Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4 —— — wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mrf. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„„ ê 5„§„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S ee e * S——— Shakspeare's dramatiſche Verke. Ueberſetzt Auguſt Wilhelm von Schlegel, ergänzt und erlaͤutert Ludwig Dieck. — Achter Theil. Die luſtigen Weiber von Windſor. Das Wintermährchen. Othello. König Lear⸗ Berlin, bey G. Reimer. 46 1 * Sir John Falſtaff. Fenton. Schaal, Friedensrichter. Schmächtig, Schaals Vetter. 7. Bürger von Windſor. Sir Hugh Evans, ein Walliſiſcher Pfarrer. Doctor Cajus. Der Wirth zum Hoſenbande. Bardolph. Piſtol. Nym. Robin, Falſtaffs Page. Wilhelm, des Herrn Page kleiner Sohn. Simpel, Schmächtigs Diener Rugby, Cajus Diener. Frau Page. Frau Fluth. Jungfer Anne Page. Frau Hurtig. Knechte des Herrn Fluth. Szene: Windſor und die umliegende Gegend. Erſt er A fz n8 E ſte Windſor. Straße. (Es treten auf Schaal, Schmächtig und Evans.) Schaal. Sir Hugh, keine Einrede weiter: das qualifizirt ſich fuͤr die Sternenkammer, und wenn er zwanzigmal Sir John Falſtaff wäre, ſo ſoll er nicht zum Narren haben Robert Schaal, Esquire,— Schmächt. In der Grafſchaft Gloſter, Friedensrichter, und coram,— Schaal. Ja, Vetter Schmaͤchtig, und custalorum. Schmaͤcht. Ja, und rotalorum dazu; und einen gebor⸗ nen Edelmann, Herr Pfarrer, der ſich armigero ſchreibt; auf jedem Schein, Verhaftsbefehl, Quittung oder Schuldbrief, armigero. Schaal. Freilich, ſo halt' ich's, und ſo hab' ich's allzeit gehalten dieſe dreihundert Jahr. Schmaͤcht. Alle ſeine Bescendenten, die ihm vorange⸗ gangen, habens ſo gehalten, und alle ſeine Ascendenten, die nach ihm kommen, koͤnnens auch ſo halten, ſie fuͤhren alle den ſilbernen Hecht und Leu, ſeparirt vom ſchwarzen Gatter im Wappen. Schaal. Das Gatter iſt uralt.— Evans. Tie ſilberne Läus paſſe ſich kuth fuͤr ten alten ſchwarzen Kater; ſchreitend nehme ſie ſich wohl aus; es ſeyn ertrauliche Creature mit dem Menſchen, und peteuten Liebe. 1* —— Die luſtigen Weiber A. I. Schaal. Hecht und Leu ſind der Trutz, das Gatter der Schutz. tiac. Ich koͤnnte mir noch mehr Quartiere an⸗ ſchaffen, Vetter. Schaal. Das könntet Ihr auch durch eine Vermählung. Evans. Woas wollt Ihr tann mit dem Mehl im Quar⸗ tier? Vermehlt Euch lieber in der Muͤhle.— Aber tas iſcht alles Eins. Wann Sir John ſich Unziemlichkeite keken Euch erlaupt hat, ſo kehore ich zur Kirche, und ſoll mirs lieb ſeyn, Euch Wohlkewogenheit zu erzeige und Concortanzen und Com⸗ penſationes zwiſchen Euch zu Stante zu pringe. Schaal. Der hohe Gerichtshof ſoll davon hören;*s iſt ein Scandal!— Evans. S iſcht nicht wohlkethan, daß der hohe Kekichts⸗ hof von einem Schkantal hoͤre;'s iſcht keine Furcht Kottes in einem Schkantal; der hohe Kerichtshof, ſeht Ihr, wird Luſt hape, zu vernehme von der Furcht Kottes, und nicht zu vernehme von einem Schkantal: laßt Euch tas zum Avis tiene. Schaal. Ha, bei meinem Leben! Wenn ich wieder jung wuͤrde, ſollte das Schwerdt es enden!— Evans. Viel peßer, wann Freunde tas Schwerdt ſeyn, und es enden: und ta kommt mir noch andrer Einfall in tie Ketanke, ter wann's kluckt, keteihliche Convenienzen mit ſich prinkt: ta iſcht Anne Page, was iſcht Tochter des Herrn Keorg Page, was iſcht artiges Fraͤuleinſchaft. Schmaͤcht. Jungfer Anne? die hat braune Haare, und ſpricht fein wie ein Frauenzimmer. Evans. S iſcht epen ſelpiges Perſonal, und krate ſo accurat, wie Ihrs praucht; und ſiepe hundert Pfund und Kolt und Silper wollen ihr der Kroßvater aufm Sterpepett (Kott ſchenke ihm einen verknuͤgten Auferſtaͤndniß) vermache, wann ſie capapel iſcht, und kann ſiepzehn Jahr hinter ſich pringe. Tarum waͤrs kuter Vorſchlag, wann wir abließe von unſer Wiſche Waſche, und intentirte ein Heurath zwiſchen jungen Herrn Apraham und Jungfer Anne Page. Schmächt. Hat ihr Großvater ihr ſiebenhundert Pfund vermacht? Evans. Ja, und ihr Vater pfuntirt ihr noch mehr Patzen. Schmaͤcht. Ich kenne das junge Frauenzimmer, ſie hat gute Gaben. 2 3 ——— Sz. 1. von Windſor. 5 Evans. Siepe hundert Pfund, und antre Erbproſpekten ſeyn kuthe Gabe. Schaal. Nun laßt uns zum ehrlichen Herrn Page gehn: iſt Falſtaff da? Evans. Soll ich Euch Luͤgen ſage? Ich verachte wann Einer lukt, wie ich verachte, wann Einer falſch iſcht, oder wann Einer nicht wahrhaftig iſcht. Der Ritter Sir John iſcht ta, und ich pitte Euch, laßt Euch rathen von Eure wahre Freunte. Ich will jetzt an tie Thur klopfe, wegen tem Herrn Page. He! Holla! Kott pehuͤte Euer Haus hier!— (Page kommt.). Page. Wer iſt da? Evans. Hier ſeyn Kottes Seken, und Euer Freund, und Friedensrichter Schaal: hier iſcht auch junger Herr Schmaäch⸗ tig, welcher Euch vielleicht noch antre Tinge zu perichte habe wird, wann die Sache ſich nach Euerm Kuſto anſtellt. Page. Ich bin erfreut, Euch wohl zu ſehn, meine ge⸗ n Herrn; ich danke Euch fuͤr mein Wildprett, Herr aal. Schaal. Herr Page, ich bin erfreut, Euch wohl zu ſehn; recht wohl bekomme es Euch, recht von Herzen wohl; ich wuͤnſchte, Euer Wildprett wäre beſſer geweſen; es war ſchlecht geſchoſ⸗ ſen.— Was macht denn die gute Frau Page? Ich bin Euch doch allzeit von Herzen ergeben, ja wahrhaftig, von ganzem Herzen. Leg⸗ Sir, ich danke Euch. Sir, ich danke Euch; bei Ja und Nein, das thue ich. Bez Sehr erfreut, Euch zu ſehn, lieber Junker Schmächtig. mächt. Was macht denn Euer gelber Windhund, Sir? Ich hörte ſagen, er ſey in Cotſale geſchlagen worden. Page. Es konnte nicht entſchieden werden. Schmaͤcht. Ihr wollts nur nicht Wort haben, Ihr wollts nicht Wort haben!— Schaal. Das will er nicht;'s iſt Eure Schuld,'s iſt Eure Schuld;*s iſt ein guter Hund. age. Ein Koͤter, Sir. haal. Sir,'s iſt ein guter Hund, und ein ſchoͤner Hund; kann man wohl mehr ſagen? Er iſt gut und er iſt ſchoͤn.— Iſt Sir John Falſtaff hier? Page. Sir, er iſt drinnen, und ich wuͤnſchte, ich könnte ein gutes Werk zwiſchen Euch ſtiften. Die luſtigen Weiber A. I. ans. Tas iſcht keſproche, wie frommer Chriſcht ſpreche ſollte. Schaal. Er hat mich beleidigt, Herr Page! age. Sir, das geſteht er auch gewiſſermaßen ein. chaal. Er hats eingeſtanden, und ich habe es ausge⸗ ſtanden; iſt das nicht wahr, Herr Page? Er hat mich belei⸗ digt, ja, das hat er; auf mein Wort das hat er: glaubt mirs, Robert Schaal, Esquire, verſichert er ſey beleidigt. Page. Hier kommt Sir John. (Es treten auf Sir John Falſta Bardol Nym C f nſhl⸗ ph Ny Falſt. Nun, Herr Schaal, Ihr wollt mich beim König verklagen? Schasl. Ritter, Ihr habt meine Leute gepruͤgelt, mein Wild erlegt, und mein Jagdhaus erhrochen!— Falſt. Aber doch Eures Förſters Tochter nicht gekußt? Ei was da! Darauf ſollt Ihr mir Antwort eben. 8 Falſt. Die Antwort ſollt Ihr gleich haben: ich habe das Alles gethan.— Das waͤre nun beantwortet. Schaal. Der Hof ſolls erfahren.— Falſt. Laßts lieber den Keller erfahren; im Hof wird man Euch auslachen. Evans. Pauca Verpa, Sir John; tann ich bin Einer, tem es vor pittern Worten kraut. Falſt. Kraut? Kraut und Ruͤben!— Schmaͤchtig, ich habe Euch den Kopf zerſchlagen; was kam dabei heraus? Schmächt. Dabei kam genug heraus, mein Seel, und das trage ich Euch auch noch nach, Euch und Euern lang⸗ fingrigen Schuften Bardolph, Nym und Piſtol. Sie ſchlepp⸗ ten mich in die Schenke, und machten mich beſoffen, und mauſten mir die Taſchen leer. Bard. Ihr ſchmahler Ziegenkäſe! Schmaͤcht. Schon gut. iſt. Was willſt du, Mephiſtophilus? chmaͤcht. Ja, ſchon gut. Nym. Blis, ſage ich; pauca, pauca; das iſt mein Humor. Schmächt. Wo iſt Simpel, mein Kerl? Wißt Ihrs nicht Vetter? Evans. Still, ich pitt Euch! Jetzt habt wohl Opacht: hier ſeyn zwei Schiedsrichter in tieſer Sachen, ſo viel ichs —— Sz. 1. von Windſor. pekreife; tas ſeyn Herr Page, videlicet Herr Page; und ſeyn ich ſelper, fidelicet ich ſelper; und tann ſeyn das tritte Part letztlich und peſchließlich mein Herr Wirth vom Hoſe⸗ pand. Page. Wir drei wollens anhoͤren, und unter ihnen aus⸗ machen. Evans. Sehr praf; ich will mirs notire in meiner Prief⸗ taſchen, und hernach wolle wir zur Procetur ſchreite, mit krößter Moͤklichkeit und Tiscretion. Piſt. Er tritt hervor, und leiht das Ohr. Evans. Der Teufel und ſeine Großmutter! Was vor Syntax ſeyn tas, er tritt hervor, und leiht tas Ohr? Ei, tas ſeyn Affectirunge. Falſt. Piſtol, haſt du Herrn Schmächtig ſeine Börſe gemauſt? Schmaͤcht. Ja, bei dieſen Handſchuhen, das hat er, oder ich will mein Lebtage nicht wieder auf meine große Stube kommen! Sieben Grot in alter Muͤnze, und zwei Peilken⸗ thaler von König Eduard her, die mir drittehalb Schillinge ta i bei Jochen Miller gekoſtet haben, bei dieſen Hand⸗ ſchuhen!— Falſt. Thatſt du das wahrhaftig, Piſtol? Evans. Nein, tas iſcht nicht wahrhaftig kethan, wann er Pörſen mauſt. Piſt. Ha, du Gebirgsfremdling! Sir John und Goͤnner mein, Ich kämpf Cartel auf dieſes Blechrapier. Verlaͤugnungswort in deine Labras dir! Verläugnungswort dir: Hef' und Schaum, du luͤgſt! Schmaͤcht. Bei dieſen Handſchuhen, dann war Er's. Nim. Merkt auf Avis, und laßt guten Humor gelten! Ich werde rufen: in der eignen Grube attrapirt, wenn Ihr Euren Nußknackerhumor auf mich loslaßt; das iſt die wahre Notiz davon. Schmaͤcht. Bei dieſem Hut, ſo iſts der mit dem rothen Geſicht geweſen; denn wenn ich mich auch nicht recht mehr beſinnen kann, was ich that, als Ihr mich betrunken machtet, ſo bin ich doch nicht ganz und gar ein Eſel. Falſt. Was ſagt Ihr dazu, Scharlach und Hans? Bard. Nun, was mich betrifft, Herr, ich ſage, der junge Herr hatte ſich von ſeinen fuͤnf Suͤnden getrunken. 2 8 Die luſtigen Weiber A. I. en Funf Sinne muͤſſt Ihr ſagen; pfui, uͤber ſolche gnoranz! Bard. Und als er caput war, Sir, da ward er, wie wir zu ſprechen pflegen, auscaſſirt; und ſeine Coneluſionen gingen mit ihm durch die Lappen. chmächt. Ja, lateiniſch ſpracht Ihr damals auch, aber das iſt alles Eins; ſo lange ich lebe, will ich mich nicht wie⸗ der beſaufen, als in ehrlicher, hoͤflicher, gottesfuͤrchtiger Ge⸗ ſellſchaft, weil mir das paſſirt iſt; und wo ich mich einmal wieder beſaufe, da will ichs mit ſolchen thun, die da Gottes⸗ furcht haben, und nicht mit verſoffnen Schelmen. So wahr Kott helfe, tas iſcht ein tugendhaftes ind. alſt. Ihr hort, wie man das alles laugnet, meine Herrn; Ihr hoͤrt es. (Jungfer Anne Page kommt mit Wein; Frau Fluth und Frau Page.) ae Nein, Tochter, trag den Wein ins Haus, wir wollen drinnen trinken. (Anne Page geht.) Schmaͤcht. O Himmel! das iſt Jungfer Anne Page!— Page. Wie gehts, Frau Fluth?— Falſt. Frau Fluth, bei meiner Treu, Ihr kommt recht zur guten Stunde: mit Eurer Erlaubnß, liebe Frau! Cer küßt ſie.) Page. Frau, heiß dieſe Herrn willkommen:— kommt, wir haben eine warme Wildpaſtete zu Mittag; kommt, Ihr Herrn, ich hoffe, wir laſſen allen Mißmuth im Glaſe. (Sie gehn hinein; Schaal, Schmächtig und Evans bleiben.) Schmaächt. Ich wollte vierzig Schillinge drum geben, wenn ich mein Buch mit Liedern und Sonetten hier haͤtte. (Simpel kommt.) Na, Simpel, wo haſt du geſteckt? ich ſoll mir wohl ſelbſt aufwarten, ſag einmal? Haſt du vielleicht das Räthſelbuch bei dir, haſt du's? Simp. Das Räthſelbuch? Ei, habt Ihrs nicht der Elſe Kleinſemmel geliehen, auf letzten Allerheiligen, vierzehn Tage vor Michaelis? Schaal. Kommt, Vetter, kommt Vetter, wir warten auf Euch. Ein Wort mit Euch, Vetter; hort einmal an, Vet⸗ ter; es iſt gleichſam ein Antrag, eine Art von Antrag im — — „ ——— A. 1. von Windſor. 9 Werk, der von fernher von unſerm Sr Hugh ausgeht; ver⸗ ſteht Ihr mich?— Schmaͤcht. Ja, Herr, Ihr ſollt mich vernuͤnftig finden; wenn das iſt, werde ich thun, was vernuͤnftig iſt. Schaal. Nein, verſteht nur erſt. Schmaͤcht. Das thue ich auch, Sir. Evans. Kebt ſeiner Motion Kehör, Junker Schmächtig, ich werte Euch tie Sache peſchreiplich mache, wann Ihr die Capacitaͤt dazu peſitzt. Schmächt. Nein, ich werde es machen wie mein Vetter Schaal ſagt, nehmt mirs nicht vor ungut; denn fuͤr mein beſcheiden Theil iſt er Friedensrichter in der Grafſchaft, ſeht Ihr. Evans. Aber tavon ſeyn nicht die Rete; tie Rete ſeyn in Petreff Eurer Heurath. Schaal. Ja, das iſt der Punct, Sir. Evans. Ja, mein Seel, tas ſeyn es auch; ter kanz eigentliche Punct; und mit Junkfer Anne Page. chmaͤcht. Ja, wenn das iſt,— die will ich heirathen, auf irgend vernuͤnftige Bedingungen. Evans. Aber könnt Ihr auch Affectionirungen ſpuͤren fuͤr das Frauenzimmer? Laßt mich tas in Erfahrung pringen, aus Euerm Mund, oder aus Euern Lippen: tann unterſchied⸗ liche Philoſophe pehaupte, die Lippe formire kewißermaßen Peſtandtheil des Mundes: Teshalp alſo präcis: könnt Ihr tieſem Maͤdchen Eure Neigung zuwerfen?— Vetter Abraham Schmächtig, könnt Ihr ſie ieben? Schmaͤcht. Ich hoffe, Vetter, ich werde es zu Stande bringen, wie es ſich fuͤr einen ſchickt, der gern nach der Ver⸗ nunft zu Werke geht. Evans. Ei, Kotts Erzengel und Holzengel! Ihr muͤßt wie ein Poſitif ſprechen: könnt Ihrs tahin fur ſie pringe, taß Ihr Euer Verlangen auf ſie werft? chaal. Das muͤßt Ihr. Wollt Ihr ſie mit einer guten Ausſteuer heirathen? Schmaͤcht. Wenn Ihr mirs vorſtellt, Vetter, könnt Ihr mich zu noch viel groͤßern Dingen bringen, wenn ſie nur halbwege grundlos ſind. Schaal. Nein, verſteht mich recht, verſteht mich recht, mein engliſcher Vetter: was ich thue iſt nur Euch zu Gefal⸗ len, Vetter: könnt Ihr das Mädchen lieben?— Schmaͤcht. Ich will ſie heirathen, Sir, wenn Ihrs ver⸗ ——.*— 10 Die luſtigen Weiber A. I. langk, und wenn ſich dann auch anfaͤnglich keine große Liebe einfindet, ſo wird der Himmel ſie ſchon bei näherer Bekannt⸗ ſchaft diminuiren laſſen, wenn wir erſt Mann und Frau ſind, und mehr Gelegenheit haben, uns einander kennen zu lernen. Ich hoffe, mit der Vertraulichkeit wird ſich auch die Geringſchätzung einſtellen. Wenn Ihr mir aber ſagt, hei⸗ rathe ſie: ſo heirathe ich ſie; dazu bin ich vollig diſſolvirt, und ganz diſſolut. Evans. Tas iſcht kanz uͤberkelegte Antwort, pis auf ten Schnitzer im Peiwort tifſolut: das Peiwort heißt nach unſerm Peduͤnke: reſolut: allein tie Meinung iſcht kuth. Schaal. Freilich, ich denke, der Vetter meint es gut. Schmaͤcht. Ja, wahrhaftig, ſonſt wollte ich mich eben ſo gern haͤngen laſſen. (Anne Page kommt wieder.) Schaal. Da kommt die ſchöne Jungfer Anne: ich wollb, ich wäre noch jung um Euretwillen, Jungfer Anne!— Anne. Das Eſſen ſteht auf dem Tiſch; mein Vater bit⸗ tet um Euer Geſtrengen Geſellſchaft. Schaal. Ich werde ihm aufwarten, ſchöne Jungfer Anne! Evans. Kotts hejliges Kepot! Ich tarf nicht auspleipen, wanns zum Kratias keht. (Schaal und Evans gehn hinein.) Anna. Wollen Euer Geſtrengen nicht hineinkommen? Schmacht. Nein, ich bedanke mich recht ſchönſtens, mein Seel, ich bin ſehr wohl ſo. Anne. Das Eſſen wartet auf Euch, Junker. Schmächt. Ich bin nicht hungrig, ich bedanke mich mei⸗ ner Seel. Geh, Kerl, obgieich du eigentlich mein Bedienter biſt, geh und warte meinem Vetter Schaal auf.(Simpel geht ab.) Ein Friedensrichter kann ſchon einmal ſeinem Freunde Dank wiſſen fuͤr einen Bedienten.— Ich halte jetzt nur drei Kerls und einen Jungen, bis meine Mutter todt ſeyn wird; aber was thuts? ich lebe doch wie ein armer geborner Edelmann. Anne. Ich darf nicht ohne Euer Geſtrengen hineinkom⸗ men, ſie werden ſich nicht ſetzen, bis Ihr kommt. Schmaͤcht. Meiner Treu, ich eſſe doch nichts; ich dank Euch eben ſo als hätt' ichs genoſſen. * S n iſe 1 Anne. Bitt Euch, Junker, ſpaziert doch hinein. Schmaͤcht. Ich ſpaziere lieber hier draußen, ich danke ch: ich ward neulich am Schienbein getroffen, als ich mit dem Oberfechtmeiſter auf Degen und Dolch rappirte, drei Gaͤnge um eine Schuſſel geſchmorte Pflaumen: und auf Ehre, ich kann ſeitdem den Geruch von warmem Eſſen nicht aus⸗ Warum bellen Eure Hunde ſo? Sind Bären in der tadt?— Anne. Ich glaube ja, Sir; ich hoͤrte davon reden. 3 Schmächt. Die Bärenhetze iſt mein Leibſpaß; aber ich gerathe ſo ſchnell daruͤber in Händel, als Jemand in Eng⸗ land. Ihr furchtet Euch wohl vor dem Bären, wenn Ihr ihn los ſeht? nicht wahr? Anne. Ja freilich, Junker. Schmaͤcht. Das iſt nun Eſſen und Trinken fuͤr mich, ſeht Ihr: den Sackerſon habe ich wohl zwanzigmal los ge⸗ ſehn, und habe ihn bei der Kette angefaßt; aber das muß wahr ſeyn, die Weiber haben ſo gequiekt und geſchrieen, daß es eine Art hatte: aber die Weiber können ſie uͤberhaupt nicht ausſtehn; es ſind recht garſtige rauhe Dinger. WPage kommt wieder.) peg⸗ Kommt, lieber Junker Schmaͤchtig, wir warten auf Eüch. Schmaͤcht. Ich mag nicht eſſen; ich dank Euch, Herr. Sb Ei was Tauſend, Ihr mußtz kommt, Junker. macht. Nun, ſo bitt' ich Euch, geht voran. age. Nur zu, Junker. Schmacht. Jungfer Anne, Ihr müßt voran gehn. Anne. Nicht doch, Junker, ich bitte Euch, geht nur. Schmaͤcht. Gewiß und wahrhaftig, ich will nicht voran⸗ gehn, nein wahrhaftig, ich will Euch nicht ſo zu nah thun. Ahne. Ich bitte ſehr! chmaͤcht. So will ich denn lieber unhöflich als beſchwer⸗ lich ſeyn; Ihr thut Euch ſelbſt zu nah, wahrhaftig!— (Sie gehn hinein.) Die luſtigen Weiber 5 w e Sene Ebendaſelbſt. (Evans und Simpel treten auf.) — Evans. Nun keh, und frag den Wek aus nach Toctor Cajus Haus, frag ſein Haus wo der Wek keht; und tort wohnt kewiſſe Frau Hurtig, welche kleichſam ſeine Amme iſcht, oder ſeine Wartfrau, oder ſeine Köchin, oder ſeine Wäſcherin, ſeine Seiferin und ſeine Spuͤlerin. Simp. Gut, Herr. Evans. Nein, es kommt noch peſſer: kiep ihr tieſen Prief; tann tieſe Frau iſcht kar kenaue Pekanntſchaft mit Jungfer Anne Page; und ter Prief iſcht, ſie zu pitten und requiriren teines Herrn Anliegen pei ter Jungfer Anne Page auszurichten. Ich pitte tich, keh: ich muß jetzt mit der Mahl⸗ zeit Ende machenz es komme noch Aepfel und Kaͤſe. (Sie gehn zu verſchiednen Seiten ab.) — Dtitte Sz ene. Zimmer im Gaſthofe zum Hoſenbande. (Falſtaff, der Wirth, Bardolph, Nym, Piſtol und 6 Robin.) 7 Falſtaff. Mein Wirth vom Hoſenbande,— Was ſagt mein Rodomont? Sprich gelahrt und weislich. Falſt. Wahrhaftig, mein Wirth, ich muß Einige von meinem Gefolge abſchaffen. Wirth. Laß fahren, Roland Hercules; dank ab; laß ſie traben; marſch! marſch!— Falſt. 36 brauche zehn Pfund die Woche!— Werth. Du biſt ein Imperator und Dietator, ein Kaiſer — Sz. 3. von Windſor. 13 und ein Weiſer: Ich will den Bardolph nehmen, er ſoll trich⸗ tern und zapfen. Sprach ich ſo recht, mein Roland Hector? Falſt. Thu das, mein guter Wirth. Wirth. Ich habe geſprochen; laß ihn mitgehn. Laß mich dich ſchaͤumen und leimen ſehn. Ein Wort, ein Mannt Komm mit!—(geht ab.) Falſt. Bardolph, geh mit ihm.— Ein Bierzapf iſt ein gutes Gewerbe, ein alter Mantel giebt ein neues Wamms, 3 ein verwelkter Lakei einen friſchen Zapfer. Geh! Leb wohl! Bard. S iſt ein Leben wie ich mirs gewuͤnſcht habe: ich werde ſchon fortkommen.(geht ab.) Piſt. O ſchnoͤd' hungar'ſcher Wicht! Willſt du den Zapfen ſchwingen? Nym. Er wurde im Trunk erzeugt: iſt das nicht ein ingeſſeſchter Humor?— Falſt. Ich bin froh, daß ich die Zunderbüchſe ſo los ge⸗ worden bin; ſeine Diebereien waren zu offenbar; ſein Mauſen war wie ein ungeſchickter Saͤnger, er hielt kein Tempo. t n Der rechte Humor iſt, im wahren Monument zu ehlen. Piſt. Aneignen nennt es der Gebildete:— Stehlen? o pfui!»ne Feige fuͤr die Phraſe!— Ja, Ihr Herrn; ich fange an auf die Neige zu gerathen. piſt. Kein Wunder, daß du dick und trube wardſt. Falſt. S iſt keine Huͤlfe; ich muß mein Gluͤck verbeſſern, ich muß Kuͤnſte erſinnen. Piſt. Der junge Rabe ſchreit nach Fraß. Falſt. Wer von Euch kennt Fluth in dieſer Stadt? piſt. Den Wicht kenn' ich: gut iſt er von Gehalt. Falſt. Meine ehrlichen Jungen, ich will Euch ſagen, was mir vorſchwebt. Piſt. Ein Wanſt von hundert Pfund. Falſt. Keine Wortſpiele, Piſtol! Allerdings hat mein Wanſt es weit in der Dicke gebracht; aber hier iſt die Rede nicht von Wänſten, ſondern von Gewinnſten, nicht von Bicke, ſondern von Tuͤcke. Mit Einem Wort, ich habe im Sinn einen Liebeshandel mit der Frau Fluth anzufangen; ich wittre Unterhaltung bei ihr: ſie discurirt, ſie kommt ent egen, ſie ſchielt mit dem Seitenblick der Auffordrung: ich conſtruire mir die Wendungen ihres vertraulichen Styls, und die ſchwierigſte 14 Die luſtigen Weiber 2. I. Paſſage ihres Betragens in reines Engliſch uͤberſetzt, lautet: ich bin Sir John Falſtaffs. Piſt. Er hat ihr Vorhaben ſtudirt, und dann verſirt; aus der Sprache der Zuͤchtigkeit ins Engliſche. Nym. Der Anker iſt tief: ſoll dieſer Humor gelten? Falſt. Nun, das Geruͤcht ſagt, daß ſie den Knopf auf . Mannes Beutel regiert; er beſitzt ein Regiment von ngeln. Piſt. Nimm gleichviel Teufel dir in Sold, und auf ſie los, mein Sohn!— SEn Der Humor ſteigt; recht gut, humoriſirt mir dieſe ngel!— Falſt. Ich habe hier einen Brief an ſie geſchrieben, und hier einen zweiten an Page's Frau, die mir jett eben gleich⸗ falls verliebte Augen zuwarf, und meine Statur mit hoͤchſt kritiſchen Blicken muſterte. Zuweilen vergoldete der Strahl meinen Fuß, und zuweilen meinen ſtattlichen auch. Piſt. So ſchien die Sonn' auf einen Duͤngerhaufen! Nym. Ich danke dir fuͤr den Humor. Falſt. O, ſie uͤberlief meine Außenſeite mit ſo gieriger Aufmerkſamkeit, daß das Verlangen ihres Auges mich zu verſengen drohte wie ein Brennglas. Hier iſt auch ein Brief fur dieſe; ſie fuͤhrt gleichfalls die Boͤrſe; ſie iſt eine Kuͤſte von Guiana, ganz Gold und Fuͤlle. Dieſe beiden ſollen meine Schaͤtze werden, und ich will ſie brandſchatzen; ſie ſollen mein Oſt⸗ und Weſtindien ſeyn, und ich will nach Beiden Handel treiben. Geh, trag du dieſen Brief an Frau Page, und du jenen an Frau Fluth: unſer Weizen bluͤht, Kinder, unſer Weizen bluͤht. Piſt. Soll ich Herr Pandarus von Troja werden, Die Seite ſtahlbewehrt? dann, Lucifer, hohl' alles! Mym. Ich will keinen ſchofeln Humor ausſpielen; da, den Humorsbrief wieder; ich will das Decorum mani⸗ feſtiren. Falſt.(zu Robin.) Hoͤr, Kleiner, trag' die Briefe mir geſchickt; Segl' als mein Frachtſchiff zu den goldnen Kuͤſten. Ihr Schurken fort! Zergeht wie Schloßen, lauft, Trabt, plackt Cuch, ruͤhrt die Ferſen, ſucht Euch Schutz;— Falſtaff lernt jetzt franzoͤſiſche Manier Nach neuſter Art: ich, und mein Page hier. Galſtaff und Robin ab.) 2*——— Ah WViir ſchwellt der Sack von Dreiern, wenn du darbſt, von Windſor. 15 pl. Die Geier packen dein Gedaͤrm, denn Wuͤrfel falſch, b Sechs und Aß hilft durch, prellt Reich und Arm. 3 Du phryg'ſcher niedertraͤcht'ger Turke du! 4 Nym. Ich habe Operationen im Kopf, die der Humor der Rache ſind. Piſt. Willſt Rache? 6. Nym. Ja, beim Firmament und ſeinem Stern! Piſt. Mit Witz? mit Stahl? Nym. Mit beiderlei Humoren ich; Dem Page bedeut' ich dieſer Liebsanſtalt Humor!— Piſt. Und Fluth von mir die Kund' erhaͤlt, 3 Wie Falſtaff, ſchnoͤder Knecht, Die Taub' ihm raubt, ums Geld ihn prellt, Und kraͤnkt ſein Ehbett aͤcht. Nym. Mein Humor ſoll nicht abkuͤhlen: ich will Page zu Giftgedanken irritiren: ich will ihn mit Gelbſucht durch⸗ gluͤhen, denn die Explauſion der Mine iſt furchthar: das iſt mein wahrer Humor. Piſt. Du biſt der Mars der Malcontenten, ich ſtehe dir bei. Marſch, fort! Cſie gehn ab.) i e 1 Im Hauſe des Doctor Cajus. (Frau Hurtig, Simpel und John Rugby treten auf.) Frau Zurtig. He, John Rugby! Sey ſo gut, geh ans Fenſter, und ſieh, ob du meinen Herrn kommen ſiehſt, Herrn Doctor Cajus: wenn er kommt, und findet Jemand im Hauſe, ſo wird er des lieben Gottes Geduld und des Koͤnigs Engliſch einmal wieder ſchoͤn zurichten. Rugb. Ich will gehn und aufpaſſen. (Rugby ab.) Fr. Zurt. Geh; wir wollen auch einen Nachttrunk da⸗ fuͤr zuſammenbrauen, wenns mit dem Steinkohlenfeuer zu 16 Die luſtigen Weiber A. I. Ende geht.— Ein ehrlicher, wiliger, guter Burſch, wie nur je einer einen Dienſtboten im Hauſe verlangen kann; und das muß ich ſagen, kein Plappermaul, und kein Haͤn⸗ delmacher; ſein ſchlimmſter Fehler iſt, daß er ſo erpicht aufs Beten iſt; in dem Stuͤck iſt er ein bischen wunderlich; aber wir haben alle unſre Fehler.— Nun, das mag ſo hingehn.— Peter Simpel, ſagt Ihr, iſt Euer Name? Simp. Ja, in Ermanglung eines beſſern. Fr. Zurt. Und Herr Schmächtig iſt Euer Herr? Simp. Ja, meiner Treu. Fr. Zurt. Traͤgt er nicht einen großen runden Bart, wie eines Handſchuhmachers Schabmeſſer? Simp. Ei bewahre, er hat nur ſo ein kleines duͤnnes Geſichtchen, mit einem kleinen gelben Bart; ein zimmtfarb'⸗ nes Baͤrtchen. 6 Zurtig. Ein friedfertiger, tranquiler Mann, nicht wahr? Simp. Ja, das iſt er: aber dabei iſt er mit ſeinen Fau⸗ ſten ſo bei der Hand, als nur irgend Einer zwiſchen ſeinem und meinem Kopf: er hat ſich einmal mit einem Flurſchuͤtzen gepruͤgelt. Fr. Zurt. Was Ihr ſagt! Ach, nun beſinne ich mich auf ihn: Wirft er die Naſe nicht, ſo zu ſagen, in die Luft?— und ſtapft, wenn er geht? imp. Ja, mein Seel, das thut er. Fr. Zurtig. Nun, der Himmel beſchere Annchen kein ſchlimmetes Gluͤck. Sagt dem Herrn Pfarrer Evans, ich werde für ſeinen Herrn thun, was ich kann; Anne iſt ein gutes Maͤdchen, und ich wuͤnſche,— (Rugby kommt wieder.) Rugby. Ach, Herr Je! da kommt mein Herr!— Fr. Zurt. Nun wird es uber uns alle hergehn. Lauft hier hinein, lieber junger Menſch, geht in dies Cabinett. (ſie ſchiebt Simpel ins Cabinett.) Er wird nicht lange bleiben.— He, John Rugby! John! he, John, ſag' ich! Geh, John, und frage nach deinem 3 Herrn: ich furchte, es iſt ihm was zugeſtoßen, daß er nicht heimkommt.(ſingt.) Trallbaldera! tralldaldera!— (Doctor Cajus kommt.) Caj. Was ſingen Ihr da? Je nik lieben ſolken Poß: ik bitten, geht, und»ohlen mik in meine Cabinet un boitier Sz 4. von Windſor. 17 verd, einen Büchs, einen grunen Büchs: Entendez Vous? Caj. Ouf, ouf, ouf, ouf! ma foi, il fait fort chaud. Je m'en vais A la Cour la grande affaire. Fr. Zurt. Gurückkommend.) Iſts dieſe, Herr Doctor? Caj. Oui, mettez le in mein Taſchen, depéchez, urtig. Wo ſtc die Schelm, Rugby? S Fr. Zurt. He, John Rugby! John! Rugby. Hier! hier! 2 Caj. Ihr ſeyn John Rugby, und Ihr ſeyn Ans Ru by: kommt, nehmt das Degen, und folgen mir nak auf die 35 nak Ofe. RKugby. Ich habe ihn bei der Hand, Herr, hier im Vorſaal. Caj. Bei mein' Ehre, ik ſogern ſu lang. Mortdien, qu'ai je oublic! Da ſeyn gewiſſe Simple in mein Cabi⸗ nett, das ik nik wollt laſſen da fuͤr die Welt. Fr. vurt. O weh, nun wird er den jungen Menſchen dort finden, und raſend werden. Caj. Cöffnet das Cabinett.) Oh diable! diable! was ſeyn ier in mein Cabinett? Spitzenbub, Larron; Rugby, meine Degen!— Cer führt Simpel aus dem Cabinett.) Fr. Burt. Beſter Herr, gebt Euch zufrieden. Caj. Und weswegen ſoll ik mir geben ſufrieden? heim? Fr. Zurt. Der junge Menſch iſt ein ehrlicher Menſch. Caj. Was'at der hehrlik Menſch ſu thun in mein Ca⸗ binett? da is keine hehrlik Menſch, das ſoll kommen in mein Cabinett. Fr. Zurt. Ich bitte Euch, ſeyd nicht ſo phlegmatiſch hort nur das Wahre von der Sache. Er kam, und brachte mir einen Auftrag vom Pfarrer Evans. Simp. Ja, du lieber Gott, um ſie zu erſuchen, daß— Fr. Surt. Still doch, ich bitte Euch!— Caj. Still ſeyn Ihr mit Eure Sung;— ſprecken Ihr weiter Eure commission. Simp. Um dieſe ehrliche Frauensperſon Eure Jungfer zu S daß ſie ein gut Wort bei der Jungfer Nnne Page 2 — 18 Die luſtigen Weiber. A.. fuͤr meinen Herrn einlegte, um die Heirath richtig zu machen. Fr Zurt. Das iſt alles, wahrhaftig; ja, aber ich werde meine Finger nicht ins Feuer ſtecken, ich brauche das nicht. CLaj. Der Pasteur Hevans aben Euk geſchickt? Rugby, baillez moi hetwas Papier; Ihr warten'ier ein bisken. Fr. Zurt. Ich bin froh, daß er ſo ruhig iſt; wenn er recht durch und durch in Aufruhr gekommen wäre, da haͤttet Ihr ihn einmal recht laut und melancholiſch ſehn ſollen. Aber mit alle dem, mein Freund, will ich fuͤr Euern Herrn thun, was ich nur kann, und das wahre Ja und Nein iſt, daß der franzoͤſiſche Doctor, mein Herr,— ich kann ihn ſchon meinen Herrn nennen, ſeht Ihr, benn ich fuͤhre ihm ſeine Wirthſchaft, und ich waſche, ſpuͤle, braue, backe, ſcheure, koche ihm Eſſen und Trinken, mache die Bet⸗ ten, und thue alles ſelbſt. Simp. S iſt eine große Laſt, wenn man unter fremde Haͤnde kommt. Fr. Zurt. Wißt Ihr das auch ſchon? Ja wahrhaftig, eine tuͤchtige Laſt, und dabei fruͤh aufſeyn, und ſpät zu Bett;— aber mit alle dem,(ich ſage Euch das ins Ohr, ich möchte nicht viel Gerede davon haben)— mein Herr iſt felbſt verliebt in Jungfer Anne Page;— aber mit alle dem,— ich weiß, wie Annchen denkt; es iſt weder hier noch dort was. Caj. Du»Ans Aff: gieb dieſen Billet an Pasteur ugo; pardieu, es ſeyn eine erausforderung; ik will ihm habſnei⸗ den ſeinen Kehl in die Thierkart'; und ik will lehren ſo eine aſenfuß von Prieſt'r, ſik fu melir' und ſu miſche. Du kannſt dir packen; es ſeyn nik gut, daß du'ier bleiben. Pardien, ik will ihm habſneiden halle ſein ſwei Stein, pardieu! Er ſoll nik behalt eine Stein ſu ſmeiße nak ſeine'und (Simpel geht ab.) Fr. Zurt. Ach lieber Himmel, er ſpricht ja nur fuͤr ſei⸗ nen Freund! Caj. Das thute nir ſur Sak!»aben Ihr nik geſagt, daß ik ſoll»aben Anne Page vor mir ſelbſt? Pardien, ik will todtmaken die»Ans Prieſt'r und ik'aben beſtellt meine Wirth de la Jarretiére ſu meß unſre Waff:— Pardien! ik will ſelber'aben Anne Page. „ 1 Sz. 4. von Windſor. 19 Fr. Zurt. Herr, das Mädchen liebt Euch, und alles wrird gut gehn. Wir muͤſſen die Leute reden laſſen, was zum de Element! Caj. Rugby, komm mit mik an die'of. Pardien, wenn ik nik kriegen Anne Page, ik ſmeißen Eure Kop aus den 'aus: folgen mir auf mein Fuß, Rugby. (Dr. Cajus und Rugby ab.) n Fr. Zurt. Anne lange Naſe ſollt Ihr kriegen!— Nein, a darin weiß ich, wie Annchen denkt: keine Frau in Windſor n weiß beſſer wie Annchen denkt, als ich, oder kann mehr mit n ihr aufſtellen, Gott ſey Dank!— d Fent.(draußen.) Iſt Jemand drinnen? he? h Fr. Zurt. Wer muß nur da ſeyn? Kommt doch näher! Nur herein!— .(Fenton tritt auf.) Fent. Nun, liebe Frau, wie gehts? Fr. Burt. Deſto beſſer, weil Euer Gnaden beliebt da⸗ nach zu fragen. Fent. Was giebts Neues? Was macht die huͤbſche Jung⸗ fer Anne? Fr. Zurt. Ja, wahrhaftig, Herr, huͤbſch iſt ſie auch, und ehrbar, und artig; und iſt Eure gute Freundin, das kann ich Euch nebenbei verſichern, dem Himmel ſey Dank. Fent. Wird mirs denn gelingen, meinſt du? Werde ich nicht vergeblich werben? Fr. Zurt. Freilich, Herr, der da droben hat alles in ſeiner Hand; aber mit alle dem, Herr Fenton, will ich Euch 2 und theuer ſchwören, daß ſie Euch liebt. Hat Euer naden nicht eine Warze uͤberm Auge? Fent. Ja freilich, die habe ich. Was ſoll uns die? Fr. Zurt. Ei, davon wäre viel zu erzählen. Meiner Treu, ſie iſt mir die rechte, das Annchen: aber ſoviel kann ich deteſtiren, ſo ein ehrliches Maͤdchen, als jemals Brod ge⸗ geſſen hat. Wir plauderten wohl eine Stunde von der Warze: ſo lache ich in meinem Leben nicht, als wenn ich bei dem Mädchen bin. Freilich, ſie iſt allzu langkohliſch, und kopf⸗ hängeriſch, das iſt wahr; aber was Euch betrifft,— nun! nur immer guten Muth!— Fent. Nun, ich werde ſie heut noch ſehn. Wart, da 2 haſt du eine Kleinigkeit; ſprich ein gutes Wort fuͤr mich. Sollteſt du ſie ehr ſehn, als ich, ſo empfiehl mich— Fr. Zurt. Euch empfehlen? Ja, mein Seel, das ſoll geſchehn; und will Eur Gnaden noch mehr von der Warze erzählen, ſobald ſich wieder eine Confidenz findet; und noch von andern Liebhabern. Fent. Gut, lebe wohl, ich habe jetzt große Eil. Fr. Zurt. Viel Gluͤck, Eur Gnaden.—(Fenton geht.) Wahrhaftig, ein nobler Herr! aber Annchen kann ihn nicht leiden; ich weiß wie Annchen denkt, beſſer als irgend Jemand. — Potz tauſend! Was habe ich vergeſſen!— Die luſtigen Weiber A. II. Cſie geht ab.) 3 weiter Aufzug. — Erſte Szene. Straße. GFrau Page tritt auf mit einem Brief.) Frau Page. Was! War ich in den Feiertagen meiner Schoͤnheit Liebes⸗ briefen entgangen, und bin ich jetzt ein Inhalt fuͤr ſie? Laßt doch ſehn:—(ſie lieſt.)„Fordert keine Vernunftgrunde „von mir, warum ich Euch liebe: denn wenn gleich Liebe „die Vernunft als verdammenden Inquiſitor zulaͤßt, kann ſie „ſie doch nicht als Rachgeber brauchen. Ihr ſeyd nicht jung; „ich eben ſo wenig; wohlan denn, hier iſt Sympathie. Ihr „ſeyd munter, das bin ich auch: haha! darin liegt noch mehr „Sympathie. Ihr liebt den Sect, ich auch: giebts wohl noch Sz. 1. von Windſor. 21¹ „beßre Sympathie? Laß birs genuͤgen, Frau Page,(wenn „anders die Liebe eines Soldaten dir genuͤgen kann), daß ich „dich liebe. Ich will nicht ſagen, bedaure mich; das iſt „keine ſoldatenhafte Phraſe; aber ich ſage, liebe mich: „Der fuͤr dich wacht, „Bei Tag und Nacht „Aus aller Macht „Auf Kampf und Schlacht „uͤr dich bedacht, John Falſtaff.“ Welch ein Herodes von Judaa das iſt! O gottloſe, gottloſe Welt!— Iſt er doch ſchon vom Alter faſt ganz aufgetragen, und gebehrdet ſich wie ein junger Liebhaber! Welch unbedach⸗ tes Betragen hat denn mit des Teufels Beiſtand dieſer flaͤ⸗ miſche Trunkenbold aus meinem Geſpräch aufgeſchnappt, daß er ſich auf dieſe Weiſe an mich wagen darf? Wahrhaftig er iſt kaum dreimal in meiner Geſellſchaft geweſen!— as ſollt' ich ihm ſagen? Ich war doch damals ſparſam mit mei⸗ ner Luſtigkeit; der Himmel verzeihe mirs!— Wahrhaftig, ich will auf eine Acte im Parlament antragen, um alle Män⸗ ner abzuſchaffen. Wie ſoll ich mich an ihm rächen? denn rächen will ich mich, ſo gewiß ſeine Eingeweide aus lauter Pudding zuſammengeſetzt find. (Frau Fluth kommt.) Fr. Fluth. Frau Page! Wahrhaftig ich wollte eben zu Euch. Fr. Page. Und wahrhaftig, ich zu Euch. Ihr ſeht recht uͤbel aus! Fr. Fluth. Ei, das glaub' ich nimmermehr; ich kann das Gegentheil beweiſen. Fr. Page. Mir kommts aber doch ſo vor. Fr. Fluth. Nun gut, ſo mags denn ſeyn; aber wie ich ſage, ich könnte Euch das Gegentheil beweiſen. O, Frau Page, gebt mir einen guten Rath! Fr. Page. Wovon iſt die Rede, Schatz? Fr. Fluth. O, Schatz, wenn ſichs nicht an einer Klei⸗ nigkeit ſtieße, ſo könnte ich zu großer Ehre kommen!— Fr. Page. Schade was fuͤr die Kleinigkeit, Schatz; ſchlag die Ehre nicht aus: was iſts denn? Kuͤmmre dich nicht um die Kleinigkeit; nun, was iſts? 22 Die luſtigen Weiber A. II. Fr. Fluth. Wenn ich nur fuͤr eine kurze Ewigkeit zur Hölle fahren wollte, ſo könnte ich zur Ritterwuͤrde kommen. e Was, du lugſt, Sir Alir Fluth! Nun, um ſolche Ritterſchaft ſtehts oft nur flitterhaft; und ich dächte, im Punct deiner Haus-Ehre ließeſt du's beim Alten. Fr. Fluth. Ich ſehe, wir verſtehn uns nicht, liebes Kind; da hier, lies, lies: ſieh nur, wie!—— Ich werde um ſo ſchlechter von den fetten Mannsleuten denken, ſo lange ich noch ein Auge habe, der Mannsbilder Geſtalt zu unterſchei⸗ den. Und doch fluchte er nicht; lobte die Sittſamkeit der Frauen, und ſprach ſo anſtaͤndige und wohlgeſetzte Verachtung alles Unſchicklichen aus, daß ich drauf geſchworen hätte, ſeine Geſinnung ſtimmte zum Ausdruck ſeiner Worte: aber die haben nicht mehr Zuſammenhang und paſſen nicht beſſer zu einander, als der hundertſte Pſalm und die Melodie vom ie Ermel. Welcher Sturmwind mußte uns dieſen allfiſch mit ſo viel Tonnen Oel im Bauch an die Kuͤſte von Windſor werfen? Wie ſoll ich mich an ihm rächen? Ich denke, das Beſte wäre, ihn mit Hoffnung hinzuhalten, bis das ottloſe Feuer der boͤſen Luſt ihn in ſeinem eignen Fett zer⸗ ſimeiten hätte. Haſt du je ſo etwas gehört? Fr. Page. Ein Brief wie der andre, nur daß die Namen Fluth und Page verſchieden ſind. Zu deinem groͤßten Troſt in dieſem Labyrinth von Leichtfertigkeiten, iſt hier der Zwil⸗ lingsbruder deines Briefs: aber laß nur deinen zuerſt erben, denn auf meine Ehre, der meinige ſoll es nie. Ich wette, er hat ein ganzes Tauſend ſolcher Briefe mit leeren Plaͤtzen fur die verſchiednen Namen; und gewiß noch mehr; und dieſe ſind von der zweiten Auflage. Er wird ſie ohne Zweifel noch drucken laſſen, denn es iſt ihm einerlei, was er unter die Preſſe bringt, da er uns beide darunter bringen wollte. Lie⸗ ber möchte ich eine Rieſin ſeyn, und unter dem Berg Pelion liegen! Wahrhaftig, ich will ehr zwanzig treuloſe Turteltau⸗ ben finden, als Einen zuͤchtigen Mann. F. Fluth. Seht doch, ganz derſelbige; dieſelbe Handſchrift, dieſelben Worte: was denkt er nur von uns?— Fr. Page. Wahrhaftig, ich weiß nicht; es bringt mich faſt ſo weit, mit meiner eignen Ehrbarkeit zu zanken.— Ich muß mich anſehn, wie eine Perſon, die ich noch gar nicht kenne; denn wahrhaftig, häͤtte er nicht eine Seite an mir entdeckt, von der ich ſelber gar nichts weiß, er haͤtte es nicht gewagt, mit ſolcher Wuth zu entern. S——— — * . Sz. 1. von Windſor. 23 Fr. Fluth. Entern, ſagſt du? Nun, ich weiß gewiß, ich will ihn immer uͤberm Deck halten. Fr. Page. Das will ich auch: kommt er je unter meine Luken, ſo will ich nie wieder in See gehn. Wir muͤſſen uns an ihm rächen: wir muͤſſen ihm eine Zuſammenkunft beſtim⸗ men, ihm einen Schimmer von Hoffnung fuͤr ſein Begehren und ihn mit feingeködertem Aufſchub immer weiter locken, er unſerm Gaſtwirth zum Hoſenbande ſeine Pferde ver⸗ etzt hat. Fr. Fluth. Ja, ich will die Hand dazu bieten, ihm jeden ſchlimmen Streich zu ſpielen, der nur unſrer Ehre nicht zu nahe tritt. Himmel, wenn mein Mann dieſen Brief ſahe! Er wuͤrde ſeiner Eiferſucht ewige Nahrung geben. Fr. Page. Ei ſieh, da kommt er, und mein guter Mann auch: er iſt ſo weit entfernt von aller Eiferſucht, als ich ihm zu geben; und das, hoffe ich, iſt eine unermeßliche uft. Fr. Fluth. Um ſo gluͤcklicher Ihr!— Fr. page Laßt uns einen Kriegsrath gegen dieſen fetten Ritter halten: Kommt hieher. (ſie gehn in den Hintergrund der Bühne.) (Fluth kommt mit Piſtol, Page mit Nym.) Fluth. Nun, ich hoffe, es iſt nicht ſo. Piſt. Hoffnung iſt oft ein Jagdhund ohne Spur: Sir John lockt dein Gemahl. Fluth. Ei, Herr, meine Frau iſt nicht jung. Piſt. Er wirbt um hoch und tief, um reich und arm, Um Jung und Alt, um Ein' und Alle, Fluth: Er liebt ſich Mengelmuß. Fluth, Augen aufi— Fluth. Liebt meine Frau?— Piſt. Mit Leber, heiß wie Glut. Wehr's ab, ſonſt lauf' Wie Herr Actaͤon, rings umklafft vom Jagdgebell;— — O ſchaͤndlich toͤnt das Wort! Seet Was fuͤr ein Wort, Herr? iſt. Das Horn, ſag' ich. Leb wohl. Hab⸗ Acht! die Augen auf! denn Diebe ſchleichen Nachts: Hab' Acht! eh Sommer kommt, und Kuckuck⸗Vögel ſingen.— Mir nach, Herr Corp'ral Nym!— Page, glaub' ihm, denn er ſuthe Piſtol geht ab. Fluth. Ich will Geduld haben; ich werde ſchon dahinter kommen. 24 Die luſtigen Weiber A. M. Nym czu Page.) Und dies iſt wahr; der Humor des Luͤ⸗ gens iſt mir zuwider. Er hat mich in gewiſſen Humoren be⸗ leidigt: ich habe einen Degen, und der muß die Zaͤhne zeigen, wanns Noth thut. Er liebt Euer Weib, das iſt das Kurze und das Lang. Mein Nam' iſt Corporal Nym: ich rede und agnoscire:*s iſt wahr;— mein Nam⸗ iſt Wym, und Fal⸗ ſtaff liebt Euer Weib.— Lebt wohl! Ich haſſe den Humor von Brod und Kaͤſe, und das iſt der Humor davon. Lebt wohl. (Nym geht ab.) Pag.. Der Humor davon; ei! das iſt mir ein Burſch, der unſer Engliſch aus allem Verſtande herausſchreckt! Fluth. Ich will Falſtaff aufſuchen. Page. In meinem Leben hörte ich keinen ſo affectirt ſchlep⸗ penden Schurken. Fluth. Finde ichs ſo, gut!— Page. Ich werde keinem ſolchen Chineſen trauen, und empfoͤhle ihn auch der Stadtpfarrer als einen ehrlichen Mann. Fluth. Es war ein wackrer, verſtaͤndiger Burſch: gut!— (Frau Page und Frau Fluth treten vor.) Page. Ei, ſieh da, Grethchen! Fr. Page. Wo gehſt du hin, Georg?— hoͤre doch! Fr. Flüth. Was iſt denn, lieber Franz? Warum ſo me⸗ lancholiſch? Fluth. Ich melancholiſch? Ich bin nicht melancholiſch! Mach, daß du zu Haus kommſt!— geh!— Fr. Fluth. Gewiß haſt du wieder Grillen im Kopf. Kommt Ihr mit, Frau Page? Fr. Page. Ich geh' mit Euch.— Kommſt du jetzt zum Eſſen, Georg?—(beiſeit.) Sieh, wer da kommt! die ſoll unſre Botin an den ſaubern Ritter ſeyn. (Frau Hurtig kommt.) Fr. Fluth. Wahrhafßzig, an die dachte ich eben; die wird grade recht ſeyn. Fr. Page. Ihr kommt wohl, meine Tochter Anne zu eſuchen? Fr. Zurt. Ja wahrhaftig! und was macht denn die liebe Jungfer Anne? Fr. Page. Geht mit uns hinein, und ſeht ſelbſt; wir haben wohl ein Stuͤndchen mit Euch zu plaudern. COdie drei Frauen gehn hinein.) Page. Wie nun, Hert Fluth?— ——— Sz. 1. von Windſor. 2 Fluth. Ihr hoͤrtet doch, was der Kerl mir ſagte? Nicht? age. Ja, und hörtet, was der andre mir ſagte? Fluth. Glaubt Ihr, daß ihnen zu trauen ſey? Page. Hole der Henker das Geſindel! Ich glaube nicht, daß der Ritter ſo was vor hat; aber dieſe, die ihm eine Ab⸗ ſicht auf unſre Frauen Schuld geben, ſind ein Geſpann von ſeinen ausgemuſterten Bedienten; völlige Spitzbuben, ſeit ſie außer Dienſt ſind. Fluth. Waren das ſeine Bedienten? Page. Freilich waren ſie's. Fluth. Mir gefällt das Ding darum noch nicht beſſer.— Wohnt er jetzt im Hoſenband? Page. Ja freilich. Sollte er ſeinen Cours auf meine Frau richten, ſo wollte ich ſie ihm frank und frei uberlaſſen; und was er mehr von ihr erbeutet als harte Reden, das will ich auf meinen Kopf nehmen. Fluth. Ich habe eben kein Mißtrauen in meine Frau, aber ich möchte ſie doch nicht gern zuſammenlaſſen. Ein Mann kann auch zu ſicher ſeyn; ich möchte nichts auf mei⸗ Kopf nehmen. Ich kann mich nicht ſo leicht zufrieden eben. Page. Sieh da, kommt hier nicht unſer ſchwadronirender Wirth zum Hoſenbande? Entweder er hat Wein im Kopf oder Geld in der Taſche, wenn er ſo luſtig ausſieht. Nun, wie gehts, mein Gaſtwirth?— (Der Gaſtwirth und Schaal kommen.) Wirth. Wo bleibſt du, Rodomont? du biſt ein Edel⸗ mannz Caballero Friedensrichter, komm' doch!— Schaal. Ich komme, mein Gaſtwirth, ich folge dir.— Vielmals guten Tag, lieber Herr Page: Herr Page, wollt Ihr mit uns gehn? Wir haben einen Spaß vor. Wirth. Sags ihm, Caballero Friedensrichter, ſags ihm, Rodomont. Schaal. Herr, es ſoll ein Strauß zwiſchen Sir Hugh, dem waliſiſchen Prieſter, und Cajus, dem franzöſiſchen Doctor, ausgefochten werden. Hluth. Mein lieber Herr Wirth zum Hoſenbande, ein Wort mit Euch!— Wirth. Was ſagſt du, Rodomont? (ſie gehn auf die Seite.) Schaal(zu Page.) Wollt Ihr mit, und es anſehn? Unſer luſtiger Wirth hat ihre Waffen meſſen muͤſſen, und hat ihnen, 26 Die luſtigen Weiber A. II. glaube ich, verſchiedne Plaͤtze angewieſen; denn wahrhaftig 4 ich höre, der Pfarrer ſpaßt nicht. Gebt Icht, ich will Euch erzaͤhlen, worin unſte Comödie beſtehn ſoll. Wirth. Du haſt doch keine Schuldklage wider meinen Ritter, mein Gaſt⸗Cavalier? Fluth. Nein, auf Ehre nicht. Aker ich will Euch eine Flaſche gebrannten Sect geben, wenn Ihr mir Zutritt zu ihm ſchafft, und ihm ſagt, ich heiße Bach; nur zum Scherz. Wirth. Da iſt meine Hand, Roland, du ſollſt dich bei ihm präſentiren und abſentiren:— war's ſo recht?— und Bach ſollſt du heißen. Er iſt ein luſtiger Ritter. Wollt Ihr gehn, Kinder? Schaal. Nehmt mich mit, mein Gaſtwirth. Page. Ich höre, der Franzoſe verſteht ſich trefflich auf ſein Rapier.. Schaal. Still, Herr, davon wußt' ich ein Lied zu ſingen. Zu jetziger Zeit ſteht Ihr in einer Diſtanz, und habt Eure Menſuren, Paraden, und was weiß ich alles: aufs Herz koinmts an, Herr Page, hier ſitzt es, hier ſitzt es! Ich weiß die Zeit, da hätte ich mit meinem langen Degen vier hand⸗ feſte Burſche ſpringen laſſen wie die Ratten. Wirth. Luſtig, Burſche, luſtig: wollen wir uns trollen? Page. Ich gehe mit Euch. Ich hörte ſie lieber zanken als fechten. (der Wirth, Schaal und Page gehn ab.) Fluth. Obgleich Page ein ſorgloſer Narr iſt, und ſo feſt auf ſeiner Frauen Schwachheit baut, kann ich doch meinen Argwohn nicht ſo leicht ablegen. Sie war mit ihm in Ge⸗ ſellſchaft bei der Frau Page, und was ſie da angefangen haben, weiß ich nicht. Wohlan, ich muß der Sache auf die Spur kommen: und ich weiß eine Verkleidung, um den Fal⸗ ſtaff auszuhorchen. Wenn ich ſie unſchuldig finde, ſo iſt meine Muͤhe nicht umſonſt; iſt ſie's nicht, ſo war die Muͤhe gut angewandt. Cer geht ab.) — nen ine hm bei ind hr uf n. tre rz iß dz 17 en e n ie * e von Windſſor. 3 weite Szene. 3immer im Gaſthofe zum Hoſenbande. (Falſtaff und Piſtol treten auf.) Falſtaff. Ich leih' dir keinen Deut. Piſt. Dann iſt die Welt mein' Auſter, Die ich mit Schwerdt will oͤffnen.— Falſt. Nicht einen Deut. Ich habe nachgegeben, Burſch, daß du meine Autorität als Pfand gebraucht haſt; ich habe meine guten Freunde moleſtirt, um eine dreimalige Friſt fur dich und deinen Nebengaul Nym zu ergattern, ſonſt haͤttet Ihr durchs Gatter kucken muͤſſen, wie ein Zwillingsgeſtirn von Pavianen. Ich bin ſchon zur Hölle verdammt, weil ich ein paar Cavalieren und guten Freunden zugeſchworen habe, Ihr waͤrt brave Soldaten und tüchtige Burſche: und als Frau Brigitte ihren Fächerſtiel verlor, da nahm ichs auf meine Ehre, du haͤttſt ihn nicht. vt Halbirt' ichs nicht? Nahmſt du nicht funfzehn ence? Falſt. Und das mit Recht, du Schurke, ganz mit Recht. Denkſt du, ich werde meine Seele gratis in Gefahr geben? Mit Einem Wort, haͤnge dich nicht mehr an mich, ich bin dein Galgen nicht. Fort! Ein kurzes Meſſer, und ein Ge⸗ draͤnge:— fort, auf deinen Ritterſitz nach Picthatch, fort! du willſt mir keinen Brief beſtellen, du Schuft? du trumpfſt auf deine Ehre? Ei du unermefliche Niedertraͤchtigkeit! Es geſchieht ja Alles, was ich thue, um die Grenzen meiner Ehre aufs ſchaͤrfſte abzumarken. Ich, ich, ja ich ſelber, die Furcht Gottes linker Hand liegen laſſend, und meine Ehre in mein Bedürfniß einhullend, muß mich zuweilen zu Practiken, zu Prellereien und Hinterhalten entſchließen; und dennoch willſt du Schurke noch deine Lumpen, deine wilden Katzenblicke, deine Bierhausphraſen und deine Karrnſchieberfluͤche unter dem Schirmdach deiner Ehre verſchanzen? Du willſt es nicht thun, u?— Piſt. Ich hege Reu: was willſt du mehr vom Mann? 28 Die luſtigen Weiber 1. I. (Robin kommt.) Rob. Herr, hier iſt eine Frau, die mit Euch ſprechen moͤchte. Falſt. Fuͤhr ſie herein. (Frau Hurtig kommt.) Burt. Einen ſchönen guten Morgen, mein gnadi⸗ er Herr. 2 Falſt. Guten Morgen, meine liebe Frau! Fr. Zurt. Nicht ſo mit Euer Gnaden Verlaub,— Falſt. Alſo meine liebe Jungfer. Fr. Zurt. Das will ich beſchwören; wie meine Mutter war in der Stunde, da ich zur Welt kam. Falſt. Wer ſchwört, dem glaub' ich. Nun, was bringſt u mir? Fr. Zurt. Soll ich Euer Gnaden wohl ein paar Worte vorzutragen geruhen? Falſt. Ein paar tauſend, ſchoönes Kind; und ich werde dich anzuhoͤren geruhen. Fr. Zurt. Da iſt eine gewiſſe Frau Fluth, Herr; ich bitte, tretet ein wenig naͤher hieher,— ich felbſt wohne beim Herrn Doctor Cajus,— Falſt. Gut, weiter; Frau Fluth, ſagt Ihr?— Fr. Zurt. Da haben Euer Gnaden ganz recht; ich bitte Euer Gnaden, kommt ein wenig naͤher auf dieſe Seite. Falſt. Ich verſichre Dich, Niemand hört uns, meine eignen Leute, meine eignen Leute. Fr. Zurt. Sind ſie das? der Himmel ſegne ſie, und mache ſie zu ſeinen Dienern. Jalſt. Nun, Frau Fluth, was iſts mit der? Fr. Zurt. Ach Herr, ſie iſt ein gutes Geſchöpf. Liebſter Himmel, Euer Gnaden ſind ein Schalk; nun, Gott verzeih' es Euch und uns Allen, darum bitt' ich!— Falſt. Frau Fluth,— nun alſo, Frau Fluth,— Fr. Zurt. Ei nun, da habt Ihr das Kurze und das Lange davon. Ihr habt ſie in ſolche Baſtion gebracht, daß es ein Wunder iſt. Der beſte Hofcavalier von Allen, als der Hof in Windſor recitirte, hätte ſie nicht ſo in Baſtion gebracht! Und da gabs doch Ritter und Lords und Edelleute mit ihren Kutſchen, das verſichre ich Euch, Kutſche auf Futſche, Brief auf Brief, Geſchenk auf Geſchenk, und rochen ſo ſuß—(von lauter Biſam,) und rauſchten, ich verſichr' Euch, in Gold und Seide: und in ſo alicanten Ausdruͤcken, und mit Wein und Zucker von den beſten, allerſchoͤnſten Sor⸗ ten, daß es Euch jedes Frauenzimmer gewonnen hätte: und ſt te de ch te ne id er 8 8 n te f 1 S Sz. 2. von Windſor. 29 doch, das verſichr' ich Euch, konnten ſie nie auch nur einen Augenwink von ihr erhalten. Mir haben ſie ſelbſt noch die⸗ ſen Morgen zwanzig Engel gegeben; aber ich biete allen Engeln Trotz, wenn ſie ſowas im Sinne haben, und wenns nicht in allen Ehren ſeyn kann: und das verſichr' ich Euch, nicht einmal ſo weit konnten ſie's bringen, daß ſie mit dem Vornehmſten von ihnen auch nur aus Einem Becher genippt hätte: und doch gabs da Grafen, und was noch mehr ſagen will, Officiere von der Leibgarde; aber, das verſihr' ich Euch, bei ihr iſt das alles Einerlei. Falſt. Aber, was ſagt ſie von mir? Faßt Euch kurz, meine liebe Frau Mercur. Fr. Zurt. Ei nun, ſie hat Euern Brief erhalten, fuͤr welchen ſie Euch tauſend Dank ſagen läßtz und ſie laͤßt Euch zu wiſſen thun, daß ihr Mann nicht zu Hauſe ſeyn wird zwiſchen Zehn und Elf. Falſt. Zehn und Elf!— Fr. Zurt. Ja wahrhaftig; und dann könntet Ihr kom⸗ men und das Gemählde beſehn, ſagt ſie, Ihr wuͤßtet ſchonz Herr Fluth, ihr Mann wird nicht zu Hauſe ſeyn. Ach! das liebe Weibchen fuͤhrt ein ſchlimmes Leben mit ihm; er iſt ein recht jalouſer Mann; ſie fuͤhrt ein recht poltriges Le⸗ ben mit ihm, das gute Herzchen. Falſt. Zehn und Elfl Frau, empfiehl mich ihr, ich werde nicht ausbleiben. Fr. Burt. Nun, das iſt ſchön; aber ich habe noch eine andre Confeſſion an Euer Gnaden auszurichten. Frau Page laßt ſich Euch gleichfalls von Herzen empfehlen; und, das muß ich Euch ins Ohr ſagen, die iſt eine ſolche annette und repetirliche huͤbſche Frau, und Eine, das ſage ich Euch, die da weder ihren Morgen- noch ihren Abendſegen verſäumt, wie's nur Eine in Windſor giebt, wer ſie auch ſeyn mag; und die trug mir auf, Euer Gnaden zu ſagen, daß ihr Mann ſelten außer Hauſe ſey; aber ſie hofft, es wird ſchon eine Zeit kommen. Ich habe nie eine Frau ſo verſeſſen auf einen Mann geſehn; weiß Gott, ich glaube, Ihr muͤßt hexen koͤnnen, gelt? Ja wahrhaftig!— Falſt. Nicht doch, das verſichre ich dir; die Anziehungs⸗ kraft meiner edeln Eigenſchaften bei Seit geſetzt, weiß ich von keiner Heperei. Fr. Zurt. Dafuͤr ſegne Euch der Himmel! Falſt. Aber ſag mir doch, haben Frau Fluth und Frau Page es einander geſagt, daß ſie in mich verliebt ſind? —————— 4.—-— 30 Die luſtigen Weiber A. M. Fr. Zurt. Das waͤr ein Spaß, meiner Treu! So dumm ſind ſie doch nicht, hoff ich. Das waͤr' ein Streich, wahr⸗ haftig! Aber Frau Page läßt Euch bitten, um alles was Euch lieb iſt, Ihr moͤchtet ihr Euern kleinen Pagen ſchicken: ihr Mann hat eine ganz aparte Infection fuͤr den kleinen Pagen, und wahrhaftig, Herr Page iſt ein rechtſchaffner Mann. Da iſt weit und breit in Windſor eine Frau, die ein beßres Le⸗ ben fuͤhrt; ſie thut, was ſie will, nimmt alles ein, bezahlt alles, geht zu Bett wenns ihr gefallt, ſteht auf, wenns ihr gefaͤllt, alles ganz wie ſie will; und wahrhaftig, ſie verdient es; denn wenn es eine liebe Frau in Windſor giebt, ſo iſt ſie eine. Ihr muͤßt ihr Euern Pagen ſchicken, da hilft nichts vor. Falſt. Nun, das will ich auch. Fr. Zurt. Nun gut, ſo ſchickt ihn ihr; und ſeht Ihr, der kann nachher zwiſchen Euch beiden ab und zu gehn, und kann auf alle Fälle ſein Parolwort haben, daß Ihr Eins des Andern Gedanken erfahrt, und der Junge doch nichts zu ver⸗ ſtehn braucht; denn es iſt nicht gut, wenn die Kinder von ſolcher Gottloſigkeit was wiſſen: alte Leute, wißt Ihr wohl, ſind dreſſirt, wie man zu ſagen pflegt, und kennen die Welt. Falſt. Gehab dich wohl; empfiehl mich beiden: da iſt meine Börſe; ich bleibe noch dein Schuldner. Vurſch, geh mit dieſer Frau:— die Neuigkeit ſetzt mich in Erſtaſe!— (Frau Hurtig und Robin ab.) Piſt. Dies Jachtſchiff dient wohl in Fortunas Flotte. Mehr Segel her! ſetz nach! Das Schießzeug auf: Gieb Feu'r: die Priſ' iſt Meer, verſchling' ie all'!— (Piſtol geht ab.) Falſt. Siehſt du nun, alter Hans? Rur immer vor⸗ waͤrts! Ich wil deine alte Figur mehr in Ehren halten, als ich bisher gethan. Schielen ſie noch nach dir? Willſt du, nachdem du ſo viel Geld verzehrt, auch einmal etwas ver⸗ dienen? Ich danke dirs, meine wackre Figur: laßt ſie immer ſagen, ich mach' es zu grob; wenn's nur mit guter Manier geſchieht. (Bardolph tritt auf.) Bard. Sir John, da unten ſteht ein gewiſſer Herr Bach, der moͤchte Euch gern ſprechen und Eure Bekanntſchaft machen, und hat Euer Gnaden einen Morgentrunk Sect geſchickt. Falſt. Bach iſt ſein Nahme? Bard. Ja, Herr. r —„—————— i 8 it r t I. Sz 2 von Windſor. 31 Falſt. Ruf ihn herein.(Bardolph geht.) Solche Baͤche heiß' ich willkommen, die von ſolchen Wellen uͤberſtrömen!— Aha, Frau Fluth und Frau Page, habe ich Euch im Netz? Victoria! Via!— (Bardolph kommt zurück mit Fluth, der ſich verkleidet hat.) Fluth. Gott gruͤß Euch, Sir. Jalſt. Und Euch, Sir. Wollt Ihr mich ſprechen? Fluth. Ich bin ſo dreiſt, mich ohne viel Umſtände Euch aufzudrängen. Falſt. Ihr ſeyd willkommen. Was iſt Eur Begehren? Laß uns allein, Kuͤfer. (Bardolph ab.) Fluth. Sir, ich bin ein Mann, der viel durchgebracht; mein Name iſt Bach. Falſt. Lieber Herr Bach, ich wuͤnſche Eure naͤhere Be⸗ kanntſchaft. Flrth. Werther Sir John, ich bitte um die Eurige: nicht um Euch zur Laſt zu fallen, denn ich muß Euch bemerken, daß ich glaube beſſer im Stande zu ſeyn, Geld auszuleihen, als Ihr; und das hat mich einigermaßen dreiſt gemacht, Euch ſo zur Unzeit heimzuſuchen. Denn, wie man ſagt, wo Geld vorangeht, ſind alle Wege offen. Falſt. Geld iſt ein guter Soldat, mein Herr, und macht ſich Bahn. Fluth. Sehr wahr; und hier habe ich einen Beutel mit Geld, der mir beſchwerlich iſt. Wenn Ihr ihn mir wollt tragen helfen, Sir John, ſo nehmt ihn ganz oder halb da⸗ fuͤr, daß Ihr mir die Laſt erleichtert. Falſt. Sir, ich weiß nicht, wie ich dazu komme, Euer Laſtträͤger zu ſeyn?— Fluth. Ich wills Euch ſagen, Sir, wenn Ihr mich an⸗ Wrln Jalſt. Redet, lieber Herr Bach, ich werde mich gluͤckti ſchatzen, Euch zu dienen. 59 6 Fluth. Sir, ich höre, Ihr ſeyd ein Gelehrter,—(ich will mich kurz faſſen,)— und Ihr ſeyd ein Mann, den ich lange gekannt habe, obgleich ich weniger die Gelegenheit als den Wunſch hatte, mir Euern Umgang zu verſchaffen. Ich werde Euch eine Sache entdecken, bei der ich meine eigne Schwachheit ſehr oft an den Tag legen muß; aber, lieber Sir John, indem Ihr Euer Eines Auge auf meine Thor⸗ heit richtet, wen ich ſie vor Euch aufdecke, lenkt das Andre —. ⸗———.——— 32 Die luſtigen Weiber 2.. auf das Regiſter Eurer eignen, damit ich um ſo leichter mit meinem Verweiſe durchkommen möge, als Ihr ſelbſt wißt, wie leicht es ſey, in ſolche Fehler zu fallen. Falſt. Sehr gut, mein Herr; fahrt fort.. Fluth. Es wohnt eine Frau hier im Ort; ihr Mann heißt Fluth. Falſt. Wohl, Herr. Fluth. Ich habe ſie lange geliebt, und ich betheure Euch, viel auf ſie gewandt; bin ihr mit der zaͤrtlichſten Aufmerk⸗ ſamkeit gefolgt; habe mir Gelegenheiten geſchafft, ſie zu tref⸗ fen; jeden geringen Anlaß mit Unkoſten erſpäht, wo ich ſie, wenn auch nur obenhin ſehn konnte: habe nicht nur manches Geſchenk fur ſie gekauft, fondern manchem reichlich gegeben, nur um zu erfahren, was ſie gern geſchenkt hätte: kurz, ich habe ſie verfolgt, wie mich die Liebe verfolgt hat, das heißt, auf dem Fittich aller Gelegenheiten. Was ich aber auch ver⸗ dienen mochte, ſey's durch meine Leidenſchaft, ſey's durch meinen Aufwand;— Lohn, weiß ich gewiß, habe ich keinen erhalten: man muͤßte denn Erfahrung ein Kleinod nennen, die habe ich mir zu unerhoͤrtem Preiſe erſtanden, und von ihr habe ich dieſen Spruch gelernt:— Wie Schatten flieht die Lieb“, indem man ſie verfolgt, Sie folgt dem der ſie flieht, und flieht den der ihr foigt. Falſt. Habt Ihr denn von ihr gar kein Verſprechen der Erhörung erhalten?. Fluth. Niemals. Falſt. Habt Ihr auch nicht in ſolcher Abſicht in ſie ge⸗ drungen? Fluth. Niemals. Falſt. Von welcher ganz beſondern Art war denn alſo Eure Liebe? Fluth. Wie ein ſchoͤnes Haus auf fremdem Grund er⸗ richtet; ſo daß ich mein Gebaͤude eingebuͤßt habe, weil ich einen unrechten Platz waͤhlte, es aufzufuͤhren. Falſt. Und zu welchem Ende entdeckt Ihr mir das Alles? Fluth. Wenn ich Euch das geſagt habe, ſo habe ich Euch Alles geſagt. Man verſichert mich, daß, obgleich ſie gegen mich ſehr ehrbar thut, ſie anderswo in ihrer Munterkeit ſo weit eht, daß daraus die ſchlimmſte Nachrede entſteht. Nun, Sir John, hier habt Ihr den eigentlichen Kern meines Geſuchs. Ihr ſeyd ein Cavalier von trefflicher Erziehung, von bezau⸗ bernder Wohlredenheit, von großen Verbindungen, angeſehn Sz1. von Windſor. 33 durch Rang und Perſoͤnlichkeit, und uͤberall geprieſen fuͤr Eure mannigfachen Verdienſte als Krieger, als Hofmann und als Gelehrter. Falſt. O, mein Herr!— Fluth. Glaubt es, denn Ihr wißt es.— Hier iſt Geld: verwendet es; verwendet noch mehr; verwendet alles was ich habe: nur ſchenkt mir darfuͤr ſo viel von Eurer Zeit, als Ihr beduͤrft, um einen verliebten Angriff auf die Tugend der Frau Fluth zu unternehmen. Gebraucht Eure Ueberre⸗ dungskunſt, gewinnt ſie, Euch zu erhoͤren; wenns irgend Jemand vermag, vermoͤgt Ihrs ehr als Einer. Falſt. Wuͤrde denn das der Heftigkeit Eurer Neigung zuſagen, wenn ich erhielte, was Ihr zu beſitzen wuͤnſcht? Pi ſcheint, Ihr verſchreibt Euch ein ſehr widerſprechendes ittel. Fluth. O, verſteht nur, worauf ich ziele. Sie fußt ſo zuverſichtlich auf die Reinheit ihrer Ehre, daß die Thorheit meines Herzens ſich nicht zu zeigen wagt: ſie glaͤnzt zu hell, als daß man ihr ins Auge ſehn duͤrfte. Koͤnnte ich nun mit irgend einer Entdeckung zu ihr treten, ſo hatten meine Wuͤnſche Beiſpiel und Beweggrund, ſich ihr zu empfehlen; ich könnte ſie dann aus der Verſchanzung ihrer Keuſchheit, ihres Rufs, ihres ehelichen Geluͤbdes, und tauſend andrer Schutzwehren heraustreiben, die jetzt zu maͤchtig wider mich ſtreiten. Was ſagt Ihr dazu, Sir John?— Falſt. Herr Bach, ich will furs erſte ſo frei ſeyn, Euer Geld zu nehmen: ſodann gebt mir Eure Hand; und endlich, ſo wahr ich ein Edelmann bin, Fluths Frau ſollt Ihr, wenn Ihr es wollt, beſitzen. Fluth. O, werther Sir!—— Falſt. Herr Bach, ich ſage, Ihr ſollt. Am Gelde, Sir John, am Gelde ſolls nicht ehlen. Falſt. An der Frau Fluth, Herr Bach, an der Frau Fluth ſolls nicht fehlen. Sie hat mich ſelbſt, daß ichs Euch nur ſage, ſchon zu ſich beſtellt: eben als Ihr zu mir kamt, ging ihre Gehuͤlfin, ihre Zwiſchenträͤgerin, don mir weg; ich ſage Euch, ich werde mich bei ihr einfinden zwiſchen Zehn und Elf: denn um dieſe Zeit wird ihr Mann, der eiferfüͤch⸗ tige verdammte Kerl, nicht zu Hauſe ſeyn. Kommt heut Abend zu mir; Ihr follt hoͤren wie mirs glngt. Fluth. Eure Bekannſchaft iſt ein wahrer Segen für mich. Kennt Ihr dieſen Fluth, Sir? vM. 3 ——— Die luſtigen Weiber A. II. Falſt. Zum Henker mit dem armen Teufel von Hahnrei! Ich kenne ihn nicht: indeß, ich thue ihm Unrecht, wenn ich ihn arm nenne; man ſagt, der eiferſuchtige behornte Kerl hat ganze Haufen Gold: und darum kommt mir ſeine Frau auch ſe vor. Sie ſoll mir den Schluͤſſel zu des Hahnreis eldkaſten ſeyn; dort will ich mein Erndtefeſt halten. Fluth. Ich wollte, Ihr kenntet Fluth, damit Ihr ihm ausweichen koͤnntet, wenn Ihr ihn ſaͤhet. Falſt. Zum Henker mit dem kuͤrgerlichen buttermilchigen Schuft!— Ich will ihn mit meinen Augen durchbohren, daß er von Sinnen kommen ſoll: ich will ihn in Reſpect er⸗ halten mit meinem Pruͤgel: wie ein Meteor ſoll der uber des Hahnreis Hoͤrnern ſchweben:— ja, Herr Bach, du ſollſts erleben, ich triumphire uͤber den Flegel, und du ſchlafſt bei ſeiner Frau. Komm nur gleich auf den Abend zu mir: Fluth iſt ein Schuft, und ich will ſeine Titel noch weitlaͤuftiger machen: du, Herr Bach, ſollſt ihn als Schuft und Hahnrei begruͤßen. Komm nur gleich heut Abend zu mir. (geht ab.) Fluth. Was fuͤr ein verdammter epicuraiſcher Schurke das iſt! Mein Herz moͤchte vor Ungeduld zerſpringen. Wer will nun noch ſagen, dies ſey unzeitige Eiferſucht? Meine Frau hat zu ihm geſchickt, die Stunde iſt beſtimmt, der Han⸗ del geſchloſſen:— wer hätte ſo etwas denken ſollen! da ſeht, welche Hölle es iſt, ein falſches Weib zu haben! Mein Bett ſoll entehrt, meine Koffer gebrandſchatzt, mein guter Name zernagt werden: und nicht genug, daß ich dieſe nichtswuͤrdige Kraͤnkung erdulde, ſoll ich mich noch mit den verruchteſten Benennungen ſchelten laſſen, und zwar von eben dem, der mir dieſen Schimpf anthut. Und welche Namen! welche Titel! Amaimon klingt gut; Lucifer gut, Barbaſon gut, und doch ſind es Teufelstitulaturen, die Namen boöſer Geiſter: aber Hahnrei? Hoͤrnertraͤger? Der Teufel ſelbſt fuͤhrt nicht ſolche Namen.— Page iſt ein Eſel, ein ſorgloſer Eſelt er verlaͤßt ſich auf ſeine Frau: er weiß nichts von Eiferſucht. Lieber will ich einem Holländer meine Butter, Pfarrer Hugh, dem Walliſer, meinen Käſe, einem Irlaͤnder meine Aquavit⸗ flaſche, und einem Diebe meinen Wallach, den Paßgänger zu reiten anverkrauen, als meine Frau ſich ſelbſt. Da caba⸗ lirt, da ſinnt und gruͤbelt ſie:— und was ſie in ihrem Her⸗ zen beſchließen, das muͤſſen ſie ausfuͤhren, und ſollte ihr Herz daruͤber brechen, ſie muͤſſens ausführen. Dem Him⸗ mel ſey Dank fuͤr meine Eiferſucht! Um Eif iſt die Stunde: S.3. von Vindſor. 635 ich will dem Dinge zuvorkommen, mein Weib entlarven, mich an Falſtaff raͤchen, und Page auslachen. Gleich will ich daran; beſſer drei Stunden zu fruͤh, als Eine Minute † zu ſpät!— Pfui, pfui, pfui!— Hahnrei, Hahnrei, Hahn⸗ reil— (geht ab.) Dritte Szene. Park von Windſov. (Cajus und Rugby treten auf.) Cajus. 'ans Rugby! Rugbp. Herr Doctor! Caj. Was is die Klock, ans?2 Rugy. Die Stunde iſt ſchon vorbei, Herr, wo Sir Hugh ſich einſtellen wollte. Caj. Pardieu, er vaben kerett' ſein Seel, weil er nik is gekomm: er»aben kuth gepett' ſeine Bibel, daß er nik is gekomm: pardieu, vans Rugby, er ſeyn ſchon todt, wann er ſeyn gekomm. Rugby. Er iſt geſcheidt, Herr Doctor; er wußte, Eur Gnaden würden ihn umbringen, wann er käme. Caj. Pardien, Das ering iſt nik ſo todt, als ik ihm will todt maken.— Nimm deine Degen,'ansz ik will dir weiſen, wie ik will ihn todt maken. Rugby. Ach, Herr, ich kann nicht fechten. Laj. Coquin, nimm deine Degen. Kugby. Still doch! hier kommen Leute. (Es kommen der Wirth, Schaal, Schmächtig und Page.) Wirth. Gott gruß dich, mein Rolands⸗Doctor. Schaal. Euer Diener, Herr Doctor Cajus. age. Guten Tag, lieber Herr Doctor! chmaͤcht. Schon guten Morgen, Sir. Caj. Was ſeyn Ihr all', Ein, Swei, Drei, Vier, ge⸗ komm''ieher?— Wirth. Dich fechten zu ſehn, dich legiren zu ſehn, dich⸗ 6* 36 Die luſtigen Weiber A. II. traverſiren zu ſehn, dich hier zu ſehn, dich da zu ſehn, dein Punto, deine Stoccata, dein Renvers, deine Diſtanz, deinen Montant zu ſehn. Iſt er todt, mein Aethiopier? Iſt er todt, mein Franzmann? Ha, Rodomont! Was ſagt mein Aes⸗ culap? mein Galen? mein Hollundermark? Iſt er todt mein Harnmonarch?— Iſt er todt? Caj. Pardieu, er ſeyn die groͤßte Memmenprieſter von die Welt; er»aben nik geweiſen ſein Visage. Wirth. Du biſt ein König von Eaſtilien, Don Orinal; Hector von Graecia, mein Junge! Caj. Ik bitten, mir ſu atteſtir', daß wir ihm'aben gewar⸗ tet, wir ſechs oder ſieben, ſwei bis drei Stunde, und er ſeyn nik gekomm. Schaal. Er iſt der i⸗ Herr Doctor: er iſt ein Arzt der Seelen, und Ihr ein Arzt der Leiber: wenn Ihr Euch ſchlagen wolltet, ſo ſtricht Ihr gegen das Haar Eurer Voca⸗ tion. Iſt das nicht wahr, Herr Page? Page. Herr Schaal, Ihr ſeyd ſelbſt ein großer Fechter geweſen, obgleich jetzt ein Mann des Friedens. Schaal. Sapperment, Herr Page, obgleich ich jetzt alt bin, und ein Friedensmann: wenn ich einen bloßen Degen ſehe, ſo jucken mir die Finger einen Gang zu machen. Wenn wir gleich Friedensrichter und Doctores ſind, und Diener Gottes, Herr Page, ſo ſpuͤren wir doch einiges Salz der ßugend in uns; ja, Herr Page, wir ſind vom Weibe ge⸗ oren. Page. Das iſt wahr, Herr Schaal. Schaal. Es wird ſich ſo ausweiſen, Herr Page. Mein Herr Doctor Cajus, ich bin hergekommen, Euch nach Hauſe zu hohlen. Ich bin ein geſchworner Friedensrichter— Ihr habt Euch verhalten wie ein kluger Arzt, und Sir Hugh wie ein kluger und friedfertiger Seelſorger. Ihr muͤßt mit mir gehn, Ber Doctor. Wirth. Mit Verlaub, Gaſt Friedensrichter:— He, Monſieur Waſſerforſcher! Caj. Waſſerforſcher! Was'eißt das? Wirth. Waſſerforſcher in unſrer engliſchen Sprache be⸗ deutet einen Helden, du Rodomont. Caj. Pardieu, ſo bin ik eine ſo große Waſſerforſcher, als die Anglais:— du Lump von eine'ans Aff Prieſter! Pardieu, wir wollen ihm habſneide ſeine Ohr. — Sz. 2. von Windſor. 37 Wirth. Er wird dich rechtſchaffen herumcuranzen, Ro⸗ domont. Caj.»erum curanzen? was'eißt das?— Wirth. Das heißt, er wird dir Satisfaction geben. Caj. Pardien, Ihr ſollen ſehn, er wird mir'erumcuran⸗ zen; denn, pardien, mir wollen das'aben. Wirth. Und ich will ihn dazu auffordern, oder er ſoll mir zappeln. Caj. Mir danken Euk vor das. Wirth. Und uͤberdem, calfatern.(heimlich zu den An⸗ dern.) Aber erſt, Herr Gaſt, und Herr Page, und deſſelbigen gleichen Ihr Caballero Schmaͤchtig, geht alle durch die Stadt nach Frogmore. Page. Sir Hugh iſt dort, nicht? Wirth. Er iſt dort; ſeht in welchem Humor er iſt; und ich will den Doctor auf dem Umweg uͤbers Feld hinbringen. Iſts ſo recht? Schaal. Das wollen wir thun. Alle. Lebt wohl, lieber Herr Doctor. (Page Schaal und Schmächtig ab.) Caj. Pardien, mir wollen todtmak die Prieſt?z denn er ſprikt en faveur von eine Maulaff bei Anne Page. Wirth. Schlag ihn todt: aber vorher ſteck' deine Unge⸗ duld in die Scheide; gieß kalt Waſſer auf deinen Zorn; geh mit mir ubers Feld nach Frogmore: ich will dich hinfuͤhren wo Anne Page iſt, nach einem Meierhof, wo ſie einen Schmaus halten: und da ſollſt du um ſie werben. Nun, du Aller⸗ weltskerl, iſts ſo recht?— Caj. Pardien, mir danken Euk vor das: pardien, mir lieben Euk, und will Euk verſchaff gute Gaſten, die Graf, die Chevalier, die Lord, die Edelleut, meine Patient. Wirth. Dafuͤr will ich dein Widerpart bei Anne Page de ſo recht geſagt? aj. Pardien, das ſeyn gut, ſehr gut geſagt. Wirth. So wollen wir uns herroen. ſts Caj. Folgen mir nak,'ans Rugby. (ſie gehn ab.) Die luſtigen Weiber A. III. Dritter Aufzug. Srogmornre. (Evans und Simpel treten auf.) Evans. Nun ſagt mit, ich pitt Euch, lieper Tienſtpote des Herr Schmaͤchtig, und Freund Simpel mit Euerm Namen,— nach welcher Seite hin habt Ihr ausgeſchaut nach tem Herr Cajus, welcher ſich nennt Toctor der Arzneien? Simp. Mein Seel, Herr, nach Pittywary, nach dem Parkweg, allenthalben hin, nur nicht die Straße nach der Stadt hin. Evans. Ich pitt' Euch vecht mit Inprunſt, ſchaut auch einmal tort hinunter. Simp. Recht wohl, Herr Pfarrer. Evans. Kott pehuͤte mir! wie voller Zornhaftigkeit pin ich, wie voller Seelenzagen! Ich werde erfreut ſeyn, wann er mir ankefuͤhrt hat. Ach, wie ich melancholiſire!—— Ich werte ihm ſeine Urinkläſer um ſeine Schelmekopf ſchmeiße, wenn ich kuthe Kelegenheit zu tem Ting erſehe. Kott pehute mir!—(ſingt.) Am ſtille Pach, zu teſſen Fall Ertoͤnt der Voͤkel Matrikal, Laß uns ein Pett von Roſe ſtreun Und tauſend wuͤrz'ge Plume fein,— Am ſtille Pach,„ S himmliſche Kuͤte! Ich habe peſontre Tispofition zu weine von Windſor. Sz. 1. Ertoͤnt der Vögel Matrikal. An Waſſerfluͤſſen Papylon,——— Und tauſend wuͤrz'ge Plume fein,—— Am ſtille.. Simp. Dort kommt er! dorther, Sir Hugh!— Evans. Er iſcht willkomme! Am ſtille Pach, zu teſſe Fall.. Kott ſchutze ten Kerechte!— Was vor Wafferuͤſtung kommt? Simp. Keine Waffenruͤſtung, Herr! Hier kommt mein Herr, Hrrr Schaal, und noch ein andrer Herr von Frog⸗ more, dort uͤber den Steg, von dieſer Seite. Evans. Pitt Euch, kept mir meinen Chorrock; oter nein, pehaltet ihn nur unterm Arm. (Es kommen Schaal, Schmächtig und Page.) Schaal. Sieh da, Herr Pfarrer! Guten Morgen, lieber Sir Hugh! haltet mir einen Spieler von ſeinen Wuͤrfeln, und einen fleißigen Schuler von ſeinem Buch ab, und ich will von Wundern ſprechen. Schmaͤcht. Ach, ſuͤße Anne Pagel Page. Gott gruͤß Euch, lieber Sir Hugh!— Evans. Er pehuͤte Euch um ſeiner Parmherzigkeit wille, allzumal. Schaal. Was? das Schwert und das Wort? Studirt Ihr beides, Herr Pfarrer? Page. Und immer noch ſo jugendlich in Wamms und Hoſen an dieſem rauhen, ſchnupfigen Tage? Evans. Tas hat ſeine Kruͤnte und Veranlaſſunge. Page. Wir ſind hergekommen, Euch einen guten Dienſt zu erweiſen, Herr Pfarrer. Evans. Recht ſchoͤn, was iſchts tann? Page. Da druͤben iſt ein ſehr wuͤrdiger Herr, der ver⸗ muthlich von Jemand beleidigt worden, und daruͤber mit ſei⸗ ner Wuͤrde und Geduld ſo zerfallen iſt, wie man ſichs nur denken kann. Schaal. Ich habe nun ſchon Achtzig Jahr gelebt und druͤber; aber noch nie ſah ich einen Mann von ſeinem Stande, von ſeiner Gravität und Gelehrſamkeit, der ſo ſehr alle Hal⸗ tung verloren haͤtte. Evans. Wer iſchts tann? Page. Ich glaube, Ihr kennt ihn; der Herr Doctor Cajus, der beruͤhmte franzöſiſche Medicus. 40 Die luſtigen Weiber A. III. Evans. Um Chriſchti Wunte wille! Ich hätte epen ſo kern von kuter Schuͤſſel Suppen erzähle kehoͤrt. Page. Wie das? Evans. Er verſteht Euch nicht mehr vom Hibocrates und Calenus,— und außertem iſcht er ausgemachte Mem⸗ me,— ſo ſchurkiſche Memme, als Ihr Euch immer wuͤnſche moͤkt mit umzukehe. Page. Ich wette, das iſt der Mann, der ſich mit ihm ſchlagen ſollte. Schmächt. O ſuͤße Anne Page!— (Der Wirth, Cajus und Rugby treten auf.) Schaal. So ſcheints, nach ſeinem Degen. Haltet ſie von einander; hier kommt Doctor Cajus. Page. Nicht doch, lieber Herr Pfarrer; laßt die Klinge Schaal. Und Ihr gleichfalls, lieber Herr Doctor! Wirth. Entwaffnet ſie, und laßt ſie ſich expliciren: laßt ſie ihre Haut heil behalten, und unſer Engliſch zerhacken. Caj. Ik bitten, laſſen mik reden eine Wort mit heuer Ohr: warum ſeyn Ihr nik kommen auf den Rendez-Vous? Evans. Ich pitte Euch, verliehrt die Ketult nicht! ums Himmels willen! Caj. Pardien, Ihr ſeyn die Memmen, die'ans»aſenfuß, die'ans Aff. Evans. Ich pitte Euch, laßt uns tene Spottvökel nicht zum Keläͤchter tiene: ich peſchwore Euch in kuter Freund⸗ ſchaftlichkeit, und will Euch auf tieſe oder jene Manier Sa⸗ tisfaction kepen;— ich will Euch Eure Waſſerkläſer um ſchur⸗ kiſchen Kopf ſchmeiße, weil Ihr Eure Peſtimmung und Ver⸗ abretungen nicht in Opacht genommen hapt. Caj. Diable! vans Rugby,— meine Gaſtwirth de la jarretière,— aben mir nik gewart nak ihm, um ihn ſu erterminir?'aben ik das nik auf die appointirte Place? Evans. So wahr ich Chriſteſeele pin, ſeht, das hier iſcht verabredeter Platz: tas ſoll kleich der Kaſtwirth zum Ho⸗ ſepand hier hinrichten. Wirth. Still, ſag' ich, Gallia und Wallia, Franzmann und Welſchmann, Seelendoctor und Leibesdoctor!— Caj. Ah, das ſeyn ſehr gut;— excellent!— Wirth. Friede, ſag' ich: hoört meinen Gaſtwirth zum Hoſenband. Bin ich ein Politicus? bin ich ein feiner Kopf? 3 * Sz. 1. von Windſor.— bin ich ein Machiavel? Soll ich meinen Doctor verlieren? Nein, er giebt mir die Potionen und die Motionen. Soll ich meinen Pfarrer verlieren? meinen Prieſter? Meinen Sir Hugh? Nein, er giebt mir die Sprichwoͤrter und die Nichts⸗ wörter. Deine Hand her, Erdenmann! ſo!— deine Hand her, Himmelsmann!— ſo!—— Nun, Ihr Söhne der Kunſt, ich habe Euch beide angefuͤhrt: ich habe Euch auf falſche Plätze beſtellt: Eure Herzen ſind wacker, Eure Haut iſt ganz, und gebrannter Sect ſey das Ende. Kommt, gebt die Degen als Pfand.— Folg mir, du Kind des Friedens; folgt, t⸗ folgt. Schna. Wahrhaftig, ein toller Wirth! Kommt alle mit, Ihr Herrn, kommt mit. Schmaͤcht. O, ſuͤße Anne Page! (Schaal, Schmächtig, Page und Wirth gehn ab.) Caj. Ak! merken ik das?'aben Ihr geſpielt die Narr mit uns? ah, ah!— Evans. Tas iſcht fein! hat er uns zum Peſte kehabt? Ich pitt Euch, laßt uns Freundſchaftlichkeit ſchließe, und laßt uns Köpf zuſammeſtoße, um uns zu raͤche an krindich⸗ ten, ſchäpigten, ſpitzpuͤbiſchen Keſellen, tieſem naämliche Kaſt⸗ wirth zum Hoſepand. Caj. Pardien, von kanz mein'erz. Er»at mir verſpro⸗ ken, mir ſu bring wo is Anne Page: Pardien, er betrugen mir gleikfalls. Evans. Schön, ich werte ihm ſeinen Hirnteckel ein⸗ ſchmeiße. Pitt' Euch, kommt mit. (ſie gehn ab.) 3 weite Szene. Straße in Windſor. (Frau Page und Robin treten auf.) Frau Page. Nun geh nur immer voran, mein kleiner Junker, ſonſt warſt du gewohnt, nachzufolgen, jetzt aber biſt du der Vorlaͤufer. Was iſt dir nun lieber? Meine Blicke zu leiten, oder auf deines Herrn Ferſen zu blicken? ————————— 42 Die luſtigen Weiber A. III. Rob. Ich werde doch lieber vor Euch hergehn, wie ein Mann, als ihm nachfolgen, wie ein Zwerg?— Fr. Page. Ei, du biſt ein kleiner Schmeichler; ich ſehe ſchon, du wirſt einmal ein Hofmann. (Fluth kommt.) Fluth. Willkommen Frau Page! Wohinaus? Fr. Page. Ich wollte grade Eure Frau beſuchen. Iſt ſie zu Hauſe? luth Ja, und ſo muͤßig, baß ſie vor Langerweile nur noch eben zuſammenhaͤngt. Ich denke, wenn Eure Maͤnner todt wären, ließt Ihr beiden Euch trauen. Fr. Page. Ganz gewiß, mit zwei andern Maͤnnern. Fluth. Woher habt Ihr denn dieſen allerliebſten Wet⸗ terhahn? Fr. Page. Ich weiß nicht mehr, wie zum Kuckuck doch der heißt, von dem mein Mann ihn hat:— Wie heißt Euer Ritter noch mit Namen, Kleiner? Rob. Sir John Falſtaff. Fluth. Sir John Falſtaff!— Fr. Page. Ja, ja; ich kann mich nie auf ſeinen Namen beſinnen. Er und mein guter Mann ſind ſolche beſondre Freunde! Iſt Eure Frau wirklich zu Hauſe? Fluth. Allerdings. Fr. Page. So erlaubt, Herr Fluth; ich bin ganz krank, ie zu ſehn⸗ ß(Frau Page und Rovin ab.) Fluth. Hat der Page kein Gehirn? hat er keine Augen? hat er keine Gedanken? Wahrhaftig, das alles ſchläft bei ihm, er weiß es nicht zu gebrauchen. Der Junge da wird ſo leicht einen Brief zwanzig Meilen weit tragen, als eine Kanone zwanzig Dutzendmal ins Weiße trifft. Er ſchneidert ſelbſt die Liebesthorheit ſeiner Frau zurecht; er thut ihr Vorſchub, und macht ihr Gelegenheit; und nun geht ſie zu meiner Frau und Falſtaffs Burſche mit ihr:— Dies Hagelwetter kann man wahrhaftig ſchon von weitem pfeifen hoͤren! Und Fal⸗ ſtaffs Burſch mit ihr! Ein huͤbſches Complott! Geſchmiedet haben ſies, und unſte rebelliſchen Weiber theilen die Verdamm⸗ niß mit einander. Nun, ich will ihn fangen, und hernach meine Frau recht tuͤchtig qualen, der ſcheinheiligen Frau Page den Schleier ihrer Sittſamkeit abreißen, ihren Mann als einen ſorgloſen und gutwilligen Actaͤon zur Schau ſtellen, und zu dieſem ſtuͤrmiſchen Verfahren ſoll die ganze Nachbarſchaft Sz. 2. von Windſor. 43 Beifall rufen. Die Uhr giebt mir das Zeichen, und meine Zuverſicht heißt mich ſuchen: den Fallſtaff muß ich dort fin⸗ den. Man wird mich gewiß ehr darum loben als verſpotten, denn es iſt ſo ausgemacht, als die Erde feſt ſteht, daß Fal⸗ ſtaff dort iſt. Ich will hingehn. Es komme age, Schaal, Schmächti Wirth, E6 ₰ 5 e Cajus.) S F Alle. Ei, willkommen Herr Fluth!— Fluth. Nun, wahrhaftig, eine huͤbſche Bande! Mein Tiſch iſt heut gut beſetzt: ich bitte Euch, daß Ihr alle bei mir einſprecht. Schaal. Ich muß mich entſchuldigen, Herr Fluth. Schmaͤcht. Das muß ich auch, Herr Fluth. Wir haben verſprochen, mit Jungfer Anne zu ſpeiſen, und ich moͤchte mein Wort nicht brechen um alles Geld das Leben hat. Schaal. Wir haben ſchon lange eine Heirath zwiſchen Anne Page und meinem Vetter Schmaͤchtig auf dem Korn, und heute ſollen wir das Jawort holen. Schmaͤcht. Ich hoffe doch, ich habe Eure Einwilligung, Vater Page? Page. Die habt Ihr, Herr Schmaͤchtig: ich ſtimme ganz fuͤr Euch: aber meine Frau, Herr Doctor, iſt allerdings auf Eurer Seite. Caj. Oui pardien, und die Maͤdel lieben mir; mein Wartftau'urtig aben mik das geſagt. Wirth. Und was ſagt Ihr zu dem jungen Herrn Fen⸗ ton? Er ſpringt, er tanzt, er hat junge feurige Augen, er ſchreibt Verſe, er ſpricht Feſttagsworte, er duftet wie April und Mai: der fuͤhrt ſie heim, der fuͤhrt ſie heim, der hat das Gluͤck in der Taſche, der fuͤhrt ſie heim. Page. Nicht mit meinem Willen, das verſichr' ich Euch. Der junge Menſch hat kein Vermögen. Er hat in des wil⸗ den Prinzen Geſellſchaft gelebt; er iſt aus einer zu hohen egion, er weiß zuviel. Nein, der ſoll mit dem Finger mei⸗ nes Reichthums keinen Knoten in ſein Gluck knuͤpfen; will er ſie nehmen, ſo mag er ſie ohne Ausſteuer nehmen: das Vermoͤgen, das mir gehoͤrt, wartet auf meine Einwilligung, und meine Einwilligung geht dieſes Wegs nicht. Fluth. Ich bitt' Euch inſtaͤndigſt, Einige von Euch muͤſ⸗ ſen mit mir eſſen: außer einer guten Mahlzeit ſteht Euch ein Spaß bevor: ich will Euch ein Monſtrum zeigen. Herr 44 Die luſtigen Weiber A. MI. Doctor, Ihr muͤßt mit gehn; Ihr auch, Herr Page, und Ihr, Sir Hugh. Schaal. Nun, ſo lebt wohl, wir koͤnnen dann unſte Werbung um ſo beſſer beim Herrn Page anbringen. Gehn du nak»'auſ', ans Rugby; ik kommen ald nak. Wirth. Lebt wohl, Kinder, ich will zu meinem ehrſa⸗ men Ritter Falſtaff und eine Flaſche Sect mit ihm um⸗ bringen.. Fluth Cbeiſeit.) Und ich will vorher noch Eins mit ihm umſpringen, denn er ſoll diesmal nach meiner Pfeife tan⸗ zen.— Wollt Ihr mitkommen, liebe Herrn? Alle. Wie gehn mit, das Monſtrum zu ſehn. (ſie gehn ab.) Zimmer in Fluths Hauſe. GFrau Fluth, Frau Page und Knechte mit einem Waſch⸗ korb treten auf.) Frau Fluth. He, John! He, Robert!— Fr. Page. Geſchwind, geſchwind! Iſt der Waſchkorb.. Fr. Fluth. Ja doch!— He, Robin, ſag' ich. Fr. Page. Macht fort! Macht fort! Fr. Fluth. Hier ſetzt ihn hin. Fr. Page. Sagt Euern Leuten, was ſie thun ſollen; wir muͤſſen ſchnell machen! Fr. Fluth. Nun alſo, John und Robert, wie ich Euch vorhin ſagte, haltet Euch hier nebenbei im Brauhauſe fertigz und wenn ich eilig rufe, kommt herein, und nehmt ohne Verzug und Bedenken dieſen Korb auf Eure Schultern. Wenn das geſchehn iſt, trabt mir damit in aller Haſt, und bringt ihn zu den Bleichern auf die Datchetwieſe, und da ſchuͤttet ihn aus in den ſchlammigen Graben nicht weit von der Themſe. Fr. Page. Wollt Ihr das thun? Fr. Fluth. Ich habs ihnen ſchon lang und breit aus⸗ Sz3. von Windſor. 4⁵ einandergeſetzt, ſie brauchen keine weitre Anweiſung. Geht nun, und kommt auf den erſten Aufruf! (die Knechte gehu ab.) Fr. Page. Hier kommt der kleine Robin. (Robin kommt.) Fr. Fluth. Nun, wie gehts, mein kleiner Zeiſig? Was bringſt du neues?— Rob.. Mein Herr, Sir John, iſt zur Hinterthuͤr her⸗ eingekommen, Frau Fluth, und wuͤnſcht Euch aufzuwarten. Fr. Page. Du kleiner Gelbſchnabel, biſt du uns auch treu geweſen? Rob. Ja, das ſchwor' ich; mein Herr weiß nicht, daß Ihr hier ſehd, und hat mir gedroht, mich in ewige Frei⸗ heit zu verſetzen, wenn ich Euch davon ſage; denn er ſchwoͤrt, er will mich fortjagen. Fr. Page. Du biſt ein guter Junge; dieſe deine Ver⸗ ſchwiegenheit ſoll dein Schneider werden, und dir ein neues Wamms und Hoſen machen. Ich will mich verſtecken. Fr. Fluth. Das thut.— Geh, ſag deinem Herrn, ich ſey allein. Frau Page! vergeßt Euer Stichwort nicht!— (Robin ab.) Fr. Page. Sorge nur nicht, wenn ich meine Rolle nicht gut ſpiele, ſo ziſche mich aus. (geht ab.) Fr. Fluth. Nun wohlan: Wir wollen ſchon mit dir fertig werden, du ungeſunde Feuchtigkeit, du großer waͤß⸗ riger Kuͤrbis; wir wollen dich lehren, Tauben von Kraͤhen zu unterſcheiden. (Falſtaff tritt ein.) Falſt. Hab' ich dich errungen, mein himmliſches Juweel? Ha! Jetzt, Goͤtter, laßt mich ſterben, denn ich habe lange genug gelebt. Dies iſt das Ziel meines Ehrgeizes! O die ſuͤße Stunde!— Fr. Fluth. O, liebſter Sir John!— Falſt. Frau Fluth, ich kann nicht ſuß thun, ich kann nicht declamiren, Frau Fluth. Nun laß mich einen ſuͤnd⸗ lichen Wunſch ausſprechen: ich wollte dein Mann wäre todt. Ich wills dem erſten Lord ins Angeſicht ſagen: ich wuͤrde dich zu meiner Lady machen. 46 Die luſtigen Weiber A. IMI. Fr. Fluth. Ich Eure Lady, Sir John? Ach ich wuͤrde eine klaͤgliche Lady abgeben!— Falſt. Laß mir den franzoͤſiſchen Hof einmal eine zweite ſolche aufweiſen! Ich ſehe, wie dein Auge mit dem Dia⸗ mant wetteifern wuͤrde. Du haſt grade die feingeſchwungne Schoͤnheit der Augenbrauen, die zu jedem Aufſatz gut klei⸗ det; zum großen Segelaufſatz, zum Amazonenaufſatz, oder zum Venetianiſchen Aufſatz. Fr. Fluth. Eine ſimple Haube, Sir John; meinen ſteht ſonſt nichts, und auch das nicht ein⸗ mal recht. Falſt. Du uͤbſt Felonie, wenn du ſo ſprichſt. Eine vollkommne Hofdame gaͤbſt du ab; und der feſte Accent deines Fußes wuͤrde deinem Gange eine herrliche Bewegung geben in einem halbrunden Reifrock. Ich ſehe, was du eyn wuͤrdeſt, wenn Fortuna dir nicht als Feindin wider⸗ ſtrebte: Natur iſt deine Freundin; ja, ja, das kannſt du nicht verbergen. Fr. Fluth. Glaubt mir, davon iſt nichts in mir. Falſt. Was machte mich in dich verliebt? Daraus kannſt du den Schluß ziehn, du ſeyſt etwas Außerordentliches. Komm, ich kann nicht ſuͤß thun, und ſagen, du ſeyſt dies und das, wie ſo manche lispelnde Weihdornbluͤthen, die wie Weiber in Mannskleidern gehn, und riechen wie ein Apothekerladen zur Zeit der Kraͤuterleſe: ich kanns nicht; aber ich liebe dich, keine als dich, und du verdienſt es. Fr. Fluth. Hintergeht mich nicht, Sir; ich fuͤrchte, Ihr liebt Fran Page. Falſt. Du koͤnnteſt eben ſo gut ſagen, ich liebe einen Spatziergang auf den Schuldthurm, der mir eben ſo verhaßt iſt, als der Rauch aus einem Kalkofen. Fr. Fluth. Nun, der Himmel weiß, wie ich Euch liebe; und Ihr werdet einſt noch erfähren. Falſt. Bleibt bei der Geſinnung: ich werde ſie ver⸗ dienen. Fr. Fluth. O, ich muß Euch ſagen, das thut Ihr ſchon, fonſt wuͤrde ich dieſe Geſinnung nicht hegen. Rob.(draußen.) Frau Fluth, Frau Fluth, hier iſt Frau Page vor der Thuͤr, und ſchwitzt und keucht, und ſieht ganz verſtort aus: ſie will gleich mit Euch ſprechen. Falſt. Sie ſoll mich nicht ſehn, ich will mich hinter der Tapete verſchanzen⸗ Sz. 3. von Windſor. Fr. Fluth. Ach ja, thut das, ſie iſt eine gar zu ſchwatz⸗ hafte Frau⸗ GFalſtaff verſteckt ſich hinter der Tapete.) (Frau Page tritt ein.) Nun, was giebts? Was iſt? Fr. Page. O, Frau Fluth, was habt Ihr gemacht! Ihr ſeyd beſchimpft, Ihr ſeyd verlohren, Ihr ſeyd auf ewig zu Grunde gerichtet!— Fr. Fluth. Was giebts, liebe Frau Page? Fr. Page. Recht allerliebſt, Frau Fluth!— So einen ehrlichen guten Mann zu haben, und ihm ſolchen Anlaß zum Argwohn geben!— Fr. Fluth. Was fuͤr einen Anlaß zum Argwohn?— Fr. Page. Was fuͤr einen Anlaß zum Argwohn? Schaͤmt Euch doch! Wie hab' ich mich in Euch geirrt!— Fr. Fluth. Nun, mein Gott, was giebts denn? Fr. Page. Euer Mann kommt her, Frau, mit allen Gerichtsdienern aus Windſor, um einen Herrn zu ſuchen, der, wie man ſagt, jetzt mit Eurer Einwilligung hier im Hauſe iſt, um ſich ſeine Abweſenheit auf unerlaubte Art zu Nutze zu machen. Ihr ſeyd verlohren!— Fr. Fluth Cieiſe.) Sprich lauter! Gaut.) Mein Gott, ich will nicht hoffen?— Fr. Page. Gebe Gott, daß ſichs nicht ſo verhalte, und daß Ihr nicht ſo Jemand hier habt; aber das iſt ganz gewiß, Euer Mann kommnt mit halb Windſor hinter ſich, um ſo Jemand aufzuſuchen. Ich lief voran, es Euch zu ſagen; habt Ihr aber einen Freund hier, ſo macht, macht, daß er wegkommt. Verliert die Faſſung nicht; ruft alle Eure Lebensgeiſter zuſammen; vertheidigt Euern Ruf, oder ſagt Euern guten Tagen auf ewig Lebewohl. Fr. Fluth. Was ſoll ich thun? Freilich iſt ein Herr ier, ein ſehr werther Freund, und ich fuͤrchte meine eigne Schande nicht ſo ſehr, als ſeine Gefahr. Mir waͤrs lieber als tauſend Pfund, wenn ich ihn außer Hauſe wuͤßte!— Fr. Page. Ei, geht mir jetzt mit Euerm: mir waͤr's liebert mir wär's lieber! Euer Mann wird gleich zur Stelle ſeyn; denkt wie Ihr ihn fortſchafft:— im Hauſe konnt Ihr ihn nicht vetſtecken.— O, wie ich mich in Euch geirrt habe!—— Scht, hier ſteht ein Korb: wenn er nur irgend von geſcheidter Statur iſt, kann er hier hin⸗ einkriechenz und dann werft ſchmutzige Waͤſche auf ihn, als Die luſtigen Weiber 4. m. ging es zum Einweichen; oder, es iſt gerade Bleichenszeit, ſchickt ihn durch Eure zwei Knechte auf die Datchetwieſe. Fr. Fluth. Er iſt zu dick, um da hineinzugehn: was fang' ich an?— (Falſtaff kommt hervor.) Falſt. Laßt einmal ſehn! laßt einmal ſehn! O laßt mich einmal ſehn! Ich will hinein, ich will hinein; folgt dem Rath Eurer Freundin; ich will hinein. Fr. Page. Was! Sir John Falſtaff! Sind das Eure Brieſe, Ritter?. Falſt. Ich liebe dich,— hilf mir nur weg!— laß mich da hineinkriechen,— ich will niemals,—— (Er kriecht in den Korb, ſie decken ihn mit ſchmutziger Wäſche zu.) Fr. Page. Hilf deinen Herrn zudecken, Kleiner! Ruft Eure Leute, Frau Fluthl Ihr heuchleriſcher Ritter!— Fr. Fluth. He, Johann! Robert! Johann! bringt mir die Waͤſche fort, hurtig! Wo iſt die Tragſtange? Seht, wie Ihr troͤdelt!— Tragts zur Waͤſcherin auf die Datchetwieſe; hurtig! macht fort!— (Fluth, Page, Cajus und Evans kommen.) Fluth. Ich bitt Euch, kommt herein. Wenn ich ohne Grund Verdacht hege, ſo foppt mich und treibt Euern Spott mit mir; es geſchieht mir recht.— Holla!— wo wollt Ihr damit hin? Rnecht. Zur Waͤſcherin, Herr. Fr. Fluth. Ei, was gehts dich denn an, wohin ſie's tragen? Du willſt dich wohl auch um meine Koͤrbe kuͤm⸗ mern? Fluth. Koͤrbe? Ja, ich wollte, du verſtaͤndſt dich drauf, einen Korb zu geben; wahrhaftig, ein Korb waͤre hier recht an der Zeit geweſen. (Die Knechte tragen den Korb hinaus.) Ihr Herrn, mir traͤumte die Nacht etwas; ich will Euch meinen Traum erzaͤhlen. Hier, hier, hier ſind meine Schluͤſ⸗ ſel; geht hinauf in alle Zimmer: ſucht, forſcht, ſpuͤrt aus; ich ſteh Euch dafuͤr, wir ſtoͤbern den Fuchs aus ſeinem Bau. Ich will ihm hier den Weg vertreten: ſo, jetzt grabt ihn aus. i H Herr Fluth, ſeyd ruhig, Ihr thut Euch ſelbſt zu nah⸗ Fluth. Ihr habt Recht, Herr Page. Hinauf, Ihr Sz. 3. von Windſor. 49 Herrnz Ihr ſollt gleich Euern Spaß erleben: kommt nur mit, Ihr Herrn. (er geht ab.) Evans. Tas iſcht kar phantaſtiſche Krillen und Eifer⸗ ſuchten. Caj. Pardien, tas is nik la mode in Frankreik; man ſeyn nik jaloux in Frankreik. Page. Nun komint, Ihr Herren; wir wollen ſehn, wie dies Suchen ablaͤuft. (ſie gehn ab.) Fr. Page. Iſt das nicht ein doppelt koͤniglicher Spaß? Fr. Fluth. Ich weiß nicht, was mir beſſer gefaͤllt, daß mein Mann angefuͤhrt iſt, oder Sir John. Fr. Page. Wie ihm wohl zu Muth war, als Euer Mann fraßte, was im Korbe ſey!— Fr. Fluth. Ich fuͤrchte faſt, daß eine Waſche ihm ganz zutraͤglich ſey; und ſo wirds ihm eine Wohlthat, wenn ſie ihn ins Waſſer werfen. Fr. Page. An den Galgen mit dem ehrvergeßnen Schur⸗ ken! Ich wollte, daß alle von dem Gelichter in gleicher Noth ſteckten!— Fr. Fluth. Ich glaube, mein Mann muß einen beſon⸗ dern Verdacht auf Falſtaffs Hierſeyn haben; denn nie ſah ich ihn ſo wild in ſeiner Eiferfucht, als diesmal. Fr. Page. Ich will ſchon etwas ausdenken, um das herauszubringen; und wir muͤſſen dem Falſtaff noch mehr Streiche ſpielen; ſein Liebesfieber wird ſchwerlich dieſer Einen Arznei weichen. Fr. Fluth. Sollen wir ihm das alberne Thier, die Frau Hurtig zuſchicken, um uns zu entſchuldigen, daß man ihn ins Waſſer geworfen? und ihm noch einmat Hoffnung geben, um ihn noch einmal abzuſtrafen?— r. Page. Das wollen wir thun: wir wollen ihn auf fruh um Acht herbeſtellen, um ihn ſchadlos zu alten. Fluth und Page kommen mit den Andern zurück.) Fluth. Ich kann ihn nicht finden: vielleicht prahlte der Schurke mit Dingen, die er nicht erlangen konnte. Fr. Page. Hoͤrt Ihr wohl? Fr. Fluth. Ja, ja; nur ſtille.— Ihr behandelt mich recht artig, Herr Fluth; in der That!— VIII. 4 50 Die luſtigen Weiber A. I Fluth. Nun ja, das thu' ich auch. Fr. Fluth. Der Himmel mach Euch beſſer, als Eure Gedanken ſind! Fluth. Amen! Page. Ihr thut Euch ſelbſt recht zu nah, Herr luth Fluth. Ja, ja, ich muß es ſchon hinnehmen. Evans. Wann hier Creatur im Hauſe iſcht und in tene Zimmer, auf tene Poͤten, in tene Kiſten und Kaſten, ſo verkepe mir himmliſche Kuͤte meine Suͤnden am Take tes Kerichts. Caj. Pardieu, mir auk nik; da is nik ein Seel. Page. Pfui, pfui Herr Fluth, ſchaͤmt Ihr Euch nicht? Welcher Geiſt, weicher Teufel bringt Euch auf ſolche Ein⸗ bildungen? Ich moͤchte dieſe Eure Verſtimmung nicht ha⸗ ben, nicht fuͤr alle Schaͤtze von Windſor Schloß. t Das iſt mein Fehler, Herr Page; ich buͤße afuͤr. Evans. Ihr puͤßt fuͤr Euer poͤſes Kewiſſe: Euer Weip iſcht ſo ehrliche Frau als man ſich wuͤnſche kann unter fuͤnf⸗ tauſend und fuͤnfhundert ope trein. Caj. Pardien, ik ſehn, es is ein hehrlik Frau. Fluth. Schon gut! Ich verſprach Euch eine Mahlzeit: kommt, kommt; geht mit mir in den Park. Ich bitt' Euch, verzeiht mir; ich will Euch hernach erzaͤhlen, warum ich fo verfahren habe.— Komm, Frau; kommt, Frau Page; ich bitt' Euch, verzeiht mir; ich bitte herzlich, drum, verzeiht mir. Page. Laßt uns gehn, Ihr Herren; aber verlaßt Euch drauf, wir wollen ihn außziehn. Ich lade Euch ſaͤmmtlich ein, morgen in meinem Hauſe zu fruͤhſtuͤcken: hernach wol⸗ len wir auf die Vogeljagd; ich habe einen herrlichen Wald⸗ falken; ſeyd Ihrs zufrieden? Evans. Wann Einer ta iſcht, ſo will ich in ter Com⸗ pagnie ten Zweiten abkepen. Caj. Wenn da ſeyn Ein oder Swei, will it ſie habge⸗ ben den Tritt. Fluth. Ich bitt Euch, kommt, Herr Page. Evans. inn pitt ich Euch, tenkt mir auf Morke an lauſigen Schurken, unſern Herrn Kaſtwirth! 3 Sz. 4. von Windſor. Caj. Das iſt ſehr gut; pardien, von ganz mein Erz. Lvans. S iſcht lauſiger Schurke, mit ſeinen Spott⸗ haftigkeite und Stichelworte!— (ſie gehn ab.) — Vierte Szene. Zimmer im Hauſe des Herrn Page. GFenton und Jungfer Anne Page treten auf.) Fenton. Nein, deines Vaters Gunſt gewinn⸗ ich nicht; Drum nicht an ihn verweiſe mich, mein Annchen. Anne. Doch ach! was dann?, Fent. Sey nur einmal du Selbſt. Er wendet ein, ich ſey zu hoch von Abkunft; Und weil Verſchwendung mir mein Gut beſchaͤdigt, So woll' ichs nur durch ſein Vermoͤgen heilen. Dann ſchiebt er andre Riegel mir entgegen; Mein vorig Schwaͤrmen, meine wilden Freundez Und ſagt mir, ganz unmoͤglich duͤnk es ihn, Daß ich dich anders liebt' als um dein Geld. Anne. Wer weiß, er hat wohl Recht? Fent. Nein, ſteh mir ſo der Himmel kuͤnftig bei! Zwar laͤug'en ich nicht, daß deines Vaters Reichthum Der erſte Anlaß meiner Werbung war: Doch werbend fand ich dich von hoͤherm Werth Als Goldgeprag', und Beutel wohl verſiegelt; Und deines Innern ächte Schaͤtze ſinds, Wonach ich einzig trachte. Anne. O, Herr Fenton, Sucht doch des Vaters Gunſt; ſucht ſie, Lieber, Und wenn demuͤthig Fleh'n und guͤnſt'ge Zeit Ihn nicht gewinnt,— nun dann,—— hoͤrt, kommt hieher.£ Genton und Anne gehn auf eite.) * Die luſtigen Weiber A. M. (Schaal, Schmächtig, und Frau Hurtig kommen.) Schaal. Fallt ihnen in die Rede, Frau Hurtig: mein Vetter ſoll fur ſich ſelbſt reden. Schmaächt. Ich werde mir einmal ein Herz anfaſſen; Blitz, es will nur gewagt ſeyn. Schaal. Laß dich nicht angſt machen. Schmächt. Nein, ſie ſoll mich nicht angſt machen; br iſt mir gar nicht bange; es iſt nur, daß ich mich fuͤrchte. Fr. Zurt. Hoͤrt einmal; Junker Schmaͤchtig haͤtte Euch ein Wort zu ſagen. Anne. Ich komme.— Gu Fenton.) Dies iſt meines Vaters Wahl. O welche Maſſe haͤßlich ſchnoͤder Fehle, Sieht ſchmuck aus bei dreihundert Pfund des Jahrs!— Fr. Zurt. Nun, was macht denn der liebe Herr Fen⸗ ton? Ich bitt' Euch, auf ein Worti Schaal. Da kommt ſie: nun mach dich an ſie, Vetter: ach, Junge, du hatt'ſt einen Vater,. chmaͤcht. Ich hatt' einen Vater, Jungfer Anne,— mein Onkel kann Euch huͤbſche Spaͤße von ihm etzaͤhlen: bitt' Euch, Onkel, erzahlt Jungfer Anne'mal den Spaß, wie mein Vater zwei Gaͤnſe aus einem Stalle geſtohlen hat, lieber Onkel! Schaal. Jungfer Anne, mein Vetter liebt Euch!— Schmaͤcht. Ja wohl, ſo ſehr als irgend eine Frauens⸗ perſon in Gloſterſhire. 2 Schaal. Er wird Euch halten, wie eine Edelfrau. Schmaͤcht. Ja, wie ſichs ein Menſch wuͤnſchen kannz aber unter dem Stande eines Squire. Schaal. Ein Witthum von hundert und funfzig Pfund wird er Euch ausſetzen. Lieber Herr Schaal, laßt ihn fuͤr ſich ſelbſt werben. Schaal. Ei wahrhaftig, ich danke Euch; ich danke Euch fuͤr den guten Troſt.— Sie ruft Euch, Vetter; ich will Euch allein laſſen. Anne. Nun, Herr Schmaͤchtig? Schmaͤcht. Nun, liebe Jungfer Anne? Anne. Was iſt Euer Wille? Schmächt Mein Wille? Mein letzter Wille? O Sap⸗ permenichen! das iſt ein huͤbſcher Spaß, mein Seel! Meinen Sz. 3. von Windſor. 53 Willen habe ich noch nicht aufgeſetzt, Gott ſey Dank; nein, ſo eine kraͤnkliche Creatur bin ich noch nicht, dem Himmel ſey Dank! Anne. Ich meine, Herr Schmaͤchtig, was Ihr von mir wollt? Schmaͤcht. Mein Seel, ich fuͤr meine Perſon, ich will wenig oder nichts von Euch. Euer Vater und mein Onkel habens in Gang gebracht: wenns mir beſcheert iſt, gut; wenns mir nicht beſcheert iſt,— nun, wers Gluͤck hat, fuͤhrt die Braut heim. Die koͤnnen Euch etzaͤhlen, wie's gekommen iſt, beſſer als ich. Fragt einmal Euern Vaterz hier kommt er. (Page tritt auf mit ſeiner Frau.) Page. Nun, mein Herr S Lieb' ihn, Toch⸗ ter Anne.— Ei, was iſt das? Was macht Herr Fenton hier? Ihr kraͤnkt mich, daß ich Euch ſo oft hier finde; Ich ſagt Euch, Herr, mein Kind ſey ſchon verſprochen. Fent. Nun, mein Herr Page, ſeyd nicht ungeduldig. Fr. Page. Lieber Herr Fenton, laßt das Maͤdchen gehn. Page. Sie iſt Euch nicht beſtimmt. Fent. Wollt Ihr mich hoͤren? Page. Nein doch, Herr Fenton. Kommt jetzt, Herr Schaal, komm mit, Sohn Schmaͤch⸗ tig, komm; Da Ihr Beſcheid wißt, kraͤnkt Ihr mich, Herr Fenton. (Page, Schaal und Schmächtig ab.) Fr. Zurt. Sprecht mit Frau Page. Fent. Liebſte Frau Page, weil ich für Eure Tochter So lautre Abſicht heg' und treu Gemuͤth, Muß ich, unhoͤflich dieſem Schelten trotzend, Vorwaͤrts die Fahne meiner Liebe tragen, Und nimmer weichen: Goͤnnt mir Euern Beiſtand. Anne. O Mutter, gebt mich nicht dem Narrn zur Frau! Fr. Page. Ich wills auch 5 ich weiß'nen beſſern Mann. Fr. Zurt. Das iſt mein Herr, der Herr Doctor.— Anne. Ach, lieber grabt mich doch lebendig ein, Und werft mich todt mit Ruͤben⸗ Fr. Page. Geh, mach' dir keine Sorge. Hoͤrt, Her S Fenton, Ich will Euch Feindin nicht, noch Freundin ſiynz 54 Die luſtigen Weiber Das Maͤdchen frag' ich erſt, wie ſie Euch liebt, Und wie ichs finde, lenk ich meinen Sinn. Bis dahin lebt mir wohl:— ſie muß nun gehn, Sonſt ſchilt der Vater uns. (Frau Page und Anne gehn ab.) Fent. Lebt wohl denn, werthe Frau! leb wohl, mein Annchen! Fr. Zurt. Das hab' Ich gemacht.— Nein, ſagt' ich, wollt Ihr Euer Kind an ſo'n Marren wegwerfen? und an ſo'n Doctor? Seht Euch einmal den Herrn Fenton an! Das hab' Ich gemacht. Fent. Ich dank dir; und ich bitt dich, noch heut Abend Gieb Annchen dieſen Ring.— Mir 1iüt dich! geht ab. Fr. Zurt. Nun, der Himmel ſchenke dir ſeinen Segen! Ein liebreiches Herz hat er? unſer Eins liefe ja gern durchs Feuer und Waſſer fuͤr ſo ein liebreiches Herz.— Aber ich wollte doch, daß mein Herr Jungfer Anne bekäme; oder ich wollte, daß Herr Schmaͤchtig ſie bekaͤme;— oder, mein Seel, ich wollte, daß Herr Fenton ſie bekaͤme. Ich will fuͤr alle drei thun, was ich kann: denn das hab ich verſprochen, und ich will auch ehrlich Wort halten: aber recht ſpecifiſch dem Herrn Fenton.— Nun, jetzt muß ich ja noch mit einem andren Gewerbe von meinen beiden Frauen zu Sir John Falſtaff: was fuͤr'n Schaf bin ich, ſo was zu vertroͤdeln!— 3 C(ſie geht ab.) 2 F uͤnſfte Szene. Zimmer im Gaſthofe zum Hoſenband. (Es treten auf Falſtaff und Bardolph.) Falſtaff. Bardolph, ſag' ich,— Bard. Hier, Herr. Falſt. Geh, hol mir ein Quartier Sect; leg ein Stuck geroſtet Brod hinein.—(Bardolph ab.) Mußte ich das Sz. 5. von Windſor. 55 erleben, daß man mich in einem Waſchkorb wegtrug⸗ wie eine Tracht Caldaunen vom Metzger, und mich in die Themſe warf? Meiner Treu, wenn mir noch einmal ſo mitgeſpielt wird, ſo ſoll man mir das Gehirn ausnehmen und es in Butter braten, und es einem Hunde zum Neujahrsgeſchenk geben.— Die Schurken ſchmiſſen mich in den Fluß und machten nicht mehr Umſtaͤnde, als haͤtten ſie die blinden Jungen einer Huͤndin erſaͤuft, funfzehn auf Einen Wurf: und man kann mir's an meiner Statur anſehn, daß ich eine gewiſſe Behendigkeit im Unterſinken habe: waͤre der Grund ſo tief wie die Hoͤlle, ich muͤßte hinunter. Ich waͤre ertrunken, waͤre nicht das Ufer ſeicht und ſandig geweſen; ein Tod, den ich verabſcheue! denn das Waſſer ſchwellt den Menſchen aufz und was fuͤr eine Figur waͤre aus mir ge⸗ worden, wenn ich ins Schwellen gerathen waͤre? Ich waͤre ein Gebirg von einer Mumie geworden!— (Bardolph kommt zurück mit dem Wein.) Hier iſt Frau Hurtig, Herr, die Euch ſprechen will. Falſt. Komm her, laß mich etwas Sect zu dem Thei⸗ ſenwaſſer ſchuͤtten; denn mein Bauch iſt ſo kalt, als haͤtt' ich Schneebaͤlle wie Pillen verſchluckt, um die Nieren ab⸗ zukuͤhlen.— Ruf ſie herein. Bard. Komm herein, Frau!— (Frau Hurtig kommt.) Fr. Zurt. Mit Vergunſt,— ich bitt' um Verzeihung! — ich wuͤnſch' Euer Gnaden einen guten Morgen,— Falſt. Nimm die Kelchglaͤſer weg; geh, braue mir eine Flaſche Sect und ſaͤuberlich⸗ Bard. Mit Eiern, Sir? Falſt. Simpel, ohne Zuſatz; ich will keinen Huͤhner⸗ ſamen in meinem Gebraͤu.— Nun? Fr. Zurt. Ach, lieber Sir, ich komme zu Euer Gna⸗ den von der Frau Fluth,— Falſt. Frau Fluth! Ich habe genug von der Fluth ge⸗ koſtet! Man hat mich hineingeworfen in die Fluth; ich habe den Bauch voll von Fluth⸗ Fr. Zurt. Ach, lieber Gott, das arme Herz kann ja nichts dafuͤr. Sie hat ihre Leute recht heruntergemacht; die haben ihre Irrigirung falſch verſtanden. . 56 Die luſtigen Weiber 1. m. eines albernen Weibes baute. r. Zurt. Nun gut; jetzt lamentirt ſie drum, Sir, daß es Euch das Herz umkehren wuͤrde, wenn Ihrs anſaͤht. Ihr Mann geht heut Morgen auf den Vogelheerd, ſie er⸗ ſucht Euch, Ihr moͤchtet noch einmal zwiſchen Acht und Neun zu ihr kommen⸗ ich ſoll ihr hurtig Antwort brin⸗ gen; ſie wird Euch ſchadlos halten, das verſichr' ich Euch. Falſt. Nun, ich will ſie beſuchen, ſag ihr das: und laß ſie bedenken, was der Menſch ſey, laß ſie ſeine Schwach⸗ heit erwaͤgen, und dann mein Verdienſt beurtheilen. Fr. Zurt. Ich wills ihr ſagen. Falſt. Das thu.— Zwiſchen Neun und Zehn ſagſt — Fr. Zurt. Acht und Neun, Sir, Falſt. Gut, geh nur; ich werde nicht ausbleiben. Fr. Zurt. Friede ſey mit Euch, Sir! Cſie geht ab.). Falſt. Mich wundert, daß ich nichts vom Herrn Bach hoͤre; er ließ mir ſagen, ich moͤge zu Hauſe bleiben;— Sein Gold behagt mir wohl!— Oh, hier kommt er. Gluth kommt.) Fluth. Gott gruß Euch, Sir. Falſt. Nun, Herr Bach? Ihr wollt wohl hoͤren was zwiſchen mir und Fluths Frau vorgefallen iſt? Fluth. In der That, Sir John, darum kam ich her. Falſt. Herr Bach, ich will Euch nichts vorluͤgen; ich war in ihrein Hauſe zur beſtimmten Stunde. Fluth. Und wie gings Euch da? Falſt. Sehr ungluͤckſeliger Maaßen, Herr Bach. Fluth. Wie ſo, Sir? Aenderte ſie ihren Entſchluß? Falſt. Nein, Herr Bach; aber der jaͤmmerliche Cornuto ihr Mann, Herr Bach, der in einem ewigen Allarm von Eiferſucht lebt, kommt mir juſt im Augenblick unſrer Schaͤ⸗ ferſtunde, nachdem wir einander umarmt, gekuͤßt, uns ewige Liebe geſchworen und ſo zu ſagen den Prologus unſrer Co⸗ moͤdie recitirt hatten: und ihm auf dem Fuß ein ganzes Rudel ſeiner Cameraden, rottirt und herbeigeſchleppt durch ſeinen Aberwitz„um ſein Haus,— denkt einmal!— nach ſeiner Frauen Liebhaber zu durchſuchen. Fluth. Was, waͤhrend Ihr noch da wart? Falſt. Und ich die meine, daß ich auf das Verſprechen —— Sz. 5. von Windſor. 57 Falſt. Waͤhrend ich da war. Flutb. Und ſuchte er nach Euch und konnte Euch nicht inden? Falſt. Ihr ſollt hoͤren. Das gute Gluͤck fuͤgte es ſo, daß eine gewiſſe Frau Page hereinkommt, und Fluths An⸗ kunft meldet: und auf ihre Erfindung, und bei der Ver⸗ zweiflung der Frau Fluth, ſteckten ſie mich in einen Waſchkorb. Fluth. In einen Waſchkorb! Falſt. Ja, in einen Waſchkorb; bepackten mich mit ſchmutzigen Hemden und Schuͤrzen, Socken, ſchmutzigen Struͤmpfen und ſchmierigen Tiſchtuͤchern: wahrhaftig Herr Bach, es war die abſcheulichſte Compoſition von nieder⸗ traͤchtigem Geſtank, die je ein Geruchsorgan entruͤſtete. Fluth. Und wie lange lagt Ihr darin?— Falſt. O, Ihr ſollt hoͤren, Herr Bach, was ich aus⸗ geſtanden habe, um dieſe Frau zu Euerm Beſten zum Boͤ⸗ ſen zu verleiten. Nachdem ich ſo in den Korb eingepfercht war, wurden ein paar von Fluths Kerlen, ſeine Knechte, von ihrer Frau herbeigerufen, um mich als ſchmutzige Waͤſche auf die Datchetwieſe zu tragen: ſie nahmen mich auf die Schulternz begegneten dem eiferſuͤchtigen Kerl ihrem Herrn, in der Thuͤr, der ſie ein paarmal fragte, was ſie iin Korbe haͤtten:— ich zitterte vor Furcht, der verruckte Kerl moͤchte nachſuchen: aber das Fatum, das einmal be⸗ ſchloſſen hat, er ſolle ein Hahnrei werden, hielt ſeine Hand zuruͤck. Nun gut: weiter ging er als Spion, und fort ging ich als ſchmutzige Waͤſche. Aber habt Acht auf das was jetzt folgt, Herr Bach: ich erlitt die Qnal dreier ver⸗ verſchiednen Todesarten: erſtlich eine unertraͤgliche Furcht, von dem eiferſuͤchtigen, verfaulten Leithammel entdeckt zu werden: zweitens, im Zirkel gekruͤmmt zu liegen wie eine gute Klinge, im Umkreiſe eines Viertelſcheffels, Heft an Spitze, Sohle an Kopf: und endlich, verkorkt zu ſeyn wie ein ſtarker Aquavit, mit ſtinkendem Leinzeug, das in ſeinem eignen Fette gohr: denkt Euch nur, ein Mann von mei⸗ nen Nieren, denkt nur:— der ſo wenig Hitze verträgt, als Butter; ein Mann, der in ewigem Aufthauen und Evaporiren lebt: es war ein Wunder, dem Erſticken zu ent⸗ gehn. Und im Siedepunkt dieſes Bades, als ich ſchon uͤber die Haͤlfte in Fett geſchmort war wie' ein hollaͤndiſches Gericht, in die Themſe geworfen zu werden, und gluͤhend 58 Dielluſtigen Weiber A. III. heiß in der Fluth abzukuͤhlen wie ein Hufeiſen,— denkt Euch nur, ziſchend heiß;— denkt nur, Herr Bach!— 1 Fluth. In allem Ernſt, Sir, es thut mir leid, daß Ihr um meinetwillen das alles ausgeſtanden. Mein Pro⸗ eeß iſt alſo verloren? Ihr macht Euch wohl nicht zum zwei⸗ tenmal an ſie?— Falſt. Herr Bach, ich will mich in den Aetna werfen laſſen, wie ich in die Themſe geworfen bin, eh' ich ſie ſo verlaſſe. Ihr Mann iſt dieſen Morgen auf die Vo⸗ gelbaize gegangen: ich habe die Botſchaft zu einem zweiten Stelldichein von ihr: zwiſchen Acht und Nenn iſt die Stunde, Herr Bach. Fluth. Es iſt ſchon Acht vorbei, Sir⸗ Falſt. Wirklich? Nun, ſo geh ich auf meinen Poſten. Kommt zu mir, ſobalds Euch eben gelegen iſt, und Ihr werdet von meinen Siegen hoͤren: und die Krone von allem ſoll ſeyn, daß ſie Euer wird. Lebt wohl. Ihr ſollt ſie be⸗ ſitzen, Herr Bach: Herr Bach, Ihr ſollt dem Fluth Hoͤr⸗ ner aufſetzen⸗ (geht ab) Fluth. Hm!— ha!— Iſt das eine Erſcheinung? Iſis ein Traum? Schlaf ich? Freund Fluth, wach auf; wach auf, Freund Fluth; es iſt ein Loch in deinem beſten Rock, Freund Fluth. Das kommt vom Heirathen! Das kommt davon, Linnen und Waſchkoͤrbe zu haben! Nun, die Welt ſoll erfahren, wie's mit mir ſteht: ich will den lockern Fin⸗ ken jetzt ſchon faſſen: er iſt in meinem Hauſe, er kann mir nicht entgehn: es iſt nicht moͤglich daß ers koͤnnte: er kann doch nicht in eine Pfennigbuͤchſe kriechen, oder in eine Pfefferdoſe: aber damit der Teufel, der ihn ſchuͤtzt, ihm nicht durchhilft, will ich auch die unmoͤglichen Plaͤtze durch⸗ ſuchen. Ich kann zwar nicht dem entgehn, was ich ein⸗ mal bin: aber daß ich bin, was ich nicht ſeyn moͤchte, ſoll mich nicht zahm machen. Wenn ich Hoͤrner habe, die . Einen toil machen koͤnnen, ſo will ich dem Sprichwort Ehre machen und horntoll ſeyn.(ab.) von Windſor. Vierter Aufzug. 7 Erſte Szene. . Zimmer der Frau Page. (Frau Page, Frau Hurtig und Wilhelm treten auf.) Frau Page. Iſt er ſchon in Fluths Hauſe, was meinſt du? Fr. Zurt. Ganz gewiß iſt er jetzt dort, oder er kommt gleich hin: aber wahrhaftig, er iſt ganz ſeparat toll, daß man ihn ins Waſſer geſchmiſſen hat. Frau Fluth laͤßt Euch bitten, gleich zu ihr zu kommen. Fr. Page. Gleich will ich bei ihr ſeyn: ich will nur meinen kleinen Mann hier in die Schule bringen.— Sich, kommt ſein Schulmeiſter:*s iſt ein Spieltag, wie ich ehe.— (Sir Hugh Evans kommt.) Nun, Sir Hugh?— kein Schultag heut?— Evans. Nein; Herr Schmachtig hat Kintern zum Spiel Permiſſionen kekepen⸗ Fr. Zurt. Ach, das rechtſchaffne Herz! Fr. Page. Sir Hugh, mein Mann ſagt, mein Sohn lernt nicht das Geringſte aus ſeinem Buch: thut ihm doch ein paar Fragen aus ſeinem Donat. Evans. Komm her, Wilhelme: halt Kopf krate: komm her! Fr. Page. Luſtig, Junge; halt den Kopf gradez ant⸗ worte deinem Lehrerz furchte dich nicht. Wilhelme! Wieviel kann man numeri im nomen ape?— Wilh. Zwei. —**8 60 Die luſtigen Weiber Fr. Zurt. Dummheit! Zwei Kannen im Ohm? Acht zig wenigſtens. Evans. Still ta Euer Keplapper.— Was heißt Tu⸗ kend, Wilhelme? Wilh. Virtus. Fr. Zurt. Wirthshans? da pflegts doch nicht immer ſehr tugendhaft herzugehn. Evans. Ihr ſeyt kanze Einfaͤltigkeiten: ich pitt' Euch, ſtill. Was iſcht Lapis, Wilhelme? Wilh. Ein Stein. Evans. Und was iſcht alſo ein Stein, Wilhelme? Wilh. Ein Kieſel. Evans. Nein,'s iſcht Lapis: erinnere tas in teinem Hirnkaſten, Wilhelme, ich pitte tich. Wilh. Lapis. Evans. Tas iſcht kuter Wilhelme. Was iſcht tas, Wilhelme, wovon man Articulos porkt?— Wilh. Articuli werden geborgt vom Pronomen, und folgendermaßen declinirt: Singulariter, nominatiyo, hic, haec, hoc. Evans. Nominativus hic, haec, hoc: pitt tich, kiep Acht: Kenitivo, hujus; nun, wie iſcht nun casus accu- sativus? Wilh. Aoccusativo, hinc. Evans. Ich pitte tich, hap teine Pewußthaftigkeiten pei einanter, Kint: Accusativo: hinc, hanc, hoc. Fr. Zurt. Hing, haͤng, hang? J das iſt ja eine Sprache fuͤr Spitzbuben und Galgen. Evans. Ihr ſeyt wahrhaſtike Plautertaſchen, Frau.— Was iſcht casus Focatifus, Wilhelme? Wilh. O! vocativus, o. Evans. Peſinne tich, Wilhelme, Focatifus caret. Fr. Zurt. Natuͤrlich; wenn er nicht am Galgen haͤngt, karrt ſo'n Vocativus. Evans. Frau, hepe tich wek!— Fr. Page. Still!— Evans. Was iſcht tann Teclination tes Kenitivus im Plurali, Wilhelme? Wilh. Des zweiten Falls? Evans. Ja, tes zweiten Falls, oter tes Keuitil. ——— Sz. 1. von Windſor. 61 Wilh. Genitif: horum, harum, horum. Fr. Zurt. Schlimm genug mit der Geſchichte vom erſten Fall; muß der Junge auch noch von einem zweiten hoͤren? Und was heißt das, wenn Ihr fprecht, ſo'n Fall geh nit tief?— Und erzaͤhlt ihm da von Huren, und von ihren Haaren und Ohren? Evans. Schaͤm tir toch, Frau!— Fr. Surt. Ihr thut Uebel, daß Ihr dem Kinde ſolche Sachen beibringt: lehrt Ihr da zu hocken und zu hecken, als wenn er das nicht zeitig genug von ſelbſt thun wuͤrde; und nach Huren zu ſchreien: ſchaͤmt Euch!— Evans. Weib, piſcht tu nicht Mondſuchten? Haſt tu wirklich kein Mitwiſſen von der Tebkelnation und ihren Fellen? Tu piſcht ſo aperwitziges Keſchoͤpf unter alle Chriſch⸗ tenmenſche als man nur wuͤnſche kann. Fr. Page. Schweigt doch ſtill, Frau Hurtig. Evans. Sake mir nun noch etwas, Wilhelme, von der Piekunk ter Praenominum. Wilh. Ach Gott, die habe ich vergeſſen. Evans. Es iſcht ki, kae, kot: wann tu verkeſſen haſcht teine kis, teine kaes, und teine kotts, ſo ſollſt tu kotts jaͤmmerliche Ruthe pekomme. Jetzt keh nur hin und ſpiele, keh. 5 Fr Page. Er hat doch mehr gelernt als ich gedacht abe. Evans. S iſcht kuther, anſchlakhaftiker Kopf. Kott befohlen, Frau Page. Fr. Page. Lebt wohl, lieber Sir Hugh.— Junge, geh nach Hauſe. Kommt, wir warten zu lange. Cſie gehn ab.) — B Zimmer in Fluths Hauſe. GFalſtaff und Frau Fluth treten auf.) Falſtaff. Frau Fluth, Euer Kummer hat mein Leid aufgezehrt. Ich ſehe, Ihr ſeyd voll frommer Ruckſicht in Eurer Liebe, ünd Die luſtigen Weiber ch verſpreche Euch Erwiedrung bis auf die Breite eines Haars: nicht allein, Frau Fluth, in der gemeinen Pflicht der Liebe, ſondern in allen ihren Ornamenten, Ausſtaffi⸗ rungen und Ceremonien. Aber ſeyd Ihr jetzt vor Euerm Mann recht ſicher? Fr. Fluth. Er iſt auf der Vogelbaize, lieber Sir John. Pege Cdraußen.) He da! ho! Gevatterin Fluth! e, olla!— Fr. Fluth. Tretet in die Kammer, Sir John. (Falſtaff ab.) (Frau Page kommt.) Fr. Page. Nun, wie ſtehts mein Kind, wer iſt außer Ench im Hauſe? Fr. Fluth. Ei, Niemand als meine Leute. Fr. Page. Wirklich? Fr. Fluth. Rein, in vollem Ernſt!— Cleiſe.) Sprich auter! Fr. Page. Nun, das freut mich ja, daß Ihr Nie⸗ mand hier habt. Fr. Fluth. Wie ſo? Fr. Page. Ei, Frau Fluth, Euer Mann hat wieder ſeine alten Schrollen; er macht da ſolchen Laͤrm mit mei⸗ nem Mann, ſchimpft ſo auf alle Ehemaͤnner, flucht ſo auf alle Eva'stoͤchter, von welcher Farbe ſie auch ſeyn moͤgen, und giebt ſich ſolche Puͤffe vor die Stirn, und ſchreit da⸗ bei: Wachſt heraus! Wachſt heraus!— daß alle Toll⸗ eit, die ich noch je erlebt habe, nur Sanftmuth, Zahm⸗ eit und Geduld gegen dieſe ſeine jetzige Raſerei iſt. Ich bin froh, daß Ihr den fetten Ritter nicht hier habt. Fr. Fluth. Wie, fpricht er von ihm? Fr. Page. Von Niemand, als von ihm: und ſchwoͤrt, er ſey das letztemal als er ihn geſucht, in einem Korbe her⸗ ausgeſchafft: verſichert meinem Mann, jetzt ſey er hier; und hat ihn und ſeine uͤbrige Geſellſchaft von ihrer Jagd abgerufen, um einen zweiten Verſuch ſeiner Eiferſucht an⸗ zuſtellen. Aber ich bin froh, daß der Ritter nicht hier iſtz nun ſoll er ſeine Thorheit inne werden. Fr. Fluth. Wie nah iſt er, Frau Page?— Fr. Page. Ganz dicht, am Ende der Straße; er muß gleich da ſeyn. Fr. Fluth. Ich bin verlohren! der Ritter iſt hier. Sz. 2. von Windſor. 63 Fr. Page. Nun, ſo wirſt du aufs änßerſte beſchimpft, und er iſt ein Kind des Todes. Was das fuͤr eine Frau iſt! Fort mit ihm! Fort mit ihm! Lieber Schimpf als Mord!— Fr. Fluth. Wo ſoll er hin? Wie ſoll ich ihn fortſchaf⸗ fen? Soll ich ihn wieder in den Korb ſtecken? (Falſtaff kommt herein.) Falſt. Nein, ich will nicht wieder in den Korb. Kann ich nicht hinaus, eh' er kommt?— Fr. Page. Ach, drei von Herrn Fluths Bruͤdern hal⸗ ten mit Piſtolen Wache an der Hausthuͤr, daß keiner eut⸗ wiſchen moͤge: ſonſt koͤnntet Ihr wegſchleichen, eh' er kaͤme.— Aber was macht Ihr denn hier?— Falſt. Was ſoll ich anfangen? Ich will in den Schorn⸗ ſtein hinaufkriechen. Fr. Fluth. Da ſchießen ſie immer ihre Vogelflinten abz kriecht ins Ofenloch. Falſt. Wo iſt es? Fr. Fluth. Er wird auch da ſuchen, glaubt mir! Da iſt weder Schrank, Koffer, Kiſte, Lade, Brunnen noch eller, von denen er nicht das Verzeichniß im Kopf fuͤhrt, und ſie nach der Liſte durchgehn wird. Hier im Hauſe koͤnnt Ihr Euch nicht verſtecken. alſt. So will ich hinaus. Fr. Flub. Wenn Ihr in Eurer eignen Geſtalt hinaus⸗ geht, ſo ſeyd Ihr des Todes, Sir John: Ihr muͤßt ver⸗ 6 hinausgehn. Wie konnten wir ihn wohl verklei⸗ en?— Fr. Page. Ach, liebe Zeit, das weiß ich nicht. Kein Weiberrock wird weit genug für ihn ſeyn; ſonſt koͤnnte er einen Hut aufſeten, ein Backentuch umthun, einen Kra⸗ gen uͤberhaͤngen und ſo entkommen. Falſt. Liebſten Engel, denkt Euch etwas aus: lieber Alles verſucht, als ein Ungluͤck. Fr. Fluth. Die Muhme meiner Magd, die dicke Frau aus Brentford, hat einen Rock oben. Fr. Page. Auf mein Wort, der wird ihm paſſen. Sie iſt ſo dick als Erz und da iſt auch ihr Schlapphut und Backentuch: Rennt hinauf, Sir John. Fr. Fluth. Eilt, eilt liebſter Sir John! Frau Page und ich wollen nach' Leintuchern fuͤr Euern Kopf ſuchen * ———————————— Die luſtigen Weiber Fr. Page. Geſchwind, geſchwind, wir wollen gleich kommen uind Euch ankleiden. Zieht derweil den Rock an. Falſtaff geht hinauf.) Fr. Fluth. Ich hoffe, mein Mann begegnet ihm in dieſem Aufzuge: er kann das alte Weib von Brentford nicht ausſtehn: er ſchwoͤrt, ſie ſey eine Hexe, hat ihr das Haus verboten und gedroht, ſie durchzuklopfen. Fr. Page. Der Himmel führe ihn zu deines Mannes Pruͤgel, und der Teufel fuͤhre hernach den Pruͤgel!— Fr. Fluth. Kommt denn mein Mann wirklich? Fr. Page. Ja, in allem Ernſt: und ſpricht noch dazu vom Korbe, wie ers nun auch erfahren haben mag. Fr. Fluth. Das muͤſſen wir herausbringen: denn ich will meine Leute beſtellen, daß ſie den Korb wieder hinaus⸗ tragen, und ihm an der Thuͤr begegnen, wie das letztemal. Fr. Page. Necht: aber er wird den Angenblick da ſeyn; komm mit, wir wollen ihn ankleiden wie die Hexe von Brentford. Fr. Fluth. Ich will erſt meinen Leuten Beſcheid ſagen, was ſie mit dem Korbe anfangen ſoaen. Geh hinauf, ich will ihm gleich die Leinentuͤcher bringen. Fr. Page. An den Galgen mit dem unverſchaͤmten Knecht! Wir koͤnnen ihm nicht uͤbel genug mitſpielen⸗ Durch unſer Beiſpiel leucht' es Allen ein, Ein Weib kann luſtig und doch ehrlich ſeyn. Spaß iſt nicht Ernſt: wohl ſprach ein weiſer Mund, Das ſtillſte Waſſer hat den tiefſten Grund. (Fr. Fluth und Fr. Page ab.) (Die Knechte kommen mit dem Waſchkorb.) 1. Rnecht. Komm, nimm ihn auf.. 2. Rnecht. Der Himmel gebe, daß nicht wieder ein Ritter drin ſtecke! 1. Rnecht. Das hoff' ich nicht; ich wollte lieber eben ſoviel Blei tragen. (Es kommen Fluth, Schaal, Page, Evans und Cajus.) Fluth. Gut; wenns aber wahr iſt, Herr Page, wie wollt Ihrs dann rechtfertigen, daß Ihr mich als Narren behandelt?— Setzt den Korb nieder, Schurken!— Ruf mir einer meine Frau:— Prinz im Korbe!— O Ihr kuppleriſchen Schurken:— Es iſt ein Complott, eine Par⸗ thei, eine Verſchwoͤrung wider mich: nun ſoll der Teufel Szl. von Windſor. 65 beſchaͤmt werden! Heda, Frau, ſag' ich! komm, komm her⸗ u ſich nur, was fuͤr artige Waͤſche du auf die Bleiche chickſt!— Ir Page. Nun, das geht zu weit! Herr Fluth Ihr durft nicht laͤnger frei umhergehn: man muß Euch in Ket⸗ ten legen. Evans. Ei, das iſcht wahre Montſuchten; das iſcht ſo toll als toller Hund! Schaal. In der That, Herr Fluth, das iſt nicht rechtz in der That nicht. (Frau Fluth kommt.) Fluth. Das ſag' ich auch. Kommt einmal her, Frau Fluth:— Frau Fluth, die ſittſame Frau, das tugendhafte Weib, das ehrbare Gemuͤth, das den eiferſuͤchtigen Rarren zum Manne hat! Ich habe keinen Grund zum Argwohn, nicht wahr?— Fr. Fluth. Der Himmel ſey mein Zeuge, daß du kei⸗ nen haſt, wenn du mir eine Untreue zutrauſt. Fluth. Recht ſo, eiſerne Stirn: fuͤhre das nur ſo durch. Heraus mit dir, Burſch!— Cer reißt die Wäſche aus dem Korb.) 36 Das geht zu weit!— hrnplutb⸗ Schaͤmſt du dich nicht? Laß doch das Zeug in Ruh!— Fluth. Gleich werd' ich dich finden. Evanz. Das ſeyn Unvernunften! Wollt Ihr Eurer Frauen Kleider aufnehmen? Kommt doch weg!— Fluth. Schuͤttet den Korb aus, ſag' ich!— Fr. Fluth. Aber lieber Mann,——— luth Herr Page, ſo wahr ich ein Mann bin, ward geſtern Einer in dieſem Korb aus meinem Hauſe geſchafft: warum koͤnnt' er nicht wieder darin ſtecken? In meinem Hauſe iſt er gewiß: meine Kundſchaft iſt ſicher, mein Arg⸗ wohn iſt gegründet: werft mir alle Waͤſche heraus. Fr. Fluth. Wenn du Jemand drin findeſt, ſo ſollſt du ihn todt machen, wie einen Floh. Pe Hier iſt Niemand. Schaal. Bei meiner Cavaliersparole, das iſt nicht recht, Herr Fluth, das bringt Euch keine Ehre. Evang. Herr Fluth, Ihr muͤßt peten, und nicht tenen Phantaſtereien Eures Herzens folken: tas ſeyn Eiferſuchten. Pu⸗ Nun gut, hier iſt er nicht, ich ſuche. A. VI. 66 Die luſtigen Weiber Page. Nein, und ſonſt nirgend, als in Euerm Gehirn. Fluth. Helft mir nur diesmal mein Haus durchſuchen: wenn ich nicht finde was ich ſuche, verlange ich keinen Fir⸗ niß fuͤr meine Schwaͤche: Ihr ſollt mich auf ewige Zeiten zu Eurem Tiſchgeſpoͤtt machen: die Leute ſollen von mir ſagen, ſo eiferſuͤchtig als Fluth, der den Galan ſeiner Frau in einer hohlen Wallnuß ſuchte. Thut mir noch ein⸗ den Gefallen; noch einmal geht mit mir auf das Su⸗ en aus. Fr. Fluth. Heda, Frau Page! kommt doch mit der alten Frau herunter; mein Mann will ins Zimmer hinauf. Fluth. Alte Frau? Was iſt das fuͤr eine alte Frau?— Fr. Fluth. Nun, die Muhme meiner Magd aus Brentford. Fluth. Die Hexe! die Vettel, die alte ſpitzbuͤbiſche Vet⸗ tel! habe ich ihr nicht mein Haus verboten? Sie hat ein Gewerbe hier auszurichten, nicht wahr? Wir ſind einfaͤltige Maͤnner, wir merken nicht, was alles unter dem Vorwand des Wahrſagens mit unterlaͤuft. Sie giebt ſich mi Zau⸗ bereien, Beſprechungen, Zeichendeuten, und andern ſolchen Schelmereien ab: das alles geht uͤber unſern Horizont, wir wiſſen von nichts. Komm herunter, du Here, du Zi⸗ geunerin; komm herunter, ſag' ich. Fr. Fluth. O, mein lieber, ſuͤßer Mann!— liebe Herren, laßt doch die alte Frau nicht ſchlagen!— (Falſtaff kommt in Frauenkleidern, geführt von Frau Page.) Fr Page. Kommt, Mutter Klatſch, kommt, gebt mir die Hand. Fluth. Ich will ſie klatſchen! Aus meinem Hauſe, du Hexe!—(ſchlägt ihn.) Du Zigeunerin, du Vettel, du Meerkatze, du garſtiges Thier! fort mit dir! Ich will dich wahrſagen und beſprechen lehren! ihn.) alſtaff ab. Fr. Page. Schaͤmt Ihr Euch nicht? Ich glaube, Ihr habt die arme Frau todt geſchlagen!— Fr. Fluth⸗ Wahrhaftig, das wird er noch thun: das wird dir recht viel Ehre bringen. Fluth. An den Galgen mit der Hexe!— Evans. Pei meiner Tren: ich klaupe, tas Weib iſcht wahrhaftige Hexe: ich hap's nicht kern, wann Weipspilt kroßen Part hat: ich ſah kroßen Part unter ihrem Packentuch. 3 Sz. 2. von Windſor. 67 Fluth. Wollt ihr mitkommen, meine Herrn? Ich bitt' Euch, kommt mit: ſeht nur eimmnal zu, wie meine Eifer⸗ ſucht ablaufen wird. Wenn ich diesmal ohne Faͤhrte an⸗ ſchlage, ſo traut mir nie wieder, wenn ich den Mund aufthne. Page. Laßt uns ſeiner Grille noch ein wenig nachgeben: kommt, Ihr Herren. Cſie gehn ab.) Fr. Page. Wahrhaftig, er hat ihn ganz erbaͤrmlich ge⸗ pruͤgelt. Fr. Fluth. Nein, beim Himmel, das hat er nicht: er ſchlug ihn ganz erbarmungslos, wie mir ſchien. F. Page. Der Prugel ſoll geweiht und in der Kirche aufgehaͤngt werden; er hat ein verdienſtliches Werk gethan. Fr. Fluth. Was meint Ihr, konnen wir wohl als ehr⸗ liche Frauen und mit gutem Gewiſſen ihn noch weiter mit unſrer Rache verfolgen?— Fr. Page. Der Teufel der Luͤſternheit iſt gewiß ganz aus ihm herausgebannt: wenn er dem Satan nicht durchaus verfallen iſt, mit Handgeld und Reukauf, ſo denk' ich, ver⸗ ſucht er's nicht wieder, uns zum Boͤſen zu verfuͤhren. Fr. Fluth. Sollen wir's unſern Maͤnnern ſagen, wie wir ihm mitgeſpielt haben? Fr. Page. Ja, auf alle Weiſe; waͤr's auch nur, um deinem Mann die Fratzen aus dem Kopf zu ſchaffen. Wenn ſie es uͤbers Herz bringen koͤnnen, den armen untugendli⸗ chen dicken Ritter noch ſerner zu plagen, ſo wollen wir ihnen wieder die Hand dazu bieten. Fr. Fluth. Ich wette, ſie werden ihn noch oͤffentlich beſchimpft haben wollen: und mir ſcheint auch, der Spaß nicht vollſtaͤndig, wenn er nicht oͤffentlich beſchimpft uͤrde. Fr. Page. Komm nur gleich in die Schmiede damit ehe das Eiſen kalt wird. (ſie gehn ab.) 68 Die luſtigen Weiber A. W. Dritte Szene. Gaſthof zum Hoſenbande. (WVirth und Bardolph treten auf.) Bardolph. Herr, die Deutſchen verlangen drei von Euren Pſerdenz der Herzog ſelbſt kommt morgen an den Hof, und ſie wol⸗ len ihm entgegen reiten. Wirth. Was fuͤr ein Herzog ſollte das ſeyn, der ſo insgeheim ankommt? Ich habe nichts von ihm bei Hofe gehoͤrt. Ich muß ſelbſt mit den Leuten reden: ſie ſprechen doch Engliſch? Bard. Herr, ich will ſie Euch rufen. Wirth. Sie ſollen meine Pferde haben, aber ſie muͤſ⸗ ſen mir dafuͤr blechen; ich will ſie zwiebein. Sie haben mein Haus eine ganze Woche lang inne gehabt; ich habe alle meine andern Gaͤſte abgewieſen; nun ſollen ſie daran, ich will ſie zwiebeln. (ſie gehn ab.) Vierte Szene. Fluths Haus. (Es kommen Page, Fluth, Frau Page, Frau Fluth und Evans.) * Evans. S iſcht ſo kroße Tugendwehrtigkeit von Frau, als ich je⸗ mahlen ankekucket hape. 3 Page. Und ſchickte er Euch die beiden Briefe zur ſelben eit?— Fr Page. In der naͤmlichen Viertelſtunde. Fluth. Vergieb mir, Frau: hinfort thu', was du wilſſt. Die Sonne werd' ich eh der Kaͤlte zeihn, Als dich des Leichtſinns. Deine Ehre wurzelt Sz. 4. von Windſor. 69 Bei dem, der eben noch ein Ketzer war, So feſt als Glaube. Page. Gut; ſehr gut; nicht mehr. Treib nicht die Unterwerfung jetzt ſo weit Als die Beleid'gung.— Doch fuͤhren wir's zu Ende: laß die Frau'n Noch einmal, uns zum allgemeinen Scherz, Den alten fetten Burſchen herbeſtellen, Daß wir ihn fangen und ihn derb verſpotten. Fluth. Kein beßres Mittel giebt's, als ihren Plan. Page. Was! ihn beſtellen ſoll'n ſie in den Park Um Mitternacht? Ei, geht, er kommt uns nie. Evans. Ihr ſagt, er ſey in die Kewaͤſſer keworfen und erpaͤrmlich mit Schläken pehantelt als alte Frau: mir pe⸗ tuͤnkt, er muͤſſe ſeyn voller Angſthaftigkeit und Schreckniß, taß er nicht werte kommen: mir ſcheint, ſein Fleiſch iſcht kezuͤchtigt und wird aplaſſen von aller poͤſen Luſcht. Page. Das denk' ich auch. Fr. Fluth. Sinnt Ihr nur, was Ihr thun wollt, wenn er kommt, Wir beid' erſinnen ſchon, ihn herzuſchaffen. Fr. Page. Man hat ein ⸗ daß der Jäger Herne, Vor Alters Foͤrſter hier im Windſorwald,) Im ganzen Winter jede Mitternacht Um eine Eiche geht mit großen Hoͤrnern. Dann ſchaͤdigt er den Baum, behert das Vieh, Verwandelt traͤcht'ger Kähe Milch in Blut, Und raſſelt mit der Kette wild und graͤulich. Ihr alle hoͤrtet von dem Spuk, und wißt, Daß unſte ſchwachen, aberglaͤub'ſchen Alten Die Maͤhr vom Jager Herne ſo uͤberkamen, Und unſter Zeit als Wahrheit uberliefert. 6 Page. Ja wohl; noch giebt es manchen, der ſich ſcheut, Sn dunkler Nacht ſich Herne's Baum zu nah'n. Doch wii ſolls? Fr. Fluth. Nun ſeht, dies iſt der Plan: Daß Falſtaff an der Eich' uns treffen ſoll, Verkappt wie Herne, mit großem Hirſchgeweih. Page. Wohlan, wir zweifeln nicht, er ſtellt ſich ein, Und in der Tracht: doch wenn er angelangt, as ſoll mit ihm geſchehn? Was habt Ihr vor? Fr. Page. Auch das iſt abgeredet. Hört nur weiter⸗ — 75 Die luſtigen Weiber W. Mein kleiner Sohn und meine Tochter Annchen, Und drei, vier andre Kinder kleiden wir Als Zwerge, Fee'n und Elfen, gruͤn und weiß, Wachskerzen auf dem Kopf als Feuerkronen, Und Klappern in der Hand; dann ſollen ſie plotzlich, Wenn Falſtaff, ſie, und ich uns juſt gefunden, Aus einer Saͤgegrub' hervor ſich ſturzen Mit gellendem Geſang. Sobald ſie nahn, So ſliehn wir beide mit Entſetzen fort: Dann ſchließen ſie im Kreiſe rings ihn ein, Und zwicken, Feeen gleich, den ſaubern Ritter, Und fragen, wie ers wagt, auf heil'gen Pfaden Der Elfen maͤchtge Spiele zu entweih'n In niedrer Huͤlle? Fr. Fluth. Bis er's eingeſteht, Laßt die vermeinten Feen ihn tuͤchtig kneipen, Und mit den Kerzen brennen. Fr. Page. Iſts zu Ende, Dann zeigen wir uns All“, enthoͤrnen ihn, Und ſpotten ihn nach Haus. Fluth. Man muß die Kinder Sorgfaͤltig uͤben, ſonſt gelingt es nie.. Evans. Ich werte ten Kintern ihr Petraken einlehren, und will mir auch wie ein Hansaff kepaͤrten und ten Ritter mit Karzern prennen. Fluth. Vortrefflich! Ich will gehn und Maſten kaufen. Fr. Page. Mein Annchen ſpielt der Feyen Koͤnigin; Wir kleiden ſchmuck ſie in ein weiß Gewand. Page. Den Atlaß kauf ich ihr; und mittlerweil Entfuͤhrt Herr Schmächtig Annchen ſich, und läßt Sich traun zu Eton. Schickt ſogleich zu Falſtaff!— Fluth. Nein, ich geh' ſelbſt, Bach, noch einmal zu ihm; Er theilt mir alles mit; gewiß, er kommt. Fr. Page. Seyd unbeſorgt; ſchafft allen Zubehoͤr Und Putz fuͤr unſre Fey'n. Evans. Wir wollen kleich tran kehn: tas ſeyn aller⸗ liepſte Erkotzlichkeiten und ſehr prafe Schelmſtuͤckchen. (Page, Fluth und Evans ab.) Fr. Page. Geht, Frau Fluth, Laßt ihn die Hurtig fragen, ob er kommt. (Frau Fluth ab.) Ich will zum Dortor; er empfing mein Wort, Sz. 4.5. von Winbſor. 71 Und Keiner wird mir Annchens Mann, als Er. Schmaͤchtig hat Guͤter zwar, doch iſts ein Tropf; Den wuͤnſcht vor allen ſich mein Mann zumeiſt. Cajus iſt reich und ſeine Freunde gelten Bei Hofe viel: drum unſer Eidam ſey er, Und kaͤmen auch noch tauſend beß're Freier. Cgeht ab.) Fuͤnfte Szene. Gaſthof zum Hoſenbande. (Der Wirth und Simpel treten auf.) Wirth. Was willſt du, Bauer? Was giebt's, Dickkopf? Sprich, perorire, trag' vor: kurz, raſch, friſch, flint!— Simp. Ach, Herr je, Herr, ich ſoll etwas an Sir John Falſtaff von Herrn Schmaͤchtig beſtellen. Wirth. PHier iſt ſein Zimmer, ſein Haus, ſeine Burg, ſein großes Bett und ſein Feldbett: rund herum die Hiſtorie vom verlornen Sohn gemalt, friſch und nagelneu: geh, klopf und ruf: er wird dir Antwort geben in anthropophagianiſcher Manier. Klopf, ſag' ich dir. Simp. S iſt eine alte Frau, eine dicke Frau zu ihm auf die Stube gegangen: ich will ſo frei ſeyn, und warten, Herr, bis ſie herunter kommt: eigentlich habe ich der etwas zu ſagen. Wirth. Ha! eine dicke Fran? der Ritter koͤnnte beſtohlen werden: ich will rufen. Rodomont! Sir John Eiſenherz! Sprich aus deiner Bruſt, der Kriegstapfernf— Biſt du da? Dein Wirth iſt's, dein Epheſier, der dir ruft. GFalſtaff oben.) Falſt. Was giebt's, mein Gaſtwirth?— Wirth. Hier iſt ein tartariſcher Bohemier, der auf die Herniederkunft deiner dicken Frau harrt. Entlaß ſie, Rodo⸗ mont, entlaß ſie: meine Zimmer ſind Wohnſitze der E re: pfui! Heimlichkeiten? pfui! 52 Die luſtigen Weiber A. (Falſtaff kommt.) Falſt. Allerdings, mein Gaſtwirth, war eben eine dicke Frau bei mir, allein jetzt iſt ſie fort. Simp. Sagen Euer Gnaden mir doch, wars nicht die kluge Frau aus Brentford?— . Freilich war ſie's, Muſchelſchaale: was wolltſt dn mit ihr? Simp. Mein Herr, Sir, der Junker Schmaͤchtig hat nach ihr geſchickt, Sir, weil er ſie uͤber die Gaſſe gehn ſah, um zu erfahren, ob ein gewiſſer Nym, Sir, der ihn um eine Kette betrogen hat, die Kette hat oder nicht. Falſt. Ich habe mit ihr davon geſprochen. Simp. Nun, und was ſagt ſie, Sir?— Falſt. Nun, ſie ſagt, daß eben derſelbe Menſch, der F Schmaͤchtig um ſeine Kette betrog, ihn auch darum prellte. Simp. Ich wollte, ich haͤtte die Frau ſelber ſprechen kön⸗ nen: 66 hatte noch uͤber allerlei Dinge vor mit ihr zu reden, von ihm. Falſt. Nun, woruͤber denn? Laß hoͤren. Wirth. Ja, mach geſchwind. Simp. Es darf aber nicht occult bleiben. Falſt. Mach' es oecult, oder dn ſtirbſt!— Simp. Nun, Herr, es war bloß wegen Jungfer Anne Page; ob's wohl meines Herrn Gluͤck waͤre, ſie zu bekom⸗ men oder nicht? Falſt. S iſt,* iſt ſein Gluͤck. Simp. Was, Sir? Falſt. Sie zu bekommen oder nicht. Geh nur, ſag, das haͤtte die Frau mir anvertraut. Simp. Darf ich ſo frei ſeyn, und das ſagen, Sir? Falſt. Ja, Kerl, ſo dreiſt du immer willſt. Simp. Ich dank' Euer Gnaden: ich werde meinem Herrn eine rechte Freude machen mit dieſen Zeitungen. (geht ab.) Wirth. Du biſt ein Gelahrter, Sir John; du biſt ein Gelahrter. Iſt denn eine kluge Frau bei dir geweſen?— Falſt. Ja, das iſt ſie, mein Gaſtwirth: eine, die mir mehr Weisheit beigebracht hat, als ich jemals in meinem Le⸗ ben gelernt: und noch dazu habe ich nichts dafur bezahlt, ſon⸗ dern ich ward obendrein fuͤr mein Lernen bezahlt. Sz. 5. von Windſor. 55 (Bardolph kommt.) Bard. Ach, Herr Je! Ach, Herr! Spitzbuͤberei, pure Spitzbuͤberei!— Wirth. Wo ſind meine Pferde? Laß mich Gutes von ihnen hoͤren, briccone!— Bard. Davon gelaufen ſind ſie mit den Spitzbuben; denn als wir eben jenſeits Eton waren, ſo ſchmiſſen ſie mich ruͤck⸗ lings hinter dem Einen herunter in eine Dreckpfuͤtze: und nun die Sporen gegeben, und fort wie drei deutſche Teufel, drei Doctor Fauſtuſſe. Wirth. Sie wollen ja nur dem Herzog entgegen, Schurke: ſprich nicht gleich von Davonlaufen: die Deutſchen ſind ehr⸗ liche Leute. (Evans kommt.) Evans. Wo iſcht mein Herr Kaſtwirth? Wirth. Was giebt's, Sir Hugh? Evans. Hapt Opacht auf Eure Kundſchaftungen:*s iſcht kuter Freund von mir zur Stadt kommen, der ſakt, es ſeyen trey teutſche Tiebs⸗Pruter ankelankt„tie haͤtten in Reatinks, Maitenheat und Coleprook mit tem Kelt und ten Kaͤulen ihrer Wirthe Pruͤterſchaft kemacht. Ich erzaͤhle Euch tas aus kutem Herzen, ſeht Ihr: Ihr hapt Verſtand und ſeyt voller Streiche und Kimpelſchaften, und es waͤre nicht kepuͤhrlich, wann man Euch prellte. Kott pehuͤt Euch!— (geht ab.) (Pr. Cajus kommt.) Caj. Wo is mon höte de la jarretisre? Wirth. Hier, Herr Doctor, in Conſternation und Di⸗ lemma zweifelhaft· Caj. Ik weißen nik, was tas ſeyn; aber man kommt, mik ſu ſagen, daß Ihr maken eine groß Préparation vor ein Erſog von Allemagne: auf mein Hehr, da is kein Erſog, was man weiß bei Hf, der kommen:— ik ſagen das haus guten Erzen: adieu.(ab.) Wirth. Schrei Mord und Zeter, Schurke, lauf! helft mir, Ritter, ich bin verloren:— lauf, eil dich, ſchrei, mach Laͤrmen, Schurke: Ich bin verloren!—(ab.) Falſt. Ich wollte, die ganze Welt wuͤrde geprellt, denn ich bin geprellt und gepruͤgelt dazu. Sollte dieſe Metamor⸗ phoſe dem Hof zu Ohren kommen, und wie meine Verwand⸗ 74 lungen gewaſchen und gewalkt worden ſind„ſie ſchmoͤlzen mich aus meinem Fett heraus, Tropfen bei Tropfen, und ſchmierten Fiſcherſtiefel mit mir: ich wette, ſie geißelten mich mit ihrem ſtachlichten Witz, bis ich eingeſchrumpft wäre wie eine Backbirne. Mein Stern iſt von mir gewichen, ſeit ich beim Primero falſch geſchworen: wahrhaftig, haͤtt' ich nur Athem genug, um ein Gebet zu ſprechen, ſo wollt' ich (Frau Hurtig kommt.) Nun, woher kommſt u?— Fr. Zurt. Mein Seel, von beiden Partheien. Falſt. Hole der Teufel die Eine Parthei, und ſeine Groß⸗ mutter die Andre, ſo haben ſie beide, was ihnen zukommt. Ich habe mehr um ihretwillen gelitten, ja, mehr als der nichtswuͤrdige Unbeſtand menſchlicher Kräfte zu ertragen vermag. Fr. Zurt. Und haben ſie denn nichts gelitten? Ja, das verſichre ich Euch, beſonders die Eine:— Frau Fluth, die arme Seele, iſt braun und blau geſchlagen„daß man keinen weißen Fleck an ihr ſehn kann. Falſt. Was ſchwatzeſt du mir von braun und blau? Mir ſelbſt ſind alle Farben des Regenbogens angepruͤgelt, und ich war drauf und dran, als die Hexe von Brentford eingeſteckt zu werden; haͤtte ich mich nicht durch die bewunderswuͤrdige Gewandtheit meines Witzes gerettet, indem ich die Gebaͤrden eines alten Weibes nachahmte, ſo haͤtte der Schurke von Con⸗ ſtabel mich in den Block geſetzt, in den Stadtblock, wie eine Hexe. Fr. Zurt. Sir John, laßt mich auf Euerm Zimmer mit Euch reden; Ihr ſolt hoͤren, wie die Sachen ſtehn, und das verſichre ich Euch, Ihr ſollt Eure Freude dran haben. Hier iſt ein Brief, der ſchon was ſagen wird. Ihr lieben Kinder, was das fuͤr eine Noth iſt, Euch zuſammen zu bringen! Wahrhaftig, Einer von Euch muß dem nicht recht dienen, weil's Euch immer ſo ſchief geht. Falſt. Komm hinauf in mein Zimmer. (ſie gehn ab.) Die luſtigen Weiber A. WV. ————————— von Windſor. Seſchſte Szene. Ebendaſelbſt. (Der Wirth und Herr Fenton treten auf.) Wirth. Laßt mich gehn, Herr Fenton; ich bin ganz mißmuͤthig, ich mag mich um nichts kuͤmmern.— Fent. So hoͤr' mich nur. Hilf mir in meinem Plan, Und auf mein Ehrenwort, ich zahle baar Dir hundert Pfund in Gold, mehr als dein Schade. Wirth. Ich will Euch anhoͤren, Herr Fenton, und will Euch wenigſtens reinen Mund halten. Fent. Von Zeit zu Zeit hab' ich dir ſchon erzaͤhlt, Wie ſehr ich unſer ſchoͤnes Annchen liebe: Und ſie erwiedert gleichfalls meine Neigung (So weit ſie ſelber fur ſich waͤhlen darf) Nach Herzenswunſch. Sie ſchrieb ein Brieſchen mir Von ſolchem Inhalt, daß dich's wundern wird. Der Spaß verknuͤpft ſich ſo mit meiner Sache, Daß keins von beiden Einzeln deutlich wird, Erklaͤr' ich beides nicht. Der dicke Falſtaff Hat eine große Scene: lies umſtändlich Den Plan des Scherzes hier. Nun, liebſter Wirth, Bei Herme's Eiche, grad' um Mitternacht, Tritt Annchen auf als Feenkoͤnigin; Weshalb, das findſt du hier. In dieſer Maske, erweil noch andrer Spaß im Schwange geht, Befiehlt ihr Vater, ſoll ſie insgeheim Mit Schmachtig ſort ſich ſchleichen, und in Eton Sich trauen laſſen; ſie hat eingewilligt. un, Freund, Die Mutter, dieſer Heirath ganz entgegen, Und eifrig fuͤr den Doctor, hat im Sinn, Daß der ſie gleichfalls heimlich weg ſoll ſtehlen, (Weit Spaß und Luſt der Andern Sinn zerſtreut,) Und in der Dechanei ſich trauen laſſen, Wo ſchon ein Prieſter harrt. Dem Plan der Mutter Scheinbar gehorſam, hat ſie auch dem Doctor 76 Die luſtigen Weiber A. IV. hr Wort gegeben. Nun verhaͤlt ſich's ſo: er Vater will, daß ſie ſich kleid' in Weiß; Und in der Tracht, wann Schmaͤchtig ſeine Zeit Sich auserſehn, ſoll ſie die Hand ihm geben, Und mit ihm gehn. Die Mutter aber fordert, Um beſſer ſie dem Doctor zu bezeichnen, (Denn alles ſoll vermummt ſeyn und maskirt) Daß huͤbſch in Gruͤn ein weites Kleid ſie ſchmuͤcke, Mit wehn'den Baͤndern, ſlatternd um das Hauptz Und find't der Doctor die gelegne Zeit, Soll er die Hand ihr kneipen; auf den Wink Verſprach das Maͤdchen, mit ihm fortzugehn. Wirth. Und wen betrugt ſie? Vater oder Mutter? Fent. Nun, beide, Freund, und geht davon mit mir. Und jetzt das Hauptſtuͤck. Schaffe du den Pfarrer Uns in die Kirche, zwiſchen Zwoͤlf und Eins, Der mit der Ehe heil'gem Siegel uns Die Herzen unaufloͤslich ſoll vereinen. Wirth. Gut, foͤrdert Euern Plan: ich geh' zum Pfarrerz Bringt nur die Braut, am Prieſter ſoll's nicht ſehlen. Fent. So werd' ich dir auf ewig dankbar ſeyn Und außerdem noch reich dich erſt beſchenken. (ſie gehn ab.) Siebente Szene. Ebendaſelbſt. (Falſtaff und Fr. Hurtig treten auf.) Falſtaff. Bitt' dich, kein Geplander mehr: es bleibt dabei. Das iſt das drittemal; ich hoffe, die ungrade Zahl bringt Gluͤck. Fort, geh: man ſagt, die ungrade Zahl ſey eine heilige bei Geburt, bei Schickſalen und beim Sterben. Fort!— Fr. Zurt. Ich beſorg' Euch eine Kette; und ich will chun, was ich kann, Euch ein paar Hoͤrner zu verſchaffen⸗ Falſt. Fort, ſag' ich, die Zeit verlaͤuft. (Fr. Hurtig geht ab.) Sz. 7. n Windſor. Palt den Kopf in die Hoͤhe und mache dich niedlich!— (Fluth kommt.) Nun, Herr Bach?— Herr Bach, heut Nacht muß die Sache zu Stande kommen, oder nie. Seyd nur im Park un Mitternacht bei Herne's Eiche, und Ihr ſollt Wunder ehn. Fluth. Gingt Ihr nicht geſtern zu ihr, Sir, wie Ihr mir ſagtet, es ſey verabredet?— Falſt. Ich ging zu ihr, Herr Bach, wie Ihr mich ſeht, als ein armer, alter Mann; aber ich kam von ihr, Herr Bach, wie eine arme, alte Frau. Dieſer verdammte churke Fluth, ihr Mann, iſt beſeſſen vom liſtigſten tollen Teufel der Eiferſucht, der je einen verruͤckten Kopf regiert hat. Hoͤrt nur! Er hat mich jaͤmmerlich durchgepruͤgelt in der Geſtalt eines Weibes: denn in der Geſtalt eines Man⸗ nes, Herr Bach, furchte ich mich nicht vor dem Goliath mit ſeinem Weberbaum: weil ich wohl eingedenk bin, daß das menſchliche Leben nur eine Weberſpule iſt. Ich habe Eile; geht mit mir, ich will Euch alles erzahlen, Herr Bach. Seit ich Gaͤnſe gerupft, die Schule geſchwaͤnzt und Kreiſel gepeitſcht, wußt' ich nicht, was Prägel ſeyen, bis neulich.— Kommt mit, ich will Euch ſeitſame Dinge von dem Schurken, dem Fluth, erzaͤhlen, an dem ich heut Nacht Rache nehmen und Euch ſeine Frau in die Haͤnde liefern will. Kommt mit, wir haben ſeltſame Dinge vor, Herr Bach! Folgt mir!— Cſie gehn ab.) Fünfter Aufzug. Egrſte Szene Im Park von Windſor. (Es treten auf Page, Schaal und Schmächtig.) Page. Kommt, kommt, wir wollen im Schloßgraben lauern bis wir das Licht unſrer Feen ſehn. Gedenkt Eurer Braut, Sohn Schmaͤchtig, meiner„„ Schmächt. Ei natuͤrlich! ich habe mit ihr geſprochen, und wir haben ein Merkwort, woran wir einander erken⸗ nen. Ich gehe zu der in Weiß und ſage: Schnipp! ſie ſagt: Schnapp! und dabei kennen wir einander. Schaal. Das iſt recht gut: aber was brauchts dein Schnipp und ihr Schnapp? Das Weiß macht ſie ſchon kenntlich genug.— Es hat Zehn geſchlagen. Page. Die Nacht iſt finſter, Lichter und Elfen werden ſich gut ausnehmen. Der Himmel gebe unſerm Spaß Ge⸗ deihen; Niemand meint es ſchlimm, als der Teufel, und den kennen wir an ſeinen Hoͤrnern. Laßt uns gehnz kommt mit.(ſie gehn ab.) 3 wei t Sz ne Ebendaſelbſt. (Es treten auf Frau Page, Frau Fluth und Doctor C ajus.) Fr. Page. Herr Doctor, meine Tochter iſt in Gruͤn: wenn Ihr Eure Zeit erſeht, faßt ſie bei der Hand, fort mit ihr zur Decha⸗ nei, und machts in aller Schnelligkeit ab. Geht voraus in den Park; wir beide muͤſſen zuſammengehn. Sz. 2.3. von Windſor. 79 Caj. Ik weiß, was ik'aben ſu thun: Adien! (ab.) Fr. Page. Lebt wohl, Herr Doctor. Mein Mann wird ſich nicht ſo uͤber Falſtaffs Beſtrafung freuen, als er uber des Doctors Heirath mit meiner Tochter zanken wird: aber das thut nichts. Beſſer, ein wenig Verdruß, als eine Menge Herzeleid. Fr. Fluth. Wo iſt denn Annchen und ihr Feentrupp? Und der walliſiſche Tenfel Evans?— Fr. Page. Sie lauern alle in einer Grube, dicht an Herne's Eiche, mit verdeckten Lichtern, die ſie, nachdem iia und wir zuſammengekommen ſind, plotzlich in der unkelheit werden leuchten laſſen. Fr. Fluth. Das muß ihn durchaus erſchrecken. Fr. Page. Erſchrickt's ihn nicht, ſo wird er gefoppt, und erſchrickt er, ſo wird er um ſo viel mehr gefoppt. Fr. Fluth. Wir wollen ihn recht ausbuͤndig verrathen! Fr. Page. Rechtmaͤßig iſt Verrath und duͤnkt uns ritterlich, Und träf er ſolche Loffler noch ſo bitterlich. Fluth. Die Stunde naht: Zur Eiche hin! iche!— zur C(ſie gehn ab.) Dritte Szene. Ebendaſelbſt. Es kommen Sir Hugh Evans, Feen unb Elfen.) Evans. Kommt jetzt anketrippelt, Ihr Feen: verkeßt Eure Nollen nicht: ſeyd dreiſt, tas pitt' ich Euch. Folkt mir zur Krupe, und wann ich Stichwort kepe, ſo thut, wie Euch anketeu⸗ tet. Kommt, trip! trap!— (ſie gehn ab.) — 80 Die luſtigen Weiber Vierte Szene. Eine andre Gegend des Parks. (Falſtaff, mit einem Hirſchgeweih auf dem Kopf, tritt auf.) Falſtaff. Die Windſorglocke hat zwoͤlf geſchlagen: der Augenblick ruͤckt heran. Nun, ihr heißbluͤtigen Goͤtter, ſteht mir bei: Er⸗ innre dich, Jupiter, wie du fuͤr Europa ein Stier wurdeſt; Liebe, ſetzte dir deine Hoͤrner auf.— O, allmaͤchtige Liebe! die auf gewiſſe Weiſe das Vieh zum Menſchen macht, und auf andre den Menſchen zum Vieh! ſo wardſt auch du, Jupiter, ein Schwan aus Liebe zur Leda. O, allgewaltige Liebe! Wie nah ſtreifte der Gott an die Geſtalt einer Gans!— Deine erſte Suͤnde verwandelte dich in ein Vieh: fi Jupiter! und fur die zweite gebaͤrdeteſt du dich als Schwan: — ſchwante dir nicht, Jupiter, wie nichtsnutzig du warſt? — Wenn Goͤtter ſo hitziges Blut haben, was ſollen die armen Menſchen anfangen? Ich, meines Theils bin hier ein Windſorhirſch, und der feiſteſte im Forſte, denk' ich. Schick' mir eine kuͤhle Brunſtzeit, Jupiter!— Wer kommt hier? Meine Hindin?— (Frau Fluth und Frau Page kommen.) Fr. Fluth. Sir John? biſt du da, mein Thierchen? mein allerliebſter Hirſch?— Falſt. Meine ſchlanke Ricke? Nun mag der Himmel Kartoffeln regnen; er mag donnern nach der Melodie vom gruͤnen Ermel; er mag Gewuͤrznelken hageln und Muſcat⸗ kuchen ſchneien: es erhebe ſich ein Sturm von Verſuchungen: — Hier iſt mein Obdach!— Fr. Fluth. Frau Page iſt hier bei mir, mein Herz⸗ hen!— Falſt. Theilt mich, wie einen Praͤſenthirſch, jede ein Viertel: meine Seiten will ich fuͤr mich behalten, meine Schultern fuͤr den Waͤrter dieſes Parks, und meine Hoͤr⸗ ner vermach' ich Euern Maͤnnern. Bin ich ein Weidmann, he? Sprech' ich wie Herne, der Jaͤger? Diesmal iſt Sz. 4. von Windſor. 8¹ Cupido ein Kind, das Gewiſſen hat; er bringt Schadlos⸗ haltung. So wahr ich ein ehrlicher Geiſt bin, willkom⸗ men!— (Lärm hinter der Scene.) Fr. Page. Himmel! Welch ein Laͤrm? Fr. Fluth. Gott verzeih' uns unſre Suͤnden! Falſt. Was kann das ſeyn? Fr. Fluth u. Fr. Page. Fort! Fort!— (die Frauen laufen davon.) Falſt. Ich denke, der Teufel will mich nicht verdammt ſehn, damit das Hehl, was ich in mir habe, nicht die Hoͤlle in Brand ſtecke: ſonſt kaͤm' er mir nicht ſo in die Quer. (Eine Menge Elfen und Geiſter erſcheinen; unter dieſen Sir Hugh und Anne Page. Sie tragen Fackeln und Lichter.) Feenkonigin. Feien, ſchwarz, gruͤn, weiß und grau, Ihr Schwaͤtmer in des Mondſcheins feuchtem Thau, Verwaiſte Pflegekinder ew'ger Maͤchte, Thut Eure Pflicht, ſchirmt Eure heil'gen Rechte! Herold Hobgoblin! heiß die Feien ſchweigen. Sobgoblin. Ihr Elfen, horcht! Sey ſtill, du Geiſter⸗ reigen. Heimchen! Du ſchluͤpf' in Windſors Eſſen einz Wo noch die Aſche glimmt, der Heerd nicht rein, Da kneip' die Magd wie Heidelbeeren blau, Denn jeden Schmuz haßt unſre lichte Frau. Fallſt. Feen ſind es: ſpraͤch' ich, wär's um mich ge⸗ ſchehn; Drum deck' ich mich: ihr Werk darf Niemand ſehn. Cer legt ſich aufs Geſicht nieder.) Evans. Geh Puk, und find ſt du ſchlafend eine Magd Die dreimal fleißig ihr Gebet geſagt, er ſtimme ſuͤß den Sinn der Fantaſei. ie ſchlumm're wie die Kindheit ſorgenfrei. die entſchlief, der Suͤnden nicht gedenk, ie kneip' an Arm, Bein Fuß und Handgelenk. vn. 6 Die luſtigen Weiber Feenkon. Fort, Elfen⸗Troß, Durchſucht von inn' und außen Windſors Schloß; Streut Gluͤck in alle heilgen Raͤum“, ihr Feen,. Daß ſie bis an den juͤngſten Tag beſteh'n:— In wuͤrd'ger Zier, geſund und unverſehrt, Der Herrſcher ihrer, ſie des Herrſchers werth. Die Ordensſeſſel reibt mit Balſamkraft, Und jeder edeln Blume wuͤrz'gem Saft: Der neuen Ritter Tracht, Helmzier und Kleid, Und ehrenwerthes Wappen ſey geweiht; Ihr Wieſenelfen, ſingt in naͤcht'ger Stunde, Und gleich dem Knieband ſchließt im Kreis die Runde; Laßt, wo der Ring ſich zeichnet, uͤpp'ges Gruͤn Und friſchern Wuchs als ſonſt im Feld' erbluh'n, Und hony soit qui mal y pense, malt Mit Bluͤtenſchmelz, blau, weiß und roth durchſtrahlt, (Wie Perl' und Sapphir hell in Stickerei'n Dem Knie der tapfern Ritter Zierde leih'n; Denn nur mit Blumenlettern ſchreiben Fei'n.) ₰ Nun fort! hinweg! Doch bis es Eins geſchlagen, Laßt den gewohnten Tanz uns nicht verſagen, Und Herne, des Jaͤgers Eiche raſch umkreiſen. Evans. Schließt Hand in Hand, nach unſern alten Weiſen; Zwanzig Gluͤhwuͤrmer ſoll'n Laternen ſeyn, Zu leuchten unterm Baum dem Ringelreih'n. Doch halt! ich wittr' ein Kind der Mittelwelt! Falſt. O Himmel! ſchuͤtz' mich vor dem waͤlſchen Kobold, Daß er mich nicht verhert in ein Stuͤck Kaͤſe.— Evans. Wurm, den Geburt ſchon niedrig hingeſtellt! Feenkön. Mit Pruͤfungsfeu'r ruhrt ſeine Fingerſpitze, Denn iſt er kenſch, dann weicht der Gluten Hißze, Und laͤßt ihn unverſengt; doch fuͤhlt er Schmerz, So dient der Suͤnde ſein verderbtes Herz. Evans. Die Probe:— wird das Holz wohl Feuer fangen? Falſt. O, o!— Feenkon. Verderbt, verderbt durch ſuͤnliches Verlangen! Umringt ihn, Feen! mit ſpott'ſchen Verſen plackt ihn, Und wie ihr ihm vorbeiſchwebt, kneipt im Taft ihn!— von Windſor. Lied⸗ Pfui der ſuͤnd'gen Fantaſei! fui der Luſt und Buhlerei! uſt iſt Feu'r im wilden Blut, Angefacht durch uͤpp'gen Muth; Jief im Herzen wohnt die Glut, Und geſchuͤrt wird ihre Wuth Von ſuͤndiger Gedankenbrut. Kneipt ihn Elfen nach der Reih', Kneipt ihn fuͤr die Buͤberei; Kneipt ihn und brennt ihn, und laßt ihn ſich dreh'n, Bis Kerzen und Sternlicht und Mondſchein vergeh'n. (Während des Geſanges kneipen ſie ihn.— Pr. Cajus kommt von der Einen Seite und ſchleicht mit einer Fee in Grün da⸗ von; Schmächtig von der Andern und holt ſich eine Fee in Weiß; dann kommt Fenton und geht mit Jungfer Unne Page ab. Jagdgeſchrei hinter der Bühne; alle Feen laufen davon. Falſtaff nimmt ſein Hirſchgeweih ab und ſteht auf.) (Page und Fluth mit ihren Frauen treten auf.) Page(indem er ihn feſthält.) Nein lauft nicht fort; wir haben Euch ertappt. Iſt Herne, der Jäger, Eure letzte Kunſt? Fr. Page. Ich bitt' Euch, kommt; treibt doch den Scherz nicht weiter. Nun Ritter, wie gefall'n Euch Windſor's Frau'n? Sieh, lieber Mann, paßt nicht der huͤbſche Kopfſchmuck Viel beſſer fur den Forſt als fuͤr die Stadt?— Fluth. Nun, Sir, wer iſt jetzt Hahnrei? err Bach, Falſtaff iſt ein Schurke, ein hahnreliſcher hier ſind ſeine Hoͤrner, Herr Bach; und Herr Bach, er hat von Fluths igenthum nichts genoſſen als ſeinen Waſchkorb, ſeinen Pru⸗ gel und zwanzig Pfund in Geld; und die muſſen an Herrn Bach bezahlt werden; ſeine Pferde ſind dafuͤr in Beſchla genommen, Herr Bach. 6 46 Fr. Fluth. Sir John, es iſt uns recht ungluͤcklich ge⸗ gangen, wir konnten nie zuſammen kommen. Zu meinem Cavalier will ich Euch nicht wieder nehmen, aber mein Thier ſollt Ihr immer bleiben. 6* 84 Die luſtigen Weiber A. W Falſt. Ich fange an zu merken, daß man einen Eſel aus mir gemacht hat. Fluth. Ja, und einen Ochſen dazu; von beidem iſt der Beweis augenſcheinlich. Falſt. Und das ſind alſo keine Feen? Drei oder viermal kam mir in den Sinn, es waren keine Feen; und doch ſtein⸗ pelte das Bewußtſeyn meiner Schuld, die plotzliche Betäu⸗ bung meines Urtheiis den handgreiflichen Betrug zum aus⸗ gemachten Glauben, allem geſunden Menſchenverſtande zum ſchnoͤden Trotz, daß es Feen ſeyen. Da ſeht, welch ein Hanswurſt aus dem Verſtande werden kann, wenn er auf verbot'nen Wegen ſchleicht. Evans. Sir John Falſtaff, tient Kott, und entſakt po⸗ ſer Luſcht, ſo werten Feien Euch nicht kneipen. Fluth. Wohlgeſprochen, Elfe Hugh. Evans. Und Ihr laſcht ap von Eiferſuchten, ich pitte Euch! 3 Fluth. Ich will nie wieder an meiner Frau irre werden, bis du im Stande biſt in gutem Engliſch um ſie zu werben. Falſt. Habe ich denn mein Gehirn in der Sonne gehabt und es getrocknet, daß es nicht vermochte einer ſo groben Uebertolpelung zu begegnen? Muß mich nun auch eine wali⸗ ſiſche Ziege anmeckern? Muß ich eine Kappe von waͤlſchem Frieß tragen? Nun fehlte mir noch, daß ich an einem Stuͤck geroͤſteten Kaͤſe erſtickte!— Evans. Käße iſcht nicht zum Puttern zu prauchen; Euer Pauch ſeyn pure Putter. Falſt. Pauch und Putter! Muß ichs erleben mich haͤn⸗ ſeln zu laſſen von Einem, der das Engliſche radebricht? Das iſt genug um allen Uebermuth und Rachiſchwaͤrmerei im ganzen Koͤnigreich in Verfall zu bringen. Fr. Page. Ei, Sir John, glaubtet Ihr denn, und hät⸗ ten wir auch alle Tugend uͤber Hals uͤber Kopf aus unſern Herzen herausgejagt, und uns ohne Scrupel der Hoͤlle ver⸗ ſchrieben,— daß der Teufel ſelbſt Euch fur uns haͤtte reizend machen koͤnnen?— Sz. 4. von Windſor. 85 Fluth. Solchen Wurſtberg? ſolchen Wollſack? Fr. Page. Solch einen Wulſt von Mann? Page. Alt, kalt, und von außen und innen unleidlich? Fluth. Und ſo verlaͤumderiſch wie der Satan? Page. Und ſo arm wie Hiob? Fluth. Und ſo gottlos wie Hiob's Weib? Evans. Und hinkekepen ter Fleiſchesluſcht, und tene Kelake, tem Sekt, tem Wein, tem Meth, tem Sauſe und tem Raufe, tem Kikel und tem Kakel?— Falſt. Nun ja, ich bin Euer Tert, und Ihr ſeyd im Vorſprung, ich bin in der Hinterhand; ich bin nicht im Stande dem waliſer Flanell da zu antworten; die Dummheit ſelbſt will mir die Richtſchnur anlegen;z macht mit mir was Ihr wollt. Fluth. Ich daͤchte, Sir, wir fuͤhrten Euch nach Wind⸗ ſor zu einem gewiſſen Herrn Bach, den Ihr um ſein Geld geprellt habt, und dem Ihr einen Kupplerdienſt verſpracht. Nach allem was Ihr bisher ausgeſtanden habt, wird die ſehlü des Geldes Euch noch der bitterſte Schmerz eyn. Page. Demungeachtet, Ritter, ſey guter Dinge. Du ſollſt heut Abend in meinem Hauſe einen Nachttrunk bekom⸗ men, und da magſt du meine Frau auslachen, die jetzt uͤber dich lacht. Sag' ihr, Herr Schmaͤchtig habe ihre Tochter geheirathet.— Fr. Page Cbeiſeit.. Die Doctoren bezweifelns nochz wenn Anne Page meine Tochter i o iſt ſie jetzt ſchon Doctor Cajus Frau. Si S8 (Schmächtig kommt.) Schmacht. He! Holla! Holla! Vater Page!— Page. Sohn, was giebts? Was giebts, So n? du's ſchon abgethan? Schmächt. Abgethan? Alle hubſchen Leute in Gloſter⸗ 86 Die luſtigen Weiber A. N. ſhire ſollens zu hoͤren kriegen, wahrhaftig, oder ich will mich haͤngen laſſen, ſeht Ihr,— Page. Was iſt denn, Sohn? Schmaͤcht. Ich komme da hinunter nach Eton, um Jungfer Anne Page zu heirathen; und ſo war's ein großer e von Jungen. Wenn's nicht in der Kirche gewe⸗ ſen waͤre, da haͤtt' ich ihn durchgewichſt, oder er haͤtte mich durchgewichſt. Wo ich nicht gewiß und wahrhaftig glaubto es ſey Anne Page geweſen, ſo will ich kein Glied mehr regen; und da war's ein Junge vom Poſtmeiſter. Page. Nun, wahrhaftig, ſo habt Ihr Euch vergriffen. Schmaͤcht. Was braucht Ihr mir das noch lange zu ſagen? Freilich vergriff ich mi„als ich einen Jungen fuͤr ein Maͤdchen nahm. Wenn ich ihn geheirathet hätie, mit allem ſeinen Weiberputz hätte ich ihn doch nicht haben moͤgen. Page. Ei, daran iſt Eure eigne Thorheit Schuld. Sagt ichs ech denn nicht, wie Ihr meine Tochter an ihren Kleidern kennen ſolltet?— Schmaͤcht. Ich ging zu der in Weiß und ſagte: Schnipp, und ſie ſagte Schnapp, wie Annchen und ich aus⸗ gemacht hatten: und da war's doch nicht Annchen, ſondern ein Poſtmeiſtersjunge. Page. O ich bin recht verdießlich; was iſt nun da zu machen? Fr. Page. Liebſter Georg, ſey nicht boͤſe. Ich wußte von deinen Plaͤnen, that meine Tochter in Gruͤn an, und ſetzt iſt ſie mit dem Doetor in der Dechanei und ſchon ge⸗ traut. (Doctor Cajus kommt.) Cajus. Wo ſeyn Madame Poge? Pardien, Ik ſeyn grfuͤhrt an; ik'aben geheirath un gargon, heine Jong; un paysan, pardieu, heine Jong; es ſeyn nik Anne Page, vardien, ik ſeyn gefuͤhrt an!— Fr. Page. Was? nahmt Ihr nicht die in Grun? 1 Sz. 4. von Wind ſor. 37 Cajus. Oui pardien, und es ſeyn heine Jong: par- dieu, ik will revoltir' ganz Windſor. (geht ab.) Fluth. Das iſt ſeltſam! Wer hat nun dio rechte Anne Page bekommen? Page. Mir wird ganz ſchwuͤl zu Muth: hier kommt Herr (Fenton und Anne Page treten auf.) Nun, mein Herr Fenton?— Anne. Verzeihung, lieber Vater! liebe Mutter! Jungfer, warum folgt'ſt du nicht Herrn chmaͤchtig? Fr. Page. Sag, Maͤdchen, warum nahmſt du nicht den Doctor? Fenton. Ihr macht ſie ſchuͤchtern; hoͤrt den ganzen Her⸗ gang. Ihr wolltet ſie auf's ſchimpflichſte vermaͤhlen, Wo kein Verhaͤltniß in der Neigung war. So wißt denn, ſie und ich, ſchon laͤngſt verlobt, Sind jetzt ſo Eins, daß nichts uns loͤſen kann. Die Suͤnd' iſt heilig, die ſie heut' begangen, Und ihre Liſt verliert des Truges Namen, Verletzter Pflicht und kindlicher Empoͤrung, Weil ſie dadurch entflohn und vorgebeugt Viel tauſeud boͤſen und verwuͤnſchren Stunden, ie ein erzwungnes Band ihr auferlegt. Fluth. Seyd nicht beſturzt, hier hilft kein Mittel mehr. em Himmel muß man Liebesnoth vertrauen, Gold ſchafft uns Land, das Schickſal unſ're Frauen. Falſt.„Mich freut daß Euer Pfeil vorbei ſtreifte, ob⸗ gleich Ihr's recht drauf angelegt hattet, mich zu treffen. Page. Was iſt zu thun! Fenton, nimm meinen Segen; Was ſchon geſchehn, da hilft nicht Nein zu ſagen. Falſt. Manch Wild ſpringt auf, will man im Finſtern agen. 88 Die luſtigen Weiber von Windſor. Fr. Page. Nun wohl, ich nicht ſchmollen. enton Der Himmel ſchenk' Euch viel, viel frohe Tage! Komm beſter Mann, laß uns nach Hauſe gehn Und am Kamin den Spaß nochmals belachen; Sir John und Alle. Fluth. Wohl geſagt.— Sir John, Eu'r Wort an Bach macht Ihr nun dennoch gut;z Er geht zu Bett noch heute mit Frau Fluth. (Alle gehen ab.) V. Lieber Das Wintermaͤhrchen. Perſonen. Leontes, König von Sicilien. Hermione, ſeine Gemahlin. ſeine Kinder. Camillo, Antigonus, Cleomenes, Dion, Herren vom Hofe und Sicilianiſche Edelleute. Paulina, Antigonus Gemahlin. Emilia, Kammerfrau der Königin. Hofdamen. Ein Beamter und mehrere Gerichtsdiener. Ein Kerkermeiſter. Ein Matroſe. Polyrenes, König von Böhmen. Florizel, ſein Sohn. Archidamus, am Hofe des Königs. Ein alter Schäfer. Sein Sohn. Autolycus, ein Spitzbube. Mopſſa und Dorcas. Schäferinnen. Schäfer. Knechte. Die Zeit als Chorus. vornehme Sicilianer. — Erſter Anfzug. Sicilien, ein Zimmer in Leontes Pallaſt. Erſte Szene. (Camillo und Archidamus treten auf.) Archidamus. Wenn es ſich einmal treffen ſollte, Camillo, daß Ihr Boͤh⸗ men beſuchtet, bei einer aͤhnlichen Veranlaſſung als mich lett in meinem Dienſt hieher fuͤhrt, ſo werdet Ihr, wie ich ſchon geſagt habe, einen großen Unterſchied zwiſchen un⸗ ſerm Boͤhmen und Eurem Sicilien finden. Camillo. Ich glaube, den naͤchſten Sommer gedenkt der Koͤnig von Sicilien dem Koͤnig von Boͤhmen den Be⸗ ſuch zu erwiedern, den er ihm ſchuldig iſt. Archid. Worin unſte Bewirthung uns beſchaͤmen ſollte, das wird unſre Liebe entſchuldigen; denn, in der That— Cam. Ich bitte Euch— Archid. In der That, ich ſpreche aus der Vollmacht meiner Ueberzeugung: wir koͤnnen nicht mit dieſer Pracht— in ſo ausgeſuchter— ich weiß nicht was ich ſagen ſoll.— Wir werden Euch einen Schlaftrunk geben, damit Eure Sinne, unſte Unzulaͤnglichkeit nicht empfindend, uns wenn ſie uns auch nicht loben koͤnnen, doch eben ſo wenig ankla⸗ gen moͤgen. S Ihr bezahlt viel zu theuer, was gern gegeben ird. Archid. Glaubt mir, ich ſage was meine Einſicht mich lehrt, und meine Redlichkeit mich nothigt auszuſprechen. Cam. Sicilien kann Boͤhmen nie zu viel Huld erwei⸗ ſen. Sie wurden in der Kindheit miteinander auferzogen, Das Wintermaͤhrchen. A. und da wurzelte eine ſolche Liebe zwiſchen ihnen, daß ſie jetzt wohl Zweige tragen muß. Seit ihre reifere Wuͤrde, und ihre königlichen Pflichten ihr Beiſammenſeyn trenn⸗ ten, waren ihre Begegnungen, obwohl nicht perſoͤnlich, doch koͤniglich bevollmachtet, und tauſchten Gaben, Briefe, liebevolle Botſchaften; ſo daß ſie, obwohl getrennt, doch vereint ſchienen; wie uͤber einen Abgrund einander die Haͤnde reichten, und ſich, gleichſam, von den Enden ent⸗ gegengeſetzter Winde umarmten. Der Himmel erhalte ihre Freundſchaft! Archid. Ich glaube, es giebt in der Welt keine Bos⸗ heit oder Veranlaſſung, die ſie erſchuͤttern koͤnnte. Ihr habt einen unausſprechlichen Troſt an Eurem jungen Prinzen Mamillius; er iſt ein Weſen, das die groͤßten Erwartun⸗ gen erregt, ich ſah nie ſeines Gleichen. Cam. Gern ſtimme ich Euch in den Hoffnungen auf ihn bei: er iſt ein herrliches Kind, und wahrlich, ein Heil⸗ mittel fuͤr den Unterthan, und eine Erfriſchung alter Her⸗ zen; die, welche auf Kruͤcken gingen, ehe er geboren ward, wuͤnſchen noch zu leben, um ihn als Mann zu ſehn. Archid. Wuͤrden ſie denn ſonſt gern ſterben? Cam. Ja; wenn ſie keinen andern Vorwand haͤtten ſich ein laͤngeres Leben zu wuͤnſchen. Archid. Wenn der Koͤnig keinen Sohn haͤtte, ſo wuͤr⸗ den ſie wuͤnſchen auf Kruͤcken zu gehen bis er einen be⸗ kaͤme. (Es treten auf Leontes, Polyrenes, Hermione, Ma⸗ millius und Gefolge,) Pol. Schon neunmal gab des feuchten Sternes Wechſel Dem Schaͤfer Kunde, ſeit der Buͤrd' entledigt Wir ließen unſern Thron: ſo viele Monde Sollt' unſer Dank, geliebter Bruder, fuͤllen: Und dennoch gingen wir, fuͤr ew'ge Zeit Als Euer Schuldner fort: Drum, gleich der Null An hohen Platz geſtellt, laßt mich dies eine Wir danken euch, zu tauſenden vermehren, Die ihm vorangehn. Leont. Spart noch Euren Dank; Und zahlt ihn wenn Ihr reiſ. ol. Herr, das iſt morgen. Mich mahnt die Furcht, was wohl geſchehn ſeyn mag, as unſer Fernſeyn zeugte: Blaͤſt nur nicht —————— —— .1. Das Wintermährchen. Ein ſcharfer Wind daheim, und macht uns ſagen, Zu ſehr nur traf es ein! Auch weilt' ich ſchon . Euch zur Beſchwer. Leont. Wir ſind zu zaͤh', mein Bruder, Damit ſetzt Ihr's nicht durch. Pol. Ich kann nicht bleiben. Leont. Nur eine Woche noch. Pol. Nein wahrlich, morgen. Leont. So laßt die Zeit uns theilen: und dann will ich Nicht widerſprechen. Polyr. Bitt' Euch, draͤngt mich nicht; Kein Mund, nein, keiner in der Welt gewinnt mich So leicht als Eurer: und er wuͤrd' es jetzt, Trieb Zwang Euch zum Geſuch, wenn auch mich Zwang Zum Weigern noͤthigte. Des Staats Geſchaͤfte Ziehn mich gewaltſam heimwärts: Eure Liebe, Dieß hindernd, wuͤrde Geißel mir; mein Bleiben Euch Laſt und Unruh: Beides zu vermeiden, Lebt wohl, mein Bruder. Leont. Iſt unfre Koͤnigin verſtummt? Sprich du. Berm. Ich dachte, Herr, zu ſchweigen, bis Ihr Eide Ihm abgezwungen, nicht zu bleiben. Kalt nur Beſtuͤrmt Ihr ihn: Sagt ihm, Ihr wißt, es ſtehe 3 Boͤhmen alles gut: die frohe Botſchaft Sey geſtern angekommen; ſagt ihm dieß, o ſchlagt Ihr ihn aus ſeiner beſten Schanze. Leont. Recht ſo, Hermione. erm. Sagt er, er ſehnt ſich nach dem Sohn, das gilt: Doch laßt's ihn ſagen, und dann laßt ihn gehn; Laßt's ihn beſchworen, und er ſoll nicht bleiben, ir treiben ihn mit unſern Spindeln fort. Doch wag' ich's, Eurer hohen Gegenwart ne Woche abzuborgen. Wenn in Boͤhmen Euch mein Gemahl beſucht, geb' ich ihm Vollmacht, Fuͤr einen Monat laͤnger, als die Zeit 7 Beſtimmt zur Reiſ“: und doch, fuͤrwahr, Leontes, Kein haarbreit wen'ger lieb' ich dich, als je Ein Weib den Mann geliebt.— Ihr bleibt? Lcont. Rein, Fuͤrſtin. Berm. O ja, Ihr thut's. 15 Pol. Ich kann nicht, wahrlich! SBerm. Wahrlich! Ihr weiſt mich ab mit leichtem Schwur: Doch ich, 94 Das Wintermährchen. A. l. Wollt Ihr die Stern' auch aus den Sphären ſchwoͤren, Ich ſagte doch, Herr, nichts von Reiſen. Wahrlich, Ihr bleibt; das Wahrlich einer Frau iſt guͤltig Wie immer das des Mann's. Wollt Ihr noch fort? Ihr zwingt mich als Gefangnen Euch zu halten, Und nicht als Gaſt; dann zahlt Ihr, wenn ihr ſcheidet, Fuͤr Eure Koſt, und ſpart den Bank. Was ſagt Ihr? Gefangner oder Gaſt? Bei jenem Wahrlich, Eins muͤßt Ihr ſeyn. Pol. Eu'r Gaſt denn, Koͤnigin: Gefangner ſetzt Beieidigung voraus; Die zu begehn mir ſchwerer fallen wuͤrde, Als Euch zu ſtrafen. Zerm. Dann nicht Kerkermeiſter, Nein, liebevolle Wirthin. Kommt, erzaͤhlt mir Von meines Herrn und Euren Knabenſtreichen; Ihr war't wohl muntre Herrchen? Pol. Schoͤne Fuͤrſtin, Zwei Buben, die nicht weiter vorwaͤrts dachten, Als, ſolch ein Tag wie heut' ſey morgen auch, Und daß wir ewig Knaben bleiben wuͤrden. Berm. War nicht mein Herr ärſe Schalk von eiden? Pol. Wir waren Zwillingslaͤmmern gleich, die blokend Im Sonnenſcheine miteinander ſpielten: Nur Unſchuld tauſchten wir fuͤr Unſchuld; kannten Des Unrechts Lehre nicht, noch traͤumten wir Man thaͤte Boͤſes: Lebten wir ſo weiter, Und ſtieg nie hoͤher unſer ſchwacher Geiſt Durch heiß'res Blut, wir könnten kuhn dem Himmel Einſt ſagen: Frei von Schuld; die abgerechnet, Die unſer Erbtheil. Zerm. Daraus muß man ſchließen, Ihr ſtraucheltet ſeitdem. Pol. O heil'ge Fuͤrſtin, Verſuchung ward ſeitdem uns: denn in jenen Unfluͤggen Tagen war mein Weib ein Kind; Und Eure Schoͤnheit war noch nicht dem Blick Des Spielgenoß begegnet. Serm. Gnad' uns Gott! Zieht daraus keinen Schluß; ſonſt nennt Ihr mich Und Eure Koͤn'gin Teufel: Doch fahrt fort; Was Ihr durch uns gefehlt vertreten wir; — Sz.1. Das Wintermährchen. 95 Wenn Ihr mit uns zuerſt geſuͤndigt habt, Und nur mit uns die Suͤnde fortgeſetzt Und nie mit Andern als mit uns geſtrauchelt. Leont. Gewannſt du ihn? Berm. Er bleibt. Leont. Und wollt' es nicht, auf meine Bitte. Permione, Geliebte, niemals ſprachſt du So gut zum Zweck. Serm. Niemals? Leont. Niemals, mur einmal noch, Zerm. Wie? ſprach ich zweimal gut? wann war es fruͤher? Ich bitte, ſag' es mir: Fuͤttr' uns mit Lob, Wie zahme Voͤgelchen. Die gute That, die ungeprieſen ſtirbt, Wuͤrgt tauſend andre, die ſie zeugen wuͤrde. Eu'r Lob iſt unſer Lohn: Eh treibt Ihr uns Mit einem ſanften Kuſſe tauſend Meilen, Als mit dem Sporn zehn Schritt nur. Doch zum Ziel; Die letzte gute That war, ihn erbitten; Was war die erſte? wenn ich recht verſtand, Hat ſie'ne aͤlt're Schweſter: O, ſey Gnad' ihr Name! Zum Zweck ſprach ich ſchon einmal. Wann? O laßt Mich hoͤren, mich verlangt's. Leont. Nun, das war damals: Drei bittre Monde ſtarben langſam hin, Eh' ich's erlangt, daß du die weiße Hand Mir als Geliebte reichteſt; und da ſprachſt du: Ich bin auf ewig dein. Zerm. Ja, das war Gnade. Ei ſeht, ſo ſprach ich zweimal daun zum Zweck: Eins warb auf immer mir den edlen Gatten, Das andre mir den Freund auf wen'ge Tage. Sie reicht Polyrenes die Hand.) Leont. Cfür ſich.) Zu heiß, zu heiß! So heftig Freundſchaft einen, eint das Blut. Die Bruſt iſt mir beklemmt, es tanzt mein Herz; Doch nicht aus Freude, etn— Solch tranlich Weſen Nimmt heitern Schein; erklärt die Freiheit nur Fuͤr Freundſchaft, Hetzlichkeit und Seelengute, Und zierlich mag's dem Spieler ſtehn, es mag: Doch mit den Haͤnden taͤtſcheln, Finger druͤcken, — ———————— 96 Das Wintermaͤhrchen. Wie jetzt ſie thun; dabei bedeutend laͤcheln, Wie in den Spiegel; ſeufzen dann, ſo tief Wie ein verendend Wild; ſolch traulich Weſen Gefaͤllt nicht meinem Herzen, nicht der Stirn.— 3 Mamillius, Biſt du mein Jung'? Mam. Ja, Vaͤterchen. Leont. Mein Seel? Ja, biſt mein Bengel. Wie, die Naſe ſchmutzig?— Sie ſagen, daß ſie meiner gleicht. Komm, Kerl, Wir muͤſſen ſchmuck ſeyn; ſchmuck nicht, ſondern rein: Denn geht nicht Stier und Kalb und Kuh, ein jedes Im Schmuck des Haupt's einher? Noch immer ſpielend Auf ſeiner Händ? Wie geht's, mein muntres Kalb? Biſt du mein Kalb? Mam. Ja Vater, wie du willſt. Leont. Dir fehlt ein rauher Kopf, und meine Sproſſen, Um ganz mir gleich zu ſeyn:— doch, ſagt man, gleichen Wir uns wie Waſſertropfen; Weiber ſagen's, Die ſagen Alles: Doch waͤren ſie ſo falſch Wie aufgefaͤrbtes Schwarz, wie Wind und Waſſer; Falſch wie ſich der die Wuͤrfel wuͤnſcht, der Mein Und Dein nicht trennen will; doch iſt es Wahrheit Zu ſagen, daß dieß Kind mir gleicht,— Komm, Page, Blick mit dem Himmelsang' mich an, du Schelm! Mein Herz! mein Schatz!— Kann deine Mutter?— kann ſie? Affect! dein Ahnden bohrt zum Mittelpunkt: Das machſt du moͤglich, was unmoͤglich ſchien, Verkehrſt mit Traͤumen;—(Wie kann dies geſchehn ²) Mit Schatten, du einbildungsfaͤh'ge Kunſt, Und biſt dem Nichts verbruͤdert: Nun, wie glaublich, Daß du auch Weſen dich geſellſt; ſo iſt's; Qnd das jenſeit des Wahnes, und ich fuͤhl' es,) Und das bis zur Vergiftung meines Hirns, Und meiner Stirn Verhaͤrtung. Pol. Was iſt dem Koͤnig? Zerm. Es ſcheint als quaͤl' ihn was. Pol. Wie ſteht's, mein Fuͤrſt? Leont. Was giebt's? wie geht es Euch, mein beſter Bruder? Zerm. Ihr habt ein Anſehn, Als waͤr' die Stirn Euch von Gedanken ſchwer; Herr, fehlt Euch etwas? Sz. 1. Das Wintermaͤhrchen. Leont. Nein, in vollem Ernſt.— 5 Cbeiſeit.) Wie oft verraͤth Natur die eigne Thorheit Und Zaͤrtlichkeit; und macht ſich zum Geſpoͤtt Fuͤr haͤrt're Seelen! Claut.) hier, des Knaben Antlitz Betrachtend, war es mir, als ging' ich ruͤckwaͤrts Um drei und zwanzig Jahr; ſo ſah ich mich Im gruͤnen Kinderroͤckchen; in der Scheide Feſt meinen Dolch, daß er den Herrn nicht ſtoße, Und ſo, wie Putzwerk oft, gefaͤhrlich werde. Wie aͤhnlich, duͤnkt mir, war ich da der Knoſpe, Dem Sproß da, dieſem Herrchen:— Starker Mann, Nimmſt du ſtatt Silberſtuͤber Naſenſtuͤber? Mam. O nein, ich ſchlage los. Leont. So? Wers trifft hat den Preis!— Mein theu⸗ rer Bruder, Seyd Ihr in Euren Prinzen ſo verliebt, Wie wir in unſern ſind? Pol. Bin ich daheim Iſt er mein Ziel fuͤr Scherz und Ernſt, mein Spielwerk Jetzt mein geſchworner Freund, und dann mein Feind; Mein Hoͤfling, mein Miniſter, mein Soldat; Er kurzt mir Juli zu December⸗ Tagen; Und heilt durch tauſend Kinderein Gedanken Die ſonſt mein Blut verdickten. Leont. Ganz das Amt Hat dieſer Herr bei mir: ich geh' mit ihm, Ihr geht wohl ernſtern Weg.— Hermione, Wie du mich liebſt zeig' unſers Gaſt's Bewirthung; Was foſtbar in Sicilien, werde wohlfeil; Mit dir und meinem kleinen Schelm, iſt er Der Naͤchſte meinem Herzen. Zerm. Sucht Ihr uns, So trefft Ihr uns im Garten? Kommt Ihr bald? Leont. Geht Eurer Neigung nach: ich find' Euch ſchon, Bleibt Ihr am Tageslicht:— Cbei Seite.) Ich angle jetzt, Wenn Ihr auch nicht die Schnur mich werfen ſeht. Schon gut, ſchon gut!(Er beobachtet Polixenes und Hermione.) Wie ſie nach ihm den Mund, den Schnabel reckt! Und ſich mit eines Weibes Frechheit ruſtet, Des Mannes Schwachſinn trauend! Ha, ſchon fort! Wolirenes und Hermione gehn mit Gefolge ab.) II. 7 —————— 98 Das Wintermährchen. A. I. Zolldick, knietief, uͤber Kopf und Ohr gehoͤrnt.— Geh, ſpiel, Kind, deine Mutter ſpielt, auch ich; Doch meine Roll' iſt ſchmachvoll, und der Schluß Wird in mein Grab mich ziſchen; Hohngeſchrei Mir Sterbeglocke ſeyn.— Geh, Kind, und ſpiel.— Auch ſonſt gab's, irr' ich nicht, betrogne Maͤnner; Und manchen giebt's noch, jetzt im Augenblick, Der, grad' indem ich ſprech', umarmt ſein Weib:— Er traͤumt nicht daß ſie ihm ward abgeleitet, Sein Teich vom naͤchſten Nachbar ausgefiſcht, Ja, vom Herrn Nachbar Lächler, das iſt Troſt: Auch andre haben Thor'; und offne Thore, Wie ich, ſehr wider Willen. Soll verzweifeln Wem ſich ſein Weib empoͤrt, ſo hängte ſich Der Menſchheit Zehntel. Dafuͤr hilft kein Arzt. Es iſt ein kuppleriſch Geſtirn, das trifft Wo es regiert, und maͤchtig muß es ſeyn In Oſt, Weſt, Nord und Suͤd: Druin ſteht es feſt, Fuͤr eine Frau iſt keine Grenzenſperre; O glaubt's! ſie laͤßt den Feind herein, hinaus, Mit Sack und Pack. Viel Tauſend unter uns Die dieſe Krankheit haben, fuhlen's nicht.— Nun, Knabe? Mam. Man ſagt ich gleich' euch. Leont. Ja, das iſt noch Troſt. Wie, iſt Camillo hier? Cam. Ja, theurer Herr. Leont. Geh ſpielen, Kind; du biſt ein ehrlich Blut.— Mamillius geht ab.) Der große Koͤnig bleibt noch hier, Camillo. Cam. Viel Muͤhe macht's Euch eh ſein Anker hielt: So oft Ihr auswarft, wich er. Leont. Merkteſt du's? Cam. Auf Eure Bitten blieb er nicht; ihm ſchien Zu wichtig ſein Geſchaͤft.. Leont. Haſt du's beachtet? Sie paſſen ſchon mir auf; ſie fluͤſtern, murmeln: Sicilien iſt ein Solcher: Das geht weit, Faͤllt mir's zuletzt in's Aug'.— Wie kam's, Camillo, Daß er noch bleibt? Cam. Die gute Koͤn'gin bat ihn. Leont. Die Kon'gin, ja: gut, waͤre angemeſſen; Doch ſo iſt's, daß es nicht ſo iſt. Griff dies Sz. 1. Das Wintermaͤhrchen. Nur ein ſo kluger Kopf wie deiner auf? Denn dein Verſtand ſaugt ein, nimmt in ſich auf Mehr als gemeiner Dummkopf:— Dies ward nur Von ſchaͤrferm Sinn beachtet? und von Wen'gen, Durchdringend im Verſtand? die groͤb're Maſſe Iſt wohl ſtockblind fuͤr dieſen Handel? Sprich. Cam. Fuͤr dieſen Handel? Jeder, denk' ich, ſieht Daß Boͤhmen laͤnger bleibt. Leont. Wie? Cam. Laͤnger bleibt. Leont. Ja, doch weshalb? Cam. Um Eurer Hoheit Bitte zu befried'gen, Und unſter gnaͤd'gen Fuͤrſtin. Leont. Zu befried'gen? Die Bitten Eurer Fuͤrſtin zu befried'gen?— as iſt genug. Camillo, dir vertraut“ ich Was mir zunaͤchſt am Herzen lag, wie auch Mein Staatsgeheimniß; prieſterlich entludeſt Du mir die Bruſt; und ſtets gebeſſert ſchied ich Von dir, wie von dem Beicht'ger: doch wir wurden Getaͤuſcht in deiner Redlichkeit, getaͤuſcht In dem was ſo uns ſchien. Cam. Verhuͤt' es Gott! Leont. So ſtarr zu ſeyn!— Du biſt nicht ehrlich, oder Willſt du es ſeyn, biſt du'ne Memme doch, Die Ehrlichkeit von ruckwaͤrts lahmt, und hemmt Im feſten Lauf: Oder du biſt ein Diener, Zum edelſten Vertrauen eingeweiht, Und hierin läſſig; oder ſonſt ein Thor, Der falſches Spiel, den Satz verloren ſieht, Und alles nimmt für Schetz. Cam. Mein gnaͤd'ger Hert, Wohl mag ich laſſig, thoricht, furchtſam ſeynz Kein Menſch iſt frei von allen dieſen Fehlern, Daß ſeine Thorheit, Läſſigkeit und Furcht WPicht in des Lebens mannigfachem Kreiben Sich oͤfter zeigt: In Euren Sachen, Herr, enh jemals ich mit Willen laͤſſig war, o war es Thorheit; wenn ich wiſſentlich Den Thoren ſpielte, war es Laͤſſigkeit, Die nicht das End⸗ erwog; und war ich furchtſam Zu handeln, wo der Ausgang mißlich ſchien, Und der Erfolg nachher wohl ſchelten durfte 5 100 Das Wintermaͤhrchen. A., I. Die Unterlaſſung,— war es eine Furcht nur, An der auch oft der Weiſe krankt; dies, Koͤnig, Sind ſo argloſe Fehl', daß Ehyrlichkeit Stets daran leidet. Doch mein hoher Koͤnig, Sprecht frei heraus, und zeigt mir mein Vergehn Mit eignem Antlitz: wenn ich dann es laͤugne, So iſt's nicht mein. Leont. Camillo, ſah'ſt du nicht, Doch jat du mußteſt; iſt dein Augenfenſter Nicht dicker als ein Hahnreihorn;) hoͤrt'ſt du (Denn wo der Augenſchein ſo klar, da kann Geruͤcht nicht ſchweigen,) dacht'ſt du(denn Gedanke Lebt in dem Menſchen nicht, der das nicht denkt,) Mein Weib ſey ungetren? Bekenn' es gleich, (Sonſt mußt mit frecher Stirn du auch verlaͤugnen Gedank⸗ und Aug' und Ohr,) dann ſprich, es ſey Mein Weib ein Steckenpferd; und ſchmaͤhlicher Zu nennen, als die Viehmagd, die ſich hin giebt Vor der Verlobung. Geſteh's, und ſage Ja. Cam. Nie ſtänd' ich wohl dabei, und hoͤrte ſo Beſchimpfen meine hoͤchſte Fuͤrſtin; nein, Zur Rache ſchritt' ich ſchnell. Bei meinem Leben, Nie ſprach't Ihr etwas, das Euch wen'ger ziemte: Es wiederholen wäre Suͤnde, graͤulich Wie jene, waͤr' ſie wahr. Leont. Iſt Fluͤſtern nichts? Und Wang' an Wange lehnen? Raſ“ an Naſe? Mit innern Lippen kuͤſſen? durch'nen Seufzer Den Lauf des Lachens hemmen?(ſich'res Zeichen Gebrochner Ehre:) ſetzen Fuß auf Fuß? In Winkel kriechen? Uhren ſchneller wuͤnſchen? Die Stunde zur Minut' und Tag zur Nacht? Und aller Augen blind, ſtockblind, nur ihre Nicht, ihre nicht, Um ungeſehn zu freveln? iſt das nichts? Dann iſt die Welt und was darin iſt nichts, Des Himmels Woͤlbung nichts, und Boͤhmen nichts, Mein Weib iſt nichts, und nichts in all dem Nichts, Wenn dies nichts iſt. Cam. O, laßt Euch heilen, Herr, Von dieſem Fieberwahn, und das bei Zeiten; Denn er iſt tödtlich. Leont. Sprich, ſag': ja, es iſt. d d Sz. 1. Das Wintermaͤhrchen. 101 Cam. Nein, nein! mein Fuͤrſt. Leont. Es iſt; du luͤgſt, du luͤgſt: Ich ſag', du luͤgſt, und haſſe dich, Camillo; Nenn' dich'nen Tropf und ſinnberaubten Sclaven; Wo nicht, zweizuͤng'gen Achſeltraͤger, der Zugleich daſſelb' als gut und boͤſe ſicht, Und beides lobt. Wär' meines Weibes Leber Vergiftet, wie ihr Leben, ſtuͤrbe ſie Mit dieſer Stunde. Cam. Wer vergiftet ſie? Leont. Nun er, dem wie ein Ehrenſchmuck ſie um Den Nacken haͤngt, der Boͤhme: Der— haͤtt' ich Noch treue Diener, die mit gleichen Augen Auf meine Ehr' und ihren Vortheil ſchauten, Auf ihren eignen Nutzen,— ſie wohl thaͤten Was hemmte jenes Thun: Ja wohl, und du Sein Mundſchenk,— den aus niederm Stand' ich hob Zu Rang und Wuͤrden; der ſo klar es ſieht, Wie Himmel Erde ſieht, und Erde Himmel, Wie ich gekraͤnkt bin,— kannſt den Becher wuͤrzen, Der meinem Feind ein ew'ger Schlaftrunk wuͤrde, Mir ſtaͤrkend Heilungsmittel. Cam. Herr, mein Fuͤrſt, Thun koͤnnt' ich's wohl; und nicht durch raſche Mittel, Nein, durch ein langſam zehrendes, das ſcharf Nicht wirkt wie Gift: Doch kann ich nimmer glauben, Daß ſolch ein Makel meine Fuͤrſtin traf, Die auf der Ehre hochſtem Gipfel ſteht. Ich liebt' Euch— Leont. Sey verdammt, wenn du noch zweifelſt! Denkſt, ich ſey ſo verſchlammt, ſo ganz verwahrloſt, Mir ſelbſt zu ſchaffen dieſe Qual? die Weiße Und Reinheit meines Lagers zu beſudeln, Das ungekraͤnkt, mir Schlaf iſt; doch befleckt, Mich ſticht wie Reſſeln, Dornen, gift'ge Wespen? Das Blut des Prinzen meines Sohn's zu ſchmaͤhen, Der, glaub' ich, mein iſt, den ich lieb' als mein,— Ohn' uͤberlegten Antrieb? Thaͤt' ich dies? Iſt wohl ein Menſch ſo toll? Cam. Ich muß Euch glauben; Ich thu's; und ſchaff' euch Böhmen auf die Seite: Vorausgeſetzt, Euer Hoheit ſchenkt der Koͤn'gin, Iſt jener fort, die vor'ge Liebe wieder; 102 Das Wintermaͤhrchen. A. I. Schon Eures Sohnes halb; wie auch, zu feſſeln Die Läſterzungen all' der Reich' und Hoͤfe, Die Euch befreundet und verwandt. Leont. Du raͤthſt mir, Wie ich den eignen Weg mir ſchon erwaͤhlt: Ich will die Ehr' ihr nicht beflecken, nein⸗ Cam. Mein Koͤnig, So geht; und heitern Angeſichts, wie nur Die Freundſchaft zeigt bei Feſten, ſprecht mit Boͤhmen, Und Eurer Koͤnigin: Ich bin ſein Mundſchenk; Wenn er von mir geſunden Trank erhaͤlt, So zaͤhlt mich zu den Euren nicht. Leont. Genug: Thu's, ſo iſt dein die Haͤlfte meines Herzensz Thu's nicht, ſo ſpalt'ſt du dein's. Cam. Ich thu's, mein Fuͤrſt. Lont. So will ich freundlich ſcheinen, wie du rietheſt. Cer geht ab.) Cam. O ungluckſebge. Doch, weh, wie. eht e Nun um mich ſelbſt? Ich ſoll der Moͤrder werden Des guͤtigen Polirenes: kein Antrieb, ls meines Herrn Gebot; und eines Herrn, Der in Empoͤrung mit ſich ſelbſt, verlangt, Daß mit ihm raſ't, wer ihm gehoͤrt.— Es thun, Befoͤrdert mich: Wenn ich ein Beiſpiel faͤnde Von Tanſenden, die Mord geſalbter Koͤn'ge Zum Gluck erhob, ſo thaͤt ich's nicht: doch ſo, Da Erz, Stein, Pergament nicht eins bewahrt, Verſchwoͤr' es ſelbſt die Schaͤndlichkeit. Verlaſſen Muß ich den Hof: Thun, Nichtthun, beides bricht Den Hals mir ſicher. Gluͤcksſtern, geh' mir auf! Hier kommt Polixenes. MPolirenes tritt auf.) Pol. Seltſam! mich duͤnkt, m Sinken hier ſey meine Gunſt. Nicht ſprechen? amillo, guten Tag. Cam. Heil, theurer Koͤnig! Pol. Was giebt's am Hofe Neues? Cam. Nichts Beſondres. Pol. Der Koͤnig blickt ſo ernſt, als ging verloren Ihm eine der Provinzen, ein Gebiet, ——— Sz. 1. Das Wintermaͤhrchen. Das wie ſich ſelbſt er liebt: ich traf ihn eben, Und gruͤßt ihn auf gewohnte Art; doch er, Den Blick zu Seite werfend, und verächtlich Die Lippe beißend, eilt voruͤber; laͤßt Mich ſinnend ſtehn, was ſich wohl zugetragen, Daß ſeine Sitten ſo verwandelt. Cam. Herr, Nicht wag' ich, es zu wiſſen. Pol. Wie! wagſt du's nicht? Du weißt's und wagſt es nicht Mir mitzutheilen? Ja, ſo iſt's gemeint; Denn was du weißt, das mußt du dir doch ſagen: Picht wag' ich's, paßt da nicht. Du guter Mann, Dein Blick iſt, ſo verwandelt, mir ein Spiegel, Der mir den meinen auch verwandelt zeigt: Mich muß der Wechſel angehn, da ich ſelbſt Auch mit verwechſelt bin. Cam. Es giebt ein Uebel, Das manchen aufreibt; doch die Krankheit nennen, Das kann ich nicht; auch kam die Anſteckung Von Euch, der Ihr geſund. Pol. Wie das? von mir? Nein, gieb mir nicht des Baſilisten Auge: Ich ſah auf Tauſend, die nur mehr gediehn Durch meinen Blick; Tod bracht' er nie, Camillo. So wie ein Edelmann du biſt, und auch Gelehrt, erfahren,(was nicht wen'ger ziert. Den Adel, als der Vaͤter edle Namen, Durch die wir adlich ſind),— beſchwoͤr ich dich, Weißt etwas du, das meinem Wiſſen frommt,— Werd' ich davon belehrt, ſo ſperr es nicht In den Verſchluß des Schweigens. Cam. Ich kann nichts ſagen. Pol. Krankheit, die ich gebracht, und ich geſund! Du mußt es ſagen.— Hoͤrſt du wohl, Camillo, Bei jeder Pflicht des Mann's beſchwoͤr' ich dich, Die heilig iſt der Ehr',— und dieſe Bitte Iſt wahrlich nicht veraͤchtlich,— gieb mir Aufſchluß Was du von einem nah'nden Uebel weißt, Das auf mich zuſchleicht; ob es fern„ob nah; Wie,(wenn dies moͤglich iſt,) ihm vorzubengen; Wo nicht, wie ſich's am beſten traͤgt. Cam. Soo hoͤrt; 104 Das Wintermaͤhrchen. Ihr ſelbſt hoͤchſt ehrenvoll, beſchwoͤrt mich bei Der Ehre: Darum merket meinen Rath „ Den Ihr befolgen muͤßt, ſo ſchnell als ich Ihn geben kann; ſonſt haben beide wir Das Spiel verloren; und zu Ende iſt's. Pol. Fahr' fort, Camilo. Lam. Ich bin von ihm beſtellt, Euch zu ermorden. Pol. Von wem? Cam. Von meinem Koͤnig. Pol. Und weshalb? Cam. Er denkt, ja ſchwoͤrt mit vollſter Zuverſicht, Als ob er's ſah, und ſelbſt ein Werkzeug war Euch anzuketten,— daß auf frevle Weiſe Die Koͤn'gin Ihr beruͤhrt. Pol. Zu Gift dann eitre Mein reinſtes Blut; geſchmiedet ſey mein Name An jenen, der den Heiligſten verrieth! Mein unbefleckter Ruf werd eine Faͤulniß, Durch die mein Nah'n dem ſtumpfſten Sinn ein Ekel 3 Und meine Gegenwart ſey ſcheu vermieden, Ja, und gehaßt, mehr als die ſchlimmſte Peſt, ie das Geruͤcht und Buͤcher je geſchildert! Cam. Schwort Ihr auch gegen ſeinen Wahn, bei jedem Beſondern Stern, und ſeinem Himmelseinfluß, Koͤnnt Ihr doch leichter wohl der See verbieten Dem Monde zu gehorchen, als durch Schwur Zhr wegſchiebt, oder durch Vernunft erſchuͤttert Das Bauwerk ſeiner Thorheit; deſſen Grund Auf ſeinem Glauben ruht, und dauern wird So lang' ſein Leib beſteht. Pol. Woher entſprang dies? Cam. Ich weiß nicht, doch gewiß, zu fliehn iſt ſichrer Das, was uns droht, als fragen wie's entſprang. Deshalb, vertraut ihr meiner Redlichkeit, Die dieſer Leib verſchließt, den Ihr als Pfand Sollt mit Euch nehmen,— macht Euch auf zu Nacht. Die Euren will ich in Geheim belehren; Und durch verſchiedne Pfoͤrtchen ſchaff“ ich ſie, Zu zwei'n, zu drei'n zur Stadt hinaus: Ich ſelbſt, In Eurem Dienſt ſuch' ich mein Gluͤck, das hier Durch die Entdeckung ſtirbt. Bedenkt Euch nichtz Denn ich, bei meiner Eltern Ehre, ſprach Die reinſte Wahrheit: wollt Ihr dies erforſchen, Sz 1. Das Wintermaͤhrchen. So weil' ich nicht, und Ihr ſeyd hier nicht ſichrer Als Einer, den des Koͤnigs eigner Mund Verurtheilt, und die Hinrichtung geſchworen. Pol. Ich glaube dir, ich ſah in ſeinem Antlitz Sein Herz. Gieb mir die Hand: ſey mein Pilot, Und du ſollſt immer mir der Naͤchſte bleiben. Die Schiffe ſind bereit, und meine Leute Erwarten ſchon die Abfahrt ſeit zwei Tagen. Die Eiferſucht iſt um ein koſtbar Weſen: Und muß, wie herrlich ſie, ſo groß erſcheinen; Und furchtbar auch, da er die Macht beſitzt, Und da er glaubt, er ſey durch einen Mann Entehrt, der immer ihm der Naͤchſte war, So muß dies ſeine Rache bittrer ſchaͤrfen. Mich uͤberſchattet Furcht: Begluckter Ausgang ſey mein Freund, und troͤſte Die holde Koͤngin, die dies Ungluͤck theilt, Doch unverdient den boͤſen Argwohn! Komm; ie einen Vater ehr' ich dich, wenn du 7 Mich ungekränkt von hier bringſt: Laß uns fliehn. Cam. Es ſiehn mir durch mein Anſehn alle Schluͤſſel Der Thore zu Gebot: Gefaͤllt's Eu'r Hoheit, Dem Drang des Augenblicks zu folgen: kommt. (ſie gehn ab.) 3 weiter Aufzug. —— Erſte Szene. Sicilien im Pallaſt. . Cbermione, Mamillius und Hofdamen. Zermione. Nehmt Ihr den Knaben, denn er quaͤlt mich ſo, Ich kann es nicht ertragen. 1. Dame. Kommt, mein Prinz, Wollt Ihr zum Spielkamrad mich haben? ——— 106 Das Wintermaͤhrchen. A. II. Mam. Nein, Dich mag ich nicht. 1. Dame. Weshalb, mein ſuͤßer Prinz? Mam. Du kuſſeſt mich, und ſprichſt mit mir als waͤr⸗ Ich noch ein kleines Kind.— Dich hab' ich lieber. 2. Dame. Und warum das, mein Prinz? Mam. Nicht etwa weil Du ſchwaͤrz're Brauen haſt: doch ſchwarze Brauen, Sagt man, ſind ſchoͤn bei manchen Frau'n; nur muß Nicht zu viel Haar darin ſeyn, nur ein Bogen, Ein Halbmond, fein gemacht wie mit der Feder. 2. Dame. Wer lehrt Euch das? Mam. Ich lernt' es ſelbſt Frau'ngeſichtern.— prich, Von welcher Farb' ſind deine Brauen? 1. Dame. Blau. Mam. Ach, das iſt Spaß: Mal ſah ich einer Frau Die Naſe blau, doch nicht die Brauen. 2. Dame. Hoͤrt: Die Koͤn'gin, Eure Mutter, kommt bald nieder: Dann werden einem huͤbſchen neuen Prinzen Wir dienen; und Ihr ſpaßtet gern mit uns, Wenn wir Euch moͤchten. 1. Dame. Ja, ſie ward ſeit kurzem Sehr ſtark: Gott ſchenk ihr eine gute Stunde! Zerm. Ei, welche Weisheit kramt Ihr aus? Komm, Freund, Fuͤr dich bin ich nun wieder: Setz dich zu mir, Erzaͤhl' ein Maͤhrchen. Mam. Luſtig oder traurig? Serm. So luſtig wie du willſt. Wam. Ein traurig Maͤhrchen Paßt fuͤr den Winter: und ich weiß von Geiſtern Und Heren eins. Zerm. Das laß uns hoͤren, Sohn. Setz dich, fang an, und mach' mich recht zu furchten Mit deinen Geiſtern; darin biſt du ſtark. Wam. Es war einmal ein Mann— Zerm. Nein, ſetz' dich, dann fang' an. Mam. Der wohnt' am Kirchhof— ich will ſacht' er⸗ zaͤhlen; Die Heimchen ſollen's dort nicht hoͤren. — Sz. 1. Das Wintermaͤhrchen. 107 SZerm. Wohl, So ſag' es mir in's Ohr. (Es treten auf Leontes, Antigonus und andre Herrn vom Hofe.) Leont. Man traf ihn dort? ſein Zug? Camillo mit ihm? 1. Zerr. Ich traf ſie hinter'm Pinienwald: noch nie Sah Menſchen ich ſo eilen: Meine Blicke Verfolgten zu den Schiffen ſie. Leont. Wie gluͤcklich, Daß ich ſo recht geſehn, die Wahrheit traf.— Ach! irrt' ich lieber! Wie verdammt bin ich In dieſem Gluͤck!— Wohl kann ſich eine Spinne Verkriechen in den Becher, und man trinkt; Man geht, und ſpuͤrt kein Giftz nicht angeſteckt Ward das Bewußtſeyn: aber haͤlt uns einer Die ekelhafte Zuthat vor, und ſagt uns, as wir getrunken, ſprengt man Bruſt und Seiten Mit heft'gem Wuͤrgen:— Ich trank und ſah die Spinne. Camillo half dazu, und war ſein Kuppler:— Ein Anſchlag iſts auf meinen Thron, mein Leben; Zur Wahrheit wird Verdacht:— Der falſche Bubhe Den ich beſtellt, war vorbeſtellt von ihm: Er hat ihm meinen Plan entdeckt, und ich Bin ein geaͤffter Thor fuͤr ſie, ein Spielball Fuͤr ihre Laune.— Wie denn ſind ſo leicht Die Pforten ihnen aufgethan? 1. Zerr. Durch Vollmacht, Durch die er oft ſchon dies in's Werk geſtellt, Wenn Ihr's befahlt.. eont. Ich weiß es nur zu wohl.— Gieb mir das Kind; ein Gluͤck, daß du's nicht naͤhrteſt: Traͤgt er von mir auch manchen Zug, hat er Doch zu viel Blut von dir. Berm. Was iſt das? Scherz? Leont. Tragt fort das Kind, er ſoll nicht bei ihr ſeyn; inweg mit ihm:— mit jenem mag ſie ſcherzen omit ſie ſchwanger; denn Polixenes Verdankſt du das. Zerm. Ich kann es wohl verneinen, Und ſchworen, daß Ihr meinem Laäugnen glaubt, Wenn Ihr gleich anders ſcheinen wolle Leont. Ihr Herren, 108 Das Wintermaͤhrchen. A. II. Schaut dort ſie an, und ſcharf; gern ſpräch' dann jeder Nicht wahr: Die Frau iſt lieblich? doch es muß Die Redlichkeit des Herzens alsbald ſprechen: Wie ſchade, daß ſie kenſch nicht iſt und ehrbar! Preiſt ſie nur um dies Außenwerk des Leibes, (Daß man gewiß hoch darf in Rechnung ſtellen,) Und gleich wird Achſelzucken, Hum und Ha, Die kleinen Brandmahl', die Verlaͤumdung braucht,— O! weit gefehlt, die Milde braucht; Verlaͤumdung Brennt ja die Tugend ſelbſt:— dies Achſelzucken, Dieß Hum und Ha, wie Ihr ſie lieblich nanntet, Dringt, eh' Ihr keuſch ſie nennen koͤnnt, hervor. Doch hoͤrt Von ihm, den's wohl am tiefſten ſchmerzen muß: Sie iſt Eh'brecherin. Berm. Sagte das ein Bube, Der ausgemacht'ſte Bube auf der Welt, Er waͤr' ein um ſo aͤrg'rer Bub': Ihr, mein Gemahl, Seyd nur im Irrthum. Leont. Ihr, Fuͤrſtin, war't verirrt,* Weit, vom Leontes zum Polyrenes. O du Geſchoͤpf! Das ich nicht nennen will, wie du verdienſt, Daß Barbarei, an mir ein Beiſpiel nehmend, Nicht gleiche Sprach' in allen Staͤnden fuͤhre, Vernichtend jede Sitte, die den Fuͤrſten Vom Bettler unterſchied!— Ich hab's geſagt, Sie iſt Eh'brecherin, und geſagt mit wem: Mehr noch, Verraͤth'rin iſt ſie; und Camillo Ihr Mitverſchwor'ner, der um Alles weiß Was ſie ſich ſchaͤmen ſollte ſelbſt zu wiſſen, Sie nur, mit ihrem ſchaͤndlichen Verfuͤhrer, Daß ſie verbuhlt iſt, ſchlecht wie jene, die Der Poͤbel mit den frechſten Namen ſchiltz Ja, auch vertraut war ſie mit dieſer Flucht. Zerm. Bei meinem Leben! Rein, Vertraut mit nichts von dem: Wie wird's Euch ſchmerzen, 3 Wenn Ihr zu hell'rer Einſicht einſt gelangt, Daß Ihr mich ſo beſchimpft habt. Theurer Herr, Ihr könnt mir kanm genug thun, ſagt Ihr dann Ihr irrtet Euch⸗ Leont. Nein, nein; wenn ich mich irre In dieſem Fundament worauf ich baue, Sz. 1. So iſt die Erde ſelbſt nicht ſtark genug, Fuͤr eines Knaben Kreiſel.— Fort mit ihr zum Kerkert Wer fuͤr ſie ſpricht, der iſt ſchon deshalb ſchuldig, Bloß weil er ſpricht. Zerm. Es herrſcht ein boͤs Geſtirn: Ich muß geduldig ſeyn, bis der Aſpect Am Himmel guͤnſt'ger iſt.— Ihr guten Herrn, Ich weine nicht ſo ſchnell, wie mein Geſchlecht Wohl pſlegt; der Mangel dieſes eiteln Thaues WMacht wohl Eu'r Mitleid welken: doch hier wohnt Der ehrenvolle Schmerz, der heft'ger brennt Als daß ihn Thraͤnen loͤſchten: Ich erſuch' Euch, Mit einem Sinn, ſo mild als Eure Liebe Euch ſtimmen mag, meßt mich;— und ſo geſchehe Des Koͤnigs Wille! Leont.(zu der Wache.) Wird man mir gehorchen? Berm. Und wer begleitet mich?— Ich bitt' Eu'r Hoheit Mir meine Frau'n zu laſſen; denn, Ihr ſeht, Mein Zuſtand fordert's. Weint nicht, gute Kinder, Es iſt kein Grund: hoͤrt Ihr, daß Eure Herrin Verdient den Kerker, dann laßt Thraͤnen ſtromen, Waͤr' ich auch frei: Der Kampf, in den ich gehe, Dient mir zum ew'gen Heil.— Lebt wohl, mein Koͤnig: 39 wuͤnſcht' Euch nie betruͤbt zu ſehn; doch glaub' ich, Ich werd' es jetzt.— Nun kommt, Ihr habt Erlaubniß. Leont. Hinweg, und thut was wir befohlen. Fort! (Die Königin geht mit ihren Damen ab.) 1. Zerr. Ich bitt' Eu'r Hoheit, ruft zuruck die Fuͤrſtin. Antig. Herr, handelt mit Bedacht, damit das Recht Gewalt nicht ſey; und ſo drei Große leiden, Ihr, Eure Koͤn'gin, Euer Sohn. 1. Serr. Mein Leben Wag' ich zum Pfand zu ſetzen, und ich thu's, Nehmt Ihr es an, daß unſre Fuͤrſtin rein, Vor Euch und vor des Himmels Aug': ich meine, Das Wintermährchen. 109 Von dem, deß Ihr ſie anklagt. Antig. Wird bewieſen Daß ſies nicht iſt, ſo will ich Schildwacht halten Bei meiner Fran; mit ihr gekoppelt gehen, Und ihr nur trau'n wenn ich ſie ſeh' und fuͤhle; Denn jeder Zoll von Weiberfleiſch iſt falſch, Sa, jeder Gran von allen auf der Welt, Wenn ſie es iſt. 1 1¹⁰ Das WVintermährchen. A. U. Leont. Schweigt ſtill. 1. Zerr. Mein theurer Koͤnig— Antig. Fuͤr Euch iſt's daß wir reden, nicht fuͤr uns. Ihr ſeyd getaͤuſcht, von einem Ohrenblaͤſer, Der dafuͤr iſt verdammt; kennt' ich den Schurken, Den Garaus macht' ich ihm.— Sie ehrvergeſſen— Drei Toͤchter hab' ich, eilf die Aelteſte, Die zweit' und dritte neun und etwa fuͤnf; Zeigt dies ſich wahr, ſo ſollen ſie's bezahlen, Bei meiner Ehr', und vierzehn nicht erleben: Ich todte ſie, eh' falſch Geſchlecht ſie bringenz Sie nur ſind meine Erben, aber lieber Verſchnitt' ich mich, als daß ſie mir nicht braͤchten Erwuͤnſchte Enkel. Leont. Schweigt, nichts mehr davon. Ihr ſpuͤrt die Sache mit ſo kaltem Sinn, Wie eines Leichnams Naſ⸗: Ich ſeh's und fuͤhl esz Wie Ihr fuͤhlt, faſſ' ich Euch, und ſeh die Haͤnde, Die mich empfinden. Antig. Iſt es ſo, dann braucht's Kein Grab, um Tugend zu beerd'gen, denn Kein Koͤrnchen blieb von ihr, um zu verſuͤßen Das koht'ge Rund der weiten Welt. Leont. Glaubt man mir nicht? 1. Zerr. Wie beſſer, uns glaubt, und nicht uch In dieſem Punkt, und mehr erfreut es uns, Bewaͤhrt ſich ihre Ehr' als Euer Argwohn; Zuͤrnt Ihr auch noch ſo ſehr. Leont. Was brauchen wir Mit Euch uns zu berathen? folgen nicht Vielmehr dem maͤcht'gen Drang? Die Majeſtaͤt Bedarf nicht Eures Rath's. Nur unſte Guͤte Theilt Euch dies mit: wenn Ihr, bloͤdſinnig ganz, Wo nicht, aus Liſt ſo ſcheinend, wollt nicht, könnt nicht Die Wahrheit ſehn gleich uns; ſo forſcht ihr nach. Doch brauchen wir nicht Eures Rath's: die Sache, Verluſt, Gewinn, Befehl und Ausfuͤhrung Geht uns nur an. Antig. So wuͤnſcht' ich, mein Gebieter, Ihr haͤttet ſchweigend es im Geiſt erwogen, Nie oͤffentlich erklart.. Leont. Wie waͤr' es moͤglich? —— S 2. Das Wintermaͤhrchen. Du biſt, vor Alter, ſtumpfen Sinn's, wo nicht Ein Thor ſchon von Geburt: Camillo's Flucht, 3 Dazu dann ihr vertrauter Umgang, der So augenſcheinlich Argwohn uͤberbot, Dem nur noch Anblick fehlte; nichts als Zeugniß Des eignen Auges; denn das Andre alles Zeigt als geſchehn die That, zwingt ſo zu handeln. Doch um es mehr noch zu bekraͤftigen, Da in ſo wicht'gem Fall, ein wild Verfahren Sehr zu bejammern waͤre,) ſandt' ich Boten Zum heil'gen Delphi, zu Apollos Tempel; Cleomenes und Dion, die Ihr kennt Als feſt und zuverlaͤſſig: Vom Orakel Haͤngt Alles ab; ſein heib'ger Rathſchluß ſoll Mich ſpornen oder zuͤgeln. That ich wohl? 1. Zerr. Sehr wohl, mein Fuͤrſt. Leont. Bin ich befriedigt auch, nichts mehr beduͤrfend Als was ich weiß, wird das Orakel doch Der Andern Sinn beruh'gen, die, gleich jenem, 1 Mit glaͤub'gem Unverſtand es nicht vermoͤgen Zur Wahrheit aufzuſchaun. So ſchien's uns gut, Sie einzuſchließen, unſerer Nah' beraubt; Auf daß nicht der Verrath der zwei Entfloh'nen Ihr zur Vollziehung bleibe.— Folgt mir nach; Jetzt red' ich oͤffentlich: denn dies Geſchaͤft Regt all' uns auf. Antig.(beiſeit.) Ja, doch zum Lachen, denk' ich Wenn an den Tag die rechte Wahrheit kommt. (alle ab.) —— 3 weite Szene. Ein äußeres Zimmer des Gefängniſſes. (Paulina tritt auf mit mehreren Dienern.) Paulina. Der Kerkermeiſter,— ruft ſogleich ihn her; .(Ein Diener geht ab.) Und ſagt ihm, wer ich bin.— Du edle Frau! Kein Hof Europa's iſt zu gut fuͤr dich, Was machſt du denn im Kerker? (Der Diener kommt mit dem Kerkermeiſter.) Nun, mein Freund, Das Wintermährchen, A. 1 hr kennt mich doch? Berkerm. Als eine wuͤrd'ge Frau, Die ich verehre. Paul. Nun, ſo bitt' ich dich, Fuͤhr mich zur Koͤnigin. Rerkerm. Ich darf nicht, anige Frau; das Ge⸗ gentheil. Ward ſtreng' mir eingeſchaͤrft. Paul. Das iſt ein Laͤrm, Um zu verſchließen Ehr' und Redlichkeit Vor guter Freunde Zuſpruch!— Iſt's erlaubt, Sagt, ihre Kammerfrau zu ſehn? nur eine? Emilia?. Rerkerm. Seyd ſo guͤtig, gnaͤd'ge Fran, Und ſchickt die Diener fort, ſo fuͤhr' ich Euch Emilia her. Paul. Ich bitte, geh und ruf' ſie. Entfernt Euch. (Die Diener gehn ab.) Rerkerm. Doch ich muß zugegen ſeyn. Wenn Ihr ſie ſprecht. Paul. Gut, geh nur, mag's ſo ſeyn⸗ (Kerkermeiſter geht ab.) Man muͤht ſich hier die Reinheit zu beflecken, So ſchwarz man immer kann. (Der Kerkermeiſter kommt mit Emilia.) Nun, liebe Frau, wie geht's der gnaͤd'gen Fuͤrſtin? Emilia. So gut wie ſo viel Groͤß' und ſo viel Ungluͤck Vereint geſtatten mag: Durch Schreck und Kummer, Der eine zarte Frau nie haͤrter traf, Iſt ſie entbunden, etwas vor der Zeit. Paul. Ein Knab'? Emilia. Ein Maͤdchen, und ein ſchoͤnes Kind, Kraͤftig und lebensvoll. Sein Anblick troſtet Die Koͤn'gin: mein gefangnes, armes Kind, Sagt ſie, ich bin unſchuldig, ſo wie du. Paul. Das will ich ſchwoͤren:— Sz. 2. Das Wintermaͤhrchen. Verdammt des Koͤnigs heillos blinder Wahnſinn! Er muß es hoͤren, und er ſoll: dies Ant Ziemt einer Frau zumeiſt; ich uͤbernehm' es: Iſt ſuͤß mein Mund, mag meine Zunge ſchwaͤren, Und nie mehr meines roth ergluͤh'nden Zorn's Trompete ſeyn.— Ich bitte dich, Emilia, Empfiehl der Koͤn'gin meinen treuen Dienſt; Und will ſie mir ihr kleines Kind vertrauen, Trag' ich's dem Koͤnig hin, und uͤbernehm' es, Ihr lauter Anwald dort zu ſeyn. Wer weiß Wie ihn des Kindes Anblick mag beſaͤnft'gen; Oft ſpricht beredt der reinen Unſchuld Schweigen, Wo Worte nichts gewinnen. . Emilia. Wuͤrd'ge Frau, So offen zeigt ſich Eure Ehr' und Guͤte, Daß Eurem kuͤhnen Schritt ein guͤnſt'ger Ausgang Nicht fehlen kann. Kein Weib iſt ſo geſchaffen Fuͤr dieſen großen Auftrag: Habt die Gnade Und geht in's naͤchſte Zimmer, daß ich gleich Der Koͤn'gin Euren edeln Antrag melde; Noch heut erſt uͤberſann ſie ſolchen Plan, Nicht wagend einen Mann von Rang zu bitten, Aus Furcht, er ſchluͤg' es ab. Paul. Sag' ihr, Emilia, Die Zunge, die ich habe, will ich brauchen: Entſtroͤmt ihr Geiſt, wie Kuͤhnheit meiner Bruſt, o richt' ich ganz gewiß was aus. Emilia. Gott lohn Euch. Ich geh' zur Koͤngin: Bitte, tretet naͤher. Rerkerm. Gefallt's der Koͤnigin, das Kind zu ſchicken:— Ich weiß nicht, was ich wage, laß ich's durch; Denn keine Vollmacht hab ich. Paul. Fuͤrchte nichts: Gefangen war das Kind im Mutterleib, Und iſt, nach Recht und Fortgang der Natur, Daraus erloͤſt und frei; hat keinen Theil Am Zorn des Koͤniges, und keine Schuld, enn's eine gaͤbe, an der Koͤn'gin Fehltritt. erkerm. Das glaub' ich wohl. Paul. Drum fürchte nichts: Auf Ehre; Ich trete zwiſchen dich und die Gefahr.(alle ab.) VI. — Das Wintermaͤhrchen. A. 1I. Dritte Szeme Pallaſt. (Leontes, Antigonus, Herrn vom Hofe, Gefolge.) Leontes. Nicht Ruhe, Tag noch Nacht: Es iſt nur Schwaͤche Den Vorfall ſo zu nehmen, nichts als Schwaͤche— Waͤr' nur der Grund vertilgt— des Grundes Hälfte, Die Ehebrech'rin! Der verbuhlte Koͤnig Iſt außer meines Arm's Bereich, entruͤckt Der Liſt, und jedem Plan verſchanzt;— doch ſie Kann ich mir greifen.— Ja, waͤr' ſie nicht mehr: Verzehrt vom Feuertod, der Ruhe Haͤlfte Kaͤm' mir vielleicht zuruͤck.— Heda! Dien. Mein Koͤnig— Leont. Was macht der Prinz? Dien. Er ſchlief die Nacht recht gutz Man hofft, die Krankheit ſey gehoben. Leont. Scht Des Kindes Adel! Als er begriff die Schande ſeiner Mutter, Gleich nahm er ab, verfiel; und fuhlt' es tief; Er zog die Schmach, als ſein, in's eigne Herz, Floh Munterkeit, aß nicht, vermied den Schlaf: Er welkt dem Tod' entgegen.— Laßt mich:— geht, Seht was er macht.— Pfui! kein Gedank' an ihn;— Schon der Gedank' der Rache dieſes Weges Kehrt alsbald um: Zu machtig durch ſich ſelbſt, Durch Freund' und Bund'sgenoſſen,— mag er bleiben, Bis einſt die Zeit mir dient: Doch ſchnelle Rache Nimm jetzt an ihr. Polixenes, Camillo Verlachen mich, und ſpotten meines Gram's: Erreicht' ich ſie, ſo ſollten ſie nicht lachen; Und ſie ſoll's nicht, da ſie in meiner Macht. (Paulina tritt auf mit einem Kinde.) 1. Zerr. Ihr duͤrft hier nicht herein. Sz. 3. Das Wintermaͤhrchen. 115 Paul. Nein; liebe, gute Herrn, ſeyd mir behuͤlflich. Zittert Ihr mehr vor ſeinem grimmen Wuͤthen, Als fuͤr der Koͤn'gin Leben? Sie, die Holde, Sie, reiner als er eiferſuͤchtig iſt. Antig. Und das iſt viel. 1. Zerr. Er ſchlief nicht, gnaͤd'ge Frau und hat be⸗ fohlen, Daß keiner zu ihm darf. Paul. Freund, nicht ſo hitzig; Ich komm', ihm Schlaf zu bringen.— Eures Gleichen, Die ſchleichen um ihn her wie Schatten, ſtoͤhnen So oft er grundlos ſeufzt,— ja, Eures Gleichen Die naͤhren ſeines Wachens Urſach': Ich, Mit Worten komm' ich, die ſo wahr als heilſam, Wie beides redlich, ihm das Gift zu nehmen, Das ihn am Schlaf verhindert. Leont. Welch ein Laͤrm? Ha! Paul. Kein Laͤrm, mein Fuͤrſt, nothwend'ges Re⸗ den nur Wegen der Pathen fuͤr Eu'r Hoheit. Leont. Wie? Hinweg mit dieſer kuͤhnen Frau: Antigonus, Ich warnte dich, daß ſie nicht zu mir kaͤme; Ich wußte ihren Vorſatz. Antig. Herr, ich droht' ihr Bei Strafe Eures Zorns, ſo wie des meinen, Euch nicht zu nahn. Leont. Wie, kannſt du ſie nicht zuͤgeln? Paul. Vor allem Boͤſen, ja: in dieſer Sache, (Wenn er's nicht macht wie Ihr, und mich verhaftet, Nur weil ich ehrenhaft,) bei meiner Seele, Soll er mich mimmer zuͤgeln. Antig. Nun, da hoͤrt Ihr's! Wenn ſie den Zaum laſſ' ich ſie laufen; Doch ſtolpert ſie niemals. 3 Paul. Mein guter Koͤnig, Ich komm', und bitte, hoͤrt mich; denn gewiß, Ich bin Euch treue Dienerin und Arzt, Euch ganz ergebner Nath; ja, der es wagt, Um Euch zu troͤſten, wen'ger ſo zu ſcheinen, Als die hier um Euch ſtehn: Ich ſag', ich komme Von Eurer guten Koͤn'gin. 8* 116 Das Wintermaͤhrchen. A. II. . Leont. Gute Koͤn'gin? Paul. Ja, gute Koͤn'gin, ſag' ich, gute Koͤn'gin; Und wollt's im Kampf erhaͤrten, waͤr' ich nur Ein Mann, der ſchwaͤchſte hier! Leont. Werft ſie hinaus! Paul. Wer ſeine Augen nur geringe achtet Komm' mir zu nah: von ſelbſt werd' ich ſchon gehn; Doch erſt verricht' ich mwiſ Grſchaͤft.— Die gute Koͤn'gin, Denn ſie iſt gut, gebar Euch eine Tochter: Hier iſt ſie, und empfiehlt ſie Eurem Segen. (ſie legt das Kind vor Leontes hin.) Leont. Verwegne! Fort mit ihr! Hinaus! Du abgefeimte Kupplerin! Paul. Nicht alſo: Die Sache kenn' ich nicht, und Ihr verkennt mich, Mich ſo zu nennen: ganz ſo redlich bin ich, Als Ihr verruͤckt; was, meiner Treu', genng iſt, Daß, wie die Welt geht, man fuͤr redlich gelte. Leont. Verraͤther! Ihr ſtoßt ſie nicht hinaus? Gebt ihr den Baſtard:— Du Narr, du Weiberknecht, laͤß'ſt fort dich beißen, Von der Fran Kratzefuß,— nimm auf den Baſtard: Nimm ihn, und gieb ihn deiner Alten. aul. Ewig Sey deine Hand beſchimpft, wenn auf ſo ſchmachvoll Erlogne Namen, wie er ihr gegeben, Du die Prinzeß beruͤhrſt. Leont. Er ſcheut ſein Weib! Paul. Ich wollt', Ihr thaͤtet's auch; dann nenntet ſicher Ihr Eure Kinder Eu'rr. Leont. Ein Pack Verraͤther! Antig. Das bin ich nicht, bei Gott! Paul. Noch ich, und Keiner; Nur Einen ſeh' ich hier, das iſt er ſelbſt, Der ſein' und ſeiner Koͤn'gin heil'ge Ehre, Des Sohn's, der Tochter, der Verlaͤumdung opfert, Die ſchaͤrfer ſticht als Schwerdter; nicht mal will er (Denn alſo fuͤgt es ſich, es iſt ein Bann, Daß nichts ihn zwingt zum Beſſern) nur anruͤhren Die Wurzel ſeines Wahn's, die ſo verfault iſt, Wie Eich' und Felſen je geſund nur war. Sz. 3. Das Wintermaͤhrchen. 117 Leont. Die Belferin von frechem Maul, den Mann Hat ſie geprugelt, und hetzt mich nunmehr! Die Brut geht mich nichts an; Entſproſſen iſt ſie vom Polirenes: Hinweg mit ihr, ſo wie mit ihrer Mutter, Und werft in's Feuer ſie. Paul. Dies Kind iſt Euer; Und, nach dem alten Sprichwort, gleicht Euch ſo, Daß es'ne Schand' iſt.— Seht doch, liebe Herrn, Iſt auch der Druck nur klein, der ganze Inhalt, Des Vaters Abſchrift: Augen, Mund und Raſe, Der finſtre Zug der Brau'n, die Stirn, die Gruͤbchen, Die huͤbſchen hier auf Wang' und Kinn; ſein Laͤcheln; Ganz auch die Form der Nägel, Finger, Haͤnde:— Natur, du gute Goͤttin, die es ſchuf So aͤhnlich dem der's zeugte, bildeſt du Auch das Gemuͤth, ſo gieb aus allen Farben Ihm nur kein Gelb; daß ſie, wie er, nicht waͤhne, Ihr Kind ſey ihres Gatten nicht! Leont. Die Hexe!— Und, ſchwacher Pinſel, du biſt Haͤngens werth, Der ihr den Mund nicht ſtopft. Antig. Haͤngt alle Maͤnner Die das nicht koͤnnen, und es bleibt Euch kaum Ein Unterthan. S Leont. Noch einmal, fort mit ihr! Paul. Der wild'ſte, unnatuͤrlichſte Gebieter Iſt nicht ſo arg. Leont. Ich laſſe dich verbrennen. Paul. Ich frage nichts danach: Der iſt dann Ketzer, der das Feuer ſchuͤrt, Nicht ſie, die brennt. Ich nenn' Euch nicht Tyrannz Doch dieſe Grauſamkeit an Eurer Koͤnbgin, Da Ihr kein andres Zeugniß ſtellen koͤnnt Als ſo ſchwachmuth'gen Argwohn, ſchmeckt ein wenig Nach Tyrannei, und macht zum Abſcheu Euch, Zur Schmach fuͤr alle Welt. Leont. Bei Eurer Leh'nspflicht Zur Thuͤr mit ihr hinaus. Waͤr' ich S. Wo waͤr' ihr Leben? Nimmer ſpraͤch' ſie das, Wenn ſie mich dafuͤr hielte. Fort mit ihr! Paul. Ich bitt Euch, draͤngt mich nicht; ich gehe ſchon 118 Das Wintermaͤhrchen. A. II. Sorgt fuͤr Euer Kind, Herr: Euer iſt's: Gott geb' ihm Verſtaͤnd'gern Geiſt.— Was ſollen dieſe Haͤnde?— Ihr, die ſo zaͤrtlich ſeine Thorheit pſiegt, Thut ihm kein Gut, kein Einz'ger von Euch Allen⸗ Laßt, laßt:— Lebt wohl; ich gehe ſchon. (ſie geht ab.)— Leont. Verraͤther, du triebſt hiezu an dein Weib.— Mein Kind? hinweg damit!— Und grade du, Dem's ſo am Herzen liegt, nimm du es weg, Und laß es augenblicks in's Feuer werfenz Du ſollſt es thun, kein andrer. Nimm es gleich: In dieſer Stunde meld' es ſey geſchehn, Bring' guͤlt'ges Zeugniß, ſonſt bezahlt's dein Leben: Und derer, die du dein nennſt. Weigerſt du, Und willſt begegnen meiner Wuth, ſo ſprich; Und gleich mit eigner Hand ſchlag' ich hier aus Des Baſtards Hirn. Geh, wirf es gleich in's Feuer; Denn du triebſt an dein Weib. 6 Antig. Das that ich nicht: Die Herrn hier, meine edlen Freunde ſprechen Mich davon frei. 1. Zerr. Wir koͤnnen's, großer Konigz Er iſt nicht Schuld, daß ſie herein gekommen. Leont. Ihr alleſammt ſeyd Luͤgner. 1. Zerr. En'r Hoheit moͤg' uns beßre Meinung ſchenken: Wir haben ſtets Euch treu gedient; und bitten Uns ſo zu achten: Auf den Knien flehn wir, Als einz'gen Lohn fuͤr unſre beſten Dienſte, Vergang'ne, kuͤnft'ge— aͤndert dieſen Vorſatz; Der von ſo furchtbar blut'ger Art, muß fuͤhren Zu unheilvollem Ausgang. Alle knien wir. Leont. Ich bin nur Feder jedem Hauch des Windes;— Leben ſoll ich, den Baſtard knien zu ſehn, Mich Vater nennend? Beſſer jetzt verbrannt, Als dann ihm fluchen. Doch es ſey; er lebe: Und dennoch ſoll er nicht.— Du, komm hieher, Der in ſo zarter Sorge ſich bemuͤhie, Mit Dame Frechmauk, der Hebamme da, Den Baſtard hier zu retten:— denn das iſt er, So wahr wie grau dein Bart,— was willſt du wagen Zu retten dieſer Brut das Leben? Antig. Alles Sz. 3. Das Wintermaͤhrchen. Was meine Faͤhigkeit vermag, mein Koͤnig, Und Ehre fordern kann: zum mind'ſten dies; Das wen'ge Blut, was mir noch blieb, verpfaͤnd' ich Zum Schutz der Unſchuld: Alles, was nur moͤglich. Leont. Ja, moͤglich iſt es: Schwoͤr' bei dieſem Schwerdt, Daß meinen Willen du vollbringſt. Antig. Ich ſchwoͤre. Leont. Gieb acht, und thus; denn, ſiehe, fehlſt du du nur Im kleinſten Punkt, das bringt nicht dir allein, Auch deinem läſterzuͤng'gen Weib den Tod, Der ich verzeih' fuͤr diesmal.— Wir gebieten, Bei deiner Leh'nspflicht, nimm hier dieſen Baſtard, Und trag' ihn gleich von dann', an einen Ort, Der wuͤſt und menſchenleer, und weit entfernt Von unſern Grenzen iſt; und laß ihn dort, Ohn' alle Guad', in ſeinem eignen Schutz, Der freien Luft vertraut. Von einem Fremdling am er zu uns; mit Recht befehl' ich d'rum, Bei deiner Seele Heil, des Leibes Marter, Daß du ihn wo in fremdes Land ausſetzeſt, Wo Gluck ihn naͤhren, toͤdten mag: So nimm ihn. Antig. All dies beſchwoͤr' ich, obwohl ſchneller Tod Barmherz'ger waͤre.— Komm, du armes Kind: Ein mächt'ger Geiſt mag Kraͤh'n und Geiern lehren, Daß ſie dir Ammen ſind! Hat Baͤr und Wolf Doch, wie man ſagt, der Wildheit ſchon vergeſſen In gieichem Liebesdienſt.— Herr, ſeyd begluͤckt Mehr als es dieſe That erheiſcht! und Segen Mag ſolcher Grauſamkeit entgegen kaͤmpfen, Fuͤr dich, du armes Ding, dem Tod geweiht! (Er geht mit dem Kinde ab.) Leont. Nein, fremde Brut will ich nicht auferziehn. 1. Diener. Mein Fuͤrſt, ſo eben langte Botſchaft an Von Enren Abgeſandten zum Orakel; Cleomenes und Dion kehrten gluͤcklich Von Delphi wieder heim, und ſind gelandet, Bald hier zu ſeyn. 1. Zerr. Erlaubt, die Reiſe war Beſchleunigt, mehr als wir erwarten konnten. Veont. Sie waren dreiundzwanzig Tage fort: Sehr ſchnell; dies zeigt, der mächtige Apollo „ 120 Das Wintermaͤhrchen. Will, daß man hievon ſchnell die Wahrheit wiſſe. Bereitet Euch, Ihr Herrn; beruft den Rath, Daß wir die hoͤchſt treuloſe Koͤn'gin richten: Denn, wie ſie oͤffentlich iſt angeklagt, So werd' ihr auch gerecht und frei Verhoͤr. So lang' ſie lebt iſt mir das Herz beſchwert:— Jetzt laßt mich; und thut das, was ich befohlen. Calle ab.) D A ufzug. Erſte Szeme. Feld. (Cleomenes und Dion treten auf.) Cleomenes. Der Himmelsſtrich iſt lieblich, ſuͤß die Luft, Die Inſel fruchtbar, und der Tempel ſchoͤner Als es der Ruf verkuͤndet. Dion. Preiſen werd' ich, Entzuͤckend war's, die himmliſchen Gewaͤnder, Denn ſo muß ich ſie nennen, und die Wuͤrde Der ernſten Prieſter. O, das Opfer dann! Wie prunkvoll war und heilig, uͤberirdiſch Der Tempeldienſt! Cleom. Vor Allem doch das Krachen Der ohrbetaͤnbenden Orakelſtimme, Verwandt mit Jovis Donner, ſchreckte mich Ganz aus mir ſelbſt. Dion. Iſt der Erfolg der Reiſe So gluͤcklich fuͤr die Koͤn'gin,— waͤr' er's doch!— Sz. 1.2. Das Wintermährchen. Als ſie fuͤr uns ſchoͤn, ſchnell und lieblich war, So war die Zeit gut angewandt. Cleom. Apollo Moͤg' Alles gluͤcklich wenden! Dies Gericht, Das ſo der Koͤn'gin aufdringt ein Verbrechen, Gefaͤllt mir nicht. Dion. Solch heftig Treiben endet Den Handel, oder klaͤrt ihn auf: Wird kund Der Spruch, verſiegelt von des Gottes Prieſter, So wird ſein Inhalt etwas Wnundervolles Den Menſchem offenbaren.— Friſche Pferde; Und gluͤcklich ſey der Ausgang. (ſie gehn ab.) 3 weite Szene. Ein Gerichtsbof. (Ceontes, Herrn vom Hofe, Beamten, Gerichts⸗ diener.) Leontes. Dies Staatsgericht, mit Kummer ſagen wir's, Greift uns an's eigne Herz: Die Angeklagte, Die Tochter eines Koͤnigs, unſre Gattin, Zu ſehr von uns geliebt.— Es ſpricht uns frei Vom Schein der Tyrannei der offne Gang In dieſem Rechtsfall, der auf gradem Weg Zur Reimgung oder zur Verdammung fuͤhrt.— Bringt die Gefangne her. Beamt. Die Majeſtaͤt heißt jetzt die Koͤnigin Perſoͤnlich vor Gericht allhier erſcheinen. (Allgemeines Stillſchweigen.) (Hermione kommt mit Wache, von Paulina und andern Hofdamen begleitet.) Leont. Leſtt nun die Klage. Beamt.„Permione, Gemahlin des erlauchten Leontes, Koͤnigs von Siellien du biſt hier angeklagt nud vor Ge⸗ 22 Das Wintermährchen. A. IMI. richt geſtellt wegen Hochverrath; indem du Ehebruch begin⸗ geſt mit Polyrenes, dem Koͤnige von Boͤhmen; und dich verſchwurſt mit Camillo, das Leben unſers hohen Herrn, dei⸗ nes koͤniglichen Gemahls, zu verkuͤrzen. Da dieſe Bosheit durch Umſtaͤnde zum Theil entdeckt wurde, haſt du, Her⸗ mione, der Pflicht und Treue eines redlichen Unterthan entgegen, ihnen gerathen und geholfen, zu ihrer groͤßeren Sicherheit, bei Nacht zu entfliehen.“ Herm. Da was ich ſagen will, nichts Andres iſt, Als dem, deß man mich anklagt, widerſprechen; Und mir kein ander Zeugniß ſteht zur Seite, Als was ich ſelbſt mir gebe, frommt es kaum Zu ſagen: Frei von Schuld; da hier för Luͤge Gilt meine Lauterkeit, wird was ich ſage Anch alſo heißen. Doch,— wenn Himmelsmaͤchte Sehn unſer menſchlich Thun:(ſie ſchaun herab) Dann zweifl' ich nicht, die Unſchuld macht erroͤthen Die falſche Ktag', und Tyrannei erbebt Vor der Geduld.— Mein Fuͤrſt, Ihr wißt am beſten, Scheint Ihr's auch jetzt am wenigſten zu wiſſen, So rein und treu war mein vergangnes Leben, Wie ich jetzt elend bin; und das iſt mehr Als die Geſchichte und Erdichtung, noch Das Schanſpiel kennt, die Menge zu bezaubern. Denn ſchaut mich an,— Genoſſin koͤniglichen Bett's, der halb Der Thron gehoͤrte, eines Koͤnigs Tochter, Die Mutter eines edeln Prinzen,— ſteh' ich, Und ſprech' und ſchwatze hier fuͤr Ehr' und Leben, Vor jedem der es hoͤren will. Mein Leben, Es druͤckt mich wie mein Gram, gern miſſ' ich beide: Doch Ehr', ein Erbtheil iſt ſie fuͤr die Meinen; Sie nur verdient mein Wort. Ich mahn' Euch, Herr, Fragt Eur' Bewußtſeyn; eh' Polyxenes An Enren Hof kam, wie Ihr mich geliebt, Und wie ich es verdient; ſeit er gekommen, Mit welch unziemlichem Entgegentreten Verging ich mich, daß man mich alſo dentet: Wenn's nur ein Haarbreit war jenſeit der Ehre, Sey's That, ſey's Wille nur, im Weg des Unrechts, So werde Stein das Herz jedweden Hoͤrers, Und ekel ſey mein Grab dem naͤchſten Blutsfreund! Leont. Dem fehlte nie, der freche Laſter uͤbte, „ Das Wintermährchen. Sz. 2. n⸗ Die llnverſchaͤmtheit, ſeine That zu laͤugnen, ch Mit der er ſuͤndigte. ei⸗ Zerm. Das iſt ſehr wahr; eit Doch niemals kann ein ſoicher Spruch mich treffen. Leont. Du nimmſt ihn dir nicht an. 1 Zerm. Mehr als mir eignet, en Und mir als Fehl entgegen tritt, kann nimmer Ich anerkennen. Ihn, Polyrenes, Ich ſag' es frei, mit dem Ihr mich beſchuldigt, Liebt' ich, wie er in Ehren fordern durfte, Mit einer ſolchen Liebe, wie's gezimlich Fuͤr eine Frau gleich mir; mit einer Liebe, So und nicht anders, als Ihr ſelbſt befahlt: Und that ich's nicht, ſo haͤtt' ich mich zugleich Als undankbar gezeigt und ungehorſam, Euch und dem Freund; deß Liebe deutlich ſprach, Von fruͤher Kindheit ſeit ihr Sprache ward⸗ ie ſey ganz Euer. Nun, der Hochverrath, Ich weiß nicht wie er ſchmeckt; tiſcht man ihn gleich Mir auf, davon zu koſten: das nur weiß ich, Stets ward Camillo ehrenvoll befunden; Warum er Euch verließ, iſt ſelbſt den Gottern, Wenn ſie nicht mehr als ich drum wiſſen, fremd. Leont. Ihr wußtet ſeine Flucht, ſo gut ihr wußtet Was ihr zu thun beſchloſſen, war er fort⸗ Serm. Herr, Die Sprache, die Ihr ſprecht, verſteh' ich nicht: Mein Leben iſt's, was Eure Traͤum' erzielen, Gern werf' ich's ab. Leont. Nur deine Thaten traͤum' ich: Du haſt»'nen Baſtard von Polyrenes, Ich troͤumt' es nur:— Wie du der Scham entfremdet, Wie alle deiner Art, biſt du's der Wahrheit: Sie laͤugnen liegt dir ob, doch frommt dir nicht: enn wie dein Balg, der nur ſich ſelbſt gehoͤrt, Als vaterlos ward ausgeſtoßen,(freilich, Mehr dein als ſein Verbrechen) ſo ſollſt du Empfinden unſern Rechtsſpruch; noch ſo milde Erwarte wen'ger nicht als Tod. Zerm. Spart Euer Drohn: Das Graͤu'l, womit du ſchrecken willſt, erbitt' ich. Mir kann das Leben kein Geſchenk mehr ſeyn: Die Kron' und Luſt des Lebens, Eure Liebe, 124 Das Wintermaͤhrchen. A. III. Die geb' ich auf, ich fuhl' es, ſie iſt hin, Doch wie, das weiß ich nicht: Mein zweites Gluͤck, Der Erſtling meines Leib's, ihn nimmt man mir, Als waͤr' ich angeſteckt: Mein dritter Troſt, Wird durch unfeel'ger Sterne Kraft, mir von der Bruſt, In ganz unſchuld'gem Mund unſchuld'ge Milch Zum Mord geſchleppt: Ich ſelbſt an jeder Ecke Als Metze ausgeſchrien: Mit rohem Haß Des Kindbettrechts beraubt, das man doch Weibern Von jeder Art vergoͤnnt:— Zuletzt geriſſen In freie Luft hieher, bevor ich noch Die noͤth'ge Kraft gewann. Run ſagt, mein Koͤnig, Welch Gluͤck kann mir das Leben wohl noch bieten, Daß ich den Tod ſoll fuͤrchten? Drum fahrt fort. Doch hoͤrt noch dies;z verſteht mich recht:— Mein Leben, Ich acht' es nur wie Spreu:— doch meine Ehre, Nur die moͤcht'rich befrein, werd' ich verurtheilt Bloß auf Verdacht, da jedes Zengniß ſchlaͤft Was Eure Eiferſucht nicht weckt, ſo ſag' ich, „S iſt Tyrannei, kein Recht.— Ihr Edlen, hoͤrt, Daß ich auf das Orakel mich berufe; Apollo ſey mein Richter. 1. Serr. Dies Begehren Iſt ganz gerecht: ſo bringet denn herbei, Und in Apollo's Namen, das Orakel. (Einige Beamte gehn ab.) Zerm. Der große Kaiſer Rußlands war mein Vater: O, waͤr' er noch am Leben, hier zu ſchauen Die Tochter vor Gericht! o, ſaͤh' er doch Wie tief mich Elend beugte; doch mit Augen Des Mitleids, nicht der Rache! (Der Beamte kommt mit Cleomenes und Dion.) Beamt. Schwoͤrt hier auf dieſem Schwerdte des Gerichts, Daß Ihr, Cleomenes und Dion, beide In Delphi war't; und daß von dort verſiegelt Ihr dies Orakel bringt, das Euch der Prieſter Des hohen Phoͤbus gab; und daß ſeitdem Ihr freventlich das Siegel nicht erbracht, Noch den geheimen Inhalt ſaht. Cleom. und Dion. Wir ſchwoͤren Dies Alles. Leont. Brecht das Siegel nun, und leſt. Sz. 2. Das Wintermaͤhrchen. 125 (Beamter lieſt.) Hermione iſt keuſch, Polirenes tadellos, Camillo ein trener Unterthan, Leontes ein eiferſuͤchtiger Tyrann, ſein un⸗ ſchuldiges Kind rechtmaͤßig erzeugt; und der Koͤnig wird ohne Erben leben, wenn das, was verloren iſt, nicht wieder ge⸗ funden wird. Alle. Geprieſen ſey der große Gott Apollo! Serm. Er ſey gelobt! Leont. Und haſt du recht geleſen? Beamt. Ja, Herr; ganz ſo wie hier geſchrieben ſteht. Leont. Nur Lüg' und Falſchheit ſpricht aus dem Orakel: Fort geh' die Sitzung; dies iſt nur Betrug. (Ein Diener kommt eilig.) Diener. Mein Herr, mein Herr und Konig! Leont. Nun, was giebt's? Diener. O Herr, Haß wird fuͤr die Nachricht treffen: Der Prinz, dein Sohn, aus lauter Furcht und Ahndung, Der Koͤn gin halb, iſt hin. Leont. Wie? hin? Diener. Iſt todt. Leont. Apollo zuͤrnt; und ſelbſt der Himmel ſchlägt Mein ungerecht Beginnen. Was iſt das? (Hermione fällt in Ohnmacht.) Paulina. Die Nachricht iſt der Koͤn'gin Tod:— Schant nieder, Und ſeht wie Tod hier handelt. Leont. Tragt ſie fort. Maulina und die Hofdamen tragen Hermionen fort.) ie wird erſtehn; ihr Herz iſt uberladen:— Zu viel hab' ich dem eignen Wahn geglaubt:— Ich bitt Euch, braucht mit Sorgfalt jedes Mittel Zu ihrer Rettung.— O, verzeih, Apollo! Verzeih die Laͤſtrung gegen dein Drakel! Ich will mich mit Polirenes verſoͤhnen; Der Gattin Lieb⸗ erflehn: Camillo rufen, en ich getreu und mild hier laut erklaͤre: Durch Eiferſucht zu Rach' und Blutgedanken Geriſſen, rief ich mir Camillo auf, Polixenes, den Theuren, zu vergiften. Auch waͤr's vollbracht, Wenn nicht Camillo's edler Sinn verzoͤgert Den ſchleunigen Befehl, obgleich durch Tod, 126 Das Wintermaͤhrchen. A. III. Durch Lohn, ich ihn ermuthigt und geſchreckt, Wofern er's that, und ließ: doch wahrhaft menſchlich Und ehrenvoll enthuͤllt' er meinen Plan Dem hohen Gaſt; verließ hier ſein Vermoͤgen, Das groß war, wie Ihr wißt; und gab ſich ſelbſt Als ſich'res Spiel unſich'rem Zufall preis, Nur reich an Ehre:— O, wie glaͤnzt er rein Durch meinen Roſt! und ſeine Froͤmmigkeit, Wie faͤrbt ſie ſchwaͤrzer meine Miſſethaten! (Paulina tritt auf.) Paul. O Noth und Wehe! Schneid't auf den Latz mir, daß mein Herz, ihn ſprengend, Nicht auch zerbricht! 1. Zerr. Woher, Frau, dies Entſetzen? Paul. Welch Martern ſinnſt du jetzt, Tyrann, mir aus? Welch Raͤdern? Foltern? Brennen? Schinden? Sieden In Hehl, in Blei? welch' alt und neue Qual Erdenkſt du mir, da jedes meiner Worte Die Raſerei dir ſchuͤrt? Dein wild tyranniſch Gemuͤth mit deiner Eiferſucht im Bunde,— Grillen, zu ſchwach fuͤr Knaben, viel zu unreif Fuͤr kleine Maͤdchen! hoͤr', was ſie gethan, Und werde toll dann, raſend toll, denn jede Bisher'ge Thorheit war nur Wuͤrze dieſer. Daß du Polirenes verrieth'ſt, war nichts; Das zeigte dich als Narr nur, wankelmuͤthig Und teuſtiſch undankbar: auch war es wenig, Daß du Camillo's Ehre wollt'ſt vergiften Durch einen Koͤnigsmord; armſel'ge Suͤnden, Da ungeheure folgen: dazu rechn' ich, Daß du den Kraͤh'n hinwarfſt die zarte Tochter, Als wenig, nichts; obgleich ein Teufel eher Aus Flammengluthen Waſſerſtroͤme weinte: Noch faͤllt allein auf dich des Prinzen Tod, Dem hoher Sinn(zu hoch ſo zarter Jngend) Sein Herz zerbrach vor Schmerz, daß thoͤricht roh Der Vater ehrlos macht die holde Mutter: Dies nicht, dies nicht kann keiner Schuld dir geben: Allein das Letzte, Weh' ruft, wenn ich's geſagt!— Die Koͤn'gin, ſie die Koͤn'gin, Das reinſte, ſußeſte Geſchoͤpf iſt todt; Und noch ſtuͤrzt Rache nicht herab! Sz. 2. Das Wintermaͤhrchen. 127 1. Zerr. Verhuͤten's Die ew'gen Maͤchte! Paul. Ich ſage, ſie iſt todt; ich ſchwoͤr's: wenn Wort Und Eid nicht gilt, ſo geht und ſchaut: konnt Ihr In Lipp' und Auge Farb' und Glanz erwecken, Die aͤuß're Waͤrm' und innern Hauch, ſo bet' ich Euch wie die Goͤtter an.— Doch, o Tyrannt Bereu' nicht, was du that'ſt; es iſt zu ruchlos, Und keine Klage ſuͤhnt's: drum ſtuͤrze wild Dich in Verzweiflung. Tauſend Knie, zehntauſend Jahr' nach einander, faſtend, nackt, auf kahlem Gebirg“, im ſteten Winter, ew'gem Sturm,— Die Göͤtter koͤnm' es nicht bewegen, dahin Zu ſchauen wo du laͤgeſt. Leont. Recht ſo, recht: Du kannſt zu viel nicht ſagen; ich verdiene Die Fluche aller Zungen. 1. Berr. Sprecht nicht weiter; Wie auch die Sachen ſtehn, Ihr habt gefehlt Durch das zu kuͤhne Wort. Paul. Es thut mir leid; Was ich auch thu', wenn ich den Fehl erkenne Bereu' ich ihn: Ach, zu ſehr zeigt' ich wohl Die Raſchheit einer Frau: er iſt getroffen Ints tiefſte Herz.— Wo man nicht helfen kann, Soll man auch jammern nicht: Nein, nicht betrubt Euch Um mein Gered', ich bitte; lieber laßt Mich ſtrafen, weil ich Euch an das erinnert Was Ihr vergeſſen ſolltet. Guter Koͤnig, Herr, hoher Herr, vergebt der Weibesthorheit: ie Liebe zu der Koͤn'gin,— wieder thoͤricht:— Nie ſprech' ich mehr von ihr, noch Euren Kindern; Ich will Euch nie an meinen Gatten mahnen, Der auch dahin iſt. Faßt Euch in Geduld, So ſag' ich nichts eont. Nein, du ſprach'ſt nur gut Als du die Wahrheit ſprach'ſt; und lieber iſt mir's Als dies dein Mitleid. Bitte, fuͤhre mich Hin zu der Koͤn'gin Leich', und meines Sohnes: Ein Grab vereine Beid'; auf ihm erſcheine Die Urſach' ihres Todes, uns zur Schinach Fuͤr alle Zeiten: Einmal Tags beſuch“ ich 128 Das Wintermaͤhrchen. A. III. Die Gruft die ſie verſchließt; und Thraͤnen, dort vergoſſen, Sind dann mein einz'ges Labſal: Und ſo lange Natur ertragen kann die heil ge Feier, Gelob' ich taͤglich ſie zu halten. Komm, Und fuͤhre mich zu dieſen bittern Schmerzen. (uie ab.) Dritte Szene. Böhmen, eine wüſte Gegend am Meer. (Antigonus tritt auf mit dem Kinde und ein Matroſe.) Antigonus. Biſt du gewiß, daß unſer Schiff gelandet An Boͤhmens Wuͤſtenei'n? MWatr. Ja, Herr: doch fuͤrcht' ich Zur ſchlimmen Stunde; duͤſter wird die Luft, Und droht mit bald'gem Sturm. Auf mein Gewiſſen, Der Himmel zuͤrnt auf das was wir hier thun, Und blickt uns drohend an. Antig. Geſcheh' ſein heil'ger Wille!— Geh' an Bord; Sieh nach dem Schiff; nicht lange ſoll es waͤhren, So bin ich dort. Matr. Eilt was Ihr koͤnnt; und geht nicht Zu weit in's Land: gewiß kommt bald ein Wetter; Auch iſt die Gegend hier herum verrufen, Der wilden Thiere wegen. Antig. Geh du fort: Ich folge gleich. Matr. Ich bin von Herzen froh Daß dies nicht mein Geſchaͤft. (Er geht ab.) Antig. Komm, armes Kind:— Ich hoͤrte wohl, doch glaubt's ich's nicht, die Geiſter Verſtorbner gingen um: wenn's wahr, erſchien mir Heut' Nacht wohl deine Mutter; denn kein Traum Gleicht ſo dem Wachen. Zu mir kommt ein Weſen, Sz. 3. Das Wintermaͤhrchen. Das Haupt bald rechts bald links hinab geſenktz Nie ſah ich ein Gefaͤß, ſo voll von Gram, Und lieblich doch: in glaͤnzend weißen Kleidern, Wie Reinheit ſelbſt, trat ſie in die Kajuͤte Worin ich ſchlief: Drei Mal ſich vor mir neigend, Wie um zu ſprechen, ſeufzt ſie tief, da wurden Zwei Quellen ihre Augen: als erſchoͤpft Der inn'ge Schmerz, ſieh' da, vernehm' ich dies: Mein Freund Antigonus, Da dich das Schickſal, gegen beſſern Willen, Erwaͤhlt hat, daß durch dich mein armes Kind, So wie du ſchwurſt, hinaus geworfen werde,— Einſamer Stellen giebt's in Boͤhmen viel, Dort klag', und laß es weinend; und da jeder Das Kind verloren giebt fuͤr immer, nenne Sie Perdita; fuͤr dieſe Grauſamkeit, Die dir mein Gatte auftrug, ſiehſt du nie Dein Weib Paulina wieder.— So, mit Wimmern Zerſchmolz in Luft ſie. Das Entſetzen wich, Ich fand mich langſam wieder, dachte wirklich Sey Alles, und nicht Schlaf; Tand ſind die Traͤume: Doch fuͤr dies eine Mal, ja, aberglaͤubig Thu' ich was dieſer mir befahl. Ich glaube Den Tod erlitt Hermione; und daß Apoll gebeut, weil wirklich dies ein Sproͤßling Polyrenes, daß ich hieher ihn lege, Zum Leben oder Tod, auf dieſen Boden Des wahren Vaters.— Kindchen, geh' dir's gut! (Er legt das Kind hin.) Hier lieg, und hier dein Name: hier auch dies; (Er legt ein Packet hin.) Das, wills das Gluͤck, dich wohl mag auferziehn, Und dein verbleiben.— Der Sturm beginnt:— Du Aermſtes, 5 So ausgeſetzt, fuͤr deiner Mutter Suͤnde, Dem Tod' und jedem Leid!— Ich kann nicht weinen, Doch blutet mir das Herz: wie ſchlimm, daß mich Ein Eid hiezu verdammt hat.— Fahre wohl! Der Tag wird trub' und truͤber; du kriegſt wohl Ein rauhes Wiegenlied: Ich ſah noch nie Die Luft ſo ſchwarz am Tag. Welch wild Geſchrei? Waͤr' ich am Bord!— Das Thier, ha, das ſie jagen! Weh mir, ich bin verloren! (Er entflieht, von einem Bären verfolgt.) VIII. 9 130 Das Wintermaͤhrchen. A. III. (Ein alter Schäfer tritt auf.) D. a. Schaͤf. Ich wollte; es gaͤbe gar kein Alter zwi⸗ ſchen zehn und dreiundzwanzig; oder die jungen Leute ver⸗ ſchliefen die ganze Zeit: denn dazwiſchen iſt nichts als den Dirnen Kinder ſchaffen, die Alten aͤrgern, ſtehlen, balgen. — Hoͤrt nur!— Wer anders als ſolche Brauſekoͤpfe zwi⸗ ſchen neunzehn und zweiundzwanzig wuͤrden wohl in dem Wetter jagen? Sie haben mir zwei von meinen beſten Schafen weg geſcheucht; und ich fuͤrchte, die wird der Wolf eher wieder finden als der Herr: ſind ſie irgendwo, ſo iſt es nach der Kuͤſte hin, wo ſie den Epheu abweiden. Gutes Gluͤck, ſo es dein Wille iſt— aber was haben wir hier?(er findet das Kind.) Golt ſey uns gnaͤdig, ein Kind, ein ſehr huͤbſches Kind! Ob es wohl ein Bube oder ein Maͤdel iſt? Ein huͤbſches, ein ſehr huͤbſches Ding: Gewiß, ſo ein heimlich Stuͤck: wenn ich auch kein Studierter bin, ſo kann ich doch ſo ein Kammerjungferſtuckchen heraus leſen. Das iſt ſo eine Treppenarbeit, ſo eine Schrankarbeit, ſo hinter der Thuͤr gearbeitet: ſie waren waͤrmer die dies zeug⸗ ten, als das arme Ding hier iſt. Ich will es aus Mit⸗ leid aufnehmen: doch will ich warten dis mein Sohn kommt; er ſchrie noch eben dort. Holla hoh! (Der junge Schäfer kommt.) D. j. Schaͤf. Holla hoh! D. a. Schäfer. Was, biſt ſo nah? Wenn du was ſehen willſt, wovon man noch reden wird, wenn du todt und verfault biſt, komm hieher. Was fehlt dir, Bengel? D. j. Schäf. Ich habe zwei ſolche Geſichte geſehen, zur See und zu Lande;— aber ich kann nicht ſagen See, denn es iſt nur Himmel; und man kann dazwiſchen keine Nadelſpitze ſtecken. D. a. Schaäf. Nun, Junge, was iſt es denn? D. j. Schäf. Ich wollte, Ihr koͤnntet ſehen wie es ſchaͤumt, wie es wuͤthet, wie es das Ufer herauf kommt! aber das iſt noch nicht das Rechte: O, das hoͤchſt klaͤgliche Geſchrei der armen Seelen! bald ſie zu ſehen, bald nicht zu ſehen: nun das Schiff mit ſeinem Hauptinaſt den Mond anbohren; und gleich jetzt verſchlungen von Giſcht und Schaum, als wenn man einen Stöpſel in einen Orthoft wuͤrfe. Und dann die Landgeſchichte:— Zu ſehn, wie ihm der Baͤr das Schulterblatt ausriß; wie er zu mir um Sz. 3. Das Wintermaͤhrchen. 131¹ Huͤlfe ſchrie, und ſagte er heiße Antigonus, ein Edelmann: — Aber mit dem Schiff zu Ende zu kommen:— zu ſehen wie die See es einſchluckte:— aber erſt, wie die armen Seelen bruͤllten, und die See ſie verhoͤhnte;— und wie der arme Herr bruͤllte, und der Baͤr ihn verhoͤhnte, und ſie beide lauter bruͤllten als See und Sturm. D. a. Schäfer. Um Gottes Willen, wann war das, Junge? Dj. Schif. Jeßt, ſezt; ſch habe nicht mit den Au⸗ gen geblinkt, ſeit ich dieſe Geſichte ſah: die Menſchen ſind noch nicht kalt unter dem Waſſer, noch der Baͤr halb ſatt von dem Herrn; er iſt noch dabei. D. a. Schaͤf. Ich wollte, ich waͤre da geweſen, um dem alten Mann zu helfen! D. j. Schaͤf. Ich wollte Ihr waret neben dem Schiff geweſen, um da zu helfen; dä haͤtte Euer Mitleid keinen Grund und Boden gefunden. D. a. Schäf. Schlimme Geſchichten! ſchlimme Ge⸗ ſchichten! aber ſieh hier, Junge. Nun ſperr die Augen auf; du kommſt wo's zum Tode geht, ich wo was Neu⸗ gebornes iſt. Hier iſt ein anderes Geſicht fuͤr dich; ſich doch, ein Taufkleid wie fuͤr eines Edelmann's Kind! Schau her; nimm auf, nimm auf, Junge; bind' es auf. So, laß ſehn; es wurde mir prophezeiht, ich ſollte reich werden durch die Feen: Das iſt ein Wechſelkind:— bind' es auf: Was iſt darin, Junge? D. j. Schaͤf. Ihr ſeyd ein gemachter alter Mann: wenn die Suͤnden Eurer Jugend Euch vergeben ſind, ſo werdet Ihr gute Tage haben. Gold! lauter Gold! D. a. Schäf. Das iſt Feengold, Junge, und das wird ſich zeigen: fort damit, halt' es feſtz nach Hauſe, nach Hauſe, auf dem naͤchſten Weg. Wir ſind gluͤcklich, Junge; und um es immer zu bleiben, iſt nichts noͤthig als Ver⸗ — Komm, guter Junge, den naͤchſten Weg zu Hauſe. D. j. Schaͤf. Geht Ihr mit Eurem Fund den naͤchſten Weg; ich will nachſehen ob der Baͤr von dem Herren weg gegangen iſt, und wie viel er gefreſſen hat: ſie ſind nur ſchlimm wenn ſie hungrig ſind; wenn noch etwas von ihm uͤbrig iſt, ſo will ich's begraben. a. Schäf. Das iſt eine gute That: Wenn du an dem was von ihm uͤbrig geblieben iſt, unterſcheiden kannſt, was er iſt, ſo hole mich, es auch zu ſehn. 9* 132 D. j. Schäf. Schon gut, das will ich; und Ihr ſollt helfen ihn unter die Erde zu bringen. D. a. Schaͤf. Das iſt ein Gluͤckstag, Junge; an dem wollen wir auch Gutes thun. (ſie gehn ab.) Das Wintermaͤhrchen. A. III. (Die Zeit tritt auf als Chorus.) Zeit. Ich, die ich Alles pruͤfe; Gut und Boͤſe, Erfren und ſchrecke; Irrthum ſchaff' und loſe, Ich uͤbernehm es, unter'm Namen Zeit, Die Schwingen zu entfalten. Drum verzeiht Mir und dem ſchnellen Flug, daß ſechzehn Jahre Ich uͤberſpring, und nichts euch offenbare Von dieſer weiten Kluft; da meine Staͤrke Geſetze ſtuͤrzt, in einer Stund' auch Werke Und Sitten pflanzt und tilgt: ſo ſeht mich an Wie ſtets ich war, eh Ordnung noch begann, So alt' als neue: denn ich ſah die Stunde Die ſie hervor gebracht; ſo geb ich Kunde Von dem was jetzt geſchieht; durch mich erbleicht Der Glanz der Gegenwart, in Dunkel weicht Was jetzt hier vorgeſtellt. Dies eingeraͤumt, Wend' ich mein Glas; als haͤttet ihr getraͤumt, Verwandelt ſich die Scen'. Als falſch erkannte Leontes ſeine Eiferſucht; und wandte Im Gram der Einſamkeit ſich zu. Denkt jetzt Ihr edeln Hoͤrer hier, ihr ſeyd verſetzt us ſchoͤne Boͤhmen; und beſinnt euch ſchnell, ch ſprach vom Sohn des Koͤnigs, Florizel Nenn ich ihn nun; erzaͤhl' euch auch zugleich Von Perdita, die ſchoͤn und anmuthreich Erwuchs, zum Stannen Aller: Ihr Geſchick Sag ich euch nicht vorher; der Augenblick Zeig' euch was er erſchafft:— Des Schaͤfers Kind, Er und ſein Haushalt, all dergleichen ſind Der Inhalt jetzt des Spiel's: Seht wie es endet, Wenn ihr ſonſt Zeit wohl ſchlechter habt verwendetz Geſchah es nie, muß Zeit ſelbſt eingeſtehn, Sie wuͤnſcht im Ernſt, es moͤge nie geſchehn. Sz.1. Das Wintermährchen. 133 Vierter Aufzug. Erſte Szene. Böhmen im Pallaſt. (WPolixenes und Camillo treten auf.) Polixenes. Ich bitte dich, guter Camillo, dringe nicht mehr in mich; es macht mich krank, dir irgend etwas abzuſchlagenz aber dir dies zu bewilligen waͤre mein Tod. Cam. Es ſind funfzehn Jahre, ſeit ich mein Vaterland nicht ſah; obwohl ich die meiſte Zeit auswärts zubringen mußte, wuͤnſche ich doch meine Gebeine dort zur Ruhe zu legen. Auch hat der reuevolle Koͤnig, mein Herr, nach mir geſendet: deſſen tiefem Kummer ich zum Troſt gereichen moͤchte, oder mir wenigſtens einbilden, daß ich es koͤnnte: und dies iſt ein zweiter Antrieb zu meiner Abreiſe. Pol. Wenn du mich liebſt, Camillo, ſo loſche nicht alle deine guten Dienſte dadurch aus, daß du mich jetzt verlaͤſſeſt: daß ich dich nicht mehr entbehren kann, daran iſt deine eigne Trefflichkeit Schuldz beſſer ich haͤtte dich nie beſeſſen, als dich jetzt verlieren: da du mir Geſchaͤfte ein⸗ geleitet haſt, die niemand außer dir genuͤgend handhaben kann, ſo mußt du entweder bleiben und ſie ſelbſt zu Ende fuͤhren, oder die Dienſte die du mir gethan haſt mit dir fort nehmen: habe ich dieſe nicht genug vergolten, denn zu ſehr kann ich es nie, ſo ſoll großere Dankbarkeit mein Stre⸗ ben ſeyn: und mein Vortheil ſey, dir mehr Liebe zu erwei⸗ ſen. Von dem ungluͤckſeeligen Lande Sicilien, bitte, ſprich nicht mehr: dieſer Name ſchon martert mich, indem er mich an jenen reuigen Koͤnig, wie du ihn nennſt, meinen verſohnten Bruder erinnert: Der Verluſt ſeiner unſchaͤtzba⸗ 134 Das Wintermaͤhrchen. A. W. ren Koͤnigin und ſeiner Kinder muß noch jetzt, wie nen geſchehen, beklagt werden.— Sage mir, wann ſaheſt du den Prinzen Florizel, meinen Sohn? Die Koͤnige ſind nicht minder ungluͤcklich, deren Kinder nicht begabt ſind, als jene, die ſolche verlieren, deren Vorzuͤge ſich ſchon zeigten. Cam. Herr, es ſind drei Tage, ſeit ich den Prinzen ſah. Was ſeine gluͤcklicheren Geſchaͤfte ſeyn moͤgen, iſt mir unbekannt: aber ich habe gelegentlich bemerkt, daß er ſich ſeit kurzem vom Hofe zuruͤck zieht, und ſeinefuͤrſtlichen Uebun⸗ gen nachlaͤſſiger treibt, als er fruher that. Pol. Das bemerke ich auch, Camillo, und mit Sorge; ſo daß ich mir unter meinen Dienern Augen halte, die ſeine Zuruͤckgezogenheit beobachten: von ihnen habe ich die Nach⸗ richt, daß er ſich faſt immer in dem Hauſe eines ganz ge⸗ meinen Schaͤfers aufhalt; eines Mannes, der, wie ſie ſagen, aus dem Nichts, und auf eine ſeinen Nachbaren unbegreif⸗ liche Art, zu außerordentlichem Wohlſtande gelangt iſt. Cam. Ich habe von einem ſolchen Manne gehoͤrt, Herr, und daß er eine Tochter habe von nie geſehener Schoͤnheit: der Ruf von ihr iſt ſo ausgereitet, daß man kaum begreift, wie er aus ſo niederer Huͤtte begann. Pol. So lautet auch zum Theil was ich erfuhr. Ich fuͤrchte, dies iſt die Angel, die meinen Sohn dahin zicht. Du ſollſt mich nach dem Hrt begleiten: wo wir, das nicht ſcheinend was wir ſind, uns mit dem Schaͤfer bekannt machen wollen; von ſeiner Einfalt, denke ich, wird es nicht ſchwer ſeyn, die Urſache der haͤufigen Beſuche meines Sohnes zu erfahren. Ich bitte dich, begleite mich alsbald zu dieſem Ge⸗ ſchaͤft, und verbanne alle Gedanken an Sicilien. Cam. Bereitwillig gehorche ich Eurem Befehl. Pol. Mein beſter Camillo!— Wir muͤſſen uns verkleiden. Cſie gehn ab.) Sz. 2. Das Wintermaͤhrchen. 3 weite Eine Landſtraße nicht weit von des Schäfers Hütte. S zene. (Autolycus tritt ſingend auf.) Autolycus. Wenn die Narciſſe blickt herfuͤr,— Mit Heiſa! das Maͤgdlein uͤber dem Thal,— Ja, dann kommt des Jahres lieblichſte Zier; Statt Winter bleich herrſcht rothes Blut zumal. Weiß Linnen bleicht auf gruͤnem Plan,— Mit Heiſa! beim lieblichen Vogelgeſang!— Das wetzt mir alsbald den Diebeszahn; Denn'ne Kanne Bier iſt ein Koͤnigstrank. Die Lerche die ſinget Tirlirilirei,— Mit Amſelton, Heiſal und Droſſellieder— Sind Sommerluſt, iſt mein Schaͤtzchen dabei, Wenn wir ſpringen und tummeln im Graſe nieder⸗ Ich habe dem Prinzen Florizel gedient, und trug einſt dreiſchurigen Samit; aber jetzt bin ich außer Dienſten: Doch ſollt' ich deshalb trauern, mein Schatz? Der Mond bei ſcheint pꝛ Und wenn ich wandre von Platz zu aß Dann komm' ich zur rechten Stell“. Wenn Keſſelflicker im Lande leben, Und wandern mit Ruß geſchwaͤrzt; So darf ich doch auch noch Antwort geben, Und im Stock ſelbſt wird wohl geſcherzt. Mein Handelszweig iſt Hemden; wenn erſt der Habicht baut, ſo ſeht nur auch nach der kleineren Waͤſche. Mein Vater nannte mich Autolycus; der, da er wie ich unter dem Merkur geworfen wurde, ebenfalls ein Aufſchnapper von un⸗ bedeutenden Kleinigkeiten war: Die Wuͤrfel und die Dirnen haben mir zu dieſer Ausſtaffirung verholfen; und mein Ein⸗ kommen iſt die winzige Taſchendieberei: Galgen und Todt⸗ ſchlag ſind mir zu maͤchtig auf der großen Straße; denn Pruͤ⸗ geln und Haͤngen ſind mir ein Graus; was das zukuͤnftige 136 Leben betrifft, den Gedanken daran verſchlaf' ich.— Ein Fang! ein Fang! (Der junge Schäfer tritt auf.) D. j. Schaͤf. Laßt doch ſehen:— Immer eilf Hammel machen einen Stein,— jeder Stein giebt ein Pfund— und etliche Schilling: funfzehnhundert geſchoren— Wie hoch kommt die Wolle dann? Ceiſeit. Wenn die Schlinge haͤlt, ſo iſt die Schne⸗ pfe mein. D. j. Schaͤf. Ich kann es ohne Rechenpfennige nicht heraus bringen.— Laßt doch ſehn; was ſoll ich kaufen fuͤr unſer Schafſchurfeſt?„Sieben Pfund Corinthen, drei Pfund Zucker, Reis“— Was will denn meine Schweſter mit Reis machen? Aber mein Vater hat ſie zur Wirthin beim Feſt gemacht, und ſie verſteht's. Sie hat mir vierundzwan⸗ zig Straͤuße fuͤr die Scheerer gebunden: immer drei ſingen einen Canon, und herrlich: freilich ſind die meiſten Tenor und Baßh: nur ein Puritaner iſt darunter, und der ſingt Pſalmen zum Dudelſack. Ich muß haben„Safran, die Aepfeltorten zu faͤrben, Muſtätenbluthe,— Datteln— keine, die ſtehn nicht auf dem Zettel:„Muſcatennuͤſſe, ſieben; ein oder zwei Stangen Ingwer;“ aber die muͤſſen ſie mir zugeben:— „vier Pfund Pflaumen, und eben ſo viel Traubenroſinen.“ Aut. O, waͤr ich nie geboren! (er wälzt ſich auf der Erde.) D. j. Schaf. Ei, ei, um Gottes Willen— Aut. O, Huͤlfe, Huͤlfe! reißt mir dieſe Lumpen ab; und dann, Tod, Tod! D. j. Schaͤf. Ach, arme Seele! du haͤtteſt eher nothig, dir mehr Lumpen angelegt wuͤrden, als dieſe da abge⸗ riſſen. Aut. Ach, Herr, der Ekel vor ihnen quaͤlt mich mehr, als die Schlaͤge, die ich bekommen habe; und die waren derb und wohl Millionen. D. j. Schäf. Du armer Menſch! Millionen Pruͤgel, das mag ziemlich viel ausmachen. Aut. Ich bin beraubt, Herr, und geſchlagen; mein Geld und meine Kleider ſind mir genommen, und dies ab⸗ ſcheuliche Zeug iſt mir angezogen. D. j. Schäf. Wie, durch einen Reiter, oder einen Fuß⸗ gaͤnger? Ant. Ein Fußgaͤnger, lieber Herr, ein Fußgaͤnger. Das Wintermaͤhrchen. A. IV. Sz. 2. Das Wintermaͤhrchen. 137 D. j. Schaͤf. Wahrhaftig, nach der Kleidung, die er dir gelaſſen hat, muß er ein Fußgaͤnger geweſen ſeyn; wenn das ein Reiterwamms iſt, ſo muß es heißen Dienſt aus⸗ eſtanden haben. Gieb mir die Hand, ich will dir aufhel⸗ komm, gieb mir die Hand.(Er hilft ihm auf.) Aut. O! guter Herr, ſachte, an weh, ſachte! D. j. Schäf. Ei, du arme Seele! Aut. Ach, lieber Herr, ſachte; guter Herr, ſachte: Ich fuͤrchte, mein Schulterblatt iſt ausgerenkt. D. j. Schaͤf. Wie geht's, kannſt du ſtehen? Aut. Sacht, liebſter Herr; guter Herr, ſachte: Cer zieht ihm die Börſe aus der Taſche.) Ihr habt mir einen rechten Liebesdienſt gethan. D. j. Schaͤf. Brauchſt du Geld? Ich will dir etwas Geld geben. Aut. Nein, guter, ſuͤßer Herr; nein, ich bitte Euch: Ich habe ungefaͤhr drei viertel Meilen von hier einen Ver⸗ wandten, zu dem ich gehen wollte; dort bekomm⸗ ich Geld, und alles was ich brauche: Bietet mir kein Geld„ich bitte Euch; das kraͤnkt mein Herz. D. j. Schäf. Was fur eine Art von Kerl war es, der dich beraubte? Aut. Ein Kerl, Herr, den ich wohl habe mit dem Spiel Tron⸗Madame herum gehen ſehn: Ich weiß, daß er auch einmal in des Prinzen Dienſten war; doch kann ich nicht ſagen, guter Herr, fuͤr welche von ſeinen Tugenden es war, aber gewiß, er wurde von Hofe weggepeitſcht. D. j. Schäf. Laſter wollteſt du ſagen; denn es giebt keine Tugenden, die von Hofe gepeitſcht werden: ſie halten ſie dort werth, damit ſie bleiben ſollen: und doch pflegen ſie nur immer durchzureiſen. Aut. Laſter wollte ich ſagen, Herr. Ich kenne den Mann wohl: er iſt ſeitdem ein Affenfuͤhrer geweſen; dann ein Gerichtsknecht und Scherge; darauf brachte er zu Wege ein Puppenſpiel vom verlorenen Sohn und heirathete eines Keſſelflickers Frau, eine Meile von meinem Haus und Hof; und nachdem er jede diebiſche Profeſſion durchlaufen hat, ſht⸗ er ſich endlich als Spitzbube: einige nennen ihn Au⸗ olycus. D. j. Schaf. Der Henker hol ihn! Ein Gauner, mein Seel' ein Gauner: er treibt ſich auf Kirchmeſſen, Jahrmaͤrk⸗ ten und Baͤrenhetzen herum. 138 Das Wintermährchen. A. IV. Aut. Sehr wahr, Herr; der iſt es, Herr; das iſt der Schurke, der mich in dies Zeug geſteckt hat. D. j. Schaͤf. Kein ſo feiger Schurke in ganz Boͤhmenz haͤtteſt dn dich nur etwas in die Bruſt geworfen, und ihn angeſpuckt, ſo waͤre er davon gelaufen. Aut. Ich muß geſtehn, et ich bin kein Fechter; in dem Punkt ſteht es ſchwach mit mir; und das wußte er, das koͤnnt Ihr glauben. D. j. Schaͤf. Wie geht's dir nun? Aut. Viel beſſer als vorher, ſuͤßer Herr; ich kann ſtehn und gehen: Ich will nun Abſchied von Euch nehmen, und ganz ſachte zu meinem Vetter hingehen. D. junge Schaͤf. Soll ich dich auf den Weg bringen? Aut. Nein, ſchoͤner Herr; nein, mein ſuͤßer Herr. D. j. Schäf. So lebe denn wohl;z ich muß gehn und fuͤr unſere Schaſſchur Gewuͤrze kaufen. (er geht ab.) Aut. Viel Gluͤck, ſuͤßer Herr!— Dein Beutel iſt nicht heiß genug, um Gewuͤrz zu kaufen. Ich will Euch auch bei Eurer Schafſchur heimſuchen: Wenn ich aus dieſer Schelmerei nicht eine zweite hervor bringe, und die Schee⸗ rer nicht zu Schafen mache, ſo moͤge man mich ausſtoßen, und meinen Namen auf das Regiſter der Tugend ſetzen! Friſch auf, friſch auf, den Fußſteig geht, Ueber den Graben, luſtig in Eil' ja: Der Luſt'ge laͤuft von fruͤh bis ſpaͤt, Der Muͤrr'ſche kaum'ne Meil' ja. (er geht ab.) Dritte Sene (Florizel und Perdita treten auf.) Florizel. Dies fremde Kleid macht jeden deiner Reize Lebend'ger: keine Schaͤferin, nein, Flora, Dem fruhſten Lenz entſproſſen. Dieſe Schafſchur, Sz. 3. Das Wintermaͤhrchen. Verſammlung iſt ſie aller Liebesgotter, Und du biſt ihre Koͤn'gin⸗ Perd. Gnaͤd'ger Herr, Eu'r ſeltſam Thun zu ſchelten ziemt mir nichtz Verzeiht, ich nenn' es ſo: Eu'r hohes Selbſt, Des Landes holden Stern, habt Ihr verdunkelt Durch Bauerntracht; mich arme, niedre Magd Geputzt, gleich einer Goͤttin: Nur daß Herkomm' So Thoͤrigtes bei unſerm Feſte auftiſcht, Daß Alle deß gewoͤhnt, muͤßt' ich erroͤthen Euch in dem Kleid zu ſehn, gewaͤhlt, ſo mein' ich, Ein Spiegel mir zu ſeyn⸗ Flor. Heil jenem Tage, Als uͤber deines Vaters Grund hinflog Mein lieber Falke. Perd. Fuͤge ſich's zum Guten! Mich aͤngſtet dieſer Abſtand; Eure Hoheit Verſchmaͤht die Furcht: doch mich befaͤllt ein Zittern, Denk' ich, es koͤnn' ein Zufall Euren Vater, Wie Euch, des Weges fuͤhren: O, ihr Goͤtter! Wie wuͤrd' er ſtaunen, in ſo ſchlechtem Band Sein edles Buch zu ſehn? Was wuͤrd' er ſagen? Und ich, ſo in geborgtem Tand, wie koͤnnt' ich Die Strenge ſeines Blick's ertragen? Flor. Denke Jetzt nichts als Froͤhlichkeit. Die Goͤtter ſelbſt, ich vor der Liebe Gottheit bengend, huͤllten Sich ein in Thiergeſtalten: Jupiter, Er bruͤllt' als Stier; Neptun, der gruͤne, ward Ein Bock, und bloͤkt; der Gott im Feuerkleid, Apoll, der goldne, war ein armer Schaͤfer, Wie ich jetzt ſcheine: Sie verwandelten Sich nie um einer holdern Schoͤnheit willen, Noch in ſo reiner Meinung: denn mein Wunſch Geht nicht voraus der Ehr', und mein Verlangen Brennt heißer nicht als meine Treu'⸗ Perd. Doch, Prinz, Brecht Ihr dies Wort einſt, wenn, und ſo geſchieht's, Des Koͤnigs Macht ſich ihm entgegen ſtellt: Eins von den Beiden wird Nothwendigkeit,— Die dann gebeut; daß Eure Liebe ende, Wo nicht mein Leben. 140 Das Wintermaͤhrchen. A. IV. Flor. Theure Perdita, Verdunkle mit ſo fernen Sorgen nicht Des Feſtes Luſt: Dein will ich ſeyn, Geliebte, Oder des Vaters nicht; denn ich kann nimmer Mein eigen ſeyn, noch irgend wem geboͤren, Wenn ich nicht dein bin; hieran halt' ich feſt, Spricht auch das Schickſal:„Nein.“ Sey froͤhlich, Suͤße. Zerſtrene alle Sorgen ſo wie dieſe, Im Scherz der Gegenwart. Die Gäſte kommen: Erheit're dein Geſicht; als waͤre heut Der hochzeitliche Tag, den wir uns beide Geſchworen, daß er kommen ſoll. Perd. Fortuna Sey uns geneigt. (Es treten auf der alte und junge Schaͤfer mit vielen andern Schäfern, Polirenes und Camillo verkleidet unter ihnen. Mopſſa, Dorcas und andere Mädchen.) Flor. Sieh, deine Gaͤſte nah'n: Nun ſtimme dich, ſie froh zu unterhalten, Daß roth die Wangen ſind in Freud' und Scherz. D. a. Schäf. Pfui, 3i da noch meine Alt' am Leben, An dem Tag war ſie Schaffner, Kellner, Koch, Hausfrau und Magd; empfing, bediente jeden: Sang ihren Vers, tanzt' ihren Reih'n: bald hier, Zu oberſt an dem Tiſch, bald in der Mitte; Auf den gelehnt, und den: ihr Antlitz Feuer, Durch Arbeit und durch das womit ſie's loͤſchte, Denn Allen trank ſie zu: Du biſt ſo bloͤde, Als waͤr'ſt du von den Gaͤſten, nicht die Wirthin Des Hauſes: Bitte, geh' und heiß willkommen Die unbekannten Freunde; denn ſo werden Sie uns zu beſſern und bekanntern Freunden⸗ Komm, dämpfe dein Erroͤthen; zeige dich Vorſtand des Feſtes, wie du biſt: Komm her, Und heiß bei deiner Schafſchur uns willkommen, Daß dir gedeih' die Heerde. Perd. Czu Polixenes.) Herr, willkommen! Mein Vater will, daß ich der Hausfrau Amt Heut uͤbernehmen ſoll:— Ihr ſeyd willkommen! Gieb mir die Blumen, Dorcas.— Wuͤrd'ge Herrn, Fuͤr Euch iſt Rosmari und Raute, Friſche Und Duft bewahren ſie den ganzen Winter: Sz. Z. Das Wintermaͤhrchen. Sey Gnad' und Angedenken Euer Theil. Willkommen unſrer Schafſchur! Pol. Schaͤferin, Wie biſt du ſchoͤn; dem Alter ziemend ſchenkſt du Uns Winterblumen. 5 Perd. Wenn das Jahr nun altert,— Noch vor des Sommers Tod, und der Geburt Des froſt'gen Winters,— dann bluͤhn uns am ſchoͤnſten Blutnelken und die ſtreif'gen Liebesſtoͤckel, Baſtarde der Natur will man ſie nennen: Die traͤgt nicht unſer Bauergarten, Senker Von ihnen hab' ich nie geſucht. Pol. Weshalb Verſchmaͤhſt du ſie, mein holdes Kind? Perd. Ich hoͤrte, Daß, naͤchſt der großen ſchaffenden Natur, Auch Kunſt es iſt, die dieſe bunt faͤrbt. Pol. Sey's: Doch wird Natur durch keine Art gebeſſert, Schafft nicht Natur die Art: ſo, ob der Kunſt Die, wie du ſagſt, Natur beſtreitet, giebt es Noch eine Kunſt, von der Natur erſchaffen. Du ſiehſt, mein holdes Kind, wie wir vermaͤhlen Den edlern Sproß dem allerwild'ſten Stamm; Befruchten ſo die Rinde ſchlecht'rer Art Durch Knospen edler Frucht: Dies iſt'ne Kunſt, Die die Natur verbeſſert,— mind'ſtens aͤndert: Doch dieſe Kunſt iſt ſelbſt Natur. erd. So iſt es. Pol. Drum ſchmuͤck' mit Liebesſtoͤckel deinen Garten, Schilt ſie Baſtarde nicht. Perd. Den Spaten ſieck' ich Nicht in die Erd', ein einz'ges Reis zu pflanzen: So wenig als, waͤr' ich geſchminkt, ich wuͤnſchte, Daß dieſer Juͤngling mich drum lobt', und deshalb Nur wuͤnſchte mich zu frein.— Hier habt Ihr Blumen! Lavendel, Muͤnze, Salvey, Majoran; Die Ringelblum', die mit der Sonn' entſchlaͤft, Und weinend mit ihr aufſteht; das ſind Blumen Aus Sommersmitt', und die man geben muß Den Maͤnnern mittlern Alters: Sehd willkommen! Cam. Waͤr' ich aus deiner Heerd', ich ließ' die Auen, Und lebte nur vom Schauen. 142 Das Wintermaͤhrchen. A. IV. Perd. O weh! Ihr wuͤrdet So mager dann, daß durch und durch Euch blieſen Die Stuͤrme des Januar.— Nun, ſchoͤnſter Freund, Wuͤnſcht' ich mir Fruͤhlingsblumen, die ſich ziemen Fuͤr Eure Tageszeit; und Eur', und Eure, Die Ihr noch tragt auf jungfraͤulichem Zweig Die Maͤdchenknospe.— O Proſerpina! Haͤtt' ich die Blumen jetzt, die du erſchreckt Verlorſt von Plutos Wagen! Anemonen, Die, eh' die Schwalb' es wagt, erſcheinen, und Des Maͤrzes Wind mit ihrer Schoͤnheit feſſeln; Violen, dunkel, wie der Juno Augen, Suͤß wie Cytherens Athem; bleiche Primeln, Die ſterben unvermaͤhlt, eh' ſie geſchaut Des goldnen Phoͤbus maͤcht'gen Strahl, ein Uebel Das Maͤdchen oft befaͤllt; die dreiſte Maaßlieb; Die Kaiſerkrone, Lilien aller Art, Die Koͤnigslilie drunter! haͤtt' ich die, Dir Kron' und Kranz zu flechten, ſuͤßer Freund, Dich ganz damit beſtreuend! Flor. Wie den Leichnam? Perd. Mein, wie der Liebe Lager, drauf zu koſen, Nicht wie ein Leichnam: mind'ſtens nicht fuͤr's Grab, Nein, lebend mir im Arm. Kommt, nehmt die Blumen: Mich duͤnkt, ich recitire, wie ich's ſah Im Pfingſtſpiel: denn gewiß, dies Prachtgewand Verwandelt meinen Sinn. Flor. Was du auch thuſt, Iſt ſtets das Holdeſte. Sprichſt du, Geliebte, Wuͤnſch' ich, du thaͤt'ſt dies immer: wenn du ſingſt, Wuͤnſch' ich du kaufteſt, gaͤbſt Almoſen ſo, Saͤng'ſt dein Gebet, thaͤtſt jedes Hausgeſchaͤft Nur im Geſange: tanzeſt du, ſo wuͤnſch' ich, Du ſey'ſt'ne Meeresweli', und thaͤteſt nichts Als dies, ſtets in Bewegung, immerdar, Dies dein Geberden. All dein Thun und Wirken, So auserleſen im Gewoͤhnlichſten, Kroͤnt all dein Handeln, wie du's eben thuſt, Daß Koͤnigin iſt jeglich Walten. Perd. Doricles, Dein Lob iſt allzuhoch: wenn deine Jugend, Und treues Blut, das lieblich ſie durchleuchtet, Dich nicht als Schaͤfer aͤchten Sinn's bezeugte, Das Wintermaͤhrchen. Sz. 3. So muͤßt' ich weislich fuͤrchten, Doricles, Du wuͤrbeſt falſch um mich. Flor. Du haſt, ſo denk' ich, Zur Furcht ſo wenig Gab', als ich den Willen Sie zu erregen.— Doch zum Tanz, ich bitte: Gieb mir die Hand; ſo paaren Turteltauben, Die nimmer ſcheiden wollen. Perd. Darauf ſchwoͤr' ich. Pol. Dies iſt das ſchmuckſte Hirtenkind, das je Gehuͤpft auf gruͤnem Plan: nichts thut noch ſpricht ſie, Das nicht nach Groͤßrem ausſieht als ſie iſt, Zu hoch fuͤr ſolchen Platz, Cam. Er ſagt ihr etwas, Das ſie erroͤthen macht: Fuͤrwahr, ſie iſt Die Koͤnigin von Milch und Rahm. D. j. Schaͤf. Spielt auf. Dorc. Mopſa muß mit Euch tanzen: Knoblauch her, Um ihren Kuß zu wuͤrzen.— Wopſa. Sceht doch, ſeht! D. j. Schaͤf. Kein Wort, kein Wort; hier gilt's auf Sitte halten.— Spielt auf. (Muſik, Tanz der Schäfer und Schäferinnen.) Pol. Sprich, Schaͤfer, wer iſt jener ſchoͤner Hirt, Der jetzt mit deiner Tochter tanzt? D. a. Schaͤf. Sie nennen Ihn Doricles und er beruͤhmt ſich ſelbſt, Daß er vermoͤgend ſey: von keinem weiß ich's, Als nur von ihm, und glaub's; denn er ſieht aus Wie Wahrheit ſelbſt: Er ſagt, er liebt mein Maͤdchen; Ich ſchwoͤre drauf, denn niemals ſah der Mond So ſtarr in's Waſſer, als er ſteht, und gleichſam Der Tochter Blick ſtudirt; und, meiner Seele, Nicht einen halben Kuß betraͤgt es wohl, Wer mehr den andern liebt. Pol. Sie tanzt ſehr zierlich. D. a. Schaͤf. So thut ſie Alles; ob ich's ſelbſt ſchon ſage, Tuͤr den ſich's wohl nicht ſchickt: wenn Doricles Sie noch bekommt, ſo bringt ſie ihm was mit, Wovon er ſich nicht traͤumen laͤßt. (Ein Knecht tritt auf.) Rnecht. O Herr, wenn Ihr den Hauſirer vor der Thuͤr 144 Das Wintermaͤhrchen. A. IV. hoͤren koͤnntet, ſo wuͤrdet Ihr nie wieder nach Trommel und Pfeife tanzen; nein, ſelbſt der Dudelſack braͤchte Euch nicht auf die Beine: er ſingt ſo mancherlei Melodien, ſchneller als Ihr Geld zaͤhlt; ſie kommen ihm aus dem Munde, als haͤtte er Balladen gegeſſen, und aller Ohren haͤngen an ſeinen Worten⸗ D. j. Schaͤf. Er konnte nie gelegener kommen: er ſoll herein gehn. Eine Ballade liebe ich uͤber alles, wenn es eine traurige Geſchichte iſt, zu einer luſtigen Melodie, oder ein recht ſpaßhaftes Ding, und klaͤglich abgeſungen. Rnecht. Er hat Lieder, fuͤr Mann und Weib, lang und kurz: kein Putzhaͤndler kann ſeine Kunden ſo mit Handſchuh bedienen: er hat die artigſten Liebeslieder fuͤr Maͤdchen; ſo ohne Anſtoßigkeiten, und das iſt was Seltenes; und ſo feine Schlußreime mit Dideldum und Trallallaz und pufft ſie und knufft ſie; und wo ſo ein breitmauliger Flegel gleichſam was Boͤſes ſagen moͤchte, und mit der Thuͤr in's Haus fallen, da laßt er das Maͤdchen antworten: Heiſa, tbu mir nichts, mein Schatz; ſie fertigt ihn ab und laͤßt ihn lau⸗ fen mit: Heiſa, thu mir nichts, mein Schatz. pol. Das iſt ein allerliebſter Kerl. D. j. Schäf. Mein Seel, das muß ein außerordentlich gebildeter Kerlſeyn. Hat er Waaren von Bedeutung? Rnecht. Er hat Baͤnder von allen Farben des Regenbo⸗ gens; ſpitzige Haͤckeleien, mehr als alle Advokaten in Boͤh⸗ men handhaben koͤnnen, wollten ſie ſie ihm auch in Maſſe abnehmen; Garn, Wolle, Kammertuch, Leinewand hat er: und er ſingt ſie alle ab, als waͤren es lauter Goͤtter und Goͤt⸗ tinnen; ihr wuͤrdet denken, ein Weiberhemd waͤre ein weib⸗ licher Engel, ſo ſingt er Euch uͤber das Aermelchen und uͤber den Buſenſtreifen. D. j. Schaf. Ich bitte dich, bring' ihn her, und laß ihn mit Geſang herein kommen. Perd. Verbiete ihm, daß er keine unſchickliche Sachen in ſeinen Liedern anbringt. D. j. Schäf. O Schweſter, es giebt Hauſirer, die mehr auf ſich haben als du dir vorſtellſt. Perd. Ja, guter Bruder, oder mir vorſtellen mag. (Autolycus kommt ſingend herein.) Aut. Linnen, weiß wie friſcher Schnee; Kreppflor, ſchwaͤrzer als die Kraͤh'; Handſchuh, weich wie Fruͤhlingsraſenz Sz. 3. Das Wintermährchen. Masken fuͤr Geſicht und Naſen; Armband, Halsgehaͤng voll Schimmerz Rauchwerk fuͤr ein Damenzimmer: Goldne Muͤtz' und blanker Latz, Junggeſell, fuͤr deinen Schatz: Nadeln, Zeug' in Woll' und Seiden, Sich von Kopf zu Fuß zu kleiden. Kauft, Burſche, daß ich Handgeld loͤſe! Kauft, kauft, ſonſt wird das Mädchen boͤſe! D. j. Schäf. Wenn ich nicht in Mopſa verliebt waͤre, ſo ſollteſt du mir kein Geld abnehmen: aber da ſie mich ein⸗ mal weg hat, ſollſt du auch einige Baͤnder und Handſchuhe los werden. Wopſa. Sie wurden mir ſchon zu dem Feſt verſprochen, aber ſie kommen nun auch noch fruͤh genug. Dorc. Er hat dir mehr als das verſprochen, wenn es keine Luͤgner hier giebt. Mopſa. Dir hat er alles bezahlt, was er dir verſprach: vielleicht auch noch mehr; und was dir Schande machen wuͤrde, ihm wieder zu geben. D. j. Schaͤf. Sind denn gar keine Manieren mehr unter den Maͤdchen? wollen ſie ihre Unterroͤcke da aushaͤngen, wo ſie ihre Geſichter tragen ſollten? Iſt denn keine Zeit beim Melken, wenn Ihr zu Bette geht, oder am Backofen, von dieſen Heimlichkeiten zu fluͤſtern; daß Ihr Euer Kikelkakel vor allen Gaͤſten ausſchreien muͤßt? Zum Gluͤck ſprechen ſie heimlich mit einander: Halt's Maul mit Euren Zungen, und kein Wort mehr. Mopſa. Ich bin fertig. Komm, du verſprachſt mir ein blankes Schnuͤrband, und ein Paar wohlriechende Handſchuh. D. j. Schäf. Hab' ich dir denn nicht erzaͤhlt, wie ich unterwegs geprellt ward, und um all mein Geld kam? Aut. Freilich, Herr, es giebt Gauner hier herum; dar⸗ um muß der Menſch auf ſeiner Hut ſeyn. D. j. Schäf. Fuͤrchte du dich nicht, Mann, du ſollſt hier nichts verlieren. Aut. Das hoff ich, Herr, denn ich habe manch Stuͤck von Werth bei mir. D. j. Schäf. Was haſt du da? Balladen? Mopſa. Ei, bitte, kauf' ein Paar: eine Ballade gedruckt hab' ich fuͤr mein Leben gern; denn da weiß man doch gewiß, daß ſie wahr ſind.. VIII. 10 146 Das Wintermaͤhrchen. A. W. Aut. Hier iſt eine auf eine gar klaͤgliche Weiſe: Wie eines Wucherers Frau in Wochen kam, mit zwanzig Geldſaͤcken; und wie ſie ein Geluͤſt hatte nach Schlangenkoͤpfen und frikaſ⸗ ſirten Kroͤten. Mopſa. Glaubt Ihr, daß das wahr iſt? Aut. Gewiß wahr; und erſt vor einem Monat geſchehn. Gott bewahre mich davor, einen Wucherer zu hei⸗ rathen! Aut. Hier iſt der Name der Hebamme, einer gewiſſen Frau Schwatzmann; und von noch fuͤnf oder ſechs ehrlichen Frauon⸗ die dabei waren: Warum ſollte ich wohl Lugen herum tragen? Wopſa. Bitte, kauf' das. D. j. Schäf. Schon gut, legt es bei Seit'; und zeige uns erſt noch mehr Balladen; die anderen Sachen wollen wir auch gleich kaufen. Aut. Hier iſt eine andere Ballade, von einem Fiſch, der ſich an der Kuͤſte ſehen ließ, Mittewochs den achtzigſten April, vierzigtauſend Klafter uͤber dem Waſſer, der ſang dieſe Ballade gegen die harten Herzen der Maͤdchen: man glaubt, er ſey ein Weib geweſen, die in einen kalten Fiſch verwandelt ward, weil ſie einen der ſie liebte, nicht gluͤcklich machen wollte: Die Ballade iſt ſehr klaͤglich und eben ſo wahr. Dore. Glanbt Ihr, daß das auch wahr iſt? Aut. Fuͤnf Beamte haben es unterſchrieben; und Zeugen, mehr als mein Packet faſſen kann. D. j. Schaͤf. Legt es auch bei Seit: Noch eine. Aut. Dies iſt eine luſtige Ballade; aber eine ſehr huͤbſche. Mopſa. Einige luſtige muͤſſen wir auch haben. Aut. Nun, dies iſt eine ſehr luſtige; und ſie geht auf die Melodie: Zwei Maͤdchen freiten um einen Mann: es iſt kaum ein Maͤdchen da nach dem Weſten zu, das ſie nicht ſingt; ſie wird ſehr geſucht, das kann ich Euch ſagen. Mopſa. Wir beide koͤnnen ſie ſingen: willſt du eine Stimme ſingen, ſo kannſt du ſie hoͤren; ſie iſt dreiſtimmig. Dorc. Wir haben die Weiſe ſchon ſeit einem Monat. Aut. Ich kann meine Stimme ſingen; Ihr muͤßt wiſſen, das iſt eigentlich meine Beſchaͤftigung. Nun fangt an. Geſang. Aut. Fort mit dir, denn ich muß gehn; Doch wohin, darfſt du nicht ſehn⸗ Dorc. Nicht doch! Mopſa. O, nicht doch! Sz. 3. Das Wintermaͤhrchen. 147 Dorc. Nicht doch! Wopſa. Soll ich traun auf deinen Eid, Sag' mir deine Heimlichkeit: Dorc. Nimm mich mit, wohin: O, ſprich doch? Wopſa. Geht's zur Muͤhle? geht's zur Scheuer? Dorc. Iſt es, ſo bezahlſt du's theuer⸗ Ant. Nicht doch! Dorc. Wie, nicht doch? Aut. Nicht doch! Dore. Schworſt du nicht, mein Schatz zu ſeyn? WMopſa. Rein, du ſchworſt es mir allein: Wohin denn gehſt du, ſprich doch? D. j. Schäf. Wir wollen dies Lied fuͤr uns zu Ende ſingen: Mein Vater und die Herren ſind in einem ernſt⸗ haften Geſpraͤch, und wir wollen ſie nicht ſtoͤren: Komm, und nimm dein Packet mit. Dirnen, ich will Euch bei⸗ den was kaufen:— Kraͤmer, laß uns zuerſt ausſuchen.— Kommt mir nach, Kinder. Aut.(beiſeit.. Und du ſollſt gut fuͤr ſie bezahlen. (ſingt:) Kauft Band und Spitzen, Schnuͤr' an die Muͤtzen! Mein Huͤhnchen, meine Kleine da? Auch Zwirn und Seide, Und Kopfgeſchmeide, Die neuſte Waar', ganz feine ja. Wer nur dem Kraͤmer Geld giebt, da, nehm' er, Der ganze Pack iſt ſeine, ha! (Der junge Schäfer, Autolycus, Dorcas und Mopſa gehn ab.) (Ein Knecht tritt auf.) Rnecht. Herr, da ſind drei Fuhrknechte, drei Schaͤ⸗ ferknechte, drei Ochſenknechte und drei Schweineknechte, die haben ſich ganz zu Menſchen voller Haare gemacht; ſie nennen ſich ſelber Saalthiere, und ſie haben einen Tanz, von dem die Dirnen ſagen, es iſt ein Gemengſel von Luft⸗ ſpruͤngen, weil ſie nicht mit dabei ſind. Aber ſie ſelbſt ſind der Meinung,(wenn es nicht zu wild iſt, fuͤr Einige, die von nichts wiſſen als von Laͤndern und Walzen) es wuͤrde ausnehmend gefallen. D. a. Schaͤf. Fort damit! wir wollen es nicht; wir haben ſchon zu viel baͤuriſche Narrenspoſſen gehabt:— Ich weiß, Herr, wir machen Euch Langeweile. 2 10* 148 Das Wintermaͤhrchen. A. IW. Pol. Ihr macht denen Langeweile, die uns Kurzweil bringen: Ich bitte Euch, laßt uns dieſe vier Dreiheiten von Knechten ſehn. Rnecht. Drei von ihnen haben, wie ſie ſelbſt ſagen, vor dem Koͤnige getanzt: und nicht der Schlechteſte von den Dreien, der nicht zwoͤlf und einen halben Fuß in der Breite ſpringen kann. D. a. Schäf. Laß dein Schwatzen; und da es dieſen werthen Maͤnnern recht iſt, moͤgen ſie herein kommen; aber denn auch gleich. BRnecht. Ei, ſie ſtehn ſchon vor der Thuͤr. (der Knecht geht ab.) (Zwölf Bauern kommen als Satyrn verkleidet, ſie tanzen und gehn ab.) Pol. Ja, Vater, W mehr dereinſt erfahren.— eiſeit. Ging's nicht zu weit ſchon?— Zeit iſt's ſie zu trennen.— In Einfalt ſagt er g'nug.— Claut.) Nun, ſchoͤner Schaͤfer, Eu'r Herz iſt voll von etwas, das vom Feſt Den Sinn Euch ablenkt. Wahrlich, als ich jung Und ſo verliebt wie Ihr, da uͤberlud ich Mit Tand mein Maͤdchen: ausgepluͤndert haͤtt' ich Des Kraͤmers ſeidnen Schatz, und ihr zu Fuͤßen Ihn ausgeſchuͤttet; doch ihr ließ't ihn gehn, Und kauftet nichts: wenn Eure Liebſte ſich Zu deuten dies erlaubt, und ſchilt es Mangel An Lieb' und Großmuth, ſeyd Ihr wohl verlegen Um eine Antwort, iſt's Euch wirklich Ernſt, Ihr Herz Euch zu bewahren. Flor. Alter Herr, Ich weiß, ſie achtet nicht auf ſolchen Tand: Geſchenke, die von mir ſie hofft, ſind im Verſchluß von meinem Herzen; das iſt ſchon Ihr Eigenthum, wenn auch nicht uͤberliefert.— Vernimm mein Innerſtes vor dieſem Greis, Der, wie es ſcheint, auch einſt in Liebe war: Hier nehm' ich deine Hand, die theure Hand, Wie Flaum von Tauben weich, und ganz ſo weiß Wie eines Mohren Zahn, wie friſcher Schnee, Der zweimal ward vom Nordwind rein geſiebt. Pol. Und weiter dann?— Sz. 3. Das Wintermaͤhrchen. 149 Wie huͤbſch der junge Mann zu waſchen ſcheint Die Hand, ſo weiß vorher!— Ich macht“ Euch irre:— Doch fahrt nun fort in der Betheurung; laßt Mich hoͤren, was Ihr ſchwoͤrt. Flor. Wohl, ſeyd mein Zenge⸗ pol. und hier mein Nachbar auch? Flor. Und er, und mehr Als er und Menſchen, Himmel, Erd' und Alles: Daß,— truͤg' ich auch des groͤßten Reiches Krone, Als Wuͤrdigſter; waͤr' ich der ſchoͤnſte Juͤngling Der je ein Aug' entzuͤckt; an Kraft und Wiſſen Mehr als ein Menſch,— dies Alles ſchaͤtzt' ich nichts, Ohn' ihre Lieb', ihr ſchenkt ich Alles dann: In ihrem Dienſt nur wuͤrd' es niedrig, hoch, Oder als nichts verdammt. Pol. Ein hohes Wort. Cam. Dies zeugt von ſtarker Liebe. D. a. Schäf. Meine Tochter, Sagſt du ihm eben das? Perd. Ich kann ſo gut Richt reden, nichts ſo thun; nicht beſſer fuͤhlen: Nach meines eignen Sinnes Klarheit meß' ich Des ſeinen Reinheit. D. a. Schäf. Schließt es, gebt die Haͤnde;— Und, unbekannte Freund', Ihr ſeyd uns Zeugen: Die Tochter geb' ich ihm, und ihre Mitgift Mach' ich der ſeinen aleich. Flor. Das koͤnnt Ihr nur In Eurer Tochter Werth: Wenn Jemand ſtirbt, Hab' ich einſt mehr, als Ihr Euch traͤnmen laßt; Genug fuͤr Euer Staunen. Jetzt verbindet Vor dieſen Zeugen uns. D. a. Schäf. So gebt die Hand;— Auch, Tochter, du. pol. Halt, Juͤngling, noch ein wenig. Haſt du'nen ſell derꝛ or. Ja: Doch was ſoll der? Pol. Weiß er davon? Flor. Nein, und er ſoll auch nicht. Pol. Ein Vater, duͤnkt mich, Iſt bei des Sohnes Hochzeitfeſt ein Gaſt Der ſeinen Tiſch am meiſten ſchmuͤckt. Sprich, bitte, Iſt nicht dein Vater zu vernuͤnft'gem Thun 1⁵⁰ Das Wintermährchen. A. W. Unfaͤhig? auch nicht bloͤd geſinnt vor Alter? Von Gicht betaͤnbt? kann er noch ſprechen, hoͤren? Sein Gut verwalten? Menſchen unterſcheiden? Liegt er gelaͤhmt im Bett, und handelt nur Wie kind'ſches Alter? Flor. Nein, mein guter Herrz Er iſt geſund, und wen'ge ſeiner Jahre Sind ſo voll Kraft. Pol. Bei meinem weißen Bart, Ihr thut ihm, iſt es ſo, ein Unrecht, das Nicht einem Kinde ziemt: Recht iſt's, daß ſich Mein Sohn ſelbſt waͤhlt die Braut; doch recht nicht minder, Daß auch der Vater, deſſen groͤßte Freude Die Enkel ſind, zu Rath gezogen werde Bei dieſem Schritt. Flor. Das will ich nicht beſtreitenz Doch wegen andrer Gruͤnde, ſtrenger Herr, Die Ihr nicht wiſſen duͤrft, ſagt' ich dem Vater Von meinem Vorſatz nichts. Pol. Doch laßt's ihn wiſſen. Flor. Er ſoll nicht. Pol. Thut's, ich bitt' Euch. lor. Nein, er darf nicht. D. a. Schaͤf. Thu's, lieber Sohn: er hat ſich nicht zu graͤmen, Erfaͤhrt er deine Wahl. Flor. Nein, nein, er darf nicht:— Jetzt zur Verloͤbniß. Pol.(indem er ſich zu erkennen giebt.) Jetzt zur Schei⸗ dung, Knabe, Den ich nicht Sohn mehr nennen darf; zu niedrig Fuͤr dieſes Wort: der ſeinen Scepter tauſcht Um einen Schaͤferſtab!— Greiſer Verraͤther, Laſſ' ich dich haͤngen, kurz ich leider nur Dein Leben um acht Tage.— Und du, Prachtſtuͤck Ausbuͤnd'ger Hexenkunſt, die kennen mußte Den Koͤnigsnarren, der ihr nachlief;— D. a. Schaf. O, mein Herz! Pol. Der Dorn ſoll deine Schoͤnheit dir zergeißeln, Bis ſie nichtswuͤrd'ger wird als deine Herkunft.— Dir ſag' ich, junger Thor,— erfahr' ich je Daß du nur ſeufzeſt, weil du nie mehr, nie Dies Ding hier ſiehſt, wie du gewiß nicht ſollſt, Sz. 3. Das Wintermaͤhrchen. 151 Verſchließ' ich dir dein Erbrecht; nenne dich Mein Blut nicht, ja, mir auch nicht anverwandt, Fern von Deucalion her:— Merk' auf mein Wort, Folg' uns zum Hof.— Du Bauer, fuͤr diesmal, Ob unſers Zorus gleich voll, doch freigeſprochen Von ſeinem Todesſtreich:— Und du, Bezaub'rung, Wohl eines Schafknechts werth, ja, ſein ſogar, Fuͤr den du, waͤr mein Ruhm dadurch nicht krank, Zu gut noch biſt, wenn du von jetzt an, wieder Fuͤr ihn den Riegel dieſer Huͤtte oͤffneſt, Und ſeinen Leib mit deinem Arm umklammerſt,— S ih F it ſo grauſam, ie du fuͤr ſie zu zart biſt. Cer geht ab) Perd. Nun ſchon jetzt vernichtet; Ich war nicht ſehr erſchreckt: denn ein, zwei Mal, Wollt' ich ſchon reden; wollt' ihm offen ſagen, Dieſelbe Sonn“, an ſeinem Hofe leuchtend, Verberg' ihr Antlitz nicht vor unſrer Huͤtte, Und ſchau auf beide gleich.— Wollt Ihr nun gehn, mein Prinz? Ich ſagt' Euch, was draus werden wuͤrde: Bitte, Denkt Eures Standes nun: der Traum von mir,— Erwacht, bin ich kein Zoll mehr Koͤn'gin, nein, Die Schafe melk ich, weine. Cam. Nun, Vater, wie? Sprich, eh' du ſtirbſt. D. a. Schäf. Nicht denken, ſprechen kann ich, Sehun mir nicht zu wiſſen, was ich weiß.— rinz! Elend macht Ihr den Mann von dreiundachtzig, Der ohne Angſt ſein Grab zu fullen dachte; Im Bett zu ſterben, wo mein Vater ſtarb, Sanz nah bei ſeinem ehrbarn Staub zu liegen: Jetzt hullt ein Henker mich in's Leichenhemd, Wirft hin mich, wo kein Prieſter Erde ſtreut.— Gottloſes Ding! die du den Prinzen kannteſt, Und hatt'ſt das Herz, dich mit ihm zu verloben.— O, Unheil! Unheil! Stuͤrb' ich dieſe Stunde, Haͤtt' ich's erlebt zu ſterben recht nach Wunſch⸗ (er geht ab.) Flor. Was ſeht Ihr mich ſo an? Ich bin verſtoͤrt, nicht abgeſchrecktz verhindert, Doch nicht veraͤndert: Was ich war, das bin ich: 152 Nur muth'ger ſtrebe ich vor, zieht man mich ruͤckwaͤrts, Nicht folg' im Mißmuth ich dem Zuͤgel. Cam. Prinz, Ihr kennt des Vaters Sinnesart: fur jetzt Iſt nicht mit ihm zu ſprechen,— und, ich denke, Das iſt auch Eure Abſicht nicht;— ſo wird er Auch Euren Anblick kaum ertragen, fuͤrcht' ich; Drum, bis der Zorn der Majeftat ſich ſtillt, Erſcheinet nicht ehe or. Ich will auch nicht. Ihr ſeyd Camillo?— Cam. Ja, mein gnaͤd'ger Herr. Perd. Wie oft ſagt' ich Euch nicht, ſo wuͤrd' es kommen? Wie oft ſprach ich, die Wuͤrde trag' ich nur, Bis es bekannt wird? Flor. Nichts kann ſie dir nehmen, Als meiner Treue Bruch; Und leichter mochte Natur der Erde Woͤlbung wohl zerdrucken, Und allen innern Lebenskeim vernichten!— Erheb' den Blick;— Streich, Vater, mich als Erbe Des Reiches aus, bleibt mir doch meine Liebe! Cam. Nehmt Rath an. Flor. Ich thu's, von meinem Herzen: wenn Vernunft Sich ihm gehorſam fuͤgt, hab' ich Vernunft; Wo nicht, heißt mein Gemuͤth Wahnſinn willkommen, Als beſſern Freund. Cam. Das iſt Verzweiflung, Prinz. Flor. So nennt es: aber meinen Schwur erfullt es; Und ſo muß mir es Tugend ſeyn. Camillo, Fuͤr Boͤhmen nicht, noch jenen Pomp, den etwa Ich hier verliere; fuͤr Alles, was die Sonne Erblickt, die Erd' umwoͤlbt, die See verbirgt In dunkeln Tiefen, brech' ich meinen Eid Hier der Geliebten: Darum bitt' ich dich, Wie du ſtets meines Vaters Freund geweſen, Wenn er mich nun entbehrt, wie ich ihn nie mehr Zu ſehn gedenke, ſaͤnft'ge ſeinen Zorn Durch gutes Wort: Ich und mein Gluͤck wir ringen Nun kuͤnſtig miteinander. Dies nur wiſſe, Und ſag' es ihm,— ich ſey zur See gegangen, Mit ihr, die ich im Lande nicht kann ſchuͤtzen; Und, hoͤchſt erwuͤnſcht fuͤr unſte Noth, liegt mir Das Wintermaͤhrchen. A. IV. Dies, faſt ein Wunder, ſollte moͤglich ſeyn? Sz 3. Das Wintermährchen. Ein Schiff vor Anker hier, zwar nicht geruſtet Fuͤr dieſen Zweck. Wohin mein Lauf ſich wendet Frommt deiner Kenntniß nicht, noch paßt es mir Es dir zu ſagen. Cam. Prinz, ich wuͤnſchte, daß Sich Euer Geiſt dem guten Rath mehr fuͤgte, Wenn ihn nicht Noth bezwingen ſoll. Flor. Horch, Perdita.— Ich hoͤr' Euch gleich. Eam. Er iſt ganz unbeweglich Zur Flucht entſchloſſen: Glucklich waͤr' ich jetzt, Koͤnnt ich ſein Weggehn mir zum Vortheil kehren: Vor Leid ihn ſchuͤtzen, Lieb' und Dienſt ihm weihn; Siciliens theuren Anblick ſo erkaufen, Und meines Herrn, des ungluͤckſel'gen Koͤnigs, Den ich zu ſehn verſchmachte. Flor. Nun, Camillo, Von ungewohnten Sorgen ſo belaſtet, Vergaß ich Hoͤflichkeit. Cam. Mein Prinz, ich glaube Ihr wißt, wie ganz mein armer Dienſt, in Liebe Sich Eurem Vater weihte. Flor. Ja, hoͤchſt edel Haſt du ihm ſtets gedient: ihm iſt's Muſik, Dein Thun zu preiſen: nicht ſein kleinſtes Sorgen, Es ſo zu lohnen wie er deß gedenkt. Cam. Wohl, Prinz, Glaubt Ihr im Ernſt, daß ich den Koͤnig liebe, Und, ſeinethalb, was ihm am naͤchſten ſteht, Eu'r thenres Selbſt; ſo laßt durch mich Euch leiten, Wenn Eu'r gewicht'ger, uͤberlegter Plan Veraͤnd'rung dulden mag: Bei meiner Ehre, Ich fuͤhr Euch hin, wo man Euch ſo empfaͤngt, Wie Eurer Hoheit ziemt; ihr der Geliebten Euch moͤgt erfreun,(von der, das ſeh' ich wohl, Euch nichts mehr trennt, als eins, und das verhuͤte Der Himmel! Euer Tod) Euch ihr vermaͤhlen, Und ſeyd Ihr fort, ſuch' ich mit aller Muͤh' Den mißvergnuͤgten Vater zu beſaͤnft'gen, Und zur Verſoͤhnung ihn zu ſtimmen. Flor. Wie! . 154 Das Wintermaͤhrchen. A. IV. Dann nenn' ich mehr dich als ein menſchlich Weſen, Und will dir ſo vertraun. Cam. Habt Ihr beſtimmt Nach welchem Land Ihr ſchiffen wollt? Flor. Noch nicht: Denn wie der unverſeh'ne Zufall ſchuld An dem iſt, was wir raſch beginnen; ſo Ergeben wir als Sclaven uns dem Wechſel, Und folgen jedem Windeshauch. Cam. So hoͤrt mich: 6 Ich rath' Euch,— wollt Ihr Euren Plan nicht aͤndern, Dind Euch der Flucht vertrann;— geht nach Sicilien; Und ſtellt Euch dort, mit Eurer ſchoͤnen Fuͤrſtin, (Das wird ſie, wie ich ſeh') Leontes vor; Man wird ſie wohl empfangen, wie ſich's ziemt Fuͤr Euer Eh'gemahl. Ich ſehe ſchon Leontes, wie er weit die Arme oͤffnet, Und Willkomm Euch entgegen weint: Vergebung Von Euch, dem Sohn, erfleht, als waͤr's der Vater: Die Haͤnde kußt der jugendlichen Fuͤrſtin: Jetzt denkt er ſeiner Haͤrte, jetzt der Liebe; Verwuͤnſcht den Haß zur Hoͤll', und wuͤnſcht, daß Liebe Noch ſchneller wachſ als Stunden und Gedanken. Flor. Mein wuͤrdigſter Camillo, Welch einen Anſtrich geb' ich dem Beſuch? Cam. Daß Euch der Koͤnig, Euer Vater, ſendet, um ihn zu gruͤßen, ihn zu troͤſten. Prinz, Die Art, wie Ihr vor ihm Euch zeigen muͤßt, Was Ihr von Eurem Vater ihm ſollt melden, Was nur uns Drei'n bekannt, ſchreib' ich Euch auf: Dies zeigt Euch an, was Ihr zu ſagen habt In jeglichem Geſpraͤch; ſo muß er denken, Ihr bringt des Vaters eigne Seele mit, Und ſprecht ſein ganzes Herz. Flor. Ich dank' Euch innig: In dieſem Plan iſt Leben. Cam. Mehr verheißt Euch dies, Als gebt Ihr Euch in blinder Unterwerfung Pfadloſen Fluthen, ungetraͤumten Kuͤſten, Gewiſſem Elend, huͤlf⸗ und rathlos hin: Ein Leid beſiegt, droht Euch das zweite ſchon: Nichts Euch ſo treu, als Euer Anker, der, Thut er den beſten Dienſt, dort feſt Euch haͤlt Sz.3. Das Wintermaͤhrchen. 155 Wo wider Willen Ihr verweilt: Auch wißt Ihr, Gluͤck iſt allein das wahre Band der Liebe; Mit ihrem friſchen Roth verwandelt auch Ihr Herz die Truͤbſal. Perd. Eines nur iſt wahr; die Wange wohl, och dringt ſie nicht in's Herz. Cam. So, glaubt Ihr das? Es wird wohl deines Vaters Haus nicht wieder, In ſieben Jahren ſolch ein Kind geboren. Flor. Sie iſt in ihrem Adel mehr voraus, Als ſie zuruͤck in unſerm Stammbaum ſteht. Cam. Bedauern kann ich nicht, daß Unterricht Ihr mangelt; denn ſie meiſtert jeden Lehrer. Perd. Zu viel, mein Herr; Errothen iſt mein Dank. Flor. Du ſuͤße Perdita!— Doch, o, wir ſtehn auf Dornen hier! Camillo,— Du Retter meines Vaters, jetzt der meine; Du unſres Hauſes Arzt!— was ſoll'n wir thun? Wie Boͤhmens Sohn ſind wir nicht ausgeſtattet; Noch werden wir dort ſo erſcheinen. Cam. Prinz, Das furchtet nicht: Ihr wißt, mein ganz Vermogen Liegt dort; und meine Sorge ſey's, ſo fuͤrſtlich Euch auszuſtatten, als wenn Ihr fuͤr mich, Auf meiner Buͤhne ſpieltet. Und zum Beiſpiel, Damit Ihr ſeht, daß nichts Euch mangelt— Hoͤrt⸗ (ſie ſprechen heimlich mit einander.) (Autolycus tritt auf.) Aut. Ha, ha! was fuͤr ein Narr iſt doch Ehrlichkeit! und Redlichkeit, ihr geſchworner Bruder, iſt ein recht ein⸗ faͤltiger Herr! Ich habe alle meinen Plunder verkauft; kein unaͤchter Stein, kein Band, Spiegel, Biſamkugel, Spange, Taſchenbuch, Ballade, Meſſer, Zwirnſtrahn, Hand⸗ ſchuh, Schuhriemen, Armband, Hornring mehr, iſt mir geblieben, ſie draͤngten ſich danach, wer zuerſt kaufen ſollte; als wenn alle meine Lumpereien geweiht waͤren, und dem Kaͤufer einen Segen braͤchten: Durch dies Mittel ſah ich nun, weſſen Börſe das beſte Anſehn hatte; und was ich ſah, das merkte ich mir zu beliebigem Gebrauch. Mein junger Narr, dem nur etwas fehlt, um ein vernuͤnftiger Menſch zu ſeyn, war ſo in die Dirnenlieder verliebt, daß er nicht wan⸗ 156 Das Wintermaͤhrchen. A. IV. ken und weichen wollte, bis er Text und Weiſe hatte; und dies zog die ganze andre Heerde ſo zu mir, daß alle ihre uͤbrigen Sinne in den Ohren ſteckten: ich haͤtte einen Schluͤſſel abfeilen koͤnnen, den ſie an einer Kette trugen: kein Gehoͤr, kein Gefuͤhl, als fuͤr die Lieder meines Bur⸗ ſchen, und die Bewunderung ihres Nichts. So daß ich, waͤhrend dieſer Betaͤubung, die meiſten ihrer feſtlichen Boͤr⸗ ſen abſchnitt und erſchnappte; und waͤre nicht der Alte dazu gekommen, mit einem Halloh uͤber ſeine Tochter und den Sohn des Koͤnigs, womit er meine Kraͤhen von dem Kaff ſcheuchte, ſo haͤtte ich in der ganzen Armee nicht Eine Boͤrſe am Leben gelaſſeu. Cam. Nein, meine Brief', auf dieſem Weg zugleich Mit Euch dort, werden jeden Zweifel loͤſen. Flor. Die Ihr mir von Leontes wollt verſchaffen— Cam. Beruh'gen Euren Vater. Flor. Seyd geſegnet! Was Ihr nur ſagt begluͤckt. Cam. Wer iſt das hier? Wir woll'n zum Werkzeng ihn gebrauchen; nichts Bleib' unbenutzt, was uns nur helfen kann. Aut.(beiſeit.) Wenn die mich behorcht haben,— dann— haͤngen⸗ Cam. He da, guter Freund! Warum zitterſt du ſo? Fuͤrchte dich nicht; hier thut man dir nichts zu leide. Aut. Ach Herr, ich bin ein armer Kerl. Cam. Nun, das magſt du bleiben; hier iſt niemand, der dir das nehmen wird: Doch, was die Außenſeite dei⸗ ner Armuth betriſſt, da muͤſſen wir einen Tauſch treffen: darum entkleide dich ſogleich, du mußt wiſſen, daß es drin— gend iſt, und wechſle die Gewaͤnder mit dieſem Herrn: ob⸗ wohl der Verluſt auf ſeiner Seite bedeutend genng iſt, ſo ſollſt du doch außerdem noch dies zum Erſatz erhalten. Aut. Ach Herr, ich bin ein armer Kerl:— C(für ſich.) Ich kenne Euch recht gut. Cam. Nun, mach fort: Der Herr iſt ſchon halb ab⸗ geſtreift. Aut. Iſt es Euer Ertſt, Herr? Cfür ſich.) Ich wittre die Geſchichte. Flor. Mach fort, ich bitte dich. Aut. Freilich hab' ich ſchon Geld darauf bekommen; aber ich kann es doch mit gutem Gewiſſen nicht nehmen. Cam. Knoͤpf' los, knoͤpf' los.— Sz. 3. Das Wintermaͤhrchen. 157 (Florizel und Autolycus tauſchen die Kleider.) Begluͤckte Herrin,— moͤge dieſes Wort Sich Euch erfullen!— Zieht Euch nun zuruͤck In jenes Dickicht; nehmt des Liebſten Hut, Und druͤckt ihn in die Stirn: verhuͤllt das Antlitz; Verkleidet Euch: verſtellt, ſo viel Ihr koͤnnt, Das was Ihr wirklich ſeyd; daß Ihr gelangt (Denn Späher fuͤrcht ich uberall) an Bord, Und unentdeckt. perd. Ich ſeh', das Spiel iſt ſo, Daß ich die Rolle nehmen muß. Cam. Da hilſt nichts.— Nun, ſeyd Ihr fertig? Flor. Saͤh' mich jetzt mein Vater, Er nennte mich nicht Sohn. Cam. Nein, dieſen Hut Bekommt Ihr nicht.— Kommt, Fraͤulein.— Du lebe wohl. Aut. Lebt wohl, Herr. Flor. O Perdita, was haben wir vergeſſen! Komm, nur ein Wort.(ſie reden heimlich.) Cam.(beiſeit.) Mein erſt S iſt nun, dem Koͤnig agen, Daß ſie entflohn, wohin ſie ſich gewendet; Wodurch, das hoff' ich, er bewogen wird, Schnell nachzucilen: mit ihm werd ich dann Sicilien wieder ſehn, nach deſſen Anblick Ich krankhaft ſchmachte. Flor. Gluͤck ſey unſer Fuͤhrer!— So gehn wir denn, Camillo, nach dem Strand. Cam. Je ſchneller, um ſo beſſer. (Florizel, Perdita, Camillo gehn ab.) Aut. Ich verſtehe den Handel, ich hoͤre jedes Wort: Ein offnes Dhr, ein ſcharfes Auge, und eine ſchnelle Hand, ſind einem Beutelſchneider unentbehrlichz eine gute Naſe ge⸗ hoͤrt auch dazu, Arbeit fur die andern Sinne auszuwittern. Ich ſehe, dies iſt eine Zeit, in der der Ungerechte gedeiht. Welch ein Tauſch waͤre dies geweſen, auch ohne Ueberſchuß? und welch ein Ueberſchuß iſt noch bei dieſem Tauſch? Wahr⸗ haftig, in dieſem Jahre ſehn uns die Goͤtter durch die Finger, und wir koͤnnen alles ex tempore thun. Der Prinz ſelbſt iſt auf Schelmereien aus; und ſtiehlt ſich von ſeinem Vater weg mit dem Klotz am Bein: Daͤcht ich— es waͤre ein ehr⸗ 158 Das Wintermaͤhrchen. A. IV. liches Stuͤckchen, dem Koͤnig was davon zu ſagen,— ſo wollte ich— es nicht thun:— Ich halte es fuͤr die groͤßere Schurkerei, es zu verſchweigen, und bleibe meinem Beruf getreu.(Der alte und der junge Schäfer kommen.) Bei Seit, bei Seit;— hier iſt noch mehr Stoff fuͤr ein feu⸗ riges Gehirn. Jede Gaſſenecke, jeder Laden, Kirche, Si⸗ dung, Hinrichtung, giebt einem aufmerkſamen Mann was zu thun. D. j. Schaͤf. Seht, ſeht; was Ihr fuͤr ein Mann ſeyd! es iſt kein ander Mittel, als dem Koͤnige zu ſagen, daß ſie ein Wechſelkind und nicht Euer Fleiſch und Blut iſt⸗ D. a. Schaͤf. Nein, aber hoͤre mich. D. j. Schäf. Nein, hoͤrt Ihr mich⸗ D. a. Schaͤf. Nun, ſo ſprich. D. j. Schaͤf. Da ſie nicht Euer Fleiſch und Blut iſt, hat Euer Fleiſch und Blut den Koͤnig nicht beleidigt; und ſo kann er Euer Fleiſch und Blut nicht ſtrafen. Zeigt die Sachen, die Ihr mit ihr gefunden habt; die geheimnißvollen Sachen alle, außer denen, die ſie bei ſich hat: Wenn Ihr das thut, vn 1 ſich das Geſetz nur das Maul wiſchen; dafuͤr ſteh' uch. D. a. Schaͤf. Ich will dem Koͤnig alles ſagen, jedes Wort, ja, und ſeines Sohnes Schelmerei auch; der, das kann ich wohl ſagen, kein ehrlicher Mann iſt, weder gegen ſeinen Vater, noch gegen mich, daß er ſo darauf aus war, mich zu des Koͤnigs Schwager zu machen. D. j. Schaͤf. Ja wohl, Schwager war das Wenigſte was Ihr von ihm werden konntet; und dann waͤre Euer Blut koſibarer geworden, ich weiß nicht, um wie viel jede Unze. Aut. Cbeiſeit.) Sehr verſtaͤndig, Ihr Maulaffen! D. a. Schaͤf. Gut, komm zum Koͤnig; wegen deſſen was in dieſem Buͤndel iſt, wird er ſich hinter den Ohren kratzen. Aut. Ich weiß nicht, wie dieſe Klage die Flucht meines Herrn hindern kohnte. D. j. Schäf. Gebe der Himmel, daß er im Schloß iſt! Aut. Bin ich auch von Natur nicht ehrlich, ſo bin ich's doch zuweilen durch Zufall:— Ich will meinen Hauſirerbart in die Taſche ſtecken.—(er nimmt ſich einen falſchen Bart ab.) He da, Bauersleute! wo hinaus? D. a. Schaͤf. Nach dem Pallaſt, mit Eurer Gnaden Erlaubniß. Aut. Euer Geſchaͤft dort? was? mit wem? die Beſchaf⸗ — ——— — Sz 3. Das Wintermaͤhrchen. 159 ſenheit dieſes Buͤndels? Euer Wohnort? Euer Name? Euer — Vermoͤgen? Familie? Alles was zur Sache gehoͤrt, gebt es an. 4 D. j. Schäf. Wir ſind nur ſchlichte Leute, Herr. Aut. Gelogen; Ihr ſeyd rauh und behaart: Laßt mich keine Luge horen; die ſchickt ſich nur ffuͤr Handelsleute, und ſie werfen uns Soldaten oft Lugen vor: aber wir bezahlen ſie ihnen mit geſchlagener Muͤnze, nicht mit ſchlagendem Eiſen; darum ſchenken ſie uns die Lugen nicht. D. j. Schaͤf. Euer Gnaden haͤtten uns bald eine Luͤge vorgeworfen, haͤttet Ihr Euch nicht auf friſcher That ertappt. D. a. Schaͤf. Seyd Ihr vom Hofe, Herr, wenn es erlaubt iſt? Aut. Es mag erlaubt ſeyn oder nicht, ſo bin ich vom Hofe. Siehſt du nicht die Hofmanier in dieſer Umhuͤllung? hat mein Gang nicht den Hoftakt? ſtromt nicht von mir Hof⸗ geruch in deine Naſe? beſtrahle ich nicht deine Niedrigkeit mit Hofverachtung? Denkſt du, weil ich mich in dein Anlie⸗ gen hinein vertiefe, und es aus dir heraus winden moͤchte, ich ſey deshalb nicht vom Hofe? Ich bin ein Hofmann von Kopf zu Fuß; und einer der dein Geſchaͤft entweder vorwaͤrts bringen, oder hintertreiben wird: deshalb befehle ich dir, mir dein Anliegen zu eroͤffnen. D. a. Schaͤf. Mein Geſchaͤft geht an den Koͤnig, Herr. Aut. Was fuͤr einen Advokaten haſt du dazu? D. a. Schäf. Ich weiß nicht, mit Verlaub. D. j. Schäf. Advokat iſt der Hofausdruck fuͤr Faſanz ſagt, daß Ihr keinen habt. a. Schaͤf. Ich habe keinen Faſan, weder Hahn noch enne. Aut. Wie gluͤcklich wir, die nicht ſo ſimpel ſind! Doch konnte mich Natur wie dieſe ſchaffen, Drum will ich nicht verachten. D. j. Schäf. Das muß gewiß ein großer Hofmann eyn. D. a. Schaͤf. Seine Kleider ſind reich, aber er traͤgt ſie nicht huͤbſch. D. j. Schaͤf. Je ſeltſamer deſto vornehmer; ein großer —— das verſichre ich Euch; man ſieht es an ſeinem Zaͤhne⸗ ochern. Aut. Das Buͤndel da, was iſt in dem Buͤndel? Was ſoll die Buͤchſe? D. a. Schäf. Herr, in dieſem Baͤndel und dieſer Buͤchſe 160 Das Wintermaͤhrchen. A. 1V. liegen ſolche Geheimniſſe, die nur der Koͤnig wiſſen darf; und die er auch noch dieſe Stunde wiſſen ſoll, wenn ich bei ihm vorgelaſſen werde. Aut. Alter Menſch, du haſt deine Muͤhe verlohren. D. a. Schaf. Warum, Herr? Aut. Der Koͤnig iſt nicht im Pallaſt; er iſt an Bord eines neuen Schiffes gegangen, um die Melancholie auszu⸗ treiben, und ſich zu zerſtreuen: Denn, wenn in dir Faſſungs⸗ kraft fuͤr ernſte Dinge iſt, ſo wiſſe, der Koͤnig iſt voll Kummer. D. a. Schäf. So ſagt man, Herr; wegen ſeines Soh⸗ nes, der eines Schaͤfers Tochter heirathen wollte. Aut. Wenn der Schaͤfer nicht ſchon in Haft iſt, ſo moͤge er fliehn; die Fluche, die uber ihn ausgeſprochen werden ſol⸗ len, die Martern, die er dulden ſoll, braͤchen wohl die Kraſt eines Mannes, und das Herz eines Ungeheuers. D. j. Schäf. Glaubt Ihr das, Herr? Aut. Nicht er allein ſoll alles ertragen, was der Scharf⸗ ſinn Schweres, die Rache Bitteres erſinnen kann; ſondern auch alle die mit ihm verwandt ſind, wenn auch nur im fuͤnfzig⸗ ſten Grade, fallen dem Henker anheim: obwohl dies ſehr betrubt iſt, ſo iſt es doch nothwendig. Ein alter ſchafziehender Spitz⸗ bube, ein Hammelpfleger, der ſetzt ſich's in den Kopf, daß ſeine Tochter majeſtatiſch werden ſoll! Einige ſagen, er ſoll geſteinigt werden; aber der Tod waͤre zu gelinde fuͤr ihn, ſage ich: Unſern Thron in eine Schafshuͤtte zu ziehn! alle Todes⸗ arten zuſammen ſind zu wenig, die ſchwerſte zu leicht. D. j. Schäf. Hat der alte Mann etwa einen Sohn? habt Ihr davon nichts gehoͤrt, wenn man fragen darf? Aut. Er hat einen Sohn; dieſer ſoll lebendig geſchunden, dann mit Honig beſtrichen und uͤber ein Weſpenneſt geſtellt werden; dort bleiben, bis er drei Viertel und ein Achtel todt iſt: dann mit Aquavit, oder einer andern hitzigen Einfloͤßung wieder zum Leben gebracht werden: dann, ſo roh wie er iſt, und an dem heißeſten Tage, den der Calender prophezeiht, gegen eine Ziegelmauer geſtellt werden, woſelbſt ihn die Sonne mit ſuͤdlichem Auge anſchaut, und er ſie wieder anſtarren muß, bis er von Fliegen todt geſtochen iſt. Aber was ſprechen wir von dieſen verraͤtheriſchen Spitzbuben, deren Elend man nur belachen kann, da ihr Verbrechen ſo ungeheuer iſt? Sagt mir, denn Ihr ſcheint ehrliche, einfache Leute, was Ihr bei dem Koͤnig anzubringen habt! da ich gewiſſermaaßen in einem freundlichen Verhaͤltniß mit ihm bin, will ich Euch zu ihm . Sz. 3. Das Wintermaͤhrchen. 161 an Bord bringen, Eure Perſonen ſeiner huldreichen Gegen⸗ wart vorſtellen, ihm zu Eurem Beſten ins Ohr ſluͤſtern; und wenn, außer dem Koͤnig Jemand im Stande iſt, Euer Begehr durchzuſetzen, ſo ſteht hier ein Mann, der es vermag. D. j. Schäf. Er ſcheint von außerordentlichem Ein⸗ fluß zu ſeyn; macht Euch an ihn, gebt ihm Gold; und iſt auch die Große ein ſtorriger Baͤr, ſo wird ſie doch oft durch Gold bei der Raſe herum gefuͤhrt: zeigt das Inwendige Eures Beutels dem Auswendigen ſeiner Hand, und damit gut: Denkt nur, geſteinigt, und lebendig geſchunden⸗ D. a. Schäf. Wenn Ihr die Gnade haben wollt, unſre Sache zu uͤbernehmen, ſo iſt hier alles Gold, das ich bei mir habe: ich will noch mal ſo viel holen, und die⸗ 5 jungen Mann hier zum Pfande laſſen, bis ich es Euch ringe. Aut. Wenn ich gethan habe, was ich verſprach? D. a. Schaͤf. Ja, Herr. Aut. Gut, ſo ieb mir dieſe Haͤlfte:— Biſt du auch in dieſer Sache betheiligt? j. Schaf. Gewiſſermaßen, Herr: ſollte es mir auch an die Haut gehn, ſo hoffe ich doch, man wird mich nicht aus ihr herausſchinden. Aut. O nein, das iſt nur der Fall bei des Schaͤfers Sohn:— An den Galgen mit ihm, an ihm muß man ein Exempel ſtatuiren. D. j. Schäf. Ein ſchoͤner Troſt, wir muͤſſen zum Koͤ⸗ nig, und ihm unſre wunderlichen Geſchichten zeigen; er muß erfahren, daß ſie weder Eure Lochter noch meine Schweſter iſt; ſonſt iſt es aus mit uns. Herr, ich will Euch eben ſo viel geben, wie dieſer alte Mann, wenn die Sache durchgefuhrt iſt; und wie er ſagt, als Pfand bei Euch bleiben, bis er es bringt. Aut. Ich will Euch trauen. Geht voraus nach dem ufer; geht da nur rechts hin; ich will nur einmal uͤber die Hecke ſehen, und Euch gleich nach kommen. D. j. Schäf. Dieſer Mann iſt uns ein Segen, das muß man ſagen, ein wahrer Segen⸗. D. a. Schaͤf. Laß uns voraus gehn, wie er uns be⸗ fahl: er iſt recht dazu beſtellt, uns Gutes zu thun⸗ (die beiden Schäfer gehen ab.) Aut. Wenn ich auch Luſt hätte, ehrlich zu ſeyn, ſo ſeh' ich doch, das Schickſal will es nicht; es laͤßt mir die Beute VIII. 11 162 Das Wintermaͤhrchen. A. V. in den Mund fallen. Ein doppelter Vortheil bewirbt ſich jetzt um mich: Gold, und ein Mittel, dem Prinzen, mei⸗ nem Herrn, Liebes zu thun: wer weiß, wie mir das noch einmal zu Gute kommt? Ich will dieſe beiden blinden Maulwuͤrfe an Bord bringen zu ihm: wenn er's fuͤr gut haͤlt, ſie wieder an's Ufer zu ſetzen, und betrifft die Klage, die ſie dem Koͤnig anbringen wollen, ihn nicht, ſo mag er mich, fuͤr meine zu große Dienſtfertigkeit, einen Schelm nennen; denn gegen dieſen Titel, und die Schande, die dazu gehoͤrt, bin ich geſtaͤhlt: Ich will ſie ihm vorſtellen, es kann doch zu etwas fuͤhren. (er geht ad.) Fuͤnfter Aufzug. Er ſte S zene. Sicilien, Pallaſt. (Es treten auf Leontes, Cleomenes, Dion, Paulina und Andre.) Cleomenes. Mein Fuͤrſt, Ihr habt genug gethan, gebuͤßt Gleich einem Heil'gen: was Ihr immer fehltet, Habt Ihr dadurch geſuͤhnt; ja, Ihr bezahltet Mehr Reu', als Suͤnde Ihr begingt: Zum Schluß, Thut wie der Himmel that; vergeßt Geſcheh'nes; Verzeiht es Euch, wie er. Leont. So lang' ich ihrer Gedenk', und ihrer Tugend, kann ich nimmer Der eignen Schmach vergeſſen; ſtets ja quaͤlt mich Das Unrecht, das ich ſelbſt mir that: ſo maͤcht'ges, Daß es mein Reich der Erben hat beraubtz Zerſtoͤrt die hold'ſte Frau, die einem Mann Je ſuͤße Hoffnung gab. Sz. 1. Das Wintermaͤhrchen. 163 Paul. Wahr, all zu wahr, mein Fuͤrſt: Wenn, Weib auf Weib, die ganze Welt Ihr freitet, Wenn Ihr von jeder etwas Gutes naͤhmet, Und ſchuͤf't das beſte Weib; die Ihr erſchlugt, Waͤr' dennoch unerreicht. Leont. Ja wohl! erſchlagen: Die ich erſchlug. Ich that's: doch du verwundeſt Mich toͤdtlich, da du's ſagſt; gleich bitter iſt's Wenn du es ſprichſt, als wenn ich's denke: Liebe, Sprich ſo nur ſelten. Cleom. Niemals, werthe Frau: Ihr koͤnntet tanſend Dinge ſprechen, welche Der Zeit mehr ziemten, und Euch freundlicher Uns zeigen moͤchten. Paul. Ihr ſeyd einer derer, Die neuvermaͤhlt ihn wuͤnſchen. Dion. Wuͤnſcht Ihr's nicht, So liebt Ihr nicht das Land, nicht ſeines Namens Erlauchte Fortpflanzung: erwaͤgt nur wenig, Was fuͤr Gefahr, da kinderlos der Herr, Dem Reiche droht, die auch verſchlingen kann Die dies gleichguͤltig ſehn. Iſt es nicht fromm, Wenn wir die Seligkeit der Koͤn'gin preiſen? Iſt es nicht froͤmmer noch,— um Kronenerben, ſim gegenwaͤrt'gen Troſt und kuͤnft'ges Heil,— Das Bett der Majeſtaͤt auf's Neu' zu ſegnen Mit einer holden Gattin? Paul. Kein' iſt's werth, Denkt Ihr an ſie, die ſtarb. Auch will die Gottheit, Daß ihr geheimer Rathſchluß werd' erfuͤllt: Denn ſprach nicht ſo der himmliſche Apoll, War das nicht des Orakels heil'ges Wort, Es ſoll Leontes keinen Erben haben, Bis ſein verlornes Kind ſich fand? Dies iſt Nach unſrer Einſicht eben ſo unmoͤglich, Als daß Antigonus das Grab durchbraͤche, Und wieder zu mir kaͤme; der doch wahrlich Verdarb zuſammt dem Kind. Iſt's Euer Wille, Daß unſer Herr dem Himmel widerſtrebt, Und ſeinem Rathſchluß krotzt?— Sorgt nicht um Herrſcher; Es ſind't das Reich den Erben: Alexander Ließ ſein's dem Wuͤrdigſten; ſo war's vermuthlich Der Beſte, der ihm folgte. 164 Das Wintermaͤhrchen. A. 1V. Leont. O Paulina,— Ich weiß, du Gute haͤlt'ſt das Angedenken Hermiones in Ehren. Haͤtt' ich immer Mich deinem Rath gefuͤgt!— dann koͤnnt' ich jetzt meiner Koͤn'gin helles Auge ſchaun, chaͤtz' ihrer Lipp' entnehmen. Paul. Die dann reicher Durch Geben ward⸗ Leont. O! Du ſprichſt wahr. So giebt's kein Weib mehr; drum kein Weib: ein ſchlecht'res, Und mehr geliebt, trieb' ihren ſel'gen Geiſt In ihren Leichnam, und auf dieſe Buͤhne, Wo ich, ihr Moͤrder, ſteh'; und rief im Schmerz: Warum geſchieht mir das? Paul. Waͤr's ihr vergoͤnnt, Sie ſpraͤche ſo mit Recht. Leont. Gewiß, und wuͤrde Zum Morde mich der zweiten Fran entflammen. Paul. Waͤr' ich der irre Geiſt, ich kaͤme dann, Und hieß Euch ſchaun in jener Aug' und fragte, Ob Ihr um dieſen matten Blick ſie waͤhltet: Dann kreiſcht' ich auf, daß Euer Ohr zerriſſe, Und ſchiede mit dem Wort: Gedenke mein. Leont. Ha, Sterne, Sterne waren's, Und alle andern Augen todte Kohlen!— O, fuͤrchte du kein Weib, Ich will kein Weib, Paulina. Paul. Wollt Ihr ſchwoͤren, Nie, bis ich beigeſtimmt, Euch zu vermaͤhlen? Leont. Niemals, bei meiner Seele Heil, Paulina. Paul. Ihr, werthe Herrn, ſeyd Zeugen ſeines Schwurs. Cleom. Ihr quaͤlt ihn allzuſehr. aul. Bis eine andre, Hermione ſo aͤhnlich wie ihr Bild, Sein Auge ſchaut. Cleom. O, laßt— (Leontes giebt ihm einen Wink.) Ich ſchweige ſtill. Paul. Doch will mein Koͤnig ſich vermaͤhlen, wollt Ihr, Wollt Ihr durchaus; ſo uͤberlaßt es mir, Die Gattin ihm zu waͤhlen: nicht ſo jung Wie Eure Erſte ſoll ſie ſeyn; doch ſo, Sz. 1. Das Wintermaͤhrchen. 165 Daß, ka m' der erſten Koͤn'gin Geiſt, er freudig In Eurem Arm ſie ſaͤhe. Leont. Trene Freundin, Nur wenn du's willſt, vermaͤhlen wir uns. Paul. Das Iſt nur, wenn Eure Koͤn'gin wieder lebt; Bis dahin nie. (Ein Edelmann tritt auf.) Edelm. Ein Juͤngling, der Prinz Florizel ſich nennt, Den Sohn Polixenes, mit ſeiner Gattin, Die ſchoͤnſte Fuͤrſtin, die ich je geſehn, Wuͤnſcht Eurer Hoheit ſich zu nahn. Leont. Wer mit ihm? Er kommt nicht in des Vaters Glanz, ſein Nahn So ohne Foͤrmlichkeit, ſo plotzlich, ſagt uns, Nicht vorbedacht ſey der Beſuch, erzwungen Durch Roth und Zufall nur. Was fuͤr Gefolge? Edelm. Geringe nur und Wen'ge. Leont. Die Gemahlin, So ſagſt du, mit ihm? Edelm. Ja, das herrlichſt' ſchoͤnſte Geſchoͤpf, das je die Sonne nur beglaͤnzte. Paul. O Hermione! Wie jede Gegenwart ſich prahlend hoͤher Als beßre Vorzeit ſtellt; ſo wird dein Grab Auch jetzt geſchmaͤht vom Neuſten. Herr, Ihr ſelbſt, Ihr ſprach't, Ihr ſchrieb't,(doch nun iſt Eure Schrift Falt, wie ihr Gegenſtand) ſie war niemals Und wird auch nie erreicht;— ſo trug Eu'r Lied „ Ihr Lob in hoher Fluth; ſehr ward es Ebbe, Daß Ihr jetzt ein' als ſchoͤner preiſt. Edelm. Verzeiht: Die ein' iſt faſt vergeſſen, zuͤrnt mir nicht; Doch dieſe, wenn ſie Euer Aug' entzuͤckte, Stimmt Eure Zunge auch. Sie iſt ein Weſen, Das, lehrt ſie Ketzerei, den Eifer loͤſcht In jedem Glaͤub'gen, Proſelyt wird jeder, Wenn ſie ihn folgen heißt. aul. Wie? auch die Frauen? Edelm. Die Frauen lieben ſie, weil Frau ſie iſt, Mehr werth, als alle Maͤnner; und die Maͤnner, Weil ſie der Frauen ſchonſte. 166 Das Wintermährchen. Leont. Geh, Cleomenes; Du ſelbſt mit deinen wuͤrd'gen Freunden, fuͤhrt In unſre Arme ſie. (Cleomenes mit mehrern Andern ab.) Doch ſeltſam immer, Der unverſeh'ne Gruß. Paul. Sah unſer Prinz, Das Kleinod unter Kindern, dieſen Tag, War er mit dieſem Herrn ein ſchoͤnes Paar; Denn dieſer Prinz war kaum vier Wochen aͤlter. Leont. Ich bitte dich, nichts mehr, hoͤr' auf; du weißt, Er ſtirbt mir immer wieder, nennſt du ihnz Erblick' ich dieſen Prinzen, kann dein Wort In mir Gedanken wecken, die mich leicht Berauben koͤnnten der Vernunft.— Sie kommen. (Es treten auf Cleomenes, Florizel und Perdita mit Gefolge.) Prinz, Eure Mutter war dem Eh'bund trenz Denn Eures edeln Vaters Bild empfing ſie, In Euch gepraͤgt: Waͤr' ich jeßzt einundzwanzig, So aͤhnlich ſtellt Ihr Euren Vater dar, Sein ganzes Weſen, Bruder nennt' ich Euch, Wie ihn; erzaͤhlt' Euch einen Schwank, den beide Wir ausgefuͤhrt. Seyd herzlich mir willkommen! Und Eure ſchoͤne Fuͤrſtin!— Goͤttin!— Ach! Ein Paar verlor ich, zwiſchen Erd' und Himmel Staͤnd' es wohl ſo jetzt da, Bewundrung zeugend, Wie Ihr, holdſeel'ges Paar! und dann verlor ich, Durch eigne Thorheit alles, die Geſellſchaſt, Ja, Freundſchaft Eures biedern Vaters; den, Bin ich auch gramgebeugt, ich gern im Leben Noch ein Mal wiederſaͤh! Flor. In ſeinem Auftrag Erſchein' ich in Sicilien; und von ihm Bring' ich Euch Gruͤße, wie ein Freund, ein Koͤnig, Dem Bruder ſenden mag: und wenn nicht Schwaͤche, Begleiterin des Alters, ihm vermindert Die raſche Kraft, ſo haͤtt' er ſelbſt durchmeſſen Die Meer und Laͤnder zwiſchen Euren Reichen, Euch anzuſchauen; den er inn'ger liebt Als alle Fuͤrſten, ſo hieß er mich ſagen, Die lobend jetzt regieren. Sz. 1. Das Wintermährchen. 167 Leont. O, mein Bruder, Du Trefflicher! das Leid was ich dir that Quaͤlt mich von neuem jetzt, und dieſe Sendung, So ausgezeichnet freundlich, klagt ſo herber Mein traͤges Saͤumen an.— O feyd willkommen, So wie der Lenz der Flur. Und hat er auch Dies Wunder ausgeſetzt dem grauſen, oder Doch rohen Treiben des furchtbaren Meers, Den Mann zu gruͤßen, ihrer Muͤh' nicht werth: Viel wen'ger ſeinethalb ihr Leben wagend. Flor. Mein gnaͤd'ger Fuͤrſt, ſie kommt von Libyen. Leont. Wo Held Smalus gefurchtet und geliebt iſt? Flor. Erlauchter Herr, von dort; von ihm, deß Thraͤnen Im Scheiden ſie als Tochter anerkannten: Von da bracht' uns ein guͤnſt'ger Suͤdwind her, Um meines Vaters Auftrag zu erfullen, Euch zu beſuchen: Meine erſten Diener Hab' ich gleich von Sicilien fort geſchickt, Mach Boͤhmen hin, um dort bekannt zu machen Der Reiſe gluͤcklichen Erfolg in Libyen, Und mein' und meiner Gaitin ſichre Landung Hier, wo wir ſind. Leont. Die gnaͤd'gen Goͤtter rein'gen Von ungeſunden Duͤnſten unſre Luft, So lang' Ihr weilt! O, Euer frommer Vater, Der gnadenvolle Fuͤrſt, an deſſen Haupt, Dem heiligen, ich ſo gefrevelt habe: Weshalb der Himmel, zornentbrannt, der Kinder Mich hat beraubt; En'r Vater iſt geſegnet, Wie von dem Himmel er's verdient, durch Euch, Werth ſeines edlen Sinn's. Was waͤr' ich ſelbſt, Koͤnnt' ich auch jetzt auf Sohn und LTochter ſchaun, Solch wackres Paar wie Ihr? (Ein Hofherr tritt auf.) Zofh. Mein gnaͤd'ger Koͤnig, Unglaublich wird Euch ſcheinen was ich melde; Doch gleich beſtatigt ſich's. Mein hoher Herr, Perſoͤnlich gruͤßt Euch Boͤhmen ſelbſt durch mich: Will, daß Ihr feſt nehmt ſeinen Sohn, der kurzlich, Den hohen Rang, die Pflichten all' vergeſſend, Von ſeinem Vater floh, und ſeinem Erbtheil, Mit eines Schaͤfers Tochter. 168 Das Wintermaͤhrchen. A. V. Leont. Boͤhmen!— ſprich, wo iſt er? Sofh. Hier in der Stadt; ich kam von ihm ſo eben. Verwildert red' ich; wie das Wunderbare Mich zwingt und meine Botſchaft. Als er zum Hof Hieher geeilt, verfolgend, wie ich glaube Dies ſchoͤne Paar, erblickt' er auf dem Wege Den Vater dieſer vorgegebnen Fuͤrſtin, Und ihren Bruder, die ihr Land verließen, Mit dieſem Prinzen. Flor. Mich verrieth Camillo, Deß Redlichkeit und Ehre jedem Wetter Bis jetzt getrotzt. Zofh. Macht ihm den Vorwurf ſelbſtz Denn er iſt mit dem Koͤnig, Leont. Wer? Camillo? Zofh. Camillo, Herr, ich ſprach ihn; er verhoͤrt Die Armen. Niemals ſah ich noch Elende So zittern; wie ſie knien, den Boden kuͤſſen, Verſchwoͤren Leib und Seel' in jedem Wort: Boͤhmen verſtopft ſein Ohr, und droht mit Tod, Und tauſend Martern. Perd. O, mein armer Vater! Der Himmel ſchickt uns Spaͤher nach; er will nicht Erfuͤllung unſres Bund's. Leont. Seyd Ihr vermaͤhlt? Flor. Wir ſind's nicht, Herr, und werdens nun wohl nimmer! Eh' werden Sterne noch die Thaͤler kuͤſſen. Leont. Iſt dies die Tochter eines Koͤnigs, Prinz? Flor. Sie iſt es, iſt ſie einſt mit mir vermaͤhlt. Leont. Dies Einſt wird wohl durch Eures Vaters Eile Sehr langſam nahn. Beklagen muß ich hoͤchlich, Daß Ihr Euch ſeiner Liebe habt entfremdet, Die heil'ge Pflicht Euch war: beklagen muß ich, Daß die Gewaͤhlte Rang nicht hat wie Schoͤnheit, Mit Recht Euch zu verbleiben. Flor. Muth, Geliebte: Obgleich das Schickſal ſichtbar uns verfolgt Durch meinen Vater; kann's doch unſre Liebe Nicht um ein Haar breit ſchwaͤchen.— Herr, ich bitt' Euch, Gedenkt der Zeit, da Ihr nicht mehr als ich Dem Alter ſchuldig war't: mit dem Gefuͤhl Seyd mein Vertreter jetzt; denn wenn Ihr bittet, Sz. 1. 2. Das Wintermährchen. 169 Gewäͤhrt mein Vater Großes leicht wie Tand. Leont. Eu'r ſchoͤnes Liebchen muͤßt' er dann mir geben, Die er fuͤr Tand nur achtet. Paul. Herr, mein Fuͤrſt, En'r Aug' hat zu viel Ingend: einen Monat Vor Eurer Koͤn'gin Tod, war ſolcher Blicke Sie wuͤrdiger, als was Ihr jetzt betrachtet. Leont. Nur ihrer dachte mein entzuͤcktes Auge.— Doch unerwiedert iſt noch Eure Bitte: Zu Eurem Vater eil' ich; hat Begier Gekraͤnkt nicht Enre Ehre, bin ich Euer, Und Eurer Wuͤnſche Freund: zu dem Geſchaͤft, Geh' ich ihm jetzt entgegen; folgt mir nun, Und ſeht, wie mir's gelingt. Kommt, edler Prinz⸗ (alle ab.) 3 weite Szene. Vor dem Pallaſt. (Autolyrus und ein Edelmann treten auf.) Autolycus. 6 30 bitte Euch, Herr, waret Ihr gegenwaͤrtig bei dieſer Erzaͤhlung? 1. Edelm. Ich war bei dem Leffnen des Buͤndels, und hoͤrte den Bericht des alten Schaͤfers, wie er ihn fand: darauf, nach einem kurzen Staunen, hieß man uns Alle das Zimmer verlaſſen; nur das, duͤnkt mich, hoͤrte ich den Schaͤfer noch ſagen, er habe das Kind gefunden. Aut. Ich moͤchte gern den Ausgang wiſſen. 1. Edel. Ich mache nur einen unvollſtaͤndigen Bericht von der Sache;— aber die Verwandlung die ich an dem Koͤ⸗ nig und Camillo bemerkte, war Zeichen einer großen Ver⸗ wuͤndrung: ſie ſchienen faſt, ſo ſtarrten ſie einander an, ihre Augenlieder zu zerſprengen; es war Sprache in ihrem Verſtummen, und Rede ſeibſt in ihrer Geberde; ſie ſahen aus, als wenn ſie von einer neu entſtandenen, oder unter⸗ gegangenen Welt gehört häͤtten: Eine Verzuͤckung des Stau⸗ nens war an ihnen ſichtbar: doch die klugſten Zuſchauer, 170 Das Wintermaͤhrchen. A. V. die nichts wußten als was ſie ſahen, konnten nicht ſagen, ob der Anlaß Freude oder Schmerz war: aber der hoͤchſte Grad des einen, oder des andern mußte es ſeyn. (Ein zweiter Edelmann tritt auf.) Da kommt ein Herr, der vielleicht mehr weiß: Was giebt's, Rogero? 2. Edelm. Nichts als Freudenfeuer: Das Orakel iſt erfuͤllt; des Koͤnigs Tochter gefunden: ſo viel wunderbare Dinge ſind in dieſer Stunde zum Vorſchein gekommen, daß es nicht Balladenmacher genug giebt, ſie zu beſingen. (Ein dritter Edelmann tritt auf.) Da kommt der Paulina Haushofmeiſter; der kann Euch mehr erzaͤhlen.— Wie ſteht es nun, Herr? dieſe Nenig⸗ keit, die man als wirklich bekraͤftigt, ſieht einem alten Maͤhrchen ſo aͤhnlich, daß ihre Wahrhaftigkeit ſehr verdaͤch⸗ tig ſcheint: Hat der Koͤnig ſeine Erbin gefunden? 3. Edelm. Ganz gewiß, wenn die Wahrheit je durch Umſtaͤnde bewieſen ward: Ihr moͤchtet ſchwoͤren, das zu ſehen, was Ihr hoͤrt, ſolch eine Uebereinſtimmung iſt in den Beweiſen. Der Mantel der Koͤnigin Hermione:— ihr Juwel, das ſie um den Hals zu tragen pflegte:— des Antigonns Briefe, dabei gefunden, in denen ſie ſeine Hand⸗ ſchrift erkennen:— die Majeſtaͤt des Maͤdchens, in der Aehnlichkeit mit der Mutter;— der Ausdruck von Adel, welcher zeigt, wie Natur hoͤher ſteht als Erziehung,— und viele andre Zeugniſſe bekunden ſie, mit der allergroͤßeſten Sicherheit, als des Koͤnigs Tochter. Sahet Ihr die Zu⸗ ſammenkunft der beiden Könige? 2. Kdelm. Nein. 3. Edelm. Dann habt Ihr einen Anblick verloren, den man geſehen haben muß, den man nicht beſchreiben kann. Da haͤttet Ihr ſehen koͤnnen, wie eine Freude die andre kroͤnte; ſo, auf ſolche Weiſe, daß es ſchien, der Schmerz weinte, weil er ſie verlaſſen ſollte; denn ihre Freude watete in Thraͤnen. Da war ein Augenaufſchlagen, ein Haͤnde⸗ emporwerfenz und die Angeſichter in einer ſolchen Verzuͤckt⸗ heit, daß man ſie nur noch an ihren Kleidern und nicht an ihren Zuͤgen erkennen mochte. Unſer Koͤnig, als wenn er aus ſich ſelbſt vor Freude uͤber ſeine gefundene Tochter ſtuͤrzen wollte; als waͤre dieſe Frende ploͤtzlich ein Ungluͤck geworden, ſchreit: O, deine Mutter! deine Mutter! dann bittet er Boͤhmen um Vergebung; dann umarmt er Sz. 2. Das Wintermährchen. 171 ſeinen Eidamz dann wieder zerdruckt er faſt ſeine Tochter mit Umhalſungen; nun dankt er den alten Schaͤfer, der dabei ſteht, wie ein altes verwittertes Brunnenbild von manches Koͤnigs Regierung her. Ich hoͤrte noch nie von einer ſolchen Zuſammenkunft, die jede Erzählung, welche ihr folgen moͤchte, laͤhmt, und die Beſchreibung vernich⸗ tet, die ſie zeichnen will. 2. Edelm. Doch, bitte, was ward aus Antigonus, der das Kind von hier fort brachte? 3. Edelm. Immer wie ein altes Maͤhrchen, das noch Vieles vorzutragen hat, wenn auch der Glaube ſchliefe, und kein Ohr es hoͤrte: Er wurde von einem Bäaͤren zer⸗ riſſen; dies beſtatigt der Sohn des Schaͤfers; den nicht nur ſeine Einfalt, die groß ſcheint, rechtfertigt, ſondern auch ein Schnupftuch und Ringe vom Manne, die Paulina erkennt⸗ 1. Edelm. Was wurde aus ſeinem Schiffe, und ſei⸗ nem Gefolge? 3. Edelm. Geſcheitert, in demſelben Augenblick, da ihr Herr um's Leben kam; und im Angeſichte des Schaͤfers: ſo daß alle Werkzeuge, welche zur Ausſetzung des Kindes beitru⸗ gen, gerade da unter gingen, als das Kind gerettet ward. Aber, ach, der edle Kampf, den Schmerz und Frende in Paulina kaͤmpften! Ein Auge ſenkte ſich um den Verluſt des Gattenz indem das andre ſich erhob, weil das Orakel nun erfullt war: Sie hob die Prinzeſſin von der Erde auf: und ſchloß ſie ſo feſt in ihre Umarmung, als wollte ſie ſie an ihr Herz heften, damit ſie nur nicht von neuem verlohren gehen moͤchte. 1. Edelm. Die Hoheit dieſer Scene verdiente Koͤnige te Fuͤrſten zu Zuſchauern; denn von ſolchen ward ſie geſpielt. 3. Edelm. Einer der ruͤhrendſten Zuͤge von allen, und der auch nach meinen Augen angelte,(das Waſſer bekam er, aber nicht den Fiſch,) war, wie bei der Erzaͤhlung von der Koͤnigin Tode, mit der Art wie ſie unterlag,(wunder⸗ voll erzaͤhlt und vom Koͤnig betrauert,) wie da ſtarres Hin⸗ hoͤren ſeine Tochter durchbohrte: bis, von einem Zeichen des Schmerzes zum andern, ſie endlich, mit einem Ach! moͤchte ich doch ſagen, Thraͤnen blutetez denn, das weiß ich gewiß, mein Herz weinte Blut. Wer am meiſten Stein war, veraͤnderte jetzt die Farbe; einige taumelten ohnmächtig, alle waren tief betruͤbt: Haͤtte die ganze Welt die anſchauen koͤnnen, der Jammer haͤtte alle Volker er⸗ griffen. 172 Das Wintermährchen. 2. v. 1. Edelm. Sind ſie zum Hof zuruͤckgekehrt? 3. Edelm. Nein, da die Prinzeſſin von der Statue ihrer Mutter hoͤrte, welche in Paulina's Verwahrung iſt,— ein Werk, woran ſchon ſeit vielen Jahren gearbeitet ward, und das jetzt kurzlich erſt vollendet iſt, durch Inlio Romano, den großen italiaͤniſchen Meiſter; der, wenn er ſelbſt Ewig⸗ keit haͤtte, und ſeinen Werken Odem einhanchen koͤnnte, die Ratur um ihre Kunden braͤchte, ſo vollkommen iſt er ihr Nachaͤffer: er hat die Hermione ſo der Hermione gleich gemacht, daß, wie man ſagt, man mit ihr ſprechen, und Antwort erwarten moͤchte: dorthin; mit aller Gier der Liebe ſind ſie jetzt gegangen; und dort wollen ſie zu Nacht eſſen. 1. Edelm. Ich dachte es wohl, daß ſie dort etwas Wichtiges vor habe; denn ſeit Hermiones Tode hat ſie ganz geheim das entlegene Haus taglich zwei oder drei Mal beſucht. Wollen wir hin, und durch unſre Gegenwart an der Freude Theil nehmen? 2. Edelm. Wer moͤchte weg bleiben, der die Wohlthat des Zutritts genießen darf? mit jedem Augenwink kann irgend eine neue Freunde geboren werden: und unſre Abſei⸗ tigung verkuͤmmert uns das Mitwiſſen. Laßt uns gehn. (Die drei Edelleute gehn ab.) Aut. Jetzt nun, klebte nicht der Makel meines vorigen Lebens an mir, wuͤrde Befoͤrderung auf mich nieder regnen⸗ Ich brachte den alten Mann und ſeinen Sohn auf das Schiff des Prinzen! ſagte ihm, daß ich von einem Buͤndel hoͤrte, und ich weiß nicht was alles: aber er, eben zu be⸗ ſorgt um die Schaͤferstochter, dafuͤr hielt er ſie noch, welche anſing, ſehr ſeekrank zu werden, und er nur um weniges beſſer, weil der Sturm dauerte, konnte die Entdeckung des Geheimniſſes nicht anhoͤren. Aber das iſt alles eins fuͤr mich: waͤre ich auch der Ausfinder der Sache geweſen, wuͤrde es doch nicht meinen uͤbrigen Verunglimpfungen den ſchlechten Geſchmack genommen haben. (Der alte und der junge Schäfer treten auf.) Hier kommen die, denen ich Gutes that gegen meinen Willen, und ſie erſcheinen ſchon in den Bluͤthen ihres Gluͤckes. D. a. Schaͤf. Nun, Junge; ich werde keine Kinder mehr bekommenz aber deine Soͤhne und Toͤchter werden alle als Edelleute geboren ſeyn. Sz. 2. Das Wintermährchen. 173 D. j. Schaͤf. Gott gruͤß' Euch, Herr: Ihr wolltet Euch neulich nicht mit mir ſchlagen, weil ich kein geborner Edelmann war: Seht Ihr dieſe Kleider? ſprecht, daß Ihr ſie nicht ſeht, und haltet mich noch immer fuͤr keinen ge⸗ bornen Edelmann: Ihr duͤrftet wohl gar ſagen, dieſe Putz⸗ ſachen waͤren keine geborne Edelleute. Straft mich jetzt einmal Luͤgen, ſo ſollt Ihr erfahren, ob ich ein geborner Edelmann bin. Aut. Herr, ich weiß, daß Ihr jetzt ein geborner Edel⸗ mann ſeyd. D. j. Schaͤf. Ja, und das bin ich immer geweſen, ſeit vier Stunden. D. a. Ichäf. Ich auch, Junge. D. j. Schät. Ja, Ihr auch:— aber ich war ein Edelmann geboren vor meinem Vater: denn der Sohn des Koͤnigs nahm mich bei der Hand, und nannte mich Bru⸗ der; und dann nannten die beiden Koͤnige meinen Vater Bruder; und dann nannten der Prinz, mein Bruder, und die Prinzeß, meine Schweſter, meinen Vater Vater; und da weinten wir: und das waren die erſten Edelmanns⸗Thraͤ⸗ nen, die wir vergoſſen. D. a. Schäf. Gott ſchenke uns langes Leben, Sohn, damit wir noch viele vergießen. D. j. Schäf. Ja; ſonſt waͤre es ein wahres Ungluͤck, da wir in ſo deſpectabelm Zuſtande ſind⸗ Aut. Ich bitte Euch demuͤthig, Herr, mir Alles zu verzeihen, was ich gegen Euer Gnaden gefehlt habe, und ein gutes Wort fuͤr mich bei dem Prinzen, meinem Herrn, einzulegen. D. a. Schaͤf. Ich bitte dich, Sohn, thue das; denn wir muͤſſen edel ſeyn, da wir nun Edelleute ſind. D. j. Schäf. Willſt du deinen Lebenswandel beſſern? Aut. Ja, wenn Euer Gnaden erlauben. D. j. Schäf. Gieb mir die Hand: Ich will dem Prin⸗ zen ſchwoͤren, daß du ein ehrlicher und aufrichtiger Menſch biſt, wie nur einer in Boͤhmen. D. a. Schäf. Sagen kannſt du das, aber nicht ſchwoͤren. D. j. Schäf. Nicht ſchwoͤren, da ich nun ein Edel⸗ mann bin? Bauern und Buͤrger moͤgen's ſagen, ich will es beſchwoͤren. D. a. Schäf. Wenn's aber falſch waͤre, Sohn? D. j. Schäf. Wenn es noch ſo falſch iſt, ein aͤchter Edelmann kann es beſchwoͤren, zum Beſten ſeines Freun⸗ 174 Das Wintermaͤhrchen.. des:— Und ich will dem Prinzen ſchwoͤren, daß du dich wie ein herzhafter Kerl betragen, und dich nicht betrinken wirſt; obwohl ich weiß, daß du dich nicht wie ein herz⸗ hafter Kerl betragen, und dich wohl betrinken wirſt; aber* ich will es doch beſchwoͤren: und ich wollte, du moͤchteſt dich wie ein herzhafter Kerl betragen. lut. Ich will es werden, Herr, aus allen Kraͤften. D. j. Schäf. Ja, werde nur auf jeden Fall ein wack⸗ rer Kerl: Wenn ich mich nicht verwundre, wie du das Herz haſt, dich zu betrinken, da du kein herzhafter Kerl biſt, ſo traue mir nie wieder.— Horch! der Koͤnig und die Prinzen, unſre Verwandtſchaft, gehn zu dem Bilde der Koͤnigin. Komm, folge uns: wir wollen deine guten Herren ſeyn⸗(ſie gehn ab.) Dri tte Spen Saal in Paulinas Hauſe. (Es treten auf Leontes, Polixenes, Florizel, Per⸗ dita, Camillo, Paulina, Hofherren und Gefolge.) Leontes. O, wuͤrdige Paulina, wie viel Troſt Empfing ich ſtets von dir! Paul. Was, gnaͤd'ger Herr, Ich unrecht that, meint' ich doch recht: Mein Dienſt Iſt reich bezahlt, dadurch, daß Ihr geruht Mit Eurem Bruder, und den Neuverlobten, Einſt Herrſchern hier, mein armes Haus zu ſehn: Es iſt ein Uebermaß von Huld; mein Leben Zu kurz, um Euch danken. Leont. O, Paulina, Belaͤſt'gung duͤnkt dich Ehre: Doch wir kamen Zu ſehn der Koͤn'gin Standbild: deine Saͤle Durchgingen wir, nicht ohne groß Ergoͤtzen An mancher Seltenheit; doch ſah'n wir nicht Was meine Tochter ſehnlich wuͤnſcht zu ſchaun, Der Mutter Bild. Paul. So wie ſie unvergleichlich Im Leben war, ſo, glaub' ich, uͤbertrifft Sz. 3. Das Wintermährchen. Ihr todtes Abbild, was Ihr je geſehn, Und Menſchenhand je ſchuf: drum halt' ich's hier Liebend geſondert: Schaut, und ſeyd gefaßt, Zu ſehn, wie dies lebendig hoͤhnt das Leben, Mehr als der Schlaf den Tod: hier; ſagt,'s iſt gut. C(ſie zieht einen Vorhang weg, man ſieht eine Statue.) Recht, daß Ihr ſchweigt, es druͤckt am beſten aus Wie Ihr erſtaunt: Doch ſprecht— zuerſt, mein Koͤnig, Iſt's ihr nicht ziemlich gleich? Leont. Ganz ihre Haltung!— Schilt mich, geliebter Stein; dann mag ich ſagen, Du ſey'ſt Herinione: doch mehr biſt du's, Da du ſo freundlich ſchweigſt; denn ſie war mild, Wie Kindheit, und wie Gnade.— Doch, Paulina, Hermione war nicht geaͤltert, ſo Wie dieſes Bildniß ſcheint. Pol. Nein, wahrlich nicht. 5 Paul. Um ſo viel hoͤher ſteht des Bildners Kunſt, Der ſechzehn Jahre uͤberhuͤpft, ſie ſchaffend Als lebte jetzt ſie. Leont. Wie ſie jetzt noch koͤnnte, Zum ſuͤßen Troſt mir, ſo wie unn der Anblick Mein Herz durchſchneidet. O! ſo ſtand ſie da, n ſo lebend'ger Hoheit,(warmes Leben, as kalt nun da ſteht) als zuerſt ich warb: Ich bin beſchaͤmt: Wirft nicht der Stein mir vor, Ich ſey mehr Stein als er!— O, fuͤrſtlich Bild, In deiner Majeſtaͤt iſt Zaubermacht, Die meine Suͤnden neu herauf beſchwoͤrt, Dein ſtaunend Kind der Lebenskraft beraubt, Daß ſie da ſteht, ein Stein wie du! erd. Vergoͤnnt; Und nennt's nicht Aberglauben, wenn ich knie, 6 Und bitt' um ihren Segen.— Theure Koͤn'gin, Die endete, als ich begann zu leben, Reich mir die Hand zum Kuß. Paul. O, nicht ſo raſch! Das Bild iſt kuͤrzlich erſt vollendet, noch Sind nicht die Farben trocken, Cam. Mein Fuͤrſt, Eu'r Schneii iſt allzu tief ge⸗ wurzelt; Da ſechzehn Winterſtuͤrm' ihn nicht verweht, Noch ſechzehn Sommer ausgetrocknet; kaum 176 Das Wintermaͤhrchen. A. V. Lebt Frende je ſo lang', und Kummer nie, Er bringt ſich fruͤher ſelber um. Ppol. Mein Bruder, Laßt ihm, der Urſach hiezu gab, das Recht* So viel des Grams Euch zu erleichtern, als Er gerne mit Euch traͤgt. Paul. Gewiß, mein Konig, Haͤtb ich gewußt, daß dies mein armes Bild Euch ſo bewegte,(denn der Stein iſt mein) Ich haͤtt' es nicht gezeigt. eont. Zieh nicht den Vorhang. Paul. Ihr ſollt nicht langer ſchaun; in der Verzuͤckung Glaubt Ihr am End', es regt ſich⸗ Leont. Laß, o laß. Koͤnnte mein Tod— doch ſieh,— mich duͤnkt bereits— Wer war es, der dies ſchuf?— O ſeht, mein Fuͤrſt, Iſt's nicht als ob es athmet? warmes Blut Vurch dieſe Adern fließt? Pol. Ein Meiſterwerk: Das Leben ſelbſt ſpielt warm auf ihrer Lippe⸗ Leont. Der Glanz in ihrem Auge hat Bewegung⸗ Kann uns die Kunſt ſo taͤnſchen? Paul. Ich verhuͤll' es; Mein Koͤnig iſt ſo außer Faſſung, endlich Denkt er noch gar, es lebt. Leont. O theure Freundin, Mach', daß ich immer zwanzig Jahr ſo denke; Richt die Vernunft der ganzen Welt kommt gleich Der Wonne dieſes Wahnſinns. Zieh nicht vor⸗ Paul. Es aͤngſtet mich, daß ich Euch ſo erregt: Ich koͤnnt' Euch ſtaͤrker noch erſchuͤttern. Leont. Thu's; Denn dies Erſchuͤttern iſt ſo ſuͤße Koſt Wie je ein Labetrunk.— Mich duͤnkt noch immer, Es athmet von ihr her: Welch zarter Meißel Grub jemals Hauch? O, ſpottet meiner nicht, Ich will ſie kuͤſſen. Paul. Richt doch, theurer Fuͤrſt Die Roͤth' auf ihren Lippen iſt noch naß; Eu'r Kuß verdirbt es, und giebt Euch von Hehl Und Farbe Flecken. Schließ' ich jetzt den Vorhang? Leont. Die zwanzig Jahre nicht. ¹ Sz. 3. Das Wintermaͤhrchen. 177 perd. Auch ich ſtaͤnd' hier So lange wohl, es anzuſchaun. Paul. Verlaßt * Die Halle jetzt; wo nicht, bereitet Euch Auf groͤßres Staunen: Wenn Ihr's tragen koͤnnt, So mach' ich, daß das Bild ſich regt; herab ſteigt, Und Eure Hand ergreift: doch glaubt Ihr dann, (Was ich abſchwoͤren mag) ich ſteh' im Bund Mit boͤſer Macht. Leont. Was du ſie heißeſt thun, Das ſeh' ich an mit Freuden; was ſie ſprechen, Das hoͤr' ich an mit Frenden: denn ſo leicht Machſt du ſie ſprechen wohl, als gehn. Paul. Ihr muͤßt Den Glauben wecken: Und nun Alle ſtill; Und die, ſo fuͤr ein unerlaubt Beginnen Dies halten, moͤgen fort gehn. Leont. Saͤume nicht; Jedweder bleibe. Paul. Wecke ſie, Muſik!(Muſi.) Zeit iſt's; ſey nicht mehr Stein: komm, ſteig' herab; Triff alle die dich ſehn mit Staunen. Nahe; Dein Grab verſchließ' ich: Nun, ſo komm doch herz Dem Tod vermach' dein Starrſeyn, denn von ihm Erloͤſt dich frohes Leben.— Schaut, ſie regt ſich: (Hermione ſteigt herab.) Erſchreckt nicht: heilig iſt ihr Thun, und auch Mein Zauberſpruch iſt fromm: nicht kehrt Euch von ihr, Sonſt ſeht Ihr wiederum ſie ſterben; dann Habt Ihr ſie zwei Mal umgebracht. Die Hand her: Als ſie noch jung, da warbt Ihr; jetzt, im Alter, Muß ſie das Frei'n beginnen. Leont.(indem er ſie umarmt) Sie iſt warm! Iſt dies Magie, ſo ſey ſie eine Kunſt Erlaubt wie Eſſen. Pol. Sie umarmt ihn wirklich⸗ Cam. Sie haͤngt an ſeinem Hals; Und lebt ſie dann, ſo mag ſie ſprechen auch⸗ Pol. Ja, und verkuͤnden, wo ſie hat gelebt, Wie ſie dem Tod' entronnen⸗ aul. Daß ſie lebt, Wenn man's Euch wuͤrdet Ihr's verlachen S mie ein altes Maͤhrchen; doch Ihr S, 178 Das Wintermährchen. A. V. Sie lebt, ſpricht ſie gleich nicht. Nur noch ein Weilchen.— Ihr, ſchoͤnes Kind, muͤßt dies bewirken; kniet, Um Eurer Mutter Segen.— Theure Fuͤrſtin, Schaut her, gefunden unſre Perdita. (Perdita kniet vor der Königin.) Zerm. Ihr Goͤtter, blickt herab, Und Gnade gießt aus euren heil'gen Schalen Auf meiner Tochter Haupt!— O ſprich, mein Einz'ges, Wie du gerettet ward'ſt, wo du gelebt? Wie her zum Vater kamſt? dann wiſſe du, Ich,— durch Paulina hoͤrend, das Orakel Gab Hoffnung, daß du lebſt,— verbarg mich hier, Den Schluß erwartend. aul. Spart dies andern Stunden; Sonſt fragt, erzaͤhlt im Schreck hier jeder, truͤbt Den Wonnetaumel ſo.— Geht mit einander, Ihr ſeligen Gewinner: nur Entzuͤcken precht Alle jetzt. Ich alte Turteltaube Schwing' mich auf einen duͤrren Aſt, und weine Um meinen Gatten, der nie wieder kommt, Bis ich geſtorben bin. Leont. Paulina, nein; Du mußt von meiner Hand den Gatten nehmen, Wie ich von dir ein Weib: ſo war's beſchloſſen, 6 Beſchworen unter uns. Du fand'ſt die Meine; Wie, muß ich noch erfahren: denn ich ſah ſie,. So glaubt' ich, todt; und manch Gebet, im Wahn, Sprach ich auf ihrem Grab: Nicht ſuch' ich weit (Da mir ſein Sinn zum Theil bekannth fuͤr dich Den ehrenvollen Gatten:— Komm, Camillo, Nimm ihre Hand: du, deſſen Ehr' und Treue So wohl bewaͤhrt, und hier bekraͤftigt iſt Von zweien Koͤnigen.— Kommt fort von hier.— Wie?— ſchau auf meinen Bruder:— O verzeiht, Daß zwiſchen Euren frommen Blicken je Mein boͤſer Argwohn ſtand,— Dies iſt dein Eidam, Und dieſes Koͤnigs Sohn, durch Himmelsfuͤgung Verlobt mit deiner Tochter. O Paulina, Fuͤhr' uns von hier, daß dann mit beßrer Muße Ein jeder frag' und hoͤre, welche Rolle 3 Wir in dem weiten Raum der Zeit geſpielt, Seit wir zuerſt uns trennten: Folgt mir ſchnell. (alle ab.) 1 6 Perſonen. Herzog von Venedig. Brabantio, Senator. Mehrere Senatoren. 5 6. Verwandte des Brabantio. Othello, Feldherr; Mohr. Caſſio, ſein Lieutnant. Jago, ſein Fähndrich. Rodrigo, ein junger Venetianer. Montano, Statthalter von Cypern. Ein Diener des Othello. Herold. Desdemona, Brabantio's Tochter. Emilie, Jago's Frau. Bianca, Courtiſane. Officiere, Edelleute, Voten, Muſikanten, Matroſen, Gefolge, u. ſ. w. (Szene im erſten Aufzug in Venedig; hernach in Cypern.) „ —— Erſter A ufzu g.⸗ Erſt e Szene. Venedig. Eine Straße. (Es treten auf Rodrigo und JFago.) „ Rodrigo. Sag mir nur nichts, denn damit kraͤnkſt du mich,— 5 Daß Jago, du, der meine Boͤrſe fuͤhrte Els wär ſie dein,— die Sache ſchon gewußt. Jago. Ihr hoͤrt ja nicht!— Hab' ich mir je davon was traͤumen laſſen So moͤgt Ihr mich verabſcheu'n. Rodr. Du haſt mir ſtets geſagt, du haſſeſt ihn! Jago. Verachte mich, wenn's nicht ſo iſt. Drei Maͤchtige aus dieſer Stadt, perſoͤnlich Bemuͤht zu ſeinem Lieutnant mich zu machen, Hofirten ihm; und auf Soldatenwort, Ich kenne meinen Preis; das kommt mir zu. Doch Er, verliebt in ſeinen Stolz und Duͤnkel, Weicht ihnen aus, mit Schwulſt, weithergeholt, Den er ſtaffirt mit grauſen Kriegsſentenzen, Und kurz und gut, Schläͤgts meinen Goͤnnern ab: denn traun, ſo ſpricht er, Ernannt ſchon hab' ich meinen Officier. Und wer iſt dieſer? Seht mir! ein gar ausbuͤnd'ger Rechenmeiſter, Ein Michael Caſſio, ein Florentiner, Ein Wicht, zum ſchmucken Weibe faſt verſuͤndigt, Der niemals eine Schaar ins Feld gefuͤhrt, Noch von der Heeresordnung mehr verſteht, Als Juͤngferchen; nur Buͤchertheorie, Von der in ſeiner Toga wohl ein Rathsherr 8 182 She5 A. I. So weislich ſpricht als er: all' ſeine Kriegskunſt Geſchwatz, nicht Praxis: der nun wird erwählt; Und ich, von dem ſein Auge Proben ſah Zu Rhodus, Cypern, und auf anderm Boden Chriſtlich und heidniſch, komm' um Wind und Fluth Durch ſolchen Rechenknecht, ſolch Einmal Eins; Der, wohl bekomm's ihm, muß ſein Lieutnant ſeyn, Und ich, Gott beſſer's! ſeiner Mohrſchaft Fähndrich. Rodr. Bei Gott! ſein Henker wuͤrd' ich lieber ſeyn!— Jago. Da hilft nichts fuͤr; das iſt der Fluch des Dienſtes. Befoͤrdrung geht Euch nach Empfehl' und Gunſt, Nicht nach ehmal'gem Rang, wo jeder zweite Den Platz des Vormanns erbt. Urtheilt nun ſelbſt, Ob mich wohl irgend Recht und Dank verpflichtet Zu lieben dieſen Mohren. Rodr. So dient' ich ihm auch nicht. Jago. O, ſeyd ganz ruhig. Ich dien' ihm um mir's einzubringen: ey, wir konnen Nicht alle Herrn ſeyn; nicht kann jeder Herr Getreue Diener haben. Seht Ihr doch So manchen pflicht'gen, kniegebeugten Schuft Der ganz verliebt in ſeine Sclavenfeſſel, Ausharrt, recht wie die Eſel ſeines Herrn, Ums Heu, und wird im Alter fortgejagt.— Peitſcht mir ſolch redlich Volk! Dann giebt es Andre, Die ausſtaffirt mit Blick und Form der Demuth, Ein Herz bewahren, das nur ſich bedenkt; Und nur Scheindienſte liefernd ihren Obern, Durch ſie gedeih'n, und wann ihr Pelz gefuͤttert, Sich ſelbſt Gebieter ſind. Die Burſchen haben Witz, Und dieſer Zunft gehoͤr' ich ſelber an. Denn, Freund, »S iſt ſo gewiß als Ihr Rodrigo heißt, Waͤr' ich der Mohr, nicht moͤcht' ich Jago ſeyn. Wenn ich ihm diene, dien' ich nur mir ſelbſt; Der Himmel weiß es! nicht aus Lieb' und Pflicht, Nein, nur zum Schein fuͤr meinen eignen Zweck. Denn wenn mein aͤuß'res Thun je offenbart Des Herzens angeborne Art und Neigung In Haltung und Gebehrde, dann alsbald Will ich mein Herz an meinem Ermel tragen Als Fraß fuͤr Kräh'n. Ich bin nicht, was ich bin!— — Sz. 1. Othello. 183 Rodr. Welch reiches Gluͤck faͤllt dem Dickmaͤul'gen zu, Wenn ihm der Streich gelingt!— Jago. Ruft auf den Vater; Hetzt den ihm nachz vergiftet ſeine Luſt, chreits durch die Stadt, macht ihre Vettern wild, Und ob er unter mildem Himmel wohnt, Plagt ihn mit Fliegen; iſt die Freud' ihm Freude, Verſetzt ſie dennoch ihm mit ſo viel Pein, Daß ſie etwas erbleiche. Rodr. Hier iſt des Vaters Haus; ich ruf' ihn laut. Jago. Das thut: mit gleichem Angſtruf und Geheul⸗ Als wenn bei Nacht und Läſſigkeit ein Feuer Erſpäh't wird in volkreichen Gaſſen. 5 Rod. Halloh, Brabantio! Signor Brabantio, ho!— Jago. Erwacht; halloh! Brabantio! Diebe! Diebe!— Nedmi Euer Haus in Acht, Eur Kind, Eu'r Geld!— He, Diebe! Diebe!— (Brabantio oben am Fenſter.) Brab. Was iſt die Urſach dieſes wilden Larms? Was giebt es hier?— Rodr. Iſt alles was Euch angehort im Hauſe? Jago. Die Thuͤren zu? Brab. Nun, warum fragt Ihr das?— Jago. Ihr ſeyd beraubt, zum Teufel! Nehmt den Mantel! Eur Herz zerbrach, halb Eure Seel⸗ iſt hin: Jetzt, eben jetzt bezwingt ein alter ſchwarzer Schafbock Eu'r weißes Lämmchen: auf! heraus! Weckt die ſchlaftrunknen Buͤrger mit der Glocke, Sonſt macht der Teufel Euch zum Großpapa. Wuf, ſag ich iunf Brab. Was, ſeyd Ihr von Verſtand? Rodr. Ehrwürd'ger Herr, kennt Ihr mich an der Stimme? Brab. Ich nicht! Wer biſt du? Rodr. Rodrigo heiß' ich. Brab. Mir um ſo verhaßter! Befohlen hab' ich dir mein Haus zu meiden; Ganz unverhohlen hoͤrteſt du mich ſagen, Mein Kind ſey nicht fuͤr dich: und nun, wie raſend, Vom Mahle voll und thoͤrendem Getraͤnk, 181 Othello. A. I. In boslich trotz'gem Uebermuthe kommſt du Mich in der Ruh' zu ſtoͤren? Rodr. Herr, Herr, Herr! Brab. Doch, wiſſen ſollſt du dies: In meinem Geiſt und Amt hab' ich die Kraft Dir's zu vergaͤllen. Rodr. Ruhig, werther Herr! Brab. Was ſprichſt du mir von Raub? Dies iſt Venedig, Mein Pallaſt keine Scheune. Rodr. Sehr wuͤrd'ger Herr, In arglos reiner Abſicht komm ich her. Jago. Herr, Ihr ſeyd von denen, die Gott nicht dienen wollen, wenns ihnen der Teufel befiehlt. Weil wir kommen Euch einen Dienſt zu thun, denkt Ihr wir ſind Raufbolde: Ihr wollt einen Barberhengſt uͤber Eure Tochter kommen laſ⸗ ſen; Ihr wollt Enkel, die Euch anwiehern, wollt Rennpferde zu Vettern, und Zelter zu Bruͤdern haben?— Brab. Wer biſt du, frecher Laͤſtrer? Jago. Ich bin Einer, Herr, der Euch zu melden kommt, daß Eure Tochter und der Mohr jetzt dabei ſind das Thier mit zwei Ruͤcken zu machen. Brab. Du biſt ein Schurke! Jago. Ihr ſeyd— ein Senator. Brab. Du follſt dies buͤßen; ich kenne dich, Rodrigo. Rodr. Ich will fuͤr alles einſtehn; doch ich bitt' Euch, Iſt's Euer Wunſch und wohlbedaͤcht'ge Weisheit, (Wie's faſt mir ſcheint,) daß Eure ſchoͤne Tochter In dieſer ſpaͤten Stunde dumpfer Nacht Wird ausgeliefert, beſſer nicht noch ſchlechter Bewacht als durch'nen feilen Gondolier, Den rohen Kuͤſſen eines uͤpp'gen Mohren;— Wenn Ihr das wißt, und einverſtanden ſeyd,— So thaten wir Euch groben, frechen Schimpf. Doch wißt Ihrs nicht, dann ſagt mir Sitt' und Anſtand, Ihr ſcheltet uns mit Unrecht. Nimmer glaubt, Daß allem Sinn fur Hoͤflichkeit entfremdet, Ich ſo zum Scherz mit Eurer Wuͤrde ſpielte. Eu'r Kind, wenn Ihr ihm nicht Erlaubniß gabt, Ich ſag's noch einmal, hat ſich ſchwer vergangen, So Schönheit, Geiſt, Vermögen auszuliefern Dem heimathlos unſteten Abentheurer Sz. 1. dthello. Von hier und uͤberall. Gleich uͤberzeugt Euch, Herr; Iſt ſie im Schlafgemach, ja nur zu Hauſe, Laßt auf mich los der Republik Geſetze, Weil ich Euch ſo betrog. Brab. Schlagt Feuer! ho! Gebt mir'ne Fackel! Weckt all meine Leute!— Der Vorfall ſieht nicht ungleich einem Traum: 5 Glaube will ſchon mich niederdruͤcken. icht, ſag' ich! Licht!— 6(geht ab.) Jago. Lebt wohl, ich muß Euch laſſen, Es ſcheint nicht gut, noch heilſam meiner Stelle, Fuͤhrt man mich vor,— und bleib' ich, ſo geſchieht's,— Dem Mohren: denn ich weiß es, unſer Staat, Wenn ihn dies gleich etwas verdunkeln wird, Kann ihn nicht fallen laſſen: denn es fodert So trift'ger Grund ihn fur den Cyperkrieg, Der jetzt bevorſteht, daß um keinen Preis Ein andrer von der Fähigkeit ſich faͤnde, Als Fuhrer dieſes Zugs; in welcher Ruckſicht, Obgleich ich ihn wie Htiengualen haſſe, Weil mich die gegenwaͤrt'ge Lage zwingt, Ich aufziehn muß der Liebe Flagg' und Zeichen; Freilich als Zeichen nur. Daß Ihr ihn ſicher findet Fuͤhrt jene Suchenden zum Schuͤtzen hin: Dort werd' ich bei ihm ſeyn; und ſo lebt wohl. (Jago geht ab.) (Brabantio tritt auf mit Dienern und Fackeln.) Brab. Zu wahr nur iſt dies Ungluck! Sie iſt fort, und was mir nachbleibt vom verhaßten Leben, Iſt nichts als Bitterkeit. Nun ſag', Rodrigo, Wo haſt du ſie geſehn?(O, thöricht Kind) Der Mohr, ſagſt du? Wer moͤchte Vater ſeyn! Wie weißt du, daß ſie's war? O unerhoͤrt Betrogſt du mich! Was ſprach ſie?— Holt noch Fackeln! Ruft alle meine Vettern! Sind ſie wohl Vermaͤhlt, was glaubſt du?— Rodr. Mun, ich glaube, ja. Brab. O Gott! Wie kam ſie fort? D Blutsverrath!— Vaͤter, hinfort traut Euern Toͤchtern nie Nach außerlichem Thun! Giebt's keinen Zauber, Der Jugend Unſchuld, und des Maͤdchenthums 6 A. I. Rodrigo? Rodr. Ja, Signor; ich las es wohl. Brab. Ruft meinen Bruder.— Waͤr' ſie Euer doch! Auf welche Art auch immer! Habt Ihr Kundſchaft Wo wir ſie finden mögen mit dem Mohren? Rodr. Ich hoff' ihn auszuſpäh'n, wenn's Euch gefaͤllt Mit mir zu gehn, Bewaffnete zu rufen. Brab. Wohl, fuͤhrt den Zug. Vor jedem Hauſe ruf' ich; Wenn's gilt kann ich befehlen. Waffen her! Und holt ein Paar Hauptleute von der Wache; Voran, Rodrigo: Eure Muͤh' vergelt' ich. (ſie gehen ab.) 3 weite Szeme Straße. (Es treten auf Othello, Jago und Gefolge.) 2 Jago. Im Kriegeshandwerk ſchlug ich manchen todt; Doch halt' ich's fuͤr Gewiſſensſach' und Suͤnde, Mit Abſicht morden; traun, mit fehlt's an Bosheit, Und oft zu meinem Schaden. Zwanzigmal Dacht' ich ihm mit'nem Rippenſtoß zu dienen! Gth.»S iſt beſſer ſo. Jago. Doch ſchwatzt' er ſolches Zeug, und ſprach ſo ſchnöd', und gegen Eure Ehre So laͤſterlich, Daß all' mein Bit Froͤmmigkeit mich kaum Im Zuͤgel hielt. Doch ſagt mir, werther Herr, Seyd Ihr auch recht vermaͤhlt? Denn glaubt mir nur, Gar ſehr beliebt iſt der Magnifico, Und hat was durchzuſetzen kräft'ge Stimme, Vollwichtig wie der Fuͤrſt. Er wird Euch ſcheidenz Zum mindſten haͤuft er Hemmung und Verdruß Wie nur das Recht, durch ſeine Macht geſchärft Ihm Spielraum giebt. Zu thören? Laſ't Ihr nie von ſolchen Dingen, 6 ——— Sz 2. Hthello. 00 E cGth. Er mag ſein Aergſtes thun: Der Dienſt, den ich geleiſtet dem Senat, Schreit ſeine Klage nieder. Kund ſoll werden, (Was, wenn mir kund daß Prahlen Ehre bringt, Ich offenbaren will) daß ich entſproß Aus koͤniglichem Stamm: und mein Geſtirn Darf ohne Schaam ſo ſtolzes Gluͤck anſprechen Als dies, das ich erreicht. Denn wiſſe, Jago, Liebt' ich die holde Desdemona nicht, Rie zwaͤngt' ich meinen ſorglos freien Stand In Band' und Schranken ein, nicht um die Schaͤtze Der tiefen See. Doch ſieh! Welch Licht kommt dort? (Caſſio kommt mit Gefolge.) Jago. Der zorn'ge Vater iſt es mit den Freunden:— Geht doch hinein! Oth. Ich nicht! man ſoll mich finden. Mein Stand und Rang, und meine feſte Seele Laut ſolhn ſie fur mich zeugen! Sind es jene? Jago. Beim Janus, nein!— Oth. Des Herzogs Diener ſind es, und mein Lieutnant.— — Sey Euch die Nacht gedeihlich, meine Freunde! Was giebt's?— Caſſ. Der Herzog gruͤßt Euch, General, Und fordert daß ihr ſchnell, blitzſchnell erſcheint, Im Augenblick. Gth. Was, meint ihr, iſt im Werk?— Caſſ. Etwas aus Cypern, wenn ich recht vermuthe; »S iſt ein Geſchaͤft von heißer Eil: die Flotte Verſchickt' ein Dutzend Boten nach einander, Noch dieſe Nacht, die auf dem Fuß ſich folgten. Viel Herrn vom Rath, geweckt, und ſchon verſammelt, Sind jetzt beim Herzog: eifrig ſucht man Euch, 5 Und da man Euch verfehlt in Eurer Wohnung, 65 Hat der Senat drei Haufen ausgeſandt, Euch zu erſpaͤh'n. Gth. S iſt gut daß Ihr mich fandet. Ein Wort nur laß ich hier zuruͤck im Hauſe, Und folg' Euch nach. Cgeht ab.) Caſſ. Fähndrich, was ſchafft er hier?— — 188 Othellv. A. 1. Jago. Nun, eine Landgaleere nahm er heut; Er macht ſein Gluͤck wenn's gute Priſe wird. Caſſ. Wie meint Ihr das?— Jago. Er iſt vermaͤhlt. Caſſ. Mit wem?— (Othello kommt zurück.) Jago. Ei nun, mit,—— kommt Ihr, mein General? Gth. Ich bin bereit.* Caſſ. Hier naht ein andrer Trupp, Euch aufzuſuchen. (Brabantio, Rodrigo und Bewaffnete treten auf.) Jago. Es iſt Brabantio. Faßt Euch, General!— 7 Er ſinnt auf Boͤſes! Gth. Holla! Stellt Euch hier!— Rodr. Signor, es iſt der Mohr! Brab. Dieb! Schlagt ihn nieder!— (Von beiden Seiten werden die Schwerdter gezogen.) Jago. Rodrigo, Ihr? Kommt Herr! Ich bin fuͤr Euch. Ghth. Die blanken Schwerdter fort! Sie moͤchten roſten.— Das Alter hilft Euch beſſer, guter Herr, Als Euer Degen. Brab. O ſchnoͤder Dieb! Was ward aus meiner Tochter? Du haſt, verdammter Frevler, ſie bezaubert: Denn alles was Vernunft hegt, will ich fragen, Wenn nicht ein magiſch Band ſie haͤlt gefangen, Ob eine Jungfrau, zart und ſchoͤn und gluͤcklich, So abhold der Vermaͤhlung, daß ſie floh Den reichen Juͤnglings⸗Adel unſrer Stadt,— Ob ſie, ein allgemein Geſpoͤtt zu werden, Haͤuslichem Gluck entfloh' an ſolches Unholds Pechſchwarze Bruſt, die Grau'n, nicht Luſt erregt? Die Welt ſoll richten, ob's nicht ſonnenklar, Daß du mit Hoͤllenkunſt auf ſie gewirkt; Mit Gift und Trank verlockt ihr zartes Alter, Den Sinn zu ſchwaͤchen:— unterſuchen ſoll man's; Denn glaubhaft iſt's, handgreiflich dem Gedanken. Drum nehm' ich dich in Haft, und zeihe dich Als einen Weltverfuͤhrer, einen Zaubrer, Der unerlaubte boͤſe Kuͤnſte treibt:— Sz. 2. 3. e Legt Hand an ihn, und ſetzt er ſich zur Wehr, Zwingt ihn, und golt's ſein Leben. Gth. Steht zuruͤck, Ihr die fur mich Partei nehmt, und Ihr Andern!— War Fechten meine Rolle, nun, die wußt' ich 8 Auch ohne Stichwort.— Wohin ſoll ich folgen Und Eurer Klage ſtehn?— Brab. In Haft; bis Zeit und Form Im Lauf des graden Rechtsverhoͤr's dich ruft Zur Antwort. hth. Wie denn nun, wenn ich gehorchte?— Wie kaͤme das dem Herzog wohl erwuͤnſcht, Deß Boten hier an meiner Seite ſtehn, Mich wegen dringenden Geſchaͤfts im Staat Vor ihn zu fuͤhren? Gerichtsd. So iſt's, ehrwuͤrd'ger Herr, Der Herzog ſitzt zu Rath, und Euer Gnaden Ward ſicher auch beſtellt. Brab. Im Rath der Herzog?— Jetzt um die Mitternacht?— Fuͤhrt ihn dahin;, Richt ſchlecht iſt mein Geſuch. Der Herzog ſelbſt, Und jeglicher von meinen Amtsgenoſſen, Muß fuͤhlen meine Kraͤnkung wie ſein eigen: Denn laͤßt man ſolche Unthat ſtraflos ſchalten, Wird Heid' und Sklav' bei uns als Herrſcher walten. (ſie gehen ab.) Dri t t e S en Saal im herzoglichen Pallaſt. (Der Herzog und die Senatoren an einer Tafel ſitzend.) Zerzog. In dieſen Briefen fehlt Zuſammenhang Der ſie beglaubigt. 4. Sen. Ja wohl, ſie weichen von einander ab; Mein Schreiben nennt mir hundert ſechs Galeeren⸗ Zerz. Und meines hundert vierzig. 100 Hthello. 1. 1. 2. Sen. Mein's, zweihundert: Doch ſtimmt die Zahl auch nicht genau zuſammen, (Wie insgemein, wenn ſie Geruͤchte melden, Der Inbalt abweicht,—) doch erwaͤhnen Alle* Der turk ſchen Flotte, die gen Cypern ſegelt. Zerz. Gewiß, erwaͤgen wir's, ſo ſcheint es glaublich; Ich will mich nicht im Jrrthum ſicher ſchatzen, Vielmehr den Hauptartikel halt' ich wahr, Und Furcht ergreift mich. Wiatroſe(draußen.) Hoh! halloh! halloh!— (Ein Beamter tritt auf, dem ein Matroſe folgt.) Beamt. Botſchaft von den Galeeren! Zerz. Nun? Was giebts?— Mat. Der Tuͤrken Kriegsbewegung geht auf Rhodus; So ward mir Auftrag dem Senat zu melden Vom Signor Angelo. Zerz. Wie duͤnkt der Wechſel Euch?— 1. Sen. So kann's nicht ſeyn, Nach keinem Grund und Fugz es iſt'ne Maske, Den Blick uns fehl zu leiten: Denken wir Wie wichtig Cypern fuͤr den Turken ſey, Und wiederum, geſtehn wir ſelber ein, Daß wie's dem Tuͤrken mehr verlohnt als Rhodus, Er auch mit leichterm Aufwand ſich's erobert, Dieweil es nicht ſo kriegsgeruͤſtet ſteht, Und aller Wehr und Moͤglichkeit entbehrt, Mit der ſich Rhodus ſchirmt; wer dies erwägt, Der wird den Tuͤrken nicht ſo thoͤricht achten, Das nächſtgelegne bis zuletzt zu ſparen; Und leichten Vortheil und Gewinn verſaͤumend, Nutzlos Gefahr zu wecken ſich zum Kampf. Zerz. Ja, ſeyd gewiß, er denkt an Rhodus nicht.. Beamt. Seht! Neue Botſchaft!— (Ein Bote tritt auf.) Bote. Die Ottomanen, weiſe gnaͤd'ge Herrn, In gradem Lauf zur Inſel Rhodus ſteuernd, Vereinten dort ſich mit der Nebenflotte. 1. Sen. Nun ja, ſo dacht' ich mir's;— wie ſtark an Zahl? Bote. An dreißig Segel: und jetzt wenden ſie Sz. 3. Othellv. 1a Ruͤcklenkend ihren Lauf, und ohne Hehl Gilt ihre Abſicht Cypern. Herr Montano, Eu'r fehr getreuer und beherzter Diener Entbeut, mit ſeiner Pflicht, Euch dieſe Nachricht, Und hofft, Ihr ſchenkt ihm Glauben. Zerz. Nach Cypern dann gewiß.— Marcus Lucchefe, iſt er in Venedig?— 1. Sen. Er reiſte nach Florenz. Zerz. Schreibt ihm von uns; windſchnell komm' er;z eilt. 1. Sen. Hier kommt Brabantio und der tapfre Mohr. (Brabantio, Othelro, Jago, Rodrigo und Ge⸗ richtsdiener treten auf.) Zerz. Tapfrer Othello, Ihr muͤßt gleich in's Feld Wider den allgemeinen Feind, den Tuͤrken.— Czu Brabantio.) Ich ſah' Euch nicht; willkommen, edler Herr; Uns fehlt' Eu'r Rath und Beiſtand dieſe Nacht. Brab. Und Eurer mir, mein guͤt'ger Furſt, verzeiht mir. Nicht Amtsberuf noch Nachricht von Geſchaften 6 Trieb mich vom Bett: nicht allgemeine Sorge Erfullt mich jetzt: denn mein beſondrer Gram Gleich einer Springfluth ſtrömt ſo wild dahin, Daß er verſchluckt und einſchlingt jede Sorge,. Nur ſeiner ſich bewußt. Zerz. Nun, was geſchah?— Brab. O Tochter! Tochter! 1. Sen. Starb ſie?— Brab. Ja, fuͤr mich; Sie iſt beſchimpft, entfuͤhrt mir, und verderbt Durch Hepenkuͤnſte und Quackſalbertränke; Denn daß Natur ſo widerſinnig irre, Da ſie nicht ſtumpf noch blind noch bloͤden Sinns, Geſchah nicht ohne Zauberkraft— 5 Zerz. Wer es auch ſey, der auf ſo ſchnödem Wege, So Eure Tochter um ſich ſelbſt betrog, Und Euch um ſie,— das blut'ge Buch des Rechts, Ihr ſollt es ſelbſt in herb'ſter Strenge deuten⸗ Nach eignem Sinn; und waͤr' es unſer Sohn, Den Eure Klage trifft. 192 dthel Brab. Ich dank' in Demuth. Hier dieſer iſt's, der Mohr, den jetzt, ſo ſcheint's, Eur dringendes Gebot im Dienſt des Staats Hieher berief. Alle. Das thut uns herzlich leid. Zerz.(zu Othello.) Was, Eurerſeits, vermoͤgt Ihr erwidern?— Brab. Nichts, als daß dies die Wahrheit. Gth. Ehrwuͤrd'ger, maͤcht'ger und erlauchter Rath, Sehr edle, wohlerprobte gute Herrn— 4 Daß ich dem alten Mann die Tochter nahm, Iſt vollig wahr; wahr, ſie iſt mir vermaͤhlt. Der Thatbeſtand und Umfang meiner Schuld Reicht dahin, weiter nicht. Ich bin von rauhem Wort, Und ſchlechtbegabt mit milder Friedensrede: Seit ſiebenjähr'ge Kraft mein Arm gewann, Bis vor neun Monden etwa, uͤbt' er ſtets Rur Kriegesthat im Felde wie im Lager; Und wenig lernt' ich von dem Lauf der Welt, Als was zum Streit gehoͤrt und Werk der Schlacht; Drum wenig Schmuck wohl leih' ich meiner Sache, Red'ich fuͤr mich. Dennoch, mit Eurer Gunſt, Erzaͤhl' ich ſchlicht und ungefaͤrbt den Hergang Von meiner Liebe; was fuͤr Traͤnk' und Kuͤnſte, Was fuͤr Beſchwoͤrung, welches Zaubers Kraft (Denn ſolcher Mittel ſteh' ich angeklagt) Die Jungfrau mir gewann. Brab. Ein Maͤdchen, ſchuͤchtern, Von Geiſt ſo ſtill und ſanft, daß jede Regung Erroͤthend ſchwieg,— die ſollte, trotz Natur Und Jugend, Vaterland und Stand, und Allem, Das lieben, was ihr Grauen ſchuf zu ſehn?— Ein krankes Urtheil waͤr's, ein unvollkommnes, Das wähnt', es irre ſo Vollkommenheit, Ganz der Natur entgegen: Schwoͤren muß man, Daß nur des Teufels Kunſt und Liſt dies alles Zu thun vermocht. Noch einmal denn behaupt' ich, Daß er mit Traͤnken, ihrem Blut verderblich, Und Zauberſaft, geweiht zu ſolchem Bann, Auf ſie gewirkt. Zerz. Behauptung, nicht Beweis: Wenn Euch kein offner, klarer Zeugniß ward, ———— ————— S. 3. Stheltv. 10 Als ſolch unhaltbar Meinen, ſolch armſel'ger Geringer Scheingrund ihn beſchuld'gen kann. 1. Sen. Doch ſagt, Othello,— Habt Ihr durch Nebenweg' und Uebermacht Der Jungfrau Sinn erobert und verderbt?— Sagt, war's durch Antrag und erlaubtes Werben, Wie Herz an Herz ſich wendet?— 2 Gth. Ich erſuch' Euch, Zum Schuͤtzen ſendet, ruft das Fraͤulein her, Und vor dem Vater mag ſie von mir zeugen. Und werd' ich falſch erfunden auf ihr Wort, Nicht nur Vertraun und Amt, das Ihr mir gabt, Moͤgt ihr mir nehmen, ja es treff Eu'r Spruch Mein Leben ſelbſt. Zerz. Holt Desdemona her. (Einige vom Gefolge gehen hinaus.) Gth. Fähndrich, geht mit, Ihr wißt den Ort am beſten. (Jago ab.) Und bis ſie kommt, ſo wahr wie ich dem Himmel Bekenne meines Blutes ſuͤnd'ge Fehle, So treulich meld' ich Euerm ernſten Ohr, Wie ich gewann der ſchoͤnen Jungfrau Herz, Und ſie das meine. Zerz. Sprecht, Othello. Ghth. Ihr Vater liebte mich, lud oft mich ein, Erforſchte fleißig meines Lebens Lauf, Von Jahr zu Jahr, die Schlachten, Stürme, Schickſals⸗ wechſel, So ich erlebt. Ich ging es durch, vom Knabenalter her, Bis auf den Augenblick wo er gefragt. So ſprach ich denn von manchem harten Fall, Von ruͤhrender Gefahr zu See und Land; Wie ich ums Haar dem droh'nden Tod entrann; Wie mich der ſtolze Feind gefangen nahm, Und mich als Sclav verkauft; wie ich erloͤſ't, Und meiner Reiſen wundervolle Fahrt: Wobei von weiten Höhlen, wuͤſten Steppen⸗, Steinbruchen, Felſen, himmelhohen Bergen Zu melden war im Fortgang der Geſchichte; Von Cannibalen, die einander ſchlachten, 5 VIMH. 13 194 Othelv. A. 1. Anthropophagen, Voͤlkern, deren Kopf Wächſt unter ihrer Schulter: Das zu hören „War Desdemona eifrig ſtets geneigt: Oft aber rief ein Hausgeſchaͤft ſie abz Und immer, wenn ſie eilig dies vollbracht, Gleich kam ſie wieder, und mit duͤrſt'gem Ohr Verſchlang ſie meine Rede. Dies bemerkend, Erſah ich einſt die guͤnſt'ge Stund', und gab Ihr Anlaß daß ſie mich recht herzlich bat, Die ganze Pilgerſchaft ihr zu erzaͤhlen, Von der ſie ſtuͤckweis Einzelnes gehoͤrt, Doch nicht mit rechter Folge. Ich begann; Und oftmals hatt' ich Thränen ihr entlockt, Wenn ich ein leidvoll Abentheu'r berichtet Aus meiner Jugend. Als ich nun geendigt, Gab ſie zum Lohn mir eine Welt von Seufzern: Sie ſchwur,— in Wahrheit, ſeltſam! Wunderſeltſam! Und ruͤhrend war's! unendlich ruͤhrend war's!— Sie wuͤnſchte daß ſie's nicht gehort; doch wuͤnſchte ſie, Der Himmel habe ſie als ſolchen Mann Geſchaffen, und ſie dankte mir, und bat mich, Wenn je ein Freund von mir ſie lieben ſollte, Ich mög' ihm die Geſchicht' erzaͤhlen lehren, Das wuͤrde ſie gewinnen. Auf den Wink Erklaͤrt ich mich: Sie liebte mich, weil ich Gefahr beſtand; Ich liebte ſie um ihres Mitleids willen. Das iſt der ganze Zauber, den ich brauchte; Hier kommt das Fräulein, laßt ſie dies bezeugen. (Desdemona, Jago und Gefolge treten auf.) Zerz. Nun, die Geſchichte hätt' auch meine Tochter Gewonnen. Wuͤrdiger Brabantio, Nehmt, was verſehn ward, von der beſten Seite: Man ſicht doch lieber mit zerbrochnem Schwerdt, Als mit der bloßen Hand. Brab. Hoͤrt ſie, ich bitt' Euchz Bekennt ſie, daß ſie halb ihm kam entgegen, Fluch auf mein Haupt, wenn meine bitt're Klage Den Mann verunglimpft!— Komm' her, junge Dame⸗ Wen ſiehſt du hier in dieſem edlen Kreis, Dem du zumeiſt Gehorſam ſchuldig biſt? Desd. Mein edler Vater, Sz. 3. Othello⸗ 195 Ich ſehe hier zwiefach getheilte Pflicht; Euch muß ich Leben danken und Erziehung; Und Leben und Erziehung lehren mich Euch ehren; Ihr ſeyd Herrſcher meiner Pflicht, Wie ich Euch Tochter. Doch hier ſteht mein Gatte; Und ſo viel Pflicht als meine Mutter Euch Gezeigt, da ſie Euch vorzog ihrem Vater, So viel muß ich auch meinem Gatten zeigen, Dem Mohren, meinem Herrn. Brab. Gott ſey mit dir! Ich bin zu Ende:— Beliebt's Eu'r Hoheit, jetzt zu Staatsgeſchaͤften; O zeugt' ich nie ein Kind, und waͤhlt ein fremdes!— Tritt naͤher, Mohr;— Hier geb' ich dir von ganzem Herzen hin, Was, haͤtt'ſt du's nicht, ich dir von ganzem Herzen Verweigerte.— Um deinetwillen, Kleinod, Erfreut's mich, daß kein zweites Kind mir ward; Durch deine Flucht wär ich tyranniſch worden, Und legt' ihr Ketten an.—— Ich bin zu Ende. Serz. Ich red' an Eurer Statt, und faͤll' ein Urtheil, Das einer Staffel gleich den Liebenden Behuͤlflich ſey. Wem nichts mehr hilft, der muß nicht Gram verſchwenden, Und wer das Schlimmſte ſah, die Hoffnung enden: Unheil beklagen, das nicht mehr zu beſſern, Heißt um ſo mehr das Unheil nur vergrößern. Was nicht zu retten laß dem falſchen Gluͤck, Und gieb Geduld fuͤr Kraͤnkung ihm zuruͤck. Zum Raube lächeln, heißt den Dieb beſtehlen; Doch ſelbſt beraubſt du dich durch nutzlos Quaͤlen. Brab. So moͤgt Ihr Cypern nur den Tuͤrken goͤnnen; Wir habens noch, ſo lang' wir laͤcheln koͤnnen. Leicht traͤgt den Spruch wen andre Laſt nicht druckt, Und wen der ſelbſtgefund'ne Troſt erquickt: Doch fuhlt er ſein Gewicht bei wahren Sorgen, Wenn's gilt, von der Geduld die Zahlung borgen⸗ Bitter und ſuͤß ſind all' derlei Sentenzen, Die ſo gebraucht, an Recht und Unrecht grenzen⸗ Doch Wort bleibt Wort: noch hab' ich nie geleſen, Daß durch das Ohr ein krankes Herz geneſen. — Ich bitt Euch inſtaͤndig, gehn wir an die Staatsge⸗ geſchaͤfte. „ 106 Othello. 4. 1. Zerz. Der Tuͤrke ſegelt mit gewaltiger Kriegsruͤſtung gegen Eypern. Othello, Euch iſt die Feſtigkeit des Drts am keſten bekannt: und obgleich wir dort einen Statthalter von unbeſtrittner Faͤhigkeit beſitzen, ſo hegt doch die öffentliche Meinung, jene unbeſchraͤnkte Gebieterin des Erfolgs, eine größere Zuverſicht zu Euch. Ihr muͤßt Euch deshalb gefal⸗ len laſſen den Glanz Eures neuen Glucks durch dieſe rauhe und ſtuͤrmiſche Unternehmung zu verdunkeln. hth. Die eiſerne Gewohnheit, edle Herrn, Schuf mir des Krieges Stahl und Felſenbett Zum allerweichſten Flaum: Ich ruͤhme mich Natuͤrlicher und raſcher Munterkeit, Im ſchwerſten Ungemach; und bin entſchloſſen Zum jetz'gen Feldzug mit dem Muſelmann. In Demuth drum mich neigend dem Senat, Verlang' ich Sorg' und Schutz fuͤr mein Gemahl; Anſtaͤnd'ge Ruͤckſicht ihrem Rang und Aufwand; Und ſolche Wohnung, ſolche Dienerſchaft, Als ihrem Stand geziemt. Zerz. So bleibe ſie Bei ihrem Vater.* Brab. Nimmer geb' ichs zu. Gth. Noch ich. Desd. Noch ich; nicht gern verweilt' ich dort, Und reizte meines Vaters Ungeduld, Waͤr' ich ihm ſtets vor Augen.— Guͤt ger Fuͤrſt, Leiht meinem Vortrag ein geneigtes Ohr: Und laßt mir Eure Gunſt als Freibrief gelten, Mein ſchuͤchtern Wort zu kraͤft'gen. Zerz. Was wuͤnſcht Ihr, Desdemona? Desd. Daß ich den Mohren liebt' um ihm zu leben, Mag meines Glucks gewaltſam jäher Sturm Der Welt zurufen: ja, mein Herz ergab ſich Ganz unbedingt an meines Herrn Beruf: Ich ſah in ſeinem Geiſt Othello's Antlitz; Und ſeinem Ruhm, und ſeinem Heldenſinn, Hab ich Gemuͤth und irdiſch Gut geweiht. Brum wuͤrd'ge Herrn, laͤßt man mich hier zuruͤck, Als Friedensmotte, weil er zieht ins Feld, So raubt man meiner Liebe theures Recht, und laͤßt mir eine ſchwere Zwiſchenzeit Dem Liebſten fern: drum laßt mich mit ihm ziehn. Sz. 3. Otheltb. 107 Oth. Stimmt bei, Ihr Herrn: ich bitt' Euch drum, ge⸗ waͤhrt Ihr freie Willkuͤhr. 3 Der Himmel zeuge mir's, dies bitt ich nicht, Den Gaum zu reizen meiner Sinnenluſt; Roch heißem Blut zu Liebe,(jungen Trieben„ Selbſt eigennuͤtz'ger Luſt, die jetzt muß ſchweigen;) Fur ihrem Wunſch wilffaͤhrig hold zu ſeyn: Und Gott verhuͤt', Eu'r Edeln möchten waͤhnen, Ich werd' Eur ernſt und groß Geſchaͤft verſaͤumen Weil ſie mir folgt: Nein, wenn der leere Tand Des flucht'gen Amor mir mit uͤpp ger Traͤgheit Des Geiſtes und der Thatkraft Schaͤrfe ſtumpft, Und mich Genuß entnervt, und ſchwaͤcht mein Wirken, Mach' eine Hausfrau meinen Helm zum Keſſel, Und jedes nied're und unwuͤrd'ge Zeugniß Erſtehe wider mich und meinen Ruhm!— Zerz. Es ſey, wie Ihr's mitſammen feſtgeſetzt. Sie folgt Euch, oder bleibe: das Geſchaͤft Heiſcht Eil' und Haſt thut zu Nacht noch muͤßt Ihr ort Desd. Heut Nacht, mein Fuͤrſt? Zerz. Heut Nacht. Gth. Von ganzem Herzen. Berz. um neun Uhr fruh verſammeln wir uns wieder. Othello, laßt'nen Officier zuruck, Der Eure Vollmacht Euch kann uͤberbringen; Und was noch ſonſt Eur Amt und Dienſtverhältniß Verih, Gefilrs Ert Hchet 5 pihnrich th. Gefallt's Eur Hoheit, hier mein Faͤhndrich; Er iſt ein Mann von Ehr und Redlichkeit: Und ſeiner Fuͤhrung laß ich meine Frau, Und was Eu'r Hoheit ſonſt fuͤr nothig achtet Mir nachzuſenden. Zerz. So mag es ſeyn.— Gut Nacht jetzt insgeſammt. Und wuͤrd'ger Herr, Czu Brabantio.) Wenn man die Tugend muß als ſchön erkennen, Duͤrft Ihr nicht haͤßlich Euern Eidam nennen. 1. Sen. Lebt wohl, Mohr! liebt und ehret Desdemona. Brab. Sey wachſam Mohr! Haſt Augen du zu ſehn, Den Vater trog ſie, ſo mags dir geſchehn. (Herzog und Senatoren ab.) . 198 Dtheb. A. I. Gth. Mein Kopf fuͤr ihre Treu'. Hor', wackrer Jago, Ich muß dir meine Desdemona laſſen; Ich bitt' dich, gieb dein Weib ihr zur Geſellſchaft: Und bringe ſie mir nach ſobald du kannſt.— Komm, Desdemona: nur ein Stuͤndchen bleibt Der Lieb', und unſerm haͤuslichen Geſchaͤft Mit dir zu weih'n: laß uns der Zeit gehorchen. (Othello und Desdemona ab.) Rodr. Jago,— Jago. Was ſagſt du, edles Herz?— Rodr. Was werd' ich jetzt thun, meinſt du? Jago. Nun, zu Bette gehn und ſchlafen. Rodr. Auf der Stelle erſaͤufen werd' ich mich. Jago. Nun, wenn du das thuſt, ſo iſt's mit meiner Freundſchaft auf ewig aus. Ei du alberner junger Herr! Rodr. Es iſt Albernheit zu leben, wenn das Leben eine Qual wird: und wir haben die Vorſchrift zu ſterben, wenn Tod unſer Arzt iſt. Jago. O uͤber die Erbaͤrmlichkeit! Ich habe der Welt an die viermal ſieben Jahre zugeſehn: und ſeit ich einen Unter⸗ ſchied zu finden wußte zwiſchen Wohlthat und Beleidigung, bin ich noch keinem begegnet, der's verſtanden haͤtte ſich ſelbſt zu lieben. Eh' ich ſagte, ich wollte mich einem Puthuͤhn⸗ chen zu Liebe erſaͤufen, eh' tauſcht' ich meine Menſchheit mit einem Pavian. Rodr. Was ſoll ich thun? Ich geſtehe, es macht mir Schande verliebt zu ſeyn; aber meine Tugend reicht nicht hin dem abzuhelfen. Jago. Tugend! Ein Schaum! In uns ſelber liegt's, ob wir ſo ſind oder anders. Unſer Koͤrper iſt ein Garten, und unſer Wille der Gaͤrtner; ſo daß, ob wir Neſſeln drin pflan⸗ zen wollen oder Salat bauen; Yſop aufziehn, oder Thymian ausjaten; ihn duͤrftig mit einerlei Kraut beſetzen, oder mit mancherlei Gewaͤchs ausſaugen; ihn maͤßig verwildern laſſen, oder fleißig in Zucht halten; nun das Vermoͤgen dazu und die beſſernde Macht liegt durchaus in unſerm freien Willen. Haͤtte der Wagbalken unſres Lebens nicht eine Schale von Vernunft, um eine andre von Sinnlichkeit aufzuwiegen, ſo wuͤrde unſer Blut, und die Boͤsartigkeit unſrer Triebe uns zu den ausſchweifendſten Verkehrtheiten fuͤhren: aber wir ha⸗ ben die Vernunft um die tobenden Leidenſchaften, die fleiſch⸗ ——— ———— S3. Hthero. 100 lichen Triebe, die zugelloſen Luſte zu kuͤhlen; und daraus ſchließ' ich,— was du Liebe nennſt, ſey ein Pfrepfreis, ein Ableger. Rodr. Das kann nicht ſeyn. Jago. Es iſt nur ein Geluͤſt des Bluts, eine Nachgie⸗ bigkeit des Willens. Auf! ſey ein Mann! Dich erſaͤufen? Erſäufe Katzen und junge Hunde! Ich nenne mich deinen Freund, und erklaͤre mich an dein Verdienſt geknuͤpft mit dem Ankertau der ausdauerndſten Feſtigkeit; nie konnte ich dir beſſer beiſtehn als jetzt. Thu' Geld in deinen Beutel; zieh' mit in dieſen Krieg; verſtelle dein Geſicht durch einen falſchen Bart; ich ſage dir, thu' Geld in deinen Beutel. Es iſt undenkbar, daß Desdemona den Mohren auf die Dauer lieben ſollte,— thu' Geld in deinen Beutel!— noch der Mohr ſie: es war ein gewaltſames Beginnen, und du wirſt ſehn, die Cataſtrophe wird eine ähnliche ſeyn. Thu' nur Geld in deinen Beutel:— ſo ein Mohr iſt veraͤnderlich in ſeinen Neigungen; fulle deinen Beutel mit Geld;— die Speiſe, die ihm jetzt ſo wuͤrzig ſchmeckt als Suͤßholz, wird ihm bald bittrer dunken als Coloquinthen. Sie muß ſich aͤndern, denn ſie iſt jung: und hat ſie ihn erſt ſatt, ſo wird ſie den Irrthum ihrer Wahl einſehn. Sie muß Abwechs⸗ lung haben, das muß ſie; darum thu Geld in deinen Beu⸗ tel. Wenn du durchaus zum Teufel fahren willſt, ſo thu' es auf angenehmerem Wege als durch Erſaͤufen. Schaff' dir Geld ſo viel du kannſt! Wenn des Prieſters Segen, und ein hohles Geluͤbde zwiſchen einem abentheuernden Barbaren und einer uͤberliſtigen Venetianerin fuͤr meinen Witz und die ganze Sippſchaft der Hoͤlle nicht zu hart ſind, ſo ſollſt du ſie beſitzen; darum ſchaff dir Geld. Zum Henker mit dem Er⸗ ſäufen! Das liegt weit ab von deinem Wege. Denk du lie⸗ ber drauf zu hängen, indem du deine Luſt buͤßeſt, als dich zu erſäufen, und ſie fahren zu laſſen. Rodr. Soll ich meine Hoffnung auf dich bauen, wenn ich's drauf wage?— Jago. Auf mich kannſt du zaͤhlen;— geh, ſchaffe dir Geid;— ich habe dir's oft geſagt, und wiederhole es aber und abermals, ich haſſe den Mohren; mein Grund kommt von Herzen, der deinige liegt ehen ſo tief: Laß uns feſt in unſcer Rache zuſammenhalten Kannſt du ihm Hörner auf⸗ ſetzen, ſo machſt du dir eine Luſt, und mir einen Spaß. Es ruht noch manches im Schooß der Zeit, das an's Licht will⸗ 200 Othello. A. I. Grade durch!— Fort! Treib dir Geld auf. Wir wollen es morgen weiter verhandeln. Leb wohl!— Rodr. Wo treffen wir uns morgen fruͤh? Jago. In meiner Wohnung. Rodr. Ich werde zeitig dort ſeyn. Jago. Gut, leb wohl.— Hoͤre doch, Rodrigo! Rodr. Wos ſagſt du?— Jago. Nichts von Erſaͤufen! Hoͤrſt du?— Rodr. Ich denke jetzt anders. Ich will alle meine Guͤ⸗ ter verkaufen. Jago. Nur zu; thu' nur Geld genug in deinen Beutel. (Rodrigo ab.) So muß mein Narr mir ſtets zum Seckel werden: Mein reifes Urtheil wuͤrd' ich ja entweih'n, Vertaͤndelt ich den Tag mit ſolchem Gimpel, Mir ohne Nutz und Spaß.— Den Mohren haſſ' ich; Die Rede geht, er hab' in meinem Bett Mein Amt verwaltet: moͤglich, daß es falſch; Doch ich, auf bloßem Argwohn in dem Fall, Will thun, als waͤr's gewiß Er hat mich gern; Um ſo viel beſſer wird mein Plan gedeih'n. Der Caſſio iſt ein huͤbſcher Mann:— laßt ſehn! Sein Amt erhaſchen, mein Geluͤſte buͤßen,— Ein doppelt Schelmſtuͤck! Wie nur? Laßt mich ſehn— Nach ein'ger Zeit Othello's Ohr bethoͤren, Er ſey mit ſeinem Weibe zu vertraut:— Der Burſch iſt wohlgebaut, von ſchmeid'ger Art, Recht fuͤr den Argwohn; recht den Frau'n gefährlich. Der Mohr nun hat ein grad und frei Gemuͤth, Das ehrlich jeden haͤlt, ſcheint er nur ſo; Und laͤßt ſich ſaͤnftiich an der Naſe fuͤhren, Wie Eſel thun. Ich hab's, es iſt erzeugt; aus Hoͤll' und Nacht Sey dieſe Unthat an das Licht gebracht. Cer geht ab.) Sz. 1. Othelv. 201 3 weiter A ufzu g.⸗ Erſte Szene. Hauptſtadt in Eypern. Platz am Hafen. (Montano und zwei Edelleute treten auf.) Wontano. Was unterſcheidet man vom Damm zur See?— 1. Edelm. Nichts, weit und breit:*S iſt hochgeſchwellte luth;§ und nirgend zwiſchen Meer und Hafen kann ich Ein Schiff entdecken. Miont. Mir ſcheint, der Wind blies uͤberlaut ans Ufer; Nie traf ſo voller Sturm die Außenwerke: Wenm's eben ſo rumort hat auf der See, Welch eich'ner Kiel, wenn Berge niederfluthen, Bleibt feſtgefugt? Was werden wir noch hoͤren? 2. Edelm. Zerſtreuung wohl des turkiſchen Geſchwaders: Denn, ſtellt Euch nur an den beſchaͤumten Strand, Die ſcheltende Woge wirft ſich an die Wolken; Die ſturmgepeitſchte Fluth, mit maͤchtgem Schwall, Scheint Schaum zu ſchleudern auf den gluͤh'nden Baͤren, Des ewig feſten Poles Wacht zu loͤſchen: Nie ſah' ich ſo verderblichen Tumult Des zorn'gen Meers. Mont. Wenn nicht die Tuͤrkenflotte Sich barg in Bucht und Hafen, ſo verſank ſie; Es iſt unmoͤglich daß ſie's uberſtand. (Ein dritter Edelmann tritt auf.) 3. Edelm. Botſchaft, Ihr Herrn! Der Krieg iſt aus, Der wuͤth'ge Sturm nahm ſo die Tuͤrken mit, Daß ihre Landung hinkt: Ein Kriegsſchiff von Venedig War Zeuge grauſer Noth und Havarei Des Haupttheils ihrer Flotte. Mont. Wie? Iſt das wahr?— 202 Hthelb. A. MI. 3. Edelm. Das Schiff hat angelegt; Ein Veroneſer, Michael Caſſio, Lieutnant des kriegeriſchen Mohrs Othello, Stieg hier ans Land;z der Mohr iſt auf der See, Mit hoͤchſter Vollmacht unterwegs nach Cypern. Mont. Mich freut's; er iſt ein wuͤrd'ger Gouverneur. 3. Edelm. Doch dieſer Caſſio,— ſpricht er gleich ſo troͤſtlich Vom tuͤrkiſchen Verluſt,— ſcheint ſehr beſorgt, Und betet fuͤr den Mohren; denn es trennte Ein grauſer, ſchwerer Sturm ſie. Wiont. Schuͤtz' ihn Gott! Ich diente unter ihm; der Mann iſt ganz Soldat und Feldherr. Kommt zum Strande, ho! Sowohl das eingelaufne Schiff zu ſehn, Als nach dem tapfern Mohren auszuſchaun, Bis wo die Meerfluth und des Aethers Blau In Eins verſchmilzt. 3. Edelm. Das laßt uns thun; Denn jeder Augenblick iſt jetzt Erwartung Von neuer Ankunft. (Caſſio tritt auf.) Caſſ. Dank allen Tapfern dieſes muth'gen Eilands, Die ſo den Mohren lieben; moͤcht' ihn doch Der Himmel ſchuͤtzen vor dem Element, Denn ich verlot ihn auf der ſchlimmſten See! Wont. Hat er ein gutes Fahrzeug? Caſſ. Sein Schiff iſt ſtark gebaut, und ſein Pilot Von wohlgepruͤfter, kund'ger Meiſterſchaft; Drum harrt mein Hoffen, noch nicht todtlich krank, Kuͤhn auf Geneſung. (Mehrere Stimmen draußen.) Ein Schiff! Ein Schiff! Ein Schiff!— Caſſ. Was rufen ſie?— 1. Edelm. Die Stadt iſt leer; am Seegeſtade ſteht Gedraͤngt das Volk, man ruft: ein Schiff! ein Schiff! Caſſ. Mein Hoffen waͤhnt, es ſey der Gouverneur. (man hört Schüſſe.) 2. Edelm. Mit Freudenſchuͤſſen ſalutiren ſie; Zum mindſten Freunde ſind's. . —— —— Sz. 1. Othello. 203 Caſſ. Ich bitt' Euch, Herr, Geht, bringt uns ſichre Nachricht wer gelandet. 2. Edelm. Sogleich. gleich Cgeht ab.) Mont. Sagt, Lieutnant, iſt der General vermaͤhlt? Caſſ. Ja, aͤußerſt gluͤcklich. Er gewann ein Fräulein, Das jeden ſchwärmeriſchen Preis erreicht; Kunſtreicher Federn Lobſpruch uͤberbeut, Und in der Schopfung reichbegabter Fuͤlle Die Dichtung ſelbſt ermattet.— Nun, wer war's? (der Edelmann kommt zurück.) 2. Edelm. Ein Jago iſt es, Fähndrich unſres Feldherrn. Caſſ. Der hat hoͤchſt ſchnelle, gunſt'ge Fahrt gehabt: Die Stuͤrme ſelbſt, die Stroͤmung, wilde Wetter, Gezackte Klippen, aufgehaͤufter Sand— Unſchuld'gen Kiel zu faͤhrden leicht verhuͤllt,— Als hätten ſie fuͤr Schoͤnheit Sinn, vergaßen Ihr todtlich Amt, und ließen ungekraͤnkt Die hohe Desdemona durch. Mont. Wer iſt ſie?— Caſſ. Die ich genannt, die Herrin unſres Herrn, Der Fuͤhrung anvertraut des kuͤhnen Jago; Deß Landung unſerm Hoffen vorgeeilt Um eine Woche.— O Herr! beſchuͤtz' Othello, Sein Segel ſchwelle dein allmaͤcht'ger Hauch, Daß bald ſein wackres Schiff den Hafen ſegne; Dann eil' er liebend an der Gattin Bruſt, Entflamme gluͤhend unſern lauen Muth⸗ Und bringe Cypern Troͤſtung!— Seht, o ſeht!— (Desdemona, Jago, Rodrigo und Emilia treten auf.) Des Schiffes Reichthum iſt ans Land gekommen!— Ihr, Cypern's Edle, neigt Euch huldigend: Heil dir, o Herrin! und des Himmels Gnade Begleite dich auf allen Seiten ſtets, Dich rings umſchließend. Desd. Dank Euch, wack'rer Caſſio. Was wißt Ihr mir von meinem Herrn zu ſagen? Caſſ. Noch kam er nicht; noch weiß ich irgend mehr, Als daß er wohl, und bald hier landen muß. Desd. Ich fuͤrchte nur,— wie habt Ihr ihn verloren? 20 4½ Otheluo. 4. I. Caſſ. Der große Kampf des Himmels und des Meers Trennt' unſern Lauf: doch horch! ich hör' ein Schiff! (draußen) e Ein Schiff! Ein Schiff! 2. Edelm. Der Citadelle bringt es ſeinen Gruß; Auch dies ſind Freunde. Caſſ. Geht und ſchafft uns Nachricht. (der zweite Edelmann ab.) Willkommen, Faͤhndrich; werthe Frau, willkommen. Nicht reiz' es Euern Unmuth, guter Jago, Daß ich die Freiheit nahm; denn meine Heimath Erlaubt ſo kuͤhnen Brauch der Hoͤflichkeit. Cer küßt Emilien.) Jago. Herr, gaͤben Ihre Lippen Euch ſo viel, Als ſie mir oft beſcheert mit ihrer Zunge, Ihr haͤttet gnug. Desd. Die Arme ſpricht ja kaum! Jago. Ei, viel zu viel! Das merk' ich immer wenn ich ſchlafen moͤchte; Vor Euer Gnaden freilich, glaub' ich's wohl, Legt ſie die Zung' ein wenig in ihr Herz, Und keift nur in Gedanken. Emil. Wie du ſchwatzeſt!— Jago. Geht, geht! Ihr ſeyd Gemälde außerm Haus, Glocken im Zimmer, Drachen in der Kuͤche, Verletzt Ihr, Heil'ge; Teufel, kraͤnkt man Euch: Spielt mit dem Haushalt, haltet Haus im Bett. Desd. O ſchaͤme dich, Verlaͤumder! Jago. Nein, das iſt 5 nicht irr' ich um ein Haar veit Ihr ſteht zum Spiel auf, geht ins Bett zur Arbeit. Emil. Ihr ſollt mein Lob nicht ſchreiben. Jago. Will's auch nicht. Desd. Was ſchriebſt du mir, ſollt'ſt du mich oben Jago. O gnaͤd'ge Frau, nicht fordert ſo mich auf;z Din bin Scht wenn ich e deen dri Desd. So fang' nur an.— Ging Einer hin zum Hafen? ago. Ja, edle Frau. Desd. Ich bin nicht froͤhlich; doch verhuͤll ich gern Sz. 1. Hthello. 20⁵ Den innern Zuſtand durch erborgten Schein.— Nun ſag' wie lobſt du mich? Jago. Ich ſinne ſchon: doch leider mein Erfinden Gcht mir vom Kopf wie Vogelleim vom Fries, Reißt Hirn und alles mit. Doch kreiſtt die Muſe, Und wird alſo entbunden: Gelt ich fuͤr ſchoͤn und klug,— weiß von Geſicht, und witzig,— Die Schoͤnheit nuͤtzt den Andern, durch Wit die Schoͤn⸗ heit nutz ich. Desd. Gut gelobt! ſie nun aber braun und witzig iſt?— Jago. Nun, bin ich braun und ſonſt nur leidlich witzig, Find' ich den weißen Freund, und was mir fehlt, beſitz' ich. Desd. Schlimm und ſchlimmer!— Emil. Wenn aber Eine huͤbſch weiß und roth, und dumm iſt? Jago. Hat ſie ein weiß Geſicht, ſo iſt ſie dumm mit nichten; Denn auf ein Kind weiß ſich imnſte ſelbſt zu richten. Desd. Das ſind abgeſchmackte alte Reime, um die Narren im Bierhauſe zum Lachen zu bringen. Was fuͤr ein erbärm⸗ liches Lob haſt du denn fur Eine, die haͤßlich und dumm iſt?— Jago. Kein Maͤdchen iſt ſo dumm und haͤßlich noch zu⸗ gleich, Trotz Huͤbſchen und Geſcheidten macht ſie'nen dummen Streich. Desd. O grober Unverſtand! Du preiſeſt die Schlechtſte am beſten. Aber welches Lob bleibt dir fuͤr eine wirklich ver⸗ dienſtvolle Frau; fuͤr eine, die in dem Adel ihres Werths mit Recht den Ausſpruch der Bosheit ſelbſt heraus fordern darf?— Jago. Die immer ſchoͤn, doch nicht dem Stolz vertraut, Von Zunge flink, doch niemals ſprach zu laut; Nicht arm an Gold, nie bunten Schmuckſich goͤnnte, Den Wunſch erſtickt, und dennoch weiß: ich koͤnnte! Die ſelbſt im Zorn, wenn Rache nah' zur Hand, Die Kraͤnkung traͤgt, und ihren Groll verbannt: Die nie von Ueberwitz ſich laͤßt berauſchen Fuͤr derben Salm den Gruͤndling einzutauſchen; Sie die viel denkt, die Neigung doch verſchweigt, Und keinen Blick dem Schwarm der Werber zeigt; Die nennt' ich gut,— waͤr' ſie nur aufzutreiben,— Othelto⸗. u Desd. Nun ſag', wozu? Jago. Zu ſaͤugen Narrn, und Duͤnnbier anzuſchreiben. Desd. O uͤber ſolchen lahmen, hinkenden Schluß!— Lerne nichts von ihm, Emilie, wenn er gleich dein Mann iſt. — Was meint Ihr, Caſſio? Iſt er nicht ein recht heilloſer ausgelaßner Schwaͤtzer? Caſſ. Er redet derb, gnaͤd'ge Frau; der Soldat wird Euch beſſer an ihm gefallen, als der Gelehrte. Jago(beiſeit. Er faßt ſie bei der Hand: ſo recht! fluͤ⸗ ſtert nur! Mit ſolchem kleinen Gewebe will ich eine ſo große Fliege umgarnen als Caſſio.— Ja, lächle du ſie an! Nur zu! Deine eignen Scharrfuͤße ſollen dir Beinſchellen werden.— Ganz Recht! In der That, ſo iſt's,— wenn ſolche Manieren dich um deine Lieutnantſchaft bringen, ſo waͤr's beſſer geweſen, du haͤtteſt deine drei Finger nicht ſo oft gekußt, mit denen du jetzt ſo ſtattlich den Cavalier ſpielſt.— Sehr gut! Wohl ge⸗ kußt! Eine herrliche Verbeugung!— Schon wieder die Finger an den Mund? So wollt' ich doch, es wären Clyſtierſpritzen um deinetwillen!— (Trompetenſtoß.) Der Mohr! Ich kenne ſein Signal!— Caſſ. Er iſt's. Desd. Wir wollen ihm entgegen, ihn empfangen. Caſſ. Da kommt er ſchon. (Othello kommt mit Gefolge.) Gth. O meine holde Kriegerin! Desd. Mein Othello! Ohth. Ein Wunder duͤnkt mich's, groß wie meine Freude, Dich hier zu ſehn vor mir. O mein Entzucken! Wenn jedem Sturm ſo heitre Stille folgt, Dann blaſ't, Orkane, bis den Tod ihr weckt! Dann klimme, Schiff, die Wogenberg' hinan Hoch wie Olymp, und tauch' hinunter tief Zum Grund der Holle! Goͤlt' es jetzt zu ſterben, Jetzt waͤr' mir's hoͤchſte Wonne; denn ich furchte, So volles Maaß der Freude fullt mein Herz, Daß nie ein andres Gluck mir dieſem gleich Im Schooß der Zukunft harrt. Desd. Verhuͤte Gott, ———— ————— Sz. 1. ⸗ Daß unſte Lieb' und Gluͤck nicht ſollten wachſen Wie unſrer Tage Zahl! Oth. Amen, ihr holden Mächte!— Ich kann ſie nicht ausſprechen, dieſe Wonne, Hier ſtockt es; o es iſt zu viel der Freude: (er umarmt ſie.) und dies, und dies, der groͤßte Mißklang ſey's, Den unſer Herz ie toͤnt. Jago(beiſeit.) Noch ſeyd ihr wohlgeſtimmt, Doch dieſes Einklangs Wirbel ſpann' ich ab⸗ So wahr ich ehrlich bin. Gth. Gehn wir aufs Schloß.— Wißt Ihr's? Der Krieg iſt aus, der Tuͤrk ertrank. Wie geht's den alten Freunden hier auf Cypern?— Liebchen, dich wird man hoch in Ehren halten, Ich fand hier große Gunſt. O ſuͤßes Herz⸗ Ich ſchwatze alles durch einander, ſchwärme Im neuen Gluͤck.— Ich bitt' dich, guter Jago, Geh nach der Bucht, und ſchaff' ans Land die Kiſten: Bring auch den Schiffsherrn mir zur Citadelle; Es iſt ein wack'rer Seemann, deß Verdienſt Ich hoch belohnen muß. Komm, Desdemona, Nochmals begruͤßt in Cypern! (Othello, Desdemona und Gefolge ab.) Jago Czu einem Diener.) Geh du ſogleich zum Hafen, und erwarte mich dort. Czu Rodrigo.) Komm naͤher. Wenn du ein Mann biſt,— denn man ſagt, daß auch Feige, wenn ſie verliebt ſind, ſich zu höherer Geſinnung erheben, als ihnen angeboren war,— ſo hoͤre mich an. Der Lieutnant hat dieſe Nacht die Wache auf dem Schloßhof:—— Vorerſt aber muß ich dir ſagen,— Desdemona iſt richtig in ihn verliebt. Rodr. In ihn? unmoͤglich. Jago. Leg' deinen Finger,— ſo; und laß dich belehren, Freund: beſinne dich nur wie heftig ſie zuerſt den Mohren liebte, nur weil er prahlte, und ihr unmögliche Lugen auf⸗ tiſchte. Wird ſie ihn immer fuͤr ſein Schwätzen lieben? Das kann deine verſtandige Seele nicht glauben wollen. Ihr Auge verlangt Nahrung, und welches Wohlgefallen kann ihr's ge⸗ waͤhren den Teufel anzuſehn? Wenn das Blut durch den Ge⸗ nuß abgekuhlt iſt, dann bedarf es,—(um ſich auf's Neue zu 208 Othello. A. I. entflammen und der Sättigung neue Begier zu wecken,)— Anmuth der Geſtalt; Uebereinſtimmung in Jahren, Sitten und Schoͤnheit; und an dem allen fehlts dem Mohren. Nun, beim Mangel aller dieſer erſehnten Aehnlichkeiten, wird ihr feiner Sinn ſich getäuſcht fuͤhlen; ſie wird des Mohren erſt ſatt, dann uͤberdruſſig werden, und endlich ihn verabſcheuen; die Natur ſelbſt wird ſie anleiten, ſie zu einer neuen Wahl treiben. Nun, Freund, dieſes eingeraͤumt—(wie es denn eine ganz erwieſene und ungezwungne Vorausſetzung iſt—) wer ſteht wohl ſo gewiß auf der Stufe dieſes Gluͤcks, als Caſſio? Der Bube iſt ſehr gewandt: gewiſſenhaft nur ſo weit, als er die außre Form eines ſittſamen und gebildeten Betragens annimmt, um ſeine lockern, geheimen, wilden Neigungen um ſo leichter zu befriedigen.— Nein, keiner, keiner! Ein glatter, ge⸗ ſchmeid'ger Bube; ein Gelegenheitshaſcher, deſſen Blick Vor⸗ theile pragt und falſchmuͤnzt, wenn ſelbſt kein wirklicher Vor⸗ theil ſich ihm darbietet: Ein Teufelsbube! uͤberdem iſt der Bube huͤbſch, jung, und hat alle die Erforderniſſe, wonach Thorheit und gruͤner 2 erſtand hinſchielen: Ein verdammter, ausgemach⸗ ter Bube! und ſie hat ihn ſchon ausgefunden. Rodr. Das kann ich von ihr nicht glauben; ſie iſt von hochſt ſittſamer Geſinnung. Jago. Schade was um's Sittſame! der Wein, den ſie trinkt, iſt aus Trauben gemacht: waͤre ſie ſo ſittſam, dann hätte ſie nie den Mohren geliebt: Sittſam hin und her! Sahſt du nicht wie ſie mit ſeiner flachen Hand taͤtſchelte? Haſt du das nicht bemerkt?— Rodr. O ja; aber das war nur Hoflichkeit. Jago. Verbuhltheit, bei dieſer Hand!— Ein Inhalts⸗ blatt und dunkler Prologus zum Schauſpiel der Luſt und der ſchnoͤden Gedanken. ie kamen ſich ſo nah' mit ihren Lippen, daß ihr Hauch ſich liebkoſ'te. Buͤbiſche Gedanken, Rodrigo! Wenn dieſe Vertraulichkeiten ſo den Weg bahnen, ſo kommt leich hinterdrein der Zweck und die Ausuͤbung, der fleiſchliche Beſchluß⸗ he?— Aber Freund, laß dir rathen: Ich habe dich von Venedig hergefuͤhrt. Steh' heut Nacht mit Wache; ich nehme es auf mich, dir deinen Poſten anzuweiſen: Caſſio kennt dich nicht;— Ich werde nicht weit ſeyn: Finde nur eine Gelegenheit, Caſſio zum Zorn zu reizen, ſey's durch lautes Reden, oder durch Spott uͤber ſeine Mannszucht; oder welchen andern Anlaß du ſonſt wahrnimmſt, den die guͤnſtige Zeit dir eben darbietet. Sz. 1. Rodr. Jago. * Othellv. 200 Gut. Er iſt heftig, und ſehr jähzornig, und ſchlagt vieſeicht mit ſeinem Stabe nach dir: reize ihn nur, daß ers thue, denn das reicht mir ſchon hin, die Eyprier zum Auf⸗ ruhr zu bringen; der nicht wieder beſchwichtigt werden kann, als durch Caſſio's Abſetzung. So findeſt du einen kuͤrzern Weg zu deinem Ziel, durch die Mittel, die ich dann habe dir Vorſchub zu thun; und wir ſchaffen das Hinderniß aus dem Wege, ohne deſſen Beſiegung kein Erfolg erwartet wer⸗ den darf. Rodr. giebſt. Jago. wohl! Rodr. Jago. Das will ich thun, wenn du mir Gelegenheit Dafuͤr ſteh' ich dir. Komm nur ſogleich auf die ich muß jett ſein Gepaͤck ans Land ſchaffen. Leb Gott befohlen!— efohle(5 Daß Caſſio ſie liebt, das glaub⸗ ich wohl; Daß ſie ihn liebt, iſt denkbar und natuͤrlich: Der Mohr,(obſchon ich ihm von Herzen gram,—) Iſt liebevoller, treuer, edler Art; Und wird fuͤr Desdemona, denk⸗ ich ſicher, Ein wack'rer Eh'mann. Jetzt lieb' ich ſie auch; Nicht zwar aus Luͤſternheit,—(wiewohl vielleicht Nicht klei nre Suͤnde mir zu Schulden kommt),— Nein, mehr um meine Rach' an ihm zu weiden, Weil ich vermuthe, daß der uͤpp'ge Mohr Mir ins Gehege kam: und der G edanke Nagt wie Vernunft Pack' ich VI. ein freſſend Gift an meinem Innern; Richts kann und ſoll mein Herz beruhigen, Bis ich ihm wett geworden, Weib um Weib; Oder, ſchlaͤgt dies mir fehl, bring' ich den Mohren In Eiferſucht ſo wilder Art, daß nie ſie heilen kann. Dies zu vollbringen— mein Koͤter von Venedig Stand, Bi nur en ich mir köd're zu der ſchnellen Jagd, den Michael Caſſio bei der Huͤfte, Verſchwärz ihn dann dem Mohren als gefaͤhrlich;— Denn Caſſio furcht' ich auch fuͤr mein Geſpons. So dankt Othello mir's, liebt mich, belohnt mich, Daß ich ſo ſtattlich ihn zum Eſel machte, 14 20 4. n. Und ſeine Ruh' und Freud' ihm untergrub, Zum Wahnſinn.— Ja hier liegt's, noch nicht entfaltet; Die Bosheit wird durch That erſt gunt ab. 3 weite Szene. Straße. (Ein Herold tritt auf.) Zerold. Es iſt Othello's, unſres edeln und tapfern General's Wunſch, daß auf die zuverlaͤſſige, jetzt eingegangene Nach⸗ richt von der gaͤnzlichen Vernichtung der tuͤrkiſchen Flotte, Jedermann ſeine Freude kund thue; ſey es durch Tanz oder Luſtfeuer, oder wie ihn ſonſt ſeine Neigung zu Spiel und Kurzweil treibt; denn außer jenem erfreulichen Ereigniß feiert er heut ſeine Hochzeit: ſolches wird auf ſeinen Befehl ausgerufen. Alle Säle des Pallaſtes ſind geoͤffnet; und volle Freiheit zu Schmaus und Feſt von jetzt fuͤnf Uhr an, bis die elfte Stunde geſchlagen. Der Himmel ſegne die Inſel Cypern und unſern edlen General ab. Dritte Szene. Schloß. (Othello, Desdemona, Caſſio und Gefolge treten auf.) Gthello. Mein lieber Michael, Halt ja genaue Wache dieſe Nacht. Wir muͤſſen ſelbſt auf ehrbar Maaß bedacht ſeyn, Daß nicht die Luſt unbaͤndig werde. Caſſ. Jago ward ſchon befehligt was zu thun; Sz. 3. Othello. 211 Doch außerdem noch ſoll mein eignes Auge Auf alles ſehn. Gth. Jago iſt treu bewaͤhrt. Gut Nacht: auf morgen mit dem Fruͤheſten Hab' ich mit dir zu reden.— Komm, Geliebte: Dem wird die Frucht, der erſt den Handel ſchloß; Wir theilen ſie, mein holder Mitgenoß. Gut' Nacht. (Sthello und Desdemona ab.) (Jago tritt auf.) Caſſ. Willkommen, Jago: wir moͤſſen auf die Wache. Jago. Jetzt noch nicht, Lieutnant, es iſt noch nicht zehn ühr. Unſer General ſchickt uns ſo fruͤh fort aus Liebe zu ſeiner Desdemona, und wir duͤrfen ihn drum nicht ta⸗ deln; es iſt ſeine erſte gluckliche Nacht, und ſie iſt Jupiters wuͤrdig. Caſſ. Sie iſt eine unvergleichliche Frau. Jago. Und dafur ſteh' ich, ſie hat Feuer. Caſſ. Gewiß, ſie iſt ein bluͤhendes, ſußes Geſchoͤpf. Jago. Welch ein Auge! Mir ſcheint es iſt wie ein Auf⸗ ruf zur Verfuͤhrung. Caſſ. Ein einladendes Auge; und doch, wie mir ſcheint, ein hoͤchſt ſittſames. Jago. Und wenn ſie ſpricht, iſt's nicht eine Herausfor⸗ derung zur Liebe? Caſſ. Sie iſt in der That die Vollkommenheit ſelbſt. Jago. Nun, Heil ihrem Bette! Komm, Lieutenant, ich habe ein Stuͤbchen Wein, und hier draußen ſind ein paar muntre Jungen aus Cypern, die gern eine Flaſche auf die Geſundheit des ſchwarzen Othello ausſtechen moͤchten. Caſſ. Nicht heut Abend, lieber Jago: ich habe einen ſehr ſchwachen ungluͤcklichen Kopf zum Trinken. Mir waͤr's lieb, wenn die Hoflichkeit eine andre Sitte der Unterhaltung erfaͤnde. Jago. O es ſind gute Freunde; nur einen Becher; ich will für dich trinken. Caſſ. Ich habe heut Abend nur Einen Becher getrunken, der noch dazu ſtark mit Waſſer gemiſcht war; und ſieh nur, wie es mich veraͤndert hat. Ich habe leider dieſe Schwach⸗ heit, und darf meinen Kräften nicht mehr zumuthen. 14* 21¹2 Othello. A. II. Jago. Ei Lieber, es iſt ja Faſtnacht hent. Die jungen Leute wuͤnſchen es. Caſſ. Wo ſind ſie? Jago. Hier vor der Thuͤr: ich bitte dich, ruf' ſie herein. Caſſ. Ich will's thun, aber es geſchieht ungern. .(geht ab.) Jago. Wenn ich ihm nur Ein Glas aufdraͤngen kann, Zu dem was er an dieſem Abend trank, Wird er ſo voller Zank und Aerger ſeyn Als einer Dame Schooßhund.— Rodrigo nun, mein Gimpel, Den Liebe wie'nen Handſchuh umgewendet, Hat Desdemonen manchen tiefen Humpen Heut jubelnd ſchon geleert, und muß zur Wache. Drei jungen Cyprern, hochgeſinnt und raſch— Im Punct der Ehre keck und leicht gereizt, Dem wahren Ausbund hier der muth'gen Jugend, Z ich mit vollen Flaſchen zugeſetzt; ie wachen auch.— Nun, in der trunk'nen Schaar Reiz' ich Herrn Caſſio wohl zu ſolcher That, Die alles hier empoͤrt.— Doch ſtill, ſie kommen.— Hat nur Erfolg, was jetzt mein Kopf erſinnt, Dann faͤhrt mein Schiff mit vollem Strom und Wind. (Es kommen Caſſio, Montano und mehrere Edelleute.) Caſſ. Auf Ehre, haben ſie mir nicht ſchon einen Hieb beigebracht. Mont. Ei, der waͤre klein! Kaum eine Flaſche, ſo wahr ich ein Soldat bin! Jago. Wein her!(ſingt.) Stoßt an mit dem Glaͤſelein, klingt! klingt!— Stoßt an mit dem Glaͤſelein, klingt! Der Soldat iſt ein Mann, Das Leben ein' Spann, Drum luſtig, Soldaten und trinkt. Wein her, Burſchen!— Caſſ. Auf Ehre, ein allerliebſtes Lied. Jago. Ich hab's in England gelernt, wo ſie, das muß man ſagen, ſich gewaltig auf das Bechern verſtehn. Eu'r Daͤne, Eu'r Deutſcher, Eur dickbaͤuchiger Hollaͤnder,— zu trinken, he!— ſind alle nichts gegen den Engländer. Caſſ. Iſt denn der Englaͤnder ſo ſehr ausbuͤndig im Trinken? * 5. Othelv. 2¹³ Jago. Ei wohl! den Daͤnen trinkt er Euch mit Ge⸗ mächlichkeit untern Tiſch; es wird ihn wenig angreifen, den Deutſchen capott zu machen; und den Hollaͤnder zwingt er zur Uebergabe, eh' der naͤchſte Humpen grfuͤllt werden kann. Caſſ. Auf unſers Gouverneurs Geſundheit! Wiont. Da trink' ich mit, Lieutnant, und will Euch Be⸗ ſcheid thun. Jago. O das liebe England!—(Cſingt.) König Stephan war ein wackrer Held, Eine Krone koſtet ihm ſein Rock: Das fand er um ſechs Grot geprellt, Und ſchalt den Schneider einen Vock. Und war ein Fuͤrſt von großer Macht, Und du biſt ſolch geringer Mann: Stolz hat manch Haus zu Fall gebracht, Drum zieh' den alten Kittel an. Wein her, ſag' ich!— Caſſ. Ei, das Lied iſt noch viel herrlicher als das erſte. Jago. Wollt Ihr's nochmals hoͤren? Caſſ. Nein, denn ich glaube, der iſt ſeiner Stelle un⸗ würdig, der ſowas thut.— Wie geſagt,— der Himmel iſt uͤber uns allen;— und es ſind Seelen, die muͤſſen ſelig werden,— und andre, die muſſen nicht ſelig werden. Jago. Sehr wahr, lieber Lientnant. Caſſ. Ich meinestheils,— ohne dem General oder ſonſt einer hohen Perſon vorzugreifen,— ich hoffe ſelig zu werden⸗ Jago. Und ich auch, Lieutnant. Caſſ. Aber, mit Eurer Erlaubniß, nicht vor mir;— der Licutnant muß vor dem Fähndrich ſelig werden⸗ Nun genug hiervon; wir wollen auf unſre Poſten.— Vergieb uns unſre Suͤnden!— Meine Herrn, wir wollen nach unſerm Dienſt ſehn.— Ihr muͤßt nicht glauben, meine Herrn, daß ich be⸗ trunken ſey:— Dies iſt mein Fähndrich,— dies iſt meine rechte Hand,— dies meine linke Hand:— ich bin alſo nicht ich ſtehe noch ziemlich gut, und ſpreche noch ziem⸗ ich gut. Alle. Außerordentlich gut. Caſf. Nun, recht gut alſo; Ihr muͤßt alſo nicht meinen daß ich betrunken ſey. (er geht ab.) mont. Jetzt zur Terraſſe; laßt die Wachen ſtellen. * 214 t A. II. Jago. Da ſeht den jungen Mann, der eben ging!— Ein Krieger, werth beim Caͤſar ſelbſt zu ſtehn, Und zu befehlen: doch Ihr ſeht ſein Laſter; Es iſt die Schattenſeite ſeiner Tugend, Wenn Tag und Nacht ſich gleich ſind. Schad' um ihn! Das Zutrau'n, fuͤrcht' ich, das der Mohr ihm ſchenkt, Bringt Eypern Ungluͤck, trifft die Schwachheit ihn Zu ungelegner Stunde. Mont. Iſt er oft ſo? Jago. So iſt er immer vor dem Schlafengehn: Er wacht des Zeigers Umkreis zweimal durch, Wiegt ihn der Trunk nicht ein. Wont. Dann waͤr' es gut, Man meldete den Fall dem General: Vielleicht, daß er's nicht ſieht: vielleicht gewahrt Sein gutes Herz die Tugend nur am Caſſio, Und ihm entgehn die Fehler; iſt's nicht ſo?— (Rodrigo tritt auf.) Jago. Was ſoll's, Rodrigo? Ich bitt' Euch, folgt dem Lieutnant nach: ſo geht! (Rodrigo ab.) Mont. Und wahrlich Schade, daß der edle Mohr So wicht'gen Platz als ſeinem zweiten Selbſt Dem Mann vertraut, in dem die Schwachheit wuchert. Der that' ein gutes Werk, wer dies dem Mohren Entdeckte.. Jago. Ich nimmermehr; nicht fuͤr ganz Cypern. Ich liebe Caſſio ſehr, und gaͤbe viel Koͤnnt' ich ihn heilen. Horch! Was ſuͤr ein Laͤrm? (man ruft hinter der Szene: Hülfe! Hülfe!) (Caſſio kommt zurück und verfolgt den Rodrigo.) Caſſ. Du Lump! Du Tolpel! Mont. Nun, was iſt Euch, Lieutnant? Caſſ. Der Schurke! Pflicht mich lehren? Wart', in eine Korbflaſche prugl' ich ihn hinein, den Wicht!— Rodr. Mich prügeln? Caſſ. Muckſt du, Kerl? Wont. Still, lieber Lieutnant! Cer hält den Caſſio zurück.) Ich bitt' Euch, haltet ein! Sz. 3. Othellv. 215 Caſſ. Herr, laßt mich gehn, Sonſt zeichn' ich Eure Fratze,— Wiont. Geht, Ihr ſeyd trunken!— Caſſ. Trunken?(ſie fechten.) Jago. Fort, ſag' ich!(leiſe zu Rodrigo.) Eil und rufe: Meuterei! (Rodrigo ab.). Still doch, Herr Lieutnant! Still doch, liebe Herrn! He, Huͤlfe! Lieutnant,— Herr,— Montano,— Herr!— Helft, Nachbarn!— Nun, das iſt'ne ſaubre Wache! Wer zieht die Glocke denn? O, Diavolo! Die Stadt wird wach; pfui, pfui doch Lieutnant! halt! Ihr macht Euch ew'ge Schande. (Othello kommt mit Gefolge.) Gth. Was giebt es hier?— Wiont. Ich blute! Er traf mich tödtlich! Sterben ſoll er! cth. Bei Euerm Leben, halt!— Jago. Halt, Lieutnant! Herr! Montano,— liebe Herrn,— Vergaßt Ihr allen Sinn fuͤr Rang und Pflicht?— Haltl hoͤrt den General! O ſchaͤmt Euch! halt!— Gth. Was giebt es hier? Woher entſpann ſich dies? Sind wir denn Tuͤrken? Thun uns ſelber das, Was dem Unglaͤubigen der Himmel wehrt? Schämt Euch als Chriſten! Laßt Eu'r heidniſch Raufen; Wer ſich noch ruͤhrt, und zaͤumt nicht ſeine Wuth, Der wagt ſein Leben dran; ein Schritt iſt Tod. Still mit dem Sturmgelaut! Es ſchreckt die Inſel Aus ihrer Faſſung. Was geſchah, Ihr Herrn? Ehrlicher Jago, du ſiehſt bleich vor Gram, Sprich, wer hub an? Bei deiner Lieb', ich will's. Jago. Ich weiß nicht. Freunde jetzt noch, jetzt im Nu, Liedreich und gut wie Braͤutigam und Braut Wenn ſie zu Bette gehn: und drauf im Nu (Als ob ſie plotzlich ein Planet verwirrt) Das Schwerdt heraus, und auf einander ſtechend Im blut'gen Widerſtreit. Ich kann nicht ſagen Wie dieſer wunderliche Kampf begann; Und hätt in guter Schlacht die Beine lieber Verloren, die dazu hieher mich trugen. Oth. Wie, Caſſio kam's, daß du dich ſo vergaßeſt? 216 Hthello. A. II. Caſſ. Ich bitt' Euch Herr, verzeiht, ich kann nicht reden. Gth. Wuͤrd'ger Montan, Ihr ſchient mir ſonſt geſittet; Die Ruh' und edle Haltung Eurer Jugend kg Pries alle Welt, und Euer Name prangte Im Lob der Weiſen: ſagt mir denn, wie kam's, Daß Ihr ſo abgeſtreift den guten Ruf, Und Eures Leumunds Reichthum fuͤr den Namen Des naͤcht'gen Raufers hinwerft? gebt mir Antwort! Mont. Wuͤrd'ger Othello, ich bin ſchwer verwundet; Eu'r Faͤhndrich Jago kann Euch Meldung thun— (Mir fällt das Reden ſchwer, ich ſpart' es gern)— Von allem was ich weiß;— doch wuͤßt' ich nicht, Worin ich mich in Wort noch That verſuͤndigt; Wenn Selbſterhaltung nicht ein Frevel iſt; Und unſer Leben ſchuͤtzen ein Vergehn, Wann uns Gewalt bedrohte. Gth. Nun, beim Himmel, Mein Blut beginnt zu meiſtern die Vernunft; Und Leidenſchaft, mein helles Urtheil truͤbend, Maaßt ſich der Fuͤhrung an: Reg' ich mich erſt, Erheb' ich nur den Arm, dann ſoll der Beſte Vor meinem Streiche fallen. Thut mir kund, Wie kam der ſchnöde Zank? Wer bracht' ihn auf? Und wer von Euch verſchuldet dies Vergehn, Waͤr' er mir blutsverwandt, mein Zwillingsbruder, Verliert mich.— Was! In der Feſtung ſelbſt, Das Volk noch ungewiß, von Angſt betaͤubt,— Privatgezaͤnk und Haͤndel anzuſtiften, Bei Nacht, und auf des Schloſſes hoͤchſter Wache,— »S iſt ungeheuer.— Jago, wer begann? Mont. Wer hier parteiiſch oder dienſtbefreundet Mehr oder minder als die Wahrheit ſpricht, Iſt kein Soldat. Jago. Ha, leg mir's nicht ſo nah!— Ich buͤßte ja die Zunge lieber ein, Als daß ſie gegen Michael Caſſio zeugte; Doch glaub' ich feſt, die Wahrheit reden bringt Ihm keinen Nachtheil.— So geſchah's, mein Feldherr: Ich und Montano waren im Geſpraͤch, Da kommt ein Menſch, der laut um Huͤlfe ſchreit; Und Caſſio folgt ihm mit gezuͤcktem Schwerdt, Ihn zu verwunden: Drauf trat dieſer Herr 1 Sz3. Othello. 27 Caſſio entgegen, bat ihn ſtill zu ſeyn; Und ich derweil verfolgte jenen Schreier, Damit ſein Ruf nicht,(wie es doch geſchah) Die Stadt erſchrecke: Jener, leicht zu Fuß, Entlief mir; und ich kehrte um ſo ſchneller, Weil ich Geklirr und Waffenlaͤrm vernahm, Und Caſſio's lautes Fluchen; was bis heut Ich nie von ihm gehoͤrt: Als ich zuruͤck kam, (und dies war gleich,)— fand ich ſie hart zuſammen, Auſ Hieb und Stoß; ganz wie das zweitemal, Als Ihr ſie ſelber trenntet. Meht von dem Vorfall iſt mir nicht bekannt;— Doch Menſch iſt Menſch; der beſte fehlt einmal; Und ob ihm Caſſio gleich zu nah gethan— Wie man in Wuth den beſten Freund ja ſchlaͤgt,— — Doch denk ich, ward von dem der floh, an Caſſio So große Kränkung wohl geuͤbt, als kaum Geduld ertragen mag. Gth. Ich weiß, Jago, Aus Lieh' und Bravheit ſchmuͤckſt du dieſe Sache, Und milderſt ſie fuͤr Caſſio.— Gaſſio, ich liebe Dich; Allein mein Lieutnant biſt du laͤnger nicht.— (Desdemona kommt mit Gefolge.) Seht, ward mein liebes Weib nicht auch geweckt!— — Du ſollſt ein Beiſpiel ſeyn. Desd. Was ging hier vor, mein Theurer? Gth. S iſt alles gut ſchon, Liebchen:— komm zu Bett. Ich ſelbſt will Arzt ſeyn, Herr, fuͤr Eure Wunden.— Fuͤhrt ihn nach Haus⸗ (Montano wird weggeführt.) Du, Jago, ſieh mit Sorgfalt auf die Stadt, Und ſchwichtge, wen der ſchnöde Lärm geaͤngſtet. Komm, Desdemona; oft im Kriegerleben Wird ſuͤßer Schlaf der Stoͤrung Preis gegeben. (Alle abz es bleiben Jago und Caſſio.) Jago. Seyd Ihr verwundet, Lieutnant? Caſſ. O ja! ſo daß kein Arzt mir hilft!— Jago. Ei, das verhute der Himmel!— Caſſ. Guter Name! Guter Name! Guter Name! Oſich habe meinen guten Namen verloren! Ich habe das unſterb⸗ 2¹8 Hthe 2. n. liche Theil von mir ſelbſt verloren, und was uͤbrig bleibt iſt thieriſch.— Mein guter Name, Jago, mein guter Name!— Jago. So wahr ich ein ehrlicher Mann kin, ich dachte du haͤtteſt eine korperliche Wunde empfangen; und das be⸗ deutet mehr als mit dem guten Namen. Der gute Name iſt eine nichtige und hoͤchſt truͤgliche Einbildung; oft ohne Ver⸗ dienſt erlangt, und ohne Schuld verloren. Du haſt uͤberall gr keinen guten Namen verloren, wenn du nicht an dieſen zerluſt glaubſt. Muth, Freund! Es giebt ja Mittel, den General wieder zu gewinnen: du biſt jetzt nur in ſeiner Hef⸗ tigkeit caſſirt; er ſtraft mehr aus Klugheit als aus boͤſer Ab⸗ ſicht; juſt als wenn einer ſeinen harmloſen Hund ſchluͤge, um einen gewaltigen Loͤwen zu ſchrecken: Gieb ihm wieder ein gutes Wort und er iſt dein. Caſſ. Lieber will ich ein gutes Wort einlegen, daß er mich ganz verſtoße, als einen ſo guten Feldherrn noch laͤnger hintergehn mit einem ſo leichtſinnigen, trunknen, unbeſonne⸗ nen Officier. Trunken ſeyn? und wie ein Papagei plappern? und renommiren und toben, fluchen und Bombaſt ſchwatzen mit unſerm eignen Schatten? o du unſichtbarer Geiſt des Weins, wenn du noch keinen Namen haſt, an den man dich kennt, ſo heiße Teufel! Jago. Wer war's, den du mit dem Degen verfolgteſt? Was hatte er dir gethan?— Caſſ. Ich weiß nicht. Jago. Iſt's moͤglich? Caſſ. Ich beſinne mich auf einen Haufen Dinge, aber auf nichts deutlich; auf einen Zank, aber nicht weswegen.— O daß wir einen boͤſen Feind in den Mund nehmen, damit er unſer Gehirn ſtehle!— Daß wir durch Frohlocken, Schwaͤrmen, Vergnuͤgen und Aufregung uns in Vieh ver⸗ wandeln!— Jago. Nun, aber du ſcheinſt mir jetzt recht wohl: Wie haſt du dich ſo ſchnell erholt?— Caſſ. Es hat dem Teufel Trunkenheit gefallen, dem Teufel Zorn Platz zu machen. Eine Schwachheit erzengt mir die andre, damit ich mich recht von Herzen verachten möge. Jago. Geh, du biſt ein zu ſtrenger Moraliſt. Wie Zeit, Art, und die Umſtaͤnde des Landes beſchaffen ſind, wuͤnſchte ich von Herzen, dies waͤre nicht geſchehn; da es aber nun einmal ſo iſt, ſo kehre es zu deinem Beſten. Sz 3. Otheltv. 20 Caſſ. Ich will wieder um meine Stelle bei ihm nachſu⸗ chen; er wird mir antworten, ich ſey ein Trunkenbold! haͤtt' ich ſo viel Mäuler als die Hydra, ſolch eine Antwort wuͤrde ſie alle ſtopfen. Jetzt ein vernuͤnftiges Weſen ſeyn, bald drauf ein Narr, und plötzlich ein Vieh,— O furchtbar!— Jedes Glas zu viel iſt verflucht, und ſein Inhalt iſt ein Teufel!— Jago. Geh, geh; guter Wein iſt ein gu'es geſelliges Ding, wenn man mit ihm umzugehn weiß. Scheltet mir nicht mehr auf ihn; und lieber Lieutnant, ich denke, du denkſt ich liebe dich. Caſſ. Ich habe Beweiſe davon, Freund.— Ich betrun⸗ ken!— Jago. Du, oder jeder andre Erdenſohn kann ſich wohl einmal betrinken, Freund. Ich will dir ſagen, was du zu thun haſt. Unſers Generals Frau iſt jetzt General,— das darf ich in ſo fern ſagen, als er ſich ganz dem Anſchauen, der Bewundrung und Auffaſſung ihrer Reize und Vollkom⸗ menheicen hingegeben und geweiht hat. Nun, beichte ihr al⸗ les frei heraus: beſtuͤrme ſie; ſie wird dir ſchon wieder zu deinem Amt verhelfen. Sie iſt von ſo offener, guͤtiger, fug⸗ ſamer und gnadenreicher Geſinnung, daß ſie's fuͤr einen Flecken in ihrer Guͤte halten wuͤrde, nicht noch mehr zu thun, als um was ſie gebeten wird. Dies zerbrochne Glied zwi⸗ ſchen dir und ihrem Manne bitte ſie zu ſchienen; und, mein WVermoͤgen gegen irgend etwas das Namen hat, dieſer Freund⸗ ſchaftsbruch wird die Liebe feſter machen als zuvor. Caſſ. Du raͤthſt mir gut. Jago. Ich betheure es, mit aufrichtiger Liebe und red⸗ lichem Wohlwollen. Caſſ. Das glaube ich zuverſichtlich; und gleich morgen fruͤh will ich die tugendhafte Desdemona erſuchen, ſich fuͤr mich zu verwenden. Ich verzweifle an meinem Gluͤck, wenn's mich hier zuruck ſtoßt. Jago. Sehr wahr. Gute Nacht, Lieutnant, ich muß auf die Wache. Caſſ. Gute Nacht, ehrlicher Jago. C(er geht ab.) 6 ago. Und wer iſt nun, der ſagt, ich ſey ein Schurke? De dieſer Rath aufrichtig iſt und redlich, Gepruͤft rſcheint, und in der That der Weg 220 Othelt. 4. I. Den Mohren umzuſtimmen? Denn ſehr leicht Wird Desdemona's mildes Herz bewegt Fuͤr eine gute Sache; ſie iſt ſpendend Wie Segen ſelbſt; und ihr, wie leicht alsdann Den Mohren zu gewinnen;— goͤlt's der Taufe Und der Erloͤſung Siegel zu entſagen.— Sein Herz iſt ſo verſtrickt von ihrer Liebe, Daß ſie ihn formt, umformt, thut was ſie will, Wie's ihr geluͤſten mag den Gott zu ſpielen Mit ſeiner Schwachheit. Bin ich denn ein Schurke? Rath' ich dem Caſſio ſelchen Richtweg an Zu ſeinem Gluͤck?— Theologie der Hoͤlle!— Wenn Teufel aͤrgſte Suͤnde foͤrdern wollen, So locken ſie durch Himmelsglanz, Wie ich anjetzt. Denn weil der gute Tropf In Desdemona dringt ihm beizuſtehn, Und ſie mit Nachdruck ſein Geſuch beguͤnſtigt, Traͤuf' ich den Gifttrank in Othello's Ohr— Daß ſie zu eigner Luſt zuruͤck ihn ruft; Und um ſo mehr ſie ſtrebt ihm wohlzuthun, Vernichtet ſie beim Mohren ihr Vertraun. So wandl' ich ihre Tugend ſelbſt zum Laſterz Und ſtrick' ein Netz aus ihrer eignen Guͤte, Das Alle ſoll umgarnen.— Nun, Rodrigo? (Rodrigo kommt.) Rodr. Ich folge hier der Meute, nicht wie ein Hund der jagt, ſondern wie einer der nur mit anſchlaͤgt. Mein Geld iſt faſt verthan; ich bin heut Nacht tuͤchtig durchgepruͤ⸗ S und ich denke, das Ende wird ſeyn, daß ich fuͤr meine Muͤhe doch etwas Erfahrung gewinne, und ſo, ganz ohne Geld, und mit etwas mehr Verſtand, nach Venedig heim⸗ kehre. Jago. Wie arm ſind dio, die nicht Geduld beſitzen!— Wie heilten Wunden, als nur nach und nach? Du weiß'ſt, man wirkt durch Witz, und nicht durch Zauber; Und Witz beruht auf Stund' und guͤnſt'ger Zeit. Gehts denn nicht gut? Caſſio hat dich geſchlagen, Und du, mit wenig Schmerz, caſſirſt den Caſſio: Gedeiht auch ſchlechtes Unkraut ohne Sonne, Von Fruͤchten reift zuerſt, die Erſt gebluͤht:— Beruh'ge dich.— Beim Kreuz! Der Morgen graut, Vergnuͤgen und Geſchaͤft verkuͤrzt die Zeit.— — Sz. 3. Hthello. 22¹ Entferne dich; geh' jetzt in dein Quar'ier: Fort ſag' ich; du erfahrſt in Kurzem mehr.— Nein, geh doch nur! (Rodrigo ab.) Zwei Dinge ſind zu thun: Mein Weib muß ihre Frau fuͤr Caſſio ſtimmen, Ich ſag' es ihr: Ich nehm' indeß den Mohren auf die Seite, Und fuͤhr' ihn juſt hinein, wann Caſſio dringend Sein Weib erſucht. Nun helfe mir der Trug! So muß es gehn: fort Lauheit und Verzug!— (er geht ab.) Dr ⸗ Et ſt e Sene. Vor dem Schloſſe⸗ (Caſſio tritt auf mit Muſikanten.) Caſſio. Ihr Herren, ſpielt auf, ich zahl' Euch Eure Muͤh': Machts kurz; ein Morgengruß dem General. (Muſik. Der Narr tritt auſ.) Marr. Nun Ihr Herren? Sind Eure Pfeifen in Neapel geweſen, daß ſie ſo durch die Naſe ſchnarren?— Aber hier iſt Geld fuͤr Euch, Ihr Herrn, und dem General gefallt Eure Muſik ſo ausnehmend, daß er Euch um alles in der Welt bitten laͤßt, keinen Lärm mehr damit zu machen. muſik. S iſt gut Herr, das wollen wir auch nicht. Narr. Wenn Ihr eine Muſik habt, die gar nicht zu hoͤ⸗ ren iſt, in Gottes Namen; aber was man ſagt, Muſik hören, danach fragt der General nicht viel. 222 Hthello. A. IM. Wuſik. Solche haben wir nicht, Herr. Marr. Dann ſteckt Eure Pfeifen wieder in den Sack, denn ich will fort. Geht!— verſchwindet in die Luͤfte! huſch! (die Muſik geht ab.) Caſſ. Hoͤrſt du, mein ehrliches Gemuͤth?— Narr. Nein, Eurr ehrliches Gemuͤth hor' ich nicht; ich hoͤre Euch. Caſſ. Ich bitt' dich, laß deine Witze. Hier haſt du ein kleines Goldſtuͤckchen: wenn die Geſellſchafts-Dame deiner Gebieterin ſchon munter iſt, ſag' ihr, hier ſey ein gewiſſer Caſſio, der ſie um die Verguͤnſtigung eines kurzen Geſpraͤchs bitte. Willſt du das thun?— Warr. Munter iſt ſie, Herr; wenn ſie ſich hierher er⸗ muntern will, ſo werd' ich's ihr inſinuiren. (Narr ab. Jago tritt auf.) Caſſ. Dank, lieber Freund. Ei, Jago, grade recht!— Jago. So gingt Ihr nicht zu Bett? Caſſ. Ich? Nein, der Morgen graute Eh' wir uns trennten. Eben jetzt, mein Jago, Schickt' ich zu deiner Frau und ließ ſie bitten, Sie wolle bei der edlen Desdemona 3 Mir Zutritt ſchaffen. Jago. Ich will gleich ſie rufen; und auf ein Mittel ſinn' ich, wie der Mohr Entfernt wird, daß Ihr um ſo freier Euch Beſprechen moͤg't. Cab.) Caſſ. Von Herzen dank' ich dir's.— Ich kannte nie »Nen Florentiner, der ſo brav und freundlich. (Emilie tritt auf.) EEmil. Guten Morgen, werther Lieutnant. Euer Unfall Betruͤbt mich ſehr, doch wird noch alles gut. Der General und ſeine Frau beſprechen's, Und warm vertritt ſie Euch: er wendet ein, Der junge Mann ſey hochgeſchaͤtzt in Cypern, Von großem Anhang; und nach beſtem Rath Konn er Euch nicht vertheid gen. Doch er liebt Euch, * —— —— Sz. 1. 2. Othello. 223 und keines Fuͤrworts braucht's, als ſeine Freundſchaft, Euch wieder einzuſetzen. Caſſ. Dennoch bitt' ich,— Wenn Ihr's fuͤr rathſam haltet, oder thunlich⸗ Schafft mir die Wohlthat einer Unterredung Allein mit Desdemona. Emil. Kommt mit mir. Ich richt' es ein, daß Ihr in guͤnſt'ger Muße Euch frei erklaͤren moͤg't. Caſſ. Wie dank' ich Euch!— (ſie gehn ab.) 3 weite Szene. Ebendaſelbſt. (Othello, Jago und Edelleute treten auf.) Gthello. Die Briefe, Jago, gieb dem Schiffspatron; Und meinen Gruß entbiet' er dem Senat: Ich will hernach die Außenwerke ſehn, Dort triffſt du mich. Jago. Sehr wohl, mein Generat. Gth. Beliebt's, Ihr Herrn, zur Feſtung mir zu folgen?— Edell. Wir ſind bereit, mein gnaͤd'ger Herr. (ſie gehn ab.) 224 Othello. A. II. Dritte Szene. Ebendaſelbſt. (Desdemona, Caſſio und Emilie treten auf.) Desdemona. Nein, zweifle nicht, mein guter Caſſio, alles Was mir nur möglich, biet' ich fuͤr dich auf. Emil. Thut's, edle Wu ic weiß, mein Mann be⸗ trubt ſi ſich Als wär' es ſeine Sache. Desd. Er iſt ein ehrlich Herz. Sey ruhig, Caſſio, Ich mache meinen Herrn und dich aufs Neue Zu Freunden, wie Ihr warkt. Caſſ. O gut'ge Frau, Was auch aus Michael Caſſio werden mag⸗ Auf immer bleibt er Eurem Dienſt ergeben. Desd. Ich dank Euch, Si— Ihr liebt ja meinen errn; Ihr kennt ihn lange ſchon: drum ſeyd gewiß, Er wendet ſich nicht ferner von Euch ab, Als ihn die Klugheit zwingt. Caſſ. Doch, gnäd'ge Frau, Die Klugheit währt vielleicht ſo lih Zeit, Lebt von ſo mag'rer waſſergleicher oſt, Erneut vielleicht ſich aus dem Zufall ſo, Daß, wenn ich fern bin und mein Amt beſetzt, Der Feldherr meine Lieb' und Treu' vergißt. Desd. Das fuͤrchte nimmer; vor Emilien hier Verburg' ich dir dein Amt; und ſey gewiß, Verſprach ich Jemand einen Dienſt, den leiſt' ich Bis auf den letzten Punkt: Ich laſſe ihm keine Ruh; Ich wach' ihn zahm, ſchwatz' ihn aus der Geduld; Sein Tiſch und Bett ſoll Beicht' und Schule ſeyn, In alles, was er vornimmt, meng ich ihm Vaſſio's Geſuch: deshalb ſey fröhlich, Caſſio; Denn deine Mittlerin wird lieber ſterben, Als dich verſaͤumen. Sz. 3. Othello. 225 (Othello und Jago treten in einiger Entfernung auf.) Emil. Gnäd'ge Frau, hier kommt Der General. caſſ. Ich nehme meinen Abſchied. Desd. Ei bleibt und hoͤrt mich reden! Caſſ. Gnäd'ge Frau, Jetzt nicht, ich bin nicht unbefangen, wenig Beſchickt fuͤr meine Abſicht. Desd. Meinethalb, Thut nach Belieben. (Caſſto geht.) Jago- Ha!— das gefaͤllt mir nicht! Gth. Was ſagſt du da? Jago. Nichts, gnäd'ger Herr; doch wenn,——— ich weiß nicht, was. cth. War das nicht Caſſio, der mein Weib verließ? Jago. Caſſio, Gen'ral? Gewiß, ich daͤcht' es nicht, Daß er, wie ſchuldbewußt, wegſchleichen wuͤrde Da er Euch kommen ſieht. Cth. Ich glaub', er war's. Desd. Ei ſieh, mein lieber Herr!— So eben ſprach ein Bittender mit mir, Ein Mann durch dein Mißfallen ganz entmuthigt. Gth. Wer iſt es, den du meinſt? Desd. Nun deinen Lieutnant Caſſio. Theurer Freund, Hat meine Liebe Kraft, dich zu bewegen, Bann Augenblicks verſoͤhne dich mit ihm:— Iſt er nicht einer, der dich wahrhaft liebt, Aus Uebereilung fehlt und nicht aus Vorſatz, Verſteh' ich ſchiecht mich auf ein ehrlich Auge;— Bitt' dich, ruf ihn zuruͤck. 8 Oth. Ging er jetzt fort? esd. Ja wahrlich; ſo gebeugt Daß er S mir ließ, Mit ihm zu leiden. Liebſter, ruf ihn wieder. Oth. Jetzt nicht, geliebtes Herz; ein andermal. Desd. Doch bald? Gth. So bald als möglich, deinethalb. VIII. 15 226 Othel5 A. III. Desd. Zum Abendeſſen denn? Gth. Nein, heute nicht. Desd. Dann Morgen Mittag? Gth. Ich ſpeiſe nicht zu Haus: Die Officiere luden mich zur Feſtung. Desſt. Nun, morgen Abend? oder Dienſtag Morgen, Zu Mittag, oder Abend;— Mittwoch fruͤh?— O nenne mir die Zeit, doch laß es hoͤchſtens Drei Tage ſeyn; gewiß es reut ihn ſehr; Und ſein Vergehn, nach unſrer ſchlichten Einſicht,— (Wiewohl der Krieg ein Beiſpiel fordert, ſagt man, Am Beſten ſelbſt,) iſt nur ein Fehl, geeignet Fuͤr heimlichen Verweis.— Wann darf er kommen? Sprich doch, Othello; ich begreife nicht, Was ich dir weigerte, das du verlangteſt, Sder ſo zaudernd ſchwieg. Ei, Michael Caſſio, Der fuͤr dich warb, und manches liebe Mal, Wenn ich von dir nicht immer guͤnſtig ſprach, Dich treu verfocht,— den koſtet's ſo viel Muͤh' Dir zu verſohnen? Traun, ich thäte viel—— Oth. Ich bitt' dich, laß; er komme, wann er will; Ich will dir nichts verſagen. Desd. Es iſt ja nicht fuͤr mich: Es iſt, als bat' ich dich, Handſchuh' zu tragen, Dich warm zu halten, kraͤft'ge Koſt zu nehmen, Oder als rieth ich dir beſond're Sorgfalt Fuͤr deine Pflege: Nein, hab' ich zu bitten, Was deine Liebe recht in Anſpruch nimmt, Dann muß es ſchwierig ſeyn und voll Gewicht, Und mißlich die Gewaͤhrung. Oth. Ich will dir nichts verſagen; Dagegen bitt' ich dich, gewähr' mir dieß— Laß mich ein wenig nur mit mir allein. Desd. Soll ich's verſagen? Nein, leb' wohl, mein Gatte. chth. Leb' wohl, mein Herz; ich folge gleich dir nach⸗ Desd. Emilie komm. (zu Othello.) Thu', wie dich Laune treibt; Was es auch ſey, gohorſam bin ich dir. Cgeht ab mit Emilien.) —— — Sz. 3. Othello. 27 Oth. Holdſelig Ding! Verdammniß meiner Seele, Lieb ich dich nicht! und wenn ich dich nicht liebe, Dann kehrt das Chaos wieder. Jago. Mein edler General— chth. Was ſagſt du, Jago? Jago. Hat Caſſio, als Ihr warbt um Eure Gattin, Gewußt um Eure Liebe? Gth. Vom Anfang bis zu Ende; warum fragſt du? Jago. Um nichts, als meine Neugier zu befried'gen; Nichts Arges ſonſt. Oth. Warum die Neugier, Jago? Jago. Ich glaubte nicht, er habe ſie gekannt. Ghth. O ja, er ging von Einem oft zum Andern. Jago. Wirklich? Gth. Wirklich! ja wirklich!— Find'ſt du was darin? Iſt er nicht ehrlich? Jago. Ehrlich, gnad'ger Herr? chth. Ehrlich, ja ehrlich. Jago. So viel ich weiß, Gen ral! Gth. Was denkſt du, Jago? Jago. Denken, gnaͤd'ger Herr? Oth. Sm, denken, gnäd ger Herr! Bei Gott, mein Echo! Als laͤg' ein Ungeheu'r in ſeinem Sinn, Zu graͤßlich es zu zeigen.— Etwas meinſt du; Jetzt eben riefſt du: das gefaͤllt mir nicht!— Als Caſſio fortging. Was gefaͤllt dir nicht?— Und als ich ſagt, ihm hab ich mich vertraut Im Fortgang meiner Werbung, riefſt du: wirklich? ünd zogſt und falteteſt die Stirn zuſammen, Als hieltſt du einen gräͤulichen Gedanken Verſchloſſen im Gehirn:— Wenn du mich liebſt, Sprich was du denkſt. Jago. Ihr wißt, ich lieb Euch, Herr! Oth. Das denk' ich thuſt du; Und weil ich weiß, du biſt mein Freund und redlich, Und waͤgſt das Wort, eh' du ihm Athem leihſt, So ängſtet mich dieß Stocken um ſo mehr:— Denn derlei iſt bei falſch treuloſen Buben Alltäglich Spiel; doch bei dem Biedermann 5 2²8 StheS A. III. Heimlicher Wink, der aus dem Herzen bringt, Im Zorn des Edelmuths. Jago. Nun, Michael Caſſio— Ich darf wohl ſchwören, ehrlich halt' ich ihn. Gth. Ich auch. Jago. Man ſollte ſeyn, das was man ſcheint; Und die es nicht ſind, ſollten's auch nicht ſcheinen. Oth. Ganz recht, man ſollte ſeyn, das, was man ſcheint. Jago. Nun wohl, ſo halt' ich Caſſio dann fur ehrlich. chth. Nein, damit meinſt du mehr: Sprich! bitte, wie zu eigenen Gedanken, So wie du ſinnſt; und gieb dem ſchlimmſten Denken Das ſchlimmſte Wort. Jago. Mein General verzeiht; Obgleich zu jeder Dienſtpflicht Euch verbunden, Richt bin ich's da, wo Sclaven frei ſich fuͤhlen. Ausſprechen die Gedanken! Geſetzt, ſie wären niedrig und verkehrt,— Wo iſt der Pallaſt, wo nicht auch einmal Schaͤndliches eindringt? Weſſen Herz ſo rein, Daß der und jener ſchmuz ge Zweifel nicht Einmal zu Rath ſitzt und Gerichtstag hält Mit rechtsgemäßer Forſchung? Oth. Du uͤbſt Verrath an deinem Freunde, Jago! Glaubſt du man kraͤnk' ihn, und verhuͤllſt ihm doch, Was du nur irgend denken magſt. Jago. Ich bitt Euch, Wenn auch vielleicht falſch iſt, was ich vermuthe, (Wie's, ich bekenn' es, ſtets mein Leben quält, Fehltritten nachgehn; auch mein Argwohn oft Aus Nichts die Suͤnde ſchafft), daß Eure Weisheit Auf einen, der ſo unvollkommen wahrnimmt, Nicht hoͤren mag; noch Unruh Euch erbau'n Aus ſeiner ungewiß zerſtreuten Meinung;— Richt kann's beſteh'n mit Eurer Ruh und Wohlfahrt, Noch meiner Mannheit, Redlichkeit und Vorſicht, Sagt' ich Euch, was ich denke. Gth. Sprich! was meinſt du? Jago. Der gutr Name iſt bei Mann und Frau, Mein beſter Herr, Das eigentliche Kleinod ihrer Seelen. S. 3. HOthello. 229 Wer meinen Beutel ſtiehlt, nimmt Tand;* iſt etwas Und nichts; mein war es, ward das Seine nun, Und iſt der Sclav' von Tauſenden geweſen. Doch, wer den guten Namen mir entwendet, Der raubt mir das, was ihn nicht reicher macht, Mich aber bettelarm. Ohth. Beim Himmel! ich will wiſſen, was du denkſt. Jago. Ihr könnt's nicht, lag' in Eurer Hand mein Herz⸗ Noch ſollt Ihr's, weil es meine Bruſt verſchließt. Gth. Ha!— Jago. O, bewahrt Euch, Herr, vor Eiferſucht, Dem gruͤngeaugten Scheuſal, das beſudelt Die Speiſe, die es nährt: Heil dem Betrog'nen, Der, ſeiner Schmach bewußt, die Falſche haßt; Doch welche Qualminuten zaͤhlt der Mann, Der liebt, verzweifelt; argwohnt und vergottert! Ghth. O Jammer!— Jago. Arm und vergnuͤgt iſt reich und uͤberreich; Doch Cröſus Reichthum iſt ſo arm als Winter Fuͤr den, der immer furchtet, er verarme:— O Himmel, ſchutz' all' meiner Freunde Herz Vor Eiferſucht!— Gth. Wie? Was iſt das? Denkſt du, Mein Leben ſoll aus Eiferſucht beſtehn?— Und wechſeln, wie der Mond, in ew'gem Schwanken, Mit neuer Furcht? Nein, einmal Zweifeln macht Mit Eins entſchloſſen. Vertauſch' mich mit'ner Geiß, Wenn ich das Wirken meiner Seele richte Auf ſolch' verblaſ'nes nichtiges Fantom Wahnſpielend, ſo wie du. Nicht weckt mir's Eiferſucht, Sagt man, mein Weib iſt ſchon, gedeiht, ſpricht gern, Sie liebt Geſellſchaft, ſingt, ſpielt, tanzt mit Reiz; Wo Tugend iſt, macht das noch tugendhafter:— Poch ſchöpf' ich je aus meinen eignen Maͤngeln Die kleinſte Furcht, noch Zweifel ihres Abfalls; Sie war nicht blind und waͤhlte mich. Nein, Jags; Seh'n will ich, eh' ich zweifle; zweifl' ich, pruͤfen; Und iſt's gepruͤft, ſo bleibt nichts anders uͤbrig, Als fort auf Eins, mit Lieb' und Eiferſucht. Jago. Das freut mich, denn nun darf ich ohne Scheu Euch offenbaren meine Lieb⸗ und Pflicht, 230 Shelb6 A. III. Mit freier'm Herzen. Drum als Freundeswort Hoͤrt ſo viel nur: noch ſchweig ich von Beweiſen.— Beachtet Eure Frau; pruͤft ſie mit Caſſioe; Das Auge klar, nicht blind, nicht eiferſuͤchtig; Wie traurig, wuͤrd' Eur freies edles Herz Gekraͤnkt durch inn're Guͤte; drum gebt Acht! Venedigs Art und Sitte kenn' ich wohl: Dort laſſen ſie den Himmel Dinge ſehn, Die ſie dem Mann verbergen: gut Gewiſſen Heißt dort nicht: unterlaß! nein: halt geheim! Ghth. Meinſt du?— Jago. Den Vater trog ſie, da ſie Euch geehlicht— Als ſie vor Eurem Blick zu beben ſchien, War ſie in ihn verliebt. Gth. Ja wohl! Jago. Nun folglich; Sie, die ſo jung ſich ſo verſtellen konnte, Daß ſie des Vaters Blick mit Nacht umhuͤllte, Daß ers fur Zauber hielt— doch ſcheltet mich;— In Demuth bitt' ich Euch, Ihr wolit verzeihn, Wenn ich zu ſehr Euch liebe. chth. Ich bin dir ewig dankbar. Jago. Ich ſeh' dieß bracht' Euch etwas aus der Faſſung. Oth. O gar nicht! gar nicht!— Jago. Traun, ich furcht' es doch. Ich hoff', Ihr wollt bedenken, was ich ſprach, Geſchah aus Liebe:— Doch Ihr ſeyd bewegt;— Ich bitt' Euch, Herr! dehnt meine Worte nicht Zu groͤßerm Raum und weit'rer Richtung aus, Als auf Vermuthung. Gth. Nein. Jago. Denn thaͤtet Ihr's, Mein Warnen moͤcht' in ſchlimm're Folgrung ziehn Als ich jemals gedacht. Sehr lieb' ich Caſſio— Ich ſeh', Ihr ſeyd bewegt.— Gth. O nein! nicht ſehr!— Ich glaube, Desdemona iſt mir treu. Jago. Lang' bleibe ſies! Und lange moͤgt Ihr's glauben!— Oth. und dennoch— ob Natur, wenn ſie verirrt— Jago. Ja, darin lieg's: Als— um es dreiſt zu ſagen,— — Sz. 3. Othello. 231 So manchem Heirathsantrag widerſtehn, Von gleicher Heimath, Wohlgeſtalt und Rang, Wonach, wir ſehn's, Natur doch immer ſtrebt: m, darin ſpuͤrt man Willen, allzuluͤſtern, aaßloſen Sinn, Gedanken unnatuͤrlich. Jedoch verzeiht: ich hab in dieſem Fall Nicht ſie beſtimmt gemeint: obſchon ich fuͤrchte, Ihr Wille, ruͤckgekehrt zu beſſerm Urtheil, Vergleicht Euch einſt mit ihrem Landsgenoſſen, Und dann vielleicht bereu't ſie. Oth. Leb wohl! Leb wohl! Wenn du mehr wahrnimmſt, laß mich mehr erfahren; Dein Weib geb' auf ſie Acht!— Verlaß mich, Jago.— Jago. Lebt wohl, mein gnaͤd'ger Herr! Cabgehend.) Oth. Warum vermaͤhlt' ich mich?— Der brave Menſch Sieht und weiß mehr, weit mehr, als er enthuͤllt!— Jago Gurückkehrend.) Mein General, ich möcht' Euch herzlich bitten, Nicht weiter gruͤbelt; uͤberlaßt's der Zeit: Und rath' ich gleich, Caſſio ſein Amt zu laſſen, (Denn allerdings, er ſteht ihm trefflich vor,) Doch, wenn's Euch gut duͤnkt, haltet ihn noch hin; Dadurch verrath er ſich und ſeine Mittel. Habt Acht, ob Eure Gattin ſeine Ruͤckkehr Nit dringend heftgem Ungeſtum begehrt; Daraus ergiebt ſich manches. Unterdeß Denkt nur, ich war zu emſig in der Furcht, (Und wirklich muß ich furchten, daß ich's war—) Und haltet ſie fuͤr treu, mein edler Feldherr! chth. Sorg nicht um meine Faſſung. Jago. Noch einmal nehm' ich Abſchied. (ab.) Oth. Das iſt ein Menſch von hoͤchſter Redlichkeit, Und kennt mit wohlerfahrnem Sinn das Treiben Des Weltlaufs. Find' ich dich verwildert, Falk, Und ſey dein Fußriem mir um's Herz geſchlungen⸗ Los geb ich dich, fleug' hin in alle Luͤfte, Auf gutes Glück!— Vielleicht wohl, weil ich ſchwarz bin, Und mir des leichten Umgangs Gabe fehlt, Der Stutzer ziert; auch weil ſich meine Jahre 232 Hthelto. 1. n. Schon abwaͤrts ſenken;— doch das heißt nicht viel:— Sie iſt dahin!— Ich bin getaͤuſcht!— Mein Troſt Seny bitt'rer Haß. O! Fluch des Eheſtands, Daß unſer dieſe zarten Weſen ſind, Und nicht ihr Luͤſten! Lieber Kroͤte ſeyn Und von den Duͤnſten eines Kerkers leben, Als daß ein Winkel im geliebten Weſen Fuͤr Andre ſey.— Das iſt der Großen Qual, Sie haben minder Vorrecht, als der Nied're: „S iſt ihr Geſchick, unwendbar wie der Tod; Schon im Entſtehn ſchwebt der gehoͤrnte Fluch Auf unſ'rer Scheitel. Siehe da, ſie kommt:— (Desdemona und Emilie treten auf.) Iſt dieſe falſch, ſo ſpottet ſein der Himmel!— Ich will's nicht glauben! Desd. Nun, mein theurer Herr? Dein Gaſtmahl und die edlen Inſulaner, Die du geladen, warten ſchon auf dich. Gth. Ich bin zu tadeln. Desd. Was redeſt du ſo matt? Iſt dir nicht wohl? Gth. Ich fuͤhle Schmerz an meiner Stirne hier. Desd. Ei ja das kommt vom Wachen, es vergeht: Ich will ſie feſt dir binden, in'ner Stunde Iſt's wieder gut. Gth. Dein Schnupftuch iſt zu klein. (ſie läßt ihr Schnupftuch fallen.) Laß nur: Komm mit, ich geh' hinein mit dir. Desd. Es quaͤlt mich ſehr, daß du dich unwohl fuͤhlſt. (Desdemona und Othello ab.) Emil. Mich freut, daß ich das Tuch hier finde; Dieß war des Mohren erſtes Liebéspfand. Mein wunderlicher Mann hieß mich ſchon zehnmal Das Tuch entwenden: Doch ſie liebt's ſo ſehr (Denn er beſchwor ſie's ſorglich ſtets zu huten/) Daß ſie's beſtaͤndig bei ſich traͤgt, es kußt, Und ſpricht damit. Das Stickwerk zeichn' ich nach, Und geb' es Jago: Wozu er's will, der Himmel weiß: gleichviel, Ich fuge mich in ſeiner Launen Spiel. — iine Sz. 3. Othello. 233 (Jago tritt auf.) Jago. Was giebt's? Was machſt du hier allein? Emil. Nun zank' nur nicht, ich habe was fur dich. Jago. Haſt was fur iſt nun wohl nichts e ues! Emil. Eil ſeht mir doch! Jago. Ein naͤrriſch Weib zu haben. Emil. So! weiter— Nun, ſprich! was giebſt 8* 3 u mir uͤr dieſes Taſchentuch? Jago. Welch Taſchentuch?— Emil. Welch Taſchentuch? Ei nun, des Mohren erſtes Brautgeſchenk, Das du ſo oft mir zu entwenden hießeſt. Jago. Haſt du's geſtohlen? Emil. Das nicht, ſie ließ es fallen aus Verſehn; und ich zum Gluͤck ſtand nah', und hob es auf. Sieh da, hier iſt's. Jago. Ein braves Weib! Gieb her!— Emil. Wos ſoll dir's nur, daß du ſo eifrig drängſt Ihr's wegzumauſen?— Jago(Creißt es ihr weg.) Ei! Was geht's dich an!— Emil. Hat's keinen wicht'gen Zweck, ſo gieb mir's wieder: Die arme Frau!— Sie wird von Sinnen kommen, Wenn ſie's vermißt. Jago. Thu' du, als weiſt du nichts: ich brauch's zu was. Geh', laß mich. (Emilie ab.) Ich will bei Caſſio dieſes Tuch verlieren, Da ſoll er's finden; Dinge, leicht wie Luft, Sind fur die Eiferfucht Beweis, ſo ſtark Wie Bibelſpruͤche. Dieß kann Wirkung thun. Der Mohr iſt ſchon im Kampf mit meinem Gift:— Gefaͤhrliche Gedanken ſind gleich Giften, Die man zuerſt kaum wahrnimmt am Geſchmack, Allein nach kurzer Wirkung auf das Blut Gleich Schwefelminen gluͤh'n. Ich ſagt' es wohl!— (Othello tritt auſ.) Da kommt er. Nicht Mandragora noch Mohn, 234 Othellv. A. III. Noch alle Schlummerſaͤfte der Natur Verhelfen je dir zu dem ſuͤßen Schlaf, Der geſtern dich erquickt. Oth. Ha! Ha! Mir treulos! Mir!— Jago. Nun, faßt Euch, General! Nichts mehr davon. Gth. Fort! Heb' dich S Du warfſt mich auf die olter:— Ich ſchwoͤr','s iſt beſſer ſehr betrogen ſeyn, Als nur ein wenig wiſſen. Jago. Wie, Gen ral? Gtb. Was ahndet' ich von ihren ſtillen Luͤſten?— Ich ſah's nicht, dacht' es nicht, war ohne Harm; Schlief wohl die nächſte Nacht, aß gut, war frei und froh; Ich fand nicht Caſſio's Kuͤſſ' auf ihren Lippen: Wenn der Beraubte nicht vermißt den Raub, Sagt Ihr's ihm nicht, ſo iſt er nicht beraubt. Jago. Es ſchmerzt mich, dieß zu hoͤren. Gth. Noch wär' ich gluͤcklich, wenn das ganze Lager, Troßbub' und Alles ihren ſuͤßen Leib genoß, Und ich erfuhr es nicht. O nun, auf immer Fahr' wohl, des Herzens Ruh'! Fahr' wohl mein Friede! Fahr' wohl, du wallender Helmbuſch, ſtolzer Krieg, Der Ehrgeiz macht zur Tugend! O fahr' wohl! Fahr' wohl, mein wiehernd Roß und ſchmetternd Erz, Muthſchwellende Trommel, muntrer Pfeifenklang, Du koͤniglich Panier, und aller Glanz, Pracht, Pomp und Ruͤſtung des glorreichen Kriegs!— Und o du Mordgeſchoß, deß rauher Schlund Des ew'gen Jovis Donner wiederhallt, Fahr' wohl! Othello's Tag'werk iſt gethan!— Jago. Iſt's moͤglich?— Gnaͤd'ger Herr— Gth. Beweiſe Schurk' mir, daß mein Weib verbuhlt, Thu's ja, ſchaff' mir den ſichtlichen Beweis; Sonſt, bei dem Leben meiner ew'gen Seele, Beſſer waͤr' dir's, ein Hund geboren ſeyn, Als meinem Grimm dich ſtellen. Jago. Dahin kam's? Oth. Laß mich es ſehn; wo nicht, gieb ſolche Probe, An der kein Hälchen ſey, den kleinſten Zweifel Zu hängen d'ran, ſonſt wehe deiner Seele!— Jago. Mein edler Herr!— —,— —,— Sz 3. 235 chtb. Wenn du ſie frech verläumd ſt und folterſt mich, Dann bete nie mehr; ſchließ die Rechnung ab; Auf hochſten Graͤuel häufe neuen Graͤul; Mach', daß der Himmel weint, die Erde bebt;z Denn nichts zum ew gen Fluche kannſt du fugen, Das groͤßer ſey. Sago. Ol Gnad'! o Himmel! ſchuͤtzt mich!— Seyd Ihr ein Mann? habt Ihr Vernunft und Sinn?— Fahrt wohl denn! Nehmt mein Amt.— Ich bloͤder Thor, Deß Lieb' und Redlichkeit als Laſter gilt!— Ol ſchnoöde Welt! merk auf, merk' auf, o Welt! Aufrichtig ſeyn und redlich bringt Gefahr. Dank fuͤr die Warnung; keinen Freund von jetzt Leb' ich hinfort, da Liebe ſo verletzt. Gth. Nein bleib, du ſollteſt doch wohl ehrlich ſeyn. Jago. Klug ſollé ich ſeyn; denn Gradheit iſt'ne Thoͤrin, Die das verfehit, wonach ſie ſtrebt. Gth. Bei Gott! Ich denk' mein Weib iſt treu und iſt es nicht; Ich denke, du biſt brav und biſt es nicht; Ich will Beweis. Ihr Name, einſt ſo hell Wie Dianens Antlitz, iſt nun wuͤſt und ſchwarz Wie mein Geſicht.— Wenn's Meſſer giebt und Stricke, Gift, Feuer, oder Stroͤme zum Erſäufen, Ich duld' es nicht.— O waͤr' ich uͤberzeugt!— Jago. Ich ſehe, wie Euch Leidenſchaft verzehrt; Mich reut, daß ich Euch Anlaß gab: So moͤchtet Ihr uͤberzeugt ſeyn?— Ghth. Moͤchte? Nein, ich will's. Jago. Und könnt. Doch wie? Wie uͤberzeugt, o Herr? Wollt Ihr mit offnem Blick die Frechheit ſchaun? Sie ſeh'n gepaart? Gth. Ha Tod und Teufel! o!— Jago. Ein ſchwierig Unternehmen, denk ich mir, Sit ſo zur Schau zu bringen:'s war zu toll, Wenn mehr noch als vier Augen Zutritt faͤnden Bei ſolchem Luſtſpiel! Was denn alſo? Wie? Was ſoll ich thun? Wo Ueberzeugung finden? Unmoͤglich iſt es, dieß mit anzuſehn, Und wären ſie wie Geiß' und Affen wild, Hitzig, wie brunſtge Wölfe, plump und ſinnlos 236 Othello. A. MI. Wie trunkne Dummheit. Dennoch ſag' ich Euch, Wenn Schuldverdacht und Gruͤnde trift'ger Art, Die gradhin fuͤhren zu der Wahrheit Thor, Euch Ueberzeugung ſchafften, ſolche haͤtt' ich. Gth. Gieb ſprechende Beweiſe, daß ſie falſch. Jago. Ich haſſe dieß Geſchaͤft: Doch weil ich hierin ſchon ſo weit gegangen— Verlockt durch Lieb' und dumme Redlichkeit,— So fahr ich ich fort.— Ich ſchlief mit Caſſio juͤngſt, Und da ein arger Schmerz im Zahn mich quaͤlte, Konnt' ich nicht ruh'n. Nun giebt es Menſchen von ſo ſchlaffem Geiſt, Daß ſie im Traum ausſchwatzen, was ſie thun; Und Caſſio iſt der Art. Im Schlafe ſeufzt' er: ſuͤße Desdemona!— Sey achtſam, unſte Liebe halt' geheim!— Und dann ergriff und druͤckt' er meine Hand, Rief: ſüßes Kind!— und kußte mich mit Inbrunſt, Als wollt' er Kuͤſſe mit der Wurzel reißen Aus meinen Lippen, legte dann das Bein Auf meines, ſeufzt' und kußte mich und rief: Verwuͤnſchtes Loos, das dich dem Mohren gab!— Gth. O gräulich! graͤulich! Jago. Nun, dieß war nur Traum. cth. Doch er bewies vorhergegang'ne That. Jago. Ein ſchlimm Bedenken iſt's, ſey's auch nur Traum; Und dient vielleicht zur Stuͤtze andrer Proben, Die ſchwach beweiſen. Oth. In Stuͤcke reiſſ' ich ſie. Zego: Nein maͤßigt Euch; noch ſehn wir nichts gethan; Noch kann ſie ſchuldlos ſeyn. Doch ſagt dieß eine,— Saht Ihr nicht ſonſt in Eures Weibes Hand Ein feines Tuch mit Erdbeer'n bunt geſtickt? cth. So eines gab ich ihr, mein erſt Geſchenk. Jago. Das wußt' ich nicht: Allein mit ſolchem Tuch, (Gewiß war es das ihre,) ſah ich heut Caſſio den Bart ſich wiſchen. Gth. Waͤr' es das,— Jago. Das, oder ſonſt eins, kam's von ihr, ſo zeugt Es gegen ſie nebſt jenen andern Zeichen. —— Sz. 3. 4. Othello. 237 Ghth. Ol daß der Sclav' zehntauſend Leben haͤtte! Eins iſt zu arm, zu ſchwach fur meine Rache! Run ſeh' ich, es iſt wahr. Blick her, o Jago, So blaß ich meine Lieb' in alle Winde:— Hin iſt ſie.— Fuf, ſchwarze Rach'! aus deiner tiefen Hoͤlle! Gieb, Liebe, deine Kron' und Herzens Macht Tyranniſchem Haß! Dich ſprenge deine Laſt O Buſen, angefuͤllt mit Natterzungen! Jago. Ich bitt Euch, ruhig. Gth. Blut, o Jago, Blut! Jago. Geduld, vielleicht noch ändert Ihr den Sinn. chth. Nie, Jago, nie. So wie des Pontus Meer, Deß eiſeger Strom und fortgewaͤlzte Fluth Rie ruͤckwärts ebben mag, nein unaufhaltſam In den Propontis rollt und Helleſpont; So ſoll mein blut'ger Sinn in wuͤth'gem Gang Fie umſchaun, noch zur ſanften Liebe ebben, Bis eine vollgenugend weite Rache Ihn ganz verſchlang. Er knieet 2 Nun, beim eryſtall'nen ether, Mit ſchuldger Ehrfurcht vor dem heil'gen Eid, Verpfänd ich hier mein Wort. Jago(knieet auch.) Steht noch nicht auf.— Bezeugt's ihr ewig giuh'nden Lichter dort! Ihr Elemente, die uns rings umſchließt! Bezeugt, daß Jago hier ſich weiht mit allem Was ſein Verſtand, was Herz und Hand vermag, Sthello's Schmach zu ahnden! Er gebiete, Und zu gehorchen ſey mir Liebespflicht, Wie blutig auch die That.—— Gth. Ich gruͤße deine Liebe Mit eitlem Dank nicht, nein mit freud'gem Ja, Und augenblicklich führ' ich dich ans Werk: Laß in drei Tagen mich von dir vernehmen Daß Caſſio nicht mehr lebt. Jago. Mein Freund iſt todt; Ihr wollt's, es iſt ge⸗ Sie aber ſchont. ſcheh Ghth. Verdammt, verdammt ſey ſie, die bub'ſche Dirne! Komm, folge heimlich mir, ich will im Stillen 238 Othello. A. IM. Ein ſchnelles Todesmittel mir verſchaffen Fur dieſen ſchoͤnen Teufel.— Nun biſt du mein Lieutnant. Jago. Ich bin auf ewig Euer. (ſie gehn ab.) Vierte Szene. Ebendaſelbſt. (Desdemona, Emilie, der Narr.) Desdemona. Weißt du, mein Freund! in welcher Gegend Lieutnant Caſ⸗ ſio liegt? Narr. Ich moͤchte nicht ſagen, daß er irgendwo luge. Desd. Warum? Narr. Er iſt ein Soldat, und wollt' ich ſagen, daß ein Soldat luge, das ginge an Hals und Kragen. Desd. Nicht doch, wo wohnt er? Narr. Euch ſagen wo er wohnt, hieße Euch ſagen, wo ich luge. Iſt daraus wohl klug zu werden?— Marr. Ich weiß nicht, wo er wohnt, und ſollt' ich eine Wohnung aus der Luft greifen und ſagen, er liegt hier, oder liegt da,— das hieße in meinen Hals hineinluͤgen. Desd. Kannſt du ihn wohl ausfragen und dich nach dem Beſcheid mit Vernunft gebaͤhrden? Narr. Ich will die Welt hindurch catechiſiren, das heißt Fragen ſtellen, und ſie antworten laſſen. Desd. Such' ihn auf, und ſchicke ihn her: ſage ihm, ich habe meinen Gemahl für ihn geſtimmt, ich hoffe, alles werde noch gut. Warr. Dieß auszurichten reicht nicht uͤber das Vermoͤgen des menſchlichen Geiſtes; und darum will ich das Abentheuer beſtehen. Desd. Wo hab' ich nur das Tuch verlegt, Emilie? *— „———ᷣ Sz. 4. Hthello. 239 Emil. Ich weiß nicht, gnaäd'ge Frau. Desd. Glaub mir, viel lieber mißt' ich meine Börſe Voll von Cruſados. Waͤr' mein edler Mohr Nicht großgeſinnt und frei vom niedern Stoff Der Eiferſucht, dieß könnt' auf ſchlimme Meinung Ihn fuͤhren. Emil. Weiß er nichts von Eiferſucht? Desd. Wer? Er?— Die Sonn' in ſeinem Lande, glaub' ich, Sog alle ſolche Duͤnſt ihm aus. Emil. Da kommt er. Desd. Ich will ihn jetzt nicht laſſen, bis er Caſſio Zuruͤckberief. Wie geht dir's, mein Othello?— (Othelto tritt auf.) Gth. Wohl, theure Frau! (veiſeit.) O Quat, ſich zu verſtellen!— (laut.) Wie geht dir's, Desdemona? Desd. Gut, mein Theurer. Chth. Gieb deine Hand mir.— Dieſe Hand iſt warm. Desd. Sie hat auch Alter nicht, noch Gram gefuͤhlt. Gth. Dieß deutet Fruchtbarkeit, freigeb'gen Sinn;— Heiß, heiß, und feucht! Solch einer Hand geziemt Abtodtung von der Welt, Gebet und Faſten, Viel Selbſtcaſteyung, Andacht fromm geuͤbt; Denn jung und brennend wohnt ein Teufel hier Der leicht ſich auflehnt. S iſt'ne milde Hand, Die gern verſchenkt. Desd. Du kannſt ſie wohl ſo nennen; Denn dieſe Hand war's, die mein Herz dir gab. Gth. Eine offne Hand: ſonſt gab das Herz die Hand; Die neue Wappenkunſt iſt Hand, nicht Herz. Desd. Davon verſteh' ich nichts. Nun dein Verſprechen. Oth. Welch ein Verſprechen, Kind?— Desd. Ich ließ den Caſſio rufen, dich zu ſprechen. Oth. Mich plagt ein widerwäͤrt ger böſer Schnupfen, Leih' mir dein Taſchentuch. 240 Othello. A. MI. Desd. Hier, mein Gemahl. Gth. Das, welches ich dir gab. Desd. Ich hab's nicht bei mir. Gth. Nicht? Desd. Wirklich nicht, mein Theurer. Gth. Das muß ich tadeln: dieſes Tuch Gab meiner Mutter ein Zigeunerweib: Ne Zauberin war's, die in den Herzen las. So lange ſie's bewahrte, ſprach das Weib, Wurd' es ihr Reiz verleih'n, und meinen Vater An ihre Liebe feſſeln; doch verloͤre Oder verſchenkte ſie's, ſatt wuͤrde dann Sein Blick ſie ſcheu'n, ſein luͤſtern Auge ſpäh'n Nach neuem Reiz: Sie, ſterbend, gab es mir; Und hieß mir's, wenn mein Schickſal mich vermaͤhlte, Der Gattin geben. Dieß geſchah: nun hut' es, Mit zarter Liebe, gleich dem Augenſtern. Verlorſt du's, oder gaͤbſt es fort, es wäre Ein Unheil ohne Maaß. Desd. Wie, iſt es möglich? Gth. Ja wohl; in dem Gewebe ſteckt Magie; Eine Sibylle, die den Sonnenlauf Zweihundertmal die Bahn vollenden ſah, Hat im prophet'ſchen Wahnſinn es gewebt. Geweihte Wuͤrmer ſpannen ihr die Seide, Sie faͤrbt's in Mumienſaft, den ſie mit Kunſt Aus Jungfrau'nherzen zog. Desd. Wirklich? iſt's wahr? Gth. Hochſt zuverlaͤſſigz drum bewahr' es wohl. Desd. Dann wollte Gott, ich hätt' es nie geſehn. Oth. Ha! und weshalb? Desd. Was ſprichſt du ſo auffahrend und ſo ſchnell? Oth. Iſt's fort? verloren? Sprich! Iſts nicht vorhanden? Desd. Gott helf' mir! Gth. Nun? Desd.'S iſt nicht verloren; wenn's nun aber waͤre? Gth. Ha!— Desd. Ich ſag' es iſt noch da. chth. Dann hol' es, zeig' mir's. Sz. 4. Othello. 241 Desd. Das könnt ich, Herr, allein ich will es micht. Mit ſolchem Kunſtgriff weichſt du mir nicht aus— Ich bitt' dich, nimm den Caſſio wieder an. Gth. Hol mir das Taſchentuch; mir ahndet ſchlimmes. Desd. Sey gut; Du find'ſt nicht wieder ſolchen tuͤcht'gen Mann. Cth. Das Taſchentuch— Desd. Ein Mann, der all' ſein Gluͤck Von je auf deine Freundſchaft hat gebaut,— Gth. Das Taſchentuch— Desd. Fuͤrwahr, du thuſt nicht recht— Gth. Hinweg! 5 4(ab.) Emil. Iſt der nicht eiferſuͤchtig? Desd. Soo ſah ich ihn noch nie!— Gewiß, ein Zauber ſteckt in jenem Tuch: Ein wahres Ungluͤck, daß ich es verlor. Emil. Man lernt den Mann nicht aus in Einem Jahr; Sie alle ſind nur Magen, wir nur Koſt; Sie ſchlingen uns hinab, und ſind ſie ſatt, Spein ſie uns aus. Seht! Caſſio und mein Mann. (Jago und Caſſio treten auf.) Jago. Da iſt kein andrer Weg; ſie muß es thun; und ſieh, wie glucklich! geh', beſtuͤrme ſie. Desd. Nun, lieber Caſſio! ſagt, wie geht es Euch? Caſſ. Mein alt Geſuch. Ich bitt' Euch, gnad ge Frau, Laßt mich durch Euer kraͤftig Fuͤrwort wieder Erſteh'n und Theil an ſeiner Freundſchaft finden, Den ich mit ganzer Liebe meines Herzens Treulich verehre:— Nicht verzoͤg're ſich's: Iſt mein Vergehn ſo tödtlich ſchwerer Art, Daß weder vor'ger Dienſt, noch jetz'ge Reu, Noch Vorſatz, kuͤnftig edlen Dienſt zu thun, Mir ſeine Neigung wieder kann gewinnen, So wird mir's Wohlthat ſeyn, es nur zu wiſſen; Dann borg' ich mir erzwung'ne Freudigkeit Und ſuch' auf einer neuen Lebensbahn Des Gluͤcks Allmoſen. Desd. Ach, mein edler Caſſio, 1 VIII. 6 2⁴2 h u. u. Diesmal iſt meine Anwaldſchaft umſonſt; Mein Herr iſt nicht mein Herr; ich kennt' ihn nicht, Waͤr' er im Antlitz, wie im Geiſt verwandelt.— So mag mir jeder fromme Engel helfen, Wie ich fuͤr Euch nach beſten Kraͤften ſprach; Und ſeibſt auf ſeinen Zorn hab' ich's gewagt, Durch dreiſtes Wort! Ihr muͤßt Cuch noch gedulden: Was ich vermag, das thu' ich; thu' noch mehr, Als ich fuͤr mich je wagte; dies genuͤg' Euch. Jago. Iſt er erzurnt? Emil. Er ging nur eben fort, Und wirklich ungewoͤhnlich aufgeregt. Jago. Fann er in Zorn ſeyn? Die Kanone ſah ich Ihm ſeine Schlachtreih'n ſprengen in die Luft; Und wie ein Teufel ihm den eignen Bruder Von ſeiner Seite raffen;— er im Zorn?— Dann mußt' es Großes ſeyn;— ich geh' und ſuch' ihn— Gewiß, das hat was auf ſich, wenn er ab. Desd. Ich bitt' dich, thu's.— Vielleicht ein Staatsge⸗ Sey's von Venedig, ſey's geheime Bosheit, Der er in Cypern auf die Spur gerathen,— Trubt ſeinen heitern Geiſt; in ſolchem Fall Zankt auch der Mann wohl mit geringern Weſen, Sind größ're auch der Grund. So iſt es immer; Denn, ſchmerzt uns nur der Finger, haben auch Die uͤbrigen geſunden Glieder etwas Von Wehgefühl. Nein, Männer ſind nicht Götter: Wir muͤſſen nicht des Braͤut'gams zarte Ruͤckſicht Von ihnen fordern. Schilt mich nur, Emilie; Ich dachte ſeiner Rauhheit ſchon den Stab Zu brechen, ſieh' ſo kindiſch war mein Kriegsrecht;* Den Zeugen, find' ich nun, beſtach ich ſelbſt, Und er iſt falſch verklagt. Emil. Gott geb' es ſeyn Staatsſachen, wie ihr glaubt; und nicht ein Wahn, noch eiferſuͤcht'ge Grille, Die Euch betrifft. Desd. O liebe Zeit!— ich gab ihm niemals Anlaß. Emil. Das iſt dem Eiferſucht'gen einerlei, Sie ſind nicht ſtets aus Anlaß eiferſuchtig, Sie eifern, weil ſie eifern;'s iſt ein Scheuſal Erzeugt von ſelbſt, geboren aus ſich ſelbſt. Sz. 4. Othelto. 2⁴3 Desd. Gott ſchuͤtz' Othello vor dem Scheuſal! Emil. Amen. Desd. Ich will ihn ſuchen; Caſſio, bleibt hier nah';— Iſt er geſtimmt, betreib' ich Eure Bitte, uünd will es bis zum Aeußerſten verſuchen. Caſſ. Ich dank' in Demuth, gnaͤd'ge Frau! (Desdemona und Emilie ab.) (Bianca tritt auf.) Bianca. Gott gruß' dich, Caſſio! Caſſ. Wie kommſt du hierher? Was treibſt du, meine allerſchoͤnſte Bianka? Juſt wollt' ich zu dir kommen, liebes Herz. Bianca. Und ich war eben unterwegs zu dir. Was? Eine Woche konnt'ſt du außenbleiben? Sieben Tag' und Rächte?— Achtmal zwanzig Stunden, Und acht noch? Und einſame Liebesſtunden, Langweilger, als der Zeiger, hundert Mal? O laͤſt'ge Rechnung! Caſſ. Zuͤrne nicht, mein Kind; Mich druckte ſchwere Sorg' in all' den Tagen; Doch werd' ich dir zu ungeſtörter Zeit Die lange Rechnung tilgen.— Liebſte Bianca, (er giebt ihr Desdemonas Tuch.) Zeichne dies Muſter ab. Bianca. Ei, woher kam dies? Das iſt ein Pfand von einer neuen Freundin. Dein Wegſeyn ſchmerzte, doch der Grund noch mehr: Kam es ſo weit? Nun gut, ſchon gut!— Caſſ. Geh' Maͤdchen, Wirf den Verdacht dem Teufel ins Geſicht, Von dem er kam. Nun biſt du eiferſuͤchtig, Dies ſey von einer Liebſten mir geſchenkt?— Nein, glaub' mir's, Bianca!— . Bianca. Nun, und woher kam's? Caſſ. Ich weiß nicht, Kind; ich fands auf meinem Zimmer, Die Stickerei gefaͤllt mir: eh' man's fordert (Was bald geſcheh'n kann) wünſcht' ich's nachgezeichnet: Da nimm's, und thu's, und laß mich jetzt allein. Bianca. Allein dich laſſen? und warum? Caſſ. Ich muß hier warten auf den General; 16* Othellv. A. IV. und nicht empfehlend waͤr' mir's, noch erwuͤnſcht, Fänd' er mich ſo begleitet. Bianca. Und warum nicht? Caſſ. Nicht, daß ich dich nicht liebte. Bianca. Nur daß du mich nicht liebſt. Ich bitt' dich, bring mich etwas auf den Weg; Und ſag' mir, kommſt du wohl heut' Abend zeitig? Caſſ. Ich kann ein kurzes Stuͤck nur mit dir geh'n, Weil ich hier warte: doch ich ſeh' dich bald. Bianca. Schon gut; man muß ſich fugen in die Zeit. (ſie gehen ab.) Vierter Anufzug.⸗ Erſte Szene. Zimmer auf dem Schloſſe. (Hthello und Jago treten auf.) J ago⸗ Wie duͤnkt Euch das? Gth. Was ſoll mich duͤnken? 3 5 Jago. Was, Sich heimlich kuͤſſen? Gth. Ein verbot'ner Kuß!— Jago. Oder nackt im Bett mit ihrem Freunde ſeyn, Wohl ſtundenlang und mehr, in aller Unſchuld?— Gth. Im Bette, Jago, und in aller Unſchuld?— Das hieße Heuchelei ja mit dem Teufel!— Wer keuſch ſeyn will und ſolches thut, deß Tugend Verſucht der Teufel, und er ſelbſt den Himmel. Sz. 1. Othelbv. 245⁵ Jago. Wenn ſie nichts thaten, war der Fehl nicht groß; Doch, wenn ich meiner Frau ein Tuch verehrt— Ghth. Nun dann?— Jago. Nun dann gehort's ihr, gnaͤd'ger Herr: und folglich Darf ſie's verſchenken, mein ich, wem ſie will. Oth. Sie iſt Gebieterin auch ihrer Ehre; Darf ſie die auch verſchenken?— Jago. Die Ehr' iſt nur ein unſichtbares Weſen, und oft beſitzt ſie der, der ſie nicht hat: Allein das Tuch—— Ghth. Bei Gott! mit Freuden hätt, ich das vergeſſen:— Du ſagteſt,— o es ſchwebt um mein Gedächtniß, So wie der Rab' um ein perpeſtet Haus, PVerderben draͤund,— er habe jenes Tuch. Jago. Nun was denn? Gth. Das iſt doch nicht gut, gewiß!— Jago. Sagt' ich nun gar, ich ſah ihn Euch beſchimpfen, Oder hort' ihn ſagen,— wie's denn Schurken giebt, Die, wenn ſie durch ihr ungeſtuͤmes Werben, Oder durch frei Vergaffen eines Weibes Sie zwangen oder kirrten— nimmer ruhn, Bis ſie geſchwatzt,— Gth. Hat er ſo was geſagt? Jago. Das hat er, gnaͤd ger Herr! Doch ſeyd verſichert, Nicht mehr, als er abſchwoͤren wird. Gth. Was ſagt' er? Jago. Daß er bei ihr,— ich weiß nicht, wie er ſagte,— Chth. Was? Was?— Jago. Gelegen— Gth. Bei ihr? Jago. Bei ihr, auf ihr, wie Ihr wollt. Gth. Bei ihr gelegen! auf ihr! Das Tuch— dieſe Ge⸗ ſtandniſſe— das Tuch— Eingeſtehn, und dann fur die Muͤhe gehängt werden; zuerſt gehaͤngt, dann eingeſtehn.— Ich zitt're davor!— Natur wuͤrde ſich nicht in ſo verfinſternde Qualen verhuͤllen, waͤre es nicht Vorbedeutung. Nicht Wahn⸗ bilder, die mich ſo erſchuͤttern!— Hu! Naſen, Ohren, und t iſt es möglich? Eingeſtehn,— Tuch,—— 0 Teu⸗ el!— (er fällt in Ohnmacht.) 246 Othello. A. W. Jago. Sey wirkſam, Gift, Sey wirkſam! alſo faͤngt man glaub'ge Narren; Manch' wackre keuſche Frau kommt grade ſo Ganz ſchuldlos ins Geſchrei.— Auf, gnäd'ger Herr!— Othello!— Gnad'ger Herr!— Was wollt Ihr Caſſio?— (Caſſio tritt auf.) Caſſ. Was giebt's? Jago. Der Feldherr ſtuͤrzte jetzt in Kraͤmpfen hin; Dies iſt ſeit geſtern ſchon ſein zweiter Anfall. Caſſ. So reib' ihn um die Schlaͤfe! Jago. Nein, laß ab: Laß ihn in ſeiner Starrſucht ungeſtort; Sonſt ſchaͤumt er vor dem Mund' und raſ't alsbald In wilder Tobſucht. Sieh' er ruͤhrt ſich wieder; Entferne dich auf einen Augenblick, Er wird ſich ſchnell erholen; wenn er fort iſt, Hätt ich mit dir ein wichtig Wort zu reden.— (Caſſio ab.) Wie iſt Euch? Habt Ihr nicht den Kopf verletzt? Gth. Sprichſt du mir Hohn?— Jago. Euch hoͤhnen? Nein bei Gott!— Ich wollt', Ihr trugt Euer Schickſal, wie ein Mann. Gth. Gehoͤrnter Mann iſt nur ein Vieh, ein Unthier. Jago. So giebt es manches Vieh in großen Staͤdten, Und manch vornehmes Unthier. Gth. Geſtand er's ein? Jago. Mein Feldherr! ſeyd ein Mann; Denkt, jeder baͤrt'ge Menſch, ins Joch geſpannt, Zieht neben Euch. Millionen leben rings, Die nachtlich ruh'n auf preisgegebnem Lager, Das ſie ihr eigen waͤhnen: Ihr ſteht beſſer. O das iſt Satansfeſt, Erzſpaß der Holle, Ein uͤppig Weib im ſichern Ehbett kuͤſſen, Und keuſch ſie glauben! Nein Gewißheit will ich: Und hab' ich die, weiß ich, ſie iſt verloren. Ghth. Du ſprichſt verſtändig! Ja gewiß!— Jago. Geht auf die Seite, Herr; Begebt Euch in die Schranken der Geduld. Indeß Ihr ganz von Eurem Gram vernichtet, — eSz. 1. Othelo. 247 (Ein Ausbruch, wenig ziemend ſolchem Mann) Kam Caſſio her; ich wußt' ihn wegzuſchaffen, Und Euren Anfall triftig zu entſchuld gen; Dann lud'ich ihn zuruͤck auf ein Geſpraͤch; WVas er verhieß. Nun bergt Euch irgendwo⸗ Und merkt den Hohn, den Spott, die Schadenfreude In jeder Miene ſeines Angeſichts; Denn beichten ſoll er mir auf's neu den Hergang, Wo, wann, wie oft, wie lange ſchon und wie Er Cuer Weib geherzt und herzen wird; Merkt, ſag' ich, ſein Geberdenſpiel. O ſtill doch!— Sonſt denk' ich, Ihr ſeyd ganz und gar nur Wuth⸗ Und nichts von einem Manne. Cth. Hoͤr'ſt du's, Jago? Ich will höchſt ſchlau jetzt den Geduld'gen ſpielen, Doch hör'ſt du's? dann den Blut'gen. Jago. So iſt's Recht— Jedes zu ſeiner Zeit.— Nun tretet ſeitwärts. (Othello tritt bei Seite.) Jetzt will ich Caſſio nach Bianca fragen, Ein gutes Ding, das, ihre Gunſt verkaufend, Sich Brod und Kleider ſchafft: dies arme Thier Vuft Caſſio nach; und“ iſt der Dirnen Fluch, Nachdem ſie zehn getäuſcht, täuſcht einer ſie: Er, wenn er von ihr hoͤrt, erwehrt ſich kaum Laut aufzulachen. Sieh', da kommt er her:— (Caſſio tritt auf.) Und wie er lͤchelt, ſoll Othello wuͤthen; Und ſeine ungelehr'ge Eiferſucht Wird Caſſio's Lächeln, Scherz und leichtes Weſen Ganz ins verkehrte deuten.— Nun wie geht es dir, Lieutnant? Caſſ. So ſchlimmer, weil du mir den Titel giebſt, Deſſen Verluſt mich tödtet. Jago. Halt Desdemona feſt, ſo kann's nicht fehlen. (beiſeit.) Ja, läge dies Geſuch in Bianca's Macht, Wie ſchnell wärſt du am Ziel!. caſſ. Das arme Ding!— Chth.(beiſeit.) Seht nur, wie er ſchon lacht!— 248 Othellv. A. IV. Jago. Nie hab' ich ſo verliebt ein Weib geſehn. Caſſ. Das gute Naͤrrchen! Ja, ſie liebt mich wirklich. Gth.(beiſeit.) Jetzt laͤugnet er's nur ſchwach und lacht's hinweg!— Jago. Hör' einmal Caſſio,— Gth.(beiſeit.) Jetzt beſtuͤrmt er ihn Es zu geſtehn; nur fort;— recht gut, recht gut!— Jago. Sie ruͤhmt ſich ſchon, du nimmſt ſie bald zur Frau; Iſt das dein Ernſt? Caſſ. Ha, ha, ha, ha! Gth.(beiſeit.) Triumphirſt du Roͤmer? triumphirſt du? Caſſ. Ich ſie zur Frau nehmen?— Was! Eine Buhl⸗ ſchweſter? Ich bitt' dich, habe doch etwas Mitleid mit meinem Witz; halt ihn doch nicht fuͤr ſo ganz ungeſund. Ha, ha, ha!— Gth.(beiſeit.) So, ſo, ſoz wer gewinnt, der lacht. Wahrhaftig, die Rede geht, du wuͤrd'ſt ſie heira⸗ then. Caſſ. Nein, ſag' mir die Wahrheit. Jago. Ich will ein Schelm ſeyn!— Gth.(beiſeit.) Ich trage alſo dein Brandmahl?— Gut!— Caſſ. Das hat der Affe ſelbſt unter die Leute gebracht. Aus Eitelkeit hat ſie ſich's in den Kopf geſetzt, ich werde ſie hei⸗ rathen; nicht weil ich's verſprochen habe. Gth.(beiſeit.) Jago winkt mir, nun faͤngt er die Ge⸗ ſchichte an. Caſſ. Eben war ſie hier; ſie verfolgt mich uͤberall. Neu⸗ lich ſtand ich am Strande und ſprach mit einigen Venetianern, da kommt wahrhaftig der Grasaffe hin und ſo wahr ich lebe, fällt mir fo um den Hals,— Wth.(beiſeit.. Und ruft; o lieber Caſſio! oder etwas ähn⸗ liches; denn das deutet ſeine Gebehrde. Caſſ. Und haͤngt, und kußt, und weint an mir, und zerrt und zupft mich. Ha, ha, ha!— Gth.(beiſeit.) Jetzt hi er, wie ſie ihn in meine Kam⸗ mer zog: O, ich ſehe deine Naſe, aber noch nicht den Hund, dem ich ſie vorwerfen will. Caſſ. In der That, ich muß ſie aufgeben. Jago. Mein Seel!— Sieh da kommt ſie. — Sz. 1. Otheluo. 2⁴9 GBianca tritt auf.) Caſſ. Das iſt eine rechte Biſamkatze! Was willſt du nur, daß du mir ſo nachlaͤufſt? Bianca. Mag der Teufel und ſeine Großmutter dir nach⸗ laufen!— Was haſt du mit dem Taſchentuch vor, das du mir jetzt eben gabſt? Ich war eine rechte Naͤrrin, daß ich's nahm. Ich ſoll die ganze Arbeit abzeichnen? Recht wahrſchein⸗ lich, daß du's in deinem Zimmer ſollſt gefunden haben, und nicht wiſſen, wer's da ließ. S iſt das Geſchenk irgend eines Schaͤtzchens, und ich ſoll die Arbeit abzeichnen? Da gieb's deinem Steckenpferde: woher du's auch haſt, ich werde die Stickerei nicht abzeichnen. Caſſ. Still doch, meine ſuße Bianka! ſtill doch, ſtill!— chth.(beiſeit.. Beim Himmel, iſt das nicht mein Ta⸗ ſchentuch? Bianca. Willſt du heut' Abend zum Eſſen kommen, ſo thu's, willſt du nicht, ſo komm ein andermal, wenn du Luſt haſt.(ab.) Jago. Geh' ihr nach, geh' ihr nach! Caſſ. Das muß ich wohl, ſonſt zankt ſie noch in der Straße. Jago. Willſt du zu Abend bei ihr eſſen? Caſſ. Ich denke ja! Jago. Vielleicht treff' ich dich dort, denn ich haͤtte in der That nothwendig mit dir zu reden. Caſſ. Bitt' dich, komm! Willſt du?— Jago. Gut, nichts mehr. (Caſſio ab.) Gth. Wie mord' ich ihn? Jago! dc Bemerktet Ihr's, wie er zu ſeiner Schandthat achte? Gth. O, Jago! Jago. Und ſah't Ihr das Tuch?— Gth. War's meines? g0n Eures, bei dieſer Hand: und ſeht nur, wie er das thorichte Weib, Eure Gattin, achtet! Sie ſchenkte es ihm und er ſchenkte es ſeiner Dirne.— Gth. Ol daß ich neun Jahre an ihm morden könnte.— Ein huͤbſches Weib, ein ſchoͤnes Weib, ein ſuͤßes Weib!— Jago. Das muͤßt Ihr jetzt vergeſſen. 250 Othello. A. IV. Gth. Mag ſie verfaulen und verderben und zur Hölle fah⸗ ren zu Nacht; denn ſie ſoll nicht leben. Nein, mein Herz iſt zu Stein geworden; ich ſchlage daran, und die Hand ſchmerzt mich. O, die Welt beſitzt kein ſuͤßeres Geſchöpf; ſie hätte an Kaiſers Seite ruhen und ihm Sclavendienſte gebieten önnen. Jago. Nein, daran muͤßt Ihr nicht denken. Gth. Sey ſie verdammt! Ich ſage nur, was ſie iſt:— So geſchickt mit ihrer Nadel!— Eine wunderwuͤrdige Ton⸗ kunſtlerin!— Ol ſie wuͤrde die Wildheit eines Bären zahm ſingen!— Ven ſo feinem, herrlichem Witz, ſo geiſtreich!— Jago. Und deshalb ſo ſchlimmer. Gth. O tauſend, tauſendmal!— Und dann von ſo holder Gefälligkeit!— Jago. Freilich zu gefällig!— Gth. Ja, ganz gewiß: aber, wie Schade dennoch, Jago! — O, Jago! wie Schade, Jago!— Jago. Wenn Ihr verliebt in ihre Suͤnden ſeyd, ſo gebt ihr einen Freibrief zu freveln; denn wenn's Euch nicht ruhrt, geht es keinen etwas an. Gth. Ich will ſie in Stuͤcke hacken. Mir Hoörner auf⸗ etzen!— Jago. O, es iſt ſchändlich von ihr. Gth. Mit meinem Lieutnant!— Jago. Das iſt noch ſchändlicher. Gth. Schaff' mir Gift, Jago, dieſe Nacht:— Ich will ſie nicht zur Rede ſtellen, damit ihre Geſtalt und Schoͤnheit meinen Zorn nicht wieder entwaffnen:—— Dieſe Nacht, Jago. Jago. Thut es nicht mit Gift; erdroſſelt ſie in ihrem Bett, demſelben Bett, das ſie entehrt hat. Gth. Gut! die Gerechtigkeit darin gefällt mir; ſehr gut. Jago. Und Caſſio,— dieſen uͤbernehm' ich ſelbſt um Mitternacht erfahrt Ihr mehr. (man hört eine Trompete.) Gth. Vortrefflich!— Horch, was meldet die Trompete? Jago. Nachricht wohl von Venedigz»s iſt Lodovico, Geſfandt vom Herzog, mit ihm kommt Eu'r Weib. Sz. 1. Sthelo. 251 (Lodovico, Desdemona und Gefolge treten auf) Lud. Heil, wuͤrd'ger General! Oth. Willkommen Herr! Lod. Euch grußt Venedigs Herzog und Senat. (er übergiebt ihm einen Brief.) Oth. Ich kuͤſſe ſeines Willens Document. Desd. Was bringt Ihr neues, Vetter Lodovico? Jago. Es freut mich höchlich, Euch zu ſehn, Signor! Willkommen hier in Cypern. Lod. Ich dank' Euch. Was macht Lieutnant Caſſio, Herr? Jago. Er lebt, Signor. Desd. Mein Vetter, er iſt ſchlimm mit meinem Gatten Zerfallen; doch Ihr werdet ſie verſoͤhnen. Oth. Seyd Ihr deß ſo gewiß? Desd. Wie, Herr? Gth.(lieſt.. Dies zu zliittt ſäumt nicht, wenn ihr wollt—— Lod. Er rief dich nicht; der Brief beſchaͤft'get ihn. Iſt eine Feindſchaft zwiſchen deinem Herrn und Caſſio? Desd. Ja! recht betruͤbte. Ich gäbe viel darum, Sie auszuſöhnen, denn ich liebe Caſſio. Ghth. Feuer und Schwefel! Desd. Herr! Gth. Biſt du bei Sinnen? Desd. Wie? zurnſt du? Lod.'S iſt der Brief, der ihn bewegt; Denn, wie ich glaube, ruft man ihn zuruck, S Und Caſſio wird ſtatt ſeiner Gouverneur. Desd. Fuͤrwahr! Das freut mich. 3 Oth. In der That? Desd. Wie, Herr? hth. Mich freut's, dich toll zu ſehn. Desd. O, mein Othello!— (ſchlägt ſie.) Desd. Das hab' ich nicht verdient. Lod. chth. Teufel! Herr General, 252 Othellv. A. W. Das wuͤrde keiner in Venedig glauben, Und ſchwuͤr' ich auch, ich ſah's. Das geht zu weit. Bittet ihr's ab, ſie weint. Gth. O, Teufel! könnte Die Erde ſich von Weiberthraͤnen ſchwaͤngern, Aus jedem Tropfen wuͤchſ ein Crocodill;— Mir aus den Augen! Desd. Ich geh', Euch nicht zu aͤrgern. (will abgehn.) Lod. In Wahrheit, ein gehorſam Weibl— Ich bitt' Euch, gnäd'ger Herr! ruft ſie zuruͤck. Gth. Frau—— Desd. Mein Gemahl? Gth. Was wollt Ihr mit ihr, Herr? Lod. Wer? ich, Herr? Gth. Ihr wuͤnſchtet ja, daß fie umkehren moͤchte: Umkehren kann ſie, und doch vorwärts gehn, Und wieder dreh'n: und weinen kann ſie, weinen,— Und iſt gehorſam, wie Ihr ſagt— gehorſam, Ja, ſehr gehorſam. Immer fort geweint!— Was dies betrifft,— o recht geſchickt im Heucheln!— Ich bin zuruͤckberufen.— Geh du fort: Ich ſchicke gleich nach dir.— Herr, dem Befehl gehorch' ich, Und kehre nach Venedig;— fort!— hinaus.— (Desdemona geht ab.) Caſſio bekommt mein Amt. Und Herr, heut' Abend Erſuch ich Euch mit mir zu Nacht zu ſpeiſen. Willkommen hier in Cypern.— Ziegen und Affen!— S(ab. Lod. Iſt dies der edle Mohr, den der Senat Sein Eins und Alles nennt? Der edle Geiſt, Den Leidenſchaft nicht regt? Deß feſte Tugend Kein Pfeil des Zufalls, kein Geſchoß des Gluͤcks Streift und durchbohrt?— Jago. Er hat ſich ſehr geaͤndert. Lod. Iſt er nicht wohl? Hat ſein Verſtand gelitten? Jago. Er iſt ſo, wie er iſt; ich darf nicht ſchelten. Gott geb' er waͤre, was er koͤnnte ſeynz Jetzt iſt er's nicht. Lod. Was? ſeine Frau zu ſchlagen! Sz. 1. 2. OHthello⸗ 253 Jago. Gewiß, das war nicht fein; doch wuͤnſcht ich, waͤr' Der Schlag ſein ärgſtes Thun; Lod. Iſt er oft ſo? Sagt, oder hat der Brief ſein Blut erhitz, Daß er ſich heut nur ſo verging? Jago. Ach leider! Nicht waͤr's gewiſſenhaft von mir, erzahlt' ich, Was ich erfuhr und ſah. Habt Acht auf ihn; Sein eigner Wandel wird ihn ſo bezeichnen, Daß Ihr mein Wort entbehren koͤnnt. Bemerkt ihn Nur mehr, wenn Ihr mit ihm zuſammen ſeyd. Lod. Es ſchmerzt mich, daß ich mich in ihm getauſcht. (ſie gehen ab.) 3 weite Szene. Ein andres Zimmer auf dem Schloſſe. (Othello und Emilie treten auf.) Gthello. So habt Ihr nichts geſehn? Emil. Auch nie gehort, noch Argwohn je geſchoͤpft. Oth. Ja, du ſah'ſt Caſſio und ſie beiſammen. Emil. Doch ſah ich dann kein Unrecht, und dann hört ich Jedwede Sylbe, die gewechſelt ward. Ghth. Was? fluͤſterten ſie nie? Emil. Nein, gnaͤd'ger Herr! Gth. Und ſchickten nie dich fort? Emil. Niemals. chth. Um Fäͤcher, Maske, Handſchuh ihr zu holen? Emil. Nein, gnaͤd'ger Herr! Gth. S iſt ſeltſam. Emil. Ich wollt auf ihre Tugend meine Seele Zum Pfande ſetzen: wenn Ihr anders denkt, Gebt nicht dem Argwohn Raum, der Euch bethoͤrt.. 254 O hello. A. IV. Wenn bies ein Schelm Euch in den Kopf geſetzt, Dem lohn's der Himmel mit dem Fluch der Schlange!— Denn, iſt nicht dieſe redlich, keuſch und treu, Iſt kein Mann glucklich; iſt die reinſte Frau Schwarz wie Verlaͤumdung. Gth. Laß ſie kommen; geh!— (Emilie geht.) Sie ſagt genug; doch jede Kupplerin Erzäͤhlt daſſelbe. Schlau iſt dieſe Metze, Ein heimlich Schloß und Riegel ſchnöder Suͤnden: Doch kniet und betet ſie; ich ſah es ſelbſt!— (Emilie und Desdemona treten auf.) Desd. Was wollt Ihr, mein Gemahl?— Gth. Komm, Taͤubchen, komm! S Desd. Was iſt Eur Wunſch? Gth. Laß dir ins Auge ſehn; Schau' ins Geſicht mir! Desd. Welch fuͤrchterlicher Einfall. Gth. Nun, deine Kuͤnſte, Weibsbild; Laß Buhlſchaft nun allein, und ſchließ die Thuͤr'; oder rufe hem! wenn jemand kommt: Bein Handwerk, an dein Handwerk! Mach' dich fort!— (Emilie geht ab.) Desd. Ich flehe knieend, ſag' mir, was du meinſt? Dein Wort verſteh' ich nicht! doch aus dem Wort Toͤnt wilde Furie. Gth. Ha, was biſt du? Desd. Dein Weib, mein Gatte, Dein pflichtgetreues Weib. cth. Komm, ſchwor's, verdamm dich ſelbſt, daß nicht die Teufel Geſchreckt von deiner Engelbildung, zittern Dich zu ergreifen: drum verdamm dich doppelt, Schwoͤr', du ſeyſt treu. Desd. Der Himmel weiß, ich bin's. Ghth. Der Himmel weiß, falſch biſt du, wie die Hölle. Desd. Wem, mein Gemahl? mit wem? wie bin ich falſch?— Gth. O Desdemona! Hinweg, hinweg, hinweg!— —— Sz. 2. HOthello. 25⁵ Desd. O Tag des Jammers!— Wehe! warum weinſt du? Bin ich, mein Gatte! Urſach! dieſer Thraͤnen? Haſt du vielleicht den Vater in Verdacht, Er ſey das Werkzeug deiner Heimberufung, Gieb mir die Schuld nicht. Haſt du ihn verloren, Nun, ich verlor ihn auch. hth. Gefiel es Gott, Durch Truͤbſal mich zu pruͤfen; goß er Schmach Und jede Kraͤnkung auf mein nacktes Haupt; Verſenkt' in Armuth mich bis an die Lippen; Schlug ſammt der letzten Hoffnung mich in Feſſeln; Doch fand' ich wohl in einem Herzenswinkel Ein Tröpfchen von Geduld. Doch mich zu machen Zum feſten Bilde fuͤr die Zeit des Hohns, langſam dreh'ndem Finger drauf zu weiſen,— Ol o!— Und dies auch könnt' ich tragen, ſehr, ſehr wohl: Doch da, wo ich mein Herz als Schatz verwahrt,— Wo ich muß leben oder gar nicht leben; Der Quell, aus dem mein Leben ſtroͤmen muß, Sonſt ganz verſiegen— da vertrieben ſeyn, Oder ihn ſchaun als Sumpf fuͤr ekler Kröten Begehn und Bruͤten,— da verfinſt're dich Geduld, du junger roſenwangiger Cherub! Ja, ſchau ſo grimmig als die Hölle! Desd. Ich hoffe, mein Gemahl haͤlt mich fuͤr treu. Gth. O ja, wie Sommerfliegen auf der Fleiſchbank, Die im Entſteh'n ſchon buhlen. O du Unkraut, So reizend lieblich und von Duft ſo ſuͤß, Daß du den Sinn betaͤubſt— o wär'ſt du nie geboren!— Desd. Welch unbewußten Fehl konnt' ich begehen? chth. Dies reine Blatt, dies ſchoͤne Buch nur dazu⸗ um Metze drauf zu ſchreiben? Was Begehn! S O du ganz freche Buhlerin!— Schmelzöfen muͤßt' ich machen aus den Wangen, Und meine Sittſamkeit zu Aſche brennen, Nennt' ich nur deine Thaten. Was begehn? Dem Himmel ekelt's und der Mond verbirgt ſich: Der Buhler Wind, der kuͤßt, was ihm begegnet, Verſteckt ſich in den Höhlungen der Erde, Und will nichts davon hoͤren: Was Begehnk Schamloſe Metze!—— 256 HDthell A. IV. Desd. Bei Gott, Ihr thut mir Unrecht! Gth. Du keine Metze? Desd. Nein, ſo wahr ich Chriſtin: Wenn meinem Herrn bewahren dies Gefaͤß Vor jeder ſchnoͤden, ſtraͤflichen Beruͤhrung, Heißt keine Metze ſeyn, ſo bin ich keine. Gth. Du keine Hure? Desd. Nein, ſo helfe Gott mir! Gth. Iſt's moͤglich? Desd. O Himmel, ſey mir gnaͤdig! Gth. Dann verzeiht mir! Ich nahm Euch fur die Dirne von Venedig, Die den Othello freite.— (Emilie kommt zurück.) Und du Weib, Die von Sankt Peter juſt das Gegentheil, Der Hoͤlle Pforten ſperrt: Du, du, ja du!— Wir ſind zu Ende: nimm! Da iſt dein Geld! Nun ſchließ die Thuͤr', und halte reinen Mund! (ab.) Emil. O Gott! was hat doch unſer Herr im Sinn? Wie geht's Euch, theure Frau? Wie geht's Euch, Gnaͤd'ge? Desd. Mir iſt, als traͤumt ich. Emil. Sagt, werthe Sit Was fehlt dem gnaͤd'gen errn? Desd. Wem? Emil. Meinem gnaͤd'gen Herrn. Desd. Wer iſt dein Herr? Emil. Der auch der Eure, liebſte gnaͤd'ge Frau. Desd. Ich habe keinen. Sag' mir nichts, Emilie! Ich kann nicht weinen; hab' auch keine Antwort, Die nicht zu Waſſer wuͤrde. Bitt' dich, dieſe Nacht Leg auf mein Bett mein Brauttuch— denke dran Und ruf' mir deinen Mann. Emil. Wie hat ſich's hier geaͤndert!— C(ab.) Desd. S iſt billig, daß mir ſo begegnet wird! ſehr billig! — — 5— Sö 2 Othellho. 257 Wie war ich nur, daß auch ſein kleinſter Argwohn Mein mindeſtes Verſehn mißdeuten konnte? (Fago und Emilie treten auf.) Jago. Was wuͤnſcht Ihr, gnad'ge Frau, wie geht es Euch? Desd. Ich weiß es nicht. Wer Kinder unterrichtet, Giebt ihnen freundlich leichte Arbeit auf; So konnt' er mich ja ſchmaͤhlen, denn fuͤrwahr, Ich bin ein Kind furs Schmaͤhlen. Jago Was iſt denn, gnaͤd'ge Frau? Emilie. Ach Jago! Metze ſchimpfte ſie der Herr. Wie ſchaͤndlich und verachtend er ſie nannte, Das trägt kein treues Herz. Desd. Jago, bin ich das Wort? Jago. Welch' Wort, Verehrte? Desd. Das, wie ſie ſagt, mein Herr mir hat gegeben? Emil. Er ſchalt ſie Metze; nein, kein Bettler koͤnnte Im Rauſch ſolch Wort von ſeiner Dirne brauchen. Jago. Warum denn das?— Desd. Ich weiß es nicht; gewiß, ich bin es nicht. Jago. O weint nicht; weint nur nicht; du liebe Zeit! TEmil. Wies ſie ſo manchen edlen Antrag ab, Verließ den Vater, Freunde, Vaterland, Daß man ſie Metze ſchimpfe? Iſſ's nicht zum Weinen? Desd. Das iſt mein traurig Schickſal. Jago. Nun, Gott beſſt' ihn! Wie kommt ihm ſolcher Einfall? Desd. Weiß der Himmel! Emil. Nein, haͤngt mich, wenn ein Erzverlaͤumder nicht, Irgend ein ſchmeichelnder, geſchaͤft'ger Schuft, Ein glatter Schurk', um ſich ein Amt zu fiſchen, Die uͤgen ausgedacht; ja, darauf ſterb' ich. Jago. Pfui, ſolchen Menſchen giebt's nicht;*s iſt un⸗ moͤglich. Desd. Und giebt es einen, ſo— ihm Gott! Emil. Ein Strick vergeb ihm! Nag' an ihm die Hölle! Sie Metze ſchimpfen!— Wer beſucht ſie je?— Wo? Wann? Und wie?— Wo iſt auch nur ein Schein? Ein recht ausbund'ger Schurk' belog den Mohren, Ein niederträchtger Schurk“, ein ſchäb'ger Bube. O Himmel! Mocht'ſt du ſolch Gezuͤcht entlarven, Und jeder wachren Hand'ne Geißel geben, VIII. 258 Hthel5 1 Den Schurken nackt durch alle Welt zu peitſchen, Vom Oſt zum fernen Weſt! Jago. Schrei doch nicht ſo!— Emil. Pfui uͤber ihn!— Solch ein Geſelle war's, Der ehmals dir auch den Verſtand verwirrte, Mich mit dem Mohren im Verdacht zu haben!— Jago. Du biſt nicht klug, ſey ſtill! esd. O guter Jago! Was ſoll ich thun, ihn wieder zu gewinnen?— Geh zu ihm, Freund, denn, bei der Sonne Licht, Ich weiß nicht, wie ich ihn verlor.— Hier knie ich:— Wenn je mein Herz ſich ſeiner Lieb' empoͤrt, In Worten, in Gedanken oder That; Wenn je mein Aug', mein Ohr und ſonſt ein Sinn An andrer Wrhlgeßalt Gefallen fand; Wenn ich nicht jetzt ihn lieb', ihn ſtets geliebt, Ihn immerdar,— auch wenn er mich verſtieße Als Bettlerin— von Herzen lieben werde,— Dann, Troſt, verlaß mich!— Kaltſinn bringt es weit; Und rauben kann ſein Kaltſinn mir das Leben, Doch nie die Liebe mindern. Ich kann nicht ſagen: Metze, Mir ſchaudert ſchon, da ich das Wort geſprochen; Doch thun, was die Beſchimpfung nach ſich zieht— Nicht um die ganze Eitelkeit der Welt!— Jago. Ich bitte, faßt Euch,'s iſt nur ſeine Laune. Die Stnatsgeſchaͤfte machten ihm Verdruß; Da zankt' er nun mit Euch. Desd. Waͤr' es nur das— Jago. Glaubt mir, es iſt nichts anders. (man hört Trompeten.) Horcht, die Trompete ruft zur Abendtafel! Und die Geſandtſchaft von Venedig wartet; Geht hin und weint nicht, alles wird noch gut. (Desdemona und Emilie ab.) (Rodrigo tritt auf.) Was giebt's, Rodrigo?— Rodr. Ich finde nicht, daß du es redlich mit mir meinſt. Jago. Und warum das Gegentheile Rodr. Jeden Tag fertigſt du mich mit einer Ausrede ab, Jago, und haͤltſt mich vielmehr(wie mir's vorkommt) von aller guten Gelegenheit fern, äls daß du meiner Hoffnung 2—— 2—— Sz. 2. Othellv. 2⁵9 den geringſten Vortheil verſchaffſt. Ich ertrage das wahrhaf⸗ tig nicht laͤnger; und du ſollſt mich nicht dazu bringen, ruhig was ich bisher, wie ein Thor, mir habe gefallen laſſen. Jago. Wollt Ihr mich anhoͤren, Rodrigo? Rodr. Auf Ehre, ich habe ſchon zu viel gehoͤrt; denn Euer Verſprechen und Thun halten nicht gleichen Schritt mit einander. Jago. Ihr beſchuldigt mich hoͤchſt ungerecht!— Rodr. S iſt lauter Wahrheit. Ich habe mein ganzes Vermogen zugeſetzt. Die Juwelen, die Ihr von mir em⸗ pfingt, um ſie Desdemona einzuhaͤndigen,— die Haͤlfte haͤtte eine Nonne verfuͤhrt. Ihr ſagtet mir, ſie habe ſie an⸗ genommen, und gabt mir Hoffnung und Ausſicht auf bal⸗ dige Gunſt und Erwiederung; aber dabei bleibt's. Jago. Gut; nur weiter; recht gut!— Rodr. Recht gut, weiter! Ich kann nicht weiter, Freund! und hier iſt nichts recht gut. Bei dieſer Hand, ich ſage, es iſt recht ſpitbuͤbiſch; und ich fange an zu merken, daß man mich forpt. Jago. Recht gut! Rodr. Ich ſage dir, es iſt nicht recht gut. Ich will mich Desdemona felbſt entdecken; giebt ſie mir meine Juwe⸗ len wieder zuruck, ſo laß ich ob von meiner Bewerbung und bereue mein unerlaubtes Zumuthen; wo nicht, ſeyd gewiß, daß ich Genugthuung von Euch fordern werde. Jago. Habt Ihr jetzt geſprochen? Rodr. Ja, und habe nichts geſprochen, als was ich ernſtlich zu thun geſonnen bin. Jago. Schoͤn! Nun ſehe ich doch, daß du Haare auf den Zaͤhnen haſt, und ſeit dieſem Moment faſſe ich eine beſſ're Meinung von dir, als je zuvor. Gieb mir deine Hand, Rodrigo, du haſt ſehr gegruͤndete Einwendungen gegen mich vorgebracht, und dennoch, ſchwöre ich dir, bin ich in deiner Sache ſehr grade zu Werke gegangen. Rodr. Das hat ſich wenig gezeigt. Jago. Ich gebe zu, daß ſich's nicht gezeigt hat; und dein Argwohn iſt nicht ohne Verſtand und Scharfſinn. Aber, Rodrigo, wenn das wirklich in dir ſteckt, was ich dir jetzt mehr zutraue, als je,— ich meine Willenskraft, Muth und 1 260 Othello. A. IV. Herz— ſo zeig' es dieſe Nacht. Wenn du in der naͤchſten Racht nicht zu Desdemonas Beſitz gelangſt, ſo ſchaff' mich hinterliſtig aus der Welt und ſielle meinem Leben Fallſtricke. Rodr. Gut; was iſt's? Liegt's im Gebiet der Vernunft und der Moͤglichkeit?— Jago. Freund, es iſt ein ausbruͤchlicher Befehl von Ve⸗ nedig da, daß Caſſio in Othellos Stelle treten ſoll. Rodr. Iſt das wahr? Nun ſo gehn Othello und Des⸗ demona nach Venedig zuruͤck. Jago. O nein, er geht ins Mohrenland, und nimmt 8 die ſchöne Desdemona mit ſich, wenn nicht ſein Aufenthalt hier durch einen Zufall verlängert wird; und darin kann nichts ſo entſcheidend ſeyn, als wenn Caſſio bei Seite ge⸗ ſchafft wird. Rodr. Wie meinſt du das,— ihn bei Seite ſchaffen? Jago. Nun, ihn fuͤr Othellos Amt untauglich machen, ihm das Gehirn ausſchlagen. Rodr. Und das, meinſt du, ſoll ich thun?— Jago. Ja, wenn du das Herz haſt, dir Vortheil und Recht zu verſchaffen. Er iſt heute zum Abendeſſen bei einer Dirne, und dort will ich ihn treffen; noch weiß er nichts von ſeiner ehrenvollen Befoͤrderung. Wenn du nun auf ſein Weggehn lauern willſt(und ich werde es einrichten, daß dies zwiſchen Zwoͤlf und Eins geſchehe),— ſo kannſt du nach deiner Bequemlichkeit uͤber ihn herfallen; ich will in der Naͤhe ſeyn, um deinen Angriff zu unterſtuͤtzen, und er ſoll zwiſchen uns beiden fallen. Komm, ſteh' nicht ſo verwun⸗ dert, ſondern folge mir; ich will dich ſo von der Nothwen⸗ digkeit ſeines Todes uͤberzeugen, daß dus fuͤr Pflicht halten ihn aus der Welt zu ſchaffen. Es iſt hohe Zeit zum bendeſſen und die Nacht geht hin. Friſch daran. Rodr. Ich muß noch mehr Gruͤnde hoͤren. Jago. Das ſollſt du zur Genuͤge. (ſie gehn ab.) Sz. 3. Hthello. 261 Dritte Szene⸗ Vorſaal im Schloſſe. (Hthello, Lodovico, Desdemona, Emilie und Gefolge treten auf.) Lodovico. Ich bitt' Euch, Herr, bemuͤht Euch nun nicht weiter. Ghth. O nein, erlaubt, das Ausgehn thut mir wohl. Lod. Schlaft, Gnäd'ge, wohl; ich ſag' Euch meinen Dank. Desd. Ihr wart uns ſehr willkommen, Herr! chth. Wollen wir gehn, Signor?— O Desdemona!— Desd. Mein Gemahl?— Chth. Geh' ſogleich zu Bett', ich werde augenblicklich wie⸗ der da ſeyn. Entlaß deine Geſellſchafterin, thu“, wie ich dir ſage.(ab.) Desd. Das werd' ich, mein Gemahl. Emil. Wie geht's nun? Er ſcheint milder als zuvor. Desd. Er ſagt, er werde hier ſeyn ungeſäumt; Er gab mir den Befehl, zu Bett zu gehen, Und hieß mir, dich entlaſſen. Emil. Mich entlaſſen?— Desd. Er will es alſo; darum, gutes Kind, Gieb mir mein Nachtgewand und lebe wohl!— Wir duͤrfen jetzt ihn nicht erzuͤrnen. Emil. Haͤttet Ihr ihn doch nie geſehn! Desd. Das wollt' ich nicht; mein L haͤngt ſo an ihm, Daß ſelbſt ſein Zorn, ſein Trotz, ſein Eigenſinn— Fomm, ſtech mich los— mir lieb und reizend dunkt. Emil. Die Tuͤcher legt' ich auf, wie Ihr's befahlt. Desd. S iſt alles Eins.— Ach! was wir thoͤricht ſind!— Sterb⸗ ich vor dir, ſo bitt' dich, kieide mich In eins von dieſen Tuͤchern. Emil. Kommt, Ihr ſchwatzt!— Desd. Meine Mutter hatt' ein Mädchen,— Baͤrb hieß ſie— Die war verliebt, und treulos ward ihr Schatz und lief davon. Sie hatt' ein Lied von Weide, 262 Dthelto. x. 1w. Ein altes Ding, doch paßt⸗ es fuͤr ihr Leid; Sie ſtarb, indem ſie's ſang. Das Lied, heut Nacht Kommt mir nicht aus dem Sinnz ich hab' zu ſchaffen, Daß ich nicht auch den Kopf ſo haͤng' und ſinge Wie's arme Baͤrbel. Bitt' dich, mach' geſchwind. Emil. Soll ich Eu'r Nachtkleid holen?— Desd. Nein, ſteck' mich hier nur los.— Der Lodovico iſt ein feiner Mann. Emil. Ein recht huͤbſcher Mann. Desd. Er ſpricht gut. Emil. Ich weiß eine Dame in Venedig, die waͤre baar⸗ fuß nach Palaͤſtina gewandert um einen Druck ſeiner Unter⸗ lippe. Desd.(ſingt.) Das Maͤgdlein ſaß ſingend am Feigen⸗ baum fruͤh, Singt Weide, gruͤne Weide! Die Hand auf dem Buſen, das Haupt auf dem Knie, Singt Weide, Weide, Weide! Das Bächlein es murmelt und ſtimmet mit ein; Singt Weide, gruͤne Weide! Heiß rollt ihr die Thraͤn' und erweicht das Geſtein; Leg' dies bei Seite— Singt Weide, Weide, Weide! Bitt' dich, mach' ſchnell, er kommt ſogleich— Von Weiden all flecht' ich mir nun den Kranz— O ſcheltet ihn nicht, ſein Zorn iſt mir recht,— Nein, das kommt ſpäter,— horch! wer klopfte da?— Emil. Es iſt der Wind. Desd. Ich nannt' ihn du Falſcher! was ſagt' er dazu? Singt Weide, gruͤne Weide! Seh' ich nach den Mädeln, nach den Buben ſiehſt hu. So geh nun fort; gute Nacht. Mein Auge zuckt, Bedeutet das wohl Thraͤnen? Emil. Ei, mit nichten! Desd. Ich hort' es ſo.— Die Maͤnner, o die Maͤnner! Glaubſt du, auf dein Gewiſſen, ſprich, Emilie, Daß wirklich Weiber ſind, die ihre Maͤnner So groͤblich taͤuſchen? Emil. Solche giebt's, kein Zweifel. Desd. Thätſt du dergleichen um die ganze Welt? Sz. 3. Dihello. 263 Emil. Nun, thaͤtet Ihr's nicht? Desd. Nein, beim Licht des Himmels!— Emil. Ich that' es auch nicht bei des Himmels Licht; Ich könnt' es ja im Dunkeln. Desd. Thätſſt du dergleichen um die ganze Welt?— Emil. Die Welt iſt maͤchtig weit; der Lohn waͤr' groß, Klein der Verſtoß. Desd. Gewiß, du thät'ſt es nicht!— Emil. Gewiß, ich thaͤte es, und machte es wieder unge⸗ than, wenn ich's gethan haͤtte. Nun freilich thaͤte ich ſo etwas nicht fuͤr einen Fingerring, noch fuͤr einige Ellen Bat⸗ tiſt, noch fuͤr Mäntel, Rocke und Hauben, oder ſolchen armſelgen Kram; aber fuͤr die ganze Welt.— Ei, wer haͤtte da nicht Luſt, dem Manne Hoͤrner aufzuſetzen und ihn Weltkaiſer zu machen? Dafuͤr wagte ich das Fege⸗ euer!— Desd. Ich will des Todes ſeyn, thät' ich ſolch Unrecht Auch um die ganze Welt. Emil. Ei nun, das Unrecht iſt doch nur ein Unrecht in der Welt; und wenn Euch die Welt fuͤr Eure Muͤhe zu Theil wird, ſo iſt's ein Unrecht in Eurer eignen Welt. Ihr könnt es geſchwind zu Recht machen. Desd. Ich glaube doch, es giebt kein ſolches Weib. Emil. Ei, zehn fuͤr eins, und noch ſo viel in Kauf, Die Welt, um die ſie ſpielten, gleich zu fuͤllen. Rllein mich duͤnkt, es iſt der Männer Schuld, Daß Weiber fallen. Wenn ſie pflichtvergeſſen In fremden Schooß vergeuden unſern Schatz; Wenn ſie, verkehrt in laun'ſcher Eiferſucht, Ans Haus uns feſſeln; wenn ſie gar uns ſchlagen, Wenn ſie in Leichtſinn unſer Gut verthun, Dann ſchwillt auch uns die Gallez wir ſind fromm, Doch nicht von Rachſucht frei. Sie ſollens wiſſen, Wir haben Sinne auch, wir ſehn und rierhen⸗ Und haben einen Gaum fuͤr ſuͤß und herbe, Wie unſte Maͤnner. Was bezwecken ſie, Wenn ſie uns andre vorziehn? Iſt es Luſt? Ich denke ja; treibt ſie die Leidenſchaft? Ich denke jaz iſt's Schwachheit, die ſie thoͤrt?— Gewiß; und haben wir nicht Leidenſchaft? Nicht Hang zur Luſt? Und Schwachheit gleich den Maͤnnern 264 Hthello. A. V. Drum, wenn der Mann ſich treulos von uns kehrte, War's ſeine Bosheit, die uns Boͤſes lehrte. Desd. Gut' Nacht!— Und laß mich, Herr, in frem⸗ den Suͤnden Nicht eigne Suͤnde, laß mich Beſſ'rung finden!— (ſie gehn ab.) F uͤnfter Aufzug.⸗ Erſte Szene. Straße. (Jago und Rodrigo treten auf.) Jago. Hier ſteh' am Pfeiler, gleich wird Caſſio kommen, Halt' deine Klinge blank und fuͤhr' ſie gut. Friſch, ſey getroſt; ich ſteh' dir nah' zur Hand;z Dies hebt uns oder ſtuͤrzt uns, daran denke, Und bleibe feſt und ſtandhaft beim Entſchluß. Rodr. So ſteh' hier nah', es konnte mir mißlingen. Jago. Hier neben dir; ſey kuͤhn und nimm dein Schwert. Rodr. Ich bin nicht ſehr im Eifer fuͤr die That, Und doch ſind's trift'ge Gruͤnde, die er gab. Ein Mann,— was liegt d'ran?— Komm mein Schwert! Er ſterbe! (tritt beiſeit.) Jago. Ich rieb die junge Beule, bis ſie brennt, Nun macht er Ernſt. Jetzt, ob er Caſſio mordet, Ob Caſſio ihn,— ob ſie ſich beide morden, Mir iſt das gleich gelegen. Lebt Rodrigo, So dringt er auf den voͤlligen Erſatz Des Geld's und Schmuck's, um die ich ihn geprellt Fuͤr Desdemona; 4 Das darf nicht ſeyn. Wenn Caſſio üͤbrig bleibt, Sz. 1. Hthello⸗ 265 So zeigt ſein Leben täglich eine Schoͤnheit, Die mich verhäßlicht; und der Mohr auch mochte Mich ihm verrathen; das wär' ſehr bedenklich. Nein, nein, er ſterbe.— Still, ich hör' ihn kommen. (Caſſio tritt auf.) Rodr. Es iſt ſein Gang, er kommt.— So ſtirb, du Schurk'!— (er läuft auf Caſſio zu und verwundet ihn.) Caſſ. Der Degenſtoß war feindlich mir gemeint, Doch iſt mein Rock ſtichfeſter als du glaubſt; Nun pruͤf' ich deinen. Rodr. Weh! ich bin des Todes. (ſie fechten; Caſſio verwundet den Rodrigo, Jago ſticht dem Caſſio von hinten ins Bein und geht ab.) Caſſ. Gelaͤhmt auf immer! Huͤlfe! Morder! Moͤrder! (Othello zeigt ſich oben.) Ghth.»S iſt Caſſio's Stimme; Jago haͤlt ſein Wort! Rodr. O ich Verruchter! Gth. Horch!— Ja wohl, ſo iſt's. Caſſ. O Huͤlfe! Licht! ein Wundarzt!— Ghth. Er iſt's! O wackrer Jago, brav und treu! Der du ſo edel fuͤhlſt des Freundes Schmach! Du lehrſt mich:— Puͤppchen, dein Geliebter fiel⸗ Und deine Stunde naht. Ich komme, Dirne! Dein Blick, dein Reiz ſoll mir im Herzen ſterben, Dein ſuͤndig Bett das Blut der Suͤnde faͤrben!— 6(er geht ab.) (Lodovico und Gratiano treten in einiger Entfernung auf.) Caſſ. Kein Waͤchter da? Kommt niemand? Huͤlfe! Mord! Grat. Ein Ungluͤck ganz gewiß; der Schrei war furchtbar. Lod. Horch! Rodr. O, niedertraͤcht'ger Bube!— Lod. Zwei, drei mal hoͤrt' ich achzen. Grauſe Nacht! Das kann Verſtellung ſeyn; ich halt's nicht ſicher, Dem Schrei zu folgen, eh' uns Beiſtand wird. 266 Othello. A. v. Rodr. Kommt niemand, ſo muß ich zu Tode bluten. (Jago kommt mit einem Lichte) Lod. Ein Mann hier ohne Wams mit Licht und Degen. Jago. Wer da? Was fuͤr ein Lärm? Wer rief hier Mord? Lod. Wir wiſſen's nicht. Jago. Habt Ihr nicht ſchrei'n gehoͤrt? Caſſ. Hier, hier; um Gottes willen helft! Jago. Was giebt's? Grat. Das iſt Othello's Fähndrich, wie ich glaube. Lod. Ganz recht, er iſt's; ein ſehr beherzter Mann. Jago. Wer ſeyd Ihr da, der ſo erbärmlich ruft? Caſſ. Jago, von Schurken tödtlich hier gelähmt— Ach, ſchaff' mir Huͤlfe!— Jago. Uum Gott! Sagt, Lieutnant, welche Buben thaten's? Caſſ. Der Eine, denk' ich, liegt hier in der Naͤhe, Und kann nicht fort.. Jago. O die argliſt'gen Schurken! (zu Lodovico und Gratiano) Wer ſeyd Ihr da? Kommt doch heran und helft! Rodr. O helft mir hier! Caſſ. Der war dabei. Jago. O Schurk! O Meuchelmoͤrder! (Jago erſticht den Rodrigo.) Rodr. Verdammter Jago! Bluthund! Hlolo! Jago. Im Dunkeln Wo ſind die blut'gen iebe? Wie ſtill ſind dieſe Straßen! Mord! Mord! Mord! Wer ſeyd denn Ihr? Schlimm' oder Gute? Lod. Ruͤhmt uns, wie Ihr uns findet. Jago. Signor Lodovico? Lod. Ja, Herr!* 38 Verzeihung; hier liegt Caſſio, ſchwer verwundet Von Schurken. S Erat. Caſſio? Sz. 1. Othello. 267 Jago. Sag', wie geht dir's, Bruder? Caſſ. Ich bin durchs Bein geſtochen. Jago. Gott verhut' es! Bringt Licht, Herr'n! Mit dem Hemd' will ich's verbinden. (Bianra tritt auf.) Bianca. Was iſt geſchehn? Wer war es, der ſo ſchrie? Jago. Wer war's, der ſchrie? Bianca. O liebſter Caſſio! O mein ſuͤßer Caſſio! O Caſſio! Caſſio! Caſſio! Jago. O du ausbund'ge Metze! Caſſio, wißt Ihr Wrr jene waren, die Euch ſo gelähmt? Caſſ. Nein. Grat. Mich ſchmerzt, Sch ſo zu ſehn, ich ſucht' Euch eben. Jago. Leiht mir ein Strumpfband. So.— O, eine Säaͤnfte, Ihn leiſe hinzutragen!— Bianca. Er fällt in Ohnmacht. Caſſio! Caſſio! Caſſio! Jago. Ihr Herrn, mir ahndet's, die Verworfne hier Sey mit verſtrickt in dieſer Greuelthat.— Geduld ein wenig, lieber Caſſio! Kommt, Ein Licht her;— kenn' ich den da, oder nicht?— Ach Gott! iſt das mein Freund und werther Landsmann, Rodrigo?— Nein; und doch:— O Gott! Rodrigo! Grat. Rodrigo von Venedig? Jago. Derſelbe; kennt Ihr ihn? Grat. Ja, allerdings? Jago. Signor Gratiano? O Herr, ich bin beſchaͤmt; Der biut'ge Fall entſchuld'ge meine Rauhheit, Die Euch mißkannt. Grat. Es freut mich, Euch zu ſehn. Jago. Caſſio, wie se Die Sänfte! He, die aͤnfte! Grat. Rodrigo! K Jago. Ja, ja, er iſt's.— O ſchoͤn, da kommt die Saͤnfte.— Tragt ihn mit Sorgfalt heim, ihr guten Leute; Ich hol' Othello's Wunderzt. 268 Hthellv. A. V. Czu Bianca) Ihr da, Jungfer, Spart Eure Muͤh.— Caſſio, der hier gelaͤhmt ward, Iſt ſehr mein Freund; was hattet Ihr fuͤr Streit? Caſſ. Nichts in der Welt, ich kenn' ihn nicht einmal. Jago(zu Bianca) Wie, ſeht Ihr blaß?— O, tragt ihn aus der Luft.— (Caſſio und Rodrigo werden weggetragen.) Bleibt, werthe Herrn! Ihr, Jungfer⸗ ſeht ſo blaß? Bemerkt Ihr, wie verſtoͤrt ihr Auge ſtarrt?— Run, bebt Ihr gar, erfahren wir wohl mehr:— Betrachtet ſie, ich bitt' Euch, ſeht ſie anz VNicht wahr, Ihr Herrn? Ihr ſchlecht Gewiſſen ſpricht, Wenn auch die Zungen gar nicht reden koͤnnten. Sni 6(Enilie tritt auf.) Emil. Was iſt geſchehn? Ach⸗ Mann, was iſt geſchehn? Jago. Caſſio ward hier im Dunkeln angefallen Von Rodrigo und andern, die entflohnz Er iſt halb todt und Roderigo ſtarb. Emil. Ach Gott, der arme Herr! Ach guter Caſſio! Jago. Das iſt der Unzucht Strafe.— Hoͤr', Emilie, Frag' doch den Caſſio, wo er Nachts geſpeiſt; Gu Bianca) Was? Zittert Ihr davor? Bianca. Er aß bei mir. Doch davor zittr' ich nicht. Jago. Ha, that er das? ſag' ich, folgt mir nach! mil. Pfri, ſchtechtes Weib!— Bianca. Ich bin kein ſchlechtes Weib; ich bin ſo ehrlich Als Ihr, die ſo mich ſchimpft. Emil. Als ich? O pfui! Jago. Kommt⸗ Herrn, zu ſehn, wie Caſſio wird ver⸗ bunden;— Fhr, Jungfer, geht, Euch zeigt man's bald noch anders.— Emilie, lauf zur Citadell, und melde Dem Herrn und ſeiner Frau, was hier geſchah.— Ich bitte„geht voran.— —— Sz. 2. Othellv. 269 Cfür ſich) Dies iſt die Nacht, Die mich vernichtet oder glucklich macht. (ſie gehn ab.) 8 weite Stz ein e⸗ — Schlafzimmer. Desdemona ſchlafend, im Bett. Ein Licht brennt neben ihr. (Othello tritt herein.) Gthello. Die Sache will's, die Sache will's, mein Herz! Laßt ſie mich euch nicht nennen, keuſche Sterne!— Die Sache will's.— Doch nicht ihr Blut vergieß' ichz Noch ritz' ich dieſe Haut, ſo weiß wie Schnee, Und ſanft, wie eines Denkmals Alabaſter.— Cer legt ſeinen Degen ab.) Doch ſterben muß ſie, ſonſt betrugt ſie andre. Thu aus das Licht, und dann— Thu' aus das Licht;— Ja, loͤſch' ich dich, du flammenheller Diener— Fann ich dein vorig Licht dir wiedergeben, — Sollt' ich's bereu'n;— doch dein Licht ausgethan, Du reizend Muſter herrlichſter Natur, Nie find' ich den Prometheusfunken wieder, Dein Licht zu zuͤnden. Pfluͤckt ich deine Roſe, Nie kann ich ihr den Lebenswuchs erneu'n, ₰ Sie muß, muß welken; dufte mir vom Stamm!— Ctüßt ſie.) O würz'ger Hauch, der ſelbſt Gerechtigkeit Ihr Schwert zu brechen zwingt!— Noch einen! einen! Sey wann du todt biſt ſo, dann toͤdt' ich dich Und liebe dich nachher— noch einen und den letzten! 3 So ſuͤß war nie ſo toͤdtlich. Ich muß weinen. Deoch ſind's grauſame Thraͤnen; dieſer Schmerz Iſt wie des Himmels, ſtrafend, wo er liebt.— Sie wacht.— Desd. Wer da? Othello? 270 Othello. A. V. Gth. Ja, Desdemona. Desd. Wollt Ihr zu Bett' gehn, mein Gemahl? Ghth. Haſt du zu Nacht gebetet, Desdemona? Desd. Ja, mein Gemahl! Chth. Kannſt du dich einer Suͤnde noch erinnern, Nicht ausgeſöhnt dem Himmel und der Gnade, So flehe jetzt alsbald. Desd. Ach, mein Gemahl! Was willſt du damit ſagen? Gth. Wohl, thu' es und ſey kurz; ich geh' bei Seite; Nicht moͤcht' ich deinen Geiſt in Suͤnden tödten, Nein, Gott verhut's! nicht deine Seele toͤdten. Desd. Sprichſt du vom Tödten? Gth. Ja! Desd. Dann, guͤt'ger Himmel, Erbarm' dich mein! Oth. Amen, von ganzem Herzen! Desd. Wenn du ſo ſpricht⸗ dann wirſt du mich nicht oͤdten Oth. Hum!— Desd. Und dennoch furcht' ich dich; denn du biſt ſchrecklich, Wenn ſo dein Auge rollt. Warum ich furchten ſollte, weiß ich nicht, Da ich von Schuld nichts doch fuͤhl' ich, daß ich urchte. Oth. Denk' deiner Suͤnde. Desd. Daos iſt zu dir die Herzensliebe. Ghth. Und dafuͤr ſtirbſt du. Desd. Grauſamer Tod, der nur um Liebe toͤdtet!— Ach warum nagſt du ſo die Unterlippe? Dein ganzer Bau erbebt in blut'ger Wuth. Das ſind Vorzeichen; doch ich hoff', ich hoffe, Sie deuten nicht auf mich. Gth. Schweig' und ſey ſtill!— Desd. Ich ſchweige; was begehrſt du?— Gth. Das Tuch, das ich ſo werth hielt und dir ſchenkte, Du gabſt es Caſſio. Desd. Nein, bei Seel' und Leben! Ruf' ihn herbei und frag' ihn. — Sz. 2. Hthello. 271 Gth. Behuͤte, Kind, behuͤte dich vor Meineid, Du liegſt auf deinem Sterbebette. Desd. Ja; doch nicht jetzt zu ſterben. Gth. Ja, alsbald. Darum bekenn' aufrichtig deine Suͤnde; Denn jeden Punkt mit einem Eid verlaͤugnen, Nicht waͤlzt es ab, noch beugt's der Ueberzeugung Laſt, Die mich zu Boden druͤckt. Du biſt am Sterben. Desd. Dann, Gott, erbarm' dich mein! Gth. Ich ſage Amen! Desd. Auch du erbarm' dich mein! Nie hab' ich dich Jemals beleidigt; Caſſio nie geliebt, Als mit der Liebe, die der Himmel ſelbſt Geſtattet; niemals gab ich ihm ein Pfand. Gth. Bei Gott, ich ſah mein Tuch in ſeinen Haͤnden; Meineidig Weib! Ha! du verſteinſt mein Herz, Und machſt zum Mord, was ich beginnen will, Was ich als Opfer meinte. Ich ſah das Tuch. Desd. So hat er's denn gefunden; Nie hab' ich's ihm gegeben; ruf ihn her, Daß er bekennt, wie's iſt. Gth. Er hat bekannt. Desd. Was, theurer Herr? cth. Daß er dein Freund geweſen— Desd. Wie? unerlaubt? Gth. Ja! Desd. Das kann er nicht ſagen. Gth. O nein, ſein Mund iſt ſtumm; Der treue Jago hat dafuͤr geſorgt. Desd. O! meine Furcht erklaͤrt mir's. Wie? Er todt? Gth. Ob jedes Haar ein Leben war, mein Grimm Verſchlang ſie alle. Desd. O Gott! Er iſt verrathen, ich verloren! Gth. Ha, Metze! Weinſt um ihn vor meinen Augen?— Desd. Verſtoße mich! O, tödte mich nur nicht.— Gth. Nieder mit dir, Metze! Desd. Todte mich morgen, laß mich heut noch leben! 222 Oth e A. V. Gth. Kein Straͤuben!„ Desd. Nur ein Stuͤndchen. Cſt Braucht's keines Zoͤgerns. wi Desd. Nur bis ich noch gebetet! Gth.'S iſt zu ſpät. (er erſtickt ſie.) Emil.(raußen) Mein gnaͤd'ger Herr! He! Holla! Gnäd⸗ er bih ger Herr! Gth. Was fuͤr ein Laͤrme Nicht todt? Noch nicht ganz todt?— Ich bin zwar grauſam, aber doch barmherzig; Richt moͤcht' ich dir verlaͤngern deine Qual.— (erſticht ſie mit dem Dolch.) So, ſo. Emil. He, holla! Gnaͤd'ger Herr! Gth. Wer da? Emil. O beſter Herr, nur auf ein Wort mit Euch.— Ghth. Ha, s iſt Emilie. Gleich!— Jetzt iſt ſie todt.— Gewiß, ſie kommt und meldet Caſſio's Tod; Der Laͤrm war groß.— Ha! Regſt du dich nicht mehr? Still, wie das Grab.— Darf ſie herein?— Wär's gut?— Mir daͤucht, ſie ruͤhrt ſich.— Nein.— Was iſt das Beſte? Kommt ſie, wird ſie nach meinem Weibe fragen— Mein Weib! Mein Weib! Weib? Ich hab' kein eib. O, unertraͤglich! O, furchtbare Stunde! Nun, daͤcht' ich, muͤßt' ein groß Verfinſtern ſeyn An Sonn und Mond, und die erſchreckte Erde Sich aufthun vor Entſetzen. Emil. Ich bitt Euch dringend, gönnt mir nur ein Wort, O beſter Herr! Gth. Ol ich vergaß dich:— Komm herein, Emilie! Sacht,— gleich! Sogleich!— Ich zieh den Vorhang zu. Wo kommſt du her? Was haſt du mir zu ſagen? (Er ſchließt die Thür auf, Emilie tritt herein.) Emil. O, lieber Herr! Ein ſuͤnd'ger Mord geſchah. Ghth. Wie, jetzt? — „ Sz. 2. the l v. 273 Emil. Jetzt eben, Herr! Gth. Das hat wahrhaftig nur der Mond verſchuldet; Er kommt der Erde näher, als er pflegt, Und macht die Menſchen raſend. Emil. Caſſio, Herr, Bracht' einen jungen Venetianer um, Genannt Rodrigo. Gth. Was! Rodrigo todt? Und Caſſio todt? Emil. Nein, Caſſio iſt nicht todt. Gth. Caſſio nicht todt? Dann klingt der Mord verſtimmt, Und rauh die ſuͤße Rache. Desd. O ungerechter Mord!— Emil. Gott! Welch ein Schrei war das? Gth. Das? Was? Emil. O heil'ger Gott! Die Stimme meiner Frau! Helft, helft, o helft! O Theure, ſprecht noch einmal! O Desdemona! ſuͤße Herrin, ſprecht!— Desd. Ich ſterbe ſchuldlos. Emil. O! Wer hat die That vollbracht? Desd. Niemand— ich ſelbſt,— leb' wohl! Empfiehl mich meinem guͤt'gen Herrn,— leb⸗ wohl!— Gth. Wie waͤr' ſie denn ermordet? Emil. Gott! wer weiß es? Oth. Du hört'ſt es von ihr ſelbſt, ich that es nicht. Emil. So ſagte ſie, ſo muß ich's treu berichten. Gth. Sie fuhr als Luͤgnerin lle; 5 e6 gnerin zur Flammenhoͤlle; Emil. So mehr Engel ſie, Und du ſo ſchwaͤrz'rer Teufel!* Gth. Sie fiel der Suͤnd' anheim und ward zur Hure. Emil. Nein, du beluͤgſt ſie und du biſt ein Teufel. Sie war wie Waſſer falſch. Emil. Und du biſt wild wie Feuer, wenn du ſie Der Falſchheit ze ſie war F ₰ Gth. Caſſio verfuͤhrte ſie: frag' deinen Mann: erdammt waͤr' ich zum tiefſten Höllenabgrund, Wenn ich nicht vorſchritt auf gerechtem Grund Zu dieſem Aeußerſten;— Dein Mann weiß alles. Emil. Mein Mann? VIII. 18 274 Othe lo. A. V. Oth. Dein Mann. Emil. Daß ſie die Ehe brach?— chth. Ja doch, mit Caſſio. Waͤr' ſie treu geweſen,— und ſchuf mir eine zweite Welt der Himmel Aus einem fehllos reinen Chryſolith, Ich gab ſie nicht dafuͤr. Emil. Mein Mann!— Gth. Ja wohl; er war's, der mich zuerſt gewarnt, Er iſt ein Ehrenmann und haßt den Schlamm Schandbarer Gräuelthat. Emil. Mein Mann? cth. Wozu die Wiederholung, Weib? Ich ſage dir, dein Mann. Emil. O theure Frau; Bosheit treibt Spott mit Liebe! Mein Mann ſagt, daß ſie falſch iſt? chth. Weib! er ſagt's, Dein Mann, dein Mann, verſtehſt du? Mein Freund, dein Mann, der wackre, wackre Jago. Emil. Sagt er's, mag ihm die gift'ge Seele täglich Verfaulen um'nen Gran! Er luͤgt als Schelm; Sie liebte nur zu ſehr ihr kläglich Buͤndniß. Oth. Ha! Emil. Thu' dein Aergſtes; So werth iſt dieſe deine That des Himmels, Als ihrer du. chth. Am Beſten wohl, du ſchwiegſt. Emil. Du haſt nicht halb die Kraft mir weh zu thun, Als ich's zu tragen. Dummkopf! blöder Thor!— Hirnlos, wie Koth; die That, die du gethan— Was kuͤmmert mich dein Schwert? Ich mach' es kund, Und Zr es zwanzig Leben. Helft, helft, helft! Der Mohr hat meine Frau erwuͤrgt: Mord! Mord! (Montano, Gratiano und Jago treten auf.) WMont. Was geht hier vor? Was giebt es, General? Emil. O kommſt du, Jago?— Ei du machſt es ſchoͤn, Daß Andre ihre Mordthat auf dich ſchieben. Grat. Was geht hier vor? Emil. Straf' dieſen in Luͤgen, wenn du Mann 1* Er ſpricht: Du ſagteſt ihm, ſein Weib ſey falſch, n„ mn Sz. 2. Othellv. 275 Ich weiß, das thatſt du nicht, du biſt kein Schelm:— Sprich, denn mein Herz iſt voll. Jago. Ich ſagt' ihm, was ich dachte; ſagt' auch nichts, Als was er ſelbſt glaubwuͤrdig fand und wahr. Emil. So haſt du je geſagt, ſie ſey nicht treu? Jago. Ich that's. Emil. Das war'ne Luͤge; ſchnoͤde, hoͤlliſche Luͤge: Bei Gott'ne Luͤge, recht verdammte Luͤge: Sie falſch mit Caſſio? Sagteſt du mit Caſſio? Jago. Mit Caſſio, Weib: ſtill! Baͤnd'ge deine Zunge. Emil. Die Zunge baͤnd'gen? Reden will ich laut;— In ihrem Bett liegt meine Frau ermordet. Alle. O Gott verhuͤt' es! Emil. Und dein Verhetzen ſtiftete den Mord. Gth. Nein ſtarrt nicht ſo Ihr Herrn,*s iſt wirklich wahr. Grat. Unſeel'ge Wahrheit! Wont. Ungeheure That!— Emil. O Buͤberei, verruchte Buͤberei!— Ich denke d'ran,— ich denk'— ich merk's— o Buͤberei! Ich dacht' es gleich— vor Gram moͤcht' ich mich toͤdten! O Buͤberei!—„ Jago. Was, biſt du toll? gleich nach Hauſ“, be⸗ ehl“ i Emil. Ihr edlen Herrn! Vergoͤnnt mir, daß ich rede. Ihm zu gehorchen ziemt mir, doch nicht jetzt. Vielleicht geh' ich nie mehr nach Hauſe, Jago. Gth.(blickt auf Desdemona.) O, o, o, o! Emil. Ja, wirf dich hin und bruͤlle; Weil du gemordet haſt die hold'ſte Unſchuld, Die je den Blick erhob. Gth. O, ſie war ſchlecht— Ich ſah Euch jetzt erſt, Ohm: ja dieſe Hand 4 Hat wirklich Eure Nichte jetzt ermordet. — ₰ ch weiß, die That ſieht graͤulich aus und ſchwarz. Grat. Du armes Kind!— Gut, daß dein Vater ſtarb; Dein Buͤndniß ward ihm tödtlich;— Gram allein Zerſchnitt den alten Faden; lebt' er jetzt, Der Anblick wurd' ihn in Verzweiflung ſtuͤrzen, Daß er den guten Engel von ſich fluchte, Sein Seelenheil gefaͤhrdend. Gth. Ja es iſt jammervoll! Doch Jago weiß, 18* 276 Hthello. A. V. Daß ſie die ſchnöde That mit dieſem Caſſi Wohl hundertmal beging: Caſſio geſtand's, Und ſie vergalt ihm ſeine Liebesglut Mie dem Gedächtnißpfand und Brautgeſchenk, 5 Das ich ihr gab; ich ſah's in ſeiner Hand; Es war ein Tuch, ein altes Angedenken, Das einſt mein Vater meiner Mutter gab. Emil. O all ihr Him melsmaͤchte! Jago. Willſt du ſchweigen? p Emil. Es muß heraus, heraus! Jetzt ſchweigen? Nein, Nein, ich will reden, ungehemmt wie Nordwind. Laß Himmel, Menſchen, Teufel, alle, alle, Schmach rufen uͤber mich, ich rede doch!— Jago. Sey klug und geh' nach Hauſ⸗ Emil. Ich will nicht. p (Jago macht Miene ſie zu erſtechen.) Grat. Pfui! Den Degen auf ein Weib?— 3t Emil. O dummer Mohr! Das Tuch von dem du ſagſt, Fand ich durch Zufall und gab's meinem Manne; Denn oft mit feierlichem Ernſt und Nachdruck (Mehr als fuͤr ſolche Kleinigkeit ſich ziemte) Hieß er's mich ſtehlen. Jago. Du verdammte Metze! Emil. Sie gab es Caſſio?— Nein, ach nein! Ich fand's Und gab es meinem Mann. Jago. Ausbund! du luͤgſt. 1 Emil. Bei Gott, ich log nicht, nein, Ihr edlen Herrn! Blutdurſt'ger Narr! Was ſollt' auch dieſer Trop 8 Mit ſolcher guten Frau?— (Jago erſticht ſeine Frau und läuft fort.) Ghth. Giebt's keinen Keil im Himmel Als nur zum Donner?— Auserleſ ner Schurke! Grat. Sie ſinkt, wahrhaftig, er erſtach ſein Weib!— Emil. Ja, ja, o legt mich neben meine Ferrin!— Grat. Er lief davon, doch ſeine Frau iſt hin. wWiont. S iſt ein Erzboͤſewicht.— Bewahrt dies Schwert, Das ich jetzt hier dem Mohren weggenommen. Beſetzt die außre Thuͤr', laßt ihn nicht durch, —— Sz. 2. Othello. Erſtecht ihn eh':— Ich will dem Buben nach, Denn der iſt ein verdammter Hund. Oth. Ich bin auch nicht mehr tapfer, Nein, jeder winz'ge Knab' entfuͤhrt mein Schwerdt. Was ſoll auch Ehre Tugend uͤberleben?— Fahr' alles hin. Emil. Was deutete dein Lied? Hoͤrſt du mich noch? Ich will dem Schwane gleich In Wohllaut ſterben. Weide, Weide, Weide!— Mohr, ſie war keuſch; ſie liebte dich, Barbar! So werde Heil mir, als ich Wahrheit zeuge; Und redend wie ich denke, ſterb' ich,— ſterb' ich. (ſie ſtirbt.) chth. Ich hab' noch einen Degen hier im Zimmer, Es iſt ein ſpaniſch Schwert, in Eis gehärtet. Aha, hier iſt's: Oheim, ich muß hinaus. Grat.(draußen.) Wenn dus verſuchſt, wirſt du es theuer e buͤßen, Du biſt wehrlos und mußt dich unterwerfen. th. So komm denn hier herein und ſprich mit mir, Sonſt mit der nackten Fauſt fall ich dich an. Grat.(im Hereintreten.) Was willſt du mir? Gth. Sieh her, ich hab' ein Schwerdt! Ein beßres hat noch nie geſchmuͤckt die Huͤfte Eines Soldaten. Wohl war einſt der Tag, Wo mir der kleine Arm, dies gute Schwert Den Ausgang ſchaffte durch mehr Hinderniß, Als zwanzigmal dein Zwang. Doch eitles Prahlen! Wer lenkt ſein Schickſal? Das iſt jetzt vorbei.— Seyd nicht erſchreckt, ob Ihr bewehrt mich ſeht; Hier iſt mein Reiſeziel, mein Ankerplatz, Die fernſte Seemark fuͤr mein ruhend Schiff. Trittſt du zuruͤck in Furcht? Du bangſt umſonſt; Zuͤck' nur ein Schilfrohr auf Othello's Bruſt, Er weicht ihm. Wohin ſollt' Othello gehn?— Ach, wie ſiehſt du nun aus, o Kind des Jammers, Bleich wie dein Tuch! Wenn wir am Thron erſcheinen, Wirb dies dein Bild mich fort vom Himmel ſchleudern⸗ Wo Furien mich ergreifen. Kalt, mein Mädchen? Wie deine Keuſchheit! O du verfluchter Sclav'! Peitſcht mich, ihr Teufel, 278 Othello. A. V. Weg von dem Anblick dieſer Himmelsſchonheit! Stuͤrmt mich in Wirbeln! Roͤſtet mich in Schwefel, Waſcht mich in tiefen Schluͤnden fluß'ger Glut! O Desdemona, Desdemona, todt?— Todt? O! olo! Codovico, Caſſio, der geführt wird, Montano, Jago als Gefangener und Offiziere.) Lod. Wo iſt der raſche, hochſt unſeel'ge Mann?— Gth. Hier ſteht, der einſt Othello war; hier bin ich. Lod. Wo iſt die Natter? Fuͤhrt den Buben vor. Gth. Ich ſeh ihm auf den Fuß; doch das iſt Fabel:— Biſt du ein Teufel, kann ich dich nicht tödten. (Othello verwundet den Jago.) Lod. Entringt ſein Schwerdt ihm! Jago. Ich blute, doch ich lebe. Gth. Sonſt thaͤt es mir auch leid. Du ſollſt noch leben; Denn wie ich fuͤhl', iſt Tod Gluckſeligkeit. Lod. O du, Othello! ſonſt ſo groß und gut, Umgarnt von Schlingen eines Boͤſewichts! Was ſoll man von dir ſagen? Gth. Was man will; Daß ich ein ehrenvoller Moͤrder ſey; Denn nichts that ich aus Haß, fuͤr Ehre alles. Lod. Halb hat der Sclav' ſein Bubenſtuck bekannt. Habt Ihr mit ihm in Caſſio's Tod gewilligt? Caſſ. Theurer Herr, ich gab Euch niemals Grund. Gth. Ich glaub' es und ich bitt' um dein Verzeih'n. Wollt Ihr von dieſem Teufel wohl erfragen, Warum er Seel' und Leib mir ſo verſtrickt?— Jago. Fragt mich um nichts mehr, was Ihr wißt, das wißt Ihr. Von dieſer Stunde red ich nicht ein Wort. Lod. Was? Nicht zum Beten? Grat. Folter wird dich's lehren. Gth. Gut, du thuſt ſo am Beſten. Lod. Ihr ſollt erfahren, Herr, was ſich begab, Noch glaub' ich, wißt Ihr's nicht: hier iſt ein Brief, Der ſich in Roderigo's Taſche fand, — Sz. 2. Hthello. 279 Und hier ein zweiter. Jener dort enthaͤlt Wie Roderigo aufgefordert ward Zu Caſſio's Tod. Oth. Nichtswuͤrdiger! Caſſ. Höchſt heidniſch, hochſt. verrucht! Lod. Ein andrer Brief, verſtimmt und voller Zweifel, Gefunden auch bei ihm; und dieſen, ſcheint's, Wollte Rodrigo an den Schurken ſenden, Doch kam indeß wohl Jago ſelbſt zu ihm, Ihn zu beruhigen. chth. Muuchleriſcher Hund!— Wie kamſt du, Caſſio, denn zu jenem Tuch Von meiner Frau?— Caſſ. Ich fand's auf meinem Zimmer: und er geſtand in dieſem Augenblick, Daß er's dort fallen ließ aus eigner Abſicht, Zu ſchlechtem Zweck. Oth. O Thor! O bloder Thor! Caſſ. Dann ferner ſteht in Roderigo's Brief Der Vorwurf, wie ihn Jago aufgehetzt Mir auf der Wacht zu trotzen:(was bewirkte Daß ich entſetzt ward) und noch ſat t' er eben Rach langem Scheintod, daß ihn Jago reizte Mich anzufallen, und ihn dann erſtach. Lod. Ihr muͤßt jetzt mit uns dieſes Haus verlaſſen; Gewalt und Vollmacht ſind Euch abgenommen⸗ Caſſio befiehlt in Cypern. Dieſer Bube— Giebts irgend eine recht geſchaͤrfte Marter, Die lang' ihn hinhalt und erfindriſch quaͤlt, Die ſey fuͤr ihn: Ihr bleibt in ſtrenger Haft, Bis uͤber Eure That berichtet ward Dem Staat Venedig's. Kommt und fuͤhrt ihn weg. Gth. Gemachl— Rur noch zwei Worte, eh' Ihr geht. Ich that Venedig manchen Dienſt; man weiß es, Nichts mehr davon:— In Euren Briefen, bitt' ich, Wenn Ihr von dieſem Unheil Kunde gebt, Sprecht von mir, wie ich bin: verkleinert nichts, Noch ſetzt in Bosheit zu. Dann muͤßt Ihr melden Von einem, der nicht klug, doch zu ſehr liebte, Nicht leicht argwoͤhnte, doch einmal erregt Unendlich raſ'te: Von einem, deſſen Hand Dem niedern Juden gleich, die Perle wegwarf, 280 Potyes 1. v. Mehr werth, als alb ſein Volk: deß uͤberwundnes Auge Sonſt nicht gewöhnt zu ſchmelzen, ſich ergeußt In Thraͤnen, wie Arabiens Bäume thaun Von heilungskraͤft'gem Balſam:— Schreibt das alles; Und fuͤgt hinzu, daß in Aleppo einſt, Wo ein vornehmer tuͤrkſcher Muſelmann Nen Venetianer ſchlug und ſchalt den Staat,— Ich den beſchnittnen Hund am Halſ' ergriff Und traf ihn— ſo! (er erſticht ſich.) Lod. O blut'ges Ende! Grat. Umſonſt nun unſer Wort. Gth. Ich kuͤßte dich, Eh' ich dir Tod gab: nun ſey dies der Schluß, Mich ſelber tödtend ſterb' ich ſo im Kuß. Caſſ. Dies furchtet ich, doch glaubt' ihn ohne Waffen: Denn er war hochgeſinnt. Lod. Spartan'ſcher Hund, Verderblicher als Hunger, Peſt und Meer! Schau dort die trag ſche Buͤrde dieſes Bett's, Das iſt dein Werk. Das Aug' erliegt dem Anblick; Verhuͤllt ihn. Ihr, Gratiano, bleibt im Schloß, Und nehmt des Mohren Guͤter in Beſchlag; Denn Ihr beerbt ihn. C(zu Caſſio.) . Euch, Herr Gouverneur, Liegt ob das Urtheil dieſes höllſchen Buben; Die Zeit, der Ort, die Marter,— ſchaͤrft, o ſchärft ſie ihm!— Ich will ſogleich an Bord, und dem Senat Mit ſchwerem Herzen kunden ſchwere That. (Alle gehn ab.) Konig Lear. Perſonen. Lear, König von Britannien. König von Frankreich. Herzog von Burgund. Herzog von Cornwall. Herzog von Albanien. Graf von Gloſter. Graf von Kent. Edgar, Gloſters Sohn. Edmun„Gloſters Baſtard. Curan, ein Höfling. Ein Arzt. Der Narr. Oswald, Gonerils Haushofmeiſter. Ein Hauptmann. Ein Edelmann im Gefolge der Cordelia. Ein Herold. Ein alter Mann, Gloſters Pachter. Bediente von Cornwall. Goneril, Regan, Lears Töchter. Cordelia, Ritter im Gefolge des Königs, Offiziere, Boten, Soldaten und Gefolge. (Die Szene iſt in Britannien.) ——— ——— — — ——— ¹ — Sr ſt e r. Er ſt e S ne König Lear's Pallaſt. Kent, Gloſter und Edmund. Rent. Ich dachte, der Koͤnig ſey dem Herzog von Albanien gewog⸗ ner, als dem von Cornwall. Gloſt. So ſchien es uns immer; doch jetzt, bei der Thei⸗ lung des Reichs, zeigt ſich's nicht, welchen der beiden Herzoge er hoͤher ſchaͤtzt. Denn ſo gleichmaͤßig ſind die Theile abge⸗ wogen, daß die genauſte Forſchung felbſt ſich fuͤr keine der Haͤlften entſcheiden koͤnnte. Rent. Iſt das nicht Euer Sohn, Mylord? Gloſt. Seine Erziehung iſt mir zur Laſt gefallen: Ich mußte ſo oft erroͤthen, ihn anzuerkennen, daß ich nun dage⸗ gen geſtaͤhlt bin. Rent. Ich verſtehe Euch nicht. Gloſt. Seine Mutter und ich verſtanden uns nur zu gut: und dies Einverſtaͤndniß verſchaffte ihr fruͤher einen Sohn fur ihre Wiege, als einen Mann fuͤr Ihr Bett. Merkt Ihr was von einem Fehltritt? Rent. Ich kann den Fehltritt nicht ungeſchehen wuͤnſchen, da der Erfolg davon ſo anmuthig iſt. Gloſt. Doch habe ich auch einen rechtmäßigen Sohn, einige Jahr aͤlter, als dieſer, den ich aber darum nicht hoͤher ſchatze. Obgleich dieſer Schelm etwas vorwitzg in die Welt kam, eh' er gerufen war, ſo war doch ſeine Mutter ſchon, es ging luſtig her bei ſeinem Entſtehn, und der Bankert durfte e werden. Kennſt du dieſen edeln Herrn, Ed⸗ mund? 284 Konig Lear. A. I. Edm. Nein, Mylord. Gloſt. Mylord von Kent: gedenke ſein hinfort, als mei⸗ nes geehrten Freundes. Edm. Mein Dienſt ſey Euer Gnaden gewidmet. Rent. Ich muß Euch lieben, und bitte um Eure nähere Bekanntſchaft. Edm. Ich werde ſie zu verdienen ſuchen. Gloſt. Er war neun Jahr im Auslande, und ſoll wie⸗ der fort. Der König kommt! (Man hört Trompeten.) (König Lear, Cornwall, Albanien, Goneril, Re⸗ gan, Cordelia und Gefolge treten auf.) Lear. Empfangt die Herrn von Frankreich und Burgund, Gloſter! Gloſt. Sehr wohl, mein Koͤnig! (Gloſter und Edmund ab.) Lear. Derweil enthuͤll'n wir den verſchwiegnen Vorſatz. Die Karte dort!— Wißt daß wir unſer Reich Getheilt in Drei. S iſt unſer feſter Schluß Von unſerm Alter Sorg' und Muͤh' zu ſchuͤtteln, Sie juͤngrer Kraft vertrauend, während wir Zum Grab entbuͤrdet wanken. Sohn von Cornwall, Und Ihr gleich ſehr geliebter Sohn Albanien, Wir ſind jetzund gewillt bekannt zu machen Der Toͤchter feſtbeſchied'ne Mitgift, daß Wir kuͤnft'gem Streite ſo begegnen⸗— Die Fuͤrſten Frankreich und Burgund, erhab'ne Mitwerber um der juͤngern Tochter Gunſt, Verweilten lange hier in Liebeswerbung Und harr'n auf Antwort.— Sagt mir, meine Töchter, (Da wir uns jetzt entaͤußern der Regierung, Des Landbeſitzes und der Staatsgeſchäfte,—) Welche von Euch liebt uns nun wohl am meiſten? Daß. wir die reichſte Gabe ſpenden, wo Natur kaͤmpft mit Verdienſten. Goneril, Du Erſtgeborne, ſprich zuerſt! Gon. Mein Vater, Mehr lieb' ich Euch, als Worte je umfaſſen, Weit inniger, als Licht und Luft und Freiheit,. Weit mehr, als was fuͤr reich und ſelten gilt, — —— * —— 7 Sz. 1. Koͤnig Lear. 285 Wie Schmuck des Lebens, Wohlſeyn, Schoͤnheit, Ehre, Wie je ein Kind geliebt, ein Vater Liebe fand. W Der Athem duͤnkt mich arm, die Sprache ſtumm, Weit mehr, als alles das, lieb' ich Euch noch.. Cord.(beiſeit.) Was ſagt Cordelia nun? Sie liebt und ſchweigt. Lear. All' dies Gebiet, von dem zu jenem Strich, An ſchatt'gen Forſten und Gefilden reich, An vollen Stroͤmen und weit gruͤnen Triften, Beherrſche du: dir und Albaniens Stamm Sey dies auf ewig. Was ſagt unſ're zweite Tochter, Die theure Regan, Cornwall's Gattin? Sprich! Reg. Ich bin vom ſelben Stoff, wie meine Schweſter Und ſchaͤtze mich ihr gleich. Mein tteues Herz 1 Fuͤhlt, all mein Lieben hat ſie Euch genannt; Nur bleibt ſie noch zuruͤck; denn ich erklaͤre Mich als die Feindin jeder andern Luſt, Die in der Sinne reichſtem Umkreis wohnt, Und fuͤhl' in Eurer theuern Hoheit Liebe Mein einzig Gluͤck. Cord.(beiſeit.) Arme Cordelia dann!— Und doch nicht arm; denn meine Lieb', ich weiß, Wiegt ſchwerer als mein Wort. Lear. Dir und den Deinen bleib als Erb' auf immer Dies zweite Dritttheil unſeres ſchoͤnen Reichs, An Umfang, Werth und Anmuth minder nicht, Als was ich Gon'ril gab. Nun unſ're Freude, Du juͤngſte, nicht geringſte; deren Liebe Die Weine Frankreich's und die Milch Burgund's Nachſtreben; was ſagſt du, dir zu gewinnen Ein reich'res Dritttheil, als die Schweſtern? Sprich! Cord. Nichts, gnaͤd'ger Herr! Lear. Nichts? Cord. Nichts. Lear. Aus Nichts kann Nichts entſtehn: Sprich noch einmal. Cord. Ich Ungluͤckſeel'ge, ich kann nicht mein Herz Auf meine Lippen heben; ich lieh⸗ Eur' Hoheit Wie's meiner Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder. Lear. Wie? Wie? Cordelia! Beſſ're deine Rede, Sonſt ſchad'ſt du deinem Gluͤck. 286 Koͤnig Lear. 1.1. Cord. Mein theurer Herr Ihr zeugtet, pflegtet, liebtet mich; und 66 Erwidr' Euch dieſe Wohlthat, wie ich muß, Gehorch! Euch, lieb' Euch und verehr' Euch hoch. Wozu den Schweſtern Maͤnner, wenn ſie fagen, Sie lieben Euch nur? Wuͤrd' ich je vermaͤhlt, So folgt dem Mann, der meinen Schwur empfing, Halb meine Treu', halb meine Lieb und Pflicht. Gewiß, nie werd' ich frei'n, wie meine Schweſtern, Den Vater nur allein zu lieben. Lear. Und kommt dir das vom Herzen? Cord. Ja, mein Vater! Lear. So jung und ſo unzaͤrtlich? Cord. So jung, mein Vater, und ſo wahr. Lear' Sey's drum. Nimm deine Wahrheit dann zur Mitgift: Denn bei der Sonne heil'gem Strahlenkreis, Bei Hekates Verderben, und der Nacht, Bei allen Kraͤften der Planetenbahn, Durch die wir leben und dem Tod verfallen, Sag' ich mich los hier aller Vaterpflicht, Rller Gemeinſamkeit und Blutsverwandtſchaft, Und wie ein Fremdling meiner Bruſt und mir Sey du von jetzt auf ewig. Der rohe Schthe, Ja der die eig'nen Kinder macht zum Fraß, Zu ſaͤttgen ſeine Gier, ſoll meinem Herzen So nah ſtehn, gleichen Troſt und Mitleid finden, Als du, mein weiland Kind. Rent. O edler Koͤnig! Lear. Schweig' Kent! Tritt zwiſchen den Drachen nicht und ſeinen Grimm: Sie war mein Liebling, und ich hofft' auf Troſt Von ihrer ſanften Pflege Fort! Mir aus den Augen!— So ſey das Grab mein Fried:, als ich von ihr Mein Vaterherz losreiße.— Ruft mir Frankreich! Wer ruͤhrt ſich? Ruft W— Ihr Cornwall und Al⸗ anien, Zu meiner Tochter Mitgift ſchlagt dies Dritttheil.— Stolz, den ſie Gradheit nennt, vermaͤhle ſie! Euch beide kleid' ich hier in meine Macht, Vorrang der Wurd und allerhöchſten Glanz, Der Majeſtät umgiebt. Wir, nach der Monde Lauf, M —* — Sz. 1 Koͤnig Lear. 287 Mit Vorbehalt allein von hundert Rittern, Die Ihr erhaltet, wohnen dann bei Euch, Nach Ordnung wechſelnd. Wir bewahren nur Den Namen und des Koͤnigs Ehrenrecht;— Die Macht, Seultn Rent' und alle Staatsgewalt, Geliebte Sohn', iſt Euer. Deß zum Zeugniß Theilt dieſen goldnen Reif. Rent. Erhab'ner Lear, Den ich als meinen Koͤnig ſtets geehrt, Geliebt als Vater und als Herrn begleitet, Als hoͤchſten Hort einſchloß in mein Gebet,— Lear. Der Bogen iſt geſpannt, entflieh' dem Pfeil'!— Rent. Er falle nur, ob auch die Spitze Ins tiefſte Herz mir bohrt. Kent ſey ohne Sitte, Wenn Lear von Sinnen iſt. Was willſt du, Greis? Meinſt du, daß Pflicht zu reden ſcheut, weil Macht Zum Schmeicheln ſinkt?— Die Ehre fordert Gradheit, Wenn Koͤn'ge thoͤricht werden. Bleibe, Herr, Und mit der beſten Ueberlegung hemme Die frevle Eil. Mit meinem Leben buͤrg' ich, Die juͤng're Tochter liebt dich minder nicht, Noch iſt der ohne Herz, deß ſchwacher Klang Nicht Hohlheit wiedertoͤnt. Lear. Schweig' Kent, bei deinem Leben. Rent. Mein Leben galt mir ſtets nur als ein Pfand Zu wagen gegen deinen Feind; gern opfr' ich's Fuͤr deine Wohlfahrt. Lear. Aus den Augen mir! Rent. Sieh' beſſer, Lear, und laß mich immer bleiben Den Zielpunkt deines Auges. Lear. Nun beim Apoll!— Rent. Nun beim Apollo, Koͤnig, Du rufſt vergeblich deine Goͤtter an. Lear. O Sclav'!— Abtruͤnn ger! Clegt die Hand ans Schwerdt.) Alb. und Cornw. Theurer Herr, laßt ab!— Rent. Thu's, tödte deinen Arzt und gieb den Lohn Der ſchnoͤden Krankheit. Nimm zuruͤck die Schenkung, Sonſt, bis der Kehle Kraft verſagt, zu ſchrei'n, Ruf' ich: Du thu'ſt Unrecht. 288 König Lear. 2.1. Lear. Hoͤr' mich Rebell, Bei deiner Lehnspflicht, hoͤre mich! Weil du zum Wortbruch uns verleiten wollt'ſt, (Den wir noch nie gewagt) und frechen Muth's Trat'ſt zwiſchen unſern Spruch und unſ're Macht, (Was unſer Sinn und Rang nicht dulden darf,) Sprech' ich als Herrſcher jetzt,— nimm deinen Lohn. Fuͤnf Tage gönnen wir, dich zu verſeh'n Mit Schirmung vor des Lebens Ungemach: Am ſechſten kehrſt du den verhaßten Ruͤcken Dem Königreich; und weilt am zehnten Tag In unſerm Lande dein verbannter Leib, So iſt's dein Tod. Hinweg! Bei Jupiter, Dies widerruf' ich nicht. Rent. So leb' denn wohl, Furſt. Zeigſt du dich ſo, Lear, Lebt Freiheit auswaͤrts, und Verbannung hier. Dir Jungfrau ſeyn die Goͤtter maͤcht'ger Hort, Du denkſt gerecht und wahrhaft war dein Wort. Eu'r breites Reden ſey durch That bewaͤhrt, Daß Liebeswort willkommne Frucht gebaͤrt. Fahrt wohl Ihr Fuͤrſten all': Kent muß von hinnen, Im neuen Land ein Schickſal zu gewinnen. .(er geht ab.) (Sloſter kommt zurück mit Frankreich, Burgund und Gefolge.) Gloſt. Hier ſind Burgund und Frankreich, hoher Herr! Lear. Fuͤrſt von Burgund, Zu Euch erſt ſprech' ich, der mit dieſem König Um unſ're Tochter warb. Was als das Mind'ſte Erwartet Ihr als Mitgift, oder ſteht Von Euerm Antrag' ab? Burg. Erhab'ner Koͤnig Mir g'nuͤgt, was Ihr freiwillig habt geboten, Und minder gebt Ihr nicht. Lear. Mein wuͤrd'ger Herzog, Als ſie uns werth war, ſchaͤtzten wir ſie ſo; S Nun iſt ihr Preis geſunken. Seht, da ſteht ſie: Wenn etwas an der kleinen, ſchmucken Larve Oder ſie ganz mit unſerm Zorn dazu, Und weiter nichts, Eur' Hoheit noch gefaͤllt, So nehmt ſie, ſie iſt Eur. Burg. Mir fehlt die Antwort. Sz. 1. Knig Lear. 289 Lear. Herr! Wollt Ihr mit allen Maͤngeln, die ihr eigen, Freundlos und neuverſchwiſtert unſerm Haß, Zur Mitgift Fluch, durch Schwur von uns entfremdet, Sie nehmen oder laſſen? Burg. Herr, verzeiht, Solche Bedingung endigt jede Wahl. Lear. So laßt ſie; bei der Macht, die mich erſchuf, Ich nannt' Euch all' ihr S(zu Frankreich.) Ihr, großer oͤnig,— Nicht ſo weit moͤcht' ich Eurer Lieb' entwandern, Euch zu vermaͤhlen, wo ich haſſe. Lenkt Zu beſſer'm Ziel, ich bitt' Euch, Eure Wuͤnſche, Als auf dies Weſen, das Natur erroͤthet Anzuerkennen. Frankr. Wahyrlich, dies iſt ſeltſam!— Daß ſie, die eben noch Eur Kleinod war, Der Inhalt Eures Lob's, Balſam des Alters, Eu'r Beſtes, Theuerſtes, in dieſem Nu So Unerhoͤrtes that, ganz zu zerreißen Solch reichgewebte Gunſt. Gewiß ihr Laſter Muß unnatuͤrlich, ohne Beiſpiel ſeyn, Oder die Liebe, der Ihr Euch geruͤhmt, Iſt tadelnswerth. So ſchlimm von ihr zu denken, Peiſch Glauben, wie Vernunft ihn ohne Wunder ir nimmer einimpft. Cord. Dennoch bitt' ich Herr, (Ermangl' ich auch der ſchluͤpfrig glatten Kunſt, Zu reden nur zum Schein: denn was ich ernſtlich will Vollbring' ich, eh' ich's ſage) daß Ihr zeugt, Es ſey kein ſchnoͤder Makel, Mord noch Schmach, Kein zuchtlos Thun, noch ehrvergeßner Schritt, Der mir geraubt hat Eure Gnad' und Huld. Nur, weil mir fehlt,— wodurch ich reicher bin,— Ein ſtets begehrend Aug' und eine Zunge, Die 9 mit Stolz entbehr', obgleich ihr Mangel Mir Euern Beifall raubte. Lear. Beſſer waͤr's Du lebteſt nicht, als mir zur Kraͤnkung leben! Frankr. Iſt es nur das? Ein Zaudern der Natur, Das oft die That unausgeſprochen laͤßt, Die es zu thun denkt?— Herzog von Burgund, VIII. 19 200 Koͤnig Lear. A F Was ſagt Ihr zu der Braut? Lieb' iſt nicht Liebe, Wenn ſie vermengt mit Ruͤckſicht, die ſeitab Vom wahren Ziel ſich wendet. Wollt Ihr ſie? Sie ſelbſt iſt ihre Mitgift. Burg. Hoher Lear, Gebt mir den Antheil, den Ihr ſelbſt beſtimmt, Und hier nehm' ich Cordelia bei der Hand Als Herzogin Burgund's. Lear. Nichts! Ich beſchwor's, ich bleibe feſt. Burg. Dann thut mir's Leid, daß Ihr zugleich den Vater Verliert und den Gemahl. Cord. Fahr' hin, Burgund:— Da Wunſch nur nach Beſitz ſein Lieben iſt, Werd' ich nie ſeine Gattin. Frankr. Schoͤnſte Cordelia, du biſt arm höchſt reich; Verbannt hoͤchſt werth; verachtet höchſt geliebt!— Dich nehm' ich in Beſitz und deinen Werth: Geſetzlich ſey, zu nehmen, was man wegwarf. Wie ſeltſam Goͤtter! Meiner Liebe Gluͤhn Und Ehrfurcht muß aus kaltem Hohn erbluh'n. Sie mußte Erb' und Gluͤck bei dir verlieren, Um uͤber uns und Frankreich zu regieren. Nicht alle Herrn Burgunds ſtromreicher Auen Entkaufen mir die theuerſte der Frauen! Den Harten gieb ein mildes Abſchiedswort, Das Hier verlierſt du, find'ſt ein beſſeres Dort. Lear. Du haſt ſie, Frankreich; ſie ſey dein; denn nie Hatt' ich ſolch Kind und nimmer gruͤße ſie Mein altes Auge mehr. Folg' deinen Wegen Ohn' unſte Lieb' und Gunſt, ohn' unſten Segen. Kommt, edler Fuͤrſt Burgund! (Trompetengetön. Lear, Burgund, Cornwall, Albanien, Gloſter und Gefolge gehen ab. Frankr. Sag' deinen Schweſtern Lebewohl. Cord.(beiſeit.) Des Vaters Edelſteinen!— Claut.) Naſ⸗ ſen Blicks Verlaͤßt Cordelia Euch. Cbeiſeit.) Ich kenn Euch wohl, Und nenn' als Schweſter Eure Fehler nicht Beim wahren Namen.(laut.) Liebt denn unſern Vater, Ich leg' ihn Euch ans vielbered'te Herz:— Cbeiſeit.) Doch ach! Waͤr' ich ihm lieb' noch wie vor Zeiten, Wollt' ich ihm einen beſſern Platz bereiten. (laut.) So lebt dann beide wohl! „————————— — ——— — Sz. 1. Koͤnig Lear. 291 Reg. Lehr' uns nicht unſre Pflichten. Gon. Dem Gemahl Such' zu genuͤgen, der als Glucksallmoſen Dich aufnahm. Du verſchmaͤhſt der Liebe Band, Mit Recht entzieht ſich dir, was du verkannt. Cord. Was Liſt verborgen, wird an's Licht gebracht, Wer Fehler ſchminkt, wird einſt mit Spott verlacht. Es geh' Euch wohl! Frankr. Komm, liebliche Cordelia! (Frankreich und Cordelia gehen ab.) Gon. Schweſter, ich habe nicht wenig zu ſagen, was uns beide ſehr nahe angeht. Ich denke unſer Vater will heut Abend fort. Regan. Ja, gewiß, und zu dir; nächſten Monat zu uns. Gon. Du ſiehſt wie launiſch ſein Alter iſt; was wir dar⸗ uͤber beobachten konnten, war bedeutend. Er hat immer un⸗ ſere Schweſter am meiſten geliebt, und mit wie armſeligem ürtheil er ſie jetzt verſtieß, iſt zu auffallend. Reg. S iſt die Schwaͤche ſeines Alters: doch hat er ſich von jeher nur obenhin gekannt. Gon. Schon in ſeiner beſten und kraͤftigſten Zeit war er zu haſtig: wir muͤſſen alſo von ſeinen Jahren nicht nur die Unvollkommenheiten laͤngſt eingewurzelter Gewohnheit erwar⸗ ten, ſondern außerdem noch den ſtorriſchen Eigenſinn, den gebrechliches und reizbares Alter mit ſich bringt. Reg. Solch haltungsloſes Auffahren wird uns nun auch bevorſtehen, wie dieſe Verbannung Kent's. qon. Dergleichen Abſchiedscomplimente wird's noch mehr geben, wie zwiſchen Frankreich und ihm: bitt. Euch, laßt uns zuſammenhalten. Behauptet unſer Vater ſein Anſehn mit ſolchen Geſinnungen, ſo wird jene letzte Uebertragung ſeiner Macht uns nur zur Kraͤnkung. Reg. Wir wollen es weiter uberlegen. Gon. Es muß etwas geſchehen, und in der Hitze. (ſie gehen ab.) 40 292 Koͤnig Lear. 8 w e t e e. Schloß des Grafen Gloſter. (Edmund mit einem Briefe.) Edmund. Natur, du biſt mein Gott, deinem Geſetz Iſt all mein Dienſt geweiht. Wos ſollt' ich dulden Die Plagen der Gewohnheit, und geſtatten Daß mich der Voͤlker Eigenſinn enterbt, Weil ich ein zwoͤlf, ein vierzehn Mond' erſchien Nach einem Bruder? Was Baſtard? Weshalb unächt? Wenn meiner Glieder Maaß ſo ſtark gefugt, Mein Sinn ſo frei, ſo adlich meine Zuͤge, Als einer Eh'gemalin Frucht! Warum Mit unaͤcht uns brandmarken? Baſtard? Unächt? Uns, die im heißen Diebſtahl der Natur Mehr Stoff empfah'n und kraͤft'gern Feuergeiſt, Als in verdumpftem, traͤgem, ſchalem Bett Verwandt wird auf ein ganzes Heer von Troͤpfen, Halb zwiſchen Schlaf gezeugt und Wachen? Drum, Rechtbuͤrt'ger Edgar! Mir gehört dein Land.— Des Vaters Liebe hat der Baſtard Edmund Wie der Aechtbuͤrt'ge. Schönes Wort: aͤchtbuͤrtig! Wohl, mein Aechtburt'ger, wenn dieſes Brieflein wirkt Und mein Erfinden gluͤckt, ſtuͤrzt den Aechtbuͤrt'gen Der Baſtard Edmund. Ich gedeih', ich wachſe! Nun Götter, ſchirmt Baſtarde!— (Gloſter kommt.) Gloſt. Kent ſo verbannt!— Frankreich im Zorn ge⸗ angen! Der Koͤnig fort zu Nacht!— Der Kron' entſagt!— Beſchränkt auf Unterhalt!— Und alles das Im Nu!— Edmund! Wos giebt's? Was haſt du Neues? (ſteckt den Brief ein.) Verzeih Eu'r Gnaden, nichts. Gloſt. Warum ſteckſt du ſo eifrig den Brief ein?— Edm. Ich weiß nichts neues, Mylord. Gloſt. Was fuͤr ein Blatt laſeſt du? —— ——— Sz 2. Koͤnig Lear. 293 Edm. Nichts, Mylord. Gloſt. Nichts?— Wozu denn die erſchreckliche Eil' da⸗ mit in deine Taſche?— Ein eigentliches Nichts bedauf keiner ſolchen Haſt ſich zu verſtecken. Laß ſehn. Gieb! Wenn es nichts iſt, brauche ich keine Brille. Edm. Ich bitte, Herr, verzeiht; es iſt iſt ein Brief mei⸗ nes Bruders, den ich noch nicht ganz durchgeſehen, und ſo weit ich bis jetzt las, finde ich den Inhalt nicht fuͤr Eure Durchſicht geeignet. Gloſt. Gieb mir den Brief, ſag' ich. Edm. Ich werde Unrecht thun, ich mag ihn geben oder behalten. Der Inhalt, ſo weit ich ihn verſtehe, iſt zu tadeln. Gloſt. Laß ſehn, laß ſehn. Edm. Ich hoffe zu meines Bruders Rechtfertigung, er ſchrieb dies nur als Pruͤfung und Verſuchung meiner Tugend. Gloſt.(lieſt.)„Dieſes Herkommen, dieſe Ehrfurcht vor dem Alter verbittert uns die Welt fuͤr unſre beſten Jahre; entzieht uns unſer Vermoͤgen, bis unſre Hinfaͤlligkeit es nicht mehr genießen kann. Ich fange an, eine alberne thörichte Sclaverei in dieſem Druck bejahrter Tyrannei zu finden, die da herrſcht nicht wie ſie Macht hat, ſondern wie man ſie duldet. Komm zu mir, daß ich weiter hieruͤber rede. Wenn unſer Vater ſchlafen wollte, bis ich ihn weckte, ſollteſt du fuͤr immer die Haͤlfte ſeiner Einkuͤnfte beſitzen und der Liebling ſeyn deines Bruders Edgar.“— Hum!— Verſchwoͤrung!— Schlafen wollte, bis ich ihn weckte,— die Hälfte ſeiner Ein⸗ kuͤnfte beſitzen,— mein Sohn Edgar! Hatte er eine Hand dies zu ſchreiben? Ein Herz und ein Gehirn dies auszubrü⸗ ten? Wann bekamſt du dies? Wer brachte dir's? Edm. Es ward mir nicht gebracht, Mylord, das iſt eben die Feinheit; ich fand's durch das Fenſter meines Zimmers geworfen. Gloſt. Du erkennſt deines Bruders Handſchrift? Edm. Wäre der Inhalt gut, Mylord, ſo wollte ich dar⸗ auf ſchworen; aber, wenn ich auf dieſen ſehe, ſo möchte ich lieber glauben, ſie ſey es nicht. Gloſt. Es iſt ſeine Hand. Edm. Sie iſt', Mylord, aber ich hoffe, ſein Herz iſt dem Inhalte fern. Gloſt. Hat er dich nie zuvor uber dieſen Punkt ausge⸗ forſcht? 294 Koͤnig Lear. A. I. Edm. Niemals Mylord; doch habe ich ihn oft behaupten horen, wenn Soͤhne in reifen Jahren, und die Vaͤter auf der Neige ſtänden, dann ſey von Rechtswegen der Vater des Soh⸗ nes Muͤndel, und der Sohn Verwalter des Vermoͤgens. Gloſt. O Schurke, Schurke!— Voͤllig der Sinn ſeines Briefes!— Verruchter Bube! Unnatuͤrlicher, abſcheulicher, viehiſcher Schurke! Schlimmer als viehiſch!— Geh gleich, ſuch' ihn auf, ich will ihn feſtnehmen.— Verworfner Boͤſe⸗ wicht!— Wo iſt er?— Edm. Ich weiß es nicht genau, Mylord. Wenn es Euch gefiele Euren Unwillen gegen meinen Bruder zuruͤckzuhalten, bis Ihr ihm ein beßres Zeugniß ſeiner Abſichten entlocken koͤnnt, ſo wuͤrdet Ihr ſichrer gehen; wollt Ihr aber gewaltſam gegen ihn verfahren und haͤttet Euch in ſeiner Abſicht geirrt, ſo wuͤrde es Eure Ehre toͤdtlich verwunden und das Herz ſeines Gehor⸗ ſams zertruͤmmern. Ich moͤchte mein Leben fuͤr ihn zum Pfande ſetzen, daß er dies geſchrieben hat, um meine Ergeben⸗ heit gegen Euch Mylord, auf die Probe zu ſtellen, und ſonſt keine gefaͤhrliche Abſicht hatte. Gloſt. Meinſt du? Edm. Wenn's Eu'r Gnaden genehm iſt, ſtell' ich Euch an einen Ort, wo Ihr uns daruͤber reden hoͤren und Euch durch das Zeugniß Eures eignen Ohr's Gewißheit verſchaffen ſollt; und das ohne Verzug, noch dieſen Abend. Gloſt. Er kann nicht ſolch ein Ungeheuer ſeyn. Edm. Und iſt's gewiß nicht. Gloſt. Gegen ſeinen Vater, der ihn ſo ganz, ſo zaͤrtlich liebt! Himmel und Erde! Edmund ſuch' ihn auf!— Forſche mir ihn aus, ich bitte dich, fuͤhre das Geſchaͤft nach deiner eig⸗ nen Flugheit⸗ Ich koͤnnte nicht Vater ſeyn, wenn ich hierzu die noͤthige Entſchloſſenheit beſaͤße. Edm. Ich will ihn ſogleich aufſuchen, Mylord, die Sache ſhens wie ich's vermag, und Euch von Allem Nachricht geben. Gloſt. Jene letzten Verfinſterungen an Sonne und Mond weiſſagen uns nichts gutes. Mag die Wiſſenſchaft der Natur ſie ſo oder anders auslegen, die Natur empfindet ihre Geißel an den Wirkungen, die ihnen folgen: Liebe erkaltet, Freund⸗ ſchaft fallt ab, Bruͤder entzweien ſich; in Staͤdten Meuterei, auf dem Lande Zwietracht, in Pallaͤſten Verrath; das Band zwiſchen Sohn und Vater zerriſſen: Dieſer mein Bube beſt«ti⸗ — —, — —, Sz. 2. Koͤnig Lear. 295 get dieſe Vorzeichen; da iſt Sohn gegen Vater. Der Koͤnig weicht aus dem Gleiſe der Natur, da iſt Vater gegen Kind. Wir haben das Beſte unſrer Zeit geſehn: Ränke, Herzloſigkeit, Verrath und alle zerſtörenden Umwälzungen folgen uns raſtlos bis an unſer Grab. Erforſche mir den Buben, Edmund, es ſoll dein Schade nicht ſeyn; thu's mit allem Eifer. Und der edle treuherzige Kent verbannt! Sein Verbrechen, Redlichkeit! — Seltſam, ſeltſam!— (geht ab.) gdm. Das iſt die ausbuͤndige Narrheit dieſer Welt, daß wenn wir an Gluck krank ſind,— oft durch die Ueberſaͤttigung unſres Weſens— wir die Schuld unſter Unfalle auf Sonne, Mond und Sterne ſchieben, als wenn wir Schurken wären durch Nothwendigkeit; Narren durch himmliſche Einwirkung; Schelme, Diebe und Verräther durch die Uebermacht der Spha⸗ ren; Trunkenbolde, Luͤgner und Ehebrecher durch erzwungene Abhängigkeit von planetariſchem Einfluß; und alles, worin wir ſchlecht ſind, durch gottlichen Anſtoß. Eine herrliche Ausflucht fur den Luderlichen, ſeine hitzige Natur den Sternen zur Laſt zu legen!— Mein Vater ward mit meiner Mutter einig un⸗ term Drachenſchwanz, und meine Nativitaͤt fiel unter ursa major; und ſo folgt denn, ich ſey rauh und verbuhlt. Ei was, ich waͤre geworden, was ich bin, wenn auch der mädchenhafteſte Stern am Firmament auf meine Baſtardiſirung geblinkt haͤtte. Edgar,— (Edgar tritt auf.) Und huſch iſt er da, wie die Cataſtrophe in der alten Comödie. Mein Stichwort iſt„ſpitzbuͤbiſche Melancholei“ und ein Seuf⸗ zer wie Thoms aus Bedlam.— O dieſe Verfinſterungen deu⸗ ten dieſen Zwieſpalt! Fa, ſol, la, mi—. Wie geht's, Bruder Edmund? In was fuͤr tiefſin⸗ nigen Betrachtungen? Edm. Ich ſinne, Bruder, uͤber eine Weiſſagung, die ich dieſer Tage las, was auf dieſe Verfinſterungen folgen werde! Edg. Giebſt du dich mit ſolchen Dingen ab? Edm. Ich verſichere dich, die Wirkungen, von denen er ſchreibt, treffen leider ein!— Unnatuͤrlichkeit zwiſchen Vater und Kind,— Tod, Theuerung, Aufloͤſung alter Freundſchaft, Spaltung im Staat, Drohungen und Verwuͤnſchungen gegen Koͤnig und Adel; grundloſes Mißtrauen, Verbannung von Freunden, Aufloͤſung des Heer's, Trennung der Ehen, und was noch alles! 296 Koͤnig Lear. A. I. Edg. Seit wann gehörſt du zur aſtronomiſchen Secte? Edm. Wenn ſahſt du meinen Vater zuletzt? Edg. Nun, geſtern Abend. Edm. Sprachſt du mit ihm? Eedg. Ja, zwei volle Stunden. Edm. Schiedet Ihr in gutem Vernehmen? Bemerkteſt du kein Mißfallen an ihm in Worten oder Mienen?— Edg. Durchaus nicht. Edm. Beſinne dich, womit du ihn beleidiget haben könn⸗ teſt; und ich bitte dich, meide ſeine Gegenwart, bis eine kurze Zwiſchenzeit die Hitze ſeines Zorns abgekuͤhlt hat, der jetzt ſo in ihm wuͤthet, daß ihn kaum eine Mißhandlung an deiner Per⸗ ſon beſaͤnftigen wuͤrde. Edg. Irgend ein Schurke hat mich angeſchwaͤrzt! Edm. Das furcht' ich auch. Ich bitte dich, weiche ihm ſorgfäͤltig aus, bis die Heftigkeit ſeines Ingrimms nachlaßt, und, wie geſagt, verbirg dich bei mir in meinem Zimmer, wo ich's einrichten will, daß du den Grafen reden hören ſollſt. Ich bitte dich, geh', hier iſt mein Schluͤſſet. Wagſt du dich her⸗ vor, ſo geh' bewaffnet. Edg. Bewaffnet, Bruder? Edm. Bruder, ich rathe dir dein Beſtes: geh' bewaffnet: ich will nicht ehrlich ſeyn, wenn man Gutes gegen dich im Schilde fuhrt. Ich habe dir nur ſchwach angedeutet, was ich ſah und hoͤrte; laͤngſt noch nicht, wie entſetzlich die Wirklichkeit Edg. Werd' ich bald von dir hören? Edm. Zähle auf mich in dieſer Sache. (Edgar geht ab.) Ein glaͤub'ger Vater und ein edler Bruder, So fern von allem Unrecht, daß er nie Argwohn gekannt, deß dumme Ehrlichkeit Mir leichtes Spiel gewaͤhrt! Ich ſeh' den Ausgang: Wenn nicht Geburt, ſchafft Liſt mir Land und Leute; Und was mir nutzt, das acht' ich freie Beute. (er geht ab.) ———— Sz. 3. König Lear. 297 Dritte Szene. Vor dem Pallaſt des Herzogs von Albanien. (Goneril und der Haushofmeiſter.) Goneril. Schlug mein Vater meinen Diener, weil er ſeinen Narren ſchalt? Zaush. Ja, gnaͤd'ge Frau! Gon. Er kraͤnkt mich Tag und Nacht. Ja jede Stunde Bricht er hervor mit der und jener Unbill, Die uns verſtimmt und ſtoͤrt: ich duld' es nicht. Die Ritter werden frech, er ſelber ſchilt Um jeden Tand: Wenn er vom Jagen kommt, Will ich ihn jetzt nicht ſehn; ſag', ich ſey krank. Wenn Ihr in Eurem Dienſt ſaumſel'ger werdet, So thut Ihr Recht, die Schuld nehm' ich auf mich. (Trompeten.) Zaush. Jetzt kommt er, gnäd'ge Frau, ich hör' ihn ſchon. Gon. Zeigt ihm ſo traͤge Laͤſſigkeit Ihr wollt, Du und die Andern; ich wollt' es kaͤm' zum Bruch. Wenn's ihm mißfaͤllt, ſo zieh' er hin zur Schweſter, Die darin, weiß ich, einig iſt mit mir, Und ſich nicht meiſtern laͤßt. Der greiſe Thor, Der immer noch die Macht behaupten will, Die er verſchenkt hat! Nun bei meinem Leben, Das Alter kehrt zur Kindheit, und es braucht Der ſtrengen Zucht, wenn Guͤte ward mißbraucht. Merk dir, was ich geſagt.— Zaush. Wohl, gnaͤd'ge Frau! Gon. Und ſeinen Rittern goͤnnt nur kalte Blicke, Was d'raus erwaͤchſt, gleichviel; ſagt das den Andern auch. Ich nehme wohl Gelegenheit hieraus, Mich zu erklaͤren. Meiner Schweſter ſchreib' ich gleich, Daß ſie verfaͤhrt wie ich. Beſorg' das Mahl. (ſie gehn ab.) — 298 Koͤnig Lear. A. J. V i Ebendaſelbſt. (Kent tritt auf, verkleidet.) Rent. Kann ich ſo gut nur fremde Sprache borgen, Die meine Red' entſtellt, ſo mag vielleicht Mein guter Will' in vollem Maaß erſtreben Das Ziel, um das mein Weſen ich verhuͤllte.— Nun, du verbannter Kent, Kannſt du dort dienen, wo man dich verdammt, (Und geb' es Gott!) ſoll dein geliebter Herr Dich unermuͤdlich finden. (Jagdhörner hinter der Szene; Lear, Ritter und Gefolge treten auf.) Lear. Laßt mich keinen Augenblick auf das Eſſen warten; geht, laßt anrichten. Nun, wer biſt du? Rent. Ein Mann, Herr! Lear. Waos iſt dein Beruf? Was willſt du von uns? Rent. Mein Beruf iſt, nicht weniger zu ſeyn, als ich ſcheine; dem treu zu dienen, der's mit mir verſuchen will; den zu lieben, der ehrlich iſt; mit dem zu verkehren, der Verſtand hat und wenig ſpricht; den guten Leumund zu achten; zu fech⸗ ten, wenn ich's nicht aͤndern kann, und keine Fiſche zu eſſen. Lear. Wer biſt du? Ser Ein recht treuherziger Kerl und ſo arm als der önig. Lear. Wenn du als Unterthan ſo arm biſt, wie er als Koͤ⸗ (einer vom Gefolge geht ab.) nig, ſo biſt du arm genug. Was willſt du? Rent. Dienſt. Lear. Wem willſt du dienen? Rent. Euch. Lear. Kennſt du mich, Alter?— Rent. Nein; aber Ihr habt etwas in Eurer Miene, das ich gern Herr nennen moͤchte. —— — Sz. 4. König Lear. Lear. Was iſt das? Rent. Hoheit. Pear. Was fuͤr Dienſte kannſt du thun? Rent. Ich kann ein erlaubtes Geheimniß verſchweigen, reiten, laufen, eine huͤbſche Geſchichte langweilig erzaͤhlen, und eine deutliche Botſchaft ſchlicht beſtellen: wozu ein ge⸗ woͤhnlicher Menſch brauchbar iſt, dafuͤr tauge ich, und das Beſte an mir iſt Fleiß. Lear. Wie alt biſt du? Rent. Nicht ſo jung, Herr, ein Maͤdchen ihres Geſan⸗ ges wegen zu lieben, noch ſo alt, um ohne alle Urſache in ſie vergafft zu ſeyn; ich habe acht und vierzig Jahre auf dem Ruͤcken. Lear. Folge mir, du ſollſt mir dienen; wenn du mir nach dem Eſſen nicht ſchlechter gefaͤllſt, ſo trennen wir uns nicht fobald.— Das Eſſen, holla! das Eſſen!— Wo iſt mein Burſch, mein Narr?— Geh' einer und ruf' mir mei⸗ nen Narren her! (Der Haushofmeiſter kommt.) Ihr da!— He!— Wo iſt meine Tochter? Zaush. Verzeiht mir— (er geht ab.) Lear. Was ſagt der Schlingel da? Ruft den Tölpel zu⸗ ruͤck. Wo iſt mein Narr, he?— Ich glaube die Welt liegt im Schlaf. Nun? Wo bleibt der Luͤmmel?— Ritter. Er ſagt, Mylord, Eurer Tochter ſey nicht wohl. Lear. Warum kam denn der Flegel nicht zuruck, als ich ihn rief? Herr, er ſagte mir ſehr rund heraus, er wolle nicht. Lear. Er wolle nicht? Ritt. Mylord, ich weiß nicht, was vorgeht; aber nach meiner Anſicht begegnet man Eurer Hoheit nicht mehr mit der ehrerbietigen Aufmerkſamkeit, wie man pflegte; es zeigt ſich ein großes Abnehmen der Hoͤflichkeit ſowohl bei der Die⸗ nerſchaft, als auch beim Herzog und Eurer Tochter ſelbſt. Lear. Ha! Meinſt du?— Ritt. Ich bitte Euch, verzeiht mir, Mylord, wenn ich 300 Koͤnig Lear. A. I. mich irre; denn mein Dienſteifer kann nicht ſchweigen, wenn ich Eure Hoheit beleidigt glaube. Lear. Du erinnerſt mich nur an meine eigne Wahrneh⸗ mung. Ich bemerkte ſeit kurzem eine ſehr kalte Vernachläſſi⸗ gung; doch ſchob ich's mehr auf meine argwöhniſche Gemuͤths⸗ art, als auf einen wirklichen Vorſatz und abſichtliche Unfreund⸗ lichkeit.— Ich will weiter darauf achten. Aber wo iſt mein Narr? Ich hab' ihn in zwei Tagen nicht geſehn. Ritt. Seit der jungen Fuͤrſtin Abreiſe nach Frankreich⸗ gnäd'ger Herr, hat ſich der Narr ganz abgeharmt. Lear. Still davon; ich hab' es wohl bemerkt. Geht, und ſagt meiner Tochter, ich wolle ſie ſprechen. Und Ihr, ruft meinen Narren. (Der Haushofmeiſter kommt.) O mein Freund, kommt doch näher. Wer bin ich, Kerl? Zaush. Mylady's Vater. Lear. Mylady's Vater? Mylord's Schurk! Du ver⸗ dammter Hund, du Lump, du Schuft! Zaush. Ich bin nichts von alle dem, Mylord, ich bitte mir's aus. Lear. Wirfſt du mir Blicke zu, du Hundsfott? (er ſchlägt ihn.) Zaush. Ich laſſe mich nicht ſchlagen, Mylord. Rent.(ſchlägt ihm ein Bein unter.) Auch kein Bein ſtel⸗ len, du niedertraͤchtiger Fußballſpieler? Lear. Ich danke dir, Burſch, du dienſt mir und ich will dich lieben. Rent. Kommt, Freund, ſteht auf, packt Euch! Ich will Euch Unterſchied lehren; fort, fort!— Wollt Ihr Eure Fle⸗ ſng noch einmal meſſen, ſo bleibt, ſonſt packt Euch! Fort! Seyd Ihr klug?—— ſo!— Cer ſtößt den Haushofmeiſter hinaus.) Lear. Nun, mein freundlicher Geſell, ich danke dir, hier iſt Handgeld auf deinen Dienſt.(er giebt Kent Geld.) (Der Narr kommt.) Marr. Laß mich ihn auch dingen; hier iſt meine Kappe. Lear. Nun, mein ſchmuckes Buͤrſchchen? Was machſt du? Warr. Höre Freund, du thaͤt'ſt am beſten, meine Kappe zu nehmen. 3 Koͤnig Lear. 301 Sz. 4. Lear. Warum, mein Kind? Marr. Warum? Weil du's mit einem haͤltſt, der in Un⸗ gnade gefallen iſt. Ja, wenn du nicht läͤcheln kannſt, je nach⸗ dem der Wind kommt, ſo wirſt du bald einen Schnupfen weg⸗ Da nimm meine Kappe. Sieh, dieſer Menſch da at zwei von ſeinen Toͤchtern verbannt und der dritten wider Willen ſeinen Segen gegeben; wenn du dem folgen willſt, mußt du nothwendig meine Kappe tragen. Nun wie ſtehts, Gevatter? Ich wollt', ich hätte zwei Kappen und zwei Töch⸗ er Lear. Warum, mein Soͤhnchen? Narr. Wenn ich ihnen all meine Habe geſchenkt haͤtte, die Kappen behielt ich fur mich; ich habe meine; bettle du dir eine zweite von deinen Toͤchtern. Lear. Nimm dich in Acht, du!— Die Peitſche!— Marr. Wahrheit iſt ein Hund, der ins Loch muß und hin⸗ ausgepeitſcht wird, während Madame Schooßhuͤndin am Feuer ſtehen und ſtinken darf. Lear. Eine bittre Pille fuͤr mich!— Marr(zu Kent.) Hoͤr' guter Freund, ich will dich einen Reim lehren. Lear. Laß hoͤren. Marr. Gieb Acht! Gevatter! Halt', was du verheiß'ſt, Verſchweig', was du weißt, Hab' mehr, als du lehſt Reit' immer zumeiſt, Sey wachſam im Geiſt, Nicht wuͤrfle zu dreiſt, Laß Dirnen und Wein Und Tanz und Schalmei'n, So find'ſt du den Stein Der Weiſen allein. „ Lear. Das iſt nichts, Narr. Narr. Dann iſt's gleich dem Wort eines unbezahlten Ad⸗ vocaten; du gabſt mir nichts dafuͤr. Kannſt du von Nichts keinen Gebrauch machen, Gevatter? Lear. Ei nein, Soͤhnchen, aus nichts wird nichts. Narr. Bitt' dich, ſag ihm doch, gerade ſo viel trage ihm die Rente ſeines Landes; er wird's einem Narren nicht glauben. 302 Koͤnig Lear. A. I. Lear. Ein bitt'rer Narr! Narr. Weißt du den Unterſchied, mein Junge, zwiſchen einem bitt'ren Narren und einem ſuͤßen Narren? Lear. Nein, Burſch, lehr' ihn mich. Narr. Der dir's gerathen, Lear, Dein Land zu geben hin, Den ſtell' hierher zu mir, Oder ſtehe du fuͤr ihn. Der ſuͤß' und bitt're Narr Zeigt ſich dir nun ſofort, Der ein' im ſcheck'gen Wamms Den andern ſiehſt du dort. Lear. Nennſt du mich Narr, Junge? Warr. Alle deine andern Titel haſt du weggeſchenkt, mit dieſem biſt du geboren. Rent. Darin iſt er nicht ſo ganz Narr, Mylord. Marr. Nein, mein Seel', Lords und andere große Her⸗ ren wurdems mir auch nicht ganz laſſen; haͤtt' ich ein Monopol darauf, ſie muͤßten ihr Theil daran haben, und die Damen eben ſo, die wuͤrden mir auch den Narren nicht allein laſſenz ſie wurden was ab haben wollen. Gieb mir ein Ei, Gevatter, ich will dir zwei Kronen geben. Lear. Was fuͤr zwei Kronen werden das ſeyn? Marr. Nun, nachdem ich das Ei durchgeſchnitten und das Inwendige herausgegeſſen habe, die beiden Kronen des Ei's. Als du deine Krone mitten durchſpalteteſt, und beide Haͤlften weggabſt, da trugſt du deinen Eſel auf dem Ruͤcken durch den Dreck; du hatteſt wenig Witz in deiner kahlen Krone, als du deine goldne wegſchenkteſt. Wenn ich diesmal in meiner eig⸗ nen Manier rede, fo laß den peitſchen, der's zuerſt ſo findet. (ſingt.) Nie machten Narr'n ſo wenig Gluͤck, Denn Weiſe wurden taͤppiſch; Ihr Bischen Scharfſinn ging zuruck, Und all' ihr Thun ward laͤppiſch. Lear. Seit wenn biſt du ſo reich an Liedern, he?— Warr. Das ward ich, Gevatter, ſeit du deine Toͤchter zu deinen Muͤttern machteſt; denn als du ihnen die Ruthe gabſt und dir ſelbſt deine Hoſen herunterzogſt, Da weinten ſie aus freud'gem Schreck, Ich ſang aus bitterm Gram, ——— Sz. 4. Koͤnig Lear. 303 Daß ſolch ein Koͤnig ſpielt' Verſteck, Und zu den Narren kam. Bitt' dich, Gevatter, nimm einen Schulmeiſter an, der dei⸗ nen Narren luͤgen lehre; ich moͤchte gern luͤgen lernen. Lear. Wenn du luͤgſt, Burſch', ſo werden wir dich peit⸗ ſchen laſſen. Marr. Mich wundert, wie du mit deinen Toͤchtern ver⸗ wandt ſeyn magſt; ſie wollen mich peitſchen laſſen, wenn ich die Wahrheit ſage, du willſt mich peitſchen laſſen, wenn ich luͤge, und zuweilen werde ich gepeitſcht, weil ich's Maul halte. Lieber wollt ich alles in der Welt ſeyn, als ein Narr: und doch moͤchte ich nicht du ſeyn, Gevatter. Du haſt deinen Witz von beiden Seiten abgeſtutzt und nichts in der Mitte gelaſſen. Da kommt ſo ein abgeſtutztes. (Es tritt Goneril auf.) Lear. Nun Tochter? Wieder deine Stirn umwoͤlkt?— Mir daͤucht, ſie wird die letzte Zeit zu finſter! Narr. Du warſt ein huͤbſcher Geſell, als du noch nicht noͤthig hatteſt, auf ihre Runzeln zu achten; nun biſt du eine Null ohne Ziffern: ich bin jetzt mehr als du: ich bin ein Marr, du biſt nichts.— Ja doch, ich will ja ſchweigen; das befiehlt mir Euer Geſicht, obgleich Ihr nichts ſagt. Mum, mum, Wer nicht Kruſte hat noch Krum, Was er auch bittet, er gilt fuͤr ſtumm. (er zeigt auf Lear.) Das iſt ſo'ne leere Erbſenſchote!— Gon. Nicht dieſer freche Narr allein, Mylord, Auch mancher Eurer zuͤgelloſen Ritter, Sucht ſtuͤndlich Zank und Unfug, ſchwelgt und rauft In unertraͤglich laͤſt'ger Wildheit. Herr, Ich glaubte, wenn ich dies Euch angezeigt, Ihr wuͤrdet's aͤndern; doch befurcht ich nun Noch dem, was Ihr ſeit kurzem ſpracht und thatet, Ihr ſchutzt dies Treiben ſelbſt, und reizt dazu Durch Euern Beifall: ſteht es ſo, dann fehlt Die Ruͤge nicht, noch ſchlaͤft die ſchaufe Zucht, Die, zwar nur ſtrebend nach wohlthät'gem Frieden, Vielleicht in ihrem Lauf Euch Kraͤnkung bringt, Was Schmach uns waͤre ſonſt; doch weiſe Vorſicht, Wenn es die Noth gebeut. 304 Koͤnig Lear. AE Warr. Denn du weißt, Gevatter, Grasmuͤcke ſo lange den Kukuk ſpeiſt, Bis ſein Junges ihr endlich den Kopf abreißt. Und da ging das Licht aus und wir ſaßen im Dunkeln. Lear. Biſt du meine Tochter? Gonr. Hoͤrt mich: Ich wollt', Ihr brauchtet den geſunden Sinn, Der fonſt, ich weiß, Euch ziert; und legtet ab Die Launen, die ſeit kurzem Euch verkehrt Zu einer Sinn'sart, die Euch unnatuͤrlich. Narr. Kann's nicht ein Eſel merken, wenn der Karr'n das Pferd zieht?— Heißa, Hans, ich liebe dich. Lear. Kennt mich hier ith— Nein, das iſt nicht ear!— Geht Lear ſo? Spricht ſo? Wo ſind ſeine Augen? Sein Kopf muß ſchwach ſeyn, oder ſeine Denkkraft Im Todesſchlaf. Ha, bin ich wach?— Es iſt nicht ſo. Wer kann mir ſagen, wer ich bin? MWarr. Lear's Schatten. Lear. Ich wußt' es gern; denn nach den Zeichen Des Königthums, der Einſicht und Vernunft War's Tauſchung, wenn ich glaubt', ich hätte Toͤchter. Narr. Die dich zum gehorſamen Vater machen werden. Lear. Euer Name, ſchöne Frau?— Gon. O geht Mylord!— Dieſes Erſtaunen ſchmeckt zu ſehr nach andern Mir neuen Grillen. Ich erſuch' Euch, Herr, Richt meine wahre Abſicht mißzudeuten. So alt und wuͤrdig, ſeyd verſtaͤndig auch; Ihr haltet hundert Ritter hier und Knappen, So wildes Volk, ſo ſchwelgeriſch und frech, Daß unſer Hof, befleckt durch ihre Sitten, Gemeiner Schenke gleicht. Unzucht und Luſt Stempelt ihn mehr zum Weinhaus und Bordell, Els fuͤrſtlichen Pallaſt. Scham ſelber heiſcht Abhuͤlfe ſchleunig: Seyd deshalb erſucht Von der, die ſonſt ſich nimmt, um was ſie bat, Ein wenig zu vermindern Euern Schwarm: Und wählt den Reſt, der Euerm Dienſt verbleibt, Aus Maͤnnern, wohlanſtändig Euerm Alter, Die ſich und Euch erkennen. Koͤnig Lear. Lear. Hoͤll' und Teufel!— Sattelt die Pferde, ruft all' mein Gefolg; Entarteter Baſtard, ich will dich nicht Beläſtigen; noch bleibt mir Eine Tochter. Gon. Ihr ſchlagt mein Dienſtvolk, und Eu'r frecher Troß Macht Beſſ're ſich zu Knechten. (Albanien tritt auf.) Lear. Weh', wer zu ſpaͤt bereut! O Herr, ſeyd Ihr's? Iſt das Eur Wille? Sprecht!— Bringt meine Pferde! Undankbarkeit, du marmorherz'ger Teufel, Abſcheulicher, wenn du am Kind' erſcheinſt, Als Meeresungeheuer!— Alb. Faßt Euch, Mylord! Lear. Verruchter Gey'r, du luͤgſt!— Mein Volk ſind ausgewaͤhlt' und wack're Männer, Hoͤchſt kundig aller Pflichten ihres Dienſtes, Und die mit ſtrenger Achtſamkeit genau Auf ihre Ehre halten. O du kleiner Fehl, Wie ſchienſt du an Cordelien mir ſo graulich, Daß du, wie folternd, mein Naturgefuͤhl Verrenkt, dem Herzen alle Lieb' entriſſeſt, In Galle ſie zu wandeln! O Lear, Lear, Lear! (ſchlägt an die Stirn.) Schlag' an dies Thor, das deinen Bloͤdſinn einließ, Hinaus die Urtheilskraft! Geht, meine Kinder! Alb. Herr, ich bin ſchuldlos, ja ich ahnde nicht Was Euch bewegt. Lear. Es kann wohl ſeyn, Mylord.— Hoͤr' mich, Natur, hoͤr', theure Goͤttin, hoͤr' mich! Hemm' deinen Vorſatz, wenn's dein Wille war, Ein Kind zu ſchenken dieſer Kreatur!— Unfruchtbarkeit ſey ihres Leibes Fluch!— Vertrockn' ihr die Organe der Vermehrungz Aus ihrem entarteten Blut erwachſe nie Ein Saͤugling, ſie zu ehren. Muß ſie kreiſen, So ſchaff' ihr Kind aus Zorn, auf daß es lebe Als widrig quaͤlend Mißgeſchick fur ſie!— Es grab' ihr Runzeln in die junge Stirn, Mit unverſiegten Thraͤnen aͤtz' es Furchen In ihre Wangen: alle Mutterſorg' und Wohlthat Erwidr' es ihr mit Spott und Hohngelaͤchter; Daß ſie empfinde, wie es ſchaͤrfer nage, VIII. 306 Koͤnig Lear.. 1 Als Schlangenzahn, ein undankbares Kind Zu haben!— Fort, hinweg!— (er geht ab.) Alb. Nun, ew'ge Goͤtter, was bedeutet dies? Gon. Nicht kuͤmmert Euch, die Urſach zu erfahren; Laßt ſeiner wilden Laune nur das Ziel, Das Thorheit ihr geſteckt.— (Lear kommt zurück.) Lear. Was? Funfzig meiner Leut' auf einen Schlag?— In vierzehn Tagen?— Alb. Gnad'ger Herr, was iſt's? Lear. Ja hoͤr' mich.— Höll und Tod! ich bin beſchämt, Daß du ſo meine Mannheit kannſt erſchuͤttern: Daß dieſe heißen Thraͤnen, die mir wider Willen Entſtuͤrzen, dir geweint ſeyn muͤſſen. Peſt Und Giftqualm uͤber dich!— Des Vaterfluchs grimmtoͤdtliche Verwundung Durchbohre jeden Nerven deines Weſens!— Ihr alten kind'ſchen Augen, weint noch einmal Um dies Beginnen, ſo reiß' ich euch aus Und werf euch mit den Thraͤnen hin, die ihr vergießt, Den Staub zu loͤſchen. Ha, ſo mag's denn ſeyn!— Ich hab' noch Eine Tochter, Die ganz gewiß mir freundlich iſt und liebreich. Wenn ſie dies von dir hoͤrt, mit ihren Naͤgeln Zerfleiſcht ſie dir dein Wolfsgeſicht. Dann findſt du Mich in der Bildung wieder, die du denkſt Ich habe ſie auf immer abgeworfen; Du ſollſt, das ſchwoͤr' ich dir. (Lear, Kent und Gefolge gehen ab.) Gon. Habt Ihr's gehoͤrt, Mylord? Alb. Bei meiner großen Liebe, Goneril, Kann ich nicht ſo partheiiſch ſeyn.— Gon. Ich bitt' Euch, laßt das gut ſeyn.— Oswald, he!— C(zum Narren.) Ihr da, mehr Schurk' als Narr, folgt Eurem Herrn. Marr. Gevatter Lear, Gevatter Lear, wart' und nimm den Narren mit dir. Ein Fuchs, den man gefangen, Und ſolche Rangen, Sz. 4. Koͤnig Lear⸗ 307 Die muͤßten am Baum mir hangen, Koͤnnt' ich'nen Strick erlangen: Der Narr kommt nachgegangen. (geht ab.) Gon. Der Mann war gut berathen.— Hundert Ritter! Politiſch waͤr's und ſicher, hundert Ritter, Zur Hand ihm laſſen: daß bei jedem Traum, Bei jeder Grill und Laune, Klag' und Unluſt, Er ſeine Thorheit ſtutzt' auf ihre Macht, Und unſer Leben hing' an ſeinem Wink. He, Oswald! he!. Alb. Du fuͤrchteſt wohl zu ſehr— Gon. Sich'rer, als traut' ich ihm zu ſehr. Laß mich die Kränkung hemmen, die ich furchte, Nicht eigne Hemmung fuͤrchten. Ja, ich kenn' ihn;z Was er geaͤußert, ſchrieb ich meiner Schweſter. Nimmt ſie ihn auf mit ſeinen hundert Rittern, Da ich den Nachtheil ihr gezeigt,—— Nun, Oswald (der Haushofmeiſter kommt.) Haſt du an meine Schweſter dies geſchrieben? Zaush. Ja, gnaͤd'ge Frau! Gon. Nimm dir Begleitung mit und ſchnell zu Pferd; Belehre ſie, was ich beſonders furchte, Und fuge ſelbſt ihr ſolchen Grund hinzu, Der dies noch mehr verſtaͤrkt. Nun, mach dich auf,— Und kehre bald zuruͤck. (der Haushofmeiſter geht ab.) Nein, nein, Mylord, Dies Eur milchſanftes, allzuguͤt'ges Weſen, Ich will's nicht ſchelten; doch Euch trifft, verzeiht, Mehr Tadel, wegen Mangel an Verſtand, Als Lob fuͤr thoͤr'ge Sanftmuth. Alb. Ob du das Rechte triffſt, entſcheid' ich nimmer, Wer beſſern will, macht oft das Gute ſchlimmer.— Gon. Nun alſo— § Alb. Gut, gut,— der Ausgang,— (ſie gehen ab.) 2* 305 Koͤnig Lear. A. I. F uͤnfte Szene. Ebendaſelbſt. (Es treten auf Lear, Kent und der Narr.) Lear. Geh du voraus nach Gloſter mit dieſem Brief; ſag' meiner Tochter von dem was du weißt nicht mehr, als was ſie nach dem Brief von dir erfragen wird. Wenn du nicht ſehr eilſt, werd' ich noch vor dir dort ſeyn. Rent. Ich will nicht ſchlafen, Mylord, bis ich Euern Briof beſtellt habe. (geht ab.) Warr. Wenn einem das Hirn in den Ferſen ſaͤße, wär's da nicht in Gefahr, Schwielen zu bekommen?— Lear. Ja, Burſch. Narr. Dann ſey luſtig, dein Verſtand wird nie auf Schlappſchuhen gehen duͤrfen. Lear. Ha, ha, ha! Narr. Gieb Acht, deine andere Tochter wird dir artlich be⸗ gegnen; denn obgleich ſie dieſer ſo aͤhnlich ſieht, wie der Holz⸗ apfel dem Apfel, ſo weiß ich doch was ich weiß. Lear. Nun, was weißt du denn, mein Junge? Marr. Sie wird ihr an Geſchmack ſo gleich ſeyn, als ein Holzapfel einem Holzapfel. Das weißt du, warum einem die Naſe mitten im Geſicht ſteht? Lear. Nein. Warr. Ei, um die beiden Augen nach beiden Seiten der Naſe hin zu gebrauchen, damit man in das, was man nicht herausriechen kann, ein Einſehen habe. Lear. Ich that ihr Unrecht. Narr. Fannſt du mir ſagen, wie die Auſter ihre Schale macht? Lear. Nein. Narr. Ich auch nicht; aber ich weiß, warum die Schnecke ein Haus hat. Lear. Warum? — N Sz. 5. Koͤnig Lear. 309 Narr. Nun, um ihren Kopf hinein zu ſtecken, nicht ums an ihre Tochter zu verſchenken und ihre oͤrner ohne Futteral zu laſſen. Lear. Ich will meine Natur vergeſſen. Solch guͤt'ger Vater! Sind meine Pferde bereit? Marr. Deine Eſel ſind nach ihnen gegangen. Der Grund, warum die ſieben Sterne nicht mehr ſind, als ſieben, iſt ein huͤbſcher Grund. Lear. Weil's nicht Acht ſind. Narr. Ja, wahrhaftig: du wuͤrdeſt einen guten Narren abgeben. Lear. Mit Gewalt muß ich's wiedernehmen. Scheuſal, Undankbarkeit!— Narr. Wenn du mein Narr wärſt, Gevatter, ſo bekaͤmſt du Schläge, weil du vor der Zeit alt geworden biſt. Lear. Was ſoll's? Marr. Du haͤtt'ſt nicht alt werden ſollen, eh' du klug ge⸗ worden waͤrſt. Lear. O ſchuͤtzt vor mich, vor Wahnſinn, oͤtter! Schenkt Faſſung mir, wahnſinnig wär' ich nicht gern. Cein Ritter kommt.) Nun, ſind die Pferde bereit? Ritter. Bereit, Mylord. Lear. Komm, Junge. Marr. Die jetzt noch Jungfer iſt, und ſpottet mein und ſtichelt, Die bleibt s nicht lange, wird nicht alles weggeſichelt. (ſie gehen ab.) 3¹⁰ Koͤnig Lear. A. II. 3 weiter A ufzug⸗ Erſte Szene. Vor dem Schloſſe des Grafen Gloſter. (Es treten auf Edmund und Curan von verſchiedenen Seiten.) Edmund. Gott gruͤß dich, Curan. Cur. Und Euch, Herr. Ich bin bei Euerm Vater gewe⸗ ſen, und habe ihm die Nachricht gebracht, daß der Herzog von Cornwall und Regan, ſeine Herzogin, dieſen Abend bei ihm eintreffen werden. dm Wie kommt das?— Cur. Ich weiß in der That nicht. Ihr werdet die Neuig⸗ keiten gehoͤrt haben; ich meine, was man ſich zuraunt; denn noch iſt die Sache nur Ohrengefliſter. Edm. Ich? Nichts; bitt' Euch, was ſagt man? Cur. Habt Ihr nicht gehoͤrt, daß es wahrſcheinlich bald zwiſchen den Herzogen von Cornwall und Albanien zum Krieg mmen wird Edm. Nicht ein Wort. Cur. So werdet Ihr's noch hoͤren. Lebt wohl, Herr. (ab.) Edm. Der Herzog hier zu Nacht! So beſſer! Trefflich! Das webt ſich mit Gewalt in meinen Plan. Mein Vater ſtellte Wachen, meinen Bruder Zu fangen; und ich hab' ein haͤklich Ding, Das ich noch thun muß. Helft mir Gluͤck und Raſchheit!— Bruder, ein Wort!— Komm, Bruder, komm' herunter! (Edgar tritt auf.) WMein Vater ſtellt dir nach; o flieh von hier; Kundſchaft erhielt er wo du dich verſteckt;— Sz. 1. Koͤnig Lear. 311 Dir wird die Nacht den beſten Schutz gewähren.— Sprachſt du nicht etwa gegen Herzog Cornwall?— Er kommt hierher, bei Nacht, in großter Eil⸗ Und Regan mit ihm: Haſt du nichts geſagt Von ſeinem Streite mit Albaniens Herzog? Beſinne dich. Edg. Nein wahrlich, nicht ein Wort. Edm. Den Vater hor' ich kommen,— nun verzeih'— Verſtellter Weiſe muß ich mit dir fechten, Zieh; wehre dich zum Schein! Nun mach dich fort. Claut.) Ergieb dich! Cleiſe.) ii ihm!—(laut.) Licht, e, Licht „Licht! Geiſe.) Flieh Bruder!(laut.) Fackeln!(teiſe.) So leb' wo (Edgar geht ab.) Ein wenig Blut an mir zeugt wohl die Meinung Von ernſtrer Gegenwehr: (er verwundet ſich den Arm.) ich ſah Betrunkne Im Scherz mehr thun, als dies.— O Vater, Vater! Halt, haltet ihn! Iſt keine Huͤlfe? (Gloſter und Bediente mit Fackeln treten auf.) Gloſt. Nun Edmund, wo iſt der Schurke? Edm. Er ſtand im Dunkeln hier, ſein Schwerdt gehuͤckt, Den Mond beſchworend mit verruchtem Zauber, Ihm huͤlfreich beizuſtehn,— Gloſt. Nun, und wo iſt er? Edm. Seht, Herr, ich blute. Gloſt. Edmund, wo iſt der Schurke?— Edm. Dorthin entflohn. Als er auf keine Weiſe— Gloſt. Verfolgt ihn!— Fort!— Auf keine Weiſe— was?— Edm. Mich uberreden konnt', Euch zu ermorden⸗ und ich ihm ſagte, daß die Rachegoͤtter Auf Vatermord all ihren Donner ſchleudern, Und wie durch vielfach ſtarkes Band dem Vater Das Kind vereinigt ſey,— genug Mylord, Gewahrend, wie mit Abſcheu ich verwarf Sein unnaturlich Thun,— in grimmer Kraft Koͤnig Lear. Mit ſchon gezognem Schwerdt faͤllt er gewaltig Mich Unbewehrten an, trifft mir den Arm: Doch merkend, wie mein beßrer Geiſt empoͤrt, Kuͤhn durch des Streites Recht ihm widerſtand,— Vielleicht erſchreckt auch durch mein Schrei'n um Huͤlfe,— Entfloh er ploͤtzlich. Gloſt. Weit nur mag er fliehn, In bieſem Land entgeht er nicht der Haft, Und, trifft man ihn, der Strafe. Unſer Herzog, Mein werther Fuͤrſt und Schutzherr, kommt zu Nacht; Kraft ſeiner Vollmacht kuͤnd' ich's aller Welt, Daß, wer ihn findet, unſern Dank verdient, Bringt er den feigen Meuchler zum Gericht: Wer ihn verbirgt, den Tod. Edm. Als ich ihm ſein Beginnen widerrieth Und fand ihn ſo erpicht,— da droht' ich grimmig, Ihn anzugeben: er erwiderte: Du guͤterloſer Baſtard! Kannſt du wähnen, Staͤnd' ich dir gegenuͤber, daß der Glaube An irgend Wahrheit, Werth und Treu' in dir Dir Zutraun ſchaffte? Nein, ſtraft' ich dich Lugen, (Und dieſes thät' ich, ja, und zeigt'ſt du auf Die eigne ſchtif— alles ſtellt' ich dar Als deine Vosheit, rgiſt⸗ ſchnoͤden Trug. Du mußt'nen Dummkopf machen aus der Welt, Soll ſie den Vortheil meines Todes nicht Als ſtarken, hoͤchſt gewicht'gen Trieb erkennen, Ihn anzuſtiften. Gloſt. O verſtockter Bube! Die Handſchrift laͤugnen? Hat er das geſagt? (man hört Trompeten.) Der Herzog!— Was ihn herfuͤhrt, weiß ich nicht.— Die Haͤfen ſperr' ich all', er ſoll nicht fliehn: Mein Fuͤrſt muß mir's gewaͤhren; auch ſein Bildniß Verſend' ich nah' und fern; das ganze Reich Soll Kenntniß von ihm haben; und mein Land, Du guter, wuͤrd'ger Sohn, ich wirk' es aus Daß du's beſitzen darfſt. (Cornwall und Regan treten mit Gefolge auf.) Cornw. Wie geht's, mein edler Freund? Seit ich hier⸗ her kam (Was kaum geſchah), vernahm ich arge Dinge. Kön ig Lear. Reg. Und ſind ſie wahr, genugt wohl keine Rache So großer Miſſethat. Wie geht's Euch, Graf?— Gloſt. Zerriſſen iſt mein altes Herz, zerriſſen! Reg. Was? Meines Vaters Pathe ſucht Eu'r Leben? Er, den mein Vater hat benannt? Eu'r Edgar? Gloſt. O Fuͤrſtin! Fuͤrſtin! Scham verſchwieg' es gern. Reg. Hatt' er nicht Umgang mit den wuͤſten Rittern In meines Vaters Dienſt? Gloſt. Ich weiß nicht, Lady.— Es iſt zu ſchlimm, zu ſchlimm! 8 Edm. Ja, gnad'ge Frau, er hielt mit jenem Schwarm. Reg. Kein Wunder dann, daß er auf Boöheit ſann! Sie trieben ihn zum Mord des alten Mannes, Um ſeine Renten ſchwelgend zu verpraſſen. Erſt dieſen Abend hat mir meine Schweſter Sie recht geſchildert, und mit ſolcher Warnung, Daß, wenn ſie kommen um bei mir zu wohnen, Ich nicht zu Hauſe ſeyn will. Cornw. Auch ich nicht, Regan. Edmund, ich hoͤr', Ihr habt dem Vater Euch Bewaͤhrt als treuer Sohn. Edm. Ich that nach Pflicht. Gloſt. Er deckte ſeinen Frevel auf und ward Verwundet, als er ihn ergreifen wollte. Cornw. Setzt man ihm nach?. Gloſt. Ja, gnaͤd'ger Herr. Cornw. Wird er ergriffen, ſoll ſich Niemand ferner, Vor ſeiner Bosheit ſcheu'n: all' meine Macht Steht Euch zu Dienſt nach eigner Wahl. Ihr, Edmund, Deß Tugend und Gehorſam eben jetzt Sich ſo bewaͤhrt, Ihr ſollt der Unſte ſeyn; Gemuͤther ſolcher Treue thun uns Noth, So zaͤhl' ich denn auf Euch. Edm. Ich dien' Euch treu, Was ich auch ſeyn mag. Gloſt. Dank fuͤr ihn, mein Fuͤrſt. Cornw. Ihr wißt nicht, was uns hergefuͤhrt zu Euch. Reg. So außer Zeit in Finſterniß der Nacht! Der Anlaß, edler Gloſter, hat Gewicht; 314 Konig Fear A. II. Und Euers Rathes ſind wir ſehr beduͤrftig. Mein Vater ſchreibt uns, und die Schweſter auch, Von Zwiſtigkeiten, die ich beſſer hielt Zu ſchlichten außerm Hauſe. Beide Boten Erwarten hier Beſcheid. Ihr, alter Freund, Beruhigt Eu'r Gemuͤth, und ſteht uns bei Mit hochſt erwuͤnſchtem Rath in dieſer Sache, Die dringend Eile heiſcht. Gloſt. Ich dien' Euch gern; Eu'r Gnaden ſind von Herzen mir willkommen. Cſie gehn ab.) 3 weite Szene. Ebendaſelbſt. (Es treten auf Kent und der Haüshofmeiſter von ver⸗ ſchiedenen Seiten.) Zaushofmeiſter. Guten Morgen, mein Freund: biſt du hier vom Hauſe? Rent. Ja. Zaush. Wo koͤnnen wir die Pferde unterbringen? Rent. Im Dreck. Zaush. Ich bitte dich, ſag' mir's, wenn du mich lieb haſt. Rent. Ich habe dich nicht lieb. Zaush. Nun, ſo frage ich nichts nach dir. Rent. Hätt' ich dich in Lipsburys Pferch, ſo ſollteſt du ſchon nach mir fragen. Zaush. Warum behandelſt du mich ſo? ich kenne dich nicht. Rent. Kerl, ich kenne dich. Zaush. Wer bin ich denn? Rent. Ein Schurke biſt du, ein Hallunke, ein Tellerlecker; ein niederträcht ger, eitler, hohler, bettelhafter, dreirockiger⸗ wſine ſchmuziger, grobſtruͤmpfiger Schurke; ein mtllchlebriger Ohrfeigen einſteckender Schurke; ein luͤderlicher, — Sz. 2. Koͤnig Lear. 315 ſpiegelgafferiſcher, uͤberdienſtfertiger Taugenichts; einer der aus lauter Dienſteifer ein Kuppler ſeyn moͤchte, und nichts iſt, als ein Gemiſch von Schelm, Bettler, Lump, Kuppler und der Sohn und Erbe einer Baſtardpetze; einer, den ich in Greinen und Winſeln hineinpruͤgeln will, wenn du die kleinſte Sylbe von dieſen deinen Ehrentiteln ablaͤugneſt. Zaush. Was fuͤr ein Unmenſch biſt du, Kerl, ſo auf zu ſchimpfen, den du nicht kennſt und der dich nicht ennt?— Rent. Was haſt du fuͤr eine eiſerne Stirn, du Schuft, mir's abzulaͤugnen, daß du mich kennſt? Sind's zwei Tage her, daß ich dir ein Bein ſtellte und dich vor dem König pruͤ⸗ gelte?— Zieh, du Schuft, denn obgleich es Nacht iſt, ſcheint der Mond; ich will eine Mondſcheinstunke aus dir machen. Zieh, du niedertraͤcht'ger, infamer Kamrad von Barbiergeſel⸗ len, zieh! (er zieht den Degen.) Zaush. Fort, ich habe nichts mit dir zu ſchaffen! Rent. Zieh, Hundsfott: du kommſt mit Briefen gegen den Koͤnig und nimmſt der Drathpuppe Eitelkeit Parthei ge⸗ gen die Majeſtaͤt ihres Vaters. Zieh, Schuft, oder ich will dir deine Schenkel ſo zu Mus zerhacken— zieh, Racker! Stell dich!— Zaush. Huͤlfe! He, Mord, Huͤlfe!— Rent. Wehr dich, Beſtie; ſteh, Schuft, ſteh; du ge⸗ putzter Lumpenkerl, wehr' dich! (er ſchlägt ihn.) Zaush. Huͤlfe, ho! Mord, Mord! (Edmund, Cornwall, Regan, Gloſter und Gefolge treten auf.) Was giebt's hier? Was habt Ihr vor?— Aus ein⸗ ander! Rent. Nur her, Milchbart, wenn Ihr Luſt habt; kommt ich will Euch kuranzen; nur her, Junker! Gloſt. Waffen? Gefecht? Was geht hier vor?— Cornw. Friede, bei Euerm Leben! Der ſtirbt, wer ſich noch ruͤhrt; was habt ihr vor? Reg. Die Boten unſrer Schweſter und des Koͤnigs. Cornw. Was iſt Eu'r Streit? ſagt an! 316 Koͤnig Lear. A. II. aush. Kaum ſchopf' ich Athem, Herr! Rent. Ich glaub's, Ihr habt den Muth ſo angeſtrengt. Du feiger Schurk', Natur verlaͤugnet dich, Ein Schneider machte dich! Cornw. Seltſamer Kauz! Ein Schneider einen Menſchen machen? Rent. Ja, ein Schneider, Herr; ein Steinmetz oder ein Maler haͤtte ihn nicht ſo ſchlecht geliefert, und waͤren ſie nur zwei Stunden in der Lehre geweſen. Cornw. Doch ſprich! Wie kam der Zwiſt? aush. Der alte Raufbold, Herr, deß Blut ich ſchonte, um ſeinen grauen Bart,— Rent. Ei du verzwicktes A; unnuͤtzer Buchſtab! Mylord, wenn Ihr's vergönnt, ſtampf ich den ungeſichteten Schuft zu Moͤrtel und beſtreiche eines Abtritts Wand mit ihm.— Meinen grauen Bart geſchont, du Bachſtelze?— Cornw. Schweig Kerl! Du grober Knecht, weißt du von Ehrfurcht nichts? Rent. Ja, Herr! Doch hat der Ingrimm einen Freibrief. Cornw. Woruͤber biſt du grimmig? Rent. Daß ſolch ein Lump, wie der, ein Schwerdt ſoll tragen Der keine Ehre traͤgt. Solch Gleisner-Volk Nagt oft, gleich Ratten, heil'ge Band' entzwei, Zu feſt verknuͤpft zum loͤſen; ſchmeichelt jeder Laune, Die auflebt in dem Buſen ſeines Herrn, Traͤgt Oel ins Feu'r, zum Kaltſinn Schnee; verneint, Bejaht und dreht den Hals wie Wetterhaͤhne Mach jedem Wind und Luftzug ſeiner Obern, Nichts wiſſend, Hunden gleich, als nachzulaufen. (zum Haushofmeiſter.) Die Peſt auf deine epilept'ſche Fratze!— Belaͤchelſt du mein Wort, wie eines Narren? Gans, hätt' ich dich auf Sarums ebner Flur, Ich trieb dich gackernd heim nach Camelot. Cornw. Wie Alter? Biſt du toll? Gloſt. Wie kam der Zank? Das ſag'! Rent. Die Antipoden ſind ſich ferner nicht Als ich und ſolch ein Schuft. Cormw. Weshalb nennſt du ihn Schuft, was that er dir? Sz. 2. Koͤnig Lear. 317 Rent. Sein Anſehn iſt mir unertraͤglich. Cornw. Vielleicht auch mein's wohl, oder ſein's und ihr's? Rent. Herr! Grad' heraus und offen iſt mein Brauch: Ich ſah mitunter beſſere Geſichter, Als hier auf irgend einer Schulter jetzt Vor meinen Augen ſtehn. Cornw. Das iſt ein Burſch, Der einſt gelobt um Derbheit, ſich befleißt Vorwitz ger Rohheit, und ſein Weſen zwängt Zu fremdem Schein: der kann nicht ſchmeicheln, der!— Ein ehrlich grad Gemuͤth— ſpricht nur die Wahrheit!— Geht's durch, nun gut, wenn nicht,— ſo iſt er grade. Ich kenne Schurken, die in ſolcher Gradheit t Mehr Argliſt huͤllen, mehr verruchten Plan, Als zwanzig fuͤgſam unterthaͤn'ge Schranzen, Die ſchmeichelnd ihre Pflicht noch uͤberbieten. Rent. Gewiß Herr, und wahrhaftig,— ganz im Ernſt,— Unter Verguͤnſt'gung Eures hocherhab'nen 4 Aſpects, deß Einfluß wie der Strahlenkranz Um Phoͤbus Flammenſtirn,— Cornw. Was ſoll das heißen? 1 Rent. Daß ich aus meiner Redeweiſe fallen will, die Euch ſo wenig behagt. Ich weiß Herr, ich bin kein Schmeich⸗ ler: wer Euch mit graden Worten betrog, war gradehin ein Schurke, und das will ich meines Theils nicht ſeyn, ſollt' ich auch Eu'r Mißfallen ſo weit beſiegen koͤnnen, daß Ihr mich dazu auffordertet. Cornw. Was that'ſt du ihm zu Leid? Zaush. Herr! Nicht das Mind ſte: Dem Koͤnig, ſeinem Herrn, gefiel's vor kurzem, Aus einem Mißverſtaͤndniß mich zu ſchlagen: Worauf er gleich zur Hand, dem Zorne ſchmeichelnd, Ruͤcklings mich hinwarf; als ich lag, mich ſchimpfte, Und nahm ſo große Heldenmiene an, Daß dieſe Mannesthat der König pries, Weil er zu Leibe ging dem Unbewehrten:— Und noch verzuͤckt von ſeinem Ritterwerk, Zog er auf's Neue hier. Rent. Memmen und Schurken!— Thun ſie nicht, als waͤr' Ajax ihr Narr. Koͤnig Lear. Cornw. Holt mir die Bloͤcke, he! Du alter Starrkopf, du weißbaͤrt'ger Prahler, Dich lehr' ich— Rent. Herr, ich bin zu alt zum Lernen, Holt nicht den Block fuͤr mich. Dem König dien' ich; In ſeinem Auftrag ward ich abgeſandt; Zu wenig Ehrfurcht zeigt Ihr, zu viel Trotz Gegen die Gnad' und Wuͤrde meines Herrn, Thut Ihr das ſeinem Boten. Cornw. Holt die Bloͤcke! Auf Ehr' und Wort, bis Mittag ſoll er ſitzen. Reg. Bis Mittag? Bis zur Nacht; die Nacht dazu!— Rent. Nun Lady, waͤr ich Euers Vaters Hund, Ihr ſolltet ſo mich nicht behandeln. Reg. Da Ihr ſein Schurke ſeyd, ſo will ich's. (die Fußblöcke werden gebracht.) Cornw. Der iſt ein Kerl ſo recht von jener Farbe, Wie unſre Schweſter ſchreibt. Kommt, bringt die Blöcke. Gloſt. Laßt mich Euch bitten, Herr! dies nicht zu thun; Er ging zu weit; ſein Herr, der gute Koͤnig, Ahndet's gewiß: doch dieſe nied're Zuͤcht'gung Iſt ſo, wie man geringen ſchlechten Troß Fur Mauſerei'n und ganz gemeinen Unfug Beſtraft: Der Koͤnig muß es ſchwer empfinden, Wird er ſo ſchlecht geehrt in ſeinem Boten, Daß man ihn alſo einzwangt. Cornw. Das vertret' ich. Reg. Viel uͤbler muß es meine Schweſter deuten, Daß einer ihren Dienſtmann ſchmaͤht und anfällt, Weil er ihr Wort befolgt. Schließt ihm die Beine! (Kent wird in den Block gelegt.) Kommt, werther Lord! (Regan und Cornwall ab.) Gloſt. Du thuſt mir Leid, mein Freundz der Herzog will's, Deß Leidenſchaft, das weiß man, keinen Einſpruch Roch Hemmung duldet. Ich will fuͤr dich bitten. Rent. Nein, thut's nicht, Herr: Ich wacht' und reiſte ſcharf. Fur's erſte ſchlaf' ich was, dann kann ich pfeifen. Sz. 2. 3. Koͤnig Lear. Das Gluͤck'nes braven Kerls kommt wohl einmal Ins Stocken. Guten Morgen! Gloſt. Der Herzog thut nicht recht; man wird's empfinden. (geht ab.) Rent. Du guter Koͤnig, machſt das Sprichwort wahr: Du kommſt jetzt aus dem Regen in die Traufe. Komm naͤher, Leuchte dieſer niedern Welt, Daß ich bei deinem heitern Strahl den Brief Durchleſen moͤge.— Wahrlich nur das Elend Erfaͤhrt noch Wunder! Ich weiß, Cordelia ſchickt ihn, Die ſchon zum Gluͤck von meinem dunkeln Leben Nachricht erhielt und ſich die Zeit erſieht, Juͤr dieſen Graͤuelzuſtand Heilung ſuchend Den Uebeln. Ganz erſchoͤpft und uͤberwacht Genießt den Vortheil, muͤde Augen, nicht Zu ſchaun dies ſchnoͤde Lager. Nun, Fortuna, Gut' Nacht! Noch einmal lächl' und dreh' dein Rad. (er ſchläft ein.) D ri t Haide⸗ (Edgar tritt auf.) Edgar⸗ Ich hoͤrte mich geaͤchtet, Und durch die guͤnſt ge Hoͤhlung eines Baums Entkam ich noch der Jagd. Kein Port iſt frei, Kein Platz, an dem nicht ſtrenge Wacht und Sorgfalt Mir nachſtellt. Retten will ich mich, fo lang Ich noch entfliehn kann: und ich bin gefaßt Den allertiefſten aͤrmſten Schein zu borgen, In dem die Noth den Menſchen je zum Vieh Erniedrigt. Mein Geſicht ſchwaͤrz' ich mit Schlamm, Die Lenden ſchuͤrz' ich, zauſ⸗ in Knoten all Mein Haar, und mit entſchloßner Nacktheit trotz' ich Dem Sturm und den Verfolgungen der Luft. Die Gegend beut Vorbild und Muſter mir Koͤnig Lear. Vom Tollhausbettler, der mit hohler Stimme In ſeine nackten tauben Arme ſchlägt Holzpflöcke, Nägel, Splitter, Rosmarin, Und in ſo grauſem Anblick ſich in Muͤhlen, Schaafhurden, armen Dörfern, Meiereien, Bald mit mondſucht'gem Fluch, bald mit Gebet, Mitleid erzwingt. Armer Turlygood! Armer Thoms!— So bin ich etwas noch,— als Edgar nichts!— (er geht ab.) Vierte Szene. Vor Gloſters Schloß. (Es treten auf Lear, der Narr und ein Ritter.) Lear. Seltſam, vom Hauſ' ſo weggehn und dem Boten Mir nicht heimſenden! Ritter. Wie ich dort erfuhr, War Tags zuvor an dieſe Reiſ hieher Noch kein Gedanke. Rent. Heil dir, edler Herr!— Lear. Wie?. Treibſt du die Schmach zur Kurzweil? Rent. Nein, Mylord. Narr. Ha, ha! Der traͤgt grauſame Knieguͤrtel! Pferde pindet man an den Köpfen, Hunde und Bären am Halſe, Affen an den Lenden, und Menſchen an den Beinen: wenn ein Menſch zu uͤbermuͤthig mit den Beinen geweſen iſt, ſo muß er hoͤlzerne Struͤmpfe tragen. Lear. Wer war's, der alſo dich mißkannt, hierher Dich ſo zu werfen? Rent. Beide, Er und Sie Eu'r Sohn und Tochter. Lear. Nein. Rent. Ja. — —— Sz. 4. König Lear. 32¹ Lear. Nein, ſag' ich. Rent. Ich ſage ja. Lear. Bei Jüpiter ſchwoͤr' ich, nein. Rent. Bei Juno ſchwoͤr' ich, ja. Lear. Sie durften's nicht; Sie konnten's, wagten's nicht;'s iſt mehr als Mord, Die Ehrfurcht ſo gewaltſam zu verletzen:— Erklaͤr' mir's in beſcheidner Eil, wie haſt du Verdient, wie haben ſie verhaͤngt die Schmach⸗ Da du von Uns kamſt?— Rent. Als in ihrem Hauſe Ich Eurer Hoheit Briefe uͤbergab, Da, eh' ich aufſtand von dem Platz, wo ich Gekniet in Demuth, kam halb athemlos Ein Bote, dampfend heiß, und keucht' hervor Die Gruͤße ſeiner Herrin Goneril; Gab, war ich gleich der Erſte, ſeinen Brief, Der flugs gelefen ward. Auf deſſen Inhalt Beriefen ſie die Reiſ gen, nahmen Pferde, Prßen mich folgen und gelegentlich Der Antwort warten; gaben kalte Blicke; Und da ich hier den andern Boten traf, Deß Willkomm meinen, wie ich ſah', vergiftet, (Derſelbe Bube, der ſo frech ſich neulich Vergangen wider Enre Majeſtät)— Mehr Manns als Urtheils in mir fuͤhlend, zog ich. Er weckt das Haus mit lautem, feigen Schrei: Eu'r Sohn und Tochter fanden dies Vergehn Werth, ſolche Schmach zu dulden. Marr. Der Winter iſt noch nicht vorbei, wenn die wil⸗ den Gaͤnſe nach der Seite ziehn. Gehn die Vaͤter nackt, So werden die Kinder blind; Kommen ſie Geldbepackt, Wie artig ſcheint das Kind. Fortuna, die arge Hur', Thut auf den Reichen nur. Aber mit alle dem werden dir deine lieben Toͤchter noch ſo viel aufzählen, daß du fuͤr's ganze Jahr genug haben wirſt. Lear. O wie der Krampf mir auf zum Herzen ſchwillt!— Hinab, n Weh! Dein Element Iſt unten! Wo iſt dieſe Tochter? VIII. 2 König Lear. X. I. Reut. Beim Grafen, Herr, hier drinnen. Lear. Folgt mir nichtz Er geht ab.) Ritter. Verſah ſt du mehr nicht, als was du erzählt? Rent. Nein. Wie kommt der Konig mit ſo kleiner Zahl? Warr. Wär'ſt du fuͤr die Frage in den Block geſetzt, ſo haͤtt'ſt du's wohl verdient. Rent. Warum, Narr? Narr. Wir wollen dich zu einer Ameiſe in die Schule ſchicken, um dich zu lehren, daß es im Winter keine Arbeit giebt. Alle, die ihrer Naſe folgen, werden durch ihre Augen gefuͤhrt, bis auf die Blinden; und gewiß iſt unter Zwanzi⸗ gen nicht Eine Naſe, die den nicht roche, der ſtinkt. Laß ja die Hand los, wenn ein großes Rad den Huͤgel hinabrollt, damit dir's nicht den Hals breche, wenn du ihm folgſt; wenn's aber den Huͤgel hinaufgeht, dann laß dich's nachziehn. Wenn dir ein Weiſer einen beſſern Rath giebt, ſo gieb mir meinen zuruͤck; ich mochte nicht, daß Andere als Schelmen ihm folgten, da ein Narr ihn giebt. Herr, wer Euch dient fuͤr Gut und Geld, Und nur gehorcht zum Schein, Packt ein, ſobald ein Regen faͤllt, Laͤßt Euch im Sturm allein. Doch ich bin treu; der Narr verweilt, Laßt flieh'n der Weiſen Schaar: Der Schelm wird Narr, der falſch enteilt, Der Narr kein Schelm fuͤrwahr. Reut. Wo haſt du das gelernt, Narr? Narr. Nicht im Block, Narr. (Lear kommt zurück mit Gloſter.) Lear. Verweigern mich zu ſrehe Sind krank, ſind muͤde Sie reiſten ſcharf die Nacht?— Ausflüchte nur! Bilder von Abfall und Empoͤrung! Geh, Schaff' mir'ne beſſ're Antwort. 6loſt. Theurer Herr, Ihr kennt des Herzogs feurige Gemuͤthsart, Bleibt hier. Sz. 4. König Lear. 323 Wie unbeweglich und beſtimmt er iſt In ſeinem Sinn. Lear. Peſt, Rache, Tod, Vernichtung! Was feurig? Was Gemuͤth?— Wie, Gloſter, Gloſter! Den Herzog Cornwall will ich ſprechen und ſein Weib. Gloſt. Nun wohl, mein theurer Herr, ſo ſagt' ich's auch. Lear. So ſagteſt du's? Verſtehſt du mich auch, Mann? Gloſt. Ja, Herr! Lear. Der Koͤnig will mit Cornwall ſprechen, Der Vater, ſieh', mit ſeiner Tochter ſprechen, Befiehlt Gehorſam: ſagt'ſt du ihnen das? Mein Blut und Leben!— Feurig? Der feur'ge Herzog? ſagt dem heißen Herzog, daß— Doch nein, noch nicht. Kann ſeyn, er iſt nicht wohl; Krankheit verabſäͤumt jeden Dienſt, zu dem Geſundheit iſt verpflichtet; wir ſind nicht wir, Wenn die Natur, im Druck, die Seele zwingt, Zu leiden mit dem Korper. Ich will warten, Und ging zu weit in meinem raſchen Muth, Daß ich krankhafte, ſchwache Laune nahm Fuͤr den geſunden Mann. O Holl' und Tod! Warum ſitzt dieſer hier?— Ha, dies bezeugt, Des Herzogs Weggehn und das Ihre ſey Nur Hinterliſt! Gebt mir den Diener los;— Geht: ſagt dem Herzog und ſeinem Weib', ich wollte Sie ſprechen, jetzt, alsbald; heiß' ſie erſcheinen, Sonſt ſchlag' ich an der Kammerthuͤr die Trommel, Bis ſie den Schlaf zu Tod' geſchreckt. Gloſt. Wär' alles gut doch zwiſchen Euch!— Cer geht ab.) Lear. Weh mir, mein Ferz! Mein ſchwellend Herz!— Hinunter! Narr. Ruf' ihm zu, Gevatter, wie die alberne Köchin den Valen, als ſie ſie lebendig in die Paſtete that; ſie ſchlug ihnen mit einem Stecken auf die Köpfe und rief: hinunter, ihr Geſindel, hinunter! Ihr Bruder war's, der aus lauter Guͤte fuͤr ſein Pferd ihm das Heu mit Butter beſtrich. (Cornwall, Regan, Gloſter und Gefolge treten auf.) Lear. Guten Morgen Euch beiden! Koͤnig Lear. A. II. Cornw. Heil Euch, gnaäd'ger Herr! (Kent wird los gemacht.) Reg. Ich bin erfreut, Eur' Majeſtaͤt zu ſeh'n. Lear. Regan, ich denk, du biſt's, und weiß die Urſach, Warum ich's denke; wärſt du nicht erfreut, Ich ſchiede mich von deiner Mutter Grab, Weil's eine Ehebrecherin verſchloͤſſe.— O, biſt du frei? Ein andermal davon.— Geliebte Regan, Deine Schweſter taugt nicht!— O, ſie band mir, Regan, Scharfzahn'gen Undank, gleich dem Gegner, hier— (auf ſein Herz zeigend.) Ich kann kaum ſprechen— nimmer wirſt du's glauben, Mit wie entartetem Gemuͤth,— o Regan! Reg. Ich bitt' Euch, habt Geduld, ich hoffe, minder Wißt Ihr zu ſchätzen ihren Werth, als ſie Von ihrer Pflicht zu weichen. Lear. Wie war das? Reg. Ich kann nicht denken, daß ſie nnr im kleinſten Gefehlt in ihrer Pflicht. Hat ſie vielleicht Gehemmt den Unfug Eures Schwarms, Mylord, So war's auf ſolchen Grund und guten Zweck, Daß ſie kein Tadel trifft. Lear. Mein Fluch auf ſie! Reg. O Mylord, Ihr ſeyd alt, Natur'in Euch ſteht auf der letzten Neige Ihres Bezirks: Euch ſollt ein kluger Sinn, Der Euern Zuſtand beſſer kennt als Ihr, Zuͤgeln und lenken: darum bitt' ich Euch, Kehrt heim zu unſrer Schweſter; ſagt Ihr, Herr, Ihr kraͤnktet ſie. Lear. Ich ihr Verzeihn erbitten? Fühlſt du denn wohl, wie dies dem Hauſe ziemt? „Liebe Tochter, ich bekenn' es, ich bin alt; (er kniet.) „Alter iſt unnuͤtz; auf den Knieen bitt' ich: „Gewaͤhre mir Bekleidung, Koſt und Bett.“ Reg. Laßt ab, Herr! Das ſind thorigte Geberden. Kehrt heim zu meiner Schweſter. Lear. Nimmermehr! König Lear. Halb mein Gefolge hat fie mir genommen, Mich finſter angeblickt, mit ihrer Zunge Recht ſchlangenartig mir ins Herz geſtochen. Des Himmels aufgehaͤufte Rache fall' Auf ihr undankbar Haupt; ſchlag' ihre Jugendkraft, Du fah'nde Luft, mit Lahmung! Cornw. Pfui, pfui, pfui! Lear. Du jaͤher Blitz, flamm' in ihr ſtolzes Auge Dein blendend Feu'r! Verpeſtet ihre Schönheit, Sumpfnebel, die der Sonne Macht gebruͤtet, Welkt und vernichtet ihren Stolz! Reg. O, Götter! Das wuͤnſcht Ihr einſt auch mir, wenn raſcher Zorn— Lear. Nein, Regan, nie empfaͤngſt du meinen Fluch. Dein zart geſtimmtes Herz giebt nimmer dich. Der Rauhheit hin; ihr Auge ſticht, doch dein's Thut wohl und brennt nicht; nimmer koͤnnt'ſt du grollen Bei meiner Freude, mein Gefolg vermindern, Mit herbem Zank mein Ausgeſetztes ſchmaͤlern, Und endlich gar mit Kett' und Riegel mir Den Eintritt wehren; nein, du lernteſt beſſer Die Pflichten der Natur, der Kindſchaft Band, Der Ehrfurcht Zoll, die Schuld der Dankbarkeit; Du haſt des Reiches Haͤlfte nicht vergeſſen, Womit ich dich beſchenkt. Reg. Nun, Herr, zur Sache! Lear. Wer ſetzte meinen Diener in den Stock? Cornw·. Was für Trompeten? (Der Haushofmeiſter tritt auf.) Reg. Ich weiß es, meiner Schweſter; denn ſie ſchreibt mir Ihr ſchleunig Kommen. Iſt deine Herrin da?— Lear. Das iſt ein Sclav, deß' leicht geborgter Stolz In ſeiner Herrſchaft flucht'ger Gnade wohnt; Geh, Schuft, mir aus dem Auge!— Cornw. Was meint Eu'r Gnaden? Lear. Wer blockte meinen Diener? Regan, ich hoffe, Du wußteſt nicht darum.— Wer kommt da? O, ihr Götter! (Soneril kommt.) 326 Konig Lear. Wenn ihr die Alten liebt, Eur milder Scepter Gehorſam heiligt, wenn Ihr ſelber alt ſeyd, Macht es zu Eurem Streit; ſprecht, zeugt fuͤr mich!— C(zu Goneril.) Schaͤmſt du dich nicht, auf dieſen Bart zu ſehn? O Regan! Jannſt du bei der Hand ſie faſſen? Gon. Warum nicht bei der Hand? Waos fehlt' ich denn? Nicht alles iſt ja Fehl, was Thorheit meint, Und Aberwitz ſo nennt. Lear. Ihr Sehnen ſeyd zu ſtarr, Noch reißt ihr nicht?— Wie kam der in den Block? Cornw. Ich ließ ihn ſchließen, Herr; doch ſeine Unart Verdiente mindern Glimpf. Lear. Ihr? Thatet Ihr's? Reg. Hoͤrt, Vater, da Ihr ſchwach ſeyd, ſcheint es auch. Wollt bis zum Ablauf Euers Monats Ihr Zuruͤckgehn, und bei meiner Schweſter wohnen dann. Halb Euren Zug entlaſſend, kommt zu mir. Ich bin jetzt fern vom Hauſ' und nicht verſehn, Wie es ſich ziemt, fuͤr Euern Unterhalt. Lear. Zuruck zu ihr? und funfzig Mann entlaſſen? Nein, eh'r verſchwoͤr' ich alles Dach, und lieber Setz' ich mich aus der Tyrannei der Luft, Und wiil Kam'rad mit Wolf und Eule werden. O ſcharfer Zahn der Noth!— Zuruͤck zu ihr? Der heiße Frankreich, der mein juͤngſtes nahm Ohn' Erbgut,— ha, ſo leicht zwaͤng' ich mich wohl, An ſeinem Throne knieend, wie ein Knecht, Ein aͤrmlich Brot und Jahrgeld zu erbetteln. Zuruͤck zu ihr?— Verlange lieber noch, Daß Sclav' ich werd' und Saumthier dieſem Schuft!— Gon. Wie's Euch beliebt. Lear. Ich bitt' dich, Tochter, mach' mich nicht verruckt! Ich will dir nicht zur Laſt ſeynz Kind, leb' wohl; Wir woll'n uns nicht mehr treffen, nicht mehr ſehn. Und doch biſt du mein Fleiſch, mein Blut, mein Kind; Rein, eine Krankheit ehr in meinem Fleiſch, Die mein ich nennen mußz biſt eine Beule, Ein Peſtauswuchs, ein ſchwellender Karfunkel In meinem kranken Blut. Doch will ich dich nicht ſchelten; Schaam komme, wenn ſie will, ich ruf' ihr nicht; Sz. 4. König Lear. Ich heiße nicht den Donnertraͤger ſchleudern, Roch ſchwatz' ich aus von dir vor Jovis Thron;— Geh' in dich, ganz nach Muße beſſere dich;— Ich hab' Geduld, ich kann bei Regan bleiben, Ich und die hundert Ritter. Reg. Nicht ſo ganz!— Ich zählte nicht auf Euch, bin nicht geruͤſtet, Euch zu empfangen; hoͤrt die Schweſter, Herr! Denn wer Eu'r Zuͤrnen mit Vernunft betrachtet, Muß ſich doch ſagen: Ihr ſeyd alt, und ſo,— Doch ſie weiß, was ſie thut. Lear. Iſt dies nun gut geſprochen? Reg. Ich darf's behaupten, Herr. Was, funfzig Ritter? Iſt's nicht genug? wozu beduͤrft Ihr mehr? Wozu ſelbſt dieſe, da Gefahr und Laſt So viele widerräth? Kann ſo viel Volk In einem Haus, bei zweierlei Befehl, In Freundſchaft ſtehn?'s iſt ſchwer, beinah' unmoglich. Gon. Was braucht Ihr, Herr, noch andre Dienerſchaft, Als meiner Schweſter Leute, oder meine?— Reg. Ja wohl, Mylord; wenn die nachläſſig wären, Beſtraften wir ſie dann. Kommt Ihr zu mir, (Denn jetzt ſeh ich Gefahr) ſo bitt' ich Euch, Bringt mir nur Fuͤnf und zwanzig; denn nicht mehr Kann ich herbergen oder zugeſtehn. Lear. Ich gab Euch alles— Reg. Und zur rechten Zeit. Lear. Macht' Euch zu meinen Pflegern und Verwaltern; Mur dieſe Anzahl zum Gefolge mir Behielt ich vor. Was, muß ich zu dir kommen Mit Fuͤnf und zwanzig, Regan? Sagſt du ſo? Reg. Und ſag' es noch einmal, Mylord; nicht mehr. Lear. Solch ruchlos Weſen ſieht doch huͤbſch noch aus, Sind Andre noch ruchloſer; nicht die Schlimmſte Zu ſeyn, iſt dann wie Lob:—(zu Goneril.) ich geh' mit dir; Dein Funfzig macht doch zweimal fuͤnf und zwanzig, Und du biſt zweifach ihre Liebe. Gon. Hoͤrt mich: Was braucht Ihr Fuͤnf und zwanzig, Zehn, ja Fuͤnf? König Lear. In einem Haus, wo Euch zweimal ſo viel Zu Dienſten ſteh'n? Reg. Was braucht Ihr Einen nur? Lear. O ſtreite nicht, was ſey. Der ſchlecht'ſte ettler Hat bei der größten Noth noch Ueberfluß. Gieb der Natur nur das, was noͤthig iſt, So gilt des Menſchen Leben, wie des Thiers. Du biſt'ne Edelfrau; Wenn warm gekleidet gehn ſchon praͤchtig wäre, Nun, der Natur thut deine Pracht nicht noth, Die kaum dich warm haͤlt;— doch fuͤr wahre Noth— Gebt, Goͤtter, mir Geduld, Geduld thut noth!— Ihr ſeht mich hier,'nen armen, alten Mann, Gebeugt durch Gram und Alter, zwiefach elend!— Seyd ihr's, die dieſer Toͤchter Herz empoͤrt Wider den Vater, naͤrrt mich nicht ſo ſehr, Es zahm zu dulden; weckt mir edeln Zorn!— O laßt nicht Weiberwaffen, Waſſertropfen, Des Mannes Wang' entehren!— Nein, Ihr Teufel, Ich will mir nehmen ſolche Rach' an Euch, Daß alle Welt— will ſolche Dinge thun— Was, weiß ich ſelbſt noch nicht; doch ſoll'n ſie werden Das Grau'n der Welt. Ihr denkt, ich werde weinen? Nein, weinen will ich nicht. Wohl hab' ich Fug zu weinenz doch dies Herz Soll eh' in hunderttauſend Scherben ſplittern, Als daß ich weine.— O Narr, ich werde raſend!— (Lear, Gloſter, Kent und der Narr gehn ab.) Cornw. Geh'n wir hinein, es kommt ein Sturm. (Sturm und Gewitter von weitem.) Reg. Das Haus iſt klein; es faßt den Alten nicht Und ſein Gefolg.— Gon.'s iſt ſeine Schuld, er nahm ſich ſelbſt die Ruh'; Nun buͤßt er ſeine Thorheit. Reg. Was ihn betrifft, ihn nehm' ich gerne auf; Doch keinen ſeines Zug's. on. So denk' ich auch— Wo iſt Mylord von Gloſter? (Gloſter kommt zurück.) Sz 4. König Pent. 329 Cornw. Er ging dem Alten nach;— dort kommt er wieder. Gloſt. Der Koͤnig iſt in Wuth. Cornw. Wo geht er bin? Gloſt. Er will zu Pferd'; doch weiß ich nicht, wohin. Cornw. Man laſſe den, der ſelbſt ſich fuͤhren will. Gon. Mylord, erſucht ihn ja nicht, hier zu bleiben! Gloſt. O Gott, die Nacht bricht ein, der ſcharfe Wind Weht ſchneidend; viele Meilen rings umher Iſt kaum ein Buſch. Reg. O Herr, dem Eigenſi inn Wird Ungemach, das er ſich ſelber ſchafft, Der beſte Lehrer. Schließt des Hauſes Thor; Er hat verwegne Diener im Gefolg; Wozu ihn die anhetzen, da ſo leicht Sein Ohr getäuſcht wird, das muß Vorſicht ſcheu'n. Cornw. Schließt Eure Pforte, Herr; die Nacht iſt ſchlimm, Und Regan räth uns gut. Kommt aus dem Sturm. (Sie gehn ab.) Driier fu Erſte Szene. Heide, Sturm, Donner und Blitz⸗ (Kent ein Ritter von verſchiedenen Seiten treten auf.) Rent. Wer iſt da, ſchlechtem Wetter? Ritter. Ein Mann, gleich dieſem Wetter, hochſt wwet. Rent. Ich kenn' Euch; wo iſt der König? BRitter. Im Kampf mit dem erzürnten Element. e heißt dem Sturm' die Erde weh'n ins Meer, 330 Koͤnig Lear. A. III. Oder die krauſe Flut das Land ertränken, Daß alles wandle oder untergeh; Rauft aus ſein weißes Haar, das wuͤth'ge Windsbraut Mit blindem Grimm erfaßt und macht zu nichts. Er will in ſeiner kleinen Menſchenwelt 2 Des Sturm's und Regens Wettkampf uͤbertrotzen. In dieſer Nacht, wo bei den Jungen gern Die ausgeſogne Bärin bleibt, der Löwe Und hungergrimm'ge Wolf gern trocken halten Ihr Fell, rennt er mit unbedecktem Haupt, Und heißt, was immer will, hinnehmen Alles. Rent. Doch wer iſt mit ihm? Ritter. Der Narr allein, der wegzuſcherzen ſtrebt Sein herzerſchuͤtternd Leid. Rent. Ich kenn' Euch, Herr, Und wag' es auf die Buͤrgſchaft meiner Kunde, Euch Wicht'ges zu vertraun. Es trennt ein Zwieſpalt (Wiewohl ſie noch den Schein davon verhuͤllen In gleicher Liſt) Albanien und Cornwall. Sie haben—(ſo wie jeder, den ſein Stern Erhob und krönte) Diener, treu zum Schein, Die heimlich Frankreichs Spione ſind und Waͤchter; Belehrt von unſerm Zuſtand, allen Händeln Und Zänkerei'n der Fuͤrſten; von Dem ſchweren Joch, das beide auferlegt Dem alten König; von noch tiefern Dingen, Wozu vielleicht dies nur ein Vorſpiel war:— Doch iſt gewiß, von Frankreich kommt ein Heer In dies zerriſſ'ne Reich, das ſchon, mit Klugheit Benutzend unſre Säumniß, heimlich fußt In unſern beſten Haͤfen, und alsbald Sein Panner frei entfaltet. Nun fuͤr Euch: Wagt Ihr's, ſo feſt zu bauen auf mein Wort, Daß Ihr nach Dover gleich enteilt? Dort findet Ihr Jemand, der's Euch dankt, erzählt Ihr treu, Welch unnatürlich ſinnverwirrend Leid Der Koͤnig klagen muß. Ich bin ein Edelmann von altem Blut, ünd weil ich Euch als zuverläſſig kenne, Vertrau' ich Euch dies Amt. Ritter. Ich werd' Euch weiter ſprechen. Rent. Nein, das nicht:— Sz. 2. Koͤnig Lear. 331 und zur Beſtätgung, ich ſey groͤß'res als Mein aͤuß'rer Schein, empfangt die Boͤrſ' und nehmt Was ſie enthäͤlt. Wenn Ihr Cordelien ſeht, (Und daran zweifelt nicht) zeigt ihr den Ring, Und nennen wird ſie Euch den Freund, deß' Namen Euch jetzt noch unbekannt. Hu, welch ein Sturm!— Ich will den König ſuchen. Ritter. Gebt mir bie Habt Ihr nicht mehr zu agen? Rent. Nicht viel, doch, in der That, das Wichtigſte: Dies, wenn den Koͤnig wir gefunden. Ihr Geh't dieſen Weg, ich jenen: wer zuerſt Ihn antrifft, ruf' dem Andern zu. (ſie gehn von verſchiedenen Seiten ab.) 8 w i Eine andere Gegend auf der Haide. (Noch immer ungewitter. Es treten auf Lear und der Narr.) Lear. Blaſ't, Wind' und ſprengt die Backen! Wuͤthet! Blaſ't!— Ihr Cataract' und Wolkenbruͤche, ſpei't, Vis ihr die Thuͤrm' erſäuft, die Hähn ertraͤnkt! Ihr ſchwefligten, gedankenſchnellen Blitze, Vortrab dem Eichenſpaltenden Donnerkeil, Verſeng't mein weißes Haupt! Du Donner alkzerſchmetternd, Schlag' flach das maͤcht'ge Rund der Welt; zerbrich Die Formen der Natur, vernicht' auf Eins Den Schöpfungskeim des undankbaren Menſchen. Marr. Ach Gevatter, Hofweihwaſſer in einem trocknen Hauſe iſt beſſer, als dies Regenwaſſer draußen. Lieber Ge⸗ vatter, hinein und bitt' um deiner Töchter Segen; das iſt 1 Nacht, die ſich weder des Weiſen noch des Thoren er⸗ armt. 5 Lear. Raßle nach Herzens Luſt! Spei' Feuer, fluthe Regen; König Lear. A. IMI. Nicht Regen, Wind, Blitz, Donner, ſind meine Töchter: Euch ſchelt' ich grauſam nicht, ihr Elemente: Euch gab ich Kronen nicht, nannt' Euch nicht Kinder, Euch bindet kein Gehorſam; darum buͤßt Die grauſe Luſt: Hier ſteh' ich, Euer Sclav, Ein alter Mann, arm, elend, ſiech, verachtet: Und dennoch knecht'ſche Heifer nenn' ich Euch, Die Ihr im Bund mit zwei verruchten Töchtern Thuͤrmt Eure hohen Schlachtreih'n auf ein Haupt So alt und weiß, als dies. O, o,*s iſt ſchaͤndlich!— Marr. Wer ein Haus hat, ſeinen Kopf hineinzuſtecken, der hat einen guten Kopflatz. Wenn Hoſenlatz will hauſen, Eh Kopf ein Dach geſchafft, Wird Kopf und Latz verlauſen, Solch Frei'n iſt bettelhaft. Und willſt du deinen Zeh', Du Tropf, zum Herzen machen, Schrei'ſt uͤber'n Leichdorn weh, Wirſt, ſtatt zu ſchlafen, wachen. — denn noch nie gab's ein huͤbſches Kind, das nicht Geſich⸗ ker vor'm Spiegel ſchnitt. (Kent tritt auf.) Lear. Nein! Ich will ſeyn ein Muſter aller Langmuth⸗ Ich will nichts ſagen. Rent. Wer da? Narr. Nun, hier iſt Gnade und ein Hoſenlatz, das heißt: ein Weiſer und ein Narr. Rent. Ach, ſeyd Ihr hier, Mylord? Was ſonſt die Nacht liebt Liebt ſolche Nacht doch nicht:— des Himmels Zorn Scheucht ſelbſt die Wanderer der Finſterniß In ihre Höhlen. Seit ich ward zum Mann, Erlebt' ich nimmer ſolchen Feuerguß, Solch Krachen grauſen Donners, ſolch Geheul Des bruͤllenden Regenſturms: kein menſchlich Weſen Erträgt ſolch Leid und Grau'n.— Lear. Jetzt, große Goͤtter, Die Ihr ſo wild ob unſern Haͤuptern wettert, Sucht Eure Feinde auf: Zittre, du Frevler, Auf dem verborgne Unthat ruht, vom Richter S Noch ungeſtraft!— Verſteck' dich, blut'ge Hand; Meineid'ger Schalk, und du, o Tugendheuchler, Der in Blutſchande lebt! Zerſcheitre Suͤnder, Der unterm Mantel frommer Ehrbarkeit Mord ſtiftete! Ihr tiefverſchloßnen Graäul, 1 Sprengt den verhuͤll'nden Zwinger, fleht um Gnade Die grauſen Mahner.— Ich bin ein Mann, an dem Man mehr geſuͤndigt, als er ſuͤndigte. Rent. O Gott, mit bloßem Haupt!— Mein gnaͤd'ger Herr, nah' bei iſt eine Huͤrde, Die bietet etwas Schutz doch vor dem Sturm: Ruht dort, indeß ich in dies harte Haus, 1 (Weit haͤrter als der Stein, aus dem's erbaut, Das eben jetzt, als ich nach Euch gefragt, 1 Mir ſchloß die Thuͤr) zuruͤckgeh und ertrotze Ihr karges Mitleid. Lear. Mein Geiſt beginnt zu ſchwindeln. Wie geht's mein Junge? Komm, mein Junge! Friert dich?— Mich ſelber friert. Wo iſt die Streu, Kamrad? Die Kunſt der Noth iſt wunderſam; ſie macht Selbſt Schlechtes koͤſtlich. Nun zu deiner Huͤrde.— Du armer Schelm und Narr, mir blieb ein Stuͤckchen Vom Herzen noch, und das bejammert dich. Narr. Wem der Witz nur ſchwach und gering beſtellt, Hop heiſa bei Regen und Wind, Der fuͤge ſich ſtill in den Lauf der Welt, Denn der Regen der regnet jeglichen Tag. Lear. Wahr, lieber Junge.— Kommt zeigt uns die Huͤrde! (geht ab.) Warr. Das iſt'ne huͤbſche Nacht, um eine Buhlerin in Ich will eine Prophezeiung ſprechen, eh' ich gehe:— Wenn Prieſter Worte, nicht Werke, haͤufen, Wenn Brauer in Waſſer ihr Malz erſäufen, Wenn der Schneider den Junker Lehrer nennt, Kein Ketzer mehr, nur der Buhler, brennt, Wenn Richter ohne Falſch und Tadel, Wenn ohne Schulden Hof und Adel, Wenn Läſt'rung nicht auf Zungen wohnt, Der Gauner des Nächſten Beutel ſchont, Wenn die Wuch'rer ihr Gold im Felde beſchau'n, König Lear. Und Huren und Kuppler Kirchen bau'n, Dann kommt das Reich von Albion In große Verwirrung und Confuſion: Dann kommt die Zeit, wer's lebt zu ſeh'n, Daß man mit Fußen pflegt zu gehn. Dieſe Prophezeihung wird Merlin machen; denn ich lebe vor ſeiner Zeit.— (ab.) D r e Szene Gloſters Schloß. (Es treten auf Gloſter und Edmund.) Gloſter. O Gott! Edmund, dieſe unnaturliche Begegnung gefäll mir nicht. Als ich ſie um Erlaubniß bat, mich ſeiner erbar men zu duͤrfen, da ver auf irgend eine Weiſe zu unterſtutzen. Edm. Hoͤchſt grauſam und unnatuͤrlich! dieſen Abend einen Brief— es iſt gefaͤhrlich davon zu reden den: ein Theil des Heeres iſt ſchon gelandet, wir muͤſſe mit dem Koͤnig halten, Ich will ihn aufſuchen und ih gen. Und ſollte es mein Tod ſeyn,(wie mir denn nichts g ringeres gedroht iſt,) dem Koͤnig, meinem alten Herrn, mu geholfen werden. Es ſind ſeltſame Dinge im Werk; mund, ich bitte dich, ſey behutſam. S(Er geht ab.) Edm. Den Eifer, mit Vergunſt, meld' ich ſogleich Dem Herzog, und von jenem Brief dazu. t boten ſie mir den Gebrauch meines eignen Hauſes, befahlen mir bei Strafe ihrer ewigen Ungna⸗ de, weder von ihm zu ſprechen, fuͤr ihn zu bitten, noch ihn Gloſt. Gut, ſage nichts. Es iſt ein Zwieſpalt zwiſchen den beiden Herzogen, und ſchlimmeres als das; ich erhielt 5 ich verſchloß den Brief in meinem Cabinet. Die Kraͤnkun⸗ gen, die der Koͤnig jetzt duldet, werden ſchwer geahndet wer⸗ n heimlich unterſtutzen. Geh' du und unterhalte ein Geſpraͤch mit dem Herzoge, damit er dieſe Theilnahme nicht bemerke. Wenn er nach mir fragt, bin ich krank und zu Bett gegan⸗ e⸗ ß Ed⸗ Sz.3. önig Lear. Dies ſcheint ein groß Verdienſt, und ſoll mir lohnen Mit meines Vaters Raub, den Guͤtern allen: Die Jungen ſteigen, wenn die Alien fallen. Cab.) Vierte Seene. Heide. (Es treten auf Lear, Kent und der Narr.) Rent. Hier iſt's Mylord; o geht hinein, Mylord! Die Tyrannei der offnen rauhen Nacht Hält die Natur nicht aus. (Noch immer Sturm.) Lear. Laß mich zufrieden, Rent. Ich bitt' Euch, kommt. Lear. Willſt du das Herz mir brechen? Rent. Mein eignes ehr. O geht hinein mein König! Lear. Dir dunkt es hart, daß dieſer wuth'ge Sturm Uns bis zur Haut durchdringt; ſo iſt es dir: Doch wo die größ're Krankheit Sitz gefaßt, Fuͤhlt man die mind're kaum, Du flieh'ſt den Baͤren; Doch fuͤhrte dich die Flucht zur bruͤllenden See, Liefſt du dem Baren in den Schlund. Iſt frei der Geiſt, Dann fuͤhlt der Koͤrper zart. Der Sturm im Geiſt Raubt meinen Sinnen jegliches Gefuhl, Als das, was hier mir wuͤhlt— Undank des Kindes! Als ob der Mund zerfleiſchte dieſe Hand, Weil ſie ihm Nahrung bot! Schwer will ich ſtrafen!— Nicht will ich weinen mehr. In ſolcher Nacht Mich auszuſperr'n!— Gieß fort; ich will's erdulden.— In ſolcher Nacht, wie die! D Regan, Gon'ril!— Euren alten guten Vater, deß freies Herz Euch alles gab,— o auf dem Weg kegt Wahnſinn.— Nein dahin darf ich nicht, nichts mehr davon! Rent. Mein guter Konig, geht hinein! Lear. Bitt' dich, geh' du hinein, ſorg' fur dich ſelbſt. Der Sturm erlaubt nicht, Dingen nachzuſinnen, Konig Leat.. m. Die mehr mich ſchmerzen. Doch ich geh' hinein, Geh', Burſch, voran!— Du Armuth ohne Dach,— Nun, geh' doch! Ich will beten und dann ſchlafen. .(Der Narr geht in die Hütte.) Ihr armen Nackten, wo ihr immer ſeyd, Die ihr des tuͤck ſchen Wetters Schlaͤge duldet, Wie ſoll eu'r ſchirmlos Haupt, hungernder Leib, Der Lumpen offne Bloͤß' euch Schutz verleihn Vor Stuͤrmen, ſo wie der? O daran dacht' ich Zu wenig ſonſt!— Nimm Arzenei, v Pomp. Bieb Preis dich, fuͤhl einmal, was Armuth fuhlt, Daß du hinſchutt'ſt fur ſie dein Ueberfluͤß'ges, Und retteſt die Gerechtigkeit des Himmels! Edg.(drinnen.) Anderthalb Klafter! Anderthalb Klaf⸗ ter! Armer Thoms! Narr,(indem er aus der Hütte läuft.) Geh' nicht hinein, Gevatter! Hier iſt ein Geiſt! Huͤlfe! Huͤlfel Rent. Gieb mir die Hand.— Wer iſt da? Narr. Ein Geiſt, ein Geiſt! Er ſagt, er heiße armer Thoms. Rent. Wer biſt du, der im Stroh hier murmelſt? Komm heraus!— (Edgar tritt auf, als Wahnwitz'ger.) Edg. Hinweg! Der böſe Feind verfolgt mich. Durch ſcharfen Hagedorn ſauſ't der kalte Wind: Hu!— Geh' in dein kaltes Bett und waͤrme dich! Lear. Wie? Gabſt du alles deinen beiden Toͤchtern? Und kam'ſt du ſo herunter? Edg. Wer gicbt dem armen Thoms was?— den der boͤſe Feind durch Feuer und durch Flammen gefuͤhrt hat, durch Fluth und Strudel, uͤber Moor und Sumpf, der ihm Meſſer unters Kiſſen gelegt hat und Schlingen unter ſeinen Stuhl; der ihm Rattengift in die Suppe that, der ihm Hoffarth eingab, auf einem braunen trabenden Roß uͤber vier Zoll breite Stege zu reiten, und ſeinem eignen Schatten, wie einem Verräther nachzujagen. Gott ſchuͤtze deine fuͤnf Sinne! Thoms friert.(Vor Froſt ſchaudernd.) Gott ſchuͤtze dich vor Wirbelwinden, vor. boͤſen Sternen und Seuchen! Gebt dem armen Thoms ein Almoſen, den der boͤſe Feind heimſucht: hier könnt' ich ihn jetzt haben und hier— und da,— und hier wieder,— und hier.— — ——— —— Sz. 4. Koͤnig Lear. 337 (noch immer Ungewitter.) Lear. Was, brachten ihn die Tochter in ſolch Elend? Konnt'ſt du nichts retten? Gabſt du Alles hin?— Warr. Nein, er behielt ein Laken, ſonſt muͤßten wir uns alle ſchämen. Lear. Nun jede Seuche, die die Luft zur Strafe Der Suͤnder herbergt, ſturz' auf deine Toͤchter! Rent. Herr! Er hat keine Töchter!— Lear. Ha, Tod, Rebell! Nichts beugte die Natur Zu ſolcher Schmach als undankbare Toͤchter.— Iſt's Mode jetzt, daß weggejagte Vater So wuͤthen muͤſſen an dem eig'nen Fleiſch? Sinnreiche Strafe! Zeugte doch dies Fleiſch Dieſe Pelican Toͤchter. Edgar. Pillicok ſaß auf Pillicoks Berg: Hallo, hallo, hallo! Warr. Dieſe kalte Nacht wird uns alle zu Narren und Tollen machen. Edgar. Huͤte dich vor dem boͤſen Feind: gehorch' deinen Eltern, halte dein Wort: fluche nicht; verfuͤhre nicht deines Naͤchſten verlobte Braut; ſtelle deine Sache nicht auf eitle Pracht;— Thoms friert!— Lear. Was biſt du geweſen? Edgar. Ein Verliebter, ſtolz an Herz und Sinn, der ſein Haar kraͤuſelte, Handſchuh an ſeiner Kappe trug, den Luͤſten ſeiner Gebieterin froͤhnte, und das Werk der Finſter⸗ niß mit ihr trieb. Ich ſchwur ſo viel Eide, als ich Worte redete, und brach ſie im holden Angeſicht des Himmels; ſchlief ein in Gedanken der Wolluſt und erwachte, ſie aus⸗ zufuͤhren; den Wein liebte ich kraͤftig, die Wuͤrfel heftig, und mit den Weibern uͤbertraf ich den Großtuͤrken: Falſch von Herz, leicht von Ohr, blutig von Hand: Schwein in Faul⸗ heit, Fuchs im Stehlen, Wolf in Gier, Hund in Tollheit, Lowe in Raubſucht. Laß nicht das Knarren der Schuhe, noch das Raſcheln der Seide dein armes Herz den Weibern verrathen. Halte deinen Fuß fern von Bordellen, deine Hand von Schuͤrzen, deine Feder von Schuldbuͤchern und trotze dem böſen Feind! Immer noch durch den Hagdorn ſauſ't der kalte Wind; ruft Summ, Mum:— Heinonino, Dauphin, mein Junge, Hurra! Laß ihn vorbei. VI. 22 König Lear. R. MI. (noch immer ungewitter.) Lear. Nun, dir wäre beſſer in deinem Grabe, als ſo mit unbedecktem Leib dieſer Wuth der Luͤfte begegnen. Iſt der Menſch nicht mehr als das?— Betracht' ihn recht! Du biſt dem Wurm keine Seide ſchuldig, dem Thier kein Fell, dem Schaf keine Wolle, der Katze keinen Biſam: ha, Drei von uns ſind uͤberkunſtelt: Du biſt das Ding ſelbſt; der na⸗ tuͤrliche Menſch iſt nichts mehr, als ſolch ein armes, nacktes, zweizinkiges Thier wie du. Fort, fort, ihr Zuthaten!— Kommt, knoͤpft mich auf! Cer reißt ſich die Kleider ab.) Warr. Ich bitt' dich, Gevatter, laß gut ſeyn; das iſt eine garſtige Nacht zum Schwimmen. Jetzt waͤr' ein kleines Feuer auf einer wuͤſten Haide wie eines alten Buhlers Herz; ein kleiner Funke, und der ganze übrige Koͤrper kalt. Seht, hier kommt ein wandelndes Feuer.— Edg. Das iſt der boͤſe Feind Flibbertigibbet: er kommt mit der Abendglocke und geht um bis zum erſten Hahnenſchrei: er bringt den Staar und den Schwind, macht das Auge ſchielend und ſchickt Haſenſcharten, verſchrumpft den weißen Weizen und guaͤlt die arme Creatur auf Erden: Sanct Withold in's Feld dreimal wollt⸗ ſchreiten: Kommt die Nachtmähr und ihre neun Fuͤllen von Weitem; Da draͤu't er gleich: Entweich! Entweich! Und trolle dich, Alp, und troll dich! Rent. Wie geht's mein Konig? (Gloſter kommt mit einer Fackel.) Lear. Wer iſt der? Rent. Wer da? Wen ſucht Ihr? Gloſt. Wer ſeyd Ihr? Eure Namen?— Edg. Der arme Thoms, der den ſchwimmenden Froſch ißt, die Kroͤte, die Unke, den Kellermolch und den Waſſer⸗ molch: der in der Wuth ſeines Herzens, wenn der boͤſe Feind tobt, Kuhmiſt fur Sallat ißt, die alte Ratte verſchlingt und den todten Hund; den gruͤnen Mantel des ſtehenden Pfuhls trinkt; gepeitſcht wird von Kirchſpiel zu Kirchſpiel und in die Eiſen geſteckt, geſtaͤupt und eingekerkert; der drei Kleider hatte fur ſeinen Ruͤcken, ſechs Hemden fuͤr ſeinen Leib, zum Reiten ein Pferd, zum Tragen ein Schwert:— Sz. 4. König Lear. 339 Doch Maͤuſ' und Ratten und ſolch Gethier Aß Thoms ſieben Jahr lang fuͤr und fuͤr. Huͤtet Euch vor meinem Verfolger! Still, Smolkin, ſtill, du boͤſer Feind!— Gloſt. Mylord, habt Ihr nicht beſſere Geſellſchaft? Edgar. Der Fuͤrſt der Finſterniß iſt ein Edelmann, Modo heißt er und Mahu. Gloſt. Ach unſer Fleiſch und Blut, Herr, ward ſo ſchlecht, Daß es die haßt, die es erzeugt.— Edgar. Thoms friert!— Gloſt. Kommt mit mir, meine Treu ertraͤgt es nicht, Zu folgen Eurer Toͤchter hartem Willen; Befahlen ſie mir gleich, die Thuͤr zu ſchließen Euch preis zu geben der tyrann'ſchen Nacht: Doch hab' ich's d'rauf gewagt, Euch auszuſpaͤh'n, Und zeig' Euch, wo ihr Mahl und Feuer findet. Lear. Erſt red' ich noch mit dieſem Philoſophen. Woher entſteht der Donner? Rent. Mein theurer Herr! Nehmt ſeinen Vorſchlag an, Geht in das Haus. Lear. Ein Wort mit dieſem kundigen Thebaner:— Was iſt dein Studium? Edgar. Den Teufel fliehn und Ungeziefer tödten. Lear. Ein Wort mit Euch noch insgeheim. Rent. Draͤngt ihn noch einmal mitzugehn, Mylord! (noch immer Ungewitter.) Sein Geiſt beginnt zu ſchwaͤrmen. Gloſt. Kannſt du's tadeln? Die Toͤchter ſuchen ſeinen Tod. Das ſagt'ſt du Voraus du guter Kent! Du armer Fluͤchtling! Du fuͤrcht'ſt, der Koͤnig wird verruͤckt: Glaub' mir, Faſt bin ichs ſelber auch; ich hatt''nen Sohn, Verſtoßen jetzt, er ſtand mir nach dem Leben Erſt neulich, eben jetzt:— ich liebt' ihn, Freund, Mehr liebt kein Vater je; ich ſage dir, Der Gram zerſtoͤrt den Geiſt mir. Welche Nacht!— Ich bitt Eur' Hoheit— Lear. O verzeiht; Mein edler Philoſoph, begleitet uns. 340 Koͤnig Lear. A. IIMI. Edg. Thoms friert. Gloſt. Hinein, Burſch, in die Huͤtte, halt dich warm! Lear. Kommt all' hinein. Rent. Hierher, Mylord! Lear. Geht nur, Ich bleibe noch mit meinem Philoſophen. Rent. Willfahrt ihm, Herr, gebt ihm den Burſchen mit! Gloſt. So nehmt ihn mit. 5 Rent. Du folg' uns! Komm mit uns! Lear. Komm, mein Athener! Gloſt. Nicht viel Worte, ſtill!— Herr Roland kam zum finſtern Thurn, Sein Wort war ſtets: ſeyd auf der Hut, Ich wittr', ich wittre Brittenblut.— (ſie gehn alle ab.) F uͤnfte Szene. Gloſters Schloß. (Es treten auf Cornwall und Edmund.) Cornwall. Ich will Rache an ihm, eh' ich ſein Haus verlaſſe. Edm. Mylord, wie man mich tadeln wird, daß ich ſo die Ratur meinem Dienſteifer geopfert,— daran denk ich mit Schaudern. Cornw. Ich ſehe nun ein, daß Euer Bruder nicht ſo ganz aus Bösartigkeit ſeinen Tod ſuchte; es war vielmehr ein treibendes Gefuͤhl, durch die Schlechtigkeit des Alten erregt. Edm. Wie heimtuͤckiſch iſt mein Schickſal, daß ich be⸗ jammern muß, gerecht zu ſeyn!— Hier iſt der Brief, von dem er ſprach, aus dem hervorgeht, daß er ein geheimer An⸗ haͤnger der franzöſiſchen Parthei iſt. O Himmel! daß dieſer Verrath nicht waͤre, oder ich nicht der Entdecker!— Cornw. Kommt mit mir zur Herzogin. * Sz 6. König Wear. 341 Edm. Wenn der Inhalt dieſes Briefes wahr iſt, ſo habt Ihr eine große Sache vor. Cornw. Wahr oder falſch, er hat dich zum Grafen von Gloſter gemacht. Suche deinen Vater auf, daß er gleich zur Rechenſchaft gezogen werde. Edm.(beiſeit.) Finde ich ihn beſchaͤftigt, dem König bei⸗ zuſtehn, ſo wird das den Argwohn noch verſtaͤrken. Claut.) Ich will in meiner Treue fortfahren, wie ſchmerzlich mir auch der Kampf zwiſchen mir und meinem Herzen iſt. Cornw. Du ſollſt mein Vertrauen beſitzen, und in mei⸗ ner Liebe einen beſſern Vater finden. (ſie gehn ab.) Sechſte Szene. In einer Hütte. (Kent und Gloſter treten ein.) Gloſter. Hier iſt's beſſer, als in der freien Luft; nehmt es dank⸗ bar an; ich werde zu Eurer Bequemlichkeit hier zufuͤgen, was ich vermagz ich bin gleich wieder bei Euch. (geht ab.) Rent. Alle Kraft ſeines Geiſtes iſt ſeiner Ungeduld ge⸗ wichen. Die Götter lohnen Euch Eure Freundlichkeit!— (Lear, Edgar und der Narr kommen herein.) Edg. Frateretto ruft mir und ſagt, Nero fiſche im Pfuhl der Finſterniß.(zum Narren) Bete, du Unſchuldiger, und huͤte dich vor dem boͤſen Feind. Narr. Bitt dich, Gevatter, ſag mir, iſt ein toller Mann ein Edelmann oder ein Buͤrgersmann?— Lear. Ein Koͤnig, ein Koͤnig!— Narr. Nein,'s iſt ein Buͤrgersmann, der einen Edel⸗ mann zum Sohn hat; denn der iſt ein wahnſinniger Buͤr⸗ gersmann, der ſeinen Sohn fruͤher als ſich zum Edelmann werden ſieht. König Lear. Pear. Daß ihrer Tauſend mit rothgluͤh'nden Spießen Laut ziſchend auf ſie ſtuͤrzten!— . Edg. Der boͤſe Feind beißt mich im Ruͤcken. Narr. Der iſt toll, der auf die Zahmheit eines Wolfs baut, auf die Geſundheit eines Pferdes, eines Knaben Liebe, oder einer Hure Schwur. Lear. Es ſoll geſcheh'n, gleich ſprech' ich Euer Urtheil. (zu Edgar.) Komm, ſetz dich her, du hochgelehrter Richter; Du weifer Herr, ſitz hier.(zum Rarren.) Nun, ihr Wolfinnen— edgn Sieh, ewie er ſteht und glotzt;— habt Ihr keine Augen vor Gericht, ſchoͤne Dame?— Komm uͤber'n Bach, mein Lieſel, zu mir. Marr. Ihr Kahn iſt nicht dicht, Doch ſagt ſie dir's nicht, Warum ſie»ruber nicht darf zu dir. Edg. Der böſe Feind verfolgt den armen Thoms mit der Stimme einer Nachtigall. Hoptanz ſchreit in Thoms Bauch nach zwei Heringen. Kraͤchze nicht, ſchwarzer Engel! Ich habe kein Futter fuͤr dich. Rent. Nun, beſter Herr? O ſteh't nicht ſo betäubt! Wollt Ihr Euch legen, auf den Kiſſen ruh'n? Lear. Erſt das Verhor. Bringt mir die Zeugen her! (zu Edgar.) Du, Rathöherr im Talar, nimm deinen Platz: Czum Narren.) Und du, ſein Amtsgenoß der Richterwurde, Sitz ihm zur Seite.(zu Kent.) Ihr ſeyd auch vom Handwerk, Setzt Euch gleichfalls. Kedg. Laßt uns gerecht verfahren. Schlaͤfſt oder wachſt du, artiger Schaͤfer? Deine Schäfchen im Korne gehn, Und flötet nur einmal dein niedlicher Mund, Deinen Schaͤfchen kein Leid ſoll geſchehen. Purr! die Katz' iſt grau. Lear. Sprecht uͤber die zuerſt:*s iſt Goneril. Ich ſchwöre hier vor dieſer Verſammlung, ſie hat den armen Koͤnig, ihren Vater, mit Fuͤßen getreten. Narr. Kommt, Lady! Iſt Eu'r Name Goneril? Lear. Sie kann's nicht leugnen. Narr. Verzeiht! ich hielt Euch fuͤr nen Seſſel. Lear. Und hier noch eine, deren ſcheeler Blick Ihr finſtres Herz verraͤth. O haltet feſt! Waffen, Waffen, Feuer, Schwert!— Beſtechung! u falſcher Richter, laͤß'ſtdu ſie entfliehn? Sz. 6. König Lear. 343 Edg. Gott erhalte dir deine fuͤnf Sinne! Rent. O Jammer!— Herr, wo iſt nun die Geduld, Die Ihr ſo oft Euch ruͤhmtet zu bewahren? Edg.(beiſeit.) Meine nehmen ſo Parthei für ihn, Daß ſie mein Spiel verderben. Lear. Die kleinen Hunde, ſeht, Spitz, Mops, Blandine, alle bell'n mich an. Edg. Thoms wird ſeinen Kopf nach ihnen werfen. Hin⸗ aus mit Euch, Ihr Klaͤffer!— Sey dein Maul ſchwarz oder weiß, Sey's von rgen Geifer heiß, Windſpiel, Bullenbeißer, Jagdhund, Bracke, Pudel, Dogg und Schlachthund⸗ Lang⸗ und Stumpfſchwanz, all' ihr Köter, Hört Ihr Thoms, ſo ſchreit Ihr Zeter, Denn werf ich ſo den Kopf nach Euch, Rennt Ihr und ſpringt in Graben und Teich. Du di du di, Seſſa!— Kommt auf die Kirmes und den Jahrmarkt!— Armer Thoms!— Dein Horn iſt trocken. Lear. Nun laßt ſie Regan anatomiren und ſehn, was in ihrem Herzen brütet. Giebtes irgend eine Urſach in der Natur, die dieſe harte Herzen hervorbringt?— Gu Edgar.) Euch, Herr, halte ich als einen meiner Hundert; nur gefaͤllt mir der Schnitt Eures Habits nicht. Ihr werdet ſagen, es ſey perſiſche Tracht; aber laßt ihn aͤndern. 8 Rent. Nun guter Lord, ruh't hier und ſchlaft ein Weilchen. Lear. Macht keinen Laͤrm, macht keinen Laͤrm; zieht den Vorhang zu. So, ſo, ſo; wir wollen am Morgen zu Abend eſſen; ſo, ſo, ſo. Narr. und ich will am Mittag ſchlafen gehn. (Gloſter kommt zurück.) Gloſt. Komm her, Freund, ſag, wo iſt mein Herr, der Koͤnig? Rent. Hier, Herr! Doch ſtoͤrt ihn nicht, er iſt von Sinnen. Gloſt. Du guter Mann, nimm ihn in deine Arme; Von einem Vorſchlag, ihn zu toͤdten, hort' ich. Ich hab'ne Saͤnfte, leg' ihn da hinein, Und raſch nach Dover, wo du finden wirſt Schutz und Willkommen. Eil' und nimm ihn auf;— Säumſt du'ne halbe Stunde nur, ſo iſt Sein Leben, dein's und Aller, die ihn ſchuͤtzen Verlohren ohne Rettung fort denn, fort! Und folge mir; ich ſchaffe, dich zu ſchuͤtzen, Ein ſchnell Geleit. Rent. Schlaͤfſt du, erſchoͤpfte Kraft?— Ein Balſam waͤr's fuͤr dein zerrißnes Leben, Das, iſt dir ſolche Lindrung nicht vergoͤnnt, Wohl ſchwer geſundet.— Gum Narren.) Komm, hilf dei⸗ nem Herrn, Du darfſt zuruͤck nicht bleiben. Gloſt. Kommt, hinweg! (Kent, Gloſter und der Narr tragen den König fort.) (Edgar bleibt allein.) edg. Seh'n wir den Beßren tragen unſern Schmerz, Kaum ruͤhrt das eigne Leid noch unſer Herz. Wer einſam duldet, fuͤhlt die tiefſte Pein, Fern jeder Luſt, traͤgt er den Schmerz allein: Doch kann das Herz viel Leiden uberwinden, Wenn ſich zur Qual und Noth Genoſſen finden. Mein Ungluͤck dunkt mir leicht und minder ſcharf, Da, was mich beugt, den König niederwarf; Er kind⸗ ich vaterlos. Nun, Thoms, wohlan, Merk auf den Sturm der Zeit; erſchein' erſt dann, Wenn die Verleumdung, deren Schmach dich peinigt, Beſchämt durch Pruͤfung deinen Namen reinigt. Komme, was will die Nacht, flieht nur der Koͤnig!— Gieb Acht! Gieb Acht! Cgeht ab.) Siebente Szene. Gloſters Schloß. (Es treten auf Cornwall, Regan, Goneril, Edmund und Bediente.) Cornwall. Eilt ſogleich zu Mylord, Eurem Gemahl; zeigt ihm dieſen Brief; die franzöſiſche Armee iſt gelandet. Geht, ſucht den Schurken Gloſter. Ceinige Bediente gehn ab.) Reg. Haͤngt ihn ohne weiteres. Gon. Reißt ihm die Augen aus. Cornw. Ueberlaßt ihn meinem Unwillen. Edmund, lei⸗ ſtet Ihr unſ'rer Schweſter Geſellſchaft; die Rache, die wir an Euerm verraͤtheriſchen Vater zu nehmen gezwungen ſind, vertraͤgt Eure Gegenwart nicht wohl.— Ermahnt den Herzog, wenn Ihr zu ihm kommt, zur ſchleunigſten Ruͤ⸗ ſtung; wir ſind zum Gleichen verpflichtet. Unſ're Boten follen ſchnell ſeyn und das Verſtaͤndniß zwiſchen uns erhalten. Lebt wohl, liebe Schweſter,— lebt wohl, Mylord von Gloſter! (Haushofmeiſter tritt auf.) Cornw. Nun? wo iſt der Koͤnig? Zaush. Muylord von Gloſter hat ihn fortgefuͤhrt. Fuͤnf oder Sechs und Dreißig ſeiner Ritter Ihn eifrig ſuchend, trafen ihn am Thor, Und zieh'n nebſt andern von des Lord's Vaſallen WMit ihm nach Dover, wo ſie ruͤſt'ger Freunde Sich ruͤhmen. Cornw. Schafft die Pferde Eurer Herrin! Gon. Lebt wohl, Mylord und Schweſter! (Goneril und Edmund gehn ab.) Cornw. Edmund, leb' wohl.— Sucht den Verraͤther Gloſter, Bindet ihn, wie'nen Dieb, fuͤhrt ihn hierher. Obgleich wir ihm nicht wohl an's Leben koͤnnen Ohn' alle Rechtsform; doch ſoll unſ're Macht Willfahren unſerm Zorn, was man zwar tadeln, Nicht hindern mag. Wer kommt? Iſt's der Verraͤther? (Bediente kommen mit Gloſter.) Reg. Der undankbare Fuchs! Er iſt's. Cornw. Bind't ihm die welken Arme. Gloſt. Was meint Eur' Hoheit? Freunde, denkt Ihr d 2 Hier meine Gaͤſte; frevelt nicht mir. Cornw. Bind't ihn! (Gloſter wird gebunden.) Reg. Feſt! Feſt! O ſchaͤndlicher Verrather! Gloſt. Du unbarmherz'ge Frau, das war ich nie.— 346 Cornw. Bind't ihn an dieſen Stuhl: Schuft, du ſolſſt *n— Gloſt. Beim gut'gen Himmel, das iſt hoͤchſt unedel, Zu raufen meinen Bart! Reg. Dies H Verklagt dich droben einſt; ich bin Eu'r Wirth; Ihr ſolltet nicht mit Raͤuberhand mißhandeln Mein gaſtlich Angeſicht. Was wollt Ihr thun? Cornw. Sprecht, was fuͤr Briefe ſchrieb man Euch aus Reg. Antwortet ſchlicht, wir wiſſen ſchon die Wahrheit. Cornw. und welchen Bund habt Ihr mit den Verraͤthern, Die jetz Reg. In weſſen Hand gabt Ihr den tollen KFönig? Sprecht! Gloſt. Einen Brief erhielt ich voll Vermuthung, Von Jemand, der zu keiner Seite neigt, Und der nicht feindlich iſt. Cornw. Wo ſandteſt du den Koͤnig hin? Re ein Cornw. Warum nach Dover? Erſt erklaͤr' er das. Glo Reg Glo Ausriſſen ſeine armen alten Noch, wie die unbarmherz'ge In ſein geſalbtes Fleiſch die Hauer ſchlage. Die See, in ſolchem Sturm, wie er ihn baarhaupt In höllenfinſtrer Nacht erduldet, haͤtte Sich aufgebaumt, verlöſcht die ew'gen Lichter: Doch armes altes Herz, er half Dem Himmel regnen. Wenn ein Wolf geheult e (Regan zupft ihn am Barte.) So weiß und ſolch ein Schelm! Gloſt. Ruchloſe Frau, aar, das du entreißeſt meinem Kinn, Frankreich? t gelandet ſind? Cornw. Ausflucht! Reg. Und falſch. Gloſt. Nach Dover. Warum nach Dover?— nicht dein Leben drauf— ſt Am Pfahle feſt, muß ich die Hatze dulden. Warum nach Dover? ſt. Weil ich nicht wollte ſehn, wie deine Nagel oneril Sz. 7. Koͤnig Lear⸗ In jener grauſen Nacht an deinem Thor, Du hatt'ſt gerufen: Pfoͤrtner, thu' doch auf!— Wer grauſam ſonſt, ward mild. Doch ſeh ich noch Beſchwingte Rach' ereilen ſolche Kinder. Cornw. Sehn wirſt du's nimmer. Halte feſt den Stuhl, Auf deine Augen ſetz' ich meinen Fuß. Gloſt. Wer noch das Alter zu erleben hofft Der ſteh' mir bei:— o grauſam! O ihr Goͤtter.— Reg. Eins wird das Andre hohnen; jenes auch⸗ Cornw. Siehſt du nun Rache?— Bed. Haltet ein, Mylord! Seit meiner Kindheit hab' ich Euch gedient, Doch beſſern Dienſt erwies ich Euch noch nie, Als jetzt Euch: Halt: zurufen. Reg. Was, du Hund? Dien. Wenn Ihr'nen Bart am Kinne trugt, ich zauſ't ihn Bei ſolchem Streit; was habt Ihr vor? Corn. Mein Sclav? (er zieht den Degen.) Dien. Nun, dann nehmt hin, was Wuth und Zufall bringen. (ſie fechten, Cornwall wird verwundet.) Reg.(zu einem Bedienten.) Gieb mir dein Schwert: lehnt ſich ein Bauer auf? (Sie durchſticht ihn von hinten.) Dien. O ich bin hin! Mylord, Euch blieb Ein Ange Die Straf' an ihm zu ſehn.— O! Cer ſtirbt.) Cornw. Dafuͤr iſt Rath: heraus du ſchnoͤder Gallert!— Wo iſt dein Glanz nun? Gloſt. Alles Nacht und troſilos. Wo iſt mein Sohn Edmund?— Edmund, ſchuͤr' alle Funken der Natur, Und raͤche dieſen Greul. Reg. Ha, falſcher Bube, Du rufſt den, der dich haßt; er ſelber war's, Der deinen Hochverrath entdeckt; er iſt Zu gut, dich zu bedauern. Gloſt. O mein Wahnſinn! 348 Koͤnig Leat. A. IMI. Dann that ich Edgar Unrecht. Götter vergebt mir das und ſegnet ihn!— Reg. Fort, werft ihn aus dem Thor, dann mag er riechen Den Weg nach Dover. Wie iſt Euch Herr?— Wie geht'se (Gloſter wird weggebracht.) Cormw. Er ſchlug mir eine Wunde.— Folgt mir Lady: Hinaus den blinden Schurken! Dieſen Hund Werft auf den Miſt. Regan, ich blute ſtark: Dies kommt zur Unzeit. Gieb mir deinen Arm. (Regan führt Cornwall ab.) 1. Dien. Ich achte nicht, was ich fuͤr Suͤnde thu', Wenn's dem noch wohl geht. 2. Dien. Lebt ſie lange noch und endigt leichten Tod's nach altem Brauch, So werden alle Weiber Ungeheuer. 1. Dien. Ihm nach, dem alten Grafen; ſchafft den Tollen Daß er ihn fuͤhren mag: ſein Bettler Wahnſinn Laͤßt ſich zu Allem brauchen. 2. Dien. Geh nur, ich hol' ihm Flachs und Eierweis Es auf ſein blutiges Geſicht zu legen: Der Himmel helf' ihm!— (Sie gehn ab nach verſchiednen Seiten.) Koͤnig Lear. Vierter Aufzug⸗ — Erſte Szene. Freies Feld. (Edgar tritt auf.) Edgar. Doch beſſer ſo und ſich verachtet wiſſen, Als elend ganz, verachtet und geſchmeichelt. Das niedrigſte vom Gluͤck zertretne Weſen Stuͤtzt ſich auf Hoffnung doch, lebt nicht in Furcht. Beweinenswerther Wechſel trifft nur Beſtes, Das Schlimmſte kehrt zum Lachen: Drum willkommen Du weſenloſe Luft, die ich umfaſſe!— Der aͤrmſte, den du warfſt in's tiefſte Elend, Fragt nichts nach deinen Stuͤrmen.— Doch wer kommt? (Gloſter von einem alten Manne geführt.) Mein Vater bettlergleich gefuͤhrt? Welt, Welt, o Welt! Lehrt' uns dein ſeltſam Wechſeln dich nicht haſſen, Das Leben beugte nimmer ſich dem Alter.— Alt. Mann. O lieber gnaͤd'ger Herr, ich war Euer Paͤchter und Eures Vaters Paͤchter an die achtzig Jahre. Gloſt. Geh' deines Wegs, verlaß mich guter Alter, Dein Beiſtand kann mir doch nicht nuͤtzlich ſeyn, Dir moͤcht' er ſchaden. Alt. Mann. Ach⸗Herr, Ihr koͤnnt ja Euren Weg nicht ſehn. Gloſt. Ich habe keinen, brauch' drum keine Angen: Ich ſtrauchelt' als ich ſah. Oft zeigt ſich's, Mangel Wird uns zum Heil und die Entbehrung ſelbſt Gedeiht zur Huͤlfe. O mein Sohn! Mein Edgar!— Den des betrognen Vaters Zorn vernichtet!— Erlebt' ich noch umarmend dich zu ſeh'n, Dann ſpraͤch' ich, wieder hab' ich Angen!— 350 Koͤnig Lear. A. IV. . Alt. Mann. Wer da? Edg.(beiſeit.) Gott, wer darf ſagen; ſchlimmer kann's nicht werden? „S iſt ſchlimmer nun als je. Alt. Mann. Der tolle Thoms!— Edg.(beiſeit.) Und kann noch ſchlimmer gehn,'s iſt nicht das ſchlimmſte So lang man ſagen kann, dies iſt das Schlimmſte. Alt. Mann. Wo willſt du hin, Geſell? Gloſt. Iſt er ein Bettler? Alt. Mann. Ein Toller und ein Bettler. Gloſt. Er hat Vernunft nh ſonſt koͤnnt' er nicht etteln; Im letzten Nachtſturm ſah ich ſolchen Wicht ünd fuͤr'nen Wurm mußt' ich den Menſchen halten; Da kam mein Sohn mir in's Gemuͤth, und doch War mein Gemuͤth ihm damals kaum befreundet. Seitdem erfuhr ich mehr: was Fliegen ſind Den muͤß'gen Knaben, das ſind wir den Goͤttern; Sie tödten uns zum Spaß. Edg. Cbeiſeit.) Iſt mir's denn moͤglich? Ein ſchlecht Gewerb, beim Gram den Narren ſpielen; Man ärgert ſich und andre.(laut.) Gruß' Euch Gott!— Gloſt. Iſt das der nackte Burſch? Alt. Mann. Ja, gnaͤd'ger Herr. Gloſt. Dann geh' mein Freund. wuſ du uns wieder 6 treffen Ein zwei, drei Meilen weiter auf der Straße Nach Dover zu, ſo thu's aus alter Liebe: Und bring''ne Huͤlle fur die nackte Seele; Er ſoll mich fuͤhren. Alt. Mann. Ach! Er iſt ja toll!— Gloſt. Siiſt Fluch der Zeit, wenn Tolle fuͤhren Blinde!— Thu', was ich bat, oder auch was du willſt; Vor allem geh. Alt. WMann. Den beſten Anzug hol' ich, den ich habe, Entſtehe draus, was mag. (Er geht ab.) Gloſt. Hoͤr', nackter Burſch! Konig Lear 351 Edg. Der arme Thoms friert.(beiſeit.) Ich halte mich ntcht laͤnger! loſt. Komm her, Geſell'! Edg.(beiſeit.) Und doch, ich muß. Claut.) Gott ſchutz' die lieben Augen dir, ſie bluten.— Gloſt. Weißt du den Weg nach Dover? Edg. Steg' und Hecken, Fahrweg und Fußpfad. Der arme Thoms iſt um ſeine geſunden Sinne gekommen. Gott ſchutze dich, du gutes Menſchenkind, vor'm boͤſen Feind! Fuͤnf Teufel waren zugleich im armen Thoms: der Geiſt der Luſt, Obidicut; Hoptanz, der Fuͤrſt der Stummheit; Mahn, des Stehlens; Modu, des Mords; und Flibbertigibet, der Gri⸗ maſſenteufel, der ſeitdem in die Zofen und Stubenmaͤdchen ge⸗ fahren iſt. Gott helfe dir, Herr!— Gloſt. Hier nimm die Börſe, du, den Zorn des Himmels Zu jedem Fluch gebeugt; daß ich im Elend, Macht dich begluͤckter.— So iſt's recht, ihr Goͤtter!— Laßt ſtets den upp'gen, wolluſttrunknen Mann, Der eurer Satzung trotzt, der nicht will ſehen, Weil er nicht fuͤhlt, ſchnell eure Macht empfinden: Vertheilung tilgte dann das Uebermaas Und jeder haͤtte g'nug. Sag', weißt du Dover? Edg. Ja, Herr! Gloſt. Dort iſt ein Fels, deß hohe ſteile Klippe Furchtbar hinabſchaut in die jaͤhe Tiefe. Bring mich nur hin an ſeinen letzten Rand; Und lindern will ich deines Elends Buͤrde, Mit einem Kleinod: von dem Ort bedarf Ich keines Fuͤhrers mehr. 8 Edg. Gieb mir den Arm, Thoms will dich fuhren. (Sie gehn ab.) Koͤnig Lear. 3 weite Sene Schloß des Herzogs von Albanien. (Es treten auf Goneril und Edmund, von der andern Seite der Haushofmeiſter.) Goneril. Willkomm'n Mylord! mich wundert, daß mein ſanfter Mann üns nicht entgegen kam.— Wo iſt dein Herr? Zaush. Drinn', gnäd'ge S doch ganz und gar ver⸗ aͤndert: Ich ſagt' ihm von dem Heer, das juͤngſt gelandet, Da laͤchelt' er; Ich ſagt' ihm, daß Ihr kaͤm't; Er rief: ſo ſchlimmer! Als ich d'rauf berichtet Von Gloſters Hochverrath und ſeines Sohnes Gzetreuem Dienſt, da ſchalt er mich nen Dummkopf, Und ſprach, daß ich verkehrt die Sache naͤhme; Was ihm miffallen ſollte, ſcheint ihm lieb, Was ihm grfallen, leid. Gon.(zu Edmund.) Dann geht nicht weiter; »S iſt die verzagte Feigheit ſeines Geiſt's, Die nichts zu unternehmen wagt: kein Unrecht ruͤhrt ihn, Soll er die Spitze bieten. Unſer Wunſch Von unterwegs kann in Erfuͤllung gehn: Eilt denn zuruͤck zu meinem Bruder, Edmund, Beſchleunigt ſeine Ruͤſtung, fuͤhrt ſein Heer; Ich muß die Waffen wechſeln und die Kunkel Dem Manne geben. Dieſer treue Diener Soll unter Bote ſeyn: bald hoͤrt Ihr wohl, Wenn Ihr zu Eurem Vortheil wagen wollt, Was Eure Dame wuͤnſcht. Tragt dies; kein Wort;— Neigt Euer Haupt: der Kuß, duͤrft' er nur reden, Erhobe dir den Muth in alle Lufte;— Verſteh' mich und leb' wohl. Edm. Dein in den Reih'n des Tod's. (Er geht ab.) Gon. Mein theurer Gloſter!— O welch ein Abſtand zwiſchen Mann und Mann!— Sz. 2. Konig Lear. Ja dir gebuͤhrt des Weibes Gunſt; mein Narr Beſitzt mich wider Recht. Zaush. Der Herzog, gnäd'ge Frau! (Haushofmeiſter geht ab.) (Albanien tritt auf.) Gon. Ich war des Pfeifens doch wohl werth!— Alb. O Goneril, Du biſt des Staub's nicht werth, den dir der Wind Ins Antlitz weht. Ich furchte dein Gemuͤth:— Ein Weſen, das verachtet ſeinen Stamm, Kann nimmer feſt begrenzt ſeyn in ſich ſelbſt. Sie, die vom muͤtterlichen Stamm ſich loͤſ't, Und ſelber abzweigt, muß durchaus verwelken Und Todeswerkzeng ſeyn. Gon. Nicht mehr, der Text iſt albern. Alb. Weisheit und Tugend ſcheint dem Schlechten ſchlecht, Schmutz riecht ſich ſelber nur. Was thatet Ihr? Tiger, nicht Toͤchter, was habt Ihr veruͤbt!— Ein Vater und ein gnadenreicher Greis, Den wohl der rohe Baͤr in Ehrfurcht koſ'te, O Schmach! O Schandthat! fiel durch Euch in Wahnſinn! Und litt mein edler Bruder ſolche That, Ein Mann, ein Fuͤrſt, der ihm ſo viel verdankt?— Schickt nicht der Himmel ſichtbar ſeine Geiſter Alsbald herab, zu zuͤgeln dieſe Greu'l, Muß Menſchheit an ſich ſelbſt zum Raubthier werden, Wie Ungehen'r der Tiefe. Gon. Milchherz'ger Mann! Der Wangen hat fuͤr Schlaͤg', ein Haupt fuͤr Schimpf, Dem nicht ein Auge ward, zu unterfcheiden, Was Ehre ſey, was Kraͤnkung; der nicht weiß Daß Thoren nur den Schuft bedauern, der Beſtraft ward, eh' er fehlt.— Was ſchweigt die Trommel? Frankreichs Panier weht hier im ſtillen Land; Mit ſtolzem Aunbuſch droht dein Moͤrder ſchon, Und du, ein Tugendnarr, bleibſt ſtill und ſtohnſt: Ach warum thut er das? Alb. Schau' auf dich Teufel; Die eigne Haͤßlichkeit iſt nicht am Satan So graunvoll, als am Weibe. VIII. 28 X 354 Koͤnig Leb A. 1V. Gon. Bloͤder Thor! Alb. Schmach dir, entſtellt, verwandelt Weſen, mach' Dein Antlitz nicht zum Scheuſal! Ziemte mir's, Daß dieſe Hand gehorchte meinem Blut, Sie moͤchte leicht zerreiſſen dir und trennen Fleiſch und Gebein! Wie ſehr du Teufel biſt, Die Weibsgeſtalt beſchutzt dich. Gon. Ei, welche Mannheit nun!— (Ein Bote tritt auf. Alb. Was bringſt du Neues? Bote. O gnäd'ger Herr, todt iſt der Herzog Cornwall, Ihn ſchlug ſein Knecht, als er ausreiſſen wollte Graf Gloſters zweites Auge. Alb. Giloſters Augen? Bote. Ein Knecht, den er erzog, gereizt von Mitleid, Die That zu hindern, zuckte ſeinen Degen Auf ſeinen großen Herrn; der, drob ergrimmt, Ihn raſch mit Andrer Huͤlfe niederſtieß:— Doch traf ihn ſchon der Todesſtreich, der jetzt Ihn nachgeholt. Alb. Das zeigt, Ihr waltet droben, Ihr Richter, die ſo ſchnell der Erde Freveln Die Rache ſenden. Doch, o armer Gloſter, Verlor er beide Augen? Bote. Beide, Herr! Der Brief, Mylady, fordert ſchnelle Antwort, Er kommt von Eurer Schweſter. Gon.(beiſeit.) Halb gefaͤllt's mir; Doch, da ſie Wittwe iſt, und mein Gloſter bei ihr, Koͤnnt' all' der luft'ge Ban zuſammenſtuͤrzen Auf mein verhaßtes Leben. Andrerſeits Mundet die Nachricht wenig. Ich will leſen, Und Antwort ſenden. (ſie geht ab.) Alb. Wo war ſein Sohn, als ſie ihn blendeten? Bote. Er kam mit Eurer Gattin. Alb. Er iſt nicht hier. Bote. Mein gnaͤd'ger Herr, ich traf ihn auf dem Ruͤck⸗ weg. Alb. Weiß er die Greuelthat? Koͤnig Lear. 355 Bote: Ja, gnäd'ger Herr! Er war's, der ihn verrieth, Und den Pallaſt mit Fleiß verließ, der Strafe So freiern Lauf zu laſſen. Alb. Ich lebe, Gloſter, Die Treu, die du dem Koͤnig zeig'ſt, zu lohnen, Und dein Geſicht zu rächen!— Folg' mir Freund, und ſag' mir, was du ſonſt noch weißt. (ſie gehn ab.) Das franzöſiſche Lager bei Dover. (Es treten auf Kent und ein Ritter.) Rent. Warum der Koͤnig von Frankreich ſo ploͤtzlich zuruͤckgegan⸗ gen iſt, wißt Ihr die Urſach? Edelm. Es war ein Staatsgeſchaͤft noch nicht vollendet, Das nach der Landung er bedacht; es drohte Dem Königreich ſo viel Gefahr und Schrecken, Daß eigne Gegenwart hoͤchſt dringend ſchien Und unvermeidlich. Rent. Wen ließ er hier zuruͤck als ſeinen Feldherrn? Edelm. Den Marſchall Frankreichs, Herrn le For. Rent. Reizten Eure Briefe die Koͤnigin nicht zu Aeu⸗ ßerungen des Schmerzes? Edelm. Ja wohl, ſie nahm ſie, las in meinem Beiſeyn, Und dann und wann rollt' eine volle Thraͤne Die zarte Wang' herab: es ſchien, daß ſie Als Koͤn'gin ihren Schmerz regierte, der Rebelliſch wollt' ihr Koͤnig ſeyn. Rent. O dann Ward ſie bewegt! Edelm. Doch nicht zum Zorn. Geduld und Kummer ſtritten, k⸗ Wer ihr den ſtaͤrkſten Ausdruck lieh. Ihr ſaht Regen zugleich und Sonnenſchein: ihr Lächeln Und ihre Thraͤnen war wie Fruͤhlingstag. 356 Koͤnig Lear. Dies ſeel'ge Laͤcheln, das die friſchen Lippen umſpielte, ſchien, als wiſſ' es um die Gäſte Der Augen nicht, die ſo von dieſen ſchieden, Wie Perlen von Demanten tropfen. Kurz, Der Gram wuͤrd' als ein Schatz geſucht, wenn ſo Er alle ſchmuͤckte. Rent. Hat ſie nichts geſprochen? Edelm. Ja, mehrmals ſeufzte ſie den Namen Vater Stöhnend hervor, als S er ihr das Herz: Rief: Schweſtern! Schweſtern! Schmach der Frauen! Schweſtern! Kent! Vater! Schweſtern! Was, in Sturm und Nacht? Glaubt an kein Mitleid mehr! Dann ſtroͤmten ihr Die heil'gen Thraͤnen aus den Himmelsaugen, Und netzten ihren Laut: ſie ſturzte fort, Allein mit ihrem Gram zu ſeyn. BRent. Die Sterne, Die Sterne bilden unſ're Sinnesart, Sonſt zeugte nicht ſo ganz verſchiedne Kinder Ein und daſſelbe Paar.— Sprach't Ihr ſie noch? Edelm. Nein. Rent. War's vor des Königs Reiſe? Edelm. Nein, ſeitdem. Rent. Gut, er Der arme kranke Lear iſt in der Stadt; Manchmal in beß'rer Stimmung wird's ihm klar, Warum wir hier ſind, und auf keine Weiſe Will ey die Tochter ſehn. Edelm. Weshalb nicht, Herr?— Rent. Ihn uͤberwaͤltigt ſo die Scham: ſein harter Sinn, Der ſeinen Segen ihr entzog, ſie preisgab Dem fremden Zufall, und ihr theures Erbrecht Den huͤnd'ſchen Schweſtern lieh,— das alles ſticht So giftig ihm das Herz, daß gluh'nde Schaam Ihn von Cordelien fern haͤlt. Edelm. Armer Herr! Rent. Wißt Ihr von Cornwalls und Albaniens Macht? Edelm. S iſt wie geſagt, ſie ſtehn im Feld. Rent. Ich bring Euch jetzt zu unſerm König Lear, Und laſſ ihn Eurer Pflege. Wicht'ger Grund Sz. 4. Koͤnig Lear. Macht nothig, mich verborgen noch zu halten; Geb' ich mich kund, ſo wird's Euch nicht gereuen Daß Ihr mich jetzt gekannt. Ich bitt' Euch, kommt, Begleitet mich. Cſie gehn ab.) 6 Vierte Szene. Freies Feld. (Trommeln und Fahnen. Cordelia, ein Arzt⸗ Gefolge, Edelleute und Soldaten treten auf.) Cordelia. O Gott, er iſt's; man traf ihn eben noch S Wuth, wie das empoͤrte Meer; laut ſingend, Bekränzt mit wildem Erdrauch, Windenranken, Mit Kletten, Schierling, Neſſeln, Kukuksblumen, Und allem muͤß'gen Unkraut, welches waͤchſt Im nährenden Weizen. Hundert ſchickt und mehr; Durchforſcht jedwedes hochbewachſ'ne Feld Und bringt ihn zu uns. Was vermag die Kunſt, Ihm herzuſtellen die beraubten Sinne? Er, der ihn heilt, nehm' alle meine Schaͤtze. Arzt. Es giebt noch Mittel, Fürſtin: Die beſte Waͤrt'rin der Natur iſt Ruhe, Die ihm gebricht; und dieſe ihm zu ſchenken, Permag manch' wirkſam Heilkraut, deſſen Kraft Des Wahnſinns Augen ſchließen wird. Cord. All' ihr geſegneten, Wunder, All ihr verborgnen Kraͤfte der Natur, Sprießt auf durch meine Thränen! Lindert, heilt Des guten Greiſes Weh! Sucht, ſucht nach ihm⸗ Eh ſeine blinde Wuth das Leben loſt Das ſich nicht fuͤhren kann. (Ein Bote tritt auf.) Bote. Vernehmt, Mylady⸗ Die britbſche Macht iſt auf dem Zug hieher. Cord. Man wußt' es ſchon; und unſ're Vorbereitung 358 König Lear Erwartet ſie. O, du mein theurer Vater, Fuͤr deine Wohlfahrt hab' ich mich geruͤſtet, Drum hat der große Frankreich Mein Trauern, meiner Thränen Fleh'n erhoͤrt. Nicht ſchwell'nder Ehrgeiz treibt uns zum Gefecht, Nur Liebe, Lieb' und unſers Vaters Recht; Moͤcht' ich doch bald ihn ſehn und ihn vernehmen! (ſie gehn ab.) Fuͤnfte Szene. Regans Schloß. (Es treten auf Regan und der Haushofmeiſter.) Regan. Doch ſteht des Bruders Macht im Feld? Zaush. Ja, Fuͤrſtin. Reg. Er ſelbſt zugegen? Zaush. Ja, mit vieler Noth; Eure Schweſter iſt ein beſſerer Soldat. Reg. Lord Edmund ſprach mit deinem Herzog nicht? Saush. Nein, gnaͤd'ge Frau! Reg. Was mag der Schweſter Brief an ihn enthalten? Zaush. Ich weiß nicht, Fuͤrſtin. Reg. Gewiß, ihn trieb ein ernſt Geſchaͤft von hier. Sehr thoͤricht war's, dem Gloſter nach der Blendung Das Leben laſſen; wohin er kommt, bewegt er Die Herzen wider uns. Edmund, vermuth' ich, Aus Mitleid ſeines Elends, ging zu enden Sein naͤchtlich Daſeyn, und erforſcht zugleich Des Feindes Staͤrke. Zaush. Ich muß durchaus ihm nach mit meinem Brief. Reg. Das Heer ruckt morgen aus; bleibt hier mit uns: Gefaͤhrlich iſt der Weg. aush. Ich darf nicht, Fütſtin; Mylady hat mir's dringend eingeſchaͤrft. Sz. 5. 6. Konig Lear. 35⁵9 Reg. Was brauchte ſie zu ſchreiben? Koͤnnt'ſt du nicht Muͤndlich beſtellen dein Geſchäft?— Vielleicht— Etwas— ich weiß nicht was:— Ich will dir gut ſeyn, Laß mich den Brief entſiegeln. Zaush. Lieber moͤcht' ich— Reg. Ich weiß, die Herzogin haßt ihren Gatten: Das iſt gewiß, bei ihrem letzten Hierſeyn Liebaͤugte ſie mit ſehr beredten Blicken Dem edlen Edmund: Du biſt ihr Vertrauter. Zaush. Ich, Fuͤrſtin? Reg. Ich rede mit Bedacht: ich weiß, du biſt's: Drun rath ich dir, nimm dieſe Weiſung an. Mein Mann iſt todt; Edmund und ich ſind einig; Und beſſer paßt er ſich fuͤr meine Hand, Als deiner Herrin:— Schließe weiter ſelbſt. Wenn du ihn find'ſt, ſo bitt' ich, gieb ihm dies: Und wenn's die Herzogin von dir vernimmt⸗ Ermahne ſie, Vernunft zu Rath zu ziehn. Und ſomit lebe wohl. Triffſt du vielleicht den plinden Hochverräther, Ein reicher Lohn wird dem, der ihn erſchlägt. Zaush. Ich wollt', ich fand' ihn, Fuͤrſtin, daß Ihr ſaͤh't, Mit wem ich's halte. Reg. So gehab dich wohl! (ſie gehn ab.) Sech ſte Szene. Gegend bei Dover. (Es treten auf Gloſter und Edgar als Bauer) Gloſter. Wann kommen wir zum Gipfel dieſes Bergs? Edg. Ihr klimmt hinan, ſeht nur, wie ſchwer es geht!— Gloſt. Mich duͤnkt, der Grund iſt eben. Edg. Furchtbar ſteil! Horcht! Hoͤrt Ihr nicht die See? 360 Koͤnig Lear. A. IV. Gloſt. Nein, wahrlich nicht!— Edg. Dann wurden Eure andern Sinne ſtumpf Durch Eurer Augen Schmerz. Gloſt. Das mag wohl ſeyn. 3 Mich duͤnkt, dein Laut iſt anders und du ſprichſt Mit beſſerm Sinn und Ausdruck, als zuvor. Edg. Ihr taͤuſcht Euch ſehr, ich bin in nichts verändert Als in der Tracht. Gloſt. Mich duͤnkt, du ſpraͤcheſt beſſer. Edg. Kommt, Herr, hier iſt der Ort: ſteht ſtill; wie graunvoll Und ſchwindelnd iſt's, ſo tief hinab zu ſchaun!— Die Kraͤh'n und Dohlen, die die Mitt' umflattern, Sehn kaum wie Kaͤfer aus: halbwegs hinab Haͤngt Einer, Fenchel ſammelnd,— ſchrecklich Handwerk!— Mir duͤnkt, er ſcheint nicht groͤßer, als ſein Kopf. Die Fiſcher, die am Strande gehn entlang, Sind Maͤuſen gleich: das hohe Schiff am Anker Verjuͤngt zu ſeinem Boot; das Boot zum Tönnchen Beinah zu klein dem Blick: die dumpfe Brandung, Die murmelnd auf zahlloſen Kieſeln tobt, Schallt nicht ſo hoch.— Ich will nicht mehr hinabſehn; Daß nicht mein Hirn ſich dreht, mein wirrer Blick Mich taumelnd hinabſtuͤrzt. Gloſt. Stell' mich, wo du ſtehſt. Edg. Gebt mir die Hand: Ihr ſeyd nur Einen Fuß Vom letzten Rand: Fuͤr alles unterm Mond Thaͤt ich hier keinen Sprung. Gloſt. Laß mich nun kos. Hier, Freund, iſt noch ein Beutel, drin ein Kleinod, Koſtbar genug dem Armen. Fee'n und Goͤtter Geſegnen dirs! Geh nun zuruͤck, mein Freund, Nimm Abſchied, laß mich hoͤren, daß du geh'ſt. Edg. Lebt wohl denn, guter Herr! Gloſt. Von ganzem Herzen. Edg. So ſpiel ich nur mit dem Verzweifelnden, Um ihn zu heilen. Gloſt. O Ihr maͤcht'gen Goͤtter! Der Welt entſag' ich, und vor Euerm Blick Schuͤttl' ich geduldig ab mein großes Leid. Sz. 6. Konig Lear. Koͤnnt' ich es laͤnger tragen ohne Hader Mit Euerm unabwendbar ew'gen Rath, So moͤchte wohl mein muͤder Lebensdocht Von ſelbſt verglimmen. Wenn mein Edgar lebt— O ſegnet ihn!— Nun Freund, gehab dich wohl. Edg. Bin fort ſchon, lebt denn wohl. (Gloſter ſpringt und fällt zur Erde.) Und weiß ich, ob nicht Phantaſie den Schatz Des Lebens rauben kann, wenn Leben ſelbſt Dem Raub ſich preis giebt? War er wo er dachte, Jetzt daͤcht“ er nicht mehr.— Lebend oder todt?— He guter Freund!— Herr, hort Ihr?— Sprecht!— So koͤnnt' er wirklich ſterben:— Nein, er lebt. Wer ſeyd Ihr, Herr?— Gloſt. Hinweg und laß mich ſterben. Edg. Warſt du nicht Fadenſommer, Federn, Luft, So viele Klafter tief kopfuber ſtuͤrzend, Du waͤrſt zerſchellt, gleich einem Ey. Doch athmeſt du, Haſt Koͤrperſchwere, blut'ſt nicht, ſprichſt, biſt ganz: Zehn Maſtbaͤum' auf einander ſind ſo hoch nicht, Als ſteilrecht du hinabgefallen biſt. Dein Leben iſt ein Wunder: ſprich noch einmal. Gloſt. Doch fiel ich oder nicht?— Edg. Vom furchtbar'n Gipfel dieſer kreid'gen Klippe: Sieh nur hinauf, man kann die ſchrill'nde Lerche So hoch nicht ſehn noch hoͤren; ſteh' nur auf. cloſt. Ach Gott! Ich habe keine Augen. Ward auch die Wohlthat noch verſagt dem Elend, Durch Tod zu enden?— Troſt gewaͤhrt es doch, Als Noth den Grimm des Schickſals hoͤhnen konnte, Und ſeiner Willkuhr ſich entziehn. Edg. Gebt mir den Arm: Auf:— So! Wie geht's? 8 ½ Ihr die Beine?— Ihr eht?— Gloſt. Zu gut! zu gut! Edg. Das nenn' ich wunderſeltſam! Was war das fuͤr ein Ding, das Euch verließ Dort auf der Hoͤh'? Gloſt. Ein armer Bettler war's. Edg. Hier unten ſchienen ſeine Augen mir Zwei Monden; Tauſend Naſen hatt' er, Hoͤrner 362 Koͤnig Lear. A. IV. Gekruͤmmt, und woate, wie's empörte Meer: Ein Teufel war's: Drum denk', begluckter Alter, Daß hoͤchſte Götter, die zum Ruhm vollfuhren Was uns unmoͤglich ſcheint, dich retteten. Gloſt. Ja, das erkenn' ich jetzt. Ich will hinfort Mein Elend tragen, bis es ruft von ſelbſt: Genug, genug, und ſtirb! Das Ding, wovon Ihr ſprecht, ſchien mir ein Menſch: oft rief es aus: Der boͤſe Feind!— Er fuͤhrte mich dabin. Edg. Seyd ruhig und getroſt! Doch wer kommt da?— (Lear tritt auf, phantaſtiſch mit Blumen und Kränzen aufge⸗ ſchmückt.) Geſunder Sinn wird nimmer ſeinen Herrn So putzen. Lear. Nein, wegen des Weinens können ſie mir nichts anhaben; ich bin der König ſelbſt. Edg. O herzzerreißender Anblick!— Lear. Natur iſt hierin maͤchtiger, als die Kunſt:— da iſt Euer Handgeld. Der Burſch fuͤhrt ſeinen Bogen wie eine Vogelſcheuche: Spannt mir eine volle Tuchmacherelle,— Sieh, ſieh, eine Maus:— ſtill, ſtill, dies Stuͤck geroͤſteter Kaͤſe wird gut dazu ſeyn.— Da iſt mein Panzerhandſchuh; gegen einen Rieſen verfecht' ich's. Die Hellebarden her!— O ſchon geflogen, Vogel. In's Schwarze, in's Schwarze! Hui!— Gebt die Parole! Edg. Suͤßer Majoran.— Lear. Paſſirt. Gloſt. Die Stimme kenn' ich. Lear. Ha, Goneril!— Mit'nem weißen Bart! Sie ſchmeichelten mir, wie Hunde und erzaͤhlten mir, ich haͤtte weiße Haare im Bart, ehe die ſchwarzen kamen.— Ja und Nein zu ſagen, zu allem, was ich ſagte!— Ja und Nein zugleich, das war keine gute Theologie. Als der Regen einſt kam, mich zu durchnäſſen, und der Wind mich ſchauern machte, und der Donner auſ mein Geheiß nicht ſchweigen wollte, da fand ich ſie, da ſpuͤrte ich ſie aus. Nichts da, es iſt kein Verlaß auf ſie: ſie ſagten mir, ich ſey alles: das iſt eine Luge, ich bin nicht fieberfeſt. Gloſt. Den Ton von dieſer Stimme kenn' ich wohl: Iſt's nicht der Koͤnig? Lear. Ja, jeder Zoll ein Konig: — e e d n e, a in e Sz. 6. Koͤnig Lear⸗. 363 Blick' ich ſo ſtarr, ſieh, bebt der Unterthan.— Dem ſchenk' ich's Leben: was war ſein Vergehn? Ehbruch!— Du ſoliſt nicht ſterben.— Tod um Ehbruch,—2— Nein! Der Zeiſig thut's, die kleine goldne Fliege, Vor meinen Augen buhlt ſie. Laßt Ueppigkeit gedeih'n— denn Gloſters Baſtard Liebte den Vater mehr, als meine Tochter, Erzeugt im Ehbett. Dran Unzucht! Friſch auf, denn ich brauch Soldaten.— Sieh dort die ziere Dame, Ihr Antlitz weiſſagt Schnee in ihrem Schooß; Sie ſpreitzt ſich tugendlich und dreht ſich weg, Hoͤrt ſie die Luſt nur nennen: Und doch ſind Iltis nicht und hitz'ge Stute So ungeſtuͤm in ihrer Brunſt. Vom Guͤrtel nieder ſind's Centauren, Wenn auch von oben Weib: Nur bis zur Huͤfte wohnt der Gott: von unten Ganz Teufel: dort iſt Hölle, dort iſt Nacht, Dort iſt der Schwefelpfuhl, Brennen, Sieden, Peſtgeruch, PVerweſung,— pfui, pfui, pfui!— Pah! Pah!— Gieb etwas Biſam, guter Apotheker, Meine Phantaſie zu wuͤrzen! Da iſt Gold. Gloſt. O laß die Hand mich kuſſen!— Laß mich ſie erſt abwiſchen; ſie riecht nach Sterb⸗ ichkeit.. Gloſt. O du zertruͤmmert Meiſterſtuͤck der Schoͤpfung!— So nutzt das große Weltall einſt ſich ab Zu nichts. Kennſt du mich wohl? Lear. Ich erinnere mich deiner Augen recht wohl: Blin⸗ zelſt du mir zu?— Nein, thu dein aͤrgſtes, blinder Amor; ich will nicht lieben. Lies einmal dieſe Herausforderung: ſieh nur die Schriftzuͤge!— Gloſt. Waͤr'n alle Lettern Sonnen, ich ſaͤh keine. Edg. Nicht glauben wollt' ich dem Geruͤcht; es iſt, Und bricht mein Prze Lear. Lies! Gloſt. Mit den Augenhöhlen? Lear. Oho, ſteht es ſo mit dir? Keine Augen im Kopf, kein Geld im Beutel?— Höhlten ſie dir die Augen und holten dir den Beutel? Doch ſiehſt du, wie die Welt geht! 364 A. IV. Koͤnig Lear. Gloſt. Ich ſeh' es fuͤhlend. Lear. Was, biſt du toll?— Kann man doch ſehn, wie es in der Welt hergeht ohne Augen. Schau mit dem Ohr; ſieh, wie jener Richter auf jenen einfaͤltigen Dieb ſchmalt. Horch,— unter uns: den Platz gewechſelt und die Hand wer iſt Richter, wer Dieb? Sahſt du wohl eines auern Hund einen Bettler anbellen?— Gloſt. Ja, Herr! Lear. Und der Wicht lief vor dem Koͤter: da konnteſt du das große Bild des Anſehns erblicken; dem Hund im Amt gehorcht man. Du ſchuft'ger Buͤttel, weg die blut'ge Hand! Was geißelſt du die Hure? Peitſch dich ſelbſt; Dich luͤſtet heiß mit ihr zu thun, wofuͤr Dein Arm ſie ſtäͤupt. Der Wuchrer haͤngt den Gauner: Zerlumptes Kleid laͤßt kleinen Fehl erkennen, Talar und Pelz birgt alles. Huͤll' in Gold die Suͤnde, Der ſtarke Speer des Rechts bricht harmlos ab;— In Lumpen,— des Pygmaͤen Halm durchbohrt ſie. Kein Menſch iſt ſuͤndig; keiner, ſag' ich, keiner; Und ich verbuͤrg' es: denn verſteh', mein Freund,— Wenn ſie des Klaͤgers Mund verſiegeln koͤnnen.— Schaff' Augen dir von Glas, Und wie Politiker des Poͤbels, thu', Als ſaͤh'ſt du Dinge, die du doch nicht ſiehſt—— Nun, nun, nun, nun: Zieht mir die Stiefeln ab!— Staͤrker, ſtaͤrker,— ſo!— Edg. O tiefer Sinn und Aberwitz gemiſcht!— Vernunft in Tollheit! Lear. Willſt weinen uͤber mich, nimm meine Augen. Ich kenne dich recht gut, dein Nam' iſt Gloſter: Gedulde dich, wir kamen weinend an. Du weißt, wenn wir die erſte Luft einathmen, Schrei'n wir und winſeln. Ich will dir pred'gen, horch!— Gloſt. O welcher Jammer! Lear. Wir Neugebornen weinen, zu betreten Die große Narrenbuͤhne,— Ein ſchoͤner Hut!— O feine Kriegsliſt, einen Pferdetrupp Mit Filz ſo zu beſchuh'n; ich will's verſuchen, Und komm' ich uͤber dieſe Schwiegerſoͤhne, Dann ſchlagt ſie todt, todt, todt!— Todt, todt!— Sz. 4. enig Lear. 365 (Ein Ebelmann mit Bedienten tritt auf.) Edelm. O hier, hier iſt er. Haltet ihn! Mylord, Eu'r liebſtes Kind— Lear. Wie, kein Entſatz? Gefangen? Bin ich doch Der wahre Narr des Gluͤcks. Verpflegt mich wohl, Ich geb' Euch Löſegeld. Schafft mir'nen Wundarzt, Ich bin in's Hirn gehau'n, Edelm. Nichts ſoll Euch fehlen. Lear. Kein Beiſtand,— ganz allein? Da koͤnnte wohl der Menſch in ſalz'ge Thraͤnen Vergehn, wie Kannen ſeine Augen brauchend, Des Herbſtes Staub zu löſchen.— Edelm. Theurer Herr! Lear. Brav will ich ſterben, wie ein Braͤut'gam; was? Will luſtig ſeyn; kommt, kommt, ich bin ein Konig, Ihr Herren, wißt Ihr das?— Edelm. Ein hoher Koͤnig und wir folgen Euch. Lear. So iſt noch nichts verloren. Kommt: wenn ihr's haſchen wollt, ſo muͤßt ihr's durch Laufen haſchen. Sa, ſa, ſa, ſal (Er läuft fort.) Edelm. Ein Anblick jammervoll am aͤrmſten Bettler, An einem Koͤnig namenlos. Du haſt Ein Kind, Durch das die Welt vom grauſen Fluch erloͤſt wird, Den Zwei auf ſie gebracht. Edg. Heil, edler Herr! Edelm. Seyd kurz mein Freund! Was wollt Ihr? Edg. Vernahmt Ihr Herr, ob's bald ein Treffen giebt? Edelm. Nun, das iſt weltbekannt, ein Jeder weiß es, Der Ohren hat zu hoͤren. Edg. Doch erlaubt, Wie nahe ſteht der Feind? Edelm. Nah und in ſchnellem Anmarſch, ſtuͤndlich kann Die Hauptmacht hier ſeyn. Edg. Dank Euch! Das war Alles. Edelm. Weilt gleich die Koͤnigin aus Gruͤnden hier, Iſt doch das Heer ſchon vorgeruͤckt. Edg. Ich dank' Euch. (Edelmann geht ab.) 366 Konig Lear. Gloſt. Ihr ewig gůt'gen Goͤtter, nehmt mein Leben, Daß nicht mein böſer Sinn mich nochmals treibt, Zu ſterben, eh' es euch gefälit. Edg. So betet Ihr trefflich, Vater!— Gloſt. Nun, mein Freund, wer ſeyd Ihr? Edg. Ein armer Mann, durch Schickſalsſchläge zahm, Der durch die Schule ſelbſtempfundnen Grams Empfaͤnglich ward fuͤr Mitleid.— Gebt die Hand mir, Ich fuͤhr' Euch in ein Haus. Gloſt. Von Herzen Dank; Des Himmels Huld und reicher Segen geb' Euch Lohn auf Lohn!— (Der Haushofmeiſter tritt auf.) Zaush. Ein Preis verdient: Willkommen!— Dein augenloſer Kopf ward darum Fleiſch, Mein Gluͤck zu gruͤnden. Alter Hochverräther, Bedenke ſchnell dein Heil: das Schwert iſt blos, Das dich vernichten ſoll. Gloſt. So brauch mit Kraft Die Freundeshand! (Edgar ſetzt ſich zur Wehr.) aush. Was, frecher Bauer, willſt du Vertheid'gen ſolchen Hochverraͤther? Fort!— Daß ſeines Schickſals Peſt nicht auch auf dich Anſteckend falle. Laß den Arm ihm los. Eog. Will nit los loſſen Herr, muß erſt anders kumme. Zaush. Laß los Sclav, oder du ſtirbſt. Edg. Lieber Herr, gehn Eures Wegs und loßt arme Leut' in Ruh. Wann ich mich ſollt mit eim großen Maul ums Le⸗ ben bringen loſſen, da hätt ich's ſchun vor vierzehn Taͤg los werde kuͤnne. Kummt mer dem alte Mann nit nah; macht Euch furt, rath ich, oder ich will emohl verſuche, was ſtaͤrker is, Eu'r Hirnkaſte oder mei Knippel. Ich ſog's Euch grod' raus. Zaush. Ei du Hund!— Edg. Ich ward' Euch die Zähne ſtochern Herr: wos ſchiern mich Eure Finte! (Sie fechten, und Edgar ſchlägt ihn zu Boden.) — Bewußtſeyn ſeiner ſelbſt. Zaush. Sclav, du erſchlugſt mich— Schuft, nimm meinen Beutel: Soll's dir je wohl gehn, ſo begrabe mich, Und gieb die Briefe, die du bei mir find'ſt, An Edmund Grofn Sſe, ihn auf S In Englands Heer— O Tod zur Unzeit—— Jod!— In Eng 5 ſtirbt.) Edg. Ich kenne dich; ein dienſtbeflißner Bube, Den Laſtern der Gebiet'rin ſo ergeben, Als Bosheit wuͤnſchen mag. Gloſt. Was, iſt er todt? Edg. Hier ſetzt Euch Vater, ruht. Cbeiſeite) Laß ſehn die Taſchen: jene Briefe koͤnnen Mir guten Dienſt thun. Claut.) Er iſt todt; nur Schade, Daß ich ſein Henker mußte ſeyn. Cbeiſeit.) Laßt ſehn: Erlaube, liebes Wachs, und ſchilt nicht, Sitte: Man riſſe ja, des Feindes Sinn zu ſpaͤh'n, Sein Herz auf; ſeine Briefe geht ſchon eher. (er lieſt den Brief.) „Gedenkt unſrer gegenſeitigen Schwuͤre. Ihr habt manche Gelegenheit, ihn aus dem Wege zu räumen; fehlt Euch der Wille nicht, ſo werden Zeit und Ort Euch vielmal gunſtig ſeyn. Es iſt nichts geſchehn, wenn er als Sieger heim⸗ kehrt: dann bin ich die Gefangne und ſein Bett mein Ker⸗ ker. Von deſſen ekier Waͤrme befreit mich und nehmt ſeinen Platz ein fuͤr Eure Muͤhe: Eure(Gattin, ſo moͤcht' ich ſa⸗ gen) ergeb'ne Dienerin Goneril.“ O unenthuͤllter Raum des Weiberwillens! Ein Plan auf ihres biedern Mannes Leben, Und der Erſatz, mein Bruder!— Hier im Sande Verſcharr' ich dich, unſeel'ger Bote du,. Mordſuͤcht'ger Buhler; und zur rechten Zeit Bring' ich dies frev'le Blatt vor's Angeſicht Des todtumgarnten Herzogs. Wohl ihm dann, Daß deinen Tod und Plan ich melden kann. (Edgar ſchleppt den Leichnam hinaus.) Gloſt. Der Koͤnig raſ't. Wie ſtarr iſt meine Seele, Daß ich noch aufrecht ſteh und ſcharf empfinde Mein ſchweres Loos! Beſſer, ich wär verruͤckt; Dann wär mein Geiſt getrennt von meinem Gram, Und Schmerz in eiteln Phantaſie'n verloͤre (Edgar kommt zurück.) Edg. Gebt mir die Hand. Fernher, ſo ſcheint mir, hoͤr' ich Trommelſchlag; Kommt Vater!— Zu'nem Freunde fuͤhr' ich Euch. (ſie gehn ab.) Siebente Szene. Zelt. (Es treten auf Cordelia, Kent, ein Arzt und ein Edelmann.) Cordelia. O theurer Kent, kann all mein Thun und Leben Dir je verguͤten? Iſt mein Leben doch Zu kurz, und jeder Maasſtab allzuklein. Rent. So anerkannt iſt uͤberreich bezahlt. Was ich geſagt, iſt alles ſchlichte Wahrheit, Nicht mehr noch minder. Cord. Nimm ein beßres Kleid: Die Tracht iſt Denkmal jener bittern Stunden, Ich bitt' dich, leg ſie ab. Rent. Nein, guͤt'ge Fuͤrſiin; Jetzt ſchon erkannt ſeyn, ſchadet meinem Plan. Als Gnade bitt' ich, kennt mich jetzt noch nicht, Eh' Zeit und ich es fordern. Cord. Sey's denn ſo, Mein werther Lord. Czum Arzt.) Was macht der Koͤnig? Arzt. Er ſchläft noch, Fuͤrſtin! Cord. Guͤt'ge Göͤtter, heilt Den großen Riß des ſchwergekraͤnkten Greiſes! Der Sinne rauhen Mißklang, ſtimmt ihn rein Dem Kind gewordnen Vater!— Arzt. Gefaͤllt's Eu'r Hoheit, Daß wir den Koͤnig wecken? er ſchlief lang. Cord. Folgt Eurer Einſicht und verfahrt durchaus Nach eignem Willen. Iſt er angekleidet? Sp7. König Lear. 360 . (Diener bringen den ſchlafenden Lear in einem Seſſel herein.) Edelm. Ja, gnaͤd'ge Frau, in ſeinem tiefen Schlaf Verſah'n wir ihn mit friſchen Kleidern. Arzt. Bleibt gnaͤd'ge Koͤn gin, wenn wir ihn erwecken; Ich zweifle nicht an ſeiner Mäß'gung. Cord. Wohl! Arzt. Gefaͤllt's Euch, naͤher!— Lauter die Muſik!— Cord. Mein theurer Vater! O Geneſung, gieb Heilkraͤfte meinen Lippen; dieſer Kuß Lindre den grimmen Schmerz, mit dem die Schweſtern Dein Alter kraͤnkten! Rent Guͤt'ge, liebe Fuͤrſtin! Cord. Warſt du ihr Vater nicht,— dies Silberhaar Verlangte Mitleid. O, war dies ein Haupt, Dem Sturm der Elemente Preis zu geben? Dem lauten furchtbar'n Donner?— Stand zu halten Dem hoͤchſtgrau'nvollen ſchnell beſchwingten Flug Gekreuzter Blitze? Meines Feindes Hund, Und haͤtt' er mich gebiſſen, durft' in jener Nacht An meinem Feuer ſtehn: und dir, mein Vater, Genuͤgte faules kurzes Stroh bei Schweinen Und vogelfreiem Volk! Ach Gott! Ach Gott! Ein Wunder, daß dein Leben nicht zugleich Mit deinen Sinnen ſchied. Er wacht? ſprecht zu ihm! Arzt. Thut Ihr's Mylady;'s iſt am beſten. Cord. Was macht mein koniglicher Herr? Wie geht's Eu'r Majeſtät?— Lear. S iſt Unrecht, daß Ihr aus dem Grab mich nehmt: Du biſt ein ſeel'ger Geiſt, ich bin gebunden Auf einem Feuerrad, das meine Thraͤnen Durchgluͤh'n, wie fluͤſſig Blei.. Cord. Herr! Kennt Ihr mich? Lear. Du biſt ein Geiſt, ich weiß es wohl,— wann ſtarbſt du? Cord. Moch immer weit, weit weg! Arzt. Er iſt kaum wach, laßt ihn ein Weilchen ruhig. Lear. Wo war ich denn? Wo bin ich?— Heller Tag?— Man taͤuſcht mich arg: Ich ſturbe wohl vor Mitleid, Erblickt' ich Andre ſoz— wie iſt mir doch? Ich will nicht ſchwören, dies ſey meine Hand:— Laß ſehn: ich fuͤhle dieſen Nadelſtich. Waär' ich doch uͤberzeugt von meinem Zuſtand!— VMI. 24 370 Koͤnig Lear. Cord. O, ſeht auf mich, Mylord!— Hebt Eure Hand zum Segen uͤber mich! Ihr muͤßt nicht knieen. Lear. Spottet meiner nicht!— Ich bin ein ſchwacher, kindſcher alter Mann, Ichtzig und druͤber: keine Stunde mehr Noch weniger, und grad heraus, Ich fuͤrchte faſt, ich bin nicht recht bei Sinnen. Mich duͤnkt, ich kenn' euch, kenn' auch dieſen Mann, Doch zweifl' ich noch, denn ich begreif' es nicht, An welchem Ort ich bin; all mein Verſtand Entſinnt ſich dieſer Kleider nicht, noch weiß ich, Wo ich die Nacht ſchlief: lacht nicht uͤber mich, Denn ſo gewiß ich lebe,. Die Dame halt ich fur mein Kind Cordelia. Cord. Das bin ich auch! Ich bin's!— Lear. Sind deine Thränen naß? Ja wirklich! Bitte, O weine nicht! Wenn du Gift fur mich haſt, ſo will ich's trinken, Ich weiß, du liebſt mich nicht; denn deine Schweſtern, Wenn ich mir's recht erinn're, kraͤnkten mich; Du hatteſt Grund, ſie nicht. Cord. Kein Grund! Kein Grund! Lear. Bin ich in Frankreich? Cord. In Eurem eignen Königreich, Mylord! Lear. Betrugt mich nicht! Arzt. Seyd ruhig, hohe Frau! Die große Wuth iſt, wie Ihr ſeht, geheilt; Doch waͤr's gefaͤhrlich, die verlor'ne Zeit Ihm zu erklaͤren. Fuͤhrt ihn jetzt hinein! ünd ſtört ihn nicht, bis er ſich mehr erholt. Cord. Beliebt es Euch, hineinzugehn, mein König? Lear. O habt Geduld mit mir! Bitte, vergeßt, Vergebt, denn ich bin alt und kindiſch. (Lear, Cordelia, Arzt und Bediente gehen ab.) Edelm. Beſtaͤtigt ſich's Daß Herzog Cornwall ſo erſchlagen ward? Rent. Ja, Herr! Edelm. Wer iſt der Fuͤhrer ſeines Heers? Rent. Man ſagt, der Baſtard Gloſters. ————————————————— A. V. König Lear. 371 Edelm. Sein verbannter Sohn Edgar, heißt's, lebt mit dem Grafen Kent In Deutſchland. Rent. Das Geruͤcht iſt unverbuͤrgt. »S iſt Zeit, ſich umzuſchau'n, das Heer des Reichs Ruͤckt ſchleunig vor. Edelm. Nun, die Entſcheidung wird ſehr blutig ſeyn. Gehabt Euch wohl!(Geht ab.) Rent. Und meine Schaale ſenkt ſich oder ſteigt, Gut oder ſchlimm, wie jetzt der Sieg ſich neigt.— (geht ab.) Fuͤnfter Aufzug.⸗ Erſte Szene. Feldlager bei Dover. (Es treten auf mit Trommeln und Fahnen Edmund, Regan, Edelleute und Soldaten.) 3 Edmund. Den Herzog fragt: ob's bleibt beim letzten Wort, Oder ob ſeitdem ihn nichts bewog, den Plan Zu ändern, denn er iſt voll Widerſpruch Und Wechſel: meld' uns ſeinen feſten Willen. (Hauptmann ab.) Reg. Der Schweſter Boten traf gewiß ein Unfall. Rdm. Ich fuͤrcht' es, gnaͤd'ge Frau! Reg. Nun liebſter Graf, Ihr kennt das Gluͤck, das ich Euch zugedacht:— Sagt mir— doch redlich, ſagt die lautre Wahrheit,— Liebt Ihr nicht meine Schweſter?— Edm. Ganz in Ehren. 24 372 König Lear⸗ Peg. Doch fandet Ihr nie meines Bruders Weg Zu der verbotnen Staͤtte?— n 1 Edm. Falſcher Argwohn! Reg. Ich furcht', Ihr ſeyd mit ihr ſchon längſt vereint Auf's innigſte, ſo viel es möglich iſt. Edm. Nein gnaͤd'ge Frau, auf Ehre. Reg. Sie iſt mir unertraͤglich; theurer Lord, Seyd nicht vertraut mit ihr. Edm. Das fuͤrchtet nicht, Sie und der Herzog, ihr Gemal—. (Albanien, Goneril und Soldaten treten auf.) Gon.(beiſeit.) Eh' daß mir dieſe Schweſter ihn ent⸗ fremdet, Mocht' ich die Schlacht verlieren. Alb. Verehrte Schweſter, ſeyd uns ſehr willkommen.— Man ſagt der Koͤnig kam zu ſeiner Tochter Mit andern, ſo die Strenge unſrer Herrſchaft Zur Klage zwang. Ich war noch niemals tapfer Wo ich nicht ehrlich konnte ſeyn: Wir fechten, Weil Frankreich unſer Land hier uͤberzog, Nicht weil's dem Koͤnig hilft, ſammt jenen, welche Aus trift'gem Grunde, fuͤrcht' ich, mit ihm halten. Edm. Ihyr ſprecht ſehr tugendlich. Reg. Wozu dies Kluͤgeln? Gon. Dem Feind' entgegen ſteht vereint zuſammen: Fuͤr dieſen haͤuslichen beſondern Zwiſt Iſt jetzt nicht Zeit. Alb. So laßt uns denn den Rathſchluß Mit Kriegserfahrnen faſſen, was zu thun. Edm. Gleich werd' ich bei Euch ſeyn in Eurem Zelt. Reg. Ihr geht doch mit uns, Schweſter? Gon. Nein. Reg. Der Wohlſtand fordert's, bitt' Euch, geht mit uns. Gon.(beiſeit.) Oho, ich weiß das Raͤthſel. Ich will gehn. (da ſie gehen wollen, kommt Edgar verkleidet.) Edg. Sprach Euer Gnaden je ſo armen Mann, Goͤnnt mir ein Wort. Alb. Ich will Euch folgen; redet!— (Edmund, Regan, Goneril und Gefolge gehen ab.) König Leat. 8 Eh' Ihr die Schlacht beginnt, leſ't dieſen Briof: Wird Euch der Sieg, laßt die Trompete rufen ₰ Nach dem, der ihn gebracht; ſo arm ich ſcheine, 5 Kann ich'nen Kaͤmpfer ſtellen, zu bewaͤhren Was hier behauptet wird. Doch wenn Ihr fallt, Bann hat Eu'r Thun auf dieſer Welt ein Ende, Und alle Ränke ſchweigen. Gluͤck mit Euch! Alb. Wart' noch, bis ich ihn las. Edg. Das darf ich nicht. Wenn's an der Zeit, laßt nur den Herold rufen, Und ich erſcheine wieder. Cer geht ab.) Alb. Nun fahre wohl, ich will den Brief mir anſeh'n. (Edmund kommt zurück.) Edm. Der Feind iſt nah, zieht Eure Macht zuſammen, Hier iſt die Schätzung ſeiner Stärk' und Macht Nach der genauſten Kundſchaft: doch Eu'r Eilen Thut dringend Noth. Alb. So folgen wir der Zeit.* (geht ab.) Edm. Den beiden Schweſtern ſchwur ich meine Liebe; Und beide haſſen ſich, wie der Geſtochne Die Natter. Welche ſoll ich nehmen? Beide? Ein' oder Keine?— Keiner werd' ich froh Wenn beide leben. Mir die Wittwe nehmen, Bringt Goneril von Sinnen, macht ſie raſend, Und ſchwerlich komm' ich je zu meinem Ziel, So lang ihr Gatte lebt. Gut; nutzen wir Sein Anſehn in der Schlacht: iſt die vorbei, Mag ſie, die gern ihn los waͤr', weiter ſinnen, Ihn ſchnell hinwegzuraͤumen. Die Begnad'gung, Die er fuͤr Lear im Sinn' hat und Cordelia,— Wenn wir geſiegt und ſie in unſrer Macht, Vereitl' ich ſein Verzeih'n. Nicht muͤß'ger Rath Ziemt meiner Stellung, nein, entſchloß'ne That. (geht ab.) Koͤnig gear. 8 weite Szene. Ebendaſelbſt. (Felbgeſchrei brinnen. Es kommen mit Trommeln und Fahnen Lear, Cordelia und Soldaten, und ziehen über die Bühne. Edgar und Gloſter treten auf.) Edgar. Hier nehmt den kuhlen Schatten dieſes Baums ls guten Wirth; fleht hier den Sieg des Rechts. Wenn ich zu Euch je wiederkehre, Vater, Bring' ich Euch Troſt. Gloſt. Begleit' Euch Segen, Herr! (Edgar geht ab.) (Getümmel, Schlachtgeſchrei; es wird zum Rückzug geblaſen.) (Edgar kommt zurück.) Edg. Fort, alter Mann, gebt mir die Hand, hinweg!— Lear iſt beſiegt, gefangen ſammt der Tochter, Gebt mir die Hand, nur fort!— Gloſt. Nicht weiter S Man kann auch hier ver⸗ aulen. Edg. Was? Wieder Schwermuth? Dulden muß der enſch Sein Scheiden aus der Welt, wie ſeine Ankunft: Reif ſeyn iſt alles. Kommt! Gloſt. Wohl iſt das wahr. (ſie gehn ab.) D Das brittiſche Lager bei Dower. (Edmund tritt als Sieger auf, mit Trommeln und Fahnen. Lear und Cordelia als Gefangene. Officiere, Sol⸗ daten und andere.) Edmund. Hauptleute, fuͤhrt ſie weg! In ſtrenge Haft; Bis deren hoͤchſter Wille wird verkuͤndet, Die ihre Richter. Koͤnig Lear. Cord. Ich bin nicht die erſte, Die, gutes wollend, dulden muß das Schwerſte. Dein Ungluͤck, Vater, beugt mir ganz den Muth, Sonſt uͤbertrotzt' ich wohl des Schickſals Wuth. Sehn wir nicht dieſe Toͤchter? Dieſe Schweſtern? Lear. Nein, nein, nein, nein! Komm fort! Zum Ker⸗ ker fort!— Da laß uns ſingen, wie Voͤgel in dem Faͤfig: Bitt'ſt du um meinen Segen, will ich knie'n Und dein Verzeih'n erfleh'n; ſo woll'n wir leben, Beten und ſingen, Maͤhrchen uns erzaͤhlen, Und uͤber goldne Schmetterlinge lachen; Wir hoͤren armes Volk vom Hof erzaͤhlen, Und ſchwatzen mit, wer da gewinnt, verliert; Wer in, wer aus der Gunſt; und thun ſo tief Geheimnißvoll, als waͤren wir Propheten Der Gottheit: und ſo uͤberdauern wir Im Kerker Raͤnk' und Spaltungen der Großen, Die ebben mit dem Mond und fluthen. Edm. Fuͤhrt ſie fort! Lear. Auf ſolche Opfer, meine Cordelia, ſtreu'n Die Goͤtter ſeibſt den Weihrauch. Hab' ich dich? Wer uns will trennen, muß mit Himmelsbraͤnden Uns ſcheuchen, wie die Fuͤchſe. Weine nicht! Die Peſt ſoll ſie verzehren, Fleiſch und Haut, Eh' ſie uns weinen machen: nein, eh' ſollen ſie Verſchmachten! Komm! (Lear und Cordelia werden von der Wache abgeführt.) Edm. Tritt naͤher, Hauptmann, horch! Nimm dieſes Blatt, folg' ihnen in den Kerker: Schon eine Stuf' erhoͤht' ich dich, und thuſt du Wie dies verlangt, ſo bahnſt du deinen Weg Zu hohen Ehren. Merke dir's, der Menſch Iſt wie die Zeit: Zartfuͤhlend ſeyn, geziemt Dem Schwerte nicht. Dein wichtiges Geſchaͤft Erlaubt kein Fragen; ſag', du willſt es thun, Sonſt ſuch' dir anders Gluͤck. Zauptm. Ich bin bereit. Edm. Schnell thu's, ſo macht es dich zum großen Mann; Doch augenblicks, und richt' es alſo ein Wie ich dir's niederſchrieb. Koͤnig Lear. A. V. Zauptm. Ich kann den nicht ziehn noch Hafer 5 eſſen, Iſt's Menſchen möglich, will ich's thun. (er geht ab.) (Trompeten. Albanien, Goneril, Regan und Solda⸗ ten treten auf.) Alb. Herr, Ihr habt heut“ viel Tapferkeit bewieſen und hold war Euch das Gluͤck. In Eurer Haft Sind, die uns feindlich heut' entgegenſtanden. Wir fordern ſie von Euch, und woll'n ſie halten Vie's ihr Verdienſt und unſre Sicherheit Gleichmaͤßig heiſchen. Edm. Herr, ich hielt fuͤr gut Den alten ſchwachen König in Gewahrſam Und ſichre Hut bewacht hinwegzuſenden. Sein Alter wirkt, ſein Rang noch mehr, wie Zauber, Ihm der Gemeinen Herzen zu gewinnen, Und die geworb'nen Lanzen wider uns, Die Herr'n, zu kehren. Mit ihm ward Cordelia Aus gleichem Grund entfernt: ſie ſind bereit Auf morgen oder ſpaͤter zu erſcheinen, Wo Ihr die Sitzung haltet. Jetzt bedeckt Uns Schweiß und Blut; der Freund verlor den Freund, und in der Hitze flucht' dem beſten Kampf', Wer ſeine Schärfe fuͤhlte. Das Verhör Des Koͤnigs und Cordeliens erheiſcht Wohl eine beſſ're Stunde. Alb. Herr, erlaubt, Ich acht' Euch nur als Diener dieſes Kriegs, Als Bruder nicht. Reg. Das iſt, wie's uns beliebt. Mich duͤnkt, Ihr ſolltet unſern Wunſch erſt fragen, Eh' Ihr dies ſpracht. Er fuͤhrte unſer Heer, Vertrat uns ſelbſt und unſre hochſte Wuͤrde, Und kraft ſo hoher Vollmacht darf er aufſtehn, Und Euch als Bruder gruͤßen. Gon. Nicht ſo hitzig! Sein eigner Werth hat hoher ihn geadelt, Als deine Uebertragung. Reg. In mein Recht Durch mich gekleidet, weicht er nicht dem Beſten. — K Sz. 3. Koͤnig Lear. 377 Das Aug', mit dem Ihr das geſehen, ſchielte. Alb. Das hoͤchſtens nur, wenn er ſich Euch vermählte. Reg. Aus Spöttern werden oft Propheten. Gon. Holla! Reg. Lady, mir iſt nicht wohl, ſonſt gäb' ich dir Aus vollem Herzen Antwort. General, Nimm hin mein Heer, Gefang'ne, Land und Erbtheil, Schalt' uͤber ſie und mich; du haſt nun Ales; Bezeug's die Welt, daß ich dich hier erhebe Zu meinem Herrn und Eh'gemahl. Gon. Wie, hoffſt du Ihn zu beſitzen? Alb. Dein guter Wille wird es nicht verhindern. Edm. Noch Eurer, Herr! . Alb. Halbbuͤrt'ger Burſche, ja! Reg. Die Trommel ruͤhrt!— Verficht mein Recht als dein's. Alb. Halt! Hört ein Wort: Edmund, um Hochverrath Verhaft' ich dich und dieſe goldne Schlange. (auf Goneril deutend.) Was Euern Anſpruch anlangt, ſchoͤne Schweſter, Ich muß ihn hindern Namens meiner Frau. Die Dam' iſt insgeheim dem Lord verlobt, Und ich, ihr Mann, vernicht' Eu'r Aufgebot. Sucht Ihr'nen Gatten, ſchenkt Eur' Lieben mir, Mein Weib iſt ſchon verſagt. Gon. Ein Zwiſchenſpiel! Alb. Du biſt in Waffen, Gloſter: blaſ't Trompeten. Kommt Niemand, dich ins Angeſicht zu zeih'n, Verruchten, offenbaren Hochverraths— Hier iſt mein Pfand, auf's Haupt beweiſ' ichs dir, Eh' Brod mein Mund beruͤhrt, du ſeyſt das alles Wofuͤr ich dich erklaͤrt. Reg. Krank! Ich bin krank!— Gon.(beiſeit.) Wenn nicht, ſo trau' ich keinem Gift. Edm. Hier iſt mein Gegenpfand! Wer in der Welt Mich Hochverraͤther nennt, luͤgt wie ein Schurke. Trompeten blaſ't! Wer zu erſcheinen wagt, An ihm, an Euch, an jedem ſonſt behaupt' ich Feſt meine Ehr' und Treu'. 378 Rönig Lear, A. V. Alb. Ein Herold, ho! .(Ein Herold tritt auf.) Vertrau' allein dem eignen Arm; dein Heer, Wie ich's auf meinem Namen warb, entließ ich's In meinem Namen. Reg. Dieſe Krankheit wächſt!— Alb. Ihr iſt nicht wohl; geht, fuͤhrt ſie in mein Zelt! (Regan wird weggebracht.) Herold, tritt vor! Laß die Trompete blaſen! Und lies dies laut! (die Trompete wird geblaſen; der Herold lieſt.) Wenn irgend ein Mann von Stand oder Rang im Heer, wider Edmund, den angeblichen Grafen von Gloſter, behaup⸗ ten will, er ſey ein vielfacher Verraͤther; der erſcheine beim dritten Trompetenſtoß: Er iſt bereit ſich zu vertheidigen. Edm. Blaſe! Zerold. Noch einmal!— Noch einmal!— Ceine andre Trompete antwortet hinter der Bühne; darauf tritt Edgar bewaffnet auf; ein Trompeter geht vor ihm.) Alb. Fragt, was er will, warum er hier erſcheint Auf der Trompete Ladung? Zerold. Wer ſeyd Ihr? Eu'r Nam'? Eu'r Stand? Warum antwortet Ihr Auf dieſe Ladung? Edg. Wißt, mein Nam' erloſch, Zernagt vom gifi'gen Zahne des Verraths; Doch bin ich edel wie mein Widerpart, Dem ich Kampf biete. Alb. Welchem Widerpart? Edg. Wer iſt's, der fur Edmund, Graf Gloſter, ſpricht? Edm. Er ſelbſt, was willſt du ihm? Edg. So zieh' dein Schwert, Daß, wenn mein Wort ein edles Herz verletzt, Dein Arm dir Recht verſchafft; hier iſt das meine.— Denn alſo iſt das Vorrecht meines Standes Des Ritterſchwures und Berufs: dich zeih' ich Trutz deiner Stärke, Jugend, Wuͤrd' und Hoheit, Trutz deinem Siegerſchwert und neuem Gluͤck, Wie Kraft und Muth dich ziert,— du ſeyſt Verräther, Falſch deinen Göttern, deinem Bruder, deinem Vater, — ———— — Sz. 3. König Lear. 379 Rebelliſch dieſem hocherlauchten Fuͤrſten, Und von dem hoͤchſten Wirbel deines Haupt's Zu deiner Sohle tiefſtem Staub herab Ein krotengift ger Bube. Sagſt du Nein, Dies Schwert, mein Arm, mein beſter Muth ſind fertig, Waos ich gezeugt, auf's Haupt dir zu beweiſen: Du luͤgſt. Edm. Dem Brauch' nach ſollt' ich deinen Namen fragen; Doch weil dein Aeußres alſo ſchoͤn und krieg'riſch Und Ritterſchaft aus deiner Rede ſpricht,— Was ich mit Fug und Vorſicht wohl verweigert, Nach Recht des Zweikampfs, das will ich verachten. In deine Zähne ſchleudr' ich den Verrath, Werf' dir ins Herz zuruͤck die Höͤllenluͤge; Verrath im Streifen hat mich kaum beruͤhrt: Run ſoll mein Schwert ihm gleich die Staͤtte bahnen Wo er auf ewig ruh'n ſoll. Blaſt, Trompeten!— (Getümmel; ſie fechten; Edmund fällt.) Alb. O rettet ihn! Gon. Du fielſt durch Hinterliſt, Nach Recht des Zweikampfs brauchſt du nicht zu ſtehn Dem unbekannten Gegner: nicht beſiegt, Getäuſcht, betrogen biſt du. Alb. Weib, ſchweigt ſtill, Sonſt ſtopft dies Blatt den Mund Euch. (zu Edmund.) Seht hierher! C(zu Goneril.) Du ſchaͤndlichſte! Lies deine Unthat hier: Zerreißt es nicht! Ich ſeh', Ihr kennt dies Blatt. (er giebt den Brief an Edmund.) on. Und wenn auch, das Geſetz iſt mein, ni in; Wer darf mich richten? x Alb. Scheuſal! Alſo kennſt dus? Gon. Frag' mich nicht, was ich kenne. Cſie geht ab.) Alb. Geh', folg' ihr; ſie iſt außer ſich: bewacht ſie! Edm. Weß du mich angeklagt, ich hab's gethan, Und mehr, weit mehr; die Zeit enthuͤllt es bald,— Sie iſt am Schluß und ſo auch ich. Doch wer biſt du, 380 Koͤnig Lear. Der ſo mir obgeſiegt? Biſt du ein Edler, Vergeb' ich dir. Edg. Laß uns Erbarmung tauſchen. Ich bin an Blut geringer nicht als du; Wenn mehr, ſo mehr auch that'ſt du mir zu nah. Edgar heiß' ich, bin deines Vaters Sohn. Die Götter ſind gerecht: aus unſern Luͤſtrn Erſchaffen ſie das Werkzeug uns zu geißeln. Der dunkle ſuͤnd'ge Ort, wo er dich zeugte, Bracht' ihn um ſeine Augen. Edm. Wahr, o wahr!— Ganz kam das Rad herum, ich liege hier. Alb. Mir ſchien dein Gang ſchon königlichen Adel Zu kuͤndigen: ich muß dich hier umarmen. Gram ſpalte mir das Herz, haßt' ich jemals Dich oder deinen Vater. Edg. Wuͤrd'ger Fuͤrſt Das weiß ich. Alb. Doch, wo waret Ihr verborgen? Wie kam Euch Kunde von des Vaters Elend? Edg. Indem ich's pflegte, hoͤrt ein kurzes Wort; Und iſt's erzaͤhlt, o braͤche dann mein Herz!— Der blut'gen Achtserklaͤrung zu entgehn, Die mir ſo nah war:—(o wie ſuͤß das Leben!— Daß ſtuͤndlich wir in Todesqualen ſterben Lieber als Tod mit Eins!) verhuͤllt' ich mich In eines Tollen Lumpen; nahm ein Anſehn, Daß Hunde ſelbſt mich ſcheuten: ſo entſtellt Fand ich den Vater mit den blut'gen Ringen, Beraubt der edlen Steine; ward ſein Leiter, Juͤhrt' ihn und bettelte fuͤr ihn und ſchuͤtzt' ihn Vor der Verzweiflung: nie gab ich mich kund, Bis ich vor einer halben Stund' in Waffen, Nicht ſicher, doch voll Hoffnung dieſes Siegs, Uum ſeinen Segen fleht', und von Beginn Zum Ende meine Pilgerſchaft erzaͤhlte; Doch ſein zerſpaltnes Herz, ach ſchon zu ſchwach, Den Kampf noch auszuhalten zwiſchen Schmerz Und Freud', im Uebermaaß der Leidenſchaft Brach laͤchelnd. Edm. Deine Red' hat mich geruͤhrt, 6S3 Koͤnig Lear. Und wirkt wohl gutes; aber ſprich nur weiter, Dein Anſehn iſt, als haͤtt'ſt du mehr zu ſagen⸗ Alb. Iſt es noch mehr, mehr leidvoll noch, ſo ſchweig, Denn ich din nah' daran mich aufzuloͤſen, Dies hoͤrend⸗ Edg. Dies erſchien als hoͤchſtes wohl Dem, der den Gram nicht liebt: jedoch ein Andres, Noch ſteigernd, was zuviel ſchon, uͤberragt Das alleraͤußerſte. Als ich laut ſchrie vor Schmerz, da kam ein Mann Der mich geſeh'n in meinem tiefſten Elend, Und meine ſchreckliche Geſellſchaft floh: Nun aber, da er hoͤrte, wer es ſen, Der dies ertrug, ſchlug er die ſtarken Arme Mir um den Hals, und heulte laut Zum Himmel auf, als wolt' er ihn zerſprengen; Warf ſich auf meinen Vater hin, erzaͤhlte Von ſich und Lear die kläglichſte Geſchichte, Die je ein Ohr vernahm: im Sprechen ward Sein Schmerz ſo uͤbermenſchlich, daß die Straͤnge Des Lebens ſchon ihm zweimal riſſen: da Klang die Trompet', ich ließ ihn halb entſeelt. Alb. Doch wer war dieſer? Edg. Kent, der verbannte Kent, der in Verkleidung Nachfolgte dem ihm feindgeſinnten Koͤnig, Und Dienſte that, die keinem Sklaven ziemten. (Ein Edelmann kommt in voller Eile mit einem blut'gen Meſſer.) Edg. Wem helfen? Alb. Sagt uns an!— Edg. Was meint der blut'ge Dolch? Edelm. Er raucht, iſt heiß; Er kommt friſch aus dem Herzen— o ſie iſt todt!— Alb. Wer todt? Sprich Mann! Edelm. Herr, Eure Gattin: ihre Schweſter iſt Von ihr vergiftet; ſie bekannt' es ſelbſt. Edm. Ich war verlobt mit beiden, alle Drei Vereinigt jetzt ein Augenblick. (Kent tritt auf.) ——— Edg. Hier kommt Kent. Alb. Bringt ſie hieher uns, lebend oder todt. (Goneril's und Regan's Leichen werden hereingetragen.) Dies Strafgericht des Himmels macht uns zittern, Ruͤhrt unſer Mitleid nicht. O iſt er das?— Die Zeit verſtattet nicht Empfang, wie ihn die Sitte heiſcht. Rent. Ich kam, Um gute Nacht auf immer meinem Koͤnig Und Herrn zu ſagen. Iſt er nicht hier?— Alb. So großes ward vergeſſen!— Sprich Edmund, wo iſt Lear? Wo iſt Cordelia? Siehſt du den Anblick, Kent? Rent. Ach! warum ſo? Edm. Edmund ward doch geliebt! Die Eine gab um mich der Andern Gift, Und dann ſich ſelbſt den Tod. Alb. So iſt's.— Verhuͤll' ihr Antlitz! œdm. Nach Leben ring' ich. Gutes moͤcht' ich thun Trotz meiner eignen Art. Schickt ungeſaͤumt— O eilt Euch!— auf das Schloß: denn mein Befehl Geht auf des Koͤnigs und Cordeliens Leben. Ich ſag' Euch, zoͤgert nicht! Alb. Lauf't, lauf't, o laufet! Edg. Zu wem, Mylord? Wer hat den Auftrag? Schickt Ein Pim des Widerruf's! Edm. Sehr wohl bedacht, hier nimm mein Schwert Und giebs dem Hanptmann. Edg. Eil dich, um dein Leben! (Ein Officier geht ab.) Edm. Er hat Befehl von deinem Weib und mir, Cordelien im Gefaͤngniß aufzuhaͤngen, Und der Feiee dann die Schuld zu geben, Daß ſie ſich ſelbſt entleibt. Alb. Die Götter ſchutzen ſie! Tragt ihn hinweg! (Edmund wird weggetragen.) (Lear kommt, ſeine Tochter Cordelia todt in den Armen tragend,) v— Sz. 3. Koͤnig Lear. 383 Lear. Heul't, heubt, heukt, heul't! O Ihr ſeyd all“ von Stein! Häͤtt' ich Eur' Aug' und Zunge nur, mein Jammer Sprengte des Himmels Woͤlbung!— Hin auf immer!— Ich weiß wenn Einer todt und wann er lebt: Todt wie die Erde: geb't'nen Spiegel herz; Und wenn ihr Hauch die Flaͤche truͤbt und ſtreift, Dann lebt ſie. Rent. Iſt dies das verheiß'ne Ende? Edg. Sind's Bilder jenes Grau'ns? Alb. Brich, Welt, vergeh!— Pear. Die Feder regte ſich, ſie lebt! O lebt ſie, So iſi's ein Gluͤck, das allen Kummer tilgt, Den ich jemals gefuͤhlt. Rent.(kniend.) O theurer Herr!— Lear. Fort, ſag' ich dir! Edg. Siſt Kent, Eu'r edler Freund⸗ Lear. Fluch uͤber Euch, Verräther, Moͤrder, all'!— Ich konnt' ſie retten; nun dahin auf immer! ordelia! Cordelia! Wart' ein wenig, ha! Was ſprachſt du?— Ihre Stimme war ſiets ſanſt, Zärtlich und mildz ein koͤſtlich Ding an Frau'n— Ich ſchlug den Sclaven todt, der dich gehaͤngt. Rent. S iſt wahr Mylords, er that's⸗ 2 Lear. That ich's nicht, Burſch? Einſt war die Zeit, wo ſie mein gutes Schwert Wohl haͤtte ſpringen machen. Nun bin ich alt Und all dies Leid bringt mich herab.— Wer biſt du? Mein Aug' iſt nicht das Beſte? ich weiß es gleich.— Rent. Ruͤhmt ſich Fortuna Zweier, die ſie liebte Und haßte;— Einen ſeh'n wir hier. Lear. Ich ſeh' was ſonderbares:;— Biſt du nicht - Kent? Rent. Ich bin's, dein Diener Kent. Wo iſt dein Diener Cajus?— Lear. Das iſt ein wackrer treuer Burſch; das glaubt mir; Der ſchlagt und ſaͤumt nicht:— er iſt todt und fault. Rent. Nein, theurer Fuͤrſt: ich ſelber bin der Mann VI. 25 Koͤnig Lear. Pear. Das will ich ſeh'n,— Rent. Der gleich ſeit Eurem Abweg und Verfall Folgt' Eurer ſinſtern Bahn. Lear. Willkommen hier! Rent. Nein keiner wohl!— alles, todt, und troſtlos!— Eure aͤltern Toͤchter legten Hand an ſich, Und ſtarben in Verzweif'lung. Lear. Ja, das denk' ich. Alb. Er weiß nicht, was er ſagt; es iſt vergeblich Daß wir uns ihm verſtaͤnd'gen. 4 Edg. Ganz umſonſt. (Ein Hauptmann kommt) Zauptm. Edmund iſt todt, Mylord! Alb. Das iſt hier Nebenſache. Ihr Freund' und edeln Lords hoͤrt unſern Willen. Was Troſt verleih'n kann ſo gewalt'gen Truͤmmern, Das ſey verſucht. Wir ſelbſt entſagen hier Zu Gunſten dieſer greiſen Majeſtät Der Herfſchermacht.(zu Edgar.) Ihr tretet in Eu'r Recht Mit Ehr' und Zuwachs, wie es Enre Treu Mehr gls verdient hat. Alle Freunde ſollen Den Lohn der Tugend koſten, alle Feinde Den Kelch der Miſſethat. O ſeh't, o ſeh't!— Lear. Und todt mein armes„— Nein! Kein * eben! Ein Hund, ein Pferd,'ne Maus ſoll Leben haben, Und du nicht einen Hauch?— O, du kehrſt nimmer wieder, Niemals, niemals, niemals, niemals, niemals!— Ich bitt' Euch, knoͤpft hier auf!— Ich dank Euch, Herr! eh't Ihr dies? Sehlt ſie an!— Seh't ihre Lippen Seh't hier,— ſeh't hier!— Cer ſtirbt.) p Edg. Ohnmaͤchtig wird er,— o mein Konig!— Rent. Brich Herz, ich bitt' dich, brich! Edg. Blickt auf, mein Konig! Rent. Quaͤlt ſeinen Geiſt nicht! Laßt ihn ziehn! Der haß't ihn, Der auf die Folter dieſer zaͤhen Welt Ihn laͤnger ſpannen will⸗ Edg. O wirklich todt!— — — 8 en 385 Rent. Das Wunder iſt, daß er's ertrug ſo lang; Sein Leben war nur angemaaßt. Alb. Tragt ſie hinweg! Was uns zunaͤchſt erfuͤllt Sit allgemeine Trauer. Gu Kent und Edgar.) Herrſcht Ihr beiden, Geliebten Freunde; heil't des Staates Leiden. Rent. Ich muß zur Reiſe bald geruͤſtet ſeyn; Mein Meiſter ruft, ich darf nicht ſagen: nein! Alb. Laßt uns, der truͤben Zeit gehorchend, klagen, Nicht, was ſich ziemt, nur was wir fuͤhlen, ſagen. Dem Aelt'ſten war das ſchwerſte Loos gegeben, Wir Juͤngern werden nie ſo viel erleben. (Sie gehn mit einem Tovtenmarſche ab.) t dem neunten und i * — 8 — — . — . S „* * — S 5 * — S — . S £ — £ S — — S — — 3 = 8 ₰ 8 9 10 11 12 13 14 18 16 17 18 10 20 . 9 8 † 6 ² ii Se