zſiſchet Literatur Se 6dnard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. eih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden 7 Uhr bis Abends 8 lhr offen. 3* 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe . pigterlegen„welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 82 Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für nheutlic 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. Auswärtige Konhenten haben für Hin- und Zurückſendung ag von Morgens er Büchet auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ₰ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ borene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 e feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Shakspeare 8 ranatiſche Verke S Uueberſetzt Auguſt Wilhelm von Schlegel, ergaͤnzt und erläutert — Ludwig Tieck. Sechster Theil. Titus Andronicus. Hamlet, Prinz von Dänemark. Der Widerſpenſtigen Zähmung. Die Comödie der Irrungen. Berlin, bey G. Reimer. 1 3 1. — — — — = — — — — S — 6 7 Per. ſonen. Saturninu s, Sohn des letzten römiſchen Kaiſers, ſpäterhir ſelbſt Kaiſer.* Baſſianus„deſſen Bruder, Liebhaber der Lavinia. Titus Andronicu s, ein edler Römer, und Heerfuͤhrer wider die Gothen. Marcus Androni cus, Volkstribun, des Titus Bruder. Lucius,. Wi Söhne des Titus Andronicus. Mutius, Der jüngere Luciu s, Lucius Sohn, Titus Enkel. ublius, Sohn des Marcus Andronicus. Lemilius, römiſcher Patricier. Alarbus, Chiron, Söhne der Tamora. Demetrius, Aaron, ein Mohr, Tamoras Geliebter. Ein Hauptmann. Ein Tribun. Ein Bote. Ein Bauer.. Tamora, Königin der Gothen. Lavinia, Tochter des Titus Andronicus. Eine Wärterin. Ein Mohrenkind. Senatoren, Tribunen, Gerichtsdiener, Kriegsleute und andres Gefolge. Die Szene: Rom, und die umliegende Gegend. ——— E r ſt enr A ufzug. 2 Erſte Szene. Rom. Vor dem Capitol. (Trompetenſtoß. s erſcheinen oben auf der Bühne Senatoren und Tribunen, wie zur Verſammlung; dann von der einen Seite Saturninus mit ſeinem Gefolge, von der andern Baſſianus mit dem ſeinigen. Trommeln und Fahnem) Saturninus. Edle Patricier, Schirmer meines Rechts, Vertheidigt meinen Anſpruch mit dem Schwerdt; Und Ihr, Mitbuͤrger, Freunde werth und treu, Werbt mit den Waffen um mein erblich Recht. Ich bin deß Erſigebor'ner, den zuletzt Geſchmuͤckt Rom's kaiſerliches Diadem: So folge mir des Vaters Wuͤrde nach, Kraͤnkt meinen Vorrang nicht durch dieſe Schmach. Baſſ. Roͤmer, Gefaͤhrten, Foͤrdrer meines Rechts! Wenn je zuvor Baſſianus, Caͤſar's Sohn, Rom's koͤniglichem Auge wohl gefiel, Beſetzt den Zugang hier zum Capitol, Und duldet nicht, daß Unwerth duͤrfe nah'n Dem Kaiſerſitz, der Tugend ſtets geweiht, Dem Recht, der Maͤßigung, dem Edelimuth; Laßt Stimmenmehrheit das Verdienſt erhoͤhn, Und, Roͤmer! Kaͤmpft fuͤr Freiheit Eurer Wahl!— (Marc us Andronicus oben auf der Bühne, mit der Krone.) Marc. Ihr Prinzen, die durch Anhang und Parthein Chrgeizig ſtrebt nach Herrſchaft und Gewalt: Es gruͤßt das roͤm'ſche Volk, fuͤr das wir ſtehn 1 * 4 Titus Andronicus. Mit unſern Freunden, durch einmuͤth'gen Ruf Nach ſeinem Wahlrecht, als des Reiches Fuͤrſt Andronicus, der Fromme zubenamt Fuͤr ſein vielfach und groß Verdienſt um Rom.— in beßrer Krieger, ein getreu'rer Mann Lebt nicht zu dieſer Stund' in unſrer Stadt: Er iſt zuruͤck berufen vom Senat Aus heißem Kampf mit den barbar'ſchen Gothen: Er mit den Soͤhnen, unſter Feinde Schreck, Bezwang dieß ſtarke kriegsgewohnte Volk. Zehn Jahre ſind es nun, ſeit er zuerſt Nom's Sache fuͤhrt', und ſtrafte mit dem Schwerdt Der Feinde Hochmuth: fuͤnfmal kehrt' er heim Blurig, nach Rom, die tapfern Soͤhne fuͤhrend Auf Bahren aus dem Feld: Und nun zuletzt, geſchmuckt mit Ruhmstrophaͤen, Zieht dieſer wackre Titus heim gen Rom, Andronicus, der edle Waffenheld. Wir bitten Euch, bei ſeines Namens Glanz, Den Ihr fuͤr wuͤrdig achtet Eures Throns, Und den Ihr im Senat und Capitol Zu ehren denkt, und vor ihm hinzuknie'n,— Entfernt Euch jetzt, entſagt der Uebermacht, Schickt heim die Freund', und wie's Bewerbern ziemt, Verfolgt in Fried' und Demuth Eu'r Geſuch. Sat. Wie ſchoͤn ſpricht, mich zu ſaͤnft'gen, der Tribun! Baſſ. Marcus Andronicus, ich trau ſo ſehr Auf deinen unbeſtechbar graden Sinn; Dich und die Deinen ehr' und lieb' ich ſo, Den edlen Bruder Titus, ſeine Soͤhne, Und ſie, der unſer Sinn in Demuth neigt, Die reizende Lavinia, Zierde Rom's,— Daß ich heimſende meiner Treuen Schaar Und meinem Gluͤck und unſtes Volkes Gunſt Vertrau'n will zur Entſcheidung mein Geſuch. (Die Soldaten des Baſſianus gehn ab.) Sat. Freunde, die ſo bereit mein Recht geſchirmt, Ich dank' Euch all' und all' entlaſſ' ich Euch Und meines Vaterlandes Lieb⸗ und Gunſt Vertrau' ich hier mich ſelbſt und mein Geſuch.— Rom, ſey gerecht, und ſo gewogen mir, ⸗ Sz2. TDitus Andronicus. 5 Als ich mit vollem Zutraun neige dir: Heffnet das Thor, und laßt mich ein! Baſſ. Auch mich, Tribunen, mit beſcheid'nem Flehn! (Ale gehn in das Senatsgebäude.) Zweite Szene. Daſelbſt. (Ein Hauptmann tritt auf.) Sauptmann. Roͤmer, macht Platz! Andronicus, der Held, Der Tugend Vorbild, ftaͤrkſter Kaͤmpfer Rom's, Sieger in allen Schlachten die er focht, Iſt heimgekehrt an Gluͤck und Ehre reich, Von wo er unterwarf mit ſeinem Schwerdt Die Feinde Rom's, und unters Joch gefuͤhrt. (Trommeln und Trompeten. Dann treten auf Mutius und Marcus: nach ihnen zwei Männer, die einen ſchwarzverhäng⸗ ten Sarg tragen: hierauf Quintus und Lucius. Dann folgt Titus Andronicus: nach ihm Tamora mit Alarbus, Chiron, Demetrius und andern gothiſchen Gefangnen, Soldaten und Gefolge. Der Sarg wird niedergeſetzt und Titus ſpricht:) Tit. Heil dir, o Rom! Siegprang' im Trauerkleid! Sieh, wie das Schiff, das ablud ſeine Fracht, Mit theurer Ladung heim zum Hafen kehrt, Wo es zuerſt die Anker lichtete,— So kommt Andronicus, im Lorbeerkranz, Mit Thranen gruͤßt er ſeine Heimath neu; Mit Thraͤnen, wahrer Luſt des Wiederſehns— Du großer Schirmherr dieſes Capitols, Sieh gnaͤdig auf des heil'gen Opfers Brauch! Von funf und zwanzig tapfern Soͤhnen, Rom, Hälfte der Zahl von Koͤnig Priam's Stamm, Schau hier den armen Reſt, lebend und todt!— Mit Lieb' empfange Rom Euch Lebende; Euch Todten, die zur letzten Ruhſtatt gehn, Schenk' es ein Grab in ihrer Ahnen Gruft: * 6 Titus Andronicus. A. I. Hier goͤnnt der Goth' erſt Ruhe meinem Schwerdt. Titus, unliebend, ſorglos fuͤr dein Blut, Was duldſt du, daß noch grablos dein Geſchlecht Umſchweben muß des Styr graunvollen Strand? Geh, bette ſie bei ihren Bruͤdern hin!— Das Grab wird geöffnet.) Dort gruͤßt Euch ſchweigend, wie's der Todten Brauch; Schlaft friedlich, die Ihr ſtarbt fuͤrs Vaterland!— O meiner Kinder heiliges Gewoͤlb, Geliebtes Wohnhaus echten Edelſinns, Wie manchen Sohn haſt du mir ſchon entrafft, Und haͤltſt ihn ewig hier in finſtrer Haft!— Luc. Gieb der gefangnen Gothen ſtolzeſten, Daß wir, die Glieder ſtuͤmmelnd, ſeinen Leib Ad manes fratrum opfern in der Glut, 36 Vor dieſem ird'ſchen Kerker ihres Staubs!— Auf daß nicht ungeſuͤhnt ihr Schatten ſey, Noch uns bedraͤu' auf Erden ihr Geſpenſt! Tit. Ich geb' ihn Euch, der Feinde trefflichſten; Den Erſtgebornen dieſer Koͤnigin.— Tam. Halt, rom'ſche Bruͤder! Gnadenreicher Held, Siegreicher Titus, ſieh die Thraͤnenfluth Die einer Mutter Gram dem Sohne weint! Und liebteſt du jemals die Soͤhne dein, Ach denk, was muß ein Sohn der Mutter ſebü Genuͤgt dir's nicht, daß man nach Rom uns fuͤhrte, Als deines Einzugs und Triumphes Schmuck, Gefangne dir, und deinem Noͤmer⸗Joch? Mußt du den Sohn noch ſchlachten auf dem Markt, Weil er fuͤrs Vaterland mit Muth gekaͤmpft? O, duͤnkt der Streit fuͤr Koͤnig und fuͤr Volk Euch fromme Pflicht, ſo iſt er's dieſem auch; Titus, beflecke nicht dein Grab mit Blut; Und willſt dn der Natur der Goͤtter nah'n, Nah' ihnen denn, indem du Gnade uͤbſt, Denn gnaͤdig ſeyn giebt echten Adel kund. O ſchone, Titus, meinen aͤltſten Sohn!— Tit. Ergieb dich, Fuͤrſtin, faß dich in Geduld.— Hier ſtehn die Bruͤder derer, die dein Volk Lebend und todt ſah: den Erſchlagenen heiſcht Ein Todtenopfer frommes Pflichtgefuͤhl; Dem iſt dein Sohn beſtimmt: ſein Tod verſoͤhnt Der heimgegangnen Schatten Klageruf. X Sz. 2. Titus Andronicus. 7 Luc. Hinweg mit ihm! Ein Feuer zuͤndet ſchnell; Auf einem Holzſtoß laßt uns mit dem Schwerdt Die Glieder ihm zerhau'n bis ſie verbrannt. (Mutius, Marcus, Quintus und Lucius gehn mit Alarbus ab.) Tam. O grauſer, gottverhaßter Todtenbrauch!— Chir. War Scythien halb ſo blutig je geſinnt? Dem. Vergleiche Scythien nicht dem ſtolzen Rom! Alarbus geht zur Ruh, wir leben noch, Und zittern vor des Titus zorn'gem Blick. So faßt Euch, Mutter, aber hofft zugleich, Derſelbe Gott, der Trojas Koͤnigin Gelegenheit zu bittrer Rache gab, An Thraciens Wuͤthrich in dem eignen Zelt,— Goͤnnt Tamora, der Gothenkoͤnigin, (Wenn Gothen Gothen, Ihr die Koͤnigin!—) Daß ſie die Blutſchuld tilgt an ihrem Feind. (Lucius, Quintus, Marcus und Mutius kommen zurück.) Luc. Seht, Herr und Vater, treu beſolgten wir Den roͤm'ſchen Brauch: Alarbus ward zerſtuͤckt, Sein Eingeweide naͤhrt die Opfergluth, Daß Dampf, dem Weihrauch gleich, die Luft durchwuͤrzt. Nun fehlt nur noch, die Bruͤder zu beſtatten, Und hier in Rom der laute Freundesgruß. Tit. Alſo geſcheh' es, und Andronicus Sagt ihrem Geiſt ſein letztes Lebewohl. (Trompetenſtoß, die Särge werden in die Gruft geſtellt.) Schlaft meine Soͤhne hier in Fried' und Ruhm! Rom's muthigſte Vertheid'ger, ruht allhier, Geſchirmt vor Leid und Wechſel dieſer Welt! Hier lauert kein Verrath, hier ſchwillt kein Neid, Waͤchſt kein verhaßter Zwiſt; kein Sturm fuͤr Euch, Kein Laͤrm: nur Schweigen und ein ew'ger Schlaf; In Fried' und Ruhm liegt meine Soͤhne hier!— (Lavinia tritt auf.) Lav. In Fried' und Ruhm, Held Titus, lebt noch lang!— Mein theurer Vater, fuͤr die Ehre lebt! An dieſem Grab bring ich der Thraͤnen Zoll 8 Titus Andronicus. A. I. Den Bruͤdern dar, als letzte Huldigung:— Und weine knieend dir zu Fuͤßen auch Der Freude Thraͤnen, weil du heimgekehrt. O ſegne mich mit deiner Siegerhand, Die Beſten Rom's erfreu'n ſich ihrer That. Tit. O gut'ges Rom, das liebreich aufbewahrt Die Staͤrkung meines Alters, mir zum Troſt! Lavinia, uͤberleb' als Preis der Tugend Den Vater in des Nachruhms ew'ger Jugend! Mare. Lang' lebe Titus, mein geliebter Bruder, Als hohen Triumphator grußt ihn Rom. Tit. Dank, mein Tribun, mein edler Bruder Marcus. Marc. Willkommen Neffen, aus glorreicher Schlacht, Ihr die noch lebt, und Ihr die ſchlaft in Ruhm. Ihr Tapfern, die fuͤr Eures Landes Wohl Das Schwerdt gezuckt,— Eu'r Loos iſt voͤllig gleich! Doch ſichrern Glanz beut dieſer Leichenpomp, Der das erreicht, was Solon Gluͤck genannt, Und das Geſchick im Bett des Ruhms beſiegt.— Titus Andronicus, das roͤm'ſche Volk Deß Freund du warſt von je nach ſtrengem Recht) Schickt dir durch mich, als Anwald und Tribun, Dieß weiße Kleid von unbeflecktem Glan Und nennt fuͤr dieſes Reiches Kaiſerwahl Dich nebſt den Soͤhnen unſres letzten Herrn. Sey Candidatus dann, und leg' es an, Und hilf zum Haupte dem hauptloſen Rom. Tit. Ein beßres Haupt gebuͤhrt ſo edlem Leib Als meins, das laͤngſt von Schwaͤch' und Alter wankt. Wie traͤa' ich dieß Gewand Euch zur Beſchwer? Ihr waͤhltet heut mit lautem Beifall mich, Und morgen gaͤb' ich Kron' und Leben auf, Und ſchafft Euch allen neue Sorg' und Noth! Ich war dein Krieger, Rom, an vierzig Jahr, Und fuͤhrte meines Volkes Macht mit Gluͤck, Legt' Einundzwanzig tapfre Soͤhn' ins Grab: Im Kampf erhoͤht zu Rittern, fielen ſie In tapfrer Feldſchlacht fuͤr des Landes Wohl.— Gebt einen Ehrenſtab mir altem Mann, Kein Scepter reicht mir, das der Welt gebeut: Eur letzter Kaiſer fuhrt' es grad' und feſt. Warec. Titus, das Reich erhalt und fordre du!— ö⸗ — Sz. 2. Titus Andronicus. 9 Sat. Stolzer Tribun, Ehrſuͤcht'ger, ſagſt du das? Tit. Geduld, Prinz Saturnin. Sat. Nom, ſchaff mir Recht!— Patricier, zieht Eu'r Schwerdt, und ſteckts nicht ein, Bis Saturninus Kaiſer ward in Rom! Andronicus, zur Hoͤlle fahre hin, Eh du des Volkes Herzen mir entziehſt!— Luc. Du ſtolzer Saturnin! du ſtoͤrſt das Wohl, Das Titus hochgeſinnt dir zugedacht. Tit. Sey ruhig, Prinz, dir lenk' ich wieder zu Des Volkes Gunſt, daß ſie den Willen wandeln. Baſſ. Andronicus, nicht ſchmeichl' ich jemals dir, Doch ehr' ich dich, und will es bis zum Tod. Staͤrkſt du mit deinen Freunden meine Macht, Werd' ich hoͤchſt dankbar ſeyn: und Dank erſcheint Dem edlen Mann als ehrenwerther Lohn. Tit. Ihr Roͤmer, und Ihr Volkstribunen hier, Ich bitt' um Eure Stimm' und guͤlt'ge Wohl: Schenkt ihr ſie freundlich dem Andronicus? Warc. Dank weihend unſerm trefflichen Andronicus, Und feiernd ſeine Heimkehr hier in Rom, Wird den das Volk annehmen, den er nennt. Tit. Habt Dank, Tribunen. So erſuch' ich Euch Daß Ihr erwaͤhlt des Kaiſers aͤltſten Sohn, Prinz Saturnin: deß Tugend hoff' ich, Rom Beſtrahlen wird, wie Titans Licht die Welt, Und Recht und Sitte reifen hier im Staat. Drum, wenn Ihr waͤhlen wollt nach meinem Rath, Kroͤnt ihn, und ruft: Lang lebe Saturnin!— Marc. Mit Ruf und Beifallszeichen aller Art, Patricier und Plebejer, gruͤßen wir Prinz Saturnin als Roms erhabnen Herrn, Und jubeln: Heil dem Kaiſer Saturnin!— (Ein langer Trompetenſtoß, während die oben Verſammelten herabſteigen.) Sat. Titus Andronicus, fuͤr dieſe Gunſt, Betreffend unſte Wahl am heut'gen Tag, Ertheil' ich dir den Dank, den du verdient, Und will durch Thaten lohnen deine Huld. Und jetzt zum Anfang, Titus, zu erhoͤhn Dein ehrenwerth Geſchlecht und eignen Ruhm: Nenn' ich Lavinia meine Kaiſerin, * 10 Titus Andronicus. A. I. Rom's edle Herrin, Herrin meiner Bruſt, Mir anvermaͤhlt im heil'gen Pantheon. Nun Titus, ſag, gefällt dir dieſes Wort? Tit. Es freut mich, wuͤrd'ger Fuͤrſt, und im Gemal Bin ich durch Eure Gnade hoch geehrt. Und hier, im Auge Noms, dem Saturnin, Dem Konig und Gebieter unſres Staats, Der weiten Welt Regenten, weih' ich nun Schwerdt, Siegeswagen und Gefangene; Wohl wuͤrd'ge Gaben Roms erhabnem Herrn. So nimm ſie denn als ſchuldigen Tribut, Die Nuhmstrophaͤon, zu Fuͤßen dir gelegt. Sat. Dank edler Titus, Vater meines Gluͤcks.— Wie ſtolz ich ſey auf dich und dein Geſchenk, Erfahre Rom; und wenn ich je vergaß So unbegrenzter Dienſte kleinſten Theil, Dann, Rom, vergiß die Treue gegen mich. Tit. Gu Tamora.) Dem Kaiſer, Füͤrſtin, ſeyd ihr jetzt Gefangne, Der Eures Rangs und Standes eingedenk, Euch und den Dienern mild begegnen wird. Sat. Welch reizend Weib! Ihr der Preis nicht ehlen, Haͤtt' ich zu waͤhlen noch, ſie wuͤrd' ich waͤhlen.— Verſcheucht der Stirne Wolken, ſchoͤne Frau. Warf Krieges⸗Gluͤck auch Euer Gluͤck herab, Doch kommt Ihr nicht nach Nom zu Spott und Schmach: Und koniglich ſollt Ihr gehalten ſeyn, Traut meinem Wort, laßt nicht Melancholie Den Muth Euch dämpfen; der Euch troͤſtet, hebt Wohl hoͤher Euch als auf den Gothenthron.— Lavinia, Euch mißfaͤllt nicht, was ich ſprach? Lav. O nein, mein Fuͤrſt; dein adliches Gemuͤthe Buͤrgt mir fur deines Herzens wahre Guͤte. Sat. Dank, Jungfrau. Römer, laßt uns alſo gehn; Frei ohne Loͤſung geb' ich die Gefangnen.— Trompet' und Trommel kuͤnden meine Wahl!— Baſſ. GLavinien faſſend.) Titus vergoͤnnt! die Jungfrau nenn' ich mein! Tit. Wie Prinz? Sprecht Ihr im Ernſte dieſes Wort? Sz. 2. Titus Andronicus. 11 Baſſ. Ja, edler Titus; und bin feſt gewillt, Auf meinem Recht und Anſpruch zu beſtehn. (Man ſieht den Kaiſer in ſtummem Spiel freundlich mit Tamora thun.)* Warc. Summn cuique, ſpricht des Roͤmers Recht; Nach Recht verlangt der Prinz, was ihm gebuͤhrt, Luc. Er wird's und ſolls, ſo lange Lucius lebt! Tit. Verraͤther fort! Wo iſt des Kaiſers Wacht? Verrath, mein Fuͤrſt, Lavinia wird enufuͤhrt. Sat. Entfuͤhrt? wer wagt es? Baſſ. Der nach Recht und Fug Die Braut vertheid'gend, ſie von hinnen trug. (Baſſianus mit Lavinien ab.) Luc. Helft ihm, Ihr Bruͤder, ungekraͤnkt entfliehn! Mit meinem Schwerdt beſchuͤtz' ich dieſes Thor. Tit. Folgt nur, mein Fuͤrſt, ich fuͤhr' ſie bald zuruͤck. Mut. Halt ein, o Vater! Tit. Frecher Knabe, fort! Sperrſt mir in Rom den Weg? Mut. Hilf, Lucius, hilf!— (Titus erſticht den Mutius.) Luc. Ihr thut nicht Recht, Ket ſchlimmer noch; Ihr ſchlugt den Sohn im ungerechten Streit!— Tit. Nein, weder du noch er ſind Soͤhne mir: Kein Sohn von mir entehrte mich ſo ſehr!— Verraͤther, ſchaff' Lavinia deinem Kaiſer. Luc. Todt, wenn Ihr wollt; doch als ſein Wei Die eines andern laͤngſt verlobte Braut! 8 Sat. Nein, Titus, nein! der Kaiſer braucht ſie nicht; Nicht Sie, noch dich, noch Einen Eures Stamms.— Dem koͤnnt' ich traun, der einmal mich verhoͤhnt: Dir nicht, noch deinen falſchen, ſtolzen Soͤhnen; Ihr alle ſeyd im Bunde mir zur Schmach. War Keiner ſonſt in Rom zum Ziel des Spotts Als Saturnin? Recht wohl, Andronicus, Stimmt dieſes Thun zu deinem Prahlerwort. Daß ich von deiner Hand das Reich erfleht!— Tit. Entſetzlich! Solchen Vorwurf ſprichſt du aus? 12 Titus Ansronicus. A. 1. Sat. Nur zu! Laß dieß leichtfertge Weib nur ziehn Mit jenem, der ſein Schwerdt fur ſie geſchwenkt! Ein tapfrer Eidam wird dir ſo zu Theil, Mit deiner Soͤhne zugelloſem Troß Unfug zu treiben im Gebiet von Rom!— Tit. Wie Stacheln trifft dieß mein wundes erz! Sat. Drum holde Tamora, der Gothen Fuͤrſtin, Die gleich der ſtolzen Phoͤbe unter Nymphen Weit uberſtrahlt die ſchoͤnſten Roͤmerfrau'n:— Wenn dich ſo ſchnellgetroffne Wahl vergnuͤgt, Waͤhl ich dich Tamora, als meine Braut, Und gruͤße dich als Kaiſerin von Rom. Sprich, Gothenfuͤrſtin, lobſt du meine Wahl? Dann ſchwoͤr' ich dir, bei allen Göttern Roms, Weil Prieſter und geweihtes Waſſer nah, Die Fackel flammt, und jeder heil'ge Brauch Fuͤr Hymaͤnaͤus Feier ſteht bereit:— Ich will nicht wiederſehn die Straßen Roms, Noch des Pallaſtes Schwelle, fuͤhr“ ich nicht Als anverlobte Braut dich heim von hier. Tam. lUnd vor des Himmels Antlitz ſchwoͤr' ich Rom, Wenn Saturnin die Gothenfuͤrſtin kroͤnt, Dann wird ſie ſeiner Wuͤnſche Sclavin ſeyn, Und ſeiner Jugend Pflegerin und Mutter. Sat. Hinauf zum Pantheon, Weib! Ihr errn Folgt Eurem Kaiſer und der holden Braut, Die mir der Himmel ſelber zugeſandt, Deß Rathſchluß ihr ein beßres Gluͤck verhaͤngt:— Alldort vollziehn wir der Vermählung Brauch. (Alle gehn ab, außer Titus.) Tit. Calein.) Mich rief er nicht, zu folgen dieſer Braut! Zitus, wann wandelteſt du einſam je, Alſo entehrt, und uͤberhaͤuft von Schmach?— (Marcus Andronicus, Lucius, Quintus und Mar⸗ cus treten auf.) Warc. O Titus ſieh, o ſieh den boͤſen Lohn! Um ſchnoͤden Zwiſt ſchlugſt du den edeln Sohn!— Tit. Nein, thoͤrichter Tribun, nicht war's mein Sohn, Noch du, noch dieſe Stifter jener That, —— —— Sz. 2. Titus Andronicus. 13 Die unſerm ganzen Stamm zur Schmach gereicht!— Unwuͤrd'ger Bruder! Und unwuͤrd'ge Soͤhne!— Luc. Doch woll'n wir ihn beſtatten wie ſichs ziemt: Laßt Mutius ruhn in ſeiner Bruͤder Grab.— Tit. Verraͤther, nein! Nicht hier in dieſem Grab! Fuͤnfhundert Jahre ſtand dieß Monument, Das ich mit reichem Schmuck mir neu erbaut: Hier ruh'n in Ehren tapfre Krieger nur, Und Diener Roms, kein ſchnoͤd' im Zank Erſchlagner.— Begrabt ihn wo Ihr wollt; hier weigr' ichs Euch. Warc. Mein Bruder, dieß iſt gottvergeß'ner Sinn: Fuͤr meinen Neffen Mutius ſpricht ſein Thun, Er ruh' im Grab mit ſeinen Bruͤdern. Die Soͤhne des Titus. Das ſoll zi oder alle fol⸗ gen ihm! Tit. Er ſoll? Wer war der Schurke, der ſo ſprach? Muint. Der's allenthalb behauptet, außer hier. Tit. Was? willſt du ihn beſtatten, mir zum Trotz? Warc. Nein, edler Titus, doch von dir erflehn Verzeihung deinem Mutius, und ein Grab:— Tit. Marcus, feindſelig trafſt auch du mein Haupt, Kraͤnkſt meine Ehre gleich den Knaben hier. Ihr alle habt als Feinde mich verletzt; Stoͤrt mich hinfort nicht mehr, entfernt Euch jetzt. Luc. Er iſt nicht bei ſich ſelbſt, ſo laßt uns gehn. Quint. Nicht ich, bis Mutius hier beſtattet ruht. (Der Bruder und die Söhne knieen.) Warc. Bruder! denn mit dem Namen fleht Natur! Quint. Vater! auch in dem Namen ruft Natur!— Tit. Schweig, wenn ich auf die Andern hoͤren ſoll! WMarc. Erhabner Held, mehr Sn mein halbes Luc. O Vater! Unſer Aller Seeb und Mark Marc. Hier in der Tugend Wohnſitz, Bruder, laß Dem edlen Neffen mich ein Grab erflehn, Der fuͤr die Ehr' und fuͤr Lavinien ſtarb!— Du biſt ein Roͤmer, ſey denn kein Barbar; Die Griechen, ausgeſoͤhnt, begruben Ajar Der ſich entleibt: Laertes kluger Sohn Sprach mildgeſinnt fur ſeine Todtenfeier; Drum weigre Mutius hier den Eintritt nicht Dem, der dein Liebling war. 14 Titus Andronicus. A. 1. Tit. Marcus, ſteh auf.— Das iſt der truͤbſte Tag, den ich erlebt, Entehrt von meinen Söhnen hier in Rom!— Begrabt ihn denn; der naͤchſte ſey ich ihm. (Sie legen die Leiche in das Begräbniß.) Luc. Hier ruh' mit deinen Freunden, ſuͤßer Mutius, Bis wir dein Grab geziert mit Kriegstrophaͤ'n!— (Alle knieen und ſprechen:) Nicht Einer wein' um unſern edlen Mutius: Wer fuͤr die Tugend ſtarb, der lebt in Ruhm. Warc. Bruder,— ſo truͤbe S zu zer⸗ reun,— Wie hat die ſchlaue Gothenkoͤnigin So ſchlennig ſich den Weg gebahnt in Rom? Tit. Ich weiß nicht, Marcus; weiß nur, daß es iſt; Ob plangemaͤß, ob nicht, wird einſt enthuͤllt. Doch iſt ſie nicht verpflichtet jenem Mann, Der ſo weit her zum Gluͤck ſie hat gefuͤhrt?— Ja, und ſie giebt ihm einſt auch edlen Lohn!— (Trompetenſtoß. Von der einen Seite kommen der Kaiſer, Tamora, Chiron, Demetrius und Aaron, der Mohr, von der andern Baſſianus und Lavinia mit Gefolge.) Sat. Baſſianus, Ihr gewannt im Spiel den Preis; Gott ſchenk Euch Freud' an Eurer ſchmucken Braut! Baſſ. Und Euch an Eurer, Herr; mehr ſag' ich nicht, Noch wuͤnſch' ich minder; und ſo lebt nun wohl! Sat. Verraͤther! Gilt Geſetz, gilt meine Macht, Du und dein Anhang buͤßen dieſen Raub. Baſſ. Raub nennt Ihr, Herr, hn ich mein Eigen⸗ thum, Die mir verlobte Braut, und jetzt mein Weib?— Doch laßt entſcheiden unſer roͤm'ſches Recht; Beſitz' ich doch nun ſchon was mir gehoͤrt. Sat. Vortrefflich, Herr! Ihr ſeyd ſehr kurz mit uns; Doch, leb' ich, ſind Wir ganz ſo ſcharf mit Euch. Baſſ. Herr, was ich that, muß ich ſo gut ichs kann Vertreten, koſtets auch das Leben mir. Nur dieß noch ſag' ich deiner Majeſtaͤt,— Bei allen Pflichten fur mein Vaterland, Den wuͤrd'gen Mann, den edlen Titus hier, An Ehr und Namen haſt du ihn gekraͤnkt! Denn nur um dir Lavinien zu befrein, —————— Sz 2. Titus Andronicus. 15 Erſchlug er ſelber ja den juͤngſten Sohn Aus edlem Eifer, und von Zorn erfuͤllt, Weil Einſpruch hemmte, was er frei geſchenkt: Drum nimm ihn auf zu Gnaden, Saturnin, Der ſich in allem Thun durchaus bewährt, Als Freund und Vater gegen dich und Rom. Tit. Prinz Baſſianus, ſey mein Anwald nicht; Du biſts, und jene dort, die mich entehrt: Rom und der ew'ge Himmel richten mich, Wie treu ich ehrt' und liebte Saturnin! Tam. Mein edler Herr, wenn je dein fuͤrſtlich Aug' Mit Wohlgefallen blickt' auf Tamora, So hoͤre jetzt mein unpartheiiſch' Wort, Und, Liebſter, alles was geſchehn, vergieb. Sat. Was? offenbar mißhandelt und entehrt, Soll ich die Kraͤnkung dulden ungeraͤcht? Tam. Nicht alſo Herr! Das woll'n die Göoͤtter nicht, Daß ich, dich zu entehren ſollte flehn! Nein, meine Ehre ſetz' ich dir zum Pfynd, Den wackern Titus find' ich ohne Schuld: Sein unverſtellter Zorn ſpricht ſeinen Schmerz, Drum mir zur Liebe ſieh' ihn gnaͤdig an; Nicht bring' ein Wahn dich um den tapfern Freund, Noch truͤb' ein finſtrer Blick ſein edles Herz.— (Beiſeit.) Nimm Nath an, mein Gemal; gieb endlich nach, Verbirg nur alle Kraͤnkung, allen Gram: Du biſt erſt neu gepflanzt auf deinen Thron; Deshalb, damit nicht Rom's Senat und Volk Nach beßrer Einſicht Titus Anhang mehrt, Und von dir abfaͤllt deines Undanks halb, (Den Rom als ſchwere Suͤnde ſtets gehaßt,) Gieb nach den Bitten, laß die Sorge mir: Ich will ſie all' ermorden, find' ich Zeit, Vertilgen ihren Stamm und ganz Geſchlecht, Den wuͤth'gen Vater und die grimmen Soͤhne, Die ich um meines Kindes Leben bat; Dann ſehn ſie, was es ſey, wenn Koͤniginnen Im Staube knie'n, und Gnade nicht gewinnen.— Laut.) Komm, theurer Kaiſer, kommm Andronicus,— Peb' auf den guten Greis, troſt' ihm ſein Herz, Das hinwelkt in dem Sturme deines Zorns. Sat. Auf, Titus! Meine Kaiſrin hat geſiegt. * 16 Tit. Dank deiner Hoheit, gnaͤd'ger Fuͤrſt, und Ihr. Dein Wort, dein Blick beleben mich aufs neu. Tam. Titus, ich bin jetzt einverleibt in Rom, Als Roͤmerin nun glucklich anerkannt, Und muß dem Kaiſer rathen fuͤr ſein Wohl. Hent ſterbe jeder Groll, Andronicus;— Und ſeys mein ſchoͤnſter Ruhm, du tapfrer Held, Daß ich mit dir die Freunde heut verſoͤhnt.— Was Euch betrifft, Prinz Baſſian, ſo buͤrgt Mein Wort und Pfand dem Kaiſer unſerm Herrn, Daß Ihr nachgiebig milder Euch betragt.— Getroſt, Ihr Herrn!— Auch Ihr, Lavinia,— Folgt meinem Rath, und reuig auf den Knie'n Erfleht Verzeihn von Seiner Majeſtaͤt. Luc. Wir thuns; und ſchworen hier vor Seiner Hoheit, Daß wir in guter Abſicht nur geſtrebt, Fuͤr unſrer Schweſter Ehr' und unſre Pflicht. Warc. Das Gleiche hier verbuͤrg' ich auf mein Wort. Sat. Hinweg, und ſchweigt; beläſtigt uns nicht mehr.— Tam. Nein, guͤt'ger Fuͤrſt, wir muͤſſen Freunde ſeyn: Marcus und ſeine Reffen knie'n vor dir; Ich will nicht Weigrung. Liebſter, komm zuruͤck. Sat. Marcus, fuͤr deinen Bruder und dich ſelbſt, Und meiner holden Tamora zu Gunſt, Verzeih' ich dieſer jungen Maͤnner Schuld. Steht auf. Lavinia, flohſt du gleich mich als'nen Knecht, Fand ich doch Gunſt, und ſchwur den hoͤchſten Eid, Ich ſchied' als Junggeſell nicht vom Altar. Kommt, hat der Pallaſt fuͤr zwei Bräute Raum, Lavinia, mit den Deinen ſey mein Gaſt.— Heut ſey ein Tag der Liebe, Tamora. Tit. Und morgen, wenn es meinem Herrn gefallt, Mit mir zu jagen Panterthier und Hirſch, Mit Horn und Hund, bring' ich den Morgengruß. Sat. Titus, ſo ſey es, und wir danken dir. (Alle ab.) Titus Andronicus. A. I. Titus Androniecus. Zweiter Aufzug. Errſte Szene. Daſelbſt; vor dem Pallaſt. (Aaron tritt auf.) Adron. Nun, Tamora, erſteigſt du den Olymp, Fortuna unter dir, und thronſt erhoͤht, Weit uͤberm Donner, und der Blitze Gilut, Und außer dem Bereich des blaſſen Neids. Wie wenn die goldne Sonne gruͤßt den Tag, Ir Morgenſtrahl das Meer mit Licht umglaͤnzt, Und den Zodiak mit Flammenraͤdern meſſend. FErhahner Berge Gipfel uͤberſchaut: So Tamora.* Der Erde Hoheit beugt ſich ihrem Witz, Und ihrem Zorn erbebt im Staub die Tugend. Drum Aaron, ſtahl' dein Herz, und ſchaͤrß den Geiſt, WYNoachklimmend deiner edlen Kaiſerin Zur ſteilſten Hoͤh', die du laͤngſt im Triumph Siegreich in Liebesketten haſt gefuͤhrt, Und feſter bandſt an Aaron's Zauberblick, Als den Prometheus hielt der Caucaſus, Hinweg mit Sclaventracht und niederm Sinn! Schmuck will ich prangen, gluͤhn in Perl' und Gold, Zu dienen dieſer neuen Kaiſerin. Dienen, ſagt' ich? Nein, ſchwelgen mit der Buhlin, Der Zauberin, Semiramis, Sirene, Der Goͤttin, die Roms Saturnin umſtrickt, Und ihn zum Schiffbruch lockt, wie ſeinen Staat.— 3 S ein Laͤrm iſt dieß? .— 18 Titus Andronicns. A. I. (Es treten auf Chiron und Demetri us, einander drohend.) Dem. Chiron, fuͤrwahr, Witz mangelt deiner Jugend, Salz dem Witz, Und Sitte, in mein Werben dich zu draͤngen, Wo Liebe mir vielleicht begegnen mag. Chir. Demetrius, dich thört dein eitler Sinn, Daß du mich willſt mit Hoffahrt uͤberſchrein! »S iſt nicht der kurze Abſtand eines Jahrs, Der mich zuruckſetzt, dich begluͤckter macht. Ich bin ſo ruͤſtig, ſo geſchickt wie du, Dienend der Liebſten Gunſt mir zu verdienen: Und das beweiſ⸗ ich dir mit meinem Schwerdt, Dirs darzuthun, ich ſey Lavinien's werth. Aar. He, Knittel, Knittel! Zwei Verliebte zanken! Dem. Was, Knabe? Weill die Mutter unbedacht Dir an die Seite ſteckt' ein Taͤnzerſchwerdt, Wirſt du ſo wild, und drohſt dem Bruder? Geh, Laß deine Latt' in ihre Scheide leimen, Bis du ſie beſſer erſt regieren lernſt!— Chir. Nun, Freund, dann ſoll bischen Fechter⸗ un Dich gleich belehren, was mein Muth vermag. Dem. Was, Knabe! Schon ſo dreiſt? (ſie ziehn die Schwerdter.) Aar. Ihr Herrn, laßt ab: So nah des Kaiſers Hofburg wollt Ihr ziehn, Und ſolchen Zwiſt ausfechten vor dem Volk? Ich weiß recht wohl den Grund zu all' dem Hader: Nicht moͤcht' ich wuͤnſchen fuͤr'nen Berg von Gold, Daß die Euch hoͤrten, die's zunaͤchſt betrifft; Poch fuͤr weit höhern Preis moͤcht' Eure Mutter Sich ſo beſchimpft ſehn an des Kaiſers Hof. Schaͤmt Euch! ſteckt ein! Chir. Ich nicht: bis ich mein Schwerdt Getaucht in ſeine Bruſt; noch bis er ſchlang Zuruͤck in ſeinen Hals den ſchnoden Hohn, Mit dem ſein Mund entehrend mich geſchmaͤht. Dem. Dazu bin ich geruͤſtet und bereit.— Zankſucht'ger Feigling! deſſen Zunge donnert, Und der das Eiſen nicht zu brauchen wagt! Aar. Fort, ſag' ich Euch!— Nun bei dem Gott, zu dem die Gothen flehn, Sz. 1. Titus Andronicus. 19 Der kind'ſche Groll verdirbt uns allzumal. Was, Herrn, bedunkts Euch nicht gefährlich Spiel, Mit Fuͤßen treten eines Prinzen Recht? Wie? Iſt Lavinia denn ſo leichter Art, Und duͤnkt Baſſianus Euch ſo ganz entherzt, Daß ihre Gunſt der Vorwand ſolches Zanks, So ohne Scheu vor Rache noch Geſetz?— Kindlein, bedenkt: Erführ' die Kaiſerin Des Mißtons Grund, ſie zuͤrnte der Muſik. Chir. Mir gleich, ob ſie's erfuͤhr', und alle Welt: Lavinien lieb' ich mehr als alle Welt. Dem. Lern' erſt beſcheidner waͤhlen, junger Burſch, Lavinia ward des aͤltern Bruders Ziel. 2 Aar. Was, ſeyd Ihr toll? Vi Ihr denn nicht, in om Wie wild und eiferſuchtig Manner ſind, Und dulden Mitbewerber nimmermehr? Ich ſag Euch; Herrn, Iyr ſchmiedet Euren Tod Durch dieß Beginnen. Chir. Aaron, ich wagte tauſend Leben dran, Die Liebſte zu beſitzen. Aar. Was? beſitzen? Dem. Wie ſtellſt du dich ſo fremd! Sie iſt ein Weib, drum darf man um ſie werben; Sie iſt ein Weib, drum kann man ſie gewinnen: Sie iſt Lavinia, drum muß man ſie lieben. Ei Mann, mehr Waſſer fließt vorbei der Muͤhle Als es der Muͤller denkt; und leicht ja ſtiehlſt du Vom einmal angeſchnitt'nen Brod ein Stuͤck:— Iſ Prinz Baſſianus auch des Kaiſers Bruder, Schon beßre trugen wohl den Schmuck Vulcans. Aar. Ja,(beiſeit.) und ſo gute wohl als Saturnin. Dem. Wie ſollte denn verzagen, wer's verſteht Mit Wort und Blick und mit Geſchenk zu werben?— Wie, traf dein Schuß nicht ſchon manch fremdes Reh, Und vor des Foͤrſters Naſe trugſt du's heim?— Aar. So ſcheints, ein liſt'ger Streich und rechter Griff Buͤßt' Eure Luſt? Chir. Ja, luſt'ge Buße waͤrs! Dem. Aaron, dů trafſt es. Aar. Triff es auch, du Thor, So ſteht uns all der Larm nicht mehr 5 5 * 20 Titus Andronicus. A. II. Nun hoͤrt nur, hoͤrt: ſeyd Ihr ſo kindiſch noch, Euch deshalb zu entzwein? Verdrießt es Euch Wenn es Euch beiden gluͤckt? Chir. Mich nicht, fuͤrwahr. Dem. Mich auch nicht, wenn nur ich der Eine bin. Aar. Seyd einig denn, und was Euch trennt, ver⸗ ſohn' Euch. Mit Liſt und Politik erreicht das Ziel Nach dem Ihr ſtrebt, und dieß ſey Euer Plan; Ihr koͤnnt nicht uͤberreden, wie Ihrs wuͤnſcht: So nehmt denn mit Gewalt, wie Ihrs vermoͤgt.— Ich ſag' Euch, keuſcher war Lucretia nicht, Als jetzt Baſſianus Weib Lavinia. Wir muͤſſen dießmal ſchnellern Weg erſehn, Als ſchmachtend Buhlen, und ich fand den Pfad. Ihr Herrn, ein ſtattlich Jagen ſteht bevor, Da finden ſich zu Hauf die Schoͤnen Roms; Weit und entlegen dehnt der Wald ſich aus, Und bent viel unbetretne Raͤume dar, Wie auserwaͤhlt fuͤr Raub und Frevelthat. Dahin lockt einzeln Euer ſchmuckes Reh, 3 Und faͤllt es mit Gewalt, wenn nicht mit Gutem; So koͤnnt Ihr Hoffnung hegen, anders nie⸗ Der Kaiſerin und ihrem hoͤll'ſchen Witz, Der Rach' und Frevel ſtets gebrutet hat, Laßt uns verkuͤnden was wir jetzt erdacht: Und unſte Pfeile ſchaͤrfe ſie mit Rath, Und dulde nicht daß Ihr Euch hemmt und kreuzt, Helf' Euch vielmehr zu Eurer Wuͤnſche Ziel. Des Kaiſers Burg iſt gleich der Fama Haus, Der Pallaſt voller Zungen, Ohren, Augen: Der Wald iſt fuͤhllos, ſchrecklich, tanb und ſtumm; Da ſprecht und ſchlagt, Ihr Wackern, beid' im Gluͤck, Da buͤßt die Luſt beſchirmt vom dunkeln Wald, Und ſchwelget in Laviniens keuſchem Schatz, Chir. Dein Anſchlag, Burſch, ſchmeckt traun nach kei⸗ ner Furcht. Dem. Sit fas, aut nefas; bis ich fand den Strom, Der ſtillt die Glut, den Zauber, der mich kuͤhlt, Per siyga, per manes vehor.— (gehn ab.) — r⸗ Sz. 2. Titus Andronicus. 21 Zweite Szene. Wald bei Rom. Man ſieht in einiger Entfernung eine Hütte. (Es treten auf Titus Andronicus, ſeine drei Soͤhne, mit Hunden und Jagdhörnern, und Marcus Andronicus.) Titus. Die Jagd iſt auf, der Morgen hell und licht Die Fluren duftig und die Wälder gruͤn: Entkuppelt hier! Der Meute lauter Schall Wecke den Kaiſer und ſein ſchoͤnes Weib; Den Prinzen ruft, beginnt den Jäger⸗Gruß, Daß von dem Klang erdroͤhne rings der Hof.— Ihr Soͤhne, habt mir Acht wie's unſer Amt, Den Kaiſer treu zu huͤten vor Gefahr: Ich ward im Schlaf erſchreckt durch boͤſen Traum, Doch bringt mir neuen Troſt der junge Tag. Su Gebell der Meute, und Muſik von Jagdhörnern. arauf erſcheinen Saturninus, Tamora, Baßfſianus, Lavinia, Chiron, Demetrius und Gefolge.) Tit. Viel guten Morgen deiner Majeſtät; Euch Fuͤrſten gleichen Gruß und gleiches Gluͤck!— Ich hatte Jaͤgergruß Euch zugeſagt. Sat. Und luſtig war das Blaſen, werthe Herrn, Nur faſt zu fruͤh fuͤr neuvermaͤhlte Frau'n. Baſſ. Was ſagt Lavinia? Lav. Ich ſage, nein, Zwei volle Stunden wacht' ich ſchon, und mehr. Sat. Friſch auf dann; Roß und Wagen holt herbei, Und hin zum Forſt; Herrin, jetzt ſollt Ihr ſehn Ein roͤmiſch Jagdfeſt! Warc. Hunde hab' ich hier, Die ſcheuchen Euch den wildſten Panther auf, Und klimmen zu dem ſteilſten Vorgebirg. Tit. Ich, Pferde, die, wohin das Wild ſie fuͤhrt, Wie Schwalben leicht ihm folgen auf dem Plan. Dem. Chiron, wir jagen nicht mit Roß und Hund, Wir fahn ein ſchmuckes Reh im finſtern Grund. (Alle ab.) — * — Titus Andronicus. S Dritte Szene. Einſamer plas im Walde. aron tritt auf.) Aaron. Wer Witz hat, daͤchte wohl er fehle mir, Weil ich dies Geld hier unterm Baum vergrub, Von wo mir's niemals wieder auferſteht. So wiſſe denn, wer mich ſo albern wähnt, Daß dieſes Gold mir einen Anſchlag muͤnzt, Der, liſtig ausgefuͤhrt, gebaͤhren ſoll Ein recht ausbuͤndig wackres Bubenſtuͤck: o ruh' hier Gold, und ſtoͤre deren Ruhe, Die Gaben nehmen aus der Kaiſ'rin Truhe. (Tamora kommt.) Tam. Mein ſußer Aaron, was bekuͤmmert dich, Wenn alles rings von Froͤhlichkeit erklingt? Die Voͤgel ſingen hell aus jedem Buſch, Die Schlange ſonn't ſich, aufgerollt im Gruͤn, Die Lauber zittern in der kuͤhlen Luft, Und mahlen Schattengitter auf den Grund: In ihrem ſuͤßen Dunkel laß uns ruhn! Horch! Wiederhall's Geplander neckt die Hunde, Dem vollen Horn antwortend hellen Ruf,. Als toͤnt ein Doppel⸗ Jagen uns zugleich.— Setz' dich, und horch dem froͤhlichen Gebell! Und nach verliebtem Kampf,(deß, wie man waͤhnt Der fluͤcht'ge Held und Dido einſt ſich freuten, Als ſie ein glucklicher Orcan geſcheucht, Und die verſchwieg'ne Hoͤhl' als Vorhang ſchirmte)— Laß uns, verſchränkt Eins in des Andern Arm, Nach unſter Luſt des goldnen Schlafs uns freu'n, Weil Hund und Horn, und ſuͤßer Waldgeſang Uns einlull't wie der Amme Wiegenlied, Wenn ſie ihr holdes Kind in Schlummer ſingt. Aar. Fürſtin, wie Venus deinen Sinn beherrſcht, So iſt Saturn des meinigen Monarch. Was deutet ſonſt mein todtlich ſtarres Aug', Sz. 3. Titus Andronicus. 23 Mein Schweigen, meiner Stirn Melankolie, Mein Vließ von krauſer Wolle, jetzt entlockt, Recht wie die Natter, wenn ſie ſich entrollt Zu ſchlimmem Biß und gift'gem Ueberfall? Nein Fuͤrſtin, das ſind Venus⸗Zeichen nicht: Rachſucht erfullt mein Herz, Tod meine Fauſt, Blut und Verderben toben mir im Haupt.— Hoͤr Tamora, du Kaiſrin meiner Seele, Die nicht auf andern Himmel hofft, als dich,— Heut iſt des Baſſianus Schickſalstag. Verſtummen muß heut ſeine Philomele, Es pluͤndern deine Soͤhne ihre Keuſchheit, Und waſchen ihre Hand im Blut Baſſian“s. Sieh' dieſen Brief, den nimm zu dir; ich bitt' dich, Gieb deinem Herrn dieß Blatt voll Todesliſt:— 3 Nun frage mich nicht mehr, man ſchleicht uns nach, ier kommt ein Theil der hoffnungsreichen Beute: e ahnden nicht wie nah Vernichtung droht!— Tam. Ah ſuͤßer Mohr, mir ſußer als der Tag! Aar. Still große Koͤnigin, Baſſianus kommt: Zeig dich erzuͤrnt, die Soͤhne hohl ich her Zu deinem Beiſtand, wenn du Streit beginnſt. Cab.) (Baſſianus und Lavinia kommen.) Baſſ. Wer naht uns hier? Rom's hohe Kaiſerin; Vom ziemenden Gefolg' ſo weit entfernt? Wie, oder Diana, ſo geſchmuckt wie ſie, Die ihr geheiligt Waldaſyl verließ, Zu ſchaun die große Jagd in diefem Forſt? Tam. Frecher Nachſpuͤrer unſrer Einſamkeit, Haͤtt' ich die Macht, die, ſagt man, Dianen ward, Die Schlaͤfen Augenblicks umpflanzt“ ich dir Mit Hoͤrnern wie Actaͤon, und die Hunde Verfolgten deine neue Hirſchgeſtalt, Schamloſer, der du hier dich eingedrängt!— Lav. Mit Eurer Gunſt, huldreiche Kaiſerin! Man ſagt, mit Hoͤrnern wißt Ihr umzugehn; Und wohl verraͤth ſichs, daß der Mohr und Ihr Zu ſolcherlei Verſuch Euch hier verirrt. Heut ſchuͤtze Zeus vor Hunden Euren Gatten, Denn Ungluͤck waͤr' es, ſaͤhn ſie ihn als Hirſch! Baſſ. Glaubt, Fuͤrſtin, dieſer naͤchtliche Cimmerier Macht Eure Ehre ſchwarz wie ſeine Haut, 24 Litus Andronicus. A. II. Befleckt, abſcheulich, aller Welt ein Greu'. Was ſtahl't Ihr heimlich vom Gefolg Euch weg? Stiegt ab von Eurem ſchmucken weißen Zelter, Und ſchlicht hieher an dieſen finſtern Ort, Von einem ſchnoͤden Mohren nur gefuͤhrt, Wenn boͤſe Luſt Euch nicht verleitete? Lav. Und weil er Euch geſtort in ſolchem Spiel, Verſteht ſich's, muͤßt Ihr meinen edlen Herrn Fuͤr Frechheit ſchelten.— Bitt' Euch, gehn wir fort: Goͤnnt Ihr des rabenfarb'gen Buhlen Kuß, Dieß Thal iſt hoͤchſt gelegen ſolchem Werk. Baſſ. Dem Kaiſer meinem Bruder meld' ich dieß. Lav. Ja, ſolch Entweichen ward ſchon laͤngſt bemerkt: Wie groͤblich taͤuſcht man dich, du guter Fuͤrſt!— am. Wie hab' ich noch Geduld dieß anzuhoͤren?— (Chiron und Demetrius kommen.) Dem. Wie, theure Kaiſerin und gnaͤd'ge Mutter Was blickt Eu'r Hoheit ſo verſtort und bleich? Tam. Was meint Ihr, hab' ich Grund nicht bleich zu ſehn? Die Zwei verlockten mich in dieſes Thal, Ihr ſeht, es iſt ein wuͤſt abſcheul'cher Ort, Die Bäum', obwohl im Sommer kahl und duͤrr, Erſtickt von Moos und tuͤck'ſchem Miſtelwuchs. Hier ſcheint die Sonne nie, hier athmet nichts, achteulen nur, und ungluͤckdrohnde Raben. Und als ſie mir gezeigt die grauſe Schlucht, Erzaͤhlten ſie, wie um die Mitternacht Wohl tauſend Geiſter, tauſend Schlangen ziſchend, Zehntauſend ſchwell'nde Kroͤten, Molch und Igel Erhuͤben ſolch ein furchtbar toͤdtlich Schrein, Daß jeden Sterblichen der dieß vernimmt Wahnſinn befaͤllt, wenn er nicht plotzlich ſtirbt. rauf, als ſie kaum erzählt die Hoͤllenmaͤhr, Als bald mich feſtzubinden drohten ſie, An eines grauſen Eibenbaumes Stamm, Daß ich ſo ſchnoͤdem Tod verfallen ſey. Dann ſchalten ſie mich Ehebrecherin, Verbuhlte Gothin, und die herbſten Worte Die je ein Ohr im bittern Schmaͤhn vernahm: Und kamt Ihr durch ein Wunder nicht zum Gluͤck, Sie haͤtten dieſe Rach' an mir vollbracht. — Sz. 3. Titus Andronicus. 25 Raͤcht Eurer Mutter Leben, liebt Ihr mich, Sonſt nenn' ich nimmer meine Kinder Euch. Dem. Cerſticht den Baſſianus.) Nimm dieß zum Zeugniß, daß ich ſey dein Sohn!— Chir.(durchſticht ihn gleichfalls.) Der Stoß fuͤr mich, zum Zeichen meiner Kraft!— Lav. Ja, komm, Semiramis,— nein wuͤth'ge Tamora! Kein Name ziemt dir, als der eigne nur!— Tam. Gebt mir den Dolch, laßt Eurer Muiter Hand An ihr vergelten Eurer Mutter Schmach. Dem. Halt, Koͤnigin, hier iſt noch mehr im Werk; Erſt dreſcht das Korn, und dann verbrennt das Stroh. Dieß Puͤppchen ruͤhmte viel von ihrer Zucht, Von ihrem Ehgeluͤbd' und reiner Treu, So mit geſchminkter Tugend trotzt ſie Euch: Und naͤhme ſie das alles mit ins Grab?— Chir. Wenn dieß geſchieht, mußt' ich ein Haͤmling eyn. Schleif' ihren Gatten einer Höhle zu, Sein todter Leib ſey Pfuhl für unſre Luſt. Tam. Doch ward der Honig Euer, den ihr wuͤnſcht, Laßt nicht die Weſp⸗ am Leben, uns zu ſtechen. Chir. Ich ſchwoͤr' Euch, Fuͤrſtin, ruhig ſollt Ihr ſeyn.— Kommt, Dame, jetzt gewaltſam rauben wir, Was Ihr ſo ſproͤd' und aͤngſtlich habt bewahrt. av. O Tamora, du trägſt ein weiblich Antlitz— Tam. Ich will ſie nicht mehr hoͤren, fuhrt ſie weg!— Lav. H liebe Herrn, ein Wort nur laßt mich ſprechen! Dem. Vernehmt ſie, ſchoͤne Frau! ſey's Euer Ruhm, Sie weinen ſehn: doch bleib Eu'r Herz ſo hart Wie Kieſel, fuhllos bei des Regens Guß. Lav. Wann lehrte je des Tigers Brut die Mutter? Q lehr ſie keinen Grimm, ſie lehrt' ihn dich! Die Milch die du geſogen ward zu Marmor; Schon an der Bruſt empfingſt du Grauſamkeit.— Gu Chiron.) Doch ſind nicht jeder Mutter Soͤhne gleich: Fleh du zu ihr um Mitleid fuͤr ein Weib!— Chir. Was! ſollt' ich ſelber mich zun Baſtard ſtem⸗ peln? Lav. S iſt wahr, der Rabe bruͤtet Lerchen nicht, Doch hoͤrt ich einſt,—(o faͤnd' ichs nun bewaͤhrt) 26 Titus Andronicus. A. 11. Bewegt von Mitleid ließ der Lowe zu, Daß man die koͤniglichen Klau'n ihim ſtumpft; Der Rabe, ſagt man, fuͤttre Weiſenkindlein, Derweil im eignen Neſt ſein Junges darbt. O, ſey du mir, ſagt auch dein Herz dir Nein, Wenn auch ſo mild nicht, etwas doch geruͤhrt!— Tam. Ich weiß nicht was das heißt; hinweg mit ihr! Lav. Ich lehr' es dich: um meines Vaters halb, Der dir, dem Tod verfallen, Leben ſchenkte, Sey nicht verſtockt; oͤffne dein taubes Ohr!— Tam. Und haͤttſt du ſelber nimmer mich gekraͤnkt, Um ſeinetwillen bin ich mitleidlos.. Gedenkt nur Knaben, wie ich weint' umſonſt, Vom Opfer Euern Bruder zu befrein; Doch nimmer gab der grimmme Titus nach! Drum ſchafft ſie fort, verfahrt mit ihr nach Luſt; Je ſchlimmer, um ſo beſſer mir geliebt. Lav. O Tamora, ich preiſe deine Huld, Wenn du mit eigner Hand mich hier erſchlaͤgſt; Nicht um mein Leben fleht' ich ja ſo lang, Ich Arme ſtarb, als Baſſianus iel. Tam. Was batſt du denn? inweg, du thoͤricht § eib!— Lav. Den ſchnellſten Tod erfleh' ich, und noch Eins, as Frauenmund nicht auszuſprechen wagt: Hemm' ihre mehr als moͤrderiſche Luſt!— O, ſenke mich in eines Sumpfes Pfuhl, Wo nie ein menſchlich Auge mich erſpaͤht; Das thu', und ſey barmnherz'ge Moͤrderin! Tam. Soo braͤcht' ich meine Soͤhn' um ihren Ruhm? Nein, laß ſie nehmen was ihr Eigenthum! Dem. Fort, ſchon zu lange hieltſt du uns zuruͤck. Lav. Kein Mitleid? Keine O viehiſch eib! Feindin und Schmach fuͤr unſer ganz Geſchlecht! Vernichtung fall' Chir.(ſchleppt ſie fort.) Dann ſtopf' ich dir den Mund.— Bring' du den Gatten; In dieſe Hoͤhle hieß in Aaron bergen. (Sie gehn ab.) Tam. Geht Soͤhne, ſchafft ſie mir in Sicherheit: —— 11. Sz. 4. Titus Andronicus. N Und wahrlich, nimmer ſoll mein Herz ſich freu'n, Bis Titus ganzer Stamm hinweggetilgt. Zu dir nun, liebſter Mohr, will ich mich wenden, Indeß die Knaben jene Dirne ſchaͤnden. Cab.) Vierte Szene. Daſelbſt. (Es treten auf Aaron, Quintus und Marcus.) Aaron. Kommt, wackre Herrn, folgt mir in ſchnellſter Eil, Ich bring' Euch zu der finſtern Grube gleich, Wo ich den Panther feſt im Schlafe ſah. Quint. Was es auch deute, truͤbe ward mein Blick. Marc, Und meiner wahrlich auch: ſchaͤmt' ich mich t ni Ich ließe gern die Jagd und ſchliefe hier.“ (Marcus fällt in die Grube.) Euint. Was, fielſt du? Welche e Gruft iſt e ieb, Der wild Geſtraͤuch die Muͤndung ganz bedeckt, Auf deſſen Blättern juͤngſt vergoßnes Blut o friſch, wie Morgenthau im Bluͤtenkelch? Mir ſcheint, voll boͤſer Ahndung iſt der Ort!— Sag Bruder, fuhlſt du Schmerz nach deinem Fall? Marc. D. Bruder, durch das ſchrecklichſte Geſicht, Deß Anblick je ein Herz zum Jammer zwang. Aar.(beiſeit.) Den Kaiſer hohl ich jetzt, ſie hier zu inden, Daß er nach äußerm Schein vermuthen muß, Sie ſeyn es, die den Bruder ihm erſchlagen.(ab.) Warc. Was troͤſteſt du mich nicht, und hilfſt mir ort Aus dieſer ſchnoden, blutbefleckten Gruft? uint. Ohnmaͤchtig bin ich durch ſeltſame Furcht, Die Glieder zittern kalt im Todesſchweiß, dein Herz argwohnt mehr, als mein Aug' erſpaͤht. Marc. Damit du ſtehſt, du hab'ſt ein ahndend Herz, 28 Titus Andronicus. A. II. Aaron und du, ſeht in die Hoͤhl' herab, Und ſchaut ein graͤßlich Bild von Blut und Tod. Quint. Aaron iſt fort, und mein beaͤngſtigt Herz Geſtattet meinem Auge nicht zu ſehn, Was in der Ahndung ihm entſetzlich duͤnkt. O ſag mir was es ſey, denn nie zuvor War ich ein Kind, zu ſchen'n ich weiß nicht was. Warc. Prinz Baſſianus liegt in Blut getaucht Am Boden da, wie ein geſchlachtet Lamm, In der verfluchten dunkeln Gruft des Mords!— Wuint. Wenn's drinn ſo dunkel, wie erkennſt du ihn? Marc. Am blut'gen Finger traͤgt er einen Ring Von ſeltnem Preis, der rings die Hoͤhl' erhellt, Wie eine Kerz' in dunkler Todtengruft, Auf ſeiner Leiche fahles Antlißz ſcheint, Und zeigt der Grube ſcheußlich Eingeweide. So bleich auch ſchien der Mond auf Pyramus, Als er gebadet lag in Maͤdchenblut! O Bryuder, hilf mir mit kraftloſer Hand,— (Wenn Furcht dich kraftlos machte, ſo wie mich,—) Der boͤſen Moͤrderhoͤhle zu entfliehn, So graͤßlich, wie Cocytus truͤber Schlund. Quint. Gieb mir die Hand, daß ich dir helf' emporz Und reicht die Kraft nicht aus dir beizuſtehn, Fall' ich wohl ſelbſt in dieſes tiefen Pfuhls Verhaßten Schooß, der Baſſian verſchlang.— — Ich bin zu ſchwach, zum Rand dich aufzuziehn!— Warc. Und ich erklimm' ihn ohne Beiſtand nie! Quint. Nochmals die Hand: 8 laß dich nicht mehr os, Bis du hinaufſteigſt, oder ich hinab: Du kommſt zu mir nicht, ſo komm' ich zu dir!—— (er fällt in die Grube.) (Saturninus und Aaron kommen.) Sat. Heran, mir nach: ich will die Hoͤhle ſehn, Und wer es war, der eben ſprang hinab:— Sag an, wer biſt du der ſich hier verbarg In dieſen gaͤhnend offnen Rachen: ſprich?— Marc. Des alten Titus jammervoller Sohn, Zu hoͤchſt unſelger Stund' hieher gefuhrt, Baſſianus, deinen Bruder, todt zu ſehn. * Sz. 4. Titus Andronicus. 29 Sat. Mein Bruder todt? ich weiß es iſt nur Scherz: Er und Lavinia ſind im Jagdgezelt, Im Norden dieſes heitern Waldreviers; Noch keine Stund' iſts, ſeit ich dort ſie ließ. Warc. Wir wiſſen nicht, wo Ihr ihn lebend ſaht, Doch weh! wir fanden ihn ermordet hier!— (Tamora mit Gefolge, Andronicus und Lucius treten auf.) Tam. Wo iſt mein Herr, der Kaiſer? Sat. Hier, Tamora, von Todesgram betruͤbt. Tam. Wo iſt dein Bruder Baſſian? Sat. Nun trafſt du meiner Wunde tiefſten Grund: Der arme Baſſian liegt hier ermordet. Tam. Dann allzuſpaͤt erhaͤltſt du dieſes Blatt, Den Plan des uͤbereilten Trauerſpiels. Ich ſtaune, wie ein menſchlich Antlitz barg In ſanftem Laͤcheln ſo tyrann'ſchen Mord. (Sie giebt dem Saturninus einen Brief.) Sat.(ieſt.)„Verfehlten wir, nach Wunſch ihm zu begegnen, „(Baſſianus meinen wir) dann ſaͤume nicht „Sein Grab zu graben, wackrer Jaͤgersmann; „Du weißt wie wirs gemeint.— Du findſt den Sold „Unter den Neſſeln am Hollunderbaum, „Der jener Grube Muͤndung uͤberwoͤlbt, „Wo ich Baſſianus dich begraben hieß. „Dieß thu, und kauf' dir unſern ew'gen Dank.“ O Tamora! Vernahmſt du gleiches je? Dieß iſt die Gruft, dieß der Hollunderbaum, Seht, Herrn, ob Ihr den Jaäͤger finden moͤgt, Der hier Baſſianus frech ermordete! Aar.(bringt den Beutel.. Mein gnaͤd'ger Fuͤrſt, hier iſt der Beutel Gold! Sat.(zu Titus.) Zwei Hunde deines tuck'ſchen blut'gen . Stamms, Sie gaben meinem Bruder hier den Tod. Fort, zieht ſie aus der Gruft mir in den Kerker, Und laßt ſie ſchmachten, bis ich Strafen fand Von unerhoͤrter, neuer Folterqual. Tam. Was? ſind ſie in der Gruft? O wundervoll! Wie leicht wird jeder Mord doch offenbar! 30 Titus Andronicus. A. II. Tit. Erhabner Fuͤrſt, auf meinem ſchwachen Knie, Mit Thraͤnen ſchwer vergoſſen fleh' ich dich, Daß meiner frevelhaften Soͤhne That,— Frevelnd,— wenn dieſe That erwieſen ward.— Sat. Erwieſen ward? Ihr ſeht, ſie iſt gewiß! Wer fand den Brief? Warſt du es⸗ Tamora? Tam. Andronicus hob ſelbſt den Zettel auf. Tit. Das that ich, Herr; doch laßt mich Buͤrge ſeyn; Ich ſchwoͤrs bei meiner Vaͤter heil'gem Grab, Auf deiner Hoheit Wink ſind ſie bereit, Mit ihrem Blut zu zahlen dem Verdacht. Sat. Du ſollſt nicht Buͤrge ſeyn, gleich folge mir, Ihr nehmt den Todten, Ihr die Moͤrder mit: Laßt ſie nicht reden, ihre Schuld iſt klar; Denn wahrlich, gaͤb' es haͤrtre Straf' als Tod, Die Strafe ließ ich alſo bald vollziehn. Tam. Andronicus, ich will um Gnade flehn; NRicht fuͤrcht' um deine Soͤhn', es wird noch gut. Tit. Komm Lucius, weile nicht ſie anzuſprechen!— (Sie gehn von verſchiedenen Seiten ab.) ——— Fnfte Szene. Daſelbſt. (Demetrius und Chtron kommen mit der geſchändeten La⸗ vinia; ihr ſind die Hände abgehauen und die Zunge ausge⸗ ſchnitten.) Demetrius. So melde nun, wenns deine Zunge kann, Wer dir die Zung' ausſchnitt und dich entehrt! Chir. Schreib nieder was du meinſt, und hilf dir ſo, Vermoͤgens deine Stumpfen, laß ſie ſchreiben! Dem. Wie gut ſie noch mit Wink und Zeichen grollt! Chir. Geh, fordre friſches Waſſer, waſch die Haͤnde! Dem. Fordr' ohne Zunge, waſch dich ohne Haͤnde; Und ſomit wandl' in ſtiller Einſamkeit!— Chir. Wärs mir geſchehn, ich ging' und haͤngte mich. — Sz. 1. Titus Andronirus. 31 Dem. Ja, haͤt'ſt du Haͤnde, dir den Strick zu knuͤpfen! (Demetrius und Chiron ab.) (Marcus kommt zu Lavinien.) Warec. Wer iſts? die Nichte, die ſo eilend ſlieht? Muhme, ein Wort! Wo iſt dein Gatte? Traum⸗ ich, O huͤlfe all mein Gut mir dann zum Wachen: Und wach' ich, ſchluͤg' ein Blitzſtrahl auf mich ein, Daß ich fortſchlummeèrn moͤg in ew'gem Schlaf!— Sag, ſuͤßes Kind, weß mitleidloſe Hand Trennt' ab, und hieb ſo frech von deinem Stamm, Der beiden Zweige ſuͤße Zier, die Laube In deren Schatten Koͤn'ge gern geruht, Und nimmer ein ſo reizend Gluͤck erſtrebt Als halb nur deine Gunſt! Was ſprichſt du nicht? Weh mir! ein Purpurſtrom von warmem Blut, Gleich einem Springquell den der Wind bewegt, Hebt ſich und faͤllt dir zwiſchen roſ'gen Lippen, Und kommt und geht mit deinem ſuͤßen Hauch⸗ Gewiß, ach! hat ein Tereus dich entehrt, Und Strafe fuͤrchtend, raubt' er deine Zunge. Ach, wendſt du jetzt dein Antlitz weg aus Scham? Und trotz des vielen Bluts, von dir verſtrömt Wie aus dem Brunn'“, dem mancher Strahl entquillt, Flammen die Wangen dir, wie Titan gluͤht, Wenn er erroͤthend mit den Wolken kampft? Soll ich ſtatt deiner reden? Iſt es ſo? Kennt' ich dein Herz! O kennt' ich den Verruchten, Daß ich ihm fluchen koͤnnte, mir zum Troſt! Gehemmter Schmerz, wie ein verſtopfter Ofen, Verbrennt zu Aſche die verſchloßne Bruſt. Verlor doch Philomele nur die Zunge, Und wirkt' in trauriges Geweb⸗ ihr Leid: Doch liebſtes Kind, dir ward die Huͤlf⸗ entriſſen, Dein Tereus uͤbte liſt'ger ſeinen Raub Er hat die zarten Finger abgehaun, Die ſchoͤner wohl geſtickt als Philomele. D, ſah der Unhold dieſe Lilienhand Wie Eſpenlaub auf einer Laute zittern, Daß ſie mit Luſt die Silberſaiten kuͤßten,— Nicht fur ſein Leben hätt' er ſie beruͤhrt! Und hoͤrt' er je die Himmelsharmonie, * 32 Titus Andronicus. A. H. Die jener ſuͤßen Zunge ſonſt entſtroͤmt,— Sein Dolch entfiel ihm, und er ſank in Schlaf, Wie Cerberus zu Orpheus Fuͤßen ſchlief. So gehn wir! Und dein Vater werde blind, Der Anblick muß ein Vaterauge blenden. In Einer Stund erſaͤuft der Sturm die Matten; Was bringt ein Jahr von Thraͤnen Vateraugen? O komm! All unſer Schmerz iſt dir geweiht, Koͤnnt' unſer Schmerz doch mildern ſo viel Leid!— (Sie gehn ab.) Dritter Aufzug. Erſte Szene. Rom. Eine Straße. (Richter und Senatoren. Martus und Quintus werden gebunden zum Richtplatz geführt: vor ihnen geht Titus, und ſpricht zu den Richtern.) „ Titus. Hort, Senatoren! Ihr Tribunen, weilt! Denkt meines Alters, deſſen Jugend ſchwand In wildem Krieg, weil Ihr in Ruhe ſchlieft; Des Bluts, im großen Kampf von mir verſtroͤmt; Der eiſ'gen Naͤchte die ich durchgewacht, Und dieſer bittern Thraͤne, die mir jetzt Die alten Runzeln meiner Wangen fuͤllt. Seyd meinen Soͤhnen mild,— obzwar verdammt, Doch frei der Suͤnd' um die ſie angeklagt. Um zwei und zwanzig Soͤhne weint' ich nie, Sie ſchlafen auf des Ruhms erhabnem Bett; Fuͤr dieſe, dieſe ſchreib' ich in den Staub Des Herzens Grarn, der Thraͤnen Jammerfluth: Sz. 1. Titus Androniecus. 33 (Anbronicus wirft ſich zu Boden; die Richter gehn an ihm vorüber.) Ihr Thraͤnen loͤſcht der Erde trocknen Durſt, Die ſcheu im Blut der Soͤhne wuͤrd' erroͤthen. O Staub mit noch mehr Regen feucht' ich dich, Der aus den beiden alten Hoͤhlen ſtroͤmt, Als junger Lenz mit allen ſeinen Schauern; In Sommers Duͤrre netz' ich dich mit Tropfen, Im Winter ſchmilzt der Schnee dem heißen Thau, Und ew'gen Fruͤhling ſchaff' ich deinem Antlitz, Wenn du nicht trinkſt der theuren Soͤhne Blut. Die Richter ſind weggegangen; Lucius kommt mit gezognem 6 6 Schwerdt.) O wuͤrdige Tribunen! Theure Greiſe, Befreit ſie, ruft zuruͤck den Todesſpruch, Und laßt mich ſagen, der noch nie geweint, Daß meine Thraͤnen gute Redner ſind. Luc. O edler Vater, jamm're nicht umſonſt: Es hoͤrt dich kein Tribun, kein Menſch ſteht hier, Und einem Stein erzaͤhlſt du deinen Gram. Tit. Ach Sohn, fuͤr deine Bruder red' ich hier:— Weiſe Tribunen hoͤrt mich noch einmal— Luc. Mein Vater, kein Tribun vernimmt dich mehr!— Tit. Es iſt ja Eins, mein Knabe; hoͤrten ſie, Sie wuͤrdens nicht beachten; thaͤten ſie's, Es waͤr umſonſt, ſie blieben ungeruͤhrt. Drum klag' ich meinen Gram den Steinen vor, Die, ob ſie gleich bei ſolchem Jammer ſtumm, Mir dennoch lieber als Tribunen ſind, Denn keiner unterbricht die Rede mir: Und wenn ich weine, mir zu Fuͤßen ſtill Empfahn ſie meine Thraͤnen, weinen mit, Und, huͤllten ſie ſich nur in ernſt Gewand, Nom haͤtte nicht Tribunen dieſen gleich.— Ein Stein iſt weich wie Wachs, Tribunen hart wie Steine; Ein Stein iſt ſchweigend, und betruͤbt uns nicht; Tribunenzunge ſpricht das Leben ab!— Doch weßhalb ſtehſt du mit gezuͤcktem Schwerdt? Lur. Von ihrem Tod die Bruder zu befrei'en: VI. 3 34 Titus Andronicus. A. III. Und den Verſuch beſtrafte das Gericht, Indem ſein Spruch auf ewig mich verbannt. Tit. O Glucklicher! beguͤnſtigt wurdeſt du! Kurzſicht'ger Lucius, duͤnkt dich Rom denn nicht Wie eine Wuͤſtenei von Tigern voll? Tiger ſind da zum Raub; Nom hat an Raub Nur mich und Euch: wie gluͤcklich biſt du dann, Von den Verſchlingenden verbannt zu ſeyn!— — Doch wer naht mit dem Bruder Marcus hier? (Marcus kommt mit Lavinig.) Marc. Bereit zu weinen ſey dein edles Aug, Wo nicht, zerſpringe dir das edle Herz! Ich bringe deinem Alter toͤdtlich Leid!— Tit. Wird es mich toͤdten? L ſo laß michs chau'n. Warc. Dieß war dein Kind! Tit. Und iſt es jetzt noch, Marcus! Lue. Weh! Dieſer Anblick toͤdtet mich! Tit. Schwachherz'ger Knabe! auf, und ſieh ſie an: O ſag, mein Kind, durch weß verfluchte Hand Kommſt du ſo handlos vor des Vaters Blick? Wer iſt der Thor, der Waſſer trug ins Meer, Und Holz in Troja's hellentflammten Brand? Mein Gram ſtand auf dem Gipfel eh du kamſt, Jetzt gleich dem Nil bricht er die Schranken durch.— Ein Schwerdt! Auch meine Haͤnde hau' ich ab! Sie fochten ja fuͤr Rom, und ganz umſonſt! Wenn ſie mich naͤhr'ten, pflegten ſie dieß Leidz Vergeblich im Gebet erhob ich ſie, Und ohne Segen hab' ich ſie gebraucht!— Nun ſey ihr letzter Dienſt von mir begehrt, Daß mir die Eine helf' abhau'n die andre. S iſt gut, Lavinia, daß du ohne Hand; Denn Rom zu dienen helfen Haͤnde nicht! Luc. Sprich holde Schweſter, wer dich ſo gemartert? Warc. Ach! der Gedanken lieblich Inſtrument, Das ſuͤße Redekunſt ſo hold geplaudert, Niß man aus ſeines zarten Kaͤfigs Haft, Wo's wie ein ſuß melod'ſcher Vogel ſang, Im Wechſelton entzuͤckend jedes Ohr! Lue. Statt Ihrer ſprich! Wer hat die That voll⸗ bracht? —— M. S.1. Titus Andronicus. 35 Ware. So fand ich ſie, in dem Forſt, Beſorgt ſich zu verbergen, wie ein Reh, Das eine unheilbare Wund⸗ empfing! Tit. Sie war mein Reh, die Wund' ihr ug That weher mir, als haͤtt' er mich durchbohrt. Nun ſteh' ich, wie ein Mann auf einem Fels, Umgeben von der weiten wuͤſten See, Der Wog' auf Woge ſchwellen ſieht die Fluth, Und ſiets erwartet, ob ein neid ſcher Schwall In ſeine ſalz'gen Tiefen ihn begrabt. Zum Tod hier gingen meine armen Soͤhne; Hier ſteht mein andrer Sohn, aus Rom verbannt, hs Und hier mein Bruder, weinend um mein Weh: och was am ſchaͤrfſten meine Seele ſpornt, Iſt mein geliebtes Kind, mein liebſtes Herz.— 81 Und haͤtt' ich nur dein Bildniß ſo geſehn, Ich fiel' in Wahnſinn: was denn ſoll ich thun, Erblick' ich deinen holden Koͤrper ſo? Ohn' Haͤnde deine Thraͤnen abzutrocknen, Noch Zunge, zu erzaͤhlen, wer dich quaͤlte: Jodt iſt dein Gatte, und um ſeinen Tod Verurtheilt deine Bruͤder, jetzt enthauptet: Sich, Marcus! ach, Sohn Lucins, ſieh' ſie an! Als ich die Bruͤder nannte, netzte gleich Die Wange friſches Naß, wie Honig thaut Auf die gepfluckte, faſt gewelkte Lilie! Marc. Vielleicht weint ſie, weil jene ihn getoͤdtet; Vielleicht, weil ſie die Bruder ſchuldlos weiß! Tit. Wenn ſie ihn toͤdteten, dann ſey vergnuͤgt, Denn ſchon zur Strafe zog ſie das Geſetz. Nein, nein! ſie uͤbten nicht ſo arge That, Das zeugt der Gram, der ihre Schweſter beugt. Mein holdes Kind, die Lippen kuſſ' ich dir; t Ein Zeichen gieb, wie ich dir irgend helfe. Willſt du, daß Lucius, und dein guter Ohm, Und du und ich um einen Quell uns ſetzen, Und niederſchauend, unſre Wangen ſehn Entſtellt und feucht, gleich Wieſen noch nicht trocken Vom Schlamm, mit dem die Fluth ſie uͤberſchwemmt? l⸗ Und ſoll'n wir ſtarren in den Quell ſo lang, Bis ſich des Waſſers ſuͤße Klarheit trubt, 36 Titus Andronicus. A. 1H. Und ſalzig wird durch unſte bittern Thraͤnen? Soll'n wir die Hand uns weghaun ſo wie dir, Die Zung' abbeißen, und mit ſtummen Zeichen Verhaßter Tage Ueberreſt verbringen? Was ſoll'n wir thun? Laßt uns, die Zungen haben, Ein Jammerſpiel entwerfen fernern Elends, Daß wir ein Wunder werden kuͤnft'ger Zeit! Luc. Mein Vater, weint nicht mehr; bei Euerm ram Seht, wie die arme Schweſter ſchluchzt und ſtöhnt!— Wiarc. Still, Nichte!— n trockne dir die ugen! Tit. Ah, Marcus, Marcus! O, ich weiß, mein ruder, Dein Tuch kann keine meiner Thraͤnen faſſen, Du haſt es mit den eignen ſchon ertraͤnkt. Luc. Ach, Schweſter! deine Wangen trockn' ich ab! Tit. Sieh, Marcus, ihre Zeichen merk“ ich wohl: Fehlt' ihr die Zunge nicht, jetzt ſpraͤche ſie Zu ihrem Bruder wie ich ſprach zu dir: Sein Tuch, von frommen Thränen ganz durchnetzt Iſt ihrer Wange nun zu keinem Dienſt!— Wer fuͤhlte Leid und Sorgen je, wie dieſe? Von Huͤlfe fern, wie Hoͤll' vom Paradieſe? (Aaron kommt.) Aar. Titus Andronicus, mein Herr der Kaiſer Entbeut dir: wenn dir deine Sohne lieb, Soll Marcus, Lucius, wer es ſey von Euch, Oder du Alter ſelbſt, abhaun die Hand, Und ſie dem Koͤnig ſenden: alſobald Schickt er die Soͤhne lebend dir zuruͤck; Das ſoll die Buße ſeyn fuͤr ihre Schuld. Tit. O gnaͤd'ger Kaifer! O huldvoller Mohr! Sang je ein Rabe ſo der Lerche gleich, Die ſuͤße Zeitung giebt vom Morgenroth, Mit Freuden ſend' ich gleich dem Kaiſer meine Hand, Willſt du ſie abhaun helfen, lieber Mohr? Lue. Halt! Vater, dieſe edle tapfre Hand, Die ſonſt ſo manchen Feind zu Boden warf, Sollſt du nicht ſenden; meine bring' ich dar: Der Juͤngre mißt wohl ehr ſein Blut als du, Und deshalb zahl' ich fuͤr der Bruͤder Hanpt. H. Sz. 1. Titus Andronicus. 37 Ware. Weß Hand von Euch hat nicht Schutz verliehn, Und hoch im Kampf die blut'ge Art gezuͤckt, Vernichtung ſchreibend auf der Feinde Helm? O keine, die nicht hoͤchſten Ruhm erfocht, Und meine war nur muͤßig; diene ſie, Vom Tod die beiden Reffen zu befrein, Dann hab' ich ſie zu wuͤrd'gem Zweck bewahrt. Aar. Nun einigt Euch, weß Fin ſoll mit mir gehn, Daß ſie nicht ſterben eh die Rettung kam. Marc. Nehmt meine Hand! Luc. Beim Himmel, deine nicht! Tit. Nicht fuͤrder ſtreitet: welkes Kraut, wie dieß, Iſt gut es auszuraufen: nehmt denn meine!— Luc. Mein Vater, wenn dein Sohn ich heißen ſoll, Laß mich die Bruͤder retten von dem Tod. Warc. UUm unſtes Vaters, unſter Mutter willen, Heut laß mich zeigen wie ein Bruder liebt. Tit. So tret' ich denn zuruͤck, vereint Euch drum. Luc. Ich geh' und hohl' die Art. Marc. Und ich gebrauche ſie. (Lucius und Marcus gehn.) Tit. Komm hieher, Mohr, betruͤgen will ich ſie; Leih mir die Hand, und meine geb' ich dir. Aar.(beiſeit) Wenn das Peinghe will ich ehr⸗ ich ſeyn und keinen ſo beträgen, das iſt klar. n⸗ Doch ich betrug' Euch wohl auf andre Art, In einer halben Stunde ſollt Ihrs ſehn. Cer haut Titus Hand ab.) (Lucius und Marcus kommen zurück.) Tit. Nun laßt den Streit, was ſeyn muß, iſt ge⸗ than.— n. Mein guter Mohr, dem Kaiſer gieb die Hand: Sag, dieß war eine Hand, die ihn geſchuͤtzt Manch tauſendmal: begraben ſoll er ſie, ie hat wohl mehr verdient, dieß gonn' er ihr. Und meine Soͤhne, ſag ihm, acht' ich nun Wie Edelſteine, wohlfeil mir erkauft, Und dennoch then'r, weil ich gekauft was mein. 38 Titus Andronieus. A. III. Aar. Ich geh', Andronicns: fuͤr deine Hand Mach dich bereit die Soͤhne bald zu ſehn:— (beiſeit.) Der Buben Haͤupter 6 36— Wie der Streich Wenn ich dran denke, mich ergoͤtzt und weidet!— Laßt Narr'n und Weiße fromm um Gnade werben, Mag Schwarz mir Antlitz ſo wie Seele faͤrben. 6 (geht ab.) Tit. Hier heb' ich auf die Eine Hand zum Himmel, Zur Erde beug' ich dieſe ſchwache Truͤmmer: Giebts eine Macht, die meine Thrane ruͤhrt, Die fleh' ich an: Czu Lavinia.) 2 du mit mir nien Thu's, liebes Herz; der Himmel muß uns hoͤren! Sonſt hauchen wir die Luft mit Seufzern truͤb, Die Sonne ſchwaͤrzend, wie die Wolken thun, Wenn ſie in ihrer feuchten Bruſt ſie bergen. Warc. O Bruder, ſprich von Moͤglichkeiten doch, Und ſtuͤrz dich nicht in ſolches Wahnſinns Tiefe! Tit. Iſt denn mein Gram nicht tief und bodenlos? So ſey die Leidenſchaft auch ohne Boden! MWarc. Doch laß Vernunft regieren deinen Schmerz! Tit. Gaͤb es vernuͤnft'gen Grund fuͤr ſolches Leid, Dann ſchloͤß' ich wohl in Braͤnzen all dieß Weh. Erſaͤuft das Feld nicht, wenn der Himmel weint? Schaͤumt, wenn der Sturmwind raſ't, das Meer nicht . auf, Und droht dem Firmament mit ſchwellndem Antlitz? Und willſt du Gruͤnde noch fuͤr ſolche Wuth? Ich bin das Meer; hoͤr ihre Seufzer wehn! Sie iſt die Luft in Thraͤnen, ich das Land: So ſchwellen ihre Seufzer denn mein Meer, Und ihrer Thraͤnen Suͤndfluth uͤberſchwemmt In ſtetem Regen ſtroͤmend mein Gefild; Denn, wie? mein Innres faßt nicht ihren Schmerz, Und ich, gleich einem Trunknen, ſpey' ihn aus⸗ Drum laßt mich frey; Verlierern ſteht ja frei Sich Luft zu machen durch den bittern Fluch. (Ein Bote kommt, und bringt zwei Häupter und eine Hand.) Bote. Wuͤrd'ger Andronicus, ſchlimm zahlt man dir Die gute Hand, die du dem Kaiſer gabſt. — Sz. 1. Titus Andronicus. 39 Sieh hier zwei Haͤupter deiner edlen Soͤhne; Hier deine Hand, zum Hohn zuruckgeſchickt: Dein Schmerz ihr Spott, und dein Entſchluß verhoͤhnt, So daß mirs weh' iſt, denk ich deines Weh's, Mehr, als Erinnrung an des Vaters Tod. (geht ab.) Warc. Nun werde kalt, Siciliens heißer Aetna, Und ſey mein Herz ein gluͤhnder Flammenpfuhl! Solch Elend iſt zuviel fuͤr Menſchenkraft! Mitweinen mit den Weinenden iſt Troſt, Doch Schmerz ſo frech verhohnt, dreifacher Tod. Luc. O, daß der Anblick ſolche Wunden ſchlaͤgt, Und ſchreckt verhaßtes Leben nicht hinweg! Daß Tod den Leben ſeinen Namen leiht, Wo Leben nur verweilt als Athemzug! (Lavinia küßt ihn.) Ware. Ah, armes Herz, der Kuß iſt ohne Troſt, Wie hartes Eis dem froſterſtarrten Wurm. Tit. Wann endet dieſer furchterliche Schlaf? Ware. Nun, Schmeichelei fahr' hin; nun Titus, irb; Du ſchliefſt nicht; ſieh die Haͤupter deiner Soͤhne, Sieh deine Hand, ſieh dein verſtuͤmmelt Kind, Den landverwieſ'nen Sohn, durch dieſen Anblick Betruͤbt und bleich; mich deinen Bruder ſieh, Wie ein verſteinert Bildniß kalt und ſtarr, Ach, nimmer recht' ich jetzt mit deinem Schmerz! Rauf nur dein Silberhaar, mit deinen Zaͤhnen Zerfleiſch' die andre Hand: dieß grauſe Bild Sey deiner armen Augen letzte Schau. Nun iſt es Zeit zum Sturm, was ſchweigſt du ſtill? Tit. Ha! ha! ha! Wiare. Was lachſt du? ſolcher Stunde ziemt es nicht! Tit. Run, blieb mir denn noch eine Thraͤne uͤbrig? Und dann iſt auch dieß Weinen ſelbſt mein Feind, Der mir die feuchten Augen wohl zerſtoͤrte, Bis ſie erblindet von der Thraͤnen Zoll; Wie aber faͤnd' ich dann der Rache Hoͤhle? Denn dieſe Haͤupter reden ja zu mir, Und drohn mir, ewig nicht erlang ich Ruh, Bis all dieß Elend ward zuruͤckgezahlt, Zuruͤck in deren Schlund, die's ausgeſandt. 40 Titus Andronicus. A. III. Still! Laßt mich ſehn, was nun mein Tagewerk: Ihr Volk des Jammers, ſtellt Euch um mich her, Daß ich zu jeglichem mich wende hin, Und ſchwoͤr' auf meine Seel', ich raͤch' Eu'r Leid. Ich habs gelobt.— Jetzt, Bruder, faſſ' ein Haupt, In dieſer Hand halt' ich das andre feſt: Lavinia, hilf uns auch in dieſem Werk, Mit deinen Zaͤhnen, Kind, halt' meine Hand.— Du, lieber Sohn, entferne dich von hier, Du biſt verbannt, und darfſt hier nicht verweilen.— Fleuch zu den Gothen, wirb dir dort ein Heer, Und willſt du folgſam meinen Willen thun, Kuͤß' mich und geh; uns bleibt noch viel zu thun. (Alle gehn ab bis auf Lucius.) Luc. Leb wohl, Andronicus, mein edlet Vater, Der jammervollſte Mann, den Rom geſehn! Leb wohl, o Rom! bis Lucius wiederkehrt, Laͤßt er dir Pfaͤnder, theurer als ſein Blut. Leb wohl, Lavinia, du edle Schweſter: O waͤrſt du wieder, was du warſt zuvor! Denn Lucius und Lavinia leben jetzt Nur in Vergeſſenheit, in Gram und Haß. Wenn Lucius lebt, vergilt er deine Schmachz Der ſtolze Saturnin und ſein Gemal Soll'n an den Thoren betteln, wie Tarquin. Jetzt zieh ich zu den Gothen, werb' ein Heer Und raͤche mich an Rom und Saturnin. (geht ab.) 5 weite Sene Zimmer in Titus Hauſe. (Ein Bankett. Titus, Marcus, Lavinia und der junge Lucius, ein Knabe, treten auf.) Titus. So, ſo; nun ſitzt; gebt Acht, und eßt nicht mehr, Als was nur eben uns in Kraft erhält, Rache zu nehmen fuͤr dieß bittre Weh. Marcus, entknuͤpf' den gramgeſchlungnen Knoten! Der Nicht' und mir, uns Aermſten, fehlen Haͤnde, Sz. 2. Titus Andronicus⸗ 41 Wir koͤnnen nicht gebehrden unſre Qual, Die Arme kreuzend. Dieſe ſchwache Rechte Blieb mir, tyranniſch meine Bruſt zu ſchlagen; Und wenn mein Herz, von Jammer ganz verwirrt, An dieſes Fleiſches hohlen Kerker klopft, Dann ſtoß' ich's ſo hinab.— Czu Lavinien.) Du Spiegel alles Weh,s, in Zeichen redend, Wenn dir dein Herz mit wildem Pochen ſtuͤrmt, Kannſt du's durch Streiche nicht beruhigen! Mit Seufzern triff, mit Aechzen toͤdt' es, Kind, Faß dir ein ſpitzig Meſſer mit den Zaͤhnen, Und bohr' am Herzen eine Wunde dir, Daß jede Thraͤne deiner armen Augen Der Gruft zufließt; und wenn ſichs vollgeſaugt, Im bittern Salz der arme Narr ertrinke! Marc. Pfui, Bruder, pfui! lehr ſie gewaltſam nicht Die Hand anlegen ihrem zarten Leib! Tit. Wie, hat dich Kummer ſchon verruͤckt gemacht? Ich, Marcus, darf allein im Wahnſinn ſprechen. Gewaltſam Hand anlegen ſollte ſie? Ach, warum nannteſt du den Namen Hand? So mußt' Aeneas zweimal Rede ſtehn, Wie Troja brannt' und er ins Elend kam. Handhabe nichts, wo man von Haͤnden ſpricht, Nicht ſtets zu mahnen, daß wir keine haben!— — Pfui! wie im Fieber klingt es, was ich ſprach; Als daͤchten wir an unſre Hand nicht mehr, Wenn Marcus unſrer Haͤnde nicht erwaͤhnt!— Kommt, fangt nun an. Iß dieß, mein ſuͤßes Maͤdchen,— — Hier fehlt zu trinken.— Hoͤr' doch, was ſie ſpricht: All' ihre Marterzeichen merk' ich leicht: Sie ſagt, ſie kennt nur Thraͤnen als Getraͤnk, Ihr Becher ſey die Wang, ihr Aug' die Kelter. Sprachloſe Klag'! Ich forſche deinen Sinn, Dein ſtummes Reden lern' ich ſo verſtehn, Wie bettelnde Einſiedler ihr Brevier. Du ſollſt nicht ſeufzen, nicht zum Himmel ſehn, Nicht winken, nicken, Zeichen machen, knien, Daß ich daraus nicht füg ein Alphabet, Und ſtill mich uͤbend, lerne was du meinſt. Rnabe. Großvater, laß die Klagen herb und wild, Erheitre meine Muhme durch ein Maͤhrchen. 42 Titus Andronicus. A. III. marc. Der zarte Knabe, ach! bewegt von Mitleid, Weint, ſo in Schwermuth ſeinen Ahn zu ſehn!— Tit. Still, zarter Sproß; Du biſt geformt aus Thraͤnen, Und Thraͤnen ſchmelzen bald dein Leben hin! (Marcus ſchlägt mit dem Meſſer auf den Teller.) Wonach ſchlugſt du mit deinem Meſſer, Marcus? Warc. Ich traf und ſchlug ſie todt;'ne Fliege wars. Tit. Schaͤme dich Moͤrder; du erſchlugſt mein Herz; Mein Aug' iſt uͤberſatt von Tyrannei: Ein Mord an dem unſchuldigen Thier geubt Ziemt Titns Bruder nicht:— ſteh' auf, und geh. Ich ſeh', du tangſt ſuͤr meinen Umgang nicht. Ware. O Lieber! Eine Flieg' erſchlug ich nur!— Tit. Wenn nun die Fliege Vater hatt' und Mutter? Wie ſenkt' er dann die zarten goldnen Schwingen, Und ſummte Klag und Jammer durch die Luft! Harmloſes, gutes Ding! Das mit dem huͤbſchen ſummenden Geſang Herflog uns zu erheitern; und du toͤdtſt ſie! Warc. Vergieb;'ne ſchwarze, garſtge Fliege war's, Ganz wie der Kaiſrin Mohr; drum ſchlug ich ſie. Tit. O, O, O, Ja, dann vergieb mir, wenn ich dich geſcholten, Denn eine That der Gnade uͤbteſt du. Gieb mir dein Meſſer, ich will ſie zerhaun, Mir ſchmeicheln, dieſen Mohren haͤtt' ich hier, Der cigens herkam um mir Gift zu ſtrenn. Das nimm fuͤr dich! und dieß fuͤr Tamora! Ah, Bube! Ich denke doch, ſo ſind wir nicht herunter, Daß wir am Tiſch hier nicht'ne Flieg erſchlugen, Die kohlſchwarz wie ein Mohr ſich zu uns draͤngt! Wiarc. Ach, armer Mann! Er haͤlt von Gram zerſtort Truͤgliche Schatten fuͤr ein wahres Ding!— Tit. Kommt, räumt nun auf: Lavinia, geh mit mir, Ich folg' dir in dein Zimmer, leſe dir Leidvolle Maͤhrchen vor aus alter Zeit. Komm Knabe, folge mir; dein Aug' iſt jung, Und du ſollſt leſen, wenn ſich meines truͤbt. (ſie gehn ab.) ———————— Titus Andronicus. 43 Vie e r u g. Erſte Szene. Vor dem Hauſe des Titus. (Der junge Lucius, mit Büchern unterm Arm, läuft vor, Lavinien, die ihm nachfolgt. Dann kommen Titus und Marcus.) Rnabe. Großvater hilf! Muhme Lavinia Verfolgt mich allenthalb, weiß nicht warum. Sieh, Oheim Marcus, ſieh wie ſchnell ſie kommt! Ach liebſte Muhm', ich weiß nicht was du willſt? Warc. Komm zu mir Lucius, fuͤrchte nicht die Muhme. Tit. Sie liebt dich, Kind, zu ſehr, dir leid zu thun. Rnabe. O ja, als noch mein Vater war in Rom!— Warc. Was deuten dieſe Zeichen, theure Nichte? Tit. Fuͤrchte nicht, Lucius: etwas meint ſie jetzt;— — Sieh Lucius, ſieh, wie viel ſie von dir haͤltz Sie will daß du ihr dorthin folgen ſollſt. Ah, Kind, Cornelia las mit ihren Soͤhnen So eifrig nie als ſie mit dir ſtudirt Die Poeſie, und Tullius Redekunſt. Erraͤthſt du nicht, was ſie von dir begehrt? Rnabe. O Herr, ich weiß nicht, noch errath ich es, Wenn nicht ein ſchneller Wahnſinn ſie ergriff: Denn oftmals hoͤrt' ich vom Großvater ſchon, Den Geiſt verwirr' ein Uebermaaß des Grams; Und las, wie die Trojan'ſche Hecuba Loll ward durch Kummer: das erſchreckte mich, Obſchon ich weiß, die edle Muhme liebt * 44 Titus Andronicus. A. IV. So zärtlich mich, als meine Multer that, Und nur im Fieber koͤnnte ſie mich ſchrecken. So warf ich denn die Buͤcher hin, und lief Vielleicht um nichts: doch, Muhme, ſeyd nicht bös; Und, Baſe, wenn mein Oheim Marcus folgt, Dann will ich mit Euch gehn, wohin es ſey⸗ Marc. Das will ich, Lucins. Tit. Wie nun, Lavinia? Was bedeutet dieß? Hier muß ein Buch ſeyn, das ſie wuͤnſcht zu ſehn: Von dieſen, welches? Knabe, ſchlag ſie auf: Doch du haſt mehr, und andre Schrift geleſen; Komm, waͤhl' in meinem ganzen Buͤcherſaal. Und ſo vergiß dein Leid, bis das Geſchick Enthuͤllt den argen Stifter dieſer That.— Was hebt ſie wechſelnd ihre Arm' empor? Warc. Sie meint wohl, denk' i noch mehr als Ein Verſchworner mitgewirkt:— Gewiß, ſo wars:— Wo nicht, ruft ſie des Himmels Zorn herab. Tit. Lucius, welch Buch iſt das, woran ſie ſtoͤßt? Rnabe. Herr, des Ovid Metamorphoſen ſinds, Die Mutter gab ſie mir. Warc. Aus Liebe zur Verſtorbnen Waͤhlte ſie's aus der Menge wohl hervor. Tit. Still, ſtill! wie emſig ſie die Blaͤtter dreht! Helft ihr: Was ſucht ſie doch? Lavinia, ſoll ich leſen? S iſt Philomelens tragiſche Erzaͤhlung, Des Tereus boͤſe Liſt, Gewalt und Raub; Und Raub war, fuͤrcht' ich, Wurzel deiner Marter. Warc. Sieh Bruder! Merk, das Blatt bezeichnet ſie. Tit. Wardſt du ſo uͤberraſcht mein ſuͤßes Kind, Beraubt, entehrt, wie Philomele ward? Geſchwaͤcht im wuͤſten, mitleidsloſen Wald? Seht, ſeht!— Ja, ſolch ein Thal iſt dort wo wir gejagt, O haͤtten wir doch nie, nie dort gejagt 1) Genau, wie uns der Dichter Kunde giebt, Von der Natur gepraͤgt zu Raub und Mord. Wiarc. Wie ſchuf ſo wuͤſten Thalgrund die Natur, Wenn Göͤtter der Tragoͤdien ſich nicht freun? Tit. Gieb Zeichen Kind,— hier ſind ja Freunde nur,— Sz. 1. Titus Andronicus. 45⁵ Wer iſt der Roͤmer, der die That gewagt? Schlich Saturnin heran, wie einſt Tarquin, Als er vom Heer ſich zu Lucretien ſtahl? Warc. Setz dich, Laviniaz;— Bruder, ſetz dich r.— Apollo, Pallas, Jupiter, Mercur, Erleuchtet mich, den Thaͤter zu erſpaͤhn!— Bruder, ſieh her,— geliebte Nichte, ſieh; (Er ſchreibt ſeinen Namen mit ſeinem Stabe, den er mit dem Munde und den Füßen führt.) Hier auf dem ebnen Sande, wenn du kannſt, Schreib du, wie ich jetzt meinen Namen zog, Ganz ohne Huͤlf⸗ und Beiſtand unſrer Haͤnde. Verfluchtes Herz, das zu dem Spiel uns zwingt! Schreib, ſuͤßes Kind! und zieh ans Licht zuletzt Was unſrer Rach' entdecken will der Himmel: Lenk' ihre Feder, Gott! ihr Leid zu ſchreiben, Thu uns den Frevler und die Wahrheit kund!— (ſie nimmt den Stab in den Mund, führt ihn mit den ver⸗ ſtümmelten Armen, und ſchreibt:) Tit. O Bruder! Lies, was ſie geſchrieben hat! Stuprum,— Chiron,— Demetrins. Warc. Was? Tamora's verbuhltes Knabenpaar Vollbringer dieſer blut'gen, ſchwarzen That? Tit.— Magne Dominator Poli, Tam lentus audis scelera? tam lentus vides? Warc. O, ruhig, theurer Bruder! Schrieb ſie gleich Mehr als zuviel auf dieſen Boden hin, Die Sanftmuth ſelbſt zur Nothwehr zu emporen, Und Kinder aufzuſtuͤrmen zum Entſchluß.— Knie mit mir nieder, Bruder, Nichte knie, Und Knab', auch du, des roͤn'ſchen Hectors Troſt: Schwoͤrt mir,(wie dem unſel'gen Gatten einſt Und Vater der entehrten keuſchen Frau, Held Brutus bei Lucretiens Leiche ſchwur,)— Ausuͤben wollen wir nach beſtem Rath Todtliche Nach' an jenen tuck'ſchen Gothen, Sie morden, oder ſelbſt als Feige ſterben. Tit. Recht ſchoͤn von dir, wenn„du nur wuͤßteſt, wie? Doch triffſt du nur die Jungen, dann gieb Acht, 46 Titus Andronicus⸗ A. IV. Du weckſt die Alte; wittert ſie den Streich, Ei, mit dem Loͤwen iſt ſie eng im Bund, Und wiegt ihn ein, auf ihrem Ruͤcken ſpielend, Und ſchläft er erſt, dann thut ſie, was ſie will. Du biſt zur Jagd noch jung, drum laß es gut ſeyn⸗ Wart nur! ein Taͤflein hohl ich her von Erz, Und grabe drauf mit ſcharfem Stahl die Namen, Und berg' es: ſonſt verweht der tuckſche Nord Wie der Sybille Blaͤtter dieſen Sand, Und dann, wie ſtaͤnd's um unſte Lection? Was ſagſt du, Knabe? Rnabe. Ich ſage, theurer Herr, waͤr' ich ein Mann, Nicht ihrer Mutter Schlafgemach beſchuͤtzte Dieß Knechtsgezuͤcht, das roͤm'ſche Ketten trug. Ware. Recht, wackrer Knab'! that dein Vater hon Das gleiche fuͤr ſein undankbares Volk. Rnabe. Und leb' ich, Oheim, thu ich ſo wie er. Tit. Komm, geh mit mir in meinen Waffenſaal. Lucius wird ausgeſtattet; und mein Knabe Soll gleich von iir den Soͤhnen Tamora's Geſchenke bringen, die ich ſenden will. Komm, du beſtellſt die Botſchaft; willſt du nicht? Rnabe. Großvater ja; mein Dolch fuͤr ihre Bruſt! Tit. Nein, Kind, nicht ſo; ich lehr' dich andern Weg. Lavinia komm; Marcus, geh in mein Haus, Lucius und ich, wir ſetzen's durch bei Hof, Ja traun, das thun wir, und wir finden Gunſt. (ſie gehn ab bis auf Marcus.) Wiarc. Goͤtter! Koͤnnt Ihr den Guten weinen ſehn, Und lenkt nicht ein, und hegt kein Mitgefuͤhl? Marcus, verlaß ihn nicht in dieſem Wahnwitz; Mehr Narben traͤgt ſein Gram verwundet Herz, Als Feindesſcharten ſein zerſtoßner Schildz Und doch ſo treu, daß er nicht Rache ſucht; Raͤcht Eotter denn den Greis n 8 ab. Sz. 2. Titus Andronicus. 47 Zweite Szene. Ein Zimmer im kaiſerlichen Pallaſt. (Von der einen Seite treten auf Laron, Chiron und De⸗ metrius; von der andern der junge Lucius, und ein Knabe der ein Bündel Waffen trägt, 56 welches Verſe geſchrieben ſtehn. Chiron⸗ Demetrius, hier iſt des Lucius Sohn, Der eine Botſchaft uns beſtellen ſoll. Aar. Me tolle Botſchaft wohl vom tollen Alten! Rnabe. Ihr Herrn, mit aller ſchuld'gen Demuth meld' ich Titus Andronicus ergebnen Gruß;— (beiſeit.) Und fleh die Goͤtter Roms Euch zu verderben. Dem. Hab Dank, mein art'ges Kind! Was Neues giebts? Rnabe.(beiſeit.) Daß wir Euch beid' ite⸗ das Neue giebts, Als rauberiſche Schurken.—(laut.) Edle Herrn, Mit Vorbedacht ſchickt mein Großvater Euch Die ſchoͤnſten Klingen ſeines Waffenſaals, Als Eurer wuͤrd'gen Jugend Luſt und Schmuck, Der Hoffnung Roms: denn alſo ſagt' ers mir Und ſo beſtell' ichs jetzt, und liefr' Euch ab Sein Gaſtgeſchenk: daß wenn Ihrs einſt beduͤrft Ihr ſtattlich ſeyd geruͤſtet und bewehrt.— Und ſomit laß ich Euch,(beiſeit.) 4 blut'ge Schurken. ab. Dem. Nun, was iſt dieß? Ein Blatt rund um be⸗ ſchrieben? Laßt ſehn: Iuteger vitae, scelerisque purus, Non eget Mauri jaculis, neque arcu. Chir. Der Vers ſteht im Horaz, ich kenn' ihn wohlz Ich las ihn in der Schul' als Knabe ſchon. Aar. Ja wohl, das ſchreibt Horaz, Ihr traft es gut Cbeiſeit.) Nun ſieht man doch, ein Eſi hat kein Arg! Dieß iſt kein Scherz; der Alte hats entdeckt, 48 Titus Anbronicus. A. IV. Und ſchickt mit ſolcher Aufſchrift ſein Geſchoß, Die, ohne daß ſie's ahnden, trifft ins Herz. Waͤr unſre witz'ge Kaiſerin wohlauf, Sie klatſchte Beifall Titus ſpitzem Wort: Doch mag ſie ruhn, unruhig wie ſie iſt.— (laut.) Run, junge Herrn, wars nicht ein gut Geſtirn, Das uns als Fremde hergefuͤhrt nach Rom, Ja als Gefangne, zu ſo hohem Gluͤck? Es that mir wohl, als ich am Burgthor trobte Im Beiſeyn ſeines Bruders dem Tribun. Dem. Und mich ergoͤtzt noch daß ſolch ein eld Uns froͤhnt in Demuth, und Geſchenke beut. Aar. Hatt' er's nicht Urſach Prinz Demetrius? Gingt Ihr nicht freundlich mit der Tochter um? Dem- Ich wollt wir haͤtten tauſend roͤm'ſche Fraun, Auf gleichen Kauf uns wechſelnd zu erfrenn. Chir. Ein liebevoller Wunſch! Ein fromm Gebet! Aar. Waͤr' Eure Mutter hier, ſie ſpraͤche Amen. Chir. Das thäͤte ſie fuͤr zwanzig tauſend mehr. Dem. Kommt, gehn wir; pi⸗ allen Goͤttern eht Fuͤr unſre Mutter, die in Wehen liegt. Aar.(beiſeit.) Zu Teufeln fleht; will von uns wiſſen. (Man hört Trompeten im Pallaſt.) Dem. Was blaſen die Trompeten im Pallaſt? Ehir. Vielleicht erfreut den Kaiſer jetzt ein Sohn. Dem. Still da! Wer kommt?— (Eine Waͤrterin kommt mit einem ſchwarzen Kinde.) Waͤrt. Gott gruͤß Euch, liebe Herrn! O ſagt mir an, wo Aaron iſt, der Mohr? Aar. Aaron iſt hier; was ſolls mit Aaron ſeyn? Waärt. O lieber Aaron! Alles iſt vorbei!— Nun hilf, ſonſt komme Fluch auf dich hinab! Aar. Was giebts? Was ſoll ter Zeter⸗ das Ge⸗ hrei? Was wickelſt und verhuͤllſt du in dein Tuch? Waͤrt. O, was ich von der Sonne gern verſteckt Der Kaiſrin Schmach, des großen Roms Entehrung; Sie iſt entbunden, Herrn, ſie iſt entbunden⸗ Sz. 2. Titus Andronicus. 49 Aar. Von welchem Eid? Wart. Sie kam ins Wochenbett. Aar. Nun denn, der Himmel Geb ihr'ne gute Nacht! Was ſchickt' er ihr? Waͤrt. Einen Teufel. Aar. Eines Teufels Mutter? Welch' erwuͤnſchter Sproß! Wart. Verwuͤnſchter, ſchnoder, ſchwarzer, wuͤſter Sproß! Hier iſt das Kind, ſo widrig wie ein Molch, Bei weißen Creaturen unſres Lands. Dein Siegel, deinen Abdruck ſchickt ſie dir, Und mit des Dolches Spitze tauf' ihn jetzt! Aar. Geh mir, du Hur'! Iſt S ſo ſchlimme Farbe? Du Dickkopf biſt'ne ſchoͤne Bluͤthe, gelt? Dem. Schurk, was haſt du gemacht? Aar. Gemacht, was du Nicht kannſt zunichte machen. Chir. Unſre Mutter Haſt du vernichtet! Aar. Nein, verpflichtet, Schurke. Dem. Und eben dadurch, Hoͤllenhund, vernichtet.— Fluch dieſer That! Fluch ihrer ekeln Wahl! Verflucht der Sproͤßling ſolches ſchnoͤden Teufels!— Chir. Er ſoll nicht leben! Aar. Sterben ſoll er nicht. Waͤrt. Aaron, er muß, und ſeine Mutter wills. Aar. Was muß er? Nun, ſo ſoll kein Mann als ich An meinem Fleiſch und Blut den Spruch vollziehn. Dem. Auf meinen Degen ſpieß' ich gleich den Molch: Gieb mir ihn her, ſo iſt es abgethan. Aar. Eh wuͤhlt dieß Schwerdt in Euern Einge⸗ weiden!— Halt Moͤrder! Euern Bruder ſchont Ihr nicht? Nun bei dem Sternenglanz des Firmaments, Der luſtig ſchien als ich den Schelm gezeugt,— Der ſtirbt durch meines Saͤbels ſcharfen Stahl, Der meinem aͤltſten Sohn und Erben naht. Ich ſag Euch Burſchen, nicht Enceladus, Mit ſeiner drohnden Schaar aus Typhons Brut, Noch Hercules, noch ſelbſt der Gott des Kriegs, dieſe Beut' aus ſeines Vaters Hand. 50 Titus Andronicus. A. IV Was? Ihr blutduͤrſt'gen Buben, ſchalen Geiſtes, Weißkalk'ge Waͤnde, bunte Bierhauszeichen, Kohlſchwarz gilt mehr, als jede andre Farbe; Denn alle Waſſerfluth im weiten Meer Waͤſcht nicht des Schwanes ſchwarze Fuͤße weiß, Obſchon er ſtuͤndlich ſie im Meere ſpuͤlt.— Sag du der Kaiſerin, ich ſey alt genug Was Mein zu ſchuͤtzen; trag' ſie's wie ſie mag!— Dem. So willſt du deine Herrin frech verrathen? Aar. Herrin iſt meine Herrin; dieß Ich ſelbſt, Das Mark und Abbild meiner Jugendkraft: Dieß iſt mir theurer als die ganze Welt, Dieß will ich retten trotz der ganzen Welt; Sonſt glaubt noch mancher dran von Euch in Rom. Dem. Dieß bringt auf unſre Mutter ew'gen Schimpf! Chir. Rom wird ſie ſchmaͤhn um dieſe Mißgeburt!— Waͤrt. Des Kaiſers Wuth wird ſie dem Tode weihn! Chir. Ich muß erroͤthen, denk ich dieſe Schmach!— Aar. Da ſeht das Vorrecht, das Euch Schoͤnheit bringt! Pfui, feiges Weiß, das durch Erroͤthen meldet Was in Geheim das Herz beſchließt und fuͤhlt!— Hier iſt ein Burſch gepraͤgt aus anderm Thon: Seht wie der ſchwarze Schelm anlacht den Vater! Als wollt er ſagen,— Alter, ich bin Dein. Der iſt Euer Bruder, Prinzen; friſch genaͤhrt Vom ſelben Blut, das Euch das Leben gab, Aus jenem Schooß, wo Ihr gefangen wart, Iſt er entfeſſelt und ans Licht gebracht: Eu'r Bruder von der ſichern Seite, traun, Obgleich ſein Antlitz meinen Stempel traͤgt. Waͤrt. Aaron, was meld' ich nun der Kaiſerin? Dem. Bedenk dich, Aaron, wie zu helfen ſey, Und wir ſind alle deinem Rath geneigt: Rette das Kind, wenn du uns all' errettſt. Aar. Setzen wir uns, und uͤberlegt mit mir. Mein Sohn und ich, wir ſind hier außerm Schuß, Bleibt dort: nun, wie's Euch gut duͤnkt, ſprecht von Rettung.. (Sie ſetzen ſich auf die Erde nieder.) Dem. Wie viele Frauen ſahn dieß Kind von ihm? Aar. Seht, liebe Herrn, wenn wir uns einig ſind, Bin ich ein Lamm: doch bietet Trotz dem Mohren, ———— 1————— 12 — Sz. 2. Titus Andronicus. 51 Und Aaron ſtuͤrmt wie das empoͤrte Meer, Wie Eber wild, und Loͤwen im Gebirg.— Nun ſag noch einmal, wie viel Frauen ſahn's? Wärt. Cornelia, die Hebamme, und ich ſelbſt; Sonſt kein' als die entbundne Kaiſerin. Aar. Die Kaiſrin,— die Hebamme,— und du ſelbſt? Zwei ſchweigen wohl, iſt nur die Dritte fort: Geh hin zur Kaiſrin, ſprich, dieß ſagt' ich dir!— (Er erſticht ſie.) Quiek, Quiek! So ſchreit das Ferkel, das man ſpießt. em. Was meinſt du Aaron? thatſt du dieß? Aar. Nun, meiner Tren, aus weiſer Politik: Ließ ich ſie gehn, verrieth ſie unſer Spiel, Die ſchwatzende Gevattrin! Nein Ihr Herrn; Und nun erfahrt den Plan, den ich erſann. Mein Landsmann Muliteus lebt nah von hier, Deß Weib erſt geſtern in die Wochen kam; Der gleicht das Kind, und iſt ſo weiß wie Ihr. Geht, kartets ab, und gebt der Mutter Gold, Und beiden ſagt den Hergang recht genau, Und wie ihr Kind hiedurch zu Ehren kommt, Und als des Kaiſers Erbe gelten wird, Und an die Stelle tritt des Meinigen, Den Sturm zu ſaͤnft'gen, der am Hofe droht: Der Kaiſer moͤg' es herzen dann als ſeins. Hoͤrt nun; Ihr ſeht, ich gab ihr Arzenei, Und Ihr muͤßt jetzt ihr Todtengraͤber ſeyn. Das Feld iſt nah, Ihr ſeyd ein ruͤſtig Paar: Dieß wohl beſorgt, verliert mir keine Zeit, Schickt die Hebamme mir im Augenblick. Hebamm' und Waͤrterin beiſeit geſchafft, Dann laßt die Weiber ſchwatzen, wie's beliebt. Chir. Aaron, ich merke, nicht einmal der Luft Vertrauſt du. Dem. Daß du ſo der Mutter ſchonſt, Muß ſie, wie ihre Soͤhne, herzlich danken. (Chiron und Demetrius gehn ab.) Aar. Nun zu den Gothen ſchnell wie Schwalbenflug! Dort bring' ich dieſen Schatz in Sicherheit, Und gruͤß' der Kaiſrin Freunde insgeheim.— Komm du breitmaͤul'ger Schelm, ich trag dich fort, 4* 52 Titus Andronicus. A.IV. Denn du haſt uns in all' die Noth gebracht. Mit Wurzeln fuͤttr' ich dich und wilden Beeren, Mit Rahm und Molken: Ziegen ſollſt du ſaugen, In Hoͤhlen wohnen: ſo zieh ich dich auf Zum tapfern Kriegesmann und General.(ab.) i ne Straße. (Titus, der alte Marcus, der Knabe Lucius, und andre treten auf mit Bogen; Titus trägt die Pfeile, an deren Enden Briefe befeſtigt ſind.) Titus. Komm, Marcus, komm; Vettern, hier iſt der Ort. Nun Kleiner, zeig“ mir deine Bogenkunſt: Seht daß Ihr wacker ſpannt, ſo trefft Ihrs wohl. Terras Astraea reliquit;— Denk dran, mein Marcus, ſie iſt fort, entflohn: Du nimm dir dein Geraͤth: Ihr Vettern, muͤßt Das Meer ergruͤnden und die Netze werfen, Ihr findet ſie vielleicht dann in der See⸗ Doch da wohnt Recht ſo wenig als am Land!— Nein: Publius und Sempronius, Ihr muͤßts thunz Ihr grabt mir mit dem Spaten, mit dem Karſt, Dringt vor bis zu der tiefſtem Erde Kern: Dann, wenn Ihr kamt in Plutos Region, Ich bitt' Euch, reicht ihm dieſe Bittſchrift einz Sagt ihm, Gerechtigkeit und Huͤlfe fehlen, Und daß Euch ſandte Greis Andronicus, Von Gram gebeugt im undankbaren Rom. Ah, Rom! Ja, ja, ich fuͤhrte dich ins Elend, Damals als ich des Volkes Stimme warb Fuͤr ihn, der jetzt mich heimſucht als Tyrann. Geht, geht! ich bitt' Euch, habt mir Acht und forſcht: Und laßt mir ja kein Kriegsſchiff undurchſucht:— Falls ſie der Kaiſer uͤber Meer geſchifft, Dann Vettern, pfeift nur nach Gerechtigkeit! Warc. O Publius! Iſt das nicht ein Trauerfall, Den edlen Oheim ſo im Wahnſinn ſehn? Sz. 3. Titus Andronicus. 53 Pub. Deshalb o Herr, iſt unſre naͤchſte Pflicht Ihm Tag und Nacht getreulich nah zu ſeyn Und ſeiner Lanne freundlich nachzugeben, Bis Zeit ein heilſam Mittel ihm gewaͤhrt.— Marc. Kein heilſam Mittel hilft fur ſolchen Gram!— Stoßt zu den Gothen; und ein Rachekrieg Bringe Ruin dem undankbaren Rom, Und Rache am Verraͤther Saturnin. Tit. Nun, Publius? Nun liebe Herrn, Sagt mir, traft Ihr ſie ſchon? Pub. Nein, theurer Herr! Doch Pluto laͤßt erwidern, Wollt Ihr von ihm die Rache, ſchickt er ſie: Gerechtigkeit ſey in Geſchaͤften oben, Er meint beim Jupiter,— vielleicht wo anders,— So daß Ihr Euch durchaus gedulden muͤßt.— Tit. Er kraͤnkt mich, haͤlt er mich mit Zoͤgern hin! Ich tauche ſelbſt in jenen Flammenſee, Und zieh' ſie bei den Ferſen aus dem Styr. Marcus, wir ſind nur Straͤuche, Cedern nicht, Nicht Rieſen nach Cyklopenart geformt: Zwar Erz, mein Marcus, Stahl bis an den Nacken, Doch leidgebengt, mehr als der Nacken traͤgt. Und weil kein Recht auf Erden noch im Orcus, Woll'n wir zum Himmel, zu den Goͤttern flehn, Uns Recht herab zu ſenden, uns zum Troſt. Kommt, Hand ans Werk! Hier Marcus, wackrer Schuͤtz, Cer vertheilt die Pfeile.) Ad Jovem, den nimm du: hier ad Apollinem,— Ad Martem, dieſen nehm' ich ſelbſt.— — Hier Knab, an Pallas;— der hier an Mercur, Saturn und Coelus: nicht an Saturnin,— Das waͤr', als ſchoͤßt Ihr gegen Sturm und Wind!— Nun Knabe friſch: ſo wie ich winke, ſchießt; Verlaßt Euch drauf, ich ſchrieb es mit Bedacht;— Da iſt kein Gott, zu dem ich nicht gefleht. Warc. Vettern, ſchießt alle Pfeil' ihm in den Burghof; Verwunden laßt uns dieſes Kaiſers Stolz. Tit. Nun zieht die Sennen.—(ſie ſchießen.) Wohl⸗ getroffen, Lucius!— Brav, Knab! In Virgo's Schooß; nun hilf Minerva! Marc. O Herr, weit üͤbern Mond ſchoß ich hinaus, Eu'r Brief muß jetzt beim Jupiter ſchon ſeyn. 54 Titus Androuicus. A. IV. Tit. Ha, Publius, Publius! Was haſt du voll⸗ bracht? Sieh, eins von Taurus Hoͤrnern abgeſchoſſen! Marc. Titus, das war der Spaß: als Publius ſchoß, Ward Taurus wild, gab Aries ſolchen Stoß, Daß ſein Gehoͤrn herabfiel in den Hof: Wer meint Ihr fands als Tamora's Geſell? Sie lacht' und rief dem Mohren, augenblicks Dem Kaiſer es zu bringen als Geſchenk. Tit. So paßt ſichs recht! Gott geb' Eur Hoheit Freude! (Ein Bauer tritt auf, der einen Korb mit zwei Tauben trägt.) Nachricht vom Himmel, Marcus! Sieh den Boten! Was bringſt du Freund? Sind Briefe da fuͤr uns? Erſcheint uns Recht? Was ſagt der Lenker Zeus? Bauer. Holla! Was der Henker Neues ſagt? Er ſagt, er hat den Galgen noch nicht in Ordnung, denn der Menſch ſoll erſt naͤchſte Woche haͤngen. Tit. Still! Was erwidert Zeus, ich frag' es noch⸗ mals. Bauer. Ach Herr, Euern Zeiſig kenn' ich nicht, mit dem habe ich all meine Lebtage nicht getrunken. Tit. Wie! Biſt du ſein Briefträger nicht, Geſell? Bauer. Meine Tauben habe ich hergetragen Herr, ſonſt nichts. Tit. So kommſt du nicht vom Himmel? Bauer. Vom Himmel? Ach, gnaͤdiger Herr, da bin ich nie geweſen; Gott behuͤte mich, daß ich ſo dreiſt ſeyn ſollte, und mich in meinen jungen Tagen in den Himmel eindraͤngen. Seht, ich gehe mit meinen Tauben zu dem Tribunalplebs, weil ich einen Zank zwiſchen meinem Vetter und einem von Seiner Kaiſerlichkeit Bedienten ſchlichten helfen will. Warc. Seht, Bruder, das kommt uns ſo gelegen wie moͤglich, um Eure Supplik zu unterſtuͤtzen; laßt Ihr dem Kaiſer die Tauben in Eurem Namen bringen. Tit. Sag mir, kannſt du dem Kaiſer eine Supplik mit einiger Grazie einreichen? Bauer. Nein, bewahre Gott, Herr, mit dem Gratias habe ich all' meine Tage nicht fertig werden koͤnnen. Tit. Freund, komm heran, na nicht viel Weſens ier: Sz. 4. TDitus Andronicus. 55 Gieb deine Tauben in des Kaiſers Hand, Ich ſchaffe dir Gerechtigkeit von ihm. Wart noch, hier haſt du Geld fuͤr deine Muͤh. Gebt mir Papier und Feder: Reichſt du mir die Supplik mit Grazie ein? Bauer. Ja, Herr. Tit. Hier alſo iſt ein Geſuch fuͤr dich. Und wenn du vor ihm erſcheinſt, mußt du beim erſten Eintritt knien; dann ihm die Fuͤße kuͤſſen; dann deine Tauben uͤberreichen; dann deinen Lohn erwarten. Ich werde in der Naͤhe ſeyn, Burſch: ſieh zu, daß du deine Sache gut machſt. Bauer. Seyd unbeſorgt Herr, laßt mich nur machen. Tit. Haſt du ein Meſſer Burſch? Komm zeig' es mir! Hoͤr, Marcus, falt' es in die Bittſchrift ein; (Du ſchriebſt ja wie ein armer Bittender,—) Und wenn du ſie dem Kaiſer uͤberreicht, Klopf' an mein Thor, und ſag mir, was er ſprach. Bauer. Gott befohlen Herr, ich wills thun. Tit. Komm Marcus, gehn wir; folg mir, Publius. (Alle ab.) — Vierte Sen Im Pallaſt. (Es treten auf der Kaiſer, die Kaiſerin und ihre Söhnez der Kaiſer hält die von Sukrsſlrinzn Pfeile in ſeiner Hand. Saturninus. Wie duͤnkt Euch ſolche Kraͤnkung? Bot man je Noms kaiſerlichem Herrſcher ſolchen Trotz, Belaͤſtigt und erzurnt ihn?— Hoͤhnt ihn ſo, Weil er das Recht erfullt, den Spruch vollzog? Ihr wißt es Herrn, gleich den allſeh'nden Gottern,— (Was quch die Störer Unſrer Ruh dem Volk Ins Ohr geraunt—) daß nichts entſchieden ward Wider des alten Titus frechen Stamm, Als nach Geſetz und Recht. Und ob nun auch Der Kummer ſeine Sinne ſo zerſtoͤrt: —————————— 56 Titus Andronicus. A. IV. Darf ſeine Rachgier, Fieberhitz' und Zorn, Und ſeine Bitterkeit uns ſo bedrohn? Nun ſchreibt er an die Goͤtter um Erſatz; Seht, hier an Jupiter, dieß dem Mercur, Dieß an Apollo, dieß dem Gott des Kriegs:— Recht ſaubre Zettel fur den röm'ſchen Markt! Heißt das nicht Laͤſtrung wider den Senat? Verdammung Unſres ungerechten Sinns? Ein angenehmer Scherz, nicht wahr, ihr Herrn? Als wollt' er ſagen, Rom kennt kein Geſetz! Doch, wenn ich lebe, ſoll verſtellter Wahnſinn Ihm keinen Schutz für dieſen Hohn verleihn: Er ſoll erfahren, daß Gerechtigkeit Noch lebt in Saturnin, die, ſchlaͤft ſie gleich, Jetzt ſo erwachen wird, daß ihre Wuth Vernichten ſoll den ſtolzeſten Verſchwoͤrer. Tam. Mein gnaͤdger Fuͤrſt, geliebter Saturnin, Herr meines Lebens, Herrſcher meines Sinns, Sey mild, vergieb dem alterſchwachen Greis; Ihn thoͤrt der Gram um ſeine tapfern Soͤhne, Der ihm ins Mark dringt, und die Bruſt durchbohrt. Erleichtre lieber ſein unſelig Loos, Als daß du ſtrafſt den Miedern oder Hoͤchſten Fuͤr ſolche Kraͤnkung.(Cbeiſeit.) Alſo, ſchlau gewandt, Mutz Tamora mit jedem freundlich thun: Doch Titus, dir verwundet' ich das Herz, Und traf dein Leben: iſt nur Aaron klug, Geht alles wohl, im Hafen ankern wir⸗ (Der Bauer kommt.) Was giebts mein Freund? bringſt du uns ein Geſuch? ſ Bauer. Ja freilich, wenn Euer Wohlgeboren Kaiſerlich ind. Tam. Ich bin die Kaiſerin; dort ſitzt der Kaiſer. Bauer. Das iſt er. Gott und Sanct Stephan geben Euch einen guten Abend: ich habe Euch einen Brief gebracht, und ein Paar Tauben. (Der Kaiſer lieſ't den Brief.) Sat. Fuͤhrt ihn hinweg, und haͤngt ihn alſogleich. Bauer. Wie viel Geld krieg' ich? Tam. Geh, Freund, du wirſt gehaͤngt. Sz. 4. Titus Andronicus. 57 Bauer. Gehaͤngt! Meiner Seel, ſo nimmt mein Hals ein ſaubres Ende! Cab.) Sat. Schmachvoll und unertraͤglich! Welcher Hohn! Ich weiß von wem der ganze Einfall ſtammt; Ich trag' es nicht! als ob die Frevlerbrut Gefaͤllt nach Recht fuͤr unſres Bruders Mord, Von mir geſchlachtet waͤre wider Recht! Geht, ſchleppt den Schurken bei den Haaren her, Nicht Alter, Wuͤrde, ſey ein Vorrecht ihm. Fuͤr dieſen Spott will ich ſein Schlaͤchter ſeyn; Verſtellt wahnwitz'ger Hund! Zur Krone halfſt du, In Hoffnung uͤber Rom und mich zu herrſchen— (Aemilius tritt auf.) Was giebts, Aemilius? Aem. Zu den Waffen, Herr! i hatte nie mehr rund, Es naht ein Gothenheer; mit einer Macht Entſchloßner Krieger, die nach Beut' entflammt, Ziehn ſie heran in ſchnellem Marſch, gefuͤhrt Von Lucius, dem Sohn Andronicus: Der droht in ſeiner Rache zu erfuͤllen, So viel als jemals Coriolan vollbracht. Sat. Der tapfre Lucins fuͤhrt das Gothenheer? Die Zeitung ſticht; und wie die Blum' im Froſt, Wie Gras geknickt von Sturm haͤng' ich das Haupt. Ja nun beginnt die Sorge mir zu nahn; Er iſt es, den der Pobel ſtets geliebt: Ich ſelber hoͤrte klagen unterm Volk (Wenn ich umherging wie ein Buͤrgersmann) Daß Luciue widerrechtlich ſey verbannt, Und wie ſie Lucius ſich zum Kaiſer wuͤnſchten. Tam. Was fuͤrchtet Ihr? iſt unſre Stadt nicht feſt? Sate Ja, doch die Buͤrger ſind dem Lucius hold, Und fallen ab von uns ihm beizuſtehn. Tam. Sey wie dein Name Kaiſerlich geſinnt! Verfinſtert auch die Sonn' ein Muͤckenſcharm? Der Adler duldet kleiner Voͤgel Sang, Ganz unbekuͤmmert was ihr Zwitſchern meint. Er weiß, wie mit dem Schatten ſeiner Fluͤgel Er nach Gefallen ſie zum Schweigen bringt; So kannſt auch du die Schwindelkoͤpfe Roms. 58 Ditus Andronicus. A. IV. Drum Muth gefaßt! Denn wiſſe, mein Gemahl, Ich will bezaubern den Andronicus Mit Worten, ſuͤßer und gefährlicher Als Wurm dem Fiſch, und Honigklee dem Schaf, Da jenem mit dem Wurm der Hamen droht, Und dieſem Krankheit bringt die ſuͤße Koſt. Sat. Doch nimmer bittet er fuͤr uns den Sohn! Tam. Wenn Tamora ihn bittet, wird ers thun; Denn ſchmeicheln kann ich, und ſein Ohr erfuͤllen Mit goldner Hofſnung, daß, waͤr' auch ſein Herz Jaſt unangreifbar, taub ſein altes Ohr, Doch meine Zung' ihm Herz und Ohr beſiegt.— Geh' du voran, ſey Abgeſandter uns, Sag, daß der Kaiſer ein Geſpraͤch begehrt Vom tapfern Lucius; laß den Ort beſtimmen. Sat. Aemilius, fuͤhr die Botſchaft wuͤrdig aus: Und wuͤnſcht er Geißeln ihm zur Sicherheit. So nenn' er ſelbſt welch Unterpfand er heiſcht. Aem. Den Auftrag werd' ich alſobald vollziehn.(ab.) Tam. Jetzt eil ich zu dem Greis Andronicus, Mit allen meinen Kuͤnſten taͤuſch ich ihn, Daß er den Lucius abruft von dem Heer. Nun, theurer Kaiſer, ſey vergnuͤgten Muths, Und alle Furcht begrab' in meiner Liſt. Sat. So geh nun Augenblicks, und wirb um ihn. (ſie gehn ab.) Titus Andronicus. 59 Feumter Aufzug. E ſte Senen (Lucius tritt auf mit Gothiſchen Hauptleuten. Trommeln.) Lucius. Bewaͤhrte Krieger, Freunde treu erprobt, Botſchaft erhielt ich aus dem großen Rom, Wie ſehr dem Volk der Kaiſer jetzt verhaßt, Und wie's in Sehnſucht unſrer Ankunft harrt. Drum, edle Herrn, ſeyd, wie Ihr Anſpruch habt, Kraͤftig im Zorn, unduldſam jener Schmach. Und wie Euch damals Rom erniedrigte, So nehmt Euch jetzt dreifaͤltigen Erſatz. Gothe. Du tapfrer Zweig von Titus großem Stamm, Deß Ruhm einſt unſer Schreck, jeht unſer Troſt, Deß hohen Thaten und erhabnen Glanz Herzlos mit Hohn und Undank Rom vergilt,— Vertrau auf uns, wir folgen wo du fuhrſt, Wie Bienen ſtechend, wenn der Weiſer ſie Am heißen Mittag ruft ins Blumenfeld, Und zuͤcht'gen die verhaßte Tamora. Alle. Und wie er ſprach, ſo ſpricht das ganze Heer. Luc. Ich dank' ihm ht Euch allen ank.— Wer naht? gefuͤhrt von einem ruͤſt'gen Gothen? (Ein Gothe führt den Laro der ſein Kind auf dem Arm trägt. Gothe. Ruhmvoller Lucius, ich gieng ab vom Heer, Ein wuͤſt verfallnes Kloſter zu betrachten: Und als ich aufmerkſam den Blick gewandt 60 Titus Andronicus. A. V. Auf die zerſtörten Mauern: plotzlich, Herr, Hoͤrt' ich ein Kind im Steingewoͤlbe ſchrein. Ich ging dem Laute nach, da hoͤrt' ich bald Den ſchrei'nden Wurm geſtillt mit dieſer Rede: „Schweig, brauner Schelm! halb ich, halb deine Mutter! „Wenn nicht die Farbe ſprach, weß Brut du eyſt, „Gab dir Natur nur deiner Mutter Weiß,— „So konntſt du Schurke wohl ein Kaiſer werden. „Allein wo Stier und 3 iheit von Farbe, „Da zeugten ſie noch nie ein ſchwarzes Kalb. „Still, ſtill, du Schelm,“(ſo ſchalt er jetzt das S; d „Zu einem wackern Gothen bring'ich dich, „Der, wenn er weiß du ſeyſt der Kaiſ'rin Blut, „Dich werth wird halten S Mutter alb.— Drauf mit gezuͤcktem Schwerdt ſprang ich heran, Ergriff ihn augenblicks und ſchleppt' ihn her, Daß du mit ihm verfaͤhrſt wie dirs beduͤnkt. Luc. O Freund, dieß iſt der eingefleiſchte Teufel, Der Titus ſeine tapfre Hand geraubt; Die Perle, die der Kaiſrrin Aug' ergoͤtzt; Dieß ſeiner ſchnoͤden Luſt verdammte Frucht. Felsaͤng'ger Sclav, wem wollteſt du vertraun Dieß kuͤnftge Abbild deiner Mißgeſtalt? Wie, ſprichſt du nicht? Was, taub? Nein, nicht ein ort: Ein Strick, Soldaten; hier am Baum geſchwind Haͤngt ihn mir auf mit ſeinem Baſtard⸗Kind. Aar. Ruͤhrt nicht das Kind! Es iſt aus Koͤnigsblut! Lue. Dem Vater allzugleich, drum nimmer gut, Erſt haͤngt den Sohn; er mag ihn zappeln ſehn; So ſterb' er hin in Vaterſchmerz und Wehn. Aar. Schafft eine Leiter!— Lucius, laß das Kind, Und ſend' es an die Kaiſerin von mir. Ich melde Wunderdinge, wenn du's thuſt, Die dir zu wiſſen hoͤchſten Vortheil bringt. Willſt du es nicht, wohlan, mir gilt es gleich, Ich ſchweige jetzt, doch Peſt und Fluch auf Euch!— Sz. 1. Titus Andronicus. 61 Luc. So ſprich denn, und gefällt mir was du ſagſt, So lebt dein Kind, ich laſſ' es auferziehn. Aar. Wenn dirs gefaͤllt? das betheur' ich ucius, Es wird dein Herz zerreißen was du hoͤrſt. Ich muß von Todtſchlag reden, Mord und Raub, Von nächt'gen Thaten und verruchtem Greul, Verrath, fluchwuͤrd'gem Anſchlag, Miſſethat, Betruͤbt zu hoͤren, klaͤglicher erlebt: Und dieß begraͤbt auf ewig dir mein Fod, Wenn du nicht ſchwoͤrſt, du retteſt mir mein Kind. Luc. Sprich was du weißt, 5 ſag' dir, es ſoll eben. Aar. Das ſchwore mir, und gleich beginn' ich dann. Lue. Schwoͤren? Bei wem? Du glaubſt ja keinen ott; ott; Iſt das, wie kannſt du glauben einen Eid? Aar. Und wenn ichs nie 8ch thu's auch nicht! Doch weil ich weiß, du haͤltſt auf Religion, Glaubſt an das Ding das man Gewiſſen nennt, Und an der Pfaffen Brauch und Obſervanz, Die ich dich ſorgſam hab' erfullen ſehn,— Deshalb fordr' ich den Eid von dir. Ich weiß, Ein Dummkopf haͤlt'nen Schellenſtab fuͤr Gott, Und ehrt den Eid, den er dem Gotte ſchwur: Drum fordr' ich ihn. Deshalb gelobe mir Bei jenem Gott,— gleichviel was fuͤr ein Gott,— Zu dem du beteſt und den du verehrſt,— Mein Kind zu ſchonen und es zu erziehn: Und weigerſt du mir das, entdeck' ich nichts. Luc. Bei meinem Gotte ſchwoͤr ich dir, ich wills. Aar. Erſt wiſſ, ich zeugt' es mit der Kaiſerin. Luc. O unerſaͤttliches, verbuhltes Weib! Aar. Pah, Lucius, das war nur ein Liebeswerk Mit dem verglichen, was du hoͤren ſollſt.— Ihre zwei Soͤhn' ermordeten Baſſianus, Sie ſchaͤndeten Lavinien, ſchnitten ihr Die Zung' und ihre beiden Haͤnde ab, Und ſchmückten ſie heraus, wie du's geſehn. Luc. Das nennſt du ſchmuͤcken, giftger Boͤſewicht? — * 62 Titus Andronicus. A. V. Aar. Gewaſchen, zugeſtutzt, und aufgeſchmuͤckt: Ein ſchmucker Spaß zugleich fuͤr alle Drei!— Luc. O wilde, viehiſche Buben, wie du ſelbſt! Aar. Nun ja, ich war der Lehrer zu der That. Die hitz'ge Ader ſtammt von ihrer Mutter, So wahr'ne Karte je den Satz gewann: Die blut'ge Neigung lernten ſie von mir, So wahr ein Bullenbeißer packt von vorn.— Nun, zeuge meine That von meinem Werth. Ich lockte deine Bruͤder in die Gruft, Wo des Baſſian erſchlagner Körper lag. Ich ſchrieb den Brief den drauf dein Vater fand, Und barg das Gold das jener Brief erwaͤhnt, Im Bund mit Tamora und ihren Soͤhnen. Und was iſt je geſchehn das dich verletzt, Wo ich zum Unheil nicht die Hand geboten? Ich ſpieite falſch um deines Vaters Hand, Und als ich ihn bethoͤrt, trat ich beiſeit, Und ſtickte faſt vor unerhoͤrtem Lachen. Ich duckte mich an einer Mauer Spalt, Als fuͤr die Hand er gab der Sohne Haͤupter: Sah wie er weint', und lachte dann ſo herzlich, Daß mir die Augen thraͤnten ſo wie ihm: Und als ich Tamora den Spaß beſchrieb, Erſtarb ſie faſt, ſo lieb war ihr die Maͤhr, Und gab mir zwanzig Kuͤſſe fuͤr die Zeitung. Gothe. Das alles ſprichſt du, und errotheſt nicht? Aar. Ja, wie ein ſchwarzer Hund, ſo heißt das Sprich⸗ wort. Luc. Und reun dich dieſe Frevelthaten nie? Aar. Ja, daß ich nicht noch tauſend mehr veruͤbt,— Noch fluch' ich jedem Tag,—(und glaube doch, Nicht viele ſtehn in dieſes Fluchs Bereich,) Wo ich beſondre Bosheit nicht begieng, Jemand erſchlug, wo nicht, die Anſtalt traf; Ne Dirn' entehrt, wo nicht, den Plan geſchmiedet; Unſchuldige verklagt' auf falſchen Eid; Todfeindſchaft unter Freunden angeſchuͤrt; Den Heerden armer Leute brach den Hals; In Scheun' und Schober Kohlen warf bei Nacht, Und rief dem Eigner: loͤſcht den Brand mit Thraͤnen!— Oft grub ich todte Koͤrper aus dem Grab, Sp 1. Titus Andronicus. 63 Und ſtellte ſie vor lieber Freunde Thuͤr, Recht wenn ihr Kummer faſt vergeſſen war: Und wie auf Baumesrind' in ihre Haut Ritzt' ich mit meinem Dolch in roͤm'ſcher Schrift: „Eu'r Kummer lebe fort, obgleich ich ſtarb.“— Gelt! tauſend Greuel hab ich ausgeubt, So leichten Sinns als Einer Fliegen faͤngt; Und nichts in Wahrheit geht mir ſo zu Herzen, Als daß mir nicht Zehntauſend noch gelingen. Luc. Den Teufel fort! Sein Tod muß ſich verlaͤngen, Zu kurze Qual waͤr ihm ein ſchnelles Haͤngen. Aar. Wenn's Teufel giebt, moͤcht' ich ein Teufel ſeyn, In ew'gem Feu'r zu leben, und zu brennen, Haͤtt' ich dich zur Geſellſchaft all' die Zeit, ich ſtets zu martern mit der bittern Zunge. Luc. Hoͤr auf mit Laͤſtern, ſtopft ihm ſeinen Mund. (Ein Gothe tritt auf.) Gothe. Feldherr, es iſt ein Bote hier aus Rom, Der fragt, ob er vor dir erſcheinen duͤrfe. Luc. Fuͤhrt ihn herein.— (Aemilius wird hereingeführt.) Willkomm' Aemilius! ſag wie ſtehts in Rom? Aem. Glorreicher Lucius, und ihr Gothenfurſten, Der roͤm'ſche Kaiſer gruͤßet Euch durch mich;. Und weil er hoͤrt, ihr ſteht in Waffen hier, Wuͤnſcht er Geſpraͤch in Eures Vaters Haus; Und fordert Ihr, daß er Euch Geißeln ſtellt, Dann augenblicklich ſendet er ſie her.— Gothe. Was ſagt mein Feldherr? Luc. Aemilius, Geißeln ſtelle Saturnin An meinen Vater, wie an meinen Ohm, So kommen wir.— Zieht weiter!— (Alle ab.) 64 Titus Andronicus. A. V. Zweite Szene. (Tamora, Demetrius und Chiron treten verkleidet auf.) Tamora. So nun, in dieſer fremden, duſtern Tracht Will ich begegnen dem Andronicus: Die Rache nenn' ich mich, der Hoͤll' entſandt, Mit ihm vereint ſein ſchrecklich Leid zu ſchlichten. Klopf an die Zelle, wo er weilen ſoll, Entwuͤrfe ſeltſam wilder Rache bruͤtend: Sag, Rache ſey gekommen, ihm vereint Zu wirken ſeiner Feinde Untergang. (Sie klopfen unten; Titus öffnet ſein Studierzimmer und ſpricht von oben.) Tit. Wer ſtort mich hier in meinem ernſten Wert? Iſts Eure Liſt daß ich aufthu' die Thuͤr, Damit die finſtern Plaͤne weg mir fliegen, Und all' mein Sinnen ohne Wirkung ſey? Ihr irrt Euch; denn was ich zu thun beſchloß, Seht her, in blut'gen Zeilen ſchrieb ichs hin, Und was ich aufgezeichnet, ſoll geſchehn. Tam. Titus, mit dir zu reden kam ich her. Tit. Nein, nicht ein Wort. Kann ich mit Anmuth reden, Da eine Hand mir zur Geberdung fehlt? Du biſt zu ſehr im Vortheil, drum laß ab. Tam. Wenn du mich kennteſt, ſprächeſt du mit mir. Tit. Ich bin nicht toll; dich kenn' ich nur zu gut: Bezeug's der arme Stumpf, die Purpurſchrift, Bezeug's dieß Antlitz, tief von Gram gefurcht, Bezeugs der traur'ge Tag, die lange Nacht, Bezeug' es alles Weh, ich kenne dich Als unſte ſtolze Kaiſrin Tamora. Nicht wahr, du kommſt um meine zweite Hand? Tam. Unſel'ger, wiſſ', ich bin nicht Tamera, Sie haßt dich, ich bin freundlich dir geſinnt. Ich bin die Rach', entſandt dem Hoͤllenreich, Sz. 2. Titus Andronicus. 65 Dein Herz zu heilen von des Geiers Biß, Durch blutige Vergeltung an dem Feind.— Komm, und begruͤß mich auf der Oberwelt, Zieh' mich zu Rath nun uͤber Tod und Mord. Denn keine Hoͤhle giebt es, kein Verſteck, Kein oͤdes Dunkel, kein umnebelt Thal, Wo Raub und Schandthat und verruchter Mord Sich ſcheu verbergen: dennoch find ich ſie, Und nenne meinen grauſen Namen„Rache“, Der die verworfnen Suͤnder zittern macht. Tit. So biſt du Rache? Biſt mir zugeſandt, Um allen meinen Feinden Qual zu ſeyn? Tam. Ich bins; drum komm herab, begruͤße mich. Tit. Thu einen Dienſt mir, eh' ich dir vertrau.— Sieh, dir zur Seite ſeh' ich Raub und Mord, Nun gieb Beweis daß du die Rache biſt, Erſtich, ſchleif ſie an deines Wagens Raͤdern, Dann will ich kommen und dein Fuhrmann ſeyn, Und raſch mit dir hinbrauſen um die Welt. Schaff dir zwei wackre Renner, ſchwarz wie Nacht, Dein raͤchend Fuhrwerk fortzuziehn im Sturm; Such Moͤrder auf in ihrer ſchuldgen Schlucht; Und iſt dein Karrn von ihren Haͤuptern voll, Dann ſteig' ich ab, und trab' am Wagenrad Gleich einem Knecht zu Fuß den ganzen Tag, Fruͤh von Hyperions Aufgang dort in Oſt, Bis wo er Abends ſpät ſich taucht ins Meer; Und Tag fuͤr Tag thu ich dieß ſchwere Werk, Wenn du mir Raub und Mord allhier vertilgſt. Tam. Sie ſind mir Diener, und begleiten mich. Tit. Die beiden dienen dir? Wie nennſt du ſie? Tam. Sie heißen Naub und Mord, alſo genannt, Weil ſie heimſuchen ſolche Miſſethat. Tit. O Gott, wie gleichen ſie der Kaiſerin Soͤhnen!— Und du der Kaiſerin!— Doch wir ird'ſchen Menſchen Sehn mit armſel'gen, blöden, falſchen Augen. D ſuͤße Rache, nun komm ich zu dir, Und wenn dir Eines Arms Umfahn genuͤgt, Schließ ich dich an die Bruſt im Augenblick. (Titus kommt von oben herab.) S Ihm ſo ſich fugen paßt fur 66 Tollheit! 66 Titus Andronicus. A Was ich erſann zu naͤhren dieſen Wahn, Das ſiaͤrkt und unterſtutzt durch Euer Wort. Jetzt glaubt er feſt, ich ſey die Rache ſelbſt, Und wie er glaͤubig ſolchem Traumbild folgt, Soll er zu Lucius ſenden, ſeinem Sohn; Und waͤhrend ich beim Schmauſ' ihn ſelber halte, Erſinn' ich einen liſtgen Anſchlag wohl, Die leicht bethoͤrten Gothen zu zerſtreun, o nicht, ſie mind'ſtens feindlich ihm zu ſtimmen. Sieh da, er kommt; nun ſpiel' ich meine Rolle. (Titus tritt auf.) Tit. Lang war ich weit, weit weg; und nur nach dir.— Willkommen, Furie, in mein Haus des Weh's! Ihr, Raub und Mord, ſeyd gleichfalls mir willkommen! Wie gleicht ihr Tamora und ihren Soͤhnen! Ihr waͤrt vollkommen, fehlt' Euch nicht ein Mohr: Gabs nicht im ganzen Abgrund ſolchen Teufel? Wahrlich, nie ſchweift die Kaiſerin umher, Daß nicht ein Mohr in ihrer Naͤhe ſey; Und wollt ihr recht der Kon'gin Bild uns ſtellen, So waͤr' es gut, ihr hättet ſolchen Teufel.— Doch, wie Ihr ſeyd, willkommen.— Was zu thun?— Tam. Was ſoll'n wir für dich thun, Andronicus? Dem. Zeig' mir'nen Moͤrder, und ich greif' ihn an. Chir. Zeig' mir nen Raͤuber, der Gewalt geuͤbt, Ich bin geſandt, ihn vor Gericht zu ziehn. Tam. Zeige mir tauſend, die dein Recht gekraͤnkt, Mein Amt iſt, Alle vor Gericht zu ziehn. Tit. Durchſuch' die frevelhaften Straßen Rois, Und findſt du einen Menſchen der dir gleicht, Den toͤdte, guter Mord, er iſt ein Moͤrder. Geh du mit ihm; und wenn's auch dir gelingt »Nen Andern aufzufinden, der dir gleicht, Den toͤdte, Raub, er iſt ein Weiberſchaͤnder. Geh du mit ihnen; an des Kaiſers Hof, Lebt eine Koͤmwgin, und mit ihr ein Mohr, Die magſt du, als dein Abbild, leicht erkennen, Denn ganz, von Kopf zu Fuͤßen, gleicht ſie dir. Ich bitt' dich, dieſen gieb grauſamen Tod, Sie waren grauſam meinem Stamm und mir. Sz. 2. Titus Andronicus. 67 Tam. Du haſt uns wohl belehrt, wir wollens thun. Doch nun erſuch' ich dich, Andronicus, Sende zu Lucius, deinem tapfern Sohn, Der jetzt auf Rom mit muth'gen Gothen zieht: Zu einem Schmauſe lad' ihn in dein Haus, Und wenn er hier iſt, recht zu deinem Feſt, Bring ich die Kaißrin dir, und ihre Soͤhne, Den Kaiſer ſelbſt, und alle die dir feind: Und dir zu Fuͤßen ſoll'n ſie knicend flehn, Und deines Herzens Ingrimm treffe ſie. Was ſagt Andronicus zu dieſem Rath? Tit. Marcus, heraus! der traurige Titus ruft. (Marcus kommt.) Geh, Marcus, geh zu deinem Neffen Lucius, Im Gothenheere ſollſt du ihn erfragen; Sag daß er zu mir kommt, und mit ſich bringt Noch einige der tapfern Gothenfurſten. Set ihn die Krieger lagern, wo ſie ſtehn; ag ihm, den Kaiſer und die Kaiſerin Erwart' ich hier zum Feſt, und ſo auch ihn. Dieß thu zu Liebe mir: er thu es auch, So werth ihm iſt des alten Vaters Leben. Warc. Das thu' ich gleich, und kehre ſchnell zuruͤck. Cab. Tam. Nun geh ich augenblicks an mein Geſchaͤft, Und nehme meine Diener mit hinweg. Tit. Nein, nein, laß Raub und Mord doch hier bei mir Sonſt ruf' ich meinen Bruder wieder heim Und halte mich allein an Lucius Rache. Tam.(zu ihren Söhnen.) Was ſagt ihr Soͤhne? bleibt . ihr wohl mit ihm, Bis ich dem Kaiſer meinem Herrn erzaͤhlt, Wie uns der wohlerdachte Scherz gelang? Folgt ſeiner Laune, ſprecht ihm freundlich zu, Und weilt mit ihm, bis ich zuruͤckgekehrt. Tit.(beiſeit.) Ich kenn' Euch all⸗, ſchon ihr toll mich waͤhn Und fang⸗ Euch in dem ſelbſtgeſtelten Garz, Euch junge Hoͤllenbrut ſamt Eurer Mutter. 5 S 68 Titus Andronicus. A. V. Dem.(beiſeit. Geht nach S Fuͤrſtin, laßt uns hier. Tam. Titus, leb wohl; die Rache geht zu Thaten, Dir alle deine Feinde zu verrathen. Tit. Das hoff' ich, theure Rache; leb' denn wohl. (Tomora geht ab.) Chir. Nun, Alter, ſprich, was giebſt du uns zu thun? Tit. O ſtill! ich ſchaff' Euch Arbeit uͤbergnug, Auf, Cajus, Publius und Valentin! WPublius und Diener kommen.) Pub. Was wollt Ihr? Tit. Kennſt du die Zwei? Pub. Die Soͤhne, denk ich, ſinds Der Kaiſ'rin, Chiron Demetrius. Tit. Pfui, Publius, wie groblich du dich irrſt! Der Ein iſt Mord, des Andern Nam⸗ iſt Raub. Drum binde ſie mir feſt, mein Publius, Cajus und Valentin legt Hand an ſie;z Oft hab' ich dieſe Stunde mir gewuͤnſcht, Nun fand ich ſie, drum bindet ſie recht feſt, Stopft ihnen auch den Mund, ſobald ſie ſchrein. Cab.) Chir. Schurken, laßt ab! Wir ſind der Kaißrin Soͤhne! Pub. Und deshalb thun wir, was uns auferlegt.— Stopft ihren Mund, goͤnnt ihnen nicht ein Wort: Ward er auch feſt gebunden? ſchließt ſie gut. (Titus kommt zurück mit einem Meſſer, und Lavinia mit einem Becken.) Tit. Lavinia komm, die Feinde ſind im Netz! Stopft ihren Mund„kein Wort geſtatt' ich mehr, Doch laßt ſie hoͤren meinen grimmen Spruch. O Schurken, Chiron und Demetrius! Hier iſt der Quell, den ihr getruͤbt mit Schlamm, Der holde Lenz durch Euern Froſt erſtarrt. Ihr ſchlugt ihr den Gemal: fur dieſen Graͤul ind ihrer Bruͤder zwei zum Tod verdammt. Mir ward die Hand geraubt zu frechem Spott, Ihr Haͤnd' und Zunge, ja was theurer iſt Als Zung und Hand,— die unbefleckte Keuſchheit, Sz. 2. Titus Andronicus. 69 Herzloſe Buben! raubtet Ihr mit Zwang.— Was ſpraͤcht Ihr jetzt, wenn ich Euch reden ließ?— Ihr duͤrftet nicht ans Schaam um Mitleid flehn. Hoͤrt, Buben, welche Qual ich Euch erſann: Die Hand blieb, Euch die Gurgel durchzuſchneiden, Indeß Lavinia mit den Stuͤmpfen haͤlt Dieß Becken, das Eu'r ſchuldig Blut empfaͤngt. Die Kaiſerin, wißt Ihr, will zum Schmaus mir kommen, Und nennt ſich Rache, waͤhnt, ich ſey verruͤckt:— Nun hoͤrt mich! Euir Gebein reib⸗ ich zu Staub, Und knet' es ein zu Teig mit Eurem Blut; Und aus dem Teige bild' ich eine Rinde, Drin einzubacken Eure Schurkenhaͤupter: Dann ſoll die Metze, Eure huͤnd'ſche Mutter, Der Erde gleich die eigne Brut verſchlingen; Dieß iſt das Mahl, zu dem ich ſie beſchied, Und dieß der Schmaus, an dem ſie ſchwelgen ſoll. Denn mehr als Philomel' erlitt mein Kind, Und mehr als Proene nehm' ich Rach' an Euch. Jetzt reicht die Gurgeln her.— Lavinia, komm, Fang' auf den Strahl; und wenn ich ſie entſeelt, Zerſtampf' ich ihr Gebein in feinen Staub, Und feucht' es an mit dem verhaßten Blut, Die Haͤupter einzubacken in den Teig. Kommt, ſeyd mir alle jetzt zur Hand, dieß Mahl Zu ruͤſten, das viel grimmer werden ſoll Und blutiger, als der Centauren Schmaus. (Er durchſchneidet ihre Kehlen.) Sol Nun tragt ſie hin, ich mache ſelbſt den Koch, Sie anzurichten, bis die Mutter kommt.— (Alle gehn ab.) 70 Titus Andronicus. A. V. Dritte Szene.„ Ein Gezelt mit Tiſchen und andern Sachen. (Eucius und Marcus treten auf; Gothen führen den Aaron gefangen ins Lager.) Lucius. Wohl, Oheim Marcus, da mein Vater heiſcht Daß ich gen Rom mich wende, folg' ich dir. Gothe. Wir ſtehn dir bei, es gehe wie es will. Luc. Oheim, verwahrt mir den grauſamen Mohren, Den wuͤth'gen Tiger, den verfluchten Teufel; Laßt ihm nicht Nahrung reichen, feſſelt ihn Bis er der Kaißrin gegenuͤber ſteht, Als Zeugniß ihres hoͤchſt verworfnen Wandels. Und ſorgt, daß ſtark ſey unſer Hinterhalt; Der Kaiſer, furcht' ich, iſt uns ſchlimm geſinnt.* Aar. Ein Teufel flͤſtre Fluͤche mir ins Ohr, Und helfe meiner Zung' hervor zu ſpruͤhn Die giftge Wuth, die mir im Herzen ſchwillt!— Luc. Hinweg, verruchter Hund! Unglaͤubiger Sclav! (Aaron wird von den Gothen weggeführt. Man hört Trom⸗ peten blaſen.) Ihr Herrn, helft unſerm Ohm ihn zu geleiten, 3 Trompeten melden, daß der Kaiſer naht. (Saturninus, Tamora, Tribunen und Geſolge treten auf.) Sat. Was? hat der Himmel mehr als Eine Sonne? Luc. Was frommt es dir, daß du dich Sonne nennſt? Mare. Roms Kaiſer, und du Neffe, brecht nun ab,„ In Ruhe muß der Streit verhandelt ſeyn. Das Mahl iſt fertig, welches Titus ſorglich Geordnet hat zu ehrenwerthem Zweck, Fuͤr Frieden, Lieb und Buͤndniß, Rom zum Heil!— So tretet denn heran, und nehmet Platz. Sat. So ſey es, Marcus. Sz. 3. Titus Andronicus. 71 (Hoboen. Eine Tafel wird gebracht: Titus, als Koch gekleie det, ſtellt die Speiſen auf den Tiſch; Lavinia folgt ihm verſchleiert.) Tit. Willkommen Herr! Willkommen Kaiſerin!— Willkommen tapfre Gothen; willkommen Lucius! Willkommen All'“ iſt gleich das Mahl gering, Doch wirds den Hunger ſtillen. Wollt Ihr eſſen? Sat. Weshalb in dieſer Tracht, Andronicus? Tit. Um recht gewiß zu ſeyn, daß nichts mißlang, Eu'r Hoheit und die Kaiſrin zu bewirthen. Tam. Wir ſind Euch hoch verpflichtet, wackrer Titus. Tit. Kennt Eure Majeſtät mein Herz, Ihr waͤrts.— — Mein gnaͤd'ger Kaiſer, loſt“ die Frage mir:— War's recht gethan vom heftigen Virginius, Sein Kind zu toͤdten mit der eignen Hand, Weil ſie entfuͤhrt, entehrt, geſchaͤndet ward?— Sat. Das wars, Andronicus. Tit. Eu'r Grund, erhabner Kaiſer? Sat. Weil das Mädchen Nicht uͤberleben durfte ſolche Schmach, Und ſeinen Gram erneu'n durch ihre Naͤhe. Tit. Ein Grund, nachdruͤcklich, ſtreng, und voll Ge⸗ alt; Ein Vorgang, Mahnung, und gewicht'ge Buͤrgſchaft Fuͤr mich Unſel'gen, gleiche That zu thun:— Stirb, ſtirb mein Kind, und deine Schmach mit dir, lind mit der Schmach auch deines Vaters Gram!— (er erſticht Lavinien.) Sat. Was thatſt du, unnatuͤrlicher Barbar? Tit. Ich ſchlug, um die mein Aug' erblindet war. Ich bin ſo leidvoll als Virginius einſt, Und habe tauſendmal mehr Grund als Er, Den Mord zu thun;— und jetzt iſt es vollbracht. Sat. Ward ſie entehrt? Wer hat die That verubt? 72 Titus Andronicus. Tit. Wie, eßt Ihr nicht? Nehmt, Hoheit, wenns beliebt. Tam. Weshalb, daß Vaterhand ſie morden muß? Tit. Den Mord that Chiron und Demetrius, Die ſie entehrt, die Zung' ihr ausgeſchnitten, Durch die ſie all' dieß bittre Leid erlitten. Sat. Vor uns erſcheinen ſollen ſie ſogleich! Tit. Nun wohl! hier ſind ſie ſchon, zerhackt zu Teig, Von dem die Mutter luͤſtern hat genoſſen, Verzehrend, was dem eignen Blut entſproſſen. S iſt wahr! S iſt wahr! Bezeug's mein ſcharfer Dolch! Cer erſticht Tamora.) Sat. Wahnwitz'ger, ſtirb! Nimm das fuͤr deinen Hohn! Cerſticht den Titus.) Lue. Des PVaters blutig Ende racht der Sohn: Hier Lohn um Lohn, Mord für des Moͤrders Hohn!— (erſticht den Saturninus.) Marc.(oben auf der Bühne.) Leidvolle Männer, Volk und Soͤhne Roms, 3 Getrennt durch Aufruhr, wie ein Voͤgelſchwarm Zerſtreut durch Sturm und ſtarken Wetterſchlag,— O hoͤrt, wie Ihr von neuem binden moͤgt In Eine Garbe dieß zerſtreute Korn, In Einen Koͤrper die zerſtuͤckten Glieder; Daß Nom ſih nicht am eignen Gift vernichte! Das Reich, dem maͤcht'ge Sceyter ſich geneigt, Chrloſen, ausgeſtoßnen Suͤndern gleich, Nicht Mord verzweifelnd an ſich ſelbſt vollziehe! Wenn meine Furchen, meines Alters Schnee, (Ehrwuͤrd'ge Buͤrgen reifer Urtheilskraft,) Euch nicht bewegen meinem Wort zu trau'n, Sprich Du, Roms theurer Freund, Gleich unſerm Ahn, Als er in Feierworten Kunde gab Der liebekranken leidgebeugten Dido Vom Schickſal jener wilden Flammen⸗Nacht, Als Priams Troja ſank durch Griechentrug,)— Sz. 3. Titus Andronicus. 73 — Sag, welch ein Sinon unſer Ohr beruͤcktz Wer uns das boͤſe Werkzeug hergefuͤhrt, Das unſerm Troja, unſerm hehren Rom Die Buͤrgerwunde ſchlaͤgt?— Mein Herz iſt nicht geſtaͤhlt wie Fels und Erz; Noch find' ich Worte fuͤr ſo bittern Gram, Daß nicht in Thraͤnen meine Red' erſtickt, Und mir die Stimme bricht, wenn ſie zumeiſt Euch ruͤhren ſollt' und Euer Ohr gewinnen, Und Eure Huͤlf' und liebreich Mitgefuͤhl.— Hier iſt ein Feldherr, der's erzaͤhlen mag; Eu'r Herz wird weinen, hoͤrt Ihr ſeine Rede. Luc. Dann, meine edlen Hoͤrer, ſey Euch kund⸗ Der ſchnoͤde Chiron, und Demetrius, Sie warens, die Baſſianus mordeten; Sie warens, die Lavinien frech entehrt; Fuͤr ihre That fiel unſrer Bruͤder Ward Titus Gram verhoͤhnt, ihm frech entwandt Die gute Hand, die oft den Streit fuͤr Rom Ausfocht, und ihre Feinde ſandt' ins Grab; Zuletzt ward ich im Zorn verbannt, man ſchloß Die Thore mir, und ſtieß mich weinend aus, Mitleid zu ſuchen bei den Feinden Roms: Mit meinen Thraͤnen loͤſcht ich ihren Haß, In ihren offnen Armen fand ich Troſt. Und ich, den Rom verſtieß, das ſey Euch kund, Mit meinem Blut hab' ich ſein Wohl erkauft, Von ſeinem Haupt gewandt der Feinde Schwerdt, Auffangend ihren Stahl in meine Bruſt. Ihr alle wißt, ich bin kein Prahler: Rein, Bezeugts Ihr Narben,(ob Ihr ſtumm auch ſeyd,) Daß mein Bericht getreu und ohne Falſch. Doch halt! Mich dunkt, ich ſchweifte ſchon vom Ziel, Anpreiſend mein geringes Thun; verzeiht, Man ruͤhmt ſich ſelber, iſt kein Freund uns nah. Marc. Nun iſts an mir zu reden. Seht dieß Kind, Dieß wars, das Tamora zur Welt gebracht: Sein Vater jener gottvergeßne Mohr, Hauptſtifter und Begruͤnder unſtes Wehs. Der Schurk' iſt lebend noch in Titus Haus, (Obgleich verdammt,) zum Zeugniß, dieß ſey wahr. ——————— 74 Titus Andronicus. A. V. Mun ſprecht, ob Fuͤr ſolche& Titus Grund zur Rache hatte raͤnkung, unausſprechlich, herb, Weit mehr als irgend wohl ein Menſch ertruͤge! Jetzt, da Ihr alles wiht, was ſagt Ihr, Roͤmer? Iſt hier zuviel geſchehn, dann zeigt worin, Und von dem Platz, auf dem wir vor Euch ſtehn, Woll'n wir, des Titus armer Ueberreſt, Haͤuptlings hinab Am ſcharfen Stei Und ſo vereint au uns werfen, Hand in Hand, n zerſchmetternd unſer Hirn, stilgen unſern Stamm. Sprecht Roͤmer, ſprecht: ſagt Ihr, es ſoll geſchehn, So ſollt Ihr Hand in Hand uns ſtuͤrzen ſehn. Aem. Komm, Fuͤhr' unſern Kai Lucius den Kaiſer Erwart' ich, was komm du ehrenwerther Roͤmergreis, ſer freundlich bei der Hand, denn mit Zuverſicht des Volkes Stimme ſpricht. Marc. Lucius, Gluͤck auf, Noms kaiſerlicher Herr! 6 Geh in des alten Titus leidvoll Haus, Und den unglaͤub'gen Mohren ſchlepp' hieher: Ihm werd' ein grauſer, blut'ger Tod erkannt, Als Strafe fuͤr ſe in hoͤchſt goitloſes Thun. (Römer, verſchiedne Stimmen.) Lucius, Gluͤck au f, huldreicher Herrſcher Roms!— Luc. Dank, edle Noͤmer: meiner Herrſchaſt Streben Sen, Rom nach ſoviel Leiden Troſt zu geben, Doch, werthe Freund', ein Weilchen goͤnnt mir noch, Denn ſchwere Pflicht erheiſcht Natur von mir. Steht alle fern.— Du Oheim, komm herab: Laß uns dem Tod ten fromme Thraͤnen weihn:— Den kalten Lippen dieſen heißen Kuß, Dem blut'gen An (küßt den Titus.) tlitz dieſen Thau des Grams, Des treuen Sohnes letzte Huldigung!— WMarc. Ja, Beut hier dein B Thraͤn' um Thraͤn“, c Liebeskuß fuͤr ruder Marcus deinem Mund! Und waͤr' die Summe, die ich zahlen ſoll, Unendlich, namenlos, doch zahlt' ich ſie. Sz. 3. Titus Andronicus. 75 8 Luc. Komm Knabe, komm; komm her, wir lehren . i In Than zerſchmelzen. Ach, er liebte dich! Wie oft ließ er dich tanzen auf dem Knie, Sang dich in Schlaf, ſein liebend Herz dein Pfuͤhl! Wie viel Geſchichten hat er dir erzaͤhlt, Fuͤr deine Kindheit ſinnreich ausgewaͤhlt! Deß ſey gedenk: und als ein liebreich Kind Geuß ein'ge Tropfen auch aus zartem Auge. Mitleidig gab Natur uns dieß Gebot, Der Freund ſoll weinen um des Freundes Noth! Sag ihm Lebwohl, geleit ihn an ſein Grab, Die Pflicht erfuͤll' und ſcheide dann von ihm. Rnabe. Großvater! ach Großvater! Moͤcht' ich doch Juͤr dich geſtorben ſeyn, und du noch lebend! O Gott, vor Weinen kann ich ihm nichts ſagen, Ich ſtick' in Thraͤnen, oͤffn' ich meinen Mund.— (Laron wird von einigen Römern hereingefuͤhrt.) Romer. Traur'ge Androniker, hemmt Euern Gram, Sprecht dieſem gift'gen Boͤſewicht ſein Recht, Der jener ſchwarzen Frevel Stifter war. Luc. Begrabt ihn bis zur Bruſt, daß er verhungre, Da ſieh' er dann, und wuͤth' und ſchrey' um Brod. Wer irgend Beiſtand ihm und Mitleid ſchenkt, Der ſtirbt fur ſolche That: dieß unſer Spruch. Geht Ihr, ſorgt, daß er eingegraben werde. Aar. Wuth, warum ſchweigſt Zorn, was biſt du umm? Ich bin kein feiges Kind, noch mit Gebet Bereu' ich die Verbrechen, die ich that: Zehntauſend, ſchlimmer noch als ich vollbracht, Moͤcht' ich begehn, haͤtt' ich die Freiheit nur: Und that ich je ein einzig gutes Wert, Von ganzem Herzen wuͤnſch' ichs ungeſchehn. Luc. Tragt Ein'ge jetzt den Kaiſer mir hinweg, Und ſenkt ihn ein in feines Vaters Gruft. Mein Vater und Lavinia ſoll'n demnaͤchſt In unſerim Monument beſtattet ruh'n. Doch jener grimmen Woͤlfin Tamora 76 Titus Andronicus. A. V. Goͤnnt keinen Grabesbrauch, kein Trauerflor, Kein frommes Laͤuten, keinen Leichenzug: Den Voͤgeln werft ſie hin, dem Raubgethier. Ihr Lebenslauf war viehiſch, ohne Mitleid, Und eben deshalb find' auch ſie kein Mitleiß. Vollzieht den Spruch an dem verdammten Mohren, Dem frechen Stifter unſrer ſchweren Truͤbſal: Dann ordnen wir mit Weisheit unſern Staat, Und gleichen Ausgang hemme Kraft und Rath. (Alle gehn ab.) H a — — — — — — & — * Prinz ——————————— Perſonen. Claudius, König von Dänemark. Hamlet, Sohn des vorigen und Neffe des gegenwärtigen Königs. Polonius, Oberkämmerer. Horatio, Hamlets Freund. Laertes, Sohn des Polonius. — oltimand, Gornelius Roſenkranz, † Bofleute. Güldenſtern, Oſrick, ein Hofmann. Ein andrer Hofmann. S Prieſter. arcellus Bernardo,“ Offiziere. Francisco, ein Soldat. Reinhold, Diener des Polonius. Ein Hauptmann. Ein Geſandter, Der Geiſt von Hamlets Vater. Fortinbras, Prinz von Norwegen. Gertrude, Königin von Dänemark und Hamlets Mutter. Ophelia, Tochter des Polonius. Herren und Frauen vom Hofe, Offiziere, Soldaten, Schauſpieler, Todtengräber, Matroſen, Boten und andres Gefolge. (Die Szene iſt in Helſingör.) 3 B—— ——,— S ſ Erſte Szene. Helſingör. Eine Terraſſe vor dem Schloſſe. Grancisco auf dem Poſten, Bernardo tritt auf.) Wer da? Franc. Rein, mir antwortet: ſteht und gebt Euch und⸗ Bernardo. Bern. Lang' lebe der König! Franc. Bernardo? Bern. Er ſelbſt. Franc. Ihr kommt gewiſſenhaft auf Eure Stunde. Bern. Es ſchlug ſchon zwoͤlf; mach' dich zu Bett, Francisco. Franc. Dank fuͤr die Abloͤſung!'S iſt bitter kalt, Und mir iſt ſchlimm zu Muth.* Bern. War Eure Wache ruhig? Franc. Alles mauſeſtill. Bern. Nun, gute Nacht! Wenn Ihr auf meine Wachtgefaͤhrten ſtoßt, Horatio und Marcellus, heißt ſie eilen. Poratio und Marcellus treten auf.) Frane. Ich denk', ich hore ſie.— He! halt! wer da? Bor. Freund dieſes Bodens. Warc. Und Vaſall des Däͤnen. Franc. Habt gute Nacht. Marc. O, gruͤß' di wackrer Krieger. Wer hat dich abgeldſi 3 80 Hamlet, A. I. Frant. Bernardo hat den Poſten. Habt gute Nacht.(ab.) Marc. Holla, Bernardo! ſprecht! 12 Bern. He, iſt Horatio da? Bor. Ein Stuͤck von ihm. Bern. Willkommen Euch! willkommen, Freund Mar cellus. 8. Bor. Nun, iſt das Ding heut wiederum erſchienen? Bern. Ich habe nichts geſehn. Marc. Horatio ſagt, es ſey nur Einbildung, Und will dem Glauben keinen Raum geſtatten An dieſes Schreckbild, das wir zweimal ſahn; Deswegen hab' ich ihn hieher geladen, Mit uns die Stunden dieſer Nacht zu wachen, Damit, wenn wieder die Erſcheinung kommt, Er unſern Augen zeug' und mit ihr ſpreche. Sor. Pah, pah! Sie wird nicht kommen. Bern. Setzt Euch denn, Und laßt uns nochmals Euer Ohr beſtuͤrmen, Das ſo verſchanzt iſt gegen den Bericht, Was wir zwei Naͤchte ſahn. Zor. Gut, ſitzen wir, Und laßt Bernardo uns hievon erzaͤhlen. Bern. Die allerletzte Nacht, Als eben jener Stern vom Pol gen Weſten, In ſeinem Lauf den Theil des Himmels hellte, Wo jetzt er gluͤht;/ da fahn Marcell und ich, Indem die Glocke eins ſchlug— Warc. O ſtill! halt ein! Sieh, wie's da wieder kommt! (Der Geiſt kommt.) Bern. Ganz die Geſtalt wie der verſtorbne Koͤnig. Marc. Du biſt gelehrt, ſprich du mit ihm, Horatio. Bern. Siehts nicht dem Koͤnig gleich? Schau's an, Horatio. Zor. Ganz gleich; es macht mich Furcht und taunen. Bern. Es moͤchte angeredet ſeyn. Marc. Horatio, ſprich mit ihm. Zor. Wer biſt du, der ſich dieſer Nachtzeit anmaßt, Und dieſer edlen kriegriſchen Geſtalt, Worin die Hoheit des begrabnen Daͤnmark * Sz. 1. Prinz von Daͤnemark. 81¹ Weiland einherging? Ich beſchwore dich Beim Himmel, ſprich! Es iſt beleidigt. Bern. Seht, es ſchreitet weg. Bor. Bleib, ſprich! Sprich, ich beſchwör' dich, ſprich! (Geiſt ab.) Ware. Fort iſts und will nicht reden. Bern. Wie nun, Horatio? und ſeht cicht ch; Iſt dieß nicht etwas mehr als Einbildung? Was haltet Ihr davon? Zor. Bei meinem Gott, ich duͤrfte dieß nicht glauben, Haͤtt' ich die ſichre fuͤhlbare Gewaͤhr Der eignen Augen nicht. Marc. Siehts nicht dem Koͤnig gleich? or. Wie du dir ſelbſt. Genau ſo war die Ruͤſtung, die er trug Als er ſich mit dem ſtolzen Norweg maß; So draͤut' er einſt, als er in hartem Zweiſprach Aufs Eis die gleitende Streitaxt geſchleudert, »S iſt ſeltſam. Warc. So ſchritt er, grad um dieſe dumpfe Stunde Schon zweimal kriegeriſch unſre Wacht vorbei. Zor. Wie dieß beſtimmt zu deuten, weiß ich nicht; Allein ſo viel ich insgeſamt erachte, Verkuͤndets unſerm Staat beſondre Gaͤhrung. Wiarc. Nun ſetzt Euch, Fci mir, wer es weiß, Warum dieß aufmerkſame ſtrenge Wachen Den Unterthan des Landes nächtlich plagt? Warum wlrd Tag fuͤr Tag Geſchuͤtz gegoſſen, Und in der Fremde Kriegsgeräth gekauft? Warum gepreßt fuͤr Werfte, wo das Volk en Sonntag nicht vom ſauren Werktag trennt? Was giebts, daß dieſe ſchweißbetriefte Eil Die Nacht dem Tage zur Gehuͤlfin macht? Kann jemand mich belehren? Zor. Ja, ich kanns; Zum mindſten heißt es ſo. Der letzte Koͤnig, ard, wie Ihr wißt, durch Fortinbras von Norweg, Den eiſerſuͤcht'ger Stolz dazu geſpornt, um Kampf gefordert; unſer tapfrer Hamlet S dieſe Seite der bekannten Welt . 6 „ 82 Hamlet, A. I. Hielt ihn dafuͤr) ſchlug dieſen Fortinbras, Der laut des unterſiegelten Vertrags, Bekraͤftiget durch Recht und Ritterſitte, Mit ſeinem Leben alle Laͤnderein, So er beſaß, verwirkte an den Siegerz Wogegen auch ein angemeßnes Theil Von unſerm Koͤnig ward zum Pfand geſetzt, Das Fortinbras anheim gefallen waͤre, Haͤtt' er geſiegt; wie durch denſelben Handel Und Inhalt der beſprochnen Punkte ſeins An Hamlet fiel. Der junge Fortinbras Hat nun von wildem Feuer heiß und voll, An Norwegs Ecken hier und da ein Heer Landloſer Abentheuer aufgerafft, Fuͤr Brot und Koſt, zu einem Unternehmen Das Herz hat; welches denn kein andres iſt (Wie unſer Staat das auch gar wohl erkennt) Als durch die ſtarke Hand und Zwang der Waffen Die vorbeſagte Land' uns abzunehmen, Die ſo ſein Vater eingebuͤßt: und dieß Scheint mir der Antrieb unſrer Zuruͤſtungen, Die Quelle unſrer Wachen, und der Grund Von dieſem Treiben und Gewuͤhl im Lande⸗ Bern. Nichts anders, denk' ich, iſts, als eben dieß. Wohl trifft es zu, daß dieſe Schreckgeſtalt In Waffen unſre Wacht beſucht, ſo aͤhnlich Dem Koͤnig, der der Anlaß dieſes Kriegs⸗ Zor. Ein Staͤubchen iſts, des Geiſtes Aug' zu truͤben. Im hoͤchſten palmenreichſten Stande Roms, Kurz vor dem Fall des großen Julius, ſtanden Die Graͤber leer, verhuͤllte Todie ſchrien Und wimmerten die Roͤm'ſchen Gaſſen durch. Dann feu'rgeſchweifte Sterne, blut'ger Thau, Die Sonne fleckig; und der feuchte Stern, Deß Einfluß waltet in Neptunus Reich, Krankt' an Verfinſtrung wie zum juͤngſten Tag, Und eben ſolche Zeichen grauſer Dinge (Als Boten, die dem Schickſal ſtets vorangehn, Und ein Prolog der Schreckniß, die ſich naht) Hat Erd' und Himmel insgemein geſandt An unſern Himmelsſtrich und Landsgenoſſen. Sz. 1. Prinz von Daͤnemark. 83 (Der Geiſt kommt wieder.) Doch ſtill! Schaut, wie's da wieder kommt. Ich krenz' es, Und ſollt' es mich verderben.— Steh, Fantom! Haſt du Gebrauch der Stimm' und einen Laut, Sprich zu mir! Iſt irgend eine gute That zu thun, Die Ruh' dir bringen kann und Ehre mir, Sprich zu mir! Biſt du vertraut mit deines Landes Schickſal, Das etwa noch Vorwiſſen wenden kann, O ſprich! Und haſt du aufgehaͤuft in deinen Leben Erpreßte Schaͤtze in der Erde Schooß, Wofuͤr ihr Geiſter, ſagt man, oft im Tode Umhergeht, ſprich davon! verweil' und ſprich! (Der Hahn kräht.) Halt es doch auf, Marcellus! Wiarc. Soll ich nach ihm mit der Hellbarde ſchlagen? Bor. Thu's, wenn's nicht ſtehen will. Bern. S iſt hier. Sor. S iſt hier. Ware. S iſt fort.(Geiſt ab.) Wir thun ihm Schmach, da es ſo majeſtätiſch, Wenn wir den Anſchein der Gewalt ihm bieten. Denn es iſt unverwundbar wie die Luft, Und unſre Streiche nur boshafter Hohn. Bern. Es war am Reden, als der Hahn juſt⸗kraͤhte. Zor. Und da fuhr's auf, einem ſuͤnd'gen— eſen Auf einen Schreckensruf. Ich hab' gehoͤrt, Der Hahn, der als Trompele dient dem Morgen, Erweckt mit ſchmetternder und heller Kehle Den Gott des Tages, und auf ſeine Mahnung, Sey's in der See, im Feu'r, Erdr oder Luft, Eilt jeder ſchweifende und irre Geiſt In ſein Revier; und von der Wahrheit deſſen Gab dieſer Gegenſtand uns den Beweis, Marc. Es ſchwand erblaſſend mit des Hahnen Kroͤhn. Sie ſagen, immer wenn die Jahrszeit naht, Wo man des Heilands Ankunft feiert, ſinge Die ganze Nacht durch dieſer fruͤhe Vogel; 84 Hamlet, A. I. Dann darf kein Geiſt umher gehn, ſagen ſie, Die Naͤchte ſind geſund, dann trifft kein Stern, Kein Elfe faht, noch moͤgen Hexen zaubern; So gnadenvoll und heilig iſt die Zeit. Sor. So hoͤrt' auch ich und glaube dran zum Theil. Doch ſeht, der Morgen angethan mit Purpur, Betritt den Thau des hohen Huͤgels dort, Laßt uns die Wacht aufbrechen, und ich rathe, Vertraun wir, was wir dieſe Nacht gefehn, Dem jungen Hamlet; denn bei meinem Leben Der Geiſt, ſo ſtumm fuͤr uns, ihm wird er reden. Ihr willigt drein, daß wir ihm dieſes melden, Wie Lieb uns nothigt und der Pflicht geziemt? Warc. Ich bitt' Euch, thun wir das; ich weiß, wo wir Ihn am bequemſten heute finden werden. Cab.) —— Zweite Szene. Ein Staatszimmer im Schloſſe. (Der König, die Königin, Hamlet, Polonius, Laer⸗ tes, Voltimand, Cornelius, Herren vom Hofe und Gefolge.) Wiewohl von Hamlets JTod, des werthen Bruders, Noch das Gedächtniß friſch: und ob es unſerm Herzen Zu trauern ziemte, und dem ganzen Reich, In eine Stirn des Grames ſich zu falten: So weit hat Urtheil die Natur bekaͤmpft, Daß wir mit weiſem Kummer ſein gedenken, Zugleich mit der Erinnrung an uns ſelbſt. Wir haben alſo unſte weiland Schweſter, Jetzt unſre Koͤnigin, die hohe Wittwe Und Erbin dieſes kriegeriſchen Staats, Mit unterdruͤckter Freude, ſo zu ſagen, Mit Einem heitern, Einem naſſen Aug' Mit Leichenjubel und mit Hochzeitklage, In gleichen Schalen waͤgend Leid und Luſt, Sz. 2. Prinß von Daͤnemark. 85⁵ Zur Eh genommen; haben auch hierin Nicht Eurer beſſern Weisheit widerſtrebt, Die frei uns beigeſtimmt.— Fuͤr alles, Dank! Run wißt Ihr, hat der junge Fortinbras Aus Minderſchätzung unſers Werths, und denkend, Durch unſers theuren ſel'gen Bruders Tod Sey unſer Staat verrenkt und aus den Fugen: Geſtuͤtzt auf dieſen Traum von ſeinem Vortheil Mit Botſchaft uns zu plagen nicht ermangelt Um Wiedergabe jener Laͤnderein, Rechtskraͤftig eingebuͤßt von ſeinem Vater An unſern kapfern Bruder.— So viel von ihm; Nun von uns ſelbſt und Eurer Herberufung. So lautet das Geſchaͤft: wir ſchreiben hier An Norweg, Ohm des jungen Fortinbras,— Der ſchwach, bettlagrig, kaum von dieſem Anſchlag Des Reffen hoͤrt,— deſſelben fernern Gang Hierin zu hemmen; ſintemal die Werbung,! Beſtand und Zahl der Truppen, alles doch Aus ſeinem Volk geſchieht; und ſenden nun, Euch, wackrer Voltimand, und Euch, Cornelius, Mit dieſem Gruß zum alten Norweg hin; Euch keine weitre Vollmacht uͤbergebend, Zu handeln mit dem Koͤnig, als daß Maaß Der hier eroͤrterten Artikel zulaͤßt. Lebt wohl, und Eil empfehle Euren Eifer. Corn. und Volt. Hier, wie in allem, wollen wir ihn zeigen Roͤn. Wir zweifeln nicht daran. Lebt herzlich wohl! (Voltimand und Cornelius ab. Und nun, Laertes, ſagt, was bringt Ihr uns? Ihr nanntet ein Geſuch; was iſts, Laertes? Ihr koͤnnt nicht von Vernunft dem Daͤnen reden, Und Euer Wort verlieren. Kannſt du bitten Was ich nicht gern gewährt“, eh' du's verlangt? Der Kopf iſt nicht dem Herzen mehr verwandt, Die Hand dem Munde dienſtgefaͤll'ger nicht, Als Daͤnmarks Thron es deinem Vater iſt. Was wuͤnſcheſt du, Laertes? Laert. Hoher Herr, Verguͤnſtigung nach Frankreich Woher ich zwar nach Dänmark willig kam, . — 6 86 Hamlet, A. I. Bei Eurer Kroͤnung meine Pflicht zu leiſten; Doch nun geſteh' ich, da die Pflicht erfuͤllt, Strebt mein Gedank und Wunſch nach Frankreich hin, Und neigt ſich Eurer gnaͤdigen Erlanbniß. Roͤn. Erlaubt's der Vater Euch? Was ſagt Polonins? Pol. Er hat, mein Fürſt, die zögernde Erlaubniß Mir durch beharrlich Bitten abgedrungen, Daß ich zuletzt auf ſeinen Wunſch das Siegel Der ſchwierigen Bewilligung gedruͤckt. Ich bitt' Euch, gebt Erlaubniß ihm zu gehn. Roͤn. Nimm deine guͤnſt'ge Stunde: Zeit ſey dein, Und eigne Zierde; nutze ſie nach Luſt.— Doch nun, mein Vetter Hamlet und mein Sohn— Baml.(beiſeit) Mehr als befreundet, weniger als Freund. Roͤn. Wie, haͤngen ſtets noch Wolken über Euch? Zaml. Nicht doch, mein Fuͤrſt, ich habe zu viel Sonne. Roͤnigin. Wirf, guter Hamlet, ab die naͤcht'ge Farbe, Und laß dein Aug' als Freund anf Daͤnmark ſehn. Such' nicht beſtaͤndig mit geſenkten Wimpern Nach deinem edlen Vater in dem Staub⸗ Du weißt, es iſt gemein: was lebt muß ſterben Und Ew'ges nach der Zeitlichkeit erwerben. Baml. Ja, gnaͤd'ge Frau, es iſt gemein. Ronigin. Nun wohl, Weswegen ſcheint es ſo beſonders dir? Zaml. Scheint, gnaͤd'ge Siz i iſt; mir gilt ein ſcheint. Nicht bloß mein duͤſtrer Mantel, gute Mutter, Noch die gewohnte Tracht von ernſtem Schwarz, Noch ſtuͤriniſches Geſeufz beklemiten Odems, Noch auch im Auge der ergieb'ge Strom, Noch die gebeugte Haltung des Geſichts, Sammt aller Sitte, Art, Geſtalt des Grames 30 das, was wahr mich kund giebt; dieh ſcheint wirklich; Es ſind Geberden, die man ſpielen konnte. Was uͤber allen Schein, trag ich in mir; All dieß iſt nur des Kummers Kleid und Zier. Bon. Es iſt gar lieb und Eurem ruͤhmlich, Hamlet, Dem Vater dieſe Trauerpflicht zu leiſten. Doch wißt, auch Eurem Vater ſtarb ein Vater; — — Sz2. Prinz von Daͤnemark. 87 Dem ſeiner, und der Nachgelaßne ſoll, Nach kindlicher Verpflichtung, ein'ge Zeit Die Leichentraner halten. Doch zu beharren In eigenwill'gen Klagen, iſt das Thun Gottloſen Starrſinns; iſt unmaͤnnlich Leid; Zeigt einen Willen, der dem Himmel trotzt, Ein unverſchanztes Herz und wild Gemuͤth; Zeigt bloͤden ungelehrigen Verſtand. Wovon man weiß, es muß ſeynz was gewoͤhnlich Wie das Gemeinſte, was die Sinne ruͤhrt: Weswegen das in muͤrr'ſchem Widerſtande Zu Herzen nehmen? Pfui! es iſt Vergehn Am Himmel; iſt Vergehen an dem Todten, Vergehn an der Natur; vor der Vernunft Hoͤchſt thoͤricht, deren allgemeine Predigt, Der Vaͤter Tod iſt, und die immer rief Vom erſten Leichnam bis zum heut verſtorbnen, „Dieß muß ſo ſeyn.“ Wir bitten, werft zu Boden Dieß unfruchtbare Leid, und denkt von uns Als einem Vater; denn wiſſen ſoll die Welt, Daß Ihr an unſerm Thron der Naͤchſte ſeyd, Und mit nicht minder Ueberſchwang der Liebe, Als ſeinem Sohn der liebſte Vater widmet, Bin ich Euch zugethan. Was Eure Ruͤckkehr Zur hohen Schuk in Wittenberg betrift, So widerſpricht ſie hoͤchlich unſerm Wunſch, Und wir erſuchen Euch, beliebt zu bleiben, Hier in dem milden Scheine unſers Augs, Als unſer erſter Hofmann, Vetter, Sohn. Roͤnigin. Laß deine Mutter fehl nicht bitten, Hamlet: Ich bitté, bleib bei uns, geh nicht nach Wittenberg. Baml. Ich will Euch gern gehorchen, gnaͤd'ge Frau. Roͤn. Wohl, das iſt eine liebe, ſchoͤne Antwort. Seyd wie wir ſelbſt in Dänmark.— Kommt, Gemalin! Dieß will'ge, freundliche Nachgeben Hamlets Sitzt laͤchelnd um mein Herz; und dem zu Ehren Soll das Geſchutz heut jeden frohen Trunk, Den Daͤnmark ausbringt, an die Wolken tragen. Und wenn der Koͤnig anklingt, ſoll der Himmel Nachdroͤhnen ird'ſchem Donner.— Kommt mit mir. Gönig, Königin, Laertes und Geſolge ab.) Baml. O daß dieß zu zu feſte Fleiſch doch ſchmolze, — — 1 z . 88 Hamlet, A. I. Zerginge, und loſte ſich in Tropfen Thau's! Oder hätte nicht der Ew'ge ſein Gebot Gerichtet gegen Selbſtmord! O Gott! o Gott! Wie ekel, ſchaal und flach und unerſprießlich Scheint mir das ganze Treiben dieſer Welt! Pfui! pfui daruͤber! S iſt ein wuͤſter Garten, Der auf in Saamen ſchießt; verworfnes Unkraut Erfuͤllt ihn gaͤnzlich. Dazu mußt' es kommen! Zwei Mond' erſt rodt— nein, nicht ſo viel, nicht zwei; Solch trefflicher Monarch! der neben dieſem, Apoll bei einem Satyr; ſo meine Mutter liebend Daß er des Himmels Winde nicht zu rauh Ihr Antlitz ließ beruͤhren. Himmel und Erde! Muß ich gedenken? Hing ſie doch an ihm, Als ſtieg der Wachsthum ihrer Luſt mit dem, Was ihre Koſt war. Und doch in einem Mond— Laßt michs nicht denken!— Set dein Nam' iſt eib!— Ein kurzer Mond; bevor die Schuh verbraucht, Womit ſie meines Vaters Leiche folgte, ie Niobe, ganz Thraͤnen— ſie, ja ſie; O Himmel! wuͤrd' ein Thier, das nicht Vernunft hat, Doch länger trauren.— Meinem Ohm vermaͤhlt, Dem Bruder meines Vaters, doch ihm aͤhnlich Wie ich dem Herkules: in einem Mond, Bevor das Salz hoͤchſt frevelhafter Thränen Der wunden Angen Roͤthe noch verließ, War ſie vermaͤhlt!— O ſchnöde Haſt, ſo raſch In ein blutſchanderiſches Bett zu ſtuͤrzen! Es iſt nicht, und es wird auch nimmer gut. Doch brich, mein Herz! denn ihwiigen muß mein und. (Goratio, Bernardo und Marcellus treten auf.) or. Heil Eurer Hoheit! S Ich bin erfreut Euch wohl zu ſehn, Horatio— wenn ich nicht mich ſelbſt vergeſſe? Bor. Ja, Prinz, und Euer armer Diener ſtets. Saml. Mein guter Freund; vertauſcht mir jenen Namen. Was macht Ihr hier von Wittenber„Poratio? Marcellus? Gnaͤd'ger Herr— Sz. 2. Prinz von Daͤnemark. 89 Zaml. Es freut mich, Euch zu, ſi Habt guten bend. Im Ernſt, was fuͤhrt Euch weg von Wittenberg? 5 Zor. Ein Hang zum Muͤßiggehn, mein theurer Prinz. Zaml. Das moͤcht' ich Euren Feind nicht ſagen hoͤren. Noch ſollt Ihr meinem Ohr den Zwang anthun, Daß Euer eignes Zeugniß gegen Euch Ihm guͤltig waͤr. Ich weiß, Ihr geht nicht muͤßig. Doch was iſt Eu'r Geſchaͤft in Helſingoͤr? Ihr ſollt noch trinken lernen, eh Ihr reiſt. Zor. Ich kam zu Eures Vaters Leichenfeier. Baml. Ich bitte, ſpotte icht⸗ mein Schul⸗ reund; Du kamſt gewiß zu meiner Mutter Hochzeit. Sor. ſz mein Prinz, ſie folgte ſchnell darauf. Zaml. Wirthſchaft, Horatio! ei Das Ge⸗ ackne Vom Leichenſchmaus gab kalte Hochzeitſchuͤſſeln. Haͤtt' ich den ärgſten Feind im Himmel lieber Getroffen, als den Tag erlebt, Horatio! Mein Vater— mich duͤnkt, ich ſehe meinen Vater. SZor. Wo, mein Prinz? Zaml. In meines Geiſtes Ang', Horatio. or. Ich ſah ihn einſt, er war ein wackrer Koͤnig. aml. Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem, Ich werde nimmer ſeines Gleichen ſehn. Sor. Mein Prinz, ich denk', 0 ſah ihn vor'ge acht. Baml. Sah? wen? Sor. Mein Prinz, den Koͤnig Euren Vater. Zaml. Den Koͤnig meinen Vater? Sor. Beruhiget das Erſtaunen eine Weil' Durch ein aufmerkſam Ohr, bis ich dieß Wunder, Auf die Bekräftigung der Männer hier, Euch kann berichten. Baml. Um Gottes Willen, laßt mich hoͤren. Sor. Zwei Näͤchte nach einander wars den beiden, Marcellus und Bernardo, auf der Wache In todter Stille tiefer Mitternacht Alſo geſchehn. Ein Bild, wie Eu'r Vater, Im Harniſch ganz, bewehrt von Kopf zu Fuß, Erſcheint vor ihnen, geht mit ernſtem Tritt — — 90 Hamlet, A. I. Langſam dorbei und ſtattlich; ſchreitet dreimal Vor ihren ſtarren„furchtergrifnen Augen, So daß ſein Stab ſie abreicht; waͤhrend ſie, Geronnen faſt zu Gallert durch die Furcht, Stumm ſtehn, und reden nicht mit ihm. Dieß nun In banger Heimlichkeit vertraun ſie mir. Ich hielt die dritte Nacht mit ihnen Wache; Und da, wie ſie berichtet, nach der Zeit, Geſtalt des Dings, buchſtaͤblich alles wahr, Kommt das Geſpenſt. Ich kannte Euren Vater: Hier dieſe Haͤnde gleicheß ſich nicht mehr. Baml. Wo ging dieß aber vor? Wiarc. Auf der Terraſſe, wo wir Wache hielten. Baml. Ihr ſprachet nicht mit ihm? SZor. Ich thats, mein Prinz, Doch Antwort gab es nicht; nur Einmal ſchiens Es hoͤb' ſein Haupt empor, und ſchickte ſich Zu der Bewegung an, als wollt es ſprechen. Da kraͤhte eben laut der Morgenhahn, Und bei dem Tone ſchluͤpft' es eilig weg Und ſchwand aus unſerm Blick. BZaml. Sehr ſonderbar. Zor. Bei meinem Leben, edler Prinz,'s iſt wahr; Wir hieltens durch die Pflicht uns vorgeſchrieben, Die Sach' Euch kund zu thun, Baml. Im Ernſt, im Ernſt, Ihr Herrn, dieß aͤngſtigt mich. Habt Ihr die Wache heute? Alle. Ja, gnaͤd'ger Herr Faml. Geharniſcht, ſagt Ihr? Alle. Geharniſcht, gnaͤd'ger Herr. Zaml. Vom Wirbel bis zur Zeh? Alle. Von Kopf zu Fuß. Baml. So ſaht Ihr ſein Geſicht nicht. Sor. O ja doch, ſein Viſir war aufgezogen. Haml. RNun, blickt' er finſter? Zor. Eine Miene, mehr Des Leidens als des Zorns. Zaml. Blaß oder roth? Bor. Nein, äußerſt blaß. Zaml. Sein Ang⸗ auf Euch geheftet? Bor. Ganz feſt. Baml. Ich wollt, ich war dabei geweſen. — Sz. 2. Prinz von Dänemark. 91 Hor. Ihr haͤttet Euch gewiß entſetzt. 6 Saml. Sehr glanblich, Sehr glaublich. Blieb es lang? Zor. Derweil mit maͤß'ger Eil Man hundert zaͤhlen konnte. Warc. und Bern. Laͤnger, laͤnger. Sor. Nicht, da ichs ſah.* Zaml. Sein Bart war greis, nicht wahr? Bor. Wie ichs an ihm bei ſeinem Leben ſah, Ein ſchwaͤrzlich ſilbergrau. aml. Ich will heut wachen. Vielleicht wirds wiederkommen. Bor. Zuverlaͤſſig. Zaml. Erſcheints in meines edlen Vaters Bildung, So red' ichs an, gaͤhnt' auch die Hoͤlle ſelbſt, Und hieß mich ruhig ſeyn. Ich bitt' Euch alle: Habt Ihr bis jeht verheimlicht dieß Geſicht, So haltets ferner feſt in Eurem Schweigen; Und was ſich ſonſt zu Nacht ereignen mag, Gebt allem einen Sinn, doch keine Zunge⸗ Ich will die Lieb' Euch lohnen; lebt denn wohl! Auf der Terraſſe zwiſchen eilf und zwoͤlf Beſuch' ich Euch. Alle. Eur' Gnaden unſte Dienſte. Zaml. Nein, Eure Liebe, ſo wie meine Euch. Lebt wohl nun. (Poratio, Marcellus und Bernardo ab.) Baml. Meines Vaters Geiſt in Waffen! Es taugt nicht alles; ich vermuthe was Von argen Raͤnken. Waͤr die Nacht erſt da! Bis dahin ruhig, Secele! Schnode Thaten, Birgt ſie die Erd' auch, muͤſſen ſich verrathen.(ab.) f — ½ 92 Hamlet, A. I. Dritte Szene. Ein Zimmer in Polonius Hauſe. GLaertes und Ophelia treten auf.) Laertes. Mein Reiſegut iſt eingeſchifft. Leb wohl, Und, Schweſter, wenn die Winde guͤnſtig ſind Und Schiffsgeleit ſich findet, ſchlaf nicht, laß Von dir mich hoͤren. Gphel. Zweifelſt du daran? Laert. Was Hamlet angeht, und ſein Liebsgetaͤndel, So nimms als Sitte, als ein Spiel des Bluts; Ein Veilchen in der Jugend der Natur, Fruͤhzeitig, nicht beſtandig— ſuͤß, nicht dauernd, Nur Duft und Labſal eines Augenblicks: Nichts weiter. Gphel. Weiter nichts? Laert. Nur dafuͤr halt es. Denn die Natur, aufſtrebend, nimmt nicht bloß An Groͤß' und Sehnen zu; wie dieſer Tempel waͤchſt, So wird der innre Dienſt von Seel und Geiſt Auch weit mit ihm. Er liebt Euch jetzt vielleicht; Kein Arg und kein Betrug befleckt bis jetzt Die Tugend ſeines Willens: doch befuͤrchte, Bei ſeinem Rang gehoͤrt ſein Will' ihm nicht. Er ſelbſt iſt der Geburt ja unterthan. S Er kann nicht wie geringe Leute thun Fuͤr ſich ausleſen; denn an ſeiner Wahl Haͤngt Sicherheit und Heil des ganzen Staats, Deshalb muß ſeine Wahl beſchranket ſeyn Vom Beifall und der Stimme jenes Koͤrpers, Von welchem er das Haupt. Wenn ſagt, er liebt dich, Geziemt es deiner Klugheit ihm zu glauben, So weit er nach beſonderm Recht und Stand, That geben kann dem Wort: das heißt, nicht weiter Als Daͤnemarks geſammte Stimme geht. Bedenk was deine Ehre leiden kann, Wenn du zu glaͤubig ſeinem Liede lauſcheſt, Sz. 3. Prinz von Daͤnemark. 93 Dein Herz verlierſt, und deinen keuſc en Schatz or ſeinem ungeſtümen Dringen 5 Fuͤrcht' es, Ophelia! färcht“ es, ſiebẽ Und halte dich im Hintergrund der Neigung, Fern von dem Schuß und Anfall der Begier. Das ſcheuſte Madchen iſt verſchwendriſch noch, enn ſie dem Monde ihren Reiz enthuͤllt. Selbſt Tugend nicht entgeht Verlaͤumdertuͤcken, Es nagt der Wurm des Fruͤhlings Kinder an, Zu oft noch eh die Knospe ſich erſchließt, Und in der Fruͤh' and friſchem Thau der Jugend Iſ gift'ger Anhauch am gefüͤhrlichſten. Sey denn behutſam! Furcht giebt Sicherheit, Auch ohne Feind hat Jugend innern Streit. Gpbel. Ich will den Sinn ſo guter Lehr' bewahren, Als Wächter meiner Bruſt; doch, lieber Bruder, Zeigt nicht wie heilvergeßne Pred'ger thun Den ſteilen Dornenweg zum Himmel Andern, Derweil als frecher, lockrer Wolluͤſtling Er ſelbſt den Blumenpfad der Luſt betritt, Und ſpottet ſeines Raths. Laert. O fuͤrchte nichts! Zu lange weil' ich— doch da kommt mein Vater. Polonius kommt.) Zwiefacher Segen iſt ein zwiefach Heil: Der Zufall laͤchelt einem zweiten Abſchied. Pol. Noch hier, Laertes? Ei, ei! an Bord, an Bordl Der Wind ſitzt in dem Nacken Eures Segels, Und man verlangt Euch. Hier mein Segen mit dir— (indem er dem Laertes die Hand aufs Haupt legt.) Und dieſe wen'gen Regeln ſuche feſt 8 In dein Gedaͤchtniß einzuſchreiben:— Gieb den Gedanken, die du hegſt, nicht Zunge, Noch einem ungebuͤhrlichen die That. Leutſelig ſey, doch keineswegs gemein, em Freund, der dein, und deſſen Wahl erprobt Mit ehrnen Reifen bind' ihn an dein Herz. Doch härte deine Hand nicht durch Begruͤßung Von jedem neugeheckten Bruder. Huͤte dich In Haͤndel zu gerathen: biſt du drin, Fuͤhr ſie, daß ſich dein Feind vor dir mag huͤten. 1 94 Hamlet, A. 1. Dein Ohr leih jedem, wen'gen deine Stimme; Nimm Rath von allen, aber ſpar dein Urtheil. Die Kleidung koſtbar, wie's dein Beutel kann, Doch nicht ins Grillenhafte; reich, nicht bunt: Denn es verkuͤndigt oft die Tracht den Mann, Und die vom erſten Nang und Stand in Frankreich Sind darin ausgeſucht und edler Sitte. Kein Borger ſey und auch Verleiher nicht; Sich und den Freund verliert das Darlehn oft, Und Borgen ſtumpft der Wirthſchaft Spitze ab. Dieß uͤber alles: ſey dir ſelber treu, Und daraus folgt, ſo wie die Nacht dei Tage, Du kannſt nicht falſch ſeyn gegen irgend wen. Leb wohl! mein Segen foͤrdre dieß an dir! Laert. In Ehrerbietung nehm' ich Abſchied, Herr. Pol. Euch ruft die Zeit; geht, Eure Diener warten. Laert. Leb wohl, Ophelia, und gedenk an das Was ich dir ſagte. Gphel. Es iſt in mein Gedaͤchtniß feſt verſchloſſen,„ Und Ihyr ſollt ſelbſt dazu den Schluͤſſel fuͤhren. Laert. Lebt wohl. Cab.) pol. Was iſts, Ophelia, das er Euch geſagt? Gphel. Wenn Ihr erlaubt, vom Prinzen Hamlet wars. Pol. Ha, wohl bedacht! Ich hoͤre, daß er Euch ſeit kurzem oft Vertraute Zeit geſchenkt: und daß Ihr ſelbſt Mit Eurem Zutritt ſehr bereit und frei wark. Wenn dem ſo iſt— und ſo erzaͤhlt man mirs, Und das als Warnung zwar— muß ich Euch ſagen, Daß Ihr Euch ſelber nicht ſo klar verſteht, Als meiner Tochter ziemt und Eurer Ehre. Was giebt es zwiſchen Euch? ſagt mir die Wahrheit. Gphel. Er hat ſeither Antraͤge mir gethan, Von ſeiner Zuneigung. Pol. Pah, Zuneigung? Ihr ſprecht wie junges Blut, In ſolchen Faͤhrlichkeiten unbewandert. ſind glaubt Ihr den Antraͤgen, wie Ihrs nennt? Gphel. Ich weiß nicht, Vater, was ich denken ſoll? Pol. So horts denn: denkt, Ihr ſeyd ein dummes Ding, Sz. 3. Prinz von Dänemark. 95 Daß Ihr fuͤr baar Anträge habt genommen Die ohn' Ertrag ſind. Nein, betragt Euch klger, Sonſt(um das arme Wort nicht todt zu en Traͤgt Eure Rarrheit noch Euch Schaden ein. Gphel. Er hat mit ſeiner Lieb in mich gedrungen, In aller Ehr' und Sitte. Pol. Ja, Sitte moͤgt Ihrs nennen; geht mir, geht! Ophel. Und hat ſein Wort beglaubigt, lieber Herr, Beinah durch jeden heil'gen Schwur des Himmels⸗ Pol. Ja, Sprenkel fuͤr die Droſſeln. Weiß ich doch, Wenn das Blut kocht, wie das Gemuͤth der Zunge Freigebig Schwuͤre leiht. Dieß Lodern, Tochter, Mehr leuchtend als erwaͤrmend, und erloſchen Selbſt im Verſprechen, waͤhrend es geſchieht, Nehmt keineswegs fuͤr Feuer. Kargt von nun an Mit Eurer jungfraͤulichen Gegenwart Ein wenig mehr; ſchaͤtzt Euer Unterhaltung Zu hoch, um auf Befehl bereit zu ſeyn. Und was Prinz Hamlet angeht, traut ihm ſo: Er ſey noch jung, und habe freiern Spielraum, Als Euch vergoͤnnt mag werden. Kurz, Ophelia, Traut ſeinen Schwren nicht: denn ſie ſind Kuppler, Nicht von der Farbe ihrer äußern Tracht, Fuͤrſprecher ſuͤndlicher Geſuche bloß, Gleich frommen, heiligen Geluͤbden athmend, Um beſſer zu beruͤcken. Eins fuͤr alles: Ihr ſollt mir grad' heraus, von heute an Die Muße keines Augenblicks ſo ſchmaͤhn, Daß Ihr Geſpraͤche mit Prinz Hamlet pfloͤget. Seht zu, ich ſags Euch; geht nun Eures Weges. Ophel. Ich will gehorchen, Herr. Cab.) 96 Hamlet, A.. Vierte Szene † Die Terraſſe. (Pamlet, Horatio und Marcellus treten auf.) Zamlet. Die Luft geht ſcharf, es iſt entſetzlich kalt. Sor. S iſt eine ſchneidende und ſtrenge Luft. Saml. Was iſt die Uhr? Ich denke, nah an zwoͤlf. Bor. Marc. Nicht doch, es hat geſchlagen. Bor. Wirklich ſchon? Ich hoͤrt' es nicht: ſo ruckt heran die Stunde, Worin der Geiſt gewohnt iſt umzugehn. (Trompetenſtoß und Geſchütz abgefeuert hinter der Szene.) Was ſtellt das vor, mein Prinz? Saml. Der Koͤnig wacht die durch, zecht vollauf, Es ſchmaußt der laͤrmende Emporkoͤmmling; Und wie er Zuͤge Rheinweins niedergießt, Schrein Pauken und Trompeten den Triumph Des ausgebrachten Trunks. Iſt das Gebrauch? Bor. Zaml. Nun freilich wohl: Doch meines Duͤnkens(bin ich eingeboren Und drin erzogen ſchon) iſts ein Gebrauch, Wovon der Bruch mehr ehrt als die Befolgung. Dieß ſchwindelkoͤpf'ge Zechen macht verrufen Bei andern Volkern uns in Oſt und Weſt; Man heißt uns Saͤufer, haͤngt an unſte Namen Ein ſchmutzig Beiwort; und fuͤrwahr, es nimmt Von unſern Thaten, noch ſo groß verrichtet, Den Kern und Ausbund unſers Werthes weg. So geht es oft mit einzeln Menſchen auch, Daß ſie durch ein Naturmaal, das ſie ſchaͤndet, Als etwa von Geburt(worin ſie ſchuldlos, Weil die Natur nicht ihren Urſprung waͤhlt) Ein Uebermaaß in ihres Blutes Miſchung Das Daͤmm' und Schanzen der Vernunft oft einbricht, Auch wohl durch Angewoͤhnung, die zu ſehr Sz. 4. Prinz von Dänemark. 97 Den Schein gefaͤll'ger Sitten uͤberroſtet— Daß dieſe Menſchen, ſag' ich, welche ſo Von Einem Fehler das Gepraͤge tragen (Seys Farbe der Natur, ſey's Fleck des Zufalls), Und waͤren ihre Tugenden ſo rein Wie Gnade ſonſt, ſo zahllos wie ein Menſch Sie tragen mag: in dem gemeinen Tadel Steckt der beſondre Fehl ſie doch mit anz Der Gran von Schlechtem wird des edlen Werthes Gehalt ſelbſt aus'nem Zweifel bis zur Schmach——— (Der Geiſt kommt.) Zor. O ſeht, mein Prinz, es kommt Baml. Engei und Boten Gottes ſteht uns bei! Sey du ein Geiſt des Segens, ſey ein Kobolt, Bring' Himmelsluͤfte oder Dampf der Hoͤlle, Sey dein Beginnen boshaſt oder liebreich, Du kommſt in ſo fragwuͤrdiger Geſtalt, Ich rede doch mit dirz ich nenn' dich, Hamlet, Fuͤrſt, Vater, Daͤnenkoͤnig: o gieb Antwort! Laß mich in Blindheit nicht vergehn! Nein, ſag: Warum dein fromm Gebein, verwahrt im Tode, Die Leinen hat geſprengt? warum die Gruft, Worin wir ruhig eingeurnt dich ſahn, Geoͤffnet ihre ſchweren Marmorkiefern, Dich wieder auszuwerfen? Was bedeutets, Daß, todter Leichnam, du in vollem Stahl Aufs neu des Mondes Daͤmmerſchein beſuchſt, Die Nacht entſtellendz daß wir Rarren der Ratur So furchtbarlich uns ſchutteln mit Gedanken, Die unſre Seele nicht erreichen kann? Sprich, warum iſt's2 Weshalb? Was ſoll'n wir thun? Bor. Es winket Euch, mit ihm hinwegzugehn, Als ob es eine Mittheilung verlangte Mit Euch allein. Miarc. Seht, wie es Euch mit freundlicher Geberde Hinweiſt an einen mehr entlegnen Ortz Geht aber nicht mit ihm. or. Mein, keineswegs. Jaml. Es will nicht ſprechen: wohl, ſo folg' ich ihm. Sor. Thut's nicht, mein Prinz. Saml. Was waͤre da zu fuͤrchten? Leben acht' ich keine Nadel werth ——— ——— 98 Hamlet, A. 1. Und meine Seele, kann es der was thun, Die ein unſterblich Ding iſt, wie es ſelbſt? Es winkt mir wieder fort, ich folg' ihm nach. Zor. Wie, wenn es hin zur Flut Euch lockt, mein rinz, Vielleicht zum grauſen Wipfel jenes Felſen, Der in die See nickt uͤber ſeinen Fuß? Und dort in andre Schreckgeſtalt ſich kleidet, Die der Vernunft die Herrſchaft ranben koͤnnte, Und Euch zum Wahnſinn treiben? O bedenkt! Der Ort an ſich bringt Grillen der Verzweiflung Auch ohne weitern Grund in jedes Hirn, Der ſo viel Klafter niederſchaut zur See, Und hoͤrt ſie unten bruͤllen. Zaml. Immer winkt es! Geh mur! ich folge dir. Marc. Ihr durft nicht gehn, mein Prinz. Saml. Die Haͤnde weg! Sor. Hoͤrt uns, Ihr duͤrft nicht gehn. Zaml. Mein Schickſal ruft, Und macht die kleinſte Ader dieſes Leibes So feſt als Sehnen des Nemeer Löwen. (Der Geiſt winkt.) Es winkt mir immerfort: laßt los! Beim Himmel! (reißt ſich los.) Den mach'ich zum Geſpenſt, der mich zuruͤckhaͤlt!— Ich ſage, fort;— Voran! ich folge dir. (Der Geiſt und Hamlet ab.) Bor. Er kommt ganz außer ſich vor Einbildung. Warc. Ihm nach! Wir duͤrfen ihm nicht ſo gehorchen. Zor. Kommt, folgen wir! Welch Ende wird dieſes nehmen! Marc. Etwas iſt faul im Staate Dänemarks. Bor. Der Himmei wird es lenken. Warc. Laßt uns gehn. Cgehn ab.) Sz. 5. Prinz von Daͤnemark. 99 Fuͤnfte Szene. Cin abgelegner Theil der STerraſſe. (Der Geiſt und Hamlet kommen.) Zamlet. Wo fuͤhrſt dn hin mich? Red', ich geh nicht weiter. Geiſt. Hoͤr an! Baml. Ich wills. Geiſt. Schon naht ſich meine Stunde, Wo ich den ſchweflichten, qualvollen Flammen Mich uͤbergeben muß. Zaml. Ach, armer Geiſt! Geiſt. Beklag mich nicht, doch leih dein ernſt Gehoͤr Dem, was ich kund will thun. Haml. Sprich! mir iſts Pflicht zu hoͤren. G iſt. Zu raͤchen auch, ſobald du hoͤren wirſt. BZaml. Was? Geiſt. Ich bin deines Vaters Geiſt: Verdammt auf eine Zeitlang, Nachts zu wandern, Und Tags gebannt, zu faſten in der Glut, Bis die Verbrechen meiner Zeitlichkeit Pireelittt ſind. Waͤr' mirs nicht unterſagt as Innre meines Kerkers zu enthuͤllen, So hoͤb' ich eine Kunde an, von der Das kleinſte Wort die Seele dir zermalmte, Dein junges Blut erſtarrte, deine Augen Wie Stern' aus ihren Kreiſen ſchießen machte, Dir die verworrnen krauſen Locken trennte, Und ſtraͤubte jedes einzle Haar empor, Wie Nadeln an dem zorngen Stachelthier: Doch dieſe ew'ge Offenbarung faßt Kein Ohr von Fleiſch und Blut.— Horch, horch, o horch! Wenn du je deinen theuren Vater liebteſt— Zaml. O Himmel! Geiſt. Raͤch⸗ ſeinen ſchnoͤden unerhoͤrten Mord. Zaml. Mord? Geiſt. Ja, ſchnoͤder Mord, wie er aufs beſte iſt, Doch dieſer unerhoͤrt, und unnatuͤrlich. Baml. Eil' ihn zu melden, daß z6, auf Schwingen, ra — 100 Hamket, A. I. Wie Andacht und des Liebenden Gedanken, Zur Rache ſtuͤrmen mag. 7 Geiſt. Du ſcheinſt mir willig: Auch waͤrſt du traͤger, als das feiſte Kraut, Das ruhig dort verfault an Lethe's Bord, Erwachteſt du nicht hier. Nun, Hamlet, hoͤre: Es heißt, daß, weil ich ſchlief in meinem Garten, Mich eine Schlange ſtach; ſo ward das Ohr des Reichs Durch den erlognen Hergang meines Todes* Schmaͤhlich getaͤuſcht; doch wiſſe, edler Juͤngling, Die Schlang', die deines Vaters Leben ſtach. Traͤgt ſeine Krone jetzt. Zaml. O mein prophetiſches Gemuͤth! Mein Oheim? Geiſt. Ja, der blutſchaͤnderiſche Ehebrecher, Durch Witzes Zauber, durch Verraͤthergaben, OD arger Witz und Gaben, die im Stand, So zu verfuͤhren, ſind!) gewann den Willen Der ſcheinbar tugendſamen Koͤnigin Zu ſchnoͤder Luſt. Hamlet, welch ein Abfall! Von mir, deß Liebe von der Aechtheit war, Daß Hand in Hand ſie mit dem Schwure ging, Den ich bei der Vermaͤhlung that; erniedert Zu einem Suͤnder, von Natur durchaus Armſelig gegen mich! Allein wie Tugend nie ſich reizen laͤßt, Buhlt Unzucht auch um ſie in Himmelsbildung; o Luſt, gepaart mit einem lichten Engel, Wird dennoch eines Goͤtterbettes ſatt Und haſcht nach Wegwurf.— Doch ſtill! mich duͤnkt, ich wittre Morgenluft: Kurz laß mich ſeyn.— Da ich im Garten ſchlief, Wie immer meine Sitte Nachmittags, Beſchlich dein Oheim meine ſichre Stunde Mit Saft verfluchten Bilſenkrauts im Flaͤſchchen, Und traͤufelt' in den Eingang meines Ohrs Das ſchwaͤrende Getraͤnk; wovon die Wirkung So mit des Menſchen Blut in Feindſchaft ſteht, Daß es durch die natuͤrlichen Kanaͤle Des Koͤrpers hurtig, wie Queckſilber, laͤuft; Und wie ein ſaures Laab, in Milch getropft, Mit plotzlicher Gewalt gerinnen macht Das leichte, reine Blut. So that es meinem; Und Ausſatz ſchuppte ſich mir augenblicklich, Sz. 5. Prinz von Daͤnemark. 104 Wie einem Lazarus, mit ekler Rinde Ganz um den glatten Leib. So ward ich ſchlafend und durch Bruderhand In meiner Suͤnden Bluͤthe hingerafft, Ohne Nachtmahl, ungebeichtet, ohne Helung: Die Rechnung nicht geſchloſſen, ins Gericht Mit aller Schuld auf meinem Haupt geſandt. O ſchaudervoll! o ſchaudervoll! hochſt ſchaudervoll! Haſt du Natur in dir, ſo leid' es nicht; Laß Daͤnmarks konigliches Bett kein Lager Fuͤr Blutſchand' und verruchte Wolluſt ſeyn. och, wie du immer dieſe That betreibſi, Befleck' dein Herz nicht; dein Gemuth erſinne Nichts gegen deine Mutter; uͤberlaß ſie Dem Himmel und den Dornen, die im Buſen Ihr ſtechend wohnen. Lebe wohl mit eins: Der Gluͤhwurm zeigt, daß ſich die Fruͤhe naht, Und ſein unwirkſam Feu'r beginnt zu blaſſen. Ade! Ade! Hamlet! gedenke mein.(ab.) Zaml. O Heer des Himmels! S— Was noch onſt? Nenn' ich die Hoͤlle mit?— O pfuil Halt, halt mein erz! Ihr meine Sehnen, altert nicht ſogleich, Tragt feſt mich aufrecht!— Dein gedenken? Ja, Du armer Geiſt, ſo lang' Gedaͤchtniß hauſt In dem zerſtoͤrten Ball hier. Dein gedenken? Ja, von der Tafel der Erinnrung will ich Wegloͤſchen alle thorichten Geſchichten, Aus Buͤchern alle Spruͤche, alle Bilder, Die Spuren der Vergangnen, welche da. Die Jugend einſchrieb und Beobachtung; Und dein Gebot ſoll leben ganz allein Im Buche meines Hirnes, unvermiſcht Mit minder wuͤrd'gen Dingen.— Ja, beim Himmel. O hoͤchſt verderblich Weib! QSchurke! laͤchelnder, verdammter Schurke! Schreibtafel her! Ich muß mirs niederſchreiben, Daß einer läͤcheln kann, und immer laͤcheln, Und doch ein Schurke ſeyn; zum wenigſten Weiß ich gewiß, in Daͤnmark kanns ſo ſeyn. Da ſteht ihr, Oheim. Jetzt zu meiner Loſung! 102 Hamlet, A. I. Sie heißt:„Ade ade! gedenke mein.“ 3 Ich habs geſchworen. Bor. Chinter der Szene.) Mein Prinz! mein Prinz! Marc.(hinter der Szene.) Prinz Hamlet. Bor. Chinter der Stene.) Gott beſchutz ihn! Saml. So ſey es! Mart. Chinter der Szene.) Heda! ho! mein Prinz! Baml. Ha! heiſa, Junge! Komm! Voͤgelchen, komm! (Horatio und Marcellus kommen.) Marc. Wie ſtehts, mein gnad'ger Herr? Zor. Was giebts, mein Prinz? Zaml. O wunderbar! Bor. Sagt, beſter, gnaͤd'ger Herr. Baml. Nein, Ihr verrathets. Bor. Ich nicht, beim Himmel, Prinz. Marc. Ich gleichfalls nicht. Saml. Was ſagt Ihr? Sollts zu Menſchenſeele enken?— Doch Ihr wollt ſchweigen? Zor. und Marc. Ja, beim Himmel, Prinz. Baml. Es lebt kein Schurk' im ganzen Daͤnemark, er nicht ein ausgemachter Bube waͤr. Zor. Es braucht kein Geiſt vom Grabe herzukommen, Uns das zu ſagen. Baml. Richtig Ihr habt Recht Und ſo, ohn' alle weitre Förmüchteit, Denk' ich, wir ſchutteln uns die Haͤnd' und ſcheiden; Pr thut, was Euch Beruf und Reigung heißt— enn jeder Menſch hat Neigung und Beruf, Wie ſie denn ſind— ich, fuͤr mein armes Theil, Seht Ihr, will beten gehn. Bor. Dieß ſind nur wirblichte und irre Worte, Herr. Saml. Es thut mir leid, daß ſie Euch aͤrgern, herzlich; Ja, mein Treu, herzlich. Zor. Kein Aergerniß, mein Prinz. — Sz. 1. Prinz von Dänemark. 103 Zaml. Doch, bei Sankt Patrik, giebt es eins, Horatio, Groß Aergerniß. Was die Erſcheinung angeht, Ich ſag' Euch,'s iſt ein ehrliches Geſpenſt. Die Neugier, was es zwiſchen uns doch giebt, Bemeiſtert wie Ihr koͤnnt. Und nun, Ihr Lieben, Wofern Ihr Freunde ſeyd, Mitſchuͤler, Krieger, Gewaͤhrt ein Kleines mir. Bor. Was iſts? wir ſind bereit. Saml. Macht nie bekannt, Pbr die Nacht ge⸗ ehn. SZor. und Marc. Wir wollens nicht, mein Prinz. Zaml. Gut, aber ſchwort. Bor. Auf Ehre, Prinz, ich nicht. Wiarc. Ich gleichfalls nicht, auf Ehre. Baml. Auf mein Schwert. Marc. Wir haben ſchon geſchworen, gnaͤd'ger Herr. Zaml. Im Ernſte, auf mein Schwert, im Ernſte. Geiſt(unter der Erde.) Schwoͤrt. Saml. Ha ha, Burſch! ſagſt du das? Biſt da, ehr⸗ licher Hans? Wohlan— Ihr hoͤrt im Keller den Geſellen— Bequemet Euch zu ſchwoͤren. or. Sagt den Eid. Baml. MNiemals von dem, S6 Ihr geſehn, zu prechen. Schwoͤrt auf mein Schwert.* Geiſt(unter der Erde.) Schwoͤrt. Baml. Hie et ubigue? Wechſeln wir die Stelle.— Hieher, Ihr Herren, kommt, Und legt die Haͤnde wieder auf mein Schwert; Schwoͤrt auf mein Schwert Niemals von dem, was Ihr gehoͤrt, zu ſprechen. Geiſt(unter der Erde.) Schwort auf ſein Schwert. SZaml. Brav, alter ſ Wuͤhlſt ſo hurtig t ort? O trefflicher Minirer!— Nochmals weiter, Freunde. Zor. O Tag und Nacht! dieß iſt erſtaunlich fremd! Zaml. So heiß' als einen Fremden es willkommen. Es giebt mehr Ding' im Himmel und auf Erden 3 3 . 1 1 104 Hamlet, A. 1. Als Eure Schulweisheit ſich traͤumt, Horatio. Doch kommt! Hier, wie vorhin, ſchwört mir, ſo Gott Euch helfe, Wie fremd und ſeltſam ich mich nehmen mag, Da mirs vielleicht in Zukunft dienlich ſcheint, Ein wunderliches Weſen anzulegen: Ihr wollet nie, wenn Ihr alsdann mich ſeht, Die Arme ſo verſchlingend, noch die Koͤpfe So ſchuttelnd, noch durch zweifelhafte Reden, Als:„Nun, nun, wir wiſſen“— oder:„Wir koͤnnten, wenn wir wollten“— oder:„Ja, wenn wir reden moͤch⸗ ten;“ oder: Es giebt ihrer, wenn ſie nur duͤrften“— Und ſolch verſtohlnes Deuten mehr, verrathen, Das Ihr von mir was wiſſet: dieſes ſchwoͤrt, So Gott in Nothen und ſein Heil Euch helfe! Geiſt(unter der Erde.) Schwoͤrt. Baml. Ruh', tuh', verſtorter— Nun liebe errn, Empfehl' ich Euch mit aller Liebe mich, Und was ein armer Mann, wie Hamlot i Vermag, Euch Lieb⸗ und Freundſchaft zu bezeugen, So Gott will, ſoll nicht fehlen. Laßt uns gehn. Und bitt' ich, ſtets die Finger auf den Mund. Die Zeit iſt aus den Fugen: Schmach und Gram, Daß ich zur Welt, ſie einzurichten, kam! Nun kommt, laßt uns zuſammnen gehn. (Alle ab.) Prinz von Daͤnemark. 105 we t A g⸗ Erſte Szene. Ein Zimmer im Hauſe des Polonius. GWolonius und Reinhold treten auf.) Polonius⸗ 5 Gieb ihm dieß Geld und die Papiere, Reinhold. Reinh. Ja, gnaͤd'ger Herr. Pol. Ihr werdet mächtig klug thun, guter Reinhold. Euch zu erkund'gen, eh' Ihr ihn beſucht, Wie ſein Betragen iſt. Reinh. Das dacht' ich auch zu thun. Pol. Ei ja, recht brav, recht brav. Nun ſeht Ihr, Freund, Erſt fragt mir, was fuͤr Daͤnen in Paris ſind, Und wie, wer, auf was Art, und wo ſie leben, Mit wem, was ſie verzehren; wenn Ihr dann Durch dieſen Umfchweif Eurer Fragen merkt, Sie kennen meinen Sohn, ſo kommt Ihr naͤher, Als Eure erſten Fragen es beruͤhrten, Thut gleichſam wie von fern bekannt; zum Beiſpiel: „Ich kenne ſeinen Vater, ſeine Freunde, „Und auch zum Theil ihn ſelbſt.“ Ihr, Rein⸗ old? Reinh. Vollkommen, gnaͤd'ger Herr. Pol.„Zum Theil auch ihn, doch, moͤgt Ihr ſagen, weni „Und wenns der rechte iſt, der iſt gar wil⸗ „Treibt dieß und das“— dann gebt ihm nach Belieben 3 Erlogne Dinge Schuld; nun, nichts ſo arges, Das Schand' ihm braͤchte; davor hutet Euch, . Nein, ſoiche wilde, ausgelaßne Streiche, 4 — 106 Hamlet, A. IM. Als hergebrachter Maaßen die Gefaͤhrten Der Jugend und der Freiheit ſind. Reinh. Als ſpielen? Pol. Ja, oder trinken, raufen, fluchen, zanken, Huren— ſo weit koͤnnt Ihr gehn. Reinh. Das wuͤrd' ihm Si bringen, gnaͤd'ger Herr, Pol. Mein Treu nicht, wenn nur zu wenden wißt. Ihr muͤßt ihn nicht in ſolchen Lenmund bringen, Als uͤbermannt' ihn Unenthaltſamkeit, Das iſt die Meinung nicht: bringt ſeine Fehler zierlich Ans Licht, das ſie der Freiheit Flecken ſcheinen, Der Ausbruch eines feurigen Gemuͤths, Und eine Wildheit ungezahmten Bluts, Die jeden anſicht. Reinh. Aber, beſter Herr— Pol. Weswegen Ihr dieß thun ſollt? Reinh. Ja, das wuͤnſcht' ich Zu wiſſen, Herr. Pol. Ei nun, mein Plan iſt der, Und wie ich denke, iſts ein Pfüff der anſchlaͤgt; Werft Ihr auf meinen Sohn ſo kleine Makeln, Als waͤr' er in der Arbeit was beſchmutzt— Merkt wohl! Wenn der Mitunterredner, den Ihr aushorcht, In vorbenannten Laſtern jemals ſchuldig Den jungen Mann geſehn, ſo ſeyd gewiß, Daß ſelb'ger folgender Geſtalt Euch beitritt: „Lieber Herr,“ oder ſo; oder oder„mein Wer⸗ theſter, Wie nun die Redensart und die Betittlung Bei Land und Leuten uͤblich iſt. Reinh. Sehr wohl. Pol. Und hierauf thut er dieß:— Er thut— ja was wollte ich doch ſagen? Beim Sakrament! ich habe was ſagen wollen. Wo brach ich ab? Reinh. Bei, folgender Geſtalt Euch beitritt, bei Freund, oder ſo, oder mein Wertheſter. 8 Pol. Bei, folgender Geſtalt Euch beitritt.— Ja, „mein Seel,“ So tritt er nun Euch bei:„Ich ihn wohl, den Herrn, Sz. 1. Prinz von Dänemark. 107 „Ich ſah ihn geſtern oder neulich'mal „Oder wann es war; mit dem und dem; und wie Ihr agt, „Da ſpielt er hoch; da traf man ihn im Rauſch, „Da rauft er ſich beim Ballſßiel;“ oder auch; „Ich ſah ihn gehn in ſolch ein ſaubres Haus,“ (Will ſagen! ein Bordell) und mehr dorgleichen.— Scht nur; Eu'r Luͤgenkoder faͤngt den Wahrheitskarpfen; So wiſſen wir, gewitzigt, helles Volk, Mit Kruͤmmungen und mit verſtecktem Angriff Durch einen Umweg auf den Weg zu kommen; Und ſo koͤnnt Ihr, wie ich Euch Anweiſung Und Rath ertheilet, meinen Sohn erforſchen. Ihr habts gefaßt, nicht wahr? Reinh. Ja, gnaͤd'ger Herr. Pol. Nun, Gott mit Euch! lebt wohl! Reinh. Mein beſter Herr— Pol. Bemerkt mit eignen Augen ſeinen Wandel. Reinh. Das will ich thun. Und daß er die Muſik mir fleißig treibt. einh. Gut, gnaͤd'ger Herr.(ab.) (Ophelia kommt.) Pol. Lebt wohl!— Wie nun, Ophelia, was giebts? Pphel. O lieber Herr, ich bin ſo ſehr erſchreckt! Pol. Wodurch ins Himmels Namen? Ophel. Als ich in meinem Zimmer näht', auf einmal Prinz Hamlet— mit ganz aufgerißnem Wams, Kein Hut auf ſeinem Kopf, die Struͤmpfe ſchmutzig Und losgebunden auf den Knoͤcheln haͤngend; Bleich wie ſein Hemde, ſchlotternd mit den Knie'n; Mit einem Blick, von Jaminer ſo erfuͤllt, Als wär er aus der Hölle losgelaſſen, Um Graͤuel kund zu thun— ſo tritt er vor mich. Pol. Verruͤckt aus Liebe? Gphel. Herr, ich weiß es nicht Allein ich furcht' es wahr* Pol. Und was ſagt er? Gphel. Er griff mich bei der Hand und hielt mich e Dann lehnt' er ſich zuruck, ſo lang ſein Arm; 6 — — 108 Hamlet, A. II. Und mit der andern Hand ſo uͤber'm Auge, Betrachtet' er ſo pruͤfend mein Geſicht, Als wollt' ers zeichnen. Lange ſtand er ſo; Zuletzt ein wenig ſchuͤttelnd meine Hand, Und dreimal hin und her den Kopf ſo waͤgend, Polt' er ſolch einen bangen tiefen Seufzer, Als ſollt' er ſeinen ganzen Bau zertruͤmmern, Und endigen ſein Daſeyn. Dieß gethan, Laͤßt er mich gehn: und uͤber ſeine Schultern Den Kopf zuruͤckgedreht, ſchien er den Weg Zu finden ohne ſeine Augen; denn Er ging zur Thuͤr hinaus ohn' ihre Huͤlfe, Und wandte bis zuletzt ihr Licht auf mich. Pol. Geht mit mir, kommt, will den Koͤnig Uchen. Dieß iſt die wahre Schwärmerei der Liebe, Die, ungeſtüm von Art, ſich ſelbſt zerſtoͤrt, Und leitet zu verzweifelten Entſchluſſen So oft als irgend eine Leidenſchaft, Die unterm Mond' uns qualt. Es thut mir leid— Sagt, gabt Ihr ihm ſeit kurzem harte Worte? Gphel. Nein, beſter Herr, nur wie Ihr mir befahlt, Wies ich die Briefe ab, und weigert' ihm 6 Den Zutritt. Pol. Das hat ihn verruͤckt gemacht. Es thut mir leid, daß ich mit beſſerm Urtheil Ihn nicht beachtet. Ich ſorgt', er taͤndle nur Und wollte dich verderben; doch verdammt mein Argwohn! Uns Alten iſts ſo eigen, wie es ſcheint, Mit unſrer Meinung uͤbers Ziel zu gehn, Als haͤufig bei dem jungen Volk der Mangel An Vorſicht iſt. Gehn wir zum Koͤnig, komm. Er muß dieß wiſſen, denn es zu verſtecken, Braͤcht' uns mehr Gram, als Haß, i entdecken. ( 6 S. Prinz von Daͤnemark. 109 Zweite Szene. Ein Zimmer im Schloſſe. (Der König, die Königin, Roſenſtern, Gülden⸗ ſtern und Gefolge.) Roͤnig. Willkommen, Roſenkranz und Guͤldenſtern! Wir wuͤnſchten nicht nur ſehnlich, Euch zu ſehn, Auch das Beduͤrfniß Eurer Dienſte trieb Uns zu der eil'gen Sendung an. Ihr hoͤrtet Von der Verwandlung Hamlets ſchon: ſo nenn' ichs, Weil noch der aͤußre, noch der innre Menſch em gleichet, was er war. Was es nur iſt,. Als ſeines Vaters Tod, das ihn ſo weit Von dem Verſtaͤndniß ſeiner felbſt gebracht, Kann ich nicht rathen. Ich erſuch' Euch beide— Da Ihr von Kindheit auf mit ihm erzogen, Und ſeiner Laun' und Jugend nahe bliebt— Ihr wollet hier an unſerm Hof verweilen Auf ein'ge Zeit, um ihn durch Euren Umgang In Luſtbarkeit zu ziehn, und zu erſpaͤhn, So weit der Anlaß auf die Spur Euch bringt, Ob irgend was uns unbekannt, ihn druͤckt, Das offenbart, zu heilen wir vermoͤchten. Roͤnigin. Ihr lieben Herrn, er hat Euch oft genannt. Ich weiß gewiß, es giebt nicht andre zwei, An denen er ſo haͤngt. Wenns Euch beliebt, Uns ſo viel guten Willen zu erweiſen; Daß Ihr bei uns hier eine Weile zubringt, Zu unſrer Hoffnung Vorſchub und Gewinn, So wollen wir Euch den Beſuch belohnen, Wie es ſich ziemt fur eines Koͤnigs Dank. Roſ. Es ſtaͤnde Eure Majeſtaͤten zu, Nach herrſchaftlichen Rechten uber uns, Mehr zu gebieten nach geſtrengem Willen, Als zu erſuchen. Guͤld. Wir gehorchen beide Und bieten uns hier an, nach beſten Kraͤften, 110 Hamlet, A. II. Zu Euren Fuͤßen unſern Dienſt zu legen, Um frei damit zu ſchalten. Ron. Dank Roſenkranz und lieber Guͤldenſtern! Roͤnigin. Dank, Guͤldenſtern und lieber Roſenkranz! Beſucht doch unverzuͤglich meinen Sohn, Der nur zu ſehr verwandelt. Geh' wer mit, Und bring die Herren hin, wo Hamlet iſt. Guld. Der Himmel mach' ihm unſre Gegenwart Und unſer Thun gefaͤllig und erſprießlich! Roͤnigin. So ſey es, Amen! (Roſenkranz, Güldenſtern und einige aus dem Gefolge ab.) Polonius kommt.) Pol. Mein Koͤnig, die Geſandten ſind von Norweg Froh wieder heimgekehrt. Roͤn. Du wareſt ſtets der Vater guter Zeitung. Pol. Nicht wahr? Ja, ſeyd verſichert, beſter Herr, Ich halt' auf meine Pflicht wie meine Seele, Erſt meinem Gott, dann meinem gnaͤd'gen Koͤnig. Und jetzo denk' ich(oder dieß Gehirn Jagt auf der Klugheit Fährte nicht ſo ſicher, Als es wohl pflegte) daß ich ausgefunden, Was eigentlich an Hamlets Wahnwitz Schuld. Roͤn⸗ O davon ſprecht: das wuͤnſcht' ich ſehr zu horen. Pol. Vernehmt erſt die Geſandten; meine Zeitung Soll bei dem großen Schmaus der Nachtlſch ſeyn. Roͤn. Thut ihnen ſelber Ehr' und fuͤhrt ſie vor, (Polonius ab.) Er ſagt mir, liebe Gertrud, daß er jetzt Den Quell vom Uebel Eures Sohns gefunden. Roͤnigin. Ich fuͤrcht', es iſt nicht anders als das ine Des Vaters Tod und unſre haſt'ge Heirath. Boͤn. Gut, wir erforſchen ihn. WPolonius kommt mit Voltimand und Cornelius zurück.) Willkommen, liebe Freunde! Voltimand, Sagt, was Ihr bringt von unſerm Bruder Norweg. Volt. Erwiederung der ſchonſten Gruͤß' und Wuͤnſche. Auf unſer erſtes ſandt er aus, und hemmte Die Werbungen des Reffen, die er hielt Fuͤr Zuruͤſtungen gegen die Polacken, Sz 2. Prinz von Daͤnemark. 111 Doch naͤher unterſucht, fand er, ſie gingen Auf Eure Hoheit wirklich. Drob gekraͤnkt, Daß ſeine Krankheit, ſeines Alters Schwaͤche So hintergangen ſey, legt' er Verhaft Auf Fortinbras, worauf ſich dieſer ſtellt, Verweiſ' empfaͤngt von Norweg, und zuletzt Vor ſeinem Oheim ſchwoͤrt, nie mehr die Waffen Zu fuͤhren gegen Eure Majeſtaͤt. Der alte Norweg, hoch erfreut hieruͤber, Giebt ihm dreitauſend Kronen Jahrgehalt, Und ſeine Vollmacht, gegen den Polacken Die ſo geworbnen Truppen zu gebrauchen; Nebſt dem Geſuch, des weitern hier erklaͤrt, Ihr wollt geruhn, fuͤr dieſes Unternehmen Durch Eu'r Gebiet den Durchzug zu geſtatten, Mit ſoicher Sicherheit und Einraͤumung, Als abgefaßt hier ſteht. Roͤn. Es duͤnkt uns gut, Wir wollen bei gelegner Zeit es leſen, Antworten und bedenken dieß Geſchaͤft. Zugleich habt Dank fuͤr wohlgenommne Muͤh; Geht auszuruhn, wir ſchmauſen heut zuſammen. Willkommen mir zu Haus. Voltimand und Cornelius ab.) Pol. So waͤre dieß Geſchaͤft nun wohl vollbracht. WMein Fuͤrſt und gnaͤd'ge Frau, hier zu eroͤrtern, Was Majeſtaͤt iſt, was Ergebenheit, Warum Tag, Tag; Nacht, Nacht; die Zeit, die Zeit: Das hieße, Nacht und Tag und Zeit verſchwenden. Weil Kuͤrze denn des Witzes Seele iſt, Weitſchweifigkeit der Leib und dußre Zierath, Faſſ' ich mich kurz. Eu'r edler Sohn iſt toll, Zoll nenn' ich's: denn worin beſteht die Tollheit Als daß man gar nichts anders iſt als toll? Doch das mag ſeyn. Roͤnigin. Mehr Inhalt, wen'ger Kunſt. Pol. Auf Ehr“, ich brauche nicht die mindſte Kunſt. Joll iſt er, das iſt wahr; wahr iſts,'s iſt Schade; Und Schade, daß es wahr iſt. Doch dieß iſt MNe thoͤrichte Figur: ſie fahre wohl, Denn ich will ohne Kunſt zu Werke gehn. Toll nehmen wir ihn alſo; nun iſt uͤbrig, 112 Hamlet, A. I. Daß wir den Grund erſpaͤhn von dem Effekt, Nein, richtiger den Grund von dem Defekt; Denn dieſer Defektiv⸗Effekt hat Grund⸗ So ſtehts nun, und der Sache Stand iſt dieß. Erwaͤgt! Ich habe'ne Tochter; heißt, ſo lang' ſie mein iſt; Die mir aus ſchuldigem Gehorſam, ſeht, Dieß hier gegeben: ſchließt und rathet nun. „An die himmliſche und den Abgott meiner Seele, die „reizerfullteſte Ophelia“— Das iſt eine ſchlechte Redensart, eine gemeine Redensart; reizerfullteſte iſt eine gemeine Redensart. Aber hoͤrt nur weiter: „An ihren trefflichen zarten Buſen dieſe Zeilen“ u. ſ. w. Ronigin. Hat Hamlet dieß an ſie geſchickt? Pol. Geduld nur, gnaͤd'ge Frau, ich meld' Euch alles. „Zweifle an der Sonne Klarheit, „Zweifle an der Sterne Licht, „Zweifl', ob luͤgen kann die Wahrheit, „Nur an meine Liebe nicht. „O liebe Ophelia, es gelingt mir ſchlecht mit dem Syl⸗ „benmaaße; ich beſitze die Kunſt nicht, meine Seufzer zu „meſſen, aber daß ich dich beſtens liebe, o Allerbeſte, das „glaube mir. Leb wohl. „Der Deinige auf ewig, theuer⸗ „ſtes Fraͤulein, ſo lange dieſe „Maſchine ihm zugehoͤrt.“ „Hamlet.“ Dieß hat mir meine Tochter ſchuld'ger Maaßen Gezeigt, und uͤberdieß ſein dringend Werben, Wie ſich's nach Zeit und Weiſ' und Ort begab, Mir vor das Ohr gebracht. Roͤn. Allein wie nahm Sie ſeine Liebe auf? Pol. Was denket Ihr von mir? Roͤn. Daß Ihr ein Mann von Treu und Ehre ſeyd⸗ Pol. Gern moͤcht' ich's zeigen. Doch was daͤchtet r Haͤtt' ich geſehn, wie dieſe heiße Liebe Sich anſpann(und ich merkt' es, muͤßt Ihr wiſſen, Eh meine Tochter mirs geſagt) was daͤchtet Ihr, oder meine theure Majeſtaͤt, Eu'r koͤniglich Gemal, haͤtt' ich dabei Sz. 2. Prinz von Daͤnemark. 113 Brieftaſche oder Schreibepult geſpielt, Verſchloß wohl gar mein Herz, blieb ſtill und ſtumm? Oder ſah dieß Lieben an mit muͤß'gen Blick? Was daͤchtet Ihr? Rein, ich ging rund heraus, Und redte ſo zu meinem jungen Fraͤulein: „Prinz Hanilet iſt ein Fuͤrſt; zu hoch fuͤr dich „Dieß darf nicht ſeyn;“ und dann ſchrieb ich ihr vor, Daß ſie vor ſeinem Umgang ſich verſchloͤſſe, Nicht Boten zuließ', Pfaͤnder nicht empfinge. Drauf machte ſie ſich meinen Rath zu Nuß, Und er, verſtoßen,(um es kurz zu machen) Fiel in'ne Traurigkeit; dann in ein Faſten; Drauf in ein Wachen: dann in eine Schwaͤche; Dann in Zerſtreuung, und durch ſolche Stufen In die Verruͤcktheit, die ihn jetzt verwirrt, Und ſaͤmmtlich uns betruͤbt. Ron. Denkt Ihr, dieß ſeys? Rönigin. Es kann wohl ſeyn, fehr moͤglich. Pol. Habt Ihrs ſchon je erlebt, das moͤcht' ich wiſſen, Daß ich mit Zuverſicht geſagt:„So iſts“, Wenn es ſich anders fand? Roͤn. Nicht, das ich weiß. Pol.(indem er auf ſeinen Kopf und Schulter zeigt.) Irenni dieß von dem, wenns anders ſich verhaͤlt. Wenn eine Spur mich leitet„will ich finden Wo Wahrheit ſteckt, und ſteckte ſie auch recht Im Mittelpunkt. Ron. Wie laͤßt ſichs näher pruͤfen? Pol. Ihr wißt, er geht wohl Stunden auf und ab, Hier in die Gallerie. Roͤnigin. Das thut er wirklich. Pol. Da will ich meine Tochter zu ihm laſſen. Steht Ihr mit mir dann hinter einem Teppich, Bemerkt den Hergang: wenn er ſie nicht liebt, Und dadurch nicht um die Vernunft gekommen, So laßt mich nicht mehr Staatsbeamten ſeyn, Laßt mich den Acker baun und Pferde hallen. Roͤn. Wir wollen ſehn. (Hamlet kommt leſend.) Roͤnigin. Seht, wie der n kommt und ieſt. VI. 8 114 Hamlet, A. M. Pol. Fort, ich erſuch' Euch, beide fort von hier! Ich mache gleich mich an ihn. O erlaubt! (König, Königin und Gefolge ab.) Wie geht es meinem beſten Prinzen Hamlet? Baml. Gut, dem Himmel ſey Dank. Pol. Kennt Ihr mich, gnaͤd'ger Herr? Zaml. Vollkommen. Ihr ſeyd ein Fiſchhaͤndler. Pol. Das nicht, mein Prinz. Baml. So wollt' ich, daß Ihr ein ſo ehrlicher Mann waͤrt. Pol. Ehrlich, mein Prinz? Zamk. Ja, Herr, ehrlich ſeyn, heißt, wie es in die⸗ ſer Welt hergeht. Ein auserwaͤhlter unter Zehntauſen⸗ den ſeyn. Pol. Sehr wahr, mein Prinz.. Zaml. Denn wenn die Sonne Maden in einem tod⸗ ten Hunde erzengt, einem ſchon kuſſenden Aaſe— habt Ihr eine Tochter? Pol. Ja, mein Prinz. Zaml. Laßt ſie nicht in der Sonne gehn. Schnelles Faſſen iſt ein Segen, aber nicht ſo, wie Eure Tochter es empfangen moͤchte,— ſeht Euch vor, Freund. Pol. Wie meint Ihr das? Cheiſeit⸗) Immer auf meine Tochter angeſpielt. Und doch kannte er mich zuerſt nicht; er ſagte, ich waͤre ein Fiſchhaͤndler. Es iſt weit mit ihm gekommen, ſehr weit! und wahrlich, in meiner Ju⸗ gend brachte mich die Liebe in große Drangſale, faſt ſo ſchlimm wie ihn. Ich will ihn wieder anreden.— Was leſet Ihr, mein Prinz? SZaml. Worte, Worte, Worte. Pol. Doch anbetreffend, mein Prinz? Zaml. Wen ſoll es treffen? 8 Pol. Ich meine, was das betrifft, was Ihr leſet, mein rinz. Scml. Verlaͤumdungen, Herr: denn der ſatiriſche Schuft da ſagt, daß alte Maͤnner graue Bärte haben; daß ihre Geſichter runzlicht ſind; daß ihnen zäher Ambra und Harz aus den Augen trieft; daß ſie einen uͤberfluͤßigen Mangel an Witz und daneben ſehr kraftloſe Lenden haben. Ob ich Szn2. Prinz von Dänemark. 11⁵ nun gleich von allem dieſem inniglich und feſtiglich uber⸗ zeugt bin, ſo halte ich es doch nicht fuͤr billig, es ſo zu Papier zu bringen; denn Ihr ſelbſt, Herr, wuͤrdet ſo alt werden wie ich, wenn Ihr wie ein Krebs ruͤckwaͤrts gehen koͤnntet. Pol.(beiſeit.) Iſt dieß ſchon Tollheit, hat es doch Methode. Wollt Ihr nicht aus der Luft gehn, Prinz? Zaml. In mein Grab? Pol. Ja, das waͤre wirklich aus der Luft. Cbeiſeit.) Wie treffend manchmal ſeine Antworten ſind! Dieß iſt ein Gluͤck, das die Tollheit oft hat, womit es der Vernunft und dem geſunden Sinne nicht ſo gut gelingen koͤnnte. Ich will ihn verlaſſen, und ſogleich darauf denken, eine Iunntut zwiſchen ihm und meiner Tochter zu veran⸗ ſtalten.— Mein gnaͤdigſter Herr, ich will ehrerbietigſt mei⸗ nen Abſchied von Euch nehmen. Saml. Ihr konnt nichts von mir nehmen, Herr, das lieber fahren ließe— bis auf mein Leben, bis auf mein eben. Pol. Lebt wohl, mein Prinz. Baml. Die langweiligen alten Narren! Roſenkranz und Gülbenſtern kommen.) Pol. Ihr ſucht den Prinzen Hamlet auf; dort iſt er. Roſ. Gott gruͤß Euch, Herr. Güld. Verehrter Prinz— Roſ. Mein theurer Prinz— Zaml. Meine trefflichen guten Freunde! Was machſt du, Guͤldenſtern? Ah, Roſenkranz! Gute Burſche, wie gehts Euch? Roſ. Wie mittelmaͤß'gen Soͤhnen dieſer Erde. Guld. Glucklich, weil wir nicht uͤbergluͤcklich ſind. Wir ſind der Knopf nicht auf Fortuna's Muͤtze. Saml. Noch die Sohlen ihrer Schuhe? Roſ. Auch das nicht, gnaͤd'ger Herr. SZaml. Ihr wohnt alſo in der Gegend ihres Guͤrtels oder im Mittelpunkte ihrer Gunſt? (Polonius ab.) 8* 116 Hamlet, A. 11. Guld. Ja wirklich, wir ſind mit ihr vertraut. Zaml. Im Schooße des Gluͤcks? O ſehr wahr! ſie iſt eine Metze. Was giebt es Neues? Roſ. Nichts mein Prinz, außer daß die Welt ehrlich geworden iſt. Zaml. So ſteht der juͤngſte Tag bevor; aber Eure Neuigkeit iſt nicht wahr. Laßt mich Euch naͤher befragen: worin habt Ihr, meine guten Freunde, es bei Fortunen verſehen, daß ſie Euch hieher ins Gefaͤngniß ſchickt? Guld. Ins Gefaͤngniß, mein Prinz? Zaml. Daͤnemark iſt ein Gefangniß. Roſ. So iſt die Welt auch eins. Jaml. Ein ſtattliches, worin es viele Verſchläge, Loͤcher und Kerker giebt. Daͤnemark iſt eines der ſchlimimſten. Roſ. Wir denken nicht ſo davon, mein Prinz. Zaml. Nun, ſo iſt es keines fuͤr Euch, denn an ſich iſt nichts weder gut noch boͤſe; das Denken macht es erſt dazu. Fuͤr mich iſt es ein Gefaͤngniß. Roſ. Nun, ſo macht es Euer Ehrgeiz dazu; es iſt zu eng fur Euren Geiſt. ſt Zaml. O Gott, ich koͤnnte in eine Nußſchale einge⸗ ſperrt ſeyn, und mich fuͤr einen Koͤnig von unermeßlichem Gebiete halten,— wenn nur meine boͤſen Träume nicht waͤren. Guüld. Dieſe Traͤume ſind in der That Ehrgeiz; denn das eigentliche Weſen des Ehrgeizes iſt nur der Sn eines Traumes⸗ Saml. Ein Traum iſt ſelbſt nur ein Schatten. Roſ. Freilich, und mir ſcheint der Ehrgeiz von ſo luf⸗ tiger und loſer Beſchaffenheit, daß er nur der Schatten eines Schattens iſt. SZaml. So ſind alſo unſre Bettler Koͤrper und unſte Monarchen und geſpreizten Helden der Bettler Schatten. Sollen wir an den Hof? Denn mein Seel', ich weiß nicht zu raͤſonniren. Beide. Wir ſind beide zu Euren Dienſten. Baml. Nichts dergleichen; ich will Euch nicht zu mei⸗ nen uͤbrigen Dienern rechnen, denn, um wie ein ehrlicher Mann mit Euch zu reden: mein Geſolge iſt abſcheulich. . Sz. 2. Prinz von Daͤnemark. 117 Aber um der ebnen Heerſtraße der Freundſchaft zu bleiben, was macht Ihr in Helſingoͤr? Roſ. Wir wollten Euch beſuchen, nichts anders. Baml. Ich Bettler, der ich bin, ſogar an Dank bin ich arm. Aber ich danke Euch, und gewiß, liebe Freunde, mein Dank iſt um einen Heller zu theuer. Hat man nicht nach Euch geſchickt? Iſt es Eure eigne Neigung? Ein freiwilliger Beſuch? Kommt, kommt, geht ehrlich mit mir um! wohlan! Nun, ſagt doch! Guld. Was ſollen wir ſagen, gnaͤdiger Herr? Faml. Was es ſey.— Aber zur Sache. Man hat nach Euch geſchickt, und es liegt eine Art von Geſtaͤndniß in Euren Blicken, welche zu verſtellen Eure Beſcheidenheit nicht ſchlau genug iſt. Ich weiß, der gute Koͤnig und die Koͤnigin haben nach Euch geſchickt. Roſ. Zu was Ende, mein Prinz? Zaml. Das muß ich von Euch erfahren. Aber ich beſchwoͤre Euch bei den Rechten unſrer Schulfreundſchaft, bei der Eintracht unſter Jngend, bei der Verbindlichkeit unſrer ſtets bewahrten Liebe, und bei allem noch theurerem, was Euch ein beſſerer Redner ans Herz legen koͤnnte: geht grade heraus gegen mich, ob man nach Euch geſchickt hat oder nicht. Roſ.(zu Güldenſtern.) Was ſagt Ihr? Zaml. So, nun habe ich Euch ſchon weg.— Wenn Ihr mich liebt, tretet nicht zuruͤck. Güld. Gnaͤdiger Herr, man hat nach uns geſchickt. Zaml. Ich will Euch ſagen, warum: ſo wird mein Errathen Eurer Entdeckung zuvorkommen: und Eure Ver⸗ ſchwiegenheit gegen den Koͤnig und die Koͤnigin braucht keinen Zollbreit zu wanken.* Ich habe ſeit kurzem— ich weiß nicht wodurch— alle meine Munterkeit eingebuͤßt, meine gewohnten Uebungen aufgegeben; und es ſteht in der That ſo uͤbel um meine Gemuͤthslage, daß die Erde, dieſer treffliche Ban, mir nur ein kahles Vorgebirge ſcheint; ſeht Ihr, dieſer herrliche Baldachin, die Luft, dieſe glän⸗ zende Umwoͤlbung, dieß majeſtätiſche Dach mit goldnem Feuer ausgelegt: kommt es mir doch nicht anders vor, als ein fauler verpeſteter Haufe von Dunſien. Welch ein Meiſterwerk iſt der Menſch! wie edel durch Vernunft! wie unbegraͤnzt an Faͤhigkeiten! in Geſtalt und Bewegung wie 118 Hamlet, A. II. bedentend und wunderwuͤrdig, im Handeln wie aͤhnlich einem Engel! im Begreifen wie ähnlich einem Gott! die Zierde der Welt! das Vorbild der Lebendigen! Und doch, was iſt mir dieſe Quinteſſenz von Staube? Ich habe keine Luſt am Manne— und am Weibe auch nicht, wiewohl Ihr das durch Euer Laͤcheln zu ſagen ſcheint. Roſ. Mein Prinz, ich hatte nichts dergleichen im Sinne. Zaml. Weswegen lachtet Ihr denn, als ich ſagte: ich habe keine Luſt am Manne? Roſ. Ich dachte, wenn dem ſo iſt, welche Faſtenbe⸗ wirthung die Schauſpieler bei Euch ſinden werden. Wir holten ſie unterweges ein, ſie kommen her, um Euch ihre Kuͤnſte anzubieten. Zaml. Der den Koͤnig ſpielt, ſoll willkommen ſeyn, ſeine Majeſtaͤt ſoll Tribut von mir empfangen; der kuͤhne Ritter ſoll ſeine Klinge und ſeine Tartſche brauchen; der Liebhaber ſoll nicht unentgeltlich ſeußzen; der Launige ſoll ſeine Rolle in Frieden endigen; der Narr ſoll den zu lachen machen, der ein kitzliches Zwerchfell hat; und das Fraͤulein ſoll ihre Geſinnung frei herausſagen, oder die Verſe ſollen dafuͤr hinken.— Was fuͤr eine Geſellſchaft iſt es? Roſ. Dieſelbe, an der Ihr ſo viel Vergnuͤgen zu finden pflegtet, die Schauſpieler aus der Stadt. Zaml. Wie kommt es, daß ſie umherſtreifen? Ein feſter Aufenthalt war vortheilhafter ſowohl fuͤr ihren Ruf als ihre Einnahme. Roſ. Ich glaube, dieſe Unterbrechung ruͤhrt von der kuͤrzlich aufgekommenen Neuerung her. Saml. Genießen ſie noch dieſelbe Achtung wie da⸗ mals, da ich in der Stadt war?— Beſucht man ſie eben ſo ſehr? Zaml. Wie kommt das? werden ſie roſtig? S. Nein, ihre Bemuͤhungen halten den gewohnten Schritt; aber es hat ſich da eine Brut von Kindern ange⸗ funden, kleine Neſtlinge, die ganz erſchrecklich ſchreien, und hoͤchſt grauſamlich dafür beklatſcht werden. Dieſe ſind jetzt Mode, und ſchelten ſo ſehr auf die gemeinen Theater(fo nennen ſie die andern), daß viele, die Degen tragen, ſich — — Sz. 2. Prinz von Daͤnemark. 119 vor Gaͤnſekielen fuͤrchten, und die lezten kaum noch zu beſu⸗ chen wagen. Zaml. Wie, ſind es Kinder? Wer unterhaͤlt ſie? Wie weiden ſie beſoldet? Wollen ſie nicht laͤnger bei der Kunſt bleiben, als ſie ſingen koͤnnen? Werden ſie nicht nachher ſagen, wenn ſie ſelbſt zu gemeinen Schauſpielern heran⸗ wachſen,(wie ſehr zu vermuthen iſt, wenn ſie ſich auf nichts beſſers ſtuͤtzen) daß ihre Komoͤdienſchreiber Unrecht thun, ſie gegen ihre eigne Zukunft deklamiren zu laſſen? Roſ. Wahrhaftig, es hat an beiden Seiten viel zu thun gegeben, und die Nation macht ſich kein Gewiſſen daraus, ſie zum Streit aufzuhetzen. Eine Zeitlang war kein Geld mit einem Stuͤck zu gewinnen, wenn Dichter und Schauſpieler ſich nicht darin mit ihren Gegnern her⸗ umzauſten. Zaml. Iſt es moͤglich? Guͤld. O ſie haben ſich gewaltig die Koͤpfe zerſchlagen. Zaml. Tragen die Kinder den Sieg davon? Roſ. Allerdings, gnaͤdiger Herr, den Herkules und ſeine Laſt obendrein. Zaml. Es iſt nicht ſehr zu verwundern; denn mein Oheim iſt Koͤnig von Daͤnemark, und eben die, welche ihm Geſichter zogen, ſo lange mein Vater lebte, geben zwanzig, vierzig, funfzig, bis hundert Dukaten fuͤr ſein Portraͤt in Miniatur. Wetter, es liegt hierin etwas Uebernatuͤrliches, wenn die Philoſophie es nur ausfindig machen koͤnnte. (Frompetenſtoß hinter der Szene.) Guͤld. Da ſind die Schauſpieler. Baml. Liebe Herren, Ihr ſeyd willkommen zu Hel⸗ ſingoͤr. Gebt mir Eure Haͤnde. Wohlan! Manieren und Komplimente ſind das Zubehoͤr der Bewillkommung. Laßt mich Euch auf dieſe Weiſe begruͤßen, damit nicht mein Be⸗ nehmen gegen die Schauſpieler(das, ſag' ich Euch, ſich aͤußerlich gut ausnehmen muß) einem Empfang aͤhnlicher ſehe, als der Eurige. Ihr ſeyd willkommen, aber mein Oheim⸗Vater und meine Tante⸗Mutter irren ſich. Guͤld. Worin, mein theurer Prinz? Baml. Ich bin nur toll bei Nordnordweſt; wenn der Wind ſuͤdlich iſt, kann ich Tauben und Dohlen recht gut unterſcheiden. 120 Hamlet, A. M.* (Polonius kommt.) Pol. Es gehe Euch wohl, meine Herren!* Baml. Hoͤrt, Guͤldenſtern!— und Ihr auch— an jedem Ohr ein Hoͤrer: der große Saͤugling, den Ihr da ſeht, iſt noch nicht aus den Kinderwindeln⸗ Roſ. Vielleicht iſt er zum zweitenmal hineingekommen, denn man ſagt, alte Leute werden wieder Kinder. Zaml. Ich prophezeie, daß er kommt, um mir von den Schauſpielern zu ſagen. Gebt Acht!— Ganz richtig, am Montag Morgen, da war es eben— Gnaͤdiger Herr, ich habe Euch Neuigkeiten zu melden. Faml. Gnaͤdiger Herr, ich habe Euch Neuigkeiten zu melden.— Als Roscius ein Schauſpieler zu Rom war— Die Schauſpieler ſind hergekommen, gnaͤdiger err. Zaml. Lirum, larum. Pol. Auf meine Ehre— S6 Dann kam jeder Schauſpieler auf ſeinem el. Pol. Die beſten Schauſpieler in der Welt, ſey es für Tragödie, Komoͤdie, Hiſtorie, Paſtorale, Paſtoral⸗Komo⸗ die, Hiſtoriko⸗Paſtorale, Tragiko⸗Hiſtorie, Tragiko⸗Ko⸗ miko⸗Hiſtoriko⸗Paſtorale, für untheilbare Handlung oder fortgehendes Gedicht. Seneka kann fur ſie nicht zu trau⸗ rig, noch Plautus zu luſtig ſeyn. Fuͤr das Aufgeſchriebene und fuͤr den Stegereif haben ſie ihres Gleichen nicht. Baml.„O Jephta, Richter Iſraels“— Welchen Schatz hatteſt dn? Pol. Welchen Schatz hatte er, gnaͤdiger Herr? Zaml. Nun: b „Waͤtt Ein ſchoͤn Tochterlein, nicht mehr, Die liebt er aus der Maaßen ſehr.“ Pol. Cbeiſeit) Immer meine Tochter. SZaml. Habe ich nicht Recht, alter Jephta? ol. Wenn Ihr mich Jephta nennt gnädiger Herr, ſo habe ich eine Tochter, die ich aus der Maaßen ſehr liebe. Zaml. Nein, das folgt nicht. Pol. Was folgt dann, gnaͤdiger Herr? Zaml. Ey, „Wie das Loos fiel, Nach Gottes Will,“ Sz. 2. Prinz von Daͤnemark. 12¹ Und dann wißt Ihr: geſchahs, Wie zu vermuthen was“— Aber Ihr koͤnnt das im erſten Abſchnitt des Weihnachts⸗ liedes weiter nachſehn; denn ſeht, da kommen die Abkurzer meines Geſpraͤchs. (Vier oder fünf Schauſpieler kommen.) Seyd willkommen, Ihr Herren, willkommen alle!— Ich freu mich, dich wohl zu ſehn.— Willkommen, meine guten Freundei— Ach, alter Freund, wie iſt dein Geſicht be⸗ troddelt, ſeit ich dich zuletzt ſah! Du wirſt doch hoffentlich nicht in den Bart murmeln?— Ei, meine ſchoͤne junge Dame! Bei unſrer Frauen, Fraͤulein, Ihr ſeyd dem Hiim⸗ mel um die Hoͤhe eines Abſatzes naͤher geruͤckt, ſeit ich Euch zuletzt ſah. Gebe Gott, daß Eure Stimme nicht wie ein abgenutztes Goldſtuͤck den hellen Klang verloren haben mag.— Willkommen alle, Ihr Herrn! Wir wollen friſch daran, wie franzoͤſiſche Falkoniere auf alles losfliegen, was uns vorkoͤmmt. Gleich etwas vorgeſtellt! Laßt uns eine Probe Eurer Kunſt ſehen. Wohlan, eine pathetiſche Rede. 1. Schauſp. Welche Rede, mein wertheſter Prinz? Zaml. Ich hoͤrte dich einmal eine Rede vortragen— aber ſie iſt niemals aufgefuͤhrt, oder wenn es geſchah, nicht mehr als Einmal; denn ich erinnre mich, das Stuͤck gefiel dem großen Haufen nicht, es war Kaviar fuͤr das Volk. Aber es war, wie ich es nahm, und Andre, deren Urtheil in ſolchen Dingen den Rang uͤber dem meinigeu behaup⸗ tete, ein vortreffliches Stuck, in ſeinen Szenen wohlgeord⸗ net, und mit eben ſo viel Beſcheidenheit als Verſtand ab⸗ gefaßt. Ich erinnre mich, daß jeinand ſagte, es ſey kein Salz und Pfeffer in den Zeilen, um den Sinn zu wuͤrzen, und kein Sinn in dem Ausdrucke, der an dem Verfaſſer Ziererei verrathen koͤnnte, ſondern er nannte es eine ſchlichte Manier, ſo geſund als angenehm, und ungleich mehr ſchon als geſchmuͤckt. Eine Rede darin liebte ich vorzuͤglich, es war des Aeneas Erzahlung an Dido; beſonders da herum, wo er von der Ermordung Priams ſpricht. Wenn Ihr ſie im Gedaͤchtniſſe habt, ſo fangt bei dieſer Zeile an.— Laßt ſehn, laßt ſehn— „Der rauhe Pyrrhus, gleich Hyrkaniens Len'n“— nein, ich irre mich; aber es faͤngt mit Pyrrhus an. 122 Hamlet, A.I. „Der rauhe Pyrrhus, er, deß duͤſtre. Waffen, „Schwarz wie ſein Vorſatz, glichen jener Nacht, „Wo er ſich barg im ungluͤckſchwangern Roß, „Hat jetzt die furchtbare Geſtalt beſchmiert „Mit grauſamer Heraldik; rothe Farbe „Iſt er von Haupt zu Fuß; ſcheußlich geſchmuͤckt „Mit Blut der Vaͤter, Mutter, Tochter, Soͤhne, „Gedoͤrrt und klebend durch der Straßen Glut, „Die grauſames, verfluchtes Licht verleihn „Zu ihres Herrn Mord. Heiß von Zorn und Feuer, „Beſtrichen mit verdicktem Blut, mit Augen, „Karfunkeln gleichend, ſucht der holliſche Pyrrhus „Altvater Priamus“— Fahrt nun ſo fort. Pol. Bei Gott, mein Prinz, wohl vorgetragen, mit gutem Ton und gutem Anſtande. 1. Schauſp.„Er find't alsbald ihn, „Wie er den Feind verfehlt; ſein altes Schwert „Gehorcht nicht ſeinem Arm, liegt, wo es fällt, „Unachtſam des Befehls. Ungleich gepaart „Stuͤrzt Pyrrhus auf den Priam, holt weit aus; „Doch bloß vom Sauſen ſeines grimmen Schwertes „Faͤllt der entnervte Vater. Ilium „Schien, leblos, dennoch dieſen Streich zu fuͤhlen; „Es buͤckt ſein Flammengipfel ſich hinab, „Bis auf den Grund, und nimmt mit furchtbarm Krachen „Gefangen Pyrrhus Ohr; denn ſeht, ſein Schwert,„ „Das ſchon ſich ſenkt auf des ehrwuͤrd'gen Priam „Milchweißes Haupt, ſchien in der Luft gehemmt; „So ſtand er, ein gemahlter Wuͤthrich, da, „Und, wie parteilos zwiſchen Kraft und Willen, „That nichts. „Doch wie wir oftmals ſehn vor einem Sturm, „Ein Schweigen in den Himmeln, ſtill die Wolken, „Die Winde ſprachlos, und der Erdball drunten „Dumpf wie der Tod— mit eins zerreißt die Luft „Der grauſe Donner; ſo, nach Pyrrhus Saͤumniß „Treibt ihn erweckte Rach' aufs neu zum Werk; „Und niemals trafen der Cyklopen Hammer „Die Ruͤſtung Mars, geſtaͤhlt fur ew'ge Dauer, „Fuͤhlloſer als des Pyrrhus blut'ges Schwert „Jetzt faͤllt auf Priamus.— „Pfui, Metze du, Fortuna! All' ihr Goͤtter 5 6 Sz.2. Prinz von Dänemark. 123 „Im großen Rath, nehmt ihre Macht hinweg; „Brecht alle Speichen, Felgen ihres Rades, „Die runde Nabe rollt vom Himmelsberg „Hinunter bis zur Hoͤlle.“ Pol. Das iſt zu lang. Baml. Es ſoll mit Eurem Barte zum Barbier.— Ich bitte dich, weiter! Er mag nur Poſſen oder eine Zoten⸗ geſchichte, ſonſt ſchlaft er. Sprich weiter, komm auf Hekuba. 1. Schauſp.„Doch wer, o Jammer! „Die tief entſtellte Koͤnigin geſehn— Zaml. Die tief entſtellte Konigin? Pol. Das iſt gut; tief entſtellte Koͤnigin iſt gut. 1. Schauſp.„Wie barfuß ſie umherlief, und den Flam⸗ men „Mit Thraͤnenguͤſſen drohte; einen Lappen „Auf dieſem Haupte, wo das Diadem „Vor kurzem ſtand; und an Gewandes Staat „Um die von Weh'n erſchoͤpften magern Weichen „Ein Laken, in des Schreckens Haſt ergriffen— „Wer das geſehn, mit gift'gem Schelten haͤtte „Der an Fortunen Hochverrath veruͤbt. „Doch wenn die Goͤtter ſelbſt ſie da geſehn, „Als ſie den Pyrrhus argen Hohn ſah treiben, „Zerfetzend mit dem Schwert des Gatten Leib, „Der erſte Ausbruch ihres Schreies haͤtte „Iſt ihnen Sterbliches nicht gaͤnzlich fremd) „Des Himmels gluͤh'nde Augen thaun gemacht, „Und Goͤtter Mitleid fuͤhlen. Pol. Seht doch, hat er nicht die Farbe veraͤndert, und Thraͤnen in den Augen.— Bitte, halt inne! Zaml. Es iſt gut, du ſollſt mir das uͤbrige naͤchſtens herſagen.— Lieber Herr, wollt Ihr fuͤr die Bewirthung der Schauſpieler ſorgen? Hoͤrt Iht, laßt ſie gut behandeln, denn ſie ſind der Spiegel und die abgekuͤrzte Chronik des Zeitalters. Es waͤre Euch beſſer, nach dem Tode eine ſchlechte Grabſchrift zu haben, als uble Nachrede von ihnen, ſo lange Ihr lebt. Pol. Gnaͤdiger Herr, ich will ſie nach ihrem Verdienſt behandeln. Baml. Poz Wetter, Mann, viel beſſer. Behandelt jeden Menſchen nach ſeinem Verdienſt, und wer iſt vor Schlägen ſicher? Behandeit ſie nach Eurer eignen Ehre 124 Hamlet, A. II. und Wuͤrdigkeit; je weniger ſie verdienen, deſto mehr Ver⸗ dienſt hat Eure Guͤte. Nehmt ſie mit. Pol. Kommt, Ihr Herren.* Zaml. Folgt ihm meine Freunde; morgen ſoll ein Stuͤck aufgefuͤhrt werden.— Hoͤre, alter Freund, koͤnnt Ihr die Ermordung Ganzago's ſpielen? 1. Schauſp. Ja, gnaͤdiger Herr. Zaml. Gebt uns das morgen Abend. Ihr koͤnntet im Nothfalle eine Rede von ein Duzend Zeilen auswendig lernen, die ich abfaſſen und einruͤcken moͤchte? Nicht wahr? 1. Schauſp. Ja, gnaͤdiger Herr. Saml. Sehr wohl.— Folgt dem Herrn, und daß Ihr Euch nicht uͤber ihn luſtig macht. (Polonius und die Schauſpieler ab.) Meine guten Freunde, ich beurlaube mich von Euch bis Abends: Ihr ſeyd willkommen zu Helſingoͤr.“ Roſ. und Guͤld. Sehr wohl, gnaͤdiger Herr. (Roſenkranz und Güldenſtern ab.) Zaml. Nun, Gott geleit' Euch. Jetzt bin ich allein. O welch ein Schurk' und niedrer Sclav bin ich! Iſts nicht erſtaunlich, daß der Spieler hier Bei einer bloßen Dichtung, einem Traum Der Leidenſchaft, vermochte ſeine Seele Nach eignen Vorſtellungen ſo zu zwingen, Daß ſein Geſicht von ihrer Regung blaßte, Sein Auge naß, Beſtuͤrzung in den Mienen, Gebroch'ne Stimm', und ſeine ganze Haltung Gefuͤgt nach ſeinem Sinn. Und alles das uin nichts! Um Hekuba! Was iſt ihm Hekuba, was iſt er ihr, Daß er um ſie ſoll weinen? Haͤtte er Das Merkwort und den Ruf zur Leidenſchaft Wie ich: was wuͤrd' er thun? Die Buͤhn' in Thraͤnen Ertraͤnken, und das allgemeine Ohr Mit grauſer Red' erſchuͤttern; bis zum Wahnwitz Den Schuld'gen treiben, und den Freien ſchrecken, Unwiſſende verwirren, ja betaͤuben Die Faſſungskraft des Auges und des Ohrs. Und ich, Ein bloder ſchwachgemuther Schurke, ſchleiche Wie Hans der Traͤumer, meiner Sache fremd, Und kann nichts ſagen, nichts fuͤr einen Koͤnig, An deſſen Eigenthum und theurem Leben 6 3. Prinz von Daͤnemark. 125 Verdaumter Raub geſchah. Bin ich'ne Memme? Wer nennt mich Schelm? Bricht mir den Kopf entzwei? Rauft mir den Bart und wirſt ihn mir ins Antlitz? Zwickt an der Naſe mich? und ſtraft mich Luͤgen Tief in den Hals hinein? Wer thut mir dieß? Ha! naͤhm' ichs eben doch.— Es iſt nicht anders; Ich hege Taubenmuth, mir fehlts an Galle, Die bitter macht den Druck, ſonſt haͤtt' ich laͤngſt Des Himmels Gei'r gemaͤſtet mit dem Aas Des Sklaven. Blut'ger, kuppleriſcher Bube! Juͤhlloſer, falſcher, geiler, ſchnoͤder Bube!— Ha, welch ein Eſel bin ich! Trefflich brav, Daß ich, der Sohn von einem theuren Vater, Der mir ermordet ward, von Hoͤll und Himmel Zur Rache angeſpornt, mit Worten nur, Wie eine Hure, muß mein Herz entladen, Und mich aufs Fluchen legen, wie'ne Metze, Wie ein Kuͤchenmagd! Pfui druͤber! Pfui! Nun friſch ans Werk, mein Kopf! Ich hab' gehoͤrt, daß ſchuldige Geſchoͤpfe, Bei einem Schauſpiel ſitzend, durch die Kunſt Der Buͤhne ſo getroffen worden ſind Im innerſten Gemuͤth, daß ſie ſogleich Zu ihren Miſſethaten ſich bekannt: Denn Mord, hat er ſchon keine Zunge, ſpricht Mit wundervollen Stimmen. Sie ſollen was Wie die Ermordung meines Vaters ſpielen Vor meinem Oheim: ich will ſeine Blicke Beachten, will ihn bis ins Leben pruͤfen: Stutzt er, ſo weiß ich meinen Weg. Der Geiſt Den ich geſehen, kann ein Teufel feyn; Der Teufel hat Gewalt ſich zu verkleiden In lockende Geſtalt: ja und vielleicht, Bei meiner Schwachheit und Melancholie, Da er ſehr maͤchtig iſt bei ſolchen Geiſtern) Taͤuſcht er mich zum Verderben; ich will Grund, Der ſichrer iſt. Das Schauſpiel ſey die Schlinge, In die den Koͤnig ſein Gewiſſen bringe.(ab.) 126 Hamlet, A. II. Dritte Szene. Ein 3Zimmer in dem Schloſſe. (Her König, die Königin, Polonius, Ophelia, Ro⸗ ſenkranz und Güldenſtern.) Roͤnig. Und lockt ihm keine Wendung des Geſpraͤchs Heraus, warum er die Verwirrung anlegt, Die ſeiner Tage Ruh ſo wild zerreißt Mit ſtuͤrmiſcher, gefaͤhrlicher Verruͤcktheit? Roſ. Er giebt es zu, er fuͤhle ſich verſtort; Allein wodurch, will er durchaus nicht ſagen. Güld. Noch bot er ſich der Pruͤfung willig dar, Hielt ſich vielmehr mit ſchlauem Wahnwitz fern, Wenn wir ihn zum Geſtaͤndniß bringen wollten Von ſeinem wahren Zuſtand. Roͤnigin. Und wie empfing er Euch? Roſ. Ganz wie ein Weltmann. Güld. Doch that er ſeiner Faſſung viel Gewalt. Roſ. Mit Fragen karg, allein auf unſre Fragen Freigebig mit der Antwort. Roͤnigin. Ludet Ihr Zu irgend einem Zeitvertreib ihn ein? Roſ. Es traf ſich grade, gnaͤd'ge Frau, daß wir Schauſpieler unterweges eingeholt. Wir ſagten ihm von dieſen, und es ſchien Er hoͤrte dieß mit einer Art von Frende. Sie halten hier am Hof herum ſich auf, Und haben, wie ich glaube, ſchon Befehl Zu Nacht vor ihm zu ſpielen. Pol. Ja, ſo iſts Und mich erſucht' er, Eure Majeſtaͤten Zum Hoͤren und zum Sehn des Dings zu laden. Roͤn. Von ganzem Herzen, und es freut mich ſehr Daß er ſich dahin neigt. Ihr lieben Herrn, ſchaͤrft ſeine Luſt noch ferner, Und treibt ihn zu Ergoͤtzlichkeiten an. Roſ. Wir wollens, gnaͤd'ger Herr. (Roſenkranz und Güldenſtern ab,) ———, Sz. 3. Prinz von Dänemark.— Bon. Verlaß uns, liebe Gertrud, ebenfalls. Wir haben Hamlet heimlich herbeſtellt, Damit er hier Ophelien wie durch Zufall Begegnen mag. Ihr Vater und ich ſelbſt Wir wollen ſo uns ſtellen, daß wir ſehend, Doch ungeſehn, von der Zuſammenkunſt Gewiß urtheilen und errathen koͤnnen, Obs ſeiner Liebe Kummer iſt, ob nicht Was ſo ihn quaͤlt. Roͤnigin. Ich werde Euch gehorchen. Was Euch betrifft, Ophella, wuͤnſch' ich nur Daß Eure Schoͤnheit der begluͤckte Grund Von Wildheit ſey: dann darf ich hoffen, Daß Eure Tugenden zuruͤck ihn bringen Auf den gewohnten Weg, zu beider Ehre. Ophel. Ich wuͤnſch' es, gnaͤd'ge Frau. (Königin ab.) ol. Geht hier umher, Ophelia.— Gnaͤdigſter, Laßt Platz uns nehmen.— Gzu Ophelia.) Leſit in dieſem uch Das ſolcher Uebung Schein die Einſamkeit Bemaͤntle.— Wir ſind oft hierin zu tadeln— Gar viel, erlebt man's— mit der Andacht Mienen Und frommen Weſen uͤberzuckern wir Den Teufel ſelbſt. Roͤn.(beiſeit.) O allzuwahr! wie trifft Dieß Wort mit ſcharfer Geißel mein Geriſcuift Der Metze Wange, ſchoͤn durch falſche Kunſt, Iſt haͤßlicher bei dem nicht, was ihr hilft, Als meine That bei meinem glattſten Wort. O ſchwere Laſt! Pol. Ich hoͤr ihn kommen; ziehn wir uns zuruͤck. önig und Polonius ab.) (Hamlet tritt auf.) Zaml. Seyn oder Nichtſeyn, das iſt hier die Frage⸗ Obs edler im Gemuͤth, die Pfeil' und Sheeß Des wuͤthenden Geſchicks erdulden, oder Sich wafftend gegen eine See von Plagen, Durch Widerſtand ſie enden. Sterben— ſchlafen— Nichts weiter!— und zu wiſſen, daß ein Schlaf 128 Hamlet, 1. n. Das Herzweh und die tauſend Stöße endet, Die uhſers Fleiſches Erbtheil—*s iſt ein Ziel Aufs innigſte zu wuͤnſchen. Sterben— ſchlafen— Schlafen! Vielleicht auch traͤumen!— Ja, da liegts: Was in dem Schlaf fuͤr Träͤume kommen moͤgen, Wenn wir den Drang des Ird'ſchen abgeſchuͤttelt, Das zwingt uns ſtill zu ſtehn. Das iſt die Ruͤckſicht, Die Elend laͤht zu hohen Jahren kommen. Denn wer ertruͤg' der Zeiten Spott und Geißel, Des Maͤcht gen Druck, des Stotzen Mißhandlungen. Verſchmaͤhter Liebe Pein, des Rechtes Aufſchub, Den Uebermuth der Aemter, und die Schmach, Die Unwerth ſchweigendem Verdienſt erweiſt,— Wenn er den Rechnungsſchluß beenden koͤnnte Mit einem bloßen Dolch? Wer truge Laſten, Und ſtohnt' und ſchwitzte unter Lebensmuh? Nur daß die Furcht vor etwas nach dem Tod— Das nnentdeckte Land, von deß Bezirk Kein Wandrer wiederkehrt— den Willen irrt, Daß wir die Uebel, die wir haben, lieber Ertragen als zu unbekannten fliehn. So macht Gewiſſen Feige aus uns allen; Der angebornen Farbe der Entſchließung Wird des Gedankens Blaͤſſe angekraͤnkelt; Und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck, Durch dieſe Nuͤckſicht aus der Bahn gelenkt, Verlieren ſo der Handlung Namen— Still! Die reizende Ophelia.— Nimphe, ſchließ' In dein Gebet all meine Suͤnden ein. Gphel. Mein Prinz, wie geht es Euch ſeit ſo viel Tagen? Zaml. Ich dank' Euch unterthaͤnig; wohl. Gphel. Mein Prinz, ich hab von noch Ange⸗ denken Die ich ſchon laͤngſt begehrt zuruͤckzugeben.. Ich bitt' Euch, nehmt ſie jetzo. Saml. Nein, ich nicht; Ich gab Euch niemals was. Gphel. Mein theurer Prinz, Ihr witt gar wohl, Jh hate Und Worte ſuͤßen Hauchs dabei, die richer Sz. 3. Prinz von Daͤnemark. 129 Die Dinge machten. Da ihr Duft dahin, Nehmt dieß zuruͤck: dem edleren Geimuͤthe Verarmt die Gabe mit des Gebers Guͤte. Hier, gnaͤd'ger Herr. Zaml. Ha ha! Seyd Ihr tugendhaft? Ophel. Gnaͤdiger Herr? Zaml. Seyd Ihr ſchoͤn? Gphel. Was meint Eure Hoheit? Zaml. Daß, wenn Ihr tugendhaft und ſchoͤn ſeyd S Tugend keinen Verkehr mit Eurer Schoͤnheit pflegen muß. Gphel. Koͤnnte Schoͤnheit wohl beſſern Umgang haben als mit der Tugend? Saml. Ja ftreilich: denn die Macht der Schoͤnheit wird eher die Tugend in eine Kupplerin verwandeln, als die Kraft der Tugend die Schoͤnheit ſich aͤhnlich machen kann. Dieß war ehedem paradox, aber nun beſtaͤtigt es die Zeit. Ich liebte Euch einſt. Gphel. In der That, mein Prinz, Ihr machtet mich's glauben. Baml. Ihr hättet mir nicht glanben ſollen: denn Tu⸗ gend kann ſich unſerm alten Stamm nicht ſo einimpfen, daß wir nicht einen Geſchmack von ihm behalten ſollten. Ich liebte Euch nicht. Gphel. Um ſo mehr wurde ich betrogen. Baml. Geh in ein Kloſter. Warum wollteſt du Suͤn⸗ der zur Welt bringen? Ich bin ſelbſt leidlich tugendhaft; dennoch koͤnnt' ich mich ſolcher Dinge anklagen, daß es beſſer waͤre, meine Mutter haͤtte mich nicht geboren. Ich bin ſehr ſtolz, rachſuͤchtig, ehrgeizig; mir ſtehn mehr Ver⸗ gehungen zu Dienſt, als ich Gedanken habe ſie zu hegen, Einbildungskraft, ihnen Geſtalt zu geben, oder Zeit, ſie aus⸗ zufuͤhren. Wozu ſollen ſolche Geſellen wie ich, zwiſchen Himmel und Erde herumkriechen? Wir ſind ausgemachte Schurken, alle, trau keinem von uns! Geh' deines Wegs zum Kloſter! Wo iſt Euer Vater? Gphel. Zu Hauſe, gnaͤdiger Herr. Zaml. Laßt die Thuͤr hinter ihm abſchließen, damit er den Narren anders nirgends ſpielt als in ſeinem eignen Hauſe. Leb' wohl, VI. 9 130 Hamlet, A. II. Gphel. O hilf ihm, guͤt'ger Himmel! Zaml. Wenn du heiratheſt, ſo gebe ich dir dieſen Fluch zur Ausſteuer: ſey ſo keuſch wie Eis, ſo rein wie Schnee, und entgehe doch der Verlaumdung nicht. Geh in ein Kloſter! leb' wohl! Oder willſt du durchaus heirathen, nimm einen Narren; denn geſcheidte Maͤnner wiſſen allzugut, was Ihr fuͤr Ungehener aus ihnen macht. In ein Kloſteri geh! und das ſchleunig. Leb' wohl.* Gphel. Himmliſche Maͤchte, ſtellt ihn wieder her! Zaml. Ich weiß auch von Euren Malerein Beſcheid, recht gut. Gott hat Euch Ein Geſicht gegeben, und Ihr macht Euch ein andres; Ihr ſchlendert, Ihr trippelt und Ihr liſpelt, und gebt Gottes Kreaturen verhunzte Namen und ſtellt Euch aus Leichtfertigkeit unwiſſend. Geht mir! nichts weiter davon! es hat mich toll gemacht. Ich ſage, wir wollen nichts mehr von Heirathen wiſſen: wer ſchon verheirathet iſt, Alle außer Einem, ſoll das Leben behalten; die uͤbrigen ſollen bleiben wie ſie ſind. In ein Kloſter! geh! (Hamlet ab.) Gphel. O welch ein edler Geiſt iſt hier zerſtort! Des Hofmanns Auge, des Gelehrten Zunge, Des Kriegers Arm, des Staates Blum' und Hoffnung, Der Sitte Spiegel und der Bildung Muſter, Das Merkziel der Betrachter: ganz, ganz hin! Und ich, der Frau'n elendeſte und aͤrmſte, Die ſeiner Schwuͤre Honig ſog, ich ſehe Die edle hochgebietende Vernunft Mißtoͤnend wie verſtimmte Glocken jetzt; Dieß hohe Bild, die Zuͤge bluͤh'nder Jugend, Durch Schwaͤrmerei zerruͤttet: weh mir, wehe! Daß ich ſah, was ich ſah, und ſehe, was ich ſehe. (Der König und Polonius treten wieder vor.) Roͤn. Aus Liebe? Rein, ſein Hang geht dahin nicht, Und was er ſprach, obwohl ein wenig wuͤſt, War nicht wie Wahnſinn. Ihm iſt was im Gemuͤth, Woruͤber ſeine Schwermuth brutend ſitzt; Und wie ich ſorge, wird die Ausgeburt Gefaͤhrlich ſeyn. Um dem zuvorzukommen, Hab ich's mit ſchleuniger Entſchließung ſo —— S 8— 1 8 Sz. 3. Prinz von Daͤnemark. 131 Mir abgefaßt. Er ſoll in Eil nach England, Den Ruͤckſtand des Tributes einzufordern. Vielleicht vertreibt die See, die neuen Länder, Sammt wandelbaren Gegenſtaͤnden ihm Dieß Etwas, das in ſeinem Herzen ſteckt, Worauf ſein Kopf beſtaͤndig hinarbeitend, Ihn ſo ſich ſelbſt entzieht. Was duͤnket Euch? Pol. Es wird ihm wohl thun; aber dennoch glaub' ich Der Urſprung und Beginn von ſeinen Gram Sey unerhoͤrte Liebe.— Nun, Ophelia? Ihr braucht uns nicht zu melden, was der Prinz Geſagt: wir hoͤrten alles.— Gnäd'ger Herr, Thut nach Gefallen; aber duͤnkt's Euch gut, So laßt doch ſeine koͤnigliche Mutter Ihn nach dem Schauſpiel ganz allein erſuchen Sein Leid ihr kund zu thun; ſie gehe rund Mit ihm heraus: ich will, wenn's Euch beliebt, Mich ins Gehoͤr der Unterredung ſtellen. Wenn ſie es nicht herausbringt, ſchickt ihn dann Nach England, oder ſchließt ihn irgendwo Nach Eurer Weisheit ein. Roͤn. Es ſoll geſchehn: Wahnſinn bei Großen darf nicht ohne Wache gehn. (Alle ab.) 9* 132 Hamlet, Dritter Aufzug. — Erſte Szene. Ein Saal im Schloſſe. (Gamlet und einige Schauſpieler treten auf.) Zamlet. Seyd ſo gut und haltet die Rede, wie ich ſie Euch vor⸗ ſagte, leicht von der Zunge weg; aber wenn Ihr den Mund ſo voll nehmt, wie viele unſrer Schauſpieler, ſo moͤchte ich meine Verſe eben ſo gern von dem Ausrufer horen. Saͤgt auch nicht zu viel mit den Haͤnden durch die Luft, ſo— ſondern behandelt alles gelinde. Denn mitten in dem Strom, Sturm und, wie ich ſagen mag, Wirbelwind Eurer Leidenſchaft, muͤßt Ihr Euch eine Maͤßigung zu eigen machen, die ihr Geſchmeidigkeit giebt. O es aͤrgert mich in der Seele, wenn ſolch ein handfeſter, haarbuſchiger Geſelle eine Leidenſchaft in Fetzen, in rechte Lumpen zer⸗ reißt, um den Gruͤndlingen im Parterr in die Ohren zu donnern, die meiſtens von nichts wiſſen, als verworrnen ſtummen Pantomimen und Lärm. Ich moͤchte ſolch einen Kerl fuͤr ſein Bramarbaſiren pruͤgeln laſſen; es uͤbertyrannt den Tyrannen. Ich bitte Euch, vermeidet das. 1. Schauſp. Eure Hoheit kann ſich darauf verlaſſen. Saml. Seyd auch nicht allzuzahm, ſondern laßt Euer eignes Urtheil Euren Meiſter ſehn: paßt die Geberde dem Wort, das Wort der Geberde an; wobei Ihr ſonderlich darauf achten muͤßt, niemals die Beſcheidenheit der Natur zu uͤberſchreiten. Denn alles, was ſo uͤbertrieben wird, iſt dem Vorhaben des Schauſpieles entgegen, deſſen Zweck ſo⸗ wohl anfangs als jetzt war und iſt, der Natur gleichſam den Spiegel vorzuhalten; der Tugend ihre eignen Zuͤge, † . Sz. 1. Prinz von Daͤnemark. 133 der Schmach ihr eignes Bild, und dem Jahrhundert und Koͤrper der Zeit den Abdruck ſeiner Geſtalt zu zeigen. Wird dieß nun uͤbertrieben oder zu ſchwach vorgeſtellt, ſo kann es zwar den Unwiſſenden zum Lachen bringen, aber den Einſichtsvollen muß es verdrießen; und der Tadel von Einem ſolchen muß in Eurer Schaͤtzung ein ganzes Schau⸗ Pielhaus voll von andern uͤberwiegen. O, es giebt Schau⸗ ſpieler, die ich habe ſpielen ſehn und von andern preiſen hoͤren, und das hochlich, die, gelinde zu ſprechen, weder den Ton noch den Gang von Chriſten, Heiden oder Men⸗ ſchen hatten, und ſo ſtolzirten und blokten, daß ich glaubte, irgend ein Handlanger der Natur haͤtte Menſchen gemacht, und ſie waͤren ihm nicht gerathen: ſo abſcheulich ahimten ſie die Menſchheit nach. 1. Schauſp. Ich hoffe, wir haben das bei uns ſo ziemlich abgeſtellt. Zaml. O, ſtellt es ganz und gar ab! Und die bei Euch die Narren ſpielen, laßt ſie nicht mehr ſagen, als in ihrer Rolle ſteht; denn es giebt ihrer, die ſelbſt lachen, um einen Haufen alberne Zuſchauer zum Lachen zu bringen, wenn auch zu derſelben Zeit irgend ein nothwendiger Punkt des Stuͤckes zu erwaͤgen iſt. Das iſt ſchaͤndlich, und be⸗ weiſt einen jämmerlichen Ehrgeiz an dem Narren, der es thut. Geht, macht Euch fertig. (Schauſpieler ab.) QPolonius, Roſenkvanz und Güldenſtern kommen.) Nun, Herr, will der Koͤnig dieß Stuck Arbeit anhoͤren. Pol. Ja, die Koͤnigin auch, und das ſogleich. Saml. Heißt die Schauſpieler ſich eilen. Polonius ab.) Wollt Ihr beide ſie treiben helfen? Roſ. und Güld. Ja, gnädiger Herr. (Beide ab.) Baml. He, Horatio! (Poratio kommt.) Bor. Hier, lieber Prinz, zu Euerm Dienſt. Haml⸗ Du biſt grad ein ſo wackrer Mann, Horatio, Als je mein Umgang einem mich verbruͤdert. Bor.. Prinz— aml. Nein, glaub' nicht, daß 1 chmeichle. Was fur Befordrung hoffi ich wohl von N * 134 Hamlet, A. MI. Der keine Rent' als ſeinen muntern Geiſt Um ſich zu naͤhren und zu kleiden hat? Weswegen doch dem Armen ſchmeicheln? Nein, Die Hönigzunge lecke dumme Pracht, z Es beuge ſich des Knie's gelenke Angel, 3 Wo Kriecherei Gewinn bringt. Hoͤr mich an: Seit meine theure Seele Herrin war Von ihrer Wahl, und Menſchen unterſchied, Hat ſie dich auserkohren. Denn du warſt, Als littſt du nichts, indem du alles litteſt; Ein Mann, der Stöß' und Gaben vom Geſchick Mit gleichem Dank genommen; und geſegnet, Weß Blut und Urtheil ſich ſo gut vermiſcht, Daß er zur Pfeife nicht Fortunen dient, Den Ton zu ſpielen, den ihr Finger greift. Gebt mir den Mann, den ſeine Leidenſchaft Nicht macht zum Sklaven, und ich will ihn hegen Im Herzensgrund, ja in des Herzens Herzen, Wie ich dich hege.— Schon zuviel hievon. Es giebt zu Nacht ein Schauſpiel vor dem Koͤnig; Ein Auftritt kommt darin dem Umſtand nah, Den ich von meines Vaters Tod dir ſagte. Ich bitt' dich, wenn du das im Gange ſiehſt, So achte mit der ganzen Kraft der Seele Auf meinen Oheim. Wenn die verborgne Schuld Bei Einer Rede nicht zum Vorſchein kommt, So iſts ein hoͤll'ſcher Geiſt, den wir geſehn, Und meine Einbildungen ſind ſo ſchwarz 1 Wie Schmiedezeug Vulkans. Bemerk' ihn recht, Ich will an ſein Geſicht mein Auge klammern, Und wir vereinen unſer Urtheil dann Zur Pruͤfung ſeines Ausſehns. Zor. Gut, mein Prinz! Wenn er was ſtiehlt, indeß das Stuͤck geſpielt wird, Und ſchluͤpfet durch, ſo zahl' ich fuͤr den Diebſtahl. Zaml. Man kommt zum Schauſpiel, ich muß muͤßig ſeyn. Waͤhlt einen Platz. (Ein Däniſcher Marſch. Trompetenſtoß.) 8 (Der König, die Königin, Polonius, Ophelia, Roſenkranz, Güldenſtern und Andre.) Ron. Wie lebt unſer Vetter Hamlet? 3 Sz. 1. Prinz von Daͤnemark. 135 Zaml. Vortrefflich, mein Treu: von dem Chamaͤleons⸗ Gericht. Ich eſſe Luft, ich werde mit Verſprochungen ge⸗ ſtopft; Kapaunen koͤnnt Ihr nicht ſo fuͤttern. Roͤn. Ich habe nichts mit dieſer Antwort zu ſchaffen, Hamlet, dieß ſind meine Worte nicht. Zaml. Meine auch nicht mehr.(zu Polonius.) Ihr ſpieltet einmal auf der Univerſitaͤt, Herr? Sagtet Ihr nicht ſo? Pol. Das that ich, gnaͤdiger Herr, und wurde fuͤr einen guten Schauſpieler gehalten. Zaml. Und was ſtelltet Ihr vor? Pol. Ich ſtellte den Julius Caͤſar vor; ich ward auf dem Kapitol umgebracht; Brutus brachte mich um. Zaml. Es war brutal von ihm, ein ſo kapitales Kalb umzubringen.— Sind die Schauſpieler fertig? Roſ. Ja, gnaͤdiger Herr, ſie erwarten Euren Befehl. Roͤnigin. Komm hieher, lieber Hamlet, ſetz' dich u mir. Zaml. Nein, gute Mutter, hier iſt ein ſtarkerer Magnet. Pol.(zum König.) O ho, hoͤrt Ihr das wohl? Zaml. Fraͤulein, ſoll ich in Eurem Schooße liegen? Cſetzt ſich zu Opheliens Füßen.) Gphel. Nein, mein Prinz. aml. Ich meine den Kopf auf Euren Schooß gelehnt. Gphel. Ja, mein Prinz. Zaml. Denkt Ihr, ich hätte erbauliche Dinge im Sinne? Gphel. Ich denke nichts. aml. Ein ſchoner Gedanke, zwiſchen den Beinen eines Maͤdchens zu liegen. Gphel. Was iſt, mein Prinz? Jaml. Nichts. Gphel. Ihr ſeyd aufgeraͤumt. Zaml. Wer? ich? Gpbel. Ja, mein Prinz. Baml. HO ich reiße Poſſen wie kein andrer. Was kann ein Menſch Beſſeres thun als luſtig ſeyn? Denn ſeht nur wie froͤhlich meine Mutter ausſieht, und doch ſtarb mein Vater vor noch nicht zwei Stunden. Nein, vor zweimal zwei Monaten, mein Zaml. So lange ſchon? Ei ſo mag der Teufel ſchwarz 136 Hghet, A. III. gehn; ich will einen Zobelpelz tragen. O Himmel! Vor zwei Monaten geſtorben und noch nicht vergeſſen! So iſt Hoffnung da, daß das Andenken eines großen Mannes ſein Leben ein halbes Jahr uͤberleben kann. Aber, bei unſrer lieben Frauen! Kirchen muß er ſtiften, ſonſt denkt man Grabſchrift iſt: „Denn o! denn o! Vergeſſen iſt das Steckenferd.“ (Trompeten, hierauf die Pantomime.) Ein König und eine Königin treten auf, ſehr zärtlich; die Königin umarmt ihn, und er ſie. Sie kniet und macht gegen ihn die Geberden der Betheurung. Er hebt ſie auf, und lehnt den Kopf an ihre Bruſt, er legt ſich auf ein Blumenbette nieder; ſie verläßt ihn, da ſie ihn eingeſchlafen ſieht. Gleich darauf kommt ein Kerl herein, nimmt ihm die Krone ab, kußt ſie, gießt Gift in die Ohren des Königs und geht ab. Die Königin kommt zurück, findet den König todt, und macht leidenſchaftliche Geberden. Der Vergifter Lommt mit zwei oder drei Stummen zurück, und ſcheint mit ihr zu wehklagen. Die Leiche wird weggebracht. Der Vergifter wirbt mit Ge⸗ ſchenken um die Königin, ſie ſcheint anfangs unwillig und abgeneigt, nimmt aber zuletzt ſeine Liebe an. (Sie gehen ab.) Ophel. Was bedeutet dieß, mein Prinz? F Ei, es iſt ſpitzbuͤbiſche Munkelei; es bedeutet nheil. Gphel. Vielleicht, daß dieſe Vorſtellung den Inhalt des Stuͤcks anzeigt. (Der Prolog tritt auf.) Baml. Wir werden es von dieſem Geſellen erfahren; die Schauſpieler koͤnnen nichts geheim halten, ſie werden alles ausplaudern. Ophel. Wird er uns ſagen, was dieſe Vorſtellung bedeutet? Baml. Ja, oder irgend eine Vorſtellung, die Ihr ihm vorſtellen wollt. Schaͤmt Euch nur nicht, ihm vorzu⸗ ſtellen, ſo wird er ſich nicht ſchaͤmen, Euch zu ſagen, was es bedeutet. Gphel. Ihr ſeyd ſchlimm, Ihr ſeyd ſchlimm; lich will das Stuͤck anhoͤren. nicht an ihn, es geht ihm wie dem Steckenpferde, deſſen ——— —— — Sz. 1. Prinz von Dänemark. 137 Prolog. Fuͤr uns und unſre Vorſtellung Mit unterthaͤn'ger Huldigung Erſuchen wir Genehmigung. Zaml. Iſt dieß ein Prolog, oder ein Denkſpruch auf einem Ringe? Gpbel. Es iſt kurz, mein Prinz. Zaml. Wie Frauenliebe. (Ein König und eine Königin treten auf.) Boͤn.(im Schauſpiel. Schon dreißigmal hat den Apoll ſein Wagen Um Rereus Flut und Tellus Rund getragen, Und zwoͤlfmal dreißig Mond' in fremdem Glanz Vollbrachten um den Erdball ihren Tanz, Seit unſre Herzen Liebe tren durchdrungen, Und Hymens Bande Hand in Hand geſchlungen. Roͤnigin(im Schauſpiel.) Mag Sonn' und Mond ſo manche Reiſe doch, Eh' Liebe ſtirbt, uns zählen laſſen noch; Doch leider ſeyd Ihr jetzt ſo matt von Herzen, So fern von vor'ger Munterkeit und Scherzen, Daß Ihr mich aͤngſtet; aber zag' ich gleich, Doch, mein Gemal, nicht angſten darf es Euch. Denn Weiberfurcht halt Maaß mit ihrem Lieben; In beiden gar nichts, oder ubertrieben. Wie meine Lieb' iſt, hab ich Euch gezeigt: Ihr ſeht, daß meine Furcht der Liebe gleicht. as Kleinſte ſchon muß große Lieb' erſchrecken, Und ihre Groͤß' in kleiner Sorg' entdecken. Roͤn.(im Schauſpiel.) Ja, Lieb', ich muß dich laſſen, und das bald: Mich druckt des Alters ſchwächende Gewalt. Du wirſt in dieſer ſchönen Welt noch leben, Gechrt, geliebt; vielleicht wird, gleich ergeben, Ein zweiter Gatte— Roͤnigin(im Schauſpiel.) O halt ein! alt ein! Verrath nur tzn ſolche Liebe t Beim zweiten Gatten wurd' ich ſelbſt mir fluchen Die Einen todſchlug, mag den Zweiten ſuchen. Baml. Wermuth, Wermutht 138 Hamlet, A. MI. † Roͤnigin(im Schauſpiel.) Das, ve 6 önd zweiter e flicht, Iſt ſchnoͤde Sucht nach Vortheil, Liebe nicht. Es tödtet noch einmal den todten Gatten, Dem zweiten die Umarmung zu geſtatten. Roͤn. Eim Schauſpiel.) Ich glaub', Ihr denket jetzt, was Ihr geſprochen, Doch ein Entſchluß wird oft von uns gebrochen, Der Vorſatz iſt ja der Erinnrung Knecht, Stark von Geburt, doch bald durch Zeit geſchwaͤcht; Wie herbe Fruͤchte feſt am Baume hangen, Doch leicht ſich loͤſen, wenn ſie Reif erlangen. Nothwendig iſt's, daß jeder leicht vergißt Zu zahlen, was er ſelbſt ſich ſchuldig iſt. Wo Leidenſchaft den Vorſatz hingewendet, Entgeht das Ziel uns, wann ſie ſelber endet⸗ Der Ungeſtuͤm ſowohl von Freud' als Leid, Zerſtoͤrt mit ſich die eigne Wirkſamkeit. Laut klagt das Leid, wo laut die Freude ſchwaͤrmet, Leid freut ſich leicht, wenn Freude leicht ſich haͤrmet.. Die Welt vergeht; es iſt nicht wunderbar, Daß mit dem Gluͤck ſelbſt Liebe wandelbar. Denn eine Frag' iſt's, die zu loͤſen bliebe, Ob Lieb' das Gluͤck fuͤhrt, oder Gluͤck die Liebe. Der Große ſtuͤrzt: ſeht ſeinen Guͤnſtling fliehn, Der Arme ſteigt und Feinde lieben ihn. So weit ſcheint Liebe nach dem Gluͤck zu waͤhlen; Wer ihn nicht braucht, dem wird ein Freund nicht fehlen, Und wer in Noth verſucht den falſchen Freund, Verwandelt ihn ſogleich in einen Feind. Doch, um zu enden, wo ich ausgegangen, Will' und Geſchick ſind ſtets in Streit befangen, Was wir erſinnen iſt des Zufalls Spiel, Nur der Gedank' iſt unſer, nicht ſein Ziel. So denk', dich ſoll kein zweiter Gatt' erwerben, Doch mag dieß Denken mit dem erſten ſterben. Roͤnigin(im Schauſpiel.. Verſag' mir Nahrung, Erde! Himmel, Licht! Goͤnnt, Tag und Nacht, mir Luſt und Ruhe nicht! Verzweiflung werd' aus meinem Troſt und Hoffen, Nur Klausner⸗Buß' im Kerker ſteh mir offen! Mag alles, was der Freude Antlitz trubt, Zerſtoren, was mein Wunſch am meiſten liebt, Sz. 1. Prinz von Daͤnemark. 139 Und hier und dort verfolge mich Beſchwerde, Wenn Einmal Wittwe, jemals Weib ich werde! aml. Wenn ſie es nun brechen ſollte— Ron.(im Schauſpiel.) S iſt feſt geſchworen. Laß mich, Liebe, nun, Ich werde muͤd', und moͤcht' ein wenig ruhn, Die Zeit zu taͤuſchen. Roͤnigin(im Schauſpiel.) Wiege dich der Schlummer, Und nimmer komme zwiſchen uns ein Kummer! Cab.) Zaml. Gnaͤdige Frau, wie gefaͤllt Euch das Stuͤck? Roͤnigin. Die Dame, wie mich duͤnkt, gelobt zu viel. Jaml. O, aber ſie wird ihr Wort halten! Roͤn. Habt Ihr den Inhalt gehoͤrt? Wird es kein Aer⸗ gerniß geben? Zaml. Nein, nein; ſie ſpaßen nur, vergiften im Spaß, kein Aergerniß in der Welt. Aoͤn. Wie nennt Ihr das Stuͤck? BZaml. Die Mauſefalle. Und wie das? Metaphoriſch. Das Stuͤck iſt die Vorſtellung eines in Vienna geſchehnen Mordes. Gonzago iſt der Name des Herzogs, ſeiner Ge⸗ malin Baptiſta; Ihr werdet gleich ſehen, es iſt ein ſpitz⸗ buͤbiſcher Handel. Aber was thut's? Eure Majeſtaͤt und uns, die wir ein freies Gewiſſen haben, trift es nicht. Der Ausſaͤtzige mag ſich jucken, unſte Haut iſt geſund. (Lucianus tritt auf.) Dieß iſt ein gewiſſer Lucianus, ein Neffe des Koͤnigs. Ihr uͤbernehmt das Amt des Chorus, gnaͤdiger err. Haml. O ich wollte zwiſchen Euch und Eurem Lieb⸗ ſten Dollmetſcher ſeyn, wenn ich die Marionetten nur tanzen ſaͤhe. Gphel. Ihr ſeyd ſpitz, gnaͤdiger Herr, Ihr ſeyd ſpitz. Zaml. Ihr wuͤrdet zu ſtohnen haben, che Ihr meine Spitze abſtumpftet. phel. Immer noch beſſer und ſchlimmer. Zaml. Dazu muͤßt Ihr Maͤnner nehmen.— Fang' an, Moͤrder! laß deine vermaledeiten Geſichter, und fang ani Wohlauf: Es bruͤllt um Rache des Gekraͤchz der Raben— Luc. Gedanken ſchwarz, Gift wirkſam, Haͤnde fertig, Gelegne Zeit, kein Weſen gegenwaͤrtig. . * 140 Hamlet, A. III. Du ſchnöder Trank aus mitternaͤcht'gem Kraut, Dreimal vom Fluche Hekate's bethaut! Daß ſich dein Zauber, deine grauſe Schaͤrfe Sogleich auf dieß geſunde Leben werfe! (Gießt das Gift in das Ohr des Schlafenden und geht ab.) Baml. Er vergiftet ihn im Garten um ſein Reich. Sein Name iſt Gonzago; die Geſchichte iſt vorhanden, und in auserleſenem Italiaͤniſch geſchrieben. Ihr werdet gleich ſehn, wie der Moͤrder die Lebe von Gonzago's Ge⸗ malin gewinnt. Gphel. Der Koͤnig ſteht auf. Baml. Wie? durch falſchen Feuerlaͤrm geſchreckt? Roͤnigin. Wie geht es meinem Gemal? Pol. Macht dem Schauſpiel ein Ende. Roͤn. Leuchtet mir! fort! Alle. Lichter! Lichter! Lichter! (Alle ab, außer Hamlet und Horatio.) Zaml. Ei, der Geſunde huͤpft und lacht, Dem Wunden iſts vergaͤllt; Der eine ſchlaͤft, der andere wacht, Das iſt der Lauf der Welt. Sollte nicht dieß, und ein Wald von Federbuͤſchen(wenn meine ſonſtige Anwartſchaft in die Pilze geht) nebſt ein paar gepufften Roſen auf meinen gekerbten Schuhen, mir zu einem Platz in einer Schauſpielergeſellſchaft verhelfen? Bor. Einen halben Antheil. Zaml. Einen ganzen ich!— Denn dir, mein Damon, iſt bekannt, Dem Reiche ging zu Grund Ein Jupiter; nun herrſchet hier Ein rechter, rechter— Pfau. For. Ihr haͤttet reimen koͤnnen. Saml. O lieber Horatio, ich wette Tauſende auf das Wort des Geiſtes. Merkteſt dn? Zor. Sehr gut, mein Prinz. Baml. Bei der Rede vom Vergiften? S Ich habe ihn genau betrachtet. aml. Ha ha!— Kommt, Muſik! kommt, die Floͤten!— Denn wenn der Koͤnig von dem Stuͤck nichts haͤlt, Sz. 1. Prinz von Dänemark. 141 Ei nun! vielleicht— daß es ihm nicht gefaͤllt. (Roſenkranz und Güldenſtern kommen.) Kommt, Muſik! Guld. Beſter gnadiger Herr, vergonnt mir ein Wort mit Euch. Zaml. Eine ganze Geſchichte, Herr. Guͤld. Der Koͤnig— Zaml. Nun, was giebts mit ihm? Guld. Er hat ſich auf ſein Zimmer begeben, und iſt Zaml. Vom Trinken, Herr? Guͤld. Nein, von Galle. Zaml. Ihr ſolltet doch mehr geſunden Verſtand bewei⸗ ſen, und dieß dem Arzte melden, denn wenn ich ihm eine Reinigung zumuthete, das wuͤrde ihm vielleicht noch mehr Galle machen. Guͤld. Beſter Herr, bringt einige Ordnung in Eure Reden, und ſpringt nicht ſo wild von meinem Auftrage ab. Zaml. Ich bin zahm, Herr, ſprecht! Güld. Die Koͤnigin, Eure Mutter, hat mich in der tiefſten Bekuͤmmerniß ihres Herzens zu Euch geſchickt. Zaml. Ihr ſeyd willkommen. Güld. Nein, beſter Herr, dieſe Hoͤflichkeit iſt nicht von der rechten Art. Beliebt es Euch, mir eine geſunde Ant⸗ wort zu geben, ſo will ich den Befehl Eurer Mutter ans⸗ richten; wo nicht, ſo verzeiht, ich gehe wieder, und damit iſt mein Geſchaͤft zu Ende. Zaml. Herr, ich kann nicht. Güld. Was, gnaͤdiger Herr? Zaml. Euch eine geſunde Antwort geben. Mein Ver⸗ ſtand iſt krank. Aber, Herr, ſolche Antwort als ich geben kann, iſt zu Eurem Befehl; oder vielmehr, wie Ihr ſagt? zu meiner Mutter Befehl; drum nichts weiter, ſondern zur Sache. Meine Mutter, ſagt Ihr— Roſ. Sie ſagt alſo Folgendes: Eure Betragen hat ſie in Staunen und Verwunderung geſetzt. Zaml. O wundervoller Sohn, uͤber den ſeine Mutter ſo erſtaunen kann! Kommt kein Nachſatz, der dieſer muͤt⸗ terlichen Bewunderung auf dem Fuße folgt? Laßt hoͤren. Roſ. Sie wuͤnſcht mit Euch in ihrem Zimmer zu reden ehe Ihr zu Bett geht.. B Zaml. Wir wollen gehorchen, und waͤre ſie zehnmal 142 Hamlet, A. III. unſte Mutter. Habt Ihr noch ſonſt was mit mir zu ſchaffen? Koſ. Gnaͤdiger Herr, Ihr liebtet mich einſt— Saml. Das thu' ich noch, bei dieſen beiden Diebes⸗ zangen hier! Koſ. Beſter Herr, was iſt die Urſache Eures Uebels? Gewiß, Ihr tretet Eurer eignen Freiheit in den Weg, wenn Ihr Eurem Freunde Euren Kummer verheimlicht. Zaml. Herr, es fehlt mir an Befoͤrderung. Roſ. Wie kann das ſeyn, da Ihr die Stimme des Koͤnigs ſelbſt zur Nachfolge im Daͤniſchen Reiche habt? Zaml. Ja, Herr, aber„derweil das Gras waͤchſt“— das Sprichwort iſt ein wenig roſtig. (Es kommt einer mit einer Flöte.) O, die Floͤte! Laßt mich ſie ſehn. Czu dem eingetretenen.) So kommt Ihr denn beiſeit—(zu Güldenſtern und Roſen⸗ kranz.) Weswegen geht Ihr um mich herum, um meine in zu bekommen, als wolltet Ihr mich in ein Netz treiben? Güld. O, gnaͤdiger Herr, wenn meine Ergebenheit all⸗ zukuͤhn iſt, ſo iſt meine Liebe ungeſittet. Zaml. Das verſteh' ich nicht recht. Wollt Ihr auf dieſer Pfeife ſpielen? Güld. Gnaͤdiger Herr, ich kann nicht. Zaml. Ich bitte Euch. Guͤld. Glaubt mir, ich kann nicht. Zaml. Ich erſuche Euch darum. Güld. Ich weiß keinen einzigen Griff, gnaͤdiger Herr. Zaml. Es iſt ſo leicht wie Lugen. Regiert dieſe Wind⸗ loͤcher mit Euren Fingern und der Klappe, gebt der Floͤte mit Eurem Munde Odem, und ſie wird die beredteſte Mu⸗ ſik ſprechen. Seht Ihr, dieß ſind die Griffe. Güld. Aber die habe ich eben nicht in meiner Gewalt, um irgend eine Harmonie hervorzubringen; ich beſitze die Kunſt nicht. Zaml. Nun, ſeht Ihr, welch ein nichtswuͤrdiges Ding Ihr aus mir macht? Ihr wollt auf mir ſpielen; Ihr ſtelit Luch als kenntet Ihr meine Griffe; Ihr wolld in das Herz meines Geheimniſſes dringen, Ihd wollt mich von meiner tiefſten Note bis zum Gipfel meiner Stimme hin⸗ auf klingen laſſen; und in dem kleinen Inſtrument hier iſt viel Muſik, eine vortreffliche Stimme dennoch koͤnnt Ihr Sz. 1. Prinz von Dänemark. 143 es nicht zum Sprechen bringen. Wetter! denkt Ihr, daß ich leichter zu ſpielen bin als eine Pfeife? Nennt mich was fur ein Inſtrument Ihr wollt! Ihr koͤnnt mich zwar ver⸗ ſtimmen, aber nicht auf mir ſpielen. WPolonius kommt.) Gott gruͤß' Euch, Herr. Pol. Gnine die Koͤnigin wuͤnſcht Euch zu ſprechen, und das ſogleich⸗ 3 Zaml. Seht Ihr die Wolke dort, beinah in Geſtalt eines Kameels? Pol. Beim Himmel, ſie ſieht auch wirklich aus wie ein Kameel. Zaml. Mich duͤnkt, ſie ſieht aus wie ein Wieſel. Pol. Sie hat einen Ruͤcken wie ein Wieſel. Zaml. Oder wie ein Wallfich. Pol. Ganz wie ein Walffiſch. Zaml. Nun, ſo will ich zu meiner Mutter kommen, im Augenblick.— Sie närren mich, daß mir die Geduld beinah reißt.— Ich komme im Augenblick. Pol. Das will ich Ihr ſagen. Cab.) Zaml. Im Augenblick iſt leicht geſagt. Laßt mich, Freunde. Roſenkranz, Güldenſtern, Horatio und die Andern ab.) Nun iſt die wahre Spuͤkezeit der Nacht, Wo Gruͤfte gaͤhnen, und die Hoͤlle ſelbſt Peſt haucht in dieſe Welt. Nun traͤnk' ich wohl heiß Blut, Und thaͤte Dinge, die der bittre Tag Mit Schaudern ſäh'. Still! jetzt zu meiner Mutter. O Herz, vergiß nicht die Naturt Mie draͤnge Sich Nero's Seel' in dieſen feſten Buſen! Grauſam, nicht unnatuͤrlich laß mich ſeyn; Nur reden will ich Dolche, keine brauchen. Hierin ſeyd Heuchler, Zung', und du, Gemuͤth: Wie hart mit ihr auch meine Rede ſchmaͤhle, NRie will ge drein ſie zu verſiegeln, Seele! Cab.) 144 am t, A. IM. 3 w e i te n Ein Zimmer im Schloſſe. (Der König, Roſenkranz und Güldenſtern treten auf.) Roͤnig. Ich mag ihn nicht, auch ſteht's um uns nicht ſicher, Wenn frei ſein Wahnſinn ſchwaͤrmt. Drum macht Euch ertig. Ich ſtelle ſchlennig Eure Vollmacht aus, Und er ſoll dann mit Euch nach England hin. Die Pflichten unſrer Wuͤrde dulden nicht Gefahr ſo nah, als ſtundlich uns erwächſt Aus ſeinem Wahnſinn. Guld. Wir bereiten uns. Es iſt gewiſſenhafte heil'ge Furcht, Die vielen vielen Seelen zu erhalten, Die Eure Majeſtaͤt belebt und nährt. Roſ. Schon das beſondre, einzle Leben muß Mit aller Kraft und Ruͤſtung des Gemuͤths Vor Schaden ſich bewahren; doch viel mehr Der Geiſt, an deſſen Geiſt das Leben Vieler Beruht und haͤngt. Der Majeſtaͤt Verſcheiden Stirbt nicht allein; es zieht gleich einem Strudel Das Nahe mit. Sie iſt ein mächtig Rad, Befeſtigt auf des hoͤchſten Berges Gipfel, An deſſen Rieſenſpeichen tauſend Dinge Gekittet und gefugt ſind; wenn es faͤllt, So theilt die kleinſte Zuthat und Umgebung Den ungeheuren Sturz. Kein König ſeufzte je Allein und ohn' ein allgemeines Weh. Roͤn. Ich bitte, ruſtet Euch zur ſchnellen Reiſe; Wir muͤſſen dieſe Furcht in Feſſeln legen, Die auf zu freien Fuͤßen jetzo geht. Roſ. und Güld. Wir wollen eilen. (Beide ab.) (Polonius kommt.) Pol. Mein Fuͤrſt, er geht in ſeiner Mutter Zimmer. Sz. 2. Prinz von Daͤnemark. 145 Ich will mich hinter die Tapete ſtellen Den Hergang anzuhoͤren; ſeyd gewiß, Sie ſchilt ihn tuͤchtig aus, und wie Ihr ſagtet, Und weislich wars geſagt, es ſchickt ſich wohl, Das noch ein andrer Zeug' als eine Mutter, Die von Matur parteiiſch, ihr Geſpraͤch Im Stillen anhoͤrt. Lebet wohl, mein Fuͤrſt, h' Ihr zu Bett' geht, ſprech' ich vor bei Euch, Und meld Euch, was ich weiß. Roͤn. Dank, lieber Herr. „(Polonius ab.) O meine That iſt faul, ſie ſtinkt zum Himmel, Sie traͤgt den erſten, aͤlteſten der Fluͤche, Mord eines Bruders!— Beten kann ich nicht, Iſt gleich die Neigung dringend wie der Wille; Die ſtaͤrkre Schuld beſiegt den ſtarken Vorſatz, lUnd wie ein Mann, dem zwei Geſchaͤft' obliegen, Steh' ich in Zweifel, was ich erſt ſoll thun Und laſſe beides. Wie? waͤr⸗ dieſe Hand Auch um und um in Bruderblut getaucht, Giebt es nicht Regen gnug im milden Himmel, Sie weiß wie Schnee zu waſchen? Wozu dient Die Gnad', als vor der Suͤnde Stirn zu treten? Und hat Gebet nicht die zwiefache Kraft, Dem Falle vorzubeugen, und Verzeihung Gefallnen auszuwirken? Gut, ich will Emporſchaun: mein Verbrechen iſt geſchehn. Doch o, welch eine Wendung des Gebets Ziemt meinem Fall? Vergieb mir meinen ſchnoͤden Mord? Dieß kann nicht ſeyn; mir bleibt ja ſtets noch alles, Was mich zum Mord getrieben: meine Krone, Mein eigner Ehrgeiz, meine Koͤniginz Wird da verziehn, wo Miſſethat beſteht? In den verderbten Stroͤmen dieſer Welt Kann die vergoldte Hand der Miſſethat Das Recht wegſtoßen, und ein ſchnoͤder Preis Erkauft oft das Geſeß. Nicht ſo dort oben! Da gilt kein Kunſtgriff, da erſcheint die Handlung In ihrer wahren Art, und wir ſind ſelbſt Genoͤthigt, unſern Fehlern in die Zaͤhne, Ein Zeugniß abzulegen. Nun? was bleibt? Sehn, was die Reue kann. Was kann ſie nicht? Hie wenn man nicht bereuen kann, was kann ſie? n ne, A. M. O Jammerſtand! O Buſen, ſchwarz wie Tod! O S die ſich frei zu machen ringend, Noch mehr verſtrickt wird!— Engel, helft! kaͤmpft mit! Bengt euch, ihr ſtarren Knie! geſtaͤhltes Herz, Sey weich wie Sehnen neugeborner Kinder! Vielleicht wird alles gut. (Entfernt ſich und kniet nieder.) (Hamlet kömmt.) Baml. Jetzt koͤnnt' ichs thun, bequem; er iſt im Beten Jetzt will ichs thun— und ſo geht er gen Himmel, Und ſo bin ich geraͤcht? Das hieß': ein Bube Ermordet meinen Vater, und dafuͤr Send' ich, ſein einz'ger Sohn, denſelben Buben Gen Himmel. Ei, das waͤr Sold' und Loͤhnung, Rache nicht. Er uͤberfiel in Wuͤſtheit meinen Vater, Voll Speiſ, in ſeiner Suͤnden Maienbluͤte; Wie ſeine Rechnung ſteht, weiß nur der Himmel, Allein nach unſrer Denkart und Vermuthung Ergehts ihm ſchlimm: und bin ich dann gerächt, Wenn ich in ſeiner Heiligung ihn faſſe, und geſchickt zum Uebergang? ein. Hinein, du Schwert! ſey ſchrecklicher gezuͤckt! Wann er berauſcht iſt, ſchlafend, in der Wuth, In ſeines Betts blutſchaͤnderiſchen Freuden, Beim Doppeln, Fluchen, oder anderm Thun, Das keine Spur des Heiles an ſich hat: Dann ſtoß ihn nieder, daß gen Himmel er ₰ Die Ferſen baͤumen mag, und ſeine Seele So ſchwarz und ſo verdammt ſey, wie die Hoͤlle, Wohin er faͤhrt. Die Mutter wartet mein: Dieß ſoll nur Friſt den ſiechen Tagen ſeyn.(ab.) Rön. Die Worte fliegen auf, der Sinn hat keine Schwingen: „Wort' ohne Sinn kann nicht zum Himmel dringen.(ab.) Sz. 3. Prinz von Danemark. ℳ Dritte Szene. Gimmer der Königin.) Polonius. Sagt ihm, daß er zu wilde Streiche macht Um ſie zu dulden, und daß Eure Hoheit Geſchirmt, und zwiſchen großer Hitz' und ihm (Die Königin und Polonius treten auf.) Er kommt ſogleich; ſetzt ihm mit Nachdruck zu, Geſtanden hat. Ich will hier ſtill mich bergen, Ich bitt' Euch, ſchont ihn nicht. Roͤnigin. Verlaßt Euch Sorgt meinetwegen nicht. Zieht Euch zuruck, Jc hor ihn kommen. (Gamlet kommt.) Saml. Nun, Mutter, ſagt: was giebts? Baml. Chinter der Szene.) Mutter, Mutter, Mutter! drauf, WPolonius verbirgt ſich.) Roͤnigin. Hamlet, dein Vater iſt von dir beleidigt. Zaml. Mutter, mein Vater iſt von Euch beleidigt. Roͤnigin. Kommt, kommt! Ihr ſprecht mit einer loſen unge. Baml. Geht, geht! Ihr fragt mit einer boͤſen Zunge t . Roͤnigin. Was ſoll das, Hamlet? Zaml. Nun, was giebt es hier? Roͤnigin. Habt Ihr mich ganz vergeſſen? SZaml. Mein, beim Kreuz! Ihr ſeyd die Koͤnigin, Weib Eures Mannes Bruders,— O waͤrt Ihr's nimmer.— Ihr— ſeyd meine Mutter. Roͤnigin. Gut, Andre ſollen zur Vernunft Euch bringen. l. Kommt, ſetzt Euch nieder; Obr ſollt icht vom Richt gehn, bis ich Euch einen Spi zei . piegel zeige orin Ihr Euer Innerſtes erblickt. 3 Cverſchließt die Thür) 10* 148 Hamlet A. III. Rönigin. Was willſt du thun? Du willſt mich doch nicht morden? He, Huͤlfe! Huͤlfe! Pol.(hinter der Tapete.) Huͤlfe! he, herbei! Zaml. Wie? was? eine Ratte? Cer ziebt.) Todt! fuͤr'nen Dukaten, todt! (Thut einen Stoß durch die Tapete.) Pol. Chinter ber Tapete) O ich bin umgebracht! (Fällt und ſtirbt.) Roͤnigin. Weh mir! was thateſt du? Fuͤrwahr, ich weiß es nicht! iſt es der Koͤnig? oͤnigin. O, welche raſche blut'ge That iſt dieß! Saml. Ja, gute Mutter, eine blut'ge That, So ſchlimm beinah, als einen Koͤnig toͤdten, Und in die Eh' mit ſeinem Bruder treten. Roͤnigin. Als einen Koͤnig todten! Zaml. Ja, ſo ſagt' ich. (Zu Polonius.) Du klaͤglicher vorwitz'ger Narr, fahr wohl! Ich nahm dich fuͤr'nen Hoͤhern; nimm dein Loos. Du ſiehſt, zu viel Geſchaͤftigkeit iſt mißlich.— Ringt nicht die Haͤnde ſo! ſtill ſetzt Euch nieder; Laßt Euer Herz mich ringen, denn das will ich, Wenn es durchdringlich iſt, wenn nicht ſo ganz Verdammte Angewoͤhnung es geſtaͤhlt, Daß es verſchanzt iſt gegen die Vernunſt. Roͤnigin. Was that ich, daß du gegen mich die Zunge So toben laſſen darfſt? Baml. Solch eine That, Die alle Huld der Sittſamkeit entſtellt, Die Tugend Heuchler ſchilt, die Roſe wegnimmt Von unſchuldvoller Liebe ſchoͤner Stirn Und Beulen hinſetzt, Ehgeluͤbde falſch Wie Spielereide macht; o eine That, Die aus dem Koͤrper des Vertrages ganz Die innre Seele reißet, und die ſuͤße Religion zum Wortgepraͤnge macht. Des Himmels Antlitz gluͤht, ja dieſe Feſte, Dieß Weltgebaͤu, mit krauerndem Geſicht, Als nahte ſich der juͤngſte Tag, gedenkt Truͤbſinnig dieſer That⸗ —— Sz. 3. Prinz von Danemark. 149 Roͤnigin. Weh! welche That Braͤllt denn ſo laut, und donnert im Verkuͤnden? Zaml. Seht hier: auf dieß Gemaͤlde und auf dieß, Das nachgeahmte Gleichniß zweier Bruder. Seht, welche Anmuth wohnt“ auf dieſen Brau'n! Appollo's Locken, Jovis hohe Stirn, Ein Aug' wie Mars, zum Drohn und zum Gebieten, Des Goͤtterherolds St ellung, wann er eben Sich niederſchwingt auf himmelnahe Hoͤhn; In Wahrheit, ein Verein und Auf die ſein Siegel jeder Gott eine Bildung, gedruͤckt: Dieß war Eu'r Gatte. — Seht nun her, was folgt: Hier iſt Eur' Gatte Verderblich ſeinem Bruder. Die Weide dieſes ſchoͤnen B Und maͤſtet Euch im Sump f? Nennt es nicht Liebe! Denn in „gleich der brand'gen Aehre Habt Ihr Augen? ergs verlaßt ihr, * Ha, habt Ihr Augen? Eurem Alter Iſt der Tumult im Blute zahm; es ſchleicht Und wartet auf das Urtheil; und welch Urtheil Ging, wohl von dem zu dem? Sinn habt Ihr ſicher, Sonſt konnte keine Regung in Euch ſeyn: Doch ſicher iſt der Sinn vom Schlag gelaͤhmt, Denn Wahnwitz wuͤrde hier nicht irren; nie Hat ſo den Sinn Verrucktheit unterjocht, Daß nicht ein wenig Wahl ihm blieb, genug Fuͤr ſolchen Unterſchied. Was fuͤr ein Teuſel Hat bei der Blindekuh Euch ſo bethoͤrt? Sehn, ohne Fuͤhlen, Ohr ohne Hand und Ja nur ein Theilchen Tappt nimmer Fuͤhlen ohne Sehn, mehr ſo Aug', Geru eines aͤchte zu. ch ohn alles, nSinns Scham, wo iſt dein Errot Empoͤrſt du dich in der YM hen? wilde Hoͤlle, katrone Gliedern, So ſey die Kenſchheit Wie Wachs, und Ruf keine Schand Zum Angriff ſtuͤrmet, Nicht minder kraͤftig b Den Willen kuppelt. der entflammten Jugend ſchmelz' in ihrem Feuer hin; e aus „wenn heißes Blut da der Froſt ja ſelbſt rennt, und die Vernunft Bonigin. O H amlet, ſprich nicht mehr! Du kehrſt die Augen re Da ſeh' ich Flecke, tief Die nicht von Farbe la cht ins Innre mir. und ſchwarz gefaͤrbt, ſſen. 150 Hamlet, A. III. Baml. Mein, zu leben Im Schweiß und Brodem eines eklen Betts, Gebruͤht in Faͤulniß; buhlend um ſich paarend Ueber dem garſt'gen Neſt— . Roͤnigin. O ſprich nicht mehr! Mir dringen dieſe Wort' ins Ohr wie Dolche, Nicht weiter, lieber Hamlet! Zaml. Ein Moͤrder und ein Schalk; Knecht, nicht ert w Das Zehntel eines Zwanzigtheils von ihm, Der Eu'r Gemal war; ein Hanswurſt von Koͤnig, Ein Beutelſchneider von Gewalt und Reich, Der weg vom Sims die reiche Krone ſtahl, Und in die Taſche ſteckte. Roͤnigin. Halt inne! (Der Geiſt kommt, im Hauskleide.) Zaml. Ein geflickter Lumpenkoͤnig!— Schirint mich und ſchwingt die Fluͤgel uͤber mir, Ihr Himmelsſchaaren!— Was will dein wuͤrdig Bild? Roͤnigin. Weh mir! er iſt verruckt. Saml. Kommt Ihr nicht, Sohn zu helten, Der Zeit und Leidenſchaft verſaͤumt, zur großen Volffuͤhrung Eures furchtbaren Gebots? O ſagt! Geiſt. Vergiß nicht! Dieſe Heimſuchung Soll nur den abgeſtumpften Vorſatz ſchärfen. Doch ſchau! Entſetzen liegt auf deiner Mutterz Tritt zwiſchen ſie und ihre Seel⸗ im Kampf, In Schwachen wirkt die Einbildung am ſtarkſten. Sprich mit ihr, Hamlet! Zaml. Wie iſt Euch, Mutter? S Roͤnigin. Ach, wie iſt denn Euch, Daß Ihr die Augen heftet auf das Leere, Und redet mit der koͤrperloſen Luft? Wild blitzen Eure Geiſter aus den Augen, Und wie ein ſchlafend Heer beim Waffenlaͤrm, 3 Straͤubt Euer liegend Haar ſich als lebendig Empor, und ſteht zu Berg'. O lieber Sohn, Spreng' auf die Hitz' und Flamme deines Uebels Abkuͤhlende Geduld! Wo ſchau'ſt du hin? Sz. 3. Prinz von Daͤnemark. 151¹ Zaml. Auf ihn! Auf ihn! Scht Ihr, wie blaß er ſtarrt? Sein Anblick, ſeine Sache, wuͤrde Steinen Vernunft einpredigen.— Sieh nicht auf mich; Damit nicht deine klaͤgliche Geberde Mein ſtrenges Thun erweicht; ſonſt fehlt ihm dann Die ächte Art: vielleicht ſtatt Blutes Thraͤnen. Roͤnigin. Mit wem beſprecht Ihr Euch? Haml. Seht Ihr dort nichts? Roͤnigin. Gar nichts; doch ſeh' ich alles, was dort iſt. Baml. Und hoͤrtet Ihr auch nichts? Roͤnigin. Nein, nichts als uns. Zaml. Ha, ſeht nur hin! S es weg ſich iehlt! Mein Vater im Gewand ſo wie er lebte, Seht, wie er eben zu der Thuͤr hinaus geht! (Griſt ab.) Roͤnigin. Dieß iſt bloß Eures Hirnes Ausgeburt: In dieſer weſenloſen Schoͤpfung iſt. Verzuͤckung ſehr geuͤbt. Baml. Verzuͤckung? Mein Puls haͤlt ordentlich wie Eurer Takt, Spielt eben ſo geſunde Melodien; Es iſt kein Wahnwitz, was ich vorgebracht. Bringt mich zur Prüfung, und ich wiederhole Die Sach' Euch Wort für Wort, wovon der Wahnwitz Abſpringen wuͤrde. Mutter, um Eu'r Heil! Legt nicht die Schmeichelſalb⸗ auf Eure Seele, Daß nur mein Wahnwitz ſpricht, nicht Eu'r Vergehnz Sie wird den boͤſen Fleck nur leicht verharſchen, Indeß Verderbniß, heimlich untergrabend, Von innen angreift. Beichtet vor dem Himmel, Bereuet was geſchehn, und meidet kuͤnft'ges, Duͤngt nicht das Unkraut, daß es mehr noch wuchre⸗ Vergebt mir dieſe meine Tugend; denn In dieſer feiſten, engebruͤſt'gen Zeit Muß Tugend ſelbſt Verzeihung flehn vom Laſter, Ja kriechen, daß ſie nur ihm wohlthun duͤrfe. Roͤnigin. O Hamlet! du zerſpalteſt mir das Herz. Zaml. O werft den ſchlechtern Theil davon hinweg, Und lebt ſo reiner mit der andern Haͤlfte. Gute Racht! Doch meidet meines Oheims Zett, Nehmt eine Tugend an, die Ihr nicht habt. 152 Hamlet, I. Das Ungeheu'r Gewoͤhnung, das den Sinn Wird darin Engel aus des Teufels Wandel: Es giebt der Uebung ſchoͤner, guter Thaten Nicht minder eine Kleidung oder Tracht, Die gut ſich anlegt. Seyd zu Nacht enthaltſam, Und das wird eine Art von Leichtigkeit Der folgenden Enthaltung leihn; die naͤchſte Wird dann noch leichter: denn die Uebung kann Faſt das Gepraͤge der Ratur veraͤndern; Sie zaͤhmt den Tenfel oder ſtoͤßt ihn aus Mit wunderbarer Macht. Nochmals, ſchlaft wohl! Um Euren Segen bitt' ich, wann Ihr ſelbſt Nach Segen erſt verlangt.— Fuͤr dieſen Herrn Thut es mir leid; der Himmel hat gewollt, Um mich durch dieß, und dieß durch mich zu ſtrafen, Daß ich ihm Diener muß und Geißel ſeyn. 20 will ihn ſchon beſorgen, und den Tod, Den ich ihm gab, vertreten. Schlaft denn wohl!—* Cbeiſeit.) Zur Grauſamkeit zwingt bloße Liebe mich; 8 Schlimm faͤngt es an, und Schlimm'res nahet ſich.— 3 Ein Wort noch, gute Mutter! Roͤnigin. Was ſoll ich thun? Baml. Durchaus nicht das„was ich Euch heiße thun. Laßt nur den plumpen Koͤnig Euch ins Bett Von neuem locken, in die Wangen Euch Muthwillig kneipen; Euch ſein Maͤuschen nennen, Und fuͤr ein Paar verbuhlte Kuͤſſ', ein Spielen In Eurem Nacken mit verdammten Fingern, Bringt dieſen ganzen Handel an den Tag, aß ich in keiner wahren Tollheit bin, Nur toll aus Liſt. Gut waͤrs, Ihr ließt's ihn wiſſen: Denn welche Königin, ſchoͤn, keuſch und klug, Verhehlte einem Kanker, einem Molch So theuere Dinge wohl? wer thaͤte das? Nein, trotz Erkenntniß und Verſchwiegenheit, Loͤſt auf dem Dach des Korbes Deckel, laßt Die Voͤgel fliegen, und wie jener Affe, Kriecht in den Korb um Proben anzuſtellen, Und brecht Euch ſelbſt den Hals. Roͤnigin. Sey du gewiß, wenn Worte Athem ſind, Und Athem Luben iſt, hab' ich kein Leben, Das auszuathmen, was du mir geſagt. vernichtet, . Sz. 3. Prinz von Daͤnemark. 153 Zaml. Ich muß nach England; wiht Ihrs? Roͤnigin. Ach, ich vergaß; es iſt ſo ansgemacht. Zaml. Man ſiegelt Briefe; meine Schulgeſellen, Die Beiden, denen ich wie Nattern traue, Sie bringen die Beſtellung hin; ſie muͤſſen Den Weg mir bahnen, und zur Schurkerei Herolden gleich mich fuͤhren. Sey es drum! Der Spaß iſt, wenn mit ſeinem eignen Pulver Der Feuerwerker auffliegt; und mich truͤgt ie Rechnung, wenn ich nicht eine Klafter tiefer Als ihre Minen grab' und ſprenge ſie Bis an den Mond. O es iſt gar zu ſchoͤn, Wenn ſo zwei Liſten ſich entgegen gehn!— Der Mann packt mir eine Laſt auf; Ich will den Wanſt ins naͤchſte Zimmer ſchleppen. Nun, Mutter, gute Nacht!— Der Rathsherr da Iſt jetzt ſehr ſtill, geheim und ernſt fuͤrwahr, Der ſonſt ein ſchelm ſcher alter Schwaͤtzer war. Kommt, Herr, ich muß mit Euch ein Ende machen.— Gute Nacht, Mutter! (Hamlet ſchleift den Polonius hinaus.) (Der König tritt ſchnell herein, von der andern Seite.) Ron. In dieſen tiefen Seufzern iſt ein Sinn; Legt ſie uns aus, wir muͤſſen ſie verſtehn. Wo iſt Eu'r Sohn? Boͤnigin. Ah, mein Gemal! was ſah ich dieſe Nacht! on. Wie, Gertrud? was macht Hamlet? Ronigin. Er raſ't wie See und Wind, wenn beide kaͤmpfen Wer maͤcht'ger iſt; in ſeiner wilden Watyf Da er was hinterm Teppich rauſchen hoͤrt, Reißt er die Kling heraus, ſchreit: eine Ratte! Und todtet ſo in ſeines Wahnes Hitze Den ungeſehnen guten alten Mann. ön. O ſchwere That! ſo waͤr' es uns geſchehn, enn wir daſelbſt geſtanden. Seine Freiheit Droht aller Welt, Euch ſelbſt, uns, jedem andern. Ach! wer ſteht ein fuͤr dieſe blut'ge That? Uns wird zur Laſt ſie fallen, deren Vorſicht en tollen jungen Mann, eng eingeſperrt, Und fern von Menſchen hätte halten ſollen. Doch unſte Liebe war ſo groß, daß wir 154 Hamlet, A. III. Nicht einſehn wollten, was das Beſte war, Und wie der Eigner eines boͤſen Schadens, Den er geheim haͤlt, ließen wir ihn zehren Recht an des Lebens Mark. Wo iſt er hin? Roͤnigin. Er ſchafft den Leichnam des Erſchlagnen weg, Wobei ſein Wahnſinn, wie ein Koͤrnchen Gold In einem Erz von ſchlechteren Metallen, Sich rein beweiſt: er weint um das Geſchehne. Roͤn. O Gertrud, laßt uns gehn! Sobald die Sonne an die Berge tritt, Schifft man ihn ein; und dieſe ſchnoͤde That Muß unſre ganze Majeſtaͤt und Kunſt Vertreten und entſchuldigen.— He, Guͤldenſtern! (Roſenkranz und Güldenſtern kommen.) Geht, beide Freunde, nehmt Euch wen zu Huͤlfe; Hamlet hat den Polonius umgebracht In ſeinem tollen Muth, und ihn darauf Aus ſeiner Mutter Zimmer weggeſchleppt. Geht, ſucht ihm, ſprecht ihm zu, und bringt den Leichnam In die Kapell'. Ich bitte Euch, eilt hiebei. Moſenkranz und Güldenſtern ab.) Kommt, Gertrud, rufen wir von unſern Freunden Die kluͤgſten auf, und machen ihnen kund Was wir zu thun gedenken, und was leider Geſchehn; ſo kann der ſchlangenart'ge Leumund, Deß Ziſcheln von dem einen Pol zum andern So ſicher wie zum Ziele die Kanone, Den gift'gen Schuß traͤgt, unſern Namen noch Verfehlen, und die Luft unſchaͤdlich treffen. O komm hinweg mit mir! Entſetzen iſt In meiner Seel' und innerlicher Zwiſt. (Beide ab.) ——— Sz. 4. Prinz von Dänemark. 155⁵ Vierte Szene. Ein andres Zimmer im Schloſſe. (Hamlet kommt.) Zamlet. — Sicher beigepackt.— Roſ. und Güld. Chinter der Szens.) Hamlett Prinz amlet! Baml. Aber ſtill— was fuͤr ein Lärm? Wer ruft den Hamlet? O, da kommen ſie. Moſfenkranz und Guͤldenſtern kommen.) Roſ. Was habt Ihr mit dem Leichnam, Prinz, gemacht? Zaml. Ihn mit dem Staub gepaart, dem er ver⸗ wandt. Roſ. Sagt uns den Ort, daß wir ihn weg von da In die Kapelle tragen. Zaml. Glaubt es nicht. Roſ. Was nicht glauben? BZaml. Daß ich Euer Geheimniß bewahren kann, und meines nicht. Ueberdieß, ſich von einem Schwamme fra⸗ gen zu laſſen! Was fuͤr eine Antwort ſoll der Sohn eines Koͤnigs darauf geben. Se Nehmt Ihr mich fuͤr einen Schwamm, gnaͤdiger err? Zaml. Ja, Herr, der des Koͤnigs Schutz, ſeine Be⸗ lohnungen, feinen Einfluß in ſich ſaugt. Aber ſolche Be⸗ amte thun dem Koͤnige den beſten Dienſt am Ende. Er haͤlt ſie wie ein Affe den Biſſen im Winkel ſeines Kinn⸗ backens; zuerſt in den Mund geſteckt, um zuletzt verſchlun⸗ gen zu werden.— Wenn er braucht, was Ihr aufgeſam⸗ melt habt, ſo darf er Euch nur druͤcken, ſo ſeyd Ihr, Schwamm, wieder trocken. Roſ. Ich verſtehe Euch nicht, gnaͤdiger Herr. SZaml. Es iſt mir lieb; eine loſe Rede ſchlaͤft in dum⸗ men Ohren. Roſ. Gnaͤdiger Herr, Ihr muͤßt uns ſagen, wo die Leiche iſt, und mit uns zum Koͤnige gehn. 15⁵6 Ham let; A. III. Zaml, Die Leiche iſt beim Koͤnig, aber der Koͤnig iſt nicht bei der Leiche. Der Koͤnig iſt ein Ding— Guld. Ein Ding, gnaͤdiger Herr? Zaml. Das nichts iſt. Bringt mich zu ihm! Verſteck' dich Fuchs, und alle hinterdrein. (Alle ab.) Fuͤnfte Szene. 7 Ein andres Zimmer im Schloſſe. (Der König tritt auf mit Gefolge.) Roͤnig. Ich laſſ ihn holen, und den Leichnam ſuchen. S wie gefaͤhrlich iſt's, daß dieſer Menſch So frank umhergeht! Dennoch duͤrfen wir Nicht nach dem ſtrengen Recht mit ihm verfahren. Er iſt beliebt bei der verworrnen Menge, Die mit dem Aug', nicht mit dem Urtheil waͤhlt, Und wo das iſt, waͤgt man des Schuld'gen Plage, Doch nie die Schuld. Um alles auszugleichen, Muß dieſe ſchnelle Wegſendung ein Schritt Der Ueberlegung ſcheinen; wenn die Krankheit Verzweifelt iſt, kann ein verzweifelt Mittel Nur helfen, oder keins. (Roſenkranz kommt.) Was iſt geſchehn? Roſ. Wo er die Leiche hingeſchafft, mein Fuͤrſt, Vermoͤgen wir von ihm nicht zu erfahren. Roͤn. Wo iſt er ſelber? 2 Roſ. Draußen, gnaͤd'ger Herr; Bewacht, um Eu'r Belieben abzuwarten. Roͤn. So bringt ihn vor uns. Roſ. He, Guͤldenſtern! bringt gnaͤdigen Herrn erein. Sz. 5. Prinz von Daͤnemark. 157 (Hamlet und Güldenſtern kommen.) Ron. Nun, Hamlet, wo iſt Polonius? Zaml. Beim Nachtmahl. Roͤn. Beim Nachtmahl? Zaml. Nicht wo er ſpeiſt, ſondern wo er geſpeiſt wird. Eine gewiſſe Reichsverſammlung von politiſchen Wuͤrmern hat ſich eben an ihn gemacht. So'n Wurm iſt Euch der einzige Kaiſer, was die Tafel betrifft. Wir maͤſten alle andere Kreaturen um uns zu maͤſten; und uns ſelbſt mäſten wir fuͤr Maden. Der fette Koͤnig und der magre Bettler ſind nur verſchiedene Gerichte; zwei Schuͤſſeln, aber fuͤr eine Tafel; das iſt das Ende vom Liede. Roͤn. Ach Gott! ach Gott! Zaml. Jemand koͤnnte mit dem Wurm fiſchen, der von einem Koͤnig gegeſſen hat, und von dem Fiſch eſſen, der den Wurm verzehrte. Roͤn. Was meinſt du damit? Baml. ichts, als Euch zu zeigen, wie ein Koͤnig ſeine Reiſe durch die Gedaͤrme eines Bettlers machen kann. Roͤn. Wo iſt Polonius? Saml. Im Himmel. Schickt hin, um zuzuſehn. Wenn Euer Bote ihn da nicht findet, ſ ſucht ihn ſelbſt an dem andern Orte. Aber wahrhaftig, wo Ihr ihn nicht binnen dieſem Monat findet, ſo werdet Ihr ihn wittern, wenn Ihr die Treppe zur Gallerie hinaufgeht. Roͤn. Gzu einigen aus dem Gefolge.) Geht, ſucht ihn dort. Baml. Er wird warten bis Ihr kommt. (Einige aus dem Gefolge ab.) Ron. Hamlet, fur deine eigne Sicherheit, Die uns ſo werth iſt, wie uns innig kraͤnkt Was du begangen haſt, muß dieſe That In feur'ger Eile dich von hinnen ſenden. Drum ruͤſte dich; das Schiff liegt ſchon bereit, Der Wind iſt guͤnſtig, die Gefaͤhrten warten, Und alles treibt nach England auf und fort. Zaml. Nach England? Bon. Ja, Hamlet. Zaml. Gut. * „ 5 . 158 Hamlet, A. III. Roͤn. So iſt es, wenn du unſre Abſicht wuͤßteſt. Jaml. Ich ſehe einen Cherub, der ſie ſieht.— Aber kommt! nach England!— Lebt wohl, liebe Mutter. Roͤn. Dein liebevoller Vater, Hamlet. † Zaml. Meine Mutter. Vater und Mutter ſind Mann und Weib; Mann und Weib ſind Ein Fleiſch: alſo meine Mutter. Kommt, nach England! t (geht ab.) Roͤn. Folgt auf dem Fuß ihm, ihn ſchnell an ord; Verzoͤgert nicht, er muß zu Nacht von hinnen. Fort! alles iſt verſiegelt und geſchehn, Was ſonſt die Sache heiſcht. Ich bitt' Euch, eilt⸗ (Moſenkranz und Güldenſtern ab.) Und, England! gilt dir meine Liebe was, Wie meine Macht ſie dich kann ſchaͤtzen lehren, Denn noch iſt deine Narbe wund und roth— Vom Daͤnenſchwert, und deine Ehrfurcht leiſtet Uns willig Lehenspflicht) ſo darfſt du nicht Das oberherrliche Geheiß verſaͤumen, Das durch ein Schreiben ſolchen Inhalts dringt Auf Hamlets ſchnellen Tod. O thu' es, England! Denn wie die Hektik raſ't er mir im Blut: Du mußt mich heilen. Mag mir alles gluͤcken, Bis dieß geſchehn iſt, kann mich nichts erquicken. Cab.) Prinz von Daͤnemark. 15⁵9 Vierter Aufzug. — Erſte Szene. Eine Ebene in Dänemark. Gortinbras und Truppen, im Warſch begriffen.) Fortinbras. Geht, Hauptmann, gruͤßt von mir den Daͤnenkoͤnig; Sagt ihm, daß Fortinbras auf ſein Geſtatten Fuͤr den verſprochnen Zug durch ſein Gebiet Geleit begehrt. Ihr wißt, wo wir uns treffen. Wenn Seine Majeſtät uns ſprechen will, So wollen wir pfüchtmaͤßig ihn begruͤßen; Das meldet ihm. Bauptm. Ich will es thun, mein Prinz. Fort. Ruͤckt langſam vor. (Fortinbras und Truppen ab.) (bamlet, Roſenkranz, Güldenſtern und Andre kommen.) S Weß ſind die Truppen, lieber Herr? auptm. Sie ſind von Norweg, Herr. Wozu beſtimmt, ich bitt' Euch? Bauptm. Sie ruͤcken gegen Polen. Zaml. Wer fuͤhrt ſie an? Sauptm. Des alten Norwegs Reffe, Fortinbras. Haml. Und geht es auf das ganze Polen, oder Auf einen Grenzort nur? Zauptm. Um wahr zu reden und mit keinem Zuſaß, ir gehn, ein kleines Fleckchen zu gewinnen, Das keinen Vortheil als den Namen bringt. Fuͤr fuͤnf Dukaten, fuͤnf, moͤcht' ichs nicht pachten. 160 Hsmn et A. IV. Auch bringts dem Norweg oder Polen ſicher Nicht mehr, wenn man auf Erbzins es verkauft. Zaml. So wird es der Polack nicht halten wollen. Sauptm. Doch; es iſt ſchon beſetzt. Haml. Zweitauſend Seelen, zwanzigtauſend Goldſtuͤck Entſcheiden dieſen Lumpenzwiſt noch nicht. Dieß iſt des Wohlſtands und der Ruh' Geſchwuͤr, Das innen aufbricht, waͤhrend ſich von außen Kein Grund des Todes zeigt.— Ich dank' Euch, Herr. Zauptm. Geleit' Euch Gott!(ab.) Roſ. Beliebt es Euch zu gehn? Zaml. Ich komme gleich Euch nach. Geht nur voran. (Roſenkranz und die Uebrigen ab.) Wie jeder Anlaß mich verklagt, und ſpornt Die traͤge Rache an! Was iſt der Menſch, Wenn ſeiner Zeit Gewinn, ſein hoͤchſtes Gut Nur Schlaf und Eſſen iſt? Ein Vieh, nichts weiter. Gewiß, der uns mit ſolcher Denkkraft ſchuf. Voraus zu ſchaun und ruͤckwaͤrts, gab uns nicht Die Faͤhigkeit und gottliche Vernunft, Um ungebraucht in uns zu ſchimmeln. Nun, Sey's viehiſches Vergeſſen, oder ſey's Ein banger Zweifel, welcher zu genau Bedenkt den Ausgang— ein Gedanke, der, Zerlegt man ihn, ein Viertel Weisheit nur Und ſtets drei Viertel Feigheit hat— ich weiß nicht, Weswegen ich noch lebe, um zu ſagen: „Dieß muß geſchehn;“ da ich doch Grund und Willen Und Kraft und Mittel hab', um es zu thun. Beiſpiele, die zu greifen, mahnen mich: So dieſes Heer von ſolcher Zahl und Staͤrke, Von einem zarten Prinzen angefuͤhrt, Deß Muth von hoher Ehrbegier geſchwellt, Die Stirn dem unſichtbaren Ausgang beut, Und giebt ſein ſterblich und verletzbar Theil Dem Gluͤck, dem Tode, den Gefahren Preis, Fuͤr eine Nußſchal'. Wahrhaft groß ſeyn, heißt Nicht ohne großen Gegenſtand ſich regen; Doch einen Strohhaln ſeiber groß verfechten, z6 Wenn Ehre auf dem Spiel. Wie ſteh' denn ich, Den ſeines Vaters Mord, der Mutter Schande, Antriebe der Vernunft und des Gebluts, — Sz.2. Prinz von Dänemark. Den nichts erweckt? Ich ſeh' indeß beſchaͤmt Den nahen Tod von zwanzigtauſend Mann, Die fuͤr'ne Grille, ein Phantom des Ruhms, Zum Grab gehn wie ins Bett, es gilt ein Fleckchen, Worauf die Zahl den Streit nicht fuͤhren kann; Nicht Gruft genug und Raum, um die Erſchlagnen Nur zu verbergen. O von Stund' an trachtet Nach Blut, Gedanken, oder ſeyd verachtet!(ab.) S weite Szene. Helſingör. Ein Zimmer im Schloſſe. Die Königin und Horatio treten auſ.) Rönigin. — Ich will nicht mit ihr ſprechen. BZor. Sie iſt ſehr dringend; wirklich, außer ſich; Ihr Zuſtand iſt erbarmenswerth. Roͤnigin. Was will ſie? SZor. Sie ſpricht von ihrem Vater; ſagt, ſie hore, Die Welt ſey ſchlimm, und aͤchzt und ſchiaͤgt die Bruſt; Ein Strohhalm aͤrgert ſie, ſie ſpricht verworren Mit halbem Sinn uur, ihre Red' iſt nichts, Doch leitet ihre ungeſtalte Art Die Hoͤrenden auf Schluͤſſe; man erraͤth, Man ſtuckt zuſammen ihrer Worte Sinn, Die ſie mit Nicken giebt, mit Winken, Mienen, So daß man wahrlich denken muß: man koͤnnte Zwar nichts gewiß, jedoch viel Arges denken. Roͤnigin. Man muß doch mit ihr ſprechen; ſie kann Argwohn In Ulheil brutende Gemuͤther ſtreun. Laßt ſie nur vor. .(Poratio ab.) Der kranken Seele, nach der Art der Suͤnden, Scheint jeder Tand ein Ungluͤck zu verkuͤnden, Von ſo bethoͤrter Furcht iſt Schuld erfuͤllt, Daß, ſich verbergend, ſie ſich ſelbſt enthuͤllt. VI. 11 162 Hamlet, A. IV. (Horatio kommt mit Ophelia.) Gphbel. Wo iſt die ſchoͤne Majeſtät von Daͤnmark? Roͤnigin. Wie gehts, Ophelia? phelia(ſingt.) Wie erkenn' ich dein Treu, lieb Vor den andern nun? An dem Muſchelhut und Stab, Und den Sandelſchuhn. Rönigin. Ach, ſußes Fraͤulein, wozu ſoll dieß Lied? Ophel. Was beliebt? Rein, bitte, hoͤrt.(ſingt.) Er iſt lange todt und hin, 3oi hin, m zu Haͤupten ein Raſen gruͤn, Ihm zu Fuß ein Stein.— Oh! Roͤnigin. Aber ſagt, Ophelia— Pphel. Bitt' Euch, hoͤrt.(ſingt.) Sein Leichenhemd weiß wie Schnee zu ſehn— (Der König tritt auf.) f Roͤnigin. Ach, mein Gemal, ſeht hier! Gphelia(ſingt.) Geziert mit Blumenſegen, Das unbethränt zum Grab mußt' gehn Von Liebesregen, Rön. Wie gehts Euch, holdes Fraͤulein? Gpbel. Gottes Lohni recht gut. Sie ſagen, die Eule war ein Beckers Tochter. Ach Herr! wir wiſſen wohl was wir ſind, aber nicht was wir werden koͤnnen. Gott ſegne Euch die Mahlzeit! Ron. Anſpielung auf ihren Vater. Ophel. Bitte, laßt uns daruber nicht ſprechen; aber wenn ſie Euch fragen, was es bedeutet, ſo ſagt nur:(ſingt.) Morgen iſt Sankt Valentins Tag, Wohl an der Zeit noch fruͤh, Und ich,'ne Maid, am Fenſterſchlag Will ſeyn eu'r Valentin. Er war bereit, thaͤt an ſein Kleid, Thaͤt auf die Kammerthuͤr, Ließ ein die Maid', die als'ne Maid Ging nimmer mehr herfuͤr. Roön. Holde Ophelia! Sz. 2. Prinz von Dänemark. 163 Gphel. Fuͤrwahr, ohne Schwur, ich will ein Ende machen.(ſingt.) Bei unſrer Frau und Sankt Kathrin! O pfui! was ſell das ſeyn? Ein junger Mann thuts wenn er kann, Beim Himmel,'s iſt nicht fein. Sie ſprach: eh' ihr geſcherzt mit mir, Gelobtet ihr mich zu frein. Er antwortet:. Ich braͤchs auch nicht, beim Sonnenlicht! Waͤrſt du nicht kommen herein. Roͤn. Wie lang' iſt ſie ſchon ſo? Gphel. Ich hoffe, alles wird gut gehn. Wir muͤſſen geduldig ſeyn: aber ich muß weinen, wenn ich denke, daß ſie ihn in den kalten Boden gelegt haben. Mein Bruder ſoll davon wiſſen! und ſo dank“ ich Euch fuͤr Euren guten Rath. Kommt, meine Kutſche! Gute Nacht, Damen! gute Nacht, ſuͤße Damen! gute Nacht! gute Nacht!(ab.) Roͤn. Folgt auf dem Fuß ihr doch; bewacht ſie recht! (Poratio ab.) O dieß iſt Gift des tiefen Grams; es quillt Aus ihres Vaters Tod. Und ſeht nun an, O Gertrud! Gertrud! wenn die Leiden kommen, So kommen ſie wie einzle Spaͤher nicht, Nein, in Geſchwadern. Ihr Vater umgebracht; Fort Euer Sohn, er ſelbſt der wuͤſte Stifter Gerechten eignen Banns; das Volk verſchlaͤmmt, Schaͤdlich und trub' in Waͤhnen und Vermuthen Vom Tod des redlichen Polonius; Und thoricht wars von uns, ſo unterm Huſch Ihn zu beſtatten; dann dieß arme Kind Getrennt von ſich und ihrem edlen Urtheil, Ohn' welches wir nur Bilder ſind, nur Thierez Zuletzt, was mehr als alles in ſich ſchließt: Ihr Bruder iſt von Frankreich insgeheim Zuruͤckgekehrt, ſpielt den Verwunderten, Huͤllt ſich in Wolken, und ermangelt nicht Der Ohrenblaͤſer, um ihn anzuſtecken Mit gift'gen Reden von des Vaters Todz Wobei Verlegenheit, an Vorwand arm, Sich nicht entbloden wird uns zu verklagen Von Ohr zu Ohr. O liebſte Gertrud, dieß 11* 164 Hamlet, 4. W. Giebt wie ein Traubenſchuß an vielen Stellen Mir uͤberfluͤß'gen Tod. (Lärm hinter der Szene.) Ronigin. O weh! was fuͤr ein Laͤrm? (Ein Edelmann kommt.) Roͤn. Herbei! wo ſind die Schweizer? Laßt die Thuͤr bewachen. Was giebt es draußen? Edelm. Rettet Euch, mein Fuͤrſt. Der Ozean, entwachſend ſeinem Saum, Verſchlingt die Niedrung ungeſtuͤmer nicht, Als an der Spitze eines Meuterhaufens Laertes Eure Diener uͤbermannt. Der Poͤbel nennt ihn Herrn, und gleich als finge Die Welt erſt anals waͤr' das Alterthum Vergeſſen, und Gewohnheit nicht bekannt, Die Stutzen und Bekräft'ger jeder Würde, Schrein ſiet Erwaͤhlen wir: Laertes werde Koͤnig! Und Muͤtzen, Haͤnde, Zungen tragens jubelnd Bis an die Woiken: Konig ſey Laertes! Laertes Koͤnig! Roͤnigin. Sie ſchlagen luſtig an auf falſcher Faͤhrte. Verkehrt geſpuͤrt, ihr falſchen Daͤnenhunde! (Lärm hinter der Szene.) Boͤn. Die Thuͤren ſind geſprengt. (Laertes kommt bewaffnet. Dänen hinter ihm.) Laert. Wo iſt denn dieſer Koͤnig?— Herrn, bleibt draußen. Dänen. Rein, laßt uns mit herein. Laert. Ich bitt', erlaubt mir. Daͤnen. Gut, wie Ihr wollt. (Sie ziehen ſich hinter die Thür zurück.) Laert. Dank Euch! beſetzt die Thuͤr.— Du ſchnoͤder Koͤnig, gieb mir meinen Valer⸗ Boͤnigin. Guter Laertes, ruhig! Laert. Der Tropfe Bluts, der ruhig iſt, erklaͤrt Fuͤr Baſtard mich; ſchilt Hahnrei meinen Vater, Brandmarkt als Metze meine treue Mutter, Hier zwiſchen ihre reinen keuſchen Bran'n.“ Sz2 Prinz von Daͤnemark. 165 Roͤn. Was iſt der Grund, daß dein Auf⸗ and So rieſenmäßig ausſieht?— Laßt ihn, Gertrud, Befuͤrchtet nichts fuͤr unſere Perſon. Denn ſolche Goͤttlichkeit ſchirmt einen Koͤnig Verrath, der nur erblickt, was er gewollt,— Steht ab von ſeinem Willen.— Sag, Laertes, Was biſt du ſo entruͤſtet?— Gertrud, laßt ihn!— Sprich, junger Mann. Laert. Wo iſt mein Vater? Ron. Todt. Roͤnigin. Doch nicht durch ihn. BRoͤn. Laßt ihn nur ſatt ſich fragen. Laert. Wie kam er um? Ich laſſe mich nicht äffen. Zur Hoͤlle, Treu'! Zum aͤrgſten Teufel, Eide! Gewiſſen, Froͤmmigkeit, zum tiefſten Schlund! Ich trotze der Verdammniß; ſo weit kams: Ich ſchlage beide Welten in die Schanze. Mag kommen, was da kommt! Nur Rache will ich Vollauf fuͤr meinen Vater. Roͤn. Wer wird Euch hindern? Laert. Mein Wille, nicht der ganzen Welt Gebot, Und meine Mittel will ich ſo verwalten, Daß wenig weit ſoll reichen. Bon. Hoͤrt, Laertes, Wenn Ihr von Eures theuren Vaters Tod Das Sichre wiſſen wollt: iſt's Eurer Nache Schluß, Als Sieger in dem Spiel, ſo Freund als Feind, Gewinner und Verlierer fortzureißen? Laert. Nur ſeine Feinde. Ron. Wollt Ihr ſie denn kennen? Laert. Den Freunden will ich weit die Arme oͤffnen, Und wie der Lebensopfrer Pelikan Mit meinem Blut ſie tranken. Roͤn. So! nun ſprecht Ihr Als guter Sohn, und aͤchter Edelmann. Daß ich an Eures Vaters Tode ſchuldlos, Und am empfindlichſten dadurch gekraͤnkt, Soll Eurem Urtheil klar ſich offenbaren, Wie Tageslicht dem Aug'. Dän. Chinter der Szene.) Laßt ſie hinein! 166 Hamlet, A. IV. Laert. Was giebts? was fuͤr ein Larm? (Ophelia kommt⸗) O Hitze, trockne Mein Hirn auf, Thraͤnen, ſiebenfach geſalzen, Brennt meiner Augen Kraft und Tugend aus!— Bei Gott! dein Wahnſinn ſoll bezahlt uns werden Nach dem Gewicht, bis unſre Wagſchal' ſinkt. O Maienroſe! ſuͤßes Kind! Ophelia! Geliebte Schweſter!— Himmel, kann es ſeyn, Daß eines jungen Maͤdchens Witz ſo ſterblich Als eines alten Mannes Leben iſt? Natur iſt fein im Lieben: wo ſie fein iſt, Da ſendet ſie ein koſtbar Pfand von ſich Dem, was ſie liebet, nach. Gphelia(ſingt.) Sie trugen ihh auf der Bahre bloß, Hey non nonny, nonny hey nonny! Und manche Thraͤn' fiel in Grabes Schooß— Fahr' wohl, meine Taube! Laert. Haͤtt'ſt du Vernunft, und mahnteſt uns zur Rache, Es koͤnnte ſo nicht ruͤhren. Ophel. Ihr muͤßt ſingen:„Nun nieder, ja nieder, und ruft ihn nur nieder, ja nieder.“ O wie das Rad dazu paßt! Es iſt der falſche Verwalter, der ſeines Herrn Tochter ſtahl. Laert. Dieß Nichts iſt mehr als Etwas. Gphel. Da iſt Nosmarin, das iſt zur Erinnerung: ich bitte Euch, liebes Herz, gedenkt meiner! und da Vergiß⸗ meinnicht, das iſt fuͤr Liebestreue. Laert. Ein Sinnſpruch im Wahnſinn; Liebestreue und Erinnrung giebt ſie mir. Gphel. Da iſt Fenchel fuͤr Euch und Agley—(dem Fönig.) da iſt Raute fuͤr Euch, und hier iſt welche fuͤr mich— wir koͤnnen ſie auch Reue, Gnadenkraut nen⸗ nen,—(der Königin.) Ihr koͤnnt Eure Raute mit einem Abzeichen tragen.— Da iſt Maaßlieb— ich wollte Euch ein paar Veicchen geben, aber ſie welkten alle, da mein Vater ſtarb.— Sie ſagen, er nahm ein gutes Ende.—(ſingt) Denn traut lieb' Fraͤnzel iſt all meine Luſt— Laert. Schwermuth und ,, Leid, die Hoͤlle e 2 Macht ſie zur Anmuth und zur Artigkeit.“ — — — ————— Sz. 2. Prinz von Dänemark. 167 Gphelia(ſingt.) Und kommt er nicht mehr zuruͤck? Und kommt er nicht mehr zuruͤck? Er iſt todt, o weh! In dein Todesbett geh, Er kommt ja nimmer zuruͤck.—— Sein Bart war ſo weiß wie Schnee, Sein Haupt dem Flachſe gleich: Er iſt hin, er iſt hin, Und kein Leid bringt Gewinn; Gott helf' ihm ins Himmelreich! Und allen Chriſtenſeelen! Darum bet' ich. Gott ſey mit Euch!(ab.) PLaert. Seht Ihr das? O Gott! Roͤn. Laertes, ich muß Euern Gram beſprechen; Verſagt mir nicht mein Recht. Entfernt Euch nun, Waͤhlk die Verſtaͤndigſten von Euren Freunden, Und laßt ſie richten zwiſchen Euch und mir⸗ Wenn ſie zunaͤchſt uns, oder mittelbar, Dabei betroffen finden, wollen wir Reich, Krone, Leben, was nur unſer heißt, Euch zur Verguͤtung geben; doch wo nicht, So ſeyd zufrieden uns Geduld zu leihn; Wir wollen dann, vereint mit Eurer Seele, Sie zu befried'gen trachten. Laert. Ja, ſo ſey's. Die Todesart, die heimliche Beſtattung— Kein Schwert, noch Wappen uͤber ſeiner Gruft, Kein hoher Brauch, noch foͤrmliches Gepraͤng'— Sie rufen laut vom Himmel bis zur Erde, Daß ich's zur Frage ziehn muß. Roͤn. Nach Gefallen, Und wo die Schuld iſt, laßt das Strafbeil fallen. Ich bitt' Euch, folget mir. (Alle ab.) 168 Hamlet, A. IV. Dritte Szene Ein anderes Zimmer im Schloſſe. (Horatio und ein Diener treten auf.) Zoratio. Was ſinds fuͤr Lente, die mich ſprechen wollen? Dien. Matroſen, Herr, ſie haben, wie ſie ſagen, Euch Briefe zu beſtellen. Zor. Laßt ſie vor. (Diener ab.) Ich wuͤßte nicht, von welchem Theil der Welt Ein Gruß mir kaͤme, als vom Prinzen Hamlet. (Matroſen kommen.) 1. Matr. Gott ſegn' Euch, Herr! Sor. Dich ſegn' er ebenfalls. 1. Matr. Das wird er, Herr, ſo es ihm gefaͤllt. Hier iſt ein Brief fuͤr Euch, Herr; er kommt von dem Geſand⸗ ten, der nach England reiſen ſollte, wenn Euer Rame anders Horatio iſt, wie man mich verſichert. Bor. Clieſt.)„Horatio, wenn du dieß durchgeleſen „haben wirſt, verſchaffe dieſen Leuten Zutritt beim Koͤnige, „ſie haben Briefe fuͤr ihn. Wir waren noch nicht zwei „Tage auf der See geweſen, als ein ſtark geruſteter Kor⸗ „ſar Jagd auf uns machte; da wir uns im Segeln zu „langſam fanden, legten wir eine nothgedrungne Tapferkeit „an, und waͤhrend des Handgemenges enterte ich; in dem „Augenblick machten ſie ſich von unſerm Schiffe los und „ſo ward ich allein ihr Gefangner. Sie haben mich wie „barmherzige Diebe behandelt, aber ſie wußten wohl was „ſie thaten; ich muß einen guten Streich fuͤr ſie thun. „Sorge, daß der Koͤnig die Briefe bekoͤmmt, die ich ſende, „und begieb dich zu mir in folcher Eile, als du den Tod „fliehen wuͤrdeſt. Ich habe dir Worte ins Ohr zu ſagen, „die dich ſtumm machen werden, doch ſind ſie viel zu leicht „fuͤr das Gewicht der Sache. Dieſe guten Leute werden „dich hinbringen, wo ich bin. Roſenkranz und Guͤldenſtern Sz. 3. Prinz von Daͤnemark. 169 „ „ſetzen ihre Reiſe nach Sralnd fort; uͤber ſie hab' ich dir viel zu ſagen. Lebe wohl! „Ewig der Deinige „Hamlet.“ Kommt, ich will dieſe Eure Briefe fordern, Und um ſo daß Ihr hin mich fuͤhrt u ihm, der ſie Euch mitgab. Zu ihm, der ſi h mitg cuu a) Vierte Szene. Ein andres Zimmer im Schloſſe. (Der König und Lgertes treten auf.) R. Nun muß doch Eu'r Gewiſſen meine Unſchuld Verſiegeln, und⸗Ihr muͤßt in Euer Herz Als Freund mich ſchließen, weil Ihr habt gehoͤrt, Und zwar mit kund'gem Ohr, daß eben der, Der Euren edlen Vater umgebracht, Mir nach dem Leben ſtand. Laert. Ja, es iſt klar. Doch ſagt mir, Warum belangtet Ihr nicht dieſe Thaten, So ſtrafbar und ſo peinlicher Natur, Wie Eure Groͤße, Weisheit, Sicherheit, Wie alles ſonſt Euch drang? Roͤn. Aus zwei beſondern Gruͤnden, Die Euch vielleicht ſehr marklos duͤnken moͤgen, Allein fur mich doch ſtark ſind. Seine Mutter, Die Koͤnigin, lebt faſt von ſeinem Blickz Und was mich ſelbſt betrifft— ſey's, was es ſey, Entweder meine Tugend oder Qual— Sie iſt mir ſo vereint in Seel und Leben, Wie ſich der Stern in ſeinem Kreis nur regt, Koͤnnt' ichs nicht ohne ſie. Der andre Grund, Warum ichs nicht zur Sprache bringen durfte, Iſt, daß der große Hauf' an ihm ſo haͤngt: Sie tauchen ſeine Fehl' in ihre Liebe, Die, wie der Quell, der Holz in Stein verwandelt, 170 amt, A. WV. Aus Tadel Lob macht, ſo daß meine Pfeile, Zu leicht gezimmert fuͤr ſo ſcharfen Wind, Zuruͤckgekehrt zu meinem Bogen waͤren, Und nicht zum Ziel gelangt. Laert. Und ſo verlor ich einen edlen Vater, So ward mir eine Schweſter hoffnungslos Zerruͤttet, deren Werth(wofern das Lob Zuruͤckgehn darf) auf unſrer Zeiten Hoͤhe Auffordernd ſtand zu gleicher Trefflichkeit. Doch kommen ſoll die Rache. Boön. Schlaft deshalb ruhig nur. r muͤßt nicht denken, Wir waͤren aus ſo traͤgem Stoff gemacht, Daß wir Gefahr am Bart uns raufen ließen Und hielten es fuͤr Kurzweil: Ihr vernehmt Mit naͤchſtem mehr. Ich liebte Euren Vater, Auch lieben wir uns ſelbſt; das hoff' ich, wird Euch einſehn lehren— (Ein Bote kommt.) Nun? was giebt es Neues? Bote. Herr, Briefe ſinds von Hamlet; dieſer da Fuͤr Eure Majeſtaͤt, der fuͤr die Konigin. Roͤn. Von Hamlet? und wer brachte ſie? Bote. Matroſen, heißt es, Herr; ich ſah ſie nicht⸗ Mir gab ſie Clandio, der vom Ueberbringer Sie ſelbſt empfing. Roͤn. Laertes, Ihr ſollt hoͤren,— Laßt uns. (Bote ab.) Cieſt.)„Großmächtigſter! wiſſet, daß ich nackt an Euer „Reich ausgeſetzt bin. Morgen werde ich um Erlaubniß „bitten, vor Euer konigliches Auge zu treten, und dann „werde ich, wenn ich Euch erſt um Verguͤnſtigung dazu „erſucht, die Veranlaſſung meiner plotzlichen und wunder⸗ „baren Ruͤckkehr berichten.“ „Hamlet.“ Was heißt dieß? Sind ſie alle wieder da? Wie? oder iſts Betrug und nichts daran? Laert. Kennt Ihr die Hand? Ron. Es ſind Hamlets Zuͤge.„Nackt,“ Und in der Nachſchrift hier ſagt er:„Allein“— Koͤnnt Ihr mir rathen? —— —— Sz. 4. Prinz von Daͤnemark. 171 Laert. Ich bin ganz irr', Fuͤrſt. Allein er omme. Erfriſcht es doch mein Herzensuͤbel recht, Daß ichs ihm in die Zaͤhne ruͤcken kann: „Das thateſt du.“ Roͤn. Wenn es ſo iſt, Laertes— Wie kann es nur ſo ſeyn?— wie anders?— wollt Ihr Euch von mir ſtimmen laſſen? Laert. Ja, mein Fuͤrſt, Wenn Ihr mich nicht zum Frieden uͤberſtimmt. Ron. Zu deinem Frieden. Iſt er heimngekehrt, Ails ſtutzig vor der Reiſ' und denkt nicht mehr Sie vorzunehmen, ſo beweg' ich ihn Zu einem Probſtuͤck, reif in meinem Sinn, Wobei ſein Fall gewiß iſt; und es ſoll Um ſeinen Tod kein Luͤftchen Tadel wehn. Selbſt ſeine Mutter ſpreche los die Liſt, Und nenne Zufall ſie. Laert. Ich will Euch folgen, Herr, Und um ſo mehr, wenn Ihrs zu machen wuͤßtet Daß ich das Werkzeug wär. Roͤn. So trifft ſichs eben. Man hat ſeit Eurer Reiſ⸗ Euch viel geruͤhmt, Und das vor Hamlets Ohr, um eine Eigenſchaft, Worin Ihr, ſagt man, glaͤnzt; all' Eure Gaben Entlockten ihm geſammt nicht ſo viel Neid, Als dieſe eine, die nach meiner Schaͤtzung Vom letzten Rang iſt. Laert. Und welche Gabe waͤr' das, gnäd'ger Herr? Roͤn. Ein bloßes Band nur an dem Hut der Jugend, Doch nöthig auch; denn leichte loſe Tracht⸗ Ziemt minder nicht der Jugend, die ſie traͤgt, Als dem geſetzten Alter Pelz und Mantel Geſundheit ſchafft und Anſehn.— Vor zwei Monden ar hier ein Ritter aus der Normandie⸗ Ich kenne ſelbſt die Franken aus dem Krieg, Und ſie ſind gut zu Pferd; doch dieſer Brave That Zauberdinge; er wuchs am Sitze feſt, Und lenkt' ſein Pferd zu ſolchen Wunderkuͤnſten, Als waͤr' er einverleibt und halbgeartet Mit dieſem wackern Thier; es uͤberſtieg So weit die Vorſtellung, daß mein Erfinden 172 Hamlet, A. 1v. Von Wendungen und Spruͤngen, hinter dem Zuruͤckbleibt, was er that. Laert. Ein Normann wars? Ron. Ein Normann. Laert. Lamord, bei meinem Leben. Roͤn. Ja, derſelbe. Laert. Ich kenn' ihn wohl, er iſt auch in der That Das Kleinod und Juwel von ſeinem Volk. Roͤn. Er ließ bei uns ſich uͤber Euch vernehmen, Und gab Euch ſolch ein meiſterliches Lob, Fuͤr Eure Kunſt und llebung in den Waffen, Inſonderheit die Fuͤhrung des Rapiers: Es gaͤb' ein rechtes Schauſpiel, rief er aus, Wenn wer darin ſich mit Euch meſſen koͤnnte. Er ſchwur, die Fechter ſeines Landes haͤtten Noch ſichre Hut, noch Auge, noch Geſchick, Wenn Ihr ſie angrifft. Dieſer ſein Bericht Vergiftete den Hamlet ſo mit Neid, Daß er nichts that als wuͤnſchen, daß Ihr ſchleunig Zuruͤckkamt, um mit Euch ſich zu verſuchen. Nun, hieraus— Laert. Was denn hieraus, gnaͤd'ger Herr? Roͤn. Laertes, war Euch Euer Vater werth? Wie, oder ſeyd Ihr gleich dem Gram im Bilde, Ein Antlitz ohne Herz? Laert. Wozu die Frage? Roͤn. Nicht als ob ich daͤchte, Ihr haͤttet Euren Vater nicht geliebt; Doch weiß ich, durch die Zeit beginnt die Liebe, Und ſeh' an Proben der Erfahrung auch, Daß Zeit derſelben Glut und Funken mäßigt, Im Innerſien der Liebesflamme lebt Eine Art von Docht und Schnuppe, die ſie daͤmpft, Und nichts beharrt in gleicher Guͤte ſicts; Denn Guͤte, die vollblutig wird, erſtirbt Im eignen Allzuviel. Was man will thun, Das ſoll man, wenn man will; denn dieß Will aͤndert ſich Und hat ſy mancherlei Verzug und Schwaͤchung Als es nur Zungen, Haͤnde, Faͤlle giebt; Dann iſt dieß Soll ein praſſeriſcher Seufzer, Der lindernd ſchadet. Doch zum Kern der Sache! Sz. 4. Prinz von Dänemark. 173 Hamlet kommt her: was wollt Ihr unternehmen, Um Euch zu zeigen Eures Vatets Sohn In Thaten mehr als Worten? Laert. Ihn in der Kirch' erwuͤrgen. Roͤn. Mord ſollte freilich nirgends Freiſtatt finden, Und Rache keine Graͤnzen. Doch, Laertes, Wollt Ihr dieß thun, ſo haltet Euch zu Haus. Wir laſſen Eure Trefflichkeit ihm preiſen, Und doppelt uͤberfirniſſen den Ruhm, Den Euch der Franke gab; kurz, bringen Euch zuſammen, Und ſtellen Wetten an auf Eure Koͤpfe. Er, achtlos, edel, frey von allem Arg', Wird die Rapiere nicht beſehn; ſo könut Ihr leicht durch Kunſtgriff und Vertauſchung Euch eine nicht geſtumpfte Klinge waͤhlen, Und ihn mit einem liſtig böſem Stoß Fuͤr Euren Vater lohnen. Laert. Ich wills thun, Und zu dem Endzweck meinen Degen ſalben. Ein Charlatan verkaufte mir ein Mittel, So toͤdtlich, taucht man nur ein Meſſer drein, Wo's Blut zieht, kann kein noch ſo köſtlich Pflaſter Von allen Kraͤutern unterm Mond, mit Kraft Geſegnet, das Geſchöpf vom Tode retten, Das nur damit geritzt iſt; mit dem Gift Will ich die Spitze meines Degens netzen, So daß es, ſtreif' ich ihn nur obenhin, Den Tod ihm bringt. Roͤn. Bedenken wir dieß ferner, Was fuͤr Beguͤnſtigung von Zeit und Mitteln Zu unſerm Ziel kann fuͤhren. Schläͤgt dieß fehl, Und blickt durch unſte ſchlechte Ausführung Die Abſicht, ſo waͤrs beſſer nicht verſucht; Drum muß der Plan noch einen Ruͤckhalt haben, Der Stich haͤlt, wenn er in der Probe birſt. Still, laßt mich ſehn!— Wir gehen feierlich Auf Euer beider Stärke Wetten ein— Ich hab's: Wenn Ihr vom Fechten heiß und durſtig ſeyd, (Ihr muͤßt deshalb die Gaͤnge heft'ger machen) Und er zu trinken fordert, ſoll ein Kelch Bereit ſtehn, der, wenn er davon nur nippt, 174 Hamlet, A. IV. Entging' er etwa Eurem gift'gen Stich, Noch unſern Anſchlag ſichert. Aber ſtill! Was fuͤr ein Laͤrm? (Die Königin kommt.) Nun, werthe Koͤnigin?* Roönigin. Ein Leiden tritt dem andern auf die Ferſen, So ſchleunig folgen ſie: Laertes, Eure Schweſter iſt ertrunken. Laert. Ertrunken ſagt Ihr? Wo? Roͤnigin. Es neigt ein Weidenbaum ſich uͤbern Bach, Und zeigt im klaren Strom ſein graues Laub, Mit welchem ſie phantaſtiſch Kraͤnze wand Von Hahnfuß, Reſſeln, Maaßlieb, Purpurblumen, Die freche Schaͤfer groͤblicher benennen, Doch zuͤcht'ge Jungfraun kodte Mannesfinger: Dort, als ſie aufklomm, um ihr Laubgewinde An den geſenkten Aeſten aufzuhaͤngen, Zerbrach ein falſcher Zweig, und niederfielen Die rankenden Trophaen und ſie ſelbſt Ins weinende Gewaͤſſer. Ihre Kleider Verbreiteten ſich weit, und trugen ſie Sirenengleich ein Weilchen noch empor, Indeß ſie Stellen alter Weiſen ſang, Als ob ſie nicht die eigne Noth begriffe, Wie ein Geſchoͤpf, geboren und begabt Fuͤr dieſes Element. Doch lange waͤhrt' es nicht, Bis ihre Kleider, die ſich ſchwer getrunken, Das arme Kind von ihren Melodien Hinunterzogen in den ſchlamm'gen Tod. Laert. Ach, iſt ſie denn ertrunken? Roͤnigin. Ertrunken. Laert. Zu viel des Waſſers haſt du, arme Schweſter! Drum halt' ich meine Thraͤnen auf. Und doch Iſts unſre Art; Natur haͤlt ihre Sitte, Was Scham auch ſagen mag; ſind die erſt fort, So iſt das Weib heraus.— Lebt wohl, mein Fuͤrſt! Ich habe Flammenworte, welche gern Auffodern mochten, wenn nur dieſe Thorheit Sie nicht ertraͤnkte. 65 Cab.) —— — Sz. 4. Prinz von Dänemark. 175⁵ Roͤn. Laßt uns folgen, Gertrud. Wie hatt' ich Muͤhe, ſeine Wuth zu ſtillen! Nun, fuͤrcht' ich, bricht dieß wieder ihre Schranken: Drum laßt uns folgen,(ab.) N N . Fünfter Aufzug. Erſte Szene. Ein Kirchhof. Gwei Todtengräber kommen mit Spaten u. ſ. w.) — 1. Todtengräber. Spoll die ein chriſlich Begräbniß erhalten, die vorſihlich ihre eigne Seligkeit ſucht? 2. Todteng. Ich ſage dir, ſie ſoll's, mach' alſo flugs ihr Grab. Der Todtenbeſchauer hat uͤber ſie geſeſſen, und chriſtlich Begraͤbniß erkannt. 4. Todteng. Wie kann das ſeyn, wenn ſie ſich nicht defenſionsweiſe ertraͤnkt hat? 2. Todteng. Nun, es iſt ſo befunden. 1. Todteng. Es muß aber se offendendo geſchehn, es kann nicht anders ſeyn. Denn dieß iſt der Punkt: wenn ich mich wiſſentlich ertraͤnke, ſo beweiſt es eine Handlung, und eine Handlung hat drei Stuͤcke; ſie beſteht in Han⸗ deln, Thun und Verrichten: Ergel, hat ſie ſich wiſſentlich ertraͤnkt. 2. Todteng. Ei, hort doch, Gevatter Schaufler. 1. Todteng. Erlaubt mir. Hier ſieht das Waſſer! gut! hier ſteht der Menſch: gut!— Wenn der Menſch zu dieſem Waſſer geht und ſich ſelbſt ertraͤnkt, ſo bleibts dabei, er mag wollen oder nicht, daß er hingeht. Merkt Euch das! Aber wenn das Waſſer zu ihm kommt, und ihn 176 Hamlet, A. W. ertränkt, ſo erträͤnkt er ſich nicht ſelbſt. Ergel, wer an ſei⸗ nem eignen Tode nicht Schuld iſt, verkuͤrzt ſein eignes Leben nicht. 2. Todteng. Iſt das Rechtens? 1. Todteng. Eifreilich, nach dem Todtenbeſchauer⸗Recht. 2. Todteng. Wollt Ihr die Wahrheit wiſſen? Wenn's kein Fraͤulein geweſen waͤre, ſo wäre ſie auch nicht auf ge⸗ weihtem Boden begraben. 1. Todteng. Ja, da haben wirs. Und es iſt doch ein Jammer, daß die großen Leute in dieſer Welt mehr Auf⸗ munterung haben, ſich zu haͤngen und zu erſäufen als ihre Chriſtenbruͤder. Komm, den Spaten her! Es giebt keine ſo alten Edelleute als Gärtner, Grabenmacher und Todten⸗ graͤber: ſie pflanzen Adams Profeſſion fort. 2. Todteng. War der ein Edelmann? 1. Todteng. Er war der erſte, der je armirt war. 2. Todteng. Ei, was wolit' er! 1. Todteng. Was? biſt ein Heide? Wie legſt du die Schrift aus? Die Schrift ſagt: Adam grub. Konnte er ohne Arme graben? Ich will dir noch eine andre Frage vorlegen: wenn du mir nicht gehoͤrig antworteſt, ſo bekenne— 2. Todteng. Nur zu! 4. Todteng. Wer baut feſter als der Maurer, der Schiffsbaumeiſter oder der Zimmermann? 2. Todteng. Der Galgenmacher, denn ſein Gebaͤude uͤberlebt an die tauſend Bewohner. 1. Todteng. Dein Witz gefaͤllt mir, meiner Treu. Der Galgen thut gut: aber wie thut er gut? Er thut gut an denen, die uͤbel thun. Nun thuſt du uͤbel, zu ſagen, daß der Galgen ſtaͤrker gebaut iſt, als die Kirche, alſo wuͤrde der Galgen an dir gut thun. Noch'mal dran! friſch! 2. Todteng. Wer ſtaͤrker baut als ein Maurer, ein Schiffsbaumeiſter oder ein Zimmermann? 1. Todteng. Ja, ſag mir das, und du ſollſt Feierabend aben. 2. Todteng. Mein Seel, nun kann ichs ſagen. 1. Todteng. Friſch! 2. Todteng. Sapperment, ich kanns doch nicht ſagen. Cbamlet und Horatio treten in einiger Entfernung auf.) 1. Todteng. Pruͤgle dir den Kopf nicht langer deshalb, der dumme Cſel geht doch nicht ſchneller, wie du ihn auch Sz. 1. Prinz von Dänemark. 177 ſchlagen magſt; und wenn dir jemand das naͤchſte Mal die Frage thut, antworte: der Todtengraber. Die Haͤuſer, die er baut, waͤhren bis zum juͤngſten Tage. Geh, mach dich ins Wirthshaus, und hole mir einen Schoppen zu trinken. Gweiter Todtengräber ab.) (Er gräbt und ſingt.) In Jugendzeit ich liebte, ja liebte, Mich duͤnkt, das war ſehre ſuß, O die Zeit hinzubringen, ach: wie ich es uͤbte, O mich duͤnkt, nichts beſondres war dieß. Faml. Hat dieſer Kerl kein Gefuͤhl von ſeinem Ge⸗ ſchaͤft? Er graͤbt ein Grab und ſingt dazu. Bor. Die Gewohnheit hat es ihm zu einer leichten Sache gemacht. Zaml. So pflegt es zu ſeyn; je weniger eine Hand verrichtet, deſto zarter iſt ihr Gefuhl. 1. Todtengräber(ſingt.) Doch Alter mit dem ſchleichenden Tritt Hat mich gepackt mit der Fauſt, Und ſchiffte mich in jenes Land, Als hätt' ich ſonſt nirgend gehauſt. (Wirft einen Schädel auf.) Zaml. Der Schaͤdel hatte einmal eine Zunge und konnte ſingen: wie ihn der Schuft auf den Boden ſchleu⸗ dert, als waͤr' es der Kinnbacken Kains, der den erſten Mord beging! Dieß mochte der Kopf eines Politikers ſeyn, den dieſer Eſel nun uͤberliſtet; eines, der Gott den Herrn hintergehen wollte; nicht wahr? Sor. Es iſt moͤglich. Zaml. Oder eines Hofmannes, der ſagen konnte: „Guten Morgen, geliebteſter Prinz! wie gehts, beſter Prinz?“ Dieß mochte der gnaͤdige Herr der und der ſeyn, der des gnaͤdigen Herrn des und des Pferd lobte, weun er es gern zum Geſchenk gehabt hätte: nicht wahr? Sor. Ja, mein Prinz. Haml. Ja ja, und nun Junker Wurm; eingefallen und mit einem Todtengraͤberſpaten um die Kinnbacken ge⸗ ſchlagen. Das iſt mir eine ſchoͤne Verwandlung, wenn wir nut die Kunſt beſaͤßen ſie zu ſehn. Haben dieſe VI. 12 X 178 Hamlet, A. V. Knochen nicht mehr zu unterhalten gekoſtet, als daß man Kegel mit ihnen ſpielt? Meine thun mir weh, wenn ich daran denke. 1. Todtengraber(ſingt.) Ein Grabſcheit und ein Spaten wohl, Samt einem Kittel aus Lein, Und o, eine Grube, gar tief und hohl, Fuͤr ſolchen Gaſt muß ſeyn. (Wirft einen Schädel auf.) Baml. Da iſt wieder einer: warum koͤnnte das nicht der Schaͤdel eines Rechtsgelehrten ſeyn? Wo ſind nun ſeine Klauſeln, ſeine Praktiken, ſeine Fälle und ſeine Kniffe? Warum leidet er nun, daß dieſer grobe Flegel ihn mit einer ſchmutzigen Schaufel um den Hirnkaſten ſchlaͤgt, und droht nicht, ihn wegen Thaͤtlichkeiten zu belangen? Hum! Dieſer Geſelle wan vielleicht zu ſeiner Zeit ein gro⸗ ßer Kaͤufer von Laͤndereien. Mit ſeinen Hypotheken, ſei⸗ nen Grundzinſen, ſeinen Reukaufen, ſeinen Gewaͤhrsman⸗ nern, ſeinen gerichtlichen Auflaſſungen und Wiedererſtattun⸗ gen. Iſt dieß nun der lezte Kauf ſeines Reukaufs und die Erſtattung ſeiner Wiedererſtattung, daß man ihm den ſtattlichen Hirnkaſten mit herrlichem Koth ausſtattet? Wer⸗ den ihm ſeine Gewaͤhrsmaͤnner nichts mehr von ſeinen erkauften Guͤtern gewaͤhren, als die Laͤnge und Breite von ein paar Kontrakten? Sogar die Uebertragungsurkun⸗ den ſeiner Laͤndereien koͤnnten kaum in dieſer Schachtel liegen: und ſoll der Eigenthuͤmer ſelbſt nicht mehr Raum haben? He? Sor. Nicht ein Tuͤttelchen mehr, mein Prinz. Baml. Wird nicht Pergament aus Schaafsfellen ge⸗ macht? Sor. Ja, mein Prinz, und aus Kalbsfellen auch. Zaml. Schaafe und Kaͤlber ſind es, die darin ihre Sicherheit ſuchen. Ich will dieſen Burſchen anreden.—. Weſſen Grab iſt das, heda? 1. Todteng. Meines, Herr. Cſingt.) Und o, eine Grube, gar tief und hohl, Fuͤr ſolchen Gaſt muß ſeyn. Haml. Ich glaube wahrhaftig, daß es deines iſt, denn du liegſt darin. Sz. 1. Prinz von Dänemark. 179 1. Todteng. Ihr liegt draußen, Herr, und alſo iſts nicht Eures; ich liege nicht darin, und doch iſt es meines. Zaml. Du liegſt darin, weil du darin biſt, und ſagſt, daß es deines iſt. Es iſt aber fuͤr die Todten, nicht fuͤr die Lebendigen, alſo lugſt du. 1. Todteng.„S iſt eine lebendige Luͤge, Herr, ſie will von mir weg, zu Euch zuruͤck. Zaml. Fuͤr was für einen Mann graͤbſt du es? 1. Todteng. Fuͤr keinen Mann. BZaml. Fuͤr was fuͤr eine Frau denn? 1. Todteng. Auch für keine. Baml. Wer ſoll denn darin begraben werden? 1. Todteng. Eine geweſene Frau, Herr; aber, Gott hab ſie ſeelig! ſie iſt todt. Zaml. Wie keck der Burſch iſt! Wir muͤſſen nach der Schnur ſprechen, oder er ſticht uns mit Sylben zu Tode. Wahrhaftig, Horatio, ich habe ſeit dieſen drei⸗ Jahren darauf geachtet: das Zeitalter wird ſo ſpitzfindig, daß der Bauer dem Hofmann auf die Ferſen tritt.— Wie lange biſt du ſchon Todtengraͤber? 1. Todteng. Von allen Tagen im Jahre kam ſch juſt den Tag dazu, da unſer voriger Koͤnig Hamlet den For⸗ tinbras uͤberwand. Saml. Wie lange iſt das her? 1. Todteng. Wißt Ihr das nicht? Das weiß jeder arr. Es war denſelben Tag, wo der junge Hamlet ge⸗ 6 der nun toll geworden und nach England ge⸗ ickt iſt. Si Ei ſo! Warum haben ſie ihn nach England geſchickt?— 1. Todteng. Nu, weil er toll war. Er ſoll ſeinen Ver⸗ ſtand da wieder kriegen; und wenn er ihn nicht wieder⸗ kriegt, ſo thuts da nicht viel. Zaml. Warum? 1. Todteng. Man wirds ihm da ni die Leute ſind da eben ſo toll, wie er. Zaml. Wie wurde er toll? 1. Todteng. Seltſam genug, ſagen ſie. Saml. Wie ſeltſam? 1. Todteng. Mein Seel, juſt dadurch, daß er den Verſtand verlor. Baml. Kennt Ihr den Grund? 1. Todteng. Freilich, Daͤniſcher Su und Boden. cht viel anmerken; 180 Hamlet, Ich bin hier ſeit dreißig Jahren Todtengraͤber geweſen, in jungen und alten Tagen. Zaml. Wie lange liegt wohl einer in der Erde, eh' er verfault? 1. Todteng. Mein Treu, wenn er nicht ſchon vor dem Tode verfanlt iſt(wie wir denn heut zu Tage viele luſt⸗ ſieche Leichen haben, die kaum bis zum Hineinlegen hal⸗ ten), ſo dauert er Euch ſo ein acht oder neun Jahr; ein Lohgerber neun Jahre. Zaml. Warum der laͤnger als ein andrer? 1. Todteng. Ei, Herr, ſein Gewerbe gerbt ihm das Fell ſo, daß es eine lange Zeit das Waſſer abhaͤlt, und das Waſſer richtet ſo ne Blitzleiche verteufelt zu Grunde. Hier iſt ein Schaͤdel, der Euch drei und zwanzig Jahre in der Erde gelegen hat. Zaml. Wem gehoͤrte 2 1. Todteng. Einem unklugen Blitzkerl. Wer denkt Ihr, daß es war? Zaml. Ja, ich weiß nicht. 1. Todteng. Das Wetter uͤber den unklugen Schalk! Er goß mir einmal eine Flaſche Rheinwein uͤber den Kopf. Dieſer Schaͤdel da war Yoricks Schaͤdel, des Koͤnigs Spaßmacher. Zaml. Dieſer? 5 (Nimmt den Schädel.) 1. Todteng. Ja, ja, eben der. BZaml. Ach armer Yorick!— Ich kannte ihn, Horatio, ein Burſch von unendlichem Humor, voll von den herr⸗ lichſten Einfaͤllen. Er hat mich tanſendmal auf dem Ruͤk⸗ ken getragen, und jetzt, wie ſchaudert meiner Einbildungs⸗ kraft davor! mir wird ganz uͤbel. Hier hingen dieſe Lp⸗ pen, die ich gekuͤßt habe, ich weiß nicht wie oft. Wo find nun deine Schwaͤnke? deine Spruͤnge? deine Lieder, deine Blitze von Luſtigkeit, wobei die ganze Tafel in Lachen ausbrach? Iſt jetzt keiner da, der ſich uͤber dein eignes Grinſen aufhielte? Alles weggeſchrumpft? Run begieb dich in die Kammer der gnaͤdigen Frau, und ſage ihr, wenn ſie auch einen Finger dick auftegt: ſo'n Geſicht muß ſie — endlich bekommen; mach' ſie damit zu lachen!— gut, Horatio, ſage mir dieß Eine⸗ 8 Sz. 1. Prinz von Daͤnemark. Zor. Und was, mein Prinz? Zaml. Glaubſt du, daß Alexander in der Erde ſolcher⸗ geſtalt ausſah?. Zor. Gerade ſo. Zaml. Und ſo roch? pah! (Wirft den Schädel hin.) Bor. Gerade ſo, mein Prinz. Zaml. Zu was fuͤr ſchnöden Beſtimmungen wir um⸗ kehren moͤgen, Horatio! Warum ſollte die Einbildungs⸗ kraft nicht den edlen Staub Alexanders verfolgen koͤnnen, bis ſie ihn findet, wo er ein Spundloch verſtopft? Hor. Die Dinge ſo betrachten, hieße ſie allzugenan be⸗ trachten. Zaml. Nein, wahrhaftig, im Geringſten nicht. Man koͤnnte ihm beſcheiden genug dahin folgen, und ſich immer von der Wahrſcheinlichkeit fuͤhren laſſen. Zum Beiſpiel ſo: Alexander ſtarb. Alexander ward begraben, Alexander ver⸗ wandelte ſich in Staub; der Staub iſt Erde, aus Erde machen wir Lehm: und warum ſollte man nicht mit dem Lehm, worein er verwandelt ward, ein Bierfaß ſtopfen koͤnnen? Der große Caͤſar, todt und Lehm geworden, Verſtopft ein Loch wohl vor dem rauhen Norden. O daß die Erde, der die Welt gebebt, Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt! Doch ſtill! doch ſtill! Beiſeit! hier koöͤmmt der Koͤnig! MPrieſter u. ſ. w. kommen in Prozeſſion, die Leiche der Ophelia, Laertes und Leidtragende folgen ihr, der König, . die Königin, ihr Gefolge u. ſ. w.) Die Koͤnigin, der Hof: wem folgen ſie? Und mit ſo unvollſtänd'gen Feierlichkeiten?. Ein Zeichen, daß die Leiche, der ſie folgen, Verzweiflungsvolle Hand an ſich gelegt, Sie war von Stande: lauern wir ein Weilchen, Und geben Acht. Gieht ſich mit Horatio zurück. Laert. Was fuͤr Gebraucht kuſ⸗ Zaml. Das iſt Laertes, Ein edler junger Mann. Gebt Acht! Laert. Was fuͤr Gebraͤuche ſonſt? 1. Prieſt. Wir dehnten ihr Begraͤbniß aus, ſo weit Die Vollmacht reicht: ihr Tod war zweifelhaft, 182 Hamlet, A. V. Und wenn kein Machtgebot die Ordnung hemmte, So haͤtte ſie in ungeweihtem Grund Bis zur Gerichtstrommete wohnen muͤſſen. Statt chriſtlicher Gebete ſollten Scherben Und Kieſelſtein' auf ſie geworfen werden. Hier goͤnnt man ihr doch ihren Maͤdchenkranz Und das Beſtreun mit jungfraͤulichen Blumen, Gelaͤut und Grabſtaͤtt. Laert. So darf nichts mehr geſchehn? Prieſt. Nichts mehr geſchehn. Wir wuͤrden ja der Todten Dienſt entweihn, Wenn wir ein Requiem und Ruh ihr ſaͤngen. Wie fromm verſchiednen Seelen. Laert. Legt ſie in den Grund, Und ihrer ſchoͤnen unbefleckten Huͤlle Entſprießen Veilchen!— Ich ſag' dir, harter Prieſter, Ein Engel am Thron wird meine Schweſter ſeyn, Derweil du heulend liegſt. Zaml. Was? die ſchoͤne Ophelia? Roͤnigin(Blumen ſtreuend.. Der Suͤßen Suͤßes: Lebe wohl!— Ich hoffte, Du ſollteſt meines Hamlet Gattin ſeyn. Dein Brautbett, dacht⸗ ich, ſußes Kind, zu ſchmuͤcken, Nicht zu beſtreun dein Grab. Laert. O dreifach Wehe Treff' zehnmal dreifach das verfluchte Haupt, Deß Unthat deiner ſinnigen Vernunft Dich hat beraubt!— Laßt noch die Erde weg, Bis ich ſie nochmals in die Arme faſſe. (Springt in das Grab.) Nun haͤuft den Staub auf Lebende und Todte, Bis Ihr die Fläche habt zum Berg gemacht, Hoch über Pelion und das blaue Haupt Des wolkigen Olympus. Baml.(vortretend.) Wer iſt der, deß Gram So voll Emphaſe tont? Deß Spruch des Wehes Der Sterne Lauf beſchwoͤrt, und macht ſie ſtillſtehn Wie ſchreckbefangne Hoͤrer?— Dieß bin ich, Hamlet der Daͤne. (Springt in das Grab.)„ Laert. Dem Teufel deine Seele! (Ringt mit ihm.) Sz. 1. Prinz von Daͤnemark. Zaml. Du beteſt ſchlecht. Ich bitt' dich, laß die Hand von meiner Gurgel: Denn ob ich ſchon nicht jaͤh und heftig bin, So iſt doch was Gefaͤhrliches in mir, Das ich zu ſcheun dir rathe. Weg die Hand! Roͤn. Reißt ſie doch von einander. Roͤnigin. Hamlet! Hamlet! Alle. Ihr Herren—* Zor. Beſter Herr, ſeyd ruhig! (Einige vom Gefolge bringen ſie auseinander, und ſie kommen aus dem Grabe heraus.) Zaml. Ja, dieſe Sache fecht' ich aus mit ihm, So lang' bis meine Augenlieder ſinken. Ronigin. O mein Sohn! welche Sache? Baml. Ich liebt' Ophelien, vierzigtauſend Bruder Mit ihrem ganzen Maß von Liebe hatten Nicht meine Summ' erreicht.— ₰ wilſſt du fuͤr ſie thun? Ron. Er iſt verruͤckt, Laertes. Roͤnigin. Um Gotteswillen, laßt ihn! Saml. Beim Element, ſag was du thun willſt: Willſt weinen? fechten? faſten? dich zerreißen? Willſt den Fluß austrinken? Krokodile eſſen? Ich thu's.— Kommſt du zu winſeln her? Springſt, um mir Trotz zu bieten, in ihr Grab? Laß dich mit ihr begraben, ich will's auch; Und ſchwatzeſt du von Bergen, laß auf uns Millionen Hufen werfen, bis der Boden, Die Scheitel an der gluh'nden Zone ſengend, Den Oſſa macht zur Warze.— Prahlſt du groß, Ich kanns ſo gut wie du. Roͤnigin. Dieß iſt bloß Wahnſinn; So tobt der Anfall eineb Weil in ihm, 5 Doch gleich, geduldig wie das Taubenweibchen, Wenn ſie ihr goldnes Paar hat ausgebruͤtet, Senkt ſeine Ruh die Fluͤgel. Baml. Hoͤrt doch, Herr! Was iſt der Grund, daß Ihr mir ſo begegnet? ch liebt Euch immer: döch es macht nichts aus; S Laßt Herkuln ſelber nach Vermoͤgen thun, Die Katze maut, der Hund will doch An 184 Hamlet, AP. Roön. Ich bitte dich, Horatio, geh' ihm nach. (Poratio ab.) Laertes unſer geſtriges Geſpraͤch Muß die Geduld Euch ttaͤrken.— Gute Gertrud, Setzt eine Wache uber Euren Sohn. † Dieß Grab ſoll ein lebendig Denkmal haben. Bald werden wir der Ruhe Stunde ſehn, So lang' muß alles mit Geduld geſchehn. (Alle ab.) 8 weite Szene. Ein Saal im Schloſſe. (Hamlet und Horatio treten auf.) Zamlet. Hievon genug; nun komm' ich auf das andere. Erinnert Ihr Euch jedes Umſtands noch? Zor. Sehr wohl, mein gnaͤd'ger Herr! Baml. In meiner Bruſt war eine Art von Kampf, Der mich nicht ſchlafen ließ; mich duͤnkt, ich laͤge Noch ſchlimmer als im Stock die Meuter. Raſch— Und Dank dem raſchen Muthe!— Laßt uns einſehn Daß Unbeſonnenheit uns manchmal dient, Wenn tiefe Plane ſcheitern; und das lehr' uns, Daß eine Gottheit unſte Zwecke formt Wie wir ſie auch entwerfen— Bor. Sehr gewiß. Zaml. Aus meinem Schlafgemach, Den Schiffermantel um mich her geworfen, Tappt' ich herum nach ihnen, fand ſie glucklich, Griff ihr Packet, und zog mich ſchließlich wieder Zuruͤck in die Kajuͤte; meine Furcht Vergaß die Hoͤflichkeit, und dreiſt erbrach Ich ihren hoͤchſten Auftrag. Hier, Horatio, Fand ich ein koͤnigliches Bubenſtuͤck: Ein ſtreng Geheiß, geſpickt mit vielen Gruͤnden, Betreffend Danmarks Heil, und Englands auch— 3 Sz. 2. Prinz von Daͤnemark. 185 Und, heida! ſolch ein Spuk, wenn ich entkäme— Daß gleich auf Sicht, ohn' alle Zoͤgerung, Auch nicht ſo lang', um nur das Beil zu ſchaͤrfen, Das Haupt mir abgeſchlagen werden ſollte. . Zor. Iſts moͤglich? Saml. Hier iſt der Auftrag: ließ ihn nur bei Muße. 3 Doch willſt du hoͤren, wie ich nun verfuhr? Sor. Ja, ich erſuch' Euch drum. Zaml. So rings umſtrickt mit Buͤbereien, fing, Eh ich noch den Prolog dazu gehalten, Mein Kopf das Spiel ſchon an. Ich ſetzte mich, Sann einen Auftrag aus, ſchrieb ihn ins Reine. Ich hielt es einſt, wie unſre großen Herrn, Fuͤr niedrig, ſchoͤn zu ſchreiben, und bemuͤhte Mich ſehr es zu verlernen; aber jetzt That es mir Ritterdienſte. Willſt du wiſſen, Was meine Schrift enthielt? SZor. Ja beſter Herr. Baml. Die ernſtliche Beſchwörung von dem Konig, Wofern ihm England treu die Lehnspflicht hielte, Wofern ihr Bund bluͤhn ſollte wie die Palme, Wofern der Fried' in ſeinem Aehrenkranz Stets beider Freundſchaft bindend ſollte ſtehn, Und manchem wichtigen Wofern der Art— Wann er den Inhalt dieſer Schrift erſehn, Moͤcht' er ohn' alles fernere Bedenken Die Ueberbringer ſchnell zum Tode foͤrdern. Selbſt ohne Friſt zum Beichten. Zor. Wie wurde dieß verſiegelt? Jaml. Auch darin war des Himmels Vorſicht wach, Ich hatt' im Beutel meines Vaters Petſchaft, Das dieſes Daͤn ſchen Siegels Muſter war. ch faltete den Brief dem andern gleich. ann unterſchrieb ich, druckte drauf das Siegel, Legt ihn an ſeinen Ort; der Wechſelbalg Ward nicht erkannt. Am naͤchſten Tage nun War unſer Seegefecht, und was dem folgte, Das weißt du ſchon. Sor. Und Guͤldenſtern und Roſenkranz gehn drauf. Zaml. Ei, Freund, ſie buhlten ja um dieß Geſchaͤft, Sie ruͤhren mein Gewiſſen nicht; ihr Fall Entſpringt aus ihrer eignen Einmiſchung. 'S iſt mißlich, wenn die ſchlechtere Natur 186 Hamlet, A. V. Sich zwiſchen die entbrannten Degenſpiten Von maͤcht'gen Gegnern ſtellt. Was fuͤr ein Koͤnig? or. Zaml. Was duͤnkt dir, liegts mir jetzo nah genug? Der meinen König todtſchlug, meine Mutter Zur Hure machte; zwiſchen die Erwaͤhlung Und meine Hoffnungen ſich eingedraͤngt; Die Angel warf nach meinem eignen Leben Mit ſolcher Hinterliſt: iſts nicht vollkommen billig, Mit dieſem Arme dem den Lohn zu geben? Und iſt es nicht Verdammniß, dieſen Krebs An unſerm Fleiſch noch laͤnger nagen laſſen? Sor. Ihm muß von England bald gemeldet werden, Wie dort der Ausgang des Geſchaͤftes iſt. Zaml. Bald wirds geſchehn: die Zwiſchenzeit iſt mein; Ein Menſchenleben iſt als zaͤhlt man eins. Doch ich bin ſehr bekuͤmmert, Freund Horatio, Daß mit Laertes ich mich ſelbſt vergaß: Denn in dem Bilde ſeint Sache ſey' ich Der meinen Gegenſtuͤck. Ich ſchaͤtz' ihn gern, Doch wirklich, ſeines Schmerzes Prahlerei Emporte mich zu wilder Leidenſchaft. Zor. Still doch! wer kommt? (Dſrick kommt.) Gſrick. Willkommen Eure Hoheit hier in Daͤnmark. Saml. Ich dank' Euch ergebenſt, Herr.— Kennſt du dieſe Muͤcke? Zor. Nein, beſter Herr. Haml. Um ſo beſſer iſt fuͤr dein Heil geſorgt, denn es iſt ein Laſter ihn zu kennen. Er beſitzt viel und fruchtba⸗ res Land: wenn ein Thier Fuͤrſt der Thiere iſt, ſo wird ſeine Krippe neben des Koͤnigs Gedeck ſtehn. Er iſt eine Elſter, aber wie ich dir ſagte, mit weitlaͤuftigen Beſitzun⸗ gen von Koth geſegnet⸗ Gſrick. Geliebteſter Prinz, wenn Eure Hoheit Muße hätte, ſo wuͤnſch ich Euch etwas von ſeiner Majeſtaͤt mit⸗ zutheilen. Baml. Ich will es mit aller Aufmerkſamkeit empfan⸗ Eure Muͤtze an ihre Stelle: ſie iſt fuͤr den opf. Gſrick. Ich danke Eurer Hoheit, es iſt ſehr heiß. Sz. 2. Prinz von Dänemark. 187 Zaml. Nein, auf mein Wort, es iſt ſehr kalt; der Wind iſt nordlich. Gſrick. Es iſt ziemlich kalt, in der That, mein Prinz. Zaml. Aber doch duͤnkt mich, es iſt ungemein ſchwuͤl und heiß, oder mein Temperament— Gſrick. Außerordentlich, gnaͤdiger Herr, es iſt ſehr ſchwuͤl— auf gewiſſe Weiſe— ich kann nicht ſagen wie. Gnädiger Herr, ſeine Majeſtät befahl mir Euch wiſſen zu laſſen, daß er eine große Wette auf Euren Kopf angeſtellt hat. Die Sache iſt folgende, Herr! BZaml. Ich bitte Euch, vergeßt nicht! (Hamlet nöthigt ihn den Hut aufzuſetzen.) Gſrick. Erlaubt mir, wertheſter Prinz, zu meiner eig⸗ nen Bequemlichkeit. Vor kurzem, Herr, iſt Laertes hier an den Hof gekommen: auf meine Ehre ein vollkommner Kavalier, von den vortrefflichſten Auszeichnungen, von einer ſehr gefaͤlligen Unterhaltung und glaͤnzendem Aeußern. In der That, um mit Sinn von ihm zu ſprechen, er iſt die Muſterkarte der feinen Lebensart, denn Ihr werdet in ihm den Inbegriff aller Gaben finden, die ein Kavalier nur wuͤnſchen kann zu ſehn. Zaml. Seine Erorterung, Herr, leidet keinen Verluſt in Eurem Munde, ob ich gleich weiß, daß es die Rechen⸗ kunſt des Gedaͤchtniſſes irre machen wuͤrde, ein vollſtaͤndi⸗ ges Verzeichniß ſeiner Eigenſchaften aufzuſtellen. Und doch wuͤrde es nur aus dem Groben ſeyn, in Ruͤckſicht ſeines behenden Fluges. Aber im heiligſten Ernſte der Lobprei⸗ ſung, ich halte ihn fuͤr einen Geiſt von großem Umfange, und ſeine innere Begabung ſo koͤſtlich und ſelten, daß, um uns wahrhaft uͤber ihn auszudruͤcken, nur ſein Spiegel ſeines Gleichen iſt, und wer ſonſt ſeiner Spur nachgehen will, ſein Schatten, nichts weiter. Gſrick. Eure Hoheit ſpricht ganz untruͤglich von ihm. aml. Der Betreff, Herr? Warum laſſen wir den rauhen Athem unſter Rede über dieſen Kavalier gehen? Gſrick. Prinz? Sor. Alſo iſt es nicht moglich, ſich in einer andern Sprache verſtändlich zu machen? Ihr werdet es konnen, Herr, jetzt gewiß. aml. Was bedeutet die Nennung dieſes Kavaliers? ſrick. Des Laertes? Zor. Sein Beutel iſt ſchon leer: alle ſeine goldnen Worte ſind ausgegeben. 188 Hamlet, A. V. Baml, Ja, des nehmlichen. Gſrick. Ich weiß, Ihr ſeyd nicht unterrichtet— Zaml. Ich wollte, Ihr wuͤßtet es, Herr, ob es mich gleich, bei meiner Ehre! noch nicht ſehr empfehlen wuͤrde. — Nun wohl, Herr! Gſrick. Ihr ſeyd nicht ununterrichtet, welche Vollkom⸗ menheit Laertes beſitzt— Jaml. Ich darf mich deſſen nicht ruͤhmen, um mich nicht mit ihm an Vollkommenheit zu vergleichen; einen Se Mann aus dem Grunde kennen, hieße ſich ſelbſt ennen. Gſrick. Ich meine, Herr, was die Fuͤhrung der Waf⸗ fen betrifft; nach der Beimeſſung, die man ihm ertheilt, iſt er darin ohne Gleichen. Zaml. Was iſt ſeine Waffe? Gſrick. Degen und Stoßklinge. aml. Das waͤren denn zweierlei Waffen; doch weiter. Gſrick. Der Koͤnig, Herr, hat mit ihm ſechs Barber⸗ hengſte gewettet; wogegen er, wie ich hoͤre, ſechs franzoͤſi⸗ ſche Degen ſamt Zubehoͤr, als Guͤrtel, Gehenke, und ſo weiter, verpfaͤndet hat. Drei von den Geſtellen ſind in der That dem Auge ſehr gefaͤllig, den Gefaͤßen ſehr ange⸗ meſſen, unendlich zierliche Geſtelle, und von ſehr geſchmack⸗ voller Erfindung.— Zaml. Was nennt Ihr die Geſtelle? Sor. Ich wußte, Ihr wuͤrdet Euch noch an ſeinen Randgloſſen erbauen muͤſſen, ehe das Geſpraͤch zu Ende waͤre. Gſrick. Die Geſtelle ſind die Gehenke. Saml. Der Ausdruck wuͤrde ſchicklicher fuͤr die Sache ſeyn, wenn wir eine Kanone an der Sache fuͤhren koͤnn⸗ ten; bis dahin laßt es immer Gehenke bleiben. Aber weiter: ſechs Barberhengſte gegen ſechs franzoͤſiſche Degen, ihr Zubehoͤr, und drei geſchmackvoll erfundne Geſtelle: das iſt eine Franzoͤſiſche Wette gegen eine Daͤniſche. Weswe⸗ gen haben ſie dieß verpfaͤndet, wie Ihrs nennt? Gſrick. Der Koͤnig, Herr, hat gewettet, daß Laertes in zwoͤlf Stoͤßen von beiden Seiten nicht uͤber drei vor Euch voraushaben ſoll; er hat auf zwoͤlf gegen neun ge⸗ wettet; und es wuͤrde ſogleich zum Verſuch kommen, wenn Eure Hoheit zu der Erwiederung geneigt waͤre. Zaml. Wenn ich nun erwiedre: nein? S2. Prinz von Daͤnemark. 180 Gſrick. Ich meine, gnaͤdiger Herr, die Stellung Eurer Perſon zu dem Verſuche. Saml. Ich will hier im Saale auf und ab gehn; wenn. es ſeiner Majeſtaͤt gefaͤllt, es iſt jetzt bei mir die Stunde friſche Luft zu ſchoͤpfen. Laßt die Rapiere bringen; hat Laertes Luſt, und bleibt der Koͤnig bei ſeinem Vorſatze, ſo will ich fuͤr ihn gewinnen, wenn ich kann; wo nicht, ſo werde ich nichts als die Schande und die uͤberzaͤhligen Stoͤße davontragen. Gſrick. Soll ich Eure Meinung ſo erklaͤren? Baml. In dieſem Sinne, Herr, mit Ausſchmuͤckungen nach Eurem Geſchmack. Gſrick. Ich empfehle Eurer Hoheit meine Erge⸗ benheit.(ab.) Zaml. Der Eurige. Er thut wohl daran, ſie ſelbſt ſeiſhhp es moͤchte ihm ſonſt kein Mund zu Gebote ehn. Zor. Dieſer Kiebitz iſt mit der halben Eierſchaale auf dem Kopfe aus dem Netze gelaufen. Zaml. Er machte Umſtände mit ſeiner Mutter Bruſt, eh' er daran ſog. Auf dieſe Art hat er, und viele Andre von demſelben Schlage, in die das ſchale Zeitalter verliebt iſt, nur den Ton der Mode und den aͤußerlichen Schein der Unterhaltung erhaſcht: eine Art von aufbrauſender Mi⸗ ſchung, die ſie durch die bloͤdeſten und geſichtetſten Urtheile mitten hindurch fuͤhrt; aber man treibe ſie nur zu naͤherer Pruͤfung und die Blaſen platzen. (Ein Edelmann kommt.) Edelm. Gnaͤdiger Herr, ſeine Majeſtaͤt hat ſich Euch durch den jungen Oſrick empfehlen laſſen, der ihm meldet, daß Ihr ihn im Saale erwarten wollt“ Er ſchickt mich um zu fragen: ob Eure Luſt mit Laertes zu fechten, fort⸗ dauert, oder ob Ihr laͤngern Aufſchub dazu verlangt. Baml. Ich bleibe meinen Vorſaͤtzen treu, ſie richten ſich nach des Koͤnigs Wuͤnſchen. Wenn es ihm gelegen iſt, bin ich bereit, jetzt oder zu jeder andern Zeit; vorausgeſetzt, daß ich ſo gut im Stande bin, wie jetzt. Edelm. Der Koͤnig, die Koͤnigin und alle ſind auf dein Wege hieher. Saml. In Gottes Nameu. Edelm. Die Koͤnigin wuͤnſcht, Ihr moͤchtet den Laer⸗ tes freundſchaftlich anreden, ehe Ihr anfangt zu fechten. 190 Hamlet, A. V. Zaml. Ihr Rath iſt gut. (Der Edelmann ab.) Zor. Ihr werdet dieſe Wette verlieren, mein Prinz. Haml. Ich denke nicht, ſeit er nach Frankreich ging, bin ich in beſtaͤndiger Uebung geblieben; ich werde bei der ungleichen Wette gewinnen. Aber du kannſt dir nicht vorſtellen, wie uͤbel es mir hier ums Herz iſt. Doch es thut nichts Sor. Nein, beſter Herr— Zaml. Es iſt nur Thorheit; aber es iſt eine Art von ſchlunmer Ahndung, die vielleicht ein Weib aͤngſtigen wuͤrde. SZor. Wenn Eurem Gemuͤth irgend etwas widerſteht, ſo geborcht ihm: ich will ihrer Hieherkunft zuvorkommen, und ſagen, daß Ihr nicht aufgelegt ſeyd. Zaml. Nicht im geringſten. Ich trotze allen Vorbe⸗ deutungen: es waltet eine beſondere Vorſehung uͤber den Fall eines Sperlings. Geſchieht es jetzt, ſo geſchieht es nicht in Zukunft; geſchieht es nicht in Zuknnft, ſo geſchieht es jetzt; geſchieht es jetzt nicht, ſo geſchieht es doch einmal in Zukunft. In Bereitſchaft ſeyn iſt alles. Da kein Menſch irgend beſitzt, was er verlaͤßt, was kommt darauf an, fruͤh⸗ zeitig zu verlaſſen? Mags ſeyn! (Der König, die Königin, Laertes, Herren vom Hofe, Oſrick, und andres Gefolge mit Rapieren und Fechthandſchuhen, ein Tiſch wird gebracht, und einige Flaſchen Wein.) Boͤn. Kommt, Hamlet, kommt! nehmt dieſe Hand von mir. (Der König legt die Hand des Laertes in die des Hamlet.) Zaml. Gewaͤhrt Verzeihung, Herr! ich that Euch * Unrecht, Allein verzeiht um Eurer Ehre willen. Der Kreis hier weiß, Ihr hoͤrtet's auch gewiß, 6 Wie ich mit ſchweren Truͤbſinn bin geplagt. Was ich gethan, Das die Natur in Euch, die Ehr' und Sitte Hart aufgeregt, erklaͤr' ich hier fuͤr Wahnſinn⸗ Wars Hamlet, der Laertes kraͤnkte? Nein!“ Wenn Hamlet von ſich ſelbſt geſchieden iſt, Und weil er nicht er ſelbſt, Laertes kraͤnkt, Dann thut es Hamlet nicht, Hamlet veriaͤugnets. —— —— ——„ Sz. 2. Prinz von Dänemark. 191 Wer thut es denn? Sein Wahnſinn. Iſt es ſo, So iſt er ja auf der Gekraͤnkten Seite: Sein Wahnſinn iſt des armen Hamlets Feind. Vor dieſen Zeugen, Herr, Laßt mein Verläugnen aller ſchlimmen Abſicht So weit vor Eurer Großmuth frei mich ſprechen, Als ich den Pfeil nur ſandte uͤbers Haus, Und meinen Bruder traf. Laert. Mir iſt genug geſchehn fuͤr die Natur, Die mich in dieſem Fall am ſtaͤrkſten ſollte Zur Rache treiben. Doch nach Ehrenrechten Halt' ich mich fern und weiß nichts von Verſoͤhnung, Bis aͤltre Meiſter von geprufter Ehre Zum Frieden ihren Rath und Spruch verleihn, Fuͤr meines Namens Rettung; bis dahin Empfang' ich Eure dargebotne Liebe Als Lieb, und will ihr nicht zu nahe thun. Saml. Gern tret' ich bei, und will mit Zuverſicht Um dieſe bruderliche Wette fechten. Gebt uns Rapiere, kommt! Laert. Kommt, einen mir. Roͤn. Gebt ihnen die Rapiere, junger Oſeick. Ihr wißt doch, Vetter Hamlet, unſre Wette? Zami. Vollkommen: Eure Hoheit hat den Ausſchlag Des Preiſes auf die ſchwäch're Hand gelegt. Roͤn. Ich fuͤrcht' es nicht, ich ſah Euch beide ſonſt; Er lernte zu, drum giebt man uns voraus. Laert. Der iſt zu ſchwer, laßt einen andern ſehn. Baml. Per ſteht mir an; ſind alle gleicher Laͤnge? (Sie bereiten ſich zum Fechten.) gftic, beſter Herr. Roͤn. Setzt mir die Flaſchen Wein auf dieſen Tiſch: Wenn Hamlet trifft zum erſten oder 3 Wenn er beim dritten Tauſch den Stoß erwiedert, Laßt das Geſchuͤtz von allen Zinnen feuern; Der Koͤnig trinkt auf Hamlets Wohlſeyn dann, Und eine Perle wirft er in den Kelch, Mehr werth, als die vier Koͤn'ge nacheinander In Daͤnmarks Krone trugen. Gebt die Kelche! Laßt die Trompete zu der Pauke ſprechen, Die Pauke zu dem Kanonier hinaus, Zum Himmel das Geſchutz, den Himmel zur Erdez 192 Hamlet, A. v. Jetzt trinkt der Koͤnig Hamlet zu!— Fangt an, Und Ihr, die Richter, habt ein achtſam Aug'. Zaml. Kommt, Herr. Laert. Wohlan, mein Prinz. aml. Eins. Laert. Nein. Baml. Richterſpruch. Gſrick. Getroffen, offenbar getroffen! Lgert. Gut, noch einmal. Ron. Halt! Wein her!— Hamlet dieſe Perl' iſt dein, Hier auf dein Wohl. Gebt ihm den Kelch. (Trompetenſtoß und Kanonenſchüſſe hinter der Szene.) Zaml. Ich fecht' erſt dieſen Gang, ſetzt ihn bei Seit' Kommt! cct c (Sie fechten. Wiederum getroffen; was ſagt Ihr? Laert. Beruͤhrt! beruͤhrt! ich geb' es zu. Ron. Unſer Sohn gewinnt. Roͤnigin. Er iſt fett und kurz von Athem. Hier, Hamlet, nimm mein Tuch, reib dir die Stirn; Die Koͤnigin trinkt auf dein Gluͤck, mein Hamlet. Baml. Gnaͤdige Mutter— Ron. Gertrud, trink nicht. (Sie fechten.) Roͤnigin. Ich will es, mein Gemalz ich bitt“, erlaubt mir. Roͤn.(beiſeit.) Es iſt der gift'ge Kelch; es iſt zu ſpaͤt. S Ich darf jetzt noch nicht trinken, gnaͤdige Franz ogleich. Roͤnigin. Komm, laß mich dein Geſicht abtrocknen. Laert. Mein Fuͤrſt, jetzt treff' ich ihn. Roͤn. Ich glanb' es nicht. Laert.(beiſeit.) Und doch, beinah gegen mein Ge⸗ wiſſen⸗ Zaml. Laertes, kommt zum dritten nun: Ihr taͤndelt; Ich bitt' Euch, ſtoßt mit Eurer ganzen Kraft; Ich fuͤrchte, daß Ihr mich fuͤr nen Weichling nehmt. Laert. Meint Ihr? Wohlan! (Sie fechten.) Gfrick. Auf beiden Seiten nichts. Laert. Jetzt ſeht Euch vor.“ (Laertes verwundet den Hamlet; drauf wechſeln ſie im durchein⸗ ander Werfen die Rapiere, und Hamlet verwundet den Laertes.) — — — Sz. 2. Prinz von Daͤnemark. 193 Rön. Trennt ſic, ſie ſind erhitzt. aml. Nein, noch einmal! 3 Die Königin ſinkt um) Gſrick. Seht nach der Konigin! Bor. Sie bluten beiderſeits.— Wie ſtehts, mein Prinz? Gfrick. Wie ſtehts, Laertes? Laert. So wie die Schnepf' in eigner Schling' erwuͤrgt! Mich faͤllt gerechter Weiſe mein Verrath. Baml. Was iſt der Koͤnigin? 4 Ron. Sie ſällt in Ohnmacht, weil ſie bluten ſieht. Roͤnigin. Nein, nein! der Trank, der Trank!— O lieber Hamlet! Der Trank, der Trank!— Ich bin vergiftet. (Sie ſtirbt.) Zaml. O Buͤberei!— Hal laßt die Thuͤren ſchließen— Verrath!— ſucht, wo er ſteckt. Laertes fällt.) Laert. Hier, Hamlet! Hamlet, du biſt umgebracht, Kein Zinki der Welt errettet dich, In dir iſt keine halbe Stunde Leben. Des Frevels Werkzeug iſt in deiner Hand, Unabgeſtumpft, vergiftet; meine Argliſt Hat ſich auf mich gewendet; ſieh! hier lieg' ich, Nie wieder aufzuſtehn— vergiftet deine Mutter— Ich kann nicht mehr— des Koͤnigs Schuld, des Koͤnigs! Zaml. Die Spitze auch vergiftet? So thu denn, Gift, dein Wert. (Er erſticht den König.) lle. Verrath! Verrath! Roͤn. MNoch helft mir, Freunde! ich bin nur ver⸗ wundet. BZaml. Hier, moͤrdriſcher, butſchandriſher⸗ verruchter aͤne Trink dieſen Trank aus!— Iſt die Perle hier? Folg' meiner Mutter! (Der König ſtirbt.) Laert. Ihm geſchieht ſein Recht: Es iſt ein Gift von ſeiner Hand gemiſcht. 8 Laßt uns Vergebung wechſeln, edler Hamlet! Mein Tod und meines Vaters komm⸗ nicht uͤber dich, Noch deiner uͤber mich! Er ſtirbt.) VI. 13 Baml. Der Himmel mache Dich frei davon! ich folge dir.— Horatio, Ich ſterbe.— Arme Koͤnigin, fahr“ wohli Ihr, die erblaßt und bebt bei dieſem Fall, 5 Und ſeyd nur ſiumme Hoͤrer dieſer Handlung, Haͤtt' ich nur Zeit— der grauſe Scherge Tod Verhaftet ſchleunig— o ich koͤnnt' Euch ſagen;— Doch ſey es drum.— Horatio, ich bin hi 5 Du lebſt: erklaͤre mich und meine Sache Den Unbefriedigten. Bor. Nein, glaub' das nicht. Ich bin ein alter Roͤmer, nicht ein Dänez Hier iſt noch Trank zuruͤck. Saml. Wo du ein Mann biſt, Gieb mir den Kelch; Beim Himmel, laß! ich will ihn! D Gott!— Welch ein verletzter Name, Freund, Bleibt alles ſo verhuͤllt, wird nach mir leben. Wenn du mich je in deinem Herzen trugſt, Verbanne noch dich von der Seligkeit,£ Und athm' in dieſer herben Welt mit Muͤh, Um mein 6 zu ee arſch in der Ferne, üſſe hinter der Szene. Welch kriegeriſcher Larm? 6 Gſrick. Der junge Fortinbras, der ſiegreich eben 3 Zuruͤck aus Polen kehrt, giebt den Geſandten§ Von England dieſen kriegeriſchen Gruß. Zaml. O ich ſterbe, Horatio! Das ſtarke Gift bewaͤltigt meinen Geiſt; Ich kann von England nicht die Zeitung hoͤren, Doch prophezei' ich: die Erwaͤhlung faͤllt Auf Fortinbras; er hat mein ſterbend Wort, Das ſagt ihm, ſammt den Fuͤgungen des Zufalls, Die es dahin gebracht— Der Reſt iſt Schweigen. (Er ſtirbt.) BZor. Da bricht ein edles Hetz. Nacht, mein Fürſt. Und Engelſchaaren ſingen dich zur Ruh!— Weswegen naht die Trommel? (Es treten ein Fortinbras und die Engliſchen Geſandten, mit Trommeln, Fahnen und Gefolge.) Fort. Wo iſt dieß Schauſpiel? Sz. 2. Prinz von Daͤnemark. 195 Zor. Was iſts, das Ihr zu ſehn begehrt? Wenn irgend Weh oder Wunder, laßt vom Suchen ab. Fort. Die Niederlage hier— O ſtolzer od, Welch Feſt geht vor in deiner ew'gen Zelle, Daß du auf Einen Schlag ſo viele Fuͤrſten So blutig trafſt? 1. Geſandt. Der Anblick iſt entſetzlich, Und das Geſchaͤft von England kommt zu ſpaͤt, Taub ſind die Ohren, die Gehoͤr uns ſollten Verleihen, ſein Befehl ſey ausgefuͤhrt, Und Roſenkranz und Guͤldenſtern ſeyn todt; Wo wird uns Dank zu Theil? Zor. Aus ſeinem Munde nicht, Haͤtt' er dazu die Lebensregung auch, Er gab zu ihrem Tode nie Befehl. Doch weil ſo ſchnell nach dieſem blut'gen Schlage, Ihr von dem Zug nach Polen, ihr aus England, Hiehergekommen ſeyd, ſo ordnet an, Daß dieſe Leichen hoch auf einer Buͤhne Vor Aller Augen werden ausgeſtellt, Und laßt der Welt, die noch nicht weiß, mich ſagen, Wie alles dieß geſchah; ſo ſollt Ihr hoͤren Von Thaten, fleiſchlich, blutig, unnatuͤrlich, Zufaͤlligen Gerichten, blindem Mord; Von Toden, durch Gewalt und Liſt bewirkt, Und Planen, die verfehlt zuruͤckgefallen Auf der Erfinder Haupt: dieß alles kann ich Mit heit melden. Fort. Eilen wir zu hoͤren, Und ruft die Edelſten zu der Verſammlung. Was mich betrifft, mein Gluͤck umfang' ich trauernd; Ich habe alte Recht' an dieſes Reich, Die anzuſprechen mich mein Vortheil heißt. Zor. Auch hievon werd' ich Grund zu reden haben, Und zwar aus deſſen Mund, deß Stimme mehre Wird nach ſich ziehen; aber laßt uns dieß Soglelch verrichten, weil noch die Gemuͤther Der Menſchen wild ſind, daß kein Unheil mehr Aus Raͤnken und Verwirrung moͤg' entſtehn. Fort. Laßt vier Hauptleute Hamlet Buͤhne S 3* 196 m 1.v. Gleich einem Krieger tragen: denn er haͤtte, Waͤr' er hinaufgelangt, unfehlbar ſich Hoͤchſt koͤniglich bewaͤhrt! und bei dem Zug Laßt Feldmuſik und alle Kriegsgebraͤuche Laut fuͤr ihn ſprechen. Nehmt auf die Leichen! Solch ein Blick wie der Ziehmt wohl dem Feld, doch hier emtſtellt er ſehr. Geht, heißt die Truppen feuern! (Sie gehen im Marſche ab, indem ſie die Leichen wegtragen; hierauf wird eine Artillerie⸗Salve abgefeuert.) Perſonen. Ein Lord. Chriſtoph Schlau„ein betrunkner Keſſelflicker. Wirthin, zet Schouſpieler, Jäger und andre Bediente des ords. Baptiſta, ein reicher Edelmann in Padua. Vincentio, ein alter Edelmann aus Piſa. Lucentio, Vincentio's Sohn, Liebhaber der Bianca. Petruchio, ein Edelmann aus Verona, Catharinens Freier. 5 6. Bianca's Freier. Snt Lucentio's Diener. Sui Petruchio's Diener. Ein Pedant, der den Vicentio vorſtellen ſoll. Catharina, die Widerſpenſtige Bianca, ihre Schweſter,. Baptiſta's Töchter. Eine Wittwe. Schneider, Putzhändler und Bebiente des Baptiſta und des Petruchio. (Die Hanblung iſt abwechſelnd in Padua, und in dem Landhauſe des Petruchio.) Er ließ nicht ab, verlor er gleich die Spur, Einleitung. (Schlau und die Wirthin treten auf.) Schlau. Ich will Euch zwiebeln, mein Seel! Wirthin. Fußſchellen fuͤr dich, du Lump! Schlau. Du Weibsſtuͤck! die Schlau's ſind keine Lum⸗ pen! Sieh in den Chroniken nach, wir kamen mit Richard dem Eroberer heruͤber! alſo paucas palabris: laßt der Welt ihr Recht: Sessa!— Wirthin. Ihr wollt mir die Glaͤſer nicht bezahlen, die Ihr zerbrochen habt? Schlau. Nein keinen Heller: Still, Still, ſagt Jero⸗ nimo: geh' in dein kaltes Bett und waͤrme dich⸗ Wirthin. Ich weiß ſchon was ich zu thun habe: ich muß gehn und den Viertelsmeiſter hohlen!— Cab.) Schlau. Den Viertels⸗Fuͤnftels⸗ Sechſtels oder Ach⸗ telsmeiſter: ich werde ihm nach dem Geſetz antworten. Ich weiche keinen Zollbreit, Junge; laßt ihn kommen und in der Guͤte. (ſchläft ein.) (Ein Lord, der mit ſeinem Gefolge von der Jagd zurückkehrt, tritt auf.) Lord. Jaͤger ich ſag dirs, pfleg die Meute gut.— Der Spuͤrhund Luſtig hat ſich uͤberlaufen; Und kupple Greif mit der tiefſtimm'gen Bracke. Sahſt du nicht Burſch wie brav der Silber aufnahm Am Rand des Zauns, ſo kalt die Faͤhrte war? Den Hund moͤcht' ich fuͤr zwanzig Pfund nicht miſſen. 1. Jäg. Nun, Baumann iſt ſo gut wie der, Mylord, 1. Und zweimal fand er heut die ſchwaͤchſte Wittrung:— Glaubt mirs, das iſt der allerbeſte Hund. 200 Der Wderſpenſtigen Zähmung. Lord. Du biſt e⸗ Nart; waͤr Echo nur ſo flink, Ich ſchaͤtzt' ihn hoͤher als ein Dutzend ſolcher. Nun fuͤttre dieſe gut, und ſieh nach allen: Ich reite morgen wieder auf die Jagd. 1. Jäg. Ganz wohl, Mylord. Lord. Was giebts da? Ein Todter oder Trunkner? athmet' er? 2. Jäg. Er athmet, gnädger Herr: ihn waͤrmt ſein Bier, Sonſt wärs ein kaltes Bett ſo feſt zu ſchlafen. Lord. O ſcheußlich Thier! Da liegt er wie ein Schwein!— Graunvoller Tod, wie ekel iſt dein Abbild!— Leute, der Trunkenbold ſoll Spaß mir machen.— Was meint Ihr, wenn man in ein Bett ihn legte, Sn feinem Linnen, Ring' an ſeinen Fingern, in recht erleßnes Mahl an ſeinem Lager, Stattliche Diener um ihn beim Erwachen:— Wuͤrde der Bettler nicht ſein ſelbſt vergeſſen? 1. Jäg. Mein Treu, Mylord, 3 ich kann nicht ehlen. 2. Jäg. Es wird ihn ſeltſam duͤnken wenn er wacht. Lord. Ganz wie ein ſchmeichleriſcher Traum, ein Blend⸗ 1 werk! Drum hebt ihn auf, verfolgt den Scherz geſchickt, Tragt ihn behutſam in mein ſchoͤnſtes Zimmer, Und haͤngt umher die luͤſternen Gemaͤlde; Waͤrmt ſeinen ſtruppgen Kopf mit duft'gem Waſſer, Mit Lorbeerholz durchwuͤrzt des Saales Luft, Haltet Muſik bereit ſo wie er wacht, Daß Himmelston ihm Wonn⸗ entgegenklinge: Und ſpricht er etwa, eilt ſogleich herzu, Und mit demuͤth'ger tiefer Reverenz Fragt: was befiehlt doch Eure Herrlichkeit? Das Silberbecken reich' ihm einer dar Voll Roſenwaſſer und beſtreut mit Blumen. Die Gießkann“ trage dieſer, Handtuch jener, Sagt: will Eu'r Gnaden ſich die Haͤnde kuͤhlen? Ein Andrer ſteh' mit reichem Kleide da, Und frag' ihn welch ein Anzug ihm beliebt? Noch Einer ſprech' ihn vor von Pferd und Hunden, Und wie ſein Unfall ſein Gemal bekuͤmmre. —.— . Der Viderſpenſtigen Zähmung. 201 Macht ihm begreiflich, er ſey laͤngſt verruckt, Und ſagt er Euch, er ſey. ſo ſprecht, ihn traͤume, Er ſey nichts anders als ein mö ht'ger Lord.— Dieß thut und machts geſchickt ibr lieben Leute; Es wird ein ſchoͤn ausbuͤnd'ger Zeitvertreib, Wird er gehandhabt mit Beſcheidenheit. 1. Jäg. Mylord vertraut, wir ſpielen unſte Rolle; Und unſerm Eifer nach ſoll er es glauben, Daß er nichts anders iſt als wir ihn nennen⸗ Lord. Hebt ihn behutſam auf, bringt ihn zu Bett, Und jeder an ſein Amt wenn er erwacht. (Einige tragen Schlau fort. Trompeten.) Geh Burſch und ſieh wen die Trompete meldet: Vielleicht ein großer Herr, der auf der Reiſe Sich dieſen Ort erſehn um hier zu raſten. Sag an, wer iſts? Dien. Mit Euer Gnaden Gunſt, Schauſpieler ſinds, die ihre Dienſte bieten. Lord. Fuͤhr ſie herein. Ihr ſeyd willkommen, Leute. (Schauſpieler treten auf.) 1. Schauſp. Wir danken Euer Gnaden. Lord. Gedenkt Ihr dieſen Abend hier zu bleiben? 2. Schauſp. Wenn Euer Gnaden unſern Dienſt ge⸗ nehmigt. Lord. Von Herzen gern. Den Burſchen kenn' ich noch, Er ſpielte eines Pachters aͤltſten Sohn; Da, wo ſo huͤbſch du um das Maͤdchen warbſt: Ich weiß nicht deinen Namen, doch die Rolle War paſſend und natuͤrlich dargeſtellt. 1. Schauſp. War es nicht Soto, den Eu'r Gnaden meint? Lord. Der war es auch: du ſpielteſt ihn vortrefflich. Nun, zur gelegnen Stunde kommt Ihr eben, So mehr, da ich'nen Spaß mir vorgeſetzt, Wo Ihr mit Euerm Witz mir helfen koͤnnt⸗ Ein Lord hier wird Euch heute ſpielen ſehn: Allein ich fuͤrcht' Ihr kommt mir aus der Faſſung: Daß, faͤllt ſein naͤrriſch Weſen Euch ins Auge, (Denn noch ſah Mylord niemals ein Theater) Ihr nicht ausbrecht in ſchallendes Gelaͤchter, 202 Der Widerſpenſtig en Zaͤhmung. Und ſo ihm Anſtoß gebt: denn ſeyd verſichert, Wenn Ihr nur laͤchelt, kommt er außer ſich. 1. Schauſp. Sorgt nicht, Mylord, wir halten uns in aum, Und waͤr' er auch die laͤcherlichſte Fratze. Lord. Du geh' mir, fuͤhr' ſie in die Kellerei. Da reiche jedem freundlichen Willkommen, Und ſpare nichts was nur mein Haus vermag. (Schauſpieler ab.) — Du hohl' Bartolomeo mir den Pagen, Und laß ihn kleiden ganz wie eine Dame: ann fuͤhr' ihn in des Trunkenbolds Gemach; Und nenn' ihn gnaͤd'ge Frau, dien' ihm mit Ehrfurcht:— Sag ihm von mir, wenn meine Gunſt ihm lieb, Moͤg' er mit feinem Anſtand ſich betragen, So wie er edle Frauen irgend nur Mit ihren Chherrn ſich benehmen ſah: So unterthaͤnig ſey er dieſem Saͤufer. Mit ſanfter Stimme, tief ſich vor ihm neigend, Sprech' er dann: was befiehlt mein theurer Herr? zorin Eu'r Weib Jetreu und unterwuͤrfig Euch Pflicht erweiſ und ihre Lieb⸗ erzeige?— Dernach mit ſuͤßem Kuß und ſanft umarmend, Das Haupt an ſeine Bruſt ihm angelehnt, Schnell dieſem Regenſchauer zu gebieten, Wird eine Zwiebel ihm behuͤlflich ſeyn, Die heimlich eingewickelt in ein Tuch ie Augen ſicher unter Waſſer ſetzt.— Beſorge dieß ſo ſchleunig du's vermagſt: Ich will ſogleich dir mehr noch anvertraun. (Diener ab.) Ich weiß der Knabe wird den feinen Anſtand, Gang, Stimm' und Weſen einer Dam⸗ entwenden. Ich freu' mich drauf, wenn er Gemal ihn nennt, Und wie mit Lachen alle werden kaͤmpfen, Wenn ſie dem albern Bauer huld'gen muͤſſen. geh, noch mehr zu rathen, mein Erſcheinen Der Widerſpenſtigen Zähmung. 203 Mag ihre allzu luſt'ge Laune daͤmpfen, Die ſonſt vielleicht ein Uebermaaß erreichte. (ab mit ſeinem Gefolge.) (Es treten auf Schlau mit mehrern Dienern. Einige tra⸗ gen Kleider, Becken und Gießkanne, und andres Geräth. Der Lord unter ihnen.) Schlau. Um Gottes Willen, einen Krug Duͤnnbier. 4. Dien. Beſiehlt Eu'r Herrlichkeit'nen Becher Sect? 2. Dien. Befiehlt Eu'r Gnaden eingemachte Fruͤchte? 6 3. Dien. Welch einen Anzug wuͤnſcht Eu'r Gnaden eut? Schlau. Ich bin Chriſtoph Schlau, heißt mich nicht Herrlichkeit noch Gnaden. Ich habe mein Lebstage keinen Sect getrunken, und wollt Ihr mir Eingemachtes geben, ſo gebt mir eingemachtes Rindfleiſch. Fragt mich nicht welchen Anzug ich tragen will, denn ich habe nicht mehr Waͤmſer als Ruͤcken, nicht mehr Struͤmpfe als Beine, nicht mehr Schuhe als Fuͤße, ja zuweilen mehr Fuͤße als Schuhe, oder ſolche Schuhe wo mir die Zehen durchs Oberleder kucken. Lord. Gott nehm' Eu'r Gnaden dieſen muͤß'gen Wahn!— Q daß ein maͤcht'ger Lord, von ſolcher Abkunft, So großem Reichthum, ſolcher hohen Wuͤrde, Sich von ſo boͤſem Geiſt beherrſchen laͤßt! Schlau. Was! wollt Ihr mich verruͤckt machen? bin ich denn nicht Chriſtoph Schlau, Sohn des alten Schlau von Burtonhaide? Durch Geburt ein Hauſirer, durch Er⸗ ziechung ein Hechelkraͤmer, durch Verwandlung ein Bäͤren⸗ fuͤhrer und nun nach meiner jetzigen Handthierung ein Keſſelflicker? Fragt nur Anne Hacket, die dicke Bierwirthin von Wincot, ob ſie mich nicht kennt. Wenn ſie ſagt daß ſie mich nicht mit vierzehn Pfennigen fuͤr Weißbier in ihrem Buch angeſtrichen hat, ſo ſtreicht mich an als den verlogenſten Schelm in der ganzen Chriſtenheit. Was! ich bin doch nicht verhert?— Hier iſt 1 Dien. O dieß macht Eure edle Gattin weinen!— 2. Dien. O dieß macht Eure treuen Diener trauern!— 5 204 Der Widerſpen ſtigen Zähmu ng. Lord. Ja deshalb ſcheun das Haus die Anver⸗ wandten, Als geißeln Euer Wahnſinn ſie hinweg. D edler Lord, gedent⸗ der hohen Ahnen, Den alten Sinn ruf⸗ aus dem Bann zuruͤck, Und banne dieſen bloͤden niedern Traum!— Sieh wie hier deine Diener auf dich warten, Die Pſlicht will jeder thun auf deinen Wink! Willſt du Muſit? ſo horch, Appllo ſpielt, Und zwanzig Nachtigall'n im Bauer ſingen:— Sag, willſt du ſchlafen? Deiner harrt ein Lager, Weicher und ſanfter als das uͤpp'ge Bett as fuͤr Semiramis ward aufgeſchmuͤckt:— Willſt du luſtwandeln? Blumen ſtreu'n wir dir; Wiliſt reiten? deine Roſſe laß ich zaͤumen, Ihr Zeug ganz aufgeſchmuͤckt mit Gold und Perlen:— Liebſt du die Beitze? Deine Falken ſchwingen Sich hoͤher als die Morgenlerche; Jagd? Der Himmel droͤhnt vom Bellen deiner Hunde, Und weckt der hohlen Erde grelles Echo. 1. Dien. Sprich, willſt du heet ſchnell ſind deine Hunde, Leicht wie der Hirſch, und fluͤcht'ger als das Reh. 2. Dien. Liebſt du Gemaͤlde? Sprich, wir brin⸗ gen dir Adonis ruhend an dem klaren Bach, Und Cytherea ganz im Schilf verſteckt, Das ihrem Athem koſ't und ſo ſich regt, Wie ſchwankes Schilfrohr mit dem Winde ſpielt. Lord. Wir zeigen Jo dir, da ſie noch Jungfrau, Wie ſie betrogen ward und uͤberraſcht, Lebendig dargeſtellt als ob ſie lebte. 3. Dien. Und Daphne K den dorn'gen a Zerritzt die Beine, daß man ſchwoͤrt ſie blute, Und bei dem Anblick traurig wein' Apollo: So meiſterlich gemahlt ſind Blut und Thränen. Lord. Du biſt ein Lord. andres als ein ord: Und ein Gemal beſitzeſt du, weit ſchoͤner Als irgend Ein' in dieſer duͤrft'gen Zeit. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 205 1. Dien. Und eh' die Thraͤnen, fuͤr dich ver⸗ goſſen Voll Neid ihr leblich Antis überſromt, War ſie das reitzendſte Geſchoͤpf der Welt, Und jetzt noch ſteht ſie keiner andern nach. Schlau. Bin ich ein Lord? Und hab ich ſolche Frau!? Traͤum' ich? ſagt, oder tränmte mir bis jetzt? Ich ſchlafe nicht, ich ſeh', ich hor, ich ſpreche, Ich rieche Duft, ich fuͤhle weiches Lager: Bei meiner Seel' ich bin ein Lord, wahrhaſtig, Kein Keſſelflicker, noch Chriſtoffer Schlau. Wohlan, ſo bringt mir meine Frau vor Augen, Und nochmals einen Krug vom duͤnnſten Bier!— 2. Dien. Will Eur' Erhabenheit die Haͤnde wa⸗ ſchen? ( Die Diener reichen ihm Becken, Kanne und Tuch.) Wir ſind begluͤckt daß Ihr zurecht Euch fandet; O daß Ihr endlich einſecht, wer Ihr ſeyd!— Seit funfzehn Jahren wart Ihr wie im Traum, Und wachtet Ihr, ſo war's als ob ihr ſchlieft. Schlau. Seit funfzehn ein huͤbſches chlaͤfchen! Sprach ich denn gar nichts in der ganzen Zeit?— 1. Dien. O ja, Mylord, doch lauter unnuͤtz Zeug. Denn lagt Ihr gleich in dieſem ſchoͤnen Zimmer, Doch ſagtet Ihr, man werf' Euch aus der Thuͤr. Dann ſchaltet Ihr die Wirthin aus, und drohtet Sie beim Gerichtstag naächſtens zu verklagen, Weil ſie Steinkruͤge gab ſtatt richt'gen Maaßes: Dann wieder rieft Ihr nach Caͤcilie Hacket. Schlau. Ja ja, der Wirthin Tochter in der Schenke. 3. Dien. Ei Herr, Ihr kennt ſolch Haus nicht und ſolch Maͤdchen, Noch ſolche Leute, als Ihr hergezaͤhlt, Auch all' die Maͤnner, die Ihr nanntet, nicht: Als Stephan Schlau, Hans Knopf den alten Dicken, Und Peter Torf, und Heinrich Pimpernell, Und zwanzig ſolcher Namen noch und Leute Die niemals lebten und die Nieiand kennt. 206 Der Widerſpenſtigen Zähmung. Schlau. Nun, Gott ſey Dank fuͤr unſte Beſſerung! Alle. Amen!— Schlau. Ich danke dir,* ſ nicht dein Schade eyn.— Der Page kommt wie ein Dame gekleidet, mit Gefolge.) Page. Wie geht es meinem Herrn? Schlau. Ei nun, recht wohl, giebts genug zu eſſen. Wo iſt mein Weib? Page. Hier, edler Herr; was wollteſt du von ihr? Schlau. Seyd Ihr mein Weib und nennt mich nicht mein Mann? Herr heiß' ich fuͤrs Geſind', ich bin Eu'r Alter. Page. Mein Gatte und mein Herr, mein Herr und Gatte, Ich bin Eu'r Ehgemal in ſchuld'ger Demuth. Schlau. Nun ja, ich weiß. Wie heißt ſie denn? Lord. Madam. Schlau. Was! Madam Elſe? oder Madam Hanne?— Lord. Madam ſchlichtweg, ſi ieen Lords die adies. Schlau. Nun Madam Frau, man ſagt ich ſchlief und traͤumte Schon an die funfßzehn Jahre wohl und laͤnger. Page. Ja, und die Zeit beduͤnkte mich wie dreißig, Weil ich ſo lang getrennt von deinem Bett. Schlau. S iſt viel! Leute, laßt mich und ſie allein. dadam, zieht Euch nur aus, und kommt zu Bett. age. Dreimal erhabner Lord, ich muß Euch flehn 6g Euch nur ſi Nächte 1it Wo nicht, nur bis die Sonne untergieng: enn Eure Aerzte haben ſtreng verordnet, In Furcht Eu'r altes Uebel kehre wieder) Daß ich mich noch von Euerm Bett' entferne: So ſteht die Sache, drum entſchuldigt mich. Schlau. I nun ja, wenn's ſo ſteht iſts aber doch ſchwer ſo lange zu warten. Aber es ſollte mich freilich verdrießen, wenn ich wieder in meine Traͤume verfiele, — Der Widerſpenſtigen Zähmung. 207 darum will ich warten, was auch Fleiſch und Blut dazu ſagen moͤgen. (Ein Diener kommt.) Dien. Eu'r Herrlichkeit Schauſpieler ſind bereit, Weil Ihr geſund, ein luſtig Stuͤck zu ſpielen, Denn alſo haltens Eure Aerzte dienlich, Weil zuviel Truͤbſinn Euer Blut verdickt, Und Traurigkeit des Wahnſinns Amme iſt. Deshalb ſchiens ihnen gut, Ihr ſaͤht dieß Spiel, Und lenktet Euern Sinn auf muntern Scherz: Dadurch wird Leid verbannt, verlaͤngt das Leben. Schlau. Zum Henker, das ſoll geſchehn. Iſt es nicht ſo eine Comoͤditaͤt, eine Chriſtmarktstanzerei, oder eine Luft⸗ ſpringergeſchichte? Page. Nein Herr, dieß Zeug gin Euch wohl noch eſſer. Schlau. Was? Iſt es Tiſchzeug? Page. S iſt'ne Art Hiſtorie. Schlau. Nun wir wollen's anſehn. Komm, Mada'n Frau, ſetz dich neben mich, und laß der Welt ihren Lauf; wir werden niemals wieder juͤnger. 208 Der Widerſpenſtigen 34 hmung. Erſter Aufzug. Erſte Szene. Straße. (Lucentio und Tranio treten auf.) Lucentio. Tranio, du weißt wie mich der heiße Wunſch Padua zu ſehn, der Kuͤnſte ſchoͤne Wiege, In die fruchtbare Lombardei geführt, Des herrlichen Italien luſt'gen Garten; Und ruͤſtig durch des Vaters Lieb und Urlaub, Von ſeinen Wuͤnſchen und von dir begleitet, Hoͤchſt treuer Diener, wohl geprobt in Allem, Laß uns, hier angelangt, mit Gluͤck beginnen Die Bahn des Lernens und geiſtreichen Wiſſens. Pifa, beruͤhmt durch angeſeh'ne Buͤrger, Gab mir das Daſeyn, und dort lebt mein Vater, Ein Kaufmann wohlbekannt der ganzen Welt, Vincentio, vom Geſchlecht der Bentivogli.— Vincentio's Sohn, in Florenz auferzogen, Geziemt's des Vaters Hoffnung zu erſuͤllen, Des Reichthums Glanz durch edles Thun zu zieren. So weih' ich Tranio, des Studirens Zeit Der Tugend und Philoſophie, allein: Jener Philoſophie die uns belehrt Wie Gluͤck durch Tugend nur erworben wird. Wie denkſt du nun? Verließ ich Piſa nicht Und kam noch Padua, wie ein Mann verläͤßt Den ſeichten Bach ſich in den Strom zu werfen Und recht aus Fuͤlle ſeinen Durſt zu loͤſchen? Tranto. Mi perdonate, lieber junger Herr: Ich denk' in allem grade ſo wie Ihr, Sz. 1. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 209 Froh daß Ihr feſt bei Euerm Vorſatz bleibt, Der ſuͤßen Weisheit Suͤßigkeit zu ſangen. Nur, guter Herr, indem wir ſo bewundern Die Tugend und die Strenge der Moral, Laßt uns nicht Stoiker, nicht Stoͤcke werden. Porcht nicht ſo fromm auf Ariſtot'les Schelten, aß Ihr Ovid als ſuͤndlich ganz verſchwört: Sprecht Logik mit den Freunden die Ihr ſeht, Und uͤbt Rhetorik in dem Tiſchgeſpraͤch: Treibt Dichtkunſt und Muſik Euch zu erheitern: Und Metaphyſik und Mathematik Die tiſcht Euch auf, wenn Ihr Euch hungrig fuͤhlt: Was Ihr nicht thut mit Luſt, gedeiht Euch nicht, Kurz Herr, ſtudirt was Ihr am meiſten liebt. Luc. Bedankt ſey, Tranio, denn du raͤthſt mir gut. Waͤrſt du Biondello nur erſt angelangt, Wir konnten bald hier eingerichtet ſeyn, Und Wohnung miethen, groß genug fuͤr Freunde, Die ich in Padua mir erwerben werde. Doch warte noch: was kommen da fuͤr Leute? Tranio. Ein Aufzug, von der Stadt uns zu be⸗ gruͤßen. (Baptiſta, Catharina, Bianca, Gremio und Hor⸗ tenſio treten auf. Lucentio und Tranio gehn auf die Seite.) Bapt. Nein, werthe Herren, dut mich ferner nicht Denn was ich feſt beſchloſſen, wißt Ihr jetzt: Das heißt, mein juͤngres Kind nicht zu vermaͤhlen, Ch ich der aͤltſten einen Mann geſchafft. Liebt Einer von Euch beiden Catharinen, (Denn beide kenn⸗ ich wohl, und will Euch wohl) So ſtehts Euch frei, nach Luſt um ſie zu frein. Grem. Befreit mich von dem Frein, ſie iſt zu rauh. Da, nehmt, Hortenſio! Braucht Ihr was von Frau?— Cathar. Ich bitt Euch, Vater, iſt's Eu'r Wille ſo, Mich auszuhökern allen dieſen Kunden? Zort. Kunden, mein Kind? dich ſucht als Kundſchaft keiner, Du mußt erſt neue„ſanftre Form verkuͤnden. VI. 14 210 Der Widerſpenſtigen Zuͤhmung. A. I. Cathar. Ei laßt Euch drum nicht graue Haare wachſen: Ihr ſeyd noch meilenweit von ihrem Herzen: Und haͤttet Ihrs, gewiß ſie ſorgte ſchon Den Schopf Euch mit dreibein'gem Stuhl zu buͤrſten, Und ſchminkt Euch das Geſicht wie den Hanswuͤrſten. Zort. Vor ſolchen Teufeln, lieber Gott, bewahr' uns. Grem. Mich auch, du lieber Gott! Tranio. Seht, junger Herr, was hier ſich fuͤr ein Spaß weiſ⸗t! Die Dirn' iſt toll, wo nicht, gewaltig naſ⸗weis. Luc. Doch ſieh, wie in der Andern ſanftem Schweigen Sich jungfraͤuliche Mild und Demuth zeigen. Tranio. Gut, junger Herr! Mum! gafft Euch nur recht ſatt! Bapt. Ihr, meine Herren, damit ich gleich erfuͤlle, Was ich geſagt,— geh, Bianca, nun hinein! Und laß dichs nicht betruͤben, gute Bianca, Denn du biſt mir deshalb nicht minder lieb. Cathar. Ein zierlich Puͤppchen! lieber gar geheult, Wuͤßteſt du nur warum? Bianca. Vergnuͤg' dich nur an meinem Mißver⸗ gnuͤgen.— Herr, Euerm Willen fuͤg' ich mich in Demuth, Geſellſchaft ſey'n mir meine Laut' und Buͤcher, Durch Leſen und Muſik mich zu erheitern. Luc. O Tranio: Hoͤrſt du nicht Minerva ſprechen? Zort. Wollt Ihr ſo wunderlich verfahren, Herr?— Es dauert mich, daß Bianca leiden muß Durch unſre Liebe.— Grem. Was! Ihr ſperrt ſie ein, Signor Baptiſt, um dieſen hoͤlliſchen Teufel? Und ſtraft der Andern boͤſe Zung' an ihr? Bapt. Ihr Herrn beruhigt Euch, ich bin entſchloſſen. Geh nur, mein Kind,. (Bianca geht.) Und weil ich weiß, ſie hab' am meiſten Freude An Poeſie, Muſik und Inſtrumenten, Will ich Lehrmeiſter mir im Hauſe halten Zur Bildung ihrer Jngend. Ihr, Hortenſio, Sz. 1. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 211 Und Signor Gremio, wißt Ihr irgend einen, So ſchickt ihn zu mir, denn gelehrten Maͤnnern Erzeig' ich Freundlichkeit und ſpare nichts Recht ſorgſam meine Kinder zu erziehn. Und ſo lebt wohl. Du, Catharina, bleibe: Ich habe mehr mit Bianca noch ab. Cathar. Meint Ihr? nun ich denk' ich geh wohl auch. Ei ſeht doch! Was! Wollt Ihr mir die Zeit vorſchreiben? Weiß ich denn Nicht ſelber was ich thun und laſſen ſoll? Ha!— Cab.) Grem. Geh du nur zu des Teufels Großmutter!— Deine Talente ſind ſo herrlich, daß keiner dich hier zu hal⸗ ten begehrt!— Der beiden Liebe iſt nicht ſo groß, Hor⸗ tenſio, daß wir ihretwegen nicht immer ſtehn und auf un⸗ ſre Naͤgel blaſen und paſſen moͤgen; unſer Kuchen iſt noch zh auf beiden Seiten. Lebt wohl, aber aus Liebe zu meiner holden Bianca will ich doch, wenn ichs irgend wo vermag, einen geſchickten Mann finden, der ihr Unterricht ertheilen kann in dem was ſie erfreut, und ihn zu ihrem Vater ſenden. Sort. Das will ich auch, Signor Gremio. Aber noch ein Wort, ich bitte Euch!— Obgleich unſre Miß⸗ helligkeit bisher keine Verabredung unter uns geſtattet hat, ſo laßt uns jetzt nach beſſerm Rath bedenken, daß uns bei⸗ den daran gelegen ſey,— damit wir wieder Zutritt zu un⸗ ſrer ſchoͤnen Gebieterin erhalten, und gluͤcktiche Reben⸗ buhler in Bianca's Liebe werden koͤnnen,— vornämlich Eine Sache zu betreiben und zu Stande zu bringen. Grem. Welche waͤre das, ich bitte Euch?— Ei nun, ihrer Schweſter einen Mann zu affen. Grem. Einen Mann! Einen Teufel!— Zort. Ich ſage einen Mann. SGrem. Ich ſage einen Teufel. Meinſt du denn, Hor⸗ tenſio, daß obgleich ihr Vater ſehr reich iſt, jemand ſo ſehr verruͤckt ſeyn ſollte, die Hoͤlle heirathen zu wollen?— Bort. Geht doch, Gremio! Wenn es gleich Eure und meine Geduld uͤberſteigt ihr lautes Toben zu ertragen, ſo giebts doch gutgeſinnte Leute, liebſter Freund,(wenn ſie nur zu finden waͤren), die ſie mit allen ihren Fehlern und dem Gelde obendrein, wohl nehmen wuͤrden. Grem. Das mag ſeyn: aber ich whe ſo gern 4 212 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. I. ihre Ausſtener mit der Bedingung, alle Morgen am Pran⸗ ger geſtaͤupt zu werden. Zort. Ja, wie Ihr ſagt; unter faulen Aepfeln giebts nicht viel Wahl. Aber wohlan, da dieſer Queerſtrich uns zu Freunden gemacht, ſo laßt uns auch ſo lange freund⸗ ſchaftlich zuſammenhalten, bis wir Baptiſta's älteſter Toch⸗ ter zu einem Mann verholfen, und dadurch die juͤngſte fuͤr einen Mann freigemacht haben; und dann wieder friſch daran!— Liebſte Bianca! Wer das Gluͤck hat, fuͤhrt die Braut heim, wer am ſchnellſten reitet, ſticht den Ring. Was meint Ihr, Signor Gremio?— Grem. Ich bins zufrieden, und ich wollte ich haͤtte dem ſchon das beſte Pferd in Padua geſchenkt, um damit auf die Freite zu reiten, der ſie tuͤchtig frein, nehmen und zaͤhmen wollte, und das Haus von ihr befreien. Kommt, laßt uns gehn. (Gremio und Hortenſio ab.) Tranio. Ich bitt' Euch, ſagt mir Herr, iſt es denn moglich? Kann ſo geſchwind die Lieb' in Bande ſchlagen?— Luc. O Tranio, bis ichs an mir ſelbſt erfahren, Hielt ich es nie fuͤr moͤglich, noch zu glauben: Doch ſieh', weil ich hier muͤßig ſtand und ſchaute, Fand ich die Kraft der Lieb' im Muͤßiggang. Und nun geſteh' ichs ehrlich offen dir, Der du verſchwiegen mir und theuer biſt, Wie Anna war der Koͤnigin Carthagos,— Tranio! ich ſchmacht', ich brenn', ich ſterbe, Tranio, Wird nicht das ſanfte Kind mir anvermaͤhlt. Rathe mir, Tranio! denn ich weiß du kannſt es, Hilf mir o Tranio! denn ich weiß du willſt es⸗ Tranio. Mein junger Herr, jetzt iſt nicht Zeit zu Fteltin, Verliebte Neigung ſchmaͤhlt man nicht hinweg, Hat Lieb' Euch unterjocht, ſo bleibt nur dieß: Redime te captum quam queas minimo. Luc. Hab Dank, mein Knab, ſprich weiter, dieß ver⸗ gnuͤgt; Troſt ſprichſt du mir, erſprießlich iſt dein Rach. Tranio. Ihr wart im Anſchaun ſo verloren, Herr, Und habt wohl kaum das Wichtigſte bemerkt?— Sz. 1. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 213 Lue. O ja! Ich ſah von holden Liebreiz ſtrahlen Ihr Antliz, wie Agenors Tochter einſt, Als Jupiter, gezaͤhmt von ihrer Hand, Mit ſeinen Knieen kuͤßte Cretas Strand. Tranio. Bemerktet Ihr nur wie die weſter Zu ſchmaͤhn begann, und ſolchen Sturm erregte, Daß kaum ein menſchlich Ohr den Laͤrm ertrug?— Luc. Ich ſah ſie oͤffnen die Corallenlippen, Und wie Ihr Hauch die Luft umher durchwuͤrzte:— Lieblich und ſuͤß war alles was ich ſah. Tranio. Nun ſo iſts Zeit ihn aus dem Traum zu ſchuͤtteln. Erwacht doch, Herr! Wenn Ihr das Maͤdchen liebt, So denkt ſie zu gewinnen. Alſo ſtehts:— Die aͤltſte Schweſter iſt ſo boͤs und wild, Daß bis der Vater ſie hat losgeſchlagen, Eu'r Liebchen unvermaͤhlt zu Hanſe bleibt. Und darum hat er eng ſie eingeſperrt, Damit kein Freier ſie beläſt'gen ſoll. Lue. Ach, Tranio! Wie, ſo grauſam iſt der Vater!— Doch, haſt du nicht gemerkt, wie er geſonnen Ihr hoch verſtaͤnd'ge Lehrer zuzufuͤhren?— Tranio. Das hoͤrt' ich Herr, ſ fertig iſt mein an. Luc. Tranio, nun hab ich's!— Tranio. Lieber Herr, halbpart!— Denn unſte Liſt, merk ich, beut ſich die Hand⸗ Auc. Sag deine erſt. Tranio. Ihr wollt Hauslehrer ſeyn, Und Euch zum Unterricht der Liebſten melden; War es nicht ſo?— Lue. So war's. Und geht es an?— Tranio. Unmoͤglich gehts. Wer ſollte denn, ſtatt urer, Vincentio's Sohn vorſtellen hier in Padua? Haushalten, Studien treiben, Freunde ſehn, Die Landsmannſchaft beſuchen und tractiren?— Lue. Baſta! Sey ſtill, iſt ganz ge⸗ oſſen. Man hat in keinem Hauſ⸗ uns noch geſehn, Und Niemand unterſcheidet am Geſicht, 214 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. I. Wer Herr, wer Diener iſt: Und daraus folgt, Du ſollſt an meiner Statt als Herr gebieten⸗ Statt meiner Haus und Staat und Leute halten, Ich will ein Andrer ſeyn; ein Reiſender Aus Florenz, aus Neapel oder Piſa. Geſchmiedet iſts. Gleich, Tranio, laß uns tauſchen, Nimm meinen Federhut und Mantel hier, Sobald Biondello kommt, bedient er dich, Doch erſt bezaubr' ich ihn, daß er nicht ſchwatzt. (Sie tauſchen die Kleider.) Tranio. So muß es ſeyn. In Summa, Herr, da es Euch ſo gefaͤllt, Und meine Pflicht es iſt Euch zu gehorchen, (Denn das gebot Eu'r Vater mir beim Abſchied: „Sey meinem Sohne ſtets zu Dienſt,“ ſo ſprach er, — Wiewohl ich glaube daß ers ſo nicht meinte) Geb' ich Euch nach, und will Lucentio ſeyn, Weil ich mit treuem Sinn Lucentio liebe. Luc. So ſey es, Tranio, weil Lucentio liebt: Ich werd' ein Knecht, dieß Mädchen zu gewinnen, Die mein verwundet Ang' in Feſſeln ſchlug. (Biondello kommt.) Hier kommt der Schlingel. Kerl, wo ſteckteſt du?— Biond. Wo ich geſteckt? N ſoe wo ſteckt Ihr Stahl Tranio, mein Kamrad, die Kn Euch?— Ihr ihm die ſeinen? oder Beide? ſprecht doch!— Luc. Hoͤr, guter Freund, es iſt nicht Zeit zu ſpaßen, Drum ſtelle dich, ſo wie die Zeit es fodert. Dein Kamrad hier, mein Leben mir zu retten, Legt meinen Rock und aͤußern Anſchein an, Und ich zu meiner Rettung nahm die ſeinen. Kaum angelangt erſchlug ich im Gezaͤnk Hier einen Mann, und fuͤrcht' ich bin erkannt: Bedien' ihn, wie ſichs ziemt, befehl' ich dir; Zu meiner he ettung mach' ich ſchnell mich fort. Verſtehſt du mich? Biond. Ich, Herr? Auch nicht ein Jota. Lut. Kein Wort von Tranio komm' aus deinem Mund; Tranio in Zukunft heißt Lucentio. Sz. 2. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 215 Biond. Ich wuͤnſch' ihm Gluͤck; es auch wohl ſo. Tranio. Den Wunſch nahm ich dir weg, mein Freund, vermocht' er, Lucentio zu verleihn Baptiſta's Tochter. Doch Burſch, nicht meinethalben, es S des Plans Voll⸗ uͤhren; Laß ſtets nun in Geſellſchaft die Klugheit dich regieren. Sind wir allein, nun wohl, da bin ich Tranio, Doch wo uns Leute ſehn, dein Herr Lucentio. Luc. Tranio, nun komm, Noch eins iſt uͤbrig, das mußt du vollbringen: Sey auch ein Freier, dann iſt alles richtig: Frag nicht weshalb; mein Grund iſt ſehr gewichtig. (Alle ab.) 1. Dien. Mylord, Ihr nickt, Ihr ſiere nicht auf das Spiel! piel? chlau. Ja doch, bei Sanct Annen: es iſt eine huͤbſche Geſchichte. Kommt noch mehr davon?— Bege Mylord, es fing erſt an. hlau. Es iſt ein ſchoͤn Arbeit, Madam — Ich wollt' es waͤr' erſt aus. 3 e e Andre Straße. Petruchio und Grumio treten auf.) Petruchio. Verona, lebe wohl auf kurze Zeit, Die Freund' in Padua will ich ſehn; vor allen Den Freund, der mir der liebſt' und naͤchſte iſt, Hortenſio; und dieß denk' ich iſt ſein Haus:— Hier, Grumio, Burſche, klopfe, ſag ich dir. Grum. Klopfen, Herr? Wen ſollt ich klopfen? Iſt hier jemand der Euer exultirt hat? S Petr. Schlingel, ich ſage, klopf' mir hier recht derb. 216 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. 1. Grum. Ench hier klopfen, Herr? Ach, wer bin ich, daß ich Euch hier klopfen ſollte?— Petr. Schlingel, ich ſage, klopf' mir hier am Thor, Und hohl' gut aus, ſonſt ſchlag' ich dich aufs Ohr. Grum. Mein Herr, ſucht, glaub ich, Haͤndel! gelt daß ichs nicht probire, Ich wuͤßt' wer am Ende am ſchlimmſten dabei fuͤhre. Petr. Sag, machſt du bald? Sich Kerl, wenn du nicht klopfſt, So ſchell ich ſelbſt; da, nimm aufs Manl die Schelle, Und ſing mir dein Sol Fa hier auf der Stelle. Gzieht den Grumio an den Ohren.) Grum. Helft Leute, helft, mein Herr iſt toll ge⸗ worden!— Petr. Nun klopf' ein andermal wenn ichs dir ſagel— CHortenſio kommt.) Bort. Was nun? Was giebts? Mein alter Freund Grumio* Und mein lieber Freund Petruchio? was macht Ihr alle in Verona?— Petr. Signor Hortenſio, kommt Ihr zu ſchlichten dieſen Strauß? Con intto il cuore bene trovato, ruf ich aus. Sort. Alla nostra casa pen venuto molto onorato Signor mio Petruchio. Grumio ſteh auf, wir muͤſſen Frieden ſtiften. Grum. Ach! was er da auf lateiniſch vortraͤgt, wirds nicht in Ordnung bringen.— Wenn das kein rechtmäͤßi⸗ ger Grund fuͤr mich iſt ſeinen Dienſt zu verlaſſen!— Hoͤrt Ihr, Herr, er ſagt zu mir, ich ſoll ihm klopfen; ich ſoll nur tuͤchtig aushohlen, Herr; nun ſeht ſelbſt, kam es einem Diener zu, ſeinem Herrn ſo zu begegnen? da er noch dazu eben ausgeſpielt hatte, und ich war in der Hinterhand?— Und that ich nur, was er befahl in Eil, Dann kam auf Grumio nicht der ſchlimmſte Theil. Petr. Ein unvernuͤnftiger Burſch 3 ſeht nur, Hor⸗ tenſio, Ich hieß den Schurken klopfen an das Thor, Und konnt es nicht um alle Welt erlangen. Grum. Du lieber Himmel! Klopfen an das Thor! Sz. 2. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 217 Petr. Kerl, pack dich oder ſchweig, das rath' ich dir. Zort. Geduld Petruchio, ich 5 Grumio's An⸗ wald. Das iſt ein ſchlimmer Fall ja zwiſchen Euch, Und Euerm alten, luſt'gen, treuen Grumio!— Und ſagt mir nun, mein Freund, welch guͤnſt'ger Wind Blies Euch nach Padua von Verona her?— Petr. Der Wind, der durch die Wa die Jugend treibt, Sich Gluck wo anders als daheim zu ſuchen, Wo uns Erſahrung ſpaͤrlich reift. In Kurzem, Signor Hortenſio, ſteht es ſo mit mir: Antonio, mein Vater, lebt nicht mehr; Nun treib' ich auf Gerathewohl mich um, Vielleicht zu frein und zu gedeihn, wie geht; Im Beutel hab ich Gold, daheim die Guͤter, Und alſo reiſt ich aus, die Welt zu ſehn. Bort. Petruchio, ſoll ich nun dir ohne Umſchweif Zn einer zaͤnk ſchen boͤſen Frau verhelſen? Du wuͤrdſt mir wenig danken ſolchen Rath, Und doch verſprech' ich dirs, reich ſoll ſie ſeyn, Und zwar ſehr reich: indeß du biſt mein Freund, ch will ſie dir nicht wuͤnſchen. Petr. Signor Hortenſio, unter alten Freunden Brauchts wenig Worte. Wißt Ihr alſo nur Ein Mädchen, reich genug mein Weib zu werden, —(Denn Gold muß klingen zu dem Hochzeitstanz) Sey ſie ſo haͤßlich als Florentius Schaͤtzchen, Alt wie Sybille, zaͤnkiſch und erboßt Wie Socrates Rantippe, ja noch ſchlimmer⸗ Ich kehre mich nicht dran, und nichts bekehrt Zu andrer Meinung mich, und tobt ſie, gleich Dem Adriatſchen Meer, von Sturm gepeitſcht: Ich kam zur reichen Heirath her nach Padua, Wenn reich, kam ich zum Gluck hieher nach Padna. Grum. Mun ſeht, lieber Herr, er ſagts Euch wenig⸗ ſtens klar heraus wie er denkt. Ei, gebt ihm nur Gold ge⸗ nug, und verheirathet ihn mit einer Marionette, oder einem Haubenblock, oder einer alten Schachtel, die keinen Zahn mehr im Munde hat, hätte ſie auch ſo viel Krankheiten als zweiundfunfzig Pferde; nichts bringt ihm Angſt, wenns ihm nur Geld bringt. ——— 218 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. I. Zort. Petruchio, da wir ſchon ſo weit gediehn, So ſetz' ich fort was ich im Scherz begann. Ich kann, Petruchio, dir ein Weib verſchafſen Mit Geld genug, und jung und ſchoͤn dazu, Erzogen, wie der Edelfrau geziemt: Ihr einzger Fehl,— und das iſt Fehls genug,— Iſt, daß ſie unertraͤglich boͤs und wild, Zaͤnkiſch und trotzig uͤber alles Maaß: Daß, waͤr auch mein Beſitz noch viel geringer, Ich naͤhm' ſie nicht um eine Mine Goldes. Petr. O ſtill, du kennſt die Kraft des Goldes nicht! Sag ihres Vaters Namen, das genuͤgt: Ich mach' mich an ſie, tobte ſie ſo laut Wie Donner, wenn im Herbſt Gewitter kracht. Zort. Ihr Vater iſt Baptiſta Minola, Ein freundlicher und ſehr gefaͤlliger Mann: Ihr Name Catharina Minola, Beruͤhmt in Padua als die ſchlimmſte Zunge. Petr. Sie kenn' ich nicht, doch ihren Vater kenn' ich, Und dieſer war bekannt mit meinem Vater. Ich will nicht ſchlafen, bis ich ſie geſehn, Und drum verzeiht, daß ich ſo gradezu Euch gleich beim erſten Wiederſehn verlaſſe, Wenn Ihr mich nicht dahin begleiten wollt. Grum. Ich bitt' Euch Herr, laßt ihn gehn, ſo lange der Humor bei ihm dauert. Mein Seel, wenn ſie ihn ſo kennte wie ich, ſo wuͤßte ſie, daß Zanken wenig gut bei ihm thut. Mag ſie ihn meintwegen ein Stuͤcker zwanzig⸗ mal Spitzbube nennen, oder ſo etwas, ei, das thut ihm nichts. Aber wenn er nachher anfaͤngt, ſo gehts durch alle Regiſter. Ich will Euch was ſagen, Herr, nimmt ſie nur irgend mit ihm auf, ſo wird er ihr eine Figur in das Angeſicht zeichnen und ſie ſo Fſiguriren daß ſie nicht mehr Augen behaͤlt als eine Katze! Ihr kennt ihn noch nicht, Herr!— Zort. Wart nur, Petruchio, ich will mit dir gehn. Baptiſta iſt der Waͤchter meines Schatzes, Der meiner Seele Kleinod aufbewahrt, Die ſchoͤne Bianca, ſeine juͤngſte Tochter: Und die entzieht er mir und vielen andern, Die Nebenbuhler ſind in meiner Liebe, — Sz. 2. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 219 Weil ers unmöglich glaubt, und unerhoͤrt, (Um jene Fehler die ich dir genannt,) Daß jemand koͤnnt' um Catharinen werben. Drum hat Baptiſta ſo es angeordnet, Daß keiner je bei Bianca Zutritt findet, Bis er ſein zaͤnkiſch Kaͤthchen erſt vermaͤhlt.— Grum. Sein zaͤnkiſch Kaͤthchen!— Der ſchlimmſte Nam' aus allen fuͤr ein Maͤdchen!— Zort. Nun Freund Petruchio, thut mir einen Dienſt, Und ſtellt mich, in ein ſchlicht Gewand verkleidet, Baptiſta vor als wohlerfahrnen Meiſter, Um Bianca in Muſik zu unterrichten. So ſchafft ein Kunſtgriff mir Gelegenheit Und Muß' ihr meine Liebe zu entdecken, Und unerkannt um ſie mich zu bewerben. Grum. Das iſt keine Schelmerei! Seht nur, wie das junge Volk die Koͤpfe zuſammenſteckt um die Alten anzu⸗ fuͤhren. Junger Herr, junger Herr, ſeht Euch einmal um; wer kommt da? He?— Sort. Still, Grumio! Es iſt mein Nebenbuhler. Petruchio, tritt bei Seit. Cſie gehn auf die Seite.) (Gremio und Lucentio treten auf, letzterer verkleidet, mit Büchern unter dem Arm.) Grum. Ein art'ger Milchbart! Recht ein Amoroſo!— Grem. O recht ſehr gut! Ich las die Liſte durch, Nun, ſag' ich, laßt ſie mir recht koſtbar binden, Und lauter Liebesbuͤcher, merkt das ja, Ihr muͤßt durchaus kein Ahdres mit ihr leſen. Verſteht Ihr mich? Dann will ich, außer dem, Was Euch Signor Baptiſta's Großmuth ſchenkt, Euch wohl bedenken. Die Papiere nehmt, Laßt ſie mit ſuͤßem Wohlgeruch durchraͤuchern, Denn ſie iſt ſuͤßer noch als Wohlgeruch, Der ſie beſtimmt. Was wollt Ihr mit ihr leſen?— Luc. Was ich auch leß, ich fuͤhre Eure Sache, Als meines Goͤnners, deſſen ſeyd gewiß, So treu als ob Ihr ſelbſt zugegen wärt⸗ Ja, und vielleicht mit noch wirkſamern Worten, Wenn Ihr nicht etwa ein Gelehrter ſeyd. 220 Der Widerſpenſtigen Zähmung. 2. 1. Erem. O Wiſſenſchaft! Was ſ ein Segen biſt Grum. O Schnepfenhirn! Was ſür ein Eſel biſt Petr. Schweig, Kerl. SZort. Still Grumio!— Gott zum Gruß, Herr Gremio!— Grem. Euch gleichfalls Herr Hortenſio. Rathet Ihrs, Wohin ich gehe? Zu Baptiſta Minola: Ich gab mein Wort mich ſorglich zu bemuͤhn üm einen Lehrer fuͤr die ſchoͤne Bianca. Da traf ich's nun zu meinem Gluͤck recht wohl Mit dieſem jungen Mann, der ſich empfiehlt Durch Kenntniß und Geſchick: Er lieſ't Poeten Und andre Buͤcher, und zwar gute, glaubt mir. SZort. Das freut mich ſehr. Ich ſagt' es einem Freund, Der will mir einen feinen Mann empfehlen Zum Lehrer der Muſik fuͤr unſre Herrin: So bleib ich denn in keinem Punct zuruͤck Im Dienſt der ſchoͤnen Bianca, die ich liebe. Grem. Ich liebe ſie, das ſoll die That beweiſen. Grum. Der Bentel ſoll's beweiſen. Zort. Gremio, nicht Zeit iſts, jetzt von Liebe ſchwatzen: Hoͤrt mich, und wenn Ihr gute Worte gebt, Erzaͤhl' ich was uns beide nah' betrifft. Hier iſt ein Herr den ich zufaͤllig fand, Der, weil mit uns ſein eigner Vortheil geht, Sich um das boͤſe Kaͤthchen will bewerben, Ja, und ſie frein, iſt ihm die Mitgift recht. Grem. Ein Wort, ein Mann, waͤr' herrlich!— Hortenſio, weiß er ihre Fehler alle?— petr. Ich weiß, ſie iſt ein trotzig, ſtoͤrriſch Ding, Iſis weiter nichts? Ihr Herrn, was iſt da ſchlimm? Grem. Nicht ſchlimm, mein Freund? Was fuͤr ein Landsmann ſeyd Ihr? Petr. Ich bin ein Veroneſ., Antonio's Sohn. Mein Vater ſtarb, doch blieb ſein Geld mir leben, Das ſoll mir noch viel gute Tage geben. Sz. 2. Der Widerſpenſtigen Bähmung. 221 Grem. Nein, gute Tage nicht mit ſolcher Plage: Doch habt Ihr ſolch Geluͤſt, in Gottes Namen! Behuͤlflich will ich Euch in Allem ſeyn.— Und um die wilde Katze wollt Ihr frein?— Petr. Ei, will ich leben? Grum.(beiſeit.) Will er ſie frein? Ja, oder ich will ſie haͤngen. Petr. Weshalb als in der Abſicht kam ich her? Denkt Ihr, ein kleiner Schall betaubt mein Ohr? Hoͤrt ich zu Zeiten nicht den Lowen bruͤllen? Hoͤrt ich das Meer nicht aufgeſchwellt von Sturm Gleich wilden Ebern wuͤthen, ſchweißbeſchäumt? Vernahm ich Feuerſchluͤnde nicht im Feld, In Wolken donnern Jovis ſchwer Geſchütz? Hab ich in großer Feldſchlacht nicht gehoͤrt Trompetenklang, Roßwiehern, Kriegsgeſchrei? Und von der Weiberzunge ſchwatzt Ihr mir, Die halb nicht giebt ſo harten Schlag dem Ohr, Als die Kaſtanie auf des Landsmanns Heerd?— Popanze fuͤr ein Kind! Grum.(beiſeit.) Die ſcheut' er nie!— Grem. Hortenſio, hoͤrt, Zu unſerm Beſten iſt der Herr gekommen, Mir ahndet gutes Gluck fuͤr uns und ihn. Zort. Ich buͤrgte, daß wir ihm beiſteuern wollten, Und alle Koſten ſeiner Werbung tragen. Grem. Wohl! wenn Ihr nur von ihrer Wahl eyd Grum. Cbeiſeit.¾ Waͤr mir ſo ſicher nur'ne gute Mahl⸗ zeit!— (Tranio in ſtattlichen Kleidern, kommt mit Biondeillo.) Tranio. Gott gruͤß Euch, meine Herrn! Ich bin ſo kuͤhn Und bitt' Euch, mir den naͤchſten Weg zu“ zeigen Zum Hauſe des Signor Baptiſta Minola. Grem. Zu dem, der die zwei ſchoͤnen Toͤchter hat? Sagt, meint Ihr den? Tranio. Denſelben.— He, Biondello!— Grem. Ich hoffe nicht, Ihr meint auch ſie zugleich? 222 Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. A. I. Tranio. Sie oder ihn! Wer miſ Was kuͤmmerts u Petr. Nur nicht die Zaͤnk rin, bitt' Euch, galt es der? Tranio. Nach Zaͤnkern frag' ich Burſch, komm nur her. Luc. Cbeiſeit.) Gut Tranio!— Zort. Herr, ein Wort mit Euch allein! Liebt Ihr das Maͤdchen? Sagt Ja oder Nein!— Tranio. Und wenn ichs thaͤte, waͤr' es ein Ver⸗ brechen? Grem. Nein, wenn Ihr gehn wollt ohne mehr zu ſprechen. Tranio. Daß mir nicht frei die Straße, hoͤrt ich nie, So gut wie Euch, mein Herr. Grem. Ja, doch nicht ſie. Tranio. Und warum nicht? Grem. Nun, wenn ein Grund Euch ſehlt, Weil Signor Gremio ſie fuͤr ſich erwaͤhlt. Zort. Und auch Signor Hortenſio waͤhlte ſie. Tranio. Geduld, Ihr Herrn, und ſeyd Ihr Edelleute, Goͤnnt mir das Wort, hoͤrt mich gelaſſen an⸗ Baptiſta, weiß ich, iſt ein edler Mann, Dem auch mein Vater nicht ganz unbekannt. Und waͤr ſein Kind noch ſchoͤner als ſie iſt, Mag mancher um ſie werben, und auch ich. Der ſchoͤnen Leda Tochter liebten tauſend: So draͤngt zur ſchoͤnen Bianca ſich noch einer: Und kurz, Lucentio wird als Freier bleiben, Kommt Paris auch und hofft ihn zu vertreiben. Grem. Schaut! dieſes Herrchen uns All' zu ode. Luc. Laß ihm nur Raum, der Schluß wird lumpig ſeyn. Petr. Hortenſto, ſag wohin das alles fuͤhrt? Zort. Mein Herr, nur eine Frag' erlaubt mir noch: Habt Ihr Baptiſta's Tochter je geſehn?— Tranio. Nein, doch gehoͤrt, er habe deren zwei: Die eine ſo beruͤhmt als Keiferin, Wie es als ſchoͤn und ſittſam iſt die Andre. Petr. Herr, Herr, die Aeltſt' iſt eine die laßt mir gehn! Grem. Ja laßt die Arbeit nur dem Hercules, Und ſchwerer ſey ſie ihm, als alle Zwoͤlf. „— u ir Sz. 2. Der Wiberſpenſtigen Zaͤhmung. 223 Petr. Laßt Euch von mir, zum Kuckuck, das erklären. Die juͤngre Tochter, nach der Ihr ſo angeit, Verſchließt der Vater allen Freiern ſtreng, Und will ſie keinem einzgen Mann verſprechen, Bis erſt die aͤltre Schweſter angebracht: Dann iſt die Juͤngre frei, doch nicht vorher. Tranio. Wenn es ſich ſo verhaͤlt, daß Ihr es ſeyd, Der All' uns foͤrdert, mit den Andern mich, So brecht das Eis denn, ſetzt die Sache durch; Hohlt Euch die Aeltſte, macht die Juͤngre frei, Daß wir ihr nahn: und wer ſie dann erbeutet, Wird nicht ſo roh ſeyn, nicht es zu vergelten. Bort. Herr, Ihr ſprecht gut, zeigt Euch ſehr ver⸗ aͤndig, Und weil Ihr nun als Freier zu uns kommt, Muͤßt Ihr, wie wir, dem Herrn erkenntlich werden, Dem alle obenein verſchuldet bleiben. Tranio. Ich werde nicht ermangeln. Dieß zu zeigen, Erſuch ich Euch, ſchenkt mir den heut'gen Abend, Und zechen wir auf unſrer Damen Wohl: Thun wir, gleich Advocaten im Proceß, Die tuͤchtig ſtreiten, doch als Freunde ſchmauſen. Grum. und Biond. Welch ſchoͤner Vorſchlag! Kinder laßt und gehn. BZort. Der Vorſchlag in der That iſt gut und ſinnig: Petruchio kommt, Euer Ben venuto hin ich. (Alle ab.) 224 Der Widerſpenſtigen Zähmung. 3 weiter Aufzug.⸗ Erſte Szene. Zimmer. (Catharina und Bianca treten auf.) Bianca. Sieh Schweſter, mir und dir thuſt du zu nah, Wenn du mich ſo zur Magd und Sclavin machſtz Das nur beklag' ich: was den Putz betrifft, Mach los die Hand, ſo werf ich ſelbſt ihn weg, Mantel und Oberkleid, bis auf den Rock. Und was du mir befiehlſt ich will es thun, So wohl weiß ich, was ich der Aeltern ſchuldig. Cathar. Von deinen Freiern ſage, ich befehls dir, Wer iſt der liebſte dir? und nicht gelogen!— Bianca. Glaub mir, o Schweſter, unter allen Maͤn⸗ nern Sah ich noch nie ſo auserwaͤhlte Zuͤge, Daß Einer mehr als Andre mir gefallen. Cathar. Schaͤtzchen, du luͤgſt. Iſts nicht Hortenſio? Bianca. Wenn du ihm gut A. Schweſter, ſchwoͤr ich dir, Ich rede ſelbſt fuͤr dich, daß du ihn kriegſt. Cathar. Aha! ich merke ſchon, du waͤrſt gern reich, Du willſt den Gremio, um in Pracht zu leben! Bianca. Wenn Er es iſt, um den du mich beneideſt, O dann iſts Scherz, und nun bemerk' ich auch, Du ſpaßteſt nur mit mir die ganze Zeit: Ich bitt' dich, Schweſter Kaͤthchen, bind' mich los. Cathar. Wenn das ein Scherz iſt, ſo war alles Spaß⸗. (ſchlägt ſie.) Sz. 1. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 225 Baptiſta tritt auf.) Bapt. He, halt, du Drache!. ſoll dieſe Bos⸗ heit Bianca hieber! Das arme Kind, ſie weint Bleib doch beim Näh'n, gieb dich mit ihr nicht ab. Pfui! ſchaͤme dich, du boͤſe Teufelslarve! Was kraͤnkſt du ſie, die dich noch nie gekraͤnkt? Wann hat ſie dir ein bittres Wort entgegnet?— Cathar. Ihr Schweigen hoͤhnt mich, und ich will mich raͤchen. (ſpringt auf Bianca zu.) Bapt. Was! mir vor Augen? Bianca, geh hinein!— (Bianca ab. Cathar. Wollt Ihr mir das nicht goͤnnen? Ja, nun ſeh' ichs, Sie iſt Eu'r Kleinod, ſie muß man vermaͤhlen, Ich muß auf ihrer Hochzeit baarfuß tanzen, Weil Ihr ſie liebt, Affen zur Hoͤlle fuͤhren! Sprecht nicht mit mir, denn ich will gehn und weinen Bis mir Gelegenheit zur Rache wird. ab. Bapt. Hat je ein Hausherr den Verdruß empfunden? Doch wer kommt hier? (Gremio, mit Lucentio, in geringer Kleidung; Petru⸗ chio mit Hortenſio, als Muſiklehrer; und Tranio mit Biondello, der eine Laute und Bücher trägt, treten auf.) Grem. Guten Morgen Freund Baptiſta. Bapt. Freund Gremio, guten Morgen! Ihr Herrn Gott gruͤß Euch. Petr. Euch gleichfalls, Herr. St Ihr nicht eine Tochter, Genannt Cathrina, ſchoͤn und tugendhaft?— Bapt. Ich hab'ne Tochter, Herr, genannt Cathrina: Grem. Ihr ſeyd zu derb, den Spruch nach ordnung. Petr. Miſcht Euch nicht drein Herr Si laßt mich machen. Ich bin ein Edler aus Verona, Herr, Durch ihrer Schoͤnheit Ruf und chres Geiſtes, Lentſeligkeit und hochſt ſittſamer Demuth, Des wunderſamen Werths, ſanften Betragens, Gelockt, als Gaſt mich wage aufzudrängen In Euer Haus, damit mein Aug' erfahre VI. 15 226 Der Widerſpenſtigen Zahmung. A. II. Die Wahrheit deß was ich ſo oft gehoͤrt⸗ Und als das Angeld der Bewillkommung Beſchenk' ich Euch mit dem da, der mir dient, (ſtellt den Hortenſio vor.) Erfahren in Muſik und Mathematik, Um dieſes Wiſſen gruͤndlich ihr zu lehren, In dem ſie, wie ich weiß, nicht unerfahren. Schlagt mirs nicht ab, Ihr wuͤrdet ſonſt mich kraͤnken; Sein Name iſt Licio, und er ſtammt aus Mantua. Bapt. Ihr ſeyd willkommen, er um Euretwillen. Doch meine Tochter Catharin', ich weiß es, Paßt nicht fuͤr Euch, zu meinem großen Kummer. Petr. Ich ſeh', die Trennung wird Euch allzu ſchwer, Vielleicht iſt Euch mein Weſen auch zuwider?— Bapt. Verſteht mich recht, ich ſ ſo wie ich denke. Von woher kommt Ihr, Herr? Wie nenn' ich Euch?— Petr. Petruchio iſt mein Nahm', Antonios Sohn: In ganz Jialien ward der wohl bekannt. Bapt. Ich kannt ihn wohl, ſeyd abermals gegruͤßt. Grem. Eu'r Recht in Ehren, Herr Petruchio, laßt Uns arme Freier auch zu Worte kommen:— Coſpetto! Ihr ſeyd hurtig bei der Hand:— Petr. Laßt, Herr, ich muß es zu beenden ſuchen. Grem. Soo ſcheints, doch moͤgt Ihr einſt dem Werben — Nachbar, dieß iſt ein ſehr annehmliches Geſchenk, davon bin ich uͤberzengt. Um Euch meinerſeits die gleiche Hoͤflichkeit zu erweiſen,(der ich von Euch hoͤflicher behau⸗ delt worden bin als irgend Jemand), ſo nehme ich mir die Freiheit Euch dieſen jungen Gelehrten zu uͤbergeben,(ſteut Lucentio vor.) welcher lange Zeit in Rheims ſtudirt hat, und eben ſo erfahren iſt im Griechiſchen, Lateiniſchen und andern Sprachen, als Jener in Muſik und Mathematik: ſein Name iſt Cambio: ich bitte, genehmigt ſeine Dienſte. Bapt. Tauſend Dank, Signor Gremio: willkommen lieber Cambio.(zu Tranio.) Aber, werther Herr, Ihr geht wie ein Fremder; darf ich ſo kuͤhn ſeyn, nach der Urſach Eures Hierſeyns zu fragen?— 5 Tranio. Perzeiht, Signor, denn Kuͤhnheit iſts von mir, Sz. 1. Der WViderſpenſtigen Zähmung. 227 Daß ich, ein Fremder noch in dieſer Stadt, Mich gleich als Freier Eurer Tochter nenne, Der tugendhaft geſinnten ſchoͤnen Bianca.— Auch iſt Eu'r feſter Vorſatz mir bekannt, Der Vorzug ihrer aͤltern Schweſter giebt: Das Einz'ge was ich bitt' iſt die Erlaubniß, Seyd Ihr von meiner Herkunft unterrichtet, Daß mit den andern Freiern Zutritt mir Aufnahm! und Gunſt gleich allen ſey geſtattet. Und zur Erziehung Euter Tochter bracht' ich Dieß ſchlichte Inſtrument: ich bitte, nehmts, Und ein'ge Buͤcher, Griechiſch und Latein. Groß iſt ihr Werth wenn Ihr ſie nicht verſchmaͤht.— Bapt. Lucentio, heißt Ihr? und von wannen kommt Ihr? Tranio. Aus Piſa, edler Herr, Vincentio's Sohn. Bapt. Ein ſehr geehrter Mann, ich kenn' ihn wohl Nach ſeinem Ruf, und heiß Euch ſehr willkommen. Gum Hortenſio.) Nehmt Ihr die Laute,— Ihr(zum Lucentio.) dieß Pack von Buͤchern, Gleich ſollt Ihr Eure Schuͤlerinnen ſehn. He! Holla, drinnen! (Ein Diener kommt.) Burſche, fuͤhr ſofort Die Herrn zu meinen Tochtern, ſage beiden Sie ſollen hoͤflich ihren Lehrern ſeyn. (Diener, Hortenſio, Lucentio und Biondello ab.) Ich bitt' Euch, in den Garten mir zu folgen, Und dann zum Eſſen. Ihr ſeyd ſehr willkommen, Davon iſt jeder, hoff' ich, uͤberzeugt. Petr. Signor Baptiſta, mein Geſchaͤft hat Eil, Ich kann nicht jeden Tag als Freier kommen. Wohl kennt Ihr meinen Vater, mich in ihm, Den einz'gen Erben ſeines Gelds und Guts, Das ich vermehrt eh' als vermindert habe; So fagt mir nun: erwuͤrb' ich ihre Gunſt, Welch eine Mitgift bringt ſie mir ins Haus?— apt. Nach meinem Tod die Haͤlfte meines Guts. Und gleich zur Stelle zwanzig tauſend Kronen. Petr. Und fuͤr erwähnte Mitgift ſichr' ich ihr Als Witthum, falls ſie laͤnger lebt als ich, 15* 228 Der Widerſpenſtigen Zahmung. A. II. Was nur n Laͤnderein und Hoͤfen mein. Laßt uns genauer ſchriftlich dieß entwerfen, Und gelte gegenſeitig der Contract. Bapt. Doch was genau zuerſt ſich muß ergeben, Das iſt ihr Ja; denn das iſt Eins und Alles. Petr. Ei, das iſt nichts; denn ſeht, ich ſag' Euch, Vater Iſt ſie unbändig, bin ich toll und wid: ſnd wo zwei wuͤth'ge Feuer ſich begegnen, Vertilgen ſie, was ihren Grimm genaͤhrt: Wenn kleiner Wind die kleine Flamme facht, So blaͤßt der Sturm Feuer und Alles aus. Das bin ich ihr, und ſo fuͤgt ſie ſich mir, Denn ich bin rauh, und werbe nicht als Kind. Bapt. Wirb dann mit Gluͤck und moͤge dirs gelingen; Doch ruͤſte dich auf einige harte Reden. Petr. Auf Hieb und Stich; Berge ſtehn dem Wind Sie wanken nicht, und blieſ' er immerdar.“ (Hortenſio kommt zurück mit zerſchlagnem Kopf.) Bapt. Wie nun, mein Was machte dich ſo leich? eich? Zort. Das that die Furcht, wahrhaftg, ward ich leich. Bapt. Bringts meine Tochter weit als Kuͤnſtlerin? Fort. Ich glaube, weiter bringt ſie's als Soldat: Eiſen haͤlt bei ihr aus, doch keine Laute. Bapt. Kannſt du ſie nicht die Laute ſchlagen lehren? Zort. Nein, denn ſie hat die Lauk an mir zerſchlagen⸗ Ich ſagt ihr, ihre Griffe ſeyn nicht recht, Und bog zur Fingerſetzung ihr die Hand; Als ſie mit teufliſch boͤſem Geiſte rief: Griffe nennt Ihrs? Jetzt will ich richtig greifen! Und ſchlug mich auf den Kopf mit dieſen Worten, Daß durch die Lant' er einen Weg ſich bahnte. So ſtand ich da, erſchrocken und betaͤubt, Wie durchs Halseiſen ſchaut' ich durch die Laute, Waͤhrend ſie tobt', und ſchalt mich lump'gen Fiedler, Und Klimperhans, und zwanzig ſchlimme Namen, Als haͤtte ſie's ſtudirt mich recht zu ſchimpfen. Sz. 1. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 229 Petr. Nun meiner Seel' es iſt ein muntres Kind, Nun lieb' ich zehnmal mehr ſie als vorher: Wie ſehn' ich mich ein Stuͤck mit ihr zu plaudern!— Bapt. Kommt, geht mit mir, und ſeyd nicht ſo beſtuͤrzt, Setzt mit der Juͤngſten fort den Unterricht, Sie dankt Euch guten Rath und iſt gelehrig. Signor Petruchio, wollt Ihr mit uns Lehn, Sonſt ſchick' ich meine Tochter Kaͤthchen her. Petr. Ich bitt' Euch thuts; ich will ſie hier erwarten, (Baptiſta, Tranio, Gremio und Hortenſio ab.) Und etwas dreiſt mich zeigen, wenn ſie kommt. Schmaͤhlt ſie, erwidr' ich ihr mit feſtem Ton, Sie ſinge lieblich gleich der Nachtigall. Blickt ſie mit Wuth, ſag' ich ſie ſchaut ſo klar Wie Morgenroſen, friſch vom Thau gewaſchen. Und bleibt ſie ſtumm, und ſpricht kein einzig Wort, So ruͤhm' ich ihr behendes Sprechtalent, Und ſag, die Redekunſt ſey herzentzuͤckend. Sagt ſie, ich ſoll mich packen, dank' ich ihr, Als baͤte ſie mich Wochen da zu bleiben: Schlaͤgt ſie mich aus, ſo frag' ich nach dem Tag Des Aufgebots, und wann die Hochzeit ſey? Da kommt ſie ſchon! Und nun, Petruchio, ſprich. (Catharine kommt.) Guten Morgen, Kaͤthchen, denn ſo heißt Ihr, hoͤr' ich. Cathar. Ihr hoͤrtet recht, und ſeyd doch hart geoͤhrt, Wer von mir ſpricht, nennt ſonſt mich Catharine. Petr. Mein Seel, Ihr luͤgt, man nennt Euch ſchlecht⸗ weg Kaͤthchen, Das luſt'ge Kaͤthchen, auch das boͤſe Käthchen. Doch, Kaͤthchen, ſchmuckſtes Kaͤthchen in Europa, Kaͤthchen von Kaͤthchenheim, du, Kaͤthchen, goldnes, (Durcaͤtcchen ſind Ducaten, drum Gold⸗Kaͤthchen,) Erfahre denn, du Kaͤthchen Herzenstroſt: Weil alle Welt mir deine Sanftmuth preiſt, Von deiner Tugend ſpricht, dich reizend nennt, Und doch ſo reizend nicht als dir gebuͤhrt: Hat michs bewegt zur Frau dich zu begehren,— Cathar. Bewegt? Ei ſehti ſo bleibt nur in Bewe⸗ gung, 230 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A.. Und macht daß Ihr Euch baldigſt heim bewegt; Ihr ſcheint beweglich. Petr. So! Was iſt beweglich? Cathar. Ein Feldſtuhl. £ Petr. Brav getroffen! Sitzt auf mir. Cathar. Die Eſel ſind zum Tragen, ſo auch Ihr. Petr. Die Weiber ſind zum Tragen, ſo auch Ihr. Cathar. Nicht ſolchen Narrn als Euch, wenn Ihr mich meint. Petr. Ich will dich nicht belaſten, gutes Kaͤthchen; Denn weil du doch bis jetzt nur jung und leicht. Cathar. Zu leicht gefuͤßt, daß ein Tropf mich aſche; Allein ſo ſchwer Gewicht als mir gebuͤhrt, Hab ich trotz Einer. Petr. Sprichſt du mir vom Habicht?— Cathar. Ihr fangt nicht uͤbel. Petr. Soll ich Habicht ſeyn, Und du die Ringeltaube? Cathar. Zu den Tanben Gehoͤrt Ihr ſelbſt trotz Eurer großen Ohren, Und dieß mein Ringel iſt wohl nicht fuͤr Euch⸗ Petr. Geh mir, du Weſpe! du biſt allzu boͤſe!— Cathar. Nennt Ihr mich Weſpe, fuͤrchtet meinen Stachel. Petr. Das beſte Mittel iſt ihn auszureißen. Cathar. Ja, wuͤßte nur der Narr, wo er verſteckt. Petr. Wer weiß nicht, wo der Weſpe Stachel ſitzt? Im Schweif! Cathar. Nein in der Zunge. Petr. In weſſen Zunge? Cathar. In Eurer, Zungendreſcher, ſpitzer Stichler. Petr. Was! Meine Zunge waͤr dein Schweif? Nein, 6 Kaͤthchen, Ich bin ein Edelmann„„ Cathar. Das woll'n wir ſehn. Cſchlägt ihn.) Petr. Mein Seel, du kriegſt eins, wenn du nochmal ſchlägſt! Sz. 1. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 231 Cathar. So moͤgt Ihr Eure Armatur verlieren: Wenn Ihr mich ſchluͤgt waͤr't Ihr kein Edelmann, Waͤrt nicht armirt, und folglich ohne Arme. Petr. Treibſt du Heraldik? Trag mich in dein Buch⸗ Cathar. Was iſt Eu'r Helmſchmuck? Iſts ein Hah⸗ nenkamm? Petr. Ein Hahn, doch kammlos, biſt du meine Henne. Cathar. Kein Hahn fuͤr mich, Ihr kraͤht als mattes Haͤhnlein! Petr. Komm Käaͤthchen, komm, du mußt nicht ſauer ehn. Cathar. S iſt meine Art, wenn ich Holzaͤpfel ſehe. Petr. Hier iſt ja keiner, darum ſieh nicht ſauer. Cathar. Doch, doch!— Petr. So zeig' ihn mir! Cathar. Ich habe keinen Spiegel! Petr. Wie! Mein Geſicht?— Cathar. So jung und ſchon ſo klug?— Petr. Nun bei Sanct Georg, zu jung fuͤr ich! Cathar. Doch ſchon verwelkt! Petr. Aus Gram! Cathar. Das graͤmt mich nicht. Petr. Rein, Kaͤthchen, bleib, ſo nicht entkommſt du mir. Cathar. Nein, ich erboß' Euch, bleib ich länger hier. Petr. Nicht dran zu denken: du biſt allerliebſt!— Ich hoͤrte du ſeyſt rauh und ſproͤd' und wild, Und ſehe nun daß dich der Ruf verlaͤumdet: Denn ſcherzhaft biſt dn, ſchelmiſch, ͤußerſt hoflich, Picht ſchnelles Wort, doch ſuͤß wie Fruͤhlingsblumen: Du kannſt nicht zuͤrnen, kannſt nicht finſter blicken, Wie boͤſe Weiber thun die Lippe beißen: Du magſt Niemand im Reden uͤberhau'n, Mit Sanftmuth unterhältſt du deine Freier, Mit freundlichem Geſpraͤch und ſuͤßen Phraſen.— Was fabelt denn die Welt daß Käthchen hinkt? d boͤſe Welt! Sieh, gleich der Haſelgerte,— Iſt Kaͤthchen ſchlank und grad' und braun von Farbe, 232 Der Widerſpenſtigen Zahmung. A. IMI. Wie Haſelnuͤſſ⸗ und ſuͤßer als ihr Kern. Laß deinen Gang mich ſehn:— Nein, du hinkſt nicht. Cathar. Geh, Narr, befiehl den Leuten die du lohnſt!— Petr. Hat je Diana ſo den Wald geſchmuͤckt, Wie Kaͤthchens koͤniglicher Gang dieß Zimmer? O ſey du Diana, laß ſie Käthchen ſeyn, Und dann ſey Kaͤthchen keuſch und Diana uͤppig. Cathar. Wo habt Ihr die gelehrte Red' erlernt? Petr. Iſt nur Ex Tempore, mein Mutter Witz. Cathar. O witz'ge Mutter! Witzlos ſonſt ihr Sohn!— Petr. Fehlt mir Verſtand? Cathar. Ihr habt wohl juſt ſo viel Euch warm zu halten. Petr. Nun, das will ich auch In deinem Bett, mein Käthchen; und deshalb Bei Seite ſetzend alles dieß Geſchwätz, Sag ich Euch rund heraus: Eu'r Vater giebt Euch mir zur Frau: die Mitgift ward beſtimmt, Und wollt Ihrs oder nicht, Ihr werdet mein. Nun Käthchen, ich bin grad ein Mann fuͤr dich; Denn bei dem Sonnenlicht, das ſchon dich zeigt, Und zwar ſo ſchoͤn daß ich dir gut ſeyn muß, Kein andrer darf dein Ehmann ſeyn als ich. Ich ward geboren dich zu zaͤhmen, Kaͤthchen, Dich aus nem wilden Kaͤtzchen zu'nem Käthchen Zu wandeln, zahm wie andre fromme Kaͤthchen, Dein Vater kommt zuruͤck, nun ſprich nicht nein, Ich will und muß zur Frau Cathrinen haben. (Baptiſta, Gremio und Tranio kommen zurück.) Bapt. Nun, Herr Petruchio, ſagt, wie geht es Euch Mit meiner Tochter? Petr. Nun, wie ſonſt als gut? Wie ſonſt als gut? Unmoͤglich gieng' es ſchlecht. Bapt. Nun Tochter Catharina? So verſtoͤrt? Cathar. Nennt Ihr mich Tochter? Nun ich muß ge⸗ ehn Ihr zeigtet mir recht zarte Vaterliebe, Mir den Halbtollen da zum Mann zu wuͤnſchen! Sz. 1. Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. 233 Den Hans den Flucher, wilden Renommiſten, Ders durchzuſetzen denkt mit Schwadroniren!— Petr. Vater, ſo ſtehts: Ihr und die ganze Welt Wer von ihr ſprach, der ſprach von ihr verkehrt. Thut ſie ſo wild, fo iſt es Politit: Denn beißend iſt ſie nicht, nein ſanft wie Tauben; Nicht heißen Sinns, nein wie der Morgen kuͤhl: Im Dulden kommt ſie nah Griſeldens Vorbild, Und in der Keuſchheit Roms Lucretia: Und kurz und gut: wir ſtimmen ſo zuſammen, Daß naͤchſten Sonntag unſre Hochzeit iſt. Cathar. Eh will ich naͤchſten S dich gehaͤngt ehn. Grem. Petruchio hoͤrt, ſie ſn Euch eh gehaͤngt ehn! Tranio. Nennt Ihr das gut gehn? Dann ſtehts ſchoͤn mit uns!— Petr. Seyd ruhig, Herrn, ich waͤhlte ſie fuͤr mich, Sind ſie und ich vergnuͤgt, was kuͤmmerts Euch?— Wir machtens aus, hier unter uns allein, Daß in Geſellſchaft ſie ſich boͤſe ſtellt. Ich ſag' Euch, ganz unglaublich iſts fuͤrwahr, Wie ſie mich liebt. O du holdſel'ges Kaͤthchen!— Sie hieng an meinem Hals, und Kuß auf Kuß Ward aufgetrumpft, und Schwur auf Liebesſchwur So raſch, daß ſie im Nu mein Herz gewann. O Ihr ſeyd Schuͤler, und das iſt das Wunder, Wie zahm, wenn Mann und Frau allein gelaſſen, Der lahmſte Wicht die tollſte Sproͤde ſtimmt. Gieb mir die Hand, mein Kächchen. Nach Venedig Reiſ' ich, um Putz zum Hochzeitstag zu kaufen:— Beſorgt das Mahl, Herr Vater, ladet Gäͤſte, So zweifle ich nicht, mein Kuͤthchen zeigt ſich ſchmuck. Bapt. Ich weiß nicht was zu ſagen! Gebt die Hand mir Gott ſchenk Euch Gluͤck, Petruchio; wir ſind einig. Grem. und Tranio. Amen von ganzem Herzen! Wir ſind Zeugen.— Petr. Vater, und Braut, und Freunde, lebt denn wohl Jett nach Venedig! Sonntag iſt bald da, 234 Der Widerſpenſtigen Zaähmung. A. U. Da braucht man Ring' und Ding' und bunte Schau? Nun kuͤß mich, Sonntag biſt du meine Frau. Metruchio und Catharine zu verſchiedenen Seiten ab.) Grem. Ward je ein Paar ſo ſchnell zuſamm⸗ ge⸗ kuppelt?— Bapt. Jetzt bin ich, Freund', in eines Kaufmanns Lage, Da ich auf zweifelnd Gluͤck verzweifelt wage. Tranio. Doch lag die Waar' S laͤſtig auf dem als Nun trägt ſie Zinſen oder geht zu Grund⸗ Bapt. Als Zins iſt mir nur ihre Ruhe theuer. Grem. Gewiß, er kaufte ſich'nen ruh'gen Geier!— Doch nun Baptiſta, denkt der jungern Tochter: Dieß iſt der Tag den wir ſo lang' erſehnt. Ich bin Eu'r Nachbar, war der erſte Freier. Tranio. Und ich bin Einer, der Bianca liebt, Mehr als Gedanken rathen, Worte zeugen. Grem. Zuͤngling! Du kannſt nicht lieben, ſtark wie ich. Tranio. Graubart, dein Lieben froſtelt. Grem. Deines kniſtert. Fort, Springinsfeld! das Alter iſt gedeihlich! Tranio. Doch Jugend nur dem Mäͤdchenſinn er⸗ freulich. Bapt. Zankt nicht, Ihr Herrn. Ich will den Streit entſcheiden; Das Baare traͤgts davon. Wer von Euch Zwein Das groͤßte Witthum meiner Tochter ſichert, Soll Bianca's Lieb' erhalten.— Sagt, Signor Gremio, was koͤnnt Ihr verſchreiben?— Grem. Vor allem, wißt Ihr, iſt mein Haus in Padua Reichlich verſehn mit Gold und Silberzeug, Becken und Kanne, die Haͤndchen ihr zu waſchen. Alle Tapeten Tyriſches Gewirk: Koffer von Elfenbein, gepackt voll Kronen, In Cedern⸗Kiſten Teppiche, bunte Decken, Koͤſtliche Stoffe, Zelt' und Baldachine, l. r Sz. 1. Der Widerſpenſtigen Zahmung. 235 Battiſte, turk'ſche perlgeſtickte Polſter, Borten, durchwebt mit venetian'ſchem Gold, Kupfer und Zinngeſchirr, und was gehoͤrt Zum Haus und Hausrath: dann im Pachthof hab' ich Einhundert Stuͤck Milchkuͤhe, jung und ſtark, In Ställen hundertzwanzig fette Ochſen, Nebſt allem Zubehoͤr und Inventar: Ich ſelbſt, ich bin bejahrt, ich kanns nicht laͤugnen; Und wenn ich morgen ſterb, iſt alles Ihr, Gehoͤrt ſie Einzig mir ſo lang' ich lebe. Tranio. Das Einzig war gut angebracht, hoͤrt mich! Ich bin des Vaters Erb und einz'ger Sohn: Wenn Ihr die Tochter mir zum Weibe gebt, Verſchreib' ich ihr drei, vier ſo ſchoͤne Haͤuſer Im reichen Piſa, als nur irgend eins, Das Signor Gremio hier in Padua hat: Und außerdem zweitanſend Kronen jaͤhrlich Aus reichen Laͤnderein, allein fur ſie. Nun Signor Gremio, womit ſtecht Ihr das? Grem. Zweitauſend Kronen Landertrag im Jahr? Mein Landgut traͤgt in Allem nicht ſo viel, Doch ihr verſchreib ich es: zudem ein Frachtſchiff Das jetzt im Hafen von Marſeille liegt. Was! Macht Euch der Kauffahrer nun capott? Tranio. Gremio! Man weiß, Vater hat drei große Rauffahrerſchiffe, zwei Galeeren, und Zwoͤlf tuͤcht'ge Ruderbarken: die verſchreib' ich Und zweimal mehr als du noch bieten kannſt. Grem. Nein, alles bot ich nun, mehr hab' ich nicht; All' meine Habe, mehr kann ſie nicht haben: Und waͤhlt Ihr mich, hat ſie mein Gut und mich. Tranio. Dann iſt vor aller Welt das Maͤdchen mein, Nach Euerm Wort: Gremio ward abgetrumpft. Bapt. Ich muß geſtehn, Eu'r Bieten war das hoͤchſte; Und ſtellt Eu'r Vater die Verſccherung aus, Iſt ſie die Eurige: Wo nicht, verzeiht, Wo bleibt ihr Witthum, ſterbt Ihr vor dem Vater? Tranio. Chicane das! Er iſt bejahrt, ich jung. 236 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A.N. Grem. Und ſterben Junge nicht ſo gut als Alte?— Bapt. Wohlan ihr Herrn, Dieß iſt mein Wort. Auf naͤchſten Sonntag, wißt Ihr, Iſt meiner Tochter Catharine Tranung: Nun, einen Sonntag ſpaͤter will ich Bianca Mit Euch verloben, ſchafft Ihr den Revers, Wo nicht, mit Signor Gremio: Und ſo empfehl' ich mich, und dank' Euch beiden. (ab.) Grem. Lebt Nachbar wohl. Jetzt Freund, fuͤrcht ich dich nicht, Du Haſenfuß! Dein Vater waͤr' ein Narr! Dir Alles geben, und in alten Tagen Von deiner Gnade leben? Das dir bieten? Da wird ſolch italien'ſcher Fuchs ſich huͤten!— Tranio. Der Teufel hol dich, liſt'ges altes Fell! Ich ſpiele hohes Spiel und ſetz' es durch. Gefunden hab ichs, meinem Herrn zu dienen. Was braucht es mehr? Lucentio der falſche Zeugt einen Vater, Vincentio den falſchen: Und das iſt Wunders gnug. Sonſt ſinds die Vaͤter Die ſich die Kinder zeugen; allein fuͤr unſer Frein hier Erzeugt das Kind den Vater, will nur die Liſt gedeihn mir. (ab.) Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. 237 Dritter ifüg⸗ Erſte Szene. Zimmer bei Baptiſta. (Lucentis, Hortenſio und Bianca treten auf.) Lucentio. Fiedler, laßt ſeyn; Ihr werdet all zu dreiſt. Habt Ihr die Freundlichkeit ſo ſchnell vergeſſen, Mit der Euch Catharine hier empfieng?— Zort. Zankſͤchtger Schulgelehrter! Immer war Die goͤttliche Muſik die Herrſcherin: Drum ſteht zuruͤck und goͤnnet mir den Vorzug; Und wenn wir eine Stunde muſicirt, Soll Euer Leſen gleiche Muße finden. Luc. Ihr widerſinn'ger Tropf! der nicht begriff, Zu welchem Zweck Muſik uns ward gegeben:— Iſts nicht, des Menſchen Seele zu erfriſchen, Nach ernſtem Studium und der Arbeit Muͤh?— Deshalb vergoͤnnt daß wir philoſophiren, Und ruhn wir aus, dann moͤgt Ihr muſiciren. Bort. Geſell! Ich will dein Trotzen nicht ertragen!— Bianca. Ei, Herrn, das ja doppelt mich be⸗ eid'gen, Zu zanken wo mein Will entſcheidend iſt. Ich bin kein Schulkind das die Ruthe ſcheut, Ich will mich nicht an Zeitbeſtimmung binden, Nein Stunde nehmen wie's mir ſelbſt gefaͤllt. Den Streit zu ſchlichten, ſetzen wir uns hier, Nehmt Euer Inſtrument, und ſpielt indeſſen, Denn wir ſind fertig eh Ihr nur geſtimmt. 238 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. IIH. Zort. So ſchließt Ihr wenn ich recht in Stimmung bin? Gzieht ſich zurück.) Luc. Das wird wohl nie der Fall ſeyn. Stimmt nur immer. Bianca. Wo blieben wir? Luc. An dieſer Stelle, Fraͤulein: Hac ibat Simois, hic est Sigeia Pellus, Hic steterat Priami regia celsa genis. Bianca. Wollt Ihr das uͤberſetzen? Luc. Hac ibat, wie ich Euch ſchon ſagte, Simois— ich bin Lucentio,— hic est— Sohn des Vincentio in Piſa;— Sigeia tellus— ſo verkleidet um Eure Liebe zu erflehen:— hiec steterat und jener Lucentio der um Euch wirbt,— Priami— iſt mein Diener Tranio;— Regia— der meinen Namen traͤgt,— Celsa Senis damit wir den alten Herrn Pantalon anfuͤhren. Zort. Fraͤulein, nun ſtimmt die Laute. Bianca. O pfui! das E. iſt falſch, das G. iſt recht. Luc. Recht, darum gehl mein Freund und ſtimme wieder. Bianca. Laßt mich nun ob ich es uͤberſetzen Hac ibat Sünois— ich kenne Euch nicht;— hic est Sigeia tellus— Ich traue Euch nicht; hic steterat Priami— nehmt Euch in Acht daß er uns nicht hoͤrt:— Regia ſeyd nicht zu verwegen— Celsa Senis verzweifelt nicht. FZort. Fraͤulein nun ſtimmt ſie. Lue. A. und F. ſind falſch. Zort. Ihr ſeyd wohl ſelbſt das A. und F., Herr Aff. Wie feurig keck der Schulgelehrte wird!— Fuͤrwahr, der Schelm wagts ihr den Hof zu machen; Wart Schulfuchs, ich will beſſer dich bewachen. Bianca. Ich ſeh es mit der Zeit wohl ein, noch zweifl' ich. Lnc. O zweifelt nicht! Ihr wißt, der Aeacide War Ajar, nach dem Ahnherrn ſo genannt. Bianca. Ich muß dem Lehrer glauben, ſonſt be⸗ theur' ich, Sz. 1. Der Wiberſpenſtigen Zaͤhmung. 239 Auf meinem Zweifel wuͤrd' ich ſtets beharren. Doch ſey's genug. Nun Licio, iſts an Euch. Ihr guten Lehrer nehmts nicht uͤbel auf, Daß ich ſo ſcherzhaft mit Euch beiden war. Zort Ihr moͤgt nun gehn ein Weilchen aſſen Dreiſtimmige Muſik kommt heut nicht ver. Luc. Seyd Ihr ſo puͤnctlich? Nun, ſo muß ich warten Und auf ihn achten, denn irr' ich mich nicht Macht unſer feiner Saͤnger den Verliebten. Sort. Fraͤulein, eh' Ihr die Laute nehmt zur Hand, Muß ich beginnen mit den Anfangsregeln, Daß Ihr des Fingerſatzes Kunſt begreift, Und Eure Scala lernt in kuͤrzrer Zeit, Vergnuͤglicher, brauchbarer, kraͤftiger, Als je ein andrer Lehrer Euchs gezeigt:— Hier habt Ihrs aufgeſchrieben, ſchoͤn und faßlich. Bianca. Die Scala hab ich laͤngſt ſchon abſolvirt. Bort. Doch hoͤrt, wie ſie Hortenſio conſtruirt. Bianca(lieſt.) C. Scala, Grund der Harmonie genannt, D. Soll Hortenſio's heiße Wuͤnſche deuten. E. F. O Bianca, ſchenk' ihm deine Hand, G. A. Und laß ſein treues Herz dich leiten. H. Nimm zwei Schluͤſſel an die er dir bot, C. Dein Erbarmen, oder ſeinen Tod. Bianca. Das nennt Ihr Scala? Geht, die mag ich nicht, Die alte lieb ich mehr, bin nicht ſo luͤſtern, Seltſamer Neu'rung Aechtes aufzuopfern.— (Ein Diener kommt.) Dien. Fraͤulein, der Vater will, Ihr laßt die Buͤcher, Und helft der Schweſter Zimmer aufzuſchmuͤcken:— Ihr wißt, auf Morgen iſt der Hochzeittag. Bianca. Lebt wohl, Ihr lieben Lehrer, ich muß gehn. (Bianca und Diener ab.) Luc. Dann Fraͤulein, hab' ich keinen Grund zu bleiben. Cab.) 240 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. MI. Zort. Doch Grund hab' ich, zu erfor⸗ en WMir ſcheint nach ſeinem Blick er ſey verliebt: Doch Bianca, iſt dein Sinn ſo ganz veraͤchtlich, Dein wandernd Aug' auf jeden Knecht zu werfen, So lauf' zu wem du willſt! Biſt du ſo niedrig, Such ich ein andres Weib, und ſo erwiedr' ich. Cab.) 3 weite Szene. Andres Zimmer. (Baptiſta, Gremio, Tranio, Catharine, Bianca und Diener treten auf.) Baptiſta. Signor Lucentio, dieſes iſt der Tag Fuͤr Catharinens und Petruchios Hochzeit, Und immer noch laͤßt ſich kein Eidam ſehn. Was wird man ſagen? Welch' ein Spott fuͤr uns! Der Braͤutgam fehlt, da ſchon der Prieſter wartet, Um der Vermaͤhlung Feier zu vollziehn!— Was ſagt Lucentio denn zu dieſer Schmach?— Cathar. Nur meine Schmach! Ich bin, ſeht doch, ge⸗ zwungen Die Hand zu reichen, meinem Sinn entgegen, Dem tollen Grobian, halbverruͤckt von Launen, Der eilig freit und langſam Hochzeit macht. Ich ſagt es wohl, er ſey ein Narrenhaͤusler, Der unter Derbheit bittern Hohn verſteckt; Und um fuͤr einen luſt'gen Mann zu gelten Haͤlt er um Tauſend an, ſetzt feſt die Hochzeit, Lädt Freunde ein, beſtellt das Aufgebot, Und denkt nie Ernſt aus ſchlechtem Spaß zu machen. Mit Fingern zeigt man nun auf Catharinen, Und ſpricht: da geht des Narrn Petruchio Frau, Geſiels ihm nur, zur Heirath ſie 1— Tranio. Geduld, Baptiſta, liebe Catharine, Petruchio meint es gut, bei meinem Leben, Was auch ihn hemmen mag, ſein Wort zu halten. 1 * Sz. 2. Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. 244 Iſt er gleich derb, kenn' ich ihn doch als klug, Und iſt er luſtig, doch ein Mann von Ehre. Cathar. Hätt' ich ihn nur mit Augen nie geſehn!— (geht weinend ab mit Bianca und den Dienern.) Bapt. Geh Maͤdchen, wenn du il kann ich nicht elten; Denn ſolche Schmach muͤßt' eine Heil'ge kraͤnken, Vielmehr ſo heft'gen Sinn und raſches Blut. (Biondello kommt.) Biond. Herr, Herr, Neuigkeiten! Alte Meuigkeiten! Solche Reuigkeiten wie Ihr ſie nie gehoͤrt habt!— Bapt. Alt und Neu zugleich? Wie kann das ſeyn? Biond. Nun iſt das keine Neuigkeit, wenn ich Euch ſage, daß Petruchio kommt? Bapt. Iſt er gekommen? Biond. Ei, nicht doch! Bapt Was denn? Biond. Er kommt erſt. Bapt. Wenn wird er hier ſeyn? Biond. Wenn er hier ſteht wo ich jetzt ſtehe und Euch dort ſieht. Tranio. Aber nun deine alten Neuigkeiten? Biond. Ei, Petruchio langt jetzt an in einem neuen Hut und einem alten Wamms; mit einem Paar Stiefeln die ſchon als Lichtkaſten gedient haben, einer mit Schnallen, der andre zum Schnuͤren; mit einem alten roſtigen Degen aus dem Stadtzeughauſe: das Gefaͤß iſt zerbrochen, der Buͤgel fehlt, und die beiden Riemen ſind zerriſſen: Sein Pferd iſt kreuzlahm, und trägt einen alten wurmſtichigen Sattel mit zweierlei Buͤgeln: außerdem hats den Rotz, und iſt auf dem Ruͤckgrat ganz vermooſ't: es iſt krank an der Mundfaͤule, behaftet mit der Raͤude, ſteckt voller Gal⸗ len, iſt ruinirt von Spath, leidet an der Gallſucht, hat einen incurabeln Hahnentritt, einen intermittirenden Son⸗ nenkoller, und einen unvertilgbaren Kropp: dabei iſts ſenk⸗ ruͤckig, ſtark buglahm, und ſteif auf den Vorderbeinen: es hat eine halbverbogne Stange, und ein Kopfgeſtell von Schafleder, das man ſo kurz geſchnallt, um's vom Stol⸗ VI. 16 42 Der Widerſpenſtigen ZBaͤhmung. A. MI. pern abzuhalten, daß es ſchon oft geriſſen und dann wieder mit Knoten zuſammengeſtuͤckt iſt; einen Gurt aus ſechs Stuͤcken geflickt, und einen ſammtnen Schwanzriem von einem Frauenſattel, mit zwei Buchſtaben, die ihren Namen bedeuten ſollen, zierlich mit Naͤgeln eingeſchlagen, und hie und da mit Packfaden ergaͤnzt. Bapt. Wer kommt mit ihm? Biond. O Herr, ſein Lakai, der leibhaftig wie das Pferd ausſtaffirt iſt: mit einem leinenen Strumpf an einem Bein, und einem groben wollnen Jagdſtrumpf am andern, und ein paar rothe und blaue Tucheggen als Knie⸗ guͤrtel: ein alter Hut, an dem die vierzig verliebten neuen Lieder als Feder ſtecken; ein Ungeheuer, ein rechtes Unge⸗ heuer in ſeinem Anzuge, und ſieht keinem chriſtlichen Dienſtboten oder eines Edelmanns Lakaien aͤhnlich!— Tranio. Wer weiß welch ſeltne Laun' ihn dazu trieb, Obgleich er oft geringe Kleider traͤgt. Bapt. Nun, ich bin froh daß er kommt, mag er kommen wie er will. Biond. Nein Herr, er kommt nicht. Bapt. Sagteſt du nicht, er komme? Biond. Wer? Petruchio? Bapt. Ja, daß Petruchio komme. Biond. Nein Herr, ich ſagte ſein Pferd kommt und er ſitzt drauf. Bapt. Nun das iſt Eins. Biond. O nein doch, beim St. Jacob! da ſeyd Ihr weit vom Ziele! Denn Pferd und Mann ſind mehr als Eins und ſind doch auch nicht viele. (Petruchio und Grumio kommen.) Petr. Wo ſeyd Ihr, ſchmuckes Volk? Wer iſt zu Haus? Bapt. Gut daß Ihr grade kommt Petr. Und doch nicht grade. Bapt. Ihr hinkt doch nicht? Tranio. Nicht grade ſo geſchmuckt, Als Ihr wohl ſolltet. Sz. 2. Der Widerſpenſtigen Zaähmung. 243 Petr. Waͤrs auch zierlicher, Ich ſtuͤrmte eben ſo zu Euch herein. Doch wo iſt Kaͤthchen, meine holde Braut? Was macht mein Vater? Leute, ſagt was habt Ihr? Was gafft denn dieſe wertheſte Geſellſchaft Als waͤr' ein ſeltſam Abentheur zu ſehn, Eln Wunderzeichen oder ein Comet? Bapt. Ei nun, Ihr wißt, heut iſt Eu'r Hochzeittag:— Erſt ſorgten wir, Ihr moͤchtet gar nicht kommen, Nun mehr noch, daß Ihr kommt ſo ungeſchmuͤckt. Pfui! Weg das Kleid, Schand' einem Mann wie Ihr, Und unſerm Ehrentag ein Dorn im Auge!— Tranio. Und ſagt uns, welch ein wichtig Hinderniß Hielt Euch ſo lang entfernt von Eurer Braut? Und bringt Euch her, Euch ſelbſt ſo gar nicht aͤhnlich?— Petr. Langweilig waͤrs zu ſagen, ſchlimm zu horen: Genug ich kam, und will mein Wort erfuͤllen, Mußt ich dabei auf manches auch verzichten: Was ich bei laͤngrer Muß' entſchuld'gen will, So daß Ihr alle ſollt zufrieden ſeyn. Doch wo iſt Kaͤthchen? Schon zu lange ſaumt' ich, »S iſt ſpaͤt, wir ſollten in der Kirche ſeyn. Tranio. Seht nicht die S3 den unzarten Huͤllen, Geht auf mein Zimmer, nehmt ein Kleid von mir. Petr. Daraus wird nichts, ich will ſie ſo beſuchen. Bapt. Doch ſo, ich hoff' es, geht Ihr nicht zur Kirche? Petr. Ja doch, juſt ſo; drum laßt das Reden ſeyn, Mir wird ſie angetraut, nicht meinen Kleidern.— Koͤnnt' ich ergaͤnzen was die Zeit mir abnutzt, Wie ich dieß aͤrmliche Gewand kann tauſchen, Waͤrs gut fuͤr Kaͤthchen, beſſer noch fuͤr mich. Doch welch ein Narr bin ich, mit Euch zu ſchwatzen, Derweil ich ſie als Braut begruͤßen ſollte, Mein Recht mit einem ſuͤßen Kuß beſiegelnd?— (Petruchio, Grumio und Biondello ab.) Tranio. Der närriſche Aufzug hat gewiß Bedeutung! Doch reden wir ihm zu wenns moͤglich iſt, Daß er ſich beſſer kleide vor der Trauung. Bapt. Ich will ihm nach und ſehn 5t wird. 6* 244 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. IMI. Tranio. Nun, junger Herr, kommts noch drauf an, den Willen Des Vaters zu gewinnen. Zu dem Zweck Wie ich vorhin Eu'r Gnaden ſchon erzaͤhlte, Schaff' ich uns einen Mann; wer es auch ſey⸗ Macht wenig aus: den richten wir uns ab, Der ſoll Vincentio aus Piſa ſeyn, Und hier in Padua die Verſchreibung geben Auf groͤßre Summen noch als ich verſprach. So ſollt Ihr Eures Gluͤcks Euch ruhig freun Mit Einſtimmung, vermaͤhlt der ſchoͤnen Bianca⸗ Luc. Waͤr mein Kamrad nur nicht, der zweite Lehrer, Der Bianca's Schritte ſo genau bewacht, So gieng' es leicht ſich heimlich zu vermaͤhlen: Und iſts geſchehn, ſag' alle Welt auch Nein, Behaupt ich, aller Welt zum Trotz, mein Recht. Tranio. Das, denk ich, laͤßt nach und nach erſehn, Sind wir nur wachſam ſtets auf unſern Vortheil: So prellen wir den alten Graubart Gremio, Den gar zu filz'gen Vater Minola, Den ſchmachtend ſuͤßen Meiſter Licio, Zum Beſten meines lieben Herrn Lucentio. (Gremio kommt zurück.) Nun, Signor Gremio! kommt Ihr aus der Kirche?— Grem. Und zwar ſo luſtig als je aus der Schule. Tranio. Sind Braut und Sen denn zu Hauſe ſchon?— Grem. Braͤutgam? Recht! Breit ja macht er ſich genug Braͤut Jammer noch und Noth der armen Braut. n Tranio. Schlimmer als ſie? Ei waͤr nicht möglich⸗ Grem. Was! Er iſt ein Teufel, ² Leufel, ein rechter Satan! Tranio. Was! Sie iſt ein Teufel, ein Teufel, des Teu⸗ fels Großmutter!— Grem. Pah! gegen ihn ein Lamm, ein Kind, ein Taͤubchen! Laßt Euch erzaͤhlen, Herr. Der Prieſter fragt' ihn Ob Catharinen er zur Frau begehre? * 2 Sz. 2. Der Widerſpenſtigen Zahmung. 245 „Beim Donnerwetter, ja!“ ſchrie er, und fluchte: Vor Schrecken ließ das Buch der Prieſter fallen, Und als er ſich gebuͤckt es aufzunehmen, Gab ihm der tolle Braͤutgam ſolchen Schlag, Daß Buch und Pfaff, und Pfaff und Buch hinſtuͤrzten: „Nun rafft das Zeug auf!“ rief er,„wers noch braucht!“ Tranio. Was ſagte denn das als er auf⸗ and? Grem. Die war ganz Furcht: denn ſeht, er ſtampft' und fluchte, Als haͤtte ihn der Prieſter thoͤren wollen. Als nun die Ceremonien all' geendet, Ruft et nach Wein: Und: Proſit! ſchreit er, wie auf dem Verdeck, Als traͤnk er nach dem Sturm mit den Camraden: Stuͤrzt den Muſcat hinab, und wirft die Tunke Dem Kuͤſter ins Geſicht, aus keinem Grund, Als weil ſein Bart ihm duͤnn und hungrig ſchien Um einen Schluck zu betteln da er trank. Und nun faßt' er die Braut um ihren Hals, Und giebt ihr einen Schmatz ſo gellend laut, Daß rings die ganze Kirche wiederhallte. Ich lief aus Scham hinaus als ich dieß ſah, Und nach mir glanb ich folgt der ganze Schwarm. So tolle Hochzeit war noch nie zuvor! Horch! horch! ich hoͤre ſchon die Muſicanten. (Muſik. Petruchio, Catharina, Bianca, Baptiſta, Hortenſio und Grumio kommen mit Dienern und Gefolge.) Petr. Ihr Herrn und Freund', ich dank' fuͤr Eure Muͤh. Ich weiß Ihr denkt nun heut mit mir zu eſſen, Und habt viel aufgewandt zum Hochzeitſchmaus: Doch leider ruft die Eil mich gleich von hier, Und drum muß ich jetzt Abſchied von Euch nehmen. Bapt. Iſts moͤglich? Noch Abend wollt Ihr or Petr. Bei Tag noch muß ich fort, noch vor dem Abend; Nicht wundert Euch: ſagt' ich Euch mein Geſchaͤft, Ihr hießt mich ſelbſt wohl gehn, und nicht verweilen. Und, ehrſame Geſellſchaft, Dank Euch allen, Die Ihr geſehn, wie ich mich hingegeben Der hoͤchſt ſanftmuͤth'gen, frommen, lieben Frau. 246 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. III. Mit meinem Vater ſchmauſt, trinkt auf mein Wohl, Denn ich muß fort, und Gott ſey mit Euch allen. Tranio. Laßt uns Euch bitten, bleibt bis nach der Mahlzeit!— Petr. Es kann nicht ſeyn. Grem. Laßt mich Euch bitten. Petr. Es kann nicht ſeyn. Cathar. Laßt mich Euch bitten. Das iſt mir recht! athar. So iſts Euch recht zu bleiben?— Petr. Recht iſt mirs, daß Ihr bittet, ich ſoll bleiben; Doch nichts von bleiben, bittet was Ihr mögt. Cathar. Wenn Ihr mich liebt, ſo bleibt. Petr. Grumio, die Pferde!— Grum. Ja Herr, ſie ſind parat: der Haber hat die Pferde ſchon aefreſſen. 2 Cathar. Nun gut; Thu was du willſt, mich bringſt du heut nicht weg, Auch morgen nicht, nicht bis es mir gefaͤllt. Das Thor iſt offen, Herr, da geht der Weg, Und ſo nach Haus eh' Euch die Stiefel druͤcken: Ich aber will nicht gehn, eh' mirs gefaͤllt. Das gaͤb'nen herrlich muͤrriſchen Grobian, Der ſich den erſten Tag ſo mauſig macht!— Petr. Ei Käthchen ſtill, ich bitt' dich, ſey nicht boͤs. Cathar. Ich will nun boͤſe ſeyn: was kuͤmmerts dich? Vater, ſchweigt nur, er bleibt ſo lang ich will. Grem. Ah ha, mein Freund 1 zi geht die Sache os. Cathar. Ihr Herrn, hinein da zu dem Hochzeitsmal. Ich ſeh ein Weib wird bald zum Narrn gemacht, Wenn ſie nicht Muth hat ſich zu widerſetzen. Petr. Sie ſoll'n hinein, mein Kind, wie du befiehlſt: Gehorcht der Braut, heut hat ſie zu gebieten, Setzt Euch zum Schmauſen, ſingt und jubilirt, Bringt volle Humpen ihrem Maͤdchenſtand, Seyd toll und luſtig, oder laßt Euch haͤngen; Allein mein herzig Kaͤthchen muß mit mir. Nein, ſeht nicht ſcheel, noch ſtampft und ſtiert und mault, Ich will der Herr ſeyn meines Eigenthums: Sie iſt mein Landgut, iſt mein Haus und Hof, Mein Hausgeraͤth, mein Acker, meine Scheune, Mein Pferd, mein Ochs, mein Eſel, kurz mein Alles: * Sz. 2. Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. 247 Hier ſteht ſie, ruͤhr' ſie einer an der Herz hat! Ich will mein Recht behaupten vor dem Frechſten, Der mir den Weg in Padua ſperrt! Zieh, Grumio, Zieh deinen Sarras: rund um uns ſind Raͤuber, Hau' deine Frau heraus, biſt du ein Mann! Ruhig, lieb Herz, ſie ſollen dir nichts thun, Kaͤthchen, Ich helf' dir durch, und waͤrens Millionen. (Petruchio, Catharine und Grumio ab.) Bapt. Nun gehn ſie denn, o ſanftes, ſtilles Paar!— Grem. Es war wohl Zeit, ſonſt ſtarb ich noch vor Lachen!— Tranio. So tolles Buͤndniß iſt noch nie geſchloſſen!— Luc. Fraͤulein, was haltet Pr von Eurer Schwe⸗ er?— Bianca. Daß toll von je ſie toll ſich angekettet. Grem. Und ſich ihr Mann noch toller angekaͤthet. Bapt. Nachbarn und Freunde, fehlt auch Braut und Braͤutgam, Um ihren Platz zu nehmen an dem Tiſch, So fehlts doch nicht an Schuͤſſeln auf dem Tiſch. Ihr nehmt des Braͤutgams Platz, Lucentio, Und Bianca mag fuͤr ihre Schweſter gelten. Tranio. Soll unſre Bianca lernen Braͤutchen ſpie⸗ S Bapt. Das ſoll ſie Freund Lucentio. Kommt herein. (ae ab.) 248 Der Widerſpenſtigen Sahmung. Vierter Aufzug. — Er ſte S ene Saal bei Petruchio. (Grumio tritt auf.) Grumio. Hohl die Peſt alle muͤden Schindmaͤhren, alle tolle Herrn, und alle ſchlechten Wege! Ward je einer ſo gepruͤgelt?— Je einer ſo durchgeblaͤut? Iſt je ein Menſch ſo muͤde ge⸗ weſen? Ich bin vorausgeſchickt um Feuer zu machen, und ſie kommen hinter mir drein um ſich zu waͤrmen. Wär' ich nun nicht ſo ein kleiner Topf und bald heiß im Kopf, mir wuͤrden die Lippen an die Zähne frieren, die Zunge an den Gaumen, das Herz an die Rippen, ehe ich zu einem Feuer kaͤme um mich aufzuthauen. Aber ich gedenke das Feuer anzublaſen und mich damit zu wärmen, denn wenn man dieß Wetter erwaͤgt, ſo kann ein viel groͤßerer Kerl 3 ich bin ſich den Schnupfen holen. Holla, he! (Curtis kommt.) Curt. Wer ſchreit da ſo erfroren? Grum. Ein Stuͤck Eis. Wenn du es nicht glauben willſt, ſo kannſt du von meinen Schultern zu meinen Fuͤßen ſo geſchwind hinunter glitſchen, als wie vom Kopf zum Ge⸗ nick. Feuer, liebſter Turtis!— Curt. Kommen denn unſer Herr und ſeine Frau, Grumio? Grum. Ja doch, Curtis, o ja! und darum Fener, Feuer, thu kein Waſſer an!— * Sz. 1. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 249 Curt. Iſt ſie denn ſolch eine hitzige Widerſpenſtige wie man ſagt?— Grum. Das war ſie guter Curtis, vor dieſem Froſt; aber du weißts, der Winter zaͤhmt Mann, Frau und Vieh, denn er hat meinen alten Herrn und meine neue Frau ge⸗ zahmt, und mich ſelbſt, Camrad Curtis. Geh mir du dreizoͤlliger Geckl! Ich bin kein ieh!— Grum. Halt ich nur drei Zoll? Ei was! Dein Horn mißt Einen Fuß, und ſo lang bin ich zum wenigſten. Aber willſt du Feuer anmachen? Oder ſoll ich Klage uͤber dich bei unſrer Frau fuͤhren, deren Hand(denn ſie iſt hier gleich bei der Hand) du bald fuͤhlen wirſt, als einen kal⸗ ten Troſt dafuͤr, daß du langſam biſt in deinem heißen Dienſt?— Curt. Bitt dich lieber Grumio, erzaͤhle mir was, wie gehts in der Welt?— Grum. Kalt gehts in der Welt, Curtis, in jedem an⸗ dern Dienſt als im deinigen; und darum Feuer: Thu was dir gebuͤhrt, und nimm was dir gebuͤhrt: denn unſer Herr und ſeine Frau ſind beinahe todt gefroren. Curt. Das Feuer brennt, und alſo nun erzaͤhle was Neues, guter Grumio. Grum. J nun,(ſingt.) He Hans! Ho Hans! ſo viel Neues du willſt. Curt. Ach geh, du biſt immer ſo voller Flauſen. Grum. Nun alſo mach Feuer, denn ich bin auch voller Kaͤlte. Wo iſt der Koch? Iſt das Abendeſſen fertig? Iſt das Haus geſcheuert, Binſen geſtreut, Spinneweben abgefegt, die Knechte in ihren neuen Jacken und weißen Struͤmpfen? hat jeder Bediente ſein hochzeitlich Kleid an? Sind die Gla⸗ ſer geſchwenkt und die Becher getraͤnkt? die Teppiche gelegt, und alles in Ordnung?— Curt. Alles fertig, und darum bitt' ich dich, was Neues. Grum. Erſtlich wiſſe daß mein Pferd muͤde iſt; daß mein Herr und meine Frau uͤber einander hergefallen ſind. Curt. Wie? handgreiflich?— Grum. Aus ihrem Sattel in den Koth, uͤbereinander; und davon ließe ſich eine Geſchichte erzaͤhlen. Curt. Nun laß hoͤren, liebſter Grumio. Grum. Dein Ohr her!— Curt. Ja! 250 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. IV. Grum. Da! Cgiebt thm eine Ohrfeige.) Curt. Das heiht eine Geſchichte fuͤhlen, nicht eine Ge⸗ ſchichte hoͤren. Grum. Und darum nennt man's eine gefuͤhlvolle Ge— ſchichte: und dieſer Schlag ſollte nur an dein Ohr an⸗ klopfen und ſich Gehoͤr ausbitten. Nun fang' ich an. In primis, wir kamen einen ſchmutzigen Berg herab, mein Herr ritt hinter meiner gnaͤdigen Frau.— Curt. Beide auf einem Pferde? Grum. Nun! Was iſt das? Curt. Ei, ein Pferd. Grum. Erzaͤhle du die Geſchichte. Aber waͤrſt du mir nicht dazwiſchen gekommen, ſo hättſt du gehoͤrt, wie ihr Pferd fiel, und ſie unter ihr Pferd; du hättſt gehoͤrt, an welcher ſchmutzigen Stelle, und wie durchnaͤßt ſie war; wie er ſie liegen ließ mit dem Pferde auf ihr; wie er mich prugelte, weil ihr Perd geſtolpert war; wie ſie durch den Koth watete, um ihn von mir wegzureißen; wie er fluchte, wie ſie betete, ſie, die noch nimmermehr gebetet hatte; wie ich heulte, wie die Pferde davon liefen, wie ihr Zuͤgel zerriß, wie ich meinen Schwanzriemen verlor, nebſt vielen andern denkwuͤrdigen Hiſtorien, welche nun in Vergeſſen⸗ heit ſterben; und du kehrſt ohne Weltkenntniß in dein Grab zuruͤck. Nach dieſer Rechnung iſt er ja widerſpenſtiger als ſie?— Grum. Ja, und das werden die Frechſten von Euch allen erfahren, wenn er zu Hauſe kommt. Aber warum ſchwatze ich hier? Ruf' Nathanael, Joſeph, Niklas, Phi⸗ lipp, Walter, Haberkuckuck, und die Andern her: laß ſie ihre Koͤpfe glatt kämmen, ihre blauen Roͤcke ausbuͤrſten, ihre Knieeguͤrtel ſollen ſie nicht anſtoͤßig binden, mit dem linken Fuß ausſcharren, und ſich's nicht unterſtehn, ein Haar von meines Herrn Pferdeſchwanz anzuruͤhren, bis ſie ſich die Hand gekuͤßt haben. Sind ſie alle fertig?— Curt. Das ſind ſie. Grum. Ruf' ſie her. Curt. Hoͤrt Ihr! He! Ibr ſollt dem Herrn entgegen gehn!— und meiner gnaͤdigen Frau ein rechtes Anſehn geben!— Grum. Nun ſie iſt ſelbſt ſchon anſehnlich genug! Curt. Das iſt gewiß. * Sz. 1. Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. 251 Grum. Nun, was rufſt du denn die Leute, ihr ein Anſehn zu geben?— Curt. Ich meine, ſie ſollen ihr Credit verſchaffen. Grum. Ei was, ſie wird ja nichts von ihnen borgen wollen. (Mehrere Bediente kommen.) Wathan. Willkommen zu Hauſe, Grumio! hil. Wie gehts, Grumio? oſ. Ei, Grumio? Nikl. Camerad Grumio? Mathan. Wie gehts, alter Junge? Grum. Willkommen, du!— Wie gehts, du?— Ei, du!— Kamerad, Du!— und ſoviel fuͤr's Gruͤßen.— Nun, iſt alles fertig? Iſt jedes Ding niedlich, meine ſchmucken Kerlchen? Mathan. Jedes Ding iſt fertig:— Wie nah iſt der Herr? Grum. Ganz nah, vielleicht ſchon abgeſtiegen, und darum——— Potz Sapperment ſeyd ſtill! Ich hoͤre meinen Herrn. (Petruchio und Catharina kommen.) Petr. Wo ſind die Schurken? Was? Kein Menſch am Thor Hielt mir den Buͤgel, nahm das Pferd mir ab?— Wo ſind Nathanael, Philipp und Gregor? Alle. Hier, Herr! etr. Hier Herr! hier Herr! hier Herr! hier Herr!— Ihr toͤlpelhaften, ſchlecht gezognen Flegel! Was! keine Ordnung? Kein Reſpekt? Kein Dienſt? Wo iſt der dumme Kerl, den ich geſchickt? Grum. Hier, Herr, noch ge dumm, und doch geſchickt. Petr. Du Bauerluͤmmel! Du verdammter Karrngaul! Solltſt du im Park uns nicht entgegen kommen, Und all' die faulen Schlingel mit dir bringen?— Grum. Nathanaels Rock, Zit⸗ war noch nicht ganz ertig, An Philipps Corduanſchuh'n war noch kein Eiſen, Kein Fackelruß, um Peters Hut zu ſchwaͤrzen, An Walters Dolch die Scheide noch in Arbeit, Niemand in Staat, als Ralph, Gregor und Adam, 252 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. W. Die andern lumpig, alt und bettelhaft:— Doch wie ſie ſind hab' ich ſie hergeholt. Petr. Geht Schlingel! Geht, beſorgt das Abendeſſen!— (Einige von den Dienern ab.) (Singt) Wo iſt mein vorges Leben hin?— — Wo ſind die——— Setz' dich Kaͤthchen! ſey will⸗ kommen!— Hum, hum, hum, hum! Wirds bald? he?— Nun, lieb Kaͤthchen, ſey vergnuͤgt!— — Die Stiefel ab, ihr Schlingel, Schufte! Wirds?— (Singt.) Ein Bruder Graurock lobeſan Kam ſeines Wegs getroſt heran—— Spitzbube! du verrenkſt mir ja das Bein! Nimm das! Und zieh den andern beſſer aus! Cſchlägt ihn.) — Sey luſtig, Kaͤthchen.— Waſſer her! Geſchwind! — Wo iſt mein Windſpiel Troilus? Kerl, gleich hin, Mein Vetter Ferdinand ſoll zu uns kommen: (ein Diener ab.) Den mußt du kuͤſſen, Kind, ihm freundlich ſeyn. Her die Pantoffeln! Krieg' ich denn kein Waſſer? (Es wird ihm ein Becken gebracht.) Komm Kaͤthchen, waſch' Dich! Und nochmals willkom⸗ men!— (der Bediente wirft die Kanne hin.) Verdammter Hundsfott! Mußt du's fallen laſſen? (ſchlägt ihn.) Cathar. Geduld, ich bitt', er that es unverſehns!— Petr. Ein Hurenſohn! Ein Eſelsohr von Dickkopf!— Komm Kaͤthchen, ſetz' dich: hungrig mußt Du ſeyn; Sprichſt du das Gratias, Liebchen, oder ich?— Was iſt das? Schoͤps?— 1. Dien. Ja. Petr. Und wer bracht' es? 1. Dien. Ich. Petr. Es iſt verbrannt, und ſo iſt alles Eſſen: Welch' Hundevolk! Wo iſt der Koch, die Beſtie? Wie wagt Ihr Schurken, das mir anzurichten. Mir vorzuſetzen, was ich doch nicht mag?— Da! Fort damit! Fort Teller, Becher! Alles!— (wirft Eſſen und Tiſchzeug auf die Erde.) Einfaͤlt'ge Luͤmmel! ungeſchliffnes Volk! Was? brummt Ihr noch? Gleich werd' ich bei Euch ſeyn. * Sz. 1. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 253 Cathar. Ich bitt' dich, lieber Mann, ſey nicht ſo unwirſch, Gut war das Eſſen, häͤttſt du's nur gemocht! Petr. Rein, Kaͤthchen,'s war vertrocknet und ver⸗ brannt: Und grade das hat man mir ſtreng verboten,„ Denn auf die Galle wirkt's, erzeugt den Aerger, Drum iſt es beſſer, wenn wir beide faſten, Als durch zu ſtark gebratnes uns verderben. Geduld, mein Kind, wir holens morgen ein, Doch dieſe Nacht woll'n wir gemeinſam faſten, Kolnm nun, ich fuͤhr' Dich in dein Brautgemach. (Catharine, Petruchio und Curtis ab.) Nathan. PMeter, ſag', haſt du ſo was je geſehn?— Pet. Die macht er todt in ihrer eignen Manier. (Curtis kommt zurück.) Grum. Wo iſt er? Curt. Drinn' mit ihr, Haͤlt ihr'ne Predigt von Enthaltſamkeit, Zankt, flucht, und ſchilt, und ſie, das arme Ding, Wagt kaum noch aufzuſehn, zu ſtehn, zu reden, Und ſiht wie eben aus nem Traum erwacht. Fort! Fort! da kommt er wieder her!—(ſie laufen fort.) (Petruchio kommt zurück.) Petr. So hab' ich kluger Weiſ mein Reich begonn Und hoffe, ferner glucklich zu regieren. n Mein Falk iſt nun geſchaͤrft, und tuͤchtig hungrig, Und bis er zahm iſt, kriegt er auch kein Futter: Sonſt wird er nie auf meinen Wink gehorchen.— Noch kirr' ich anders meinen wilden Sperber, So daß er kommt, und kennt des Waͤchters Ruft Wach bleibt er, wie den Habicht wir bewachen, Der ſchlaͤgt und ſtoßt, und nicht gehorchen will⸗ Heut aß ſie nichts, und ſoll auch nichts bekommen, Schlief nicht die Nacht, und ſoll's auch dieſe nichtz Wie bei dem Eſſen ſtell' ich mich, als waͤr' Das Bett ganz unrecht und verkehrt gemacht: Dahin werf ich den Pfuͤhl, dorthin das Kiſſen, Die Deck auf jene Seit', auf die das Laken; Ja, bei dem Wirrwarr ſchwoͤr' ich noch, ich thu Das alles nur aus zarter Sorg' um ſie. 254 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. W. Kurz, ſie ſoll wachen dieſe ganze Nacht; Nickt ſie nur etwas ein, ſo zank' und tob' ich, Um durch mein Schrein den Schlaf ihr zu verſcheuchen. Dieß iſt die Art, durch Lieb' ein Weib zu todten; So beug' ich ihren harten ſtoͤrr'gen Sinn. Wer Widerſpenſtge beſſer weiß zu zaͤhmen, Mag chriſtlich mir's zu ſagen ſich bequemen.(at.) ab. Straße in Padua. (Tranio und Hortenſio treten auſ.) Tranio. Waͤr's moͤglich wohl, Freund Licio, daß ein Andrer Sich Bianca's Gunſt erworben, als Lucentio?— Glaubt mir, ſie hat mich trefflich angefuͤhrt! Bort. Wollt Ihr Beweis von dem, was ich Euch ſagte, So gebt hier Acht, wie er ſie unterrichtet, (ſie ſtellen ſich auf die Seite.) (Bianca und Lucentio kommen.) Luc. Fräulein, behaltet Ihr, was ich Euch lehrte? Bianca. Was lehrt Ihr Meiſter, erſt erklaͤrt mir das. Luc. Was einzig mein Beruf, die Kunſt zu lieben. Bianca. Moͤgt' Ihr bald Meiſter ſeyn in dieſer Kunſt! Luc. Nehmt Ihr als Lehrling mich in Eure Gunſt.— (gehn vorüber.) Zort. Nun wahrlich, das ht ſchnell! o ſagt mir o , Ihr ſchwuret ja, daß Euer Fraͤulein Bianca Nichts in der Welt ſo als Lucentio liebe?— Tranio. O falſcher Amor! Treulos Weibervolk! Ich ſag' dir, Licio, dieß iſt wundervoll!— Zort. Nicht laͤnger dieſe Mask': ich bin nicht Licio, Bin auch kein Muſiker, wie ich Euch ſchien: Vielmehr ein Mann, den die Verkleidung reut * Sz. 2. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 255 Um ſolche, die den Edelmann verwirft, Und ſolchen Knecht zu ihrem Abgott macht! So wißt denn, Herr, daß ich Hortenſio heiße. Tranio. Signor Hortenſio, oft hab' ich gehoͤrt Von Eurer ſtarken Leidenſchaft zu Bianca. Da ich nun Augenzeuge bin des Leichtſinns, Will ich mit Euch, ſehd Ihr es ſo zufrieden, Auf ewig Bianca's Lieb und Gunſt entſagen. Zort. Wie zaͤrtlich ſie ſich kuͤſſen! Herr Lucentio! Hier meine Hand: und feierlich beſchwoͤr' ich Nie mehr um ſie zu frein: nein, ich entſag' ihr Als ganz unwuͤrdig aller Zaͤrtlichkeit, Mit der ich thoͤricht ihr gehuldigt habe. Tranio. Empfangt auch meinen ungefaͤlſchten Schwur: Zur Frau nehm ich ſie nie, ſelbſt wenn ſie baͤte. Pfui! ſeht nur, wie unmenſchlich ſie ihn ſtreichelt!— Zort. Moͤcht' alle Weit, nur er nicht, ſie verabſcheun! Ich nun, um recht gewiß den Schwur zu halten, Will einer reichen Wittwe mich vermaͤhlen, Morgen am Tag, die mich ſo lang geliebt, Als ich der ſchnoͤden Dirne nachgegangen. Und ſo lebt wohl, Signor Lucentio: Der Weiber Freundlichkeit, nicht ſchoͤne Augen, Gewinnt mein Herz. So nehm' ich meinen Abſchied, Und feſt bleibt ſtehn, was ich beſchworen habe. (Hortenſio ab.) (Bianca und Lucentio kommen wieder.) Tranio. Nun Fraͤulein Bianca, werd' Euch Gluͤck und Segen Auf allen Euern heilgen Liebeswegen!— Ja, ja! ich hab' Euch wohl ertappt, mein Herz, Wir haben Euch eniſagt, ich und Hortenſio.— Bianca. Tranio, Ihr S Habt Ihr mir beid' entſagt? Tranio. Das haben wir. Luc. Dann ſind wir Licio los. Tranio. Mein Seel, er nimmt ſich eine friſche Wittwe, Die wird dann Braut und Frau an einem Tag. Bianca. Gott geb' ihm Freude. Tranio. Und zähmen wird er ſie. Bianca. So ſpricht er, Freund. Tranio. Gewiß, er geht ſchon in die Zaͤhmungsſchule. — 256 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. W. Bianea. Die Ei, giebt es ſolchen rt Tranio. Ja, Fraͤulein, und Petruchio iſt der Rector, Der lehrt Manier, die jedem er verſtaͤndigt, Wie man der Widerſpenſtgen Zunge baͤndigt. (Biondello kommt gelaufen.) Biond. O lieber Herr, ſo lang' hab' ich gelauert, Daß hundemuͤd' ich bin: Doch endlich ſah' ich Vom Huͤgel nieder ſteigt ein alter Engel, Der paßt fuͤr uns. Tran, Sag' an, wer iſt's, Biondello? Biond. Ein Mercatant, Herr, oder ein Pedant, Ich weiß nicht was; doch ſteif in ſeinem Anzug, An Haltung, Gang und Tracht recht wie ein Vater. Lnc. Tranio, was ſoll er uns? Tranio. Wenn der leichtglaͤubig meinen Maͤrchen traut, So iſt er froh, Vincentio hier zu ſpielen; Und giebt Baptiſta Minola Verſchreibung So gut, als ob Vincentio ſelbſt er waͤre.— Nehmt Eure Braut beiſeit und laßt mich jetzt. (Lucentio und Bianca ab.) (Ein Pedant tritt auf.) Ped. Gott gruͤß Euch, Herr! Tranio. Und Euch Herr, ſeyd willkommen. Iſt hier Eu'r Ziel, Herr, oder reiſ't Ihr weiter? Ped. Hier iſt mein Ziel fuͤr einige Wochen mind'ſtens, Dann reiſ' ich weiter, reiſe noch bis Rom; Von dort nach Tripolis, ſchenkt Gott mir Leben. Tranio. Von woher kommt Ihr, wenn's vergoͤnnt? Ped. Von Mantua. Tranio. Von Mantua, Herr? Ei Gott verhuͤt' es!— Und kommt nach Padua mit Gefahr des Lebens?— Ped. Mein lieber Herr? Wie ſo? Das waͤre ſchlimm! Tranio. Tod iſt verhaͤngt fuͤr jeden, der von Mantna Nach Padua kommt; wißt Ihr die Urſach nicht? Venedig nahm Euch Schiffe weg: Der Doge, (Weil Feindſchaft zwiſchen ihm und Curem Herzog) Ließ oͤffentlich durch Ausruf es verkuͤnden. Mich wundert— Nur weil Ihr erſt kuͤrzlich kamt, Sonſt haͤttet Ihr den Ausruf ſchon vernommen. * ℳ Sz. 2. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 257 Ped. O weh, mein Herr! Das iſt fuͤr mich noch ſchlimmer: Denn Wechſelbriefe hab' ich abzugeben Und nach Florenz die Summe zu befoͤrdern. Tranio. Gut, Herr; um einen Dienſt Euch zu er⸗ weiſen, Will ich dieß thun, und dieſen Rath Euch geben;— Erſt ſagt mir aber: war't Ihr je in Piſa? Ped. Ja, Herr, in Piſa bin ich oft geweſen, Piſa, beruͤhmt durch angeſehne Buͤrger. Tranio. So kennt Ihr unter dieſen wohl Vincentio? Ped. Ich kenn' ihn nicht, doch hoͤrt' ich oft von ihm; Ein Kaufmann von unendlichem Vermoͤgen. Tranio. Er iſt mein Vater, Herr, und auf mein Wort Er ſieht Euch im Geſicht ſo ziemlich gleich. Biond. Juſt wie ein Apfel einer Auſter gleicht! Tranio. In dieſer Noth das Leben Euch zu retten, Thu' ich Euch, ihm zu Liebe, dieſen Dienſt: Und haltets nicht fuͤr euer ſchlimmſtes Gluͤck, Daß Ihr dem Herrn Vincentio aͤhnlich ſeht; Sein Nahm' und Anſehn ſoll Euch hier beſchutzen, Mein Haus ſteht Euch zu Dienſten, wohnt bei mir. Betragt Euch ſo, daß Niemand Argwohn faßt, Nun Ihr verſteht mich; ja, ſo ſolit Ihr bleiben, Bis Eu'r Geſchaͤft in dieſer Stadt beendigt.— Iſt dieß ein Dienſt, ſo nehmt ihn willig an. Ped. Das thu' ich, Herr, und will Euch ewig danken Als Schuͤtzer meines Lebens, meiner Freiheit. Tranio. So kommt mit und ſtellt die Sach' in's zerk; So viel ſey Euch beilaͤufig noch geſagt, Mein Vater wird hier jeden Tag erwartet, Um hier ein Ehverloͤbniß abzuſchließen Mit mir und eines Herrn Baptiſta Tochter. Von alle dem will ich Euch unterrichten; Kommt mit mir, Herr, geziemlich Euch zu kleiden. (Alle ab.) VI. 17 „ 258 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. IW. Dyhtie e Zimmer in Petruchio's Landhaus. (Catharina und Grumio treten auf.) Grumio. Nein, nein, gewiß! Ich darf nicht, fuͤr mein Leben!— Cathar. Je mehr er kraͤnkt, je mehr verhoͤhnt er mich⸗ Ward ich ſein Weib, daß er mich laͤßt verhungern? Betritt ein Bettler meines Vaters Haus, Bekommt er, wie er bittet, gleich die Gabe, Wo nicht, ſo find't er anderswo Erbarmen: Doch ich, die nie gewußt, was Bitten ſey, Und die kein Mangel je zum Bitten zwang, Ich ſterb' aus Hunger, bin vom Wachen ſchwindelnd, Durch Fluchen wach, durch Zanken ſatt gemacht; Und was mich mehr noch kraͤnkt, als alles dieß, Er thut es unterm Schein der zartſten Liebe, Als koͤnnt's nicht fehlen; wenn ich ſchliefe, aͤße, Wuͤrd' ich gefaͤhrlich krank, und ſtuͤrbe gleich⸗ Ich bitte, geh' und ſchaff' mir was zu eſſen, Und gleichviel was, wenn's nur genießbar iſt.— Grum. Was ſagt Ihr wohl zu einem Kaͤlberfuß? Cathar. Ach, gar zu gut, ich bitt' dich, ſchaff' ihn mir⸗ Grum. Das fuͤrcht' ich, iſt ein zu choleriſch Eſſen.— Allein ein fett Gekroͤſe, gut geſchmort? Cathar. Das mag ich gern, o Liebſter, hol' es mir. Grum. Ich weiß doch nicht, ich fuͤrcht' es iſt choleriſch. Was ſagt Ihr denn zu Rindfleiſch, und mit Senf? Cathar. Ein Eſſen, das mir wohl bekommen wird! Grum. Ja, ja, doch iſt der Senf ein wenig hitzig⸗ Eathar. Nun, Rindfleiſch dann, und laß' den Senf ganz weg. Grum. Rein, das iſt nichts; Ihr nehmt den Senf dabei, Sonſt kriegt Ihr auch das Fleiſch von Grumio nicht. Cathar. Gut, beides oder Eins, ganz wie du willſt. Grum. Alſo den Senf denn, und kein Fleiſch dazu? Cathar. Mir aus den Augen, Kerl! boshafter Narr! Abſpeiſen willſt du mich mit Wortgerichten?(ſchlägt ihn.) Verwuͤnſchſt ſeyſt du und deine ganze Rotte, * „ Sz. 3. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 259 Die ſich an meinem Elend noch ergotzt!— Aus meinen Augen! Fort!— (Petruchio mit einer Schüſſel, und Hortenſio kommen.) Petr. Wie gehts, mein Kaͤthchen? Herz, ſo me⸗ 6 iee Zort. Nun, ſeyd Ihr guten Muths? Fnu Ja! guten Unmuths!— Petr. Nun lach' mich an, mein Herz, ſey wohlgemuth. Hier, Kind, du ſiehſt, wie ich ſo fleißig bin, Selbſt richt' ich fuͤr dich an, und bringe dieß⸗ (ſetzt die Schüſſel auf dem Tiſch.) Nun! ſolche Freundlichkeit verdient doch Dank? Was! nicht ein Wort? Nun dann, du magſt es nicht, Und mein Bemuͤhn iſt ganz umſonſt geweſen:— Da! Nehmt die Schuͤſſel weg. Cathar. Bitte, laßt ſie ſtehn. Petr. Der kleinſte Dienſt wird ja mit Dank bezahlt, Und meiner ſoll's, eh du dir davon nimmſt. Cathar. Ich dank Euch, Herr.. Zort. Sianor Petruchio, pfui! Ihr ſeyd zu tadeln! Geſellſchaft leiſt' ich Euch, ſo kommt und eßt. Petr.(beiſeit.) Iß alles auf, wenn du mich liebſt, Hortenſio.— (laut.) Nun wohl bekomm' es dir, mein liebes Herz? Iß ſchnell, mein Kaͤthchen.— Nun, mein ſuͤßes Liebchen, Laß uns zuruͤck, zu deinem Vater reiſen; Dort laß uns wacker ſchwaͤrmen und ſtolziren, Mit ſeidnen Kleidern, Hauben, goldnen Ringen, Mit Litzen, Spitzen, Sammt und tauſend Dingen, Mit Spang' und Armband wie die hoͤchſte Edeldam', Bernſtein, Corall' und Perl und ſolchem Troͤdelkram. Nun, biſt du ſatt? Dein wartet ſchon der Schneider, Und bringt zum Putz die raſchelnd ſeidnen Kleider. (Schneider kommt.) Komm Schneider! zeig' uns deine Herrlichkeiten!— Leg' aus das Kleid. (Putzhändler kommt.) Und was habt Ihr zu ſuchen? Putzhaͤndl. Hier iſt die Haube, die Eu'r Gnaden wuͤnſchte. „ 260 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. 1v. Petr. Was! Auf'ne Suppenſchuͤſſel abgeformt? Ein ſammtner Napf? Pfui doch! gemein und garſtig! Wie eine Wallnußſchal', ein Schneckenhaus, Ein Quark, ein Tand, ein Wiſch, ein Puppenhaͤubchen! Weg mit dem Ding! Schafft eine groͤßre, ſag' ich. Cathar. Ich will ſie groͤßer nicht: ſo iſt's die Mode, So tragen feine Damen jetzt die Hauben. Petr. Wenn Ihr erſt fein ſeyd, ſollt Ihr eine haben, Doch nicht vorher. Sort.(beiſeit.) Das wird ſobald nicht ſeyn!— Cathar. Wie, Herr? hab' ich, Erlaubniß, nicht zu reden?— Ja, ich will reden, denn ich bin kein Kind!— Schon Beſſere hoͤrten meine Meinung ſonſt, Moͤgt Ihr das nicht, ſtopft Euch die Ohren zu. Mein Mund ſoll meines Herzens Bosheit ſagen, Sonſt wird mein Herz, verſchweig' ich ſie, zerſpringen: Und ehe das geſchieht, ſo will ich frei Und uͤber alles Maaß die Zunge brauchen. Petr. Du haſt ganz recht, es iſt'ne lumpge Haube, Ein Tortendeckel, eine Sammt⸗Paſtete; Ich hab' dich lieb drum, daß ſie dir mißfaͤllt. Cathar. Lieb' oder lieb' mich nicht, die Haub' iſt hubſch; Und keine ſonſt, nur dieſe wird mich kleiden. Petr. Dein Kleid willſt du? Ganz recht! Kommt, zeigt es, Schneider. O Gnad uns Gott! Welch' Faſchingſtuck iſt dieß?— Was giebts hier? Ermel? Nein, Haubitzen ſinds; Seht! auf und ab, gekerbt wie Apfelkuchen, Mit Flippen, Schnipp und Schnapp, gezickt, gezackt, Recht wie ein Rauchfaß in der Boderſtube. Wie nennſt du das in's Teufels Namen, Schneider?— Bort.(beiſeit) Ich ſeh', nicht Kleid noch Haube wird 3 ſie kriegen. Schneid. Befohlen habt Ihr's nach dem neuſten Schnitt, So wie die Mod' es heut zu Tage will. Petr. Ja wohl, das that ich: doch beſinne dich, Ich ſagte nicht: verdirb es nach der Mode! Gleich ſpring' nach Hauſe uͤber Stock und Block, Denn meiner Kundſchaft biſt du vollig quitt. Fuͤr mich iſt's nicht! Fort, mach' mit, was du willſt. * Sz 3. Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. 261 Cathar. Ich ſah noch nie ſo ſchoͤn gemachtes Kleid, So modiſch, ſauber, von ſo huͤbſcher Form: Ihr wollt mich wohl zur Vogelſcheuche machen?— Petr. Recht! Er will dich zur Vogelſcheuche machen. Schneid. Sie fagt, Euer Gnaden will ſie zu einer Vogelſcheuche machen. Petr. O ungeheure Frechheit!— Du luͤgſt, du Zwirn, Du Fingerhut, du Elle, Dreiviertel⸗, Halbe⸗, Viertel⸗Elle, Zoll! Du Flohl du Muͤcke! Winterheimchen du! Trotzt mir im eignen Hauſ' ein Faden Zwirn?— Fort, Lappen du! Du Ueberreſt, du Zuthat! Sonſt meß' ich mit der Elle dich zurecht, Daß du zeitlebens ſolch' Gewaͤſch verlernſt. Ich ſag' es, ich! du haſt ihr Kleid verpfuſcht. Schneid. Eu'r Gnaden irrt: das Kleid iſt ſo gemacht, Juſt ſo, wie's meinem Meiſter ward befohlen:— Grumio gab Ordre, wie es werden ſollte. Grum. Ich gab' nicht Ordre; Zeug hab' ich gegeben. Schneid. Und wie verlangtet Ihr's von ihm gemacht?— Grum. Zum Henker, Herr, mit Nadel und mit Zwirn. Schneid. Doch ſagt, nach eſeun Schnitt Ihr's habt eſtellt? Grum. Du haſt wohl ſchon allerlei geſchnitten? Schneid. O ja, das habe ich. Grum. Schneide mir aber kein Geſicht. Du haſt auch ſchon manchen herausgeputzt: mich verſchone aber mit deinen Ausputzern. Ich ſage dir, ich hieß deinem Meiſter, er ſolle das Kleid ſchneiden; ich hieß ihn aber nicht, es in Stuͤcke ſchneiden: ergo, du luͤgſt. Schneid. Nun, hier iſt der Zettel mit der Beſtellung, mir zum Zeugen. Petr. Lies ihn. Grum. Der Zettel lugt in ſeinen Hals, wenn er ſagt, ich habe es ſo beſtellt. Schneid.„In primis, ein freies loſes Kleid.“ Grum. Herr, wenn ich ein Wort von freiem loſen Weſen geſagt habe, ſo naͤht mich in des Kleides Schleppe, und ſei mit einem Knaͤul braunen Zwirn todt: ich ſagte os Kleid. 262 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. IW. Petr. Weiter. Schneid.„Mit einem kleinen runden Kragen.“ Grum. Ich bekenne den Kragen. Schneid.„Mit einem Pauſch Ermel.“ Grum. Ich bekenne zwei Ermel. Schneid.„Die Ermel niedlich zugeſpitzt und aus⸗ geſchnitten.“ Petr. Ja, das iſt die Spitzbuberei. Grum. Der Zettel luͤgt, Herr, der Zettel luͤgt. Ich befahl die Ermel ſollten ausgeſchnitten und wieder zugenaht dein kleiner Finger mit einem Fingerhut gepanzert iſt. Schneid. Was ich geſagt habe iſt doch wahr, und haͤtte ich dich nur ich weiß wohl wo, du ſollteſt es ſchon erfahren. Grum. Ich ſteh dir gleich bereit: nimm du die Rech⸗ nung, gieb mir die Elle, und ſchone mich nicht. Sort. Ha! Ha! Grumio, dabei kaͤme er zu kurz!— Petr. Nun, kurz und gut, das Kleid iſt nicht fuͤr mich. Grum. Da habt Ihr Recht,* iſt fuͤr die gnädge Frau. Petr. Geh, nimm es auf zu deines Herrn Ge⸗ brauch. Grum. Schurke, bei deinem Leben nicht: meiner gnä⸗ digen Frau Kleid aufnehmen zu deines Herrn Gebrauch?— Petr. Nun Menſch, was denkſt du dir dabei?— Grum. O Herr, die Meinung geht tiefer als Ihr denkt: Meiner gnaͤdigen Frau Kleid aufnehmen zu ſeines Herrn Gebrauch? o pfui! pfui! pfui!— Petr. Cbeiſeit.) Hortenſio ſag, du dem Schneider zahlen,— (laut.) Geh! Nimm es mit! Fort, und kin Wort nun weiter!— Zort. Schneider, das Kleid bezahl' ich morgen dir, Und nimm die haſt'gen Reden ihm nicht uͤbel; Geh, ſag' ich dir, und gruͤß mir deinen Meiſter. (Schneider ab.) werden, und das will ich an dir gut machen, wenn auch * — ₰3 5 Sz. 3. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 263 petr. So, Kaͤthchen, komm! ſ wir den ater So wie wir ſind, in unſern ſchlichten Kleidern; Stolz ſoll der Beutel ſeyn, der Anzug arm, Denn nur der Geiſt macht unſern Koͤrper reich. Und wie die Sonne bricht durch truͤbſte Wolken, So ſtrahlt aus niedrigſtem Gewand die Ehre. Was? Iſt der Haͤher edler als die Lerche, Weil ſein Gefieder bunter faͤllt ins Auge? Und iſt die Otter beſſer als der Aal, Weil ihre fleck'ge Haut das Aug' ergotzt? O Kaͤthchen, nein; ſo biſt auch du nicht ſchlimmer Um dieſe arme Tracht und ſchlechte Kleidung. Doch haͤltſt du's ſchimpflich ſo, gieb mir die Schuld, Und drum friſch auf, wir wollen gleich dahin, Beim Vater froh und guter Dinge ſeyn.— Geht, meine Leute ruft, gleich reiten wir, Die Pferde fuͤhrt zum Heckenthor hinaus, Da ſetzen wir uns auf, und gehn ſo weit. Laßt ſehn: ich denk' es iſt jetzt ſieben Uhr, Wir koͤnnen dort ſeyn noch zum Mittagseſſen. Cathar. Herr, ich verſichr' Euch, es hat zwei ge⸗ ſchlagen, Und kaum zum Abendeſſen kommt Ihr hin. Petr. Es ſoll nun ſieben Uhr ſeyn, eh wir reiten. Sieh, was ich ſag' und thu, und moͤchte thun, Stets mußt du widerſprechen! Leute, laßt uns, Ich will nun heut nicht fort: und eh ich reite Da ſoll's die Stunde ſeyn, die ich geſagt. Zort. Der große Herr ſiellt gar ie Sonne ruͤck⸗ waͤrts!— Gehn ab.) 264 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. IV. Straße in Padua. (Tranio, und der Pedant als Vincentio gekleidet treten auf.) Pranio. Dieß iſt das Haus, Signor: ſagt, ſoll ich rufen? Ped. Ja wohl! Was ſonſt? vnt ich mich nicht taͤnſche, Muß ſich Signor Baptiſta mein erinnern;— Bald ſind es zwanzig Jahrz in Genua wars, Da wohnten beide wir im Pegaſus. Tranio. So iſt es Recht.— Bleibt nur in dem Charakter, Seyd ſtrenge wie es einem Vater ziemt. (Biondello kommt.) Ped. Seyd unbeſorgt. Doch ſeht, hier kommt Eu'r Burſch, Den muͤßt Ihr noch belehren. Tranio. UUm den ſeyd unbekuͤmmert. He, Biondello, Nimm dich zuſammen, ja, das rath ich dir, Halt feſt im Sinn, dieß ſey Vincentio. Biond. Ei, das iſt meine Sache. Tranio. Doch haſt du's auch Baptiſta angemeldet? Biond. Der Alte, ſagt' ich ihm, ſey in Venedig, Und daß Ihr heut in Padna ihn erwartet. Tranio. Du biſt ein tuͤcht'ger Kerl; nimm das zum Trinken. Hier kommt Baptiſta, nun macht ernſte Mienen.— (Baptiſta und Lucentio kommen.) S Baptiſta! gluͤcklich angetroffen! ater Dieß iſ der Herr von dem ich Euch erzaͤhlt. Ich bitt' Euch, handelt vaterlich an mir, Gebt mir mein Erbtheil nun um Bianca's willen. Ped. Sacht, ſacht, mein Sohn!— * — Sz. 4. Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. 265 Mit Eurer Gunſt, mein Herr.— Nach Padua kommend Um Schulden einzufordern, ſetzt mein Sohn In Kenntniß mich von einer großen Sache, Betreffend ſein und Eurer Tochter Liebe. Und theils des Rufes halb, in dem Ihr ſteht, Theils um des Liebesbund's von ſeiner Seite, So wie von ihrer:— Nicht ihn hinzuhalten, Stimm' ich dazu, in vaͤterlicher Sorgfalt, Ihn bald vermaͤhlt zu ſehn: und ſagt Ihr,„Ja“ So williglich als ich, ſollt Ihr mich ſicher (Verſtaͤnd'gen wir uns erſt,) hoͤchſt dienſtlich finden, Damit gemeinſam der Contract ſich ſchließe. Denn ſchwierig kann ich gegen Euch nicht ſeyn, Mein Theurer, Eures guten Rufes halb!— Bapt. Verzeiht, Signor, was ich erwiedern muß. Eu'r buͤnd'ger kurzer Antrag iſt mir lieb; So viel iſt wahr: Lucentio, Euer Sohn Liebt meine Tochter, und ſie liebt ihn wieder, Wenn beide nicht die groͤßten Heuchler ſind. Deshalb, wenn Ihr nichts weiter habt zu ſagen, Als daß Ihr wie ein Vater an ihm handeln, Und meinem Kind ein Wittthum wollt verſchreiben, So iſt es gut; die Heirath iſt gemacht, En'r Sohn erhaͤlt mein Kind mit gutem Willen. Tranio. Ich dank' Euch, Herr. Wo ſcheints Euch wohl am Beſten Uns zu verloben, und den Ehcontract Nach gegenſeitigem Vertrag zu ſtiften? Bapt. Nur nicht bei mir: Ihr wißt es haben Ohren Die Waͤnde, meine Dienerſchaft iſt groß, Der alte Gremio auch paßt immer auf, So kann man dort gar leicht uns unterbrechen. Tranio. In meiner Wohnung wenn's Euch efaͤllt: Dort wohnt mein Vater; dort, noch ieſen Abend, Verhandeln wir die Sache ſtill und heimlich. Schickt dieſen Diener hin zu Eurer Tochter; Mein Burſch ſoll gleich uns den Rotar beſorgen. Das Schlimmſte bleibt,— daß haſtig ſo beſtellt, Ihr haſt'ge magre Vorbereitung findet. Bapt. Das gilt mir gleich. S Cambio, eilt nach Haus, 266 Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. A. W. Und ſaget Bianca ſich bereit zu halten: Und wenn Ihr wollt, erzaͤhlt was ſich begeben, Lucentio's Vater kam nach Padua, Und ſie wird nun wohl bald Lucentio's Frau.— Luc. Daß dieß geſcheh', fleh' ich zu allen Goͤttern! Tranio. Halt dich nicht auf mit Goͤttern, ſondern geh. Signor Baptiſta, zeig' ich Euch den Weg? Willkomm'!— Ihr trefft wohl heut nur Eine Schuͤſſel, In Piſa mach' ichs wieder gut.— Bapt. Ich folg' Euch. (Tranio, Pedant und Baptiſta ab.) Biond. Cambio!— Luc. Was ſagſt du, Biondello? Biond. Ihr ſaht doch meinen Herrn mit den Augen blinzeln und Euch anlachen? Luc. Und das heißt, Biondello? Biond. Ei, daß heißt nichts; aber er ließ mich hier i Euch den Sinn und die Moral ſeiner Zeichen aus⸗ uleaen. Luc. Nun ſo bitte ich dich, commentire ſie denn. Biond. Alſo denn wie folgt: Baptiſta iſt feſt, und ſchwatzt mit dem truͤgenden Vater eines truͤgeriſchen Sohns⸗ Luc. Nun, und was weiter?— Biond. Ihr ſollt ſeine Tochter zum Abendeſſen fuͤhren. Lue. Und dann?— Biond. Der alte Pfarrer an der Sanct Lucaskirche ſteht Euch jede Stunde zu Gebot. Luc. Und was ſoll nun das alles?— Biond. Das weiß ich nicht; nur das weiß ich, daß ſie ſich jetzt mit einer nachgemachten Verſicherung beſchaͤf⸗ tigen. Denkt Ihr nun darauf Euch ihrer zu verſichern, cum Privilegio ad imprimendum solum, macht daß Ihr zur Kirche kommt: nehmt Pfarrer, Kuͤſter, und ein paar guͤltige Zeugen mit:— Und hilft Euch nicht zum Ziele was ich Euch jetzt erdacht, Sagt Eurer ſchoͤnen Bianca nur auf ewig gute Nacht⸗ Lue. Hoͤre noch, Biondello„ Biond. Ich habe keine Zeit. Ich kenne ein Maͤdchen, die verheirathete ſich an einem Nachmittag, als ſie in den Garten gieng und Peterſilie pfluckte, um ein Caninchen zu fuͤllen; warum denn nicht auch Ihr, Herr? und ſo lebt wohl. Mein Herr hat mir aufgetragen nach St. Lucas * Sz. 5. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 267 zu gehn, damit der Pfarrer zur Hand ſey, wenn Ihr mit Eurem Appendix ankommen werdet. Cab.) Luc. Ich kann und will, wenn ſie's zufrieden iſt: Sie wird es thun; weshalb denn ſollt' ich zweifeln? Mags gehn, wie's will. Zu ihr! Mein Herz ver⸗ traut ihr, Cambio, friſch auf! Erwirb die holde dir. ab. Fuͤnfte Szene⸗ Feld. Getruchio, Catharine und Hortenſio treten auf.) Petruchio. Ums Himmelswillen ſchnell! Nochmals zum Vater!— Mein Gott! Wie hell und freundlich ſcheint der Mond!— Cathar. Der Mond? die Sonne! Jetzt ſcheint ja nicht der Mond!— Petr. Ich ſag' es iſt der Mond, der ſcheint ſo hell.“ Cathar. Ich weiß gewiß, die Sonne ſcheint ſo hell. Petr. Bei meiner Mutter Sohn, und das bin ich, Mond ſolls ſeyn, oder Stern, oder was ich will, Eh' ich zu deinein Vater weiter reiſe: Geht nur, und hohlt die Pferde wieder her. Stets Widerſpruch! und nichts als Widerſpruch!— Zort. Gebt ihm doch Recht, ſonſt kommt Ihr nicht vom Fleck. Cathar. Nein, bitt' Euch, kommt, da wir ſo weit gelangt; Sey's Mond und Sonn' und was dir nur gefaͤllt, Und wenn du willſt, magſt du*s ein Nachtlicht nennen; Ich ſchwoͤr' es ſoll fuͤr mich daſſelbe ſeyn. Petr. Ich ſag' es iſt der Mond. Cathar. Natuͤrlich iſts der Mond. Petr. Ei wie du luͤgſt!*s iſt ja die liebe Sonne!— Cathar. Ja, lieber Gott! Es iſt die liebe Sonne!— Doch nicht die Sonne, wenn du's anders willſt: Der Mond auch wechſelt, wie es dir geluͤſtet, 268 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. W. Und wie du's nennen willſt, das iſt es auch, Und ſoll's gewiß fuͤr Catharinen ſeyn. Zort. Gluͤck auf, Petruchio, denn der Sieg iſt dein. Petr. Nun vorwaͤrts denn! So laͤuft die Kugel recht, Und nicht verdreht mehr gegen ihre Richtung. Doch ſtill! Was fuͤr Geſellſchaft kommt uns da?— (Vincentio in Reiſekleidern tritt auf.) um Vincenti.) Gott gruͤß Euch, ſchoͤnes Mädchen! ohinaus? Sprich, liebes Kaͤthchen, ſprich recht offenherzig, Sahſt du wohl je ein friſchres Frauenbild?— Wie kaͤmpft auf ihrer Wange Roth und Weiß! Nie ſchmuͤckten wohl zwei Sterne ſo den Himmel, Wie dieſes Himmels Antlitz ihre Augen. Du holdes Kind, noch einmal guten Morgen; Kaͤthchen, umarm' ſie ihrer Schoͤnheit wegen. S Er macht den Mann noch toll, den er zur Frau macht. Cathar. Aufbluͤhnde Schoͤne! friſche Maͤdchenknoſpe, Wohin des Weges? Wo iſt deine Heimath?— Gluͤckſel'ge Eltern von ſo ſchoͤnem Kind! Gluͤckſel'ger noch der Mann, dem guͤnſt'ge Sterne Zur holden Ehgenoſſin dich beſtimmten!— Petr. Was! Kaͤthchen! Ei ich hoff⸗ du biſt nicht toll? Das iſt ein Mann, alt, runzlich, welk und grau, Und nicht ein Maͤdchen, wie du doch behaupteſt. Cathar. Verzeiht dem Wahn der Augen, alter Vaterz Die Sonne traf mir blendend das Geſicht, Und was ich ſah, erſchien mir jung und gruͤn. Nun merk' ich erſt, Ihr ſeyd ein wuͤrd'ger Greis, Verzeiht, bitt' ich, dieß thoͤrichte Verkennen. Petr. Thu's, guter alter Mann, und laß uns wiſſen Wohin du reiſeſt.— Iſt es unſer Weg, Soll die Geſellſchaft uns erfreulich ſeyn. Vinc. Mein werther Herr, und ſchoͤne muntre Dame, Die durch ſolch ſeltſam Gruͤßen mich erſchreckt,— Vincentio heiß' ich, komm' aus Piſa her, Nach Padna geh ich jetzt, dort zu beſuchen Den Sohn, den ich ſeit lange nicht geſehn. Petr. Wie heißt er? ſagt! Vinc. Lucentio, edler Herr. * Sz. 5. Der Widerſpenſtigen Zahmung. 260 Petr. Das trifft ſich gut, 6 Sohn am eſten: Und nach Verwandtſchaft nun wie nach dem Alter Mag ich Euch jetzt geliebter Vater nennen. Die Schweſter meiner Frau hier, dieſer Dame, Iſt deinem Sohn vermaͤhlt:— Nicht ſey verwundert, Und nicht erſchreckt: untadlich iſt ihr Ruf, Die Mitgift reich, ſie ſelbſt aus gutem Hauſe, Auch außerdem von Sitt' und Eigenſchaft Wie eines Edelmanns Gemalin ziemt. Erlaubt, Vincentio, daß ich Euch umarme, Und gehn wir, deinen wackern Sohn zu ſehn, Den deine Ankunft ſicher hoch erfreut. Vinc. Iſts Wahrheit? oder iſts nur kecker Muthwill, Daß Ihr als luſt'ger Reiſender die Laune An Fremden uͤbt, die auf der Straß' Ihr findet? Jort. Nein, ich verſichr' Euch alter Herr, ſo iſts. Petr. Komm, geh' nur mit und ſe die Wahrheit e Du trauſt wohl nicht, weil wir dich erſt geneckt. (Petruchio, Catharine und Vincentio ab.) Bort. Petruchio, ſchoͤn! du haſt mir Herz gemacht!— Zur Wittwe!— waͤr ſie noch ſo widerſpenſtig, Jetzt haſt du Selbſtvertraun und Muth und kennſt dich. Cab.) 270 Der Widerſpenſtigen Zähmung. Fuͤnfter Aufzug. Erſte Szene. Straße. (Von der einen Seite treten auf Biondello, Lucentio und Biancaz Gremio geht auf und ab ihnen gegenüber.) Biondello. Nur ſchnell und ſtill, Herr, denn der Prieſter wartet. Luc. Ich fliege, Biondello, aber ſie haben dich viel⸗ leicht im Hauſe noͤthig, darum verlaß uns⸗ Biond. Nein, meiner Treu, erſt muͤßt Ihr die Kirche im Ruͤcken haben, und dann will ich zu meinem Herrn zuruͤck, ſobald ich kann.— (Lucentio, Bianca und Biondello ab.) Erem. Mich wundert wo nur Cambio bleiben mag⸗ (Petruchio, Catharina, Vincentio und Diener treten auf.) Petr. Hier iſt die Thuͤr, dieß iſt Lucentios Haus, Mein Vater wohnt mehr nach dem Markte zu, Dorthin muß ich, und alſo laſſ' ich Euch. Vinc. Ihr muͤßt durchaus mit mir vorher noch trinken: Ich denk' ich kann Euch hier als Wirth begruͤßen, Und angerichtet finden wir wohl auch. (klopft an die Thür.) Grem. Sie haben Geſchaͤfte da drinnen, Ihr muͤßt ſtaͤrker klopfen. (Pedant oben am Fenſter.) Ped., Wer klopft denn da, als wolle' er die Thuͤr ei⸗ chlagen? * ————————— Sz. 1. Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. 271 Pinc. Iſt Signor Lucentio zu Hauſe, Herr?— Ped. Zu Hauſe iſt er, Herr, aber nicht zu ſprechen. Pinc. Wenn ihm nun aber Jemand Ein oder Zwei⸗ hundert Pfund braͤchte, um ſich einen guten Tag zu machen?— Ped. Behaltet Eure hundert Pfund fuͤr Euch, er hat ſie nicht noͤthig ſo lange ich lebe. Petr. Nun, ich hab's Euch wohl geſagt, Euer Sohn ſey in Paduga beliebt.— Hoͤrt einmal, Herr, ohne viel unnuͤtze Weitlaͤuftigkeit: ſagt doch, ich bitte Euch, dem jungen Herrn Lucentio, ſein Vater ſey von Piſa angekommen und ſtehe hier an der Thuͤr um ihn zu ſprechen. Ped. Du luͤgſt: ſein Vater iſt von Piſa angekommen, und ſieht hier aus dem Fenſter. Vinc. Biſt du ſein Vater? Ped. Ja Herr, ſo ſagt mir ſeine Mutter, wenn ich ihr glauben darf. Petr. Was ſoll das heißen, guter Freund? Das iſt ja zſe Schelmerei, daß Ihr einen fremden Namen an⸗ nehmt. Ped. Legt Hand an den Schurken! Er denkt wohl jemand hier in der Stadt unter meiner Maſte zu betruͤgen? GBiondello kommt zurück.) Biond. Ich habe ſie in der Kirche zuſammen geſehn; der Himmel verleih ihnen guͤnſtigen Wind.— Aber was iſt hier? Mein alter Herr Vincentio? Nun ſind wir alle verloren und zu Grunde gerichtet! Pinc. Komm her, du Galgenſtrick:— Biond. Ich hoffe, das kann ich bleiben laſſen! Vinc. Komm hieher, Spitzbube! Was, haſt du mich vergeſſen?— Biond. Euch vergeſſen? Nein Herr, ich konnte Euch icht vergeſſen, denn ich habe Euch in meinem Leben nicht geſehn. Pinc. Was, du ausgemachter Schelm! Deines Herrn Vater, Vincentio, nie geſehn? Biond. Was! meinen wuͤrdigen, liebewerthen alten Herrn? Ei verſteht ſich, Signor: da kuckt er ja zum Fen⸗ ſter heraus!— Pinc. Iſt dem wirklich ſo?(ſchlägt ihn.) 272 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. V. Biond. Huͤlfe! Huͤlfe! hier iſt ein verruͤckter Menſch, der mich umbringen will. Cläuft davon.) Zu Huͤlfe, mein Sohn! Zu Huͤlfe Signor Bap⸗ tiſta!— Petr. Komm liebes Kaͤthchen, laß uns zuruͤcktreten, und warten, wie dieſer Handel ablaufen wird. (ſie gehn auf die Seite.) (Pedant, Baptiſta, Tranio und Diener treten auf.) Tranio. Herr, wer ſeyd Ihr denn, daß Ihr Euch herausnehmt meinen Diener zu ſchlagen?— Pinc. Wer ich bin, Herr? Nun Herr, wer ſeyd denn Ihr? O Ihr unſterblichen Goͤtter! O du geputzter Schlin⸗ gel! Ein ſcidnes Wamms, ſammtne Hoſen, ein Scharlach⸗ mantel und ein hochgeſpitzter Hut! O ich bin verloren, ich bin verloren! Unterdeß ich zu Hauſe den guten Wirth mache, bringen mein Sohn und mein Bedienter alles auf der Univerſttaͤt durch! Tranio. Nun, was giebts denn? Bapt. Was! Iſt der Menſch mondſuͤchtig? Tranio. Herr, nach Eurer Tracht ſcheint Ihr ein ſtiller alter Mann, aber Eure Reden verrathen Euch als einen Verruͤckten. Ei Herr, was gehts denn Euch an, und wenn ich Gold und Perlen trage? Dank ſey es mei⸗ nem guten Vater, ich bin im Stande es dran zu wenden!— Pinc. Dein Vater, o Spitzbube! der iſt ein Segel⸗ macher in Bergamo!— Bapt. Ihr irrt Euch, Herr, Ihr irrt Euch! ſagt mir doch wie denkt Ihr denn, daß er heißt? Vinc. Wie er heißt! Als wuͤßte ich nicht wie er heißt! Ich habe ihn vom dritten Jahr auf groß gezogen, und ſein Name iſt Tranio. Ped. Fort mit dir, du toller Eſel: er heißt Lucentio, und iſt mein kinziger Sohn und Erbe aller meiner, des Signor Vincentio Guͤter. Dinc. Lucentio? O, er hat ſeinen Herrn umgebracht! Verhaftet ihn, ich befehle es Euch im Namen des Dogen. O mein Sohn! mein Sohn! Sag mir, Boͤſewicht, wo iſt mein Sohn Lucentio?— Tranio. Ruft einen Gerichtsdiener her: Ceiner von den Bedienten geht und hohlt einen Gerichtsdiener.) Bringt dieſen verruͤckten Menſchen ins Gefaͤngniß. PVater Baptiſta, ich mache es Euch zur Pflicht, ihn fortzuſchaffen⸗ * Sz. 1. Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. 273 Pinc. Mich ins Gefaͤngniß bringen? 6 Haltet, Gerichtsdiener, er ſoll nicht in Ver⸗ aft!— Bapt. Redet nicht drein, Signor Gremio, ich ſage er ſoll in Verhaft. Grem. Nehmt Euch in Acht, Signor Baptiſta, daß Ihr nicht durch dieſe Geſchichte hinters Licht gefuͤhrt wer⸗ det: ich getraue mirs darauf zu ſchwoͤren, dieß ſey der rechte Vincentio. Ped. Schwoͤre, wenn du's dir getrauſt. Grem. Nein, zu ſchwoͤren getraue ich mirs juſt nicht. Tranio. So ſollteſt du lieber auch ſagen, ich ſey nicht Lucentio? Grem. Ja, dich kenne ich als den Signor Lucentio. Bapt. Fort mit dem alten Narren, in Arreſt mit ihm. Pine. So werden Fremde fortgeſchleppt und gemiß⸗ handelt! O abſcheulicher Boͤſewicht! (Biondello kommt zurück mit Lucentio und Bianca.) Biond. Ja, wir ſind zu Grunde gerichtet, und. dort iſt er, verlaͤugnet ihn, verſchwoͤrt ihn, ſonſt ſind wir Alle verloren. Luc.(knieend.) Verzeiht mir, Vater! Vinc. Lebſt du, liebſter Sohn? (Biondello, Tranio und der Pedant laufen davon.) Bianca(knieend.) Verzeiht, o Vater! Bapt. Was haſt du gethan? Wo iſt Lucentio? Luc. Hier: ich bin Lucentio, Rechtmaͤß'ger Sohn des wirklichen Vincentio. Durch heil'ges Recht ward deine Tochter mein, Indeß dein Auge taͤuſcht' ein falſcher Schein. Grem. Nun ja! das nenn' ich tuͤcht'ge Schelmerei!— VPinc. Wo blieb denn Tranio, der verdammte Wicht, Der prahlt' und Trotz mir bot ins Angeſicht?— Bapt. Ei ſagt mir, iſt nicht dieß mein Cambio? Bianca. Hier; umgewandelt in Lucentio. Lue. Dieß Wunder that die Liebe. Biancas Liebe Ließ meinen Stand mit Tranio mich vertauſchen, Indeß er meine Rolle hier geſpielt: Und frendig bin ich endlich eingelaufen In den erſehnten Hafen meines Gluͤcks. VI. 18 274 Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. A. V. Was Tranio that, dazu zwang ich ihn ſelbſt, Verzeiht ihm, mir zu Liebe, theurer Vater. Bine. Ich will dem Schurken die Ohren abſchneiden, der mich ins Gefaͤngniß ſchicken wollte. Bapt. Aber hoͤrt, Herr: Ihr habt alſo meine Tochter geheirathet, ohne nach meiner Einwilligung zu fragen? Pinc. Seyd unbeſorgt, wir ſtellen Euch zufrieden:— Doch ich muß fort und ſtrafen die arge ab.) Bapt. Und ich den Grund erforſchen all' dieſer Schel⸗ merei. Cab.) Luc. Geliebte, Muth, dein Vater wird verſoͤhnt. (Lucentio und Bianca ab.) ſ Grem. Mein Kuchen iſt noch zäh, doch geh ich mit ins Haus, Hab ich ſchon nichts zu hoffen als meinen Theil am Schmaus.— Gb.) (Petruchio und Catharina treten vor.) Cathar. Komm lieber Mann, zu ſehn was daraus wird. Petr. Erſt kuͤſſe mich, Fithehſ dann wollen wir gehn. Cathar. Was! hier auf offner Straße? petr. Was? ſchaͤmſt du dich meiner? Cathar. Nein Gott bewahre; aber ich ſchaͤme mich Dich hier zu kuͤſſen. Petr. Nun dann nur fort nach Hauſe: Hel Burſch! gleich reiten wir. Cathar. Da haſt du deinen Kuß: nicht wahr, nun bleibſt du hier? Petr. Iſt das nun ſo nicht beſſer? Mein liebſtes Kaͤth⸗ chen, ſieh, Einmal beſſer als Keinmal, und beſſer i 6 nie. 0„ Sz. 2. Der Widerſpenſtigen Zähmung. 75 5 w Zimmer. (Ein Vankett wird gebracht. Baptiſta, Vincentio, Gre⸗ mio, der Pedant, Lucentio, Bianca, Petruchio, Catharina, Hortenſio und die Wittwe treten auf: Tranio, Biondello, Grumio und Andre warten auf.) Lucentio. Zwar ſpaͤt, doch endlich ſtimmt was Mißklang ſchien, Und Zeit iſts, wenn der wilde Krieg voruͤber, Der Angſt zu laͤcheln, der beſtandnen Noth.— Begruͤß geliebte Bianca meinen Vater, Mit gleicher Zaͤrtlichkeit begruͤß ich deinen:— Bruder Petruchio, Schweſter Catharine, Und du Hortenſio mit der lieben Wittwe, Trinkt, ſeyd vergnuͤgt: Willkommen meinem Hauſe! Es diene dieß Bankett nun zum Beſchluß Nach unſerm großen Gaſtmahl. Bitte, ſetzt Euch, So gut zum Schwatzen iſts, als um zu eſſen⸗ (ſie ſetzen ſich.) Petr. Und nichts als ſitzen, ſitzen, eſſen, eſſen. Bapt. Die Freundlichkeit iſt heimiſch hier in Padua. Petr. Was nur in Padua heimiſch, find ich freundlich. Zort. Uns beiden wuͤnſch' ich, Wort ſey wahr. Petr. Nun, auf mein Wort! Hortenſio ſcheut die Wittwe⸗ Wittwe. Nein, glaubt mir nur, ich ſcheue mich vor Niemand. Petr. Wie ſinnreich ſonſt, doch fehlt Ihr meinen Sinn: Ich meint, Hortenſio ſcheue ſich vor Euch. 18* —— 276 Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. A. V. Wittwe. Wer ſchwindlicht iſt, der denkt, die Welt geht rund⸗ Petr. Ei! rund erwidert. Cathar. Sagt, wie meint Ihr das? Wittwe. Ich zahl' ihm nur in gleicher Muͤnze wieder, Was ich von ihm empfing. Petr. Von mir empfing ſie? Hortenſio, wie gefaͤllt dir das? laß hoͤren! BZort. Wie ſie die Red' empfangen, meint die Wittwe. Petr. Gut eingelenkt! Kuͤßt ihn dafuͤr, Frau Wittwe. Cathar. Wer ſchwindlicht iſt, der denkt die Welt geht rund: Ich bitt' Euch ſagt mir was Ihr damit meintet?— Wittwe. Eu'r Mann der ſich— Widerſpenſt'ge nahin, Mißt meines Mannes Kreuz nach ſeinem Gram: Das wars, was ich gemeint. Cathar. So wars gemein gemeint. Wittwe. Ja, denn Euch meint' ich⸗ Cathar. Ich waͤr' gemein, gibe noch Acht auf uch. Petr. Drauf los, mein Kaͤthchen! Bort. Auf ſie los, Frau Wittwe! Petr. Ein hundert Mark, mein Kächchen kriegt ſie unter! Zort. Das waͤr' mein Amt. Petr. Geſprochen wie ein Amtmann! Auf dein Wohl! (trinkt dem Hortenſio zu.) Bapt. Was ſagt Freund Srh dem ſchnellen 1 Grem. Sie ſtoßen mit den Koͤpfen gut zuſammen. Bianca. Wie, Stoß und Kopf? Ein Witzkopf moͤchte agen Eu'r Kopf und Stoß ſey nur wie Kopf und Horn. * Sz. 2. Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. 277 Vinc. So, Fraͤulein Braut? hat Euch das aufge⸗ weckt? Bianca. O ja, doch nicht K drum ſchlaf ich ort. petr. Das ſollt Ihr nicht: weil Ihr einmal be⸗ 2 gonnen Muͤßt Ihr noch zwei, drei ſpitze Worte dulden. Bianeca. Bin ich Eu'r Wild? ſo wechsl' ich das Revier, Verfolgt mich denn, und zielt mit Eurem Bogen: Willkommen ſeyd Ihr alle. (Bianca ab mit Catharine und der Wittwe.) Petr. Sie hat nicht Stand gehalten. Signor Tranio, Ihr zieltet nach dem Vogel, traft ihn nicht, Geſundheit Jedem, der da ſchießt und fehlt! Tranio. O Herr, Lucentio hetzte mich als Wind⸗ hund. Der laͤuft fuͤr ſich, und faͤngt fuͤr ſeinen Herrn. Petr. Ein gutes ſchnelles Bild ti etwas huͤn⸗ diſch. Tranio. Doch daß Ihr fuͤr Euch ſelbſt gejagt, war t Denn Euer Wild, ſo meint man, führt Euch weit. Bapt. O ho! Petruchio, Tranio traf Euch jetzt. Luc. Ich danke dir den Hieb, mein guter Tranio! Zort. Bekennt, bekennt: hat er Euch nicht ge⸗ troffen? Petr. Ich muß geſtehn, er ſtreifte mich ein wenig, Und da der Witz an mir vorbeigeflogen, Zehn gegen Eins, ſo traf er Euch ins Herz. Bapt. Nun, das iſt ausgemacht, i Sohn Pe⸗ truchio Ihr habt die Widerſpenſtigſte von Allen. etr. Ich aber ſage Nein. Dieß zu beweiſen Laßt Jeden Botſchaft ſenden ſeiner Frau, Und weſſen Frau vor allen folgſam iſt, 278 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. V. Und kommt zuerſt wenn er ſie rufen laͤßt, Gewinnt die Wette, die wir hier beſtimmen. Sort. Genehmigt. Wieviel ſetzt Ihr? Luc. Zwanzig Kronen. Petr. Zwanzig Kronen? So viel ſetz' ich auf meinen Hund und Falken, Doch zwanzigmal ſo viel auf meine Frau. Luc. Einhundert denn! Zort. Genehmigt! Petr. Top! Es ſey. Zort. Wer macht den Anfang? Luc. Das will ich, Biondello: Sag meiner Frau, ſie ſolle zu mir kommen. Biond. Ich geh.(ab.) Bapt. Halbpart Herr Sohn, daß Bianca kommt. Lue. Nichts halb; ich will das Ganze mir gewinnen. (Biondello kommt zurück.) Wie nun! Was giebts? Biond. Herr, unſre Frau laͤßt ſagen Daß ſie zu thun hat, und nicht kommen kann. Petr. Ah ha! Sie hat zu thun und kann nicht kommen! Heißt das antworten? Grem. Ja, und noch recht hoͤflichtz Wenn Eure nur nichts ſchlimmres laͤßt erwiedern. Petr. Ich hoffe beßres. Bort. Geh, Burſch, zu meiner Frau, erſuche ſie Sogleich zu kommen. (Biondello ab.) Petr. Oho! erſuche ſie! Dann muß ſie freilich kommen!— Zort. So? ich fuͤrchte, Sz 2. ₰e Viderſpenſtigen Zaͤhmung. 279 Bei Eurer wird Euch kein Erſuchen helfen. (Biondello kommt zurück.) Nun, wo iſt meine Frau?— Biond. Sie ſagt, Ihr habt wohl einen Scherz im Sinn Sie komme nicht; ſie wuͤnſcht Ihr kommt zu ihr. Petr. Schlimmer und ſchlimmer! Will ſie nicht? O ſchmaͤhlich, Nicht auszuhalten, voͤllig unertraͤglich!— Du Grumio, geh ſogleich zu meiner Frau, Sag, ich befehl' ihr, ſie ſoll zu mir kommen.— (Grumio ab.) Zort. Ich weiß die Antwort! Petr. Nun? Zort. Sie wolle nicht. Petr. So ſchlimmer ſtehts um mich, und damit gut. (Catharina kommt.) Bapt. Nun heil'ger Gott! ſeht, da kommt Catha⸗ rine! Cathar. Was wollt Ihr, Herr, daß Ihr nach mir geſandt? Petr. Wo iſt Hortenſio's Frau und deine Schweſter?— Cathar. Da drinn' am Feuer ſitzen ſie, und ſchwatzen. Petr. Geh, hohl' ſie her; und wollen ſie nicht kom⸗ „.„„ e men Fuͤhr' ſie gegeißelt ihren Maͤnnern her! Geh ſag' ich, bringe ſie uns Augenblicks. (Catharina ab.) Luc. Hier iſt ein Wunder, wollt Ihr Wunder ſehn. Zort. Ja wohl! mich wundert was nur das be⸗ deute!— Petr. Ei, Friede deutets, Lieb' und ruhig Leben, Chrwuͤrdig Regiment, rechtmaͤß'ge Herrſchaft, Kurz, was nur irgend ſuͤß und gluͤcklich iſt. 260 Der Widerſpenſtigen Zähmung. A. V. Bapt. Nun, dir ſey alles Heil, guter Petruchio: Die Wett' iſt dein; ich aber fuͤge noch Zu dem Gewinnſte zwanzigtauſend Kronen, Der andern Tochter eine andre Mitgift, Denn anders iſt ſie, als ſie je geweſen. Petr. Ich will die Wette beſſer noch gewinnen, Sie ſoll mehr Zeichen von Gehorſam geben, Der neu erworbnen Sitt' und des Gehorſams. (Catharine kommt zurück mit Bianca unß der Wittwe.) Nun ſeht, ſie kommt und bringt die trotz'gen Weiber, Gefangne weiblicher Beredſamkeit.— Die Haube, Catharine, ſteht dir nicht: Fort mit dem Plunder! tritt ſie gleich mit Fuͤßen! (Catharine thut es.) Wittwe. Gott, laß mich zum Kummer aben Bis ich ſo albern mich betragen werde! Bianca. Pfui! das iſt ja ein laͤppiſcher Gehorſam!— Luc. Ei, waͤre dein Gehorſam nur ſo laͤppiſch! Deines Gehorſams Weisheit, ſchoͤne Bianca, Bringt mich um hundert Kronen ſeit der Mahlzeit. Bianca. So kind'ſcher du, darauf etwas zu wetten! Petr. Cathrine, dir befehl' ich: Erklaͤren ſollſt du den ſtarrkoͤpf'gen Weibern, Was ſie fuͤr Pflicht dem Herrn und Ehmann ſchuldig. Wittwe. Ei was, Ihr ſcherzt, wir wollen keine Pre⸗ digt. Petr. Thu's ſag ich dir, und mit der den An⸗ angi Wittwe. Nein doch. Petr. Ja, ſag' ich, mach mit der den Anfang! Cathar. Pfui, pfui! entrunzle dieſe drohnde Stirn, Und ſchieß nicht zorn'ge Pfeil' aus dieſen Augen, Verwundend deinen Koͤnig, Herrn, Regierer. Das toͤdtet Schoͤnheit wie der Froſt die Flur, Zerſtoͤrt den Ruf wie Wirbelwind die Bluͤthen, * Sz. 2. Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. 281 Und niemals iſt es recht noch liebenswerth. Ein zornig Weib iſt gleich getruͤbter Quelle Unrein und ſumpfig, widrig, ohne Schoͤnheit⸗ Und iſt ſie ſo, wird keiner, noch ſo durſtig, Sie wuͤrd'gen einen Tropfen draus zu ſchlurfen. Dein Ehmann iſt dein Herr, iſt dein Erhalter, Dein Licht, dein Haupt, dein Fuͤrſt, er ſorgt fuͤr dich Und deinen Unterhalt, gibt ſeinen Leib Muͤhſel'ger Arbeit Preis zu Land und Meer, Wacht Naͤchte durch in Sturm und Tag' in Kaͤlte, Wenn du im Hauſe warm und ſicher ruhſt;z Und fordert zum Erſatz nicht andern Lohn Als Liebe, freundlich Blicken und Gehorſam: Zu kleine Zahlung fuͤr ſo große Schuld. Die Pflicht, die der Vaſall dem Fuͤrſten zollt, Die iſt die Frau auch ſchuldig ihrem Gatten. Und iſt ſie trotzend, launiſch, truͤb und bitter, Und nicht gehorſam billigem Gebot, Was iſt ſie als ein tuͤckiſcher Rebell, Suͤnd'ger Verraͤther an dem lieben Herrn? Wie ſchaͤm' ich mich, daß Fraun ſo albern ſind! Sie kuͤnden Krieg und ſollten knieen um Frieden! O daß ſie herrſchen, lenken, trotzen wollen, Wo ſie nur ſchweigen, lieben, dienen ſollen! Weshalb iſt unſer Leib zart, ſanft und weich, Kraftlos fuͤr Muͤh' und Ungemach der Welt, Als daß ein weiches Herz, ein ſanft Gemuͤthe Als zarter Gaſt die zarte Wohnung huͤte? O kommt, ihr eigenſinn'gen ſchwachen Wuͤrmer! Mein Sinn war hart wie einer nur der Euern, Mein Herz ſo groß, mein Grund vielleicht noch beſſer Um Wort mit Wort, um Zorn mit Zorn zu ſchlagen:— Jetzt ſeh' ichs, unſre Lanzen ſind nur Stroh, Gleich ſchwach wir ſelbſt, ſchwach wie ein huͤlflos Kind, Scheinen wir nur was wir am mind'ſten ſind. Drum daͤmpft den Trotz, beugt Euch dem Mann entgegen, Ihm unter ſeinen Fuß die Hand zu legen:— Wenn ers befiehlt zum Zeichen meiner Pflicht Verweigert meine Hand den Dienſt ihm nicht. Petr. Das nenn' ich eine Frau! Kuͤß' mich mein Maͤdchen!— Lue. Gluͤck zu, Herr Bruder, du bezwangſt dein Kaͤthchen! 282 Der Widerſpenſtigen Zaͤhmung. A. V. Pinc. Das klingt recht fein, wenn Kinder fromm und fuͤgſam! Luc. Doch ſchlimm, wenn Frau'n verſiockt und unge⸗ nuͤgſam. Petr. Nun Kaͤthchen, komm zu Bette:— Drei ſind vermaͤhlt, doch zwei nur ſchlecht, ich wette. Gut Nacht, Ihr Herrn, und traft Ihr ſchon das Weiße, Ich bins, der heut mit Recht der Sieger heiße. (Petruchio und Catharina ab.) Zort. Die Widerſpenſt'ge haſt du gut gebaͤndigt. Luc. Ein Wunder bleibts, daß dieß ſo gluͤcklich endigt. (ab.) Pes ſoneü. Solinus, Herzog von Epheſus. Aegeon, ein Kaufmann aus Syracus. Antipholus von Epheſus Zwillingsbrüder und Söhne des Antipholus von Syracus Aegeon. Dromio von S Zwillingsbrüder, und Selaven der Dromio von Syracus 3 Balthaſar, ein Kaufmann. Angelo, ein Goldſchmidt. Ein Kaufmann, Freund des Antipholus von Syracus. Doctor Zwick, ein Schulmeiſter und Beſchwörer beiden Antipholus. Aemilia, Frau des Aegeon, Aebtißin zu Epheſus. Adriana, Frau des Antipholus von Epheſus. Luciana, Schweſter der Adriana. Lucie, Adrianens Kammermädchen. Eine Courtiſane. Kerkermeiſter, Gerichtsdiener und Gefolge. (Die Szene iſt in Epheſus.) Erſter A ufzug. — Erſte Szene. Straße. (Es treten auf der Herzog von Epheſus, Aegeon, der Kerkermeiſter und Gefolge.) Aegeon. Fahr fort, Solin! Sey Foͤrdrer meines Falles, Dein Urtheil ende Schmerz und Gram und alles. Serz Kaufmann aus Syracus, hoͤr' auf zu rechten; Ich kann partheiiſch das Geſetz nicht brechen. Die Fehd' und Zwietracht, die uns juͤngſt erwuchs Durch Eures Herzogs tuͤckiſche Mißhandlung Ehrſamer Kaufherrn, meiner Unterthanen, (Die, Geld entbehrend um ſich loszukaufen Sein hart Geſetz mit ihrem Blut gebuͤßt,)— Bannt alle Gnad' aus unſerm drohnden Blick. Denn ſeit dem toͤdtlichen und innern Zwiſt, Des Bosheit Eure Stadt von uns getrennt, Verbot ein feierlicher Volksbeſchluß, So bei den Syracuſern wie bei uns, Daß kein Verkehr ſey zwiſchen beiden Haͤfen. Noch mehr: Laͤßt ein geborner Epheſer ſich ſehn Auf Jahrmarkt oder Meſſ' in Syracus; Und kommt ein Mann aus Syracus entſtammt, Zum Hafenplatz von Epheſus,— der ſtirbt: Sein ganz Vermoͤgen faͤllt dem Herzog zu; Es ſey denn, daß er tauſend Mark bezahlt, Der Strafe zu entgehn, als Loſegeld.— 286 Die Comoͤdie der Irrungen⸗ A. 1. Nun, deine Habe noch ſo hoch geſchaͤtzt, Belaͤuft ſich, denk' ich, kaum auf hundert Mark: Deshalb biſt du dem Tod mit Recht verfallen. Aeg. Das iſt mein Troſt; erfullt man dein Gebot, Stirbt mit der Abendſonn' auch meine Noth⸗ Zerz. Wohl, Syracuſer, ſag uns kurz den Grund, Warum du zogſt aus deiner Vaterſtadt, Und was dich hergefuͤhrt nach Epheſus? Aeg. O ſchwerſte Pflicht, die du mir auferlegt, Dir auszuſprechen unausſprechlich Leid! Doch, daß die Welt bezeuge, Vaterſehnſucht, Richt niedrer Frevel, wirkte meinen Tod,— Erzahl' ich dir, ſoviel mein Gram erlaubt. Ich ſtamm' aus Syracus, und waͤhlte mir Ein Weib zur Gattin: ich durch ſie begluͤckt, Und ſie durch mich, wenn uns kein Unſtern traf. Mit ihr lebt' ich vergnuͤgt: mein Reichthum wuchs Durch Reiſen, die ich oft mit Gluck verſucht Nach Epidamnus, bis mein Factor ſtarb. Die große Sorg' um preisgegebne Guͤter Riß mich aus meiner Gattin treuem Arm⸗ Noch nicht ſechs Monden waren wir getrennt,— Als jene ſchon,(ob gleich erliegend faſt Der ſuͤßen Strafe die des Weibes Erbtheil,) Anſtalt getroffen um mir nachzureiſen, Und ſchnell und froh gelangte ſie zu mir. Richt lange war ſie dort, da wurde ſie Begluͤckte Mutter von zwei wackern Soͤhnen; Die ſeltſam, jeder ſo dem andern aͤhnlich, Daß man ſie nur durch Namen unterſchied. Zur ſelben Stund' und in demſelben Wirthshaus Fam eine arme Frau ins Wochenbett Mit Zwillingsſoͤhnen, die ſich vollig glichen: Und beide, weil die Eltern ganz verarmt, Kauft ich, und zog ſie groß zum Dienſt der Meinen. Mein Weib, nicht wenig ſtoiz auf ihre Knaben, Betrieb die bald'ge Heimkehr, Tag fuͤr Tag; Ungern gewaͤhrt ichs ihr, ach nur zu ſchnell! Wir ſchifften ab: Und kaum'ne Meil' in See von Epidamnus Als die dem Wind ſiets unterthaͤn'ge Tiefe Uns manche Vorbedentung wies des Ungluͤcks. . Sz. 1. Die Comoͤdie der Irrungen. 287 Und laͤnger blieb uns wenig Hoffnung mehr; Denn, was von trubem Licht der Himmel goͤnnte, Bot unſern furchterfuͤllten Seelen nur Die zu gewiſſe Buͤrgſchaft nahen Todes. Ich ſelber haͤtt' ihn freudig wohl umarmtz Allein das ſtete Jammern meines Weibes, Die, was ſie kommen ſah, vorausbeweinte, Und meiner lieben Knaben aͤngſtlich Schrein, Die nur das Weinen, nicht die Furcht verſtanden, Zwang mich, nach Aufſchub noch fuͤr uns zu ſpaͤhn: Denn Aufſchub nur, kein Rettungsmittel gab's. Das Schiffsvolk ſucht im Boote ſich zu bergen, Uns ließen ſie das Schiff, zum Sinken reif. Mein Weib, beſorgter fuͤr den Juͤngſtgebornen, Hatt' ihn befeſtigt an'nem kleinen Nothmaſt, Wie ihn der Seemann mitnimmt fuͤr den Sturm: Zu dem band ſie den Einen Sclavenzwilling; Und ich war gleich bemuͤht fuͤr beide andre. Die Kinder ſo vertheilt, mein Weib und ich, Die Blicke treu auf unſte Sorge heftend, Banden uns an des Maſtbaums Enden feſt; Und auf den Wogen treibend mit dem Strom, Gelangten wir, ſo ſchien es, gen Corinth. Run endlich brach die Sonne mild herein, Die Nebel wichen die uns widerſtrebt, Und durch die Wohlthat ihres holden Lichts Ward ſtill die Fluth, und unſer Aug' entdeckte Zwei Schiffe, die mit Eile ſich uns nahten, Dieß von Corinth, von Epidaurus jenes.—— Doch eben jetzt,— weh mir, was mußt' ich ſehn! Errath' aus dem Erzaͤhlten, was geſchehn!— gerz. Nein, weiter, alter Mann, brich ſo nicht abz Denn Mitleid darf ich, wenn nicht Gnade, ſchenken. Aeg. O thaten das die Goͤtter, braucht ich nicht Sie jetzt mit Recht der Grauſamkeit zu zeihn!— Denn, eh die Schiff' uns nah auf zwanzig Knoten, Geriethen wir an ein gewaltig Riff, Und heftig angetrieben an den Fels Brach unſer huͤlfreich Fahrzeug mitten durch: So daß in dieſer ungerechten Scheidung Fortuna jedem, gleichvertheilend, ließ, Was ſeines Lebens Freud' und Sorge ſey. 288 Die Comoͤdie der Irrungen. Ihr Theil, der Armen! der befrachtet ſchien Mit mindrer Laſt, obſchon nicht minderm Gram, Ward ſchneller fortgetrieben vor dem Wind: Und aufgefangen ſah' ich alle Drei Durch Fiſcher aus Corinth, wie mirs erſchien. Zuletzt nahm uns ein andres Schiff an Bord: Und hoͤrend, wen das Gluͤck durch ſie erloͤſt, Gab uns die Mannſchaft freundlichen Willkommen, Und raubt' auch wohl den Fiſchern ihre Beute, Wenn nicht die Jacht ein ſchlechter Segler war: Und deshalb lenkte ſie den Lauf zur Heimath.— Jetzt wißt Ihr, wie ich all mein Heil verlorz Und Mißgeſchick mein Leben nur erhielt Um meines Ungluͤcks Trauermaͤhr zu melden. Berz. Um derer willen die du ſo beklagſt, Thu mir die Freundſchaft und berichte noch Wie'*s jedem denn und dir ſeitdem erging. Aeg. Den juͤngſten Sohn, und doch mein Leid, Befiel nach achtzehn Jahren heiße Sehnſucht Nach ſeinem Bruder: ſo beſtuͤrmt' er mich Daß ihn ſein Diener,(der im gleichen Fall, Beraubt des Bruders, deſſen Namen fuͤhrte), Begleiten duͤrf' um jenen zu erſpaͤhn. Und weil er krank aus Liebe zum Verlornen, Wagt' ich es, den Geliebten zu verlieren.— Fuͤnf Jahr durchſucht' ich alles griech'ſche Land, Duichzog die fernſten Winkel Aſiens, Und kam, heimfahrend, jetzt nach Epheſus: Zwar hoffnungslos, wollt' ich doch dieſen Ort Wie jeden wo nur Menſchen ſind, durchforſchen. Hier endet die Geſchichte meines Lebens, Und gluͤcklich preiſ' ich meinen fruͤhen Tod, Gaͤb all' mein Reiſen mir Gewaͤhr, ſie lebten. Zerz. Unſeliger Aegeon! Vorbeſtimmt Den hoͤchſten Grad der Truͤbſal zu erdulden! O, glaub mir, waͤr's nicht wider das Geſetz Und wider Krone, Wuͤrd' und fuͤrſtlich Wort, Das, wollt' ers auch, kein Herrſcher darf umgehn, Mein Herz verfoͤcht' als Anwald deine Sache. Doch, ob du gleich verfallen biſt dem Tod, Und Widerruf des abgeſtimmten Spruchs Zu großem Eintrag unſrer Ehre fuͤhrte,— * aͤltſtes 280 Sz. 1. Die Comoͤdie der Irrungen. Doch will ich dich beguͤnſtgen wie ichs kann. Drum, Kaufmann, friſt' ich dir noch dieſen Tag, Daß du dir Huͤlß in Freundeshuͤlfe ſuchſt. Frag' alle die du kennſt in Epheſus, Bitt' oder borge, bis die Summ' erfuͤllt,— Und lebe: kannſt du's nicht, ſo ſtirbſt du dann. Schließer, du ſtehſt fuͤr ihn. Schließ. Wohl, gnaͤdger Fuͤrſt. Aeg. Zwar huͤlf- und troſtlos wills Aegeon wagen, Bis morgen nur ſein Leben zu vertagen, (Alle gehn ab.) 8 Markt. (Es treten auf Antipholis von Syracus, ein Kaufmann, und Dromto.) Raufmann. Deshalb ſagt aus, Ihr ſeyd von Epidamnus, Sonſt wird auf Euer Gut Beſchlag gelegt. Roch heut erſt ward ein Syracuſer Kaufmann Verhaftet, der allhier gelandet iſt;— Und weil er nicht ſein Leben loͤſen kann, Trifſt ihn der Tod nach unſerm Stadtgeſetz, Eh noch die muͤde Sonn' im Weſten ſinkt.— Hier iſt Eu'r Geld, das Ihr mir anvertraut. Ant. Geh, trags in den Centauren, unſern Gaſthof, Und bleib dort, Dromio, bis ich wiederkomme. In einer Stund' iſt Mittageſſens Zeit; Bis dahin will ich mir das Volk betrachten, Den Kaͤufern zuſehn, die Pallaͤſte merken, Und dann in meinem Gaſthof ſchlafen gehn, Weil ich ermuͤdet bin vom weiten Reiſen. Nun mach dich fort.— Drom. Wohl mancher moͤcht' S jetzt beim Worte nehmen, Und wandern mit ſo huͤbſchem runden Schatz.(ab.) 290 Die Comoͤdie der Irrungen. A.. Ant. Ein treuer Burſch, mein der mir ſchon oft, Wenn ich verſtimmt durch Schwermuth oder Kummer, Den Sinn erleichtert hat mit munterm Scherz. Wollt Ihr mich nicht begleiten durch die Stadt, Und dann in's Wirthshaus gehn, und mit mir ſpeiſen? Raufm. Ich ward beſtellt, mein Herr, von ein'gen Wechslern, Wo mich ein vortheilhaft Geſchaͤft erwartet; Deshalb verzeiht; doch nach der fuͤnften Stunde, Wenns Euch gefällt, treff' ich Euch auf dem Markt, Und bleibe dann bei Euch, bis Schlafenszeit:— Jetzt ruft mich jener Handel von Euch ab. Ant. Lebt wohl ſo lang; ich ſchlendre dann allein, und wandre auf und ab, die Stadt zu ſehn. Raufm. Seyd Eurem beſten Wohlſeyn dann empfohlen. C(geht ab.) Ant. Wer meinem beſten Wohlſeyn mich empfiehlt, Der wuͤnſcht mir, was ich nie erreichen kann⸗ ſch gleich“ in dieſer Welt'nem Tropfen Waſſer, er in dem Meer'nen andern Tropfen ſucht, Er ſtuͤrzt hinein, zu finden den Gefaͤhrten Und ungeſehn verſchwimmt er ſelbſt im Forſchen. So ich, indem ich Mutter ſuch, und Bruder, Verſchwind' ich Armer ſelbſt auf ihrer Spur. (Dromio von Epheſus kommt.) Hier kommt mein wahrer Lebensalmanach.— Wie nun! Was kehrſt du denn ſo bald zuruͤck? Drom. v. E. Sobald zuruͤck? Fragt doch, warum ſo ſpät? Die Gans verbrennt, das Ferkel faͤllt vom Spieß, Die Glock' im Thurin ſchlug Zwolf, und meine Frau Macht, daß es Eins auch ſchlug auf meiner Backe: Sie iſt ſo heiß, weil Eure Mahlzeit kalt ward; Die Mahlzeit wurde kalt, weil Ihr nicht heimkommt; Ihr kommt nicht heim, weil Ihr nicht Hunger habt; Euch hungert nicht, weil Ihr die Faſten bracht; Doch wir, die Faſten halten und Gebet, Wir buͤßen, was Ihr ſuͤndigt fruͤh und ſpaͤt. Ant. Still doch! ſpar deine Lunge! Sag mir jetzt, Wo ließeſt du das Geld, das ich dir gab? N „ Sz. 1. Die Comoͤdie der IFrrungen. 291 Drom. v. E. O, die ſechs Dreier, Herr, vom letzten Mittwoch, Fuͤr den zerrißnen Schwanzriem meiner Frau?— Die hat der Sattler, ich behielt ſie nicht. Ant. Ich bin zu Spaͤßen heut nicht aufgelegt; Sag mir, und ſcherze nicht: wo iſt das Geld? Da wir hier fremd ſind, wie getrauſt du dich, So große Summ' aus deiner Acht zu laſſen? Drom. v. E. Ich bitt' Euch, ſcherzt wenn Ihr zu Tiſche ſitzt! Mich ſendet unſre Frau zu Euch als Poſt, Und kehr ich heim, tractirt ſie mich als Pfoſten, Denn was ihr fehlt, kerbt ſie mir auf den Kopf. Mich duͤnkt, Eu'r Magen ſollt Euch Glocke ſeyn, Und Euch nach Hauſe ſchlagen ohne Boten. Ant. Hoͤr, Dromio, dieſer S kommt ſehr zur nzeit; Spar' ihn mir auf fuͤr eine beß're Stunde. Wo iſt das Gold, das ich dir anvertraut? Drom. v. E. Mir, Herr? Ei wahrlich Herr, Ihr gabt mir nichts. Ant. Hoͤr mich, Herr Schlingel; laß die Albern⸗ eit Und ſag wie du beſorgteſt deinen Auftrag. Drom. v. E. Mein Auftrag war, vom Markt Euch heimzuholen, In Euer Haus, den Phönir, Herr, zum Eſſen: Die Frau und ihre Schweſter warten ſchon. Ant. Nun denn, ſo wahr ich S. bin, ſteh mir de ede, An welchen ſichern Ort brachtſt du das Gold? Sonſt ſchlag ich dir den luſt'gen Schaͤdel muͤrbe, Der Poſſen reißt, wenn mir's verdrießlich iſt. Wo ſind die tauſend Mark, die ich dir gab?— Drom. v. E. Zwar ein'ge Marken traͤgt mein Kopf von Euch, Auch ein'ge Marken Eurer Frau mein Ruͤcken; Doch das belaͤuft ſich nicht auf tauſend Mark:— Wollt' ich Eu'r Gnaden die zuruͤckbezahlen, Ich glaub', Ihr ſtricht ſie nicht geduldig ein. 19* 292 Die Comoͤdie der Irrungen. A. 1. Ant. Von meiner Frau? Sag Kerl, von welcher Frau?„ Drom. v. E. Eu'r Gnaden Liebſte, meine Frau im. Phoͤnix, Die jetzt noch faſtet, bis Ihr kommt zum Eſſen, Und bittet, daß Ihr eilig kommt zum Eſſen. Ant. Was Schurke, neckſt du mich ins Angeſicht, Da ichs verbot? Da haſt du Eins, Herr Schlingel! Drom. v. E. Was meint Ihr, Herr? Um Gottes⸗ willen, haltet. Laßt Ihr die Hand nicht ruhn, brauch ich die Beine. (er läuft davon.) Ant. Bei meiner Tren! durch irgend einen Streich Ward mir der Tropf um all mein Gold geprellt!— Man ſagt, die Stadt ſey voll Betruͤgerein, Behenden Gauklern, die das Auge blenden, Naͤchtlichen Zaubrern, die den Sinn verſtoͤren, Mordſuͤcht'gen Hexen, die den Leib entſtellen, Verlarvten Gaunern, ſchwatzenden Quackſalbern, Und von Freigeiſtern aller Art und Zucht. Wenn das der Fall iſt, reiſ' ich um ſo ehr. Gleich ſuch' ich im Centauren meinen Knecht; Ich fuͤrchte ſehr, mein Geld beſorgt' ich ſchlecht.— (geht ab.) Die Comödie der Irrungen. Z weiter Aufzug. Erſte Szene. Zimmer. (Adriana und Luciana treten auf.) Adriana. Mein Mann kommt nicht zuruͤck, auch nicht der Diener, Den ich ſo eilig ſandt' ihn aufzuſuchen: Gewiß, Luciana, iſt es ſchon zwei Uhr. Luc. Vielleicht, daß ihn ein Kaufmann eingeladen, Und er vom Markt zur Mahlzeit gieng wohin: Laß jetzt uns eſſen, Schweſter; ſey nicht muͤrriſch, Ein Mann iſt uͤber ſeine Freiheit Herr, Die Zeit der Maͤnner Herrin; wie ſie's fuͤgt, Gehn ſie und kommen; drum ſey ruhig, Schweſter. Adr. Ward Maͤnnern groͤßre Freiheit zugetheilt? Luc. Ja, weil ihr Streben nicht im Hauſe weilt. Adr. Wollt ich ihm ſo begegnen, truͤg' ers kaum! Luc. Du weißt, der Mann iſt deines Willens Zaum. Adr. Nur Eſel zaͤumt man ſo bequem und leicht! Luc. Nun, trotz'ge Freiheit wird durch Zucht ge⸗ beugt. Kein Weſen giebts, das nicht gebunden waͤr, Sey's auf der Erde, ſey's in Luft und Meerz Thier, Fiſch und Vogel folgt als ſeinem Koͤnig Dem Manne ſtets und iſt ihm unterthaͤnig: Den Menſchen, goͤttlicher,— den Weltgebieter, Der weiten Erd' und wilden Fluthen Huter, Dem ſein Verſtand und ſeines Wiſſens Kraft Den Vorrang uͤber Fiſch und Vogel ſchafft,— 294 Die Comödie der Irrungen. A. 1. Verehrt das Weib als machtbegabten Herrn: Drum dien' auch du, und folg' ihm treu und gern. Adr. Um nicht zu dienen, bleibſt du unvermaͤhlt. Luec. Nein! weil der Eh'ſtand ſo viel Sorgen zaͤhlt. Adr. Doch waͤrſt du Frau, Sſtn die Knechtſchaſt 1 Lut. Gehorchen lern' ich, eh' ich lieben will.— Adr. Wie, wenn dein Mann fortbliebe, hieltſt du's aus? Luc. Ich harrte ruhig, bis er käm' nach Haus! Adr. Geduld, nie aufgereizt, wird leicht geuͤbt; Sanftmuͤthig bleibt der wohl, den nichts betruͤbt: Den Armen, den das Ungluͤck ganz verſtoͤrt, Spricht man zur Ruh, wenn man ihn weinen hoͤrt:— Doch truͤgſt du gleiche Schmerzen, gleiche Plagen, Du wuͤrdeſt ſelbſt noch bittrer dich beklagen. Dich hat kein rauher Gatte je beleidigt, Sonſt haͤttſt du wohl Geduld nicht zahm vertheidigt: Wird erſt ein Mann ſo viel an dir verſchulden, Dann jagſt du aus dein Dienſt bloͤdſinnig Dulden. Luc. Nun wohl, wer weiß!. Probe moͤcht' ich rein.— Da kommt dein Knecht, weit kann dein Mann nicht ſeyn. (Dromio von Epheſus kommt.) Adr. Sprich, iſt dein ſaͤum'ger Herr jetzt bei der Hand? Drom. v. P. Nein, mit mir war er bei zwei Haͤn⸗ den, und das koͤnnen meine zwei Ohren bezeugen. Adr. Sag, ſprachſt du ihn? Bhnhit du ſein Be⸗ gehr? Drom. v. E. Ja, ſein Begehren ſchrieb er mir aufs rz Ich faßt' ihn nicht, wie ſchlagend auch die Gruͤnde. Lue. Sprach er ſo zweideutig, daß du ſeine Meinung nicht begreifen konnteſt? Drom. v. E. Mein, er ſchlug ſo grade zu, daß mein Ruͤcken die Schlaͤge nur zu gut begriff; und dabei doch ſo zweideutig, daß ich ſie kaum faſſen konnte. Adr. Doch ſag, ich bitt' dich, er bald nach Haus? Mir ſcheint, er denkt recht treu an ſeine Frau!— * Sz. 1. Die Comoͤdie der Irrnngen⸗ 295 Drom. v. E. Hoͤrt, Frau, der Herr iſt, glaub' ich, Hoͤrnertoll. Adr. Wie, Schurke! Hoͤrnertoll? Drom. v. E. Nicht hiu doch ſicher raſend toll; Als ich ihn bat, zum Eſſen heim zu kommen, So fragt' er mich nach tauſend Mark in Gold. 1 „„S iſt Eſſenszeit,“ ſagt 6„mein Gold, agt' er. „Das Fleiſch brennt an,“ ſagt' 3„mein Gold,“ agt' er. „Kommt Ihr nicht bald?“ ſagt'„mein Gold!“ agt' er: „Wo ſind die tauſend Mark, die ich dir gab?“ „Die Gans verbrennt,“ ſagt ich;„mein Gold!“ ſagt' er: „Die Frau,“ ſprach ich—„zum Henher mit der rau! „Ich weiß von keiner Frau, fort mit der Frau!“— Luc. Sprach wer? Drom. v. E. Sprach unſer Herr: „Ich weiß,“ ſprach er,„von Haus nicht, noch von Hausfrau;“— Und meinen Auftrag, der der Zunge zukam, Traͤgt meine Schulter heim, das dank, ich ihm: Denn, kurz und gut, er gab mir Schlaͤge drauf. Adr. Geh wieder hin, du Schurk', und hol ihn her. Drom. v. E. Noch einmal gchn, und neuc Pruͤgel holen? Um Gotteswillen, ſchickt einen andern Boten. Adr. Lauf, Schurk, ſonſt ſchlag' ich kreuzweis dir den Kopf! Drom. v. E. Dann ſegnet er das Kreuz mit neuen Schlaͤgen, Und ſo bekomm' ich ein geweihtes Haupt. Adr. Fort, Plaudermaul, hol deinen Herrn zuruͤck!— Drom. v. E. Bin ich ſo rund mit Euch, als Ihr mit mir, Daß Ihr mich wie'nen Fußball ſchlagt und ſtoßt? Hin und zuruͤck nach Luſt ſchlagt mich ein Jeder, Soll das noch lange währen, ſo naͤht mich erſt in Leder. Cgeht ab.) 296 Die Comoͤdie der Irrungen. A. H. Luc. Pfui, wie entſtellen dich die zorn'gen Falten! Adr. Er wird gewiß ſein Liebchen unterhalten, Indeß ich hier mit ſeinem Laͤcheln geize. Nahm ſchon das Alter aller Anmuth Reize Von meiner Wange? Sein dann iſt die Schuld!— Iſt ſtumpf mein Witz? mein Weſen ohne Huld? Verlernt ich die gewandte, fluͤcht'ge Rede, Durch Seine Kaͤlt' und Rauhheit ward ſie ſprode. Wenn ihm der Andern muntrer Putz gefaͤllt, Iſis mein Vergehn, was er mir vorenthaͤlt?— Was fuͤr Ruinen magſt du an mir finden, Die nicht Sein Werk? Wenn meine Reize ſchwinden, Er will es ſo: von ihm ein Sonnenblick Brächt alle vor'ge Anmuth mir zuruͤck. Doch er, der wilde Hirſch, rennt aus den Pfaͤhlen, (Mein iſt er ſatt,) ſich auswaͤrts Koſt zu ſtehlen. Luc. Selbſtqual der Eiferſucht! hor auf zu klagen!— Adr. Ein fuͤhllos Herz mag ſolche Schmach ertragen! Ich weiß, ſein Sehnen treibt ihn ſtets von hier; Wo weilt er ſonſt? Was bleibt er nicht bei mir? Du weißt es, er verſprach mir eine Kette:— Ach, waͤrs nur das, was er vergeſſen hätte, So waͤr' ihm doch mein Bett nicht ſchon verhaßt!— Ich ſeh', ein Kleinod, noch ſo reich gefaßt, Erblindet: zwar, den Werth wirds nicht verlieren, Wenn man's beruͤhrt; doch all zu oft Beruͤhren“ Raubt ihm den Glanz; ſo giebts auch keine Ehre, Der Trug und Falſchheit nicht verderblich waͤre;— Und kann ich nicht durch Schoͤnheit um ihn werben, Will ich, den Reſt verweinend, troſtlos ſterben. Luc. O Thorheit, ſo durch Eiferſucht verderben! (ſie gehn ab.) Die Comoͤdie der Irrungen. 8 ie Straße. (Antipholis von Syracus tritt auf.) Antipholis. Das Gold, das ich dem Dromio gab, liegt ſicher Mir im Centauren, und mein treuer Diener Iſt ausgegangen, um mich aufzuſuchen. Nach Zeit und Stund', und meines Wirths Bericht, Konnt ich mit Dromio nicht geſprochen haben. Seit ich vom Markt ihn ſchickte.— Sieh, da kommt er!— (Drom io von Syracus kommt.) Nun, Freund? Iſt dir der Uebermuth vergangen?— Nun ſpaße wieder, wenn du Schlaͤge liebſt. Du kennſt den Gaſthof nicht? Bekamſt kein Gold? Dich ſchickt die Frau, zum Eſſen mich zu rufen? Ich wohn' im Phoͤnix? Sag mir, warſt du toll, Daß du mir ſolche tolle Antwort gabſt?— Drom. v. S. Welch eine Antwort, Herr? Wenn war das Alles? Ant. Jetzt eben, hier; kaum vor'ner halben Stunde. Drom. v. S. Ich ſah' Euch nicht, ſeit Ihr das Gold mir gabt, Und mich damit heimſandtet zum Centauren. Ant. Schlingel, du laͤugneteſt des Golds Empfang, Und ſprachſt von einer Frau mir, und von Mahlzeit; Doch hoff ich, fuͤhlſt du noch, wie mirs gefiel. Drom. v. S. Es freut mich, ſo aufgeraͤumt zu ſehn; Was meint Ihr mit dem Scherz? Erzaͤhlt mirs, Herr! Ant. Ei, ſieh! du hoͤhnſt und mich in's Ge⸗ icht? Denkſt du, ich ſcherze? da! und hier noch Eins! (ſchlaͤgt ihn.) Drom. v. S. Halt, Herr, ich bitt' Euch! Euer Spaß wird Ernſt; lim welchen Handel erndt' ich ſolches Handgeld? 298 Die Comödie der Irrungen. A. U. Ant. Weil ich wohl manchmal in Vertraulichkeit Als meinen Narrn dich brauch' und mit dir ſchwatze, Wird frech dein Scherz, der Freundlichkeit vertrauend, Und ſtoͤrt durch Marktgeſchwaͤtz die ernſten Stunden. Die muntre Muͤcke tanz' im Strahl der Sonne, Doch kriech' in Ritzen wenn der Glanz ſich birgt: Eh du mich neckſt, betrachte meinen BPlick, Und modle deinen Witz nach meiner Miene, Sonſt ſchlag' ich die Manier in deine Schanze. Drom. v. S. Schanze nennt Ihrs? Wenn Ihr nur mit Sturmlaufen aufhoren wolltet, mocht' es lieber Kopf bleiben: und fahrt Ihr noch lange ſo mit Schlaͤgen fort, ſo muß ich mir eine Schanze fuͤr meinen Kopf anſchaffen, und ihn einſchanzen, oder ich werde meinen Witz in mei⸗ nen Schultern ſuchen. Aber mit Vergunſt, Herr, warum werd' ich geſchlagen? Ant. Das weißt du nicht?— Drom. v. S. Richts, Herr, als daß ich geſchlagen werde. Ant. Soll ich dir ſagen, warum? Drom. v. S. Ja, Herr, und wofuͤr; denn wie man ſagt, hat jedes Warum ſein Wofuͤr. Ant. Zuerſt, warum: fuͤrs Recken; dann, wofuͤr: Weil du's zum zweitenmal mit mir verſuchſt. Drom. v. S. So komm ich ohne Recht und Fug zu 1 ſolchem barſchen Gruß, Denn Eu'r Warum und Eu'r Wofuͤr hat weder Hand noch Fuß. Nun gut, ich dank' Euch. Ant. Dankſt mir, Freund? Wofuͤr?— Drom. v. S. Meiner Treu, Herr, fuͤr das Etwas, das ich fuͤr Nichts bekam. Ant. Ich wills naͤchſtens wieder gut machen, und dir Nichts fuͤt Etwas geben. Aber ſag mir Freund, iſt es Eſſenszeit? Drom. v. S. Nein, Herr, denn unſer Fleiſch iſt noch nicht, was ich bin. Ant. Und was waͤre das? Drom. v. S. S iſt noch nicht muͤrbe. Ant. Dann wirds alſo noch hart und trocken ſeyn? * Sz. 1. Die Cömoͤdie der Irrungen. 299 Drom. v. S. Ja, und wenn das iſt, ſo ich Euch, eßt nicht davon. Ant. Dein Grund? Drom. v. S. Es moͤchte Euch choleriſch machen, und Ihr ſchluͤgt mich noch einmal. Ant. Siehſt du? Lerne zu rechter Zeit ſpaßen; jedes Ding hat ſeine Zeit. Drom. v. S. Den Satz haͤtte ich wohl gelaͤugnet, ehe Ihr ſo choleriſch wurdet. Ant. Nach welcher Regel? Drom. v. S. Nun, nach einer Regel, die ſo klar iſt, als die klare Platte des uralten Gotts der Zeit. Ant. Laß hoͤren. Drom. v. S. Wenn Einer von Natur kahl wird, ſo giebts keine Zeit fuͤr ihn, ſein Haar wieder zu bekommen. Ant. Auch nicht durch Proceß und Reſtiitution? Dram. v. S. O ja, durch den Proreß eines Peruͤcken⸗ kaufs oder durch die Reſtauration, die man durch das abge⸗ ſchnittne Haar eines Andern erlangt. Ant. Warum iſt doch die Zeit ein ſolcher Knicker mit dem Haar, das ſonſt ein ſo reichlicher Auswuchs iſt? Drom. v. S. Weil's ein Segen iſt, mit dem ſie das Vieh begabt; was ſie dem an Haar entzieht, das erſetzt ſie ihm an Witz. Wi Und doch hat mancher Menſch mehr Haar als Wi Drom. v. S. Kein Einziger, der nicht ſo viel Witz haͤtte, ſein Haar zu verlieren. Ant. Du machteſt aber den Schluß, Farkbehaarte Men⸗ ſchen ſeyen taͤppiſche Geſellen ohne Witz? Drom. v. S. Je taͤppiſcher der Geſell geweſen, je ſchneller verliert ers; aber mit dem allen verliert ſichs mit einer Art von Luſtigkeit. Ant. Aus welchem Grund? Drom. v. S. Aus zwei Gruͤnden, und geſunden dazu. Ant. Geſunden wohl eigenllich nicht! Drom. v. S. Oder ſichern. Ant. Auch nicht ſichern, in einer ſo mißlichen Sache. Die Comödie der Irrungen. A. M. * Drom. v. S. Gewiſſen denn alſo. Ant. Und die ſind? Drom. v. S. Der erſte, weil er das Geld fuͤrs Haar⸗ kraͤuſeln ſparen kann; und der zweite, weil ihm beim Eſſen das Haar nicht in die Suppe fallen wird. Ant. Du wollteſt alle die Zeit her beweiſen, nicht jedes Ding habe ſeine Zeit. Drom. v. S. Nun allerdings, und das that ich auch; namentlich, daß es keine Zeit gebe, Haar wieder zu bekom⸗ men, das von Matur verloren iſt. Ant. Aber dein Grund hielt nicht Stich, warum es keine Zeit gebe, es wieder zu bekommen. Drom. v. S. Ich verbeſſere ihn ſo: die Zeit ſelbſt iſt kahl, und deshalb wird ſie bis ans Ende der Welt Kahlkoͤpfe in ihrem Gefolge haben. Ant. Ich wußte ſchon, es wuͤrde einen kahlen Schluß geben. Aber ſtill! Was winkt uns dort?— (Adriana und Luciana kommen.) Adr. Ja, ja, Antipholis! Sieh fremd und finſter. Fuͤr eine Andre haſt du ſuͤße Blicke! Ich bin nicht Adriana, nicht dein Weib! Es gab'ne Zeit, da ſchwurſt du ungefragt, Kein Wort ſey wie Muſik in deinem Ohr, Kein Gegenſtand erfreulich deinem Blick, Kein Fuͤhlen je willkommen deiner Hand, Kein Mahl von Wohlgeſchmack fuͤr deinen Gaum, Wenn ich nicht Blick, Wort, Hand und Becher tanſchte!— Wie kommts denn jetzt, mein Gatte, o wie kommts, Daß du ſo ganz dir ſelbſt entfremdet biſt? Dir ſelber, ſagt' ich: mir ja wirſt du fremd, Mir, die ich unzertrennlich dir vereint Nichts bin, als deines Herzens beſter Theil. Ach, reiße nicht dein Innres von mir los! Denn wiſſe, mein Gellebter, leichter traͤufſt dn »Nen Tropfen Waſſer in die tiefe See, Und nimmſt den Tropfen unvermiſcht zuruck, Ohn allen Zuſatz oder Minderung,— Als daß du dich mir nimmſt, und nicht auch mich⸗ * Die Comoͤdie der Irrungen. Wie muͤßt' es dich verwunden bis ins Mark, Vernaͤhmſt du je, ich ſey nicht treu und rein, Und dieſer Leib, der dir allein geweiht, Befleckt durch Ueppigkeit und ſchnoͤde Luſt? Du wuͤrdſt mich anſpein, mich mit Fuͤßen treten, Den Namen Gattin ins Geſicht mir ſchleudern, Die ſuͤnd'ge Haut mir reißen von der Stirn, Den Trauring abhau'n von der falſchen Hand, Und ihn zerbrechen mit der Trennung Fluch:— Ich weiß, du kannſt; und darum thu' es auch! Des Ehbruchs Makel trag' ich ſchon an mir, Mein Blut iſt angeſteckt von ſuͤnd'ger Luſt: Denn ſind wir Zwei wie Eins, und du biſt falſch, So wohnt das Gift in meinen Adern auch, Von dir beruͤhrt werd' ich zur Buhlerin: Drum halt' den Bund! Dem aͤchten Bett ſey treu; Dann leb' ich rein, und du von Schande frei. Ant. Gilt mir das, ſchoͤne Fiau Ich kenn' Euch nicht: Ich bin zwei Stunden erſt in Epheſus, Und Eurer Stadt ſo fremd, als Eurer Rede: Denn wie mein Witz die Worte pruͤf' und wende, Mir fehlts an Witz, der nur Ein Wort verſtaͤnde.— Luc. Pfui, Bruder! Kann die Welt ſich ſo ver⸗ aͤndern? Wenn ſpracht Ihr je mit meiner Schweſter ſo? Sie ließ durch Dromio Euch zum Eſſen rufen. Ant. Durch Dromio? Drom. v. S. Durch mich? Adr. Durch dich; und dieſe Antwort brachtſt du mir: Er habe dich gezauſt, und unter Schlaͤgen Mein Haus als ſeins, mich als ſein Weib verlaͤugnet. Ant. Sprachſt du vorhin mit dieſer Dame ſchon? Was wollt Ihr? Wohin zielt die Heimlichkeit? Drom. v. S. Ich, Herr? Ich ſah ſie nie, bis eben jetzt. Ant. Schurke, du luͤgſt: denn eben dieſe Worte Haſt du mir richtig auf dem Markt beſtellt. Drom. v. S. Ich ſprach in meinem Leben nicht mit ihr! 302 Die Comodie der Irrungen. A M. Ant Wie koͤnnte ſie uns dann bei Namen nennen, Wenn es durch Offenbarung nicht geſchah? Adr. Wie ſchlecht mit deiner Wuͤrde ſichs vertraͤgt, Mit deinem Knecht ſo plump den Gaukler ſpielen, Und ihn verhetzen, mir zum Aergerniß! Von dir getrennt erduld' ich ſchon ſo viel, Treib nicht mit meinem Gram ein grauſam Spiel!— O laß mich, feſt am Aermel haͤng ich dir! Ihr Maͤnner ſeyd der Stamm, die Reben wir, Die unſre Schwaͤch' an Eure Staͤrke ranken, Und Euch getheilte Kraft und Huͤlfe danken. Ach! wuchernd Unkraut wuchs ſchon uͤbergroß! Habſuͤcht'ger Epheu, Dorn, unnutzes Moos; Das, weil mans nicht vertilgt, mit gift'ger Gaͤhrung Den Saft dir raubt, und droht dem Baum Zerſtorung! Ant. Bin ichs denn wirklich, den ihr Vorwurf ſchmaͤhlt? Ward ſie vielleicht im Traum mit mir vermaͤhlt? Hab ich im Schlaf dieß alles nur gehoͤrt? Was fuͤr ein Wahn hat Aug und Ohr bethoͤrt? Bis ich den ſichern Zweifel klar erkannt, Biet ich dem dargebotnen Trug die Hand. Luc. Geh, Dromio, heiß ſie decken, mach geſchwinde. Drom. v. S. Nun, beim Sct. Veit, verzeih uns Gott die Suͤnde, Hier walten Feen; der Himmel ſey mir gnaͤdig, Mit Alp und Kauz und Elfengeiſtern red' ich!— Und thun wir ihren Willen nicht genau, Man ſaugt uns todt, man kneipt uns braun und blau. Luc. Was redſt du mit dir K ruͤhrſt dich ic nicht? Dromio, du Drohne! Schnecke, Tolpel, Wicht! Drom. v. S. Herr, ſagt, bin ich vertauſcht? bin ich noch ich? Ant. Du biſt vertauſcht, mein Sohn, das bin auch ich. Drom. v. S. Zweifelt Ihr noch, das man mich neu erſchaffe? Ant. Du ſiehſt noch aus wie ſonſt! Drom. v. S. Nein, wie ein Affe. Luc. Du biſt zum Eſel worden, glaub mir das. * — Sz. 2. Die Comoͤdie der Irrungen. 303 Drom. v. S. S iſt wahr, ſie reiten mich; ſchon wittr' ich Gras: Es kann nicht anders ſeyn;'nen Eſel nennt mich, Sonſt muͤßt' ich ſie ja kennen, denn ſie kennt mich. Adr. Genug, ich will nicht laͤnger wie ein Kind Die Hand ans Auge thun, und thoͤricht weinen, Indeß Gemal und Diener mich verhoͤhnt. Kommt, Herr, zum Eſſen: Dromio, huͤt das Thor:— Wir woll'n heut oben ſpeiſen, lieber Mann, Und tauſend Suͤnden ſollſt du mir geſtehn. Burſch, wenn dich jemand fragt nach deinem Herrn, Sag' er ſey auswaͤrts; laß mir niemand ein. Komm Schweſter: Dromio, du behuͤt die Schwelle!— Ant. Iſt dieß die Erd'? Iſts Himmel oder Hoͤlle? Schlaf' oder wach' ich? bin ich bei Verſtand? Mir ſelbſt ein Raͤthſel, bin ich hier bekannt?— Ich mach's wie ſie, und dabei will ich bleiben, Durch Nebel auf dem Meer des Schickſals treiben. Drom. v. S. Herr, ſoll ich wirklich Wache ſtehn am Thor? Adr. Laß Niemand ein, ich dich aufs hr. Luc. Kommt denn, das Eſſen geht jetzt allem vor. Cſie gehn ab.) 304 Die Comoͤdie der Irrungen. Dr i S Vor dem Hauſe. (Es treten auf: Antipholis von Epheſus, Dromio von Epheſus, Angelo und Balthaſar.) Antipholis v. E. Werther Herr Angelo, Ihr muͤßt entſchuldigen: Wenn ich die Zeit verſaͤume, zankt mein Weib. Sagt, daß ich in der Werkſtatt zoͤgerte, Zu ſehn wie ihr Geſchmeide ward gefertigt, ünd daß Ihrs Morgen fruͤh uns bringen wollt.— Denkt nur! der Schelm da ſchwoͤrt mir ins Geſicht, Ich haͤtt' ihn auf dem Markt vorhin gepruͤgelt, Und tauſend Mark in Gold von ihm verlangt, Und daß ich Fran und Haus vor ihm verlaͤugnet:— Du Trunkenbold, was dacht'ſt du dir dabei?— Drom. v. E. Sagt Herr, was Euch gefällt: ich weiß doch, was ich weiß, Von Eurer Marktbegruͤßung trag ich noch den Beweis; Waͤr Pergament mein Ruͤcken, und Dinte jeder Schlag, So haͤtt' ich Eure Handſchrift, ſo gut mans wuͤnſchen mag. Ant. v. E. Hoͤr Kerl, du biſt ein Eſel. Drom. v. E. Ich habe nichts dagegen; Vollauf hatt' ich zu tragen, an Schimpf ſo wie an Schlaͤgen. 2 ich nur mit den Hufen Euch tuchtig Eins verſetzt, o haͤtt' Euch wohl der Eſel mehr in Reſpect geſetzt. * Sz.1. Die Comoͤdie der Irrungen. 305 Ant. v. E. Seyd nicht ſo ernſt, Herr Balthaſar! Ich wuͤnſche nur, das Eſſen Moͤge mit meinem Willkomm ſ Freundesgruß ſich meſſen. Balth. O, uͤber Eure Freundlichkeit kann ich das Mahl vergeſſen! Ant. v. E. O nein, die Freundſchaft reicht nicht aus, die ſchafft nicht Fleiſch noch Fiſch, Ein ganzes Haus voll Willkomm fuͤllt nicht den kieinſten Tiſch. Balth. Gut Eſſen iſt gemein Herr, das kauft man aller rten! Ant. v. E. Und Willkomm' viel gemeiner; denn der beſteht aus Worten. Balth. Hauskoſt, und rechter Willkomm“, ſo duͤnkt mich iſt's am Beſten. Ant. v. E. So goͤnn' ichs geiz'gen Wirthen, und ma⸗ genſchwachen Gaͤſten. Doch giebts Gerichte wenige, ſit heut vorlieb im tillen:— Ihr trefft wohl beßre Kuͤche g doch nimmer beſſern illen.— Wie nun, das Thor verriegelt? Geh, rufe, wir ſind da. Drom. v. E. Brigitte, Lucie, Roſine, Cacilie, Bar⸗ bara Drom. v. S.(drinnen) Tropf, Eſel, Nindvleh, Karngaul was treibſt du fuͤr Geſpukes Gleich pack dich von der i dich auf die Kelier⸗ uke Was fuͤr'nen Schwarm von Dirnen rufſt du zuſammen jer Da Eine ſchon zuviel iſt? Jpie pack dich von der uͤr Drom. v. E. Welcher Luͤmmel iſt hier Pfoͤrtner? Gleich wird der Herr dich ſchelten! Drom. v. S. Geh er hin, wo er herkam, ſonſt moͤcht er ſich erkaͤlten! Ant. v. E. Wer ſpricht denn ſo da drinnen? Heda! Mach auf die Thuͤr! Drom. v. S. Recht, Herr! Ich ſag Euch wann, wenn Ihr mir ſagt, wofuͤr!— Ant. v. E. Wofuͤr? Nun, um zu eſſen: ich will in den VI. 306 Die Comoͤdie der Irrungen. A. MI. Drom. v. S. Der bleibt Euch heut verſchloſſen; ver⸗ ſuchts ein andermal! Ant. v. E. Wer biſt du frecher Schlingel, der mir mein Haus verbietet? Drom. v. S. Euch aufzuwarten: Dromio, der heut die Pforte huͤtet. Drom. v. K. Was Kerl, an meinen Namen und an mein Amt' dich wagen, Die mir noch nie Credit, nur Pruͤgel ſtets getragen? Ach haͤttſt du doch die Maſte heut Morgen ſchon geborgt, Du haͤttſt dich mit'nem und'nem Eſelskopf ver⸗ . orgt. Lucie(drinnen) Was fuͤr ein Lärmen, Dromio? Sag wer da draußen ſteht? Drom. v. E. Lucie, laß ein den Herrn! Lucie. Ei was, er kommt zu ſpat, Das ſag du deinem Herrn nur. Drom. v. E. Was muß uns hier begnen Es heißt ja doch im Sprichwort:„Woll' unſern Eingang ſegnen!“— Lucie. Kennſt du wohl auch das andre: Zu Pfingſten auf dem Eiſe? Drom. v. S. Heißeſt du Lucie? Lucie, ſo war die Ant⸗ wort weiſe. Ant. v. E. Nun, machſt du Anſtalt, Schaͤtzchen? du laͤßt uns, hoff' ich, ein? Lucie. Ich wollt' Euch eben fragen! Drom. v. S. Und Eu'r Beſcheid war, Nein. Drom. v. E. Nur zu, wir helfen Euch pochen; ſo recht, ſchlagt immer drein.— Ant. v. E. Du Weibsſtuͤck, laß mich hinein doch! Lucie. Ja, wenn ich wuͤßte, warum? Drom. v. E. Klopft tuͤchtig an die Pforte!— Lucie. Ei, klopft ſie ſchief und krumm. Ant. v. E. Schlag ich die Thuͤr erſt nieder, ſo ſollſt du heulen, Drache! Lucie. Viel kuͤrzer daß Ihr krumm liegt heut Abend auf der Wache. Adr.(drinnen.) Wer laͤrmt denn ſo da draußen? Ich denke, die Welt geht unter!— Drom. v. S. Die Straßenbuben, Ihr Gnaden, ſind heut beſonders munter. 3 Sz. 2. Die Comoͤdie der Irrungen⸗ 307 Ant. v. E. Wie, Weib, biſt du da drinnen? Was kamſt du nicht ſchon lange? Adr. Dein Weib, verwuͤnſchter Schurke? Lauf, daß man dich nicht fange. Drom. v. E. Kommt Ihr mit Noth hinein, wird's ihr um den Schurken bange. Ang. Hier giebts nicht Mahl noch Willkomm; wir rech⸗ neten doch auf Eins! Balth. Wir ſtritten was das beſte ſey, und nun bekom⸗ men wir Keins! Drom. v. E. Findt Ihr Gefallen an ſolchem Spaß? Wenn Ihr mich fragt, ich vernein's. Ant. v. E. Hier weht der Wind zu ſcharf, wir muͤſſen wo anders eſſen. Drom. v. E. So ſpraͤcht Ihr Herr, mit Recht, hättet Ihr den Mantel vergeſſen. Wir ſtehln hier draußen und frieren, und drinnen dampft der Braten: Das nenn' ich ſeinen eignen verkaufen und ver⸗ rathen! Ant. v. E. Geh' Einer und hol ein Werkzeug zum brechen mir herbei! Drom. v. S. Ja, brecht nur was Ihr koͤnnt, ich brech' Euch den Hals entzwei!— Drom. v. E. Das brecht Ihr wohl vom Zaun! Mags 2 biegen oder brechen, Ich brech''ne Lanze mit Euch, das will ich Euch ver⸗ ſprechen. Drom. v. S. Ihr liebt das Brechen, merk ich! Bleibt nur 2 da draus, Ihr Frechen!— Ant. v. E. Ich kame lieber hinein, das Draußen hab' . ich ſatt. Drom. v. S. Wenn erſt der Bock keinen Bart, der Baum keine Blaͤtter hat!— Ant. v. E. Wir muͤſſen die Thuͤre ſprengen: iſt hier kein Baum zur Hand? Drom. v. E. O ho! nun ſollſt du dich wundern! der Baum ohne Blatt ſich fand; Der wird uns tapfer beiſiehn, trotz allen deinen Poſſen; Und was den Bock benifft, den haſt du geſchoſſen. 2 308 Die Comoͤdie der Irrungen. A. MI. Ant. v. E. Geh, mach dich auf, ſchaff' mir nen Hebebaum! Balth. O nicht doch, S gebt der Geduld noch daum! Ihr ſtrittet gegen Euern guten Ruf, üind zöget ſeibſt in des Verdachts Bereich Die unbeſcholtne Ehre Eurer Frau.— Bedenkt nur: ihre langerprobte Tugend, Ihr klug Benehmen, reife Sittſamkeit, Verbuͤrgt, hier ſey ein Grund den Ihr nicht kennt: Und zweifelt nicht, rechtfert'gen wird ſie ſich, Warum die Thuͤr Euch heut verſchloſſen blieb⸗ Folgt meinem Rathe: raͤumen wir das Feld, Und laßt im Tiger uns zu Mittag eſſen; Und gegen Abend geht allein nach Haus, Den Grund ſo ſeliner Weigrung zu erfahren⸗ Wenn Ihr Euch anſchickt jetzt Gewalt zu brauchen, Am hellen Tag, wo alles kommt und geht, So wird der Handel gleich zum Stadigeſpraͤch; Des Volks gemeine Laͤſterung erſinnt,— (Nicht achtend Eure nie verletzte Wuͤrde,) Was allzu leicht ſich ſchnoden Eingang ſchafft, Und ſelbſt auf Eurem Grabe noch verweilt; Denn die Verläumdung, wie ein Erbvermachtniß Bleibt ſtets dem Haus und ſchaͤndet ſein Gedaͤchtniß. Ant. v. E. Ich geb' Euch ich will mich ruhig alten, Und(gehts auch nicht von Herzen) inſichſeyn. Ich kenn' ein Maͤdchen, witzig im Geſpraͤch, Huͤbſch und geſcheidt, wild und gefaͤllig doch: Dort woll'n wir ſpeiſen.— Dieſes Maͤdchens halb Hat meine Frau—(doch wahrlich ohne Grund,)— Schon manchmal eiferſuͤchtig mich geſchmaͤhlt: Bei dieſer laßt uns ſpeiſen. cu Angelo.¾) Gehe nach aus, Und holt die Kette; fertig wird ſie ſeyn; Die bringt mir dann ins Stachelſchwein, ich bitt' Euch, So heißt das Haus: die goldne Kette ſchenk' ich, Und waͤrs auch nur um meine Frau zu aͤrgern, An unſte Wirthin. Eilt Euch, lieber Herr; Da mir die eigne Pforte widerſtehn will, So klopf' ich an, wo man uns nicht verſchmaͤhn will⸗ * . Sz. 2. Die Comödie der Irrungen. 309* Ang. Ein Stuͤndchen vergoͤnnt, und ich bin uer. Ant⸗ v. E. Habt Dank.— Doch kommt der Spaß mir etwas theuer!— (ſie gehn ab.) — Zweite Szene. Platz var dem Hauſpr. (Es treten auf Luciana und Antipholis von Syracus.) Luciana. Vergaßeſt du in wenig Augenblicken Des Gatten Pflicht? Und ſoll durch Mißverſtand Der Liebe Bluͤth' im Liebeslenz erſticken? Der Bau zerfallen, der ſo ſchoͤn erſtand? Haſt du die Schweſter um ihr Gold gefreit, So heuchle ihr, dem Gold zu Liebe, Feuer: Und gluͤhſt du ſonſt wo, thu's in Heimlichkeit; Dein falſches Lieben huͤll' in dunkle Schleier. Die Schweſter leſe nicht in deinen Blicken, Noch laß den Mund die eigne Schmach verkuͤnden: Daß Huld und Anmuth deine Untren ſchmuͤcken, Kleid' als der Tugend Boten ſchnoͤde Suͤnden: Verſtellung berg' ihr deines Laſters Flecken, Und lrihe dir der Heiligen Betragen: Sey heimlich falſch; was mußt du's ihr entdecken? Wird thoricht wohl ein Dieb ſich ſelbſt verklagen? Willſt du ſie zwiefach kraͤnken, Unbeſtaͤnd'ger, An ihrem Tiſch geſtehn des Betts Verrath? Schmach hat noch Scheinruhm, uͤbt ſie ein Verſtand'ger, Und boͤſes Wort verdoppelt boͤſe That. Wir armen Fraun! goͤnnt uns doch nur den Glauben, (Wir ſind ja ganz Vertraun) daß Ihr uns huldigt; Den Handſchuh laßt, wollt Ihr die Hand uns rauben; Ihr wißt, wie gern ein liebend Herz entſchuldigt. Drum lieber Bruder, geht zu ihr hinein, Liebkoſ't der Schweſter, ſprecht ihr freundlich zu: 310 Die Comoͤdie der Irrungen. A. III. X S iſt heil'ger Trug, ein wenig falſch zu ſeyn, Bringt ſuͤßes Schmeichelwort den Geiſt zur Ruh. Ant. v. S. Holdſelig Kind, dein Nam' iſt unbekannt mir, Noch ahnd' ich, wer dir meinen je genannt; Du ſcheinſt des Himmels Heiligen verwandt mir, An Gnad' und Reiz, an Schoͤnheit und Verſtand. Lehr' mich, Geliebte, prufen, denken, ſprechen; Entfalte meinen irdiſch groben Sinnen, Wie mag ich wahnumſtrickt, bethoͤrt von Schwaͤchen, Den Inhalt deines dunkeln Worts gewinnen? Was ſtrebſt du, meine Seele zu entraffen, Und lockſt ſie in ein unbekannt Gefild? Biſt du ein Gott? Willſt du mich neu erſchaffen? Verwandle mich, dir folg ich, ſchoͤnes Bild!— Doch bin ich noch ich ſelbſt, ſo zweifle nicht, Nie war die eiferſuͤcht'ge Schweſter mein;— Nie weiht' ich ihrem Bette Schwur und Pflicht;— Viel mehr, viel mehr iſt meine Seele dein. Laß ab, Sirene, mich mit ſuͤßen Liedern In deiner Schweſter Thraͤnenfluth zu locken; Singſt du fuͤr dich, wird trunkne Lieb' erwiedern! Breit' auf die Silberfluth die goldnen Locken, So holdem Lager will ich mich vertraun; Und in der Taͤuſchnung des Entzuͤckens waͤhnen, Der triumphirt, der ſo den Tod mag ſchau'n: So ſink' und ſterbe Lieb' in ſel'gem Sehnen!— Luc. Wie ſprecht Ihr ſeli und allem Sinn ent— ruͤckt! Ant. v. S. Fremd nur ſä jen doch von dir ent⸗ zuͤckt!— Luc. Die Suͤnd' entſpringt in Eurem Aug allein. Ant. v. S. Blind ſchaute ſichs an deiner Sonne Schein. Luc. Schaut wo Ihr 1 dat macht die Augen ar! Ant. v. S. Nacht ſehn und blind ſeyn, Lieb, iſt gleich fuͤrwahr! Luc. Ich Euer Lieb? 6 muß die Schweſter. eyn! Ant. v. S. Der Schweſter Schweſter! * Sz.2. Die Comoͤdie der Irrungen. 31¹ Luc. Meine Schweſter! Ant. v. S. Mein, Du biſt es ſelbſt, des Herzens beſter Theil, Aug' meines Augs, der Seele Seelenheil, Des Lebens Inhalt, Hoffnung, Gluͤck und Wonne, Mein irdiſch Heil, und meines Himmels Sonne! Luc. Das ſollt' Euch alles meine Schweſter ſeyn⸗ Ant. v. S. Dich nenne Schweſter, denn ich bin nur dein; Dir weih' ich Lieb' und Leben, nimm mich an: Ich habe noch kein Weib, du keinen Mann; Gieb mir die Hand! Luc. Ich bitt' Euch, ſeyd nur ſtill; Ich muß erſt ſehn, ob auch die Schweſter will. (ab.) (Dromio von Syracus kommt.) Ant. v. S. Heda, was giebs, Dromio? Wohin rennſt du ſo eilig? Drom. v. S. Kennt Ihr mich, Herr? bin ich Dromio? bin ich Euer Diener? bin ich Ich? Ant. v. S. Du biſt Dromio, du biſt mein Diener, du biſt Du. Drom. v. S. Ich bin ein Eſel, ich bin eines Weibes Diener, ich bin außer mir. Ant. v. S. Welches Weibes Diener? und warum außer dir? Drom. v. S. Außer mir, mein Seel! denn ich gehore einem Weibe an: Einer, die mich in Anſpruch nimmt, die mir nachlaͤuft, die mich haben will! Ant. v. S. Wie nimmt ſie dich in Anſpruch? Drom. v. S. Nun, mein Seel, wie Ihr Euer Pferd in Anſpruch nehmt: wie eine Beſtie will ſie mich haben:— ich meine nicht, als ob ich eine Beſtie waͤre, und ſie mich haben wollte; ſondern daß ſie, als eine recht beſtialiſche Creatur mich in Anſpruch nimmt. Ant. v. S. Wer iſt ſie? Drom. v. S. Ein ſehr reſpectables Corpus; ſo Eine, von der man nicht reden kann, ohne hinzuzuſetzen:„mit 3¹2 Die Comoͤdie der Irrungen. A. M. Reſpect zu melden.“ Ich mache nur ein magres Gluͤck arthie, und doch iſts eine erſtaunlich fette Hei⸗ rath. Ant. v. S. Wie meinſt du das, eine fette Heirath? Drom. v. S. Mein Seel, Herr, ſie iſt das Kuͤchen⸗ menſch, und lauter Schmalz; ich wuͤßte nicht, wozu ſie zu brauchen waͤre, als eine Lampe aus ihr zu machen, und bei ihrem eignen Licht vor ihr davonzulaufen. Ich wette, ihre Lumpen, und der Talg darin brennen einen polniſchen Winter durch: wenn ſie bis zum juͤngſten Tage lebt, ſo brennt ſie eine Woche laͤnger ais die ganze Welt. Ant. v. S. Von welcher Farbe iſt ſie? Drom. v. S. Schwarz, wie meine Schuhe; aber ihr Geſicht iſt lange nicht ſo rein: denn, warum? ſie ſchwitzt, 6 man bis uͤber die Schuh in den Schlamm zu waten me. Ant. v. S. Das iſt ein Fehler, dem Waſſer abhelfen wird. Drom. v. S. Mein, Herr, es iſt zu aͤcht; Noah's Fluth wuͤrde nicht hinreichen- Ant. v. S. Wie iſt ihr Name? Drom. v. S. Melle, Herr; aber ihr Name und Drei⸗ viertel, daß heiht'ne Elle und Dreiviertel reichen nicht aus, ſie von Huͤfte zu Huͤfte zu meſſen. Ant. v. S. Sie iſt alſo ziemlich breit? Drom. v. S. Nicht laͤnger von Kopf zu Fuß, als von Huͤfte zu Huͤfte. Sie iſt kugelfoͤrmig wie ein Globus; ich wollte Laͤnder auf ihr entdecken. Ant. v. S. Auf welchem Theil ihres Koͤrpers liegt Schottland? Drom. v. S. Das fand ich aus an ſeiner Unfrucht⸗ barkeit; recht auf der Flaͤche der Hand. Ant. v. S. Wo Frankreich? Drom. v. S. Auf ihrer Stirn, bewaffnet und rebelliſch und im Krieg gegen das Haupt. Ant, v. S. Wo England? Drom. v. S. Ich ſuchte nach den Kalkfelſen, aber ich konnte nichts Weißes an ihr entdecken: doch denk' ich, es liegt auf ihrem Kinn, wegen der ſalzigen Feuchtigkeit, die zwiſchen ihm und Frankreich fließt. Ant. v. S. Wo Spanien? Drom. v. S. Wahrhaftig, das ſah ich nicht, aber ich ſpuͤrte es heiß in ihrem Athem. * Sz. 2. Die Comödie der Frrungen. 313 Ant. v. S. Wo Amerika? die beiden Indien? Drom. v. S. O Herr, auf ihrer Naſe, die uͤber und uͤber mit Rubinen, Saphiren und Carfunkeln ſtaffirt iſt, und ihren reichen Glanz nach dem heißen Athem Spaniens wendet, welches ganze Armadas von Galeeren mit Bal⸗ laſt fuͤr ihre Naſe bringt. Ant. v. S. Wo liegen Belgien und die Niederlande? Drom. v. S. O, Herr, ſo tief habe ich nicht nach⸗ geſucht.— Kurz, dieſe Drude, dieſer Alp, legte Beſchlag auf mich, nannte mich Dromio, ſchwur ich habe mich ihr verlobt, erzaͤhlte mir, was fuͤr geheime Zeichen ich an mir trage, als den Fleck auf meiner Schulter, das Mahl an meinem Halſe, die große Warze an meinem linken Arm; ſo daß ich vor Schrecken davon lief wie vor einer Hexe: und wahrhaftig, waͤre nicht mein Herz aus Glauben ge⸗ ſchmiedet, und meine Bruſt von Siahl, ſie haͤtte mich in e Kuͤchenhund verwandelt, und den Bratſpieß drehen aſſen. Ant. v. S. Nun mach dich auf, und lauf zum Hafen ſchnell; Und blaͤſ't von Ufer irgend nur der Wind, Weil' ich in dieſer Stadt nicht uͤber Nacht. Geht heut ein Schiff noch ab, ſo komm zum Markt, Da will ich dich erwarten bis du heim kehrſt.— Wo jedermann uns kennt, und wir nicht Einen, Waͤrs Zeit wohl einzupacken, ſollt' ich meinen⸗ Drom. v. S. Und wie der Wandrer vor dem Bäͤren rennt, Lauf ich vor der, die meine Frau ſich nennt. Cab.) Ant. v. S. Von lauter Hexen wird der Ort bewohnt, Drum iſt es hohe Zeit davon zu gehn. Die hier Gemal mich nannte, ſchafft mir Grann Als Fran zu denken; doch die ſchoͤne Schweſter, Begabt mit ſo viel holdem, maͤcht'gen Reiz, So ſuͤßem Zauber in Geſpraͤch und Umgang, Macht faſt mich zum Verraͤther an mir ſelbſt.— Doch, daß mich nicht verlocken dieſe Toͤne, Schließ ich mein Ohr der lieblichen Sirene. (Angelo tritt auf.) Ang. Mein Herr Antipholis——— Ant. v. S. Das iſt mein Name! Ang. Nun ja, das weiß ich, Herr. Hier iſt die Kette; — 314 Die Comoͤdie der Irrungen. A. III. Ich dacht' im Stachelſchwein Euch anzutreffen; Die Kette war nicht fertig; darum ſaͤumt' ich. Ant. v. S. Was wollt Ihr,daß ich mit der Kette t u7 Ang. Was Euch gefaͤllt! Ich machte ſie fuͤr Euch. Ant. v. S. Fuͤr mich, 6 ie Ich hab ſie nicht eſtellt! Ang. Nicht Einmal oder Zweiz wohl zwanzig Mal! Geht heim damit, und bringt ſie Eurer Frau, Und nach dem Abendeſſen ſprech' ich vor, Und hole mir das Geld fuͤr meine Kette. Lnc. v. S. Ich bitt' empfangt das Geld ogleich. Sonſt moͤcht' Euch Kett' und Geld verloren gehn. Ang. Ihr ſeyd recht u Euch wohl. geht. Ant. v. S. Ich weiß nicht, was ich davon denken ſoll; Doch denk' ich dieß: es wird ſich Niemand graͤmen, So reiches Kleinod zum Geſchenk zu nehmen; Auch ſeh' ich, leicht muß hier ſichs leben laſſen, Wo man das Gzold verſchenkt auf allen Gaſſen. Nun auf den Markt: auf Dromio wart' ich dort; Und ſegelt heut ein Schiff, dann hurtig fort! (geht ab.) Die Comoͤdie der Irrungen. 31⁵ Vierte N mfz g Fe rſti S ze ean e Straße. (Ein Kaufmann, Angelo, und ein Gerichtsdiener treten auf.) Raufmann. Ihr wißt, daß Ihrs zu Pfingſten zugeſagt, Und ſeit der Zeit hab' ich nicht nachgefragt; Und that's auch jetzt nicht, muͤßt' ich nicht durchaus Nach Perſien reiſen, und beduͤrfte Geld. Drum leiſtet gegenwaͤrtge Zahlung mir, Sonſt nehm' ich Euch in Haft durch dieſen Haͤſcher. Ang. Genau die Summe, die ich Euch verſchrieb, Soll ich erhalten von Antipholis: Und eben jetzt da Ihr mich traft, erhielt er Von mir'ne goldne Kette, deren Preis Ich Nachmittags um Fuͤnf erheben ſoll. Gefiels Euch, mit zu gehn bis an ſein Haus, Zahlt ich die Schuld, und meinen Dank dazu. (Antipholis von Epheſus und Dromio ven Epheſus kom⸗ men aus dem Hauſe der Courtiſane.) Gerichtsd. Die Muͤhe koͤnnt Ihr ſparen, ſeht, er kommt.— Ant. v. E. Derweil ich Goldſchmid, geh u hin, Und kauf' mir einen Strick, zum Angebinde Fuͤr meine Frau und ihre Helfershelfer, Weil ſie mich aus dem Hauſe heut geſperrt:— 316 Die Comoͤdie der Irrungen. A. IV. Doch halt! da iſt der Goldſchmid. Mach dich fort, Kauf mir den Strick, und bring' ihn mir nach Haus. Drom. v. K. Ich kauf'ne Rente von tauſend Pfund! Ich kauf'nen Strick!— eht ab. (geht ab.) Ant. v. E. Der hat ſich ont gebettet, der Euch traut! Auf Euch und Eure Kette macht' ich Rechnung Doch Kette nicht noch Goldſchmid ſind gekommen. Gelt, unſre Freundſchaſt ſchien Euch allzufeſt, Wenn wir ſie ketteten? Drum kamt Ihr nicht!— Ang. Den muntern Scherz beiſeit, hier iſt die Note Wie viel ſie wiegt, aufs aͤußerſte Carat: Des Goldes Feinheit, und der Arbeit Kunſt: Dieß, auf und ab, macht drei Ducaten mehr, Als ich zu zahlen hab' an dieſen Herrn. Ich bitt Euch, daß Ihr ihn ſogleich befriedigt, Er muß zur See, und wartet nur darauf. Ant. v. E. Ich habe ſo viel baares Geld nicht bei mir und bin auch ſonſt noch in der Stadt beſchäftigt. Hoͤrt, Lieber, fuͤhrt den Fremden in mein Haus, Tragt meiner Frau die Kette hin, und ſagt ihr, Daß ſie dagegen Euch die Summe zahle: Vielleicht auch bin ich dort ſo fruͤh als Ihr. Ang. Ihr wollt ihr alſo ſelbſt die Kette bringen? Ant. v. E. Nein, nehmt ſie mit, ich koͤnnte mich verſpaͤten. Ang. Ganz wohl, mein Le habt Ihr die Kette bei uch? Ant. v. E. Hab' ich ſo werdet Ihr ſie aben; Sonſt moͤgt Ihr ohne Geld nach Hauſe gehn. Ang. Rein, jetzt in h Ernſt, Herr, gebt die ette, Denn Wind und Wetter dienen dieſem Herrn, Und leider hielt' ich ſchon zu lang' ihn auf. Ant. v. E. Der Scherz, mein Goͤnner, meint Ihr, ſoll entſchuld'gen Daß Ihr im Stachelſchwein nicht Wort gehalten? Ich ſollte ſchelten, daß Ihr uns verfehlt; Doch wie ein zankiſch Weib ſchmollt Ihr zuerſt. * Sz. 1. Die Comoͤdie der Irrungen. 317 Raufm. Die Zeit veluet 66 bitt' Euch, macht ein nde. Ang. Iyr hoͤrt, wie er mir laͤſtig wirdz die Kette. Ant. v. E. Ei, gebt ſie n Frau, und holt Eu'r zeld eld. Ang. Ihr wißt, daß ich ſie eben jeht Euch gab!— Drum ſchickt die Kette, oder ſonſt ein Zeichen. Ant. v. E. Pfui doch! das heißt den Spaß zu Tode jagen! Wo iſt die Kett'? Ich bitt' Euch, zeigt ſie her. Raufm. Ich hab' nicht Zeit fuͤr Eure Taͤndelei. Sagt Herr, wollt Ihr mir zahlen oder nicht? Wo nicht, ſo uͤberliefr' ich ihn dem Haͤſcher. Ant. v. E. Euch zahlen? Si haͤtt' ich Euch zu zahlen! Ang. Das Geld, das Ihr mir ſchuldigt fuͤr die Kette. Ant. v. E. Ich ſchuld' Euch keins, bis ich empfing die Kette. Ang. Ich gab ſie Euch vor einer halben Stunde! Ant. v. E. Ihr gabt mir nichts! Ihr kraͤnkt mich, dieß zu ſagen!— Ang. Mich kraͤnkt e Herr, daß Ihr mirs aͤugnet: Bedenkt, wie mein Credit darauf beruht! Raufm. Nun, Haͤſcher, nimm ihn feſt auf meine Klage. Gerichtsd. Gut: in des Herzogs Namen, folgt mir nach. Ang. Dieß geht an meine Ehr' und guten Ruf; Entweder willigt ein, und zahlt die Summe, Sonſt ſetz' ich Euch in Haſt durch dieſen Haͤſcher!— Ant. v. E. Fuͤr etwas zahlen, das ich nie empfing? Laß mich verhaften Tropf, wenn du es wagſt! Ang. Hier ſind die Sporteln, Haͤſcher nehmt ihn feſt. Nicht meines Bruders ſchont' ich in dem Fall, Macht' er mich ehrlos ſo auf offnem Markt. Gerichtsd. Ich nehm' Euch et mein Herr, Ihr hoͤrt die Klage!— Ant. v. E. Ich folge, bis ich Buͤrgſchaft dir ge⸗ t ſtellt;— Doch Ihr mein Freund, buͤßt mir den Spaß ſo theuer Daß all Euer Gold im Laden nicht genuͤgt. Ang. O, Herr, ich finde Recht in Epheſus, Zu Euerm hoͤchſten Schimpf, das zweifelt nicht!— 318 Die Comoͤdie der Irrungen. A. W. romio von Syracus kommt vom Hafen.) Drom. v. S. Herr,'s iſt ein Schiff aus Epidam⸗ nus da, Das nur noch wartet bis Rheder kommt, Und dann die Anker lichte ſre Fracht Hab' ich an Bord gebra eingekauft Das Oehl, den Balſam und den Aquavit. Das Schiff iſt ſegelfertig, luſt'ger Wind Blaͤſt friſch vom Ufer, und ſie warten nur Auf ihren Rheder Herr, und auf uns beide. Ant. v. K. Was, ein Verkbäckter noch? du dummes Schaf, Welch Schiff von Epidamnus wartet mein? Drom. v. S. Das Sif Ihr zur Ueberfahrt eſtellt!— Ant. v. E. Du See Ich hab'nen Strick eſtellt, Ich ſagte dirs, zu welchem Zweck und Ende!— Drom. v. S. Ihr haͤttet um ein Ende Strick geſchickt? Ihr ſchicktet mich zum Hafen um ein Schiff!— Ant. v. E. Daruͤber ſprechen wir zur beß'rer Zeit, Und lehren deine Ohren beſſer hoͤren. Zu Adriana, Schlingel, lauf' in Eil, Bring ihr den Schluͤſſel; ſag ihr, in dem Pult Der mit dem tuͤrkſchen Teppich zugedeckt, Sey eine Boͤrſe Gold: die laß dir geben: Sag ihr, ich ſey verhaftet auf der Straße, Und dieß mein Loͤſegeld: nun eil' dich, Burſch.— Jetzt ins Gefaͤngniß, Haͤſcher, bis er kommt. (alle geht ab, außer Dromio. Drom. v. S. Zu Adriana? Das iſt, wo wir ſpeiſten; Wo Amaryllis mich zum Mann verlangt?— Sie iſt zu dick fuͤr mein Umarmen, hoff' ich! Doch muß ich hin, obſchon ſehr wider Willen; Ein Diener ſoll des Herrn Gebot erfuͤllen. (geht ab.) Sz. 2. Die Comoͤdie der Irrungen⸗ 3¹9 3 weite Szene. sinnM (Adriana und Luciana treten auf) Adriana. So ſtuͤrmiſch, Schweſter, drang er auf dich ein? War dir ſein Aug' ein feierlicher Deuter? Warb er im vollem Ernſt? Ja oder Nein? Roth oder blaß? truͤbſinnig oder heiter? Sind dir im Kampf der Leidenſchaft erſchienen Des Herzens Meteor' auf ſeinen Mienen? Luc. Er ſprach zuerſt, dir bind' ihn keine Pflicht. Adr. Weil er ſie nie erfuͤllt: o Boͤſewicht! Luc. Er ſchwur, hier ſey er Fremdling ganz und gar. Adr. Da ſchwur er recht, obgleich es Meineid war. Luc. Fuͤr dich dann ſprach ich Adr. Und was ſagt' er dir? Luc. Was ich ihn bat fuͤr dich, fleht' er von mir. Adr. Mit was fuͤr Kuͤnſten wollt er dich verfuͤhren? Luc. Wars treu gemeint, ſo konnt' er faſt mich ruͤhren: Die Schoͤnheit ruͤhmt' er, dann der Rede Huld. Adr. Sprachſt du ſo huldreich? Luc. Bitte dich, Geduld! Adr. Die hab' ich fic will den Zorn nicht illen; Der Zunge mindſtens laß ich ihren Willen. Er iſt unfoͤrmlich, widrig, krumm und alt, Wuͤſt von Geſicht, von Koͤrper mißgeſtalt: Verderbt, unfreundlich, fern von aller Guͤte, Ruchlos im Thun, und mehr noch im Gemuͤthe. Luc. Kann Eiferſucht um ſolchen Mann uns plagen? Wenn er entfloh, ich wuͤrd' es nicht beklagen. Adr. Ach, Liebſte! dennoch duͤnkt er mich der Beſte; Saͤhn' ihn die Andern nur mit ſcheelem Blick! Der Kiebitz ſchreit nur wenn er fern vom Neſte, Schmaͤht gleich mein Herz erfleht ihm luͤck. 320 Die Comoͤdie der IFrrungen. A. IV. B(Dromio von Syraeus kommt gelaufen.) Drom. v. S. Heda! das Pult! den Beutel! Sucht geſchwinde! Lut. So athemlos? Drom. v. S. Ich lief ja gleich dem Winde. Adr. Wo iſt dein Herr? Sprich, er iſt doch geſund? Drom. v. S. O nein! er ſteckt im tiefſten Hoͤllen⸗ ſchlund⸗ Ihn packt' ein Gnom, deß Wamms nicht zu verwuͤſten, Deß bartes Herz in Eiſen eingeknoͤpft: Ein Elf, ein Kobold, ohne Troſt und Ruͤhrung; Ein Wolf, ein Kerl in lederner Montirung; Ein Spion, ein Schulterklopfer; ein Feind der an den Mauern In Gaͤßchen, Winkeln, Si und Buchten pflegt zu auern; Ein Spuͤrhund der die Queer laͤuft, und kommt doch von der Stelle, Und vor dem juͤnaſten Tage die Seelen fuͤhrt zur Hoͤlle. Adr. Nun, Menſch, was giebts? Drom. v. S. Was es gegeben, weiß ich nicht: genug er iſt in Haft. Adr. In S Wer hat ihm das nur angethan? Drom. v. S. Ich weiß nicht wers ihm angethan, daß er jetzt ſitzt im Block, Doch weiß ich, war er angethan in einem Buͤffelrock. Wollt Ihr als Loſung ſenden den Beutel dort im Pult? Adr. Geh, hol ihn Schweſiter.(Luciana geht.)— Selt⸗ ſam in der That, Daß er vor mir verborgne Schulden hat! Eprich, wars vielleicht wohl einer Buͤrgſchaft Band? Droin. v. S. Es war kein Band, er hielt ihn wohl noch ſtaͤrker: »Re goldne Kette bracht' ihn in den Kerker.— — Hoͤrt Ihr ſie klingen? Adr. Woas! die goldne Kette? Drom. v. S. Richt doch! Die Glocke mein⸗ ich! Wie konnt' Ihr nur mich plagen? Zwei war es da ich ging, nun hats ſchon Eins ge⸗ ſchlagen. Adr. Gehn jetzt die Stunden ruͤckwaͤrts? Ei, hoͤrt mir doch den Gecken! Sz. 3. Die Comoͤdie der Irrungen. 32¹ Drom. v. S. Ja, wenn die Stunde Haͤſcher ſieht, ſo kehrt ſie um vor Schrecken. Adr. Als ob die Zeit verſchuldet waͤr! Wie das nun ganz verkehrt iſt! Drom. v. S. Zeit iſt bankrott, und ſchuldet mehr dem Zufall, als ſie werth iſt. Dann iſt die Zeit ein Dieb auch: habt auf den Spruch nur Acht: Die Zeit ſtiehlt ſich von Sn bei Tage wie bei Nacht;— Wenn ſie nun ſtiehlt und Schulden hat, und ein Haͤſcher ſie fangen mag, Hat ſie nicht Recht zuruͤck zu Eine Stunde jeden ag? (Luciana kommt zurück.) Adr. Hier Dromio, iſt das Geld; gleich trag' es hin; Und kehrt zuruͤck, ſobald Ihr könnt, Ihr beiden. Tauſend Gedanken kreuzen mir den Sinn, Gedanken, bald zum Troſt mir, bald zum Leiden. (ſie gehn ab.) i e Sne Straße. (Antipholis von Syracus tritt auf.) Antipholis v. S. Kein Menſch begegnet mir, der mich nicht gruͤßt, Als ich ihm ein laͤngſt bekannter Freund, Und jedermann nennt mich bei meinem Namen, Der bietet Gold mir an, der laͤdt mich ein, Der dankt mir fuͤr erzeigte Hoͤflichkeit, Der ſchlaͤgt mir vor, ihm Waaren abzukaufen: Erſt eben rief ein Schneider mich ins Haus, Und zeigte Stoffe, die er mir gekauft, VI. 21 322 Die Comödie der Irrungen. A. VI. und nahm zugleich das Maaß mir, ohne Weitres. Gewiß, Trugbilder ſinds der Phantaſie, Und Lapplands Hexenmeiſter wohnen hier⸗ (Dromio von Syracus kommt.) Drom. v. S. Herr, hier iſt das Gold, das ich Euch holen ſollte. Nun, wo habt Ihr denn das Bild des alten Adam im neuen Rocke gelaſſen? Ant. v. S. Was fuͤr Gold iſt dieß? Welchen Adam meinſt du? Drom. v. S. Nicht den Adam, der das Paradies hu⸗ tete, ſondern den Adam, der das Gefaͤngniß huͤtet; den, der mit dem Fell des Kalbes angethan geht, das fuͤr den verlornen Sohn geſchlachtet ward; den, der hinter Euch herkam, Herr, wie ein boͤſer Engel, und Euch Eurer Frei⸗ heit entſagen hieß. Ant. v. S. Ich verſtehe dich nicht. Drom. v. S. Richt? die Sache iſt doch klar! Ich meine den, der wie eine Baßgeige in ſeinem ledernen Futte⸗ ral geht; den Kerl, Herr, der wenn Einer muͤde wird, ihn auf die Schulter klopft, und ihn zum Sitzen noͤthigt; der ſich uͤber die Wildfaͤnge erbarmt, und ſie zu geſetzten Leuten macht; den ein Glaͤubiger ausſendet, um die Ver⸗ laͤugner einzuſangen——— Ant. v. S. Was? du meinſt einen Haͤſcher? Drom. v. S. Ja, Herr, den Schriftgelehrteſten aller Haͤſcher; denn er weiß immer genau ob ſich einer verſchrie⸗ ben hat, und ſeine Hauptgeſchicklichkeit beſteht im buͤndigen Schließen. Ant. v. S. Nun Freund, komm auch mit deinen Poſſen zum Schluß. Geht heut Abend noch ein Schiff ab? Kommen wir fort? Drom. v. S. Ei Herr, ich brachte Euch ſchon vor einer Stunde den Beſcheid, daß die Jacht„Geſchwin⸗ digkeit“ heut Abend in See ſtaͤche; da hielt der Haͤſcher Euch auf, und Ihr mußtet erſt das Boot Aufſchub ab⸗ warten. Hier ſind die Engel, nach denen Ihr ſchicktet, die Euch befreien ſollen. Ant. v. S. Der Burſch iſt ganz verwirrt, das bin ich auch; or b⸗ die in Sz. 3. Die Comoͤdie der Irrungen. 323 Wir wandern unter Trug und Blendwerk hier? Ein guter Geiſt entfuͤhr“ uns bald von hinnen!— (Eine Courtiſane tritt auf.) Court. Willkomm', willkommen, Herr Antipholis! Ich ſeh, Ihr habt den Goldſchmied jetzt gefunden: Iſt das die Kette die Ihr mir verſpracht? Ant. v. S. Satan, zuruͤck! Fuͤhr' mich nicht in Ver⸗ ſuchung! Drom. v. S. Herr, iſt dieß Maͤdchen der Satan? Ant. v. S. Es iſt der Teufel. Drom. v. S. Nein, ſie iſt noch was ſchlimmres, ſie iſt des Teufels Großmutter; und hier kommt ſie, und ſcheint ins Feld wie eine leichte Schoͤne, oder eine ſchoͤne Leuchte. Denn, wenn die leichten Dirnen ſagen,„Gott ver⸗ damme mich,“ ſo heißt das eigentlich ſo viel als„Gott laß mich eine Leuchte werden:“ denn es ſteht geſchrie⸗ ben, ſie erſcheinen den Menſchen wie leuchtende Engel: alle Leuchten aber ſind feurig, und Feuer brennt: ergo, wenn ſie zu den Leichten gehoͤren, verbrennt man ſich an ihnen: darum kommt ihr nicht zu nah. Court. Eu'r Burſch und F ſeyd heut ſehr aufge⸗ raͤumt Kommt mit, wir eſſen noch zu Nacht ein wenig. Drom. v. S. Herr, wenns Suppe giebt, ſo ſeht Euch nach einem langen Loͤffel um! Ant. v. S. Warum, Dromio? Drom. v. S. Nun, mein Seel, der braucht einen langen Loͤffel der mit dem Teufel ißt. Ant. v. S. Fort, boͤſer Was ſagſt du mir von ſſen? Du biſt'ne Hexe, wie Ihr alle ſeyd; Ins Himmels Namen: Laß von mir, und geh!— Court. Gebt mir den Niuz den Ihr bei Tiſch mir nahmt Oder vertauſcht die Kette fuͤr den Demant; Dann geh ich fort und fall' Euch nicht zur Laſt. Drom. v. S. Sonſt fordern Teufel wohl ein Stuͤckchen Nagel, 2 324 Die Comoͤdie der Irrungen. A. W. Ein Haar,'nen Strohhalm, Tropfen Blut,'ne Nadel: Ne Nuß,'nen Kirſchkern: aber die iſt geiz'ger, Die will'ne Kette. Nehmt Euch in Acht: wenn Ihr die Kette gebt, So klirrt der Teufel, und erſchreckt uns, Herr⸗ Court. Ich bitt' Euch,— den Ring, wo nicht die dette; Das waͤr' zuviel, erſt Raub und dann noch Hohn! Ant. v. S. Hebe dich weg, du Kobold! Fort Dromio, fort mein Sohn!— Drom. v. S. Laß ab vom Stolz, ſo ſchreit der Pfan; nicht wahr, daß wißt Ihr ſchon? (Antipholis und Dromio gehn ab.) Court. Nun, ganz gewiß, Antipholis iſt toll, Sonſt wuͤrd' er ſo verruͤckt ſich nicht geberden; Er nahm'nen Ring, vierzig Ducaten wehrt, Und dafuͤr bot er mir'ne goldne Kette: Doch beides will er jetzo mir verlaͤugnen.— Woraus ich ſchon den Wahnſinn erſt errieth, (Auch ohne ſeine jetz'ge Raſerei,) War tolles Zeug, das er bei Tiſch erzaͤhlte, Wie man die eigne Thuͤr vor ihm verſchloſſen. Ich denke wohl, die Frau kennt dieſe Schauer, Und ſchloß mit Fleiß das Thor ihm als er kam⸗ Am beſten waͤrs, gleich ging' ich in ſein Haus, Und ſagte ſeiner Fran, wie er im Fieber Zu mir hineindrang, und mir mit Gewalt Den Ring entwandt: das wird das Kluͤgſte ſeyn;— Vierzig Ducaten buͤßt man ungern ein. Cab.) Sz. 4. Die Comoͤdie der Irrungen. 325⁵ i ie S ene Andre Straße. (Antipholis von Epheſus und der Schließer treten auf.) Antipholis v. E. Sey unbeſorgt mein Freund; ich fluchte nicht, Ich ſchaff' dir, eh ich geh, die ganze Summe, Und kaufe ſo mich los von dem Verhaft. Mein Weib iſt heut in wunderlicher Laune, Und glaubt gewiß dem Boten nicht ſo leicht, Daß ich gefangen ſey in Epheſus: Ich weiß, ſie wird dem eignen Ohr nicht traun! (Dromio von Epheſus kommt mit einem Strick.) Hier kommt mein Burſch, ich denk' er hat das Geld.— Run Freund? bringſt du mir mit, wonach ich ſchickte? Drom. v. E. Hier hab' 6 baare Zahlung fuͤr ſie Alle. Ant. v. E. Allein, wo iſt das Geld? Drom. v. E. Ei, Herr, das Geld bezahlt' ich fuͤr den Strick.. Ant. v. E. Fuͤnfhundert S Ducaten fuͤr»nen Strick? Drom. v. E. Wenn Ihrs verlangt, ich ſchaff' Euch noch Fuͤnfhundert. Ant. v. E. Zu welchem Ende ſchickt ich dich nach Haus? Drom. v. E. Zu des Stricks Ende, Herr, und zu dem Ende bin ich wieder da. Ant. v. E. Und zu dem Ende, Herr, nehmt dieſen Willkomm. (er ſchlägt Dromio.) Schließ. Lieber Herr, ſeyd geduldig! Drom. v. E. Nein, an mir iſts, geduldig zu ſeyn; ich bin in Truͤbſal. Schließ. Mein Sohn, halt dein Maul. i v. E, Nein, verlangt lieber daß er ſeine Haͤnde 326 Die Comödie der Irrungen, A. W. Ant. v. E. Du nichtsnutziger, fuhlloſer Schlingel! Drom. v. E. Ich wollt' ich wäre fuͤhllos, Herr, ſo thaͤten mir Eure Schlaͤge nichts. 8 2t 2 E. Du haſt nur Gefuͤhl fuͤr Schlaͤge, wie ein Eſel! Drom. v. E. Ja wohl, ein Eſel; ſo lang werdet Ihr mir die Ohren noch ziehn.— Ich habe ihm von der Stunde meiner Geburt an bis auf dieſen Augenblick gedient, und habe nie was davon gehabt, als Schlaͤge. Wenn mich friert, ſo heizt er mir ein mit Schlagen; wenn ich heiß bin, ſo kuͤhlt er mich ab mit Schlaͤgen; ich werde damit geweckt wenn ich ſchlafe, auf die Beine gebracht, wenn ich ſitze, aus der Thuͤr gejagt, wenn ich ausgehe, bewillkommt wenn ich zu Haus komme; ja wahrhaftig, ich trage ſie auf der Schulter, wie die Bettlerin ihren Balg, und ich denke, wenn er mich erſt lahm gepruͤgelt hat, werde ich von Thuͤr zu Thuͤr damit betteln gehn. (driana, Luciana, die Courtiſane, Zwick der Schul⸗ meiſter und Bediente kommen.) Ant. v. E. So folgt mir nur, denn dort kommt meine Frau. Drom. v. E. Frau, respice kinem, gedenkt ans Ende: oder vielmehr, wie der Prophet ſpricht, und der Papagay ſagt, huͤtet Euch vor des Stricks Ende. Ant. v. E. Wann wirſt du ſchweigen, Kerl? (ſchlägt ihn.) Court. Was ſagt Ihr wahr, Eu'r Mann iſt to i 2 Adr. Nach ſeinem rauhen Weſen glaub' ichs faſt. Herr Doctor Zwick, Ihr ſeyd ja ein Beſchwoͤrer, Ich bitt' Euch, bringt ihn wieder zu Verſtand, Ich will Euch zahlen, was Ihr nur begehrt. Luc. O Himmel! wie er wild und grimmig blickt! Court. Seht, wie er zittert: Recht wie ein Beſeß⸗ ner!— Zwick. Gebt mir die mnich den Puls Euch uͤhlen! Ant. v. E. Da iſt die Sann lubt Euer Ohr mich uͤhlen! Zwick. Du Satan, der in dieſem Manne wohnt, Gieb dich gefangen meinem frommen Spruch, * Sz. 4. Die Comödie der Frrungen. 3 Und kehr zuruͤck ins Reich der Finſterniß! Bei allen Heiligen beſchwor' ich dich!— Ant. v. E. Bilodſinn'ger Faſler, ſchweig! ich bin nicht toll. Adr. Ach, wäͤrſt du's nicht, du arme kranke Scele! Ant. v.. Sag, Schaͤtzchen, ſag! ſind das die werthen Freunde? Die ſafrangelbe Fratze, ſchmauſte ſie Und zecht' an meinem Tiſche heut bei dir, Indeß ſich mir die ſuͤnd'ge Pforte ſchloß, ſnd mir das eigne Haus verweigert ward? Adr. Gott weiß, zu Haus ja ſpeiſteſt du, mein Theurer, Und wärſt du doch bis jetzt bei mir geblieben, Frei von der Schimpf und von dem Stadt⸗Gerede! Ant. v. K. Zu Haus geſpeiſt? Du Schurke, rede du! Drom. v. E. Herr, grad Ihr ſpeiſ'tet nicht zu Haus. Ant. v. E. War nicht die Thuͤre zu? ich ausgeſperrt? Drom. v. E. Mein Seel,. Thuͤr war zu, Ihr aus⸗ geſperrt. Ant. v. E. Und hat ſie ſelbſt nicht ſchimpflich mir begeanet? Drom. v. E. Wrhrhaſig ſchimpflich hat ſie Euch egegnet. Ant. v. E. Schalt, hoͤhnt' en zankte nicht die Kuͤchen⸗ magd Drom. v. E. Weiß Gott, das Kuͤchenfraͤulein zankt' Euch aus. Ant. v. K. Und gieng ich nicht in groͤßter Wuth von dannen? Drom. v. E. Ja, das iſt mein Ruͤcken kanns . ezeugen; Er traͤgt die Spuren Eurer trzſt gen Wuih. Adr. Iſts gut, ihm in dem Unſinn Recht zu geben? Zwick. Nicht uͤbel; nein; der Burſch merkt wo's ihm ehlt Stets ſagt er ja, und fuͤgt ſich ſeinem Raſen. Ant. v. E. Dem Goldſchmied gabſt du's an, mich zu verhaften!— Adr. O Gott, ich ſchickte Geld, dich zu befrein, Durch Dromio hier, der eilig deshalb kam⸗ 328 Die Comoͤdie der IFrrungen. A. W. Drom. v. E. Was? Geld durch mich? Vielleicht wohl in Gedanken; Doch Geld, mein Seel! empfing ich keinen Heller. Ant. v. E. Gingſt du i hin, die Boͤrſe Gold zu olen? Adr. Er kam zu mir, ich gab ſie ihm ſogleich. Luc. Und ich bin Zeuge, daß er ſie bekam. Drom. v. E. Goit und der Seiler können mirs be⸗ zeugen; Ich ward nur ausgeſchickt nach einein' Strick! Fwick. Frau! Herr und Diener, beide ſind beſeſſen, Ich ſeh's an ihrem bleichen ſtieren Blick: Man bind' und fuͤhr' ſie in ein dunkles Loch, Ant. v. E. Sprich! warum haſt du heut mich aus⸗ geſperrt? Gu Dromio.) Und weshalb laͤugneſt du den Beutel Gold? Adr. Mein theurer Mann, ich ſperrte dich nicht aus!— Drom. v. E. Und ich, mein theurer Herr, empfing kein Gold:— Doch das bekenn' ich, Herr, man ſperrt' uns aus. Adr. Du heuchleriſcher Schuft, das luͤgſt du beides! Ant. v. E. Du freche Heuchlerin, du luͤgſt in Allem, Und biſt verſchworen mit verruchtem Volk, Ehrloſen Spott und Schimpf mir anzuthun! Ausreißen will ich dir die falſchen Augen, Die ihre Luſt an meiner Schande ſehn!— (Mehrere Diener kommen und wollen Hand an ihn legen; er ſträubt ſich.) Adr. O, bindt' ihn, ihn! Laßt ihn nicht eran!— zwick. Mehr Leute her! der Feind iſt ſtark in ihm! Luc. Ach, armer Mann! Wie krank und bleich er 1 ſieht! Ant. v. E. Wollt Ihr mich morden? Schließer, dir gehoͤr' ich Als dein Gefangner; leid'ſt du, daß ſie mich Von hier entfuͤhren? Schließ. Leute, laßt ihn gehn: S iſt ein Gefangner, ihr bekommt ihn nicht. zwick. Bindet mir denz denn der iſt auch verruͤckt. Sz. 4. Die Comoͤdie der Irrungen. 329 Adr. Was willſt du thun, du unverſtaͤndger Schließer? Macht dirs Vergnuͤgen, wenn ein armer Kranker Sich ſelber in Verdruß und Ungluͤck bringt? Schließ. S iſt mein Siniti ließ ich jetzt ihn os So muͤßt' ich Buͤrge ſeyn fuͤr ſeine Schuld, Adr. Die will ich tilgen, eh ich von dir geh. Bring mich von hier zu ſeinem Glaͤubiger, Und weiß ich nur der Schuld Belauf, ſo zahl' ich. (Antipholis und Dromio werden gebunden.) Mein werther Doctor, ſchafft in Sicherheit Ihn in mein Haus: o ungluͤckſeliger Tag! Ant. v. E. O ungluckſel'ges, freches Weib!— Drom. v. E. Herr, Eurethalb bin ich in Banden hier. Ant. v. E. Zum Teufel, Kerl! Willſt du mich raſend machen? Drom. v. E. Wollt Ihr fuͤr nichts gebunden ſeyn? So raſ't doch, Und flucht bei Hoͤll' und Teufel, lieber Herr!— Luc. Gott helf' Euch Was fuͤr Zeug ſie aſeln! Adr. Geht, bringt ſie fort; du Schweſter, komm mit (Zwick, Antipholis, Dromio und Bediente ab.) Nun ſprich! Auf weſſen Klag' iſt er verhaftet? Schließ. Des Goldſchmieds kennt Ihr ihn nicht? Adr. Ich kenn' ihn. Welche Summ' iſt er ihm ſchuldig? Schließ. Zweihundert Stuͤck Ducaten. Adr. Und wofuͤr? Schließ. Fuͤr eine Kette, die Eu'r Mann empfieng⸗ Adr. Die hatt' er mir beſtellt, doch nicht erhalten. Court. Nun ſeht;z als Euer Mann ganz wuͤthig heut Zu mir ins Haus lief, und den Ring mir nahm, Ich ſah den Ring noch jetzt an ſeiner Hand,) Gleich drauf begegnet ich ihm mit der Kette. Adr. Das kann wohl ſeyn, allein ich ſah ſie nicht. Kommt, Schließer, zeigt mir wo der Goldſchmid wohnt, Genau erfuͤhr' ich gern, wie ſichs verhaͤlt. 330 Die Comödie der Irrungen. A. W. (Antipholis von Syracus kommt mit gezognem Degen; ihm folgt Dromio von Syracus.) Luc. Gott ſey uns gnaͤdig: ſie ſind wieder los! Adr. Und gar mit bloßen Degen! ruf nach Huͤlfe, Daß man ſie wieder binde! Schließ. Lauft, lauft, ſie ſtechen uns todt! (ſie entfliehen eilig.. Ant. v. S. Ich ſeh' die Hexen fuͤrchten blanke Degen! Drom. v. S. Die Eure Frau will ſeyn, lief nun vor uch! Ant. v. S. Komm zum Centauren: ſchaff die Sachen weg! Und waͤren wir doch ſicher erſt am Bord!— Drom. d. S. Wahrhaftig, Ihr ſolltet die Nacht noch hier bleiben; ſie werden uns nichts anthun. Ihr ſeht, ſie geben uns gute Worte, und bringen uns Gold: mich duͤnkt, es iſt eine ſo liebe Nation, daß, waͤre nicht jener Berg von tollem Fleiſch, der mich zur Ehe verlangt, ich koͤnnte es uͤbers immer hier zu bleiben, und unter die Hexen zu gehn. Ant. v. S. Nicht um die ganze Stadt bleib ich die Nacht; Drum fort, und ſchaff die Sachen ſchnell an Bord. (ſie gehn ab.) Die Comödie der Irrungen. 331 Fuͤnfter Aufzug. — Erſte Szene. Straße. (Der Kaufmann und Angelo treten auf.) Angelo. Es thut mir leid, daß ich Euch aufgehalten: Doch auf mein Ehrenwort, die Kett' empfieng' er, Obaleich er mirs recht ſchaͤndlich abgelaͤngnet. Raufm. Was hat der Mann fuͤr Ruf an dieſem Ort? Ang. Den beſten, Herr; von unbeſcholtnem Leumund; Unendlich ſein Credit; er ſelbſt beliebt, Und gilt als erſter Buͤrger dieſer Stadt: Ein Wort von ihm mehr werth, als all mein Gut, Raufm. Sprecht leiſe, mich duͤnkt ich ſeh ihn ommen. (Antipholis von Syracus und Dromio von Syracus kommen.) Ang. Er iſts, und traͤgt dieſelbe Kett' am Hals, Die er vorhin ſo unerhoͤrt verſchwur. Kommt naͤher lieber Herr:— ich red' ihn an!— — Signor Antipholis, mich wundert ſehr, Daß Ihr den Schimpf mir, und die Unruh macht, Und(nicht ohn' ein'gen Makel fuͤr Euch ſelbſt) Umſtaͤndlich und auf Euren Eid verlaͤugnet Die Kette, die Ihr jetzt ſo offen tragt. Denn, abgeſehn von Klage, Schimpf und Haft, Bringt Ihr in Schaden meinen wuͤrd'gen Freund, Der, haͤtt' ihn unſer Streit nicht aufgehalten, 332 Die Comoͤdie der Irrungen. A. V. Auf ſeinem Schiff jetzt unter Segel waͤr. Von mir habt Ihr die Kette; koͤnnt Ihrs laͤugnen? Ant. v. S. Mich duͤnkt von Euch: noch hab ich's nie gelaͤugnet. Raufm. O ja, Ihr thatets, Herr, und ſchwurt ogar! Ant. v. S. Wer hoͤrte mich das laͤugnen und ver⸗ ſchwoͤren? Raufm. Mit dieſen Sie weißt du, hoͤrt ich's 1 eiblt, Schaͤm' dich, Elender, daß du lebſt und wandelſt, Wo Maͤnner dir von Ehre je begegnen! Ant. v. S. Du biſt ein Schurke, klagſt du ſo mich an, Ich will dir meine Ehr' und Redlichkeit Sogleich beweiſen, wagſt du's mir zu ſtehn. Raufm. Ich wag's, und fordre dich, als einen Schurken. (ſie ziehn.) (Adriana, Luciana, die Courtiſane und Diener kommen.) Adr. Halt! thut ihm ihtt Um Gott, er iſt ver⸗ ruͤckt; Fuͤhrt ihn von hier, nehmt ihm den Degen weg; Auch Dromio bindet; bringt ſie in mein Haus! Drom, v. S. Lauft Herr, 3 Gotteswillen! Sucht ein Haus: Hier iſt ein Kloſter; fort, ſonſt faͤngt man uns. (Antipholis und Dromio flüchten ſich in die Abtei.) (Die Aebtißin tritt auf.) Aebt. Seyd ruhig, Leute; welch Gedraͤng' iſt hier? Adr. Ich will zu meinem armen tollen Mann; Laßt uns hinein, damit wir feſt ihn binden, Und fuͤhren ihn nach Haus, daß er geneſe. Ang. Ich dacht' es gleich, er ſey nicht recht bei Sinnen! Raufm. Nun thut mirs leid, daß ich den Degen zog. Aebt. Seit wann befiel der Wahnſinn dieſen Mann? Adr. Die letzte Woche war er truͤb' und ſtill, Und finſter, ganz ein andrer Mann wie ſonſt: —— i Sz. 1. Die Comoͤdie der Irrungen⸗ 333 Doch erſt heut Nachmittag iſt ſeine Krankheit Zu dieſem hochſten Grad von Wuth geſteigert. Aebt. Verlor er große Guͤter auf der See? Begrub er einen Freund? hat wohl ſein Auge Sein Herz bethoͤrt zu unerlaubter Liebe? Der Suͤnde ſind viel junge Maͤnner ſchuldig, Die ihrem Blick zu große Freiheit laſſen. An welcher dieſer Sorgen liegt er krank?— Adr. An keiner, wenn es nicht die letzte iſt; Ein Liebchen wohl hatt' ihm ſein Haus verleidet. Aebt. Das hättet Ihr ihm dann verweiſen ſollen. Adr. Das that ich auch. Aebt. Doch wohl nicht fcharf genug. Adr. So ſcharf als mirs Beſcheidenheit erlaubte. Aebt. Vielleicht geheim nur? Adr. In Geſellſchaft auch. Aebt. Ja, doch nicht oft genug? Adr. Es war der Inhalt jeglichen Geſpraͤchs. Im Bette ſchlief er nicht vor meinem Mahnen; Im Tiſche aß er nicht vor meinem Mahnen; Allein waͤhlt' ichs zum Tert fuͤr meine Rede, Und in Geſellſchaft ſpielt' ich darauf anz Stets ſagt ich ihm, es ſey gemein und ſchaͤndlich. Aebt. Und deshalb fiel i in Wahnſinn endlich. Das gift'ge Schrein der eiferſuͤcht'gen Frau Wirkt tödtlicher als tollen Hundes Zahn. Es ſcheint, dein Zanken hindert ihn am Schlaf, Und daher kams, daß ihm der Sinn verduͤſtert. Du ſagſt, ſein Mahl ward ihm durch Schmaͤh'n ver⸗ wuͤrzt; Unruhig Eſſen giebt ein ſchlecht Verdau'n, Daher entſtand des Fiebers heiße Glut; Und was iſt Fieber, als ein Wahnſinn⸗Schauer? Du ſagſt, dein Toben ſtoͤrte ſeine Luſt; Wo ſuͤß Erholen mangelt, was kann folgen, Als truͤbe Schwermuth und Melancholie, Der grimmigen Verzweiflung nah verwandt? Und hintendrein zahllos ein ſiecher Schwarm Von bleichen Uebeln, und des Lebens Moͤrdern? Das Mahl, den Scherz, den ſuͤßen Schlummer wehren 334 Die Comödie der Irrungen. A. V. Verwirrt den Geiſt, und muß den Sinn zerſtoren: Und hieraus folgt, durch deine Eiferſucht Ward dein Gemal von Tollheit heimgeſucht.— Luc. Wenn ſie ihn ſchalt, ſo war es mild und freundlich, Doch er erwies ſich heftig, rauh und feindlich. Hoͤrſt du den Tadel ruhig an, und ſchweigſt? Adr. Sie weckt mir des Gewiſſens eigne Stimme! Jetzt, Freunde, geht hinein, legt Hand an ihn! Aebt. Mein, keine Seele darf mein Haus betreten. Adr. So ſchickt durch Diener meinen Mann heraus. Aebt. Er ſuchte Schutz in dieſem Heiligthum, Und ſchirmen ſoll es ihm vor Euern Haͤnden, Bis ich ihn wieder zur Vernunft gebracht, Wenn nicht vergeblich alle Muͤhe bleibt. Adr. Ich pflege meinen Mann und ſteh ihm bei, Als Krankenwaͤrterin, das iſt mein Amt; Und keinen Anwald duld' ich als mich ſelbſt; Und deshalb ſoll er mir nach Hanſe folgen. Aebt. Gieb dich zur Ruh, denn ich entlaß' ihn nicht, Bis ich verſucht die oft erprobten Mittel, Heilkraͤft'gen Balſam, Traͤnke, fromm Gebet, Zur Manneswuͤrd' ihn wieder herzuſtellen. Es iſt ein Thun, das mein Geluͤbde heiſcht, Ein Liebeswerk, das meines Ordens Pflicht: Drum geh nur heim, und laß ihn hier zuruͤck. Adr. Ich will nicht ſort, meinen Mann Euch aſſen; Und wenig ziemt ſichs Eurer Heiligkeit, Den Gatten ſo von ſeiner Frau zu trennen. Aeht. Sey ſtill, und 6e hier; ich geb' ihn nicht. (Aebtißin geht ab.) Lue. Dem Herzog klage, wie man hier dich kraͤnkt! Adr. Komm mit, ich will mich ihm zu Fuͤßen werfen, Und nicht aufſtehn, bis ich mit Flehn und Thraͤnen Den Herzog ruͤhrte, daß er ſelber komme, Und der Aebtißin meinen Mann entreiße. Raufm. Der Zeiger denk ich, weiſt jetzt grad auf Funf; Und ſicher kommt der Fuͤrſt alsbald hieher, Sz. 1. Die Comödie der Irrungen. 335 Den Weg zu jenem melanchol'ſchen Thal, Dem Platz des Tods und ernſten Hochgerichts, Der hinter dieſes Kloſters Graͤben liegt. Ang. Und weshalb kommt er? Raufm. Um einen wuͤrd'gen Syracuſer Kaufmann, Der wider dieſer Stadt Geſeh und Recht Zu ſeinem Ungluͤck in den Hafen lief, PVor allem Volk enthaupten hier zu ſehn. Ang. O ſtill, ſie kommen; ſchaun wir ſeinen Tod. Luc. Knie vor dem Herzog, eh' er weiter geht!— (Der Herzog tritt auf; ihm folgen Aegeon mit bloßem Haupte, der Scharfrichter und Gerichtsdiener.) Zerz. Noch einmal macht es oͤffentlich bekannt: Wenn hier ein Freund die Summe zahlen will, So ſterb' er nicht, mehr koͤnnen wir nicht thun. Adr. Gerechtigkeit, Erhabner Herzog, gegen die Aebtißin! Zerz. Sie iſt'ne wuͤrd'ge, tugendhafte Dame; Unmoͤglich hat ſie je dein Recht gekraͤnkt.— Adr. Erlaubt, o Herr, Antipholis, mein Gatte Gebieter uͤber mich und all mein Gut (Nach Eurem Brief und Siegel) ward heut krank (O Tag des Weh's!) an hoͤchſt unbaͤnd'gem Wahnſinn; So daß er raſend durch die Straßen lief, Mit ihm ſein Diener, wie er ſelbſt verruckt, Und viele Buͤrger dieſer Stadt verletzte, In ihre Haͤuſer dringend, Gold und Ringe, Und was nur ſeiner Wuth gefiel, ſich raubend⸗— Schon einmal ſandt' ich ihn gebunden heim, Und gieng umher, den Schaden zu verguͤten, Den hier und dort ſein Wahnſinn angerichtet. Drauf,— Gott mag wiſſen, wer ihm half zur Flucht,— Entſprang er denen, die ihn huͤteten. Die beiden nun, er und ſein toller Knecht, Im ſtaͤrkſten Anfall, und mit bloßem Schwerdt Begeanen uns aufs neu; wir muͤſſen weichen Vor ihrer Tobſucht, bis wir Huͤlfe finden, Sie abermals zu feſſeln: hierauf fliehn ſie In dieſes Kloſter, und wir folgen nach:— „Und nun ſchließt die Aebtißin uns die Pforte, 336 Die Comoͤdie der Irrungen. A. V. Und will uns nicht geſtatten ihn zu holen, Noch ſelbſt ihn ſenden, um ihn heim zu ſchaffen⸗ Deshalb, o edler Herzog, gieb Befehl Ihn auszuliefern, daß ihm Huͤlfe werde. Zerz. Schon lange diente mir dein Mann im Krieg, Und ich verſprach dir auf mein fuͤrſtlich Wort, Als du zu deines Beites Herrn ihn waͤhlteſt, Ihm alle Huld und Liebe zu erweiſen. Geh wer von Euch, kiopf' an das Kloſterthor, Und ruf' die Frau Aebrißin zu mir her; Ich will die Sach' entſcheiden, eh' ich gehe. (Ein Diener kommt.) Dien. Ach, gnaͤd'ge Frau, eilt fort, und rettet Euch! Denn Herr und Knecht ſind wieder losgebrochen; Die Maͤgde alle nach der Reih' geprugelt, Der Doctor feſtgebunden, und ſein Bart Mit Fguerbraͤnden ſchmaͤhlich abgeſengt: So oft er flammte, goſſen ſie aus Eimern Schlammwaſſer druͤber hin, das Haar zu loſchen. Jetzt predigt ihm mein Herr Geduld, indeß Der Burſch wie einem Narrn den Kopf ihm ſcheertz Und wahrlich, ſchickt Ihr Huͤlfe nicht ſogleich, Die beiden bringen Euch den Zaubrer um. Adr. Schweig, Narr, dein Herr ſo wie ſein Burſch ſind hier, Und alles iſt erlogen was du ſprichſt. Dien. Bei meinem Leben, Frau, ich rede wahr; Ich habe kaum geathmet ſeit ichs ſah! Fr ruft nach Euch, und ſchwoͤrt, wenn er Euch greift, Er ſeng' Euch das Geſicht, und zeichn' es ſchlimm. (Lärm hinter der Szene.) Horcht! horcht! ich hoͤr' ihn Fraut entflieht nur ſchnell! Zerz. Kommt her, ſeyd fpihtie ſtellt Euch, Helle⸗ arden! Adr. O Gott! es iſt mein Mann! Ihr alle zeugt, Er iſt unſichtbar durch die Luft gefuͤhrt! Roch eben hielt das Kloſter ihn verwahrt, Nun iſt er hier, und kein Verſtand begreifts. (Antipholis von Epheſus, und Dromio von Epheſus treten auf.) Ant. v. E. Gerechtigkeit!— * — —— Sz. 1. Die Comoͤdie der Irrungen. 337 Mein gnaͤd'ger Herzog, o Gerechtigkeit! Um jenen Bienſt den ich dir vormals that Als in der Schlacht ich uͤber dich mich ſtellte Und tiefe Wunden deinethalb empfing.— Des Blutes halb; das ich fuͤr dich vergaß, Gewaͤhre jetzo mir Gerechtigkeit! 3 Aeg. Wenn Todesfurcht mich nicht bethoͤrt, ſind dieß Mein Sohn Antipholis und Dromio! Ant. v. E. Gerechtigkeit, Mein theurer Fuͤrſt, hier gegen dieſes Weib, Die du mir ſelbſt gegeben haſt zur Frau, Sie hat mir Schmach erzeigt, und Spott und Haß. Bis zu der Krankung hochſtem Uebermaaß: Ja, allen Glauben uͤberſteigt der Schimpf Den ſie mir heut ſo ſchamlos angethan. FZerz. Entdeck ihn mir, du ſollſt gerecht mich finden. Ant. v. E. Heut, großer Fuͤrſt, ſchloß ſie das Haus mir zu, Indeß ſie mit Geſindel drinnen ſchmaußte. Zerz. Ein ſchwer Verhhu Frau haſt du das ge⸗ an Adr. Nein, edler Herr! Ich, Er, und meine Schweſter, Wir aßen heut zuſammen: ich will ſterben, Wenn das nicht falſch iſt, weß er mich beſchuldigt. Luc. Nie will ich ſehn den Tag, noch ruhn die Nacht, Sagt ſie Euch ſchlichte Wahrheit nicht, mein Fuͤrſt. Ang. O falſche Weiber! beide ſchwoͤren Meineid, Denn hierin klagt der Tolle ganz mit Recht. Ant. v. E. Mein Fuͤrſt, 6 weiß genau was ich Euch age; Nicht bin ich durch des Weines Glut verſtort, Noch wild im Kopf durch heft'gen Zorn gereizt. Obgleich ſo großer Schimpf auch Weiſere thoͤrte. Dieß Weib da ſchloß mich aus vom Mittagsmahl; Der Goldſchmied, ſtaͤnd' er nicht mit ihr im Bund, Koͤnnt' es bezeugen, denn er war dabei, Und gieng dann, eine Kette mir zu holen, Wo Balthaſar und ich zuſammen aßen. Als wir geſpeiſ't, und er nicht wieder kam, Sucht' ich ihn auf: ich traf ihn auf der Straße Und in Geſellſchaft jenes andern Herrn. Hier ſchwur der tuͤck'ſche Goldſchmied hoch und theuer, Daß ich indeß die Kette ſchon mpfaharn 338 Die Comödie der Irrungen. A. V. Die ich, Gott weiß! noch nie geſehn: deshalb Bieß er durch einen Haͤſcher mich verhaften.— Ich ſchwieg und ſandte meinen Burſchen heim Nach baarem Geld: allein er brachte nichts, Drauf redet' ich dem Haͤſcher freundlich zu, 1 Mich ſelber zu begleiten in mein Haus: Da traf ich unterwegs Mein Weib, die Schweſter, und ein ganzes Pack Von mitverſchwornem Volk! mit dieſen war Ein Meiſter Zwick, ein blaſſer Hungerleider, Ein wahres Beingeripp, ein Charlatan, Ein Taſchenſpieler, ſchaͤb'ger Gluͤcksprophet, Hohlaͤug'ger Schlucker mit geſpenſt'gem Blick Wie ein lebendig Todter: dieſer Unhold, Ei denkt doch! ſpielte den Beſchwoͤrer nun; Sah mir in's Auge, fuͤhlte mir den Puls, Rief Geiſterbleich, ich ſeh von Geiſtern ſelbſt Und boͤſem Spuk beſeſſen:— darauf fiel Der Schwarm mich an, band mich, und riß mich fort, Und in ein finſtres dumpfes Loch des Hauſes Warf man uns beide, mich und ihn, gebunden; Bis mit den Zaͤhnen ich das Band zernagend In Freiheit kam, und Angenblicks hieher Zu Eurer Hoheit lief. Nun fleh ich Euch, Mir vollige Vergeltung zu gewaͤhren, Fuͤr dieſe Kraͤnkung und unwuͤrd'ge Schmach. Ang. Mein Fuͤrſt, furwahr, ſo weit bezeng' ich's ihm Er ſpeiſ'te nicht zu Haus, man ſperrt' ihn aus. Zerz. Doch, gabſt du ihm die Kette, oder nicht? Ang. Ich gab ſie ihm; und als er hier hinein lief, Sah'n allé noch die Kett' an ſeinem Hals, Raufm. Zudem verſichr' ich: hier mit eignen Ohren Hoͤrt' ich Euch eingeſtehn der Kett' Empfang, Rachdem Ihrs auf dem Markt erſt abgelaͤugnet Und deshalb zog ich gegen Euch den Degen. Darauf verbargt Ihr Euch in der Abtei, Aus der Ihr, ſcheint mirs, durch ein Wunder kamt. Ant. v. E. Niemals betrat ich dieſen Kloſterhof, Noch zogſt du je den Degen gegen mich! Die Kette ſah ich nie, ſo helf mir Gott, Und falſch iſt alles, deß Ihr mich beſchuldigt!— * Sz. 1. Die Comodie der Irrungen. 339 Zerz. Ei, was iſt dieß fur ein verwirrter Handel! Ich glaub' Ihr alle trankt aus Circe's Becher. Verſchloßt Ihr ihn im Kloſter, waͤr' er drin; Waͤr' er verruckt, er ſpraͤche nicht ſo ruhig, Ihr ſagt, er aß daheim; der Goldſchmied hier Spricht dem entgegen:— Burſche, was ſagſt du? Drom. v. E. Mein Fuͤrſt, er aß mit der im Stachel⸗ ſchwein. Court. Er thats, und 6. vom Finger mir den ting. Ant. v. E. S iſt kähtet Fuͤrſt, ich hab den . ing von ihr. Zerz. Sahſt du's mit an, wie er ins Kloſter ging? Court. Ja, Herr, ſo ſe ich hier Eu'r Hoheit ehe. Zerz. Nun, das iſt ſeltſam! Ruft mir die Aebtißin, Ihr alle ſeyd verwirrt, wo nicht verruͤckt! (Einer von des Herzogs Gefolge geht in die Abtei.) Aeg. Erhabner Herzog, goͤnnt mir jetzt ein Wort. Ich fand zum Gluͤck den Freund der mich erloͤſ't, ſind zahlt' die Summe, die mir Freiheit ſchafft. Zerz. Sprich offen, Syracuſer, was du willſt. Aeg. Herr, iſt Eu'r Name nicht Antipholis? Heißt dieſer Sclav, an Euern Dienſt gebunden, Nicht Dromio? Drom. v. E. Ja gewiß, ich war gebunden; Allein Gottlob, er diß das Band entzweiz Nun bin ich Dromio, ſein entbundner Diener. Aeg. Ich weiß, Ihr beid' erinnert Euch noch mein!— Drom. v. E. An uns S wir durch Euch erinnert, Herr Denn juͤngſt noch waren wir gleich Euch gebunden. Hat Zwick Euch in der Cur? Ich will nicht hoffen! Aeg. Was thut Ihr denn ſo Ihr kennt mich wo Ant. v. E. Ich ſah Euch nie im Leben Herr, bis jetzt. Aeg. O! Gram hat mich gewelkt, ſeit Ihr mich ſaht, S —— 340 Die Comoͤdie der Irrungen. A. V. Und Sorg' und die entſtell'nde Hand der Zeit, Schrieb fremde Furchen in mein Angeſicht. Doch ſag mir: kennſt du meine Stimme nicht? Ant. v. E. Auch dieſe nicht. Aeg. Du auch nicht, Dromio? Drom. v. E. MNein, in der That nicht, Herr. Aeg. Ich weiß, du kennſt ſie! Drom. v. E. Ich Herr? Ich weiß gewiß, ich kenn' Euch nicht; und was ein Menſch auch immer laͤugnen mag, Ihr ſeyd verbunden ihm zu glauben jetzt. Aeg. Auch nicht die Stimm'? O Allgewalt der Zeit! Laͤhmtſt und entnervtſt du ſo die arme Zunge In ſieben kurzen Jahren, daß mein Sohn Richt meines Grams verſtimmten Laut mehr kennt? Ward gleich mein runzlich Angeſicht umhuͤllt In flock'gen Schnee des ſaftverzehrenden Winters, Erſtarrten gleich die Adern meines Bluts, Doch hat die Nacht des Lebens noch Gedaͤchtniß, Mein faſt erloſchnes Licht noch matten Schein, Mein halbbetaͤubtes Ohr vernimmt noch Toͤne, Und all die alten Zeugen truͤgen nicht, Und nennen dich mein Kind Antipholis! Ant. v. E. Nie ſah ich meinen Vater, ſeit ich lebe! Aeg. Du weißt doch, es ſind jetzt ſieben ahr Seit du wegzogſt von Syracus: vielleicht Schaͤmſt du dich, mich im Elend zu erkennen? Ant. v. E. Der Herzog, wer in der Stadt mich kennt, Kann mir beſtät'gen, das es nicht ſo iſt; Nie ſah' ich Syracus in meinem Leben. Zerz. Ich ſag' dir, Syracuſer, zwanzig Jahr Lebt' unter meinem Schutz Antipholis, Und war ſeitdem noch nie in Syracusz Dich macht Gefahr und Alter, ſcheint mir, kindiſch. (Die Nebtißin kommt mit Antipholis von Syracus und Dromio von Syracus.) Aebt. Mein Fuͤrſt, viel Unrecht that man dieſem Mann. (Alle drängen ſich ihn zu ſehn.) * Sz. 1. Die Comodie der Irrungen⸗ 341 Adr. Zwei Gatten ſeh' ich, taͤuſcht mich nicht mein Auge! Zerz. Der Eine iſt des Andern Genius: Doch nun, wer iſt von beiden äͤchter Menſch, Und wer Erſcheinung? Wer entziffert ſie? Drom. v. S. Ich Herr, bin heißt mir dieſen gehn. Drom. v. E. Ich Herr, bin Dromio; bitt Euch, laßt mich ſtehn. Ant. v. S. Sceh' ich Aegeon? oder ſeinen Geiſt? Drom. v. S. Mein alter Herr? Wer hat Euch hier gebunden? Aebt. Wer ihn auch band, die Bande loſ⸗ ich jetzt, Und ſeine Freiheit ſchafft mir einen Gatten. Sprich, Greis Aegeon, wenn du's ſelber biſt, War nicht Aemilie deine Gattin einſt, Die dir ein ſchoͤnes Zwillingspaar geſchenkt? O wenn du der Aegeon biſt, ſo ſprich, Und ſprich zu Ihr der naͤmlichen Aemilia! Aeg. Wenn alles dieß kein Traum, biſt du Aemilia; Und wenn du's biſt, ſo ſprich, wo iſt der Sohn, Der mit dir ſchwamm auf jenem leid'gen Floß? Aebt. Von Epidamnern wurden er und ich Mit ſammt dem Zwilling Dromio aufgefangen; Dann kamen rohe Fiſcher aus Corinth, Die meinen Sohn und Dromio mir entfuͤhrt, Und mich dem Epidamner Schiffe ließen.— Was drauf aus ihnen wurde, weiß ich nicht; Mir fiel das Loos in dem Ihr jetzt mich ſeht. Ferz. Das paßt ja zu der Maͤhr von heute Morgen! Die zwei Antipholis, ſo taͤuſchend gleich, Und die zwei Dromio, Eins dem Anſehn nach; Dazu der Schiffbruch, deſſen ſie gedenkt!— Dieß ſind die Eltern dieſer beiden Soͤhne, Die ſich durch Zufall endlich wiederfinden. Antipholis, du kamſt ja von Corinth? Aut. v. S. Nein, Herr, ich nicht; ich kam von Syracus. 342 Die Comoͤdie der IFrrungen. A. V. erz. Tritt auf die Seit', ich unterſcheid' Euch nicht. Ant. v. E. Ich wars, von Corinth kam, gnaͤdger err „ Drom. v. E. Und ich mit ihm. Ant. v. E. Hieher gefuͤhrt vom Herzog Menaphon Dem tapfern Helden, Euerm wuͤrd'gen Ohm. Adr. Wer von Euch beiden ſpeiſte heut bei mir? Ant. v. S. Ich, werthe Frau. Adr. Und ſeyd Ihr nicht mein Mann? Ant. v. E. Nicht doch! Da thu' ich Einſpruch⸗ Ant. v. S. Das thu ich auch, obgleich Ihr ſo mich nanntet Und dieſes ſchoͤne Fraͤulein, Eure Schweſter, Mich Bruder hieß. Was ich Euch da geſagt, Das hoff' ich alles bald noch gut zu machen, Wenn nur kein Traum iſt, was ich jetzt erlebt. Ang. Das iſt die Kette, Herr, die ich Euch gab! Ant. v. S. Ich wills Euch glauben, Herr, ich laͤngn' es nicht. Ant. v. E. Und Ihr, denz nahmt mich feſt um dieſe ette. Ang. Ich glaub' ich that es, Hert, ich läugn' es nicht. Adr. Ich hatt' Euch geſchickt, Euch loszu⸗ aufen, Durch Dromio; doch ich glaub' er bracht' es nicht. Drom. v. E. Nein, nichts durch mich. Ant. v. S. Die Boͤrſe mit Ducaten kam an mich⸗ Und Dromio mein Diener gab ſie mirz Ich ſeh', wir trafen ſtets des andern Diener, ſind mich hielt man fuͤr ihn, wie ihn fuͤr mich: Daraus entſtanden dieſe Irrungen. Ant. v. E. Mit dieſem Gold' erldſ' ich meinen ℳ Vater. Zerz. Es thut nicht Noth; dein Vater bleibt am Leben. Court · Herr, meinen Diamant gebt mir zuruͤck! * Sz. 1. Die Comoͤdie der Irrungen. 343 Ant. v. E. Nehmt ihn, und vielen Dank fuͤr Eure Mahlzeit. Aebt. Erhabner Fuͤrſt, geruht Euch zu bemuͤhn. Mit uns in die Abtei hineinzugehn, Und unſer ganzes Schickſal zu vernehmen. Und alle, die Ihr hier verſammelt ſeyd, Und littet durch die vielverſchlungne Irrung Des Einen Tags, Geſellſchaft leiſtet uns, Und wir verſprechen Euch genug zu thun. Ja, Fuͤnf und zwanzig Jahr lag ich in Weh'n Mit Euch, ihr Soͤhn', und erſt in dieſer Stunde Genas ich froh von meiner ſchweren Buͤrde.— Der Fuͤrſt, mein Gatte, meine beiden Kinder, Ihr, die Calender ihrem Wiegenſeſte, Fommt mit hinein, wir feierns heut aufs Beſte: So eilt nach langem Gram, zum Wiegenfeſte! Zerz. Gern will ich als Gevatter Euch begleiten. (Ale gehn abz es bleiben die beiden Antipholis und die beiden Dromio.) Drom. v. S. Herr, hol' ich Eure Waaren aus dem Schiff? Ant. v. E. Ei, Dromio, was fuͤr Waaren hab' ich dort? Drom. v. S. Das Gut, das im Centauren war ge⸗ lagert! Ant. v. S. Er ſpricht zu Ich, Dromio, bin dein Herr. Komm, geh mit uns; das wird hernach beſorgt; Umarm' den Bruder jetzt, und freu dich ſein. (Die beiden Antipholis gehn ab.) Drom. v. S. Die dicke F dort bei deinem Herrn Die heute mich am Kuͤchentiſch verpflegt, Wird meine Schweſter nun, nicht meine Fran?— Drom. v. E. Mich duͤnkt, du biſt mein Spiegel, nicht 6— mein Bruder! Ich ſeh an dir, ich bin ein huͤbſcher Burſch. Sag, kommſt du mit hinein zum Pathenſchmaus? 344 Die Comödie der Irrungen. A. V. Drom. v. S. Ich nicht; du biſt der Aeltſte. Drom. v. E. Das fragt ſich noch; wie fuͤhrſt du den Beweis? Drom. v. S. Wir wollen Halme ziehn ums Senioratz Bis dahin geh' voran. Drom. v. E. Nein, ſeys denn ſo: Als Bruder und Bruder ſah man uns ein in das Leben wanden, Drum laß uns Hand in Hand auch gehn, nicht Einer nach dem Andern. C(ſie gehn ab.) Die Anmerkungen zu den Stuͤcken, welche dieſer Theil enthaͤlt, werden dem folgenden, wel⸗ cher auch binnen wenigen Wochen erſcheinen ſoll, hinzugefuͤgt werden. . 5 E ſiſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſ 6 7 8 9 10 11 2 13 14 15 15 18 . 9 6 p L M 7 — 6 * ² — & 2 8———2—— —