3 5—— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Monnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 6 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: Mł.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„„ E„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, vaß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. * 3 — — Shakspeare's dramatiſche Verke. Ueberſetzt Auguſt Wilhelm von Schlegel, ergaͤnzt und erlaͤutert Ludwig Dieck. —— Siebenter Theil. ende gut aues gut. Die beiden Veroneſer. Timon von Athen. Troilus und Creſſida. Berlin, bey G. Reimer. 8 3 Ende gut, Alles gut. VII. 1 Perſonen. Der König von Frankreich. Der Herzog von Florenz. Bertram, Graf von Rouſſillon. Lafeu, ein Vaſall des Königs. Parolles, Geſellſchafter des Grafen. Meyrere junge franzöſiſche Edelleute. K fieiſe in Dienſten der Gräfin von Rouſſillon. Die Gräfin von Rouſſillon. Helena, ihre Pflegetochter. Eine Wittwe. Diana, deren Tochter. Violenta, Mariane, Herren vom Hofe; Hauptleute; Soldaten. Dianens Freundinnen. (Die Szene theils in Frankreich, theils in Toscana.) —— 8 —— Er ſt er A u fz u g⸗ — Erſte Szene. Rouſſillon. (Es treten auf Bertram, die Gräfin von Rouſſillon, He⸗ lena und Lafeu, alle in Trauer.) Gräfin⸗ Indem ich meinen Sohn in die Welt ſchicke, begrabe ich einen zweiten Gemal. Bert. Und ich, indem ich gehe, theure Mutter, beweine meines Vaters Tod aufs Neue: aber ich muß dem Befehl des Koͤnigs gehorchen, deſſen Muͤndel ich jetzt bin, und immerdar ihm unter worfen. Laf. Ihr, gnaͤdige Frau, werdet an dem Koͤnige einen Gemal finden; Ihr, Graf, einen Vater. Er, der ſo un⸗ bedingt zu allen Zeiten gut iſt, muß nothwendig auch gegen Euch ſich ſo bewaͤhren, deſſen Werth ſeine Tugend erwecken wuͤrde wo ſie fehlte; und um ſo weniger wird dieſe auch entſtehn, da er ſie im Ueberfluß beſiegt. Gräfin. Was fuͤr Hoffnung hat man fuͤr die Beſſerung Seiner Majſeſtaͤt? Laf. Er hat ſeine Aerzte verabſchiedet, gnaͤdige Frau, unter deren Behandlung er die Zeit mit Hoffnung ver⸗ ſchwendet, und in dem Fortgang nur das gewonnen hatte, daß er mit der Zeit auch die Hoffnung verlor. Graͤfin. Dieſes junge Maͤdchen hatte einen Vater,— (O, dieß hatte!— welcher traurige Gedanke liegt darin!) deſſen Talent faſt ſo groß war, als ſeine Rechtſchaffen⸗ heit. Waͤre es ihr ganz gleich gekommen, es haͤtte die Na⸗ tur unſterblich gemacht, und der Tod, Mangel an 4 Ende gut, Alles gut. A. I. Arbeit, hätte ſich dem Spiel ergeben. Ich wuͤnſchte um des Koͤnigs willen, er lebte noch; ich glanbe, das wuͤrde fuͤr des Koͤnigs Krankheit der Tod ſeyn. Laf. Wie hieß der Arzt von dem Ihr redet, gnaͤdige rau? Graͤfin. Er war in ſeiner Kunſt hochberuͤhmt, und zwar mit groͤßtem Recht; Gerhard von Narbonne. Laf. Allerdings war er ein vortrefflicher Mann, gnaͤ⸗ dige Frau; der Koͤnig ſprach noch neulich von ihm mit Be⸗ wundrung und Bedauern. Er war geſchickt genng um immer zu leben, wenn Wiſſenſchaft gegen Sterbüchkeit in die Schranken treten koͤnnte. Und woran leidet der Koͤnig, mein theurer errs Laf. An einer Fiſtel, Herr Graf. Bert. Das war mir noch unbekannt. Laf. Ich wollte, man wuͤßte nichts davon!— War dieß junge Maͤdchen die Tochter Gerhards von Rar⸗ bonne?— Gräfin. Sein einziges Kind, Herr Ritter, und meiner Aufſicht anvertraut. Ich hoffe, ſie wird durch ihre Guͤte erfuͤllen, was ihre Erziehung verſpricht; ihre Anlagen ſind ihr angeerbt, und dadurch werden ſchoͤne Gaben noch ſcho⸗ ner: denn wenn ein unlautres Gemuͤth herrliche Faͤhigkei⸗ ten beſitzt, ſo lobt man indem man bedauert; es ſind Vor⸗ zuge und zugleich Verraͤther: in ihr aber ſtehn ſie um ſo hoͤher wegen ihrer Reinheit.— Ihre Tugend iſt ihr an⸗ geſtammt; ihre Guͤte hat ſie ſich erworben. Laf. Eure Lobſpruͤche, gnädige Frau, entlocken ihr Thraͤnen!— Gräfin. Das beſte Salz, womit ein Maͤdchen ihr Lob wuͤrzen kann. Das Gedaͤchtniß ihres Vaters kommt nie in ihr Herz, daß nicht die Tyrannei ihres Kummers alle Farbe des Lebens von ihrer Wange nimmt. Nicht mehr ſo, meine Helena! Nicht ſo! damit man nicht glaube, du pflegſt trau⸗ rig zu ſcheinen, ohne es zu ſeyn! ſ S Allerdings pflege ich meine Trauer, aber ich beſitze ie auch. Laf. Gemaͤßigte Klage iſt das Recht des Todten; uͤber⸗ triebner Gram der Feind des Lebenden. — — — —— Sz. 1. Ende gut, Alles gut. 5 Zel. Wenn der Lebende dem Gram Feind iſt, wird die⸗ ſem das Uebermaaß bald todtlich werden. Bert. Theure Mutter, ich bitte um Euer Gebet fuͤr mich. Laf.(indem er Helena anſieht.) Wie verſtehn wir das? Gräfin. Dich ſegn' ich Bertram! gleiche deinem Vater An Sinn, wie an Geſtalt: Blut ſo wie Tugend Regieren dich gleichmaͤßig: deine Guͤte Entſpreche deinem Stamm. Lieb' Alle, Wen'gen trauez Beleid'ge Keinen: ſey dem Feinde furchtbar, Durch Kraft mehr als Gebrauch; den Freund bewahre So wie dein Herz. Laß dich um Schweigen tadeln, Doch nie um Reden ſchelten. Was der Himmel Dir ſonſt an Segen ſpenden, und mein Beten Erflehn mag, fall auf dieſes Haupt! Leb wohl.— Mein Herr, noch nicht gereift zum Hofmann iſt er; Berathet ihn!— Laf. Was meine Liebe mag, ſey ihm gewaͤhrt. Gräfin. Der Himmel ſegne dich! Bertram, leb wohl. (ab.) Bert.(zu Helena.) Die beſten Wuͤnſche, die in der Werkſtatt Eurer Gedanken reifen konnen, moͤgen Euch dienſibar ſeyn! Seyd der Troſt meiner Mutter, Eurer Ge⸗ bieterin, und haltet ſie werth!— Laf. Lebt wohl, ſchoͤnes Kind; Ihr muͤßt den Ruhm Eures Vaters aufrecht erhalten. (Bertram und Lafeu gehn ab.) Zel. Ach, waͤrs nur das! des Vaters denk' ich kaum; Und jener Großen Thraͤne ehrt ihn mehr, Als ſeiner Tochter Gram.— Wie ſah er aus? Vergeſſen hab ich ihn: kein andres Bild Wohnt mehr in meiner Fantaſie als Bertram. Ich bin verloren! Alles Leben ſchwindet Dahin, wenn Bertram geht. Gleichviel ja waͤr's, Liebt' ich am Himmel einen hellen Stern, Und wuͤnſcht' ihn zum Gemal; er ſteht ſo hoch! An ſeinem hellen Glanz und lichten Strahl Darf ich mich freun; in ſeiner Sphaͤre nie! So ſtraft ſich ſelbſt der Ehrgeiz meiner Lebe: Die Hindin, die den Loͤwen wuͤnſcht zum Gatten, Muß liebend ſterben. O, der ſuͤßen Qual, 6 Ende gut, Alles gut. A. I. Ihn ſtuͤndlich anzuſehn! Ich ſaß, und mahlte Die hohen Brau'n, ſein Falkenaug, die Locken In meines Herzens Tafel, allzu offen Fuͤr jeden Zug des ſuͤßen Angeſichts! Nun iſt er fort, und mein abgoͤttiſch Lieben Bewahrt und heiligt ſeine Spur.— Wer kommt?— (Parolles tritt auf.) Sein Reiſefreund.— Ich lieb' ihn ſeinethalb, Und kenn' ihn doch als ausgemachten Luͤgner, Weiß, er iſt Narr im Haufen, Einzeln Memme: Doch dieß beſtimmte Boͤſe macht ihn ſchmuck, Und haͤlt ihn warm, indeß ſtahlherz'ge Tugend Im Froſt erſtarrt. Dem Reichthum, noch ſo ſchlecht, Dient oft die Weisheit arm und nackt als Knecht. Par. Gott ſchuͤtz Euch, meine Koͤnigin. Bel. Und Euch, mein Sultan. Par. Der? Nein! Bel. Und ich auch nicht. Par. Denkt Ihr uͤber das Weſen des Jungfrauen⸗ thums nach? Zel. Ja, eben. Ihr ſeyd ſo ein Stuͤck von Soldaten; Laßt mich Euch eine Frage thun. Die Maͤnner ſind dem Jungfrauenthum feind; wie koͤnnen wirs vor ihnen ver⸗ ſchanzen? Par. Weiſ't ſie zuruͤck. Zel. Aber ſie belagern uns, und unſer Jungfrauen⸗ thum, wenn auch in der Vertheidigung tapfer, iſt den⸗ zeh ſchwach;— Lehrt uns einen kunſtgerechten Wider⸗ and. Par. Alles vergeblich: die Maͤnner, ſich vor Euch unterminiren Euch, und ſprengen Euch in die uft. Zel. Der Himmel bewahre unſer armes Jungfrauen⸗ thum vor Minirern und Luftſprengern! Giebts keine Kriegs⸗ politik, wie Jungfrauen die Maͤnner in die Luft ſprengen koͤnnten?— Par. Laͤht ſich denn ein vernuͤnftiger Grund im Natur⸗ recht nachweiſen, das Jungfrauenthum zu bewahren? Ver⸗ luſt des Jungfrauenthums iſt vielmehr verſtaͤndige Zunahme; ————— —— Sz. 1. Ende gut, Alles gut. 3 und noch nie ward eine Jungfrau geboren, daß nicht vor⸗ her ein Jungfrauenthum verloren ward. Das, woraus Ihr beſteht, iſt Stoff um Jungfrauen hervorzubringen. Euer Jungfrauenthum, Einmal verloren, kann Zehnmal wieder erſetzt werden: wollt Ihrs immer erhalten, ſo gehts auf ewig verloren: es iſt ein zu froſtiger Gefaͤhrte; weg damit! Zel. Ich wills doch noch ein wenig behaupten, und ſollt ich daruͤber als Maͤdchen ſterben. Par. Dafuͤr laͤßt ſich wenig ſagen; es iſt gegen die Ordnung der Natur. Die Parthei des Jungfrauenthums nehmen, heißt ſeine Mutter anklagen; welches offenbare Empoͤrung waͤre. Einer der ſich aufhaͤngt, iſt wie ſolch eine Jungfrau: das Jungfrauenthum gleicht einem Selbſt⸗ moͤrder, und ſollte an der Heerſtraße begraben werden, fern von aller geweihten Erde, wie ein tollkuͤhner Frevler gegen die Natur. Das Jungfrauenthum bruͤtet Grillen, wie ein Kaͤſe Maden, zehrt ſich ab bis auf die Rinde, und ſtirbt indem ſichs von ſeinem eignen Eingeweide naͤhrt. Ueber⸗ dem iſt das Jungfrauenthum wunderlich, ſtolz, unthaͤtig, aus Selbſtliebe zuſammengeſetzt, welches die verpoͤnteſte Suͤnde in den zehn Geboten iſt. Behaltets nicht; Ihr koͤnnt gar nicht anders als dabei verlieren. Leiht es aus; im Lauf eines Jahrs habt Ihr Zwei fur Eins; das iſt ein huͤbſcher Zins, und das Capital hat nicht ſehr dadurch ab⸗ genommen. Fort damit!— Zel. Was aber thun, um es anzubringen nach eignem Wohlgefallen? Par. Laßt ſehn: ei nun, leiden vielmehr, um dem wohl⸗ zugefallen, dem es gefaͤllt. Es iſt eine Waare, die durchs Liegen allen Glanz verliert: je laͤnger aufbewahrt, je weni— ger werth: fort damit, ſo lange es noch verkaͤuflich iſt. Nutzt die Zeit der Nachfrage! das Jungfrauenthum, wie eine welke Hofdame, trägt eine altmodiſche Haube; ein Hofkleid, dem Keiner mehr den Hof macht; wie die am Hut, und der Zahnſtocher, die jetzt veraltet ind.—— Zel. Nun warten tauſend Liebſten deines Herrn, Eine Mutter,— eine Freundin,— eine Braut,— Ein Phoͤnix,— eine Feindin, und Monarchin,— Goͤttin und Fuͤhrerin, und Koͤnigin, Rathgeberin, Verraͤtherin und Liebchen, 8 Ende gut, Alles gut. A. I. Demuͤth'ger Ehrgeiz, und ehrgeiz'ge Demuth, Harmon'ſche Diſſonanz, verſtimmter Einklang, Und Treu, und ſuͤßer Unſtern; und ſo nennt er Ne Unzahl art'ger, holder Liebeskinder, Die Amor aus der Taufe hebt.— Nun wird er,— Ich weiß nicht was er wird,— Gott ſend' ihm Heil; Es lernt ſich viel am Hof; und er iſt Einer— Par. Nun, was fuͤr einer? Bel. Mit dem ichs gut gemeint;— und Schade iſts,— 6 Par. Um was?— Zel. Daß unſerm Wunſch i Koͤrper ward ver⸗ iehn Der fuͤhlbar ſey; damit wir Aermeren Beſchraͤnkt von unſerm neid'ſchen Stern auf Wuͤnſche, Mit ihrer Wirkung folgten dem Geliebten, Und er empfaͤnde, wie wir ſein gedacht, Wofuͤr uns kaum ein Dank wird. (Ein Page tritt auf.) Page. Monſicur Parolles, der Graf laͤßt Euch rufen. (ab.) ar. Kleines Helenchen, leb' wohl. Wenn ich mich auf dich beſinnen kann, will ich deiner am Hofe ge⸗ denken. Zel. Monſieur Parolles, Ihr ſeyd unter einem lieb⸗ reichen Stern geboren. Par. Unterm Mars! Zel. Das hab' ich immer gedacht, unterm Mars. Par. Warum unterm Mars? Bel. Der Krieg hat Euch immer ſo herunter ge⸗ bracht, daß Ihr nothwendig unterm Mars muͤßt geboren Par. Als er am Himmel dominirte. Bel. Sagt lieber, als er am Himmel retrogradirte. Par. Warum glaubt Ihr das? Sel Ihr geht immer ſo ſehr ruͤckwaͤrts, wenn Ihr Par. Das geſchicht um meines Vortheils willen. — — Sz. 1. Ende gut, Alles gut. 9 Bel. So iſts auch mit dem Weglaufen, wenn Furcht die Sicherheit empfiehlt. Aber die Miſchung, die Eure Tapferkeit und Eure Furcht in Euch hervorbringen, iſt eine ſchoͤnbefluͤgelte Tugend, und die Euch wohl anſteht. Par. Ich bin ſo voller Geſchaͤfte, daß ich dir nicht gleich ſpitzig antworten kann. Ich kehre zuruͤck als ein vollkommner Hofmann: dann ſoll mein Unterricht dich hier naturaliſiren, wenn du anders fuͤr eines Hofmanns Ge— heimniß empfaͤnglich biſt, und begreifen willſt, was wei⸗ ſer Rath dir mittheilt: wo nicht, ſo ſtirb dann in deiner Undankbarkeit, und deine Unwiſſenheit raffe dich hin⸗ weg. Lebe wohl. Wenn du Zeit haſt ſprich dein Gebet; wenn du keine haſt, denk an deine Freunde. Schaff dir einen guten Mann, und halte ihn, wie er dich haͤlt, und ſo leb wohl. (ab.) Zel. Oft iſts der eigne Geiſt, der Rettung ſchafft, Die wir beim Himmel ſuchen. Unſrer Kraft Verleiht er freien Raum, und nur dem Tragen, Dem Willenloſen ſtellt er ſich entgegen. Mein Liebesmuth die hochſte Hoͤh erſteigt, Doch naht mir nicht was ſich dem Auge zeigt. Des Gluͤckes weitſten Raum vereint Natur, Daß ſich das Fernſte kuͤßt, wie Gleiches nur. Wer kluͤgelnd abwaͤgt, und dem Ziel entſagt, Weil er vor dem, was nie geſchehn, verzagt, Erreicht das Groͤßte nie. Wann rang nach Liebe Ein volles Herz, und fand nicht Gegenliebe? Des Koͤnigs Krankheit,— täͤuſcht mich nicht, Gedanken; Ich halte feſt, und folg' Euch ohne Wanken. (ab.) 10 Ende gut, Alles gut. A. I. 3 w eb te S ene Paris. (Trompeten und Zinken. Der König von Frankreich, einen Brief in der Hand, und mehrere Lords treten auf.) Roͤnig. Florenz und Siena ſind ſchon handgemein; Die Schlacht blieb unentſchieden, und der Krieg Wird eifrig fortgeſetzt. 1. Lord. So wird erzaͤhlt.— Roͤn. So weiß man's ſchon gewiß. Hier meldet uns Die ſichre Nachricht unſer Vetter Oeſtreich, Und fuͤgt hinzu, wie uns um ſchnellen Beiſtand Florenz erſuchen wird: es warnt zugleich Mein theurer Freund uns im Voraus, und hofft Wir ſchlagen's ab. 1. Lord. Sein Rath und ſeine Treu, So oft erprobt von Eurer Majeſtaͤt, Verdienen vollen Glauben. Roͤn. Er beſtimmt uns; Florenz iſt abgewieſen, eh es wirbt.— Doch unſern Rittern, die ſich ſchon geruͤſtet Zum Feldzug in Toscana, ſtell' ich frei, Nach ihrer Wahl, hier oder dort zu fechten. 1. Lord. Erwuͤnſchte Schule unſrer edeln Jugend, Die ſich nach Krieg und Thaten ſehnt. Roͤn. Wer kommt? (Bertram, Lafeu und Parolles treten auf.) 1. Lord. Graf Rouſſillon, mein Fuͤrſt, der junge Ber⸗ tram.— Ron. Juͤngling, du traͤgſt die Zuͤge deines Vaters. Die guͤtige Natur hat wohlbedacht. Nicht uͤbereilt, dich ſchoͤn geformt: ſey drum Auch deiner vaͤterlichen Tugend Erbe! Willkommen in Paris. Bert. Mein Dienſt und Dank ſind Eurer Majeſtät. Roͤn. O haͤtt' ich jetzt die Fuͤlle der Geſundheit, Sz. 2. Ende gut, Alles gut. 11 Als da dein Vater und ich ſelbſt in Freundſchaft Zuerſt als Krieger uns verſucht! den Dienſt Der Zeiten hatt' er wohl ſtudirt, und war Der Bravſten Schuͤler. Lange hielt er aus; Doch welkes Alter uͤberſchlich uns beide, Und nahm uns aus der Bahn. Ja, es erquickt mich, Des Edeln zu gedenken.— In der Jugend Hatt' er den Witz, den ich wohl auch bemerkt An unſern jetz'gen Herrn: nur ſcherzen die, Bis ſtumpf der Hohn zu ihnen wiederkehrt, Eh' ſie den leichten Sinn in Ehre kleiden. Hofmann ſo echt, daß Bitterkeit noch Hochmuth Nie faͤrbten ſeine Streng' und ſeinen Stolz: Geſchah's, ſo wars nur gegen ſeines Gleichen. Und ſeine Ehre zeigt' als trene Uhr Genau den Punct, wo Zeit ihn reden hieß: Und dann gehorcht' ihr Zeiger ſeiner Hand. Gering're Behandelt' er als Weſen andrer Art; Bengt ihrer Niedrigkeit den hohen Wipfel Daß ſie ſich ſtolz durch feine Demuth fuͤhlten, Wie er herabſtieg in ihr armes Lob. Solch Vorbild mangelt dieſen juͤngern Zeiten; Und waͤr' es da, ſo zeigt' es uns zu ſehr Als ruͤckwaͤrts Schreitende. Bert. Sein hohes Lob Glaͤnzt mehr von Euerm Mund' als ſeinem Grabe: So ruͤhmlich preiſt ihn nicht ſein Epitaph, Als Euer koͤnigliches Wort. Roͤn. O daß ich mit ihm waͤr'! Er ſagte ſtets,— (Mich duͤnkt, ich hoͤr' ihn noch: ſein goldnes Wort Streut' er nicht in das Ohr, er pflanzt' es tief, Damit es keim' und ich mag nicht eben,“— —(So ſagt' er oft in liebenswerthem Ernſt Im letzten Act und Schluß des Zeitvertreibs Wenn man ſich trennte,)—„ich mag nicht leben ſprach er, „Wenns meinerFlamm'an Dehl gebricht, als Schnuppe „Der jungen Welt, die mit leichtfert'gem Sinn — 12 Ende gut, Alles gut.. „Nichts als das Neue liebt; die ihren Ernſt „Allein auf Moden lenkt; bei der die Treue „Mit ihren Trachten wechſelt.“ Alſo wuͤnſcht' er. Ich, ſcheidend, wuͤnſche wie der Abgeſchiedne, Weil ich nicht Wachs noch Honig bringe heim, Recht bald erloͤſt zu ſeyn aus meinem Stock, Raum goͤnnend Junger'n. 2. Lord. Sire, Euch liebt das Volk, Wer Ench verkennt, wird Euch am meiſten miſſen. Bon. Ich fuͤll'nen Pb— Wie lang iſts, raf, Seit Eures Vaters Arzt geſtorben iſt? Man ruͤhmt' ihn ſehr. Bert. Sechs Monat ſinds, mein Fuͤrſt. Roͤn. Lebt' er noch, haͤtt' 9 doch mit ihm ge⸗ pruͤft.— — Gebt mir den Arm!— die Andern ſchwächten mich Durch mancherlei Verſuch; Natur und Krankheit Moͤgen es nun entſcheiden,— Willkommen, Graf;— Mein Sohn iſt mir nicht thenrer. Bert. Dank Eu'r Hoheit!— (Trompetenſtoß. Alle gehn ab.) Dritte Szene. Rouſſillon. (Es treten auf die Gräfin, der Haushofmeiſter, und der Narr.) Graͤfin. Ich will nun hoͤren, was Ihr von dem jungen Fraͤu⸗ lein ſagt? Batshofm. Gnaͤdige Graͤfin, ich wuͤnſchte, die Sorg⸗ falt die ich angewantt, Euer Verlangen zu befriedigen, moͤchte in den Calender meiner fruͤheren Bemuͤhungen ein⸗ getragen werden; denn wenn wir ſelbſt ſie bekannt machen, —ue Sz.3. Ende gut, Alles gut. 13 verwunden wir unſre Beſcheidenheit, und truͤben die helle Reinheit unfrer Verdienſie. Gräfin. Was will der Schelm hier? Fort mit Euch, Freund!— Ich will nicht allen Beſchwerden glauben, die ich von Euch gehoͤrt habe; es iſt meine Trägheit daß ichs nicht thue, denn ich weiß es fehlt Euch nicht an Thorheit ſolche Schelmſtuͤcke zu unternehmen, und Ihr ſeyd geßchickt genug, ſie auszufuͤhren. Warr. Es iſt Euch nicht unbekannt, gnaͤdige Frau, daß ich ein armer Teufel bin. Graͤfin. Nun gut! Marr. Nein, gnaͤdige Frau, das eben iſt nicht gut, daß ich arm bin,(obſchon viele von den Reichen zur Hoͤlle fahren:) aber wenn Elsbeth es nur bei Euer Gnaden er⸗ reicht, daß Ihr ſie unter die Haube bringen helft, ſo woilen wir ſchon ſehn, wie wir als Mann und Fran zuſammen fortkommen. Graͤfin. Willſt du denn mit Gewalt ein Bettler werden? Narr. Ich bettle nur um Eure gnaͤdige Einwilligung in dieſe Sache. Graͤfin. In welche Sache? Marr. In Elsbeths Sache, und meine eigne. Dienſt iſt keine Eroſchaft, und ich denke, ich gelange nicht zu Gottes Segen bis ich Nachkommenſchaft ſehe: denn, wie die Leute ſagen, Kinder ſind ein Segen Gottes. Sag mir den Grund, warum du heirathen willſt. Warr. Mein armes Naturell, gnaͤdige Frau, verlangt es. Mich treibt mein Fleiſch dazn, und wen der Teufel treibt, der muß wohl gehn. Gräfin. Und das iſt alle Urſach, die Eu'r Gna⸗ den hat? Narr. Die Wahrheit zu ſagen, ich habe noch andre heilige Urſachen, wie ſie nun auch ſind. Gräfin. Darf die Welt ſie wiſſen? MWarr. Ich bin eine ſuͤndige Creatur geweſen, gnaͤdige Frau, grade wie Ihr, und wie alles Fleiſch und Blut; mit Einem Wort, ich will heirathen, damit ich bereuen oͤnne. 14 Ende gut, Alles gut. A. I. Gräfin. Deine Heirath, mehr als deine Suͤndhaftig⸗ keit! Warr. Es fehlt mir an Freunden, gnaͤdige Frau, und ich hoffe um meiner Frau willen Freunde zu finden. Gräfin. Solche Freunde ſind deine Feinde, Burſch! Narr. Wie unwiſſend ſeyd Ihr, gnadige Frau, in gu⸗ ten Freunden! denn die Scheime werden das fuͤr mich thun, was mir zuviel wird. Wer mein Land ackert, ſpart mir mein Geſpann, und ſchafft mir Zeit, die Frucht unter Daoch zu bringen; wenn ich ſein Hahnrei bin, iſt Er mein Knecht. Wer mein Weib troͤſtet, ſorgt fuͤr mein Fleiſch und Blut; wer fuͤr mein Fleiſch und Blut ſorgt, liebt mein Fleiſch und Blut: wer mein Fleiſch und Blut liebt, iſt mein Freund: alſo, wer meine Frau kuͤßt, iſt mein Freund. Wären die Leute nur zufrieden das zu ſeyn, was ſie ein⸗ mal ſind, ſo gäbe es keine Scrupel in der Ehe: denn Charbon, der junge Puritaner, und Meiſter Poyſam, der alte Popiſt, wie verſchieden ihre Herzen auch in der Reli⸗ gion ſind, laͤufts doch mit ihren Köpfen auf Eins hinaus; ſie können ſich mit ihren Hoͤrnern knuffen, ſo gut wie irgend ein Bock in der Heerde. Grafin. Willſt du immer ein frecher verlaͤumderiſcher Schelm bleiben? Warr. Ein Prophet, gnaͤdige Frau; ich' rede die Wahr⸗ heit ohne Umſchweif:— Gedenkt nur an das alte Lied, Es gilt noch heut wie geſtern: Was einmal ſeyn ſoll, das geſchieht, Der Kuckuk ſucht nach Neſtern. Gräfin. Geht nur Freund, ich will die Sache ein an⸗ dermal mit Euch verhandeln. Zaushofm. Wäͤr' es Euer Gnaden nicht gefällig, daß er Helena zu Euch riefe; ich wollte von ihr reden. Graͤfin. Freund, geh, und ſag dem jungen Fraulein, ich wolle ſie ſprechen; ich meine Helena. Marr(ſingt.) Verdient die Schoͤne, ſprach ſie dann, Daß Troja ward zerſtoͤrt? O Narrethei, o Narrethei, Herr Priam ward bethoͤrt! Sz 3. Ende gut, Alles gut. 1⁵ Worauf ſie ſeufzt, und weinen thut, Und ſpricht: da koͤnnt Ihr ſehn, Auf Neun Gottloſe Eine gut, Iſt Eine doch von Zehn. Graͤfin. Was? Eine gut auf Zehn? du verdrehſt ja das Lied, Burſch. Marr. Eine gute Frau unter Zehnen, Graͤfin, ſo heißt die verbeſſerte Lesart der Ballade. Wollte Gott nur alle Jahr ſo viel thun, ſo haͤtte ich uͤber die Weiberzehnten nicht zu klagen, wenn ich der Pfarrer waͤre. Eine unter Zeh⸗ nen? Das glaub' ich! Wenn uns nur jeder Comet Eine gute Fran braͤchte, oder jedes Erdbeben, ſo ſtaͤnde es ſchon ein gut Theil beſſer um die Lotterie: jetzt kann ſich Einer das Herz aus dem Leibe ziehn, ehe er eine trifft. Gräfin. Werdet Ihr bald gehn, Herr Taugenichts, und thun was ich Euch befahl? Marr. Daß ein Mann einer Eva'stochter gehorchen muß, und es erfolgt kein Aergerniß! Zwar iſt Ehrlichkeit kein Pu⸗ ritaner, aber dennoch ſoll ſie diesmal kein Aergerniß geben, und den weißen Chorrock der Demuth uͤber dem ſchwarzen Prieſterkleide ihres unmuthigen Herzens tragen. Ich gehe, verlaßt Euch drauf, ich ſoll an Helena ſagen, hieher zu kommen. Cab.) Graäfin. Nun, alſo? aushofm. Ich weiß, gnaͤdige Frau, Ihr liebt Euer Fraͤulein von Herzen. Gräfin. Allerdings; ihr Vater hinterließ ſie mir, und ſie ſelbſt kann, abgeſehn von ihren Vorzuͤgen, mit allem Recht auf ſo viel Liebe Anſpruch machen, als ſie bei mir findet. Ich bin ihr mehr ſchuldig, als ich ihr zahle, und werde ihr mehr zahlen, als ſie fordern wird. Haushofm. Gnaͤdige Frau, ich war ihr neulich naͤher, als ſie vermuthlich wuͤnſchen mochte: ſie war allein, und ſprach mit ſich ſelbſt, ihr eignes Wort ihrem eignen Ohr: ſie glaubte,— das darf ich wohl beſchwoͤren,— es werde von keinem Fremden vernommen. Der Inhalt war, ſie liebe Euern Sohn. Fortuna, ſagte ſie, ſey keine Goͤt⸗ tin, weil ſie eine ſo weite Kluft zwiſchen ihren Verhaͤltniſ⸗ ſen errichtet habe; Amor kein Gott, weil er ſeine Macht nicht weiter ausdehne, als auf gleichen Stand; Diana keine Koͤnigin der Jungfrauen, weil ſie zugebe, daß ihre 16 Ende gut, Alles gut. A. I. armen Nymphen uͤberraſcht worden, ohne Schutzwehr fuͤr den erſten Angriff, noch Entſatz im ferneren Kampf. Dieß klagte ſie mit dem Ausdruck des bitterſten Schmerzes, in dem ich je ein Maͤdchen habe weinen hoͤren; ich hielt es fuͤr meine Pflicht, Euch eiligſt davon zu unterrichten; ſin⸗ temal, wenn hieraus ein Ungluck entſtehen ſollte, es Euch gewiſſermaßen wichtig iſt, vorher davon zu erfahren. Gräfin. Ihr habt dieß mit Revlichkeit ausgerichtet, be⸗ haltets nun für Euch. Schon vorher hatten mich manche Vermuthungen hierauf gefuͤhrt; ſie hingen aber ſo ſchwan⸗ kend in der Wagſchale, daß ich weder glauben noch zwei⸗ feln konnte. Ich bitte Euch, verlaßt mich nun. Verſchließt redliche Sorgfalt, ich will hernach weiter mit Euch daruͤber ſprechen. 8(Haushofmeiſter ab.) So mußt' ich's, als ich jung war, auch erleben. Natur verlangt ihr Recht: der ſcharfe Dorn Ward gleich der Jugendroſe mitgegeben, Die Leidenſchaft quillt aus des Blutes Born, Natur bewaͤhrt am treuſten ihre Kraft Wo Jugend gluht in ſtarker Leidenſchaft; Und denk ich jetzt der Fehl' in vor'gen Stunden, Hab ich den Irrthum damals nicht gefunden.— — Es macht ihr Auge krank, ich ſeh es wohl. (Helena tritt auf.) Bel. Was wuͤnſcht Ihr, gnaͤd'ge Frau? Gräfin. Du weißt, mein Kind, ich bin dir eine Mutter. Hel. Meine verehrte Herrin! Grafin. Eine Mutter.— Warum nicht Mutter? bei dem Worte: Mutter, Schien's, eine Schlange faͤhſt dn: wie erſchreckt dich Der Name Mutter? Ich ſage, deine Mutter; Und trage dich in das Verzeichniß derer Die ich gebar. Wetteifern ſehn wir oft Pflegkindſchaft mit Natur, und wunderſam Eint ſich der fremde Zweig dem eignen Stammz Mich quaͤlte nie um dich der Mutter Aechzen, Doch zahlt' ich dir der Mutter Liebe dar:— Um's Himmelswillen, Kind! Erſtarrt dein Blut, Weil ich dich gruͤß' als Mutter? Sag, wie komits Daß dir die kranke Heroldin des Weinens, Die mannigfarb'ge Iris, kraͤnzt dein Auge?— Weil du mir Tochter biſt? dieß alles in Eurer Bruſt, und ich danke Euch fuͤr Eure Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 17 Zel. Das bin ich nicht!— Graͤfin. Bin ich nicht deine Mutter? Zel. Ach, verzeiht!— Graf Ronſſillon kann nie mein Bruder ſeyn; Ich bin von niederm, er vom hoͤchſten Blut; Mein Stamm gering, der ſeine weitberuͤhmt: Er iſt mein Herr und Fuͤrſt: mein ganzes Leben Hab' ich als Dienerin ihm treu ergeben: Nennt ihn nicht meinen Bruder;— Gräfin. Und mich nicht Mutter? Sel. Ja, meine Mutter ſeyd Ihr; waͤrt Ihr doch (Muͤßt Euer Sohn nur nicht mein Bruder ſeyn) Ganz meine Mutter; waͤr't uns beiden Mutter, Das wuͤnſcht' ich, wie ich mir den Himmel wuͤnſche Nur ich nicht, ſeine Schweſter! Iſts nur dann vergoͤnnt, Wenn Er mir Bruder wird, daß Ihr mich Tochter nennt? Graͤfin. Wohl, Helena; Du koͤnntſt meine Schwiegertochter ſeyn.— Hilf Gott! du denkſt es wohl? Mutter und Tochter Stuͤrmt ſo auf deinen Puls: nun wieder bleich? Mein Argwohn hat dein Herz durchſchaut; nun ahnd' ich Das Raͤthſel deiner Einſamkeit, die Quelle Der bittern Thraͤnen; offenbar nun ſeh' ich Du liebtſt ihn, meinen Sohn: Verſtellung ſchaͤmt ſich Dem lautern Ruf der Leidenſchaft entgegen Mir Nein zu ſagen; darum ſprich die Wahrheit: Sag mir, ſo iſt's: denn deine Wangen, Kind, Bekennens gegenſeitig; deine Augen Sehn es ſo klar in deinem Thun geſchrieben, Daß ſie vernehmlich reden: nur die Zunge Feſſeln dir Suͤnd' und hoͤlliſcher Eigenſinn, Die Wahrheit noch zu hehlen. Iſts nicht ſo? Wenn's iſt, ſo ſchuͤrzteſt du'nen wackern Knoten!— Ils nicht, ſo ſchwoͤre, Nein: doch wie's auch ſey, Wie Gott mir helfen mag dir beizuſtehn, Ich fordre daß du Wahrheit ſagſt. Sel. Verzeihung! Graͤfin. Sprich! Liebſt du Bertram? Bel. Theure Frau, verzeiht! Graͤfin. Liebſt du ihn? Zel. Gnaͤdge Frau, liebt Ihr ihn nicht?— Graͤfin. Das frag' ich nicht. Ich habe Pſticht und Grund VII. 18 Ende gut, Alles gut. A. I. Vor aller Welt fuͤr mein Gefuͤhl. Nun wohl! Entdecke mir dein Herz; denn allzulaut Verklagt dich deine Unruh. Zel. So bekenn' ich Hier auf den Knieen vor Euch und Gott dem Herrn, Daß ich vor Euch, und naͤchſt dem Herrn des Himmels Ihn einzig liebe. Arm, doch tugendhaft War mein Geſchlecht: ſo iſt mein Lieben auch. Seyd nicht erzuͤrnt, es bringt ihm keine Kraͤnkung Von mir geliebt zu ſeyn: nie offenbart' ich Ein Zeichen ihm zudringlicher Bewerbung; Ich wuͤnſch' ihn nicht, eh ich ihn mir verdient, Und ahnde nicht, wie ich ihn je verdiente! Ich weiß, ich lieb umſonſt, ſtreb' ohne Hoffnung; Und doch, in dieß unhaltbar lockre Sieb Gieß' ich beſtoͤndig meiner Liebe Fluth, Die nimmer doch erſchoͤpft wird: gleich dem Indier Glaͤubig in frommem Wahne ſlehend, ruf' ich Die Sonne an, die auf den Beter ſchaut Ohne von ihm zu wiſſen. Theure Herrin, Laßt Euern Haß nicht meine Liebe treffen, Weil ſie daſſelbe liebt wie Ihr. Nein, habt Ihr — Eu'r wuͤrdig Alter buͤrgt die lautre Jugend,— Jemals in ſolcher reinen Gluth der Neigung Treulich geliebt und keuſch gehofft,— daß Diana Eins ſchien mit Eurer Lieb,— o dann hegt Mitleid Fuͤr ſie, die ohne Wahl und Hoffnung liebt; Alles verlierend ſtets von neuem giebt; Nie zu beſitzen hofft wonach ſie ſtrebt, Und raͤthſelgleich in ſuͤßem Sterben lebt. Graͤfin. Warſt du nicht neulich Willens, nach Paris Zu reiſen? Sprich die Wahrheit. Zel. Gnaͤdge Frau, Das war ich. Gräfin. Und in welcher Abſicht? Sag mirs. Zel. So hoͤrt, ich ſchwoͤrs Euch bei der ewgen Gnade; Ihr wißt, mein Vater ließ Vorſchriften mir Von ſeltner Wunderkraft; wie ſeiner Forſchung Vielfache Pruͤfung als untruglich ſie Bewaͤhrt erfand: die hat er mir vererbt, Sie in geheimſter Obhut zu bewahren Als Schaͤtze, deren Kern und innrer Werth Weit uͤber alle Schaͤtzung. Unter dieſen Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 19 Iſt ein Arcan verzeichnet, vielerprobt Als Gegenmittel jener Todeskrankheit, An der der Koͤnig ſchwindet. Gräfin. Dieß beſtimmte Dich nach Paris zu gehn? Zel. Der junge Graf ließ mich daran gedenken, Sonſt haͤtten wohl Paris, Arznei und Koͤnig In meiner Seele Werkſtatt keinen Eingang Gefunden. Gräfin. Glaubſt du wirklich, Helena, Wenn du ihm dein vermeintes Mittel boͤtſt, Er werd' es nehmen?— Er, und ſeine Aerzte Sind Eines Sinn's: Er, Keiner koͤnn⸗ ihm helfen, Sie, keine Huͤlfe geb' es. Wie vertraut' er Nem armen Maͤdchen, wenn die Schule ſelbſt In ihrer Weisheit Duͤnkel, die Gefahr Sich ſelber uͤberlaͤßt? Zel. Mich treibt ein Glaube Mehr noch als meines Vaters Kunſt,—(des groͤßten In ſeinem Fach,)— daß ſein vortrefflich Mittel, Auf mich vererbt, von gluͤcklichen Geſtirnen Geheiligt werden ſoll: und will Eu'r Gnaden Mir den Verſuch geſtatten, ſetz' ich gern Mein Haupt zum Unterpfand fuͤr unſres Herrn Geneſung zur beſtimmten Zeit. Gräfin. Das glaubſt du? Bel. Ja, gnaͤd'ge Frau, gewißlich. Gräfin. Nun, wohlan: Erlaubniß geb' ich dir, mit Kunſt, und Gunſt, Gold, und Gefolg', und Gruß an meine Freunde Zieh' an den Hof: ich bleib' indeß daheim, Und fleh' um Gottes Segen fur dein Werk: Auf Morgen geh, und glaub mit Zuverſicht, Wo ichs vermag, fehlt dir mein Beiſtand nicht. (Beide gehn ab.) 2 20 Ende gut, Alles gut. 3 weiter Aufzug. — Erſte Szene Paris. (Es treten auf der König von Frankreich, mehrere junge Edel⸗ leute, Bertram und Parolles. Trompeten und Zinken.) Ronig. Lebt wohl, Herrn; dieſe kriegriſche Geſinnung Haltet mir feſt; auch Ihr, mein Herr, lebt wohl, Theilt unter Euch den Rath; nimmt jeder Alles, Dehnt ſich die Gabe den Empfaͤngern aus, Und reicht fuͤr beide hin. 1. Edelm. Wir hoffen, Herr, Als wohlverſuchte Krieger heimzukehren, Und Eure Majeſtaͤt geſund zu ſehn. Ron. Nein, nein, das kann nicht ſeyn; doch will mein Herz Sich nicht geſtehn, daß es die Krankheit hegt, Die meinem Leben droht. Geht, junge Ritter; Leb' ich nun, oder ſterbe, ſeyd die Soͤhne Wuͤrdger Franzoſen; zeigt dem obern Welſchland, Den Ausgearteten, die nur den Fall Der letzten Monarchie geerbt, Ihr kamt nicht Als Freier,— nein, als Bräutigam der Ehr'; und wo Der bravſte Buhle zagt, erringt das Ziel, Daß Fama laut Euch ausruft. So lebt wohl.— 2. Edelm. Heil Euch, mein Koͤnig! ganz nach Euerm Wunſch!— Roͤn. Die welſchen Maͤdchen ſeyd auf Eurer ut!— Der Franke, ſagt man, kann was ſie verlangen Sz. 1. Ende gut, Alles gut. 21 Nicht weigern:— werdet nicht Gefangene, Bevor Ihr dientet. Beide. Dank fuͤr Eure Warnung!— Roͤn. Lebt wohl.— Kommt her zu mir. (Der König legt ſich auf ein Ruhebett.) 1. Edelm. O lieber Graf! Ihr nicht mit uns zieht!— Par. Schad um den jungen Degen! 2. Edelm. Edler Krieg! Par. Hoͤchſt glorreich. Schon erlebt' ich ſolchen Krieg. Bert. Man haͤlt mich feſt: und ſtets das alte Lied: Zu jung; und kuͤnftig Jahr; und noch zu fruͤh!— Par. Treibt Junker, dich das Herz, ſo ſtiehl dich weg. Bert. Man will, ich ſoll den Weiberknecht agiren, Hier auf dem Eſtrich meine Schuh vernutzend, Bis Ehre weggekauft, kein Schwerdt getragen, Als nur zum Tanz!— Weiß Gott, ich ſtehl' mich weg! 1. Edelm. Der Diebſtahl braͤcht' Euch Ruhm. Par. Begeht ihn, Graf. 2. Edelm. Ich mach' Sti mit Euch; und ſo lebt wohl. Bert. Ich bin ſo ſehr der Eure, daß unſte Trennung einem gefolterten Koͤrper gleicht. 1. Edelm. Lebt wohl, Hauptmann. 2. Edelm. Theurer Monſieur Parolles— Par. Edle Paladine, mein Schwerdt und das Eure ſind Blutsfreunde: treffliche Degen und junge Recken, ein Wort, meine Phoͤnire. Im Regiment der Spinii werdet Ihr einen Hauptmann Spurio finden, mit einer Narbe, einem Kriegs⸗Emblem, hier auf ſeiner linken Wange: dieſe gute Klinge grub ſie ein: ſagt ihm, ich lebe, und beobach⸗ tet mir zu Gefallen ſeine Miene. 2. Edelm. Das wollen wir, edler Hauptmann. ¶die beiden Edelleute gehn ab.) Par. Mars verſchwende ſeine Gunſt an Euch, ſeine Rovi⸗ zen! Nun, was wollt Ihr thun?— Bert. Bleibt; der Koͤnig„ 22 Ende gut, Alles gut. A.E Par. Ihr ſolltet gegen dieſe edeln Cavaliere ein aus⸗ drucksvolleres Ceremoniel annehmen: ihr beſchraͤnkt Euch auf die Grenze eines allzu kaltſinnigen Abſchieds. Zeigt ihnen mehr Gefuͤhl! Denn ſie ſchwimmen oben auf in der Stroͤ⸗ mung der Zeit; ſie ſind die vollkommnen Meiſter des echten Geyens, Eſſens und Redens, und bewegen ſich unter dem Einfluß des anerkannteſten Geſtirns: und waͤre der Teufel ihr Vortaͤnzer, man muß ihnen dennoch nachfolgen. Darum nach! und nehmt einen ausfuͤhrlichern Abſchied!— Bert. Das will ich thun!— Par. Allerliebſte Burſche! Und gewiß mit der Zeit recht herculiſche Senioren der Ehre!— (ſie gehn ab.) (Lafeu tritt auf.) Laf.(enieend.) Vetzeih'n, mein Fuͤrſt, fuͤr mich und meine Botſchaft! Roͤn. Dein Aufſtehn ſey die Zahlung!— Laf. Wohl: hier ſteh' ich Und kaufte mir Verzeih'n. Ich wuͤnſchte, Sire, Ihr haͤttet hier geknie't um mich zu bitten, Und koͤnntet aufſtehn, wenn ichs Euch geheißen. Roͤn. Ich gleichfalls! dann zerſchluͤg' ich dir den Kopf Und baͤt' dich um Verzeihung. Laf. Kreuzweiſ“ wohl h theurer Herr, erlaubt: Wuͤnſcht Ihr geheilt zu ſeyn von Eurer Krankheit? Roͤn. Nein. Laf. Wollt Ihr nicht die reifen Trauben eſſen⸗ Mein koͤniglicher Fuchs? o ja. Ihr wollt; Wenn nur mein koͤniglicher Fuchs die Trauben Erreichen koͤnnt'!— Ich hab' Arznei geſehn, Die hauchte wohl den Steinen Leben ein, Braͤcht' einen Fels in Gang, und macht' Euch ſelbſt Gaillarden tanzen flink und leicht: beruͤhrt Von ihrer Hand erſtaͤnde Fuͤrſt Pipin, Ja, Carol Magnus naͤhm' zur Hand die Feder Und ſchriebe Verſ' an ſie. Ron. An Welche Sie? Sz1. Ende gut, Alles gut. 23 Laf. Ei, eine Aerztin: Sire, ſie iſt ſchon hier, Wenn Ihr ſie anſehn wollt. Auf Ehr' und Treu, Wenn ich nach dieſem leichten Vortrag ernſtlich Berichten darf:— ich ſprach mit einem Maͤdchen, Die mich durch Abſicht, Jugend und Geſchlecht, Verſtand und feſten Sinn ſo ſehr entzuͤckt Daß ich mich drum nicht tadle. Seht ſie ſelbſt, (Das iſt ihr Wunſch;) und hoͤrt was ſie Euch bringt; Dann lacht mich aus nach Luſt. Roͤn. Nun, Freund Lafeu, Zeig' uns dieß Wunder, daß wir ihm mit dir Unſer Erſtaunen zollen, oder deins Vermindern durch Erſtaunen, wie dir's kam. Laf. Nun, ich will Euch bedienen, und ſogleich. (Lafeu geht.) Roͤn. So haͤlt er ſtets Prologe ſeinem Nichts! (Lafeu kommt zurück mit Helena,) Laf. Nun tretet vor! Roͤn. Die Eil hat wahrlich Fluͤgel! Laf. Nein, tretet vor! Hier Seine Majeſtaͤt: ſagt Euern Wunſch. Eu'r Blick iſt ſehr verraͤthriſch: doch der Koͤnig Scheut ſelten ſolcherlei Verrath: ich bin Creſſida's Oheim, daß ichs wagen darf Zwei ſo allein zu laſſen. Lebt nun wohl. (geht ab.) Roͤn. Nun, ſchoͤnes Kind, meint Euer Vortrag uns? Sel. Ja, Koͤnig. Gerhard von Narbonne war Mein Vater, wohlerprobt in ſeiner Kunſt. Roͤn. Ich kannt' ihn. Zel. So ehr erſpar' ich mir ihn Euch zu ruͤhmen; Ihn kennen iſt genug. Auf ſeinem Todbett Gab er mir mauch Arcan; vor allen Eins, Das als die hoͤchſte Blume ſeiner Forſchung, Und vielerfahrnen Praxis liebſtes Kleinod Er mich verwahren hieß als dreifach Auge, Theurer als meine beiden. Alſo that ich: Und hoͤrend, wie Eu'r Majeſtaͤt verſchmachtet An jener boͤſen Krankheit, die den Ruhm Von meines Vaters Kunſt zumeiſt erhebt, 24 Ende gut, Alles gut. A. n. Kam ich mit Wuͤnſchen und mit Demuth Euch Die Rettung anzubieten. Roͤn. Dank Euch, Jungfran. Doch glaub' ich nicht ſo leicht an Heilung mehr, Wo ſo gelehrte Aerzt' uns aufgegeben, Und die vereinte Facultt entſchied, Kunſt koͤnne nie aus unheilbarem Zuſtand Natur erloͤſen. Drum ſoll unſer Urtheil Nicht ſo abirr'n, noch Hoffnung uns verleiten, Ein rettungsloſes Uebel Preis zu geben Quackſalbern; Majeſtät und Zutraun ſo Zu ſchmaͤhn, ſinnloſem Beiſtand nachzutrachten, Wenn wir als Unſinn allen Beiſtand achten. Zel. So zahlt die treue Pflicht mir mein Bemuͤhn; Nicht weiter ſey mein Dienſt Euch aufgedraͤngt; Und nur in Demuth bitt ich Eure Hoheit Beſcheidentlich, mich gnaͤdig zu entlaſſen. Roͤn. Das iſt das Mindſte, was ich muß gewaͤhren; Dein guter Wunſch iſt meines Dankes werth, Weil ſtets der Kranke gern von Beßrung hoͤrt: Doch was du ganz verkennſt, durchſchau' ich klar, Wie fern dein Troſt, wie nah mir die Gefahr. Zel. Unſchaͤdlich wär's wenn den Verſuch Ihr wagt, Weil Ihr der Heilung, wie dem Troſt entſagt: Er, der die groͤßten Thaten laͤßt vollbringen, Legt oft in ſchwache Haͤnde das Gelingen: So zeiat die Schrift in Kindern weiſen Muth, Wo Maͤnner kindiſch waren: große Fluth Entſpringt aus kleinem Quell, und Meere ſchwinden, Ob Weiſe auch die Wunder nicht ergruͤnden. Oft ſchlaͤgt Erwartung fehl, und dann zumeiſt, Wo ſie gewiſſen Beiſtand uns verheißt; Und wird erfullt, wo Hoffnung längſt erkaltet, Der Glaube ſchwand, und die Verzweiflung waltet. Ron. Zu lange, ſchoͤnes Maͤdchen, weilſt du ſchon, Und dein vergeblich Muͤh'n trägt keinen Lohn, Als Dank fur einen Dienſt, den ich nicht brauche. SZel. So weicht, was Gott mir eingab, einem Hauche? Er iſt nicht ſo, der alles mag durchſchaun, Wie wir, die ſtets dem leeren Schein vertraun: Sz. 1. Ende gut, Alles gut. 25 Und ſtolzer Hochmuth waͤr's, der Gottheit Trachten Und Himmelswort fuͤr Menſchenwerk zu achten. O theurer Fuͤrſt, gebt meinen Wuͤnſchen nach, Denkt nicht daß ich, nein daß der Himmel ſprach. Ich treibe nicht mit Euch ein truͤalich Spiel, Noch berg' ich meiner Worte wahres Ziel, Ich glaub' es Herr, und glaub' auf feſtem Grunde, Noch ſiegt die Kunſt, nah iſt der Rettung Stunde. Roͤn. Das hofſſt du ſo gewiß? in wieviel Zeit? Zel. Wenn mir die hoͤchſte Gnade Gnade leiht, Eh zweimal noch das Lichtgeſpann durchſchreitet, Die Bahn, auf der ſein Lenker Glanz verbreitet, Eh zweimal in dem Thau der truͤben Feuchte Der Abendſtern erloͤſcht die muͤde Leuchte; Ja, eh die Sanduhr vierundzwanzig Stunden Dem Schiffer zeigt, die diebiſch ihm verſchwunden, Seyd Ihr geneſen; Euer Schmerz entflieht, Die Krankheit ſtirbt, und neue Kraft erbluͤht. Ron. Bei ſo viel Selbſtvertraun und Sicherheit, Was wagſt du?— Zel. Daß man mich der Frechheit zeihtz Mich Metze ſchilt; der Poͤbel mich verſpottet; Schimpflieder ſingt; und ſchmaͤhlich ausgerottet Mein Jungfraun Name ſey; ja, daß mein Leben Sich ende, ſchnoͤden Martern Preis gegeben. Roͤn. Mir ſcheint, es ſpricht aus dir ein ſel'ger Geiſt, Der ſich in ſchwachem Werkzeug ſtark erweiſ't: Und was die Sinnen ſonſt unmoͤglich nennen, Muß ich in hoͤherm Sinn jetzt anerkennen. Dein Leben iſt dir werth, denn dich begluͤckt Noch alles, was das Daſeyn je geſchmuͤckt: Schoͤnheit und Anmuth, Weisheit, hoher Muth, Und was nur Fruͤhling hofft als Lebensgut:— So viel zu wagen, ſolch Vertraun zu zeigen, Iſt nur der Kuͤnſt, wo nicht dem Wahnſinn eigen; Drum, lieber Arzt, verſuch an mir dein Heil, Und ſterb' ich, wird dir ſelbſt der Tod zu Theil. Zel. Fehl' ich die Zeit, mißlingt Ein Wort von Allen Die ich verhieß;— ſey ich dem Tod verfallen, Wie ichs verdient! Helf ich Euch nicht, ſo ſterb⸗ ich: Doch wenn ich helfe, welchen Lohn erwerb' ich? 26 Ende gut, Alles gut. A. II. Roͤn. Fordre, mein Kind. Bel. Und wollt Ihrs wirklich geben? Roͤn. Bei meinem Scepter, ja, beim ewgen Leben. Bel. Gieb zum Gemal mit Koͤniglicher Hand Wen ich mir fordern darf in deinem Land. Doch ferne ſey von mir der Uebermuth, Daß ich ihn waͤhl' aus Frankreichs Fuͤrſtenblut, Und ein Geſchlecht, unwuͤrdig wie das Meine, Mit deines Stamm's erhabnem Zweig ſich eine; Nein, ſolchen Unterthan, den ich in Ehren Von dir verlangen darf, du mir gewaͤhren. Roͤn. Hier meine Hand. Kannſt du dein Wort er⸗ fullen So buͤrg' ich dir, ich thu nach deinem Willen. Nun wuaͤhl' dir ſelbſt die Zeit: es ziemt dem Kranken, Des Arztes Wort zu folgen ohne Wanken. Zwar moͤcht' ich viel noch fragen, viel noch hoͤren, (Ob Zweifel auch den Glauben nimmer ſtoͤren,) Woher du kamſt; mit wem; doch ſey's gewagt; Vertrau'n und Liebe biet' ich ungefragt.— He! Kommt und helft mir hi— Schaffſt du mir tat So lohn' auch deine Thaten meine That. (ſie gehn ab.) — 3 w i Rouſſillon. (Es treten auf die Gräfin von Rouſſillon und der Narr.) Gräfin. Komm her, Freundz ich will einmal deine Ausbildung auf die hoͤchſte Probe ſtellen. k Narr. Ihr werdet bald ſehn, ich ſey beſſer genaͤhrt als gelehrt, und daraus folgt, fuͤr den Hof ſey ich gut genug. Graͤfin. Gut genug! Nun auf welche Stelle haſt du's — . 6 . 6 Sz. 2. Ende gut, Alles gut. W abgeſeh'n, wenn du davon ſo veraͤchtlich ſprichſt? Gut genug fuͤr den Hof!— Marr. Wahrhaftig, gnaͤdige Frau, wem Gott einige gute Manieren mitgegeben hat, der wird ſie leicht am Hof anbringen koͤnnen. Wer keinen Kratzfuß machen, ſeine Muͤtze nicht abnehmen, ſeine Hand nicht kuͤſſen, und Nichts ſagen kann, hat weder Fuß, Hand, Mund noch Muͤtze: und ein ſolcher Menſch, um praͤcis zu reden, paßt ſich nicht fuͤr den Hof. Was aber mich betrifft, ſo hab' ich eine Antwort, die fuͤr Jedermann taugt. Gräfin. Nun, das iſt eine erſprießliche Antwort, die zu allen Anreden paßt. Marr. Sie iſt wie ein Barbierſtuhl, der fuͤr alle Hin⸗ tern paßt; fuͤr die ſchmalen, die runden, die derben; kurz fuͤr alle Hintern. ſ Gräfin. Deine Antwort iſt alſo fuͤr alle Anreden paſ⸗ end?— Warr. So paſſend, wie ein Thaler fuͤr die Hand eines Advocaten; wie Eure franzoͤſiſche Krone fuͤr die Hand Eurer taftnen Dirne; wie Hanſens Meſſer fuͤr Gretens Scheide; wie ein Pfannkuchen fuͤr die Faſtnacht; wie ein Mohren⸗ tanz fuͤr den Maitag; wie der Nagel fuͤr ſein Loch; wie der Hahnrei fuͤr ſein Horn; wie ein keifendes Weibsbild fuͤr einen zaͤnkiſchen Mann; wie die Lippe der Nonne fuͤr S Mund des Moͤnchs; ja wie die Wurſt fuͤr ihre aut. Gräfin. Habt Ihr, frag ich noch einmal, eine Antwort, die eben ſo paſſend iſt fuͤr alle Anreden? Marr. Herunter vom Herzog an, bis unter den Con⸗ ſtabel hinab, paßt ſie auf alle Anreden. Grafin. Nun, das muß eine Antwort von ungeheuerm Caliber ſeyn, die auf alles eine Auskunft weiß. Narr. Im Gegentheil, beim Licht beſehn nur eine Kleinigkeit, wenn die Gelehrten die Wahrheit davon ſagen ſollten. Hier iſt ſie mit allem Zubehoͤr. Fragt mich ein⸗ mal ob ich ein Hofmann ſey; es wird Euch nicht ſchaden etwas zu lernen. Graͤfin. Wieder jung zu werden, wenn's moͤglich waͤre.— Ich will ſo närriſch ſeyn zu fragen, in der Hoffnung deſto weiſer durch Eure Antwort zu werden. Sagt mir alſo, mein Herr, ſeyd Ihr ein Hofcavalier? 28 Ende gut, Alles gut. 2. n. Marr. Ach Gott, Herr!— Das war bald abgethanz nur immer weiter, noch hundert ſolche Fragen. Gräfin. Herr, ich bin eine arme Freundin von Euch, die Euch gut iſt. Ach Gott, Herr!— Immer zu, ſchont mich nicht. Graͤfin. Ich glaube, mein Herr, Ihr werdet wohl nicht von ſolcher Hausmannskoſt eſſen?— Marr. Ach Gott, Herr!— Nein, nur drauf zu, ohne Umſtaͤnde!— Gräfin. Ihr wurdet neulich gepeitſcht, mein Herr, ſcheint mir? Marr. Ach Gott Herr,— ſchont mich nicht!— Gräfin. Ruft Ihr:„Ach Gott, Herr,“ wenn Ihr gepeitſcht werdet, und„ſchont mich nicht?“ Eure „Ach Gott Herr“ paßte recht wohl zu Euern Schlaͤgen; Ihr wuͤrdet aut dabei antworten, wenns ſo weit käme. Marr. So ſchlimm bin ich noch nie mit meinem„Ach Gott Herr!“ angekommen. Ich ſehe, man kann Etwas lange brauchen, aber nicht immer brauchen. Graͤfin. Ich bin eine recht verſchwendriſche Hausfrau mit meiner Zeit, daß ich ſie ſo ſpaßhaft mit einem Narren verbringe. 1 Marr. Ach Gott, Herr!— Seht Ihr, da paßte es wieder. Graͤfin. Genug fuͤr jetzt.— Gebt dieß an Helena, Und treibt ſie, eine Antwort gleich zu ſenden: Empfehlt mich meinem Sohn und meinen Vettern; Das iſt nicht viel. Warr. Nicht viel Empfehlung, meint Ihr? Graͤfin. Nicht viel zu thun fuͤr Euch: Verſteht Ihr mich? Marr. Hoͤchſt lehrreich; ich Lin da noch ehr als meine uͤße. Gräfin. Kommt bald zuruͤck. (Beide gehn ab.) Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 29 S e Sn Im Pallaſt des Königs. (Bertram, Lafeu und Parolles treten auf.) Lafeu. Man ſagt, es geſchehen keine Wunder mehr: und unſre Philoſophen ſind dazu da, die uͤbernatuͤrlichen und uner— gruͤndlichen Dinge alltaͤglich und trivial zu machen. Daher kommt es, daß wir mit Schreckniſſen Scherz treiben, und uns hinter unſre angebliche Wiſſenſchaft verſchanzen, wo wir uns vor einer unbekannten Gewalt fuͤrchten ſollten. Par. In der That, es iſt die allerſeltſamſte Wunder⸗ geſchichte, die in unſern letzten Zeiten aufgetaucht iſt. Bert. Das iſt ſie auch. Laf. Aufgegeben von den Kunſtverſtaͤndigen— Das ſage ich eben; von Galenus und Para⸗ celſus— Laf. Von allen dieſen gelehrten und authentiſchen Haͤuptern— Par. Nun eben!— Laf. Die ihn fuͤr unheilbar erklaͤrten— Par. Da liegts; das ſag' ich auch. Laf. Fuͤr huͤlflos— Par. Recht; fuͤr Einen, der gleichſam gefaßt ſeyn muͤſſe— Auf ein ungewiſſes Leben, und einen gewiſſen 0— Par. Richtig und wohl geſagt; das wollte ich auch agen. Laf. Ich darf wohl behaupten, es iſt etwas Unerhoͤrtes in der Welt⸗ Par. Das iſt es auch, wenns Einer im Schauſpiel ſehn muͤßte ers nachleſen in— Nun, wie heißt es doch? Laf. Im„Schauſpiel von der Wirkung himmliſcher Gnade in einem irdiſchen Gefaß.“ 30 Ende gut, Alles gut. A. II. Par. Recht ſo, das meinte ich; eben das. Laf. Wahrhaftig, ein Delphin iſt nicht muntrer: mein Seel ich rede mit aller Hochachtung— Par. Nein,'s iſt ſeltſam, ſehr ſeltſam; das iſt das kurze und das lange von der Sache; und der muß von hoͤchſt fascinirtem Geiſt ſeyn, der nicht geſtehn will, es ſey die— Laf. Unverkennbare Hand des Himmels.— Par. Ja, ſo ſag' ich⸗ Laf. In einem ſehr ſchwachen— Par. Und hinfaͤlligen Werkzeug große Macht, große Ener⸗ gie: wovon allerdings noch anderweitiger Gebrauch ſtatt finden ſollte, als nur zur Geneſung des Koͤnigs; damit wir alle— Laf. Dankbar ſeyn moͤchten. (Der König, Helena und Gefolge treten auf.) Par. Das wollt' ich auch ſagen, Ihr ſagtet wohl. Hier kommt der Konig. Laf. Luſtick, wie der Hollaͤnder ſpricht. Ich will allen Maͤdchen dafür noch einmal ſo gut ſeyn, ſo lange ich noch einen Zahn im Kopfe habe. Wahrhaftig, er iſt im Stande, und fordert ſie zu einer Courante auf. Par. Mort du vinaigre! Iſt das nicht Helena? Laf. Beim Himmel! das glaub' ich auch. Roͤn. Geht, ruft Uns alle Ritter meines Hofs.— Du, ſitz' bei deinem Kranken, holder Arzt; Und dieſe neu geneſ'ene Hand, durch dich Begabt mit laͤngſt verbannter Kraft, beſtaͤt'ge Vochmals dir jene zugeſagte Gabe, Dein, wie du ſie nur nennſt. (Einige Hofleute treten auf.) Nun, ſchoͤnes Kind, ſchau um: dieß muntre Volk Von wackern Juͤnglingen folgt meinem Willen, Gehorſam meinem koͤniglichen Spruch Und Vaterwort: ſo nenne frei dir Einen: Du darfſt dir waͤhlen, jene nicht verneinen. Zel. Ein fromm und ſchoͤnes Fraͤulein ſend' Euch Allen Der Liebe Gunſt,— Euch Allen, bis auf Einen. Laf. Ich gaͤb' den braunen Bleß mit ſammt dem Zeng, r⸗ n Sz.3. Ende gut, Alles gut. 31 Haͤtt' ich ſo friſche Zaͤhn' als dieſe Knaben, Und auch von Bart nicht mehr. Roͤn. Betrachte ſie; Nicht Einer, der nicht ſtammt aus edlem Blut. Hel. Geehrte Herrn, Gott hat durch mich den Koͤnig hergeſtellt. Alle. Wir hoͤrtens, und wir danken Gott fuͤr Euch. Zel. Ich bin ein einfach Maͤdchen; all' mein Reichthum Iſt, daß ich einfach mich ein Maͤdchen nenne.— Mit Eurer Hoheit Gunſt, ich bin zu Ende: Die Wangen, ſchamgeruͤthet, fluͤſtern mir: „Wir gluͤhen, daß duwaͤhlſt; wirſtdu verworfen, „Wird bleicher Tod fuͤr immer auf unsthronen, „Nie kehrt das Noth zuruͤck.“ Roͤn. Dein Wahlrecht uͤbe; Wer dich verſchmaͤht, verſchmaͤht auch meine Liebe. Hel. So ſlieh ich, Diana, deine Weihaltaͤre Und meine Seufzer richt' ich an die hehre Hochheil'ge Liebe.— Kennt Ihr mein Geſuch?— 1. Edelm. Ja, und gewaͤhr's. Zel. Habt Dank! Damit genug. Laf. Ich moͤchte lieber hier zur Wahl ſtehn, als alle Aß fuͤr mein Leben wuͤrfeln. Zel. Der Stolz, der Euch im edlen Ange flammt, Hat mich, noch eh' ich ſprach, zu ſtreng verdammt: Euch ſey ein zehnfach hoͤhres Gluͤck beſcheert, Das hoͤhre Lieb' als meine Euch gewaͤhrt. 2. Edelm. Kein beßres wuͤnſch' ich. Zel. Moͤg' Euch nimmer fehlen Cupido's Gunſt: ſo will ich mich empfehlen. Laf. Schlagen Alle ſie aus? Wenn das meine Soͤhne waͤren, ich ließe ſie peitſchen, oder ſchickte ſie zu den Tuͤr⸗ ken, um Verſchnittne draus zu machen. Zel. Sorgt nicht; ich laſſe Eure Hand ſchon fahren; Ich will Euch die Verlegenheit erſparen. Heil Eurer Wahl! Eur Lieben zu begluͤcken Moͤg' eine ſchoͤn're Braut Eur Lager ſchmuͤcken. Laf. Das junge Volk iſt von Eis, keiner will ſie: ganz gewiß u ſie engliſche Baſtarde; Franzoſen haben ſie nicht gezeugt. Fel. Ihr ſeyd zu jung, zu glucklich, und zu gut, Ich wuͤnſch' Euch keinen Sohn aus meinem Blut. 4. Edelm. Schoͤne, ſo denk' ich nicht. 32 Ende gut, Alles gut. A. II. Laf. Da iſt noch eine Traube; ich weiß gewiß, dein Vater trank Wein: wenn du aber nicht ein Eſel biſt, ſo bin ich ein Junge von Vierzehn. Ich kenne dich ſchon! Zel. Ich ſage nicht, ich nehm' Euch; doch ich gebe Mich ſelbſt und meine Pflicht, ſo lang ich lebe In Eure edle Hand. Dieß iſt der Mann.— Roͤn. Nimm ſie denn, junger Bertram, als Gemalin. Bert. Gemalin, gnaͤdger Herr? mein Fuͤrſt vergoͤnnt, In ſolcherlei Geſchaͤft laßt mich gebrauchen Die eignen Augen. Boͤn. Bertram, weißt du nicht Was ſie fuͤr mich gethan? Bertr. Ja, theurer Koͤnig; Doch folgt daraus, daß ich mich ihr vermaͤhle? Roͤn. Du weißt, ſie half mir auf vom Krankenbett. Bertr. Und ſoll ich deshalb ſelbſt zum Tod' erkranken, Weil ſie Euch hergeſtellt? Ich kenne ſie; Mein Vater ließ als Waiſe ſie erziehn: Des armen Arztes Kind mein Weib!— Verachtung Verzehre mich vorher! „Roͤn. Den Stand allein verachteſt du, den ich Erhoͤh'n kann. Seltſam iſts, daß unter Blut,— Vermiſchte mans,— an Farbe, Waͤrm und Schwere Den Unterſchied verneint und doch ſo maͤchtig Sich trennt durch Vorurtheil. Iſt jene wirklich Von reiner Tugend, und verſchmaͤhſt du nur Des armen Arztes Kind,— ſo ſchmaͤhſt du Tugend Um eines Namens willen. Das ſey fern! Wo Tugend wohnt, und waͤr's am niedern Heerd, Wird ihre Heimath durch die That verklaͤrt. Erhabner Rang bei ſuͤndlichem Gemuͤthe Giebt ſchwuͤlſtig hohle Ehre: wahre Guͤte Bleibt gut auch ohne Rang, das Schlechte ſchlecht: Nach innerm Kern und Weſen fragt das Recht, Nicht nach dem Stand. Jung, ſchoͤn, und ohne Tadel, Schenkt ihr Natur unmittelbaren Adel, Der Chre zeugt: wie Ehre den verdammt, Der ſich beruhmt, er ſey von ihr entſtammt, Und gleicht der Mutter nicht. Der Ehre Saat Gedeiht weit minder durch der Ahnen That, Als eignen Werth: das Wort froͤhnt wie ein Sklav Jeglicher Gruft: auf jedem Epitaph Lugt es Trophaͤen; oft ſchweigts, und dem Gedaͤchtniß in ſo t, Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 33 Ehrwuͤrd'ger Namen laͤßt er als Vermaͤchtniß Vergeſſenheit und Staub. Folg meinem Ruf! Liebſt du dieß Maͤdchen, wie Natur ſie ſchuf, Das andre ſchaff' ich: Weisheit, Reiz und Zier Hat ſie von Gott; Reichthum und Rang von mir. Bert. Sie lieb' ich nicht, und ſtreb' auch nie danach⸗ Roͤn. Ungluͤck dir ſelber, ſtrebſt du mir entgegen! Hel. Mich freut, mein Fuͤrſt, daß Ihr geneſen ſeyd; Das andre laßt!— Roͤn. Zum Pfand ſteht meine Ehre: ſie zu retten Mag denn der Koͤnig ſprechen. Nimm ſie hin, Hochmuͤth'ger Juͤngling, unwerth ſolches Guts; Der du in ſchnoͤder Mißachtung verkennſt So meine Gunſt wie ihr Verdienſt; nicht traͤumſt, Daß Wir, gelegt in ihre leichte Schale Dich ſchnellen bis zum Balken; nicht begreifſt, An Mir ſeys, deine Ehre da zu pflanzen Wo uns ihr Wachſen frommt. Brich deinen Trotz! Folg' unſerm Willen, der dein Wohl bezweckt: Mißtraue deinem Stolz, und augenblicks Juͤg' dich zu eignem Gluͤck dem Lehnsgehorſam, Den deine Pflicht und Unſre Macht erheiſcht: Sonſt ſchleudr' ich dich aus meiner Gunſt fuͤr immer In den rathloſen Abſturz, und den Schwindel Der Jugend und der Thorheit; Haß und Rach Loslaſſend wider dich im Lauf des Rechts, Taub jeglichem Erbarmen. Sprich! Gieb Antwort!— Bert. Verzeiht mir, gnaͤd'ger Herr, denn meine Nei⸗ gung Soll Euerm Wink ſich fuͤgen. Ueberleg' ich Welch große Schoͤpfung, welches Maaß von Ehre Folgt Euerm Wort; ſo find' ich ſie, noch juͤngſt Gering in meinem Wahne, jetzt geprieſen Vom Koͤnig ſelbſt: und ſo durch Ihn geadelt Als waͤr' ſie ebenbuͤrtig. Roͤn. Reich' die Hand ihr, Und nenne ſie dein Weib: und ich verheiße Vollwichtigen Erſatz, der deinen Reichthum Noch uͤberbieten ſoll. Bert. Gieb mir die Hand.— Ron. Freundliches Gluͤck, und deines Koͤnigs Gunſt VII. 3 34 Ende gut, Alles gut. A. II. Laͤcheln auf dieſen Bund; deß Heiligung Raſch folgend dieſem neugeſchaffnen Frieden, Vor Nacht vollzogen ſey. Das Hochzeitmahl Verſchieben wir auf ſpaͤtre Zeit, erwartend Die fernen Freunde. Wenn dein Herz ſie ehrt, So iſts von echter Treu, wo nicht, verkehrt. (Alle gehn ab, bis auf Lafeu und Parolles, welche während der Zeit über das Vorgefallene geſtritten haben.) Laf. Hoͤrt doch, Monſieur, ein Wort mit Euch!— Par. Was ſteht zu Dienſt? Laf. Euer Herr und Gebieter that wohl, daß er ſich zum Widerruf entſchloß. Par. Zum Widerruf? Mein Herr? Mein Gebieter? Laf. Freilich: Iſt das keine Sprache, die ich rede? Par. Eine ſehr herbe, und kaum verſtaͤndlich ohne blu⸗ tige Explication. Mein Herr? Seyd Ihr nicht der Begleiter des Grafen Rouſ⸗ tUon“ Par. Jedes Grafen; aller Grafen; aller Leute. Laf. Aller Leute des Grafen: des Grafen, Herr, will ſchon mehr ſagen. Par. Ihr ſeyd zu alt, Herr, laßt Euch genuͤgen; Ihr ſeyd zu alt! Laf. Ich muß dir ſagen, Burſch, ich heiße Mann; das iſt ein Titel, zu dem das Alter dich nie bringen wird. Par. Was ich allzuleicht wage, wag' ich nicht. Laf. Ich hielt dich nach zwei Mahlzeiten fuͤr einen leidlich vernuͤnftigen Burſchen: Du machteſt ertraͤglichen Wind von deinen Reiſen; das mochte hingehn; aber die Wimpel und Faͤhnchen an dir brachten mich doch mehr als einmal davon ab, dich fuͤr ein Schiff von zu großer Ladung zu achten. Ich habe dich nun gefunden; wenn ich dich wieder verliere gilt mirs gleich; du biſt doch des Auf⸗ hebens nicht werth. Par. Trügſt du nicht den Freibrief der Antiquitaͤt an Laf. Stuͤrze dich nicht kopfuber in Aerger, du moch⸗ teſt ſonſt deine Pruͤfung beſchleunigen; und wenn — * Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 35 Gott ſchenke dir Gnade, du armes Huhn! Und ſo, mein gutes Gitterfenſter, leb wohl; du brauchſt mir deine Laden nicht zu oͤffnen, ich ſehe dich durch und durch. Gieb mir deine Hand. Par. Gnaͤdiger Herr,— Ihr bietet mir das Subli⸗ mirte der Beleidigung! Laf. Ja, von ganzem Herzen, und du biſt ihrer werth⸗ Par. Ich habe das nicht verdient, gnaͤd'ger Herr! Laf. Ja, weiß Gott, jeden Gran davon, und ich erlaſſe dir keinen Scrupel. Par. Gut, ich will kluͤger werden. Laf. Das thu, ſobald du kannſt, denn du ſchmeckſt mir ſehr nach dem Gegentheil. Wenn ſie dich naͤchſtens ein⸗ mal mit deiner eignen Schaͤrpe binden und pruͤgeln, ſo ſollſt du ſehn, was es heißt auf ſeine Verbindungen ſtolz ſeyn. Ich habe Luſt meine Bekanntſchaft mit dir fort⸗ zuſetzen, oder vielmehr meine Kenntniß von dir; damit ich im Nothfall ſagen koͤnne, den Menſchen kenne ich. Par. Gnaͤdiger Herr, Ihr moleſtirt mich auf eine hoͤchſt verwundende Art. Laf. Ich wollte ich koͤnnte dir die ewige Hoͤllenpein ſchaffen, obgleich die Zeit des Schaffens bei mir voruber iſt; doch ſo viel verſchafft mir mein Alter noch, daß ich dich verlaſſen kann. (Lafeu geht ab.) Par. Nun, du haſt einen Sohn, der dieſen Schimpf von mir abnehmen ſoll, ſchaͤbigter, alter, filziger, ſchaͤbig⸗ ter Herr!— Wohl, ich muß Geduld haben; Anſehn laͤßt ſich nicht in Feſſeln legen. Ich will ihn pruͤgeln, bei mei⸗ nem Leben, wenn ich ihm auf irgend eine paſſende Art begegnen kann, und waͤr' es doppelt und dreifach ein vor⸗ nehmer Herr. Ich will nicht mehr Mitleid mit ſeinem Alter haben, als mit,„ Ich will ihn pruͤgeln, wenn ich ihm nur wieder begegnen kann. (Lafeu kommt zurück.) Laf. He, Freund! Euer Herr und Gebieter iſt ver⸗ heirathet, da habt Ihr etwas Neues fuͤr Euch; Ihr habt eine neue Gebieterin. ₰ 3* 36 Ende gut, Alles gut. A. II. Par. Ich erſuche Euer Gnaden hoͤchſt unumwunden, mit Euern Beleidigungen etwas an ſich zu halten. Er iſt mein guter Herr; der, dem ich dort oben diene, iſt mein Gebieter. Laf. Wer? Gott! Par. Ja, Herr. Laf. Der Satan iſts, der iſt dein Gebieter. Was ſchuͤrzeſt du deine Arme ſo auf? ſollen deine Ermel Hoſen vorſtellen? Thun das andre Bediente? Du ſollteſt lieber dein Untertheil dahin ſetzen, wo dir die Naſe ſitzt. Bei meiner Ehre, waͤr' ich nur zwei Stunden juͤnger, ich pruͤ⸗ gelte dich: mir ſcheint du biſt ein allgemeines Aergerniß, und Jedermann ſollte dich pruͤgeln. Ich glaube, du wur⸗ deſt geſchaffen, damit man ſich an dir eine Motion machen koͤnne. Par. Das iſt ein rauhes und unverdientes Verfahren, gnädiger Herr! Laf. Geht doch, Freund! Ihr wurdet in Italien ge⸗ pruͤgelt, weil Ihr einen Kern aus einem Granatapfel ſtahlt: Ihr ſeyd ein Landſtreicher, und kein aͤchter Reiſen⸗ der: Ihr betragt Euch viel unverſchaͤmter mit Edelleuten und Vornehmen, als das Patent Eurer Geburt und Vor⸗ zuͤge Euch die Ahnenprobe giebt. Ihr verdient kein Wort mehr, ſonſt nennt' ich Euch noch Schurke. Ich verlaſſe Euch!— Cer geht.) (Bertram tritt auf.) Par. Gut, ſehr gut; mags drum ſeyn! Gut, ſehr gut; es mag eine Zeitlang geheim bleiben!— Bert. Verloren! Ew'gem Unmuth Preis gegeben! Par. Was giebt es, lieber Schatz? Bert. Obgleich ichs feierlich dem Prieſter ſchwur, Will ich die Ehe nicht vollziehn. Par. Was giebts? Was giebts, mein Kind? Bert. O mein Parolles, ſie haben mich vermaͤhlt! Ins Feld nach Florenz! Nie mit ihr zu Bett! Par. Ein Loch fuͤr Hund' und verdient nicht Daß Helden es beſchreiten. Auf, ins Feld!— Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 37 Bert. Hier ſchreibt mir meine Mutter: was ſie meldet Weiß ich noch nicht. Par. Das zeigt ſich ſchon. Ins Feld, mein Sohn, ins Feld! Dem bleibt die Ehr' unſichtbar in der Taſche, Der hier zu Hauſe herzt den Seelenſchatz, In deſſen Arm ſein maͤnnlich Mark vergeudend, Das den Galopp und hohen Sprung von Mars Feurigem Roß aushalten ſoll. Hinaus! In ferne Zonen! Frankreich iſt ein Stall, Und wir die Maͤhren drin: drum fort ins Feld! Bert. So ſolls geſchehn: ich ſende ſie nach Haus, Der Mutter offenbar' ich meinen Abſcheu, Und was mich trieb von hier: dem Koͤnig ſchreib' ich Was ich zu ſagen fuͤrchte. Seine Mitgift Schafft mir die Mittel zum toscan'ſchen Krieg, Wo Ritter kaͤmpfen. Krieg wird Zeitvertreib Gegen ſolch Hauskreuz und verhaßtes Weib. Par. Und bleibt dir ſolch Capriccio auch gewiß? Bert. Geh mit mir auf mein Zimmer, rathe mir: Sie ſoll ſogleich hinweg: ich gehe morgen Ins Feld; ſie laß ich einſam ihren Sorgen. Par. Heiſſa, wie ſpringt der Ball und laͤrmt! dein Ehſtand Mein armer Knabe, ward dir fruͤh zum Wehſtand! Drum fort! Verlaß ſie, maͤnnlich dich zu zeigen: Der Koͤnig kraͤnkt dich,— ſtill! wir muͤſſen ſchweigen. (ſie gehn ab.) 38 Ende gut, Alles gut. A. II. Vierte Szene. Ebendaſelbſt. (Helena und der Narr treten auf.) Zelena. Meine Mutter gruͤßt mich freundlich; iſt ſie wohl? Marr. Sie iſt nicht wohl, und doch iſt ſie bei Geſund⸗ heit; ſie iſt recht munter, und doch iſt ſie nicht wohl; aber Gott ſey Dank, ſie iſt ſehr wohl, und ihr fehlt nichts in der Welt; und doch iſt ſie nicht wohl. Zel. Wenn ſie ſehr wohl iſt, was fehlt ihr denn, daß ſie nicht wohl iſt? Marr. In Wahrheit, ſie iſt ſehr wohl, ganz gewiß; bis auf zwei Dinge. Zel. Was fuͤr zwei Dinge? MWarr. Einmal, daß ſie nicht im Himmel iſt, wohin Gott ſie recht bald foͤrdern wolle; zweitens, daß ſie auf Erden iſt, von wo Gott ſie recht bald foͤrdern wolle. (Parolles tritt auf.) Par. Gott ſegne Euch, meine hoͤchſtbegluͤckte Dame! Zel. Ich hoffe, Herr, ich habe Eure Einwilligung zu meinem Gluͤck? Par. Ihr hattet mein Gebet, Euch dahin zu geleiten; und Euch dabei zu bewahren, ſollt Ihr es behalten.— O mein wackrer Schelm! Was macht unſte alte Graͤfin? Marr. Haͤttet Ihr nur ihre Runzeln, und ich ihr Geld, ſo moͤchte ſie immer machen was Ihr ſagt. Par. Ich ſage ja nichts. Marr. Mein Seel, dann ſeyd Ihr um ſo kluͤger; denn manches Dieners Zunge ſchwatzt nur ſeines Herrn Ver⸗ derben herbei. Nichts ſagen, nichts thun, nichts wiſſen und nichts haben, darin beſteht ein großer Theil Eures Ti⸗ tels, der die Wahrheit zu ſagen nicht um ein Tuͤttelchen mehr als Nichts iſt. Par. Fort mit dir, du biſt ein Schelm. Marr. Ihr haͤttet ſagen ſollen, Herr, vor einem Schelm Sz. 4. Ende gut, Alles gut. 39 biſt du ein Schelm, das heißt, vor mir biſt du ein Schelm: ſo waͤrs die Wahrheit geweſen. Par. Geh mir, du biſt ein witziger Narr, ich habe dich gefunden! Narr. Habt Ihr Euch in mir gefunden, Herr? Oder hat man Euch gelehrt mich zu finden? Das Suchen, Herr, war von gutem Erfolg; und moͤgt Ihr doch noch recht viel Narrheit in Euch finden, zu aller Welt Ergoͤtzen und Foͤrdrung des Lachens. Par. Ein guter Schelm und trefflich aufgefuͤttert.— Gräfin, mein gnaͤd'ger Herr verreiſt heut Nacht, Hoͤchſt wichtige Geſchaͤfte rufen ihn. Den großen Anſpruch und der Liebe Vorrecht Erkennt er gern, als Pſlicht die Euch gebuͤhrt; Doch muß er ſie verſaͤumen, nothbedrangt. Ihr Aufſchub ſelbſt und Zoͤgern beut Euch Nectarz Die finſtre Zeit bereitet ihn als Troſt, Damit die Zukunft uͤberfließ' in Wonne Und Luſt bis an den Rand. Zel. Was wuͤnſcht er ſonſt? Par. Daß Ihr ſogleich vom Koͤnig Abſchied nehmt, Ihm dieſe Haſt als Eure Wahl bezeichnet, ünd unterſtutzt mit Gruͤnden, daß ſie glaublich Und dringend ſcheine. Zel. Was noch mehr befiehlt er? Par. Daß, wenn Ihr dieß erreicht, Ihr alſogleich Erwartet was er ferner von Euch wuͤnſcht. Zel. In allen Stuͤcken harr' ich ſeines Winks. Par. Das werd' ich melden. Zel. Darum bitt' ich Euch. (Parolles geht.) Komm, Freund. (Helena und der Narr geht ab.) 40 Ende gut, Alles gut. A. II. Fuͤnfte Szene. Ebendaſelbſt. (Lafeu und Bertram treten auf.) Lafen. Ich hoffe doch, Euer Gnaden hält ihn nicht für einen Soldaten? t Ja, edler Herr, und von ſehr bewaͤhrter Tap⸗ erkeit. Laf. Ihr habts aus ſeiner eignen Ueberlieferung. Bert. Und von manchen andern verbuͤrgten Zeugen. Laf. So geht meine Sonnenuhr nicht richtig; ich hielt dieſe Lerche fuͤr einen Spaz. Bert Ich verſichre Euch, gnädiger Herr, er iſt von tiefer Einſicht, und eben ſo vieler Tapferkeit. Laf. So habe ich denn gegen ſeine Erfahrung geſun⸗ digt, und mich gegen ſeine Tapferkeit vergangen; und mein Zuſtand erſcheint um ſo gefaͤhrlicher, als ich noch zu keiner Reue in meinem Herzen gelangen kann. Hier kommt er: ich bitte Euch, verſoͤhnt uns wieder, ich will dieſe Freund⸗ ſchaft cultiviren. (Parolles tritt auf.) Par. Alles ſoll beſorgt werden, Herr. Laf. Ich bitt' Euch Herr; wer iſt ſein Schneider? Par. Herr?— Laf. O ich kenne ihn ſchon; Ja Herr, er iſt ein guter Nadelfuͤhrer, ein ſehr guter Schneider. Bert. Cbeiſeit.) Iſt ſie zum Koͤnig gegangen? Par. So eben. Bert. Will ſie heut Abend fort? Par. Wie Ihrs verlangt habt. Bert. Die Briefe ſind bereit, mein Geld verpackt, Beſtellt die Pferde,— und in dieſer Nacht, Anſtatt Beſitz zu nehmen von der Braut, Und eh' ich noch begann——— S. 5. Ende gut, Alles gut. 41 Laf. Ein verſtaͤndiger Reiſender gilt etwas gegen das Ende der Mahlzeit; aber Einen, der drei Drittheile lugt, und Eine bekannte Wahrheit als Paß fuͤr tauſend Wind⸗ beuteleien braucht, ſollte man einmal anhoͤren, und dreimal abpruͤgeln. Gott behuͤt Euch, Hauptmann. Bert. Giebt es irgend eine Mißbelligkeit zwiſchen dieſem edlen Herrn, und Euch, Monſieur? Par. Ich weiß nicht, wie ichs verdient habe, in Seiner Gnaden Ungnade zu fallen. Laf. Ihr ſeyd Hals uͤber Kopf mit Stiefeln und Spo⸗ ren hinein gerennt, wie der Burſch, der in die Mehlpaſtete ſprang: und Ihr werdet wohl ehr wieder herauslaufen, als Rede ſtehn, warum Ihr drin verweilt. Bert. Ihr habt ihn wohl nicht recht gewuͤrdigt, gnaͤ⸗ diger Herr. Laf. Das wird auch nie geſchehn, ſelbſt wenn ich ihn beim Hochwuͤrdigſten traͤfe. Lebt wohl, Herr Graf, und glaubt mir, in dieſer tauben Nuß kann kein Kern ſtecken: die Seele dieſes Menſchen ſitzt in ſeinen Kleidern. Traut ihm nicht in wichtigen Angelegenheiten; ich habe ſolches Volk zahm gemacht, und kenne ſeine Art. Goitt befohlen, Monſieur! ich habe beſſer von Euch geſprochen, als Ihrs um mich verdient habt, oder verdienen werdet; aber man ſoll Boͤſes mit Gutem vergelten.(ab.) Par. Ein ſehr muͤßiger Schwaͤtzer, auf Ehre!— Bert. Das ſcheint ſo. Les Wie, Ihr kennt ihn nicht? ert. O ja, ich kenn' ihn wohl; und allgemein Steht er in gutem Ruf.— Da kommt mein Kreuz!— (Helena tritt auf.) Zel. Ich habe, Herr, wie Ihr mirs anbefahlt Den Koͤnig ſchon geſehn, und ſeinen Urlaub ſchl⸗ Erhalten, gleich zu reiſen. Nur verlangt er Ein Wort mit Euch allein. Bert. Ich folge dem Gebot. Nicht wundr' Euch dieß Betragen, Helena, Das nicht die Farbe traͤgt der Zeit, noch leiſtet Was mir nach Pflichtgefuͤhl und Schuldigkeit Zunaͤchſt obliegt. Ich war nicht vorbereitet Auf dieſen Fall; drum bin ich uͤberraſcht Durch ſolch Verhaͤltniß: deshalb bitt' ich Euch Daß Ihr alsbald nach Hauſ' Euch hinbegebt, 42 Ende gut, Alles gut. 2. I. Und lieber ſinnt, als fragt warum ichs fordre. Was mich beſtimmt, iſt beſſer als es ſcheint, Und mein Geſchaͤft draͤngt mich mit ernſterm Zwang, Als Euch beim erſten Blick beduͤnken mag, Da Ihrs nicht uͤberſeht.— Dieß meiner Mutter: (giebt ihr einen Brief.) Zwei Taae noch, dann treff' ich Euch! und ſo Laſſ⸗ ich Euch Eurer 6 el. Ich kann nichts ſagen, err, Als daß Eure trenergebne Magd—— Bert. O laßt! Nichts mehr davon! Zel. Und ſtets bemuht, Mit treuer Sorglichkeit Euch zu erſetzen, Was mir ein niedriges Geſtirn verſagt, Um werth zu ſeyn ſo großen Gluͤcks. Bert. Genug! Denn meine Haſt iſt groß. Lebt wohl, und eilt. Bel. O lieber Herr! verzeiht.„ Bert. Mun ſagt, was meint Ihr? Bel. Ich bin nicht werth des Reichthums der mir ward, Noch darf ich mein ihn nennen, und doch iſt ers: Doch wie ein ſcheuer Dieb moͤcht' ich mir ſtehlen Was mir nach Recht gehoͤrt. Bert. Was wuͤnſcht Ihr noch? Zel. Etwas,— und kaum ſo viel,— im Grunde Nichts,— Ungern nenn' ich den Wunſch: doch ja! ſo wißt, Nur Fremd' und Feinde ſcheiden ungekuͤßt. Bert. Ich bitt' Euch, ei ſetzt Euch raſch ju Bel. Ich fuͤge dem Befehl mich, theurer Herr. (Helena ab. Bert. Sind meine Leute da?— Leb wohl! Geh' du Nach Haus, wohin ich nimmermehr will kehren; So lang' ich fechten kann, und Trommeln hoͤren. 8 Nun fort, auf unſre Flucht! Par. Bravo! Corraggio! C(ſie gehn ab.) rr, t hr rd, nde Ende gut, Alles gut. 43 S Aufzug. Erſte Szene. Im Pallaſt des Herzogs von Florenz⸗ (Es treten auf der Herzog von Florenz, zwei franzöſiſche Edelleute und Soldaten. Trompetenſtoß.) Serzog. So daß Ihr nun von Punct zu Punct vernahmt Den wahren Grund und Anlaß dieſes Kriegs, Deß große Loͤſung vieles Blut verſtroͤmt, Und duͤrſtet ſtets nach mehr. 1. Edelm. Der Zwiſt ſcheint heilig Auf Eurer Hoheit Seite, ſchwarz und frevelnd An Euerm Gegner. Zerz. Drum wundert uns, daß unſer Vetter Frank⸗ reich In ſo gerechtem Streit ſein Herz verſchloß, Als wir um Beiſtand warben. 2. Edelm. Gnaͤdger Fuͤrſt, Die Gruͤnde unſres Staats ſind mir verhuͤllt, Als einem ſchlichten Mann, entfernt vom Hof, Der unſres Raths erhabnes Anſehn ehrt, Und eignen Wirkens ſich begiebt. Drum wag' ich Kein Urtheil, denn ich traf die Wahrheit nie, Und meine ſchwankende Vermuthung irrte So oft ich rieth. Herz. Er thue nach Gefallen! 2. Edelm. Doch ſicher weiß ich, unſte muntre Ju— gen Von Frieden uͤberſatt, wird Tag füͤr Tag Arznei hier ſuchen. 14 Ende gut, Alles gut. A. III. Zerz. Sey ſie uns willkommen! Und alle Ehren, die wir ſpenden moͤgen Erwarten ſie. Auf Euern Poſten hin! Wenn Hoͤh're fallen, iſts fur Euch Gewinn. Morgen ins Feld!— (ſie gehn ab.) 3 weite S ene. Rouſſillon. (Es treten auf die Gräfin und der Narr.) Gräfin. Alles hat ſich zugetragen wie ichs wuͤnſchte, außer daß er nicht mit ihr kommt. Warr. Meiner Treu, ich denke, unſer junger Herr iſt ein ſehr melancholiſcher Mann. Gräfin. Und woran haſt du das bemerkt? Narr. Ei, er ſieht auf ſeinen Stiefel und ſingt; zupft an der Krauſe und ſingt; thut Fragen, und ſingts ſtochert die Zaͤhne, und ſingt; Ich kannte Einen, der ſolchen An⸗ ſatz von Melancholie hatte, und einen huͤbſchen Meierhof fuͤr ein Liedchen verkaufte. Graäfiu. Laß mich ſehn, was er ſchreibt, und wenn er zu kommen denkt. (ſie öffnet einen Brief.) Narr. Ich frage nichts mehr nach Elsbeth, ſeit ich am Hofe geweſen bin. Unſer alter Stockfiſch und unſte Els⸗ beths auf dem Lande ſind doch nichts gegen den alten Stock⸗ fiſch und die Elsbeths am Hofe. Mein Cupido laͤßt die Fluͤgel haͤngen, und ich fange an zu lieben wie ein alter Mann das Geld liebt, ohne Appetit!— Graͤfin. Was ſehe ich hier? Marr. Grade was Ihr ſeht.(geht ab.) 3 Gräfin(lieſt..„Ich ſende Euch eine Schwiegertochter: „ſie hat den Koͤnig hergeſtellt, und mich zu Grunde gerich⸗ „tet. Ich habe ſie geheirathet, aber nicht die Vermaͤhlung „vollzogen, und geſchworen, dieſes Nicht ewig zu machen. 1— 1—— 1— 1—*—— „— — —— B 1 — 38) 0 II. er ert n⸗ hof er am ls⸗ k⸗ die ter Sz. 2. Ende gut, Alles gut. 45 „Ihr werdet hoͤren, ich ſey davon gegangen; erfahrt es „durch mich, eh der Ruf es Euch meldet. Wenn die Welt „breit genug iſt, werde ich mich in weiter Entfernung hal⸗ „len. Mit kindlicher Hochachtung Euer ungluͤcklicher Sohn „Bertram.“— Das iſt nicht recht, unbaͤndiger, raſcher Knabe!— Die Gunſt zu meiden ſolches guten Herrn, Und auf dein Haupt zu ſammeln ſeinen Zorn, Die Braut verſtoßend, die ſo edel iſt, Daß Kaiſer ſelbſt ſie nicht verſchmaͤhten!— (Der Narr kommt zurück.) Warr. O, gnaͤdige Frau, dranßen giebts betruͤbte Neuiakeiten zwiſchen zwei Soldaten und der jungen Graͤfin. Graͤfin. Was iſt? Warr. Freilich, etwas Troſt iſt in den Reuigkeiten, etwas Troſt; Eu'r Sohn wird nicht ſo bald umkommen als ich dachte. Graͤfin. Woran ſollt' er denn umkommen? Marr. Das denk' ich auch, gnaͤdige Frau, wenn er davonlaͤuft, wie ich höre daß er thut: die Gefahr iſt im Zuſammenbleiben; denn dadurch gehn Kinder auf, und Maͤnner drauf.— Hier kommen welche, die Euch mehr ſagen werden: ich meines Theils weiß nur, daß der junge Graf davon gegangen iſt. (Helena und zwei Edelleute treten auf.) 1. Edelm. Gott gruͤß Euch, edle Graͤfin. Bel. O Graͤfin, mein Gemal iſt hin, auf immer hin! 2. Edelm. Sagt das nicht! Graäfin. Sey nur Siſ Ich bitt' Euch, edle Herrn, Mich traf ſo mancher Schlag von Freud' und Gram, Daß beider plotzlich ſchreckende Erſcheinung Mich kaum entmuthigt. Sagt, wo iſt mein Sohn? 2. Edelm. Er gieng zum Dienſt des Herzogs von Florenz; Wir trafen ihn hinreiſend, als wir ie Von dort; und wie der Hof uns nur entlaͤßt, Gehn wir dahin zuruͤck. Fel. Seht dieſen Brief! Das iſt mein Reiſepaß! „Wenn du den Ring an meinem Finger erhalten kannſt, „der niemals davon kommen ſoll; und mir ein Kind zeigen, „dann nenne mich Gemal: aber dieſes Dann iſt ſoviel „als Nie.“ S 4 ein eitehn räfin. Habt Ihr den Brief gebracht, Ihr Herrn? 1. Edelm. Ja, Graͤfin; Um ſolchen Inhalt reut uns unſte Muͤh. Gräfin. Ich bitt' dich, Liebe, faſſe beſſern Muth. Leg' nicht Beſchlag auf Alles Leid fuͤr dich, 2 Sonſt raubſt du meine Haͤlfte. Er war mein Sohn; Allein ich waſch' ihn weg aus meinem Blut, Und nenne dich mein einzig Kind. Nach Fiorenz Iſt er gegangen? 2. Edelm. Ja. Gräfin. Im Feld zu dienen? 2. Edelm. Das iſt ſein edler Vorſatz; und gewiß, Der Herzog wird ihm alle Ehr' erweiſen, Die ihm gebuͤhrt. Graͤfin. Kehrt Ihr dahin zuruͤck? 1. Edelm. Ja, Gräfin, mit der Eile ſchnellſtem Frankreich.“— »S iſt bitter! Graͤfin. Schreibt er das? Zel. Ja, gnaͤdge Frau. 1. Edelm. Vielleicht'ne Kuͤhnheit nur der Hand, von der Sein Herz nichts weiß. Graͤfin. Bis er kein Weib hat, hat er nichts in Frank⸗ eich r Ich weiß in Frankreich nichts zu gut fuͤr ihn, Als ſie allein; und ihr gebuͤhrt ein Mann, Dem Zehn ſo rohe Knaben dienen ſollten, Sie ſtuͤndlich Herrin nennend. Wer war mit ihm? 1. Edelm. Nur ein Bedienter, und ein Cavalier Den ich ſeit kurzem kenne. Graäfin. Iſts Parolles? 1. Edelm. Ja, gnaͤdge Frau. Graͤfin. Ein ſehr S Burſch, und voller Bos⸗ eit; Mein Sohn verdirbt ſein gut geariet Herz Durch ſeinen ſchlechten Rath. 46 Ende gut, Alles gut. A. MI. „von deinen Schooß geboren, zu dem ich Vater bin; Flug. Zel.„Bis ich kein Weib hab⸗, hab⸗ ich nichts in Sz. 2. Ende gut, Alles gut. 47 1. Edelm. Recht, edle Graͤfin. Der Burſch hat viel zu viel von dem, was hindert Daß viel aus ihm je werde. Graͤfin. Seyd willkommen Ihr Herrn! Ich bitt' Euch, ſagt doch meinem Sohn, Es koͤnn' ihm nie ſein Schwerdt die Ehr' erringen Die er verliert: noch weitres bitt' ich Euch Ihm ſchriftlich mitzubringen. 2. Edelm. Zaͤhlt auf uns; Euch hierin, wie im wichtigſten zu dienen. Gräfin. Nicht dienen; Freunde mir, wie ich die Eure. Woltt Ihr nicht naͤher treten? (die Gräfin und die beiden Edelleute gehn ab.) Zel.„Bis ich kein Weib eht hab ich nichts in Frank⸗ rei h. Er hat in Frankreich nichts, bis er kein Weib hat! Du ſollſt keins haben, Bertram, keins in Frankreich, Dann haſt du wieder Alles. Armer Graf! Bin ichs, die dich aus deiner Heimath jagt, Der Glieder zarten Bau dem Zufall Preis giebt Des ſchonungsloſen Kriegs? bin ichs, die dich Vertreibt vom luſt'gen Hof, wo ſchoͤne Augen Nach dir gezielt, um jetzt im Schuß zu ſtehn Dampfender Feuerſchluͤnd'? O bleir'ne Boten Die auf des Blitzes Haſt verwundend fahren, Fliegt andre Bahn; theilt die gleichguͤlt'ge Luft Die ſingt wenn ihr ſie trefft! Nicht Ihn beruͤhrt! Wer nach ihm ſchießt, den hab ich hingeſtellt: Wer anlegt auf ſein heldenmuͤthig Herz, Den hab' ich Meuchelmoͤrderin gedungen; Und tödt' ich ihn nicht ſelbſt, war ich doch Urſach Daß ſolcher Tod ihn traf. Viel beſſer wär's, Den Loͤwen faͤnd' ich, wenn er ſchweifend bruͤllt Im ſcharfen Drang des Hungers; beſſer waͤrs Daß alles Elend, das Natur umfaßt Mein wuͤrd' auf Eins. Kehr wieder, Ronſſillon, Von dort, wo Ehr aus der Gefahr ſich meiſt Nur Narben holt, und alles oft verliert. Ich geh: mein Bleiben halt von hier dich fern, Und dazu blieb' ich? Nimmermehr? Ob auch Des Paradieſes Luft dieß Haus umwehte, 48 Ende gut, Alles gut. A III. Und Engel drin mir dienten. Ich will gehn; Meld' ihm, Geruͤcht, mitleid'g, daß ich floh, Und troͤſt' ihn. Komm'o Nacht! Mit Tags Entweichen Will ich, ein armer Dieb, von hier mich ſchleichen. D ri te S en Florenz. (Trompetenſtoß. Es treten auf der Herzog von Florenz, Bertram, Parolles, Soldaten mit Trommeln und krie⸗ geriſcher Muſik.) Zerzog. Sey du Anfuͤhrer unſter Reiter; wir An Hoffnung reich, vertraun mit glaͤubger Liebe Auf dein verheißend Gluͤck. Bert. Mein Fuͤrſt, es iſt »Ne Laſt zu ſchwer fuͤr meine Kraft; doch ſtreb' ich Fuͤr Eure wuͤrdge Sache ſie zu tragen Bis an des Schreckens fernſte Graͤnze. Zerz. Komm, Und Gluͤck umflattre deinen Siegerhelm Als ſchuͤtzende Gebietrin! Bert. Großer Mars! Noch heut tret' ich in deine Kriegerreihn; Laß ſtark mich werden, wie mein Sinn: dann faſſ' ich Das Schlachtſchwerdt liebend, und die Liebe haſſ⸗ ich. (Alle gehn ab.) II. , e⸗ Sz. 4 Ende gut, Alles gut. 49 Rouſſillon. (Es treten auf die Gräfin und der Haushofmeiſter.) Gräͤfin. Ach! wie nur nahmſt du dieſen Brief von ihr? Dachtſt du nicht daß ſie thäte was ſie that, Weil ſie den Brief mir ſchickte? Lies noch einmal! Zaushofmeiſter. Clieſt.) „Sanct Jacob's Pilgrim beut Euch heil'gen Gruß! „Weil Lieb und Ehrgeiz wild mein Herz zerriſſen, „Wandr' ich auf hartem Grund mit nacktem Fuß, „Ein fromm Geluͤbd' erleichtre mein Gewiſſen. „Schreibt Eurem Sohn, ſchreibt meinem liebſten Herren, „Daß er aus blut'ger Schlacht zur Heimath kehre; „Ihn ſegne Frieden hier, indeß ich fern „Mit heißer Andacht ſeinen Namen ehre. „Er mag verzeih'n die Muͤh'n, die ich ihm ſchufz „Ich, ſeine ſtrenge Juno, ſandt' ihn aus „Von Luſt und Scherzen hin zum Kriegsberuf, „Wo auf den Tapfern lauert Todesgraus: „Denn Er iſt viel zu ſchoͤn fuͤr mich, und Sterben „Dieß ſey mein Loos; Er mag die Freiheit erben!“— Graͤfin. Wie ſcharfe Stacheln in ſo mildem Wort! Reinhold, ſo unbedachtſam konntſt du ſeyn, Daß du ſie reiſen ließeſt: Sprach ich ſie, Ich haͤtte wohl ſie anders noch gelenkt; Nun kam ſie uns zuvor. Zaushofm. Verzeiht, Gebietrin! Gab ich den Brief noch dieſe Nacht, vielleicht War ſie noch einzuholen, ſchreibt ſie gleich, Rachſpuͤren ſey vergeblich. Gräfin. Welch ein Engel Wird den unwuͤrdgen Gatten ſchuͤtzen? Keiner, zenn Ihr Gebet, das gern der Himmel hoͤrt Und gern gewaͤhrt, ihn nicht vom Zorn erloͤſt Des hoͤchſten Richters. S o ſchreib, mein Rein⸗ old, VII. 4 50 Ende gut, Alles gut. A. m. An dieſen Mann, der ſolcher Fran nicht wuͤrdig: Gieb ihrem Werth Gewicht durch jedes Wort, Denn viel zu leicht erwog er ihn; mein Leid Deß Groͤß' er nicht empfindet, ſchaͤrf' ihm ein: Send' ihm den ſicherſten, bewaͤhrtſten Boten: Vielleicht, wenn er vernimmt, ſie ſey entflohn, Kommt er zuruͤck; und wenn ſie ſolches hoͤrt, Dann hoff' ich lenkt auch ſie den Fuß zur Heimkehr, Gefuͤhrt von reiner Liebe. Wer von Beiden Mir jetzt der Liebſte ſey, vermag ich kaum Zu unterſcheiden. Sorge fuͤr den Boten. Mich beugen Gram und meines Alters Schwaͤchen; Mein Schmerz will Thraͤnen, Kummer heißt mich ſprechen (ſie gehn ab.) e Vor dem Thoren von Florenz. (Feldmuſik in der Ferne. Es treten auf eine alte Wittwe aus Florenz, Diana, Violenta, Mariana, Bürger.) Wittwe. Kommt nur mit, denn wenn ſie naͤher an die Stadt ruͤcken, verlieren wir ſie ganz aus dem Geſiht. Diana. Man ſagt, der franzoſiſche Graf habe ſich ſehr ruͤhmlich gehalten.. Wittwe. Es heißt, er habe ihren erſten Feldherrn ge⸗ fangen genommen, und mit eigner Hand des Herzogs Bru⸗ der getödtet. Unſre Muͤhe iſt vergeblich geweſen, ſie haben einen andern Weg genommen: horch! Ihr koͤnnt es an ihren Trompeten hoͤren. Miar. Kommt, kehren wir wieder zuruͤck, und begnä⸗ gen uns an der Erzaͤhlung. Huͤte dich nur vor dem fran⸗ zoͤſiſchen Grafen, Diana? die Ehre eines Maͤdchens iſt und kein Vermaͤchtniß iſt ſo reich als Ehr⸗ arkeit. IM. us dt e⸗ u⸗ en n ⸗ n⸗ r⸗ Sz. 5. Ende gut, Alles gut. 51 Wittwe. Ich habe meiner Nachbarin erzaͤhlt,wie Ihr von Einem ſeiner Cavaliere verfolgt worden ſeyd. Wiar. Ich kenne den Schurken, der Henker hole ihn! es iſt ein gewiſſer Parolles: ein nlchtswuͤrdiger Helfers⸗ helfer des jungen Grafen fuͤr ſolche Streiche. Nimm dich vor ihnen in Acht, Diana; ihre Verſprechungen, Lockun⸗ gen, Schwüre, Liebeszeichen, und alle dieſe Kuͤnſte der Verfuͤhrung, ſind das nicht, wofuͤr ſie ſich ausgeben: ſchon manche Jungfrau iſt durch ſie verleitet worden, und leider vermag das Beiſpiel, das uns verlorne Unſchuld ſo furcht⸗ bar aufzuweiſen hat, dennoch nicht von der Nachfolge ab⸗ zuſchrecken, ſondern ſie kleben an der Leimruthe die ihnen droht. Ich hoffe, ich brauche dich nicht weiter zu warnenz deine Tugend, hoff' ich, wird dich erhalten wo du ſtedſt, waͤre auch keine weitre Gefahr dabei ſichtbar, als der Ver⸗ luſt deines guten Rufs. Diana. Ihr ſollt nicht Urſach haben meinetwegen in Furcht zu ſeyn. (Helena tritt auf, als Pilgerin verkleidet.) Wittwe. Das hoffe ich. Seht, da kommt eine Pil⸗ gerin: ich weiß ſie wird in meinem Hauſe herbergen wol⸗ len, dahin weiſen ſie ſich Einer den Andern. Ich will ſie huehn— Gott gruͤß Euch, Pilgerin; wo denkt Ihr in?— Hel. Zum aͤltern Sanct Jacobus: Wo finden Pilger Wohnung? Sagt mir an! Wittwe. Beim Franciscanerkloſter, hier am Thor. Zel. Iſt dieß der Weg? Wittwe. Ja wohl, das iſt er.— Horcht! (Kriegsmuſik in der Ferne.) Jetzt nahn ſie. Wollt Ihr warten, fromme Pilgrin Bis daß der Zug voritie So zeig' ich Euch den Weg in Eu'r Quartier; Denn Eure Wirthin, muͤßt Ihr wiſſen, kenn' ich Ganz wie mich ſelbſt. Zel. Ihr ſelber ſeyd die Wirthin? Wittwe. Zu dienen, heil'ge Pilgerin. Sel. Ich dank' Euch, Und warte hier, ſo lang' es Euch beliebt. Wittwe. Ihr kommt aus Frankreich, denk' ich? Zel. Ja, von dort. 4* 52 Ende gut, Alles gut. A. III. Wittwe. Dann ſollt Ihr einen tapfern Landsmann ſehn, Der ſich viel Ruhm erwarb. 7 Zel. Sein Nam', ich bitt' Euch? Diangs. Der Graf von Sei kennt Ihr ihn hon? Zel. Von Hoͤrenſagen; und man ruͤhmt ihn ſehr; Geſehn hab' ich ihn nie. iena. Wie er auch ſey, Hier gilt er viel. Er floh aus Frankreich heimlich, Erzaͤhlt man, weil der Koͤnig ihn vermaͤhlt Entgegen ſeiner Neigung. Iſt das wahr? Bel. Ja wohl iſts wahr! Ich kenne ſeine Frau. Diana. Hier iſt ein Edelmann in ſeinem Dienſt, Der ſpricht gering von ihr. Hel. Wie heißt der Mann? Diana. Monſieur Parolles. Zel. Nun, ich geb ihm Recht; Denn in Betracht der Wuͤrd' und Trefflichkeit Des hohen Grafen ſelbſt iſt ſie zu niedrig Um oft genannt zu ſeyn. All' ihr Verdienſt Iſt ſtrenge Sittſamkeit; und dieſe hoͤrt“ ich Noch nie in Zweifel ziehn. iana. Ach, arme Dame! Das nenn' ich bittre Qual, vermaͤhlt zu ſeyn Dem Mann, der uns verabſcheut!— Wittwe. Gewiß! Das liebe Kind! Wo ſie auch ſey, Sie muß viel dulden. Seht, dieß Maͤdchen konnt' ihr Gefaͤhrlich werden, wollte ſie's. Zel. Wie meint Ihr? Stellt der verliebte Graf vielleicht ihr nach In unerlaubter Abſicht? Wittwe. Ja, das thut er, Und lockt mit allem, was in ſolcher Werbung Der zarten Ehre eines Maͤdchens droht. Doch ſie iſt auf der Hut, und haͤlt ihn ab Mit hoͤchſt bewährter Tugend. (Bertram, Parolles. Soldaten marſchiren über die Bühne.) War. Gott verhuͤt' auch Daß es je anders ſey! Wittwe. Sie kommen jetzt:— I. n „ Sz. 5. Ende gut, Alles gut. 53 Dieß iſt Anton, des Herzogs aͤltſter Prinz; Dieß Escalus. Zel. Und der Franzoſe? Diana. Dieſer: Der mit der Feder:'*s iſt ein feiner Mann; Ich wollt' er liebte ſeine Frau; weit huͤbſcher Faͤnd' ich ihn, waͤr' er tren.— Iſt er nicht artig?— Zel. Ich mag ihn wohl!— Diana. Schade, daß er nicht treu!— Da, ſeht den Schurken, Der ihn verfuͤhrt: ja, waͤr ich ſeine Frau, Dem Buben gaͤb' ich Gift. FZel. Wer iſt es denn? Diana. Der Geck mit all' den Baͤndern. Warum iſt er wohl melancholiſch? Fel. Er ward vielleicht iſt der Schlacht verwundet. Par. Die Trommel zu verlieren!— Nun— Wiar. Er ſcheint gewaltig verdrießlich. Seht, er hat uns ausgeſpaͤht. Wittwe. Waͤr er doch am Galgen! War. Und alle ſeine Schmeichelei! Solch ein Gelegen⸗ heitsmacher! (Bertram, Parolles und Soldaten ziehn vorüber.) Wittwe. Der Zug iſt nun vorbei. Kommt, Pilgerin, Ich bring' Euch unter Dach: Vier oder Fuͤnf Bußfert'ge Waller nach St. Jacobs Grab Sind ſchon in meinem Haus. Hel. Ich dank' Euch beſtens.— Will unſre Wirthin und dieß art'ge Maͤdchen Mit uns zu Abend ſpeiſen? Koſt und Dank Naͤhm' ich auf mich, und gaͤb' als Zahlung gern Noch einige Lehren dieſer Jungfrau mit, Die wohl zu brauchen ſind⸗ Beide. Wir danken freundlich. (Alle gehn ab.) 54 Ende gut, Alles gut. 1. m. Sechſte Szene. Lager vor Florenz. (Bertram und die beiden franzöſiſchen Edelleute treten auf.) 1. Edelmann. Ja, lieber Graf, verſuchts mit ihm; laßt ihm einmal ſeinen Willen. 2. Edelm. Wenn Ihr nicht findet er ſey ein Lump, gnaͤdiger Herr, ſo verſagt mir auf immer Eure Achtung. 1. Edelm. So wahr ich lebe, gnaͤdiger Herr, eine Schaumblaſe. Bert. Meint Ihr, ich haͤtte mich ſo ganz in ihm ge⸗ taͤuſcht? 1. Edelm. Glaubt mirs, Graf, nach allem was ich unmittelbar von ihm weiß,— ohne irgend Bosheit, und indem ich nur von ihm rede wie ich von meinem Vetter thun wuͤrde;— er iſt ein ausgemachter Haſenfuß, ein un⸗ endlicher und grenzenloſer Luͤgner, ein ſtuͤndlicher Wort⸗ brecher, und Beſitzer keiner einzigen Eigenſchaft die es verdiente, daß Eure Herrlichkeit ſich ſeiner annimmt. 2. Edelm. Es waͤre gut, Ihr durchſchautet ihn, damit Ihr nicht bei zuviel Vertrauen auf ſeine Tapferkeit, die er nicht hat, in einem großen und erheblichen Vorfall, wo es gelten moͤchte, von ihm getaͤuſcht werdet. Bert. Ich wollte, es gaͤbe einen beſtimmten Fall, ihn auf die Probe zu ſtellen. 2. Edelm. Am beſten, Ihr laßt ihn ſeine Trommel wieder holen, was er wie Ihr hoͤrt, ſo zuverſichtlich uͤber⸗ nimmt. 1. Edelm. Ich, mit einem Trupp Florentiner, werde ihn plotzlich uͤberfallen; ich will ſolche auswaͤhlen, die er gewiß nicht vom Feinde unterſcheidet. Wir wollen ihn dergeſtalt feſſeln und ihm die Augen verbinden, daß er nicht anders denken ſoll, als er ſey ins Lager der Feinde gefuͤhrt, wenn wir ihn in unſre eigne Zelte bringen. Seyd Ihr nur, mein 9naͤdiger Herr, bei ſeinem Verhoͤr zugegen: wenn er nicht, um ſeinen Pardon zu erhalten, und in der ußerſten Beklemmung einer ſchaͤndlichen Furcht ſich erbietet II. al ne e ch d er n⸗ rt⸗ es ſit er es el r⸗ de n ht 1 hr 1 er et Sz. 6. Ende gut, Alles gut⸗ 55 Euch zu verrathen, und Alles was er irgend weiß gegen Euch auszuſagen, ja, und obendrein das ewige Heil ſeiner Seele verſchwort,— ſo ſollt Ihr nie wieder meinem Rath in irgend etwas trauen. 2. Edelm. O, um des Lachens willen laßt ihn ſeine Trommel holen. Er ſagt, er hat eine Kriegsliſt dazu. Wenn Ihr alsdann, mein gnädiger Herr, ſeinem Erfolg auf den Grund ſeht, und in weiche Schlacken dieſer auf⸗ gehaͤufte Klumpen Erz einſchmelzen wird,— und Ihr tractirt ihn hernach nicht wie einen, der eine Tracht Schlaͤge verdient, ſo iſt Eure Zuncigung nicht zu vertilgen. Da kommt er⸗ (Parolles tritt auf.) 1. Edelm. O, um des Lachens willen, hindert den Spaß dieſes Anſchlags nicht: laßt ihn auf jeden Fall ſeine Trommel holen. Bert. Wie gehts, Monſienr? Dieſe Trommel ſcheint Euch ſchwer auf dem Herzen zu liegen⸗ 2. Edelm. Hol' ſie der Henker! laßt ſie doch, es iſt ja nur eine Trommel. Par. Nur eine Trommel? Nur eine Trommel, ſagt Ihr? Eine Trommel ſo zu verlieren! Das war mir ein herrliches Commando! Mit der Reiterei in unſern eignen Fluͤgel einzuhauen, und unſre eignen Leute zu werfen!— 1. Edelm. Das war nicht die Schuld des Commando; es war ein Kriegsungluck, das Caͤſar ſelbſt nicht haͤtte hin⸗ dern koͤnnen, wenn er uns commandirt haͤtte. Bert. Nun, wir haben nicht ſo ſehr uͤber unſer Schick⸗ ſal zu klagen; etwas Unehre bringt uns freilich der Ver⸗ luſt dieſer Trommel, aber die iſt einmal nicht wieder zu bekommen. Par. Man konnte ſie wieder bekommen!— Bert. Man konnte! Aber das iſt jetzt vorbei. Par. Man kann ſie noch wieder bekommen⸗ Wenn nur das Verdienſt im Felde nicht ſo ſelten dem wahren und eigentlichen Erwerber zugerechnet wuͤrde; ich ſchaffte dieſe Trommel wieder, oder eine andre, oder bic jacet Bert. Nun, wenn Ihr ſo großes Geluͤſt danach habt, 56 Ende gut, Alles gut. 2. m. Monſieur,— wenn Ihr glaubt, Eure geheime Wiſſenſchaft von Kriegsliſten koͤnne dieß Inſtrument der Ehre wieder in ſein heimiſches Quartier bringen, ſo zeigt Euch großher⸗ zig in der Unternehmung, und geht ans Werk. Ich will den Verſuch als eine glorreiche That mit Ruhm erheben: — wenn ſie Euch gelingt, ſoll der Herzog nicht nur davon ſprechen, ſondern Euch bis zur kleinſten Silbe Enres Ver⸗ dienſtes ſo bedenken, wie ſichs fuͤr ſeine Groͤße geziemen wird. Par. Bei der Hand eines Soldaten! Ich wills unter⸗ nehmen. Ihr muͤßt aber die Sache nicht ſchlummern aſſen. Par. Noch dieſen Abend will ich dran; gleich jetzt will ich meinen Operationsplan aufs Papier werfen, mich in meiner Zuverſicht ermuthigen, mein militairiſches Teſtament aufſetzen; und um Mitternacht mögt Ihr weiter nach mir fragen. Bert. Darf ich im Voraus den Herzog davon benach⸗ richtigen, daß Ihr Euch an das Unternehmen macht? Par. Ich weiß nicht, wie der Erfolg ſeyn wird, gnädi⸗ ger Herr, aber den Verſuch gelob⸗ ich. Bert. Ich weiß, du biſt tapfer; und fuͤr das Aeußerſte, was dein Soldatencharacter nur moͤglich machen kann, will ich mich fuͤr dich verbuͤrgen. Par. Ich bin kein Freund von vielen Worten. (geht ab.) 1. Edelm. So wenig als ein Fiſch vom Waſſer.— Iſt das nicht ein wunderlicher Kauz, gnaͤdiger Herr, der ſo zuverſichtlich dieſe Sache zu unternehmen ſcheint, von der er weiß, ſie ſey nicht durchzufuͤhren? Der ſich dazu ſie zu thun, und lieber verdammt waͤre eh er ſie thaͤte? 2. Edelm. Ihr kennt ihn nicht, gnaͤdiger Herr, wie wir. Wahr iſts, daß er ſich wohl in Jemands Gunſt zu ſtehlen weiß, und eine Woche lang einer Menge von Ent⸗ deckungen auszuweichen verſteht; aber durchſchaut ihn Ein⸗ mal, ſo habt Ihr ihn dann fur immer. Bert. Wie! meint Ihr denn, er wird von dem Allen Nichts thun, wozu er ſich doch ſo ernſtlich anheiſchig macht? I. ft er r⸗ ill 1 ½ n r- * n Sz. 6. Ende gut, Alles gut. 57 2. Edelm. Richt das Mindeſte; mit einer Erfindung wird er wiederkommen, und Euch zwei oder drei wahr⸗ ſcheinliche Lugen auftiſchen. Aber wir haben ihn ſchon faſt muͤde gehetzt, und Ihr ſollt ihn dieſe Nacht fallen ſehn, denn in der That, er verdient Euer Gnaden Ach⸗ tung nicht. 1. Edelm. Wir wollen Euch erſt noch eine kleine Jagd mit dem Fuchs halten, eh' wir ihn abſtreifen. Der alte Herr Lafen hat ihn zuerſt ausgewittert: wenn er ſeine Maſte einmal abgelegt, ſollt Ihr ſehn, was fuͤr einen Zeiſig Ihr an ihm habt, und noch dieſen Abend werdet Ihrs erleben. 2. Edelm. Ich muß gehn, und nach meinen Leimru⸗ then ſehn; er wird bald feſt ſeyn. Bert. Eu'r Bruder da, er ſoll mich jetzt begleiten. 2. Edelm. Wie's Euch gefaͤllt; Ich will mich Euch empfehlen. Bert. Nun fuͤhr' ich Euch zum Hauſ⸗, Ihr ſeht das Maͤdchen, Von der ich ſprach. 1. Edelm. Doch ſagt Ihr, ſie ſey keuſch? Bert. Das iſt ihr Fehl; ich ſprach ſie einmal nur, Und fand ſie ſeltſam ſtreng: doch ſchickt' ich ihr Durch jenen Narrn, den wir entlarven wollen, Geſchenk' und Briefe, die zuruͤck ſie ſandte.— So ſtehn wir nun; ſie iſt ein reizend Kind; Wollt Ihr ſie ſehn? 1. Edelm. Sehr gern, mein gnaͤdiger Herr. C(ſie gehn ab.) 58 Ende gut, Alles gut. A MI. Siebente Szene. Florenz. Ein Zimmer im Hauſe der Wittwe. (Helena und die Wittwe treten auf.) Belewa. Wenn Ihrs bezweifelt, ich ſey Helena, Kann ich Euch nicht noch mehr Beweiſe geben, Will ich nicht ſelbſt die Huͤlfe mir zerſtoren. Wittwe. Obgleich verarmt, bin ich aus gutem Haus; Ich wußte nie von ſolcherlei Geſchaͤft, Und moͤchte jetzt nicht meinen Namen leihn Zweideutgem Thun. Bel. Das war auch nie mein Wunſch. Vornehmlich glaubt, der Graf ſey mein Gemal, Und was ich insgeheim Euch anvertraut Sey wahr, von Wort zu Wort: Dann irrt Ihr nicht, Wenn Ihr mir, ſo wie ich gebeten, helft, Und bleibt von Tadel frei. Wittwe. Ich ſollt' Euch glauben: Denn was Ihr mir geboten, macht es klar, Ihr ſeyd ſehr reich!— Zel. Nehmt dieſe Boͤrſe Gold; Und laßt mich Euren guͤt'gen Dienſt erkaufen. Den ich noch Einmal, Zweimal will bezahlen, Wenns mir gelang.— Der Graf beſtuͤrmt Eu'r Kind, Sein uͤpp'ger Sinn belagert ihre Schoͤnheit, Und ſtrebt nach Sieg:— ſie geb' ihm endlich nach; Wir zeigen ihr, wie ſichs am beſten fuͤgt. Sein ungeſtuͤmes Blut wird nichts verweigern, Was ſie begehrt. Der Graf traͤgt einen Ring, Seit alter Zeit vererbt in ſeinem Stamm Von Sohn zu Sohn, vier, fuͤnf Geſchlechter durch, Seit ihn der Erſte trug: Er haͤlt dieß Kleinod In hoͤchſtem Preis: doch in der heft'gen Glut Nach ſeinem Ziele ſcheints ihm wohl nicht theuer, Bereut ers auch hernach. S. Ende gut, Alles gut. 59 Wittwe. Run ſeh ich ſchon Die Abſicht Eurer Plan's. Zel. Ihr ſeht er iſt erlaubt. Es iſt nicht mehr, Als daß Eu'r Kind, eh' ſie gewonnen ſcheint, Den Ring verlangt: ihm eine Zeit beſtimmt, Und endlich mir das Weitre uͤberlaͤßt, Sie ſelbſt in zuͤcht'ger Ferne. Dann verſprech' ich Zum Brautſchatz außer dem was ich gelobt, Dreitauſend Kronen noch. Wittwe. Ich bin gewonnen. Lehrt meine Tochter, wie ſie ſich verhalte, Daß Zeit und Stunde dem erlanbten Trug Behuͤlflich ſeyn. Er kommt an jedem Abend Mit aller Art Muſik und Liebesliedern Auf ihren Unwerth: und es hilſt uns nichts Von Hauſ' ihn ſchelten, denn er bleibt beharrlich, Als goͤlt' es ihm ſein Leben. SZel. Wohl, heut Nacht Beginnen wir das Spiel, das, wenn's gelungen, Durch boͤſen Vorſatz frommen Zweck errungen, Erlaubte Abſicht in erlaubter That, Schuldloſen Wandel auf des Laſters Pfad. Kommt denn, es auszufuͤhren.— (ſie gehn ab.) 60 Ende gut, Alles gut. Vierter Aufzug. Er ſe S ne Im florentiniſchen Lager. Ein franzöſiſcher Edelmann tritt auſ. Fünf oder ſechs Soldaten im Hinterhalt.) 6 Edelmann. Er kann nirgend anders herkommen, als an dieſer Zaun⸗ ecke. Wenn Ihr auf ihn losſtuͤrzt, ſprecht irgend eine fuͤrchterliche Sprache, welche Ihr wolit: wenn Ihr ſie auch ſelbſt nicht verſteht, gleichviel: denn wir muͤſſen nicht thun, als verſtaͤnden wir ihn, außer Einem von uns„ den wir fuͤr unſern Dollmetſcher ausgeben muͤſſen. Sold. Lieber Hauptmann, laßt mich den Dollmetſcher eyn. Edelm. Biſt du nicht mit ihm bekannt? Kennt er deine Stimme nicht? Sold. Nein, Herr, gewiß nicht. Edelm. Aber was fuͤr Kauderwelſch willſt du uns er⸗ widern? Sold. Eben ſolches, als Ihr mir ſagen werdet. Edelm. Er muß uns fuͤr einen Haufen Fremder hal⸗ ten, die in feindlichem Solde ſtehn. Nun hat er von allen benachbarten Sprachen etwas aufgeſchnappt, darum muß Jeder ſo ſprechen, wie es ihm in den Mund kommt, und nicht drauf achten, was Einer dem Andern ſagt, wenn wir nur das im Auge behalten was zu unſtrer Abſicht dient: thoͤricht Gewaͤſch und Rothwelſch, alles iſt gut genug. Ihr, Dollmetſcher, muͤßt recht politiſch thun. Aber ſacht! Duckt Euch; hier kommt er, um zwei Stunden zu ver⸗ ſchlafen, und dann zuruͤckzukommen, und auf die Luͤgen zu ſchwoͤren, die er ſchmiedet. 3 1. e 1, ir r e —— —— —*—„* Sz. 1. Ende gut, Alles gut. 61 (Parolles tritt auf.) Par. Zehn Uhr!— Nach drei Stunden wirds zeitig genug ſeyn, nach Haus zu gehn. Was ſoll ich ſagen, das ich gethan habe? Ich muß ſchon etwas recht glaubliches erfinden, wenn mirs durchhelfen ſoll. Sie fangen an, mir in die Karten zu ſehn, und das Ungluͤck klopft ſeit kurzem zu oft an meine Thuͤr. Ich finde, meine Zunge wird zu tolldreiſt; aber mein Herz hat die Furcht des Mars und ſeiner Creaturen vor Augen, und wagt nicht, was meine Zunge prahlt. Edelm.(beiſeit.) Das iſt die erſte Wahrheit, deren ſich deine Zunge je ſchuldig gemacht! Par. Was in's Teufels Namen hat mich nur dazu gebracht die Wiedererobrung dieſer Trommel zu unterneh⸗ men? da ich doch klar einſehe, wie unmoͤglich es iſt, und weiß daß ich niemals ſolche Abſicht hatte!— Ich muß mir einige Wunden beibringen, und ſagen, ich erhielt ſie in der Action: aber leichte Wunden werdens nicht thunz ſie werden ſagen: Kamſt du mit ſo wenigem davon? und große mag ich mir nicht geben. Was fang' ich nun an? Wie fuͤhr' ich den Beweis? Zunge, ich muß dich in eines Butterweibs Mund ſtecken, und eine andre von Bajazets Maulthiere kaufen, wenn du mich in ſolche Gefahren plauderſt! Edelm. Cbeiſeit.) Iſts moͤglich, daß er weiß wer er iſt, und dennoch der iſt, der er iſt?— Par. Ich wollte, ich käme damit ab, meine Montur zu zerſchneiden, oder meine ſpaniſche Klinge zu zerbrechen! Edelm. Cbeiſeit.) Damit koͤnnen wir dich nicht ab⸗ ſolviren. Par. Oder mir den Bart zu ſcheeren, und zu ſagen, es ſey eine Kriegsliſt geweſen! Edelm.(beiſeit.) Das wuͤrde dir nichts helfen! Par. Oder meine Kleider ins Waſſer zu werfen, und zu ſagen, man habe mich ausgezogen? Edelm.(beiſeit.) Hilft ſchwerlich. Par. Wollt' ich etwa ſchworen, ich waͤre aus dem Fenſter der Citadelle geſprungen—— 2 5 Edelm. Cbeiſeit.) Wie tief? Par.—— Dreißig Klafter tief— 62 Ende gut, Alles gut. A. IV. Edelm.(beiſeit.) Das wuͤrden dir drei große Schwuͤre nicht glauben machen. Par. Haͤtte ich nur eine feindliche Trommel, ich wollte ſchwoͤren, ich habe ſie erobert. Edelm.(beiſeit.) Gleich ſollſt du eine hoͤren, (Trommeln und Geſchrei hinter der Szene.) Par. Eine feindliche Trommel! Edelm. Tbrocamovousus, cargo! cargo! cargo! Alle. Crago, crago, vilianda par carbo! (Sie greifen ihn und binden ihm die Augen.) Par. O, Pardon! Pardon! bindet mir nicht die Augen zu!— Dollm. Barcos thromuldo Poscos. Par. Ich weiß Ihr ſeyd von Musco's Regiment, Und's iſt mein Tod, daß mir die Sprache fremd. Iſt hier kein Deutſcher, Niederlaͤnder, Daͤne, Franzoſe, Italiener? Laßt ihn ſprechen, So ſag' ich alles, was dem Florentiner Verderben bringen kann. . Dollm. Boscos vouvado: Ich rede deine Sprache, und verſteh dich:— Kerelybonto:— Freund, Schließ deine Rechnung ab; denn ſiebzehn Dolche Stehn auf der Bruſt dir. Par. O! Dollm. O, bete, bete, Mancha revania dulche. Edelm. Oscoribi dulchos volivorco. Dollm. Der Feldherr 7 i man dich noch ver⸗ chone, Und du verkappt, ſo wie du biſt, ihm folgſt. Und Rede ſtehſt: vielleicht berichtſt du dann Was dir das Leben rettet. . Par. Laßt mich leben! 3 So ſag' ich, was ich nur vom Heere weiß: Der Truppen Zahl, den Kriegsplan: ja, ich meld' Euch Was Euch verwundern ſoll. Dollm. Und ohne Falſch? Par. Ja, ſonſt will ich verdammt ſeyn. re te die er⸗ Sz. 2. Ende gut, Alles gut. 63 Dollm. Acordo linta; Komm denn, man goͤnnt dir Aufſchub. (Dollmetſcher und Parolles ab. Trommeln hinter der Szene.) FEdelm.(zu einem der Soldaten.) Geh, ſag Graf Rouſſil⸗ lon und meinem Bruder, Der Gimpel ſey im Garn, und feſt vermummt, Bis ſie Beſcheid geſendet. Sold. Gleich, Herr Hauptmann. Edelm. Und ſag den Herrn, er woll' uns allzumal Uns ſelbſt verrathen. Sold. Wohl! Edelm. Doch bis dahin Soll er im Finſtern ſitzen, wohl verwahrt. (Alle gehn ab.) 3weite Szene. Florenz. Im Hauſe der Wittwe. (Bertram und Diana treten auf.) Bertram. Man ſagte mir, Ihr heißet Fontibella? Diana. Nein, Diana, gnaͤd'ger Herr. Bert. Erhabne Goͤttin, Und werth noch mehr als dieß! Doch, ſchoͤnſtes Weſen, Hat deine Wunderform kein Theilchen Liebe? Belebt nicht Jugendfeuer dein Gemuͤch, Biſt du kein Maͤdchen, nein, ein Marmorbild. Nach deinem Tod erſt ſollteſt du das ſeyn Was du jetzt biſt, ſo kalt und ſtrengz doch jetzt Sollteſt du ſeyn, wie deine Mutter war, Als ſie dein ſuͤßes Bild erſchuf. Diana. Da war ſie tugendhaft. Bert. Das biſt du! Diana. Neinz Sie that nach ihrer Pflicht; wie Euer Weib Von Euch ſie fordert, Graf. 5 64 Ende gut, Alles gut. A.IV. Bert. Still, davon nichts! Nicht ſprich dafuͤr, wogegen ich geſchworen. Sie ward mir aufgedrungen: doch dich lieb' ich Durch ſuͤßen Liebeszwang, und weih auf ewig Dir meinen treuen Dienſt. Diana. So dient Ihr uns, Bis wir Euch dienen: bracht ihr unſte Roſe, Iſt es Euch gleich, wie uus die Dornen ſtechen, Des Raubes lacht ihr dann. Bert. Was ſchwur ich dir? Diana. Nicht viele Eide ſind's, die Treue bilden, Nein, nur ein einz'ger Schwur, wahrhaft gelobt. Was iſt wohl heiliges bei dem wir ſchwoͤren, Das uns der Hoͤchſte nicht bezeugen ſoll? Doch nun ſagt ſelbſt, ich bitt' Euch; Gelobt ich Euch bei Amor's ew'gen Kraͤften Ich liebt' Euch herzlich: glaubtet Ihr dem Schwur, Liebt' ich um Euch zu ſchaden? Waͤr's nlcht ſinnlos Ihm, dem ich Liebe hoch betheure, ſchwoͤren: Ich ſaͤnn' auf ſein Verderben? Euer Eid Iſt drum nur Wort und Schein, ſchwach, ohne Siegel Mind'ſtens nach meinem Sinn. Bert. O, aͤndr' ihn, aͤndr' ihn! Sey nicht ſo heilig grauſam! Lieb iſt heilig, Und meine Lauterkeit kennt nicht die Liſt, Der du die Maͤnner zeihſt. Nicht Ausflucht mehr! Nein, gieb dich meiner kranken Sehnſucht hin, Die dann geſundet. Sage, du ſeyſt Mein, Und ſo wie heut ſoll ſtets mein Lieben ſeyn. ppe Uns zu gefaͤhrden. Gebt mir dieſen Ring. Bert. Ich leih' ihn dir, Geliebte: ihn verſchenken Steht nicht bei mir. Diana. Ihr wollt nicht, gnaͤd'ger Herr? Bert. Es iſt ein Ehrenkleinod unſres Hauſes, Von vielen maͤcht'gen Ahnherrn mir vererbt, Und mir der groͤßte Makel auf der Welt Verloͤr' ichs. Diana. Meine Ehr' iſt ſolch' ein Ring: Die Keuſchheit iſt das Kleinod unſres Hauſes, Von vielen meiner Ahnherrn mir vererbt: Und mir der groͤßte Makel auf der Welt, Diana. Ich ſeh', Ihr ſchingt ein Seil zur ſteilſten 1 6— n Sz. 2. Ende gut, Alles gut. 6⁵ Verloͤr ich ſie. So fuͤhrt mir Eure Weisheit Den Kaͤmpfer Ehre her zu meinem Schirm Vor Euerm nicht'gen Angriff. Bert. Nimm den Ring! Stamm, Ehre, ja mein Leben ſelbſt ſey dein, Und ich dein eigner Knecht. Diana. Um Mitternacht an mein Kammer⸗ enſter, Ich ſorge, daß die Mutter Euch nicht hoͤrt. Jedoch verſprecht mir, wie Ihr wahrhaft ſeyd: Wenn Ihr mein noch jungfraͤulich Bett erobert, Bleibt Eine Stunde nur, und ſprecht kein Wort: Ich habe triftgen Grund, und ſag' ihn Euch, Wenn Ihr den Ring dereinſt zuruͤck erhaltet. Und einen andern Ring ſteck' ich heut Nacht An Euern Finger, der zukuͤnft'gen Tagen Ein Pfand ſey, was mit uns ſich zugetragen. Lebt wohl, bis dahin: fehlt nicht: ich erwarb Ein Weib Euch, wenn auch ſo mein Hoffen ſtarb. Bert. Des Himmels Gluͤck auf Erden dank' ich dir! Cgeht ab.) Diana. Lebt lang'! und dankts dem Himmel einſt und mir! Vielleicht geſchiehts dereinſt.— Ganz ſchilderte ſein Werben mir die Mutter, Als ſaß' ſie ihm im Herzen; gleiche Eide Hat, ſprach ſie, jeder Mann. Iſt todt ſein Weib, So ſchwoͤrt er mich zu frein; drum bin ich todt, Sey er mein Mann. Wenn ſo Franzoſen werben, Mag frein wer will, ich werd' als Maͤdchen ſterben: Doch duͤnkt mich keine Suͤnde, den betrugen, Der als ein falſcher Spieler hofft zu ſiegen. (geht ab.) VII. 5 . * 66 Ende gut, Alles gut. X. W Im florentiniſchen Lager. (Die veiden franzöſiſchen Edelleute und einige Soldaten treten auf.) 1. Edelmann. Ihr habt ihm den Brief ſeiner Mutter noch nicht gegeben? 2. Edelm. Ich gab ihn ihm vor einer Stunde: es muß etwas darin ſtehn, das ihn ſchmerzlich trifft, denn als er ihn las, ward er faſt in ein andres Weſen ver⸗ wandelt. 1. Edelm. Er verdient den ſchaͤrfſten Tadel, daß er eine ſo wuͤrdige Gemalin und holde Dame verſtoßen hat. 2. Edelm. Beſonders hat er ſich des Koͤnigs Ungnade fuͤr ewige Zeiten zugezogen, der eben ſeine Huld dazu ge⸗ ſtimmt hatte, ihm Gluck zu ſingen.— Ich will Euch etwas ſagen, aber es muß in tiefem Dunkel bei Euch verborgen bleiben. 2 1. Edelm. Wenn Ihrs ausgeſprochen habt, iſt es todt, und ich bin das Grab davon. 2. Edelm. Er hat hier in Florenz ein junges Fraͤulein vom ſittſamſten Ruf verfuͤhrt, und dieſe Nacht ſaͤttigt er ſeine Luſt mit dem Raube ihrer Ehre. Er hat ihr ſeinen Familienring geſchenkt, und haͤlt ſich fuͤr uͤvergluͤcklich in dieſer unkeuſchen Verbindung. 1. Edelm. Nun, Gott erbarme ſich unſres Abfalls! Was ſind wir fuͤr Geſchoͤpfe, wenn wir unſern eignen Weg gehn! 2. Eedelm. Nur unſre eignen Verraͤther. Und wie, nach dem gewoͤhnlichen Lauf aller Verräthereien, ſie ſich im mer ſelbſt aufdecken, ehe ſie ihr ruchloſes Ziel erreicht haben, ſo wird auch Er, der in dieſer That ſeinen innem Adel herabſetzt, zugleich der Herold ſeiner eignen Schande, 1. Edelm. Iſt es denn nicht eine hoͤchſt ſtrafwuͤrdige Geſinnung, ſelbſt die Verkuͤnder unſrer verbotnen Abſichten zu ſeyn?— Wir werden ihn alſo nicht heut Abend in um frer Geſellſchaft ſehn?— V. en Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 67 2. Edelm. Nicht bis nach Mitternacht, denn das iſt die ihm beſtimmte Stunde. 1. Edelm. Die iſt nicht mehr fern. Ich moͤchte gern, daß er ſeinen Freund anatomirt ſaͤhe, damit er ſein eignes Urtheil wuͤrdigen lerne, in welches er dieſen falſchen De⸗ mant ſo kuͤnſtlich eingefaßt hatte. 2. Edelm. Wir wollen uns mit Jenem nicht abgeben, bis der Graf kommt; denn ſeine Gegenwart muß die Gei⸗ hel des Geſellen werden. 1. Edelm. Inzwiſchen ſagt mir, was hoͤrt Ihr von dieſem Krieg? 2. Edelm. Ich hoͤre, man ſpricht von Friedensunter⸗ handlungen. 1. Edelm. Nein, ich verſichre Euch, der Friede iſt ſchon geſchloſſen. 2. Edelm. Was wird Graf Rouſſillon dann begin⸗ 5 Wird er weiter reiſen oder nach Frankreich zuruͤck⸗ ehren? 1. Edelm. Ich ſchließe aus dieſem Fragen, daß Ihr nicht ganz in ſein Geheimniß eingeweiht ſeyd. 2. Edelm. Dafuͤr behuͤte mich Gott, Herr! Dann haͤtte ich auch großen Theil an ſeinem Thun. 1. Edelm. Seine Gemalin, Herr, entfloh vor zwei Monaten aus ſeinem Hauſe: zum Vorwand nahm ſie eine Pilgerfahrt zu Sanct Jacob dem Aeltern, und vollbrachte dieß heilige Unternehmen mit der ſtrengſten Andacht. Waͤhrend ſie dort noch verweilte, ward die Zartheit ihrer Natur ihrem Kummer zur Beute: ſo ſeufzte ſie endlich ihren letzten Athem aus, und betet jetzt im Himmel. 2. Edelm. Wie weiß man das mit Gewißheit? 1. Edelm. Groͤßtentheils aus ihren eignen Briefen; dieſe beſtaͤtigen ihre Geſchichte bis auf den Punct ihres To⸗ des. Ihr Tod ſelbſt, dem ſie nicht berichten konnte, ward zuverlaͤſſig durch den Pfarrer des Orts beglaubigt. 2. Edelm. Iſt das alles dem Grafen zugekommen? 1. Edelm. Ja, und die beſondern Belege, Punct fuͤr Punct, zur voͤlligen Bekraͤftigung der Wahrheit. 2. Edelm. Es thut mir herzlich leid, daß er daruͤber froh ſeyn wird. 1. Edelm. Wie wunderbar finden wir oſt einen Troſi in unſerm Verluſt!* 2. Edelm. Und wie wunderbar benetzen wir oft unſern Gewinn mit Thraͤnen! Die große„ die ſeine 68 Ende gut, Alles gut. A. IV. Tapferkeit ihm hier erworben, wird in ſeinem Vaterlande einer eben ſo tiefen Schande begegnen. 1. Edelm. Das Gewebe unſtes Lebens beſteht aus ge⸗ miſchtem Garn, gut und ſchlecht durch einander. Unſte Tugenden wuͤrden ſtolz ſeyn, wenn unſte Fehler ſie nicht geißelten; und unſre Laſter wuͤrden verzweifeln, wenn ſie nicht von unſern Tugenden ermuntert wuͤrden. (Ein Diener tritt auf.) Nun, wo iſt dein Herr? Dien. Er begegnete dem Herzog auf der Straße, Hert, und beurlaubte ſich feierlich bei ihm. Se. Gnaden wollen morgen nach Frankreich: der Herzog hat ihm Empfehlungs⸗ ſchreiben an den Koͤnig angeboten. 2. Edelm. Die werden ihm dort mehr als nothig ſeyn, ſagten ſie auch mehr zu ſeinem Lobe, als ſie koͤnnen. (Bertram tritt auf.) 1. Edelm. Sie konnen nicht ſuͤß genug fuͤr des Kö⸗ nigs herbe Stimmung ſeyn.— Da kommt der Graf.— Nun, gnaͤdiger Herr, iſts nicht ſchon nach Mitternacht? Bert. Ich habe dieſen Abend ſechszehn Geſchaͤfte abge⸗ than, jedes allein einen Monat lang; ſo kurz habe ich mich gefaßt. Ich habe vom Herzog Abſchied genommen, mich ſeiner Umgebung empfohlen, ein Weib begraben, Trauet getragen, meiner Frau Mutter geſchrieben, ich kaͤme zuruͤck, meine Reiſe eingerichtet, und außer dieſen Hauptobliegeh⸗ heiten noch allerlei kleine Dinge ausgerichtet. Das letzte war das wichtigſte, aber mit dem bin ich noch nicht zu Ende. 2. Edelm. Wenn die Sache einige Schwierigkeit hah und Ihr dieſen Morgen abreiſen wollt, muß Euer Gnaden ſich beeilen. Bert. Ich meine, die Sache iſt nicht zu Ende, weil ich fuͤrchte, noch in der Folge davon zu hoͤren.— Aber ſolleh wir nicht die Szene zwiſchen dem Narren und den Sel daten haben? Kommt, bringt uns dieß falfche Muſter herz er hat mich betrogen, wie ein doppelzuͤngiger Prophet. 2. Edelm. Fuͤhrt ihn her: er hat die ganze Nacht im Stock geſeſſen, der arme tapfre Wicht⸗ Bert. Thut nichts; ſeine Ferſen habens verdient, wil ſie ſich ſo lange der Sporen angemaaßt. Wie iſt denn ſeine Faſſung?— de e ſte cht ſie rt, len g6 yn, Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 69 1. Edelm. Wie ich Euer Gnaden ſagte, ſeine Einfaſ⸗ ſung iſt der Stock. Aber um Euch zu antworten, wie Ihr verſtanden ſeyn wollt, er weint wie eine Dirne die ihre Milch verſchuͤttet hat. Er hat dem Morgan gebeichtet, den er fuͤr einen Moͤnch hält, von der Zeit ſeiner fruͤheſten Erinnerung an, bis zu dieſem gegenwaͤrtigen Ungluͤck ſeines Stockſitzens; und was meint Ihr wohl, daß er ge⸗ beichtet hat? Bert. Nichts von mir, hoff' ich?— 2. Edelm. Seine Beichte iſt zu Protocoll gebracht, und ſoll in ſeiner Gegenwart abgeleſen werden. Wenn Euer Gnaden darin vorkommen, wie ich faſt glaube, ſo muͤßt Ihr die Geduld haben, es anzuhoͤren. (Die Soldaten kommen zurück mit Parolles.) Bert. Hol' ihn der Henker, den vermummten Kerl! Er kann nichts von mir ſagen. Still! Still! 1. Edelm. Da kommt die Blindekuh!— Porto Tar- tarossa. Dollm. Er ruft nach der Tortur: wollt Ihr nicht ohne das bekennen? Par. Ich will ohne Zwang ſagen, was ich weiß: wenn Ihr mich kerbt wie einen Paſtetendeckel, ich kann nicht mehr ſagen. Dollm. Bosco chimurcho. 2. Edelm. Boblibindo chicurmurco. Dollm. Ihr ſeyd ein gnadiger General.— Unſer Ge⸗ neral befiehlt Euch auf die Fragen zu antworten, die ich von meinem Zettel vorleſen werde. Par. Und ſo wahrhaft als ich zu leben hoffe. Dollm.„Zuerſt fragt ihn, wie ſtark des Her⸗ zogs Reiterei iſt.“ Was ſagt Ihr dazu? Par. Fuͤnf bis Sechstauſend; aber ſehr ſchwach und ſchlecht exereirt: die Truppen ſind ſehr abgeriſſen, und die Hauptleute arme Teufel: auf meine Ehre und Reputation, ſo wahr ich zu leben hoffe. Dollm. Sooll ich Eure Antwort ſo niederſchreiben? Par. Thut das; ich will das Sacrament darauf neh⸗ men wie und wo Ihr wollt. 50 Ende gut, Alles gut. A. IV. Bert. Dem iſt alles Eins; der Schurke iſt ohne Gnade verloren! 1. Edelm. Ihr irrt Euch, gnaͤdiger Herr: es iſt Mon⸗ ſieur Parolles, der ausbuͤndige Guͤnſtling des Mars,(das war ſeine eigne Phraſe), der die ganze Theorie der Kriegs⸗ kunſt in dem Knoten ſeiner Schaͤrpe traͤgt, und die Praxis im Gehenk ſeines Seitengewehrs. 2. Edelm. Ich will nie wieder Jemand trauen, weil er ſeine Klinge blank haͤlt, noch glauben, daß er der hoͤchſte der Menſchen ſey, weil ſein Anzug ſauber iſt. Dollm. Gut, das iſt geſchrieben. ar. Fuͤnf oder Sechstauſend Pferde, ſagte ich,— ich will aufrichtig ſeyn;— oder ſo ungefaͤhr, ſchreibt hin; denn ich will die Wahrheit ſagen. 1. Edelm. Hierin iſt er die Wahrheit ſehr nahe. Bert. Aber ich weiß ihm keinen Dank fuͤr die Art und Weiſe, wie er ſie ausſagt. Par. Arme Teufel, das ſchreibt doch ja! Dollm. Gut, da ſtehts. Par. Unterthaͤnigſten Dank, Herr; wahr bleibt wahr; es ſind rechte miſerable Teufel. Dollm.„Fragt ihn, wie ſtark ihr Fußvolk iſt.“— Was ſagt Ihr dazu? Par. Auf meine Ehre, Herr,— haͤtt' ich nur noch dieſe Stunde zu leben,— ich will die Wahrheit ſagen⸗ Laßt ſehn: Spurio, Einhundert und Funfzig;— Seba⸗ ſtian, eben ſo viel;— Corambus, eben ſo viel,— Jaques, eben ſo viel;— Guiltian, Cosmo, Lodovico und Grazii, jeder Zweihundert und Funfzig; meine eigne Compagnie, Chriſtopher, Vaumond, Benzii, jeder Zweihundert und Funfzig; ſo daß die Muſterrolle, Geſunde und Kranke, ſich bei meiner Ehre nicht auf Funfzehntauſend Koͤpfe be⸗ laͤuft; und von denen wagt die Haͤlfte nicht den Schnee von ihren Waͤmſern abzuſchuͤtteln, damit ſie nicht aus ein⸗ ander fallen. Bert. Was ſoll man mit ihm anfangen? 1. Edelm. Nichts, als ſich bei ihm bedanken.— Fragt ihn doch nach meinen Umſtaͤnden, und wie ich beim Her⸗ zog angeſchrieben bin. Dollm. Gut, das ſteht geſchrieben.—„Ihr ſollt Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 71 „ihn fragen, ob ein gewiſſer Hauptmann Du⸗ „main im Lager iſt, ein Franzoſe; in welchem „Rufer beim Herzog ſteht; wie es mit ſeiner „Tapferkeit, Rechtſchaffenheit und Kriegs⸗ „kenntniß beſchaffen iſt; und ob ers nicht fuͤr „moͤglich haͤlt, ihn mit einer vollwichtigen „Summe zu einer Empoͤrung zu beſtechen.“ Was ſagt Ihr dazun? Wißt Ihr etwas davon? Par. Bitt Euch, laßt mich dieſe Fragſtucke einzeln be⸗ antworten: fragt Jedes beſonders. Dollm. Kennt Ihr dieſen Hauptmann Dumain? Par. Ich kenne ihn! Er war bei einem Kleiderflicker in Paris in der Lehre, von dort wurde er weggepeitſcht, weil er des Landrichters bloͤdſinnige Magd geſchwängert hatte; ein einfaͤltiges ſtummes Ding, die nicht nein ſagen konnte. (Dumain hebt im Zorn ſeine Hand auf.) Bert. Nein, ich bitte Euch, laßt Eure Hand in Ruhe, 3 Schädel gehoͤrt dem erſten Ziegel, der vom Dach aͤllt. Dollm. Nun, und iſt dieſer Hauptmann im Lager des Herzogs von Florenz? Par. So viel ich weiß, ſteckt er daz und voller Laͤuſe. 1. Edelm. O, ſeht mich nicht ſo an, gnaͤdiger Herrz nun wird gleich die Reihe an Euch kommen. Dollm. In welchem Ruf ſteht er beim Herzog? Par. Der Herzog kennt ihn nur als einen armen Of⸗ ficier von meiner Compagnie, und ſchrieb mir vor ein paar Tagen, ich ſolle ihn fortjagen. Ich glaube, ich habe ſei⸗ nen Brief noch in der Taſche. Dollm. Kommt, wir wollen nachſuchen. Par. In vollem Ernſt, ich weiß doch nicht; entweder iſt er da, oder er haͤngt mit des Herzogs andern Briefen auf dem Faden in meinem Zelte. Dollm. Hier iſt er; hier iſt ein Papier: ſoll ich's Euch vorleſen?— Par. Ich weiß nicht ob ers iſt oder nicht. Bert. Unſer Dollmetſcher macht es gut! 1. Edelm. Vortrefflich! 72 Ende gut, Alles gut. A. IV. Dollm.(lieſt.)„Diana, der Graf iſt ein Narr, und ſchwer von Gold“— Par. Das iſt nicht des Herzogs Brief, Herr; das iſt eine Warnung fuͤr ein artiges Maͤdchen in Florenz, eine gewiſſe Diana, ſich vor den Lockungen eines gewiſſen Gra⸗ fen von Rouſſillon in Acht zu nehmen; eines albernen, muͤßigen jungen Menſchen, der aber bei alle dem ſehr ver⸗ liebt iſt. Ich bitte Euch, Herr, ſteckt ihn wieder ein. Dollm. Nein, ich will ihn erſt leſen, wenn Ihr erlaubt. Par. Meine Abſicht dabei war wahrhaftig ſehr redlich, was das Maäͤdchen betraf; denn ich kenne dieſen jungen Grafen als einen gefaͤhrlichen und leichtſinnigen Burſchen, einen rechten Wallfiſch aller Jungferſchaft, der jede Beute verſchlingt, die ihm in den Wurf kommt. Bert. Verdammter Kerl! Auf beiden Seiten ein Schurke! Dollmetſcher(lieſt.) „Schwoͤrt er, ſo fordre Gold, und halt es kluͤglich; „Sonſt zahlt er nie die Zeche nach dem Zechen. „Wer halb gewinnt, kauft gut: drum ſag' ich fuͤglich, „Weil er nicht nachzahlt, laß vorher ihn blechen. 3 „Und Diana, ein Soldat thut dir zu wiſſen: „Mit Maͤnnern halts, nicht Knaben laß dich kuͤſſen: „Dem Braven trau, dem Grafen nimmermehr: „Zahlt er voraus nicht, prellt er hinterher. „Der deine wie er dir in's Ohr gelobt.“ „Parolles.“ Bert. Er ſoll durchs ganze Lager gepeitſcht werden, mit dieſem Reim an ſeiner Stirn. 2. Edelm. Das iſt Euer treuergebner Freund, Herr, der vielbewanderte Sprachkenner und waffenkundige Soldat. Bert. Ich habe von jeher alles ertragen koͤnnen, nur keine Katze, und nun iſt er eine Katze fuͤr mich. Dollm. Ich ſchließe aus des Feldherrn Blicken, Herr, daß wir wohl nicht werden umhin koͤnnen, Euch aufzu⸗ haͤngen. . O Herr, nur mein Leben, auf jeden Fall; nicht, daß ich mich vor dem Tode fuͤrchte, ſondern weil meiner Suͤnden ſo viel find, daß ich ſie gern in dieſer Zeitlichkeit Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 73 abbuͤßen moͤchte. Laßt mich leben, Herr, in einem Kerker, im Stock, wo es auch ſey; wenn ich nur lebe. Dollm. Wir wollen ſehn was ſich thun laͤßt, wenn Ihr aufrichtig bekennt. Alſo,— um nochmals auf dieſen Haupt⸗ mann Dumain zu kommen; uͤber ſein Anſehn beim Herzog habt Ihr geantwortet. Wie ſtehts um ſeine Recht⸗ ſchaffenheit? Par. Er wird Euch ein Ei aus einem Kloſter ſtehlen; an Gewaltthaͤtigkeiten und Enffuͤhrungen kommt er dem Neſſus gleich. Er giebt ſich nie damit ab, ſeine Eide zu halten; ſie zu brechen, darin iſt er ſtaͤrker als Hercules. Luͤgen kann er mit ſolcher Gelaͤufigkeit, daß Ihr die Wahr⸗ heit fuͤr eine Naͤrrin halten ſolltet: Trunkenheit iſt ſeine beſte Tugend, denn er ſaͤuft Euch wie ein Vieh, und in ſeinem Schlaf thut er Niemand was zu Leide, als ſeinen Betttuͤchern; aber man kennt ſeine Unarten ſchon, und legt ihn auf Stroh. Sonſt weiß ich nicht viel mehr von ſeiner Rechtſchaffenheit zu ſagen, Herr; er hat alles, was ein rechtſchaffner Mann nicht haben ſollte; und was ein recht⸗ ſchaffner Mann haben ſollte, davon hat er nichts. 1. Edelm. Ich fange an, ihm dafuͤr gut zu werden. Bert. Fuͤr dieſe Beſchreibung deiner Rechtſchaffenheit? Ich meinestheils wuͤnſche ihn zum Henker; er wird mir immer mehr und mehr zur Katze. Dollm. Was ſagt Ihr von ſeiner Kriegskenntniß? Par. Meiner Treu, er hat die Trommel vor den engli⸗ ſchen Comoͤdianten her geſchlagen: beluͤgen moͤchte ich ihn eben nicht, und mehr weiß ich nicht von ſeiner Soldaten⸗ ſchaft, außer daß er in England die Ehre hatte, Dienſte an einem Orte zu thun, den ſie dort Mile-End nennen; und da hat er die Leute exercirt zwei Mann hoch zu ſtehn. Ich moͤchte dem Menſchen gern alle Ehre anthun die ich weiß, aber von dieſer bin ich nicht recht gewiß. 1. Edelm. Er hat den Schuft ſo uͤberſchuftet, daß die Seltenheit ihn frei ſpricht. Zum Henker mit ihm! Er bleibt immer eine atze. Dollm. Da ſeine Eigenſchaften ſo wenig werth ſind, ſo brauche ich Euch wohl nicht zu fragen, ob Gold ihn wohl zu einer Empoͤrung verfuͤhren koͤnnte? Par. Fuͤr einen Quart d'Ecu verkauft er Euch das 74 Ende gut, Alles gut. A. IV. Freilehn ſeiner Seligkeit, ſein Erbrecht dran, und prell alle ſeine Agnaten um ihre Anwartſchaft und Succeſſion auf ewige Zeiten. Dollm. Was ſagt Ihr denn von ſeinem Bruder, dem andern Hanptmann Dumain? 2. Edelm. Warnm fragt er ihn nach mir? Dollm. Wie iſts mit dem?— Par. Auch eine Kraͤhe aus demſelben Reſt; nicht gan ſo groß als der Aeltſte im Guten, aber ein großes Thei groͤßer im Boͤſen. Er uͤbertrifft ſeinen Bruder als Memme, und doch gilt ſein Bruder fuͤr eine der vorzuͤglichſten in der Welt. Auf der Flucht uͤberrennt er jeden Laͤufer, und wenn's zum Angriff geht, hat er den Krampf. Dollm. Wenn Euch das Leben geſchenkt wird, woll Ihr dann verſprechen, den Florentiner zu verrathen? Par. Ja, und den Aufuͤhrer ſeiner Reiterei, den Gre⸗ fen Rouſſillon, obendrein. Dollm. Ich will heimlich mit dem General reden, un hoͤren was ſein Wille iſt. Par.(beiſeit.) Ich will keine Trommeln mehr; hol' die Peſt alle Trommeln! Nur um den Schein des Verdienſt zu haben, und den Argwohn dieſes liederlichen un Grafen zu hintergehn, habe ich mich in ſolche Gefahr bes ben. Wer hatte aber auch einen Hinterhalt vermuthet, wo ich gefangen ward? Dollm. Es iſt keine Huͤlfe, Freund, Ihr muͤßt ſterben Der General ſagt, wer ſo verraͤtheriſch die Geheimniſſe ſei nes Heers entdeckt, und ſo giftige Berichte uͤber hoͤchſt ehren werthe Maͤnner ausſagt, koͤnne der Welt nicht redlich nuͤßen darum muͤßt Ihr ſterben. Kommt, Scharfrichter; heruntet mit ſeinem Kopf!— Par. O Gott, Herr, laßt mich leben, oder laßt mich meinen Tod ſehn!— Dollm. Das ſollt Ihr, und Abſchied nehmen von allen Euren Freunden. (Er nimmt ihm die Binde ab.) So, ſeht Euch um; kennt Ihr jemand hier? Bert. Guten Morgen, edler Hauptmann! 2. Edelm. Gott ſegn' Euch, Hauptmann Parolles! ellt ion an heil ne, der und ollt ra⸗ und die ſt ge 4 wo en ſei e en itet ich llen Sz 3. Ende gut, Alles gut. 75 1. Edelm. Gott ſchuͤtz' Euch, edler Hauptmann! 2. Edelm. Hauptmann, habt Ihr einen Gruß fuͤr Herrn Lafeu? Ich will nach Frankreich. 1. Edelm. Lieber Hauptmann, wollt Ihr mir nicht eine Abſchrift von dem Sonett geben, das Ihr an Diana geſchickt, um ihr den Grafen von Rouſſillon zu empf hlen? Wenn ich nicht eine Erzmemme waͤre, ſo zwaͤnge ich ſie Euch ab; aber ſo lebt wohl. (Bertram und die Edelleute gehn ab.) Dollm. Ihr ſeyd verloren, Hauptmann, ganz aufgeloſt; nur Eure Schaͤrpe iſt es nicht, die hat noch einen Knoten. Par. Wen zertruͤmmerte wohl nicht ein ſolches Com⸗ plott? Dollm. Koͤnntet Ihr ein Land auffinden, wo die Wei⸗ ber nicht mehr Scham haͤtten als Ihr, Ihr wuͤrdet dort ein recht unverſchaͤmtes Volk ſtiften. Gehabt Euch wohl, Herr. Ich will auch nach Frankreich; wir werden dort von Euch erzaͤhlen. C(geht ab.) Par. Doch bin ich dankbar. Waͤre groß mein Herz, Jetzt braͤch' es! Mit der Hauptmannſchaft iſts aus; Doch ſoll mir Speiſ' und Trank und Schlaf gedeihn, Als waͤr' ich Hauptmann: nähren muß mich nun Mein nacktes Selbſt. Wer ſich erkennt als Prahler, Der nehm' ein Beiſpiel dran; es kann nicht fehlen, Kein Großmaul weiß ſein Eſelsohr zu hehlen. Verroſte Schwerdt, und Scham fahr' hin! Gluͤck auf; Beginn' als Narr den neuen Lebenslauf, Denn noch ſind Platz und Unterhalt zu Kauf.— Ich geh' mit ihnen. (er geht ab.) 36 Ende gut, Alles gut. 1.1w. Vierte Szene. Florenz. Im Hauſe der Wittwe. (Helena, die Wittwe und Diana treten auf.) Zelena. Damit Ihr klar erkennt, ich tauſcht' Euch nicht, Sey meine Buͤrgſchaft Einer von den Groͤßten Der Chriſtenheit: vor Deſſen Thron nothwendig Ich knien muß, eh ich meinen Zweck erreicht. Por Zeiten leiſtet' ich ihm theuern Dienſt, Koſtbar, wie faſt ſein Leben; ſolche Wohlthat, Daß ſelbſt des harten Scythen Herz geruͤhrt Ihm Dank nachriefe. Sichre Kunde ward mir, Daß in Marſeille der Koͤnig ſey; dorthin Reiſ⸗ ich mit ſchicklichem Geleit. Ihr wißt Man glaubt mich todt; der Graf, nachdem das Heer Sich aufgeloͤſt, wird nach der Heimath ziehn; Und mit des Himmels Beiſtand, und des Koͤnigs Vergunſt, hoff' ich noch vor ihm dort zu ſeyn. Wittwe. Ihr hattet nimmer eine Dienerin, Verehrte Frau, der Eu'r Geſchick ſo nah Am Herzen lag. Zel. Noch eine Freundin Ihr, Die mit ſo treuem Eifer Eurer Guͤte Zu lohnen ſtrebte. Zweifelt nicht, der Himmel Schickt mich, Eu'r junges Fräulein auszuſtatten, Und waͤhlte ſie als Mittlerin, den Gatten Mir zuzuwenden. O ſeltſame Maͤnner!— So ſuͤß koͤnnt Ihr behandeln, was Ihr haßt, Wenn der betrognen Sinne luͤſtern Waͤhnen Die ſchwarze Nacht beſchaͤmt. So ſpielt die Luſt Mit dem, was ſie verabſcheut, unbewußt. Doch mehr hievon ein andermal. Ihr, Diana, Muͤßt unter meiner armen Leitung manches Fuͤr mich noch dulden. Diana. Folgt auch Tod in Ehren Sz. 5. Ende gut, Alles gut. 77 Mit dem was Ihr mir auflegt: ich bin Euer, Und trage was Ihr fordert. Zel. Nur Geduld! Eh wir uns umſehn, bringt die Zeit den Sommer, Dann traͤgt die Roſe Bluͤthen ſo wie Dornen, So ſuͤß als ſcharf. Wir muͤſſen jetzt von hier, Der Wagen ſteht bereit, die Zukunft winkt: Ende gut, Alles gut: das Ziel beut Kronenz Wie auch der Lauf, das Ende wird ihn lohnen. (ſie gehn ab.) F u ene Ronſſillon. (Die Gräfin, Lafeu und der Narr treten auf.) Lafen. Nein, nein, nein, Euer Sohn ward von dem verdamm⸗ ten taftgeſchnitzten Kerl dort verfuͤhrt, deſſen niedertraͤchtiger Saffran wohl die ganze ungebackne und teigichte Ingend einer Nation haͤtte faͤrben koͤnnen. Eure Schwiegertochter lebte ſonſt noch dieſe Stunde, Euer Sohn waͤre hier in Frankreich, und der Koͤnig haͤtte ihn weiter gefoͤrdert als jene roth geſchwaͤnzte Hummel, von der ich rede. Gräfin. Ich wollte ich haͤtte ihn nie gekannt; er war der Tod des tugendhafteſten Maͤdchens, mit deren Schoͤp⸗ fung ſich die Natur jemals Ehre erwarb. Waͤre ſie aus meinem Blut, und koſtete mir die tiefſten Seufzer einer Mutter, meine Liebe zu ihr koͤnnte nicht tiefer gewur⸗ zelt ſeyn. Laf. Es war ein gutes Maͤdchen, ein gutes Maͤdchen. Wir koͤnnen tauſendmal Salat pfluͤcken, eh wir wieder ſolch ein Kraut antreffen. Marr. Ja wahrhaftig, ſie war das Tauſendſchoͤnchen im Salat, oder vielmehr der aͤchte Ehrenpreis. Laf. Das ſind ja keine Salatkraͤnter, du Schelm, das ſind ja Gartenblumen. — 78 Ende gut, Atles gut. A. IV. Narr. Ich bin kein großer Nebucadnezar, Herr, ich verſtehe mich nicht ſonderlich auf Gras. Laf. Fuͤr was giebſt du dich eigentlich, fuͤr einen Schelin, oder einen Rarren? Narr. Fuͤr einen Narren, Herr, im Dienſt einer Frau, und fuͤr einen Schelm im Dienſt eines Mannes. Laf. Wie das? Narr. Den Mann wuͤrd' ich um ſeine Frau prellen, und ſeinen Dienſt thun,— Laf. Dann waͤrſt du freilich ein Schelm in ſeinem Dienſt! NMarr. Und ſeiner Frau liehe ich meine Pritſche, und boͤte Ihr meinen Dienſt. Laf. Ich will ſuͤr dich gut ſagen, daß du beides, ein Schelm und ein Narr biſt. Marr. Zu Euerin Dienſt. Laf. Nein, nein, nein!— Narr. Nun, Herr, wenn ich Euch nicht dienen kann, ſo nehme ich Dienſte bei einem Prinzen, der ein eben ſo großer Herr iſt als Ihr ſeyd.— Laf. Bei wem denn? Einem Franzoſen? Marr. Mein Seel, er hat einen engliſchen Namen, aber ſeine Phyſtegnomie hat mehr Feuer in Frankreich als in England. Laf. Welchen Prinzen meinſt du? Warr. Den ſchwarzen Prinzen, alias den Fuͤrſten der Finſterniß, alias den Teufel⸗ Laf. Halt, da iſt meine Boͤrſe. Ich gebe dir das nicht, um dich deinem Herrn von dem du ſprichſt abſpen⸗ ſtig zu machen; diene ihm nur nur immerfort. Marr.„Ich bin aus einem Holzlande, Herr, und war von jeher ein Liebhaber von großem Feuer; und die Herr⸗ ſchaft von der ich ſage, hat immer ein gutes Feuer gehal⸗ ten. Aber da er einmal der Fuͤrſt dieſer Welt iſt, mag ſein Adel an ſeinem Hof bleiben; ich bin fuͤr das Haus mit der engen Pforte, die wohl zu klein fuͤr die Magnaten iſt; wer ſich eben buͤcken will, kommt wohl durch; aber die Meiſten werden zu froſtig und zu verwoͤhnt ſeyn, und wan⸗ en u, n, d Sz. 5. Ende gut, Alles gut. 79 deln auf dem blumigen Pfade, der zur breiten Pforte und zum großen Feuer fuͤhrt. Laf. Geh deiner Wege, ich fange an dich ſatt zu ha⸗ ben, und ich ſage dirs bei Zeiten, denn ich moͤchte nicht, daß wir in Unfrieden geriethen. Geh deiner Wege, laß nach meinen Pferden ſehn; aber ohne Schelmſtreiche. Warr. Wenn ich ihnen mit Streichen komme, Herr, ſo ſollens Peitſchenſtreiche ſeyn; die gebuͤhren ihnen nach dem Geſetz der Natur. (geht ab.) Laf. Ein durchtriebner, boshafter Schelm! Gräfin. Das iſt er. Mein ſeliger Graf machte ſich vielen Spaß mit ihm. Nach ſeinem Willen darf er hier vleiben, und das baͤlt er fur einen Freibrief fuͤr ſeine Un⸗ verſchaͤmtheiten; und in der That, er bleibt nie auf der Bahn, und rennt wohin es ihm gefaͤllt. Laf. Ich habe ihn gern; der Burſch iſt nicht uneben. Ich war vorhin im Begriff Euch zu ſagen, daß ich, als ich den Tod der armen jungen Grafin vernommen, und weil Euer Sohn auf der Heimreiſe iſt, den Koͤnig meinen Herrn erſucht habe, ſich fuͤr meine Lochter zu verwendenz ein Vorſchlag, den Seine Majeſtaͤt als beide noch Kinder waren, aus eignem Allerhoͤchſten Antriebe zuerſt gethan. Seine Hoheit hat mir's zugeſagt: und es giebt kein beßres Mittel die Ungnade abzuwenden, die er gegen Euern Sohn gefaßt hat. Was ſagt Ihr dazu, gnäͤdige Frau? Graͤfin. Ich bin ganz mit Euch einverſtanden, mein Herr, und hoffe, Ihr führt es gluͤcklich aus. Laf. Seine Hoheit kommt in Eil von Marſeille, ſo friſch und ruͤſtig als zaͤhlte er dreißig: er wird morgen hier ſeyn, oder ein Freund, der in ſolchen Dingen gewoͤhnlich gut unterrichtet iſt, muͤßte mich getaͤuſcht haben. Graͤfin. Es freut mich daß ich hoffen darf ihn vor meinem Ende wiederzuſehn. Ich habe Briefe, daß mein Sohn heut Abend hier ſeyn wird, und bitte Euch, gna⸗ Herr, bei mir zu verweilen, bis ſie hier zuſammen⸗ reffen. Laf. Eben uͤberlegte ich mir, gnaͤdige Frau, auf welche Weiſe ich am beſten Zutritt erhalten koͤnnte. Gräfin. Ihr braucht nur das ehrenwerthe Vorrecht Eures Ramens geltend zu machen. 80 Ende gut, Alles gut. A. IV. Laf. Das habe ich nur alzuoft als zuverlaͤſſiges Geleit benutzt; und dem Himmel ſey Dank, noch gilt es wohl. (Der Narr kommt zurück.) Warr. O gnaͤdige Frau, draußen iſt der junge Graf Euer Sohn, mit einem Sammtpflaſter auf dem Geſicht. Ob eine Schmarre drunter iſt oder nicht, mag der Sammt wiſſen; aber es iſt ein ſtattliches Sammtpflaſter. Sein lin⸗ ker Backen iſt ein Backen von drittehalb Haarenz aber ſein rechter Backen iſt kahl getragen. Gräfin. Eine ruͤhmlich erhaltene Schmarre iſt ein edles Abzeichen der Ehre; das wird auch dieſe wohl ſeyn⸗ Marr. Aber ſein Geſicht ſieht aus wie eine Carbo⸗ nade. Laf. Laßt uns Euerm Sohn entgegen gehn, ich bitte Euch: ich ſehne mich, den edlen jungen Krieger zu ſprechen. Marr. Meiner Treu, draußen ſteht ein ganzes Dutzend von Ihnen, mit allerliebſten feinen Huͤten und uͤberaus hoͤflichen Federn, die ſich verneigen und Jedermann zu⸗ nicken. .(Alle gehn ab.) nt n⸗ in es te u d 18 . Ende gut, Alles gut. 81 F uͤnfter Aufzug. ſ e Straße in Marſeille. (Helena, die Wittwe und Diand treten auf.) Zelena⸗ Doch dieß unmaͤß'ge Reiſen, Tag und Nacht, Muß Euch erſchoͤpfen: aͤndern kann ichs nicht: Doch weil Ihr Nacht und Tag zu Eins gemacht, Daß mir zu Lieb' Ihr kraͤnkt den zarten Leib, Friſch auf! denn ſo erwuchs ich Euer Schuldner, Daß nichts mich kann entwurzeln. Wenn das Gluͤck (Ein edler Falconier tritt auf.) Der Mann kann mir Gehoͤr beim Koͤnig ſchaffen, Wenn er ſein Anſehn brauchen will. Gott gruͤß Euch! Edelm. Und Euch. Zel. Mir ſcheint ich ſah ſchon an Frankreichs Ho* S n n 5 el. hoffe, Herr, Ihr habt noch nicht verlaͤugnet Was alle Welt von Eurer Guͤte ruͤhmt: 3 Und drum, gedraͤngt von ſtrenger Noth des Schickſals, Wo wir die Form vergeſſen, wend' ich mich An Eure Tugend, deren ich mit Dank Fortan gedenken will. Edelm. Was iſt Eu'r Wunſch? Bel. Daß Ihr geruhn moͤgt, Dieß arme Blatt dem Koͤnig einzuhaͤnd'gen, Und mir mit Euerm Einfluß beizuſtehn, Daß er mich hoͤren wolle. VII. 6 82 Ende gut, Alles gut. A. V. Edelm. Der Koͤnig iſt nicht hier. Sel. Nicht hier, Herr? Edelm. Nein, Er reiſete geſtern Nacht von hier, und ſchneller, Als er ſonſt pflegt. Wittwe. Gott, welch vergeblich Muͤh'n! Zel. Ende gut, Alles gut! bleibt doch mein roſt, Ob auch die Zeit entgegen, ſchwach die Kraft.— Ich bitt Euch, ſagt wohin er abgereiſt? Edelm. Mun, wenn ich recht gehoͤrt, nach Rouſſillon, Wohin ich ſelber gehn will. el. Ich erſuch' Euch, Da Ihr den Koͤnig ehr wohl ſeht als ich, Legt dieß Papier in Seine gnaͤd'ge Hand; Ich hoff' es zieht Euch keinen Tadel zu, Vielleicht verdient es ehr Euch einen Dank. Ich werd' Euch folgen mit ſo ſchneller Eil, Als unſre Lag' erlaubt. Edelm. Das ſoll geſchehn. Zel. Und Euer wartet einſt der beſte Dank, Was auch geſchehn mag. Jetzt zu Pferde wieder; Geht, laßt uns eilen. (ſie gehn ab.) 3 weite Szene. Rouſſillon. (Der Narr und Parolles treten auf.) Parolles. Lieber Monſieur Lavache, gebt dem gnädigen Herrn Lafen dieſen Brief. Ihr habt mich wohl ehr beſſer gekannt, Herr, als ich noch mit friſcheren Kleidern in vertrauterem Um⸗ gang lebte: aber nun, Herr, bin ich in Fortunens Moraſt muddig geworden, und rieche etwas ſtreng nach ihrer ſtren⸗ gen Ungnade. Marr. Mein Seel, Fortunens Ungnade muß recht gar⸗ ſtig ſeyn, wenn ſie ſo ſtrenge riecht wie du fagſt. Ich Sz. 2. Ende gut, Alles gut. 83 werde kuͤnftig keinen Fiſch aus Fortunens Bratpfanne mehr eſſen; bitt' dich, ſtelle dich unter den Wind. Par. Nun, Freund, Ihr braucht Euch die Naſe drum nicht zuzuhalten; ich rede nur in einer Metapher. Marr. Ja, mein Beſter, wenn Eure Metapher ſtinkt, ſo werde ich meine Naſe zuhalten, und das bei Jedermanns Metapher. Bitt' dich, geh fuͤrbaß. Par. Habt die Gewogenheit, mein Freund, und beſorgt mir dieß Papier. Narr. Puh! Mach daß du wegkommſt; ein Papier aus Fortunens Nachtſtuhl einem Edelmann geben? Sieh, da kommt er ſelbſt. (Lafen tritt auf.) Hier iſt ein Kater der Fortuna, Herr,— oder eine För⸗ tuna⸗Katze,— aber keine Biſamkatze,— welche in den un⸗ ſaubern Fiſchteich ihrer Ungnade gefallen, und wie ſie ſagt, muddig geworden iſt. Ich bitte Euch Herr, verfahrt mit dieſem Karpfen wie Ihr Luſt habt, denn er ſieht aus wie ein armer, ſchaͤbigter, kniffiger, naͤrriſcher, ſchelmenhafter Taugenichts. Ich bemitleide ſeinen Unſtern mit meinem troſtreichen Laͤcheln, und laſſe ihn Euer Gnaden.(geht ab.) Par. Gnaͤdiger Herr, ich bin ein Mann, den Fortuna jaͤmmerlich zerkratzt hat. Laf. Und was kann ich dabei thun? Jetzt iſts zu ſpaͤt ihr die Näͤgel zu ſchneiden. Was habt Ihr der fuͤr Streiche geſpielt, daß ſie Euch kratzen mußte? An ſich iſt ſie doch eine gute Dame, die nur nicht leiden kann, daß es den Schelmen zu lange unter ihrem Schutz wohl gehe. Da habt Ihr einen Guart d'Eeu: laßt Euch die Richter wieder mit ihr ausſohnen; ich habe mehr zu thun. Par. Ich erſuche Euer Gnaden, hoͤrt mich nur auf ein einziges Wort. Laf. Ihr bittet um einen einzigen Pfennig mehr: gut Ihr ſollt ihn haben; ſpart Euer Wort. S Par. Mein Name, gnaͤdiger Herr, iſt Parolles. Laf. So bittet Ihr mich um mehr als Ein Wort. Pob Gebt mir Eure Hand: was macht Eure ommel? Par. O, mein gnädiger Herr, Ihr wart der Erſte, der mich ausfand, 6* 84 Ende gut, Alles gut. A. V. Laf. War ichs, wirklich? Und ich war auch der Erſte, der dich verlor. Par. Nun ſtehts bei Euch, gnaͤdiger Herr, mich wie⸗ der in einige Gnade zu bringen; denn Ihr brachtet mich heraus. Laf. Pfui, ſchaͤme dich, Kerl! Schiebſt du mir zu⸗ gleich das Amt Gottes und des Teufels zu? Der Eine bringt dich in die Gnade hinein, der andre bringt dich aus ihr heraus.—(Trompetenſtoß.) Der Koͤnig kommt, ich hor' es an ſeinen Trompeten. Frag ein andermal wieder nach mir, Butſch; ich ſprach noch geſtern Abend von dir: obgleich du ein Narr und ein Schelm dazu biſt, ſollſt du doch nicht verhungern; komm nur mit. Par. Ich preiſe Gott fuͤr Euch!— (ſie gehn ab.) Dritte Szene. Ebendaſerbſt. (Trompetenſtoß. Der König, die Gräfin von Rouſſillon, Lafeu, Edelleute und Gefolge treten auf.) Roͤnig. Ein Kleinod haben wir an ihr verloren, Und unſre Gunſt ward aͤrmer. Doch Eu'r Sohn, Verruͤckt durch Thorheit, hatte kein Gefuͤhl Fuͤr ihren vollen Werth⸗ Graͤfin. Nun iſts geſchehn; Und ich erſuch' Eu'r Hoheit, ſeht es an Als einen Aufruhr jugendlicher Glut, Wenn Oehl und Feurr, zu ſtark fuͤr die Vernunft, In Flammen uͤberwallt. Roͤn. Verehrte Frau, Vergeben hab' ich Alles, und vergeſſen; Obgleich mein Zorn ſich ſtark auf ihn geſpannt, Und fertig war zum Schuß. Laf. Dieß muß ich ſagen,— — Doch bitt' ich erſt Vergunſt,— der junge Graf Verging ſich ſchwer an Seiner Majeſtat; — —**— S Sz 3. Ende gut, Alles gut. 8⁵ An ſeiner Mutter, und an ſeiner Gaktin; Am meiſten boch an ſich. Ihm ſtarb ein Weib, Deß Schoͤnheit auch das reichſte Aug geblendet, Deß Rede jeglich Ohr gefangen nahm, Deß hoher Werth auch uͤberſtolze Herzen Zum dienen zwang. Roͤn. Das preiſen, was dahin, Macht im Erinnern Schmerz.— Nun ruft ihn her; Wir ſind verſoͤhnt, der erſte Anblick toͤdte Jeglich Erwaͤhnen. Nicht um Gnade bitt' erz Der Geiſt erloſch, durch den er ſchwer geſuͤndigt; Und tiefer als Vergeſſen ſey begraben Des Brandes Zunder. Komm' er denn zu uns Als Freider, als Beleid'ger nicht: erklaͤrt ihm, Was unſer Wille ſey. Edelm. Sogleich, mein Koͤnig. Cab.) Roͤn. Spracht Ihr mit ihm von Eurer Tochter, Herr? Laf. Er fugt ſich ganz in Eurer Hoheit Willen. Ron. So giebts'ne Hochzeit. Ich erhielt ein Schreiben, Das ruͤhmlich ſein gedenkt. (Bertram tritt auf.) Laf. Er ſcheint vergnuͤgt. Roͤn. Ich bin kein Tag, unwandelbar verfinſterk; Denn Sonnenſchein und Hagel ſtehn zugleich Auf meiner Stirn: doch welcht den hellſten Strahlen Die dunkle Wolke. Darum komm getroſt; Der Himmel hellt ſich auf. Bert. Die tiefbereute Schuld Verzeiht, mein theurer Lehnsherr! Roͤn. Alles gut! Kein Wort nunmehr von der vergangnen Zeit! Am Stirnhaar laß den Augenblick uns faſſen, Denn wir ſind alt, und unſte ſchnellſten Schluͤſſe Beſchleicht der unhoͤrbare leiſe Fuß Der Zeit, eh ſie vollzogen ſind. Gedenkt Ihr Der LTochter dieſes Herrn? Bert. Und mit Bewundrung ſtets, mein Fuͤrſt. Zuerſt Fiel meine Wahl auf ſie, eh noch mein Herz Die Zung' erkohr als allzudreiſten Herold: Dann, als ihr Bild gepraͤgt in mein Gemuͤth, Lieh mir ſein hoͤhnend Fernglas ſproͤder Stolz, Das jedes fremden Reitzes Zuͤg' entſtellte, 86 Ende gut, Alles gut. A. V. Der Wangen Roth verſchmaͤht' als ſeys erborgt, Und alle Formen einzog oder dehnte Zu widerwaͤrt'ger Haͤßlichkeit: ſo kam's Daß ſie, die alle prieſen, die ich ſelbſt Geliebt ſeit ſie mir ſtarb,— in meinem Auge Der Staub war, der*s verletzte. Roͤn. Gut entſchuldigt! Daß du ſie liebſt, tilgt große Summen weg Von deiner Schuld. Doch allzuſpaͤtes Lieben Klagt wie Begnad'gung, zoͤgernd uͤberbracht, Den großen Richter an mit bitterm Vorwurf, Und ruft: gut iſt was todt. Der haſt'ge Irrthum Verſchmaͤht als niedrig unſer beſtes Gut, Und ſchaͤtzt es nicht bis es im Grabe ruht. Verkennen oft, zu eignem Ungemach, Zerſtoͤrt den Freund, und weint dem Todten nach: Beweint die wache Lieb' ein theures Leben, Wird roher Haß ſich ſtarrem Schlaf ergeben.— Dieß ſey der ſuͤßen Helena Gelaͤut: Und nun vergeßt ſie: ſendet einen Ring Als Brautgeſchenk der ſchoͤnen Magdalis; Denn ſie iſt Eu'r. Wir wollen hier verweilen, Und unſres Wittwers zweites Brautfeſt theilen⸗ Gräfin. Und beßres Gluͤck, o Himmel, wollſt du geben, Sonſt, o Natur, nimm mich aus dieſem Leben! Laf. Komm her, mein Sohn, der meines Stamms Gedaͤchtniß Forterben ſoll,— gieb mir ein Liebespfand, Deß Funkeln meiner Tochter Geiſt errege Zu ſchneller Eil. Bei meinem greiſen Bart, Und jedem Haar drin; unſere Helena War hold und reitzend: ſolchen Ring wie den, Als ſie das letztemal erſchien am Hof, Trug ſie an ihrem Finger. Bert. Dieſen nicht! Ron. Ich bitt' Euch, laßt mich denn ſchon vorhin Hat als ich ſprach, mein Aug auf ihm geruht. Der Ring war mein; ich gab ihn Helena, Und ſchwur, wenn ſie des Beiſtands je beduͤrfe, Dies ſey ein Pfand, daß ich ihr helfen wolle. Wie nur vermochtſt du, deß ſie zu berauben, Was ihr am theuerſten? ————— Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 87 Bert. Mein gnaͤd'ger Herr, Oögleich es Euch gefaͤllt es ſo zu nehmen, Der Ring gehoͤrt' ihr nie. Gräfin. Sohn, ja! beim Himmel, Ich ſah wie ſie ihn trug; ſie hielt ihn werth, Mehr als ihr Leben. Laf. Ja, gewiß, ſie trug ihn. Bert. Ihr irrt Euch, gnäd'ger Herr, ſie ſah ihn nie. In Florenz ward er mir aus einem Fenſter Geworfen, in Papier gewickelt, das Die Geberin mir nannte: ſie war adlich, Und hielt mich noch fur ſrei; doch da mein Schickſal Gebunden war, und ich ihr klar gezeigt, Ich koͤnne nicht in Ehren ihr erwiedern Was ſie von mir gehofft, entließ ſie mich Nach manchem Kampf beruhigt: doch den Ring! Zwang ſie mich zu behalten. Roͤn. Plutus ſelbſt, Erfahren der Tinctur und Goldiyſterien, Kennt der Natur Geheimniß nicht vertrauter, Als ich den Ring. Von mir erhielt ſie ihn, Gleichviel wer ihn Euch gab. Drum, wenn Ihr wißt, Daß Ihr von Euerm Thun Erinnrung habt, Bekennt, ſo ſeys, und welcher rauhe Zwang Ihn Euch gewann. Sie ſchwur bei allen Heil gen, Sie woll' ihn nie von ihrem Finger laſſen, Wenn ſie ihn Euch nicht gaͤb' in ihrem Brautbett, (Wohin Ihr nie gekommen;) oder ſchickt ihn Mir ſelbſt in harter Noth. Bert. Sie ſah ihn nie. Roͤn. Das ſprichſt du falſch, ſo wahr mir Ehre liebz Und weckſt Argwohn und Furcht mir, der ich gern Den Zugang wehrte. Wenn es ſich erwieſe, Du ſeyſt ſo hart,— es wird ſich nicht erweiſen,— — und dennoch ahndet mir,— dein Haß war tödtlich, Und ſie iſt todt: nichts konnte, daß ſie ſtarb Mich uͤberreden, außer wenn ich ſelbſt Das Aug' ihr ſchloß, ſo ſehr als dieſer Ring! Fuͤhrt ihn hinweg. Wie auch der Fall ſich wende, Nicht ohne Grund geb' ich dem Zweifel Raum, Der ohne Grund zuviel vertraute.— Fort! Wir forſchen weiter nach. Bort. Beweiſt Ihr erſt, 88 Ende gut, Alles gut. A. V. Der Ring gehoͤrt' ihr je,— dann leicht beweiſ't ihr, Daß ich in Florenz ihr genaht als Gatte, Wo ſie doch niemals war. (Bertram wird weggeführt.) Roͤn. Ein duͤſtrer Argwohn quaͤlt mich. (Ein Edelmann tritt af.) Edelm. Gnaͤd'ger Fuͤrſt! Ich weiß nicht, ob ich Unrecht that ob nicht: Dieß gab mir eine Florentinerin, Weil ſie um vier, fuͤnf Poſten Euch verfehlt, Es ſelbſt zu uͤberreichen. Ich verſprach's, Bewogen durch die Anmuth und die Reden Der armen Bittenden, die jetzt, ſo hoͤr' ich, Hier wartet. Wichtig ſcheint mir ihr Geſuch Nach ihrer Miene; und betrifſt,(ſo ſprach ſie Mit wenig holden Worteu) Eure Hoheit Nicht minder als ſie ſelbſt. Roͤn.(Clieſt)„Auf ſeine vielen Betheurungen mich „zu heirathen, wenn ſeine Gattin todt waͤre,— ich errothe „es zu fagen,— gewann er mich. Jetzt iſt der Graf „Rouſſillon ein Wittwer, ſeine Geluͤbde ſind mir verfallen, „und ich habe ihm meine Ehre bezahlt. Er verließ Flo⸗ „renz heimlich ohne Abſchied zu nehmen, und ich folge ihm „in ſein Vaterland um Recht zu finden. Gewaͤhrt es mir, „o Koͤnig; es ſteht voͤllig bei Euch; ſonſt triumphirt ein „Verfuͤhrer, und ein armes Maͤdchen iſt verloren.“ „Diana Capulet.“ Laf. Ich will mir einen Schwiegerſohn auf dem Jahr⸗ markt kaufen und verzollen, den hier mag ich nicht. Ron. Der Himmel meint es gut mit dir, Lafeu, Der dirs enthuͤllte. Schafft mir jene Frau'n, Geht, eilt; und fuͤhrt den Grafen wieder her. (Ein Edelmann geht mit einigen Dienern.) Ich fuͤrchte, Graͤfin, Helena kam ſchaͤndlich Ums Leben! Graͤfin. Dann, Gerechtigkeit den Thätern! (Bertram mit Wache tritt auf.) Rön. Mich wundert, Si ei Ihr die Frau'n ſo haht, Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 89 Und flieht ſobald Ihr ihnen Treue ſchwurt, Wie Ihr an Heirath denkt. Wer iſt dies Mädchen? (Ein Edelmann führt die Wittwe und Diana herein.) Diana. Ich Arme bin aus Florenz, gnaͤd'ger Koͤnig, Entſproſſen von den alten Capulet. Was mich hieher fuͤhrt, hoͤr' ich, kennt Ihr ſchon, Und wißt wie ſehr ich zu beklagen bin. Wittwe. Sie iſt mein Kind, Herr; ihrer Mutter Ehre Und Alter kraͤnkt die Klage, die wir bringen, Und beide gehn zu Grunde, helft Ihr nicht.! Roͤn. Graf, tretet naͤher; Kennt Ihr dieſe Fraun? Bert. Mein Fuͤrſt, ich und will Euch nicht ver⸗ ergen, Daß ich ſie kenne. Sagt, weß zeih'n ſie mich? Diana. Warum blickt Ihr ſo fremd auf Euer Weib? Bert. Das iſt ſie nicht, Herr! Diana. Wollt Ihr Euch vermaͤhlen, So gebt Ihr weg die Hand, und ſie iſt mein: So gebt Ihr weg den Schwur, und er iſt mein: So gebt Ihr weg mich ſelbſt, und ich bin mein. So unzertrennlich bin ich Euch vereint, Daß wer ſich Euch vermaͤhlt, ſich mir vermaͤhlt, Uns beiden, oder Keinem. Laf. Euer Ruf faͤngt an zu ſchlecht fuͤr meine Tochter zu werden, Ihr ſeyd kein Mann fuͤr ſie. Bert. Herr, dieß iſt'ne verliebte wilde Dirne, Mit der ich einſt geſcherzt: heg⸗ Eure Hoheit Von meiner Ehre beßre Meinung doch, Als daß Ihr ſie ſo tief geſunken achtet. Roͤn. Graf, meine iſt Euch ſchlecht be⸗ reundet, Bis Ihr ſie neu verdient: Eu'r Leumund muß Weit heller ſtrahlen, als er jetzt erſcheint. Diana. Mein guͤt'ger Fuͤrſt, Fragt ihn auf ſeinen Eid, ob er nicht glaubt Er hab' als Jungfrau mich gewonnen. Ron. Spri Was ſagſt du drauf? 6 Bert. Herr, ſie iſt unverſchaͤmt; Im Lager war ſie Jedem leichte Beute. Diana. Er thut mir Unrecht, Koͤnig. War ich das, Dann um ganz leichten Preis wohl kauft' er mich; 90 Ende gut, Alles gut. A. V. Glaubt ſeinen Worten nicht. O, ſeht den Ring, Deß hoher Werth und reiche Koſibarkeit Nicht ſeines Gleichen findet: und trotz dem Gab er ihn an die leichte Lagerdirne, Wenn ich es bin. Graͤfin. Erroͤth'ſt du?'s iſt der Ring: Sechs ſeiner Ahnherrn haben dieß Juweel Im Teſtament vererbt dem naͤchſten Sproh, Und jeder trug und ſchaͤtzt' es: s iſt ſein Weib, Der Ring zeugt tauſendfach. Roͤn. Mir ſcheint, Ihr ſagtet, Ihr kenntet einen Zeugen hier am Hof? Diana. Das that ich, Herr; doch ein Gewaͤhrsmann iſt's, Den ich mit Scham Euch nenn; er heißt Parolles. Laf. Ich ſah den Mann noch heut, wenn der ein Mann iſt. Roͤn. Sucht ihn, und bringt ihn her. Bert. Was ſoll er hier? Er iſt bekannt als ein treuloſer Schuft, Mit allen Makeln dieſer Welt beſchmutzt, Dem's von Natur ſchon widert, wahr zu reden: Und ſollt' ich ſeyn, wie er mich ſchildern wird, Der ausſagt, was man fordert?- Roͤn. Euern Ring Beſitzt ſie doch? Bert. Ich glaube, ja; ſie hat ihn. »S iſt wahr, ſie reitzte mich; und nach dem Brauch Verliebter Jugend macht' ich mich an ſie: Sie hielt ſich fern, und angelte nach mir, Und ſchuͤrte meine Glut durch Sproͤdigkeit: (Wie jede Hemmung in der Liebe Bahn Die Liebe nur entflammt:) Und ſo, zuletzt, Als Liſt ſich ihrem maͤß'gen Reitz vereint, Erreichte ſie ihr Ziel: ſie nahm den Ring, Und ich erhielt, was jeder Untergebne Wohl um den Marktpreis haͤtt erkauft. Diana. Ich ſchweige. Ihr, der ſchon einſt ſo edles Weib verſtieht, Schmaͤhlt nun mit Recht auf mich. Doch bitt' ich Euch, (Wie Ihr der Tugend, will ich Euch entſagen), Schickt nach dem Ring; ich will ihn mit mir nehmen, Und gebt den meinen mir. Bert. Ich hab' ihn nicht.— Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 9¹ Ron. Was war das fuͤr ein Ring? Diana. Mein Fuͤrſt, er glich Ganz dem an Euerm Finger. Rön. Kennt Ihr den Ring? noch eben war er ſein. Diana. Und dieſer wars, den ich ihm gab im Bett. Roͤn. So war's ein Maͤrchen, daß Ihr ihn dem Grafen Aus einem Fenſter zuwarft? Diana. Wahrhaft ſprach ich. (Parolles tritt auf.) Bert. Den Ring, ich wills geſtehn, beſaß ſie einſt. Roͤn. Ihr ſchwankt verzweifelt; jede Feder ſchreckt Euch! Iſt dieß der Mann, von dem du ſprachſt? Diana. Ja, Herr. Roͤn. Erzaͤhlt mir Freund, vas ſprecht die reine Wahr⸗ heit, Und fuͤrchtet nicht die Ungunſt Eures Herrn, (Die, ſeyd Ihr redlich, ich ſchon baͤnd'gen will) Was trug ſich zu mit ihm und dieſem Maͤdchen? Par. Mit Eurer Majeſtaͤt Vergunſt, mein Herr war jederzeit ein ehrenwerther Cavalier. Streiche hat er freilich gemacht, wie alle junge Cavaliere ſie machen. Roͤn. Fort, fort, zur Sache: liebt' er dieſes Maͤdchen? Par. In der That, Herr, er liebte ſie; aber wie? Roͤn. Wie denn alſo? Par. Er liebte ſte, Herr, wie ein Cavalier ein Maͤdchen Roͤn. Und das iſt? Par. Er liebte ſie, Herr, und liebte ſie nicht. Roͤn. Wie du ein Schelm biſt, und kein Schelm. Was fuͤr ein ſylbenſtechender Geſell das iſt! Si Ich bin ein armer Tropf, und zu Euer Majeſtat efehl. Laf. Er iſt ein guter Trommler, mein Konig, aber ein nichtsnutziger Redner.— Diana. Wißt Ihr, daß er mir die Ehe verſprach? i Mein Seel, ich weiß nicht mehr als ich ſagen werde. Bon. Willſt du nicht lieber alles ſagen, was du weißt? Par. Ja, zu Euer Majeſtaͤt Befehl. Ich war ihr Zwi⸗ ſchentraͤger, wie geſagt; aber uͤberdem liebte et ſie, denn wahrhaftig, er war ganz verruͤckt um ſie, und ſprach vom Satan und vom Fegefeuer, und von den Furien, und was 92 Ende gut, Alles gut. A. V. weiß ich noch alles: aber ich war damals ſo gut bei ihm angeſchrieben, daß ich wußte wie ſie mit einander zu Bett giengen, und von andern Dingen, als zum Beiſpiel daß er ihr die Ehe verſprach; und ſonſt noch manches, was mir ſchlecht vergolten werden wuͤrde, wenn ich davon ſpraͤche; darum will ich nicht ſagen, was ich weiß⸗ Roͤn. Du haſt ſchon alles geſagt, wenn du nicht etwa noch melden kannſt daß ſie verheirathet ſind. Aber du biſt zu ſchlau in deiner Ausſage; darum tritt beiſeit⸗ Der Ring, ſagt Ihr, war Euer? Diana. Ja, mein Fuͤrſt. Rön. Wo haſt du ihn erkauft? Wer ſchenkt' ihn dir? Diana. Er ward mir nicht geſchenkt, noch kauft' ich ihn. Roͤn. Wer lieh' ihn dir? Diana. Ich lieh' ihn auch von Niemand. Roͤn. So ſag, wo fandſt du ihn? Diana. Ich fand ihn nicht. Roͤn. Wenn du ihn denn auf keine Art erwarbſt, Wie gabſt du ihm den Ring? Diana. Ich gab ihn nie. Laf. Dies Mädchen iſt ein williger Handſchuh, mein Fuͤrſt, ſie geht an und aus wie man's verlangt. Roͤn. Der Ring war mein, ich gab ihn ſeiner Frau! Diana. Meinthalb der Eure, oder auch der Ihre. Roͤn. Fuͤhrt ſie in Haft; ich will nichts von ihr wiſſen, Geht, ſchafft ſie fort, und fuͤhrt auch ihn hinweg. Geſteht du nicht, wie du den Ring erhieliſt, So ſtirbſt du heut noch. Diana. Nimmer ſag' ich's Euch. Roͤn. Fort ſag ich! Diana. Einen Buͤrgen ſtell' ich Euch. Rön. Nun glaub' ich dich'ne ganz gemeine Dirne! Diana. Bei Gott, wußt' ich von einem Mann, ſeyd Ihrs. Roͤn. Weshalb haſt du bis jetzt ihn denn verklagt? Diana. Herr, weil er ſchuldig iſt, und doch nicht ſchuldig. Er glaubt, ich ſey nicht Jungfrau, wirds beſchwoͤren; Ich weiß, ich bin noch Jungfrau, und in Ehren. Richts wahrlich kann als niedrig mich beweiſen: Bin ich nicht Jungfrau, bin ich Weib des Greiſen. (auf Lafeu zeigend.) Sz. 3. Ende gut, Alles gut. 93 Roͤn. Sie hoͤhnt uns nur, drum ins Gefaͤngniß, fort! Diana. Geht, liebe Mutter, holt den Buͤrgen mir. (die Wittwe geht.) Sie ruft den Juwelier, des Ringes Eigner, Der leiſtet Sicherheit. Doch dieſen Herrn, Der mich entehrt hat, wie er ſelber weiß, (Obſchon er nie mich kraͤnkte,) ſprech ich frei. Er war in meinem Bett, ſo muß er denken; Doch wird ſein Weib ihm einen Erben ſchenken. Zwar todt, fuͤhlt ſie der Liebe Frucht ſich heben: Das iſt mein Raͤthſel: die Geſtorbnen leben. Hier ſeht die Loͤſung. Roͤn. Iſt kein Zaubrer hier, (Helena wird hereingeführt.) Der meiner Augen treuen Dienſt beruͤckt? Iſts wirklich, was ich ſeh? Zel. Nein, theurer Fuͤrſt; Ihr ſeht hier nur den Schatten einer Frau, Den Namen, nicht das Weſen. Bert. Beide, beide! O kannſt du mir verzeihn! Zel. O, lieber Herr, Als ich noch dieſem Maͤdchen aͤhnlich war Fand ich Euch wunderzaͤrtlich! Dieß der Ring? Und ſeht, hier iſt Eu'r Brief. So ſchriebt Ihr damals: „Wenn Ihr den Ring gewinnt von meinem Finger, „Und tragt ein Kind von mir,“— dieß iſt gelungenz Seyd Ihr nun mein, ſo zwiefach mir errungen? Bert. Kann ſie, mein Koͤnig, dies beweiſen klar, Lieb' ich ſie herzlich, jetzt und immerdar. Zel. Du ſollſt es wahr und zweifellos erkennen, Sanſt moͤg' uns Scheidung bis zum Tode trennen.— O theure Mutter, find' ich Euch am Leben!— Laf. Meine Augen riechen Zwiebeln, ich werde gleich weinen.(zu Parolles.) Lieber Trommelhans, leih' mir dein Schnupftuch. So, ich danke dir, du kannſt mich nach Hauſe begleiten. Ich will meinen Spaß mit dir haben: laß deine Buͤcklinge, ſie ſind klaͤglich. Kön. Ihr ſollt mirs noch von Punct zu Punct erklͤren, In Wonn'entzuͤckt werd' ich die Wahrheit hoͤren. Czu Diana.) Du ungepfluͤckte Blume, waͤhl' dir morgen Den Gatten! fuͤr den Brautfchatz will ich ſorgen. 94 Ende gut, Alles gut. A. V. Ich merke, dein Bemuͤhn und zuͤchtig Walten Hat ſie als Frau, als Maͤdchen dich erhalten. Das weitre, und des Hergangs ganze Kunde, Erforſch' ich naͤher zu gelegner Stunde. Gut ſcheint jetzt alles; moͤg' es gücklich enden, Und bittres Leid in ſuͤße Luſt ſich wenden. (Alle gehn ab.) E (vom König geſprochen) Der Koͤnig wird zum Bettler nach dem Spiel: Doch iſt das Ende gut, und fuͤhrt zum Ziel, Wenn's Euch gefaͤllt; wofuͤr Euch Tag fuͤr Tag Der Buͤhne treulich Streben zahlen mag. Schenkt nur Geduld; wenn wir gefehlt, verzeiht; Uns ſey die Hand, Euch unſer Herz geweiht. Die beiden Veroneſer. Perſonen. Der Herzog von Mailand. F. r. zwel junge Veroneſer. Antonio, Vater des Proteus. Thurio, Nebenbuhler des Valentin. Eglamour. Flink, Diener des Valentin. Lanze, Diener des Proteus. Panthino, Diener des Rntonio⸗ Ein Wirth⸗ Räuber. Julia, eine edle Veroneſerin. Silvia, des Herzogs Tochter. Lucetta, Kammermädchen der Julia. Diener. Muſikanten. —.———— Esr ſter Auſz ug. Erſte S en e. Platz in Verona. (Valentin und Proteus treten auf.) Palentin. Hor, theurer Proteus, auf, mir zuzureden; Wer ſtets zu Haus bleibt, hat nur Witz fuͤr's Haus: Wenn Neigung nicht dein junges Herz gefeſſelt Den ſuͤßen Augenwinken deiner Schoͤnen, Baͤt' ich dich eher du moͤchteſt mich begleiten, Die Wunder fremder Laͤnder zu beſchauen, Anſtatt daheim im dumpfen Traum, die Jugend In zierberaubter Muße zu vernutzen. Doch da du liebſt, ſo lieb', und mit Gedeihn Und lieb' ich einſt ſey gleicher Seegen mein. Prot. Du gehſt? Mein liebſter Valentin, fahr wohl! Denk deines Proteus, wenn du Ding' erblickſt Die ſchoͤn und merkenswerth, auf deinen Reiſen; Wuͤnſch mich zu dir dein Gluͤck mit dir zu theilen, Wenn Gutes dir begegnet; in Gefahr, Wenn jemals dich Gefahr umringt, empfiehl Dein Drangſal meinem heiligen Gebet, Denn ich will fuͤr dich beten, Valentin. Val. Und bet'ſt aus einem Liebesbuch fuͤr mich⸗ Prot. Ja wohl, aus einem Buche das ich liebe. Pal. Das iſt von tiefer Lieb' ein ſeichtes Maͤrchen 6 den Helleſpont Leander 98 Die beiden Veroneſer. A. I. Prot. Das iſt ein tiefes Maͤrchen tiefrer Liebe, Die Liebe ging ihm ja bis an den Hals, Pal. Ueber die Ohren biſt du drinn verſenkt, und haſt doch nie den Helleſpont durchſchwommen. Prot. Nein, nur mit Ohren, Freund, verſchone mich. Pal. Du haſt nur zuviel Ohr dafuͤr zu lieben, Wo Hohn mit Gram erkauft wird, Sproͤdeſehn Mit Herzensſeufzern, ein Moment der Luſt Mit zwanzig wachen, muͤden, langen Naͤchten. Gewonnen, iſt's vielleicht ein ſchlimmes Gut; Verloren, iſt doch ſchwere Muͤh' gewonnen. Und immer iſt's durch Witz errungne Thorheit, Wo nicht, iſt's Witz, durch Thorheit uͤberwaͤltigt. Prot. Geht es nach dir, ſo nennſt du mich'nen Thoren. Val. Und geht's nach fuͤrcht' ich du wirſt es eyn. Prot. Du hoͤhnſt die Lieb“, ich bin nicht Liebe, nein. Pal. Lieb' iſt dein Meiſter, denn ſie meiſtert dich: Und der, den eine Naͤrrin ſpannt in's Joch, Den kann man nicht in's Buch der Weiſen ſchreiben. Prot. Doch lieſt man, ſo wie in der zart'ſten Knoſpe Die Raupe nagend wohnt, ſo nagend wohne Die Liebe in dem allerfeinſten Sinn. Pal. Auch ſagt das Buch, ſo wie die fruͤhſte Knoſpe Vom Wurm zernagt wird, eh ſie aufgebluͤht, So wandl' auch jungen zarten Sinn die Liebe In Thorheit; daß vergiftet wird die Knoſpe, Daß ſchon das Gruͤn im erſten Lenz verwelkt, Und jeder kuͤnft'gen Hoffnung ſchoͤne Frucht. Doch was verſchwend' ich Zeit um dir zu rathen, Dem Prieſter ſchwaͤrmeriſchen Liebeswahn's? Nochmals leb' wohl. Es wartet auf der Rhede Mein Vater, um mich eingeſchifft zu ſehn. Prot. Ich will dich hin begleiten, Valentin. Pal. Mein Proteus, ih Jetzt laß uns Abſchied nehmen. Zu Mailand laß durch Briefe mich erfahren Von deiner Liebe Gluͤck, und was ſonſt Neues Sich hier ereignet waͤhrend fern dein Freund; So werd' auch ich dich ſchriftlich oft beſnchen. Sz. 1. Die beiden Veroneſer. 99 Prot. Begegne dir zu Mailand alles Gluͤck. Pal. Nicht minder dir daheim! und ſo, leb wohl! (Valentin geht ab.) Prot. Er jagt der Ehre nach und ich der Liebe: Laͤßt Freund', um ihrer wuͤrdiger zu werden; Mich, Freund' und Alles laß ich fuͤr die Liebe. Du, ſuͤße Julia, du haſt mich verwandelt; Verhaßt iſt Wiſſenſchaft, die Zeit verlier' ich, Trotz biet' ich gutem Rath, die Welt nichts achtend, Krank iſt mein truͤber Sinn in Leid verſchmachtend. (Flink tritt auf.) Flink. Gegruͤßt, Herr Proteus, ſaht Ihr meinen Herrn? Prot. So eben ſchifft er ſich nach Mailand ein. Flink. So mußten ſie ſo bald in's Schiff ihn ſchaffen? Dann bin ich eins von den verlornen Schafen. Prot. Ja; leicht verirrt ein armes Schaͤfchen ſich, So bald der Schaͤfer von der Heerde wich. Flink. Ihr ſchließt, daß mein Herr iſt ein Schaͤfer, ich eins von den Schafen? Prot. Das thu' ich. Flink. So ſind meine Hoͤrner die ſeinen, mag ich wachen oder ſchlafen. Prot. Eine einfaͤlt'ge Antwort, ſo ziemt ſie den Schafen. Flink. Dieß macht mich alles zu einem Schaf. Prot. Sicherlich; und deinen Herrn zum Schaͤfer. Flink. Nein, das kann ich durch einen Beweis wider⸗ egen. Prot. Das wird ſchwer ſeyn, ich will das Gegentheil beweiſen. Flink. Der Schaͤfer ſucht das Schaf, und nicht das Schaf den Schaͤfer; aber ich ſuche meinen Herrn und mein Herr nicht mich: deswegen bin ich kein Schaf. Prot. Das Schaf folgt des Futters halb dem Schaͤ⸗ fer, der Schaͤfer nicht der Speiſe halb dem Schaf. Du folgſt des Lohnes halb deinem Herrn, dein Herr nicht des Lohnes wegen dirz deshalb biſt du ein Scß 2 100 Die beiden Veroneſer. A. I. Flink. Nur noch einen ſolchen Beweis und ich muß ſchreien: Ba! Prot. Doch hoͤre, Freund, gabſt du den Brief an Julia? Flink. Ja, Herr! Ich, ein verdutztes Lamm, gab ihr, dem geputzten Lamm, Euren Brief; und ſie, das geputzte Lamm, gab mir, dem verdutzten Lamm, nichts fuͤr meine Muͤhe. Prot. Welch eine Menge Laͤmmer! Sage mir, was die alle von mir wollen⸗ Flink. Iſt's Euch um Wolle zu thun, ſo muͤßt Ihr ſie ſcheeren. Prot. Ja, dich will ich ſcheeren. Flink. Nein, mir ſolltet Ihr lieber etwas beſcheeren, fuͤr mein Brieftragen. Prot. Du irrſt; ich meinte, ich wollte dich ſcheeren. Flink. Ach! ſcheeren ſtatt beſcheeren. Geht, laßt mich ungeſchoren. Ich trag' Euch keinen Brief F iſt ſo die Muͤh' ver⸗ oren. Prot. Nun, was ſagte ſie? Merkteſt du ob meine Worte, ſie zu gewinnen taugen? Flink. Nichts. Prot. Taugen, nichts? Ei, das iſt Taugenichts. Flink. Ihr verſteht falſch, Herr; ich ſage, nur ich merkte nichts, ob Eure Worte fuͤr ſie taugen. Prot. Nun, zuſammengeſetzt iſt das: Taugenichts. Flink. Ihr habt Euch die Muͤhe gegeben es zuſammen zu ſetzen, ſo nehmt es denn fuͤr Eure Muͤhe. Prot. Nein, du ſollſt es dafuͤr haben, daß du meinen Brief hingetragen haſt. Flink. Gut, ich ſehe wohl daß ich geduldig ſeyn muß, um Euch zu ertragen. Prot. Nun, was haſt du denn von mir zu er⸗ tragen? Flink. Wahrhaftig, Herr, ich trug den Brief ſehr ordentlich, und habe doch nichts als das Wort Taugenichts fuͤr meine Muͤhe davon getragen. —— Sz 1. Die beiden Veroneſer. 101 Prot. Ei, du haſt einen behenden Witz. Flink. Und doch kann er Eure langſame Boͤrſe uicht einholen. Prot. Nun, mach fort. Was ſagte ſie? Heraus mit deiner Botſchaft. Flink. Heraus mit Eurer Boͤrſe, damit Lohn und Bot⸗ ſchaft zugleich uͤberliefert werden. Prot. Gut, hier iſt fur deine Muͤhe. Was ſagte ſie? Flink. Mein Seel, Herr, ich glaube Ihr werdet ſie ſchwerlich gewinnen. Prot. Warum? Konnteſt du ſo viel aus ihr heraus bringen? Flink. Herr, ich konnte durchaus nichts aus ihr heraus bringen, nicht einmal einen Ducaten fuͤr die Ueberliefrung Eures Briefes. Und da ſie ſo hart war gegen mich, der Euer Herz brachte, ſo furchte ich: daß ſie eben ſo hart gegen Euch ſeyn wird, Euch ihre Geſinnung kund zu thun. Gebt ihr kein Geſchenk als Steine, denn ſie iſt ſo hart wie Stahl. Prot. Wie? ſagte ſie nichts? Flink. Nein, nicht einmal: Nimm das fuͤr deine Muͤhe. Ich werde ſtets huldreich gegen Euch ſeyn; denn Ihr habt mich um einige Gulden reicher gemacht; zum Dank dafuͤr tragt kuͤnftig Eure Briefe ſelbſt: und ſo will ich Euch mei⸗ nem Herrn empfehlen. Prot. Geh, geh, vor Schiffbruch Euer Schiff zu huͤten; Es kann nicht ſcheitern, hat es dich an Bord, Du biſt beſtimmt zu trockenem Tod am Lande:— 300 muß ſchon einen beſſern Boten ſenden; dicht achtet, furcht' ich, Julia meiner Zeilen, Wenn ſie aus beßrer Hand ſie nicht empfaͤngt. (geht ab.) 102 Die beiden Veroneſer. A. I. 3 ene Garten. (Julia und Lucetta treten auf.) Julia. Jetzt ſprich, Lucetta, denn wir ſind allein, Du raͤthſt, ich ſoll mein Herz der Lieb' eroͤffnen? Luc. Ja, Fraͤulein; ſchließt Ihr's der Vernunft nicht zu. Jul. Doch von der ſchoͤnen Auswahl edler Maͤnner, Die im geſell'gen Kreis ich taͤglich ſehn, Wer ſcheint am meiſten dir der Liebe werth? Luc. Ich bitt Euch, nennt ſie mir, ſo ſag' ich Euch Nach ſchwacher, ſchlichter Einſicht meine Meinung. Jul. Wie denkſt du von dem ſchoͤnen Eglamour? Luc. Er iſt ein Ritter wohlberedt und fein; Doch waͤr' ich Ihr, er wuͤrde nimmer mein. Jul. Wie denkſt du von dem reichen Herrn Mer⸗ catio. Luec. Von ſeinem Reichthum gut, von ihm ſo ſo. Jul. Nun ſprich, wie du Pen jungen Proteus denkſt. 3 Luc. O Thorheit! wie du uns ſo ganz befaͤngſt! Jul. Sein Name ſchon kann dir Beſinnung nehmen? Lue. Verzeiht, mein Fraͤulein, denn ich muß mich ſchaͤmen. Glaubt Ihr, daß ich Unwuͤrd'ge ſchaͤtzen kann, Solch anmuthvollen, edlen, jungen Mann, Jul. Warum nicht Proteus, wie die andern Gaͤſte? Luc. Nun denn, von Guten ſcheint er mir der Beſte. Jul. Dein Grund? Lue. Kein andrer iſt's, als eines Weibes Grund; Er ſcheint mir ſo, nur weil er mir ſo ſcheint⸗ Jul. So raͤthſt du, meine Lieb' auf ihn zu werfen? Luc. Ja, glaubt Ihr nicht die Liebe weg geworfen. Jul. Er, nur allein bewegte nie mich ſchmerzlich. Luc. Doch er allein nur liebt gewiß Euch herzlich. — S2. Die beiden Veroneſer. 103 Jul. Er ſpricht faſt nie, das iſt nicht Leidenſchaft. LZuc. Verdecktes Feuer brennt mit groͤßrer Kraft. Jul. Nicht liebt, wer nimmer offenbart die Liebe. Zuc. Und minder liebt, wer andern zeigt die Liebe. Jul. Ol wuͤßt' ich wie er denkt! Luc. Leſt, Fraͤulein, dieß Papier. Jul. An Julia⸗ Sprich, von wem? Luc. Der Inhalt ſagt es Euch⸗ Jul. Doch ſprich; wer gab es dir? Zuc. Der Page Valentins, den, denk' ich, Proteus ſchickte: Euch wollt' er's geben ſelbſt, doch ich kam ihm entgegen, Empfing's an Eurer ſtatt; verzeiht, war ich verwegen. Jul. Bei meiner Sittſamkeit! du, Liebesbotin? Wagſt du verliebte Zeilen anzunehmen? Verſchwoͤrung, Fallſtrick meiner Jugend legen? Nun, auf mein Wort, das iſt ein ehrbar Amt, Und du Beamter ſchicklich fuͤr die Wuͤrde. Da nimm das Blatt, laß es ihm wieder geben; Sonſt komm du nie vor meine Augen wieder. Luc. Der Liebe Dienſt ſoll Lohn, nicht Haß gewinnen. Jul. So gehſt du nicht? Luc. Nun koͤnnt Ihr Euch beſinnen. (Lucetta geht ab.) Jul. Und doch,— haͤtt' ich den Brief nur durch⸗ geleſen. Doch Schande waͤr's, ſie wieder her zu rufen, Und bitten was ich als Verbrechen ſchalt. Die Naͤrrin! weiß daß ich ein Maͤdchen bin, Und zwingt mich nicht daß ich den Brief erbreche. Rein ſagt ein Maͤdchen, weils die Sitte will, Und wuͤnſcht, daß es der Frager deut' als Ja. Pfui! wie verkehrt iſt dieſe thoͤr'ge Liebe, Ein wildes Kindchen kratzt ſie erſt die Amme, Und kuͤßt in Demuth gleich darauf die Ruthe! Wie ungeſtum ſchalt ich Lucetta fort Da ich ſo gern ſie hier behalten häͤtte! Wie zornig lehrt' ich meine Stirn ſich falten, Da inn're Luſt mein Herz zum Laͤcheln zwang! Die Strafe ſey, daß ich Lucetta rufe, Und meine vor'ge Thorheit ſo verguͤte: Heda! Lucetta! 104 Die beiden Veroneſer. A. I. (Lucetta kommt zurück.) Lug. Was befiehlt Euer Gnaden? Jul. Iſt noch nicht Eſſenzeit? Luc. Ich wollt' es wäre; Dann kuͤhltet Ihr den Zorn an Eurer Mahlzeit, Statt an der Dienerin. Jul. Was nimmſt du auf, So haſtig? Luc. Nichts. Jul. Weshalb denn buͤckſt du dich? Luc. Ich nahm ein Blatt auf, das ich fallen ließ. Jul. Und iſt das Blatt denn nichts? Lue. Nichts das mich angeht. Jul. Dann laß fuͤr die es liegen die es angeht. Luc. Es wird fuͤr die nicht lügen, die es angeht, Wenn es nicht irgend einer falſch erklaͤrt. 4 Jul. Es ſchrieb dir ein Verehrer wohl in Verſen? Luc. Daß ich's im rechten Tone ſingen moͤge. Gebt mir die Weiſ', Ihr, Fraͤulein koͤnnt ſie ſetzen. Jul. Fuͤr ſolchen Tand ſo leicht als moͤglich iſt: Drum ſing' es zu dem Ton leichtſinn'ge Liebe. Luc. Es iſt zu ſchwer fuͤr ſolchen leichten Ton. Jul. Zu ſchwer? ſo iſt es wohl vielſtimm'ger Satz? Lue. Es iſt melodiſch nur, ſingt Ihr's allein. Jul. Warum nicht du? Auc. Es iſt fuͤr mich zu hoch. Jul. Zeig her dein Lied: ſ Nun„Schaͤtzchen, was as? Luc. Mein, bleibt im i wollt Ihr's zu Ende ingen: Und doch gefaͤllt mir dieſer Ton nicht recht. Jul. Weshalb denn nicht? ALuc. Er iſt zu ſchneidend, Franlein. Jul. Du biſt zu vorlaut. Luc. Mein, nun wird es matt: Einſtimm'ges Lied hat keine Harmonie. Die Mittelſtimme fehlt. Jul. Die heiſre Stimme Der Mittlerin zerſtoͤrt die Harmonie. Luc. Proteus bedarf wohl der Vermittlung nicht. Jul. Nicht laͤnger ſoll dieß Schwatzen mich erzuͤrnen. Das iſt ein Wirrwarr nur von Liebesſchwuren!— C(ſie zerreißt den Brief.) Sz. 2. Die beiden Veroneſer, 10⁵ Geh, mach dich fort! Laß die Papiere liegen; Du haͤtt'ſt ſie gern in Haͤnden, mich zu ärgern. Luc. Sie treibt es weit; doch waͤr's ihr wohl am liebſten, Waͤr' ſie durch einen zweiten Brief geaͤrgert. (Lucetta geht ab.) Jul. Nein, koͤnnte mich derſelbe Brief nur aͤrgern! Haßvolle Haͤnde, Liebesſchrift zerreißt ihr? Mordſuͤcht ge Weſpen, ſaugt des Honigs Suͤße, Und ſtecht zu todt die Biene die ihn gab?— Zur Suͤhnung kuͤß' ich jedes Stuͤck Papier. Sieh,— guͤt'ge Julia— hier; unguͤt'ge Julia! Und ſo um deinen Undank zu beſtrafen, Werf' ich den Namen auf den harten Stein, Und trete hoͤhnend ſo auf deinen Stolz.— O! ſieh, hier ſteht— der liebeswunde Protens— 1 Armer du! mein Buſen, wie ein Bett, Herberge dich, bis ganz die Wunde heilte; Und ſo erpruͤf' ich ſie mit heil'gem Kuß.— Doch zwei, dreimal ſteht Proteus hier geſchrieben? Still, guter Wind, enrfuͤhre mir kein Stuͤckchen, Bis jedes Wort des Brief's ich wieder fand. Nur meinen Namen nicht; den trag' ein Sturm Zu einem furchtbar, zackig ſchroffen Fels, Und ſchleudr' ihn dann in's wilde Meer hinab!— Sieh, zweimal hier ſein Mam' in einer Zeile,— Der arme Proteus, Proteus, gramverloren,— Der ſuͤßen Julia.— Nein, das reiß' ich ab; Doch will ich's nicht, da er ſo allerliebſt Ihn paart mit ſeinem ſchwermuthvollen Namen: So will ich einen auf den andern falten; Nun kuͤßt, umarmt euch, zankt, thut was ihr wollt. (Lucetta kommt zurück.) Luc. Fraͤulein, zur Mahlzeit, Euer Vater wartet. Jul. Gut, gehn wir. Puc. Wie, laßt Ihr die Papier' als Schwätzer liegen? Jul. Haͤltſt du ſie werth, ſo hebe gut ſie auf. Luc. Schlecht nahm't Iht auf, da ich ſie nieder⸗ egte: Doch ſoll'n ſie fort, daß ſie ſich nht erkaͤlten. Jul. Ich ſeh', du haſt zu ihnen ein Geluͤſt. 106 Die beiden Veroneſer. A. 1. Luc. Ja, ſagt nur immer was Ihr meint zu ſehn; Auch ich ſeh klar, denkt Ihr ſchon ich ſey blind. Jul. Komm, komm! beliebt's hinein zu gehn? (ſie gehn ab.) 3immer. (Untonio und Panthino treten auf.) Antonio. Panthino, ſprich, mit welcher ernſten Rede Hielt dich mein Bruder in dem Kreuzgang auf? er Von Proteus, ſeinem Neffen, Eurem Sohn⸗ Ant. Doch was von ihm? Pant. Ihn wundert, daß Euer Gnaden Daheim ihn ſeine Jugend laͤßt verbringen; Da mancher, der geringer iſt als Ihr, Den Sohn auf Reiſen ſchickt ſich auszuzeichnen: Der, in den Krieg, um dort ſein Gluͤck zu ſuchen; Der, zur Entdeckung weitentlegner Inſeln; Der, zur beruͤhmten Univerſität. Er meint, daß einer oder all die Wege, Dem Proteus, Eurem Sohne, wohl geziemen; Mir trug er auf, es Euch an's Herz zu legen, Daß Ihr ihn laͤnger nicht daheim behaltet, Er wuͤrd' es einſt im Alter noch beklagen, Haͤtt' er die Welt als Juͤngling nicht geſehn. Ant. Run, dazu darfſt du mich nicht eben draͤngen, Worauf ich ſchon ſeit einem Monat ſinne. Wohl hab' ich ſelbſt den Zeitverluſt erwogen; Und wie er ein vollkomm'ner Mann nicht iſt, Eh ihn die Welt erzogen und gepruͤft: Erfahrung wird durch Fleiß und Muͤh' erlangt, Und durch den raſchen Lauf der Zeit gereift: Doch ſprich, wohin ich ihn am beſten ſende? Pant. Ich denk“, Euer Gnaden iſt nicht unbekannt, Wie jetzt ſein Freund, der junge Valentin, Am Hof dem Kaiſer ſeine Dienſte widmet. Sz. 3. Die beiden Veroneſer. 107 Ant. Ich weiß es wohl. Pant. Ich mein', Se Gnaden ſollt' ihn dahin enden: Dort uͤbt er ſich im Stechen und Turnieren, Hoͤrt fein Geſpraͤch, bekannt wird er dem Adel, Und ſo wird jede Uebung ihm gelaͤufig, Die ſeiner Jugend ziemt und ſeinem Rang. Ant. Dein Rath gefaͤllt mir; wohl haſt du's erwogen; Und, daß du ſiehſt wie ſehr er mir gefaͤllt, Soll deutlich dir durch die Vollſtreckung werden. So will ich gleich denn mit der ſchnellſten Eile Alsbald ihn ſchicken an des Kaiſers Hof. Pant. So hoͤrt, daß morgen Don Alphonſo reiſt, Mit andern jungen Herren hohen Ranges, Dem Kaiſer ihre Huidigung zu bringen Und ihren Dienſt dem Herrſcher anzubieten. Ant. In der Geſellſchaft ſoll auch Proteus reiſen: Und grade recht,— jetzt wlll ich's ihm verkuͤnden. (Proteus tritt auf.) Prot. O ſuͤße Lieb'! o ſuße Zeilen! ſuͤßes Leben! Ja, hier iſt ihre Hand, des Herzens Buͤrge; Hier iſt ihr Liebesſchwur, der Ehre Pfand: O! daß die Vaͤter unſern Liebesbund Und unſer Gluͤck durch ihren Beifall krönten! O, Engel! Julia!— Ant. Wie ſteht's? was fuͤr ein Brief den du da lieſeſt? Prot. Mein gnaͤd'ger Vater, wen'ge Zeilen nur, In denen Valentin ſich mir empfiehlt, Und die ein Freund mir bringt, der ihn geſprochen. Ant. Gieb mir den Brief; laß ſehn was er enthaͤlt. Prot. Durchaus nichts Neues, Herr; er ſchreibt mir nur Wie gluͤcklich er dort lebt, wie ſehr geliebt, Und taglich wachſend in des Kaiſers Gnade; Er wuͤnſcht mich hin, ſein Gluͤck mit ihm zu theilen. Ant. Und fuͤhlſt du ſeinem Wunſche dich geneigt? Prot. Herr, Eurem Willen bin ich unterthan, Und nicht darf mir des Freundes Wunſch gebieten. Ant. Mein Wille trifft mit ſeinem Wunſch zuſammen: Sey nicht erſtaunt daß ich ſo ſchnell verfahre; Denn was ich will das will ich, kurz und gut. Beſchioſſen iſt es, daß du ein'ge Zeit 108 Die beiden Veroneſer. A. II. Mit Valentin am Hof des Kaiſers lebſt; Was ihm zum Unterhalt die Seinen geben, Sollſt du von mir auch aufzuwenden haben. Auf morgen halt dich fertig abzugehn: Kein Einwand gilt, unwiderruflich bleibt's. Prot. Herr, nicht ſo ſchnell iſt Alles vorbereitet; Nur ein, zwei Tag', ich bitte, ſchiebt es auf. Ant. Ei, was du brauchſt, das ſchicken wir dir nach: Kein laͤngres Zoͤgern; morgen mußt du fort.— Panthino, komm;z du ſollſt mir Huͤlfe leiſten, Um eiligſt ſeine Reiſe zu befoͤrdern. (Antonio und Panthino gehn ab.) Prot. Das Feuer floh ich ſo, mich nicht zu brennen, Und ſtuͤrzte mich in's Meer, wo ich ertrinke: Dem Vater wollt' ich Julias Brief nicht zeigen, Aus Furcht er koͤnne meine Liebe hindern; Und aus dem Vortheil, der mir helfen ſollte, Nimmt er die ſtaͤrkſte Hindrung meiner Liebe. Ol daß der Liebe Fruͤhling, immer wechſelnd, Gleich des Apriltag's Herrlichkeit uns funkelt; Er zeigt die Sonn' in ihrer vollen Pracht, Bis plotzlich eine Wolk' ihr Licht verdunkeit! (Panthino kommt zurück.) Pant. Herr Proteus, Euer Vater ruft nach Euch; Er it ſehr eilig, bitte, folgt mir gleich. Prot. Mein Herz ergiebt ſich, denn es muß ja ſeynz Doch ruft es tauſendmal mit Schmerzen, Nein! (ſie gehn ab.) Die beiden Veroneſer. 109 Z weiter Aufzug⸗ S i e⸗ Pallaſt im Mailand. (Valentin und Flink treten auf.) Flink. Herr, Euer Handſchuh. Pal. Das iſt nicht der meine.— Ha! laß mich ſehn: Ja, gieb ihn, er iſt mein:— O ſuͤßer Schmuck! der koͤſtliches huͤllt ein!— Ach Silvia! Silvia! Flink. Fraͤulein Silvia! Fraͤulein Silvia! Pal. Was ſoll das, Burſch? Flink. Sie iſt nicht zu errufen. Pal. Ei, wer heißt dich ſie rufen? Flink. Euer Gnaden; oder ich muͤßte es falſch verſtan⸗ den haben. Pal. Ja, du biſt immer zu voreilig. Flink. Und doch ward ich neulich geſcholten, daß ich zu langſam ſey. Pal. Wohlan; ſage mir, kennſt du Fraͤulein Silvia? Flink. Sie, die Euer Gnaden liebt? Pal. Nun, woher weißt du daß ich liebe? Flink. Wahrhaftig an dieſen beſondern Kennzeichen: Füͤr's Erſte, habt Ihr gelernt, wie Herr Proteus, Eure Arme ineinander zu winden wie ein Mißvergnuͤgter; an einem Liebesliede Geſchmack zu finden, wie ein Rothkehlchen; allein einherzuſchreiten, wie ein Peſtkranker; zu achzen, wie ein Schulknabe, der ſein ABCverloren hat; zu weinen, wie eine junge Dirne, die ihre Großmutter begenb; zu fa⸗ 110 Die beiden Veroneſer. A. II. ſten, wie einer, der in der Hungerkur liegt; zu wachen, wie einer der Einbruch fuͤrchtet; winſelnd zu reden, wie ein Bettler am Allerheiligentage. Ihr pflegtet ſonſt, wenn Ihr lachtet, wie ein Hahn zu kraͤhen; wenn Ihr einher ginget, wie ein Loͤwe zu wandein; wenn Ihr faſtetet, war es gleich nach dem Eſſen; wenn Ihr finſter blicktet, war es weil Euch Geld fehlte: Und jetzt ſeyd Ihr von Eurer Dame verwandelt, daß, wenn ich Euch anſehe, ich Euch kaum fuͤr meinen Herrn halten kann. Pal. Beinerkt man alles dieß in mir? Flink. Man bemerkt das alles außer Euch. Dal. Außer mir? Das iſt nicht moͤglich. Flink. Außer Euch? Nein, das iſt gewiß, denn außer Euch wird kein Menſch ſo einfaͤltig handeln: Aber Ihr ſeid ſo außer dieſen Thorheiten, daß dieſe Thorheiten in Euch ſind, und durchſcheinen durch Euch wie Waſſer in einem üringlaſe; ſo daß kein Auge Ench ſieht, das nicht gleich zum Arzt wird und Eure Krankheit erkennt⸗ Val. Doch, ſage mir, kennſt du Fraulein Silvia? Flink. Die, welche Ihr ſo anſtarret, wenn ſie bei Tiſche Val. Haſt du das bemerkt? Eben die meine ich⸗ Flink. Nun, Herr, ich kenne ſie nicht. Pal. Kennſt du ſie an meinem Anſtarren, und kennſt ſie doch nicht? Flink. Iſt es nicht die, die haͤßlich gewachſen iſt? Pal. Sie iſt ſchoͤn, Burſche, und noch herrlicher ge⸗ wachſen. Flink. Das weiß ich recht gut⸗ Pal. Was weißt du? Flink. Daß ſie nicht ſo ſchon iſt, und brauner als Wachs. Pal. Ich meine, ihre Schoͤnheit iſt ausbuͤndig, aber die Herrlichkeit ihres Wuchſes unermeßlich. Flink. Das macht, weil das eine gemalt, und das andre nicht in Rechnung zu ſtellen iſt. Pah Wie gemalt, und wie nicht in Rechnung zu ſtell en? Flink. Nun, ſie iſt ſo gemalt um ſie ſchoͤn zu machen, daß kein Menſch ihre Schoͤnheit berechnen kann. Pal. Was meinſt du von mir? Ich ſtelle ihre Schoͤ⸗ heit hoch in Rechnung. Flink. Ihr ſaht ſie niemals, ſeit ſie häßlich iſt. Pal. Seit wann iſt ſie haͤßlich? Sz. 1. Die beiden Veroneſer. 111 Flink. Seitdem Ihr ſie liebt. Pal. Ich habe ſie immer geliebt ſeit ich ſie ſah, und doch ſehe ich ſie reich an Schoͤnheit. Flink. Wenn Ihr ſie liebt, koͤnnt Ihr ſie nicht ſehn. Pal. Warum? Flink. Weil Liebe blind iſt. O! daß Ihr meine Augen haͤttet; oder Eure Augen haͤtten die Klarheit, welche ſie hatten, als Ihr den Herrn Proteus ſchaltet, daß er ohne Kniebaͤnder ging. Pal. Was wuͤrde ich dann ſehn? Flink. Eure gegenwaͤrtige Thorheit, und ihre uͤbergroße Haͤßlichkeit: denn er, weil er verliebt war, konnte nicht ſehn, um ſein Knieband zu ſchnallen; und Ihr, weil Ihr verliebt ſeyd, koͤnnt gar nicht einmal ſehn, ob Ihr Struͤmpfe anhabt oder nicht. Val. So ſcheint's, Burſche, du biſt verliebt; denn ge⸗ ſtern Morgen konnteſt du nicht ſehn, ob meine Schuhe geputzt waren. Flink. Wahrhaftig, Herr, ich war in mein Bett ver⸗ liebt: Ich danke Euch, daß Ihr mich meiner Liebe wegen wamſtet, denn das macht mich um ſo kuͤhner, Euch um die Eure zu ſchelten. Pal. Ich ſtehe ganz in Flammen. Flink. O! wenn Ihr Euch doch ſetztet! Pal. Geſtern Abend trug ſie mir auf, einige Verſe an Jemand zu ſchreiben, den ſie liebt. Flink. Und thatet Ihr's? Pal. Ja. Flink. Und ſind ſie nicht ſehr lahm geſchrieben? Pal. Nein, Burſch, ſo gut wie ich nur konnte:— Still, hier kommt ſie. (Silvia tritt auf.) Flink. O herrliches Puppenſpiel! O vortreffliche Mario⸗ netten! Jetzt wird er nun ausdeuten. Val. Fraͤulein und Gebieterin, tauſend guten Morgen. Flink.(beiſeit) Ol einen guten Abend dazu. Ueber die Million von Complimenten. Silv. Ritter Valentin und Diener, ich gebe Euch zwei⸗ tauſend⸗ ß i C(beiſeit.) Er ſollte ihr Zinſen geben, und ſie giebt ie ihm. 112 Die beiden Veroneſer. A. II. Pal. Wie Ihr befahlt, hab' ich den Brief geſchrieben, An den geheimen, namenloſen Freund; Sebr ungern ließ ich mich dazu gebrauchen, Geſchah's aus Pflicht fuͤr Euer Gnaden nicht. Silv. Dank, edler Diener, recht geſchickt vollfuͤhrt, Val. Glaubt mir, mein Fraͤulein, es ging ſchwer von ſtatten; Denn, unbekannt, an wen es war gerichtet, Schrieb ich auf's Ungefaͤhr, und voll von Zweifeln. Silv. Ihr achtet wohl zuviel ſo viele Muͤhe? Val. Nein, Fraͤulein; nuͤtzt es Euch, ſo will ich ſchreiben, Wenn Ihr's befehlt, noch tauſendmal ſo viel: Und doch— Silv. Ein ſchoͤner Schluß! Ich rathe, was ſoll folgen: Doch nenn' ich's nicht;— doch kuͤmmert es mich nicht;— Und doch nehmt dieß zuruͤck;— und doch, ich dank Euch;— Und will Euch kuͤnſtig niemals mehr bemuͤhn. Flink.(beiſeit.) Und doch keſchieei gewiß: und doch, und doch. Pal. Was meint Euer Gnaden? iſt es Euch nicht recht? Silv. Ja, ja; die Verſe ſind recht gut geſchrieben: Doch, da Ihr's ungern thatet, nehmt ſie wieder; Hier, nehmt ſie hin. Val. Fraͤulein, ſie ſind fuͤr Euch. Silv. Ja, ja; Ihr Herr, auf mein Er⸗ uchen: Ich aber will ſie nicht; ſie ſind fuͤr Euch: Ich haͤtte gern ſie ruͤhrender gehabt. Pal. Wenn Ihr befehlt, ſchreib' ich ein andres Blatt, Silv. Und ſchreibt Ihr es, ſo leſt es durch ſtatt meiner: Gefaͤllt es Euch; dann gut, wo nicht, auch gut. Pal. Und wenn es mir gefaͤllt, Fraͤulein, was dann? Silv. Gefaͤllt es Euch, ſo nehmt's fuͤr Eure Muͤhe. Und ſo, mein lieber Diener, guten Morgen. (Silvia geht ab.) Flink. O unſichtbares Spaͤßchen! das zu ergruͤnden nicht geht! 5 Wit der Wetterhahn auf dem Thurm, wie die Naſ' im Geſicht ſteht! Es dient mein Herr, und fleht ihr; doch ſie wuͤnſcht ihn ſich dreiſter Und macht aus ihrem Schuͤler ſich ſelber den Schulmeiſter⸗ — „ en m hn Sz. 1. Die beiden Veroneſer. 113 O auserleſnes Kunſtſtuͤck! gab's je von dem Gelichter? Mein Herr, als Secretair, an ſich ſelbſt als Dichter. Pal. Wos raiſonnirſt du ſo mit dir ſelbſt? Flink. Nein, ich meinte nur; die Raiſon habt Ihr. Pal. Um was zu thun? Flink. Freiwerber fuͤr Fraͤulein Silvia zu ſeyn. Pal. Fuͤr wen? Flink. Fuͤr Euch ſelbſt, und ſie wirbt um Euch ſiguͤrlich. Pal. Wie denn figuͤrlich? Flink. Durch einen Brief, wollt' ich ſagen. Pal. Sie hat ja an mich nicht geſchrieben. Flink. Was braucht ſie's, da ſie Euch an Euch ſelbſt hat ſchreiben laſſen? Nun, merkt Ihr den Spaß? Val. Nichts, wahrlich⸗ Flink. Ihr nehmt nichts wahr, in der That, Herr. Aber merktet Ihr nicht ihren Ernſt? Val. Es ward mir keiner, als ein zornig Wort. Flink. Sie gab Euch ja einen Brief. Pal. Das iſt der Brief, den ich an ihren Freund ge⸗ ſchrieben habe. Flink. Und den Brief hat ſie beſtellt, und damit gut. Pal. Ich wollte, es waͤre nicht ſchlimmer, Flink. Ich buͤrge Euch dafuͤr, es iſt grade ſo gut: Denn oft geſchrieben habt ihr; und ſie aus Sitt⸗ amkeit, Weil Muß' ihr auch vielleicht gefehlt, gab nimmer Euch Beſcheid: Vielleicht auch bang', daß Bi wohl Betruͤgerei ver⸗ ubten, Hat ſie die Liebe ſelbſt gelehet, zu ſchreiben dem Ge⸗ iebten. Das ſprech' ich wie gedrucktz denn ich ſah's gedruckt.— Was ſteht Ihr in Gedanken? Es iſt Eſſenzeit. Val. Ich habe gegeſſen. Flink. Ja aber hort, Herr: wenn auch das Camaͤleon Liebe ſich mit Luft ſättigen kann, ich bin einer der ſich von Speiſe naͤhrt und moͤchte gern eſſen: Ach! ſeyd nicht wie Eure Dame; laßt Euch ruͤhren! laßt Euch ruͤhren! .(Beide gehn ab.) VI. 114 Die beiden Veroneſer. A. II. 5 e e Juliens Zimmer. (Proteus und Jul ia treten auf.) Proteus. Geduldig, liebe Julia. Jul. Ich muß, wo keine Huͤlfe iſt. Sobald ich irgend kann, kehr' ich zuruͤck. ul. Verkehrt ſich Euer Sinn nicht, kehrt Ihr bald: Nehmt dieß als Eurer Julia Angedenken. (Sie giebt ihm einen Ring.) Prot. So tauſchen wir; nimm dieß und denke mein. Jul. Laß heil'gen Kuß des Bundes Siegel ſeyn. Prot. Nimm meine Hand, als Zeichen ew'ger Treue; Und wenn im Tag mir eine Stund' entſchluͤpft, In der ich nicht um dich, o Julia, ſeufze, Mag in der naͤchſten Stund' ein ſchweres Unheil Mich fuͤr Vergeſſenheit der Liebe ſtrafen! Mein Vater wartet mein; o! ſage nichts; Die Fluth iſt da: Nicht deiner Thraͤnen Fluth; Die haͤlt mich laͤnger als ich bleiben ſollte. (FJulia geht ab.) Julia, leb' wohl!— Wie? ohn' ein Wort gegangen? Ja, treue Lieb' iſt ſo: ſie kann nicht ſprechen: Mit Thaten ſchmuͤckt ſich Treu' und nicht mit Worten⸗ (Panthino tritt auf. Panth. Man wartet ſchon. Prot. Ich komme; geh' nur fort. Ach! Trennung macht verſtummen Liebeswort⸗ (Beide gehn ab.) D tte S Straße. (Lanze tritt auf und führt einen Hund am Strick) Lanze. Nein, in einer ganzen Stunde werde ich nicht mit Wei⸗ nen fertig: alle Lanze haben nun einmal den Fehler. Ich —— Sz. 3Z. Die beiden Veroneſer. 11⁵ habe mein Erbtheil empfangen, wie der verlorne Sohn, und gehe mit Herrn Proteus an den kaiſerlichen Hof. Ich denke, Krabb, mein Hund, iſt der allerhartherzigſte Hund auf der ganzen Welt: Meine Mutter weinte, mein Vater jammerte, meine Schweſter ſchrie, unſre Magd heulte, unſre Katze rang die Haͤnde, und unſer ganzes Haus war im erbaͤrmlichſten Zuſtand, da vergoß dieſer tyranniſche Koͤ⸗ ter nicht Eine Thraͤne: Er iſt ein Stein, ein wahrer Kie⸗ ſelſtein, und hat nicht mehr Naͤchſtenliebe als ein Hund: Ein Jude wuͤrde geweint haben, wenn er unſern Abſchied geſehn haͤtte; ja, meine Großmutter, die keine Augen mehr hat, ſeht ihr, die weinte ſich blind bei meinem Fortgehn. Ich will euch zeigen, wie es herging: Dieſer Schuh iſt mein Vater;— nein, dieſer linke Schuh iſt meine Mutter; nein, ſo kann es nicht ſeyn;— ja, es iſt ſo, es iſt ſo; er hat die ſchlechtſte Sohle: Dieſer Schuh, mit dem Loch iſt meine Mutter, und dieſer mein Vater: hol' mich der Hen⸗ ker! ſo iſt's: nun dieſer Stock iſt meine Schweſter, denn ſeht ihr, ſie iſt ſo weiß wie eine Lilie, und ſo ſchlank wie eine Gerte, dieſer Hut iſt Hanne unſre Magd, ich bin der Hund,— nein, der Hund iſt er ſelbſt, und ich bin der Hund,— ach! der Hund iſt ich und ich bin ich ſelbſt; ja, ſo, ſo. Nun komme ich zu meinem Vater; Vater, Euern Segen; nun kann der Schuh vor Weinen kein Wort ſpre⸗ chen; nun kuͤſſe ich meinen Vater; gut, er weint fort:— nun komme ich zu meiner Mutter,(o, daß ſie nur ſprechen koͤnnte, wie ein Weib das von Sinnen iſt!) gut, ich kuſſe ſie; ja, das iſt wahr: das iſt meiner Mutter Athem ganz und gar: nun komme ich zu meiner Schweſter; gebt acht wie ſie aͤchzt: nun vergießt der Hund keine Thraͤne, und ſpricht waͤhrend der ganzen Zeit kein Wort; und ihr ſeht doch wie ich den Staub mit meinen Thraͤnen loͤſche. MWPanthino tritt auf.) Panth. Fort, fort, Lanze, an Bord; dein Herr iſt eingeſchifft und du mußt hinterherrudern. Was iſt das? was weinſt du, Kerl? Fort, Eſel; du wirſt dich ohne Noth verſtricken und das Schiff verlieren wenn du laͤnger warteſt. Lanze. Das thut nichts, denn es iſt die hartherzigſte g die jemals ein Menſch am Strick mit ſich uͤhrte. Panth. Welche hartherzige n meinſt du? * 116 Die beiden Veroneſer. A. II. . Die ich hier am Strick habe; Krabb, mein und⸗ Panth. Schweig, Kerl, ich meine du wirſt die Fluth verlieren; und wenn du die Fluth verlierſt, deine Reiſe verlieren; und wenn du deine Reiſe verlierſt, deinen Herren verlieren; und wenn du deinen Herren verlierſt, deinen Dienſt verlieren; und wenn du deinen Dienſt verlierſt— Warum haͤltſt du mir den Mund zu? Lanze. Aus Furcht, du moͤchteſt deine Zunge verlieren. — Mag ich Fluth, Reiſe, Herrn und Dienſt verlieren? Fluth!— Ja, Mann, wenn der Strom vertrocknet waͤre, bin ich im Stande, ihn mit meinen Thraͤnen zu fuͤllen; wenn der Wind ſich gelegt haͤtte, koͤnnte ich das Boot mit meinen Seufzern treiben⸗ Peth Komm, komm fort, Kerl, ich bin hergeſchickt dich zu holen. Lanze. Hol dich der Henker! Panth. Wirſt du gehn? Lanze. Ja, ich will gehn, (Beide gehn ab.) i Pallaſt in Mailand. (Valentin, Silvia, Thurio und Flink treten auf.) Silvia. Diener— Gal. Gebieterin? Flink. Herr, Thurio runzelt gegen Euch die Stirn. Pal. Ja, Burſch, aus Liebe. Flink. Nicht zu Euch. Pal. Zu meiner Dame alſo. Flink. Es waͤre gut, Ihr gaͤbet ihm eins. Silv. Diener, Ihr ſeyd mihlaunig. Pal. In Wahrheit, Fraͤulein, ich ſcheine ſo. Silv. Scheint Ihr, was Ihr nicht ſeyd? Pal. Vielleicht. Thur. Das thun Gemaͤlde. Val. Das thut Ihr. Sz. 4. Die beiden Veroneſer. 117 Thur. Was ſcheine ich, das ich nicht bin? Val. Weiſe. Thur. Welch ein Beweis vom Gegentheil! Pal. Eure Thorheit. Thur. Und wo bemerkt Ihr meine Thorheit? Pal. In Eurem Wams. Thur. Mein Wams iſt gedoppelt. Pal. Nun, ſo wird auch Eure Thorheit doppelt ſeyn. Thur. Wie? Silv. Wie, erzuͤrnt, Ritter Thurio? veraͤndert Ihr die Farbe? Pal. Geſtattet es ihm, Fraͤulein; er iſt eine Art Camaͤleon. Thur. Das mehr Luſt hat Euer Blut zu trinken, als in Eurer Luft zu leben. Val. Ihr habt geſprochen, Herr. Thur. Ja, Herr, und gehandelt auch fuͤr dießmal. Bal. Ich weiß es wohl, Herr, daß Ihr immer fertig ſeyd, ehe Ihr anfangt. Silv. Eine huͤbſche Artillerie von Worten, edle Herren, und munter geſchoſſen. Val. So iſt es in der That, Fraͤulein; und wir danken dem Geber. Silv. Wer iſt das, Diener? Bal. Ihr ſelbſt: holdes Fraͤnlein; denn Ihr gebt das Feuer: Herr Thurio borgt ſeinen Witz von Euer Gnaden Blicken, und verſchwendet was er borgt mildthaͤtig in Eurer Geſellſchaft. Thur. Herr, wenn Ihr Wort auf Wort mit mir verſchwendet, ſo werde ich Euren Witz bankerott machen. Pal. Das weiß ich wohl, Herr: Ihr habt einen Schatz von Worten, und keine andre Muͤnze Euren Dienern zu geben; denn es zeigt ſich an ihren kahlen Livreyen, daß ſie von Euren kahlen Worten leben. Silv. Nicht weiter, nicht weiter, edle Herren; hier kommt mein Vater. (Der Herzog tritt auf.) Zerz. Nun, Tochter Silvia, du biſt hart belagert Herr Valentin, Eu'r Vater iſt geſund: Was ſagt Ihr wohl zu Briefen aus der Heimath Mit guter Zeitung? 118 Die beiden Veroneſer. A. II. Pal. Dankbar, gnaͤd'ger Herr, Empfang ich jeden frohen Abgeſandten. Baz⸗ Kennt Ihr Antonio, Euren Landsmann, wohl? Pal. Ja, gnaͤd'ger Herr, ich kenne dieſen Mann, Daß er geehrt iſt und von hoher Achtung, Und nach Verdienſt im beſten Rufe ſteht⸗ Berz. Hat er nicht einen Sohn? Pal. Ja, einen Sohn, mein Fuͤrſt, der wohl ver⸗ dient Daß er des Vaters Ruf und Anſehn erbe. Zerz. Ihr kennt ihn näher? Val. Ich kenn' ihn wie mich ſelbſt; denn ſeit der Kindheit Vereint ais Freunde, lebten wir zuſammen, Und war auch ich ein traͤger Muͤßiggaͤnger, Der oft den reichen Schatz der Zeit verſchwendet, Die Ingend in der Engel Weisheit kleidet; So nutzte Proteus doch, dieß iſt ſein Name, Mit ſchoͤnem Vortheil ſeine Tag' und Stunden; Er iſt an Jahren jung, alt an Erfahrung; Sein Haupt zeigt Jugend, doch ſein Wiſſen Reife; Mit einem Wort(denn hinter ſeinem Werth Bleibt jedes Lob zuruͤck, das ich ihm gebe) Er iſt vollkommen an Geſtalt und Geiſt, An jeder Zierde reich, die Edle ziert. Zerz. Wahrhaftig, wenn er Euer Wort bewaͤhrt, So iſt er wuͤrdig einer Kaiſerin Liebe, Und gleich geſchickt fuͤr eines Kaiſers Rath. Wohl! dieſer Edelmann iſt angelangt, Und bringt Empfehlung mir von maͤcht'gen Herren; Hier denkt er ein'ge Zeit ſich aufzuhalten: Die Nachricht, mein' ich, muß Euch ſehr erfreuen. Pal. Blieb etwas mir zu wuͤnſchen, ſo war er's. Zerz. Nun, ſo bewillkommt ihn, wie er's verdient; Dich, Silvia, fordr' ich auf, und, Thurio, Euch; Denn Valentin bedarf nicht der Ermahnung; Ich geh', und will ſogleich ihn zu Euch ſenden. (Der Herzog geht ab.) val. Dieß, Fraͤulein, 6 der Mann, von dem ich agte, Er waͤre mir gefolgt, wenn die Geliebte Sein Auge nicht mit Strahlenblick gefeſſelt. Sz. 4. Die beiden Veroneſer. 1¹9 Silv. So hat ſie ihm die Augen froi gegeben Und andres Pfand fuͤr ſeine Treu behalten. Pal. Gewiß haͤlt ſie ſie als Gefangne noch. Silv. So muß er blind ſeyn; und wie kann ein Blinder Nur ſeinen Weg ſehn, um Euch aufzuſuchen? Pal. Ei, Liebe ſieht mit mehr als funfzig Augen. Thur. Man ſagt, daß Liebe gar kein Auge hat. Pal. um ſolche Liebende zu ſehn als Euch; Sie ſchließt den Blick, erſcheint ein niedrig Weſen. Silv. Genug, genug; hier kommt der Fremde ſchon. (Proteus tritt auf.) VPal. Willkommen, theurer— Ich bitt' Euch, errin, Beſtatigt durch beſondre Huld den Willkomm. Silv. Sein eigner S iſt Buͤrge ſeines Will⸗ omms. Iſt er's, von dem Ihr oft zu horen wuͤnſchtet? Pal. Er iſt's, Gebiet'rin: Goͤnnt ihm, holdes Fraͤulein, Daß er, gleich mir, ſich Eurem Dienſte weihe. Silv. Zu niedre Herrin fuͤr ſo hohen Diener⸗ Prot. Nein, holdes Fraͤulein, zu geringer Diener Daß ſolche hohe Herrin auf ihn ſchaut. Vai. Laßt jetzt Unfaͤhigkeit auf ſich beruhn.— Nehmt, holdes Fraͤulein, ihn als Diener auf. Prot. Ergebenheit, nichts andres kann ich ruͤhmen. Silv. Und immer fand Ergebenheit den Lohn. Unwerther Herrin denn willkommen, Diener. Prot. Wer außer Euch ſo ſpräche, muͤßte ſterben. Silv. Daß Ihr willkommen ſeyd? Prot. Nein, daß Ihr unwerth (Ein Diener tritt auf.) Dien. Eu'r Vater will Euch ſprechen, gnad'ges Fraͤulein. Silv. Ich bin zu ſeinem Dienſt.(Diener geht ab.) Kommt, Ritter Thurio, Geht mit:— Nochmals willkommen neuer Diener: Jetzt moͤgt Ihr von Familienſachen ſprechen. Iſt das geſchehn, erwarten wir Euch wieder. 120 Die beiden Veroneſer. A. II. Prot. Wir werden beid' Euch unſte Dienſte widmen. (Silvia, Thurio und Flink gehn ab.) Pal. Nun ſprich, wie ging es Allen da du ſchiedeſt? Prot. Geſund ſind deine Freund', und grußen herzlich. Pal. Wie geht's den deinen? Prot. Alle waren wohl. Pal. Wie ſteht's um deine Dam' und deine Liebe? Prot. Liebesgeſpraͤche waren dir zur Laſt; Ich weiß, du hoͤrſt nicht gern von Liebesſachen. Pal. Ja, Proteus, doch dieß Leben iſt verwandelt: Gebuͤßt hab' ich, weil ich verſchmaͤht die Liebe; Ihr hohes Herrſcherwort hat mich geſtraft, Mit ſtrengem Faſten, reuig bittrer Klage, Mit Thraͤnen naͤchtlich, Tag's mit Herzensſeufzern; Denn, um der Liebe Hohn an mir zu raͤchen, Nahm ſie den Schlaf von unterworfnen Augen, Daß ſie des eignen Herzens Gram bewachen⸗ O, Liebſter, Amor iſt ein maͤcht'ger Fuͤrſt, Und hat mich ſo gebeugt, daß ich bekenne, Es giebt kein Weh, das ſeiner Strafe gleicht, Doch giebt's nicht groͤßre Luſt als ihm zu dienen! Jetzt kein Geſpräch, als nur von Lieb' allein; etzt iſt mir Fruͤhſtuͤck, Mittag, Abendmahl, chlummer und Schlaf das bloße Wort nur: Liebe. Prot. Genug; denn ſchon Auge ſpricht dein Gluͤck: War ſie die Goͤttin, der du huldigeſt? Pal. Ja;z iſt ſie nicht ein himmliſch Heibgenbild? Prot. Nein; doch ſie iſt ein irdiſch Muſterbild. Pal. Nenn' goͤttlich ſie. Prot. Nicht ſchmeicheln will ich ihr. Pal. O, ſchmeichle mir; Lob's freut ſich die iebe. Prot. Mir, als ich krank war, gab'ſt du bittre illen; Und jetzt muß ich denſelben Trank dir' reichen. Pal. So ſprich von ihr die Wahrheit; wenn nicht gottlich, Sz. 4. Die beiden Veroneſer. 12¹ Laß ſie doch eine Hoheit ſeyn, erhaben Vor allen Creaturen auf der Erde. Prot. Nur Julia nehm' ich aus⸗ Pal. Nimm keine aus; Du nimmſt zu viel dir gegen ſie heraus. Prot. Hab' ich nicht Grund die meine vorzuziehn? Pal. Und ich will ihr zum hoͤchſten Vorzug helfen: Sie ſoll gewuͤrdigt ſeyn der hohen Ehre,— Zu tragen Silvias Schleppe: daß dem Kleid Die harte Erde keinen Kuß entwende, 5 Und, durch ſo große Gunſt von Stolz geblaͤht, Zu tragen weigert ſommerſuͤße Blumen, Und rauhen Winter ewig dauernd halte. Prot. Was, lieber Valentin, iſt das fuͤr Schwulſt? Val. Verzeih: Mit ihr verglichen iſt das nichts, Zr Werth macht jeden andern Werth zum Nichts; o einzig iſt ſie. Prot. Bleib' ſie einzig denn. Pal. Richt um die Welt: ja, Freund, ſie iſt ſchon mein; Und ich ſo reich in des Juwels Beſitz, Als zwanzig Meere, all ihr Sand von Perlen, Nectar die Fluth, gediegnes Gold die Felſen. Verzeih: auch kein Gedanke mehr an dich, Denn jeder iſt Begeiſtrung fuͤr die Liebſte. Mein Nebenbuhl, der Thor, den um ſein großes Vermoͤgen nur der Vater ſchaͤtzen kann, Ging mit ihr fort; und eilig muß ich nach, Denn Liebe, weißt du, iſt voll Eiferſucht. Prot. Doch ſie liebt dich? Pal. Ja, und wir ſind verlobt; Noch mehr, die Stunde der Vermählung ſelbſi, Und auch die Liſt wie wir entfliehen moͤgen, Beredet ſchon: wie ich zum Fenſter ſteige Auf ſeilgeknuͤpfter Leiter; jedes Mittel Erdacht und feſt beſtimmt zu meinem Gluͤck. Geh, guter Proteus, mit mir auf mein Zimmer, Daß mir dein Rath in dieſer Sache helfe⸗ Prot. Geh nur voran; ich will dich ſchon erfragen: Ich muß zur Rhed, um ein'ges auszuſchiffen, 122 Die beiden Veroneſer. A. II. Was mir von meinen Sachen noͤthig iſt; Und dann bin ich zu deinen Dienſten gleich. Pal. Und koͤmmſt du bald? Prot. Gewiß, in kurzer Friſt. (Valentin geht ab.) Wie eine Gluth die andre Gluth vernichtet, So wie ein Keil den andern wohl vertreibt, Ganz ſo iſt das Gedaͤchtniß vor'ger Liebe Vor einem neuen Bild durchaus vergeſſen. Iſt es mein Aug', iſt's meines Freundes Lob, Ihr aͤchter Werth, mein falſcher Unbeſtand, Was Unvernunft ſo zum Vernuͤnfteln treibt? Schoͤn iſt ſie; ſo auch Julia, die ich liebe;— Nein liebte, denn mein Lieben iſt zerronnen; Und, wie ein Wachsbild an des Feuers Gluth, Schwand jeder Eindruck deſſen, was ſie war. Mich duͤnkt mein Eifer kalt fuͤr Valentin, Und daß ich ihn nicht liebe, ſo wie ſonſt: Ach! doch ſein Fraͤulein lieb' ich zu, zu ſehr; Und das der Grund, nur wenig ihn zu lieben⸗ Wie wird ein tiefrer Sinn ſie einſt vergoͤttern, Wo ich jetzt leicht geſinnt ſie ſchon verehre! Nur ihr Gemaͤlde hab' ich jetzt geſehn, Und das hat meines Denkens Licht geblendet; Wird ſie mir erſt im vollen Glanz erſcheinen, Erſtirbt das Denken und ich werde blind. Kann ich verirrte Liebe heilen, ſey's; Wo nicht, erring' ich ſie um jeden Preis. (geht ab.) S Straße. (Flink und Lanz treten auf.) Flink. Lanz! bei meiner Seele, du biſt in Mailand will⸗ kommen. — Sz. 5. Die beiden Veroneſer. 123 Lanz. Schwoͤre nicht falſch, liebes Kind; denn ich bin nicht willkommen. Ich ſage immer,— ein Mann iſt nicht eher verloren, bis er gehaͤngtz und nicht eher an einem Ort willkommen, bis irgend eine Zeche bezahlt iſt, und die Wirthin zu ihm willkommen ſagt. Flink. Komm mit mir, du Narrenkopf, ich will gleich mit dir in's Bierhaus; wo du fuͤr fuͤnf Stuͤber fuͤnftau⸗ ſend Willkommen haben ſollſt. Aber, ſage doch, wie ſchied dein Herr von Fraͤulein Julia? Lanz. Wahrhaftig, nachdem ſie im Ernſt mit einander geſchloſſen hatten, ſchieden ſie ganz artig im Spaß. Flink. Aber wird ſie ihn heirathen? un Nein. Flink. Wie denn? Wird er ſie heirathen? Lanz. Nein, auch nicht. Flink. Wie, ſind ſie auseinander? Lanz. Nein, ſie ſind ſo beiſammen wie der beſte Flink. Nun denn, wie ſteht die Sache mit ihnen? Lanz. Ei, ſo: wenn es mit ihm wohl ſteht, ſteht es ihr. Flink. Welch ein Eſel biſt du! du widerſtehſt mir immer. Lanz. Und du biſt ein Klotz; denn mein Stock wi⸗ derſteht mir auch. Flink. In deiner Meinung? Lanz. Rein, ſelbſt in meinen Handlungen: denn ſieh, ich lehne mich ſo ruͤcklings auf ihn, und ſo widerſteht mir mein Stock. Flink. So ſteht er dir entgegen, das iſt wahr. Lanz. Nun, widerſtehn und entgegen ſtehn iſt doch wohl daſſelbe. Flink. Aber ſage mir die Wahrheit, giebt es eine Heirath? Lanz. Frage meinen Hund; wenn er ja ſagt, giebt's eine; wenn er den Schwanz ſchuͤttelt und nichts ſagt, giebt's eine. Flink. Der Schluß iſt alſo, daß es eine giebt. Lanz. Du ſollſt niemals ſolch ein Geheimniß anders von mir heraus bringen, als durch ein Gleichniß. Flink. Es iſt mir recht, daß ich es ſo heraus bringe. Aber, Lanz, was ſagſt du, daß mein Herr ſo ein tuͤchtiger Reimſinger geworden iſt? 124 Die beiden Veroneſer. A. II. Lanz. Ich habe ihn nie anders gekannt. Flink. Als wie? Lanz. Als einen tuͤchtigen Weinſchlinger, wie du ihn eben ruͤhmſt. Flink. Ei, du nichtsnutziger Eſel, du verdrehſt mir alles im Maul. Lanz. Ei, Narr, ich meinte ja nicht, daß du das Glas am Maul haſt, ſondern dein Herr. Flink. Ich ſage dir, mein Herr iſt ein eifriger Reim⸗ ſaͤnger geworden. Lanz. Nun, ich ſage dir, es iſt mir gleich, wenn er ſich auch die Lunge aus dem Halſe ſingt. Willſt du mit mir in's Bierhaus gehn, gut; wo nicht, ſo biſt du ein Hebraer, ein Jude, und nicht werth ein Chriſt zu heißen. Flink. Warum? Lanz. Weil du nicht ſo viel Nächſtenliebe in dir jehti mit einem Chriſten zu Biere zu gehn: Willſt du gehen? Flink. Wie du beſiehlſt. (Beide gehn ab.) Sechſte Szene. Zimmer. (Proteus tritt auf.) Protens. Verlaß' ich meine Julia, iſt es Meineid; Lieb' ich die ſchoͤne Siloia, iſt es Meineid; Kraͤnk' ich den Freund, das iſt der hoͤchſte Meineid; Dieſelbe Macht, die erſt mich ſchwoͤren ließ, Sie reizt mich jetzt dreifachen Schwur zu brechen. Die Liebe zwang zum Eid, und zwingt zum Meineid: O ſuͤß verlockende Liebe, ſuͤndigſt du, Hilf den von dir bezwungnen ſich entſchuld'gen⸗ Erſt huldigt' ich dem ſchimmernden Geſtirn, Jetzt bet' ich an den Glanz der Himmelsſonne. Man bricht bedachtſam unbedacht Gelubde, Sz. 6. Die beiden Veroneſer. 1423 Und dem fehlt Witz, dem aͤchter Wille fehlt, Den Witz zu brauchen, gut fuͤr ſchlecht zu waͤhlen.— Pfui, unehr'biet'ge Zunge! ſchlecht zu nennen, Die du als hoͤchſtes Gut ſo oft geprieſen, Mit zwanzigtauſend ſeelverbuͤrgten Eiden. Nicht meiden kann ich Lieb', und doch geſchieht's; Doch meid' ich dort ſie, wo ich lieben ſollte. Julia verlier' ich, und den Freund verlier' ich; ſnd ſind ſie mein, muß ich mich ſelbſt verlieren; Verlier' ich ſie, find' ich durch den Verluſt, Fuͤr Valentin, mich ſelbſt; fuͤr Julia, Silvia. Ich bin mir ſelber naͤher als der Freund; Denn Lieb' iſt in ſich ſelbſt am koͤſtlichſten: Und Silvia, zeug' o Himmel, der ſie ſchuf! Stellt Julia mir als dunkle Mohrin dar. Vergeſſen will ich denn daß Julia lebt, Gedenkend meine Lieb' zu ihr ſey todt; Und Valentin will ich als Feind mir ſetzen, Der mir die ſuͤß're Freundin rauben will. Ich kann die Treu' mir ſelber nicht bewahren, Begeh' ich nicht Verrath an Valentin:— Die Nacht denkt er auf ſeilgeknuͤpfter Leiter Der Goͤttin Silvia Fenſter zu erſteigen; Ich der Vertraute, bin ſein Nebenbuhler: Gleich will ich nun dem Vater Kunde geben Von dem Betrug, und der beſchloßnen Flucht; Der wird, im Zorn, dann Valentin verbannen, Da er die Tochter Thurio will vermaͤhlen: Doch, Valentin entfernt, durchkreuz' ich ſchnell, Durch ſchlaue Liſt, des plumpen Thurio Werbung. Leih, Liebe, Schwingen raſch zum Ziel zu ſtreben, Wie du mir Witz gab'ſt dieſe Liſt zu weben. Geht ab.) 126 Die beiden Veroneſer⸗ A. II. Siebente Szene. Zimmer. (Fulia und Lucetta treten auf.) Julia. Rath' mir, Lucetta; hilf mir, liebes Kind! Und bei der Liebe ſelbſt beſchwor' ich dich,— Du biſt das Blatt, auf dem mein Sinnen all Deutlich geſchrieben und verzeichnet ſteht: Run, ſteh mir bei: und nenne mir die Mittel, Wie ich, mit Ehren, unternehmen mag Zu meinem theuren Proteus hinzureiſen. Luc. Ach! ſehr beſchwerlich iſt der Weg und lang⸗ Jul. Der wahrhaft fromme Pilger bleibt entſchloſſen, Mit muͤdem Schritt Provinzen zu durchmeſſen: Wie merr denn ſie, beſchwingt mit Liebesfittig; Und ſirebt der Flug zu dem ſo hoch geliebten Gortlich begabten Mann, zu Proteus hin. Luc. Doch harren lieber, bis er wiederkehrt. Jul. Du weißt, ſein Blick iſt meiner Seele Nah⸗ rung: Dich jammert nicht der Mangel, der mich guaͤlt, Daß ich ſo lang' nach dieſer Nahrung ſchmachte? O! kennteſt du die innre Kraft der Liebe, Du möͤchteſt eh' mit Schnee ein Feuer zuͤnden, Als Liebesgluth durch Worte loͤſchen wollen. Luc. Nicht will ich Eurer Liebe Feuer loͤſchen? Nur maͤßigen des Feuers Ungeſtuͤm, Daß es der Klugheit Schranke nicht zerſtore. Jul. Jemehr du's doͤmpf'ſt, je heller flammt es auf; Der Bach, der nur mit ſanftem Murmeln ſchleicht, Tobt ungeduldig, wird er eingehemmt; Doch wird ſein ſchoͤner Lauf nicht aufgehalten, Spielt er ein ſuͤßes Lied mit Glanzgeſtein, Und ſtreift mit zartem Kuß jedwede Binſe, Die er auf ſeinem Pilgerpfad beruͤhrt; Sz. 7. Die beiden Veroneſer. 127 So wandert er durch manche Schlangenwindung, Mit leichtem Spiel zum wilden Ocean. Drum laß mich gehn, und ſtoͤr' nicht meinen Lauf: Ich bin geduldig wie ein ſanfter Strom, Und Kurzweil acht' ich jeden muͤden Schritt, Bis mich der letzte zum Geliebten bringt; Dort will ich ruhn, wie, nach manch Angſtbedraͤngniß, Ein ſeel'ger Geiſt wohnt in Elyſium. Luc. Allein in welcher Kleidung wollt Ihr gehn? Jul. Nicht wie ein Maͤdchen; denn vermeiden wollt' ich Den lockern Angriff ausgelaß'ner Maͤnner: Gute Lucetta, ſolch Gewand beſorge Wie's einem zuͤcht'gen Edelknaben ziemt. Luc. So muͤßt Ihr Euch der Locken ganz berauben. Jul. Nein, Kind; ich flechte ſie in ſeidne Schnuͤre, M ſeltſam, kuͤnſtlich, treuen Liebesknoten: Phantaſtiſch ſo zu ſeyn ziemt ſelbſt dem Juͤngling, Der aͤlter iſt als ich erſcheinen werde. Luc. Nach welchem Schnitt wollt Ihr das Beinkleid tragen? Jul. Das klingt ganz ſo, als—„ſagt mir, gnaͤd'ger err, Wie weit wollt Ihr wohl Euren NReifrock haben?“ Nun, nach dem Schnitt der dir gefaͤllt, Lucetta. Luc. Nothwendig muͤßt Ihr dann mit Latz ſie tragen. Jul. Pfui, pfui, Lucetta! das wird haͤßlich ſeyn. Luc. Die runde Hoſ' iſt keine Nadel werth. Ein Latz muß ſeyn, um Nadeln drauf zu ſtecken. Jul. Lucetta, liebſt du mich, ſo ſchaffe mir Was gut dir duͤnkt, und ſich am beſten ziemt: Doch, Maͤdchen, ſprich, wie wird die Welt mich richten, Wenn ſie die unbedachte Reiſ erfaͤhrt? Ich fuͤrchte ſehr, es ſchadet meinem Ruf. Luc. Wenn Ihr das denkt, ſo bleibt, und geht nicht fort. Jul. Das will ich nicht. Luc. So lacht denn jeder Laͤſtrung, und geht fort. Lobt Proteus nur die Reiſe, wenn Ihr kommt, So denkt nicht an den Tadler, ſeyd Ihr fort: Ich fuͤrcht“, er wird ſie ſchwerlich billigen. 128 Die beiden Veroneſer. A. II. Inl. Das iſt, Lucetta, meine kleinſte Sorge: Viel tauſend Schwuͤr“, ein Ocean von Thraͤnen, Und all die Liebesproben noch unzaͤhlbar, Verbuͤrgen, daß ich ihm zur Freude komme. Lue. All dieß iſt truͤgeriſchen Maͤnnern dienſtbar. Jul. Zu ſchlechtem 3wec gebraucht von ſchlechten Naͤnnern! Proteus Geburt regiert' ein treurer Stern; Sein Wort iſt heilges Band, ſein Schwur Orakel; Treu ſeine Lieb' und ſeine Seele rein; Weint er, dieß iſt der Liebe tren' Geberde; Der Luͤge fern, wie Himmel von der Erde. Luc. Moͤgt Ihr ihn ſo nur finden, wenn Ihr kommt! Jul. O, liebſt du mich, ſo kraͤnk' ihn nicht ſo bitter, Daß ſeine Treue du in Zweifel ziehſt: Rur wer ihn liebt, kann meine Lieb' erwerben; So folge mir denn auf mein Zimmer gleich, Zu uͤberdenken was mir noͤthig ſey, Mich auszuruͤſten zur erſehnten Reiſe. Dir ſey mein ganz Vermogen uͤbergeben, So Hausrath, Laͤnderei'n, wie guter Ruf; Dafuͤr allein, hilf mir alsbald von hier: Antworte nicht, geh mit mir gleich hinein; Denn Ungeduld bringt jedes Zoͤgern mir. (ſie gehn ab.) Die beiden Veroneſer. 129 Dritter Aufzug. Er ſt e Szene⸗ Zimmer. (Herzog, Proteus und Thurio treten auf.) Zerzog. Verlaßt uns, Signor Thurio, kurze Zeit; Wir haben heimlich etwas zu beſprechen.— (Thurio geht ab.) Jetzt, Proteus, ſagt, was Ihr von mir begehrt. Prot. Mein gnaͤd'ger Herr, 6 ich Euch wollt' ent⸗ decken, Heißt das Geſetz der Freundſchaft mich verhehlen: Doch, wenn ich Eurer gnaͤd'gen Huld gedenke, Die Ihr dem Unverdienten reich geſchenkt, So ſpornt mich meine Pflicht, Euch auszuſprechen, Was ſonſt kein Gut der Welt mir je entriße. Wißt, gnaͤd'ger Herzog: Valentin, mein Freund, Will Eure Tochter dieſe Nacht entfuͤhren; Mir ward der Anſchlag von ihm ſelbſt vertraut. Ich weiß, Ihr ſeyd entſchloſſen, Signor Thurio Sie zu vermaͤhlen, den das Fräulein haßt; Und wenn man ſie auf dieſe Art entfuhrte, Es braͤchte Eurem Alter bittres Leid. Drum waͤhlt ich lieber, meiner Pflicht gemaͤß, Des Freundes Abſicht ſo zu hintertreiben, Als, ſie verhehlend, ſchwere Sorgen nieder Auf Euer Haupt zu ziehn, die, nicht gehoben, In ein fruͤhzeitig Grab Euch nieder druͤckten. Zerz. Dank, Proteus, für dein redliches Gemuth; will ich ganz nach deinem Wunſch. . 9 130 Die beiden Veroneſer. A. IM. Richt unbemerkt von mir blieb dieſe Liebe, Wenn ſie mich wohl ſeſt eingeſchlafen waͤhnten; Und oft ſchon dacht' ich, Valentin den Hof Und ihren umgang ſtreng zu unterſagen: Doch, fuͤrchtend, Argwohn geh' auf falſcher Spur, Und konne unverdient den Mann verletzen, (Ein haſtig Weſen, das ich ſtets vermied,) Blickt ich ihn freunblich an; dadurch zu finden, Das was du ſelber jetzt mir haſt entdeckt. Und, daß du ſiehſt wie ich dieß langſt gefurchtet, Wohl wiſſend leicht verfuͤhrt ſey zurte Jugend, Wohnt ſie im hohen Thurme jede Nacht:— Den Schluſſel nehm' ich in Verwahrung ſelbſt; Unmoͤglich iſt's, von dort ſie zu entfuͤhren. Prot. Wißt, gnaͤd'ger Herr, ein Mittel iſt erdacht, Wie er ihr Kammerfenſter mag erklimmen, Baß auf geflochtnem Seil ſie niederſteigen; Dieß holt der junge Liebende jetzt eben, Und muß mit ihm ſogleich hier wiederkommen; Auffangen konnt Ihr ihn wenn's Euch gefaͤllt. Doch gnäd'ger Herr, thut es mit feiner Wendung, Daß mein Verrath nicht offenbar ſich zeige; Denn Liebe nur zu Euch, nicht Haß zu ihm, Bewog mich ſeinen Plan bekannt zu machen. Zerz. Bei meiner Ehr, er ſoll es niemals wiſſen Daß mir von dir ein Licht hieruͤber kam. Prot. Lebt wohl, mein Fuͤrſt, dort naht ſchon Valentin · (Proteus geht ab.) (Valentin tritt auf.) Zerz. Freund Valentin, wohin in ſolcher Eil“? Bal. Mit Eurer Gnaden Gunſt, ein Bote wartet, um meinen Freunden Briefe mitzunehmen, Und jetzo wollt' ich ſie ihm uͤbergeben. Zerz. Iſt viel daran gelegen? Bal. Ihr Inhalt ſoll nur melden wie geſund Und glucklich ich an Eurem Hofe lebe⸗ Zerz. So iſt's nicht wichtig; weile noch bei mir; Denn ein Geſchäft muß ich mit dir beſprechen, Ganz in geheim, das nahe mich betrifft. Dir iſt nicht unbekannt, daß ich die Tochter Mit Thurlo, meinem Freund, vermaͤhlen wollte. Sz. 1. Die beiden Veroneſer. 131 VPal. Ich weiß es wohl, i Fuͤrſt; lund die Ver⸗ indung Iſt reich und ehrenvoll; auch iſt der Mann Tugendbegabt und guͤtig, ſo geadelt, Daß er ſo edle Gattin wohl verdient. Koͤnnt Ihr des Fraͤuleins Herz nicht zu ihm wenden? erz. Durchaus nicht; ſie iſt albern, widerſpenſtig, Stolz, ungehorſam, ſtarr und pflichtvergeſſen; Sie weigert mir die Liebe ganz des Kindes, Wie ſie nicht Furcht vor ihrem Vater kennt; Und, alles dir zu ſagen, um die Kaͤlte Hab' ich ihr wohlbedacht mein Herz entzogen; Ich hoffte ſonſt die letzten Lebensjahre Gepflegt von Kindesliebe hinzubringen, Doch jetzt ſteht der Entſchluß mich zu vermaͤhlen, Und ſo geh' ſie die Heimath ſich zu ſuchen: Moͤg' ihre Schoͤnheit ihre Mitgift ſeyn; Denn mich und meine Guͤter ſchaͤtzt ſie nicht. Pal. Was will Eu'r Gnaden, das ich hierin thu'? Zerz. In eine Dame hier in Mailand, Freund, Bin ich verliebt; doch ſie iſt ſproͤd' und kalt, Und achtet nicht Beredſamkeit des Greiſes: Drum wollt' ich dich zu meinem Fuͤhrer waͤhlen (Denn laͤngſt vergaß ich ſchon den Hof zu machen, Auch hat der Zeiten Weiſe ſich veraͤndert;) Wie, und was Art ich mich betragen ſoll, Ihr ſonnenhelles Aug' auf mich zu lenken. n. Pal. Gewinnt ſie durch„ ſchaͤtzt ſie nicht zorte; Juwelen ſprechen oft mit ſtummer Kunſt, Gewinnen mehr als Wort des Weibes Gunſt. Zerz. Sie wies ein Kleinod ab, das ich geſchickt. Pal. Oft weiſt ein Weib zuruͤck was ſie begluͤckt⸗ Ein zweites ſchickt; ermuͤdet nicht im Lauf; Verſchmaͤhn zuerſt weckt ſpaͤter Sehnſucht auf. Wenn ſie Euch zuͤrnt, iſts nicht um Haß zu zeigen, Sie will Ihr ſollt ihr groß're Liebe zeigen: Schilt ſie Euch weg, ſo heißt das nicht: geht fort! Die Naͤrrchen toben, nimmt man ſie beim Wort. Abweiſen laßt Euch nicht, was ſie auch ſpricht; Denn, ſagt ſie,„geht“ ſo meint ſie,„gehet nicht;“ Lobt, ſchmeicheit, preiſt, vergoͤttert ihre Gaben; Auch ſchwarz, laßt ſie ein Engelsantlitz 132 Die beiden Veroneſer. A. III. Der Mann, der eine Zung' hat, iſt kein Mann, Wenn er durch ſie ein Weib gewinnen kann. Zerz. Doch, die ich meine, ward von ihren Freunden Verſprochen einem jungen, edlen Herrn; Und ſtreng von Maͤnnerumgang ausgeſchloſſen, Daß niemand ſie am Tage ſehen darf. Pal. So wuͤrd' ich denn ſie in der Nacht beſuchen. Zerz. Verſchloſſen iſt die Thuͤr, verwahrt der Schluͤſſel, Daß niemand Nachts zu ihr gelangen mag. Pal. Was hindert durch das Fenſter einzuſteigen? Zerz. Hoch iſt ihr Zimmer, von dem Boden fern; Und ſiteil gebaut, daß keiner auf mag klimmen, Der augenſcheinlich nicht ſein Leben wagt. Pal. Nun, eine Leiter, wohlgeknuͤpft aus Schnuͤren, Hinaufzuwerfen mit zwei Eiſenklammern, Genuͤgt der Hero Thurm ſelbſt zu erſteigen, Wenn ein Leander kuͤhn es wagen will. Zerz. So wahr du biſt ein aͤchter Edelmann, Giob Rath, wie ſolche Leiter anzuſchaffen. Pal. Wann braucht Ihr ſie? Ich bitte, ſagt mir das. Zerz. In dieſer Nacht; denn Liebe gleicht dem Kinde, Das alles will was es erlangen kann. Pal. um ſieben Uhr ſchaff ich Euch ſolche Leiter. Zerz. Noch eines; ich allein will zu ihr gehn; Wie lͤßt ſich nun dorthin die Leiter ſchaffen? Pal. Leicht koͤnnt Ihr, gnaͤd'ger Herr, ſie ſelber tragen, Iſt Euer Mantel nur von ein'ger Laͤnge. Zerz. Ein Mantel ſo wie deiner moͤchte paſſen Bal. Ja, gnaͤd'ger Herr. Zerz. Zeig' deinen Mantel mir, Ich laſf mir einen machen von der Laͤnge. Pal. Ein jeder Mantel, gnaͤd'ger Herr, iſt paſſend⸗ Zerz. Wie ſtell ich mich i an mit ſolchem Man⸗ tel?— bitte, laß mich deinen uͤberhaͤngen. Was iſt das fuͤr ein Brief? was giebt's?— An Silvia? Und hier ein Inſtrument ſo wie ich's brauche? Vergoͤnnt daß ich dießmal das Siegel breche. Cieſt.)„Ihr wohnt bei Silvia, meine Nachtgedanken? „Als Sclaven ſend' ich Euch dorthin zu fliegen: „O, koͤnnt' ihr Herr ſo leicht gehn durch die Schranken, Sz 1. Die beiden Veroneſer. 133 „Um da zu ruhn wo ſie gefuͤhllos liegen! „Ja, die Gedanken ſchließ in ſeel'ge Bruſt ein, „Wie ich, ihr Koͤnig, der ſie eifernd ſchickt, „Verwuͤnſchend wuͤnſcht, er moͤcht' in ſolcher Luſt ſeyn, „Weil mehr als er die Diener ſind begluͤckt. „Weil ich ſie ſende, drum verwuͤnſch' ich mich, „Wo ſelbſt ich ſollte ruhn, erfreun ſie ſich.— Was giebt es hier? „Silvia, in dieſer Nacht befrei ich dich: So iſt es; und dazu iſt dieß die Leiter.— Ha, Phaeton,(denn du biſt Merops Sohn,) Erfrechſt du dich des Himmelswagens Lenkung, Im Uebermuth die Erde zu verbrennen? Greifſt du nach Sternen, weil ſie auf dich ſcheinen? Wahnſinn'ger Sclav! der frech ſich eingedraͤngt, Gewinn' dir Gleiches durch dein grinſend Laͤcheln! Dank' meiner Nachſicht, mehr als deinem Werth, Daß du mit Sicherheit darfſt von hier gehn: Dieß preiſe mehr, als all die Gunſibezeugung, Die ich, nur weggeworfen, dir erwies. Doch wenn du laͤnger weilſt in meinem Land, Als noͤthig iſt zur raſchen Vorbereitung Von unſerm koͤniglichen Hof zu ſcheiden, Dann wahrlich, ſoll mein Zorn weit groͤßer ſeyn Als ich mein Kind je, oder dich geliebt. Fort denn, und ſchweig mit nichtiger Entſchuld'gung, Liebſt du dein Leben, fort in ſchnellſter Eil. (Herzog geht ab.) Pal. Und warum Tod nicht eh'r, als Qual des Lebens? Zu ſterben, iſt von mir verbannt zu ſeyn, Und Silvia iſt ich ſelbſt: verbannt von ihr, Iſt ſelbſt von ſelbſt; o todtliche Verbannung! Iſt Licht noch Licht, wenn ich nicht Silvia ſehe? Iſt Luſt noch Luſt, wo Silvia nicht zugegen? Und war ſie's nicht, dacht' ich ſie mir zugegen, Entzuͤckt vom Schattenbild der Goͤttlichkeit⸗ Nur wenn ich in der Nacht bei Silvia bin, Singt meinem Ohr Muſik die Nachtigall; Nur wenn ich Silvia kann am Tage ſehn, Nur dann ſtralt meinem Auge Tag ſein Licht? Sie iſt mein Lebenselement; ich ſterbe, 134 Die beiden Veroneſer. A. III. Werd' ich durch ihren Himmelseinfiuß nicht Erfriſcht, verklaͤrt, gehegt, bewahrt im Leben. Tod folgt mir, flieh' ich ſeinen Todesſpruch; Verweil' ich hier, erwart' ich nur den Tod; Doch, flieh' ich fort, entflieh ich jedem Leben⸗ Proteus und Lanz treten auf⸗) Prot. Lauf, Burſch, lauf, lauf, und ſuch' ihn mir. Lanz. Holla! Holla! Prot. Was ſiehſt du? Lanz. Den, den wir ſuchen: es iſt nicht ein Haar auf ſeinem Kopfe, das nicht ein Valentin iſt⸗ Prot. Valentin? Val. Nein. Pe Wer denn? ſein Geiſt? al. Auch nicht. Prot. Was denn? Pal. Niemand⸗ Lanz. Kann niemand ſprechen? Herr, ſoll ich ſchlagen? Prot. Wen willſt du ſchlagen? Lanz. Niemand. Prot. Zuruͤck, Tölpel. u Panz. Nun, Herr, ich will niemand ſchlagen: Ich bitte Euch— Prot. Zuruͤck, ſag' ich: Freund Valentin, ein Wort. Pal. Mein Ohr iſt taub jedweder guten Zeitung, So ubervoll nahm boͤſe drin Beſitz. Prot. Dann will ich Sh in tiefes Schweigen enken, Denn ſie iſt rauh, voll Uebellaut, und ſchlimm. Pal. Botſchaft von Silvias Tod? rot. Kein', Valentin. Pal. Kein Valentin, fuͤrwahr, fuͤr Silvia mehr!— Von ihr Verwerfung denn? Prot. Kein', Valentin. Pal. Kein Valentin, wenn Silvia mich verwarf!— Was iſt dein Neues denn? Lanz. Herr, man rief aus, daß Ihr ſeyd hier ver⸗ wandt. Prot. Daß du verbannt biſt, ach, das iſt das Neue; Von hier, von Silvia, und von deinem Freund. Sz. 1. Die beiden Veroneſer. 135⁵ Val. Von dieſen Schmerzen hab' ich ſchon gezehrt, Das lebermaaß wird jetzt mich uͤberſaͤtt'gen. Und weiß es Silvia ſchon, daß ich verbannt? Prot. Ja, ihr entſtroͤmte bei dem ſtrengen Spruch (Der unabwendbar bleibt, in kraͤft'ger Wirkung) Ein Meer von Perlen, Thraͤnen ſonſt genannt: Die goß ſie zu des harten Vaters Fuͤßen; Auf ihre Knie warf ſie ſich bittend hin; Die Haͤnde ringend, deren Weiß erglaͤnzte, Als wuͤrden ſie erſt jetzt ſo bleich aus Gram: Doch nicht gebeugtes Knie, erhobne Hand, Noch Seufzer, Klagen, Silberfluth der Thraͤnen, Durchdrang des unmitleid'gen Vaters Herz; Rein, Valentin, ergreift man ihn, muß ſterben⸗ Ihr Fuͤrwort reizt ihn noch zu groͤßerm Zorn, Als ſie fuͤr deine Ruͤckberufung bat: In enge Haft, befahl er, ſchließt ſie ein, ſnd drohte zornig, nie ſie zu befrein. val. Nichts mehr; wenn nicht dein naͤchſtes Wort, geſprochen, Mit toͤdtender Gewalt mein Leben trifft. Iſt's ſo, dann bitt' ich, hauch' es in mein Ohr, Als Klageſchluß endloſen Wehgeſang's. Prot. Mein, klage nicht, wo du nicht helfen kannſt, Und ſuch' zu helfen dem was du beklagſt, Die Zeit iſt Amm' und Mutter alles Guten. Verweilſt du hier, ſiehſt du nicht die Geliebte; Auch drohet dein Verweilen deinem Leben. Hoffnung iſt Liebesſtab; zieh hin mit ihm, Er ſey dir gegen die Verzweiflung Schutz. Sey'n deine Briefe hier, biſt du auch fern; Die ſende mir, und ich befoͤrdre ſie Zn den milchweißen Buſen deiner Silvia. zu Klageliedern iſt jetzt keine Zeit: FKomm, ich begleite dich durch's Thor der Stadt, Und, eh' wir ſcheiden, ſprechen wir ausfuͤhrlich Was noch zu thun fuͤr deiner Liebe Gluͤck: Bei Silvias Liebe, meide die Gefahr, Um ſie, wenn nicht um dich, und komm mit mir. Val. Wenn, Lanz, du meinen Pagen ſehen ſollteſt, Heiß eilen ihn, und mich am Rordthor treffen. 136 Die beiden Veroneſer. A. III. rot. Geh, hoͤrſt du, ſuch' ihn auf. Komm, Valentin. al. O, theure Silvia! armer Valentin! (Proteus und Valentin gehn ab.) Lauz. Ich bin nur ein Narr, ſeht ihr; und doch habe ich den Verſtand, zu merken, daß mein Herr eine Art von Spitzbube iſt: das iſt alles eins, wenn er nur ein ganzer Spitzbube waͤre. Der ſoll noch geboren werden, der da weiß, daß ich verliebt bin; und doch bin ich verliebt; aber ein Geſpann Pferde ſoll das aus mir nicht heraus ziehen; und auch nicht, in wen ich verliebt bin, und doch iſt's ein Weibsbild: aber was fuͤr ein Weibsbild, das will ich nicht einmal mir ſelbſt geſtehen; und doch iſt's ein Milchmaͤdchen: doch iſt's kein Maͤdchen, denn ſie hat Kindtaufe gehalten: und doch iſt's ein Maͤdchen, denn ſie iſt ihres Herren Maͤd⸗ chen, und dient um Lohn. Sie hat mehr Qualitaͤten als ein Huͤhnerhund,— und das iſt viel fuͤr einen Chriſten⸗ menſchen. Hier iſt der Katzenlog Czieht ein Papier heraus.) von ihren Eigenſchaften. hnprimis, ſie kann tragen und holen. Nun, ein Pferd kann nicht mehr; ein Pferd kann nicht holen, ſondern nur tragen; deswegen iſt ſie beſſer als ein Maͤhre. Item, ſie kann melken; ſeht ihr, eine aller⸗ liebſte Tugend an einem Maͤdchen die ſaubere Haͤnde hat. (Flink tritt auf.) Flink. Heda, Signor Lanz, wo iſt mein Gebieter? Dein Gebiet, er? Ich dachte du waͤreſt ſein ebiet. Flink. Ei, immer dein alter Spaß; die Worte zu ver⸗ drehen: Was giebt es denn fuͤr Neuigkeiten in deinem Pa⸗ ier? Lanz. Die ſchwaͤrzeſte Neuigkeit, von der du jemals gehoͤrt haſt. Flink. Nun, Burſch, wie ſchwarz? Lanz. Ei, ſo ſchwarz wie Tinte. Flink. Laß mich ſie leſen. Lanz. Fort mit dir, Dummkopf; du kannſt nicht leſen. Flink. Du luͤgſt, ich kann. Lanz. Ich will dich auf die Probe ſtellen: Sage mir das: Wer zengte dich? Flink. Wahrhaftig, der Sohn meines Großvaters, Lanz. O du unſtudirter Gruͤtzkopf! es war der Sohn deiner Großmutter: das beweiſt, daß du nicht leſen kannſt. Sz. 1. Die beiden Veroneſer⸗ 137 Flink. Komm, Narr, komm: mach' die Probe an dei⸗ nem Papier. Lanz. Hier; und Sanct Nicolas ſteh dir bei! Flink. Item, ſie brauet gutes Bier. Lanz. Und daher kommt das Sprichwort,— Gluͤck zu, ihr braut gutes Bier. Flink. Item, ſie kann naͤhen und ſticken. Lanz. Nun beſſer als erwuͤrgen. Flink. Item, ſie kann ſtricken. Lanz. So braucht der Mann nicht um einen Strick zu ſorgen, wenn die Frau ſtricken kann. Fliuk. Item, ſie kann waſchen und ſcheuern. Lanz. Das iſt eine beſondre Tugend; denn da braucht man ſie nicht zu waſchen und zu ſcheuern. Flink. Item, ſie kann ſpinnen. Lanz. So kann ich als Fliege ausfliegen, wenn ſie ſich mit Spinnen forthilft. Flink. Item, ſie hat viele namenloſe Tugenden. Lanz. Das will ſagen, Baſtardtugenden; die kennen eben ihre Vaͤter nicht und haben darum keine Namen. Flink. Jetzt folgen ihre Fehler. Lanz. Den Tugenden hart auf dem Fuße. Flink. Item, ſie iſt nuchtern nicht gut zu kaͤſſen. Lanz. Nun, der Fehler kann durch ein Fruhſtuͤck ge⸗ hoben werden: Lies weiter. Flink. Sie hat einen ſuͤßen Mund. Lanz. Das iſt ein Erſatz fuͤr ihren ſauern Athem. Flink. Item, ſie ſpricht im Schlaf. Lanz. Das iſt beſſer, als wenn ſie im Sprechen ſchliefe. Flink. Item, ſie iſt ſangſam im Reden. Lanz. O Schurke, das unter ihre Fehler zu ſetzen! langſam im Reden zu ſeyn, iſt eines Weibes einzige Tu⸗ gend: ich bitte dich, ſtreich das aus; und ſtelle es unter ihren Tugenden oben an. Flink. Item, ſie iſt eitel. Lanz. Weg mit dem dazu; es war Evas Erbtheil, und kann nicht von ihr genommen werden. Flink. Item, ſie hat keine Zaͤhne. Lanz. Daraus mache ich mi i i liebe ti⸗ Rinden. E eieanenice Flink. Item, ſie iſt zänkiſch. 138 Die beiden Veroneſer. A. III. Gutz das Beſte iſt, ſie hat keine Zaͤhne zum beißen. Flink. Item, ſie lobt ſich einen guten Schluck. Lanz. Wenn der Schluck gut iſt, ſoll ſie's: wenn ſie nicht will, thu ich's; denn was gut iſt, muß gelobt werden. Flink. Item, ſie iſt zu freigebig. Lanz. Mit ihrer Zunge kann ſie's nicht; denn es ſteht geſchrieben, daß ſie langſam damit iſt: mit ihrem Beutel ſoll ſie's nicht; denn den will ich verſchloſſen halten: nun konnte ſie es ſonſt noch mit etwas; und da kann ich nicht helfen. Gut, weiter. Flink. Iem, ſie hat mehr Haar als Witz, und mehr Fehler als Haare, und mehr Geld als Fehler⸗ Lanz. Halt hier; ich will ſie haben: ſie war mein und nicht mein, zwei oder dreimal bei dieſem letzten Artikel: wiederhole das noch einmal. Flink. Item, ſie hat mehr Haar als Witz.— Lanz. Mehr Haar als Witz,— das mag ſeyn: das will ich beweiſen: der Deckel des Salzfaſſes verbirgt das Salz; das Haar das den Witz bedeckt, iſt mehr als der Witz: denn das groͤßere verbirgt das kleinere. Was iſt das naͤchſte? Fünk. Und mehr Fehler als Haare— Lanz. Das iſt ſchrecklich; wenn das heraus waͤre! Flink. Und mehr Geld als Fehler. Lanz. Ach, das Wort macht die Fehler zu Tugenden: Gnt, ich will ſie haben: und wenn das eine Heirath giebt, wie kein Ding unmoglich iſt— Flink. Was dann? Lanz. Run, dann will ich dir ſagen,— daß dein Herr am Nordthor auf dich wartet. Flink. Auf mich? Lanz. Auf dich? Ja; wer biſt du? er hat ſchon auf beßre Leute gewartet als du biſt. Flink. Und muß ich zu ihm gehn? Lanz. Du mußt zu ihm laufen; denn du haſt ſo lange hier gewartet, daß gehen ſchwerlich hinreicht⸗ Flink. Warum ſagteſt du mir das nicht fruͤher? Hol der Henker deinen Liebesbrief! (geht ab.) Lanz. Jetzt kriegt er Prugel, weil er meinen Brief Sz2. Die beiden Veroneſer. 139 geleſen hat: ein unverſchaͤmter Kerl, der ſich in Geheim⸗ niſſe draͤngen will!— Ich will hinterher, und an des Ben⸗. gels Zuͤchtigung meine Freude haben. (geht ab.) 3 weite Sene Pallaſt. (Der Herzogund Thurio treten auf, Proteus nach ihnen.) Zerzog. Nichts fuͤrchtet, Thurio, lieben wird ſie Euch, Nun Valentin aus ihrem Blick verbannt iſt. Thur. Seit ſeiner Flucht hat ſie mich ausgehoͤhnt, Verſchworen meinen Umgang; mich geſcholten, Daß ich verzweifeln muß ſie zu gewinnen. Zerz. So ſchwacher Liebeseindruck gleicht dem Bild In Eis geſchnitten; eine Stunde Waͤrme Loſt es zu Waſſer auf, und tilgt die Form. Ein wenig Zeit ſchmelzt ihren froſt'gen Sinn, Und macht den niedern Valentin vergeſſen.— Wie nun, Herr Proteus? Sagt, iſt Euer Landsmann, Gemaͤß des ſtrengen Ausrufs, abgereiſt? Prot. Ja, gnaͤd'ger Herr. Serz. Betruͤbt iſt meine Tochter um ſein Gehn. Prot. Bald wird die Zeit, mein Fuͤrſt, den Gram vertilgen. Zerz. Das glaub' ich auch; doch Thurio denkt nicht ſo.— Die gute Meinung die ich von dir habe, (Denn Proben deines Werth's haſt du gezeigh Macht daß ich um ſo eh'r mich dir vertraue. Prot. Zeig' ich mich jemals unwerth Eurer Gnade, So bin ich todt und ſchau' nicht Eure Gnade. Berz. Du weißt, wie ſehr ich zu vollziehen wuͤnſche Thurios Verbindung mit der Tochter Silvia⸗ Prot. Ich weiß es, gnaͤd'ger Fuͤrſt. Fen Und alſo, denk, ich auch, iſt dir bekannt Wie ſle ſich meinem Willen widerſetzt. . 140 Die beiden Veroneſer. A. IMI. Prot. Sie that es nur als Valentin zugegen. Zerz. Ja, und verkehrten Sinn's bleibt ſie verkehrt. Was thun wir, daß die Dirne bald vergeſſe Daß jenen ſie geliebt, und Thurio liebe? Prot. Am beſten, Valentin, ſo zu verlaͤumden, Als ſey er untren, feig“ und niedrer Abkunft; Drei Dinge, ſtets von Weibern ſehr gehaßt. Zerz. Doch wird ſie denken, daß man ſpricht in Haß. Prot. Ja, wird von einem Feind dies vorgebracht: Drum mnß es mit Beweiſen der erklaͤren, Der ihr als Freund des Palentin erſcheint. Zerz. Ihn zu verlaͤumden waͤreſt du der naͤchſte. Prot. Mit Widerwillen nur, mein gnaͤd'ger Fuͤrſt: Es ziemt ſich ſchlecht fuͤr einen Edelmann; Beſonders gegen ſeinen wahren Freund. Zerz. Wo Euer Lob ihm nicht von Nutzen iſt, Kann Euer Läſtern ihm nicht Schaden bringen; Und drum kann dieſer Dienſt Euch nicht verletzen, Da Euch ein Freund um dieſes Opfer bittet. Prot. Ihr ſollt mich uͤberſtimmen, gnaͤd'ger Herr: Kann mein Entſtellen etwas auf ſie wirken, Soll ihre Neigung bald verſchwinden muͤſſen. Doch, reißt dieß Valentin aus ihrem Herzen, Lebt ſie deshalb noch Signor Thurio nicht. Thur. Drum, wie die Gunſt von ihin ihr abgewickelt, Daß ſie ſich nicht ganz unbrauchbar verwirre, Muͤßt Ihr bei mit ſie anzuzetteln ſuchen: Und das geſchieht, wenn Ihr mich ſo erhebt, Wie Ihr den Signor Valentin erniedrigt. Zerz. Und, Proteus, hierin duͤrfen wir Euch trauen; Da wir durch Valentins Erzaͤhlung wiſſen, Daß Ihr ſchon treuen Dienſt der Liebe ſchwuret, Und nicht den Sinn zum Meineid wandeln koͤnnt. In dem Vertraun ſey Zutritt Euch gewaͤhrt, Wo Ihr mit Silvia alles koͤnnt beſprechen; Sie iſt verdrußlich, duͤſter, melancholiſch, Und wird, des Freundes halb, Euch gern empfangen; Da moͤgt Ihr ſie durch Ueberredung ſtimmen, Zu haſſen Valentin, den Freund zu lieben. Prot. Was ich nur irgend kann, ſoll gern geſchehn:— Ihr aber, Thurio, zeigt zu wenig Eifer; Leimruthen ſtellt, um ihren Sinn zu fangen, Sz. 2. Die beiden Veroneſer. 141 Durch klagende Sonnett', die, ſuͤß gereimt, Ergebnen Dienſt in jedem Wort verkuͤnden. Zerz. Ja, viel kann Poeſie, das Himmelskind. Prot. Singt, daß Ihr auf der Schoͤnheit Weihaltar Ihr Eure Thraͤnen, Seufzer bringt, das Herz: Schreibt bis die Tinte trocknet; macht ſie fließen Mit Euren Thraͤnen: ruͤhrend ſey der Vers, Daß er beglaub'gen mag die Herzensliebe:— Denn Orpheus Laut' erklang von Dichterſehnen; Dem goldnen Ton erweicht ſich Stein und Erz, Zahm ward der Leu, der Leviathans⸗Rieſe Entſtieg der Fluth um auf dem Strand zu tanzen. Habt Ihr ein ruͤhrend Klagelied geſungen, So bringt in ſtillen Naͤchten vor ihr Fenſter Harmon'ſchen Gruß: weint zu den Inſtrumenten Ein weiches Lied; das Schweigen todter Nacht Wird gut zum Laut der ſuͤßen Wehmuth ſtimmen. So, oder niemals, iſt ſie zu erringen. Ferz. Die Vorſchrift zeigt, wie ſehr du ſelbſt geliebt. Ebur. Heut Nacht noch uͤb' ich aus was du gerathen: Drum, theurer Proteus, du mein Liebeslehrer, Laß augenblicklich in die Stadt uns gehn, Und wohlgeuͤbte Muſikanten ſuchen; Ich hab' ſchon ein Sonnett, das trefflich paßt, Als deines Unterrichtes erſte Probe. BZerz. So macht Euch dran, Ihr Herrn. Prot. Bis nach der Tafel warten wir Euch auf, Uad dann ſogleich beginnen wir das Werk. Zerz. Rein, thut es alſobald; ich geb' Euch frei. (ae ab.) Vierter Aufzug⸗ Erſte Szene. W ald. (Einige Räuber treten auf.) 1. Raͤuber. Geſellen, halt: dort kommt ein Reiſender. 2. Raub. Und wären's zehn, bangt nicht, und macht ſie nieder. (Valentin und Flink kommen.) Z. Räub. Steht, Herr, werft hin das was Ihr bei Euch tragt, Sonſt ſetzen wir Euch hin, Euch auszupluͤndern. Flink. Wir ſind verloren, Herr! das ſind die Schufte, Vor denen alle Reiſenden ſich fuͤrchten. Pal. Ihr Freunde— 1. Raub. Das ſind wir nicht, Herrz wir ſind Eure Feinde. 2. Raͤub. Still; hoͤrt ihn an. 3. Raub. Bei meinem Bart, das woll'n wir; Er iſt ein feiner Mann. f Pal. So wißt, ich habe wenig zu verlieren: ch bin ein Mann, den Ungluͤck niederſchlug: Mein Reichthum ſind die armen Kleider hier, Wenn Ihr von denen mich entbloͤßen wollt, Nehmt Ihr mir alles, meine ganze Habe⸗ Räub. Wohin reiſt Ihr? Pal. Nach Verona. — Sz. 1. Die beiden Veroneſer⸗ 14³ 1. Räub. Woher kommt Ihr? Pal. Von Mailand. 3. Raub. Habt Ihr Euch lang' da aufgehalten? 6 Pal. An ſechzehn Mond'; und blieb gern laͤnger dort, Wenn nicht das haͤm'ſche Gluͤck mir widerſtrebte. 1. Raͤub. Seyd Ihr von dort verbannt? Val. Ich bin's. 2. Raub. Fuͤr welch Vergehn? Pal. Fuͤr etwas das mich quaͤlt wenn ich's erzaͤhle: Ich todtet einen Mann, was ſehr mich reut; Doch ſchlug ich ihn im ehrlichen Gefecht, Ohn' falſchen Vortheil, oder niedre Tuͤcke. 1. Raͤub. Ei, laßt es ſ reun, wenn's ſo geſchah: Doch ſeyd Ihr um ſo kleine Schuld verbannt? Vval. Ich bin's, und war noch froh des milden Spruchs. 1. Räub. Verſteht Ihr Sprachen? Val. Ja, meinen Jugendreiſen dank“ ich das; Sonſt waͤr' es mir wohl manchmal ſchlimm ergangen. 3. Raub. Der Burſch 1 bei der Glatz von Robin Hoods Dickwanſt'gem Moͤnch, fuͤr unfre Band' ein Koͤnig. 1. Raͤub. Wir woll'n ihn haben: hoͤrt— Flink. Geht unter ſiez Es iſt'ne ehrenwerthe Dieberei. VPal. Schweig, Schlingel! 2. Raub. Sagt; habt Ihr S worauf Ihr Hoffnung etzt? Val. Nichts, als mein Gluͤck. 3. Raͤub. Wißt denn, Theil von uns ſind Edel⸗ eute, Die wildes Blut und ungezaͤhmte Jugend Aus der Geſellſchaft Rechtlicher geſtoßen. Mich ſelbſt hat von Verona man verbannt, Weil ich ein Fraͤulein zu entfuͤhren ſuchte, Die reich war, und dem Herzog nah verwandt. 2. Raͤub. Und mich von weil ich wuthent⸗ rannt Dort einem Edelmann das Herz durchſtach. 1. Raͤub. Und mich, gering Verſehn wie dieſe. 144 Die beiden Veroneſer. A. V. Doch nun zum Zweck—(denn unſre Fehler hoͤrt Ihr, Damit ſie unſern Raͤuberſtand entſchuld'gen,) Wir ſehn, Ihr ſeyd ein gutgebauter Mann Von angenchmer Bildung; und Ihr ruͤhmt Euch Der Sprachen; ſolches Mann's, der ſo vollendet, Beduͤrfen wir in unſrer Profeſſion.— 2. Raͤub. In Wahrheit, Ihr ein Verbannter eyd, Deshalb, vor allem andern, fragen wir: Gefaͤllt's Euch unſer General zu werden? Wollt Ihr'ne Tugend machen aus der Noth, Und mit uns hier in dieſen Waͤldern leben? 3. Raͤub. Sprich, willſt du unſrer Bande zuge⸗ hoͤren? Sag' ja, und ſey der Hauptmann von uns allen: Wir huld'gen dir, und folgen deinem Wort, Und lieben dich als unſern Herrn und Koͤnig. 1. Räub. Doch ſtirbſt du, wenn du unſte Gunſt verſchmaͤhſt. 2. Raub. Nicht ſollſt du prahlen je mit unſerm An⸗ trag. Val. Den Antrag nehm' ich an, mit Euch zu leben; Mit dem Beding, daß Ihr nicht Unbill uͤbt An ſchwachen Frau'n, und armen Reiſenden. 3. Raͤub. Nein, wir verſchmaͤh'n ſo ehrlos feige Thaten. Komm mit, wir bringen dich zu unſter Schaar, Und zeigen dir den Schatz den wir gehaͤuft; Und dieſer, ſo wie wir, ſind dir zu Dienſt. (Alle ab.) Sz. 2. Die beiden Veroneſer. 145 3 w i t S zene Pallaſt. Wroteus tritt auf.) Proteus. Erſt war ich treulos gegen Valentin, Nun muß ich auch an Thurio unrecht handeln, Mit falſchem Schein als ſpraͤch' ich ſeinethalb, Nutz' ich den Zutritt eignem Liebeswerben: Doch Silvia iſt zu ſchoͤn, zu tren, zu heilig, Gehoͤr zu geben niedriger Beſtechung. Betheur' ich treuergebnen Sinn fuͤr ſie, Wirft ſie mir vor die Falſchheit an dem Freund; Und weih' ich ihrer Schoͤnheit meinen Schwur, Heißt ſie mich meines Meineids gleich gedenken, Weil Julien ich mein Liebeswort gobrochen: Doch, wie ſie mich auch immer guaͤlt und martert, Genug um jede Hoffnung zu ertodten, Staͤrkt ſich nur meine Lieb', und ſchmeichelt ihr Dem Huͤndchen gleich, jemehr zuruͤckgeſtoßen. Doch Thurio kommt: jetzt muͤſſen wir zum Fenſter, Und ihrem Ohr ein naͤchtlich Staͤndchen bringen. (Thurio kommt mit Muſikanten.) Thur. Wie, Proteus? ſeyd Ihr mlr voraus ge⸗ ſchlichen? Prot. Ja, werther Thurio; denn, Ihr wißt, daß Liebe Zum Dienſt hinſchleicht, wo ſie nicht gehen kann. Thur. Ja, Herr, doch pof ich, daß Ihr hier nicht iebt. Prot. Ich thu' es doch: ſonſt waͤr' ich fern von hier. Thur. Wen? 6 rot. Ja, Silvia— um Euretwegen. Thur. So dank“ ich Enreiwegen. Jetzt, Ihr Herrn, Stimmt nun, und gleich darauf fangt foͤhlich an. VII. 10 146 Die beiden Veroneſer. A. IV. (In der Eutfernung treten auf der Wirth und Julia in Pagentracht.) Wirth. Nun, mein junger Gaſt! mich duͤnkt, Ihr leidet an der Mehlcholik: ich bitte Euch, warum? Jul. Ei, mein guter Wirth, weil ich nicht froͤhlich ſeyn kann. Wirth. Kommt, Ihr ſollt froͤhlich werden: Ich will Euch hinbringen wo Ihr Muſik hoͤren, und den Edelmann ſehen werdet, nach dem Ihr fragtet. Jul. Aber werde ich ihn ſprechen hoͤren? Wirth. Ja, das werdet Ihr. Jul. Das wird Muſik ſeyn. (Die Muſik beginnt.) Wirth. Hoͤrt! hoͤrt! Jul. Iſt er unter denen? Wirth. Ja, aber ſtill, laßt uns zuhoͤren. Geſang. Wer iſt Silvia? Wer iſt ſie, Die aller Welt Verehrung? Heilig, ſchoͤn und weiß iſt ſie; In himmilliſcher Verklaͤrung, Lob und Preis ihr, dort und hie. Iſt ſie nicht ſo ſchoͤn als gut? Denn Schoͤn' und Guͤte weilt hie: Amor ihr im Auge ruht, hn von der Blindheit heilt ſie; r, dort blickend, Wunder thut⸗ Dich, o Silvia, ſingen wir, Die hoch als Fuͤrſtin thronet; Du beſiegſt an Huld und Zier, Was nur auf Erden wohnet: Kraͤnzt das Haupt mit Roſen ihr. Wirth. Nun? ſeyd Ihr noch ſchwermuͤthiger als zuvor? Was iſt Euch, Freund? gefaͤllt Euch die Muſik nicht? Jul. Ihr irrt; der Muſikant gefaͤllt mir nicht. Wirth. Warum, mein artiges Kind? Jul. Er ſpielt falſch, Vater. Wirth. Wie? greift er unrecht in die Saiten? Jul. Das nicht; aber er reißt ſo in die Saiten, daß er die Saiten meines Herzens zerreißt. Sz. 2. Die beiden Veroneſer. 147 Wirth. Ihr habt ein zartes Ohr. Jul. O, ich wollte ich waͤre taub; es macht mein Herz ſchwer. Wirth. Ich merke, Ihr habt keine Freude an Muſik. Jul. Nicht die geringſte, wenn ſie ſo mißlautet. Wirth. Hoͤrt, welch ein ſchoͤner Wechſel in der Muſik. Jul. Ach! dieſer Wechſel iſt das Boͤſe. Wirth. Ihr wollt, daß ſie immer daſſelbe ſpielen? Jul. Ich wollte, daß derſelbe immer daſſelbe ſpielte. Aber, Wirth, findet ſich dieſer Herr Proteus, von dem wir ſprechen, oft bei dem Fraͤulein ein? Wirth. Ich ſage Euch, was Lanz, ſein Diener, mir geſagt hat, er liebt ſie uͤber alle Maaßen. Jul. Wo iſt Lanz? Wirth. Er iſt fort ſeinen Hund zu ſuchen; den er mor⸗ gen, auf ſeines Herrn Befehl, der Dame zum Geſchenk bringen muß. Jul. Still! geh bei Seit, die Geſellſchaft entfernt ſich. Prot. Thurio, ſeyd unbeſorgt! Ich ſpreche ſo, Daß Ihr die Liſt ſelbſt ruͤhmt, wie ſie gelingt. Thur. Wo treffen wir uns? Prot. Bei Sanct Gregors Brunnen. Thur. Lebt wohl. (Thurio und die Muſikanten ab.) (Silvia erſcheint oben am Fenſter.) Prot. Fraͤulein, ich Euer Gnaden guten end. Silv. Ich danke, meine Herrn, fuͤr die Muſik; Wer iſt's, der ſprach? Prot. Mein Fraͤulein, kenntet Ihr ſein treues Herz, Ihr wuͤrdet bald ihn an der Stimme kennen. Silv. Herr Proteus, hoͤrt' ich recht. Prot. Proteus, mein edles Fraͤulein, Euer Diener. Silv. Was iſt Euer Wille? Prot. Euren zu erlangen. Silv. Euer Wunſch iſt ſchn erfuͤllt; mein Will' iſt dieſer:— Daß Ihr ſogleich nach Haus und ſchlafen geht. Du ſchlau, meineidig, falſch, treuloſer Mann! Glaubſt du, ich ſey ſo ſchwach, ſo unverſtaͤndig, 10* 148 Die beiden Veroneſer. A. W. Daß mich verfuͤhrte deine Schmeichelei, Der du mit Schwuͤren ſchon ſo manche trog'ſt? Zur Heimath kehre, deine Braut zu ſuͤhnen. Denn ich, hoͤr's, blaſſe Koͤnigin der Nacht, Ich bin ſo fern mich deinem Flehn zu neigen, Daß ich dein ſchmachvoll Werben tief verachte; Und ſchon beginn' ich ſelbſt mit mir zu hadern, Daß ich noch Zeit verſchwende dich zu ſprechen. Prot. Ich will's geſtehn, mein Herz, ich liebt' ein Fraͤulein; Doch ſie iſt todt. Jul.(beiſeit.) Falſch waͤr's, wenn ich ſo ſpraͤche; Denn ich bin ſicher, ſie iſt nicht begraben. Silv. Sey's wie du ſagſt; doch Valentin, dein Freund, Lebt noch: dem ich, du biſt deß ſelber Zeuge, Verlobte bin: Und haſt du keine Scham, Ihn durch dein freches Dringen ſo zu kraͤnken? Se Man ſagte mir, auch Valentin ſey todt. ilv. So denk', ich ſey es auch; denn in ſein Grab, Deß ſey gewiß, verſenk' ich meine Liebe. Prot. Laßt, Theure, mich ſie aus der Erde ſcharren. Suv. Geh, rufe Juliens Lieb' aus ihrer Gruftz Und kannſt du's nicht, begrabe dort die deine. Jul.(beiſeit.) Das hoͤrt er nicht. Prot. Fraͤulein, wenn Euer Herz ſo grauſam iſt, Bewilligt doch Eu'r Bildniß meiner Liebe, Das Bildniß, das in Eurem Zimmer haͤngt; Zu dieſem will ich reden, ſeufzen, weinen? Denn, da das wahre Selbſt von Eurer Schoͤnheit Sich weggeſchenkt, bin ich ein Schatten nur; Und Eurem Schatten will ich liebend huld'gen. Jul. Cbeiſeit.) Waͤr' es ein wahres Selbſt, betroͤg'ſt du es, Und machteſt es zum Schatten, wie ich bin. Silv. Mich freut es nicht zum Goͤtzen Euch zu dienenz Doch, da es gut fuͤr Eure Falſchheit paßt, Nur Schatten, falſch Gebilde anzubeten, Schickt zu mir morgen fruͤh, ich ſend' es Euch: Und ſo ſchlaft wohl⸗ Prot. Wie, wer verurtheilt liegt Und morgen ſeine Hinrichtung erwartet. (Proteus geht ab, und Silvia von oben weg.) Sz 3. Die beiden Veroneſer. 149 Jul. Wirth, wollt Ihr gehn? Wirth. Meiner Treu, ich war feſt eingeſchlafen. Jul. Sagt mir, wo wohnt Proteus? Wirth. Ei, in meinem Hauſe: Wahrhaftig, ich glanbe, es iſt beinah Tag. Jul. Das nicht; doch iſt's die laͤngſte Nacht geweſen Die ich je durchgewacht, und auch die baͤngſte. (ie gehn ab.) Dritte Szene Patz⸗ (Eglamonr tritt auf.) Eglamour. Die Stunde hat mir Silvia beſtimmt, Und jetzt ſoll ich erfahren was ſie wuͤnſcht; Zu etwas Wicht'gem will ſie mich gebrauchen.— Fraͤulein! (Silvia erſcheint oben am Fenſter.) Silv. Wer ruft? Eglam. Ener Diener und Euer Freundz Der Euren gnaͤdigen Befehl erwartet. Silv. Herr Eglamour, viel tauſend guten Morgen. Eglam. So viele, werthes Fraͤulein, wuͤnſch' ich Euch⸗ Nach Ener Gnaden Willen und Geheiß, Kam ich ſo fruͤh, zu hoͤren welchen Dienſt Es Euch gefallen wird mir aufzutragen. Silv. O Eglamour, dn biſt ein Edelmann, (Ich ſchme ſchle nicht, ich ſchwoͤr', ich thu es nicht,) Gewiſſenhaft, klug, tapfer, ohne Tadel. Dir iſt nicht unbekannt, welch holden Sinn Ich dem verbannten Valentin gehegt. Noch wie mein Vater mich mit Zwang will geben Dem albern Thurio, den mein Herz verabſcheut. Du haſt geliebt; und ſagen hoͤrt' ich dich, 15⁵50⁰ Die beiden Veroneſer. A. IV. Kein Schmerz kam deinem Herzen je ſo nah, Als deiner Braut, der Treugeliebten, Tod, Auf deren Grab du ew'ge Kenſchheit ſchwureſt. Herr Eglamour, ich wuͤnſchte Valentin In Mantua zu ſehen, wo er lebt; ſnd, da die Wege jetzt gefaͤhrlich ſind, So wuͤnſch' ich deine adliche Geſellſchaft, Nur im Vertraun auf deine wahre Ehre. Sprich von des Vaters Zorn nicht, Eglamour, Mein Leid nur ſey dir wichtig, einer Dame; Bedenk mit welchem Recht ich fliehen muß, Mich vor gottloſem Ehebund zu ſchuͤtzen, Den Welt und Himmel heim mit Strafen ſuchen. Ich bitte flehend dich, mit einem Herzen o voll von Truͤbſal wie die See voll Sand, Gefaͤhrte mir zu ſeyn, und mit zu gehn: Wo nicht, ſo berge was ich dir entdeckt, Daß ich allein mein Abentheuer wage. Eglam. Mich jammert, Fraͤulein, Euer ſchwer Be⸗ draͤngniß; Und da ich Eures Herzens Tugend kenne, Geb' ich den Willen drein mit Euch zu reiſen; Micht achtend was mich irgend faͤhrden koͤnnte, Wie ich nur eifrig Eure Wohlfahrt wuͤnſche. Wann wollt Ihr reiſen? Silv. Wie der Abend kommt. Eglam. Wo treff' ich Euch? Silv. In Bruder Patriks Zelle, Wohin, zur heil'gen Beicht', ich mich verfuͤge. Eglam. Ich werd' Euch, Fraͤulein, nicht ver⸗ ehlen: Prinzeſſin, guten Morgen⸗. Silv. Habt guten Morgen, theurer Eglamour. (gehn ab.) Sz. 4. Die beiden Veroneſer. 15¹ Vierte Szene. Platz⸗ EEanz tritt auf mit ſeinem Hunde.) Lanz. Wenn eines Menſchen Angehoͤriger ſich recht huͤndiſch gegen ihn beträͤgt, ſeht ihr, das muß einen kraͤnken: einer den ich vom fruͤhſten aufgezogen habe; einen den ich vom Erſaͤufen gerettet, da drei oder vier ſeiner blinden Bruͤder und Schweſtern daran mußten! Ich habe ihn abgerichtet— Grade wie wenn einer ſich recht ausdruͤcklich vornimmt: So moͤchte ich einen Hund abgerichtet haben. Ich war abgeſchickt, ihn Fraͤulein Silvia zum Geſchenk von meinem Herrn zu uͤberbringen; und kaum bin ich in den Speiſeſaal getreten, ſo laͤuft er mir zu ihrem Teller, und ſtiehlt ihr einen Kapaunenſchenkel. O, es iſt ein boͤſes Ding, wenn ſich ein Koͤter nicht in jeder Geſellſchaft zu benehmen weiß! Ich wollte, daß einer, der, ſo zu ſagen, es auf ſich ge⸗ nommen hat, ein wahrer Hund zu ſeyn, daß er dann, ſo zu ſagen, auch ein Hund in allen Dingen waͤre. Wenn ich nicht mehr Verſtand gehabt hätte als er, und den Feh⸗ ler auf mich genommen den er beging, ſo glaube ich wahr⸗ haftig er waͤre dafuͤr gehaͤngt. So wahr ich lebe, ſie haͤt⸗ ten ihn dafur hingerichtet! Urtheilt ſelbſt: da ſchiebt er ſich ein in die Geſellſchaft von drei oder vier wohlgebornen Hunden, unter des Herzogs Tafel: da ſteckt er kaum(ſoll⸗ tet ihrs glauben) ſo lange daß ein Menſch drei Schluck thun koͤnnte; ſo riecht ihn auch ſchon der ganze Saal. Hinaus mit dem Hunde, ſagt einer; Was fuͤr ein Koter iſt das? ſagt ein andrer; Peitſcht ihn hinaus, ruft der dritte; Hängt ihn auf, ſagt der Herzog. Ich, der ich gleich den Geruch wieder kannte, wußte daß es Krabb war; und gehe denn ſo zu dem Kerl hin der die Hunde peitſcht: Freund, ſage ich, ihr ſeyd Willens den Hund zu peitſchen? Ja, wahrhaftig, das bin ich, ſagt er. So thut ihr ihm himmelſchreiend Unrecht, antworie ich; ich that das Ding was ihr wohl wißt. Der macht auch weiter keine Um⸗ ſiaͤnde, und peitſcht mich zum Saal hinaus. Wie viele 152 Die beiden Veroneſer. A. IV. Herren wuͤrden das fuͤr ihre Diener thun? Ja, ich kann's beſchwoͤren, ich habe im Stock geſeſſen fuͤr Wuͤrſte die er geſtohlen hat, ſonſt waͤre es ihm an's Leben gegangen: Ich habe am Pranger geſtanden fuͤr Gaͤnſe die er gewurgt hat, ſonſt haͤtten ſie ihn dafuͤr hingerichtet: das haſt du nun ſchon vergeſſen!— Nein, ich denke noch an den Streich den du mir ſpielteſt, als ich mich von Fraͤulein Silvia beurlaubte; hieß ich dich nicht immer auf mich acht geben, und es ſo machen wie ich? Wann haſt du geſehn daß ich mein Bein aufhob, und an einer Dame Reifrock mein Waſſer abſchlug? Haſt du je ſolche Streiche von mir geſehn? (Proteus und Julia treten auf.) Prot. Sebaſtian iſt dein Name? du gefaͤllſt mir, Ich will dich gleich zu einem Dienſt gebrauchen. Jul. Was Euch beliebt; ich will thun was ich kann. Prot. Das hoff' ich, wirſt du.— Gzu Lanz.) Wie nichtsnutz'ger Luͤmmel? Wo haſt du ſeit zwei Tagen mir geſteckt? Lanz. Ei, Herr, ich brachte Fraͤulein Silvia den Hund, wie Ihr mich hießet. Prot. Und was ſagte ſie zu meiner kleinen Perle? Lanz. Ei, ſie ſagte, Euer Hund waͤre ein Koͤter; und meinte, ein huͤndiſcher Dank waͤre genug fuͤr ſolch ein Geſchenk. Prot. Aber ſie nahm meinen Hund? Lanz. Nein, wahrhaftig, das that ſie nicht: hier hab' ich ihn wieder mitgebracht. Prot. Was, dieſen wollteſt du ihr von mir ſchenken? Lanz. Ja, Herr; das andre Eichhoͤrnchen wurde mir von des Scharfrichters Buben auf dem Markt geſtohlen: und da ſchenkte ich ihr meinen eignen; der Hund iſt ſo dick wie zehn von den andern, und um ſo groͤßer iſt auch das Praͤſent. Frot. Geh, mach dich ſi, und bring mir meinen und, Sonſt komm mir niemals wieder vor's Geſicht. Fort, ſag' ich; ſtehſt du mich zu aͤrgern hier? Ein Schurke der mir ſtets nur Schande macht. (Lanz geht ab.) Ich nahm, Sebaſtian, dich in meinen Dienſt, Theils, weil ich einen ſolchen Knaben brauche, Sz. 4. Die beiden Veroneſer⸗ 153 Der mit Verſtand vollfuͤhrt was ich ihn heiße, Denn kein Verlaß iſt auf den dummen Toͤlpel: Doch mehr um dein Geſicht, und dein Betragen, Die(wenn mich meine Ahndung nicht betruͤgt) Von guter Bildung zengen, Gluͤck und Treue: Dieß merk, denn deshalb hab' ich dich genommen. Geh nun ſogleich, und nimm mit dir den Ring, Den uͤbergieb an Fraͤulein Silvia: Wohl liebte die mich, die ihn mir gegeben. Jul. Ihr alſo liebt ſie nicht, da Ihr ihn weg gebt: Sie iſt wohl todt? rot. Das nicht; ich glaub', ſie lebt. Jul. Weh mir! Prot. Weshalb rufſt du, weh mir? Jul. Ich kann nicht anders, ich muß ſie beklagen. Prot. Weshalb beklagſt du ſie? Jul. Weil mich beduͤnkt, ſie liebte Euch ſo ſehr Als Ihr nur Euer Fraͤulein Silvia liebt: Sie ſinnt nur ihn, der ſchon vergaß ihr Lieben, Ihr brennt fuͤr ſie, die abweiſt Euer Lieben. O Jammer, daß ſich Lieben ſo zerſtoͤrt! Und deß gedenkend mußt' ich klagen, weh mir! Prot. Gut, gieb ihr dieſen Ring, und auch zugleich Den Brief;— hier iſt ihr Zimmer.— Sag' dem Fraͤulein, Ich fordr' ihr himmliſch Bild, das ſie verſprochen. Dieß ausgerichtet, eil zu meiner Kammer, Wo du mich traurig, einſam, finden wirſt. (Proteus geht ab.) Jul. Wie wen'ge Frauen braͤchten ſolche Botſchaft! Ach! armer Proteus! du erwaͤhlſt den Fuchs, Um dir als Hirt die Laͤmmer zu behuͤten: Ach, arme Thoͤrin! was beklag' ich den Der mich mit vollem Herzen jetzt verachtet? Weil er ſie liebt, verachtet er mich nun; Weil ich ihn liebe, muß ich ihn beklagen. Ich gab ihm dieſen Ring, da wir uns trennten, Als Angedenken meiner Gunſt und Treue: Nun ſchickt man mich,(o ungluͤckſel'ger Bote1) Zu fordern, was ich nicht gewinnen moͤchte; Zu bringen, was ich abgeſchlagen wuͤnſchte; Das Herz zu loben, was ich ſchelten muͤßte. Ich bin die treu Verlobte meines Herrnz „ 15⁵4 Die beiden Veroneſer. A. 1V. Doch kann ich nicht ſein treuer Diener ſeyn, Wenn ich nicht an mir ſelbſt Verraͤther werde. Zwar will ich fuͤr ihn werben: doch ſo kalt, Wie ich, beim Himmel, die Erwiedrung wuͤnſchte. (Silvia tritt auf mit Begleitung.) Gegruͤßt ſeyd, Kammerfrau! Ich bitt' Euch, macht Daß ich mit Fraͤulein Silvia ſprechen kann. Silv. Was wolltet Ihr von ihr, wenn ich es wäre? Jul. Wenn Ihr es ſeyd, ſo bitt' ich, mit Geduld Die Botſchaft anzuhoͤren, die ich bringe. Silv. Von wem? Jul. Von Signor Proteus, meinem Herren. Silv. Ach!— Wegen eines Bildes ſchickt er Euch? Jul. Ja, Fraͤulein. Silv. So bring denn, Urſula, mein Bildniß her. (Das Bild wird gebracht.) Geht, gebt das Eurem Herrn: ſagt ihm von mir, Die Julia, die ſein falſches Herz vergaß, Paßt beſſer, als der Schatten, in ſein Zimmer. Jul. Fraͤulein, gefaͤlit's Euch dieſen Brief zu leſen⸗— Verzeiht, mein Fraͤulein; ich gab unvorſichtig Euch ein Papier, das nicht fuͤr Euch beſtimmtz Dieß iſt der rechte Brief an Euer Gnaden. Silv. Ich bitte, laß mich das noch einmal ſehn. Jul. Es kann nicht ſeyn; Fraͤulein, ihr ver⸗ zeiht⸗ Silv. Hier, nimm. Ich will die Zeilen deines Herrn nicht leſen: Ich weiß, ſie ſind mit Schwuͤren angefuͤllt, Und neuerfundnen Eiden, die er bricht So leicht als ich jetzt dieſes Blatt zerreiße. Jul. Fraͤulein, er ſchickt Eur Gnaden dieſen Ring. Silv. Ihm Schmach ſo mir dieſen Ring zu icken; Denn, tauſendmal hab' ich ihn ſagen hoͤren, Wie ſeine Julia ihn beim Abſchied gab: Hat auch ſein falſcher Finger ihn entweiht, Soll meiner Julien nicht ſolch Unrecht thun. Jul. Sie dankt Euch⸗ 3 Silv. Was ſagſt du? Sz. 4. Die beiden Veroneſer. 15⁵ Jul. Ich dank' Euch, Fraͤulein, fuͤr dieß Zartgefuͤhl: Das arme Kind! Herr Proteus kraͤnkt ſie ſehr. Silv. Kennſt du ſie? Jul, Beinah ſo gut als ich mich ſelber kenne: Gedenk' ich ihres Weh's, bei meiner Seele, Schon hundertmal hab' ich um ſie geweint. Silv. So glaubt ſie wohl, daß Proteus ſie verlaſſen? Jul. Ich glaub' es ſelbſt, und das iſt auch ihr Gram. Silv. Iſt ſie von großer Schoͤnheit? Jul. Sie war einſt ſchoͤner, Fraͤulein, als ſie iſt: Da ſie noch glaubte daß mein Herr ſie liebe, War ſie, wie mich beduͤnkt, ſo ſchoͤn als Ihr; Doch ſeit ſie ihren Spiegel hat vergeſſen, Die Maſte wegwarf, die vor Sonne ſchuͤtzte, Sind von der Luft gebleicht der Wangen Roſen, Und ihrer Stirne Lilienglanz gedunkelt, Daß ſie ſo ſchwarz geworden iſt wie ich. Silv. Wie groß war ſie? Jul. Sie iſt von meinem Wuchſe: denn, zu Pfingſten, Als man ſich heitrer Mummerei erfreute, Gab mir das junge Volk die Frauen⸗Rolle, Und putzte mich mit Juliens Kleidern aus, Die paßten mir ſo gut, wie alle ſagten, Als waͤre das Gewand fuͤr mich geſchnitten; Davon weiß ich, ſie iſt ſo hoch wie ich. Und, zu der Zeit, macht ich ſie recht zu weinen, Denn traurig war die Rolle, die ich ſpielte; Ariadne, Fraͤulein, war's wie ſie beklagt Des Theſeus Falſchheit, und geheime Flucht; Das ſpielten meine Thraͤnen ſo lebendig, Daß meine arme Herrin, tief geruͤhrt, Recht herzlich weint'; und, ſterben will ich gleich, Wenn ich im Geiſt nicht ihren Kummer fuͤhlte! Silv. Sie iſt dir ſehr verpflichtet, lieber Knabe!— Ach, armes Maͤdchen! troſtlos und verlaſſen!— Ich weine ſelbſt, denk ich an deine Worte. Hier, Knab', iſt meine Boͤrſe; nimm die Gabe Um deiner Herrin willen, die du liebſt. Leb wohl. (Silvia geht ab.) Jul. Sie wird Euch danken, lernt Ihr je ſie kennen:— Ein edles Fraͤulein, ſanft und voller Huld. 156 Die beiden Veroneſer. A. W. Mein Herr, hoff' ich, macht wenig Gluͤck mit werben, Da meiner Herrin Liebe ſie ſo werih haͤlt. Wie kann die Liebe falſch mit ſich verkehren! Hier iſt ihr Bildniß: Laßt mich ſehn, ich denke Haͤtt' ich nur ſolchen Anzug, mein Geſicht Wuͤrd' ganz ſo lieblich wie das ihre ſeyn: Doch hat der Maler etwas ihr geſchmeichelt, Wenn ich nicht allzuviel mir ſelber ſchmeichle. Ihr Haar iſt braͤunlich, meins vollkommen blond: Wenn das den Ausſchlag giebt in ſeiner Liebe, So trag' ich falſches Haar von dieſer Farbe. Ihr Aug' iſt klares Blau; und ſo das meine: Doch ihre Stirn iſt klein, und meine groß. Was koͤnnt' es ſeyn, was er hier edel nennt, Was ſich an mir wohl minder edel wieſe, Waͤr' nicht ein blinder Gott dieß kind'ſche Lieben? So nimm denn, Schatten, dieſen Schatten mit, Er iſt dein Nebenbuhler. Leblos Bild! Du wirſt verehrt, gekuͤßt und angebetet; Und, fuͤhlteſt du bei ſeinem Goͤtzendienſt, Mein Weſen moͤchte Bild ſtatt deiner ſeyn. 29 will dir freundlich ſeyn der Herrin wegen, So war ſie mirz ſonſt, bei dem Jupiter, Haͤtt' ich die blinden Augen dir zerkratzt, Die Liebe meines Herrn zu dir zu tilgen. (geht ab.) Die beiden Veroneſer. 157 F uͤnfter Aufzug. — E ſt e S n Platz. (Eglamour tritt auf.) Eglamonr. Die Sonne roͤthet ſchon den Abendhimmel; Die Stund' iſt da, die Silvia mir beſtimmte, S bei Patricius Zell' auf ſie zu warten. ie bleibt nicht aus; denn Liebende verfehlen Die Stunde nur, um vor der Zeit zu kommen; Weil ſie die Eile ſelbſt noch ſpornen moͤchten. (Silvia tritt auf.) Hier kommt ſie ſchon: Gluͤckſel gen Abend, Fraͤulein! Silv. Geb's Gott! Geh weiter, guter Eglamour! Hinaus zum Pförtchen an der Kloſtermauer; Ich bin beſorgt, daß Laurer auf mich achten. Eglam. Sorgt nicht: der Wald iſt kaum drei Meilen weit; Iſt der erreicht, ſind wir in Sicherheit. Cſie gehn ab.) 158 Die beiden Veroneſer. A. V. 3weite Szene. Palla ſt. (Thurio, Proteus und Julia treten auf.) Thurio. Was ſagt zu meinem Werben Silvia? Prot. O Herr, ich fand ſie milder als bisherz Doch hat ſie viel an Euch noch auszuſtellen. Thur. Was, daß mein Bein zu lang iſt? Prot. Nein; zu duͤnn. Thur. So trag' ich Stiefeln, daß es runder wird. rot. Was Liebe ſcheut, wer kann ſie dazu ſpornen? hur. Und mein Geſicht? Prot. Sie ſagt es ſey zu weiß. Thur. Da luͤgt der Schalk; denn mein Geſicht iſt ſchwarz. Prot. Doch weiß ſind Perien; und das Sprichwort t agt, Ein ſchwarzer Mann iſt Perl' im Aug' der Schoͤnen. Jul.(beiſeit.) Ja; Feihn die der Frauen Aug' ver⸗ etzen; Denn lieber weg ſehn, als auf ſie zu blicken. Thur. Gefaͤllt ihr mein Geſpraͤch? Prot. Schlecht, redet Ihr von Krieg⸗ Thur. Doch gut, wenn ich von Lieb und Frieden red e2 Jul.(beiſeit.) Am beſten, ſicher, wenn Ihr friedlich ſchweigt. Thur. Was aber ſagte ſie von meinem Muth? Be O, Herr, daruͤber hat ſie keinen Zweifel. ul.(beiſeit.. Nicht ntbig, weil ſie ſeine Feigheit ennt. Thur. Doch was von meiner Abkunft? Be Daß Ihr ſehr hoch herab gekommen ſeyd. ul.(beiſeit.) Gewiß; n zum Narrn erab. Thur. Erwaͤgt ſie auch mein großes Gut? Prot. Ja, mit Bedauern⸗ Sz.2. Die beiden Veroneſer. 159 Thur. Weshalb? Jul.(beiſeit.) Weil einem Eſel es gehoͤrt. Prot. Weil Ihr's nicht ſelbſt verwaltet. Jul. Hier kommt der Herzog. (Der Herzog tritt auf.) Berz. Wie ſteht's, Herr Proteus? Thurio, wie ſteht's? Wer von Euch ſah den Eglamour ſeit kurzem? Thur. Ich nicht. Prot. Ich auch nicht. Zerz. Saht Ihr Silvia? Prot. Nein. Zerz. So ſloh ſie hin zu Valentin, dem Knecht; Und Eglamour iſt es, der ſie begleitet. Gewiß; denn Bruder Lorenz traf ſie beide, Als im Gebet er durch die Waldung ging: Ihn kannt' er wohl, und glaubt' auch ſie zu kennenz Doch macht' ihn ihre Maske ungewiß: Auch gab ſie vor, ſie woll' am Abend beichten In des Patricius Zell', und war nicht dort. Durch dieſe Zeichen wird die Flucht beſtaͤtigt. Deswegen, bitt' ich, weilt nicht lang' berathend, Nein, gleich zu Pferd; und trefft mich beide dort Am Fuße des Gebirges, auf dem Huͤgel, Der ſich nach Mantua zieht, da floh'n ſie hin: Beeilt Euch, thenre Herrn, und folgt mir nach. (geht ab. Thur. Nun ja, da haben wir das kind'ſche Ding, Die ihrem Gluͤck entflieht, wenn es ihr folgt: Nach; mehr um mich an Eglamour zu raͤchen, Als weil ich Silvia noch, die Thoͤrin, liebe. (geht ab.) Prot. Ich folge, mehr weil Silvia meine Liebe, Als Eglamour der mit ihr geht 3 geht ab. Jul. Ich folge, mehr zu krenzen dieſe Liebe, Als Silvia haſſend, die geflohn aus Liebe. (geht ab.) 160 Die beiden Veroneſer. A. V. Dvitte Szene Wald. (Silvia und die Räuber kommen.) Raͤuber⸗ Kommt, kommt; Geduld, wir bringen Euch zu unſerm Hauptmann. Silv. Durch tauſend große Unglucksfaͤlle lernt' ich Den heutigen ertragen mit Geduld. 56 2. Raͤub. Kommt, fuͤhrt ſie weg⸗ 1. Raͤub. Wo iſt der Edelmann der bei ihr war? 3. Räub. Geſchwind von Fuͤßen, iſt er uns entlaufen, Doch Moſes und Valerius folgen ihMm. Geh mit ihr nach des Waldes Abendſeite, Dort iſt der Hauptmann: wir dem Fluͤcht'gen nach; Das Dickicht iſt beſetzt, er kann nicht durch. 1. Käub. Kommt, Ihr muͤßt mit zu unſers Haupt⸗ manns Hoͤhle: Seyd unbeſorgt; er iſt von edlem Sinn, Und keinem Weibe fuͤgt er Unrecht zu. Silv. O Valentin, das duld' ich deinethalb! (Alle ab.) Vierte Szene. Wald. (Valentin tritt auf.) Palentin. Wie wird dem Menſchen Uebung doch Gewohnheit! Der unbeſuchte Wald, die dunkle Wuͤſte, Gefaͤllt mir mehr als volkreich bluͤh'nde Staͤdte; Hier kann ich einſam ſitzen, ungeſehn, Und, zu den Nachtigalleu Klageliedern, Sz. 4. Die beiden Veroneſer, 161 Mein Leid, und Weh in Trauertoͤnen ſingen. O du, Beherrſcherin von dieſer Bruſt, Laß nicht dein Haus ſo lang' veroͤdet ſtehn, Daß nicht der Ban verfalle und zertruͤmmre Und kein Gedaͤchtniß bleibe was er war! Erneu durch deine Gegenwart mich, Silvia; Troͤſt', holde Nymphe, deinen armen Schaͤfer! Welch Laͤrmen, welch ein Aufruhr iſt das heut? Die Bande iſt's, ihr Wille ihr Geſetz, Sie machen Jagd auf arme Wandersleute; Sie lieben mich; doch hab' ich viel zu thun, Wenn ich will rohe Ungebuͤhr verhuͤten. Verbirg dich, Valentin; wer kommt dort her? (er zieht ſich zurück.) (Proteus, Silvia und Julia treten auf.) Prot. Ich habe viel fuͤr Euch gethan, (Obgleich Ihr was Eur Diener thut nicht achtet,) Mein Leben wagt' ich dran, von dem Euch rettend, Der Euch wohl haͤtt' entehrt und Lieb erzwungen. Gebt mir zum Dank nur einen holden Blick; Geringern Lohn als den kann ich nicht fordern, Und wen'ger, ſicherlich, koͤnnt Ihr nicht geben. Pal.(beiſeit.) Iſt dieß ein Traum, was ich hier ſeh' und hoͤre? Leih, Liebe, mir Geduld noch jetzt zu ſchweigen⸗ Silv. O elend', ungluͤckſel'ge, die ich bin! Prot. Unglucklich war't ihr, Fraͤulein, eh ich kam; Doch, durch mein Kommen war't Ihr gluͤcklich wieder. Silv. Durch dein anhn ward ich erſt recht elend. Jul.(beiſeit.) Und ich, wenn er Euch wirklich naͤher kommt. Silv. Waͤr' ich vom Leun, dem hungrigen, ergriffen, Viel lieber Speiſe ſeyn dem Ungethuͤm, Als mich vom falſchen Proteus retten laſſen⸗ Du, Himmel, weißt wie Valentin ich liebe, Sein Leben iſt mir lieb wie meine Seele; und dn ſo ſehr,(denn mehr noch iſt ſhnh 162 Die beiden Veroneſer. x. v. A Abſcheu mir der falſch, meineid'ge Proteus: rum fort, und quäl' mich nicht mit laſt'gem Werben. Prot. Dem kuͤhnſten Unternehmen, todtgefaͤhrlich, Entwich ich nicht, um einen milden Blick. Es iſt der Liebe Fluch bewaͤhrt geblieben, Daß nie ein Weib den, der ſie liebt, kann lieben⸗ Silv. Daß Proteus ſe die ihn liebt, kann ieben. In Julias Herz lies, deiner erſt Geliebten, ſm deren Gunſt du deine Treu' geſpalten In tauſend Schwuͤr'; und alle dieſe Schwuͤre In Meineid' umgewandt, um mich zu lieben. Run haſt du keine Treu' mehr, wenn nicht zwei, Was ſchlimmer waͤr als keine: beſſer keine Als Doppeltreu', die iſt zu viel um eine: Du Truger deines wahren Freunds! rot. In Liebe Wem gilt da Freundſchaft? b Silv. Jedem, außer Proteus. Prot. Nun, wenn der milde Geiſt bered'ter Worte Auf keine Art zu ſanfter Weiſ' Euch ſtimmt, So werb' ich wie Soldaten, mit Gewalt; Und Liebe wird, ſich ſelbſt entartet, Zwang. Silv. O Himmel! Prot. Mit Gewalt bezwing' ich dich. Val. Du Ehrenraͤuber, frei laß deine Beute, Du Freund von ſchlechter Sitte! Prot. Valentin! Pal. Gemeiner Freund, das heißt treulos und lieblos; (Denn ſo ſind Freunde jetzt,) Verraͤther, du! Du trog'ſt mein Hoffen; meinem Aug' allein Konnt' ich dieß glauben: Nun darf ich nicht ſagen Mir lebt ein Freund; du wuͤrd'ſt mich Luͤgen ſtrafen. Wem iſt zu traun, wenn unſte rechte Hand Sich gegen unſte Bruſt empoͤrt? O Proteus, Ich fuͤrchte, nie kann ich dir wieder traun, Uind muß um dich die Welt als Fremdling achten. O ſchlimme Zeit! o ſchmerzliches Verwunden! Daß ich den Freund als ſchlimmſten Feind gefunden. — — Sz. 4. Die beiden Veroneſer. 163 Prot. O Scham und Schuld vernichtet mich!— Vergieb mir, Valentin: wenn Herzensreue Genuͤgen kann die Suͤnde abzubuͤßen, So ſieh mein Leid; die Schuld iſt groͤßer nicht, Als jetzt mein Schmerz. Val. So bin ich ausgeſoͤhnt; Und wieder acht' ich dich als ehrenvoll.— Wen Reue nicht entwaffnen kann, der frommt Nicht Erd' noch Himmel; beide fuͤhlen mild; Durch Reue wird des Ew'gen Zorn geſtillt:— Und, daß vollkommen werde mein Verzeihn, Geb' ich dir alles, was in Silvien mein. Jul. Weh mir, verloren! (ſie wird ohnmächtig.) Prot. Seht, was fehlt dem Knaben. val. Ei, Knabe! Kind! was giebt's? was ſtößt dir zu? Blick auf; ſprich. Jul. O Signor, mein Herr befahl mir An Fraͤulein Silvia dieſen Ring zu bringen; Den ich vergaß, und noch nicht abgegeben. Prot. Wo iſt der Ring? Jul. Hier iſt er. (giebt ihm einen Ring.) Prot. Laß mich ſehn: Ha, dieſen Ring ſchenkt' ich an Julia. Jul. Verzeiht mir, Herr, ich habe mich geirrt; Dieß iſt der Ring, den Ihr an Silvia ſandtet. Geigt einen andern.) Prot. Allein, wie kam'ſt du zu dem Ring? Beim bſchied Gab ich ihn Julien. ſc Jul. Und Julia gab ihn mirz Und Julia ſelbſt hat ihn hieher gebracht. Prot. Wie! Julia! Jul. So ſchau ſie an, das Ziel all deiner Schwuͤre, 11* 164 Die beiden Veroneſer. A. V. Die alle tief im Herzen ſie bewahrte: Und wie zerbrach dein Meineid dann dieß Herz! O Proteus, dich beſchaͤme dieſe Tracht! Errothe du, daß ſolch unziemend Kleid Ich angelegt; wenn mich entehren kann Die Liebesmaſke: Mag Sitt' entſcheiden, wer am ſchwerſten fehle. Vertauſcht ein Weib das Kleid, ein Mann die Seele. Prot. Ein Mann die Seele? wahr: o Himmel! Treue Nur fehlt dem Mann, vollkommen ſich zu nennen: Der Mangel macht uns jeder Suͤnd' ergeben: Treuloſigkeit ſtirbt ab, noch vor dem Leben: Was iſt in Silvia nur, das friſcher nicht Die Treue ſieht in Juliens Angeſicht? Pal. Kommt denn, und reiche jeder ſeine Hand: Den ſchoͤnen Bund muͤßt Ihr mich ſchließen laſſen; Nicht laͤnger darf ſolch Freundespaar ſich haſſen. Prot. Du, Himmel, weißt, mein Wunſch iſt mir erfuͤllt! Jul. Der meine mir. (Räuber kommen mit dem Herzog und Thurio.) Raͤub. Ha, Beute, Beute! Pal. Zuruͤck! es iſt der Fuͤrſt mein gnaͤd'ger Herzog. Euer Gnaden ſey gegruͤßt dem gnadentbloͤßten Verbannten Valentin. Zerz. Wie, Valentin? Thur. Silvia iſt dort und Silvia iſt mein! Pal. Wollt Ihr nicht ſehen Thurio, fort ent⸗ weicht! Kommt nicht ſo nah, daß Euch mein Zorn erreicht: Nicht nenne Silvia dein; wag's noch einmal, So ſoll dich Mailand nicht mehr ſehn. Hier ſteht ſie, Nicht ihres Kleides Saum darfſt du beruͤhren:— Nicht meine Liebe anzublicken wage!— — Sz. 4. Die beiden Veroneſer. 165 Thur. Herr Valentin, ich frage nichts nach ihr; Den halt' ich thoricht, der ſein Leben wagt Um eines Maͤdchens halb, die ihn nicht liebt! Ich will ſie nicht, und darum ſey ſie dein⸗ Zerz. Um ſo nichtswuͤrd'ger biſt, und ſchlechter du, So ſehr nach ihr zu ſtreben wie du thateſt, Und auf ſo feige Art ſie zu verlaſſen! Nun, bei der Ehr' und Wuͤrde meiner Ahnen, Mich freut dein Muth! Du, Valentin, verdienſt Die Liebe ſelbſt der hoͤchſten Kaiſerin. Wie du mich haſt gekraͤnkt, das ſey vergeſſen, Ich widerrufe, ausgeſoͤhnt, den Bann.— Dein Hochverdienſt giebt dir den neuen Stand, Den ich beſtaͤt'ge,— Ritter Valentin, Du biſt ein Edelmann von altem Blut; Rimm deine Silvia, du haſt ſie verdient. Pal. Ich dank Euer ii mich begluͤckt die abe. Ich bitt' Euch nun, um Eurer Tochter willen, Gewaͤhrt mir eine Gunſt um die ich flehe. Zerz. Gewaͤhrt, um deinetwillen, was es ſey! val. Herr, die Verbannten, die mit mir gelebt, Sind Maͤnner ausgezeichnet in Verdienſten; Seht ihnen, was ſie hier begingen, nach, Und ruft aus der Verbannung ſie zuruͤck: Sie ſind gebeſſert, mild und wohl geartet, Geſchickt zu großen Dienſten, gnaͤd'ger Herr. Zerz. Es ſey gewaͤhrt: Verzeihung dir und ihnen; Gieb ihnen Stellen, die dir paſſend ſcheinen. Kommt, laßt uns gehn; begraben ſey Verdruß In Spiel und Luſt, und ſeltner Feſtlichkeit. Pal. und unterwegs, mein gnaͤd'ger Fuͤrſt, ver⸗ ſuch' ich Euch im Geſpraͤch ein Laͤcheln zu erregen: Was denkt Ihr von dem Pagen, hoher Herr? Zerz. Anmuthig iſt der Knabe; er erroͤthet. val. Anmuthig mehr als Knabe; gnad'ger Fuͤrſt. 166 Die beiden Veroneſer. A. V. Zerz. Was meint Ihr mit dem Scherz? Pal. Gefaͤllt's Euch, ſo erzaͤhl' ich Euch im Gehn, Was Euch verwundern wird wie ſich's begab.— Komm, Proteus; dieß ſey deine Strafe nur, Zu hoͤren die Geſchichte deiner Liebe; Und dann ſey unſer Hochzeitstag der deine; Ein Feſt, Ein Haus, und ein gedoppelt Gluͤck. (Alle gehn ab.) 8 — = — S — = = — —= * 6 e ſone i. Timon, ein edler Athenienſer. Lucius, S, ſeine Freunde. Ventidius, Apemantus, Philoſoph. Alcibiades, Feldherr. Flavius, Timons Haushofmeiſter. Flaminius, Lucilius, Timons Diener⸗ Servilius, Caphis, Philotus, Titus, Diener von Timons Gläubigern. Lucius, Hortenſius, 5 Zwei Diener des Varrus. Ein Diener des Iſidor. Cupido und andre Maſken, Zwei Fremde. Ein Dichter, ein Maler, ein Kaufmann und ein Juwelier. Ein alter Athenienſer, ein Page, ein Narr. Phrynia, Simandra, Gurtiſanen. Senatoren, Hauptleute, Krieger, Diebe, Gefolge. (Die Szene iſt in Athen und dem nahen Walde.) Er ſt Aufzug. Erſte Szene. Athen, Vorſaal in Timons Hauſe. (Der Dichter und der Maler treten auf.) Dichter. Guten Tag. Wal. Mich freut's Euch wohl zu ſehn. Dicht. Ich ſah Euch tet6 nicht. Wie geht die elt? Mal. Sie traͤgt ſich ab im Lauf. Dicht. Das iſt bekannt. Doch welch beſonder Seltnes, Fremdes, das Vielfach Erzaͤhlen noch nicht kennt?— Doch ſeht, (Der Kaufmann, der Juwelier und mehrere Andre treten auf.) Magie des Reichthums! Dieſe Geiſter alle Beſchwor dein Zauber her zum Dienſt. Ich kenne Den Kaufmann. Wal. Ich beide: jener iſt ein Juwelier. Raufm. Hoͤchſt wuͤrdig iſt der Lord. Juw. Jenſeit des Zweifels. Baufm. Ein Mann t unvergleichbar; ſo zu agen Geſchult zu unermuͤdlich ſteter Güte: Ein Muſterbild. 6 Juw. Hier hab' ich ein Juweel. 170 Timon von Athen. A. I. Raufm. O, bitte, zeigt: Fuͤr den Lord Timon wohl? Juw. Glaubt er der S Doch, was das be⸗ trifft— Dicht.(recitirend.) Wenn wir um Lohn den Schaͤnd⸗ lichen geprieſen, Daͤmpft es den Glanz des wohlgelungnen Reimes, Deß Kunſt den Edeln ſingt. Raufm.(den Stein betrachtend.. Ha! ſchoͤn geſchnitten. Juw. Und reich: das iſt ein Waſſer, ſeht nur ſelbſt. Wal. Ihr ſeyd verzuͤckt. Ein Werk, wohl eine Hul⸗ d'gung, Dem großen Lord? Dicht. Ein Ding, mir leicht entſchlupft. Wie ein Gewand iſt unſre Poeſie, Heilſam wo man es hegt: Das Feuer im Stein Glaͤnzt nur, ſchlaͤgt man's heraus; von ſelbſt erregt Sich unſre edle Flamm', und flieht, dem Strom gleich, Zuruͤck von jeder Hemmung.— Was iſt das? Wal. Ein Bild, Herr⸗ n Euer Buch eraus Dicht. Es folgt der Ueberreichung auf dem Fuß. Zeigt mir das Stuͤck. MWial. Es iſt ein gutes Stuͤck. Dicht. Gewiß! dieß hebt ſich trefflich, herrlich ab. Mal. So ziemlich. Dicht. Unvergleichlich! Wie die Grazie Sich durch ſich ſelbſt ausſpricht! wie geiſt'ge Kraft Aus dieſem Auge blitzt! wie Phantaſie Sich auf der Lippe regt! ſtumme Geberdung, Die jeder moͤcht' in Worten deuten. Wal. W hl leidlich hubſch das Leben nachgeaͤfft; Hier iſt ein Zug; der ſpricht! Dicht. Ich moͤchte ſagen, Er meiſtert die Natur: Kunſtreiches Streben Lebt in der Farb' lebend'ger als das Leben. (Einige Senatoren treten ein und gehen nach den innern Gemächern.) Wal. Wie viele Freunde hat der Edle! Dicht. Athen'ſche Senatoren!— Die Begluckten! Wal. Schaut, mehr noch! Dicht. Seht den Zuſammenſluß, den Schwall der Freunde! ——— Sz. 1. Timon von Athen. 3 In dieſem rohen Werk zeichn' ich'nen Mann, Den dieſe ird'ſche Welt umfaͤngt und hegt Mit reichſter Gunſt; Mein freier Zug wird nirgend Gehemmt durch Einzelnes, nein, ſegelt fort In weiter, klarer See: kein boshaft Zielen Vergiftet eine Silbe meiner Fahrt; Sie fliegt den Adlerflug, kuͤhn, ſtets gradaus, Kein Woͤlkchen hinter ſich. Wal. Wie ſoll ich Euch verſtehn? Dicht. Ich will es Euch entriegeln. Ihr ſeht wie alle Staͤnd' und alle Menſchen, Sowohl von leicht geſchmeid'gem Sinn, als auch Von ſtrenger, ernſter Art, dem Timon weihn In Demuth ihren Dienſt. Sein großer Reichthum, ümkleidend ſeinen adlich, guͤt'gen Sinn, Bezwingt und kauft fuͤr ſeine Lieb' und Herrſchaft Ein jeglich Herz. Ja, von Schmeichlers Spiegel⸗ antlitz, Zu Apemantus ſelbſt, der nichts ſo liebt Als er ſich ſelber haßt: Auch er beugt ihm Sein Knie, und kehrt in Frieden heim, bereichert Vom Nicken Timons. Wal. Ich ſah's, er ſprach mit ihm. Dicht. Ich ſtelle dar auf lieblich gruͤnem Huͤgel, Fortuna thronend: an dem Fuß des Berges Gzedraͤngte Reih'n von jedem Stand und Weſen, Die auf der Woͤlbung dieſer Sphaͤre ſtreben Ihr Gluͤck zu ſteigern: Unter allen dieſen, Die auf die Koͤnigin den Blick geheftet, Stell ich den einen dar in Timons Bildung, Den zu ſich winkt Fortunas elfne Hand; Die volle Gunſt verkehrt in Sclaven voͤllig, Die eben Mitbewerber waren. Wal. Herrlich! Fortuna und der Thron und Huͤgel, duͤnkt mich, Der Ein', herauf gewinkt von allen unten, Sein Haupt geneigt zum ſteilen Berg hinan, Sein Gluͤck erklimmend, waͤr' ein ſchoͤner Vorwurf Fuͤr unſre Kunſt. Dicht. Nein, hoͤrt nur weiter, Freund: All' jene,(die noch eben ihm Kamraden, Ja, eing' ihm vorzuziehn,) von dem Moment Folgen ſie ſeinem Schreiten; Vorplatz und Hof 172 Timon von Athen. 1.1. Mit Dienſt belagernd, Vergoͤtternd Fluͤſtern gießend in ſein Ohr, Selbſt ſeinen Buͤgel heil'gend, trinken ſie Die freie Luft durch ihn.. Wal. Nun, und was weiter? Dicht. Wenn nun Fortun', Laun' und Wankel⸗ muth, Herab ſtößt ihren Guͤnſtling, all ſein Troß, Der hinter ihm den Berg hinauf ſich muͤhte Auf Knieen und Haͤnden ſelbſt, laͤßt hin ihn ſtuͤrzen, Nicht einer, der ihm folgt in ſeinem Fall. MWial. Das iſt gewoͤhnlich. Ich kann der Art Euch tauſend Bilder weiſen, Die auch des Gluͤckes ſchnellen Wandel malen, Lebend'ger als das Wort. Doch thut Ihr wohl, Zeigt Ihr Lord Timon, daß geringe Angen Den Fuß ſchon hoͤher als das Haupt geſehn⸗ (Timon tritt auf mit Begleitung, ein Diener des Ventidius ſpricht mit ihm.)„ Tim. Gefangen iſt er, ſagſt du? Dien. Ja, Herr, und fuͤnf Talent' iſt ſeine Schuld; Klein ſein Vermoͤgen, ſeine Glaͤub'ger dringend: Eur edles Fuͤrwort ſpricht er an, bei denen Die ihn gefangen ſetzten; fehlt ihm dieß, So ſtirbt ſein Troſt. Tim. Edler Ventidius! Gut: Nicht meine Weiſ iſt's, abzuſchuͤtteln Freunde Wenn meiner ſie beduͤrfen. Weiß ich doch, Sein edler Sinn iſt ſolcher Huͤlfe werth, Die wird ihm: denn ich zahl' und er ſey frei. Dien. Euer Gnaden wird auf ewig ihn verbinden. Fim. Empfiehl mich ihm: Gleich ſend' ich ſeine Loͤſung: Und, frei gemacht, bitt' ihn zu mir zu kommen:— Denn nicht genug dem Schwachen aufzuhelfen, Auch ſtuͤtzen muß man ihn:— So fahre wohl. Dien. Sey alles Gluͤck mit meinem gnaͤd'gen Herrn! (Diener geht ab.) (Ein alter 2 thenienſer tritt auf.) Athen. Lord Timon, hoͤr' mich an. — Sz. 1. Timon von Athen. 173 Tim. Sprich, guter Alter. Athen. Du haſt'nen Diener, der Lucilius heißt? Tim. So iſts: Was ſoll er? Athen. Hoͤchſt edler Timon, laſſ' ihn vor dich kommen. Tim. Iſt er hier im Gefolge?— He, Lucilius! Euc.(vortretend.) Hier, zu Euer Gnaden Dienſt. Athen. Der Menſch hier, edler Timon, er, dein Knecht, Kommt Abends oft zu mir. Ich bin ein Mann, Der von fruͤh auf was vor ſich bringen wollte: Und etwas hoͤher ſucht mein Gut den Erben, Als der mit Tellern laͤuft. Tim. Nun gut; was weiter? Athen. Ich hab' nur eine Tochter, nichts Ver⸗ wandtes, Und ihr will ich mein ganzes Gut vermachen: Schoͤn iſt das Maͤdchen, alt genug zur Braut, Und ihr Erziehen hat mich viel gekoſtet, Kein Lehrer war zu thener. Er, dein Diener Geht ihrer Liebe nach: Nun, edler Lord, Weiſ ihn mit mir aus meinem Hauſe fort; Was ich ſprach, war umſonſt. Tim. Der Mann iſt redlich. Athen. So wird er's hier beweiſen, großer Timon: Es wird ſein redlich Thun ſich ſelbſt belohnen, Es muß nicht meine Tochter juſt gewinnen. Tim. Und liebt ſie ihn? Athen. Jung iſt ſie, leicht gereizt: Uns lehrt oer Irrthum unſter eignen Jugend Wie unbedacht ſie ſey. Tim. Liebſt du das Maͤdchen? Luc. Ja, theurer Herr, und mir ward Gegenliebe. Athen. Fehlt meine Zuſtimmung bei dieſer Ehe, Die Goͤtter ſeyn mir Zeugen, ſo erwaͤhl' ich Mir aus den Straßenbettlern einen Erben, Und nehm' ihr Alles. Tim. Was beſtimmſt du ihr, Wird ſie vermaͤhlt dem Gatten gleichen Standes? Nun drei Talente gleich; in Zukunft Alles⸗ im. Der gut erzogne Juͤngling dient mir lange; Sein Gluͤck zu baun thu ich ein Uebriges, Denn das iſt Menſchenpflicht. Gieb ihm dein Kind; 174 Timon von Athen. A. I. Was du ihr giebſt, ſoll er von mir erhalten Und ſo nicht leichter wiegen. Athen. Edler Lord, Zum Pfande deine Ehr', und ſie iſt ſein⸗ Tim. Schlag' ein; ich halte Wort, bei meiner Ehre. Luc. In Demuth dank' Euch, mein gnaͤd'ger ord: Und nimmer moͤg' ich Gluͤck und Gut genießen, Das Euch nicht angehoͤrt! (Lucilius und der alte Athenienſer gehn ab.) Dicht. Nehmt huldreich auf dieß Werk: lebt lang' und gluͤcklich! Tim. Ich dank' Euch ſch bald ſollt Ihr von mir oren: Entfernt Euch nicht.— Was habt Ihr da, mein Freund? Wal. Ein kleines Bild: eich„ mein Gnaͤd'ger, nicht Es zu verſchmaͤhn. Tim. Erfreulich iſt ein Bild⸗ Das Bildwerk iſt beinah der wahre Menſch; Denn ſeit Ehrloſigkeit mit Menſchheit ſchachet, Iſt er nur Außenſeite: Dieſe Faͤrbung Iſt was ſie vorgiebt. Mir gefaͤllt dieß Werk; ſind du erfaͤhrſt daß mir's gefaͤllt: komm wieder Zur Aufwartung, und du wirſt von mir hoͤren. Wal. Der Himmel ſchuͤtz' Euch. Tim. Lebt wohl, Ihr eie Gebt mir Eure Hand; Wir ſpeiſen heut zuſammen.— Euer Stein Litt unter ſeiner Schaͤtzung. Juw. Wie, Herr, ſo waͤr' er unterſchätzt? Tim. Nein, Ueberfuͤlle allerhoͤchſten Lobes. Bezahlt' ich ihn, ſo wie er angeprieſen, Wuͤrd' es mich ganz entkleiden. Juw. Seine Schaͤtzung Iſt, wie Verkaͤufer zahlen wuͤrden: Doch, Ein Ding, von gleichem Werth, den Eigner tauſchend, Wird; wie Ihr wißt, nach ſeinem Herrn geſchaͤtzt: Daß Ihr ihn tragt, erhoͤht den Werth des Steins. Tim. Ein guter Spott. Raufm. Nein, edler Herr, er ſpricht gemeine Rede, Die Jeder ſpricht mit ihm. —,— Sz. 1. Timon von Athen. 175⁵ Tim. Seht wer hier kommt. Wollt Ihr Euch ſchel⸗ ten laſſen. (Apemantus tritt auf⸗) Juw. Wir theilen mit Eur Gnaden. Raufm. Er ſchont keinen. Tim. Sey mir willkommen, edler Apemantus. Apem. Spar, bis ich edel werde, deinen Willkommz Dann biſt du Timons Hund, die Schuft' hier ehrlich. Tim. Was nennſt du Sit ſie? Du kennſt ſie nicht. Apem. Sind ſie keine Athener? Tim. Ja. Apem. So widerruf' ich nicht. Juw. Ihr kennt mich, Apemantus. Apem. Du weißt, ich thus; ich nannte dich bei Namen. Tim. Du biſt ſtolz, Apemantus. Apem. Auf nichts ſo ſehr, als daß ich nicht wie Ti⸗ mon bin. Tim. Wohin gehſt dn? Apem. Einem ehrlichen Athener das Gehirn auszu⸗ ſchlagen. 6 Tim. Das iſt eine That, fuͤr die du ſterben mußt. Apem. Ja, wenn Nichtsthun den Tod durch das Ge⸗ ſetz verdient. Gim. Wie gefaͤllt dir dieß Gemaͤlde, Apemantus? Apem. Gut, weil es nichts Boͤſes thut. Tim. Richtete der nicht viel aus, der es malte? Apem. Der noch mehr, der den Maler hervorbrachte; und doch iſt der ſelbſt nur ein ſchmutziges Stuͤck. Wal. Du biſt ein Hund. Apem. Deine Mutter iſt von meinem Stamm; was iſt ſie, wenn ich ein Hund bin? Tim. Willſt du mit mir zu Mittag ſpeiſen, Ape⸗ mantus? Apem. Nein; ich eſſe keine große Herren. Tim. Thaͤteſt du das, ſo wuͤrdeſt du die Frauen erzuͤrnen. Apem. O, die eſſen große Herren; und dadurch neh⸗ men ſie zu. Tim. Das iſt eine unanſtaͤndige Andeutung. 176 Timon von Athen. A. I. Wenn du ſie deuteſt, nimm ſie fuͤr deine uhe⸗ Tim. Wie gefaͤllt dir dieſer Edelſtein, Apemantus? Apem. Nicht ſo gut als Aufrichtigkeit, die doch keinem Menſchen einen Heller koſtet. Tim. Wie viel denkſt du, daß er werth ſey? Apem. Nicht meines wenh.— Wie ſteht's oet? Dicht. Wie ſteht's Philoſoph? Apem. Du luͤgſt. Dicht. Biſt du keiner? Apem. Ja. Dicht. So luͤg' ich nicht. Apem. Biſt du nicht ein Poet? Dicht. Ja. Apem. So luͤgſt du: ſieh nur in dein neueſtes Werk, wo du erſinnſt, er ſey ein wuͤrd'ger Menſch. Dicht. Das iſt nicht erſonnen, er iſt es wirklich. Apem. Ja, er iſt deiner werth, um dich fuͤr deine Arbeit zu bezahlen: Wer die Schmeichelei liebt, iſt des Schmeichlers wuͤrdig. Himmel, waͤre ich doch ein Lord! Tim. Was weliteſt du dann thun, Apemantus? Apem. Daſſelbe was Apemantus jetzt thut: einen Lord von Herzen haſſen. Tim. Wie dich ſelbſt? Apem. Ja. Tim. Weshalb? Apem. Daß mir aller grimmige Witz fehlte um Lord zu bieiben.— Biſt du nicht ein Kaufmann? Raufm. Ja, Apemantus. Apem. Der Handel richte dich zu Grunde, wenn es die Goͤtter nicht thun! Wenn es der Handel thut, ſo thun es die oͤtter. Apem. Der Handel iſt dein Gott, und dein Gott richte dich zu Grunde! (Trompeten, es tritt ein Diener auf.) Tim. Was fuͤr Trompeten? Dien. Alcibiades, Mit zwanzig Rittern, ſeinen Kriegsgefaͤhrten. Tim. Geht, fuͤhrt ſie ein, geleitet ſie zu uns. (Einige aus dem Gefolge gehn ab.) ——— Sz. 1. Timon von Athen. 177 Ihr muͤßt heut mit mir ſpeiſen:— Geht nicht fort, Bis ich Euch dankte; nach der Mahlzeit dann, Zeigt uns das Bild.— Erfreut, Euch hier zu ſehn. (Alcibiades und ſeine Gefährten treten auf.) Willkommen, Freund. (ſie begrüßen ſich.) Apem. So, ſoz nun geht es los!— Gicht lahm' und doͤrr' Euch die geſchmeid'gen Glieder!— Von Liebe nichts in all den ſuͤßen Schuften, Und lauter Hoͤflichkeit! Die Menſchenbrut Renkt ſich in Aff' und Pavian noch hinein. Alcib. Ihr ſtilltet meine Sehnſucht, und ich ſchwelge In Gier an Eurem Anblick. Tim. Sehr willkommen: Und eh' wir ſcheiden, eint uns manche Stunde In Freud' und Luſt. Ich bitte, tretet ein. (Alle gehn ab, außer Apemantus.) (Zwei Lords treten auf.) 1. Lord. Was iſt die Zeit am Tage, Apemantus? Apem. Zeit daß man ehrlich iſt. 1. Lord. Die Zeit iſt immer. Apem. Um ſo verruchter du, ſie nie zu nutzen. 2. Lord. Gehſt zu Lord Timons Feſt? Apem. Ja; um zu ſehn wie Schurken Speiſe naͤhrt, Und Narren Wein erhitzt. 2. Lord. Leb' wohl, leb' wohl. Apem. Du biſt ein W du mir's zweimal agſt. 2. Lord. Warum, Apemantus? Apem. Du haͤtteſt das eine fuͤr dich behalten ſollen, denn ich denke dir keines zu geben. 1. Lord. Geh, haͤng' dich auf. Apem. Nein, ich thue nichts auf deinen Befehls bring deine Geſuche bei deinem Freunde an. 2. Lord. Fort, du zaͤnkiſcher Hund, oder i oße dich mit dem Fuß St⸗ 8 Apem. Ich will, wie der Hund, die Hufen des Eſels fliehen. (Apemantus geht ab.) 1. Lord. Er iſt ein Widerſpruch der Menſchheit. Kommt hinein, VII. 12 178 Timon von Athen. A. I. Laßt Timons Guͤt' uns koſten; ſie iſt reicher, Als ſelbſt das Herz der Milde. 2. Lord. Er ſtroͤmt ſie aus; Plutus, der Gott des Goldes, Iſt ſein Verwalter nur: Wer ihn beſchenkt, Wird ſiebenfach belohnt; und keine Gabe, Die nicht Vergeltung ihrem Geber bringt, Weit uͤber alles Maaß. 1. Lord. Das edelſte Gemuͤth hat er, das je im Menſchen herrſchte. 2. Lord. Er lebe lang' glüͤcklch! Woll'n wir gehn? 1. Lord. Ja, ich begleite Euch. (ſie gehn ab.) 8 weite Szene. Prunkſaal in Timons Hauſe. (Hoboen, laute Muſik. Ein großes Banquet wird herein ge⸗ tragen. Flavius und andre Diener. Dann treten auf: Timon, Alcibiades, Lucius, Sempronius und Ge⸗ folge. Zuletzt Apemantus.) Pentidius. Erlauchter Timon, Goͤtterrathſchluß ſandte Zur langen Ruh' den greiſen Vater hin. Er ſchied begluckt, und hinterließ mich reich: Drum, wie mich Lieb' und Dankbarkeit verpflichten, Erſtatt ich deiner Großmuth die Talente, Zugleich dir dienſtergeben, der durch ſie Mir Freiheit ſchuf. Tim. O nimmermehr, Ventidius. Rechtſchaffner Mann, da kraͤnkt Ihr meine Liebe; Ich gab ſie weg auf immer. Wer zuruͤck nimint, Fann nicht mit Recht behaupten, daß er giebt: Wenn ſo der Große thut, nicht ziemt uns nachzuſpielen, Weil an den Reichen ſtets die Fehler ſelbſt gefielen. (Sie ſtehen alle mit Ehrfurcht um Timon her.) Sz. 2. Timon von Athen. 179 Vent. Ein edler Geiſt! Tim. Nein, Lords, die Ceremonie Ward nur erfunden, einen Glanz zu leihn Verſtellter Freundlichkeit und hohlem Gruß, Gutthun vernichtend, um nicht zu gewaͤhren; Doch wahre Freundſchaft kann ſie ganz entbehren. Setzt Euch; Ihr ſeyd willkommner meinem Gluͤck, Als mir mein Reichthum iſt. (ſie ſetzen ſich.) 1. Lord. Mylord, das war ſtets unſer Eingeſtaͤndniß. Apem. Ho! Eingeſtaͤndniß? folgt nicht Haͤngen drauf? Tim. O, Apemantus!— ſey willkommen. Apem. Nein, Ich will nicht daß du mich willkommen heißeſt: Ich kam, damit du aus der Thuͤr mich werfeſt. Tim. Pfui, du biſt rauh, und einer Laune eigen, Dem Menſchen ungeziemend, tadelnswuͤrdig: Sonſt ſagt man, ira furor brevis est, Doch jener Mann iſt immerfort ergrimmt. Du da, bereit' ihm ſeinen eignen Tiſch; Denn er ſucht weder die Geſellſchaft auf, Noch paßt er fuͤr ſie irgend. Apem. Laß mich hier ſtehn, Timon, an deiner Wand; Ich kam um aufzumerken; ſey gewarnt. Tim. Das kuͤmmert mich nicht; du biſt ein Athener, und mir deshalb willkommen: Ich moͤchte hier nichts zu befehlen haben; bitte, laß mein Mahl dich zum Schwei⸗ gen bringen. Apem. Dein Mahl ich; es erwuͤrgt mich, enn n Nie wuͤrd' ich ſchmeicheln.— Göoͤtter! welche Schaar Verzehrt den Timon, und er ſieht ſie nicht! Mich quaͤlt es, daß ſo Viel' ihr Brodt eintauchen In Eines Mannes Blut; und groͤßre Tollheit, Er muntert ſie noch auf. Mich wundert, wie doch Menſch dem Menſchen traut: Sie ſollten ohne Meſſer nur ſich laden; Gut fuͤr das Mahl, und ſichrer fuͤr ihr Leben. Man hat manch Beiſpiel; der Geſell, der ihm Zunaͤchſt, Brodt mit ihm bricht, ſein Wohl trinkt Mit ſeinem Athem im getheilten Trunk, Er iſt der naͤchſt' ihn zu ermorden. So 12 180 Timon von Athen. A. I. Geſchah's ſchon oft; waͤr' ich ein großer Herr, Ich wagte bei der Mahlzeit nicht zu trinken; Sonſt konnte man erſpaͤhn der Kehle Schwaͤchen: Nur halsgepanzert ſollten Große zechen. Tim. Von Herzen, Herr; und rundum geh' es weiter. 2. Lord. Laß ihn von dieſer Seite wandeln, edler Lord⸗ Apem. Von dieſer Seite! Ein herz'ger Menſch!— das Wandeln iſt ſein Handwerk. H Timon! du und dein Beſih, Wird krank von dem Geſundheitstrinken noch. Hier hab' ich, was zu ſchwach iſt, um zu ſuͤnd'gen, Ehrliches Waſſer, was noch Keinen hinwarf: Dies mag mit meiner Koſt ſich gut vertragenz Schmaus iſt zu ſtolʒ, den Gottern Dank zu ſagen. (Des Apemantus gratias.) Ihr Gotter, nicht um Geld bitt ich; Für Niemand bet' ich, als fuͤr mich: Gzebt, daß ich nie ſo thoricht ſey, Zu traun der Menſchen Schwur und Tren'; Roch der Dirne, wenn ſie weint; Und dem Hund, der ſchlafend ſcheint; Roch dem Schließer im Gefängniß, Roch dem Freunde in Bedraͤngniß, Amen. So greife zu: Der Reiche ſundigt, Wurzeln ſpeiſe du. (Er ißt und trinkt) und wohl bekomm' es deinem guten Herzen, Apemantus. Tim. General Alcibiades, Euer Herz iſt in dieſem Au⸗ genblick im Felde. Alcib. Mein Herz iſt immer zu Euren Dienſten, Mylord. Tim. Ihr waͤret lieber bei einem Fruͤhſtuͤck von Fein⸗ den, als bei einem Mittagseſſen von Freunden. Alcib. Wenn ſie friſchblutend ſind, ſo kommt kein Schmaus ihnen gleich, und ich moͤchte meinem beſten Freund ein ſolches Feſt wuͤnſchen. Apem. So wollt ich, alle dieſe Schmeichler waͤren deine Feinde; damit du ſie alle todten konnteſt, und mich dann darauf einladen. 1. Lord. Wuͤrde uns nur das Gluͤck zu Theil, edler Lord, daß Ihr einſt unſrer Liebe beduͤrftet, damit wir Euch Sz. 2. Timon von Athen. 181 einigermaßen unſern Eifer zeigen koͤnnten, dann wuͤrden wir uns auf immer fuͤr begluͤckt halten. Tim. O, zweifelt nicht, meine theuern Frennde, die Goͤtter ſelbſt haben gewiß dafuͤr geſorgt, daß Ihr mir noch dereinſt ſehr nutzlich werden koͤnnt: Wie waͤret Ihr auch ſonſt meine Freunde? Weßhalb fuͤhrtet Ihr, vor tauſend andern, dieſen liebevollen Ramen, wenn Ihr meinem Her⸗ zen nicht die Nächſten waͤret? Ich habe mir ſelbſt mehr von Euch geſagt, als Ihr mit Beſcheidenheit zu Eurem Beſten ſagen koͤnnt, und das ſteht feſt bei mir. O, Ihr Goͤtter, denk' ich, was beduͤrften wir irgend der Freunde, wenn wir ihrer niemals beduͤrften? ſie waͤren ja die un⸗ nuͤtzeſten Geſchoͤpfe auf der Welt, wenn wir ſie nie ge⸗ brauchten: und glichen lieblichen Inſtrumenten, die in ihren Kaſten an der Wand haͤngen und ihre Toͤne fuͤr ſich ſelbſt behalten. Wahrlich, ich habe oft gewuͤnſcht, aͤrmer zu ſeyn, um Euch näher zu ſtehn. Wir ſind dazu geboren, wohl⸗ tbaͤtig zu ſeyn: und was konnen wir wohl mit beſſerm An⸗ ſpruch unſer eigen nennen, als den Reichthum unſrer Freunde? O, welch ein troͤſtlicher Gedanke iſt es, daß ſo Viele, Bruͤdern gleich, einer uͤber des andern Vermoͤgen gebieten kann! O Freude, die ſchon ſtirbt, ehe ſie geboren wird! Meine Augen koͤnnen die Thraͤnen nicht zuruͤck hal⸗ ten: um ihren Fehl vergeſſen zu machen, trinke ich Euch zu⸗ Apem. Du weinſt, daß ſie trinken moͤgen, Timon. 2. Lord. So ward' die Freud' auch uns im Aug empfangen, Und ſprang ſogleich als weinend Kind hervor. Apem. Ich lache, daß es wohl ein Baſtard war. 3. Lord. Wahrlich, Mylord, Ihr habt mich ganz erſchuͤttert. Apem. Gans! (Trompeten hinter der Scene) Tim. Was bedeutet die Trompete?— he? (Ein Diener tritt auf.) Dien. Mit Eurer Genehmigung, Mylord, es ſind einige Damen da, die ſehnlich den Einlaß wuͤnſchen. Tim. Damen? was begehren ſie? Dien. Sie haben einen Vorlaͤufer bei ſich, Mylord, der den Auftrag hat, ihren Willen kund zu thun. „ 182 Timon von Athen. A. I. Tim. Wohl, ſo laß ſie ein. (Cupido tritt auf.) Cup. Dem wuͤrd'gen Timon Heil, und all den Andern, Die ſeiner Huld genießen!— Die fuͤnf Sinne Erkennen dich als ihren Herrn, und nahn Gluͤck wuͤnſchend deinem edlen Haus: Geſchmack, Gefuͤhl fand hier an deinem Tiſch Erquicken; Sie kommen nur, dein Auge zu entzuͤcken. Tim. Sie ſind alle willkommen; man empfange ſie freundlich; Muſik heiße ſie willkommen. (Cupido geht ab.) 1. Lord. Ihr ſeht, wie Ihr von Allen ſeyd geliebt. (Muſik, Cupido tritt wieder auf, Maskerade von Damen als Amazonen verkleidet, ſie haben Lauten, ſie tanzen und ſpielen.) Apem. Heiſa, ein Schwarm von Eitelkeit bricht ein! Sie tanzen, ha! wahnſinn'ge Weiber ſind's. Ganz ſolcher Wahnſinn iſt die Pracht des Lebens, Wie dieſer Pomp ſich zeigt bei dieſer Wutzel. Selbſt machen wir zu Narr'n uns, uns zu freun;z Vergeuden Schmeicheln, aufzutrinken Menſchen, Auf deren Alter wir es wieder ſpeien, Mit Haß und Hohn vergiftet. Wer lebt, der nicht Gekraͤnkt iſt, oder kraͤnkt? Wer ſtirbt, und nimmt Nicht eine Wund' in's Grab von Freundeshand? Die vor mir tanzen jetzt, ich wuͤrde fuͤrchten Sie ſtampfen einſt auf mich: Es kam ſchon vorz Man ſchließt beim Sonnenuntergang das Thor. (Die Lords ſtehn vom Tiſch auf, indem ſie dem Timon bie größte Ehrfurcht beweiſenz und, um ihm ihre Liebe zu zeigen, wählt jeder eine Amazone zum Tanz; nach einer heitern Muſik ſchließt der Tanz.) Tim. Ihr ſchoͤnen Frauen lieh't Anmuth unſrer Luſt, Und ſchmuͤcktet unſer Feſt mit ſchoͤnerm Glanz, Das halb ſo reich und hold vorher nicht ſtrahlte; Ihr gabt ihm hoͤhern Werth und freundlich Schimmern, Und unterhieltet mich, wie ich's erſann; Noch bleib' ich Dank Euch ſchuldig. 1. Dame. Ihr nehmt uns, Mylord, von der beſten Seite⸗ Sz2 Timon von Athen. 183 „— Apem. Wahrlich, denn die ſchlimmſte iſt ſchmutzig; und wuͤrde wohl kaum das Nehmen vertragen, denk' ich. Tim. Ihr Frauen, dort findet Ihr ein leicht Banket: So guͤtig ſeyd, Euch ſelber zu bedienen. D. Damen. Euch hochſt ergebnen Dank, Mylord. (Cupido und die Damen gehn ab.) Tim. Flavius,— Flav. Mylord. Tim. Bring' mir das kleine Käſichen. Flav. Sogleich, Mylord.— (Beiſeit.) Noch immer mehr Juwelen! Man darf ihn nicht in ſeiner Laune kreuzen; Sonſt wuͤrd' ich— Gut— wenn Alles iſt geſchwunden, Wuͤnſcht er, er hätte ſich gekreuzt gefunden. O Jammer! moͤchte Milde ruͤckwaͤrts ſehn, Daß nicht an Großmuth Edle untergehn. (Er geht ab, und kommt mit dem Käſtchen wieder.) 1. Lord. Sind unſte Leute da? Dien. Euch zu Befehl, Mylord. 2. Lord. Die Pferde vor! Tim. Ihr Freunde, noch ein Wort Erlaubt mir:— Seht, mein guter Lord, ich muß Euch bitten, daß Ihr mir die Ehr' erweiſt, Hier dies Juwel zu adeln: Empfangt und tragt es, guͤt'ger Herr. 1. Lord. Doch bin ich ſchon ſo ſehr in Eurer Schuld— Alle. Das ſind wir alle. (Ein Diener tritt auf.) 2. Dien. Mylord, es ſteigen ein'ge Senatoren Vom Pferde eben, um Euch zu beſuchen. Tim. Hoͤchlich willkommen. Flav. Ich erſuch' Eur Gnaden, Erlaubt ein Wort mir: es betrifft Euch nah. Tim. Mich ſelbſt? ſo hoͤr ich dich ein andermal: B bitte, laß uns wohl bereitet ſeyn, ie ziemend aufzunehmen. Flav.(beiſeit.) Kaum noch weiß ich, wie⸗ (Ein Diener tritt auf.) 3. Dien. Erlaubt mir, gnaͤd'ger Herr, Lord Lueius ſendet 184 Timon von Athen. A. 1. Aus freier Liebe, als Geſchenk Euch, vier Milchweiße Roſſe, aufgeſchirrt mit Silber. Tim. Ich nehme ſie mit Sorgt, daß die abe Wuͤrdig erwiedert wird.— Wie nun, was giobts? (Ein Diener tritt auf.) 4. Dien. Mit Euer Gnaden Erlaubniß, der edle Lord Lucullus wuͤnſcht Eure Geſellſchaft, um morgen mit ihm ſ jagen; und ſendet Euer Gnaden zwei Kuppel Wind⸗ unde. Tim. Ich ſage zu.— Laß in Empfang ſie nehmen Nicht reichen Lohn. Flav.(beiſeit.) Was ſoll draus werden? Bewirthen ſollen wir und reich beſchenken; Und alles das aus einem leeren Kaſten.— Er rechnet nimmer nach, und heißt mich immer ſchweigen Wenn ich ſein Herz als Bettler ihm will zeigen, Da ſeine Macht nicht ſeinem Wunſch genuͤgt: Ihn uͤberfliegt ſo ſehr was er verſpricht, Daß, was er redet, Schuld iſt: ja verpflichtet Fuͤr jedes Wort, iſt er ſo mild, daß Zins Er dafuͤr zahlt. All ſeine Guͤter ſtehn In ihren Buͤchern.— Waͤr' ich nur freundlich meines Dienſtes los, Bevor ich ihn gewaltſam laſſen muß! Viel beſſer freundlos, keinem Speiſe biethen, Als Vielen, die mehr noch als Feinde wuͤthen. Es blutet mir das Herz um meinen Herrn. Cer geht ab.) Tim. Ihr thut Euch ſelbſt groß Unrecht, Schaͤtzt Ihr ſo wenig Euren eignen Werth:— Hier, nehmt die kleine Gabe meiner Liebe. 2. Lord. Ich nehm's, mit nicht gemeiner Dank⸗ barkeit. 3. Lord. Ja wohl iſt er der Großmuth wahre Seele! Tim. Und jetzt entſinn 6 mich, Mylord, Ihr t ga Zing ſchoͤnes Lob dem Braunen den ich ritt: riſt der Eure, da er Euch gefaͤllt. Sz· 2. Timon von Athen. 185 2. Lord. Ich bitt' Euch, edler Herr, entſchuldigt mich. Tim. Glaubt meinem Wort, mein Freund, ich weiß, man kann Nur nach Verdienſt das loben was man liebt: Der Freunde Neigung waͤg' ich nach der eignen; Ich ſpreche aus der Seel'. Ich ſuch' Euch auf. Alle Lords. Wer waͤre ſo willkommen! Tim. Beſuch' der Freund', und Eurer ins Beſondre, Iſt mir ſo werth, ich kann genug nicht geben; Den Freunden moͤgt' ich Koͤnigreiche ſchenken, Und nie ermuͤden.— Alcibiades, Du biſt ein Krieger, darum ſelten reich, Du brauchſt es wohl: dein Lebensunterhalt Iſt bei den Todten; deine Laͤndereien Das Schlachtfeld. Alcib. Unfruchtbares Land, Mylord. 1. Lord. Wir ſind unendlich Euch verpflichtet.— Tim. Und So bin ich Euch. 2. Lord. Auf ewig ganz ergeben. Tim. Nicht minder ich.— He, Lichter, noch mehr Lichter! 1. Lord. Das hoͤchſte Gluͤck, Reichthum und Ehre bleib' Euch, edler Timon. Tim. Zum Dienſt der Freunde. (Alcibiades und die Lords gehn ab.) Apem. Welch ein Laͤrm iſt das! Grinſend Geſicht, den Steiß heraus gekehrt! Ob wohl die Beine jene Summen werth Die ſie gekoſtet? Freundſchaft iſt voll Kahmen: Der Falſchheit Knochen ſollten immer lahmen. Kniebeugen macht treuherz'gen Narr'n bankrut. Tim. Nun, Apemantus, waͤr'ſt du nicht ſo muͤrriſch, Wollt' ich dir Gutes thun. Apem. Nein, ich will nichts: Denn wuͤrd' ich auch beſtochen, bliebe keiner Auf dich zu ſchmaͤhn; dann ſuͤndigtſt' du noch ſchneller. Du giebſt ſo viel, Timon, daß, wie ich fuͤrchte, Du in Papier dich bald hinweg geſchenkt: Wozu die Schmaͤuſ' und Aufzug, eitles Großthun? Tim. Nein, ſchmaͤhſt du auf Geſelligkeit ſogar, * 186 Timon von Athen. A. II. So will ich wahrlich deiner gar nicht achten. Fahr wohl, und komm' in beſſerer Stimmung. (Timon geht ab.) 2 Apem. So;— Du willſt nicht hoͤren,— ſollſt anch nicht;— verſchloſſen Sey dir dieß Gluͤck. O Menſch, wie ſo bethoͤrt! Taub iſt das Ohr dem Rath, das Schmeichler hoͤrt. (geht ab.) 3 weiter Aufzug. Er ſt S ene. Zimmer in dem Hauſe eines Senators. (Der Senator tritt auf, mit Papieren in der Pand) 3 Senator. c Fuͤnftauſend kurzlich erſt dem Varro; Iſidor Iſt er neuntauſend ſchuldig; mein's dazu Macht fuͤnfundzwanzig.— Immer raſcher tanmelt Verſchwendung ſo? Es kann, es wird nicht dauern. Fehlt's mir an Geld, ſtehl' ich'nes Bettlers Hund, Und geb' ihn Timon, gut, der Hund muͤnzt Geld. Will ich, ſtatt meines Pferdes, zwanzig kaufen, Und beßre: nun, mein Pferd ſchenk' ich dem Timon, Nichts ſordernd geb' ich's ihm, gleich fohlt mir's Roſſe, Und treffliche: Kein Pfoͤrtner ſteht am Thor; Nein, einer nur, der laͤchelnd alles ladet, Was dort vorbei geht. Dauern kann es nicht; Kein Sinn kann ſeinen Zuſtand ſicher finden. He, Caphis! Caphis, ſag' ich⸗ Sz. 2. Timon von Athen 187 (Caphis tritt auf.) Caph. Was beſehlt Ihr? Sen. Den Mantel um, und zu Lord Timon gleich; Sey dringend um mein Geld, und nicht beguͤtigt Durch leichte Ausflucht: Schweig' nicht, wenn es heißt— Empfiehl mich deinem Herrn— man mit der Kappe Spielt in der rechten Hand, ſo:— Nein, ſag' ihm, Man draͤngt mich ſelbſt, und ich muß ſie beſchwicht'gen Aus meinen Mitteln. Seine Friſt iſt um, Und mein Credit, da er nicht Stundung hielt, Iſt ſchon beſchmitzt: Ich lieb' ihn und verehr' ihn; Doch bricht mein Hals, den Finger ihm zu heilen: Ich brauch' es augenblicks; und was mich rettet, Muß nicht unſichre, ſchwanke Rede ſeyn, Nur ſchleunigſte Befried'gung. Mach' dich auf: Nimm dann hoͤchſt ungeſtuͤmes Weſen an, Ein Angeſicht des Mahners; denn ich fuͤrchte, Steckt jede Feder in der rechten Schwinge, Bleibt Timon als ein nackter Gauch zuruͤck, Der jetzt als Phoͤnix leuchtet. Mach' dich fort. Caph. Ich gehe, Herr. Sen. Ich gehe, Herr?— Nimm die Verſchreibung mit, Und merke die Verfallzeit. Caph. Gut. Sen. So geh⸗ (gehn ab.) 3 weite S ze me⸗ Vorhalle in Timons Hauſe. (Flavius tritt auf mit vielen Rechnungen in der Hand.) 6 Flavius. Nachdenken, Einhalt nicht! Wirthſchaft ſo ſinnlos, Daß er ſie weder ſo kann weiter fuͤhren, Roch die Verſchwendung hemmt: Sich nicht drum kuͤmmert 188 Timon von Athen. A. MI. Wo alles hin geht; noch ein Mittel ſucht Woraus es fort zu fuͤhren; nie verband Sich ſo viel Milde ſolchem Unverſtand. Was wird noch draus? Er hoͤrt nicht bis er fuͤhlt⸗ Ich ſchenk' ihm reinen Wein, kommt er vom Jagen. Pfui, pfui! (Caphis tritt auf, und die Diener des Iſidor und Varro.) Caph. Ei, Varro, guten Abend: Kommſt du nach Geld? Parr. Dien. Iſt's nicht auch dein Geſchaͤft? Caph. So iſt's;— Und dein's auch, Iſidor? Iſid. Dien. Ja wohl. Caph. Waͤr'n wir nur Alle ſchon bezahlt! Varr. Dien. Hm,, ſchwerlich. Caph. Hier kommt der gnaͤd'ge Herr. (Es treten auf Timon, Alcibiades und Lords.) Tim. Gleich nach der Mahlzeit gehn wir wieder dran, V ebe F e 6 aph. Hier, dieſe Schuldverſchreibung, edler Herr— Tim. Schuld? Woher biſt du? Caph. Gnaͤd'ger, aus Athen. Tim. Zu meinem Hausverwalter geh. Caph. Verzeiht mir, gnaͤd'ger Herr, ſeit einem Monat Verweiſt er mich von einem Tag zum andern: Mein Herr iſt angereizt durch ſchlimmen Drang, Zu mahnen an die Schuld; und fleht in Demuth. Daß Ihr, mit Eurem edlen Thun im Einklang, Sein Recht ihm thut. Tim. Mein guter Freund, ich bitte, Komm wieder zu mir morgen fruͤh. Caph. Nein, edler Herr. Tim. Vergiß dich nicht, mein Guter. Parr. Dien. Des Varro Diener, Lord— Iſid. Dien. Von Iſidor; In Demuth bittet er um ſchnelle Zahlung. Caph. Waͤr' Euch bekannt, wie ſehr mein Herr es braucht— Varr. Dien. Schon vor ſechs Wochen fällig, Herr, und druͤber. —— Sz 2. Timon von Athen. 189 Iſid. Dien. Mylord, Euer Hausverwalter weiſt mich ab; Ausdruͤcklich ſchickt man mich zu Euer Gnaden⸗ Tim. Nur kleine Ruh':— Ich bitt' Euch, edle Lords, geht mir voran; (Alcibiades und die Lords gehn ab.) Ich folg' Euch augenblicks.— Gu Flavius.) Komm her, und ſprich, Wie, um die Welt, daß man mich ſo umdraͤngt Mit Mahngeſchrei um Schuld, verfallenen Scheinen Und ruͤckgehaltnen Summen, zahlbar laͤngſt, Zum Nachtheil meiner Ehre? Flav. Hoͤrt, Ihr Herrn, Die Zeit iſt fuͤr Geſchaͤfte nicht geeignet: Stillt Euren Ungeſtuͤm, bis nach der Mahlzeit; Auf daß ich ſeiner Gnaden ſagen moͤge, Weshalb Ihr nicht bezahlt ſeyd. Tim. Thut das, Freunde. Und laß ſie gut bewirthen. (Timon geht ab.) Flav. Bitte, kommt. (Flavius geht ab.) (Apemantus und ein Narr treten auf.) Caph. Wartet, hier kommt Apemantus mit dem Nar⸗ ren; wir wollen noch etwas Spaß mit ihnen treiben. Varr. Dien. An den Galgen mit ihm, er wird uns ſchlecht begegnen⸗ Iſid. Dien. Die Peſt uͤber den Hund! Parr. Dien. Was machſt du, Narr? Apem. Fuͤhrſt du Geſpraͤch mit deinem Schatten? Parr. Dien. Ich ſpreche nicht mit dir. en Nein, mit dir ſelbſt.—(zum Narren.) Komm ort. Iſid. Dien. Czu Varros Diener.) Da haͤngt dir der Narr ſchon am Halſe. Apem. Nein, du ſtehſt allein, und haͤngſt nicht an ihm. Caph. Wo iſt der Narr nun? Apem. Der die letzte Frage that.— Arme Schufte, i von Wucherern! Kuppler zwiſchen Gold und angel! 190 Timon von Athen. A. II. Alle Dien. Was ſind wir, Apemantus? Apem. Eſel. Ir ſ pem. eil Ihr mich fragt was Ihr ſeyd, und Eu ſelbſt nicht kennt.— Sprich mit ihnen, Mart.* 4 Warr. Wie geht's Euch, Ihr Herren? Alle Dien. Großen Dank, Narr: Wie geht es deiner Gebietherin? Marr. Sie ſetzt eben Waſſer bei, um ſolche Kuͤchlein dbr ſeyd, zu bruͤhen. Ich wollte wir ſaͤhen Euch in orinth. Apem. Gut! ich danke dir. (Ein Page tritt auf.) Seht, hier kommt der Page meiner Gebie⸗ therin. Page(zum Narren) Nun, wie geht's, Capitain? was machſt du in dieſer weiſen Geſellſchaft?— Wie geht's dir, Apemantus? Apem. Ich wollte ich haͤtte eine Ruthe in meinem Munde, um dir eine heilſame Antwort geben zu koͤnnen. Page. Ich bitte dich, Apemantus, lies mir die Auf⸗ ſchrift dieſer Briefe; ich weiß nicht an wen jeder iſt. Apem. Kannſt du nicht leſen? age. Nein. Apem. So wird alſo an dem Tage wo du gehaͤngt wirſt, keine große Gelehrſamkeit ſterben. Dieſer iſt an Lord Timon; dieſer an Alcibiades. Geh; du wurdeſt als Baſtard geboren, und wirſt als Kuppler ſterben. Page. Und du wurdeſt als Hund geworfen; und wirſt verhungern, den Tod des Hundes. Antworte nicht, denn ich bin ſchon fort. (der Page geht ab.) Apem. Eben ſo entfliehſt du der Gnade. Narr, ich will mit dir zu Lord Timon gehen. Narr. Und willſt dn mich dort laſſen? Apem. Wenn Timon zu Hauſe bleibt.— Ihr drei be⸗ dient drei Wucherer. Alle Dien. Ja; bedienten ſie lieber uns! Apem. Das wollte ich auch,— und ſo gut wie jeder Henker den Dieb bedient. Warr. Seyd Ihr die Diener von drei Wucherern? Sz. 2. Timon von Athen. 19¹ Alle Dien. Ja, Narr. Karr. Ich giaube es giebt keinen Wucherer, der nicht eineu Narren zum Diener hat: Meine Gebietherin iſt es auch, und ich bin ihr Narr. Wenn die Leute von Euren Herren borgen wollen, ſo kommen ſie traurig, und gehen frohlich wieder weg; aber in das Haus meiner Gebietherin kommen ſie froͤhlich, und gehn traurig wieder weg: Die Urſach? Parr. Dien. Ich koͤnnte ſie nennen. Apem. So thu es denn, damit wir dich als Verbuhl⸗ ten und Schelm kennen lernen; wofuͤr du, nichts deſto we⸗ niger, gelten ſollſt. Parr. Dien. Was iſt ein Verbuhlter, Narr? Narr. Ein Narr in guten Kleidern, und dir etwas aͤhnlich. Ein Geiſt iſt es: denn zuweilen erſcheint er als ein vornehmer Herr, zuweilen als ein Rechtsgelehrter, zu⸗ weilen als ein Philoſoph; zuweilen gleicht er auch einem Ritter: und, kurz und gut, in allen Geſtalten, worin die Menſchen von achtzig bis zu dreizehn Jahren umher wan⸗ deln, geht dieſer Geiſt um. Parr. Dien. Du biſt nicht ganz ein Narr. Narr. Und du nicht ganz ein Weiſer: ſo viel Narrheit als ich beſitze, ſo viel Witz mangelt dir. Apem. Dieſer Antwort haͤtte ſich Apemantus nicht ſchaͤmen duͤrfen. Alle Dien. Platz, Platz; hier kommt Lord Timon. (Timon und Flavius treten auf.) Apem. Komm mit mir, Narr, komm. Marr. Ich folge nicht immer dem Liebhaber, dem aͤlte⸗ ſten Bruder und der Frau; manchmal dem Philoſophen. (Apemantus und der Rarr gehn ab.) Flav. Ich bitt' Euch, geht; gleich will ich mit Euch reden. (Die Diener gehen alle ab.) Tim. Du machſt mich ſtaunen. Warum fruͤher nicht Haſt du mir mein Vermoͤgen klar berechnet? Daß ich vermocht den Haushalt einzurichten, Wie's mir vergoͤnnt. . Flav. Ihr wolltet nimmer hoͤren, So oft ich's vorſchlug Eurer Muße⸗ 192 Timon von Athen. A. IM. Tim. Was! Einmal ergriffſt du wohl den Augenblick, Wenn uͤble Laune dich zuruͤck gewieſen: Und die Verſtimmung ſoll nun jetzt dir helfen, Dich zu entſchuld'gen. Flav. O, mein theurer Herr! Oft hab' ich meine Rechnung Euch gebracht, Sie hingelegt; Ihr aber ſchobt ſie weg, Und ſpracht? ſie lieg' in meiner Redlichkeit. Befahl't Ihr, fuͤr ein klein Geſchenk ſo viel Zu geben, ſchuͤttelt' ich den Kopf und weintez Ja, bat Euch, gegen das Gebot der Sitte, Mehr Eure Hand zu ſchließen: Ich ertrug Nicht ſeltnen und nicht milden Vorwurf, wagt' ich An Eures Reichthums Ebbe Euch zu mahnen, Und Eurer Schulden Fiuth, geliebter Herr, Jetzt hoͤrt Ihr mich,— Gzu ſpaͤt!) doch muß ich's ſagen, Daß Euer ganz Vermoͤgen halb zu wenig Die gegenwaͤrt'gen Schulden nur zu tilgen. Tim. Laß all mein Land verkaufen. Flav. Alles iſt Verpfaͤndet; viel verfallen und dahin; Und wos noch bleibt kann kaum den Riß verſtopfen Des jetz'gen Drang's: Termin folgt auf Termin: Was nun vertritt die Zwiſchenzeit? und endlich Wie ſteht's um unſre Rechnnng? Tim. Bis Lacedaͤmon reichten meine Guͤter. Flav. O, theurer Herr, die Welt iſt nur Ein Wort; Und waͤr' ſie Eu'r, wie ſchnell waͤr' ſie dahin, Wenn ſie Ein Laut verſchenkte! Tim. Du haſt Recht. Flav. Mißtraut Ihr meinem Haushalt, meiner Ehre, So laßt mich vor den ſtrengſten Richtern ſtehn Zur Rechenſchaft. Die Goͤtter ſind mir Zeugen: Wenn Vorſaal, Kuͤch' und Keller voll gedraͤngt Schwelgender Diener; die Gewoͤlbe weinten Vom Weinguß Trunkner; und wenn jeder Saal Von Kerzen flammt', und von Muſik erbrauſte; Saß ich beim ſteten Fluß des Brunnens einſam, Und ließ mein Auge ſtroͤmen. Tim. Bitte, nichts mehr. Flav. Ihr Goͤtter, rief ich, dieſer Herr ſo mild! Wie manchen reichen Biſſen Sclaven heut Sz. 2. Timon von Athen. 193 Verſchluckten! Wer iſt Timon nicht ergeben? Welch Haupt, Herz, Schwerdt, Gold, Gut, gehoͤrt nicht ihm; Dem großen, edeln, koͤniglichen Timon? Ach! ſchwand der Reichthum, der dieß Lob gekauft, So ſchwand der Athem, der dieß Lob gebildet: Was Schmaus gewann, verlor das Faſten wiederz Ein Wintertag, und todt ſind dieſe Fliegen. Tim. Still. pred'ge mir nicht mehr:— Doch kennt mein Herz kein laſterhaft Verſchwenden; Unweif' und nicht unedel gab ich weg. Was weinſt du doch? Denkſt du, ganz gottlos, denn, Ich werde freundlos ſeyn? Beruh'ge dichz Wollt' ich anzapfen allen Wein der Liebe, Durch Borg der Herzen Inhalt mir erpruͤfen, Koͤnnt' ich ihr aller Gut ſo frei gebrauchen, Wie ich dich reden heiße. Flav. Es moͤg' Erfuͤllung Euren Glauben ſegnen. Tim. Und, in gewiſſer Art, freut mich mein Mangel, Daß ich ihn Segen achte; denn durch ihn Pruͤf' ich die Freund': Dann ſiehſt du deinen Irrthum Wie uͤberreich ich in den Freunden bin. He, drinnen da!— Flaminius! Servilius! (Flaminius, Servilius und andre Diener treten auf.) Die Dien. Mylord, Mylord— Tim. Verſchicken will ich Euch,— dich zu Lord Lucius,— Zu Lord Lucullus dich; noch heut' jagt' ich Mit ihm;— dich zu Sempronius; Empfehlt mich ihrer Lieb'; und ich ſey ſtolz, Daß die Gelegenheit ſich fand, um Darlehn An Geld ſie anzuſprechen; mein Erſuchen Funfzig Talent. Flam. Wie Ihr befehlt, Mylord. Flav. Cbeiſeit.) Lord Lucius und Lucullus? Hm!— Tim.(zu einem andern Diener.) Und du, geh zu den Senatoren gleich, Die ſchon, weil ich dem Staate Dienſt gethan,„ Gewaͤhren mögen; daß ſie gleich mir tauſend Talente ſenden. Flav. Ich war ſchon ſo kuͤhn, (Denn dieß geſchieht ja oft ſo wie ich weiß,) dort und Namen zu 3 194 Timon von Athen. A. II. Doch ſchuͤtteln ſie den Kopf, und ich kam wieder Nicht reicher als ich ging. Tim. Ha! wirklich? kann es ſeyn! Flav. Einſtimmig ſprechen Alle, keiner anders, Daß ihre Caſſen leer, kein Geld im Schatz, Nicht koͤnnten wie ſie wollten,— thaͤte leid— Hoͤchſt wuͤrdig Ihr— doch wuͤnſchten ſie— nicht wuͤßten— Es konnte manches beſſer— edler Sinn Kann wanken— waͤr' nur alles gut— doch Schade! Und ſo, zu andern, wicht'gen Dingen ſchreitend, Mit ſcheelem Blick und dieſen Redebrocken, Halb abgezogner Muͤtz', kalt trocknem Micken, Vereiſten ſie das Wort mir auf der Zunge. Tim. Gebt's ihnen heim, ihr Goͤtter!— Ich bitte, Mann, blick froh; den Altgeſellen Iſt nun der Undank einmal einverleibt; Ihr Blut iſt Gallert, kalt, und fließt nur duͤnn, Es iſt nicht friſch und warm, ſie fuͤhlen nichts; Und die Natur, der Erd' entgegen wachſend, Iſt, wie das Reiſeziel, ſchon dumpf und ſchwer.— (Zu einem Diener.) Geh zu Ventidius.(zu Flavius.) Bitte, ſey nicht traurig, Treu biſt du, redlich; frei und offen ſag' ich's, Kein Tadel trifft dich:—(zum Kuͤrzlich erſt begru Ventidius ſeinen Vater; er ward Erbe Von großen Schaͤtzen: als er arm noch war, Gefangen, und kein Freund ihn anerkannte, Loͤſt' ich ihn aus mit fuͤnf Talenten. Gruͤß' ihn: Vermuthen moͤg' er, dringliches Beduͤrfniß Beruͤhre ſeinen Freund, Erinnerung weckend An jene fuͤnf Talent:— 6u Den Burſchen gieb ſie, Die jetzt drauf draͤngen. Fort mit dem Gedanken, Bei Freunden koͤnne Timons Gluͤck erkranken! Flav. Wohl will mein Zweifel mit der Großmuth rechten: Die Milde haͤlt fuͤr milde auch die Schlechten. (gehn ab.) Timon von Athen. 195 Dritter Aufzug. E ſt e Zimmer in Lucullus Hauſe. (Flaminius, ein Diener, kommt zu ihm.) Diener. Ich habe dich bei meinem Herrn gemeldet, er wird gleich zu dir herunter kommen. Flam. Ich danke dir. (Lucullus tritt auf.) Dien. Hier iſt mein Herr. Luc.(beiſeit.) Einer von Timons Dienern? gewiß ein Geſchenk. Ha ha, das trifft ein; mir traͤumte heute Racht von Silber⸗Becken und Kanne. Glaut.) Flami⸗ nius, ehrlicher Flaminius; du biſt ganz ausnehmend ſehr willkommen.—(zum Diener.. Geh, bring Wein.(Diener geht ab.) Und was macht der hochachtbare, unuͤbertreffliche, großmuͤthige Ehrenmann Athens, dein hoͤchſt guͤtiger Herr und Gebieter? Flam. Seine Geſundheit iſt gut, Herr. ALue. Das freut mich recht, daß ſeine Geſundheit gut iſt: Und was haſt du da unter deinem Mantel, mein arti⸗ b. ger Flaminius? Flam. Wahrlich, Mylord, nichts als eine leere Buͤchſe; die ich Euer Gnaden fuͤr meinen Herrn zu fuͤllen erſuche; er iſt in den Fall gekommen dringend und augenblicklich funfzig Talente zu brauchen, und ſchickt zu Euer Gnaden ihm damit auszuhelfen; indem er durchaus nicht an Eurer ſchnellen Bereitwilligkeit zweifelt. 13* 196 Timon von Athen. A. III. Luc. La, la, er zweifelt nicht, ſagſt du? ach, der gute Lord! er iſt ein edler Mann, wollte er nur nicht ein ſo großes Haus machen. Viel und oftmals habe ich bei ihm zu Mittag geſpeiſt, und es ihm geſagt; und bin zum Abendeſſen wieder gekommen, bloß in der Abſicht ihn zur Sparſamkeit zu bewegen: aber er wollte keinen Rath an⸗ nehmen, und ſich durch mein wiederholtes Kommen nicht warnen laſſen. Jeder Menſch hat ſeinen Fehler, und Großmuth iſt der ſeinige; das habe ich ihm geſagt, aber ich konnte ihn nicht davon zuruͤck bringen. (Der Diener kommt mit Wein.) Dien. Gnaͤdiger Herr, hier iſt der Wein. Luc. Flaminius, ich habe dich immer fuͤr einen klugen Mann gehalten. Ich trinke dir zu. Flam. Euer Gnaden beliebt es ſo zu ſagen. Luc. Ich habe an dir immer einen raſchen, auffaſſen⸗ den Geiſt bemerkt,— nein, es iſt wirklich ſo,— und du weißt wohl, was vernuͤnftiges Betragen iſt; du biſt der Zeit willfäͤhrig, wenn die Zeit dir willfährig iſt: alles gute Ei⸗ genſchaften.— Mach dich davon, Menſch.— Czum Diener, der abgeht.) Tritt naͤher, ehrlicher Flaminius. Dein Herr iſt ein wohlthaͤtiger Mann: aber du biſt klug; und ———— weißt recht wohl, obgleich du zu mir kommſt, daß jetzt keine Zeit iſt, um Geld auszuleihen; beſonders auf bloße Freundſchaft, ohne Sicherheit. Hier haſt du drei Gold⸗ ſuͤcke fuͤr dich, guter Junge, druͤck' ein Auge zu, und ſage du habeſt mich nicht getroffen. Lebe wohl. Flam. Iſt's moͤglich? hat die Welt ſich ſo verwandelt, Und wir dieſelben lebend?— Niedertraͤcht'ge Gemeinheit, vleibe dem der dich verehrt! .(indem er das Geld hinwirft.) Luc. Ha, ha! Nun ſehe ich, du biſt ein Narr, und ſchickſt dich gut fuͤr deinen Herrn. (Lucullus geht ab.) Flam. Nimm dieß zu jenem Gold, das einſt di brennt! Geſchmolznes Erz ſey dein Verdammungsſpruch, Du Krankheit eines Freund's, doch nicht ein Freund! Hat Freundſchaft ſolch ein ſchwaches Herz von Milch, Das in zwei Naͤchten umſchlaͤgt? O, ihr Goͤtter! Ich fuͤhle meines Herren Zorn! der Sclav — Sz 2. Timon von Athen. 197 Hat noch in ſich zur Stunde Timons Mahl: Wie ſoll es ihm gedeihn, und Nahrung werden, Wenn er ſich ſelbſt in Gift verwandelt hat? H, moͤge Krankheit nur ſich draus erzeugen! Und, liegt er auf den Tod, der Nahrungsſtoff Fuͤr den mein Herr bezahlte, o entart' er! Vermehre Krankheit, und die Todesmarter! (geht ab.) Zweite Szene. Straße. (Lucius kommt mit drei Fremden.) Luc. Wer, Lord Timon? er iſt mein ſehr guter Freund, und ein ausgezeichneter Ehrenmann. 1. Fremd. Wir kennen ihn nicht anders, obwohl wir ihm fremd ſind. Aber ich kann Euch etwas ſagen, My⸗ lord, was ich durch das allgemeine Geruͤcht gehoͤrt habe; Timons gluckliche Tage ſind vergangen und verſchwunden, und ſein Beſitzthum wird ihm ungetreu. Luc. Mein, glaubt das nicht; um Geld kann er nie in Verlegenheit ſeyn. 2. Fremd. Aber glaubt mir dieß, gnädiger Herr, daß vor kurzem einer ſeiner Diener bei Lord Lucullus war, um, ich weiß nicht wie viele Talente, zu borgen; ja, und noch mehr, ſehr in ihn drang, und die Nothwendigkeit zeigte, die ihn zu dieſem Schritt bewog, und doch abgewieſen ward. Luc. Wie? 2. Fremd. Ich ſage Euch, abgewieſen. Lue. Wie ſeltſam ein ſolches Beginnen! Nun, bei den Gottern, ich muß mich deſſen ſchaͤmen⸗ Den wuͤrdi⸗ gen Mann abzuweiſen! darin zeigte er wenig Gefuͤhl fuͤr Ehre. Was mich betrifft, ich muß bekennen, ich habe einige kleine Liebeszeichen von ihm erhalten, Geid, Silber⸗ geſchirr, Edelſteine und dergleichen Kleinigkeiten, nichts in Vergleich mit jenem; doch, haͤtte er ihn uͤbergangen, und Timon von Athen. A. III. zu mir geſendet, ich haͤtte ſeinem Beduͤrfen dieſe Talente nicht geweigert. (Servilius tritt auf.) Serv. Ei ſieh, zum guten Gluͤck, da iſt ja der edle Luciusʒ ich habe ſchwitzen muͤſſen ihn zu finden.— Ver⸗ ehrter Herr.— Lue. Servilius! gut getroffen. Lebe wohl:— Em⸗ pfiehl mich deinem edlen, tugendhaften Herren, meinem allertheuerſten Freunde. Serv. Mit Euer Gnaden Erlaubniß, mein Herr endet— Luc. Was ſendet er? Ich bin deinem Herren ſchon ſo ſehr verpflichtet; er ſendet immer: O ſage mir, wie kann ich ihm wohl danken? Und was ſendet er mir jetzt? Serv. Nur ſein augenblickliches Erſuchen ſendet er Euch jetzt, mein gnaͤdiger Herrz und bittet Euch ihm ſo⸗ gleich mit ſo vielen Talenten auszuhelfen, als hier geſchrie⸗ ben ſtehen. Luc. Ich weiß, der gnaͤd'ge Lord ſcherzt nur mit mir;z Nicht funfzig, hundert fehlen ihm Talente. Serv. Doch fehlt ihm jetzt die weit geringre Summe. Beduͤrft' er's nicht zum Aeußerſten, Mylord, Wuͤrd' ich nicht halb ſo eifrig in Euch dringen. Luc. Sprichſt du im Ernſt, Servilius? Serv. Bei meiner Seele, Herr, es iſt wahr, Luc. Welch ein gottvergeßenes Thier war ich, mich vor einer ſo gelegenen Zeit vom Gelde zu entbloͤßen, da ich mich haͤtte als einen Mann von Ehre zeigen koͤnnen! Wie ungluͤcklich trifft es ſich, daß ich durch einen kleinen Ein⸗ kauf am Tage zuvor, nun einen großen Theil meiner Ehre einbuͤßen muß!— Servilius, ich rufe die Goͤtter zu Zeugen, ich bin nicht im Stande es zu thun; um ſo mehr Vieh, ſage ich noch einmal!— Ich wollte ſo eben ſelbſt Timon anſprechen, das koͤnnen dieſe Herren bezeugen; aber jetzt moͤchte ich um alle Schaͤtze von Athen nicht, daß ich es gethan haͤtte. Empfiehl mich angelegentlich deinem liebe⸗ vollen Gebieter; ich hoffe ſein Edelmuth wird das Beſte von mir denken, da es nicht in meiner Macht ſteht mich ihm freundlich zu bezeigen:— Und ſage ihm von mir, ich halte es fuͤr einen der groͤßten Unglucksfaͤlle die mich tref⸗ fen konnten, daß ich ſolchem edlen Mann nicht dienen Sz. 2. TDimon von Athen. 199 kann. Guter Servilius, willſt du mir ſo viele Liebe erzei⸗ gen, meine eigenen Worte gegen ihn zu gebrauchen? Serv. Ja, Herr, das werde ich. Zuc. Ich werde daran denken dir einen Gefallen zu thun, Servilius.(Servilius geht ab.) Recht, wie Ihr ſagt, mit Timon will ſich's neigen; Wem man nicht traut, der kann nie wieder ſteigen. (Lucius geht ab.) 1. Fremd. Bemerkt Ihr dieß Hoſtilius? 2. Fremd. Nur zu gut. 1. Fremd. Dieß iſt Der Geiſt der Welt; und grad' aus ſolchem Tuch Iſt jedes Schmeichlers Wit. Iſt der noch Freund, Der mit uns in dieſelbe Schuͤſſel taucht? Timon, ich weiß, war dieſes Mannes Vater, Es rettete ſein Beutel ihn vom Fall; Hielt ſein Vermoͤgen, ja, mit Timons Geld Dezahlt er ſeiner Diener Lohn; Rie trinkt er, Daß Timons Silber nicht die Lipp' ihm ruͤhrtz Und doch,(o ſeht, wie ſcheußlich iſt der Menſch, Wenn er des Undanks Bildung an ſich traͤgt!) Verſagt er ihm, was ihm nur iſt, dem Reichen, Was ein barmherz'ger Mann dem Bettler giebt. 3. Fremd. Die Froͤmmigkeit ſeufzt leidend. 1. Fremd. Was mich betrifft, Ich habe nie von Timon was genoſſen, Roch theilte mir ſich ſeine Guͤte mit, Als Freund mich zu bezeichnen; doch betheur' ich, lm ſeines edlen Sinn's erlauchter Tugend, Und ſeines adelichen Weſens halb, Wenn er in ſeiner Noth mich angegangen, Mein ganz Beſitzthum haͤtt' ich hingeopfert, Daß ihm die groͤßte Haͤlfte wiederkehrte, So lieb' ich ſein Gemuͤth. Doch merk ich wohl, Man muß mit zartem Sinn zu geben wiſſen; Denn Klugheit thront noch hoͤher als Gewiſſen. (ſie gehn ab.) 200 Timon von Athen. A. III. D ri e S Zimmer in Sempronius Hauſe. (Sempronius tritt auf mit einem Diener Timons.) Sempronius. Beſtuͤrmen muß er mich vor allen andern? Den Lucius und Lucullus konnt' er angehn; Und auch Ventidius iſt nun reich geworden, Den er vom Kerker losgekauft! Sie alle Verdanken ihren Wohlſtand ihm. Dien. Mylord, Gepruͤft ſind ſie, und falſches Gold gefunden; Sie weigerten ihm alle. Semp. Weigern ihm? Ventidius und Lucullus weigern ihm? Nun ſchickt er her zu mir? Und ſie? Hm, hm!— Das zeigt in ihm nur wenig Lieb' und Urtheil. Ich, letzter Troſt? Die Freunde ſind wie Aerzte Beſchenkt, und laſſen ihn: Ich ſoll ihn heilen? Sehr hat er mich gekraͤnkt; ich bin ihm boͤſe, Daß er mich ſo verkennt: Kein Grund und Sinn Weshalb er mich zuerſt nicht angeſprochen, Denn ich, auf mein Gewiſſen, war der Erſte, Der Gaben je von ihm empfangen hat: Und ſtellt er mich nun in den Hintergrund, Daß er zuletzt mir traute? Nein, dieß wuͤrde Nur Gegenſtand des Spott's fuͤr all die andern, Ein Thor nur ſtaͤnd' ich da vor all den Lords. Drei mal die ganze Summe gaͤb' ich lieber, War ich der Erſt', nur um mein Zartgefuͤhl; So ſchwoll mein Herz ihm Gutes zu erweiſen! Zum Nein der Andern ſey das Wort geſellt, Wer meine Ehre kraͤnkt, ſieht nie mein Geld. (geht ab.) Dien. Ganz unvergleichlich! Euer Gnaden iſt ein recht frommer Boͤſewicht. Der Teufel wußte nicht was er that, als er den Menſchen politiſch machte; er ſtand ſich ſelbſt im Lichte: und ich kann nicht anders glauben, als daß durch ſo nichtswuͤrdige Klugheit der Suͤnder ſich noch Sz. 4. Timon von Athen. 201 zum Heiligen diſputirt. Wie tugendhaft ſtrebte der Lord, um niedertraͤchtig zu erſcheinen? Frommen Vorwand nimmt er, um gottlos zu ſeyn; denen gleich, die mit inbruͤn⸗ ſtigem Religionseifer ganze Koͤnigreiche in Brand ſtecken moͤchten. Der Art iſt ſeine uͤberkluge Liebe. Er Timons beſte Hoffnung; all' entweichen, Nur die Goͤtter nicht: Die Freunde all' ſind Leichen. Die Thuͤr, die niemals ihren Riegel kannte, Durch manch gaſtfreies Jahr, muß jetzt ſich ſchließen, Um ſichern Wahrſam ihrem Herrn zu leihn. Das iſt der Schluß von all zu freien Jahren; Das Haus bewahrt, wer nicht ſein Geld kann wahren. (geht ab.) VBierte Szene Vorhalle in Timons Hauſe. (Es treten auf zwei Diener des Varro und ein Diener des Lucius; Titus, Hortenſius und andere Diener von Ti⸗ mons Gläubigern.) Varros Diener. Recht! Guten Morgen Titus und Hortenſius. Tit. Euch auch, mein guter Varro. Zort. Lucius! Wie treffen wir uns hier? Luc. Dien. Und, wie ich glaube, Fuͤhrt Ein Geſchaͤft uns Alle her; denn mein's Iſt Geld. Tit. Und ſo iſt Ihr's und unſer's. (Philotus tritt auf.) Luc. Dien. Eil Philotus auch. Phil. Guten Morgen. Lnc. Dien. Freund, willkommen. Was iſt's wohl an der Zeit? 202 Timon von Athen. A. III. Phil. Nicht weit von neun. Luc. Dien. So ſpat? Phil. War Mylord noch nicht ſichtbar? Luc. Dien. Nein. Phil. Mich wundert's; um ſieben ſtrahlt' er onſt. Lue. Dien. Ja, doch ſein Tag iſt kuͤrzer jetzt ge⸗ worden: Seht, Freunde, des Verſchwenders Lauf iſt gleich Der Sonne; doch erneut ſich nicht, wie ſie. Ich fuͤrcht', in Timons Beutel iſt es Winter; Das heißt, ſteckt man die Hand auch tief hinein, Man findet wenig. Phil. Ja, das fuͤrcht' ich auch. Tit. Jetzt merkt mal auf ein hoͤchſt ſeltſames Ding. Euer Herr ſchickt Euch nach Geld? Zort. Gewiß, das thut er. Tit. Und traͤgt Juwelen, die ihm Timon ſchenkte, Fuͤr die ich Geld erwarte. Zort.*s iſt gegen mein Gemuͤth. Luc. Dien. Ja, wunderſam, Timon bezahlt was niemals er bekam: Als wenn dein Herr, weil er Juwelen traͤgt, Sich daſuͤr Geld von Timon geben ließe. Zort. Ich bin des Auftrag's ſatt, die Göͤtter wiſſen's: Sehr viel erhielt mein Herr als Timon reich; Sein Undank macht es jetzt dem Diebſtahl gleich. Parr. Dien. Mein's iſt dreitauſend Kronen; und das deine? Luc. Dien. Fuͤnftauſend. Varr. 1. Dien. Das iſt ſehr viel, und nach der Summe ſcheint's, Dein Herr war ihm vertrauter als der meine; Sonſt waͤre ſicher auch die Fordrung gleich. (Flaminius tritt auf.) Tit. Einer von Timons Dienern. Luc. Dien. Flaminius! auf ein Wort: Ich bitte dich, iſt dein Herr bereit, heraus zu kommen? Flam. Nein, gewiß nicht. Tit. Wir erwarten ſeine Gnaden; und ich bitte dich, thu ihm das zu wiſſen. Sz. 4. Timon von Athen. 203 Flam. Ich habe nicht noͤthig, es ihm zu ſagenz er weiß wohl, daß Ihr nur zu emſig ſeyd. (Flaminius geht ab.) (Flavius tritt auf, in einen Mantel verhüllt.) Luc. Dien. Iſt der Verhuͤllte nicht ſein Hausverwalter? Er geht in einer Wolke fort: He, ruft ihn. Tit. Hoͤrt Ihr nicht, Freund? Varr. 1. Dien. Mit Euer Erlaubniß, Herr— Flav. Was wollt Ihr von mir haben, meine Freunde? Tit. Wir warten auf gewiſſe Gelder. Flav. Ja, Waͤr' Geld nur ſo gewiß als Euer Warten, So waͤr' es ſicher. Was nicht brachtet Ihr Die Schuldbrief', als die falſchen Herren ſchwelgten An Timons Tiſch? Sie koſ'ten, mahnten nicht, Und laͤchelten, und nahmen noch den Zins In gier'gen Schlund. Ihr thut Euch ſelbſt zu nah, Daß Ihr mich reizt; laßt ruhig mich von hinnen; Mein Herr und ich kann jetzt den Haushalt enden: Ich bin mit Rechnen fertig, er mit Spenden. Luc. Dien. Ja, doch die Antwort dient nicht. Flav. Dient ſie nicht, Iſt beſſer ſie als Ihr; denn Ihr dient Schelmen. (Flavius geht ab.) Varr. 1. Dien. Was murmelt da der abgedankte gnaͤ⸗ dige Herr? Varr. 2. Dien. Das iſt einerlei; er iſt arm, und das iſt Strafe genug fuͤr ihn. Wer kann freier ſprechen, als der, der kein Haus hat, den Kopf hinein zu thun? ſolche Leute duͤrfen auf große Gebaͤude ſchelten. (Servilius tritt auf.) Tit. Hier iſt Servilius; nun werden wir wohl irgend eine Antwort bekommen. Serv. Wenn ich Euch bitten darf, Ihr guten Herren, So kommt zu einer andern Stunde, ſehr Will ich's Euch danken: denn glaubt meinem Wort, Mein Herr iſt außerordentlich verſtimmt. Sein heitrer Sinn hat gaͤnzlich ihn verlaſſen; Denn er iſt krank, und muß ſein Zimmer huͤten. Luc. Dien. Das Zimmer huͤtet mancher, der nicht krank iſt: 204 Timon von Athen. A. III. Und, iſt er ſo ſehr leidend, ſollt' er, mein' ich, um ſo viel eher ſeine Schulden zahlen, Und ſich den Weg frei machen zu den Goͤttern. Serv. Ihr Goͤtter! Tit. Dies koͤnnen wir fuͤr keine Antwort nehmen. Flam.(drinnen.) Servilius! komm und hilf! Mylord, Mylord! (Timon tritt auf in einem Anfall von Wuth, Flaminius folgt ihm.) Tim. Was, ſperrt die eigne Thuͤr den Durchgang mir? War ich ſtets frei, und muß mein eigen Haus Mein Feind ſeyn, der mich feſſelt, und mein Kerker? Der Platz, der Luſt geweiht, zeigt er nun auch, Wie alle Menſchen, mir ein eiſern Herz? Luc. Dien. Mach dich an ihn, Titus. Tit. Mylord, hier iſt meine Verſchreibung. Luc. Dien. Und meine. Zort. Und meine. Die beid. Dien. des Parr. Und unſre, Herr. Phil. Alle unſre Verſchreibungen. Tim. So haut mich nieder, ſpaltet mich zum Guͤrtel! Luc. Dien. Ach! Herr— Tim. Zertheilt mein Herz. Tit. Funfzig Talente hier. Tim. Nehmt denn mein Blut. Luc. Dien. Fuͤnftauſend Kronen, Herr. Tim. Fuͤnftauſend Tropfen zahlen die. Und Ihr?— Und Ihr? Varr. 1. Dien. Herr! Parr. 2. Dien. Herr! Tim. Reißt mich in Stuͤck' und toͤdten Euch die Götter! (Er geht ab.) FZort. Nun, ich ſehe wohl, unſre Herrn moͤgen ihre Muͤtzen nach ihrem Gelde ſchmeißen; dieſe Schulden kann man wohl verzweifelte nennen, da ein Raſender ſie bezah⸗ len ſoll. (Sie gehn alle ab.) (Timon kommt zurück mit Flavius.) Tim. Es nahmen Luft und Athem mir die Sclaven. Glaͤubiger!— Teufel!— Flav. Mein theurer Herr! Sz. 5. Timon von Athen. 205 Tim. Und koͤnnt's nicht ſo geſchehn? Flav. Mein gnaͤdiger Herr. Tim. So ſoll es ſeyn:— Mein Hausverwalter! Flav. Hier, Herr. Tim. So ſchnell? Geh, lade mir die Freunde wieder, Lucius, Lucullus und Sempronius, Alle; Ich will die Schurken noch einmal bewirthen. Flav. O theurer Heir, Das ſprecht Ihr nur aus tief zerſtortem Sinn: Es iſt nicht ſo viel uͤbrig, auszurichten Ein maͤß'ges Mahl. Tim. Still, lade All', befehl ich: Daß noch einmal herein die Schelmzucht brechez Mein Koch und ich beſorgen ſchon die Zeche. (Sie gehn ab.) S 6 e Das Haus des Senats. (Der Senat iſt verſammelt.) 1. Sen. Mylord, ſo ſtimm' auch ich; die Schuld iſt blutig; Er muß nothwendig mit dem Tode buͤßen: Die Suͤnde wird durch Gnade frecher nur. 2. Sen. Sehr wahr; vernichten ſoll ihn das Geſetz. (Alcibiades tritt auf mit Gefolge.) Alcib. Heil ſey, und Ehr' und Milde dem Senat! 1. Sen. Was wollt Ihr, Feldherr? Alcib. Vor Eure Tugend tret' ich als ein Fleh'nder; Denn Mitleid iſt die Tugend des Geſetzes, Nur Tyrannei braucht es zur Grauſamkeit. Die Laune war's von Zeit und Schickſal, ſchwer Zu druͤcken einen Freund, der, heißen Blut's, Schritt in's Vergehn, wo pfadlos deſſen Tiefe Fuͤr jenen, der hineinſturzt unbedacht. Er iſt ein Mann, den Fehl bei Seit' geſetzt, Von milden Tugenden; 206 Timon von Athen. A. III. Auch nicht befleckte Feigheit ſein Beginnen Ein Ruhm, der wohl des Fehltritts Schuld bezahlt,) ein, heldenmuͤth'gen Sinn's und edeln Zorn's, Da er zum Tod' die Ehre ſah verletzt, Begegnet' er dem Feind: Und ſo gemaͤßigt mit verhaltnem Grimm, Hielt er den Zorn bis an das End' in Schranken, Als ſtritt er mit Beweiſen und Gedanken. 1. Senat. Du unternimmſt zu herben Widerſpruch, Willſt du die ſchnoͤde That in Schoͤnheit kleiden: Faſt ſchien dein kuͤnſtlich Wort dahin zu ſtreben, Den Menſchenmord zu adeln, Rauferlaune Vor Tapferkeit zu ehren; die doch, wahrlich, Nur mißerzeugter Muth, zur Welt gekommen, Als Secten und Partein geboren wurden: Nur der zeigt wahren Muth, der weislich duldet Das Schlimmſte was der Gegner ſpricht; dem Kraͤnkung Gewand nur wird und Huͤlle, leicht zu tragen; Der Unbill nie laͤßt bis zum Herzen dringen, Dieß zu vergiften. Iſt Unheil Schimpf und zwingt uns todt zu ſchlagen, Wird nur der Thor um Unheil Leben wagen. Alcib. Mylord,— 1. Senat. Durch Euch wird glorreich nicht ein hart Verſchulden; Sich raͤchen iſt nicht Tapferkeit, nein, Dulden. Alcib. Dann, mit Vergunſt, Ihr edeln Herrn, verzeiht, Red' ich hier als Soldat:— Was wagen in der Schlacht ſich dumme Menſchen, Und dulden nicht das Draͤun? und ſchlafen ſtill, In Zuverſicht dem Feind die Kehle bietend, Ganz ohne Widerſtand? iſt im Ertragen So großer Muth, was machen wir im Feld? RNun alſo, tapferer ſind dann die Frauen, Im Hausgeſchaͤft, geht Dulden uͤber alles; Mehr als der Leu, iſt dann Soldat der Eſelz Der Dieb in Ketten, weiſer als der Richter, Liegt Weisheit nur im Leiden. Senatoren, Groß ſeyd ihr ſchon, nun ſeyd auch mild und gut: Raſchheit verdammt man leicht mit kaltem Blut. Der Mord, ich geb' es zu, iſt boͤſ. und ſchlechtz Doch nennt Vertheid'gung Gnade ſelbſt gerecht. Sz. 5. Timon von Athen. 207 Der Zorn gehoͤrt wohl zu den groͤßten Suͤnden; Doch iſt kein Menſch, der nie gezuͤrnt, zu finden: Waͤgt daran ſeine Schuld. 2. Sen. Ihr ſprecht umſonſt. Alcib. Umſonſt? und alle Dienſte die er that, Zu Lacedaͤmon und Byzantium, Sie konnten ihm das Leben wohl erkaufen! 1. Sen. Was meint Ihr? Alcib. Ich ſag' Euch, edlen Dienſt hat er gethan, Und manchen Eurer Feind' im Feld getodtet: Wie tapfer er noch kaͤmpft' im letzten Treffen, Das kuͤnden all die Wunden, die er ſchlug. 2. Sen. Ja, Ihr habt Recht, zu viele Wunden ſchlug er, Ein Schwelger iſt er: ſchon der eine Fehl Erſaͤuft ihn, und raubt ſeinem Muth Beſinnug, Haͤtt' er nicht andre Feinde, der allein Koͤnnt' ihn beſiegen, oft ward er geſehn, Daß er in vieh'ſcher Wuth das Schnoͤde that, Und mit Empoͤrern hielt: So viel iſt wahr, Sein Rauſch bringt Schande ihm, und uns Gefahr, 41. Sen. Er ſtirbt. Aleib. O hart Geſchick! was ſtarb er nicht im Krieg? Nun wohl, wenn nicht um ſeiner Thaten willen, Mann gleich ſein rechter Arm die Zeit ihm kaufen, Und niemand ſchuldig bleiben,) Euch zu ruͤhren, Nehmt meine Thaten auch, vereint ſie beide: Und, da ich weiß, es lieb' Euer wuͤrd'ges Alter Die Sicherheit, verpfaͤnd' ich meine Siege, All meinen Ruhm, damit er zahl' und zinſe. Verlangt Geſetz fuͤr dieſen Fehl ſein Leben, Nun dann, im Krieg, in tapfern Schlachten ſterb' er; Iſt Satzung herb', ſo iſt der Krieg noch herber. 1. Sen. Wir ſtehn hier fuͤr's Geſetz, er ſtirbt; nichts weiter, Bei unſerm Zorn: Sey's Bruder, Sohn, Genoß, Des Blut verfiel, der fremdes Blut vergoß. Alcib. Muß es denn ſeyn? es muß nicht. Senatoren, Ich bitt' Euch ſehr, erkennt mich wieder. 2. Sen. Wie? 208 Timon von Athen. A. III. Alcib. Ruft mich zuruͤck in Euer Gedaͤchtniß, 3. Sen. Was? Alcib. Gewiß, Euer Alter hat mich ganz vergeſſen; Weßhalb ſonſt ſtaͤnd' ich ſo verachtet hier, Und ſäh die kleine Gunſt geweigert mir? Das ſchmerzt die Wunden! 1. Sen. Trotzt Ihr unſerm Zorn? Er iſt an Worten ſchwach, doch ſtark im Thun: Drum ſey verbannt auf ewig. Alcib. Ich verbannt? Bannt Eure Thorheit, Euren Wucher bannt, Der den Senat abſcheulich macht. 1. Sen. Wenn nach zwei Tagen dich Athen noch aßt Fuͤrcht' unſer ſchwer Gericht. Ch unſer Geiſt Roch mehr entbrennt, ſoll jener ſchleunig ſterben. (die Senatoren gehn ab.) Alcib. So werdet alt und greis; bis ihr nur lebt Noch als Gebein, verhaßt jedwedem Auge⸗ Ha! mich faßt Raſerei: Ich ſchlug den Feind, Indeß ihr Gold ſie zaͤhlten, ihre Muͤnzen Ausliehn auf hohen Zins; und ich nur reich An tapfern Narben:— Und dafuͤr nun ſo 2 Iſt Balſam dieß, den der Senat, der Wuch'rer, In ſeines Feldherrn Wunden gießt! Verbannung! Das iſt nicht ſchlimm; willkommen iſt Verbannung; So hat mein Zorn und Grimm denn guten Grund, Athen zu ſchlagen. Munter werb' ich jetzt Mein mißvergnuͤgtes Heer, nach Herzen wuchernd: *s iſt ehrenvoll der Guͤter ſich entſchlagen; Gleich Goͤttern ſoll kein Krieger Schmach ertragen. (er geht ab.) Sz. 6. Dimon von Athen. 209 S (Timons Prunkſaal, Tafeln ſind geſetzt, die Diener ſtehn umher. Timons Freunde i von verſchiedenen Seiten herein. 1. Lord. Ich wuͤnſche Euch einen guten Tag, Freund. 2. Lord. Ich Euch gleichfalls. Ich glaube dieſer Mann wollte uns neulich nur auf die Probe ellen. 1. Lord. Eben darauf waren meine Gedanken auch gerichtet, indem wir uns begegneten: Ich hoffe es ſteht nicht ſo ſchlimm mit ihm, als er bei Pruͤfung ſeiner Freunde vorgab. 2. Lord. Nach dem, was dieß neue Gaſtmahl uns ver⸗ heißt, kann es wohl nicht ſeyn. 1. Lord. Das glaube ich auch; Er ſandte mir eine dringende Einladung, welche abzulehnen mir ernſte Ge⸗ ſchaͤfte nahe genug legten; aber er beſchwor mich, auch die wichtigſte Ruͤckſicht fallen zu laſſen, und ſo mußte ich denn nothwendig erſcheinen. 2. Lord. Auf gleiche Weiſe war ich von ſehr bedeu⸗ tenden Geſchaͤften abgehalten, aber er wollte meine Ent—⸗ ſchuldigung nicht hoͤren. Es thut mir leid, daß mein Vor⸗ rath ganz erſchoͤpft war, als er zu mir ſchickte, Geld auf⸗ zunehmen. 1. Lord. An derſelben Kraͤnkung leibe ich, da ich nun ſehe wie die Sachen ſtehen. 2. Lord. Jedem der hier iſt, geht es ſo. Wie viel wollt' er Euch abborgen? 1. Lord. Tauſend Goldſtuͤcke. 2. Lord. Tauſend Goldſtuͤcke! 1. Lord. Wie viel von Euch? 2. Lord. Er ſchickte zu mir,— doch hier kommt er. (Timon tritt auf mit Gefolge.) Tim. Von Herzen gegruͤßt, Ihr beiden edeln Maͤn⸗ ner:— Wie geht es Euch? VII. 14 210 Timon von Athen. A. III. 1. Lord. Immer ſehr gut, wenn ich Euer Gnaden Wohlergehen erfahre. 2. Lord. Die Schwalbe folgt dem Sommer nicht freu⸗ diger, als wir Euer Gnaden. Tim. Und verlaͤßt auch den Winter nicht freudiger; ſolche Sommervoͤgel ſind die Menſchen.— Ihr Herren, unſer Mahl wird dieſes langen Wartens nicht werth ſeyn: weidet Eure Ohren indeß an der Muſik; wenn Trompeten⸗ klang ihnen keine zu harte Speiſe iſt: wir wollen uns gleich ſetzen. 1. Lord. Ich hoffe Ihr erinnert Euch deſſen nicht un⸗ freundlich, mein gnaͤdiger Herr, daß ich Euch einen leeren Boten zuruͤck ſandte. Tim. Ei, laßt Euch das nicht beunruhigen. 2. Lord. Mein edler Lord— Tim. Ah, guter Freund! Kommen die Speiſen? (Ein Banket wird herein gebracht.) 2. Lord. Mein hoͤchſt verehrter Herr, ich bin krank vor Scham, daß ich, als Ihr neulich zu mir ſandtet, ein ſo ungluͤcklicher Bettler war. Tim. Denkt nicht weiter daran. Lord. Haͤttet Ihr nur zwei Stunden fruͤher ge⸗ ickt— Sin Stoͤrt damit nicht beſſere Gedanken.— Kommt, bringt Alles zugleich. 2. Lord. Lauter verdeckte Schuͤſſeln! 1. Lord. Ein koͤnigliches Mahl, das glaubt mir. 3. Lord. Daran zweifelt nicht, wie nur Geld und die Jahreszeit es liefern kann. 1. Lord. Wie geht es Euch? Was giebt es Neues? 3. Lord. Alcibiades iſt verbannt: Habt Ihr davon ſchon gehoͤrt? 1. u. 2. Lord. Alcibiades verbannt? 3. Lord. So iſt es, zweifelt nicht. 1. Lord. Wie denn? wie denn? 2. Lord. Ich bitte Euch, aus welchem Grunde? Tim. Meine wuͤrdigen Freunde, wollt Ihr naͤher treten? 3. Lord. Ich will Euch nachher mehr davon erzaͤhlen. Hier ſteht uns ein herrlicher Schmaus bevor. 2. Lord. Dieſer Maun iſt noch der Alte. 3. Lord. Wird's dauern? wird's dauern? 2., Lord. Es wird: doch kommt die Zeit, und dann— Sz. 6. Timon von Athen. 211 3. Lord. Ich verſtehe Euch. Tim. Ein jeder an ſeinen Platz, mit der Gier wie er zu den Lippen ſeiner Geliebten eilen wuͤrde: an allen Plaͤtzen werdet Ihr gleich bedient. Macht kein Ceremonien⸗ Gaſt⸗ mahl daraus, daß die Gerichte kalt werden, ehe wir uͤber den erſten Platz einig ſind: Setzt Euch, ſetzt Euch. Die Goͤtter fordern unſern Dank. „O Ihr großen Wohlthaͤter! ſprengt auf unſre Geſell⸗ ſchaft Dankbarkeit herab. Theilt uns von euren Gaben mit, und erwerbt euch Preis: aber behaltet zuruͤck, fuͤr kuͤnftige Gabe, damit eure Gottheiten nicht verachtet wer⸗ den. Verleiht einem Jeden genug, damit keiner vom an⸗ dern zu leihen braucht: denn, zwaͤnge die Noth Eure Gott⸗ heit, von den Menſchen zu borgen, ſo wuͤrden die Men⸗ ſchen die Goͤtter verlaſſen. Macht das Gaſtmahl beliebter, als den Monn der es giebt. Laßt keine Geſellſchaft von zwanzig ohne eine Stiege Boͤſewichter ſeyn: Wenn zwoͤlf Frauen an einem Tiſche ſitzen, ſo laßt ein Dutzend von ihnen ſeyn— wie ſie ſind.— Den Reſt Eures Zehentens, o ihr Goͤtter,— die Senatoren von Athen, zuſammt der gemeinen Hefe des Poͤbels,— was in ihnen noch Hoff⸗ nung zulaͤßt, ihr Goͤtter, macht zum Verderben reif. Was dieſe meine gegenwaͤrtigen Freunde betrifft,— da ſie mir nichts ſind, ſo ſegnet ſie in nichts, und ſo ſind ſie mir zu Nichts willkommen.“ Deckt auf. Nun leckt, ihr Hunde! (Die Schüſſeln werden aufgedeckt, ſie ſind alle voll warmen Waſſers.) Mehrere zugleich. Was meint der edle Herr? Andere. Ich weiß es nicht. Tim. Moͤgt Ihr ein beßres Gaſtmahl nimmer ſehn, Ihr Maulfreund'⸗Rotte! Dampf und lauwarm Waſſer Iſt Eure Tugend. Dieß iſt Timons Letztes; Der Euch bis jetzt mit Schmeicheleien ſchminkte, Waͤſcht ſo ſie ab, Euch eigne Bosheit rauchend In's Antlitz ſpruͤh'nd. Cer gießt ihnen Waſſer ins Geſicht,) Lebt lang und graͤuelvoll, Stets laͤchelnde, abſcheuliche Schmarutzer, Hoͤfliche Moͤrder, ſanfte Woͤlfe, freundliche Bären, Ihr Rarr'n des Gluͤcks, Tiſchfreunde, Tagesfliegen, Scharrfuͤß'ge Sclaven, Wolken, Wetterhaͤhne! Von Menſch und Vieh die unzaͤhlbare Krankheit 14* 212 Timon von Athen. A. III. Sie uͤberſchupp' Euch ganz!— Was, gehſt du fort? Nimm dein' Arznei erſt mit,— auch du, und du. (Er wirft ihnen die Schüſſeln nach, und treibt ſie hinaus.) Bleibt, ich will Geld Euch leihn, von Euch nicht borgen.— Wie, All' in Lauf? Kein Mahl ſey mehr genommen, An dem ein Schurke nicht als Gaſt willkommen! Verbrenne, Haus; verſink' Athen! verhaßt nun ſeyd Dem Timon Menſch und alle Menſchlichkeit! (er geht ab.) Die Gäſte kommen zurück, mit noch andern Lords und Senatoren.) 1. Lord. Wie nun, Ihr Herren? 2. Lord. Wißt Ihr was Naͤheres um Timons Raſerei? 3. Lord. Still! habt Ihr meine Kappe nicht geſehen? 4. Lord. Ich habe meinen Rock verloren. 3. Lord. Er iſt nichts weiter als ein toller Lord, und nur Laune ſetzt ihn in Bewegung. Meulich ſchenkte er mir einen Edelſtein, und nun hat er ihn mir vom Huthe iene geſchlagen. Habt Ihr meinen Edelſtein nicht. geſehen? 4. Lord. Habt Ihr meine Kappe nicht geſehen? 2. Lord. Hier iſt ſie. 4. Lord. Hier liegt mein Rock. 1. Lord. Laßt uns nicht verweilen. 2. Lord. Lord Timon raſt. 3. Lord. Ich fuͤhl's in den Gebeinen. 4. Loed. Juwelen ſchenkt' er geſtern uns, heut wirft er uns mit Steinen. (Alle ab.) Timon von Athen. 213 Vierter Aufzug. Eſi Feld. (Timon tritt auf.) Timon. Laß mich noch einmal auf dich ſchau'n, du Mauer, Die dieſe Woͤlf' umſchließt! Tauch' in die Erde, Schuͤtz nicht Athen! Frau'n, werdet zuͤgellos; Trotzt Euren Eltern, Kinder! Sclaven, Narren, Reißt von dem Sitz die wuͤrd'gen Senatoren, Und haltet Rath ſtatt ihrer! Jungfraun⸗Reinheit Verkehre ploͤtzlich ſich zu frecher Schande, In Gegenwart der Eltern! Bankrutierer, Halt feſt, gieb nichts zuruͤck; heraus das Meſſer, Fuͤr deines Glaͤub'gers Hals! Stehlt ihr Leibeigenen! Langhaͤnd'ge Raͤuber ſind ja Eure Herrn, Und pluͤndern durch Geſetz. Magd, in deines Herren Bett! Die Frau iſt im Bordel. Sohn, ſechzehn alt, Die Kruͤcke reiß dem lahmen Vater weg, Und ſchlag' ihm aus das Hirn! Furcht, Froͤmmigkeit, Scheu vor den Goͤttern, Friede, Recht und Wahrheit, Zucht, Haͤuslichkeit, Rachtruh' und Nachbartreue, Belehrung, Sitte, Religion, Gewerbe, Achtung, Gebrauch, Geſetz und Recht der Staͤnde, Stuͤrzt euch vernichtend in eur Gegentheil, Bis nur Vernichtung lebt!— Peſt, Menſchenwuͤrger, Haͤuf' deine maͤcht'gen, gifterfuͤllten Fieber All' auf Athen, zum Falle reif! Du Huͤftweh, Die Senatoren kruͤmm', daß ihre Glieder Lahm, gleich den Sitten werden! Luſt und Frechheit, 214 Timon von Athen. A. IV. Schleich' in das Mark und das Gemuͤth der Jugend; Daß ſie, dem Tugendſtrom entgegen ſchwimmend, In Wuͤſtheit ſich ertraͤnkt! Mit Schwuͤr' und Beulen Sey ganz Athen beſaͤt, und ew'ger Ausſatz Die Erndte: Athem ſtecke Athem an; Daß ihre Naͤh', gleich ihrer Freundſchaft ſey, Gift durch und durch! Nichts nehm' ich von dir mit, Als Nacktheit, du, des Abſcheus wuͤrd'ge Stadt! Nimm auch noch das, mit hundertfachen Fluͤchen: Timon geht nun zum Wald; das wildſte Thier Zeigt Lieb' ihm mehr, als je die Menſchen hier⸗ Auf aanz Athen, hoͤrt, Goͤtter insgeſammt, Auf Stadt und auf das Land die Blitze flammt! Daß Timons Haß mit den Jahren wachſ, erſuch' ich, Und alle Menſchen, niedrig, hoch, verfluch' ich! Amen! Cgeht ab.) 3 weite Szene. In Timons Hauſe. (Flavius tritt auf und mehrere Diener Timons,) 1. Diener. Sprecht, Hausverwalter, wo iſt unſer Herr? Sind wir vernichtet? abgedankt? bleibt nichts? Flav. Gefaͤhrten, ach, was ſoll ich Euch doch ſagen? Es ſey'n mir Zeugen die gerechten Goͤtter, Ich bin ſo arm wie Ihr. 1. Dien. Solch Haus gefallen! Solch edler Herr verarmt! verloren alles! Kein Freund, der bei der Hand ſein Schickſal faßt Und mit ihm geht! 2. Dien. Wie wir den Ruͤcken wenden Von dem Gefaͤhrten, den das Grab verſchlang; So ſchleichen vom begrabnen Gluͤck ſich alle Die Freund', hinwerfend ihm die hohlen Schwuͤre, Sz. 2. Timon von Athen. 215 Gleich leeren Beuteln: und ſein armes Selbſi, Ein Bettler nur, der Luft anheim gefallen, Mit ſeiner Krankheit allvermiedner Armuth, Geht nun, wie Schmach, allein.— Moch mehr Ge⸗ faͤhrten. (Es kommen noch andere Diener.) Flav. Zerbrochenes Geſchirr der Haus⸗Zerſtorung! 3. Dien. Und doch traͤgt ſ Herz noch Timons leid, Das zeigt Eu'r Antlitz; wir ſind noch Kamraden, All in des Kummers Dienſt: Leck iſt das Fahrzeug; Wir Schiffer ſtehn auf ſinkendem Verdeck, Und ſehn die Wellen draͤun: Wir muͤſſen ſcheiden In dieſe See der Luft. Flav. Ihr guten Freunde, Hier theil ich unter Euch mein letztes Gut. Laßt uns, wo wir uns ſehn, um Timons willen, Kamraden ſeyn; die Haͤupter ſchutteln, ſagen, Als Grabgelaͤut dem Gluͤcke unſers Herrn, „Wir kannten beßre Tage.“ Jeder etwas; (er gibt ihnen Geld.) Nein, alle reicht die Hand. Und nun kein Wort: So gehn wir arm, doch reich an Kummer, fort. (die Diener gehn ab.) O, furchtbar Elend, das uns Pracht bereitet! O, wer will wohl nach Glanz und Reichthum ringen, Wenn ſie uns hin zu Schmach und Armuth zwingen? Wer naͤhme ſo die Pracht als Hohn? wer lebte Wohl gern in einem Traum der Freundſchaft nur? Anſehn und Pracht und Wohlſtand zu beſitzen, Gemalt nur, ſo wie die geſchminkten Freunde? Du Redlicher, verarmt durch Herzensguͤte; Durch Mild' erwuͤrgt! Wie iſt Natur verdreht, Wenn Allzugut als ſchlimmſte Suͤnde ſteht; Wer hilft durch Tugenden noch anderer Roͤthen, Wenn ſie nur Goͤtter ſchaffen, Menſchen toͤdten? O theurer Herr,— geſegnet um verflucht, Feich, elend nur zu ſeyn,— dein groß Vermoͤgen Iſt nun dein tiefſtes Leid. Ach, guͤt'ger Herr! Er brach in Wuth aus dem hartherz gen Wohnſitz Der vieh'ſchen Freunde. Nichts hat er bei ſich 216 Timon von Athen⸗ A. IV. Zur Friſtung und Erleichterung des Lebens. Ich will ihm nach, und wo er iſt erforſchen: So gut ich kann will ich fuͤr ihn noch ſchaltenz Was mir des Geldes bleibt, fuͤr ihn verwalten. (er geht ab.) Ds itte Szene Wald. (Timon tritt auf.) Timon. O Lichtgott, Segen zeugend, zieh hinauf Dunſftfaͤulniß; deiner Schweſter Luftbahn ſey Vergiftet! Zwillingsbruͤder Eines Schoßes,— Deren Erzeugung, Wohnung und Geburt, Faſt ungetrennt,— trifft ſie verſchiednes Gluͤck— Der Groͤßre hoͤhnt den Niedern: Ja, Natur, (Von Wunden rings bedraͤngt) ſie kann groß Gluͤck Ertragen nur, wenn ſie Natur verachtet. Hebe dieſen Bettler, und verſag's dem Lord,— Folgt angeerbte Schmach dem Senatoren, Dem Bettler eingeborne Ehre. Beſitzthum ſchwellt des Bruders Seiten auf, Der Mangel zeugt den Abfall. Wer, wer darf In reiner Mannheit aufrecht ſtehn und ſagen: „Ein Schmeichler iſt der Menſch.“ Wenn's Einer iſt, So ſind es all'; denn jeder hoͤhern Staffel Des Gluͤcks ſchmiegt ſich die untre: goldnem Dummkopf Duckt der gelehrte Schaͤdel: Schief iſt alles; Nichts grad' in unſrer fluchbeladnen Menſchheit, Als Bosheit ungekruͤmmt. Drum ſeyd verabſcheut, Gelage all, Geſellſchaft, Menſchendrang! Denn Timon haßt die Gleichgeſchaffnen, ja, ſich ſelbſt: Zernichtung dem Geſchlecht der Menſchen!— Erde Gieb Wurzeln mir! Cer gräbt.) Wer Beßres in dir ſucht, dem wuͤrz' den Gaumen Sz. 3. Timon von Athen. 217 Mit deinem ſchärfſten Gift! Was find' ich hier? Gold? koſtbar, flimmernd, rothes Gold? Nein, Goͤtter! Nicht eitel fleht' ich. Wurzeln, reiner Himmel! So viel hievon, macht ſchwarz weiß, haͤßlich ſchoͤn; Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel. Ihr Goͤtter! warum dieß? warum dieß, Goͤtter; Ha! dieß lockt Euch den Prieſter vom Altar; Reißt Halbgeneſ'nen weg das Schlummerkiſſen: Ja dieſer rothe Selave loͤſt und bindet Geweihte Bande; ſegnet den Verfluchtenz Er macht den Auſſatz lieblich; ehrt den Dieb, Und giebt ihm Rang, gebeugtes Knie und Einfluß, Im Rath der Senatoren: dieſer fuͤhrt Der uͤberjaͤhr'gen Wittwe Freier zu; Sie, von Spital und Wunden giftig eiternd Mit Ekel fortgeſchickt, verjuͤngt balſamiſch Zu Maienjugend dieß. Verdammt Metall, Gemeine Hure du der Menſchen, die Die Voͤlker thoͤrt. Komm, ſey das was du biſt. (Man hört von weitem einen Marſch.) Ha! eine Trommel? Lebendig biſt du, doch begrab' ich dich: Ja, laufen wirſt du noch, du ſtarker Dieb Wenn dein gichtkranker Waͤrter nicht kann ſtehn:— Doch ſo viel bleib' als Handgeld. (er behält einiges Gold zurück.) (Alcibiades tritt auf mit Trommeln und Pfeifen, auf krie⸗ geriſche Weiſe, Phrynia und Timandra.) Alcib. Was biſt du dorten? ſprich? Tim. Ein Vieh, wie du. doch dein Herz ver⸗ aulen Weil du mir wieder Menſchenantlitz zeigſt! Alcib. Wie nennſt du dich? Menſch dir ſo verha Und biſt doch ſelbſt ein Menſch? Tim. Miſanthropos bin ich, und haſſe Menſchheit. Waͤr'ſt du doch, beſſer d'ran zu ſeyn, ein Hund, So liebt' ich etwas dich. Alcib. Ich kenne dich; Doch unbekannt und fremd iſt mir dein Schickſal. Timon von Athen. A. IV. Tim. Dich kenn' ich auch; wuͤnſch' ich nicht zu wiſſen, Als daß du mir bekannt. Folg' deiner Trommel; Bemal' mit Menſchenblut den Grund, roth, roth; Goͤttlich Gebot, menſchlich Geſetz iſt grauſam; Was ſoll der Krieg denn ſeyn? Hier deine Dirne Tragt mehr Zerſtoͤrung in ſich, als dein Schwerdt, Troß ihrem Engelsblick. Phrym. Daß dir die Lippen faulen! Tim. Nicht kuͤſſen will ich dich; ſo bleibt Verweſung Dir an den Lippen hangen. Alcib. Wie ward der edle Timon ſo verwandelt? Tim. So wie der Mond, wenn Licht ihm fehlt zu geben: Doch konnt' ich nicht mich, wie der Mond erneuen; Mir borgte keine Sonne. Alcib. Edler Timon, Kann ich dir Freundſchaft zeigen? Tim. Eine nur, Beſtaͤrke meinen Glanben. Alcib. Welchen, Timon? Tim. Verſprich mir Freundſchaft, aber halte nichts: Verſprichſt du nicht, ſo ſtrafen dich die Goͤtter, Denn du biſt Menſch! und haͤlt'ſt du, ſo vernichten Die Goͤtter dich, denn du biſt Menſch! Alcib. Von deinem Elend hoͤrt' ich Ein'ges ſchon. Tim. Du ſah'ſt es damals als das Gluͤck mir lachte. Alcib. Ich ſeh' es jetzt; damals war Freudenzeit. Tim. Bie deine jetzt, zwei Huren ſtutzen ſie. Timand. Iſt dieß die 6„ von dem die elt So ſchoͤn und ruͤhmlich ſprach? Tim. Biſt du Timandra? Timand. Ja Tim. Bleib' Hure ſtets! dich liebt nicht, wer dich braucht; Gieb Krankheit dem, der ſeine Luſt dir läßt. Brauch' deine wuͤrz'gen Stunden: deine Sclaven Verkruͤpple fuͤr das Bad; zur Hungerkur, Den roſenwangigen Juͤngling. Timand. An den Galgen, Scheuſal! Alcib. Verzeih ihm, hold denn ſein Ver⸗ and Sz. 3. Timon von Athen. 219 Ertrank und ging in ſeinem Elend unter.— Rur wenig Gold beſitz' ich, wackrer Timon, Und dieſer Mangel bringt zum Aufſtand taͤglich Mein darbend Heer: Mit Leid vernahm ich, wie Athen verrucht, hat deines Werth's vergeſſen Und deines tapfern Streit's, als Nachbarſtaaten, Wenn nicht dein gluͤcklich Schwerdt war, es bewaͤltigt. Tim. Ich bitte, ſchlag' die Trommel, mach' dich fort. Alcib. Ich bin dein Freund, beklag' dich, theurer Timon. Tim. Wie kannſt du den beklagen den du plagſt? Ich waͤre gern alleiu. Alcib. Nun, ſo leb' wohl: Nimm dieſes Gold. Tim. Behalt', ich kann's nicht eſſen. Alcib. Wenn ich Athen, das ſtolze, umgeſtuͤrzt— Tim. Bekriegſt Athen? Alcib. Ja, Timon, und mit Recht. Tim. Die Goͤtter moͤgen All durch dich hinwuͤrgenz Und dich nachher, wenn du ſie All' erwuͤrgt! Alcib. Weshalb mich, Timon? Tim. Weil, die Schurken todtend, Du wardſt erwaͤhlt mein Vaterland zu tilgen. Nimm hin dein Gold;— hier iſt Gold,— geh fort: Sey wie Planeten⸗Peſt, wenn Jupiter Den Tod ausſtreut: dein Schwerdt verſchone Keinen: Richt um ſein Silberhaar den wuͤrd'gen Greis, Ein Wucherer iſt's: Hau die Matrone nieder; Sie heuchelt, ihre Kleider nur ſind ſittſam, Sie kuppelt frech: Laß nicht der Jungfrau Wange Stumpfen dein ſchneidend St denn dieſe Milch⸗ ruſt, Die durch die Fenſter kirrt der Maͤnner Augen, Steh auf des Mitleids Liſte nicht geſchrieben, Nein, zeichne ſie als ſcheußliche Verraͤth'rin: Auch nicht des Saͤuglings ſchone, Deß Wangengruͤbchen Rarr'n zum Weinen laͤchelt; Denk's iſt ein Baſtard, den Orakelſpruch Mit dunklem Wort als deinen Moͤrder nenntz Zerſtuck' ihn mitleidslos: Schwor' Tod dem Leben; Leg' erzne Ruͤſtung dir auf Ohr und Auge; So hart, daß Schrei von Mutter, Saͤugling, Jungfrau, 220 Timon von Athen. A. IV. Des Prieſters ſelbſt in heil'gen Kleidern blutend, Dir nichts ſey. Hier iſt Gold fuͤr deine Krieger: Saͤ' aus Vernichtung; iſt dein Grimm erſchoͤpft, So ſey vernichtet ſeibſt: Sprich nichts und geh. Alcib. Haſt du noch Gold? ſo nehm' ich dein Ge⸗ ſchenk, Nicht deinen Rath. Tim. Thu's, oder thu es nicht, vom Himmel ſey verflucht! Phryn. u. Timand. Gold, guter Timon, gieb uns: 2 Haſt du mehr? Tim. Genug, daß Huren ihren Stand verſchworen, Die Kupplerin nicht Huren feilſcht. Weit auf Die Schuͤrzen, Nickel:— Ihr ſeyd nicht eides faͤhig— Obwohl ich weiß, Ihr wuͤrdet furchtbar ſchwoͤren, Daß, hoͤrend Euren Schwur, die ew'gen Goͤtter In Fieberſchauern bebten,— ſpart die Eide, Ich trau' Eurer Natur: Bleibt Huren ſtets; Und ihm, deß frommes Wort Euch will bekehren, Ihm zeigt Euch ſtark, verfuͤhrt ihn, brennt ihn nieder: Beſiegt mit Euerm Feuer ſeinen Rauch. Abtruͤnnig nie; ſeyd dann ſechs Mond' in Muͤhn, Dem ganz entgegen: Schindelt armes Dach Euch mit der Leichen Raub:— auch von Gehaͤngten, Was thut's?— Tragt ſie, betruͤgt mit ihnen; buhlt; Schminkt, bis ein Pferd Euch im Geſicht bleibt ſtecken: Schad' was um Runzeln! Phryn. u. Timand. Gut, mehr Gold;— Was weiter? Glaub' nur, wir thun fuͤr Gold was du verlangſt. Tim. Auszehrung ſaͤ't In hohl Gebein des Mann's; lahmt Schenkelknochen, Des Reiters Kraft zerbrecht; des Anwalds Stimme, Daß er nie mehr den falſchen Spruch vertrete, Und Unrecht kreiſche laut: umſchuppt mit Ausſatz Den Prieſter, der, auf Sinnenſchwachheit laͤſternd, Sich ſelbſt nicht glaubt: fort mit der Naſe, fort, Glatt weg damit! vernichtet ganz die Bruͤcke Ihm, der ſich eigne Jagd erſchnuͤffelnd, nicht Fuͤr Alle ſpuͤrt: Krauskoͤpf'ge Raufer, macht ſie kahl; Dem unbenarbten Kriegesprahler gebt Gehoͤr'ge Qual von Euch: Verpeſtet Alles, Und Eure Thaͤtigkeit erſtick' und doͤrre ** Sz. 3. Timon von Athen. 21 Die Quelle aller Zengung.— Nehmt mehr Gold!— Verderbt die Andern, und verderb' Euch dieß, Und Schlamm begrab' Euch Alle!— Phryn. u. Timand. Mehr Rath mit noch mehr Geld, freigeb'ger Timon. Tim. Mehr Hur', mehr Unheil erſt; dieß iſt nur Handgeld. Alcib. Nun Trommeln, nach Athen hin. Leb' wohl, Timon: Geht's wie ich hoffe, ſeh' ich bald dich wieder. Tim. Geht's wie ich Feuſ ſeh' ich nie dich mehr. Aleib. Nichts Boͤſes that ich dir. Tim. Ja, du ſprachſt gut von mir⸗ Alcib. Nennſt du das boͤſe? Tim. Erfahrung lehrt es taͤglich. Geh, mach' dich fort, und deine Meute auch. Alcib. Wir ſind ihm nur zur Laſt,— Schlagt Trom⸗ meln, fort! (Trommeln. Alcibiades, Phrynia und Timandra gehn ab.) Tim. Mußt du, Natur, krank in der Menſchheit Abfall Noch hungern!— Cer gräbt.) Allgemeine Mutter du, Dein Schooß unmeßbar, deine Bruſt unendlich, Gebiert, naͤhrt All'; derſelbe Stoff, aus dem Dein ſtolzes Kind, der freche Menſch aufquillt, Erzeugt die ſchwarze Kroͤt' und blaue Natter, Die goldne Eidechſ' und die giftige Schlange, Und jeglich Scheuſal unterm Himmelsbogen, Auf das Hyperions Lebensfeuer ſtralt; Gieb ihm, der deine Menſchenkinder haßt, Aus deinem guͤt'gen Schooß nur Eine Wurzel! Vertrockne deine fruchtbar ew'ge Kraft, Daß ihr kein undankbarer Menſch entſpringe! Gebier nur Tiger, Drachen, Wölf' und Bären; Wirf neue Unhold', die dein obrer Rand, Der hohen Marmorwoͤlbung nie gezeigt!— „eine Wurzel,— inn'gen Dank dafuͤr! Vertrockne Mark des Weinbergs, Fett der Aecker; Woraus der undankbare Menſch mit ſuͤßem Trank 22 Timon von Athen. A. IV. Und Leckerbiß den reinen Sinn verſchlemmt, Daß ab ihm gleitet jegliche Betrachtung. (Apemantus tritt auf.) Ein Menſch ſchon wieder? Ha, verflucht! Apem. Hicher ward ich gewieſen: Man berichtet Daß du mein Leben nachahmſt, und mein Thun. Tim. So iſt es denn, weil keinen Hund du haͤlt'ſt, Den ich nachahmen moͤchte: dir die Peſt! Apem. Dieß iſt in dir nur angenomm'ne Weiſe, Unmaͤnnlich, arme Schwermuth, die dem Wechſel Des Gluͤcks entſprang. Was ſoll der Platz? der Spaten? Dieß Sclavenkleid und dieſer Traueranblick? Noch liegt dein Schmeichler weich, trinkt Wein, traͤgt eide, Umarmt den kranken Wohlgeruch, vergeſſend Daß je ein Timon war. Schmaͤh' nicht den Wald, Daß du den bitter Hoͤhnenden hier ſpielſt. Sey du ein Schmeichler jetzt, ſuch' zu gedeihn Durch das, was dich geſtuͤrzt hat: beug' dein Knie Der Athem ſchon des, dem dein Auge dient, Blaſ' dir die Muͤtze ab; ſein Laſter preiſe Und nenn' es Tugend: So erging's auch dirz Du nickteſt, wie ein Bierzapf, jedem Gruͤßer, Schelmen, und wer es war: Nun iſt's gerecht, Daß du ein Schuft wirſt; haͤtt'ſt du Geld genug, So gaͤb'ſt du's Schuften. Nimm nicht an mein Weſen. Tim. Waͤr' ich dir gleich, ſo wollt' ich fort mich ſchleudern. Apem. Du warfſt dich„ da du dir ſelber glicheſt; So lang' ein Toller, nun ein Narr! Wie, denkſt du, Die rauhe Luft, dein ſtuͤrm'ſcher Kammerdiener. Waͤrmt dir dein Heind? Folgt altbemoſter Baum, Der Adler uͤberlebt, hier deinen Ferſen, Und ſpringt fort jedem Wink? Reicht kalter Bach Mit Eiſesrand, den wuͤrz'gen Morgentrunk, Der Nacht Erſchoͤpfung ſtaͤrkend? Ruf' die Weſen,— Die nackt und bloß den kalten Sturm ausdauern, Der rauhen Luft; die unbehauſte Schopfung, Dem Kampf der Elemente hingegeben, Tren der Natur,— befiehl daß ſie dir ſchmeicheln: So find'ſt du— Sz. 3. Timon von Athen. 223 Tim. Daß ein Narr du biſt: Hinweg! Apem. Du biſt mir lieber jetzt, als ehemals. Tim. Verhaßter du. Apem. Weshalb? Tim. Dem Elend ſchmeichelſt du. Apem. Ich ſchmeichle i ich ſag', du biſt ein ump. Tim. Doch weshalb ſuchſt du mich? Apem. Um dich zu quälen. Tim. Stels eines Narren oder Schuftes Amt. Gefaͤllſt du dir d'rin? Apem. Ja. Tim. Wie! Schurk' auch noch? Apem. Legt'ſt du dieß bittre, kalte Weſen an Um deinen Stoiz zu zuͤcht'gen, waͤr' es gut: Doch nur gezwungen thuſt du's: wuͤrdeſt Hoͤfling, Wenn du kein Bettler waͤr'ſt. Freiwillig Elend Kroͤnt ſelbſt ſich, uͤberlebt unſichre Pracht: Die fuͤllt ſich ſelber an, und wird nie vollz Doch jenes g'nuͤgt ſich ſelbſt: der hoͤchſte Stand Iſt, unzufrieden, klaͤglich und voll Jammer, Noch ſchlimmer als der ſchlimmſte, der zufrieden. Du ſollt'ſt zu ſterben wuͤnſchen, da du elend. Tim. Nicht weil du's ſagſt, der weit elender iſt. Du biſt ein Sclav', den nie der Liebesarm Des Gluͤck's umfing; ein Hund ward'ſt du geboren.⸗ Haͤtt'ſt du, gleich uns, vom Saͤugling her, erſtiegen Die ſuͤße Folg, die ſchnell die Welt dem biethet, Der frei darf winken jedem Reiz der ihm Gehorcht, du haͤtteſt dich geſtuͤrzt in Schwelgen, Ganz ohne Maat; die Tugend ſchmelzen laſſen In manchem Beit der Luſt, und nie gehoͤrt Der Mahnung eiſig Wort, du jagteſt nach Dem ſuͤßen Wild vor dir. Dagegen ich, Der ich als Luſtgelag die Welt beſaß; Mund, Zungen, Augen, Herzen aller Menſchen Im Dienſt, mehr als ich Arbeit fuͤr ſie wußte; Die zahllos an mir hingen, ſo wie Blaͤtter Am Eichbaum, ſind durch Einen Winterfroſt Ab von den Zweigen;— offen ſteh' ich, baar Fuͤr jeden Sturm der blaͤſt;— ich, dieß zu tragen, 224 Timon von Athen. A. IV. Der nur das Beßre kannte, iſt faſt ſchwer: Dein Leben fing mit Leiden an, gehaͤrtet Hat dich die Zeit. Was ſollt'ſt du Menſchen haſſen? Sie ſchmeichelten dir nie: Was gab'ſt du ihnen? Willſt fluchen du,— ſo fluche deinem Vater, Dem armen Lump, der, in Verzweiflung, Stoff Gab irgend einer Bettlerin, dich formte, Armſeligkeit von Ahnen her. Hinweg!— Waͤr'ſt du der Menſchheit Wegwurf nicht geboren, Du wuͤrd'ſt ein Schurke und ein Schmeichler ſeyn. Apem. Biſt du noch ſtolz? Tim. Ja, daß ich du nicht bin. Apem. Ich, weil ich kein Verſchwender war. Tim. Und ich⸗ Weil ich es jetzt noch bin; Waͤr' all mein Reichthum in dir eingeſchloſſen, So gb⸗ ich dir Erlaubniß dich zu haͤngen⸗ Fort!— Waͤr' alles Leben von Athen in dieſem, So aͤß' ich's. (er ißt eine Wurzel.) Apem. Hier; ich will dein Mahl verbeſſern. (er giebt ihm etwas.) Tim. Erſt beßre meinen Umgang, ſchaff dich fort. Apem. So beßr' ich meinen eignen, wenn du fehlſt. Tim. Gebeſſert waͤr' er nicht, nein, nur geflickt; Wo nicht, wollt' ich's. Apem. Was wuͤnſcheſt du Athen? Tim. Dich, durch den Wirbelwind, dahin. Und willſt du So ſage dort, ich habe Gold: ſieh hier. Apem. Hier kann kein Gold was nutzen. Tim. Ja, am meiſten: Hier ſchlaͤft's, und laͤßt zum Unheil ſich nicht dingen. Apem. Wo liegſt die Nacht du, Timon? Tim. Unter dem Was mich bedeckt. Wo fuͤtterſt du am Tage? Apem. Wo mein Hunger Nahrung findet; oder viel⸗ mehr, wo ich ſie verzehre. Sz. 3. Timon von Athen. 225 Tim. Ich wollte, Gift gehorchte mir, und wuͤßte meine Meinung. Apem. Wohin wollteſt du es ſenden? Tim. Dein Mahl zu wuͤrzen. Apem. Den Mittelweg der Menſchheit kannteſt du nie, ſondern nur die beiden aͤußerſten Enden: Als du in Gold und Wohlgeruch lebteſt, wurdeſt du wegen zu geſuchter Feinheit verſpottet; in deinen Lumpen kennſt du ſie gar nicht mehr, und wirſt, um ihres Gegentheils willen, verab⸗ ſcheut. Hier haſt du eine Miſpel, iß ſie. Tim. Ich eſſe nicht, was ich haſſe. Apem. Haſſeſt du Miſpeln? Tim. Ja, wenn ſie dir auch gleich ſehen. Apem. Hätteſt du die, dieſen Miſpeln aͤhnlichen, fau⸗ len Zwiſchenträger fruͤher gehaßt, ſo wuͤrdeſt du dich jetzt mehr lieben. Kannteſt du je einen Verſchwender, der noch geliebt ward, wenn ſeine Mittel dahin waren? Tim. Wen, ohne dieſe Mittel, von denen du ſprichſt, ſaheſt du je geliebt? Apem. Mich ſelbſt, Tim. Ich verſtehe dich; du hatteſt einmal ſo viel, daß du dir einen Hund halten konnteſt. Apem. Was, auf der ganzen Welt, kannſt du am beſten it deinen Schmeichlern vergleichen? Tim. Die Frauen; aber die Maͤnner, die Maͤnner ſind das Ding ſelbſt. Was wuͤrdeſt du mit der Welt machen, Apemantus, wenn ſie dir gehoͤrte? Apem. Ich wuͤrde ſie dem Vieh geben, um der Men⸗ ſchen los zu werden. Tim. Wollteſt du denn mit den uͤbrigen Menſchen zu Grunde gehen, und ein Vieh unter dem Vieh bleiben? Apem. Ja, Timon. Tim. Ein viehiſcher Wunſch, den ich die Goͤtter bitte zu gewaͤhren! Wäͤreſt du der Loͤwe, ſo wuͤrde der Fuchs dich betruͤgen; wäreſt du das Lamm, ſo wuͤrde der Fuchs dich freſſen: waͤreſt du der Fuchs, ſo wuͤrdeſt du dem Loͤwen verdaͤchtig werden, wenn dich der Eſel vielleicht verklagte: waͤreſt du der Eſel, ſo wuͤrde deine Dummheit dich plagenz und du lebteſt doch nur, als ein Fruͤhſtuͤck fuͤr den Wolf: wäreſt du der Woif, ſo wuͤrde deine Gefraͤßigkeit dich quä⸗ len, und du muͤßteſt dein Leben oft wegen deines Mittag⸗ wagen: waͤreſt du das Einhorn, ſo 8 Stolz und 226 Timon von Athen. A. W. Wuth dich zu Grunde richten, und da wuͤrdeſt die Beute deines eigenen Grimmes: waͤreſt du der Baͤr, ſo toͤdtete dich das Pferd: waͤreſt du das Pferd, ſo ergriffe dich der Leopard: waͤreſt du der Leopard, ſo waͤreſt du des Loͤwen Bruder, und deine eigenen Flecken würden ſich gegen dein Leben verſchwoͤren: deine ganze Sicherheit waͤre, verſteckt ſeyn und deine Vertheidigung, Abweſenheit. Welch Vieh koͤnnteſt du ſeyn, das nicht einem andern Vieh unterworfen waͤre? und welch ein Vieh biſt du ſchon, daß du nicht ein⸗ ſiehſt, wie viel du in der Verwandlung verloͤreſt? Apem. Koͤnnteſt du mir durch reden gefallen, ſo haͤtteſt du es hiemit getroffen: Der Staat von Athen iſt ein Wald von Vieh geworden. Tim. Wie iſt der Eſel durch die Mauern gebrochen, daß du außer der Stadt biſt? Apem. Dort kommt ein Dichter und ein Maler: Die Peſt der Geſellſchaſt treffe dich! Aus Furcht, angeſteckt zu werden, gehe ich fort: Wenn ich einmal nicht weiß, was ich ſonſt thun ſoll, will ich dich wieder beſuchen. Tim. Wenn es, außer dir, nichts Lebendiges mehr giebt, ſollſt du willkommen ſeyn. Ich moͤchte lieber eines Bett⸗ lers Hund, als Apemantus ſeyn. Apem. Du biſt das Haupt der Narr'n der ganzen Welt. Tim. Waͤrſt du doch rein genug, dich anzuſpei'n. Apem. Verwuͤnſcht biſt du, zu ſchlecht, um dir zu uchen. Tim. Mit dir gepaart iſt jeder Schuft ein Edler. Apem. Nicht Ausſatz giebt es ſonſt, als was du ſprichſt. Tim. Ja, nenn' ich dich.— Ich ſchluͤg' dich, doch das wuͤrde Die Haͤnde mir vergiften. Apem. O, koͤnnte doch mein Mund ſie faulen machen! Tim. Hinweg! du Sproͤßling eines raͤud'gen Hundes! Die Wuth erſtickt mich, daß du Leben haſt; Mir ſchwindelt, ſeh' ich dich! ⸗ pem. O, mog'ſt du berſten! Tim. Fort, laͤſt'ger Schuft! mich dauert's, einen Stein An dich zu wenden! (Er wirft einen Stein nach ihm.) Apem. Thier! Tim. Sclav'! Sz. 3. Limon von Athen. 227 Apem. Kroͤte! Tim. Schelm! (Apemantus zieht ſich zurück, als wenn er gehen wollte.) Mir ekelt ob der falſchen Welt; und lieben Will ich von ihr die kahle Nothdurft nur. Drum, Timon, grabe dir alsbald dein Grab, Lieg', wo der Seeſchaum taͤglich ſchlagen mag Den Stein: dein Epitaph ſchreib' in der Grotte, Daß Tod in mir des Lebens andrer ſpotte. (Er betrachtet das Gold.) Du ſuͤßer Koͤnigsmoͤrder, edle Scheidung Des Sohn's und Vaters! glaͤnzender Beſudler Von Hymens reinſtem Lager! tapfrer Mars! Du ewig bluͤh'nder, zartgeliebter Freier, Deß rother Schein den heil'gen Schnee zerſchmelzt Auf Dianas reinem Schoos! ſichtbare Gottheit, Die du Unmoͤglichkeiten eng verbruͤderſt, Zum Kuß ſie zwingſt! du ſprichſt in jeder Sprache, Zu jedem Zweck! o du, der Herzen Pruͤfſtein! Denk, es empoͤrt dein Sclave ſich, der Menſch; Vernichte deine Kraft ſie all verwirrend, Daß Thieren wird die Herrſchaft dieſer Welt! Apem. O waͤr' es ſo!— Doch wenn ich todt bin.— Daß du Gold haſt, ſag' ich; Bald draͤngt ſich Alles zu dir. Tim. Zu mir? Apem. Ja. Tim. Den Ruͤcken gieb! Apem. Dein Elend lieb', und lebe! Tim. So lebe lang“, und ſtirb ſo!— Wir ſind quitt.— (Apemantus geht ab.) Mehr Menſchengleiches?— Iß, und haſſe ſie. (Es kommen mehrere Banditen.) 1. Band. Woher ſollte er Gold haben? So ein armer Reſt, ein kleines Korn vom Geretteten: Nur der Mangel an Gold, und der Abfall ſeiner Freunde, brachte ihn in dieſe Schwermuth. — Band. Das Geruͤcht geht, er habe einen großen atz. 3. BPand. Wir wollen uns an ihn machen; wenn er nichts danach fragt, ſo giebt er es uns gleich; wenn er es aber geizig huͤtet, wie ſollen wir es kriegen? 1 * 228 Timon von APthen. A. W 2. Band. Ja; denn er traͤgt es nicht bei ſich, es iſt vergraben. I. Band. Iſt er das nicht? Die Band. Wo? 2. Band. Nach der Beſchreibung iſt er's. 3. Band. Ja, ich kenne ihn. Die Band. Guten Tag, Timon. Tim. Was, Diebe? Die Band. Krieger, micht Diebe. Tim. Beides, und von Weibern geboren. Wir ſind nicht Diebe, Menſchen nur im angel. Tim. Eu'r groͤßter Mangel iſt, Euch mangelt Speiſe. Weßhalb der Mangel? Wurzeln hat die Erde; In Meilenumfang ſpringen hundert Quellen: Der Baum traͤgt Eicheln, Straͤuche rothe Beeren; Natur, die guͤt'ge Hausfrau breitet aus Auf jedem Buſch ein volles Mahl. Was Mangel? 1. Band. Wir koͤnnen nicht von Kraͤutern, Beeren, Waſſer, Wie wildes Thier, und Fiſch, und Vogel leben. Tim. Noch von den Thieren, Fiſchen, Voͤgeln ſelbſt; Auch Menſchen muͤßt Ihr zehren. Danken muß ich, Daß Ihr ſeyd offne Dieb', und ſchaltet nicht In heil'germ Schein: unendlich iſt der Raub, Den jeder Stand mit Ehren treibt. Hier, Schufte, Nehmt Gold: Geht, ſaugt das zarte Blut der Traube, Bis ſiedend heiß das Blut vom Fieber ſchaͤumt, Und Euch das Haͤngen ſpart: traut keinem Arzt; Sein Gegengift iſt Gift, und er erſchlaͤgt, Schlimmer als Ihr: raubt Gold, zuſammt dem Leben; Uebt Buͤberei, Ihr uͤbt ſie im Beruf, Als zuͤnftig. Alles, hoͤrt, treibt Dieberei: Die Sonn' iſt Dieb, beraubt durch zieh'nde Kraſt Die weite See: ein Erzdieb iſt der Mond, Da er wegſchnappt ſein blaſſes Licht der Sonne: Das Meer iſt Dieb, deß naſſe Wogen aufloͤſt Der Mond in ſalz'ge Thraͤnen: Erd' iſt Dieb, Sie zehrt und zeugt aus Schlamm nur, weggeſtohlen Von allgemeinem Auswurf: Dieb iſt Alles: 4 Geſetz, Euch Peitſch' und Zaum, ſtiehlt trotzig ſelbſi, Sz. 3. Timon von Athen. 229 und ungeſtraft. Fort, liebt einander nicht, Beraubt einander ſelbſt. Hier, noch mehr Gold: Die Kehlen ſchneidet; was Ihr ſeht, ſind Diebe: Fort, nach Athen, und brecht die Laͤden aufz Br ſtehlt nichts, was Ihr nicht dem Dieb entreißt; tehit minder nicht, weil ich Euch dies geſchenkt; Und Gold verderb' Euch jedenfalls! Amen. (Timon zieht ſich in ſeine Höhle zurück.) 3. Band. Er hat mich faſt von meinem Gewerbe weg beſchworen, indem er mich dazu antrieb. 1. Band. Es iſt nur aus Bosheit gegen das menſch⸗ liche Geſchlecht, daß er uns dieſen Nath giebt; nicht damit wir in unſerm Beruf glucklich ſeyn ſollen. 2. Band. Ich will ihm, als einem Feinde, glauben, und mein Handwerk aufgeben⸗ 1. Band. Laßt uns erſt Athen wieder in Frieden ſehen: Keine Zeit iſt ſo ſchlimm, daß man nicht ehrlich ſeyn koͤnnte. (Die Banditen gehen ab.) (Flavius tritt auf.) Flav. O, Göoͤtter Ihr! iſt jener Schmachvolle und zerbrochne Mann mein Herr? So abgezehrt, in Lumpen? O du Denkmal Und Wunderwerk von Gutthat, ſchlecht vergolten! Welch Gegenbild von Ehr' und Pracht hat hier Verzweiflungsvoller Mangel aufgeſtellt! Giebt's Ried'rers auf der Welt, als Freunde ſchaͤndlich, Die edlen Sinn in Schmach ſo ſtuͤrzen endlich? O, wohl ziemt das Gebot fuͤr unſre Zeit, Das auch den Feind zu lieben uns gebeut! Ihm, der mich haßt, ſey Liebe eh'r geſchenkt, Als dem, der Liebe heuchelt, Boͤſes denkt! Er faßte mich in's Aug'; ich will ihm zeigen Den tiefen Gram; und ihm, als meinem Herr'n, So lang' ich lebe, dienen.— Theurer Herr! (Timon kommt aus ſeiner Höhle.) Tim. Wer biſt du? Fort! Flav. Herr, habt Ihr mich vergeſſen? Tim. Was fragſt du? Ich vergaß die ganze Menſchheit; Und biſt du Menſch, ſo hab' ich dich vergeſſen. Flav. Ich bin Eu'r reblicher und armer Diener. 230 Timon von Athen. A. IV. Tim. Soo kenn' ich dich nicht: denn ein Redlicher War nie bei mir; all' meine Diener, Schurken, Die Schufte nur bei Tiſch bedienten. Flav. Goͤtter, Bezeugt es, wie nie treuern Gram empfand Ein Hausverwalter um des Herren Sturz, Als ich um Euch. Tim. Wie, weinſt du?— heran;— ſo lieb' ich di Weil du ein Weib biſt, und dich los hier ſagſt Vom Mannsgeſchlecht; deß Auge nimmer tropft, Als nur in Lachensluſt. Mitleid ruͤhrt Keinen: Im Lachen weinen, ſeltſam! nicht im Weinen! Flav. Ich fleh', mein guter Lord, verkennt mich nicht, Weiſt meinen Gram nicht ab, nehmt als Verwalter Mich an, ſo lang' die kleine Summe waͤhrt. Tim. Hatt' ich'nen Diener, ſo gerecht, ſo treu, Und nun ſo troſtreich? Ha! das bringt zum Raſen Mein wild Gemuͤth. Laß mich dein Antlitz ſehn.— Gewiß, vom Weib iſt dieſer Mann geboren.— Verzeiht den raſchen, allgemeinen Fluch, hr ewig maͤß'gen Goͤtter! Ich bekenn' es, in Menſch iſt redlich,— hoͤrt mich recht,— nur Einer; Nicht mehr, verſteht,— und der iſt Hausverwalter.— Wie gern moͤcht' ich die ganze Menſchheit haſſen, Du kaufſt dich los: Doch, außer dir, trifft Alle, Mein wiederholter Fluch. Doch, duͤnkt mich, biſt du redlich mehr als klug; Denn, wenn du mich verrieth'ſt und hinterging'ſt, So haͤtt'ſt du leicht den neuen Dienſt gefunden: Denn mancher findet ſo den zweiten Herr'n, Der auf den erſten tritt. Doch ſprich mir wahr, (Ich zweifle noch, bin ich gleich uͤberzeugt,) Iſt deine Freundlichkeit nicht Habſucht, Liſt, Des Wuchrers Liebe? Wie ein Reicher ſchenkt, Und hofft daß zwanzig er fuͤr eins empfange. Flav. Nein, theurer, liebſter Herr, in deſſen Bruſt Argwohn und Zweifel, ach, zu ſpaͤt nun wohnen: Haͤtt'ſt du im Gluͤck die falſche Zeit erkannt! Entſpringt nur Argwohn wo das Gluͤck verſchwand? Beim Himmel! was ich zeig' iſt lautre Liebe, Daß meine Treu', Euer edles Herz erkennend, Sz. 3. Timon von Athen. 231 Fuͤr Eure Nahrung ſorgen will: und glaubt, Mein hoͤchſt verehrter Herr, Daß ich das allerhoͤchſte Gluͤck nicht tauſche, Das jetzt mir, oder kuͤnftig winken koͤnnte,— Fuͤr dieſen Wunſch, es ſtand' in Eurer Macht, Durch Euer eignes Gluͤck mich zu belohnen⸗ Tim. Nun ſieh, ſo iſt's!— Du einz'ger Redlicher, Hier, nimm:— aus meinem Elend ſenden dir Die Goͤtter dieſen Schatz. Sey reich und gluͤcklich: Doch nur mit dem Beding: Zieh fern von Menſchen; Fluch' allen, keinen laß Erbarmen finden; Das Fleiſch vor Hunger am Gebein verſchwinden, Ch du dem Bettler hüfſt: Gieb Hunden, was Du Menſchen weigerſt; Kerker ſchling' ſie ein, Laß Schulden ſie zu Nichts verſchrumpfen: Verdorren ſie, wie Froſt die Waͤlder trifft, Und zehr' ihr falſches Blut des Fiebers Gift! Und ſo, fahr wohl, ſey gluͤcklich. Flav. Laßt mich bleiben, Zum Troſt Euch, liebſter Herr. Tim. Liebſt du nicht Fluche, So mach' dich fort; geſegnet, jetzt zu gehn: Die Menſchen flieh, laß dich mich nimmer ſehn. (ſie gehn nach verſchiedenen Seiten ab.) 232 Timon von Athen. F E ſi Vor Timons Höhle. (Es treten auf der Dichter und Maler, Timon im Hintergrund.) Maler. So wie ich mir den Ort habe beſchreiben laſſen, kann ſein Aufenthalt nicht weit mehr ſeyn. Dicht. Was ſoll man von ihm denken? Beſtaͤtigt ſich das Geruͤcht, daß er ſo viel Gold hat? Mal. Gewiß: Alcibiades ſagt es: Phrynia und Ti⸗ mandra bekamen Gold von ihm: er bereicherte auch arme, umherſtreifende Soldaten mit einer großen Menge: Und man ſagt, daß er ſeinem Haushofmeiſter eine maͤchtige Summe gab. Dicht. Alſo war ſein Bankrut nur eine Pruͤfung ſeiner Freunde. Wial. Weiter nichts: Ihr werdet ihn wieder als einen Palmbaum in Athen erblicken, bluͤhend bis zum Gipfel. Darum iſt es nicht uͤbel gethan, wenn wir ihm jetzt, in ſei⸗ nem vermeinten Ungluͤck, unſre Liebe bezeigen: es erſcheint in uns als Rechtlichkeit; und wahrſcheinlich erhaͤlt unſer Vor⸗ ſatz, was er erſtrebt, wenn das Geruͤcht, das von ſeinem Reichthum ſpricht, wahr iſt. Dicht. Was habt Ihr ihm denn jetzt zu bringen? Wial. Fuͤr den Augenblick nichts als meinen Beſuch: ich will ihm aber ein herrliches Stuͤck verſprechen. Sz. 1. Timon von Athen. 233 Dicht. Ich muß ihn auf dieſelbe Art bedienen; ihm von einem Entwurf erzaͤhlen, der ſich auf ihn bezieht. mal. Vortrefflich! Verſprechen iſt die Sitte der Zeit: es oͤffnet die Augen der Erwartung: Vollziehen erſcheint um ſo dummer wenn es eintritt: und, die einfaͤltigen, geringen Leute ausgenommen, iſt die That des Wortes voͤllig aus der Mode. Verſprechen iſt ſehr hofmaͤnniſch, und guter Ton? Vollziehen iſt eine Art von Teſtament, das von gefaͤhr⸗ e Krankheit des Verſtandes bei dem zengt, der es macht. Tim. Trefflicher Kuͤnſtler! Du kannſt einen Menſchen nicht ſo ſchlecht malen, als du ſelbſt biſt. Dicht. Ich denke daruͤber nach, was ich ſagen will, das ich fur ihn angefangen habe: Es muß eine Darſtellung von ihm ſelbſt ſeyn: eine Satyre gegen die Weichlichkeit des Wohlſtandes; eine Enthuͤllung der unbegrenzten Schmeiche⸗ lei, die der Jugend und dem Ueberfluß folgt. Tim. Mußt du denn durchaus als Boͤſewicht in deinem eignen Werk daſtehn? Willſt du deine Laſter in andern Menſchen geißeln? Thu's, ich habe Gold fuͤr dich. Dicht. Kommt, ſuchen wir ihn denn. Daß unſer Zoͤgern ſich nicht ſchwer vergeht, Winkt uns Gewinn und kamen wir zu ſpaͤt. Wal. Sehr wahrz Am heitern Tag erſpaͤhe was dir fehlt, Ch es die Nacht im dunkeln Schooß verhehlt. So kommt. Tim. Entgegen tret' ich Euch. O, welch ein Gott Iſt Gold, daß man ihm dient im ſchlechterm Tempel, Als wo das Schwein hauſt! Du biſt's, der das Schiff Auftakelt, und den Schaum des Meers durchpfluͤgt; Machſt, daß dem Knecht mit Ehrfurcht wird gehuldigt: Anbetung dir! den Heiligen zum Lohne, Die dir allein gedient, die Peſt als Krone! Schnell geh' ich auf ſie zu. (Er kommt vor.) Dicht. Heil, wuͤrd'ger Timon! Mal. Einſt unſer edler Herr! Tim. Erleb' ich*s doch noch, Zwei Redliche zu ſehn? 234 Timon von Athen. A. V. Dicht. Wir hoͤrten, oft dein Wohlthun uͤhlten Du ſey'ſt vereinſamt, abgefall'n die Freunde, Die, undankbaren Sinn's— O, Schenſal' ihr! Nicht ſcharf genug ſind alle Himmelsgeißeln— Wie! dich! deß ſternengleiche Großmuth Leben Und Nahrung ihrem ganzen Weſen gab! Es macht mich toll, und nicht kann ich bekleiden Die rieſengroße Maſſe dieſes Undanks, Mit noch ſo großen Worten. Tim. So geh' er nackt, man ſieht ihn klarer dann: Ihr Redlichen zeigt ſo, durch Euer Weſen, Die Andern um ſo ſchlechter⸗ Wal. Er und ich, Wir wandelten im Regen deiner Gaben, Der uns erquickend traf. Tim. Ja, Ihr ſeyd ehrlich. Wal. Wir kommen her, dir unſern Dienſt zu bieten. Tim. Ihr Redlichen! ei, wie vergelt' ich's Euch? Nun, koͤnnt Ihr Wurzeln eſſen, Waſſer trinken? Beide. Was wir nur koͤnnen, thun wir, dir zu dienen. Tim. Ihr Redlichen vernahmt, ich habe Gold; Gewiß, Ihr habt: ſprecht wahr, denn Ihr ſeyd redlich. Wal. Man ſagt es, edler Lord: doch deshalb nicht Kam ich zu Euch, ſo wenig als mein Freund. Tim. Ehrliche Maͤnner Ihr:— du malſt Gemalde, Der Beſt' in ganz Athen biſt du, fuͤrwahr! Malſt nach dem Leben. Wal. Lieber Herr, ſo, ſo⸗ Tim. Ganz wie ich ſagte iſt's.(zum Dichter.. Und deine Dichtung! e fließt dein Vers nicht hin, ſo glatt und zart, aß deine Kunſt natuͤrlich wieder wird!— Bei alle dem, Ihr wohlgeſinnten Freunde, Ich ſag' es frei, habt Ihr'nen kleinen Fehler: Freilich, nicht groß iſt er an Euch; noch wuͤnſch' ich, Daß ihn zu beſſern Ihr Euch muͤht. Beide. Geruht 5 Ihn uns zu nennen. Sz. 1. Timon von Athen. 235 Tim. Doch Ihr nehmt es uͤbel. Beide. Wir nehmen's dankbar an. Tim. Wollt Ihr das wirklich? Beide. Nicht zweifelt, edler Lord. Tim. Ein jeder von Euch Beiden traut' einem 1 Schurken, Der tuͤchtig Euch betruͤgt. Beide. Herr, thun wir das? Tim. Ja, und Ihr hoͤrt ihn luͤgen, ſeht ihn heucheln, Ihr kennt ſein grobes Flickwerk, liebt ihn, nährt ihn, Tragt ihn im Herzen: aber ſeyd gewiß, Er iſt ein ausgemachter Schuft. Wal. Ich kenne keinen ſolchen, Herr. Dicht. Noch ich. Tim. Seht Ihr, ich lieb' Suchz ich will Gold Euch geben Verbannt die Schufte nur aus Eurer Naͤhe: Haͤngt, ſtecht ſie nieder, werft ſie ins Kloak, Vernichtet ſie, wie's geht, und kommt zu mir, Ich geb' Euch Gold genug. Beide. Nennt ſie, verehrter Herr, macht ſie uns kenntlich. Tim. Du hier, du dort hin, doch ſind zwei bei⸗ ſammen:— Steht jeder auch fuͤr ſich, einſam, allein, Iſt doch ein Erzſchuft ſtets mit ihm verbunden. Wenn, wo du ſtehſt, zwei Schufte nicht ſeyn ſollen, Komm ihm nicht nah.— Wenn du nicht hauſen willſt, Als wo ein Schuft nur iſt, ſo meide ihn. Fort! hier iſt Gold; Ihr kam't nach Gold Ihr Sclaven: Fuͤr Eure Arbeit nehmt Bezahlung: Fort! Du biſt ein Alchymiſt, mach' Gold daraus: Fort, Lumpenhunde! Cer ſchlägt ſie, und geht ab, indem er ſie vor ſich her treibt.) 236 Timon von Athen. A. V. 5 w e ite ene. Vor Timons Höhle. (Es treten auf Flavius und zwei Senatoren.) Flavius. Vergeblich daß Ihr Timon ſprechen wolltz Denn in ſich ſelbſt iſt er ſo ganz verſunken, Daß außer ihm, nichts was dem Menſchen gleicht, Freund mit ihm iſt. 1. Sen. Fuͤhr' uns zu ſeiner Hohle: Wir ſind geſchickt, verſprachen den Athenern, Mit ihm zu reden. 2. Sen. Richt in allen Zeiten Iſt ſtets der Menſch ſich gleich. Zeit und ſein Gram Schuf ſo ihn um: wenn Zeit, mit mild'rer Hand, Der vor'gen Tage Gluͤck ihm wieder beut, Macht ſie zum vor'gen Mann ihn. Fuͤhrt uns zu ihm, Dann geh' es, wie es kann. Flav. Hier iſt die Hoͤhle.— Sey Fried' und Wohlſeyn hier! Timon! Gebieter! Schaut her, und ſprecht mit Freunden: Die Athener Begruͤßen Euch durch wuͤrd'ge Senatoren: O edler Timon, ſprecht mit ihnen. (Timon tritt auf.) Tim. Du Sonne, heilſame, verbrenne!— Sprecht Und ſeyd gehaͤngt: Fuͤr jedes wahre Wort, Euch Blaſen auf der Zung': und jedes falſche, Brenn' als ein Krebs ſie mit der Wurzel weg, Im Sprechen ſie vernichtend! 1. Sen. Wuͤrd'ger Timon— Tim. Nur ſolcher werth als Ihr, wie Ihr des Timon. 2. Sen. Timon, es gruͤßt dich der Senat Athens. Tim. Ich dank' ihm; ſchickt ihm gern die Peſt 1„ zuruͤck, Koͤnnt' ich fuͤr ihn ſie greifen⸗ Sz. 2. Timon von Athen. 237 2. Sen. O, vergiß Was fuͤr uns ſelbſt wir deinethalb betrauern. Die Senatoren mit einſtimm'ger Liebe Erſuchen dich, heim nach Athen zu kehren; Dir hohe Wuͤrden bietend, welche offen Daliegen, daß du dich mit ihnen ſchmuͤckſt. 2. Sen. Und ſie geſtehn, Zu groͤblich war's wie Alle dich vergaßen? Zetzt hat nun der geſammte Staat,— der ſelten Rur widerruft,— gefuͤhlt, wie ſehr die Huͤlfe Ihm Timons fehlt, zu deutlich nur empfindend, Daß ſelbſt er ſtuͤrzt, dem Timons Huͤlfe weigernd; Er ſendet uns, als Ausdruck ſeines Kummers, Zugleich mit der Belohnung, die ergieb'ger Als die Verletzung, noch ſo ſcharf gewogen; So aufgehaͤufte Summen Lieb' und Gold, Daß ſie ausloͤſchen ganz des Staates Schuld, 2 Und ein dir ſchreiben ihrer Liebe Zahlen, Daß du ſie ſtets als deine kannſt berechnen. Tim. Wie Ihr mich bezaubert, Mich uͤberraſcht, daß faſt die Thraͤne rinntz Leiht mir des Thoren Herz, des Weibes Auge, Bei Eurem Troſt zu weinen, Senatoren. 2. Sen. Laß dir's gefallen, kehre heim mit uns; Nimm uͤber unſer, dein Athen, die Herrſchaft, Als Oberhaupt; und Dank ſoll dich belohnen, Vollkommne Macht dich kroͤnen, und dein Name Im Ruhm erbluͤhn:— wenn wir zuruͤck getrieben Das freche Nahn des Alcibiades, Der, wildem Eber gleich, aufwuͤhlt den Frieden Des Vaterland's. 2. Sen. Und der die Thuͤrm' Athen's Mit ſeinem Schwerdt bedraͤut. 1. Sen. Timon, darum— Tim. Gut, Herr, ich willz t will ich, Freundz und ſo— Faͤllt meine Landsleut' Alcibiades, Laßt Alcibiades von Timon wiſſen, Daß Timon Nichts danach fragt. Schleift er die edle Stadt, Und zupft die frommen Greiß an ihren Baͤrten, 238 Timon von Athen⸗ A. V. Giebt unſre heil'gen Jungfrauen Preis der Schmach Des thieriſch wilden, frech vermeßnen Krieges; Dann laßt ihn wiſſen,— ſagt ihm, Timon ſprach's: Aus Mitleid fuͤr den Greis und Juͤngling, muß ich Ihm melden, ja— ich frage nichts danach, Und zuͤrn' er drob; denn nichts fragt nach ihr Meſſer, So lang' Ihr Kehlen habt: Von mir ſag' ich, Daß ich den ſchlecht'ſten Kneif im rohen Lager Im Herzen hoͤher ſtell', als aus Athen Die hochſchaͤtzbarſte Gurgel. So verbleibt Dem Schutz der ſegensreichen Goͤtter, wie Der Dieb dem Schließer. Flav. Geht, es iſt umſonſt. Tim. Nun, ich ſchrieb eben da mein Epitaph, Man ſieht es morgen. Nun beginnt zu heilen Mein langes Lebens und Geſundheits⸗Leid, Und Nichts bringt Alles mir. Geht, lebt nur weiterz Sey Alcibiades Euch Qual, Ihr ihm, Und lange waͤhr's! 1. Sen. Wir ſprechen nur vergeblich. Tim. Doch lieb' ich Vaterland, und nicht Erfreut der allgemeine Schiffbruch mich, Wie das Geruͤcht es ſagt. 1. Sen. So ſprichſt du gut. Tim. Ewpfehlt mich meinen theuren Landsgenoſſen,— 1. Sen. Dieß Wort ziert e Mund, indem er's pricht. 2. Sen. Zieht in das Ohr, dem Triumphator gleich, Im Jubelſchall des Thor's. Tim. Empfehlt mich ihnen; Und ſagt, um ihren Kummer zu erleichtern, Die Furcht vor Feindesſchlag, Verluſt und Schmerz, Der Liebe Qual und mannigfaches Weh, Die der Natur zerbrechlich Fahrzeug traͤgt Auf ſchwankem Lebensweg, will ich ſie troſten: Der Wuth des Alcibiades entraffen. 2. Sen. Dieß duͤnkt mich gut, er kehrt gewiß zuruͤck. Sz. 2. Timon von Athen. 239 Tim. Mir waͤchſt ein— hier nah bei meiner e Mein eigner Nutzen treibt mich ihn zu faͤllen, Ich haue bald ihn um; ſagt meinen Freunden, Sagt ganz Athen, dem Adel wie dem Volk, Vom Hoͤchſten zum Geringſten, wem's gefalle Zu enden ſeine Noth, der moͤge eilen, Hieher, eh' noch mein Baum die Art gefuͤhlt, Und ſich d'ran haͤngen:— Bitte, gruͤßt ſie Alle. Flav. Stoͤrt ihn nicht mehr, ſo findet Ihr ihn ſtets⸗ Tim. Kommt nicht mehr zu mir: ſondern ſagt Athen, Timon hat hier ſein ew'ges Haus gebaut Auf dem beſpuͤlten Strand der ſalz'gen Fluth; Das einmal Tag's mit ihrem ſchwell'nden Schaum Die Wogen uͤberfluthen; dahin kommt, Laßt meinen Grabſtein Euch Orakel ſeyn.— Laßt, Lippen, bittre Wort', und ende, Laut; Des Schlimmen Beßrung ſey der Peſt vertraut! Kein Menſchenwerk, als Graͤber; Tod ihr Lohn! Birg, Sonne, dich! vollbracht hat Timon ſchon. (er geht ab.) 1. Sen. Sein zorn'ger Sinn iſt feſt, und unzer⸗ trennlich Von ſeinem Weſen⸗ 2. Sen. In ihm ſtarb unſre Hoffnung: kehrt zuruͤck, Und denkt welch andre Rettung uns noch bleibt In dieſer großen Noth. 1. Sen. Wir muͤſſen eilen. Cſie gehn ab.) 240 Timon von Athen. A. V. Dritte Szene. In Athen. (Es treten auf zwei Senatoren und ein Bote.) 1. Senator. Mit Sorggefalt forſchteſt du; ſind ſeine Schaaren So zahlreich, wie du ſagſt? Bote. Das Mind'ſte nannt' ich: Dabei verheißt ſein Eilen, daß er gleich Sich zeigen wird. 2. Sen. Kommt Timon nicht, ſo ſind wir ſehr ge⸗ faͤhrdet. Bote. Ich traf, als Boten, einen alten Freund;— Mit dem, obwohl jetzt durch Partei'n getrennt, Die alte Lieb' ihr vor'ges Recht bewahrte, Und uns als Freunde ſprechen ließ:— er ging Vom Alcibiades zu Timons Hole, Und bracht' ihm Briefe, die ihn dringend baten, Mit ihm den Krieg auf Eure Stadt zu fuͤhren, Da ſeinethalb, zum Theil, er ihn begann. (Die Senatoren kommen von Timon zurück.) 1. Sen. Seht, unſte Bruͤder kommen. 3. Sen. Sprecht nicht von Timon, nichts von ihm erwartet.— Des Feindes Trommel tont, der große Zug Erfuͤllt die Luft mit Staub: Zu den Waffen Alle! Es legt der Feind fuͤr unſern Fuß die Falle. (ſie gehn Alle ab.) — Sh 4 Timon von Athen. W1 Vierte Szene. Vor Timons Höhle, man ſieht einen Grabſtein⸗ (Ein Soldat tritt auf.) Soldat. Nach der Beſchreibung waͤre dieß der Platz. Wer da? He, keine Antwort!— Was iſt das? Timon iſt todt, er zahlte der Natur; Dieß leſ⸗ ein Thier! von Menſchen keine Spur. Ja, todt gewiß: und dieß iſt hier ſein Grab.— Was auf dem Grabmahl ſteht kann ich nicht leſen; So druͤck' ich in dieß Wachs die Zeichen ab. Der Feldherr iſt in Kenntniß jeder Schrift, Ein alter Forſcher, obwohl jung an Jahren: Athen, die ſtolze Stadt, bedroht er eben, Ihr Fall iſt ſeiner Ehrſucht hoͤchſtes Streben. Cer geht ab.) F un ſot e S z ene Vor den Thoren von Athen. (Trompeten. Alcibiades tritt auf mit ſeinem Heer.) Alcibiades. Blaſ't dieſer feigen, ſchwelgeriſchen Stadt Ins Ohr mein ſchrecklich Rahn. (Trompeten. Die Senatoren erſcheinen auf den Mauern.) Bis jetzt gelang es Euch, die Zeit zu fullen Mit Maaß der Wilkuͤhr; Satzung war allein Was gut Euch duͤnkte; ich und andre ſchliefen Im Schatten Eurer Macht, und wanderten Kreuzweis die Arm', und ſeufzten unſer Leid VI. 16 242 Timon von Athen. A. V. Vergeblich nur. Nun iſt die Zeit erwachſen, Das Laſithier darf im Dienſt ſich kraͤftig fuͤhlen, Und ſchreit von ſelbſt:„Nicht mehr!“ In Polſſterſtuͤhlen Wird jetzt bequem geſchmaͤhte Kraͤnkung ruhn, Und der goldſchwere Uebermuth wird keuchen, In Furcht und grauſer Flucht. 1. Sen. O edler Juͤngling, Als deine erſte Kraͤnkung noch Gedanke, Eh' du Gewalt, wir Grund zu fuͤrchten hatten, Kam Botſchaft dir, mit Balſam deine Wuth, Mit Liebe unſern Undank auszutilgen, Mehr zahlend als die Schuld. 2. Sen. Auch luden wir Zu unſrer Stadt den umgeſchaffnen Timon, Demuͤthig flehend, liebevoll verſprechend; Nicht Alle fehlten, drum verdienen Alle Des Krieges Geißel nicht. 1. Sen. Hier dieſe Mauern, Sie wurden nicht durch derer Hand gebaut, Die dich gekraͤnkt: noch iſt die Kraͤnkung ſo, Daß dieſe Thuͤrm' und Tempel fallen ſollten, Um Schuld der Einzelnen. 2. Sen. Auch ſind ſie todt, Die Urſach waren daß du dich entfernteſt; Scham uͤber ihren Fehl, in Uebermaaß, Zerbrach ihr Herz. So zieh' denn, edler Feldherr, Mit fliegendem Panier in unſre Stadt: Laß, durch das Loos beſtimmt, den Zehnten ſterben; Hungert dein Rachgefuͤhl nach dieſer Sypeiſe, Vor der Natur ergraut, nimm du den Zehnten; Wie, durch Geſchick, des Wuͤrfels Flecken fallen, So falle der Befleckte. 1. Sen. Alie fehlten nicht; Nicht billig iſt's, fuͤr die Verſtorbnen, Rache An Lebenden zu nehmen: Suͤnde erbt Sich nicht, wie Land und Gut. Drum, theurer Landsmann, Fuͤhr' ein dein Heer, doch laß die Rache draußen: Schon' deiner Wieg', Athens, verwandten Blut's, Das deines Zornes Sturm vergießen wuͤrde, Mit dem der Schuldigen: Gleich einem Schaͤfer, Nah' deiner Huͤrd', und ſondre das Erkrankte, Doch nicht erwuͤrge Alles. 2. Sen. Was du forderſt, Sz. 5. TDimon von Athen. 243 Wirſt du mit deinem Laͤcheln eh' erzwingen, Als mit dem Schwerdt erhau'n. 1. Sen. Setz nur den Fuß An dieß bollwerkte Thor, ſo ſpringt es auf, Haſt du dein mildes Herz voraus geſandt, Als Freundesboten.* 2. Sen. Wirf den Handſchuh her; Gieb jedes andre Unterpfand der Ehre, Daß du zur Herſtellung den Krieg nur nutzeſt, Und nicht zu unſerm Sturz, ſo nimmt dein Heer Wohnung in unſrer Stadt, bis wir bewilligt Dein volleſtes Begehr. Alcib. Hier iſt mein Handſchuh: Thut auf das unbewehrte Thor, ſteigt nieder! Die, welche Timons Feind' und meine ſind, Und die Ihr ſelbſt zur Strafe ziehen ſollt, Die einzig fallen: Eure Furcht ſoll tilgen Mein Ehrenwort; daß nicht Ein Mann verlaͤßt Sein Standquartier, den Strom auch keiner truͤbe Des hergebrachten Recht's in Eurer Stadt: Geſchieht's, ſo zieh' ihn Eure eigne Satzung Zur ſtrengſten Rechenſchaft. Beide. Ein edles Wort. Alcib. So ſteigt herab, und haltet das Verſprechen. (Die Senatoren ſteigen herab und öffnen die Thore.) (Ein Soldat tritt auf.) Sold. Mein edler Feldherr, Timon iſt geſtorben; Und an des Meeres oͤdem Strand begraben: Auf ſeinem Grabſtein fand ich dieſe Schrift; Ich praͤgte ſie in Wachs, deß ſanfte Form Dir deute, was ich ſelbſt nicht leſen kann. Alcib. Clieſt.)„Hier liegt der traurige Leib, dem der traur'ge Geiſt entſchwebt; Forſcht meinen Namen nicht: Fluch Allem was da lebt! Hier lieg' ich, Timon: da lebt', haßt' ich was Leben egt: Geh, fluch' von Herzen, aber 6 daß fort dein Fuß dich traͤgt.“ Wohl druͤckt dieß aus, was du zuletzt gefuͤhltz Haſt unſer menſchlich Leid du auch verachtet, 16* 244 Timon von Athen. Die Thraͤnenfluth, die Tropfen, welche karg Die Ruͤhrung fallen laͤßt; doch lehrte dich Dein reicher Witz Neptunus ſelbſt zu zwingen, Daß er nun ewig weint geſuͤhnte Fehler Auf deinem niedern Grab. Geſtorben iſt Der edle Timon; kuͤnftig mehr von ihm.— Fuͤhrt mich in Eure Stadt, und mit dem Schwerdt Bring' ich den Hehlzweig: Krieg erzenge Frieden; Und Frieden hemme Krieg; jeder ertheile Dem andern Rath, daß Eins das Andre heile.— Ruͤhrt Eure Trommeln! (Alle gehn ab.) Troilus und Creſſida. Perſonen. Priamus, König von Troja. Hector, Troilus, Paris, ſeine Söhne. Deiphobus, Helenus, 2 Trojaniſche Heerführer. Calchas, ein Prieſter. Pandarus, Oheim der Creſſida. Margarelon. Agamemnon, Oberanführer der Griechen. Menelaus, ſein Bruder. Achilles, Ajar, 8 ui 2 6 Griechiſche Heerführer. Diomedes, Patroclus, Therſites. Alerander, Diener der Creſſiba,. Edelknaben. Helena, Gemalin der Menelaus. Andromache, Gemalin des Hector. Caſſandra, Lochter des Priamus. Creſſida, Tochter des Calchas. Trojaniſche und griechiſche Krieger und Gefolge. (Die Szene iſt in Troja, und im griechiſchen Lager vor dieſer) Stadt.) „ ————* ——— Pro o 9 6. Die Szen' iſt Troja. Von den Inſeln Graͤcia's Sandten zornmuͤth'ge Fuͤrſten, heißen Bluts, Zum Hafen von Athen die Ruderſchiffe, Beladen mit den Dienern und der Ruͤſtung Des grauſen Krieges. Neun und Sechzig Fuͤhrer, Prangend im Fuͤrſtenhut, ſind abgeſegelt Von Attica gen Phrygia; ihr Geluͤbde, Troja zu ſchleifen; wo im Schirm der Mauern, Frau Helena, geraubt dem Menelaus, Beim uͤpp'gen Paris ſchlaͤft:— Das iſt der Krieg. Sie ziehn nach Tenedos, Und dort entlaſten die tiefkielgen Schiffe Sich ihrer tapfern Fracht; auf Iliums Ebnen Schaart ſich der friſchen, noch vollzaͤhlgen Griechen Feldlager:— Priamus ſechsthorge Stadt, (Dardania, Thymbria, Ilias, Chetas, Troas Und Antenoridas) mit maͤcht'gen Krampen, Und wohlausfuͤllend ſchwer gewicht'gen Riegeln, Weckt Troja's Soͤhnen Kampfluſt.— Erwartung nun, die muntern Geiſter ſchuͤrend Auf dieſer Seit' und jener, Troer, Griechen, Draͤngt All in Wagniß: und hieher komm' ich, Als Prologus, im Harniſch; nicht vertrauend Dem Werk des Dichters, noch der Spieler Kunſt, Nur angethan, dem Kriegsgedichte ziemend, Meld' ich Euch, edle Horer, wie das Spiel, Des Kampfs Beginn und Erſtlinge verſchweigend, Anfaͤngt im Mittelpunct; von dort enteilt; Und nur, wo ſich die Szene bietet, weilt. So haltet Lob und Tadel nicht zuruͤck; Bald gut, bald ſchlimm, es iſt nur Kriegesgluͤck. Erſter N u f g⸗ Sſt- Siü (Troilus und Pandarus treten auf.) Troilus. Ruft meinen Knappen her, mich zu entwaffnen; Was ſoll ich vor den Mauern Troja's fechten, Dem hier im Innern tobt ſo wilder Kampf? Wem von den Troern noch ein Herz gehoͤrt, Der zieh' ins Feld: ach, Troilus hat kein's!— L Stets noch das alte Lied? roil. Der Griech' iſt ſtark, und bei der Kraft ge⸗ wandt, Keck bei Gewandtheit, und bei Keckheit tapfer: Doch ich bin ſchwaͤcher als des Weibes Thraͤnen, Zahiner als Schlaf, bethoͤrter als die Einfalt, Zaghafter als die Jungfrau in der Nacht, Und ungewandt, wie unbelehrte Kindheit. Pand. Nun, ich habe dirs genug geſagt; ich, meines⸗ theils, werde mich nicht mehr drein miſchen und mengen. Der, der aus dem Weizen einen Kuchen haben will, muß das Mahlen abwarten.— Troil. Hab' ich nicht gewartet? Pand. Ja, auf das Mahlen; aber Ihr muͤßt das Beu⸗ teln abwarten.. Troil. Hab ich nicht gewartet? Pand. Ja, auf das Beuteln: aber Ihr muͤßt das Saͤnern abwarten. 250 Troilus und Creſſida. 1.1. Troil. Auch darauf hab' ich gewartet. Pand. Ja, aufs Saͤuern; aber nun kommt noch in dem Wort hernach, das Kneten, das Formen des Ku⸗ chens, das Heizen des Ofens, und das Backen; ja, Ihr muͤßt auch noch das Kaltwerden abwarten, oder Ihr lauft Gefahr, Euch die Lippen zu verbrennen. Troil. Die Langmuth ſelbſt, wie ſehr ſie Gottin iſt, Weicht vor dem Dulden mehr als ich zuruͤck. Ich ſitz' an Priam's Koͤnigstiſch; und kommt Die holde Creſſida mir in den Sinn,— Verraͤther du! ſie kommt? wann waͤr' ſie fort? Pand. Gewiß, ſie war geſtern Abend reitzender, als ich ſie oder irgend ein Maͤdcheu je geſehn.. Troil. O laß dir noch erzaͤhlen: Wie mein Herz, Als ſprengt's ein Seufzer, mir zerbrechen wollte,— Daß mich mein Vater nicht errieth, noch Hector, Verbarg ich, wie die Sonn' im Sturme leuchtet, In eines Laͤchelns Falte dieſen Seufzer: Doch gleicht, in Schein der Luſt verhuͤllt, Bedraͤngniß Dem Scherz, der bald zum Gramm wird durchs Ver⸗ haͤngniß. Pand. Ja, waͤr' Ihr Haar nicht etwas dunkler als das der Helena,— doch was thut das?— ſo waͤre gar kein Unterſchied zwiſchen den beiden Frauen. Dech was mich betrifft, ſo iſt ſie meine Nichte; ich moͤchte ſie nicht, wie man zu ſagen pflegt, herausſtreichen: aber ich wolite es haͤtte ſie jemand geſtern reden hoͤren wie ich. Ich will dem Verſtand deiner Schweſter Caſſandra nicht zu nahe treten aber Troil. O Pandarus! ich ſag' dir, Pandarus,— Wenn ich dir ſage, dort ertrank mein Hoffen, Erwidre nicht, wie viele Klafter tief Es unterſank. Ich ſag', ich bin verzuͤckt Aus Lieb' in Creſſida: du nennſt ſie ſchoͤn; Senkſt in die offne Wunde meines Herzens Den Blick, das Haar; die Wange, Gang und Stimme; Handelſt in deiner Red',„o liebe Hand, Mit der verglichen alles Weiß wie Tinte Sich ſelbſt das Urtheil ſchreibt: ihr ſanſt Beruͤhren Macht rauh des Schwanes Flaum, die feinſte Fuͤhlung Hart wie des Pfluͤgers Fauſt;— dieß ſagſt du mir, Sz. 1. Troilus und Creſſida. 251 und wahrhaft ganz, wenn ich dir ſchwör', ich liebe: Doch mit dem Wort legſt du in jede Wunde, Mit der mich Liebe traf, ſtatt Oehls und Balſams, Den Dolch, der ſie geſchlagen. Pand. Ich ſage nur was wahr. Troil. Nicht einmal ſo viel!— Pand. Meiner Treu, ich miſche mich nicht mehr hin⸗ ein. Mag ſie ſeyn, wie ſie iſt! Iſt ſie ſchoͤn, um ſo beſſer für ſie; iſt ſie's nicht, ſo wird ſie ſchon wiſſen, wie ſie ſich helfen kann. Troil. Lieber Pandarus! Was iſt, Pandarus?— Pand. Muͤh' und Noth hatt' ich von meinen Wegen; verkannt von Ihr, und verkannt von Euch; immer hin und hergelaufen, und ſchlechten Dank fuͤr meine Muͤhe. Troil. Was, biſt du boͤſe Pandarus? Auf mich?— Pand. Weil ſie mit mir verwandt iſt, darum iſt ſie nicht ſo ſchon als Helena; waͤre ſie nicht mit mir ver⸗ wandt, da wäͤre ſie Freitags eben ſo ſchoͤn als Helena Sonntags. Doch was kuͤmmerts mich? Mir ſoll's einerlei ſeyn, ob ſie ſchwarz wie eine Mohrin ausſaͤhe; es iſt mir alles gleich. Troil. Sage ich denn, ſie ſey nicht ſchoͤn?— Pand. Es kuͤmmert mich nicht, ob Ihrs ſagt, oder nicht. Sie iſt eine Thoͤrin, daß ſie ihrem Vater nicht nachfolgt; ſie muß zu den Griechen, und das werde ich ihr ſagen, ſobald ich ſie ſehe. Ich meines Theils will mich nicht mehr drein miſchen noch mengen.— Troil. Pandarns— Pand. Ich nicht. Troil. Beſter Pandarus— Pand. Bitt' Euch, laht mich in Frieden. Ich laſſe alles wie ichs gefunden, und damit gut. (Pandarus ab. Es wird zum Streit geblaſen.) Troil. Still, rauhe Tone! ſtill, unholder Klang!— Narr'n beiderſeits! Schoͤn ſeyn muß Helena, Wenn Ihr ſie taͤglich ſchminkt mit Eurem Blut. Der Mlaß kann mich nicht zum Kampf begeiſtern, Zu duͤrftig fuͤr mein Schwerdt iſt dieſer Preis!— ünd Pandarus,— wie quaͤlt Ihr mich, Ihr Götter! 252 Troilus und Creſſida. A. I. Zugaͤnglich nur wird Creſſida durch ihn: Den Kind'ſchen werb' ich nie zum Werben an, Und ſie bleibt ſproͤd' und zuͤchtig jeder Bitte. Sag mir Apoll, um deiner Daphne Liebe, Was Creſſida, was Pandar iſt, was ich? Ihr Bett iſt Indien! Dort als Perle ruht ſiez Was zwiſchen ihrem Thron und unſerm Ilinm, Nenm' ich empoͤrtes, fluthbewegtes Meer? Mich ſelbſt den Kaufherrn, und den Segler Pandar Mein Boot, mein Schiffgeleit, mein zweifelnd Hoffen. (Trompeten. Aeneas tritt auf.) Aen. Wie nun, Prinz i Weßhalb nicht im Feld? 5 Troil. Weil ich nicht dort. Die Weiberantwort paßt, Denn weibiſch iſt es, draußen nicht zu ſeyn: Was giebts, Aeneas, Neues heut im Feld? Aen. Daß Paris heimgekommen, und verwundet. Troil. Durch wen, Aeneas? Aen. Menelaus that's. Troil. Zum Lachen! Nahm ihn jener ſo aufs Korn? Paris geſchrammt von Menelaus Horn? Aen. Horch! luſt'ge Jagd dort außen, hell und ſcharf! Troil. Weit ſchoͤner hier, wenn„Huͤrft' ich“ hieß„ich ar Doch hin zur Jagd des Felds. Wilſſt du hinunter? Aen. In aller Eil. Troil. So gehn wir raſch und munter. (ſie gehn ab.) —=— Sz.2. Troilus und Creſſida. 233 8 weite Szene. Ebendaſelbſt. (Es treten auf Creſſida und Alexander, ihr Diener.) Creſſida. Wer ging vorbei? Alex. Die Koͤnigin Hecuba, Und Helena. Creſſ. Wohin? Alex. Zum Thurm nach Oſten, Deß Hoͤh' die ganze Gegend uͤberſchaut, Die Schlacht zu ſehen. Hector, deß Geduld Sonſi unerſchuͤtterlich, ward heut bewegt: Er ſchalt Andromache, und ſchlug den Wappner; Und gleich als golt' im Kriege gute Wirthſchaft, War er in Waffen vor dem Morgenlicht, Und zog ins Feld hinaus, wo jede Blume Wie ein Prophet beweint, was ſie vorausſieht In Hectors Zorn.. Creſſ. Was reizte ſeine Wuth? Alex. So wird erzählt: im Herr der Griechen kaͤmpfte Ein Fuͤrſt aus Troerblut, des Hectors Neffe, Ajax mit Namen. Creſſ. Wohl; was ſagt man weiter? Alex. Er iſt, ſo heißt's, ein ganz beſondrer Mann, Und ſteht allein. Creſſ. Das thun alle Maͤnner, wenn ſie nicht betrunken ſind, oder keine Beine haben. Alex. Dieſer Mann, mein Fraͤulein, hat ſich die Eigen⸗ thuͤmlichkeit von allerlei Thieren zugeeignet: er iſt ſo kuͤhn wie der Lowe, ſo taͤppiſch wie der Baͤr, ſo langſam wie der Elephant: ein Mann, in dem die Natur ſo viele Launen gehaͤuft hat, daß ſeine Tuͤchtigkeit in Thorheit untergeht, ſeine Thorheit durch Verſtaͤndigkeit gewuͤrzt iſt: Niemand beſitzt eine Tugend, von der er nicht einen Anflug bekommen haͤtte, noch irgend jemand eine Unart, von der ihm nicht etwas anklebte: er iſt melancholiſch ohne Urſach, und luſtig wider den Strich; er hat die Gelenkigkeit zu jedem Dinge, 254 Troilus und Creſſida. A. 1. aber jedes Ding iſt an ihm ſo ungelenk, daß er wie ein gichtiſcher Briareus hundert Haͤnde, und keine zum Ge⸗ brauch hat: oder wie eln ſtockblinder Argus lauter Augen und keine Sehkraft. Creſſ. Wie kann aber dieſer Mann, der mich laͤcheln macht, den Hector in Zorn bringen? Alex. Man erzaͤhlt, er ſey geſtern mit Hector in der Schlacht handgemein geworden, und habe ihn niedergeſchla⸗ gen; und der Verdruß daruͤber, und die Schmach, habe den Hector ſeitdem nicht eſſen noch ſchlafen laſſen. (Pandarus kommt.) Creſſ. Wer kommt?— Alex. Fraͤulein, Euer Oheim Pandarus. Creſſ. Hector iſt ein tapfrer Degen. Alex. Wie nur irgend Einer in der Welt, Fraͤulein! Pand. Was ſagt Ihr? Was ſagt Ihr?— Guten Morgen, guten Morgen, Oheim Pan⸗ darus Pand. Guten Morgen, Muhme Creſſida! Wovon ſprecht Ihr? Guten Morgen, Alexander!— Wie gehts dir, Richte? Wann warſt du in Ilium? Creſſ; Heut Morgen, Oheim. Pand. Wovon ſpracht Ihr, als ich kam? War Hector ſchon gewaffnet und ins Feld gezogen, als du nach Ilium Helena war wohl noch nicht aufgeſtanden; nicht wahr?— Creſſ. Hector war ſchon fort, aber Helena noch nicht aufgeſtanden. Pand. Ja, ja, Hector war recht fruͤh auf den Beinen. Creſſ. Davon ſprachen wir eben; und daß er aufge⸗ Pand. War er aufgebracht? Creſſ. Das ſagt mir dieſer da. Pand. Freilich war er aufgebracht; ich weiß auch warum; heut wird ers ihnen beibringen, das kann ich ihnen ſagen; und Troilus wird ihm ſo ziemlich gleichkom⸗ men: ſie moͤgen ſich nur vor Troilus in Acht nehmen, das moͤgen ſie mir glauben! Ce ſſ. Wie! Iſt der auch aufgebracht?— Pand. Was, Troilus? Troilus iſt der Beßre von eiden⸗ — —. Sz. 2. Troilus und Creſſida. 255 Creſſ. O Jupiter! Da iſt gar kein Vergleich! Pand. Wie, nicht zwiſchen Troilus und Hector? Er⸗ kennſt du nicht einen Mann, wenn du ihn ſiehſt? Creſſ. Nun ja, wenn ich ihn ſonſt ſchon ſah und annte. Pand. Ganz recht; ich ſpreche, Troilus iſt Troilus. Creſſ. Da ſprecht Ihr wie ich, denn ich weiß gewiß, er iſt nicht Hector. Pand. Rein, und Hector iſt auch nicht Troilus in ge⸗ wiſſem Betracht. Creſſ. So thun wir keinem Unrecht: er iſt Er ſelbſt. Pand · Ach, du armer Troilus! Ich wollte, er waͤre— Creſſ. Er iſt es ja. Mit dem Beding gienge ich baarfuß nach ndien! Creſſ. Hector iſt er nicht! Pand. Er ſelbſt? Nein, das iſt er nicht;— ja, ich wollte er waͤre es. Nun, die Goͤtter leben noch; die Zeit ſchaffts ihn, oder entraffts ihm: ja, Troilus, ich wollte, ſie haͤtte mein Herz im Leibe! Nein, Hector iſt kein beßrer Mann als Troilus. Creſſ. Verzeiht!— Pand. Er iſt aͤlter— Creſſ. Ich bitte um Entſchuldigung! Pand. Der Andre iſt noch nicht ſo alt; Ihr ſollt ganz anders ſprechen, wenn der andre erſt ſo alt ſeyn wird. Hector kann lange warten, ehe er ſeinen Verſtand be⸗ kommt! Creſſ. Den braucht er auch nicht, wenn er ſeinen eignen hat. Pand. MNoch ſeine Eigenſchaften— Creſſ. Thut nichts! Pand. Noch ſeine Schoͤnheit! ſ Sie wuͤrde ihn nicht kleiden, ſeine eigne iſt eſſer. Pand. Du haſt kein Urtheil, Nichte! Helena ſelbſt be⸗ theuerte neulich, daß Troilus, wenn von brauner Farbe die Rede ſey,— denn braun iſt er allerdings; und doch nicht ſo recht eigentlich braun— Creſſ. Nein; ſondern braun. Pand. Die Wahrheit zu ſagen, braun und nicht braun. * 256 Troilus und Creſſida. A. 1. Creſſ. Die Wahrheit zu ſagen, wahr und nicht wahr. 3 Pand. Sie ſtellte ſein Colorit uͤber das des Paris. Creſſ. Nun, Paris hat Farbe genug. Pand. Das hat er auch. Creſſ. So haͤtte Troilus denn zuviel Farbe; wenn ſie ſein Colorit uͤber das des Andern ſtellt, iſt er hoͤher an Farbe: wenn nun Paris roth genug iſt, und Troilus hoch⸗ roth, ſo iſt das ein zu feuriges Lob fuͤr ein gutes Colorit. Eben ſo gern haͤtte Helena's goldne Zunge den Troilus wegen einer Kupfernaſe ruͤhmen koͤnnen. Pand. Ich ſchwoͤre dir, ich glaube, Helena liebt ihn mehr als den Paris. Creſſ. Dann iſt ſie eine ſehr verliebte Griechin. Pand. Nein ganz gewiß, das thut ſie. Neulich ſtellte ſie ſich zu ihm in das gewoͤlbte Fenſter; und du weißt, er hat nur drei oder vier Haare am Kinn— Creſſ. O gewiß, eines Bierzapfers Rechenkunſt wuͤrde hinreichen, dieſe Einheiten in eine Summe zu ziehn. Pand. Nun, er iſt noch ſehr jung, und doch ſind ſeine Nerven ſo ſtaͤhlern, daß er dir bis auf zwei, drei Pfund eben ſo viel aufheben wird als ſein Bruder Hector. Creſſ. Was! ein ſo junger Mann, und ſchon ſolche Stehlergaben?— Pand. Um dir zu beweiſen, daß Helena in ihn verliebt iſt: denke nur, ſie kam, und legte dir ihre weiße Hand an ſein geſpaltnes Kinn— Creſſ. Juno ſey uns gnaͤdig! Wer hats ihm geſpalten? Pand. Erinnerſt du dich denn nicht ſeines Gruͤbchens? Mir ſcheint, ſein Laͤcheln ſteht ihm beſſer, als irgend Jemand in ganz Phrygien. Creſſ. O ſa, er laͤchelt recht brav. Pand. Nicht wahr? Creſſ. Freilich, wie eine Regenwolke im Herbſt. Pand. Oſtill doch! Ich wollte dir ja beweiſen, daß He⸗ lena in Troilus verliebt ſey! Creſſ. Troilus wird Euch dieſen Beweis nicht verweiſen, wenn Ihr ihn fuͤhren koͤnnt. Pand. Troilus? Nun, der fragt nicht mehr nach ihr, als ich nach einem hohlen Ei frage. Creſſ. Wenn Ihr die hohlen Eier ſo gern habt als die hohlen Koͤpfe, ſeyd Ihr wohl ſchaal genug, die Schalen ohne Eier zu eſſen. Pand. Wahrhaftig, ich muß noch immer lachen, wenn „ Sz. 2. Troilus und Creſſida. 257 ich dran denke, wie ſie ihn am Kinn kitzelte. Das iſt gewiß, ſie hat eine wundervolle weiße Hand; das muß man bekennen. Creſſ. Ohne Felter. Pand. Und da fällts ihr ein, ein weißes Haar auf ſei⸗ nem Kinn zu entdecken. ieſ Das artne Kinn! Iſt doch manche Warze reicher! pand. Aber das gab ein Gelchter! Koͤnigin Hecuba lachte, daß ihr die Augen uͤbergingen— Creſſ. Von lauter Muͤhlſteinen. Pand. Und Caſſandra lachte!— Creſſ. Aber es war unter dem Topf ihrer Augen wohl ein maͤßigeres Feuer: liefen ihre Augen auch uͤber? Pand. Und Hector lachte!— Freſſ. Und wem galt all' dieß Lachen? Pand. Ei, dem weißen Haar, das Helena an Troilus Kinn erſpaͤht. Creſſ. Wär es ein gruͤnes geweſen, ſo hätt' ich auch Pand. Sie lachten nicht ſo ſehr uͤber das Haar, als uͤber ſeine huͤbſche Antwort. Creſſ. Wie war ſeine Antwort? Pand. Sie hatte geſagt: hier ſind nur Einundfunfzig Haare an Euerm Kinn, und Eins davon iſt weiß? Creſſ. Das war ihre Frage? Pand. Ja wohl, das bedarf keiner Frage. Einund⸗ funfzig Haare, ſagte er, und Ein weißes! das weiße Haar iſt mein Vater, und die Uebrigen ſind ſeine Soͤhne. O Jupiter, ſagte ſie, welches von dieſen Haaren iſt Paris, mein Gemahl? Das geſpaltene, ſagte er: reißt es aus, und gebts ihm. Und nun entſtand ſolch ein Gelaͤchter, und Helena ward ſo roth, und Paris ſo boſe, und die Uebrigen lachten ſo ſehr, daß es ins Weite ging. Creſſ. Da mag es auch bleiben, denn es iſt nicht weit her. Pand. Nun, Nichte, ich ſagte dir geſtern etwas, das nimm dir zu Herzen⸗ Creſſ. Das thu' ich auch. Pand. Ich ſchwore dir, es iſt wahr, et weint dir, wie h im April geboren iſt. 258 Troilus und Ereſſida. LN (Man hört zum Rückzug blaſen.) Creſſ. Und ich will in dieſen Thraͤnen ſo luſtig auf⸗ wachſen, wie eine Reſſel im Mai. Pand. Horch! ſie kommen aus dem Felde zu Haus; ſollen wir hier hinauftreten, und ſie nach Jlium ziehn ſehn? Thu' es, liebſte Nichte; thu' es, liebſte Nichte Creſſida! Creſſ. Wie es Euch gefaͤllt. Pand. Hier, hier iſt ein allerliebſter Platz, hier koͤnnen wirs recht ſchmuck mit anſehn. Ich will ſie dir alle bei Namen nennen, wie ſie vorbeiziehn; merke nur vor allen auf Troilus. (Aeneas geht über die Bühne.) Creſſ. Sprecht nicht ſo laut. Pand. Das iſt Aeneas; iſt das nicht ein huͤbſcher Mann? Es iſt eine rechte Blume unter den Troern, das kann ich dir ſagen. Aber merke nur auf Troilus; gleich wird er kommen. Creſſ. Wer iſt das? (Antenor geht vorüber.) Pand. Das iſt Antenor; der iſt recht kurz angebunden, das kann ich dir ſagen; und iſt ein guter Soldat; einer von den beſten Koͤpfen ln ganz Troja; und ein artiger Mann in ſeiner ganzen Perſon.— Wann kommt doch Troilus? gleich ſollſt du Troilus ſehn. Gieb Acht wie er nicken wird, wenn er mich ſieht. Creſſ. Nickt er immer ein, wenn er Euch ſieht?— (Hector geht vorüber.) Pand. Das iſt Hector, der da! der da! ſiehſt du, der! das iſt ein Cavalier! Gott ſey mit dir, Hector; das iſt ein wackrer Mann, Nichte: o du edler Hector! Sieh wie er um ſich blickt! Das iſt eine Haltung! Iſts nicht ein ſtattlicher Mann? Creſſ. Ein recht ſtattlicher Mann. Pand. Nicht wahr? Es iſt eine rechte Herzensluſt ihn zu ſehn. Sieh nur, wieviel Beulen auf ſeinem Helm ſind! Sieh nur hin, ſiehſt dus? Sieh nur hin! Mit dem iſt Sz. 2. Troilus und Creſſida. 259 nicht zu ſpaßen; der verſtehts; mit dem ſoll's einmal einer aufnehmen! Das nenn' ich Hiebe!— Creſſ. Sind die von Schwerdtern? (Paris geht vorüber.) pand. Von Schwerdtern? Von was ſie wollen, das kuͤmmert ihn nicht. Wenn auch der Teufel mit ihm an⸗ baͤnde, das iſt ihm alles gleich. Ja, beim Element, es iſt eine wahre Luſt; ach, dort kommt Paris, dort kommt Paris; ſiehſt du dort, Richte? Iſt das nicht auch ein huͤb⸗ ſcher Mann? Richt?— Ei, das iſt ja allerliebſt: wer ſagte doch, er waͤre heut verwundet? er iſt nicht verwundet? nun, das wird fuͤr Helena eine rechte Freude ſeyn. O wenn ich doch nur den Troilus ſaͤhe! Gleich wirſt du Troilus zu ſehn bekommen. Creſſ. Wer iſt das? (Helenus geht vorüber.) Pand. Das iſt Helenus. Ich begreife gar nicht wo Troilus bleibt,— das iſt Helenns:— er wird wohl gar nicht zu Felde gezogen ſeyn,— das iſt Helenus. Creſſ. Kann Helenus fechten, Onkel? Pand. Helenus? Rein;— jaz er ſicht ſo ziemlich er⸗ traͤglich.— Ich begreife nicht, wo Troilus bleibt— Horch! Hoͤrſt du nicht, wie die Soldaten rufen: Troilus?— Helenus iſt ein Prieſter. Creſſ. Was fuͤr ein Tuckmaͤuſer kommt denn da heran? (Troilus geht vorüber.) Pand. Wo, dort? das iſt Deiphobus:— nein, Troi⸗ lus iſts. Ach, welch ein Mann! Nichte! Hem! O du wackrer Troilus! Du Fuͤrſt der Ritterſchaft!— Creſſ. Still doch, ums Himmelswillen, ſtill!— pand. Gieb Acht auf ihn; faß' ihn recht ins Auge: o du wackrer Troilus! Sieh ihn dir recht an, Richte: ſiehſt du, wie blutig ſein Schwerdt iſt, und ſein Helm noch mehr zerhauen als der des Hector? Und wie er um ſich blickt, wie er einhergeht? O wunderſchoͤner Juͤngling; und noch nicht dreiundzwanzig! Geh mit Gott, Troilus, geh 17* 260 Troilus und Creſſida. A. 1. mit Gott: haͤtte ich eine Grazie zur Schweſter, oder eine Göoͤttin zur Tochter, er ſollte die Wahl haben. O wunder⸗ ſchoͤner Held!— Paris iſt ein Quark gegen ihn, und ich weut⸗ Helena tauſchte gern, und gaͤbe noch Geld in den auf. (Mehrere Soldaten zlehn vorüber.) Creſſ. Dort kommen noch mehr. Pand. Eſel! Narren! Spreu und Kleye! Spreu und Kleye! Suppe nach der Mahlzeit! In Troilus Anblick koͤnnt' ich leben und ſterben. Sieh nicht weiter hin, ſieh nicht weiter hin: die Adler ſind voruͤberz Kraͤhen und Dohlen, Kraͤhen und Dohlen! Lieber waͤr' ich ſolch ein Held wie Troilus, als Agamemnon mit ganz Griechenland. Creſſ. Die Griechen haben ihren Achilles; der uͤbertrifft den Troilus. Pand. Achilles? Ein Laſttrager, ein Karrenſchieber, ein rechtes Cameel. Creſſ. Nun, nun!— Pand. Nun, nun? Haſt du denn kein Urtheil? Haſt du denn keine Augen? Verſtehſt du, was ein Mann iſt? Sind denn nicht Geburt, Schoͤnheit, gute Bildung, Be⸗ redſamkeit, Mannhaftigkeit, Verſtand, Artigkeit, Tapferkeit, Jugend, Freigebigkeit, und was dem gleicht, die Specereien und das Salz die einen Mann wuͤrzen? Creſſ. O ja; ein Mengelmus von einem Manne; und ſo in der Paſtete gehackt und gebacken giebts ein Mus von lauter Maͤngeln. Pand. Was ſind das nun wieder fuͤr Reden! Man weiß nie, auf welcher Lauer du liegſt. Creſſ. Auf meinem Ruͤcken, um meinen Leib frei zu haben; auf meinem Witz, um meine Launen zu vertheidi⸗ genz auf meiner Verſchwiegenheit, um meinen guten Ruf zu ſichern; meiner Maſte vertrau ich, um meine Schoͤn⸗ heit zu bewahren; dann endlich Euch, um das Alles zu ſchuͤtzen: und auf allen dieſen Lauerplaͤtzen lieg' ich, und habe wohl tauſend Wachen. Pand. Nenne mir Eine deiner Wachen. Creſſ. Das iſt eben meine Hauptwache, die gegen Euch gerichtet iſt. Denn wenn ich erſt nicht mehr behuͤten kann, was niemand finden ſollte, ſo kann ich Euch wenig⸗ ſtens bewachen, daß Ihr nicht erfahrt wie ich zu Scha⸗ den kam; es muͤßte denn ſo zunehmen, daß ſichs nicht mehr Sz. 2. Troilus und Creſſida. 261 verſtecken ließe; und dann wär's ohnehin mit dem Wachen vorbei. Pand. Ihr ſeyd mir die Rechte! (Der Page des Troilus kommt.) i Peke Herr, mein Gebieter wuͤnſcht Euch gleich zu prechen. Pand. Wo! 3 Page In Euerm Hauſe, Herr; dort legt er ſeine Ruͤ⸗ ung ab⸗ 1 Pand. Lieber Kleiner, ſag 5 ritieic er Page geht. de S er iſt verwundet. Lebe wohl, liebe Nichte, ebe wohl. Heſß Lebt wohl, Oheim. Pand. Ich bin gleich wieder bei Euch, Nichte. Freſſ. Und bringt mir„„. Pand. Nun ja! Ein von Troilus⸗ ge t ab.) Creſſ. Bei dieſem Liebespfand, du biſt ein Kuppler!— Wort, Gab' und Thraͤn' und heil'gen Schwur's Betheuern Läßt er nicht ab fuͤr jenen zu erneuern: Zwar mehr in Troilns hab ich gewahrt, Als was mir Pandar's Spiegel offenbart: Doch weigr' ich. Fraun ſind Engel ſtets, geworben: Ahndung iſt Luſt, doch im Genuß erſtorben. Nichts weiß ein liebend Maͤdchen, bis ſie weiß Allein das Unerreichte ſteh' im Preis; Daß nie, erhoͤrt, das Gluͤck ſo groß im Minnen Als wenn Begier noch fleht, um zu gewinnen: Drum folg' ich dieſem Spruch der Liebesſitte, Gewahren wird Befehl, Verſagen Bitte:— Und mag mein Herz auch trene Lieb empfinden Rie ſoll ein Blick, ein Wort ſie je verkunden⸗(ab.) Troilus und Creſſida. 1. 1. Dritte Szene Das griechiſche Lager. (Trompeten. Es treten auf Agamemnon, Neſtor, ulyſſes, Menelaus und Andre.) Agamemnon. Fuͤrſten, Kann Gram mit Gelbſucht Eure Wangen faͤrben? Der weite Vorwurf, den Erwartung bildet Bei jedem Plan auf Erden hier begonnen, Entbehrt gehoffter Groͤße.— Unſtern und Hemmung Keimt in den Adern hocherhabner That, Wie Knorren, durch zu uͤpp'gen Saft erzeugt, Der ſchlanken Fichte Wachsthum ſtockend lähmen, Daß ſie gekruͤmmt und ſiech nicht hoch erwaͤchſt. Auch kann's, Ihr Fuͤrſten, nicht befreindlich ſeyn, Wenn uns Erwariung taͤuſcht, und Troja's Mauern Noch aufrecht ſtehn, bedroht ſeit ſieben Jahren: Weil jede Kriegsthat in vergangner Zeit Von der uns Kunde zukam, ward gekreuzt, Und im Verſuch weit abgelenkt vom Ziel, Und jenem geiſt'gen Vorbild des Gedankens, Das ihr ein Traumbild ſchuf. Weßhalb denn, Fuͤrſten, Seht Ihr beſchaͤmten Blicks auf unſer Werk, Als waͤre Schmach, was doch nichts anders iſt, Als des erhabnen Zeus verzoͤgert Pruͤfen, Ob noch im Menſchen feſt Beharren ſey? Denn nicht erprobt ſich dieſer ächte Stahl, Beguͤnſtigt uns Fortuna: denn alsdann Scheint Held und Feiger, Narr und Weiſer, Kuͤnſtler Und Thor, Weichling und Starker, nah verwandt:— Doch in dem Sturm und Schnauben ihres Zorns, Wirft Sondrung mit gewalt'ger, breiter Schaufel Alles aufſchuͤttelnd, leichte Spreu hinweg; Und was Gewicht und Stoff hat in ſich ſelbſt, Bleibt reich in Tugend liegen, unvermiſcht. Neſt. Mit ſchuld'ger Ehrfurcht deinem heilgen Thron O Agamemnon, wird dein letztes Wort St3. Troilus und Creſſida. 263 Neſtor erlaͤutern. In dem Kampf mit Wechſel Bewaͤhrt ſich aͤchte Kraft. Auf ſtiller See, Wie faͤhrt ſo mancher gaukelnd winz'ge Kahn Auf ihrer ruh'gen Bruſt, und gleitet hin Mit Seglern maͤcht'gen Bau's? Doch laß den Raufer Boreas erzuͤrnen Die ſanfte Thetis,— raſch durchſchneidet dann Das ſtarkgerippte Schiff die Wellenberge, Springt zwiſchen beiden feuchten Elementen Gleich Perſeus Roß:— wo bleibt das eitie Boot, Deß ſchwachgefuͤgte Seiten eben noch Wettkaͤmpften mit der Kraft? Es fliecht zum Hafen, Wenn's nicht Neptun verſchlingt. So trennt ſich auch Des Muthes Schein vom wahren Kern des Muths, Im Sturm des Gluͤcks: denn ſtrahlt es hell und mild, Dann wird die Bremſe quaͤlender der Heerde, Als ſelbſt der Tiger: doch wenn Stuͤrme ſpaltend Der knot'gen Eichen Knie darniederbeugen, Und Schutz die Fliege ſucht, dann das Thier des uths. Wie aufgeregt von Wuth, wird ſelber Wuth, Und brull't, in gleichen Tonen wiederhallend, Dem zorn'gen Gluͤck entgegen. yſſ. Agamemnon, Du großer Fuͤrſt, Gebein und Nerv der Griechen, Herz unſrer Schaaren, Seel' und einz'ger Geiſt, In dem Gemuͤth und Weſen aller ſollte Beſchloſſen ſeyn,— hoͤr was lUyſſes ſpricht. Den Beifall und die Huld'gung abgerechnet, Die, Maͤcht'ger du durch Rang und Herrſcherwuͤrde, Und du, Ehrwuͤrd'ger durch dein hohes Alter Ich Euren Reden zolle,—(die ſo trefflich, Daß Agamemnon und der Griechen Hand Sie ſollt' in Erz erhoͤhn, und du hinwieder, Ehrwuͤrd'ger Neſtor, ſilberweiß, mit Banden Aus Luft gewebt, ſtark wie die Ar' um die Der Himmel kreiſ't, ſolltſt jedes griech'ſche Ohr An deine weiſe Zunge feſſeln:)— doch Du Staatsmann und du Fuͤrſt, vergoͤnnt Ulyſſes Nach Euch zu reden⸗ Agam. Sprich, Held von Ithaca: ſo ſicher iſts, Daß kein unnuͤtzes, kein gehaltlos Wort Je deine Lippen theilt, als wir erwarten 264 Troilus von Creſſiba. Wenn Hund Therſites anſtimmt ſein Gebell, In Witz, Muſik, Orakel zu vernehmen. ui Troja, noch unerſchuͤttert, war gefallen, Und ohne Herrn des großen Hector Schwerdt, Wenn folgendes nicht hemmte: Verkannt wird Seel' und Geiſt des Regiments; Und ſeht! ſo viele Griechenzelte hohl. Stehn auf dem Feld; ſo viel Parteien⸗Hohlheit.— Wenn nicht der Feldherr gleicht dem Bienenſtock, Dem alle Schwaͤrme ihre Beute zollen, Wie hofft ihr Honig? Wenn ſich Abſtufung verlarvt, Scheint auch der Schlechtſte in der Maſte edel. Die Himmel ſelbſt, Planeten, und dieß Centrum, Reih'n ſich nach Abſtand, Rang und Wuͤrdigkeit, Beziehung, Jahrszeit, Form, Verhaͤltniß, Raum, Amt und Gewohnheit in der Ordnung Folge: Und deshalb thront der majeſtaͤt'ſche Sol, Als Hauptplanet, in hoͤchſter Herrlichkeit Vor allen andernz ſein heilkraͤftig Auge Verbeſſert den Aſpect boͤsart'ger Sterne, Und ſchießt, wie Koͤnigs Machtwort, allbeherrſchend Auf Gut und Boͤſes. Doch wenn die Planeten In ſchlimmer Miſchung irren ohne Regel, Welch Schreckniß! Welche Plag' und Meuterei! Welch Stuͤrmen auf der See! Wie bebt die Erde! Wie raſt der Wind! Furcht, Umſturz„ Graun Zwieſpalt Reißt nieder, wuͤhlt, zerſchmettert und entwurzelt Die Eintracht und vermaͤhlte Ruh der Staaten Ganz aus den Fugen! O, wenn Abſtufung, Die Leiter aller hohen Plane, ſchwankt, Erkrankt die Ausfuͤhrung. Wie koͤnnten Gilden, Wuͤrden der Schule, Bruͤderſchaft in Staͤdten, Friedſamer Handelsbund getrennter Ufer, Der Vorrang und das Recht der Erſtgeburt, Ehrfurcht vor Alter, Scepter, Kron und Lorbeer, Ihr ewig Recht ohn Abſtufung behaupten? Tilg' Abſtufung, verſtimme dieſe Saite, Und hoͤre dann den Mißklang! Alles traͤf⸗ Auf offnen Widerſtand. Empoͤrt dem Ufer Erſchwollen die Gewäſſer uͤbers Land, Daß ſich in Schlamm die feſte Erde loͤſte: Macht wuͤrde der Tyrann der bloͤden Schwaͤche, —— und — Sz. 3. Troilus und Creſſida. 265 Der rohe Sohn ſchluͤg' ſeinen Vater todt; Kraft hieße Recht: nein, Recht und Unrecht, deren Endloſen Streit Gerechtigkeit vermittelt, Verloren, wie Gerechtigkeit, den Namen⸗ Dann loͤßt ſich alles auf nur in Gewalt, Gewalt in Willkuͤhr, Willkuͤhr in Begier? Und die Begier, ein allgemeiner Wolf, Zwiefaͤltig ſtark durch Willkuͤhr und Gewalt, Muß dann die Welt als Beute an ſich reißen, Und ſich zuletzt verſchlingen. Großer Koͤnig, Dieß Chaos, iſt erſt Abſtufung erſtickt, Folgt ihrem Mord:— Und dieß Nichtachten jeder Abſtufung Geht rückwaͤrts Schritt fuͤr Schritt, indem's hinauf Zu klimmen ſtrebt. Des Oberfeldherrn ſpottet Der unter ihm zunächſt: den hoͤhnt der Zweite, Den Nächſten dann ſein Untrer? ſo vergiftet Vom erſten Schritt, der ſeinem Obern trotzt, Wird jeder folgende zum neid'ſchen Fieber Kraftloſer bleicher Nebenbuhlerſchaft: Und ſolch' ein Fieber iſts, das Troja ſchirmt, Nicht eigne Staͤrke. Kurz, den Troern ſchafft Rur unſte Schwaͤche Friſt, nicht eigne Kraft⸗ Neſt. Sehr weislich hat Ulyſſes uns enthullt Die Seuch, an welcher unſre Macht erkrankt. Agam. Der Krankheit Art haſt du durchſchaut, Ulyſſes; Welch Mittel nun? ülyſſ. Der Held Achilles, den die Meinung kroͤnt Als Rerv' und rechte Hand des ganzen Heers,— Das Ohr gefuͤllt mit ſeinem maͤcht'gen Ruhm, Wird frech und launenhaft, und ruht im Zelt, Verſpottend unſer Thun. Mit ihm Patroclus, Auf einem Ruhbett, treibt den langen Tag Sein Poſſenſpiel, Und ſtellt mit tolpiſch laͤcherlichem Pathos Uns all zur Schau. Manchmal, o großer Koͤnig, Verzerrt er deine gleichlos hoͤchſte Wuͤrde, Stotzirend wie ein Buͤhnenheld, deß Geiſt Im Kniebug wohnt, und dem's erhaben duͤnkt, Der Bretter Schall und hoͤlzern Echo hoͤren, Wenn er mit ſteifem Fuß den Boden ſtampft,— So jaͤmmerlich verdreht und uͤbertrieben Agirt er deine Hoheit. Wenn er ſpricht, 266 Troilus und Creſſida.„N. Klingts wie geborſt'ne Glocken: Sinnlos Zeug, Wie es von Typhon's Schlund hervorgebruͤllt Noch Bombaſt ſchiene. Bei dem ſchalen Wuſt Liegt breit und faul Achilles auf den Polſtern, Lacht aus der tiefen Bruſt mit lautem Beifall, Ruft:„Herrlich! Das iſt Agamemnon voͤllig! „Nun ſpiel' mir ſtreich' den art „Wie er, wenn er zu reden Anſtalt macht!“— Er thuts; und triffts, wie Nord und Suͤd ſich treffen, So aͤhnlich, wie Vulcan der Gattin iſt. Doch Freund Achill ruft nochmals:„meiſterhaft! „„S iſt Reſtor ganz! Jetzt ſpiel' ihn mir, Pa⸗ troclus, „Wie er ſich Nachts Ken Ueberfall bewaff⸗ net Und dann, wie klein! muß ſelbſt des Alters Schwachheit Zur Poſſe dienen: Huſtend raͤuſpert er, Schiebt krankhaft fuſchelnd an des Panzers Hals Die Nieten ein und aus: und bei dem Spaß Stirbt Herr Großmaͤchtig,„genug, Pa⸗ troclu 3 „Schaff' Rippen mir von Stahl! ſonſt ſpreng ich alle „Vor uͤbermaͤß'ger Luſt!“ So dient den beiden All' unſre Faͤhigkeit, Matur, Geſtalt, Beſondre Gab und allgemeine Art, Vollbrachte That, Entwurf, Befehl und Plan, Aufforderung zum Kampf, Antrag um Stillſtand, Erfolg und Mißgeſchick, was iſt und nicht iſt, Zum Stoff fuͤr Albernheit und Uebertreibung. Neſt. Und von dem ſchlimmen Beiſpiel dieſer Zwei, Die, wie Ulyſſes ſagt, die Meinung kroͤnt Mit Herrſcherton, ward mancher angeſteckt. Ajax, voll Eigenduͤnkels, traͤgt das Haupt So hoch gezaͤumt, ſo trotzig, wie der breite Achilles; bleibt in ſeinem Zelt wie jener; 3 Giebt Schmaͤuſe den Partei'n; ſchimpft unſre Waffen, Als waͤr' er ein Orakel; hetzt Therſites Den Schalksnarr'n, der wie Muͤnze Laͤſtrung praͤgt, Durch niedrigen Vergleich uns zu beſudeln, Mit Schimpf und Hohn zu ſchmaͤh'n auf unſre Drangſa, Wei ſehr uns auch ringsher Gefahr bedraͤut.— Sz 3. Troilus und Creſſida. 267 Ulyſſ. Sie laͤſtern unſre Politik als Feigheit; Sie ſtoßen Weisheit aus dem Rath des Kriegs; Verlachen Vorbedacht, und wuͤrdigen Nur That der Fauſt: die ſtille Geiſteskraft, Die pruͤft, wie viele Haͤnde wirken ſollen Wenn's Zeit erheiſcht, und durch muͤhſame Schätzung Voraus beſtimmt, wie zahlreich ſey der Feind,— Das alles haͤlt man keines Fingers werth, Bettarbeit nennt man's, Stubenkrieg und Schreibwerk; So daß der Widder, der die Mauern bricht, Und die Gewalt und Sturmkraft ſeiner Wucht, Den Rang hat vor der Hand die ihn gezimmert, Ja ſelbſt vor denen, die mit Liſt und Klugheit Scharfſinnig ſeine Wirkung angeordnet. Neſt. Dieß eingeraͤumt, ſo gilt Achilles Pferd Viel e gorcht! Veß em. Horcht! Weß die Trompeten? Sieh Meneleu Men. Von Troja! (Aeneas tritt auf.) Agam. Was fuͤhrt Euch hieher? Aen. Iſt dieß Des großen Agamemnon Zelt? Agam. Ja, dieſes. Aen. Darf Einer, der ein Herold iſt und Fuͤrſt, Mit offner Botſchaft nah'n des Koͤnigs Ohr? Agam. MNoch ſichrer, als geſchuͤtzt vom Arm Achills, Vor allen griech'ſchen Haͤuptern, die einſtimmig Als Haupt und Feldherrn Agamemnon ehren. Aen. Hoͤflich Gewaͤhren; Sicherheit vollauf.— Wie mag, wer dieſen hoͤchſten Blicken fremd, Von Andern Sterblichen ihn unterſcheiden? Agam. Wie? Aen. Ich frag', auf daß ich Ehrfurcht in mir wecke Und ein Erroͤthen auf die Wange rufe, Beſchaͤmt ſo wie Aurora, wenn ſie kuͤhl Zum jungen Phoͤbus ſchaut. Wer iſt der Gott im Amt, der Helden lenkt? Wer iſt der Hochgebieter Agamemnon? Agam. Der Troer hoͤhnt uns, oder Troja's Ritter Sind uͤberfeine Hofherrn. Aen. Hofherrn ſo mild und adlich, ohne Wehr, 268 Troitus und Creſſida. 11. Wie Engel holdgeneigt: alſo im Frieden. Doch fehlt im Kriegsſchmuck Zorn nicht, kraͤftger Arm, Der Glieder Macht, getreues Schwerdt, und, Gott voran, Kein Herz ſo mutherfuͤllt. Doch, ſtill, Aencas! Still Troer! Leg den Finger auf die Lippe: Des Ruhmes Wuͤrdigkeit verliert an Wertb, Wenn der Geprieſ'ne ſelbſt mit Lob ſich ehrt: Doch Lob, das vom beſiegten Feind erklingt, Der Thaten Ruf iſts, der zum Himmel dringt. Agam. Trojam'ſcher Ritter, nennt Ihr Euch Aeneas? Aen. Ja Grieche, alſo heiß' ich. Agam. Eur Geſchaͤft?— Aen. Verzeiht, es iſt fuͤr Agamemnons Ohr! Agam. Er hoͤrt nichts heimlich, was von Troja kommt. Aen. Auch kam ich nicht von Troja, ihm zu fluͤſtern; Trompeten laß ich ſchmettern an ſein Ohr, Und weck' es, aufmerkſam ſich mir zu neigen; Dann will ich reden. Agam. Sprich, ſo frei wie Luft; Dieß iſt nicht Agamemnon's Schlummerſtunde:— Vernehmen ſollſt du Troer, er iſt wach; Er ſelber ſagt es dir. Aen. Trompet', erklinge Mit ehr'nein Schall durch all die traͤgen Zelte; Und jedem tapfern Griechen thu' es kund, Was Troja edel meint, das ſpricht es laut. (Trompetenſtoß.) n Troja lebt, o großer Agamemnon, in Prinz, Hector mit Namen, Priam's Sohn, Den dieſe dumpfe, lange Waffenruh Verroſtet hat. Nimm die Trompeten, ſprach er, Und rede ſo: Ihr Koͤn'ge, Fuͤrſten, Herrn, ſt Einer von den Edeln Griechenlands, em mehr die Ehre gilt als ſeine Ruh, Der mehr nach Ruhm ſtrebt, als Gefahren ſcheut, Der ſeinen Muth wohl kennt, nicht ſeine Furcht, Der ſeine Dame mehr liebt, als in Worten, Mit muͤß'gen Schwuͤren ihrem Mund gelobt,— Und ihren Werth und Reiz behaupten darf NRicht blos mit Liebeswaffen,— dem entbiet' ich: Im Angeſicht der Griechen und Trojaner Beweiſ't es Hector, oder muͤh't ſich drum,— Sz. 3. Troilus und Creſſida. 269 Er hab' ein Weib verſtänd ger, ſchoͤner, treuer Als an die Bruſt jemals ein Grieche ſchloß:— Und morgen ruft er mit Trompetenklang In Mitten Eurer Zelt' und Troja's Mauern, Daß ſich ein Griech' erheb' in Liebe treu⸗ Tritt Einer auf, wird Hector hoch ihn ehren: Wenn Keiner kommt, wird er in Troja ſagen, Die griech'ſchen Fraun ſind ſonnverbrannt, und unwerth Des Splitters einer Lanze.— Dieß mein Auftrag. Agam. So, Prinz, verkund' ichs unſern Liebenden. Keiner ein Gemuͤth alſo entzuͤndet, o blieben All daheim. Doch wir ſind Ritter: Und ſey mit Schmach vom Ritterthum vertrieben, Wer nicht ſchon liebt, geliebt hat, noch wird lieben. Drum, wer in Lieb' iſt, ſeyn wird, oder war, Der ſtelle ſich, ſonſt biet' ich ſelbſt mich dar. Neſt. Sag ihm vom Neſtor, der ein Mann ſchon war, Als Hectors Eltervater ſog die Bruſt,— Er iſt nun alt,— doch findet ſich im Heer Kein edler Mann, in dem ein Funke gluht, Zu ſtehn fuͤr ſeine Dame,— ſag' ihm dieß: Den Silberbart berg' ich im Goldviſier, Und in der Schiene den gewelkten Arm: So tret' ich auf, und ſag' ihm, mein Gemahl Beſiegt' an Schoͤnheit ſeine Eltermutter, An Keuſchheit alle. Seinem Jugendmuth Zeug' ichs mit meinen ſieben Tropfen Blut. Aen. Verhuͤte Gott, daß Jugend alſo ſelten!— Ulyſſ. Amen! Agam. Erlauchter Lord Aeneas, reicht die Hand⸗ Ich fuͤhr' Euch, Herr, in unſern Pavilion: Ichill vernehme, was Ihr heut beſtellt, Und jeder griech'ſche Ritter, Zelt fuͤr Zelt.— Dann ſpeift mit uns, eh' Ihr nach Troja kehrt, Und edler Feindes⸗Gruß ſeyd Euch gewährt. (ſie gehn ab.) (Es bleiben ulyſſes und Reſtor.) Ulyſſ. Neſtor— Neſt. Was ſagt Ulyſſes? Ulyſſ. In meinem Hirn erzeugt ſich ein Gedanke; Seyd Ihr die Zeit, ihn zur Geburt zu foͤrdern! Neſt. Was iſt es? 270 Troilus nnd Creſſida. A. J. Ulyſſ. Dieß: man ſprengt mit ſtumpfem Keil Den harten Klotz. Den uͤberreifen Stolz Der hoch in Saat geſchoſſen in dem uͤpp'gen Achill, muß unſre Sichel ſchleunig maͤh'n; Sonſt ſtreut er rings dieſelbe boͤſe Saat Uns alle zu erſticken. Meſt. Wohl! Und wie? Hlyſſ. Der Kampf, zu dem der tapfre Hector ruft,— Obſchon in Allgemeinheit ausgeſprochen,) Zielt doch zunaͤchſt allein nur auf Achill. Weſt. Der Zweck iſt augenfaͤllig; wie ein Ganzes, Deß Großheit ſich aus kleinen Theilen formt. Und wird dieß kund gethan, ſo zweifle nicht, Achilles, waͤr' auch ſein Gehirn ſo trocken Als Libyens Strand,—(und doch, Apoll bezeug's, S iſt duͤrr genug,)— wird mit eilfertgem Urtheil, Ja, unverzuͤglich, Hectors Zweck durchſchaun, Daß er auf ihn gezielt.. Ulyſſ. Und wird ihn reitzen ſich zu ſtellen? Neſt. Jaz So muß es ſeyn. Wer mißt ſich ſonſt mit ihm, Der aus dem Kampf mit Hector'n Ehre braͤchte, Als nur Achill? Iſts gleich ein Spielgefecht, Haͤngt an der Kampfesprobe doch die Meinung. Denn unſer Koͤſtlichſtes ſchmeckt hier der Troer Mit ſeinem feinſten Gaum, und glaubt, Ulyſſes, Man wird unpaſſend ſchaͤtzen unſte Wuͤrze Nach dieſer Eitelkeit: denn deri Erfolg, Obſchon des Einen Mannes, giebt den Ausſchlag Dem allgemeinen gut und ſchlimmen Ruf:— Und ſolcher Index,(ob auch kleine Lettern, Verglichen mit der Baͤnde Folge,) zeigt In Kindsgeſtalt den Rieſenkoͤrper ſchon Von dein was kommen ſoll.— Man ſieht im Streiter, Der ſich dem Hector ſtellt, nur unſre Wahl: Und Wahl, einmuͤth'ger Einklang alles Urtheils, Leiht Wuͤrde dem Erkohr'nen; kocht heraus Gleichſam von Unſrer Aller Werth und Kraft Die Quinteſſenz des Mann's. Mißlingt es Dem, Welch Herz faßt dann der Sieger in dem Kampf, Die eingebild'te Ehre noch zu ſtaͤhlen! Der Ehrenpunct belebt dann jedes Werkzeug, Sz. 3. Troilus und Creſſida. 71¹ Nicht minder kraftvoll, als Geſchoß und Schwerdt Vom Arm gefuͤhrt. Luyſſ. Verzeihung meinem Wort! Drum muß Achilles nicht mit Hector kaͤmpfen, Zeigt wie ein Krämer erſt die ſchlechtſte Waare, Vielleicht bringt Ihr ſie an; gelaͤng' es nicht, Dann wird der Glanz der Beſſern Euch erhoͤht, Zeigt Ihr die Schlechte erſt. Drum gebt nicht zu, Daß Hector und Achill zuſammen fechten: Sonſt folgen unſrer Schmach wie unſerm Ruhm Zwei hoͤchſt verderbliche Gefaͤhrten nach. Neſt. Mein altes Auge ſieht ſie nicht: wer ſind ſie? tlyſſ. Der Ruhm, den ſich Achill erringt vom Hector, Waͤr er nicht ſtolz, wir Alle theilten ihn: Doch allzu uͤbermuͤthig ward er ſchon; Und lieber moͤcht' uns Libyens Sonne doͤrren, Als ſeiner Augen Stolz und bittrer Hohn, Beſiegt ihn Hector nicht: und wich' er ihm, Zerſtörten wir den allgemeinen Glauben Durch unſtes Helden Schmach. Nein! loſen wir: Und lenken's klug, daß Toͤlpel Ajar ziche Das Blatt zum Kampf mit Hector. Unter uns Ruͤhm' Euer Zeugniß ihn als beſten Krieger; Das wird Arz'nei dem großen Myrmidonen, Der auf die Volksgunſt pocht: dann ſinkt ſein Kamm, Der ſtolz ſich wie der Regenbogen baͤumt. Kommt der ſchwerkoͤpf'ge Ajax heil davon, Erhebt ihn unſer Lob: und ſchlaͤgts ihm fehl, Dann bleibt doch ſtets die Meinung unverletzt, Daß wir noch beß're haben. Wie's auch faͤllt, Des Plans geheime Abſicht muß gelingen: Ajar, erwaͤhlt, rupft dem Achill die Schwingen. Meſt. Ulyſſes, Jetzt faͤngt dein Vorſchlag an mir einzuleuchtenz Und ungeſaͤumt ſoll Agamemnon gleichfalls Ihn koſten.— Gehn wir in ſein Zelt ſofort? Wier zaͤhm' ein Hund den Andern: Stolz allein Muß dieſer Bullenbeißer Knochen ſeyn. (ſie gehn ab.) 272 Troilus und Creſſida. 3 weiter Aufzug. Erſte Szene. Das griechiſche Lager. (Ajar und Therſites treten auf.) 3 Ajar. Therſites— Therſ. Agamemnon wie, wenn er Beulen haͤtte? vollauf, uͤber und uͤber, allenthalben— Ajar. Therſites— Therſ. Und die Beulen liefen; geſetzt ſo waͤrs; liefe dann nicht der ganze Feldherr? Waͤre das nicht eine offne Eiterbeule? Ajax. Hund— Therſ. Auf die Art kame doch etwas materielles aus ihm; jetzt ſeh' ich gar nichts. Ajax. Du Brut einer Wolfspetze, kannſt du nicht hoͤ⸗ ren? So fuͤhle denn!— Cſchlägt ihn.) 1 Therſ. Daß dich die griechiſche Peſtilenz, du koͤterhafter rindskoͤpfiger Lord! Ajax. Sprich denn, du abgeſtandner Klumpen Sauer⸗ teig ſprich! Ich will dich zu einer huͤbſchen Figur pruͤ⸗ geln!— Therſ. Ich konnte dich leichter zu einem Witzigen und Gottesfuͤrchtigen laͤſtern; aber dein Hengſt haͤlt cher eine Rede aus dem Kopf, als du ein Gebet auswendig ſprichſt. Du kannſt ſchlagen, nicht? das kannſt du? die Pferde⸗ Seuche uͤber deine Gaulmanieren!— 7. Giftpilz! Etzaͤhle mir, was hat man ausge⸗ rufen Sz. 1. Troilus und Creſſida. 23 Therſ. Denkſt du, ich ſey fuhllos, daß du mich ſo ſchlagſt? Ajax. Was hat man ausgerufen? Therſ. Man hat dich als Narren ausgerufen, denk ich. Ajax. Nimm dich in Acht, Stachelſchwein, nimm dich in Acht! Meine Finger jucken! ⸗ Therſ. Ich wollte es juckte dich vom Kopf zu den Fuͤßen, und ich muͤßte dich kratzen: ich wollte dich zum ſchaͤbigſten Scheuſal iu Griechenland machen. Wenn du dich einmal beim Ausfall voranwagſt, ſchlägſt du ſo ſchlaͤſ⸗ rig wie ein Andrer. Ajax. Ich frage, was hat man ausgerufen? Therſ. Jede Stunde brummſt und grollſt du auf den Achilles, und biſt neidiſch auf ſeine Groͤße wie Cerberus auf Proſerpinens Schoͤnheit; ja, du bellſt ihn an!— Ajax. Frau Therſites! Therſ. Den ſollteſt du ſchlagen! Ajax. Fladen! Therſ. Der wuͤrde dich mit ſeiner Fauſt zu Kruͤmchen quetſchen, wie ein Matroſe ſeinen Zwieback!— Ajax. Du verdammter Koͤter!—(ſchlägt ihn.) Therſ. So recht!— Ajax. Du Hexenſtuhl!— Therſ. Recht, recht ſo! du gruͤtzköpfiger Lord! Du haſt nicht mehr Hirn als ich im Ellbogen; ein Packeſel kann dein Zuchtmeiſter ſeyn; du ſchaͤbiger tapfrer Eſel! du biſt hieher geſchickt um auf die Trojaner zu dreſchen; und unter Leuten von etwas Witz biſt du verrathen und verkauft wie ein africaniſcher Sclav.— Wenn du dich darauf legſt mich zu ſchlagen, will ich bei deiner Ferſe anfangen und dir Zoll fur Zoll ſagen was du biſt, du Klotz ohne Ein⸗ geweide! Ajax. Hund! Therſ. Schaͤbiger Lord! Ajax. Koͤter!(ſchlägt ihn.) Therſ. Mars dummer Tolpel!— Nur zu, Grobianz nur zu, Cameel; immer zu!— VII. 18 274 Troilus und Creſſida. A. 11 Qchilles und Patroclus treten auf.) Achill. Was giebt es Ajar? Warum thut Ihr das? Was giebts Therſites? Wovon iſt die Rede?— Therſ. Ihr ſeht ihn da, nicht wahr? Achill. Nun ja, was giebts? Therſ. Nein, ſeht ihn an! Achill. Das thu ich ja; was iſt denn? Therſ. Rein, ſeht ihn Euch recht an! Achill. Nun ja, das thu' ich. Therſ. Uud doch ſeht Ihr ihn nicht recht an; denn wofuͤr Ihr ihn immer halten mögt, er iſt Ajar. Achill. Ich kenn' ihn ja, du Narr!— Therſ. Ja, aber der Narr kennt ſich ſelbſt nicht! Ajax. Darum pruͤgle ich dich. Therſ. O he! o ho! Welche kleine Doſen Witz er von ſich giebt! Seine Ausfaͤlle haben Ohren ſo lang. Ich habe ſein Gehirn geknufft mehr als er meine Knochen zer⸗ ſchlagen. Neun Spatzen will ich fuͤr einen Heller kaufen, und ſeine pia mater iſt nicht ſo viel werth als der neunte Theil eines Spatzen. Dieſer Lord, Achilles,— der Ajax, der ſeinen Verſtand im Bauch traͤgt, und ſeine Cal⸗ daunen im Kopf,— ich will Euch ſagen, was ich von ihm denke. Achill. Was? Therſ. Ich ſage, dieſer Ajaxr. Achill. Laßt doch, guter Ajar!— (Ajar will Therſites ſchlagen, Achilles tritt zwiſchen ſie.) Therſ. Hat nicht ſo viel Verſtand— Achill. Nein, ſo muß ich Euch zuruͤckhalten! Therſ.„ Daß er das Hehr von Helena's Nadel fullen koͤnnte, fuͤr die er zu fechten herkam. Achill. Halt Friede, Narr! Therſ. Ich hielte gern Friede und Ruhe, aber der Narr will nicht: ſeht nur, dieſer da, der dort! Ajax. Ei du ſchaͤndlicher Hund, ich will ſ Achill. Wollt Ihr Euern Witz gegen den eines Narren etzen? Therſ. Nein gewiß nicht, denn des Narren Verſtand wuͤrde ihn zu Schande machen. — — Sz 2. Troilus und Creſſida. 273 Patr. Gieb dich zur Ruhe Therſites! Achill. Woruͤber zankt Ihr? Ajax. Ich hieß dem garſtigen Schuhu, mir den In⸗ halt des Uufrufs zu ſagen, und da ſchimpft er auf mich los. Therſ. Ich bin dein Diener nicht. Ajax. Seht nur! Seht nur! Therſ. Ich diene hier freiwillig! Achill. Euer letztes Dienen war leidend, es war nicht freiwillig; Niemand laͤßt ſich freiwillig ſchlagen: Ajax war hier der Freiwillige, und Ihr wurdet zum Dienſt gepreßt. Therſ. Meint Ihr! Euch ſteckt auch der Verſtand groͤß⸗ tentheils in den Sehnen, oder die Welt luͤgt. Hector wird einen rechten Fang thun, wenn er Einem von Euch das Gehirn ausſchlaͤgt: Eben ſo gut moͤchte er eine taube Nuß ohne Kern aufknacken. Achill. Faͤngſt du auch mit mir an, Therſites? Therſ. Da ſind Ulyſſes, und der alte Neſtor, deſſen Witz ſchon ſchimmlich war, ehe Euer Großvater Naͤgel auf den Zehen hatte,— die jochen Euch wie ein Ge⸗ ſin Ochſen zuſammen, daß Ihr den Krieg umpfluͤgen muͤßt. Achill. Was? Was? Therſ. Ja, meiner Treu! Hot, Achilles! ho, Ajax!— Ajax. Ich reiße dir die Zunge aus!— Therſ. Das macht nichts, ich werde hernach noch eben ſo beredt ſeyn wie du. Patr. Kein Wort mehr, Therſites; halt Friede! Therſ. Ich muß Friede halten, wenn's Achill's Trod⸗ del verlangt; nicht wahr?— Achill. Das war fuͤr dich, Patroclus! Therſ. Ich will Euch gehaͤngt ſehn, wie dumme Teu⸗ fel, ehe ich je wieder in Euer Zelt komine; ich werde mich zu Leuten halten, die ihre fuͤnf Sinne haben, und die Zunft der Narren verlaſſen. (geht ab.) Patr. Gluͤck auf den Weg! Achill. Nun wißt: durchs ganze Lager ward ver⸗ kuͤndigt, 5 276 Troilus und Ereſſſida. A.I. Daß Hector morgen um die fuͤnfte Stunde, In Mitten unſrer Zelt' und Troja's Mauern, Wird einen Ritter fordern zum Gefecht, Der Luſt hat einen Gang zu thun; weshalb, Das weiß ich nicht:*s iſt Lumperei!— Lebt wohl! Ajax. Lebt wohl! Wer wird ſich ſtellen? Achill. Ich weiß nicht: Looſe ſoll'n entſcheiden: ſonſt Faͤnd' er wohl ſeinen Mann. Ajax. A ha! Euch ſelbſt? 5 Da muß ich mehr von oͤren! C(ſie gehn ab.) 3 weite Priam's Palaſt. (Es treten auf Priamus, Hector, Troilus, Paris und Helenus. Priamus. Nachdem viel Stunden, Wort', und Leben ſchwanden, Spricht nochmals Griechenland durch Neſtor dieß:— „Gebt Helena; und jeder andre Schaden, „Als Ehre, Zeitverluſt, Aufwand und Muͤh, „Blut, Freund', und was noch theures fonſt verſchlang „Des nimmerſatten Krieges heiße Gier, „Sey abgethan.“ Hector, wie duͤnkt es dich? Zect. Scheut Niemand minder Graͤcien auch als ich, Was mich als Einzelnen betrifft; dennoch, Erhabner Priamus, Gabs nie ein Weib von zaͤrtlicherm Gefuͤhl, Empfaͤnglicher dem Sinn der Furcht, geneigter Zum bangen Ruf:„Wer draus ent⸗ eht?“ Als Hector. Sicherheit macht Frieden krank, Zu ſichre Sicherheit: doch weiſer Zweifel Sz. 2. Troilus und Creſſida. 7 Wird Leuchte fur den Klugen, Stift des Arztes, Der Wunde Grund zu präfen. Geh' denn Helena. Seitdem fuͤr ſie der erſte Schwerdtſtreich fiel, War jede zehnte Seel' aus tauſend Zehnten In unſerm Volk ſo theur' als Helena. Perloren wir ſo manches Zehnt der Unſern, Fuͤr Eine die uns fremd; fuͤr uns nicht werth, Wenn ſie die Unſre waͤr', ein Zehntheil nur:— Welcher vernuͤnſt'ge Grund denn, der uns hindert Sie auszuliefern? Troil. Pfui, o pfui, mein Bruder! Waͤgſt du die Ehr und Wuͤrde eines Koͤnigs, Wie unſer hoher Vater, nach dem Maaß Gemeiner Unzen? Willſt mit Pfenn'gen zählen Seiner Unendlichkeit maaßloſes All? Ein unabſehbar weit Gebiet umzirken Mit Zoll und Spanne ſo geringer Art, Wie Fuͤrchten und Vernunft? o pfui der Schmach! Zel. Kein Wunder, K du ſchilſt, der elb Vernunft entbehrt. Soll unſer Vater nicht Sein großes Herrſcheramt bau'n auf Vernunft, Weil unvernuͤnftig deine Rede war? Troil. Du biſt fuͤr Träum' und Schlummer, Bruder Prieſter, Und fuͤtterſt deine Handſchuh mit Vernunft: Dieß ſind nun deine Gruͤnde:— Du weißt, ein Feind ſinnt drauf, dir weh zu thun, Du weißt, gezuckte Schwerdter drohn Gefahr, Und die Vernunft flieht das was Schaden bringt: Was Wunder denn, wenn Helenus gewahrt Den Griechen und ſein Schwerdt, daß er ſelbſt Fitt'ge Tiefer Vernunft ſich an die Ferſen bindet, Und wie Mercur, wenn Zeus ihn ſchilt, entflieht, Schnell wie ein Sternſchuß? Pred'gen wir Vernunft, So ſchließt die Thor', und ſchlaft! Mannheit und Ehre, Wenn ſie mit Gruͤnden nur ſich maͤſteten, Gewaͤnnen Haſenherz; Vernunft und Sinnen Macht Lebern bleich, und Jugendkraft zerrinnen⸗ Hect. Bruder, ſie iſt nicht werth was ſie uns koſtet Sie hier zu halten. Troil. Was hat wohl andern Werth als wir es ſchaͤtzen? 278 Troilus und Creſſida. A. II. Bect. Doch nicht des Willkuͤhr giebt den t erth, Er hat Gehalt und Wuͤrdigkeit ſowohl In eigenthuͤmlich innrer Koſtbarkeit, Als in dem Schaͤtzer: Wahn und Jollheit iſts Den Dienſt zu machen groͤßer als den Gott!— Und thoͤricht ſchwärmt der Wille, der ſich neigt Zu dem was ſeine Liebe faͤlſchlich adelt, Wenn innrer Werth dem Scheinverdienſt gebricht. Troil. Ich nehme heut ein Weib, und meine Wahl Haͤngt von der Leitung meines Willens ab: Mein Wille ward entflammt durch Aug und Ohr, Zwei wackern Lootſen durch die ſchroffen Klippen Von Will' und Urtheil. Wie verſtieß' ich nun, (Wenn einſt dem Willen meine Wahl mißfiel) Das Weib das ich erkohr!— Da iſt kein Ausweg, Kein Wanken gilt wenn Ehre ſoll beſtehn. Wir ſenden nicht die Seide heim dem Kaufmann, Die wir verderbt; noch werfen wir veraͤchtlich Die uͤbrigbliebnen Speiſen durch einander, Weil wir nun ſatt:— Man hielt es wohlgethan, Daß Paris Rache nehm' am Griechenvolk; Einmuͤth'ger Beifall ſchwellt' ihm ſeine Segel: Die alten Kaͤmpfer, Meer und Wind, ſie ruh'ten, Ihm beizuſtehn; den Port erreicht' er ſchnell, Und ſtatt der alten Baſe, dort gefangen, Bracht er'ne griech'ſche Fuͤrſtin, deren Friſche Apollo runzlich, welk den Morgen macht.— Mit welchem Fug? die Griechen halten Jene!— Und iſt ſie's werth? Ha, eine Perle iſt ſſe, Die mehr denn tauſend Schiffe jagt' ins Meer, Und Kaufherrn ſchuf aus Koͤn'gen. Geſteht Ihr ein, recht wars daß Paris ging,— (Ihr muͤßt; denn alles rief: zieh hin! zieh hin!) Bekennt Ihr, daß ein Kleinod ſeine Beute,— (Ihr muͤßt; denn alle ſchlug't Ihr in die Haͤnde, Und rieft: unſchatzbar!) Warum ſchmaͤht Ihr nun Den Ausgang Eures eignen weiſen Plans, Und thut, was ſelbſt Fortuna nicht gethan, Entwuͤrd'gend was Ihr reicher habt geſchaͤtzt Als Land und Meer? Dann, pfui dem ſchnoͤden Raub! ir ſtahlen, was wir fürchten zu behalten, Als Dieb', unwerth des ſo geſtohlnen Guts! Sz. 2. Troilus und Creſſida. 279 Was wir vergeltend raubten ihrem Strand Scheun wir zu ſchuͤtzen in der Heimath Land! Caſſ.(draußen.) Weint, Troer, weint!— Priam. Welch Schrein? Welch Angſtgeſtöhn? Troil. Die tolle Schweſter; ihre Stimm' erkenn' ich⸗ Caſſ.(draußen.) Weint, Troer! Zeet. S iſt Caſſandra! (Caſſandra kommt, in Verzückung mit fliegenden Haaren.) Caſſ. Weint, Troer, Leiht mir zehntauſend ugen und alle full ich mit prophet'ſchen Thraͤnen! Zect. Still, Schweſter, ſtill!— Caſſ. Jungfraun und Set Mäͤnner, ſchwache reiſe, Unmuͤnd'ge Kindheit, die nichts kann als weinen, Verſtaͤrkt mein Wehgeſchrei! und zahlt voraus Die Hälfte all' des Jammers der uns nah! Weint, Troer, weint: gewoͤhnt Eur Aug' an Thranen, Troja vergeht, das ſchoͤne Jlium ſinkt! Paris, der Feuerbrand, verzehrt uns alle. Weint, weint! O Helena, du Weh der Wehen!— Weint! Troja brennt! Verbannt ſie, heißt ſie gehen!— (geht ab.) Zect. Nun, junger Troilus, weckt dieß laute Rufen Der Weiſſagung von unſrer Schweſter kein Gefuͤhl der Ruͤhrung? oder iſt dein Blut So toll erhitzt, daß ileberlegung nicht, Roch Furcht vor ſchlechtem Ausgang ſchlechter Sache Die Gluth dir maͤß'gen kann?— Troil. Ei, Bruder Hector, Wir duͤrfen nicht die Guͤte jeder That Ermeſſen nach dem Ausgang des Erfolgs, Noch unſre Herzen gleich entmuth'gen, weil Caſſandra raſ't. Ihr hirnverruͤcktes Toben Verbittre nicht die Luſt an einem Streit, Dem unſer Aller Ehre ſich verpfaͤndet, Als wohlgeziemend. Mir, fuͤr meinen Antheil Gilt er nicht mehr als jedem Sohn des Priam; Und Zeus verhuͤte daß wir etwas thaͤten, Verfoͤchten, drauf beharrten, was auch nur Rechtmaͤß'gen Grund zum kieinſten Tadel gäbe. 280 Troilus und Creſſida. Par. Sonſt duͤrfte wohl die Welt des Leſchtſinns zeih'n Mein Unternehmen, ſo wie Euern Rath: Doch, bei den Goͤttern! Eur vollkommner Beifall Gab Fluͤgel meinem Wunſch, und ſchnitt hinweg Jeglich Bedenken ſolcher kuͤhnen Wagniß. Denn was vermag allein mein ſchwacher Arm? Was beut die Kuͤhnheit Eines Mann's fuͤr Kampf, All' derer Stoß und Feindſchaft zu beſtehn, Die ſolche Fehd' erwecken mußt'? doch ſchwoͤr' ich, Muͤßt ich allein den ſchweren Kampf verſuchen, Und käme nur die Macht dem Willen gleich, Nie widerriefe Paris was er that, Noch wankt' er im Verfolg. riam. Paris, du ſprich Wie einer, der von Luͤſten ſchwindelt.* Du haſt den Honig ſtets, die Galle ſie, So tapfer ſeyn verdiente Ruhm noch nie. Par. Ich trachte nicht allein den Freuden nach, Die ſolche Schoͤnheit ihrem Eigner bringt: Des holden Raubes Vorwurf wuͤnſcht' ich auch Getilgt, indem wir ehrenvoll ſie wahren. Welch ein Verrath an der ontfuͤhrten Herrin, Schmach Euerm hohen Ruhm, und Schande mir, Nun aufzugeben ſolch ein Eigenthum, Nach abgezwungenem Vergleich? Waͤrs moͤglich Daß ſo entartete Geſinnung je Den Eingang faͤnd' in Eure edlen Herzen? Auch dem Geringſten nicht in unſerm Volk Fehlt Muth zu wagen und das Schwerdt zu ziehn Fuͤr Helena; und kein ſo Edler iſt, Deß Leben wär zu theur, deß Jod unruͤhmlich, Iſt Helena der Preis. Deshalb betheur' ich, Wohl ziemt es ſich, im Kampfe nicht zu weichen Fuͤr die, der auf der Welt nichts zu vergleichen!— Zect. Paris und Troilus, beide ſpracht Ihr gut, Und habt eroͤrtert Frag' und Stand des Streits:— Doch oberflächlich: nicht ungleich der Jugend, Die Ariſtoteles unfaͤhig hielt Zum Studium der Moralphiloſophie. Die Gruͤnde die Ihr vortragt, leiten mehr Zu heißer Leidenſchaft des wilden Bluts, Als die Entſcheidung frei und klar zu ſchlichten, Sz. 2. Troilus und Creſſida. 281 Sind tauber als der Ottern Ohr dem Ruf Wahrhaften Urtheils! Die Natur verlangt Erſtattung jedes Guts dem Eigner: Nun, Wo waͤr' in aller Menſchheit naͤh'res Anrecht Als zwiſchen Mann und Ehfrau? Wird ein ſolches Naturgeſetz verletzt durch Leidenſchaft, Und große Geiſter, dem betaͤubten Willen Zu leicht ſich fuͤgend, widerſtreben ihm, So giebts in jedem Volksrecht ein Geſetz Als Zuͤgel ſolcher wuͤthender Begierden, Die in Emporung alle Schranken brechen⸗ Iſt Helena des Sparterkoͤnigs Weib, Wie ſie's denn iſt,— ſo ruft Moralgeſetz Des Staats wie der Natur, mit lauter Stimme Sie ihm zuruͤck zu ſenden. Feſt beharren Im Unrecht thun, vermindert Unrecht nicht, Rein, macht es ſchwerer. Dieß iſt Hectors Meinung, Wenn er das Recht erwaͤgt. Gleichwohl indeß Ihr feur'gen Bruͤder, neig' ich mich zu Euch, In dem Entſchluß, nicht Helena zu laſſen. Denn wichtgen Einfluß hat des Streits Entſcheidung Auf unſres Volks wie jedes Einzeln Ruhm. Troil. Da traſſt du ganz das Leben unſrer Sache. Waͤr's nicht die Ehre, die uns mehr entflammt, Als unſerm ſchwell'nden Groll genug zu thun,— Richt einen Tropfen Troerblut mehr wollt' ich Fuͤr ſie vergendet ſehn. Doch, tapfrer Hector, Sie iſt ein Gegenſtand fuͤr Ehr' und Ruhm, Ein Sporn zu tapfrer, hochbeherzter That, Giebt jetzt uns Muth die Feinde zu vernichten, Und fuͤr die Zukunft Preis, der uns verklaͤrt. Denn, weiß ich doch, Held Hector gaͤbe nicht So reichen Vortheil der verheißnen Glorie, Wie ſie auf dieſes Kampfes Stirn uns laͤchelt, Fuͤr alles Gold der Welt. Zect. Wohl haſt du Recht, Du tapfrer Sproß des großen Priamus. Ich ſandte ſchon aufreizend Fehdewort Den traͤgen und entzweiten Griechenfuͤrſten, Das auf wird ſchrecken ihre Schlummergeiſter. Wie ich vernommen, ſchlaͤft ihr beſter Held; Was Recht und Unrecht. Denn die Rach' und Wolluſt 282 Troilus und Creſſida. A. II. Neid und Partheiung ſchleichen durch das Feld, Dieß hoff' ich, ſoll ihn wecken. (ſie gehn ab.) S Das griechiſche Lager. (Therſites tritt auf.) Therſites. Wie uun, Therſites? Ganz verloren im Labyrinth deines Grimms? Solls der Elephant Ajax ſo davontragen? Er ſchlaͤgt mich, und ich ſchimpfe auf ihn: o ſchoͤne Genug⸗ thuung! Ich wollte es ſtaͤnde umgekehrt, und ich koͤnnte ihn ſchlagen, waͤhrend er auf mich ſchimpft!— Blitz, ich will Teufel bannen und beſchwoͤren lernen, damit ich doch irgend eine Frucht meiner zornigen Verwuͤnſchungen ſehe,— Dann, dieſer Achilles! Der iſt mir ein trefflicher Ingenieur! Wenn Troja nicht ehr genommen wird, bis diefe beiden es unter⸗ graben, ſo moͤgen die Mauern ſtehn, bis ſie von ſelbſt ein⸗ fallen. O du großer Donnerſchleudrer des Olymp, vergiß daß du Jupiter, der Goͤtterkonig biſt; und du, Merkur, ver⸗ liehre alle Schlangenkraft deines Caduceus, wenn Ihr ihnen nicht das kleine, kleine, weniger als kleine Koͤrnchen Verſtand nehmt, das ſie haben; von dem die kurzarmige Dummheit ſelbſt einſieht, es ſey ſo uͤbermaͤßig winzig, daß es nicht ſo viel Umſicht haben wird, eine Fliege vor einer Spinne zu retten, ohne das plumpe Schlachtſchwerdt zu ziehn, und das Gewebe zu durchhauen. Hiernaͤchſt wuͤnſch' ich dem ganzen Lager die Peſtilenz, oder beſſer das Knochenweh: denn der Fluch, duͤnkt mich, ſollte denen folgen, welche um einen Unterrock Krieg fuͤhren. Das iſt mein Gebet, und der Teufel Bosheit ſpreche das Amen. Heda! Holla! Fuͤrſt Achilles!— (Patroclus tritt auf.) Patr. Wer da, Therſites? Lieber Therſites, komm herein und ſchimpfe! — 2 Sz. 3. Troilus und Creſſida. 283 Tberſ. Häͤtt ich nur an eine vergoldete falſche Muͤnze gedacht, du waͤrſt meiner frommen Betrachtung nicht ent⸗ ſchlupft; aber es macht nichts. Dich ſelbſt wuͤnſche ich dir an den Hals! Der allgemeine Fluch der Menſchen, Thor⸗ heit und Unwiſſenheit, ſey dein in reichlicher Fuͤlle! der Himmel behuͤte dich vor einem Hofmeiſter, und gute Zucht komme dir nicht nah! Dein Blut regiere dich bis an deinen Tod! Wenn dich dann die Leichenfrau eine ſchoͤne Leiche nennt, ſo ſchwoͤre ich meinen beſten Eid, ſie hat nie andre als Ausſaͤtzige eingekleidet.— Amen! Wo iſt Achilles?— Patr. Was? Gehoͤrſt du zu den Frommen? Sprachſt du ein Gebet? Therſ. Ja; der Himmel erhoͤre mich!— (Achilles tritt auf) Achill. Wer iſt da? atr. Therſites, Herr. Achill. Wo, wo! biſt du da? Ei, mein Kaͤſe, mein Verdauungspulver, warum haſt du dich ſeit ſo mancher Mahlzeit nicht bei mir aufgetiſcht? Sag an, was iſt Aga⸗ memnon?— Therſ. Dein Oberherr, Achilles. Nun ſage mir, Pa⸗ troclus, was iſt Achilles? Patr. Dein Gebieter, Therſites. Nun ſage mir, was biſt du ſelbſt?— Therſ. Dein Kenner, Patroclus. Nun ſage mir, Pa⸗ troclus, was biſt du? Patr. Das mußt du, der mich kennt, am beſten wiſſen. Achill. O ſag doch! ſag doch!— Therſ. Ich will die Frage noch einmal durchgehn.— Agamemnon befiehlt dem Achilles; Achilles iſt mein Ge⸗ ich bin Patroclus Kenner, und Patroclus iſt ein arr! atr. Du Schuft!— herſ. Still, Rarr, ich bin noch nicht fertig. . Achill. Er hat das Privilegium. Nur weiter, Ther⸗ ites! Therſ. Agamemnon iſt ein Narr, Achilles iſt ein Narr, Therſites iſt ein Narr, und wie ſchon geſagt, Patroclus iſt ein Narr. Achill. Beweiſe das. Nun? Therſ. Agamemnon iſt ein Narr, weil er dem Achilles 284 Troilus und Creſſida. A. II. befehlen will; Achilles iſt ein Narr, weil er ſich vom Aga⸗ memnon befehlen laßt; Therſites iſt ein Narr, weil er einem ſolchen Narren dient; und Patroclus iſt ein Narr ſchlechthin. Patr. Warum bin ich ein Narr? Therſ. Die Frage thue deinem Schoͤpfer; mir iſts genng daß du's biſt. Seht, wer hier kommt? (Es treten auf Agamemnon, ulyſſes, Neſtor, Rjar und Diomedes.) Achill. Patroclus, ich will mit Niemand reden. Komm mit mir hinein, Therſites. (geht ab.) Therſ. Ueber alle die Lumpigkeit, alle die Gaukelei, alle die Nichtswuͤrdigkeit! die ganze Geſchichte dreht ſich um einen Hahnrei und eine Hure; ein huͤbſcher Gegen⸗ ſtand, um Partheiung und Ehrgeiz aufzuhetzen, und ſich daran zu Tode zu bluten; daß doch der Ausſatz die Heldin fraͤße! und Krieg und Liederlichkeit alle zuſammen ver⸗ duͤrbe!— eht ab. Agam. Wo iſt Achilles? Patr. In ſeinem Zelt; Sh nicht wohlauf, mein uͤrſt. Agam. Thut ihm zu wiſſen, Ich ſey ſelber hier. Wir ſchickten unſte Boten, und wir thun Verzicht auf Unſte Wuͤrde, ihn beſuchend: Dieß zeigt ihm an: daß er nicht etwa glaube, Wir ſey'n in Zweifel uͤber unſern Rang, Uns ſelbſt verkennend. Patr. Alſo ſag' ich's ihm. Cgeht ab.) Ulyſſ. Wir ſah'n ihn wohl am Eingang ſeines Zelts, Er iſt nicht krank. Ajax. Ja doch, Loͤwenkrank; krank an einem ſtolzen Herzen. Ihr moͤgts Melancholie nennen, wenn Ihr hoͤflich von dem Mann reden wollt; aber, bei meinem Haupt,*s iſt Stolz: aber, auf was? auf was? Er ſoll uns einmal einen Grund angeben! Ein Wort, mein Fuͤrſt! Neſt. Was hat Ajar, daß er ſo gegen ihn bellt?— Ulyſſ. Achilles hat ihm ſeinen Narren abſpenſtig gemacht. —— Sz. 3. Troilus und Creſſida. 285 Neſt. Wen? Therſites? Ulyſſ. Eben den. Neſt. Dann wirds dem Ajar an Stoff fehlen, wenn er ſein Thema verloren hat. Utyſſ. Nein, Ihr ſeht, der iſt ſein Thema, der ſein Thema hat: Achilles. Neſt. Das kann nicht ſchaden; beſſer zerſchellt, als ge⸗ ſellt. Aber das war ein ſtarkes Buͤndniß, das ein Narr trennen konnte!— utyſſ. Die Freundſchaft, welche Weisheit nicht knuͤpfte, kann Thorheit leicht aufloͤſen. Hier kommt Patroclus. (Patroclus kommt zurück.) Neſt. Kein Achilles mit ihm. Utyſſ. Der Elephant hat Kniee, doch nicht zum Gruß, Sie dienen ihm zum Tragen, nicht zur Beugung. Patr. Achill heißt mich Euch ſagen, er bedaure Wenn etwas ſonſt als Eure Luſt und Kurzweil Eur Gnaden jetzt, nebſt Euren edlen Freunden Zu ihm gefuͤhrt; er hofft, es ſey allein Fuͤr Eur Verdaun, und der Geſundheit wegen Ein Gang nach Eurer Mahlzeit. Agam. Hoͤrt, Patroclus Wir kennen dieß gehhi Doch dieſer Vorwand, ſo mit Hohn beſchwingt, Kann doch nicht unſrer Wahrnehmung entfliegen. Manch ſeltnen Werih beſitzt er; mancher Grund Heißt uns dieß eingeſtehn: doch ſeine Tugend, Richt tugendlich verwendet ſeinerſeits, Verlor in unſern Augen faſt den Glanz: Ja, gleich der Wuͤrz in ungeſunder Speiſe, Verdirbt wohl ungekoſtet. Meldet ihm, Wir kommen ihn zu ſehn. Ihr ſuͤndigt nicht, Wenn Ihr ihm ſagt, er duͤnk' uns mehr als ſtolz, Und minder als geſittet: groͤßer viel In eignem Hochmuth, als nach ächter Schaͤtzung. Manch Beßrer kruͤmmt ſich hier der ſproͤden Wilbheit, In die er ſich verlarvt, Entaͤußert ſich der heil'gen Herrſchermacht, Und raͤumt ihm ein, nachſichtig, und aus Schonung, Den Vorrang ſeiner Laune; ja, bewacht 286 Troilus nnd Creſſida. A. II. Sein kindiſch Wechſeln, ſeine Ebb' und Fluth, Als ob der Lauf und Fortgang dieſes Kriegs Mit ſeiner Wittrung ſchiffte. Sagt ihm dieß; Sagt noch, daß wenn er ſo ſich uͤberſchaͤtzt, Wir ihn verſchmaͤh'n; dann lieg' er, wie ein Ruͤſtzeug, Zu dem man ſpricht, weils zum Gebrauch zu ſchwer: Bewegung bringt! dieß kann nicht in den Krieg!— Und daß wir vorziehn einen ruͤhr'gen Zwerg Dem Rieſen welcher ſchlaͤft. Dieß alles ſagt ihm. Patr. Ich thu's, und bring Euch Antwort unverzuͤglich. (geht ab.) Agam. Antwort durch huii Mund genuͤgt uns nicht; Er komme ſelbſt. Gehe Ihr, Ulyß/ zu ihm. (ulyſſes geht ab.) Ajax. Was iſt er mehr als Andre? Agam. Nicht mehr, als was er ſelbſt zu ſeyn waͤhnt. Ajax. So viel? Und glaubt Ihr nicht, daß er ſich duͤnkt ein beßrer Mann als ich zu ſeyn? Agam. Das iſt kein Zweifel. Ajax. Und theilt Ihr dieſen Duͤnkel? bejaht Ihrs? Agam. Nein, edler Ajax; Ihr ſeyd eben ſo ſtark, ſo tapfer, ſo klug, ſo edel, und viel geſitteter. Ajax. Warum ſollte ein Menſch ſtolz ſeyn? Wo kommt der Stolz her? Ich weiß nicht was Stolz iſt! Agam. Eu'r Gemuͤth iſt um ſo reiner, Ajax, und Eure Tugenden um ſo leuchtender. Wer ſtolz iſt, verzehrt ſich ſelbſt: Stolz iſt ſein eigner Spiegel, ſeine eigne Trompete, ſeine eigne Chronik! und wer ſich ſelbſt preiſ't, außer durch die That, vernichtet die That im Preiſe. Ajax. Ich haſſe einen ſtolzen Mann, wie ich das Bruͤ⸗ ten der Kroͤten haſſe.. Neſt.(beiſeit.) Und liebſt dich ſelber doch; iſt das nicht ſeltſam? (ulyſſes kommt zurück.) Ulyſſ. Achilles ſagt mir, morgen fecht' er nicht. Agam. Womit entſchuldigt ers? Ulyſſ. Den Grund verſchweigt er: Dem Strome ſeiner Stimmung folgt er nach, Sz. 3. Troilus und Creſſida. 257 Und weigert Jedem Ehrfurcht und Gehorſam In ſelbſtiſch eigenwilliger Verſtocktheit. Agam. Warum nicht kommt er, freundlich doch erſucht, Aus jeinem Zelt, und theilt die Luft mit uns? Ulyſſ. Ein Staubchen, die Verhandlung zu erſchweren, Macht er zum Berg; er iſt an Groͤße krank; Ja, mit ſich ſelbſt nur redend, ſchnaubt ſein Hochmuth, ünd ihm verſagt der Athem: Eigenduͤnkel Erregt ſein Blut durch ſo erhitzten Schwulſt, Daß, wie des Leib's und Geiſteskraͤfte kaͤmpfen, Sein Reich des Lebens in Empoͤrung wuͤthet, uUnd den Achilles niederſtuͤrzt. Was noch? So peſtkrank iſt ſein Stolz, daß jede Beule Auft: Keine Rettung! Agam. Ajax, geht zu ihm. Mein theurer Fuͤrſt, geht Ihr hinein, und gruͤßt ihn, Man ſagt, er ſchaͤtzt Euch ſehr, und kommt vielleicht Ein wenig zu ſich ſelbſt, von Euch ermahnt. Ulyſſ. D Agamemnon, dieß geſchehe nicht! Es ſoll des Ajax Schritt geſegnet ſeyn, Der weggeht vom Achill. Soll jener Stolze, Der ſeinen Trotz mit eignem Fett betraͤuft, Und nichts, was nur geſchehn iſt, je gewuͤrdigt Der Ueberlegung,— wenn's ihn ſelber nicht Anregt' und traf,— ſoll dem gehuldigt werden, Von ihm, der unſer Abgott mehr als Er? Nein, dieſer dreimal wuͤrd'ge, tapfre Fuͤrſt Soll nicht ſo ſchmaͤh'n den wohlerrung'nen Lorbeer, Noch ſich mit meinem Will'n ſo weit erniedern, Er, ganz ſo hochberuͤhmt als ſelbſt Achill, Jetzt zum Achill zu gehn. Das hieße ſpicken all zu feiſten Stolz, Und Feu'r zutragen dem Cancer, wenn er flammt In des Hyperion ſtrahlendem Geleit.— Der Fuͤrſt vor ihm erſcheinen? Zeus verhuͤt' es, Und ſpreche donnernd: geh Achill zu dieſem!— 5 it(beiſeit. O das iſt recht; er kratzt ihn, wo's ihn juckt. ihm Cbeiſeit.) Und wie ſein Schweigen dieſen Beifall rinkt! Ajar. Geh ich zu ihm, dann mit der Eiſenfauſt Schiag' ich ihm ins Geſicht! Agam. Ihr ſollt nicht gehn. 288 Lroilus und Creſſida. 2n. Ajax. Und thut es ſtolz, ſo zwiebl' ich ſeinen Stolz, Laßt mich nur hin! 8 Nicht um den ganzen Kampfpreis unſres riegs! Ajax. Der ſchuft'ge, freche Burſch! Neſt.(beiſeit.) Wie er ſich ſelber ſchildert! Ajar. Kann er nicht umgaͤnglich ſeyn? Ulyſſ. Cbeiſeit.) Der Rabe ſchilt auf die Schwaͤrze! Ajax. Ich will ſeinen Launen zur Ader laſſen! i e(beiſeit.) Der will der Arzt ſeyn, der der Kranke eyn ſollte. Ajar. Daͤchten nur alle ſo wie ich— Ulyſſ.(beiſeit) So waͤre Witz nicht Sitte. Ajax. Dann ginge es ihm ſo nicht durch!— Er muͤßte erſt Klingen koſten: ſoll's der Hochmuth davontragen? Neſt.(beiſeit.) Wenn das geſchieht, faͤllt dir die Haͤlfte zu. Ulyſſ. Cbeiſeit. Zehn Theile waͤren ſein. Ajax. Ich will ihn kneten, will ihn geſchmeidig ma⸗ chen,— er iſt noch nicht durchwaͤrmt! Neſt.(beiſeit.) Legt noch mehr Lob nach; ſchenkt ein, ſchenkt ein, ſein Ehrgeiz iſt noch trocken! Ulyſſ.(zu Agamemnon.) Mein Fuͤrſt, Ihr nehmt Euch den Verdruß zu nah— Meſt. Erhabner Feldherr, thut es nicht! Diom. Zu dem Gefecht kommt ſicher nicht Achilles. Ulyſſ. Ihn nennen hoͤren, muß den Mann ſchon kraͤnken. Hier iſt ein Held,— doch weil er gegenwaͤrtlg,— So ſchweig' ich lieber. Meſt. Warum wollt Ihr das? Er iſt nicht wie Achill von Ehrgeiz krank! Ulyſſ. Sey's kund der Welt, gleich tapfer iſt er! Ajar. Ein niedertraͤchtiger Hund, der uns verhoͤhnt! Waͤr' er ein Troer— Neſt. Welch ein Fleck am Ajax— Ulyſſ. Erſchien' er ſtolz? Diom. Waͤr er auf Ruhm erpicht? Ulyſſ. Zankſuͤchtig? Diom. Selbſtiſch oder eigenwillig?— Ulyſſ. Ihr ſeyd, S ſanfter Art, mein uͤrſt; Sz. 3. Troilus und Creſſida. 289 Preis ihm, der dich gezeugt, ihr, die dich ſaͤugte! Ruhm deinem Lehrer! deinem Mutterwitz Dreimal mehr Ruhm, als aller Wiſſenſchaft! Doch wer im Fechten deinen Arm geuͤbt, Fuͤr den halbire Mars die Ewigkeit, ünd geb' ihm eine Haͤlfte. Gilt es Staͤrke? Stiertraͤger Milo weiche dir an Ehre, Gewalt'ger Held. Von deiner Weisheit ſchweig ich, Die wie ein Hag, ein Zaun, ein Damm umgrenzt Dein weites Denkgebiet. Hier, ſeht auf Reſtor! Belehrt durch alte Zeiten muß er wohl Und iſt auch weiſe; kann nicht anders ſeyn; Allein verzeiht, mein Vater: waͤr' Eu'r Leben So jung wie Ajar, und Eur Haupt wie damals, Ihr haͤttet keinen Vorrang, waͤrt nicht mehr, Als Ajax iſt. Ajax. Soll ich Euch Vater nennen? Ulyſſ. Ja, guter Sohn. Diom. Nehmt Rath von ihm, Fuͤrſt Ajax⸗ Ulyſſ. Hier gilt kein Zoͤgern; denn der Hirſch Achill Verlaͤßt den Wald nicht. Unſer hoher Feldherr Berufe jetzt der Obern ganze Schaar; Huͤlfskonige verſtaͤrkten Troja: Morgen Muß fuͤr uns ſtehn der Kern von unſrer Kraftz Und hier iſt Er: Ritter von Oſt und Weſten, Kommt, pfluͤckt den Preis: Ajax beſiegt den Beſten. Agam. Folgt mir zum Rath; ob auch Achilles ſchlief, Schnell ſchwimmt der Kahn, das Orlogſchiff geht tief. (ſie gehn ab.) Vil. 19 290 Troilus und Creſſida. Dritter Anfzug. ſ e Droja. (Es treten auf Pandarus und ein Diener: man hört Muſik hinter der Szene.) Pandarus. Freund, auf ein Wort! Folgt Ihr nicht dem jungen Herrn Paris?— Dien. Ja, Herr, wenn er vot mir geht. Pand. Ich meine, Ihr dient ihm? Dien. Ich diene dem Herrn. and. Dann dient Ihr einem edeln Herrn; ich kann nicht anders als ihn lobpreiſen. Dien. Der Herr ſey geprieſen! Pand. Ihr kennt mich, nicht wahr? Dien. Ei nun, Herr, ſo obenhin. Pand. Freund, lernt mich beſſer kennen: ich bin der Herr Pandarus. Dien. Ich hoffe Eure Herrlichkeit beſſer kennen zu ernen. pand. Das wuͤnſche ich. Dien. So ſeyd Ihr alſo im Stande der Gnade? Pand. Gnade? O nein, Freund; Herrlichkeit und Ge⸗ ſtrengen ſind meine Titel. Was iſt das fuͤr Muſik? Dien. Ich kenne ſie nur zum Theil: es iſt Muſik mit vertheilten Stimmen. Sz. 1. Troilus und Creſſida. 291 Pand. Kennt Ihr die Muſicanten? Dien. Ganz und gar, Herr. Pand. Fuͤr wen ſpielen ſie? Dien. Fuͤr die Zuhoͤrer, Herr. Pand. Wem zu Gefallen? Dien. Mir, Herr, und allen denen die gern Muſik Pand. Auf weß Geheiß frag' ich, Freund? Dien. Ich denke, Ihr fragt auf Niemands Geheiß. Pand. Freund, wir verſtehn einander nicht. Ich bin zu hoͤflich, und Ihr ſeyd zu ſpitz. Auf weß Verlangen ſpielen dieſe Leute?— Dien. Ja, nun traft Ihrs, Herr. Nun, auf das Ver⸗ langen des Prinzen Paris, meines Herrn, welcher ſelbſt dabei iſt, und mit ihm die ſterbliche Venns, das Herzblut der Schoͤnheit, der Liebe unſichtbare Seele— Pand. Wer? meine Nichte Creſſida? Dien. Nein, Herr, Helena: Konntet Ihr das nicht an ihren Ehrentiteln errathen? Pand. Ich ſehe ſchon, lieber Freund, du kennſt das Fräulein Creſſida noch nicht. Ich komme, um mit Paris vom Prinzen Troilus zu ſprechen: Ich will eine freund⸗ liche Beſtellung ihm eilend beibringen, denn mein Geſchäft iſt ſiedend. Dien. Ein geſottnes Geſchaͤft! Das nenn' ich eine Phraſe fuͤr die Schwitzbaͤder. (Es treten auf Paris und Helena mit Geſolge.) Pand. Alles Schoͤne fuͤr Euch, mein Prinz, und fuͤr Eure ſchoͤne Umgebung! Schoͤne Wuͤnſche in ſchoͤnem Maaß, begleiten Euch ſchoͤnſtens! Vor allen Euch, ſchoͤnſte Koͤ⸗ nigin! Schoͤne Traͤume ſeyen Euer ſchoͤnes Kopfkliſſen! Sel. Werther Herr, Ihr ſeyd voll von ſchoͤnen Worten. Pand. Ihr ſprecht Euer ſchoͤnſtes Wohlgefallen aus, holde Koͤnigin. Schoͤnſter Prinz, hier iſt vortreffliche fu⸗ girte Muſik? Par. Ihr habt ſie aus den Fugen gebracht, Vetterz ſo wahr ich lebe, Ihr ſollt ſie wieder herſtellen: Ihr ſollt ein 19* 292 Troilus und Creſſida. A. III. Stuck von Eurer Compoſition anſtuͤcken. Er iſt ein Mei⸗ ſter in der Harmonie, Lenchen. Pand. Ach nein, Koͤnigin! Zel. O, mein Herr. Pand. Rauh, bei den Goͤttern; ja, bei den Göoͤttern, ſehr rauh und unmelodiſch. Par. In den Diſſonanzen; gut geſagt, Vetter! Pand. Ich habe ein Geſchaͤft mit dem Prinzen, theure Koͤnigin. Gnaͤdiger Herr, wollt Ihr mir ein Wort ver⸗ goͤnnen? Zel. Nein, damit ſollt Ihr uns das Thor nicht ſper⸗ ren; wir muͤſſen Euch ſingen hoͤren. Pand. Ihr habt die Gnade mit mir zu ſcherzen, ſuͤße Koͤnigin. Aber die Sache iſt die, mein Prinz, Mein gnädigſter Prinz und hoͤchſt geehrter Freund, Euer Bruder Troilus— Zel. Herr Pandarus! Mein honigſuͤßer Pandarus— Pand. Laßt mich, ſuͤße Koͤnigin, laßt mich;„ em⸗ fiehlt ſich Euch in tiefſter Unterthaͤnigkeit— Zel. Ihr ſollt uns nicht aus unſrer Melodie foppen; wenn Ihrs thut, ſo komme unſre Melancholie uͤber Euch. Pand. Suͤße Koͤnigin! Das iſt eine ſuͤße Koͤnigin! Nein, welche ſuͤße Koͤnigin! Zel. Und eine ſuͤße Koͤnigin traurig machen, iſt ein bittrer Frevel. 36 Pand. Nein, damit ſetzt Ihrs nicht durch, damit wahrhaftig nicht! nein! ſolche Worte machen mich nicht irre, nein! nein!— Und, mein gnaͤdiger Prinz, er bittet Euch, Ihr wollt ſeine Entſchuldigung ubernehmen, wenn der Koͤnig bei der Abendtafel nach ihm fragt. Bel. Beſter Pandarus— Pand. Was ſagt die ſuͤße Koͤnigin? die allerſußeſte Koͤnigin? Par. Was hat er denn vor? Wo ſpeiſt er zu Nacht? Bel. Aber, beſter Pandarus— Pand. Was ſagt die ſuͤße Koͤnigin? Meine Nichte wuͤrde ſich mit Euch erzuͤrnen. Ihr duͤrft nicht fragen, wo er zu Nacht peiſet!— Sz 1. Troilus und Creſſida. 293 par. Ich ſetze mein Leben dran, bei meiner Herzens⸗ kaiſerin Creſſida. pand. Ach nein, nichts dergleichen; nein da irrt Ihrz Eure Herzenskaiſerin iſt krank. Par. Gut, ich will ihn entſchuldigen. and. Schoͤn, mein theurer Prinz. Wie kommt Ihr z Nein, Eure arme Herzenskaiſerin iſt rank. Par. Ich errathe. Pand. Ihr errathet? Was errathet Ihr? Kommt⸗ gebt mir eine Zither. Nun, ſuͤße Koͤnigin? Zel. So, das war recht artig von Euch⸗ Pand. Meine Nichte iſt erſchrecklich verliebt in ein Ding das Ihr habt, ſuͤße Koͤnigin. Zel. Sie ſolls haben, wenns nicht mein Gemahl Paris iſt. Pand. Den? Rein, nach dem fragt ſie nicht. Er und ſie ſind entzweit. Zel. Heut zwietrchtig, morgen einträchtig, ſo konnten wohl drei draus werden. Pand. Geht, geht, nichts mehr davon: ich will Euch nun mein Lied ſingen.— Zel. Ja; ſingt es gleich. Meiner Treu, Pandarus Ihr habt eine huöſche Stirn. Pand. Ei, ei!— Zel. Singt uns ein verliebtes Lied: die Liebe wird uns noch alle verderben. O Cupido, Cupido, Cupido! Pand. Ein Liebeslied! Ja, wahrhaftig! Par. Ja, von Liebe; nichts als von Liebe!— Pand. Wahrhaftig, ſo faͤngts auch an: O Liebe, Lieb' in jeder Stunde!— Dein Pfeil mit Weh Trifft Hirſch und Reh; Doch nicht entrafft Sie gleich der Schaft, Er kitzelt nur die Wunde. Verliebte ſchrein: O Todespein! Doch was ſo todtlich erſt gedroht, 294 Troilus und Creſſida. A. III. Daraus wird Jubeln und Juchhei'n. Die Sterbenden ſind friſch und roth; O weh, ein Weilchen, dann ha! ha! O weh ſeufzt nur nach ha! ha! ha! Juchhei! Naſe! Par. Er ißt nichts als Tauben, Liebſte; und die bruͤ⸗ ten ihm heißes Blut; und heißes Blut erzeugt heiße Ge⸗ danken; und heiße Gedanken erzeugen heiße Werke; und heiße Werke ſind Liebe. Pand. Iſt dieß die Stammtafel der Liebe? heißes Blut, heiße Gedanken und heiße Werke; Das heiße ich eine heiße Abſtammung.— Wer iſt heut im Felde, liebſter Prinz? Par. Hector, Deiphobus, Helenus, Antenor, und die ganze junge Ritterſchaft von Troja. Ich haͤtte heut auch gern die Waffen angelegt, Lenchen wollte es aber nicht zugeben. Wie kommts, daß mein Bruder Troilus ausblieb?— Zel. Er laͤßt die Lippen haͤngen,— Ihr wißt ſchon warum, Herr Pandarus. Pand. Ich weiß nichts, honigſuͤße Koͤnigin. Mich ſoll doch wundern, wie es ihnen heut gegangen iſt.— Ihr denkt daran, Euern Bruder zu entſchuldigen? Par. Aufs puͤnctlichſte. Pand. Lebt wohl, ſuͤße Koͤnigin. Zel. Empfehlt mich Eurer Nichte! Pand. Das werd' ich thun, ſuße Koͤnigin. (Er geht ab. Es wird zum Rückzug geblaſen.) Par. Sie kehren heim. Gehn wir in Priams Halle, Sie zu begruͤßen; und du, ſuͤßes Weib, Hilf Hectorn ſich entpanzern. Fuͤhlt ſein Harniſch Den Zauber deiner weißen Hand, gehorcht er Weit williger als ſcharfem Stahl, gezuͤckt Von griech'ſcher Kraft; und dir gelingt, was nicht Dem Bundesheer, Held Hector'n zu entwaffnen. Zel. Mit Stolz erfullt michs, ihm zu dienen, Paris. Das, was wir ihm als ſchuldge Pflicht geweiht, Zel. Verliebt, wahrhaftig, bis an die Spitze ſeiner Sz. 2. Troilus und Creſſida. 295 Wird unſrer Schoͤnheit Palme noch erhoͤhnz Ja, uͤberſtrahlt uns ſelbſt. Par. Du Suͤße! Ueber alles lieb' ich dich! (ſie gehn ab.) 3 weite S zene⸗ Troja. Pandar's Garten. (Pandarus und Troilus Diener treten auf.) Pandarus. Heda! Wo iſt dein Herr? Iſt er bei meiner Nichte Creſſida?— Dien. Rein, Herr, er wartet auf Euch, daß Ihr ihn zu ihr fuͤhrt. (Troilus kommt.) E O hier kommt er. Nun, wie gehts? Wie gehts? Troil. Du da, geh fort. (Diener ab.) Pand. Habt Ihr meine Nichte geſehn?— Troil. Nein, Pandarus. Ich wank' um ihre Thuͤr Gleich einer neuen Seel' am Strand des Styr, Des Faͤhrmanns wartend. O ſey du mein Charon, Und ſchaff' mich ſchnell zu jenen ſel'gen Fluren, Wo ich mag ſchwelgen in dem Lilienbett, Beſtimmt fuͤr den Begluͤckten. Liebſter Pandar, Von Amors Schulter nimm die bunten Schwingen, Und fleug mit mir zu Creſſida! Pand. Weilt hier im Garten, und ich rufe ſie. (Pandarus geht ab.) Troil. Mir ſchwindeltz rings im Kreis dreht mich Er⸗ wartung. Die Wonn' in meiner Ahndung iſt ſo ſuͤß, Daß ſie den Sinn verzuckt. Wie wird mir ſeyn, 296 Troilus und Creſſida. A. III. Wenn nun der durſt'ge Gaumen wirklich ſchmeckt Der Liebe lautern Rectar? Tod, ſo fuͤrcht' ich, Vernichtung, Ohnmacht, oder Luſt zu fein, Zu tief eindringend, zu entzuͤckend ſuͤß Fuͤr meiner groͤbern Sinn⸗ Empfaͤnglichkeit. Dieß furcht' ich ſehr, und fuͤrchte außerdem Daß im Genuß mir Unterſcheidung ſchwindet, Wie in der Schlacht, wenn Schaaren wild ſich draͤngend Den fliehnden Feind beſtuͤrmen. (Pandarus kommt zurück.) Pand. Sie macht ſich fertig; gleich wird ſie hier ſeyn; nun ſeyd geſcheut. Sie erroͤthet, und holt ſo kurz Athem, als waͤre ſie von einem Geſpenſt erſchreckt; ich will ſie holen, es iſt die niedlichſte Spitzbuͤbin; ſie athmet ſo kurz wie ein Sperling, den man eben gefangen hat. Cgeht ab.) Troil. Die gleiche Angſt umfaßt auch meine Bruſtz Mein Herz ſchlaͤgt raſcher als ein Fieberpuls, Und alle Kraͤfte ſtocken regungslos, Vaſallen gleich, die unverſehns begegnen Dem Aug' der Majeſtaͤt. (Pandarus kommt mit Creſſida zurück.) Pand. Komm, komm; wozu dieß Errothen? Scham iſt nur ein kleines Kind.— Hier iſt ſie nun; ſchwoͤrt Ihr nun die Eide, die Ihr mir geſchworen habt.— Was, willſt du ſchon wieder entfliehen? Muß man dich erſt durch Wachen zähmen, ſag? Komm doch heran; komm heran! enn du zuruͤckgehſt, ſtellen wir dich vorn in die Reihen. — Warum ſprecht Ihr nicht mit ihr? Nun, zieh doch dieſen Vorhang weg, und laß dein Gemaͤlde betrachten. Liebe Zeit! Wie ſie ſich fuͤrchtet, dem Tageslicht ein Aer⸗ gerniß zu geben! Wenn es dunkel waͤre, Ihr wuͤrdet ein⸗ ander ſchon naͤher kommen. So, ſo; jetzt bietet Schach, und Ihr nehmt die Dame. Seht, dieſer Kuß war das Handgeld: hier baue, Zimmermann; hier iſt die Luft lieb⸗ lich. Ja, wahrhaftig, Ihr ſollt alle Karten ausgeſpielt haben, ehe ich Euch von einander laſſe:— Nar zu! nur zu! Ihr habt mich gller Worte beraubt, mein räulein!— Sz. 2. Troilus und Creſſida. 297 Pand. Worte zahlen keine Schulden; gebt ihr Thaten; aber ſie wird Euch auch um die Thaten bringen, wenn ſie Eure Thaͤtigkeit in Anſpruch nimmt.— Was, wieder geſchnaͤ⸗ belt? hier heißts, zur Bekraͤftigung Deſſen von beiden Parteien wechſelſeitig— Kommt hinein, kommt hinein, ich will ein Feuer machen laſſen⸗ (Pandarus geht ab.) Creſſ. Wollt Ihr hinein gehn, mein Prinz? Troil. O Creſſida, wie oft habe ich mich ſo gewuͤnſcht! Creſſ. Gewuͤnſcht, mein Prinz? die Goͤtter gewaͤhren— O mein Prinz!— Troil. Was ſollen ſie gewaͤhren? Was verurſacht dieß liebliche Abbrechen? Was fuͤr tiefverborgne Truͤbung erſpaͤh't mein ſuͤßes Maͤdchen in dem klaren Brunnen un⸗ ſerer Liebe? Creſſ. Mehr Truͤbung als Waſſer, wenn meine Furcht Augen hat. Troil. Die Furcht macht Teufel aus Engeln; ſie ſieht nie richtig. Creſſ. Blinde Furcht, von ſehender Vernunft gefuͤhrt, geht ſichrer zum Ziel, als blinde Vernunft die ohne Furcht ſtrauchelt. Das Schlimmſte fuͤrchten, heilt oft das Schlimmſte. Troil. Was koͤnnte meine Geliebte fuͤrchten? In Cupido's Maſtenzug wird nie ein Ungeheuer aufgefuͤhrt. Creſſ. Auch nie etwas Ungeheures? Troil. Nichts als unſre Unternehmungen: wenn wir geloben, Meere zu weinen, in Flammen zu leben, Felſen zu verſchlingen, Tiger zu zaͤhmen; weil wir waͤhnen, es ſey der Dame unſres Herzens ſchwerer, genug Pruͤfungen zu erſinnen, als fuͤr uns, irgend etwas Unmoͤgliches zu be⸗ ſtehn. Das iſt das Ungeheure in der Liebe, meine Theure,— daß der Wille unendlich iſt, und die Ausfuͤhrung beſchraͤnkt; daß das Verlangen grenzenlos iſt, und die That ein Sclav der Beſchraͤnkung. Lreſſ. Man ſagt, jeder Liebhaber ſchwoͤre mehr zu vollbringen als ihm moͤglich iſt, und behalte dennoch Kraͤfte, die er nie in Anwendung bringt; er gelobe mehr als Zehn auszufuͤhren, und bringe kaum den zehnten Theil von dem, was Einer vermoͤchte, zu Stande. Wer die Stimme 298 Troilus und Creſſida. A. III. eines Loͤwen, und das Thun eines Haſen hat, iſt der nicht ein Ungeheuer? Troil. Giebt es ſolche? Wir ſind nicht von dieſer Art. Lobt uns nach beſtandener Pruͤfung, und ſchaͤtzt uns nach Thaten: unſer Haupt muͤſſe unbedeckt bleiben, bis Ruhm es kroͤnt. Keine Vollkommenheit, die noch erſt erreicht wer⸗ den ſoll, werde in der Gegenwart geprieſen; wir wollen das Verdienſt nicht vor ſeiner Geburt taufen: und iſt es geboren, ſo ſoll ſeine Bezeichnung demuͤthig ſeyn. Wenig Worte, und feſte Treue! Troilus wird fuͤr Creſſida ein ſolcher ſeyn, daß was Bosheit ihm ſchlimmſtes nach⸗ ſagen mag, ein Spott uͤber ſeine Treue ſey; und was Wahrheit am wahrſten ſprechen kann, nicht wahrer, als Troilus. Creſſ. Wollt Ihr hineingehn, mein Prinz? (Pandarus kommt zurück.) Pand. Wie? noch immer erroͤthend? Seyd Ihr noch nicht mit Schwaͤtzen fertig? Creſſ. Nun, Oheim, was ich thoͤrichtes beginne, ſey 4 Euch zugeeignet. Pand. Ich danke ſchoͤnſtens. Wenn der Prinz von dir einen Buben bekommt, ſo ſoll er mir gehoͤren. Sey dem Prinzen treu; wenn er wankelmuͤthig wird, ſo halte dich an mich.. Troil. Ihr kennt nun Eure Buͤrgen: Eures Oheims Wort, und meine feſte Treue. Pand. Nun, ich will auch fuͤr ſie gut ſagen. Die Maͤdchen aus unſrer Verwandtſchaft wollen lange gebeten ſeyn; aber, einmal gewonnen, ſind ſie ſtandhaft; rechte Kletten, ſag' ich Euch; ſie bleiben haften wo man ſie hinwirft. Creſſ. Kuͤhnheit kommt düh mir, und macht mir Muth: Prinz Troilus! Euch liebt' ich Tag und Nacht, Seit manchem langen Mond. Troil. Wie warſt du mir ſo ſchwer denn zu ge⸗ winnen? Creſſ. Schwer nur zum Schein; doch war ich ſchon gewonnen Vom erſten Blick, der jemals,— o verzeiht! „ —— — Sz. 2. Troilus und Creſſida. 299 Sag ich zuviel, ſo ſpielt Ihr den Tyrannen. Ich lieb Euch nun; doch nicht bis jetzt ſo viel, Daß ichs nicht zahmen kann,— doch nein, ich luͤge: Mein Sehnen war, wie ein verzognes Kind. Der Mutter Zucht entwachſen. O wir Aermſten! Was plaudr' ich da? Wer vleibt uns wohl getreu, Wenn wir uns ſelbſt ſo unverſchwiegen ſind? So ſehr ich liebte, warb ich nicht um Euch, Und doch fuͤrwahr wuͤnſcht' ich ein Mann zu ſeyn, Oder daß wir der Maͤnner Vorrecht haͤtten, Zuerſt zu ſprechen. Liebſter, heiß mich ſtill ſeyn! Sonſt im Entzuͤcken red' ich ganz gewiß Was mich dereinſt gereut. O ſieh, dein Schweigen So ſchlau verſtummend, lockt aus meiner Schwachheit Die innerſten Gedanken: Schließ den Mund mir! Troil. Gern! toͤnt er auch die ſuͤßeſte Muſik! (er küßt ſie.) pand. Recht artig! meiner Treu! Creſſ. Mein Prinz, ich ſehr, entſchuldigt mich; Nicht wollt ich ſo mir einen Kuß erbetteln. Ich bin beſchaͤmt,— o Himmel! Was begann ich? Fuͤr dießmal muß ich Abſchied nehmen, Prinz⸗ Troil. Abſchied, mein ſuͤßes Maͤdchen? Pand. Abſchied? Nun ja, Ihr moͤgt bis morgen fruh Abſchied nehmen— Creſſ. Laßts nun genug ſeyn— Troil. Was erzurnt dich, Liebſie? Creſſ. Mein eignes Hierſeyn, Prinz. Troil. Ihr koͤnnt Euch ſelb Doch nicht entfliehn? 6 ef ecrreſſ. Laßt mich, daß ichs verſuche. Zwar, eine Art von meinem Selbſt bleibt hier, Doch ein unart'ges, das ſich Selbſt verlaͤßt Als deine Thoͤrin. O wo blieb mein Sinn? Ich moͤchte gehn,— ich ſprech', ich weiß nicht was. Troil. Wer ſo verſtaͤndig ſpricht, weiß was er ſpricht. Creſſ. Vielleicht, mein Prinz⸗ zeig' ich mehr Liſt als iebe Und ſprach ſo dreiſt ein frei Geſtändniß aus, 300 Troilus und Creſſida. A. III. Mir Euer Herz zu fah'n. Doch Ihr ſeyd weiſe, Oder liebt nicht: denn weiſe ſeyn, und lieben Vermag kein Menſch; nur Goͤtter koͤnnen's uͤben. Troil. O daß ich glaubt', es koͤnne je ein Weib (Und wenn ſie's kann, glaub' ichs zuerſt von Euch) Fuͤr ewig naͤhren Liebesflamm' und Glut, In Kraft und Jugend ihre Treu bewahren, Die Schoͤnheit uͤberdauernd durch ein Herz, Das friſch erbluͤht, ob auch das Blut uns altert! Daß nur die Ueberzeugung mir erſtarkte, Ihr koͤnntet meine Treu' und Innigkeit Erwiedern mit dem gleichgefuͤllten Maaß Der reinen ungetruͤbten Herzensneigung! Wie wuͤrde michs erheben! Aber, acht Ich bin ſo wahrhaft, wie der Wahrheit Einfalt, So einfach, wie die Wahrheit ſpricht im Kinde⸗ Creſſ. Den Wettkampf nehm' ich an. Troil. O hold Gefecht, Wenn Recht um Sieg und Vorrang ficht mit Recht! Treuliebende in Zukunft werden ſchwoͤren, Und ihre Treu mit Troilus verſiegeln: Und wenn dem Vers voll Schwuͤr' und ſchwuͤlſtgen Bil⸗ d ern Ein Gleichniß fehlt, der oft gebrauchten muͤde, Als,— treu wie Stahl, wie Sonnenſchein dem Tag, Pflanzen dem Mond, das Taͤubchen ſeinem Taͤuber, Dem Centrum Erde, Eiſen dem Magnet, Dann, nach ſo viel Vergleichungen der Treu, Wird als der Treue hoͤchſtes Muſterbild „So treu wie Troilus“ den Vers noch kroͤnen, Und weihn das Lied. Creſſ. Prophetiſch ſey dieß Wort! Werd' ich dir falſch, untreu nur um ein Haar,— Wenn Zeit gealtert, und ſich ſelbſt vergaß, Wenn Regen Troja's Mauern aufgeloͤſtt, Blindes Vergeſſen Staͤdte eingeſchlungen, Und maͤchtge Reiche ſpurlos ſind zermalmt Ins ſtaub'ge Nichts:— auch dann noch moͤg' Erinnrung, Spricht man von falſchen ungetreuen Maͤdchen, Schmaͤh'n meine Falſchheit: ſagten ſie, ſo falſch Wie Luft, wie Waſſer, Wind und lockrer Sand, Wie Fuchs dem Lamm, wie Wolf dem Kalb der Faͤrſe, Sz. 3. Troilus und Creſſida. 301 Panther dem Reh, Stiefmutter ihrem Sohn, Ja, ſchließ es dann, und treff' ins Herz der Falſchheit: „So falſch wie Creſſida!“ Pand. Wohlan, der Handel iſt geſchloſſen; das Siegel drauf, das Siegel drauf, ich will Zeuge ſeyn. Hier faß ich Eure Hand, hier die meiner Nichte: wenn Ihr je ein⸗ ander untreu werdet, die ich mit ſo viel Muͤhe zuſammen⸗ gebracht habe, ſo moͤgen alle armen Liebesvermittler bis an der Welt Ende nach meinem Namen Pandarus heißen: Alle beſtaͤndigen Liebhaber ſoll man Troilus nennen: alle falſchen Maͤdchen Creſſida, und alle Zwiſchenträger Panda⸗ rus. Sagt Amen! Troil. Amen! Creſſ. Amen! pand. Amen! Und ſomit will ich Euch eine Kam⸗ mer und ein Bett nachweiſen: und damit das Bett Euer artiges Liebestaͤndeln nicht ausſchwatze, druͤckt es todt. Nun fort!— Und Amor goͤnn' auch hier allen ſchweigſamen Kindern »Nen Pandar, Bett und Sii um ihre Noth zu indern. (ſie gehn ab.) — D r en Das griechiſche Lager. (Es treten auf Agamemnon, ulyſſes, Diomedes, Neſtor, Ljar, Menelaus und Calchas.) Calchas. Nun, Fuͤrſten, fuͤr den Dienſt den ich gethan, Ermahnt der Zeit Gelegenheit mich laut, Zu fordern Lohn. Erinnert Euch, wie ich Vorahnend das Geſchick, dem Liebesgott Mein Eigenthum, und Troja uͤberließ, Schmach des Verraͤthers trug, und eingetauſcht 302 Troilus und Creſſida⸗ A. III. Fuͤr wohlerworbnen ruhigen Beſiß Unſichre Zukunft, losgeſagt von Allen, Die Zeit, Bekanntſchaft, Umgang und Gewoͤhnung, Zu Freunden und Vertrauten mir gemacht; Und hier, um Euch zu dienen ward, gleichwie Ein Neuling in der Welt, fremd, unbekannt. Deshalb erſuch' ich Euch, als Vorgeſchmack, Mir jetzt ein kleines Gunſtgeſchenk zu geben, Aus jenen Vielen mir von Euch verheißnen, Die Ihr mir zugedacht nach Euerm Wort. Agam. Was willſt du uns Trojaner? Fordre denn! Calch. Ihr machtet einen Troer zum Gefangnen, Antenor, geſtern; Troja ſchaͤtzt ihn ſehr. Oft habt Ihr,— und ich dankt' Euch oft dafuͤr,— Mir meine Creſſida auswechſeln wollen, Die Troja ſtets verweigert. Doch Antenor Iſt, weiß ich, ſolche Triebkraft ihres Thuns, Daß ihre Volksberathung, fehlt ſein Wirken, Erſchlaffen muß; und dieſen einzutauſchen Gaͤben ſie wohl'nen Prinzen von Göbluͤt, Ja, einen Sohn des Priam. Den entlaßt Als Preis fuͤr meine Tochter: deren Freiheit Zahlt alle Dienſte die ich Euch erwies, In hocherkannter Muͤh'. Agam. Geleit' ihn, Diomed, Und bring' uns Creſſida: gewaͤhrt ſey Calchas Was er von uns gewuͤnſcht. Ihr, Diomed, Ruͤſtet Euch ſtattlich aus zu dieſem Tauſch: Zugleich erforſcht, ob Hector ſeines Aufruſs Erwidrung morgen wuͤnſcht: Ajax iſt fertig. Diom. Dieß uͤbernehm' ich gern, und's iſt'ne Buͤrde, Die ich zu tragen ſtolz bin⸗ (Diomedes und Calchas gehn ab.) (Achilles und Patroclus treten aus ihrem Zelt.) Ulyſſ. Achilles ſteht am Eingang ſeines Zelts;— Wollt nun, mein Feldherr, fremd voruͤbergehn, Als waͤr' er ganz vergeſſen; und Ihr Fuͤrſten, Nachlaͤſſig nur und achtlos blickt ihn an. Ich folg' Euch nach: gewiß dann fragt er mich, Warum ſo ſeitab kalt man auf ihn ſah. . Sz. 3. Troilus und Creſſida. 303 Dann, als Medicament, ſoll Jronie Behandeln ſeinen Stolz und Eure Fremdheit, Die er dann ſelber einnimmt mit Begier. Es wird ihm wohlthun: Stolz hat keinen Spiegel Sich ſelbſt zu ſchaun, als Stolz: des Knie's Verehrung Maͤſtet den Hochmuth, wird des Stolzen Zehrung. Agam. Wir thun nach Rath, und woll'n uns remd Gebehrden, wie wir ihm voruͤbergehn. 5 So thue jeder Lord, und gruß' ihn gar nicht, Oder veraͤchtlich: das verdrießt ihn mehr, Als ſieht ihn keiner an. Ich geh' voraus. Achill. Wie? kommt der Feldherr zum Geſpraͤch mit mir? Ihr wißts, ich fechte gegen Troja nicht!— Agam. Was ſagt Achill? Begehrt er was von uns? Neſt. Wollt Ihr, mein Fuͤrſt, etwas vom Feld⸗ herrn? Achill. Nein! Neſt. Nichts, Feldherr! Agam. Um ſo beſſer! 6 Achill. Guten Tag! guten Tag! Wen. Wie gehts? Wie gehts? Achill. Was, ſpottet mein der Hahnrei? Ajax. Wie ſtehts, Patroclus? Achill. Guten Morgen, Ajax! Ajax. He? Achill. Guten Morgen! Ajax. Ja, und guten Tag dazu!— (ſie gehn vorüber.) Achill. Was heißt das? Kennt das Volk Achilles nicht? Patr. Sie thun ganz fremd! Sonſt buͤckten ſie ſich tief, Und ſandten dir entgegen ſchon ihr Laͤcheln, Demuͤthig nah'nd, als wenn zur Tempelweihe Sie ſchlichen! Achill. Ha! bin ich verarmt ſeit Geſtern? Zwar, Groͤße, wenn ſie mit dem Gluͤck zerfaͤllt, 304 Troilus und Creſſida. A. III. Zerfaͤllt mit Menſchen auch. Der hingeſtuͤrzte Lieſt ſein Geſchick ſo ſchnell im Blick der Menge, Als er den Fall gefuͤhlt. Die Menſchen zeigen Wie Schmetterlinge, die beſtaͤubten Schwingen Dem Sommer nur: und keinen Menſchen giebts, Der, weil er Menſch iſt, irgend Ehre hat:— Er hat nur Ehre, jener Ehre halb, Die außer ihm, als Reichthum, Rang und Gunſt: (Des Zufalls Gaben oft, wie des Verdienſtes!)— Wenn dieſe fallen, die nur ſchlupfrig ſind, Muß Lieb', an ſie gelehnt, und ſchluͤpfrig auch, Eins mit dem Andern niederziehn, und Alle Im Sturze ſterben. Nicht ſo iſts mit mir; Das Gluͤck und ich ſind Freunde: noch genieß' ich In vollem Umfang, was ich ſonſt beſaß, Bis auf die Blicke jener, die, ſo ſcheint mirs, An mir gefunden, was ſo reicher Ehren Wie ſonſt nicht wuͤrdig iſt. Da kommt Ulyß;— Ich will ſein Leſen unterbrechen.— Wie nun, Ulyß? Ulyſſ. Nun, großer Thetis Sohn? Achill. Was leſt Ihr da? Ulyſſ. Nun, ein ſeltſamer Geiſt Schreibt hier:— ein Mann, wie trefflich ausgeſtattet, Wie reich begabt an aͤußern Gut und innern, Ruͤhmt ſich umſonſt zu haben was er hat, Noch fuͤhlt ers ſein, als nur im Widerſtrahl;— Als muͤßte erſt ſein Werth auf. andre ſcheinen Und dann die Hitze, die er jenen gab, Dem Geber wiederkehren. Achill. Das iſt nicht ſeltſam! Die Schoͤnheit, die uns hier im Antlitz bluͤht, Kennt nicht der Eigner, fremdem Auge nur Empfiehlt ſie ſich. Auch ſelbſt das Auge nicht, Das geiſtigſte der Sinne, ſchaut ſich ſeibſt Fuͤr ſich allein: nur Auge gegen Auge Begruͤßen ſich mit wechſelſeit gem Glanz. Denn Sehkraft kehrt nicht zu ſich ſelbſt zuruͤck, Bis ſie gewandert, und ſich dort vermaͤhlt Wo ſie ſich ſieht. Das iſt durchaus nicht ſeltſam! Ulyſſ. Der Satz an ſich iſt mir nicht aufgefallen; Er iſt nicht neu: die Folgrung nur des Autors, — Sz. 3. Troilus und Creſſida. 305 Der, wie er ihn erortert, darthun will, Niemand ſey Herr von irgend einem Ding, (Obgleich in ihm, und fuͤr ſich ſelbſt beſtehend) Bis ers als Gabe andern mitgetheilt: Roch hab' er ſelbſt Begriff von ihrem Werth⸗ Eh er ſie abgeformt im Beifall ſieht, Der ſie auffaßt, und einer Wolbung gleich Ruͤckwirft die Stimme; oder wie ein Thor Von Stahl die Sonn' empfaͤngt, und wiedergiebt Ihr Bild und ihre Gluth.— Ich war vertieft In dem Gedanken: alsbald ſi?l mir ein Tjax, ſo unbeachtet. O Himmel, welch' ein Mann! Ein wahres Pferd, Das hat, es weiß nicht was. Natur, wie manches Wird ſchlecht geſchaͤtzt, und iſt, genutzt, ſo theuer! Wie ſteht ein andres in erhabnem Anſehn, Das arm an Werth iſt! Morgen ſehn wir nun Durch That, die ihm das Loos nur zugeworfen, Bjar beruͤhmt. Himmel, was mancher thut, Indeſſen Andre alles Thun verſchmaͤhn! Wie der zum Saal der launigen Fortunn kriecht, Wenn der vor ihren Augen muͤßig ſpielt den Narr'n! Wie der ſich in den Ruhm einſchwelgt des Andern, Wenn jener macht den Muͤßiggang zum Schmaus!— Seht unſte Griechenfuͤrſten! Wie ſie ſchon Dem Toͤlpel Ajax auf die Schulter klopfen, Als ſtemmt' er ſeinen Fuß auf Hectors Bruſt, Und Troja zitterte! Achill. Ich glaub' es ſie gingen mir vor⸗ uͤber, Wie Geiz'ge Bettlern: goͤnnten mir auch nicht Wort oder Blick. So ward ich ſchon vergeſſen? Ulyſſ. Die Zeit trägt einen Nanzen auf dem Ruͤcken, Worin ſie Brocken wirft fuͤr das Vergeſſen, Dieß große Scheuſal von Undankbarkeit: Die Krumen ſind vergang'ne Großthat, aufgezehrt So ſchleunig, als vollbracht? ſo bald vergeſſen, Als ausgefuͤhrt. Beharrlichkeit, mein Fürſt, Haͤlt Ehr' im Glanz: Was man gethan hat, haͤngt Ganz aus der Mode, wie ein roſt'ger Harniſch, Als armes Monument, dem Spott verfallen⸗ vch ja den Pfad der vor dir liegtz 0 20 306 Troilus und Creſſida. A. III. Denn Ehre wandelt in ſo engem Hohlweg, Daß Einer Platz nur hat: Drum bleib im Gleiſe! Denn tauſend Soͤhne hat die Ruhmbegier, Und Einer draͤngt den Andern: giebſt du Raum, Lenkſt du zur Seit' und weichſt vom gradſten Weg, Gleich eingetretner Fluth ſtuͤrzt alles vor, Und laͤßt dich weit zuruͤck,— Oder du faͤllſt, ein edles Roß, im Vorkampf, Und liegſt als Damm fuͤr den verworfnen Troß, Zerſtampft und uͤberrannt. Was dieſe jetzt thun, Wird Groͤß'res, das du thateſt, uͤberragen: Denn Zeit iſt wie ein Wirth nach heut'ger Mode, Der lau dem Gaſt, der ſcheidet, druͤckt die Hand, Doch ausgeſtreckten Arms, als wollt' er fliegen, Umſchlingt den, welcher eintritt. Stets laͤchelt Willkomm', Lebewohl geht ſeufzend: Nie hoffe Werth fuͤr das, was war, den Lohn: Denn Schoͤnheit, Witz, Geburt, Verdienſt im Kriege, Kraft der Sehnen, Geiſt, Freundſchaft, Wohlthat, alle ſind ſie Knechte Der neidiſchen, verlaͤumdungsſuͤcht'gen Zeit. RNatur macht hierin alle Menſchen gleich: Einſtimmig preiſt man neugebornen Tand, Ward er auch aus vergangnem nur geformt, Und ſchaͤtzt den Staub, ein wenig uͤbergoldet, Weit mehr als Gold, ein wenig uͤberſtaͤubt. Die Gegenwart ruͤhmt gegenwaͤrt'ges nur; Drum ſtaune nicht, o hochberuͤhmter Held Daß alle Griechen jetzt auf Ajar ſchaun: Denn die Bewegung feſſelt mehr den Blick, Als Ruhendes. Sonſt jauchzte Alles dir; Und thaͤt' es noch, und wird es wieder thun, Wenn du dich lebend ſelber nicht begrubſt, Und deinen Ruhm einhegteſt in dein Zelt: Du, deſſen glorreich Thun noch juͤngſt im Kampf Reid und Partheiung ſelbſt den Goͤttern ſchuf, Und Mars zum Einſchritt rief. Achill. Fuͤr mein Entziehn War ſtarker Grund⸗ Ulyſſ. Doch wider dein Entziehn Sind heldenhafter noch die Gruͤnd' und maͤcht'ger. Sz. 3. Troilus und Creſſida. 307 Er iſt bekannt, Achill, Ihr ſeyd verliebt In eine Tochter Priam's. Achill. Ha! bekannt? Ulyſſ. Iſt das ein Wunder? Die Weisheit einer klug wachſamen Staatskunſt Kennt jedes Korn beinah von Plutus Gold; Ergruͤndet unerforſchte Tiefen; ſitzt Zu Rath mit dem Gedanken, ja wie Goͤtter faſt Schaut ſie in ſeiner ſtummen Wieg ihn ſchleierlos. Ein tief Geheimniß wohnt(dem die Geſchichte Stets fremd geblieben) in des Staates Seele: Deß Wirkſamkeit ſo gottlicher Natur, Daß Sprache nicht noch Feder ſie kann deuten. All' der Verkehr, den Ihr mit Troja pflogt, Iſt unſer ſo vollkommen, Fuͤrſt, wie Euer: ünd beſſer ziemte wohl ſichs fuͤr Achill, Hectorn bezwingen, als Polyrena: Denn zuͤrnen muß daheim der junge Phrrhus, Wenn durch die Inſeln Fama's Tuba ſchallt, Und unſre griech'ſchen Mädchen huͤpfend ſingen: „Des Hector Schweſter konnt Achill beſiegen, „Doch Hector ſelbſt mußt' Ajax unterliegen. Lebt wohl, ich ſprach als Feun Der Thor kann gleiten Run uͤbers Eis, weil Ihr's nicht bracht bei Zeiten. Curyſſes geht ab.) Patr. Wie oft ermahnt ich Euch zu gleichem Zweck!— Ein Weib, das unverſchämt und maͤnnlich ward, Iſt nicht ſo widrig als ein weib'ſcher Mann, Wenn's Thaten gilt. Ich werde drum geſcholten! Man glaubt, mein ſchwacher Eifer fuͤr den Krieg, Und Eure Gunſt zu mir laͤhmt Euern Arm: Drum Liebſter auf! Des zarten Weichlings Amor LKeblich Umarmen ſtreift von Euerm Nacken, Und wie Thautropfen von des Loͤwen Maͤhne, Sey er zu luft'gem Nichts zerſchuͤttelt. Achill. Soll Ajax mit Hectorn kaͤmpfen? Patr. Ja, und vielleicht viel Ehr an ihm ge⸗ winnen. 308 Troilus und Creſſida. A. III. Achill. Ich ſeh' es wohl, Ruhm ſteht auf dem piel; Mein Ruf iſt ſchwer verwundet. Patr. O dann wahr't Euch!— Denn ſelbſtgeſchlagne Wunden heilen ſchwer!— In Ohnmacht unterlaſſen das Nothwend'ge, Heißt eine Vollmacht zeichnen der Gefahr: Und heimlich faßt Gefahr uns wie ein Fieber, Selbſt wenn wir muͤßig in der Sonne ſitzen. Achill. Geh, ruf mir den Therſites, ſuͤßer Freund; Den Marrn ſend' ich zum Ajax, und erſuch' ihn, Die Troerfuͤrſten zu mir einzuladen, Uns friedlich nach dem Kampfe hier zu ſehn⸗ Mich treibt ein kranker Wunſch, ein Frau'ngeluͤſt, Im Hauskleid hier zu ſehn den großen Hector, Mit ihm zu reden, ſein Geſicht zu ſchaun Nach Herzensluſt. Da ſieh, erſparte Muͤh!— (Therſites tritt auf.) Therſ. Ein Wunder! Achill. Was? Therſ. Rjar geht das Feld auf und ab, und ſucht nach ſich ſelbſt. Achill. Wie ſo? Therſ. Morgen ſoll er ſeinen Zweikampf mit Hector beſtehn, und iſt ſo prophetiſch ſtolz auf ein heroenmaͤßiges Abpruͤgeln, daß er ohne ein Wort zu reden, raſ't. Achill. Wie das? Therſ. Ei nun, er ſtolzirt auf und ab wie ein Pfau; ein Schritt und dann ein Halt; murmelt, wie eine Wirthin die keine Rechentafel hat als ihren Kopf, um die Zeche richtig zu machen; beißt ſich in die Lippe mit einem ſtaats⸗ klugen Blick, als wollt' er ſagen: in dieſem Haupt ſteckt⸗ Witz, wenn er nur heraus koͤnnte: und es iſt auch vielleicht welcher da, aber er liegt ſo kalt in ihm wie Feuer im Kieſel, das nicht zum Vorſchein kommt, eh' er geſchlagen wird. Der Mann iſt auf ewig geliefert; denn wenn ihm Hector nicht im Kampf den Hals bricht, ſo bricht er ihn ſich ſelbſt durch ſeinen Duͤnkel. Mich kennt er nicht mehr: ich ſagte ihm, guten Morgen Ajax! und er Sz. 1. Troilus und Creſſida. 309 antwortete: großen Dank, Agamemnon. Was meint Ihr von einem Menſchen, der mich fuͤr den Feld⸗ herrn anſieht? Er iſt ein wahrer Landfiſch geworden, ſprachlos, ein Ungeheuer. Hohl der Henker die Meinung! Es kann ſie Einer auf beiden Seiten tragen, wie ein leder⸗ nes Wams. Achill. Du ſollſt mein Geſandter an ihn ſeyn, Ther⸗ tes. Therſ. Wer, ich? Ei, er giebt Niemand Antwort; Antworten ſind feine Sache nicht; reden ſchickt ſich fuͤr Bettler; er trägt die Zunge im Arm. Ich will ihn Euch vorſtellen: laßt Patrocklus Fragen an mich richten, Ihr ſollt ein Schauſpiel vom Ajar ſehn. 5 Achill. Red' ihn an, Patroclus. Sag ihm, ich laſſe den tapfern Ajar in Demuth erſuchen, er wolle den groß⸗ muͤthigen Hector einladen, unbewaffnet in meinem Zelt zu erſcheinen, und ihm ein ſichres Geleit verſchaffen bei dem hoͤchſt mannhaften und durchlauchtigen, ſechs oder ſiebenmal preiswuͤrdigen Feldhauptmann des Griechenheers, Agamem⸗ non:— nun, fang an!— Patr. Heil dem großen Ajax! Therſ. Hum! Patr. Ich komme von dem edeln Achilles— Therſ. Ha! Patr. Der Euch in aller Demuth erſucht, Hectorn in ſein Zelt einzuladen— Therſ. Hum! Patr.— und ihm ſichres Geleit vom Agamemnon zu verſchaffen— Therſ. Agamemnon? Patr. Ja, mein Fuͤrſt. Therſ. Hal— Patr. Was meint Ihr dazu? Therſ. Gott ſey mit Euch, ganz der Eurige. Patr. Eure Antwort, Herr! Tberſ. Wenns morgen ein ſchoͤner Tag iſt,— um Elf Uhr,— da wird ſichs finden auf eine oder die andre Art; aber wie's auch wird, er ſoll fur mich zahlen, ehe er mich bekommt. 310 Troilus und Creſſida. A. III. Patr. Eine Antwort, Herr! Therſ. Lebt wohl, ganz der Eurige. Und iſt er wirklich in ſolcher Stimmung? ag! Therſ. Nein, in eben ſolcher Verſtimmung. Wie⸗ viel Muſik in ihm nachbleibt, wenn Hector ihm den Schaͤ⸗ del eingeſchlagen hat, das weiß ich nicht, aber ich denke gar keine: Fiedler Apollo muͤßte denn ſeine Sehnen nehmen, und ſich Saiten daraus machen. Achill. Komm, du ſollſt ihm jetzt dieſen Brief bringen. Therſ. Gebt mir noch einen fuͤr ſein Pferd, denn das iſt doch von Beiden die kluͤgſte Beſtie. Achill. Mein Geiſt iſt truͤb wie ein geſtoͤrter Quell, Ich ſelber kann ihm auf den Grund nicht ſchau'n. CAchilles und Patroclus gehn ab.) Therſ. Ich wollte, der Born Eures Geiſtes waͤre wie⸗ der klar, daß ich einen Eſel daraus traͤnken koͤnnte. Waͤr' ich doch lieber eine Laus in Schafwolle, als ſolche tapfre Dummheit! (er geht ab.) Troilus und Creſſida. 311 Vierter Aufzug⸗ — Erſte Szene Straße. (Es treten auf Aenea s und ein Diener mit einer Facket, von der einen Seitez von der andern Paris, Antenor, Deiphobus und Diom edes nebſt Gefolge und Fackeln.) Paris. Heda, wer kommt hier? Deiph. Fuͤrſt Aeneas, Herr. Aen. Wie, Paris, ſeyd Ihrs wirklich? Hätt' ich ſo ſchonen Anlaß lang zu ſchlafen Als Ihr, mein Prinz, nur heil'ge Pflichten hielten Von meiner Bettgenoſſin mich entfernt. Diom. So denk' ich auch. Guten Morgen, Fuͤrſt Aeneas. Par. Ein tapfrer Griech', Aeneas; reicht die Hand ihm; Erinnert Euch, wie oft Ihr uns erzaͤhlt, Daß Diomed Euch eine ganze Woche Täglich im Kampf geſucht. Aen. Ich biet' Ench Gruß, So lang der Stillſtand waͤhrt und Waffenruh; Doch treff' ich Euch im Feld, ſo finſtern Trotz, Wie nur das Herz ihn denkt, ausfuͤhrt der Muth!— Diom. Freundſchaft wie Kampf erwidert Diomed; Nun wallt das Blut uns kuͤhl, drum Gruß und Heil! Doch trifft Gelegenheit und Schlacht zuſammen, Beim Zeus, dann mach' ich auf dein Leben Jagd Mit aller Kraft, Verſchlagenheit und Liſt. Aen. Und jagen ſollſt du einen Leu'n, der flieht Mit ruͤckgewandtem Haupt. Jebt ſey gegruͤßt 312 Troilus und Creſſida. A. IV. Freundlichkeit: Ja, bei Anchiſes Leben, erzlich willkommen! Bei Venus Hand betheur' ich, Kein Mann auf Erden kann in ſolcher Weiſe Den Feind mehr lieben, den er wuͤnſcht zu tödten!— Diom. Wir fuͤhlen gleich. Zeus laß Aeneas leben, Wenn meinem Schwerdt ſein Tod nicht Nuhm erkauft, Bis tauſend Sonnenlaͤufe ſich erfuͤllen:— Doch mir zu Preis und Ehre kaß ihn ſterben, Verwundet jedes Glied, und morgen ſchon!— Aen. Wir kennen uns einander gut. Diom. Und wuͤnſchen auch im Boͤſen uns zu kennen. Par. Das iſt ſo ſchmaͤhend trotz'ger Feindesgruß So edler Liebeshaß, als je geboten.— Warum ſo fruͤh geſchaͤftig, Fuͤrſt? Nen. Der Koͤnig Hat mich verlangt, doch weiß ich nicht warum. Par. Ich kann's Euch ſune Dieſen Griechen rt Calchas Haus: dort fuͤr Antenors Freiheit ollt Ihr die ſchoͤne Creſſida erſtatten. Laßt uns zuſammen gehn; ſonſt, wenn Ihr wollt, Eilt jetzt vor uns zu ihm. Ich glaube ſicher,— Vielmehr mein Glaub' iſt ein beſtimmtes Wiſſen,) ort weilt mein Bruder Troilus zu Nacht. Weckt ihn, und meldet ihm, daß wir uns nahn, Und Kunde gebt, weshalb; ich furchte ſehr, Wir ſind ihm nicht willkommen. Aen. Nein, gewiß!— Eh wuͤnſcht er Troja hin nach Griechenland, Als Creſſida aus Troja. Par. Wer kann's aͤndern? Der Zeit gebietriſche Nothwendigkeit Verlangt es ſo, geht Fuͤrſt, wir folgen Euch. Aen. Guten Morgen allerſeits. Cer geht ab.) Par. Nun ſagt mir, edler Diomed, ſagt frei, Im echten Geiſt aufricht ger Bruͤderſchaft,— Wer wuͤrd'ger ſey der ſchoͤnen Helena, Ich, oder Menelaus? Diom. Beide gleich!— Sz. 1. Troilus und Creſſida. 313 Werth iſt Er ſie zu haben, der ſie ſucht, Fuͤr gar nichts achtend ihrer Ehre Fleck, Mit ſolcher Welt von Qual und Hoͤllenpein;— Du werth ſie zu behalten, der ſie ſchaͤtzt, Deß ſtumpfer Gaum nicht ihre Schande ſchmeckt, Fuͤr ſolchen theuern Preis von Gut und Blut. Er, ein ſchwachmuͤthger Hahnrei, traͤnke willig Die Reig' und Hefe abgeſtandnen Wein's: Dich Liederlichen freuts, aus Hurenleib Dir deine kuͤnftgen Erben zu erzengen? Drum wiegt Ihr gleich, wie man die Pfunde ſeße, Hat Einer mehr Gewicht, iſt's um'ne Metze. Par. Zu herbe ſeyd Ihr Eurer Landsmannin. Diom. Herb' iſt ſie ihrem Lande. Hoͤrt mich, Paris; Fuͤr jeden Tropfen ihres ſchnoͤden Bluts Zahlt' eines Griechen Leben; jeder Scrupel Des peſterfuͤllten buhleriſchen Leibes Erſchlug'nen Troer. Seit ſie ſtammeln konnte, Sprach ſie der guten Worte nicht ſo viel, Als griechiſch Volk und Troiſch fur ſie iei. ar. Freund Diomed, Ihr machts wie kluge Kaͤufer, und ſchmaͤht das Gut, das Ihr zu markten wuͤnſcht;— Doch wir ſind Euch voraus, und ſchweigen ſtill: Man ruͤhmt nicht, was man nicht verkaufen will. Hier geht der Weg.— Cſie gehn ab.) 3 weite Szene⸗ Garten⸗ (Troilus und Creſſida.) Troilus. Mein Liebchen, muͤh' dich nicht; die Luft iſt kalt. Creſſ. Dann, Liebſter, ruf' ich mir den Ohm herab, Er ſoll das Thor aufſchließen. Troil. Stoͤr ihn nicht. Zu Bett, zu Bett: ſchlaft ſuͤß, ihr holden Augen, 314 Troilus und Creſſida. A. IV. Und linde Ruh' umſchmiege deine Sinnen, Wie Kindern, aller Sorgen frei. Creſſ. Güten Morgen denn! Troil. Ich bitt' dich, nun zu Bett!— Creſſ. So ſeyd Ihr mein ſchon muͤde? Troil. O Creſſida! Nur daß der rege Tag Geweckt vom Lerchenton aufſcheucht die Kraͤhe, Und Nacht nicht laͤnger unſre Freuden birgt, Sonſt ſchied' ich nicht. Creſſ. Die Nacht war allzu kurz! Troil. Giftmiſchern weilt die widerwaͤrtge Hexe, Wie Hoͤlle ſcheußlich; doch der Liebe Koſen Flieht ſie, mit Schwingen ſchneller als Gedanken. Erkaͤlten wirſt du dich, und auf mich zuͤrnen. Creſſ. O bleib noch! Maͤnner wollen niemals warten. Ich Thoͤrin! Haͤtt' ich Nein zu dir geſagt, Dann würdſt du wohl noch warten. Horch! wer kommt? Pand.(draußen.) Was? alle Thuren offen? Troil. S iſt dein Oheim. (Pandarus kommt.) Creſſ. Der Unertraͤgliche! Nun wird er ſpotten, Das wird ein Leiden ſeyn— Pand. Nun, wie gehts? wie gehts? Wie ſtehts um die Jungferſchaft? Hoͤrt, Ihr, Jungfer:— wo iſt meine Nichte Creſſida?— Creſſ. Fort, fort mit Si Ihr boͤſer, ſpoͤtt'ſcher m! Erſt treibt Ihr mich dazu, dann hoͤhnt Ihr mich! Pand. Wozu? Wozu? Nun ſag doch einmal, wozu? Wozu habe ich dich gebracht? Creſſ. Pfui, ſchlimmer Ohm! Ihr ſelbſt thut nim⸗ mer gut, Noch leidet Ihrs von Andern. Pand. Ha, ha, ha! Ach du armes Ding! Das liebe Naͤrrchen! Haſt du dieſe Nacht nicht geſchlafen? Wollte er dich nicht ſchlafen laſſen, der garſtige Mann? Hohl ihn der Popanz!— (Es wird an die Thür geklopft.) Creſſ. Sagt ichs nicht? doch lieber ſeinen Wer pocht ſo? Geht doch, lieber Shein„ ſeht! 1 Sz. 2. Troilus und Creſſida. 315 Ihr, Liebſter, kommt zuruͤck in meine Kammer:— Ihr winkt und laͤchelt, als meint' ich etwas Arges— Troil. Ha, ha! Creſſ. Ihr irrt Euch; nein, an ſo was denk' ich nicht. (Man klopft wieder.) Wie ſtark man klopft! Ich bitt' Euch, geht hinein; Halb Troja naͤhm' ich nicht, daß man Euch faͤnde. (ſie gehn ab.) Pand. Wer iſt denn da!? Was giebts? Wollt Ihr die Thur einſchlagen? Was iſt? Was giebts?— (Leneas tritt auf.) Aen. Guten Morgen, Herr, guten Morgen. Pand. Wer iſts? Fuͤrſt Aeneas? Auf meine Ehre, ich kannte Euch nicht; was bringt Ihr ſo fruͤh Neues? Aen. Iſt nicht Prinz Troilus hier?— Pind⸗ Hier? Was ſollte er wohl hier machen? en. Ei, er iſt hier; verlaͤugnet ihn nur nicht! Es liegt ihm viel daran, mit mir zu reden. Pand. Er iſt hier, ſagt Ihr? das iſt mehr als ich weiß, das ſchwoͤre ich Euch. Was mich betrifft, ſo kam ich ſpäͤt heim;— was ſollte er hier zu thun haben? Aen. Wer? Nun, wahrhaftig,— Geht, geht: Ihr thut ihm Schaden, eh' Ihrs denkt: Ihr wollt ihm treu ſeyn, und verrathet ihn;— immer nichts von ihm, nur holt ihn her. eht!— (Während Pandarus abgeht, kommt Troilus.) Troil. Nun, was giebt es hier? Aen. Kaum bleibt mir Zeit Euch zu begruͤßen, Prinz, So drängt mich mein Geſchäft. Ganz nah ſchon ſind Eur Bruder Paris, und Deiphobus, Der Grieche Diomed, und neu befreit Unſer Antenor: und fuͤr dieſen ſolln wir Noch dieſe Stunde, vor dem Morgenopfer, In Diomedes Hand als Preis erſtatten Das Fraͤulein Creſſida. Troil. Iſt das beſchloſſen? Aen. Von Priamus, und Trojas ganzem Rath. Sie nahn und ſind bereit es zu vollziehn⸗ 316 Troilus und Creſſida. A. IV. Troil. Wie ſpottet mein nun der errungne Preis!— — Ich geh' ſie zu empfahn, und Ihr, Aeneas, Traft mich durch Zufall, fandet mich nicht hier. Aen. Recht wohl, mein Prinz. Maturgeheimniſſe Sind nicht mit groͤßrer Schweigſamkeit begabt.— (Troilus und Aeneas gehen ab.) Pand. Iſts moͤglich? Wie gewonnen ſo zerronnen? Hole der Teufel dieſen Antenor! der junge Prinz wird den Verſtand verlieren. Zum Henker mit dieſem Antenor! Ich wollte, ſie haͤtten ihm den Hals gebrochen!— (Creſſida kommt.) Creſſ. Wie nun? Was giebt es hier? Wer kam vorhin? Pand. Ach, ach!— Creſſ. Was ſeufzt Ihr Wo iſt mein Liebſter? ort Fort! Sagt, lieber Ohm, was iſt geſchehn? Pand. Ich wollte, ich waͤre ſo tief unter der Erde, als ich druͤber bin!— Creſſ. O Goͤtter! Nun, was iſt geſchehn?— Pand. Ach, geh nur hinein. Waͤrſt du doch nie gebo⸗ ren! Ich wußte es wohl, du wuͤrdeſt ſein Tod ſeyn. O der arme junge Mann! Verdammter Antenor! Creſſ. Mein beßter Ohm, auf meinen Knien beſchwor ich, Ich fleh' Euch, ſagt, was iſt geſchehn?— Pand. Du mußt fort, Kind, du ſollſt fort; du biſt fuͤr den Antenor ausgewechſelt; zu deinem Vater ſollſt du, und den Troilus verlaſſen. Das wird ſein Tod ſeyn; das uͤber⸗ lebt er nicht; das bringt ihn um!— Creſſ. O Ihr Unſterblichen! Ich gehe nicht!— Pand. Du mußt!. Creſſ. Ich will nicht, Sa Was frag' ich nach dem ater? Was iſt Verwandtſchaft mir? Nein, keine Seele, Nicht Freundſchaft, Lieb und Blut ſind mir ſo nah, Als du, herzliebſter Troilus. O Goͤtter! Laßt Creſſida der Falſchheit Gipfel heißen, Wenn ſie dich je verlaͤßt! Zeit, Noth und Tod, Thut dieſem Leben Euer Aeußerſtes; Sz. 3. Troilus und Creſſida. 317 Doch meiner Liebe ſtarker Bau und Grund Ruht in der Erde tiefſtem Mittelpunct, Der alles träͤgt. Ich will hinein und weinen— Pand. Das thu!— Creſſ. Zerraufen will ich Mein glanzend Haar; die ſchoͤnen Wangen furchen, Die Stimme heiſer ſchluchzen, und mein Herz Zerſprengen mit dem Namen Troilus:— Ich will nicht fort von Troja!— (ſie gehn ab.) — Dritte Szene. Straße. (Es treten auf Paris, Troilus, Leneas, Diomedes und Gefolge.) Paris. Es iſt ſchon heller Morgen, und die Stunde, Sie abzuliefern dieſem tapfern Griechen, Ruͤckt ſchnell heran. Mein beſter Troilus, Sag du der Dame, was ihr noch bevorſteht, Und heiß' ſie eilen. . Troil. Geht ins Haus hinein; Ich ſende ſie dem Griechen ungeſaͤumt;— Und ſeine Hand, wenn ich ſie uberliefre, Iſt der Altar, dein Bruder Troilus Der Prieſter, der ſein eignes Herz dort opfert. (Troilus ab.) Par. Ich weiß was Lieben heißt, und wuͤnſchte nur⸗ Ich konntt dir, wie Mitleid, Huͤlfe bieten.— Beliebts, Ihr Herrn, ſo geht hinein. Cſie gehn ab.) 318 Troilus und Creſſida. A. W. Vi e te Szen. Garten. (Pandarus und Creſſidatreten auf.) Pandarus. Sey maͤßig, Kind, ſey maͤßig! Creſſ. Was ſprecht Ihr mir von Maͤßigung? der Schmerz Den ich empfind' iſt geiſtig, tief, erſchoͤpfend, Und ganz ſo groß und heftig wie die Urſach Die ihn erzeugt: wie kann ich ihn da maͤß'gen? Wenn meine Liebe mit ſich handeln ließe, Daß ſie dem kaͤltern, ſchwaͤchern Sinn genuͤgte, So koͤnnt' ich eben ſo den Schmerz auch kuͤhlen: Mein Sehnen duldet kein vermittelnd Lindern, So großes Leid vermag nicht Troſt zu mindern. (Troilus kommt.) Pand. Hier, hier, hier kommt er. Ach die lieben Taͤubchen! Creſſ. O Troilus! Troilus! Pand. Welch ein Schauſpiel! das arme Paar! Laßt mich Euch auch umarmen— O Herz,— wie's im alten Liede ſteht— O Herz, o volles Herz, Was ſeufzeſt du, und brichſt nicht? Und er antwortet hernach: Weil du nicht lindern kannſt den Schmerz, Drum wendſt du dich, und ſprichſt nicht. Nie gabs einen ſo wahren Reim. Man muß nichts wegwerfen; denn wir koͤnnen's alle erleben, ſolchen Vers noͤthig zu haben; wir ſehn es, wir ſehn es. Nun, meine Laͤmmchen?— Troil. Ich liebe dich mit ſolcher ſeltnen Reinheit, Daß ſel'ge Goͤtter, meiner Liebe zuͤrnend,— (Die heißer, als Gebet von kalten Lippen Der Gottheit dargebracht,)— dich mir entreißen! Sz. 4. Froilus und Creſſida. 319 Creſſ. Sind Goͤtter neidiſch? Pand. Ja, ja! da ſieht man's deutlich! Creſſ. Und iſt es wahr? Muß ich von Troja ſcheiden? Troil. Verhaßte Wahrheit! Creſſ. Auch von Troilus? Troil. Von Troja, wie von Troilus! Creſſ. Unmoͤglich! Troil. Und augenblicks: ſo daß des Schickſals Hohn Das Lebewohl zuruͤckweiſt; jede Muße Grauſam verſagt; argliſtig unſern Lippen Alle Vereinung wehrt; gewaltſam hemmt Der Lieb' Umarmung, und den Schwur erſtickt Im Kreiſen und Geburtsſchmerz unſres Athems. Wir beide, die wir uns mit tauſend Seufzern Gewonnen, muͤſſen aͤrmlich uns verkaufen Fuͤr eines Einz'gen abgebrochnen Hauch. Der rohe Augenblick, mit Diebes Haſt, Zwaͤngt ein den reichen Raub faſt unbeſehn: So manch Lebwohl als Stern' am Himmel, jedes Mit eignem Kuß und Abſchiedswort beſiegelt, Huſcht er zuſammen in Ein kalt Ade, Und ſpeiſt uns ab mit einem duͤrft'gen Kuß, Verbittert mit dem Salz verhaltner Thraͤnen. Aen.(draußen.) Prinz! Iſt das Fraͤulein nun bereit? Troil. Sie rufen dich! So ruft der Todesengel Sein Komm! dem Mann, der plotzlich ſterben ſoll!— Heißt jene warten: ſie wird gleich erſcheinen. Pand. Wo ſind meine Thraͤnen? Regnet, damit dieſer Sturm ſich lege, ſonſt reißt es mein Herz mit allen Wurzeln aus. (Pandarus geht.) Creſſ. So muß ich zu den Griechen? Troil. S iſt kein Mittel! Creſſ. Ein trauernd Mädchen bei den luſt'gen Griechen? Wann werden wir uns wiederſehn? Troil. Hoͤr mich, Geliebte, bleibe du nur tren— Creſſ. Ich treu? Wie das? Welch ſchmaͤhlicher Verdacht! Troil. Nein, laß uns freundlich ſchlichten dieſen Streit, 320 Troilus und Creſſida. A. IV. Er ſcheidet gleich von uns. Ich ſage nicht aus Argwohn: ſey mir tren, Denn ſelbſt dem Tod werf ich den Handſchuh hin, Daß ohne Fleck und Makel ſey dein Herz; Dieß„ſey mir treu“ war nur um einzuleiten Die folgende Betheurung: ſey mir treu, Und bald ſeh' ich dich wieder. Creſſ. O dann, mein Prinz, wagt Ihr Euch in Ge⸗ fahren, Zahllos und furchtbar. Doch ich bleib Euch treu! Troil. Dann lockt Gefahr mich. Tragt die Ermel⸗ krauſe. Treſſ. Und Ihr den Handſchuh. Wann ſeh' ich Euch wieder? Troil. Erkaufen werd' ich mir die griech'ſchen Wachen, Und dann dich Nachts befuchen. Doch ſey tren! Creſſ. O Himmel! Wieder dieß: ſey tren! PTroil. Hoͤr an, Geliebteſte, weshalb ich dirs geſagt. Die griech'ſchen Juͤnglinge ſind reich begabt; Ihr Lieben ſchmuͤcken ſie mit Koͤrperſchoͤnheit, Und Kunſt und Liſt vollenden ihren Reitz. Wie Nenheit ruͤhren mag und Wohlgeſtalt, Ach! laͤßt mich eine fromme Eiferſucht (Ich bitt' dich, nenn' es tugendhafte Suͤnde,) Zu ſehr befuͤrchten. Creſſ. O, Ihr liebt mich nimmer!— Troil. Dann mag ich ſterben als ein Boͤſewicht! Nicht deine Treu und Liebe macht mich zweifeln So ſeyr als mein Verdienſt. Ich kann nicht dichten, Nicht ſpringen wie ein Taͤnzer, kuͤnſtlich koſen, Noch feine Spiele ſpielen: lauter Gaben Worin die Griechen meiſterlich gewandt. Allein ich weiß, in jeder dieſer Zierden Lauert ein liſt'ger, ſtummberedter Teufel Der ſchlau verſucht. O, laß dich nicht verſuchen!— Creſſ. Glaubſt du, ich werd' es? Troil. Rein! Doch oft geſchieht uns, was wir nicht gewolli, Und oftmals find wir unſte eignen Teufel, Sz 4. Troilus und Creſſida. 32⁴ Wenn wir des Willens Schwaͤche ſelbſt verſuchen, Zu ſtolz auf unſre wandelbare Kraft. Aen.(draußen.) Nun, werther Prinz— Troil. Noch einen Kuß zum Abſchied! Par.(draußen.) Auf, Bruder Troilus! Troil. Paris, komm herein, Und bring Aeneas mit, und Diomedes. Creſſ. Ihr bleibt doch treu, mein Prinz? Troil. Wer, ich? Das iſt mein Fehl ja, meine Schwaͤche! Wenn andre ſchlau nach hoher Meinung angeln, Such' ich mit Treu nur ſchlichter Einfalt Lob. Wenn mancher ſeinen Schmuck von Blech vergoldet, Ich tren und ehrlich trag' ihn ſchlecht und recht. org' nicht um meine Treu: denn all' mein Sinnen Iſt ehrlich, treu: mehr will ich nicht gewinnen. (Leneas, Paris und Diomedes treten auf.) Willkommen Diomed! hier iſt die Dame, Die fuͤr Antenor wir Euch uͤberliefern. Am Thor, Herr, geb ich ſie in deine Hand, Und ſchildre unterwegs dir, was ſie iſt. Begegn' Ihr gut; und dann, beim Himmel, Grieche, Faͤllſt du ſemals in meines Schwerdts Gewalt, Und nennſt mir Creſſida, dann ſollſt du frei ſeyn, Wie Priamus in Ilium. Diom. Schoͤne Dame, Ihr ſpart den Dank mir, den der Prinz erwartet. Eur glaͤnzend Aug', der Himmel dieſer Wangen, Heiſcht wackern Dienſt; und Diomedes nennt Euch ſeine Herrin, iſt Euch ganz gewidmet. Troil. Grieche, nicht hoͤflich gegen mich verfaͤhrſt du Das Siegel meiner Bitte nicht zu Durch ſolchen Preis. Ich ſag' dir, griech'ſcher Fuͤrſt, Sie uͤberſtrahlt ſo hoch dein Lob, als du Unwuͤrdig biſt, dich ihrem Dienſt zu weih'n. Ich heiß' dir, halt ſie gut, weil ichs dir heiße: Denn, beim furchtbaren Pluto, thuſt du's nicht, Waͤr auch dein Schutz Achilles rieſ'ge Wucht, Du haſt gelebt. Diom. O nicht ſo hitzig, Prinz! VR. 21 322 Proilus und Creſſida. A. W. Laßt mir das Vorrecht meiner Sendung, daß Ich frey hier ſprechen darf. Bin ich erſt fort, Dann folg' ich meiner Willkuͤhr: und vernimm, Ich thu nichts auf Geheiß: nach ihrem Werth Wird ſie geſchaͤtzt; doch ſprichſt du, ſo ſolls ſeyn, Werd' ich nach Muth und Ehr' erwidern: Nein! Troil. So komm zum Thor!— und wiſſe, Diomed, Daß wer hier trotzt, dereinſt um Gnade fleht.. Gebt Fraͤulein, mir die Hand: und mag im Wandeln Ein leiſes Wort des Herzens Wunſch verhandeln. (Troilus und Creſſida gehn ab. Trompetenſtoß. Par. Horch! Hectors Herold!— Aen. Wie der Morgen ſchwand! Der Prinz muß traͤge mich und ſaͤumig ſchelten, Da ich verſprach, vor ihm im Feld zu ſeyn⸗ Par. Die Schuld traͤgt Troilus; kommt, ins Feld mit ihm! Diom. Nun laßt uns eilig ſeyn! Aen. Ja, mit des Braͤutgams muntrer Freudigkeit Woll'n wir dem Hector folgen auf dem Fuß. Heut ſicht fuͤr unſres Troja Heil und Ruhm Sein Arm allein, und edles Ritterthum!— Cſie gehn ab.) 5ü nſi e 6 z ene Das griechiſche Lager. (Es treten auf Ljar, in veller Rüſtung; Agamemnon, Achilles, Patroclus, Menelaus, ülyſſes, Reſtor und Gefolge. Agamemnon. Hier ſtehſt du Anserwaͤhlter friſch und kuͤhn, Der Zeit voreilend mit fruͤhregem Muth. Laß die Drommete laut dich Troja kuͤnden, Sz. 5. Troilus und Creſſida. 323 Furchtbarer Ajax, daß die Luft entſetzt. Des großen Kämpen Ohr durchbohre ſcharf, Und ſtuͤrm' ihn her.. Ajar. Trompeter, nimm dieß Gold? Nun ſpreng' die Lung, und brich dein erznes Rohr: Blaſ⸗ Kerl, bis deine aufgeſchwellte Wange Noch ſtraffer ſey, als Pausöack Aquilo; Dehn' aus die Bruſt, dem Aug' entſpritze Blut, Du ſchmetterſt Hector'n mir heran⸗ Utyſſ. Kein Erz giebt Antwort!— Achill. S iſt noch fruͤh am Tag. Agam. Kommt dort nicht Diomed mit Calchas Tochter? utyſſ. Ja wohl, ich kenn' ihn an der Art des Gangs: Er hebt ſich auf den Zehn: hochathmend ſtrebt Sein Geiſt von dieſer Erd' empor. (Diomedes und Creſſida treten auf.) Agam. Iſt dieß das Fräͤulein Creſſida? Diom. Sie iſts. Agam. Sey hold gegruͤßt den Griechen, ſchones Fraͤulein! neſt. Mit einem Kuß begruͤßt Euch der Feldhaupt⸗ mann. utyſſ. Wer moͤchte nicht ſolch reitzend Feld be⸗ haupten? Wir folgen Haupt fuͤr Haupt dem Mann ins Feld. Neſt. Ein trefflich art'ger Vorſchlag! Ich beginne:— Soviel fuͤr Reſtor. Achill. Ich will das Eis von Euern Lippen kuͤſſen: Achill heißt Euch willkommen, ſchoͤnes Kind⸗ men. Zum Kuͤſſen hatt' ich huͤbſchen Anlaß ſonſt— Patr. Doch iſt das Anlaß nicht zum Kuſſen jetzt;— Denn ſo wie ich drang Paris Euch ins Haus, Und mit dem huͤbſchen Anlaß war es aus⸗ umyſſ. O biure Schmach! All unſrer Leiden Born! Mit unſerm Lebensblut faͤrbt er ſein Horn! Patr. Der Kuß fuͤr Menelans, der fuͤr mich; Patroclus kuͤßt Euch⸗ 21 8 — 224„ Troilus und Ereſſida. A. IV. Wen. Ei, ſo abzuziehn! Patr. Paris und ich, wir kuͤſſen ſtets fuͤr ihn. Men. Erlaubt mir; meinen Kuß wrill ich nicht miſſen. Creſſ. So ſagt, empfangt Ibr„ oder nehmt im Kuͤſſen? Men. Ich nehm' und geb' im Kuſſe. Creſſ. Dann vergoͤnnt: Ihr nehmt Euch beſſern, als Ihr geben koͤnnt; Drum keinen Kuß. Men. Ich zahl' Euch Augeld⸗ geb' Euch drei fuͤr Einen! Creſſ. Von einem halben Manne nehm' ich keinen. Wen. Ein halber? und wo waͤr' die andre Haͤlfte? Creſſ. Die hat Prinz Paris laͤngſt ſich eingefangen, Als Er mit Eurer Frau davon gegangen. Men. Ihr ſchnippt mir an die Stirn! Creſſ. O nein, fuͤrwahr! Ulyſſ. Wie braͤcht Eur Händchen ſeinem Horn Gefahr? Darf ich um einen Kuß Euch bitten, Schoͤne? Creſſ. Ihr duͤrft! Uſyſſ. Gern haͤtt' ich einen! Creſſ. Nun, ſo bittet. Ulyſſ. Um Venus, werde mir ein Kuß von dir, Wenn Helena als Jungfran lebt, und hier! Creſſ. Sobald die Schuld verfallen, zahl' ich ſie. Ulyſſ. Dann hat es gute Zeit, Ihr kuͤßt mich nie. Diom. Fraͤulein, ein Wort; ich bring Euch Euerm Vater. (geht mit Creſſida ab.) neſt. Sie hat behenden lyſſ. Pfui uͤber ſie! An ihr ſpricht alles, Auge, und Lippe, Ja ſelbſt ihr Fuß: der Geiſt der Luͤſternheit Blickt vor aus jedem Glied' und Schritt und Tritt⸗ O dieſ Entgegenkommer, Zungenſchnell, Die ſeitwaͤrts Willkomm' geben, eh' es gruͤßt! Und weit aufſchlagen ihres Denkens Buch Sz. 5. Troilus und Creſſida. ⸗ 325 Fuͤr jeden uͤpp'gen Leſer! Merkt ſie Euch Als niedre Beute der Gelegenheit, Und Toͤchter ſchnoͤder Luſt. (Trompetenſtoß.) Alle. Troja's Trompete!* Agam. Seht, es naht der Zug!— (Es treten auf Hector, Neneas, Troilus und Gefolge.) Aen. Heil, Griechenfuͤrſten. Was wird dem zu e 7 Der obſiegt? Oder habt Ihr nicht den Vorſatz Daß Einer Sieger ſey? Sollen die Ritter Aus aller Kraft ſich bis aufs aͤußerſte Bekaͤmpfen? oder wird der Streit geſchieden Durch irgend ein Gebot und Kampfgericht? So fragt Euch Hector. Agam. Was iſt Hectors Wunſch? Aen. Ihm gilt es gleich, er fuͤgt ſich der Beſtim⸗ mung. Achill. Ganz Hectorn aͤhnlich, doch ſehr zuverſichtlich; Ein wenig ſiolz, und uͤberaus mißachtend Den Gegner. Aen. Wenn Achilles nicht, mein Fuͤrſt, Wer ſeyd Ihr? Nhill. Wenn Achilles nicht, dann nichts. Aen. Achilles alſo. Demnach, Held, vernehmt:— In beiden Aeußerſten von Groß und Klein, Sind Stolz und Muth in Hector unerreicht; Der Eine faſt ſo endlos wie das All, Der Andre leer wie nichts. Erwägt ihn recht, Und was Euch ſtolz ſcheint, iſt nur Hoͤflichkeit: Held Ajax iſt von Hectors Blute halb: Zu Liebe dem bleibt Hector halb zu Hauſe: Halb Herz, halb Hand, halb Hector nah't er, wo er Den Baſtardhelden ſucht, halb Griech', halb Troer. Achill. Ein Scheingefecht alſo! Ha, ich verſteh' . uch! 5 (Diomedes tritt auf.) Agam. Hier kommt Fuͤrſt Diomed. Auf, edler Ritter, 326 Troilus und Creſſida. A. W. Stellt Euch zu unſerm Ajax: ſo wie Ihr Und Lord Aeneas ordnen dieß Geſecht, So ſey es: ob ein Anlauf, ob ein Gang Auf Tod und Leben: weil die Zwei verwandt, Iſt halb der Kampf erloſchen, eh entbrannt. Ulyſſ. Sie ſtehn ſich gegenuͤber. Agam. Wer iſt der Troer, der ſo finſter ſchaut? Ulyſſ. Des Priam juͤngſter Sohn: ein achter Ritter, Kaum reif, ſchon unvergleichbar: feſt von Wort, Beredt in That, und thatlos in der Rede, Micht bald gereitzt, doch dann nicht bald beſaͤnftigt. Sein Herz und Hand gleich offen, beide frey: So giebt er was er hat, ſpricht was er denkt; Doch giebt er nur, lenkt Urtheil ſeine Guͤte. Nie adelt er durch Wort unwuͤrd'ges Denken:— Mannhaft wie Hector, doch gefaͤhrlicher: Denn Heetor in des Zornes Glut verſchont Gefall ne; waͤhrend dieſer, kampfbegeiſtert, Blutduͤrſt'ger trifft als eiferſuͤcht'ge Liebe. Man nennt ihn Troilus, und baut auf ihn Die zweite Hoffnung, ſtark wie Hector ſelbſtz So ſpricht Aeneas, der den Juͤngling kennt Ganz durch und durch, und in Geheimgeſpraͤch Im großen Ilion mir ihn ſo geſchildert. (Trompeten. Hector und Ajar kämpfen.) Agam. Der Kampf beginnt. Neſt. Nun, Ajax, halt dich brav. Troil. Hector, du ſchlaͤfſt, erwache! Agam, Er fuͤhrt den Degen trefflich: recht ſo Ajay! (Die Trompeten hören auf zu blaſen.) Diom. Ihr duͤrft nicht weiter— Aen. Prinzen,*s iſt genug⸗ Ajax. Ich bin kaum warm, thun wir noch einen Gang. Diom. Wie's Hector wuͤnſcht! Bect. Nun gut: ich will nicht weiter. Du, Fuͤrſt, biſt meines Vaters Schweſterſohn, Ein Freund und Vetter Priams großem Stamm, Sz. 5. Troilus und Creſſida.- 327 Und der Verwandtſchaft Heiligkeit verbietet Daß ſich der Kampf des Ruhms mit Blut entſcheide. Waͤr' Graͤcien dir und Troja ſo gemiſcht, Daß du koͤnntſt ſagen: dieſe Hand iſt griechi ſch, Und troiſch jene; dieſes Schenkels Bau Griechiſch, der troiſchz meiner Mutter Blut Rinntin derrechten Wange, das des Vaters In jener linken: beim allmaͤcht'gen Zeus! Hinweg von mir truͤgſt du kein griechiſch Glied, Dem nicht mein Schwerdt haͤtt' eingepraͤgt ein Mahl Des boͤſen Streits. Doch hindern das die Goͤtter, Daß nur ein Tropfen deines Mutterbluts, Geheiligt mir, von meinem Todesſtahl Vergoſſen ſey. Laß dich umarmen, Ajax! Bei dem der donnert, du haſt tuͤchtge Armel Gern laͤßt ſich Hector ſo von ihnen faſſen: Dir, Vetter, aller Ruhm! Ajar. Ich dank dir, Hector! Du biſt ein Mann, zu frei und hoch geſinnt; Dich toͤdten wollt ich, Vetter, und an Ehre Durch deinen Fall mir reichen Zuwachs erndten. Zect. Selbſt Neoptolemus, der Wunderheld, Von deſſen Helm lauttonend Fama ruft Das iſt Er Selbſt! hegt nicht den Wahngedanken, Daß Ruhm, Hectorn entriſſen, ſeinen mehrte. Aen. Von beiden Seiten fragt Erwartung jetzt, Was ferner Ihr beginnt? Zect. Dieß unſre Antwort“ Der Ausgang iſt Umarmung.— Ajax, leb wohl!— Ajax. Wenn ich Erfolg der Bitte koͤnnt' erwarten, Der ſelten mir zu Theil wird,— luͤd' ich Euch, Ruhmvoller Vetter, zu den griechſchen Zelten. Diom. S iſt Agamemnon's Wunſch: auch Held Achilles Mocht ohne Wehr den tapfern Hector ſehn. Zect. Ruf meinen Bruder Troilus, Aencas, Und melde dieſen friedlichen Beſuch* Der Troer Schaar, die meiner Ruͤckkunft harrt;— Sie ſolln heimkehren.— Gieb die Hand mir, Vetter; Ich ſpeiſ' in deinem Zelt mit Euern Rittern. Ajax. Der Herrſcher Agamemnon naht ſich uns.— 328 Troilus und Creſſida. A. IV. Zeet. Sag mir die Namen aller Wuͤrdigſten: Nur den Achilles laß mein ſpaͤhend Aug An ſeiner Hochgeſtalt und Wucht erkennen⸗ Agam. Streitbarer W Willkommen mir, wie inem, Der ſolches Feindes gern entledigt waͤr. Doch das iſt kein Willkomm; drum red' ich klarer. Vergangnes und Zukuͤnftiges verdeckt Formloſer Schutt und Truͤmmer des Vergeſſens: Doch in der gegenwaͤrt'gen Stund' entbeut Dir Treu und Glaub' in frommſter Lauterkeit, Abwendig aller ſchiefen Nebendeutung, O großer Mann, herzinnige Begruͤßung. Hect. Ich dank' dir, hocherhabner Agamemnon. Agam. Erlauchter Troilus, nicht mindres Euch. Men. Ich gruͤß' Euch, wie mein koͤniglicher Bruder: Du kriegriſch Bruͤderpaar, ſey uns willkommen. Zert. Wer ſpricht zu uns? mien. Der edle Menelaus. Zect. O, Feldherr, bei Mavors Eiſenhand⸗ u Verargt mir nicht den ſeltſamlichen Schwur: Eur weiland Weib ſchwoͤrt ſtets bei Venus Handſchuh: Wohl iſt ſie— doch ſie ſchickt Euch keinen Gruß. Men. Nennt ſie nicht, Prinz ſie mahnt an toͤdtlich Weh. Bect. Verzeihung! Ich vergaß!— Neſt. Ich ſah dich oft, du waidlicher Trojaner, Wenn du, in Arbeit fuͤr den Tod, dir Bahn Durch unſre Jugend wuͤthig brachſt: ich ſah dich Wie Perſeus dei dein phrygiſch Schlachtroß ſpornend, Viel Waffenthat und Kampfespreis verſchmaͤhn. Vordringend ſchwangſt du hoch ums Haupt dein Schwerdt, Und nicht auf den Gefallnen durft' es fallen: So daß ich ſprach zu meinen Schlachtgenoſſen: Seht Jupiter, wie er dort Leben ſpendet! Dann ſah ich dich verſchnaufend Athem ſchoͤpfen, Wenn dich ein Kreis von Griechen rings umſchloß, Wie ein olymp'ſcher Ringer: ſolches ſah ich; Doch dieß dein Antlitz, ſtets in Stahl verriegelt, Schau' ich erſt heut. Mit deinem Eltervater Sz. 5. Troilus und Creſſida. 32 Focht ich einmal: er war ein guter Streiter, Allein beim Kriegsgott, unſer Aller Haupt, Dir nimmer gleich. Rimm eines Greiſen Kuß, Und unſerm Zelt ſey, tapfrer Fuͤrſt, willkommen. Aen. Er iſt der alte Neſtor. Zect. Laß dich umarmen, gute alte Chronik, Die mit der Zeit ſo lang ſchritt Hand in Hand: Ehrwuͤrd'ger Neſtor, froh umſchließ' ich dich⸗ 5 Neſt. O daß mein Arm dirs gleich thun konnt im Kampf, Wie er nun kaͤmpft mit dir in Freundlichkeit! Zect. Ich wuͤnſcht' es abiele e eſt. Ha, Bei dieſem weißen Bart, ich foͤchte mit dir Morgen. Willkommen dann, willkomm! Ich ſah die Zeit— Ulyſſ. Mich wundert nur, wie jene Stadt noch ſr, Da wir jetzt ihren Grund und Pfeiler haben! Zect. Wohl kenn, ich Eure Zuͤge, Fuͤrſt Ulyß!— O Herr, ſchon mancher Griech' und Troer fiel, Seit ich zuerſt Euch ſah mit Diomed, In Ilion, als Geſandte Griechenlands. Uiyſſ. Da ſagt' ich Euch vorher was folgen wuͤrde; Noch weilt auf halbem Weg die Prophezeiung, Denn jene Mauern, keck die Stadt umſchirmend, Die Zinnen die mit Wolken uͤppig buhlen, Sie kuͤſſen noch den eignen Fuß⸗ Zect. Nicht glaub' ich's! Da ſtehn ſie noch: beſcheiden mein' ich auch Uns zahlt fuͤr jedes Phryg'ſchen Steines Fall Ein Tropfen Griechenblut. Das Ende kroͤnts; Und jener alte, ew'ge Richter Zeit, Wird einſt es enden. Ulyſſ. Laſſen wir es ihm. Hoͤchſt edler, tapfrer Hector, ſey willkommen! Rach unſerin Feldherrn bitt ich dich zunaͤchſt Mein Gaſt zu ſeyn, und mich im Zelt zu ſehn. Achill. Dawider muß ich Einſpruch thun, Ulyſſes! Nun Hector, haſt du meinen Blick geſaͤttigt. Mit ſcharfem Aug durchforſcht' ich dich, o Hector, Und pruͤfte Glied vor Glied. 6 vie achil ect. die illes?— Achill. Ich bin Achilles. 330 Troilus und Creſſida. A. IV. ect. Ich bitte, ſtell dich ſo daß ich dich ſchaue. Achill. Sieh dich nur ſatt! Zect. Nein, ich bin fertig ſchon. Achill. Du biſt zu eilig. Ich durchmuſtre dich Noch einmal Zug fuͤr Zug, als waͤrs zum Kauf. Zect. So wie ein Scherzbuch blaͤtterſt du mich durch? Doch mehr wohl liegt in mir als du verſtehſt!— Was will mich ſo dein Auge niederdruͤcken?— Achill. Ihr Goͤtter ſagt, an welchem Theil des Koͤrpers Vernicht ich ihn? Iſts hier, dort oder da? Daß ich genau den Sitz der Wunde nennen Und ſcharf das Thor bezeichnen mag, wodurch Sein großer Geiſt entflieht. Antwort, ihr Göoͤtter! Zect. Mißziemen wuͤrd' es heil'gen Goͤttern, Stolzer, Antwort zu geben ſolcher Frage. Sprich! Glaubſt du mein Leben ſo im Scherz zu fahn, Daß du vorzeichnen willſt im ſcharfen Umriß Wo treffen ſoll der Tod?— Achill. Ja, ſag ich dir. Zect. Und waͤrſt du, ſolches kuͤndend, ein Orakel, Richt glaubt' ich dir. Hinfort ſey auf der Huth! Denn nicht hier toͤdt' ich dich, noch dort, noch da, Nein, bei dem Hammer der Mars Helm geformt, Dich toͤdt' ich wo's auch ſey, ja uͤber und uͤber. Verzeiht Ihr weiſen Griechen meinem Prahlen, Sein Hochmuth zwingt mich, Thoͤrichtes zu reden. Doch ſtreb' ich ſo zu thun wie ich geſprochen, Sonſt moͤg' ich nie— Ajax. Kommt nicht in Eifer, Veiter. Und Ihr Achilles, laßt dieß Drohen bleiben, Bis Zufall oder Vorſatz wahr es macht. Genug koͤnnt Ihr von Hector taͤglich haben, Wenn es Euch hungert: doch ganz Griechenland Bringt Euch wohl kaum mit ihm in Hader, fuͤrcht ich. Zect. Ich bitt Euch, laßt im Feld uns Euch begegnen: Es gab nur kleinen Krieg, ſeit Ihr verließt Die griech ſchen Fahnen. Achill. Du verlangſt nach mir? Dir nah' ich morgen, furchtbar wie der Tod:— Heut Abend ſey'n wir Freunde. Zect. Wohl, ſchlag ein! Agam. Vorerſt, Ihr hlin Herrn, kommt in mein Sz. 1. Troilus und Creſſida. 331 Dort wolln wir Tafel halten; und hernach Wie Hectors Muß' und Eure Gaſtlichkeit Zuſammentrifft, bewirthet ihn dann einzeln. Run laßt die Pauken, laßt Trompeten ſchallen, Willkommen ſey der Troerfurſt uns Allen. (Sie gehn ab. Es bleiben Troilus und ulyſſes.) Troil. Ich bitt Euch, Fuͤrſt Uyſſes, gebt mir Kunde In welchem Theil des Lagers Calchas weilt. Ulyſſ. In Menelaus Zelt, mein edler Prinz: Dort ſpeiſet Diomed mit ihm zu Nacht, Der nicht an Erde mehr noch Himmel denkt, nd ganz von Lieb entflammt und Augen hat Fuͤr Fraͤulein Creſſida. Troil. Erzeigt Ihr mir die Huld, mein werther Fuͤrſt, Wann wir verlaſſen Agamemnons Zelt, Mich hinzufuͤhren? Ulyſſ. Schaltet uͤber mich⸗ Gleich freundlich ſagt, mein Prinz, in welchem Ruf Hielt Troja dieſe Schoͤne? Weint ihr dort Kein Liebſter nach?— Troil. O Fuͤrſt, wer ruͤhmend prahlt mit ſeinen Wunden, Verdienet Spott. Gehn wir zuſammen, Herr? Sie liebt' und ward geliebt, und wirds noch heute, Doch neid'ſchem Gluͤck ward Liebe ſtets zur Beute. Cer geht ab.) 332 Troilus und Creſſida. F uͤnfter Aufzug. Zelt des Achilles. (Es treten auf Achilles und Patroclus.) Achilles. Mit griech'ſchem Wein durchgluͤh' ich heut ſein Blut, Und mit dem Schwerdte kuͤhl' ichs morgen ab. Patrotlus, laß uns waidlich mit ihm bechern! Patr. Hier kommt Therſites. (Therſites tritt auf.) Achill. Nun, du neid'ſche Schwaͤre? Du der Natur verbrannt Gebaͤck, was giebts? Therſ. Nun, du Bildniß deſſen was du ſcheinſt, du Abgott der Dummheit⸗Anbeter, hier iſt ein Brief fuͤr dich. Achill. Von woher, du Brocken?— Therſ. Nun, du volle Schuͤſſel Narrheit, aus Troja. Patr. Wer blieb in den Zelten? Therſ. Soll ich von Euern Zeltern und Maͤulern Re⸗ chenſchaft geben, Eſel? Patr. Nicht uͤbel, Scheelſucht: nun, was ſoll die Bosheit? Therſ. Ich bitte dich, Knabe, ſchweig ſtill; ich lerne nichts aus deinem Geſchwaͤtz. Man haͤlt dich fuͤr Achills Mannsbuben. Sz. 1. Troilus und Creſſida. 333 Patr. Mannsbuben, du Schurke? was ſoll das heißen? Therſ. Ei nun, ſeine maͤnnliche Hure. Moͤgen doch alle faulen Seuchen des Suͤdwinds, Bauchgrimmen, Bruͤche, Fluͤſſe, Stein⸗ und Ruͤckenſchmerzen, Schlafſucht, Laͤh⸗ mung, Eiterbeulen, Huͤftweh, verkalkte Finger, unheilbarer Knochenfraß, und das Ehrengeſchenk der ſchaͤbigtſten Kraͤtze fallen und nochmals fallen auf ſo widernatärliche Ent⸗ deckungen!— Patr. Was, du teufliſche Giftbuͤchſe du, was willſt du mit allen dieſen Fluͤchen? Therſ. Fluch' ich dir? Patt. Nein, du wurmſtichiges Faß, du verruchter huͤn⸗ diſcher Blendling, das nicht⸗ Therſ. Richt? woruͤber ereiferſt du dich denn, du loſe faſcige Seidenflocke, du gruͤnflorner Schirm fuͤr ein boͤſes Auge, du Quaſt an eines Verſchwenders Geldbeutel du? Ach wie die arme Welt verpeſtet wird von ſolchen Waſſerſlie⸗ gen! ſolchem Wegwurf der Natur!— Patr. Fort, Galle! Therſ. Finken⸗Ei!— Achill. Liebſter Patroclus, ganz durchkreuzt der Brief Mein großes Wollen fuͤr den naͤchſten Morgen. Es ſendet ihn die Koͤn'gin Hecuba, Und ihre Tochter, meine ſchoͤne Buhlin: Sie beide tadeln und beſchwoͤren mich, Zu halten meinen Eid: Ich brech' ihn nicht. Fallt Griechen, welke Ruhm, werd' Ehre Spreu, Mein erſt Geluͤbd' iſt hier, dem bleib' ich neu. Therſites geh', und ordne mir das Mahl, Die Nacht durchjubeln wir beim Feſtpocal. Komm, mein Patroclus. (ſie gehn ab.) Therſ. Bei zu viel Blut und zu wenig Hirn koͤnnen die beiden noch toll werden; wenn ſie's aber bei zu viel Hirn und zu wenig Blut werden, ſo will ich ſelbſt Narren curiren. Da iſt Agamemnon; eine gute ehrliche Haut und Liebhaber von jungen Schnepfen; aber Gehirn hat er nicht ſo viel als Ohrenſchmalz. Und nun vollends dieſe unvergleichliche noble Metamorphoſe des Jupiter, ſein Bru⸗ der, der Stier,— dieſes uranfaͤngliche Prototyp und 334 Troilus und Creſſida. P Muſterbild der Hahnreie,— dieſer gefallige Stiefelknecht fuͤr ſeines Bruders Bein,— in welche andre Geſtalt als ſeine eigne koͤnnte Bosheit mit Witz geſpickt, und Witz mit Boasheit gefuͤllt den umſchaffen? In einen Eſel? Das waͤre nichts; er iſt beides, Ochs und Eſel. In einen Och⸗ ſen? Das waͤre nichts; er iſt beides, Eſet und Ochs. Muͤßt' ich ein Hund ſeyn, ein Maulthier, ein Kater, ein Iltiß, eine Eidere, eine Kroͤte, eine Eule, ein Fiſchrabe, oder ein Haͤring ohne Rogen, das ſollte mir nichts machen; aber ein Menelaus ſeyn? Da wuͤrde ich gegen das Fatum rebelliren. Fragt mich nicht, was ich ſeyn moͤchte wenn ich nicht Therſites waͤre; denn mir waͤrs gleichviel die Laus eines Ausſaͤtzigen zu werden, muͤßt' ich nur nicht Mene⸗ laus ſeyn.— Heida! Geiſter und Feuer!— (Es kommen Hector, Troilus, Ljax, Agamemnon, ulyſſes, Neſtor und Diomedes und Fackeln.) Agam. Wir gehn fehl, wir gehn fehl! Ajar. O nein, dort iſts, Wo Ihr die Lichter ſeht!— Zect. Ich werd' Euch laͤſtig. Ajar. O nicht doch!— Ulyſſ. Seht, er kommt Euch ſelbſt entgegen. (Achilles tritt auf.) Achill. Held Hector, und Ihr Fuͤrſten, ſeyd will⸗ kommen. Agam. Nun gute mein edler Prinz von rojaz Ajax beſorgt Euch ſichre Ehrenwache. Zect. Dank und gut Nacht dem Feldherrn Griechen⸗ lands! Men. Gut Nacht! Zect. Gut Nacht, geliebter Menelaus!— Therſ. Geliebter Abtritt! Geliebter,— ſo!— Gelieb⸗ ter Cloak, geliebter Rinnſtein! Achill. Gut Nacht und Willkomm Allen die da gehn, Und bleiben! Agam. Gute Nacht! (Agamemnon und Menelaus ab.) Sz. 1. Troilus und Creſſida. 335 Achill. Bleibt, Vater Neſtor; Ihr auch, Diomed; Verweilt mit Hectorn hier auf ein paar Stunden. Diom. Ich kann nicht, Prinz; mich ruft ein wichtiges Geſchäft, das dringend mahnt. Gut Nacht Held Hector. Lect. Gebt mir die Hand⸗ Utyſſ.(zu Troilus.) Er geht zu Calchas Zelt, folgt ſei⸗ ner Fackel; Ich geb' Euch das Geleit. Troil. Viel Ehre, Herr! Zect. Run dann, gut Nacht! Achill. Kommt, tretet in mein Zelt. Cſie gehn nach verſchiedenen Seiten ab.) Therſ. Der Diomed da iſt ein falſcher Schurke, eine recht tuckiſche Beſtie. Ich traue ihm ſo wenig, wenn er von der Seite ſchielt, als einer Schlange wenn ſie ziſcht: er hat ein ſo weites freigebiges Maul fuͤr Verſprechungen, wie ein kläffender Hund? aber wenn er ſie erfuͤllt, prophe⸗ zeien die Sterndeuter daraus; es iſt ein Wunderzeichen das eine Umwälzung ankuͤndigt; die Sonne borgt vom Monde, wenn Diomed Wort haͤlt. Ich will lieber den Hector nicht ſehn, als dieſem nicht nachſpuͤren; man ſagt, er haͤlt ſich eine trojaniſche Metze, und der Verraͤther Cal⸗ chas leiht ihm ſein Zelt: ich will ihm nach. Nichts als Unzucht! lauter liederliche Spitzbuben! C(geht ab.) Zweite Szene. Calchas Zelt⸗ (Diomedes tritt auf.) Diomedes. Heida! ſeyd Ihr noch wach hier? Holla! ſprecht! Calch. Wer ruft hier? 5 Diom. Diomed. S iſt Calchas denk' ich. Wo iſt Eure Tochter? 336 Troilus und Creſſida. A. V. Calch. Sie kommt zu Euch. (Troilus und ulyſſes kommen; und ſtellen ſich in den Hintergrund des Zelts; nach ihnen Therſites.) Ulyſſ. Bleibt ſtehn, daß uns die Fackel nicht verrathe. (Creſſida tritt auf.) Troil. Was, Creſſida, die zu ihm kommt? Diom. Wie gehts, mein Muͤndel? Creſſ. Lieber Vormund, hoͤrt,— Ein Wort mit Euch. (ſie ſpricht leiſe mit Diomed.) Troil. Und ſo vertraulich? Ulyſſ. Sie ſpielt Euch jedem auf beim erſten Anblick. Therſ. Und Jeder ſpielt ſie vom Blatt, wenn er den Schluͤſſel weiß; ſie iſt notirt. Diom. Willſt du dran denken? Creſſ. Dran denken? Ja! Diom. Nun gut, vergiß es nicht, Und laß die That zu deinen Worten ſtimmen. Troil. Was ſoll ſie nicht vergeſſen? Ulyſſ. Lauſcht! Creſſ. Nicht weiter Verlocke mich zur Thorheit, ſuͤßer Grieche! Therſ. O Ihr Geſindel! Diom. Nun dann,— Creſſ. Hoͤr mich an. Diom. Nichts, nichts du haͤltſt nicht ort. Creſſ. Wirklich, es geht nicht Was verlangſt du denn? Therſ. Nen Diebesdietrich fuͤr geheime Faͤcher. Diom. Was haſt du zugeſagt? Was ſchwurſt du mir? Creſſ. Ich bitte dich, beſteh nicht auf den Schwur; Nur das begehre nicht, mein ſuͤßer Grieche! Diom. Gut Nacht! Troil. O Wuth! Ulyſſ. Still, Troer! Creſſ. Diomed— Sz. 2. Troilus und Creſſida. 337 Diom. Nein, nicht gut Nacht; ich bin dein Nart nicht laͤnger. Troil. Dein Beßrer muß es ſeyn!. cCreſſ. Ein Wort ins Ohr— Troil. O Tod und Wahnſinn!— Ulyſſ. Ihr ſeyd bewegt Puin 5 laßt uns fort, ich bitt uch, Daß Euer Schmerz ſich nicht entladen moge Zu wuͤth'ger That. Der Ort hier iſt gefaͤhrlich, Die Zeit todbringend; ich beſchwoͤr' Euch, kommt. Troil. Seht nur, o ſeht! Ulyſſ. Entfernt Euch, werther Prinz. Ihr ſeyd dem Wahnſinn nah: kommt, lieber Herr. Troil. Ich bitt' dich, bleib. Uyſſ. Ihr habt nicht Faſſung, kommt. Troil. Ich bitt Euch, bleibt. Bei Hoͤll und Hoͤllen⸗ qual, Ich rede nicht ein Wort. Diom. Nun dann, gut Nacht! Creſſ. Du gehſt doch nicht in Zorn? Troil. Das kuͤmmert dich?— Verwelkte lyſſ. Still, Prinz! Troil. Beim Jupiter, Ich ſchweige. Creſſ. Mein Beſchuͤtzer,— lieber Grieche— Diom. Pah! pah! lebt h nn habt mich nur zum eſten! Creſſ. Nein ganz gewiß— Kommt noch ein⸗ mal her. Ulyſſ. Ihr ſchreckt zuſammen Prinz: wollt Ihr nun gehn? Ihr brecht noch los! Troil. Sie ſtreicht die Wang' ihm! Uyſſ. Kommt! Troil. Nein, bleibt. S Zeus, ich rede nicht ein ort Geduld haͤlt Wache zwiſchen meinem Willen, Und aller Kraͤnkung. Bleibt nur noch ein wenig. Therſ. Wie der Unzuchtteufel mit dem feiſten Bauch und dem Karpoffelfinger die zwei zuſammenkitzelt! Siede, Liederlichkeit, ſiede! Diom. So willſt du wirklich? U. 22 338 Troilus und Creſſida. A. V. Creſſ. Nun ja, ich will, ſonſt trau' mir niemals wieder. Diom. Gieb mir zur Sicherheit ein Unterpfand⸗ Creſſ. Ich hole dirs. (Creſſida geht ab.) utyſſ. Ihr ſchwurt Geduld! Troil. Seyd unbeſorgt! ich will Ich ſelbſt nicht ſeyn; will mir bewußt nicht werden Was ich empfinde: ich bin ganz Geduld. (Creſſida kommt zurück.) Therſ. Nun kommt das Pfand; jetzt, jetzt, jetzt!— Creſſ. Hier, Diomedes, trag' die Ermelkrauſe. Troil. O Schoͤnheit! Wo iſt deine Treu? Ulyſſ. Mein Prinz. Troil. Ich will ja ruhig ſeyn; von außen will ichs. Creſſ. Ihr ſeht die Krauſ⸗ Euch an; beſchaut ſie wohl. Er liebte mich! o falſches Maͤdchen! gebt ſie wieder. Diom. Weß war ſie? Creſſ. Gleichviel weß! Ich hab ſie wieder. Ich werd' Euch nicht erwarten morgen Nacht; Ich bitt dich Diomed, beſuch mich nicht⸗ Therſ. Nun wetzt ſie; recht ſo, Schleifſtein! Diom. muß ſie haben. Diom. Nun, dieſe da. Creſſ. O Goͤtter! O du liebes, liebes Pfand! Dein Herr liegt jetzt im Bett, und denkt gewiß An dich und mich, und ſeufzt; nimmt meinen Handſchuh, Und giebt ihm manchen ſuͤßen Kuß gedenkſam, So wie ich dir. Nein, reiß' ſie mir nicht weg; Wer dieſe nimmt, muß auch mein Herz mit nehmen. Diom. Dein Herz war mein ſchon; dieſes folgt ihm nach. Troil. Ich ſchwur Geduld! Creſſ. Dieß kriegſt du nicht, nein wahrlich Diomed; Ich geb dir etwas anders. Diom. Ich will dieß Pfand: weß wars? Creſſ. Das gilt ja gleich. Sz. 2. Troilus und Creſſida. 339 Diom. Komm, ſag' von wem dir's kam? Creſſ. Von einem, der mich mehr geliebt als du: Doch nun es dein, behalt' es. Diom. Weſſen wars? Creſſ. Bei Diana ſelbſt, und ihren Nymphen dort, Das werd' ich dir nicht ſagen. Diom. Ich trag' es morgen fruͤh an meinem Helm, Und kraͤnk“ ihn, ders nicht wagt zuruckzufordern. Troil. Waͤrſt du der Teufel, der es truͤg' am Horn, Gefordert ſoll es werden⸗ Creſſ. Nun gut,'s iſt aus, vorbei! Nein! doch nicht aus; Ich will mein Wort nicht halten! Diom. Leb denn wohl; Du neckſt den Diomed zum letztenmal. Creſſ. So bleibe doch! ſagt man auch nur ein Wort, Gleich faͤhrſt du auf! Diom. Ich haſſe ſolche Poſſen. Therſ. Ich auch, beim Pluto: doch was dir mißfaͤllt, Behagt mir juſt am beſten. Diom. Nun, ſoll ich kommen? Wann? Creſſ. Ja komm. O Zeus, Komm nur. Schlimm wird mirs gehn! Diom. Leb wohl ſo lange. (geht ab.) Creſſ. Gut Nacht;— Ich bitt' dich, komm!— Ach, Troilus, Noch blickt mein Eines Auge nach dir hin, Das andre wandte ſich, ſo wie mein Sinn. Wir armen Frau'n, wir duͤrfens nicht verhehlen, Des Angs Verirrung lenkt zugleich die Seelen: Was Irrthum fuͤhrt, muß irr'n: ſo folgt denn, ach Vom Blick bethort, verfaͤllt die Seel' in Sch (ab. Therſ. Das ſind untruglich folgerechte Saͤtze; Noch richt'ger: meine Seele ward zur Metze. Ulyſſ. So waͤrs denn aus! Troil. Ja aus! Ulyſſ. noch bleiben? 340 Troilus und Creſſida. X. Troil. Um mirs im Geiſt recht tief noch einzuprägen, Sylbe fuͤr Sylbe, was ich hier gehoͤrt.— Doch ſag' ich, wie die beiden hier gehandelt, Werd' ich das Wahre kuͤndend dann nicht luͤgen? Denn immer noch wohnt mir ein Glaub' im Herzen, Ein Hoffen alſo feſt und unverwuͤſtlich, Das laͤugnet, was mir Aug und Ohr bezeugt; Als wenn die Sinne, uns zum Trug erſchaffen, Nur als Verlaͤumder thaͤtig hier gewirkt. Wars Creſſida? Ulyſſ. Denkſt du, ich banne Geiſter? Troil. Gewiß, ſie wars nicht! „ Ulyſſ. Ja, gewiß, ſie wars. Troil. Nun, mein 1hh ſchmeckt doch nicht nach ollheit? Ulyſſ. Auch meins nicht. Creſſida war eben hier. Troil. Um Aller Frauen Ehre, glaubt es nichtt Denkt daß wir Muͤtter hatten, gebt nicht Recht Den rohen Laͤſt'rern, die auch ohne Grund Die Frau'n erniedern,— jedes Weib zu meſſen Nach Creſſida: ehr denkt, ſie war es nicht!— Ulyſſ. Was that ſie Fuͤrſt, das unſre Muͤtter trafe? Troil. Nichts, gar nichts, wenn dieß Creſſida nicht war. S Will er ſeinen Angen einen blauen Dunſt vor⸗ machen Troil. Dieß waͤre ſie? Nein dieß iſt Diomedes Creſſida! Hat Schoͤnheit Seele, dann war ſie es nicht. Wenn Seele folgt dem Eid, wenn Eide heilig, Wenn Heiligkeit den Goͤttern Wonne iſt, *) Wenn Maaß und Ordnung in der Einheit walten, Dann war ſie's nicht. O Tollheit einer Pruͤfung, Die Gruͤnde fuͤr und gegen ſich erfindet *) So nach der Folio⸗Ausgabe. Nach der Quarto: Wenns Sinn iſt an die Weſenheit zu glauben Dann war ſie's nicht. O Tollheit einer Prüfung, Die Gründe für und gegen ſich erfindet; Zwiefält'ge Ueberzeugung, wo Vernunft In Selbſtempörung nicht verlohren geht, Und der Verluſt allſeitig, ohn Empörung Vernunft und Gründe faßt! So iſt es Creſſida, und iſt es nicht!— Sz.3. Lroilus und Ereſſiba. 341 Durch falſche Staatsgewalt! Wo ſich Vernunft Empoͤren darf ohn' Einbuß, und Verluſt Sich der Vernunft bemaͤcht'gen ohn“ Empoͤrung!— So war dieß Creſſida, und war es nicht! In meiner Seele hebt ein Kaͤmpfen an Seltſamſter Art, das ein untheilbar Weſen Mehr von einander reißt, als Erd' und Himmel!— Und doch gewaͤhrt die weitgeſpaltne Kluft Um einzudringen nicht den kleinſten Zugang Fuͤr einen Punct, fein wie Arachne's Faden. Beweis, Beweis ſo feſt wie Pluto's Pforte: Ein Himmelsband ſchließt mich an Creſſida;— Beweis, Beweis, feſt wie der Himmel ſelbſt: Das Himmelsband iſt muͤrb, erſchlafft und los; Ein andrer Knoten, den fuͤnf Finger knuͤpften, Schlingt jetzt die Truͤmmer ihrer Lieb' und Treu, Den Abhub, Nachlaß, Reſt und ekle Brocken Der abgeſtandnen Lieb' um Diomed⸗ Ulyſſ. Und kann den wuͤrd'gen Troilus nur halb Ergreifen, was ſein Zuͤrnen aus ihm ſpricht?— Troil. Ja Griech', und oſſenkuͤndig ſolls erſcheinen, In Lettern, purpurroth wie Mavors Herz ntflammt von Venus! Nimmer liebt' ein Juͤngling, Mit ſo unendlich ewig feſter Treu! Horch, Grieche: wie ich Creſſida geliebt, Ganz ſo unendlich haſſ. ich Diomed. Die Krauſ⸗ iſt mein, die er am Helm will tragenz Und waͤre ſein Viſir ein Werk Vulkan's, Mein Schwerdt zerſchnitt' es: nicht der grauſe Schwall Des Meers, den Schiffer Hurricano nennen, Durch den allmaͤchtgen Sol zum Berg verdichtet, Betaͤubt mit mehr Gekrach das Ohr Neptuns Im Niederſturz, als meines Schwerdtes Wucht Einſchmettern ſoll auf Diomed. Therſ. Er wird ihn kitzeln fuͤr ſeine Fleiſchesluſt!— Froit. O falſche Creſſida! O falſch, falſch, falſch! Zu deinem ſchnoden Namen hingeſtellt Glaͤnzt alle Untreu rein!— Liyſſ. Bezaͤhmt Euch, Prinz!— Eu'r Sturm zieht Ohren her!— (Aeneas tritt auf.) Aen. Seit einer Stunde ſuch' ich Euch, mein Prinz; 342 Troilus und Creſſida. A. V Hector legt ſchon die Waffen an daheim, Und Ajax, Eu'r Geleitsmann, harrt auf Euch. Troil. Ich ſteh zu Dienſt, mein guͤtger Fuͤrſt, lebt wohl. Fahr wohl, du, Falſche; und du Diomed, Du faͤllſt, wenn nicht ein Thurm dein Haupt umfaͤht. Ulyſſ. Ich bring' Euch bis ans Thor. Troil. Empfangt verwirrten Dank. (Troilus, Aeneas und ulyſſes ab.) Therſ. Kaͤme mir nur der Schurke Diomed in den Wurf, ich wollte kraͤchzen wie ein Rabe;— dem wollt' ich, dem wollt' ich prophezeien! Patroclus giebt mir was ich will, wenn ich ihm von dieſer Hure ſage: kein Papagei thut mehr fuͤr eine Mandel, als er fuͤr eine willige Metze. Unzucht, Un⸗ zucht; lauter Krieg und Liederlichkeit; die bleiben immer in der Mode. Daß ein Teufel aus dem Flammenpfuhl ſie hohlte!— (er geht ab.) Dritte Szene. Troja, im Pallaſt. (Hector und Andromache treten auf.) Andromache. Wann war mein Gatte je ſo ſchlimm gelaunt, Sein Ohr zu ſchließen einer Warnungsſtimme? Entwaffn', entwaffne dich, ſficht heute nicht. Zect. Du zwingſt mich hart zu ſeyn; geh du hinein! Bei allen ew'gen Goͤttern, ich will kaͤmpfen. Androm. Mein Traum weiſſagt ein Ungluͤck dieſem Tag! Bect. Nichts weiter, ſag ich!— (Caſſandra kommt.) Caſſ. Wo iſt mein Bruder Hector? Androm. Bewaffnet, Schweſter, und auf Blut geſtellt. Stimm' ein mit mir in lautem, heftgen Flehn! Beſchwoͤren wir ihn knieend! denn mir traͤumte Sz. 2. Troilus und Creſſida. 343 Von blut'gem Wirrwarr, und die ganze Nacht War nichts als Bild und Schatten nur von Mord. Caſſ. O, das trifft ein! Zect. Laß die Trompete ſchallen! Caſſ. Kein Ton zum Angriff; Gott verhuͤt es, Bruder! Zect. Hinweg, die Goͤtter hoͤrten meinen Schwur⸗ Caſſ. Taub ſind die Goͤtter raſchen, thoͤrgen Eiden: Das ſind entweihte Spenden/ mehr verhaßt, Als fleck'ge Lebern eines Opferthiers! Androm. O, laß dir rathen! Acht es nicht fur heilig! Der gute Vorſatz leiht dem Eid die Kraft, Richt Eid auf jeden Vorſatz darf uns binden, Entwaffne dich, mein Hector!— Zeet. Laßt mich, Frau'n Denn meine Ehre trotzt des Schickſals Sturm. Das Leben gilt uns theu'r; doch theurer Muth Haͤlt Ehr' um vieles theurer als das Leben⸗ (Troilus kommt.) Nun, junger Mann, denkſt du zu fechten heut? Andr. Caſſandra, ruf den Vater, ihm zu rathen. (Caſſandra geht ab.) Zect. Nein, junger Troilus, leg' die Ruͤſtung ab. Heut hab ich hohen Muth zur Ritterſchaft!— Laß wachſen erſt die Sehnen ſtark und feſt, Und noch verſuche nicht den Sturm der Schlacht! Entwaffne dich mein Knab', und glaub's dem Starken, Heut ſchirmt er dich, ſich ſelbſt, und Troja's Marken. Troil. Bruder, in deiner Großmuth wohnt ein Fehl, Der mehr dem Loͤwen ziemet als dem Mann. Zect. Was fuͤr ein Fehl, mein Troilus? Schilt mich drum. Troil. Oft, wenn gefangne Griechen ſtuͤrzten hin, Schon vor dem Weh'n und Sauſen deines Schwerdts, Riefſt du: ſteht auf, und lebt!— Zect. So ſpielen Helden! Troil. So ſpielen Narr'n, beim Zeus!— Zett. Wie das? Wie das? Troil. Um aller Goͤtter willen, 344 Troilus und Creſſida. AM Dies Klausner⸗Mitleid laß bei unſrer Mutter; Und haben wir den Panzer umgeſchnallt, Dann ſchweb' auf unſern Schwerdtern giftge Rache, Das Mitleid zuͤgelnd, und mit Leid ſie ſpornend. Zect. Pfui, Wilder, pfui! Troil. Hector, dann iſt es Krieg! Zect. Heut wuͤnſcht' ich, Troilus, du bliebeſt heim! roil. Wer hielte mich zuruͤck? Nicht Schickſal, nicht Gehorſam, ſelbſt nicht Mars Mit feur'gem Stab gebietend meinen Ruͤckzug: Nicht Hecuba noch Priam auf den Knie'n, Mit Augen roth von vittrer Thraͤnen Salz,— Noch du, mein Bruder, mir mit tapferm Schwerdt Entgegendrohend, ſperrteſt mir den Weg, Als durch den Tod⸗ (Caſſandra kommt zurück mit Priamus.) Caſſ. Leg Hand an ihn, o Priam, halt ihn feſt: Es iſt dein Stab, verlierſt du deine Stuͤtze,— Auf ihn gelehnt, und Troja's Volk auf dich, Sinkt alles hin mit Eins. Priam. Bleib, Hector, bleib; Dein Weib ſah Träume, deine Mutter Zeichen, Caſſandra weiſſagt Ungluͤck, und ich ſelbſt, Wie ein Prophet in plotzlicher Verzuͤckung, Verkuͤnde dir, der Tag iſt vorbedeutend. Drum kehr zuruͤck! Zect. Aeneas harrt im Feld; Und manchem Griechen hab' ichs zugeſagt Ins Angeſicht des Ruhms, an dieſem Morgen Mich ihm zu ſtellen. Priam. Dennoch ſollſt du bleiben. Sect. Ich darf mein Wort nicht brechen. Ihr kennt mich pflichtgedenk; drum, theurer Herr, aßt mich die Ehrfurcht nicht verletzen; laßt Auf Eur Geheiß und Wort dem Lauf mich folgen, Den Ihr mir jetzt verweigert, hoher Fuͤrſt. Caff O, Priam, gieb nicht nach. Androm. Thu's nicht, mein Vater.— Zect. Andromache, ich bin erzuͤrnt auf dich. Bei deiner Liebe fordr' ich's, geh' hinein. (Andromache ab.) Sz. 3. Troilus und Creſſida⸗ 345 Troil. Die aberglaͤub'ſche, tolle Traͤumerin Sinnt all' dies Weh! Caſſ. Leb wohl, mein theurer Hector! Sieh, wie du ſiirbſt! Sieh, wie dein Aug' erbleicht! Horch Troja's Wehruf, Hecuba's Geheul, Den lauten Jammerſchrei Andromache's! O ſieh Verzweiflung, Wahnſinn, wild Entſetzen, Gleich tollen Larven, durcheinander rennen, Und ruſen: Hector! Hector fiel! o Hector!— Troil. Hinweg! hinweg! Eaſſ. Leb wohl! doch ſtill! Nie ſehen wir uns wieder; Du tänſcheſt dich, und ſtuͤrzeſt Troja nieder! (ſie geht ab) Zect. Du ſtaunſt, o Herr, ob ihrem Weheruf! Geh, ſprich dem Volk Muth ein, wir wolln zur Schlacht, Und tapfre That dir kuͤnden noch vor Nacht. Priam. Leb wohl! die Gotter leihen dir ihren Schutz!— (Priamus und Hector ab. Kriegslärm.) Troil. Die Schlacht beginnt. Auf, Diomed, zum Reigen! Uund gölts den Arm, der Ermel wird mein eigen! (Pandarus kommt.) P Hoͤrt doch, mein beſter Prinz, o hoͤrt doch! roil. Was giebts? Pand. Hier iſt ein Brief von dem armen Kinde. Troil. Laß ſehn!— and. Ein verwettertes Aſthma, ein verwettertes nie⸗ dertraͤchtiges Aſthma ſetzt mir ſo zu, und obendrein das närriſche Schickſal der Dirne, und bald das Eine und bald das Andre, daß ich Euch nächſter Tage drauf gehn werde. Und außerdem einen Fluß auf dem Auge, und ſolch ein Reißen im Gebein, daß mich wer behext haben muß, oder ich weiß was ich davon denken ſoll.— Was ſchreibt ſie enn? Troil. Nur Wort' und Worte, aus dem Herzen nichts; Die Wirklichkeit verfolgt ganz andern Weg⸗ Geh Wind zum Windz da dreht und wirbelt fort! Mit Trug und Wort will ſie mein Lieben kroͤnen, Und ihre Thaten ſpart ſie auf fuͤr Jenen.— (ſie gehn ab.) 346 Troilus und Creſſida. A. V. Vierte Szene. Vor Troja. (Schlachtlärm. Therſites tritt auf.) Therſites. Nun haͤmmern ſie auf einander los, und ich will mirs an⸗ ſehn.— Der heuchleriſche, boshafte Bube Diomed hat jenes lumpigen, verliebten, dummen, trojaniſchen, jungen Gelbſchnabels Ermelkrauſe an ſeinen Helm geſteckt: ich wollte ſie geriethen an einander, und daß unſer junger Eſel aus Troja, der die Metze dort liebt, dem ſchurkiſchen grie⸗ chiſchen Dirnenjaͤger mit ſeiner Krauſe zu der heuchleriſchen, liederlichen Hure zuruckſchickte und ihn einmal recht kraus auszackte. Und nun auf der andern Seite, die Staats⸗ weisheit dieſer raͤnkevollen, hochbetheuernden Schurken,— des alten abgeſtandenen, mauszerfreßnen, duͤrren Kaͤſe Ne⸗ ſtor, und des Schelmenfuchſes Ulyſſes iſt nun, wie ſichs ausweiſ't, keine Heidelbeere werth. Da hetzen ſie in ihrer Staatskunſt den Blendlings⸗Bullenbeißer Ajax gegen den eben ſo ſchlechten Koͤter Achilles auf; und nun iſt Koͤter Ajar ſtolzer als Koͤter Achilles, und will heut nicht ins Feld: ſo daß die Griechen anfangen, es mit der Barbarei zu hal⸗ ten, und die Staatsweisheit in Verruf kommt. Still! hier ſehe ich Ermel und den Andern.. (Diomedes und Troilus treten auf.) Troil. Flieh nicht! denn ſchirmte dich die Fluth des Styr, Ich ſchwoͤmme nach! Diom. Ruͤckzug iſt keine Flucht; Ich fliehe nicht; aus guter Vorſicht nur Entzog ich mich der uͤberlegnen Zahl. Nun ſieh dich vor!— (ſie gehn fechtend ab.) Therſ. Wehr' dich fur deine Metze, Grieche! Ficht fur deine Metze, Trojaner! Run gilt's die Krauſe! Nun gilt's die Krauſe!. Sz. 4. Troilus und Creſſida. (Hector tritt auf.) Zect. Wer biſt du, Grieche? biſt du Hectors wuͤrdig? Von echtem Blut und Ehre? Therſ. Rein, nein, ich bin ein Schuft, ein ſchaͤbichter, ſchmaͤhſuͤchtiger Bube, ein recht armſeliger Lump. Zect. Ich glaube dir, drum lebe! (Hector geht ab.) Therſ. Gott Lob und Dank, daß du mir glauben willſt; aber die Peſt breche dir den Hals, daß du mich ſo er⸗ ſchreckt haſt.— Was iſt aus den liederlichen Bengeln ge⸗ worden? Ich denke, ſie haben ſich einander aufgefreſſen? uͤber das Wunder wollt' ich mich todtlachen. Und doch frißt ſich auf gewiſſe Weiſe die Liederlichkeit ſelbſt auf. Ich will ſie ſuchen. (er geht ab.) Ebendaſelbſt. (Diomed und ein Diener treten auf.) Diomed. Gzeh, Knappe, nimm das Pferd des Troilus, Und bring das gute Roß an Creſſida: Entbiete meinen Ritterdienſt der Schoͤnen, Sag, der verliebte Troer ſey gezuͤchtigt, Und ich ihr treubewaͤhrter Held. Dien. Ich gehe.(ab.) (Agamemnon tritt auf.) Agam. Drauf, drauf! der wuͤthige Polydamas Erſchlug Menon; Baſtard Margarelon Siegt uͤber Doreus; Steht als Coloß, und ſchwenkt den Weberbaum S6 uͤberm hingeſtreckten wunden Leib er Fuͤrſten Cedius und Epiſtrophus: Polyrenes iſt todt; Amphimachus Und Thoas ſchwer verwundet; todt Patroclus, 348 Troilus und Creſſida. A. V. Wenn nicht gefangen; Ritter Palamedes Toͤdtlich verletzt: der grithme Bogenſchuͤtz Schreckt unſte Reihn. Eilt, Diomed, wir holen Verſtaͤrkung, ſonſt erliegt das ganze Heer. (Neſtor kommt.) Neſt. Geht, tragt Patroclus Leiche zum Achill? Der traͤge Ajax waffne ſich aus Schaam.— Ein Tauſend Hectors ſchalten heut im Feld:— Nun kaͤmpft er hier, vom Roſſe Galathee, Und alles ſtuͤrzt: gleich iſt er hier zu Fuß, Und alles weicht ihm, oder ſtirbt wie Fiſchbrut Im Rachen eines Hays: dann kehrt er wieder, Und die gedraͤngten Griechen, reif der Sichel, Sie fallen vor ihm, wie des Maͤhers Schwad. Hier, dort und allwaͤrts ſchneidet er und rafft, Und ſo gehorcht Gewandtheit ſeiner Luſt, Daß, was er will, er thut; und thut ſo viel, Daß ſolch Gelingen ſcheint Unmoͤglichkeit. (ukyſſes tritt auf.) Ulyſſ. Muth, Muth gefaßt, ihr Fuͤrſten! Held Achilt Greift zu den Waffen, weint, flucht, duͤrſtet Rache. Patroclus Fall erregt ſein ſchlaͤfrig Blut, Und ſein verſtͤmmelt Myrmidonenvolk, Das hand⸗ und naſenlos, zerhackt, ihn anſchreit, Hectorn verklagend.— Ajax verlor den Freund, Und ſchaͤumt vor Wuth, und naht in Waffen ſchon, Bruͤllend nach Troilus, der wie im Wahnſinn Unglaublich, uͤbermenſchlich heut gemordet; Einſtuͤrzend in den Drang, ſich draus befreiend Mit ſo ſorgloſer Kraft und ſchwacher Sorgfalt, Als ob ein ſolch Gelingen recht zum Trotz Der Klugheit alles ihn gewinnen hieße. (Ajiar kommt.) Ajax. Troilus! du Memme, Troilus! a„ Diom. Dort! dort! Neſt. Nun ziehts mit allen Straͤngen!— (ſie gehn ab.) (Achilles kommt.) Achill. Wo iſt Hector? — Sz. 6. TDroilus und Creſſida. 349 Komm, Knabenwuͤrger, zeig mir dein Geſicht. Sieh, was es heißt, Achilles Zorn begegnen! Hector! Wo iſt Hector? Ich will einzig Hector! Cgeht ab.) Sechſte Szene. Ebendaſelbſt. (Liar tritt auf⸗) Ajar. Troilus! du Memme Troilus, laß dich ſehn!— (Diomedes kommt.) Diom. Troilus, dich ruf' ich: wo iſt Troilus? Ajax. Was willſt du? Diom. Zuͤcht'gen will ich ihn. Ajax. Waͤr' ich der Feldherr, meine Wuͤrd' empfingſt du Ehr als dies Zuchtamt. Troilus ſag' ich, Troilus! (Troilus kommt.) Troil. O, falſcher Diomed! hieher, Verraͤther, Und buͤß' mit deinem Leben fuͤr mein Roß! Diom. Ha, biſt du da? Ajax. Ich kämpf' allein mit ihm: weg, Diomed! Diom. Er iſt mein Kampfpreis, muͤßig bleib' ich nicht. Troil. Kommt Beid', Ihr Griechen, ſteht mir eide!— (ſie gehn kämpfend ab.) (Hector kommt.) ect. S iſt Troilus: o recht brav, mein juͤngſter Bruder! (Achilles kommt.) Achill. Run ſeh' ich dich: ſo komm' und ſteh mir, ector! (ſie fechten.) 350 Trolus und Creſſida. A. V. Hect. Verſchnaufe, wenn du willſt!— Achill.(fechtend.) Hohn— Hoͤflichkeit, du ſtolzer roer! Sey froh, daß meine Waffen außer Uebung:— Mein Ruhn und Laͤſſigſeyn kommt dir zu gut; Doch alſobald vernimmſt du mehr von mir. Bis dahin geh auf gutes Gluͤck!(ab.) Zect. Leb wohl! Ich waͤr' zum Kampf ein friſchrer Mann geweſen, Haͤtt' ich auf dich gewartet.— Nun, mein Bruder? (Troilus kommt zurück.) Troil. Ajax fing den Aeneas:— dulden wir's? Mein, bei dem Lichtglanz des erhabnen Himmels, Er darf ihn nicht behalten, ich errett' ihn, Und ſolli' ich fallen. Schickſal, boͤr' mein Wort, Mich kuͤmmerts nicht, raffſt du mich heute fort. (Ein Grieche in einer ſehr ſchönen Rüſtung tritt auf.) Zeet. Steh, Grieche, ſteh, du biſt ein weidlich Ziel. Nicht?— willſt du nicht?— F Panzer duͤnkt mich ſchö Ich klopf ihn dir, und brech⸗ nie Nieten, Bis er mein eigen.— Laͤufſt du Thier ſo ſchnell? Flieh immerhin! ich jage nur dein Feli. (geht ab.) Siebente Szene. Ebendaſelbſt. QAchilles tritt auf, mit einem Gefolge von Myrmidonen.) Achilles. Kommt um mich her, Ihr, meine Myrmidonen, Vernehmt mein Wort: folgt mir, wohin ich ſuͤhre, Thut keinen Streich, erhaltet friſch die Kraft;z Und wenn der blut'ge Hector uns erſcheint, Dann rings mit Euern Lanzen pfaͤhlt ihn ein, Und ohn' Erbarmen braucht mir Eure Waffen. Sz. S. 9. Droilus und Creſſida. 351 Folgt, Knappen, ſchaut mir nach, wohin ich leite, Held Hector ſey des Todes ſichre Beute!— (ſie gehn ab.) — Achte Szene. - Ebendaſelbſt. (Therſites, Menelaus und Paris treten auf.) Therſites⸗ Der Hahnrei und der Hahnreimacher ſind an einander: nun drauf los, Stier! drauf los, Koͤter! Faß ihn, Paris, faß!— Friſch, du Spatz mit der zweimaͤnnigen Henne; faß, Paris, faß!— Der Stier hat den Vortheil; nimm dich vor den Hoͤrnern in Acht, ho!— (Paris und Menelaus ab.) (Margarelon tritt auf.) Warg. Komm, Sklav, und ſicht. Therſ. Wer biſt du? Warg. Ein Baſtardſohn des Priamus. Therſ. Ich bin auch ein Baſtard; ich liebe die Baſtarde; ich bin ein eingefleiſchter Baſtard, ein ausgelernter Ba⸗ ſtard, ein Baſtard an Geiſt, Baſtard an Herz, in allen Dingen illegitim: Eine Krähe hackt der Andern die Augen nicht aus, warum ſollt's ein Baſtard? Sieh dich vor; der Kampf waͤre fuͤr uns gegen alle Religion: wenn der Sohn einer Hure fuͤr eine Hure ſicht, ſo iſt kein Menſchenverſtand drin. Leb wohl, Baſtard! marg. Hohl dich der Teufel, Feighard!— (gehn ab.) 352 Troilus und Creſſida. x. V. Neunte Szene Ebendaſelbſt. (Hector tritt auf.) Bector. Du ganz verfaulter Kern, ſo ſchoͤn von außen, Dein ſchmucker Panzer brachte dir den Tod.— Mein Tagwerk iſt gethan, gekuͤhlt mein Muth, Ruh jetzt mein Schwerdt du ſchwelgteſt heut in Blut. (er legt Helm unn Schild ab.) (Achilles kommt mit ſeinen Myrmidonen.) Achill. Sieh, Hector, wie die Sonne ſinkt herab, Und ſchwarze Nacht auf ihren Spuren keucht: Und wenn die Sonn' im Dunkel niederſchwebt, Erliſcht der Tag, und Hector hat gelebt. Zect. Den Waffenloſen morden, waͤr' verrucht! Achill. Nieder mit ihm! Er iſts, den ich geſucht! (Hector fällt.) So Jlion fall' auch du! Troja ſtuͤrz' ein! Hier liegt dein Herz, dein Nerv und dein Gebein:— Auf, Myrmidonen, ruft aus aller Macht: Achilles hat den Hector umgebracht!—— Horch! Ruͤckzug wird geblaſen von den Griechen! Myr. Im Troerfeld' ertont der gleiche Schall. * Achill. Die Nacht mit Drachenfluͤgeln deckt die Flur, Und trennt die Schaaren mit dem Heroldſtab. Schlaf nun vergnuͤgt, mein halbgeſaͤttigt Schwerdt, Das gern noch mehr ſo leckern Fang verzehrt: Kommt, knuͤpft den Leib an meines Roſſes Schweife, Daß ich ihn ſo um Troja's Mauern ſchleife. (Sie gehn ab. Es wird zum Rückzug geblaſen.) Sz. 11. 10. Troilus und Creſſida. 353 Zehnte Szene. Ebendaſelbſt. (Es treten auf Agamemnon, Ajax, Neſtor, Menelaus, Diomedes, und Andere im Marſch. Draußen Freudengeſchrei.) Agamemnon. orch, welch ein Freudenruf? 5 Meſt. Still, Trommeln, ſtill. Sold. Chinter der Szene.) Achilles hoch! Fuͤrſt Hector fiel! Achilles!— Diom. Sie rufen: Hector fiel! und durch Achilles! Ajax. Und wenns auch iſt, ſo prahlet nicht ſo ſehr, Held Hector war nicht minder werth, als Er. Agam. Zieht ſtill vorbei. Entbietet dem Achill, Daß ich in meinem Zelt ihn ſprechen will. Da uns ſein Sieg den groͤßten Feind gebaͤndigt, Faͤllt Troja bald, und unſer Feldzug endigt. (ſie marſchiren weiter.) Elfte Szene. Ebendaſelbſt. (Neneas und Trojaner treten auf.) Aeneas. Halt! Weicht nur nicht! noch iſt das Schlachtfeld unſer, Wir halten Stand, erwarten hier den Tag⸗ (Troilus tritt auf.) Troil. Hector iſt todt. Alle. Hector? Verhuͤt' es Zeus!— Troil. Ja, todt; und an dem Roßſchweif ſeines Moͤrders Unmenſchlich durchs beſchaͤmte Feld geſchleift. Zuͤrnt, Goͤtter! Eure Rache treff' uns ſchnell; Hoyhnlaͤchelnd ſchaut von Euerm Thron herab, VII. 23 354 Troilus und Creſſida. A. V. So gnaͤdig ſeyd, den Jammer zu verkuͤrzen, Und zoͤgert nicht mit ſicherm Untergang. Aen. Mein Prinz, das ganze Heer entmuthigt Ihr! Troil. Ihr faßt nicht meinen Sinn, wenn Ihr ſo ſprecht. Ich rede nicht von Furcht, von Flucht, noch Tod; Trotz biet' ich allem Grau'n, womit die Goͤtter Und Menſchen noch bedrohn.— Hector dahin!— Wer ſagt es Priam? Wer der Hechba? Wer hat den Muth, als maͤcht'ge Eule kraͤchzend In Troja zu verkuͤnden: Hector fiel? Solch Wort verwandelt Priamus in Stein, In Quell'n und Niobe's Jungfrau'n und Weiber, Zuͤngling' in Marmorbilder, und entſetzt Troja zum Wahnſinn. Auf denn, Freunde, fort! Hector iſt hin! das iſt das Todeswort. Doch halt! Ihr ſchnoͤden, gottverhaßten Zelte So ſtolz gereiht auf unſ'rer phryg ſchen Flur,— Erhebe Titan ſich ſo fruͤh er mag, Ich ſturm' Euch durch! Und du, feigherz'ger Rieſe, Fein Erdenraum ſoll trennen unſern Haß: Dir jag' ich, wie dein bos Gewiſſen nach, Das Larven ſcheußlich weckt wie Fieberwahnſinn.— Schlagt raſch den Marſch zur Heimkehr; faßt Euch Herz, Der Rache Wunſch betaubt den innern Schmerz. (Aeneas mit den Troern ab.) (Pandarus kommt.) Pand. Hoͤrt doch, mein Prinz! hoͤrt mich!— Troil. Fort, kuppleriſcher Pandar! dein Gedaͤchtniß Sey ew'ge Schmach, und Schande dein Vermachtniß. (Troilus geht.) Pand. Eine ſchöne Arznei fuͤr meine Gliederſchmerzen! O, Welt, Welt, Welt! ſo wird dein armer Unterhaͤndler verhoͤhnt! O Ihr Verfuͤhrer und Kuppler, wie eifrig nimmt man Eure guten Dienſte in Anſpruch, und wie ſchlecht lohnt man Euch! Warum ſind unſte Bemuͤhungen ſo ge⸗ liebt, und unſer Ausgang ſo getruͤbt? Welchen Denkreim giebts dafuͤr? Welch Gleichniß? Laß ſehn:— Recht luſtiglich ſummt Euch das Bienchen vor, So lang' es Waff' und Honig nicht verlor: Doch iſt ſein ſcharfer Stachel erſt heraus, Iſts mit dem ſuͤßen Ton und ſuͤßen Honig aus. Sz. 11. Troilus und Creſſida. 355 Ihr, die Ihr Euch des ſchwachen Fleiſches annehmt, ſetzt dies in Eure gemahlten Tapeten. . So viel hier von der Zunft des Pandar ſind, Halb blind ſchon, weint bei ſeinem Fall Euch blind; Und ſtoͤhnt, wenn Euch die Thraͤne ward verſagt, Wenn nicht um mich, doch weil die Gicht Euch plagt. Hoͤrt, wer zum Kupplerorden ſich bekennt, Auf naͤchſten Herbſt mach' ich mein Teſtament: Ich thaͤt es jetzt, doch trat die Furcht dazwiſchen, Ein Gänschen aus Wincheſter moͤchte ziſchen: Drum laßt mir Zeit, mich ſchwitzend neu zu fiedern, Und all' mein Kreuz vermach' ich Euern Gliedern. (Er geht ab.) 356 Anmerkungen zum ſechſten Bande. Titus Andronikus. Die meiſten Ausleger des Dichters haben ihm dieſe Tragodie abſprechen wollen. Ihre Gruͤnde koͤnnen aber vor der ächten Kritik kein Gewicht haben, da das Zeugniß der Zeitgenoſſen und die Herausgeber der Folio-Ausgabe diefes Schauſpiel dem Shak⸗ ſpear beilegen. Wenn eine mißverſtandene Verehrung des gro⸗ ßen Dichters ihm dieſes ſeltſame Werk deswegen abſprechen will, weil es durchaus ſchlecht und ſeiner unwuͤrdig ſey, ſo ließe ſich auch, wenn dieſe Anmerkungen Abhandlungen werden ſollten, vieles eroͤrtern und in das gehoͤrige Licht ſtellen. Daß es eine fruͤhe Jugendarbeit des Dichters ſeyn muß, faͤllt auch dem unkri⸗ tiſchen Leſer in's Auge. Es ruͤhrt aus einer Zeit her, in wel⸗ cher die engliche Buͤhne noch ſehr blutig war, und gehaͤufte Mordthaten die Zuſchauer nicht erſchreckten. Wenn Sh. der Erfinder dieſer Tragoͤdie war(wie es denn die groͤßte Wahrſcheinlichkeit hat), ſo dichtete er ſie wohl ſchon um 1590; 1592 ward ſie oͤfter geſpielt, und 1600, in der Hoͤhe ſeiner Kunſt und Anerkennung, gab er ihr die Geſtalt, in wel⸗ cher wir ſie jetzt beſitzen. (S. Vorrede zum Erſten Bande des Deutſchen Theaters, v. Fiech⸗ 1817, p. XXVII. wo ich auch uͤber Titus Andronikus preche.) Der Ueberſetzer hat ſich bemuͤht, das Alterthuͤmliche des Tons nachzuahmen und deshalb meiſt, wie dieſe Weiſe auch im Original vorherrſcht, den Vers maͤnnlich geendigt. S. 22. Dieſe Schilderung des Waldes im Munde der Kai⸗ ſerin, wird von M. Maſon als ſchoͤn und des großen Dichters nicht unwuͤrdig, anerkannt. Vortrefflich iſt es, wie ſie(p. 24.) denſelben Wald als erſchrecklich darſtellt. S. 40. Dieſe zweite Scene fehlt in der Quart-Ausgabe. Sie hat ganz das Gepraͤge eines ſpaͤtern Zuſatzes bei der dritten Umarbeitung des Schauſpiels. Die Editoren, welche ſie verſpot⸗ ten, moͤgen es mit dem Dichter ausmachen. Wer ſich nicht will⸗ kuͤhrlich vom Gegenſtande abwendet, kann ihre Schoͤnheit nicht verkennen. Iſt das Stuͤck um 1590 zuerſt gedichtet, ſo wurde es vielleicht 1595 umgearbeitet und 1600 noch einiges hinzugefügt. S. 70. Marc. Roms Kaiſer und du, Jeffe, brecht nun ab— Rome's emperor, and nephew, break the parle— break the parley, oder parle, wie hier, heißt oft eine Unter⸗ Anmerkungen zum ſechſten Bande. 357 handlung, Geſpraͤch anfangen. Johnſon irrt aber, wenn er bemerkt, daß es in dieſer Stelle daſſelbe bedeute, denn der Zu⸗ ſammenhang zeigt das Gegentheil; to break à parley heißt nach Gelegenheit, wie das deutſche brechen, abbrechen: o break, da es auch erbrechen, eröffnen(Briefe) bedeutet, kann daher oft anfangen⸗ beginnen bezeichnen. S. 72. Marcus. Leidvolle Maͤnner u. ſ. w. Ohne Noth theilen die fruͤheren Ausgaben dieſe Rede des Mar⸗ cus zwiſchen ihm und einem roͤmiſchen Senator. Hamlet⸗ Auch dieſes Werk gehoͤrt gewiß zu den fruͤheſten des Dich⸗ ters. Die erſte Ausarbeitung iſt wahrſcheinlich niemals gedruckt worden. Die Quart-Ausgabe von 1603 ſagt in ihrem Titel⸗ blatte, daß das Schauſpiel um die Häͤlfte ſey vermehrt worden. Dieſes muß ſchon die dritte Bearbeitung geweſen ſeyn, wie wir aus einem andern Quart ſchließen muͤſſen, das erſt ſeit einigen Jahren bekannt gemacht worden iſt, und auch im Jahre 1603 gedruckt wurde. Die Folio von 1623, die wir für die eigentliche authentiſche Ausgabe in den meiſten Fällen erklaͤren, weicht hie und da von der weitlaͤufigeren Quart ab, hat Zuſaͤtze und laͤßt manches weg, das letzte wohl nur um das Stuͤck abzu⸗ kuͤrzen, weil es fur die Darſtellung zu lang war. Die eigentliche Bearbeitung des Hamlet, die alles Weſentliche enthaͤlt, ſo wie wir ſie jetzt beſitzen, faͤllt in das Jahr 1603. S. 81. Ma S draͤuc er einſt, als er im harten Zwieſprach Aufs Eis die gleitende Streitart geſchleudert— Die Editoren leſen: he smote the sledded Polack on the ice— und erinnerten ſich dabei, daß hie und da im Norden die Men⸗ ſchen mit großen Schneeſchuhen, die faſt kleinen Schlitten gleich ſehen, im Winter uͤber Schneefelder gehn, dieß konnte alſo auch wohl mit einem Polacken der Fall ſeyn, und ſo hat die vorige ueberſetzung von vielen weitlaͤufigen Noten dazu verleitet:„Auf's Eis warf den beſchlitteten Polacken.“— Alle alten Ausgaben leſen aber Po1ax und nicht Polack, welches erſt eine Aende⸗ rung der engl. Editoren iſt: H. warf in einer zornigen Rede mit einer draͤuenden Gebehrde ſeine Streitart auf das Eis: s1ed e d polax ſteht dann, wie Sh. ſich ſo oft dieſe Freiheit nimmt, fuͤr s1edding. S. 82. Horatio. und ein Prolog der Schreckniß, die ſich naht— and prolog to ihe omen coming on— 358 Anmerkungen omen iſt eine furchtbare Begebenheit, die heranſchreitet, die nahe bevorſteht. S. 87. O daß dieß zu zu feſte Fleiſch doch ſchmoͤlze,— die Wortſtellung des Originals iſt ſo bedeutend, wie von Schluchzen die Rede unterbrochen, daß das Woͤrtliche hier nothwendig ſchien: O, chat this too too solid flesh would melt.— S. 89. Horatio. Im ganz, bewehrt von Kopf zu Fuß— dieſer Vers, der nothwendig iſt, war in den vorigen Ausgaben durch Ueberſehen ausgelaſſen worden. S. 93. Pol. Mit ehr'nen Reifen bind' ihn an dein Herz, die Leſeart der Folio: with hoops of steel, ſtatt ho oks, wel⸗ ches Emendation iſt, auch kommt grapple in der Bedeutung von binden, befeſtigen, vor. S. 97. Hamlet. Es ſchmaußt der laͤrmende Emporkoͤmmling. So nehme ich den viel beſprochenen Ausdruck: che swaggering np-spring reels.— Up-spring kann ſchwerlich ein Tanz ſeyn, der ſich auch wohl nicht mit dem unmaͤßigen Trinken ver⸗ einigen ließe; upspring koͤnnte vielleicht fuͤr Taumel, Gelag ſtehn, dann waͤre reels und swaggering faſt gleich bedeutind, und up-spring fuͤgte ſich immer nicht deutlich an. In Hamlets Munde paßt dieſe bittre Schilderung des Königs. S. 97, Hamlet. Der Gran von Schlechtem wird des edlen Werthes Gehalt ſelbſt aus'nem Zweifel bis zur Schmach—— Die Editoren leſen: The dram of base Doth all the noble substance often dout To his own scandal. Dieß iſt aber nur eine gewaltſame Emendation. Die Quart⸗ Ausgaben leſen: the dram ot eele(i11, die andre Leſeart einer zweiten Q. case iſt Druckfehler) doth all che noble substance of a donbt to his own scandall. Dieſe Stelle, welche gar keinen Sinn zu geben ſchien, und uͤber welche die Englaͤnder viel hin und her ſtritten, ward in obige Leſeart verwandelt und dann erklaͤrt. To do out to his scandal bleibt immer, die gewaltſame Aenderung of a daubt abgerechnet, immer ſehr ſonderbar: do out, vernichten, to scandal, zur Schmach, will weder gramma⸗ tiſch noch logiſch paſſen. Zum ungluͤck fehlt dieſe ganze lange und bedeutende Rede(die erſten Verſe abgerechnet) in der Folio voͤllig. Wenn wir annehmen, daß dem Hamlet, um das Er⸗ ſchrecken zu verſtaͤrken, dieſe Rede vom Dichter“ durch die Er⸗ ſcheinung des Geſpenſtes abgebrochen wird, ſo ſcheint mir die alte Leſeart einen Sinn zu geben. Der Inhalt der Rede iſt(die Goͤthe im Meiſter mit Recht als bedeutſam und vorbereitend ruͤhmt) zu zeigen, wie die Tugend und der Vorzug ſelbſt des zum ſechſten Bande. 359 trefflichen Mannes durch eine Nachlaͤſſigkeit oder ſchlechte Ange⸗ wöhnung, oder durch einen Naturfehler kann in Schatten ge⸗ ſtellt und die Verkennung des Beſten dadurch herbei gefuͤhrt wer⸗ den,—„in dem gemeinen Tadel ſteckt der beſondre Fehl ſie doch mit an,“— che dram of i11— der Gran von Schlech⸗ tem— Doth all the nople substance— wird des edlen Werthes Gehalt— of a donbt,— ſelbſt aus einem Zweifel, aus einem noch geringeren Gewicht als Gran oder Scrupel iſt; doubt erin⸗ nert ſelbſt an Scrupel— bis zur Schmach— To his own scandal—— er pricht ab, und„verwandeln,“ oder„herab ziehn,“ oder was ſonſt zum Schluſſe fehlt, kann ſich der Hoͤrer und Leſer hinzu denken. So erlautre ich dieſe hoͤchſt ſchwierige Stelle, indem ich die Leſeart des Textes behalte. Wie wenig ſich die aͤlteſten Ausgaben des Hichters um Interpunction, Ge⸗ dankenſtrich, Rechtſchreibung kuͤmmern, iſt bekannt genug, und hier iſt dem Editor und Erklaͤrer alles erlaubt, wenn er den Tert deutlicher macht. Daß die neueren Editoren dieſe Unterbre⸗ chungen der Rede oft nicht anerkannt, ſelbſt ohne Noth das Feh⸗ lende hinzu geſetzt haben, kann man zum Beiſpiel gleich in der Erſten Szene von Heinrich VI. S. 1. nachweiſen. Hamlet. Sprich, warum iſts! Weshalb! Was ſoll'n wir thun? Dieſer Vers, welcher die Aufforderung an den Geiſt beſchließt, fehlte in der fruͤheren Ueberſetzung. S. 100. Geiſt.— Das feiſte Kraut, das ruhig dort ver⸗ fault an Lethe's Bord— rots, wie die Folio, die Quart lieſet roots.* S. 114. Hamtet. Ihr ſeyd ein Fiſchhändler— Pishmonger— ſo wollt' ich, daß ihr ein ſo ehrlicher Mann waͤrt:— d. h. Ihr ſeyd aber kein ſish— ſondern ein tlesh- monger, ein Kuppler.(S. meine dramaturgiſchen Blaͤtter, Th. M. p. 83.) Wie dort angedeutet iſt, daß good kissing carrion wohl die richtige Leſeart ſeyn moͤchte, ſo habe ich ſie auch hier in der neueſten Ausgabe aufgenommen. Daß sun, Sonne, und son, der Sohn, der Prinz von Daͤnnemark, hier wieder, wie oft in dieſem und andern Stuͤcken Shakſpears verwechſelt, oder mit dieſen Worten geſpielt wird, braucht nur in Erinnerung ge⸗ bracht zu werden.— Die Folio lieſt auch beſſer: but not as Vour daughter may conceive.— S. 118. Aberes hat ſich da eine Brut von Kin⸗ dern angefunden ic.— S. hierͤber Vorſchule Shak⸗ ſpears Bd. I. p. XXXIV. u. XXRV. der Vorrede, wo dieſe Anſpielung und Satire erlaͤutert wird.— Faſt wird man auf die Vermuthung gefuͤhrt, jene mangelhafte, neu aufgefundene Quart⸗Ausg. ſey auch erſt 1603 geſchrieben(da man ſie, vielen andern Anzeichen nach, doch fuͤr aͤlter halten muß), denn hier kommt auch ſchon vort noveltie carries it away, for the princi- pal puhlick audience that came to them aro turned to pri- 360 Anmerkungen vate plays, and 10 fhe humour ofthe children. Moͤglich daß dieſe Kleinigkeit, wenn das alte Stuͤck vielleicht noch kurz vor der neuen Umarbeitung geſpielt ward, hinzugefuͤgt wurde, indem dieß alte Stuͤck noch auf der Buͤhne erſchien. In der authentiſchen vermehrten Quart-Ausgabe iſt der Ausfall auf jenes Kinder⸗ Theater ausgelaſſen; obgleich die Stelle um 1603 geſchrieben ſeyn muß, ſo unterdruͤckte ſie der Dichter wohl, nachdem ſie einige⸗ mal war geſprochen worden, um dem Zank ein Ende zu machen. In der Folio von 1623 ſind dieſe Reden aber wieder hergeſtellt. S. 120. Hamlet. Dann kam jeder Schauſpieler auf ſei⸗ nem Eſel.— Phen came each actor on his asse.— Warum ſoll dieß, wie die Englaͤnder annehmen, einer Zeile aus eine Bal⸗ lade ſeyn?— Die Ehre des P. iſt ein Eſel,— oder wie der Betheuernde ſagt: as I dam honorable, etc.— Der Witz ſchielt, Hamlet braucht auch nicht immer prägnant zu ſprechen, ſo bitter und ſinnreich er auch faſt immer iſt. S. 123. Die tief entſtellte Koͤnigin— ſt. ſchlotte⸗ richte der vorigen Ausgaben. Warum wobled dem Prinzen als unpaſſend auffaͤllt, warum Polonius Luſt an dem Wort, vielleicht Schadenfreude empfindet, iſt nicht klar; mobled iſt ver⸗ huͤllt mit geringer Kopfbedeckung, ſo leſen die Quart-Ausg.— Die Folio inopbled; iſt es Druckfehler, oder ſoll es fuͤr in— umohled ſtehn! To noble, als Verhum, kommt wohl nicht vor. Vielleicht daß der Dichter, der ſich mit der Sprache Alles er⸗ laubte, ignobled, ſtatt ignoble formirte. G. 127. Hamlet.„Seyn oder Nichtſeyn“— S. uͤber dieſen Monolog meine dramaturgiſchen Blaͤtter Th. II. p. 103. u. ſw S. 130. Hamlet. Dazu muͤßt Ihr Maͤnner nehmen.— Im Original ſagt Ophelia eben: Still beiter, and worse die ſind die Worte, die in der engliſchen Trauungsformel der Prieſter bei Vermaͤhlungen ſpricht, und hierauf anſpielend, ſagt Hamlet: 80 Vou must take Vour zushands. Must take war eigentlich eine Verbeſſerung der Editoren; nun findet ſich aber dieſe Leſeart im kuͤrzlich herausgegebenen Quart⸗Druck. Ihr muͤßt fuͤr Schlimmer und Beſſer Maͤnner nehmen, wie es die Kirche vor⸗ ſchreibt, oder fuͤr Gut und Boſe, fuͤr Gluͤck und ungluͤck. Die Leſeart mistake, die ſich im Folid und der andern Quart⸗ Ausg. ſindet, läßt ſich aber auch rechtfertigen.„Ihr tauſcht Eure Maͤnner ſo um, daß Ihr die ſchlechteren fuͤr die beſſeren nehmt.“ Vielleicht ſogar vorzuziehn, weil Hamlet eine Bitter⸗ keit in Bezug auf ſeine Mutter ſagt. S. 140. Hamlet.— nun herrſchet hier Ein rechter, rechter Pfau. a very, very peacok— der Reim auf was— ſollte ass ſeyn, den Horatio erwartet.— Paiock leſen die Original-Ausga⸗ ben; ein Wort, welches freilich ſonſt nicht vorkommt, und aus welchem die Editoren peacoak gemacht haben. Sollte die Muͤnze zum ſechſten Bande. 361 pajoeco gemeint ſeyn! Pantalon und Harlekin werden oft in den Schriften jener Zeit erwaͤhnt, ich erinnere mich aber nicht irgendwo den Bajazzo oder Pagliaſſo in jener Zeit gefunden zu haben, der am beſten hierher paſſen wuͤrde. S. 142. Hamlet. O die Floͤte! Laßt mich ſie ſehn.— So kommt Ihr denn beiſeit— Weswegen ꝛc.— So verſtehe ich die Stelle des Originals: Let me see one— to with draw with von— Er will ſich mit dem Floͤtenſpieler beiſeit begeben, um ihn ſpielen zu laſſen, oder ſich von Roſenkranz zu entfernen, wor⸗ auf dieſer der Bewegung ſchnell zuvor kommt, um den Prinzen nicht entſchluͤpfen zu laſſen., S. 144. Roſenk.— doch vielmehr der Geiſt, an deſſen Geiſt das Leben— spirit ſtatt weal iſt die Leſeart des Folio. S. 147. Hamlet verſchließt die Thuͤr.— Der ueberſetzer darf eine erlaͤuternde Vorſchrift fuͤr den Schauſpieler einſchieben, da die meiſten Anweiſungen dieſer Art von den ſpaͤ⸗ teren engliſchen Herausgebern herruhren, die nicht immer das Richtige getroffen haben. Durch das Verriegeln der Thuͤr wird plotzliche Angſt und der Aufſchrei der Mutter um ſo verſtänd⸗ icher. S. 150.„Der Geiſt kommt im Hauskleide.— Die aͤlteſte Quart-Ausg. hat meine Vermuthnng, daß der Geiſt hier nicht im Harniſch erſcheinen muͤſſe, gerechtfertigt,— und daß der Vers: my father, in his habit, as he livd! ſich auf die Um⸗ wandlung der Erſcheinung beziehe. S. dramaturgiſche Blaͤtter IMI. p. 97. S. 152. Hamlet. Das ungeheu'r Gewoͤhnung, das den Sinn vernichtet, Wird darin Engel aus des Teufels Wandel,— Dieſe ſchwierige Stelle, die ſich im Folio nicht findet, heißt im Driginal ſo: That monster custome, whe all sence doth eate Of᷑ habits devill, is angell Jet in this— Ich glaube, daß man, um den Sinn zu faſſen, die Verſe ſo leſen ſoll: PThat monster custom, who all sense doth eat, Of habit's devil is angel Jet in this— Das ungeheuer Gewohnheit, welches allen Sinn, alles Gefuͤhl verſchlingt, iſt doch, ſo wie es der Teufel der Uebung, des all⸗ täglichen Wandels iſt, doch darin Engel u. ſw. unbegreiflich iſt es, wie nach dem Abgange Hamlets die Editoren einen Act haben ſchließen koͤnnen, da die Scene unmit⸗ telbar fortgeht. S. 155. Hamlet.—„der des Koͤnigs Schutz, ſeine Be⸗ lohnungen, ſeinen Einfluß in ſich ſaugt.— thut oaks up the king's countenance, his rewards, his authorities.— Coun- tenance iſt hier, wie oft, Beſchuͤtzung. Der Einfluß, den ein Guͤnſtling hat, die Vorzuge, Einkuͤnfte, Stellen, die er ſich er⸗ 362 Anmerkungen wirbt, ſo lange er beliebt iſt, ſaugt er ein wie ein Schwamm, bis er, in ungnade gefallen, alles dieſes wieder von ſich geben muß. So in dem alten Promosos and Cassandra— Unto the poore have evermore an eye,— And let not might out countenance their right.— S. 166. Ophelia. Hey non nonny— Ich habe dieſe Worte des Originals hergeſtellt, dieſe ſo wie downa— down— kommen oft als Refrains von Balladen, komiſchen ſo wie ernſten Inhaltes vor; oft bedeuten dieſe Toͤne gar nichts, ſind nur Klaͤnge, oft auch ſind ſie zweideutiger Art und ergänzen ſich oder deuten das unſchickliche an. S. uͤber die Blumen, welche Dphelia austheilt, dram. Blaͤtter II. p. 90. S. 173. Koͤnig. Ihr leicht durch Kunſtgriff und Ver⸗ tauſchung Or with a little shuffling— S. 277. Todtengr. ſingt: In Jugendzeit ꝛc. Der Clawn ſingt ein altes, ernſtes Lied, welches er aber auf ſeine Weiſe verdirbt und laͤcherlich macht. S. 182. Hamlet. Willſt den austrinken? Krokodile eſſen?— Woul't drink up Esi1?— In beiden alten Ausgaben iſt Esi11 mit ital. Lettern un⸗ terſtrichen gedruckt, als ein Eigenname. Dachte Sh. vielleicht an den Eiderfluß? Er verwechſelte ihn dann vielleicht mit dem Pſſelſtrom. Theobald erklaͤrt Eisel durch Eſſig; ganz unpaſſend⸗ Die alte Quart out vessels; gewiß ein Druckfehler. S. 187. Hor. Alſo iſt es nicht moͤglich, ſich in einer an⸗ dern Sprache verſtaͤndlich zu machen!— Die Englaͤnder haben große Schwierigkeiten geſehn wo keine ſind. Horat. meint, Hamlet hat den Osrick in der affectirten Sprachweiſe ſo uͤberboten, daß Osrick den Prinzen gar nicht mehr verſteht, obgleich er ſich die Miene gab, ſich nur in dieſer feinen Weiſe ausdruͤcken zu köͤnnen. Hor. ſagt jetzt ironiſch: alſo iſt es nicht moͤglich, ſich auf gewoͤhnliche Art zu verſtaͤndigen! O ja, jetzt werdet ihr gern einfach ſprechen. S. uͤber die Scene des Gefechtes die dramaturgiſchen Blätter. In den alten Ausg. ſind die Schauſpiele nur ſelten in Acte abgetheilt, weil man ſie auf dem großen Sommertheater ohne unterbrechung gab. Die Eintheilung der Englaͤnder iſt nicht im⸗ mer paſſend, und darum iſt es den deutſchen Herausgebern er⸗ laubt, zuweilen von der hergebrachten Gewohnheit abzugehn. zum ſechſten Bande. 363 Der Widerſpenſtigen Zähmung. Iſt nicht vor 1606 oder 1607 geſchrieben. Der Ton des Gedichtes iſt ſo leicht, daß viele verſucht worden ſind, dieß Luſt⸗ ſpiel dem Shakſpear abzuſprechen. In den sSix o1d Plays(1779 herausgegeben) iſt ein Luſtſpiel abgedruckt, welches denſelben Gegenſtand behandelt. Es hat die Einleitung wie das neuere, und manche Einfaͤlle und Redensar⸗ ten finden ſich in dieſem, die der neuere Bearbeiter aufgenommen hat. Dieſes Luſtſpiel muß faſt zwanzig Jahr aͤlter ſeyn, und ohngefaͤhr 1589, 90 geſchrieben ſeyn⸗ Wenn man die auf⸗ fallende Aehnlichkeit der Sprache und des Verſes mit dem aͤltern King John, ſo wie mit dem Loorin, ja ſelbſt mit der erſten Aus⸗ gabe der Buͤrgerkriege bemerkt, ſo wird der Kenner, der Sh. in allen ſeinen Eigenthuͤmlichkeiten und nicht bloß obenhin kennt, vielleicht wenig Bedenken finden, das alte Luſtſpiel fuͤr eine ha⸗ ſtige Jugend⸗Arbeit des Bichters zu halten. S. 199. Einleitung. Dergieichen Vorſpiele oder Ein⸗ leitungen waren beim alten engliſchen Theater nichts Seltenes. Wir finden ſie zur„Spaniſchen Tragoͤdie“ oder„Hieronimo,“ zu⸗ weilen bei B. Jonſon und Fletcher, bei alten Stuͤcken von un⸗ bekannten Autoren, bei den anerkannten des Sh. nur vor die⸗ ſem Luſtſpiel. Dieſelbe Einleitung war durch das alte Stuͤck vielleicht beliebt, die Zuſchauer waren gewoͤhnt ſie zu ſehn, und ſo wiederholte der Dichter den Scherz hier auf wuͤrdigere Weiſe. Schlau.„Still, ſagt Jeronimd.“— Die Anſpielungen auf dieſen Hieronimo, eine der aͤlteſten Tragoͤdien der Englan⸗ der, findet man ſehr haͤufig bei allen Dichtern jener Jahre, weil das Schauſpiel(vielleicht urſpruͤnglich ſchon um 1575 geſchrieben) lange ein Volksſtuͤck blieb. Es wurde uͤberarbeitet und erhielt Zuſätze, ſogar vom beruͤhmten B. Jonſon, der es am meiſten verſpottet. S. 201. War es nicht Soto, den Euer Gnaden meint.— Sh. macht hier dem Schauſpieler und dem Fletcher ein Compliment. In der Folio wird der redende Schauſpieler auch mit ſeinem Namen, Sinklo, genannt; dieſer war ein Mitglied der Geſellſchaft, zu welcher Shakſp. gehoͤrte. In Fletcher's Luſt⸗ ſpiel: Women pleas'd(Th. 8.) erſcheint eine luſtige Perſon, Soto, der Sohn eines Pächters.— Eigentlich bewirbt ſich dieſer Soto um kein Frauenzimmer im Stuͤck, und einige Ausleger haben deshalb zweifeln wollen, ob die Comoͤdie Fletcher's gemeint ſey. Da aber der Name, als Sohn des Pachters zutrifft, ſo iſt wohl anzunehmen, daß der Lord im Citiren nicht ſo genau iſt; er kann die Scene meinen, in welcher Soto in den Kleidern ſeines Herrn, um deſſen Melancholie zu heilen, auf einer Leiter zum Fenſter der Dame hinauf klettert. In einer ſpaͤtern Scene tritt Soto als May⸗Graf, als Anfuͤhrer der May-Spiele und Morisken⸗ 364 Anmerkungen zum ſechſten Bande. Taͤnzer auf. Hier iſt viel Gelegenheit, waͤhrend andere ſprechen, zum ſtummen Spiel mit den Maͤdchen und Taͤnzerinnen, und dieſe verliebten Bewerbungen ſind vielleicht gemeint. Dann iſt Women pleasd(das Raͤthſel, welches den Inhalt der neuern Fee urgele ausmacht) eins von Fletcher's und Beaumonts fruͤ⸗ heſten Stuͤcken und vor 1607 geſchrieben. Dieſe Anſpielung auf Fletcher widerlegt allein ohne weiteres Malones Behauptung, daß Taming of the Shrew 1594 geſchrieben ſey, denn das fruͤheſte Stuͤck Fletcher's iſt wohl nicht vor 1604 zu ſetzen. In dem alten Stuͤck wird am Schluß der Keſſelflicker noch einmal auf die Buͤhne gebracht, der aufwacht und alles Erlebte fuͤr einen Traum haͤlt. Man darf hier wohl auch an Holbergs Jeppe paa Bierge erinnern, in welchem in fuͤnf kurzen aber luſtigen Acten dieſe Einleitung als ſelbſtſtändiges Schau⸗ ſpiel vorgetragen wird. Kotzebue konnte den Humor des braven Daͤnen nur zur Gemeinheit herab ziehn. Die Comoͤdie der Irrungen. Dieſe heitere und ſcharfſinnige Comoͤdie iſt eine fruͤhe Ar⸗ beit Sh. und wohl ſchon 1593 geſchrieben. Sie war ſehr be⸗ liebt. Die Sprache iſt ſehr ausgearbeitet und die gereimten Stellen mit beſonderer Vorliebe behandelt. Die laͤngeren, alter⸗ thuͤmlichen Verſe, die nur hin und wieder in der„Widerſpen⸗ ſtigen“ ſich hoͤren laſſen, erſcheinen hier haͤufiger. Einige Com⸗ mentatoren möchten dieſe dem Dichter gern abſprechen und fuͤr ſchlechte Einſchiebſel der Schauſpieler oder unberufener Poetaſter erklaͤren. Shak. ſelbſt dachte uͤber dieſe Art, den Spaß der aͤl⸗ teren Comoͤdie und die Tonweiſe dieſer, jetzt bei den Engländern verrufenen Verſe, anders. Fuͤr ein unbefangenes Ohr haben ſie ihre eigene Zierlichkeit. Die andern gereimten Verſe erinnern oft an ſeine Sonnette und Adonis und Lucretia. Er hat ſie wohl ubergearbeitet, denn ſie ſind tiefſinniger wie die in den„Edlen von Verona,“ leichter wie die in„Ende gut,“ und ſelbſt faßlicher und klarer als manche im„Romeo.“ Der alte Spaß, der mit Verwechſelung aͤhnlicher Geſtalten getrieben werden kann, iſt wohl in der alten wie neuen Zeit niemals wieder ſo geiſtreich und poetiſch benutzt und durchgefuͤhrt worden, als in dieſem unvergleichlichen Witzſpiel unſers Dichters. Mir ſcheint, daß es dem eberſetzer gelungen ſey, dieſe heitre Leichtigkeit in unſrer Sprache wieder zu geben. 365 Anmerkungen zum ſiebenten Bande. Ende gut alles gut. Dieſes ſonderbare Luſtſpiel, das faſt durchaus in einer ſchweren und geſuchten Sprache geſchrieben iſt, gehoͤrt ohne Zweifel ſeiner erſten Geſtalt nach zu den fruͤhen Arbeiten des Dichters. Wir veſitzen das Schauſpiel nur in der Folio. Die erſte Arbeit faͤllt vielleicht mit der erſten Dichtung des Hamlet in dieſelbe Zeit. Den jungen Dichter reizte der reiche Stoff, die vielen, wechſeln⸗ den Situationen, die wunderliche Verwicklung und Cataſtrophe. Spaͤterhin wuͤrde der Dichter vielleicht den Gegenſtand, der ſich gegen die dramatiſche Behandlung ſtraͤubt, nicht gewaͤhlt haben. Vielleicht iſt dieſes Schauſpiel dreimal vom Dichter bearbeitet worden. Einige ſchwerfaͤllige, zuweilen faſt unverſtändliche Reden und Verſe ſind aus der erſten Auflage ſtehn geblieben; hier kaͤmpft der Dichter mit der Sprache und dem Gedanken; die Verſe ſind gekuͤnſtelt, die Ausdrucke geſucht. Manches, was ich fur ſpaͤtere Nenderungen halte, erinnert an die Sonnette und Adonis, die Proſa, vorzuͤglich in den letzten Acten, iſt ſo gediegen und klar, dieſe Szenen des Parolles ſind ſo vortrefflich geſchrieben, daß man ſie, was die Sprache betrifft, zu den vorzuglichſten Darſtel⸗ lungen des Dichters rechnen muß. Am dunkelſten ſind die erſten Acte, und hier iſt wohl das meiſte alt; die letzte Haͤlfte von der Zeichnung des Parolles muß der ſpaͤtern Zeit Shakſpears ange⸗ hoͤren. Wahrſcheinlich nannte der Dichter ſein Stuͤck erſt Love's labour's won, denn unter dieſem Namen wird von Meres 1598 eins angefuͤhrt. S. 5. Hel.„Wenn der Lebende dem Gram Feind iſt“ ꝛc. — Dieſe Rede habe ich, gegen die bisherigen Ausgaben, der He⸗ lena in den Mund gelegt, weil ſie, von der Gräfin geſprochen, keinen Sinn hat. Auf dieſe Antwort bezieht ſich die Verwun⸗ derung des Lafeu: Wie verſtehn wir das? Dieſe erſte Szene und die halb dunkeln Reden der Helena, erinnern an das erſte Auftreten Hamlets und deſſen zweideutige Worte. S. 6. Par.„Laͤßt ſich denn ein vernuͤnftiger Grund“— Von dieſen Worten iſt vom Ueberſetzer mit Recht einiges ausge⸗ len worden, was ſich weder anſtändig noch deutlich uͤbertragen ßt. S. 7. Par.—„im Lauf eines Jahres habt Ihr Zwei fuͤr Eins.“— Die Leſeart, welche ſo haͤtte geaͤndert werden ſollen: within the Vear it will make it self two— iſt urſpruͤnglich with in ten Jears.— Die Ausleger verbeſſern unnöthig; within ten Vears it will moke it self ten.— Anmerkungen — Par.—„und der Zahnſtocher, die jetzt veraltet ſind“— Im K. John ſchildert Faulkonbridge das Spielen mit dem Zahnſtocher als modiſch, fashionable. Sind dieſe Worte alſo ein ſpaͤter Zuſatz, oder war in fruͤheren Tagen dieſe verſpottete Affectation ſchon einmal veraltet? Hel.„Nun warten tauſend Liebſten deines Herrn,“— der ueberſetzer ſah ſich genoͤthigt, vorher wieder einiges auszulaſſen. — Dieſe Rede der Helena, uͤber welche die Engländer viele An⸗ merkungen gemacht haben, will nur ſagen: Bertram wird ſich verlieben, und in ſeiner Geliebten alles vereinigt ſinden, was ſich zu widerſprechen ſcheint, dieſe wird ihm Alles in Allem eyn. S. 8. Helena.—„und ſo nennt er »Ne Anzahl art'ger, holder Liebeskinder, Die Amor aus der Taufe hebt.— — with a world of pretty, Jond, adoptious christendoms, That blinking Cupid gossips.— Christendoms ſind hier chriſtliche Namen, ein ſcherzhaf⸗ ter Ausdruck, weiter nichts. Der neberſetzer hat hier ſich einige Freiheit nehmen muͤſſen. S. 9. Helena.—„Aber die Miſchung, die Eure Tapfer⸗ keit und Eure Furcht in Euch hervor bringen, iſt eine ſchoͤnbe⸗ flugelte Tugend, und die Euch wohl anſteht.“ But the composition, that Vour valour and fear makes in is a virtne of good wing, and I like the wear well. Es iſt keine Aenderung der Leſeart nöthig: wear ſteht fuͤr wearing es ſteht, es kleidet ihm gut;— wing iſt doppel⸗ ſinnig, Flugel, Flucht,— dann auch feiner Ausdruck des Ta⸗ ges: was hübſch ausſieht, die Anmuth, was die Mode fordert. Par.—„wenn du anders fuͤr eines Hofmanns Geheimniß empfaͤnglich biſt, und begreifen willſt, was weiſer Rath dir mit⸗ theilt.“— Zweideutig, wie eine aͤhnliche Stelle im Hamlet:— s0 thon wilt be capaple of a courtiers coounsel⸗(Rath und Geheim⸗ niß) and understand What advice shall thrust upon thee. S. 14. Narr.„Wie unwiſſend ſeyd Ihr, gnäd'ge Frau, in guten Freunden.“— Ton are shallow, madam, in great frierds.— Die Aende⸗ rung: Von are shallowW, in, e' en(even) good frierds, iſt un⸗ noͤthig.— . 15. Narr.—„Zwar iſt Ehrlichkeit kein Puritaner,“ — u. ſ. w.— Though honesty be no puritan, Jet it will do „0 harm: it will wear the surplice of humilit over the black pig heart.— Man muß in der Rede der Narren und ou, gown of a in ſeinen Anſpielungen nicht zu ſtrenge Logik ſuchen. Der Dich⸗ ter läßt ſie gern ihren Nonſens ſchwatzen, durch welchen Spas zum ſiebenten Bande. 367 Sinn oder Satire mehr hindurch ſchimmert, als folgerechk eine Lehre entwickelt. Er will ſagen: die Ehrlichkeit kann niemals ein Puritaner ſeyn, und wird doch kein Leid thun(Wi⸗ derſpruch: wann ſie Pe ſeyn koͤnnte, wuͤrde ſie Schlimmes thun)3 big heart, ein verdrußliches, bekuͤmmertes, zugleich ein ſtol⸗ zes Herz. S. 17. Helena.—„Ganz meine Mutter; wär't uns beiden Mutter,“— Indeed, my mother, or Were Vou both our mothers fur das letzte leſe ich morher, weil der Plural hier keinen Sinn giebt: Helena will zwar zweideutig ſprechen, aber daß Bertram ihr eine Mutter ſeyn ſollte, kann ſie nicht ſagene or were Jou to both(mir und Bertram) Mutter. Gräfin.—„nun ahnd' ich das Raͤthſel deiner Einſam⸗ keit“— The mystery of Vour 1oneliness, ſo lieſet ſchon Theobald ſtatt 1oveliness, welches hier keinen Sinn zu geben ſcheint. Die Verbeſſerung will mir auch noch nicht ganz einleuch⸗ ten— ſollte loveliness veraltet fuͤr 10ve ſtehn? S.. Narr.—„wie Hanſens Meſſer fuͤr Greteus Scheide.“— as Tib's rush for Tom's forefinger.— Offenbas eine Zweideutigkeit, die der Ueberſetzer durch eine andre gegeben hat. Die Anmerkungen der Engländer find uͤbrigens zu beachten, denn waͤre es niemals Sitte geweſen, gelegentlich mit einem Reif aus einer Binſe ſich zu verloben, ſo koͤnnte der Dichter diec⸗ ſen Spaß hier nicht anbringen. S. 35. Lafeu.—„Gott ſchenke dir Gnade, du armes Huhn.“— Wie das ſpaniſche gallina vielleicht fuͤr Memme⸗ S. 36. Lafeu.—„als das Patent Eurer Geburt und Vorzuͤge die Ahnenprobe giebt.“— Die Leſeart des Originals: dhen the commission of Vour birth and virtue gives Vou heraldry — iſt gewiß die richtige und die umſtellung unnoͤthig. S. 34. Diana.—„Ich ſeh', Ihr ſchlingt ein Seil zur ſteilſten Klippe uns zu gefaͤhrden.“— Dieſe ſchwierige Stelle des Hriginals aͤnderte ſchon Rowe ſo um: Lsee, that man make hopes, in such affairs, that we'l Lorsake ourzelves.— Make hopes iſt hier ein ſchwacher Aus⸗ druck und in such affairs noch trivialer.— Malone will darum in zuch a scene leſen. Die Folio giebt es ſo: I see that men make ropes in such a scarre,— Allerdings geſucht und dunkel, aber doch nicht ganz ohne Sinn, und darum haben wir nach der verworfenen Leſeart uͤberſetzt. Maͤnner ſchlingen,(durch Schmeichelei und Verſprechungen) Seile, Strickleitern, um uns zu ſteilen Klippen hinauf zu fuͤhren, wo wir verloren gehn; denn hoher Felſen, Klippe iſt scarre, ein Wort, das man im Jonſon und Nares vergeblich ſucht. Im⸗ mer, gebe ich zu, iſt der Ausdruck gewagt und dunkel, aber 24 VII. 368 Anmerkungen nicht mehr, wie ſo viele andre in dieſem Luſtſpiel. Die Edito⸗ ren fuͤhren ſelbſt die Stellen aus Schriftſtellern an, in welchen scarre nichts anders als Fels, ſteiles Gebirge bedeuten kann. Die beiden Veroneſer. Es ſcheint faſt, daß dieſe beiden Luſtſpiele ohngefaͤhr in der⸗ ſelben Zeit geſchrieben ſind, denn auch dieſes hoͤchſt anmuthige Gedicht beurkundet einen Poeten, der ſich ſeines Gegenſtandes noch nicht ganz bemeiſtern kann, um ihn mit aller Freiheit zu beherrſchen. Nur hat dieſes leichte, ſpielende Luſtſpiel wohl keine Zuſaͤtze in der reiferen Zeit des Dichters erhalten. Wenn Ende gut ſchwerfaͤllig, dunkel und geſucht in allen Szenen iſt, die von der ältern Bearbeitung uͤbrig geblieben ſind, ſo iſt hier die Sprache allenthalben klar, leicht und fluchtig, ja der Vers iſt nicht ſelten, auch in den ſchoͤnen und reizenden Stellen, nur duͤnn. Kann man dieſe beiden Luſtſpiele auch nicht zu den Kunſtwerken und den vollendeten Gedichten zahlen, ſo verdienen ſie dennoch unſre Aufmerkſamkeit und Liebe: jenes durch ſeinen tiefen Sinn, die Charakteriſtik der Perſonen und die Kraft der Szenen; die Veroneſer durch die leichte Klarheit und einen Spaß und Witz, der ſo fluchtiger und leichter Natur iſt, wie wir ihn, beſonders in der Rolle des Flink, bei Shakſpear nie wieder finden. Scherz jeder Art, wie Humor, erwarten den Sinn und das Entgegen⸗ kommen des Genießenden, am meiſten aber, wenn er ſo gar nicht mit einem Stoffe verknuͤpft iſt, und mit Situationen, die an ſich ſchon, wie in den„luſtigen Weibern“ zum Lachen auffor⸗ dern. Wer dieſen poetiſchen Sinn beſitzt, ſich am unbedeutenden Spiel zu ergoͤtzen, wird unſerm ueberſetzer danken, wo ihm die Arbeit gelungen iſt, und Nachſicht uͤben, wenn er hie und da (wohl nur ſelten), das Hriginal verdunkeit fuͤhlt. Wir haben dieſe Comoͤdie nur in der Folio, darum iſt es Stellen ſchwer, mit Sichercheit die rechte Leſeart zu inden. Timon von Athen. Ein Werk aus den reifſten Jahren des Dichters, ein tragi⸗ ſcher, tiefſinniger Nachklang des Hamlet, Macbeth, Lear. Bie tragiſche Finſterniß jener herviſch-mythiſchen Gedichte, ſenkt ſich hier in die Szenen einer nahen buͤrgerlichen Gegenwart und ver⸗ wandelt die Gewöhnlichkeit in ein furchtbares und philoſophiſches Maͤrchen. zum ſiebenten Bande. 369 Das Erlebte dieſes hier geſchilderten Menſchenhaſſes giebt dieſem unpopularen Gedichte eine eigenthuͤmliche Erhabenheit; jeder Gedanke und Ausdruck wiegt ſchwer; dieſe Praͤciſion, die abgewogene Sprache, die Seltſamkeit der Wendung, das oft Wilde in Schilderung der Leidenſchaft, macht aber auch dieſes Stuͤck zu einem der ſchwierigſten des Dichters. Wunderlich iſt es, daß die Ausleger und Editoren wenig⸗ ſtens eben ſo viel gethan haben, um den Autor zu verdunkeln, als ihn aufzuhellen. Man kann nicht genug vor ihren Verbeſ⸗ ſerungen warnen. Zu bekannten Dingen fehlen die Anmerkun⸗ gen nicht, zu zweideutigen werden Parallel-Stellen, paſſende und unpaſſende, herbei geſchleppt, die fuͤr den Liebhaber und Forſcher wenigſtens den Nutzen haben, daß mancher ſonſt nicht abzureichende Vers bekannter gemacht wird: bei den wirklich ſchwierigen Reden aber laſſen uns dieſe redſeligen Erinnerer ge⸗ wohnlich ganz der Gefahr des Verirrens Preis gegeben, ja es ſcheint oft, als wenn ſie vor vielem Erklären verlernt haͤtten, die wahren Schwierigkeiten zu ſehen. Ich erinnere daran nur, damit man ſich nicht wundre, wenn wir in der Ueberſetzung faſt niemals dieſen Emendationen gefolgt ſind. Es iſt unmoͤglich, je⸗ desmal nachzuweiſen, warum unſer Tert vom gewoͤhnlichen ab⸗ weicht; der Kenner oder Beurtheiler wird ja hoffentlich im Be⸗ ſitz einer kritiſchen Ausgabe ſeyn, die ihm wenigſtens die alten, weggeworfenen Leſearten meldet. Fuͤr dieſe Kenner, nicht Lehr⸗ linge, ſind die Noten, die er hier findet, die wenigſtens weder dem Malone, noch Steevens, oder Drake und Nares nachſpre⸗ chen. Keiner der Neuern(wie ich ſchon ſonſt geſagt habe) ver⸗ dient ſo viel Aufmerkſamkeit als Gifford, deſſen Ausgabe des B. Jonſon und Maſſinger hoͤchlich zu loben ſind, wenn ich mich gleich bewogen fuͤhle, hie und da auch von ſeinen Erklaͤrungen abzuweichen. S. 170. Dichter. Wie ein Gewand iſt unſre Poeſie, Heilſam wo man es hegt— Hier leſen die neuern Ausgaben: Our poesie is as a gum, which oozes From whence'tis nourished; Die Folio hat die Stelle ſo: Our poesie is as a gown, which uses From whence'tis nourished; Die Aenderung iſt gewaltthaͤtig und der Dichter ſagt etwas un⸗ bedeutendes, jedenfalls aber das Entgegengeſetzte von dem, was ihm der Verf. in den Mund legt. Statt: unſre Poeſie iſt wie ein Gummi, Harz, das da ausquillt, wo es im Stamm oder Baum genaͤhrt wird— alſo eine natuͤrliche, unfreiwillige Er⸗ gießung— meint dieſer Poet; ſeine Kunſt, die ſchmeichelnde des Gelegenheits-Dichters, iſt einem Gewande zu vergleichen, was demjenigen, der es beſtellt, bezahlt, nuͤtzlich iſt. Hart, gezwun⸗ gen und dunkel ausgedrückt, aber doch verſtaͤndlich. Freilich ganz 24* Anmerkungen im Widerſpruch mit dem, was er oben kurz zuvor in affectirter Begeiſtrung geaͤußert hat. Er dichtet alſo fuͤr Geld, er lobt, um belohnt zu werden. S. 171. Dichter.—„nein, ſegelt fort In weiter klarer See.“— In a wide sea of wax. Es iſt nicht noͤthig, hier an die Wachstafeln der Alten zu denken. Wax iſt hier fur das Fluſſige, Nachgebende, nicht Wi⸗ derſtrebende geſetzt. S. 179, Npemant. Laß mich hier ſtehn, Timon, an deiner Wand. Let me stay at thine apperil. Wahrſcheinlich ein ſelten gebrauchter Name fuͤr Eingang, oder Schenktiſch, oder dergleichen. Das Wort iſt mir ſonſt nicht vor⸗ gekommen. Wenn die Engländer„at thine own peril,“ auf deine eigne Gefahr verbeſſern, ſo kann ich damit nicht einſtim⸗ men. Ritſon ſagt apperil ſey noch, ſogar in London, ein ge⸗ bräuchliches Wort, erklaͤrt es aber nicht. Vielleicht bedeutet es ſo viel, als das franzoſiſche Appareil, Pomp, Aufzug. S. 182. Cupido tritt ein. Eine Maskerade und ein Tanz, welche Timon ſeinen Gaͤſten veranſtaltet hat. Er ſpielt aber ſelbſt den Erſtaunten, indem er P uͤberraſcht.„Um dem Timon ihre Liebe zu zeigen,“ tanzt eder der Anweſenden mit den Taͤnzerinnen, weil die Gaͤſte ſie als ſolche erkannt haben. Die alten Editionen haben nur ſelten ſceniſche Nachweiſungen, wo man ſie findet ſind ſie gewoͤhnlich bedeutend und erklärend, deshalb iſt dieſe Andeutung ſo einge⸗ fuͤhrt, wie ſie im Folio ſteht. Die Editoren vernachlaͤſſigen ſie oft oder erfinden zuweilen unnöthige; dieſe haben ſie aber auch woͤrtlich aufgenommen. S. 197. Flam. Hat noch in ſ Stunde Timons Mahl. Hier hat der Ueberſetzer auch die Leſeart der Editoren: anto this honr, vorgezogen; die Folio hat unto his honour- S. 150. Fremd.—„iſt jedes Schmeichlers Witz— sport, die alte Leſeart; die neuere spirit. 1. Fremd. Daß ihm die groͤße Häͤlfte wiederkehrte And che best half should have return'd io him. Sch haͤtte mein Eigenthum von mir gethan, und die beſte Hälfte wäre mir fuͤr Timon dann zuruckgekehrt. Returnd kann hier keine Schwierigkeit machen, wenn der Gedanke gleich gezwungen ausgedruͤckt iſt. S. 200. Semp.— Die Freunde ſind wie Aerzte Beſchenkt, und laſſen ihn;z ich ſoll ihn heilen 7 Dieſe und die vorige Stelle haben viele unnutze Noten der Eng⸗ länder veranlaßt.— — His friends, like physicians, Thrive, give him over, Must I take the enre upon me? 3 zum ſiebenten Bande. Hier iſt eigentlich gar keine Schwierigkelt, wenn man den Gegenſatz und die Bitterkeit, die in ihm liegt, richtig faßt: Muͤſſen jene, wie Aerzte thun, reich werden und ihn aufgeben! und ich ſoll ihn kuriren?! Steevens hat dieſe Stelle auch ſchon ganz richtig erklaͤrt. Diener.„Der Teufel wußte nicht, was er that,“ u. ſ. w. The devil Knew not, what he did, when he made men po- litick; he cross'd himself PV it; and I cannot think, hut, in the end, the villainies of man will Ket him clear.— Nicht den Teufel, ſondern den Menſchen. Ritſons Erklaͤrung iſt hier die einzig richtige: der Teufel iſt ein Thor, daß er den Menſchen ſo politiſch macht, er wird ſeinem eignen Lehrer dadurch zu klug, und macht ſich von ihm frei.— Doch ſcheint Ritſon nicht bie ganze Bitterkeit aufgefaßt zu haben, indem der Diener ſagen will, daß der Menſch auf dieſem Klugheits-Wege der Scheinhei⸗ ligkeit auch den Teufel in Luͤge und Heuchelei noch uͤberbietet. S. 204. So haut mich nieder:— bi11, Rechnung, und zugleich Hellebarde; wie in as Jon like it und an andern Orten. S. 216. Dieſer Monolog Timons iſt, wegen der Fuͤlle tie⸗ fer Gedanken, die mit wunderbarer Kuͤrze ausgedrückt ſind, eine der ſchwerſten Stellen in Shakſp. Poeſien. Der Dichter ſetzt voraus, daß Leſer und Zuhoͤrer ganz auf ſeinem Standpunkt ſich befinden, um ſeinen Gedanken folgen zu koͤnnen. Der verſtaͤn⸗ dige Schauſpieler konnte durch ſeinen Vortrag und durch richti⸗ gen Accent dem Zuhoͤrer mehr, als das gedruckte Buch, erklaͤren. Timon hebt mit einer Verfluchung an, die Sonne ſoll Gift erzeugen;— unmittelbar, ohne Uebergang, knüpft er die Schil⸗ derung der Verworfenheit der Menſchen an dieſe Anrufung, be⸗ ſonders ſchmaͤht er den Eigennutz und die blinde Verehrung, die dem Reichthum gezollt wird. Auch der Eigennutz, der Reich⸗ thum fuͤhlt ſich nur wahrhaft gluͤcklich, wenn er den Aermern ſchmaͤhen und verhoͤhnen darf. Dieß findet ſelbſt bei Zwillingen ſtatt. Der Vornehme, welcher geſtuͤrzt wird, iſt wie ein gebor⸗ ner Bettler, der Bettler, wenn er reich wird, wie ein Vorneh⸗ mer angeſehn, dem ſeine Wuͤrde ſchon angeſtammt war. Hebe dieſen Bettler, und verſag's dem Lord,— Raise me this beggar, and denV't that lord naͤmlich die Erhebung, ungrammatiſch, aber doch verſtaͤndlich, nuy die Emendation Warbuntons denude iſt darum uͤber⸗ u ſi 8 Folgt angeerbte Schmach dem Senatoren, Dem Bektler eingeborne Ehre. Beſitzthum ſchwellt des Bruders Seiten auf, Der Mangel zeugt den Abfall. Timon kommt hier auf die Zwillinge zuruͤck, oder auf die Bruͤder, die ungleich geerbt haben, poder arm und reich find. It is the pasture lards the brother's sides, Anmerkungen Dieſes Spicken, 10 lard, welches ſo oft vorkommt, war damals nicht unedel, ſelbſt„von mit Blumen geſchmuͤckt“, Kraͤnze u. ſ. w. wird larding gebraucht, auch in der Tragoͤdie; hier iſt zugleich ein halbes Wortſpiel mit lards und lords. The want that makes him 1eave, wofuͤr die Neueren lean leſenz ich glaube nicht, daß hier ein Gegenſatz zwiſchen lards und lean ſtatt finden ſoll, ſondern der Mangel, ſagt Timon, iſt es, welcher verurſacht, daß man den Armen verlaͤßt, von ihm abfaͤllt.— Nimmt man die Folge der Gedanken ſo, ſo wird alles natuͤrlich, iſt gleich die Sprache geſucht und ſeltſam. Die Anmerkungen, die ſich hier draͤngen, ſind dann ziemlich uͤberfluſſig, denn ſie verwirren mehr, als ſie auftlaͤren. S. 217.— dieſer fuͤhrt Der uͤberjaͤhrigen Wittwe ꝛc.— Wer dieſe Stelle mit dem Hriginal vergleicht, wird von ſelbſt finden, welchen Erklärungen der Ueberſetzer gefolgt iſt. S. 224.—„Du wuͤrd'ſt ein Schurke und ein Schmeichler ſeyn.“ Es iſt wohl unnoͤthig, auf die Erhabenheit dieſer Rede auf⸗ merkſam zu machen. S. 26. Apem.„Könnteſt du mir durch Reden gefal⸗ len“— Apemantus hat das Sublime in Timons Rede nicht ge⸗ faßt, er behandelt ihn wie einen unreifen Schuͤler, der gern ein Philoſoph ſeines Schlages werden moͤchte. 230. Dimon.— Ich bekenn' es, Ein Menſch iſt redlich,— hoͤrt ich recht,— nnrEinerz NRicht mehr, verſteht,— und der iſt Hausverwalter. Dieſe ſonderbare Stelle, wo durch die Pauſen und Accente die Aufmerkſamkeit ſo geſteigert wird, muß im Deutſchen nur lahm und ohnmaͤchtig ſcheinen. I do proclaime One honest man,— mistake me not,— but one; 2 No more, I pray,— and he is a steward. Eine wunderbare Schmeichelei fuͤr den Koͤnig Jacob, den Stuart. Es ſcheint, daß die Englaͤnder dieſe Abſicht des Dich⸗ ters nicht gefaßt haben. S. A1. „ Soldat.— Dieß leſ' ein Thier.— Some poast rea d ihis.— Ausdruck des unwillens; er ſieht das Grab, erkennt es als ſolches, ſieht die Inſchrift, kann nicht leſen, forſcht nach einem Menſchen, doch keiner zeigt ſich in der Einſamkeit und er ruft aus: dieß mag ein Thier leſen! Darum iſt es nicht nur uberfluͤſſig, ſondern lächerlich ſtatt read— reard zu leſen: ein Thier hat dieß hier aufgeworfenz das Grabmahl! zum ſiebenten Bande. 373 Droilus und Creſſida. Dieſe heroiſche Comoͤdie, dieſe tragiſche Parodie iſt unter al⸗ len Werken Shakſpears gewiß das ſeltſamſte. Es ſcheint auch von jeher am wenigſten begriffen worden zu ſeyn, wie das Stuͤck denn auch, nach einer proſaiſchen Vorrede der Quart⸗Ausgabe, welche 1609 erſchien, nicht im Globus, dem großen Sommer⸗ theater, geſpielt wurde; ich vermuthe, daß es ſelbſt auf dem klei⸗ neren Wintertheater in Black Friars nicht iſt gegeben worden. Im Palaſte eines Großen, fuͤr den es wohl eigen gedichtet war, wurde es dargeſtellt; nach meiner Vermuthung fuͤr den Koͤnig ſelbſt, der, ſo ſchwach er war, ſo verächtlich er ſich zuweilen zei⸗ gen mochte, und ſo pedantiſch ſeine Weisheit und ſo kurzſichtig ſeine Politik erſchien, doch einen gewiſſen feineren Sinn fuͤr Poe⸗ ſie, Witz und Scharfſinn haben mußte, als die Geſchichtſchreiber ſeines Staatslebens ihm zugeſtehn wollen. Sey es alſo der Koͤ⸗ nig, oder ein Vornehmer, den wir nicht zu nennen wiſſen, genug, fur dieſen zunaͤchſt und nicht fuͤr das Publikum, dichtete Shak⸗ ſpear dieſes wunderſame Luſtſpiel. Hat er in den meiſten ſeiner Werke ſeine reiche, gewandte und gewaltſame Sprache dem Ge⸗ genſtande und den Gedanken untergeordnet, iſt im Unterbrochenen, Widerſpenſtigen, Widerſprechenden auch fuͤr den Kenner die Schoͤnheit ſeines Styles zu finden, ſo hat er hier Vers und Sprache, wie ſonſt nie wieder, recht eigentlich con amore bear⸗ beitet, er ſchwelgt im Witz und der Antitheſe, er fühlt ſich be⸗ haglich in ſeiner vollendeten Virtuoſitat. Der Gegenſtand, der trojaniſche Krieg, um eine treuloſe ſchoͤne Frau gefuͤhrt, iſt Volks⸗Muythus, und eben ſowohl ols Rittergedicht, alte Sage wie Luſtſpiel und Parodie behandelt. Der Leſer muß den Homer und ſeine Antiquitäten voͤllig vergeſ⸗ ſen, und ſich dem Uebermuth und der fliegenden Laune des Dich⸗ ters ganz uͤberlaſſen, der in einer ernſthaften Szene den Hector ruhig vom Ariſtoteles ſprechen läßt, der eben ſo wie Troja zum Sprichwort geworden war; denn es hieße wohl auf den Dichter hinein ſuͤndigen, wenn man annehmen wollte, dieſe Stuͤmperei, durch welche er ſich einem antiquariſchen Goͤnner veraͤchtlich ma⸗ chen konnte, ſey ſeine baare ungeſchminkte Unwiſſenheit. Troja, wie Hector und Achilles, waren wie Amadis oder Triſtan, Gemein⸗ gut. Eben ſo folgt er den modernen Sagen der Englaͤnder und der neuern Voͤlker, die, vom Virgil begeiſtert, den ſie fruͤher kannten als den Homer, vom Hector und deſſen Brüdern abſtammen wollten; dieſer iſt der edle Held, Achilles ein meineidiger, veraͤcht⸗ licher Raufer. Und ſo parodirt mit Bewußtſeyn das Gedicht die Ritterzeit, die hohe politiſche Weisheit, welche ſich ſelber uͤberſpringt, die ſcheinbare Liebe und ſelbſt das Ungluͤck, und der Chorfuͤhrer Therſites behaͤlt fur den rohen Sinn, der eben der unverwerfliche iſt, Recht und ſchlägt das edle Gefuͤhl aus dem Felde. S. 247. Prolog. Weckt Trojas Soͤhnen Kampfluſt.— 374 Anmerkungen Die alte Leſeart stärr up ihe sons of Troy— giebt einen recht guten Sinn, und die Verbeſſerung Sperr up iſt uͤberfluſſig. S. 248. Als Prologus im Harniſch. Die Kleidung des Prologs war ſchwarz, hier iſt eine Ausnahme. S. 253. Alerander.— Hector, deß Geduld Sonſt unerſchuͤtterlich, ward heut bewegt. Hector, whose patience Is, as a virtue, fixid, 10 day was movd. Die Erklärungen der Editoren ſind ungenuͤgend, die Stelle bleibt linkiſch und ſchief. Man darf vielleicht vermuthen, daß virtue irgend ein Ausdruck fuͤr Stuͤtze, Saͤule oder Strebe⸗ pfeiler war, der am Gebaͤude ſtuͤtzte. S. 260. Pandar.— ich wette, Helena tauſchte gern, und gaͤbe noch Geld in den Kauf. Nach der Folio: Helen to change wonld give money to boot;— die Quarto lieſet:; wonld give an eye to Poot— wel⸗ ches vielleicht nur Druckfehler war. S. 261. Crefſida.— und mag mein Herz auch treue Lieb' empfinden, Nie ſoll ein Blick— 2 Die Folio: That ihongh my hearts Contents firme 10v0 doth beare, die Quart: Then thongh ete.— Die Abweichung iſt unbedeutend, nur muß man beachten, daß Gontents hier Inhalt, Inbegriff iſt, nicht Freude, Ver⸗ gnugen; the content(beſſer als contents) of m7 heart doth Pear ſirm love— der umfang, die Faſſung meines Herzens, d. h. mein Herz;— ſo erklaͤrt ſchon Warburton, aber Malone weicht ohne Noth ab und lieſet: Then though my heart's content firm love etc.— Obgleich die Zufriedenheit meines Herzens treue Liebe hegt.— S. 263. ulyſſes.— Dieſe Rede, die viele Anmerkungen veranlaßt hat, iſt, gerade angeſehn und ohne Vorurtheil, ver⸗ ſtändlich genug. Ber Herrſcher hat geſprochen, ſo daß ſeine Rede in Erz ſollte aufbewahrt werden; der Greis follte durch ſein Wort die Griechen ſo feſſeln, wie die unſichtbare Axe den Him⸗ mel kräftig traͤgt— er jelbſt, der Alte, iſt ſilberweis— hatich'd in silver. Parentheſe iſt in Parentheſe, wie der Dichter es in ſeinen ſpaͤtern Schauſpielen liebt, und wie es hier den klugen ulyſſes charakteriſirt. S. 264. In Witz, Druckfehler fuͤr Je Witz, Muſik, Ora⸗ kel zu vernehmen. ulyſſes meiſterhafte, tiefſinnige Rede gehoͤrt zu dem Schoͤnſten, was uns Shakſp. oder irgend ein Dichter gegeben hat. Daß in unſern Tagen dieſe weiſen Worte wieder neue Anwendung und neues Leben erhalten, muß jeden denkenden Leſer ergreifen. Die Ausfoderung des Aeneas in dieſer Szene iſt ganz im Sinn der Ritter-Romane, und ein ſolcher war laͤngſt die Ge⸗ ſchichte von Troja geworden. So kannte ſie noch Bictys Cre⸗ zum ſiebenten Bande. 375 tenfis und Dares Phrygius, und aus den Bearbeitungen, die nach dieſen Buͤchern allgemein beliebt waren, Europa; und in dieſem Sinne dichtete Chaucer ſeinen Troilus. Homers Flias ward erſt ſpaͤter geleſen und konnte auch dann nicht den Stand⸗ punkt, den die poetiſirende Welt aus der Aeneide und den Rit⸗ tergedichten gefaßt hatte, aufgeben. S. 72. Ajar.— du abgeſtandner Klumpen Sauer⸗ teig—— Die Leſeart der Folio whinnedst fuͤr vinewd'st(abgeſtanden, in Schimmel uͤbergegangen) iſt dem unsalted der Quart⸗Ausg. vorzuziehen. Nach einem abgeſtandenen Sauerteig geht das Brod nicht mehr auf, bekommt keine Form; dieſe Unbrauchbar⸗ keit wirft Ajar dem Therſites vor; der Dichter hat wohl ſelbſt die fruͤhere Leſeart verbeſſert. S. 275. Therſites. Ich muß Friede halten, wenn's Achill's Troddel verlangt. — Brooch, eine Troddel, eine Schleife von Juwelen, eine bloße Schleife, ein Abzeichen, das man vorn am Hute trug.— Die umaͤnderung des Wortes in brack, Bracke, Petze, Hund, iſt unnoͤthig und uͤberfluͤſſtg. Der huͤbſche Patroclus iſt nur ein ſolches Anhaͤngſel des Achill. Dabei will er das Wort noch zwei⸗ deutig, in einem obſcoͤnen Sinne gebrauchen. S. 278. Hector. und thoͤricht ſchwaͤrmt der Wille, der ſich neigt— Der Folio inclinable iſt offenbar beſſer als das attribn⸗ tive der Quart-Ausgaben. Troilus.— noch werfen wir veraͤchtlich Die uͤbrigbliebnen Speiſen durch einander— nor the remainder viands We do not throw in unrespective s ame ſo lieſt die Folio; die Speiſen, die uͤbrig blieben, werden nicht von uns alle durch einander geſchuͤttet,— das bedeutet same, sieve iſt unnoͤthig. S. 280. Hector. Die Ariſtoteles unfaͤhig hielt Zum Studium der Moralphiloſophie. Behaͤlt man im Auge, daß der hier geſchilderte Troja⸗Krieg keiner Zeit angehoͤrt und in keinem beſtimmten Lande vorfällt, ſondern nur ein luftgewebtes Gedicht iſt, ſo kann dieſer Anachro⸗ nismus ſo wenig auffallen, wie die unzaͤhligen, die wir bei Cal⸗ deron oder Lope finden. Die Dichter ſelbſt der Unwiſſenheit be⸗ ſchuldigen wollen, heißt zu eilig die wohlfeile neuere antiquariſche Kenntniß hoͤher anſchlagen, als ſie bei den meiſten werth iſt. Dergleichen kann auch, wenn er Werth darauf legt, der ſchwaͤchſte Stuͤmper vermeiden. Wie wenige kennen dagegen wahrhaft das wirklich homeriſche, oder trojaniſche Zeitalter. S. 284. Agamemn. Wir ſchickten unſre Boten— We send our messengers— ſtatt He shent our m.— S. 289. ülyſſ.— Ja, guter Sohn.— VII. 25 Anmerkungen Es iſt veſſer mit der Folio dieſe Worte dem ulyſſes als dem Ne⸗ ſtor zu geben. S. 292. Hel. Ihr durft nicht fragen, wo er zur Nacht ſpeiſt— Nach der Quart und Folio umgeaͤndert; die neuern Edi⸗ toren haben hier das Richtige verfehlt. S. 299. Creſſida. O wo blieb mein Sinn?— Dieſe Rede iſt nach der Folio geordnet. S. 301. Pand. Sagt Amen!— So war nun wirklich Troilus ſpruͤchwoͤrtlich der Name eines treuen Geliebten, Creſſida einer Ungetreuen geworden, und Pandarus, pandar, ſteht noch immer in der engliſchen Sprache fur einen Kuppler. Aber ſchon ſeit Chaucer. Calchas.— dem Liebesgott mein Eigenthum.— Love die alte Leſeart, ſtatt Jove, welches die Editoren erſt ein⸗ gefuͤhrt haben.— Er hat voraus geſehn, daß durch die Liebe Troja zu Grunde gehen wird. S. 305. uthſſes.—— Wie der zum Saal der launigen Fortuna kriecht, Wenn der vor ihren Augen muͤßig ſpielt den Narr'n! Wie der ſich in den Ruhm einſchwelgt des Andern, Wenn jener macht den Muͤſſiggang zum Schmaus!— Die Editoren haben dieſe nachdenklichen Verſe nicht genug ge⸗ wuͤrdigt.. How some men creep in skittish fortune's hall, While others play the idiots in her eyes! How one man eats into onothers pride, While pride is feasting in his wantonness! Manche Menſchen gehoͤren gar nicht in die Halle der For⸗ tuna, dieſe ſchleichen kriechend hinein, und ſind und bleiben nun darinz ſo iſt Ajar, der durch einen unziemenden Zufall, durch etwas, das ihn nicht eigentlich ehren kann, jetzt ſo hoch erhoben wird; indeſſen andere, wie Achilles, gleich Bloͤdſinnigen, ſich darin gefallen, vor der Fortuna ſelbſt, in ihrer Halle, in wel⸗ cher ſie ſich ſchon befinden, und in welche ſie gehoͤren, mit kindi⸗ ſchem Muͤſſiggang die Zeit zu verderben, und deshalb die Gunſt der Fortuna nicht annehmen. In dieſen Stolz des Thoͤrichten ißt ſich jener, erſt Unbeachtete hinein, waͤhrend der Stolz ſelbſt einen Schmaus an ſeinem Muͤſſiggange haͤlt. Die Englaͤnder haben in der letzten Zeile ſtatt Leasring— kasting— geſetzt; indeß der Stolz in ſeinem Muͤſſiggang, in ſeiner Thorheit faſtet: wo⸗ durch der Sinn verdunkelt und der eigentliche Gegenſatz, welchen der Dichter beabſichtigt, aufgehoben wirdz die Folio hat auch hier, wie faſt immer, das Beſſere⸗ S. 307. Patroclus. Sey er zu luft'gem Nichts zer⸗ ſchuͤttelt.— Die ſchoͤne Leſeart: be shook to airy air— wird von den Eng⸗ ländern verſchmaht, weil der eingebildete Vers dann einen Fuß mehr erhaͤlt. — zum ſiebenten Bande. 377 S. 313. Diomed. Hat einer mehr Gewicht, iſt's um 'ne Metze. But he as he, the heavier for a Whore.— W hich heavier for a whore— tieſt die Folio, beſſer; der iſt ſchwerer, der die Hure hat, um dieſe iſt alſo Paris jetzt ſchwerer. Diomed.— Man ruͤhmt nicht, was man nicht verkaufen will— Nach Warburtons Leſeart: We'l not commend What We intend not(ſt. t0) sell.— S. 314.— Troilus.— wie Hoͤlle ſcheußlich— hideous1y. wie die Folio hat ſt. tedionsly. S. 321. Diomed.— Das Siegel meiner Bitte nicht zu achten;— nach der Folio, die seal ſt. 2e41 lieſt. S. 337. ulyſſ.— Ihr ſeyd dem Wahnſinn nah.— Nach der Folio, welche distraction und nicht destru⸗ ction hat. S. 340. Hier iſt die wunderbare Stelle vom Ueberſetzer zwiefach, nach einer doppelten Leſeart gegeben.— Die Folio nimmt das Gleichniß von einem Staate, der in buͤrgerlichem Aufruhr aufgeloͤßt iſt, wo Maaß und Ordnung nicht mehr gelten, und die Einheit nicht mehr Einheit ſeyn ſoll. Wo die Beſſeren ſich erniedrigen, ohne etwas zu verlieren, wie ſie waͤhnen, und wo der Niedere, ſelbſt ohne etwas Unnatuͤrliches zu thun, ſich des Hoͤheren bemeiſtert. Die Quart hat faſt denſelben Sinn, druckt es aber mehr moraliſch aus. Dieſe Verſe ſind in beiden Ausgaben ſehr inhaltreich und wollen ſehr erwogen ſeyn. Die Engländer ſcheinen den tiefen Sinn, der ſich weitläufig kommen⸗ tiren ließe, nicht ganz gefaßt zu haben. S. 343. Andromache. O laß dir rathen— u. ſ. w.— Hier iſt der Ueberſetzer mit Recht der Quart-Ausgabe gefolgt, denn die Folio hat hier einen Zuſatz, den man nie deutlich wird entwickeln koͤnnen, wenn man auch zu Verbeſſerungen und kuͤnſt⸗ lichen Erklaͤrungen ſeine Zuflucht nimmt, ſie giebt: O be persuadad, do not count it holy, To hurt by being just: it is as lawfull: For we wonld count give much to as violent thefts, And rob in the behalf of charity. Den dritten Vers leſen die Editoren: For we wonld givé much, to use violent thefts,— gewaltſam geaͤndert, ohne wahren Gewinn. Als ich einſah, daß ich es mit meiner Zeit nicht vereinigen konnte, die leberſetzung Shakfpears ſelbſt fortzuſetzen, vereinigte ich mich mit einigen gepruͤften Freunden, die den Dichter laͤngſt kannten, ihn ſtudiert hatten und mit mir in Verbindung die Ge⸗ dichte ſeibſt, ſo wie die Uebertragung, genau und ſorgfaͤltig durch⸗ 25* ——— 378 Anmerkungen zum ſiebenten Bande. gingen. Dieß iſt mit jedem Stuͤcke ſo geſchehn, daß es mir ſcheint, ich habe an Zeit eben nichts geſpart, ſondern nur das gewonnen, daß dieſe Pruͤfungen in feſter Ordnung in gewiſſen Stunden geſchahen, und ſo die Umaͤnderung und Verbeſſerung der Uebertragung vorruckte, die allerdings auf dieſem Wege Man⸗ ches, nach umſtaͤnden mehr und minder von mir erhalten hat. Die Ueberſetzung ſelbſt aber der meiſten Stucke ruͤhrt von meinem Freunde, dem Grafen Wolf von Baudiſſin her, der ſich ſeit Jah⸗ ren faſt ausſchließlich mit dem Studium Shakſpears beſchäftigt hat. Er iſt alſo nicht etwa ein junger Anfaͤnger, ſondern ein Kenner des Dichters und der Sprache. Schon im Jahre 1818 gab er eine ueberſetzung Heinrichs VII. mit ſeinem Namen her⸗ aus, die ich, mit Veraͤnderung von meiner Hand, in dieſe Fort⸗ ſetzung der Schlegelſchen Herausgabe Shakſpears aufgenommen habe. Von ihm iſt ebenfalls die Ueberſetzung des Troilus, wahr⸗ haft con amore uͤbertragen, Maaß fuͤr Maaß, die Widerſpen⸗ ſtige, wo die Sprache leicht und zierlich, der Irrungen, wo dem ueberſetzer die Anmuth und der Spaß vorzuͤglich gelungen ſind, Ende gut, Titus Andronikus, Viel Laͤrmen um Nichts und An⸗ tonius und Cleopatra. Der billige Kritiker, der Kenner des Dichters iſt und dieſen ſtudiert hat, wird ohne meine Lobpreiſung ſehn, wie viel in dieſen Arbeiten geleiſtet worden iſt, was nament⸗ lich fuͤr den hoͤchſt ſchwierigen Troilus und Antonius gethan iſt. Die Leichtigkeit der Irrungen iſt gluͤcklich dem Hriginal nachge⸗ ſpielt. Fertig ſind von dieſem fleißigen und genauen Ueberſetzer die luſtigen Weiber, Othello und Legr. Ein anderer Ueberſetzer, der ſich nicht nennen will, hat mit meiner Huͤlfe den Coriolan uͤbertragen; eine ſchwierige Aufgabe; der männliche Ton, die Kraft des Ausdrucks ſcheint mir wuͤrdig nachgeahmt; Timon(die ſchwere heftige Sprache iſt nicht ohne Gluͤck wieder gegeben), die Veroneſer, auch hat dieſer das Wintermaͤr⸗ chen wie den Cymbelin vollendet. Dieſer hatte ebenfalls mit gro⸗ ßem Fleiß Viel Lärmen und die Widerſpenſtige uͤberſetzt: die ge⸗ lungenen Stellen ſind aufgenommen worden. Als Kritiker moͤchte ich dieſe Arbeiten loben, und indem manches von mir herruͤhrt, muß ich die beiden Freunde ohne Kritik entlaſſen, denn die Sache muß fuͤr ſich ſelbſt ſprechen. Daß die Arbeit nicht fluͤchtig und leicht⸗ ſinnig, nicht ohne Kenntniß der Sprache und des Dichters, ſon⸗ dern im Gegentheil mit unermuͤdlichem Fleiß, mit eriſtem Be⸗ ſtreben unternommen und ausgefuͤhrt iſt, das wenigſtens kann ich bezeugen. Dieſer Fleiß macht es moͤglich, daß bald nach die⸗ ſem ſiebenten Theile der achte erſcheinen Fann, der die luſtigen Weiber, das Wintermaäͤrchen, Othello güd Cymbelin enthalten wird. Zu Oſtern erſcheint dann der Ktzte Theil, mit welchem das Werk beſchloſſen iſt, und welcher Romeo, Macbeth, der Liebe Muͤh und den Lear enthaͤlt; die beiden letzten Schauſpiele wer⸗ den ebenfalls vom Grafen W. v. Baudiſſin übertragen. L. Tieck. 6 ſſſiſiſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 . 9 8 † S 7 — 6 — 8 3 — 3