſen, den Geſetzen treu, Die auf der Tafel hier verzeichnet ſtehn. Ihr ſchwurt den Eid: nun unterſchreibt die Namen, Damit die eigne Hand deß Ehre fälle, Der hievon nur den kleinſten Punkt verletzt: Seyd Ihr zum Handeln wie zum Schwur bereit, So unterſchreibt und haltet ſtreng den Eid. Long. Gebt her; es gilt ja nur dreijaͤhrig Faſten; Die Seele ſchmauſ't, ob auch der Körper darbt: 110 Liebes Leid und Luſt. A. I. Ein fetter Bauch hat magres Hirnz je feiſter Die Rippen, um ſo ehr bankrott die Geiſter. Dum. Mein theurer Fuͤrſt, Dumain will Buße thun; Den grob'ren Reiz der Welt und ihrer Freuden Läßt er dem ſtumpfern Knecht der groben Welt: Der Luſt, dem Pomp, dem Reichthum will ich ſterben, In der Philoſophie all dies zu erben. Bir. Ich kann nur ihr Betheuern wiederholen, Waos ich, mein beſter Fuͤrſt, bereits gelobt: Das heißt, drei Jahr ſtudirend hier zu leben. Doch giebt's noch andre ſtrenge Obſervanzen: Als: keine Frau zu ſehn in all' der Zeit, Was, hoff' ich ſehr, nicht im Verzeichniß ſteht; Und einen Tag der Woche nichts zu eſſen, Und außerdem nur täglich ein Gericht, Was, hoff' ich, auch nicht im Verzeichniß ſteht: Und dann drei Stunden Schlaf nur jede Nacht, Und keinen Augenblick am Tage ſchlummern, (Da ich gewohnt, kein Arg zu haben Nachts, Und Nacht zu machen aus dem halben Tage) Was, hoff⸗ ich ſehr, nicht im Verzeichniß ſteht⸗ O trocknes Muͤhn! o allzuſchwere Laſten! Studiren, keine Frau ſehn, wachen, faſten! Ron. Eu'r Eid giebt auf, dies alles aufzugeben. Bir. Ich ſage Nein, mein Fuͤrſt, Ihr muͤßt vergebenz Drei Jahr an Euerm Hof zu leben nur, Und mit Euch zu ſtudiren, war mein Schwur. Long. Der Eine Schwur ſchließt auch die andern ein. Bir. Dann ſchwur ich nur zum Spaß, bei Ja und ein.— Was iſt der Zweck des Studiums? laßt mich's wiſſen. Ron. Nun, das zu lernen, was wir jetzt nicht wiſſen. Bir. Was unerforſchlich iſt gemeinem Sinn?— Ron. Das iſt des Studiums gottlicher Gewinn. Bir. Dann, ſchwoͤr' ich Euch, ſtudir' ich andachtsvoll, Zu lernen das, was ich nicht wiſſen ſoll. Als, wo ich mag ein lecktes Mahl erſpähn, Da uns zum Faſten unſer Eid verpflichtet; Und wo ich kann ein huͤbſches Madchen ſehn, Seit auf der Schoͤnen Anblick wir verzichtet: Oder wie man zu harten Eid umgehe, Daß man ihn brech' und doch die Treu beſtehe. Wenn dies der Studien Ziel und edler Preis, — Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 11 Dann lehrt mich Studium, was ich noch nicht weiß; Dann ſchwoͤr' ich gern, gelob' Euch allen Fleiß. Roͤn. Der Anſtoß eben hemmt, wenn man ſtudirt, Der unſern Geiſt zu eitler Luſt verfuͤhrt. Bir. Eitel iſt jede Luſt, am meiſten die Mit Muͤhen kaufend nichts erwirbt als Muͤh'; Als, muͤhevoll den Geiſt zum Buch gewendet, Suchend der Wahrheit Licht; Wahrheit indeſſen Hat tauſchend ſchon des Auges Blick geblendet, Licht, ſuchend, hat das Licht des Lichts vergeſſen: Und ſtatt zu ſpoͤhn, wo Licht im Finſtern funkelt, Erloſch dein Licht, Nacht hat dein Aug' umdunkelt. Studirt vielmehr, was Euer Aug' entzucke, Indem Ihr's auf ein ſchoͤn'res Auge wendet; Das blendend uns zugleich mit Troſt erquicke, Und, raubt es Licht, uns neue Sehkraft ſpendet. Studium vergleich' ich mit dem Strahl der Sonnen, Kein frecher Blick darf ihren Glanz ergruͤnden: Was hat ſolch' armer Gruͤbler ſich gewonnen, Als Satzung, die im fremden Buch zu finden?— Die ird'ſchen Pathen, die im Himmelsheer, Gevattern gleich, jedweden Stern benennen, Erfreun ſie ſich der hellen Naͤchte mehr, Als die umhergehn und nicht einen kennen?— Allzuviel wiſſen heißt mit Worten kramen, Und jeglicher Gevatter kann benamen. Roͤn. Ei wie beleſen er auf's Leſen wuͤthet! Dum. Wie raſch fortſchreitend er das Gehn verbietet! Long. Er will das Korn getilgt, Unkraut behuͤtet! Bir. Der Lenz iſt nah, wenn Gans und Ente brutet. Dum. Wie paßt ſich das? Bir. Es paßt fuͤr Zeit und Ort. Dum. Nicht fuͤr den Sinn!— Bir. So reimte doch das Wort. Long. Biron iſt gleich den neid'ſchen, froſt'gen Winden, Er knickt die erſten Blumen, die entſpringen. Bir. Und waͤr' ich's? Soll ſich Sommerſtolz verkunden, Ch' noch ein Vogel Urſach' hat zu ſingen?— Soll ich uni Geburt mich freu'n? Ich mag um Neujahr Roſen nicht verlangen, Noch Schnee, wenn Lenz und Mai mit Bluͤthen prangen: Jegliche Frucht muß Reif' und Zeit erlangen. 112 Liebes Leid und Luſt. A. I. So kommt fur Euch zu ſpaͤt das Lernen nach; Ihr wollt zur Hausthuͤr klettern uber's Dach. Roͤn. So ſcheidet aus, Biron, und geht ſofort. Bir. Nein, theurer Herr, ich bleib', ich gab mein Wort. Sprach ich gleich mehr zum Ruhm der Barbarei, Als fuͤr den Engel Weisheit Ihr konnt ſagen, Doch halt' ich meinen Eidſchwur ſtreng und treu, Und will drei Jahr die Buße taäglich tragen. Zeigt mir das Blatt, und was es auch begehrt, Dem Haͤrtſten ſey die Unterſchrift gewährt. Roͤn. Solch' edle Ruͤckkehr hat dich hoch geehrt. Bir.(lieſt.)„Item daß kein Weib unſerm Hof auf eine WMeile nah kommen duͤrfe.“— Iſt dies bekannt gemacht?— Long. Schon ſeit vier Tagen. Bir. Und welche Strafe ſteht darauf? Clieſt.)„bei Ver⸗ luſt ihrer Zunge.“ Ei, wer gab den Beſcheid? Long. Ich ſelber ſchrieb ihn heut. Bir. Und wozu ſo viel Leid? Long. Zu ſchrecken durch der Strafe Furchtbarkeit. Bir. Ein arg Geſetz doch fuͤr die Höͤflichkeit!—(er lieſt.) „Iem, ſieht man einen Mann in dem Zeitraum von drei Jahren mit einem Weibe ſprechen, ſo ſoll er ſo viel oͤffent⸗ liche Schmach erdulden, als der uͤbrige Hof nur immer zu erſinnen vermag.“ Den Punkt, mein Lehnsherr, muͤßt Ihr ſelber brechen; Denn Frankreichs Koͤnig ſchickt in unſer Land Die eigne Tochter her, mit Euch zu ſprechen, Durch ſeltnen Reiz und Hoheit weltbekannt. Fuͤr ihren Vater, alt, gelaͤhmt und kraͤnklich, Fragt ſie um Aquitaniens Raͤumung an; Drum ſcheint der Punkt umſonſt mir und bedenklich, Dafern ſie nicht den Weg umſonſt gethan. Roͤn. Wie nur der Umſtand uns ſo ganz entfiel! Bir. So ſchießt das Studium immer uͤber's Ziel: Weil es ſtudirt, zu haſchen, was es wollte, Vergaß es auszurichten, was es ſollte; Und hat es nun, worauf es lang geſonnen, Iſt's wie im Sturm; gewonnen ſo zerronnen. Roͤn. Dann freilich ſind zur Aendrung wir gezwungen; Denn hier verweilen muß ſie nothgedrungen. Bir. Und all' die Eide wird die Noth zerbrechen Dreitauſendmal, noch eh' drei Jahre ſchwinden: — Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 113 Denn jeder Menſch hat angeborne Schwaͤchen, Die Gnade nur, nicht Kraft kann uͤberwinden. Drum ſey mein Troſt, verletz' ich das Gebot, Mich zwang zum Meineid unumgaͤnglich Noth.— So ſteh' mein Name deutlich hier gieich allen: Und wer das kleinſte der Geſetze kraͤnkt, Der ſey der ew'gen Schmach anheimgefallen; Verſuchung iſt, wie andern, mir verhängt. Doch hoff' ich, ſchein' ich auch verdroſſen jetzt, Von Allen brech' ich wohl den Eid zuletzt.— Doch, wird kein Scherz zur Stärkung uns gewährt? Roͤn. O ja! Ihr wißt, an unſerm Hof verkehrt Ein Reiſender aus Spanien; ein Exempel Der neuſten Mod', in Feinheit wohl belehrt, Deß Hirn Sentenzen ausprägt, wie ein Stempel: Einer, dem die Muſik der eignen Stimme So ſuͤß duͤnkt als ein überirdiſch Tönenz Das Muſter eines Mann's, den ihrem Grimme Unrecht und Recht gewählt, ſie zu verſöhnen. Dies Kind der Laune, Don Armado heißt er, Erzählt mit ſchwuͤlſt'gem Wort in Mußeſtunden Das Thun und Wirken hoher Waffenmeiſter Aus Spaniens Glut, im Strom der Zeit entſchwunden. Ich weiß nicht, edle Herrn, wie Ihr ihn ſchätzt, Doch wahr iſt, daß ſein Luͤgen mich ergötzt, Und daß er meine Saͤnger mir erſetzt. Bir. Armado iſt der Mod' erlauchter Hort, Und funkelneu von Phraf' und ſeltnem Wort. Long. Mit ihm ſoll Schädel uns die Stunden wuͤrzen, Und der drei Jahre ſtrenge Zeit verkuͤrzen. (Dumm mit einem Brief und Schädel treten auf.) Dumm. Welches iſt des Herzogs eigne Perſon? Bir. Dieſer, Freund: was wollt'ſt du?— Dumm. Ich ſelber präſumire ſeine eigne Perſon, denn ich bin Sr. Hoheit Scherſant; aber ich möchte gern ſeine Perſon in Fleiſch und Blut ſehn. Bir. Dieſer iſt's. Dumm. Signor Arme,— Arme,— empfiehlt Euch. Si Schelmerei im Werk, dieſer Brief wird Euch mehr ſagen. Der ganze Unbegriff davon betrifft gleichſam m* IX. 8 11⁴ Liebes und Leid Luſt. A. I. Roͤn. Ein Brief von dem Llorreichen Armado. Bir. Vie niedrig auch der Inhalt, ſo hoffe ich doch, bei Gott! auf hohe Worte. 1 ₰ Long. Eine hohe Hoffnung auf ein niedriges Facit: Gott verleihe uns Geduld!— 4 Bir. Zu hören? oder mit Horen verſchont zu bleiben?— Long. Laͤßig zu hören, und mäßig zu lachen; oder mit beidem verſchont zu bleiben. 13 Bir. Wohlan, ſey es ſo, wie der Styl uns Anlaß geben wrird, die Ernſthaftigkeit mit Stumpf und Stiel auszurotten. Schäd. Der Inhalt bin ich, Herr, ſo weit es die Jacque⸗ netta betrifft. Art, Weiſe und Grund von der Sache anlan⸗ gend, ſo ward ich ertappt, daß es eine Art hatte. Bir. Auf welche Weiſe? S Schaͤd. Paarweiſe. Bir. Und auf welchen Grund? Schad. Auf dem Grunde des Parks ſitzend: da habt Ihr Art, Grund und Weiſe, und zwar folgender Weiſe: Was die Art betrifft, ſo iſt's die Art eines Mannes, mit einem Mädel zu reden,— was den Grund,— ſo gruͤndlich er kann;— Bir. Und die folgende Weiſe?— Schad. Nun, die wird ſich wohl in meiner Zurechtwei⸗ ſung ausweiſen, und Gott ſchutze das Recht!— Rön. Wollt Ihr den Brief mit Aufmerkſamkeit an⸗ Bir. Wie wir delphiſche Ausrufungen vernehmen wuͤrden. Schad. Das glaub' ich, Schellfiſche hoͤrt man immer gern ausrufen. Rön. Cüeſt.) Großer Statthalter, des Firmaments Vice⸗ Regent, und alleiniger Selbſtherrſcher Navarra's, meiner Fe irdiſcher Gott, und meines Leibes Nahrung ſpendender atron,— Schidel. WMoch kein Wort von Schaͤdel!— Roͤn. So iſt es,. Schäd. Es kann ſo ſeyn; aber wenn er ſagt, es iſt ſo, ſo iſt er, die Wahrheit zu ſagen, nur ſo ſo. j Roͤn. Friede!— 1 Schad. Mit mir und jedem, der nicht fechten mag!— Roͤn. Kein Wort! Schad.— Von andrer Leute Geheimniſſen, das bitt' ich mir aus⸗ Roͤn.(lieſt.) So iſt es: Belagert von der duͤſterfarbigen „ Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 11⁵ Melancholei empfahl ich den ſchwarzdruͤckenden Humor det allerheilſamſten Arznei deiner Geſundheit athmenden Luft, und ſo wahr ich ein Edelmann bin, entſchloß mich zu luſt⸗ wandeln. Die Zeit wann? um die ſechſte Stunde, wenn das Vieh am meiſten graſet, der Vogel am beſten pickt, und 1 der Menſch ſich niederſetzt zu derjenigen Nahrung, welche 6 genannt wird Abend⸗Eſſen. So viel in Betracht der Zeit wann. Nun von dem Grunde welchen; auf welchem, meine ich, ich wandelte: ſelbiger wird benamſet dein Park. Sodann in Betracht des Ortes, wo: wo, meine ich, ich ſtieß auf jene obſcöne und hoͤchſt unzielſetzliche Begebenheit, welche meiner ſchneeweißen Feder die ebenholzſchwarze Tinte entlockt, ſo du hier betrachteſt, ſchaueſt, erblickeſt, oder wahr⸗ nimmſt. Anlangend jedoch den Ort wo er liegt nord-nord⸗ oſt gen oſt von dem weſtlichen Winkel deines ſeltſam ge⸗ ſchuͤrzten Gartens: alldaſelbſt ſahe ich jenen ſtaubſinnigen Schaͤfer, jenen verworfnen Gruͤndling deiner Scherzhaftig⸗ keit, S Schad. Mich!— Roͤn.(lieſt.) Jene unpolirte, kenntnißarme Seele,— Schäd. Mich! Roͤn.(lieſt.) Jenen armſeligen Hinterſaſſen,— ad. Immer noch mich!— Glieſt.) Welcher, ſo viel ich mich erinnere, geheißen iſt Sche del,— Schäd. Hoho! mich ſelbſt!— Roͤn.(lieſt.) Geſellt und vergeſellſchaftet, entgegen dei⸗ nem manifeſtirten, proclamirten Edict und octroyirten Sta⸗ 7 tut, mit,— mit,— 0 mit,— aber es erſchuͤttert mich zu ſagen, womit,— Schaͤd. Mit einem Weibsbilde. Ron. Cleſt.) Mit einem Kinde unſerer Ahnfrau Eva, einem weiblichen Gebilde; oder, geeigneter deinem lieblichen Verſtändniß, einem Mägdlein. Dieſen(wie meine ſtets be⸗ währte Pflicht mich ſpornt) ſende ich dir, den Lohn, ſeine Beſtrafung, zu empfahen durch deiner ſuͤßen Hoheit Gerichts⸗ „ diener Antonius Dumm, einen Mann von gutem Ruf, Betragen, Verhalten und Anſehn. Dumm. Mich, mit Euer Gnaden Vergunſt; ich bin Anton Dumm Roön.(lieſt.) Jaquenetta betreffend,—(ſo iſt das ſchwaͤ⸗ . chere Gefaͤß geheißen, welche ich uͤberraſchte mit vorbemelde⸗ 116 Liebes Leid und Luſt. A. I. tem Bauersmann—) ſo bewahre ich ſelbige als ein Gefäß fuͤr deines Geſetzes Furie, und ſoll ſie auf den geringſten Wink deines holden Wohlmeinens zum Gerichte gefuͤhrt wer⸗ den. Der Deine, in allen Erfuͤllungen dahin gegebener und herzbrennender Glut des Dienſteifers,* Don Adriano de Armado. Bir. Dies iſt nicht ſo gut als ich erwartete, aber das beſte, das ich je gehört. Roͤn. Ja wohl, das Beſte im Schlechteſten. Aber Ihr da, mein Freund, was ſagt Ihr dazu?— Schaͤd. Herr, ich bekenne das Mädel. Ron. Hoͤrtet Ihr nicht die Kundmachung? Schaͤd. Ich bekenne, daß ich viel davon gehoͤrt, aber wenig drauf Acht gegeben habe. Roͤn. Es ward kund gemacht ein Jahr Gefaͤngniß, wenn Einer mit einem Weibe ertappt wird. Schaͤd. Ich ward auch mit keinem ertappt, Herr; ich ward ertappt mit einer Demoiſelle. Roͤn. Gut, es ward kund gemacht, Demoiſelle. Schaͤd. Es war auch keine Demoiſelle, gnäd'ger Herr; ſie war eine Jungfrau. Roͤn. Auch das war in dem Geſetz enthalten, es ward kund gemacht, Jungfrau. Schaͤd. Wenn das iſt, ſo ne ich ihre Jungfrau⸗ ſchaft, ich ward ertappt mit einem Maͤdel. RBoͤn. Dies Maͤdel wird Euch zu nichts helfen, Freund. S Dies Maͤdel wird mir wohl zu etwas helfen, err Roͤn. Ich will dein Urtheil ſprechen, Burſch: du ſollſt eine Woche bei Waſſer und Brot faſten. Schaͤd. Lieber haͤtt' ich einen Monat bei Schoͤpſenfleiſch und Suppe gebetet. Roͤn. Und Don Aemado ſoll dein Waͤchter ſeyn. Mylord Biron, laßt ihn ihm uͤberliefern; Und gehn wir, Herrn, damit ein jeder thut, Was er den Andern hier ſo feſt beſchworen. Bir. Ich ſetze meinen Kopf an Euern Hut, In Spott und Schmach gehn Eid und Spruch verloren⸗ Komm mit, Geſell!— Schad. Ich leide fuͤr die Wahrheit, Herr; denn es iſt wahr, ich ward mit Jaquenette ertappt, und Jaquenette iſt eine wahrhafte Dirne; und deshalb, willkommen du bittrer Sz. 2. Liebes Leid und Luſt. 117 Kelch der Gluͤckſeligkeit!— Die Truͤbſal wir wieder lächeln, und bis dahin, ſetze dich nieder (Sie gehn ab.) d eines Tages „Kummer!— 84 weite 6 z ene. Ebendaſelbſt. (Es treten auf Armado und Motte.) Armado. Was bedeutet es, Kind, wenn ein Mann von hohem Geiſt ſchwermuͤthig wird?— jotte. Eine große Vorbedeutung„Herr, daß er melan⸗ choliſch ausſehn wird. Arm. Nein, Melancholie iſt ja damit Eins und daſ⸗ ſelbe, theures Pfropfreis! jotte. Nein, nein, o bei Leibe, nein!— Arm. Wie unterſcheideſt du wohl Schwermuth und Me⸗ lancholie, mein zarter Juvenil?— Motte. Durch eine faßliche Demonſtration ihrer Wir⸗ kungen, mein zäher Sennor⸗ Arm. Warum zaͤher Sennor? Warum zaͤher Sennor?— Motte. Warum zarter Juvenil? Warum zarter Ju⸗ venil?— Arm. Ich wähle dieſes„zarter Juvenil“ als ein con⸗ gruentes Cpitheton, anfuͤgſam deinen jungen Tagen, welche wir treffend nennen: zart. Motte. und ich„zaͤher Sennor,“ als einen paſſenden Titel fur Eure alten Jahre, welche wir mit Recht nennen: zäh. Arm. Artig und geſchickt. Motte. Wie meint Ihr, Herr; ich artig, und meine Rede geſchickt? oder ich geſchickt, und meine ede artig?— Arm. Du artig, weil klein. Motte. Kleinartig, weil klein. Und warum geſchickt? Arm. Und deshalb geſchickt, weil ſchnell. Motte. Sprecht Ihr dies zu meinem Lobe, Herr?— Arm. Zu deinem verdienten Lobe. jotte. Ich will einen Aal mit demſelben Lobe loben. Liebes Leid uud Luſt. Arm. Wie? daß ein Aal ſinnreich iſt? Wiotte Daß ein Aal ſchnell iſt. Arm. Ich ſage, du biſt ſchnell im Antworten: Du er⸗ hitzeſt mein Blut,— Motte. Nun habe ich meine Antwort, Herr. Arm. Ich liebe nicht gekreuzt zu ſeyn. Motte.(beiſeit.) Umgekehrt, ihn lieben bie Kreuzer nicht. Arm. Ich habe verſprochen, drei Jahre mit dem Herzoge zu ſtudiren. Wotte. Das könnt Ihr in einer Stunde thun. Arm. Unmoͤglich!— Motte. Wie viel iſt Eins dreimal genommen? Arm. Ich bin ſchwach im Rechnen; es ziemt dem Geiſte eines Bierzapfers. Motte. Ihr ſeyd ein Edelmann, und ein Spieler, Herr. Arm. Ich geſtehe beides; beides iſt der Firneiß eines vollendeten Mannes. Motte. So wißt Ihr denn auch ſicherlich, auf wie viel ſich die hohe Summe von Daus und As beläuft. Arm. Sie belaͤuft ſich auf Eins mehr denn Zwei. Motte. Und das nennt der gemeine Poͤbel Drei. Arm. Recht. Motte. Nun, iſt denn das ſo muͤhſames Studium? Drei waren hier ausſtudirt, eh Ihr dreimal mit den Augen blinzt; und wie leicht man das Wort Jahre zu dem Wort drei fuͤgen, und drei Jahre in zwei Worten ſtudiren kann, das zählt Euch das Kunſtoferd vor. Arm. Eine huͤbſche Figur!— Miotte.(beiſeit.) Huͤbſcher als Eure kann ſie leicht ſeyn!— Arm. Ich will uͤberdem geſtehn, daß ich in Liebe bin: und welcherleigeſtalt es niedrig iſt fuͤr einen Soldaten zu lie⸗ ben, alſo auch bin ich in Liebe eines niedrigen Maͤgdleins. Wenn mein Schwert zu ziehen gegen den Kummer der Lei⸗ denſchaft mich befreien koͤnnte von dieſer gottvergeßnen Ge⸗ ſinnung, ſo wuͤrde ich das Verlangen gefangen nehmen, und es einem franzoͤſiſchen Hofmann gegen ein neu erſonnenes Compliment auswechſeln. Ich halte es fuͤr ſchimpflich zu ſeufzen; mich duͤnkt, ich ſollte den Cupido abſchwoͤren. Sprich mir Troſt ein, Kind: welche große Maͤnner ſind in Liebe geweſen?— 11 Motte. Hercules, Herr. Arm. Holdſeligſter Hercules! Mehr Auctoritäten, theu⸗ rer Knabe, nenne ihrer mehr; und, mein holdſeliges Kind, Sz. 2. Liebes Leid und Luſt. 119 laſſe ſie Maͤnner von gutem Ruf und ſtattlichem Betra⸗ gen ſeyn. Motte. Simſon, Herr; der war ein Mann von gutem Betragen, roßem Betragen, denn er trug die Stadtthore auf ſeinem Ruͤcken wie ein Laſttraͤger; und der war in Liebe. Arm. O wohlgefügter Simſon! Stämmig gegliederter Simſon! Ich uͤbertreffe dich mit meinem Rapier ſo ſehr, als du mich im Thortragen uͤbertrafeſt. Auch ich bin in Liebe. Wer war Simſon's Geliebte, mein theurer Motte? Motte. Ein Weib, Herr. Arm. Von welcher Complexion? Motte. Von allen Vieren„oder Dreien, oder Zweien; oder von einer unter den Vieren. Arm. Sage mir ausdruͤcklich, von welcher Complexion?— Motte. Von der meergruͤnen, Herr. Arm. Iſt das eine der vier Complexionen?— So wie ich geleſen habe, Herr, und noch dazu die beſte. Arm. Gruͤn, in der That, iſt die Farbe der Liebenden; aber eine Geliebte von der Farbe zu haben, dazu, duͤnkt mich, hatte Simſon nur wenig Urſache. Ohne Zweifel hatte er wegen ihres Witzes Zärtlichkeit fur ſie? i So iſt es, Herr, denn ſie hatte einen gruͤnen Arm. Meine Geliebte iſt höchſt makellos roth und weiß. Motte. Höchſt makelvolle Gedanken, Herr, ſind unter dieſer Farbe maskirt. Arm. Erkläre, erkläre dich, wohlgezognes Kindlein. Motte. Meines Vaters Witz, und meiner Mutter Zunge, ſteht mir bei!— Arm. Anmuthige Anrufung fuͤr ein Kind; ſehr artig und pathetiſch. Motte. Wenn roth und weiß die Mädchen bluͤhn, at S nie ein Zeichen; onſt macht ein Fehltritt ſie ergluͤhn, Die Furcht wie Schnee erbleichen. Was Schuld ſey, oder Schrecken nur, Wer moͤcht' es unterſcheiden, Wenn ihre Wange von Natur Die Farbe trägt der beiden?— Ein gefährlicher Reim, Herr, gegen Weiß und Roth!— 120 Liebes Leid und Luſt. A. 1. Arm. Giebt's nicht eine Ballade, Kind, vom Koͤnig und der Bettlerin? Motte. Vor einigen Menſchenaltern hatte ſich die Welt mit einer ſolchen Ballade verſuͤndigt; aber ich glaube, man findet ſie jetzt nicht mehr, oder wenn ſie noch da wäre, ſind weder Text noch Melodie zu brauchen⸗ Arm. Ich will dieſen Gegenſtand von neuem bearbeiten laſſen, damit ich ein Beiſpiel habe fuͤr meine Abirrung an einem erhabnen Vorgänger. Knabe, ich liebe das Landmäd⸗ chen, welche ich im Park mit dem vernunftbegabten Thiere Schaͤdel ergriffz ſie kann Anſpruͤche machen„„ Motte.(beiſeit.) Auf's Zuchthaus; und mit alle dem auf einen beſſern Liebhaber, als meinen Herrn. Arm. Singe, Knabe, mein Gemuͤthe wird ſchwermuͤthig vor Liebe, Motte.(beiſeit.) Und das iſt ein großes Wunder, da Ihr ein leichtfertiges Mädchen liebt. Arm. Singe, ſage ich. Wotte. Geduld, bis die Geſellſchaft fort iſt. (Dumm, Schädel und Jaquenette treten auf.) Dumm. Herr, des Herzogs Wille iſt, daß Ihr Schädel in Sicherheit bringt; Ihr ſollt ihm keine Freude, aber auch kein Leid verurſachen; aber faſten foll er, drei Tage in der Woche lang. Dieſe Jungfer muß ich in den Park bringen unter die Milchmaͤdchen. Lebt wohl; „ 3 Ich verrathe mich ſelbſt durch Erroͤthen.— Mäd⸗ en— Jaq. Maͤnnel! Urm. Ich will dich in deinem Milchkeller beſuchen. Jaq. Krumm um die Ecke!— Arm. Ich weiß, wo er gelegen iſt. aq. S Je, wie klug er iſt!— rm. Ich will dir Wunder ſagen. S Ja, Plunder!— Arm. Ich liebe dich!— Jaq. Das ſind alte Kalender. Arm. Und ſo gehab' dich wohl! aq. Proſ't die Mahlzeit. Dumm. Komm, Jaquenetta, fort!— (Dumm und Jaquenette gehn ab.) Sz. 2. Liebes Leid und Luſt. 121¹ Arm. Boͤſewicht, du ſollſt faſten fur beine Vergehungen, bevor dir verziehen wird. d. Gut, Herr; ich hoffe, wenn ich's thue, werde ich's mit vollem Magen thun. Arm. Du ſollſt ſchwer beſtraft werden. Schad. So bin ich Euch mehr verbunden, als Eure Leute, denn die werden nur leicht belohnt. Arm. Hinweg mit dieſem Böſewicht, ſperrt ihn ein!— MWotte. Komm, du übertretender Sclav, komm!— Schaͤd. Faßt mich nur nicht an! Ich will gefaßt ſeyn, zu faſten, wenn Ihr mich los laßt. Motte. Los und gefaßt zugleich? Mein Freund, du mußt ins Gefängniß. Schaͤd. Gut! Wenn ich je die froͤhlichen Tage der Verzweiflung wiederſehe, die ich geſehen habe, ſo ſollen ge⸗ wiſſe Leute fehn,— Motte. Was ſollen gewiſſe Leute ſehn?— Schäd. Nichts, gar nichts, Junker Motte, als was ſie erblicken werden. Es ſchickt ſich fuͤr Gefangne nicht, in ibren Reden ſtill zu ſchweigen, und deswegen will ich nichts ſagen. Gott ſey's gedankt, ich habe nicht mehr Geduld als andre Leute; und darum kann ich ruhig ſeyn. (Motte und Schädel ab.) Arm. Ja, ich verehre ſelbſt den Boden(welcher niedrig), wo ihr Schuh(welcher niedriger)— gefuͤhrt von ihrem Fuß (welcher am niedrigſten)— einhertritt. Ich werde meineidig welches doch ein großer Beweis von Treuloſigkeit), wenn ich liebe; und wie kann das chtes Lieben ſeyn, welches mit Un⸗ treue begonnen wird? Lieke iſt ein Kobold; Liebe iſt ein Teufel, es giebt keinen böſen Engel, als die Liebe. Dennoch ward Simſon ſo verſucht, und er beſaß eine ausnehmende Staͤrke; dennoch ward Salomo ſo verfuͤhrt, und er beſaß einen ziemlichen Verſtand. Cupidos Pfeil iſt zu ſtark fuͤr Herkules Keule; wie ſollte er dann nicht meiner ſpaniſchen Klinge überlegen ſeyn? Der erſte und zweite Ausforderungs⸗ grund koͤnnen mir nicht helfen; den passado achtet er nicht, das duello erkennt er nicht an. Sein Schimpf iſt, Knabe ge⸗ nannt zu werden; ſein Triumph dagegen, Maͤnner zu unter⸗ jochen. Fahr hin, Tapferkeit!— Roſte, meine Klinge!— chweige, Trommel! Denn euer Gebieter iſt in Liebe; ja,* er liebet. Hilf mir irgend ein improviſirender Gott des 122 Liebes Leid und Luſt. A. II. Erfinde, Witz; ſchreibe, Feder; denn ich bin geſtimmt fuͤr ganze Bände in Folio. Reims; denn zweifelsohne wird aus mir ein Sonettendichter. (Er geht ab.). Zweiter Aufzug. Erſt.e S eme Im Park. (Es treten auf die Prinzeſſin von Frankreich, Roſaline, Maria, Catharine, Boyet, Lords und Gefolge.) Boyet. Nun, Fuͤrſtin, regt die feinſten Geiſter auf; Denkt, wen der Koͤnig, Euer Vater, ſendet; Zu wem er ſendet, was ſein Auftrag ſey: Ihr, koſtbar in den Angen aller Welt, Sollt unterhandeln mit dem einz'gen Erben Jeglichen Vorzugs, deß ein Mann ſich ruͤhmt, Navarra's Stolz: und das Geſuch nichts minder Als Aquitanien, einer Kön'gin Mitgift.— Verſchwende nun ſo allen Zauberreiz, Wie einſt Natur den Reiz verſchwendete, Als ſie der ganzen Welt ihn vorenthielt, Um uͤberreich nur dich damit zu ſchmuͤcken. Prinz. Wie arm, Lord Boyet, meine Schönheit ſey⸗ Braucht ſie doch nicht der Schminke Eures Lobes. Schoͤnheit wird nur vom Kennerblick gekauft, Nicht angebracht durch des Verkaͤufers Prahlen. Ich höre minder ſtolz mein Lob Euch kuͤnden, Als Ihr Euch vordraͤngt weiſe zu erſcheinen, Und Euren Witz, mich ruͤhmend, auszuſpenden. Doch nun dem Mahner zur Ermahnung: Ihr, Freund Boyet, wißt, wie der geſchwaͤtz'ge Ruf Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 123 Verbreitet, daß Navarra ſich verpflichtet, Eh' muͤhvoll Studium nicht drei Jahr verzehrt, Soll keine Frau dem ſtillen Hofe nah'n. Deshalb ſcheint uns nothwend'ge Vorbereitung, Eh' wir betreten ſein verbotnes Thor, Zu hoͤren ſeinen Willen; und deshalb Erlaſen wir, wohlkundig Eures Werth's, Euch als beredten Anwald unſrer Bitte. Sagt ihm, die königliche Tochter Frankreichs, n ernſtem, Eile fordernden Geſchaͤft, üſſ' ein Geſpräch mit Seiner Hoheit heiſchen. Eilt, ihm dies mitzutheilen; wir erwarten, Clienten gleich, in Demuth ſeinen Ausſpruch. Boy. Stolz Eures Auftrags geh' ich willig, Theure! Cer geht ab.) Prinz. Nur willger Stolz iſt Stolz, und ſo der Eure! Wer ſind, Ihr lieben Herrn, die Schwurgenoſſen, Die mit dem frommen Herzog dies gelobt?— Lord. Der Ein' iſt ongaville. Prinz. Kennt Ihr den Mann?— Mar. Ich kenn' ihn wohl. Auf einem Hochzeitfeſt, Wo dem Lord Perigord die ſchoͤne Erbin Des Jacob Faulconbridge ward anvermählt, In Normandie, ſah ich den Longaville. an rühmt ihn einen Mann von edeln Gaben, Geſchickt in Kunſt, in Waffen hoch geprieſen; Nichts ſteht ihm ſchlecht, was er mit Ernſt verſucht. Der einz'ge Fleck in ſeiner Tugend Glanz, Gann je ein Fleck den Glanz der Tugend truben), Iſt kecker Witz mit allzudreiſtem Willen: Er ſchneidet ſcharf und will mit Willen keinen Verſchonen, der in ſeine Macht gerieth. rinz. Ein luſt'ger Spötter alſo, nicht, mein Kind? jar. Wer meiſt ihn kennt, hält meiſt ihn ſo geſinnt. Prinz. Witz, ſchnell geboren, wachſt und welkt geſchwind. ger ſind die andern?— Cath. Dumain, ein wohlerzog'ner junger Mann: Wer Tugend liebt, muß ihn um Tugend lieben; Zu ſchaden kräftig, doch dem Böſen fremd: Denn er hat Witz, ſelbſt Unform zu verſchoͤnen, Und Schoͤnheit, die auch ohne Witz beſtaͤche. Ich ſah ihn einſt beim Herzog Alengon, 124 Liebes Leid und Luſt. A. 11. Und zu gering, dem, was ich ſah, verglichen, Iſt dieſe Schild rung ſeines hohen Werth's. Roſ. Noch einer dieſer Academiker War dort mit ihm, dafern ich recht vernahm: Biron genannt: mit einem luſtgern Mann (Doch in den Grenzen wohlanſtaͤnd'gen Scherzes), Hab' ich noch nie ein Stuͤndchen weggeſchwatzt. ein Aug' erzeugt Gelegenheit fuͤr Witz; Denn jeglich Ding, das jenes nur erfaßt, Verwandelt dieſer gleich in heitern Scherz, Den die gewandte Zunge, ſeines Scharfſinns Auslegerin, ſo fein und artig formt, Daß ſelbſt das Alter ſeinem Schwatzen horcht, Und Jugend ganz von ihm bezaubert wird, So hold und leicht beſchwingt iſt ſein Geſpraͤch. Prinz. Gott helf' Euch! Seyd Ihr alle denn verliebt? Daß Jede ſo den Ihren hat geſchmuͤckt Mit folchem Farbenaufwand prächt'gen Lobes?— (Boyet kommt zurück.) War. Hier kommt Boyet. Prinz. Nun ſagt, was fuͤr Empfang?— Boy. Navarra weiß von Eurer Hoheit Nähe, und er, ſamt den Genoſſen ſeines Eides, Sie waren all' Euch zu empfah'n bereit, Bevor ich kam. So viel hab' ich gehört, Er meint, Ihr ſollet eh' im Felde wohnen, Als kämt Ihr zu belagern ſeinen Hof, Eh' er Entbindung ſucht von ſeinem Eid, Und Euch herbergt in ſeinem öden Hauſe. Hier kommt Navarra. (Der König, Longaville, Dumain und Biron treten auf.) Roͤn. Willkomm'n am Hof Navarra's, ſchoͤne Fuͤrſtin. Prinz. Schoͤn geb' ich Euch zuruͤck, und Willkommen hab' ich noch nicht. Das Gewölbe dieſes Hof's iſt zu hoch, um das Eure zu ſeyn, und ein Willkommen auf offnem Felde zu niedrig, um mir zu geziemen. Ron. Ihr ſollt willkommen ſeyn an meinem Hof. Prinz. Ich will's denn ſeyn; geleitet mich dahin. Roͤn. Hort mich nur auz bei Gott hab' ich geſchworen,— Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 125 Prinz. So helf' Euch Gott, denn Ihr habt falſch ge⸗ ſchworen. Roͤn. Nicht um die Welt mit meinem Willen, Fuͤrſtin! Prinz. Nun, Wille bricht ihn, Will“ und anders nichts. Roͤn. Eu'r Hoheit iſt unwiſſend ſeines Inhalts. Prinz. Und waͤr't Ihr ſo, war't Ihr unwiſſend weiſe, Da Kenntniß jetzt Unwiſſenheit verräth. Ich hoͤr', mein Furſt verſchwur es, Haus zu halten; Todſuͤnde iſt's, den Eid zu halten, Füͤrſt, Und Suͤnde, ihn zu brechen⸗ Allein verzeiht!— Zu bald erſchein' ich kuhn; Den Lehrer lehren wollen, ziemt mir ſchlecht. Geruht zu leſen, weshalb ich gekommen, Und ſchnelle Antwort gebt auf mein Geſuch. Roͤn. Das will ich, wenn es kann ſo ſchnell geſchehn. Prinz. Ihr thut's ſo ſchneller, daß ich nur mag geh'n; Mein Bleiben kann nicht mit dem Eid beſteh'n. Bir. Tanzt' ich mit Euch nicht in Brabant einmal? Roſ. Tanzt' ich mit Euch nicht in Brabant einmal? Bir. Ja, ganz gewiß. Koſ. Wie uͤberflüſſig dann Die Frag' an mich!— Bir. O ſeyd doch nicht ſo raſch!— Roſ. Ihr habt mit ſolchem Fragen mich geſpornt! Bir. Eu'r Witz rennt allzuſcharf, Ihr jagt ihn ſtumpf. Roſ. Nicht bis er ließ den Reiter in dem Sumpf. Bir. Was hat die Uhr geſchlagen? Roſ. Die Stunde, wo Narren fragen. Bir. Begluckt ſolch Maskentragen!— Roſ. Gluͤck den Geſichtern drunter! Bir. Gott ſend' Euch Freier munter!— Roſ. Amen, und beſſere als Euch. Bir. Dann geh' 39 lieber gleich. Roͤn. Prinzeſſin, Euer Vater nennt uns hier Die Zahlung von Einhundert Tauſend Kronen, Was nur die Halfte jener ganzen Summe, So ihm mein Vater vorſchoß fuͤr den Krieg. Doch ſetzt, er oder ich,— was nie geſchah,— Empfing dies Geld; fo bleibt doch unbezahit Einhundert Tauſend noch, wofur, als Pfand Ein Theil von Aquitanien mir haftet, Obſchon es nicht der Summe Werth beträgt.„ Will denn Eu'r Vater uns zuruͤckerſtatten, 126 Liebes Leid und Luſt. A. I1. Nur jene Hälfte, die uns noch gebuͤhrt, So laſſen wir ihm Aquitanien gern⸗ Und bleiben Freund mit ſeiner Majeſtät. Doch dazu, ſcheint es, hat er wenig Luſt; Denn hier verlangt er wiederum die Zahlung Der Hunderttauſend Kronen, und entſagt, Nach Zahlung jener Hunderttauſend Kronen, All ſeinem Recht auf Aquitaniens Herrſchaft, Das ich weit lieber aus den Händen gäbe, Und naͤhme, was mein Vater vorgeſtreckt, Als Aquitanien, ſo erſchoͤpft es iſt. Wär' ſeine Ford'rung nicht ſo fern, o Fuͤrſtin, Von billiger Willfahrung,— Eurer Schoͤnheit Willfahrte mehr, als bilig, wohl mein Herz, Daß Ihr vergnügt nach Frankreich wiederkehrtet. Prinz. Ihr thut dem Koͤnig, meinem Vater, Unrecht, und Unrecht Eures Namens wurd'gem Ruf, Wenn Ihr beharrt zu leugnen den Empfang Von dem, was doch ſo treulich ward gezahlt. Ron. Ich ſchwöre, daß ich nie davon gehört; Beweiſ't Ihr mir's, ſo zahl' ich Euch: wo nicht, Iſt Aquitanien Eu'r. rinʒz. Es bleibt beim Wort. Boyet, Ihr könnt die Quittungen ihm zeigen Für jene Summe, von den Staatsbeamten Carls, ſeines Vaters. Roͤn. Stellt mich ſo zufrieden. Boy. Erlaub' Eu'r Hoheit, das Paket blieb aus, Das dies und andre Document' enthält; Auf morgen wird Euch Alles vorgelegt. Ron. Der Augenſchein, 0 Fuͤrſtin, ſoll genuͤgen; Ich will mich allen bil'gen Gruͤnden fugen. Indeß empfange ſolcherlei Willkemmen, Wie Ehre, ſonder Bruch der Ehr', ihn darf Anbieten deiner edlen Wuͤrdigkeit. Ich kann, o Schönſte, nicht mein Thor dir oͤffnen, och draußen ſollſt du ſo empfangen werden, Daß du im Herzen mir zu wohnen denkſt, Obſchon ich dir des Hauſes Gaſtrecht weigre. Dein edler Sinn entfchuld'ge mich, leb' wohl; Wir werden morgen wieder dich beſuchen. Prinz Wohlſeyn und Heil begleit' Eu'r Majeſtaͤt!— . Sz 1. Liebes Leid und Luſt. 127 Roͤn. Dir wuͤnſch' ich, was dein eigner Wunſch erfleht. (Der König geht ab.) Bir. Euch, Dam', empfehl ich meinem eignen Herzen. Roſ. Ich bitt' Euch, Herr, beſtellt ihm mein Empfehlen. Ich ſaͤh' es gern einmal. Bir. Ich wollt', Ihr hoͤrtet's ächzen. Roſ. Iſt's Naͤrrchen krank? Bir. Von Herzen krank. Roſ. Ei, ſo laßt ihm Blut. Bir. Wäre das ihm gut? Roſ. Meine Heilkunſt ſagt, es tauge. Bir. Soo ſtich's mit deinem Auge. Roſ. Mon point! Mit dem Meſſer. Bir. Gott mache dich beſſer!— Roſ. Dich mach' er vernuͤnftig! Bir. Den Dank ſag' ich kuͤnftig. Dum. Mein Herr, ein einz'ges Wort: ſagt an, wer iſt 6 die Dame?— Boy. Die Erbin Alengon's, und Roſalin' ihr Name. Dum. Sehr reizend iſt ſie. Nun, mein Herr, lebt wohl! (er geht ab.) Long. Laßt mich um ein Wort Euch bitten: wer iſt in Weiß die da? Bopy. Manchmal ein Frauenzimmer, wenn man bei Licht ſie ſah. Long. Vielleicht bei S leicht: nur ihren Namen will ich. Boy. Sie hat nur einen fuͤr ſich, den wollen, waͤr' nicht billig. Long. Ich bitte, weſſen Tochter? Boy. Ihrer Mutter, wie man ſagt. Long. Was ſo ein Birt nicht wagt!— 3 1* Long. Nun i i i . Sꝛie zeigt ſehr ſconsinlnn it ſ Boy. Wie's auch ſchon mancher Mann fand. ongaville geht ab.) Bir. Wie heißt in der Muͤtze die?— Boy. Catharine, Gott ſchuͤtze ſie! 128 Liebes Leid und Luſt. A. I. Bir. Iſt ſie vermählt oder nicht? Boy. Wie juſt die Laune ſie ſticht. PBir Willkommen mein Herr, lebt wohl zugleich!— Boy. Lebt wohl⸗ für mich; willkommen, für Euch⸗ 6(Biron geht ab.) wiar. Der letzte iſt Viron, der tolle, luſt'ge Lord. Kein Wort, das nicht ein Scherz iſt. Boy. Und jeder Scherz nur ein Wort. Prinz. Drum war es gut gethan, als Ihr ihn faßtet beim Wort. Boy. Ich war ſo raſch t iin als er zu nah'n dem or Wiar. Zwei tapfre Schafe, wahrlich! Boy. Nein Schiffe, meine Beſte; Nur Schafe, Lamm, ſind wir auf deinen Lippen Gäſte. War. Ihr Schaf' und ich die Weide; endigt der Spaß nun hier?— Boy. Wenn Ihr mir zu weiden erlaubt. War. Nicht ſo, mein zartes Thier. Meine Lippen ſind kein Gemeinfeld, wenn gleich offen Revier. Boy. Und wem denn zugehörig? jar. Nun, meinem Gluck und mir. Prinz. Die Witz gen lieben S doch ſey der Stteit geendet, Der Bürgerkrieg des Witzes iſt beſſer angewendet Auf Navarra's Buͤcherhelden; hier waͤr' er nur verſchwendet. Boy. Wenn meine Seherkunſt, und dieſe irrt wohl nicht, Des Herzens ſtumme Rhetorik, die aus den Augen ſpricht, Mir richtig deutete, verſank Navarra's Muth. Prinz. In was? Boy. Ei nun, wir Kenner betiteln's Liebesglut. Prinz. Eu'r Grund? Boy. Zum Hofhalt ſeines Auges entfloh'n Gebährd' und Sinnen, Und ſchauten durch's Verlangen aus dem Verſtecke drinnen. Sein Herz glich einem Agat, auf den Eu'r Bild gedrückt; Stolz gluht' in ſeinem Auge, er trug Eu'r Siegel entzuͤckt. Die Zunge ganz erzurnt zu reden, ſtatt zu ſehn, Sie ſtolpert ubereilt, und moͤcht' im Auge ſtehn. Zum Sinn des Auges drängte der andern Sinne Gewuͤhl, Die Schonſte der Schönen Gui das war ihr einzig efuͤhl: — Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 129 Sein Auge, wie ein Schrein, duͤnkt mich, umſchloß ſie alle, Wie man dem Fuͤrſten beut Juwelen im Cryſtalle; Der, nicht durchs Glas beſtochen, der Steine Werth erſpaht, Und ſie zu kaufen winkt, wie er voruͤbergeht. 6 Auf ſeiner Stirne Rand las ich in klaren Lettern Der Gloſſe Schrift: er ſchien Euch ſchauend zu vergottern. Ich buͤrg' Euch Aquitanien und ſeines Reichs Genuß, Gebt Ihr um meinetwillen ihm Einen lieblichen Kuß. Prinz. Kommt, gehn wir in 46 Zelt, Boyet iſt auf⸗ geweckt,— Boy. Nur das in Worte zu faſſen, was laͤngſt ſein Aug' entdeckt. Ich wußte ſeinem Auge den Mund hinzuzufuͤgen, Und lieh der Zunge Worte, die, glaubt mir feſt, nicht luͤgen. Dich alten Liebeshandler wird keiner leicht betrugen! jar. Er iſt Amors Sſt der muß ihm alles ent⸗ ecken. Roſ. Dann gleicht Venus der Mutter; ihr Vater iſt zum Erſchrecken. Boy. Hoͤrt Ihr, Ihr tollen Dirnen? S 4 oy. Koͤnnt Ihr auch nicht ſehn? Roſ. O ja, den Weg nie 6 1. Boy. Ihr moͤgt in Frieden gehn!— (Alle ab.) 5 6 8 weite Szene. Ebendaſelbſt. (Armado und Motte treten auf.) — Armado. Trillre mein Kind; afficire mir den Sinn des Gehoͤrs. Motte.(ſingt.) Arm. Melodiſche Manier!— Geh, Zartheit der Jahre; nimm dieſen Schluſſel, gieb dem Bauer Entfeßlung,— bring ihn windſchnell hierher: ich bedarf ſein wegen eines Briefs an meine Huldin. Miotte. Herr, wollt Ihr Eure Huldin mit neumodiſchen Singweiſen und Arien gewinnen? X. 9 130 Liebes Leid und Luſi. A. II. Wie meinſt du? Giebt es Arien, welche weiſe Wiotte. Nein, mein vollendeter Gebieter: aber ſchnellt einen Ton, ſtaccato, von der Spitze eurer Zunge: vibrirt dazu tremulando, mit Euren Fuͤßen; wuͤrzt ihn mit Aus⸗ druck, indem Ihr die Augenlieder aufſchlagt; ſeufz't eine Note, und ſingt eine Note: einmal durch die Gurgel, als ſchlucktet Ihr Liebe, indem Ihr Liebe ſingt, einmal durch die Naſe, als ſchnupftet Ihr Liebe, indem Ihr Liebe riecht; Euren Hut gleich einem Vordach uͤber den Laden Eurer Augen; die Arme kreuzweis uͤber Eurem duͤnnen Wamſe, wie ein Kaninchen am Spieß; oder Eure Haͤnde in der Taſche, wie eine Figur auf den alten Bildern. Dabei mußt Ihr nicht zu lange in einer Tonart verweilen, ſondern ein Schnipp⸗ chen, und linksum. Das ſind Gaben, das ſind Talente, das faͤngt ſprode Mädchen, die ſich auch ohne dies fangen ließen: das macht, daß man von den Gemuͤthern, die ſol⸗ ches in ihrer Gewalt haben,— notirt's Euch! Notiz nimmt. Arm. Womit haſt du dieſe Erfahrung eingekauft? Motte. Fuͤr meinen Pfennig der Beobachtung. Arm. Doch o! Doch o!— Motte.„Vergeſſen iſt das Steckenpferd!“ Arm. Nennſt du meine Huldin Steckenpferd?— Motte. Nein Herr, das Steckenpferd iſt immer ein rohes Fuͤllen, und Eure Huldin vielleicht ein Miethklepper. Aber habt Ihr Eure Huldin vergeſſen?— Arm. Beinahe hätt' ich's. Wotte. Nachlaͤſſiger Student! Lernt ſie auswendig. Arm. Ich liebe ſie auswendig und inwendig, Knabe. Motte. Und abwendig, Herr; alles das beweiſ' ich Euch. Arm. Was willſt du beweiſen! Motte. Mich, als Mann, wenn ich leben bleibe; und dies aus⸗ in⸗ und abwendig im Augenblick. Auswendig liebt Ihr ſie, weil Ihr ihren Namen ohne Anſtoß herſagen koͤnnt; inwendig, weil Ihr nicht aus der Haut fahren duͤrft; und abwendig, weil ſie ſich von Euch abwendet. Arm. Ich bin in allen dieſen drei Fällen. Wotte. Und waͤrt Ihr auch in ſechs Fellen, ſo wuͤrdet Ihr in allen Euren Fellen ungefaͤllig bleiben. Arm. Fuͤhre mir den Bauer hieher, er ſoll mir einen S i* jotte. Eine ſympathetifche Botſchaft! Ein Pferd als Geſandter eines Eſeis!—* 3 Sz. 2. Liebes Leid und Luſt. 13¹ Arm. Ha! Was ſagſt du?— Motte. Meiner Treu, Herr, Ihr muͤßt den Eſel auf dem Pferde ſchicken, denn er iſt nur langſam zu Fuß: doch ich gehe. Der Weg iſt nur kurz: hinweg! Motte. So ſchnell wie Bley, Herr. Arm. Deine Meinung, artiges Ingenium?— Bley duͤnkt mich ein Metall, dumm, ſchwer und traͤg zu ſeyn. Motte. Minime, edler Sennor, oder wahrlich, Sennor nein. Zrm. Ich ſage Bley iſt langſam. Motte. Ihr folgt zu ſchnell dem Schein: Iſt langſam wohl ein Bley,wenn aus dem Lauf geſchoſſen?— Arm. Ein wuͤrdig Rednerbluͤmchen! Ich alſo bin das Rohr, die Kugel paßt auf ihn. Jetzt ſchieß' ich dich auf den Bauer. Wiotte. Bauz denn und ſeht mich fliehn. Cläuft ab.) Arm. Ein hochſt ſcharfſinn'ger Juvenil, ſo flink, hat ſo bei der Hand Witz!— Erlaube, liebſtes Firmament, ich ſeufze dir in dein Antlitz!— Fahr wohl o Muth, mein Herz iſt jetzt der truͤben Schwer⸗ muth Landſitz!— Mein Herold kommt zuruͤck. (Motte kommt mit Schädel zurück.) Miotte. Ein Wunder Herr! ſeht'nen Schadel, der ſich zerſtieß das Bein. Arm. Ein Enigma, ein Räthſel: komm, wie mag der l'envoy ſeyn? Schaͤd. Nichts da von Nicknahmen und Räthſeln, oder Langfahnen; weg mit Euren Salbenbuͤchſen Herr: Ach Herr, Wegerich, puren Wegerich, keine Langfahnen, keine Lang⸗ fahnen, oder Salben Herr; nichts als Wegerich!— Arm. Bei der Tugend, du erzwingſt Gelächter: dein alber⸗ ner Gedanke, meinen Humor; das Schwellen meiner Lunge regt mich an zu verächtlichem Lächeln: o vergebt mir, ihr Geſtirne! Hält der Unbedachtſame, Salbe für l'envoy, und das Wort Penvoy fuͤr Salbe! Motte. Betrachtet der Weiſe ſie etwa anders? Iſt nicht euvoy ein ſalbungsvoller Gruß?— 9* 132 Liebes Leid und Luſi. A. II. Arm. Nein Page,'s iſt ein Epilog, ein Discurs, der uns erklaͤrt Irgend ein dunkles Präambulum das wir zuvor gehoͤrt. Ein Exempel mache dir's klar. Der Fuchs, der Affe, die Biene klein, Weil's drei ſind, mußten ſie ungleich ſeyn. Dies iſt die Moral, nun folgt der l'envoy. Wotte. Ich will den l'envoy hinzufuͤgen; ſagt Ihr die Moral noch einmal. Arm. Der Fuchs, der Affe, die Biene klein, Weil's drei ſind, mußten ſie ungleich ſeyn. Motte. Bis dann die Gans kam aus der Thuͤr, Da wurden ſie gleich, denn Drei ward Vier. Nun will ich mit Eurer Moral anfangen; folgt Ihr mir nach mit meinem l'envoy. Der Fuchs, der Affe, die Biene klein, Weil's drei ſind, mußten ſie ungleich ſeyn. Arm. Bis dann die Gans kam aus der Thuͤr, Da wurden ſie gleich, denn Drei ward Vier. Motte. Ein erfreulicher l'envoy, der ſich mit einer Gans endigt. Was koͤnnt Ihr mehr verlangen? Schaͤd. Der Junge hat ihn zum Beſten mit der Gans, das wollt' ich wetten:— Eu'r Handel waͤr' nicht ſchlecht, waͤr's Eine von den fetten.— Braucht wer'nen pfiffigen Schelm, ey ſeht den Kleinen, der kann's!— Ihr fucht'nen fetten l'envoy5— Er verkauft Euch'ne fette Gans. Arm. O wart' noch! Wartet noch! Dies Argument, wie begann's? Motte. Ich erzaͤhlt' Euch, wie ein Schädel ſich heut das Bein geſchunden. Drauf rieft Ihr nach dem Penvoy. Schaͤd. Ja wohl, und ich nach Wegerich: ſo hat ſichs eingefunden, Dann kam der fette l'envoy, die Gans, die Ihr gekauft, So endigte der Markt. Arm. Aber erkläre mir, welche Allegorie liegt verborgen unter dem Schaͤdel, welcher ſein Bein zerſtoßen?— Motte. Ich will's Euch auf eine gefuͤhlvolle Weiſe deut⸗ lich machen. 0 Sz. 2. Liebes Leid und Luſt. 133 Schad. Du haſt kein Gefuͤhl dafuͤr, Motte! dieſen l'envoy will ich ſprechen: Ich Schaͤdel rannt hinaus, ſtatt ruhig im Hauſe zu ſeyn, Und ſtolpert' in der Thuͤr, und ſtieß mich an das Bein. Arm. Wir wollen die Sache ruhen laſſen. Schäid. Ja, das wird dem Beine wohl bekommen. Arm. Du, Schaͤdel, ich will dich emancipiren. Schaͤd. Ihr wollt mich als Ehmann citiren?— Das läuft wohl wieder auf ſo'nen l'envoy, auf eine Gans hinaus. Arm. Bei meimer zarten Seele, ich meine, dich in Freiheit ſetzen, deine Perſon frankiren; du war'ſt vermauert, gebunden, eingekorkt, verſtopft. Schaͤd. Richtig, richtig, und nun wollt Ihr meine Pur⸗ ganz ſeyn und mich loslaſſen. Arm. Ich ſchenke dir deine Freiheit, erloͤſe dich aus der Gebundenheit, und als Gegenleiſtung lege ich dir nur dieſes auf: uͤberreiche gegenwaͤrtiges Sendſchreiben dem Landmaͤd⸗ chen Jaquenetta. Hier iſt Remuneration:(er gievt ihm Geld) denn die beſte Stutze meiner Ehre iſt, meine Vaſallen zu unterſtuͤtzen. Motte, folge. (er geht ab.) Wotte. Wie das x auf das u. Leb' wohl, Freund Schäͤ⸗ del, du wuͤrdiger Kerl! Schäd. Mein ſuͤßes Quentchen Mannsfleiſch! Spitzbuͤ⸗ biſche niedliche Perl!— Nun will ich ſeine Remuneration anſehn. Remuneration? Ach, das iſt das lateiniſche Wort fuͤr drei Heller: drei Hel⸗ ler heißt Remuneration? Was koſtet der Bindfaden? Einen Pfennig. Nein, ich will Euch eine Remuneration geben: gelt, das klingt? Remuneration! Ey, das lautet viel huͤbſcher, als eine franzoͤſiſche Krone! Ich will ohne dies Wort nichts wieder einkaufen, noch verkaufen. (Biron kommt.) Bir. O mein guter Kerl Schädel, vortrefflich daß ich dich finde. Schad. Bitt' Euch Herr, wie viel rothes Band kann man fuͤr eine Remuneration kaufen?— Bir. Was iſt eine Remuneration?— Schad. Ei je, Herr, anderthalb Pfennig. Bir. Nun alſo fur drei Heller Seide. 134 Liebes Leid und Luſt. A. II. Schaͤd. Ich danke Eu'r Gnaden, Gott befohlen. Bir. Halt, warte Menſch, ich muß dich jetzt gebrauchen. Willſt meine Gunſt gewinnen, guter Kerl, So thu ein Ding, um das ich bitten will. Schaͤd. Wann ſoll es denn geſchehn, Herr? Bir. O dieſen Nachmittag. Schad. Nun gut, ich will es thun, ſo lebt denn wohl. Bir. Du weißt ja noch nicht, was es iſt. Schaͤd. Ich werd's ſchon Se wenn ich's gethan abe. Bir. Ei Schlingel, du mußt es vorher wiſſen. Schaͤd. Ich will Morgen fruͤh zu Eu'r Gnaden kommen. Bir. Es muß den Nachmittag geſcheh'n. Hoͤr' Burſch, Es iſt nur dies: Die Fuͤrſtin kommt zur Jagd hier in den Park, Und eine edle Dam' iſt im Gefolge. Spricht ſuͤß ein Mund, dann ruft er ihren Namen, Und nennt ſie Roſaline. Frag' nach ihr, Und ihrer weißen Hand gieb dies Geheimniß, Verſiegelt. Hier dein Recompens; nun geh. (Giebt ihm Geld.) Schaͤd. Recompens— o ſuͤßer Recompens! Beſſer als Remuneration, elftehalb Pfennig beſſer. Ei du herziger Recompens; Ich will's thun, Herr, wie gedruckt. Me⸗ compens! Remuneration! (ab.) Bir. Oh! Und ich verliebt, ſeht doch!— Ich, der Cupidos Geiſſel ſonſt geweſen!— Ein wahrer Buͤttel jedem Sehnſuchtsſeufzer, Ein Läſtrer, ja, nachtwachender Conſtabel, Ein ſtrenger Schuldeſpot des armen Knaben, Kein Sterblicher ſo uͤberſtolz, als ich! Der laun'ſche Junge, greinend, blind, verkappt, Des Giulio Rieſenzwerg, Ritter Cupido, Sonettenfuͤrſt, Herzog gekreuzter Arme, Geſalbter König aller Ach und O, Lehnsherr der Tagedieb' und Mißvergnuͤgten, Monarch der Mieder, Schach der Hoſenlätze, Alleiniger Kaiſer, großer Feldzengmeiſter Der Kirchenbuͤßer:— o mein kleines Herz! Ich ſoll ſein Adjutant ſeyn, ſoll mich kleiden In ſeine Farben, wie ein Mayentaͤnzer? Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 135 Wie, was, ich lieb', ich werb', ich ſuch ein Weib?— Ein Weib, das einer deutſchen Schlaguhr gleicht, Stets d'ran zu beſſern, ewig aus den Fugen, Die niemals recht geht, wie ſie auch ſich ſtellt, Als wenn man ſtets ſie ſtellt, damit ſie recht geht? Und was das Schlimmſte, noch meineidig werden!— Und juſt die Schlimmſte lieben von den dreien!— Ein blaͤßlich Ding mit einer ſammtnen Braue, Mit zwei Pechkugeln im Geſicht ſtatt Augen; Und Eine wahrlich die die That wird thun, Und waͤr' ein Argus ihr geſetzt zum Waͤchter! Und ach um die nun ſeufzen, fuͤr ſie wachen!— Ich fuͤr ſie beten?— Gut denn!'s iſt'ne Strafe, Die Amor mir diktirt fuͤr das Verachten Seiner allmaͤchtig furchtbar kleinen Macht. Nun wohl! So will Ich lieben, ſchreiben, ſeufzen, achzen, beten; Der liebt das Fraͤulein, jener ſchwaͤrmt fuͤr Greten. (ab.) Dritter Aufzug.⸗ —— Erſte Szene. Im Park. (Es treten auf die Prinzeſſin, Roſaline, Maria, Ka⸗ tharine, Boyet, Lords, Gefolge, ein Förſter.) W Prinzeſſin. ar das der Koͤnig, der ſein Pferd ſo ſcharf Die jaͤhe Hoͤh' des Huͤgels ſpornt hinan?— Boy. Ich weiß nicht, doch ich glaub', ein andrer war's. Prinz. Wer es auch ſey, aufſtrebend zeigt er ſich. Nun heut' Ihr Herrn empfahn wir den Beſcheid, Und Samſtag kehren wir nach Frankreich heim.— Jetzt, lieber Foͤrſter, zeigt uns das Gehoͤlz; Wo ſtellt Ihr uns, daß wir den Mörder ſpielen? 136 Liebes Leid und Luſt. A. III. Forſt. Hier in der Naͤh', am Saum des Unterholzes; Der Stand iſt gut, Ihr habt den ſchonſten Schuß. Prinz. Der Schoͤnheit Preis! Die Schöne thut den uß, Und d'rum mit Recht ſprichſt du vom ſchoͤnſten Schuß. Foͤrſt. So, Gnäd'ge, hab' nicht gemeint, ver⸗ zeiht!— Prinz. Wie, haſt ſchon dein erſtes Lob bereu't?— O kurzer Ruhm! Nicht ſchöͤn? O Herzeleid!— Foͤrſt. Ja, Fuͤrſtin, ſchön!— Prinz. O laß die Schminke ruh'n; Wo Schoͤnheit fehlt, iſt Schmeicheln eitles Thun. Hier, lieber Spiegel, fuͤr die Wahrheit nimm es, Zu ſchoͤner Lohn als Zahlung fuͤr ſo ſchlimmes! Foͤrſt. In Euch hat einzig Schönheit ſich gebettet. Prinz. Seht, wie ein Goldſtuͤck meine Schoͤnheit rettet! O Schoͤnheitsketzerei, der Zeiten werth; Wenn ſie nur ſchenkt, wird jede Hand verehrt. Doch jetzt zur Jagd: wenn Sanftmuth tödten muß, Schilt ſie auf jeden gut gezielten Schuß: So bleibt mein Ruf als Schuͤtzin unverſehrt, Denn, treff ich nicht, hat Mitleid mir's gewehrt; Treff ich, wohlan, ſo muß der Tadel ſchweigen, Ich that es nur Euch meine Kunſt zu zeigen. Unlaͤugbar iſt's und die Erfahrung lehrt, Wie Ruhmſucht zum Verbrechen ſich entehrt: Um Lob und Preis, um nichtige Erſcheinung Entſagen wir des Herzens beß'rer Meinung: Wie meine Hand um Lob zu todten denkt Das arme Wild, das mich doch nie gekrankt. Boy. Hat's auch der Ehrgeiz ihnen eingegeben, Wenn böſe Frau'n nach Eigenherrſchaft ſtreben Als Herrn des Eheherrn?— Prinz. Ehrgeiz allein; und Ehr' und Preis gebuͤhrt Jedweder Frau, die ihren Herrn regiert. (Schädel tritt auf.) Prinz. Hier kommt ein Buͤrger unſ'rer Republik. Schad. Schonen guten Abend! Um Vergebung, welches iſt die Haupt⸗Dame?— Prinz. Die kannſt du an den Uebrigen erkennen, mein Freund, die ohne Haupt ſind. Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 137 Schaͤd. Welches iſt die groͤßte Dame? die hochſte?— Prinz. Die dickſte und die langſte. Schaͤd. Die dickſte und die laͤngſte! Nun ja, was wahr, bleibt wahr. Ließ' Eure Taille ſchmal und ke ſich wie mein Witz um⸗ aſſen So moͤchte von den Fräulein hier Euch jeder Guͤrtel paſſen. Seyd Ihr nicht die dickſte ſeyd Ihr gewiß! Prinz. Was wollt Ihr Freund? Was wollt Ihr? Schäd. Dem Fraͤulein Ro aline ſchrieb dieſen Brief Mylord Biron. Prinz. Geſchwind den Brief, den Brief; den Schreiber kenn' ich ſchon. Wart' Freund!— Boyet, ich weiß, Ihr habt im Tran⸗ chiren Geſchick; Legt mir dies Huͤhnchen vor. Boy. Ich gehorch' Euch im Augenblick.— Der Brief ging fehl, von uns ward er keinem zugedacht, Er iſt fuͤr Jaquenetta. Prinz. Doch weil er uns gebracht, Brich nur dem Wachs das Genick: nun lies, Ihr alle gebt Acht! Boy. Clieſt.) Beim Himmet, daß du ſchoͤn, iſt untrug⸗ ſchlußlich: wahr, daß du reizend; Wahrhaftigkeit ſelbſt, daß du lieblich. O du, ſchoͤner, denn ſchoͤn, reizender denn reizend, wahrhaftiger, denn Wahrhaftigkeit ſelber, habe Er⸗ barmung mit deinem heroiſchen Vaſallen! Der durchlauch⸗ tigſte und allergroßmächtigſte König Cophetua warf ein Auge auf die ſchelmiſche und unzweifelhafte Bettlerin Zenelophon: und eben derſelbige war es, der da mit Fug konnte ausrufen: veni, vidi, viei: welches, dafern wirs zerſetzen in Volks⸗ ſprache:(o niedrige und dunkle Volksſprache!) ſoviel als, videlicet: er kam, ſah und uͤberwand. Er kam, Eins; ſah, Zwei; uͤberwand, Drei. Wer kam? Der Koͤnig: wes⸗ halb kam er? zu ſehn; weshalb ſah er? zu uͤberwinden. Zu wem kam er? Zu der Bettlerin: wen ſah er? Die Bett⸗ lerin: Wen uͤberwand er? Die Bettlerin. Der Erfolg iſt Sieg: auf weſſen Seite? des Königs: die Gefangennehmung bereichert: auf weſſen Seite? der Bettlerin. Die Cataſtrophe iſt eine Vermählungsfeier: auf weſſen Seite? des Königs?— Nein: auf beiden in Einer, oder Einer in beiden Seiten. 138 Liebes Leid und Luſt. A. III. Ich bin der König: denn ſo fordert es das Gleichniß: Du die Bettlerin: denn ſo zeuget deine Niedrigkeit. Soll ich deine Liebe erheiſchen? Ich könnte es: ſoll ich deine Liebe erzwingen? Ich duͤrfte es: ſoll ich um deine Liebe werben? Ich will es. Was wirſt du eintauſchen fur Litzen? Spitzen: fuͤr Buͤrden? Wuͤrden; fuͤr dich?— Mich!— Alſo, ent⸗ gegenharrend deiner Replik, profanir' ich meine Lippen an deinen Fuß, meine Augen an dein Conterfey, und mein Herz an dein Allenthalb: dein in der innigſten Dahingebung der Dienſtbefliſſenheit, Don Adriano de Armado. Alſo bruͤllt des Nemaͤerlöwen Schlund Nach dir, du Lamm, das ſeiner Mordluſt Ziel: Vor ſeinem ſtolzen Fuß ſink' auf den Grund, Und von dem Raubzug neigt er ſich zum Spiel. Doch ſtraͤubſt du dich, was wird aus dir, o Seele? Fraß ſeiner Wuth, Proviant fur ſeine Höhle. Prinz. Wer iſt der Wetterhahn, der Federbuſch, der Quaſt? Hörtet Ihr beß'res je? Wer hat den Brief verfaßt? Boy. Wenn ich mich recht beſinne, kenn' ich den har⸗ ten Styl. Prinz. Ja nennt ihn ſo! Selbſt Knittel wär' immer nicht zu viel. Boy. Armado iſt's, ein Spanier, ein abgeſchmackter Heid, Ein Fantaſt, ein Monarcho, dem König zugeſellt, Und ſeinen Buchgenoſſen. rinz. Mein Freund, hor' auf ein Wort! Wer gab dir— Brief?. Schaͤd. Wie ich Euch ſagte, Mylord. Prinz. Wem ſollteſt du ihn geben? Schaͤd. Von ihm an jenes Fraͤulein. int Von wem an welches Fraͤulein?— chad. Vom gnaͤd'gen Herrn Biron bin ich hieher geſandt, An eine Dam' aus Frankreich, Lady Roſaline genannt. Prinz. Der Brief ward falſch beſtellt. Ihr Herren fort von hier; Begnuͤge dich mein Kind, bald wird der rechte dir. (Die Prinzeſſin mit ihrem Gefolge geht ab.) Boy. O ſprich wer iſt der Geſchoßne? Roſ. Sag ich's Euch frei und offen?— . —— ———„„ Parire den!— Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 139 Boy. Ja, Ausbund aller Schoͤnheit. Roſ. Der Hirſch den ſie getroffen. Schoͤn abparirt!— Boy. Die Prinzeſſin ſchießt nach Hornwild: doch wirſt du einſt heirathen, Zehn gegen Eins, daß in dem Jahr die Hoͤrner trefflich gerathen. Parire den!— Roſ. So hoͤrt, ich bin die Geſchoßne. Boy. Und wer iſt der Jaͤger allhier?— Roſ. Er traͤgt ſein Horn an der Huͤfte, und nicht am Kopf wie Ihr. War. Ihr ruht nicht, bis ſie Euch trifft: wahrt Euch die Stirn mit dem Hut! Boy. Sie ſelber traf man tiefer ſchon: nicht wahr da zielt' ich gut? Roſ. Soll ich gegen dich anruͤcken mit einem alten Reim, der ſchon ein Mann war, als König Pipin von Frank⸗ reich noch als ein kleiner Bube herumlief, was das Treffen anbelangt? Boy. Wenn ich mich verſchanzen darf mit einem eben ſo alten, der ein Weib war, als Koͤnigin Ginevra von Britannien noch ein kleines Mädchen, was das Treffen an⸗ belangt?— Roſ. Du kannſt nicht treffen, treffen, treffen, Du kannſt nicht treffen mein guter Hans. Boy. Schon gut, ich kann nicht, kann nicht, kann nicht; Kann ich's nicht, nun ein andrer kann's. (Roſaline und Catharine ab.) Schäd. Bei'm Element recht luſtig!— Wie gut die beiden ſich hielten! War. Die Scheiben trafen ſie trefflich, ſo oft ſie zuſam⸗ men zielten. Boy. Die Scheiben ſagt Ihr Fraulein? Nun, daß wir nichts vergeſſen, Der Scheibe gebuͤhrt ein Pflock, S recht den Schuß zu meſſen. Mar. O weit noch links gefehlt!— Ihr ſeyd jetzt nicht bei der Hand. Schaͤd. Ja wohl, um die Mitte zu treffen, nehmt naͤher Euern Stand. 140 Liebes Leid und Luſt. A. II. Boy. Ich nicht bei der Hand? Dann zeigt mir, wie Ihr den Pfeil regiert? Schad. Gebt Acht! Sie gewinnt den Kernſchuß, der flock wird ruinirt. Mar. Kommt, kommt, Ihr ſprecht zu groblich, den Anſtand ganz verletzend! Schäd. Ihr trefft ſie weder mit Schuß noch Stich, das Spiel iſt nicht ergotzend. Boy. So fluͤcht' ich vor dem rauhen Kampf, mich dort zur Ruhe ſetzend⸗ (Boyet und Maria gehn ab.) Schäd. Mein Seel, ein blöder Schaͤfer! Ein rechter ſimpler Tropf!— O je, wie hieben die Damen und ich ihn uͤber den Kopf! Blitz welche niedliche Spaͤße! wie corrupt und zierlich! Wenn's ſo glatt von der Zunge haſpelt, ſo recht obſcoͤn und manierlich! Narmado auf einer Seite,— welch nobler preislicher Held! Wie er ſich ſpreizt vor den Fraͤuleins! Wie huͤbſch er den Faͤcher haͤlt, und küßt ſich im Gehn die Hand! Und verſteht ſich auf Schwuͤre ſo ſauber! Dann auf der andern ſein Page, wie ſticht er Euch Sylbe um Sylbe, Die kleine Hand voll Witz! die ſtolze pathetiſche Milbe!— (Jagdgeſchrei hinter der. Holla! Schädel geht ab. Zweite Scene. Ebendaſelbſt. (Es treten auf Dumm, Holofernes und Sir Na⸗ thanael.) Mathanael. Eine hochwürdige Jagdluſtbarkeit, in der That, und unternommen nach dem Zeugniß eines guten Gewiſſens. SZol. Der Hirſch war, wie Ihr wiſſet, sanguis, in vollem Geblut, reif wie ein Jungherrn⸗Apfil, welcher jetzt X je Sz. 2, Liebes Leid und Luſt. 141 hanget gleich einem Juweel in dem Ohre coeli, der Luft, des Firmamentes, der Veſte,— und plotzlich fället gleich einem Holzapfel auf das Angeſicht terrae,— dbes Bodens, des Grundes, des Erdreiches. Wath. In der That, Meiſter Holofernes, Ihr wechſelt anmuthig mit denen Praͤdicaten, recht wie ein Schriftgelehr⸗ ter: allein laßt mich Euch bezeugen, Herr, es war ein Bock vom erſten Geweih. Zol. Sir Nathangel, haud credo. Dumm. Es war keine Hautkraͤhe, es war ein Spießer. Sol. O barbariſche Intimation! und hinwiederumb eine Art Inſinuation, gleichſam in via, auf dem Wege, einer Explication: facere gleichſam eine Replication, oder vielmehr gleichſamlich ostentare, darlegen ſeine Inclination:— nach ſeiner ohngeſitteten, ohngeglaͤtteten, ohnausgefeileten, ohn⸗ geſtutzeten, ohngeſchmuͤcketen, oder vielmehr ohncultivireten, oder vielmehreſt ohnconfirmireten Weiſe,— wiederumb ein⸗ zuſchalten mein baud credo ſtatt eines Wildes. Dumm. Ich ſage, das Wild war keine Hautkrähe, es war ein Spießer. Sol. Zweimal geſottene Einfalt, bis coctus!— O du monſtroſe Ignoranz, wie mißgeſchaffen erſchein'ſt du!— Nath. Herr; er hat nie ſeine Nahrung geſogen aus den Leckerbißlein, welche werden erzielet in Buͤchern; er hat nicht egeſſen des Papieres, ſo zu ſagen, noch getrunken der Lön ſeine Sinneskraft iſt nicht herangenährt; er iſt nur ein Thier, nur fuͤhlend in ſeinen gröbern Organen:— und ſolche unfruchtbare Gewächſe ſind vor uns hingeſtellt, auf daß wir ſollten dankbar ſeyn(wie wir, die da ſchmecken und Em⸗ pfindung haben, es auch ſind,) fur ſolche Gaben, welche in uns zu beßrer Frucht gedeih'n: Gleich falſch, wenn ich in Albernheit, als Narr und Geck mich blaͤhte, Als wenn ein ſolcher Hahn. z gelehrt in Schulen raͤhte. Ich halt's mit jenem Kirchenvater, der oft zu ſagen pflegt: Manch einer ſteht das Wetter aus, der nicht den Wind ertraͤgt. Dumm. Ihr ſeyd zwei Schriftgelehrte, könwt Ihr das ſchmucke Räthſel mir löſen, Wos keine fuͤnf Wochen jetzt alt und bei Cains Geburt ſchon 'nen Monat geweſen?— ——— 5— 142 Zol. Dictynna, ehrlicher Dumb; Dietynna, ehrlicher Dumb. Dumm. Wer iſt dick und duͤnne?— Math. Eine Titulatur Lunae, Phoebae, des Mondes. Zol. Der Mond war'nen Monat alt, als Adam nicht aͤlter war, Und keine fuͤnf Wochen zaͤhlt' er, als jener hundert Jahr. Die Alluſion verleuret nichts bei dem Umbtauſch. Dumm. Das iſt auch wahr, mein Seel, die Colluſion verlieret nichts beim Umtauſch. Zol. Gott ſtärke deine Capacität! Ich ſage, die Allu⸗ ſion verleuret nichts bei dem Umbtauſch. Dumm. Und ich ſage, die Confuſion verliert nichts beim Umtauſch, denn der Mond wird nie aͤlter als juſt einen Monat: und uͤberdem bleib' ich dabei und ſage, es war ein Spießer, den die Prinzeſſin ſchoß. Zol. Sir Nathanagel, wollet Ihr anhoͤren ein ertempo⸗ relles Epitaphium auf den Tod des Thieres? Und zwar habe ich, um mich der Einfalt zu accommodiren, das Thier, welches die Prinzeſſin ſchoß, einen Spießhirſch genennet. Nath. Perge, werther Meiſter Holofernes; perge, dafern es Euch beliebt, alle Scurrilitat abzuſtellen. Zol. Ich werde die Alliteration in etwas vorwalten laſſen, denn das zeuget von Leichtigkeit. Straff ſpannt die Schöne, ſchnellt und ſchießt ein Spießthier ſchlank und ſchmaͤchtig; Man nannt' es Spießhirſch, denn am Spieß ſpießt ihn der Speiſemeiſter. Hierauf verſpeißt mit Gabeln wird,s Gabelhirſch, ſo aͤcht' ich, daͤch Und weil die Schuͤtzin Kronen traͤgt, mit Recht ein Kron⸗ hirſch heißt er. Hell gellt die Jagd: nehmt vom Gebell zu Hirſch eins von den Llen, Liebes Leid und Luſt. A. III. Sinns funfzig Hiſchel: noch ein L., ſo chät ſie Hundert faͤllen. Wath. Wie ſchmeidig bewegt er der Verſe zähen Fuß! Dumm. Was das fuͤr ein Weſen iſt uͤber ſeine Ferſen und Fußzehen!— Zol. Dieſes iſt eine Gabe, die mir verliehen ward— ſimpel, ſimpel; ein launiſcher abſpringender Geiſt, erfuͤllet Sz. 2. Liebes deid und Luſt. 143 von Geſtalten, Figuren, Formen, Gegenſtaͤnden, Einbildun⸗ gen, Wahrnehmungen, Motionen, Revolutionen: dieſelben werden gezeuget in dem Mutterleibe des Gedächtnuſſes, er⸗ naͤhret in dem Schooße der pia mater, und an das Licht geboren bei zeitigender Gelegenheit. Indeſſen die Gabe iſt gut, in ſolchen bei denen ſie zur rechten Scharpfſinnigkeit ge⸗ langet, und ich bin dankbar fur dieſelbe. Nath. Sir, ich preiſe den Herrn fuͤr Euch, und das moͤgen auch meine Pfarrkinder. Denn ihre Soͤhne ſind gut berathen bei Euch, und ihre Töchter gedeihen augen⸗ ſcheinlich unter Euch: Ihr ſeyd ein ſtattliches Membrum des gemeinen Weſens. Zol. Mehercle, wann ihre Soͤhne Ingenium beſitzen, ſoll es ihnen nicht fehlen an Inſtruction: wann ihre Toͤchter empfaͤnglich ſind, werd' ich's ihnen ſchon beibringen. Jedennoch vir sapit, qui pauca loquitur; Eine als Weib geſchaffne Seele begruͤßet uns. GFaquenetta und Schädel treten auf.)— Jag. Gott gruͤß Ihn, Herr Farr! Sol. Nicht etwa fur ein Dieb; noch fer bring her und Leh ſondern far, die Spreu im Sieb. Weſſenthalben ar— Schad. Weil Farr bei uns einen Ochſen bedeutet; und weil des Pfarrers Haupt ſo voller Gelehrſamkeit ſteckt, wie ein Oxhoft voll Wein. Sol. Wie ein Ochshaupt!— Ein huͤbſcher Funke des Witzes in einem Erdenkloße; Feuer genug fur einen Kieſel, Perle genug fuͤr eine Sau. Es iſt artlich, es iſt hubſch. Ja. Lieber Herr Farr, ſei Er doch ſo gut und leſ⸗ Er mir den Brief: Schaͤdel hat ihn mir gegeben, und Don Armadill ſchrieb ihn mir: ich bitt Ihn drum, leſ' Er ihn. Zol. Fauste, precor gelidã quando pecus omne suh umbra Ruminat,— und ſo weiter. Ach, du guter alter Mantuanus!— Ich kann von dir ſagen, wie der Reiſende von Venedig: — Vinegia, Vinegia, Chi no ti vede, ei non ii pregia. Alter Mantuanus! Alter Mantuanus! Wer dich nicht ver⸗ ſtehet, der liebet dich nicht.— Ut re, sol la mi ſa. Mit Liebes Leid und Luſt. A. III. 144 Eurem Vergunſt, Herr Pfarrer, was iſt der Inhalt? oder vielmehr wie Horatius ſaget in ſeinem— was zum Ele⸗ ment!— Verſe?— Math. Ja Herr, und ſehr gelehrte. Sol. Laſſet mich vernehmen eine Strophe, eine Stanza, einen Vers; lege, domine. Nath. Cüeſt.) Macht Liebe mich verſchwor'n, darf ich noch Liebe ſchwoͤren? Treu haͤlt nur Stand, gab ſie der Schönheit ſich zu eigen; Meineidig an mir ſelbſt, will ich dir treu gehoͤren: Was Eichenfeſt mir ſchien, kannſt du wie Binſen beugen! Die Forſchung lechzt im Durſt, dein Auge ſey mein Bronnen, Dort thront die Seligkeit, die uns das Buch verheißt; Der Kenntniß Inbegriff hat, wer dich kennt, gewonnen!— Viel kundig iſt der Mund, der mit Verſtand dich preißt, Stumpfſinnig, wer nicht beugt ſein Knie vor deiner Schoͤne; Mein groͤßter Ruhm, daß ich ſo hohen Werth empfand: Der Augen Feuerblitz, der Rede Bonnertöne Sind Wonneglanz, Muſik, haſt du den Zorn verbannt. Doch gottlich, wie du biſt, vergieb, wenn rauhe Zungen Des ew'gen Himmels Lob mit ird'ſchem Laut geſungen!— Zol. Ihr findet nicht die Apoſtrophen und daruͤber ver⸗ fehlt Ihr den Accent. Laſſet mich die Canzonetta uͤberſpähen; hier iſt nur das Sylbenmaaß obferviret, allein was da heißet die Elegantia, die Leichtigkeit zu ſampt dem guͤldenen Schluß⸗ fall des Gedichtes,— caret. Hvidius Naſo, der war der Mann!— Und warumb auch Naſo? warumb ſonſt, als weil er auswitterte der Phantaſey ihre balſamiſchen Duft⸗ bluͤthen? Der Erfindungs⸗Kraft ihre Abſpruͤnge?— Imi⸗ tari, iſt nichts: das thut der Hund ſeinem Herrn, der Affe ſeinem Waͤrter, das aufgeputzte Kunſtpferd ſeinem Reuter⸗ Aber, Damoſella Jungfrau, ward dieſes Euch zugewendet?— Jaq. Ja Herr, von einem Musjeh Biron, einem von den Lords der auslaͤndiſchen Koͤnigin. Bol. Ich will einmal beaͤugeln die Aufſchrift: An die ſchneeweiße Hand des allerſchonſten Fraͤuleins Roſaline.— Wiederumb will ich mir anſehen den Inhalt des Briefes umb die Bezeichnung zu finden. Das Obſect, das da ſchreibet, an die Perſon, welcher da geſchrieben wird: Eu'r Gnaden zu allem Biron. — Sz. 2. Liebes Leid und Luſt. 145 Sir Nathanael, dieſer Biron iſt einer von denen Eidgenoſ⸗ ſen des Königes, und hat allhier einen Brief gefertiget an eine Geleitsdame der fremden Monarchin, welcher accidenteller Weiſe oder auf dem Wege der Progreſſion in die Verirrung erathen iſt. Entſchluͤpfe mein Kind; überantworte dieſes Biat in die Hand der Majeſtaͤt: es mag von beſonderem Moment ſeyn. Verweile dich hier nicht mit Verbeugungen; ich uͤberhebe dich deiner Pflicht; leb wohl. Jag. Du, Schadel, komm mit. Herr, Gott grůß ihn!— Schaͤd. Nimm mich mit, Mädel. Cbeide gehn ab.) Nath. Sir, Ihr habt dies in der Furcht Gottes gethan, ſehr gewiſſenhaft; und wie irgend ein Kirchenvater ſagt,— ol. Sir, redet mir nichts von dem Kirchenvater, ich verargwoͤhne ſchmuckhafte Ausſchmuͤckungen. Aber umb zuruͤck⸗ zukommen auf die Verſe; gefielen ſie uch, Sir Nathanael? Nath. Meiſterlich, was die Faſſung betrifft. Sol. Ich ſpeiſe heute Mittag bei dem Vater eines ſiche⸗ ren Zoͤglinges, allwo, wenn es Euch gefällig ſeyn ſollte, vor der Mahlzeit die Tafel mit einem gratias zu gratificiren, ich kraft meines Privilegi bei denen Eltern fuͤrbeſagten Kindes oder Pfleglinges, Euer benvenuto auf mich nehmen will. Daſelbſt werde ich dann die Behaupt- und Erhaͤrtung fuhren, wie jene Verſe ſehr ohngelahrt ſeyen, und keine Wuͤrze haben von Poeſey, Witz, noch Erfindung. Ich erſuche umb Eure Geſellſchaft. Math. Und ich danke Euch: denn Geſellſchaft,— ſagt die Schrift,— iſt die Gluͤckſeligkeit des Lebens. Bol. Ja wahrhaftiglich! Barin thut die Schrift einen hoͤchſt ohnwiderleglichen Ausſpruch. Euch Freund, lad' ich zugleich, verſagt's nicht; nein! pauca verba!— Hinweg! die Herren ſind jetzt bei der Jagd; geh'n wir zu unſrer Er⸗ uickung. . Cſie gehn ab.) IX. 10 Liebes Leid und Luſt. A. IV. Vierter Aufzug. Erſte Szene. Im Park. (Biron tritt auf, ein Papier in der Hand.) Biron⸗ Der König jagt das Wild: ich hetze mich ſelbſt; ſie ſind erpicht auf ihre Netze: ich bin umnetzt von Pech: Pech, wel⸗ ches beſudelt: beſudelt! ein garſtiges Wort!— Mun, ſetze dich, Gram!— denn ſo, ſagt man, ſprach der Narr; und ſo ſag' ich; Ich, der Narr. Wohl bewieſen mein Witz!— Beim Himmel, dieſe Liebe iſt ſo toll, wie Ajax, ſie tödtet Schafe: ſie toͤdtet mich: mich das Schaf. Abermals wohl bewieſen meiner Seits!— Ich will nicht lieben: wenn ich's thue, haͤngt mich auf: auf Ehre, ich will's nicht. Ach, aber ihr Auge! Beim Sonnenlicht, wär's nicht um ihres Auges willen, ich wurde ſie nicht lieben; ja, um ihrer beiden Augen willen: wahrhaftig, ich thue nichts in der Welt als luͤgen, und in meinen Hals hineinluͤgen. Beim Himmel, ich liebe; und das lehrt mich reimen, und ſchwermuͤthig ſeyn: und hier iſt ein Stuͤck von meinem Gereim und von meiner Schwermuth. Nun, Eins von meinen Sonetten hat ſie ſchon: der Toͤlpel bracht' es, der Narr ſandt' es, und das Fraͤulein hat es: ſuͤßer Toͤlpel, ſuͤßerer Narr, ſuͤßeſtes Fraͤu⸗ lein! Bei Gott, ich wollte Alles drum geben, wenn die drei andern auch ſo weit waͤren. Hier kommt einer mit einem Papier: gebe der Himmel, daß er ſeufzen moöge!— (er verſteckt ſich.) Roͤn. Weh mir! Bir. Cbeiſeit.) Angeſchoſſen, beim Himmel! Nur zu, lieb⸗ ſter Cupido; du haſt ihm mit deinem Vo elbolzen Eins unter die linke Bruſt abgegeben. Wahrhaftig, Geſchriebenes?— Sz 1 Liebes Leid und Luſt. 147 Ron.(ieſt.) So lieblich küßt die goldne Sonne nicht Die Morgenperlen die an Roſen hangen, Als deiner Augen friſches Strahlenlicht Die Nacht des Thau's vertilgt auf meinen Wangen. Der Silbermond nur halb ſo gläͤnzend flimmert Durch der cryſtallnen Fluthen tiefe Reine, Als dein Geſicht durch meine Thraͤnen ſchimmert: Du ſtrahlſt in jeder Thräne, die ich weine. Dich trägt als Siegeswagen jede Zähre, Auf meinem Schmerz faͤhrt deine Herrlichkeit; So ſchau, wie ich die Thränenſchaar vermehre, Es waͤchſt dein Ruhm, je herber wird mein Leid. Doch liebe dich nicht ſelbſt; die Thränen ſcheinen Dir Spiegel ſonſt, und ewig muͤßt ich weinen. O aller Jungfrau'n Haupt, du hoch ekroͤntes, Kein Geiſt erdenkt dein Lob, kein Mund ertönt es! Wie wird mein Leid ihr kund? Hier lieg du Blatt: Birg Thorheit, freundlich Laub! Wer tritt hervor? (Der König tritt auf die Seite) (Longaville kommt mit einem Papier.) Was, Longavill' und leſend? horch mein Ohr! Bir.(beiſeit.) In gleicher Herrlichkeit der dritte Thor!— Long. Weh mir, ich brach den Schwur!— Bir.(beiſeit.) Er trägt den Zettel Wie Einer, der fuͤr Meineid ſteht am Pranger!— Roͤn.(beiſeit.) Verliebt? Genoſſenſchaft wird Scham verſuͤßen! Bir.(beiſeit.) Ein Trunkenbold wird gern den andern gruͤßen. Long. Ich bin wohl nicht meineidig ſo allein. Bir.(beiſeit.) Ich könnte leicht dich tröſten, ich weiß ſogar von Zwei'n! Wir woll'n als Kleeblatt uns, als Triumvirn aſſociren, Die Redlichkeit am Tyburn des Amor ſtranguliren. Long. Wenn Ruͤhrung dem ſtarren Vers nicht ehlte! O ſuͤßes Kind, Maria, Auserwählte!— Die Reime da zerreiß ich, ſchreib' in Proſe. 40 ————— ———— 116 iebes Leid und Luſ. A. w. Bir. Cbeiſeit.) Reime ſind Schleifen an Cupidos Hoſe; Verdirb ihm nicht die Waare! Long. Ja, ſo geht's. (Lieſt das Sonett.) Nur die Rhetorik deiner Himmelsblicke (Die Welt kann ihr nicht buͤndig widerſprechen) Verfuͤhrte mich zu dieſes Meineids Tuͤcke; Nicht ſtraͤflich iſt's um dich den Schwur zu brechen. Dem Weib' entſagt' ich: doch iſt ſonnenklar, Da Goͤttin du, niemals entſagt' ich dir. Himmliſch biſt du, mein Eid nur irdiſch war, Geheiligt dir, heilt jede Suͤnd' in mir. Ein Schwur iſt Hauch, und Hauch iſt Dunſt; o ſchein' Auf meine Erde, Sonne, du mein Licht, Zieh' auf das Dunſtgeluͤbd', dann iſt es dein, Gebrochen dann, that ich die Suͤnde nicht. Ja, braͤch' ich's auch, kein Thor wird ſich beſinnen Um Wortsverluſt den Himmel zu gewinnen. Bir. Cbeiſeit. O bruͤnſt'ge Liebesglut! Das nenn' ich Ketzerei! Ein unreif Gaͤnschen verehren, als ob's'ne Göttin ſey! Gott helf' uns, ach, Gott helfe! Verirrten wir uns ſo weit?— Long. Durch wen nur ſend' ich es? Halt! Geſellſchaft? ich trete beiſeit. (Er tritt auf die Seite. Dumain kommt.) Bir. Cbeiſeit.) Verſteckt in allen Ecken, ein Spiel aus Kinderzeit! Ich throne wie ein Halbgott, verhuͤllt in meiner Wolke, Zu ſtrenger Aufſicht dieſem hoͤchſt argen Suͤndervolke. Voch neue Säͤcke zur Muͤhle? O mehr als Hoffen verhieß! Dumain iſt auch verwandelt, vier Schnepfen an einem Spieß. Dum. O Käthchen, göttlich Kaͤthchen! Bir. Cbeiſeit.) O Tropf, profaner Tropf! Dum. Beim Himmel! Als ein Wunder jeglichen Blick vergnuͤg'ſt du! Bir. Cbeiſeit.) Bei der Erde, ſie iſt keins, o Menſchen⸗ kind dies lug'ſt du. — Sz. 1. Liebes Leid und Luſi. 149 Dum. Ihr Ambrahaar beſchaͤmt den Ambra ſelber. Bir.(beiſeit.) Merkwuͤrdig gütiS Rab', ein ambra⸗ gelber!— Dum. Wie Cedern ſchlank! Bir.(beiſeit) Iſt guter Hoffnung nicht Ihr Schulterblatt? Dum. Glanzvoll, wie Tageslicht!— Bir.(beiſeit.) O ja, nur muß die Sonne juſt nicht ſcheinen.* Dum. O hatt' ich meinen Wunſch! Long.(beiſeit.) Und ich den Meinen! Roͤn.(beiſeit.) Und ich Ni auch, du edler orb Bir. Cbeiſeit. Amen, und meinen ich, das war ein trefflich Wort. Dum. Wo find' ich Ruh'? ſie gluͤht als Fieber täglich Im Blut mir, ſie vergeſſen wird unmoͤglich! Bir.(beiſeit.) In deinem Dann mußt du Ader aſſen, Und, ſchöner Unſinn! faͤngſt ſie auf in Taſſen. Dum. Noch einmal leſ' ich durch, was ich geſchrieben. Bir.(beiſeit.) Noch einen ſeht ich hier, verdummt durch ieben. Dum.(lieſt.) Einſt,— o wehe muß ich klagen! In des Maies Liebestagen Spaͤh'te Lieb' ein Roͤslein duftig, Wie's am Stengel ſchwankte luftig; Durch den Sammt der Blaͤtter wehn Schmeichelwinde ungeſehn: Der Geliebt', in Todespein, Wuͤnſcht des Himmels Hauch zu ſeyn. Luft, ſpricht er, kuͤßt deine Wangen; Könnt ich den Triumph erlangen!— Schwur ach! hält die Hand zuruͤcke, Daß ſie nicht vom Dorn dich pfluͤcke: Ach ſo ſchwoͤrt die Jugend nicht, Die ſo gerne Bluͤten bricht. Nenn' es Suͤnde nicht, daß ich Jene Eide brach fuͤr dich. Dir ja haͤtte Zeus geſchworen, Juno gleiche ſchwarzen Mohren: Sterblich ſtieg er ſelbſt zur Erden, Um in Liebe dein zu werden. 150 Liebes Leid und Luſt. A. IV. Dies ſend' ich, will noch klarer ihr in Bildern Der treuen Liebe Sehnſuchtsqualen ſchildern. D daß der Fuͤrſt, Biron und Longaville Auch liebten! Spielt hier Jeder bo'es Spiel, Wird meiner Stirn der Makel fortgeſchafft, Denn keiner fehlt, ſind alle gleich vergafft. Long. Chervortretend.) Dumain, fern iſt dein Lieben aller Gnade! Genoſſen willſt du auf verliebtem Pfade?— O, fieh nur blaß; ich weiß, ich würd⸗ erroͤthen, Fänd' ich mich ſo ertappt im Uebertreten! Roͤn. Chervortretend.) Ja, werde roth, dein Fall iſt leich ſo ſchwer! Du ſchiltſt auf ihn und ſündiß zweimal mehr: Du liehſt wohl nicht Marien? Longaville Schreib niemals ein Sonett im hohen Styl?— Hielt auf der Bruſt die Arme nie gefalten, Um nieder nur ſein klopfend Herz zu halten? Fe im Gebüſch, das ſchirmend mich verſteckt, ah ich Euch beid', und war fuͤr beid' erſchreckt. Die freveln Reime laſ't Ihr recht beweglich, Die Seufzer dampften auf, Ihr ſtöhntet kläglich; Der rief zum Zeus, der ließ ein Ach! erſchallen, Der nannt' ihr Haar Gold, der ihr Aug' Cryſtallen, Der wollt' um Meineid ſich den Himmel kaufen, Der ließ den Zeus der Juno ſelbſt entlaufen. Wie ſpottet wohl Biron, wenn er erfuhr, Gebrochen ſey, was man ſo eifrig ſchwur; Wie wird er Euch verlachen, jubiliren, Und Witze ſpruͤh'n, und hoͤhniſch triumphiren! Um alle Schatze die ich je geſehn, Ich möcht' ihm ſo nicht gegenuͤber ſtehn. Bir. Chervortretend.) Jetzt, Heuchelei, jetzt iſt's um dich geſchehn: Verzeih, o mein erlauchter Souverain! Mit welchem Anſtand ſchiltſt du dieſe Kälber, ag, gutes Herz, wer liebt mehr als du ſelber? ein Aug' iſt nie ein Wagen? Wenn es weint, Giebts keine Fürſtin, die drin wiederſcheint? Du brichſt um keinen Preis den Eid, ich wette, Und nur ein Bänkelſaͤnger ſchreibt Sonette.. Schamt Ihr Euch nicht? Ihr ſchaͤmt Euch ohne Frage, Ihr alle drei, daß dies ſo kam zu Tage. Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 151 Du fand'ſt an ihm, der Fuͤrſt an dir den Splitter: Ich Euren Balken, Iyr drei Liebesritter. O Himmel, welch ausbuͤnd'ge Narrenſcene, Von Seufzen, Gram, von Aechzen, von Geſtoͤhne! Wie ernſthaft blieb ich, als vor meinem Blicke Ein hoher Fuͤrſt ſich umgeformt zur Muͤcke! Als Herkules der Held den Kreiſel drehte, Und Salomo ein Gaſſenliedchen kraͤhte, Neſtor mit Kindern Seifenblaſen machte, Und Laͤſtrer Timon uͤber Poſſen lachte! Wo ſchmerzt es dich Freund Longavill“, geſteh' es? Wo, Dumain, fließt die Quelle deines Wehes? Wo Eurer Hoheit? Allen wohnt's im Herzen!— He, bringt ein Licht!— Roͤn. Zu bitter wird dein Scherzen; Sind wir durch deine Klugheit ſo verrathen? Bir. Nicht Ihr durch mich, ic bin durch Euch ver⸗ rathen; Ich, ſiets ſo brav; ich, der's wie Suͤnde ſcheut Zu brechen den von mir gelobten Eid, Ich bin verrathen, weil ich mich verband Menſchen, ſo menſchlich, ſo voll Unbeſtand. Wann ſah man mich ein Lied in Reime zwingen? Um Lenen ſtoͤhnen? Wann den Tag verbringen Mit putzen? Wann vernahmt Ihr, daß ich ſang Gedicht' auf Hand, auf Wang, auf Aug' und Gang, Figur, Natur, auf Stirn, auf Fuß und Zeh', Auf Luſt und Bruſt? (Jaquenetta und Schädel treten auf; als Biron ſie kommen ſieht, läuft er ihnen entgegen.). Roͤn. Wohin entlaͤufſt du? ſteh! Trabſt du als Ehrlich oder Dieb ſo eilig? Bir. Der Lieb' entflieh'nd, nicht bei Verliebten weil ich. Jaq. Gott gruͤß den Koͤnig! Roͤn. Bringſt du was fuͤr mich?— Schaͤd. Was von Verrath Herr! Roͤn. Wie entſpann er ſich?— Schaͤd. Geſponnen ward er nicht. Roͤn. Nun, wenn auch nicht geſtrickt, So ſeyd Verrath und du nach Hauſe jetzt geſchickt. 15⁵2 Liebes Leid und Luſt. A. IV. Jaq. Seyd doch ſo gut Herr Koͤnig, leſet, was ſich be⸗ geben hat, Dem Pfarrer ſchien's bedenklich; er ſagt, es ſey ein Verrath. Roͤn. Nimm, Biron, lies ihn vor. Wer hat ihn dir gegeben? Jaq. Das war der Schaͤdel da. Ron. Wer hat ihn dir gegeben? Schäd. Tonn' Abramotte war's, Tonm Adramodio. Rön, Wie nun, was ſicht ani, Warum den Brief zerſtoͤren? Bir.»S iſt kein Verrath, mein Koͤnig; ein Tand, bas kann ich beſchworen. Long. Er bracht ihn ganz im Zorn und deshalb woll'n wir ihn hoͤren. Dum.»S iſt Birons Hand ahrhsſiis⸗ und hier ſein ame dazu. Bir. O Tolpel, verdammter Tropf! mußt du mich beſchä⸗ men? du? Strafbar mein Konig, ſtrafbar; ich klage ſelbſt mich an. Ron. Wie das? Bir. Euch fehlt ein vierter Narr, vollſtaͤndig iſt nun das Geſpann. Den, bieſen, und Euch mein Fürſt, und mich traf gleiches Verderben; Wir alle ſind Gauner der Lieb, und verdienen des Todes zu ſterben. Entlaßt die eble noch meld' ich 2 u ier. Dum. Was ungleich, ward jetzt eben. Bir. Ja wohl, wir ſind nun Vier. Entfliegen die Tauben nicht bald? Roͤn. Was zaudert Ihr noch? geht fort!— Schaͤd. Wir beiden Gerechten gehn, die Verräther blei⸗ ben am Ort. (Schädel und Jaquenette ab. Bir. Nun Freunde, liebende, ſeyd mir umarmt!— Wir ſind ſo treu, als Fleiſch und Blut nur reicht; See ebb't und fluthet, Winterluft erwarmt, Jung Blut zerbricht die alte Satzung leicht. Nicht zu umgehn iſt, was uns ſelbſt gebohren, Drum war der Eid im Schwur ſchon falſch geſchworen! Roͤn. Sprach Liebe jenes Blatt? Ich wette drauf! Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 15² Bir. Du fragſt? Wer ſchaut zu Roſalinen auf, Der gleich dem wilden Sohn des Inderſtrand's Wenn ſich der Oſt erſchließt zu Pracht und Luſt, Nicht beugt das Haupt, anbetend ſeinen Glanz, Und kuͤßt den Staub mit unterthaͤn'ger Bruſt?— Weich uͤberkuͤhnes Adlerauge wendet Zur Sonne ſich, von keiner Wolk“ umhuͤllt, Und wird von ihrer Hoheit nicht geblendet?— Roͤn. Welch Eifern? Welche Wuth hat dich erfuͤllt? Ein Mond, herrſcht meine Dam' in ſanftem Licht, Weil ſie als Dienſtgeſtirn kaum ſichtbar funkelt. Bir. Dann iſt mein Sehn kein Sehn, ich Biron nicht; Wär nicht mein Liebchen, Tag waͤr' Nacht umdunkelt. Die Quinteſſenz der Farbenſchönheit ſtrahlt Wie reinſte Edelſtein' auf ihren Wangen; Wie ſich Ein Bild aus tauſend Reitzen mahlt, Ein Meiſterwerk ſelbſt meiſterndem Verlangen. Haͤtt' ich den Zauber hochſter Redekunſt,— Nein, ſie bedarf dein nicht, erborgter Schimmer!— Verkauflich Gut empfehl' des Kaͤufers Gunſt, Sie ſteht zu hoch dem Lob fuͤr jetzt und immer. Ein Moͤnch, verdorrt und hundert Winter alt, Wirft Funfzig ab, kann er in's Aug' ihr blicken; Schoͤnheit verjuͤngt ihm kräftig die Geſtalt, Tauſcht mit der Kindheit Wiege ſeine Krucken: O Licht und Leben ſtrahlt ſie gleich der Sonne. Roͤn. Ei, deine Dam iſt ſchwarz, wie Ebenholz!— Bir. Iſt Ebenholz ihr gleich? O Holz der Wonnel— Ein Weib, daraus gezimmert, wär mein Stolz. Wo iſt ein Buch? feſt ſoll mein Schwur beſtehn, Daß Schoͤnheit ſelbſt die Schoͤnheit nicht erreicht, Lernt ſie von ihrem Auge nicht das Sehn, Und keine ſchoͤn, die ihr Schwaͤrze weicht. Rön. Sophiſterei! Schwarz iſt Livrei der Hoͤlle, Des Kerkers Farbe, Schule finſtrer Nacht,* Und helles Weiß thront auf des Himmels Schwelle. Bir. Zu tauſchen, waͤhlt der Teufel lichte Tracht. Wenn ſchwarz die Stirne meiner Liebſten deckt, So trauert ſie, daß falſches Haar, Carmin Verliebte reizt mit taͤuſchendem Aſpect; Das Schwarz ward hell, da ſie zur Welt erſchien. Ihr Antlitz lenkt die Mod' auf neue Bahn, ——— A*A— ů Ü —,—— ———— — 154 Liebes Leid und Luſt. A. IV. Natürlich Blut hoͤrt man als Schminke ſchelten: Und Roth, deß Glänzen gilt fur eitlen Wahn, Färbt ſchwarz ſich, ihrer Stirne gleich zu gelten. Dum. Ihr gleich zu ſeyn, ſind ſchwarz die Schornſteinfeger! Long. Seit ſie erſchien, dunkt ſich der Köhler ſchmuck. Roͤn. Mit ſeiner holden Farbe prangt der Neger! Dum. Spart alle Kerzen! Nacht iſt hell genug. Bir. Die Damen, die Ihr waͤhltet, ſcheu'n den Regen, Er moͤcht' an ihrer muntern Schminke naſchen! Roͤn. Doch deiner, dächt' ich, käm er recht gelegen, Du nennſt die Schoͤnſte, die ſich nicht gewaſchen. Bir⸗ Waͤhrt's bis zum ie ihr Schoönſeyn preiſ' ich! Roͤn. Dann ſchreckt ihn mehr als ſie der Teufel nicht. Dum. Kein Menſch war ſo vergafft in Dorn und Reiſig! Long. Sieh hier ihr Bild; mein Schuh und ihr Geſicht! Bir. O waͤren deine Augen Pflaſterſteine, Ihr Fuß wär viel zu zart, um drauf zu gehn. Dum. Damit recht deutlich dann der Straß erſcheine, Was ſonſt, wenn auf dem Kopf man ſteht zu ſehn. Ron. Sind alle wir verliebt?— All aus dem Gleiſe?— Bir. Unlengbar; und meineidig alle drei. Roͤn. So ſchweigt nun, und Biron, mein Freund, beweiſe Daß Lieb' erlaubt, und nicht ein Treubruch ſen. Dum. O ja, reich etwas Balſam diefem Zweifel! Long. Ach, ſtände jetzt dir Weisheit zu Gebot, Logik und Liſt, zu prellen klug den Teufel! um. Tinctur fuͤr Meineid! Bir. Wahrlich, die thut Noth. Auf, ins Gewehr, ſtreitbare Liebesritter!— Erwägt, was Ihr zuerſt beſchworen habt;— Faſten, ſtudiren, keine Frauen ſeh'n;— Klarer Verrath am Koͤnigthum der Jugend. Sagt, koͤnnt' Ihr faſten? Ihr ſeyd all zu jung; Und die Enthaltſamkeit zeugt Krankheit nur: Und als Ihr zu ſtudiren habt gelobt, Da habt Ihr Euerm Buch ſchon abgeſchworen. Könnt Ihr ſtets träumen, gruͤbeln, darauf ſtarren? Wie hättet Ihr, o Herr, und Ihr, und Ihr Erforſcht die Herrlichkeit der Wiſſenſchaft, Half Euch die Schoͤnheit nicht der Frau'ngeſichter? Aus Frauenaugen zieh' ich dieſe Lehre: Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 155 Sie ſind der Grund, das Buch, die hohe Schule, Aus der Prometheus ächtes Feu'r entgluͤht. Ei, ſtets ſich abarbeiten, kerkert ein Die raſchen Lebensgeiſter im Gebluͤt, Wie raſtlos angeſtrengtes Wandern endlich Die Sehnenkraft des Reiſenden ermuͤdet. Nun, wollt Ihr nie ein Frauenantlitz ſchaun, Habt den Gebrauch der Augen Ihr verſchworen, Und auch das Studium, dem Ihr Euch gelobt. Denn, welcher Autor in der ganzen Welt Lehrt ſolche Schoͤnheit, wie ein Frauenauge? Das Wiſſen iſt ein Anhang nur zu uns, Und wo wir ſind, iſt unſer Wiſſen auch. Drum, wenn wir uns in Maͤdchenaugen ſehn, Sehn wir nicht gleichfalls unſer Wiſſen dort?— O, wir gelobten Studien, werthe Lords; Mit dem Geluͤbd' entſagten wir den Buͤchern. Wie haͤttet Ihr, o Herr, und Ihr und Ihr, Durch bleierne Betrachtung je erfonnen So gluͤh'nden Vers, als den begeiſternd Augen Von Schoͤnheitspflegerinnen Euch geſpendet?— Das andre traͤge Wiſſen bleibt im Hirn, Und deshalb finden ſeine duͤrren Knechte Muͤhſel'ge Ernte kaum nach ſchwerem Dienſt. Doch Lieb, in Frauenaugen erſt gelernt, Lebt nicht allein vermauert im Gehirn, Nein, mit der Regung aller edlen Geiſter Strömt ſie gedankenſchnell durch jede Kraft, Und zeugt jedweder Kraft zwiefache Kraft, Weit hoͤher als ihr Wirken und ihr Amt. Die feinſte Schaͤrfe leiht ſie dem Geſicht; Wer liebt, deß Auge ſchaut den Adler blind. Wer liebt, deß Ohr vernimmt den ſchwaͤchſten Laut, Wo ſelbſt des Dieb's argwohniſch' Horchen taub iſt. Die Liebe fuhlt empfindlicher und feiner, Als der beſchaalten Schnecke zartes Hornz; Schmeckt ſie, wird Bachus leck're Zunge ſtumpf; Iſt Lieb' an Kuͤhnheit nicht ein Herkules, Der ſtets der Heſperiden Bäum' erklimmt?— Schlau wie die Sphinx, ſo ſuß und muſikaliſch Wie Phoͤbus Lei'r, beſpannt mit ſeinem Haat?— Wenn Liebe ſpricht, dann lullt der Goͤtter Stimme Den Himmel ein durch ihre Harmonie: — — — —— 156 Nie wagt's ein Dichter und ergriff die Feder Eh' er ſie eingetaucht in Liebesſeufzer!— Dann erſt entzuckt ſein Lied des Wilden Ohr, Pflanzt in Tyrannen holde Menſchlichkeit. Aus Frauenaugen zieh' ich dieſe Lehre: Sie ſpruh'n noch jetzt Prometheus aͤchte Glut; Sie ſind das Buch, die Kunſt, die hohe Schule, Die alle Welt umfaßt, erlaͤutert, naͤhrt. Sonſt uͤberall iſt nichts Vollkommnes da; Drum war't Ihr Thoren, dieſen Frau'n entſagend, Und haltet Ihr den Schwur, ſo bleibt Ihr Thoren. Der Weisheit halb,— ein Wort, das jeder liebt,— Der Liebe halb,— ein Wort, das jeden liebt,— Der Maͤnner halb, die Schöpfer ſind der Frau'n,— Der Frauen halb, durch die wir Maͤnner ſind, Laßt uns den Eid vernichten, uns zu retten, Sonſt retten wir den Eid, vernichten uns. „S iſt Religion, meineidig ſo zu werden, Denn Gnade ſelber ſchrieb uns das Gebot: Und wer mag Liebe trennen von der Gnade? Roͤn. Sanct Amor denn! Und, Ritter, auf! In's Feld!— Bir. Voran die Banner, und zum Angriff, Lords; Nbieder mit ihnen, draͤngt und ſprengt die Reih'n; Doch ſeyd bedacht, die Sonn' im Kampf zu theilen. Long. Nun, ſchlicht und ehrlich, ohne viel Figuren: Soll'n wir um die franzoſ'ſchen Mädchen frei'n? on. Frei'n und gedeih'n: deshalb laßt uns erſinnen Ein feſtlich Spiel fuͤr ſie in ihren Zelten. Bir. Erſt fuͤhren wir hieher ſie aus dem Park, Dann heimwaͤrts leit' ein Jeder an der Hand Sein ſchoͤnes Liebchen: dieſen Nachmittag Soll ſie ein art'ger Zeitvertreib ergötzen, So gut die kurze Zeit vergoͤnnen will: Es bahnen Spiele, Masken, Feſt' und Taͤnze Den Weg der Lieb, und ſtreu'n ihr Blumenkranze. Roͤn. Fort, daß wir muͤßig nicht die Zeit verſitzen, Die Stunde, die noch unſer, laßt uns nuͤtzen. Bir. Allons! Wer Unkraut ſäͤ't, driſcht kein Getreide, Gerechtigkeit wägt ſtets in richt'gen Schalen: Der Dirnen Leichtſinn ſtraft gebrochne Eide; Nicht's beß'res kaufen, die mit Kupfer zahlen. (ſie gehen ab.) Liebes Leid und Luſt. A. IV. . Sz. 2. Liebes Leid und Luſt. 157 8 w e i e z i Ebendaſelbſt. Cbolofernes, Nathanael und Dumm treten auf.) Zolofernes. Satis quod sufficit. Math. Ich preiſe Gott fuͤr Euch, Sir: Euere Tiſchre⸗ den waren vielgekoͤrnt und ſentenzenreich: ergötzlich ohne Scurrilitaͤt, witzig ohne Affectation, kuͤhn ohne Frechheit, gelahrt ohne Eigenduͤnkel, und parador ohne Ketzerei. Ich discurirte an einem dieſer quondam Tage mit einem Geſell⸗ ſchafter des Koͤnigs, welcher titulirt, benamſet oder genannt wird Don Adriano de Armado. BZol. Novi hominem tanquam te: Sein Humor iſt hoch⸗ fliegend, ſeine Redeweiſe gebieteriſch, ſeine Zunge pfeilſcharpf, ſein Auge ehrſuͤchtig, ſein Gang majeſtaͤtiſch, und ſein Be⸗ tragen uͤberall pomphaft, laͤcherlich und thraſoniſch. Er iſt zu erleſen, zu verſchniegelt, zu zierhaft, zu abſonderlich, ſo zu ſagen; ja, daß ich mich des Ausdruckes bediene, zu aus⸗ laͤnderiſch. Math. Ein höchſt eigenthuͤmliches und auserwaͤhltes Praͤdicat!(Er nimmt ſeine Schreibtafel.) Zol. Er zeucht den Faden ſeiner Loquacität feiner, als es der Wollenvorrath ſeiner Gedanken vertragt. Ich abſcheue dergleichen adrogante Phantasmen, ſolche ungeſelligliche und zierausbuͤndige Puͤrſchlein, ſolche Folterknechte Ortographiae, als die da ſagen:„kein“ ſtatt:„nicht ein;“—„Harfe“ ſtatt:„Harpfe;“ er ſpricht ſtatt; er ſcheußet, er ſchießt; ich verleure, vocatur verliere; er benamſet einen Nachbauer, Nachbar; Viech, abbreviret, Vieh; Pfui!(welches er ver⸗ unſtalten wuͤrde in fi!) ſolches iſt ein Scheuel und Greuel: es reget in mir auf Ingrimmigkeit; ne intelligis, domine? machet mich faſt gallenerbittert, ja aberſinnig. Nath. Laus deo, bone intelligo. Sol. Bone?— bone, für bene: Priscianus einiger⸗ maaßen geohrfeiget: muß hingehen. (Armado, Motte und Schaͤdel treten auf.) Math. Videsne qui venit? 158 Liebes Leid und Luſt. A. IV. Zol. Video et gaudeo. Arm. Burſch,— Bol. Quare Burſch? warum nicht Purſch?— Arm. Maͤnner des Friedens, willkommen. Bol. Hochſt kriegeriſcher Herr, Salutationem. Motte.(beiſeit zu Schädel.) Sie ſind auf einem großen Schmaus von Sprachen geweſen, und haben ſich die Brocken geſtohlen. Schäd. O ſie zehren ſchon lange aus dem Almoſenkord der Worte. Mich wundert, daß dein Herr dich nicht ſchon als ein Wort aufgegeſſen hat: denn du biſt von Kopf zu Fuß noch nicht ſo lang als honorificabilitudinitatibus: man ſchlingt dich leichter hinunter als ein Mandelſchiffchen. Motte. Still, das Läuten faͤngt an. Arm.(zu Holofernes.) Monſieur, ſeyd Ihr kein Litte⸗ ratus? Motte. Ja, ja, er erklaͤrt den Buben die Fibel. Was reimt ſich auf Graf, und traͤgt Hörner auf dem Kopf?— ol. Auf Graf, pueritia? Wiotte. Ihr ſelbſt, o einfältiges Schaf, mit Euren Hoͤrnern: da hört Ihr nun ſeine Gelehrſamkeit. Zol. Onis, quis, du Conſonant?— Wotte. Begreift Ihr's nicht?— Theilt Euch einmal in den Namen Erich, laßt den die erſte Hälfte ſagen und Pprecht Ihr die zweite, da ſollt Ihr's horen. Wer iſt das Schaf? Arm. Er. wol. Ich. Arm. Nun, bei der ſalzigen Woge des Mediterraneums, ein artiger Stoß, eine lebhafte Stoccata: tik tak, ſpitig und witig es erfreut meinen Scharfſinn: es iſt ächter Humor, dem Sitz des Haupts entſproſſen. Motte. Oder ächte Sproſſen, die auf dem Haupte ſitzen. Zol. Was beſaget dieſe Alluſion? dieſe Figur? Miotte. Hörner. K Du disputireſt, wie Infantia: geh, peitſche deinen reiſel. Motte. Leiht mir Euer Horn, einen draus zu drechſeln und herumzupeitſchen Eure inlamia, circum circa: ein Krei⸗ ſel von Hahnreihorn!— Schaͤd. Und haͤtte ich nur einen Pfennig im Sack, du ſollteſt ihn haben, um dir Pfeffernuͤſſe zu kaufen: Halt, da en en rb n in n 6 Sʒ R Liebes Leid und Luſi. 159 iſt noch dieſelbe Remuneration, die ich von deinem Herrn be⸗ kam, du Hellerbuͤchſe von Witz, du Tahbenei von Manier⸗ lichkeit. Ei, wenn's der Himmel doch ſo gefuͤgt hätte, daß du auch nur mein Baſtard waͤr'ſt! Zu welchem freudigen Vater wuͤrdeſt du mich machen!— Geh, Kleiner, du triffſt es ad unken, den Nagel auf den Kopf, wie man zu ſagen pflegt. Zol. Oho, ich wittere falſches Latein;— fur ad unguem. Arm. Kunſtmann, praeambula; wir wollen uns abſchei⸗ den von den Barbaren. Disciplinirt Ihr nicht pueritiam in dem Scholarchen-Gebaͤude auf dem Haupte des Gebirges? Zol. Oder auf mous, dem Huͤgel. S Je nach Eurem guͤtigen Wohlgefallen, ſtatt des ebirgs. Zol. Alſo thue ich, senza dubbio. Arm. Sir, es iſt des Konigs allerliebſtes Wohlmeinen und Affectation, die Prinzeſſin zu begluͤckwuͤnſchen in ihren Pavilionen, in den Poſterioribus des Tages, welche der rohe Pobel nennt,— Nachmittag. Zol. Die Poſteriora des Tages, hochſt ebelmuͤthiger Ritter, ſind adäquat, congruent und anfuͤgſam fuͤr den Nachmittag: das Wort iſt ſelect, erleſen, ſuͤß und wuͤrzig, das betheuere ich, hochanſehentlicher Herr, das betheuere ich. Arm. Herr, der König iſt ein wackrer Edelmann, und mein vertrauter, ich darf ſagen, mein ſehr guter Freund:— was innerlich unter uns vorgeht, deſſen ſey nichts erwaͤhnt: Ich bitte dich, gedenke nicht dieſes Ceremonielis; ich bitte dich, laß dein Haupt gedeckt,— und benebſt andern gewicht⸗ vollen und hochſt ernſtlichen Entwuͤrfen,— und gewiß, von nachdrucklichem Gewicht,— aber deſſen ſey nichts erwahnt—: denn ich muß dir ſagen, es iſt Seiner Majeſtaͤt gefaͤllig,— beim Sonnenlicht!— manchmal ſich zu lehnen auf meine unwuͤrdige Schulter, und mit Ihren koͤniglichen Fingern, ſo zu taͤndeln mit meinem Auswuchs, meinem Knebelbart: al⸗ lein, ſuͤßes Herz, deſſen ſey nichts erwaͤhnt. Beim Licht des Aethers! ich trage dir keine Fabeln vor; manche ſonder⸗ liche und ausbuͤndige Ehren gefällt es ſeiner Machtvollkom⸗ menheit zu erweiſen dem Armado, einem Soldaten, einem Vielgewanderten, einem, der die Welt geſehn: aber deſſen ſey nichts erwaͤhnt. Der eigentliche Kern deß Allen iſt,— aber, ſuͤßer Herz, ich flehe um Verſchwiegenheit,— daß der Koͤnig verlangt, ich ſolle die Prinzeſſin, ſein holdes Lamm, ——— ——— — 160 Liebes Leid und Luſt. A. IV. regaliren mit einer vergnuͤglichen Oſtentation, Prunkſchau, einem Aufzug, Mummenſchanz, oder Feuerwerk. Nun, wohlwiſſend, wie der Pfarrer und Euer ſuͤßes Selbſt tuchtig ſeyd fuͤr dergleichen Ausbruch und ploͤtzlichen Erguß der Hi⸗ laritat, habe ich Euch hievon verſtaͤndiget, in Abſicht, Euren Beiſtand in Anſprache zu nehmen. Zol. Ritter, dann muͤſſet Ihr die neun Helden vor ihr agiren. Sir Nathangel,— was da anbelanget eine Zeit⸗ kuͤrzung, eine Schauſtellung in den Poſterioribus dieſes Ta⸗ ges, welche aufgefuͤhret werden ſoll durch unſere Mitwirkung, auf der Majeſtat Gebot, und dieſes hoͤchſt galanten, illuſtrir⸗ ten und gelahrten Edelmannes vor der Prinzeſſin:— be⸗ haupte ich nicht Eines ſo angemeſſen als eine Darſtellung der neun Helden. Math. Wo finden wir Maͤnner, die heldenhaft genug ſeyn, ſie darzuſtellen?— Zol. Den Joſua, Ihr Selbſten; ich oder dieſer dapfere Edelmann, den Judas Maccabaͤus; dieſer Schaͤfer hier, ver⸗ moͤge ſeiner großen Structur und Gliederfuͤgung, ſoll Pom⸗ pejus den Großen uͤbernehmen; der Page den Herkules. Arm. Verzeiht, Herr, ein Irrthum: er hat nicht Quan⸗ titaͤt genug fuͤr jenes Helden Daumen: er iſt nicht ſo dick als der Knopf ſeiner Keule. Zol. Vergoͤnnet man mir Anhorung? Er ſoll den Her⸗ kules agiren in ſeiner Minorennitaͤt, ſein Auftreten und ſein Abſchreiten ſoll ſeyn die Erdroſſelung des Lindwurmes; und we eine Apologie fuͤr dieſen Endzweck in Bereitſchaft alten. Motte. Vortrefflich erſonnen! Wenn dann einer von den Zuhoͤrern ziſcht, ſo koͤnnt Ihr rufen: Recht ſo, Herku⸗ les, nun wuͤrgſt du die Schlange: ſo giebt man den Fehlern eine Wendung, obgleich Wenige gewandt genug ſind, das mit Anſtand auszufuͤhren. Arm. Und das Reſiduum der Heldenzahl? Zol. Drei will ich ſelbſten ſpielen. Miotte. Dreimal heldenhafter Mann!— Arm. Soll ich Euch etwas anvertrauen? Zol. Wir horchen auf. Arm. Wann dies nicht erkleckt, agiren wir einen Mum⸗ menſchanz. Ich erſuch' Euch, kommt. Zol. Auimo, Gevatter Dumb! du haſt die ganze Zeit nicht ein Wort geſagt. Dumm. Und auch keins verſtanden, Herr. S MW M———— —— Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 161 Zol. Andiamo, wir wollen dich anſtellen. Dumm. Ich will eins tanzen, oder ſo; oder ich will den Helden eins auf der Trommel ſpielen, dann ſollen ſie den Bauerntanz drehn. Zol. Ja, du ehrlicher, duͤmblicher Dumb; wir woll'n an die Arbeit gehn. Cſie gehn ab.) F uͤnfter Aufzug. —— Erſte Szene. Vor dem Zelte der Prinzeſſin. (Die Prinzeſſin und ihre Damen treten auſ.) Prinzeſſin. Kinder, man macht uns reich, bevor wir reiſen, Wenn Angebind' in ſolcher Fuͤlle kommen: Ein Fraͤulein, eingefaßt in Biamanten! Seht, was mir ſandte der verliebte Fuͤrſt. Roſ. Kam ſonſt, Prinzeſſin, nichts mit dem Geſchenk? Prinz. Nichts and'res? Ja, ſo viele Liebesreime, Als nur ein ganzer Bogen in ſich faßt, Zwei Seiten eng geſchrieben, Rand und Alles; Und Amors Bild in's Siegelwachs gedruͤckt. Roſ. So kam der kleine Gott einmal in's Wachsthum, Der ſeit Fuͤnf Tauſend Jahren blieb ein Knabe. Lath. Ja, und ein arger Galgenſchelm dazu. Roſ. Ihr ſeyd ihm gram, er tödtet' Eure Schweſter. Lath. Er machte ſie ſchwermuͤthig, truͤb und ernſt, Und alſo ſtarb ſie: war ſie leicht wie Ihr, So luſt'gen, muntern, flatterhaften Sinnes, Großmutter konnt' ſie werden, eh' ſie ſtarb: Und Ihr wohl auch, denn leichtes Herz lebt lang. Roſ. Wollt Ihr das dunkle leicht uns nicht erleuchten? Cath. Leicht zuͤndend Licht in einer dunkeln Schoͤnheit. M. 11 162 Liebes Leid und Luſt. A. V. Roſ⸗ Das Licht, das Ihr uns anſteckt, brennt noch bunkel. Cath. Es moͤcht' Euch brennen, wenn ich's heller putzte; Drum laſſen wir die Sache nur im Dunkeln. Cath. Ihr ſeyd zu leicht, drum ſcheut Ihr nicht das Licht. Roſ. Ich wiege nicht, was Ihr, drum bin ich leicht. Cath. Was wiegt Ihr denn? Ich weiß von keiner iege! Roſ. Nun freilich, Eure Worte waͤgt Ihr nicht. Prinz. Recht huͤbſch geſpielt, der Ball flog hin und her. Doch Roſalin', auch Ihr bekamt was Huͤbſches; Wer ſandt' es, und was iſt's? Roſ. Ich wollt', Ihr wuͤßtet's: Waͤr' mein Geſicht ſo huͤbſch nur als das Eure, Gleich Huͤbſches haͤtt' ich dann, bezeug' es dies. Ja, Verſe hab' ich auch, Dank Herrn Biron: Die Fuͤße richtig: ging er nicht darauf Zu weit, ich waͤr' der Erde ſchoͤnſte Goͤttin, Denn er vergleicht mich Zwanzigtauſend Schoͤnen. O, mein Gemaͤld' entwarf er in dem Brief! Prinz. Und mahlt er gut? Roſ. O ja, des Briefs Buchſtaben, nicht mein Lob. Prinz. So ſchoͤn, wie Tinte! Trefflicher Vergleich!— Cath. Schwarz, wie das große B im Vorſchriftbuch! Roſ. Ich mahle nicht, denn ich bin frei von Mahlen, Mein goldner Ausbund rother Initialen: O ſchad' um all' die O's auf deiner Wange! Prinz. Ei, ſtill von Pocken; ſchweig', du kleine Schlange!— Doch was hat Euch Freund Dumain zugeſandt? Cath. Den Handſchuh da. Prinz. Wie, nur fuͤr Eine Hand? Cath. O! Nein, ein Paar: um mich zu langeweilen, Schrieb er Zehntauſend ſchaͤferhafte Zeilen, Voll Uebertreibung, Schwulſt und Houchelei; Schlecht abgefaßt, vollkomm'ne Stuͤmperei. War. Dies und die Perlenſchnur ſchickt Longaville, In jedem Dutzend Worte Zwoͤlf zu viel. Prinz. Gewiß, mit dieſer Sendung ſteht es ſchief: Warum nicht laͤng're Kett' und kurzern Brief? Mar. Das war ein Wort an Fuͤll' und Inhalt tief. rinz. Wie klug, die Liebenden ſo zu verlachen! oſ. Wie dumm, daß ſie erkaufen ſchwer dies Lachen! Dem Biron will ich ſchlimme Haͤndel machen. O haͤtt' ich auf Acht Tag' ihn nur gefangen, Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 163 Er ſollte kriechen, wedeln, betteln, bangen, Nach Stund' und Zeit und Wink ſich drehn und wenden, In leeren Reimen ſeinen Witz verſchwenden; Mir Sclavendienſte thun aus aller Macht, Stolz, daß er ſtolz mich Hoͤhnende gemacht: So wundergleich beherrſchte mein Gebot ihn, Daß er als Narr mir folgte, der Deſpotin. Prinz. So feſt ſitzt keiner, ward er erſt gefangen, Als der aus Witz in Thorheit eingegangen. Thorheit, in Weisheit ausgebruͤtet, ſtutzt Auf Weisheitgrund ſich, und die Schule nuͤtzt, Daß Anmuth, Witz, all die gelehrten Gilden Vollſtaͤndig den anmuth'gen Narren bilden. Roſ. Nie brennt der Jugend Blut ſo wild empoͤrt Als ſtrenger Ernſt, wenn Muthwill ihn bethoͤrt. WMiar. Thorheit der Narr'n iſt minder ſcharf gepraͤgt Als Narrheit, die im weiſen Mann ſich regt; Denn alle Kraft des Witzes muß ihm nuͤtzen, Auf Scharfſinn ſeine Albernheit zu ſtuͤtzen. (Boyet kommt.) Prinz. Seht Boyet! Freude ſtrahlt in ſeinen Zugen! Boy. O, dem Gelaͤchter muß ich faſt erliegen! Prinz. Was bringſt du? Boy. Jetzo gilt es! Schnell verſchanzt, Vertheidigt Euch; Geſchuͤtz iſt aufgepflanzt,. Eu'r Friede wird bedroht, man will Euch haſchen, Durch Liebesargument' Euch uͤberraſchen: Nun muſtert Euern Witz in Reih' und Glied, Wo nicht, verhuͤllt Euch feig das Haupt und flieht. Prinz. St. Amor wider St. Benys im Bunde? Wer ſturmt uns denn mit Seufzern? Spion, gieb Kunde! Boy. Im kuͤhlen Schatten unter Feigenbaͤumen Wollt ich ein halbes Stuͤndchen ſchlummernd traͤumen, Als ſieh! zu ſtören die erſehnte Ruh', Gewandelt kam grad' auf den Schatten zu Der Koͤnig und ſein Anhang. Ich ſogleich Verbarg mich in ein nachbarlich Geſtraͤuch: Und jetzt vernehmt, was ich daſelbſt vernommen: Sie werden gleich verkleidet zu Euch kommen. Ihr Herold iſt ein huͤbſcher Schelm von Knaben, Dem ſie die Botſchaft eingetrichtert haben; Sie ließen ihn Accent und Ton ſtudieren, 11* 164 Liebes Leid und Luſt. A. V. So mußt du reden! So den Arm regieren! Doch gleich im Augenblick die Furcht erwächſt, Der Hoheit Anblick bring' ihn aus dem Tept: Denn, ſpricht der Fürſt, du wirſt'nen Engel ſchaun, Doch furchte nichts, ſprich kuͤhnlich mit Vertraun. Der Junge ruft: das macht mir keinen Zweifel, Ich haͤtte mich gefurchtet, waͤr's ein Teufel. Ein Jeder klopft die Schultern ihm und lacht, Was dreiſter noch den dreiſten Buben macht. Der rieb den Arm ſich, ſo, und grinzt' und ſchwur, So artig ſprach noch keine Creatur; Der, mit dem Daum und Finger ſchnalzend, rief: Friſch durch den Strom! und wär' er noch ſo tief! Der Dritte tanzt' und ſprach: gewonnen Spiel! Der Vierte dreht' ſich auf der Ferſ' und fiel: Und ſomit taumeln Alle hin in's Gras, So tief und ſtuͤrmiſch lachend ohne Maas, Daß, laͤppiſch in des Lachens Krampf, mit Weinen Thorheit zu ſchelten ernſte Thraͤnen ſcheinen. rinz. Im Ernſt? Im Ernſt? So kommen ſie heran? oy- Ja wohl! Ja wohl! Und ſtattlich angethan Als Moskoviten oder Ruſſen: dann Wird man betheuern, ſchmeicheln, tanzen, ſchworen, Und Jeder ſeine Liebesglut erklaͤren Der eignen Dame, die er leicht erkannt Am eignen Schmuck, den er an ſie gelt. Prinz. So leicht, ihr Herrn? Das mächte noch ſich fragen: Denn, Kinder, Masken laßt uns alle tragen, Und keinem der verliebten Schaar vergoͤnnen, Das Antlitz ſeiner Schoͤnen zu erkennen. Wart, Roſaline, nimm mein Kleinod hier, Dann ſchwoͤrt der Fuͤrſt als ſeiner Liebſten dir. Dich, Freundin, ſchmuͤcke mein's, und mich das deine, Daß ich Biron als Roſalin erſcheine. Und Ihr auch tauſcht die Zeichen; falſch belehrt Irrt jeder Paladin, und wirbt verkehrt. Koſ. Nun gut, tragt Eure Pfaͤnder recht zur Schau. Lath. Allein wozu der Tauſch, zu welchem Zweck?— Prinz. Der Zweck des Plans iſt, ihren Plan zu ſtören. Sie ſpotten unſer nur, die Freier keck, Und Spott fuͤr Spott, das iſt allein mein Zweck. Hat Jeder heut ſein Herz der falſchen Göttin Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 165⁵ Recht insgeheim enthuͤllt, ſo trifft Geſpött ihn, Wenn wir das naͤchſte Mal uns wiederſehn, Und unverlarvt uns gegenuͤberſtehn. Koſ. Wenn ſie zum Tanz uns fordern, weigerſt Du's?— Prinz. Um's Himmelswillen rührt mir keinen Fuß! Auch auf die ſchwuͤlſt'gen Verſe gebt nicht Acht, Und waͤhrend man ſie ſpricht, ſeht weg und lacht. Boy. Solche Verachtung bringt den Redner um, Raubt das Gedächtniß ihm und macht ihn ſtumm. Prinz. Drum thu' ich's auch; kam Einer erſt heraus, Der Andern Weisheit, hoff' ich, bleibt zu Haus. Das nenn' ich Spaß, wenn Spaß den Spaß vertreibt, Der ihre weicht, das Feld dem unſern bleibt; So triumphiren wir, ſie muſſen fliehn, Und wohl verſpottet ihres Weges ziehn. (Trompetenſtoß.) Boy. Muſik! Verlarvt Euch, die Verlarvten nahn. (Die Damen maskiren ſich.) (Es treten Mohren auf mit Muſik. Hierauf der König, Biron, Longaville und Dumain, als Moscoviter ver⸗ kleidet; Motte, Muſicanten und Gefolge.) Motte. Heil Euch, Ihr Schoͤnheitreichſten dieſer Erde! Bir. Schönheiten, reicher nicht, als reicher Taft! Motte. O heiligſter Verein holdſel ger Damen, (Die Damen drehen ihm den Rücken zu.) Der je die Ruͤcken wandt' auf Männeraugen,— Bir. Die Blicke, Burſch, die Blicke. Motte. Der je die Blicke wandt' auf Maͤnneraugen,— us Boy. Aus iſt es, allerdings. Motte. Aus Eurer Gnadenfülle gönnt, Ihr Engel, Nicht anzuſchaun,— Bir. Uns anzuſchaun, du Schlingel. Motte. Uns anzuſchaun mit Augen Glanz umfunkelt,— Boy. Ihr habt das Epithet nicht gut gewählt; Ich rath' Euch, nennt es Augen ganz umdunkelt. Wotte. Sie hoͤren nicht, das bringt mich ganz heraus! Bir. Das nennſt du Zuverſicht? geh' fort, du Knirps! Prinz. Was wuͤnſchen dieſe Freunde? Fragt, Boyet; Wenn unſre Sprache ſie verſtehn, ſo laßt ſie 166 Liebes Leid und Luſt. A. V. Mit ſchlichtem Wort vortragen ihr Geſuch: Fragt, was man will. 3 Boy. Was ſucht Ihr bei der Fuͤrſtin?— Bir. Mur ihren Gruß und gnädigen Empfang. Roſ. Was fodern ſie? Bop. Nur Euern Gruß und gnaͤdigen Empfang. Roſ. Ei nun, den haben ſie, ſo heißt ſie gehn. Boy. Sie ſagt, den habt Ihr, koͤnnt nun wieder gehn. Roͤn. Sag' ihr, wir maßen vieler Meilen Raum, »Nen Tanz mit ihr auf dieſem Gras zu meſſen. Boy. Er ſagt, ſie maßen vieler Meilen Raum, »Nen Tanz mit Euch auf dieſem Gras zu meſſen. Roſ. Ei nicht doch! Fragt, wie viele Zoll ſie rechnen Auf jede Meile? Wenn ſie viele maßen, 3 So iſt das Maaß von Einer bald geſagt. Bopy. Durchmaßt Ihr Meilen, um hierher zu kommen, Und viele Meilen: fragt die Fuͤrſtin Euch, Wie viele Zoll in einer Meil' enthalten? Bir. Sagt ihr, wir maßen ſie mit muͤden Schritten. Boy. Sie hoͤrt Euch ſelbſt. Roſ. Und wieviel muͤde Schritte Von all' den muͤden Meilen, die Ihr gingt, Habt Ihr gezaͤhlt im Wandern Einer Meile?— Bir. Wir zaͤhlen nichts, das wir fuͤr Euch verwenden. So reich iſt unſre Pflicht, ſo unbegrenzt, Daß wir Beſchwer niemals in Rechnung ſtellen. Begnadigt uns mit Eurem Sonnen-Antlitz, Daß wir, gleich Wilden, ihm Anbetung zollen. Roſ. Mein Antlitz iſt nur Mond, den Wolken decken. Boön. Guͤckſel'ge Wolken! Reizendes Verſtecken!— So woll' o Glanzmond ſammt den Sternen ſcheinen (Und wolkenfrei) auf unſter Augen Weinen.. Roſ. O mattes Bitten! War ein Wunſch je blaſſer? Du flehſt um etwas Mondenſchein im Waſſer. RBoͤn. Moͤgt Ihr ein Auf- und Niedergehn uns ſchenken Fuͤr unſern Tanz? Der Wunſch kann Euch nicht kraͤnken. Roſ. So ſpiele denn, Muſik! Auf, eilt Euch, munter:— Nein, ſtill, kein Tanz mehr, denn der Mond ging unter. Roͤn. Nun tanzt Ihr nicht? Was hat Euch ſo verletzt? Koſ. Erſt war ich Vollmond, letztes Viertel jetzt. Bön. Doch immer Ihr der Mond und ich der Mann: Noch tont die Melodie, laß dich bewegen!— Roſ. Sie ruͤhrt mein Ohr!— Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 167 Roͤn. Laß anch den Fuß ſich regen! Roſ. Reicht uns die Sei mit Fremden duͤnkt uns icht Nicht allzuſproͤde ſeyn:— Wir tanzen nicht. Roͤn. Und gebt die Hand? Roſ. Als Abſchieds⸗Gunſtbezeugung, Der Tanz iſt aus, nun macht die Schlußverbeugung. Boͤn. Nur noch zwei Tacte: ſchließen wir den Kreis!— Roſ. Nein, mehr bekommt Ihr nicht um dieſen Preis. Roͤn. Nennt ſelbſt ihn: welcher Preis kauft Euer Bleiben? Roſ. Eu'r Weggehn. Boͤn. Nein, der iſt nicht aufzutreiben! Roſ. Dann kauft Ihr nichts. Viel Gruͤß', Ihr frem⸗ den Schwalben, An Eure Masken zwei, Euch ſelbſt'nen halben. Roͤn. Wollt Ihr nicht tanzen, plaudern wir ſo mehr. Roſ. Dann insgeheim. Roͤn. Das grade freut mich ſehr. (Sie gehn vorüber und reden leiſe.) Bir. Weißhaͤndig Kind, ein ſuͤßes Wort mit dir!— Milch, Honig, Zucker, Feigen, das ſind Vier. ir. Zum Naſchen hab' ich Meth, Sect, Malvoiſier, Die Drei in Trumpf geſpielt ſticht Eure Vier. Prinz. So will ich nicht auf As und Koͤnig warten, Ich trau' Euch nicht, Ihr ſpielt mit falſchen Karten. Bir. Ein Wort geheim! Prinz. Kein ſußes! Bir. Ein betruͤbtes. Prinz. Das iſt zu bitter. Bir. Nun, ich denk', Ihr liebt es. (Sie gehn vorüber.) Dum. Laßt Euch erbitten! Wechſeln wir Ein Wort!— Mar. Nennt's! Dum. Schoͤne Lady! Miar. Wirklicht Schön L Das fuͤr die ſchone Lady. ch? Schöner Lord Dum. Goͤnnt dem Flehn Nur Eins noch insgeheim, dann will ich gehn. (Sie gehn vorüber.) Cath. Habt Ihr'ne Mask', und gingtt der Zunge quitt? Long. Ich weiß, mein Fraͤulein, Eurer Frage Grund. 168 Liebes Leid und Luſt. A. V. Cath. O ſchnell, ich bin begierig, theilt ihn mit!— Long. Zwei Zungen, ſchoͤnes Kind, fuhrt Ihr im Mund: 8eg ich Euch wo, laßt mir den Vorrath halb. ath. Sprecht Ihr von wo? In Frankreich heißt's ein alb. Long. Ein Kalb heißt Lady? Cath. Nein, ein Mylord Kalb. Long. Wir theilen uns das Wort. Cath. O nein, nichts halb!— Es blelbt Euch, tränkt's und ziehr's als Ochſen groß. Long. Der Spott gab ſelber Ench den ſchlimmſten Stoß: Ihr weiſſagt Hörner, Fräulein? Iſt das ehrlich?— Cath. So ſterbt als Kalb, dunkt Euch der Schmuck gefaͤhrlich. 9 Long. Doch eh' ich ſterb ein Wort mit Euch allein. Cath. Blökt nicht zu laut, der Metzger hört Euch ſchrein. (Sie gehn vorüber.) Boy. Schalkhafter Maͤdchen Zunge kann zerſchneiden Wie allerfeinſt geſchliffner Meſſer Klingen Das kleinſte Haar, das kaum zu unterſcheiden; Den tiefſten Sinn des Sinns geſchickt durchdringen: Auf Flügeln ſtuͤrmt ihr Witz durch alle Schranken, Schneller als Kugeln, Sturmwind, Blitz, Gedanken. Roſ. Kein Wort mehr, Kinder, ſchon verſtrich die Zeit. Bir. So ziehn wir ab, von Spott und Hohn zerbläut!— Ron. Kommt! wer Euch naht, einfältge Kinder ſieht er. Prinz. Zwanzig Adieu's, Ihr froſt'gen Moscoviter!— (Der König und die Lords gehn ab.) rinz. Iſt das der Witz⸗Bund, den die Welt ſo preiſt? oy. Rerzen ſind ſie, und Ihr blieſ't aus ihr Licht. Roſ. Ins Auge fällt ihr Witz, grob, derb und feiſt. Prinz. O ſchwacher Witz! Königlich armer Wicht!— Ich fuͤrchte, daß er noch vor Nacht ſich häͤnge, Nie ohne Maske darf er mehr erſcheinen. Biron, dem Dreiſten, riſſen alle Straͤnge! Roſ. Sie waren ſaͤmmtlich nahe dran zu weinen. Der König hätt' in Ohnmacht bald gelegen. Prinz. Biron kam ſaſt vor heft'gem Schwoͤren um. Mar. Dumain bot ſich zum Dienſt und ſeinen Degen; Non, ſagt' ich, point: gleich war mein Diener ſtumm. Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 169 Cath. Longaville ſprach, ſein Herz halt ich gepreßt,— Ich ſey, was meint Ihr? Prinz. Ein Polyp im Herzen? Cath. Wahrhaftig, ja! Prinz. Geh, ſchlimmer du als Peſt! Roſ. Traun! ſimple Buͤrger hoͤrt' ich beſſer ſcherzen. Doch denkt, mir hat der König Treu geſchworen. Prinz. Und Birons Geiſt hat nur fuͤr mich noch Raum. Cath. Lord Longaville ward nur fuͤr mich geboren. War. An mir haͤlt Dumain feſt, wie Rind' am Baum. Boyet. Fuͤrſtin und holde Dämchen, glaubt es mir, Nicht lange waͤhrt's, ſo ſind ſie wieder hier, In eigner Form: Ihr moͤgt mir feſt vertraun, Sie werden nicht ſo herben Spott verdaun. Prinz. Sie wiederkommen? Boyet. Ja, mit Freudenſpruͤngen, Wie lahm geblaͤut ſie auch von dannen gingen; Drum, die Geſchenke tauſcht, und kommen ſie, Erbluͤht wie Roſen in des Sommers Fruͤh. Prinz. Wie, bluͤh'n? Sprich deutlich, ohne dieſe Poſſen. Boyet. Maskirte Frau'n ſind Roſen unerſchloſſen, Doch ohne Maske gleich Damaskus Roſen, Entwölkte Engel, die mit Bluthen koſen. Prinz. Fort mit dir, Unverſtand! Was ſoll geſchehn Wenn wir ſie ohne Masken wiederſehn? Roſ. Folgt meinem Rath, o Furſtin und Ihr Schönen, Laßt uns erkannt, wie unerkannt, ſie hohnen. Wir klagen, welch ein Spuk uns heimgeſucht, Den Muskoviter albern hier verſucht; Fremd thun wir, fragen, wer die Narr'n geweſen, Die all' den ſchaalen Wortkram auserleſen; So ſchlechten Prologus, ſo garſtge Tracht Als Faſtnachtſpiel vor unſer Zelt gebracht. Boyet. Fräulein beiſeit, der Feind iſt in der Naͤhe. Prinz. Huſch, eilt ins Zelt, wie aufgeſcheuchte Rehe. (die Damen gehn ab.) (Es treten auf der König, Biron, Longaville und Du⸗ main in ihrer eignen Tracht.) Roͤn. Gott gruͤß' Euch, ſchoͤner Herr; wo iſt die Fuͤrſtin? 170 Liebes Leid und Luſt. A. V. Boyet. In ihrem Zelt. Gefaͤllt's Eu'r Majeſtät, Mir Euern Auftrag gnaͤdig zu vertraun? Rön. Erſucht ſie um Gehoͤr nur auf ein Wort. Boyet. Das thu' ich; und auch ſie wird's thun, Mylord. (er geht hinein.) Bir. Der gute Freund pickt Witz, wie Tauben Spelt, Und giebt ihn von ſich, wie es Gott gefällt. Er iſt ein Witzhauſirer, kramt ihn aus Auf Kirmeß, Jahrmarkt, Erndtebier und Schmaus: Und uns Großhaͤndlern will es nicht gelingen, Die Waare ſo geſchickt in Curs zu bringen. Die Maͤdel kann er an den Aermel ſchnuͤren, Als Adam wuͤrd' er Eva ſelbſt verfuͤhren; Er ſchneidet vor, er lispelt, thut galant; Er war's, der faſt ſich weggekuͤßt die Hand; Er, aller Moden Affe, Prinz Manierlich, Wenn er im Bretſpiel wuͤrfelt, flucht er zierlich Mit feinſter Auswahl: ja er ſingt Tenor Im Chor mit Gluͤck; und ſtellt er jemand vor, Das thu' ihm Einer nach! Er heißt„der Suͤße,“ Die Trepp', erſteigt er ſie, kuͤßt ihm die Fuͤße: Er laͤchelt, wie das Bluͤmchen, jeden an, und zeigt geſchickt den elfnen, weißen Zahn: Wer ihn vergaß, nennt noch im Todesbett Ihn mindſtens„honigzuͤngiger Boyet.“ Roͤn. Auf ſeine Honigzung' ein Dutzend Blattern!— Armado's Pagen ſtoͤrt allein ſein Schnattern!— (Die Prinzeſſin, Roſaline, Marie, Catharine, Boyet und Gefolge treten auf.) Bir. Da kommt er. Courtoiſie, was war dein Thun, Eh' dieſer Menſch dich annahm? und was nun? Roön. Holdſel'ge Furſtin, Heil und Segen viel! Prinz. Fiel Heil und Segen?— konnten ſie nicht ſtehn?— Ron. Lenkt nicht mein Reden ab von ſeinem Ziel!— Prinz. So wuͤnſcht geſchickter; gern laſſ' ich's geſchehn. Roͤn. Wir kommen zum Beſuch und ſind bereit Euch einzufuͤhren in der Hofburg Hallen. Prinz. Ich blieb im Zelte, bleibt auch Ihr im Eid, Am Treubruch hat nicht Gott noch ich Gefallen. Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 17¹ Roͤn. Laßt mich nicht das, was Ihr gefehlt, entgelten, Die Tugend Eures Aug's bricht meinen Schwur. Prinz. Nennt's Tugend en Das Laſter muͤßt Ihr ſchelten, Denn Treu und Eide bricht das Laſter nur. Vernehmt, bei meiner Jungfraun-Ehre, rein Wie fleckenloſe Lilienbluͤthen, ſchwoͤr' ich, Und ſollt' ich dulden alle Qual und Pein, Nie Eures Hauſes Gaſt zu ſeyn gewähr ich, So ſehr empoͤrt mich's, brecht Ihr jenen Eid, Den Ihr dem Himmel lautern Sinns geweiht. Ron. Wie in der öden Wuͤſte wohnt Ihr hier, Einſam, verlaſſen, ſehr zu unſrer Schmach. Prinz. Dem iſt nicht ſo, mein Koͤnig, glaubt es mir, Anmuth'ger Scherz und Kurzweil folgt uns nach; Noch eben ſahn wir edle Ruſſen vier. Roͤn. Wie, Fuͤrſtin, Ruſſen?— rinz. Allerdings, Mylord; Schmuck und galant, voll Anſtand und Manier. Roſ. Sprecht wahr, Prinzeſſin;'s iſt nicht ſo, Mylord: Die Fuͤrſtin, nach dem Modeton der Zeit, Lobt uͤber die Gebuͤhr aus Hoͤflichkeit. Uns Vier, mein Fuͤrſt, beſucht' ein Viergeſpann Von Ruſſen; wohl ein Stuͤndchen hoͤrt' ich's an; Man ſprach gar viel und ſchnell, und in der Stunde Kam nicht ein kluges Wort aus ihrem Munde. Ich will ſie Narr'n nicht nennen, doch das weiß ich, Sind ſie beim Glas, ſo zechen Narren fleißig. Bir. Der Spaß beduͤnkt S trocken.— Schoͤnſte rau'n Eu'r Witz macht Weisheit ſchaak, denn wenn wir ſchaun Der Sonne Glut mit Augen noch ſo hell, Wird Licht uns Nacht: So ſcharf, ſo fein und ſchnell Spruͤht Euer Geiſt, daß ſeiner Blitze Flammen Weisheit als ſchaal, Reichthum als arm verdammen. Roſ. Dann ſeyd Ihr weiſ' und reich; denn ſeh' ich recht,— Bir. Bin ich ein Narr, ein ganz armſel'ger Knecht. Roſ. Ihr nahmt, was S nur, ſonſt wuͤrd' ich ſchmaͤlen: Iſt's recht, das Wort vom Mund uns wegzuſtehlen?— 172 Bir. Roſ. Roſ. Bir. Roſ. Der Schl Roͤn. Dum. Prinz. Liebes Leid und Luſt. A. V. O ich bin Eu'r, ſammt allem, was ich habe. Der ganze Narr?— Bir. Wollt Ihr noch größre Gabe? Sagt, welche Maske war's, die Ihr geborgt?— Wo? Welche? Wann? Wozu die Frag' an mich? Dort; jene; dann; der muͤß'ge Ueberbau, echtes barg, und Beß res trug zur Schau. Wir ſind durchſchaut, ſie ſpotten uns zu Tode. Geſteh'n wir's nur, und wenden's noch zum Scherz!— Ihr ſeyd beſtuͤrzt? Iſt Euch nicht wohl, mein König?— Roſ. O reibt die Schläfen ihm! Wie ſeht Ihr blaß!— Seekrank Bir. vielleicht, da Ihr von Moskau ſchifftet?— Die Straf' hat unſer Meineid uns geſtiftet! Das kann nur tragen eine Stirn von Erz!— Hier ſteh' Mit ich: wirf den Pfeil mit Spott vergiftet, zermalmend tödte mich dein Scherz; Dein mächt'ger Geiſt zertruͤmmre mich in Scherben, Mein Stumpfſinn ſey durchbohrt von deinem Schwert! Ich werde nie als Ruſſe um dich werben, Nie wieder ſey ein Tanz von dir begehrt; Nie auf geſchriebne Reden mehr vertrau ich, Noch auf Geplapper knabenhafter Zungen; ie mehr verlarvt auf ſchoͤne Frauen ſchau' ich, Noch fleh' in Reimen, wie ſie Blinde ſungen. Fort, tafftne Phraſen, Klingklang ſchwacher Dichter, Hyperbeln ſuperfein, geziert und ſchwirrend, ort, ſeid ner Bombaſt, Schmetterlings Gelichter, as Grillen mir gebruͤtet, ſinnverwirrend: Euch meid' ich: bei dem Handſchuh hier, dem Weißen! (Wie weiß die Hand ſeyn mag, weiß Gott allein,) Fuͤnftig ſey ſchlicht mein Werben und Verheißen: Nimm Grete dann den Hans, der brav und jung, Mit haus gebacknem Ja, und derbem Nein; Sein Herz iſt feſt und senza Riß und Sprung. Roſ. Zur alten Nur allgemach kommt Kein senza bitt' ich! Bir. Ei, noch hab' ich Hang Wuth; mich, ich bin krank; eß'rung. Wie's auch ſey, Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 173 Schreibt„Herr, von Peſt erlöſ⸗ uns“ auf die Drei, Denn ſie ſind angeſteckt: ſie mußten ſaugen Das boͤſe Gift aus Euren ſchönen Augen. Die Ritter traf's, Euch wird es auch erreichen: Tragt Ihr nicht ſchon verhaͤngnißvoll die Zeichen?— Prinz. Nein, frei ſind, die die Zeichen uns beſcheert! Bir. Wir ſind verurtheilt, confiscirt, zerſtoͤrt. Roſ. Da ſeht, wohin ein boͤs Gewiſſen fuͤhrt!— Ihr klagt und nennt Euch jetzt ſchon condemnirt?— Bir. O traut ihr nicht, ſie wird durch nichts geruͤhrt!— Roſ. Wollt Ihr, daß ich die Ruͤhrung ſo verſchwende?— Bir. Sprich immer zu, mein Scharfſinn ging zu Ende. Roͤn. Lehrt, holde Jungfrau, wie ſolch ſchwer Vergehn Entſchuldigt ſep? Prinz. Am ſchönſten durch Geſteh'n. Wart Ihr nicht eben hier in fremder Tracht?— Roͤn. Ja, Fuͤrſtin. Prinz. Und Ihr kamt mit Vorbedacht?— Roͤn. Ja, ſchoͤne Herrin. ii Nun dann, ohne Scheu, Was ſchwurt Ihr Eurer Dame? ſagt es frei! Roͤn. Daß nichts auf Erden meiner Liebe gliche! Prinz. Und glaubt ſie's Euch, ſo laßt Ihr ſie im Stiche. Roͤn. Auf meine Ehre, nein. Prinz. Still, nur kein Schwörenz Meineid'ge konnen nicht durch Eid bethoͤren. Roͤn. Brech' ich den Schwur, ſtraft mich, wie ich's verdiene! rinz. Das will ich, drum bewahrt ihn:— R alin W ſſtert der Auſh dir in's Zh. Roſ. Er ſagte mir viel ſuße Dinge vor, Wie er mich hoͤher ſchaͤtz', als alle Welt, Als Aug und Licht; und ſchloß, ein treuer Werber, Verſchmäht' ich ihn, dann als mein Ritter ſterb' er. rinz. Gott ſchenk' dir Gluck mit ihm; ah ngiich er ſein Wort. eit Rön. Wie meint Ihr das? Auf Ehr' Kedlichkei Nie ſchwur ich dieſer Shnt ſucen 6 Jeuchke 174 Liebes Leid und Luſt. A. V. Roſ. Gewiß, Ihr ſrtj Ihr ſchient ſo fromm und ieder und ſchenktet mir dies Pfand; hier habt Ihr's wieder. Roͤn. Der Fuͤrſtin bot ich Treu und Unterpfand, Ich hatt' am Aermelgoldreif ſie erkannt. Prinz. Verzeiht, ſie trug die Diamantenſchnur, und mein iſt Herr Biron, Dank ſeinem Schwur. Wollt Ihr mich ſelbſt? Wollt Ihr die Perlenbinde? Bir. Bon beiden keins, fahrt hin mit guͤnſt'gem Winde!— Nun wird wir's klar, Ihr hattet ausgeheckt MNachdem man Euch verrieth, was wir verſteckt, Uns auszupfeifen wie'nen Chriſtnachtſchwank. Ein Klatſchheld nun, ein Geck, ein Saltimbank, Ein Tellerjunker, Witzbold, Charlatan, Ein Harlekin, ein ſchmeid'ger Gliedermann, Der ſein Geſicht in Falten alt gelaͤchelt, Der, wenn ſie winkt, der gnäd'gen Dame faͤchelt, Und jede luſt'ge Frau zu lachen macht, Er lauſcht' es ab und hat es ausgebracht. Die Damen tauſchten die Geſchenk', und wir Getaͤuſcht vom Zeichen, huldigten der Zier. Nun ſchreckt uns neuen Meineids grauſe Irrung, Vorſatzlich erſt, und diesmal durch Verwirrung. Wer uns den Spaß verdarb, Ihr wart's allein, Der uns verfuͤhrt, noch einmal falſch zu ſeyn. Ihr ſeyd der Schoͤnen ew'ger Blumenſtreuer, Meßt ihren Fuß, ſingt ihrer Augen Stern, Steht zwiſchen ihrem Stuhl, Herr, und dem Feuer, Reicht Teller hin, ſpaßt uͤbermaͤßig gern: Noch immer grinſt Ihr? Eures Auges Schielen Trifft wie ein bleiern Schwerdt!— Boyet. O muntres Zielen! Wie brav er rannt', auf Hieb und Stoß gewaͤrtig!— Bir. Gleich ſprengt er wieder an; halt! Ich bin fertig. (Schädel kommt.) Geh't, Hofnarr! Wer, als Ihr, ſtoͤrt unſern Knaben? Geht Laßt im Weiberhemd' Euch einſt begraben!— Ha, ächter Witz! Du trennſt ein huͤbſches Stechen!— Schad. O Jemine, Herr, gebt uns Bericht, Soll'n die drei Helden kommen oder nicht?— Bir. Sind's denn nur drei? Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 175 Schaͤd. Nein, Herr, es ſteht gar fein, Denn jede Perſchon macht drei. Bir. Und drei Mal drei macht Neun. Schaͤd. Nicht ſo, Herr, ich hoffe, es iſt nicht ſo. Ihr koͤnnt uns nicht ubertölpeln, das verſichre ich Euch, Herr, wir wiſſen auch, was wir wiſſen. Ich hoffe doch, Herr, drei Mal deei 2 Bir. Iſt nicht neun? Schäd. Mit Vergunſt, Herr, wir wiſſen ſchon, wie viel es austraͤgt. Bir. Beim Jupiter, ich habe immer gemeint, drei Mal drei mache neun. Schad. Ach je!— Da waͤr's ein Jammer, wenn Ihr Euer Brod mit Rechnen verdienen muͤßtet, Herr! Bir. Wie viel iſt's denn? Schaͤd. Ei Herr je, die Parten ſelbſt, die Spielperſchonen, die werden's Euch gleich weiſen, was es austraͤgt. Ich fuͤr meinen Part ſoll, wie ſie ſagen, nur eine Perſchon verſpielen, nur eine arme Perſchon; Pumpelmus den Großen, Herr. Bir. Biſt du einer von den Helden? Schäd. Sie haben ſich's ausgedacht, ich wäre der rechte Held fuͤr Pumpelmus den Großen: was nun meine Perſchon betrifft, ſo kenne ich das Gewicht dieſes Helden nicht fo recht; aber es iſt meine Sache, mich fur ihn zu ſtellen. Bir. Gut, fangt nur immer an. Schäd. Gebt Acht, wir machen's ſchmuck, ſetzen allen Fleiß daran.(ab.) Roͤn. Biron, wir muͤſſen 6 ſchämen, geh laß ſie nicht erein! Bir. Mit dem Schaͤmen iſt's abgethan und Schaden bringt es nie Wenns ſchlechter geraͤth, als wir's gemacht„des Koͤnigs Com⸗ pagnie. Roͤn. Ich ſage, laß ſie weg!— Prinz. Laßt mich mein Koͤnig, meiſtern dies Geheiß: Spaß duͤnkt erſt hubſch, wenn er um ſich nicht weiß, Wenn Eifer ringt nach Gunſt, und Kunſt erſtirbt In jenem Eifer, der ſo thätig wirbt. Verfehlte Form wird Form fur neuen Spaß, 176 Liebes Leid und Luſt. A. V. Man lacht des Berg's, der einer Maus genas. Bir. Ein treulich Bild von unſerm Spiel, o Herr!— (Armado tritt auf.) Arm. Geſalbter, ich flehe um ſo viel Aufwand deines kö⸗ niglichen geliebten Athems, als erforderlich iſt fuͤr ein paar Worte.(er ſpricht heimlich mit dem König.) F⸗ Dient dieſer Mann Gott? ir. Warum fragt Ihr das? Er ſpricht nicht wie ein Mann, den Gott erſchaf⸗ en hat. Arm. Das iſt alles Eins, mein holder ſuͤßer Honigmo⸗ narch: denn ich betheure, der Schulmeiſter iſt uͤbertrieben fantaſtiſch, ja, zu eitel, zu, zu eitel. Aber ſtellen wir die Sache, wie man zu ſagen pflegt, auf fortuna della guerra⸗ — Ich wuͤnſche dir den Frieden des Gemuͤths, aller koͤnig⸗ lichſter Seelenverein!— Roͤn. Das wird ein treffliches Heldenſpiel werden: Er den Hector von Troja, der Schaͤfer Pompejus den roßen, der Dorfpfarrer Alexandern, Armado's Page den Herkules, und der Schulmeiſter den Judas Maccabaͤus. Und bringt der erſte Act den vier Helden keinen Schimpf, So wechſeln ſie die Tracht und ſpielen die andern Fuͤnf. Bir. Fuͤnf werden ſogleich erſcheinen. Roͤn. Da irrt Ihr, ſollt' ich meinen. Bir. Der Schulmeiſter, der Eiſenfreſſer, der Zaunprie⸗ ſter, der Toͤlpel und der Junge:— Ein Cinquenwurf im Novum! und bis zum juͤngſten Tag Find't keiner Fuͤnf dergleichen, vom aͤcht'ſten Heldenſchlag. Roͤn. Da ſegelt ihr Schiff heran, wie man's nur wuͤn⸗ ſchen mag. Schauſpiel der neun Helden. (Schädel tritt auf als Pompejus.) Schaͤd. Pompejus 6 ½ ir. Du luͤgſt, du warſt es nie. Schad. Pompejus ich— ſ . Boyet. Mit Pardelkopf am Knie. 2ir Brav, alter Schalk, mit dir muß ich Freund werden. Schaͤd. Pompejus ich, ich, benamt der dicke eld— Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 177 Dumm. Der Große. Schäd. Richtig! Groß!—„benamt der große Held, Der oftmals wild mit Tartſch und die Feinde ſchlug im Feld: Ich fuhr daher auf offnem Meer, bis wir gelandet ſind, Und leg' den Speer vor die Fuͤße quer dem fraͤnk'ſchen Koͤnigskind. Wenn Eure Hochgebohrenheit jetzt ſprache: Dank Pompejus; ſo wär ich zu Ende. Prinz. Großen Dank, großer Pompejus. Schäd. So viel iſt's nicht werth; aber ich will hoffen, ich war perfect; einen kleinen Fehler macht' ich bei dem roßen. Bir. Meinen Hut gegen einen Sechſer, Pompejus lie⸗ fert uns den beſten Helden. (Nathanael kommt als Alexander.) Nath. Ich thaͤt als Weltregent das Weltrevier durch⸗ wandern, Durch Oſt, Weſt, Nord und Suͤd zog ich mit Heeres⸗ acht: macht: Mein gutes Wappenſchild nennt laut mich Alexandern,— Boyet. Eure Naſe da ſpricht Nein, ſie ſteht zu g'rad im Glſicht. Bir. Eure Naſe da riecht Nein, mein gar feinriechender icht cht. Prinz. Der Weltregent erſchrickt: o ſtört ihn nicht, Ihr andern!— Nath. Ich thaͤt als Weltregent das Weltrevier durch⸗ wandern.— Boyet. Sehr wahr, das chat'ſt du, ſtolzer Alexander. Bir. Großer Pompejus!— Schaͤd. Euer Knecht und Schaͤdel. Bir. Weg da mit dem Weltregenten, ſchafft mir den Alexander weg. Schad. O Herr, Ihr habt Alexandern, den Weltregen⸗ ten, uͤber den Haufen eworfen!—(zu Sir Nathanael.) uch wird man wegen der Geſchichte aus Eurem bunten Rock her⸗ ausſchaͤlen. Euern Löwen, der mit der Hellebarde in der Pfote auf dem Nachtſtuhl ſitzt, wird man dem Cacamillus geben, und der wird dann der neunte Held ſeyn. Ein Er⸗ oberer, der ſich fuͤrchtet zu ſprechen!— Pfui, Alerander! (Nathanael ab.) S iſt, mit Euer Gnaden Wohlmeinen, 12 178 Liebes Leid und Luſt. A. V. ein naͤrriſcher, weichherziger Mann,— ein ehrlicher Mann, ſeht Ihr, und gleich aus der Verfaſſung. Es iſt ſo ein gu⸗ tes Gemuͤth von Nachbarn und ein ſo wackrer Kegelſchieber; aber was den Alexander betrifft, lieber Gott, da ſeht Ihr, da iſt's freilich ſo was, da kommt er zu kurz. Aber jetzt kommen Helden, die werden ganz anders von der Leber weg reden. Bir. Tritt beiſeit, wuͤrdiger Pompejus. (Holofernes als Judas, und Motte als Hercules treten auf.) Zol. Den großen Hercules ſpielt dieſer Knirps, Der Cerb'rus todt ſchlug, den dreiköpf'gen canis. Der ſchon als Säugling, als ein kleiner Stirps Die Schlangen hat erſtickt in ſeiner manns. Ouoniam er kommt noch minorenn allhie, Ergo verfaßt' ich dieſ' Apologie. (zu Motte.) Gieb Anſehn dir beim und verſchwinde! Motte ab.) Jol. Judas bin ich— Dum. Ein Judas!— HZol. Nicht Iſchariot, Herr! Judas bin ich, benamſet Maccabaus. Dum. Wammſt man den Maccabaͤus, trifft's den Judas. Bir. Ein kuͤſſender Verraͤther! Wie ward'ſt du zum Judas? Zol. Judas bin ich,— Dum. Ei, ſo ſchaͤme dich doch, Judas!— Bol. Wie meint Ihr, Herr? Boyet. Der Judas ſoll hingehn und ſich haͤngen. Zol. So geht mir mit dem eiſpiel voran, mein Holder! Bir. Allerdings, es war ein Holderbaum, an dem ſich Judas aufhing. Zol. Ihr werdet dieſen meinen Kopf nicht aus der Faſ⸗ ſung bringen! Bir. Wenn man's recht faßt, haſt du gar keinen Kopf. Zol. Was waͤre denn dieſes? Boyet. Ein Lautenkopf! Dum. Ein Nadelkopf. Bir. Ein Todtenkopf auf einem Ringe! Long. Der Kopf einer alten Gemme, kaum zu er⸗ kennen! — Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. 179 Boyet. Der Knopf von Cäſars Degen. Duim. Der geſchnitzte Pfropf an einem ulverhorn. Bir. St. Georgs Halbgeſicht auf einer chaumuͤnze. Dum. Ja, auf einer bleiernen Schaumünze. Bir. Ja, wie ein Zahnarzt ſie an der Kappe traͤgt;— und nun ſprich weiter, denn wir haben dir den Kopf gewaſchen. Sol. Ihr habt ihn mir ganz verdreht! Dir. Wir haben ihn dir zurecht geſetzt. Bol. Und habt ihn ſelber ſchon ſo oft verloren. Bir. Und wenn du ein Löwe ſo haͤtten wir dich geſchoren, Drum weil du ein Köter biſt, muß man dir Eſel bohren: Und ſo gehab dich wohl, du Narr, und trolle dich ſtracks: Rothbärtiger Fuchs, krummbeiniger Dachs, Juddachs, halb Jude, halb Dachs. Sol. Das iſt nicht ſäuberlich, nicht artlich, noch groß⸗ muthig! Boyet. Ein Licht fuͤr den Monſieur Judas, ſonſt ſtoßt er den Kopf ſich blutig!— Prinz. Ach, armer Maccabäus, wie hat man dich gehetzt! (Armado tritt auf als Hector.) Bir. Verbirg dein Haupt, Achilles: Hier erſcheint Hector in Waffen. Dum. Und wenn mein Spott mich auch ſelbſt treffen ſollte, will ich doch jetzt luſtig ſeyn. Roͤn. Hektor war nur ein Trojaner gegen dieſen! Boyet. Iſt das wirklich Hektor? Dum. Ich denke, Hektor war nicht ſo duͤnn gezimmert. Long. Patte Hektor ſolche Waden?— Dum. Waden, beim Himmel, wie Faden!— Boyet. Nein, am ſchoͤnſten ſind ſeine Duͤnnbeine. Bir. Unmöglich kann dies Hektor ſeyn! SPrn Er iſt ein Gott oder ein Maler, denn er macht eſichter. Arm. Der Speergewalt'ge Mars, im Kampf unuͤber⸗ windlich, Gab Hektorn ein Geſchenk,—. Dum. Eine vergoldete Muskatnuß!— Bir. Eine Zitrone! Long. Mit Näglein durchſteckt. Arm. Still!— Der Speergewalt'ge Mars, im Kampf unuͤberwindlich, 12½ 180 Liebes Leid und Luſt. A. V. Gab Hektorn ein Geſchenk, Burgherrn von Ilion. Der muth'ge Held fuͤrwahr focht jeden Tag zwoͤlfſtuͤndlich Vom Morgen bis zur Nacht vor ſeinem Pavilion. Die Blume nun bin ich,— Dum. Das Unkraut. Long. Das Gänſebluͤmchen. Arm. Stuͤßer Lord Longaville, zuͤgelt Eure Zunge!— Long. Ich muß ihr vielmehr den Zuͤgel ſchießen laſſen, denn ſie rennt gegen Hektor. Dum. Ja, und Hektor iſt ein Windhund.. Arm. Der ſuͤße Degen iſt todt und begraben: liebſte Kindlein, verunglimpft nicht das Gebein der dahin Geſchie⸗ denen: als er lebte, war er ein muth'ger Held.— Jedoch ich will fürbaß in meinem Text, ſuͤßer Königsſproß, lenke auf mich das Organ des Gehoͤrs. rinz. Sprich, wackrer Hektor, es ergötzt uns ſehr. rm. Ich adorire deiner ſuͤßen Herrlichkeit Pantoffel. Bopet. Er mißt ſeine Liebe nach Fuß und Zoll! Dum. In Ermangelung einer Elle. Arm. Hektor, der Hannibal darniederwarf— Schaͤd. Ja, freilich, Gevatter Hektor, mit der Hanne ſteht's ſchlimm; zwei Monat wirds her ſeyn. Arm. Was meinſt du? Schaͤd. Mein Seel, wenn Ihr nicht den ehrlichen Tro⸗ janer ſpielt, ſo iſt's arme Mädel geliefert; ſie iſt guter Hoff⸗ uch. Arm. Calumnificirſt du mich vor Potentaten? Du ſollſt des Todes ſterben. Schad. Dann wird Hektor geſtaͤupt werden wegen der Jaquenetta, der er zum Kinde half; und gehängt wegen des Pompejus, dem er vom Leben half. Dum. Seltner Pompejus!— Boyet. Glorwuͤrdiger Pompejus!— Bir. Groͤßer denn groß, großer, großer, großer Pompe⸗ jus!— Pompejus der Unermeßliche! Dum. Hektor zittert. Bir. Pompejus gluͤht: Mehr Ate's, mehr Ate's!— Hetzt ſie auf, hetzt ſie auf! Dum. Jetzt wird Hektor ihn herausfordern. Bir. Ja, und haͤtt' er nicht mehr Mannsblut in ſeinem Gedaͤrm, als ein Floh zum Abendbrod verzehrt. Arm. Beim Morgenſtern, ich fordre dich! t das Kind renomirt ſchon im Mutterleibe, es iſt von — Sz 1. Liebes Leid und Luſt. 181 Schaͤd. Ich will nicht mit Morgenſternen fechten, wie die Nachtwächter; klirren ſolls, das Eiſen ſoll heraus: hohl mir doch einer meinen Degen wieder her! Dum. Platz fuͤr die entzuͤndeten Helden!— Schad. In Hemdsärmein will ich mich ſchlagen!— Dum. Allerrefoluteſter Pompejus! Motte. Liebſter Herr, laßt mich Euch ein wenig herab⸗ ſtimmen: ſeht Ihr denn nicht, daß Pompejus ſchon ſeinen Rock auszieht? Was denkt Ihr denn! Ihr kommt um all⸗ Eure Reputation! Arm. Edle Herrn und Kriegsfurſten, haltet mir zu gut: ich will nicht im Hemde fechten. Dum. Ihr durft's nicht ausſchlagen, Pompejus hat ge⸗ ordert. Arm. Suͤße Seele, ich kann es, und ich will es. Bir. Welchen Grund habt Ihr dafuͤr? Arm. Die nackte Wahrheit iſt, ich habe kein Hemd; ich gehe in Wolle zur Pönitenz. Boyet. S iſt wahr, das ward ihm in Rom auferlegt, weil er kein Leinzeug hatte: ſeit der Zeit, ich will's beſchwö⸗ ren, beſitzt er keins, außer einem von Jacguenettens Wiſch⸗ tüchern; und das traͤgt er zu nächſt am Herzen; es iſt ein Andenken. (Mercade tritt auf) WMerc. Heil Fuͤrſtin! Print Sehr willkommen, Freund Mercade; Nur daß du unſre Luſtbarkeit hier ſtoͤr'ſt. Werct Ich nah' Euch traurig, Fuͤrſtin, meine Botſchaft Weilt auf der Zunge ſchwer; der Koͤnig, Euer Vater— Prinz. Todt, furcht ich? Wierc Ja, mein Auftrag iſt geſagt. Bir. Jetzt, Helden, fort, die Scene wird bewoͤlkt. Arm. Ich meines Theils, athme freiern Athem: ich ſchaute die Tage der Kraͤnkung durch den kleinen Spalt der Klugheit, und werde mir Recht verſchaffen wie ein Soldat. (die Helden gehn ab.) Roͤn. Wie geht's, Eu'r Majeſtaͤt?— Prinz. Boyet, trefft Anſtalt, ich will fort zu Nacht. Roͤn. Nicht ſo, Prinzeſſin, ich erſuch' Euch, bleibt. rinz. Trefft Anſtalt, ſag' ich.— Dank Ihr edlen Herrn, gwu Eu'r hold Bemuͤhen, und ich bitt Euch 8 Aus neu betruͤbtem Herzen— Ihr entſchuldigt, 182 Liebes Leid und Luſt. A. V. Oder vergeßt in Euerm klugen Sinn Die Schalkheit und das Necken unſres Scherzes. Wenn unſre Kuͤhnheit ſich zu weit verging Im Tauſch der Rede,— Eure Hoöflichkeit War Schuld daran. Lebt wohl, erlauchter Fuͤrſt: Gebeugtes Herz fuͤhrt nicht behende Zunge. Entſchuldigt, iſt mein Dank nicht angemeſſen Der wichtigen Gewaͤhr, ſo leicht erhalten. Roͤn. Der Zeiten letzter Augenblick geſtaltet Den letzten Ausgang oft nach dem Bedarf; 2o im Entſchwinden ſelber ſchlichtet ſie, as lange nicht zu loſen wußte. Und ob der Tochter gramverhuͤllte Stirn Der Liebe heitrem Werben nicht vergönnt Das fromme Wort, das gern bereden moͤchte; Dennoch, weil Lieb' im Feld zuerſt erſchien, Laß nicht des Kummers Wolke ſie verſcheuchen Aus ihrer Bahn: Verlornen Freund bejammern, Iſt lange nicht ſo heilſam, noch gedeihlich, Als ſich des neu gefundnen Freunds erfreun. Prinz. Ich kann Euch verſtehn; mein Gram iſt oppelt. Bir. Gram faßt ein einfach ſchlichtes Wort am Beſten: Und was der Konig meint, bezeichn' Euch dies. Um Eure Huld verſäumten wir die Zeit, Und ſpieiten falſch mit unſerm Schwur: Eu'r Reiz Entſtellt' uns ſehr und wandelt' unſer Ziel, Daß es ſich in ſein Gegentheil verlohr. So kam's, daß wir Euch lächerlich erſchienen; Denn Lieb' iſt voller Eigenſinn und Unart, Muthwillig wie ein Kind, abſpringend, eitel, Erzengt durch's Aug' und deshalb gleich dem Auge Voll ſchrger Bilder, Formen, Phantaſien, Und wechſelt bunt, wie in des Auges Spiegel Der Dinge Wechſel ſchnell voruͤberrollt. Wenn ſo geſcheckte Tracht leichtſinn'ger Liebe Anlegend, wir in Euern Himmelsaugen Unziemlich ſchienen unſerm Schwur und Ernſt, Verfuͤhrt uns Euer Himmelsauge ſelbſt Zu Fehlern, die Shr tadelt. Deshalb, Holde, T unſ're Lieb' Eu'r Werk, iſt's auch der Irrthum Den ſie erzeugt: abtruͤnnig wurden wir, Daß einmal falſch, Euch ewig dauernd bliebe,„ Sz. 1. Liebes Leid und Luſt.— Die Ihr uns falſch wie treu macht, unſte Liebe. So laͤutert Falſchheit, Suͤnde ſonſt an ſich, Die eigne Schuld, und wandelt ſich in Tugend. Prinz. Wir nahmen Eure Briefe, reich an Liebe, Die Gaben auch, Botſchafter Eurer Liebe; Und ſchaͤtzten ſie in unſerm Jungfraun Rath uͤr Courtoiſie und hoͤflich feinen Witz, Als muͤß'ge Zier und Stickerei der Zeit. Nicht ernſtlicher verpflichtet ſah'n wir uns In unſ'rer Wuͤrd'gung: deßhalb ward Eu'r Lieben ach eignem Maaß als leichter Scherz erwiedert. Dum. Die Briefe, Fuͤrſtin, zeigten mehr als Scherz. Roͤn. Auch unſer Blick. Roſ. Wir laſen ſie nicht ſo. Roͤn. Jetzt mit der Stunde letztem Schlag verheißt Uns Eure Liebe! Prinz. Viel zu kurze Friſt, Zu ſchließen ſolchen endlos ew'gen Kauf. Nein, nein, Mylord, Eu'r Meineid mahnt Euch ſchwer; Ihr ſeyd mit Schuld belaſtet. Darum hoͤrt mich. Wenn mir zu Lieb,(obgleich kein Grund vorhanden) Ihr etwas thun wollt, rath' ich dies zu thun: Schwoͤrt keinen Eid mir, aber eilt ſofort In eine Sied'lung ſtill und abgelegen, Entfernt von allen Freuden dieſer Welt; Dort weilt, bis durch der zwolf Geſtirne Kreis Die Sonnenbahn den Jahreslauf vollendet. Wenn ſolche Streng' und abgeſchiednes Leben, Nicht äͤndern, was dein heißes Blut gelobt; Wenn Froſt und Faſten, Klauſ' und leicht Gewand Nicht welkt die heitern Bluten Deiner Liebez Wenn ſie ſich pruͤfungsſtark bewaͤhrt als Liebe, Dann, nach Verlauf des Jahr's, erſcheine wieder, Sprich dreiſt mich an, errungen durch Verdienſt, Und bei der Jungfraunhand, die jetzt die deine Beruͤhrt, ich bin dein Eigen.— Bis dahin Verſchließ ich in ein Trauerhaus mein Leid, In Thraͤnenregen meinen Schmerz ergießend, Wehmuͤthig eingedenk des Vaters Tod. Verſagſt du dies, laß unſre Haͤnde ſcheiden, Und aller Lech ſterb' in Beiden. RBoͤn. Verſag' ich dies, verſag' ich mehr zu halten, Um meine Kraft der traͤgen Ruh zu weih'n, 184 Liebes Leid und Luſt. A. V. So treffe mich des Todes raͤchend Walten: Nun und auf ewig leb' ich dir allein. Dum. Und wer hilft mir aus meinen Kuͤmmerniſſen?— Lath. Ein Weib, ein Bart, Geſundheit, gut Gewiſſen: Keins von dem Allen, hoff' ich, ſollt Ihr miſſen. Dum. O, ſag' ich gleich denn: Dant dir, liebſte Frau?— Cath. Nicht ſo, Mylord; erſt über Jahr und Tag; Dann zeige ſich's, was Euer Kinn vermag. Kommt, wenn zu meiner Fuͤrſtin kommt der Koͤnig, Hab' ich viel Gunſt dann, geb' ich Euch ein wenig. Dum. Bis dahin ſey dir treuer Dienſt geweiht. Cath. Schwört nicht! Ihr vielleicht auch dieſen id. Long. Was ſagt Maria? Mar. Wenn zwölf Monde ſchwanden, Schmuͤck' ich ſtatt Trauer mich mit Brautgewanden PLong. Geduldig harr' ich, doch die Zeit iſt lang! Mar. Wie Ihr, noch ſeyd Ihr allzujung und ſchlank!— Bir. Sinnſt du, Geliebte? Holde, ſchau mich anz Schau meines Herzens Fenſter, ſchau dies Auge, Welch fleh'nde Bitte drinn auf Antwort harrt: ebeut mir einen Dienſt fur deine Liebe. Roſ. Oſft, Lord Biron, hab' ich von Euch gehoͤrt, Eh' ich Euch ſah; der Welt vielzuͤngig Urtheil Bezeichnet Euch als einen dreiſten Spoͤtter Voller Vergleich' und Hohn der tief verwundet, Den Ihr auf al' und jeden Nächſten lenkt, Der Eures Witzes Gnad' anheim gefallen. Den Wermuth nun aus Eurem Hirn zu reuten, Und(wenn Ihr's wollt) zugleich mich zu gewinnen, Denn ohne dies iſt kein Gewinnen moͤglich) Sollt Ihr dies ganze Jahr von Tag zu Tag Sprachloſe Kranke ſehn, ſollt' ſtets verkehren Mit ſiechem Elend; Eu'r Bemuͤhen ſey es Mit Eures Witzes angeſtrengter Laune Zum Lächeln Ohnmacht ſelbſt und Angſt zu zwingen. Bir. Den Mund des Sterbenden zum wilden Lachen? Das konnt Ihr nicht verlangen. S iſt unmoͤglich; Scherz ruͤhrt die Seele nicht im Todeskampf! Roſ. Das iſt der Weg, den ſpoött'ſchen Geiſt zu daͤmpfen, Der Kraft nur ſchöpft aus jenem nicht'gen Beifall, Den ſchaal Gelächter ſtets dem Narren zollt. Des Scherzes Anerkennung ruht im Ohr —— — Sz. 1. Liebes Leid und Luſt. Des Hoͤrenden allein, nicht in der Zunge Deß der ihn ſpricht. Drum wenn des Kranken Ohr, Betäubt vom Schall der eignen ſchweren Seufzer Anhoͤrt den leichten Spaß, dann fahret fort; Ich will Euch nehmen und den Fehl dazu. Doch, wenns Euch abweiſ't, zuͤgelt jene Laune: Und Eures Fehlers frei find' ich Euch wieder, Durch ſolche Sinnesänd'rung hocherfreut. Bir. Zwölf Monde? Nun, wenn's ſeyn muß, Noth bricht Stahl; Zwölf Monde treib' ich Spaß im Hospital. Prinz. Ja, werther Fürſt, und alſo nehm' ich Abſchied. Roͤn. Nein, Theure, gönnt uns noch ein kurz Geleit! Bir. Nicht, wie im alten Luſtſpiel endigt's heut“: S hat kein Gretchen: Schade, daß die Damen Den Ausgang nicht comödienhafter nahmen! Roͤn. Still, Freund, das kommt ſchon, ſey nicht ange, In Jahr und Tag. Bir. So ſpielt das Stuͤck zu lange. (Armado tritt auf.) Arm. O holde Majeſtät vergönnt mir. rinz. War das nicht Hektor?— um. Der wuͤrd'ge Held von Troja!— Arm. Ich will deinen königlichen Finger kuͤſſen, und Abſchied nehmen: ich that ein Gelitbe: ich ſchwur Jaque⸗ netten, um ihrer holden Gunſt willen den Pflug zu fuͤhren drei Jahre lang. Wollt Ihr jedoch, vielgeſchätzte Hoheit, den Dialog anhören, welchen die zween gelahrten Männer zuſammengeſtellt zur Verherrlichung der Eule und des Kukuks? Er ſollte dem Ende unſers Schauſpiels angefuͤgt werden. Rön. Ruft ſie ſogleich, wir wollen ſie anhoͤren. Arm. Holla! tretet ein!— (Holofernes, Motte, Schädel und Andre treten auf mit Muſik.) Hier ſtellt ſich ver der Lenz, Dort Hiems, Winter: dieſem folgt die Eule, Der Kukuk jenen: Ver, nun. ied. Frühling. Wenn Primeln gelb und Veilchen blau; Und Maßlieb ſilberweiß im Gruͤn, 186 Liebes Leid und Luſt. A. V. Und Kukuksblumen rings die Au Mit bunter Fruͤhlingspracht umbluhn, Des Kukuks Ruf im Baum erklingt, S neckt den Ehmann, wenn er ſingt: ucn, Cucu, Cucn: der Mann ergrimmt, Wie er das boͤſe Wort vernimmt. Wenn Lerche fruͤh den Pfluger weckt, Am Bach der Schäfer floͤtend ſchleicht, Wenn Dohl' und Kraͤh' und Taͤubchen heckt, Ihr Sommerhemd das Maͤdchen bleicht, Des Kukuks Ruf im Baum erklingt, Und neckt den Eh'mann, wenn er ſingt: Cucu, Cucu, Cucu: der Mann ergrimmt, Wie er das boͤſe Wort vernimmt. Winter. Wenn Eis in Zapfen haͤngt am Dach, Und Thoms, der Hirt, vor Froſt erſtarrt, Wenn Hans die Klötze trägt ins Fach, Die Miſch gefriert im Eimer hart, Die Spur verweht, der Weg verſchneit, Dann naͤchtlich friert der Kauz und ſchreit: Tuhr, Tuwit tuhu, ein luſtig Lied, Derweil die Hanne Wuͤrzbier gluͤht. Wenn Sturm dem Giebelfenſter droht, Im Schnee das Vöglein emſig pickt, Wenn Lisbeths Naie ſproͤd' und roth, Der Pfarrer huſtend faſt erſtickt, Bratapfel ziſcht in Schalen weit, Dann naͤchtlich friert der Kauz und ſchreit: Tuhu, Tuwit tuhn, ein luſtig Lied, Derweil die Hanne Wurzbier gluht. Arm. Die Worte Mercurs ſind rauh nach den Grfängen des Apoll. Ihr, dorthin; wir, dahin. (alle gehn ab.) — — — — — — — = — — — — — — — Ed We rſo nen⸗ — Escalus, Prinz von Verona. Graf Paris, Verwandter des Prinzen. — Montague,) Häupter zweier Häuſer, welche in Zwiſt mit Kapulet, einander ſind. „ Romeo, Montague's Sohn. „ Mercutio, Verwandter des Prinzen und Romeo's Freund. „ Benvolio, Montague's Reffe und Romeo's Freund. „Wybalt, Neffe der Gräfin Capulet. „Einalter Mann, Capulets Oheim. — Bruder Lorenzo, ein Franziskaner. Bruder Marcus, von demſelben Orden. „ Balthaſar, Romeo's Diener. Bediente Capulets. „Abraham, Bedienter Montague's. WPeter. Drei Muſikanten. Ein Page des Paris. Ein Offtzier. Ein Apotheker. „ Gräfin Montague. — Gräfin Capulet⸗ „Julia, Capulets Tochter. Juliens Amme. Bürger von Verona. Verſchiedene Männer und Frauen, Ver⸗ wandte beider Häuſer. Masken, Wachen und anderes Ge⸗ folge. Die Szene iſt den größten Theil des Stücks hindurch in Verona; zu Anfange des fünften Aufzugs in Mantua. E eſt e A g. Erſte Szene. Ein öffentlicher Platz. (Simſon und Gregorio treten auf mit Schwerdtern und kleinen runden Schilden bewaffnet.) Sim ſon. Au mein Wort, Gregorio, wir wollen nichts in die Taſche ecken. GPreg. Freilich nicht, ſonſt wären wir Taſchenſpieler. Simſ. Ich meine, ich werde den Koller kriegen, und vom Leder ziehn. Greg. Ne, Freund! deinen ledernen Koller mußt du bei Leibe nicht ausziehen. Simſ. Ich ſchlage geſchwind zu, wenn ich aufgebracht in. Greg. Aber du wirſt nicht geſchwind aufgebracht. „ Ein Hund aus Montague's Hauſe bringt mich on auf. Greg. Einen aufbringen, heißt: ihn von der Stelle ſchaf⸗ fen. Um tapfer zu ſeyn, muß man Stand halten. Wenn du dich alſo aufbringen läſſeſt, ſo laͤufſt du davon. Simſ. Ein Hund aus dem Hauſe bringt mich zum Stand halten. Mit jedem Bedienten und jedem Mädchen Monta⸗ gue's will ich es aufnehmen. Greg. Der Streit iſt nur zwiſchen unſeren Herrſchaften und uns, ihren Bedienten. Es mit den Madchen aufneh⸗ men? Pfui doch! du ſollteſt dich lieber von ihnen aufnehmen laſſen. 190 Romeo und Julia. A. I. Simſ. Einerlei! Ich will barbariſch zu Werke gehn. Hab' ich's mit den Bedienten erſt ausgefochten, ſo will ich mir die Maͤdchen unterwerfen. Sie ſollen die Spitze meines Degens fuͤhlen, bis er ſtumpf wird. Greg. Zieh nur gleich von Leder: da kommen zwei aus dem Hauſe Montague's. (Abraham und Balthaſar treten auf.) Simſ. Hier, mein Gewehr iſt blank. Fang nur Haͤn⸗ del an, ich will den Ruͤcken decken. Greg. Den Ruͤcken? willſt du Reißaus nehmen? Simſ. Fuͤrchte nichts von mir. Greg. Ne, wahrhaftig! ich dich fuͤrchten? Simſ. Laß uns das Recht auf unfrer Seite behalten, laß ſie anfangen. Greg. Ich will ihnen im Vorbeigehn ein Geſicht ziehen, ſie moͤgen's nehmen wie ſie wollen. Simſ. Wie ſie duͤrfen lieber. Ich will meinen Daumen gegen ſie beißen; wenn ſie es einſtecken, ſo haben ſie den Schimpf. Abr. Beißt Ihr Euern Daumen gegen uns, mein Herr? Simſ. Ich beiße meinen Daumen, mein Herr. Abr. Beißt Ihr Euern Daumen gegen uns, mein Herr? Simſ. Iſt das Recht auf unſrer Seite, wenn ich ja ſage? Greg. Nein. Simſ. Nein, mein Herr! Ich beiße meinen Daumen nicht gegen Euch, mein Herr. Aber ich beiße meinen Dau⸗ men, mein Herr. Greg. Sucht Ihr Haͤndel, mein Herr? Abr. Händel, mein Herr? Nein, mein Herr. Simſ. Wenn Ihr ſonſt Haͤndel ſucht, mein Herr: ich ſtehe zu Dienſten. Ich bediene einen eben ſo. guten Herrn, wie Ihr. Abr. Keinen beſſern. Simſ. Sehr wohl, mein Herr! (Benvolio tritt auf.) Greg. Sag, einen beſſern: hier kömmt ein Vetter mei⸗ ner Herrſchaft. Simſ. Ja doch, einen beſſern, mein Herr. Abr. Ihr luͤgt. Sz. 1. Romeo und Julia. 191 Simſ. Zieht, wo Ihr Kerls ſeyd! Friſch, Gregorio! denk' mir an deinen Schwadronirhieb. (ſie fechten.) Benv. Ihr Narren, fort! ſteckt Eure Schwerter ein; Ihr wißt nicht, was Ihr thut. (Tybatt tritt auf.) Tyb. Was? ziehſt du unter den verzagten Knechten? Hieher, Benvoio! Beut die Stirn dem Tode! Benv. Ich ſtifte Frieden, ſteck dein Schwert nur ein! Wo nicht, ſo fuͤhr' es, dieſe hier zu trennen! Was? Ziehn und Friede rufen? Wie die Hölle Haſſ' ich das Wort, wie alle Montague's Und dich! Wehr dich, du Memme!(ſie fechten.) (Verſchiedene Anhänger beider Häuſer kommen und miſchen ſich in den Streit; dann Bürger mit Knitteln.) Ein Buͤrger. Hei Stangen! Ein zweiter. He! Spieße! Wehrere Bürg. Schlagt zu! Andre. Haut ſie nieder! Piele. Weg mit den Capulets! Andre. Weg mit den Montague's! (Capulet im Schlafrock, und Gräfin Capulet.) Cap. Was fuͤr ein Lärm?— Holla! mein langes Schwert! Gräf. Cap. Nein, Kruͤcken! Kruͤcken! Wezu ſoll ein Schwert! Cap. Mein Schwert, ſag' ich! Der alte Montague Kommt dort und ſchwingt die Klinge mir zum Hohn. (Montague und Gräfin Montague. Wont. Du Schurke! Capulet!— Laßt los, laß mich gewähren! Graͤf. Mont. Du ſollſt St Schritt dem Feinde nähern. (Der Prinz mit Gefolge.) Prinz. Aufruͤhriſche Vaſallen! Friedensfeinde! Die Ihr den Stahl mit Nachbarblut entweiht!— Wollt Ihr nicht hoören?— Männer! wilde Thiere! Die Ihr die Flammen Eurer ſchnoden Wuth Im Purpurquell aus Euren Adern löſcht! Zu Boden werft bei Buß' an Leib und Leben, „ 192 Romeo und Julia. A. I. Die mißgeſtählte Wehr aus blut'ger Hand! Hoͤrt Eures ungehaltnen Fuͤrſten Spruch! Drei Buͤrgerzwiſte haben dreimal nun, Aus einem luft'gen Wort von Euch erzeugt, Du alter Capulet und Montague, Den Frieden unſrer Straßen ſchon ochen. Verona's graue Buͤrger mußten ſich Entladen ihres ehrenfeſten Schmucks, Und alte Speer' in alten Händen ſchwingen, Woran der Roſt des langen Friedens nagte, Dem Haſſe, der Euch nagt, zu widerſtehn. Verſtört Ihr jemals wieder unſre Stadt, So zahl' Eu'r Leben mir den Friedensbruch. Für jetzt begebt Euch all' Ihr Andern weg! Ihr aber, Capulet, ſollt mich begleiten. Ihr, Montague, kommt dieſen Rachmitta Zur alten Burg, dem Richtplatz unſres Banns, Und hört, was hierin fuͤrder mir beliebt. Bei Todesſtrafe ſag' ich: Alle fort! (Der Prinz, ſein Gefolge, Capulet, Gräſin Capulet, Tybalt, die Bürger und Bediente gehen ab.) Mont. Wer bracht' auf's Neu den alten Zwiſt in Gang? Sagt, Neffe, wart Ihr da, wie er begann? Benv. Die Diener Eures Gegners fochten hier Erhitzt mit Euren ſchon, eh' ich mich nahte; Ich zog, um ſie zu trennen. Plotzlich kam Der wilde Tybalt mit gezuͤcktem Schwert, Und ſchwang, indem er ſchnaubend Kampf mir bot, Es um ſein Haupt und hieb damit die Winde, Die unverwundet, ziſchend ihn verhoͤhnten. Derweil wir Hieb' und Stoͤße wechſeln, kamen Stets mehr und mehr, und fochten mit einander; Dann kam der Fuͤrſt und ſchied ſie von einander. Gräf. Mont. Ach, wo iſt Romeo? Saht Ihr ihn eut? Wie froh bin ich! Er war nicht bei dem Streit. Benv. Schon eine Stunde, Grafin, eh' im Oſt Die heil'ge Sonn' aus goldnem Fenſter ſchaute, Trieb mich ein irrer Sinn in's geld hinaus. Dort, in dem Schatten des Kaſtanienhains, Der vor der Stadt gen Weſten ſich verbreitet, Sah ich, ſo fruͤh ſchon wandelnd Euren Sohn. Ich wollt' ihm nah'n, er aber nahm mich wahr . Sz. 1. Romeo und Julia. 193 Und ſtahl ſich tiefer in des Waldes Dickicht. Ich maß nach meiner ſeine Stimmung ab, Die wohl ſehr aufgeſucht ſich ſehr verbirgt, Wenn im Verdruß wir ſelbſt uns ſchon zu viel ſind, Ging meiner Laune nach, ließ ſeine gehn. Und gern vermied ich ihn, der gern mich floh. Wont. Schon manchen Morgen ward er dort geſehn, Wie er den friſchen Than durch Thraͤnen mehrte, Und, tief erſeufzend, Wolk' an Wolke drängte. Allein ſobald im fernſten Oſt die Sonne, Die all'erfreu'nde, von Aurora's Bett Den Schattenvorhang wegzuziehn beginnt, Stiehlt vor dem Licht mein finſtrer Sohn ſich heim,— Und ſperrt ſich einſam in ſein Kaͤmmerlein, Verſchließt dem ſchoͤnen Tageslicht die Fenſter, Und ſchaffet kuͤnſtlich Nacht um ſich herum. In ſchwarzes Mißgeſchick wird er ſich traͤumen, Weiß guter Rath den Grund nicht wegzuraumen. Benv. Mein edler Oheim, wiſſet Ihr den Grund? Wont. Ich weiß ihn nicht, und kann ihn nicht erfahren. Benv. Lagt Ihr ihm jemals ſchon deswegen an? Miont. Ich ſelbſt ſowohl als mancher andre Freund. Doch er, der eignen Neigungen Vertrauter, Iſt gegen ſich, wie treu will ich nicht ſagen, Doch ſo geheim und in ſich ſelbſt gekehrt, So unergruͤndlich forſchendem Bemuͤhn, Wie eine Knospe, die ein Wurm zernagt. Eh' ſie der Luft ihr zartes Laub entfalten, Und dieſer ihre Schoͤnheit weihen kann. Erfuͤhren wir, woher ſein Leid entſteht, Wir heilten es ſo gern, als wirs erſpaͤht. (Romeo erſcheint in einiger Entfernung.) Benv. Da koͤmmt er, ſeht! Geruht nun fort zu gehn, Si mir Freund, ſoll er ſein Leid geſtehn. jont. O beichtet' er fuͤr dein Verweilen dir Die Wahrheit doch!— Kommt, Graͤfin, fort von hier. (Montague und Gräfin Montague gehn ab.) Benv. Ha, guten Morgen, Vetter! Rom. Erſt ſo weit? Benv. Kaum ſchlug es neun. Rom. Weh mir! Gram dehnt die Zeit. War das mein Vater, der ſo eilig ging? IX. 13 S 194 Romeo und Julis. A. I. Benv. Er war's. Und welcher Gram dehnt Euch die Stunden? Rom. Daß ich entbehren muß: was ſie verkurzt. Benv. Entbehrt Ihr Liebe? Rom. Nein. Benv. So ward ſie Euch zu Theil? Rom. Nein, Lieb' entbehr' ich, wo ich lieben muß. Benv. Ach, daß der Liebesgott ſo mild im Scheine, So grauſam in der Prob' erfunden wird! Rom. Ach, daß der Liebesgott, trotz ſeinen Binden Zu ſeinem Ziel ſtets Pfade weiß zu finden! Wo ſpeiſen wir?— Ach, welch' ein Streit war hier? Doch ſagt mir's nicht, ich hort' es alles ſchon. Haß giebt hier viel zu ſchaffen, Liebe mehr, Nun dann: liebreicher Haß! ſtreitſuͤcht'ge Liebe! Du Alles, aus dem Nichts zuerſt erſchaffen! Schwermuͤth'ger Leichtſinn! ernſte Tändelei! Entſtelltes Chaos glänzender Geſtalten! Bleiſchwinge! lichter Rauch und kalte Glut! Stets wacher Schlaf! dein eignes Widerſpiel!— So fuͤhl' ich Lieb' und haſſe was ich fuͤhl! Du lachſt nicht? Benv. Nein! das Weinen iſt mir naͤher. Rom. Warum, mein Herz? Benv. Um deines Herzens Qual. Rom. Das iſt der Liebe Unbill nun einmal. Schon eignes Leid will mir die Bruſt zerpreſſen, Dein Gram um mich wird voll das Maaß mir meſſen. Die Freundſchaft, die du zeigſt, mehrt meinen Schmerz; Denn, wie ſich ſelbſt, ſo quält auch dich mein Herz. Lieb' iſt ein Rauch, den Seufzerdämpf' erzeugten, Geſchuͤrt, ein Feur, von dem die Augen leuchten, Gequält, ein Meer von Thraͤnen angeſchwellt; Was iſt ſie ſonſt? Verſtaͤnd'ge Raſerei, Und ekle Gall', und ſuͤße Spezerei. 4 Lebt wohl, mein Freund!. Benv. Sacht! ich will mit Euch gehen; Ihr thut mir Unglimpf, laßt ihr ſo mich ſtehen. Rom. Ach, ich verlor mich ſelbſt; ich bin nicht Romeo. Der iſt nicht hier: er iſt— ich weiß nicht wo. Benv. Entdeckt mir ohne Muthwill„wen Ihr liebt. Rom. Bin ich nicht ohne Muth und ohne Willen? Benv. Nein, ſagt mir's ohne Scherz. — Sz. 1. Romeo und Julia. 195 Rom. Verſcherzt iſt meine Ruh: wie ſollt ich ſcherzen? O uͤberfluͤſſ'ger Rath bei ſo viel Schmerzen! Hört, Vetter denn im Ernſt: ich lieb' ein Weib. Benv. Ich traf's doch gut, da ich verliebt Euch glaubte. Rom. Ein wackrer S— Und, die ich lieb', iſt choͤn. Benv. Ein glänzend Ziel kann man am erſten treffen. Rom. Dieß Treffen traf dir fehl, mein guter Schuͤtzt Sie me det Amors Pfeil, ſie hat Dianens Witz. Umſonſt hat ihren Panzer keuſcher Sitten Der Liebe kindiſchen Geſchoß beſtritten. Sie wehrt den Sturm der Liebesbitten ab, Steht nicht dem Angriff kecker Augen, offnet Nicht ihren Schooß dem Gold', das Heil'ge lockt, O ſie iſt reich an Schoͤnheit, arm allein, Weil, wenn ſie ſtirbt, ihr Reichthum hin wird ſeyn. Benv. Beſchwor ſie der Enthaltſamkeit Geſetze? Rom. Sie that's, und dieſer Geiz vergeudet Schäͤtze. Denn Schoͤnheit, die der Luſt ſich ſtreng enthält, Bringt um ihr Erb' die ungeborne Welt. Sie iſt zu ſchoͤn und weiſ, um Heil zu erben, Weil ſie mit Weisheit ſchoͤn, mich zwingt zu ſterben. Sie ſchwor zu lieben ab, und dieß Geluͤbd' Iſt Tod fuͤr den, der lebt, nur weil er liebt. Benv. Folg' meinem Rath, vergiß an ſie zu denken. Rom. So lehre mir, das Denken zu vergeſſen. „Benv. Gieb deinen Augen Freiheit, lenke ſie Auf andre Reize hin. Rom. Das iſt der Weg, Mir ihren Reiz in vollem Licht zu zeigen. Die Schwaͤrze jener neidenswerthen Larven, Die ſchoͤner Frauen Stirne kuͤſſen, bringt Uns in den Sinn, daß ſie das Schoͤne bergen. Der, welchen Blindheit ſchlug, kann nie das Kleinod Des eingebuͤßten Augenlichts vergeſſen. Zeigt mir ein Weib, unuͤbertroffen ſchoͤn; Mir gilt ihr Reiz wie eine Weiſung nur, Worin ich leſe, wer ſie uͤbertrifft. Leb' wohl! Vergeſſen lehreſt du mir nie. Benv. Dein Schuldner S 0, gluͤckt mir nicht die uͤh. (Beide ab.) 43* 196 Romeo und Julia. A. I. 3 weite Szene. Eine Straße. (Capulet, Paris und ein Bedienter kommen.) Capulet. Und Montague iſt mit derſelben Buße Wie ich bedroht? Fuͤr Greiſe, wie wir ſind, Iſt Frieden halten, denk' ich, nicht ſo ſchwer. Par. Ihr geltet beid' als ehrenwerthe Maͤnner, Und Jammer iſt's um Euren langen Zwieſpalt. Doch, edler Graf, wie duͤnkt Euch mein Geſuch? Cap. Es duͤnkt mich ſo, wie ich vorhin geſagt. Mein Kind iſt noch ein Fremdling in der Welt, Sie hat kaum vierzehn Jahre wechſeln ſehn. Laßt noch zwei Sommer prangen und verſchwinden, Eh' wir ſie reif, um Braut zu werden, finden. Par. Noch Juͤngre wurden oft begluͤckte Muͤtter. Tap. Wer vor der Zeit beginnt, der endigt fruͤh. All meine Hoffnungen verſchlang die Erde; Mir blieb nur dieſes hoffnungsvolle Kind. Doch werbt nur, lieber Graf! Sucht Euer Heil! Mein Will iſt von dem ihren nur ein Theil⸗ Wenn ſie aus Wahl in Eure Bitten willigt, So hab' ich im Voraus ihr Wort gebilligt. Ich gebe heut' ein Feſt, von Alters hergebracht, Und lud darauf der Gäſte viel zu Nacht, Was meine Freunde ſind: Ihr, der dazu gehoͤret, Sollt hoch willkommen ſeyn, wenn Ihr die Zahl vermehret. In meinem armen Haus ſollt Ihr des Himmels Glanz S Nacht verbunkeit ſehn durch ird'ſcher Sterne Tanz. ie muntre Juͤnglinge mit neuem Muth ſich freuen, Wenn auf die Ferſen nun der Fuß des holden Maien Dem lahmen Winter tritt: die Luſt ſteht Euch bevor, Wann Euch in meinem Haus ein friſchet Madchenflor Von jeder Seit' umgiebt. Ihr hoͤrt, Ihr ſeht ſie alle Daß, die am ſchoͤnſten prangt, am meiſten Euch gefalle. Dann moͤgt Ihr in der Zahl auch meine Tochter ſehn, Sie zaͤhlt fur Eine mit, gilt ſie ſchon nicht fur ſchoͤn. Kommt, geht mit mir!— Du, Burſch', nimm dieß Pa⸗ pier mit Namen; Sz. 2. Romeo und Julia. 197 Trab' in der Stadt herum, ſuch' alle Herrn und Damen, So hier geſchrieben ſtehn, und ſag' mit Hoͤflichkeit: Mein Haus und mein Empfang ſteh' ihrem Dienſt bereit. (Capulet und Paris gehen ab.) Bed. Die Leute ſoll ich ſuchen, wovon die Namen hier geſchrieben ſtehn? Es ſteht geſchrieben, der Schuſter ſoll ſich um ſeine Elle kuͤmmern, der Schneider um ſeinen Leiſten, der Fiſcher um ſeinen Pinſel, der Mahler um ſeine Netze. Aber mich ſchicken ſie, um die Leute ausfundig zu machen, wo⸗ von die Namen hier geſchrieben ſtehn, und ich kann doch gar nicht ausfuͤndig machen, was fuͤr Namen der Schreiber hier aufgeſchrieben hat. Ich muß zu den Gelahrten— auf gut Gluͤck! (Benvolio und Romeo kommen.) Benv. Pah, Freund! Ein Feuer brennt das andre nieder; Ein Schmerz kann eines andern Qualen mindern. Dreh' dich im Schwindel, hilf durch Drehn dir wieder! Fuͤhl' andres Leid, das wird dein Leiden lindern: Saug' in dein Auge neuen Zauberſaft, So wird das Gift des alten fortgeſchafft. Rom. Ein Blatt vom Weg'rich dient dazu vortrefflich. Benv. Ei ſag', wozu? 3 Rom. Fuͤr dein zerbrochnes Bein. Benv. Was, Romeo, biſt du toll? Rom. Nicht toll, doch mehr gebunden wie ein Toller, Geſperrt in einen Kerker, ausgehungert, Gegeißelt und geplagt, und— Guten Abend, Freund! Czu dem Bedienten.) Bed. Gott gruͤß' Euch, Ich bitt' Euch, konnt Ihr eſen? Rom. Ja wohl, in meinem Elend mein Geſchick. Bed. Vielleicht habt Ihr das auswendig gelernt. Aber ſagt: koͤnnt Ihr alles vom Blatte wegleſen? Rom. Ja freilich, wenn ich Schrift und Sprache kenne. Bed. Ihr redet ehrlich. Gehabt Euch wohl! Rom. Wart! Ich kann leſen, Burſch, Eer lieſt das Verzeichniß.) „Signor Martino und ſeine Frau und Tochter; Graf Anſelm und ſeine reizenden Schweſtern; die verwittwete Freifrau von Vitruvio; Signor Placentio und ſeine artigen Nichten; Mer⸗ cutio und ſein Bruder Valentio; mein Oheim Capulet, ſeine Frau und Toͤchter; meine ſchoͤne Nichte Roſalinde; Livia; 198 Romeo und Julia.. Signor Valentio und ſein Vetter Tybalt; Lucio und die muntre Cgiebt das Papier zurück.) in ſchöner Haufe! Wohin lädſt du ſie? Bed. Hinauf. Rom. Wohin? Bed. Zum Abendeſſen in unſer Haus. Rom. Weſſen Haus? Bed. Meines Herrn. Rom. Das haͤtt ich freilich eher fragen ſollen. Bed. Nun will ich's Euch ohne Fragen erklären. Meine Herrſchaft iſt der große, reiche Capulet, und wenn Ihr nicht vom Hauſe der Montagues ſeyd, ſo bitt' ich Euch, kommt, ſtecht eine Flaſche Wein mit aus. Gehabt Euch wohl! (geht ab.) Benv. Auf dieſem hergebrachten Gaſtgebot Der Capulets ſpeiſt deine Roſalinde Mit allen Schonen die Verona preiſt. Geh' hin, vergleich' mit unbefangenem Auge Die andern, die du ſehen ſollſt, mit ihr. Was gilt's? Dein Schwan dünkt eine Kraͤhe dir. Rom. Hoͤhnt meiner Augen frommer Glaube je Die Wahrheit ſo: dann, Thraͤnen, werdet Flammen! Und ihr, umſonſt ertraͤnkt in manchem See, Mag eure Lug⸗ als Ketzer Euch verdammen⸗ Ein ſchoͤn'res Weib als ſie? Seit Welten ſtehn Hat die allſehn de Sonn' es nicht geſehn. Benv. Ja, ja! du ſahſt ſie ſchön, doch in Geſellſchaft niez Du wogſt nur mit ſich ſelbſt in jedem Auge ſie. Doch leg' einmal in die kryſtallnen Schalen Der Jugendreize Bild, wovon auch andre ſtrahlen, Die ich dir zeigen will bei dieſem Feſt vereint: Kaum leiblich ſcheint dir dann, was jetzt ein Wunder ſcheint. Rom. Gut, ich begleite dich. Nicht um des Schauſpiels Freuden: An meiner Gottin Glanz will ich allein mich weiden. (Beide ab.) — Szi 3. Romeo und Julia. 199 i n e Ein Zimmer in Capulet's Hauſe. (Gräfin Capulet und die Wärterin.) Gräfin Capulet. Ruft meine Tochter her: wo iſt ſie, Amme? Wärt. Bei meiner Jungferſchaft im zwölften Jahr, Ich rief ſie ſchon.— He, Lämmchen! zartes Taͤubchen! Daß Gott! wo iſt das Kind? he, Juliette! (Julia kommt.) Jul. Was iſt? Wer ruft mich? Waͤrt. Eure Mutter. Jul. Hier bin ich, gnaͤd'ge Mutter! Was beliebt? Gräf. Cap. Die Sach' iſt dieſe!— Amme, geh bei Seit', Wir muͤſſen heimlich ſprechen. Amme, komm Nur wieder her, ich habe mich beſonnen; Ich will dich mit zur Ueberlegung ziehn. Du weißt, mein Kind hat ſchon ein huͤbſches Alter. Waärt. Das zaͤhl' ich, meiner Tren, am Finger her. Gräf. Cap. Sie iſt nicht vierzehn Jahre. Waärt. Ich wette vierzehn meiner Zaͤhne drauf— Zwar hab' ich nur vier Zaͤhn', ich arme Frau— Sie iſt noch nicht vierzehn. Wie lang' iſt's bis Johannis? Graͤf. Sh Ein vierzehn Tag' und druͤber. Wärt Nu, druͤber oder drunter. Juſt den Tag, Johannistag zu Abend wird ſie vierzehn. Suschen und ſie— Gott gebe jedem Chriſten Das ew'ge Leben!— waren eines Alters. Nun, Suschen iſt bei Gott: Sie war zu gut fuͤr mich. Doch wie ich ſagte, Johannistag zu Abend wird ſie vierzehn. Das wird ſie, meiner Treu'; ich weiß es recht gut. Eilf Jahr iſt's her, ſeit wir's Erdbeben hatten: Und ich entwoͤhnte ſie(mein Leben lang Vergeſſ' ich's nicht) juſt auf denſelben Tag. Ich hatte Wermuth auf die Bruſt gelegt, Und ſaß am Taubenſchlage in der Sonne; Die gnad'ge Herrſchaft war zu Mantug. (Ja, ja! ich habe Gruͤt im Kopf!) Nun, wie ich ſagte: 200 Romeo und Julia. A. I. Als es den Wermuth anf der Warze ſchmeckte, Und fand ihn bitter— naͤrrſches, kleines Ding— Wie's böſe ward, und zog der Bruſt ein G⸗ſicht! Krach! ſagt' der Taubenſchlag; und ich, fuͤrwahr, Ich wußte nicht wie ich mich tummeln ſollte. Und ſeit der Zeit iſt's nun eilf Jahre her. Denn damals ſtand ſie ſchon allein; mein Treu, Sie lief und watſchelt' Euch ſchon flink herum. enn Tags zuvor fiel ſie die Stirn entzwei, Und da hob ſie mein Mann— Gett hab' ihn ſelig! Er war ein luſt'ger Mann— vom Boden auf. Ei, ſagt' er, fällſt du ſo auf dein Geſicht? Wirſt rücklings fallen, wenn du kluͤger biſt. Nicht wahr, mein Kind? Und, liebe heilge Frau! Das Maͤdchen ſchrie nicht mehr, und ſagte: Ja. Da ſeh' man, wie ſo'n Spaß ſich doch erfuͤllt! Und lebt' ich tauſend Jahre lang, ich wette, aß ich es nie vergäß'. Nicht wahr, mein Kind? ſagt' er, Und's liebe Närrchen ward ſtill, und ſagte: Ja. Graäf. Cap. Genug davon, ich bitte, halt' dich ruhig. Waͤrt. Ja, gnäd'ge Frau. Doch laͤchert's mich noch immer, Wie's Kind ſein Schreien ließ, und ſagte: Ja. Und ſaß ihm, meiner Treu, doch eine Beul So dick wie'n Huͤhnerei, auf ſeiner Stien. Recht gefaͤhrlich dick! und es ſchrie bitterlich. Mein Mann, der ſagte: Ei, faͤllſt auf's Geſicht? Wirſt rucklings fallen, wenn du aͤlter biſt. Nicht wahr, mein Kind? ſtill ward's, und ſagte: Ja. Jul. Ich bitt' dich, Amme, ſey doch auch nur ſtill. Waͤrt. Gut, ich bin fertig. Gott behuͤte dich! Du warſt das feinſte Puppchen, das ich ſaͤugte. Erleb' ich deine Hochzeit noch einmal, So wuͤnſch' ich weiter nichts⸗ Gräf. Cap. Die Hochzeit, ja! das iſt der Punkt, von dem Ich ſprechen wollte. Sag⸗ mir, liebe Tochter, Wie ſteht's mit deiner Luſt dich zu vermaͤhlen? Jul. Ich traͤumte nie von dieſer Ehre noch. Waͤrt. Ein' Ehre! Haͤtt'ſt du eine andre Amme Als mich gehabt, ſo wollt' ich ſagen: Kind, 2 Du habeſt Weisheit mit der Milch geſogen. Graͤf. Cap. Gut, denke jetzt dran; juͤnger noch als du Sind angeſeh'ne Frau'n hier in Verona St3. Romeo und Julia. 201 Schon Muͤtter worden. Iſt mir recht, ſo war Ich, deine Mutter, in demſelben Alter, Wo du noch Maͤdchen biſt. Mit einem Wort: Der junge Paris wirbt um deine Hand. Waͤrt. Das iſt ein Mann, mein Fraͤulein! Solch' ein 15 Mann Als alle Welt— ein wahrer Zuckermann! Gräf. Cap. Die ſchönſte Blume von Verona's Flor. Waͤrt. Ach ja,'ne Blume! Gelt,'ne rechte Blume! Graf. Cap. Was ſagſt du? Wie gefaͤllt dir dieſer Mann? Heut Abend ſiehſt du ihn bei unſerm Feſt. Dann lies im Buche ſeines Angeſichts, In das der Schoͤnheit Griffel Wonne ſchrieb; Betrachte ſeiner Zuͤge Lieblichkeit, Wie jeglicher dem andern Zierde leiht. Was dunkel in dem holden Buch geblieben, Das lies in ſeinem Aug' an Rand geſchrieben. Und dieſes Freiers ungebundner Stand, Dies Buch der Liebe, braucht nur einen Band. Der Fiſch lebt in der See, und doppelt theuer Wird aͤußres Schoͤn', als innrer Schoͤnheit Schleier. Das Buch glaͤnzt allermeiſt im Aug' der Welt, Das goldne Lehr' in goldnen Spangen hält. So wirſt du alles, was er hat, genießen, Wenn du ihn haſt, ohn' etwas einzubuͤßen. Waͤrt. Einbuͤßen? Nein, zunehmen wird ſie eher; Die Weiber nehmen oft durch Maͤnner zu. Gräf. Cap. Sag' kurz: fuͤhlſt du dem Grafen dich geneigt? Jul. Gern will ich ſeh'n, ob Sehen Neigung zeugt. Doch weiter ſoll mein Blick den Flug nicht wagen, Als ihn die Schwingen Eures Beifalls tragen. (Ein Bedienter kömmt.) Bed. Gnädige Frau, die Gaͤſte ſind da, das Abendeſſen auf dem Tiſch, Ihr werdet gerufen, das Fraͤulein eſucht, die Amme in der Speiſekammer zum Henker gewuͤnſcht, und alles geht drunter und druͤber. Ich muß fort, aufwarten: ich bitte Euch, kommt unverzuͤglich. Graäf. Cap. Gleich!— Paris wartet. Julia, komm geſchwind! Waͤrt. Such' frohe Nächt' auf frohe Tage, Kind! 202 Romeo und Julia. BA.2. Vierte Szene. Eine Straße. (Romeo, Mercutio, Benvolio, mit fünf oder ſechs Mosken, Fackelträgern und Anderen, einer mit einer kleinen Trommel und Pfeife.) Romeo. Soll dieſe Red' uns zur Entſchuld'gung bienen? Wie? oder treten wir nur grad' hinein? Benv. Umſchweife ſolcher Art ſind nicht mehr Sitte. Wir wollen keinen Amor, mit der Schaͤrpe Geblendet, der den buntbemalten Bogen, Wie ein Tatar geſchnitzt aus Latten, tragt, Und wie ein Vogelſcheu die Frauen ſchreckt;. Laßt ſie uns nur, wofür ſie wollen, nehmen, ir nehmen ein paar Taͤnze mit und gehn. Rom. Ich mag nicht ſpringen; gebt mir eine Fackel! Da ich ſo finſter bin, ſo will ich leuchten. ere. Nein, du mußt tanzen, lieber Romeo. Rom. Ich wahrlich nicht. Ihr ſeyd ſo leicht von Sinn Als leicht beſchuht: mich druͤckt ein Herz von Blei 3 Zu Boden, daß ich kaum mich regen kann. Viere. Ihr ſeyd ein Liebender: borgt Amors Fluͤgel, Und ſchwebet frei in ungewohnten Hohn. Rom. Ich bin zu tief von ſeinem Pfeil durchbohrt, Auf ſeinen leichten Schwingen hoch zu ſchweben. 3 Gewohnte Feſſeln laſſen mich nicht frei; Ich ſinke unter ſchwerer Liebeslaſt.: Were. Und wolltet Ihr denn in die Liebe ſinken? Ihr ſeyd zu ſchwer fuͤr ein ſo zartes Ding. Rom. Iſt Lieb' ein zartes Ding? Sie iſt zu rauh, Zu wild, zu tobend; und ſie ſticht wie Dorn. ni Begegnet Lieb Euch rauh, ſo thut desgleichen! f Stecht Liebe, wenn ſie ſticht: das ſchlägt ſie nieder⸗ 6Su einem Andern aus dem Gefolge.) Gebt ein Gehäuſe fur mein Antlitz mir: »Ne Larve fuͤr'ne Larve!(Legt die Maske vor.) Nun erſpaͤhe Sz 4. Romeo und Julia. 203 Die Neugier Mißgeſtalt: was kuͤmmert's mich? Errothen wird fuͤr mich dies Wachsgeſicht. Benv. Fort! Klopft, und dann hinein! Und ſind wir drinnen, So ruͤhre gleich ein jeder flink die Beine! Rom. Mir eine Fackel! Leichtgeherzte Buben, Die laßt das Eſtrich mit den Sohlen kitzeln. Ich habe mich verbraͤmt mit einem alten Großvaterſpruch: Wer's Licht hält, ſchauet zu! Nie war das Spiel ſo ſchön; doch ich bin matt. Miere. Ja wohl zu matt, dich aus dem Schlamme— nein, Der Liebe wo't' ich ſagen— dich zu ziehn, Worin du leider ſteckſt bis an die Ohren. Mach fort! wir leuchten ja dem Tage hier. Rom. Das thun wir nicht. Mierc. Ich meine, wir verſcherzen, Wie Licht bei Tag', durch Zögern unſte Kerzen. Nehmt meine Meinung nach dem guten Sinn, Und ſucht nicht Spiele des Verſtandes drin. Rom. Wir meinen's gut, da wir zum Balle gehen, Doch es iſt Unverſtand. Wierc. Wie? laßt doch ſehen! Rom. Ich hatte dieſe Nacht'nen Traum. WMierc. Auch ich. Rom. Was war der Eure? Werc. Daß auf Träume ſich Nichts bauen laͤßt, daß Traume öfters luͤgen. Rom. Sie traͤumen Wahres, weil ſie ſchlafend liegen. Miere. Nun ſeh' ich wohl, Frau Mab hat Euch beſucht. Sie iſt der Feenwelt Entbinderin. Sie kömmt, nicht groͤßer als der Edelſtein Am Zeigefinger eines Aldermanns, Und faͤhrt mit einem Spann von Sonnenſtäubchen Den Schlafenden quer auf der Na'e hin. Die Speichen ſind gemacht aus Spinnenbeinen, Des Wagens Deck' aus eines Heupferds Fluͤgeln, Aus feinem Spinngewebe das Geſchirr, Die Zuͤgel aus des Mondes feuchtem Strahl; Aus Heimchenknochen iſt der Peitſche Griff, Die Schnur aus Faſern; eine kleine Muͤcke Im grauen Mantel ſitzt als Fuhrmann vorn, Nicht halb ſo groß als wie ein kleines Wuͤrmchen, Gehaſcht von eines Madchens müß'gem Finger. 204 Romeo und Julia. A. Die Kutſch' iſt eine hohle Haſelnuß, Vom Tiſchler Eichhorn oder Meiſter Wurm Zurecht gemacht, die ſeit uralten Zeiten Der Feen Wagner ſind. In dieſem Staat Trabt ſie dann Nacht fur Nacht; befaͤhrt das Hirn Verliebter, und ſie traͤumen dann von Liebe; Des Schranzen Knie, der ſchnell von Reverenzen, Des Anwalds Finger, der von Sporteln gleich, Der ſchoͤnen Lippen, die von Kuͤſſen traͤumen (Oft plagt die boͤſe Mab mit Blaͤschen dieſe, Weil ihren Odem Naͤſcherei verdarb). Bald trabt ſie uͤber eines Hofmanns Naſe, Dann wittert er im Traum ſich Aemter aus. Bald kitzelt ſie mit eines Zinshahns Federn Des Pfarrers Naſe, wenn er ſchlafend liegt: Von einer beſſern Pfrunde traͤumt ihm dann. Bald fuͤhrt ſie uͤber des Soldaten Nacken: Der träumt ſofort von Niederſaͤbeln, traͤumt Von Breſchen, Hinterhalten, Damaszenern, Von manchem klaftertiefen Ehrentrunk; Nun trommelt's ihm ins Ohr; da faͤhrt er auf, Und flucht in ſeinem Schreck ein paar Gebete, Und ſchlaͤft von neuem. Eben dieſe Mab Verwirrt der Pferde Maͤhnen in der Nacht, Und flicht in ſtrupp'ges Haar die Weichlelzöpfe, Die, wiederum entwirrt, auf Ungluͤck deuten. Dies iſt die Hexe, welche Madchen druckt, Die auf dem Ruͤcken ruhn, und ihnen lehrt, Als Weiber einſt die Maͤnner zu ertragen. Dies iſt ſie— Rom. Still, o ſtill, Mercutio! Du ſprichſt von einem Nichts. Were. Wohl wahr, ich rede Von Traͤumen, Kindern eines muͤß'gen Hirns, WVon nichts als eitler Phantaſie erzeugt, Die aus ſo duͤnnem Stoff als Luft beſteht, Und flucht ger wechſelt als der Wind, der bald Um die erfrorne Bruſt des Nordens buhlt, Und ſchnell erzuͤrnt, hinweg von dannen ſchnaubend, Die Stirn zum thaubetraͤuften Suͤden kehrt. Benv. Der Wind, von r Ihr ſprecht, entfuͤhrt uns 4. 6 Man hat geſpeiſt; wir kamen ſchon zu ſpaͤt. —— — —— ————— — — Sz. 5. Romeo und Julia. 20⁵ Rom. Zu fruͤh, befurcht' ich; denn mein Herz erbangt, Und ahndet ein Verhaͤngniß, welches, noch Verborgen in den Sternen, heute Nacht Bei dieſer Luſtbarkeit den furchtbar'n Zeitlauf Beginnen, und das Ziel des läſt'gen Lebens, Das meine Bruſt verſchließt, mir kuͤrzen wird Durch irgend einen Frevel fruͤhen Todes. Doch er, der mir zur Fahrt das Steuer lenkt, Richt' auch mein Segel!— Auf, Ihr luſt'gen Freunde! Benv. Nun ruͤhr' die Trommel! (Sie gehn über die Bühne; die Trommel und Pfeife wird geſpielt.) 5 Ein Saal in Capulets Hauſe. (Muſikanten. Bediente kommen mit Tüchern, wie von der Aufwartung.) Erſter Bediente. Wo iſt Schmorpfanne, daß er nicht abräumen hilft? Daß dich! Er wechſelt doch keinen Teller! Er macht keinen Teller rein! 2. Bed. Wenn die gute Lebensart in eines oder zweier Menſchen Haͤnde ſeyn ſoll, die noch obendrein ungewaſchen ſind,'*s iſt ein unſaubrer Handel. 1. Bed. Die Lehnſtuͤhle fort! Ruͤckt den Schenktiſch bei⸗ ſeit! Seht nach dem Silberzeuge! Kamerad, heb' mir ein Stuͤck Marzipan auf, und wo du mich lieb haſt, ſag' dem Pfortner, daß er Suſe Muͤhlſtein und Lene hereinlaͤßt. An⸗ ton! Schmorpfanne! (Andere Bediente kommen.) Bed. Hier, Burſch, wir ſind parat.* 1. Bed. Im großen Saale verlangt man Euch, vermißt man Euch, ſucht man Euch. Bed. Wir koͤnnen nicht zugleich hier und dort ſeyn.— Luſtig, Kerle! haltet Euch brav; wer am laͤngſten lebt, kriegt den ganzen Bettel. (Sie ziehen ſich in den Hintergrund zurück,) xiu Sein Sohn iſt breißig. 206 Romeo und Julia. A. I. (Capulet, mit allen ſeinen Gäſten, Tybalt, der Gräfin Capulet, ſeinem alten Vetter, Julia und Herrn und Da⸗ men tritt herein; ihnen begegnet der Maskenzug von Romeo und deſſen Freunden.) Cap. Willkommen, meine Herren! Wenn Eure Fuͤße Kein btichdoen plagt, Ihr Damen, flink ans Werk! Lee Ihr ſchoͤnen Frau'n! wer von Euch allen Schlaͤgt's nun wohl ab zu tanzen? Ziert ſich eine, die, Ich wette, die hat Huͤhneraugen. Nun, Hab' ich's Euch nah' gelegt? Ihr Herrn, willkommen! Ich weiß die Zeit, da ich ene Larve trug, Und einer Schönen eine Weiſ' ins Ohr Zu fluͤſtern wußte, die ihr wohlgefiel. Das iſt vorbei, vorbei! Willkommen, Herren! Fommt, Muſikanten, ſpielt! Macht Platz da, Platz! Ihr Madchen, friſch geſprungen! (Muſik und Tanz. Zu den Bedienten:) Mehr Licht, Ihr Schurken, und bei Seit' die Tiſche! Das Feuer weg! Das Zimmer iſt zu heiß.— Ha, recht gelegen kömmt der unverhoffte Spaß. Na, ſetzt Euch, ſetzt Euch, Vetter Capulet! Wir beide ſind ja uber's Tanzen hin. Wie lang' iſt's jetzo, ſeit wir uns zuletzt In Larven ſteckten? 2. Cap. Dreißig Jahr, mein' Seel, Cap. Wie, Schatz? So lang' noch nicht, ſo lang' noch nicht. Denn ſeit der Hochzeit des Lucentio Iſt's etwa fuͤnf und zwanzig Jahr, ſobald Wir Pfingſten haben; und da tanzten wir. 2. Cap. S iſt mehr, s iſt mehr! Sein Sohn iſt älter, Herr. Cap. Sagt mir das doch nicht! Sein Sohn war noch nicht muͤndig vor zwei Jahren. Rom.(zu einem Bedienten aus ſeinem Gefolge.) Wer iſt das Fraͤulein, welche dort den Ritter Mit ihrer Hand beehrt? Bed. Ich weiß nicht, Herr. Rom. O, ſie nur lehrt den Kerzen, hell zu gluͤhn! Wie in dem Ohr des Mohren ein Rubin, —.— ——— — — Sz. 5. Romeo und Fulia. 207 So hängt der Holden Schoͤnheit an den Wangen Der Nacht; zu hoch, zu himmliſch dem Verlangen. Sie ſtellt ſich unter den Geſpielen dar, Als weiße Taub' in einer Krähenſchaar. Schließt ſich der Tanz, ſo nah' ich ihr: ein Druͤcken Der zarten Hand ſoll meine Hand begluͤcken. Liebt' ich wohl je? Nein, ſchwoͤr' es ab, Geſicht! Du ſahſt bis jetzt noch wahre Schoͤnheit nicht. Tyb. Nach ſeiner Stimme iſt dies ein Montague. (Zu einem Bedienten.) Hol' meinen Degen, Burſch.— Was? wagt der Schurk', Vermummt in eine Fratze herzukommen, Zu Hohn und Schimpfe gegen unſer Feſt? Fuͤrwahr, bei meines Stammes Ruhm und Adel! Wer todt ihn ſchluͤg', verdiente keinen Tadel. Cap. Was habt Ihr, Vetter? Welch ein Sturm? Wozu? Tyb. Seht, Oheim! der da iſt ein Montague. Der Schurke drängt ſich unter Eure Gäſte, Und macht ſich einen Spott aus dieſem Feſte. Cap. Iſt es der unge Romeo? Tyb. Der Schurke Romeo. Cap. Seyd ruhig, Herzensvetter! Laßt ihn gehn! Er haͤlt ſich wie ein wackrer Edelmann; Und in der That, Verona preiſet ihn Als einen ſitt'gen, tugendſamen Juͤngling. Ich möchte nicht fuͤr alles Gut der Stadt, In meinem Hauſ' ihm einen Unglimpf thun. Drum ſeyd geduldig; merket nicht auf ihn. Das iſt mein Will', und wenn du dieſen ehrſt, So zeig' dich freundlich, ſtreif' die Runzeln weg, Die uͤbel ſich bei einem Feſte ziemen. Tyb. Koͤmmt ſolch' ein Schurk als Gaſt, ſo ſtehn ſie wohl. Ich leid' ihn nicht. Cap. Er ſoll gelitten werden, Er ſoll!— Herr Junge, hoͤrt Er das? Nur zu! Wer iſt hier Herr? Er oder ich? Nur zu! So? will Er ihn nicht leiden?— Helf' mir Gott!— Will Hader unter meinen Gaͤſten ſtiften? Den im Korbe ſpielen? Seht mir doch! Tyb. Iſt's nicht'ne Schande, Oheim? Cap. Zu! Nur zu! 208 Romeo und Julia. A. I. Der Streich mag Euch gereu'n: ich weiß ſchon was. Ihr macht mir's bunt! Traun, das käm' eben recht!— Brav, Herzenskinder!— Geht, Ihr ſeyd ein Haſe! Seyd ruhig, ſonſt— Mehr Licht, mehr Licht, zum Kuckuck!— Will ich zur Ruh' Euch bringen!— Luſtig, Kinder! Tyb. Mir kaͤmpft Geduld aus Zwang mit will ger Wuth Im Innern, und empoͤrt mein ſiedend Blut. Ich gehe: doch ſo frech ſich aufzudringen, Was Luſt ihm macht, ſoll bittern Lohn ihm bringen. 1 (er geht ab.) Rom.(tritt zu Julien.) Ei meine Hand verwe⸗ gen dich, O, Heil genbild, ſo will ich's lieblich buͤßen. Zwei Pilger, neigen meine Lippen ſich, Den herben Druck im Kuſſe zu verſuͤßen. Jul. Nein, Pilger, lege nichts der Hand zu Schulden Fuͤr ihren ſittſam⸗andachtvollen Gruß. Der Heil'gen Rechte darf Beruͤhrung dulden, Und Hand in Hand iſt frommer Waller Kuß. Rom. Hat nicht der Heil'ge Lippen wie der Waller? Jul. Ja, doch Gebet iſt die Beſtimmung Aller. Rom. O, ſo vergoͤnne, theure Heil'ge, nun, Daß auch die Lippen wie die Haͤnde thun; Voll Inbrunſt beten ſie zu dir: erhoͤre, Daß Glaube nicht ſich in Verzweiflung kehre. Jul. Du weißt, ein Heil'ger pflegt ſich nicht zu regen, Auch wenn er eine Bitte zugeſteht. Rom. So reg' dich, Holde, nicht, wie Heil'ge pflegen Derweil mein Mund dir nimmt, was er erfeht. (er küßt ſie.) 6 Nun hat dein Mund ihn aller Suͤnd' entbunden. . Jul. So hat mein Mund zum Lohn ſie fuͤr die Gunſt? Rom. Zum Lohn die Suͤnd'? O Vorwurf, ſuͤß erfunden! Gebt ſie zuruͤck.(küßt ſie wieder.) Ihr ſeyd ein kecker Burſch. Ei, ſeht mir doch! Jul. Ihr kuͤßt recht nach der Kunſt. Wärt. Mama will Euch ein Wortchen ſagen, Fraͤulein. Rom. Wer iſt des Fraͤuleins Mutter? 3 Wärt. Ei nun, Junker, Das iſt die gnaͤd'ge Frau vom Hauſe hier, Gar eine wackre Frau, und klug und ehrſam. Sz. 5. Romeo und Julia. 209 Die Tochter, die Ihr ſpracht, hab' ich geſaͤugt. Ich ſag' Euch, wer ſie habhaft werden kann, Iſt wohl gebettet. Rom. Sie eine Capulet? O theurer Preis! mein Leben Iſt meinem Feind als Schuld dahingegeben. Benv. Fort! laßt uns gehn; die Luſt iſt bald dahin. Rom. Ach, leider wohl! Das aͤngſtet meinen Sinn. Cap. Nein, liebe Herrn, denkt noch ans Weggehn nicht! Ein klein und ſchlecht Bankett iſt zubereitet.— (Einer von Romeo's Gefolge ſpricht leiſe zu ihm.) Muß es denn ſeyn?— Nun wohl, ich dank' Euch allen; Ich dank' Euch, edle Herren! Gute Nacht! Mehr Fackeln her!— Kommt nun, bringt mich zu Bett. Ha! du da! Czu einem Diener.) meiner Seel'!*s iſt ſpät ge⸗ worden. Ich will nun ſchlafen gehn.— (Alle ab, außer Julia und die Wärterin.) Komm zu mir, Amme; wer iſt dort der Herr? aͤrt. Tiberio's, des alten, Sohn und Erbe. Jul. Wer iſt's, der eben aus der Thuͤre geht? Waͤrt. Das, denk' ich, iſt der junge Marcellin. Jul. Wer folgt ihm da, der gar nicht tanzen wollte? Waͤrt. Ich weiß nicht. Jul. Geh, frage, wie er heißt.— Iſt er vermaͤhlt, So iſt das Grab zum Brautbett mir erwaͤhlt. Waͤrt.(kommt zurück.) Sein Nam' iſt Romeo, ein Montague, Und Eures großen Feindes ein'ger Sohn. Jul. So ein'ge Lieb' aus großem Haß entbrannt! Ich ſah zu fruͤh, den ich zu ſpaͤt erkannt. O, Wunderwerk! ich fuͤhle mich getrieben⸗ Den aͤrgſten Feind aufs Zaͤrtlichſte zu lieben. Wärt. Wie ſo? wie ſo? Jul. Es iſt ein Reim, den ich von einem Taͤnzer So eben lernte.(Man ruft drinnen: Julia!) Waͤrt. Gleich! wir kommen ja. Kommt, laßt uns gehn; kein Fremder iſt mehr da. (Sie gehn ab.) „ IX. 14 210 Romeo und Julia.. Ein offener Platz, der an Capulet's Garten ſtößt. (Romeo tritt auf.) Romeo. Kann ich von hinnen, da mein Herz hier bleibt? Geh, froſt'ge Erde, ſuche deine Sonne! (Er erſteigt die Mauer und ſpringt hinunter.) (Benvolio und Mercutio treten auf.) Benv. He, Romeo! he, Vetter! WMerc. Er iſt klug, Und hat, mein Seel', ſich heim ins Bett geſtohlen. Benv. Er lief hieher und ſprang die Gartenmauer Hinuͤber. Ruf' ihn, Freund Mercutio. Merc. Ja, auch beſchwoͤren will ich. Romeo! Was? Grillen! Toller! Leidenſchaft! Verliebter! Erſcheine du, geſtaltet wie ein Seufzer; Sprich nur ein Reimchen, ſo genige mir's ſchon; Ein Ach nur jamm're, paare Lieb' und Triebe; Gieb der Gevatt'rin Venus ein gut Wort, Schimpf' eins auf ihren blinden Sohn und Erben, Fe Amor, der ſo flink gezielt, als Koͤnig ophetua das Bettlermaͤdchen liebte. Er hoͤret nicht, er regt ſich nicht, er ruͤhrt ſich ih. Der Aff' iſt todt; ich muß ihn wohl beſchwoͤren. Nun wohl: Bei Roſalindens hellem Auge, Bei ihrer Purpurlipp' und hohen Stirn, Bei ihrem zarten Fuß, dem ſchlanken Bein, Den uͤpp'gen Huͤften und der Region, Die ihnen nahe liegt, beſchwoͤr' ich dich, Daß du in eigner Bildung uns erſcheineſt. Benv. Wenn er dich hort, ſo wird er zornig werden. Mierec. Hieruͤber kann er's nicht; er hätte Grund, — Sz. 1. Romeo und Julia. 211 Bannt' ich hinauf in ſeiner Dame Kreis Ihm einen Geiſt von ſeltſam eigner Art, Und ließe den da ſtehn, bis ſie den Trotz Gezähmt, und nieder ihn beſchworen hätte. Das waͤr' Beſchimpfung! Meine Anrufung Iſt gut und ehrlich; mit der Liebſten Namen Be chwoͤr' ich ihn, bloß um ihn aufzurichten. Benv. Kommt! Er verbarg ſich unter jenen Baͤumen, Und pflegt' des Umgangs mit der feuchten Nacht. Die Lieb' iſt blind, das Dunkel iſt ihr recht. Merc. Iſt Liebe blind, ſo zielt ſie freilich ſchlecht. Nun ſitzt er wohl an einem Baum gelehnt, Und wuͤnſcht, ſein Liebchen wär' die reife Frucht, Und fiel' ihm in den Schooß. Doch, gute Nacht, Romeo! Ich will ins Federbett, as Feldbett iſt zum Schlafen mir zu kalt. Kommt, gehn wir! Den. Ja, es iſt vergeblich, ihn Zu ſuchen, der nicht will gefunden ſeyn. (Sie gehn ab.) 3 Capulet's Garten. (Romeo kommt.) Romeo. Der Narben lacht, wer Wunden nie gefuͤhlt. (Julie erſcheint oben an einem Fenſter.) Doch ſtill, was ſchimmert durch das Fenſter dort? Es iſt der Oſt, und Julia die Sonne! Geh' auf, du holde Sonn'! ertödte Lunen, Die neidiſch iſt, und ſchon vor Grame bleich, Daß du viel ſchoͤner biſt, obwohl ihr dienend. O, da ſie neidiſch iſt, ſo dien⸗ ihr nicht. Nur Thoren gehn in ihrer blaſſen, kranken Veſtalentracht einher: wirf du ſie ab! Sie iſt es, meine Göttin! meine Liebe! 14 212 Romeo und Julia. A. II. O, wuͤßte ſie, daß ſie es iſt!— Sie ſpricht, doch ſagt ſie nichts: was ſchadet das? Ihr Auge red't, ich will ihm Antwort geben.— Ich bin zu kuͤhn, es redet nicht zu mir. Ein Paar der ſchoͤnſten Stern' am ganzen Himmel Wird ausgeſandt, und bittet Juliens Augen, In ihren Kreiſen unterdeß zu funkeln. Doch waͤren ihre Augen dort, die Sterne In ihrem Antlitz? Wuͤrde nicht der Glanz Von ihren Wangen jene ſo beſchaͤmen, Wie Sonnenlicht die Lampe? Wuͤrd' ihr Aug' Aus luft'gen Höhn ſich nicht ſo hell ergießen, Daß Voͤgel ſaͤngen, froh den Tag zu gruͤßen? O, wie ſie auf die Hand die Wange lehnt! Waͤr' ich der Handſchuh doch auf dieſer Hand, Und kuͤßte dieſe Wange! Jul. Weh mir! Rom. Horch! Sie ſpricht. O ſprich noch einmal, holder Engel! Denn uͤber meinem Haupt erſcheineſt du Der Nacht ſo glorreich, wie ein Fluͤgelbote Des Himmels dem erſtaunten, uͤber ſich Gekehrten Aug' der Menſchenſoͤhne, die Sich ruͤcklings werfen, um ihm nachzuſchaun, Wenn er dahin faͤhrt auf den traͤgen Wolken, Und auf der Luft gewoͤlbtem Buſen ſchwebt. Jul. O Romeo! warum denn Romeo? Verlaͤugne deinen Vater, deinen Namen! Willſt du das nicht, ſchwoͤr' dich zu meinem Liebſten, Und ich bin laͤnger keine Capulet! Rom.(für ſich.) Hoͤr' ich noch laͤnger, oder ſoll ich reden? Jul. Dein Nam' iſt nur mein Feind. Du bliebſt du ſelbſt, Und waͤrſt du auch kein Montague. Was iſt Denn Montague? Es iſt nicht Hand, nicht Fuß, Nicht Arm noch Antlitz, noch ein andrer Theil. Was iſt ein Name? Was uns Roſe heißt, Wie es auch hieße, wuͤrde lieblich duften; Romeo, wenn er auch anders hieße, Er wuͤrde doch den koͤſtlichen Gehalt Bewahren, welcher ſein iſt ohne Titel. O Romeo, leg deinen Namen ab, Und fuͤr den Namen, der dein Selbſt nicht iſt, Nimm meines ganz! — Sz. 2. Romeo und Julia. 2¹3 Rom.(indem er näher hinzutritt.) Ich nehme dich beim ort. Nenn' Liebſter mich, ſo bin ich neu getauft, Und will hinfort nicht Romeo mehr ſeyn. Jul. Wer biſt du, der du, von der Nacht beſchirmt, Dich draͤngſt in meines Herzens Rath? Rom. Mit Namen Weiß ich dir nicht zu ſagen, wer ich bin. Mein eigner Name, theure Heil'ge, wird, Weil er dein Feind iſt, von mir ſuſt gehaßt. Hätt ich ihn ſchriftlich, ſo zerriſſi ich ihn. Jul. Mein Ohr trank keine hundert Worte noch Von deinen Lippen, doch es kennt den Ton. Biſt du nicht Romeo, ein Montague? Rom. Nein, Holde; keines, wenn dir eins mißfaͤllt. Jul. Wie kamſt du her? o ſag' mir, und warum? Die Gartenmau'r iſt hoch, ſchwer zu erklimmen; Die Staͤtt' iſt Tod! Bedenk' nur, wer du biſt, Wenn einer meiner Vettern dich hier findet. Rom. Der Liebe leichte Schwingen trugen mich; Kein ſteinern Bollwerk kann der Liebe wehren; Und Liebe wagt, was irgend Liebe kann: Drum hielten deine Vettern mich nicht auf. Jul. Wenn ſie dich ſehn, ſie werden dich ermorden. Rom. Ach, deine Augen drohn mir mehr Gefahr Als zwanzig ihrer Schwerter; blick' du freundlich, So bin ich gegen ihren Haß geſtählt. Jul. Ich wollt' um Alles nicht, daß ſie dich ſaͤh'n. KRom. Vor ihnen huͤllt mich Nacht in ihren Mantel. Liebſt du mich nicht, ſo laß ſie nur mich finden, Durch ihren Haß zu ſterben wär' mir beſſer Als ohne deine Liebe Lebensfriſt. Jul. Wer zeigte dir den Weg zu dieſem Ort? Rom. Die Liebe, die zuerſt mich forſchen hieß. Sie lieh mir Rath, ich lieh ihr meine Augen. Ich bin kein Steuermann, doch waͤrſt du fern Wie Ufer, von dem fernſten Meer beſpuͤlt, Ich wagte mich nach ſolchem Kleinod hin. Jul. Du weißt, die Nacht verſchleiert mein Geſicht, Sonſt faͤrbte Madchenroͤthe meine Wangen Um das, was du vorhin mich ſagen hoͤrteſt. Gern hielt' ich ſtreng auf Sitte, moͤchte gern Verlaͤugnen, was ich ſprach: doch weg mit Förmlichkeit! 214 Romeo und Julia. A. II. Sag', liebſt du mich? Ich weiß, du wirſt's bejah'n, Und will dem Worte trau'n; doch wenn du ſchwoͤrſt, So kannſt du treulos werden; wie ſie ſagen, Lacht Inpiter des Meineid's der Verliebten. O holder Romeo! wenn du mich liebſt: Sag's ohne Falſch! Doch dächteſt du, ich ſey Zu ſchnell beſiegt, ſo will ich finſter blicken, Will widerſpenſtig ſeyn, und Nein dir ſagen, So du dann werben willſt: ſonſt nicht um Alles. Gewiß, mein Montague, ich bin zu herzlich; Du konnteſt denken, ich ſey leichten Sinns. Doch glaube, Mann, ich werde treuer ſeyn Als ſie, die fremd zu thun, geſchickter ſind. Auch ich, bekenn' ich, haͤtte fremd gethan, War' ich von dir, eh' ich's gewahrte, nicht Belauſcht in Liebesklagen. Drum vergieb! Schilt dieſe Hingebung nicht Flatterliebe, Die ſo die ſtille Nacht verrathen hat. Rom. Ich ſchwore, Fraͤulein, bei dem heil'gen Mond, Der ſilbern dieſer Baͤume Wipfel ſäumt Jul. O, ſchwöre nicht beim Mond, dem Wandelbaren, Der immerfort in ſeiner Scheibe wechſelt, Damit nicht wandelbar dein Lieben ſey! Rom. Wobei denn ſoll ich ſchwoͤren? Jul. Laß es ganz. Doch willſt du, ſchwoͤr' bei deinem edlen Selbſt, Dem Goͤtterbilde meiner Anbetung! So will ich glauben. ₰ Kom. Wenn die Herzensliebe Jul. Gut, ſchwoͤre nicht. Obwohl ich dein mich freue, Freu' ich mich nicht des Bundes dieſer Nacht. Er iſt zu raſch, zu unbedacht, zu ploͤtzlich; Gleicht allzuſehr dem Blitz, der nicht mehr iſt, VNoch eh' man ſagen kann: es blitzt.— Schlaf' fuͤß! Des Sommers warmer Hauch kann dieſe Knospe Der Liebe wohl zur ſchoͤnen Blum' entfalten, Bis wir das nächſte Mal uns wiederſehn. Nun gute Nacht! So ſuͤße Ruh' und Frieden, Als mir im Buſen wohnt, ſey dir beſchieden. Rom. Ach, du verläſſeſt mich ſo unbefriedigt? Jul. Was fuͤr Befriedigung begehrſt du noch? Kom. Gieb deinen treuen Liebesſchwur fur meinen. ————— —— Sz. 2. Romeo und Julia. 215 Jul. Ich gab ihn dir, eh' du darum gefleht; Und doch, ich wollt', er ſtuͤnde noch zu geben. Rom. Wollt'ſt du ihn mir entziehn? Wozu das, Licbe? Jul. Um unverſtellt ihn dir zuruͤckzugeben. Allein, ich wuͤnſche, was ich habe, nur. So graͤnzenlos iſt meine Huld, die Liebe So tief ja wie das Meer. Je mehr ich gebe, Je mehr auch hab' ich: beides iſt unendlich. Ich hoͤr' im Haus Geraͤuſch; leb' wohl, Geliebter. (Die Wärterin ruft hinter der Szene.) Gleich, Amme! Holder Montague, ſey treu! Wart' einen Augenblick: ich komme wieder. (ſie geht zurück.) Rom. O ſel'ge, ſel'ge Nacht! Nur fuͤrcht' ich, weil Mich Nacht umgiebt, dies alles ſey nur Traum, Zu ſchmeichelnd ſuͤß, um wirklich zu beſtehn. (Julia erſcheint wieder am Feſter.) Jul. Drei Worte, Romeo, dann gute Nacht! Wenn deine Liebe, tugendſam geſinnt, Vermählung wuͤnſcht, ſo laß mich morgen wiſſen Durch Jemand, den ich zu dir ſenden will, Wo du und wann die Trauung willſt vollziehn⸗ Dann leg' ich dir mein ganzes Gluͤck zu Fuͤßen, Und folge durch die Welt dir als Gebieter.— (Die Wärterin hinter der Szene: Fräulein.) Ich komme; gleich!— Doch meinſt du es nicht gut, o bitt' ich dich 2(Die Wärterin hinter der Szene: Fräulein.) Im Augenblick: ich komme!— . DHoͤr' auf zu werben, laß mich meinem Gram! Ich ſende morgen fruͤh— Rom. Beim ew'gen Heil— Jul. Nun tauſend gute Nacht! Cgeht zurück.) Rom. Raubſt du dein Licht wird ſie bang durch⸗ wacht. Wie Knaben aus der Schul' eilt Liebe hin zum Lieben, Wie Knaben an ihr Buch wird ſie hinweg getrieben. (er entfernt ſich langſam.) (Fulia erſcheint wieder am Fenſter.) Jul. St! Romeo, ſt! O eines Jaͤgers Stimme, Den edlen Falken wieder herzulocken! 2¹6 Romeo und Julia. A. II. Abhaͤngigkeit iſt heiſer, wagt nicht laut Zu reden, ſonſt zerſprengt' ich Echo's Kluft, Und machte heiſ'rer ihre luft'ge Kehle Als meine, mit dem Namen Romeo. Rom.(umkehrend.) Mein Leben iſt's, das meinen Na⸗ men ruft. Wie ſei toͤnt bei der Nacht die Stimme Der Liebenden, gleich lieblicher Muſik Dem Ohr des Lauſchers! Jul. Romeo! Rom. Mein Leben? Jul. Um welche Stunde ſoll ich morgen ſchicken? Rom. Um neun. Jul. Ich will nicht ſäumen; zwanzig Jahre Sind's bis dahin. Doch ich vergaß, warum Ich dich zuruͤckgerufen. 2 Kom. Laß hier mich ſtehn, derweil du dich bedenkſt. Jul. Auf daß du ſtets hier weil ſt, werd' ich vergeſſen, Bedenkend, wie mir deine Naͤh' ſo lieb. Rom. Auf daß du ſtets vergeſſeſt, werd' ich weilen, Vergeſſend, daß ich irgend ſonſt daheim. ul. Es tagt beinah, ich wollte nun, du gingſt; Doch weiter nicht, als wie ein tändelnd Mädchen Ihr Voͤgelchen der Hand entſchluͤpfen läßt, Gleich einem Armen in der Banden Druck, Und dann zuruͤck ihn zieht am ſeidnen Faden; So liebevoll mißgonnt ſie ihm die Freiheit. Rom. Waͤr' ich dein Vögelchen! Jul. Ach wärſt du's, Lieber! Doch hegt' und pflegt' ich dich gewiß zu Tod. Nun gute Nacht! So ſuß iſt Trennungswehe, Ich rief' wohl gute Nacht, bis ich den Morgen ſaͤhe. (ſie geht zurück.) Rom. Schlaf wohn' auf deinem Aug', Fried' in der r 1 uſt! D waͤr' ich Fried' und Schlaf, und ruht' in ſolcher Luſt! Ich will zur Zell' des frommen Vaters gehen, Mein Gluck ihm ſagen, und um Huͤlf⸗ ihn S 9„ ————— — Sz. 3. Romeo und Julia. D i Ein Kloſtergarten. (Bruder Lorenzo mit einem Körbchen.) Lorenzo. Der Morgen laͤchelt in der Nacht Geſicht, Und ſaͤumt das Oſt⸗Gewoͤlk mit Streifen Licht. Das fleck'ge Dunkel taumelt ſo wie trunken Aus Titans Pfad und ſeiner Räder Funken. Ch' hoͤh'r die Sonn' ihr gluͤhend Aug' erhebt, Den Thau der Nacht verzehrt, die Welt belebt, Muß ich den Korb voll Kraut und Blumen leſen, Von gift'ger Art und dienſam zum Geneſen. Die Erd', des Lebens Mutter, iſt ihr Grab, Todt ſinken ſie in ihren Schooß hinab. Und Kinder vielfach, die ihr Schooß empfangen, Sehn wir, geſaͤugt, an ihren Bruͤſten hangen; An vielen Tugenden ſind viele reich, Ganz unwerth keins, doch keins dem andern gleich. D, große Kraͤfte, weiß man ſie zu pflegen, Die Pflanzen, Kraͤuter, Stein im Innern hegen, Was nur auf Erden lebt, nichts iſt ſo ſchlecht, Das nicht der Erde eignen Nutzen braͤcht': Doch nichts ſo gut, das, dieſem Ziel entwendet, Abtruͤnnig ſich, durch Mißbrauch ſich nicht ſchändet. Selbſt Tugend wird zum Laſter, falſch geuͤbt, Wie manchmal Thun dem Laſter Wuͤrde giebt. Dies Bluͤmchen hier beherbergt gift'ge Saͤfte In ſeiner zarten Huͤll', und Heilungskraͤfte! Denn durch Geruch erlabt es jeden Sinnz Gekoſtet, dringt's zum Herzen tödtend hin. Zwei Feinde lagern ſo uns im Gemuͤthe Wie in den Pflanzen: boͤſer Will und Guͤte; Und wo das Schlecht're vorherrſcht mit Gewalt, Die Blume frißt der Wurm des Todes bald. (Romeo tritt auf.) Rom. Guten Morgen, Vater! 218 Romeo und Julia. A. II. Lor. Sey der Herr geſegnet! Welch freundlich Wort, das mir ſo fruͤh begegnet?— Mein Kind, es zeigt, daß wildes Blut den plagt, Der Lebewohl ſo ftuͤh dem Bette ſagt. Die Sorge wacht im Auge jedes Alten, Und nie wohnt Schlummer da, wo Sorgen walten. Wo grillenfrei das Hirn, geſund das Blut, Da goldner Schlaf bei friſcher Jugend ruht. Drum laͤßt mich wohl dein fruͤhes Kommen wiſſen, Daß innrer Streit vom Lager dich geriſſen. Wenn nicht, ſo hat mein Romeo die Nacht (Nun rath' ich's) nicht im Bette zugebracht. Rom. So iſt's, ich wußte ſuß're Ruh zu finden. Lor. Verzeih' dir Gott! Warſt du bei Roſalinden? Rom. Bei Roſalinden? Wuͤrd'ger Vater, nein! Vergeſſen iſt der Nam' und ſeine Pein. or. So recht, mein Sohn! Allein wo warſt du? ſage! Rom. Wohl, und ſo ſpar' ich dir die zweite Frage. Bei meinem Feind zum Freudenmahl war ich, Und dort verwundete man ploͤtzlich mich, So that ich ihr und fuͤr die beiden Wunden Wird heilige Arznei bei dir gefunden. Ich trage keinen Haß, mein frommer Freund, Zu Statten koͤmmt die Bitt' auch meinem Feind. Lor. Einfaͤltig, Sohn! Nicht Sylben fein geſtochen! Wer Raͤthſel beichtet, wird in Raͤthſeln losgeſprochen. Rom. In Einfalt dann: ich wandte Seel' und Sinn Auf Capulet's holdſel'ge Tochter hin. Uns Ein'gen fehlt zum innigſten Vereine Die heil'ge Trauung: doch wie und wo und wann Wir uns erklaͤrt, und Schwur um Schwur gethan, Das alles will ich dir nachher erzaͤhlen; Nur will'ge drein, noch heut uns zu vermaͤhlen. Lor. O heiliger Sankt Franz! welch' Unbeſtand! So ſchnell iſt Roſalinde nun verbannt, Die du ſo heiß geliebt? Liegt Juͤnglings⸗Liebe Im Auge nur, nicht in des Herzens Triebe? O heiliger Franz! wie wuſch oft ſalzig Naß Um Roſalinden dir die Wange blaß! Doch löſchten dir ſo viele Thraͤnenfluthen Die Liebe nicht: ſie ſchuͤrten ihre Gluthen. Noch ſchwebt der Sonn' ein Dunſt von Seufzern vor; Noch ſummt dein alt Geſtoͤhn im alten Ohr. Sz. 3. 4. Romeo und Julia. Sieh auf der Wange iſt Spur hier noch zu ſehen Der alten Thraͤn', die noch nicht will vergehen. Und warſt du je du ſelbſt, die Schmerzen dein, War Schmerz und du fuͤr Roſalind' allein. Und ſo verwandelt nun? So ſprich mir nach: Ein Weib darf fallen, iſt der Mann ſo ſchwach. Rom. Oft ſchalt'ſt du mich um Roſalinden ſchon. Lor. Weil ſie dein Abgott war; nicht weil du liebteſt, Sohn. Rom. Und mahnteſt mich, die Liebe zu beſiegen. Lor. Nicht um im Sieg der zweiten zu erliegen. Rom. Nicht ſchelte; ſie, der jetzt mein Herz gehoͤrt, Hat Lieb' um Lieb' und Gunſt um Gunſt gewaͤhrt, Das that die andre nie. Lor. Sie hielt dein Lieben Fuͤr koͤſtlich Wort, doch nur in Sand geſchrieben. Komm, junger Flattergeiſt! wir wollen gehn; Ein Grund bewegt mich wohl dir beizuſtehn: Vielleicht daß ſich der Bund zum Gluͤcke wendet Und Eurer Haͤuſer Groll in Freundſchaft endet. Rom. O laß uns fort! Ich bin in großer Eil. Lor. Wer ſchnell laͤuft, fällt; drum eile nur mit Weil'. (Beide ab.) Vierte Scene. Eine Straße. (Benvolio und Mercutio kommen.) Mercutio. Wo Teufel kann der Romeo denn ſtecken? Kam er zu Hauſe nicht die Nacht? Ben. Zu des Vaters nicht; ich ſprach mit ſeinem Diener. Mert. Ja, dies hartherz'ge Frauenbild, die Roſalinde, Sie quält ihn ſo, er wird gewiß verruͤckt. Benv. Tybalt, des alten Capulet Verwandter, Hat dort ins Haus ihm einen Brief geſchickt. MWiere. Eine Ausforderung, ſo wahr ich lebe. 220 Romeo und Julia. A. II. Benv. Romeo wird ihm die Antwort nicht ſchuldig leiben. Merc. Auf einen Brief kann ein jeder antworten, wenn er ſchreiben kann. Benv. Nein, ich meine, er wird dem Briefſteller zeigen, daß er Muth hat, wenn man ihm ſo was zumuthet. WMerc. Ach, der arme Romeo! Er iſt ja ſchon todt! durchbohrt von einer weißen Dirne ſchwarzem Auge; durchs Ohr geſchoſſen mit einem Liebesliedchen; ſeine Herzensſcheibe durch den Pfeil des kleinen blinden Schuͤtzen mitten entzwei geſpalten. Iſt er der Mann darnach, es mit dem Tybalt aufzunehmen? Benv. Nun, was iſt Tybalt denn Großes? Werc. Kein papierner Held. O, er iſt ein beherzter Zer⸗ monienmeiſter der Ehre. Er ſicht, wie Ihr ein Liedlein ſingt; haͤlt Takt und Maaß und Ton. Er beobachtet ſeine Pauſen: eins— zwei— drei:— dann ſitzt Euch der Stoß in der Bruſt. Er bringt Euch einen ſeidnen Knopf unfehl⸗ bar ums Leben. Ein Raufer! ein Raufer! Ein Ritter vom erſten Range, der Euch alle Gruͤnde eines Ehrenſtreits an den Fingern herzuzaͤhlen weiß. Ach die goͤttliche Paſſade! die doppelte Finte! Der!— Benv. Der— was? Wierc. Der Henker hole dieſe phantaſtiſchen, gezierten lispelnden Eiſenfreſſer! Was ſie fuͤr neue Toͤne anſtimmen! —„Eine ſehr gute Klinge!— Ein ſehr wohlgewachsner Mann! — Eine ſehr gute Hure!“— Iſt das nicht ein Elend, Ur⸗ ältervater! daß wir mit dieſen auslaͤndiſchen Schmetterlingen heimgeſucht werden, mit dieſen Modenarren, dieſen Pardon- nez moi, die ſo ſtark auf neue Weiſe halten, ohne jemals weiſe zu werden? (Romeo tritt auf.) Benv. Da kommt Romeo, da kommt er! Werc. Ohne ſeinen Roggen, wie ein gedoͤrrter Hering. O Fleiſch! Fleiſch! wie biſt du verfiſcht worden? Nun liebt er die Melodien, in denen ſich Petrarca ergoß; gegen ſein Fräulein iſt Laura nur eine Kuͤchenmagd— Wetter! ſie hatte doch einen beſſern Liebhaber, um ſie zu bereimen;— Dido, eine Trutſchel; Kleopatra, eine Zigeunerin; Helena und Hero, Metzen und loſe Dirnen; Thisbe, ein artiges Blauauge oder ſonſt ſo was, will aber nichts vorſtellen. Signor Romeo, bou jour! Da habt Ihr einen franzoͤſiſchen Gruß fuͤr Eure Sz. 4. Romeo und Julia. 224 e franzoſiſchen Pumphoſen! Ihr ſpieltet uns dieſe Nacht einen ſchoͤnen Streich. Rom. Guten Morgen, meine Freunde! Was fuͤr einen Streich? Merc. Einen Diebesſtreich. Ihr ſtahlt Euch unverſehens davon. Rom. Verzeihung, guter Mercutid. Ich hatte etwas Wichtiges vor, und in einem ſolchen Falle thut man wohl einmal der Hoͤflichkeit Gewalt an. Merc. Gewalt? Das heißt, ſie wird bezwungen, und bleibt nicht Hoͤflichkeit mehr. Rom. Wodurch ſie Grobheit wird. Merc. Du hat es fein und hoͤflich getroffen. Rom. Eine hoͤfliche Erklaͤrung. Were. Freilich, ich bin eine Knospe oder ein Knoͤpfchen von Hoöflichkeit. Rom. Knoöpfchen fuͤr Blumen. WMerc. Recht. Rom. Nun, ſo iſt mein Schuh recht ausgebluͤmt. Mierc. Aechter Witz! Laufe dieſem Spaß nur nach, bis dein Schuh abgetragen iſt, daß, wenn die bloße Sohle ver⸗ nutzt iſt, auch dein verbrauchter Spaß nackt und bloß bleiben möge. went O bloß geſohlter Spaß, einzig bloß in ſeiner loͤße! Merc. Hilf mir, Benvolio, mein Witz wird ſchwach. Rom. Peitſch' und Sporen, Peitſch' und Sporen, ober ich rufe: gewonnen! Merc. Ja, wenn dein Witz auf die Wild⸗Gans⸗Jagd geht, ſo bin ich am Ende; denn du haſt mehr wilde Gans in einem deiner Sinne, als ich, wie ich gewiß weiß, in meinen fuͤnfen. Hab' ich's nun wieder mit der Gans bei dir weg? Rom. Du haſt nie was bei mir weg gehabt, wenn's nicht eben eine Gans war. Mierc. Fuͤr den Spaß werde ich dir in's Ohr beißen. Rom. Nein, beiße nicht, liebe Gans. Wierc. Dein Witz iſt wie bittre Zuckermandel; eine ſcharfe Bruͤhe. Rom. Und paßt ſie nicht gut fuͤr eine ſuͤße Gans? Merc. O ein gemslederner Witz, der ſich aus einem kleinen Zoll bis zur großen plumpen Elle dehnen läßt. Rom. Noch weiter will ich ihn dehnen, bloß dem Wort — 222 Romeo und Julia. A. II. „plump“ zu gefallen: dies der Gans angefuͤgt, macht dich durch und durch zu einer großen, plumpen Gans. WMerc. Wie? Iſt das nun nicht beſſer, als von Liebe zu krächzen? Nun biſt du geſellig, nun biſt du Romeo: nun biſt du, der du ſeyn mußt, ſowohl durch Kunſt als Na⸗ tur; denn dieſe herum lotternde Liebe iſt wie ein großer Bloͤd⸗ ſinniger, der auf und nieder rennt, um ſeinen Narrenkol⸗ ben wo unterzubringen. Benv. Und dabei mag's nun bleiben. Rom. Seht den prächtigen Aufzug. (Die Wärterin und Petet hinter ihr.) Mere. Was koͤmmt da angeſegelt? Waärt. Peter! et. Was beliebt? ärt. Meinen Fächer, Peter! Merc. Gieb ihn ihr, guter Peter, um ihr Geſicht zu verſtecken. Ihr Fächer iſt viel huͤbſcher wie ihr Geſicht. Waärt. Schönen guten Morgen, Ihr Herren! Werc. Schoͤnen guten Abend, ſchöne Dame! Wart. Warum guten Abend? Merc. Euer Bruſttuch deutet auf Sonnenuntergang. Waärt. Pfui, was iſt das fuͤr ein Menſch? Wierc. Einer, den der Teufel plagt, um Andre zu plagen. Wart. Schoͤn geſagt, bei meiner Seele! Um Andre zu plagen. Ganz recht, aber Ihr n kann mir keiner von Euch ſagen, wo ich den jungen Romeo finde? Rom. Ich kanns Euch ſagen; aber der junge Romeo wird älter ſeyn, wenn Ihr ihn gefunden habt, als er war, da Ihr ihn ſuchtet. Ich bin der Juͤngſte, der den Namen fuhrt, weil kein ſchlechterer da war. Waärt. Gut gegeben. Merc. So? iſt das Schlechteſte gut gegeben? nun wahr⸗ haftig: gut begriffen! ſehr vernuͤnftig! Wart. Wenn Ihr Romeo ſeyd, mein Herr, ſo wuͤnſche ich Euch insgeheim zu ſprechen. Benv. Sie wird ihn irgendwohin auf den Abend bitten. Werc. Eine Kupplerin! eine Kupplerin! Ho, ho! Benv. Was witterſt du? Mierc. Neue Jagd! neue Jagd!— Romeo, kommt zu Eures Vaters Hauſe, wir wollen zu Mittag da eſſen. Rom. Ich komme Euch nach. —— — —— n ———— — —————— —— —— —— — —— — —— — S. 4. Romeo und Julia. 223 WMerec. Lebt wohl, alte Schoͤne! Lebt wohl, o Schoͤne!— Schoͤne!— Schoͤne! (Benvolio und Mercutio gehen ab.) Waͤrt. Sagt mir doch, was war das fur ein unverſchaͤm⸗ ter Geſell, der nichts als Schelmſtuͤcke im Kopfe hatte? Rom. Jemand, der ſich ſelbſt gern reden hoͤrt, meine gute Frau, und der in einer Minute mehr ſpricht, als er in einem Monate verantworten kann. Waͤrt. Ja, und wenn er auf mich was zu ſagen hat, ſo will ich ihn bei den Ohren kriegen, und waͤre er auch noch vierſchrotiger als er iſt, und zwanzig ſolcher Haſenfuͤße obendrein; und kann ich's nicht, ſo können's andre. Soin Lauſekerl! Ich bin keine von ſeinen Kreaturen, ich bin keine von ſeinen Karnuten.(zu Peter.) Und du mußt auch dabei ſtehen und leiden, daß jeder Schuft ſich nach Belieben uͤber mich hermacht. Pet. Ich habe nicht geſehn, daß ſich Jemand uͤber Euch hergemacht haͤtte; ſonſt hatte ich geſchwind vom Leder gezo⸗ gen, das koͤnnt Ihr glauben. Ich kann ſo gut ausziehen wie ein Andrer, wo es einen ehrlichen Zank giebt, und das Recht auf meiner Seite iſt. Wart. Nu, weiß Gott, ich habe mich ſo geaͤrgert, daß ich am ganzen Leibe zittre. So'n Lauſekerl!— Senyd ſo guͤtig, mein Herr, auf ein Wort! Und was ich Euch ſagte: mein junges Fraͤulein befahl mir, Euch zu ſuchen. Was ſie mir befahl, Euch zu ſagen, das will ich fur mich behalten; aber erſt laßt mich Euch ſagen, wenn Ihr ſie wolltet bei der Naſe herum fuͤhren, ſo zu ſagen, das wäre eine unartige Auffuͤhrung, ſo zu ſagen. Denn ſeht! das Fräulein iſt jung; und alſo, wenn Ihr falſch gegen ſie zu Werke gingt, das wuͤrde ſich gar nicht gegen ein Fräulein ſchicken, und wäre ein recht nichtsnutziger Handel. gn Empfiehl mich deinem Fraͤulein. Auf meine re— Wärt. Du meine Zeit! Gewiß und wahrhaftig, das will ich ihr wieder ſagen. O Jeminel ſie wird ſich vor Freude nicht zu laſſen wiſſen. Kom. Was willſt du ihr ſagen, gute Frau? Du giebſt nicht Achtung. Waärt. Ich will ihr ſagen, daß Ihr auf Ehre verſichert, und ich meine, das iſt recht wie ein Vavalier geſprochen. 224 Romeo und Julia. A. II. Rom. Sag' ihr, ſie moͤg' ein Mittel doch erſinnen, Zur Beichte dieſen Nachmittag zu gehn. Dort in Lorenzo's Zelle ſoll alsdann, Wenn ſie gebeichtet, unſre Trauung ſeyn. Hier iſt fuͤr deine Muͤh'. Waͤrt. Nein, wahrhaftig, Herr! keinen Pfennig. Rom. Nimm, ſag' ich dir; du mußt. Waͤrt. Heut Nachmittag? Nun gut, ſie wird Euch treffen. Rom. Du, gute Frau, wart' hinter der Abtey; Mein Diener ſoll dir dieſe Stunde noch, Geknuͤpft aus Seilen, eine Leiter bringen, Die zu dem Gipfel meiner Freuden ich Hinan will klimmen in geheimer Nacht. Leb' wohl! Sey treu, ſo lohn' ich deine Muͤh', Leb' wohl, empfiehl mich deinem Fraͤulein. Waͤrt. Nun, Gott, der Herr, geſegn' es!— Hoͤrt, noch Eins! Rom. Was willſt du, gute Frau! Waͤrt. Schweigt Euer Diener? Habt Ihr nie vernommen: Wo zwei zu Rathe gehn, laßt keinen Dritten kommen? Rom. Verlaſſ' dich drauf, der Menſch iſt treu wie Gold. Waͤrt. Nun gut, Herr! Meine Herrſchaft iſt ein aller⸗ liebſtes Fraͤulein. O Jemine! als ſie noch ſo ein kleines Dingelchen war— O da iſt ein Edelmann in der Stadt, einer, der Paris heißt, der gern bei ihr an's Bret kommen möchte; aber das gute Herz mag eben ſo lieb eine Kröte ſehn, eine rechte Kroͤte, als ihn. Ich aͤrgere ſie zuweilen, und ſag' ihr: Paris waͤr' doch der huͤbſcheſte; aber Ihr könnt mir's glauben, wenn ich das ſage, ſo wird ſie ſo blaß wie ein Tiſchtuch. Fängt nicht Rosmarin und Romeo mit dem⸗ ſelben Buchſtaben an?. . Rom. Ja, gute Frau, beide mit einem R. Waͤrt. Ach, Spaßvogel, warum nicht gar? R, R, Das ſchnurrt ja wie'n Spinnrad. Nein, ich weiß wohl, es faͤngt mit einem andern Buchſtaben an, und ſie hat die prächtigſten Reime und Sprichwoͤrter darauf, daß Euch das Herz im Leibe lachen thaͤt', wenn Ihr's hoͤrtet. Rom. Empfiehl mich deinem Fraͤulein.(ab.) Waärt. Ja wohl, viel tanſendmal!— Peter! 5 Sz. 5. Romeo und Julia. 225 et. Ja? aͤrt. Peter, nimm meinen Faͤcher, und geh' vorauf und ſchnell. c (beide ab.) F nfte Szene. 6 Capulets Garten. „ Julia tritt auf. c f) Julia. Neun ſchlug die Glock', als ich die Amme ſandte. In einer halben Stunde wollte ſie Schon wieder hier ſeyn. Kann ſie ihn vielleicht Nicht treffen? Nein, das nicht. O ſie iſt lahm! Zu Liebesboten taugen nur Gedanken,. Die zehnmal ſchneller fliehn als Sonnenſtrahlen, Wenn ſie die Nacht von finſtern Huͤgeln ſcheuchen. Deswegen ziehn ja leichtbeſchwingte Tauben Der Liebe Wagen, und Cupido hat Windſchnelle Fluͤgel. Auf der ſteilſten Höh' Der Tagereiſe ſteht die Sonne jetzt; Von Neun bis Zwoͤlf, drei lange Stunden ſind's; Und dennoch bleibt ſie aus. O hätte ſie Ein Herz, und warmes jugendliches Blut, Sie wuͤrde wie ein Ball behende fliegen, Es ſchnellte ſie mein Wort dem Trauten zu, Und ſeines mir. Doch Alte thun, als lebten ſie nicht mehr, Traͤg', unbehuͤlflich, und wie Blei ſo ſchwer. (Die Wärterin und Peter kemmen.) O Gott, ſie kömmt! Was bringſt du, goldne Amme? Trafſt du ihn an? Schick' deinen Diener weg. Waͤrt. Wart' vor der Thuͤre, Peter. (Peter ab.) Jul. Nun, Mutterchen? Gott, warum blickſt du traurig? Iſt dein Bericht ſchon traurig, gieb ihn frohlich; Und klingt er gut, verdirb die Weiſe nicht, Daß du ſie ſo mit ſaurer Miene ſpielſt. IX. 226 Romeo und Julig. A. II. Waͤrt. Ich bin ermattet; laßt ein Weilchen mich! Das war'ne Jagd! das reißt in Gliedern mir! Jul. Ich wollt', ich hätte deine Neuigkeit, Du meine Glieder. Nun, ſo ſprich geſchwind! Ich bitt' dich, liebe, liebe Amme, ſprich! Waärt. Was fuͤr'ne Haſt! Koͤnnt Ihr kein Weilchen warten? Seht Ihr nicht, daß ich außer Athem bin? Jul. Wie außer Athem, wenn du Athem haſt, Und mir zu ſagen, daß du keinen haſt? Der Vorwand deines Zoͤgerns waͤhrt ja laͤnger, Als der Bericht, den du dadurch verzögerſt. Gieb Antwort: bringſt du Gutes oder Boͤſes? Nur das, ſo wart' ich auf das Naͤh're gern. Beruh'ge mich! Iſt's Gutes oder Boͤſes? aͤrt. Ei, Ihr habt mir eine recht artige Wahl getrof⸗ fen; Ihr verſteht auch einen Mann auszuleſen! Romeo— ja, das iſt der rechte!— Er hat zwar ein huͤbſcher Geſicht wie andre Leute; aber ſeine Beine gehn uͤber alle Beine, und Hand und Fuß, und die ganze Poſitur:— es läßt ſich eben nicht viel davon ſagen, aber man kann ſie mit nichts vergleichen. Er iſt kein Ausbund von feinen Manieren, doch wett' ich drauf, wie ein Lamm ſo ſanft.— Treib's nur ſo fort, Kind, und fuͤrchte Gott!— Habt Ihr dieſen Mittag zu Hauſe gegeſſen? Jul. Nein, nein! Doch all' dies wußt' ich ſchon zuvor. Waos ſagt' er von der Trauung? Hurtig: was? Waärt. O je, wie ſchmerzt mir! Welch ein o pf* Er ſchlaͤgt, als wollt' er gleich in Stuͤcke ſpringen. Da hier mein Ruͤcken! o mein armer Ruͤcken! Gott ſey Euch gnaͤdig, daß Ihr hin und her So viel mich ſchickt, mich bald zu Tode hetzt. „Jul. Im Ernſt, daß du nicht wohl biſt, thut mir leid. Doch, beſte, beſte Amme, ſage mir: Was ſagt mein Liebſter? Wärt. Eu'r Liebſter ſagt, ſo wie ein wackrer Herr,— und ein artiger, und ein freundlicher, und ein huͤbſcher Herr, und, auf mein Wort, ein tugendſamer Herr.— Wo iſt denn Eure Mutter? Jul. Wo meine Mutter iſt? Nun ſie iſt drinnen; Wo waͤr' ſie ſonſt? Wie ſeltſam du erwiederſt: Sz. 5. Romeo und Julia. 227 „Eu'r Liebſter ſagt, ſo wie ein wackrer Herr— „Wo iſt denn Eure Mutter?“ 2 Waärt. Jemine! Seyd Ihr ſo hitzig? Seht doch! kommt mir nur! Iſt das die Baͤhung fuͤr mein Gliederweh? Geht kuͤnftig ſelbſt, wenn Ihr'ne Botſchaft habt. Jul. Das iſt ne Noth Wos ſagt er? Bitte, ſprich! Waͤrt. Habt Ihr Erlaubniß, heut zu beichten? Jul. Ja. Waͤrt. So macht Euch auf zu Eures Paters Zelle, Da harrt ein Mann, um Euch zur Frau zu machen. Nun ſteigt das loſe Blut Euch in die Wangen; Gleich ſind ſie Scharlach, wenn's was Renes giebt. Eilt Ihr in's Kloſter: ich muß ſonſt wohin, Die Leiter holen, die der Liebſte bald Zum Neſt hinan, wenn's Nacht wird, klimmen ſoll. Ich bin das Laſtthier, muß fur Euch mich plagen, Doch Ihr ſollt Eure Laſt zu Nacht ſchon tragen. Ich will zur Mahlzeit erſt; eilt Ihr zur Zelle hin. Jul. Zu hohem Gluͤcke, treue Pflegerin! (Beide ab.) Se ch ſt 8 Bruder Lorenzo's Zelle. (Lorenzo und Romeo,) Lorenzo. Der Himmel laͤchle ſo dem heil'gen Bund, Daß kuͤnft'ge Tag' uns nicht durch Kummer ſchelten. Rom. Amen! So ſey's! Doch laß den Kummer kommen, So ſehr er mag: wiegt er die Freuden auf, Die mir in ihrem Anblick eine flucht'ge Minute giebt? Fug' unſ're Haͤnde nur Durch deinen Segensſpruch in eins, dann thue Sein Aeußerſtes der Liebeswuͤrger Tod: Genug, daß ich nur mein ſie nennen darf. Lor. So wilde Freude nimmt ein wildes Ende, Und ſtirbt im hoͤchſten Sieg, wie Feu'r und Pulver Im Kuſſe ſich verzehrt. Die Suͤßigkeit 15 228 Romeo und Julia. A. II. Des Honigs widert durch ihr Uebermaaß, Und im Geſchmack erſtickt ſie unſre Luſt. Drum liebe maͤßig; ſolche Lieb' iſt ſtaͤt: Zu haſtig und zu traͤge kommt gleich ſpät. (Julia tritt auf.) Hier kommt das Fraͤulein. O der leichte Fuß Wird nie den harten Stein abnutzen koͤnnen: Der Liebende ſchritt' wohl auf Fadenſommer Der umfliegt in der uͤpp'gen Fruͤhlingsluft, Und fiele nicht; ſo leicht iſt Eitelkeit. Jul. Ehrwuͤrd'ger Herr! ich ſag' Euch guten Abend. Lor. Fuͤr mich und ſich dankt Romeo, mein Kind. Jul. Es gilt ihm mit, ſonſt waͤr' ſein Dank zu viel. Rom. Ach Julia! Iſt deiner Freude Maaß Gehaͤuft wie meins, und weißt du mehr die Kunſt Ihr Schmuck zu leihn, ſo wuͤrze rings die Luft Durch deinen Hauch; laß des Geſanges Mund Die Seligkeit verkuͤnden, die wir beide Bei dieſer theuren Naͤh' im Andern finden. Jul. Gefuͤhl, an Inhalt reicher als an Worten, Iſt ſtolz auf ſeinen Werh, und nicht auf Schmuck, Nur Bettler wiſſen ihres Guts Betrag. Doch meine treue Liebe ſtieg ſo hoch, Daß keine Schätzung ihre Schaͤtz' erreicht. Lor. Kommt, kommt mit wir ſchreiten gleich zur ache. Ich leide nicht, daß Ihr allein mir bleibt, Bis Euch die Kirch' einander einverleibt. (alle ab.) ———— —— — Sz. 1. Romeo und Julia. Dritter Aufzug. Erſte Szene. Ein öffentlicher Platz. (Mercutio, Benvolio, Page und Bediente.) Benvolio. Ich bitt' dich, Freund, laß uns nach Hauſe Der Tag iſt heiß, die Capnlets ſind draußen, Und treffen wir, ſo giebt es ſicher Zank: Denn bei der Hitze tobt das tolle Blut. WMerc. Du biſt mir ſo ein Zeiſig, der Schwelle eines Wirthshauſes betritt, mit d gehn! „ ſobald er die em Degen auf den Tiſch ſchlägt, und ausruft: Gele Gott, daß ich dich nicht nöthig habe! und wenn ihm das zweite ſpukt, ſo zieht er gegen den Kellner, wo er nothig haͤtte. Benv. Bin ich ſo ein Zeiſig? Glas im Kopfe es freilich nicht Wierc. Ja, ja! Du biſt in deinem Zorn ein ſo hitziger Burſch, als einer in ganz Italien; eben ſo ungeſtuͤm in deinem Zorn, und eben ſo zornig in deinem Benv. Nun, was weiter? Were. Ei, wenn es Euer zwei gäbe, ſo gar keinen, ſie braͤchten ſich unter einander um Ungeſtuͤm. haͤtten wir bald . Du! Wahr⸗ haftig, du zankſt mit einem, weil er ein Haar mehr oder weniger im Barte hat wie du. Du zankſt mit einem, der Nuͤſſe knackt, aus keinem andern Grunde, als weil du nuß⸗ braune Augen haſt. Welches Auge, als Auge, koͤnnte wohl da einen Zank heraus Kopf iſt ſo voll Zaͤnkereien, wie ein Ei vo nur ein ſolches finden? Dein ll Dotter, und doch iſt dir der Kopf fuͤr dein Zanken ſchon dotterweich ge⸗ ſchlagen. Du haſt mit einem angebunden Straße huſtete, weil er deinen Hund aufgew „der auf der eckt, der in der Sonne ſchlief. Haſt du nicht mit einem Schneider Haͤndel gehabt, weil er ſein neues Wamms vor Oſtern trug? Mit 230 Romeo und Fu li. A. III. 7 einem andern, weil er neue Schuhe mit einem alten Bande zuſchnuͤrte? Und doch willſt du mich uͤher Zaͤnkereien hof⸗ meiſtern! Ben Ja, wenn ich ſo leicht zankte wie du, ſo wuͤrde niemand eine Leibrente auf meinen Kopf nur fuͤr anderthalb Stunden kaufen wollen. Merc. Auf deinen Kopf? O Tropf! (Tybalt und Pndre kommen.) Benv. Bei meinem Kopf! Da kommen die Capulets. Werc. Bei meiner Sohle! Mich kuͤmmerts nicht. Tyb. Gzu ſeinen Leuten.) Schließt Euch mir an, ich will mit ihnen reden.— Guten Tag, Ihr Herren! Ein Wort mit Euer einem! WMere. Nur Ein Wort mit Einem von uns? Gebt noch was zu: laßt es ein Wort und einen Schlag ſeyn. Tyb. Dazu werdet Ihr mich bereit genug finden, wenn Ihr mir Anlaß gebt. Mere, Koͤnntet Ihr ihn nicht nehmen, ohne daß wir ihn gäben? Tyb. Mercutio, du harmonirſt mit Romeo. Mierc. Harmonirſt? Was? Machſt du uns zu Muſikan⸗ ten? Wenn du uns zu Muſikanten machen willſt, ſo ſollſt du auch nichts als Diſſonanzen zu hoͤren kriegen. Hier iſt mein Fiedelbogen; wart! der ſoll Euch tanzen lehren. Alle Wetter! Ueber das Harmoniren! Benv. Wir reden hier auf oͤffentlichem Markt. Entweder ſucht Euch einen ſtillern Ort, Wo nicht, beſprecht Euch kuͤhl von Eurem Zwiſt. Sonſt geht! Hier gafft ein jedes Aug' auf uns. Merc. Zum Gaffen hat das Volk die Augen: laßt ſiez Ich weich' und wank' um Keines willen, ich! (Romeo tritt auf.) Tyb. Herr, zieht in Frieden! Hier kömmt mein Geſell. Wierc. Ich will gehaͤngt ſeyn, Herr wenn Ihr ſein Mei⸗ ſter ſeyd. Doch ſtellt Euch nur, er wird ſich zu uhilten; In dem Sinn moͤgen Eure Gnaden wohl Geſell ihn nennen. Tyb. Hoͤr', Nomeo! Der Haß, den ich dir ſchwur, Goͤnnt dieſen Gruß dir nur: du biſt ein Schurke! Rom. Tybalt, die Urſach', die ich habe, dich Sz. 1. Romeo und Julia. 231 lieben, mildert ſehr die Wuth, die ſonſt uf dieſen Gruß ſich ziemt'. Ich bin kein Schurke, Drum lebe wohl! Ich ſeh', du kennſt mich nicht. Tyb. Ha! Burſch, das ſoll dein Unrecht nicht entſchuld'gen Das du mir thatſt, drum ſtelle dich und zieh! Rom. Bei meiner Ehr'! ich that dir niemals Unrecht; Mehr lieb' ich dich, als du es denken kannſt, Bis du die Urſach meiner Lieb' erfaͤhrſt: So guter Capulet— ein Name, theuer Mir, wie mein eigner,— ſtelle dich zufrieden. Merc. O zahme, ſchimpfliche, verhaßte Demuth! Die Kunſt des Raufers traͤgt den Sieg davon.— (er zieht.) Tybalt, du Ratzenfaͤnger! willſt du dran? Tyb. Was willſt du denn von mir? WMere. Du guter Katzenkönig, nichts, als eins von deinen neun Leben; das nur will ich mir ausbitten, und, wie es dir mit mir gelingt, die acht ubrigen mit trocknen Schlägen abfinden. Wollt Ihr bald Euren Degen bei den Ohren aus der Scheide ziehn? Macht zu, ſonſt habt Ihr meinen um die Ohren, eh' er heraus iſt. Tyb. Ich ſteh' zu Dienſt. Cer zieht.) Rom. Lieber Mercutio, ſteck' den Degen ein⸗ Were. Kommt, Herr! Laßt Eure Finten ſehn. (ſie fechten.) Rom. Zieh, Benvolio! Schlag zwiſchen ihre Degen! Schämt Euch doch, Und haltet ein mit Wuͤthen! Tybalt! Mercutio! Der Prinz verbot ausdrucklich ſolchen Aufruhr In Verona's Gaſſen. Halt, Tybalt! Freund Mercutio! (Indem Romeo die Degen der Kämpfenden niederſchlägt, wird unter ſeinem Arm Mercutio von Tybalt verwundet.) (Tybalt entfernt ſich mit ſeinen Anhängern.) Werc. Ich bin verwundet.— Zum Teufel beider Sippſchaft! Ich bin hin. Und iſt er fort? und hat nichts abgekriegt? Benv. Biſt du verwundet? wie? Merc. Ja, ja! geritzt! geritzt!— Wetter,*s iſt genug.— Wo iſt mein Burſch?— Geh, Schurk'! hol' einen Wundarzt. (der Page geht ab.) Rom. Sey guten Muths, Freund! Die Wunde kann nicht betraͤchtiich ſeyn. 232 Romeo und Julia. A. III. WMiere. Nein, nicht ſo tief wie ein Brunnen, noch ſo weit wie eine Kirchthuͤre: aber es reicht eben hin. Fragt morgen nach mir, und Ihr werdet einen ſtillen Mann an mir finden. Fuͤr dieſe Welt, glaubt's nur, iſt mir der Spaß verſalzen.— Hol' der Henker Eure beiden Haͤuſer!— Was? von einem Hunde, einer Maus, einer Ratze, einer Katze zu Tode gekratzt. zu werden! Von ſo einem Prahler, einem Schuft, der nach dem Rechenbuche ficht!— Warum Teufel! kamt Ihr zwi⸗ ſchen uns? Unter Eurem Arm wurde ich verwundet. Rom. Ich dacht' es gut zu machen. Werc. O hilf mir in ein Haus hinein, Benvolio, Sonſt ſink' ich hin.— Zum Teufel Eure Haͤuſer! Sie haben Wuͤrmerſpeiſ' aus mir gemacht. Ich hab' es tuͤchtig weg; verdammte Sippſchaft! (Mercutio und Benvolio ab.) Rom. Um meinetwillen wurde dieſer Ritter, Dem Prinzen nah verwandt, mein eigner Freund, Verwundet auf den Tod; mein Ruf befleckt Durch Tybalts Laͤſterungen, Tybalts, der Seit einer Stunde mir verſchwägert war. O ſuße Julia! deine Schoͤnheit hat So weibiſch mich gemacht; ſie hat den Stahl Der Tapferkeit in meiner Bruſt erweicht. (Benvolio kommt zurück.) Benv. O Romeo! der wackre Freund iſt todt. Sein edler Geiſt ſchwang in die Wolken ſich, Der allzufruh der Erde Staub verſchmaͤht. Rom. Nichts kann den Unſtern dieſes Tages wenden; Er hebt das Weh an, andre muͤſſen's enden. (Tybalt kommt zurück.) Benv. Da kommt der grimm'ge Tybalt wieder her. Rom. Am Leben! ſiegreich! und mein Freund erſchlagen! Nun flieh' gen Himmel, ſchonungsreiche Milde! Entflammte Wuth, ſey meine Fuͤhrerin! Nun, Tybalt, nimm den Schurken wieder, den du Mir eben gabſt! Der Geiſt Mercutio's Schwebt nah noch uber unſern Häuptern hin, Und harrt, daß deiner ſich ihm zugeſelle. Du oder ich! ſonſt folgen wir ihm beide. Tyb. Elendes Kind! hier hielteſt du's mit ihm, Und ſollſt mit ihm von hinnen. — —,, Sz. 1. Romeo und Julia. 233 Rom. Dies entſcheide. (ſie fechten. Tybalt fällt.) Benv. Flieh', Romeo! die Buͤrger ſind in Wehr, Und Tybalt todt. Steh' ſo verſteinert nicht!* Flieh', flieh'! der Prinz verdammt zum Tode dich, Wenn ſie dich greifen. Fort! hinweg mit dir! Rom. Weh mir, ich Narr des Glucks! Benv. Was weilſt du noch? (Romeo ab.) (Bürger u. ſ. w. treten auf.) Burg. Wo lief er hin, der den Mercutio todt ſchlug? Der Mörder Tybalt?— hat ihn wer geſehn? Benv. Da liegt der Tybalt. Bürg. Herr, gleich muͤßt Ihr mit mir gehn. Gehorcht! Ich mahn Euch von des Fuͤrſten wegen. (Der Prinz mit Gefolge, Montague, Capulet, ihre Gemahlinnen und Andre.) Wer durfte freventlich hier Streit erregen? env. O edler Fuͤrſt, ich kann verkuͤnden, recht Nach ſeinem Hergang dies unſelige Gefecht. Der deinen wackren Freund Mercutio Erſchlagen, liegt hier todt, entleibt vom Romev. Gräf. Cap. Mein Vetter! Shi Meines Bruders ind!— O Fuͤrſt! O mein Gemahl! O ſeht, noch rinnt Das theure Blut!— Mein Fuͤrſt, bei Ehr' und Huld, Im Blut der Montagues tilg ihre Schuld!— O Vetter, Vetter! Prinz. Benvolio, ſprich! wer hat den Streit erregt?— Benw. Der todt hier liegt, vom Romeo erlegt. Viel gute Worte gab ihm Romeo, Pe ihn bedenken, wie gering der Anlaß, ie ſehr zu furchten Euer hoͤchſter Zorn. Dies alles, vorgebracht mit ſanftem Ton, Gelaßnem Blick, beſcheidner Stellung, konnte Nicht Tybalt's ungezähmte Wuth entwaffnen. Dem Frieden taub, berennt mit ſcharfem Stahl Er die entſchloßne Bruſt Mercutio's; Der kehrt gleich raſch ihm Spitze egen Spitze, Und wehrt mit Kämpfertrotz mit Eun Hand Den kalten Tod ab, ſchickt ihm mit der andern 234 Romeo und Julia. A. UI. Dem Gegner wieder, deß Behendigkeit Zuruͤck ihn ſchleudert. Romeo ruft laut: Halt, Freunde! auseinander! Und geſchwinder Als ſeine Zunge ſchlaͤgt ſein ruͤſt'ger Arm, Dazwiſchen ſtuͤrzend, Beider Mordſtrahl nieber. 2 Recht unter dieſem Arm traf des Mercutio Leben Ein falſcher Stoß vom Tybalt. Der entfloh, Kam aber gleich zum Romeo zuruͤck, Der eben erſt der Rache Raum gegeben. Nun fallen ſie mit Blitzeseil ſich an; Denn eh' ich ziehen konnt', um ſie zu trennen, War der beherzte Tybalt umgebracht. Er fiel, und Romeo, beſtuͤrzt, entwich. Ich rede wahr, ſonſt fuͤhrt zum Tode mich. Graäf. Cap. Er iſt verwandt mit Montague's Geſchlecht; Aus Freundſchaft ſpricht er falſch, verletzt das Recht, Die Fehd' erhoben ſie zu ganzen Horden, Und alle konnten nur Ein Leben morden. Ich fleh' um Recht; Fuͤrſt, weiſe mich nicht ab: ieb Romeo'n, was er dem Tybalt gab. Prinz. Er hat Mercutio, ihn Romeo erſchlagen: Wer ſoll die Schuld des theuren Blutes tragen? Graͤf. Mont. Fuͤrſt, nicht mein Sohn, der Freund Mercutio's; Was dem Geſetz doch heimfiel, nahm er bloß, Das Leben Tybalt's. Prinz. Weil er das verbrochen Sey uͤber ihn ſofort der Bann geſprochen. Mich ſelber trifft der Ausbruch Eurer Wuth, Um Eurem Zwieſpalt fließt mein eignes Blut: Allein ich will dafuͤr ſo ſtreng Euch buͤßen, Daß mein Verluſt Euch ewig ſoll verdrießen. Taub bin ich jeglicher Beſchoͤnigung; Kein Flehn, kein Weinen kauft Begnadigung: Drum ſpart ſie: Romeo flieh ſchnell von hinnen! Greift man ihn, ſoll er nicht dem Tod entrinnen. Tragt dieſe Leiche weg. Vernehmt mein Wort: Wenn Gnade Moͤrder ſchont, veruͤbt ſie Mord! (Alle ab.) Sz. 2. Romeo und Julia. 235 3 w ei te S z en. Ein Zimmer in Capulets Haufe, (Fulia tritt auf.) Julia. Hinab, du flammenhufiges Geſpann, Zu Phoͤbus Wohnung! Solch ein Wagenlenker, Wie Phaeton jagt euch gen Weſten wohl, Und braͤchte gleich die wolk'ge Nacht herauf.— Verbreite deinen dichten Vorhang, Nacht! Du Liebespflegerin! Damit das Auge Der Neubegier ſich ſchließ', und Romeo Mir unbelauſcht in dieſe Arme ſchluͤpfe.— Verliebten gnuͤgt zu der geheimen Weihe Das Licht der eignen Schoͤnheit; oder wenn Die Liebe blind iſt, ſtimmt ſie wohl zur Nacht.— Komm, ernſte Nacht, du zuͤchtig ſtille Frau, Ganz angethan mit Schwarz, und lehre mir Ein Spiel wo jedes reiner Jugend Bluͤte Zum Pfande ſetzt, gewinnend zu verlieren! Verhuͤlle mit dem ſchwarzen Mantel mir Das wilde Blut, das in den Wangen flattert, Bis ſcheue Liebe kuͤhner wird, und nichts Als Unſchuld ſieht in inn'ger Liebe Thun. Komm, Nacht!— Komm, Romeo, du Tag in Nacht! Denn du wirſt ruhn auf Fittigen der Nacht Wie friſcher Schnee auf eines Raben Ruͤcken.— Komm, milde liebevolle Nacht! Komm, gieb WMir meinen Romeo! Und ſterb' ich einſt, Nimm ihn, zertheil' in kleine Sterne ihn: Er wird des Himmels Antlitz ſo verſchoͤnen, Daß alle Welt ſich in die Nacht verliebt, Und niemand mehr der eiteln Sonne huldigt.— Ich kaufte einen Sitz der Liebe mir, Doch ach! beſaß ihn nicht; ich bin verkauft, Doch noch nicht uͤbergeben. Dieſer Tag Währt ſo verdrießlich lang mir, wie die Nacht Voch einem Feſt dem ungeduld'gen Kinde, Das noch ſein neues Kleid nicht tragen durfte. 236 Romeo und Julia. A. III. —— (Die Wärterin mit einer Strickleiter.) Da kommt die Amme ja: die bringt Berichtz Und jede Zunge, die nur Romeo'n Beim Namen nennt, ſpricht ſo beredt wie Engel. Nun, Amme? Sag', was giebt's, was haſt du da? Die Stricke, die dich Romeo hieß holen? Wärt. Ja, ja, die Stricke! (ſie wirft ſie auf die Erde.) i Jul. Weh mir! Was giebt's? was ringſt du ſo die Haͤnde? Waͤrt. Daß Gott erkarm'! Er iſt todt, er iſt todt! Wir ſind verloren, Fraͤulein, ſind verloren! O weh' uns! Er iſt hin! ermordet! todt! Jul. So boshaft kann der Himmel ſeyn? Waärt. Ja, das kann Romeo; der Himmel nicht. O Romeo, wer haͤtt' es je gedacht? O Romeo! Jul. Wer biſt du, Teufel, der du ſo mich folterſt? Die grauſe Hölle nur bruͤllt ſolche Qnal. Hat ſich ſelbſt ermordet? Ja? Und giftiger iſt dieſes bloße Ja Als Tod⸗Geſchoß aus Baſilisken⸗Augen;. Ich bin nicht Ich, giebt es ein ſolches Ja, Sder todt mein Aug, wenn du antwerteſt Ja. Iſt er entleibt: ſag' ja! wo nicht: ſag' nein! Ein kurzer Laut entſcheidet Wonn' und Pein. Waͤrt. Ich ſah die Wunde, meine Angen ſahn ſie— Gott helf' ihm!— hier auf ſeiner tapfern Bruſt; Die blut'ge Leiche, jaͤmmerlich und blutig, Bleich, bleich wie Aſche, ganz mit Blut beſudelt— Ganz ſtarres Blut— weg ſchwiemt' ich, da ich's ſah. Jul. O brich, mein Herz! verarmt auf einmal, brich! Ihr Augen, ins Gefaͤngniß! Blicket nie Zur Freiheit wieder auf! Elende Erde, kehre Zur Erde wieder! Pulsſchlag, hemme dich! Ein Sarg empfange Romeo und mich! Waͤrt. O Tybalt, Tybalt! O mein beſter Freund! Leutſel'ger Tybalt! wohlgeſinnter Herr! So mußt' ich leben, um dich todt zu ſehn? Jul. Was fuͤr ein Sturm tobt ſo von jeder Seite? Iſt Romeo erſchlagen? Tybalt todt? Mein theurer Vetter? theuerſter Gemahl?— Dann toͤne nur des Weltgerichts Poſaune! Wer lebt noch, wenn dahin die Beiden ſind? Sz. 2. Wart. Verbannt Jul. Waͤrt. Jul. Wohnt in Romeo und Julia. 237 Dahin iſt Tybalt, Romeo verbannt; iſt Romeo, der ihn erſchlug. Gott! ſeine Hand, vorgoß ſie Tybales Blut? Sie that's! ſie thats! weh uns, weh! Sie that's! O Schlangenherz, von Blumen uͤberdeckt! ſo ſchöner Höhl' ein Drache je? Holdſel'ger Wuͤthrich! engelgleicher Unhold! aubgier'ger Rabe du, mit Taubenfedern! Woͤlfiſch raubgier'ges Lamm! Verworfne Art in gottlicher Geſtalt! Dos rechte Gegentheil deß, was mit Recht Du ſcheineſt: ein verdammter Heiliger! Ein ehren werther Schurke!— B Natur! Was hatteſt du zu ſchaffen in der Hoͤlle, Als du de Zum Luſt War je ei So ſchoͤn s holden Leibes Paradies ſitz einem Teufel uͤbergabſt? n Buch ſo arger Dinge voll, gebunden? O, daß Falſchheit doch Solch' herrlichen Pallaſt bewohnen kann! Waͤrt. Iſt unter Kein Glaube, keine Treu', noch Redlichkeit Maͤnnern mehr. Sie ſind meineidig; Falſch ſind ſie, lauter Schelme, lauter Heuchler!— o iſt m ein Diener? Gebt mir Aquavit!— Die Noth, die Angſt, der Jummer macht mich alt. Zu Schanden werde Romeo! Jul. Die Zunge Erkranke dir fur einen ſolchen Wunſch! Er war zur Schande nicht geboren; Schande Weilt mit Beſchaͤmung nur auf ſeiner Stirn. Sie iſt ein Thron, wo man die Ehre mag Als Allbeherrſcherin der Erde krönen. O wie unmenſchlich war ich, ihn zu ſchelten! Waͤrt. Von Eures Vetters Moͤrder ſprecht Ihr Gutes? Jul. Sooll ich von meinem Gatten Uebles reden? Ach, arme Wohl dein Dein Wei r Gatte! Welche Zunge wird em Namen Liebes thun, wenn ich, b, von wenig Stunden, ihn zerriſſen? Doch, Arger, was erſchlugſt du meinen Vetter?— Der Arge wollte den Gemahl erſchlagen. Zuruͤck zu Dem Sch Ihr bringt eurem Quell, verkehrte Thraͤnen! merz gebuͤhret eurer Tropfen Zoll, aus Irrthum ihn der Freude dar. 238 Romeo und Julia. A. III. Mein Gatte lebt, den Dybalt faſt getoͤdtet, Und todt iſt Tybalt, der ihn toͤdten wollte. Dies alles iſt ja Troſt: was wein' ich denn? Ich hoͤrt' ein ſchlimmres Wort als Tybalt's Tod, Das mich erwuͤrgte; ich vergaͤß' es gern; Doch ach! es druͤckt auf mein Gedaͤchtniß ſchwer, Wie Frevelthaten auf des Suͤnders Seele. Tybalt iſt todt und Romeo verbannt! O dies verbannt, dies eine Wort verbannt Erſchlug zehntauſend Tybalts. Tybalts Tod War g'nug des Wehes, haͤtt' es da geendet! Und liebt das Leid Gefaͤhrten, reiht durchaus An andre Leiden ſich; warum denn folgte L Auf ihre Botſchaft: todt iſt Tybalt, nicht: Dein Vater, deine Mutter, oder beide? Das haͤtte ſanftere Klage wohl erregt. Allein dies Wort: verbannt iſt Romeo, Aus jenes Todes Hinterhalt geſprochen, Bringt Vater, Mutter, Tybalt, Romeo Und Julien um! Verbannt iſt Romeo! Nicht Maaß noch Ziel kennt dieſes Wortes Tod, Und keine Zung' erſchoͤpfet meine Noth.— Wo mag mein Vater, meine Mutter ſeyn? Waͤrt. Bei Tybalts Leiche heulen ſie und ſchrein. Wollt Ihr zu ihnen gehn? Ich bring' Euch hin. Jul. So waſchen ſie die Wunden ihm mit Thraͤnen? Ich ſpare meine fuͤr ein baͤngres Sehnen. Nimm dieſe Seile auf.— Ach, armer Strick, Getaͤuſcht wie ich! wer bringt ihn uns zuruͤck? Zum Steg' der Liebe knuͤpft' er deine Bande, Ich aber ſterb' als Braut im Wittwenſtande. Komm, Amme, komm! Ich will in's Brautbett! fort! Nicht Romeo, den Tod umarm' ich dort. Waͤrt. Geht nur ins Schlafgemach! Zum Troſte find' ich Euch Romeo'n: ich weiß wohl wo er ſteckt. Hoͤrt! Romeo ſoll Euch zu Nacht erfreuen; Ich geh' zu ihm: beim Pater wartet er. Jul. O ſuch' ihn auf! Gieb dieſen Ring dem Treuen; Beſcheid' guf's letzte Lebewohl ihn her. (Beide ab.) Sz. 3. Romeo und Julia. 239 D ri Bruder Lorenzo's Zelle. (Lorenzo und Romeo kommen.) Lorenzo. Komm, Romeo! Hervor du Mann der Furcht! Bekuͤmmerniß haͤngt ſich mit Lieb' an dich, Und mit dem Mißgeſchick biſt du vermaͤhlt. Rom. Vater, was giebt's? Wie heißt des Prinzen Spruch? Wie heißt der Kummer, der ſich zu mir drängt, Und noch mir fremd iſt? Lor. Zu vertraut, mein Sohn, Biſt du mit ſolchen widrigen Gefährten. Ich bring' dir Nachricht von des Prinzen Spruch. Rom. Und hat ſein Spruch nicht den Stab ge⸗ rochen? Lor. Ein mild'res Urtheil floß von ſeinen Lippen: Nicht Leibes Tod, nur leibliche Verbannung. Rom. Verhannung? Sey barmherzig! Sage: Tod! Verbannung trägt der Schrecken mehr im Blick, Weit mehr als Tod!— O ſage nicht Verbannung! Lor. Hier aus Verona biſt du nur verbannt: Sey ruhig, denn die Welt iſt groß und weit. Rom. Die Welt iſt nirgends außer dieſen Mauernz Nur Fegefeuer, Qual, die Pole ſelbſt. on hier verbannt, iſt aus der Welt verbannt, Und ſolcher Bann iſt Tod: Drum giebſt du ihm Den falſchen Namen.— Nennſt du Tod Verbannung, Enthaupteſt du mit goldnem Beile mich, Und laͤchelſt zu dem Streich, der mich ermordet. Lor. O ſchwere Suͤnd“ o undankbarer Trotz! Dein Fehltritt heißt nach unſrer Satzung Tod; Doch dir zu Lieb' hat ſie der guͤt'ge Fuͤrſt Bei Seit' geſtoßen, und Verbannung nur Statt jenes ſchwarzen Wortes ausgeſprochen. Und dieſe theure Gnad' erkennſt du nicht? Rom. Nein, Folter— Gnade nicht. Hier iſt der Himmel, 240 Romeo und Julia. A. III. Wo Julia lebt, und jeder Hund und Katze Und kleine Maus, das ſchlechteſte Geſchoͤpf, Lebt hier im Himmel, darf ihr Antlitz ſehn; Doch Romeo darf nicht. Mehr Wuͤrdigkeit, Mehr Anſehn, mehr gefaͤll'ge Sitte lebt In Fliegen, als in Romeo. Sie duͤrfen Das Wunderwerk der weißen Hand beruͤhren, Und Himmelswonne rauben ihren Lippen, Die ſittſam, in Veſtalenunſchuld, ſtets Erroͤthen, gleich als waͤre Suͤnd' ihr Kuß. Dies duͤrfen Fliegen thun, ich muß entfliehn; Sie ſind ein freies Volk, ich bin verbannt. Und ſehſt du noch: Verbannung ſey nicht Tod? Doch Romeo darf nicht, er iſt verbannt! So hatteſt du kein Gift gemiſcht, kein Meſſer Geſchaͤrft, kein ſchmaͤhlich Mittel ſchnellen Todes, Als dies verbannt, zu toͤdten mich? Verbannt! O Moͤnch! Verdammte ſprechen in der Hoͤlle Dies Wort mit Heulen aus: haſt du das Herz, Da du ein heil'ger Mann, ein Beicht'ger biſt, Ein Suͤndenloͤſer, mein erklaͤrter Freund, Mich zu zermalmen mit dem Wort:„verbannt!“ Lor. Du kindiſch bloͤder Mann, hoͤr' doch ein Wort! Rom. O, du willſt wieder von Verbannung ſprechen! Lor. Ich will dir eine Wehr dagegen leihn, Der Truͤbſal ſuͤße Milch, Philoſophie, Um dich zu troͤſten, biſt du gleich verbannt. Rom. Und noch verbannt? Haͤngt die Philoſophie! Kann ſie nicht ſchaffen eine Julia, Aufheben eines Fuͤrſten Urtheilſpruch, Verpflanzen eine Stadt: ſo hilft ſie nicht, So taugt ſie nicht, ſo rede laͤnger nicht! Lor. Nun ſeh ich wohl, Wahnſinnige ſind taub. Rom. Waͤr's anders moͤglich? Sind doch Weiſe blind. Lor. Laß uͤber deinen Fall mit dir mich rechten. Rom. Du kannſt von dem, was du nicht fuhlſt, nicht reden. Wir du ſo jung wie ich, und Julia dein, ermaͤhlt ſeit einer Stund', erſchlagen Tybalt, Wie ich von Lieb' entgluͤht, wie ich verbannt: Dann moͤchteſt du nur reden, moͤchteſt nur Das Haar dir raufen, dich zu Boden werfen Wie ich, und ſo dein kuͤnft'ges Grab dir meſſen. (er wirft ſich an den Boden. Man klopft draußen.) Sz3. Romeo und Julia. 241 Lor. Steh' auf, man klopft; verbirg dich, lieber Freund. Rom. O nein, wo nicht des bangen Stoͤhnens Hauch, Gleich Nebeln, mich vor Späheraugen ſchirmt. (man klopft.) Lor. Horch, wie man klopft!— Wer da?— Fort, Romeo! Man wird dich fangen.— Wartet doch ein Weilchen! Steh' auf und rett' in's Leſezimmer dich!— (man klopft.) Ja, ja! im Augenblick!— Gerechter Gott, Wie große Einfalt das!— Ich komm', ich komme: Wer klopft ſo ſtark? Wo kommt Ihr her? was wollt Ihr? Wart.(draußen.) Laßt mich hinein, ſo ſag' ich Euch die Botſchaft. Das Fraulein Julia ſchickt mich. Lor. Seyd willkommen. (Die Wärterin tritt herein.) Wärt. O heil'ger Herr! o ſagt mir, heil'ger Herr: Des Fraͤuleins Liebſter, Romeo, wo iſt er? Lor. Am Boden dort, von eignen Thraͤnen trunken. Waͤrt. O, es ergeht wie meiner Herrſchaft ihm, Ganz ſo wie ihr! O Gleichheit, jammervoll! Okläglich Weſen, grade ſo liegt ſie, Winſelnd und wehklagend, wehklagend und winſelnd. Steht auf! ſteht auf! Wenn Ihr ein Mann ſeyd, ſteht! Um Juliens willen, ihr zu Lieb', ſteht auf! Wer wollte ſo ſich niederwerfen laſſen? Rom. Gute Frau! Wart. Ach Herr, Herr! Mit dem Tod' iſt alles aus. Kom. Sprachſt du von Julien? Wie ſteht's mit ihr? Haͤlt ſie mich nicht fuͤr einen alten Mörder, Da ich mit Blut, dem ihrigen ſo nah, Die Kindheit unſrer Wonne ſchon befleckt? Wo iſt ſie? und was macht ſie? und was ſagt Von dem zerſtörten Bund die kaum Verbundne? Wärt. Ach Herr! ſie ſagt kein Wort, ſie weint und weint Bald fällt ſie auf ihr Bett; dann fährt ſie auf. Ruft: Tybalt! aus, ſchreit dann nach Romeo, Und faͤllt dann wieder hin. Rom. Als ob der Name, IX. 16 242 Romeo und Julia. A. III. Aus todtlichem Geſchuͤtz auf ſie gefeuert, Sie mordete, wie ſein unſel'ger Arm Den Vetter ihr gemordet. Sag' mir, Moͤnch, O ſage mir, in welchem ſchnoͤden Theil' Beherbergt dies Gerippe meinen Namen? Sag', daß ich den verhaßten Sitz verwuͤſte. (er zieht den Degen.) Lor. Halt ein die tolle Hand! Biſt du ein Mann? Dein Aeußres ruft, du ſeyſt es; deine Thraͤnen Sind weibiſch, deine wilden Thaten zeugen Von eines Thieres unvernuͤnft'ger Wuth. Entartet Weib in aͤußrer Mannesart! Entſtelltes Thier, in beide nur verſtellt! Ich ſtaun' ob dir: bei meinem heil'gen Orden! Ich glaubte, dein Gemuͤth ſey beſſern Stoffs. Erſchlugſt du Tybalt? Willſt dich ſelbſt erſchlagen? Dein Weib, die nur in deinem Leben lebt, Durch ſo verruchten Haß, an dir veruͤbt? Was ſchilt'ſt du auf Geburt, auf Erd' und Himmel? In dir begegnen ſie ſich alle drei, Die du auf einmal von dir ſchleudern willſt. Du ſchaͤndeſt deine Bildung, deine Liebe Und deinen Witz. Opfui! Gleich einem Wuchrer Puſ du an allem Ueberfluß, und brauchſt och nichts davon zu ſeinem aͤchten Bweck, Der Bildung, Liebe, Witz erſt zieren ſollte. Ein Wachsgepräg' iſt deine edle Bildung, Wenn ſie der Kraft des Manns abtruͤnnig wird; Dein theurer Liebesſchwur ein hohler Meineid, Wenn du die toͤdteſt, der du Treu' gelobt; Dein Witz, die Zier der Bildung und der Liebe, Doch zum Gebrauche beider mißgeartet, Faͤngt Feuer durch dein eignes Ungeſchick, Wie Pulver in nachlaͤß'ger Krieger Flaſche; Und was dich ſchirmen ſoll, zerſtuckt dich ſelbſt. Auf, ſey ein Mann! denn deine Julia lebt, Sie, der zu Lieb' du eben todt hier lagſt: Das iſt ein Gluͤck. Dich wollte Tybalt toͤdten, Doch du erſchlugſt ihn: das iſt wieder Gluͤck. Dein Freund wird das Geſetz, das Tod dir drohte, Und mildert ihn in Bann: auch das iſt Gluͤck. Auf deine Schultern laͤßt ſich eine Laſt Von Segen nieder, und es wirbt um dich Sz. 3. Romeo und Julia. 243 Gluͤckſeligkeit in ihrem beſten Schmuck; Doch wie ein ungezognes, laun'ſches Maͤdchen Schmolſt du mit deinem Gluͤck und deiner Liebe; O huͤte dich! denn ſolche ſterben elend. Geh hin zur Liebſten, wie's beſchloſſen war; Erſteig' ihr Schlafgemach: forti tröſte ſie! Nur weile nicht, bis man die Wachen ſtellt, Sonſt koͤmmſt du nicht mehr durch nach Mantua. Dort lebſt du dann, bis wir die Zeit erſehn, Die Freunde zu verſoͤhnen, Euren Bund Zu offenbaren, von dem Fuͤrſten Gnade Fur dich zu flehn, und dich zuruͤck zu rufen Mit zwanzig hunderttauſendmal mehr Freude, Als du mit Jammer jetzt von hinnen ziehſt. Geh', Wärterin, voraus, gruͤß' mir dein Fraͤulein; Heiß' ſie das ganze Haus zu Bette treiben, Wohin der ſchwere Gram von ſelbſt ſie treibt: Denn Romeo ſoll kommen. Wärt. O je! ich blieb' hier gern die ganze Nacht, Und hoͤrte gute Lehr'. Da ſieht man doch, Was die Gelahrtheit iſt! Nun, gnaͤd'ger Herr, Ich will dem Fraͤulein ſagen, daß Ihr kommt. Rom. Thu' das, und ſag' der Holden, daß ſie ſich Bereite, mich zu ſchelten. Waärt. Enaͤd'ger Herr, Hier iſt ein Ring, den ſie fuͤr Euch mir gab. Eilt Euch, macht fort! ſonſt wird es gar Rom. Wie iſt mein Muth nun wieder neu belebt! Lor. Geh'! gute Nacht! Und hieran haͤngt dein Loos: Entweder geh', bevor man Wachen ſtellt, Wo nicht, verkleidet in der Fruͤhe fort. Verweil' in Mantua; ich forſch' indeſſen Nach deinem Diener, und er meldet dir Von Zeit zu Zeit ein jedes gute Gluck, Das hier begegnet.— Gieb mir deine Hand! Es iſt ſchon ſpaͤt: fahr' wohl denn! gute Nacht! Rom. Mich rufen Freuden uͤber alle Freuden, Sonſt wär's ein Leid von dir ſo ſchnell zu ſcheiden. Leb' wohl!(Beide ab.) 16* 244 Romeo und Julia. A. I Vierte Szene. Ein Zimmer in Capulet's Hauſe. (Capulet, Gräfin Capulet, Paris.) 66 Capulet. Es iſt ſo ſchlimm ergangen, Graf, daß wir Nicht Zeit gehabt, die Tochter anzumahnen. Denn ſeht, ſie liebte herzlich ihren Vetter; Das that ich auch: nun, einmal ſtirbt man doch.— Es iſt ſchon ſpaͤt, ſie kommt nicht mehr herunter, Ich ſag' Euch, waͤr's nicht der Geſellſchaft wegen, Seit einer Stunde laͤg' ich ſchon im Bett. Par. So truͤbe Zeit gewaͤhrt nicht Zeit zum Frei'n; Graͤfin, ſchlaft wohl, empfehlt mich Eurer Tochter. Graͤf. Ich thu's, und forſche morgen fruͤh ſie aus: Heut Nacht verſchloß ſie ſich mit ihrem Gram. Cap. Graf Paris, ich vermeſſe mich zu ſtehn Fuͤr meines Kindes Lieb'; ich denke wohl, Sie wird von mir in allen Stuͤcken ſich Bedeuten laſſen, ja ich zweifle nicht. Frau, geh' noch zu ihr, eh' du ſchlafen gehſt, Thu' meines Sohnes Paris Lieb' ihr kund Und ſag' ihr, merk' es wohl: auf naͤchſten Mittwoch— Still, was iſt heute? Par. Montag, edler Herr. Cap. Montag? So ſo! Gut, Mittwoch iſt zu fruͤh. Sey's Donnerſtag!— Sag' ihr: am Donnerſtag Wird ſie vermaͤhlt mit dieſem edlen Grafen. Wollt Ihr bereit ſeyn? Liebt Ihr dieſe Eil? Wir thun's im Stillen ab; nur ein Paar Freunde. Denn ſeht, weil Tybalt erſt erſchlagen iſt, So daͤchte man, er laͤg' uns nicht am Herzen, 5, Als unſer Blutsfreund, ſchwaͤrmten wir zu viel. 8 Drum laßt uns ein halb Dutzend Freunde laden, Und damit gut. Wie duͤnkt Euch Donnerſtag? Par. Mein Graf, ich wollte, Donnerſtag waͤr' morgen. Cap. Gut, geht nur heim! Sey's denn am Donnerſtag. Geh', Frau, zu Julien, eh' du ſchlafen gehſt, Sz. 5. Romeo und Julia. 245 Bereite ſie auf dieſen Hochzeittag. Lebt wohl, mein Graf!(Paris ab.) He! Licht auf meine Kammer! Nach meiner Weiſe iſt's ſo ſpät, daß wir Bald fruͤh es nennen können. Gute Nacht! (Capulet und die Gräfin ab.) Fuͤnfte Szene. (Romeo und Julia zeigen ſich oben auf dem Altan.) Julia. Willſt du ſchon gehn? Der Tag iſt ja noch fern. Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche, Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang; Sie ſingt des Nachts auf dem Granatbaum dort. Glaub', Lieber, mir: es war die Nachtigall. Rom. Die Lerche war's die Tagverkuͤnderin, Nicht Philomele; ſieh den neid'ſchen Streif, Der dort im Oſt der Fruͤhe Wolken ſaͤumt. Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt, Der muntre Tag erklimmt die dunſt'gen Hoͤhn; Nur Eile rettet mich, Veihng iſt Tod. Jul. Trau' mir, das Licht iſt nicht des Tages Licht, Die Sonne hauchte dieſes Luftbild aus, Dein Fackeltraͤger dieſe Nacht zu ſeyn, Dir auf dem Weg' nach Mantua zu leuchten; Drum bleibe noch? zu gehn iſt noch nicht Noth. Rom. Laß ſie mich greifen, ja, laß ſie mich toͤdten! Ich gebe gern mich drein, wenn du es wilſſt. Nein, jenes Grau iſt nicht des Morgens Auge, Der bleiche Abglanz nur von Cynthia's Stirn. Das iſt auch nicht die Lerche, deren Schlag Hoch uͤber uns des Himmels Woͤlbung trifft. Ich bleibe gern; zum Gehn bin ich verdroſſen.— Willkommen, Tod! hat Julia dich beſchloſſen.— Nun, Herz? Noch tagt es nicht, noch plaudern wir. Jul. Es tagt, es tagt! Auf! eile! fort von hier! 246 Romeo und Julia. A. III. Es iſt die Lerche die ſo heiſer ſingt, Und falſche Weiſen, rauhen Mißton gurgelt. Man ſagt, der Lerche Harmonie ſey ſuͤß; Vicht dieſe: ſie zerreißt die unſte ja. Die Lerche, ſagt man, wechſelt mit der Kroͤte Die Augen; moͤchte ſie doch auch die Stimme! Die Stimm' iſt's ja, die Arm aus Arm uns ſchreckt, Dich von mir jagt, da ſie den Tag erweckt. Stets hell' und heller wird's: wir muͤſſen ſcheiden. Rom. Hell? Dunkler ſtets und dunkler unſre Leiden! (Die Wärterin kommt herein.) Waͤrt. Fraͤulein! Jul. Amme? Waͤrt. Die gnaͤd'ge Grafin kömmt in Eure Kammer; Seyd auf der Hut; ſchon regt man ſich im Haus. (Wärterin ab.) Jul. Tag, ſchein' herein! und Leben flieh hinaus! Rom. Ich ſteig' hinab: laß dich noch einmal kuͤſſen. (Er ſteigt hinab.) Jul.(ihm nachſehend.) Freund! Gatte! Trauter! biſt du mir entriſſen? Gieb Nachricht jeden Tag zu jeder Stundez Schon die Minut' enthält der Tage viel. Ach! ſo zu rechnen bin ich hoch in Jahren, Eh' meinen Romeo ich wiederſeh'. Rom.(unten.) Leb wohl! tin Aun uſf i asbe aͤnden, Um dir, du Liebe, meinen Gruß zu ſenden. Jul. O denkſt du, daß wir je uns wiederſehn? Rom. Ich zweifle nicht, und all' dies Leiden dient In Zukunft uns zu ſuͤßerem Geſchwatz. Jul. O Gott! ich hab' ein Ungluͤck ahndend Herz. Mir daͤucht, ich ſäͤh' dich, da du unten biſt, Als laͤgſt du todt in eines Grabes Tiefe. Mein Auge truͤgt mich, oder du biſt bleich. Rom. So Liebe, ſcheinſt du meinen Augen auch. 4 Der Schmerz trinkt unſer Blut. Leb' wohl!— wohl! a Jul. O Gluͤck! ein jeder nennt dich unbeſtaͤndig; Wenn du es biſt: was thuſt du mit dem Treuen? Sey unbeſtaͤndig, Gluͤck! Dann haͤltſt du ihn Richt lange, hoff' ich, ſendeſt ihn zuruck. S Sz. 5. Romeo und Julia. 247 (Gräfin Capulet hinter der Szene.) He, Tochter, biſt du auf? Sb⸗ Jul. Wer ruft mich? Iſt es meine gnäd'ge Mutter? Wacht ſie ſo ſpaͤt noch, oder ſchon ſo fruͤh? Welch ungewohnter Anlaß bringt ſie her? (Die Gräfin Capplet kommt herein). Graͤf. Cap. Nun, Julia! wie gehts? Jul. Mir iſt nicht wohl. Gräf. Cap. Noch immer weinend um des Vetters Tod? Willſt du mit Thränen aus der Gruft ihn waſchen? Und konnteſt du's, das rief' ihn nicht ins Leben: Drum laß das; trauern zeugt von vieler Liebe, Doch zu viel trauern, zeugt von wenig Witz. Jul. Um einen Schlag, der ſo empfindlich traf, Erlaubt zu weinen mir. Gräf. Cap. So trifft er dich; Der Freund empfindet nichts, den du beweinſt. Jul. Doch ich empfind', und muß den Freund beweinen. Gräf. Cap. Mein Kind, nicht ſeinen Tod ſo ſehr be⸗ weinſt du, Als daß der Schurke lebt, der ihn erſchlug. Jul. Was fuͤr ein Schurke? Gräf. Cap. Nun, der Romeo. Jul.(beiſeit.) Er und ein ſind himmelweit ent⸗ ernt.— (Laut.) Vergeb' ihm Gott! Ich thu's von ganzem Herzen; Und dennoch kränkt kein Mann, wie er, mein Herz. Graͤf. Cap. Ja freilich, weil der Meuchelmorder lebt. Jul. Ja, wo ihn dieſe Haͤnde nicht erreichen!— O rachte niemand doch als ich den Vetter! Gräf. Cap. Wir wollen Rache nehmen, ſorge nicht: Drum weine du nicht mehr. Ich ſend' an jemand Zu Mantua, wo der Verlaufne lebt; Der ſoll ein kraͤftig Traͤnkchen ihm bereiten, Das bald ihn zum Gefaͤhrten Tybalts macht; Dann wirſt du hoffentlich zuftieden ſeyn. Jul. Fuͤrwahr, ich werde nie mit Romeo Zufrieden ſeyn, erblicke ich ihn nicht— todt— Wenn ſo mein Herz um einen Blutsfreund leidet. Ach, faͤndet Ihr nur jemand, der ein Gift Ihm reichte, gnad'ge Frau: ich wollt' es miſchen, Daß Romeo, wenn er's genommen, bald 248 Romeo und Julia. A. III. In Ruhe ſchliefe— Wie mein Herz es haßt, Ihn nennen hoͤren— und nicht zu ihm können— Die Liebe, die ich zu dem Vetter trug, An dem, der ihn erſchlagen hat, zu bußen! Graͤf. Cap. Find'ſt du e find' ich wohl den ann. Doch bring' ich jetzt dir frohe Zeitung, Madchen. Jul. In ſo bedraͤngter Zeit kommt Freude recht. Wie lautet ſie? ich bitt' Euch, gnäd'ge Mutter? Gräf. Cap. Nun Rind, du haſt'nen aufmerkſamen Vater; Um dich von deinem Truͤbſinn äbzubringen, Erſann er dir ein plötzlich Freudenfeſt, Deß ich ſo wenig mich verſah, wie du. Jul. Ei, wie erwuͤnſcht! Was wär' das, gnäd'ge Mutter? Gräf. Cap. Ja, denk' dir Kind! Am Donnerſtag fruͤh Morgens Soll der hochedle, wackre junge Herr, Graf Paris, in Sa kt Pllnshrch⸗ dich Als frohe Braut an den Altar geleiten. Jul. Nun, bei Sankt Peters Kirch' und Petrus ſelbſt! Er ſoll mich nicht als frohe Braut geleiten. Mich wundert dieſe Eil', daß ich vermählt Muß werden, eh' mein Freier kömmt zu werben. Ich bitt' Euch, gnäd'ge Frau, ſagt meinem Vater Und Herrn, ich wolle noch mich nicht vermählenz Und wenn ich's thue, ſchwoör' ich: Romeo, Von dem Ihr wißt, ich haſſ' ihn, ſoll es lieber Als Paris ſeyn.— Fuͤrwahr, das iſt wohl Zeitung! Gräf. Cap. Da kommt dein Vater, ſage du ihm das; Sieh', wie er ſich's von dir gefallen läßt. (Capulet und die Wärterin kommen.) Cap. Die Luft ſpruͤht Thau beim Sonnenuntergang, Doch bei dem Untergange meines Reffen, Da gießt der Regen recht. Was? Eine Traufe, Mädchen? Stets in Thraͤnen? Stets Regenſchauer? In ſo kleinem Koͤrper Spielſt du auf einmal See und Wind und Kahn, Denn deine Augen ebben ſtets und fluthen Von Thraͤnen wie die See; dein Koͤrper iſt der Kahn, Der dieſe ſalze Fluth befährt; die Seufzer Sind Winde, die, mit deinen Thränen tobend, Wie die mit ihnen, wenn nicht Stille ploͤtzlich ———— ————— Sz. 5. Romeo und Julia. 249 Erfolgt, den hin⸗ und hergeworfnen Koͤrper Zertruͤmmern werden.— Nun, wie ſteht es, Frau? Haſt du ihr unſern Rathſchluß hinterbracht? Graͤf. Cap. Ja, doch ſie will es nicht, ſie dankt Euch ſehr. Waär' doch die Thoͤrin ihrem Grab vermaͤhlt! Cap. Sacht, mach' dich deutlich, mach' dich deutlich, a rau. Was? Will ſie nicht? Weiß ſie uns keinen Dank? Iſt ſie nicht ſtolz? Schätzt ſie ſich nicht begluͤckt, Daß wir ſolch einen wuͤrd'gen Herrn vermocht, Trotz ihrem Unwerth, ihr Gemahl zu ſeyn? Jul. Nicht ſtolz darauf, noch dankbar, daß Ihr's thatet. Stolz kann ich nie auf das ſeyn, was ich haſſe; Doch dankbar ſelbſt fuͤr Haß, gemeint wie Liebe. Cap. Ei ſeht mir! ſeht mir! Kramſt du Weisheit aus? Stolz— und ich dank' Euch— und ich dank⸗ Euch nicht— Und doch nicht ſtolz— Hoͤr⸗ Fraͤulein Zierlich du, Nichts da gedankt von Dank, ſtolzirt von Stolz! Ruͤck' nur auf Donnerſtag dein zart Geſtell zurecht Mit Paris nach Sankt Peters Kirch' zu gehn, Sonſt ſchlepp' ich dich auf einer Schleife hin. fui, du bleichſuͤcht'ges Ding! du loſe Dirne! u Talggeſicht! Bräf. CLap. O pfui! ſeyd Ihr von Sinnen? Jul. Ich fleh' Euch auf den Knien, mein guter Vater: Hört mit Geduld ein einzig Wort nur an. Cap. Geh' mir zum Henker, widerſpaͤnſt'ge Dirne! Ich ſage dir's: zur Kirch auf Donnerſtag, Sonſt komm' mir niemals wieder vor's Geſicht. Sprich nicht! erwiedre nicht! gieb keine Antwort! Die Finger jucken mir. O Weib! wir glaubten Uns kaum genug geſegnet, weil uns Gott Dies Eine Kind nur fandte; doch nun ſeh' ich, Dies Eine war um Eines ſchon zu viel, Und ein Fluch ward uns in ihr beſchert. u Hexe! Wärt. Gott im Himmel ſegne ſie! Eu'r Gnaden thun nicht wohl, ſie ſo zu ſchelten. Cap. Warum, Frau Weisheit? Haltet Euren Mund, Prophetin! ſchnattert mit Gevatterinnen! Wärt. Ich ſage keine Schelmſtuͤck. Cap. Geht mit Gott! Wart. Darf man nicht ſuehe 250 Romeo und Julia. A. III. Cap. Still doch, altes Waſchmaul, Spart Eure Predigt zum Gevatterſchmaus: Hier brauchen wir ſie nicht. Graͤf. Cap. Ihr ſeyd zu hitzig. Cap. Gotts Sakrament! es macht mich toll. Bei Tag', Bei Nacht, ſpaͤt, fruͤh, allein und in Geſellſchaft, Zu Hauſe, draußen, wachend und im Schlaf, War meine Sorge ſtets, ſie zu vermaͤhlen. Nun, da ich einen Herrn ihr ausgemittelt, Von fuͤrſtlicher Verwandtſchaft, ſchoͤnen Guͤtern, Jung, edel auferzogen, ausſtafirt, Wie man wohl ſagt mit ritterlichen Gaben: Und dann ein albern, winſelndes Geſchoͤpf, Ein weinerliches Puͤppchen da zu haben, Die, wenn ihr Gluͤck erſcheint, zur Antwort giebt: „Heirathen will ich nicht, ich kann nicht lieben, Ich bin zu jung,— ich bitt', entſchuldigt mich.“— Gut, wollt' Ihr nicht, Ihr ſollt entſchuldigt ſeyn: Graſet, wo Ihr wollt, Ihr ſollt bei mir nicht hauſen. Seht zu! bedenkt! ich pflege nicht zu ſpaßen. Der Donnerſtag iſt nah: die Hand aufs Herz! Und biſt du mein, ſo ſoll mein Freund dich haben; Wo nicht: geh', bettle, hung're, ſtirb am Wege! Denn nie, bei meiner Seel', erkenn' ich dich, Und nichts, was mein, ſoll dir zu Gute kommen. Bedenk' dich! glaub', ich halte was ich ſüt ab. Jul. Und wohnt kein Mitleid droben in den Wolken, Das in die Tiefe meines Jammers ſchaut? O ſuͤße Mutter, ſtoß' mich doch nicht weg! Nur einen Monat, eine Woche Friſt! Wo nicht, bereite mir das Hochzeitbette In jener duͤſtern Gruft, wo Tybalt liegt. Gräf. Cap. Sprich nicht zu mir, ich ſage nicht ein Wort. Thu', was du willſt, du gehſt mich nichts an. ab. Jul. O Gott! wie iſt dem vorzubeugen, Amme? Mein Gatt' auf Erden, meine Treu' im Himmel— Wie ſoll die Treu' zur Erde wiederkehren, Wenn ſie der Gatte nicht, der Erd' entweichend, Vom Himmel ſendet?— Troͤſte! rathe! hilf! Weh, weh mir, daß der Himmel ſolche Tuͤcken Se 6 ilatheeee⸗ ee. Sz. 5. Romeo und Julia. 251 An einem ſanften Weſen uͤbt wie ich! Was ſagſt du? haſt du kein erfreuend Wort, Kein Wort des Troſtes? Wart. Meiner Seel', hier iſt's. Er iſt verbannt, und tauſend gegen eins, Daß er ſich nimmer wieder her getraut Euch anzuſprechen; oder thät' er es, So muͤßt' es ſchlechterdings verſtohlen ſeyn. Nun, weil denn ſo die achen ſtehn, ſo denk' ich, Das beſte waͤr', daß Ihr den Grafen naͤhmt. Ach, er iſt ſolch' ein allerliebſter Herr! Ein Lump iſt Romeo nur gegen ihn. Ein Adlersauge, Fräulein, iſt ſo grell, So ſchoͤn, ſo feurig nicht, wie Paris ſeins. Ich will verwuͤnſcht ſeyn, iſt die zweite Heirath Nicht wahres Gluͤck füͤr Euch; weit vorzuziehn Iſt ſie der erſten. Oder, wär' ſie's nicht? Der erſte Mann iſt todt, ſo gut als todt; Denn lebt er ſchon, habt Ihr doch nichts von ihm. Jul. Sprichſt du von Herzen? Waͤrt. Und von ganzer Seele, Sonſt moͤge Gott mich ſtrafen! Jul. Amen. Wärt. Was? Jul. Nun ja, du haſt mich wunderbar getroͤſtet. Geh', ſag' der Mutter, weil ich meinen Vater Erzuͤrnt, ſo woll ich nach Lorenzo's Zelle, Zu beichten und Vergebung zu empfahn. Waͤrt. Gewiß, das will ich. Ihr h weislich bran. 0 Jul. O alter Erzfeind! hölliſcher Verſucher! Iſt's aͤrg're Sunde, ſo zum Meineid mich Verleiten, oder meinen Gatten ſchmaͤhn Mit eben dieſer Zunge, die zuvor Viel tauſendmal ihn ohne Maß und Ziel Geprieſen hat?— Hinweg, Rathgeberin! Du und mein Buſen ſind ſich kuͤnftig fremd— will zum Moͤnch, ob er nicht Hulfe ſchafft: chlaͤgt alles fehl, hab' ich zum ab. 252 Romeo und Julia. A. IV. S„ ſi Bruder Lorenzo's Zelle. (Lorenzo und Paris.) Lorenzo. Auf Donnerſtag? die Friſt iſt kurz, mein Graf. Par. Mein Vater Capulet verlangt es ſo, Und meine Säumniß ſoll die Eil' nicht hemmen. Lor. Ihr ſagt, Ihr kennt noch nicht des Frauleins Sinn: Das iſt nicht gerade Bahnz ſo lieb ich's nicht. Par. Unmaͤßig weint ſie uͤber Tybalts Tod, Und darum ſprach ich wenig noch von Liebe: Im Hauſ' der Thraͤnen laͤchelt Venus nicht. Nun haͤlt's ihr Vater, wuͤrd'ger Herr, gefährlich, Daß ſie dem Grame ſo viel Herrſchaft giebt, Und treibt in weiſer Vorſicht auf die Heirath, Um ihrer Thraͤnen Stroͤme zu vertrocknen. Jetzt wißt Ihr um die Urſach dieſer Eil'. Lor.(bei Seite.) Wuͤßt' ich nur nicht, was ihr im Wege ſteht. (Laut.) Seht, Graf! das Fraͤulein kommt in meine Zelle. (Julia tritt auf.) Par. Ha, ſchon getroffen, meine liebe Braut! Jul. Das werd' ich dann erſt ſeyn, wenn man uns traut. Par. Man wird, man ſoll uns Donnerſtag vermaͤhlen. Jul. Was ſeyn ſoll, wird geſchehn. Lor. Das kann nicht fehlen. Par. Kommt Ihr die Beicht' dem Vater abzulegen? Jul. Gäb' ich Euch Antwort, legt' ich Euch ſie ab. Par. Verlaͤugnet es ihm nicht, daß Ihr mich liebt. Sz. 1. Romeo und Julia. 253 Jul. Bekennen will ich Euch, ich liebe ihn. Par. Gewiß bekennt Ihr auch, Ihr liebet mich. Jul. Thu' ich's, ſo hat es, hinter Eurem Ruͤcken Geſprochen, hohern Werth als in's Geſicht. Par. Du Arme! dein Geſicht litt ſehr von Thränen. Jul. Die Thraͤnen duͤrfen ſich des Siegs nicht ruͤhmen. Es taugte wenig, eh' ſie's angefochten. ar. Dies Wort thut, mehr als Thränen, ihm zu nah. Jul. Doch kann die Wahrheit nicht Verlaͤumdung ſeyn. Was ich geſagt, ſagt' ich mir in's Geſicht. Par. Doch mein iſt das Geſicht, das du verläumdeſt. Jul. Das mag wohl ſeyn, denn es iſt nicht mein eigen.— Ehrwuͤrd'ger Vater, habt Ihr Muße jetzt? Wie, oder ſoll ich um die Vesper kommen? Lor. Jetzt hab' ich Muße, meine ernſte Tochter. Vergönnt Ihr uns allein zu bleiben, Graf? Par. Verhuͤte Gott, daß ich die Andacht ſtoͤre. Fruͤh Donnerſtags will ich Euch wecken, Fraulein. So lang' lebt wohl! Nehmt dieſen eite ab. Jul. O ſchließ die Thur, und wenn du das gethan, Komm, wein' mit mir; Troſt, Hoffnung, Huͤlf' iſt hin. Lor. Ach Julia, ich kenne ſchon dein Leid, Es drängt aus allen Sinnen mich heraus; Du mußt, und nichts, ſo hoͤr' ich, kann's verzoͤgern, Am Donnerſtag dem Grafen dich vermählen. Jul. Sag' mir nicht, Vater, daß du das gehoͤrt, Wofern du nicht auch ſagſt, wie ich's verhindre. Kann deine Weisheit keine Huͤlfe leihn, o nenne weiſe meinen Vorſatz nur, Und dieſes Meſſer hilft mir auf der Stelle. Gott fuͤgt' in eins mein Herz und Romeo's, Die Haͤnde du; und ehe dieſe Hand, Die du dem Romeo verſiegelt, dient Zur Urkund eines andern Bundes, oder Mein treues Herz von ihm zu einem andern Verraͤthriſch abfaͤllt, ſoll dies beide todten. Drum gieb aus der Erfahrung langer Zeiten Mir augenblicklich Rath; wo nicht, ſo ſieh', Wie dieſes blut'ge Meſſer zwiſchen mir Und meiner Drangſal richtet, das entſcheidend, Was deiner Jahr' und deiner Kunſt Gewicht 254 Romeo und Julia. A. IV. Zum Ausgang nicht mit Ehren bringen konnte. Ozaudre nicht ſo lang'! Den Tod verlang' ich, Wenn deine Antwort nicht von Huͤlfe ſpricht. Lor. Halt, Tochter! ich erſpaͤhe was, wie Hoffnung; Allein es auszufuͤhren heiſcht Entſchluß, Verzweifelt, wie das Uebel, das wir fliehn. Haſt du die Willenſtaͤrke dich zu tödten, Eh' du den Grafen Paris dich vermaͤhlſt, Dann zweifl ich nicht, du unternimmſt auch wohl Ein Ding wie Tod, die Schmach hinwegzutreiben, Der zu entgehn, du ſelbſt den Tod umarmſt; Und wenn du's wagſt, ſo biet' ich Huͤlfe dir. Jul. O, lieber als dem Grafen mich vermaͤhlen, S von der Zinne jenes Thurms mich ſpringen, a gehn, wo Raͤuber ſtreifen, Schlangen lauern, Und kette mich an wilde Baͤren feſt; Birg' bei der Nacht mich in ein Todtenhaus Voll raſſelnder Gerippe, Moderknochen, Und gelber Schaͤdel mit entzahnten Kiefern: Heiß' in ein friſch gemachtes Grab mich gehn, Und mich ins Leichentuch des Todten huͤllen. Sprach man ſonſt ſolche Dinge, bebt' ich ſchon; Doch thu' ich ohne Furcht und Zweifel ſie, Des ſußen Gatten reines Weib zu bleiben. Lor. Wohl denn! Geh' heim, ſey froͤhlich, will'ge drein Dich zu vermaͤhlen: morgen iſt es Mittwoch; Sieh', wie du morgen Nacht allein magſt ruhn; Laß nicht die Amm' in deiner Kammer ſchlafen; Nimm dieſes Flaͤſchchen dann mit dir zu Bett, Und trink den Kraͤutergeiſt, den es verwahrt. Dann rinnt alsbald ein kalter, matter Schauer Durch deine Adern und bemeiſtert ſich Der Lebensgeiſter; den gewohnten Gang Hemmt jeder Puls und hort zu ſchlagen auf. Kein Odem, keine Waͤrme ſeugt von Leben; Der Lippen und der Wangen Roſen ſchwinden Zu bleicher Aſche; deiner Augen Vorhang Fällt, wie wenn Tod des Lebens Tag verſchließt. Ein jedes Glied, gelenker Kraft beraubt, Soll ſteif und ſtarr und kalt wie Tod erſcheinen. Als ſolch ein Ebenbild des duͤrrren Todes Sollſt du verharren zwei und vierzig Stunden, Und dann erwachen wie vom ſuͤßen Schlaf. Sz. 2. Romeo und Julia. 255 Wenn nun der Bräutigam am Morgen kommt, Und dich vom Lager tuft, da liegſt du todt, Dann(wie die Sitte unſres Landes iſt) Trägt man auf einer Bahr in Feierkleidern Dich unbedeckt in die gewolbte Gruft Wo alle Capulets von Alters ruhn. Zur ſelben Zeit, wenn du erwachen wirſt, Soll Romeo aus meinen Briefen wiſſen, Was wir erdacht, und ſich hieher begeben. Wir wollen beid' auf dein Erwachen harren; Und in derſelben Nacht ſoll Romeo Dich fort von hier nach Mantua geleiten. Das rettet dich von dieſer droh'nden Schmach, Wenn ſchwacher Unbeſtand und weib'ſche Furcht Dir in der Ausfuͤhrung den Muth nicht dampft. Jul. Gieb mir, o gieb mir! rede nicht von Furcht! Lor. Nimm, geh' mit Gott, halt' feſt an dem Entſchluß. Ich ſend' indeß mit Briefen einen Bruder In Eil' nach Mantua zu deinem Treuen. Jul. Gieb, Liebe, Kraft mir! Kraft wird Huͤlfe leihen. Lebt wohl, mein theurer Vater! (Beide ab.) 3 S z ene. Ein Zimmer in Capulet's Hauſe. (Capulet, Gräfin Capulet, Wärterin, Bediente.) Capulet. So viele Gaͤſte lad', als hier geſchrieben. (Ein Bedienter ab.) Du Burſch, geh', mieth mir zwanzig tuͤcht'ge Köche. Bed. Ihr ſollt gewiß keine ſchlechten kriegen, gnaͤd'ger Herr; denn ich will erſt zuſehn, ob ſie ſich die Finger ab⸗ lecken koͤnnen. Lap. Was ſoll das fuͤr eine Probe ſeyn? Bed. Ei, gnaͤdiger Herr, das ware ein ſchlechter Koch, der ſeinen eignen Finger nicht ablecken koͤnnte. Drum, wer das nicht kann, der geht nicht mit mir. 256 Romeo und Julia. A. IV. Cap. Geh', mach fort.— (Bedienter ab.) Die Zeit iſt kurz, es wird an manchem fehlen.— Wie iſt's? ging meine Tochter hin zum Pater? Waärt. Ja, wahrhaftig. Cap. Wohl! Gutes ſtiftet er vielleicht bei ihr; Sie iſt ein albern, eigenſinnig Ding. (Julia tritt auf.) Waͤrt. Seht, wie ſie froͤhlich aus der Beichte kömmt. Cap. Nun Starrkopf? Sag', wo biſt herumgeſchwärmt? Jul. Wo ich gelernt, die Suͤnde zu bereu'n Haͤrtnaͤck'gen Ungehorſams gegen Euch Und Eu'r Gebot, und wo der heil'ge Mann Mir auferlegt, vor Euch mich hinzuwer'en, Vergebung zu erflehn— Vergebt, ich bitt' Euch; Von nun an will ich ſtets Euch folgſam ſeyn. Cap. Schickt nach dem Grafen, geht und ſagt ihm dies. Gleich morgen fruͤh will ich dies Band geknupft ſehn. Jul. Ich traf den jungen Grafen bei Lorenzo, Und alle Huld und Lieb' erwies ich ihm, So das Geſetz der Zucht nicht uͤbertritt. Cap. Nun wohl! das freut mich, das iſt gut.— Steh' auf! So iſt es recht.— Laßt mich den Grafen ſehn. Potztauſend! geht, ſag' ich, und holt ihn her.— So wahr Gott lebt, der wuͤrd'ge fromme Pater, Von unſrer ganzen Stadt verdient er Dank. Jul. Kommt, Amme! wollt Ihr mit mir auf mein Zimmer? Mir helfen Putz erleſen, wie Ihr glaubt, Daß mir geziemt, ihn morgen anzulegen? Graf. Cap. Nein, nicht ſnſn es hat noch eit. Cap. Geh' mit ihr, Amme! morgen geht's zur Kirche. (Julia und die Amme ab.) Gräf. Cap. Die Zeit wird kurz zu unſter Anſtalt fallen: Es iſt faſt Nacht. Cap. Blitz! ich will friſch mich ruͤhren, Und alles ſoll ſchon gehn, Frau, dafuͤr ſteh' ich. Geh' du zu Julien, hilf an ihrem Putz. Ich gehe nicht zu Bett: laßt mich gewahren. Spz. 3. Romeo und Julia. 257 Ich will die Hausfrau diesmal machen.— Heda!— Kein Menſch zur Hand?— Gut, ich will ſelber gehn Zum Grafen Paris, um ihn anzutreiben Auf morgen fruͤh: mein Herz iſt mächtig leicht, Seit dies verkehrte Maͤdchen ſich beſonnen. (Capulet und die Gräfin ab.) D it Juliens Kammer. (Julia und die Wärterin⸗) Julia. Ja, dieſer Anzug iſt der beſte.— Doch Ich bitt dich, liebe Amme, laß mich nun Fuͤr dieſe Nacht allein; denn viel Gebete Thun Noth mir, um den Himmel zu bewegen, Daß er auf meinen Zuſtand gnädig laͤchle, Der, wie du weißt, verderbt und ſundlich iſt. (Gräfin Capulet kömmt.) Graͤf. Cap. Seyd Ihr Llte6 Braucht Ihr meine uͤlfe?„ Jul. Nein, gnäd'ge Mucter, wir erwäͤhlten ſchon Zur Tracht fuͤr morgen alles Zubehör. Gefaͤllt es Euch, ſo laßt mich jetzt allein, Und laßt zu Nacht die Amme mit Euch wachen; Denn ſicher habt Ihr alle Haͤnde voll Bei dieſer eil'gen Anſtalt. Graäf. Cap. Gute Nacht! Geh' nun zu Bett', und ruh'z du haſt es noͤthig. (Gräfin Capulet und die Wärterin ab.) Jul. Lebt wohl!— Gott weiß, wann wir uns wiederſehn. Falt rieſelt matter Schau'r durch meine Adern, Der faſt die Lebenswaͤrm“ erſtarren macht. Ich will zuruͤck ſie rufen mir zum Troſt.— Amme!— Doch was ſoll ſie hier?— Mein duͤſteres Spiel muß ich allein vollenden. IX. 17 258 Romeo und Julia. A. IV. Komm du, mein Kelch!— Doch wie? wenn dieſer Trank nun gar nichts wirkte,— Wird man mich morgen mit Gewalt vermaͤhlen? Nein, nein! dies ſoll's verwehren.— Lieg' du hier.— (Sie legt einen Dolch neben ſich.) Wie? waͤr' es Gift, das mir mit ſchlauer Kunſt Der Moͤnch bereitet, mir den Tod zu bringen, Auf daß ihn dieſe Heirath nicht entehre, Weil er zuvor mich Romeo'n vermaͤhlt? So, fuͤrcht' ich, iſt's; doch, duͤnkt mich, kann's nicht ſeyn, Denn er ward ſtets ein frommer Mann erfunden.— Wie aber? wenn ich, in die Gruft gelegt, Erwache vor der Zeit, da Romeo Mich zu erloͤſen kommt? Furchtbarer Fall! Werd' ich dann nicht in dem Gewoͤlb' erſticken, Deß gift'ger Mund nie reine Luͤfte einhaucht, Und ſo erwuͤrgt da liegen, wann er kommt? Und leb' ich auch, koͤnnt' es nicht leicht geſchehn, Daß mich das grauſe Bild von Tod und Nacht, Zuſammen mit den Schrecken jenes Ortes, Dort im Gewoͤlb' in alter Katakombe, Wo die Gebeine aller meiner Ahnen Seit vielen hundert Jahren aufgehaͤuft, Wo friſch beerdigt erſt der blut'ge Tybalt Im Leichentuch' verweſ't; wo, wie man ſagt, In mitternaͤcht'ger Stunde Geiſter hauſen— Weh, weh! koͤnnt' es nicht leicht geſchehn, daß ich Zu fruͤh erwachend— und nun ekler Dunſt, Gekreiſch wie von Alraunen, die man aufwuͤhlt, Das Sterbliche, die's hoͤren, ſinnlos macht— O wach' ich auf, werd' ich nicht raſend werden, Umringt von all' den graͤuelvollen Schrecken, Und toll mit meiner Vaͤter Glieder ſpielen? Und Tybalt aus dem Leichentuche zerren? Und in der Wuth, mit eines großen Ahnherrn Gebein, zerſchlagen mein zerruͤttet Hirn? O ſeht! mich duͤnkt, ich ſehe Tybalts Geiſt! Er ſpaͤht nach Romeo, der ſeinen Leib Auf einen Degen ſpießte.— Weile, Tybalt!— O Romeo! O Romeo! hier der Trank, den trink' ich dir! (Sie wirft ſich auf das Bette.) Sz. 4. Romeo und Julia. 2⁵9 Vi erte S ene Ein Saal in Capulets Hauſe. (Gräfin Capulet und die Wärterin.) Gräfin Capulet. Da, nehmt die Schluͤſſel, holt noch mehr Gewuͤrz. Waͤrt. Sie wollen Quitten und Orangen haben In der Konditorei. (Capulet kömmt.) Cap. Kommt, ruͤhrt Euch! ſchon kraht der zweite n. a Die Morgenglocke laͤutet;'s iſt drei Uhr. Sieh' nach dem Backwerk, Frau Angelika, Spar' nichts daran. Wärt. Topfgucker! geht nur, geht! Macht Euch zu Bett!— Gelt, Ihr ſeyd morgen krank, Wenn Ihr die ganze Nacht nicht ſchlaft. Si Kein Bischen! Was? ich hab' um Kleiner's wohl Die Nächte durchgewacht, und war nie krank. Gräf. Cap. Ja, ja! Ihr wart ein feiner Vogelſteller Zu Eurer Zeit! Nun abet will ich Euch Vor ſolchem Wachen ſchon bewachen. (Gräfin und Wärterin ab.) Cap. O Eheſtand! o Weheſtand! Nun, Kerl', Was bringt Ihr da? (Bediente mit Bratſpießen, Scheiten und Körben gehen über die Bühne.) 1. Bed.»S iſt fuͤr den Koch, Herr; was, das weiß ich nicht. Cap. Macht zu, macht zu!(Bedienter ab.) Hol' trockne Klöße, Burſch! Ruf' Petern, denn der weiß es, wo ſie ſind. 2. Bed. Braucht Ihr'nen Klotz Herr, bin ich ſelber da Und hab' nicht nöthig, Petern anztigehn. 3 Cap. Blitz gut geſagt! Ein luſt'ger Teufel! ha Du ſollſt das Haupt der Klötze ſeyn.— behlhnſhe »S iſt Tag; der Graf wird mit Muſik gleich kommen. 17* 260 Romeo und Julia. A. IV. Das woll' er, ſagt' er ja: ich hoͤr' ihn ſchon. (Muſik hinter der Szene.) Frau! Waͤrterin! He, ſag' ich, Waͤrterin! (Die Wärterin kömmt.) Weckt Julien auf! Geht, putzt mir ſie heraus; Ich geh' indeß und plaudre mit dem Grafen. Eilt Euch, macht fort! Der Braut'gam iſt ſchon da. Fort! ſag' ich Euch. Cab.) F uͤnfte Szene. Juliens Kammer. Julis auf dem Bette. (Die Wärterin kömmt.) Wärterin. Fraͤulein! Nun, Fraͤulein!— Julia!— Nun, das ſchlaͤft!— He, Lamm! he, Fraͤulein!— Pfui, Langſchlaͤferin!— Mein Schaͤtzchen, ſag' ich! Suͤßes Herz! Mein Braͤutchen!— Was? nicht ein Laut?— Ihr nehmt Eu'r Theil voraus, Schlaft fuͤr'ne Woche, denn ich ſteh' dafuͤr, Auf naͤchſte Nacht hat ſeine Ruh' Graf Paris Daran geſetzt, daß Ihr nicht ruhen ſollt.— Behuͤt' der Herr ſie! Wie geſund ſie ſchlaͤft! Ich muß ſie aber wecken.— Fraͤulein! Fraͤulein! Laßt Euch den Grafen nur im Bett' ertappen, Der wird Euch ſchon ermuntern: meint Ihr nicht?— Was? ſchon in vollen Kleidern? und ſo wieder Sich hingelegt? Ich muß durchaus Euch wecken. He, Fraͤulein! Fraͤulein! Fraͤulein!— Daß Gott! daß Gott! Zu Huͤlfe! ſie iſt todt! Ach, liebe Zeit! mußt' ich den Jammer ſehn!— Holt Spiritus! He, gnäd'ger Herr! Frau Graͤfin! (Gräfin Capulet kömmt.) Graͤf. Cap. Was iſt das fur ein Larm? Graͤf. Cap. Was giebt's? Waͤrt. O Ungluͤckstag! Sz. 5. Romeo und Fulia. 261 Waͤrt. Seht, ſeht nur! O betrübter Tag! Graͤf. Cap. O weh! o Leh Mein Kind! mein einzig eben! Erwach'! leb' auf! Ich ſterbe ſonſt mit dir. O Huͤlfe! Huͤlfe! ruft doch Huͤlfe! (Capulet kömmt.) Lap. Schaͤmt Euch! bringt Julien her! Der Graf iſt ba. wit. Ach ſie iſt todtl verblichen! todt! o Wehe! Graͤf. Cap. O Wehe! Wehe! ſie iſt todt, todt, todt! S Laßt mich ſie ſehn!— Gott helf“ uns! Sie iſt kalt! Ihr Blut ſteht ſtilt, die Glieder ſind ihr ſtarr; Von dieſen Lippen ſchied das Leben laͤngſt, Der Tod liegt auf ihr, wie ein Maienfroſt Auf des Gefildes ſchonſter Blume liegt. Wärt. O Ungluͤckstag! Gräf. Cap. O jammervolle Stunbe! Cap. Der Tod, der mir ſie nahm, mir Klagen aus⸗ zupreſſen, Er bindet meine Zung' und macht ſie ſtumm. Bruder Lorenzo, Graf Paris und Muſikanten treten auf.) Lor. Kommt! Iſt die Braut bereit zur Kirch' zu gehn? Cap. Bereit zu gehn, um nie zuruͤck zu kehren. D Sohn! die Nacht vor deiner Hochzeit buhlte Der Tod mit deiner Braut. Sieh', wie ſie liegt, Die Blume, die in ſeinem Arm verbluͤhte. Mein Eidam iſt der Tod, der Tod mein Erbe; Er freite meine Tochter. Ich will ſterben, Ich laſſ' ihm all des Lebens Lebens⸗Unterhalt, Dem Tod iſt alles. Par. Hab' ich nach dieſes Morgens Licht geſchmachtet, Und bietet es mir ſolchen Anblick dar? Gräf. Cap. Unſeliger, verhaßter, ſchwarzer Tag! Der Stunden jammervollſte, ſo die Zeit Seit ihrer langen Pilgerſchaft geſehn. Nur eins, ein einzig armes, liebes Kind, Ein Weſen nur, mich dran zu freu'n, zu laben; Und grauſam riß es mir der Tod hinweg. Wärt. O Weh! o Jammer— Jammer— Jammertag! Hochſt ungluͤckſel'ger Tag! betruͤbter Tag, 262 Romeo und Julia. A. IV. Den ich nur jemals, jemals hab' erlebt, O Jammer⸗Jammer⸗Tag, verhaßter Tag, Solch' ſchwarzen Tag wie dieſen gab es nie. O Jammertag! o Jammertag! Par. Beruͤckt! geſchieden! ſchwer gekraͤnkt! erſchlagen! Fluchwuͤrd'ger, arger Tod, durch dich beruͤckt! Durch dich ſo grauſam, grauſam hingeſtuͤrzt! O Lieb'! o Leben! nein, nur Lieb' im Tode! Cap. Verhoͤhnt! bedräͤngt! gehaßt! zermalmt! getödtet!— Troſtloſe Zeit! weswegen kamſt du jetzt Zu morden, morden unſer Freudenfeſt?— O Kind! Kind!— meine Seel' und nicht mein Kind!— Jodt biſt du?— Wehe mir! mein Kind iſt todt, Und mit dem Kinde ſtarben meine Freuden. Lor. Still! ſchaͤmt Euch ſ Verzweiflung! Nicht ſpricht ram Verzweifelnd ſo. Ihr theiltet mit dem Himmel Dies ſchoͤne Madchen, nun hat er ſie ganz, Und um ſo beſſer iſt es fuͤr das Maͤdchen. Ihr konntet Euer Theil nicht vor dem Tod' Bewahren; ſein's bewahrt im ew'gen Leben Der Himmel. Sie erhoͤh'n, war Euer Ziel; Eu'r Himmel war's, wenn ſie erhoben wuͤrde: Und weint Ihr nun, erhoben ſie zu ſehn Boc uͤber Wolken, wie der Himmel hoche „wie verkehrt doch Euer Lieben iſt! Verzweifelt Ihr, weil Ihr ſie glucklich wißt? Die lang' vermaͤhlt lebt, iſt nicht wohl vermaͤhlet; Wohl iſt vermaͤhlt, die fruͤh der Himmel wählet. Hemmt Eure Thraͤnen, ſtreuet Rosmarin Auf dieſe ſchoͤne Leich', und, nach der Sitte, Tragt ſie zur Kirch' in ihrem beſten Staat. Denn heiſcht gleich die Natur ein ſchmerzlich Sehnen, So lacht doch die Vernunft bei ihren Thraͤnen. CLap. Was wir nun irgend feſtlich angeſtellt, Kehrt ſich von ſeinem Dienſt zu ſchwarzer Trauer. Das Spiel der Saiten wird zum Grabgelaͤut, Die Hochzeitluſt zum ernſten Leichenmahl, Aus eierliedern werden Todtenmeſſen, Den Leichnam ſchmückt der Blumenktanz der Braut, alles 64 4 S 6 ige 5 or. Verlaßt ſie, Herr; geht mit ihm, gnaͤd'ge Frau; Auch Ihr, Graf Paris; macht Euch alle fertig, Sz. 5. Romeo und Julia. 263 Der ſchoͤnen Leiche hin zur Gruft zu folgen. Der Himmel zuͤrnt mit Euch um ſuͤnd'ge That; Reizt ihn nicht mehr, gehorcht dem hohen Rath. (Capulet, Gräfin Capulet, Paris und Lorenzo ab.) 1. Muſ. Mein Seel“! wir können unſte Pfeifen auch nur einſtecken und uns packen. Wärt. Ihr guten Leute, ja, ſteckt ein! ſteckt ein! Die Sachen hier ſehn gar erbaͤrmlich aus.(ab.) 2. Muſ. Geigt auf ſein Inſtrument.) Ja, meiner Treu, die Si hier konnten wohl beſſer ausſehen, aber ſie klingen och gut. Pet. O Muſikanten! Muſikanten! ſpielt: „Friſch auf, mein Herz! friſch auf, mein Herz, und ſinge!“ O ſpielt, wenn Euch mein Leben lieb iſt, ſpielt: „Friſch auf, mein Herz!“ 1. Muſ. Warum:„Friſch auf, mein Herz?“ et. O Muſikanten, weil mein Herz ſelber ſpielt: „Mein Herz voll Angſt und Nothen.“ O ſpielt mir eine luſtige Litanei! um mich aufzurichten. 2. Nichts da von tanei! Es iſt jetzt nicht Spie⸗ ens Zeit. Pet. Ihr wollt es alſo nicht? Wuſ. Nein. Pet. Nun, ſo will ich es Euch ſchon eintranken. 1. Muſ. Was wollt Ihr uns eintraͤnken? Pet. Keinen Wein, wahrhaftig; ich will Euch Eure In⸗ ſtrumente um den Kopf ſchlagen. Ich will Euch befa— ſol— laen. Das notirt Euch. 3 Muſ. Wenn Ihr uns befa— ſol— laet, ſo notirt Ihr uns. Pet. Hoͤrt, ſpannt mir einmal Eure Schaafsköpfe, wie die Schaafsdaͤrme an Euren Geigen. Antwortet verſtaͤndlich: „Wenn in der Leiden hartem Drang „Das bange Herze will erliegen, „Muſik mit ihrem Silberklang“— Warum„Silberklang?“ warum„Muſik mit ihrem Silber⸗ klang?“ Was ſagt Ihr, Hans Kolophonium? 1. Wuſ. Ei nun, Musje, weil Silber einen feinen Klang hat. Pet. Recht artig! Was ſagt Ihr, Michel Hackebret? 2. Muſ. Ich ſage„Silberklang,“ weil Muſik nur fuͤr Silber klingt. 264 Romeo und Julia. A. V. Pet. Auch recht artig! Was ſagt Ihr, Jakob Gellohr? 3. Muſ. Mein Seel', ich weiß nicht, was ich ſagen ſoll. Pet. O, ich bitte Euch um Vergebung! Ihr ſeyd der Saͤnger, Ihr ſingt nur; ſo will ich es denn fur Euch ſagen. Es heißt„Muſik mit ihrem Silberklang,“ weil ſolch Pu ſikantenvolk wohl nur ſelten Gold fuͤr's Spielen kriegt. „Muſik mit ihrem Silberklang „Weiß huͤlfreich ihnen obzuſiegen.“ (Geht ſingend ab.) 1. Wuſ. Was fuͤr ein Schalksnarr iſt der Kerl? 2. Muſ. Hol' ihn der Henker! Kommt, wir wollen hier hineingehn, auf die Trauerleute warten, und ſehen, ob es nichts zu eſſen giebt, (Alle ab.) Fünfter Aufzug. Erſte Szene. Mantua. Eine Straße. (Romeo tritt auf.) Romeo. Hält mir das Schmeichelwort des Schlafes Wort, So deuten meine Traͤum' ein nahes Gluͤck. Leicht auf dem Thron ſitzt meiner Bruſt Gebieter; Mich hebt ein ungewohnter Geiſt mit frohen Gedanken dieſen ganzen Tag empor. Mein Maͤdchen, traͤumt' ich, kam und fand mich todt Seltſamer Traum, der Todte denken laͤßt!) nd hauchte mir ſolch Leben ein mit Kuͤſſen, Daß ich vom Tod' erſtand, und Kaiſer war. Ach Herz! wie ſuß iſt Liebe ſelbſt begabt, Da ſchon ſo reich an Freud' ihr Schatten iſt. (Balthaſar tritt auf.) Ha, Neues von Verona! Sag', wie ſteht's? Sz. 1. Romeo und Julia. 265 Bringſt du vom Pater keine Briefe mit? Was macht mein theures Weib? Wie lebt mein Vater? Iſt meine Julie wohl? das frag' ich wieder; Denn nichts kann uͤbel ſtehn, geht's ihr nur wohl. Balth. Nun, ihr geht's wohl, und nichts kann uͤbel ſtehn. Ihr Koͤrper ſchlaͤft in Capulets Begraͤbniß, Und ihr unſterblich Theil lebt bei den Engeln, Ich ſah' ſie ſenken in der Väter Gruft, Und ritt in Eil' hieher, es Euch zu melden. O Herr, verzeiht die ſchlimme Botſchaft mir, Weil Ihr dazu den Auftrag ſelbſt mir gabt. Rom. Iſt es denn ſo? Ich biet Euch Trotz, ihr terne!— Du kennſt mein Haus: hol' mir Papier und Dinte Und miethe Pferde; ich will fort zu Nacht. Balth. Ich bitte, habt Geduld, mein gnaͤd'ger Herr! Ihr ſeht ſo blaß und wild, und Eure Blicke Weiſſagen Ungluͤck. Rom. Nicht doch, du betruͤgſt dich. Laß mich, und thu', was ich bich heiße thun. Haſt du fuͤr mich vom Pater keine Briefe? Balth. Nein, beſter Herr. Rom. Es thut nichts; mach' dich auf Und miethe Pferd', ich komme gleich zu Haus. (Balthaſar ab.) Wohl, Julia! heute Nacht ruh' ich bei dir. Ich muß auf Mittel ſinnen.— O wie ſchnell Draͤngt Unheil ſich in der Verzweiflung Rath! Mir faͤllt ein Apotheker ein; er wohnt Hier irgendwo herum.— Ich ſah ihn neulich, Lerlumpt, die Augenbraunen uͤberhangend; Er ſuchte Kräuter aus; hohl war ſein Blick, Ihn hatte herbes Elend ausgemergelt; Ein Schildpat hing in ſeinem duͤrft'gen Lahen, Ein ausgeſtopftes Krokodill, und Häute Von mißgeſtalten Fiſchen: auf dem Sims Ein bettelhafter Prunk von leeren Buͤchſen, Und gruͤne Töpfe, Blaſen, muͤff'ger Saamen, Vindfaden⸗Endchen, alte Roſ enkuchen, Das alles duͤnn vertheilt, zur Schau zu dienen. Betrachtend dieſen Mangel, ſagt' ich mir: Beduͤrfte Jemand Gift hier, deß Verkauf 266 Romeo und Julia. A. V. In Mantua ſogleich zum Tode fuͤhrt, Da lebt ein armer Schelm, der's ihm verkaufte. O, der Gedanke zielt auf mein Beduͤrfniß, Und dieſer duͤrft'ge Mann muß mir's verkaufen. So viel ich mich entſinn', iſt dies das Haus: Weil's Feſit iſt, ſchloß ſeinen Kram der Bettler. He! holla! Apotheker! (Der Apotheker kommt heraus.) Apoth. Wer ruft ſo laut? Rom. Mann, komm hieher!— Ich ſehe, du biſt arm. Nimm, hier ſind vierzig Stuͤck Dukaten: gieb. Mir eine Doſe Gift; ſolch ſcharfen Stoff, Der ſchnell durch alle Adern ſich vertheilt, Daß todt der lebensmuͤde Trinker hinfaͤllt, Und daß die Bruſt den Odem von ſich ſtößt So ungeſtuͤm, wie ſchnell entzuͤndet Pulver Aus der Kanone furchtbar'm Schlunde blitzt. Apoth. So todtliche Arzneien hab' ich wohl, Doch Mantua's Geſetz iſt Tod fur jeden, Der feil ſie giebt. Rom. Biſt du ſo nackt und bloß, Von Plagen ſo bedruckt, und ſcheuſt den Tod? Der Hunger ſitzt in deinen hohlen Backen, Poth und Bedraͤngniß darbt in deinem Blick, Bett'lei, Verachtung hängt auf deinem Ruͤcken, Die Welt iſt nicht dein Freund, noch ihr Geſetz; Die Welt hat kein Geſetz, dich reich zu machen: Drum ſey nicht arm, brich das Geſetz und nimm. Apoth. Nur meine Armuth, nicht mein Wille weicht. Rom. Nicht deinem Willen, deiner Armuth zahl ich. Apoth. Thut dies in welche Fluͤſſigkeit Ihr wollt, Und trinkt es aus; und haͤttet Ihr die Staͤrke Von Zwanzigen, es huͤlf? Euch gleich davon. Rom. Da iſt dein Gold, ein ſchlimm'res Gift den Seelen Der Menſchen, das in dieſer eklen Welt Mehr Mord veruͤpt als dieſe armen Tränkchen, Die zu verkaufen dir verboten iſt. Ich gebe Gift dir; du verkaufſt mir keins. Leb' wohl, kauf' Speiſ' und füttre dich heraus!— Komm„Staͤrkungstrank, nicht Gift! Begleite mich Zu Juliens Grab, denn da bedarf ich dich. (Beide ab.) ——— Sz. 2. Romeo und Julia. 267 8⸗ we i e S z en 6 Lorenzo's Zelle. (Bruder Marcus kömmt.) Wareus. Ehrwuͤrd'ger Bruder Franziscaner! he! (Bruder Lorenzo kömmt.) Lor. Das iſt ja wohl des Bruders Marcus Stimme— Willkommen mir von Mantua! Was ſagt Denn Romeo? faßt er es ſchriftlich ab, So gieb den Brief. Warc, Ich ging, um einen Bruder Baarfuͤßer unſers Ordens, der den Kranken In dieſer Stadt hier zuſpricht, zum Geleit' Mir aufzuſuchen; und da ich ihn fand, Argwoͤhnten die dazu beſtellten Spaͤher, Wir waͤren beid' in einem Hauf', in welchem Die boͤſe Seuche herrſchte, ſiegelten Die Thuͤren zu, und ließen uns nicht gehn. Dies hielt mich ab, nach Mantun zu eilen. Lor. Wer trug denn meinen Brief zum Romeo? Wiare. Da haſt du ihn, ich konnt' ihn nicht beſtellen: Ihn dir zu bringen, fand kein Bote ſich, So bange waren ſie vor ſ Lor. Unſel'ges Mißgeſchick! Bei meinem Orden! Nicht eitel war der Briefz ſein Inhalt war Von theuren Dingen, und die Saͤumniß kann Gefaͤhrlich werden. Bruder Marcus, geh', Hol' ein Brecheiſen mir, und bring's ſogleich In meine Zelb. Warc. Ich geh' und bring's dir, Bruder. Cab.) Lor. Ich muß allein zur Gruft nun. Innerhalb Drei Stunden wird das ſchoͤne Kind erwachen; Verwuͤnſchen wird ſie mich, weil Romeo Vom ganzen Vorgang nichts erfahren hat. Doch ſchreib' ich gleich auf's neu' nach Mantua. Und berge ſie ſo lang' in meiner gell' Bis ihr Geliebter kömmt. Die arme Seele! Lebend'ge Leich' in dumpfer Grabeshoͤhle! Cer geht ab.) 268 Romeo und Julia. A. V. D r i tt e S z„e Ein Kirchhof; auf demſelben das Familienbegräbniß der. Capulet's. (Paris und ſein Page, mit Blumen und einer Fackel, treten auf.) Paris. Gieb mir die Fackel, Knab', und halt' dich fern.— Nein, liſch ſie aus; man ſoll mich hier nicht ſehn. Dort unter jenen Ulmen ſtreck' dich hin, Und leg' dein Ohr dicht an den hohlen Grund: So kann kein Fuß auf dieſen Kirchhof treten, Der locker aufgewuͤhlt von vielen Gräbern, Daß du's nicht hoͤreſt; pfeife dann mir zu, Zum Zeichen, daß du etwas nahen hoͤrſt. Gieb mir die Blumen, thu' wie ich dir ſagte. Page. Faſt grauet mir, ſo auf dem Kirchhof hier Allein zu bleiben, doch ich will es wagen. Centfernt ſich.) Par. Auf's Brautbett, ſuͤße Blume, Blumen ſtreu' ich; Dein Umhang, wehe mir! ſind Stein' und Aſche, Dein Grab mit ſuͤßem Duft naͤchtlich erfreu' ich, Wenn ich den Stein mit Schmerzens-Thraͤnen waſche;* Allnaͤchtlich ſey die Leichenfeier, Reine, 3 Daß ich die Gruft ſo ſchmuͤck' und dich beweine. (der Knabe pfeift.) Der Bube giebt ein Zeichen; jemand naht. Welch' ein verdammter Fuß koͤmmt dieſes Wegs Und ſtört die Leichenfeier frommer Liebe? Mit einer Fackel? wie? Verhuͤlle, Nacht, Ein Weilchen mich. C(er tritt bei Seite.) (Romeo und Valthaſar mit einer Fackel, Haue u. ſ. we) Rom. Gieb mir das Eiſen und die Haue her. Nimm dieſen Brief: fruͤh Morgens ſiehe zu, Daß du ihn meinem Vater uͤberreichſt. Gieb mir das Licht! auf's Leben bind' ich's dir, Was du auch hoͤrſt und ſiehſt, bleib in der Ferne, Und unterbrich mich nicht in meinem Thun. Ich ſteig' in dieſes Todesbett' hinab, Sz. 3. Romeo und Julia. 269 Theils meiner Gattin Angeſicht zu ſehn, Vornaͤmlich aber einen koſtbar'n Ring Von ihren todten Fingern abzuziehn, Den ich zu einem wicht'gen Werk bedarf. Drum auf, und geh'! Und kehreſt du zuruck, Vorwitzig meiner Abſicht nachzuſpaͤhn, Bei Gott! ſo reiß' ich dich in Stuͤcke, ſaͤe Auf dieſen gier'gen Boden deine Glieder. Die Nacht und mein Gemuͤth ſind wuͤthend⸗wild; Viel grimmer und viel unerbittlicher Als durſt'ge Tieger und die wuͤſte See. Balth. So will ich weggehn, Herr, und Euch nicht ſtören. Rom- Dann thuſt du als Sete Nimm, guter enſch, Leb und ſey gluͤcklich, und gehab' dich wohl. Balth.(für ſich.¾) Trotz allen i will ich mich hier ver⸗ ecken; Ich trau' ihm nicht, ſein Blick erregt mir Schrecken. Centfernt ſich.) Rom. HO du verhaßter Schlund! du Bauch der Todes! Der du der Erde Koͤſtlichſtes verſchlangſt, So brech' ich deine morſchen Kiefern auf. Und will, zum Trotz, noch mehr dich uberfuͤllen. Cer bricht die Thüre des Gewölbes auf.) Par. Ha! der verbannte, ſtolze Montague, Der Juliens Vetter mordete! man glaubt An dieſem Grame ſtarb das holde Weſen, S kommt er nun, um niedertraͤcht'gen Schimpf en Leichen anzuthun; ich will ihn greifen.— (tritt hervor.) Laß dein verruchtes Werk„du Montague! Wird Rache uber'n Tod hinaus verfolgt? Verdammter Bube! ich verhafte dich; Gehorch' und folge mir, denn du mufßt ſterben. Kom. Fuͤrwahr, das muß ich: darum kam ich her. Verſuch' nicht, guter Juͤngling, den Verzweifelnden! Entflieh', und laß mich; denke dieſer Todten! Laß ſie dich ſchrecken!— Ich beſchwoͤr' dich, Juͤngling, Lad' auf mein Haupt nicht eine neue Suͤnde, Wenn du zur Wuth mich reizeſt; geh', o geh', Bei Gott, ich liebe mehr dich als mich ſelbſt, 270 Romeo und Julia. A. V. Denn gegen mich gewaffnet komm ich her. Fort! eile! leb' und nenn' barmherzig ihn, Den Raſenden, der dir gebot zu fliehn! Par. Ich kuͤmmre mich um dein Erbarmen nicht, Und greife dich als Miſſethaͤter hier. Rom. Willſt du mich zwingen? Knabe ſieh' dich vor! (ſie fechten.) age. Sie fechten! Gott: ich will die Wache rufen. ar. O ich bin hin!(fällt.) Haſt du Erbarmen, oͤffne Die Gruft, und lege mich zu Julien. (er ſtirbt.) Rom. Auf Ehr', ich will's.. ſein Geſicht mich aun. Mercutio's edler Vetter iſt's, Graf Paris. Was ſagte doch mein Diener, weil wir ritten, Als die beſtuͤrmte Seel' es nicht vernahm?— Ich glaube: Julia habe ſich mit Paris Vermaͤhlen ſollen; ſagt' er mir nicht ſo? Wie, oder traͤumt' ich's? oder bild ichs mir Im Wahnſinn ein, weil er von Julien ſprach? O gieb mir deine Hand, du, ſo wie ich In's Buch des herben Unglucks eingezeichnet! Ein ſiegeprangend Grab ſoll dich empfangen. Ein Grab? Nein, eine Leucht', erſchlagner Juͤngling! Denn hier liegt Julia: ihre Schoͤnheit macht Zur lichten Feierhalle dies Gewoͤlb'. Da lieg' begraben, Tod, von einem Todten!— (er legt den Paris in das Begräbniß.) Wie oft ſind Menſchen, ſchon des Todes Raub, Moch froͤhlich worden! Ihre Waͤrter nennen's Den letzten Lebensblitz. Wohl mag dann dies Ein Blitz mir heißen.— O mein Herz! mein Weib! Der Tod, der deines Odems Balſam ſog, Hat uͤber deine Schoͤnheit nichts vermocht. Poch biſt du nicht beſiegt: der Schoͤnheit Fahne Weht purpurn noch auf Lipp' und Wange dir; Hier pflanzte nicht der Tod ſein bleiches Banner.— Liegſt du da, Tybalt, in dem blut'gen Tuch? D, welchen groͤßern Dienſt kann ich dir thun, Als mit der Hand, die deine Jugend faͤllte, Deß Jugend, der dein Feind war, zu zerreißen? Vergieb mir, Vetter!— Liebe Julia, — ——— Sz. 3. Romeo und Julia. 271 Warum biſt du ſo ſchoͤn noch? Sooll ich glauben— Ja, glauben will ich(komm, lieg' mir im Arm 0) Der koͤrperloſe Tod entbrenn' in Liebe, Und der verhaßte, hagre Unhold halte Als ſeine Buhle hier im Dunkeln dich. Aus Furcht davor will ich dich nie verlaſſen, Und will aus dieſem Pallaſt dichter Nacht Nie wieder weichen. Hier, hier wil ich bleiben Mit Wuͤrmern, ſo dir Dienerinnen ſind. O, hier bau' ich die ew'ge Ruhſtatt mir, Und ſchuttle von dem lebensmuͤden Leibe Das Joch feindſeliger Geſtirne.— Augen, Blickt euer Letztes! Arme„nehmt die letzte Umarmung! und, o Lippen, ihr, die Thore Des Odems, ſiegelt mit rechtmaͤß'gem Kuſſe Den ewigen Vertrag dem Wuchrer Tod. Komm, bittrer Fuͤhrer! widriger Gefaͤhrt'“! Verzweifelter Pilot! Nun treib' auf einmal Dein ſturmerkranktes Schiff in Felſenbrandung! Dies auf dein Wohl, wo du auch ſtranden magſt! Dies meiner Lieben!— Cer trinkt.)— O wackrer Apotheker, Dein Trank wirkt ſchnell.— Und ſo im Kuſſe ſterb' ich. Cer ſtirbt.) (Bruder Lorenzo kömmt am andern Ende des Kirchshofes mit Laterne, Brecheiſen und Spaten.) Lor. Helf' mir Sanct Franz! Wie oft ſind uͤber Lei en Nicht meine alten Fuͤße ſchon geſtolpert; 6 Wer iſt da? Balth. Ein Freund„und einer, dem Ihr wohl bekannt. Lor. Gott ſegne dich! Sag' mir, mein guter Freund, Welch' eine Fackel iſt's, die dort ihr Licht Umſonſt den Wuͤrmern leiht und blinden Schädeln? Mir ſcheint, ſie brennt in Capulet's Begraͤbniß. Balth. Ja, wuͤrd'ger Pater, und mein Herr iſt dort, Ein Freund don Euch. Lor. Wer iſt es? Balth. Romeo. Lor. Wie lange ſchon? Balth. Voll eine halbe Stunde. Lor. Geh' mit mir zu altb. Ich darf nicht, Herr. Mein Herr weiß anders nicht, als ich ſey fort, 2 Romeo und Julia. A. W. Und drohte furchtbarlich den Tod mir an, Blieb' ich, um ſeinen Vorſatz auszuſpaͤhn. 1 PLor. So bleib', ich geh' allein.— Ein Graun befaͤllt mich; O, ich befuͤrchte ſehr ein ſchlimmes Ungluͤck! Balth. Als ich hier ſchlief unter dem Eibenbaum, Traͤumt' ich, mein Herr und noch ein Andrer foͤchten, Und er erſchluͤge jenen. Lor. Romeo!(er geht weiter nach vorn.) O wehe, weh mir! Wos fuͤr Blut befleckt Die Steine hier an dieſes Grabmahls Schwelle? Was wollen dieſe herrenloſen Schwerter, Daß ſie verfaͤrbt hier liegen an der Staͤtte Des Friedens?(er geht in das Begräbnißd) Romeo?— Ach, bleich! Wer ſonſt? Wie? Paris auch? und in ſein Blut getaucht?— O welche unmitleid'ge Stund' iſt ſchuld An dieſer klaͤglichen Begebenheit?— Das Fraͤulein regt ſich. Jul.(erwachend.) O Troſtesbringer! wo iſt mein Gemahl? Ich weiß recht gut noch, wo ich ſollte ſeyn,. Da bin ich auch.— Wo iſt mein Romeo? (Geräuſch von Kommenden.) Lor. Ich hoͤre Laͤrm.— Kommt, Fraͤulein, flieht die Grube Des Tod's, der Seuchen, des erzwungnen Schlafs; Denn eine Macht, zu hoch dem Widerſpruch, Hat unſern Rath vereitelt. Komm, o komm! Dein Gatte liegt an deinem Buſen todt, Und Paris auch; komm, ich verſorge dich Bei einer Schweſterſchaft von heil'gen Nonnen. Verweil' mit Fragen nicht; die Wache koͤmmt. Geh', gutes Kind!(Geräuſch hinter der Scene.) Ich darf nicht laͤnger bleiben.(ab.) Jul. Geh' nur, entweich'! denn ich will nicht von hin⸗ nen.— Waos iſt das hier? Ein Becher, feſtgeklemmt In meines Trauten Hand?— Gift, ſeh' ich, war Sein Ende vor der Zeit.— O Boͤſer! alles Zu trinken, keinen gut'gen Tropfen mir Zu goͤnnen, der mich zu dir braͤcht'?— Ich will Dir deine Lippen kuͤſſen. Ach, vielleicht Haͤngt noch ein wenig Gift daran, und laͤßt mich An einer Labung ſterben.(ſie küßt ihn.) Deine Lippen Sind warm.— — ————— Sz. 3. Romeo und Julia. 273 Wacht. Chinter der Szene.) Wo iſt es, Knabe? Fuhr uns. Jul. Wie? Laͤrm?— dann ſchnell nur.— Cſie ergreift Romeo's Dolch.) O willkommner Dolch! Dies werde deine Scheide.(erſticht ſich.) Roſte da Und laß mich ſterben. Cſie faͤllt auf Romeo's Leiche, und ſtirbt. (Wache mit dem Pagen des Paris.) Dies iſt der Ort, da, wo die Fackel brennt. 1. Wächt. Der Boden iſt S ſucht auf dem irchhof⸗ Ein Paar von Eich; geht, greifet, wen Ihr trefft. (Einige von der Wache ab.) Betruͤbt zu ſehn! Hier liegt der Graf erſchlagen, Und Julia blutend, warm und kaum verſchieden, Die ſchon zwei Tage hier begraben lag.— Geht, ſagt's dem Fürſten! weckt die Capulets! Lauf zu den Montagues! Ihr Andern, ſucht! (andre Wächter ab.) Wir ſehn den Grund, der dieſen Jammer trägt: Allein den wahren Grund des bittern Jammers Erfahren wir durch naͤh're Kundſchaft nur. (Einige von der Wache kommen mit Balthaſar.) 2. Waͤcht. Hier iſt der Diener Romeo's; wir fanden Ihn auf dem Kirchhof. 1. Wächt. Bewahrt ihn ſicher, bis der Fuͤrſt erſcheint. (Ein andrer Wächter mit Lorenzo.) 3. Waͤcht. Hier iſt ein Moͤnch, der zittert, weint und aͤchzt; Wir nahmen ihm den Spaten und die Haue, Als er von jener Seit' des Kirchhofs kam. 1. Wächt. Verdaͤcht ges Zeichen! Haltet auch den Moͤnch. (Der Prinz und Gefolge.) Prinz. Was fuͤr ein Ungluck iſt ſo fruͤh ſchon wach Das uns aus unſrer Morgenruhe ſtoͤrt? (Capulet, Gräfin Capulet und Andre kommen.) Cap. Was hat das laute Schreien zu bedeuten? Gräf. Cap. Das Volk ruft auf den Straßen:„Romeo,“ X. 18 24 Romeo und Julia. A. V. Und„Julia,“ und Paris;“ alles rennt Mit lautem Ausruf unſerm Grabmal zu. Prinz. Welch' Schrecken iſt's, das unſer Ohr betaͤubt? 1. Wächt. Durchlaucht'ger S2„entleibt liegt hier Graf aris, Todt Romeo; und Julia, todt zuvor, Noch warm und erſt getodtet. Prinz. Sucht, ſpaͤht, erforſcht die Thaͤter dieſer Graͤuel. 1. Waͤcht. Hier iſt ein Moͤnch und Romeo's Bedienter. Man fand Geraͤth bei ihnen, das die Graͤber Der Todten aufzubrechen dient. Cap. O Himmel! O Weib! ſieh' hier, wie unſre Tochter blutet. Der Dolch hat ſich verirrt: ſieh' ſeine Scheide Liegt ledig auf dem Ruͤcken Montague's, Er ſelbſt ſteckt fehl in unſrer Tochter Buſen. Graͤf. Cap. O weh mir! Dieſer Todesanblick mahnt Wie Grabgelaͤut mein Alter an die Grube. (Montague und Andre kommen.) 4 Prinz. Komm, Montague! Fruͤh haſt du dich erhoben, Um fruͤh gefallen deinen Sohn zu ſehn. Mont. Ach, gnaͤd'ger Fuͤrſt, mein Weib ſtarb dieſe Nacht; Gram um des Sohnes Bann entſeelte ſie. Welch' neues Leid bricht auf mein Alter ein? Prinz. Schau' hin, und du wirſt ſehn. Mont. O Ungerathner! was iſt das fuͤr Sitte, Vor deinem Vater dich in's Grab zu draͤngen? Prinz. Verſiegelt noch den Mund des Ungeſtuͤms, Bis wir die Dunkelheiten aufgehellt, Und ihren Quell und wahren Urſprung wiſſen. Dann will ich Eurer Leiden Hauptmann ſeyn, Und ſelbſt zum Tod' Euch fuͤhren.— Still indeß! Das Mißgeſchick ſey Sklave der Geduld.— Fuͤhrt die verdaͤchtigen Perſonen vor. Lor. Mich trifft, obſchon den unvermoͤgendſten, Am meiſten der Verdacht des grauſen Mordes, Weil Zeit und Ort ſich gegen mich erklaͤrt. Hier ſteh' ich, mich verdammend und vertheid'gend, Der Klaͤger und der Anwald meiner ſelbſt. Prinz. So ſag' ohn' Umſchweif, was du hievon weißt. Lor. Kurz will ich ſeyn, denn kurze Friſt des Odems Verſagt gedehnte Reden. Romeo, Sz. 3. Romeo und Jutia. 275 Der todt hier liegt, war dieſer Julia Gatte, Und ſie, die todt hier liegt, ſein treues Weib. Ich traute heimlich ſie; ihr Hochzeittag War Tybalt's letzter, deß unzeit'ger Tod Den jungen Gatten aus der Stadt verbannte; Und Julia weint“ um ihn, nicht um den Vetter. Ihr, um den Gram aus ihrer Bruſt zu treiben, Verſprach't und wolltet ſie dem Grafen Paris Vermaͤhlen mit Gewalt.— Da kömmt ſie zu mir Mit wildem Blick, heißt mich auf Mittel ſinnen, Um dieſer zweiten Heirath zu entgehn, Sonſt wollt' in meiner Zelle ſie ſich tödten. Da gab ich, ſo belehrt durch meine Kunſt, Ihr einen Schlaftrunk; er bewies ſich wirkſam Nach meiner Abſicht, denn er goß den Schein Des Todes uͤber ſie. Indeſſen ſchrieb ich An Romeo, daß er ſich herbegaͤbe, Und huͤlf' aus dem erborgten Grab ſie holen, In dieſer Schreckensnacht, als um die Zeit, Wo jenes Trankes Kraft erloͤſche. Doch Den Träͤger meines Briefs, den Bruder Marcus, Hielt Zufall auf, und geſtern Abend bracht' er Ihn mir zuruͤck. Nun ging ich ganz allein Um die beſtimmte Stunde des Erwachens, Sie zu befrein aus ihrer Ahnen Gruft; Und dacht' in meiner Zelle ſie zu bergen, Bis ich es Romeo'n berichten koͤnnte. Doch wie ich kam, Minuten fruͤher nur Ch' ſie erwacht', fand ich hier todt zu fruͤh Den treuen Romeo, den edlen Paris. Zetzt wacht“ ſie auf; ich bat ſie fortzugehn, Und mit Geduld des Himmels Hand zu tragen, Doch da verſcheucht' ein Laͤrm mich aus der Gruft. Sie, in Verzweiflung, wollte mir nicht folgen, Und that, ſo ſcheint's, ſich ſelbſt ein Leides an. Dies weiß ich nur; und ihre Heirath war Der Waͤrterin vertraut. Iſt etwas hier Durch mich verſchuldet, laßt mein altes Leben, Nur wenig Stunden vor der Zeit, der Haͤrte Des ſtrengen Richterſpruchs geopfert werden. Prinz. Wir kennen dich als einen heil'gen Mann.— Wo iſt der Diener Romeo's? Was ſagt er? Balth. Ich brachte meinem Herrn von Juliens Tod 18* 276 Romeo und Julia. A. V. Die Zeitung, und er ritt von Mantua In Eil' zu dieſem Platz, zu dieſem Grabmal. Den Brief hier gab er mir fuͤr ſeinen Vater, Und drohte Tod mir, gehend in die Gruft, Wo ich mich nicht entfernt' und dort ihn ließe. Prinz. Gieb mir den Brief; ich will ihn überleſen.— Wo iſt der Bub' des Grafen, der die Wache Geholt?— Sag', Burſch, was machte hier dein Herr? Page. Er kam, um Blumen ſeiner Braut aufs Grab Zu ſtreun, und hieß mich fern ſtehn, und das that ich. Drauf naht' ſich wer mit Licht, das Grab zu oͤffnen, Und gleich zog gegen ihn mein Herr den Degen; Und da lief ich davon und holte Wache. Prinz. Hier dieſer Brief bewaͤhrt das Wort des Moͤnchs, Den Liebesbund, die Zeitung ihres Todes; Auch ſchreibt er, daß ein armer Apotheker Ihm Gift verkauft, womit er gehen wolle Zu Juliens Gruft, um neben ihr zu ſterben.— Wo ſind ſie, dieſe Feinde?— Capulet! Montague! Seht, welch' ein Fluch auf Eurem Haſſe ruht, Daß Gott durch Lieb' all' Euer Gluͤck vernichtet! Auch ich, weil ich dem Zwieſpalt nachgeſehn, Verlor ein Paar Verwandte.— Alle buͤßen. Cap. O Bruder Montague, gieb mir die Hand; Das iſt das Leibgedinge meiner Tochter, Denn mehr kann ich nicht fordern. Mont. Aber ich Vermag dir mehr zu, denn ich will Aus klarem Gold ihr Bildniß fert'gen laſſen. So lang' Verona ſeinen Namen traͤgt Komm' nie ein Bild an Werth dem Bilde nah' Der treuen, liebevollen Julia. Cap. So reich will ich es Romeo'n bereiten: Die armen Opfer unſrer Zwiſtigkeiten! Prinz. Nur duͤſtern Frieden bringt uns dieſer Morgen; Die Sonne ſcheint, verhuͤllt vor Weh, zu weilen. Kommt, offenbart mir ferner, was verborgen: Ich will dann ſtrafen, oder Gnad' ertheilen; Denn niemals gab es ein ſo hartes Loos, Als Juliens und ihres Romeo's.(Alle gehn ab.) — — Per ſonen. Duncan, König von Schottland. Malcolm Svn ſeine Söhne. Anführer des königlichen Heeres. Macduff, Lenox, Roſfe, Menteth, Angus, Cathneß, Fleance, Banquo's Sohn. Siward, Graf von Northumberland, Führer der Engliſchen S Schottiſche Edle. Truppen. Der junge Siward, ſein Sohn. Seyton, ein Offizier in Macbeths Gefolge. Macduffs kleiner Sohn. Ein Engliſcher Arzt und ein Schottiſcher Arzt. Ein Soldat, ein Pförtner, ein alter Mann. Lady Macbeth. Lady Macduff. Eine Kammerfrau der Lady Macbeth. Hecate und drei Hexen. Lords, Edelleute, Anführer, Krieger, Mörder, Boten. Banquo's Geiſt und andere Erſcheinungen. (Scene: Schottla nd. Ende des vierten Aufzugs in England.) S r ſ Erſte Szene. Eine Haide; Donner und Blitz⸗ (Drei Hexen treten auf.) Erſte Zexe. Wann ſprechen wir drei uns wieder den Gruß, In Donner, in Blitz, in Regenguß? 2. Bexe. Wenn der Wirrwarr ſtille ſchweigt, Wer der Sieger iſt ſich zeigt. 3. Here. Das iſt eh' der Tag ſich neigt. 1. Zexe. Wo der Ort? 2. Sexe. Die Haide dort. 3. Sexe. Da wird Macheth ſeyn. Fort, fort! (Man hört einen Geſang in der Luft.) 1. Zexe. Grau Lieschen, ja! ich komme! Alle drei. Unke ruft:— Geſchwind— Schoͤn iſt haͤßlich, haͤßlich ſchon: Schwebt durch Dunſt und Nebelhöh'n! (Die Hexen verſchwinden.) E Freies Feld bei Fores. (Kriegsgeſchrei. Es treten auf der König Duncan, Mal⸗ colm, Donalbain, Lenox, Gefolge; ein blutender Krie⸗ ger kommt ihnen entgegen.) Dunecan. Welch' blut'ger Mann iſt dies? Er kann berichten, 280 Macbeth. A. I. So ſcheint's nach ſeiner Tracht, den neu'ſten Stand Des Aufruhrs. Malc. Dieſes iſt der Kaͤmpfer, Der mich, als kecker, muthiger Soldat, Aus meinen Feinden hieb:— Heil! tapfrer Freund! Dem Koͤnig gieb die Kenntniß der Verwirrung, Wie du ſie ließeſt. Rrieg. Sie ſtand zweifelhaft; So wie zwei Schwimmer ringend ſich umklammern, Erdruͤckend ihre Kunſt. Der grauſe Macdonwald, (Werth ein Rebell zu ſeyn; ihn ſo zu ſtempeln Umſchwaͤrmen, ſtets ſich mehrend, der Natur Bosheiten ihn) ward von den Weſteilanden Von Kernen unterſtutzt und Gallowglaſſen; Und das Gluͤck, dem ſcheußlichen Gemetzel laͤchelnd, Schien des Rebellen Hure: doch umſonſt, Denn der tapfre Macheth(wohl ziemt ihm der Name), Das Gluck verachtend, mit geſchwungnem Stahl, Der heiß von Blut und Niederlage dampfte, Er, wie des Krieges Liebling, haut ſich Bahn, Bis er dem Schurken gegenuͤber ſteht; Und nicht eh' ſchied noch ſagt' er Lebewohl, Bis er vom Nabel bis zum Kinn ihn ſchlitzte, Und ſeinen Kopf gepflanzt auf unſre Zinnen. Dune. O tapfrer Vetter! wuͤrd'ger Edelmann! Rrieg. Wie wenn mit erſtem Sonnenlicht zugleich Schiffbrechende Stuͤrm' und grauſe Donnerſchlaͤge— So ſchwillt aus jenem Quell, der Troſt verhieß, Troſtloſigkeit. Merk, Schottlands Koͤnig, merk: Kaum ſchlug Gerechtigkeit, mit Muth geſiht In ſchmaͤhlige Flucht die leichtgefuͤßten Kernen, Als Norwegs Heer, den Vortheil auserſpaͤhend, Mit noch unblut'ger Wehr und friſchen Truppen Von neuem uns beſtuͤrmt. Dunc. Entmuthigte Das unſte Feldherrn nicht, Macheth und Banquo? Rrieg. Ja wohl; wie Spatzen Adler, Haſen Loͤwen. Grad' aus geſagt, muß ich von ihnen melden: Sie waren wie Kanonen, uͤberladen Mit doppeltem Gekrach; ſo ſturzten ſie, Die Doppelſtreiche doppelnd, auf den Feind: Ob ſie in rauchendem Blate baden wollten, —— Sz. 2. Macbeth. 281 Ob auferbaun ein zweites Golgatha, Ich weiß es nicht:— Doch ich bin matt, die Wunden ſchrei'n nach Huͤlfe. Dunc. Wie deine Worte zieren dich die Wunden;z Und Ehre ſtrömt aus beiden. Schafft ihm Aerzte. (Der Krieger wird fortgeführt.) (Roſſe tritt auf.) Wer nahet hier? Malc. Der wuͤrd'ge Than von Roſſe. Len. Welch' Eilen ſchaut aus ſeinem Blick! So muͤßte Der blicken, der von Wundern melden will. Roſſe. Gott ſchuͤtz' den Koͤnig! Dunc. Von wannen, edler Than? Roſſe. Von Fife, mein König, Wo Norwegs Banner ſchlaͤgt die Luft, und faͤchelt Kalt unſer Volk. Norwegen ſelbſt, mit fuͤrchterlichen Schaaren, Verſtaͤrkt durch den abtruͤnnigen Verraͤther, Den Than von Cawdor, begann den grauſen Kampf: Bis ihm Bellonas Bräut'gam, kampfgefeyt, Entgegenſtuͤrmt mit gleicher Ueberkraft, Schwert gegen Schwert, Arm gegen dräu'nden Arm, Und beugt den wilden Trotz: mit einem Wort, Der Sieg war unſer:— Dunc. Großes Gluck! Roſſe. So daß Nun Sweno, Norwegs König, Frieden fleht; Doch wir geſtatteten ihm nicht Begraͤbniß Der Seinen, bis er auf Sanct Columban Zehntauſend Thaler in den Schatz gezahlt. Dunc. Nicht tauſche dieſer Than von Cawdor länger Mein Innerſtes.— Fort, kuͤnde Tod ihm an; Mit ſeiner Wuͤrde gruͤße Macbeth dann. Roſſe. Ich eile, Herr, von hinnen. Dunc. Held Macheth ſoll, was er verliert, gewinnen. (Alle ab.) 282 Machbeth. S S Die Haide; Gewitter. (Die drei Hexen treten auf.) Erſte Zexe. Wo war'ſt du, Schweſter? 2. Sexe. Schweine gewuͤrgt. 3. Sexe. Schweſter, wo du? 1. Zexe. Kaſtanien hatt' ein Schifferweib im Schooß, Und ſchmatzt“, und ſchmatzt', und ſchmatzt':— Gieb mir, ſprach ich: Pack' dich, du Hexe, ſchrie die garſt'ge Vettel. Ihr Mann iſt nach Aleppo, fuͤhrt den Tiger: Doch ſchwimm' ich nach im Sieb, ich kann's, Wie eine Ratte ohne Schwanz; Sch thu's, ich thu's, ich thu's. 2. Zere. Geb' dir'nen Wind. 1. Bexe. Biſt gut geſinnt. 3. Zexe. Ich den zweiten obendrein. 1. Zexe. All' die andern ſind ſchon mein; Wo ſie wehn die Kuͤſten kenn' ich, Jeden Punkt und Cirkel nenn' ich Auf des Seemann's Karte. Duͤrr wie Heu ſoll er verdorr'n, Und kein Schlaf, durch meinen Zorn, Tag und Nacht ſein Aug' erquickt; Leb' er wie vom Fluch gedruͤckt: Sieben Naͤchte, neunmal neun, Siech und elend ſchrumpf' er ein: Fann ich nicht ſein Schiff zerſchmettern, Sey es doch umſtuͤrmt von Wettern. Schau', was ich hab'. 2. Zexe. Weiſ' her, weiſ' her. 1. Zere. Daum'nes Lootſen, finken ſah' Ich ſein Schiff, dem Land ſchon nah. (Trommeln hinter der Szene.) 3. Bexe. Trommeln,— Ha! Macheth iſt da. Alle drei. Unheilsſchweſtern, Hand in Hand Sz. 3. Macbeth. 283 Ziehn wir uͤber Meer und Land. Rundum dreht Euch ſo, rundum: Dreimal dein, und dreimal mein, Und dreimal noch, ſo macht es neun:— Halt!— Der Zauber iſt gezogen. (Macheth und Banquo treten auf.) MWach. Soo ſchoͤn und haͤßlich ſah' ich nie'nen Tag. Banq. Wie weit iſt's Fores?— Wer ſind ieſe? So eingeſchrumpft, ſo wild in ihrer Tracht? Die nicht Bewohnern unſrer Erde gleichen, Und doch drauf ſtehn? Lebt Ihr? Wie? ſeyd Ihr was, Das man darf fragen? Ihr ſcheint mich zu verſtehn, Denn jede legt zugleich den ſtumpfen Finger Auf ihren falt'gen Mund:— Ihr ſolltet Weiber ſeyn, Und doch verbieten Eure Baͤrte mir Euch ſo zu deuten. Wiach. Sprecht, wenn Ihr koͤnnt:— Wer ſeyd Ihr? 1. Zexe. Heil dir, Macheth, Heil, Heil dir, Than von Glamis! 2. Bexe. Heil dir, Macbeth, Heil, Heil dir, Than von awdor! 3. Zexe. Heil dir, Macheth, dir, kuͤnft'gem Koͤnig, Heil! Banq. Was ſchreckſt du, Mann? erregt dir Furcht, was doch So lieblich lautet?— In der Wahrheit Namen, Seyd Ihr nur Wahngebild', oder wirklich das, Was koͤrperlich Ihr ſcheint? Den edeln Kampffreund Gruͤßt Ihr mit neuem Erb' und Prophezeihung Von hoher Wuͤrd' und königlicher Hoffnung, Daß er verzuckt da ſteht; mir ſagt Ihr nichts: Wenn Ihr durchſchauen konnt die Saat der Zeit, Und ſagen: dies Korn ſproßt und jenes nicht, So ſprecht zu mir, der nicht erfleht noch fuͤrchtet Gunſt oder Haß von Euch. 4 S S „Hexe. Heil! 3. Zexe. Heil! 4. Vere. Kleiner als Macheth, und groͤßer. 2. Zere. Nicht ſo begluckt, und doch weit gluͤcklicher. 3. Zexe. Kön'ge erzeugſt du, biſt du ſelbſt auch keiner. So, Heil, Macheth und Banquo! 284 Macbeth. A. I. 1. Zere. Banquo und Macheth, Heil! Waeb. Bleibt, Ihr einſylb'gen Sprecher, ſagt mir mehr: Mich macht, ſo hör' ich, Sinels Tod zum Glamis; Doch wie zum Cawdor? Der Than von Cawdor lebt, Als ein begluͤckter Mann; und König ſeyn, Das ſteht ſo wenig im Bereich des Glaubens Als Than von Cawdor. Sagt, von wannen Euch Die wunderbare Kunde ward? weshalb Auf duͤrrer Haid' Ihr unſte Schritte hemmt Mit ſo prophet'ſchem Gruß?— Sprecht, ich beſchwor' Euch! (Die Hexen verſchwinden.) Banq. Die Erd' hat Blaſen wie das Waſſer hat, So waren dieſe:— Wohin ſchwanden ſie? Macb. In Luft, und was uns Koͤrper ſchien, zerſchmolz Wie Hauch im Wind. O, waͤren ſie noch da! Bang. War ſo was wirklich hier, wovon wir ſprechen? Oder aßen wir von jener gift'gen Wurzel, Die die Vernunft bewaͤltigt? Mach. Eure Kinder, Sie werden Kön'ge. Bang. Ihr ſollt König werden. Mach. Und Than von Cawdor auch; ging es nicht ſo? Banq. Ganz ſo, in Weiſ' und Worten. Wer kommt da? (Roſſe und Angus treten auf.) Roſſe. Der Koͤnig hoͤrte hoch erfreut, Macbeth, Die Kunde deines Sieg's: und wenn er lieſt, Wie im Rebellenkampf du ſelbſt dich preis gabſt, So ſtreiten in ihm Staunen und Bewundrung, Was dir, was ihm gehoͤrt. Doch überſchauend, Was noch am ſelb'gen Tag geſchehn, verſtummt erz In Norwegs kuhnen Schlachtreih'n ſieht er dich, Vor dem nicht bebend, was du ſelber ſchufeſt, Abbilder grauſen Tod's. Wie Wort auf Wort In ſchneller Rede, ſo kam Bot' auf Bote, Und jeder trug dein Lob, im großen Kampf Für ſeinen Thron, und ſchuttet's vor ihm aus. Ang. Wir ſind geſandt vom königlichen Herrn, Dir Dank zu bringen; vor ſein Angeſicht Dich zu geleiten nur, nicht dir zu lohnen. Roſſe. Und als das Handgeld einer größern Ehre Hieß er, als Than von Cawdor dich zu grußen: ——— — in Sz. 3. Macheth. 285 Heil dir in dieſem Titel, wuͤrd'ger Than! Denn er iſt dein. Banq. Wie, ſpricht der Teufel wahr? Wacb. Der Than von Cawdor lebt: was kleidet Ihr Mich in erborgten Schmuck? Ang. Der Than war, lebt noch; Doch unter ſchwerem Urtheil ſchwebt das Leben, Das er verwirkt. Ob er im Bund mit Norweg; Ob Ruͤckhalt der Rebellen, er geheim Sie unterſtuͤtzte; ob vielleicht mit beiden Er half zu ſeines Land's Verderb,— ich weiß nicht; Doch Hochverrath, geſtanden und erwieſen, Hat ihn geſturzt. Mach. Glamis und Than von Cawdor: Das Hochſt iſt noch zuruͤck.— Dank Eurer Muͤh'.— Hofft Ihr nicht Euren Stamm gekroͤnt zu ſehn, Da jene, die mich Than von Cawdor nannten, Nichts Mindres prophezeiht? Bang. Darauf gefußt, Moͤcht' es wohl auch zur Krone Euch entflammen, Jenſeits dem Than von Cawdor. Aber ſeltſam! Oft, uns in eignes Elend zu verlocken, Erzählen Wahrheit uns des Dunkels Schergen, Verlocken uns durch ſchuldlos Spielwerk, uns Dem tiefſten Abgrund zu verrathen.— Vettern, Vergoͤnnt ein Wort. Maeb. Zweimal geſprochne Wahrheit, Als Gluͤcksprologen zum erhabnen Schauſpiel Von kaiſerlichem Inhalt.— Freund', ich dank' Euch. Die Anmahnung von jenſeits der Natur Kann ſchlimm nicht ſeyn,— kann gut nicht ſeyn:— wenn ſchlimm, Was giebt ſie mir ein Handgeld des Erfolgs, Wahrhaft beginnend? Ich bin Than von Cawdor:— Wenn gut,— warum befaͤngt mich die Verſuchung? Deren entſetzlich Bild aufſtraͤubt mein Haar, o daß mein Herz, ganz gegen die Natur, Bruſtabwaͤrts an die Rippen ſchlägt.— Erlebte Greuel Sind ſchwaͤcher als das Grann der Einbildung: Mein Traum, deß Mord nur noch ein Hirngeſpinſt, Erſchuͤttert ſo mir Seyn und Geiſtesherrſchaft, Daß jede Lebenskraft in Ahndung ſchwindet, Und nichts iſt, als was nicht iſt. 286 Maebetch. A. I. Banq. Seht den Freund, Wie er verzuckt iſt. Mach: Will das Schickſal mich Als Koͤnig, nun, mag mich das Schickſal kroͤnen, Thu' ich auch nichts. Bang. Die neue Wuͤrde engt ihn, Wie fremd Gewand ſich auch nur durch Gewohnheit Dem Koͤrper fugt. Wach. Komme, was kommen mag; Die Stund' und Zeit durchlaͤuft den rauh'ſten Tag. Bang. Edler Macheth, wir harren Eurer Muße. Macb. Habt Nachſicht:— in vergeſſnen Dingen wuͤhlte Mein dumpfes Hirn. Ihr guͤt'gen Herrn, Eu'r Muͤhn Iſt eingeſchrieben, wo das Blatt ich taͤglich Umſchlag' und leſ'.— Entgegen jetzt dem Koͤnig.— Denkt deſſen, was geſchah: und bei mehr Muße, Wenn ein'ge Zeit es reifte, laßt uns frei Aus offner Seele reden. Bang. Herzlich gern. Waeb. Bis dahin ſtill.— Kommt, Freunde. (Alle ab.) V Feld. (Trompeten. Es treten auf Duncan, Malcolm, Donal⸗ bain, Lenor, Gefolge.) Duncan. Iſt Cawdor hingerichtet? oder jene, Die wir beauftragt, noch nicht wieder da? Walc. Sie ſind noch nicht zuruͤck, mein Oberherr; Doch ſprach ich einen, der ihn ſterben ſah: Der ſagte mir, er habe den Verrath Freimuͤthig eingeſtanden, um Eu'r Hoheit Verzeih'n gefleht und tiefe Reu' gezeigt; Nichts ſtand in ſeinem Leben ihm ſo gut Als wie er es verlaſſen hat; er ſtarb Wie einer, der ſich auf den Tod geubt, Sz. 4. Macbeth. 287 Und warf das Liebſte, was er hatte, von ſich, Als waͤr's unnuͤtzer Tand. Dunc, Kein Wiſſen giebt's, Der Seele Bildung im Geſicht zu lefen: Er war ein Mann, auf den ich gruͤndete Ein unbedingt Vertrau'n.— Wuͤrdigſter Vetter! (Es treten auf Macheth, Banquo, Roſſe und Angus.) Die Suͤnde meines Undanks druckte ſchwer Mich eben jetzt. Du biſt ſo weit voraus, Daß der Belohnung ſchneliſte Schwing' erlahmt, Dich einzuholen. Haͤtt'ſt du wen'ger doch verdient, Daß ich ausgleichen konnte das Verhaͤltniß Von Dank und Lohn! Nimm das Geſtaͤndniß an 4 Mehr ſchuld' ich, als mein Alles zahlen kann. Wacb. Dienſt, ſo wie brplicht⸗ lohnt ſich ſelbſt im Thun. Genug, wenn Eure Hoheit unſte Pflichten Annehmen will: und unſre Pflichten ſind Die Soͤhn' und Diener Eures Throns und Staates, Und thun nur, was ſie muͤſſen, thun ſie alles, Was Lieb' und Ehrfurcht heiſcht. Dunc. Willkommen hier: Ich habe dich gepflanzt, und will dich pflegen, Um dein Gedeihn zu fordern.— Edler Banquo, Nicht minder iſt dein Werth, und wird von uns Nicht minder anerkannt. Laß dich umſchließen, Und an mein Herz dich drücken. Bang. Wachf“ ich da So iſt die Ernte Euer. Dunc. Meine Wonne, Ueppig im Uebermaaß, will ſich verbergen In Schmerzenstropfen.— Sohne, Vettern, Thans, Und Ihr, die nächſten unſerm Thron, vernehmt, An Malcolm, unſern Aelt'ſten, uͤbertragen Wir unſer Thronrecht; Prinz von Cumberland Heißt er demnach: und ſolche Ehre ſoll Nicht unbegleitet ihm verliehen ſeyn; Denn Adelszeichen ſollen, Sternen gleich, Auf jeden Wuͤrd'gen ſtrahlen.— Fort von hier Nach Inverneß, und ſey uns näher ſtets. Mach. Arbeit iſt jede Ruh', die Euch nicht dient: Ich ſelbſt bin Euer Bote, und biglücke 288 Macbeth. A. I. Durch Eures Nahens Kunde, meine Frau; So ſcheid' ich demuthsvoll. Dunc. Mein wuͤrd'ger Cawdor! Wacb.(für ſich.) Ha! Prinz von Cumberland!— Das iſt ein Stein, Der muß, ſonſt fall' ich, uͤberſprungen ſeyn, Weil er mich hemmt. Verbirg dich, Sternenlicht! Schau meine ſchwarzen, tiefen Wuͤnſche nicht! Sieh, Auge, nicht die Hand; doch laß geſchehn Was, wenn's geſchah, das Auge ſcheut zu ſehn. Cer geht ab.) Dunc. Ja, theurer Banquo, er iſt ganz ſo edel, Und ihn zu preiſen iſt mir eine Labung; Es iſt ein Feſt fuͤr mich. Laßt uns ihm nach, Deß Lieb' uns vorgeeilt, uns zu begruͤßen. Wer gleicht dem theuern Vetter? (Trompeten, Alle gehn ab.) Fuͤnfte Szene. Inverneß; Zimmer in Macbeths Schloß. (Lady Macbeth tritt auf mit einem Brief.) Lady Macbeth(üeſt.) „Sie begegneten mir am Tage des Sieges; und ich er⸗ fuhr aus den ſicherſten Proben, daß ſie mehr als menſchli⸗ ches Wiſſen beſitzen. Als ich vor Verlangen brannte, ſie weiter zu befragen, verſchwanden ſie, und zerfloſſen in Luft. Indem ich noch, von Erſtaunen betaͤubt, da ſtand, kamen die Abgeſandten des Koͤnigs, die mich als Than von Cawdor begruͤßten; bei welchem Namen mich kurz vorher dieſe Zauberſchweſtern nannten, und mich durch den Gruß, Heil dir, dem kuͤnft'gen Koͤnig, auf die Zukunft verwieſen. Ich habe es fuͤr gut gehalten, dir dies zu vertrauen, meine ge⸗ liebteſte Theilnehmerin der Hoheit, auf daß dein Mitgenuß an der Freude dir nicht entzogen werde, wenn du nicht er⸗ fahren hätteſt, welche Hoheit dir verheißen iſt. Leg' es an dein Herz und lebe wohl,“ 6 Sz. 5. Machbeth. 289 Glamis biſt du; und Cawdor; und ſollſt werden, Was dir verheißen ward:— Doch furcht' ich dein Gemuͤth; Es iſt zu voll von Milch der Menſchenliebe, Das Naͤchſte zu erfaſſen: Groß mocht'ſt du ſeyn, Biſt ohne Ehrgeiz nicht; doch fehlt die Bosheit, Die ihn begleiten muß. Was recht du moͤchteſt, Das moͤcht'ſt du rechtlich; möchteſt falſch nicht ſpielen, Und unrecht doch gewinnen: möchteſt gern Das haben, großer Glamis, was dir zuruft: „Dies mußt du thun, wenn du es haben willſt!“— Und was du mehr dich ſcheuſt zu thun, als daß Du ungethan es wuͤnſcheſt. Eil hieher, Auf daß ich meinen Muth in's Ohr dir gieße; Und alles weg mit tapfrer Zunge geißle, Was von dem goldnen Zirkel dich zuruͤck draͤngt, Womit Verhaͤngniß dich, und Zaubermacht, Im Voraus ſchon gekroͤnt zu haben ſcheint—— (Ein Diener tritt auf.) Nun, giebt es Neues? Dien. Der Koͤnig kommt zu Nacht. L. Macb. Du ſprichſt im Wahnſinn. Iſt nicht dein Herr bei ihm? der, waͤr' es ſo, Der Anſtalt wegen es gemeldet haͤtte. Dien. Verzeiht; es iſt doch wahr: der Than kommt leich: Denn ein Kamrad von mir ritt ihn voraus; Faſt todt von großer Eil', hatt' er kaum Athem Die Botſchaft zu beſtellen. L. Macb. Sorgt fur ihn, Er bringt uns große Zeitung. (Der Diener geht ab.) Selbſt der Rab' iſt heiſer, Der Duncans ſchickſalsvollen Eingang kraͤchzt Unter mein Dach.— Kommt, Geiſter, die ihr lauſcht Auf Mordgedanken, und entweibt mich hier; Fuͤllt mich vom Wirbel bis zur Zeh', randvoll, Mit wilder Grauſamkeit! verdickt mein Blut; Sperrt jeden Weg und Eingang dem Erbarmen, Daß kein anklopfend Mahnen der Natur Den grimmen Vorſatz lähmt; noch friedlich hemmt Vom Mord die Hand! Kommt an die Weibesbruſt, Trinkt Galle ſtatt der Milch, ihr Morddämonen! IX. 19 290 Macbeth. A. I. Wo ihr auch harrt in unſichtbarer Kraft Auf Unheil der Natur! Komm, ſchwarze Nacht, Umwoͤlk' dich mit dem dickſten Dampf der Hoͤlle, Daß nicht mein ſcharfes Meſſer ſieht die Wunde, Die es geſchlagen; noch der Himmel, Durchſchauend aus des Dunkels Vorhang, rufe: Halt! halt! (Macbeth tritt auf.) O großer Glamis! edler Cawdor! Groͤßer als beides durch das kuͤnft'ge Heil! Dein Brief hat uͤber das armſel'ge Heut Mich weit verzuckt, und ich empfinde nun Das Kuͤnftige im Jetzt. mach. Mein theures Leben, Dunrcan kommt heut noch. L. Macb. Und wann geht er wieder? Wach. Morgen, ſo denkt er— L. Mach O, nie ſoll die Sonne Den Morgen ſehn! Dein Angeſicht, mein Than, 3 Iſt wie ein Buch, wo wunderbare Dinge Geſchrieben ſtehn:— Die Zeit zu taͤuſchen ſcheine So wie die Zeit; den Willkomm trag' im Auge, In Zung' und Hand; blick' harmlos wie die Blume, Doch ſey die Schlange drunter. Wohl verſorgt Muß der ſeyn, der uns naht: und meiner Hand Vertrau' das große Werk der Nacht zu enden: Das alle kuͤnft'gen Tag' und Naͤcht' uns lohne Allein'ge Königsmacht und Herrſcherkrone. 5 Macb. Wir ſprechen noch davon. L. Mach. Blick' hell und licht; Mißtraun erregt veraͤndert Angeſicht: Laß alles andre mir. (ſie gehen ab.) Sz. 6. Machbeth. 201 S eſch ſte Szene. Ebendaſelbſt, vor dem Schloß. (Es treten auf Duncan, Malcolm, Donalbain, Ban⸗ quo, Macduff, Roſſe, Angus, Gefolge.) Duncan. Dies Schloß hat eine angenehme Lagez Gaſtlich umfaͤngt die leichte milde Luft Die heitern Sinne.. Bang. Dieſer Sommergaſt, Die Schwalbe, die an Tempeln niſtet, zeigt Durch ihren fleiß'gen Bau, daß Himmelsathem Hier lieblich haucht; kein Vorſprung, Fries noch Pfeiler, Kein Winkel, wo der Vogel nicht gebaut Sein haͤngend Bett und Wiege fuͤr die Brut: Wo er am liebſten heckt und wohnt, da fand ich Am reinſten ſtets die Luft. Gady Macbeth tritt auf.) Dunc. Seht! unſre edle Wirthin! Die Liebe, die uns folgt, wird oft uns laͤſtig; Doch danken wir als Lieb⸗ ihr: Lernt daraus, Noch Gottes Lohn fuͤr Eure Muͤh' uns geben, Und Dank fuͤr Eure Laſt. L. Macb. Alk unſte Dienſte Zwiefach in jedem Punkt, und dann verdoppelt, aͤr' nur ein arm und ſchwaches Thun, verglichen Der hohen Gunſt, womit Eu'r Majeſtaͤt Verherrlicht unſer Haus: Fuͤr fruͤh're Wuͤrden, Wie fur die letzte, die die andern kroͤnt, Bleiben wir im Gebet Euch Knecht und Diener. Dunc. Wo iſt der Than von Cawdor? Wir folgten auf dem Fuß ihm, denn wir meinten Ihn anzumelden; doch er reitet ſchnell; Und ſeine Liebe, ſchaͤrfer als ſein Sporn, Bracht' ihn vor uns hieher: Hoͤchſt edle Wirthin, Wir ſind zu Nacht Eu'r Gaſt. L. Mach. Fuͤr allezeit Beſitzen Eure Diener nur das ihre, 19* 292 Machbeth. Rel. Sich ſelbſt und was ſie haben, als Verwalter, Und legen Rechnung ab, nach Eurer Hoheit Befehl; und geben Euch zuruͤck, was Euch gehort. Dunc. Reicht mir die Hand: Vit mich zu meinem irth; Wir lieben herzlich ihn, und unſre Huld Wird ſeiner ſtets gedenken. Theure Wirthin, Erlaubt—(er nimmt ihre Hand und führt ſie in das Schloß, die Uebrigen folgen.) Siebente S ene Ebendaſelbſt, Schloßhof. (Hoboen und Fackeln. Ein Vorſchneider und mehrere Diener mit Schüſſeln gehn über die Bühne; dann kommt Macbeth.) Wacbeth. —— War's abgethan, ſo wie's gethan iſt, dann waͤr's gut, Man thaͤt' es eilig:— Wenn der Meuchelmord Ausſperren könnt' aus ſeinem Netz die Folgen, Und nur Gelingen aus der Tiefe zöge: Daß mit dem Stoß, einmal fuͤr immer, Alles Sich abgeſchloſſen haͤtte;— Hier, nur hier,— Auf dieſer Schuͤlerbank der Gegenwart,— So ſetzt' ich weg mich uͤber's kuͤnft'ge Leben.— Doch immer wird bei ſolcher That uns ſchon Vergeltung hier: daß, wie wir ihn gegeben Den blut'gen Unterricht, er, kaum gelernt, Zuruͤck ſchlägt, zu beſtrafen den Erfinder: Dies Recht, mit unabweislich feſter Hand, Setzt unſern ſelbſtgemiſchten, gift'gen Kelch An unſre eignen Lippen.— Er kommt hieher, zwiefach geſchirmt:— Zuerſt Weil ich ſein Vetter bin und Unterthan, Beides hemmt ſtark die That; dann, ich— ſein Wirth, Der gegen ſeinen Moͤrder ſchließen muͤßte Das Thor, nicht ſelbſt das Meſſer fuͤhren.— — — Sz. 7. Macbeth. 293 Dann hat auch dieſer Duncan ſeine Wuͤrde So mild getragen, blieb im großen Amt So rein; daß ſeine Tugenden, wie Engel Poſaunenzuͤngig„werden Rache ſchrein Dem tiefen Hoͤllengreuel ſeines Untergehens: Und Mitleid, wie ein nacktes, neugebornes Kind, Auf Windſtoß reitend, oder Himmels Cherubim, Zu Roſſ' auf unſichtbaren, luft'gen Rennern, Blaſen die Schreckensthat in jedes Auge, Bis Thraͤnenfluth den Wind ertraͤnkt.— Ich habe keinen Stachel, Die Saiten meines Wollens anzuſpornen, Als einzig Ehrgeiz, der, zum Aufſchwung eilend, Sich uͤberſpringt und jenſeits niederfällt:— (Lady Macbeth tritt auf.) Wie nun, was giebt's? L. Mach. Er hat faſt abgeſpeiſt. Warum haſt du den Saal verlaſſen? Mach. Hat er Nach mir gefragt? L. Mach. Weißt du nicht, daß er's that? Wacb. Wir woll'n nicht weiter gehn in dieſer Sache: Er hat mich jungſt belohnt, und goldne Achtung Hab' ich von Leuten aller Art gekauft,— Die will getragen ſeyn im neuſten Glanz, Und nicht ſo plotzlich weggeworfen. L. Wach. War Die Hoffnung trunken, worin du dich huͤllteſt? Schlief ſie ſeitdem, und iſt ſie nun erwacht, So bleich und krank das anzuſchaun, was ſie So froͤhlich that?— Von jetzt an denk' ich Von deiner Liebe ſo. Biſt du zu feige, Derſelbe Mann zu ſeyn in That und Muth, Der du in Wuͤnſchen biſt? Mocht'ſt du erlangen, Was du den Schmuck des Lebens ſchätzen mußt, Und Memme ſeyn in deiner eignen Schaͤtzung? Muß dir„Ich fuͤrchte“ folgen dem„Ich möchte,“ Der armen Katz' im Sprichwort gleich? Wach. Ich bitte, ſchweig: Ich wage alles, was dem Menſchen ziemt; Wer mehr wagt, der iſt keiner. L. Mach. Welch ein Thier 294 Macbeth. A. I. Trieb dich vom Unternehmen mir zu ſagen? Als du es wagteſt, da war'ſt du ein Mann; Und mehr ſeyn als du war'ſt, das machte dich Nur um ſo mehr zum Mann. Nicht Zeit, nicht Ort Traf damals zu, du wollteſt beide machen: Sie machen ſelbſt ſich, und ihr hurt'ger Dienſt Macht dich zu nichts. Ich hab' geſaͤugt, und weiß, Wie ſuͤß, das Kind zu lieben, das ich traͤnke: Ich haͤtt', indem es mir entgegen laͤchelt, Die Bruſt geriſſen aus den weichen Kiefern, Und ihm den Kopf geſchmettert an die Wand, Haͤtt' ich's geſchworen, wie du dieſes ſchwur'ſt. Mach. Wenn's uns mißlaͤnge,— L. Mach. Uns mißlingen!— Schraub' deinen Muth nur bis zum Punkt des Halt's, Und es mißlingt uns nicht. Wenn Duncan ſchlaͤft, Wozu des Tages ſtarke Reiſ' ihn eher Einladet,— feine beiden Kaͤmmerlinge Will ich mit wuͤrz'gem Weine ſo betaͤuben, Daß des Gehirnes Waͤchter, das Gedaͤchtniß, Ein Dunſt ſeyn wird, und der Vernunft Behaͤltniß, Ein Dampfhelm nur; Wenn nun im vieh'ſchen Schlaf Verſchlaͤmmt ihr Daſeyn liegt, ſo wie im Tode, Was koͤnnen du und ich dann nicht vollbringen Am unbewachten Duncan? was nicht ſchieben Auf ſeine vollen Diener, die die Schuld Des großen Mordes trifft? Wacb. Gebaͤhr' mir Soͤhne nur! Aus deinem unbezwungnen Stoffe koͤnnen Nur Maͤnner ſproſſen. Wird man es nicht glauben, Wenn wir mit Blut die zwei Schlaftrunknen faͤrben, Die Kaͤmmerling', und ihre Dolche brauchen, Daß ſie's gethan? L. Maeb. Wer darf was anders glauben, Wenn unſers Grames lauter Schrei ertoͤnt Bei ſeinem Tode? Wacb. Ich bin feſt; geſpannt Zu dieſer Schreckensthat iſt jeder Nerv. Komm, taͤuſchen wir mit heiterm Blick die Stunde: Birg, falſcher Schein, des falſchen Herzens Kunde! (Sie gehn ab.) Sz. 1. Macbeth. 295 3 w e Erſte Szene. Ebendaſelbſt, Schloßhof. (Es treten auf Banquo, Fleance, ein Diener mit einer Fackel voran.) Banquo. Wie ſpaͤt, mein Sohn? Fleanc. Der Mond ging Kt ſchlagen hoͤrt' ich's nicht. Banq. Um zwoͤlf Uhr geht er unter. Fleanc. S iſt wohl ſpaͤter. Banqg. Da, nimm mein Schwert:—„S iſt Spar⸗ ſamkeit im Himmel, Aus thaten ſie die Kerzen.— Nimm das auch. Ein ſchwerer Schlaftrieb liegt wie Blei auf mir, Und doch moͤcht' ich nicht ſchlafen: Gnäd'ge Maͤchte! Hemmt in mir boͤſes Denken, dem Natur Im Schlummer Raum giebt.— Gieb mein Schwert. (Macbeth tritt auf, und ein Diener mit einer Fackel.) Wer da? Macb. Ein Freund. Bang. Wie, Herr, noch auf? Der Koͤnig iſt zu Bett: Er war ausnehmend froh, und ſandte noch All' Euren Hausbedienten reiche Gaben: Doch Eure Frau ſoll dieſer Demant gruͤßen, Als ſeine guͤt'ge Wirthin. Hoͤchſt zufrieden Begab er ſich zur Ruh'. Wacb. Unvorbereitet, Ward nur des Mangels Diener unſer Wille, Der ſonſt ſich frei enthuͤllt. Banq. Alles war gut. 296 Machbeth. A. II. Mir traͤumte juͤngſt von den drei Zauberſchweſtern: Euch haben ſie was Wahres doch geſagt. Wacb. Ich denke nicht an ſie; Doch ließe ſich geleg'ne Stunde finden, So ſpraͤchen wir wohl ein'ges in der Sache, Gewaͤhrtet Ihr die Zeit. Bang. Wie's Euch beliebt. maeb. Schließt Ihr Euch meinem Sinn an,— Wenn es iſt— Wird's Ehr' Euch bringen. Banq. Buͤß' ich ſie nicht ein, Indem ich ſie zu mehren ſtreb', und bleibt Mein Buſen frei, und meine Lehnspflicht rein, Gern nehm' ich Rath an. Wach. Gute Nacht indeß. Bang. Dank, Herr, Euch ebenfalls. (Banquo, Fleance und Diener ab.) Wacb. Sag' deiner Herrin, wenn mein Trank bereit, Soll ſie die Glocke ziehn. Geh du zu Bett. (der Diener geht ab.) Iſt das ein Dolch, was ich vor mir erblicke, Der Griff mir zugekehrt? Komm, laß dich packen:— Ich faſſ' dich nicht, und doch ſeh' ich dich immer. Biſt du, Ungluͤcksgebild, ſo fuͤhlkar nicht Der Hand, gleich wie dem Aug'? oder biſt du nur Ein Dolch der Einbildung, nichtig Phantom, Das aus dem heiß gequaͤlten Hirn erwaͤchſt? Ich ſeh' dich noch, ſo greifbar von Geſtalt Wie der, den jetzt ich zuͤcke: Du gehſt mir vor, den Weg, den ich will ſchreiten, Und ſolch ein wollt' ich auch gebrauchen. Mein Auge ward der Narr der andern Sinne, Oder mehr als alle werth:— Ich ſeh' dich ſtets, Und dir an Griff und Klinge Tropfen Bluts, Was erſt nicht war.— Es iſt nicht wirklich da: Es iſt die blut'ge Arbeit, die mein Auge So in die Lehre nimmt.— Jetzt auf der halben Erde Scheint todt Natur, und den verhangnen Schlaf Quaͤlen Verſuchertraͤume. Hexenkunſt Begeht den Dienſt der bleichen Hecate; Und duͤrrer Mord, Durch ſeine Schildwach aufgeſchreckt, den Wolf, Der ihm das Wachtwort heult,— ſo dieb'ſchen Schrittes, Sz. 1. Machbeth. 297 Mit wilder Brunſt Tarquins, dem Ziel entgegen, Schreitet geſpenſtiſch.— O du verwundbar, feſt gefugte Erde, Hoͤr meine Schritte nicht, was ſie auch wandeln, Daß nicht ausſchwatzen ſelber deine Steine Mein Wohinaus, und von der Stunde nehmen Den jetz'gen ſtummen Graus, der ſo ihr ziemt.— Hier droh' ich, er lebt dort; Fuͤr heiße That zu kalt das muß'ge Wort! (die Glocke wird angeſchlagen.) Ich geh', und's iſt gethan; die Glocke mahnt⸗ Hoͤr' ſie nicht, Duncan,'s iſt ein Grabgelaͤut, Das dich zu Himmel oder Höll' entbeut. (er ſteigt hinauf.) (Lady Macbeth tritt unten auf.) L. Mach. Was ſie berauſchte, hat mich kuͤhn gemacht: Und was ſie daͤmpft', hat mich entflammt:— Still, horch!— Die Eule war's, die ſchrie, der traur'ge Waͤchter, Der graͤßlich gute Nacht wuͤnſcht.— Er iſt dabei:— Die Thuͤren find geoffnet, ſchnarchend ſpotten Die uͤberladnen Diener ihres Amt's: Ich wuͤrzte ihren Schlaftrunk, daß Natur Und Tod ſich ſtreiten, wem ſie angehoͤren. Wacb.(der oben erſcheint) Ha! wie? wer iſt da? Cer geht wieder hinein.) L. Mach. O weh! ich furchte, ſie ſind aufgewacht, Und es iſt nicht geſchehn:— Der Anſchlag, nicht die That, Verdirbt uns:— Horch!— Ich legt' ihm ihre Dolche Bereit, die mußt' er finden.— Haͤtt' er nicht Geglichen meinem Vater, wie er ſchlief, So haͤtt' ich's ſelbſt gethan.— Nun, mein Gemahl! (Macbeth tritt auf.) Wacb. Ich hab' die That gethan:— Hoͤrtſt du nicht was? L. Wacb. Die Eule hoͤrt' ich ſchrei'n, und Heimchen zirpen. Sprach'ſt du nichts? Wach. Wann? Wiacb. Wie ich'runter kam? L. Wacb. Ja. *. 298 Macbeth. A. II. macb. Horch!— Wer ſchlaͤft im zweiten Zimmer? L. Mach. Donalbain. Mach. Das iſt ein kläglich Bild. L. Mach. Ein naͤrriſch Wort, Zu ſagen, klaͤglich Bild. Wach. Der eine lacht' im Schlaf, und, Mord! ſchrie einer Daß ſie einander weckten: Ich ſtand und hoͤrt' es; Sie aber ſprachen ihr Gebet, und legten Zum Schlaf ſich wieder. L. Wacb. Dort wohnen zwei beiſammen. macb. Der ſchrie, Gott ſey uns gnaͤdig! jener, Amen! Als ſaͤh'n ſie mich mit dieſen Henkershaͤnden. Behorchend ihre Angſt, konnt ich nicht ſagen Amen, als jener ſprach: Gott ſey uns gnadig. L. Mach. Denkt nicht ſo tief daruͤber. Mach. Doch warum Konnt' ich nicht Amen ſprechen? War mir doch Die Gnad' am meiſten noth, und Amen ſtockte Mir in der Kehle. L. Macb. Dieſer Thaten muß Man ſo nicht denken; ſo macht es uns toll. WMiacb. Mir war, als rief' es:„Schlaft nicht mehr, Macbeth Mordet den Schlaf!“ Ihn, den unſchuld'gen Schlaf; Schlaf, der des Grams verworr'n Geſpinnſt entwirrt; Den Tod von jedem Lebenstag, das Bad Der wunden Muͤh', den Balſam kranker Seelen, Den zweiten Gang im Gaſtmahl der Natur, Das naͤhrendſte Gericht beim Feſt des Lebens. L. Mach. Was meinſt du? Miacb. Stets rief es:„Schlaft nicht mehr!“ durch's ganze Haus; „Glamis mordet den Schlaf!“ und drum wird Cawdor Nicht ſchlafen mehr, Macheth nicht ſchlafen mehr. L. Wach. Wer war es, der ſo rief? Mein wuͤrd'ger an, 5 Du laͤßſt den edeln Muth erſchlaffen, denkſt du So hirnkrank druͤber nach. Nimm etwas Waſſer, Und waſch' von deiner Hand das garſt'ge Zeugniß.— Was brachteſt du die Dolche mit herunter? ———— Sz. 1. Machbeth. 299 Dort liegen muͤſſen ſie: Geh, bring' ſie hin, Und färb' mit Blut die Kaͤmm'rer, wie ſie ſchlafen. MWach. Ich gehe nicht mehr hin: Ich bin entſetzt, Denk' ich daran, was ich gethan; es anſchaun— Ich wag' es nicht! L. Wacb. O, ſchwache Willenskraft! Gieb mir die Dolche: Schlafende und Todte Sind Bilder nur; der Kindheit Aug' allein Scheut den gemalten Teufel. Wenn er blutet, Faͤrb' ich damit der Diener Kleider roth; So tragen ſie die Liverei des Mordes. Cſie geht ab. Man hört klopfen.) Wach. Woher das Klopfen——— Was iſt das mit mir, Daß jeder Ton mich ſchreckt? Ha! welche Haͤnde!— Sie reißen mir die Augen aus— Kann wohl des großen Meergotts Ocean Dies Blut von meiner Hand rein waſchen? Nein; Weit eh'r kann dieſe meine Hand mit Purpur Die unermeßlichen Gewäſſer fäͤrben, Und Gruͤn in Roth verwandeln.— (LCady Macbeth kommt zurück) L. Macb. Meine Haͤnde Sind blutig, wie die deinen; doch ich ſchaͤme Mich, daß mein Herz ſo weiß iſt. (es wird geklopft.) 8 Klopfen hoͤr' ich Am Suͤdthor:— Eilen wir in unſre Kammer: Ein wenig Waſſer reint uns von der That, Wie leicht denn iſt ſie! Deine Feſtigkeit Verließ dich ganz und gar. (es wird geklopft.) Horch, wieder Klopfen. Thu' an dein Nachtkleid; muͤſſen wir uns zeigen, Daß man nicht ſieht, wir wachten:— Verlier' dich nicht So aͤrmlich in Gedanken. Macb. Zu wiſſen, daß ich's that,— Ol beſſer von MVir ſelbſt nichts wiſſen! Weck' Duncan mit dem Klopfen! Ol koͤnnteſt du's!(ſie gehen ab.) 300 Macheth. A. II. e Ebendaſelbſt. (Der Pförtner kommt, es wird geklopft.) Pförtner. Das iſt ein Klopfen! Wahrhaftig, wenn einer Hoͤllen⸗ pfoͤrtner waͤre, da haͤtte er was zu ſchließen. Poch, poch, poch: Wer da, in Beelzebubs Namen? Ein Pachter, der ſich in Erwartung einer reichen Ernte aufhing: Zur rechten Zeit gekommen; habt Ihr auch Schnupftuͤcher genug bei Euch? denn hier werdet Ihr dafuͤr ſchwitzen muͤſſen!— Poch, poch: Wer da, in des andern Teufels Namen? Mein Treu, ein Zweideutler, der in beide Schalen gegen jede Schale ſchwoͤ⸗ ren konntez der um Gotteswillen Verraͤthereien genug beging, und ſich doch nicht zum Himmel hinein zweideuteln konnte: Herein, Zweideutler.— Poch, poch, poch: Wer da? Mein Treu, ein engliſcher Schneider, hier angekommen, weil er etwas aus einer franzoͤſiſchen Hoſe geſtohlen hat: Herein, Schneider; hier kannſt du deine Buͤgelgans braten. Poch, poch— Keine Ruhe! Wer ſeyd ihr? Aber hier iſt es zu kalt fur die Hoͤlle; ich mag nicht länger Teufelspfortner ſeyn. Ich dachte, ich wollte von jedem Gewerbe einige herein laſ⸗ ſen, die den hreiten Roſenpfad zum ewigen Freudenfeuer wandeln.— Gleich, gleich! Ich bitt Euch, bedenkt doch, daß der Pförtner auch ein Menſch iſt!— (Er öffnet das Thor, Macduff und Len ox kommen herein.) Macd. Kameſt du ſo ſpaͤt zu Bett, Freund, daß du nun ſo ſpät aufſtehſt? Pfört. Mein Seel', Herr, wir zechten, bis der zweite Hahn kraͤhte: und der Trunk iſt ein großer Befoͤrderer von drei Dingen. Wacd. Was ſind denn das fur drei Dinge, die der Trunk vorzuglich befoͤrdert? Pfort. Ei, Herr, rothe Naſen, Schlaf und Uurin. Buhlerei befoͤrdert und daͤmpft er zugleich: er befoͤrdert das Verlangen, und daͤmpft das Thun: Darum kann man ſa⸗ gen, daß vieles Trinken ein Zweideutler gegen die Buhlerei iſt: es ſchafft ſie, und vernichtet ſie; treibt ſie an, und haͤlt Sz. 2. Macbeth. 301 ſie zuruͤck; macht ihr Muth, und ſchreckt ſie ab; heißt ſie, ſich brav halten, und nicht brav halten; zweideutelt ſie zu⸗ letzt in Schlaf, ſtraft ſie Luͤgen, und geht davon. S Ich glaube, der Trunk ſtrafte dich die Nacht uͤgen. Pfört. Ja, Herr, das that er, in meinen Hals hinein: aber ich vergalt ihm ſeine Lugen, und ich denke, ich war ihm doch zu ſtark; denn ob er mir gleich die Beine ein paar mal unten weg zog, ſo fand ich doch einen Kniff ihn hinaus zu ſchmeißen. Macd. Iſt dein Herr ſchon aufgeſtanden? Geweckt hat unſer Klopfen ihn; hier kommt er. (Macbeth tritt auf.) Len. Guten Morgen, edler Herr. Mach. Guten Morgen, Beiden. Macd. Iſt der König aufgeſtanden, wuͤrd'ger Than? Wacb. Noch nicht. Macd. Mir gab er den Befehl, ihn fruͤh zu wecken; Die Zeit verſaͤumt ich faſt. Macb. Ich fuͤhr' Euch hin. Wacd. Ich weiß, es iſt'ne Muh', die Euch erfteut: Doch iſt es eine Muͤh'. Warcb. Die Arbeit, die uns freut, wird zum Ergötzen: Hier iſt die Thuͤr. Macd. Ich bin ſo kuͤhn, zu rufen; Nur dies ward mir befohlen. Cer geht ab.) 8 Len. Reiſt der König eut ab? Macb. So iſt's, er hat es ſo beſtimmt. Len. Die Nacht war ic Wo wir ſchliefen, heult' es Den Schlot herab; und, wie man ſagt, erſcholl in Wimmern in der Luft, ein Todesſtöhnen, Ein Prophezeih'n in fuͤrchterlichem Laut Von wildem Brand und gräßlichen Geſchichten, eu ausgebruͤtet einer Zeit des Leidens. Der dunkle Vogel ſchrie die ganze Nacht durch: an ſagt, die Erde bebte fieberkrank. Mach. Es war'ne rauhe Nacht. Len. Mein jugendlich Gedachtniß ſucht umſonſt Nach ihres Gleichen. 302 Macheth. A. I. (Macduff kommt von oben herunter.) Wacd. O Grauſen! g Grauſen! Zung' und erz Faßt es nicht, nennt es nicht! Wach. und Len. Was iſt geſchehn? Macd. Jetzt hat die Hoͤll ihr Meiſterſtuͤck gemacht! Der Kirchenraͤuberiſche Mord brach auf Des Herrn geweihten Tempel, und ſtahl weg Das Leben aus dem Heiligthum. Mach. Was ſagt Ihr? Das Leben? Len. Meint Ihr ſeine Majeſtaͤt? Watd. Geht ein zur Kammer, und zerſtoͤrt die Sehkraft Durch eine neue Gorgo! Verlangt nicht, daß ich ſpreche; Seht! und dann redet ſelbſt! Erwacht! erwacht! (Macbeth und Lenor gehn ab.) Die Sturmglock' angeſchlagen! Mord! Verrath! Banquo und Donalbain! Malcolm! erwacht! Werft ab den flaum'gen Schlaf, des Todes Abbild, Und ſeht ihn ſelbſt, den Tod!— Auf, auf, und ſchaut Des Weltgerichtes Vorſpiel!— Malcolm! Banquo! Steigt wie aus Eurem Grab! wie Geiſter ſchreitet, Als Graungefolge dieſen Mord zu ſchaun! Die Glocken ſtuͤrmt! (Lady Macbeth tritt auf.) L. Macb. Was iſt denn vorgefallen, Daß ſolche ſchreckliche Trompete ruft Zum Rath die Schlaͤfer dieſes Hauſes? Sprecht! Wacd. O zarte Frau, Ihr duͤrft nicht hoͤren, was ich ſagen koͤnnte: Vor eines Weibes Ohr es nennen, waͤre Ein Mord, ſo wie geſagt. (Banquo tritt auf.) O Banquo! Banquo! Unſer theurer Koͤnig iſt ermordet! L. Mach. Wehe! In unſerm Haus? Bang. Zu grauſam, wo auch immer.— O, lieber Macduff, widerſprich dir ſelber, Und ſag', es ſey nicht ſo. Sz. 2. Macbeth. 303 (Macbeth und Lenor kommen zurück.) Wach. Waͤr' ich geſtorben, eine Stunde nur Eh' dies geſchah, geſegnet war mein Daſeyn! Von jetzt giebt's nichts Ernſtes mehr im Leben: Alles iſt Tand, geſtorben Ruhm und Gnade! Der Lebenswein iſt ausgeſchenkt, nur Hefe Blieb noch zu prahlen dem Gewoͤlhe. (Malcolm und Donalbain treten auf.) Don. Wem Geſchah ein Leid? Wacb. Euch ſelbſt, und wißt es nicht: Der Born, der Urſprung Eures Blutes iſt Verſiegt, die Lebensquelle ſelbſt verſiegt. Wacd. Eu'r koͤniglicher Vater iſt ermordet. Malc. Ha! von wem? Len. Die Kaͤmmerlinge ſcheint es, ſind die Thäter; Denn Haͤnd' und Antlitz trugen blut'ge Zeichen, Auch ihre Dolche, die unabgewiſcht Auf ihren Polſtern lagen: Wie im Wahnſinn So ſtarrt' ihr Auge; und es war gefaͤhrlich, Nur ihnen nah' zu kommen. Mach. Ol jetzt bereu' ich meine Wuth; daß ich Sie niederſtieß. Macd. Warum habt Ihr's gethan? Mach. Wer iſt weiſo und entſetzt, gefaßt und wuthig, Pflichttreu und kalt in Einem Augenblick? Kein Menſch: Die Raſchheit meiner heft'gen Liebe Lief ſchneller als die zoͤgernde Vernunft:— Duncan lag hier, die Silberhaut verbraͤmt Mit ſeinem goldnen Blut;— die offnen Wunden, Sie waren wie ein Riß in der Natur, Wo Untergang vernichtend einzieht: Dort die Moͤrder, Getaucht in ihres Handwerks Farb', die Dolche Abſcheulich, von geronn'nem Blute ſchwarz. Wer konnte ſich da zuͤgeln, der ein Herz Voll Liebe hatt', und in dem Herzen Muth Die Liebe zu beweiſen? L. Macb. Helft mir fort!— Miaed. Seht nach der Lady. Malc. Weßhalb ſchweigen wir, Da unſer Anſpruch an dies Weh der nächſte? 304 Machbeth. A. H. Don. Was ſoll'n wir ſprechen, hier, wo unſer Schickſal, Im Winkel, wo verſteckt, herſtuͤrzen kann, Uns zu ergreifen? Fort; denn unſre Thraͤnen Sind noch nicht reif. Wialc. Noch unſer heft'ger Gram Zum Fliehn geſchickt. Banqg. Seht nach der Lady:— (Lady Macbeth wird fort geführt.) Und haben wir verhuͤllt der Schwaͤche Bloͤßen Die Faſſung jetzt entbehrt, treffen wir uns, Und forſchen dieſer blut'gen Unthat nach, Den Grund zu ſehn. Uns ſchuͤtteln Furcht und Zweifel: Ich ſteh' in Gottes großer Hand, und ſo Kaͤmpf' ich der ungeſproch'nen Anmuthung Boͤſen Verraths entgegen. WMach. So auch ich. Alle. Wir Alle. Macb. Laßt mit Entſchloſſenheit geruſtet, wieder Uns in der Halle treffen. Alle. Wohl, ſo ſey's. (Malcolm und Donalbain bleiben, die Uebrigen gehn ab.) Walc. Was thuſt du? Laß uns nicht zu ihnen halten. Zu zeigen ungefuͤhlten Schmerz iſt Kunſt, Die leicht dem Falſchen wird. Ich geh' nach England. Don. Nach Irland ich; unſer getrenntes Gluͤck Verwahrt uns beſſer: Wo wir ſind, droh'n Dolche In Jedes Laͤcheln: um ſo blutsverwandter, So mehr verwandt dem Tode. Malc. Der moͤrderiſche Pfeil iſt abgeſchoſſen, Und fliegt noch; Sicherheit iſt nur fuͤr uns, Vermeiden wir das Ziel. Drum ſchnell zu Pferde, Und zaudern wir nicht, jene noch zu gruͤßen, Nein, heimlich fort: Nicht ſtrafbar iſt der Dieb, Der ſelbſt ſich ſtiehlt, wo keine Gnad' ihm blieb. (ſie gehen ab.) Sz. 8. Macheth 305 Drte S z ne. Vor dem Schloß. (Roſſe tritt auf mit einem alten Mann.) Alter. Auf ſiebzig Jahr kann ich mich gut erinnern: In dieſem Zeitraum ſah ich Schreckenstage, Und wunderbare Ding'z doch dieſe böſe Nacht Macht alles Vor'ge klein. Roſſe. O, guter Vater, Der Himmel, ſieh, als zuͤrn' er Menſchenthaten, Draͤut dieſer blut'gen Buͤhne: Nach der Uhr iſt's Tag, Doch dunkle Nacht erſtickt die wandernde Lampe: Iſt's Sieg der Nacht, iſt es die Scham des Tages, Daß Finſterniß der Erd⸗ Antlitz begraͤbt, Wenn lebend Licht es kuͤſſen ſollte? Alt. Unnatuͤrlich, Wie die geſcheh'ne That. Am leßten Dienſtag Sah ich, wie ſtolzen Flug's ein Falke ſchwebte, Und eine Eul' ihm nachjagt', und ihn wuͤrgte. Roſſe. Und Duncans Roſſe, ſeltſam iſt's doch ſicher So raſch und ſchoͤn, die Kleinoß⸗ ihres Bluts, rachen, verwildert ganz, aus ihren Staͤllen, Und ſtuͤrzten fort, ſich ſtraͤubend dem Gehorſam, Als wollten Krieg ſie mit den Menſchen fuͤhren. Alt. Man ſagt, daß ſie einander fraßen. Roſſe. Ja; Entſetzich war's, ich hab' es ſelbſt geſehn. Da kommt der edle Macduff— (Macduff tritt auf.) Nun, Herr, wie geht die Welt? Macd. Ei, ſeht Ihr's nicht? Roſſe. Weiß man, wer that die mehr als blut'ge That? Wacd. Jene, die Macheth tödtete. M. 20 306 Macbeth. 4. I. Roſſe. O Jammer! Was hofften ſie davon? WMacd. Sie waren angeſtiftet: Malcolm und Donalbain, des Koͤnigs Soͤhne Sind heimlich fort, entflohn; dies waͤlzt auf ſie Der That Verdacht. Roſſe. Stets gegen die Natur: Verſchwenderiſcher Ehrgeiz, ſo verſchlingſt du Des eignen Lebens Unterhalt!— So wird Die Koͤnigswuͤrde wohl an Macbeth fallen? Wacd. Er iſt ernannt ſchon, und zu ſeiner Kroͤnung Nach Scone gegangen. Roſſe. Wo iſt Duncans Leichnam? Macd. Nach Colmes Kill Ehe man ihn zur heil'gen ruft Wo die Gebeine ſeiner Ahnen alle Verſammelt ruhn. Roſſe. Geht Ihr nach Scone? Macd. Nein, Vetter: Ich geh' nach Fife. Roſſe. So will ich hin. Wacd. Lebt wohl. Mag Alles ſo geſchehn, daß wir nicht ſagen: Bequemer war der alte Rock zu tragen! (er geht ab.) Roſſe. Vater, lebt wohl. Alt. Gott ſegne Euch, und den, der redlich denkt; Unheil zum Heil, Zwietracht zum Frieden lenkt! (ſie gehen ab.) Sz. 1. Machett. 307 Drie n Erſte Szene. Fores, Saal im Schloſſe. (Banquo tritt auf,) Banquo. Du haſt's nun, Koͤnig, Cawdor, Glamis, Alles, Wie dir's die Zauberfrau'n verſprachen; und ich fuͤrchte, Du ſpielteſt ſchaͤndlich drum: doch ward geſagt, Es ſolle nicht bei deinem Stamme bleiben; Ich aber ſollte Wurzel ſeyn, und Vater Von vielen Koͤn'gen. Kommt von ihnen Wahrheit (Wie, Macbeth, ihre Wort' an dich beſtaͤt'gen,) Warum, bei der Erfullung, die dir ward, Soll'n ſie nicht mein Orakel gleichfalls ſeyn, Und meine Hoffnung kraft'gen? Still, nichts weiter.— (Trompeten, es treten auf Macbeth als König und Lady Macheth als Königin; Lenor, Roſſe, Lords, Lady's und Gefolge.) Macb. Hier unſer hoͤchſter Gaſt. L. Macb. Ward er vergeſſen, War's wie ein Riß in unſerm großen Feſt, Und alles ungeziemend. Mach. Herr, wir halten Ein feierliches Mahl heut Abend, und Ich bitt' um Eure Gegenwart. Banqg. Eu'r Hoheit Hat zu befehlen; unauflöslich bleibt ur immer meine Pflicht an Euch gebunden. Wacb. Verreiſt Ihr noch den Nachmittag? Banq. Ja, Herr. Mach. Sonſt haͤtten wir wohl Euren Rath gewuͤnſcht, Der ſtets voll Einſicht und erſprießlich war, 20 308 Macbeth. A. III. Im Staatsrath heut; doch goͤnnt ihn morgen uns. Geht Eure Reiſe weit? Banqg. So weit, mein Koͤnig, Daß ſie die Zeit von jetzt bis Abend ausfuͤllt: Haͤlt nicht mein Pferd ſich gut, ſo muß ich wohl Noch von der Nacht ne dunkle Stunde borgen. Macb. Fehlt nicht bei unſerm Feſt. Banq. Mein Fuͤrſt, ich komme. Mach. Wir hoͤren, unſ're blut'gen Vettern weilen In England und in Irland; nicht bekennend Den grauſen Vatermord, mit ſelt'nen Maͤhrchen Die Hoͤrer taͤuſchend: Doch das ſey fuͤr morgen, Da außerdem das Staatsgeſchaͤft uns alle Zuſammen ruft. Saͤumt laͤnger nicht: Lebt wohl, Bis wir zu Nacht uns ſehn. Geht Fleance mit Euch? Banq. Ja, theurer Herr: die Zeit mahnt uns zur Eil'. MWach. Moͤgen die Roſſe ſchnell und ſicher laufen; Beſteigt ſie alſobalb und reiſet gluͤcklich.— (Banquo geht ab.) Ein jeder ſey nun Herr von ſeinen Stunden Bis ſieben Uhr; uns die Geſelligkeit Zu wuͤrzen, ſind wir bis zum Abendeſſen Mit uns allein: bis dahin, Gott befohlen. (Alle gehen ab, Machbeth bleibt.) Du da! ein Wort: ſind jene Maͤnner hier? (Ein Diener tritt ein.) Dien. Sie harren vor dem Schloßthor, mein Gebieter. Wach. Fuͤhr' ſie uns vor.— (Diener geht ab.) Das ſo zu ſeyn iſt nichts: Doch ſicher ſo zu ſeyn:— In Banquo wurzelt 5 Tief unſte Furcht; in ſeinem Koͤnigsſinn Herrſcht was, das will gefuͤrchtet ſeyn: Viel wagt er; Und außer dieſem unerſchrocknen Geiſt Hat Weisheit er, die Fuͤhrerin des Muths Zum ſichern Wirken: Außer ihm iſt keiner, Vor dem ich zittern muß; und unter ihm Beugt ſich mein Genius ſcheu, wie, nach der Sage, Vor Cäſar Mark Antonius Geiſt. Er ſchalt die Schweſtern Gleich als ſie mir den Namen Koͤnig gaben, Und hieß ſie zu ihm ſprechen; dann, prophetiſch, Sz 1. Macbeth. 309 Vegruͤßten ſie ihn, Vater vieler Kon'ge. Mein Haupt empfing die unfruchtbare Krone, Den duͤrren Scepter reichten ſie der Fauſt, Daß eine fremde Hand ihn mir entwinde, Kein Sohn von mir ihn erbe. Iſt es ſo:— Hab' ich fuͤr Banquo's Stamm mein Herz befleckt, Fuͤr ſie erwuͤrgt den gnadenreichen Duncan, In meinen Friedensbecher Gift gegoſſen, Einzig fur ſie; und mein unſterblich Kleinod Dem Erbfeind aller Menſchen preis gegeben! Zu kroͤnen ſie! zu kroͤnen Banquo's Brut!— Ch' das geſchieht, komm, Schickſal, in die Schranken, Und fordre mich auf Tod und Leben!— Holla! (Der Diener kommt mit zwei Mö rdern.) Geh' vor die Thuͤr, und warte bis wir rufen. (der Diener geht ab.) War's geſtern nicht, da wir zuſammen ſprachen? 1. Moͤrd. So war es, Majeſtät. Mach. Gut denn, habt Ihr Nun meinen Reden nachgedacht? So wißt, Daß er es eh'mals war, der Euch ſo ſchwer Gedruͤckt; was, wie Ihr waͤhntet, ich gethan, Der voͤllig ſchuldlos: Dies bewies ich Euch In unſ'rer letzten Unterredung; macht' Euch klar, Wie man Euch hinterging und kreuzte; nannt! Euch Die Werkzeng' auch, und wer mit ihnen wirkte; Und alles ſonſt, was ſelbſt'ner halben Seele Und bloͤd'ſtem Sinne zurief: Das that Banquo! 1. Moͤrd. So habt Ihr's uns erklaͤrt. Wiacb. Ich that es, und ging weiter: deßhalb nun S ich Euch wieder her beſchieden. Fuhlt Ihr eduld vorherrſchend ſo in Eurem Weſen, Daß Ihr dies hingehn laßt? Seyd Ihr ſo fromm, Zu beten fuͤr den guten Mann und ſein Geſchlecht, deß ſchwere Hand zum Grab Euch beugte, Und Euch zu Bettlern macht' und Eure Kinder? 1. Woͤrd. Mein Koͤnig, wir ſind Maͤnner. Wiacb. Ja, im Verzeichniß lauft Ihr mit als Maͤnner; Wie Jagd⸗ und Windhund, Blendling, Wachtelhund, Spitz, Pudel, Schaͤferhund und Halbwolf, Alle er Name Hund benennt: das Rangregiſter Bezeichnet erſt den ſchnellen, trägen, klugen, 310 M eh A. III. Den Hausbewacher und den Jaͤger, jeden Nach ſeiner Eigenſchaft, die ihm Natur Liebreich geſchenkt; wodurch ihm wird beſondre Bezeichnung, aus der Schaar, die alle gleich Benamt: und ſo iſt's mit den Menſchen auch. Habt Ihr nun einen Platz im Rangregiſter, Und nicht den ſchlecht'ſten in der Mannheit, ſprecht; Und ſolches Werk vertrau' ich Eurem Buſen, Deſſen Vollſtreckung Euren Feind entrafft, Herzinnig feſt an unſre Lieb' Euch ſchmiedet, Da unſer Wohlſeyn kraͤnkelt weil er lebt, Das nur in ſeinem Tod geſundet. 2. Moͤrd. Herr, Mit hartem Stoß und Schlag hat mich die Welt So aufgereizt, daß mich's nicht kuͤmmert, was Der Welt zum Trotz ich thu'. 1. Moͤrd. Und ich bin einer, So matt von Elend, ſo zerzauſt vom Ungluͤck, Daß ich mein Leben ſetz' auf jeden Wurf, Es zu verbeſſern, oder los zu werden. Wach. Ihr wißt es beide, Banquo war Eu'r Feind. 2. Moͤrd. Gewiß, mein Fuͤrſt. Mach. Soo iſt er meiner auch, Und in ſo blut'ger Naͤh', daß jeder Pulsſchlag Von ihm, nach meinem Herzensleben zielt. Und obgleich meine Macht mit offnem Antlitz Ihn loͤſchen koͤnnt' aus meinem Blick, und frei Mein Wort die That geſtehn; doch darf ich's nicht, Um manchen, der mir Freund iſt ſo wie ihm, Deß Lieb' ich nicht kann miſſen, ſeinen Fall Muß ich beklagen, den ich ſelbſt erſchlug: Und darum ſprech' ich Euch um Beiſtand an, Dem Poͤbelauge das Geſchaft verlarvend Aus manchen wicht'gen Gruͤnden. 2. Moͤrd. Wir vollziehn, Was Ihr befehlt. 1. Moͤrd. Wenn unſer Leben auch— Macb. Aus Euren Augen leuchtet Euer Muth. In dieſer Stunde ſpaͤt'ſtens meld' ich Euch Wo Ihr Euch ſtellt; bericht' Euch auf's genauſte Den Augenblick; denn heut' Nacht muß es ſeyn: Und etwas ab vom Schloß; ſtets dran gedacht, Daß ich muß rein erſcheinen: Und mit ihm, Sz. 1.2. Macbeth. 311 um nichts nur halb und obenhin zu thun, Muß Fleance, ſein Sohn, der ihm Geſellſchaft leiſtet, Deß Wegthun mir nicht minder wichtig iſt Als ſeines Vaters, das Geſchick mit ihm Der dunkeln Stunde theilen. Entſchließt Euch nun fuͤr Euch; gleich komm' ich wieder. 2. Moͤrd. Wir ſind entſchloſſen, Herr. Mach. So ruf' ich Euch Alsbald; verweilt da drinn. Es iſt entſchieden. Denkſt, Banquo, du den Himmel zu gewinnen, Muß deine Seel' heut Nacht den Flug beginnen. (Alle ab.) 3 w eit e S z ene Ebendaſelbſt, ein anderes Zimmer. (Lady Macbeth tritt auf mit einem Diener.) Lady Macbeth. Iſt Banquo fort vom Hof? Dien. Ja, Koͤn'gin, doch er kommt zuruͤck heut Abend. L. Mach. Dem Koͤnig meld', ich laſſe ihn erſuchen Um wen'ge Augenblicke. Dien. Ich gehorche. (er geht ab.) L. Mach. Nichts iſt gewonnen, Alles iſt dahin, tehn wir am Ziel mit unzufriednem Sinn: Viel ſichrer, das zu ſeyn, was wir zerſtoͤrt, Ward durch Zerſtorung ſchwankend Gluͤck gewaͤhrt. (Macbeth tritt auf.) Nun, theurer Freund, was biſt du ſo allein, Und wählſt nur truͤbe Bilder zu Gefaͤhrten? Gedanken hegend, die doch todt ſeyn ſollten, Wie jen', an die ſie denken. Was unheilbar, Vergeſſen ſey's. Geſchehn iſt was geſchehn. Wacb. Zerhackt ward nur die Schlange, nicht getodtet, Sie heilt und bleibt dieſelb', indeß ihr Zahn Wie ſonſt gefaͤhrdet unſre arme Bosheit. 312 Macbeth. A. III. Doch ehe ſoll der Dinge Bau zertruͤmmern, Die beiden Welten ſchaudern, eh' wir laͤnger In Angſt verzehren unſer Mahl, und ſchlafen In der Bedraͤngniß ſolcher grauſen Traͤume, Die uns allnächtlich ſchuͤtteln: Lieber bei Dem Todten ſeyn, den, Frieden uns zu ſchaffen, Zum Frieden wir geſandt; als auf der Folter Der Seel', in ruheloſer Qual zu zucken. Duncan ging in fein Grab, Sanft ſchlaͤft er nach des Lebens Fieberſchauern; Verrath, du that'ſt dein Aergſtes: Gift noch Dolch, Einheim ſche Bosheit, fremder Anfall, nichts Kann ferner ihn beruͤhren. L. Macb. O, laß gut ſeyn! Mein liebſter Mann, glaͤtte die Runzeln weg; Sey froh und munter heut mit deinen Gaͤſten. Wacb Das will ich, Lieb'; und, bitte, ſey es auch: Vor allen wend' auf Banquo deine Sorgfalt, Und ſchenk' ihm Auszeichnung mit Wort und Blick: Unſicher noch, ſind wir genöthigt, ſo Zu baden unſere Wuͤrd' in Schmeichelſtroͤmen; Daß unſer Antlitz Larve wird des Herzens, Verbergend, was es iſt. L. Mach. Du mußt das laſſen. Mach. O! von Scorpionen voll iſt mein Gemuͤth. Du weißt, Geliebte, Banquo lebt und Fleance. L. Maecb. Doch ſchuf Natur ſie nicht fuͤr ew'ge Dauer. Macb. Ja, das iſt Troſt; man kann noch an ſie kommen: Drum ſey du froͤhlich. Eh' die Fledermaus Geendet ihren klöſterlichen Flug; Eh' auf den Ruf der dunkeln Hekate, Der hornbeſchwingte Kaͤfer, ſchlaͤfrig ſummend, Die naͤcht'ge Schlummerglocke hat gelaͤutet, Iſt eine That geſchehn furchtbarer Art. „Wach. Was haſt du vor? Wacb. Unſchuldig bleibe, Kind, und wiſſe nichts, Bis du der That kannſt Beifall rufen. Komm Mit deiner dunkeln Binde, Nacht; verſchließe Des mitleidvollen Tages zartes Auge; urchſtreich' mit unſichtbarer, blutsger Hand, Und reiß in Stucke jenen großen chuldbrief, Der meine Wangen bleicht!— Das Licht wird truͤbe; Zum dampfenden Wald erhebt die Kraͤh' den Flug; Sz. Macheth. 13 Die Tag'sgeſchopfe ſchläͤfrig niederkauern, Und ſchwarze Nachtunhold' auf Beute lauern. Du ſtaunſt mich an? Still.— Suͤndentſproßne Werke Erlangen nur durch Suͤnden Kraft und Starke. So, bitte, geh' mit mir. (ſie gehen ab.) Dritte Szene. Ebendaſelbſt, ein Park im Schloß. (Drei Mörder treten auf.) 1. Moͤrder. Wer aber hieß dich zu uns ſtoßen? 3. Moͤrd. Macheth. 2. Moͤrd. Man braucht ihm nicht zu mißtraun; denn er kennt Unſer Geſchaͤft, das man uns aufgetragen, Und weiß genau Beſcheid. 1. Moͤrd. Soo bleib' bei uns. Der Weſt glimmt noch von ſchwachen Tagesſtreifen: Der NReiter ſpornt nun eil'ger durch die Daͤmmrung, Zur Schenke noch zu kommen; und ſchon naht Der, den wir hier erwarten. 3. Moͤrd. Pferde:— Horcht! Banq.(hinter der Szene.) Heda! bringt Licht. 2. Woͤrd. Er muß es ſeyn; die andern, Die noch erwartet wurden, ſind ſchon alle Im Schleß. 4 1. Moͤrd. Die Pferde machen einen Umweg. 3. Moͤrd. Faſt eine Meile: und er geht gewoͤhnlich, Wie jeder thut, von hier bis an das Schloßthor u Fuß. (Banquo und Fleance treten auf, ein Diener mit einer Fackel voran.) 2. Moͤrd. Ein Licht! 3. Moͤrd. Er iſt es. 1. Moͤrd. Macht Euch dran! Banq. Es kommt Regen noch zu Nacht. 314 Macbeth. A. III. 1. Roͤrd. So mag er fallen! (erſticht Banquo.) Bang. Weh mir! Verrath! Süeh guter Fleance, flieh, ieh!— Du kannſt mein Raͤcher ſeyn.— O Sclave!— (Banquo ſtirbt. Fleance und der Diener fliehn.) 3. Moͤrd. Wer ſchlug das Licht aus? 1. Woͤrd. War's nicht wohl gethan? 3. Moͤrd. Nur einer liegt; der Sohn entfloh. 2. Moͤrd. So iſt Die beſte Haͤlfte unſ'rer Muͤh' verloren. 1. Woͤrd. Gut, gehn wir denn, und melden, was gethan. (ſie gehen ab.) Vierte Scene. Prunkſaal im Schloß, gedeckte Tafel. (Es treten auf Macheth, Lady Mabeth, Roſſe, Le⸗ nor, Lords, Gefolge.) Wacbeth. Ihr kennt ſelbſt Euren Rang; nehmt Platz: vom Erſten Zum Letzten, herzlich uns willkommen! Lords. Dank Eurer Hoheit. Mach. Wir wollen uns in die Geſellſchaft miſchen, Als aufmerkſamer Wirth. Die Wirthin nahm Schon ihren Platz; doch mit Verguͤnſtigung Erſuchen wir um ihren Gruß und Willkomm. L. Wacb. Sprich ihn fuͤr mich zu allen unſern Freunden; Denn herzlich heiß ich alle ſie willkommen. (Der 1. Mörder tritt zur Seitenthür ein.) Wiach. Sieh, ihres Herzens Dank kommt dir entgegen. Gleich voll ſind beide Seiten: Hier will ich Wich in die Mitte ſetzen. Ungehemmt Sey nun die Luſt; gleich ſoll der Becher kreiſen.— Auf deiner Stirn iſt Blut— Woͤrd. So iſt es Banquo's. Sz. 4. Machbeth. 315 Wacb. Viel beſſer draußen an dir, als er hier drinnen. So iſt er abgethan? Woͤrd. Herr, ſeine Kehle Iſt durchgeſchnitten;— das that ich fur ihn. Wach. Du biſt der beſte Kehlabſchneider; doch Auch der iſt gut, der das fuͤr Fleance gethan: War'ſt du's, ſo haſt du deines Gleichen nicht. Foͤrd. Mein koͤniglicher Herr, Fleance iſt entwiſcht. Mach. So bin ich wieder krank? ſonſt waͤr⸗ ich ſtark: Geſund wie Marmor, feſt wie Fels gegruͤndet; Weit, allgemein, wie Luft und Windeshauch: Doch jetzt bin ich umſchraͤnkt, gepfercht, umpfaͤhlt, Geklemmt von niedertraͤcht'ger Furcht und Zweifeln. Doch Banquo iſt uns ſicher? Woͤrd. Ja, theurer Herr; im Graben liegt er ſicher, In ſeinem Kopfe zwanzig tiefe Wunden, Die kleinſt' ein Lebenstod. Macb. Nun, dafuͤr Dank. Da liegt Die ausgewachſ'ne Schlange; das entfloh'ne Gewuͤrm iſt giftig einſt, nach ſeiner Art; Doch zahnlos jetzt.— Nun mach' dich fort; auf morgen Vernehm' ich mehr. (Mörder geht ab.) L. Mach. Mein koͤniglicher Herr, Ihr ſeyd kein heitrer Wirth: Das Feſt iſt feil, Wird nicht das Mahl durch Freundlichkeit gewuͤrzt, Durch Willkomm erſt geſchenkt. Man ſpeiſt am beſten Daheim; doch auswaͤrts macht die Hoͤflichkeit Den Wohlgeſchmack der Speiſen, nuͤchtern waͤre Geſellſchaft ſonſt. Mach. Du holde Mahnerin!— Nun, auf die Eßluſt folg' ein gut Verdauen, Geſundheit beiden! Len. Gefaͤllt es Eurer Hoheit ſich zu ſetzen? (Banquo's Geiſt kommt und ſetzt ſich auf Macbeth's Platz.) Mach. Beiſammen waͤr' uns hier des Landes Adel, enn unſer Freund nicht, unſer Banquo fehlte; Doch moͤcht' ich lieber ihn unfreundlich ſchelten, Als eines Unfalls wegen ihn bedauern. Len. Da er nicht kommt, verletzt er ſein Verſprechen. ————— 3¹6 Macheth. 1. MI. Gefällt's Eu'r Majeſtät, uns Ju begluͤcken, Indem Ihr Platz in unſ'rer Mitte nehmt? Wach. Die Tafel iſt voll. Len. Hier iſt ein Platz noch. Wacb. Wo? Len. Hier, theurer Konig. Was erſchreckt Eu'r Hoheit? Mach. Wer von Euch that das? Lords. Was, mein guter Herr? Mach. Du kannſt nicht ſagen, daß ich's that! O, ſchuͤttle Nicht deine blut'gen Locken gegen mich. Roſſe. Steht auf, Ihr Herrn, h Koͤnig iſt nicht wohl. L. Mach. Bleibt ſiten, Herrn, der Koͤnig iſt oft ſo, Und war's von Jugend an: o, ſteht nicht auft Schnell geht der Anfall uͤber, augenblicks Iſt er dann wohl: Beachtet Ihr ihn viel, So reizt Ihr ihn, und laͤnger währt das Uebel. Eßt, ſeht ihn gar nicht an.— Biſt du ein Mann? Mach. Ja, und ein kuͤhner, der das wagt zu ſchauen, Wovor der Teufel blaß wird. L. Mach. Schoͤnes Zeug! Das ſind die wahren Bilder deiner Furcht; Das iſt der luft'ge Dolch, der, wie du fagteſt, Zu Duncan dich gefuͤhrt!— Ha! dieſes Zucken, Dies Starr'n, Nachaͤffung wahren Schrecks, ſie paßten Zu einem Weibermaͤhrchen am Camin, Brſtaͤtigt von Großmuͤtterchen.— O, ſchaͤme dich! Was machſt du fuͤr Geſichter? denn am Ende, Schauſt du nur auf'nen Stuhl. Mach. Ich bitt dich, ſieh! blick' auf! ſchau an! Was ſagſt du? Ha! meinethalb! wenn du kannſt nicken, ſprich auch. Wenn Grab und Beingewoͤlb' uns wieder ſchickt, Die wir begruben, ſey der Schlund der Geier Uns Todtengruft! (der Geiſt geht fort.) L. Mach. Was! ganz entmannt von Thorheit? Wach. So wahr ich vor dir ſteh', ich ſah' ihn! L. Miacb. O der Schmach! Miach. Blut ward auch ſonſt vergoſſen, ſchon vor Alters, Eh' menſchlich Recht den frommen Staat verklaͤrte; Ja, auch ſeitdem geſchah ſo mancher Mord, Zu ſchrecklich fuͤr das Ohr: da war's Gebrauch, Sz. 4. Machbeth. 317 Daß, war das Hirn heraus, der Mann auch ſtarb, Und damit gut. Doch heut zu Tage ſtehn ſie wieder auf, Mit zwanzig Todeswunden auf den Koͤpfen, Und ſtoßen uns von unſern Stuͤhlen: Das Iſt⸗noch weit ſeltſamer, als ſolch ein Mord. L. Wach. Mein König, Ihr entzieht Euch Euren Freunden. Wach. Hal! ich vergaß;— Staunt uͤber mich nicht, meine wuͤrd'gen Freunde; Ich hab' ein ſeltſam Uebel, das nichts iſt Fuͤr jene, die mich kennen. Wohlan! Lieb' und Geſundheit trink⸗ ich Allen, Dann ſetz' ich mich. Ha! Wein her! voll den Becher! (Der Geiſt kommt.) So trink' ich auf das Wohl der ganzen Tafel, Und Banquo's, unſers Freund's, den wir vermiſſen; Waͤr' er doch hier! ſein Wohlergehn, wie Aller Trink' ich: Ihm, Euch! Lords. Wir danken pflichtergeben. Mach. Hinweg!— Aus meinen Angen!— Laß Die Erde dich verbergen! Marklos iſt dein Gebein, dein Blut iſt kalt; Du haſt kein Anſchaun mehr in dieſen Augen, Mit denen du ſo ſtierſt. L. Mach. Nehmt dies, Ihr Herrn, Als was alltägliches, nichts weiter iſt's, Nur daß es uns des Abends Luſt verdirbt. Mach. Was einer wagt, wag' ich: Komm du mir nah als zott'ger Ruſſiſcher Bar, Geharn'ſcht' Rhinoceros, Hyrkan'ſcher Tiger; Nimm jegliche Geſtalt, nur dieſe nicht: ie werden meine feſten Nerven beben. Oder ſey lebend wieder; fordre mich In eine Wuſt' auf's Schwerdt; verkriech' ich mich Dann zitternd, ruf' mich aus als Dirnenpuppe. Hinweg! gräßlicher Schatten! Unkoͤrperliches Blendwerk, fort!—— (Geiſt geht fort.) Du nicht mehr da, nun bin ich wieder Mann.— Ich bitte, ſteht nicht auf. L. Mach. Ihr habt die Luſt 318 Machbeth. A. III. Verſcheucht, und die Geſelligkeit geſtört, Durch hoͤchſt fremdart'ge Grillen. Wacb. Kann ſolch Weſen An uns voruͤberziehn wie Sommerwolken, Ohn' unſer maͤchtig Staunen? Ihr entfremdet Mich meinem eignen Selbſt, bedenk' ich jetzt, Daß Ihr anſchaut Geſichte ſolcher Art, Und doch die Roͤthe Eurer Wangen bleibt, Wenn Schreck die meinen bleicht. Roſſe. Was fuͤr Geſichte? L. Macb. Ich bitt' Euch, ſprecht nicht; er wird ſchlimm und ſchlimmer; Fragen bringt ihn in Wuth. Gut' Nacht mit eins! Erwartet nicht, daß wir Euch erſt entlaſſen, Geht All' zugleich. Len. Wir wuͤnſchen Eurer Majeſtaͤt Gut' Nacht, und beßres Wohl. L. Mach. Gut' Nacht Euch Allen. Calle Lords und das Gefolge gehn ab.) Wacb. Es fordert Blut, ſagt man: Blut fordert Blut. Man ſah, daß Fels ſich regt', und Baume ſprachen; Auguren haben durch Geheimniß Deutung Von Aelſtern, Kraͤh'n und Dohlen ausgefunden Den tief verborgnen Moͤrder.— Wie weit iſt die Nacht? L. Mach. Im Kampf faſt dem Tag, ob Nacht, ob Tag. Mach. Was ſagſt du, daß Macduff zu kommen weigert, Auf unſte Ladung? L. Mach. Sandteſt du nach ihm? Mach. Ich hoͤrt's von ungefaͤhr; doch will ich ſenden: Kein einz'ger, in deß Haus mir nicht bezahlt Ein Diener lehte. Morgen will ich hin, Und in der Fruͤhe, zu den Zauberſchweſtern: Sie ſollen mehr mir ſagen; denn geſpannt Bin ich, das Schlimmſt' auf ſchlimmſtem Weg zu wiſſen. Zu meinem Vortheil muß ſich Alles fugen; Ich bin einmal ſo tief in Blut geſtiegen, Daß, wollt' ich nun im Waten ſtille ſtehn, Ruͤckkehr ſo ſchwierig waͤr', als durch zu gehn. Seltſames gluͤht im Kopf, es will zur Hand, Und muß gethan ſeyn, eh' noch recht erkannt. L. Macb. Dir fehlt die Wuͤrze aller Weſen, Schlaf. Sz. 5. Machbeth. 319 Wacb. Zu Bett:— Daß ſelbſtgeſchaffnes Graun mich qualt Iſt Furcht des Neulings, dem die lebung fehlt:— Wahrlich, wir ſind zu jung nur.— (ſie gehen ab.) Fuͤnfte Szene. Die Heide. Donner. Cbecate kommt, die drei Hexen ihr entgegen.) 1. Zeye. Was giebt es, Hecate, warum ſo zornig? Zec. Ihr garſt'gen Vetteln, hab' ich denn nicht recht? Da Ihr Euch, dreiſt und unverſchaͤmt, erfrecht, Und treibt mit Macbeth Euren Spuk, In Raäthſelkram, in Mord und Trug? Und ich, die Meiſt'rin Eurer Kraft, Die jedes Unheil wirkt und ſchafft, Mich bat man nicht um meine Gunſt, Zu Ehr' und Vortheil unſter Kunſt? Und, ſchlimmer noch, uns wird kein Lohn, Ihr dientet dem verkehrten Sohn, Der, trotzig und voll Uebermuth, Sein Werk nur, nicht das Eure„thut. Auf! beſſert's noch; macht Euch davon, Trefft mich am Pfuhl des Acheron: Dahin wird er am Morgen gehn, Von uns ſein Schickſal zu erſpaͤh'n. Mit Herenſpuk und Spruͤchen ſeyd, nd jedem Zauberkram bereit. Ich muß zur Luft hinaufz die Nacht ird auf ein Unheilswerk verbracht: Vor Mittag viel geſchehn noch ſoll. Ein Tropfen gift'ger Duͤnſte voll An einem Horn des Mondes blinkt, Den fang' ich, eh' er niederſinkt, Der, diſtillirt mit Zauberſpruͤchen, 320 Macbeth. A. III. Ruft Geiſter, die mit liſt'gen Spruͤchen Ihn taͤuſchen, daß mit Macht Beſchwoͤrung Ihn treibt in Wahnwitz, in Zerſtoͤrung: Dem Tod und Schickſal ſprech' er Hohn, Nicht Gnad' und Furcht ſoll ihn bedrohn; Denn, wie Ihr wißt, war Sicherheit Des Menſchen Erbfeind jederzeit. (Muſik hinter der Szene.) Hinweg! dort ſitzt mein kleiner Geiſt, o ſchaut! In einer dunkeln Wolk' und ruft mich laut. (Geſang hinter der Szene.) Komm heran, komm heran! Hecate, o komm heran! Zec. Ich komm', ich komm', ich komme! So ſchnell ich immer kann! So ſchnell ich immer kann! (ſie geht ab.) 1. Zexe. Fort, laßt uns eilen; bald kommt ſie zuruͤck. (ſie gehen ab.) Seſchſte Szeme. Fores, im Schloß. (Lenor und ein Lord treten auf.) Lenox. Mein Wort beruͤhrt nur leicht was Ihr gedacht; Sinnt ferner druͤber nach: Ich ſage nur, Seltſam geht manches zu: Der gnadenreiche Duncan Ward von Macheth beklagt:— Mun, er war todt:— Der wackre Banquo ging zu ſpaͤt noch aus; Wollt Ihr, ſo koͤnnt Ihr ſagen: Fleance erſchlug ihn, Denn Fleance entfloh.— Man muß ſo ſpat nicht ausgehn. Wer kann wohl anders, als es ſchaͤndlich finden, Daß Donalbain und Malcolm toͤdteten Den gnadenreichen Vater? Hoͤllſche Unthat! Wie graͤmte ſich Macbeth! erſchlug er nicht In frommer Wuth die beiden Thaͤter gleich, Die weinbetaͤubt und ſchlafverſunken waren? War's edel nicht gethan? Ja, kluͤglich auch; Denn jedes Menſchen Seel' haͤtt' es empoͤrt, Sz. 6. Maebe th. 321 Ihr Läugnen anzuhoren. Alſo ſag' ich, Alles verfuͤgt' er wohl: So denk' ich auch, Daß, haͤtt' er Duncans Soͤhne unterm Schloß, (Was, mit des Himmels Huͤlfe, nie geſchehn ſoll) Sie wuͤrden fuͤhlen, was es ſagen will, Den Vater zu ermorden; ſo auch Fleance. Doch ſtill! für dreiſte Wort', und weil er ausblieb Bei des Tyrannen Feſt, hör' ich, fiel Macduff In Ungunſt. Lord. Sandte er zu Macduff hin? Len. Ja; doch mit einem kurzen„Herr, nicht ich“ Schickt er den finſtern Boten heim, der murmelt, Als woll' er ſagen, Ihr bereut die Stunde, Die mich beſchwert mit dieſer Antwort. Lord. Dien' ihm Als Warnung das, ſo fern zu bleiben„ wie Ihm ſeine Weisheit raͤthh. Wißt Ihr, wo Malcolm Sich aufhaͤlt? Len. Duncans Sohn, durch den Tyrannen Beraubt des Erbrechts, lebt an Englands Hof, Wo ihn der fromme Eduard aufgenommen So huldreich, daß des Gluckes Bosheit nichts Ihm raubt' an Achtung. Dorthin will auch Macduff, Des heil'gen Koͤnig's Huͤlfe zu erbitten, Daß er Leren und Siward ſende: Damit durch ihren Beiſtand, nächſt dem Schutz Des Himmels, wir von neuem ſchaffen moͤgen Den Tafeln Speiſ“, und unſern Naͤchten Schlaf, Feſt und Banquet befrein von blut'gen Meſſern, Mit Treuen huld'gen, freie Ehr' empfangen, Was alles uns jetzt fehlt: und dieſe Nachricht Hat ſo den Konig aufgeregt, daß er Zum Kriege ruſtet. Lord. Flieg' ein heil'ger Engel Voran zum Hof nach England, und verkunde Die Botſchaft, eh' er kommt; daß Segen ſchnell Dies Land erfreue, von verfluchter Hand So hart gedruͤckt! Len. Auch mein Gebet mit ihm. Cſie gehn ab.) M. 2¹ 322 Machbeth. A. IV. V i e r Erſt e Szene. Eine finſtre Höhle, in der Mitte ein Keſſel⸗ (Donner, die drei Hexen kommen.) 1. Zexe. Die gelbe Katz' hat dreimal miaut. 2. Sexe. Ja, und einmal der Igel quikt. 3. Sexe. Die Harpye ſchreit:—*S iſt Zeit. 1. Zexe. Um den Keſſel dreht Euch rund, Werft das Gift in ſeinen Schlund: Kroͤte, die im kalten Stein Tag' und Naͤchte, dreimal neun Zaͤhen Schleim im Schlaf gegohren, Sollſt zuerſt im Keſſel ſchmoren! Alle. Feuer ſpruͤhe, Keſſel gluͤhe! Spart am Werk nicht Fleiß noch Muͤhe! 2. Zexe. Sumpf ger Schlange Schweif und Kopf Brat' und koch' im Zaubertopf: Molchesaug' und Unkenzehe; Hundemaul und Hirn der Kraͤhe; Zaͤher Saft des Bilſenkrauts, Eidechsbein und Flaum vom Kauz: Maäͤcht'ger Zauber wuͤrzt die Bruͤhe, Hoͤllenbrei im Keſſel gluͤhe! Alle. Feuer ſpruͤhe, Keſſel gluͤhe! Spart am Werk nicht Fleiß noch Muͤhe! 3. Bexe. Wolfeszahn und Kamm des Drachen; Hexenmumie, Gaum und Rachen Aus des Hayfiſch ſcharfem Schlund; Schierlingswurz aus finſterm Grund; Auch des Läſterjuden Lunge, Tuͤrkennaſ' und Tartarzunge; Sz. 1. Macbeth. 323 Eibenreis, vom Stamm geriſſen In des Mondes Finſterniſſen; Hand des neugebornen Knaben, Den die Metz' erwuͤrgt im Graben, Dich ſoll nun der Keſſel haben: Tigereingeweid' hinein, Und der Brei wird fertig ſeyn. Alle. Feuer ſpruͤhe, Keſſel gluͤhe! Spart am Werk nicht Fleiß noch Muͤhe! 2. exe. Abgekuͤhlt mit Paviansblut Wird der Zauber ſtark und gut. (Hecate kommt mit drei andern Hexen.) Zec. So recht! ich lobe Euer Walten; Jede ſoll auch Lohn erhalten. Um den Keſſel tanzt und ſpringt, Elfengleich den Reihen ſchlingt, Und den Zauberſegen ſingt. Geſang. Geiſter weiß und grau, Geiſter roth und blau; Ruͤhrt, ruͤhrt, ruͤhrt, Ruͤhrt aus aller Kraft! 2. Zexe. Ha! mir juckt der Daumen ſchon, Sicher naht ein Suͤndenſohn:— Laßt ihn ein, wer's mag ſeyn. (Macbeth tritt auf.) Wach. Nun, Ihr geheimen, ſchwarzen Nachtunholde! Waos macht Ihr da? Alle. Ein namenloſes Werk. Mach. Bei dem, was Ihr da treibt, beſchwör' ich Euch, (Wie Ihr zur Kund' auch kommt) antwortet mir: Entfeſſelt Ihr den Sturm gleich, daß er kaͤmpfe Auf Tempel, und die ſchäum'gen Wogen ganz Vernichten und verſchlingen alle Schiffahrt: Daß reifes Korn ſich legt, und Wälder brechen; Daß Burgen auf den Schloßwart nieder praſſein, Daß Pyramiden und Palläſte beugen Vis zu dem Grund die Haupter: Muͤßte ſelbſt Der Doppellichter Pracht und Ordnung wild uſammen taumeln, ja, bis zur Vernichtung Erkranken, Antwort gebt auf meine Fragen! 1. Bere. Sprich! 215 324 Machbeth. A. IV. 2. Zexe. Frag'! 3. Zexe. Wir geben Antwort. 1. Bexe. Hoͤrſt du's aus unſerm Munde lieber, oder Von unſern Meiſtern? Wacb. Ruft ſie, ich will ſie ſehn. 1. Zexe. Gießt der Sau Blut, die neun Jungen Fraß, noch zu; werft Fett, gedrungen Aus des Moͤrders Rabenſtein, In die Gluth. Alle. Kommt, Groß und Klein! Seyd dienſtbehend', und ſtellt Euch ein! (Donner. Ein bewaffnetes Haupt ſteigt aus dem Keſſel.) Wiach. Sprich, unbekannte Macht,— 1. Zexe. Er weiß dein Fragen: Hoͤren mußt du, ſelbſt nichts ſagen. Die Erſcheinung. Macbeth! Macbeth! Macheth! ſcheu' den Macduff, Scheue den Than von Fife.— Laßt mich:— genug. (verſinkt.) Mach. Wer du auch ſeyſt, fuͤr deine Warnung Dank; Du traf'ſt den wunden Fleck:— Doch noch ein Wort:— 1. Zexe. Er laͤßt ſich nicht befehlen: Hier ein andrer, Mäͤcht'ger als jener. (Donner. Ein blutiges Kind ſteigt aus dem Keſſel.) Die Erſcheinung. Macbeth! Macheth! Macheth! Mach. Haͤtt' ich drei Ohren, hoͤrt' ich dich. Die Erſcheinung. Sey blutig, kuͤhn und frech; lach' aller Thoren, Dir ſchadet keiner, den ein Weib geboren, Kein ſolcher kraͤnkt Macbeth.(verſinkt.) Mach. Dann leb', Macduff; was brauch' ich dich zu fuͤrchten? Doch mach' ich doppelt ſicher Sicherheit, Und nehm' ein Pfand vom Schickſal: du ſollſt ſterben; Dann ſag' ich zu der bleichen Furcht: du luͤgſt! Und ſchlafe trotz dem Donner.— (Donner. Ein gekröntes Kind ſteigt aus dem Keſſel, mit einem Baum in der Hand.) Was iſt das, Das aufſteigt wie der Sprößling eines Königs; Sz. 1. Machbeth. 325 Und um die Kindesſtirn geflochten hat Den Kranz der Majeſtaͤt? Alle. Horch, ſprich's nicht an. Die Erſcheinung. Sey löwenkuͤhn und ſtolz; nichts darfſt du ſcheuen, Wer tobt, wer knirſcht, und ob Verräther drauen: Macbeth wird nie beſiegt, bis einſt hinan Der große Birnams Wald zum Dunſinan Feindlich empor ſteigt. Cverſinkt.) Wacb. Das kann nimmer werden: Wer wirbt den Wald? heißt Baͤume von der Erden Die Wurzel löſen? Suͤß der Spruch mir ſchalt! Aufruhr iſt todt, ſteigt nie bis Birnam's Wald Aufſteigt: Und unſer Macheth hochgemuth Lebt bis an's Ziel der Tag', und zahlt Tribut Pur der Natur Zeit.— fih och klopft mein Herz, nur eins noch zu erfahren; Sprecht, kann mir Eure Kunſt dies offenbaren: Wird Banquo's Same je dies Reich regieren? Alle. Frag' weiter nichts. Macb. Ich will befriedigt ſeyn: verſagt mir das, Und ſeyd verflucht auf ewig! Laßt mich wiſſen— (Hoboen.) Warum verſinkt der Keſſel? Welch Getön? 1. Zexe. Erſcheint! 2. Zexe. Erſcheint! 3. Zere. Erſcheint! Alle. Erſcheint dem Aug' und quält den Sinn: Wie Schatten kommt und fahrt dahin. Gcht Könige erſcheinen und gehn über die Bühne, der letzte trägt einen Spiegel; Banquo folgt.) Macb. Du biſt zu ähnlich Banquo's Geiſt! Hinab!— Dein Diadem brennt mir die Augen:— Und du“ Mit goldumwundner Stirne gleichſt dem Erſten:— Ein Prinr wie der Zweite:— Garſt'ge Hexen! arum zeigt Ihr mir das? Ein Vierter!— Blick, erſtarre! Wie! dehnt die Reih' ſich bis zum juͤngſten Tag? Und noch!— Ein Siebenter! will nichts mehr ehn:— Da kommt der Achte noch, und hält'nen Spiegel er mir viel andre zeigt; und manche ſeh' ich, Die zwei Reichsäpfel und drei Scepter tragen: 326 Macbeth. A. IV. Furchtbarer Anblick! Ja, ich ſeh','s iſt wahr; Denn laͤchelnd winkt der blutdurchſiebte Banquo, Und deutet auf ſie hin, als auf die Seinen.— Was, iſt es ſo? 1. Zexe. Ja, alles iſt ſo:— Dech warum Steht Macbeth da ſo ſtarr und ſtumm? Auf! zu ermuntern ſeinen Geiſt, Ihm unſte ſchoͤnſten Kuͤnſte weiſ't: Durch Zauber toͤnen luft'ge Weiſen; Auf! tanzt in vielverſchlungnen Kreiſen. Der Koͤnig ſoll uns Lob gewaͤhren: Sein Kommen wußten wir zu ehren. (Muſik, die Hexen tanzen und verſchwinden.) Mach. Wo ſind ſie? Fort?. dieſe Unglucks⸗ unde Verflucht auf ewig im Calender ſtehn!— Herein, du draußen!— (Lenor tritt auf.) Len. Was befiehlt Eu'r Hoheit? Wiacb. Sah'ſt du die Zauberſchweſtern? Len. Nein, mein Koͤnig. Macb. Sie kamen nicht vorbei? Len. Gewiß nicht, Herr. Macb. Verpeſtet ſey die Luft, auf der ſie fahren; Und alle die verdammt, ſo ihnen trauen! Ich hoͤrte Pferd'galopp: wer kam vorbei? Len. Zwei oder drei, Herr, die Euch Nachricht brachten, Daß Macduff floh nach England. Macb. Floh nach England? Len. Ja, gnaͤd'ger Her. Mach. O Zeit! vor eilſt du meinem grauſen Thun! Nie wird der fluͤcht'ge Vorſatz eingeholt, Geht nicht die That gleich mit: Von dieſer Stunde, Sey immer meines Herzens Erſtling auch Erſtling der Hand. Und den Gedanken gleich Zu kroͤnen, ſey's gethan, ſo wie gedacht: Die Burg Macduff's will ich jetzt uͤberfallen; Fife wird erobert, und dem Schwert geopfert Sein Weib und Kind, und alle arme Seelen Aus ſeinem Stamm. Das iſt nicht Thorenwuth; Es iſt gethan, eh' ſich erkuͤhlt mein Blut.— Sz. 2. Macbeth. 327 Nur keine Geiſter mehr!— Wo ſind die Herrn? Komm, fuͤhr' mich hin zu ihnen., (ſie gehen ab.) 8 weite S Fife, Zimmer in Macduffs Schloß. (Es treten auf Lady Macduff, ihr kleiner Sohn und Roſſe.) Lady Macduff. Was that er denn, landfluͤchtig ſo zu werden? Roſſe. Geduldig muͤßt Ihr ſeyn. L. Macd. Er war es nicht. Die Flucht iſt Wahnſinn: Wenn nicht unſte Thaten, Macht Furcht uns zu Verraͤthern. Roſſe. Wenig wißt Ihr, Ob er der Weisheit oder Furcht gehorchte. L. Macd. Weisheit! Sein die kleinen Kinder aſſen, Haushalt wie ſeine Wuͤrden, an dem Ort Von dem er ſelbſt entflieht? Er liebt uns nicht; Ihm fehlt Naturgefuͤhl: Bekaͤmpft der ſchwache Zaunkönig, dieſes kleinſte Vögelchen, Die Eule doch, fuͤr ſeine Brut im Neſt: Bei ihm iſt alles Furcht, und Liebe nichts; Nicht größer iſt die Weisheit, wo die Flucht So gegen die Vernunft rennt. Roſſe. Theure Muhme, Ich bitte, mäßigt Euch; denn Euer Gatte Iſt edel, klug, vorſichtig, kennt am beſten Der Tage Sturm.— Richt viel mehr darf ich ſagen:— Doch harte Zeit, wenn wir Verraͤther ſind Uns unbewußt, wenn uns Geruͤchte aͤngſten, Aus Furcht nur; doch nicht wiſſend, was wir furchten: etrieben auf empoͤrtem, wildem Meer, Nach allen Seiten hin und her.— Lebt wohl: Nicht lang', und wieder frag' ich vor bei Euch. 328 Macbeth. A. IV. Was ſo tief ſank, geht unter, oder klimmt Zur alten Höh' empor. Mein Vetterchen, Gott ſegne dich! L. Maecd. Er hat'nen Vater und iſt vaterlos. Roſſe. Ich bin ſo kindiſch, daß ein laͤng'res Bleiben Mich nur beſchaͤmen wuͤrd', und Euch entmuth'gen: Lebt wohl mit eins.(er geht ab.) L. Macd. Nun, Freund, todt iſt dein Vater; Und was faͤngſt du nun an? wie willſt du leben? Sohn. Wie Voͤgel, Mutter. L. Wacd. Was, von Wuͤrmern? Fliegen? Sohn. Nein, was ich kriegen kann, ſo machen fie's. L. Macd. Du armer Vogel, wuͤrdeſt nicht das Netz, Leimruthe, Schling' und Falle fuͤrchten. Sohn. Und warum? Fuͤr arme Voͤgel ſtellt man die nicht auf.— Mein Vater iſt nicht todt, was du auch ſagſt. L. Macd. Ja, doch: Wo kriegſt du nun'nen Vater er? r Sohn. Nun, wo kriegſt du'nen Mann her? L. Macd. Ei, zwanzig kauf ich mir auf jedem Markt. Sohn. So kaufſt du ſie, ſie wieder zu verkaufen. L. Macd. Du ſprichſt ſo klug kannſt, und fuͤr dein ter Doch wahrlich klug genug. Sohn. War mein Vater ein Verraͤther, Mutter? L. Macd. Ja, das war er. Sohn. Was iſt ein Verraͤther? L. Macd. Nun, einer der ſchwört, und es nicht haͤlt. Sohn. Und ſind alle Verraͤther, die das thun? L. Macd. Jeder, der das thut, iſt ein Verraͤther und muß aufgehaͤngt werden. ⸗ ohn. Muͤſſen denn alle aufgehaͤngt werden, die ſchwo⸗ ren und es nicht halten? L. Macd. Ja wohl. Sohn. Wer muß ſie denn aufhaͤngen? L. Macd. Nun, die ehrlichen Leute. Sohn. Dann ſind die, welche ſchwoͤren und es nicht halten, rechte Narren; denn ihrer ſind ſo viele, daß ſie die ehrlichen Leute ſchlagen konnten, und aufhängen dazu. L. Macd. Nun, Gott ſtehe dir bei, armes Aeffchen! Aber was willſt du nun anfangen, um einen Vater zu be⸗ kommen? Sz. 2. Macbeth. 329 Sohn. Wenn er todt wäre, ſo wuͤrdeſt du um ihn wei⸗ nen: und thaͤteſt du das nicht, ſo wäre es ein gutes Zeichen, daß ich bald einen neuen Vater bekomme. L. Macd. Armes Naͤrrchen, wie du plauderſt! (Ein Bote tritt auf.) Bote. Gott mit Euch, ſchoͤne S3 Ihr kennt mich nicht; Doch weiß ich Euren Stand und edeln Namen. Ich fuͤrchte, daß Gefahr Euch nah bedroht: Verſchmäht Ihr nicht den Rath'nes ſchlichten Mannes, So bleibt nicht hier; ſchnell fort mit Euren Kleinen! Euch ſo zu ſchrecken, bin ich grauſam zwar; Doch waͤr's Unmenſchlichkeit, es nicht zu thun, Da die Gefahr ſo nah. Der Himmel ſchutz' Euch! Ich darf nicht weilen. (er geht ab.) L. Macd. Wohin ſollt' ich fliehn? Ich that nichts Boͤſes: Doch jetzt denk' ich dran, Dies iſt die ird'ſche Welt; wo Boͤſes thun Oft löblich iſt, und Gutes thun zuweilen Schäͤdliche Thorheit heißt: Warum denn, ach! Verlaß ich mich auf dieſe Frauenwaffe, Und ſag', ich that nichts Boſes?— (Die Moͤrder kommen) Was fuͤr Geſichter? Moͤrd. Wo iſt Euer Mann? L. Macd. Nicht hoff' ich an ſo ungeweihtem Platz, Wo deines Gleichen ihn kann finden. Woͤrd. Er Iſt 3 Verrither: ohn. Du luͤgſt, ſtruppkoͤpf'ger Schurke! Moͤrd. Was! du Ei, Verraͤtherbrut!(erſticht das Kind.) Sohn. Er hat mich umgebracht! Mutter, ich bitte dich, lauf fort! (Lady Macduff entflieht und ſchreit Mord! Mörder verfol⸗ gen ſie. 330 Macheth. A. W. D S ene England, Park beim königlichen Schloß. (Malcolm und Macduff treten auf.) Walcolm. Laß uns'nen ſtillen Schatten ſuchen, und Durch Thraͤnen unſer Herz erleichtern. Wacd. Lieber Laß uns, das Todesſchwert ergreifend, wacker Aufſtehn fuͤr unſer hingeſturztes Recht: An jedem Morgen heulen neue Wittwen, Und neue Waifen wimmern; neuer Jammer Schlägt an des Himmels Wölbung, daß er tönt, Als fuhlt' er Schottlands Schmerz, und hallte gellend Den Klagelant zuruͤck. Mialc. Das, was ich glaube, Will ich betrauern; glauben, was ich hoͤre; Und helfen will ich, wo ich kann, wenn Zeit Und Freund' ich finde. Was Ihr mir erzaͤhlt, Kann wohl ſich ſo verhalten. Der Tyrann, Deß Name ſchon die Zung' uns ſchwaͤren macht, Galt einſt fur ehrlich: Ihr habt ihn geliebt; Noch kraͤnkt' er Euch nicht. Ich bin jung; doch naͤher Könnt Ihr durch mich ihn pruͤfen; Weisheit iſt's, Ein arm, unſchuldig, ſchwaches Lamm zu opfern, Um einen zorn'gen Gott zu ſuͤhnen. maecd. Ich Bin kein Verraͤther. Malc. Aber Macbeth iſt's. Auch ſtrenge Tugend kann ſich ſchrecken laſſen, Durch koͤnigliches Machtwort: Doch verzeiht; Mein Denken kann das, was Ihr ſeyd, nicht wandeln: Stets ſind die Engel hell, fiel auch der hellſte: Borgt alles Schlechte auch den Schein der Gnade, Doch muͤßte Gnade wie ſie ſelbſt erſcheinen. Macd. So hab' ich meine Hoffnung denn verloren! Mialc. Vielleicht da, wo ich meinen Zweifel fand. Wie! in der Haſt verlaft Ihr Weib und Kind, Sz. 3. Machbeth. 331 So theure Pfaͤnder, maͤcht'ge Liebesknoten, Selbſt ohne Abſchiednehmen?— Ich erſuch' Euch,— Mein Mißtraun ſpricht nicht ſo, Euch zu entehren, Nur, mich zu ſichern: Ihr koͤnnt rein und treu ſeyn, Was ich von Euch auch denke. Macd. Blute, blute, Du armes Vaterland! So lege feſten Grund denn Tyrannei, Rechtmaͤßigkeit wagt nicht dich anzugreifen! Trage dein Leid, dein aͤchter Herrſcher zittert! Prinz, lebe wohl! nicht moͤcht' ich ſeyn der Schurke, Den du mich achteſt, fuͤr den weiten Raum, Den der Tyrann in ſeinen Klauen häalt, Zuſammt dem reichen Oſt. Walc. Sey nicht beleidigt: Nicht unbedingter Argwohn ſprach aus mir. Ich glaub' es, unſer Land erliegt dem Joch; Es weint und blutet; jeder neue Tag Schlaͤgt neue Wunden ihm; auch glaub' ich wohl, Daß Haͤnde ſich erhöben fuͤr mein Recht; So bietet der huldreiche England mir Manch wackres Tauſend: Doch, bei alle dem, Wenn ich nun tret' auf des Tyrannen Haupt, Es trag' auf meinem Schwert, mein armes Land Wird dann mehr Laſten haben als zuvor, Durch den, der folgen wird. WMacd. Wer waͤre dieſer? Walc. Mich ſelber mein' ich, in dem, wie ich weiß, Die Keime aller Laſter ſo geimpft ſind, Daß, brechen ſie nun auf, der ſchwarze Macheth Rein ſcheint wie Schnee, und er dem armen Staat Lammartig duͤnkt, vergleicht er ihn mit meiner Maaßloſen Suͤndlichkeit. Wacd. Nicht in Legionen Der grauſen Hoͤll' iſt ein verrucht'rer Teufel, Der Macheth uͤberragt. Walc. Wohl iſt er blutig, Wolluͤſtig, geizig, falſch, betruͤgeriſch, Jahzornig, haͤmiſch; ſchmeckt nach jeder Suͤnde, Die Namen hat: Doch voͤllig bodenlos Iſt meine Wolluſt: Eure Weiber, Tochter, Jungfraun, Matronen koͤnnten aus nicht fuͤllen Den Abgrund meiner Luſt; und meine Gier 332 Macbeth. A. IV. Wuͤrd' uͤberſpringen jede feſte Schranke, Die meine Willkuhr hemmte: Beſſer Macheth, Als daß ein ſolcher herrſcht. Macd. Unmaß'ge Wolluſt Iſt wohl auch Tyrannei, und hat ſchon oft Zu fruͤh verwaiſet manch begluͤckten Thron; Sie ſtuͤrzte viele Koͤn'ge. Doch deßhalb Zagt nicht zu nehmen, was Eu'r Eigen iſt: Ihr moͤgt der Luſt ein weites Feld gewaͤhren, Und kalt erſcheinen, Euch der Welt verhuͤllend: Der will'gen Frauen giebt's genug; unmoͤglich Kann ſolch ein Geier in Euch ſeyn, der alle Verſchlaͤnge, die der Hoheit gern ſich opfern, Zeigt die ſich ſo geneigt. Wialc. Daneben wuchert In meinem tief verderbten Sinn der Geiz, So unerſaͤttlich, daß, waͤr' ich der Koͤnig, Raͤumt' ich die Edeln weg um ihre Laͤnder; Dem raubt' ich die Juwelen, dem das Haus; Mehr haben waͤre mir wie Wuͤrzung nur, Den Hunger mehr zu reizen; Netze ſtrickt' ich, Mit böſem Streit den Redlichen zu fangen, Um Reichthum ihn vernichtend. Macd. Dieſer Geiz Steckt tiefer, ſchlingt verderblicher die Wurzeln, Als ſommerliche Luſt: er war das Schwert, Das unſre Kön'ge ſchlug. Doch fuͤrchtet nichts; Schottland hat Reichthum g'nug, Euch zu befried'gen, Der Euch mit Recht gehoͤrt. Dies alles iſt Ertraͤglich, ausgeſöhnt durch Tugenden. Walc. Die hab' ich nicht: Die Koͤnigstugenden, Wahrheit, Gerechtigkeit, Starkmuth, Geduld, Ausdauer, Milde, Andacht, Gnade, Kraft, Maͤßigkeit, Demuth, Tapferkeit; von allen Iſt keine Spur in mir; nein, Ueberfluß An jeglichem Verbrechen, ausgeuͤbt In jeder Art. Ja, hätt' ich Macht, ich wuͤrde Der Eintracht ſuͤße Milch zur Hölle gießen, Verwandeln allen Frieden in Empörung, Vernichten alle Einigkeit auf Erden. Macd. O! Schottland! Schottland! Malc. Darf nun ein Solcher wohl regieren? Sprich. Ich bin, wie ich geſagt. Sz. 3. Macbeth. 333 Macd. Regieren? Nein, Nicht leben darf er! O, unſeel'ges Volk! Vom blut'gen Uſurpator hingeſchlachtet, Wann doch erlebſt du wieder frohe Tage? Nie; denn der aͤcht'ſte Erbe deines Throns Hat ſich durch ſelbſt geſprochnen Bann verflucht, Und brandmarkt ſeinen Stamm. Dein frommer Vater War ein hoͤchſt heil'ger Furſt; die Koͤn'gin, die dich trug, Weit oͤfter auf den Knien, als auf den Fuͤßen, Starb jeden Tag des Lebens. Fahre wohl! Die Suͤnden, die du ſelbſt dir zugeſprochen, Verbannten mich aus Schottland.— O mein Herz, Dein Hoffen endet hier! Malc. Macduff, dein edler Zorn, Das Kind der Redlichkeit, tilgt aus der Seele Mir jeden ſchwarzen Argwohn; und verſoͤhnt Mit deiner Treu' und Ehre mein Gemuͤth. Der teufliſche Macheth hat oft verſucht, Durch ſolche Kuͤnſte mich in's Garn zu locken: Drum ſchirmt vor all zu glaͤub'ger Haſt mich Vorſicht: Doch Gott mag richten zwiſchen dir und mir! Denn jetzt geb' ich mich ganz in deine Haͤnde; Die Selbſtverlaͤumdung widerruf' ich, ſchwöre Die Laſter ab, durch die ich mich geſchmaͤht, Als meinem Weſen fremd. Noch weiß ich nichts Vom Weibe, habe nimmer falſch geſchworen, Verlangte kaum nach dem, was mir gehoͤrt! Stets hielt ich treu mein Wort, verriethe ſelbſt Den Satan nicht den Teufeln; Wahrheit gilt Mir mehr als Leben, meine erſte Luͤge War dieſe gegen mich: Mein wahres Selbſt Iſt dir und meinem armen Land geweiht; Wohin auch ſchon, noch eh' du her gekommen, er alte Siward mit zehntauſend Kriegern Bereit ſtand aufzubrechen, und wir gehn itſammen nun. Sey uns das Gluͤck gewogen, Wie unſer Streit gerecht iſt!— Warum ſchweigſt du? macd. Schwer läßt ſich ſo Willkommnes, und zugleich So Unwillkommnes ein'gen. Malc. Gut, mehr nachher. (Ein Arzt tritt auf.) Geht heut der König aus? 334 Macbeth. A. IV. Arzt. Ja, Prinz; denn viele Arme ſind verſammelt, Die ſeine Huͤlf' erwarten; ihre Krankheit Trotzt jeder Heilkunſt; doch ruͤhrt er ſie an, So hat der Himmel ſeine Hand geſegnet, Geneſen ſie ſogleich. Mialc. Ich dank' Euch, Doctor. (der Arzt geht ab.) Macd. Was fuͤr'ne Krankheit iſt's? Walc. Sie heißt das Uebel: Ein wunderthaͤtig Werk vom guten Koͤnig, Das ich ihn oft, ſeit ich in England bin, Vollbringen ſah. Wie er zum Himmel fleht, Weiß er am beſten: Seltſam Heimgeſuchte, Voll Schwulſt und Ausſatz, klaͤglich anzuſchaun, An denen alle Kunſt verzweifelt, heilt er, Eine Goldmuͤnz' um ihren Nacken hängend, Mit heiligem Gebet: und nach Verheißung Wird er vererben auf die kuͤnt'gen Herrſcher Die Wundergabe. Zu der heil'gen Kraft 2 er auch himmliſchen Prophetengeiſt; So ſteht um ſeinen Thron vielfacher Segen, Ihn gottbegabt verkuͤndend. (Roſſe tritt auf.) Macd. Wer kommt da? Malc. Ein Landsmann, wenn ich gleich ihn nicht erkenne. Macd. Mein hochgeliebter Vetter, ſey willkommen! Malc. Jetzt kenn' ich ihn:— O Gott! entferne bald Was uns einander fremd macht! Roſſe. Amen, Herr! Wacd. Steht's noch um Schottland ſo? Roſſe. Ach! armes Land, Das faſt vor ſich erſchrickt! Nicht unſre Mutter Kann es mehr heißen, ſondern unſer Grab: Wo nur, wer von nichts weiß, noch etwa laͤchelt; Wo Seufzen, Stoͤhnen, Schrei'n die Luft zerreißt, Und keiner achtet drauf; Verzweifeln gilt Fuͤr thoͤricht Uebertreiben; keiner fragt, Um wen? beim Grabgelaͤut; der Wackern Leben Welkt ſchneller als der Strauß auf ihrem Hut, Sie ſterben, eh' ſie krank ſind. Wacd. O Erzaͤhlung, Zu herb' und doch zu wahr! Was iſt die neu'ſte Kraͤnkung? Sz. 3. Macheth. 335 Roſſe. Wer die erzählt, die eine Stunde alt, Wird ausgeziſcht; jedweder Augenblick Zeugt eine neue. Wacd. Wie ſteht's um mein Weib? Roſſe. Nun,— wohl. Wacd. Und meine Kinder alle? Roſſe. Auch wohl. Wacd. Nicht ſtuͤrmte der Tyrann in ihren Frieden? Koſſe. Sie waren All' in Frieden, als ich ſchied. Wacd. Sey nicht mit Worten geizig; ſprich, wie ſteht's? Roſſe. Als ich fort ging, die Nachricht her zu bringen, An der ich ſchwer trug, lief dort ein Geruͤcht, Daß manche wack're Leute weg geräumt; Und dieſen Glauben fand ich auch beſtaͤtigt, Weil ich im Feld ſah des Tyrannen Truppen: Nun iſt zu helfen Zeit; Eu'r Aug' in Schottland Erſchuͤfe Krieger, trieb' in Kampf die Frauen, Ihr Elend abzuſchuͤtteln. Malc. Sey's ihr Troſt, Daß wir ſchon nah'n: der guͤt'ge England leiht uns Den wackern Siward und zehntauſend Mannz; Ein alter Krieger, keinen beſſern giebt's In aller Chriſtenheit. Roſſe. Koͤnnt' ich den Troſt MWit Troſt vergelten! Doch ich hab' ein Wort— Dl wuͤrd' es aus in leere Luft geheult, Wo nie ein Ohr es faßte! Macd. Wen betrifft's? Iſt's allgemeines Weh! iſt's eigner Schmerz, Der Einem nur gehoͤrt? Roſſe. Kein redlich Herz, Das nicht mit leidet; doch der groß're Theil Iſt nur fuͤr dich allein. Macd. Gehoͤrt es mir, Enthalte mir's nicht vor, ſchnell laß michs haben. Roſſe. Dein Ohr wird meine Zunge ewig haſſen, Die's mit dem jammervollſten Ton betaͤubt, Den jemals du gehoͤrt. Macd. Ha! ich errath' es. Roſſe. Dein Schloß iſt uberfallen; Weib und Kind Grauſam gewuͤrgt: Die Art erzählen hieße Das Trauerſpiel von deines Hauſes Fall it deinem Tod beſchließen. ———————— 336 Machbeth. A. IV. Malc. Gnaͤd'ger Gott!— Nein, Mann! druck' nicht den Hut ſo in die Augen, Gieb Worte deinem Schmerz: Gram, der nicht ſpricht, Preßt das beladne Herz, bis daß es bricht. Wacd. Auch meine Kinder? 2 Roſſe. Gattin, Kinder, Diener; Was man nur fand. Wacd. Und ich muß ferne ſeyn! Mein Weib gemordet auch? Roſſe. Ich ſagt' es. Walc. Faßt Euch: Laßt uns Arznei aus maͤcht'ger Rache miſchen, Um dieſes Todesweh zu heilen. Macd. Er Hat keine Kinder! All' die ſüßen Kleinen? Alle ſagſt du?— O Hoͤllengeier!— Alle! Was! all die holden Kuͤchlein, ſammt der Mutter, Mit Einem wilden Griff? Walc. Ertragt es wie ein Mann. Macd. Das will ich auch; Doch eben ſo muß wie ein Mann ichs fuͤhlen: Vergeſſen kann ich nicht, daß das geweſen, Was mir das Liebſte war. Konnt' es der Himmel Wohl anſchaun, und nicht helfen? Suͤnd'ger Machuff! Fuͤr dich ſind ſie erſchlagen! Ich Verworfner! Fuͤr ihre Suͤnden nicht, nein, fuͤr die meinen Sind ſie gewuͤrgt. Schenk' ihnen Frieden, Gott! Malc. Dies wetze ſcharf dein Schwert, verwandle Gram In Zorn, erſchlaffe nicht dein Herz, entflamm' es. Wiacd. Ich will das Weib nicht mit den Augen ſpielen, Und prahlen mit der Zunge!— Doch, guͤt'ger Himmel, Vernichte alle Trennung; Stirn an Stirn Bring' dieſen Teufel Schottlands und mich ſelbſt; Stell' ihn in meines Schwert's Bereich; entrinnt er, Himmel, vergieb ihm auch! Malc. So klingt es maͤnnlich. Jetzt kommt zum Koͤnig; fertig ſteht das Heer; Es mangelt nur noch, daß wir Abſchied nehmen: Macbeth iſt reif zur Ernte, und dort oben Bereiten ew'ge Maͤchte ſchon das Meſſer. Faßt friſchen Muth; ſo lang iſt keine Nacht, Daß endlich nicht der helle Morgen lacht. (ſie gehen ab.) Sz. 1. Macbeth. 337 F n ft. Erſte Szene. Dunſinan, Zimmer im Schloß. (Es treten auf ein Arzt und eine Kammerfrau.) Arzt. Zwei Nächte habe ich nun mit Euch gewacht, aber keine Be⸗ ſtätigung Eurer Ausfage geſehen. Wann iſt ſie zuletzt umher gewandelt? Rammnerfr. Seitdem ſeine Majeſtät in den Krieg zogen, habe ich geſehen, wie ſie aus ihrem Bett aufſtand, ihr Nacht⸗ gewand umwarf, ihren Schreibtiſch aufſchloß, Papier nahm, es zuſammen legte, ſchrieb, das Geſchriebene las, es verſie⸗ gelte, und dann wieder zu Bette ging: und die ganze Zeit im tiefen Schlafe. Arzt. Eine große Zerruͤttung der Natur! die Wohlthat des Schlafes genießen, und zugleich die Geſchäfte des Wachens verrichten.— In dieſer ſchlafenden Aufregung, außer dem Um⸗ herwandeln und anderm Thun, was, irgend einmal, habt Ihr ſie ſprechen hoͤren? Rammerfr. Dinge, die ich ihr nicht nachſprechen werde. Arzt. Mir könnt Ihr's vertrauen; und es iſt nothwendig, daß Ihr es thut. Rammerfr. Weder Euch, noch irgend Jemand, da ich keine Zeugen habe, meine Ausfage zu bekraͤftigen. (Lady Macbeth kommt, eine Kerze in der Hand.) Seht, da kommt ſie! So iſt ihre Art und Weife! und, bei meinem Leben, feſt im Schlaf. Beobachtet ſiez ſteht ruhig. Arzt. Wie kam ſie zu den Licht? Rammerfr. Das brennt neben ihrem Bett: Sie hat im⸗ mer Licht; es iſt ihr Befehl. Arzt. Seht, ihre Augen ſind offen. Rammerfr. Ja, aber ihre Sinne geſchloſſen. M. 22 338 Macbeth. A. V. it Was macht ſie nun? Schaut, wie ſie ſich die Häͤnde reibt. Rammerfr. Das iſt ihre gewöhnliche Geberde, daß ſie thut, als wuͤſche ſie ſich die Haͤnde; ich habe wohl geſehen, daß ſie es eine Viertelſtunde hintereinander that. L. Mach. Da iſt noch ein Fleck. Arzt. Horch, ſie ſpricht: Ich will aufſchreiben, was ſie ſagt, um hernach meine Erinnerung daraus zu ergaͤnzen. L. Mach. Fort, verdammter Fleck! fort, ſag“ ich!— Eins, Zwei: Nun, dann iſt es Zeit, es zu thun.— Die Hoͤlle iſt finſter!— Pfui, mein Gemahl, pfui! ein Soldat und furchtſam! Was haben wir zu fuͤrchten wer es weiß, da niemand unſre Gewalt zur Rechenſchaft ziehn darf?— Aber wer haͤtte gedacht, daß der alte Mann noch ſo viel Blut in ſich haͤtte? Arzt. Hoͤrt Ihr wohl? L. Mach. Der Than von Fife hatte ein Weib: Wo iſt ſie nun?— Wie, wollen dieſe Haͤnde denn nie rein werden?— Nichts mehr davon, mein Gelnahl, nichts mehr davon; du verdirbſt alles mit dieſem Auffahren. Arzt. Ei, ei; Ihr habt erfahren, was Ihr nicht ſolltet! Rammerfr. Geſprochen hat ſie, was ſie nicht ſollte, das iſt gewiß: Gott weiß, was ſie erfahren hat⸗ L. Macb. Moch immer riecht es hier nach Blut: Alle Wohlgeruͤche Arabiens wuͤrden dieſe kleine Hand nicht wohlrie⸗ chend machen. Oh! oh! oh! Arzt. Was das fuͤr ein Seufzer war! Ihr Herz iſt ſchmerz⸗ lich beladen. Rammerfr. Ich moͤchte nicht ein ſolches Herz im Buſen tragen, nicht fuͤr den Koͤnigsſchmuck des ganzen Leibes. Arzt. Gut, gut,— Rammerfr. Gebe Gott, daß es gut ſey! Arzt. Dieſe Krankheit liegt außer dem Gebiete meiner Kunſt: Aber ich habe Menſchen gekannt, die im Schlaf um⸗ her wandelten, und doch fromm in ihrem Bett ſtarben. L. Mach. Waſch' deine Haͤnde, leg' dein Nachtkleid anz ſieh doch nicht ſo blaß aus:— Ich ſage es dir noch einmal, Banquo iſt begraben, er kann aus ſeiner Gruft nicht heraus kommen. Arzt. Wirklich? L. Macb. Zu Bett, zu Bett; es wird an's Thor geklopft. Komm, komm, komm, komm, gieb mir die Hand:— Was geſchehn iſt, kann man nicht ungeſchehn machen: Zu Bett, zu Bett, zu Bett!(ſie geht ab.) Sz. 1. 2. Machbeth. 339 Arzt. Geht ſie nun zu Bett? Rammerfr. Unverzuglich. Arzt. Von Graulen fluͤſtert man: Und Thaten unnatuͤrlich Erzeugen unnatuͤrliche Zerruͤttung:% Die kranke Seele will in's taube Kiſſen Entladen ihr Geheimniß. Sie bedarf Des Beicht'gers mehr noch als des Arztes.— Gott, Vergieb uns allen! Seht nach ihr; entfernt Womit ſie ſich verletzen koͤnnt?, und habt Ein Auge ſtets auf ſie.— So, gute Nacht: Der Anblick hat mir Schreck und Graun gemacht! Ich denk', und darf nichts ſagen. Rammerfr. Nun, ſchlaft wohl. (ſie gehen ab.) 38 w e i S n e Feld, in der Nähe von Dunſinan. (Es treten auf mit Trommeln und Fahnen Menteth, Cath⸗ neſſ, Angus, Lenor, Soldaten.) Menteth. Das Heer von England naht, gefuͤhrt von Malcom, Seinem Oheim Siward und dem guten Macduff: Von Rache gluͤhn ſie; denn ihr herbes Leid Erregte wohl den abgeſtorbnen Greis Zu blutig grimmem Kampf. Ang. Bei Birnams Wald, Von dort her nahn ſie, treffen wir ſie wohl. Cathn. Ob Donalbain bei ſeinem Bruder iſt? Len. Gewiß nicht, Herrz denn eine Liſte hab' ich Vom ganzen Adel: Dort iſt Siwards Sohn, Und mancher glatte Juͤngling, der zuerſt Die Mannheit pruft. Went. Und was thut der Tyrann? Lath. Das macht'ge Dunſinan befeſtigt er: Toll heißt ihn Mancher; wer ihn minder haßt Nennt's tapfre Wuth: Doch iſt gewiß, er kann 22 340 Macbeth. 2A. Den wild empoͤrten Zuſtand nicht mehr ſchnallen In den Gurt der Ordnung. S Ang. Jetzt empfindet er Geheimen Mord, an ſeinen Händen klebend; Jetzt ſtraft Empoͤrung ſtuͤndlich ſeinen Treubruch: Die er befehligt handeln auf Befehl, Aus Liebe nicht: Jetzt fuhlt er ſeine Wuͤrde Zu weit und loſe, wie des Rieſen Rock Haͤngt um den dieb'ſchen Zwerg. Mient. Iſt es ein Wunder, Wenn ſein gequaͤlter Sinn auffaͤhrt und ſchaudert? Muß all' ſein Fuͤhlen ſich doch ſelbſt verdammen, Weil's ſeiner Seele eignet. Cath. Ziehn wir weiter, Da Dienſt zu weihen, wo es Lehnspflicht fordert: Suchen wir auf das Heil des kranken Staates, Mit ihm vergießen wir, zum Wohl des Landes, All unſer Blut. Len. Soo viel, daß es bethaut Die Herrſcherblum', ertraͤnkt das gift'ge Kraut. So geh' der Zug nach Birnam. (ſie marſchiren vorüber.) Dr i ne Dunſinan, im Schloß. (Macbeth tritt auf, der Arzt, Gefolge.) Macbeth. Bringt keine Nachricht mehr; laßt alle fliehn; Bis Birnams Wald anruͤckt auf Dunſinan, Iſt Furcht mir nichts. Was iſt der Knabe Malcolm? Gebar ihn nicht ein Weib! Die Geiſter, welche All irdiſch Walten kennen, prophezeiten ſo: Sey kuͤhn, Macbeth, kein Mann vom Weib geboren Soll je dir was anhaben:— Flieht denn immer, Ihr falſchen Thans, zu Englands Weichlingen: Dies Herz und meinen Herrſchergeiſt verwegen, Daͤmpft Zweifel nicht und ſoll die Furcht nie regen. Sz. 3. Machbeth. 341 (Ein Diener tritt auf.) Der Teufel brenn' dich ſchwarz, milchbleicher Lump! Wie kommſt du an den Gaͤnſeblick? Dien. Da ſind zehntauſend— Wiach. Gaͤnſe, Schuft? Dien. Soldaten, Herr. Wacb. Reib dein Geſicht, die Furcht zu uͤberröthen, Weißlebriger Hund. Was fuͤr Soldaten, Hansnarr? Hol' dich der Teufel! deine Kreidewangen Verfuͤhren All zur Furcht. Was fuͤr Soldaten, Molkengeſicht? Dien. Erlaubt, das Heer von England. Wacb. Weg dein Geſicht!— Seyton!— Mir wird ganz uͤbel, Seh' ich ſo— Seyton! Heda!— Dieſer Ruck Kurirt auf immer oder liefert jetzt mich. Ich lebte lang' genug: mein Lebensweg Gerieth in's Duͤrre, in's verwelkte Laub: Und was das hohe Alter ſoll begleiten, Gehorſam, Liebe, Ehre, Freundestroſt, Danach darf ich nicht ausſehn; doch, ſtatt deſſen Fluche, nicht laut, doch tief, Munddienſt und Hauch, Was gern das arme Herz mir weigern moͤchte, Und wagt's nicht. Seyton!— (Seyton kommt.) Sept. Was befiehlt mein Herrſcher? Wacb. Was giebt es Neues? Seyt. Alles wird beſtaͤtigt, Was das Geruͤcht verkuͤndet. Wacb. Ich will fechten, Bis mir das Fleiſch gehackt iſt von den Knochen. ebt meine Ruͤſtung mir! Seyt. Noch thut's nicht noth. Wacb. Ich leg' ſie an. Mehr Reiter ſendet aus, durchſtreift das Land; er Furcht nennt, wird gehaͤngt.— Bringt mir die Ruͤſtung!— Was macht die Kranke, Arzt? Arzt. Nicht krank ſowohl, Als durch gedraͤngte Phantaſiegebilde Geſtoͤrt, der Ruh beraubt. Wiacb. Heil' ſie davon. 342 ₰ Machbeth. A. V. Kannſt niches erſinnen fuͤr ein krank Gemuͤth? Tief wurzelnd Leid aus dem Gedachtniß reuten? Die Qualen löſchen, die in's Hirn geſchrieben? Und mit Vergeſſens ſuͤßem Gegengift Die Bruſt entled'gen jener gift'gen Laſt Die ſchwer das Herz bedruckt? Arzt. Hier muß der Kranke ſelbſt das Mittel finden. Mach. Wirf deine Kunſt den vor, ich mag ſie nicht.— Legt mir die Ruͤſtung an; den Stab her:— Seyton, Schick' aus.— Doctor, die Thans verlaſſen mich:— Run, mach geſchwind!— Arzt, koͤnnt'ſt du meinem Land Beſchaun das Waſſer, ſeine Krankheit finden, Und es zum kräftgen fruͤhern Wohlſeyn rein'gen, Wollt ich mit deinem Lob das Echo wecken, Daß es dein Lob weit hallte.— Weg den Riemen!— Welche Purganz, Rhabarbar, Senna fuͤhrte Wohil ab die Engliſchen?— Hoͤrſt du von ihnen? Arzt. Ja, hoher Koͤnig; Eure Kriegesruͤſtung Macht, daß wir davon hören. Macb. Bringt's mir nach.— Nicht Tod und nicht Verderben ficht mich an, Kommt Birnams Wald nicht her zum Dunſinan! Cer geht ab.) Arzt. Wär' ich von Dunſinan mit Heil und Glück, So brächte mich kein Vortheil je zuruͤck. (Alle ab.) Viete Sz ene Feld in der Nähe von Dunſinan, ein Wald in der Ferne. (Es treten auf mit Trommeln und Fahnen Malcolm, der alte Siward, ſein Sohn, Macduff, Menteth⸗ Cath⸗ neſſ, Angus, Lenor, Roſſe, Soldaten.) Malcolm. Vettern, die Tage, hoff' ich, ſind uns nah,& Wo Kammern ſicher ſind. Sz. 4. Macbeth. 343 Ment. Wir zweifeln nicht. Siw. Wie heißt der Wald da vor uns? Ment. Birnam's Wald. Walc. Ein jeder Krieger hau' ſich ab'nen Zweig, Und trag' ihn vor ſich; ſo verbergen wir Die Truppenzahl, und irrig wird der Feind In ſeiner Schaͤtzung. Ein Sold. Es ſoll gleich geſchehn. (die Soldaten gehn ab.) Siw. Wir hoͤren nichts, als daß mit Zuverſicht Sich der Tyrann auf Dunſinan befeſtigt, Und die Belag'rung ausſtehn will. Malc. Darauf Vertraut er einzig. Wo's nur moͤglich iſt, Empoͤrt ſich Hoch und Niedrig gegen ihn, Und niemand folgt ihm, als erzwungnes Volk, Das nicht von Herzen dient. Wiacd. Laßt bis zum Siege Gerechten Tadel ſchweigen, daß wir weiſe Den Kriegszug lenken. Siw. Ja, es naht die Zeit, Wo richt'ges Unterſcheiden laͤßt erkennen, Was wir zu leiſten, was wir unſer nennen:* Von ſchwacher Hoffnung muͤß'ges Gruͤbeln ſprichtz Die Schlacht ſitzt ob dem Ausgang zu Gericht: Und der entgegen fuͤhrt den Kriegeszug. (Alle ab.) F uͤnfte Szene. Dunſinan, im Schloß. Wit Trommeln und Fahnen treten auf Macbeth, Seyton, Soldaten.) Wacbeth. Pflanzt unſte Banner auf die aͤuß're Mauer: Stets heißt's, ſie kommen: Unſer feſtes Schloß Lacht der Belag'rung: mögen ſie hier liegen, Bis Hunger ſie und Krankheit aufgezehrt. 344 Macbeth. A. V. Verſtärkten die ſie nicht, die uns gehoͤren, Wir haͤtten, Bart an Bart, ſie kuͤhn Ftroffen, Und ſie nach Hauf' gegeißelt. Welch Geſchrei? (Weibergeſchrei hinter der Szene.) Seyt. Wehklage iſt's von Weibern, gnaͤd'ger Herr. Wiach. Verloren hab' ich faſt den Sinn der Furcht: Es gab'ne Zeit, wo kalter Schau'r mich faßte, Wenn der Nachtvogel ſchrie; das ganze Haupthaar Bei einer ſchrecklichen Geſchicht' empor Sich richtete, als waͤre Leben drinn: Ich habe mit dem Graun zu Nacht geſpeiſt; Entſetzen, meines Mordſinns Hausgenoß, Schreckt nun mich nimmermehr.— Weßhalb das Weh'⸗ ſchrei'n? Seyt. Die Koͤn'gin, Herr, iſt todt. MWacb. Sie haͤtte ſpäter ſterben ſoll'n;— es haͤtte Die Zeit ſich fuͤr ein ſolches Wort gefunden.— Morgen, und morgen, und dann wieder morgen, Kriecht ſo mit kleinem Schritt von Tag zu Tag, Zur letzten Sylb' auf unſerm Lebensblatt; Und alle unſre Geſtern fuͤhrten Narr'n Den Pfad des ſtäub'gen Tod's.— Aus! kleines Licht!— Leben iſt nur ein wandelnd Schattenbild; Ein armer Komoͤdiant, der ſpreizt und knirſcht Sein Stuͤndchen auf der Buͤhn', und dann nicht mehr Vernommen wird; ein Maͤhrchen iſt's, erzählt Von einem Dummkopf, voller Klang und Wuch, Das nichts bedeutet.— (Ein Bote kommt.) Du haſt was auf der Zunge: ſchnell heraus! Bote. Mein gnadenreicher Koͤnig,— Ich ſollte melden, das, was, wie ich glaube, Ich ſah;— doch wie ich's thun ſoll, weiß ich nicht. Mach. Nun, ſag's nur, Menſch. Bote. Als ich den Wachtdienſt auf dem Huͤgel that,— Ich ſchau' nach Birnam zu, und, ſieh, mir däucht, Der Wald faͤngt an zu gehn. Macb. Luͤgner und Sclav'! (er ſchlägt ihn.) 4 Bote. Laßt Euren Zorn mich fuͤhlen, iſt's nicht ſo: Sz. 5. 6. Machbeth. 345 Drei Meilen weit könnt Ihr ihn kommen ſehn; Ein geh'nder Wald,— wahrhaftig! Wach. Sprichſt du falſch, Sollſt du am naͤchſten Baum lebendig hangen, Bis Hunger dich verſchrumpft hat; ſprichſt du wahr, Magſt du mir meinethalb daſſelbe thun.— Ein zieh' ich die Entſchloſſenheit, beginne Den Doppelſinn des boſen Feind's zu merken, Der Luͤge ſpricht wie Wahrheit: Fürchte nichts, Bis Birnams Wald anruͤckt auf Dunſinan;— Und nunmehr kommt ein Wald nach Dunſinan. Waffen nun, Waffen! und hinaus!— Iſt Wahrheit das, was ſeine Meldung ſpricht, So iſt kein Fliehn von hier, kein Bleiben nicht. Das Sonnenlicht will ſchon verhaßt mir werden: Hl fiel in Truͤmmern jetzt der Bau der Erden! Auf! laͤutet Sturm! Wind blaſ'! heran Verderben! Den Harniſch auf dem Ruͤcken will ich ſterben. (Alle ab.) S Vor dem Schloß. (Es treten auf mit Trommeln und Fahnen Malcolm, Si⸗ ward, die übrigen Anführer, das Heer mit Zweigen.) MWalcolm. Jetzt nah genug!— Werft ab die laub'gen Schirme, Und zeigt Euch wie Ihr ſeyd. Ihr, wuͤrd'ger Oheim, Fuhrt mit dem Vetter, Eurem ddeln Sohn, Die erſte Schaar; ich und der wuͤrd'ge Macduff Beſorgen, was noch übrig iſt zu thun, ie wir es angeordnet. Siw. Lebt denn wohl.— Zieht uns nur heut' entgegen der Tyrann, ag er den ſchlagen, der nicht fechten kann! Wacd. Trompeten blaſt, befeuert kuͤhnen Muth, Herolde ruft Ihr uns in Tod und Blut. (Alle ab. Schlachtgetümmel hinter der Szene.) 346 Macheth. A. V. S i Ein andrer Theil des Schlachtfeldes. (Macbeth tritt auf.) Wacbeth. Sie banden mich an den Pfahl; fliehn kann ich nicht, Muß, wie der Baͤr, der Hatz' entgegen kaͤmpfen: Wo iſt er, der nicht ward vom Weib geboren? Den fuͤrcht' ich, keinen fonſt. (Der junge Siward kommt.) D. j. Siw. Wie iſt dein Name? Macb. Du wirſt erſchrecken, ihn zu hoͤren. D. j. Siw. Nein! Nennſt du dich auch mit einem grimm'ren Namen Als einer in der Hoͤll'. Mach. Mein Nam' iſt Macbeth. D. j. Siw. Der Teufel ſelber koͤnnte nichts verkuͤnden, Verhaßter meinem Ohr. Wach. Und nichts ſo furchtbar. D. j. Siw. Abſcheulicher Tyrann, du lugſt! das ſoll Mein Schwert dir zeigen. (Gefecht, der junge Siward fällt.) Wach. Ward'ſt vom Weib geboren.— Der Schwerter lach' ich, ſpotte der Gefahr, Die mir ein Mann draͤut, den ein Weib gebar. (er geht ab.) (Getümmel, Macduff kommt.) Macd. Dort iſt der Larm:— Zeig dein Geſicht, Tyrann! Jaͤllſt du, und nicht von meinem Schwert, ſo werden Mich meines Weib's der Kinder Geiſter quaͤlen, Ich kann auf armes Kernenvolk nicht ſchlagen, Die in gedungner Hand die Lanze tragen. Nur du, Macbeth, wo nicht, kehrt ſchartenlos Und ohne That mein Schwert zuruͤck zur Scheide. Dort mußt du ſeyn; dies maͤcht'ge Toſen kuͤndet, Daß dort vom erſten Range einer kaͤmpft. O Gluͤck! eins bitt' ich nur, laß mich ihn finden. (er geht ab.) Sz. 7. Macbeth. 347 (Getümmel. Malcolm und Siward kommen.) Siw. Hieher, mein Prinz;— das Schloß ergab ſich willig: Auf beiden Seiten kaͤmpft des Wuͤthrichs Volk; Die edeln Thans thun wackre Kriegesdienſte; Der Tag hat ſich faſt ſchon fuͤr Euch entſchieden, Nur wenig iſt thun. Walc. Wir trafen Feinde, Die uns vorbei haun. Siw. Kommt, Prinz, in die Feſtung. (ſie gehen ab.) (Getümmel. Macbeth kommt.) MWacb. Weßhalb ſollt' ich den Roͤm'ſchen Narren ſpielen, Sterbend durch's eigne Schwert? So lange Leben Noch vor mir ſind, ſtehn denen Wunden beſſer. (Macduff kommt zurück.) Macd. Zu mir! du Hoͤllenhund, zu mir! Mach. Von allen Menſchen mied ich dich allein: Du, mach' dich nur zuruͤck; mit Blut der Deinen Iſt meine Seele ſchon zu ſehr beladen. Macd. Ich habe keine Worte, meine Stimme Iſt nur in meinem Schwert. Du Schurke, blut'ger Als Sprache je dich nennen kann! (ſie fechten.) Mach. Verlohrne Muͤh'! So leicht magſt du die untheilbare Luft Mit ſcharfem Schwert durchhaun, als mich verletzen: Auf Schaͤdel, die verwundbar, ſchwing' den Stahl; Mein Leben iſt gefeyt, kann nicht erliegen Einem vom Weib gerbornen. Macd. So An deiner Kunſt; und ſage dir der Engel, Dem du von je gedient, daß vor der Zeit Macduff geſchnitten ward aus Mutterleib. Wiacb. Verflucht die Zunge, die mir dies verkundet, Denn meine beſte Mannheit ſchlagt ſie nieder! Und keiner trau' dem Gaukelſpiel der Hölle, Die uns mit doppelſinnger Rede äfft, Die Wort nur haͤlt dem Ohr mit Gluͤckverheißung Und es der Wahrheit bricht.— Mit dir nicht kaͤmpf ich. Maed. Nun, ſo ergieb dich, Memme! ————————— 348 Macbeth. Und leb' als Wunderſchauſpiel fuͤr die Welt⸗ Wir wollen dich als ſeltnes Ungeheuer Im Bild auf Stangen fuͤhren, mit der Schrift: Hier zeigt man den Tyrannen. Wach. Ich will mich nicht ergeben, um zu kuͤſſen Den Boden vor des Knaben Malcolm Fuß, Gehetzt zu werden von des Pöbels Fluͤchen. Ob Birnams Wald auch kam nach Dunſinan; Ob meinen Gegner auch kein Weib gebar, Doch pruͤf' ich noch das Letzte: Vor die Bruſt Werf' ich den maͤcht'gen Schild: Nun magſt dich wahren; Wer Halt! zuerſt ruft, ſoll zur Hoͤlle fahren! (ſie gehen kämpfend ab.) (Rückzug. Drompeten. Es treten auf mit Trommeln und Fah⸗ nen Malcolm, Siward, Roſſe, Lenor, Angus, Cathneſſ, Menteth.) Walc. O, ſaͤh'n wir lebend die vermißten Freunde! Siw. Mancher muß drauf gehn; doch, ſo viel ich ſehe, Iſt dieſer große Tag wohlfeil erkauft. Walc. Vermißt wird Macduff und Eu'r edler Sohn. Roſſe. Eu'r Sohn, Mylord, hat Kriegerſchuld gezahlt: Er lebte nur, bis er ein Mann geworden; In ſeiner Kuͤhnheit war dies kaum bewaͤhrt, Durch unverzagten Kampf in blut'ger Schlacht, Als er ſtarb wie ein Mann. Siw. Soo iſt er todt? Roſſe. Ja, und getragen aus dem Feld: Eu'r Schmerz Muß nicht nach ſeinem Werth gemeſſen werden, Sonſt waͤr' er endlos. Siw. Hat er vorn die Wunden? Roſſe. Ja, auf der Stirn. Siw. Wohl; ſey er Gottes Kriegsmann! Haͤtt' ich ſo viele Soͤhn', als Haar' ich habe, Ich wuͤnſchte keinem einen ſchoͤnern Tod: Das iſt ſein Grabgelaͤut. Malc. Mehr Leid verdient er, Und das zahl' ich ihm. Siw. Zahlen mehr iſt Schwache: Er ſchied geehrt und zahlte ſeine Zeche; So, Gott ſey mit ihm!— Seht, den neuſten Troſt. ——)——— 3— 1„„c e—„ Sz. 7. Macbeth. 3¹9 (Macduff kommt mit Macbeths Kopf.) Macd. Heil, König! denn das biſt du: Schau hier ſteht Des Uſurpators Haupt: die Zeit iſt frei. Ich ſeh' umringt dich von des Reiches Perlen, Die meinen Gruß im Herzen mit mir ſprechen, Und deren lautes Wort ich jetzt erheiſche,— Dem König Schottlands Heil! Alle. Heil, Schottlands König! (Trompetenſtoß.) Malc. Wir wollen keine lange Zeit verſchwenden, Mit Eurer Liebe einzeln abzurechnen, Und quitt mit Euch zu werden. Thans und Vettern, Hinfort ſeyd Grafen, die zuerſt in Schottland Mit dieſer Ehre prangen. Was zu thun noch, Was nun gepflanzt muß werden mit der Zeit,— Als Ruͤckberufung der verbannten Freunde, Die des Tyrannen liſt'ger Schling entflohn; Aufſuchung der blutduͤrſt'gen Helfershelfer Von dieſem todten Schlaͤchter, Und ſeiner teufeliſchen Koͤnigin, Die, wie man glaubt, gewaltſam ſelbſt ihr Leben Geendet;— Alles, was uns ſonſt noch obliegt, Das, mit der ew'gen Gnade Gnadenhort, Vollenden wir nach Maaß und Zeit und Ort. Euch Allen werd', und jedem Dank und Lohn, Und jetzt zur Kroͤnung lad' ich Euch nach Scone. (Trompeten. Alle ab.) 3 Anmerkungen zum achten Bande. Die luſtigen Weiber von Windſor. Wir haben zwei Editionen dieſer Comoͤdie. Das Stuͤck wurde ſehr wahrſcheinlich 1509 oder 1600 zuerſt aufgeführt, und ſo wurde es 1619 gedruckt. Es iſt viel kuͤrzer als die ſpaͤtere umarbeitung, und in jeder Szene, ja faſt jeder Rede ab⸗ weichend: doch möchte man hie und da dieſen erſten Entwurf der ſpaͤtern Ausfuͤhrung vorziehn. Malone ſetzt dieſe Umarbei⸗ tung in das Jahr 1603: ich vermuthe, daß ſie ſpaͤtern ur⸗ ſprungs iſt. S. 3. Das Gatter iſt uralt.— um den Spaͤßen des Originals, die ſich nicht uͤbertragen laſſen, irgend nahe zu kommen, iſt der Ueberſetzer hier mit einiger Freiheit verfahren⸗ S. 5. Z. 8. v. u. Schaal:—'s iſt eure Schuld;— tis your fault— fault heißt hier, wie oft, Schaden, Nach⸗ theil. S. Gitfords Massinger II. p. 93. Eine kleine Ueber⸗ ſicht, die der Ueberſetzer durch dieſe Note gern verbeſſern moͤchte. S. 7. Z. g. v. u. Nußknacker Humor— the nut- hook's humor— nicht, wie Steevens meint, Anſchuldigung der Dieberei: ſondern Nym vergleicht den duͤnnen Schmaͤchtig jener Stange, die oben einen Haken hat, und mit welcher Nuͤſſe oder andere Fruͤchte vom Baum gebrochen werden. Die Quarto lieſet base humour; vielleicht, weil der Ausdruck ſchon damals nicht allgemein verſtanden wurde, denn dieſe Quart iſt von 1630. S. 12. Dritte Szene. Der Wirth. Auch bei dem Humor und den angewohnten Sprichwoͤrtlichkeiten dieſes Cha⸗ rakters hat ſich der Ueberſetzer große Freiheiten nehmen muͤſſen, um das Lebendige und Dialogiſche des Driginals ſich nur irgend anzueignen. Beim erſten Anblick zeigt ſich, daß dieſer Host of the Garter und Blague, the Host im Luſtſpiel the merry de- vil of Edmouton(Dadsſey's old plays, Vol. V.) eine und die⸗ ſelbe Perſon ſind, was Rede, Humor und Manier des Ausdrucks betrifft. Einer von beiden Dichtern, Shakſpear oder der unbe⸗ kannte, iſt alſo Nachahmer. The merry devil wurde ſchon vor 1604 geſpielt. S. Alt⸗Engliſches Theater von Tieck, Bd. II. und die Vorrede. Es bleibt einer genauern Critik überlaſſe, —* 8 v S Anmerkungen zum achten Bande. 351 u unterſuchen, ob die proſaiſchen Szenen jener Comoͤdie von h. herruͤhren koͤnnen. S. 13. Nym. Er wurde im Trunke erzeugt: iſt das nicht ein eingefleiſchter Humor?— He vas gotten in drink, is not the humour conceited?— Von conceive, empfangen, ſchwanger werden, in Nyms Weiſe.— Das Folgende, wel⸗ ches die gewoͤhnlichen Ausgaben noch hinzufuͤgen: His mind is not heroick, and there's the humour of it,— fehlt in unſrer Ueberſetzung, weil dieſe Stelle ſich nur in der erſten Edit. findet, der die engliſchen Editoren ſonſt nirgend folgen. Dieſe unkritiſche Art, nach welcher unſer angenommener Tert willkuͤhrlich bald aus den beſten, bald aus mangelhaften Editionen giebt, die der Dichter nachher ſelber verwarf, iſt ſchon bei andern Gelegenheiten bemerkt worden. In den fruͤhern Ausg. fehlt dafuͤr jene hier uͤberſetzte Stelle ganz: dem Dichter waren die fruͤheren Worte offenbar zu unbedeutend, er ſetzte die ietzigen und die Editoren fuͤgen beide an einander. S. 20. Frau Page:—„denn wenn gleich Liebe die Vernunft als verdammenden Inquiſitor zulaͤßt“— for though Love use reason för his precis ian— die ſtrengſten Puri⸗ taner, die die gewoͤhnlichen in Moral, Religion und Sitten uͤbertreffen und uͤberbieten wollten, wurden oft precisians genannt; Fallſtaff ſchreibt alſo: Amor, oder die Liebe, gebraucht die Vernunft wohl, um die Liebe ſelbſt zu verdammen, oder ſie nicht anzuerkennen: ſoll aber dieſe herbe Strenge nicht ange⸗ wendet werden, ſo iſt dieſe Vernunft als Rathgeber ganz un⸗ brauchbar.— Schon fruͤh erklaͤrte Warburton ſo dieſe Stelle, die keine Schwierigkeit hat, doch Johnſon und andre haben un⸗ noͤthige Emendationen und zu dieſen uͤberfluͤſſige Erklaͤrungen herbei gebracht. S. 21. Dieſer flämiſche Trunkenbold— durch die Ver⸗ bindung mit den Niederlanden, ſeit 1583, 84, ſcheint das Laſter der Trunkenheit, welches die engliſchen Krieger dort nach⸗ ahmten, ſich in London und England mehr verbreitet zu haben. Auch bei uns iſt der Ausdruck flaͤmiſch fuͤr grob, ungezogen, unmaͤßig, ſprichwoͤrtlich geworden. S. 22. Fr. Page.—„Nun, um ſolche Ritterſchaft ſtehts oft nur flitterhaft ꝛc.— Das Engliſche, welches ſelbſt en Commentatoren nicht ganz deutlich war, ließ ſich nicht uͤber⸗ tragen: These knights will hack; and so thou shauldst not alter the article of thy gentry.— In den erſten Ausg. finden ſich dieſe Reden nicht: als Jacob 1. bei ſeiner Thronbeſteigung und auch nachher zu viele Ritter kreirte, verlor dieſe Wuͤrde viel von ihrer Bedeutung, man ſcherzte und ſpottete uͤber die vielen Ritter, die ſich durch nichts ausgezeichnet hatten: ehedem waren ſie oft im Felde geſchlagen worden, vor, oder nach der Schlacht: jetzt wurden am Hofe Schmeichler, unbedeutende Men⸗ ſchen, oder diejenigen, die eine Summe fuͤr dieſe Gunſt zahlten, 352 Anmerkungen zu Rittern im Pallaſt, auf der Fußdecke, upon the carpet, geſchlagen. Carpet knight kommt nun oft als Spott vor. Hack knight oder Hackney, gleichbedeutend, ein Klepper, Miethpferd, eine Beſchimpfung der Frauen, welche hier nicht paßt: Ford ſelbſt, ſagt Frau Page, wird, falls er Ritter wer⸗ den ſollte, der Buͤrgersmann, doch nur ein hack- knight hackney, ſeyn. Als der hundertſte Pſalm und die Melodie vom gruͤnen Ermel:— to the tune of green sleeves. Die Mode, daß Frauen ſowohl wie Maͤnner doppelte Ermel an ihren Ueberkleidern trugen, hat ſich in England lange erhalten. Dieſe Ermel, oft weit und haͤngend, waren von verſchiedenen Farben,— warum dieſe gruͤnen Ermel, oder eine Frau, welche ſie getragen, ſchon fruͤh anſtoͤßig wurden, iſt jetzt nicht mehr zu ermitteln. So viel aber iſt gewiß, daß unter jenen Volksliedern oder auch den ſogenannten Gaſſenhauern das Lied von den gruͤnen Ermeln eins der bekannteſten, wahrſcheinlich auch eins der anſtoͤßigſten war, denn als ein ſolches wird es ſehr oft erwaͤhnt. Als die Puritaner ſich mehr ausbreiteten, wider⸗ ſetzten ſie ſich aller Muſik und allem Geſange, ſie wollten nur das Singen der Pſalmen geſtatten. Dieſe Pfalmen waren aber, dem Volke vorzuͤglich, durch ihre Eintoͤnigkeit ſehr unannehm⸗ lich. um Proſelyten zu gewinnen, verſucht der ſtarke Bekeh⸗ rungseifer zuweilen ſeltſame Wege. So geſchah es denn, daß man Pſalme ſo einrichtete, daß ſie zu beliebten Volks-Melo⸗ dieen in den Verſammlungen geſungen werden konnten: es ſcheint auch, daß manche Herzen durch dieſe Nachgiebigkeit ſind gewon⸗ nen worden, und daß das Ohr der ſtrengen Puritaner ſelbſt ſich gewoͤhnte, und dieſe Gaſſenmelodieen und luſtigen Weiſen nicht mehr anſtoͤßig fanden. Wurde alſo, wie es währſcheinlich iſt, eins der beliebteſten aber auch lockerſten und anſtoͤßigſten Liedchen„von den gruͤnen Ermeln“ auch als Pſalm abgeſungen, ſo iſt hier der Scherz des Dichters luſtiger und ſchlagender, als man veim erſten Anblick gewahr wird. Fr. Page—„Lieber moͤcht' ich unter dem Berge Pelian liegen.“— So viel auch bei uns Deutſchen und Englaͤndern in neuern Zeiten geleſen wird, ſo wuͤrde man es doch unnatuͤr⸗ lich nennen muͤſſen, wenn ein Dichter eine einfache Buͤrgerfrau ſo gelehrt wollte ſprechen laſſen, wie es hier geſchieht, und wie an⸗ derswo Shakſpear und ſeine Zeitgenoſſen juͤngere und aͤltere Frauen mit Anſpielungen auf Fabel und Mythologie reden laſ⸗ ſen. Die Englaͤnder haben es auch oft, aber ohne hinreichenden Grund, getadelt. Denn man muß nicht vergeſſen, daß bei allen Feierlichkeiten und Aufzuͤgen in den Staͤdten und auf dem Lande, in den geleſenen Romanen, in Comoͤdien, Puppenſpielen, den pageants, immerdar der Stoff, oder einzelne Figuren aus der Muythologie entlehnt waren. Die Anſpielungen waren daher ver⸗ — WMM— W S— n r⸗ ſo n⸗ re ſ en en e, er zum achten Bande. 353 ſtaͤndlich, und vieles, was jetzt ſelbſt dem halb Wiſſenden dunkel ſeyn mag, ſprichwoͤrtlich geworden. S. 24. Page.„Der Humor davon.“ Dies Wort, wel⸗ ches erſt ſeit wenigen Jahren, ſeit 1596 etwa, Mode geworden war, wurde von den Unwiſſenden auf alle Art gemißbraucht. Viele Dichter ſelbſt brauchten es fuͤr Charakter, Geſinnung, ſelbſt Angewoͤhnung. Im Anfange wurde es auch oft fuͤr luſtige Zu⸗ faͤlle gebraucht, fuͤr Spaß, der ſich entwickelt. Aus jener Anar⸗ chie, in welchem ſich um 1600 und ſpaͤter dies Wort umtrieb, iſt es ſpäterhin, erſt von Englaͤndern, ſpaͤterhin von Deutſchen noch mehr, geadelt worden, um eine Gattung Witz und Scherz, eine Gattung von Kunſt⸗Produktionen zu bezeichnen. S. J Pauls Aeſthetik, wo am heiterſten und Solgers Erwin, wo Hu⸗ mor am gruͤndlichſten erklaͤrt wird. S. 42. 3. 16. v. u. hat der Page, lies: hat denn Page kein Gehirn? S. 64. Z. 3. v. u.—„YPrinz im Korbe.“ youth in a basket.— Vouth hat in jenen Tagen, wie ich in einer An⸗ merkung zu B. Johnſons Epicoͤne(ſ. Tiecks Schriften) gezeigt habe, eine beſondre Bedeutung, aber immer hoͤhniſch, der ta⸗ delnd, geringſchaͤtzig, wenn es in ſolcher Weiſe gebraucht war. Hier iſt der Ueberſ. dem Text der Folio und ſpaͤtern Quart⸗ Ausgabe gefolgt, die gewoͤhnlichen Editionen vermiſchen den alten verworfnen Teyt mit dem aͤchten ſpaͤteren und leſen: Somepody call my wife:— Jou, vouth in a basket, come out here!— Statt: Somebody call iny wite;— Jouth in a pasket!— O you ete. S. 68. 3. Scene. Wirth:„nun ſollen ſie daran,“— they must come off. Dieſe Worte haben Farmer, Steevens und Tyrwhitt zu unpaſſenden Noten Gelegenheit gegeben, die nicht erklaͤren. Come otk! mach ſchnell, hurtig, iſt die alte gewoͤhnliche Bedeutung, to come otf alſo eilen, dazu thun, ſich fortmachen, beenden. um die Zeit, als dieſe Comoͤdie geſchrie⸗ ben wurde, hatte dieſer Ausdruck voruͤbergehend die Bedeutung: ſie ſollen dran,— oder: wie bei uns ſprichwoͤrtlich: ſie ſollen daran glauben! Bei Dramatikern, und Sh. vorzüglich, wird tauſendmal die wandelbare Sprache des gemeinen Lebens gehoͤrt und die Buͤcherſprache vermieden. Es iſt auch moͤglich, daß der Gaſtwirth, der ſich, ſo wie Evans und Cajus eine eigenthuͤm⸗ liche Sprache gebildet hat, den Ausdruck auf eigne Gefahr in dieſem Sinne, oder als Euphemismus beruht. S. 80. Z. 4. v. u. Falſt.„meine Seiten will ich fuͤr mich behalten“— my sides, die Seiten, als den Sitz der Leber, Milz und der Leidenſchaften. S. 81. Feen erſcheinen.— Wenn manche Edit. die Frau Hurtig und ſelbſt Piſtol hier auffuͤhren, ſo iſt dies nur Miſver⸗ welches die alte Quart und Folio Die Schau⸗ „ 2 3 354 Anmerkungen ſpieler, die jene Rollen geſpielt hatten, wurden hier beim Cho⸗ rus wieder angewendet, wie das immer geſchah, wenn viele Spielenden gebraucht wurden. Hobgoblin aber und der Satyr, oder der Jaͤger Herne, welchen Evans ſpielt, ſind zwei verſchie⸗ dene Perſonen. S. 82. unten:„kneipt im Takt ihn!“ Nach dieſem Verſe haben unſre Editionen noch: Evans. It is right; indeed he is full of lecheries and iniquity.— Der Dichter hat aber ſelbſt dieſe Rede geſtrichen, denn ſie findet ſich weder im Folio noch Quart, ſondern nur im erſten mangelhaften Quart, wo alles in dieſer Szene andres iſt. S. 85. Fluth.„— wird die Ruͤckzahlung des Geldes Euch noch der bitterſte Schmerz ſeyn.“ Hier fuͤgt die aͤlteſte, von uns verworfene Quart noch hinzu: Mrs Ford. Nay, huspand, let that go to make amends: Forgive that sum, and so we'll all pe friends. Ford. Well, here's my hand; all's forgiven at last. Die Erſte Szene des Stuͤcks, als Einleitung moͤchte vielleicht klarer als die jetzige ſeyn, in welcher der Dichter, weil die Co⸗ moͤdie ſchon oft geſpielt und der Zuſammenhang bekannt war, vielleicht zu vieles vorausſetzt und anknuͤpft, wodurch eine ge⸗ wiſſe Dunkelheit entſteht. Sonſt iſt aber jene erſte Arbeit faſt um die Haͤlfte kuͤrzer, und mit Eile zu Ende gefuͤhrt. In dieſer letzten Szene iſt faſt alles Vers, in der umarbeitung die Reden Proſa, und dieſe drei Verſe ſtehn hier alterthuͤmlich in dem neue⸗ ren Tert. Der Dichter hat mit Verſtand dieſe zu weit getrie⸗ bene Gutmuͤthigkeit geſtrichen. Falſtaff iſt Ritter, genießt eine anſehnliche Penſion, er kann dies Geſchenk vom Buͤrger, dem Mann der Frau, welche er jenem kuppeln ſollte, nicht anneh⸗ men, der Buͤrger kann es dem wohlhabenden, leichtſinnigen Schwelger nicht anbieten. Die Critik der Editoren iſt, wie geſagt, eine unbegreifliche, und es iſt endlich Zeit, einen beſſern Text herzuſtellen. S. 87. unten: Falſt:„Manch Wild ſpringt auf, wil man im Finſtern jagen.“ Pier wieder hat die aͤlteſte Quart den unnuͤtzen Zuſatz: Evans. I will dance and eat plums at Jout wedding. MW—* zun achten Bande. 355 Das Wintermaͤhrchen. Der Kenner ſieht beim erſten Blick an der Eigenthuͤmlich⸗ keit und dem Wu der Sprache, an der Verbindung der Sze⸗ nen und den Parentheſen in den leidenſchaftlichen Reden, daß dieſes wunderſane Schauſpiel mit dem Othello, dem Sturm und Cymbeline zu den letzen Arbeiten des Dichters gehoͤrt, und es bliebe unbegreflich, wie Pope es fuͤr eine unreife Jugendarbeit Shakſpears Jabe halten koͤnnen, wenn man nicht wuͤßte, wie leichtſinnig and obenhin der beruͤhmte Mann die Ausgabe Shtſ. unternomnen und ausgefuͤhrt hat. Der Inhalt des Stuͤcks iſt aus einem damals beliebten Roman des Robert Green, Po- rastus and Faunia genommen, deſſen erſte Ausgabe ſchon 1588 erſchienen war. In dieſem Roman eines nicht ungelehrten Mannes findet ſich ſchon jene ſo oft beſprochene Suͤnde unſers Dichters, daß Boͤhmen zu einem Lande gemacht wird, welches an den Meere liegt und Seehaͤfen beſitzt. Man kannte Deutſch⸗ land zwar weniger als Italien, indeſſen war dieſe Unwiſſenheit des ſtudirten Romanciers gewiß eine vorſaͤtzliche, ſo wie die des nacherzaͤhlenden dramatiſchen Dichters. Man wollte eine dunkle, ſeltſame, nicht oft genannte Gegend, und waͤhlte dazu Böhmen, mit welchem weniger poetiſcher oder Handels-Verkehr war, als mit Italien, Illyrien, oder Spanien, und den unbefangnen Le⸗ ſern und Buͤhnenfreunde jener Tage war dieſe Verletzung ihrer Landkarte gleichguͤltiger als den ſpaͤtern Zeitungsleſern. Moͤglich iſt es, daß Sh. ſchon in ſeiner Jugend von der Beliebtheit des Romans angereitzt, die Begevenheit früͤh auf das Theater brachte. Viele ſeiner Schauſpiele hat er mehrmals umgearbeitet. S. 96. Z. 12. v. o. Man leſe hier lieber: Denn geht nicht Stier und Kuh ein jegliches Im Schmuck des Haupts einher? Das Wortſpiel mit neat konnte im Beutſchen nur ſchwach nach⸗ geahmt werden. 3. 4. v. u. Leon. Was giebt's? Dieſer Vers iſt, nach der Folio,(wir haben keine Quart-A. dieſes Schauſpiels) dem Leontes mit Recht wieder gegeben worden. Er faͤhrt mit dieſen Worten aus ſeiner Abweſenheit auf. Die Edit. ließen den Vers ohne Noth den Polixenes ſprechen. S. 79. Pol. Bin ich daheim ꝛc.— Dieſe Verſe erinnern an jene ſonderbare Rede der Helena. S. Ende gut, Akt 1. S. 109. Z. 3. v. v.„Wer fuͤr fie ſpricht, der iſt ſchon deshalb ſchuldig,“ He, who shall speak for her, is afar of guilty, ganz wie unſer: der iſt in ſo fern ſchuldig,— nicht: er iſt entfernt ſchuldig. 23 356 Anmerkungen S. 120. Dritter Aufzug. Delphi, das Orakel, die Prieſter des Apollo, Boͤhmen, die neueſten Siten mit den aͤlte⸗ ſten vermiſcht, Hermione, die Tochter des Kaſer von Rußland, Anfang, Mittel und Ende des Schauſpiels ſoll en Leſer in jene maͤhrchenhafte Stimmung verſetzen, in welcher wie in der„Som⸗ mernacht,“„Was ihr wollt,“ und„Wie es Euch gefaͤllt,“ man alle ſeine hiſtoriſchen und geographiſchen Kenntniſſe gern auf zwei Stunden vergißt. S. 131. Z. 11. v. u.—„iſt nichts noͤthig, as Verſchwie⸗ genheit.“— Es war der Glaube, daß derjenige, der ein Ge⸗ ſchenk von Feen erhalten habe, nicht davon ſprechen dirfe, wenn ihm die Guͤnſt nicht wieder zerrinnen und zu ſeinem Schaden ausſchlagen ſolle. S. 135. Z. 9. v. u. Aut.„Mein Handelszweig iſt Hem⸗ den.“— Die Gaunerſprache iſt hier nicht zu treffen: sheets, Leinen, Laken, Waͤſche, zugleich wie cheats geſprochen und dies angedeutet. S. 136. J. Schaͤfer.—„Freilich ſind die meiſten Tenor und Baß.“— Wie ſich in Autolycus nicht die Gaunerſprache wieder geben laͤßt, ſo hier nicht der Doppelſinn des Clowm:— but they are most of them means and bases:— Tenor und Baß,— und was koͤnnten ſie faſt anders ſingen! wost of them are— means, geringe, ſchlecht, and bases, und nichts werth, nicht nutzig, durch die Art zu ſprechen an mean und base erin⸗ nernd.„Nur ein Puritaner— und der ſingt Pſalmen zum Dudelſack.“— S. was oben(Luſtige Weiber) von der Melodie „der gruͤnen Aermel“ geſagt iſt. S. 139. Z. 12. v. d.„Ein Spiegel mir zu ſeyn.“— sworn, I think, to show myself a glass.— Er, der Prinz, iſt der Spiegel, in welchem ſie, da er als Schaͤfer gekleidet geht, ſich und ihren Stand ſieht und erkennt.— S. 142. Z. 12. v. o.„Violen, dunkel wie der Juno Augen, Suͤß wie Cythereas Athem.“— Druckfehler Cythere.— violets, dim, But sweeter than the lids of Juno's eyes, Veilchen, dunkler, als the eyes of Juno, und sweeter,(duf⸗ tend) wie ihre Augenlieder. So muß man wohl, etwas ge⸗ zwungen, dieſe Verſe konſtruiren, wie es auch der Ueberſ. ge⸗ than hat. S. 157. letzte Z. unten:— Daͤcht' ich u. ſ. w.— nach der alten, richtigen Leſeart: If I thought it were a piece of honesty to acquaint the king withal, I would not do it. Es iſt mehr Humorſo in der Stelle, als in Steevens Aenderung: If It hought it were not a piece of honesty— I would do't.— S. 164. V. 5. v. u. Cleom. Ich ſchweige ſtill. Nach der Folio. Unnoͤthig hat Steevens dieſe Worte der Pau⸗ line gegeben. zum achten Bande 357 S. 176. Z. 15. v. v. Leont. Koͤnnte mein Jod u. ſ. w.— Ich erklaͤre die Stelle, die die Commentatoren nicht beachtet haben ſo: Would I were dead Ich moͤchte todt ſeyn, wenn ich Hermione dadurch wieder beeben koͤnn⸗ te,— but that,— methinks,— already— aber, in⸗ dem ich dies wuͤnſche, zeigt ſich ja ſchon Leben in den Bildniß. — Und ſo: wer konnte dies ſchaffen, hervor bringen? S. 177. Z. 15. v. u.„Sonſt ſeht ihr wiederun ſie ſter⸗ ben,“— do not shun her, Until Jou sce her die ag in.— Der Koͤnig wendet ſich erſtaunt, erſchrocken ab, ſie ſagt: nicht kehrt Euch von ihr— ſcheuen, ſich abwenden— until kann hier nicht heißen: bis ihr ſie werdet ſterben ſehn,— ſon⸗ dern wie oft in der Sprache des gemeinen Lebens: wenn ihr nicht wollt, daß ſie ſtirbt:— for then you kill her doule, beſtaͤtigt dieſe Erklaͤrung. Sv Eine der letzten Arbeiten des Dichters, doch läßt ſich nicht ganz genau beſtimmen, in welchem Jahre dies Schauſpiel iſt geſchrieben worden. S. 181. 1. Szene.—„ein Florentiner, Ein Wicht, zum ſchmucken Weibe faſt verſuͤndigt,“— a Florentine, A Fellow, almost damn'd in a fair wife,— Es kann nicht die Aufgabe dieſer Anmerkungen ſeyn, den Dichter ſeine Schoͤnheiten, oder ſeine oft tiefliegenden Abſichten zu erklaͤren: dies mag einem eignen Werke vorbehalten bleiben. Es giebt aber Stellen,(und dieſe haben wir bis jetzt vorzuglich herausgehoben) wo von der Wort-Erklaͤrung das Verſtändniß des Kunſtwerks, von dem Einzelnen der Begriff des Ganzen abhaͤngt, und ſolche Stellen duͤrfen nicht uͤbergangen werden. Eine ſolche iſt dieſe, uͤber welche die Engliſchen Commentatoren ſo viele Worte unnothig verloren haben. Jago ſelbſt iſt Florentinern, wie es mehr wie einmal in der Tragoͤdie geſagt wird: Rodrigo iſt Venetianer, und Caſſio, wenn man nicht einen Vers im zwei⸗ ten Akt unnatuͤrlich und gezwungen erklaͤren will, ein Veroneſer: Verona, eine Stadt, die der Bichter in ſeinen edlen Veroneſer, wie in ſeinem Romeo mit einer gewiſſen Vorliebe behandelt. Wie kommt es nun, duß der Florentiner Jago hier den Caſſio einen Florentiner nennt?— Die italieniſchen Autoren waren zu Shakſp. Zeiten allgemein beliebt, in London und in England: alle Eigenthuͤmlichkeiten, Fehler und Laſter waren bekannt, welche die oft frechen Italiener von ſich ausſagen und bekennen⸗ 358 Anmerkungen genes unnatuͤrlche Laſter, von dem die Griechen auch ohne Wi⸗ derſtreben reden, war in Florenz, wie jeder, der die Litteratur kennt, wiſſer wird, am haͤufigſten im Schwange. Und darum nennt der laͤſternde Jago, deſſen Zunge alles beſchmutzt, den ſchoͤnen, eefälligen und beliebten Caſſio einen Frentiner:— er fuͤgt aber in der Bosheit noch hinzu:„Ein Wicht, zum ſhmucker Weibe faſt verlündigt,“— A fellow, almost damn'd in a fai wife— um zu bezeichnen, daß er bei den Freünden dieſes vaſters die untergeordnete Rolle geſpielt habe; das Ehren⸗ ruͤhriſte, was man von einem Manne, beſonders aber von einen Offizier ſagen kann. Man darf annehmen, daß, weil die nſpielungen auf dieſe Verirrung der Natur zu Shakſp. Zei⸗ ten ſo oft vorkommen, nur wenige Englaͤnder vom Makel dieſes Agwohns beſchmutzt wurden.— Behaͤlt man dieſe Erklaͤrung, di natuͤrlichſte und naͤchſte im Auge, ſo fallen alle die Anmer⸗ kugen, Conjekturen und Faſeleien, mit denen ſich die engliſchen ommentatoren, weil ſie den Wald nicht vor den Baͤumen ſehn konnten, von ſelber weg, und verdienen keine Widerlegung. Pamn'd in a fair wife, hier iſt das in, into a fair wife: nach Jago's boshafter und cyniſcher Art. Es kann unmoͤglich heißen ſollen: er iſt verdammt, indem er einem ſchoͤnen Weibe angehoͤrt, oder mit ihr verheirathet iſt, ſondern durch ſein Laſter hat er ſich verdammt, faſt ſchon ein ſchoͤnes Weib zu ſeyn.— Ich muͤßte hier weitlaͤufiger ſeyn, weil die vielen und langen Noten der Englaͤnder hier ganz vom Verſtandniß der Stelle abziehn.— Die Emendation life fuͤr wife iſt ganz unhaltbar, und die Erklaͤrung: er iſt verdammt, daß Niemand uͤbel von ihm ſpricht, daß er das Leben jener Mittelmaͤßigen fuͤhrt, die Keiner tadelt, ſehr weit geſucht, obenein aber unpaſſend, weil man im Stuͤck ſelbſt ſieht, wie leichtſinnig Caſſio im Umgang mit verdaͤchtigen und geringen Frauenzimmern iſt. S. 184. Rod,„Ich will fuͤr alles einſtehn, doch ich bitt' Euch. In der Quart von 1622.— folgt hier ſogleich:— „Iſt ſie im Schlafgemach, ja nur zu Hauſe, und die zwiſchen ſtehenden 17 Verſe finden ſich nur in der Fo⸗ lio 1623. Sie ſind alſo ein ſpaͤterer Zuſatz des Dichters, denn man ſieht, daß jene Quart von 1622, ſechs Jahr nach des Dichters Tode, im Ganzen gut und genau gedruckt iſt, aber nach einem nicht vermehrten Mſpt. Dieſe Zuſaͤtze hier gehoͤren alſo mit zu den letzten Verſen, die der Dichter ſchrieb. Alle dieſe Stellen ſind wohl zu beachten, denn ſehr haͤuſig ſind dieſe Cor⸗ rekturen und Erweiterungen, die der Dichter mir Beſonnenheit an⸗ brachte, nachdem ſein Werk ſchon oft aufgefaͤhrt war, gerade die Stel⸗ len, die das korrekte Gewiſſen der Erklaͤrer und Editoren aͤngſtigen. Die Quart von 1630 hat die Verſe ebenfalls nachgetragen. S. 185. Brabantio tritt auf. Nach Duart—„in ſeinem Nachtgewande,“— d, h. nicht ein moderner Schlafrock, zum achten Bande. 359 ſondern ein kurzer Mantel, ohne Ermel, welcher als Wamms getragen wird. S. 188. V. S. v. u. Die Welt ſoll richten u. ſ. w. Dieſe ſechs Verſe finden ſich nur in Folio und Quart von 1630. V. 5. v. u.„Den Sinn zu ſchwaͤchen.“ That wea- ken motion, im Fol. iſt beſſer, als waken motion. Denn motion iſt hier nicht Leidenſchaft, ſondern das Bewußtſeyn, die Beherrſchung des Gemuͤthes. S. 150 3, 15 v n es nicht ſo kriegsgeruͤſtet eht,“— Von hier bis zum Schluß der Rede wieder nur aus F. und O. von 1630: alſo ſpaͤterer Zuſatz. S. 194. Z. 22. v. u.„Der Himmel habe ſie als ſolchen Mann geſchaffen,— That heaven had made her such a man— Braucht es erinnert zu werden, daß her hier der Accuſativ und nicht Dativ iſt? und doch haben einige Ueberſetzer den Fehler gemacht. In den aͤlteſten Verdeutſchungen und Bearbeitungen fuͤr die Buͤhne war die Stelle richtig, aber, wenn ich nicht irre, hat ſich Eſchenburg in ſeiner allerletzten Ueberarbeitung verleiten laſſen, den Fehler nachzuahmen. Sie wuͤnſcht: der Himmel haͤtte ſie ſo brav erſchaffen, als Held, der ſo viel erlebt; drauf, Othello moͤchte jemand, der ſie einſt liebte, nur dieſe Geſchichte vortragen lehren: auf dieſen Wink endlich, hint, erklaͤrt er ſich. Nimmt man her fuͤr den Dativ, ſo iſt dies ſchon mehr als hint und Wink, und die Verſe nach jenem ſind ſchwaͤcher und gehn vielmehr zuruͤck, ſtatt noch deutlicher dem Krieger ent⸗ gegen zu kommen. S. 197. V. 5. v. v.„Noch heißem Blut zu Liebe,(jungen Trieben Selbſteigennuͤtz'ger Luſt, die jetzt muß ſchweigen) Nor to comply with heath the voung affects In my defunct and proper satisfaction:— Dieſe Stelle, uͤber welche Steevens und andre viele Worte ver⸗ loren haben, haben wir erklaͤrend nach dem Hriginal-Tert uͤber⸗ tragen, und nicht die Emendation distinct fuͤr defunct an⸗ genommen. Othello ſagt: ich bitte dies nicht, nur der Hitze meiner jungen Liebe und Leidenſchaft genug zu thun(young, ſie waren eben vermaͤhlt, Othello iſt kein Greis) denn als General muß dieſe Leidenſchaft jetzt defunct, abgeſtorben ſeyn, in my proper sat., proper, wenn er nur an ſich ſelbſt, und nicht an ſein Amt denten wollte, satisfaction, hier Eigennutz, Egoismus. — Lernt man aus den Editoren nicht erſt die Schwierigkeiten, ſo gehoͤren dieſe Verſe gewiß nicht zu den unverſtändlichen. Gif⸗ ford(Massinger II. 30.) erklaͤrt die Stelle nicht ganz ſo, er eifert mehr gegen den unnuͤtzen Scharfſinn der Editoren. Hat Maſſin⸗ ger dort im Bondman in Timolcons Rede dieſe Worte Othellos 360 Anmerkungen nachahmen wollen, ſo iſt in unſrer Stelle doch eine weſentliche Verſchiedenheit, die Gifford nicht genug beachtet hat. S. 197. Die letzten V. Br: Haſt Augen du zu ſehn. Wir leſen mit der Folio ik thou hast eyes to see— ſtatt des fruͤ⸗ heren: have a quick eye to sce:— offenbar ſchwaͤcher. S. 201. V. 3. v. o.„und nirgend zwiſchen Meer und Hafen“ twist the haven and the main. Q. Heaven in der Folio ſcheint mir nur Druckfehler u ſeyn. S. 202. V. 2. v. v.„Ein Veroneſer, Michael Caſſio,“ X Veronese, Michael Cassio. Weil nun aber jene Stelle, in der Jago den Caſſio einen Flo⸗ rentiner nannte, nicht verſtanden war, ſo quaͤlen ſich hier die Editoren mit unnuͤtzen Noten, Aendrung der Interpunktion, und wollen, die Stadt Verona habe zu dem Zuge ein Schiff ausgeruͤſtet; dieſes heiße alſo ein Veroneſiſches, und mit dieſem ſey der Florentiner Caſſio gekommen. Doch Caſſio iſt Verone⸗ ſer, Jago Florentiner, Rodrigo, Gratiano und Ludovico Vene⸗ tianer, und Othello der Barbar aus der Fremde. S. 202. 3. 11. v. u.„Drum harrt mein Hoffen, noch nicht toͤdtlich krank, Kuͤhn auf Geneſung. Therefore m) hopes, not surfeited to death, Stands in bold cure. Die Poffnung darf dreiſt eine Heilung erwarten, da ſie nicht bis zum Tode überſaͤttigt iſt,— d. h. die Hoffnung iſt ſtaͤrker, als die Furcht.— Dieſer ganz gewohnliche Gedanke wird von dem galanten Caſſius, der ſich vor ſeinen Cameraden hier in ſeiner Feinheit zeigen will, ſehr geziert ausgedruͤckt. S. 203. Z. 11. v. o.„Die Dichtung ſelbſt ermattet.“— Doth tyre the ingenieur.— Geſucht, wie die ganze Rede, ſo wie alles zu Gebluͤmte, was hier Caſſio ſpricht; dieſe Leſeart iſt der fruͤhern, Poes bear all excllence, vorzuziehn. Z. 9. v. u.—„neigt Euch huldigend“— let her haye vour knees— nicht, daß ſie knieen ſollen, ſondern jene hoͤfliche Verbeugung iſt gemeint, die damals die Sitte forderte, ein Zu⸗ ruͤckziehn des einen Beines, und eine Neigung des Kniees. Make vour jegs, wuͤrde ein Buͤrger, ein Clovn, oder ein einfach ſagen. Das Leg iſt dem gebluͤmten Caſſio hier zu eringe. S. 220. Z. 4. v. u.„Gedeiht auch ſchlechtes unkraut ohne Sonne,“ Though other things grow fair against the sun— Other things ſind hier den fruits entgegen geſetzt, ſchlechtes Zeug, Unkraut— against the sun— hier der Sonne zum Trotz, d. h. ohne alle Sonne, ohne ihre Beguͤnſtigung. o= er n, e e ch bis s em er de, art we che zu⸗ ke ach hne tes um iff zum achten Bande. 361 S. 2241. Dritter Lufzug.— Hier hat gleich im An⸗ fang ein Spaß, der ſich auf keine Weiſe uͤberſetzen laͤßt, ausge⸗ laſſen werden muͤſſen. Pale, und tail, dieſer Scherz, der oft wiederkehrt, iſt nicht zu übertragen. Thereby hangs a tale, daruͤber ließe ſich viel ſagen, das erfodert eine Geſchichte, oder auch: ſo geht das Lied zu Ende, wie in der beruͤhmten Rede des Jaques in„As Jou like it.“— Wenn dergleichen Sprich⸗ woͤrtlichkeiten, die in der Mutterſprache halb unſchuldig, wenig⸗ ſtens naiv bleiben, uͤberſetzt werden, ſo laufen ſie Gefahr, viel gemeiner auszufallen. S. 223. 3. 1. v. o.—„als ſeine Freundſchaft, Euch wieder einzuſetzen.“ Der unnuͤtze Vers nach: but his likings, To take the saf'st occasion Py the front— findet ſich im Fol. nicht. S. 228. Z. 11. v. u.—„daß Eure Weisheit u. ſ. w.“— hier nach der Folio⸗Ausg. uͤberſetzt, deren Leſearten, wie ſchon oft geſagt, immer vorzuziehen ſind. S. 229. 3. 12. v. o.—„Dem gruͤngeaugten Scheuſal, das beſudelt Die Speiſe, die es naͤhrt.— It is the green— ey'd monster, which doth mock The meat it feeds on.— Dieſe Verſe ſind ein ſogenanntes Kreuz der Editoren. Po mock, verſpotten, ſpielen mit etwas, dann ſehr gezwungen, einen Wi⸗ derwillen haben,(eine Bedeutung, die nicht einmal bewieſen werden kann) alles dies reicht nicht hin, um aus dem Verſe, den der Dichter, wie man ſieht, recht bedeutend machen will, nur einen leidlichen Sinn heraus zu bringen. Einige leſen make fuͤr mock, und auch hier hilft die tiefſinnige Erklärung wenig oder nichts, daß ſich die Eiferſucht von Schatten, argwoͤhniſchen Gedanken naͤhre, die ſie ſelber erſt erzeugt oder hervorbringt: make wuͤrde auf jeden Fall hier nur matt ſeyn, und immer wäre es nicht begreiflich, wie das deutliche mock aller Ausgaben aus make, dem einfachen Wort, entſtanden waͤre. Ich vermuthe, daß wir muck leſen muͤſſen, in der Ausſprache eines mit mock, und in der unbeſtimmten Orthographie jener Tage wohl oft ſo geſchrie⸗ ben. To muck iſt duͤngen, alſo mit unrath beſchmuzen, wie muck der Duͤnger iſt. Auf dieſe Weiſe wird nach meiner Ein⸗ ſicht dieſer Stelke am beſten aufgeholfen. S. 230. Z. 18. v. v.„Daß ſie des Vaters Blick mit Nacht umhuͤllt, To seel her fathers eyes up, olose as o a k,— Oak, Eiche, haben alle Ausgaben. Sonderbar, geſucht, und mit seel, dem Kunſt-Ausdruck, von der Blendung der Fal⸗ ken gebraucht, nicht paſſend. Einige haben darum hawk zu leſen vorgeſchlagen. Indeſſen iſt der Falke nur fuͤr eine Zeit ge⸗ blendet, und braucht bei der Jagd gerade die Schaͤrfe ſeines 362 Anmerkungen Auges. Wir haben hier in der neberſ. nur den allgemeinen Sinn wieder gegeben. S. 233. 3. 3. v. u.„Ich ſagt' es wohl.“— Das 1 did say so des Originals iſt nichts als eine Interjektion: Nun ja! Frei⸗ lich! So dacht' ich, oder ſagt' ich! Steevens, der hier etwas Tieferes ſucht, irrt in ſeiner Anmerkung. S. 235. Othello.„Bei Gott! u. ſ. w.“ Dieſe Rede des Othello findet ſich nur in den ſpaͤtern Ausgaben. S. 236. Z. 15. v. u.—„Ein ſchlimm Bedenken iſt's, ſey's auch nur Traum.“ Nach der Quart⸗A. Die Folio giebt den Vers, nicht ſo paſſend, dem Othello. S. 237. 3Z. 24 v. o.„So wie des Pontus Meer,“ u. ſ. w. Dieſe Rede bis:„mit ſchuld'ger Ehrfurcht u. ſ. w.“ iſt wieder ein ſehr merkwuͤrdiger Zuſatz des Dichters, in deſſen große Bedeutung ſich viele Leſer und Erklärer nicht haben finden koͤnnen, denn dieſe merkwuͤrdige Stelle iſt eine von denjenigen, die allgemein als ſchwuͤlſtig, als Nonſens iſt verdammt worden. Und doch fuͤgte der Dichter dieſe Verſe hinzu, als das Gluck ſeines Schau⸗ ſpieles laͤngſt entſchieden war. Nie ſoll, ſo ſchwoͤrt Othello, das Gefuͤhl der Rache und des Haſſes ihn verlaſſen, er ſucht nach neuen, ſtarken Bildern, Wenn ich nach den hoͤchſten Worten greife, Er wilt das Uebermenſchliche, Furchtbare, das er erlebt, deut⸗ lich machen,— und nun faͤllt dem Reiſenden, der ſo viel Laͤnder geſehn hat, die pontiſche See ein, in welcher keine Ebbe beobach⸗ tet wird, und ſo, ſo ſoll ſeine Rachſucht immer fort, fort fluthen, ohne jemals ſtille zu ſtehn. Dieſe toͤnende Rede, im Munde des Barbaren, iſt gerade durch das Fremde, Fernliegende des Bildes eine der groͤßten Schoͤnheiten des Dichters. S. 245. Z. 6. v. u.„Eingeſtehn und dann u. ſ. w.“— Dieſe Worte, ſo furchtbar und ſeltſam, ſind ebenfalls ſpaͤterer Zuſatz. S. 255. Z. 25. v. v.„Mit langſam droh'ndem Finger drauf zu weiſen,“ Nach der Folio: to point his slow and moving finger at— ſtatt un moving.— Von einem Bilde auf einer Uhr hergenom⸗ men. Slow und unmoving wollen nicht zuſammen paſſen, und doch hat das and hier auch etwas Stoͤrendes. Z. 9. v. u.„Begehn! o du u. ſ. w.“ Dieſe vier Verſe find Zuſatz und finden ſich nicht im erſten Quart.— Committed! 0 thou public— committ, welches Desdemona vorher in ihrer Unſchuld braucht, da ſie den Ausdruck nicht kennt, in ſo fern er unzuͤchtig war, ward damals fuͤr unzucht, Ehebruch gebraucht, und darum faßt Othello das Wort hier auf. S. 257. Z. 2. v. o.„Mein mindeſtes Verſehn mißdeuten konnte.“ The small'st opinion of my least abuse, zum achten Bande. 363 wie die Fol. lieſet ſtatt grea'st abnse, welches hier nur ſehr gezwungen ſtaͤnde. S. 258 Z. 11 v. v. Desd.„Hier knie ich.“ Von hier, bis zum Schluß dieſer außerordentlich ſchoͤnen Rede iſt alles Zuſatz, da ſich dieſe Verſe im Erſten Quart nicht finden.— Wo der Kenner und Freund des Dichters Gelegenheit hat zu beobachten, wie und was er aͤnderte, wo er vermehrte, muß es ihm außer⸗ ordentlich wichtig ſeyn, da uns, um das Gewebe ſo kritiſch ganz zu erfaſſen, nur wenige Faͤden in die Hand gegeben ſind. S. 252 3. 3 v. v.„ich hab zu ſchaffen— bis:„horch, wer klopft da?“— iſt wieder Zuſatz. Wie viel dieſe wunderbare Szene dadurch am Seltſamen, Traͤumeriſchen, Haͤuslichen und Poetiſchen gewonnen hat, bedarf keiner Erklaͤrung.— 8. 12 v. u. Desd.„Ich nannt ihn falſcher,“— Nach den paar Worten vorher wieder Zuſatz, dieſer Geſang. 3. 6 v. u. Desd.„Ich hoͤrt' es ſo: Die Maͤnner!“ Eben ſo dieſe Rede. S. 263 Z. 16. v. u. Emil.—„Allein mich duͤnkt“— Dieſe ganze Rede Emiliens iſt von dieſen Worten neuer Zuſatz. S. 269 3. 19 v. u.„Thu aus das Licht;— und dann— Thu aus das Licht;—“ Put out the light, and then put out the light; So iſt die Leſeart in allen alten Hriginalen. Der Sinn ſcheint einfach: Loͤſche das Licht aus, und dann loͤſche jenes Licht(das Leben Desdemonas) aus. Daß light, Licht, tauſendmal bei den Poeten und ſelbſt Proſaikern fuͤr Leben gebraucht wird, bedarf keiner Parallel-Stellen. Die neuern Editoren haben auch dieſen ſchlichten Sinn dieſer, wegen des Streites der Gelehrten, beruͤhm⸗ ten Stelle, wiederum angenommen. Warburton ſchlug zuerſt vor zu leſen: Put out the light, and then— Put out the light! Bedenkt man, in welcher Stimmung der Mohr hier auftritt, indem er den kalten beſtrafenden Richter einer todeswuͤrdigen Schandthat ſpielen will, ſo gewinnt die Stelle durch dieſe Inter⸗ punktion unendlich viel, und ſelbſt die folgenden Verſe bekommen durch dieſe Pauſe und den ploͤtzlichen Uebergang mehr Feierlichkeit und Wuͤrde. Fruͤher nahmen die großen Schauſpieler in Eng⸗ land ſo wie in Deutſchland den Vers auch in dieſem Sinne. Er⸗ wägt man nun, wie auch im Folio, und in den Original-Aus⸗ gaben, in welcher' der Text oft klar und richtig gegeben iſt, doch die Interpunktion faſt immer vernachläſſiget wird und von keiner Autorität ſeyn kann, ſo darf man, da die Drucke in jener Zeit nur fuͤr die Zuſchauer waren, die das Schauſpiel oft geſehn hat⸗ ten, dieſe Eintheilung wohl, wie wir auch gethan haben, an⸗ nehmen. S. 272. Othello erſtickt ſie.— Smothers her, wie die Folio, oder stides her, wie die Quart ſich ausdruͤckt. Dies war ſein Vorſatz, ſo war es beredet worden. Jetzt ruft Emilie drau⸗ ßen; er erſchrickt, das Entſetzen befaͤllt ihn, ſie regt ſich wieder, 364 Anmerkungen ſie iſt nicht vollig todt, und in dem furchtbaren Aufruhr des Ge⸗ muͤthes erſticht er ſie mit dem Dolch, halb aus Mitleid, halb aus Angſt, wie bewußtlos, ihren und ſeinen Qualen ein Ende zu machen. Obgleich der Tert ſelbſt von dieſem Erſtechen nichts meldet(wie denn faſt immer dieſe Erklaͤrungen der Handlung ausgelaſſen ſind), ſo kann man ſich die Szene doch nur ſo als moͤglich denken. Mit dieſen Wunden kann Desdemonn nachher noch einige Worte ſprechen und alsbald ſterben: wenn ſie blutet, kann ſie ausſagen, ſie habe ſich ſelbſt ermordet: will der Mohr auch nur einen Augenblick luͤgen, ſo iſt ein Erwuͤrgter(ſ. Glo⸗ ſters Tod in Heinrich VI.) wohl mit dem zu verwechſeln, den ein ploͤtzlicher Schlag gekoͤdtet: alles dies, da wir auch die Au⸗ toritaͤt fruͤherer Schauſpieler fuͤr uns hatten, bewog uns, die Szene auf dieſe Art zu erklaͤren. Die Eintretenden erkennen auch alsbald den Mord, und keiner erwaͤhnt des Erwuͤrgens. Daß Othello in dieſer Eile der Verzweiflung ſeinen erſten Vorſatz ver⸗ gißt, iſt wohl eben ſo natuͤrlich, als daß er ſich ſelber anklagt, und nicht mehr daran denkt, ſein Leben zu ſichern. Auch Stee⸗ vens iſt derſelben Meinung. S. 274 Z. 14 v. v. Emilie.„O theure Frau,“— Dieſe Rede Emiliens, ſo wie Othellos folgende fehlen in der Erſten Q. S. 275 12 v. o. Em.„In ihrem Bett liegt meine Frau ermordet“— bis zu Jago's Worten: Was! biſt du toll?— wieder Zuſatz. S. 277 Z. 12 v. u. Oth.„Seyd nicht erſchreckt,— dieſe ſchönen, wenn auch etwas dunkeln Verſe— bis:„Bleich wie dein Tuch!“ ſind wieder ſpaͤtere Einſchaltung.— Seht ihr mich auch bewehrt, weapon' d, ausgeruͤſtet, ſo bin ich dennoch nicht zum Weiterſegeln beſtimmt, ſondern ich habe das Ziel ſchon er⸗ reicht, here is my butt, die Seemarke, wie weit die Schiffe ſich dem Lande naͤhern koͤnnen, And very sea mark, das aller⸗ letzte Zeichen— of my utmost sail— auch der groͤßten Anſtren⸗ gung, des Segels oder Schiffes, welches ſich am weiteſten wa⸗ gen duͤrfte. Mich wundert, daß die Editoren dieſe Stelle keiner Anmerkung gewuͤrdigt haben. Utmost sail kann auch heißen, das Schiff, was ſchon ſein Letztes gethan hat. S. 280 3. 6 v. o. Wo ein vornehmer tuͤrkſcher Muſel⸗ mann l. tuͤckſcher. Druckfehler. ——— Kn i er Dieſe groͤßte Tragoͤdie iſt, wie man mit ziemlicher Gewiß⸗ heit angeben kann, 1605 gedichtet. Wir haben, außer der Folio eine fruͤhe Quart-Ausgabe dieſer Tragoͤdie von 1608. Dieſe Ausgaben weichen oft von einander ab, und es iſt wieder lehrreich, die Zuſätze zu bemerken, die ſich nur in der Folio finden, oder die Stellen, die ſie abgekuͤrzt hat. Zum achten Bande. 365 S. 284. Z. 20. v. u.—„waͤhrend wir zum Grab entbuͤr⸗ det wanken:“— bis—„daß Wir kuͤnft'gem Streite ſo begegnen“ iſt Zuſatz. Meiſtentheils iſt der Zuſatz Sh. mehr geſucht und in der Sprache ſonderbarer, als der uͤbrige, aͤltere Text. Z. 6. v. u.—„wo Natur kaͤmpft mit Verdienſten.“ Nach Folio: Where nature doth with merit challenge:— beſſer als unſer Text nach der Quart:— Where merit doth most challenge et.— Kurz vorher fehlt die Parentheſe(Da wir uns jetzt entaͤußern u. ſ. w.) auch im Quart. S. 286. 3. 18. v. d.—„Bei Hekate's Verderben.“— Die Fol. mysieries ſt. misteries, welches nur Emendation iſt fuͤr mistress der Quart. S. 290. Cord. In dieſer Rede iſt die Erklaͤrung durch beiſeit und laut angedeutet, wie wir dieſe Verſe verſtehn. Cord. konnte die Schweſtern jetzt nicht vorſaͤtzlich beleidigen wollen. S. 291. Z. 4. v. v. Reg.„Du verſchmaͤhſt, Vou have obedience scanted, and well are worth the want that Jou have wanted. The want iſt hier der Mangel an Liebe,— that yon h. wauted — die Liebe, die du auch nicht hatteſt. Nicht, wie Tollet meint, bezieht ſich want auf dowry. S. 292. Edmund will in ſeinem Monologe ſeinen verach⸗ tenden Zorn gegen die Einrichtungen und Geſetze des Staates ausſprechen. Die Natur, ſagt er, weiß von dieſen albernen Vor⸗ urtheilen und Satzungen nichts: der juͤngere Bruder muß eben ſo Erbe ſeyn, wie der aͤltere,— und noch weiter gehend, war⸗ um ſoll der Baſtard geringer ſeyn, als der Sohn aus dem Ehe⸗ bett, jener, ein Kind der Liebe!— Es ſcheint, daß Edmund zugleich der ältere iſt, da Edgar ſich im Anfang ſo ganz uner⸗ fahren und leichtgläubig zeigt. S. 294. Z. 11. v. u. Glo ſt.„Ich koͤnnte nicht Vater ſeyn,“ — I would unstate myself, to be in a due resolution. Iſt hier nach Johnſons Erklärung uͤberſetzt: es kann nicht heißen? ich moͤchte mein Vermoͤgen opfern, um das Richtige zu wiſſen, ſo feſt auch Malone dies behauptet. Z. 1. v. u.„Dieſer mein Bube— bis: Erforſche mir den Buben“ ſpaͤterer Zuſatz⸗ S. 295. Z. 6. v. u.„Unnatuͤrlichkeiten zwiſchen Vater und Kind,“— von hier fehlt dieſe Rede in der Fol.⸗Ausg. und es ſcheint, als waͤre dieſer Lear dort nach den theatraliſchen Abkuͤr⸗ zungen gegeben worden. S. 297. Z. 10. v. u. Gon.„Das Alter kehrt zur Kindheit.“— Old fools are babes again: and must be us'd With cheecks as flattries, when they are seen abu'sd. Fehlt im Folio, und ward vielleicht als etwas dunkel und als ſchwerer, harter Vers weggeſtrichen. Der Sinn iſt; bei kindiſch 366 Anmerkungen gewordenen Alten muß man die Strafen, die harten Ermah⸗ nungen ſo anwenden, wie fruͤher die Schmeicheleien, wenn man ſieht, daß dieſe nur gemißbraucht werden. In dieſem Sinn die Ueberſetzung. S. 301. Z. 1. oben. Warum, mein Kind.— Nach der Fol. beſſer, als nach der Q. Kent fragt: Why fool? Die Liederchen des Narren werden zuweilen denen nahe kom⸗ men, die in der Erſten Ueberſ. des Heinr. Voß ſich finden: der damals junge Ueberſ. ſendete fruͤh einen Verſuch an den be⸗ freundeten Gelehrten nach Weimar, und dieſer fand die Arbeit ſo gelungen, daß er Manches brauchen konnte. Und ſo hat der Ueberſ. jetzt einiges wieder fuͤr ſich zuruͤck genommen. S. 302. Das Liedchen des Narren hier, ſo wie das nach⸗ folgende Geſpraͤch, ſo wie die bittre Stelle uͤber die damals ſo haͤufigen Monopole, die den Großen verliehen wurden, fehlen im Fol. vielleicht eben dieſer Satyre wegen. S. 304. Narr. Lears Schatten.— So beſſer im F. ab⸗ getheilt. Auch ſind die Verſe hergeſtellt. Doch fehlt nach den Worten:„ich wuͤßt' es gern,“— das uUebrige dieſer Rede im F. S. 311. 3. 5. v. o. Von ſeinem Streite mit Albaniens Herzog? Upon his party' gainst the duke of A. 2 iſt hier Streit, Zwiſt, nneinigkeit, Partheiung, daher ampf. S. 312. 3. 1. oben. Mit ſchon gezognem Schwert,— with his prepared sword. Edm. und fand ihn ſo erpicht— And found him pight to do it— S. 314. Kent. In den Schimpfreden gegen Oswald iſt Manches, wo man, weil es dunkel, ſelbſt unverſtaͤndlich bleibt, bei den Reuern, wie bei den Zeitgenoſſen des Dichters, vergeblich Belehrung ſucht. S. 345. Kent. Du geputzter Lumpenkerl.— Jou neat slave: hier iſt neat geſchmuͤckt; ſein Putz wird ihm immer vor⸗ geworfen. S. 316. Kent.„— und dreht den Hals wie Wetterhaͤhne — and turn their haicyon Peaks— Man ſagte vom Koͤ⸗ nigsſiſcher, dem Halcyon, daß er mit ſeinem Schnabel, aufgehaͤngt, den Wind anzeige, und ſich mit deſſen Aenderung ebenfalls drehe⸗ So war es natürlich, ihn fuͤr Wetterh ahn zu brauchen, und es mochte mancher Wetterhahn die Form dieſes Vogels haben. S. 319. Kent.— Dieſer Monolog iſt wirklich großen Schwierigkeiten unterworfen, die ſich auch nicht ganz beſeitigen laſſen, wie ſich der Erklärer auch bemuͤht. In der vorigen Szene iſt es Nacht, im Anfang wenigſtens: Kent ſagt: Du guter Köͤnig, kamſt aus dem Regen in die Traufe.— Komm näher, approach, oder gehe auf, thou beacon to this under globe: 6 —*— zum achten Bande. 367 du Leuchte dieſer Unterwelt. Der Mond!? Schwerlich: nur ſelten ſcheint das Mondlicht ſo klar, um Briefe dabei leſen zu können. Alſo geht es wohl gegen Morgen, und er erwartet den Aufgang der Sonne. So kann er auch jetzt den Brief keinesweges leſen, ſondern er hat ihn, wir erfahren nicht wie, erhalten, und der Dichter will uns hier nur wieder an Cordelia erinnern, und einen Wink geben, daß ganz neue Begebenheiten eintreten konnten:— Wahrlich; faͤhrt Kent fort, nur das Elend ſieht Wunder. Er, in ſeiner Verkleidung, als gemeiner Mann, hat ſchon die Schlech⸗ tigkeit Sonerills, das Unglück des Koͤniges in der Nähe geſehn, er iſt von Regan und Cornwall wie ein niedriger Schurke in den Stock gelegt, er, der Graf, und dennoch iſt es ihm moͤglich, mit Cordelien Briefe zu wechſeln, er weiß von ihren Ruͤſtungen, alles dies Wunders genug— Misery, Elend, dies bringt gleich dar⸗ auf den entflohenen Edgar in die Naͤhe der wundervollſten Bege⸗ benheiten. Kent ſagt: ſie, Cordelia, iſt glucklicherweiſe von mei⸗ nem verdunkelten Lebenslauf unterrichtet— ſie wird Zeit finden, aus dieſen Abſcheulichkeiten from this enormous state, indem ſie ſucht— seeking to give— allen Verluſten Huͤlfe zu geben— Losses theis remedies— der Satz iſt nicht geendigt, der Schlaf uͤberraſcht ihn wohl, und, es iſt ſchon oͤfter bemerkt, daß Sh. es liebt, ſo ploͤtzlich, ohne zu ſchließen, einen Satz abzubrechen, ganz dramatiſch, was haͤufig den Erklaͤrern, die eine vollſtaͤndige Phraſe oder Sentenz durchaus verlangen, viele Muͤhe macht.— Spricht nun Edgar ſeinen folgenden Monolog ſchon am Tage? — Wo es keine dramatiſche Bedeutung hat, iſt Shak. in Anſehung der Zeit und des Raumes immer ſehr ſorglos. Die nachher folgende Sturmnacht bleibt jedem Gedaͤchtniß eingepraͤgt, wo aber die Zeit und Stunde nicht ſelbſt bedeutſam handelnd Mitſpieler iſt, laͤßt er ſie immer unbeſtimmt. Wenn Lear wiederkommt, iſt es wahrſcheinlich ſchon Tag, denn wenn der 2te u. 3te Akt im Zeitraum Einer Nacht vorfiele, ſo waͤre ſie füͤr unſre Imagina⸗ tion mit zu vielen wunderbaren Begebenheiten angefuͤllt. S. 323 3. 12 v. u.„Bis ſie den Schlaf zu Tod' erſchreckt. Still it ery sleep to death: Bis durch mein Lärmen der Schlaf zu Tode geſchrien wird, bis ſie durchaus aufwachen mäſſen. Wenn die Edit. willkuͤhrlich drucken— Pill it ery: Slee pto death! Als wenn etwas riefe:(Wer! Was ¹) ſchlaft bis zum Tode! ſo giebt die eigentlich einfache Stelle einen ſehr gezwunge⸗ nen, unnatuͤrlichen, oder vielmehr gar keinen Sinn. S. 324 Z. 11 v. v. Scharfzahn'gen undank, gleich dem Geyer, hier ſo leſe man ſtatt des Druckfehlers Gegner. S. 326 3. 17 v. v. Zuruͤckgehn, und bei meiner Schweſter wohnen, dann Halb Euern Zug entlaſſend, kommt zu mir. Man bittet, ſo die Verſe zu leſen, die jetzt durch den Druckfehler entſtellt find. 368 Anmerkungen S. 329. Erſte Szene des Dritten Akts. In dieſer ſchoͤnen Szene iſt die Folio mangelhaft: Dieſe Verſe ſind bei der Auffuͤhrung ſpaͤterhin nur ausgelaſſen worden, um das lange Stuͤck abzukuͤrzen. S. 337 Z. 17 v. u. Edgar. Ein Verliebter. A serving man.— Eine Zeitlang war in England, wie noch in Italien, eine Art Cicisbeat in der feinern Welt Mode. Die Damen wurden von Verehrern bedient, served, servitor, hieß, wie in What you will, und an vielen Stellen,(ſ. die Veroneſer) ein Mann, der oͤffentlich einer Dame den Hof macht und ſich ihren Liebhaber nennt. Edgar braucht hier das ungewoͤhnliche ser- ving-man, meint aber daſſelbe. S. 341. Sechſte Szene. Hier iſt wieder vieles, was im Folio fehlt. S. 342 3. 9 v. o. Edg.„Habt Ihr keine Augen vor Ge⸗ richt, ſchoͤne Dame!“— Bei der Willkuͤhr, mit welcher Edgar in ſeinem verſtellten Wahnſinn ſpricht, um ſich nicht zu verrathen, oder nicht erkannt zu werden, iſt es ſchwer, ſelbſt un⸗ moͤglich, immer die Beziehung und den Zuſammenhang zu ent⸗ decken, oft ſollen es wohl auch nur, vorzuͤglich in dieſer Szene, Worte ohne Sinn und Bedeutung ſeyn. Johnſon will dieſe Rede noch dem Lear geben: Steevens meint, Edg. ſpreche zu einer fin⸗ girten Buhlerin, die beim Gericht die Augen aller auf ſich ziehen wolle: Want'st thou eyes at trial, madam? Es iſt aber moͤg⸗ lich, daß Kent ſich einen Augenblick im Schmerz das Geſicht be⸗ deckt, oder ſeine Thraͤnen verbergen will, oder der Narrz oder wie man ſich ſonſt etwas denken will. S. 343. Lear.„Die kleinen Hund', ſeht,— alle bellen mich an.“— Immer geht das Bewußtſeyn, daß er Koͤnig iſt, durch die Schmerzen und Abweſenheiten des Lear. Daß Kent ihn ſo eben etwas ſcharf angeredet hat, beleidigt und kraͤnkt ihn. — Narr.„Und ich will um Mittag ſchlafen gehn.“ Dieſe kleine Stelle iſt ſpaͤterer Zuſatz, und ſoll nur dieſe furchtvare Szene mit einem halben Spaße ſchließen. Das Ergreifende iſt in Lears Rede, der jetzt erſt, in der Erſchöpfung es fuͤhlt und ſich erinnert, daß er nicht zu Abend gegeſſen hat; er will am Morgen zu Abend ſpeiſen: er vergißt ſein Prunkbett nicht, die Vorhaͤnge, die noch jetzt in England ein jedes Bette haben muß. S. 347 Z. 5 v. o. Cornw.„Sehn wirſt du's nimmerz halte feſt den Stuhl, Auf deine Augen ſetz' ich meinen Fuß.“ Dieſe Szene, welche offenbar zu grauſam iſt, und durch ihre nahe Gegenwart ſelbſt unſre Sinne verletzt, iſt durch die Erklaͤ⸗ rung und eingeſchobene Scenery— noch unmenſchlicher gemacht. Faſt immer, wenn die Neuern eine ſolche ſzeniſche Erklaͤrung verſuchen, kommen ſie auf falſche Wege, weil ihnen die Archi⸗ tektur und Einrichtung des alten Theaters nicht gegenwaͤrtig iſt, und ſie dies immerdar mit unſerm neuern verwechſeln. Wenn zum achten Bande. 369 daher Steevens und Molone hier die Anweiſung einſchieben: „Gloſter wird im Stuhl feſtgehalten, indeß Cornwall eins ſeiner Augen ausreißt und den Fuß darauf ſetzt“— ſo ſteht da⸗ von nichts weder im Folio noch der Quart-Ausg., wo alle dieſe Nachweiſungen in der Regel fehlen, weßhalb man die wenigen, die man dort jindet, ſehr wuͤrdigen muß.— Der Stuhl, in welchem Gloſter feſtgebunden wird, iſt derſelbe, welcher erhoͤht in der Mitte der Szene ſtand, in welchem Lear ſeine erſte Rede hielt. Dieſes kleinere Theater, in der Mitte, wurde, ſo oft es nicht gebraucht wurde, durch einen Vorhang bedeckt, der ſich als⸗ bald wieder oͤffnete, wenn es noͤthig war. Darum hat Sh., ſo wie alle Dichter jener Zeit, oft zwei Szenen zugleich; die Edeln ſtehn bei Heinrich VIII. im Vorzimmer, der Vorhang ſchiebt ſich beiſeit und man iſt im Zimmer des Koͤnigs. Ebenſo, wenn Cran⸗ mer im Vorzimmer warten muß, und ſich dann das Zimmer des Staatsrathes öffnet. So war hier der Vortheil, daß man durch die Saͤulen, die dieſes mittlere kleine Theater von dem Proſcenio oder der eigentlichen Buͤhne trennten, eine dop⸗ pelte handelnde Gruppe nicht nur hinſtellen, ſondern auch zugleich halb, oder theilweiſe bedecken“ konnte, und alſo zwei Szenen ſpielen, die verſtaͤndlich blieben, wenn man auch nicht Alles in dem kleineren Raume deutlich und ausdrucklich ſah. So ſaß nun Gloſter, wahr⸗ ſcheinlich bedeckt, und Cornwall neben ihm, iſt ſichtbar, Regan ſteht unten in der Vorbuͤhne, aber hartan Cornwall, in dieſer Vorbuͤhne, auf dem Theater ſelbſt iſt die Dienerſchaft. Cornwalt, ſchrecklich ge⸗ nug, reißt Gloſter mit der Hand das Auge aus, aber man ſieht es nicht unmittelbar, auch andre Diener, die den Stuhl halten, ſtehn umher, und der Vorhang iſt halb vorgezogen(denn er theilte ſich von zwei Seiten); der Ausdruck, den Cornw. braucht: ich will deine Augen mit Fuͤßen treten, iſt nur ſprichwoͤrtlich, und es iſt gewiß nicht gemeint, daß es ſichtlich geſchehn ſoll. Waͤhrend der hoͤh⸗ nenden Rede rennt einer der Diener zur hoͤheren Buͤhne hinauf und verwundet Cornwall, Regan, die unten iſt, nimmt einem andern Vaſallen den Degen und erſticht ihn, waͤhrend er noch kaͤmpft, von hinten. Die Gruppen ſind alle in Bewegung, und noch mehr verdeckt, und indem von der blutigen Szene die Auf⸗ merkſamkeit mehr abgezogen iſt, verliert Gloſter ſein zweites Auge. Man hoͤrt Gloſters Klage, indem man ihn nicht mehr ſieht. Er geht eben ſo ab, denn jene innere Buͤhne war auch zu Ausgaͤngen beſtimmt. Cornwall und Regan treten wieder ins Proſcenium und entfernen ſich ſeitwaͤrts, und einige Diener ſchließen mit Betrachtungen die Szene. So ſtelle ich mir die Handlung vor, die dadurch etwas gemildert wird. Der Dichter vertraute freilich dem ſtarken Geiſte ſeiner Freunde, die mehr von den Furchtbarkeiten der Darſtellung im Ganzen erſchuͤttert werden ſollten, um nicht bei Einzelnheiten, wie blutig ſie waren, zu ſehr zu verweilen, oder durch dieſe vom Ganzen ſtoͤrend zuruͤck ge⸗ ſchreckt zu werden, N. 24 Anmerkungen S. 351. Die ſonderbaren Geiſter, welche Edgar im ver⸗ ſtellten Wahnfinn hier und in fruͤheren Szenen nennt, ſie be⸗ zeichnet und von ihren Wirkungen ſpricht, alles dies bezieht ſich auf neuſte Ereigniſſe und Betruͤgereien, die damals, als das Schauſpiel gedichtet wurde, großes Aufſehn gemacht hatten. Die Jeſuiten hatten Beſeſſene geheilt und boͤſe Geiſter ausgetrieben, und dieſe Betrügereien, welche zugleich mit politiſchen Abſichten und Complotten in Verbindung ſtanden, wurden durch ein Buch, welches 1603 gedruckt wurde, aller Welt bekannt gemacht. In der vorgeblich beſeſſenen Familie, in welcher auch die Kammer⸗ maͤdchen ihre Rolle ſpielten und von eignen Teufeln gequaͤlt wa⸗ ren, wurden jene zum Theil poſſirlichen und laͤcherlichen Namen genannt. Wir haben ebenfalls in neuern Zeiten in Deutſchland aͤhnliche Dinge erlebt. Shakſp. origineller Geiſt verſtand es, dieſe ernſthaften Poſſen der furchtbarſten ſeiner Tragoͤdien bedeut⸗ ſam einzuweben. S. 355. Dritte Szene. Wie bei den andern Werken die Folivausg. von 1623 der beſte Leiter iſt, ſo hat dieſe Ausg. den Lear auf ſehr merkwuͤrdige Weiſe, vorzuͤglich durch Auslaf⸗ ſungen, vernachlaͤſſigt. Als man 1623 die zwanzig fruͤher ge⸗ druckten Schauſpiele ſammelte, und die ſechzehn bis dahin noch nie gedruckten hinzu fuͤgte, konnte man ſich vielleicht mit dem Verleger, der 1608 den Lear gedruckt hatte, nicht einigen, und man nahm nun bloß das Theaterbuch, welches ſeltſam abgekuͤrzt war, da die Fol. ſonſt alles gedruckt hat, was auch in manchen Stuͤcken nicht mehr auf dem Theater geſprochen wurde. Die vo⸗ rigen Szenen ſind in der Fol. ſehr mangelhaft, und dieſe ſchoͤn geſchriebene dritte fehlt gaͤnzlich. Viele Umſtaͤnde moͤgen jene Ab⸗ kuͤrzungen herbeigefuͤhrt haben. Hie und da Ruͤckſichten auf die Theater⸗Cenſur, die nach Jakobs Tode, unter Carl I., viel ſtrenger wurde. Manche Anſpielungen mochten ſchon dunkel ge⸗ worden ſeyn, da kein Stuͤck des Bichters ſich ſo keck auf Ein⸗ zelheiten der neuſten Zeit bezieht. Manches hing von Theater⸗ Einrichtungen ab. Man kann bemerken, daß ſich in jedem Stuͤck des Dichters eine Nebenrolle befindet, die, ſey ſie noch ſo klein, wenn ſie ſelbſt nur eine einzige Rede zu ſprechen hat, mit großer Aufmerkſamkeit geſchrieben iſt. Shakſp., der Theil an der Di⸗ rection hatte, uͤbte in dieſen Parthieen die jungen Anfaͤnger, daß ſie in ſchoͤnen Verſen und Schilderungen die Kunſt der Rede lernten. Dieſe Parthieen ſind es, die die jetzigen Directionen zun Verzweiflung bringen, weil, alle Kraͤfte der Buͤhnen ſchon bis auf die letzten in Anſpruch genommen, dieſe unbedeutenden Ne⸗ benperſonen eigentlich Meiſter in der Kunſt verlangen, wenn dieſe ſchoͤnen Reden nicht laͤcherlich werden ſollen. Die Anfaͤnger da⸗ mals muͤſſen auf jeden Fall andere als die unſrigen geweſen ſeyn. Hatten ſich nun jene Anfänger ſpaͤter zu guten Schauſpielern herangebildet, ſo fehlte es vielleicht an einem Juͤngling, der dieſe ſchoͤne Szene wuͤrdig ſprechen konnte. Denn es iſt nicht zu zum achten Bande. 371 leugnen, dieſe Zwiſchenſzene bringt eine gewiſſe Verwirrung in die Tragoͤdie. Cordelia iſt mit franzoͤſiſchen Truppen gelandet, der Koͤnig hat ſie begleitet, er iſt aber, wegen Unruhen in ſei⸗ nem eignen Lande, zuruͤck gegangen. Shakeſp. vermeidet es ſonſt gefliſſentlich, dergleichen Ereigniſſe, die auf das Gedicht keinen Einfluß haben, zu erwaͤhnen. Auch macht ſich, abgeſehn von allem Coſtüm, welches in Lear ganz willkuͤhrlich iſt, der Marechal de Fer, doch auffallend ſeltſam, um ſo mehr, da er nicht wieder genannt wird. Am meiſten aber erregt es verwirrende Verwun⸗ derung, daß der alte Lear in der Stadt, in Dover iſt. So muß es auch ſeyn, denn ſonſt wuͤrde ihn der getreue Kent nicht ver⸗ laſſen haben, er hat ihn ſelbſt mit Gloſters Huͤlfe dorthin ge⸗ ſchafft. Lear iſt aber ſo beſchaͤmt, daß er die grauſam verſtoßene Jochter nicht ſehn will; er iſt alſo doch im vollen Bewußtſeyn ſeiner Lage und ſeines Unpechts. Nun aber ſehn wir ihn nach einigen Szenen wahnwitzig im Felde umirren. Wie hat ſeine umgebung in der Stadt nur ſo unachtſam ſeyn koͤnnen? Corde⸗ lia ſchilt nachher, als ſie zuerſt auftritt, auf Niemand; es wird auch nicht erwaͤhnt, daß er ſchon einmal in ihrer Naͤhe ge⸗ weſen ſey. Nimmt man nun dieſe Szene aus dem Stuͤck, ſo fallen auch alle jene Fragen und Zweifel hinweg, weil man nicht an ſie erinnert wird. Dieſe umſtaͤnde zuſammen genommen, kann der Dichter wohl ſelbſt dieſe ſchoͤne Szene ſpaͤterhin geſtri⸗ chen haben. S. 355. Z. 1. v. u.—„ihr Läͤcheln Und ihre Thraͤnen war wie Fruͤhlingstag.“ Im Original nicht zu verſtehn: her smiles and tears were like a petter way. Aus way haben die Editoren day gemacht. Dann heißt es: Geduld und Kummer ſtritten, wer ſich am ſchoͤnſten, am ſtärk⸗ ſten zeigte, ihr Laͤcheln und ihre Thraͤnen waren wie der Tag, an dem es regnet und zugleich die Sonne ſcheint, der ſich aber zum Beſſeren, d. h. zum Licht, zur Helle entſcheidet. Im⸗ mer noch geſucht und nicht ganz deutlich. Da die Stelle ſich nur m Quart findet, laͤßt ſich nicht waͤhlen und vergleichen. S. 357. Vierte Szene. Hier iſt die Beſchreibung des Eintritts nach der Foliv. S. 362. Lear.„Nein, wegen des Weinens koͤnnen ſie mir nichts thun.“— Die Leſeart der Quart, coyning, wegen des Muͤnzens, die allgemein von Editoren' und Ueberſetzern an⸗ genommen iſt, ſcheint mir ein bloßer Druckfehler fuͤr erying zu ſeyn, wie die Folio das Wort giebt. Es iſt viel natuͤrlicher und ſchoͤner, daß er ſich erinnert, wie viel er uͤber ſein Schickſal geweint hat, wie ſehr ihn Kent ermahnt, ihm ſelbſt in ſeiner Verkleidung als Bauer Vorwuͤrfe gemacht hat. Er faͤhrt auch fort: Natur, ſagt er, iſt darin maͤchtiger, als die Kunſt. Ein Gedanke, der bei Shakſp. oft wiederkehrt; z. B. nach dem Streit des Caſſius mit Brutus. Kunſt, Erzichung lehren uns 2 372 Anmerknngen den Schmerz bemeiſtern, ihn verhuͤllen, es ziemt ſich nicht zu weinen, am wenigſten fuͤr den Mann: aber bei ſtarken Anrei⸗ zungen, beim tiefen Schmerz iſt die Natur ſtaͤrker als die Kunſt. Nun meint er, als General den Edgar zum Soldaten zu werben: da iſt Euer Handgeld!— Edgar traͤgt einen Knuͤttel, mit dem er ſich nachher gegen den Haushofmeiſter Oswald ver⸗ theidigt, dieſen haͤlt Lear fuͤr einen Bogen, und tadelt die ſchwache Spannung, die nicht hinreicht, es geſchieht in ſo gerin⸗ gem Abſtand vom Koͤrper, daß der Pfeil, ſo algeſchoſſen, nur dient, die Kraͤhen aus dem Felde zu verſcheuchen.— Die beruͤhmten engliſchen Bogenſchuͤtzen fuͤhrten einen Bogen, ohn⸗ gefahr ſo groß, als ſie ſelbſt, dieſer wurde unten mit dem Fuß auf der Erde feſt gehalten, und nun zogen ſie mit aller Macht den Pfeil und die Senne a clothiers yard, eine Tuchmacher⸗ Se laͤnger als die gewoͤhnliche Elle, und ſchoſſen ſo en Pfeil. Lear hat nieder geſehn, ob der eingebildete Bogen feſt ſteht, und ſo faͤllt ihm die Maus ein, die er mit Kaͤſe locken will. Doch ſogleich wieder will er etwas verfechten, wahrſcheinlich doch ſein eignes Recht gegen ſeine undankbaren Toͤchter, und alsbald kommt er wieder auf den Pfeil zuruͤck, den er nun recht in den Mittelpunkt der Scheibe fliegen ſieht. Dann ruft er: Goneril!— mit einem weißen Barte!— indem er den alten Gloſter ſieht:— dies bringt ihn auf ihn ſelbſt und auf das Verhaͤltniß zu ſeinen Toͤchtern, ihrer Schmei⸗ chelei und ſeiner Schwachheit zuruͤck. S. 368. Siebente Szene. Hier kann unmoͤglich, wie die gewoͤhnlichen Ausgaben es darſtellen, Lear ſogleich zugegen ſeyn, er wird erſt hereingebracht— S. 369, und ſo iſt es auch in der Fol. angegeben. S. 369. Cordelia.„Stand zu halten dem hoͤchſt graun⸗ vollen ſchnell beſchwingten Flug gekreuzter Blitze?“— Hier folgt im Q, noch: Po watch(poor perdu l) With this thin helm?— Der duͤnne Helm iſt das weiße ſchwache Haar, ohne andre Bedeckung; poor perdu, der leichteſte Vortrab, die ſchlech⸗ teſten Truppen, die ſo oft Preis gegeben wurden:— dieſe Stelle, die fern liegt, das Gemaͤlde nicht verſtaͤrkt, ſondern vielmehr ſchwaͤcht, hat die Fol. Ausg. weggelaſſen, und eben ſo mit Recht der Ueberſetzer. S. 370.—„keine Stunde mehr noch weniger“— not an hour more or less— unbegreiflich, daß die Edit. dieſe Worte ausgelaſſen haben, die ſo ganz den kindiſch gewordenen Greis bezeichnen, der eben geſagt hat, er waͤre achtzig Jahr alt, und ſogar daruͤber. Auf des Malers Reynalds Rath unterdruͤckte Stecvens dieſe Worte, und Ritſon billigt dieſe Auslaſſung. Sie ſind ein Zuſatz der Folio, und daher um ſo mehr zu beachten., S. 375. Lear.—„die Peſt ſoll ſie verzehren.“— Seine Gegner naͤmlich. The good yeares shall derour them— lieſt zum achten Bande. 373 die Falio, die Q. The good— mangelhaft, es fehlt etwas im ruck, das vergeſſen iſt. U mal anno, war ſchon laͤngſt im Italiäniſchen, ſo wie, gleichſam komiſch, the good Jear, ein Fluch in England. Dieſen, der halb ſcherzhaft klingt, braucht hier der alte Greis. Und vie Editoren, die den Dichter ſo we⸗ nig wie ihre eigne Sprache verſtehn, machen hieraus: the gou- jeers, morbus gallicus. Ja ſelbſt der alte Florio, der es doch wohl wiſſen konnte, wird gehofmeiſtert, wenn er i) mal anno mit good year uͤberſetzt: er ſoll auch goujeers ſchreiben. So wol⸗ len Hanmer, Farmer, Steevens und Johnſon. Se 377. V. 1. v. v.„Das hoͤchſtens nur“— nach Folio, die dem Albanien dieſen Vers und nicht der Goneril giebt. S. 380. Z. 10 v. u.— Edg.„nie gab ich mich kund.“ — Neyer(o fault) reyeal'd neyself unto him.— 0 fault! kann hier nicht(ſ. oben Merry Wives) heißen,„O Fehler, den ich beging“— ſondern iſt nur Interjection: Weh! o Schade! nichts weiter, es fehlt ohne Nachtheil im Deutſchen. S. 283. Kent.„Iſt dies das verheißne Ende?“— Der prophezeite juͤngſte Tag. S. 384. Lear.„und todt mein armes Naͤrrchen.“— Hier haben manche an den Narren denken wollen, deſſen ſich Lear hier unmoͤglich erinnern kann. S. 385. Kent.„Ich muß zur Reiſe bald geruͤſtet ſeyn.“ — Kent iſt ſterbend und kann unmoͤglich nach den vorigen Be⸗ ſchreibungen den Lear lange uͤberleben, wenn er gleich nicht auf der Buͤhne zu ſterben braucht. 374 Anmerkungen zum neunten Bande. Cymbeline. Vielleicht die letzte Dichtung des großen Poeten, und wohl 1614 oder 1615 geſchrieben. Es iſt auch nicht unmoͤglich, daß dieſe bunt geflochtene romantiſche Geſchichte ſchon in der Jugend den Dichter begeiſterte, um ſie fuͤr das Theater zu verſuchen. In keinem Werke Sh. herrſcht eine ſo große Verſchiedenheit der Sprache, der galante Hofton, der tragiſche Ausdruck der Leidenſchaft, die Pracht der Bilder, die Zaͤrtlichkeit der Liebe, die naive Natuͤr⸗ lichkeit, das ganz Schlichte, faſt Baͤuriſche mancher Stellen, im Gegenſatz des bis zum Dunkeln Geſuchten. Auch auf dem neuen und neueſten engliſchen Theater hat das Stuck ſich erhalten: es iſt ſo reizend, weil es Geſchichte, Maͤhrchen, Tragoͤdie und Luſtſpiel alles zugleich iſt, kecker gemiſcht und von friſcherem Colorit als andere aͤhnliche Werke, ſelbſt dieſes Dichters. S. 4.— 1. Edelm.„unſer Blut Gehorcht nicht mehr dem Himmel, als der Hoͤfling Stets wie der Koͤnig ſcheinen will.“ — our bloods No more obey the heavens, than our courtiers Still seem, as does the king. Gleich dieſer Anfang hat weitlaͤufige Noten veranlaßt. Und doch zeigt ſich kaum eine Schwierigkeit: unſer Blut iſt nicht mehr dem Einfluß des Himmels, der Atmoſphaͤre unterworfen, oder, nach aſtrologiſcher Anſicht, dem Einfluß der Planeten, wie die Mienen und der Ausdruck der Phyſiognomie ſich unbedingt nach der Freude, dem Leid, Zorn oder Mißvergugen des Koͤni⸗ ges richten. Man muß dann freilich, wie wir gethan haben, dieſe Interpunction annehmen, welche ſchon Tyrwhitt vorſchlug; das Hriginal(die Folio von 1623, wir haben keine Quart⸗ Ausg. dieſes Schauſpiels) lieſt: Our bloods No more obey the theavens then our Courtiers: Still seeme, as do's the Kings. Dies als richtig angenommen, laͤßt kaum noch eine Erklaͤrung zu. Ich halte jenes Colon aber nur fuͤr einen Druckfehler. S. 4. Z. 15. v. u.„Dem Juͤngſten Muſterbild, dem Rei⸗ feren Ein Spiegel fuͤr des Schmuck's Vollendung“— Anmerkungen zum neunten Bande. 375 In der geſuchten Hoſſprache, die alles fein und ſehr bedacht ausdruͤcken will, ein außerordentliches Lob; er lebte am Hofe, ſelbſt hier in Liebe und Lob der Erſte; a sample to the Voungest; to the more mature, à glass that feated them: Denen Juͤngſten konnte er unbedingt als ein Muſterbild da⸗ ſtehn: fuͤr die aber, die ſchon reifer waren, die ſchon die Po⸗ litur und Liebenswuͤrdigkeit des aͤchten Adels erlangt hatten, war er dennoch ein Spiegel, um vor dieſem, was hie und da am Schmuck noch fehlen koͤnnte, was ſich vielleicht nur verſchoben hatte, mit einem Wort: nur die letzte Hand zur Vollendung anzulegen— dies bedeutet hier that feated them: nicht aber, ſich vor dieſem anzukleiden. The graver, die ganz Ernſten, fuͤr deren Alter dieſe Politur, feine Sitte und Galanterle nicht mehr paßte, de⸗ ren feine Zier jetzt Weisheit und Jiefſinn war, gegen dieſe verhielt er ſich als Kind, und machte dieſe Weiſen zu Thoren, a child, that guided dotards: denn von ihm bezaubert, wollten ſie jene Feinheit und Zier der Jugend wieder nachahmen und wurden dadurch in ihrem Alter dotards.— So erklaͤren wir dieſe ſchoͤne Stelle, in der jede Sylbe mit großem Verſtande ab⸗ gewogen iſt, um das vollendete Bild eines jungen, edlen und liebenswuͤrdigen Hofmannes, im Style des Hofmanns ſelber, auszumalen. Um die Sprache Shakeſpears, ſelbſt den Englän⸗ dern, recht deutlich zu machen, iſt noch viel zu thun uͤbrig. Immer noch hoͤrt man von incorrecten Phraſen, von Eilfertig⸗ keit und nachlaͤſſiger Schreibart, Bildern und Gleichniſſen, die nur halb oder gar nicht paſſen u. dgl., und beachtet faſt nie die Forderungen der dramatiſchen Poeſie, wo die ſogenannte Incor— rectheit, die auch das ſtumpfe Auge wahrnimmt, durch die Stel⸗ lung, die Leidenſchaft und Laune zur Schoͤnheit werden kann. Und der groͤßte dramatiſche Dichter iſt auch bis auf die kleinſten Bedingniſſe der Spache hinab(die dann nicht mehr klein erſchei⸗ nen) als Meiſter anzuſehn. S. 11. 3. 1. v. v.„So lang er machen konnte, daß ihn Auge Uud Ohr vom andern unterſchied,“ As he could make me with his eye or ear Pistinguish him from others;— Uneigentlich ausgedruͤckt, aber doch nicht noͤthig, daß wir: with this eye leſen. Beide ſtehn, er auf dem Verdeck des Schiffes, Piſanio auf dem Lande, und winken einander und rufen ſich nach. So lange er alſo durch Auge und Ohr, Rufen und Wink machen konnte, daß ich ihn immer noch von den andern unter⸗ ſchied, ihn irgend noch hoͤrte oder ſah. Wie eigen der Dichter make hier gebraucht, ſehn wir noch mehr in der Antwort der Imogen: Thou shouidst have made him a little Crow etc. Jach,— wenn ſie einen Bettler genommen haͤtte, den nicht die hoͤchſten Gaben ſchmuͤckten.“ Dieſe Szene, wieder in der feinen Umgangsſprache der Hofleute ge⸗ 376 Anmerkungen ſchrieben, verlangt, daß jedes Wort genau beobachtet werde. Jachimo ſagt: dadurch, daß er verbannt iſt, gewinnt Poſthu⸗ mus am meiſten bei denen, die von der Parthei der Prinzeſſin ſind: wenn dieſe Faktion ihn nicht ſo uͤber die Gebuͤhr erhoͤbe, ſo wuͤrde natürlich die Einſicht der Prinzeß als ganz albern und nichtig erſcheinen, wenn ſie einen Bettler geheirathet haͤtte, wie er unleugbar iſt, without less quality,(wie die Fol. ganz rich⸗ tig lieſet) ohne weniger große Eigenſchaften, als man ihm zuſchreibt. Das less iſt gerade hier ſehr nachdruͤcklich, und die Forrektur Rowe's und ſeiner Nachfolger, without more macht den Dichter ungrammatiſch. S. 20. Siebente Szene. Imogen. Dieſer Mono⸗ log iſt von den Editoren als ſchwierig, dunkel und unverſtaͤndlich behandelt worden. Die Sprache iſt geſucht; alles, wie es einem Monologe in dieſer Stimmung geziemt, nur angedeutet. „Ein grauſamer Vater,“ ſagt ſie zu ſich ſelbſt,„und eine falſche Stiefmutter, ein thoͤriger Freier einer vermaͤhlten Frau, die einen Mann hat, der von ihr verbaunt iſt: o der Mann! My supreme crown of grief! Dos Hoͤchſte meines Kummers, indem ich Fuͤr⸗ ſtin und Thronerbin bin, die Krone meines Leides: und immer⸗ dar deshalb gequaͤlt! Häͤtte man mich doch, wie meine Bruͤder, in der Kindheit geraubt! Am elendeſten iſt der Wunſch nach Aenderung, wenn man die hoͤchſte Stelle einnimmt;“ most mi- serable is the desire, that's glorious. The desire iſt hier die Sehnſucht, der Wunſch nach einer andern Lage; die Bruͤder, die wahrſcheinlich als Schaͤfer oder Bauern in einem dunkeln Stande leben, ſind nicht ſo unglucklich, wenn ſie Veraͤndrung wuͤnſchen, weil ſich doch etwas von ihrem Wunſch erfuͤllen kann: ich, auf dieſer Hoͤhe, bin dadurch die elendeſte. Daß dies die richtige Er⸗ klärung ſey, zeigt ſich durch die folgenden Verſe: blessed be those, how mean soeyer, that have their honest wills— im niedrigſten Stande iſt Heil und Segen, wenn der Arme ſeinen ehrbaren, erlaubten Wunſch erreicht, ſey der Wunſch, der Stand auch noch ſo arm,(erlaubte Heirath, Beiſammenleben, Ruhe, duͤrftige Nahrung) which season*s comfort; wenn Freude, Luſt, Heiterkeit dieſe Wuͤnſche wuͤrzt und erhebt.— Macht man ſich mit des Dichters eigenſinniger Sprache vertraut, die er vor⸗ zuͤglich in ſeinen letzten Jahren ſo gern redete, folgt man ſeiner Gedankenverbindung und verlangt nicht jene Deutlichkeit der Dichter vom zweiten Range, die zuweilen in den Monologen am richtigſten in der Logik und Grammatik ſind, ſo verſchwinden viele Dunkelheiten und die Emendationen werden uͤberfluͤſſig. Z. 6. v. u.„Beachte ihn in dem Maaße, wie dir deine Pflicht theuer iſt.“ Ich leſe wie das Original: Reflect upon him accordingly, as vou value Jour trust.— Die Editoren ändern ohne Noth: as Jou value Four truest— Leonatus. Die Leſeart, die wir angenommen, iſt in jeder Hinſicht vorzu⸗ ziehn; bei dieſer ſonderbaren Wette wird Imogen, ohne daß es zum neunten Bande. 377 b Brief deutlich ausſagt, am Schluß an ihre Pflicht und Dreue erinnert. S. 21. Z. 4. v. o.„Gab die Natur das Auge, Hath na- ture given them eyes, too see this vaulted arch, um den ge⸗ woͤlbten Himmelsbogen anzuſchauen, and the rich crop of sea and land, und dieſen reichen Schatz, die reiche Erndte von See und Land, was nur an Fruͤchten, Thieren, Erwerb, See und Land hervorbringen, which can distinguish'twixt the fiery orbs above— aber nicht nur, daß das Auge die Maſſe, die Macht anſchaut, den majeſtaͤtiſchen Himmelsraum, die Erhaben⸗ heit und Fülle von Land und See, es kann auch oben die gro⸗ ßern und kleinern Sterne, und die kleinſten Sterne ſelbſt von einander unterſcheiden, and the twinn'd stones upon the number'd beach,— und die Schaͤrfe des Auges zeigt ſich noch ſtaͤrker, daß es die ganz aͤhnlichen, die Zwillings⸗Steinchen am Ufer doch auch unterſcheidet,— numberd, am ufer, wo ſie zahlreich, viele, unzaͤhlige liegen— und dieſes ſo koͤſtliche Auge iſt doch wieder ſo unbegreiflich ſtumpf, daß es nicht Haͤßlich von Schoͤn unterſchei⸗ den kann!?— Da dieſe Noten und Erklaͤrungen nur denjenigen Leſern Winke und Deutungen geben ſollen, welche ihren Dichter ſchon genauer kennen, ſo kann ich hier nicht die Verbeſſerungen oder Erlaͤuterungen der Englaͤnder widerlegen, welches zu weit fuͤhren wuͤrde. Jachimo faͤhrt nun in ſeiner folgenden Rede fort, in treff⸗ licher, geſuchter, aber hoͤchſt energiſcher Sprache:„Nein, dieſer Unterſchied zwiſchen dem Schoͤn hier und dem Haͤßlich dort(wel⸗ ches Poſth. in Rom ſich erwaͤhlt hat) iſt ſo groß, daß der Irr⸗ thum unmoͤglich im Auge liegen kann, das Auge des Thiers wuͤrde hier unterſcheiden: eben ſo wenig im Urtheil, denn Bloͤd⸗ ſinnige, idiots in this case of favour, in dieſem Fall des Ge⸗ ſtalt, der Schoͤnheit, would be wisely definite, würden mit wei⸗ ſer Beſtimmtheit, Entſcheidung, urtheilen: der Fehler kann aber auch nicht in der Begier liegen, jener Schmuz, dieſer reinen Herrlichkeit entgegen geſetzt, würde die Begier, die bei jenem Unflath leer, inhältlos ſeyn muß, zum Erbrechen bringen; noch ſtärker: Should make desire vomit emptiness, wuͤrde ma⸗ chen, daß ſie ihre Leere, ihr Nichts(alſo ihren Mangel an Be⸗ gier, das letzte der unmoglichen Luſt) auswuͤrfe, nicht aber ge⸗ reizt wuͤrde, ſich von jenem Schmuz zu naͤhren.“ S. 23. Z. 6. v. o. Jach.—„Dies Angeſicht, das feſſelt Das wilde Schweifen meines Auges, einzig Es hier entzuͤndend:— wie im Orig.: firing it only here;— ſchon die zweite Fol. lieſet iuing; aber unnoͤthig. — 8. 42. v. o.„Dann in ein Auge blinzeln, niedertraͤchtig, und glorreich wie das qualm'ge Licht— Base and illustrous— Die Edit. haben hier die bittre Ironie, 378 Anmerkungen im Gegenſatz des uͤbrigen nicht bemerkt und ſchreiben, unlustrous, wodurch die Stelle matt wird. S. 29. Z. 7. v. v. Jach.—„Weiß und Azur umſaͤumt mit Himmelsdunkel.“ White and azure, lac'd with blue of heavn's own tinct.— Weiß und Blau ſind die Augen ſelbſt, die die Kerze gern ent⸗ decken moͤchte: lac'd with blue,— kann Wiederholung des azure ſeyn, ſo wie the heavn's own tinct— es können aber auch die Augenlieder ſelbſt ſeyn(ſ. Wintermaͤhrchen, A. IV.); lac d with blue, welches denn hier für das Dunkel ſteht. Die Schoͤnheit der Blonden iſt am auffallendſten, wenn Aug⸗ brauen und Wimper dunkel ſind. White and azure, lac'd und ſo weiter kann unmoͤglich den weißen Koͤrper, von blauen Adern durchſtreift, bedeuten ſollen. Die Weiße ihres Leibes iſt ſchon vorher angedeutet und er verweilt hier am laͤngſten bei Beſchrei⸗ bung der Augen, welche er nicht ſieht. S. 33. Z. 18. v. v. Imogen.—„Ihr zwingt mich— und geradezu zu ſeyn“— das iſt das Verbal des Tertes: nicht weitlaͤufig, geſchwaͤtzig, ſondern woͤrtlich, d. h. ohne Um⸗ oder Mildrung meine Geſinnung kurz und wahr aus⸗ prechen. — Z. 8. v. u. Cloten—„des Koſtbarkeit duͤrft Ihr nicht ſchmaͤhn— mit meinem Miethling fuͤr Bediente,“— a hilding for a livery— nicht, der die Livrey trägt, ſondern, der von einem Domeſtiken gemiethet wird. S. 35. Z. S. v. u.— Poſth.„Nunmehr von Muth be⸗ ſchwingt“—(now wingled with their courages:)— vor⸗ trefflich nach dem Hrig.; und wie matt die Emendation: now mingled with their courages. S. 37. Z. 6. v. u. Jach.—„Cupidos— zart auf die Fak⸗ keln ſiuͤtzend,“— niceſy depending on their brands. Braͤnde, Fackeln; die Engl. ſuchen hier viele Schwierigkeiten.„Mit Fak⸗ keln und Brand.“ Goͤthe. S. 42. Z. 3. v. u.— Cymb.„Mulmutius ſchuf unſer Geſetz“— Es iſt nothwendig, daß nach der langen Parentheſe der Konig wiederholt: Mulmutius made our laws, ſo wie das Hriginal es hat: Die Willkuͤhr, mit der Steevens hier, wie ſo oft, verfährt, die noͤthigen Worte wegzuwerfen, iſt keinem Editor erlaubt, S, 44. Z. 22. v. u. Piſanio.„Ich thu', als wuͤßt ich nichts von dem Befehl.“— 1 am ignorant in what I am com- mended:— nicht: ich bin ungeuͤbt, den Moͤrder zu ſpielen, wie es Molone erklaͤrt, ſondern wie uͤberſetzt iſt: Piſ. will wenig⸗ ſtens noch Zeit gewinnen. S. 46. Dritte Szene.— Bellar.—„Ein heitrer Tag, nicht drin zu ſitzen, wenn man ſo niedres Bach wie wir hat!— Traͤg', Ihr Jungen?“— ungern weiche ich vom Ori⸗ ginal ab, wenn es irgend nur einen Sinn giebt. Bell. ermun⸗ zum neunten Bande. 9 tert ſeine vermeintlichen Soͤhne zur Jagd, ſie ſind nicht traͤge, aber mit ihrer ganzen Lebensweiſe unzufrieden, und er muß ſie im⸗ merdar ermuntern und beruhigen. Er ſchreitet vor, ruft ſie, da es heitres Wetter iſt— not to keep house with such, whose Roof's are low as ours. Sleepe poyes:—2— Soll man denn ſchlafen, traͤge ſeyn? Noͤthig iſt es nicht, mit Stee⸗ vens stoop zu leſen. Da ſie täglich ſich beim niedrigen Aus⸗ gang buͤcken muͤſſen, braucht es ihnen nicht geſagt zu werden. S. 49. 3. 14. v. u. Imog.—„warum reichſt du mir dies Blatt u. ſ. w.“— Why tenderst thou that paper to me, with a look untender?— Dies Wortſpiel laͤßt ſich nicht uͤberſetzen. S. 50. 3. 14. v. u. Imogen. Ich falſch! Ha, eigne Schuld nur— Jachimo u. ſ. w. So verſtehe ich die Redensart: Phy conscience witness— ſie bricht ſogleich ab, ſie will ſagen: dein eignes Gewiſſen, das Be⸗ wußtſeyn deiner eignen Schuld laͤßt dich nur dieſen ſchlechten Vorwand ergreifen,— und ſogleich faͤllt Jachimo ihr ein— o, ſagt ſie, du erſchienſt mir als Verleumder abſcheulich, jetzt dunkt mich, du haſt wahr geſprochen und haſt ein gutes Anfehn. S. 50. Z. 4. v. u. Imog.—„Der beſte Schein— hei⸗ miſch nicht da, wo er glaͤnzt, nur angelegt als Köder fuͤr die Frauen.“ All good seeming— shall be thonght put on for villainy; not Porn where't grovs: but worn, a bait for ladies.— Dieſe ſonderbare Art ſich auszudruͤcken, erinnert an jene Stelle im Timon(A. I. Sz. 1. Our poesie is as a gown, which uses From whence tis nourished.(S. Bd. 7. S. 369.) Die woͤrtliche Ueberſ. der Rede der Imogen war nicht moͤglich. S. 51. Z. 18. v. u.„Hin iſt mein Herz:— Was find' ich?“— Somethings a foot,— finde ich im Original naiver als die Aendrung aforett.— S. 54. Z. 1. v. o. Piſan.—„Titans, der alles kuͤßt.“ to the greedy touch of common-kissing Titan.— Titan, der auch das Gemeine kuͤßt— ſo im Hamlet(nach dem rig.) a good-kissing carrion: ein Aas, anmuthig zu küſſen. S. die Note dort.— the laboursome and dainty trims— ſind hier durch Flechten, durch Haar uͤberſetzt, wenn es gleich ſonſt feinen Putz bedeutet, was hier nicht paßt⸗ S. 54. Z. 14. v. o.— Piſ.—„das merkt er bald, wenn fuͤr Muſik er Sinn hat;— Nach Fol.:— which wili make him know;— him fuͤr himself.— Which yonll will make him know, die andern Ausgaben. 380 Anmerkungen S. 57. Z. 13. v. u.— Cloten.—„Cabalen machſt du, Kerl?“— What, are Vou packing, sirrah? Dieſe Bedeutung hat hier packing. S. 58. Z. 15. v. o. Piſ.—(fuͤr ſich..„Ich muß, ſonſt ſterb' ich.“ Or this, or perish.— Schnell überlegt Piſ. bei ſich ſelbſt, daß ihm nur dieſer Ausweg bleibt, wenn er nicht vom wuͤthen⸗ den Cloten ſich ermorden laſſen will. Die Aendrung, die John⸗ vorſchlagt, der dieſe Worte dem Cloten giebt, iſt nicht noͤthig. S. 62. Z. 14. v. o. Guid.„Doch ehrlich, dir zu dienen.“ — Wir leſen mit dem Original: I should woo hard, but be your groom in honesty.— Und nicht nach der Aendrung: but be Jour groom.— In honesty, etc. S. 68. Z. 8. v. u. Bell.„Nur duͤrftig ausgebildet, Zum Menſchen, mein' ich, nahm er auch nicht wahr, Was Graus und Schrecken ſey: ſo macht der Mangel An urtheil furchtbar oft.“ Being scarce made up, I mean, to man, he Rad not apprehension of roaring terrors: for the defect of judgment Is oft the cause of fear. Da er uͤberall nur kuͤmmerlich ausgebildet war, um ein wahrer Menſch zu ſeyn, ſo hatte er auch keine Vorſtellung von Gefahr, ihn erſchreckte nichts, denn dadurch wird der Menſch oft furchtbar, wenn er keine Vernunft hat, und nicht einſieht, was ihm verderblich werden könne. Die alte Leſeart the de- fect of judgment, iſt gewiß die richtige:— is oft the cause of fear; eben ſo oft iſt bei Shak. fear das Furchtbare, zu Fuͤrchtende, als die Furcht. Wenn die Edit. eflect ok judgment — die Wirkung der Vernunft iſt oft, das wir uns fuͤrchten, ſo haben ſie die Verſe dadurch, wie oft, trivial gemacht: dies ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, da hingegen die aͤchte Leſeart eine richtige Beobachtung enthaͤlt, die nicht ſo oben auf liegt. S. 71. Z. 7. v. u.„Der ſchwer beladnen Sorg als Ha⸗ fen dient?“— — to show what coast thy sluggish care— unnoͤthig in crare zu verändern. —„doch ach! Schwermuth u. ſ. w.“ Jove knows what man thou might'st have made; but I I, des Reimes wegen, iſt hier nichts als ay! ah! S. 81. Poſth. V. 13.—„Jener darf Auf uebles Uebles thun, und ſchlimmer ſtets; Ja, Scheu erregen ſie, ſich ſelbſt zum Vortheil.“ — Jou some permit zum neunten Bande⸗ 381 To second ills with ills, each elder worse; And make them dread ſt to the doer's thrift.— Poſth. ſagtt manche, wie Imogen, werden um kleines Ver⸗ gehn ſogleich und in der Jugend hinweg gerafft, und das iſt iebe der Goͤtter, damit der Schuldige nicht noch tiefer falle. Einem andern erlaubt ihr, ein Uebel nach dem andern zu thun, und jedes, indem er aͤlter wird, ſchlimmer: er denkt vorher an Imogens Jugend, die früh geſtorben iſt, dieſer wird in Bosheit immer aͤlter, und mit dem Alter wird'er ſchlimmer: dies ver⸗ wirrt Poſth. mit dem Verbrechen ſelbſt, each(ill) elder worse: zugleich kann aber elder hier zunehmend, wachſend heißen. Die Stelle iſt nicht ſo ſchwierig, als die Edit. ſie finden. And make them dread it— dieſe Bosheiten, oder die Menſchen, die ſie uͤben, erregen dadurch bei andern ſo große Furcht, daß keiner ſich an ſie wagt, daß ſie dadurch unverletzlich werden: to the doer's thrift. Zum Vortheil, zur Sicherheit des Verbrechers, er gewinnt auch dadurch wohl Guͤter, Reichthum, Thron, oder was es ſey. S. 93. Z. 11. v. u. Cornel.„und Eure Tochter, der 5 ſie trugeriſch So große Liebe zeigte,“ Vour daughter whom she bore in hand to love With snch integrity— Einfach, ſie ſtellte ſich, als wenn fie ſie aufri htig liebte. Liebes⸗Leid und Luſt. Love's labour's lost.— Die Allitteration, die auch in den Scherzen der Comoͤdie mit ſpricht, ſchien hier die Hauptſache, und darum dieſer deutſche Nachklang der Worte des Driginals. Da es wahrſcheinlich iſt, daß All's well that ends well ehemals Love's labour's won geheißen hat, ſo war dieſe Freiheit um ſo erlaubter, da doch jetzt in den Titeln der beiden Comoͤdien dieſer Gegenſatz nicht mehr iſt. Dieſe Muſter-Comoͤdie des feinſten Witzes und des ergötz⸗ lichſten Spaßes, dieſe aͤchte Urbanitaͤt, Poeſie und großartige milde Ironie, hat in neuern Jahren(wie ſie ein Liebling der Shakſpearſchen Zeitgenoſſen war) die Anerkennung nicht gefunden, ie ſie verdient. Vielleicht kann die Bemuͤhung des ueberſetzers dienen(und er hat viel Zeit und großes Studium daran gegeben) den deutſchen Leſer in die Stimmung zu verſetzen, um ganz und in⸗ nigſt ſich von dieſer Heiterkeit durchdringen zu laſſen, und mit ſelbſt geſchaͤrftem Witz den feinen Witzſtrahlen des Autors entge⸗ gen zu kommen. 382 Anmerkungen Doch hat ſich auch bei keinem andern Werke der Ueberſ., wenn er nur irgend dem Hriginal nahe kommen wollte, ſo viele Freiheiten nehmen muͤſſen, als bei dieſem. Sollte es dem Ken⸗ ner ſcheinen, die Wagniß ſey hier und da Verwegenheit gewor⸗ den, ſo moͤge er es mit Nachſicht aufnehmen, weil es dem, der ſich in dieſe Comoͤdie, die gar keinen Stoff hat und ganz Luſt und Liebe iſt, voͤllig untertaucht, leicht begegnet, daß etwas von dem heitern Uebermuthe in ihn uͤbergeht. Scherze und Wunden, ſagt ein altes Sprichwort, laſſen ſich nicht genau ab⸗ meſſen. Luſtſpiel, wie wir es jetzt beſitzen, iſt wohl 1594 oder 95 geſchrieben: wahrſcheinlich hat es aber mehrere Verbeſſe⸗ rungen und umarbeitungen erfahren, denn die Aufmerkſamkeit und die innige Liebe des Dichters zu ſeinem Werke ſieht man in jeder Zeile. Nachdem die Bürgerkriege ſchon beliebte Schauſpiele waren, ward Sh. durch Romeo, dieſe Liebes-Leid und Luſt, Venus und Adonis und Luctetia auch als eigentlicher Hichter (wie man die Sache damals anſah) beruͤhmt und hochgeſchaͤtzt. Dieſe Gedichte, ſo wie ſeine Sonette, muß man inne haben, um ſich ganz in die feine gewaͤhlte Sprache dieſes Luſtſpiels zu finden. Die Feinhrit dieſer Sprache iſt aber von einer ganz an⸗ dern Natur, als in den letzten Arbeiten des Hichters, wie in Cymbeline, oder dem Wintermährchen. Hier erregt der Gedan⸗ kenreichthum oft die Schwierigkeit des Verſtehns, im Luſtſpiel der poetiſche Schwung und Scherz. S. 114. Z. 17. v. u. Bir.„Wie wir delphiſche Ausrufun⸗ gen vernehmen wuͤrden.“— as ve would hear an oracle.— In dem Briefe ſteht, ſo weiß Schaͤdel, von ſeinem Vergehn mit Jaquenette: er kann alſo wohl ſagen: immer hoͤrt der Menſch gern von fleiſchlichen Suͤnden; doch wenn er im Lert ſagt: Such is the simplicity of man to hearken after the flesh— ſo muß, da dieſer Clown immerdar nach Anſtoͤßigkeiten ſucht und ſie ſpricht, in dem Wort oracle noch irgend etwas ſeyn, das wir jetzt nicht mehr finden koͤnnen, was ſeiner Antwort etwas mehr Salz giebt. Der Ueb., der dieſes ausfuͤllen wollte, hat hier eine laͤcherliche Verdrehung mit Gluͤck angebracht. S. 120. Jaqudnette tritt auf. Wie Armado geſucht und alterthümlich ſpricht, und in ſeiner Einfalt die Scherze des Pa⸗ gen nie begreift, ſo verſieht er auch hier die bäuriſchen Sprich⸗ woͤrtlichkeiten der ganz rohen und platt ſprechenden Jaquenette nicht. Dieſe Sprichwoͤrtlichkeiten aus dem gemeinſten Leben braucht Sh. nur ſelten.— Wenn Arm. alſo ſagt: ich will dich in the lodge beſuchen, antwortet ſie: that's hereby, ſchnippiſch, wie man bei uns ſagt: links um! oder: gleich um die Ecke! Er ant⸗ wortet in ſeiner Einfalt: ich kenne den Ort, und ſie: Lord how wise Jou are! wieder eine Sprichwoͤrtlichkeit, die auf grobe Weiſe den Sprechenden abfuͤhren ſoll.— Wunder, ſagt Armado, will ich dir verkuͤnden; er will ihr ſeine Liebe entdecken, und ſie 4 zum neunten Bande. 383 antwortet wieder mit einem gemeinen Sprichwort: with that face?— Ich liebe, faͤhrt er fort,— und wenn ſie erwiedert: 30 I heard Jou say— ſo iſt das keine Antwort, ſondern wieder Sprichwoͤrtlichkeit, wie etwa: ein altes Lied, alte Geſchichten. Lebe wohl, beſchließt er, und ſie: fair weather after Jou! Eine impertinente Abfertigung, wenn der Bauer hinter einem Laͤſtigen, oder groben Menſchen dies her ruft. In einem alten Stuͤck von Lyly, Mother Bombie,(ſ. Old Plays, Vol. I.(die Fortſetzung von Dodsly's Sammlung] p. 230.) erſcheint ein halb bloͤdſinniges Maͤdchen, die einem jun⸗ gen Mann, der ihr von Liebe vorſpricht, eben ſo in lauter baͤuri⸗ ſchen Sprichwoͤrtlichkeiten antwortet. Wie er kein vernuͤnftiges Wort vernimmt, ſagt er endlich: Now I perceive thy folſy who hast raked together all the odd plind phrases that help them that know not how to discourse, Put when they cannot answer wisely, either with gybing coyer their rudeness, or by some new coined byword bewray their peevishness.— S. 256. iſt eine zweite Sz. aͤhnlicher Art. und wie dies die Sprache der Maͤgde war, ſieht man aus der Bemerkung des Lucio; here's courting for a conduit or a bake house. Ein Liebesgeſpräch, wie beim Brunnen oder vor dem Baͤckerladen. S. 120. Zweite Szene.— Hier fangen die engliſchen Ausgaben den dritten Akt an. Wie ſchon oͤfter bemerkt iſt: es wurde auf dem Sommer-Theater, dem Globus, das meiſte von Sh. und andern Dichtern ohne Abtheilung der Akte geſpielt. Die Eintheilung iſt ſpaͤter und willkuͤhrlich. Dieſe Comoͤdie be⸗ ſteht aus neun Szenen: drum kann man bequem aus zweien, ſchon des Gegenſatzes der poetiſchen und proſaiſchen Perſonen wegen, einen Akt bilden. Die neunte, laͤngſte, in der alle Figu⸗ ren zuſammen treten, macht dann den fuͤnften Akt. S. 134. Z. 9. v. u.„Des Giüulio Rieſenzwerg“— Dieſe Schilderung des Amor oder Cupido, ironiſch und humoriſtiſch, iſt ſo, daß ſich nur gewagt etwas daruͤber bemerken laͤßt. In⸗ wiefern Shakeſpear ein Kenner von Gemaͤlden war, ob und wie er die Kunſturtheile ſeiner Zeitgenoſſen theilte, iſt ſchwer zu ent⸗ ſcheiden. Doch(wie es zu gehn pflegt) war in ſeinem Zeitalter die Schule Rafaels beruͤhmter, als Rafael ſelbſt; im Winter⸗ maͤhrchen hat Sh. ein Zeugniß abgelegt, daß Julio Romano in England fuͤr das Hoͤchſte der Kunſt galt, daß dieſer, ſprichwoͤrt⸗ lich, wenn man das Vollkommenſte nennen wollte, ausgeſpro⸗ chen wurde. Wer Mantug kennt, kennt auch die Gemaͤlde dort, in welchen die Gewalt des Amor, der dem Jupiter ſeine Blitze, dem Mars ſeine Waffen raubt, ſinnbildlich vortrefflich dargeſtellt ſind.— Hier nun ergeht ſich Biron in der Schildrung der Macht des großen kleinen Gottes: lauter Antitheſen,— This senior— junior giant— dwarf, don Cupid; ſo leſen die Editoren.— Die Fol, u. die Quart leſen: This signor Junio's giant dwarf don Cupid— 384 Anmerkungen Die Leſecrt der Neuern, der Editoren, iſt gewaltſam, ſie ſuchen nur einen Gegenſatz, und den finden ſie in senior junior;— allein dies iſt kuͤnſtlich und geſucht; die alte Leſeart: Phis signior Junio's gyant dwark— laͤßt ſich wohl noch rechtferti⸗ gen und erklaͤren: denn kann nicht Junio's(was gar keinen Sinn giebt) ein Druckfehler fuͤr Julio's ſeyn! dies waͤre denn der damals ſo beruͤhmte Giulio Romano, der bis zur Syrich⸗ woͤrtlichkeit bekannt war. Das angenommen, haͤtte die Stelle gar keine Schwierigkeit. Alles das, was Biron hier von dem kleinen großen Gotke ausſagt, hatte Julio Romano im Pallaſte von Mantua(Palazzo del T) gemalt, und die Kupferſtiche da⸗ von waren verbreitet und bekannt genug. S. 140. Erklaͤrungen zu der Szene, welche hier beſchloſſen wird, ſind immer fuͤr den deutſchen Leſer uͤberfluͤſſig, wenigſtens läſtig. Der Ueb. hat viel Zeit und Muhe darauf gewendet, dieſe Spaͤße, ſo viel es moͤglich war, deutſch zu machen: wer nicht die Gabe hat, ſich harmlos auch an dergleichen zu ergotzen, wird dieſe Muͤhe eine verlorne nennen. Zweite Szene. Es iſt keinem Zweifel unterworfen, daß Sh. in der Schilderung des Holofernes den damals bekannten Sprachmeiſter Florio hat portraͤtiren wollen. Dieſer hatte ſich ſchon laͤngſt durch manches Werk, durch welches er die Kennt⸗ niß der italiaͤniſchen Sprache verbreiten wollte, bekannt gemachtz auch gab er ein italiäniſches Woͤrterbuch heraus. Wahrſcheinlich ſprach dieſer nicht ungelehrte Mann, ſo verwoͤhnt, auch im ge⸗ meinen Leben auf die Art, wie ihn der Dichter reden laͤßt. S. 141.. 16. v. u. Nathan.—„und ſolche unfrucht⸗ bare u. ſ. w.“— hier ſind dieſe Worte des Nathanael wieder in Proſa aufgeloſt, wie ſie es ſeyn muͤſſen: der Vers iſt nur mit Zwang keer zu bringen und faͤngt erſt nachher an. So iſt es auch m Fol. S. 142. Straff ſpannt— Schon Lenz hat in ſeiner fruͤhern Ueberſetzung dieſes ſeltſame kleine Gedicht ſehr glucklich nachgeahmt. In dieſer Sz. hat ſich der Ueberſetzer viele Freiheiten neh⸗ men muͤſſen, um die unuͤberſetzbaren Spaͤße durch ähnliche deutſche einigermaßen herzuſtellen⸗ S. 145. Z. 3. v. u. Holof.—„Euch, Freund, lad! ich zugleich, u. ſ. w.“— Die letzte Rede iſt im Fol. in zwei ſon⸗ derbare Verſe eingetheilt, die ziemlich wie zwei ſchlechte Hexame⸗ ter lauten: Sir, I do invite you too, Vou shall not say me nay: pauca verba! Away, the gentles are at their game, and we will to our recreation. Schon Sidney, der damals allgemein verehrte Dichter, hatte ſich in engliſchen Herametern verſucht; ſie mißriethen und fanden keinen Beifall, außer bei einigen, die ſich nach ihm ebenfalls zum neunten Bande. 385 dieſe Form aneignen wollten. So ſchrieb Gabriel Harvey, der Freund des Spenſer, derſelbe, welchen Rob. Green und Naſh mit Bitterkeit verfolgten, und der ihnen mit gleicher Bit⸗ terkeit antwortete, Hexameter. Dieſer Harvey ſcheint die damals aufbluͤhende Buͤhne auch geringe geachtet zu haben, ſo wie ſchon fruͤher Sidney uͤber die entſtehende mit großer Geringſchaͤtzung geſprochen hatte. Dieſen ſchloß ſich Florio an, der in einem ſei⸗ ner Buͤcher uͤber die hiſtoriſchen Tragoͤdien(alſo Shakſpears Werke) geſpottet hatte. Es war alſo eine Sekte von Gelehrten, welche die dramatiſche Dichtkunſt, ſo wie dieſe in London aus⸗ geuͤbt wurde, nur geringe ſchaͤtzten; faͤnde man nun, daß ſich dieſer Florio, das Gegenbild des Holofernes, auch einmal in Pexa⸗ metern als Dichter verſucht haͤtte, ſo waͤren dieſe beiden Zeilen auch wohl als ſolche gemeint. In der Puritanerin kommen auch parodirend welche vor. Es iſt auch noch zu fragen, aber ſchwer zu entſcheiden, ob jenes allitterirende Gedicht uͤber den geſchoſſe⸗ nen Hirſch nicht von Florio ſelber herruͤhre. S. 16. Z. 5. v. u.(er verſteckt ſich.. Hier haben die neuen Edit. eine ſonderbare Anweiſung:(gets up unito a tree); die Fol. und Qu. leſen:(tands aside). Er begab ſich einige Stufen hoͤher, was das Theater damals ihm ſehr leicht machte. S. 148. Z. 2. v. v.„Verdirb ihm nicht die Waare.“— Shop nach dem Orig. ſtatt der Verbeſſerung slop. Z. 2. v. u. Dum.„Beim Himmel!“— hier leſen auf Dumains Rede: By heaven the wonder of a mortal eye! die Edit. Biron. By earth, she is Put corporal; there vou lie. corporal und wonder ſtehn ſich aber nicht entgegen, wie heaven und earth in der Ausrufung. Folio und Quart leſen: By earth, she is not, corporal theve you lie. Hier ſcheint alſo corporal eine Anrede, Dumain ſelbſt zu ſeyn, er nennt ihn ſcherzweiſe den Corporat, wie Bir. ſich ſelbſt fruͤher den Corporal,(And l to be a Corporal of his field,) oder den Fähndrich des Amor nannte; oder es heißt: du Koͤrperlicher, Fleiſchlicher! S. 151. Z. 19. v. u. Bir.—„Menſchen, ſo menſchlich, ſo voll unbeſtand.“ die Edit. leſen: With moon— like meu, of strange incon- stancy. Aber willkuͤhrlich: das Orig. giebt: With men, like men of inconstancy. With men, like men, iſt viel humoriſtiſcher als die Verbeſſerungz eine Sylbe ſcheint zu fehlen, vielleicht: of such inconstancy. „ 153. Z. 8. v. u. Kg.„Schule finſtrer Nacht.“— Nach der richtigen Leſeart school of night: wofuͤr die Edit. scowl leſen. Die Schule iſt allenthalben bei Shakſ. als etwas Finſtres, Langweiliges und Troſtloſes genannt. Hier alſo; IN. 25 385 Anmerkungen Schwarz iſt die Farbe der Hoͤlle, des Gefaͤngniſſes, und die Schule der Nacht; wo ſie Schule haͤlt, oder ſitzt, um zu ler⸗ nen: die Vergleichung bleibt immer dieſelbe. S. 162. Z. 4. v. v. Cath.„Ich wiege nicht u. ſ. w.“— Ein andres Spiel fuͤr das im Original. Statt Roſalindens Rede: past care is still past cure,— ſtellen die Engl. ohne Noth die Worte um: past cure is still past care⸗ Cath.„Schwarz wie das große B.“— Schon iſt viel mit Witz uͤber Roſaline, als Bränette, von allen Seiten ge⸗ ſcherzt worden. Die Anfangsbuchſtaben in den alten Buͤchern waren oft noch ausgemalt, nach Art der Miniaturen in den pergamentnen Manuſcripten der Vorzeit: wo dies nicht ange⸗ bracht wurde, waren ſie wenigſtens roth gedruckt: um ſo ſ zer nimmt ſich dann der folgende Buchſtabe aus, und ſo in den Finderbuͤchern das B nach dem rothen A.— Catharina muß ſehr blond und roth ſeyn: nur hat ſie Pockengruben. Wie dies konnte ſichtlich gemacht werden? Den folgenden Vers hat nach den Originalen die Prinzeß, und er iſt ihr in der Ueberſ. wieder gegeben. S. 165. Es treten Mohren auf mit Muſik.— Nach der Anweiſung der Folio— der Knabe, in Bereit⸗ ſchaft eine Rede zu halten. Wie es gebraͤuchlich war: und worauf im Romeo, und ofter angeſpielt wird. S. auch Timon. Z. 18. v. u. Biron.„Schoͤnheiten, reichen nicht,“— Warum ſoll Biron den Vers nicht ſprechen, der ſchon verdruͤß⸗ lich iſt, daß er die Damen maskirt findet. Er kann das Spot⸗ ten, wenn es auch ihm ſelbſt nachtheilig iſt, nicht unterlaſſen. Die Edit. haben dieſen Vers dem Bayet gegeben. S. 166. Z. 10. v. u. Roſ.—„du flehſt um etwas Mon⸗ denſchein im Waſſer.“ Moonshine in the water, ein Sprich⸗ wort, um ein ganz Nichtiges zu bezeichnen. S. 172. 3. 4. v. u. Roſ.„Kein senza bitt ich;“— im Drig. das franzöſiſche Sans. Dieſes Woͤrtchen ſpielt im Engli⸗ ſchen, und beſonders bei den Comoͤdien⸗Dichtern jener Tage eine wunderliche Rolle. Schon in Lylys Luſtſpielen, die mehrere Jahr älter als gegenwärtige Comodie ſind, koͤmmt sans oͤfter dor anſtatt without, und es ſoll dort keine Affektation andeu⸗ ten, ſondern es wird in der feinern Rede, wie die Gebildeten ſprechen, als ganz natuͤrlich angeſehn. Hier wird es als Ziererei gerugt, und einige Jahre ſpaͤter braucht es Jaques in As Jou ſike it in ſeiner Schildrung von den menſchlichen Lebensſtufen wieder, ohne daß es als Affektation angeſehn wird. Das ſieht man wohl, daß es in einfacher Rede, im buͤrgerlichen Ausdruck nicht gebraucht wurde: es bezeichnet Bildung, feinen Anſtand, oder eine gewiſſe Feierlichkeit, indem es auch eben ſowohl alter⸗ thuͤmlich als elegant iſt. zum neunten Bande. 387 S. 174. V. 15. v. o. Biron.—„Der ſein Geſicht in Falten alt gelaͤchelt.“ That smiles his cheek in years. Wie konnte Theobald dieſen Ausdruck nicht verſtehn? Boyet, ſo ſieht man aus dem Stuͤcke, iſt nicht mehr ſo jung, wie der Koͤnig und ſeine frohe Geſellſchaft, er iſt aber eben ſo wenig ein alter Mann: er hat aber, ſagt Biron, ſo immerdar gelaͤchelt, daß er ſeine Wange, die ſonſt glatt ſeyn wuͤrde, in Jahre, in Runzeln hinein gelaͤchelt hat, er hat vom zu vielen Laͤcheln Fal⸗ ten bekommen. 1 S. 175.— Biron.„Und drei mal drei macht neun.“— Daß Schaͤdel ſich nicht durch Zaͤhlen in die Anzahl der Helden finden kann, ergoͤtzt die uͤbermuͤthigen jungen Leute, und wenige Augenblicke nachher ſind die Witzlinge gerade eben ſo unfaͤhig⸗ Auch bis in dieſe Kleinigkeiten hinab zeigt ſich die uͤbermuͤthige und hoͤchſt behagliche Stimmung des Dichters. S. 179. Bir.„Und wenn du ein Loͤwe waͤrſt.“— das Spiel mit Judas, mit Jude und ass ließ ſich im Deutſchen nicht nachahmen. Hier hat der Uebſ. am meiſten gewagt. S. 181. Armad.—„ich habe kein Hemd“— Allerdings war es eine Bußuͤbung, ohne Hemde zu gehn, allein der Spa⸗ nier ſoll hier als armſelig verſpottet werden: der Mangel an Leinen, oder ſchlechtes Linnens, der noch jetzt dem Suͤdlaͤnder weniger auffallt, war dem Englaͤnder immer ein Gegenſtand der Verachtung. S. 184. Nach dem zweiten Verſe dieſer Seite fehlen hier im Deutſchen ſechs Verſe, welche Biron und Roſaline ſprechenz da die Frage und die Antwort ſpaͤterhin wieder kommen, und ausfuͤhrlicher, ſo muß man annehmen, daß das Spaͤtere eine Correktur des Dichters ſey, und daß Quart und Folio aus Un⸗ auch die vom Dichter geſtrichenen Verſe gedruckt. aben. Roſaline.„Oft Lord, Biron u. ſ. w.“ Dieſe lange und ſchoͤne Rede ſteht hier ſtatt jener geſtrichenen. Biron verwundert ſich anfangs uͤber dieſe ſonderbare Aufgabe und Buße, die ihm von der Witzigſten und Muthwilligſten unter den jungen Fraͤu⸗ lein auferlegt wird:— nachher S. 185. verſpricht er, zwoͤlf Monde im Hospital zu ſcherzen. Er wird dies mit einem ſchalk⸗ haften Seitenblick auf ſeine Leidensgefaͤhrten thun, die ein gan⸗ zes Jahr von ihren Geliebten getrennt ſeyn ſollen, und wie ſie alle verſichert haben, nur Schmerz und Sehnſucht der Liebe em⸗ pfinden koͤnnen. So kehrt jetzt die Comoͤdie in ſich ſelber zuruͤck: was die Studienfreunde anfangs drei Johr zu thun beſchworen, aber meineidig wurden, nachdem ſie kaum den Eid geleiſtet hatten, dazu ſind ſie jetzt fuͤr zwoͤlf Monate, um ſie zu ſtrafen, verurtheilt. Sie werden witzig und gelehrt disputiren von ihrer Liebe dichten, Spaß treiben, und auch Armado fehlt ihnen nicht, 388 Anmerkungen der den Bauer ſpielen will, und die Rolle des Hofmanns und Kriegers aufgeben, auch Schaͤdel wird ſich ihnen nicht entziehn, und die neue Bekanntſchaft, Holofernes, wird auch nicht aufge⸗ geben werden. Dieſe Umgebung iſt das Hospital. Romeo und Julia. Dieſe Tragodie gehoͤrt ohne Zweifel zu den fruͤheren Arbeiten des Dichters. Man bezeichnet, wenn nicht ſchon 1591, doch ſpaͤteſtens 1592 als das Jahr, in welchem das Stuͤck geſchrieben, und auch wohl ſchon aufgefuͤhrt wurde. Dieſe Epoche iſt der Wendepunkt, in welchem Shak. ſich recht eigentlich der ſchoͤnen romantiſchen Poeſie zuwendete, in welcher er eben ſo einzig da⸗ ſteht, wie in den tiefſinnigen Produktionen ſeiner ſpaͤtern Jahre, wie in den epiſchen Tragödien ſeiner Jugendzeit. Dieſe zuletzt genannten ſind wohl bis jetzt am wenigſten begriffen worden. Wir ſind ſo gluͤcklich, von dieſem Trauerſpiel, Romeo und Julia, zwei Bearbeitungen zu beſitzen. Die fruͤhere, erſt 1597 gedruckt, iſt mangelhaft, und die ſpaͤtere, 1599 gedr., iſt in jeder Szene vermehrt und verbeſſert. Von dieſer zweiten weicht die Folio nur ſelten ab. Auf unverzeihliche Weiſe haben die Editoren die Leſearten dieſer Ausgaben willkuͤhrlich gemiſcht, ſtatt ſich immerdar an die ſpaͤtere, verbeſſerte und an die Folio⸗ Ausgabe zu halten. An dieſer unkritiſchen Arbeit, an dieſen unnuͤtzen Noten, an der Verderbung des Tertes, an Auslaſſungen und Zuſaͤtzen leidet, wie ſchon oͤfter bemerkt, der Text des Dich⸗ ters durchaus, und der Freund Shakſp. muß nicht nur gegen die Ausgaben, wie wir ſie bis jetzt haben, mißtrauiſch werden, ſon⸗ dern immerdar auf die Leſearten der Originale zuruͤckgehn. Die beiden Quart-Ausgaben eroͤffnen das Schauſpiel mit einem Prolog oder Chorus, welcher in Reimen den Zwiſt der beiden Familien anzeigt, deſſen trauriges Opfer zwei Liebende ſeyn wuͤrden. In der Folio fehlt dieſe Ankuͤndigung. S. 190. Z. 18. v. o.—„Ich will meinen Daumen ge⸗ gen ſie beißen,“— 1 will bite my thumb at them— Da dies noch jetzt in Italien ein Zeichen der Verhoͤhnung iſt, ſo iſt das itüce jenem Deutſchen„den Eſel bohren“ vorgezogen worden. S. 191. Ein Buͤrger.„He Stangen!“ Die Einthei⸗ lung der kurzen Reden macht die Szene deutlicher. Capulet im Schlafrock.— Zener leichtere Wamms, ohne Ermel.— S. fruͤhere Anmerkung im Othello. A. 1. Sz. 1. S. 193. V. 3. v. v.„Die wohl ſehr aufgeſucht.“— Die⸗ ſer und der folgende Vers iſt nach der vermehrten Quart und zum neunten Bande. 389 Folio uͤberſetzt, die gewoͤhnlichen Editionen haben die vom Dich⸗ ter verworfene Leſeart der erſten, mangelhaften Quart⸗Ausg. Es iſt ſchon bemerkt worden, daß ſehr haͤufig die Verbeſſerungen und Zuſaͤtze des Dichters den Editoren als geſucht, oder affektirt, anſtoͤßig ſind. Indeſſen muß dies der Autor ſelbſt verantworten, und die beſſere Critik ſieht mit andern Augen. Benvolio ſchildert und ſpricht hier geſucht, im feinen Hofton: das fruͤhere: I, mea- suring his affections by my own,— That most are busied when the are most alone,— war dem Verf. nicht beſtimmt genug, und er aͤnderte es ſo ab: Which then most sought, might not be ound, Being one too many Py my weary self, allerdings geſucht und ſchwerfaͤllig, allein es ſagt mehr, als die geſtrichenen Verſe. 3. 14. v. u.„und dieſer ihre Schoͤnheit weihen kann:“— nach dem Orig.: or dedicate his beauty to the some, Gc. air) ſtatt sun. S. 201. Gräf. Cap.„Was ſagſt da?“— Dieſe ganze Rede findet ſich nicht in der Erſten Ausg. Die Zuſaͤtze und Aenderungen Shakſp. ſind in der Regel geſuchter und gezwunge⸗ ner, als was er zuerſt, und zuweilen wohl eilig ſchrieb. S. 202. Vierte Szene. In Benvolios erſter Rede ſind zwei Verſe weggeblieben, weil ſie ſich nur in der Erſten Quart ſinden. Die Edit. haben ohne allen kritiſchen Grundſatz gehan⸗ delt, da die ſpaͤtern Ausgaben doch offenbar die ſind, die der Dichter ſelbſt fuͤr die beſſeren erkannt hat. S. 203. Merc.„Nun ſeh' ich wohl, Frau Mab hat Euch beſucht Die Frage Romeo's: Wer iſt ſie? iſt weg geblieben, weil die ſpaͤtern Ausg. ſie nicht haben, ſie auch, bei Mercutios Redſelig⸗ keit, überfluͤſſig iſt. Der letzte Vers.—„Gehaſcht von eines Maͤdchens muͤß'gen Finger.“— ein Floh nämlich,— ſo verſtehe ich den Vers: Prick'd from the lazy finger of a maid.— Prick, oft fuͤr: etwas ſpitz faſſen. Eben ſo ſteht from haͤufig fuͤr by, with. S. 209. Nach dieſer Szene hat die Folio und die ſpaͤtere Quart wieder den Auftritt des Chorus, die erſte Quart nicht. Er iſt uͤberfluͤſſig. S. 210. Romevo erſteigt die Mauer und ſpringt hinunter.— Eine Erklaäͤrung der Neuern. Bei Shakſpears Theater war dies ganz uͤberfluͤſſig. Er tritt, als er die Freunde kommen hoͤrt, hinter den Verhang der kleinern Buͤhne in der Mitte: die Freunde rufen ihn und gehn dann ab, und es bleibt dem Zuſchauer uͤberlaſſen, ſich die Szene ſelber auszulegen. Es iſt, wenn die Gefaͤhrten da ſind, eine Straße am Garten: wenn ſie gehn und Romeo tritt wider hervor, iſt es der Garten ſelbſt. 390 Anmerkungen In allen alten Stuͤcken, auch bei Moliere und ſpaäͤter bei Hol⸗ berg, iſt die Szene ſelten ganz genau angegeben, die Figuren ſprechen, oft ſind ſie auf einem platz, der nur öffentlich, Straße ſeyn kann; plotzlich, ohne daß die Szene wechſelt, werden ſie im Zimmer gedacht. Weit mehr iſt dies auf der alten Engli⸗ ſchen Buͤhne der Fall, auf welcher die Architektur das war, was wir jetzt Dekoration nennen. S. 217. Dritte Szene. Dieſe Szene hatte Schlegel in Alexandriner uͤbertragen. Romeo war das erſte Stuͤck, in welchem er ſeine Kunſt als ueberſetzer des Shak. zeigte: ſpaͤter wuͤrde er ſie ſelbſt geaͤndert haben, denn die Alexandriner ſchlep⸗ pen, und ſind in ihrem Gange fuͤr den Gegenſtand zu träge. Hier iſt der Verſuch gemacht, ſie in fuͤnffuͤſige Verſe aufzuloͤſen, und doch Schlegels Worte, wie es moglich war, beizubehalten. S. 221. In dieſer Szene iſt der Verſuch gemacht, das meiſte von dem, was Schlegel ausließ, wieder her zu ſtellen. Dies Geſchwaͤtz uͤbermuͤthiger Juͤnglinge iſt ſehr charakteriſtiſch, wenn es auch keinen Inhalt hat. Da alles Wortſpſel und An⸗ ſpielung iſt, ſo muß die Ueberſetzung freilich eine Thorheit oft fuͤr eine andere geben. 3Z. 228. 3. 6. v. o.— Lorenz.—„O der leichte Fuß Wird nie den harten Stein abnutzen können— So die verbeſſerte Ausg.: O, so light a foot Will ne'er wear out the eyer lasting fünt: A lover may bestride the gossomers Phat idle in the wautou summer air, And Jyet nat fall: so light is vanity. Dieſe ganze Szene iſt in der umarbeitung anders. Schlegel zog es vor, ſtatt dieſen fuͤnf Verſen nur die zwei aus jener Erſten Quart zu geben: So light a foot ne' er hurts the trodden flower; Of lore and joy, see, see the sovereign power: Mit leichtem Tritt, der keine Blume biegt; Sieh, wie die Macht der Luſt und Wonne ſiegt.— Scheinbar poetiſcher, aber wir muͤſſen doch der Verbeſſerung folgen. Und iſt es wohl im Charakter des alten Mönchs, ſich ſo auszudruͤcken, wie es wohl auch ein Verliebter thun koͤnnte? Wir muͤſſen aber auch nicht vergeſſen, daß flower hier gar nicht Blume zu heißen braucht, ſondern daß ohne Zweifel der Boden, der ſtei⸗ nerne Flur gemeint iſt, daſſelbe Wort, welches wir auch haben⸗ und ſo hieße es doch in der alten Ausg. daſſelbe, und bezeichnete nichts als den leichten, ſchwebenden Gang des liebenden Maäͤd⸗ chens. Es iſt nicht unmöglich, daß trodden flower, weil es im Klange gar nicht zu unterſcheiden iſt, ſchon fruh fuͤr Blume mißverſtanden wurde, und daß dies den Dichter um ſo mehr vermochte, dieſe Verſe ganz umzuſchreiben, noch die Hy⸗ zum neunten Bande. 391 perbet hirzuzufügen, und mit der Betrachtung uͤber die Eitelkeit zu endigen. S. 231. Z. 3. v. v.— Rom.„Du kennſt mich nicht.“— Warum die ſieben jetzt folgenden Verſe in der Ueberſetzung Schle⸗ gels fehlten, weiß ich nicht. Vielleicht nur Auslaſſung des Druk⸗ kers, denn ſie ſind nothwendig. Indem Romeo die Degen der Kaͤmpfenden niederſchlaͤgt,— iſt erlaͤuternd jetzt hinzugefuͤgt worden, um dem Mißverſtaͤndniß vorzubeugen, daß nicht etwa, die ſpaͤ⸗ tern Worte falſch verſtehend, Romeo von hinten den Mercutio um die Bruſt faßt, wie ich es von Schauſpielern geſehn habe, die ſich fuͤr Kundige gaben. S. 235. V. 11. v. u.—„und ſterb' ich ei nimm' ihn u. ſ. w. and, when I shall die, die Leſeart von allen authentiſchen Ausg.— ſtatt des when he shall die, einer ſpaͤtern Quart. Warum die Edit. dies aufnahmen, iſt unverſtaͤndlich, da jenes 1 ſchoͤner und poetiſcher iſt. Sie erwartet die Nacht, und bittet dieſe, ihr ihren Romeo zu geben; laß ihn ein, ſpricht ſie, bis ich geſtorben bin, dann gebe ich ihn dir zuruͤck, und du magſt dann, um dich recht mit ihm zu ſchmuͤcken, Sterne aus ihm bilden. S. 236.— Julia.—„und giftiger iſt bloßes Ja,“— dieſe vier Verſe ſind von ſo ungemeiner Schoͤnheit, ſie druͤcken in einer Art Wortſpiel Schmerz und Verzweiftung ſo großartig aus, daß ich es nicht unterlaſſen konnte, ſie einzufuͤhren, wenn gleich der Doppelſinn des k, welches Ich und Ja zugleich bedeu⸗ tet, im Deutſchen nicht angedeutet werden kann. Sam. John⸗ ſon meint, nach ſeiner Art, dieſe Verſe waͤren ſo elend, daß jede Erklaͤrung an ſie verſchwendet ſey. S. 237. V. 7. v. ov.—„Raubgierger Rabe du,“— dieſer und der folgende Vers ſind nach dem Orig. eingefuͤgt. Der erſte hat Schwierigkeiten. V. 14. v. u.„Weilt mit Beſchaͤmung nur auf ſeiner Stirn.“ Upon his brow shame is asham'd to sit— u. ſ. w. So wie die Frage der Amme: Will you speak well of him that kill'd your cousin? Und ihre Antwort; Shall I speak ill of him, that is my hasbard? erinnern ſehr an die Sprache Richard des Dritten. Ein ſcharfes Auge ſieht in vielen Stellen, wie der Dichter mit jenen Erin⸗ nerungen kaͤmpft und ringt, um ſich die neue Sprache, die er fuͤr dieſes Trauerſpiel der Liebe braucht, frei anzueignen. S. 240. V. 13. v. o.„Doch Romeo darf nicht, er iſt ver⸗ bannt!“— Es druͤckt den Schmerz und die Verzweiflung mehr aus, wenn er jetzt erſt, die Rede verwirrend, wieder darauf zuruͤck 392 Anmerkungen ksmmt. So iſt es in den alten Ausg. auch, daß immer panished, verbannt, das erſte Wort, welches er vom Moͤnch vernommen hat, ſtatt Verbannung wieder kehrt. S. 241. V. 8. v. o.—„Wie große Einfalt das!“— simpleness, die verbeſſerte Ausgabe fuͤr das fruͤhere wil- fulness. S. 258. V. 8. v. v.„Denn er wird ſtets“— Es iſt un⸗ noͤthig noch hinzuzufuͤgen: 1 vill not entretain so bad a thought,— was ſich nur im Q. v. 1597 findet. S. 259.„Sieh nach dem Backwerk, Frau Angelika.“— Hier erfaͤhrt man zufällig den Namen der Amme: uͤberfluͤſſig anzumerken, wenn Steevens nicht glaubte, die Graͤfin heiße ſo, und uͤber dieſe haͤusliche Thaͤtigkeit der Herrſchaft ſpottet, von der er meint, ſie ſey wohl nie in Verona, ſondern nur in Eng⸗ land gebraͤuchlich geweſen. Er irrt aber auch hierin: dies thaͤ⸗ tige Weſen, ſelbſt nach allem zu ſehn, iſt gerade recht italia⸗ niſche Sitte. S. 261. V. 12. v. o.—„Auf des Gefildes“— nach dieſem Vers leſen die Edit. noch: Accursed time! unfortunate old man!— Nach der Q. 1597. V. 12. v. u.—„Ich laſſ' ihm all des Lebens Lebens⸗ Unterhalt,“ And leave him all life living, all is deaths. So das Original: wie die Edit. leſen: Ind leave him all: life leaving, all is deaths— iſt Emendation und giebt einen ganz andern Sinn. Paris.„Hab' ich noch dieſes u. ſ. w.“ Statt dieſer bei⸗ den Verſe ſagt Paris in der Erſten Q.(die ſonſt immer kuͤrzer iſt) ſieben Zeilen. Es iſt merkwuͤrdig, wie der Dichter noch in der Umarbeitung dafuͤr geſorgt hat, dieſen Paris nicht ſehr her⸗ vortreten zu laſſen. Hier laſſen die Edit.(wie ſie ſo oft muͤſſen) die erſte Ausg. fallen: warum nehmen ſie auf andere Verbeſſe⸗ rungen nicht Ruͤckſicht? S. 262. Lorenzo.—„Nicht ſpricht Gram verzweifelnd ſo“— Confusions care lives nat in these confusions.— Er will ſagen: der Gram um den Tod, die Vernichtung(confusion) lebt nicht, laͤßt ſich nicht vernehmen in ſolchem verwirrten Ge⸗ ſchret, confusions. Dieſe Phraſe iſt geſucht, aber verſtaͤndlich. Seit Theobalds Emendation leſen die Ausgaben: confusions cure lives not in these confusions: was ich weit weniger verſtehe. Die Heilung— des Todes? oder der Verwirrung?!— beides paßt nicht— lebet nicht in dieſen Verwirrniſſen!— Ich habe drum jenes aufgenommen. S. 264. Fuͤnfter Aufzug. Erſte Szene.— Ro⸗ med.„Haͤlt mir das Schmeichelwort des Schlafes Wort.“— il T may trust the flattering trust of sleep, ſo Fol., oder truth, wie Q. noch beſſer: Warum man dieſe Leſe⸗ art, deren Sinn nicht dunkel ſeyn kann, fallen ließ, iſt unbegreiflich⸗ zum neunten Bande. 393 Die Q. von 1597 lieſet: the flattering eye of sleep, welches viel unverſtaͤndlicher iſt, weshalb es der Dichter nachher aͤnderte. Daß Romeo in ſeiner heitern Stimmung ſo mit den Worten ſpielt, iſt gerade recht natuͤrlich. S. 265.„Mir faͤllt ein Apotheker ein.“— Wie hat man nur je dieſe umſtaͤndliche Schilderung einer truͤbſeligen Armuth und Bettelhaftigkeit, gerade hier, in dieſer Lage, unnatuͤrlich ſinden koͤnnen! Auch das gleichguͤltige Auge ſieht dergleichen, auch der heitre Sinn ſchreibt es dem Gedaͤchtniſſe ein, verweilt aber nicht dabei, eben weil er heiter iſt. Das ploͤtzliche Unglück kehrt nur dieſe Geſtalten heraus, das Elend weidet ſich, ſie aus⸗ zumalen. Romeo bedarf keines Gedankens mehr, da ihn der Vorſatz zu ſterben einzig beherrſcht: er findet eine Art Troſt darin, dieſes Bild des Lebens in der Jaͤmmerlichkeit ſich recht deutlich zu machen. S. 268.— Paris.„Auf's Brautbett, ſuͤße Blumen, Blumen ſtreu' ich,“— Dieſe ſechs gereimten Verſe legte Shakſp. ſpaͤter ſtatt jener ſieben reimloſen ein, die nur in der Erſten mangelhaften Quart ſtehen. Die Editoren haben aber einen ſo unermuͤdlichen Widerwillen gegen die Reime des Dichters, daß ſie dieſe ſchoͤnen Verſe, die der elegante feine Paris als ein Schwanenlied ſeiner Braut und ſich ſingt, mit den reimloſen vertauſcht haben. Dieſe ſuͤße Poeſie bereitet durch ihren Ton jenes Schreckhafte, welches jetzt eintritt, viel beſſer vor. S. 270. V. 4. v. o. Paris.„Ich kuͤmm're mich um dein Erbarmen nicht.“ I do defy thy commiseration ſt. eonjuration, welches nur die fruͤhſte Quart hat. M 3 Wir ſchoben dieſe Tragoͤdie bis zuletzt auf, um ihr in aller Hinſicht den gehoͤrigen Fleiß widmen zu koͤnnen, denn von allen Werken des großen Autors moͤchte dieſes Gedicht wohl am ſchwer⸗ ſten zu verſtehn ſeyn, und dem leberſetzer die meiſten Schwierig⸗ keiten anbieten. Im Jahr 1606, unmittelbar nach Hamlet und Lear, iſt dieſes Werk gedichtet. Wir beſitzen nur eine authen⸗ tiſche Edition davon in der Erſten Folio von 1623, was ſehr zu veklagen iſt, weil auch Varianten oft zur richtigen Erklaͤrung helfen. Wenn viele Schauſpiele des Dichters durch geſuchte Hofrede, andre durch wilde Leidenſchaft, manche durch feinen Witz und Wortſpiel ſchwer zu verſtehen ſind, ſo iſt Macbeth durch jene 394 Anmerkungen ſonderbare Parſtellung fleberhafter Zuſtaͤnde, die vom Anbeginn ſich dem Wahnſinn und Wahnwitz naͤhern, ſchwierig, weil der Dichter faſt in allen Szenen dies durch dunkle Anſpielungen, Bilder, die in einander übergehn, und oft durch einen krampf⸗ haften, uͤbertriebenen Ausdruck hat nachahmen und darſtellen wollen. und hier iſt es nun, wo die Editoren, obgleich ſie die⸗ ſer Tragodie großen Fleiß gewidmet haben, ſo oft irren und dem Terte und dem Sinne des Dichters Gewalt thun. Man erlaube mir alſo, hier manchen Vers zu erläutern, und manche verwor⸗ fene Leſeart wieder her zu ſtellen, wo ich mich mit jenen Kriti⸗ kern nicht vereinigen kann. Dieſe Andeutungen veranlaſſen bei uns vielleicht ein genaueres Studium des Dichters. S. 280. Erſte Szene. Hoͤchſt ſonderbar iſt dieſe Ein⸗ leitung, und ganz abweichend von der Art, wie Sh. ſonſt ſeine Schauſpiele eroffnet. Die Hexen, auf die wir nicht vorbereitet ſind, treten faſt nur auf, um ſich ſogleich wieder zu entfernen. Seit dem Ende des funfzehnten Jahrhunderts, kurz vor der Re⸗ formation und der Ausbildung des philologiſchen Studiums und mit der genauern Kenntniß der Alten, verbreitete ſich in den meiſten Laͤndern von Europa der Wahnſinn oder die Krankheit des Gemuͤthes, an Bezauberung zu glauben, an Heren, die die Menſchen ſchädigten, und Theologen wie Richter erfanden ein eignes Criminal⸗Recht fur dieſe Unglucklichen, Formen des Ver⸗ hoͤres und der Foltern, und vom Sabbath, dem Pakt mit dem Boͤſen, den Erſcheinungen u. ſ. w. wurden viele Buͤcher ange⸗ fuͤllt, und Tauſende, die ſich ſelber anklagten und von ihrem Verbrechen berzeugt waren, fielen als Opfer des herrſchenden Wahnwitzes. Jemehr ſich in Deutſchland die Reformation ver⸗ breitete, um ſo mehr wuchs auch dieſer Unſinn in unſerm Vater⸗ lande, denn nur hier wuͤtheten und mordeten die Hexenrichter die meiſten Schlachtopfer. In den uͤbrigen Laͤndern, in welchen die Gemuͤther nicht ſo aufgeregt waren, oder in denen große politi⸗ tiſche Begebenheiten die Menſchen ruͤhrten, war nicht ſo viel von dieſer Krankheit die Rede. Waͤhrend der Regierung der Eliſabeth waren einige merkwuͤrdige Prozeſſe uͤber Bezauberungen vorge⸗ kommen, doch war die Zeit zu gluͤcklich und die Stimmung des Volkes zu heiter, auch war politiſch und religios ſo viel zu ſchlichten und zu ordnen, Handel und Gewerbe bluͤhten, edle Miniſter und verſtändige Geiſtliche regierten, ſo daß dieſer dunkle Aberglaube ſich nicht zu merklich hervorthun konnte. Als Jacob den Thron beſtieg, verwandelte ſich die Geſtalt des Landes, und durch die Schwaͤche des Regierenden ziemlich ſchnell. Dieſer Verſtändig⸗Kindiſche und Gelehrt-Unwiſſende, der abgeſchmackt lebte und doch oft fuͤr Kunſt und Poeſie einen ge⸗ bildeten Geſchmack zeigte, hatte eine beſondere Vorliebe fur dieſe Art des Aberglaubens, er hatte ſelbſt ein Buch uͤber Hexen und Bezauberungen geſchrieben. Der Koͤnig war nicht allgemein ge⸗ liebt, aber ſeine Gefinnung hatte doch ſo vielen Einfluß, daß zum neunten Bande. 395 vald Seret in England entdeckt und ihnen der Prozeß gemacht wurde. Es war natuͤrlich, daß die Schauſpieldichter dieſe Abentheu⸗ erlichkeiten auch benutzten. Einige jener Hexen-Prozeſſe wurden von ausgezeichneten Talenten auf das Theater gebracht, andre Autoren fuͤhrten Fabeln auf, in welchen Hecate und die Hexen erſchienen, und ſo hatte Middleton, ein bekannter und beliebter Dichter, dem Globus(das Theater, wo die Shkſ. Werke geſpielt wurden), ein ſonderbares Drama, the Witch,(die Hexe) uͤber⸗ geben: hier findet man den Hexen-Apparat, die Zauberkuͤche, ſehr der im Macbeth aͤhnlich. Ob dies Stuͤck ſchon zu Eliſabeths Zeiten geſchrieben ſey, iſt zu bezweifeln, auf jeden Fall aber iſt es dem Shakſpearſchen Macbeth voraus gegangen; denn einige Geſaͤnge in dieſem, die bloß angedeutet werden, finden ſich voll⸗ ſtaͤndig in jenem. Deshalb erkannten die Zuſchauer ſogleich beim Erſcheinen jene gewohnten Geſtalten, die ſchadenfrohen, haͤßlichen, gemeinen Weiber, die weder Schickſals⸗Goͤttinnen noch rieſenhafte Figuren ſeyn koͤnnen noch duͤrfen. Here.——„Fort! fort!“ Sie wollen abgehn, da hoͤrt man Geſang in der Luft, und die 1. H. ſagt:„Graulieschen! ja, ich komme!“ I come, Gray- Malkin. In der Witch von Middleton erſcheint und ruft oͤfter ein Geiſt, der in Geſtalt einer Katze erſcheint; wahrſcheinlich auch hier ſo, der Liebling und Geliebte der erſten Hexe. Die Miß⸗ geſtalt war vielleicht ſichtbar, wie der Dichter denn dafur geſorgt hat, dies ungeheure Werk, deſſen Leidenſchaften und Grauen auf dem Aberwitze ruhn und ſich mit dieſem verbinden, durch Erſchei⸗ ſn und Seltſamkeiten aller Art zugleich maͤhrchenhaft zu machen. Indem bei Middleton die Hexen die Geiſter beſchwoͤren(p. 71. der ſeltnen Ausg. von 1778) ſagt Hecate: 1 will but noynt, and then I mount. (Aspirit like a Cat descends) Hec. Ther's one comes down to fetch his dues: A Kiss, a coll, a sip of blood: ete, — Ob es derſelbe Geiſt, oder ein anderer ſey, den die Hexen in Macbeth ſogleich Paddock(inke, Kroͤte, Froſch) nennen, ob ein andrer, iſt ungewiß. Der Geſang ſelbſt iſt nicht gegeben, oder der Ruf,— viel⸗ leicht war es auch nur das ſpaͤtere(A. IV.) Come away etc.— — und alſo aus dem Stuͤck des Middleton. „Schoͤn iſt haͤßlich, haͤßlich ſchoͤn,“ Fair is foul, and foul is fair. Der Inhalt der Tragoͤdie. Das Schoͤne und Edle wird durch wilde Leidenſchaft, von den widerwaͤrtigſten, gemeinſten Geſtalten angeregt, unedel und frevelhaft: und die ſchlimm Getaͤuſchten muͤſſen, ſo wie die ſchadenfrohen Hexen, glauben, das Haͤßliche ſey ſchoͤn und erfreulich. 396 Anmerkungen „Schwebt durch Dunſt und Nebelhoͤhn!“ Hoven through the fog and filthy air.— Ob hover mit Schweben hier gleichbedeutend iſt?— Die Edit. fuͤgen hinzu: Witches vanish— Hexen verſchwanden, — ſ im Orig. nur das einfache, proſaiſche exennt zu fin⸗ den iſt. Zweite Szene.— In dieſer Erzaͤhlung des blutigen Hauptmanns iſt, wie in einem einleitenden Muſikſtuͤck, ſogleich die geſuchte, wunderbare Sprache des Stuͤcks vorbereitend einge⸗ fuͤhrt. Ein ſchwer Verwundeter, der noch vom Kampfe erhitzt iſt, ſpricht in ſtarken Bildern, heftig, wie im Fieber. S. 280. 3Z. 15. v. v.„Und das Gluͤck, dem ſcheußlichen Ge⸗ metzel laͤchelnd, And fortune, on his domned quarry smiling, ſtatt quarrel der Edit.— Quarry, die aufgehaͤuften Leichen, das erlegte Wild der Jagd— die Leſeart des Orig. iſt kraͤftiger, als Johnſons Verbeſſerung. Krieger.„Wie wenn mit erſtem Sonnenlicht zugleich Schiffbrechende Stuͤrm' und grauſe Donnerſchlaͤge—“ As Rhence the sun' gins his reflexion Shipwrecking storms and direful thunders—— Er erzaͤhlt, wie des Koͤnigs Liebling, valour's minion, Macbeth, den Rebellen, deſſen Hure das Gluͤck ſchien, und der ſchon ein grauſes Gemetzel angerichtet hatte, mit einem ungeheuern Hiebe erſchlug,— dies war wie dunkle Nacht dem verirrten Schiffer, der dieſe jetzt uͤberſtanden hat, indem ihm die erwuͤnſchte Sonne aufgeht;— aber mit dieſer bricht ein ſchlimmres Unheil, als dunkle Racht herein, nämlich ein ſchiffzertrͤmmernder Sturm, Wir brauchen im gemeinen Leben ſehr oft unſer„Wo“ fuͤr„Wem“ —(Wo dies nicht geſchieht, und auf vielfache Weiſe) Ort und Zeit, Raum und Bedingung werden ſtets verwechſelt, ſo auch im Engliſchen, und bei Shak. vorzuglich, wo When fuͤr Where und Where ſehr oft fuͤr When geſetzt wird, und ſo hier Whence, als Zeitbeſtimmung, wann,— nicht woher. Der Vers des erhitzten Hauptmannes ſchließ nicht, um ſo ſchoͤner, er eilt zur Schilderung des neuen, unerwarteten Unheils. Darum iſt es mehr als uͤberfluͤſſig, dem direful thurders noch das breuk anzufügen S. 281. Der Krieger haͤuft ſo Bild auf Bild, und ſtrengk ſich in erhitzter Phantaſie ſo ſehr an, daß er faſt mit einer Ohn⸗ macht enden muß. Roſſe.„Bis ihn Bellonas Bräutgam, kampfgefeyt⸗ das ſoll wohl das lapt in proof ſeyn. Er ſchien unverwundbar,— Entgegen ſturmt mit gleicher Ueberkraft. Gonfronted him with selfcomparisons, Norweg und Cawdor ſcheinen durch Kapferkeit und große Menge ebenfalls eine große Ueberkraft, „Schwert gegen Schwert, Arm gegen draͤu'nden Arm, zum neunten Bande. 397 Point against point, rebellious arm' gainst arm, 6 ganz richtige Interpunktion der Hriginals, wogegen ie Edit. Point against point rebellious, arm' gainst arm, leſen— Arm iſt gegen Arm rebellious gewendet, ohne daß des⸗ halb Macheths Arm der eines Rebellen iſt. Bieſe Sorge hat aber wahrſcheinlich die unnoͤthige Aenderung eingefuͤhrt. S. 282. Dritte Szene. Die drei Hexen. h in Hand, u. ſ. w.“ The weird sisters, hand in hand, Ueber dieſen Ausdruck iſt viel geſchrieben worden, Warburton will an die Walkyren und Nornen denken, aber wir hoͤrten eben deutlich an den gemeinen Bosheiten der ſchadenfrohen Weſen, daß ſie nur gemeine Sterbliche ſind. Das Orig. lieſt wayward, was auch richtig ſeyn mag: Weird oder Wierd iſt im Schotti⸗ ſchen Hexe, Zauberin. Wayward sisters waären immer hier als tuͤckiſche, ſchadenfrohe, unruhige, widerwaͤrtige, zu erklaͤren, und das Adjectiv, welches Unruhe ausdruͤckt, die nicht folgerecht, be⸗ harrlich iſt, paßt ſehr gut zu Posters of the sea and land. S. 283.—„Halt, der Zauber iſt gezogen.“ Peace!— the charm's wound up. — Die Hexen gehn umher und bilden einen Kreis- einen Rin⸗ geltanz, indem ſie ſich(ſo war es angenommen) mit den Haͤnden von hinten faſſen, und das Geſicht nach außen kehren. Dreimal ſchwingen ſie ſich im Zauber um fuͤr jede der Schweſtern, links, rechts, dann wieder links, und bezeichnen ſo einen Platz, der dadurch ſelbſt be⸗ zaubert iſt, den zu betreten(wie der Maͤhrchen der Zeit darthun) unheil⸗ voll iſt: manche werden, wenn ſie in dieſen gezogenen unſichtbaren Kreis kommen, ohnmaͤchtig, andre fallen in Kraͤmpfen nieder, und Macheth, der unwiſſend in den Zauberzirkel tritt, wird ſogleich von ehrſuͤchtigem Wahnſinn und Mordgedanken ergriffen. Banquo, der ruhig bleibt, ſteht zuruͤck und hat keinen Theil an der Ver⸗ blendung. Darum ſagen die Hexen: the charm's wound up; wie man eine Uhr aufzieht. Macbeth.„So ſchoͤn und haͤßlich ſah ich nie'nen Tag.“ Me. tritt mit Worten auf, die ſogleich an das fair is foul, and foul is fair der Hexen erinnern. Fair iſt dieſer Tag, wegen der außerordentlichen Siege, die erfochten, wegen der Gluͤcksfaͤlle, die ſich uͤber alle Erwartung ereignet haben: und haͤßlich iſt der Tag durch Nebel, Regen, Gewitter, das wilde Hexenwetter. S. 284. Macbeth.„Mich macht, ſo hoͤr' ich, Sinels Tod zum Glamis;“ By Sinels death, I know, I am thane of Glamis; Macb. hatte eben nur unterwegs vernommen, daß ſein Vater geſtorben ſey,— 1 know heißt deßhalb hier, ich erfahre, ver— nehme:— waͤre er ſchon laͤnger Glamis, ſo waͤre es nichts Auf⸗ fallendes, daß ihn die Hexen mit dieſem Titel gruͤßten. Sh. be⸗ 398 Anmerkungen handelt in ſo großen Gedichten, wie Macbeth, die Nebenumſtände leicht, erwaͤhnt ſie gar nicht, oder nur voruͤbergehend. Die Heren verſchwinden.— Hier hat auch das Hrig.: Witches vanish.— Nach der Beſchreibung Macbeths muß die Maſchinenkunſt, wodurch es geſchah, vortrefflich geweſen ſeyn, und vorzuglicher, als unſre jetzige. S. 284. Z. 9. v. u.„— S Wort auf Wort in ſchneller 5 ede“— um den Sinn deutlich zu machen, iſt, As thick as tale— hier ſo umſchrieben: thick iſt auch eilig, hervorſprudelnd, wie Lady Hot⸗ ſpur auch die uͤbereilte Redeweiſe ihres Mannes nenntz alſo: ſo ſchnell, wie man in eiliger Rede ſpricht. — 8. 4. v. u.—„vor ſein Angeſicht dich zu geleiten nur—“ Only to herald thee into his sight, Not pay thee. Dies On1 iſt hier keinesweges uͤberfluͤſſig, denn es verſtaͤrkt die Lobeserhebung; auch klingt ſo der Vers beſſer, als wenn wir mit den Edit. leſen: Po herald thee into his sight, not pay thee. Steevens aber, der immer ſeine Grillen in Anſehung des gere⸗ gelten Verſes durchfuͤhrt, hat willkuͤhrlich only geſtrichen. S. 285. Z. 6. v. u.—„Erlebte Greuel,— In dieſem Kampfe mit ſich ſelbſt, indem Macheth erſchrickt, daß mit der Beſtatigung der Vorherſagung ſogleich der Mordgedanke in ihm aufſteigt,— indem er ſich entſetzt, ſagt er, ſich beruhigen wollend: der gegenwaͤrtige Greuel, indem wir ihn vor uns ſehn, iſt nie⸗ mals von jener Furchtbarkeit, wie ihn die Phantaſie im voraus darſtellt. Present feurs are less than horrible imaginings. Im vorigen Verſe ſagt er: and make my seated heart knock at my ribs, against the use of nature. Freude, Schreck, Zorn, machen das Herz ſchlagen, Macb. kann alſo nicht meinen, daß dasjenige, was jeder Menſch oft erlebt, was alltaͤglich iſt, gegen die Natur ſey, àgainst the use of nature, ganz gegen die Natur, the seated heant, das Herz, oben feſt thronend,— er erlebt jetzt, zum erſtenmal, daß in der Erſchuͤtterung des Entſetzens und Grauſens, indem ſich ihm das Haar aufſtrͤubt, ſein pochendes Herz, das ſonſt heftig ſchlägt,— in dieſer Aufloͤſung wie zu ſterben ſcheint, es iſt nicht mehr seated, es klopft nicht mehr an ſeiner Stelle, in der Bruſt, ſondern, ganz gegen die Natur, an die Ribben. Mach. hat dieſe Angſt, in welcher der Menſch dieſes Gefuͤhl hat, noch niemals erlebt. Dieſes Unnatuͤrliche will er ſich wegdeuten und ſagt ſich, daß, wenn es zu dieſer That kommt, deren Bild ihn ſo empoͤrt, er weniger fuͤhlen werde. Die ueberſetzung, um nur deutlich zu ſeyn, weicht hier vom Buchſtaben ab, und ſagt darum ſtatt seated heart, es ſchlagt Bruſtabwaͤrts.— Der Gedanke des Mordes, dieſer Vorſatz, die⸗ ſer bloße Traum, ſo fährt Macb, fort, shakes so my single zum neunten Bande. 399 state of man, that function is smother'd in surmise, and nothing is, but what is not. Der single state of man iſt hier das Bewußtſeyn ſeines Individuums, die lenkende Kraft des Willens und Geiſtes, dieſer single state of man iſt ſo erſchuͤttert, daß function, Lebenskraft, That, Gedankenfuͤlle, is smather'd in surmisse, erſtickt iſt in die Vorausſetzung des Kuͤnftigen, in Ahn⸗ dung deſſen, was kommen koͤnnte, daß ich aufhoͤre, gegenwaͤrtig und im Bewußtſeyn zu leben, ich bin durch dieſe Erſchuͤtterung ein Nichts geworden: Nichts iſt jetzt da, als was noch nicht iſt, was ſelbſt ein Nichts, ein Unding, ein Fraum iſt, die grauenhafte Zukunft.— Ich weiß, daß dieſe Erklaͤrung eine andre, als die der Commentatoren iſt, und man ſieht, daß wir nach dieſer Deu⸗ tung uͤberſetzt haben. Schon oben machte ich auf die wunder⸗ ſame Sprache dieſes Gedichtes aufmerkſam, die der großen, ma⸗ giſchen Art, in welcher der Gegenſtand aufgefaßt und vor⸗ getragen iſt, entſpricht; in keinem Werke Shakſpears findet ſie ſich wieder, und das voͤllig Unkorrekte, Vieldeutige, Geheimniß⸗ volle, daß Worte und Rede eine ganz neue und unerhoͤrte Be⸗ deutung haben, macht das Verſtaͤndniß dieſer Tragoͤdie ſo ſchwie⸗ rig und ihre ueberſetzung faſt unmoͤglich. S. 286. Vierte Szene. Auch Duncan, vorzuͤglich in ſeiner Anrede an Macbeth, ſpricht in geſuchten Redensarten, wie alle im Erſten Theil des Schauſpiels, die Hexen und den Pfoͤrt⸗ ner ausgenommen. Daß der Koͤnig, ſo ohne weitere Meldung, nach Inverneß zum Macbeth geht, war dem Englaͤnder begreiflicher als uns: da jene Progresses, dieſe Reiſen der Fuͤrſten, auf denen ſie in den Schloͤſſern ihrer Edeln weilten, damals noch ſehr haͤufig vorfielen. S. 289. Z. 9. v. o. Nur dieſe Eine Zeile iſt es, was das Eingebildete, Ungewiſſe ihm zuruft. Die anderthalb Verſe, welche folgen, muͤſſen wieder Rede der Frau ſeyn. Die Abtheilung in Steevens Ausg. iſt unrichtig. 3. 11. v. u.„Selbſt der Rab' iſt heiſer“— Hier iſt keine Schwierigkeit, wenn man ſie nicht ſucht. Der Rabe, ein un⸗ gluckverkuͤndender Vogel: der Bote, der die Ankunft meldete, iſt dieſer Rabe: er war aber ſo eilig geritten, daß ihm kaum Athem uͤbrig blieb, ſeine wichtige Zeitung anzuſagen; dieſer Un⸗ gluͤck prophezeihende Rabe war alſo heiſer. Z. 8. v. u.—„noch friedlich hemmt vom Mord die Hand!—“ nor keep peace between the effect and hit.— So das Orig. Kein Mitleid ſoll den Entſchluß hemmen, oder noch Friede, Stilk⸗ ſtand hervorbringen zwiſchen der Wirkung des toͤdtlichen Stoßes und dem Stoße ſelbſt, d. h. in der Ausuͤbung ſelbſt, wenn es nun zur That kommt, ſoll kein Zweifel, kein Mitleid den Dolch auch nur einen Augenblick hemmen.— Alles verwirrte, ſeltſame Sprache einer fieberhaft aufgeregten Leidenſchaft, aber hit, Stoß, muß hier gewiß ſtehn, und dafuͤr it zu leſen, wie die Commentatoren, 400 Anmerkungen. macht das, was nur dunkel iſt, voͤllig verwirrt, und im Unver⸗ ſtändlichen zugleich matt. Iſt kein peace keeped bethveen the effect und hit, ſo iſt eben dann alles gelungen, was der Ehrgeiz wuͤnſchte, alles wird erfullt. Der letzte V.—„Trinkt Galle ſtatt der Milch,“— And take m) milſ for gall,— es war der Glaube, daß boͤſe Geiſter und Kobolde das Blut, die Milch der Sterblichen ſaugten, die ſich mit ihnen verbunden hatten. In den Hexenprozeſſen kommen dieſe Ausfagen oft vor. Sie ſagt alſo: ihr grauſamen Daͤmonen, nehmt meine Milch, die ihr in Galle verwandeln ſollt, damit jede Art des Weibes, alles Menſchliche in mir verkehrt werde. S. 290. Z. 5. v. v.—„noch der Himmel— aus des Dun⸗ kels Vorhang, rufe.“— Die Nacht ſoll ſich ſo mit dickem Dampf umziehn, daß durch dieſe Rebel⸗ und Wolkenſchicht, durch dieſen Vorhang der blaue Nachthimmel nicht einen Augenblick zu ſehen ſey. Der Dampf iſt Diener der Hoͤlle, der Himmel, ſo wie er nur einen Augenblick ſichtbar wuͤrde, erſchiene als Einhalt, als Widerſtreit gegen den ruchloſen Mord.— Man erinnre ſich zu⸗ gleich, daß Thuͤren oft Vorhaͤnge waren, durch die ploͤtzlich eine Erſcheinung treten konnte, daß die Tapeten der Mauern aus rei⸗ cheren oder geringeren Vorhaͤngen beſtanden, die zwei oder drei Schuh von der weißen Wand des Zimmers und Saales abſtanden, ſo daß oft, wie im Schauſpiel ſelbſt geſchieht, Menſchen ſich da⸗ hinter verbargen. Oft aber waren auf der Buͤhne ſelbſt, hinter dem mittleren Vorhang, der das kleinere Theater bedeckte, Men⸗ ſchen, die, wie es die Tragoͤdie bedingte, dieſen Vorhang wegriſ⸗ ſen, und deren Haupt erſchien, oder deren Wort und Ruf man ſchnell hoͤrte, worauf ſie wieder verſchwanden. Dieſe Anſpielungen, Bilder und Gleichniſſe, die fuͤr uns etwas Geſuchtes haben, und die ſo oft bei den aͤltern Engliſchen Dichtern vorkommen, waren ihren Zeitgenoſſen hoͤchſt verſtändlich, weil ſie aus dem gewoͤhnlich⸗ ſten Leben genommen waren. Zugleich iſt es auch Anſpielung auf die gerichtlichen und gewoͤhnlichen. Zweikämpfe, wo es oft verpoͤnt, oft aber auch zugelaſſen war, daß man die Kaͤmpfenden durch den Ausruf: Halt! von einander brachte, um, wenn ſchon Blut ge⸗ floſſen war, ihr Leben nicht zu gefaͤhrden. Hier ſoll ſich dieſe frie⸗ denſtiftende, errettende Stimme nicht vernehmen laſſen. S. 290. Z. 3. v. u.—„Fiſteut erregt veraͤndert Ange⸗ i Po alter favour even is to fear. Favour, wie ſo oft, Antlitz, Miene: ſieht man an einem Bekann⸗ ten eine ganz veränderte Miene, ein fremdes Weſen, ſo erregt dies Argwohn und Furcht. S. 291. Dunc. Seht! unſre edle Wirthin! u. ſ. w. Dieſe kurze Rede des Koͤniges hat die Commentatoren veranlaßt, viele und lange Noten zu ſchreiben, in denen jeder dem andern widerſpricht, und doch iſt dieſe Stelle nicht eine der ſchwierigſten⸗ —— ———————————————— zum neunten Bande. 401 The love that follovs us, sometime is our trouble, Which still we thank as love. Dies Erſte iſt allgemein: Liebe, die uns folgt, die auf uns ein⸗ dringt, kann uns oft laͤſtig fallen, aber wir danken ihr dennoch, weil ſie Liebe iſt. Herein I teach you, How Jou shall bid God yield us for Jour pains, And thank us for your trouble. Nun verſteht ſich dieſer Satz von ſelbſt; ſo lehre ich nach dem, wie ihr mir nach Gottes Lohn dafuͤr ſagen muͤßt, daß ich euch durch meinen Beſuch dieſe Unruhe mache. Der weiche Koͤnig will der Wirthin des Hauſes eine Artigkeit ſagen, und die Editoren ha⸗ ben ſich bloß dadurch verwirren laſſen, daß ſie die erſten Verſe, die etwas Allgemeines ſagen, ſchon auf den Koͤnig bezogen. — 3. 9. v. u. Lady Macbeth.—„Bleiben wir im Gebet Euch Knecht und Diener.“ We rest your hermits. In Kloͤſtern, Armenhäuſern und Spitaͤlern wurde fuͤr die Stif⸗ der der Anſtalten regelmaͤßig gebetet, in katholiſcher Zeit der Ro⸗ ſenkranz; dieſe Betenden nannten ſich beadsmen. The beads iſt der Roſenkranz, obgleich das Wort eigentlich von unſerm Beten, Bit⸗ ten, ſtammt. Beadsmen konnte dann jeder heißen, der aus Ver⸗ pflichtung oder freiwillig fuͤr einen andern betete. So ward es fruͤh eine Artigkeit, ſich den beadsman eines Vornehmeren zu nennen, wie ergebner Diener, oder dergl.— Hier in dieſer aufgeſchraubten Rede der Lady, die um ſo mehr Demuth und Ergebenheit ausdruͤcken will, ie feſter ihr boͤſer Entſchluß iſt, genuͤgt ihr keines der gebraͤuch⸗ lichen Worte, und ſie ſteigert beadsmen geſucht und willkuͤhrlich zu hermits. Macheth laͤßt ſich unmoͤglich Vers fuͤr Vers uͤber⸗ ſetzen, und ſo haben wir einigemal, wie hier, vorgezogen, den Gedanken zu umſchreiben, um ihn deutlich zu machen. Blickt man in die Hriginal-Ausgabe, ſo uͤberzeugt man ſich uͤberdies, wie willkuͤhrlich, und oft ganz ungehoͤrig, die Verſe geordnet ſind, wie wir ſie in den hergebrachten Editionen leſen⸗ S. 292. Siebente Szene. Von dieſem Monolog muß ich etwas umſtaͤndlicher Rechenſchaft geben, warum er ſo einge⸗ theilt, und auf dieſe Art uͤberſetzt iſt. Im Weſentlichen weiche ich von der gewöhnlichen Anſicht nicht ab, aber wohl in einzelnen Verſen. Macheth tritt in tiefen Gedanken auf, er hat die Ein⸗ ſamkeit geſucht, ſelbſt ſich vom Koͤnige entfernt, dem es aufge⸗ fallen iſt. Indem ſein Vorſatz, alles, was ſich damit verknuͤpft, wieder ſeinem Geiſt voruͤber gegangen iſt, ſagt er, in der Mitte der Gedankenreihe laut ſprechend: wenn die That gelingt, und damit alles zu Ende iſt, ſo muß man ſie ſchnell thun. Aber gewiß werde ich ſchon hier, im Leben, dafuͤr geſtraſt, und alſo iſt mit dem Morde ſelbſt das Wenigſte geſchehn. Auch zwingt mich Ehre und Pflicht, es zu unterlaſſen. Am wichtig⸗ MR. 26 402 Anmerkungen ſten aber iſt es, daß der milde Koͤnig ſo allgemein geliebt iſt, daß jeder mich als Moͤrder verabſcheuen muß. So kann alſo mein Ehrgeiz, ſtatt ſeinen Zweck wahrhaft zu erreichen, mich nur verderben. Der Monolog beginnt mit einem tiefſinnigen Wortſpiel. Waͤre alles vorbei, ik it were done, indem es geſchehn iſt, vhen'tis done, dann waͤre es gut, es ſchnell zu thun.— Zetzt nur Bild auf Bild, alle dunkei, nur halb gemahlt.— Koͤnnte der Meuchelmord trammel up che conseduence,— ausſperren aus dem Netz, wie Fiſche gefangen werden, oft aber vieles, was der Fiſcher nicht wuͤnſcht, mit in das Netz vom Strom getrieben wird, dies consequence, das Ungehoͤrige, Wider⸗ waͤrtige,— and catch with his surcease success— wenn der Meuchelmord bloß fangen, erwerben koͤnnte, mit der That einzig und allein den glucklichen Erfolg— that but this plow might be the be all and the end all.— Daß dieſer Stoß, nur Ein und Alles waͤre und Alles endete.— Hier, wie im Orig. der Punkt, man hat wieder ohne Noth die geaͤndert.— ere, But here, upon this bank and school of time, Der aufgeſpannte Geiſt verlaͤßt alsbald das vorige Bild und geht in ein andres uͤber: waͤre alles nur beendigt in dieſer Schule der Gegenwart. Upon this bank, Bank iſt hier die Schuͤlerbank, time, wie ſo oſt Jetzt, die Gegenwart: aus school haben die Edit. shoal, die Schoile gemacht, die Sandbank. Dieſe ſeyn ſollende Verbeſſerung paßt aber nicht zum Folgenden und erſtickt den Gedanken des Dichters. M. ſagt: könnten wir annehmen, daß wir nach ausgeuͤbter Bosheit hier in der Gegenwart Ruhe haͤtten,— hier taucht ihm das Bild einer Schule auf, wo ein Schuͤler an irgend wen eine Kraͤnkung, eine Beleidigung ver⸗ ſucht,— waͤre die Gegenwart nur ſicher,— ſo wollte ich die Zu⸗ kunft einmal nicht beachten: was mir geſchehn koͤnnte, wenn dieſe Schule aufgehoben iſt. Doch die Vergeltung, the judgment, erhalten wir ſchon hier, in dieſer Schule: that we püt teach bloody instruction,— wir haben kaum gelehrt die blutige Unterweiſung(immer noch iſt das Bild von Ungezogenheiten, Bosheiten des Schuͤlers ganz in der Naͤhe) ſo kehrt ſie ſchon zuruͤck um den Erfinder zu quaͤlen, zu beſtrafen. This even handed justice(die gleich austheilende Gerechtigkeit, deren Hand nicht wankt) ſetzt uns den Giftkelch, den wir ſelbſt gemiſcht, an unſre Lippen⸗ Hier geht, wie ſchon bemerkt, in der fieberhaften Spannung des Gemuͤthes ein Bild in das andre uͤber, Kleines und Gro⸗ ßes vermiſcht ſich, upon the bank and school iſt ungramma⸗ tiſch, aber ſo, wie es der große dramatiſche Dichter ſich erlauben darf— doch die Shoal of time, wie unſre Ausgaben leſen, paßt auf keine Weiſe: denn daͤchte er ſich die Gegenwart ſchon in ſo truͤbem Bilde, ſo troſtlos, wie Sandbank, ſo waͤre keine Auf⸗ —— zum neunten Bande. 403 forderung zur That, und das nachherige teach haͤtte mit dem Vorderſitze gar keinen Zuſammenhang. Nun faͤllt ihm ein, daß er als Vaſall, und noch mehr als Wirth den Koͤnig ſchuͤtzen muͤſſe. Ihm aber, dem jungen Hel⸗ den, der bis jetzt verehrt wurde, und der ſich in Ruhm berauſcht hat, iſt es das Furchtbarſte, daß dieſer Mord des milden gelieb⸗ ten Königes den allgemeinen Abſcheu vor dem Moͤrder erregen wird. In den vorigen Verſen hatte ſich die Phantaſie wieder etwas beruhigt, jetzt erhitzt ſie ſich noch ſtaͤrker als zuvor und ſchafft Vild aus Bild: die Tugenden des Koͤniges Will plead, like angels, trumpet- tongued, against The deep damnation of' his taking off: Dies iſt das Racheſchrein, die Forderung der Strafe, die mit Trompeten-Zungen die Eugel ſelbſt ausrufen werden: aber nicht bloß Fluch und Wunſch der Rache, auch ein edles Mitleid wird ſich erheben. And pity, like a naked new born babe, Striding the blast, So zart, ſo innig ruͤhrend iſt dieſes Mitleid, daß es dem nack⸗ ten neugebornen Kinde gleicht, das aber, im allenthaben zu wirken, den raſchen Windſtoß, den Sturm beſchreitet,— oder die Cherubim des Himmels ſelbſt or heavn's cherubim, hors d Upon the sightless couriers of the air, ſie fahren auf den unſichtbaren Rennern der Luft daher, Shall blow the horrid dead in every eye That tears shall drown the wind. So allgemein, ſo unermeßlich wird die Ruͤhrung ſeyn, daß dieſe Thraͤnenfluthen ienen Sturm und Wind, die die Rachricht ge⸗ bracht haben, ertraͤnken werden. Hier ſind Kraft, Schnel⸗ ligkeit, die Winde ſelbſt die Hauptſache, und ienes nackte Mit⸗ leid, die Cherubim ſchnell vergeſſen. So verdraͤngt ein Bild das andre. Ich habe keinen Sporn, ſo beſchließt er, um die Seiten meines Vorſatzes zu ſtacheln, I have no spur, to prick the sides of my intent— but only vaulting ambition, als den anſpringenden Ehrgeiz,— jenes erſte Bild' laͤßt er fallen, den Sporn; jetzt malt er den Springenden ſelbſt aus, der ſich zu haſtig, mit zu heftigem Anlauf auf ein Roß ſchwingen will, er uͤberſpringt ſich ſelbſt, und fällt jenſeit zu Boden.— So ſpringt die Leidenſchaft in dieſem Monologe unſtät hin und wieder, haſcht dieſes und jenes Bild, um es alsbald wieder fallen zu laſſen: ſie malt die Nebenſachen aus, und widerſpr icht ſich, ſo in ſich ſelbſt vertieft, daß hier von der gewoͤhnlichen Correktheit gar nicht mehr die Rede ſeyn kann. Wer hier Stellen und Verſe tadeln will, ſollte lieber einſehn, daß, wenn er ernſter nach⸗ es ſich darum handelt, ob ein ſo großes Werk, wie dieſe Tragoͤdie von Macbeth da ſeyn duͤrfe, oder nicht, ob ſie und 404 Anmerkungen Lear und Hamlet etwa zu jenen veräͤchtlichen Melodramen der neuern Zeit gehoͤren, oder ob ſie Kunſtwerke ſind. Giebt man das Letzte zu, ſo ſollte man auch einſehn, daß ſie nur in der Art und Weiſe da ſeyn koͤnnen, wie ſie es ſind. S. 296. Z. 8. v. o. Macb.„Schließt Ihr Euch meinem Sinn an,— Wenn es iſt— Wird's Ehr' Euch bringen. If you shall cleave to my consent,— when' tis, It shall make honour for you. Malone quaͤlt ſich ohne Noth mit dieſer Stelle, er verſteht con- sent nicht und moͤchte content leſen. Macb. braucht aber das Wort consent, weil er ſich nicht ganz deutlich ausſprechen will: das Wort bedeutet Einſtimmung, Beitretung, Vereinigung und daher Einwilligung, Willen. Die Edit. vergeſſen uͤber den Vers zu oft den dramatiſchen Dichter. Im Monologe Macbeths ſpricht ſich die geaͤngſtete Seele, ſo wie im vorigen, durch ſtets wechſelnde Bilder aus. Z. 3. v. u.—„und dirrrer Mord,“— beim Herendienſt der Hecate ſchleicht der duͤrre Mord umher,— alsbald geht die Allegorie in das Individuum uͤber, und Macbeth ſelbſt iſt dieſer er ſchleicht naͤher, er geht ſacht, um nicht gehoͤrt zu werden.— S. 297. V. 1. v. o.—„Mit wilder Brunſt Tarquins,“— With PTarquin's ravishing sides, Schon öfter iſt bemerkt, daß sides fuͤr den Sitz der Leidenſchaft angenommen und poetiſch ſo gebraucht worden, wie die Alten fuͤr Wolluſt und heftige Liebesbrunſt die Eingeweide und die Le⸗ ber nannten. Oft ſchwebt dem Dichter bei geheimen Frevel die nächtliche Unthat Tarquins vor, und um ſo mehr, da er ſelbſt die Schonheit und das Ungluͤck der Lucretia beſungen hat. Wa⸗ rum die Editoren strides ſtatt sides leſen, iſt unbegreiflich. Z. 3. v. v.„O du verwundbar, feſt gefugte Erde,“— Hier macht das Orig. große Schwierigkeit, es lieſet; PThou sowre and firm-set Parth: die Editionen leſen thou sure and firm set earth. Hoͤre nicht, ſagt M., du feſtgefugte, ſtarke Erde, wohin meine Schritte jetzt gehn, damit nicht deine Steine ſich ruͤhren und mein Vorhaben auspiaudern. Die feſt gefugte Erde kann ſich alſo bei Gelegen⸗ heit eines ſolchen Frevels gleichſam aufloͤſen: darum will mir das sure hier nicht einleuchten, denn M. ſpricht eben davon, daß dieſe Erde, obgleich firmset, doch nicht sure ſey. Hier habe ich mir daher auch einmal eine Conjektur erlaubt, die ich jedoch nur zagend mittheile: ich leſe sorez du verwundete oder verwundbare, du, die du ein ſchmerzendes Gefuhl haſt, obgleich du feſt gefugt biſt. Das Wort ſtände ſeltſam hier, aber ſo iſt Alles in dieſfem Monolog, und ſoll es ſeyn: wie sure aus sownre entſteht, iſt auch nicht leicht zu begreifen, und sore laͤge etwas naͤher. zum neunten Bande. 40⁵ 3. 4. v. o.„Hoͤr' meine Schritte e ſie auch wan⸗ eln 6 Hoͤchſt ungrammatiſch, ſeltſam und ganz traͤumeriſch im Orig. Hear not my steps, which theymay walk,— which hier wie in Vergeſſenheit, in der Abweſenheit des Geiſtes gebraucht; und dies bewundernd, verwerfe ich die proſaiſche matte Verbeſſerung der Editoren: which way they walk. „Den jetz'gen ſtummen Graus.“— And take the present horror from the time. Daß die Steine nicht durch ihr Toͤnen und Schwatzen dieſe grau⸗ ſenvolle Stille, die dieſer Nacht des Entſetzens geziemt, vernich⸗ ten.— Die ueberſetzung hat ſich bemuͤht, das Ueberſpannte, Seltſame und wie Traͤumende dieſes Monologs wieder zu geben. (er ſteigt hinauf.) Man erfaͤhrt nachher, daß er herab kommt. Ich habe dieſe Anweiſung eingeſchaltet, um den Leſern die Einrichtung des alten Theaters etwas naͤher zu bringen. In vielen Stuͤcken des Dichters ſieht man die Figuren ſich hinauf und hinunter bewegen. Macb.(der oben erſcheint.) Auch dieſe Erklärung habe ich der Deutlichkeit wegen hinzu gefuͤgt. M. ruft ploͤtzlich: Wer iſt da? Die Edit. laſſen ihn dies unſichtbar, drinnen (within) ſagen, was ganz unmoͤglich iſt. Wem ſollte er drinnen im Gemach, wo alle ſchliefen, dieſe Frage ſtellen? Der Koͤnig ſchlaͤft nicht im Erſten Zimmer, ſondern im zweiten: wie laut muͤßte dieſer Ruf ſeyn, um vom zweiten Gemach drunten im Hofe gehoͤrt zu werden. Das Orig. meldet bei dieſer Stelle: Enter Macheth. Ich erklaͤre dieſe Seltſamkeit ſo: M. zau⸗ dert noch drinnen einen Augenblick: ſeine unruhigen Sinne ver⸗ nehmen unten im Hofe einen Laut, unbeſonnen, verruͤckt und verwildert ſtuͤrzt er auf den Altan zuruͤck und fraͤgt, ſich hinab beugend: Wer iſt da?— erwartet aber in der Angſt keine Ant⸗ wort, ſondern ſtuͤrzt nun in die Gemaͤcher zuruͤck, um den Mord zu veruͤben. War Fleance oder Banquo unten, auch jener Diener ſeines Hauſes, den er eben weg geſendet hatte, ſo war ſeine heimliche That verrathen. Ich halte dieſes Umkehren, was Kleinigkeit ſcheint, fuͤr eine große Schoͤnheit in Shakſpears Dichtung. Er liebt es,(weil er die Tragoͤdie immer durch Lei⸗ denſchaft, wie durch Intrigue in Thaͤtigkeit ſetzt) Gelingen und Mißlingen an einem Nadelpunkt zu heften. Othello durfte nur, als Caſſio das Schnupftuch bringt, ſo viel Faſſung haben, um vorzutreten und zu fragen, und Jagos Kniffe und Luͤgen waren in einem Augenblick zerſprengt. Als M. zuruͤck kommt fuͤhren er und ſie einen Dialog, gleich⸗ ſam betaubt von der Groͤße und Schrecklichkeit der That, keiner weiß recht, was er ſpricht, bis die Furcht ſich ſicher zu ſtellen ihre Sinne wieder erweckt. S. 298. Z. 3. v. v.„Macb. Das iſt ein klaͤglich Bild.“ — This is a sorry sight.— und hier fuͤgen die Editoren 406 Anmerkungen hinzu:„ooking on his hands:“ Dieſer erklaͤrende Zuſatz iſt gewiſ ein durchaus unrichtiger. Zeigt er ſchon ietzt ſeine Haͤnde, ſo zeigt er auch die Dolche, die er mitgebracht hat. Ich beziehe dieſe Worte auf jene Szene, die er eben verlaſſen hat, den Anblick des ermordeten Koͤnigs. Das Wort sorry ſteht hier, der Abſicht des Dichters gemaß, hoͤchſt ſonderbar und laͤßt ſich gar nicht uͤberſetzen. Sorr iſt ein Ausdruck mehr im gemeinen Leben, als in der Poeſie, oder der Tragoͤdie gebraucht. Es be⸗ deutet' nach umſtaͤnden kläglich, oder kuͤmmerlich, wehmuͤthig, ſelbſt erbaͤrmlich in einem halb komiſchen Sinne, wie man bei uns wohl„miſerabel“ braucht. So, in dieſer letzten Bedeutung, faßt er es auf, und ſie noch mehr, weshalb ſie ſagt, es ſey ein thoͤrichter Gedanke, ein naͤrriſch Wort. Das Halbkomiſche iſt hier das Furchtbare. 2 Macb.„Als ſaͤhn ſie mich mit dieſen Henkershaͤnden.“ Dies nach der Interpunktion des Orig. As they had seen me wich these Hangmans hands: Listning their fear, I could not say amen,— Warum die Edit. anders abtheilen, iſt unverſtaͤndlich. As they had seen me, with these hang mans hands, Listening their fear. I could ete. Macb.„Macheth mordet den Schlaf!“ Jene ſeltſame Stimme, die M. in ſeiner Angſt zu hoͤren glaubt, kann in ſeiner Imagination unmoͤglich die ganze ausgefuͤhrte und ſchildernde Rede ſagen. Er ſelbſt beſchreibt und lobt den Schlaf, wie es hier in der Ueberſetzung angegeben iſt. Eine uͤberfluſſige Bemerkung fuͤr den poetiſchen Leſer, wenn die Editoren nicht wie⸗ der falſch abgetheilt und erklaͤrt haͤtten. S. 299. Macb.—„Ha! welche Haͤnde!“— Dieſe Worte vuft er wohl, indem er ſeine eignen blutigen Haͤnde ſieht. „Und Gruͤn in Roth verwandeln.“ Mabing the Green one, Red. Hier haben die Edit., welche im Othello die von uns angenommene Deutung(A. V.) des Put out the light nicht annehmen,— einen epigrammatiſchen Sinn den Worten, beigelegt, indem ſie drucken Making the green— one red. S. 300. Der Pfoͤrtner. Nach dem Ungeheuern der vori⸗ gen Szenen ein Ruhepunkt, eine Maßigung, wie Sh. gern der⸗ gleichen anbringt, um zu neuen großen Eindruͤcken das Gemuͤth wieder faͤhig zu machen. Eine Art Comoͤdie, eine wirklich komi⸗ ſche Wirkung ſoll gewiß nicht eintreten. Es kommt ihm mehr darauf an, zu zeigen, in welchem Zuſtande die Dienerſchaft war, vorzuͤglich der Pfoͤrtner, der den eigentlichen Pallaſt, den innern Hof verſchloſſen haͤlt; dieſer hat den Rauſch nicht ganz verſchla⸗ fen, er kann ſich kaum wach erhalten, und lallt ſeine ſchlaftrun⸗ kenen Scherze. 68S. 301. Aus den Schilderungen des Lenor erfahren wir ietzt, daß die Nacht ſehr ſtuͤrmiſch geweſen iſt. Waͤhrend des — — — — zum neunten Bande. 407 Mordes war fie durch die Stille noch grauenhafter geſchildert. So wechſelt der große Dichter, um das wirken zu laſſen, was im Augenblicke ihm das Rechte iſt. Dieſe poetiſche Wahrheit iſt eine ganz andre, als jene, die unſre Buͤhnen jetzt ſo oft erſtre⸗ ben, und die ganz zu verwerfen iſt. S. 302. Macd.—„Die Glocken ſtuͤrmt.“— To coun- tenance this horror! Ring the bell!— Obgleich die letzten Worte in die Rede wie den Vers paſſen, haben die Edit. ſie dem⸗ nach fuͤr eine Anweiſung gehalten, und ſtreichen ſie willkuͤhrlich aus dem Tert. S. 303. Macb.—„Die Dolche abſcheulich von geronn'nem Blute ſchwarz.“— Man leſe lieber geronnenem Bl.— Dies Haͤkchen ſoll auch nur ſagen, daß man die ganz kurze Sylbe ſchnell und kurz ſprechen ſoll. Their daggers unmannerly breech'd with gore. Macb. ſpricht in dieſer Szene in gezwungenen und geſuchten Aus⸗ drucken: fehr oft wurde neben dem Degen ein Dolch getragen, es gehoͤrte der Dolch zum vollſtaͤndigen Anzuge. HOft trug man zwei Dolche neben dem Schwert, oder am Guͤrtel, zuweilen haͤngend, in le⸗ dernen Scheiden. Dieſe Scheiden konnten wohl breeches genannt werden, und ſo iſt hier breech'd with gore nur: ſie ſind ſo mit getonnenem Blut uͤberzogen, daß das ſtarre Blut ihren Scheiden breeches macht. Die Beinkleider, die Huͤllen der Schen⸗ kel breeches zu nennen, war nicht unedel, und ſo iſt es nichts Außerordentliches, wenn ſelbſt Macbeth hier zum erſtenmale die⸗ ſen Ausdruck brauchte. Dieſe Note waͤre uͤberfluſſig, wenn nicht Farmer eine ganz ungehoͤrige zu dieſer Stelle machte, der bei jeder Gelegenheit, liege es auch noch ſo weit ab, beweiſen will, in welcher unbegreiflichen Unwiſſenheit Shakſpear ſeine Laufbahn als Dichter begonnen und geendigt habe. Hier zeigt er, Sh. habe den franzoͤſiſchen Ausdrück haut-de chausses nicht gekannt. — Waͤre es, wie der gelehrte Farmer meint, ſo haͤtte das Pu⸗ blikum ohne Zweifel bei der Recitation dieſes Verſes ein lautes Lachen vernehmen laſſen. S. 304 Banquv.—„und haben wir verhuͤllt der Schwaͤche Bloͤßen— . And when we have our naked frailties hid, That suffer in exposure. Gewiß nicht, wie Steevens und Malone erklären: und haben wir uns erſt wieder ſo bekleiden koͤnnen, daß uns dieſer rauhe und kalte Morgen nicht ſchadet. Die Worte ſind, wie ſo vieles hier metaphoriſch zu verſtehn. Haben wir unſre nackten, entblöſten Schwaͤchen verborgen, die in Blosſtellung leiden— d, h., haben wir uns von dieſem Schreck, der uns alle ſo erſchuͤttert, daß wir in dieſem Augenblicke nicht wiſſen, was wir reden oder thun, — wo alſo jeder, auch der Unſchuldige, ſich blos geben koͤnnte, wie wir uns auch ſprichwoͤrtlich ausdruͤcken. Macb. Laßt mit Entſchloſſenheit geruͤſtet,— 408 Anmerkungen Let's brieſy put on readiness: und Erklaͤrung jener von Banquo gebrauchten Me⸗ apher. Donalb.„um ſo blutsverwandter, So mehr verwandt dem Tode.“ The near in Plood, the nearer bloody. Unſer Vater iſt umgebracht, ſagt D., wir, ſeine Soͤhne, ſind ihm die naͤchſten im Blut; iſt der Koͤnig, ſo wie es ſcheint, aus Ehr⸗ ſucht erſchlagen, ſo ſind wir die naͤchſten, die man ebenfalls hin⸗ weg raͤumen muß.— Es iſt nicht nothwendig, wie Steevens meint, daß D. hier ſchon an Macbeth denkt, der ſein Oheim war; er iſt der naͤchſte Verwandte des Koͤniges: ſo erklaͤrt St. die Worte. Der moͤrderiſche Pfeil iſt abgeſchoſſen, faͤhrt Malcolm fort, und fliegt noch— dies zeigt am deutlichſten, daß St. irrt— The murderous shaft that's shot Hath not yet lighted; Dieſe Verſe faßt Steevens richtig und widerſpricht ſich ſekbſt. S. 307. Banquo.—„(Wie, Macbeth, ihre Wort' an dich beſtaͤtgen,)“ (As upon thee, Macheth, their speeches shine) Das Verb. shine ſoll hier nichts von Glanz, Schimmer, oder dergl. ausſagen, ſondern es iſt unſer beſcheinen, beſtaͤtigen, beſcheinigen. Das Wort kommt aber nur ſelten ſo vor. Maecb.—„und Ich bitt' um Eure Gegenwart.“ And T'll request your presence. Hier viele uͤberfluͤſige Bemerkungen der Editoren, die lieber 1 request, nach jetzigem Sprachgebrauch leſen wollen. Sie beden⸗ ken aber nicht, daß Macheth hier zu Banquo ſehr hoͤflich und verbindlich ſprechen will, und darum ſagt er, wie man damals dieſen Unterſchied machte: I will request. I request waͤre ſchon mehr, obgleich request die Bitte enthaͤlt, hertiſch und befehlend. S. 312. Z. 5. v. o. Macheth.—„Lieber bei dem Todten ſeyn, den Frieden uns zu ſchaffen, zum Frieden wir geſandt.“— Nach dem Hrig.: Whom we, to gain our peace, have sent to peace.— Wie matt die Verbeſſerung, hier place füͤr peace zu leſen. S. 314. Vierte Szene.— Macbeth.—„Die Wir⸗ thin nahm ſchon ihren Platz.“— Our hostess keeps her state. — state der Prachtſeſſel, der oft, und auch hier vielleicht, den Baldachin uber ſich hatte. Wenn dies die Cdit. erklaͤren, ſo iſt auch das Wichtigere zu bemerken, daß die Koͤnigin ſo tief in ſich verſunken iſt, daß ſie ihre Gaͤſte nicht anredet und nicht zu be⸗ merken ſcheint. Immerdar ſucht er ſie, ſo wie ſie ihn zu ermun⸗ tern, wenn ſie allein ſind; in Geſellſchaft bewacht eins das andre, damit ſich keins verrathe. Immer vergeblich. S. 315. Banquo's Geiſt kommt und ſest ſich zum neunten Bande. 409 auf Macbeths Platz.— Die Szene des Bangquets iſt im mittlern, erhoͤhten Raum, oder der kleinern Buͤhne, nur Mac⸗ beth ſteht draußen auf dem Proſcenio: hinter der innern Buͤhne, unmittelbar an den Stuͤhlen, iſt ein Vorhang, durch den ſich die ſitzenden Figuren um ſo beſſer abheben, hinter dieſem Vorhang tritt das Geſpenſt hervor, und ſetzt ſich auf den Seſſel, der un⸗ mittelbar vor ihm ſteht, in der Mitte des Tiſches.— Seit die Edit. eingeſchaltet haben: The ghost of Banquo rises,— quaͤlen ſich die Theater ſo oft mit ungeſchickten Verſenkungen und knarrenden Emporſteigen des Geſpenſtes. Das Original ſagt: Enter, sits in Macheths place.— Man koͤnnte die Frage aufwerfen, da Macheth immerdar in einem wahnſinnigen Zuſtande iſt, da er in der Mordſzene einen Dolch zu ſehen glaubt, der nicht iſt, ob es denn nicht furchtbarer und tragiſcher ſey, wenn der Geiſt hier gar nicht erſchiene, ſondern die Angſt ſeines Gemuͤthes nur das Geſpenſt erſchuͤfe? Die Englaͤnder haben ſelbſt, ſchon um 1774, den Verſuch gemacht, das Gedicht auf der Buͤhne ſo zu erklaͤren: dieſe Auffuͤhrung war aber ganz ohne Wirkung, was freilich nichts bewieſe, da in den neuſten Zeiten die Erſcheinung des Geſpenſtes auch keinen Effekt macht. Die Hauptſache iſt aber, daß die Original-Ausgabe, alſo Shakſpear ſelbſt, dieſer Erklaͤ⸗ rung widerſtrebt. Auch iſt es dichteriſch daſſelbe, immer iſt das Daſeyn des Geſpenſtes nur Macbeths ſichtbar gemachte Seelen⸗ angſt. Es iſt dramatiſch, ſeinen innern Zuſtand des Gemuͤthes ſo im Bilde hinzuſtellen. Zeigt ſich alſo das Geſpenſt, ſo muß es auch blutig, mit vielen Wunden, todtenbleich, mit verwilder⸗ tem Haar und zerriſſenem Gewand auſtreten, und nicht ſo hoͤflich und geſittet, als es die Englaͤnder jetzt erſcheinen laſſen.“ 8S. 317. Macb.—„verkriech' ich mich dann zitternd,“— If trembling I inhabit then— So lieſet das Orig.; die Editoren inhibit thee— und ſagen, in- hibit hieße hier verſagen,— die alte Leſeart iſt dunkek, aber der neuern vorzuziehn, auf then liegt ein Nachdruck, und in- habit iſt, wenn ich heim bleibe, im Hauſe; freilich fremdartig, aber ſo iſt faſt alles in Macheths Rolle. S. 318. Macb.—„Daß. Ihr anſchaut Geſichte ſolcher rt,— Er ſetzt voraus, daß alle ebenfalls das Geſpenſt geſehn haben: die Anrede iſt an die Lords, nicht an die Koͤnigin gerichtet. Macb. Es fordert Blut, ſagt man; Blut fordert Blut. Nach der Abtheilung des Originals: It will have blood, they say: Blood will have blood. Statt blood: they say, blood ete. Macb. Was ſagſt du, daß Macduff zu kommen weigert, How sayst thou, that Macd. How say'st thau ſteht hier fuͤr: What say'st thau to it? Nur bemerkt, weil einige Ueberſetzer fehlten und: Wie ſagſt du, daß 410 Anmerkungen er nicht,— gaben. Selbſt Steevens hat die Worte ſo mißver⸗ ſtanden. S. 319. Fuͤnfte Szene. Hecate.—„Der— ſein Werk nur, nicht das Eure thut.“ Loves for his ovn ends, not for vou. Wer ſich mit den Hexen einließ, ſollte, ſo ſchadenfroh wie ſie ſelbſt und die herrſchenden boͤſen Geiſter, das Boͤſe um ſein ſelbſt willen thun, wenn es ihm auch gar keinen Vortheil brachte. S. 320.(Muſik hinter der Szene.) Music and a Song im Original. Hft ſind dieſe Geſaͤnge in den Dramen nicht ab⸗ gedruckt; hier waren es vielleicht nur wenige Worte. Gleich nach⸗ her wieder Ruf und Geſang, wo das Orig. ſagt: Sing within, Come away, come away, etc. Dies iſt ein kleines Lied, wel⸗ ches ſich in Middletons Schauſpiel,„Die Hexe,“ findet, aus welchem wir es aufgenommen haben. Sechſte Szene.— Ob der zweite Lord hier Angus, oder ein namenloſer, ſey, iſt ziemlich gleichguͤltig. Wichtiger iſt, was die Editoren nicht bemerkt haben, daß dieſe ganze Zwiſchen⸗ ſzene, die faſt uͤberfluͤſſig iſt ſey es durch Schuld des Copiſten, oder daß die Venderungen mit dem erſten Tert zugleich abgedruckt ſind, ſo wie ſie da iſt, keinen Zuſammenhang hat, und ſich die Reden widerſprechen. Sh. liebte es, dieſe kleineren Szenen ein⸗ zuſchieben, mit dieſer geſchah es vielleicht ſpaͤter, es iſt auch moͤg⸗ lich, daß ſie geaͤndert, und nachher ganz geſtrichen wurde.— In der Erſten Rede ſagt Lenor am Schluß, daß Macduff in Un⸗ gnade gefallen ſey: zugleich fraͤgt er, wo dieſer ſich aufhalte. Statt dies zu beantworten, erzaͤhlt der Lord von Malcolm, wie dieſer am Hofe Englands lebe, dorthin ſey auch Macduff gegan⸗ gen. Aber erſt am Schluß der folgenden Szene kommt die Nach⸗ richt dieſer Flucht, die alſo jetzt den Lord noch nicht wiſſen konnte. Macd. ſoll den Koͤnig antreiben, Schottland durch Siward zu befreien, damit wir, beſchließt er, wieder in Sicherheit leben koͤnnen, do faithful homage, and receive free honours, all vhich we pine for now. And this report hath so exasperate the king, that he prepares for some attempt of war.— The king? Jit es Macbeth, iſt es Eduard! Das Orig. lieſt their king. Prepare for some attemyt of war iſt ſonderbar im Aus⸗ druck: wenn es Macbeth iſt, ſo iſt some attempt ein etwaniger Angriff, den er von England, Malcolm und Siward befuͤrchtet, und gegen den er ſich im voraus ruͤſtet: iſt es Eduard, ſo ſoll es nur das Ungewiſſe ausdruͤcken, daß ein Krieg beſchloſſen iſt, aber noch nicht wenn und wie. Plotzlich fraͤgt nun Lenor: ſchickte er nach Maeduff! um ihn zu jenem Kroͤnungsfeſte einzuladen, zu welchem Macduff nicht kommen wollte. Sent he to Macd.? Der Koͤnig, von dem die Rede war, muͤßte alſo Macheth ſeyn: aber die Frage ſteht hier ſehr ſeltſam, ſie kommt ſo ſpät, iſt ſo außer dem Zuſammenhange, daß man ſie nicht begreift. Nun erzaͤhlt der Lord genauer, wie kurz Macduff den Boten abgefertigt und ——— . zum neunten Bande. 41¹ wie widerwillig und drohend dieſer Abgeſandte die verachtende Ant⸗ wort aufgenommen habe. Run wuͤnſcht Lenor, Macduff moͤge ſich entfernt halten, und ein Engel moͤge ihm nach England voraus fliegen, um ſeine Botſchaft und Bitte um Huͤlfe dem Koͤnige ſchon fruͤher vorzutragen.— Wir ſehn nachher, daß Edward ſchon fuͤr Malcolm geruͤſtet hat, bevor Macduff ankam, dieſer iſt eben erſt dort angelangt: will man alſo nicht annehmen, daß die Szene verſchoben iſt, und daß ſie nach der Hexenkuͤche einzulegen iſt, ſo iſt es ganz dem Drama Sh. entgegen, ſchon ſo früh Macduff in England ankommen zu laſſen. Es waͤre aber auch nicht zu begreifen, wie dieſe kleine, erläuternde Szene dort ihren Platz fin⸗ den koͤnnte, da Lenor ein Vertrauter Macheths iſt, der ihn zu je⸗ nen Edelleuten fuͤhren ſoll, die die Nachricht von Macduffs Flucht gebracht haben. Wie neu dieſe Flucht iſt, ſehn wir, daß der Ko⸗ nig in der Hoͤhle ſelbſt die galloppirenden Reiter erſt gehoͤrt hat, die die Rachricht bringen; auch die Lady Macduff ſpricht in der nächſtfolgenden Szene davon, wie von einem ganz friſchen Ereigniß. Kurz, ich finde keinen Zuſammenhang hier und habe mir erlaubt, die Reden anders einzutheilen und die Folge zu ändern. Können andre ſich mit der bisherigen Leſeweiſe vertragen, ſo will ich mit dieſen nicht ſtreiten, wenn ſie meine Zweifel und Eroͤrterungen fuͤr uͤberfluͤſſige Pedanterie erklaͤren. Es mag ſogar loͤblich ſeyn, wenn ſich die Bewunderer ſo von der Großmacht des Gedichtes ha⸗ ben bezaubern laſſen, daß ſie dieſe proſaiſche Zwiſchenſzene in be⸗ geiſterter Eile uͤberſehen haben. S. 321. Z. 8. v. o.—„fiel Macduff in Ungunſt.“— hier nach dem Macduff lives in disgrace— laſſe ich ſogleich, wie es auch am natuͤrlichſten iſt, wenn jener es nicht weiß, die Frage folgen:„Sandt' er zu Macduff hin?“ Sent he to Macduft? die in unſern Ausgaben ſich faſt am Schluß der Szene findet. Und eben ſo die Antwort unmittelbar Ja, doch mit einem kurzen„Herr, nicht ich,“ ſchickt er den finſtern Boten heim, the cloudy mes- senger turns me his back— das me, welches hier ganz pleona⸗ ſtiſch ſteht, hat mehr als einen Ueberſetzer irre gemacht; wir ſagen auch wohl in vertrauter Sprechweiſe: der und der, verdruͤßlich, kehrt mir den Ruͤcken, d. h. kehrt um;— wo das mir ſich eben⸗ falls gar nicht auf den Erzählenden ſelbſt bezicht. Der Lord, der Unbekannte, iſt dann der Fragende, und Lenor der Antwortende und Erzaͤhlende, was auch viel natuͤrlicher iſt, da Lenor eines gewiſſen Vertrauens bei Macbeth genießt. Der Lord wuͤnſcht nur, in den unmittelbar folgenden Verſen, daß es Macduff gelingen moͤge, ſich zu ſchuͤtzen. Jetzt habe ich freilich gewagt, die fruͤhere Frage, die in unſerm Tert ſich auf Macduff bezieht, Can Jou tefl, where he bestows himself, als eine Frage nach Malcolm zu erklären, und dieſen Namen einzuſchieben. Nun folgt ganz natuͤrlich, aber in Lenor Munde, die Erzählung von Malcolms Aufenthalt an Englands Hofe. Thither Macduft is gone, dahin iſt M. gegan⸗ E e 412 Anmerkungen gen, oder unterwegs, was ich im Text als Vorſatz, hinzugehn, gegeben habe, um die Widerſpruͤche nur etwas zu heben. Es iſt auch ſehr möglich, daß man hier leſen muß: thither Malcolm is gone, als fortgeſetzte Schilderung der vorigen Verſe. So gewaltſam dieſe Aenderungen auch ſeyn moͤgen, ſo iſt dem Text dieſer Szene doch nicht ganz aufzuhelfen, den ich fuͤr durch⸗ aus verdorben halten muß. S. 32. A. IV. Erſte Szene.— Die beſcheidene und einfache Einrichtung der Buͤhne in jener Zeit machte es moͤglich, da man nie zu viel und keine zufaͤllige, ſondern nur eine poetiſche Wahrheit verlangte, in der Hauptſache mehr zu thun, als wir bei unſern zu komplicirten Anſtalten vermoͤgen. Sh. verſchmaͤhte auch die ſinnlichen Eindruͤcke, wo ſie ſeinen Zwecken dienen konnten, kei⸗ nesweges. Er laͤßt in der Geſpenſterſzene des Hamlet den Hahn, der den Geiſt verſcheucht, wirklich krähen, woruͤber unſre nicht mehr getaͤuſchten Zuſchauer wahrſcheinlich lachen wuͤrden; dagegen malen wir mit gefärbten Lampen das anbrechende Morgenroth, welches man ſich beſſer denken kann und ſoll. Es iſt daher wahr⸗ ſcheinlich, daß hier in der innern kleinern Buͤhne, manches von dem, was Töne angeben ſoll, wirklich ſichtbar war, wie die Katen⸗ geiſter, die Igel und die Harpye des dritten Verſes, die freilich im Orig. Harpien gedruckt iſt, woraus die Edid. Hasper gemacht haben. Harpien iſt nur Druckfehler fuͤr Harpy,— ſelbſt in Marlowes Tamerlan iſt Harpy fehlerhaft Harper gedruckt. Was dieſer Harfner, harper, als Geiſt oder Kobold ſeyn und bedeuten koͤnnte, wenn man die Harpyen nicht zulaſſen will, iſt undeutlich. S. 323. Hecate und die andern Heren kommen. Zu einer beſonders feierlichen Verſammlung, in welcher ein bedeu⸗ tender Zauber eingerichtet wird. Geſang. Auch Geiſter von verſchiedenen Farben erſchienen nun auf den Zauberruf, und helfen beim Keſſel, damit die Er⸗ ſcheinungen möglich werden. Macbeth.—„Muͤßte ſelbſt Der Doppellichter Pracht und Ordnung wild Zuſammen taumeln, ja bis zur Vernichtung Erkranken,— Er beſchwoͤrt die Hexen, ſie ſollen ihm antworten, muͤßte ſelbſt das Heilloſe durch ihre Beſchwoͤrungen entſtehn: muͤßten gleich Tempel, Schifffahrt, Getreide und Wald zu Grunde gehn, die Schloͤſſer einſtuͤrzen, ja Sonne und Mond erkranken, und ſomit die Natur ſelbſt der Vernichtung nahe kommen. Die groͤßte Macht der Zauberer iſt immer die, daß ſie auch Sonne und Mond ver⸗ finſtern koͤnnen, und ſo verſtehe ich die allerdings dunkle Stelle — Though the treasure. Of Nature's Germaine tumble all together, Even till destruction sicken: Ich nehme an, daß germaine, oder germains, wie es wohl heißen muͤßte, in dem alten, ſehr ſelten im Engliſchen vorkommenden Sinn der Ge⸗ zum neunten Bande. 413 ſchwiſter, ſtatt der Verwandten gebraucht wird, und doch koͤnnten Sonne und Mond poetiſch auch die Verwandten, Verſchwiſterten der Natur genannt werden. Durch„Kraft und Ordnung der Doppellich⸗ ter“ habe ich the treasure of natures germains deutlich machen, gewiſ⸗ ſermaßen umſchreiben wollen. Im Timon(A. IV. Sz. 2.) ſagt Timon:— wert thou a leopard, thou wert german to the lion;— wo german eben ſo gut Bruder als Vetter heißen kann. Die Edit. machen aus dem unverſtaͤndlichen germaine germins, Sproſſen, Saat, Saamen, von germen, was eben ſo ſelten vorkommt. Aber als richtig angenommen, wollen ger- mins mit tumble all together nicht paſſen. Es iſt zu ta⸗ deln, daß Johnſon ohne weiteres das Wort in ſeinem Lexicon aufnimmt und ſich bei der Erklaͤrung auf dieſe Stelle im Macbeth bezieht, da germins hier doch nur eine Conjektur Theobalds iſt. Wenn Lear in ſeiner Wuth ausruft: Thunder— Cracke Nature's moulds, all germains spill at once That make uugrateful Man,— ſo iſt man hier faſt gezwungen, mit den Edit. das ſonderbare germins fuͤr germains einzuſchieben, weil der Zuſammenhang des Gedankens und Bildes hier den Saamen, die Saat, Keime, die den Menſchen bilden, fordern. Hier im Macbeth aber iſt es ganz anders. S. 325. Macheth.—„Aufruhr iſt todt, ſteigt nie u. ſ. w.“— Im Orig.: Rebellious dead,— wahrſcheinlich ein Druckfehler fuͤr Rebellion's dead:— die Editionen leſen Rebel- lious head. Der Keſſel verſinkt.— Die Prophezeihungen der Erſcheinungen waren doppelſinnig, albern und luͤgenhaft. Jetzt fordert Macbeth die Enthuͤllung der Zukunft und Wahrheit. Un⸗ gern gewaͤhren die Heren ſein Verlangen: aber ſie muͤſſen, ſo viele Gewalt hat er uͤber ſie. Aber täuſchen und luͤgen koͤnnen ſie auch nicht mehr, ihr Hexen⸗-Keſſel, alle Fratzen mit ihm, muͤſſen verſchwinden, um der lichten Wahrheit der ſchoͤnen Zu⸗ kunft Raum zu geben. S. 380. Dritte Szene.— Mit Macduff und Mal⸗ colm,— die jetzt mehr hervor treten, macht ſich auch eine klare dichteriſche Sprache geltend. Waren Macheths Reden bis jetzt dunkel und unverſtaͤndlich, ſo war es fieberhafter Wahnſinn und Seelenangſt, die ihm wunderſame Bilder und Redensarten, un⸗ zuſammeuhaͤngend, wie im Traum geſprochen, auf die Lippen legten. Aber alles toͤnte groß und tragiſch. Von jetzt iſt er, durch die aberwitzigen Zauberſpruͤche geſtimmt, mehr verruͤckt, als wahnſinnig, und Bilder, Sprache, ſelbſt wenn der Gedanke groß und erhaben iſt, huͤllen ſich faſt immer in gemeine Redens⸗ arten. Dieſer Abfall iſt ſehr merkwuͤrdig. Es kann hier fuͤr den Freund des Dichters dergleichen nur angedeutet werden: der Verſtaͤndige weiß auch Winke zu benutzen. Der Gleichguͤltige darf alles uͤberſehn. 41¹4 Anmerkungen Malcolm.—„Ich bin jung, doch naͤher Koͤnnt Ihr durch mich ihn pruͤfen.“ Nach der Leſeart des Orig.: I am Joung, but something Vou may discern of him trough me, Geſucht ausgedrückt, aber nicht ſo ganz unverſtaͤndlich, daß es noͤthig wäre, discern in deserve zu verändern. M. ſagt, Ihr koͤnnt durch mich ihn mehr unterſcheiden, kennen lernen, pruͤfen; indem ihr mich opfert, koͤnnt Ihr ihn verſoͤhnen, wenn er Euch zuͤrnt, ihn Euch verpflichten, ihn, wenn ihr ihm bis jetzt gleichguͤltig wart, zu euerm Freunde machen. Weſentlich iſt der Sinn derſelbe. Vielleicht waͤre es am beſten(und dieſer Meinung war ich fruͤher) zu leſen: I may discern of him through Jou. S. 331. Macduff.„Rechtmaͤßigkeit wagt nicht, dich anzugreifen. Im Orig.: The Title is afear'd. Da doch jeder wiſſen muß, daß aſeard hier geſchreckt heißt, wie ſo oft, muthlos, zagend, und Title der rechtmaͤßige Anſpruch, die Legitimitaͤt, ſo begreiſt man nicht, warum die Edit. dieſe Worte in das Gegentheil hinein erklaͤrt und emendirt haben: ſie beziehn alles auf Macbeth und deſſen Tyrannei, alſo: Tyrannei, lege deinen Grund feſt, ſey un⸗ gluͤcklich, Vaterland! Phy title(des Tyrannen) is affeer'd, deine Auctoritaͤt, Herrſchaft, iſt jetzt geſetzlich beſtaͤtigt. S. 336. Macduff.—„Er hat keine Kinder!“— Er, Malcolm, der ſo weislich ſpricht und ermahnt, ſo wie Con⸗ ſtanze in K. John den troͤſtenden Cardinal abweiſet. Manche haben dieſe natuͤrliche Schoͤnheit und Ergießung des Schmerzes in eine raffinirte verwandeln wollen: er, Macbeth hat keine Kinder, ich kann mich nicht ſo an ihm raͤchen, wie es ihm am empfind⸗ lichſten waͤre!— Geſucht und dem Dichter fremd. S. 340, letzte Zeile. Macb.„Daͤmpft Zweifel nicht und ſoll die Furcht nie regen.“ — the heart 1 bear, Shall never sagg with doubt, nor shake with fear. To sagg kommt nur ſelten vor: es iſt unſer deutſches Sacken, wenn ſich eine Maſſe, wie Geld im Beutel oder in einer Rolle durch Bewegung und leichten Stoß langſam nach un⸗ ten ſenkt. S. 341. Macbeth.—„mein Lebensweg Gerieth in's Duͤrre, in's verwelkte Laub. my way of life Is fall'n into the sear, the yellow leaf. Hier haben einige Erklaͤrer m, May of life leſen wollen, das Bild iſt aber von einer Reiſe, oder einem Spaziergang hergenom⸗ men, wo der Wandelnde ſich verirrt, und um ſich zurecht zu fin⸗ den, durch trocknes, duͤrres Laub wandeln muß. In einem zum neunten Bande. 41¹⁵ Buchenwalde iſt ſolch Wandern hoͤchſt truͤbſelig, und an etwas Aehnliches denkt hier Macheth. 8 S. 344. Macbeth.„Sie haͤtte ſpaͤter ſterben ſollen.“ Dieſer ſchoͤne, erſchuͤtternde Monolog, und durch ſeine Dunkelheit um ſo ſchoͤner, erfordert einige Erklaͤrung. Indem Mach. ſagt, die Koͤnigin haͤtte ein andres Mal ſterben koͤnnen, morgen oder uͤbermorgen u. ſ. w., ſcheint er mir nebenher an die fruͤheſten Leſeſtunden und den Unterricht des Knaben zu denken. To mor- row etc.— creeps in this petty pace from day to day; man muß faſt an den aufzeigenden Griffel im Schulbuch denken, der ſich im kleinen Schritt fort bewegt, to che last syllable, bis zur letzten Zeile, of recorded time,— recorded heißt nach den umſtaͤnden vielerlei, hier ſpricht ſich das naͤchſte aus, die ausge⸗ ſprochene, aufgeſagte(Schul-Ausdruck) der Zeit oder Gegenwart. Nach dieſer Erklaͤrung haben wir die Stelle etwas frei uͤberſetzt, um ſie deutlich zu machen.— unmittelbar faͤllt Macb. in neue Metaphern, um die Nichtigkeit des Lebens darzuſtellen. Einige meiner Erklaͤrungen hat Herr Kaufmann in ſeiner Ueberſetzung des Macbeth aufgenommen. W 4 So iſt dieſe Arbeit beſchloſſen, die mich ſeit Jahren täglich und faſt ſtuͤndlich beſchaͤftiget hat. Wenn Leſſing ſagt: ſeines Fleißes darf ſich jedermann ruͤhmen: ſo haben meine beiden fleißigen Mit⸗ arbeiter und ich auf das Wohlthaͤtige dieſes Wortes großen An⸗ ſpruch. Nur iſt der Fleiß ſelbſt von deſſen Reſultat und der Wir⸗ kung etwas ganz Verſchiedenes. Was man an unſrer Arbeit aus⸗ ſetzen kann, iſt gewiß nicht aus Nachlaͤſſigkeit oder Uebereilung entſtanden, oft brachten wir eine Stunde damit zu, drei oder vier Verſe einer ſchwierigen oder dunkeln Stelle in Ordnung zu richten, ſchufen und verwarfen unendlich viele Ausdruͤcke und Ver⸗ ſuche, wenn der Ueberſetzer ſchon auf ſeinem Zimmer laͤngſt vorher die Aufgabe von allen Seiten bedacht zu haben glaubte. Aber gerade bei einer Ueberſetzung kann dieſe muͤhevolle Anſtrengung ſchaͤdlich werden: und vollends eines Dichters, wie Shakſpear! Wo es die Hauptſache iſt, das unmittelbare Leben, den Tieſſinn, den fluͤchtigen Geiſt, den oft blendenden Witz und die uͤberzeu⸗ gende Wahrheit ſeiner Figuren, die ſich in jeder Rede meldet, wieder zu geben. So iſt es moͤglich, daß mancher, der den Text nicht ſo genau kennt, als wir ihn ſtudirt zu haben glauben, hie und da den Vers leichter machen, oder eine freiere Wendung fin⸗ den kann, ohne der Kraſt zu ſchaden, denn derjenige, der einem IX. 27 416 Anmerkungen gruͤndlichen Vorarbeiter folgt, hat den Vortheil, daß er das Muͤh⸗ ſelige ſchon abgethan findet, und er mit friſchem, unermuͤdetem Geiſt oft die Wendung leicht findet, die die Anſtrengung des Flei⸗ ßes verfehlt. Sehr oft haben die drei Mitarbeiter ſich vereiniget, um ge⸗ meinſam zu verbeſſern und den Ausdruck zu treffen. So nament⸗ lich beim Macbeth, Lear, Timon, Viel Lärmen um Nichts und manchem andern Schauſpiel. Von Liebesleid und Luſt hatte ich ſchon vor vielen Jahren einige Akte uberſetzt, und manches von dieſem fruͤhen Verſuche hat ſetzt noch gebraucht werden konnen; da wir, wenn ein Schauſpiel uͤbertragen war, erſt gemeinſam arbeiteten, ſo kann weder ich, noch einer meiner Freunde, jetzt herausfinden, was und wie viel mir an der Ueberſetzung gehoͤrt und zugeſchrieben werden konne. Nach der gruͤndlichen Schule, die wir Deutſchen in der Kunſt des ueberſetzens durchgemacht haben, nach allen dieſen Anſtrengun⸗ gen, Muſtern, Uebertreibungen und Kritiken wiſſen wir, ſo ſcheint es, weniger als je, wie man denn üͤberſeten muͤſſe. Manche Ar⸗ beiten großer Autoritaͤten haben es mit tiefſinnigem Fleiß dahin gebracht, daß vor genauer Woͤrtlichkeit Original und Copie ſich nicht mehr ähnlich ſehen. Vieles muß in jeder Ueberſetzung ver⸗ loren gehn, denn der aͤchte Schriftſteller lebt und dichtet ganz in ſeiner Sprache und wird eins mit ihr. Die Sprache ſelbſt iſt ein Individuum, das ſeinen Charakter, Geiſt, Laune, Gemuͤth und eigenthuͤmlichen Humor ausgebildet hat. Es kann alſo nur Sache des feinſten Taktes und des gebildeten Geſchmackes ſeyn, was der aͤchte ueberſetzer mit Bewußtſeyn aufgiebt, um das, was er als das Wahrſte, Nothwendigſte anerkennt, zu retten. Ein ſol⸗ cher ueberſetzer wird Kuͤnſtler und ſelbſt ſchaffender Autor, und ich weiß nicht, ob wir Deutſchen neben Wilh. v. Schlegel einen zweiten nennen koͤnnen, der ſo unbedingt als ein klaſſiſches Vor⸗ bild anzuſehn iſt, deſſen Ueberſetzungen ſich wie Original leſen. Hat er ſich in ſeinen Verdeutſchungen aus den Alten, den Italiaͤ⸗ nern und Spaniern als hoͤchſt vortrefflich erwieſen, ſo war ſeine Ueberſetzung der Werke des Shakeſpear noch mehr als ein Muſter anzuſehn. Der Einfluß, den dieſe Arbeiten meines beruͤhmten Freundes auf deutſche Sprache und Literatur ausgeuͤbt haben, iſt anerkannt und zeigt ſich ſelbſt dem Richtkenner deutlich. Dieſe Arbeit fortzuſetzen, war kein geringes Unternehmen. Ich hoffe, daß mein Freund, Graf Wolf von Baudiſſin, ſo wie jener juͤn⸗ gere Gehuͤlfe nicht unwuͤrdig neben jenem Auserwaͤhlten ſtehn. Dft hat, vorzuͤglich in heitern und witzigen Stellen, in Szenen des Humors und des gemeinen Lebens, um keine Lucke zu laſſen, Graf Baudiſſin mit Laune und geiſtreicher Willkuͤhr einen Scherz für den andern geſetzt: das that ſchon Wieland im Sommernachts⸗ Traum, eigentlich dem einzigen Stuͤck, was dieſer Autor wuͤrdig A 3 ₰ zum neunten Bande. 417 und mit Anſtrengung uͤbertragen hat⸗ Schlegel hat mehr wie einmal einen deutſchen Spaß ſtatt des Engliſchen gegeben, und dieſelbe Freiheit haben wir uns erlaubt. Die Woͤrtlichkeit mußte alſo oft aufgegeben werden. In manchen Schauſpielen auch hie und da, vorzuͤglich im Macheth, die jezt beliebte, gewiſſermaßen zum Geſetz gediehene Art, einen Vers genau mit einem Vers zu erwiedern. In der Sommer⸗ nacht, den Irrungen, oder Richard II. und Richard III., wo Harmonie, Melodie, oder jener tragiſche Parallelismus vorherr⸗ ſchen, welchen letztern Shakeſpear in ſeiner Jugend ſehr beguͤn⸗ ſtigte, und den er niemals ganz aufgab, iſt es fuͤr den Deutſchen nothwendig, eben ſo einzutheilen. Im Macheth, Lear, Winter⸗ mährchen weniger: beſonders wenn man ſich erſt durch die alten Original⸗Ausgaben unterrichtet, wie wilkuͤhrlich unſre Editoren, vorzuͤglich Steevens, die Verſe eingetheilt, hier Woͤrtchen hin⸗ weg gelaſſen, dort hinzugeſetzt haben. Denn der wahre drama⸗ tiſche Jambus, wie ihn vor allen andern Shakeſpear gebraucht, iſt noch wenig verſtanden worden. Es war meine Abſicht, hier noch eine kleine Abhandlung uͤber dieſen Gegenſtand einzuſchieben (wie ich auch in einem fruͤhern Bande ankuͤndigte), wenn nicht dieſe Noten ſchon zu vielen Platz einnaͤhmen. Die Arbeiten Schlegels ſind bekannt. Vom Grafen W. Bau⸗ diſſin ſind: Heinrich VIII., den er ſchon vor vielen Jahren her⸗ ausgegeben hatte, Viel Laͤrmen um Nichts, Antonius, Maaß fuͤr Maaß, die luſtigen Weiber, Othello, Lear, Titus Andronicus, die Widerſpenſtige, die Irrungen, Ende gut, und Troilus und Creſſida.— Dieſes letzte Werk, welches die groͤßten Schwierigkei⸗ ten anbietet, iſt mit beſonderm Fleiß gearbeitet, dieſes, ſo wie Lear, Ende gut, und Maaß fuͤr Maaß machte viele Studien und haͤufige Aenderungen nothwendig. Von Liebesleid und Luſt iſt in den Noten geſprochen. Mit welchem gruͤndlichen Fleiße Coriolan uͤbertragen iſt, wird der Kenner leicht unterſcheiden. Die beiden Veroneſer ſind darum ſchwierig, weil die leichte Fluͤchtigkeit, der ſchoͤne artige Witz dieſes Gedichtes faſt unmoͤglich wiederzugeben ſcheint. Der Ueberſetzer hat gewagt, und ſein Wagniß ſcheint mir gelungen. Timon bot durch ſeinen energiſchen Styl, durch den kyriſchen Zorn und die kecken Ueberſpruͤnge große Schwierigkeiten. Eben ſo, auf aͤhnliche Art das Wintermaͤhrchen. Cymbeline, durch die ſo bunte wech⸗ ſelnde Redeweiſe noch mehr: ich hoffe, der Ueberſetzer hat hier und noch mehr im Macbeth ſeinen Fleiß nicht ungluͤcklich angewendet. „ Die Anmerkungen ſind bald kürzer, bald umſtaͤndlicher, weil ich auf manches hindeuten wollen, was andre Erklaͤrer nicht erör⸗ 418 Anmerkungen zum neunten Bande. tert haben. Viele Zeilen ſind Kampf gegen die Editoren und ihre willkuͤhrliche Entſtellung des Tertes. Denjenigen, welchen der Dichter nicht bloß oberflaͤchlich bekannt iſt, werden ſie willkom⸗ men ſeyn. Der Kenner wird mit dieſen Noten ſo wie den Ueber⸗ ſetzungen ſelbſt, da er ermeſſen kann, was neu, was verbeſſert iſt, was ein redlicher Fleiß gethan hat, am meiſten Nachſicht haben. Und in dieſer Ueberzeugung uͤbergebe ich ihm und den Freunden des Dichters dieſe Arbeit, die mich ſeit Jahren beſchaͤftigt, ange⸗ ſtrengt und erfreut hat. Dresden, im November 1833. L. Dieck. — 9 9 60— 81 + S8 405 Druckfehler. 8. 19 v. o. ſtatt Johnſons lies Jonſons. — 20 v. u. ſt. angereitztl. angereizt. — 5 v. u. ſt. fie ſpricht l. ſie ſpricht. ſt. Humorſo l. Humor ſo. — 4 v. u. ſt. It hought l. I thought. ſt. den l. dem. — 21 v. u. ſt. Florentinernl. Florentiner. ſt. Veroneſer l. Veroneſern. — 8 v. v. ſt. twist l. twit. — 16 v. u. ſt. excllence l. excellence. o. ſt. grea'st l. great'st. u. ſt. hab l. hab'. ſ u. ſt. Hund' l. Hunde. o. ſt. Molone l. Malone. ſt. Falio l. Foliv. ſt. neyselfl. myself ſt. theavens l. heav ens. ſt. entretain l. entertain. ſt. nat l. not. ſt. oven l. Hover. ndſ. ſt. Iilthy l. filthy. ſi. verſchwanden l. verſchwinden. v. o. ſt. exennt l. exeunt. v. o. ſt. Königs l. Krieges. v. u. ſt. Wem l. Wenn. — 12 v. u. ſt. thurders l. thuuders. u. ſt. breuk l. break. — 24 v. u, iſt nach„bezaubert“ das Wort iie zu ſtreichen, — 20 v. u. ſt. feurs l. fears. o. ſt. heant l. leart. — 2 v. o. ſt. bethveen l. between. — 22 v. v. ſt. abſtanden l. entfernt waren. — 9 v. o. ſt. nach dem l. Euch denn. — 8 v. v. ſt. Jetzt nur l. Zetzt nun. ſi e 111 23 v. d. ſt. ihren l. ihnen. 23 v. v. nach„Scheiden“ iſt ein Comma hin⸗ zuzufuͤgen. 5 v. u. nach„Schreck“ iſt das Wort„erholt“ einzuſchalten. 3 v. u. am Ende der Zeile iſt ein Gedankenſtrich hinzuzufuͤgen. 19 v. v. nach„uͤberfluſſig iſt“ iſt ein Comma hinzuzufuͤgen. 22 v. v. ſt. Hasper i. Harper. 22 v. u. ſt. die andern l. drei andere. 1 23 v. u. ſt. Harpyenl, Harpye. 5 v. o. ſt. trough l. througl —— 3 1 9 6 8 9 10 11 12 13 14 15 16 . 2 8 p 8 .