———— 5 1 Leihbibliothek ß deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6dnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag Morgens 7 Uhr hr Abends 8 ühr offen. 2 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von m Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ngenommen. 3. Cution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechends Summe een welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wid 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und k beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat; TW 1W 2 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unv vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der S zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, vaß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— ———— Shakspeare's dranatiſche Verke. Ueberſetzt Auguſt Wilhelm von Schlegel, ergaͤnzt und erlaͤutert von Ludwig Dieck. Fuͤnfter Theil. Coriolanus. Julius Cäſar. Antonius und Cleopatra. Maaß für Maaß. Berlin, bey G. Reimer. E. T.. Hoffmann's Schriften. 10 B 6½ d De Ankuͤndigung der erzaͤhlenden Schriften E. T. A. Hoffmann's, welche in Stuttgart erſcheinen, hat be⸗ reits mehrmals zu dem auch oͤffentlich ausgeſprochenen Irrthum Veranlaſſung gegeben, als ob das Publikum hier eine vollſtaͤndige Sammlung der Werke des genann⸗ ten Dichters erwarten duͤrfe, und als ob bisher keine ſolche vorhanden geweſen ſey. Beſonders der letzte Um⸗ ſtand fordert mich zu der Erklaͤrung auf, daß ſchon im J. 1827 eine geordnete Ausgabe dieſer Werke in 10 Baͤn⸗ den bei mir erſchienen iſt, die mit Ausnahme des In⸗ halts zweier Baͤndchen, welche bald nach dem Tode des Dichters unter dem Titel: Hofmann's letzte Erzaͤhlungen, in Duͤmmlers Verlage erſchienen, alle bedentende Werke deſſelben umfaßt, zu welcher Geſammtausgabe mir zum Theil das eigene Verlagsrecht mehrerer Werke die Befugniß gab, theils auch die Uebereinkunft mit den rechtmaͤßigen Verlegern der uͤbrigen Werke. Der Inhalt dieſer Ausgabe iſt folgender: 1— 4r Bd.: Serapions⸗ bruͤder, 4 Baͤnde; 5r: Nachtſtuͤcke, 2 Theile; 6r: Elexire des Teufels, 2 Theile; Ir: Phantaſieſtuͤcke nach Callots Manier, 2 Theile; 8r: Kater Murr, 2 Theile; 9r: Klein Zaches. Prinzeſſin Brombille; 10r: Seltſame Leiden eines Theaterdirektors und Meiſter Floh. Die Stuttgarter Ausgabe enthaͤlt dagegen nur die obenerwaͤhnten 2 Bände: Hoffmann's letzte Erzaͤhlungen, die Biographie des Dich⸗ ters und den groͤßeren Theil der Erzahlungen in den Serapionsbruͤdern. Wenn nun gleich der Preis dieſer Sammlung ihrer Baͤndezahl und Reichhaltigkeit nach maͤßig zu nennen iſt, ſo will ich doch, um jener ſcheinbaren Concurrenz zu be⸗ gegnen, und die Anſchaffung dieſer Sammlung zu er⸗ leichtern, die bisher beſtehenden Preiſe folgendergeſtalt erniedrigen: die Ausgabe auf gutem Druckpapier von 13 Rthlr. 8 Gr. auf 8 Rthlr., die mittlere auf weißem Druckpapier von 16 Rthlr. 20 Gr. auf 10 Rthlr., die beſte Ausgabe auf Velinpapier von 22 Rthlr. 12 Gr. auf 15 Rthlr., fuͤr welche Preiſe das Werk durch alle Buchhandlungen zu beziehen iſt. Berlin, im Mai 1831. G. Reimer. ₰ Joh. Mart. Uſterrs Si n in Verſen und Pro ſa. 3 Baͤnde. Die Werke des Dichters, deren nahe bevorſtehende Er⸗ ſcheinung hiemit angekuͤndigt wird, wurden ſchon laͤngſt in der Schweiz wie in Deutſchland erwartet. Es gebuͤhrt gewiß dem Dichter der harmloſen Aufmunterung zur Freude („Freut Euch des Lebens,“ welches ſeiner Zeit Eingang gefunden hat ſo weit die deutſche Zunge klingt) nicht der letzte Platz unter den deutſchen Schriftſtellern; ja man darf vielkeicht ohne Uebertreibung behaupten, daß ſeine Werke durch reichen Inhalt und lebendige Dar⸗ ſtellung, Eigenthuͤmlichkeit der Form und Sinnesreinheit dem Beſten zur Seite geſtellt werden duͤrfen, was in aͤhnlicher Beziehung die deutſche Literatur aufzuweiſen hat. Unter Feſthaltung dieſes Geſichtspunkts glaubt man auch keinesweges hiemit ein gewagtes Unternehmen zu beginnen, wie feindſelig auch die dermalige politiſche Con⸗ ſtellation allen Unternehmungen auf dem Gebiete der Literatur und Kunſt entgegen wirken mag; ja man hofft vielmehr dem Publikum damit eine angenehme Erholung von politiſchen Controverſen zu bereiten. Uſteri's kleine Lieder athmen tiefes Gefuͤhl und hei⸗ tern Frohſinn; ſie ſind gleich ſeinen Balladen durchaus volksthuͤmlich und ſangbar. Seine tiefe Kenntniß des Mittelalters, aus welchem der Stoff zu ſeinen proſaiſchen Erzaͤhlungen geſchopft iſt, giebt dieſen einen Charakter von Wahrheik und Natuͤrlichkeit, der noch durch die ſchlichte Sprache jener Zeit erhoht wird, und ſie verſetzen daher das Gemuͤth in jene behagliche Stimmung, die beim Leſen einer alien naiven Chronik geweckt wird. Der treffende und harmloſe Wiß des Dichters erhoͤht den Ge⸗ nuß ſeiner Schilderungen aus dem taͤglichen Leben, das er mit ſeltenem Zartſinn darzuſtellen wußte. Einer der vertrauteſten Freunde des Dichters hat ſich zu der Anordnung und Heransgabe ſeiner geiſtigen Hinterlaſſenſchaft bereit finden laſſen, an deren Spitze als Einleitung die Biographie des Dichters geſtellt werden ſoll, welche denſelben in ſeinem mannichfachen und erfolg⸗ reichen Wirken fuͤr Kunſt und Wiſſenſchaft, ſo wie in ſeiner perſoͤnlichen Liebenswurdigkeit im Leber ſchildert. Die Zuſammenſtellung der Dichtungen iſt mit Ruͤck⸗ ſicht auf Mannichfaltigkeit beſorgt. Kleinere Lieder, Bal⸗ laden, Romanzen, längere und kuͤrzere Erzaͤhlungen in Proſa, zwei charakteriſtiſche Zuͤrcher Idyllen und ein Roman aus der Vorzeit in alterthuͤmlicher Sprache, bil⸗ den den weſentlichen Inhalt. Nach dem Zeugniß befugter Kenner darf ſich der bisher ungedruckte Theil deſſelben an Gehalt dem bereits bekannt gewordenen ohne Scheu zur Seite ſtellen. Wenn nun hiemit den Freunden und Verehrern des Verfaſſers der Weg der Subſcription eroͤffnet wird, ſo geſchieht es allein in der Abſicht, um moͤglichſt zuvor des Umfangs der Theilnahme ſich zu vergewiſſern, und darnach die Auflage näher beſtimmen zu koͤnnen.— In keinem Fall wird daher die Erſcheinung unterbleiben, wenn auch wider Verhoffen das Unternehmen laue Auf⸗ nahme finden ſollte. Das Ganze wird 3 Baͤnde umfaſſen, von etwa 25 Bogen jeder, und wenn es ſich irgend erreichen laͤßt, ſollen dieſe 3 Baͤnde zugleich und ungetrennt ausgegeben werden. Es werden 3 Ausgaben veranſtaltet: auf weißem Druckpapier, auf feinerm Papier und auf Velinpapier. Der Preis der geringſten Ausgabe wird fuͤr die Subſcri⸗ benten hoffentlich 6 Gulden Rheiniſch nicht uͤberſteigen, die mittlere duͤrfte 8, und die beſte 11 Fl. Rheiniſch koſten. Alle 3 Ausgaben werden in einer wuͤrdigen aͤußern Ge⸗ ſtalt erſcheinen, und mit einem zwar nur fluͤchtig ent⸗ worfenen, aber hoͤchſt aͤhnlichen, Bildniß des Dichters geziert ſeyn. Man ſubſeribirt in allen ſchweizeriſchen und deutſchen Buchhandlungen.— Nach Erſcheinung des Werks tritt der bedeutend erhoͤhte Ladenpreis ein. Berlin im Mai 1831 G. Reimer. * u o la n — r Perſonen. CGaius Marcius Coriolanus, ein edler Römer. Titus 2 Anführer gegen die Volsker. Cominius führer geg Menenius Agrippa, Coriolans Freugb⸗ Sicinius Velutus Lotts„Tribunen. Junius Brutus, Marcius, Coriolans kleiner Sohn. Ein römiſcher Herold. Tullus Aufidius, Anführer der Volsker. Ein unterfeldherr des Aufidius. Verſchworne. Ein Bürger von Antium. Zwei volskiſche Wachen. Volumnia, Coriolans Mutter. Virgilia, Coriolans Gemahlin. Valeria, Virgilias Freundin. Dienerinnen der Pirgilia.* Römer und Volsker. Senatoren, Patrieier, Nedi⸗ len, Lictoren, Krieger, Bürger, Boten. S ſt gen r A t. Erſte Szene. (Es tritt auf ein Haufe aufrühriſcher Bürger mit Stäben, Knütteln und andern Waffen.) 1. Buͤrger. Ehe wir irgend weiter gehn, hoͤrt mich ſprechen. 2. Bürg. Sprich! ſprich!— 1. Buͤrg. Ihr Alle ſeyd entſchloſſen lieber zu ſterben als zu verhungern? Alle Bürg. Entſchloſſen! entſchloſſen!— 1. Burg. Erſtlich wißt Ihr: Cajus Marcius iſt der Hauptfeind des Volkes. Alle Burg. Wir wiſſen's! wir wiſſen's!— 1. Buͤrg. Laßt uns ihn umbringen, ſo konnen wir die Kornpreiſe ſelbſt machen. Iſt das ein Urtheilsſpruch? Alle Bürg. Kein Geſchwaͤtz mehr daruͤber. Wir wol⸗ len's thun. Fort! fort! 2. Bürg. Noch ein Wort, meine guten Buͤrger! 1. Bürg. Wir werden fuͤr die armen Buͤrger gehalten, die Patricier fuͤr die guten. Das, wovon der Adel ſchwelgt, wuͤrde uns naͤhren. Gaͤben ſie uns nur das Ueberfluͤſſige ehe es verdirbt, ſo koͤnnten wir glauben ſie naͤhrten uns auf menſchliche Weiſe; aber ſie denken, ſo viel ſind wir nicht werth. Der Hunger, der uns ausmergelt, der Anblick unſers Elends iſt gleichſam ein Verzeichniß, in welchem ſie ihr Wohlleben leſen. Unſer Jammer iſt ihnen Genuß. Dieß wollen wir mit unſern Spießen raͤchen, ehe wir ſelbſt Spießgerten werden. Denn das wiſſen die Goͤt⸗ ter! Ich rede ſo aus Hunger nach Brot, und nicht aus Durſt nach Rache.. 1 „ 4 Coriolanus. Act I. 2. Bürg. Wollt Ihr beſonders auf den Cajus Mar⸗ eius los gehn. Alle. Auf ihn zuerſt, er iſt ein wahrer Hund gegen das Volk. 2. Bürg. Bedenkt Ihr auch, welche Dienſte er dem Vaterland gethan hat? 1. Bürg. Sehr wohl! und man koͤnnte ihn auch recht gern dafuͤr loben; aber er belohnt ſich ſelbſt dadurch, daß er ſo ſtolz iſt. 2. Burg. Nein, rede nicht ſo boshaft. 1. Bürg. Ich ſage Euch; was er ruͤhmlich gethan hat, that er nur deshalb. Wenn auch zu gewiſſenhafte Men⸗ ſchen ſich begnuͤgen, zu ſagen, es war fuͤr ſein Vaterland, ſo that er's doch nur ſeiner Mutter Freude zu machen, und tuͤchtig ſtolz zu ſeyn; denn ſein Stolz iſt eben ſo groß als ſein Verdienſt. 2. Bürg. Was er an ſeiner Natur nicht aͤndern kann, das rechnet Ihr ihm fuͤr ein Laſter. Das durft Ihr we⸗ nigſtens nicht ſagen, daß er habſuͤchtig iſt. 1. Bürg. Wenn ich das auch nicht darf, werden mir doch die Anklagen nicht ausgehn. Er hat Fehler ſo uͤber⸗ lei, daß die Aufzählung ermudet.(Geſchrei hinter der Szene.) Welch Geſchrei iſt das? Die andre Seite der Stadt iſt in Aufruhr. Was ſtehn wir hier und ſchwatzen? Auf's Capitol! Alle. Kommt! kommt!— 1. Bürg. Still! wer kommt hier? (Menenius Agrippa tritt auf.) 2. Bürg. Der wuͤrdige Menenius Agrippa, einer, der das Volk immer geliebt hat. 1. Bürg. Der iſt noch ehrlich genug. Waͤren nur die uͤbrigen alle ſo! Men. Was habt Ihr vor, Landsleute? wohin geht Ihr Mit Stangen, Knuͤttein? Sprecht, Re giebt's? Ich bitt' Euch! 1. Bürg. Unſre Sache iſt dem Senat nicht unbekannt, ſie haben davon munkeln hoͤren ſeit vierzehn Tagen, was wir vorhaben, und das wollen wir ihnen nun durch Thaten zeigen. Sie ſagen, arme Klienten haben ſchlim⸗ men Athem, ſie ſollen erfahren daß wir auch ſchlimme Arme haben. Men. Ei Leute! gute Freund' und liebe Nachbarn, Wollt Ihr Euch ſelbſt verderben? Sz. 1. Coriolanus. 5 1. Bürg. Das hat nicht Noth, Herr, wir ſind ſchon verdorben. Wien. Ich ſag' Euch, Srenp es ſorgt mit wahrer iebe Fuͤr Euch der Adel. Eure Noth betreffend, Die jetz'ge Theurung; koͤnntet Ihr ſo gut Dem Himmel draͤun mit Knuͤttein als ſie ſchwingen Gegen den Staat von Rom, deß Lauf ſich bricht So grade Bahn, daß es zehntauſend Zuͤgel Von haͤrtrem Erz zerreißt, als jemals ihm Nur Eure Hemmung bietet. Dieſe Theurung, Die Goͤtter machen ſie, nicht die Patricier, Gebeugte Knie, nicht Arme muͤſſen helfen. Ach! durch das Elend werdet Ihr verlockt, Dahin, wo groͤßres Euch umfängt. Ihr läſtert Roms Lenker, die wie Vaͤter fuͤr Euch ſorgen, Wenn Ihr wie Feinde ſie verflucht. 1. Bürg. Fuͤr uns ſorgen!— nun wahrhaftig!— Sie ſorgten noch nie fuͤr uns. Uns verhungern laſſen und ihre Vorrathshaͤuſer ſind voll geſtopft mit Korn. Verordnungen machen gegen den Wucher, um die Wucherer zu unter⸗ ſtuͤtzen. Taͤglich irgend ein heilſames Geſetz gegen die Rei⸗ chen widerrufen und taͤglich ſchaͤrfere Verordnungen erſin⸗ nen, die Armen zu feſſeln und einzuzwaͤngen. Wenn der Krieg uns nicht auffrißt, thun ſie's; das iſt ihre ganze Liebe fuͤr uns. Men. Entweder muͤßt Ihr ſelbſt Als ungewoͤhnlich tuͤckiſch Euch bekennen, Sonſt ſchelt' ich Euch als thoͤricht. Ich erzähl' Euch Ein huͤbſches Maͤrchen, moͤglich daß Ihr's kennt, Doch da's hier eben her paßt, will ich wagen Es nochmals aufzutiſchen. 4. Buͤrg. Gut, wir wollen's anhoͤren, Herr. Ihr muͤßt aber nicht glauben unſer Ungluͤck mit einem Mär⸗ en t zu koͤnnen; doch, wenn Ihr wollt, her amit. Mien. Einſtmals geſchah's, daß alle Leibesglieder, Dem Bauch rebelliſch, alſo ihn verklagten: Daß er allein nur wie ein Schlund verharre In Leibes Mitte, arbeitlos und muͤßig, Die Speiſen ſtets verſchlingend, niemals thaͤtig, So wie die andern all'. Wo jene Kraͤfte Saͤh'n, horten, ſpraͤchen, daͤchten, gingen, fuͤhlten, .* 6 Coriolanus. A. I. Und, wechſelſeitig unterſiuͤtzt, dem Willen Und allgemeinen Wohl und Nutzen dienten Des ganzen Leib's. Der Bauch erwiderte— 1. Buͤrg. Gut, Herr, was hat der Bauch denn nun erwidert? Wien. Ich ſag' es gleich.— Mit einer Art von Laͤcheln, Das nicht von Herzen ging, nur gleichſam ſo— (Denn ſeht, ich kaun den Bauch ja laͤcheln laſſen So gut als ſprechen,) gab er hoͤhniſch Antwort Den mißvergnüͤgten Gliedern, die rebelliſch Die Einkuͤnft' ihm nicht gönnten; ganz ſo paſſend Wie Ihr auf unſte Senatoren ſcheltet, Weil ſie nicht ſind wie Ihr. 1. Bürg. Des Bauches Antwort. Wie! . Das fuͤrſtlich, hohe Haupt; das wache Auge; Das Herz, der kluge Rath; der Arm, der Krieger, Das Bein, das Roß; die Zunge, der Trompeter; Nebſt andern Aemtern noch, und kleinern Huͤlfen In dieſem unſerm Ban, wenn ſie— Men. Was denn? Mein Treu! der Menſch da ſchwatzt. Was denn? was denn? 1. Buͤrg. So wuͤrden eingezwaͤngt vom Freſſer Bauch Der nur des Leibes Abfinß— 4 Men. Gut, was denn? 1. Bürg. Die andern Kraͤfte, wenn ſie nun ſo klagten, Der Bauch, was konnt' er ſagen? Wen. Ihr ſollt's hoͤren. Schenkt Ihr ein Bißchen, was Ihr wenig habt, Geduld, ſo ſag' ich Euch des Bauches Antwort. 1. Bürg. Ihr macht es lang. Mien. Jetzt paßt wohl auf, mein Freund! Si hoͤchſt verſtaͤnd'ger Bauch, er war bedaͤchtig, icht raſch, gleich den Beſchuld'gern, und ſprach ſo: Wahr iſt's, ihr einverleibten Freunde, ſagt' er, Zuerſt nehm' ich die ganze Nahrung auf, Von der ihr alle lebt; und das iſt recht, 3 Weil ich des Vorrathshaus, die Werkſtatt bin Des ganzen Koͤrpers. Doch bedenkt es wohl; Durch eures Blutes Strome ſend' ich ſie Bis an den Hof, das Herz— den Thron, das Hirn, Und durch des Koͤrpers Gaͤng' und Windungen Empfaͤngt der ſtaͤriſte Nerv', die feinſte Ader ——— e Sz. 1. Coriolanus. 9 Von mir den angemeßnen Unterhalt, Wovon ſie leben. Und obwohl ihr Alle— Ihr guten Freunde,(habt acht) dieß ſagt der Bauch. 1. Bürg. Gut. Weiter. Men. Seht Ihr auch nicht All' auf eins Was jeder Einzelne von mir empfaͤngt, Doch kann ich Rechnung legen, daß ich Allen Das feinſte Mehl von Allem wieder gebe, Und nur die Klei' mir bleibt. Wie meint Ihr nun? 1. Bürg. Das war'ne Antwort. Doch wie paßt das hier? Wen. Roms Senatoren ſind der gute Bauch, Ihr die empoͤrten Glieder; denn erwaͤgt Ihr Muͤh'n, ihr Sorgen. Wohl bedenkt was alles Des Staates Vortheil heiſcht; ſo ſeht Ihr ein, Kein allgemeines Gut was Ihr empfangt, Das nicht entſprang und kam zu Euch von ihnen, Durchaus nicht von Euch ſelbſt. Was denkt Ihr nun? Du, große Zeh', in dieſer Rathsverſammlung. 1. Buͤrg. Ich die große Zehe? warum die große Zehe? Men. Weil du, der Niedrigſt', Aermſt', Erbärmlichſte, Von dieſer weiſen Rebellion ſo vortrittſt. Doch ſchwenkt nur Eure Staͤb' und duͤrren Knuͤttel, Rom wird nun Schlacht mit ſeinen Ratten liefern, Mit einem Theil iſt's aus. (Cajus Marcius tritt auf.) Heil! edler Marcius. Warc. Dank Euch. Was giebt es hier? Rebell ſche Schurken, Die Ihr das Jucken Eurer Einſicht kratzt, Bis Ihr zu Ausſatz werdet. 1. Bürg. Von Euch bekommen i doch immer gute orte. Warc. Ein gutes Wort dir geben, hieße ſchmeicheln Jenſeit des Abſcheus. Was verlangt Ihr, Hunde? Die Krieg nicht wollt, noch Frieden; jener ſchreckt Euch, Und dieſer macht Euch frech. Wer Euch vertraut, Findt Euch als Haſen, wo er Loͤwen hofft, Wo Fuͤchſe, Gaͤnſ'. Ihr ſeid nicht ſichrer, nein! Als gluͤh'nde Feuerkohlen auf dem Eis, Schnee in der Sonne. Eure Tugend iſt, Den adeln, den Verbrechen niedertreten; Dem Recht zu fluchen, das ihn ſchlaͤgt. Wer Groͤße 8 Cori olanus. Act I. Verdient, verdient auch Euren Haß; und Eure Liebe ſt eines Kranken Gier, de as nur ſein Uebel mehrt. r heftig wuͤnſcht Wer ſich verlaͤßt Auf Eure Gunſt, der ſchwimmt mit blei'rnen Floſſen, Und haut mit Binſen Eichen nieder. Haͤngt Euch! Euch traun? Ein Angenblick, ſo aͤndert Ihr den Sinn, Und nennt den edel, den Ihr eben haßtet, Den ſchlecht, der Euer Abgott war. Was giebt' Daß Ihr, auf jedem Platz der Stadt gedraͤngt, chreit gegen den Senat, der doch allein, Zunaͤchſt den Göttern, Euch in Furcht erhaͤlt, Ihr fraͤß't einander ſonſt. Im Ueberfluß daliegt. Mare. Was wollen ſie? Men. Nach eignem Preis das ſagen, Beim Feuer ſitzend wiſſen ſie genau Was auf dem Capitol geſchi eht; wer ſteigt, Wer gilt, wer fällt; da ſtiften ſie Factionen; Und ſchließen Ehen; ſtaͤrken die Partei, Und beugen die, die nicht nach ihrem Sinn, Noch unter ihre Nagelſchuh. Sie ſagen Korn ſey genug vorhanden? Wenn ſich der Adel doch der Mild' entſchluge, 67 Korn, das, wie ſie Haͤngt ſie! Sie ſagen's? Daß ich mein Schwerdt ziehn duͤrft. Ich haͤufte Berge on Leichen der zerhaunen Selaven, hoͤher Als meine Lanze reicht. Mien. Nein, dieſe ſind faſt gaͤnzlich ſchon ber Denn, ſehlt im Ueberfluß auch der Verſtand, So ſind ſie doch ausbuͤndig Die Schurken! Als: Noth bricht Eiſen. Hunde muͤſſen freſſen. Das Brot iſt fuͤr den Mund Nicht bloß den Reichen Korn. Mit ſolchen Fetze Macht ſich ihr Klagen Luft; Und ein Geſuch bewilligt— dem nachgegeben ja, ein ſtarkes!— (Das Herz der Hochgeſinnten zu zerbrechen, Die kuͤhnſte Macht zu lahme n,) warfen ſie, uhigt; feig. Doch ſagt mir, Was macht der andre Trupp? Marc. Schon ganz zerſtreut. Sie hungern, ſagten ſie, und aͤchzten Spruͤchlein, . Die Goͤtter ſenden —— 4 —.——— —— — ——— Sz. 1. Coriolanus. 9 Als ſollten auf des Mondes Horn ſie haͤngen, Die Muͤtzen aufwaͤrts, laut und lauter jauchzend. WMen. Und was ward zugeſtanden? Marc. Fuͤnf Tribunen, Um ihre Poͤbel⸗Weisheit zu vertreten, Aus eigner Wahl: der ein⸗ iſt Junins Brutus, Sicinius und— was weiß ich,— Tod und Heſt! Die Lumpen ſollten eh' die Stadt abdecken Als mich ſo weit zu bringen. Naͤchſtens nun Gewinnen ſie noch mehr, und fordern Groͤßres, Mit Androhn der Empoͤrung. WMien. Das iſt ſeltſam. WMarc. Geht, fort mit Euch, Ihr Ueberbleibſel! (Ein Bote tritt auf.) Bote. Iſt Cajus Marcius hier? Mare. Nun ja! was ſoll's? Bote. Ich meld⸗ Euch, Herr, Vefeer ſind in affen. Warc. Mich freut's! So werden wir am beſten los Den Ueberflnß, der ſchimmlicht wird.— Seht da, Die wuͤrd'gen Vaͤter. (Es treten auf Cominius, Titus Lartius und andre Se⸗ natoren, Junius Brutus und Sicinius Velutus.) „1. Sen. Marcius, was Ihr uns ſagtet, i eſchehn; Die Volsker ſind in Waffen. ſt geſcheh Marc. Ja, ſie fuͤhrt Tullus Aufidius, der macht Euch zu ſchaffen. Ich ſuͤnd'ge, ſeinen Adel ihm zu neiden, Und wär' ich etwas anders als ich bin, So wuͤnſcht' ich, er zu ſeyn. Com. Ihr fochtet mit einander. Marc. Wenn, halb und halb getheilt, die Welt ſich zauſte Und er auf meiner Seit“, ich fiele ab,. Nur daß ich ihn bekämpft'.— Er iſt ein Loͤwe, Den ich zu jagen ſtolz bin. 4. Sen. Darum Marcius, Magſt du Cominius folgen in den Krieg. Com. Ihr habt es einſt virſrochen⸗ larc. Herr, das hab' ich, Und halte Wort. Du, Litus euz, het i Noch einmal Tullus mich ins Anrlitz ſchlagen. Wie— biſt du krank? bleibſt aus? „ —— 1 Coriolanus. A. 1. Tit. Nein, Cajus Marcius. Ich lehn' auf eine Kruͤcke und ſchlage mit der andern, Eh' ich dieß Werk verſaͤum'⸗ Ware. O, edles Blut! 1. Sen. Begleitet uns zum Capitol, dort harren Die treuſten Freunde unſer⸗ Tit. Geht voran— Cominius, folgt ihm nach, wir folgen Euch, Ihr ſeyd des Vorrangs wuͤrdig. Com. Edler Marcins! 1. Sen. Gzu den Buͤrgern.) Geht, macht Euch fort!— nach Haus! Warc. Nein, laßt ſie folgen. Die Volsker haben Korn; hin mit den Ratten, Die Scheuren freßt.— Hochadliche Rebellen, Euer Muth ſchlagt herrlich aus. Ich bitte, folgt. Senatoren, Cominius, Marcius, Fitus Lartius und Menenius gehn ab, die Buͤrger ſchleichen ſich fort.) Sic. War je ein Menſch ſo ſtolz wie dieſer Marcius? Brut. Er hat nicht ſeines Gieichen. Sic. Als wir ernannt zu Volks⸗Tribunen wurden— Brut. Sah't Ihr ſein Aug, den Mund? Sie. Ja, und ſein Hoͤhnen. Brut. Gereizt, ſchont nicht ſein Spott die Goͤtter ſelbſt. Sie. Den kenſchen Mond auch wurd' er läͤſtern. Brut. Verſchling' ihn dieſer Krieg; er ward zu ſtolz, So tapfer wie er iſt. Sic. Solch ein Gemuͤth, Gekitelt noch vom Gluͤck, verſchmaͤht den Schatten, Auf den er Mittags tritt. Doch wundert's mich, Wie nur ſein Hochmuth es ertraͤgt, zu ſtehn Unter Cominius. Brut. Ruhm, nach dem er zielt, Und der ſchon reich ihn ſchmuͤckt, wird beſſer nicht Erhalten und erhoͤht, als auf dem Platz Zunaͤchſt dem Erſten; denn was nun mißlingt, Das iſt des Feldherrn Schuld, thut er auch alles Was Menſchenkraft vermag; und ſchwindelnd Urtheil Ruft dann vom Marcius aus: O haͤtte dieſer Den Krieg gefuͤhrt! Sic. Gewiß, und geht es gut, Das Vorurtheil, das ſo am Marcius hängt, Raubt dem Cominius das Verdienſt. Sz. 2. Coriolanus. 11 Brut. Nun kommt. Cominins halben Ruhm hat Marcius ſchon, Erwarb er ihn auch nicht; und jenes Fehler Sie werden Marcius Ruhm, that er auch ſelbſt Nichts Großes mehr. Sic. Kommt, laßt uns hin, und hoͤren Die Ausfert'gung, und in was Art und Weiſe Er, außer ſeiner Einzigkeit, nun geht In dieſen jetz'gen Kampf. Brut. So gehn wir denn. (Beide ab.) Zweite Szene. (Tullus Aufidius tritt auf mit einigen Senatoren.) 4. Senator. So glaubt Ihr wirklich denn, Aufidius, Daß die von Rom erforſchten unſern Plan, Und wiſſen, was wir thun? Auf. Glaubt Ihr's denn nicht? Was ward wohl je gedacht in unſerim Staat, Das nicht, eh's koͤrperliche That geworden, Rom ausgeforſcht? Noch ſind's vier Tage nicht, Daß man von dort mir ſchrieb; ſo, denk' ich, lautet's— Ich hab' den Brief wohl hier;— ja, dieſer iſt's. (Er lieſt.) Geworben wird ein Heer; doch Niemand weiß, Ob fuͤr den Oſt, den Weſt. Groß iſt die Theurung, Das Volk im Aufruhr, und man raunt ſich zu, Cominius, Marcius euer alter Feind, (Der mehr in Rom gehaßt wird als von Euch) Und Titus Lartius, ein ſehr tapfrer Roͤmer, Daß dieſen drei'n die Ruͤſtung ward vertraut, Wohin's auch geht; wahrſcheinlich trifft es Euch, Drum ſeht Euch vor. 1. Sen. Im Feld ſtehn unſte Schaaren: Wir zweifeln nie, daß Rom, uns zu begegnen, Stets ſey bereit. Auf. Und Ihr habt klug gehandelt, Zu bergen Euern großen Plan, bis er Sich zeigen mußte; doch im Bruͤten ſchon 6 12 Coriolanus. 2. 1. Erkannt' ihn Rom, ſo ſcheint's: durch die Entdeckung Wird unſer Ziel geſchmaͤlert; welches war, Zu nehmen manche Stadt, eh ſelbſt die Roͤmer Bemerkt, daß wir im Gang. 2. Sen. Edler Aufidius, Nehmt Eure Vollmacht, eilt zu Euren Schaaren, Laßt uns zuruͤck, Corioli zu ſchuͤtzen; Belagern ſie uns hier, kommt zum Entſatz Mit Eurem Heer zuruͤck; doch ſollt Ihr ſehn, Die Ruͤſtung gilt nicht uns. Auf. O! zweifelt nicht: Ich ſprech' aus ſichrer Nachricht. Ja— noch mehr, chon ruͤckten ein'ge Roͤmer⸗Haufen aus, Und nur hieherwaͤrts. Ich verlaß' euch, Väter. Wenn wir und Cajus Marcius uns begegnen, So iſt geſchworen, daß der Kampf nicht endet, Bis einer faͤllt. Alle Sen. Die Göͤtter ſey'n mit Euch! Auf. Sie ſchirmen Eure Ehren. 1. Sen. Lebt wohl! 2. Sen. Lebt wohl! Auf. Lebt wohl! CAue ab.) Dritte Szene. (Volumnia und Virgilia ſitzen und nähen). Volumnia. Ich bitte dich, Tochter, ſinge; oder ſprich wenigſtens troſtreicher; waͤre mein Sohn mein Gemahl geweſen, ich wuͤrde mich lieber ſeiner Abweſenheit erfrenen, durch die er Ehre erwirbt, als den Umarmungen ſeines Bettes, in de⸗ nen ich ſeine Liebe erkannte. Da er noch ein zarter Knabe war, und das einzige Kind meines Schooßes; da Jugend und Anmuth gewaltſam alle Blicke auf ihn zogen, als die tagelangen Bitten eines Koͤnigs einer Mutter nicht eine einzige Stunde ſeines Anblicks abgekauft hätten; ſchon da⸗ mals,— wenn ich bedachte, wie Ehre ſolch ein Weſen zie⸗ ren wuͤrde; und daß es nicht beſſer ſey als ein Gemaͤlde, was an der Wand haͤngt, wenn Ruhmbegier es nicht be⸗ lebte,— war ich erfreut, ihn da Gefahren ſuchen zu ſehn, Sz. 3. Coriolanus. 13 wo er hoffen konnte, Ruhm zu finden. In einen grauſa⸗ men Krieg ſandte ich ihn, aus dem er zuruck kehrte, die Stirn mit Eichenlaub umwunden. Glaube mir, Tochter, mein Herz huͤpfte nicht mehr vor Freuden, als ich zuerſt hoͤrte, er ſey ein Knabe, als jetzt, da ich zuerſt ſah, er ſey ein Mann geworden. Pirg. Aber waͤre er nun in der Schlacht geblieben, theure Mutter, wie dann? Vol. Dann waͤre ſein Nachruhm mein Sohn geweſen; in ihm haͤtte ich mein Geſchlecht geſehn. Hoͤre mein offen⸗ herziges Bekenntniß: Hätte ich zwolf Soͤhne, jeder meinem Herzen gleich lieb, und keiner mir weniger theuer als Dein und mein guter Marcius, ich wollte lieber eilf fuͤr ihr Va⸗ terland edel ſterben ſehn, als einen einzigen in wolluͤſtigem Muͤßiggang ſchwelgen. (Es tritt eine Dienerin auf). Dien. Edle Frau, Valeria wuͤnſcht Euch zu ſehn. Virg. Ich bitte, erlaubt mir, mich zuruͤck zu ziehn. Vol. O nein! das ſollſt Du nicht. Mich duͤnkt bis hier toͤnt deines Gatten Trommel, Er reißt Aufidius bei den Haaren nieder; Wie Kinder vor dem Baͤren, fliehn die Polsker. Mich duͤnkt ich ſeh's! So ſtampft er, und ruft aus: Memmen, heran! in Furcht ſeyd ihr gezeugt; Obwohl in Rom geboren. Und er trocknet Die blut'ge Stirn mit eh'rner Hand, und ſchreitet So wie ein Schnitter, der ſich vorgeſetzt Alles zu mähn, wo nicht den Lohn zu miſſen. Pirg. Die blut'ge Stirn!— 0 Jupiter! kein Blut. Vol. O ſchweig, du Thoͤrin! ſchoͤner ziert's den Mann Als Gold⸗Trophaͤn. Die Bruſt der Hekuba War ſchoͤner nicht, da ſie den Hektor ſaͤngte, Als Hektors Stirn, die Blut entgegenſpritzte Im Kampf den Griechen⸗Schwerdtern.— Sagt Valerien, Wir ſind bereit, ſie zu empfangen. (Dienerin ab.) Pirg. Himmel, Schuͤtz' meinen Mann vor'm grimmigen Aufidius. Vol. Er ſchlaͤgt Aufidius Haupt ſich unter's Knie, Und tritt auf ſeinen Hals. (Valeria tritt auf.) Pal. Ihr edlen Frauen, Euch beiden guten Tag. Vol. Liebe Freundin— * 14 Coriolanus. A. Pirg. Ich bin erfreut Euch zu ſehn, verehrte Frau. Pal. Was macht ihr beide? Ihr ſeyd ausgemachte Haushaͤlterinnen. Wie!— Ihr ſitzt hier und naͤht?— Ein artiges Vergnuͤgen, das muß ich geſtehn.— Was macht Euer kleiner Sohn? Pirg. Ich danke Euch, edle Frau, er iſt wohl. Vol. Er mag lieber Schwerdter ſehn und die Trommel hoͤren, als auf ſeinen Schulmeiſter acht geben. z Pal. Ol auf mein Wort; ganz der Vater. Ich kann's beſchwoͤren, er iſt ein allerliebſter Knabe. Nein wahrlich, ich beobachtete ihn am Mittwoch eine halbe Stunde unun⸗ terbrochen: er hat etwas ſo Entſchloßnes in ſeinem Beneh⸗ men. Ich ſah ihn einem glaͤnzenden Schmetterling nach⸗ laufen; und als er ihn gefangen hatte, ließ er ihn wieder fliegen, und nun wieder ihm nach; und fiel der Laͤnge nach hin, und wieder aufgeſprungen, und ihn noch einmal ge⸗ fangen. Hatte ihn ſein Foll boͤſe gemacht, oder was ihm ſonſt ſeyn mochte; aber er knirſchte ſo mit den Zaͤhnen zerriß ihn. O! ihr koͤnnt nicht glauben, wie er ihn zerfetzte. Pr Eine von ſeines Vaters Launen. Pal. Ei wahrhaftig! er iſt ein edles Kind. Pirg. Ein kleiner Wildfang, Valeria. Val. Kommt, legt Eure Stickerei weg, Ihr muͤßt heut Nachmittag mit mir die muͤß'ge Hausfrau machen. Pirg. Nein, theure Frau, ich werde nicht ausgehn. Pal. Nicht ausgehn? Pol. Sie wird, ſie wird. Pirg. Nein, gewiß nicht; erlaubt es mir. Ich will nicht uͤber die Schwelle ſchreiten, ehe mein Gemahl aus dem Kriege heimgekehrt iſt. Pal. Pfui! wollt Ihr, ſo wider alle Vernunft, Euch einſperren? Kommt mit, Ihr mißt die gute Freundin be⸗ ſuchen, die im Kindbett liegt. birg. Ich will ihr eine ſchnelle Geneſung wuͤnſchen, und ſie mit meinem Gebet beſuchen; aber hingehn kann ich nicht. Pol. Nun, warum denn nicht? 8 i Es iſt gewiß nicht Traͤgheit oder Mangel an Liebe. bal. Ihr waͤret gern eine zweite Penelope; und doch ſagt man, alles Garn, das ſie in Ulyſſes Abweſenheit ſpann, fuͤllte Ithaca nur mit Motten. Kommt; ich wollte Sz. 4. Coriolanus. 15 Eure Leinwand waͤre ſo empfindlich wie Euer Finger, ſo wuͤrdet Ihr aus Mitleid aufhoͤren ſie zu ſtechen. Kommt, Ihr muͤßt mit gehn. Pirg. Nein, Liebe, verzeiht mir; im Ernſt, ich werde nicht ausgehn. Val. Ei wahrhaftig! Ihr muͤßt mit gehn: dann will auch herrliche Neuigkeiten von Eurem Gemahl erzaͤhlen. Pirg. O, liebe Valeria! es koͤnnen noch keine gekom⸗ men ſeyn. Pal. Wahrlich! ich ſcherze nicht mit Euch; es kam ge⸗ ſtern Abend Nachricht von ihm. Pirg. In der That? Val. Im Ernſt, es iſt wahr; ich hoͤrte einen Senator davon erzaͤhlen. So war es:— Die Volsker haben ein Heer ausruͤcken laſſen, welchem Cominins der Feldherr mit einem Theil der roͤmiſchen Macht entgegen gegangen iſt. Euer Gemahl und Titus Lartius belagern ihre Stadt Co⸗ rioli, ſie zweifeln nicht daran ſie zu erobern, und den Krieg bald zu beendigen.— Dieß iſt wahr, bei meiner Ehre; und nun bitte ich Euch, geht mit uns. Virg. Verzeiht mir, gute Valeria, kuͤnftig will ich Euch in allein andern gehorchen. Pol. Ei, laßt ſie, Liebe. Wie ſie jetzt iſt, wuͤrde ſie nur unſer Vergnuͤgen ſtoͤren. Pal. Wirklich, das glanbe ich auch. So lebt denn wohl. Kommt, liebe, theure Frau. Ich bitte dich, Vir⸗ gilia, wirf deine Feierlichkeit zur Thär hinaus und geh noch mit. Virg. Nein, auf mein Wort, Valeria. In der That, ich darf nicht: Ich wuͤnſche Euch viel Vergnuͤgen. Val. Gut, ſo lebt denn wohl. QAlle ab). Vierte Szene. (Mit Trommeln und Fahnen treten auf Marcius, Titus Lartius, Anführer, Krieger. Zu ihnen ein Bote.) Warcius. Ein Bote kommt. Ich wett', es gab ein Treffen. Tit. Mein Pferd an Eures: Nein. Warc. Es gilt. „ 16 Coriolanus. A. I. Tit. Es gilt. Warc. Sprich Du. Traf unſer Feldherr auf den Feind? Bote. Sie ſchaun ſich an; doch ſprachen ſich noch nicht Tit. Das gute Pfand iſt mein. Warc. Ich kauf's Euch ab. Tit. Nein, ich verkauf und geb's nicht; doch Euch borg ich's Fuͤr funfzig Jahr.— Die Stadt nun fordert auf. Warec. Wie weit ab ſtehn die Heere? Bote. Kaum drei Stunden. Warc. So hoͤren wir ihr Feldgeſchrei, ſie unſers.— Nun Mars, dir fleh' ich, mach uns raſch im Werk, Daß wir mit dampfendem Schwerdt von hinnen ziehn, Den kampfgeſchaarten Freunden ſchnell zu helfen. Komm, blaſ' nun deinen Aufruf. (Es wird geblaſen, auf den Mauern erſcheinen Senatoren und andre.) Tullus Aufidius, iſt er in der Stadt? 1. Sen. Nein, doch gleich ihm hält jeder Euch gering Und kleiner als das Kleinſte. Horcht, die Trommeln (Friegsmuſik aus der Ferne.) Von unſrer Jugend Schaar. Wir brechen eh die Mauern, Als daß ſie uns einhemmten. Unſte Thore, 13 Zum Schein geſchloſſen, riegeln Binſen nur, Sie oͤffnen ſich von ſelbſt. Horcht, weit her toͤnt's. (Kriegsgeſchrei). Das iſt Aufidins. Merkt, wie er handtirt Dort im geſpaltnen Heer. Warec. Ha! ſie ſind dran! Tit. Der Laͤrm ſey unſte Weiſung. Leitern her! (Die Volsker kommen aus der Stadt.) Warc. Sie ſcheun uns Lic nein, dringen aus der tadt. Werft vor das Herz den Schild und kampft mit Herzen, Geſtahlter als die Schild'. Auf, wackrer Titus! Sie hoͤhnen uns weit mehr als wir gedacht, Das macht vor Zorn mich ſchwitzen. Fort, Kamraden! Wenn einer weicht, den halt' ich fuͤr'nen Volsker, Und fuͤhlen ſoll er meinen Stahl. 6 (Römer und Volsker gehn kämpfend ab. Die Römer werden zurückgeſchlagen, Marcius kommt zurück.) Warc. Die ganze Peſt des Suͤdens fall' auf Euch! Schandflecke Roms ihr!— Schwaͤr und Beulen zahllos . ing rn, der en Sz. 4. Coriolanus. 17 Vergiften euch; daß Ihr ein Abſcheu ſeyd, Eh noch geſehn, und gegen Windeshauch Euch anſteckt meilenweit! Ihr Gaͤnſeſeelen In menſchlicher Geſtalt! Por Sclaven lauft ihr, Die Affen ſchlagen wuͤrden? Hoͤll' und Pluto! Wund ruͤcklings, Nacken roth, Geſichter bleich, Vor Furcht und Fieberfroſt. Kehrt um! greift an! Sonſt, bei des Himmels Blitz, laſſ' ich den Feind, Und ſtuͤrz' auf Euch. Beſinnt Euch denn, voran! Steht, und wir ſchlagen ſie zu ihren Weibern, Wie ſie zu unſern Schanzen uns gefolgt! (Ein neuer Angriff, Volsker und Römer kämpfen. Die Volsker flüchten in die Stadt, Marcius verfolgt ſie.) Auf geht das Thor, nun zeigt Euch wackre Helfer! Fuͤr die Verfolger hat's das Gluck geoͤffnet, Nicht fuͤr die Fluͤcht'gen. Nach! und thut wie ich. (Er ſtürzt in die Stadt und das Thor wird hinter ihm ge⸗ ſchloſſen.) 1. Sold. Tolldreiſt! ich nicht— — 2. Sold. Noch ich. 3. Sold. Da ſeht! ſie haben Ihn eingeſperrt. Alle. Nun gebt er drauf, das glaubt nur. Titus Lartius tritt auf). Tit. Was ward aus Marcius? Alle. Todt, Herr, ganz gewiß. 1. Sold. Den Flucht'gen folgt er auf den Ferſen nach, Und mit hinein; die, eh wir's uns verſahn, Schloſſen die Thore: Er iſt drin, allein Der ganzen Stadt zu trotzen. Tit. Edler Freund! Du, fuͤhlend kuͤhner als dein fuͤhllos Schwerdt, Feſiſtehend wenn dieß beugt, verloren biſt du, Marcius! Der reinſte Diamant, ſo groß wie du, Waͤr' nicht ein ſolch Juweß; du waͤrſt ein Krieger Nach Cato's Sinn, nicht wild und fuͤrchterlich In Streichen nur; nein, deinem grimmen Blick Und deiner Stimme donnergleichem Schmettern Erbebten deine Feind', als ob die Welt Im Fieber laͤg' und wankte.. (Marcius kommt zurück, blutenb, von den Feinden verfolgt). 1. Seht, Herr! 5 Sun 2 6 Coriolanus. Tit. O! da iſt Marcius! Laßt uns ihn retten, oder mit ihm fallen. (Gefecht, alle dringen in die Stadt.) Fuͤnfte Szene. (Römer kommen mit Beute.) 1. Roͤmer. Das will ich mit nach Rom nehmen. 2. Roͤm. Und ich dies. 3. Roͤm. Hol's der Henker! ich hielt das fuͤr Silber. (Marcius und Ditus treten auf mit einem Trompeter). Warc. Seht dieſe Troͤdler, die die Stunden ſchaͤtzen Nach roſt'gen Drachmen. Kiſſen, blei'ne Loffel, Blechſtuͤckchen, Waͤmſer, die der Henker ſelbſt Verſcharrte mit dem Leichnam, ſtielt die Brut, Eh' noch die Schlacht zu Ende.— Haut ſie nieder!— Hoͤrt dort des Feldherrn Schlachtruf! Fort zu ihm! Dort kaͤmpft, den meine Seele haßt, Aufidius! Und mordet unſre Roͤmer. Drum, mein Titus, Nimm eine Anzahl Volks, die Stadt zu halten; Mit denen, die der Muth befeuert, eil ich Cominius beizuſtehn. Tit. Du bluteſt, edler Freund! Die Arbeit war zu ſchwer, ſie zu erneu'n In einem zweiten Gang. Marc. Herr, ruͤhmt mich nicht. Dies Werk hat kaum mich warm gemacht. Lebt wohl! Das Blut, das ich verzapft, iſt mehr Arznei Als mir gefaͤhrlich. Vor Aufidius ſo Tret' ich zum Kampf. Tit. Fortuna's holde Gottheit Sey jetzt in dich verliebt; ihr ſtarker Zauber Entwaffne deines Feindes Schwerdt. O Held! Dein Knappe ſey Gluckſeligkeit! Warc. Dir helfend, Wie ihrem theu'rſten Liebling. Lebe wohl! .(geht ab.) Tit. Ruhmwuͤrd'ger Marcius!— Geh' du, blaſ' auf dem Marktplatz die Trompete, Sz. 6. Coriolanus. 19 Und ruf' der Stadt Beamte dort zuſammen, Daß ſie vernehmen unſern Willen. Fort! G) ab. Sechſte Szene. (Cominius und ſein Heer auf dem Rückzuge.) Cominius. Erfriſcht Euch, Freunde. Gut gekaͤmpft! Wir hielten Wie Roͤmer uns; nicht tollkuhn dreiſt im Stehn, Noch feig' im Ruͤckzug. Auf mein Wort, ihr Krieger, Der Angriff wird erneut. Indem wir kaͤmpften, Erklang, vom Wind gefuͤhrt, in Zwiſchenraͤumen, Der Freunde Schlachtruf. O! ihr Goͤtter Roms! Fuͤhrt ſie zu Ruhm und Sieg, ſo wie uns ſelbſt, Daß unſte Heere, lächelnd ſich begegnend, Euch dankbar Opfer bringen 6(Ein Bote tritt auf.) Deine Botſchaft? Bote. Die Mannſchaft von Corioli brach aus, Und fiel den Marcius und den Lartins an: Ich ſah die Unſern zu den Schanzen flieh'n, Da eilt' ich fort. LCom. Mich duͤnkt, ſprichſt du auch wahr, So ſprichſt du doch nicht gut. Wie lang' iſt's her? Bote. Mehr als'ne Stunde, Herr. Com.* iſt keine Meil, wir hoͤrten noch die Trommeln. Wie— gingſt du eine Stund' auf dieſe Meile? Und bringſt ſo ſpaͤt Bericht? Bote. Der Volsker Spione Verfolgten mich, ſo lief ich einen Umweg Von drei, vier Meilen; ſonſt bekamt Ihr, Herr, Vor einer halben Stunde ſchon die Votſchaft. (Marcius tritt auf.) Com. Doch wer iſt jener, Der ausſieht wie geſchunden? H! ihr Goͤtter! Er traͤgt des Marcius Bildung, und ſchon ſonſt Hab' ich ihn ſo geſehn. Marc. Komm' ich zu ſpat? Com. Der Schaͤfer kann vom Donner nicht die Trommel 2* * 20 Coriolanus. So unterſcheiden, wie ich Marcins Stimme Von jedem ſchwaͤchern Laut. Mare. Komm' ich zu ſpät? Com. Ja, wenn du nicht in fremdem Blut In eignem kommſt. A. I. gekleidet, Warc. O! laßt mich Euch umſchlingen Mit kraͤft'gen Armen, wie als Braͤutigam, Mit frend'gem Herzen, wie am Hochzeitstag, Als Kerzen mir zu Bett geleuchtet. Com. O! Mein Kriegesheld, wie geht's dem Titus Lartins 2 Warc. Wie einem, der geſchaͤftig Urtheil ſpricht, Zum Tode den verdammt, den zur Verbannung, Den frei laͤßt, den beklagt, dei andern droht. Er haͤlt Corioli im Namen Roms, So wie ein ſchmeichelnd Windſpiel an der Leine, Die er nach Willkuͤhr loͤſt. Com. Wo iſt der Sclav, Der ſprach, ſie ſchluͤgen Euch zuruͤck in's Lager? Wo iſt er? Ruft ihn her. Marc. Nein, laßt ihn mur. Die Wahrheit ſprach er; doch die edlen Herrn, Das niedre Volk,(Verdammt! fuͤr ſie Tribunen Die Maus laͤuft vor der Katze nicht, wie ſie Vor Schuften rannten, ſchlechter als ſie ſelbſt. Com. Wie aber drangt Ihr durch? Warc. Iſt zum Erzaͤhlen Zeit? Ich denke nicht— Wo iſt der Feind? Seyd Ihr des Feldes Herr? Wo nicht, was ruht Ihr, bis Ihr's ſeyd? Wir fochten mit Verluſt, und zogen uns Zuruͤck, den Vortheil zu erſpaͤh'n. MWare. Wie ſteht ihr Heer? Wißt Zhe Die beſte Mannſchaft iſt? 5 Com. O Marcius! uf welcher ite 4 Com. Ich glaube, Marcius, Im Vordertreffen kaͤmpfen die Antiaten, Ihr beſtes Volk, Aufidius fuͤhrt ſie an, Der ihrer Hoffnung Seel und Herz. Marc. Ich bitt' di Bei jeder Schlacht, in der vereint wir fochten, ch, Bei dem vereint vergoßnen Blut, den Schwuͤren, Uns ewig tren zu lieben; ſtell mich grade Sz. 7. Coriolanus. 21 Vor die Antiaten und Aufidius hin: Und ſäumt nicht laͤnger. Nein, im Augenblick Erfuͤlle Speer⸗ und Schwerdtgetoͤn die Luft, Und proben wir die Stunde. Com. Wuͤnſcht' ich gleich Du wuͤrdeſt in ein laues Bad gefuͤhrt, Dir Balſam aufgelegt; doch wag' ich nie Dir etwas zu verweigern. Waͤhl Fuͤr dieſen Kampf die Beſten. dir ſelbſt Marc. Das ſind nur Die Willigſten. Iſt irgend einer (Und Suͤnde wärs zu zweifeln), hier dem die Schminke Gefaͤllt, mit der er hier mich ſieht gemalt, Der uͤbeln Ruf mehr fuͤrchtet als den Tod, Und ſchon zu ſterben wählt ſtatt ſchlechten Lebens, Sein Vaterland mehr als ſich ſelb Wer ſo geſinnt, ob Einer oder Vi Der ſchwing' die Hand, um mir Und folge Marcius. er liebt, ele, ſein Ja zu ſagen, (Alle jauchzen, ſchwingen die Schwerdter, drängen ſich um ihn, und heben ihn auf ihren Armen empor.) Wie? Alle eins? macht Ihr ein Iſt dieß kein aͤuß'rer Schein, wer Iſt nicht vier Volsker werth? Ei Schwerdt aus mir? von Euch allen n jeder kann Aufidius einen Schild entgegentragen So hart wie ſeiner. Eine Anzahl nur, Dank ich ſchon allen, waͤhl' ich: und den andern Spar' ich die Arbeit fuͤr den naͤchſten Kampf, Wie er ſich bieten mag. Voran, ihr Freunde! Vier meiner Leute moͤgen die erwaͤhlen, Die mir am liebſten folgen. Com. Kommt, Beweiſ't, daß Ihr nicht prahltet, Uns gleich in Allem ſeyn⸗ Gefaͤhrten, und Ihr ſollt GAlle ab.) Coriolanus. Siebente Szene. (Titus Lartius, eine Beſatzung in Corioli zurücklaſſend, geht dem Marcius und Cominius mit Trommeln und Trompeten entgegen, ihm folgt ein Anfuͤhrer mit Kriegern.) Titus. Beſetzt die Thore wohl, thut Eure Pflicht, Wie ichn Euch vorſchrieb. Send' ich, ſchickt zur Huͤlfe Uns die Centurien nach; der Reſt genuͤgt Fuͤr kurze Deckung. Geht die Schlacht verloren, So bleibt die Stadt uns doch nicht. ih Traut auf uns. Tit. Fort! und verſchließet hinter uns die Thore. Du, Bote, komm: fuͤhr uns ins roͤm'ſche Lager. (Alle ab.) Achte Szene. GFriegsgeſchrei, Marcius und Aufidius, die einander be⸗ gegnen.) Marcius. Mit dir nur will ich kaͤmpfen! denn dich haſſ⸗ ich Mehr als Wortbruͤchige. Auf. Wir haſſen gleich. Nicht Afrika hegt eine Schlang'“, abſcheulich, Wie mir dein Ruhm und Neid. Setz deinen Fuß. Wiare. Wer weicht, ſoll ſterben als des andern Sclabe, Dann richten ihn die Götter. Auf. Flieh' ich, Marcius, So hetz mich, gleich dem Haſen. WMare. Noch vor drei Stunden, Tullus, Focht ich allein in Eurer Stadt Corioli, Und that, was mir gefiel. Nicht iſt's mein Blut, Worin du mich verlarbt ſiehſt: Drum zur Rache! Spann deine Kraft aufs hoͤchſte! 8 Auf. Wäͤr'ſt du Hektor, Der eurer viel geprieſenen Ahnen Geißel, Du kaͤm'ſt mir nicht von hier. (Sie fechten, einige Volsker kommen dem Aufidius zu Hülfe.) — Sz. 9. Coriolanus. 23 Dienſtwillig, und nicht tapfer! Ihr beſchimpft mich Durch ſo verhaßten Beiſtand. (Alle fechtend ab.) Neunte Szene. MRückzug geblaſen, Trompeten. Von einer Seite tritt auf ominius mit ſeinem Heer, von der andern Marcius, den Arm in der Binde, und andre Römer.) Cominius. Erzaͤhlt' ich dir dein Werk des heut'gen Tages, Du glaubteſt nicht dein Thun; doch will ich's melden, Wo Senatoren Thraͤn' und Läͤcheln miſchen, Wo die Patricier horchen und erbeben, Zuletzt bewundern; wo ſich Frau'n entſetzen, Und, froh erſchreckt, mehr hoͤren; wo der plumpe Tribun, der, dem Plebejer gleich, dich haßt, Ausruft, dem eignen Groll zum Trotz: Dank, Goͤtter! Daß unſerm Rom ihr ſolche Helden ſchenktet! Doch kamſt du zu des Schmauſes Ueberbleibſel Vorher ſchon voll geſaͤttigt. (Titus Lartius kommt mit ſeinen Kriegern.) Tit. O mein Feldherr! Hier iſt das Streitroß, wir ſind das Geſchirr. Haͤtt'ſt du geſehn— Warc. Still, bitt' ich. Meine Mutter, Die einen Freibrief hat, ihr Blut zu preiſen, Kraͤnkt mich, wenn ſie mich ruͤhmt. Ich that ja nur, Was ihr: das iſt, ſo viel ich kann, erregt, Wie Ihr es waret, durch mein Vaterland⸗ Wer heut den guten Willen nur erfullte, Hat meine Thaten uͤberholt. Com. Nicht darfſt du Das Grab ſeyn deines Werth's. Rom muß erkennen, Wie koͤſtlich ſein Beſitz. Es waͤr' ein Hehl, Aerger als Raub, nicht minder als Verrath, Zu decken deine That, von dem zu ſchweigen, Was durch des Preiſes hoͤchſten Flug erhoben Beſcheiden noch ſich zeigt. Drum bitt ich dich, Zum Zeichen was du biſt und nicht als Lohn Fuͤr all dein Thun, laß vor dem Heer mich reden. 224 Coriolanus. A. I. — Mart. Ich hab' ſo Wunden hier und da, die ſchmerzt es Sich ſo erwaͤhnt zu hoͤren. Com. Waͤr's nicht ſo, Der Undank muͤßte ſie zum Schwaͤren bringen, Und bis zum Tod verpeſten. Von den Pferden, Wir fingen viel' und treffliche) und allen Den Schaͤtzen in der Stadt, im Feld erbeutet, Sey dir der zehnte Theil, ihn auszuſuchen Noch vor der allgemeinen Theilung, ganz Nach deiner eignen Wahl. Ware. Ich dank' dir, Feldherr; Doch ſträubt mein Herz ſich, einen Lohn zu nehmen Als Zahlung meines Schwerdt's. Ich ſchlag' es aus, Und will nur ſo viel aus gemeiner Theilung, Wie alle, die nur anſahn was geſchah. (Ein langer Trompetenſtoß. Alle rufen Marcius! Marcius! werfen Mützen und Speere in die Höhe.) Daß die Drommeten, die Ihr ſo entweiht, Nie wieder toͤnen! Wenn Poſaun' und Trommel Im Lager Schmeichler ſind, mag Hof und Stadt Fanz Luͤge ſeyn und Gleißnerei. Wird Stahl Weich wie Schmarotzer⸗Seide, bleibe Erz Kein Schirm im Kriege mehr! Genug, ſag' ich.— Weil ich die blut'ge Naſe mir nicht wuſch, Und einen Schwächling niederwarf, was mancher Hier unbemerkt gethan, ſchreit ihr mich aus Mit uͤbertrieb'nem unverſtaͤndigen Zuruf, Als ſaͤh' ich gern mein kleines Selbſt gefuttert Mit Lob, das Luge wurzt. Com. Zu große Demuth! Ihr ſeyd mehr grauſam eignem Ruhm, als dankbar Uns, die ihn treulich ſpenden; drum erlaubt: Wenn gegen Euch Ihr wuͤthet, legen wir Wie einen der ſich ſchadeth Euch in Feſſeln, eſichert ſo zu ſprechen. Sey's bekannt, Wie uns, der ganzen Welt, daß Cajus Marcius Des Krieges Kranz erwarb. Und deß zum Zeichen Nehm' er mein edles Roß, bekannt dem Lager, Mit allem Schmuck; und heiß' er von heut an, Fuͤr das was vor Corioli er that, Mit vollem Beifallsruf des ganzen Heeres: Sz. 9. Coriolanus. 25 Cajus Marcius Coriolanus.— Fuͤhre Den zugefuͤgten Namen allzeit edel! (Trompetenſtoß.) Alle. Cajus Marcius Coriolanus! Cor. Ich geh' um mich zu waſchen; Und iſt mein Antlitz rein, ſo koͤnnt Ihr ſehn Ob ich erroͤthe. Wie's auch ſey, ich dank' Euch— Ich denk' Euer Pferd zu reiten, und allzeit Mich werth des edeln Namensſchmucks zu zeigen, Nach meiner beſten Kraft, Com. Nun zu den Zelten, Wo, eh' wir noch geruht, wir ſchreiben wollen Nach Rom von unſerm Gluͤck. Ihr, Litus Lartius, Muͤßt nach Corioli. Schickt uns nach Rom Die Haͤupter, daß wir dort mit ihnen handeln Um ihr und unſer Wohl. Tit. Ich thu' es, Feldherr. Cor. Die Goͤtter ſpotten mein. Kaum ſchlug ich aus Hoͤchſt fuͤrſtliche Geſchenk', und muß nun betteln Bei meinem Feldherrn. Com. Was es ſey: gewaͤhrt. Cor. Ich wohnt' einmal hier in Corioli Bei einem armen Mann; er war mir freundlich; Er rief mich an; ich ſah ihn als Gefangnen; Doch da hatt' ich Aufidius im Geſicht, Und Wuth beſiegte Mitleid. Gebt, ich bitte, Frei meinen armen Wirth. Com. O ſchoͤne Bitte! Waͤr' er der Moͤrder meines Sohn's, er ſollte Frei ſeyn, ſo wie der Wind. Entlaßt ihn, Titus. Tit. Marcius, ſein Nam'? Cor. Bei Jupiter! vergeſſen— Ich bin erſchoͤpft.— Ja— mein Gedächtniß ſchwindet. Iſt hier nicht Wein? Com. Gehn wir zu unſern Zelten. Das Blut auf Eurem Antlitz trocknet. Schnell Muͤßt Ihr verbunden werden. Kommt.(Alle ab.) * 26 Coriolanus. A. I. Sz. 10. Zehnte Szene. (Trompetenſtoß. Tullus Aufidius tritt auf, blutend, zwei Krieger mit ihm.) Aufidius. Die Stadt iſt eingenommen. 4. Rrieg. Sie geben auf Bedingung ſie zuruͤck.. Auf. Bedingung!— Ich wollt', ich waͤr ein Roͤmer; denn als Volsker Kann ich nicht ſeyn das was ich bin.— Bedingung!— Was fuͤr Bedingung kann wohl der erwarten, Der ſich auf Gnad' ergab? Marcius, fuͤnf Mal Focht ich mit dir, ſo oft auch ſchlugſt du mich, Und wirſt es, denk' ich, treffen wir uns auch So oft wir ſpeiſen.— Bei den Elementen! Wenn ich je wieder, Bart an Bart, ihn treffe, Muß ich ihn ganz, muß er mich ganz vernichten: 1 Vicht mehr, wie ſonſt, iſt ehrenvoll mein Reid; 6 Denn, dacht' ich ihn mit gleicher Kraft zu tilgen, Ehrlich im Kampf, hau' ich ihn jetzt wie's kommt, Wuth oder Liſt vernicht' ihn. 1. Rrieg. Teufel iſt er! Auf. Kuͤhner; doch nicht ſo ſchlau. Vergiftet iſt Mein Muth, weil er von ihm den Flecken duidet, Verlaͤugnet eignen Werth. Nicht Schlaf noch Tempel; Ob nackt, ob krank; nicht Capitol noch Altar, Der Prieſter Beten, nach des Opfers Stunde, Vor denen jede Wuth ſich legt, erheben Ihr abgenutztes Vorrecht gegen mich Und meinen Haß auf ihn. Wo ich ihn finde, Daheim, in meines Bruders Schutz, ſelbſt da, Dem gaſtlichen Gebot zuwider, wuͤſch' ich Die wilde Hand in ſeinem Herzblut. Geht,— Erforſcht wie man die Stadt bewahrt, und wer Als Geißel muß nach Rom. 1. Rrieg. Wollt Ihr nicht gehn? Auf. Man wartet meiner im Cypreſſen⸗Wald, Suͤdwaͤrts der Muͤhlen; dahin bringt mir Nachricht, Wie die Welt geht, daß ich nach ihrem Schrit Anſporne meinen Lauf. 1. Brieg. Das will ich, Herr. (Alle ab.) Coriolanus. 2 ei. Erſte Szene. (Es treten auf Menenius, Sicinius und Brutus.) Menenius. Der Augur ſagte mir, wir wuͤrden heut Nachricht er⸗ halten. Brut. Gute oder ſchlimme? Men. Nicht nach dem Wunſch des Volks; denn ſie lie⸗ ben den Maycius nicht. Sic. Natur lehrt die Thiere ſelbſt ihre Freunde kennen. Wen. Sagt mir: Wen liebt der Wolf? Sic. Das Lamm. Men. Es zu verſchlingen, wie die hungrigen Plebejer den edlen Marcius moͤchten. Brut. Nun, der iſt wahrhaftig ein Lamm, das wie ein Baͤr bloͤckt. Mien. Er iſt wahrhaftig ein Baͤr, der wie ein Lamm lebt.— Ihr ſeyd zwei alte Maͤnner: Sagt mir nur eins, was ich Euch fragen will. Brut. Gut, Herr. Men. In welchem Unfug iſt Marcius arm, in welchem Ihr beide nicht reich ſeyd? Brut. Er iſt nicht arm an irgend einem Fehler, ſon⸗ dern mit allen ausgeſtattet. Sic. Vorzuͤglich mit Stolz. Brut. Und im Prahlen uͤbertrifft er jeden andern. WMen. Das iſt doch ſeltſam! Wißt Ihr beide wohl wie Ihr in der Stadt beurtheilt werdet? Ich meine von uns, aus den hoͤhern Staͤnden. Brut. Nun, wie werden wir denn beurtheilt? Wen. Weil Ihr doch eben vom Stolz ſprachet— Wollt Ihr nicht boͤſe werden? Brut. Nur weiter, Herr, weiter. Men. Nun, es iſt auch gleichguͤltig; denn ein ſehr kleiner Dieb von Gelegenheit raubt Euch wohl einen ſehr großen Vorrath von Geduid, Laßt Eurer Gemuͤthsart den * 28 Coriolanus. A. II. Zuͤgel ſchießen, und werdet boͤſe ſo viel Ihr Luſt habt, we⸗ nigſtens wenn es Euch Vergnuͤgen macht es zu ſeyn. Ihr tadelt Marcius wegen ſeines Stolzes? Brut. Wir thun es nicht allein, Herr. Men. Das weiß ich wohl. Ihr koͤnnt ſehr wenig allein thun; denn Eure Helfer ſind viele; ſonſt wuͤrden auch Eure Thaten außerordentlich einfaͤltig heraus kommen; Eure Faͤhigkeiten ſind allzu kindermaͤßig um Vieles allein zu thun. Ihr ſprecht von Stolz.— O! koͤnntet Ihr den Sack auf Eurem Ruͤcken ſehn und eine gruͤndliche Ueber⸗ ſchau Eures eignen edlen Selbſt anſtellen.— Ol koͤnntet Ihr das!— 2 Brut. Und was dann? Men. Ei! dann entdecktet Ihr ein paar ſo verdienſt⸗ loſe, ſtolze, gewaltſame, hartkoͤpfige Magiſtratsperſonen (alias Narren), als nur irgend welche in Rom. Sic. Menenius, Ihr ſeyd auch bekannt genug. Men. Ich bin bekannt als ein luſtiger Patricier, und einer, der einen Becher heißen Weines liebt, mit keinem Tropfen Tiberwaſſer gemiſcht. Man ſagt, ich ſey etwas ſchwach darin, immer den erſten Klaͤger zu beguͤnſtigen; haſtig und entzuͤndbar bei zu kleinen Veranlaßungen; einer der mit dem Hintertheil der Nacht mehr Verkehr hat als mit der Stirn des Morgens. Was ich denke ſag' ich, und verbrauche meine Bosheit in meinem Athem. Wenn ich zwei ſolchen Staatsmaͤnnern begegne wie Ihr ſeyd(Lykurguſſe kann ich Euch nicht nennen), und das Getraͤnk was Ihr mir bietet meinem Gaumen widerwaͤrtig ſchmeckt, ſo mache ich ein krauſes Geſicht dazu. Ich kann nicht ſagen: Euer Edlen haben die Sache ſehr gut vorgetragen, wenn ich den Eſel aus jedem Eurer Worte heraus gucken ſehe; und ob⸗ wohl ich mit denen Geduld haben muß welche ſagen, Ihr ſeyd ehrwuͤrdige, ſtattliche Maͤnner, ſo luͤgen doch die ganz abſcheulich, welche behaupten Ihr haͤttet gute Geſichter. Wenn Ihr dieß auf der Landkarte meines Mikrokosmus entdeckt; folgt daraus, daß ich auch bekannt genug bin? Welch Unheil leſen Eure blinden Scharfſichtigkeiten aus dieſem Charakter heraus, um ſagen zu koͤnnen, daß ich auch bekannt genug bin? Brut. Geht, Herr, geht! Wir kennen Euch gut genug. Men. Ihr kennt weder mich, Euch ſelbſt, noch irgend etwas. Ihr ſeyd nach der armen Schelmen Muͤtzen und Kratzfuͤßen ehrgeizig. Ihr bringt einen ganzen, ausge⸗ Sz. 1. Coriolanus. 29 ſchlagenen Vormittag damit zu, einen Zank zwiſchen einem Pomeranzenweibe und einem Knecipſchenken abzuhoͤren; und vertagt dann die Streitfrage uͤber drei Pfennig auf den naͤchſten Gerichtstag.— Wenn Ihr das Verhoͤr uber irgend eine Angelegenheit zwiſchen zwei Parteien habt, und es trifft ſich, daß Ihr von der Kolik gezwickt werdet, ſo macht Ihr Geſichter wie die Poſſenreißer; ſteckt die blutige Fahne gegen alle Geduld auf, und verlaßt, nach eiuem Nachttopf bruͤllend, den Proceß blutend, nur noch verwickelter durch Euer Verhoͤr: Ihr ſtiftet keinen andern Frieden in dem Handel, als daß Ihr beide Parteien Schurken nennt. Ihr ſeyd ein paar ſeltfame Creaturen! Brut. Geht, geht! man weiß recht gut von Euch, daß Ihr ein beßrer Spaßmacher bei der Tafel ſeyd, als ein unentbehrlicher Beiſitzer auf dem Capitol. Men. Selbſt unſre Prieſter muͤſſen Spoͤtter werden, wenn ihnen ſo laͤcherliche Geſchoͤpfe aufſtoßen wie Ihr. Wenn Ihr auch am zweckmaͤßigſten ſprecht, ſo iſt es doch das Wackeln Eurer Baͤrte nicht werth; und fuͤr Eure Bärte waͤre es ein zu ehrenvolles Grab, das Kiſſen eines Flick⸗ ſchneiders zu ſtopfen, oder in eines Eſels Packſattel einge⸗ ſargt zu werden. Und doch muͤßt Ihr ſagen: Marcius iſt ſtolz! der, billig gerechnet, mehr werth iſt als alle Eure Vorfahren, ſeit Deucalion; wenn auch vielleicht einige der Beſten von ihnen erbliche Henkersknechte waren. Ich wuͤnſch' Euer Gnaden einen guten Abend; laͤngere Unterhaltung mit Euch wuͤrde mein Gehirn anſtecken, denn Ihr ſeyd ja die Hirten des Plebejer⸗Viehes. Ich bin ſo dreiſt mich von Euch zu beurlauben. (Brutus und Sicinius ziehen ſich in den Hintergrund zurück. Volumnia, Virgilia und Valeria kommen.) Wie geht's, meine eben ſo ſchoͤnen als edeln Dainen? Luna ſelbſt, wandelte ſie auf Erden, waͤre nicht edler. Wohin folgt Ihr Euren Augen ſo ſchnell? ol. Ehrenwerther Menenius, mein Sohn Marcius kommt. Um der Juno willen, halt' uns nicht auf. nen. Wie! Marcius komint zuruͤck? Vol. Ja, theurer Menenius, und mit der herrlichſten Auszeichnung. Wien. Da haſt du meine Muͤtze, Jupiter, und meinen Dank. Ha! Marcius kommt! Beide Frauen. Ja, es iſt wahr. Vol. Seht, hier iſt ein Brief von ihm; der Senat hat 30 Coriolanus. A. II. auch einen, ſeine Frau einen, und ich glaube zu Hauſe iſt noch einer fuͤr Euch. Men. Mein ganzes Haus muß heut Nacht herum⸗ tanzen. Ein Brief an mich? Pirg. Ja, gewiß, es iſt ein Brief fuͤr Euch da, ich habe ihn geſehn⸗ Men. Ein Brief an mich! das macht mich fuͤr ſieben Jahr geſund; in der ganzen Zeit will ich dem Arzt ein Geſicht ziehen. Das herrlichſte Recept im Galen iſt dage⸗ gen nur Quackſalbſudelei, und gegen dieß Bewahrungs⸗ mittel nicht beſſer als ein Pferdetrank. Iſt er nicht ver⸗ wundet? Sonſt pflegte er verwundet zuruͤck zu kommen. irg. O! nein, nein, nein! S Ol er iſt verwundet, ich danke den Goͤttern dafuͤr. Men. Das thue ich auch, wenn es nicht zu arg iſt. er Sieg in der Taſche mit?— Die Wunden ſtehn ihm gut. Pol. Auf der Stirn, Menenius. Er kommt zum dritten Mal mit dem Eichenkranz heim. Wen. Hat er den Aufidius tuͤchtig in die Lehre ge⸗ nommen? Vol. Titus Lartius ſchrieb: ſie fochten mit einander, aber Aufidius entkam. Wen. Und es war Zeit fuͤr ihn, das kann ich ihm verſichern. Haͤtte er ihm Stand gehalten, ſo haͤtte ich nicht moͤgen ſo gefidiuſt werden, fuͤr alle Kiſten in Corioli und das Gold was in ihnen iſt. Iſt das dem Senat gemeldet? Pol. Liebe Frauen, laßt uns gehn. Ja, ja, ja!— Der Senat hat Briefe vom Feldherrn, der meinem Sohn allein den Ruhm dieſes Krieges zugeſteht. Er hat in die⸗ ſem Feldzug alle ſeine fruͤhern Thaten uͤbertroffen. Gewiß, es werden wunderbare Dinge von ihm erzaͤhlt. Men. Wunderbar? Ja, ich ſtehe Euch dafuͤr, nicht ohne ſein wahres Verdienſt. Pirg. Geben die Götter daß ſie wahr ſeyen! Pol. Wahr! pah! Men. Wahr? Ich ſchwore daß ſie wahr ſind.— Wo iſt er verwundet? czu den Tribunen.) Gott troͤſte Euer liebwertheſten Gnaden; Marcius kommt nach Hauſe, und Sz. 1. Coriolanus. 31 hat nun noch mehr Urſach ſtolz zu ſeyn.— Wo iſt er ver⸗ wundet? Vol. In der Schulter und am linken Arm. Das wird große Narben geben„ſie dem Volk zu zeigen, wenn er um ſeine Stelle ſich bewirbt. Als Tarquin zuruͤck geſchlagen wurde, bekam er ſieben Wunden an ſeinem Leib. WMien. Eine im Nacken und zwei im Schenkel, es ſind neun, ſo viel ich weiß. Pol. Vor dieſem letzten Feldzuge hatte er fuͤnfundzwan⸗ zig Wunden. mMen. Nun ſind es ſiebenundzwanzig, und jeder Riß war eines Feindes Grab.(Trompeten und Freudengeſchrei.) Hoͤrt die Trompeten! Pol. Sie ſind des Marcius Fuͤhrer! Vor ſich traͤgt er Gejauchz der Luſt, läßt Thränen hinter ſich. Der ſchwarze Tod liegt ihm im nerv'gen Arm; Erhebt er ihn, ſo ſturzt der Feinde Schwarm. (Trompeten. Es treten auf Cominius, und Titus Lar⸗ tius, zwiſchen ihnen Coriolanus mit einem Eichenkranz ge⸗ ſchmückt, Anführer, Krieger, ein Herold.) Zer. Rund ſey dir, Rom, daß Marcius ganz allein Focht in Corioli, und mit Ruhm erwarb Zu Cajus Marcius einen Namen: dieſer Folgt ruhmvoll: Cajus Marcius Coriolanus. Gegruͤßt in Rom, beruͤhmter Coriolanus! (Trompeten.) Alle. Gegruͤßt in Nom, beruͤhmter Coriolanus! Cor. Laßt's nun genug ſeyn, denn es kraͤnkt mein erz. Genug, ich bitte! Com. Sieh, Freund, deine Mutter. Cor. O! Ich weiß, zu allen Göttern flehteſt du Fuͤr mein Gelingen. Cer kniet vor ihr nieder.) PVol. Nein; auf, mein wackrer Krieger, Mein edler Marcius, wuͤrd'ger Cajus, und Durch thaterkaufte Ehren neu benannk: Wie war's doch? Coriolan muß ich dich nennen? Doch ſieh, dein Weib. Cor. Mein lieblich Schweigen; Heil St du gelacht, kam auf der Bahr' ich heim, a weinend meinen Sieg du ſchauſt? O, Liebe! —— 32 Coriolanus. A. II. So in Corioli ſind der Wittwen Augen, Der Muͤtter, Soͤhne klagend. Wen. Die Goͤtter kroͤnen dich! Cor. Ei, lebſt du noch? Czu Sti) ¹ edle Frau, verzeiht! Pol. Wohin nur wend' ich mich? Willkommen heim! Willkommen Feldherr! Alle ſind willkommen! Men. Willkommen tauſendmal. Ich koͤnnte weinen Und lachen; ich bin leicht und ſchwer. Willkommen! Ein Fluch entwurzle eines jeden Herz, Der nicht mit Freuden dich erblickt. Euch drei Muß Nom vergoͤttern.— Doch, auf Treu und Glauben! Polzaͤpfel, alte, ſtehn noch hier, die niemals Durch Pfropfen ſich veredeln. Heil Euch, Krieger! ie Neſſel nennen wir nur Neſſel, und Der Narren Fehler Narrheit. Com. Stets der Alte! Cor. Immer Menenius, immer. Zer. Platz da! Weiter. Cor. Czu Frau und Mutter.) Deine Hand, und deine. Eh noch mein eignes Haus mein Haupt beſchattet, Beſuch' ich erſt die trefflichen Patricier, Von denen ich nicht Gruͤße nur empfing, Auch mannigfache Ehren. Pol. Ich erlebt' es, Erfuͤllt zu ſehn den allerhoͤchſten Wunſch, Den kuͤhnſten Ban der Einbildung. Rur Eins Fehlt noch, und das, ich zweifle nicht, Wird unſer Rom dir ſchenken. Cor. Gute Mutter, Ich bin auf meinem Weg ihr Sclave lieber, Als auf dem ihrigen mit ihnen Herrſcher. Com. Zum Capitol. (Trompetenhörner. Sie gehn alle im feierlichen Zuge ab wie ſie kamen. Die ee Brut. Von ihm ſpricht jeder Mund; das blodſte Auge Wird ſcharf, ihn ſehend. Die geſchwaͤtz'ge Amme, In der Verzuckung, laͤßt den Saͤugling ſchrein Von ihm herplappernd. Seht, die Kuͤchenmagd Knuͤpft um den rauch'gen Hals ihr beſtes Leinen, Die Wand erkletternd, Buden„Baͤnk' und Fenſter IHI. n! Sz. 1. Coriolanus. 33 Gefuͤllt; das Dach beſetzt, der Forſt beritten Mit vielerlei Geſtaltung; alle einig In Gier, nur ihn zu ſchaun. Es drangen ſich Faſt nie geſeh'ne Prieſter durch den Schwarm, Und ſtoßen, um beim Poͤbel Platz zu finden; Verhuͤllte Frau'n ergeben Weiß und Roth Auf zartgeſchonter Wang' dem wilden Raub Von Phoͤbus Feuerkuſſen. Solch ein Wirrwarr, Als wenn, ſey's irgend ein Gott, der mit ihm iſt, Sich ſtill in ſeine Menſchenart geſchlichen, Und ihm der Anmuth Zauber mitgetheilt. Sic. Im Umſehn, glaubt mir, wird er Conſul ſeyn. Brut. Dann ſchlafe unſer Amt, ſo lang' er herrſcht. Sic. Er kann nicht mäß'gen Schritts die Wuͤrden tragen Vom Anfang bis zum Ziel; er wird vielmehr Verlieren den Gewinn. Brut. Das iſt noch Troſt. Sic. O, zweifelt nicht, das Volk, fuͤr das wir ſtehn, Vergißt, nach angeborner Bosheit, leicht Auf kleinſten Anlaß dieſen neuſten Glanz; Und daß er Anlaß giebt, iſt ſo gewiß, Als ihn ſein Hochmuth ſpornt. Brut. Ich hoͤrt' ihn ſchwören, Wuͤrb' er um's Conſulat, ſo woll' er nicht Erſcheinen auf dem Marktplatz; noch ſich huͤllen In's abgetragne, ſchlichte Kleid der Demuth; S, wie die Sitt' iſt, ſeine Wunden zeigend Dem Volk, um ihren uͤbeln Athem betteln. Sic. Gut! Brut. So war ſein Wort. Eh⸗ giebt er's auf, als daß Er's nimmt, wenn nicht der Adel ganz allein Es durchſetzt mit den Vatern. Sic. Hoͤchſt erwuͤnſcht! Bleibt er nur bei dem Vorſatz, und erfuͤllt ihn, Kommt's zur Entſcheidung. Brut. Glaubt's, er wird es thun. Sic. Dieß, ſo gewiß wie unſte Lieb' zu ihm, Iſt dann ſein ſichrer Sturz. Brut. Der muß erfolgen, Sonſt fallen wir. Zu dieſem Endzweck denn Bereden wir das Volk, daß er ſie ſtets V.. 3 34 Coriolanus. Gehaßt; und, hätt' er Macht, zu Eſeln ſie Umſchafft', verſtummen hieße ihre Sprecher, Und ihre Freiheit bräche, ſie ſo haltend, In Faͤhigkeit des Geiſt's und Kraft zu handeln, Von nicht mehr Seel' und Thatkraft fuͤr die Welt, Als das Kameel im Krieg, das nur ſein Futter Erhaͤlt, um Laſt zu tragen; herbe Schlaͤge, Wenn's unter ihr erliegt. Sic. Dieß eingeblaſen, Wenn ſeine Frechheit einſt im hoͤchſten Flug Das Volk belehrt;(woran's nicht fehlen wird Bringt man ihn auf, und das iſt leichter noch Als Hund' auf Schafe hetzen;) wird zur Gluth, Ihr duͤrr Geſtruͤpp zu zuͤnden, deſſen Dampf Ihn ſchwaͤrzen wird auf ei3 (Ein Bote tritt auf.) Brut. Nun, was giebt's? Bote. Ihr ſeyd auf's Capitol geladen. Sicher Glaubt man, daß Marcius Conſul wird. Ich ſah Die Stummen draͤngen, ihn zu ſehn, die Blinden Ihn zu vernehmen, Frauen warfen Handſchuh, Jungfrau'n und Maͤdchen Baͤnder hin und Tuͤcher, Wo er vorbei ging; die Patricier neigten Wie vor des Jovis Bild. Das Volk erregte Mit Schrein und Muͤtzenwerfen Donner⸗Schauer. So etwas ſah ich nie. Brut. Zum Capitol! Habt Ohr und Auge wie's die Zeit erheiſcht, Und Hetz fuͤr die Entſcheidung— Sic. Nehmt mich mit. (Alle ab.) — Zweite Szene. GSwei Rathsdiener, welche Polſter legen.) 1. Rathsd. Komm, komm. Sie werden gleich hier ſeyn. Wie viele werben um das Conſulat? 2. Rathsd. Drei, heißt es; aber jedermann glaubt, daß Coriolanus es erhalten wird⸗ 1. Rathsd. Das iſt ein wackrer Geſell; aber er iſt verzweifelt ſtolz, und liebt das gemeine Volt nicht. Sz. 2 Coriolanus. 35 2. Rathsd. Ei! es hat viel große Maͤnner gegeben, die dem Volk ſchmeichelten, und es doch nicht liebten. Und es giebt Manche, die das Volk geliebt hat, ohne zu wiſſen, warum. Alſo wenn ſie lieben, ſo wiſſen ſie nicht, weshalb, und ſie haſſen aus keinem beſſern Grund; darum, weil Coriolanus ſich nicht darum kuͤmmert, ob ſie ihn lieben oder haſſen, beweiſet er die richtige Einſicht, die er von ihrer Gemuͤthsart hat; und ſeine edle Sorgloſigkeit zeigt ihnen dieß deutlich. 1. Rathsd. Wenn er ſich nicht darum kuͤmmerte, ob ſie ihn lieben oder nicht, ſo wuͤrde er ſich unparteiiſch in der Mitte halten, und ihnen weder Gutes noch Boͤſes thun; aber er ſucht ihren Haß mit groͤßerm Eifer, als ſie es ihm erwiedern koͤnnen, und unterlaͤßt nichts, was ihn vollſtändig als ihren Gegner zeigt. Nun, ſich die Miene geben, daß man nach dem Haß und dem Mißvergnuͤgen des Volkes ſtrebt, iſt ſo ſchlecht wie das, was er verſchmaͤht, ihnen, um ihrer Liebe willen, zu ſchmeicheln. 2. Rathsd. Er hat ſich um ſein Vaterland ſehr ver⸗ dient gemacht. Und ſein Aufſteigen iſt nicht auf ſo beque⸗ men Staffeln, wie jener, welche geſchmeidig und hoͤflich gegen das Volk, mit geſchwenkten Muͤtzen, ohne weitre That, Achtung und Ruhm einfingen. Er aber hat ſeine Verdienſte ihren Augen, und ſeine Thaten ihren Herzen ſo eingepflanzt, daß, wenn ihre Zungen ſchweigen wollten, und dieß nicht eingeſtehn, es eine Art von undankbarer Be⸗ ſchimpfung ſehn wuͤrde; es zu laͤugnen, waͤre eine Bosheit, die, indem ſie ſich ſelbſt Luͤgen ſtrafte, von jedem Hhr, das ſie hoͤrte, Vorwurf und Tadel erzwingen muͤßte. 1. Rathsd. Nichts mehr von ihm, er iſt ein wuͤrdiger Mann. Mach Platz, ſie kommen. (Trompeten. Es treten auf: der Co nſul Cominius, dem die Lictoren vorausgehn, Menenius, Coriolanus, meh⸗ rere Senatoren, Sicin ius und Brutus. Senatoren und Tribunen nehmen ihre Plätze.) jenenius. Da ein Beſchluß gefaßt, der Volsker wegen, Und wir den Titus Lartius heim berufen, Bleibt noch als Haupt⸗Punkt dieſer zweiten Sitzung, Des Helden edlen Dienſt zu lohnen, der. So fuͤr ſein Vaterland gekaͤmpft.— Geruht dann, Ehrwuͤrd'ge, ernſte Vaͤter, und erlaubt Ihm, der jetzt Conſul iſt, und Feldherr war 3 36 Coriolanus. A. II. In unſerm wohlbeſchloß'nen Krieg, ein wenig Zu ſagen von dem edlen Werk, vollfuͤhrt Durch Cajus Marcius Coriolanus, den Wir hier erwarten, dankbar ihn zu gruͤßen Durch Ehre, ſeiner werth. 1. Sen. Cominius, ſprich⸗ Laß, als zu lang, nichts aus. Wir glauben eh', Daß unſerm Staat die Macht zu lohnen fehlt, Als uns der weit'ſte Wille. Volts⸗Vertreter, Wir bitten Euer freundlich Ohr, und dann Eu'r guͤnſtig Fuͤrwort beim gemeinen Volk, Daß gelte, was wir wuͤnſchen. Sic. Wir ſind hier Auf freundliches Vernehmen; unſre Herzen Nicht abgeneigt, zu ehren, zu befoͤrdern Ihn, der uns hier verſammelt. Brut. Um ſo lieber Thun wir dieß freud'gen Muths, gedenkt er auch Des Volks mit beß'rem Sinn, als er bisher Es hat geſchaͤtzt. Men. Das paßt nicht, paßt hier nicht. Ihr haͤttet lieber ſchweigen ſoll'n. Gefaͤllt's Euch, Cominius anzuhoͤren? Brut. Herzlich gern. Doch war mein Warnen beſſer hier am Platz, Als der Verweis. WMien. Er liebt ja Euer Volk; Doch zwingt ihn nicht ihr Schlafgeſell zu ſeyn. Edler Cominius, ſprich. (Coriolanus ſteht auf und will gehn.) Nein, bleib nur ſitzen. 1. Sen. Bleib', Coriolanus, ſchaͤm⸗ dich nicht zu hoͤren, Was edel du gethan. Cor. Verzeiht mir, Väter, Eh' will ich noch einmal die Wunden heilen, Als hoͤren, wie ich dazu kam. Brut. Ich hoffe Mein Wort vertrieb Euch nicht. Cor. O nein! doch oft Hielt ich den Streichen Stand, und floh vor Worten. Nicht ſchmeichelt und drum kränkt Ihr nicht. Eu'r Volk Das lieb' ich nach Verdienſt. Wen. Setzt Euch. Sz. 2. Coriolanus. 37 Cor. Eh ließ' ich Im warmen Sonnenſchein den Kopf mir kratzen, Wenn man zum Angriff blaͤßt; als muͤßig ſitzend, Mein Nichts zum Fabelwerk vergroßern hoͤren. Cgeht ab.) Men. Volks⸗Vertreter! Wie koͤnnt' er Eurem Buntgewimmel ſchmeicheln, o Einer gut im Tauſend? wenn Ihr ſeht, Er wagt eh' alle Glieder für den Ruhm, Als eins von ſeinen Ohren ihn zu hoͤren? Cominius, fahre fort. Com. Mir fehlt's an Stimme. Coriolanns Thaten Soll man nicht ſchwach verkuͤnden. Wie man ſagt, Iſt Muth die erſte Tugend, und erhebt Zumeiſt den Eigner; iſt es ſo, ſo wiegt Den Mann, von dem ich ſprech', in aller Welt Kein andrer auf. Mit ſechzehn Jahren ſchon, Da, als Tarquin Rom uͤberzog, da focht er Voraus den Beſten. Der Dictator, hoch Und groß geprieſen ſtets, ſah ſeinen Kampf: Wie mit dein Kinn der Amazon' er jagte Die baͤrt'gen Lippen; zog aus dem Gedraͤnge Den hingeſtuͤrzten Roͤmer; ſchlug drei Feinde Im Angeſicht des Conſuls; traf Tarquin, Und ſtuͤrzt' ihn auf das Knie. An jenem Tag, Als er ein Weib konnt' auf der Buͤhne ſpielen, Zeigt er ſich ganz als Mann im Kampf: zum Lohn Ward ihm der Eichen⸗Kranz. Sein zartes Alter Gereift zum Manne, wuchs er, gleich dem Meer, Und ſeit der Zeit, im Sturm von ſiebzehn Schlachten, Streift' er den Kranz von jedem Schwerdt. Sein Letztes, Erſt vor, dann in Corioli, iſt ſo, Daß jedes Lob verarmt. Die Flieh'nden hemmt' er, Und durch ſein hohes Beiſpiel ward dem Feigſten Zum Spiel das Schreckniß. So wie Binſen tauchen Dem Schiff' im Segeln, wichen ihm die Menſchen, Und ſchwanden ſeinem Streich. Sein Schwerdt, Tod⸗ ſtempel Schnitt, wo es fiel, von Haupt zu Fuͤßen inttt Vernichtung war er; jegliche Bewegung Hallt Sterberoͤcheln nach. Allein betrat er Das Todesthor der Stadt, das er bemalt Mit unentrinnbar'm Weh; tritt, keiner half ihm, * 38 Coriolanus. A. I. Heraus, und ſchlaͤgt mit plotzlicher Verſtaͤrkung Die Stadt, wie Goͤtterkraft. Sein iſt nun Alles, Da plotzlich weckt ihm Schlachtgetoſe rufend Den wachen Sinn, und ſchnell den Muth verdoppelnd Belebt ſich friſch ſein arbeitmuͤder Leib: Er ſiuͤrzt in neuen Kampf, und ſchreitet nun Blut dampfend uͤber Menſchenleben hin, Als folg' ihm Mord und Tod. Und bis wir Stadt Und Schlachtfeld unſer nannten, ruht' er nicht, Um Athem nur zu ſchoͤpfen. Wen. Wuͤrd'ger Mann! 4. Sen. Im vollſten Maaß iſt er der Ehre werth, Die ſeiner harrt. Com. Die Beute ſtieß er weg. Koſtbare Dinge ſah er an, als waͤr's Gemeiner Staub und Kehricht; wen'ger nimmt 65 Als ſelbſt der Geiz ihm gaͤbe. Ihm iſt Lohn Fuͤr Großthat, ſie zu thun. Zuͤfrieden iſt er Sein Leben ſo zu opfern ohne Zweck. WMien. Er iſt von wahrem Adel. Ruft ihn her. 1. Sen. Ruft Coriolanus. 1. Rathsdiener. Er tritt ſchon herein. (Coriolanus kommt zurück.) Men. Mit Freud' ernennt dich, Coriolan, zum Conſu Der ſaͤmmtliche Senat. Cor. Stets weih' ich ihm Mein Leben, meinen Dienſt. Men. Jetzt bleibt nur noch, Daß du das Volk anredeſt. Cor. Ich erſuch' Euch: Erlaßt mir dieſen Brauch; denn ich kann nicht Das Kleid anthun, entbloͤßt ſtehn und ſie bitten. Um ihre Stimmen, meiner Wunden wegen. Erlaubt die Sitte zu umgehn. Sic, Das Volk, Herr, Muß Euer Werben haben, laͤßt nicht fahren Den kleinſten Punkt des Herkomm's.: Men. Reizt es nicht. Nein, bitte! fugt Euch dem Gebrauch, und nehmt, Wie es bisher die Conſuln all' gethan, Die Wuͤrd' in ihrer Form. 22 Cor. ss iſt eine Rolle, Die ich errothend ſpielz auch war' es gut, Sz. 3. Coriolanus. 39 Dem Volke dieß zu nehmen. Brut. Hoͤrt Ihr das? Cor. Vor ihnen prahlen: dieß that ich und das; Geheilte Schmarren zeigen, die ich bergen ſollte, Als haͤtt' ich ſie um ihres Athems Lohn Allein bekommen.— Men. Nein, du mußt dich fuͤgen. Ihr Volks⸗Tribunen, Euch empfehlen wir: Macht den Entſchluß bekannt. Dem edlen Conſul alle Freud' und Ehre! enatoren. Den Coriolanus kroͤne Freud' und Ehre! (Trompeten. Die Senatoren gehn.) Brut. Ihr ſeht, wie er das Volk behandeln will. ic. Wenn ſie's nur merkten. Er wird ſie erſuchen, Als hoͤhnt' er ſie, daß er von ihnen bittet, Was ſie gewaͤhren koͤnnen. Brut. Doch ſogleich Erfahren ſie, was hier geſchah. Ich weiß, Sie warten unſer auf dem Markt. 8(Sie gehn ab.) D ri tte S 5en (Mehrere Bürger treten auf.) 1. Buͤrger. Ein und fuͤr allemal: wenn er unſte Stimmen verlangt, koͤnnen wir ſie ihm nicht abſchlagen. 2. Bürg. Wir koͤnnen, Freund, wenn wir wollen. 3. Burg. Wir haben freilich die Gewalt: aber es iſt eine Gewalt, die wir nicht Gewalt haben zu gebrauchen. Denn wenn er uns ſeine Wunden zeigt und ſeine Thaten erzaͤhlt, ſo muͤſſen wir unſte Zungen in dieſe Wunden legen, und fuͤr ihn ſprechen; ebenſo, wenn er uns ſeine edlen Thaten mittheilt, ſo muͤſſen wir ihm unſre edle An⸗ erkennung derſelben mittheilen. Undankbarkeit iſt unge⸗ heuer; wenn die Menge nun undankbar waͤre, das hieße aus der Menge ein Ungehener machen; wir, die wir Glie⸗ der S ſind, wuͤrden ja dadurch Ungeheuer⸗Glieder werden. 40 Coriolanus. A. II. 1. Buͤrg. Und es fehlt wenig, daß wir fuͤr nichts beſ⸗ ſer gehalten werden; denn dazumal, als wir wegen des Korns einen Aufſtand machten, ſcheute er ſich nicht, uns die vielkoͤpfige Menge zu nennen. 3. Buͤrg. So hat uns ſchon Mancher genannt. Nicht weil von unſern Koͤpfen einige ſchwarz, einige ſchaͤckig, und einige kahl ſind; ſondern weil unſer Witz ſo vielfarbig iſt; und das glaube ich wahrhaftig, auch wenn alle unſre Witze aus ein und demſelben Schaͤdel herausgelaſſen wuͤrden, ſo floͤgen ſie nach Oſt, Weſt, Nord und Suͤd: und wollte jeder ſeinen graden Weg ſuchen, ſo wuͤrden ſie zugleich auf allen Punkten des Compaſſes ſeyn. 2. Bürg. Glaubſt du das? Wohin, denkſt du, wuͤrde dann mein Witz fliegen? 3. Bürg. H! dein Witz kann nicht ſo ſchnell heraus, als der von andern Leuten; denn er iſt zu feſt in einen Klotzkopf eingekeilt; aber wenn er ſeine Freiheit hätte, ſo wuͤrde er gewiß ſuͤdwaͤrts fliegen. 2. Bürg. Warum dahin? 3. Bürg. Um ſich in einem Nebel zu verlieren: waͤ⸗ ren nun drei Viertel davon in faulem Dunſt weggeſchmol⸗ jen, ſo wuͤrde der letzte Theil aus Gewiſſenhaftigkeit zuruck⸗ ommen, um dir zu einer Frau zu verhelfen. „ Bürg. Du haſt immer deine Schwaͤnke im Kopf. Schon gut, ſchon gut! 3. Buürg. Seyd ihr alle entſchloſſen, Eure Stimmen zu geben? Aber das macht nichts; die groͤßere Zahl ſetzt es durch. Ich bleibe dabei: wenn er dem Volke geneigter waͤre, ſo gad es nie einen beſſern Mann. (Coriolanus und Menenius treten auf.) Hier kommt er! und zwar in dem Gewand der Demuth. Gebt Acht auf ſein Betragen.— Wir muͤſſen nicht ſo bei⸗ ſammen bleiben; ſondern zu ihm gehn, wo er ſteht, ein⸗ zeln, oder zu zweien und dreien. Er muß jedem beſonders eine Bitte vortragen: dadurch erlangt der Einzelne die Ehre, ihm ſeine eigne Stimme mit ſeiner eignen Zunge zu geben. Darum folgt mir, und ich will Euch anweiſen, wie Ihr zu ihm gehn ſollt. Alle. Recht ſo, recht ſo! (Sie gehn ab.) Wien. Nein, Freund, Ihr habt nicht recht. Wißt Ihr denn nicht, Die groͤßten Maͤnner thaten's. —— —— —,———— Sz. 3. Coriolanus. 41 . Cor. Was nur ſag' ich? Ich bitte!— Herr.— Verdammt! ich kann die Zunge In dieſen Gang nicht bringen. Seht die Wunden— Im Dienſt des Vaterland's empfing ich ſie, Als ein'ge Eurer Bruͤder bruͤllend liefen Vor unſern eig'nen Trommeln. Wen. Nein.— Ihr Göoͤtter! Nicht davon muͤßt Ihr reden. Nein, ſie bitten, An Euch zu denken. Cor. An mich denken! haͤngt ſie! Vergaͤßen ſie mich lieber, wie die Tugend, Umſonſt von Prieſtern eingeſchaͤrft. WMen. Ich bitte! Verderbt nicht alles, ſprecht ſie anz doch, bitt' ich, Anſtaͤnd'ger Weiſo. (Es kommen zwei Vürger.) Cor. Heiß ihr Geſicht ſie waſchen, Und ihre Zaͤhne rein'gen. Ach! da kommt ſo'n Paar! Ihr wißt den Grund, weshalb ich hier bin, Freund. 1. Burg. Ja wohl; doch ſagt, was Euch dazu ge⸗ bracht? Cor. Mein eigner Werth. 2. Burg. Euer eigner Werth? Cor. Ja. Nicht Mein eigner Wunſch. 1. Burg. Wie! nicht Euer eigner Wunſch? Cor. Nein, Fteund! nie war's mein eigner Wunſch, mit Bettel Den Armen zu belaͤſt'gen. 1. Bürg. Ihr muͤßt denken: Wenn wir Euch Alles geben, iſt's in Hoffnung Durch Euch auch zu gewinnen. Cor. Gut, ſagt mir denn den Preis des Conſulats. 1. Buͤrg. Der Preis iſt: freundlich drum zu bitten. Cor. Freundlich? Ich bitte, goͤnnt mir's. Wunden kann ich zeigen, Wenn wir allein ſind— Eure Stimme, Herr! Was ſagt Ihr? 2. Buͤrg. Wurd'ger Mann, Ihr ſollt ſie haben. Cor. Geſchloͤhner Kauf! Zwei edle Stimmen alſo ſchon erbettelt. Eure Pfenn'ge hab' ich!— Geht! 1. Buͤrg. Doch das iſt ſeltſam. 42 Coriolanus. A. II. 2. Buͤrg. Muͤßt' ich ſie nochmals geben— Doch— mein'thalb. (Sie gehn ab. Zwei andre Bürger kommen.) Cor. Ich bitte Euch nun, weun ſich's zu dem Tone Eurer Stimmen paßt, daß ich Conſul werde; ich habe hier den uͤblichen Rock an. 3. Bürg. Ihr habt Euch edel um GEuer Vaterland gemacht, und habt Euch auch nicht edel verdient gemacht. Cor. Euer Raͤthſel? 3. Burg. Ihr waret eine Geißel fuͤr ſeine Feinde; Ihr waret eine Ruthe fur ſeine Freunde. Ihr habt, die Wahrheit zu ſagen, das gemeine Volk nicht geliebt. Cor. Ihr ſolltet mich für ſo tugendhafter halten, da ich meine Liebe nicht gemein gemacht habe. Freund, ich will meinem geſchwornen Bruder, dem Volk, ſchmeicheln, um eine beßre Meinung von ihm zu erndten; es iſt ja eine Eigenſchaft, die ſie hoch anrechnen. Und da der Weisheit ihrer Wahl mein Hut lieber iſt als mein Herz, ſo will ich mich auf die einſchmeichelnde Verbeugung uͤben, und mich mit ihnen abfinden auf ganz nachaͤffende Art. Das heißt, Freund, ich will die Bezauberungskunſte irgend eines Volks⸗ freundes nachaͤffen, und den Verlangenden hoͤchſt freigebig mittheilen. Deßhalb bitt' ich Euch: laßt mich Conſul werden. 4. Bürg. Wir hoffen uns in Euch einen Freund zu erwerben, und geben Euch darum unſre Stimmen herzlich gern. 3. Buͤrg. Ihr habt auch mehrere Wunden fuͤr das Va⸗ terland empfangen. Cor. Ich will Eure Kenntniß nicht dadurch beſiegeln, daß ich ſie Euch zeige. Ich will Eure Stimmen ſehr hoch ſchaͤtzen, und Euch nun nicht laͤnger zur Laſt fallen. Beide Bürger. Die Göoͤtter geben Euch Freude, das wuͤnſchen wir aufrichtig. (Die Bürger gehen ab.) Cor. O ſuͤße Stimmen! Lieber verhungert, lieber gleich geſtorben; Als Lohn erbetteln, den wir erſt erworben. Warum ſoll hier mit Wolfsgeheul ich ſtehn, Um Hinz und Kunz und jeden anzuflehn Um nutzlos Fuͤrwort? Weil's der Brauch verfuͤgt. Doch wenn ſich alles vor Gebraͤuchen ſchmiegt, Sz. Z. Coriolanus. 43 Wird nie der Staub des Alters abgeſtreift, Berghoher Jrrthum wird ſo aufgehaͤuft, Daß Wahrheit nie ihn uͤberragt. Eh zahm, Voch Narr ich bin, ſey aller Ehrenkram Dem, den's geluͤſtet.— Halb iſt's ſchon geſchehn, Viel uͤberſtanden, mag's nun weiter gehn. (Drei andre Bürger kommen.) Mehr Stimmen noch!— Eure Stimmen! denn fuͤr Eure Stimmen focht' ich, Fuͤr Eure Stimmen wacht' ich, fuͤr Eure Stimmen Hab' ich zwei Dutzend Narben; achtzehn Schlachten Hab' ich geſehn, gehoͤrt; fuͤr Eure Stimmen Gethan ſehr Vieles, minder, mehr. Eure Stimmen! Gewiß, gern waͤr' ich Conſul. 5. Buͤrg. Er hat edel gehandelt, und kein redlicher Mann kann ihm ſeine Stimme verſagen. 6. Buͤrg. Darum laßt ihn Conſul werden. Die Goͤt⸗ ter verleihen ihm Gluͤck, und machen ihn zum Freund des Volkes. Alle. Amen, Amen! Gott ſchuͤtz' dich, edler Conſul! Cor. Wuͤrd'ge Stimmen! (Die Bürger gehn ab. Menenius, Sicinius und Bru⸗ tus treten auf.) Men. Ihr gnuͤgtet jetzt der Vorſchrift. Die Tribunen Erhoͤhen Euch durch Volkes⸗Stimm', es bleibt nur, Daß im Gewand der Wuͤrde Ihr alsbald Nun den Senat beſucht. Cor. Iſt dieß nun aus? Sic. Genuͤgt habt Iht dem Brauche des Erſuchens, Das Volk bewaͤhrt Euch, und Ihr ſeyd geladen Zur Sitzung, um beſtaͤtigt gleich zu werden. Cor. Wo? im Senat? Sic. Ja, Coriolanus, dort. Cor. Darf ich die Kledder wechſeln? 2 Sie. Ja, ihr durft es. Cor. Das will ich gleich; und kenn⸗ ich ſelbſt mich wieder, Mich zum Senat verfuͤgen. Wien. Ich geh' mit Euch. Wollt Ihr uns nicht be⸗ gleiten? Brut. Wir harren hier des Volks. „ 44 Coriolanus. A. II. Sic. Gehabt Euch wohl. (Coriolan und Menenius gehn ab.) Er hat's nun, und, mich duͤnkt, ſein Blick verrieth, Wie's ihm am Herzen liegt. Brut. Mit ſtolzem Herzen trug er Der Demuth Kleid. Wollt Ihr das Volk entlaſſen? (Die Bürger kommen zurück.) Sic. Nun, Freunde, habt Ihr dieſen Mann erwaͤhlt? 1. Bürg. Ja, unſre Stimmen hat er. Brut. Die Goͤtter machen werth ihn Eurer Liebe. 2. Bürg. Amen! Nach meiner armen, ſchwachen Einſicht Verlacht' er uns, um unſrte Stimmen bittend. 3. Bürg. Gewiß, er hoͤhnt' uns gradezu. 4. Bürg. Nein, das iſt ſeine Art; er hoͤhnt' uns nicht. 2. Burg. Du biſt der Einz'ge, welcher ſagt, er habe Uns ſchmaͤhlich nicht behandelt; zeigen ſollt' er Die Ehrenmal', fuͤr's Vaterland die Wunden. Sic. Nun, und das that er doch? Mehrere Buͤrg. Nein, Keiner ſah ſie. 3. Bürg. Er habe Wunden, in geheim zu zeigen, Sprach er, und ſo den Hut veraͤchtlich ſchwenkend: de moͤchte Conſul ſeyn;— doch, alter Brauch rlaubt es nicht, als nur durch Eure Stimmen. Drum Eure Stimmen.— Als wir eingewilligt, Da hieß es: Dank fuͤr Eure Stimmen, dank' Euch. Q ſuͤße Stimmen! nun Ihr gabt die Stimmen, Stoͤr ich Euch laͤnger nicht.— War das kein Hohn? Sic. Ihr waret bloͤde, ſcheint's, dieß nicht zu ſehn; Und, ſaht ihr's, allzu kindiſch freundlich; doch Die Stimmen ihm zu leihn. Brut. Was? ſpracht Ihr nicht, Nach Anweiſung? Als er noch ohne Macht, Und nur des Vaterlands geringer Diener, Da war er Euer Feind, ſprach ſtets der Freiheit Entgegen, und den Rechten, die Ihr habt Im Koͤrper unſers Staats, und zun erhoben Zu maͤcht'gem Einfluß und Negierung ſelbſt,— Wenn er auch da mit boͤſem Sinn verharrt, Feind der Plebejer, koͤnnten Eure Stimmen Zum Fluch Euch werden. Konntet Ihr nicht ſagen: Gebuͤhr' auch ſeinem edlen Thun nichts Mindres, Als was er ſuche, mog' er doch mit Huld, Sz. 3. Coriolanus. 45 Zum Lohn fuͤr Eure Stimmen, Euer denken, Verwandelnd ſeinen Haß fuͤr Euch in Liebe, Euch Freund und Goͤnner ſeyn? Sic. Spracht Ihr nun ſo, Wie man Euch rieth, ſo ward ſein Geiſt erregt, Sein Sinn gepruͤft; ſo ward ihm abgelockt Ein guͤtiges Verſprechen, woran Ihr, Wenn Urſach ſich ergab, ihn mahnen konntet. Wo nicht, ſo ward ſein trotzig Herz erbittert, Das keinem Punkt ſich leicht bequemt, der irgend Ihn binden kann; ſo, wenn in Wuth gebracht, Nahm't Ihr den Vortheil ſeines Zornes wahr, Und er blieb unerwaͤhlt. Brut. Bemerktet Ihr, Wie er Euch frech verhoͤhnt' indem er bat, Da Eure Lieb er brauchte? Wie— und glaubt Ihr Es werd' Euch nicht ſein Hohn zermalmend treffen, Wenn ihm die Macht ward? War in all den Koͤrpern Denn nicht Ein Herz? Habt Ihr nur deshalb Zungen, Weisheit, Vernunft zu uͤberſchrein? Sie. Habt Ihr Nicht Bitten ſonſt verſagt? und jetzo, ihm Der Euch nicht bat, nein hoͤhnte, wollt Ihr ſchenken Die Stimmen, die ſonſt jeder ehrt? 3. Bürg. Noch ward er nicht ernannt, wir koͤnnen's weigern. 2. Bürg. Und wollen's weigern. Fuͤnfhundert Stimmen ſchaff ich von dem Klang. 1. Burg. Ich doppelt das, und ihre Freund' als Zuthat. Brut. So macht Euch eilig fort! Sagt dieſen Freunden, Sie waͤhlten einen Conſul, der der Freiheit Sie wird berauben, und ſo ſtimmlos machen, Wie Hunde, die man für ihr Kläffen ſchlägt Und doch zum Klͤffen haͤlt. Sie. Verſammelt ſie Und widerruft, nach reiferm Urtheil, alle Die uͤbereilte Wahl. Denkt ſeines Stolzes, Wie ſeines alten Groll's auf Euch. Vergeßt nicht Wie er der Demuth Kleid mit Abſcheu trug. Wie flehend er Euch hoͤhnt. Nur Eure Liebe, Gedenkend ſeiner Dienſte, hindert' Euch Zu ſehn, wie ſein Benehmen jetzt erſchien, * 46 Coriolanus. A. II. Sz. 3. Das achtungslos und ſpoͤttiſch er geſtaltet, Nach eingefleiſchtem Haß. Brut. Legt alle Schuld Uns, den Tribunen, bei, und ſprecht, wir draͤngten Euch, keines Einwurfs achtend, ſo, daß ihr Ihn waͤhlen mußtet. Sic. Sagt, Ihr ſtimmtet bei Mehr, weil wir's Euch befohlen, als geleitet Von eigner, wahrer Lieb'; und Eu'r Gemuͤth Erfullt von dem mehr was Ihr ſolltet thun, Als was Ihr wolltet, gabt ihr Eure Stimmen Ganz gegen Euren Sinn. Gebt uns die Schuld. Brut. Ja, ſchont uns nicht; ſagt, daß wir Euch gepredigt: Wie jung er ſchon dem Vaterland gedient, Wie lang' ſeitdem; aus welchem Stamm' er ſproßt, Dem edlen Haus der Marcier; daher kam Auch Ancus Marcius, Numas Tochter⸗Sohn, Der nach Hoſtilins hier als Koͤnig herrſchte; Das Haus gab uns auch Publius und Quintus, Die uns durch Roͤhren gutes Waſſer ſchafften; Auch Cenſorinus, er, des Volkes Liebling, Den, zweimal Cenſor, dieſer Name ſchmuͤckte, Der war ſein großer Ahn. Sic. Ein ſo Entſproßner, Der außerdem durch eignen Werth verdiente Den hohen Platz; wir ſchaͤrften ſtets Euch ein Sein zu gedenken; doch da Ihr erwaͤgt (Meſſend ſein jetz'ges Thun mit dem vergangnen) Er werd' Euch ewig Feind ſeyn, widerruft Ihr Den uͤbereilten Schluß. Brut. Sagt, nimmer waͤr's geſchehn, (Darauf kommt ſtets zuruͤck) ohn' unſern Antrieb. Und eilt, wenn Ihr die Stimmenzahl gezogen, Auf's Capitol. WMiehrere Bürger. Das woll'n wir. Alle faſt Bereu'n ſchon ihre Wahl. (Die Buͤrger gehn ab.) Brut. So geht's denn fort; Denn beſſer iſt's den Aufſtand jett zu wagen, Der ſpaͤter noch gefaͤhrlicher ſich zeigt. Wenn er, nach ſeiner Art, in Wuth geraͤth A. III. Sz. 1. Coriolanus. 47 Durch ihr Verweigern, ſo bemerkt und nuͤtzt Den Vortheil ſeines Zorns. Sic. Zum Capitol! Kommt, laßt uns dort ſeyn vor dem Strom des Volkes; Dieß ſoll, wie's gleichſam iſt, ihr Wille ſcheinen, Was unſer Treiben war. C(ſie gehn ab.) D 5 Aufzug. — Erſte Szene. (Hörner, es treten auf Coriolanus, Menenius, Comi⸗ nius, Titus Lartius, Senatoren und Patricier.) — Coriolan. Tullus Aufidius drohte denn von neuem? Tit. Er that's; und das war auch die Urſach, ſchneller Den Frieden abzuſchließen. Cor. So ſtehn die Volsker, wie ſie fruͤher ſtanden; Bereit, wenn ſich der Anlaß beut, uns wieder Zu uͤberziehn. Com. Sie ſind ſo matt, o Conſul! Daß wir wohl kaum in unſerm Lebensalter Ihr Banner fliegen ſehn. Cor. Saht Ihr Aufidius? Tit. Ich gab ihm Sicherheit; er kam und fluchte Ergrimmt den Volskern, die ſo niedertraͤchtig Die Stadt geräͤumt. Er lebt in Antium jetzt. Cor. Sprach er von mir? Tit. Das that er, Freund. Cor. Wie? was? Tit. Wie oft er, Schwerdt an Schwerdt, euch ange⸗ rannt; Daß er, von allen Dingen auf der Welt, Euch haſſe zumeiſt; ſein Gut woll' er verpfaͤnden Ohn' Hoffnung des Erſatzes, konn' er nur Euer Sieger heißen. * 48 Coriolanus. A. III. Cor. Dort in Antium lebt er? Tit. In Antium. Cor. Ol haͤtt' ich Urſach dort ihn aufzuſuchen, Zu trotzen ſeinem Haß! Willkommen hier. (Sicinius und Brutus treten auf.) Ha! ſeht, das da ſind unſte Volks-Tribunen, Zungen des großen Mundes; mir veraͤchtlich Weil ſie mit ihrer Amtsgewalt ſich bruͤſten Mehr als der Adel dulden kann. Sie. Nicht weiter! Cor. Ha! was iſt das? Brut. Es iſt gefaͤhrlich, geht Ihr— Zuruͤck! Cor. Woher der Wechſel? WMen. Was geſchah? Com. Ward er vom Adel nicht und Volk beſtätigt? Brut. Cominins, nein. Cor. Hatt' ich von Kindern Stimmen? 1. Sen. Macht Platz, Tribunen. Er ſoll auf den WMarkt. Brut. Das Volk iſt gegen ihn empoͤrt. Sie. Halt ein! Sonſt Unheil uͤberall. Cor. Dieß Eure Heerde? Die muͤſſen Stimmen haben, jetzt zum Ja Und gleich zum Nein?— Und Ihr, was ſchafft denn Ihr? Seyd Ihr das Maul, regiert nicht Ihre Zaͤhne? Habt Ihr ſie nicht gehetzt? Mien. Seyd ruhig, ruhig! Cor. Das iſt nur ein Complot und abgekartet, Um die Gewalt des Adels zu zerbrechen. 8 Duldet's— und lebt mit Volk, das nicht kann herrſchen Und nicht beherrſcht ſeyn. Brut. Nennt es nicht Complot. Das Volk ſchreit, Ihr verhoͤhntet es, und damals Als Korn umſonſt vertheilt ward, murrtet Ihr; Schmaͤhtet die Volks⸗Vertreter, ſchaltet ſie Des Adels Feinde, Schmeichler, Zeitendiener. Cor. Nun, dieß war laͤngſt bekannt. Brut. Allein nicht Allen⸗ Cor. Gabt Ihr die Weiſung ihnen jetzt? Brut. Ich, Weiſung? Sz. 1. Coriolanus. 49 Cor. Solch Thun ſieht Euch ſchon ähnlich. Brut. Aehnlich wohl, Um Euer Thnn auf jeden Fall zu beſſern. Cor. Und dennoch ſollt' ich S Beim immell Sey ich verdienſtlos denn wie Ihr, und werd⸗ ich Eu'r Mit⸗Tribun. Sic. Ihr zeigt zu viel von dem, Weshalb das Volk ſich reht. Wollt Ihr die Bahn, Die Ihr begannt, vollenden, ſucht den Weg, Den Ihr verloren habt, mit ſanfterm Geiſt; Sonſt koͤnnt Ihr nimmermehr als Conſul herrſchen, Noch als Tribnn zur Seit' ihm ſtehn. Men. Seyd ruhig! Com. Das Volk ward aufgehetzt. Fort!— ſolche Falſchheit Ziemt Nömern nicht. Verdient hat Coriolan Nicht, daß man ehrlos dieſen Stein ihm lege In ſeine Ehrenbahn. Cor. Vom Korn mir ſprechen? Dieß war mein Wort, und ich will's wiederholen. WMen. Nicht jetzt, nicht jetzt! 1. Sen. Nicht jetzt in dieſer Hitze. Cor. Bei meinem Leben, jetzt laßt mich gewaͤhren, Ihr Freunde! Ihr vom Adel! Feſt ſchau' die ſchmutz'ge, wankelmuͤth'ge Menge Mich an, der ich nicht ſchmeichle, und beſpiegie Sich ſelbſt in mir.— Ich ſag' es wiederum: Wir ziehn, ſie haͤtſchelnd, gegen den Senat,! Unkraut der Rebellion, Frechheit, Empoͤrung, Wofuͤr wir ſelbſt gepflügt, den Saamen ſtreuten, a wir mit uns, der edlern Zahl, ſie mengten, Die keine andre Macht und Tugend miſſen Als die ſie ſelbſt an Bettler weggeſchenkt. Mien. Nun gut, nichts mehr! 1. Sen. Kein Wort mehr, laßt Euch bitten. Cor. Wie! nicht mehr? Hab' ich mein Blut fuͤr's Vaterland vergoſſen Furchtlos dem fremden Draͤun, ſo ſoll die Bruſt Laut ſchelten bis ſie bricht, Ausſaͤtzge ſchmaͤhend, Vor deren Peſt uns graut, und ſtreben doch ihnen angeſteckt zu ſeyn. . 4 „ 50 Coriolanus. A. III. Brut. Ihr precht vom Volk, Als waͤret Ihr ein Gott, geſandt zu ſtrafen, Und nicht ein Menſch, ſo ſchwach wie ſie. Siec. Gut waͤr' es, Wir ſagten dieß dem Volk. Wen. Wie! ſeinen Zorn? Cor. Zorn! Waͤr' ich ſo ſanft wie mitternaͤcht'ger Schlaf, Beim Jupiter! dieß waͤre meine Meinung. Sic. Und dieſe Meinung Soll bleiben in ſich ſelbſt verſchloßnes Gift, Nicht andre mehr vergiften noch. Cor. Soll bleiben? Hoͤrt Ihr der Gruͤndlinge Triton? bemerkt Ihr Sein herrſchend Soll? Com.'s war ungeſetzlich. Cor. Soll! Du guter, aber hoͤchſt unkluger Adel!. Ehrbare, doch achtloſe Senatoren! Wie gebt Ihr ſo der Hydra nach, zu wäͤhlen Den Diener, der mit eigenmaͤcht'gem Soll, (Er nur Trompet' und Klang der Ungeheuer,) Frech Enre Strom in ſumpf'gen Teich will leiten, Und Eure Macht auf ſich.— Hat er Gewalt, Neigt Euch als bloͤdgeſinnt; wenn keine, weckt Die Langmuth, die Gefahr bringt. Seyd Ihr weiſe, Gleicht nicht gemeinen Thoren; ſeyd Ihr's nicht, Legt ihnen Polſter hin.— Ihr ſeyd Plebejer, Wenn Senatoren ſie; ſie ſind nichts mindres, Wenn durch der Stimmen Miſchung nur nach ihnen Das Ganze ſchmeckt. Sie waͤhlten ſich Beamten,— Und dieſen, der ſein Soll entgegen ſetzt, Sein poͤbelhaftes Soll, weit wuͤrd'germ Rath 4 Als Griechenland nur je verehrt. Beim Zeus, Beſchimpft wird ſo der Conſul, und mein Herz weint, Zu ſehn, wie, wenn zwei Maͤchte ſich erheben Und keine herrſcht, Verderben, ungeſaͤumt, Dringt in die Luͤcke zwiſchen beid', und ſtürzt Die eine durch die andre. Com. Gut, zum Marktplatz. Cor. Wer immer rieth das Korn der Vorrathöhaͤuſer Zu geben unentgeldlich, wie's gebraͤuchlich Manchmal in Griechenland— Sz. 1. Coriolanus. 51 WMen. Genng! nicht weiter. Cor.(Obgleich das Volk dort frei're Macht beſaß) Der, ſag' ich, naͤhrt Empoͤrung, führt herbei 2 Den Untergang des Staats. Brut. Wie kann das Volk Dem ſeine Stimme geben, der ſo ſpricht? Cor. Ich geb' Euch Gruͤnde Mehr werth als ihre Stimmen: Korn, ſie wiſſen's, War nicht von uns ein Dank; ſie waren ſicher, Sie thaten nichts dafuͤr: zum Krieg geworben, Als ſelbſt des Vaterlandes Herz erkrankte, Da wollte keiner aus dem Thor: der Eifer Verdient nicht Korn umſonſt; hernach im Krieg, hr Meutern und Empoͤren, ihres Muthes Erhabne Proben, ſprachen ſchlecht ihr Lob.— Die Klage, Womit ſie oftmals den Senat beſchuldigt, Aus ungebornem Grund, kann nie erzeugen Ein Recht auf freie Schenkung. Nun— was weiter? Wie mag ſo vielgetheilter Schlund verdaun'n Die Göte des Senats? Die Thaten ſprechen Was Worte ſagen moͤchten. Wir verlangten's, Wir ſind der groͤßre Hauf'; und ſie, recht furchtſam, Sie gaben was wir heiſchten.— So erniedern Wir unſer hohes Amt, ſind Schuld, daß Poͤbel Furcht unſre Sorgfalt ſchilt. Dieß bricht dereinſt Die Schranken des Senats, und laͤßt die Kraͤhen Hinein, daß ſie die Adler hacken. Men. Kommt! Genug. Brut. Genng im Uebermaß. Cor. Nein! nehmt noch mehr: Was nur den Schwur, ſey's goͤttlich, menſchlich, heiligt, Beſiegle meinen Schluß. Die Doppelherrſchaft, Wo dieſer Theil mit Grund verachtet, jener Den andern grundlos ſchmaͤht; wo Adel, Macht und Weisheit Nichts thun kann, ohne jenes Ja und Nein Des großen Unverſtand's— dieß muß verdraͤngen Was wahrhaft noͤthig iſt, um Raum zu geben Unhaltbar Schlechtem— Recht, ſo abgeſperrt, Folgt nun, es kann nichts Richtiges geſchehn— Darum beſchwoͤr' ich Euch! Ihr, die Ihr wen'ger zaghaft ſeyd als veſſ * 52 Coriolanus. Die Ihr mehr liebt des Staates feſte Gruͤndung Als Aendrung ſcheut, die hoͤher ſtets geachtet Ein edles Leben als ein langes; die Nicht fuͤrchtet, durch gewagte Kur zu retten Den Leib vom ſichern Tod— Mit eins reißt aus Die vielgeſpaltne Zung', laßt ſie nicht lecken Dieß Suͤß, was ihnen Gift iſt. Eur' Entehrung Verſtuͤmmelt Weisheit, Recht, und raubt dem Staat Die Lauterkeit, die ihn verklaͤren ſollte; So daß ihm Macht fehlt, Gutes, das er moͤchte, Zu thun, weil ihn das Boͤſe ſtets verhindert. Brut. Er ſprach genug. Sic. Er ſprach als Hochverraͤther, Und ſoll es buͤßen, wie's Verraͤthern ziemt. Cor. Elender du! Schmach ſey dein Was ſoll das Volk Was ſoll's mit den kahlkoͤpfigen Tribunen? Anhangend ihnen, weigerts den Gehorſam Der hoͤhern Obrigkeit. In einem Aufruhr, Da nicht das Recht, nein, da die Noth Geſetz war, Da wurden ſie gewaͤhlt— Zu beßrer Zeit Sagt von dem Recht nun kühn: dieß iſt das Recht, Und ſchleudert in den Staub hin ihre Macht. Brut. Offner Verrath! Sic. Der da ein Conſul? Rein. Brut. He! die Aedilen her! laßt ihn verhaften. Sic. Geht, ruft das Volk. (Brutus geht ab.) Ich ſelbſt, in ſeinem Namen, Ergreife dich als Neurer und Empoͤrer Und Feind des Staats— Folg', ich befehl es dir, Um Rechenſchaft zu ſtehn. Cor. Fort, alter Bock! Senatoren und Patricier. Wir ſchutzen ihn. Wien. Die Hand weg, alter Mann! Cor. Fort, morſches Ding, ſonſt ſchuͤttl' ich deine Knochen Dir aus den Kleidern. Sic. Helft! Ihr Buͤrger, helft! (Brutus kommt zurück mit den Aedilen und einer Schaar Bürger.) Men. Mehr Achtung beiderſeits. Sz. 1. Coriolanus. 53 Sic. Hier iſt er, welcher Euch Der Macht berauben will. Brut. Greift ihn, Aedilen. Die Buͤrg. Nieder mit ihm! zu Boden! (Geſchrei von allen Seiten.) Waffen! Waffen! (Alle drängen ſich um Coriolan.) 2. Sen. Tribunen! Edle! Buͤrger! Haltet! Ha! Sicinius! Brutus! Coriolanus! Buͤrger! Die Buͤrg. Den Frieden haltet! Frieden! Haltet Alle! Men. Was wird draus E 6 Ich bin außer them, Es droht uns Untergang! Ich kann nicht, ſprecht Tribunen, Ihr zum Volk. Coriolanus, ruhig! Sprich, Freund Sicinius. Sie. Hoͤrt mich, Buͤrger. Ruhig! Die Burg. Hoͤrt den Tribun. Still! Rede, rede, rede. Sic. Ihr ſeyd daran, die Freiheit zu verlieren. Marcius will alles von Euch nehmen, Marcius, Den eben Ihr zum Conſul waͤhltet. Men. Pfui! Dieß iſt der Weg zu zuͤnden, nicht zu loͤſchen. 1. Sen. Die Stadt zu ſchleifen, Alles zu zerſtoͤren. Sic. Was iſt die Stadt wohl als das Volt? Die Bürg. Ganz recht! Das Volk nur iſt die Stadt. Brut. Durch aller Einſtimmung ſind wir erwaͤhlt Als Obrigkeit des Volks. Die Buͤrg. Und ſollt es bleiben. Wien. Ja, ſo ſieht's aus⸗ Com. Dieß iſt der Weg um Alles zu zerſtoͤren, Das Dach zu ſturzen auf das Fundament, Und zu begraben jede Rangordnung In Truͤmmerhaufen!— Sic. Dieß verdient den Tod! Brut. Jetzt gilt's, daß unſer Anſehn wir behaupten Oder verlieren. Wir erklaͤren hier Im Namen dieſes Volks, durch deſſen Macht Wir ſind erwaͤhlt fuͤr ſie: Marcius verdient Sogleich den Tod. Sic. Deshalb legt Hand an ihn. —— 54 Coriolanus. A. M. Bringt zum Tarpej'ſchen Felſen und ven dort Stuͤrzt in Vernichtung ihn. Brut. Aedilen, greift ihn. Die Bürg. Ergieb dich, Marcins, Wien. Hoͤrt ein einzig Wort! Tribunen, hoͤrt! ich bitt' Euch, nur ein Wort. Aedil. Still, ſtil! Men, Seyd was Ihr ſcheint, Frennde des Vaterlands. Ergreift mit weiſer Maͤß'gung, was gewaltſam Ihr herzuſtellen ſtrebt. Prut. Die kalten Mittel, Sie ſcheinen kluge Huͤlf' und ſind nur Gift, Wenn ſo die Krankheit raſ't. Legt Hand an ihn! Und ſchleppt ihn auf den Fels. or. Nein, gleich hier ſterb' ich. (er zieht ſein Schwerdt.) Es ſah wohl mancher ynter Euch mich kaͤmpfen. Kommt, und verſucht nun ſelbſt, was Ihr nur ſaht. Men, Fort mit dem Schwerdt. ſteht uruck⸗ Brut. Legt Hand an ihn. Wen. Helft, helft dem Marcins! helft! Ihr hier vom Adel, helft ihm, jung und alt! Die Buͤrg. Nieder mit ihm; Mieder mit ihm! (Handgemenge, die Tribunen, die Aedilen und das Volk werden hinaus getrieben.) Men. Geh! fort nach deinem Haus! enteile ſchnell! Zu Grund' geht Alles ſonſt. 2. Sen. Fort! Cor. Haltet Stand⸗ Wir haben eben ſo viel Freund' als Feinde. WMen. Soll's dahin kommen? 1. Sen. Das verhuͤtet, Goͤtter! Mein edler Freund, ich bitte, geh nach Haus. Laß uns den Schaden heilen. Wen. Du kannſt nicht Die eigne Wunde pruͤfen. Fort, ich bitte. Com. Freund, geh hinweg mit uns. Wen. O! waͤren ſie Barbaren!(und ſie ſind's, Obwohl Roms Brut) nicht Roͤmer!(und ſie ſinds nicht, Obwohl gewopfen vor dem Capitol.) Komm! Sz. 1. Coriolanus. 55 Nim:n deinen edlen Zorn nicht auf die Zunge⸗ Einſt kommt uns beßre Zeit. Cor. Auf ebnem Boden Schluͤg' ich wohl ihrer vierzig. WMen. Ich auch nehm' es Mit zwei der Beſten auf, ja, den Tribnnen. Com. Doch hier iſt Uebermacht, nicht zu berechnen; Und Mannheit wird zur Thorheit, ſtemmt ſie ſich Entgegen ſtuͤrzendem Gebaͤu. Entfernt Euch, Eh' dieſer Schwarm zuruͤckkehrt, deſſen Wuth Raßt, wie gehemmter Strom, und uͤberſteigt Was ſonſt ihn niederhielt. Men. Ich bitte, geh! So ſeh ich, ob mein alter Witz noch anſchlaͤgt, Bei Leuten die nur wenig haben. Flicken Muß man den Riß mit Lappen jeder Farbe. Cor. Nun kommt! (Coriolan, Cominius und andre gehn ab.) 4 1. Patric. Der Mann hat ganz ſein Gluͤck zerſtoͤrt. Men. Sein Sinn iſt viel zu edel fuͤr die Welt. Er kann Neptun nicht um den Dreizack ſchmeicheln, Nicht Zeus um Donnern. Mund und Hetz iſt eins. Was ſeine Bruſt nur ſchafft kommt auf die Zunge, Und iſt er zornig, ſo vergißt er gleich Daß man den Tod je nannte. (Geräuſch hinter der Szene.) Ein ſchoͤner Laͤrm. 2. Patrie. O! waͤren ſie im Bett! mien. Waͤren ſie in der Tiber! Was zum Henker, Konnt' er nicht freundlich ſprechen! (Brutus, Sicinius, Bürger kommen zurück.) Sic. Wo iſt die Viper, Die unſre Stadt entvoͤlkern moͤcht', um alles In allem drin zu ſeyn? Wen. Wuͤrd'ge Tribunen— Sic. Wir ſtuͤrzen ihn von dem Tarpej'ſchen Fels Mit ſtrenger Hand; er trotzet dem Geſetz, Drum weigert das Geſetz ihm das Verhoͤr; Die Macht der buͤrgerlichen Strenge fuͤhl' er, Die ihm ſo nichtig duͤnkt. 1. Bürg. Er ſoll erfahren, Coriolanus. A. III. Des Volkes edler Mund find die Tribunen, Wir ſeine Hand. Mehrere Bürger. Er ſoll, er ſoll! Men. Freund— Sic. Still! WMen. Schreit nicht Vertilgung, wo ein maͤß'ges Jagen Zum Ziel Euch fuͤhren mag. Ihn huft ſih W kommt', daß Ihr m half't, ſich fort zu machen? WMen. Hoͤrt mich an: Wie ich den Werth des Conſuls kenne, kann ich Auch ſeine Fehler nennen. Sic. Conſul? welcher Conſul? Wen. Der Conſul Coriolan. Brut. Er Conſul? Die Buͤrg. Nein, nein, nein, nein, nein! Men. Vergoͤnnt, Ihr gutes Volk, und Ihr Tribunen, Gehoͤr, ſo moͤcht' ich ein, zwei Worte ſagen, Die Euch kein weitres Opfer koſten ſollen Als dieſe kurze Zeit. Sic. So ſaßt Euch kurz, Denn wir ſind feſt entſchloſſen, abzuthun Den gift'gen Staatsverraͤther; ihn verbannen, Laͤßt die Gefahr beſtehn; ihn hier behalten, Iſt ſichrer Tod. Drum wird ihm zuerkannt: r ſtirbt noch heut. Men. Verhuͤten das die Göͤtter! Soll unſer hohes Rom, deß Dankbarkeit Fuͤr vie verdienten Kinder ſteht verzeichnet 2 Jovis Buch, entmenſcht, verworfne Mutter, en eignen Sohn verſchlingen. 4 Sie. Ein Schad' iſt er, muß ausgeſchnitten werden. men. Ein Gilied iſt er, das einen Schaden hat, Es abzuſchneiden todtlich, leicht zu heilen. Was that er Rom, wofuͤr er Tod verdiente? Weil er die Feind' erſchlug? Sein Blut, vergoſſen (Und das, ich ſchwor's, iſt mehr als er noch hat, Um manchen Tropfen) floß nur für ſein Land;— Wird, was ihm bleibt, vergoſſen durch ſein Land, Das wär' uns allen, die es thun und dulden, Ein ew'ges Brandmaal. Sie. Das iſt nur Gewaͤſch. Sz. 1. Coriolanus. 57 Brut. Gänzlich verkehrt! Als er ſein Land geliebt, Ehrt' es ihn auch. Men. Hat uns der Fuß gedient Und wird vom Krebs geſchaͤdigt, denken wir Nicht mehr der vor'gen Dienſte? Brut. Schweigt nur ſtill. Zu ſeinem Hauſe hin! reißt ihn heraus, Damit die Anſteckung von gift'ger Art Nicht weiter fort ſich zuͤnde. Wen. Nur ein Wort. So tigerfuͤß'ge Wuth, ſieht ſie das Elend Der ungehemmten Eile, legt zu ſpat Blei an die Sohlen.— Druln verfahrt nach Recht, Daß nicht, da er beliebt, Partei'n ſich rotten, Und unſer hohes Rom durch Roͤmer falle. Brut. Wenn das geſchaͤh'! Sic. Was ſchwatzt Ihr da? Wir fuͤhlten ſchon, wie er dem Folge leiſtet. Aedilen ſchlagen! Trotz uns bieten! Kommt! Men. Erwaͤgt nur dieß! er iſt im Krieg erwachſen; Seit er ein Schwerdt mocht' heben, lernt er fein⸗ Geſiebte Sprache nicht; wirft Mehl und Kleie Nun im Gemengſel aus. Bewilligt mir, Ich geh' zu ihm und bring' ihn friedlich her, Wo nach der Form des Rechts er Rede ſteht Auf ſeine aͤußerſte Gefahr. 1. Sen. Tribunen, Die Weiſ⸗ iſt menſchlich; allzublutig wuͤrde Der andre Weg, und im Beginnen nicht Der Ausgang zu erkennen. Sic. Edler Menenius, So handelt Ihr denn als des Volks Beamter;— Ihr Leute, legt die Waffen weg. Brut. Geht nicht nach Haus. Sic. Geht auf den Markt, dort treffen wir Euch wieder Und bringt Ihr Marcius nicht, ſo gehn wir weiter Auf unſerm erſten Weg.(ab.) Mien. Ich bring' ihn Euch. „ 58 Coriolanus. A. III. (Zu den Senatoren.) Geht mit mir, ich erſuch' Euch. Er muß kommen, Sonſt folgt das Schlimmſte. 1. Sen. Laßt uns zu ihm gehn. Calle ab.) (Coriolanus tritt auf mit einigen Patriziern.) Coriolanus. Laßt ſie mir um die Ohren Alles werfen; Mir drohn mit Tod durch Rad, durch wilde Roſſe; Zehn Berg' auf den Tarpeſ'ſchen Felſen thuͤrmen, — Daß ſich der Abſturz tieſer reißt, als je Der Angen Licht; doch bleib' ich ihnen ſtets Alſo geſinnt. 1. Patr. Ihr handelt um ſo edler. (Volumnia tritt auf.) Cor. Mich wundert, wie die Mutter Mein Thun nicht billigt, die doch lump'ge Sclaven Sie ſtets genannt; Geſchoͤpfe, nur gemacht, Daß ſie mit Pfenn'gen ſchachern; baarhaupt ſtehn In der Verſalnmlung, gaͤhnen, ſtaunen, ſchweigen, Wenn einer meines Ranges ſich erhebt Redend von Fried' und Krieg. (Zu Volumnia.) Ich ſprach von Euch, Weshalb wuͤnſcht Ihr mich milder? Soll ich falſch ſeyn Der eignen Seele? Lieber ſagt, ich ſpiele Den Mann nur, der ich bin. Vol. O! Sohn, Sohn, Sohn! Haͤtt'ſt deine Macht du doch erſt angelegt, Eh du ſie abgenutzt.. Cor. Sie fahre hin!. Pol. Du konnteſt mehr der Mann ſeyn, der du biſt, Wenn du es wen'ger zeigteſt; ſchwaͤcher waren Sie deinem Sinn entgegen, hehlteſt du Nur etmas mehr wie du geſinnt, bis ihnen Die Macht gebrach, um dich zu kreuzen. Cor. Haͤngt ſie! Vol. Ja, und verbrennt ſie! Sz. 2. Coriolanus. 59 (Menenius kommt mit Senatoren.) Wien. Kommt, kemmt! ihr war't zu rauh, zu rauh. Ihr muͤßt zuroͤck, es beſſern. 1. Sen. Da hilft nichts; Denn thut Ihr dieſes nicht, reißt aus einander Die Stadt, und geht zu Grund. Vol. Ol laß dir rathen. ch hab' ein Herz, unbeugſam wie das deine, Doch auch ein Hirn, das meines Zornes Ausbruch Zu beſſerm Vortheil lenkt. Wen. Recht, edle Frau. Denn ſollt' er ſo ſein Herz zerdruͤcken, wenn's nicht Die Fieberwuth der Zeit als Mittel heiſchte; Dem ganzen Staat ſchnallt' ich die Ruͤſtung um, Die ich kaum tragen kann. Cor. Was muß ich thun? Men. Zu den Tribunen kehren. Cor. Was weiter denn? Wien. Bereu'n, was Ihr geſprochen. Cor. Um ihretwillen? Nicht kann ichs um der Göͤtter willen thun; Muß ich's denn ihretwillen thun? Vol. Du biſt zu herriſch. Magſt du auch hierin nie zu edel ſeyn; Gebietet Noth doch auch.— Du ſelbſt oft ſagteſt: Wie Ehr' und Politik als trene Frennde Im Krieg zuſammen gehn. Iſt dieß, ſo ſprich Wie ſie im Frieden wohl ſich ſchaden koͤnnen, Daß ſie in ihm ſich trennen? Cor. Pah! Men. Gut gefragt. Pol. Bringt es im Krieg dir Ehre, der zu ſcheinen, Der du nicht biſt,(und großer Zwecke halb Gebraucht ihr dieſer Politik) entehrt's nun, Daß ſie im Frieden ſoll Gemeinſchaft halten Mit Ehre, wie im Krieg, da ſie doch beiden Gleich unentbehrlich iſt? Cor. Was draͤngſt du ſo? VPol. Weil jetzt dir obliegt, zu dem Volk zu reden, Nicht gach des eignen Sinnes Unterweiſung, Noch in der Art, wie dir dein Hetz befiehlt; Mit Worten nur, die auf der Zunge wachſen, Coriolanus. Baſtard⸗Geburten, Lauten nur und Sylben, Die nicht bes Herzens Wahrheit ſind verpflichtet. Dieß, wahrlich, kann ſo wenig dich entehren, Als eine Stadt durch ſanftes Wort erobern, Wo ſonſt dein Gluck entſcheiden mußt', und Wagniß Von vielem Blutvergießen.— Ich wollte meine Art und Weiſe bergen, Wenn Freund' und Gluͤck es in Gefahr verlangten, Und blieb' in Ehr'.— Ich ſteh' hier auf dem Spiel, Dein Weib, dein Sohn, die Edlen, der Senat, Und du willſt lieber unſerm Poͤbel zeigen, Wie du kannſt finſter ſehn, als einmal laͤcheln, Um ihre Gunſt zu erben, und zu ſchuͤtzen Was ohne ſie zu Grund geht? Wien. Edle Frau! Kommt, geht mit uns, ſprecht freundlich und errettet Nicht nur, was jetzt gefaͤhrlich, nein, was ſchon Verloren war. Vol. Ich bitte dich, mein Sohn, Geh hin, mit dieſer Muͤtz' in deiner Hand, So ſtreck ſie aus, tritt nah an ſie heran, Dein Knie beruͤhr' die Stein'; in ſolchem Thun iſt Geberd' ein Redner, und der Einfalt Auge BGelehrter als ihr Ohr. Den Kopf ſo wiegend, Und oft auch ſo dein ſtolzes Herz beſtrafend, Sey ſanft, ſo wie die Maulbeer uͤberreif, Die jedem Drucke weicht. Dann ſprich zu ihnen: Du ſeyſt ihr Krieger, im Gelaͤrm erwachſen, Hab'ſt nicht die ſanfte Art, die, wie du einſaͤh'ſt, Dir noͤthig ſey, die ſie begehren duͤrften, Waͤrbſt du um ihre Gunſt; doch wollt'ſt du ſicher Dich kuͤnftig wandeln zu dem Ihrigen, So weit Natur und Kraft in dir nur reichten. Wien. Das nur gethan, So wie ſie ſagt, ſind alle Herzen dein, Denn ſie verzeihn ſo leicht, wenn du ſie bitteſt, Als ſonſt ſie muͤßig ſchwatzen. Pol. O! gieb nach! Laß dir nur dießmal rathen. Weiß ich ſchon, Du ſpraͤng'ſt eh' mit dem Feind in Feuerſchluͤnde, Als daß du ihm in Blumenlauben ſchmeichelſt. Hier iſt Cominius. S.2. Coriolanus. 61 (Cominius tritt auf.) Com. Vom Marktplatz komm' ich, Frennd, und drin⸗ gend ſcheint, Daß Ihr Euch ſehr verſtaͤrkt; ſonſt hilft Euch nur Flucht oder Sanftmuth. Alles iſt in Wuth. Men. Nur gutes Wort.. Com. Das, glaub' ich, dient am beſten, Zwingt er ſein Herz dazu. Pol. Er muß und will. Laß dich erbitten, ſag: ich will, und geh! Cor. Muß ich mit bloßem Kopf mich zeigen? Muß ich Mit niedrer Zunge Luͤgen ſtrafen ſo Mein edles Herz, das hier verſtummt? Mun gut, ich thu's. Doch kaͤm's nur auf das einz'ge Stuͤck hier an, Den Marcius, ſollten ſie zu Staub ihn ſtampfen, Und in den Wind ihn ſtrenn.— Zum Marktplatz nun. Ihr zwingt mir ẽine Noll' auf, die ich nie Natuͤrlich ſpiele. Com. Kommt, wir helfen Euch. Vol. O! hoͤr' mich, holder Sohn. Du ſagteſt oft Daß dich mein Lob zum Krieger erſt gemacht, o ſpiel, mein Lob zu erndten, eine Rolle, Die du noch nie geuͤbt. Cor. Ich muß es thun. Fort, meine Sinnesart! Komm uͤber mich, Geiſt einer Metze. Mein Krieg'sſchrei ſey verwandelt, Der in die Trommeln rief, jetzt in ein Pfeifchen, Duͤnn wie des Haͤmmlings, wie des Maͤdchens Stimme, Die Kinder einlullt; eines Buben Laͤcheln Wohn' auf der Wange mir; Schulknaben⸗Thraͤnen Verdunkeln mir den Blick; des Bettlers Zunge Reg' in dem Mund ſich; mein bepanzert Knie, as nur im Buͤgel krumm war, beuge ſich Wie deß, der Pfenn'ge fleht.— Ich will's nicht thun, Nicht ſo der eignen Wahrheit Ehre ſchlachten, Und durch des Leibs Geberdung meinen Sinn Zu ew'ger Schand' abrichten. Pol. Wie du willſt. Von dir zu betteln iſt mir groͤßre Schmach, Als dir von ihnen. Fall' Alles dann in Truͤmmer! Mehr iſt's dir, daß dein Stolz die Mutter kraͤnke, Als daß ſie die Gefahr des Starrſinns fuͤrchte. * 62 Coriolanus. A. III. Den Tod verlach' ich großgeherzt wie du⸗ Mein iſt dein Muth, ja, den ſog'ſt du von mir, Dein Stolz gehoͤrt dir ſelbſi. Cor. Sey ruhig, Mutter, Ich bitte dich!— Ich gehe auf den Markt; Schit mich nicht mehr. Als Taſchenſpieler nun Enttäuſch' ich ihre Herzen, kehre heim Von jeder Zunft geliebt. Siehſt du, ich gehe. Gzruͤß meine Frau. Ich kehr als Conſul wieder; Sonſt glaube nie, daß meine Zung' es weit Im Weg des Schmeichelns Vol. Thu was du willſt. (Sie geht ab.) Com. Fort, die Tribunen warten. Ruͤſtet Euch Mit milder Antwort; denn ſie ſind bereit, Hoͤr' ich, mit haͤrtern Klagen, als die jetzt Schon auf Euch laſten⸗ Cor. Mild, iſt die Loſung. Bitte, laßt uns gehn. Laßt ſie mit Falſchheit mich beſchuld'gen, ich Antworte ehrenvoll. Wien. Nur aber milde. Cor. Gut, milde ſey's denn, milde. (ae ab.) Dritte Szene. (Sicinius und Brutus treten auf.) Brutus. Das muß der Hauptpunkt ſeyn: daß er erſtrebt Tyranniſche Gewalt; entſchluͤpft er da, Treibt ihn mit ſeinem Volkshaß in die Enge, Und daß er nie vertheilen ließ die Beute Die den Antiaten abgenommen ward. (Ein Aedil tritt auf.) Run, kommt er? Aed. Er kommt. Brut. Und wer begleitet ihn? Aed. Der alte Menenius und die Senatoren, die Ihn ſtets beguͤnſtigt. Brut. Habt Ihr ein Verzeichniß Von allen Stimmen, die wir uns verſchafft, Geſchrieben nach der Ordnung? Sz. 3. Coriolanus. 63 Aed. Ja, hier iſt's. Brut. Habt Ihr nach Tribus ſie zſe 3 ed. Ja. Sic. So ruft nun ungeſäumt das Volk hieher, Und hoͤren ſie mich ſagen: ſo ſoll's ſeyn, Nach der Gemeinen Fug und Recht: ſey's nun Tod, Geldvuß' oder Bannz ſo laßt ſie ſchnell Jod rufen, ſag' ich: Tod! Geldbuße, ſag' ich: Buße, Auf ihrem alten Vorrecht ſo beſtehn Und auf der Kraft in der gerechten Sache. Aed. Ich will ſie unterweiſen. Brut. Und haben ſie zu ſchreien erſt begonnen, Ncht aufgehort, nein, dieſer wilde Laͤrm Muß die Vollſtreckung augenblicks erzwingen Der Strafe, die wir rufen. Aed. Wohl, ich gehe. Sie. Und mach ſie ſtark, und unſerm Wink bereit. Wann wir ihn immer geben. rut. Macht Euch dran. (Der Aedil geht ab.) Reizt ihn ſogleich zum Zorn; er iſt gewohnt Zu ſiegen, und ihm gilt als hoͤchſter Ruhm Der Widerſpruch. Einmal in Wuth, nie lenkt er Zur Maͤßigung zuruͤck; dann ſpricht er aus, Was er im Herzen hat; genug iſt dort, Was uns von ſelbſt hilft, ihm den Hals zu brechen. (Es treten auf Coriolanus, Menenius, Cominius, Senatoren und Patrizier.) Sic. Nun ſeht, hier kommt er. Wen. Sanft, das bitt' ich dich. Cor. Ja, wie ein Stallknecht, der ſür lump'gen Heller Den Schurken zehnfach einſteckt.— Hohe Goͤtter! Gebt Rom den Frieden, und den Richterſtuhlen Biederbe Maͤnner! Pflanzet Lieb' uns ein! Fullt dicht mit Friedensprunk die Tempelhallen, Und nicht mit Krieg di Straßen! 1. Sen. Amen! Amen! WMen. Ein edler Wunſch. Sic. Ihr Buͤrger, tretet naͤher. (Der Aedil kommt mit den Bürgern.) Aed. Auf die Tribnnen merkt. Gebt acht. Still! ſtill! Cor. Erſt hoͤrt mich reden. ſ „ 64 Coriolanus. A. III. Beide Tribunen. Gut, ſprecht— ruhig denn⸗ Cor. Werd' ich nicht weiter angeklagt als hier Wird Alles jetzt gleich ausgemacht? Sic. Ich frage: Ob Ihr des Volkes Stimm' Euch unterwerft, Die Sprecher anerkennt, und willig tragt Die Strafe des Geſetzes fuͤr die Fehler, Die man Euch darthun wird? Cor. Ich trage ſie. Wien. O, Buͤrger, ſeht! er ſagt, er will ſie tragen: Der Kriegesdienſte, die er that, gedenkt; Seht an die Wunden, die ſein Koͤrper traͤgt, Sie gleichen Graͤbern auf geweihtem Boden. Cor. Geritzt von Dornen, Schrammen, nur zum Lachen. Wen. Erwaͤgt noch ferner: Daß, hoͤrt Ihr ihn nicht gleich dem Buͤrger ſprechen, Den Krieger ſindet Ihr in ihm. Nehmt nicht Den rauhen Klang fuͤr boͤsgemeintes Wort; Nein, wie geſagt, ſo wie's dem Krieger ziemt, Nicht feindlich Euch. Com. Gut, gut, nichts mehr. Cor. Wie kommt's, Daß ich, einſtimmig anerkannt als Conſul, Nun ſo entehrt bin, daß zur ſelben Stunde Ihr mir die Wuͤrde nehmt? Sie. Antwortet uns. Cor. Sprecht denn,*s iſt wahr, ſo ſollt' ich ja. Sic. Wir zeih'n dich, daß du haſt geſtrebt, zu ſtuͤrzen Recht und Verfaſſung Roms, und ſo dich ſelbſt 8 Tyranniſch aller Herrſchaft anzumaßen, Und darum ſtehſt du hier als Volksverraͤther. Cor. Verraͤther!—„. Wien. Still nur, maͤßig, dein Verſprechen. Cor. Der tiefſten Hoͤlle Glut verſchling' das Volk! K Verraͤther ich! du laͤſternder Tribun! Und ſaͤßen tauſend Tod' in deinem Auge, Und packten Millionen deine Faͤuſte, Waͤren doppelt die auf deiner Luͤgnerzunge: Ich, ich ſag' dennoch dir, du luͤgſt!— die Bruſt So frei, als wenn ich zu den Goͤttern bete. Sic. Hoͤrſt du dieß, Volk? Die Buͤrger. Zum Fels mit ihm! zum Fels mit ihm! Sic. Seyd ruhig. —— Sz. 3. Coriolanus. 65 Wir brauchen nener Fehl' ihn nicht zu zeih'n: Was Ihr ihn thun ſah't, und ihn reden hoͤrtet, Wie er Euch fluchte, Eure Diener ſchlug, Streiche dem Recht erwidernd, denen trotzte, Die, machtbegabt, ihn richten ſollten; dieß, So frevelhaft, ſo hochverraͤtheriſch, Verdient den haͤrt'ſten Tod. Brut. Doch da er Dienſte Dem Staat gethan— Cor. Was ſchwatzt Ihr noch von Dienſten? Brut. Ich ſag' es, der ich's weiß. Cor. Ihr? Nien. Iſt es dieß, Was Eurer Mutter Ihr verſpracht? Com. O hoͤrt. Ich bitt' Euch. Cor. Nein, ich will nichts weiter hoͤren. Laß ſie ausrufen: Tod vom ſteilen Fels, Landfluͤcht'ges Elend, Schinden, eingekerkert Zu ſchmachten, Tag's mit Einem Korn;— doch kauft' ich Nicht fuͤr ein gutes Wort mir ihre Gnade, Nicht zaͤhmt' ich mich, fuͤr was ſie ſchenken koͤnnen, Bekaͤm ich's fuͤr nen„guten Morgen“ ſchon. Sie. Weil er, ſo viel er konnt“ von Zeit zu Zeit, Aus Haß zum Volke, Mittel hat geſucht, Ihm ſeine Macht zu rauben; und auch jetzt Als Feind ſich wehrt, nicht nur in Gegenwart Erhab'nen Rechts, nein, gegen die Beamten, Die es verwalten: in des Volkes Namen, Und unſrer, der Tribunen Macht, verbannen Wir augenblicklich ihn aus unſrer Stadt. Bei Strafe, vom Tarpej'ſchen Fels geſtuͤrzt Zu ſeyn, betret' er nie die Thore Roms. In's Volkes Namen ſag ich: So ſoll's ſeyn. Die Buͤrger. So ſoll es ſeyn! So ſoll's ſeyn! Fort mit ihm! i a 60 es ſeyn. om. Hoͤrt mich, ihr Maͤnner, Freunde ier im 5 Sic. Er iſt verurtheilt. e om. Laßt mich ſprechen. Ich war Eu'r Conſul, und Rom kann Die Spuren ſeiner Feinde ſehn. Ich liebe Des Vaterlandes Wohl mit zart'rer Ehrfurcht, V. 5 6 66 Coriolanus. A. IiI. Heilger und tiefer, als mein eignes Leben, Mehr als mein Weib, und ihres Leibes Kinder, Die Schaͤtze meines Bluts. Wollt' ich nun ſagen—— Sic. Wir wiſſen was Ihr wollt. könnt Ihr agen? Brut. Zu ſagen iſt nichts mehr. Er iſt verbannt Als Feind des Volks und ſeines Vaterlands. So ſoll's ſeyn. Die Bürger. So ſoll's ſeyn! ſo ſoll es ſeyn! Cor. Dů ſchlechtes Hundepack! deß Hauch ich haſſe, Wie fauler Suͤmpfe Dunſt; deß Gunſt mir theuer, Wie unbegrab'ner Maͤnner todtes Aas, Das mir die Luft vergiſtt.— Ich banne dich! Bleibt hier zuruͤck mit Eurem Unbeſtand, Der ſchwaͤchſte Laͤrm mach' Euer Herz erbeben, En'r Feind mit ſeines Helmbuſchs Nicken faͤchle Euch in Verzweiflung; die Gewait habt immer, Zu bannen Eure Schuͤtzer— bis zuletzt Eurr ſtumpfer Sinn, der glaubt, erſt wenn er fuͤhlt, Der nicht einmal Euch ſelbſt erhalten kann, Stets Feind Euch ſelbſt, Euch endlich unterwerfe Als hoͤchſt verworf'ne Sclaven, einem Volk, Das ohne Schwertſtreich Euch gewann.— So ſchmaͤhend Euch, Eure Stadt,— wend' ich ſo meinen Ruͤcken— Noch anderswo giebt's eine Welt. (Coriolanus, Cominius, Menenius, Senatoren und Patricier gehen ab Aed. Des Volkes Feind iſt fort! iſt fort! iſt fort! Die Burger. Verbannt iſt unſer Feind! iſt fort Ho! Ho! (Sie jauchzen und werfen ihre Mützen.) Sic. Geht, ſeht ihm nach zum ii und olgt ihm Wie er Euch ſonſt mit bitterm Schmäh u verfolite, Kraͤnkt ihn, wie er's verdient.— Laßt eine Wache Uns durch die Stadt begleiten. Die Burger. Kommt, kommt! ihm nach, ʒum Thor hinaus, ſo kommt! Edle Tribunen, Euch der Götter Schutz! (Alle ab.) Sz. 4. Coriolanus. 67 Vi rre Szeme (Es treten auf Coriolanus, Volumnia, Virgilia Menenius, Cominius nnd mehrere junge Patricier.) Coriolanus. Nein, weint nicht mehr. Ein kurz Leb'wohl. Das Thier Mit vielen Koͤpfen ſtoßt mich weg. Ei, Mutter! Wo iſt dein alter Muth? Du ſagteſt oft: Es ſey das Ungluͤck Pruͤſſtein der Gemuͤther, Gemeine Noth trag' ein gemeiner Menſch, Es ſegl' auſ ſtiller See mit gleicher Kunſt Ein jedes Boot; doch tiefe Todeswunden, Die Gluͤck in guter Sache ſchlaͤgt, verlangten Den hoͤchſten Sinn.— Du ludeſt oft mir auf Belehrungen, die unbezwinglich machten Die Herzen, die ſie ganz durchdrangen. Pirg. O Himmel! Himmel! Cor. Nein, ich bitte, Frau— Pol. Die Peſtilenz treff' alle Zuͤnfte Roms, Und die- Gewerke Tod! Cor. Was, was! Ich werde Geliebt ſeyn, wenn ich bin gemißt. Nun Mutter! Wo iſt der Geiſt, der ſonſt dich ſagen machte, Waͤr'ſt du das Weib des Herkules geweſen, Sechs ſeiner Thaten haͤtteſt du gethan, Und deinem Mann ſo vielen Schweiß erſpart? Cominius! Friſch auf! Gott ſchuͤtz Euch!— Lebt wahl⸗ Frau und dntter! Mir geht's noch gut.— Menenius, alter, treuer, Satz'ger als juͤngern Manm's ſind deine Thraͤnen, Und giftig deinem Aug'. Mein weiland Feldherr, pch ſah dich finſter, und oft ſcheuteſt du Herzhaͤrtend Schauſpiel; ſag' den bangen Frauen: Beweinen Unvermeidliches ſey Thorheit, Sowohl, als druͤber lachen.— Weißt du, Mutter, Mein Wagniß war dein Troſt ja immer! und Das glaube feſt, geh' ich auch jetzt allein, So wie ein Drache einſam, den die Hohle Gefuͤrchtet macht, beſprochen mehr, weil nicht geſehn, Dein Sohn ragt uͤber dem Gemeinen ſtets, Wo nicht, fallt er durch Tuͤck und niedre Liſt. 5 X „ 68 Coriolanus. Pol. Mein großer Sohn! Wo willſt du hin? Nimm fuͤr die erſte Zeit Cominius mit, beſtimme dir den Lauf, Statt wild dich jedem Zufall preis zu geben, Der auf dem Weg dich anfällt. Cor. O ihr Goͤtter! Com. Den Monat bleib ich bei dir; wir bedenken, Wo du verweilen magſt, von uns zu hoͤren, Und wir von dir, daß, wenn die Zeit den Anlaß Fuͤr deine Ruͤckberufung reift, wir nicht Nach Einem Mann die Welt durchſuchen muͤſſen, Die Gunſt verlierend, welche ſtets erkaltet, Iſt jener fern, der ſie bedarf. Cor. Lebt wohl! Du traͤgſt der Jahre viel, haſt öberſatt Kriegsſchwelgerei, mit einem umzutreiben, Deß Gier noch friſch. Bringt mich nur aus dem Thor: Komm, ſuͤßes Weib, geliebte Mutter, und Ihr wohlerprobten Freunde.— Bin ich draußen, Sagt: Lebe wohl, und lächelt. Bitte, kommt— So lang' ich uͤber'm Boden bin, ſollt ihr Stets von mir hoͤren, und nie etwas andres, Als was dem fruͤhern Marcius gleicht. Mien. So wuͤrdig, Wie man nur hoͤren kann. Laßt uns nicht weinen. Koͤnnt' ich nur ſieben Jahr herunter ſchuͤtteln Von dieſen alten Gliedern,— bei den Gottern! Ich wollt' auf jedem Schritt dir folgen. Cor. Kommt! ₰ Deine Hand. (Alle ab.) Fuͤnfte Szene. (Sicinius, Brutus und ein Aedil treten auf.) Sicinius. Schickt ſie nach Hauſe, er iſt fort. Nicht weiter. Geſchwaͤcht ſind die Patricier, die, wir ſehen's, In ſeinem Handel ſich beſeitigt. Brut. Zeigten Sz. 5. Coriolanus. 69 Wir unſre Macht, laßt uns demuͤth'ger ſcheinen, Nun es geſcheh'n, als da's im Werden. Sie. Schickt ſie heim. Sagt ihnen, fort ſey nun ihr großer Feind, Und nun befeſtigt ihre Macht. Brut. Entlaßt ſie. Hier kommt die Mutter. Volumnia, Virgilia und Menenius treten auf.) Sic. Laßt uns fort! Brut. Weshalb? Sic. Man ſagt, ſie ſey verruͤckt. Brut. Sie ſah uns ſchon. Weicht ihr nicht aus. Vol. Ha wohlgetroffen! Der Goͤtter aufgehaͤufte Strafen lohnen Euch Eure Liebe⸗ Men. Still, ſeyd nicht ſo laut. Vol. Koͤnnt' ich vor Thraͤnen nur, Ihr ſolltet hoͤren— Doch ſollt Ihr etwas hoͤren. Wollt Ihr gehn? Virg. Auch Ihr ſollt bleiben. Haͤtt' ich doch die Macht, Das meinem Mann zu ſagen. Sic. Seyd Ihr maͤnniſch? Vol. Ja, Narr. Iſt das ne Schande? ſeht den Narren! War nicht ein Mann ihr Vater? Warſt du fuchſiſch Zu bannen ihn, der Wunden ſchlug fuͤr Rom Mehr als du Worte ſprach'ſt. Sic. O guͤt'ger Himmel! Vol. Mehr edle Wunden als du kluge Worte, Und zu Roms Heil. Eins ſag' ich dir— doch geh. Nein, bleiben ſollſt du. Waͤre nur mein Sohn, Sein gutes Schwerdt in Haͤnden, in Arabien, Und dort vor ihm dein Stamm. Sic. Was dann? Pirg. Was dann? Er wuͤrde dort dein ganz Geſchlecht vertilgen. Vol. Baſtard' und Alles. O Wackrer! du trägſt Wunden viel fuͤr Rom. jen. Kommt, kommt! ſeyd ruhig. Sic. Ich wollt, er wär' dem Vaterland geblieben, Was er ihm war; ſtatt ſelbſt den edlen Knoten Zu loſen, den er ſchlang. Brut. So wuͤnſcht' ich auch. * 70 Coriolanus. A. III. Sz 5. Vol. So wuͤnſcht' ich auch? Ihr hetztet auf den Poͤbel: Katzen, die ſeinen Werth begreifen koͤnnen, Wie die Myſterien ich, die nicht der Himmel Der Erd' enthuͤllen will. Brut. Kommt, laßt uns gehn. Vol. Nun ja, ich bitt' Euch! geht! Ihr thatet wackre That.— Hoͤrt dieß noch erſt: o weit das Capitol hoch uͤberragt Das kleinſte Haus in Rom, ſo weit mein Sohn, Der Gatte dieſer Fran, hier dieſer, ſeht ihr? Den Ihr verbanntet, uͤberragt Euch Alle. Brut. Genug. Wir gehn. Sic, Was bleiben wir, gehetzt Von einer, der die Sinne fehlen? Vol. Nehmt Noch mein Gebet mit Euch. (Die Tribunen gehn ab.) O) haͤtten doch die Göotter nichts zu thun Als meine Fluͤch' erfuͤllen. Traͤß ich ſie Nur einmal Tag's, erleichtern wuͤrd's mein Herz Von ſchwerer Laſt. Nen. Ihr gabt es ihnen derb, Und habt auch Grund. Speiſt ihr mit mir zu Nacht? Vol. Zorn iſt mein Nachtmahl: ſo ſelbſt ver⸗ zehrend Verſchmacht' ich an der Nahrung. Laßt uns gehn. Laßt dieſes ſchwache Wimmern, klagt wie ich, Der Juno gleich im Zorn.— Kommt, kommt. Wien. Pfui, pfni! (Sie gehn ab.) Coriolanus. 71 Vierter Aufzug. Sr ſ Szene Landſtraße zwiſchen Rom und Antium. (Ein Römer und ein Volsker, die ſich begegnen.) Roͤmer. Ich kenne Euch recht gut, Freund, und Ihr kennt mich auch. Ich denke Ihr heißt Adrian? Ganz recht. Wahrhaftig, ich hatte Euch ver⸗ geſſen. Kom. Ich bin ein Noͤmer, und thue jetzt wie Ihr Dienſte gegen Romn. Kennt Ihr mich nun? olsk. Nikanor? nicht? Roͤm. Ganz recht. Polsk. Ihr hattet mehr Bart als ich Euch zuletzt ſah; aber Euer Geſicht wird mir durch Eure Zunge kenntlich.— Was giebt es Reues in Rom? Ich habe einen Auftrag vom Staat der Volsker Euch dort auszukundſchaften, und Ihr habt mir eine Tagereiſe erſpart. Röm. In Nom hat es einen ſeltſamen Aufſtand Le Das Volk gegen die Senatoren, Patricier und deln. Volsk. Hat es gegeben? Iſt es denn nun vorbei? Unſer Staat denkt nicht ſo; ſie machen die ſtaͤrkſten Ruͤ⸗ ſiungen, und hoffen ſie in der Hitze der Entzweiung zu uͤberfallen. Roͤm. Der große Brand iſt geloͤſcht; aber eine geringe Veranlaſſung wuͤrde ihn wieder in Flammen ſetzen; denn den Edeln geht die Verbannung des wuͤrdigen Corio⸗ lan ſo zu Herzen, daß ſie ganz in der Stimmung ſind, dem Volk alle Gewalt zu nehmen, und ihnen ihre Tri⸗ bunen auf immer zu entreißen. Dieß glimmt unter der Aſche, das kann ich Euch verſichern, und iſt faſt reif zum heftigſten Ausbruch. Polsk. Coriolan verbannt? Roͤm. Ja, verbannt. 6 2 Coriolanus. A. IV. lel Mit der Nachricht werdet Ihr willkommen ſeyn, ikanor. Röm. Das Wetter iſt jetzt gut fuͤr Euch. Man pflegt zu ſagen, die beſte Zeit, eine Frau zu verfuͤhren, ſey, wenn ſie ſich mit ihrem Manne uͤberworfen hat. Euer edler Tullus Aufidius kann ſich in dieſem Kriege hervor⸗ thun; da ſein großer Gegner Coriolanus jetzt fuͤr ſein Va⸗ terland nichts thut. Volsk. Das kann ihm nicht fehlen. Wie gluͤcklich war ich, Euch ſo unvermuthet zu begegnen! Ihr habt mei⸗ nem Geſchaͤft ein Ende gemacht, und ich will Euch nun frendig nach Hauſe begleiten. Roͤm. Ich kann Euch vor dem Abendeſſen noch hoͤchſt ſonderbare Dinge von Rom erzaͤhlen, die ihren Feinden ſaͤmmtlich zum Vortheil gereichen. Habt Ihr ein Heer bereit? Wie? Polsk. Ja, und ein wahrhaft koͤnigliches. Die Cen⸗ turionen und ihre Mannſchaft ſind ſchon foͤrmlich vertheilt, und ſtehn im Sold, ſo daß ſie jede Stunde aufbrechen koͤnnen. Roͤm. Es freut mich, daß ſie ſo marſchfertig ſind, und ich denke, ich bin der Mann, der ſie ſogleich in Bewegung ſetzen wird. Alſo herzlich willkommen, und hoͤchſt vergnuͤgt in Eurer Geſellſchaft. Volsk. Ihr nehmt mir die Worte aus dem Munde; 6 habe die meiſte Urſach, mich dieſer Zuſammenkunft zu reuen. Rom. Gut, laßt uns gehn.(Sie gehn ab.) 8weite Szene. Antium. Vor Aufidius Haus. (Coriolanus tritt auf in geringem Anzuge verkleidet und verhüllt.) Coriolan. Dieß Antium iſt ein huͤbſcher Ort. O Antium! Ich machte dir die Wittwen. Manchen Erben Der ſchoͤnen Haͤuſer hort' ich in der Schlacht Stoͤhnen und ſinken.— Kenne mich drum nicht; Sonſt morden mich mit Bratſpieß deine Weiber, In kind'ſcher Schlacht mit Steinen deine Knaben. Coriolanus. 73 (Es kommt ein Bürger.) Gott gruͤß' Euch, Herr. Der Buͤrg. Und Euch. Cor. Zeigt mir, ich bitte, Wo Held Aufidius wohnt. Iſt er in Antium? Burg. Ja, und bewirthet heut in ſeinem Haus Die erſten unſrer Stadt. Cor. Wo iſt ſein Haus? Buͤrg. Dieß iſt's, Ihr ſteht davor. Cor. Lebt wohl. Ich dank' Euch. (Der Bürger geht ab.) O Welt! du rollend Rad! Geſchworne Freunde, Die in zwei Buſen nur ein Herz getragen, Die Zeit und Bett und Mahl und Arbeit theilten, Vereinigt ſtets, als wie ein Zwillingspaar In ungetrennter Liebe, brechen aus Urploͤtzlich, durch den Hader um ein Nichts In bittern Haß.— So auch, erboßte Feinde, Die Haß und Grimm nicht ſchlafen ließ, vor Planen Einander zu vertilgen: Durch'nen Zufall, Ein Ding, kein Ei werth, werden Herzensfreunde, Und Doppel⸗Gatten ihre Kinder. So auch ich. Ich haſſe den Geburtsort, liebe hier Die Feindesſtadt.— Hinein! erſchlaͤgt er mich, So uͤbt er gutes Recht; nimmt er mich auf, So dien' ich ſeinem Land.(geht ab.) Dritte Szene. (Man hört Muſik von innen, es kommt ein Diener.) 1. Diener. Wein, Wein! was iſt das far Aufwartung?— Ich glaube, die Burſche ſind alle im Schlaf.(geht ab.) (Ein zweiter Diener kommt.) 2. Dien. Wo iſt Cotus? der Herr ruft ihn. Cotus! (geht ab.) (Coriolanus tritt auf.) Cor. Ein huͤbſches Haus; das Mahl riecht gut. Doch ich Seh' keinem Gaſte gſ * 74 Coriolanus. AW. (Der erſte Diener kommt wieder.) 1. Dien. Was wollt Ihr, Freund? Woher kommt Ihr? Hier iſt kein Platz fuͤr Euch. Bitte, macht Euch fort. Cor. Ich habe beſſern Willkomm nicht verdient, Wenn Coriolan ich bin. (Der zweite Diener kommt.) 2. Dien. Wo kommſt du her, Freund? Hat der Pfoͤrt⸗ ner keine Augen im Kopf, daß er ſolche Geſellen herein laßt? Bitte, mach dich fort. Cor. Hinweg! 2. Dien. Hinweg? Geh du hinweg. Cor. Du wirſt mir laͤſtig. 2. Dien. Biſt du ſo trotzig? Man wird ſchon mit dir ſprechen. (Der dritte Diener kommt.) 3. Dien. Was iſt das fuͤr ein Menſch? 1. Dien. Ein ſo wunderlicher, wie ich noch keinen ſah. Ich kann ihn nicht aus dem Hauſe kriegen. Ich bitte, ruf doch mal den Herren her. 3. Dien. Was habt Ihr hier zu ſuchen, Menſch? Bitte, ſcheer dich aus dem Haus. Cor. Laßt mich hier ſtehn; nicht ſchad' ich Eurem Heerd. 3. Dien. Wer ſeyd Ihr? Cor. Ein Mann von Stande. 3. Dien. Ein verwuͤnſcht armer. Cor. Gewiß, das bin ich. 3. Dien. Ich bitte Euch, armer Mann von Stande, ſucht Euch ein andres Quartier; hier iſt kein Platz fuͤr Euch.— Ich bitte Euch, packt Euch fort. Cor. Eurem Berufe folgt. Hinweg! ſtopft Euch mit kalten Biſſen. Cſtößt den Diener weg.) ien. Was, Ihr wollt nicht? Bitte, ſage doch meinem Herren, was er hier fuͤr einen ſeltſamen Gaſt hat. 2. Dien. Das will ich.(geht ab.) 3. Dien. Wo wohnſt du? Cor. Unter dem Firmament. 3. Dien. Unter dem Firmament? Cor. Ja. 3. Dien. Wo iſt das? Cor. In der Stadt der Geier und Kraͤhen. Sz. 3. Coriolanus. 75 3. Dien. In der Stadt der Geier und Kraͤhen? Was das ſuͤr ein Eſel iſt! So wohnſt du auch wohl bei den Dohlen? Cor. Nein, ich diene nicht deinem Herrn. 625 Dien. Kerl! was haſt du mit meinem Herrn zu haffen? Cor. Nun, das iſt doch ſchicklicher als wenn ich mit deiner Frau zu ſchaffen haͤtte. Du ſchwatzeſt und ſchwaz⸗ zeſt.— Trag deine Teller weg. Marſch! (er ſchlägt ihn hinaus.) (Aufidius tritt auf.) Auf. Wo iſt der Menſch? 2. Dien. Hier, Herr. Ich haͤtte ihn wie einen Hund ſe gepruͤgelt; ich wollte nur die Herren drinnen nicht ören. Auf. Woher kommſt du? Was willſt du? Dein Name? Weshalb antworteſt du nicht? Sprich, Menſch, wie heißeſt du? Cor.(ſchlägt den Mantel auseinander.. Wenn, Lullus, Du noch'nicht mich erkennſt, und, mich beſchauend, Nicht findeſt, wer ich bin, zwingt mich die Noth Mich ſelbſt zu nennen. Auf. Und wie iſt dein Name? Cor. Ein Name, ſchneidend fuͤr der Volsker Ohr, Und rauhen Klangs fuͤr dich. Auf. Wie iſt dein Name? Du haſt einen wuͤſten Schein, und deine Miem iſt Gebieteriſch. Iſt auch zerfetzt dein Tanwerk, Zeigſt du als wackres Schiff dich. Wie dein Name? Lor. Zieh deine Stirn in Falten. Kennſt mich jetzt? Auf. Nicht kenn' ich dich. Dein Name? Cor. Mein Nam' iſt Cajus Marcius, der dich ſelbſt Vorerſt, und alle deine Landsgenoſſen Sehr ſchwer verletzt' und elend machte; zeuge Mein dritter Name Coriolan. Die Kriegsmuͤhn, Die Tod'sgefahr und all die Tropfen Bluts Vergoſſen fuͤr das undankbare Rom, Das alles wird bezahlt mit dieſem Namen, Er, ſtarkes Mahnwort und Anreiz zu Haß Und Feindſchaft, die dn mir mußt hegen. Nur Der Name bleibt. Die Grauſammkeit des Volks, Ihr Neid, geſtattet von dem feigen Adel, * 76 Coriolanus. A. IV. 1 Die alle mich verließen, ſchlang das andre. Sie duldeten's, mich durch der Sclaben Stimmen Aus Rom geziſcht zu ſehn.— Dieſe Verruchtheit Bringt mich an deinen Heerd; die Hoffnung nicht, Verſteh mich recht, mein Leben zu erhalten; Denn fuͤrchtet' ich den Tod, ſo mied⸗ ich wohl Von allen Menſchen dich zumeiſt— Nein, Haß, Ganz meinen Bannern Alles wett zu machen, Stellt mich hieher.— Wenn du nun in dir traͤgſt Ein Herz des Grimms, das Rache heiſcht fuͤr Alles Was dich als Mann gekraͤnkt, und die Verſtuͤmmlung Und Schmach in deinem ganzen Land will ſtrafen, Mach dich gleich dran, daß dir mein Elend nuͤtze, Daß dir mein Rachedienſt zur Wohlthat werde; Denn ich bekämpfe Mein gifterfuͤlltes Land mit aller Wuth Der Hoͤllengeiſter. Doch fugt es ſich ſo⸗ Du wagſt es nicht, und biſt ermuͤdet, hoͤher Dein Gluck zu ſteigern; dann, mit einem Wort, Bin ich des Lebens auch hoͤchſt uͤberdruͤßig, Dann biet“ ich dir und deinem alten Haß Hier meine Gurgel.— Schneideſt du ſie nicht, So wuͤrdeſt du nur als ein Thor dich zeigen; Denn immer hab' ich dich mit Grimm verfolgt, Und Tonnen Blutes deinem Land' entzapft. Ich kann nur leben dir zum Hohn; es ſey denn Um Dienſte dir zu thun. Auf. O Marcius, Marcius! Ein jedes Wort von dir hat eine Wurzel Des alten Neids mir aus der Bruſt gejaͤtet. Wenn Jupiter Von jener Wolk“ uns als Orakel riefe: „Wahr iſt's!“ nicht mehr als dir wuͤrd' ich ihm glauben. Ganz edler Marcius! o! laß mich umwinden Den Leib mit meinen Armen, gegen den Mein feſter Speer wohl hundert Mal zerbrach, Und ſchlug den Mond mit Splittern. Hier umfang' ich Den Ambos meines Schwerdt's, und ringe nun So edel und ſo heiß mit deiner Liebe, Als je mein eiferſucht'ger Muth gerungen Mit deiner Tapferkeit. Laß mich bekennen: Ich liebte meine Braut, nie ſeufzt' ein Mann Mit treu'rer Seele; doch, dich hier zu ſehn, Sz. 3. Coriolanus. 77 Du hoher Geiſt! dem ſpringt mein Herz noch freud'ger Als da mein neuvermaͤhltes Weib zuerſt Mein Haus betrat. Du Mars, ich ſage dir, Ganz fertig ſteht ein Kriegsheer, und ich wollte Noch einmal dir den Schild vorm Arme hauen, Wo nicht den Arm verlieren. Zwoͤlf Mal haſt du Mich ausgeklopft, und jede Nacht ſeitdem Traͤumt' ich vom Balgen zwiſchen dir und mir. ir waren beid' in meinem Schlaf am Boden, Die Helme reißend, bei der Kehl' uns packend, Halbtodt vom Nichts erwacht' ich.— Wuͤrd'ger Marcius! Haͤtt' ich nicht andern Streit mit Rom, als nur— Daß du von dort verbannt; ich bote auf Von zwoͤlf zu ſiebzig alles Volk, um Krieg In's Herz des undankbaren Roms zu gießen, Mit uͤberſchwell'nder Fluth.— O komm! tritt ein, Und nimm die Freundeshand der Senatoren, Die jetzt hier ſind, mir Lebewohl zu ſagen, Der Eure Laͤnderei'n angreifen wolte. Wenn auch nicht Rom ſelbſt Cor. Goͤtter! ſeyd geprieſen! Auf. Willſt du nun ſelbſt als unumſchraͤnkter Herr Dein eigner Raͤcher ſeyn, ſo uͤbernimm Die Haͤlfte meiner Macht, beſtimme du Wie dir gefaͤllt, da du am beſten kennſt Des Landes Kraft und Schwaͤche, deinen Weg. Sey's anzuklopfen an die Thore Roms, ey's ſie an fernen Grenzen heimzuſuchen, Erſt ſchreckend„dann vernichtend. Doch tritt ein, Und ſey empfohlen jenen, daß ſie Ja Zu deinen Wuͤnſchen ſprechen.— Tauſend Willkomm! Und mehr mein Freund, als du je Feind geweſen, Und, Marcius, das iſt viel. Komm, deine Hand. (Coriolanus und Aufidius gehn ab.) 1. Dien. Bas iſt eine wunderliche Veraͤndrung. 2. Dien. Bei meiner Hand, ich dachte ihn mit einem Pruͤgel hinaus zu ſchlagen; und doch ahndete mir, ſeine Kleider machten von ihm eine falſche Ausſage. 1. Dien. Was hat er fuͤr einen Arm! Er ſchwenkte mich herum mit ſeinem Daum und Finger, wie man einen Kreuſel tanzen läßt. 2. Dien. Nun, ich ſah gleich an ſeinem Geſicht, daß was Beſonderes in ihm ſteckte. Er hatte dir eine Art 2. 78 Coriolanus. A. IV. von Geſicht, ſag' ich— ich weiß nicht wie ich es nen⸗ nen ſoll. 1. Dien. Das hatte er. Er ſah aus, gleichſam— Ich will mich haͤngen laſſen, wenn ich nicht dachte es waͤre mehr in ihm als ich denken konnte. 2. Dien. Das dachte ich auch, mein Seel. Er iſt gradezu der herrlichſte Mann in der Welt. 1. Dien. Das glaube ich auch. Aber einen beſſeren Krieger als er kenneſt du doch wohl. 2. Dien. Wer? mein Herr? 1. Dien. Ja, das iſt keine Frage. 2. Dien. Der wiegt ſechs ſolche auf. 1. Dien. Nein, das nun auch nicht; doch ich halte ihn fuͤr einen beſſern Krieger. 2. Dien. Mein Tren! ſieh, man kann nicht ſagen was man davon denken ſoll: Was die Vertheidigung einer Stadt betrifft, da iſt unſer Feldherr vorzuͤglich. 1. Dien. Ja, und auch fuͤr den Angriff. (Der dritte Diener kommt zurück.) 3. Dien. O, Burſche, ich kann Euch Reuigkeiten erzaͤhlen, Neuigkeiten, Ihr Flegel! Die beiden Andern. Was? was? was? Laß hoͤren. 3. Dien. Ich wollte kein Roͤmer ſeyn; lieber alles in der Welt, lieber waͤre ich ein verurtheilter Menſch. 1. und 2 Dien. Warum? warum? 3 Dien. Nun, der iſt da, der unſern Feldherrn immer zwackte, der Cajus Marcius. 1. Dien. Warum ſagteſt du, unſern Feldherrn zwacken? 3. Dien. Ich ſage juſt nicht unſern Feldherrn zwacken; aber er war ihin doch immer gewachſeu. 2. Dien. Kommt, wir ſind Freunde und Kameraden. Er mar ihm immer zu maͤchtig, das habe ich ihn ſelbſt ſagen hoͤren. 1. Dien. Er war ihm, kurz und gut, zu moͤchtig. Vor Corioli hackte und zackte er ihn wie eine Karbonade⸗ 2. Dien. Und haͤtte er was von einem Kanibalen ge⸗ habt, ſo haͤtte er ihn wohl gebraten und aufgegeſſen dazu. 1. Dien. Aber dein andres Neues? 3. Dien. Nun, da drinnen machen ſie ſo viel Auf⸗ hebens von ihm, als wenn er der Sohn und Erbe des Mars wäre: Oben an geſetzt bei Tiſche, von keinem der Senatoren gefragt, der ſich nicht barhäuptig vor ihn hin⸗ ſtellt. Unſer Feleherr ſelbſt thut als wenn er ſeine Ge⸗ Sz. 3. Corivlanus. 79 liebte wäͤre, ſegnet ſich mit Beruͤhrung ſeiner Hand, und dreht das Weiße in den Augen her us wenn er ſpricht. Aber der Grund und Boden meiner Neuigkeit iſt: Unſer Feldherr iſt mitten durchgeſchnitten, und nur noch die Haͤlfte von dem, was er geſtern war; denn der Andre hat die Haͤlfte durch Anſuchen und Genehmigung der ganzen Tafel. Er ſagt: er will gehn, und den Pfoͤrtner von Rom bei den Ohren im Koth ſuͤhlen, er will alles vor ſich nieder maͤhen und ſich glatten Weg machen. 2. Dien. Und er iſt der Mann danach es zu thun, mehr als irgend jemand, den ich kenne. 3. Dien. Es zu thun? Freilich wird er's thun! Denn verſteht, Leute, er hat eben ſo viel Freunde als Feinde; und dieſe Freunde, Leute, wagten gleichſam nicht, verſteht mich, Leute, ſich als ſeine Freunde, wie man zu ſagen pflegt, zu zeigen, ſo lange er in Mißcreditirung war. 1. Dien. In Mißcreditirung? was iſt das? 3. Dien. Iber Leute, wenn ſie ſeinen Helmbuſch wieder hoch ſehen wer den, und den Mann in ſeiner Kraft, ſo wer⸗ den ſie aus ihren Hoͤhlen kriechen wie Kaninchen nach dem Regen, und ihm alle nachlaufen. 1. Dien. Aber wann geht das los? 3. Dien. Morgen, heute, ſogleich. Ihr werdet die Trommel heut Nachmittag ſchlagen hoͤren, es iſt gleichſam noch eine Schuͤſſel zu ihrem Feſt, die verzehrt werden muß, ehe ſie ſich den Mund abwiſchen. 2. Dien. Nun, ſa kriegen wir doch wieder eine mun⸗ tre Welt. Der Friede iſt zu nichts gut, als Eiſen zu nſen⸗ Schneider zu vermehren und Baͤnkelfaͤnger zu haffen. 4. Dien. Ich bin fur den Krieg, ſage ich, er uͤber⸗ trifft den Frieden, wie der Tag die Nacht; er iſt luſtig, wachſam, geſpraͤchig, immer was Neues; Friede iſt Stumpf⸗ heit, Schlafſucht, dick, faul, taub, unempfindlich, und bringt mehr Baſtarde hervor als der Krieg Menſchen erwuͤrgt. 2. Dien. Richtig; und wie man auf gewiſſe Weiſe den Krieg Nothzucht nennen kann, ſo macht, ohne Widerrede, der Friede viele Hahnrey. 1. Dien. Ja, und er macht, daß die Menſchen einan⸗ der haſſen. 3. Dien. Und warum? Weil ſie dann einander weni⸗ ger noͤthig haben. Der Krieg iſt mein Mann.— Ich * 80 Coriolanus. A. IV. hoffe, Roͤmer ſollen noch eben ſo wohlfeil werden als Vols⸗ ker. Sie ſtehn auf, ſie ſtehn auf! Alle. Hinein! hinein!(Alle ab.) — Vierte Szene. Rom, Ein öffentlicher Platz⸗ (Sicinius und Brutus treten auf.) Sicinius. Man hoͤrt von ihm nichts, hat ihn nicht zu fuͤrchten. Mas ihn geſtaͤrkt iſt zahm; der Friede jetzt Und Ruh' im Volke, welches ſonſt empoͤrt Und wild. Wir machen ſeine Freund' erroͤthen; Daß alles blieb im ruh'gen Gleis. Sie ſaͤhen Viel lieber, ob ſie ſelbſt auch drunter litten, Aufruͤhrerhaufen unſre Straßen ſtuͤrmen, Als daß der Handwerksmann im Laden ſingt Und Alle frendig an die Arbeit gehn. (Menenius tritt auf.) Brut. Wir griffen gluͤcklich durch. Iſt das Me⸗ nenius? Sic. Er iſt es. O! er wurde ſehr geſchmeidig Seit kurzem.— Seyd gegruͤßt.. WMen. Ich gruͤß' Euch beide. Sic. Euer Coriolanus wird nicht ſehr vermißt, Als von den Freunden nur; die Stadt beſteht, Und wuͤrde ſtehn, wenn er ſie mehr noch haßte. Men. Gut iſt's, und koͤnnte noch weit beſſer ſeyn, Haͤtt' er ſich nur gefugt. Sic. Wo iſt er? Wißt Ihr's?— Men. Ich hoͤrte nichts, auch ſeine Frau und Mutter Vernehmen nichts von ihm. (Es kommen mehrere Bürger.) Die Burg. Der Himmel ſchuͤtz' Euch! Sic. Guten Abend, liebe Nachbarn. Brut. Guten Abend Allen! Guten Abend Allen! 1. Buͤrg. Wir, unſre Frau'n und Kinder ſind ver⸗ pflichtet Auf Knien fuͤr Euch zu beten. Sz. 4. Coriolanus. 81¹ Sic. Geh's Euch wohl. Brut. Lebt wohl, ihr Nachbarn. Haͤtte Coriolanus Euch ſo geliebt wie wir! Die Buͤrg. Der Himmel ſegn' Euch. Die Trib. Lebt wohl! lebt wohl! (Die Bürger gehn ab.) Sic. Dieß iſt begluckt're wohl und lieb're Zeit, Als da die Burſche durch die Straßen liefen, Zerſtoͤrung bruͤllend. Brut. Cajus Marcius war Im Krieg ein wuͤrd'ger Held, doch unverſchaͤmt, Von Stolz geblaͤht, ehrgeizig uͤber's Maaß, Selbſtſuͤchtig— Sie. Unumſchraͤnkte Macht erſtrebend Ohn' andern Beiſtand. Men. Nein, das glaub' ich nicht. Sic. Das haͤtten wir, ſo daß wir's All beweinten, Empfunden, wär' er Conſul nur geblieben. Brut. Die Goͤtter wandten's gnadig ab, und Rom Iſt frei und ſicher ohne ihn. 6(Ein Aedil kommt.) Aed. Tribunen! Da iſt ein Sclave, den wir feſtgeſetzt, Der ſagt: es brach mit zwei verſchiednen Heeren Der Volsker Macht in's roͤmiſche Gebiet, Und mit des Krieges fuͤrchterlichſter Wuth Verwuͤſten ſie das Land. Wen. Das iſt Aufidius, Der, da er unſers Marcins Bann gehoͤrt, Die Hoͤrner wieder ausſtreckt in die Welt, Die er einzog, als Marcius ſtand vor Rom, Und nicht ein S Se ſch ic. Ei, was ſchwatzt ihr Von Marcius da? Brut. Peitſcht dieſen Luͤgner aus. Es kann nicht ſeyn. Die Volsker wagen nicht den Bruch. Men. Es kann nicht ſeyn? Wohl ſagt uns die Erinn'rung daß es ſeyn kann; Dreimal bezeugt es uns daſſelbe Beiſpiel, In meiner Zeit.— Sprecht doch mit dem Geſellen, Eh' Ihr ihn ſtraft, fragt ihn, wo er's gehoͤrt; Ihr, mochtet ſonſt wohl Eure Warnung peitſchen, 6 „ 82 Coriolanus. A. IV. Den Boten ſchlagen, der Euch wahren will Vor dem, was zu befuͤrchten. 6 t ſ Sic. Sprecht nicht ſo! weiß, es kann nicht ſeyn. 20 Brut. Es iſt unmoͤglich. (Ein Bote kommt.) Bote. In groͤßter Eil verſammelt der Senat Sich auf dem Capitol.— Sie hoͤrten Botſchaft, Die ihr Geſicht entfaͤrbt. Sic. Das macht der Sclave. Laßt vor dem Volk ihn peitſchen; ſein Verhetzen— Nichts als ſein Maͤrchen. Bote. Nicht doch, theurer Mann. Des Selaven Wort beſtaͤtigt ſich, und weit, Weit ſchlimmer als er ausſagt. Sie. Wie, weit ſchlimmer? Bote. Es wird von vielen Zungen frei geſprochen, Ob glaublich weiß ich nicht, es fuͤhre Marcius, Aufidius zugeſellt, ein Heer auf Rom; So weite Rache ſchwoͤrend, wie der Anfang Der Dinge weit vom Jetzt iſt. Sic. O! hoͤchſt glaublich! Brut. Nur ausgeſtreut, damit der ſchwaͤch're Theil Den guten Marcius heim ſoll wuͤnſchen. Sic. Freilich Iſt das der Kniff. Men. Nein, dieß iſt unwahrſcheinlich. Nicht mehr kann mit Aufidius er ſich einen, Als was am heftigſten ſich widerſpricht. (Es kommt ein zweiter Bote.) Bote. Man laͤßt in Eil' auf's Capitol Euch fordern: Ein furchtbar Heer, gefuͤhrt von Cajus Marcius, Aufidius zugeſellt, verwuͤſtet rings Die ganze Landſchaft, und betritt den Weg Hieher, durch Feu'r gebahnt, zerſtoͤrend alles Was ihrer Wuth begegnet. (Cominius tritt auf.) Com. O! Ihr habt Huͤbſches angerichtet. . Men. Nun, was giebt's? Com. Die eignen Toͤchter helft Ihr ſchaͤnden, und Sz. 4. Coriolanus. 83 Der Daͤcher Blei auf Eure Schädel ſchmelzen, Die Weiber ſehn entehren, Euch vor Augen. Wen. Was giebt es denn? was gibt's denn? Com. Verbrennen Eure Tempel bis zum Grund, Und Eure Recht', auf die Ihr pocht, verjagen Bis in ein Maͤufeloch. Mien. Ich bitt' Euch— ſprecht! Ich fuͤrcht', Ihr habt es ſchoͤn gemacht. O ſprecht! Wenn Marcius ſich verband den Volskern—— Com. Wenn? Er iſt Ihr All, er fuͤhrt ſie als ein Weſen, Das nicht Natur erſchuf, nein, eine Gottheit, Die hoͤher ihn begabt. Sie folgen ihm Der gegen uns Gezuͤcht, ſo ruhig, ſicher, Wie Knaben bunte Schmetterlinge jagen, Und Schlaͤchter Fliegen toͤdten. Wen. Ihr habt's ſchoͤn gemacht. Ihr, Eure Schurzfell⸗Maͤnder, die ſo feſt Auf ihre Handwerksſtimmen hielten, und Der Knoblauchfreſſer Athem. Com. Schuͤtteln wird er Euch um die Ohren Rom. Men. Wie Herkules Die reife Frucht abſchuttelt. Schoͤne Arbeit! Brut. So iſt es wahr? Com. Ja, und Ihr ſollt erbleichen Bevor Ihr's anders findet. Jede Stadt Faͤllt lachend ab, und wer ſich widerſetzt, Den hoͤhnt man nur als tapfre Dummheit aus, Der ſtirbt als treuer Narr. Wer kann ihn tadeln? Die Feind' ihm ſind, ſehn jetzo was er iſt. Men. Wir alle ſind verloren; wenn der Edle Nicht Gnade uͤbt. Com. Wer ſoll ihn darum bitten? Aus Schande koͤnnen's die Tribunen nicht; Das Volk verdient von ihm Erbarmen, wie Der Wolf vom Schaͤfer.— Seine beſten Freunde, Sagten ſie: Schone Rom! ſie kränkten ihn Gleich jenen, welche ſeinen Haß verdient, Und zeigten ſich als Feinde. Mien. Das iſt wahr. Wenn er den Brand an meine Schwelle legte, Mich zu verzehren, haͤtt ich nicht die * „ 84 Coriolanus. A. IV. Zu ſagen: Bitte, laß!— Ihr treibt es ſchoͤn, Ihr und das Handwerk. Herrlich Werk der Hand! Com. Ihr brachtet Solch Zittern uber Rom, daß ſich's noch nie So huͤlflos fand. Die Trib. Sagt nicht, daß wir es brachten. Men. So? Waren wir's? Wir liebten ihn; doch thieriſch Und knechtiſch feig, nicht adlich, wichen wir Dem Pack, das aus der Stadt ihn ziſchte. Com. Ich fuͤrchte, Sie bruͤllen wieder ihn herein. Aufidius, Der Maͤnner zweiter, folgt nun ſeinem Wink, Als dient' er unter ihm. Verzweiflung nur Kann Rom ihm nun ſtatt Kriegskunſt und Vertheid'gung Und Macht entgegen ſtellen. (Es kommt ein Haufen Bürger.) Men. Hier kommt das Pack. Und iſt Aufidius mit ihm? Ja, Ihr ſeyd's, Die unſre Luft verpeſtet, als ihr warf't Die ſchweiß'gen Muͤtzen in die Hoͤh', und ſchrie't? Verbannt ſey Coriolan.— Nun kommt er wieder, Und jedes Haar auf ſeiner Krieger Haupt Wird Euch zur Geißel.— So viel Narrenkoͤpfe, Als Muͤtzen flogen, wird er niederſtrecken Zum Lohn fuͤr Eure Stimmen.— Nun, was thut's? Und wenn er all' uns brennt in Eine Kohle, Geſchieht uns recht. Die Burg. Wir hoͤrten boͤſe Zeitung. 1. Bürg. Was mich betrifft, als ich geſagt: Ver⸗ bannt ihn, Da ſagt ich: Schade drum! 2. Buͤrg. Das that ich auch. 3. Burg. Das that ich auch; und, die Wahrheit zu ſagen, das thaten viele von uns. Was wir thaten, das thaten wir zum allgemeinen Beſten; und obgleich wir frei⸗ willig in ſeine Verbannung einwilligten, ſo war es doch gegen unſern Willen. Com. Ihr ſeyd ein ſchoͤnes Volk, Ihr Stimmen! Men. Ihr machtet's herrlich, Ihr und Euer Pack. Gehn wir auf's Capitol? Sz 4. Coriolanus. 85 Com. Ja wohl. Was ſonſt? (Cominius und Menenius gehn ab.) Sie. Geht, Freunde, geht nach ſeyd nicht ent⸗ muthigt. Dieß iſt ſein Anhang, der das wuͤnſcht beſtätigt, Was er zu furchten vorgiebt. Geht nach Haus. Seyd ohne Furcht. 1. Buͤrg. Die Göͤtter ſeyen uns gnaͤdig. Kommt, Nachbarn, laßt uns nach Hauſe gehn. Ich ſagte immer: Wir thaten unrecht, als wir ihn verbannten⸗ 2. Burg. Das thaten wir alle. Kommt, laßt uns nach Hauſe gehn.(Die Bürger gehn ab.) Brut. Die Neuigkeit gefaͤllt mir nicht. Sie. Mir auch nicht. Brut. Auf's Capitol! Mein halb Vermoͤgen gaͤb' ich, Koͤnnt' ich als Luͤge dieſe Rachricht kaufen. Sic. Kommt, laßt uns gehn. Cgehn ab.) Fuͤnfte Szene. (Aufidius und ein Hauptmann treten auf.) Aufidius. Noch immer laufen ſie dem Römer zu? Zauptm. Ich weiß nicht, welche Zauberkraft er hat; Doch dient zum Tiſchgebet er Euren Kriegern, Wie zum Geſpräch beim Mahl und Dank am Schluß. Ihr ſeyd in dieſem Krieg verdunkelt, Herr, Selbſt von den Eignen. Auf. Jetzt kann ich's nicht aͤndern, Als nur durch Mittel, die die Kraͤfte laͤhmten Von unſrer Abſicht. Er beträgt ſich ſtolzer, Selbſt gegen mich, als ich es je erwartet, Da ich zuerſt ihn aufnahm. Doch ſein Weſen Bleibt darin ſich getreu. Ich muß entſchuld'gen, Was nicht zu beſſern iſt. Zauptm. Doch wuͤnſcht ich, Herr, Zu Eurem eignen Heil, ihr haͤttet nie Mit ihm getheilt Eu'r Anſehn, nein, entweder Die Fuͤhrung ſelbſt behalten, oder ihm Allein ſie uͤberlaſſen. * 86 Coriolanus. A. IV. Sz. 5. Auf. Wohl weiß ich, was du meinſt; und, ſey verſichert, Wenn's zur Erklaͤrung kommt, ſo denkt er nicht Weß ich ihn kann beſchuld'gen. Scheint es gleich, Und glaubt er ſelbſt, und uͤberzengt ſich auch Das Volk, daß er in Allem redlich handelt, Und guten Haushalt fuͤr die Volsker fuͤhrt, Ficht, gleich dem Drachen, ſiegt, ſobald er nur Das Schwerdt gezuͤckt; doch blieb noch ungethan, Was ſo den Hals ihm bricht, oder den meinen Gefaͤhrdet, wenn wir mit einander rechnen. Bauptm. Herr, glaubt Ihr, daß er Roms ſich wird bemeiſtern? Auf. Jedwede Stadt iſt ſein, eh' er belagert, Und ihm ergeben iſt der Adel Roms, Patricier lieben ihn und Senatoren. Den Krieg verſteht nicht der Tribun. Das Volk Wird ſchnell zuruͤck ihn rufen, wie's ihn eilig Von dort verſtieß. Ich glaub', er iſt fuͤr Rom Was fuͤr den Fiſch der Meeraar, der ihn faͤngt Durch angeborne Macht. Erſt war er ihnen Ein edler Diener; doch er konnte nicht Die Wuͤrden maͤßig tragen. Sey's nun Stolz, Der immer, bleibt das Gluͤck unwandelbar, Den Held befleckt; ſey's Mangel an Verſtand, Wodurch er nicht den Zufall klug beherrſcht, Der ihn beguͤnſtigt, oder ſey's Natur, Die ihn aus Einem Stuͤck ſchuf,— ſiets derſelbe Im Helme wie im Rath, herrſcht' er im Frieden Mit unbeugſamer Streng' und finſterm Ernſt, Wie er dem Krieg gebot. Schon eins von dieſen, Von jedem hat er etwas, keines ganz, Soweit ſprech' ich ihn frei) macht' ihn gefuͤrchtet, Gehaßt, verbannt.— Doch ſo iſt ſein Verdienſt, Daß es im Uebermaaß erſtirbt. So faͤllt Stets unſer Werth der Zeiten Deutung heim. Und Macht, die an ſich ſelbſt zu loben iſt, Hat kein ſo unverkennbar Grab, als wenn Von Rednerbuͤhnen wird ihr Thun geprieſen. Der Nagel treibt den Nagel, Brand den Brand, Kraft ſinkt durch Kraft, durch Recht wird Recht verkannt Kommt, laßt uns gehn. Iſt, Cajus, Rom erſt dein, Dann biſt der Aerinſte du, dann biſt du mein. (ſie gehn ab.) Coriolanus. 87 Fuͤnfter Aufzug. Erſte Szene. (Es treten auf Menenius, Cominius, Sicinius, Brutus und Andre,) Menenius. Nein, ich geh' nicht.— Ihr hoͤrt, was dem er ſagte, Der einſt ſein Feldherr war. Er hieß Euch Vater; Doch was thut das?— Geht Ihr, die ihn verbannt, ne Meile ſchon vor ſeinem Zelt fallt nieder, Und ſchleicht ſo knie'nd in ſeine Gnade.— Nein: Wollt' er nichts von Cominius hoͤren, bleib' ich Zu Haus. Com. Er that, als kennte er mich nicht. Men. Hoͤrt Ihr's? Com. Doch einmal nannt' er mich bei meinem Namen: Die alte Freundſchaft macht' ich geltend, Blut Gemeinſam ſonſt vergoſſen. Coriolan Wollt' er nicht ſeyn, verbat ſich jeden Namen: Er ſey ein Nichts, ein ungenanntes Weſen, Bis er ſich einen Namen neu geſchmiedet Im Brande Roms. Men. Ah! ſo. Ihr machtet's gut. Ein paar Tribunen, die's erreichten, Kohlen Wohlfeil in Rom zu machen.— Edler Ruhm! Com. Ich mahnt' ihn, wie ſo koniglich Verzeihung, Je minder ſie erwartet ſey. Er ſprach, Das ſey vom Staat ein kahles Wort, an ihn Den ſelbſt der Staat beſtraft. Men. Das war ganz recht. Was konnt' er anders ſagen? Com. Ich ſuchte dann ſein Mitleid zu erwecken, Juͤr die beſondern Freund'. Er gab zur Antwort: Nicht leſen koͤnn' er ſie aus einem Haufen * 88 Coriolanus. AN. Verdorbner, ſchlechter Spren; auch ſey es Thorheit, Um ein, zwei arme Koͤrner ſtinken laſſen Den Unrath unverbrannt. Men. Um ein paar Koͤrner? Davon bin ich eins, ſeine Frau und Mutter, Sein Kind, der wackre Freund, wir ſind die Korner: Ihr ſeyd die dumpfe Spreu, und Eu'r Geſtank Dringt bis zum Mond, wir muͤſſen fuͤr Euch brennen. Sic. Seyd milde doch, wenn Ihr zu helfen weigert, In ſo rathloſer Zeit. Verhoͤhnt uns mindſtens Mit unſerm Elend nicht; denn ſpraͤchet Ihr Fuͤr Euer Vaterland, Eu'r gutes Wort, Mehr als ein eilig aufgerafftes Heer, Hemmt' unſern Landsmann. Men. Nein, ich bleib' davon. Sic. Ich bitt' Euch, geht zu ihm. ien. Was koͤnnt' es nutzen? Brut. Verſuchen nur, was Eure Liebe mag Fuͤr Rom bei Marcius. Wien. Und geſetzt, daß Marcius Zuruͤck mich ſchickt, wie er Cominius that Ganz ungehoͤrt.— Die Folge? Noch ein gekraͤnkter Freund, von Gram durchbohrt Durch ſeine Haͤrte. Nun? Sic. Euern Willen Erkennt Nom dankbar nach dem Maaß, wie Ihr Die gute Meinung zeigt. Men. Ich will's verſuchen— Kann ſeyn, er hoͤrt mich; doch, die Lippe beißen, Und grollen mit Cominius ſchwaͤcht mein Herz. Man traf die Stunde nicht, vor Tiſche war's, Und ſind die Adern leer, iſt kalt das Blut; Dann ſchmollen wir dem Morgen, ſind unwillig Zu geben und vergeben; doch gefullt Die Roͤhren und Kanaͤle unſers Bluts Mit Wein und Nahrung, macht die Seele ſchmeid'ger Als prieſterliches Faſten.— Drum erpaſſ⸗ ich, Bis er fuͤr mein Geſuch in Tafel⸗Laune, Und dann mach' ich mich an ihn. Brut. Ihr kennt den wahren Pfad zu ſeiner Gute, Und koͤnnt des Weg's nicht fehlen. Men. Gut, ich pruͤf' ihn. Sz. 2. Coriolanus. 89 Geh's wie es will, bald werd' ich ſelber wiſſen Ob's mir gelang.(geht ab.) Com. Er hoͤrt ihn nimmer. Sie. Nicht? Com. Glaubt mir, er ſitzt im Gold, ſein Blick ſo feurig Als wollt' er Rom verbrennen; und ſein Zorn Iſt Waͤchter ſeiner Gnad'.— Ich kniete nieder, Nur leiſe ſprach er: Auf!— entließ mich— So— Mit ſeiner ſtummen Hand. Was er thun wuͤrde, Schickt' er mir ſchriftlich nach; was er nicht wuͤrde, Zwaͤng ihn ein Eid ſich ſelbſt nicht nachzugeben. So daß uns keine Hoffnung bleibt— Wenn's ſeine edle Mutter nicht und Gattin— Die, hoͤr' ich, ſind gewillt ihn anzuflehn Um Gnade für die Stadt: Drum gehn wir hin, Daß unſer beſtes Wort ſie noch mehr treibe. (gehn ab.) — Zweite Szene. (Swei Wachen der Volsker, zu ihnen kommt Men enius.) 1. Wache. Halt!— woher kommt Ihr? 2. Wache. Halt, und geht zuruͤck. WMen. Ihr wacht wie Maͤnner. Sie doch mit Ver⸗ gun Ich bin ein Staatsbeamter, und gekommen Mit Coriolan zu ſprechen. 1. Wache. Von wo? Mien. Von Rom. 1. Wache. Ihr kommt nicht Ihr muͤßt zuruͤck.— er Feldherr Will nichts von dort mehr hören. 2. Wache. Ihr ſollt Eu'r Rom in Flammen ſehn, evor Mit Coriolan Ihr ſprecht. Wen. Ihr guten Freunde Habt Ihr gehoͤrt von Rom den Feldherr ſprecher, Und ſeinen Freunden dort? Zehn gegen eins, So traf mein Nam' Eur Ohr, er heißt Menenius. „ 90 Coriolanus. A. V. 1. Wache. Mag ſeyn. Zuruͤck! denn Eures Namens Wuͤrde Bringt Euch nicht durch. WMien. Ich ſage dir, mein Freund, Dein Feldherr liebt mich, denn ich war die Chronik Des Guten, was er that, und wo ſein Ruhm Als gleichlos ſtand, wohl etwas uͤbertrieben, Stets ſagt' ich Wahrheit aus von meinen Freunden, (Von denen er der Liebſte) ganz und groß, Wie ſich's nur breiten laͤßt. Zuweilen wohl, So wie die Kugel auf ganz ſanſtem Grund, Sprang ich was jenſeit, machte faſt im Loben Ein wenig Wind.— Drum, Kerl, muß ich auch durch⸗ 1. Wache. Mein Tren, Herr, wenn Ihr auch ſo viele Lugen fuͤr ihn, als jetzt Worte fuͤr Euch geſprochen habt, ſo ſollt Ihr doch nicht durch. Nein,— und wenn auch das Lugdn ſo verdienſtlich wäre, wie ein keuſches Leben. Darum— zuruͤck! Men. Ich bitte dich, Menſch, erinnere dich, daß ich ſ heiße, der immer die Partei deines Feldherrn ielt. 2. Wache. Wenn Ihr auch ſein Luͤgner geweſen ſeyd, wie Ihr vorgebt, ſo bin ich einer der in ſeinem Dienſt die Wahtheit ſpricht, und Euch ſagt, daß Ihr hier nicht hinein duͤrft. Darum, zuruͤck! men. Hat er zu Mittag gegeſſen? weißt du's nicht? ntich wollte nicht gern eher mit ihm reden als nach der ahlzeit. 1. Wache. Nicht wahr, Ihr ſeyd ein Roͤmer? Wen. Ich bin was dein Feldherr iſt. Wache. Dann ſolltet Ihr auch Rom haſſen, ſo wie er. Koͤnnt Ihr, nachdem Ihr Euren Vertheidiger zu Eu⸗ ren Thoren hinaus geſtoßen und in Eurer bloͤdſinnigen Volkswuth Eurem Feind Euren eignen Schild gegeben habt, noch glauben, ſeine Rache ließe ſich durch die ſchwaͤch⸗ lichen Seufzer alter Frauen abwenden, durch das jung⸗ fraͤuliche Haͤndenfalten Eurer Toͤchter, oder durch gicht⸗ lahme Geberdung eines ſo welken, kindiſchen Mannes wie Ihr zu ſeyn ſcheint? koͤnnt Ihr glauben, das Feuer, das Eure Stadt entflammen ſoll, mit ſo ſchwachem Athem aus⸗ zublaſen? Nein, Ihr irrt Euch,— Darum, zuruͤck nach Rom, und bereitet Euch zu Eurer Hinrichtung. Ihr ſeyd Sz. 2. Coriolanus. 91 verurtheilt ohne Widerrede und Verzeihung, das hat der General geſchworen. Wien. Burſche, wenn dein Feldher wuͤßte, daß ich hier bin, ſo wuͤrde er mich mit Achtung behandeln. 1. Wache. Geht, unſer Anfuͤhrer kennt Euch nicht. Wien. Ich meine den Feldherrn. 1. Wache. Der Feldherr fragt nichts nach Euch.— Zuruͤck! Ich ſag' es Euch, geht; ſonſt zapfe ich noch Eure halbe Unze Blut ab— zuruͤck! denn mehr koͤnnt Ihr nicht haben. Fort! Wen. Nein, aber, Menſch! Menſch! (Coriolanus und Aufidius treten auf.) Cor. Was giebt's? Mien. Jetzt, Geſelle, will ich dir etwas einbrocken— Du ſollſt nun ſehn, daß ich in Achtung ſtehe. Du ſollſt gewahr werden, daß ſolch ein Hans Schilderhaus mich nicht von meinem Sohn Coriolan wegtreiben kann. Sieh an der Art wie er mit mir ſprechen wird, ob du nicht reif fuͤr den Galgen biſt, oder fuͤr eine Todesart von laͤngerer Ausſicht und groͤßerer Qual. Sieh nun her, und falle ſogleich in Ohnmacht, wegen deſſen was dir bevorſteht.— Die glorreichen Goͤtter moͤgen ſtuͤndliche Rathsverſamm⸗ lung halten, wegen deiner beſondern Gluͤckſeligkeit, und dich nicht weniger lieben als dein alter Vater Menenius. O! mein Sohn! mein Sohn! du bereiteſt uns Feuer? Sieh, hier iſt Waſſer, um es zu loͤſchen. Ich war ſchwer zu bewegen zu dir zu gehn; aber weil ich uͤberzeugt bin, daß keiner beſſer als ich dich bewegen kann, ſo bin ich mit Seufzern aus den Thoren dort hinaus geblaſen worden, und beſchwoͤre dich nun, Rom und deinen flehenden Landsleuten zu verzeihn. Die guͤtigen Goͤtter moͤgen deinen Zorn ſaͤnftigen, und die Hefen davon hier auf dieſen Schurken leiten, auf dieſen, der mir, wie ein Klotz, den Eintritt zu dir verſagte. Cor. Hinweg! Men. Wie, hinweg? Cor. Weib, Mutter, Kind, nicht kenn' ich ſie.— Mein Thun Iſt andern dienſtbar. Eignet mir die Rache Auch gaͤnzlich; bleibt Nachgiebigkeit doch nur Den Volskern. Daß wir einſt vertraut geweſen, Vergifte lieber undankbar Vergeſſen, Als Mitleid ſich, wie ſehr, erinn're. Fort denn! * g Coriolanus. A W Mein Ohr iſt feſter Eurem Flehn verſchloſſen, Als Eure Thore meiner Kraft. Doch nimm dieß, Weil ich dich liebt', ich ſchriebs um deinetwillen Und wollt' es ſenden. Kein Wort mehr, Menenius, Verſtatt' ich dir. Der Mann, Aufidius, War mir ſehr lieb in Rom; und dennoch ſiehſt du— Auf. Du bleibſt dir ſtets derſelbe. (Coriolanus und Aufidius gehn ab.) 1. Wache. Nun, Herr, iſt Euer Name Menenius? 2. Wache. Ihr ſeht, er iſt ein Zauber von großer Kraft. Ihr wißt nun den Weg nach Hauſe. 1. Wache. Habt Ihr gehoͤrt, wie wir ausgeſcholten ſind, weil wir Eure Hoheit nicht einließen? 2. Wache. Warum doch, denkt Ihr, ſoll ich nun in Ohnmacht fallen? Men. Ich frage weder nach der Welt noch nach Eurem Feldherrn. Was ſolche Creaturen betrifft wie Ihr, ſo weiß ich kaum ob ſie da ſind, ſo unbedeutend ſeyd Ihr.— Wer den Entſchluß faſſen kann, von eigner Hand zu ſterben, fuͤrchtet es von keiner andern. Mag Euer Feldherr das Aergſte thun; und, was Euch betrifft, bleibt was Ihr ſeyd, lange, und Eure Erbaͤrmlichkeit wachſe mit Eurem Alter! Ich ſage Euch das, was mir geſagt wurde: Hinweg!— (er geht ab.) 1. Wache. Ein edler Mann, das muß ich ſagen. 2. Wache. Der wuͤrdigſte Mann iſt unſer Feldherr, er iſt ein Fels, eine Eiche, die kein Sturm erſchuͤttert. (ſie gehn ab.) Dritte Szene. (Es treten auf Coriolanus, Aufidius und Andre.) Coriolan. So ziehn wir morgen denn mit unſerm Heer Vor Rom. Ihr, mein Genoß in dieſem Krieg, Thut Euren Senatoren kund, wie redlich Ich Alles ausgefuͤhrt. Auf. Nur ihren Vortheil Habt Ihr beachtet; Euer Ohr verſtopft Roms allgemeinem Flehn; nie zugelaſſen Sz. 3. Coriolanus. 03 Geheimes Fluͤſtern: Nein, ſelbſt nicht von Freunden, Die ganz auf Euch vertraut. Cor. Der alte Mann, Den ich nach Rom, gebrochnen Herzens, ſende, Er liebte mehr mich als mit Vaterliebe, Ja, machte mich zum Gott.— Die letzte Zuflucht War, ihn zu ſenden; um des Greiſes Lebe, Blickt' ich ſchon finſter, that ich noch einmal Den erſten Antrag, den ſie abgeſchlagen Und jetzt nicht nehmen koͤnnen; ihn zu ehren, Der mehr zu wirken hoffte, gab ich nach, Sehr wenig nur. Doch neuer Sendung, Bitte, Seh's nun vom Staat, von Freunden, leih' ich nun Mein Ohr nicht mehr.— Ha! welch ein Laͤrm iſt das? (Geſchrei hinter der Szene.) Werd' ich verſucht zu brechen meinen Schwur, Indem ich ihn gethan? Ich werd' es nicht. (Es treten auf Virgilia, Volumnia, die den jungen Marcius an der Hand führt, Valeria, mit Gefolge. Alle — in Trauer.) Mein Weib voran, dann die ehrwuͤrd'ge Form Die meinen Leib erſchuf, an ihrer Hand Der Enkel ihres Blut's.— Fort Sympathie! Brecht, all' ihr Band' und Rechte der Natur! Sey's tugendhaft in Starrſinn feſt zu bleiben. Was gilt dieß Beugen mir? dieß Taubenauge Das Götter lockt zum Meincid?— Ich zerſchmelze! Und bin nicht feſtre Erd' als andre Menſchen— Ha! meine Mutter beugt ſich— Als wenn Olympus ſich vor kleinem Huͤgel Mit Flehen neigte; und mein junger Sohn Hat einen Blick der Bitt, aus dem allmaͤchtig Natur ſchreit: Weiger's nicht!— Nein, pfluͤge auf Der Volsker Rom, verheer⸗ Italien.— Nimmer Soll, wie unflugge Brut, Inſtinct mich fuhren; Ich ſteh', als waͤr' der Menſch ſein eigner Schoͤpfer, Und kennte keinen Urſprung. Pirg. Herr und Gatte! Cor. Dieß Aug' iſt nicht, was ich in Rom ſonſt hatte. Virg. Der Gram, der uns verwandelt hat, macht dich So denken. Cor. Wie ein ſchlechter Spieler jetzt „* 94 Coriolanus. A. V. Vergaß ich meine Roll und bin verwirrt, Bis zur Verhoͤhnung ſelbſt.— Blut meines Herzens! Vergieb mir meine Tyrannei; doch ſage Drum nicht: Vergieb den Roͤmern.— O! ein Kuß, Lang wie mein Bann, und ſuͤß wie meine Rache. Nun, bei der Juno Eiferſucht, den Kuß Nahm ich, Geliebte, mit, und meine Lippe Hat ihn ſeitdem jungfraͤulich treu bewahrt. Ihr Goͤtter! wie? ich huld'ge? Und aller Muͤtter edelſte der Welt Blieb unbegruͤßt?— Mein Knie, ſink' in die Erde, Druͤck tiefer deine Pflicht dem Boden ein, Als jeder andre Sohn.(er kniet nieder.) Vol. Steh auf geſegnet! Daß, auf nicht weicherm Kiſſen als der Stein, Ich vor dir knie, und Huld'gung neuer Art Dir weihe, die bisher ganz falſch vertheilt War zwiſchen Kind und Eltern. Cſie kniet.) Cor. Was iſt das? Ihr vor mir knien? vor dem beſtraften Sohn? Dann moͤgen Kieſel von der ſand'gen Bucht Frech an die Sterne ſpringen; rebell'ſche Winde Die Feuerſonne mit ſtolzen Cedern peitſchen, Mordend Unmoͤglichkeit zum Kinderſpiel Zu machen das, was ewig nie kann ſeyn. Vol. Du biſt mein Krieger, Ich hoffe fuͤgſam. Kennſt du dieſe Frau? Cor. Die edle Schweſter des Publicola. Die Luna Roms, keuſch wie die Zacken Eis Die aus dem reinſten Schnee der Froſt geformt Am Heiligthum Dianens. Seyd gegruͤßt, Valeria. Vol. Dieß iſt ein kleiner Auszug von dir ſelbſt, Der durch die Auslegung erfuͤllter Jahre Ganz werden kann wie du. Cor. Der Gott der Krieger, Mit Beiſtimmung des hoͤchſten Zeus, erziehe Zum Adel deinen Sinn: daß du dich ſtaͤhlſt Der Schande unverwundbar, und im Krieg Ein groß Seczeichen ſtehſt, die Winde hoͤhnend, Die rettend, die dir nachſehn. Vol. Knie nieder, Burſch. Cor. Das iſt mein wackrer Sohn. * Sz. 3. Coriolanus. 95 Pol. Er und dein Weib, die Fran hier und ich ſelbſt Sind Flehende vor dir. Cor. Ich bitt' Euch, ſtill! Wo nicht, bedenket dieß bevor Ihr ſprecht: Was zu gewaͤhren ich verſchwor, das nehmt nicht Als Euch verweigert: heißt mich nicht entlaſſen Mein Heer: nicht wieder unterhandeln mit Den Handarbeitern Roms: nicht ſprecht mir vor Worin ich unnatuͤrlich ſcheine: denkt nicht Zu ſaͤnft'gen meine Wuth und meine Rache Mit Euren kaͤltern Gruͤnden. Pol. Ol nicht mehr! nicht mehr! Du haſt erklaͤrt, du willſt uns nichts gewaͤhren; Denn nichts zu wuͤnſchen haben wir, als das Was du ſchon abſchlugſt. Dennoch will ich wuͤnſchen Daß, weichſt du unſern Bitten aus, der Tadel Nur deine Haͤrte treffen mag. Drum hoͤr' uns. Cor. Aufidius und Ihr Volsker, merkt, wir hoͤren Nichts in Geheim von Rom. Nun, Eure Bitte? Vol. Wenn wir auch ſchwiegen, ſagte doch dieß Kleid Und unſer bleiches Antlitz, welch ein Leben Seit deinem Bann wir fuͤhrten. Denke ſelbſt, Wie wir, unſeel'ger als je Frau'n auf Erden, Dir nahn! Dein Anblick, der mit Freudenthraͤnen Die Augen fuͤllen ſoll, das Herz mit Wonne, Netzt ſie mit Leid, die Bruſt erbebt vor Furcht; Da Mutter, Weib und Kind es ſehen muͤſſen Wie Sohn, Gemahl und Vater grauſam wuͤhlt In ſeines Landes Buſen.— Weh uns Armen! Uns trifft am haͤrt'ſten deine Wuth; du wehrſt uns Die Göͤtter anzuflehn, ein Troſt, den Alle, Nur wir nicht, theilen: denn wie koͤnnten wir's? Wie koͤnnen fuͤr das Vaterland wir beten, Was unſte Pflicht? und auch fuͤr deinen Sieg, Was unſre Pflicht?— Ach! unſre theure Amme, Das Vaterland, geht unter, oder du, Du Troſt im Paterland. Wir finden immer Ein unabwendbar Elend; wird uns auch Ein Wunſch gewaͤhrt; wer auch gewinnen mag: Entweder fuͤhrt man dich, Abtruͤnn'gen, Fremden, In Ketten durch die Straßen; oder du Trittſt im Triumph des Vaterlandes Schutt, Und traͤgſt die Palme, weil du kuͤhn vergoſſeſt „ 96 Coriolanus. A. V. Der Frau, des Kindes Blut; denn ich, mein Sohn, Ich will das Schickſal nicht erwarten, noch Des Krieges Schluß. Kann ich dich nicht bewegen, Daß lieber jedem Theil du Huld gewaͤhrſt, Als einen ſtuͤrzeſt— Traun, du ſollſt nicht eher Dein Vaterland beſtuͤrmen, bis du trat'ſt, (Glaub' mir, du ſollſt nicht) auf der Mutter Leib, Der dich zur Welt gebar. Dirg. Ja, auch auf meinen, Der dieſen Sohn dir gab, auf daß dein Name Der Nachwelt bluͤh'. Der kleine Marcius. Auf mich ſoll er nicht treten. Fort lauf' ich bis ich groͤßer bin, dann fecht' ich. Cor. Wer nicht will Wehmuth fuͤhlen, gleich den Frauen, Der muß nicht Frau noch Kindes Antlitz ſchauen. Zu lange ſaß ich. Cer ſteht auf.) Vol. Nein, ſo geh nicht fort. Zielt' unſre Bitte nur dahin, die Roͤmer Zu retten, durch den Untergang der Volsker, Die deine Herrn, ſo moͤcht'ſt du uns verdammen Als Moͤrder deiner Ehre.— Nein, wir bitten Daß beide du verſoͤhnſt: Dann ſagen einſt Die Volsker: Dieſe Gnad' erwieſen wir,— Die Roͤmer: wir empfingen ſie; und jeder Giebt dir den Preis, und ruft: Geſegnet ſey Fuͤr dieſen Frieden!— Großer Sohn, du weißt Des Krieges Gluͤck iſt ungewiß, gewiß Iſt dieß, daß wenn du Rom beſiegſt, der Lohn, Den du dir erndteſt, ſolch ein Name bleibt, Dem, wie er nur genannt wird, Fluͤche folgen. Dann ſchreibt die Chronik einſt: Der Mann war edel, Doch ſeine letzte That loͤſcht' alles aus, 4 Zerſtoͤrt' ſein Vaterland; drum bleibt ſein Name Ein Abſcheu kuͤnft'gen Zeiten.— Sprich zu mir. Der Ehre zart'ſte Fordrung war dein Streben, In ihrer Anmuth Goͤttern gleich zu ſeyn: Den Luftraum mit dem Donner zu erſchuͤttern, Und dann den Blitz mit einem Keil zu tauſchen, Der nur den Eichbaum ſpaltet. Wie? nicht ſprichſt du?— Haͤlt'ſt du es wuͤrdig eines edlen Mannes Sich ſtets der Kraͤnkung zu erinnern?— Tochter, Sprich du, er achtet auf dein Weinen nicht.— Sz. 3. Coriolanus. 97 Sprich du, mein Kind,— Vielleicht bewegt dein Kind'sgeſchwaͤtz ihn mehr Als unſre Rede mag.— Kein Mann auf Erden Verdankt der Mutter mehr; doch hier läßt er Mich ſchwatzen, wie ein Weib am Pranger.— Nie Im ganzen Leben gab'ſt der lieben Mutter Du freundlich nach, wenn ſie, die arme Henne, Nicht andrer Brut erfreut, zum Krieg dich gluckte, Und ſicher heim, mit Ehren ſtets beladen.— Heiß ungerecht mein Flehn, und ſtoß mich weg; Doch iſt das nicht, ſo biſt nicht ehrlich du, Und ſtrafen werden dich die Göotter, daß Du mir die Pflicht entziehſt, die Muͤttern ziemt. Er kehrt ſich ab!— Kniet nieder, Fran'n, beſchaͤm' ihn unſer Knien. Dem Namen Coriolanus ziemt Verehrung, Nicht Mitleid unſerm Flehn.— Kniet, ſey's das letzte.— Nun iſt es aus— wir kehren heim nach Rom, Und ſterben mit den Unſern.— Nein, ſieh her! Dieß Kind, nicht kann es ſagen was es meint; Doch kniet es, hebt die Haͤnd' empor mit uns. Spricht ſo der Bitte Recht mil groͤhrer Kraft Als du zu weigern haſt.— Kommt, laßt uns gehn: Der Menſch hat eine Volskerin zur Mutter, Sein Weib iſt in Corioli, dieß Kind Gleicht ihm durch Zufall.— So ſind wir entlaſſen, Still bin ich, bis die Stadt in Flammen ſteht, Dann ſag' ich etwas noch— Cor. O! Mutter!— Mutter! (Er faßt die beiden Hände der Mutter. Pauſe,) Was thuſt du? Sieh, die Himmel oͤffnen ſich, Die Goͤtter ſchaun herab; den Auftritt unnatuͤrlich Belachen ſie.— Ol meine Mutter! Mutter! O! Fuͤr Rom haſt du heilſamen Sieg gewonnen; Doch deinen Sohn— O glaub' es, glaub' es mir, Ihm hoͤchſt gefahrvoll haſt du den bezwungen, Wohl toͤdtlich ſelbſt. Doch mag es nur geſchehn! Aufidius, kann ich Krieg nicht ernſtlich fuͤhren, Schließ' ich heilſamen Frieden. Sprich, Aufidius, Waͤr'ſt du an meiner Statt, hätt'ſt du die Mutter Weniger gehoͤrt? ihr weniger zugeſtanden? Auf. Ich war bewegt. V.. 98 Coriolanus. AW. Cor. Ich ſchwoͤre drauf, du war'ſt es. Und nichts Geringes iſt es, wenn mein Auge Von Mitleid traͤuft. Doch rathe mir, mein Freund! Was fuͤr Bedingung machſt du? denn nicht geh' ich Nach Nom, ich kehre mit Euch um, und bitt' Euch, Seyd hierin mir gewogen.— O Mutter! Frau! Auf.(für ſich.. Froh bin ich, Mitleid, deine re hre Dich ſo entzwei'n; hieraus denn ſchaff' ich mir Mein ehemal'ges Gluͤck. (Die Frauen wollen ſich entfernen.) Cor. Ol jetzt noch nicht. Erſt trinken wir, dann tragt ein beßres Zeugniß Als bloßes Wort nach Rom, das gegenſeitig Auf billige Bedingung wir beſiegeln. Kommt, tretet mit uns ein. Ihr Frau'n verdient, Daß man Euch Tempel baut; denn alle Schwerdter Italiens, und aller Bund'sgenoſſen, Sie haͤtten dieſen Frieden nicht erkaͤmpft. (Alle ab). Vierte Szene. Rom. Ein öffentlicher Platz. (Menenius und Sicinius treten auf.) 3 Menenins. z eht Ihr dort jenen Vorſpung am Capitol? jenen Eck⸗ ein? Sic. Warum? Was ſoll er? Wen. Wenn es moͤglich iſt, daß Ihr ihn mit Eurem kleinen Finger von der Stelle bewegt, dann iſt einige Hoffnung, daß die roͤmiſchen Frauen, beſonders ſeine Mut⸗ ter, etwas bei ihm ausrichten köͤnnen.— Aber! ich ſage es iſt keine Hoffnung; unſre Kehlen ſind verurtheilt und warten auf den Henker. Sic. Iſt es moͤglich, daß eine ſo kurze Zeit die Ge⸗ muͤthsart eines Menſchen' ſo veraͤndert? Wien. Es iſt ein Unterſchied zwiſchen einer Raupe und einem Schmetterling; und doch war der Schmetterling eine Sz. 4. Coriolanus. 99 Raupe. Dieſer Marcius iſt aus einem Menſchen ein Drache geworden, die Schwingen ſind ihm gewachſen, er iſt mehr als ein kriechendes Geſchoͤpf. Sic. Er liebte ſeine Mutter von Herzen. Men. Mich auch. Aber er kennt jetzt ſeine Mutter ſo wenig als ein achtjaͤhriges Pferd. Die Herbigkeit ſeines Angeſichts macht reife Trauben ſauer. Wenn er wandelt, ſo bewegt er ſich wie ein Thurm, und der Boden ſchrumpft vor ſeinem Tritt zuſammen. Er iſt im Stande einem Har⸗ niſch mit ſeinem Blick zu durchbohren; er ſpricht wie eine Glocke, und ſein Hm iſt eine Batterie. Er ſitzt da in ſeiner Herrlichkeit wie ein Abbild Alexanders. Was er befiehlt, das geſchehn ſoll, das iſt ſchon vollendet, indem er es befiehlt. Ihm fehlt zu einem Gotte nichts als Ewigkeit und ein Him⸗ mel darin zu thronen. Sic. Nun, Gott gnad' uns, wenn Ihr die Wahr⸗ heit ſagt. Wen. Ich male ihn nach dem Leben. Gebt nur Acht, was fuͤr. Gnade ſeine Mutter mitbringen wird. Es iſt nicht mehr Gnade in ihm als Milch in einem maͤnnlichen Tiger; das wird unſre arme Stadt empfinden.— Und alles dieß haben wir Euch zu danken. Sic. Die Goͤtter moͤgen ſich unſer erbarmen! Men. Nein, bei dieſer Gelegenheit werden ſich die Goͤtter unſer nicht erbarmen. Als wir ihn verbannten, achteten wir nicht auf ſie, und da er nun zuruͤck kommt, um uns den Hals zu brechen, achten ſie nicht auf uns. (Ein Bote tritt auf.) Bote. Wollt ihr das Leben retten, flieht nach Hauſe Das Volk hat Euren Mittribun ſe Und ſchleift ihn durch die Straßen. Alle ſchwoͤren, Er ſoll, wenn keinen Troſt die Frauen bringen, Den Tod zollweiſ⸗ empfinden. (Ein zweiter Bote kommt,) Sic. Was fur Nachricht? Bote. Heil! Heil! Die Frauen haben obgeſiegt Es ziehn die Volsker ab, und Marcius geht. Ein froh rer Tag hat nimmer Rom begruͤßt, Nicht ſeit Tarquins Vertreibung. * 7„ 400 Coriolanus. A. V. Sic. Freund, ſag' an, Iſt's denn auch wirklich wahr? weißt dirs gewiß? Bote. Ja, ſo gewiß die Sonne Feuer iſt. Wo ſtecktet ihr, daß ihr noch zweifeln koͤnnt? Geſchwollne Fluth ſturzt ſo nicht durch den Bogen, Wie die Begluͤckten durch die Thore. Horcht! (Man hört Trompeten, Hoboen„Trommeln und Freudengeſchrei.) Poſaunen, Floͤten, Trommeln und Drommeten, Cymbeln und Pauken und der Roͤmer Jauchzen, Es macht die Sonne tanzen. (Freudengeſchrei.) Men. Gute Zeitung. Ich geh den Frau'n entgegen. Die Volumnia Iſt von Patriciern, Conſuln, Senatoren Verch eine Stadt voll, ſolcher Volks⸗Tribunen Ein Meer und Land voll.— Ihr habt gut gebetet, Fuͤr hundert tauſend Eurer Kehlen gab ich Heut fruͤh nicht einen Pfennia. Hoͤrt die Freude! (Muſik und Freudengeſchrei.) 3 Sic. Erſt fuͤr die Botſchaft ſegnen Euch die Goͤtter, Und dann nehmt meinen Dank. Bote. Wir haben alle Viel Grund zu vielem Dank. Sic. Sind ſie ſchon nah? Bote. Faſt ſchon am Thor. Sic. Laßt uns entgegen gehn Und ihre Jubel mehren. (Die Frauen treten auf, von Senatoren, Patriciern und Volk begleitet. Sie gehn über die Bühne.) 1. Sen. Seht unſte Schuͤtzerin, das Leben Roms! Ruft alles Volk zuſammen, preiſt die Goͤtter, Macht Freudenfener, ſtrent den Weg mit Blumen, Und uͤbertoͤnt den Schrei, der Marcius bannte, Ruft ihn zuruͤck im Willkomm ſeiner Mutter. Willkommen! ruft den Frau'n Willkommen zu. Alle. Willkommen! edle Frauen! ſeyd willkommen! (Trommeln und Trompeten. Alle ab.) Sz. 5 Coriolanus. 101 Fuͤnfte Szene. Antium. Ein öffentlicher Platz. (Aufidius tritt auf mit Begleitern.) Aufidius. Geht, ſagt den Senatoren, ich ſey hier, Gebt ihnen dieß Papier, und wenn ſie's laſen, Heißt ſie zum Marktplatz kommen, wo ich ſelbſt Vor ihrem und des ganzen Volkes Ohr Bekraͤft'ge was hier ſteht. Der Angeklagte Zog eben in die Stadt, und iſt gewillt Sich vor das Volk zu ſtellen, in der Hoffnung Durch Worte ſich zu rein gen. Geht. (Die Begleiter gehn ab.) (Drei oder vier Ver ſchworne treten auf.) Willkommen! 1. Petſchw. Wie ſteht's mit unſerm Feldherrn? Auf. Grade ſo Wie dem, der durch ſein Wohlthun wird vergiftet, Den ſein Erbarmen mordet. 2. Perſchw. Edler Herr, Wenn bei derſelben Abſicht ihr verharrt, Zu der ihr unſern Beitritt wuͤnſcht, erretten Wir euch von der Gefahr. Auf. Ich weiß nur nicht. Wir muͤſſen handeln nach des Volkes Stimmung. 3. Perſchw. Das Volk bleibt ungewiß, ſo lang' es noch Kann waͤhlen zwiſchen Euch. Der Fall des einen Macht, daß der andre alles erbt. Auf. Ich weiß es. Auch wird der Vorwand, ihm eins beizubringen, Beſchoͤnigt. Ich erhob ihn, gab mein Wort Fuͤr ſeine Treu. Er, ſo emporgeſtiegen, Begoß mit Schmeichelthau die neuen Pflanzen, Die Freunde mir verfuͤhrend; zu dem Zweck Bog er ſein Weſen, das man nur vorher Als rauh, unlenkſam und freimuͤthig kannte. 3. Perſchw. Ja, ſein Trotz, als er die Wuͤrde 6 102 Coriolanus. A. V. Des Conſuls ſuchte, die er nur verlor Weil er nicht nachgab— Auf. Davon wollt' ich reden. Deßhalb verbannt kam er an meinen Heerd, Bot ſeinen Hals dem Dolch. Ich nahm ihn auf, Macht' ihn zu meines Gleichen, gab ihm Raum Nach ſeinem eignen Wunſch, ja, ließ ihn waͤhlen Aus meinem Heer, zu ſeines Plans Gelingen, Die beſten, kuͤhnſten Leute. Selbſt auch dient' ich Fuͤr ſeinen Plan, half erndten Ruhm und Ehre, Die er ganz nahm als eigen. Selbſt mir Unrecht Zu thun, war ich faſt ſtoz. Bis ich am Ende Sein Soͤldner ſchien, nicht Mitregent, den er Mit Schutz bezahlt und Beifall; als waͤr⸗ ich Fuͤr Geld in ſeinem Dienſte. 1. Perſchw. Ja, das that er, Das Heer erſtaunte drob. Und dann zuletzt Als Rom ſein war, und wir nicht wen'ger Ruhm Als Bent' erwarten— Auf. Dieſes iſt der Punkt, Fuͤr den ich meine ganze Kraft ihm biete. Fuͤr wen'ge Tropfen Weiberthraͤnen, wohlfeil Wie Luͤgen, konnt' er Schweiß und Blut verkaufen Der großen Unternehmung. Darum ſterb' er, Und ich erſteh' in ſeinem Fall.— Doch, horcht.— (Trommeln und Trompeten, Freudengeſchrei des Volks.) 1. Perſchw. Ihr kamt zur gleich einem oten, Und wurdet nicht begrußt; bei ſeiner Ruͤckkehr Zerreißt ihr Schrein die Luft. 2. Verſchw. Ihr blöden Thoren! Die Kinder ſchlug er euch, ihr ſprengt die Kehlen Ihm Gluͤck zu wuͤnſchen. 3. Perſchw. Drum zu Eurem Vortheil, Eh er noch ſprechen kann das Volk zu ſtimmen Durch ſeine Rede, fuͤhl' er Euer Schwerdt. Wir unterſtuͤtzen Euch, daß, wenn er liegt Auf Eure Art ſein Wort gedeutet wird, Mit ihm ſein Recht begraben. Auf. Sprich nicht mehr, Hier kommt ſchon der Sz. 5. Coriolanus. 103 (Die Senatoren treten auf.) Die Sen. Ihr ſeyd daheim willkommen. Auf. Das hab' ich nicht verdient; doch, wuͤrd'ge Herrn, Laſ't Ihr bedaͤchtig durch, was ich Euch ſchrieb? Die Sen. Wir thaten's. 1. Sen. Und mit Kummer, dieß zu hoͤren. Was fruͤher er gefehlt, das, glaub' ich, war Nur leichter Strafe werth; doch da zu enden Wo er beginnen ſollte, wegzuſchenken Den Vortheil unſers Kriegs, uns zu bezahlen Mit unſern Koſten, und Vergleich zu ſchließen, Statt der Erobrung— das iſt unverzeihlich. Auf. Er naht, Ihr ſollt ihn hoͤren. (Coriolanus tritt ein, mit Trommeln und Fahnen, Bür⸗ ger mit ihm.) Cor. Heil, edle Herrn. Heim kehr' ich, Euer Krieger, Unangeſteckt von Vaterlandsgefuhlen, So wie ich auszog. Eurem hohen Willen Bleib' ich ſtets unterthan.— Nun ſollt ihr wiſſen, Daß uns der herrlichſte Erfolg gekroͤnt: Auf blut'gem Pfade fuͤhrt' ich Euren Krieg Bis vor die Thore Roms. Wir bringen Beute, Die mehr als um ein Drittheil uͤberwiegt Die Koſten dieſes Kriegs. Wir machten Frieden, Mit minderm Ruhm nicht fuͤr die Antiaten Als Schmach fuͤr Rom, und uͤberliefern hier, Von Conſuln und Patriciern unterſchrieben, Und mit dem Siegel des Senats verſehn, Euch den Vergleich. Auf. Leſt ihn nicht, edle Herrn. Sagt dem Verraͤther, daß er Eure Macht Im hoͤchſten Grad gemißbraucht. Cor. Was? Verraͤther? Auf. Ja, du Verraͤther, Marcius! Cor. Marcius? Auf. Ja Marcius, Cajus Marcius! denkſt du etwa Daß ich mit deinem Raub dich ſchmuͤcke, deinem „ 104 Coriolanus. A. V. Geſtohlnen Namen Coriolan? Ihr Herrn und Häupter unſres Staats, meineidig Verrieth er Eure Sach', und ſchenkte weg, Fuͤr ein'ge ſalz'ge Tropfen Euer Rom, Ja, Eure Stadt, an ſeine Frau und Mutter, Den hei'gen Eid zerreißend, wie den Faden Verfaulter Seide, niemals Kriegesrath Berufend. Rein, bei ſeiner Amme Thraͤnen, Weint' er, und heulte Euren Sieg hinweg, Daß Pagen ſein ſich ſchämten, und Soldaten Sich ſtaunend angeſehn. Cor. Hoͤrſt du das, Mars! Auf. O! nenne nicht den Gott, du Knabe der Thraͤ⸗ neh! Cor. Hal Auf. Nichts mehr! Cor. Du grenzenloſer Luͤgner! zu groß machſt du Mein Herz fuͤr ſeinen Inhalt. Knab? o Sclave! Verzeiht mir, Herrn, däs iſt das erſte Mal, Daß man mich zwingt zu ſchimpfen.— Ihr Verehrten, Straft Lugen dieſen Hund; ſein eignes Wiſſen (Denn meine Striemen ſind ihm eingedruckt, Und dieſe Zeichen nimmt er mit in's Grab) Schleudr' ihm zugleich die Lug' in ſeinen Hals. 1. Sen. Still, beid', und hoͤrt mich an, Cor. Reißt mich in Stuck“, be Volsker! Maͤnner, einder Taucht Euren Stahl in mich.— Fnnb— Falſcher Hund! Wenn Eure Chronik Wahrheit ſpricht,— Da ſteht's, Daß, wie im Taubenhaus der Adler, ich Geſcheucht die Volsker in Corioli.“ Allein,— ich— that es. Knabe! Auf. Edle Herrn, So laßt Ihr an ſein blindes Gluͤck Euch mahnen, Und Eure Schmach? Durch dieſen frechen Prahler Vor Euren eignen Augen? Die Verſchwornen. Dafuͤr ſterb' er! Die Burger Gurcheinander.) Reißt ihn in Stuͤcke, thut * † —————. Sz. 5. Coriolanus. 105 es gleich.— Er toͤdtete meinen Sohn— meine Toch⸗ ter.— Er todtete meinen Vetter Marcus!— Er todtete meinen Vater! 2. Sen. Still! keine blinde Wuth. Seyd ruhig. Still! Der Mann iſt edel, und ſein Ruhm umſchließt Den weiten Erdkreis. Sein Vergehn an uns Sey vor Gericht gezogen. Halt, Aufidius! Und ſtor' den Frieden nicht. Cor. Ol haͤtt' ich ihn! Und ſechs Aufidius, mehr noch, ſeinen Stamm, Mein treues Schwerdt zu prufen! Auf. Frecher Bube! Die Perſchwornen. Durchbohrt! durchbohrt! durch⸗ bohrt ihn! Aufidius und die Verſchwornen ziehen und erſtechen Corio⸗ lan. Aufidius ſtellt ſich auf ihn. 2 Die Senatoren. Halt, halt ein! Auf. Ihr edlen Herrn, o! hoͤrt mich an. 1. Sen. O Tullus! 2. Sen. Du haſt gethan, was Tugend muß beweinen. 3. Sen. Tritt nicht auf ihn. Seyd ruhig, all ihr Maͤnner, Steckt Eure Schwerdter ein. Auf. Ihr Herrn, erfahrt Ihr,(wie in dieſer Wuth, Von ihm erregt, nicht moͤglich,) die Gefahren, Die Euch ſein Leben droht', Ihr Euch, Daß er ſo weggeraͤumt. Beruft„Verehrte, Mich zur Senatsverſammlung, zeig' ich mich Als Euren treuen Diener, oder dulde Die ſchwerſte Strafe. 1. Sen. Tragt die Leiche fort, Und trauert uͤber ihn. Er ſey geehrt, Wie je ein edler Leichnam, dem der Herold Zum Grab gefolgt. 2. Sen. Sein eigner Ungeſtuͤm Nimmt von Aufidius einen Theil der Schuld, So kehrt's zum Beſten. * 106 Coriolanus. A. V. Sz. 5. Auf. Meine Wuth iſt hin, Mein Herz durchbohrt der Gram. So nehmt ihn auf,. Helft, drei der erſten Krieger, ich der vierte. Die Trommel ruhrt, und laßt ſie traurig toͤnen, Schleppt nach die Speer'. Obwohl in dieſer Stadt Er manche Gatten kinderlos gemacht, Und nie zu ſuͤhnend Leid auf uns gebracht, So ſey doch ſeiner ehrenvoll gedacht. Helft mir. Sie tragen die Leiche Coriolans fort. Trauermarſch.) Perſonen. Julius Cäſar. Octabius Cäſar, Triumvirn, nach dem Tode des Marcus Antonius, Julius Cäſar. M. Aemilius Lepidus, Cicero, Publius, Senatoren. Popilius Lena, Marcus Brutus, Caſſius, Caſca, Trebonius, Ligarius, Decius Brutus, Metellus Eimber, Cinna, Flavius, Rarullus, Tribunen. Artemidorus, ein Sophiſt von Knidos. Ein Wahrſager. Cinna, ein Poet. Ein andrer Poet. Lucilius, Titinius, Meſſala, Freunde des Brutus und Caſſius. Der junge Cato, Volumnius, Varro, Clitus, Claudius, Strato, Lucius, Dardanius, Pindarus, Diener des Caſſius. Calpurnia, Gemahlin des Cäſar. Portia, Gemahlin des Brutus. Senatoren, Bürger, Wache, Gefolge, u. ſ. w. Verſchworne gegen Julius Cäſar, Diener des Brutus. Die Scene iſt einen großen Theil des Stuͤcks hindurch zu Rom, nachher zu Sardes und bei Philippi.) — S A nf 6. S tße S 5 e Rom, Eine Straße. (Flavius, Marullus und ein Haufe von Bürgern.) Flavins. Packt Euch nach Haus, Ihr Tagediebe! fort! Iſt dieß ein Feiertag? Was? Wißt Ihr nicht, Daß Ihr als Handwerksleut an Werkeltagen Nicht ohn' ein Zeichen der Handthierung duͤrft Umhergeh'n?— Welch Gewerbe treibſt du? ſprich! 1. Bürg. Nun, Herr, ich bin ein Zimmermann. War. Wo iſt dein ledern Schurzfell und dein Maaß? Was machſt du hier in deinen Sonntagskleidern?— Ihr, Freund, was treibt Ihr? 2. Bürg. Die Wahrheit zu geſtehn, Herr, gegen ſ2 Arbeiter gehalten, mache ich nur, ſo zu fagen, Mar. Doch welch Gewerb? Antworte gradezu. 2. Bürg. Ein Gewerbe, Herr, das ich mit gutem Gewiſſen treiben kann, wie ich hoffe. Es beſteht darin, einen ſchlechten Wandel zu verbeſſern. Mar. Welch ein Gewerb„du Schuft? welch ein Gewerb? 2. Bürg. Nein, ich bitte Euch, Herr, laßt Euch die Geduld nicht reißen. Wenn aber ja was reißt, ſo gebt Euch nur in meine Hand. War. Was meinſt du damit? Mich in deine Hand geben, du naſeweiſer Burſch? 2. Bürg. Nun ja, Herr, damit ich Euch flicken kann. * 110 Julius Caͤſar. A. I. Flav. Du biſt ein Schuhflicker, nicht wahr? 2. Burg. Im Ernſt, Herr, ich bin ein Wundatzt fuͤr alte Schuhe: wenn's gefaͤhrlich mit ihnen ſteht, ſo mache ich ſie wieder heil. So huͤbſche Leute, als jemals auf Rindsleder getreten, ſind auf meiner Haͤnde Werk einher⸗ gegangen. Flav. Doch warum biſt du in der Werkſtatt nicht? Was fuͤhrſt du dieſe Leute durch die Gaſſen? 2. Bürg. Meiner Treu, Herr, um Ihre Schuhe ab⸗ zunutzen, damit ich wieder Arbeit kriege. Doch im Ernſt, Herr, wir machen Feiertag, um den Caͤſar zu ſehen, und uns uͤber ſeinen Triumph zu freuen. War. Warum Euch freun? Was hat er wohl erobert? Was fuͤr Beſiegte fuͤhrt er heim nach Rom, Und feſſelt ſie zur Zier an ſeinen Wagen? Ihr Bloͤck'! ihr Steine! ſchlimmer als gefuͤhllos! OH harte Herzen! arge Maͤnner Roms! Habt ihr Pompejus nicht gekannt? Wie oft Stiegt Ihr hinan auf Mauern und auf Zinnen, Auf Thuͤrme, Fenſter, ja auf Feuereſſen, Die Kinder auf dem Arm, und ſaßet da Den lieben langen Tag, geduldig wartend, Bis durch die Straßen Roms Pompejus zoge? Und ſaht Ihr ſeinen Wagen nur von fern, Erhobt Ihr nicht ein allgemeines Jauchzen, So daß die Tiber bebt' in ihrem Bett, Wenn ſie des Laͤrmes Wiederhall vernahm An ihren hohlen Ufern? Und legt Ihr nun die Feierkleider an? Und ſpart Ihr nun Euch einen Feſttag aus? Und ſtreut Ihr nun ihm Blumen auf den Weg, Der ſiegprangt uͤber des Pompejus Blut; Hinweg! In Eure Haͤuſer lauft, fallt auf die Knie, Und ſleht die Goͤtter an, die Noth zu wenden, Die uͤber dieſen Undank kommen muß! Flav. Geht, geht, Ihr guten Buͤrger! und verſammelt Fuͤr dieß Vergehen Eure armen Bruͤder; Fuͤhrt ſie zur Tiber, weinet Eure Thraͤnen Ins Flußbett, bis ihr Strom, wo er am flachſten, Die hoͤchſten ihrer Uferhoͤhen kuͤßt. (Die Buͤrger ab.) Sieh, wie die Schlacken ihres Innern ſchmelzen! Sz. 2. Fulius Caͤſar. 11 Sie ſchwinden weg, verſtummt in ihrer Schuld. Geht Ihr den Weg, hinab zum Capitol; Hierhin will ich. Entkleidet dort die Bilder, Seht Ihr mit Ehrenzeichen ſie geſchmuͤcke. Mar. Iſt das erlaubt? 8 Ihr wißt, es iſt das Lupercalien⸗Feſt. Flav. Es thut nichts: laßt mit den Trophäen Caͤſars Kein Bild behaͤngt ſeyn. Ich will nun umher, Und will den Poͤbel von den Gaſſen treiben. Das thut auch Ihr, wo Ihr gedraͤngt ihn ſeht. Dieß wachſende Geſieder, ausgerupft Der Schwinge Caͤſars, wird den Flug ihm hemmen, Der uͤber Menſchenblicke hoch hinaus, Uns alle ſonſt in knecht'ſcher Furcht erhielte. (Beide ab.) Zweite Szene. Ein öffentlicher Platz. n einem feierlichen Aufzuge mit Muſik kommen Cä ſar; An⸗ tonius, zum Wettlauf gerüſtet; Calpurnia, Portia, Decius, Cicero, Brutus, Caſſius und Caſca; hin⸗ ter ihnen ein großes Gedränge, darunter ein Wahrſager.) Cäſar. Calpurnia! Caſca. Still da! Caͤſar ſpricht. (Die Muſik hält inne.) Caͤſ. Calpurnia. Calp. Hier, mein Gemahl! Cäſ. Stellt dem Antonius grad' Euch in den Weg, Wenn er zur Wette laͤuft.— Antonius! Ant. Erlauchter Caͤſar? Cäſ. Vergeßt, Antonius, nicht in Eurer Eil Calpurnia zu beruͤhren; denn es iſt Ein alter Glaube, unfruchtbare Weiber, Beruͤhrt bei dieſem heil'gen Wettlauf, Entladen ſich des Fluchs. Ant. Ich werd' es merken. Wenn Caͤſar ſagt? thu' das, ſo iſt's vollbracht. * 112 Julius Cäſar. A. I. Caäſ. Beginnt; laßt nichts von den Gebräuchen aus. (Muſit.) Wahrſ. Caͤſar! Cäſ. He, wer ruft? Caſca. Es ſchweige jeder Laͤrm: noch einmal ſtill! 4(Die Muſik hält inne.) Caͤſ. Wer iſt es im Gedraͤng', der mich begehrt? Durch die Muſik dringt gellend eine Stimme, Die: Caͤſar! ruft. Sprich! Caͤſar neigt ſein Ohr. Wahrſ. Nimm vor des Maͤrzen Idus dich in Acht. Cäſ. Wer iſt der Mann? Brut. Ein Wahrſager; er warnt Euch vor des Maͤr⸗ zen Idus. Caͤſ. Fuͤhrt ihn mir vor! laßt ſein Geſicht mich ſehn. Caſca. Komm aus dem Haufen, Menſch; tritt vor den Caͤſar. Caͤſ. Was ſagſt du nun zu mir? Sprich noch einmal⸗ ahrſ. Nimm vor des Maͤrzen Idus dich in Acht. Cäſ. Er iſt ein Traͤumer; laßt ihn gehn, und kommt. (Ein Marſch. Alle bis auf Brutus und Cafſius gehen ab.) Caſſ. Wollt Ihr den Hergang bei dem Wettlauf ſehn? Brut. Ich nicht. Caſſ. Ich bitt' Euch, thut's, Brut. Ich hab' am Spiel wt mir fehlt ein S Vom muntern Geiſte des Antonius;* Doch muß ich Euch in Eurem Wunſch nicht hindern. Ich laſſ' Euch, Caſſius. Caſſ. Brutus, ſeit kurzem geb' ich Acht' auf Euch; Ich find' in Eurem Blick die Freundlichkeit, Die Liebe nicht, an die Ihr mich gewoͤhnt. Zu ſtioͤrriſch und zu fremd begegnet Ihr Dem Freunde, der Euch liebt. Brut. Mein Caſſius, Betruͤgt Euch nicht. Hab' ich den Blick verſchleiert, So kehrt die Unruh meiner Mienen ſich Nur gegen mich allein. Seit kurzem quoͤlen Mich Regungen von ſtreitender Natur, Gedanken, einzig fuͤr mich ſelbſt geſchickt, Die Schatten wohl auf mein Betragen werfen. Doch laßt dieß meine Freunde nicht betruͤben (Wovon Ihr einer ſeyn muͤßt, Caſſius), Noch mein achtloſes Weſen anders deuten, Sz. 2. Julius Cäſar. 113 Als daß, mit ſich im Krieg, der arme Brutus Den Andern Liebe kund zu thun vergißt. Caſſ. Dann, Brutus, mißverſtand' ich Euren Unmuth. Deßhalb begrub hier dieſe Bruſt Entwuͤrfe Von großem Werthe, wuͤrdige Gedanken. Sagt, Brutus, koͤnnt Ihr Euer Antlitz ſehen? Brut. Nein, Caſſius, denn das Ange ſieht ſich nicht Als nur im Wiederſchein, durch andre Dinge. Caſſ. So iſts; Und man beklagt ſich ſehr daruͤber, Brutus, Daß Ihr nicht ſolche Spiegel habt, die Euren Verborgnen Werth Euch in die Augen ruͤckten, Auf daß Ihr Euren Schatten ſaͤht. Ich hoͤrte, Wie viele von den erſten Maͤnnern Roms, (Nur Caͤſarn nehm' ich aus) vom Brutus redend, Und ſeufzend unter dieſer Zeiten Joch, Dem edlen Brutus ihre Augen wunſchten. Brut. Auf welche Wege, Caſſius, lockt Ihr mich, Daß Ihr mich heißt in meinem Innern ſuchen, Was doch nicht in mir iſt? CLaſſ. Drum, lieber Brutus, ſchickt Euch an zu hören. Und weil Ihr wißt, Ihr koͤnnt Euch ſelbſt ſo gut Nicht ſehn als durch den Wiederſchein, ſo will Ich, Euer Spiegel, Euch beſcheidentlich Von Euch entdecken, was Ihr noch nicht wißt. Und denkt von mir kein Arges, werther Brutus. Waͤr' ich ein Lacher aus der Menge; pflegt' ich Mein Herz durch Alltagsſchwuͤre jedem neuen Betheurer auszubieten; wenn Ihr wißt, Daß ich die Menſchen ſtreichle, feſt ſie herze, Und dann ſie laͤſtre; oder wenn Ihr wißt, Daß ich bei'm Schmauß mich mit der ganzen Schaar Verbruͤdern mag, dann huͤtet Euch vor mir. „(Trompeten und Freudengeſchrei.) Brut. Was heißt dieß Jauchzen? 35 ich fuͤrchte, waͤhlt Das Volk zum Koͤnig Caͤſarn. Caſſ Fuͤrchtet Ihr's? Das hieße ja, Ihr moͤchtet es nicht gern. Brut. Nein, Caſſius, nicht gern; doch lieb' ich ihn. Doch warum haltet Ihr mich hier ſo lange? Was iſt es, das Ihr mir vertrauen moͤchtet? IM etwas, dienlich zum gemeinen Wohl, * 114 Julius Cäſar. A. I. Stellt Ehre vor Ein Auge, Tod vor's andre, Und beide ſeh' ich gleiches Muthes an. Die Goͤtter ſeyn mir guͤnſtig, wie ich mehr Die Ehre lieb', als vor dem Tod mich ſcheue. Caſſ. Ich weiß, daß dieſe Tugend in Euch wohnt, So gut ich Euer aͤußres Anſehen kenne Wohl! Ehre iſt der Inhalt meiner Rede. Ich weiß es nicht, wie Ihr und andre Menſchen Von dieſem Leben denkt; mir, fuͤr mich ſelbſt, Waͤr' es ſo lieb, nicht da ſeyn, als zu leben In Furcht vor einem Weſen wie ich ſelbſt. Ich kam wie Caͤſar frei zur Welt, ſo Ihr; Wir naͤhrten uns ſo gut, wir koͤnnen beide So gut wie er des Winters Froſt ertragen. Denn einſt, an einem rauhen ſtuͤrm'ſchen Tage, Als wild die Tiber an ihr Ufer tobte, Sprach Caͤſar zu mir: Wagſt du, Caſſius, nun Mit mir zu ſpringen in die zorn'ge Flut, Und bis dorthin zu ſchwimmen?— Auf dieß Wort Bekleidet, wie ich war, ſtuͤrzt' ich hinein, Und hieß ihn folgen; wirklich that er's auch. Der Strom bruͤllt' auf uns ein; wir ſchlugen ihn Mit wackern Sehnen, warfen ihn bei Seit', Und hemmten ihn mit einer Bruſt des Trotzes. Doch eh' wir das erwaͤhlte Ziel erreicht, Rief Caͤſar: Hilf mir, Laſſius! ich ſinke. Ich, wie Aeneas, unſer großer Ahn, Aus Troja's Flammen einſt auf ſeinen Schultern Den alten Vater trug, ſo aus den Wellen Zog ich den muͤden Caͤſar.— Und der Mann Iſt nun zum Gott erhoͤht, und Caſſius iſt Ein arm Geſchoͤpf, und muß den Ruͤcken beugen, Nickt Caͤſar nur nachlaͤſſig gegen ihn. Als er in Spanien war, hatt' er ein Fieber, Und wenn der Schau'r ihn ankam, merkt ich wohl Sein Beben; ja, er bebte, dieſer Gott! Das feige Blut der Lippen nahm die Flucht. Sein Auge, deſſen Blick die Welt bedraͤut, Verlor den Glanz, und aͤchzen hoͤrt' ich ihn. Ja, dieſer Mund, der horchen hieß die Romer, Und in ihr Buch einzeichnen ſeine Reden, Ach, rief:„Titinius! gieb mir zu trinken!“ Wie'n krankes Maͤdchen. Göͤtter! ich erſtaune, Sz. 2 Julius Caͤſar. 11⁵ Wie nur ein Mann ſo ſchwaͤchlicher Natur Der ſtolzen Welt den Vorſprung abgewann, Und nahm die Palm' allein. (Jubelgeſchrei. Trompeten.) Brut. Ein neues Jauchzen! Ich glaube, dieſer Beifall gilt die Ehren, Die man auf Caͤſars Haupt von neuem haͤuft. Cäſt Ja, er beſchreitet, Freund, die enge Welt Wie ein Coloſſus, und wir kleinen Leute, Wir wandeln unter ſeinen Rieſenbeinen, Und ſchau'n umher nach einem ſchnoͤden Grab. Der Menſch iſt manchmal ſeines Schickſals Meiſter; Nicht durch die Schuld der Sterne, lieber Brutus, Durch eigne Schuld nur ſind wir Schwaͤchlinge. Brutus und Caͤſar— was ſteckt doch in dem Cäſar, Daß man den Namen mehr als Euren ſpraͤche? Schreibt ſie zuſammen: ganz ſo ſchoͤn iſt Eurer. Sprecht ſie: er ſteht den Lippen ganz ſo wohl; Wägt ſie: er iſt ſo ſchwer; beſchwoͤrt mit ihnen: Brutus ruft Geiſter auf ſo ſchnell wie Caͤſar. 3(Jubelgeſchrei.) Nun iſt in Rom fuͤrwahr des Raums genug, Findt man darin nur einen einz'gen Mann. O, beide hoͤrten wir von unſern Vaͤtern: Einſt gab es einen Brutus, der ſo gern Des alten Teufels Hof als einen Koͤnig Geduldet haͤtt' in Rom. Brut. Daß Ihr mich liebt, bezweifl' ich keinesweges Worauf Ihr bei mir dringt, das ahnd' ich wohl; Was ich davon gedacht und von den Zeiten, Erklaͤr' ich Euch in Zukunft. Doch fur jetzt Mocht' ich, wenn ich Euch freundlich bitten darf, Nicht mehr getrieben ſeyn. Was Ihr geſagt, Will ich erwägen; was Ihr habt zu ſagen, Mit Ruhe hoͤren, und gelegne Zeit, So hohe Dinge zu beſprechen, finden. Bis dahin, edler Freund, beherzigt dieß: Brutus waͤr' lieber eines Dorfs Bewohner, Als ſich zu zaͤhlen zu den Soͤhnen Roms In ſolchem harten Stand, wie dieſe Zeit Uns aufzulegen droht. Caſſ. Ich bin erfreut, daß meine ſchwachen Worte Dem Brutus ſo viel Funken nur. * — ———— 1¹6 Julins Cäſar. A. 1. (Cäſar und ſein Zug kommen zurück.) Brut. Das Spiel iſt aus, und Cäſar kehrt zuruͤck. Caſſ. Wenn ſie uns nahn, zupft Caſca nur am Aermel, Er wird nach ſeiner muͤrr'ſchen Art Euch ſagen, Was von Belang ſich heut ereignet hat. Brut. Ich will es thun. Doch ſeht nur, Caſſius, Auf Cäſars Stirne gluht der zorn'ge Fleck, Die andern ſehn geſcholtnen Dienern gleich. Calpurnia's Wang' iſt blaß, und Eicero Blickt mit ſo feurigen und rothen Augen, Wie wir ihn wohl im Capitol geſehn, Wenn Senatoren ihn im Rath beſtritten. Caſſ. Caſca wird uns berichten, was es giebt. Cäſ. Antonius! Ant. Cäſar? Cäſ. Laßt wohlbeleibte Maͤnner um mich ſeyn, Mit glatten Koͤpfen, und die Nachts gut ſchlafen. Der Caſſius dort hat einen hohlen Blick; Er denkt zu viel: die Leute ſind gefaͤhrlich. Ant. O fuͤrchtet den nicht; er iſt nicht gefaͤhrlich, Er iſt ein edler Mann und wohl begabt. Cäſ. Waͤr' er nur fetter!— Zwar ich fuͤrcht' ihn nicht; Doch waͤre Furcht nicht meinem Ramen freind, Ich kenne niemand, den ich eher miede Als dieſen hagern Caſſius. Er lieſt viel; Er iſt ein großer Pruͤfer, und durchſchaut Das Thun der Menſchen ganz; er liebt kein Spiel, Wie du, Antonius: hoͤrt nicht Muſik; Er laͤchelt ſelten, und auf ſolche Weiſe, Als ſpott' er ſein, verachte ſeinen Geiſt, Den irgend was zum Laͤcheln bringen konnte. Und ſolche Maͤnner haben nimmer Ruh,— So lang ſie jemand groͤßer ſehn als ſich;* Das iſt es, was ſie ſo gefaͤhrlich macht. Ich ſag' dir eher, was zu fuͤrchten ſtaͤnde, Als was ich fuͤrchte; ich bin ſtets doch Caͤſar. Komm mir zur Rechten, denn dieß Ohr iſt taub, Und ſag' mir wahrhaft, was du von ihm denkſt. (Cäſar und ſein Gefolge ab⸗ Caſca bleibt zurück.) Caſca. Ihr zogt am Mantel mich; wollt Ihr mich ſprechen? Sz. 2. Julius Caͤſar. 117 Brut. Ja, Caſca, ſagt uns, was ſich hent begeben, Daß Caͤſar finſter ſieht. Caſea. Ihr wart ja bei ihm; war't Ihr nicht? Brut. Dann fragt' ich Caſca nicht, was ſich begeben. Caſca. Nun, man bot ihm eine Krone an, und als man ſie ihm anbot, ſchob er ſie mit dem Ruͤcken der Hand zuruͤck: ſo—; und da erhob das Volt ein Jauchzen. Brut. Woruͤber jauchzten ſie zum andern Mal? Caſca. Nun, auch daruͤber. Caſſ. Sie jauchzten dreimal ja; warum zuletzt? Caſca. Nun auch daruͤber. Brut. Wurd' ihm die Krone dreimal angeboten? Caſca. Ei, meiner Treu, wurde ſie's, und er ſchob ſie dreimal zuruͤck, jedesmal ſachter als das vorige Mal; und jedem Zuruckſchieben jauchzten meine ehrlichen alten reunde. Caſſ. Wer bot ihm die Krone an? Caſca. Je nun, Antonius. Brut. Sagt uns die Art und Weiſe, lieber Caſca. Laſca. Ich kann mich eben ſo gut haͤngen laſſen, als Euch die Art und Weiſe erzaͤhlen: es waren nichts als Poſſen, ich gab nicht Acht darauf. Ich ſah den Mark Anton ihm eine Krone anbieten— doch eigentlich war's keine rechte Krone, es war ſo'ne Art von Stirnband— und wie ich Euch ſagte, er ſchob ſie einmal bei Seite; aber bei alle dem haͤtte er ſie nach meinem Beduͤnken gern gehabt. Dann bot er ſie ihm nochmals an, und dann ſchob er ſie nochmals zuruͤck; aber nach meinem Beduͤnken kam es ihm hart an, die Finger wieder davon zu thun. Und dann bot er ſie ihm zum dritten Male an; er ſchob ſie zum dritten Male zuruͤck, und jedes Mal, daß er ſie ausſchlug, kreiſchte das Geſindel, und klatſchte in die rauhen Faͤuſte, und war⸗ fen die ſchweißigen Nachtmuͤtzen in die Hoͤhe und gaben eine ſolche Laſt ſtinkenden Athems von ſich, weil Caͤſar die Krone ausſchlug, daß Caͤſar faſt daran erſtickt waͤre; denn er ward ohnmächtig und ſiel nieder, und ich fuͤr mein Theil wagte nicht zu lachen, aus Furcht, ich moͤchte den Mund aufthun und die boͤſe Luft einathmen. Caſſ. Still doch! ich bitt Euch. Wie? er fiel in Ohnmacht? Caſca. Er fiel auf dem Marktplatz nieder, hatte Schaum vor dem Munde und war ſprachlos. „ 2 Julius Caſar. A. I Brut. Das mag wohl ſeyn; er hat die fallende Sucht. Caſſ. Nein, Caͤſar hat ſie nicht. Doch Ihr und ich und unſer wackrer Caſca, wir haben ſie. Caſca. Ich weiß nicht, was Ihr damit meint; aber ich bin gewiß, Caͤſar fiel nieder. Wenn das Lumpenvolk ihn nicht beklatſchte und ausziſchte, je nachdem er ihnen gefiel, oder mißfiel, wie ſie es mit den Komoͤdianten auf dem Theater machen, ſo bin ich kein ehrlicher Kerl. Brut. Was ſagt' er, als er zu ſich ſelber kam? Caſca. Ei nun, eh' er hinfiel, als er merkte, daß der gemeine Haufe ſich freute, daß er die Krone ausſchlug, ſo riß er auch ſein Wams auf, und bot ihnen ſeinen Hals zum Abſchneiden— triebe ich irgend'ne Handthierung, ſo will ich mit den Schuften zur Hoͤlle fahren, wo ich ihn nicht bei'm Wort genommen haͤtte— und damit fiel er hin. Als er wieder zu ſich ſelbſt kam, ſagte er, wenn er irgend was Unrechtes gethan oder geſagt haͤtte, ſo baͤte er Ihre Edeln es ſeinem Uebel beizumeſſen. Drei oder vier Weibsbilder, die bei mir ſtanden, riefen:„Ach die gute Seele!“ und vergaben ihm von ganzem Herzen. Doch das gilt freilich nicht viel; wenn er ihre Muͤtter todt ge⸗ ſchlagen haͤtte, ſie haͤtten's eben ſo gut gethan. Brut. Und darauf ging er ſo verdrießlich weg? Caſca. Ja. Caſſ. Hat Cicero etwas geſagt? Caſca. Ja, er ſprach Griechiſch. Caſſ. Was wollt' er denn? Caſca. Ja, wenn ich Euch das ſage, ſo will ich Euch niemals wieder vor die Angen kommen. Aber die ihn ver⸗ ſtanden, laͤchelten einander zu und ſchuͤttelten die Koͤpfe. Doch was mich anlangt, mir war es Griechiſch. Ich kann Euch noch mehr neues erzaͤhlen: dem Marullus und Fla⸗ vius iſt das Maul geſtopft, weil ſie Binden von Caͤſars Bildſaͤulen geriſſen haben. Lebt wohl! Es gab noch mehr Poſſen, wenn ich mich nur darauf beſinnen koͤnnte. Caſſ. Wollt Ihr heute Abend bei mir ſpeiſen, Caſca? Caſca. Nein, ich bin ſchon verſagt. Caſſ. Wollt Ihr morgen bei mir zu Mittag ſpeiſen? Caſca. Ja, wenn ich lebe, und Ihr bei Eurem Sinne bleibt, und Eure Mahlzeit das Eſſen verlohnt. Caſſ. Gut, ich erwart' Euch. Sz. 2. Julius Cäſar. 1¹⁰ Caſca. Thut das; lebt beide wohl.(ab.) Brut. Was fuͤr ein plumper Burſch iſt dieß geworden? Er war voll Feuer als mein Schulgenoß. Caſſ. Das iſt er jetzt noch bei der Ausfuͤhrung Von jedem kuͤhnen, edlen Unternehmen, Stellt er ſich ſchon ſo unbeholfen an. Dieß rauhe Weſen dient geſundem Witz Bei ihm zur Bruͤh'; es ſtaͤrkt der Leute Magen, Eßluſtig ſeine Reden zu verdau'n. Brut. So iſt es auch. Fuͤr jetzt verlaſſ' ich Euch, Und morgen, wenn Ihr wuͤnſcht mit mir zu ſprechen, Komm' ich zu Euch ins Haus; doch wenn Ihr wollt, So kommt zu mir, und ich will Euch erwarten. Caſſ. Das will ich; bis hahin gedenkt der Welt. (Brutus ab.) Gut, Brutus, du biſt edel; doch ich ſehe, Dein loͤbliches Gemuͤth kann ſeiner Art Entwendet werden. Darum ziemt es ſich, Daß Edle ſich zu Edlen immer halten. Wer iſt ſo feſt, den nichts verfuͤhren kann? Caͤſariſt feind mir, und er liebt den Brutus. Doch waͤr' ich Brutus nun, er Caſſius, Er ſollte mich nicht lenken. Dieſe Nacht Werf' ich ihm Zettel von verſchiednen Haͤnden, Als ob ſie von verſchiednen Buͤrgern kaͤmen, Durchs Fenſter; alle voll der großen Meinung, Die Rom von ſeinen Nahmen hegt, wo dunkel Auf Caͤſars Ehrſucht ſoll gedeutet ſeyn, Dann denke Caͤſar ſeines nahen Falles; Wir ſtuͤrzen bald ihn, oder dulden alles.(ab.) S i S ne Eine Straße. ungewitter. (Caſca, mit gezognem Schwerdt, und Cicero kommen von verſchiednen Seiten.) Cicero. Guten Abend, Caſca! Kommt Ihr her vom Cäſar? Warum ſo athemlos und ſo verſtoͤrt? „ Caſca. Bewegt's Euch nicht, dieſes Erdballs eſte Wankt, wie ein ſchwaches Rohr? O Cicero! Ich ſah wohl Stuͤrme, wo der Winde Schelten Den knot'gen Stamm geſpaltet, und ich ſah Das ſtolze Meer anſchwellen, wuͤthen, ſchaͤumen, Als wollt' es an die droh'nden Wolken reichen; Doch nie bis heute Nacht, noch nie bis jetzt Ging ich durch einen Feuerregen hin. Entweder iſt im Himmel inm'rer Krieg; Wo nicht, ſo reizt die Welt durch Uebermuth Die Goͤtter, uns Zerſtoͤrung herzuſenden. Cic. Ja, ſaht Ihr jemals wundervoll're Dinge? Caſca. Ein Sclave, den Ihr wohl von Anſehn kennt, Hob ſeine linke Hand empor; ſie flammte Wie zwanzig Fackeln auf einmal, und doch, Die hlut nicht fuͤhlend, blieb ſie unverſengt, Auch kam(ſeitdem ſteckt ich mein Schwerdt nicht ein) Beim Capitol ein Loͤwe mir entgegen; Er gaffte ſtarr mich an, ging muͤrriſch weiter, Und that mir nichts. Auf einen Haufen hatten Wohl hundert bleiche Weiber ſich gedraͤngt, Entſtellt von Furcht; die ſchwuren, daß ſie Maͤnner Mit feur'gen Leibern wandern auf und ab Die Straßen ſahn. Und geſtern ſaß der Vogel Der Nacht ſogar am Mittag auf dem Markte, Und kreiſcht' und ſchrie. Wenn dieſer Wunderzeichen So viel zuſammentreffen, ſage niemand: „Dieß iſt der Grund davon, ſie ſind natuͤrlich;“ Denn Dinge ſchlimmer Deutung, glaub' ich, ſind's Dem Himmelſtrich, auf welchen ſie ſich richten. Cie. Gewiß die Zeit iſt wunderbar gelauntz 4 Doch Menſchen deuten oft nach ihrer Weiſe Die Dinge, weit entfernt vom wahren Sinn. Kommt Cäſar morgen auf das Kapitol? Caſca. Ja, denn er trug es dem Antonius auf, Euch kund zu thun, er werde morgen kommen. Cic. Schlaft wohl denn, Caſca! Dieſer Aufruhr laͤßt Nicht draußen weilen. Caſea. Cicero, lebt wohl! (Cicero ab.) —————— Sz 3. Julius Caͤſar. 12¹ (Caſſius tritt auf.) Caſſ. Wer da? Caſca. Ein Roͤmer. Caſſ. Caſca, nach der Stimme. Caſca. Eu'r Ohr iſt gut. Caſſius, welch eine Nacht! Caſſ. Die angenehmſte Nacht fuͤr wackre Maͤnner. Caſca. Wer ſah den Himmel je ſo zornig drohn? Laſſ. Die, welche ſo voll Schuld die Erde ſahn. Ich, fuͤr mein Theil, bin durch die Stadt gewandert, Mich unterwerfend dieſer grauſen Nacht, Und ſo entguͤrtet, Caſca, wie Ihr ſeht, Hab' ich die Bruſt dem Donnerkeil entblößt. Und wenn des Blitzes ſchlängelnd Blau zu oͤffnen Des Himmels Buſen ſchien, bot ich mich ſelbſt Dei Strahl des Wetters recht zum Ziele dar. Caſca. Warum verſuchtet Ihr den Himmel ſo? Es ſteht den Menſchen Furcht und Zittern an, Wenn die gewalt'gen Goͤtter ſolche Boten Furchtharer Warnung, uns zu ſchrecken, ſenden. Caſſ. O Caſca! Ihr ſeyd ſtumpf; der Lebensfunke, Der gluͤhen ſollt' in Roͤmern, fehlt Euch oder Ihr braucht ihn nicht. Ihr ſehet bleich und ſtarrt Von Furcht ergriffen und verſenkt in Staunen, Des Himmels ungewohnten Grimm zu ſchauen. Doch wolltet Ihr den wahren Grund erwägen, Warum die Feu'r, die irren Geiſter alle, Was Thier' und Voͤgel macht vom Staimnm' entarten Und Greiſe faſeln, Kinder prophezei'n; Warum all dieſe Dinge ihr Geſetz, Natur und angeſchaffne Gaben wandeln 3 Mißbeſchaffenheit: nun ſo erkennt Ihr, er Himmel hauchte dieſen Geiſt in ſie, Daß ſie der Furcht und Warnung Werkzeug wuͤrden, Fuͤr irgend einen mißbeſchaffnen Staat; Nun koͤnnt' ich, Caſca, einen Mann dir nennen, Ganz aͤhnlich dieſer ſchreckenvollen Nacht, Der donnert, blitzt, die Gräber offnet, bruͤllt, So wie der Loͤwe dort im Capitol; Ein Mann, nicht maͤchtiger als ich und du An Leibeskraft, doch drohend angewachſen, Und furchtbar, wie der Ausbruch dieſer Gaͤhrung. Caſea.»S iſt Caͤſar, den Ihr meint. Richt, Caſſius? 122 Fulius Cäſar. A. I. Caſſ. Es ſey auch, wer es ſey! die Roͤmer haben Jetzt Mark und Bein, wie ihre Ahnen hatten; Doch weh uns! unſrer Vaͤter Geiſt iſt todt, Und das Gemuͤth der Muͤtter lenket uns, Denn unſer Joch und Dulden zeigt uns weibiſch. Caſca. Ja freilich heißt's, gewilit ſey der Senat, Zum Koͤnig morgen Caͤſarn einzuſetzen; Er ſoll zur See, zu Land die Krone tragen, An jedem Ort, nur in Italien nicht, Caſſ. Ich weiß, wohin ich dieſen Dolch dann kehre; Denn Caſſius ſoll von Knechtſchaft Caſſius loͤſen, Darin, ihr Goͤtter, macht ihr Schwache ſtark, Darin, ihr Goͤtter, baͤndigt ihr Tyrannen; Noch felfenfeſte Burg, noch eh'rne Mauern, Noch dumpfe Kerker, noch der Ketten Laſt, Sind Hinderniſſe fuͤr des Geiſtes Staͤrke. Das Leben, dieſer Erdenſchranken ſatt, Hat ſtets die Macht ſich ſelber zu entlaſſen. Und weiß ich dieß, ſo wiſſ' auch alle Welt: Den Theil der Tyrannei, der auf mir liegt, Werf' ich nach Willkuͤhr ab. Caſca. Das kann auch ich. So traͤgt ein jeder Sklav in eigner Hand Gewalt, zu brechen die Gefangenſchaft. Caſſ. Warum denn waͤre Cäſar ein Tyrann? Der arme Mann! Ich weiß, er waͤr' kein Wolf, Wenn er nicht ſaͤh', die Roͤmer ſind nur Schafe, Er waͤr kein Len, wenn ſie nicht Nehe wären. Wer eilig will ein maͤchtig Feuer machen, Nimmt ſchwaches Stroh zuerſt; was fur Geſtruͤpp Iſt Rom, und was fuͤr Plunder, wenn es dient Zum ſchlechten Stoff, der einem ſchnoͤden Dinge Wie Caͤſar Licht verleiht? Doch o, mein Gram! Wo fuͤhrteſt du mich hin? Ich ſpreche dieß Vielleicht vor einem will'gen Knecht; dann weiß ich, Daß ich muß Rede ſtehn; doch fuͤhr' ich Waffen, Und mich bekuͤmmern die Gefahren nicht. Caſca. Ihr ſprecht mit Caſca, einem Mann, der nie Ein Ohrenbläſer war. Hier, meine Hand! Werbt nur Partei zur Abſteilung der Uebel, Und dieſer Fuß ſoll Schritt mit jedem halten, Der noch ſo weit geht. Caſſ. Ein geſchloßner Handel! Sz. 3. Julius Caͤſar. 123 Nun, Caſca, wißt: ich habe manche ſchon Der Edelmuͤthigſten von Rom beredet, Mit mir ein Unternehmen zu beſtehn Von ehrenvoll⸗gefaͤhrlichem Erfolg. Ich weiß, ſie warten in Pompejus Halle Jetzt eben mein: denn in der furchtbar'n Nacht Kann niemand unter freiem Himmel dauern. Des Elementes Antlitz und Geſtalt Iſt wie das Werk beſchaffen, das wir treiben, Hoͤchſt blutig, feurig, und hoͤchſt fuͤrchterlich. (Cinna tritt auf.) Caſca. Seyd ſtill ein Weilchen, jemand kommt in Eil. Caſſ. Ich hoͤr' am Gange, daß es Cinna iſt; Er iſt ein Freund.— Cinna, wohin ſo eilig? Einn. Euch ſucht' ich. Wer iſt das? Metellus Cimber? Caſſ. Nein, es iſt Caſca, ein Verbuͤndeter Zu unſrer That. Werd' ich erwartet, Cinna? Cinn. Das iſt mir lieb. Welch eine grauſe Nacht! Ein päar von uns ſahn ſeltſame Geſichte. Caſſ. Werd' ich erwartet, ſagt mir? Cinn. Ja. Ihr werdet es. O Caſſius! koͤnntet Ihr In unſern Bund den edlen Brutus ziehn— Caſſ. Seyd ruhig! Guter Cinna, dieſen Zettel, Seht, wie Ihr in des Praͤtors Stuhl ihn legt, Daß Brutus nur ihn finde; dieſen werft Ihm in das Fenſter; dieſen klebt mit Wachs Ans Bild des alten Brutus. Dieß gethan, Kommt zu Pompejus Hall' und trefft uns dort. Iſt Decius Brutus und Trebonius da? Cinn. Ja, alle bis auf Cimber, und der ſucht In Eurem Hauſ“ Euch auf. Gut, ich will eilen, Die Zettel anzubringen, wie Ihr wuͤnſcht. Caſſ. Dann ſtellt Euch ein bei des Pompejus Buͤhne. (Cinna ab.) Kommt, Caſca, laßt uns beide noch vor Tag In ſeinem Hauſe Brutus ſehn. Drei Viertel Von ihm ſind unſer ſchon; der ganze Mann Ergiebt ſich bei dem naͤchſten Angriff uns. Caſea. O, er ſitzt hoch in alles Volkes Herzen, Und was in uns als Frevel nur erſchiene, * 124 Julius Caͤſar. A. H. Sein Anſehn wird es, wie der Stein der Weiſen, In Tugend wandeln und in Wuͤrdigkeit. Caſſ. Ihn, ſeinen Werth, wie ſehr wir ihn beduͤrfen, Habt Ihr recht wohl getroffen. Laßt uns gehn, Es iſt nach Mitternacht; wir wollen ihn Vor Tage wecken und uns ſein verſichern.(ab.) w ———— Erſte Szene. Rom. Der Garten des Brutus. (Brutus tritt auf.) Brutus. He, Lucius! auf!— Ich kann nicht aus der Hoͤh' der Sterne rathen, Wie nah der Tag iſt. Lucius, hoͤrſt du nicht?— Ich wollt', es waͤr' mein Fehier, ſo zu ſchlafen.— Nun, Lucius, nun! Ich ſag: erwach! Auf, Lucius! (Lucius kömmt.) Lue. Herr, riefet Ihr? Brut. Bring' eine Kerze mir ins Leſezimmer, Und wenn ſie brennt, ſo komm' und ruf mich hier. Luc. Ich will es thun, Herr.(ab.) Brut. Es muß durch ſeinen Tod geſchehn. Ich habe Fuͤr mein Theil keinen Grund ihn wegzuſtoßen, Als fuͤr's gemeine Wohl. Er wuͤnſcht gekroͤnt zu ſeyn; Wie ſeinen Sinn das aͤndern moͤchte, fragt ſich. Der warme Tag iſt's, der die Natter zeugt; Das heiſcht mit Vorſicht gehn. Ihn kroͤnen?— Das— Und dann iſts wahr, wir leihn ihm einen Stachel, Womit er kann nach Willkuͤhr Schaden thun. Der Groͤße Mißbrauch iſt, wenn von der Macht Sie das Gewiſſen trennt; und, um von Cäſarn Sz. 1. Julius Caͤſar. 125⁵ Die Wahrheit zu geſtehn, ich ſah noch nie, Daß ihn die Leidenſchaften mehr beherrſcht Als die Vernunft. Doch oft beſtätigt ſichs, Die Demuth iſt der jungen Chrſucht Leiter; Wer ſie hinanklimmt, kehrt den Blick ihr zu, Doch hat er erſt die hochſte Sproſſe erreicht, Dann kehret er der Leiter ſeinen Ruͤcken, Schaut himmelan, verſchmaͤht die niedern Tritte, Die ihn hinaufgebracht. Das kann auch Caͤſar: Drum, ch' er kann, beugt vor. Und weil der Streit Nicht Schein gewinnt durch das, was Caͤſar iſt, Legt ſo ihn aus: das, was er iſt, vergroͤßert, Kann dieß und jenes Uebermaaß erreichen. Drum achtet ihn gleich einem Schlangeney, Das, ausgebruͤtet, heftig wuͤrde werden Wie ſein Geſchlecht, und wuͤrgt ihn in der Schale. (Lucius kommt zurück.) Lue. Die Kerze brennt in Eurem Zimmer, Herr. Als ich nach Feuerſtein im Fenſter ſuchte, Fand ich dieß Blatt, verſiegelt, und ich weiß, Es war nicht da, als ich zu Bette ging. Brut. Geh wieder in dein Bett; es iſt noch Nacht. Iſt morgen nicht des Märzen Idus, Knabe? Luc. Ich weiß nicht, Herr. Brut. Such im Kalender denn, und ſag' es mir. Luc. Das will ich, Herr.(ab.) Brut. Die Ausduͤnſtungen, ſchwirrend in der Luft, Gewaͤhren Licht genug, dabei zu leſen. (Er öffnet den Brief und lieſt.) „Brutus, du ſchlaͤfſt. Erwach' und ſieh dich ſelbſt! Soll Rom?— Sprich, ſchlage, ſtelle her! Brutus, du ſchläͤfſt. Erwache!—“ Oft hat man ſchon dergleichen Aufgebote Mir in den Weg geſtreut. „Soll Rom?“— So muß ich es ergaͤnzen: Soll Rom vor Einem Manne beben? Wie? Mein Ahnherr trieb einſt von den Straßen Roms Tarquin hinweg, als er ein Koͤnig hieß. „Sprich, ſchlage, ſtelle her!“ Werd' ich zu ſprechen, Zu ſchlagen angemahnt? O Rom, ich ſchwoͤre, Wenn nur die Herſtellung erfolgt, empfaͤngſt du Dein ganz Begehren von der Hand des Brutus! * 126 Julius Caſar. A. II. (Lucius kommt zurück.) Lue. Herr, vierzehn Tage ſind vom Maͤrz verſtrichen. (Man klopft draußen.) Brut. S iſt gut. Geh an die Pforte; jemand klopft. (Lucius ab.) Seit Caſſius mich ſpornte gegen Caͤſar, Schlief ich nicht mehr. Bis zur Vollfuͤhrung einer furchtbar'n That Vom erſten Antrieb, iſt die Zwiſchenzeit Wie ein Phantom, ein grauenvoller Traum. Der Genius und die ſterblichen Organe Sind dann im Rath vereint; und die Verfaſſung Des Menſchen, wie ein kleines Koͤnigreich, Erleidet dann den Zuſtand der Empoͤrung. (Lucius kommt zurück.) Luc. Herr, Euer Bruder Caſſius wartet draußen; Er wuͤnſchet Euch zu ſehn. Brut. Iſt er allein? Luc. Nein, es ſind noch mehr bei ihm. Brut. Kennſt du ſie? Lue. Nein, Herr, ſie tragen eingedruͤckt die Huͤte, Und das Geſicht im Mantel halb begraben, Daß ich durchaus ſie nicht erkennen kann An irgend einem Zuge. Brut. Laß ſie ein⸗ (Lucius ab.) Es ſind die Bundesbruͤder. O Verſchwoͤrung! Du ſchaͤmſt dich, die verdaͤcht'ge Stirn bei Nacht Zu zeigen, wann das Boͤſ' am freiſten iſt? O denn, bei Tag, wo willſt du eine Hoͤhle Entdecken, dunkel gnug es zu verlarven Dein ſchnoͤdes Antlitz?— Verſchwoͤrung, ſuche keine! In Laäͤcheln huͤll' es und in Freundlichkeit! Denn traͤt'ſt du auf in angeborner Bildung, So waͤr' der Erebus nicht finſter gnug, Vor Argwohn dich zu ſchuͤtzen⸗ (Caſſius, Caſca, Decius, Metellus Cimber und Trebonius treten auf.) Caſſ. Sind wir gelegen? Guten Morgen, Brutus! Ich fuͤrchte, daß wir Eure Ruhe ſtoͤren. Sz. 1. JFulius Cäſar. 12 Brut. Längſt war ich auf, und wach die ganze Nacht. Kenn' ich die Maͤnner, welche mit Euch kommen? Caſſ. Ja, jeden aus der Zahl; und keiner hier, Der Cuch nicht hoch halt, und ein jeder wuͤnſcht, Ihr haͤttet nur die Meinung von Euch ſelbſt, Die jeder edle Roͤmer von Euch hegt. Dieß iſt Trebonius. Brut. Er iſt willkommen. Caſſ. Dieß Decius Brutus. Brut. Er iſt auch willkommen. Caſſ. Dieß Caſca, dieß Cinna, und dieß Metellus Cimber. Brut. Willkommen alle! Was ſtellen ſich fur wache Sorgen zwiſchen Die Nacht und Eure Augen? Caſſ. Auf ein Wort, Wenn's Euch beliebt. (Sie reden leiſe mit einander.) Dee. Hier liegt der Oſt: bricht da der Tag nicht an? Caſca. Rein. Cinn. Doch, um Verzeihung! und die grauen Streifen, Die das Gewolk durchziehn, ſind Tagesboten. Caſca. Ihr ſollt geſtehn, daß Ihr Euch beide truͤgt. Die Sonn' erſcheint hier, wo mein Degen hinweiſt; Das iſt ein gut Theil weiter hin nach Suͤden, Wenn Ihr die junge Jahreszeit erwägt. Zwei Monde noch, und hoͤher gegen Norden Steigt ihre Flamm' empor, und grade hier Steht hinterm Capitol der hohe Oſt. Brut. Gebt Eure Hand mir, einer nach dem Andern. Laſſ. Und laſſet uns beſchwoͤren den Entſchluß. Brut. Nein, keinen Eid! ſicht der Menſchen ntlitz, Das innre Seelenleid, der Zeit Verfall Sind dieſe Grunde ſchwach, ſo brecht nur auf, Und jeder fort zu ſeinem traͤgen Bett! Laßt frechgeſinnte Tyrannei dann ſchalten, Bis jeder nach dem Loſe faͤllt. Doch tragen Sie Feuer gnug in ſich, wie offenbar, Um Feige zu entflammen, und mit Muth Des Weibes ſchmelzendes Gemuͤth zu ſtaͤhlen; D dann, Mitbuͤrger! welchen andern Sporn Als unſre Sache braucht es, uns zu ſtacheln * 128 Julius Caͤſar. A. II. Zur Herſtellung? Was fuͤr Gewaͤhr als dieſe: Verſchwiegne Roͤmer, die das Wort geſprochen, Und nicht zuruͤckziehn? Welchen andern Eid, Als Redlichkeit mit Redlichkeit im Bund, Daß dieß geſcheh', wo nicht, dafur zu ſterben? Laßt Prieſter, Memmen, Schriftgelehrte ſchwoͤren, Verdorrte Greiſ' und ſolche Jammerſeelen, Die fuͤr das Unrecht denken, ſchwoͤren laßt Bei boͤſen Haͤndeln Volk, dem man nicht traut. Entehrt nicht ſo den Gleichmuth unſrer Handlung Und unſern unbezwinglich feſten Sinn, Zu denken, unſre Sache, unſre That Brauch' einen Eid; da jeder Tropfe Bluts, Der edel fließt in jedes Roͤmers Adern, Sich ſeines aͤchten Stamms verluſtig macht, Wenn er das kleinſte Theilchen nur verletzt Von irgend einem Worte, das er gab. Laſſ. Doch wie mit Cicero? Forſcht man ihn aus? Ich denk, er wird ſehr eifrig fuͤr uns ſeyn. Caſca. Laßt uns ihn nicht voruͤbergehn. Cinn. Nein, ja nicht. Met. Gewinnt ihn ja fuͤr uns. Sein Silberhaar Wird eine gute Meinung uns erkaufen, Und Stimmen werben, unſer Werk zu preiſen. Sein Urtheil habe unſre Hand gelenkt, So wird es heißen; unſre Haſtigkeit Und Jugend wird im mindſten nicht erſcheinen, Von ſeinem wuͤrd'gen Anſehn ganz bedeckt. Brut. O nennt ihn nicht! 6 uns ihm nichts eroͤffnen Denn niemals tritt er einer Sache bei, Wenn Andre ſie erdacht. Caſſ. So laßt ihn weg. Caſca. S iſt wahr, er paßt auch nicht. Dec. Wird niemand ſonſt als Caͤſar angetaſtet? Caſſ. Ja, gut bedacht! Mich duͤnkt, daß Mark Anton, Der ſo beliebt beim Caͤſar iſt, den Caͤſar* Nicht uͤberleben darf. Er wird ſich uns Gewandt in Raͤnken zeigen, und Ihr wißt, Daß ſeine Macht, wenn er ſie nußt, wohl hinreicht, Uns allen Noth zu ſchaffen. Dem zu wehren, Fall' Caͤſar und Antonius zugleich, Brut. Zu blut'ge Weiſe, Cajus Caſſius, waͤr's, Sz. 1. Julius Caͤſar. 129 Das Haupt abſchlagen und zerhaun die Glieder, Wie Grimm beim Tod' und Tuͤcke hinterher. Antonius iſt ja nur ein Glied des Caͤſar. Laßt Opferer uns ſeyn, nicht Schlaͤchter, Cajus. Wir alle ſtehen gegen Caͤſars Geiſt, Und in dem Geiſt des Menſchen iſt kein Blut. O koͤnnten wir des Caͤſars Geiſt erreichen, Und Caͤſarn nicht zerſtuͤcken; aber ach! Caͤſar muß fuͤr ihn bluten. Edle Freunde, Laßt kuͤhnlich uns ihn toͤdten, doch nicht zornigz Zerlegen laßt uns ihn, ein Mahl fuͤr Göͤtter. Nicht ihn zerhauen wie ein Aas fuͤr Hunde. Laßt unſre Herzen, ſchlauen Herren gleich, Zu raſcher That aufwiegeln ihre Diener, Und dann zum Scheine ſchmaͤhlen. Dadurch wird Nothwendig unſer Werk und nicht gehaͤſſig; Und wenn es ſo dem Aug' des Volks erſcheint, Wird man uns Reiniger, nicht Moͤrder nennen. Was Mark Anton betrifft, denkt nicht an ihn, Denn er vermag nicht mehr als Caͤſars Arm, Wenn-Caͤſars Haupt erſt fiel. Doch fuͤrcht' ich ihn, Caſſ. Denn ſeine Liebe haͤngt ſo feſt am Caͤſar— Brut. Ach, guter Caſſius, denket nicht an ihn! Liebt er den Caͤſar, ſo vermag er nichts Als gegen ſich; ſich haͤrmen, fuͤr ihn ſterben, Und das waͤr viel von ihm, weil er der Luſt, Der Wuͤſtheit, den Gelagen ſich ergiebt. Treb. Es iſt kein Arg in ihm; er ſterbe nicht, Denn er wird leben, und dieß einſt belachen. (Die Glocke ſchlägt.) Brut. Still! zaͤhlt die Glocke. 2 Caſſ. Sie hat drei geſchlagen. Treb. Es iſt zum Scheiden Zeit. Caſſ. Doch zweifl' ich noch. Ob Caͤſar heute wird erſcheinen wollen. Denn kuͤrzlich iſt er aberglaͤubiſch worden, Ganz dem entgegen, wie er ſonſt gedacht Von Traͤumen, Einbildung und heilgen Bräuchenz Vielleicht, daß dieſe großen Wunderdinge, Das ungewohnte Schrecken dieſer Nacht Und ſeiner Augurn Ueberredung ihn Sn vom Capitol fuͤr hente haͤlt. 9 * S 130 Julius Caͤſar. A. II. Dec. Das fuͤrchtet nimmer; wenn er das beſchloß, So uͤbermeiſtr' ich ihn. Er hoͤrt es gern, Das Einhorn laſſe ſich mit Baͤumen fangen, Der Loͤw' im Netz, der Elephant in Gruben, Der Baͤr mit Spiegeln und der Menſch durch Schmeichler. Doch ſag' ich ihm, daß er die Schmeichler haßt, Bejaht er es, am meiſten dann geſchmeichelt. Laßt mich gewaͤhren. Denn ich verſtehe ſein Gemuͤth zu lenken, Und will ihn bringen auf das Capitol. Laſſ. Ja, laßt uns alle gehn, um ihn zu holen. Brut. Zur achten Stund' aufs ſpäteſte, nicht wahr? Cinn. Das ſey das ſpaͤtſte, und dann bleibt nicht aus. Wet. Cajus Ligarius iſt dem Caſar feind, Der's ihm verwies, daß er Pompejus lobte, Es wundert mich, daß niemand ſein gedacht. Brut. Wohl, guter Cimber, geht nur vor bei ihm; Er liebt mich herzlich und ich gab ihm Grund. Schickt ihn hieher, ſo will ich ſchon ihn ſtimmen. Caſſ. Der Morgen uͤbereilt uns; wir gehen„ Brutus. Zerſtreut Euch, Freunde, doch bedenket alle, Was Ihr geſagt, und zeigt Euch aͤchte Roͤmer. Brut. Seht, werthe Maͤnner, friſch und froͤhlich aus; Tragt Euren Vorſatz nicht auf Eurer Stirn. Nein, fuͤhrt's hindurch wie Helden unſter Buͤhne, Mit munterm Geiſt und aͤuß'rer Feſtigkeit. Und ſomit, insgeſamt Euch guten Morgen! (Alle ab außer Brutus.) Brut. He, Lucius!— Feſt im Si⸗ Es ſchadet nichts. Genieß den honigſchweren Thau des Schlummers. Du ſiehſt Geſtalten nicht noch Phantaſie'n, Womit geſchaͤft'ge Sorg' ein Hirn erfuͤllt! Drum ſchlaͤfſt du ſo geſund. Portia tritt auf.) Port. Mein Gatte! Brutus! Brut. Was wollt Ihr, Portia? warum ſteht Ihr auf? Es dient Euch nicht, die zaͤrtliche Natur Dem rauhen kalten Morgen zu vertraun. Port. Euch gleichfalls nicht. nu ſtahlt Ihr, rutus, Von meinem Bett Euch; und beim Nachtmahl geſtern Sz. 1. Julius Caͤſar. 131¹ Erhobt Ihr plotzlich Euch, und gingt umher Sinnend und ſeufzend, mit verſchraͤnkten Armen. Und wenn ich Euch befragte, was es ſey, So ſtarrtet Ihr mich an mit finſtern Blicken. Ich drang in Euch, da rieb't Ihr Euch die Stirn, Und ſtampftet ungeduldig mit dem Fuß; Doch hielt ich an, doch gabt Ihr keine Rede, Und winktet mit der Hand unwillig weg, Damit ich Euch verließ. Ich that es auch, Beſorgt, die Ungeduld noch zu verſtaͤrken, Die ſchon zu ſehr entflammt ſchien, und zugleich Mir ſchmeichelnd, nur von Laune ruͤhr' es her, Die ihre Stunden hat bei jedem Mann. Nicht eſſen, reden, ſchlafen laͤßt es Euch, Und koͤnnt' es Eure Bildung ſo entſtellen, Als es ſich Eurer Faſſung hat bemeiſtert, So kennt' ich Euch nicht mehr. Mein theurer Gatte, Theilt mir die Urſach Eures Kummers mit. Brut. Ich bin nicht recht geſund, und das iſt alles. Port. Brutus iſt weiſe; waͤr' er nicht geſund, Er naͤhm' die Mittel wahr, um es zu werden. Brut. Das thu' ich— gute Portia, geh zu Bett. Port. Iſt Biutus krank? und iſt es heilſam, ſo Entbloͤßt umherzugehn und einzuſaugen Den Dunſt des Morgens? Wie, iſt Brutus krank, Und ſchleicht er vom geſunden Bett ſich weg, Der ſchnoͤden Anſteckung der Nacht zu trotzen? Und reizet er die boͤſe Fieberluft, Sein Uebel noch zu mehren? Rein, mein Brutus, Ihr tragt ein krankes Uebel im Gemuͤth, Wovon nach meiner Stelle Recht und Wuͤrde, Ich wiſſen ſollte: und auf meinen Knie'n Fleh' ich bei meiner einſt geprieſenen Schoͤnheit, Bei allen Euren Liebesſchwuͤren, ja Bei jenem großen Schwur, durch welchen wir Einander einverleibt und eins nur ſind: Enthuͤllt mir, Eurer Haͤlfte, Eurem Selbſt, Was Euch bekuͤmmert, was zu Nacht fuͤr Maͤnner Euch zugeſprochen; denn es waren hier Sechs oder ſieben, die ihr Antlitz ſelbſt Der Finſterniß verbargen. Brut. O kniet nicht, liebe Portia! „ 9* Julius Caͤſar. A. II. Port. Ich braucht' es nicht, ſ Ihr mein lieber rutus; Iſt's im Vertrag der Ehe, ſagt mir, Brutus, Bedungen, kein Geheimniß ſollt' ich wiſſen, Das Euch gehoͤrt? Und bin ich Euer Selbſt Nur gleichſam, mit gewiſſen Einſchraͤnkungen? Beim Mahl um Euch zu ſeyn, Eu'r Bett zu theilen, Auch wohl mit Euch zu ſprechen? Wohn' ich denn Mur in der Vorſtadt Eurer Zuneigung? Iſt es nur das, ſo iſt ja Portia Des Brutus Buhle nur und nicht ſein Weib. Brut. Ihr ſeyd mein aͤchtes, ehrenwerthes Weib, So theuer mir als wie die Purpurtropfen, Die um mein trauernd Herz ſich draͤngen. Port. Wenn dem ſo waͤr', ſo ii dieß Ge⸗ eimniß. Ich bin ein Weib, geſteh' ich, aber doch Ein Weib, das Brutus zur Gemahlin nahm. Ich bin ein Weib, geſteh' ich, aber doch Ein Weib von gutem Rufe, Cato's Tochter. Denkt Ihr, ich ſey ſo ſchwach wie mein Geſchlecht, Aus ſolchem Stamm erzeugt und ſo vermaͤhlt? Sagt mir, was ihr beſchloßt: ich will's bewahren, Ich habe meine Staͤrke hart erpruͤft, Freiwillig eine Wunde mir verſetzend Am Schenkel hier; ertruͤg' ich das geduldig, Und ein Geheimniß meines Gatten nicht? Brut. Ihr Goͤtter, macht mich werth des edlen Weibes! (Man klopft draußen.) Horch! horch! man klopft; geh eine Weil hinein, Und unverzuͤglich ſoll dein Buſen theilen, Was noch mein Herz verſchließt. Mein ganzes Buͤndniß will ich dir enthuͤllen, Und meiner finſtern Stirne Zeichenſchrift. Verlaß mich ſchnell.(Portia ab.) Lucius und Ligarius kommen.) Brut. Wer klopft denn, Lucius? Luc. Hier iſt ein Kranker, der Euch ſprechen will. Brut. Ligarius iſt's, von dem Metellus ſprach. Du, tritt beiſeit.— Cajus Ligarius, wie? Lig. Nehmt einen Morgengruß von matter Zunge. Brut. O welche Zeit erwaͤhlt Ihr, wackrer Cajus, Ein Tuch zu tragen! Waͤr't Ihr doch nicht krank! S2. Juriüs Gäfar. 133 Ich bin nicht krank, hat irgend eine That, Des Namens Ehre wuͤrdig, Brutus vor. Brut. Solch eine That, Ligarius, hab' ich vor, Wär' Euer Ohr geſund, davon zu horen⸗ Lig. Bei jedem Gott, vor dem ſich Roͤmer beugen! Hier ſag' ich ab der Krankheit. Seele Roms! Du wackrer Sohn, aus edlem Blut entſproſſen! Wie ein Beſchwoͤrer riefſt du auf in mir Den abgeſtorbnen Geiſt. Nun heiß mich laufen, So will ich an Unmoͤgliches mich wagen, Ja, Herr daruͤber werden. Was zu thun? Brut. Ein Wageſtuͤck, das Kranke heilen wird. Lig. Doch giebts nicht auch Geſunde krank zu machen? Brut. Die giebt es freilich. Was es iſt, mein Cajus, Eroͤffn' ich dir auf unſerm Weg zu ihm, An dem es muß geſchehn. Lig. Macht Euch nur auf: Mit neu entflammten Herzen folg' ich Euch, Zu thun was ich nicht weiß. Doch es genuͤgt, Daß Brutus mir vorangeht. Brut. Folgt mir denn. (Beide ab.) Zweite Szene. Ein Zimmer in Cäſars Palaſte. (Donner und Blitz. Cäſar in ſeinem Nachtkleid.) Cäſar. Zu Nacht hat Erd' und Himmel Krieg gefuͤhrt. Calpurnia rief im Schlafe dreimal laut: „O helft! Sie morden Cäſarn.“— Niemand da? (Ein Diener kommt. E äſ. Geh, heiß' die Prieſter gleich zum Opfer ſchreiten Und bring mir ihre Meinung vom Erfolg. 2 Dien. Es ſoll geſchehn.(ab.) (Calpurnia tritt auf.) Calp. Was meint Ihr, Caſar? Denkt Ihr auszugehn? Ihr muͤßt heut keinen Schritt voln Hauſe ſweichen * 134 Fulius Cäſar. A. M. Laͤſ. Cäſar geht aus. Mir haben ſtets Gefahren Im Ruͤcken nur gedroht; wenn ſie die Stirn Des Caͤſar werden ſehn, ſind ſie verſchwunden. Calp. Caͤſar, ich hielt auf Wunderzeichen nie, Doch ſchrecken ſie mich nun. Im Hauſ' iſt jemand, Der außer dem, was wir geſehn, gehoͤrt, Von Graͤueln meldet, ſo die Wach' erblickt. Es warf quf offner Gaſſe eine Loͤwin, Und Gruͤft' erloͤſten gaͤhnend ihre Todten. Wildgluͤh'nde Krieger fochten auf den Wolken, In Reihn, Geſchwadern, und nach Kriegsgebrauch, Wovon es Blut geſpruͤht auf's Capitol. Das Schlachtgetoͤſe klirrte in der Luft; Da wiehern Roſſe, Maͤnner rocheln ſterbend. Und Geiſter wimmerten die Straßen durch, O Caͤſar! unerhoͤrt ſind dieſe Dinge; Ich fuͤrchte ſie. Cäſ. Was kann vermieden werden, Das ſich zum Ziel die maͤcht'gen Goͤtter ſetzen? 29 gehe dennoch aus, denn dieſe Zeichen, o gut wie Caͤſarn, gelten ſie der Welt. Calp. Kometen ſieht man nicht, wann Bettler ſterben: Der Himmel ſelbſt flammt Fuͤrſtentod herab. Läſ. Der Feige ſtirbt ſchon vielmal, eh' er ſtirbt, Die Tapfern koſten Einmal nur den Tod, Von allen Wundern, die ich je gehoͤrt, Scheint mir das groͤßte, daß ſich Menſchen fuͤrchten, Da ſie doch ſehn, der Tod, das Schickſal Aller, Kommt, wann er kommen ſoll. (Der Diener kommt zurück.) 1. Was duͤnkt den Augurn? Dien. Sie rathen Euch, fur heut nicht auszugehn; Das wird er nicht; gar wohl weiß die Gefahr, Caͤſar ſey noch gefahrlicher als ſie. Wir ſind zwei Len'n, an Einem Tag geworfen, Und ich der aͤlt're und der ſchrecklichſte; Und Caͤſar wird doch ausgehn. Calp. Ach, mein Gatte! Da ſie dem Opferthier das Eingeweide Ausnahmen, fanden ſie kein Herz darin. . Cäſ. Die Goͤtter thun der Feigheit dieß zur Schmach. Ein Thier ja waͤre Cäſar ohne Herz, 1 Wenn er aus Furcht ſich heut zu Hauſe hielte. Sz. 2. Julius Caͤſar. 135 In Zuverſicht geht Eure Weisheit unter. Geht heute doch nicht aus; nennts meine Furcht, Die Euch zu Hauſe haͤlt, nicht Eure eigne⸗ Wir ſenden Mark Anton in den Senat, Zu ſagen, daß Ihr unpaß heute ſeyd. Laßt mich auf meinen Knie'n dieß erbitten. Cäſ. Ja, Mark Anton ſoll ſagen, ich ſey unpaß, Und dir zu lieb will ich zu Hauſe bleiben. (Decius tritt auf.) Sieh, Decius Brutus kommt; der ſoll's beſtellen. Dec. Heil, Caͤſar! guten Morgen, wuͤrd'ger Caͤſar! Ich komm' Euch abzuholen zum Senat. Caͤſ. Und ſeyd gekommen zur gelegnen Zeit, Den Senatoren meinen Gruß zu bringen. Sagt ihnen, daß ich heut nicht kommen will; Nicht kann, iſt falſch; daß ich's nicht wage, falſcher; Ich will nicht kommen heut; ſagt ihnen das. Calp. Sagt, er ſey krank. Cäſ. Hilft Caͤſar ſich mit Luͤgen? Streckt' ich ſo weit erobernd meinen Arm, Graubaͤrten ſcheu die Wahrheit zu verkleiden? Geht, Decius! ſagt nur: Caͤſar will nicht kommen. Dec. Laßt einen Grund mich wiſſen, großer Caͤſar, Daß man mich nicht verlacht, wenn ich es ſage. Caͤſ. Der Grund iſt nur mein Will'; ich will nicht kommen, Das gnuͤgt zu des Senats Befriedigung. Doch um Euch insbeſondre gnug zu thun, Weil ich Euch liebe, will ich's Euch eroͤffnen: Calpurnia hier, mein Weib, haͤlt mich zu Haus. Sie traͤumte dieſe Nacht, ſie ſaͤh' mein Bildniß, Das wie ein Springbrunn klares Blut vergoß Aus hundert Roͤhren; ruͤſt'ge Roͤmer kamen, Und tauchten laͤchelnd ihre Haͤnde drein. Dieß legt ſie aus als Warnungen und Zeichen, Und Ungluͤck, das uns droht, und hat mich knie'nd Gebeten, heute doch nicht auszugehn. Dec. Ihr habt den Traum ganz irrig ausgelegt, Es war ein ſchoͤnes, gluͤckliches Geſicht. Eu'r Bildniß, Blut aus vielen Roͤhren ſpritzend, Worein ſo viele Roͤmer laͤchelnd tauchten, Bedeutet, ſaugen werd' aus Euch das große Rom Belebend Blut; und große Maͤnner werden * 136 Julius Caͤſar. A. II. Nach Heiligthuͤmern und nach Ehrenpfaͤndern Sich draͤngen. Das bedeutet dieſer Tranm. Cäſ. Auf dieſe Art habt Ihr ihn wohl erklärt. Det. Ja, wenn Ihr erſt gehoͤrt, was ich Euch melde. Wißt denn: an dieſem Tag will der Senat Dem großen Caͤſar eine Krone geben. Wenn Ihr nun ſagen laßt, Ihr wollt nicht kommen, So kann es ſie gereun. Auch ließ' es leicht Zum Spott ſich wenden; jemand ſpräche wohl: „Verſchiebt die Sitzung bis auf andre Zeit, Wann Cäſars Gattin beßre Traͤume hat.“ Wenn Cäſar ſich verſteckt, wird man nicht fluͤſtern: „Seht! Caͤfar fuͤrchtet ſich?“ Verzeiht mir, Caͤſar; meine Herzensliebe Heißt dieſes mich zu Eurem Vortheil ſagen, Und Schicklichkeit ſteht meiner Liebe nach. Caͤſ. Wie thoͤricht ſcheint nun eure Angſt, Calpurnia! Ich ſchaͤme mich, daß ich ihr nachgegeben. Reicht mein Gewand mir her, denn ich will gehn. (Publius, Brutus, Ligarius, Metellus, Caſca, rebonius und Cinna treten auf. Da kommt auch Publius, um mich zu holen. Pub. Guten Morgen, Cäſar! Caſ. Publius, willkommen!— Wie, Brutus? ſeyd Ihr auch ſo fruͤh ſchon auf!— Guten Morgen, Caſca!— Cajus Ligarius, So ſehr war Caͤſar niemals Euer Feind Als dieſes Fieber, das Euch abgezehrt.— Was iſt die Uhr? Brut. Es hat ſchon acht geſchlagen. Cäſ. Habt Dank fuͤr Eure Muͤh und Hoͤflichkeit. (Antonius tritt auf.) Seht! Mark Anton, der lange ſchwaͤrmt des Nachts, Iſt doch ſchon auf.— Antonins, ſeyd gegruͤßt! Ant. Auch Ihr, erlauchter Caͤſar. Cäſ. Befehlt, daß man im Hauſe fertig ſey; Es iſt nicht recht, ſo auf ſich warten laſſen. Ei, Cinna!— Ei, Metellus!— Wie, Trebonius? Ich hab' mit Euch ein Stuͤndchen zu verplaudern; Gedenkt daran, daß Ihr mich heut beſucht, Und bleibt mir nah, damit ich Euer denke⸗ Treb. Das will ich, Cäſar—(beiſeit) will ſo nah Euch ſeyn. Sz. 3. Julius Cäſar. 137 Daß Eure beſten Freunde wuͤnſchen ſollen, Ich waͤr' entfernt geweſen. Cäſ. Lieben Freunde, Kommt mit herein und trinkt ein wenig Weins, Dann gehen wir gleich Freunden mit einander. Brut.(beiſeit.) Daß gleich nicht ſtets daſſelbe iſt, o Caͤſar! Das Herz des Brutus blutet, es zu denken. (Alle ab.) Dritte Szene. Eine Straße nahe beim Capitol. (Artemidorus tritt auf und lieſt einen Zettel.) Artemidorus. „Caͤſar, huͤte dich vor Brutus, ſey wachſam gegen Caſſius, halte dich weit vom Caſca, habe ein Ange auf Cinna, mißtraue dem Trebonius, beobachte den Metellus Cimber, Decius Brutus liebt dich nicht, beleidigt haſt du den Cajus Ligarins. Nur Ein Sinn lebt in allen dieſen Maͤnnern, und er iſt gegen Caͤſar gerichtet. Wo du nicht unſterblich biſt, ſchau um dich. Sorgloſigkeit giebt der Ver⸗ ſchwoͤrung Raum. Moͤgen dich die großen Goͤtter ſchuͤtzen! Der Deinige Artemidorus.“ Hier will ich ſtehn, bis er voruͤbergeht, Und will ihm dieß als Bittſchrift uberreichen. Mein Herz bejammert, daß die Tugend nicht Frei von dem Zahn des Neides leben kann. O Cäſar, lies! ſo biſt du nicht verloren! Sonſt iſt das Schickſal mit Verrath 0* 138 Julius Caͤſar. A. II. Vierte Szene. Ein andrer Theil derſelben Straße, vor dem Hauſe des Brutus. (Portia und Lucius kommen) Portia. Ich bitt' dich, Knabe, lauf in den Senat, Palt dich mit keiner Autwort auf und geh. Was warteſt du? Luc. Zu hoͤren, was ich ſoll. Port. Ich moͤchte dort und wieder hier dich haben, Eh' ich dir ſagen kann, was du da ſollſt. O Feſtigkeit, ſteh unverruͤckt mir bei, Stell' einen Fels mir zwiſchen Herz und Zunge! Ich habe Mannesſinn, doch Weibeskraft. Wie faͤllt doch ein Geheimniß Weibern ſchwer!— Biſt du noch hier? Luc. Was ſollt' ich, gnaͤd'ge Frau? Nur hin zum Capitol und weiter nichts; Und ſo zu Euch und weiter nichts? Port. Nein, ob dein Herr wohl ausſieht, melde mir, Denn er ging unpaß fort, und merk dir recht, Was Caͤſar macht, wer mit Geſuch ihm naht. Still, Knabe! Welch Geraͤuſch? Luc. Ich hoͤre keins. Port. Ich bitt' dich, horch genau, Ich hoͤrte wilden Laͤrm, als foͤchte man, Und der Wind bringt vom Capitol ihn her. Luc. Gewißlich, gnaͤd'ge Frau, ich hoͤre nichts. (Ein Wahrſager kommt.) Port. Komm naͤher, Mann! dein Weg dich her? Wahrſ. Von meinem Hauſe, liebe gnaͤdige Frau. Port. Was iſt die Uhr? Wahrſ. Die neunte Stund' etwa. Port. Iſt Caͤſar ſchon aufs Capitol gegangen? Wahrſ. Nein, gnaͤd'ge Frau; geh' um Platz zu nehmen, Wo er vorbeizieht auf das Capitol. ort. Du haſt an Caͤſarn ein Geſuch: nicht wahr? ahrſ. Das hab' ich, gnaͤd'ge Frau. Geliebt es Caͤſarn, Sz. 4. Julius Caͤſar. 139 Aus Guͤte gegen Caͤſar mich zu hoͤren, So bitt' ich ihn, es gut mit ſich zu meinen. Port. Wie? weißt du, daß man ihm ein Leid will anthun? Wahrſ. Keins ſeh' ich klar vorher, viel, furcht' ich, kann geſchehn; Doch guten Tag! Hier iſt die Straße eng; Die Schaar, die Caͤſarn auf der Ferſe foigt, Von Senatoren, Praͤtorn, Supplikanten, Moͤcht' einen ſchwächen Mann beinah erdruͤcken. Ich will an einen freiern Platz, und da Den großen Caͤſar ſprechen, wenn er kommt.(ab.) Port. Ich muß ins Haus. Ach* welch ein ſchwaches ing Das Herz des Weibes iſt! O Brutus! Der Himmel helfe deinem Unternehmen,— Gewiß, der Knabe hoͤrt' es.— Brutus wirbt um etwas, Das Caͤſar weigert.— O, es wird mir ſchlimm! Lauf, Lucius, empfiehl mich meinem Gatten, Sag, ich ſey froͤhlich, komm' zu mir zuruck, Und melde mir, was er dir aufgetragen. (Beide ab.) 140 Julius Cäſar. Dritter Aufzug. Erſte Szene. Das Capitol. Sitzung des Senats. (Ein Haufe Volks in der Straße, die zum Capitol führt, dar⸗ unter Artemidorus und der Wahrſager. Trompetenſtoß. Cäſar, Brutus, Caſſius, Caſca, Deeius, Me⸗ tellus, Trebonius, Einna, Antonius, Lepidus, Popilius, Publius und Andre kommen.) Cäſar. Des Maͤrzen Idus iſt nun da. Wahrſ. Ja, Caͤſar. Doch nicht vorbei. Art. Heil, Caͤſar! Lies den Zettel hier. Dec. Trebonius bittet Euch, bei guter Weile Dieß unterthaͤnige Geſuch zu leſen. Art. Lies meines erſt, o Caͤſar! Mein Geſuch Betrifft den Caͤſar naͤher; lies, großer Cäſar! 2(tritt dem Cäſar näher.) Läſ. Was uns betrifft, werd⸗ auf die Letzt' verſpart. Art. Verſchieb nicht, Caͤſar, lies im Augenblick. Cäſ. Wie? iſt der Menſch verruͤckt? Pub. Mach Platz, Geſell! Caſſ. Was? draͤngt Ihr auf der Straße mit Ge⸗ ſuchen? Kommt in das Capitol. (Cäſar geht in das Capitol, die uebrigen folgen ihm. Alle Senatoren ſtehen auf.) Pop. Mog Euer Unternehmen heut gelingen! Caſſ. Weſch Unternehmen, Lena? Pop. Geh's Euch wohl. (Er nähert ſich dem Cäſar.) Brut. Was ſprach Popilius Leng da? A. III. Sz. 1. Julius Caͤſar. 141 Caſſ. Er wuͤnſchte, Daß unſer Unternehmen heut gelaͤnge. Ich fuͤrchte, unſer Anſchlag iſt entdeckt. Brut. Seht, wie er Caäſarn Gebt Acht auf ihn. Caſſ. Sey ſchleunig, Caſca, daß man nicht zuvor⸗ koͤmmt; Was iſt zu thun hier, Brutus? Wenn es auskoͤmmt, Kehrt Caſſius oder Caſar nimmer heim; Denn ich entleibe mich⸗ Brut. Sey ſtandhaft, Caſſius. Popilius ſpricht von unſerm Anſchlag nicht. Er laͤchelt, ſieh, und Cäſar bleibt in Ruh. Caſſ. Trebonins nimmt die Zeit wahr, Brutus; ſieh Er zieht geſchickt den Mark Anton bei Seite. (Antonius und Trebonius ab. Cäſar und die Senato⸗ ren nehmen ihre Sitze ein.) Der. Wo iſt Metellus Cimber? Laßt ihn gehn, Und ſein Geſuch ſogleich dem Cäſar reichen. Brut. Er iſt bereit, draͤngt an und ſteht ihm bei. Cinn. Caſca, Ihr muͤßt zuerſt den Arm erheben. Caͤſ. Sind alle da? Was fuͤr Beſchwerden giebt's, Die Caͤſar heben muß und ſein Senat? Wiet.(niederkniend.) S erhabner Metellus Cimber wirft vor deinen Sitz Ein Herz voll Demuth nieder. S Cäſ. Cimber hoͤr',— Ich muß zuvor dir kommen. Dieſes Kriechen, Dieß knechtiſche Verbeugen koͤnnte wohl Gemeiner Menſchen Blut in Feuer ſetzen, Und vorbeſtimmte Wahl, gefaßten Schluß Zum Kinderwillen machen. Sey nicht thoͤricht Und denk“, ſo leicht empoͤrt ſey Caſars Blut, Um aufzuthaun von ſeiner aͤchten Kraft Durch das, was Narr'n erweicht: durch ſuͤße Worte, Gekruͤmmtes Buͤcken, huͤndiſches Geſchmeichel. Dein Bruder iſt verbannt durch einen Spruch; Wenn du fuͤr ihn dich buckſt und flehſt und ſchmeichelſt, So ſtoß' ich dich wie einen Hund hinweg. Wiſſ⸗! Caͤſar thut kein Unrecht ohne Gruͤnde Befriedigt man ihn nicht. * 142 Julius Caͤſar. A. III. Wiet. Giebts keine Stimme, wuͤrdiger als meine Die ſuͤßer toͤn' im Ohr des großen Cäſar, Fuͤr des verbannten Bruders Wiederkehr? Brut. Ich kuͤſſe deine Hand, doch nicht als Schmeichler, Und bitte, Caͤſar, daß dem Puvlius Cimber Die Ruͤckberufung gleich bewilligt werde. Cäſ. Wie? Brutus! Laſſ. Gnade, Caͤſar! Caͤſar, Gnade! Auch Caſſius faͤllt tief zu Fußen dir, Begnadigung fuͤr Cimber zu erbitten. Cäſ. Ich ließe wohl mich ruhren, glich ich Euch; Mich ruͤhrten Bitten, baͤt' ich um zu ruͤhren. Doch ich bin ſtandhaft wie des Nordens Stern, Deß unverruͤckte, ewig ſtäͤte Art Picht ihres Gleichen hat am Firmament. Der Himmel prangt mit Funken ohne Zahl, Und Feuer ſind ſie all' und jeder leuchtet; Doch Einer nur behauptet ſeinen Stand. So in der Welt auch; ſie iſt voll von Menſchen, Und Menſchen ſind empfindlich, Fleiſch und Blut; Doch in der Menge weiß ich Einen nur, Der unbeſiegbar ſeinen Platz bewahrt, Vom Andrang unbewegt; daß ich der bin, Auch hierin laßt es mich ein wenig zeigen, Daß ich auf Cimbers Banne feſt beſtand, Und drauf beſteh', daß er im Banne bleibe. Tinn. O Caͤſar! Läſ. Fort, ſag' ich! Willſt du den Olymp verſetzen? Dec. Erhabner Caͤſar!— Cäſ. Knie't nicht Brutus auch umſonſt? Caſea. Dann, Haͤnde, ſprecht fuͤr mich! (Caſca ſticht Cäſarn mit dem Dolch in den Nacken. Cäſar fällt ihm in den Arm. Er wird alsdann von verſchiednen an⸗ dern Verſchwornen und zuletzt vom Marcus Brutns mit Dolchen durchſtochen.) Cäſ. Brutus, auch du?— So falle Caͤſar! (Er ſtirbt. Die Senatoren und das Voilk fliehen beſtürzt.) Cinn. Befreiung! Freiheit! Die Tyrannei iſt todt! Lauft fort! verkuͤndigt! ruft es durch die Gaſſen! Caſſ. Hin zu der Rednerbuͤhne! Rufet aus: Befreiung! Freiheit! Wiederherſtellung! Sz. 1. Julius Caͤſar. 143 Brut. Seyd nicht erſchrocken, Volk und Senatoren! Flieht nicht! ſteht ſtill! Die Ehrſucht hat gebuͤßt. Laſca. Geht auf die Rednerbuͤhne, Brutus. Dec. Ihr, Caſſius, auch. Brut. Wo iſt Publins? Cinn. Hier, ganz betroffen uͤber dieſen Aufruhr. Met. Steht dicht beiſammen, wenn ein Freund des Caͤſar Etwa!— Brut. Sprecht nicht von Stehen!— Publius, getroſt! Wir haben nicht im Sinn, Euch Leid zu thun, Auch keinem Roͤmer ſonſt; ſagt ihnen das. Caſſ. Und geht nur, Publius, damit das Volk, Das uns beſtuͤrmt, nicht Euer Alter kranke. Brut. Thut das; und niemand ſteh' fuͤr dieſe That, Als wir, die Thaͤter⸗ (Trebonius kommt zurück.) Caſſ. Wo iſt Mark Anton? Treb⸗ Er floh beſtuͤrzt nach Haus, und Maͤnner, Weiber Und Kinder blicken ſtarr, und ſchrein, und laufen, Als waͤr' der juͤngſte Tag. Brut. Schickſal! wir wollen ſehn, was dir beliebt. Wir wiſſen, daß wir ſterben werden; Friſt Und Zeitgewinn nur iſt der Menſchen Trachten. Caſſ. Ja, wer dem Leben zwanzig Jahre raubt, Der raubt der Todesfurcht ſo viele Jahre. Brut. Geſteht das ein, und Wohlthat iſt der Tod, So ſind wir Cäſars Freunde, die wir ihm Die Todesfurcht verkuͤrzten. Buͤckt Euch, Roͤmer! Laßt unſre Haͤnd' in Caͤſars Blut uns baden Bis an die Ellenbogen! Faͤrbt die Schwerter! So treten wir hinaus bis auf den Markt, Und, uͤber'm Haupt die rothen Waffen ſchwingend, Nuft alle dann: Erloͤſung! Friede! Freiheit! Caſſ. Buͤckt Euch und taucht! In wie entfernter Zeit Wird man dieß hohe Schauſpiel wiederholen, In neuen Zungen und mit fremden Pomp! Brut. Wie oft wird Cäſar noch zum Spiele bluten, Der jetzt am Fußgeſtell Pompejus liegt, Dem Staube gleich geachtet! * — 144 Julius Caͤſar. A. III. Caſſ. So oft als das geſchieht, Wird man auch unſern Bund, die Maͤnner nennen, Die Freiheit wiedergaben ihrem Land. Dec. Nun, ſollen wir hinaus? Caſſ. Ja, alle fort, Brutus voran, und ſeine Tritte zieren Wir mit den kuͤhnſten, beſten Herzen Roms. (Ein Diener kommt.) Brut. Doch ſtill! wer kommt? Si Freund des Mark nton. Dien. So, Brutus, hieß mich mein Gebieter knie'n, So hieß Antonins mich niederfallen, Und tief im Staube hieß er ſo mich reden⸗ Brutus iſt edel, tapfer, weiſ⸗ und redlich, Caͤſar war groß, kuͤhn, königlich und guͤtig. Sprich: Brutus lieb' ich und ich ehr' ihn auch. Sprich: Caͤſarn furchtet ich, ehrt' ihn und liebt' ihn. Will Brutus nun gewaͤhren, daß Anton 3 Ihm ſicher nahen und erfoiſchen duͤrfe, 1* Wie Cäſar ſolche Todesart verdient, So ſoll dem Mark Anton der todte Cäſar So theuer nicht als Brutus lebend ſeyn; Er will vielmehr dem Looſ' und der Partei Des edlen Brutus unter den Gefahren Der wankenden Verfaſſung treulich folgen: Dieß ſagte mein Gebieter Mark Anton. Brut. Und dein Gebieter iſt ein wackrer Roͤmer, So achtet' ich ihn ſtets. Sag', wenn es ihm beliebt hieher zu kommen, So ſteh' ich Red' ihm, und bei meiner Ehre, Entlaſſ' ihn ungekraͤnkt. Dien. Ich hol' ihn gleich.(ab.) Brut. Ich weiß„ wir Babe S zum Freunde aben. Caſſ. Ich wuͤnſch' es, doch es wohnt ein Sinn in mir, Der ſehr ihn fuͤrchtet; und mein Ungluͤckahnden Trifft immer ein aufs Haar. (Antonius kommt zurück.) Brut. Hier kommt Antonius ja.— Willkommen, Mark * Anton! Sz. 1. Julius Caͤſar.. 145 Ant. O großer Caͤſar! liegſt du ſo im Staube? Sind alle deine Siege, Herrlichkeiten, Triumphe, Beuten, eingeſunken nun In dieſen kleinen Raum? Gehab dich wohl!— Ich weiß nicht, edle Herrn, was Ihr gedenkt, Wer ſonſt noch bluten muß, wer reif zum Fall. Wofern ich ſelbſt, kann keine Stunde beſſer Als Caͤſars Todesſtunde, halb ſo koſtbar Kein Werkzeug ſeyn, als dieſe Eure Schwerter, Geſchmuͤckt mit Blut, dem edelſten der Welt. Ich bitt' Euch, wenn Ihr's feindlich mit mir meint, Jett da noch Eure Purpurhaͤnde dampfen, Buͤßt Eure Luſt. Und lebt' ich tauſend Jahre, Nie werd' ich ſo bereit zum Tod mich fuͤhlen; Kein Ort gefaͤllt mir ſo, kein Weg zum Tode, Als hier beim Caͤſar fallen, und durch Euch, Die erſten Heldengeiſter unſter Zeit. Brut. O Mark Anton! begehrt nicht Euren Tod. Wir muͤſſen blutig zwar und grauſam ſcheinen, Wie unſre Haͤnd und die geſchehne That Uns zechen; doch Ihr ſeht die Haͤnde nur, Und dieſes blut'ge Werk, ſo ſie vollbracht; Nicht unſre Herzen; ſie ſind mitleidsvoll, Und Mitleid gegen Roms geſammte Noth (Wie Feuer Feuer loſcht, ſo Mitleid Mitleid) Veruͤbt' an Cäſarn dieß. Was Euch betrifft, Fuͤr Euch ſind unſte Schwerdter ſtumpf, Anton. Seht, unſre Arme, trotz verubter Tuͤcke, Und unſre Herzen, bruderlich geſinnt, Empfangen Euch mit aller Innigkeit, Mit redlichen Gedanken und mit Achtung. Caſſ. Und Eure Stimme ſoll ſo viel als jede Bei der Vertheilung neuer Wuͤrden gelten. Brut. Seyd nur geduldig, bis wir erſt das Volk Beruhigt, das vor Furcht ſich ſelbſt nicht kennt; Dann legen wir den Grund Euch dar, weswegen Ich, der den Cäͤſar liebt, als ich ihn ſchlug, Alſo verfahren. Ant. Ich bau' auf Eure Weisheit. Mir reiche jeder ſeind blut'ge Hand; Erſt Marcus Brutus, ſchütteln wir ſie uns; Daun, Cajus Caſſius, faſſ' ich Eure Hand; Nun Eure, Decius Brutus; Eure, Cihna; W 10 14⁵ „ Sulius Caſar. A.. Metellus, Eure nun; mein tapfrer Caſca, Die Eure; reicht, Trebonius, Eure mir, Zuletzt, doch nicht der letzte meinem Herzen. Ach, all' ihr edlen Herren; was ſoll ich ſagen? Mein Anſehn ſteht jetzt auf ſo glattem Boden, Daß ich Euch eines von zwei ſchlimmen Dingen, Ein Feiger oder Schmeichler ſcheinen muß. Daß ich dich liebte, Caͤſar, o, es iſt wahr! Wofern dein Geiſt jetzt niederblickt auf uns, Wirds dich nicht kraͤnken, bittrer als dein Tod, Zu ſehn, wie dein Antonius Frieden macht, Und deiner Feinde blut'ge Haͤnde druͤckt, Du Edelſter, in deines Leichnams Naͤhe? Haͤtt' ich ſo manches Aug' als Wunden du, Und jedes ſtroͤmte Thraͤnen, wie ſie Blut, Das ziemte beſſer mir als einen Bund Der Freundſchaft einzugehn mit deinen Feinden. Verzeih mir, Julius, du edler Hirſch, Hier wurdeſt du erjagt, hier fieleſt du;„ Hier ſtehen deine Jaͤger, mit den Zeichen Des Mordes, und von deinem Blut bepurpurt. O Welt! du warſt der Wald fuͤr dieſen Hirſch, Und er, o Welt! war ſeines Waldes Stolz.— Wie aͤhnlich einem Wild, von vielen Fuͤrſten Geſchoſſen, liegſt du hier! Caſſ. Antonius— Ant. Verzeiht mir, Cajus Caſſius; Dieß werden ſelbſt die Feinde Caͤſars ſagen, An einem Freund' iſt's kalte Maͤßigung. Caſſ. Ich tadl' Euch nicht, daß Ihr den Caͤſar preiſt; Allein, wie denkt Ihr Euch mit uns zu ſtehen? Seyd Ihr von unſern Freunden? oder ſollen Wir vorwaͤrts dringen, ohn' auf Euch zu baun? Ant. Deswegen faßt' ich Eure Haͤnde; nur Vergaß ich mich, als ich auf Caͤſarn blickte. Ich bin Euch allen Freund, und lieb' Euch alle, In Hoffnung, Eure Gruͤnde zu vernehmen, Wie und warum gefaͤhrlich Cäſar war. Brut. Ja wohl, ſonſt waͤr' dieß ein unmenſchlich Schauſpiel. Und unſre Gruͤnde ſind ſo wohl bedſcht, Waͤrt Ihr der Sohn des Caͤſar, Mark Anton, Sie gnuͤgten Euch. Sz. 1. Julius Caͤſar. 147 Ant. Das ſuch' ich einzig ja. Auch halt' ich an um die Verguͤnſtigung, Den Leichnam auszuſtellen auf dem Markt, Und auf der Buͤhne, wie's dem Freunde ziemt, Zu reden bei der Feier der Beſtattung. Brut. Das moͤgt Ihr, Mark Anton. Caſſ. Brutus, ein Wort mit Euch! (beiſeite.) Ihr wißt nicht, was Ihr thut; geſtattet nicht Daß ihm Antonius die Rede haite. Wiht Ihr, wie ſehr das Volk durch ſeinen Vortrag Sich kann erſchuͤttern laſſen? Brut. Nein, verzeiht. Ich ſelbſt betrete erſt die Buͤhn', und lege Von unſers Caͤſars Tod die Gruͤnde dar⸗ Was dann Antonius ſagen wird, erklaͤr' ich, Geſcheh' erlaubt und mit Bewilligung; Es ſey uns recht, daß Caͤſar jeder Ehre Zheilhaftig werde, ſo die Sitte heiligt. Dieß wird uns mehr Gewinn als Schaden bringen. Laſſ. Wer weiß, was vorfaͤllt! Ich bin nicht dafuͤr. Brut. Hier, Mark Anton, nehmt Ihr die Leiche Caͤſars. Ihr ſollt uns nicht in Eurer Rede tadeln, Doch ſprecht von Caͤſarn Gutes nach Vermoͤgen, Und ſagt, daß Ihr's mit unſerm Willen thut. Sonſt ſollt Ihr gar mit dem Begaͤngniß nichts Zu ſchaffen haben. Auf derſelben Buͤhne, Zu der ich jetzo gehe, ſollt Ihr reden, Wenn ich zu reden aufgehoͤrt. Ant. So ſey's! Ich wuͤnſche weiter nichts. Brut. Bereitet denn die Leich' und folget uns. (Alle bis auf Antonius ab.) Ant. O du, verzeih mir, blutend Stuͤckchen Erde! Daß ich mit dieſen Schlaͤchtern freundlich that. Du biſt der Reſt der edelſten der Maͤnner, Der jemals lebt' im Wechſellauf der Zeit. Weh! weh der Hand, die dieſes Blut vergoß! Jetzt prophezeih' ich uͤber deinen Wunden, Die ihre Purpurlippen oͤffnen, ſtumm Von meiner Zunge Stimm' und Wort' erflehend: Ein Fluch wird fallen auf der Menſchen Glieder, Und innre Wuth und wilder Buͤrgerzwiſt 10* 6 — 148 Julius Caͤſar. A. III. Wird aͤngſten alle Theil' Italiens; Verheerung, Mord, wird ſo zur Sitte werden, Und ſo gemein das Furchtbarſte, daß Muͤtter Nur laͤcheln, wenn ſie ihre zarten Kinder Geviertheilt von des Krieges Haͤnden ſehn. Die Fertigkeit in Graͤueln wuͤrgt das Mitleid; Und Caͤſars Geiſt, nach Rache jagend, wird, Zur Seit' ihm Ate, heiß der Hoͤll' entſtiegen, In dieſen Graͤnzen mit des Herrſchers Ton Mord rufen, und des Krieges Hund' entfeſſeln, Daß dieſe Schandthat auf der Erde ſtinke Von Menſchenaas, das um Beſtattung aͤchzt. (Ein Diener kommt.) Ihr dienet dem Octavius Caͤſar? nicht? Dien. Ja, Mark Anton. Ant. Cäſar beſchied ihn ſchriftlich her nach Rom. Dien. Die Brief' empfing er und iſt unterwegs; Und muͤndlich hieß er mich an Euch beſtellen— (Er erblickt den Leichnam Cäſars.) O Caͤſar! Ant. Dein Herz iſt voll, geh auf die Seit' und weine. Ich ſehe, Leid ſteckt an; denn meine Augen, Da ſie des Grames Perlen ſahn in deinen, Begannen ſie zu fließen.— Kommt dein Herr? Dien. Er bleibt zu Nacht von Rom nur ſieben Meilen. Ant. Reit' ſchnell zuruͤck und meld' ihm, was geſchehn. Hier iſt ein Nom voll Trauer und Gefahr, Kein ſichres Rom noch fuͤr Octavius. Eil hin und ſag' ihm das!— Nein, warte noch! Du ſollſt nicht fort, bevor ich dieſe Leiche Getragen auf den Markt, und meine Rede Das Volk gepruͤft, wie dieſer blut'gen Maͤnner Unwenſchliches Beginnen ihm erſcheint. Und dem gemaͤß ſollſt du dem jungen Caͤſar Berichten, wie allhier die Dinge ſtehn. Leih deinen Arm mir. (Beide ab mit Cäſars Leiche.) Sz 2 Julius Caͤſar. 149 38 weite Szene. Das Forum. (Brutus und Caſſius kommen mit einem Haufen Volks.)⸗ Bürger. Wir wollen Rechenſchaft! Legt Rechenſchaft uns ab! Brut. So folget mir und gebt Gehoͤr mir, Freunde.— Ihr, Caſſius, geht in eine andre Straße Und theilt die Haufen— Wer mich will reden hoͤren, bleibe hier! Wer Caſſius folgen will, der geh' mit ihm. Wir wollen oͤffentlich die Gruͤnd' erklaͤren Von Caͤſars Tod. 1. Buͤrg. Ich will den Brutus hoͤren. 2. Buͤrg. Den Caſſius ich; ſo koͤnnen wir die Gruͤnde Vergleichen, wenn wir beide angehoͤrt. (Caſſius mit einigen Bürgern ab. Brutus beſteigt die Roſtra.) 3. Burg. Der edle Brutus ſteht ſchon oben— ſtill! Brut. Seyd ruhig bis zum Schluß. Roͤmer! Mitbuͤrger! Freunde! Hoͤrt mich meine Sache fuͤhren, und ſeyd ſtill, damit Ihr hoͤren moͤget. Glaubt mir um meiner Ehre willen, und hegt Achtung vor meiner Ehre, damit Ihr glauben moͤgt. Richtet mich nach Eurer Weisheit, und weckt Eure Sinne, um deſto beſſer urtheilen zu koͤnnen. Iſt jemand in dieſer Verſammlung, irgend ein herzlicher Freund Caͤſars, dem ſage ich; des Brutus Liebe zum Caͤſar war nicht geringer als ſeine. Wenn dieſer Freund dann fragt, warum Brutus gegen Caͤſar aufſtand, iſt dieß meine Antwort: nicht, weil ich Caͤſarn weniger liebte, ſon⸗ dern weil ich Rom mehr liebte. Wolltet Ihr lieber, Caͤſar lebte und Ihr ſtuͤrbet alle als Sklaven, als daß Caͤſar todt iſt, damit Ihr alle lebet wie freie Maͤnner? Weil Caͤſar mich liebte, wein' ich um ihn; weil er gluͤck⸗ lich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr' ich ihn: aber weil er herrſchſuͤchtig war, erſchlug ich ihn⸗ Alſo Thraͤnen fuͤr ſeine Liebe, Freude fur ſein Gluͤck, Ehre fuͤr ſeine Tapferkeit, und Tod fuͤr ſeine Herrſchſucht. Wer iſt hier ſo niedrig geſinnt, daß er ein Knecht ſeyn moͤchte? „ 150 Julius Caͤſar. A. III. Iſt es jemand, er rede; denn ihn habe ich beleidigt. Wer iſt hier ſo roh, daß er nicht wuͤnſchte, ein Roͤmer zu ſeyn? Iſt es jemand, er rede; denn ihn habe ich beleidigt. Ich halte inne um Antwort zu hoͤren. Burger.(Verſchiedne Stimmen auf einmal.) Niemand, Brutus! niemand! Brut. Dann habe ich niemand beleidigt. Ich that Caͤ⸗ ſarn nichts, als was Ihr dem Brutus thun wuͤrdet. Die Unterſuchung uͤber ſeinen Tod iſt im Capitol aufgezeich⸗ net; ſein Ruhm nicht geſchmaͤlert, wo er Verdienſte hatte, ſeine Vergehen nicht uͤbertrieben, fuͤr die er den Tod gelitten. (Antonius und Andre treten auf mit Cäſars Leiche.) Hier kommt ſeine Leiche vom Mark Anton betrauert, der, ob er ſchon keinen Theil an ſeinem Tode hatte, die Wohlthat ſei⸗ nes Sterbens, einen Platz im gemeinen Weſen, genießen wird. Wer von Euch wird es nicht? Hiermit trete ich ab. Wie ich meinen beſten Freund fuͤr das Wohl Roms erſchlug, ſo habe ich denſelben Dolch fuͤr mich ſelbſt, wenn es dem Va⸗ terlande gefaͤllt, meinen Tod zu beduͤrfen. Bürger. Lebe, Brutus! lebe! lebe! 1. Buͤrg. Begleitet mit Triumph ihn in ſein Haus. 2. Buͤrg. Stellt ihm ein Bildniß auf bei ſeinen Ahnen, 3. Bürg. Er werde Caͤſar. 4. Bürg. Im Brutus kroͤnt Ihr Caͤſars beßre Gaben. 1. Buͤrg. Wir bringen ihn zu Haus mit lautem Jubel. Brut. Mitbuͤrger— 2. Buͤrg. Schweigt doch! ſtille! Brutus ſpricht. 1. Bürg. Still da! Brut. Ihr guten Buͤrger, laßt allein mich gehn; Bleibt mir zu Liebe hier beim Mark Anton. Ehrt Caͤſars Leiche, ehret ſeine Rede, Die Caͤſars Ruhm verherrlicht. Dem Antonius Gab unſer Will' Erlaubniß ſie zu halten. Ich bitt' Euch, keiner gehe fort von hier Als ich allein, bis Mark Anton geſprochen.(ab.) 1. Bürg. He, bleibt doch! ſ wir den Mark nton. 3. Burg. Laßt ihn hinaufgehn auf die Rednerbuͤhne. Ja, hoͤrt ihn! Edler Mark Anton, hinauf! Ant. Um Brutus willen bin ich Euch verpflichtet. — Sz 2 Julius Caͤſar. ½ 4. Bürg. Was ſagt er da vom Brutus? 3. Buͤrg. Er ſagt, um Brutus willen find' er ſich Uns insgeſammt verpflichtet. 4. Buͤrg. Er thaͤte wohl, Dem Brutus hier nichts Uebles nachzureden. 1. Bürg. Der Caͤſar war ein Tyrann. 3. Buͤrg. Ja, das iſt ſicher; Es iſt ein Gluͤck fuͤr uns, daß Rom ihn los ward. 4. Bürg. Still! Hoͤrt doch, was Antonius ſagen kann! Ant. Ihr edlen Roͤmer— Buͤrger. Still da! hoͤrt ihn doch! Ant. Mitbuͤrger! Freunde! Roͤmer! hoͤrt mich an! Begraben will ich Caͤſarn, nicht ihn preifen. Was Menſchen Uebles thun, das uͤberlebt ſie, Das Gute wird mit ihnen oft begraben. So ſey es auch mit Caͤſarn! Der edle Brutus Hat Euch geſagt, daß er voll Herrſchſucht war; Und war er das, ſo war's ein ſchwer Vergehen, Und ſchwer hat Caͤſar auch dafuͤr gebuͤßt. Hier, mit des Brutus Willen und der Andern (Denn Brutus iſt ein ehrenwerther Mann, Das ſind ſie alle, alle ehrenwerth), Komm' ich, bei Caͤſars Leichenzug zu reden. Er war mein Freund, war mir gerecht und treu, Doch Brutus ſagt, daß er voll Herrſchſucht war, Und Brutus iſt ein ehrenwerther Mann. Er brachte viel Gefangne heim nach Rom, Wofuͤr das Loͤſegeld den Schatz gefüllt. Sah das der Herrſchſucht wohl am Caͤſar gleich? Wenn Arme zu ihm ſchrie'n, ſo weinte Caͤſar; Die Herrſchſucht ſollt' aus härterm Stoff beſtehn. Doch Brutus ſagt, daß er voll Herrſchſucht war, Und Brutus iſt ein ehrenwerther Mann. Ihr alle ſaht, wie am Lupercus⸗Feſt Ich dreimal ihm die Koͤnigskrone bot, Die dreimal er geweigert. War das Herrſchſucht? Doch Brutus ſagt, daß er voll Herrſchſucht war, Und iſt gewiß ein ehrenwerther Mann. Ich will, was Brutus ſprach, nicht widerlegen, Ich ſpreche hier von dem nur, was ich weiß. Ihr liebtet all ihn einſt nicht ohne Grund; Was fuͤr ein Grund wehrt Euch um ihn zu trauern? O Urtheil, du entflohſt zum bloͤden Vieh, * 15⁵2 Julius Caͤſar. A. III. Der Menſch war unvernuͤnftig!— Habt Geduld! Mein Herz iſt in dem Sarge hier beim Caͤſar, Und ich muß ſchweigen, bis es mir zuruͤckkommt. 1. Buͤrg. Mich duͤnkt, in ſeinen Reden iſt viel Grund. 2. Bürg. Wenn man die Sache recht erwägt, iſt Caͤſarn Groß Unrecht widerfahren⸗ 3. Bürg. Meint Ihr, Buͤrger? Ich fuͤrcht', ein Schlimmrer kommt an ſeine Stelle. 4. Burg. Habt Ihr gehoͤrt? Er nahm die Krone nicht, Da ſieht man, daß er nicht herrſchſuͤchtig war. 1. Bürg. Wenn dem ſo iſt, ſo wird es manchem theuer Zu ſtehen kommen. 5 2. Burg. Ach, der arme Mann! Die Augen ſind ihm feuerroth vom Weinen. 3. Bürg. Antonius iſt der bravſte Mann in Rom. 4. Bürg. Gebt Acht, er faͤngt von neuem an zu reden. Ant. Noch geſtern haͤtt' umſonſt dem Worte Cäſars Die Welt ſich widerſetzt; nun liegt er da, Und der Geringſte neigt ſich nicht vor ihm. O Buͤrger! ſtrebt' ich, Herz und Muth in Euch Zur Wuth und zur Empoͤrung zu entflammen, So thaͤt' ich Caſſins und Brutus Unrecht, Die Ihr als ehrenwerthe Maͤnner kennt. 26 will nicht ihnen Unrecht thun, will lieber em Todten Unrecht thun, mir ſelbſt und Euch, Als ehrenwerthen Maͤnnern, wie ſie ſind. Doch ſeht dieß Pergament mit Caͤſars Siegel; Ich fand's bei ihm, es iſt ſein letzter Wille. Vernaͤhme nur das Volk dieß Teſtament Das ich, verzeiht mir, nicht zu leſen denke), ie gingen hin und kuͤßten Caͤſars Wunden, Und tauchten Tuͤcher in ſein heil'ges Blut, Ja baͤten um ein Haar zum Angedenken, Und ſterbend nennten ſie's im Teſtament, Und hinterließen's ihres Leibes Erben Zum koͤſtlichen Vermaͤchtniß. 4. Bürg. Wir wollen's hoͤren: leſt das Teſtament! Leßt, Mark Anton. 3 Bürger. Ja ja, das Teſtament! Laßt Caͤſars Teſtament uns horen. —— — Sz. 2. Julius Caͤſar. 153 Ant. Seyd ruhig, lieben S Ich darf's nicht eſen, Ihr muͤßt nicht wiſſen, wie Euch Caͤſar liebte. Ihr ſeyd nicht Holz, nicht Stein, Ihr ſeyd ja Menſcheiz Drum, wenn Ihr Caſars Teſtament erfuͤhrt, Es ſetzt' in Flammen Euch, es macht' Euch raſend, Ihr duͤrft nicht wiſſen, daß Ihr ihn beerbt, Denn wuͤßtet Ihr's, was wuͤrde draus entſtehn? Buͤrger. Leſ't das Teſtament! Wir wollen's hoͤren, Mark Anton! Leſit das Teſtament! Caͤſars Teſtament! Ant. Wollt Ihr Euch wohl gedulden? wollt Ihr warten? Ich uͤbereilte mich, da ich's Euch ſagte. Ich fuͤrcht', ich thu' den ehrenwerthen Maͤnnern Zu nah, von deren Dolchen Caͤſar fiel! Ich fuͤrcht' es. 4. Bürg. Sie ſind Verraͤther: ehrenwerthe Maͤnner!, Bürger. Das Teſtament! Das Teſtament! 2. Bürg. Sie waren Boͤſewichter, Morder! Das Te⸗ ſtament! Leßt das Teſtament! Ant. So zwingt Ihr mich das Teſtament zu leſen? Schließt einen Kreis um Caͤſars Leiche denn, Ich zeig' Euch den, der Euch zu Erben machte. Erlaubt Ihr mir's? ſoll ich hinunterſteigen? Bürger. Ja, kommt nur! 2. Burg. Steigt herab! Er verläßt die Rednerbühne.) 3. Buͤrg. Es iſt Euch gern erlaubt. 4. Burg. Schließt einen Kreis herum. 1. Bürg. Zuruͤck vom Sarge, von der Leiche weg. 2. Bürg. Platz fuͤr Antonins! fuͤr den edlen Antonius! Ant. Nein, draͤngt nicht ſo heran! Steht weiter weg! Bürger. Zuruͤck! Platz da! zuruͤck! Ant. Wofern Ihr Thraͤnen habt, bereitet Euch, Sie jetze zu vergießen. Dieſen Mantel, Ihr kennt ihn alle; noch erinnr' ich mich Des erſten Males, daß ihn Caͤſar trug, d ſeinem Zelt, an einem, Sommerabend— r uͤberwand den Tag die Nervier— S ſchauet! fuhr des Caſſius Dolch herein: eht, welchen Riß der tuͤckſche Caſca machte! 154 Julius Caͤſar. A. III. PHier ſtieß der vielgeliebte Brutus durch; Und als er den verfluchten Stahl hinwegriß, Schaut her, wie ihm das Blut des Caͤſar folgte, Als ſtuͤrzt' es vor die Thuͤr, um zu erfahren, Ob wirklich Brutus ſo unfreundlich klopfte— Denn Brutus, wie Ihr wißt, war Caͤſars Engel,— Ihr Goͤtter, urtheilt, wie ihn Caͤſar liebte! Kein Stich von allen ſchmerzte ſo, wie der. Denn als der edle Caͤſar Brutus ſah, Warf Undank, ſtaͤrker als Verraͤtherwaffen, Ganz nieder ihn; da brach ſein großes Herz,* Und in den Mantel ſein Geſicht verhuͤllend, Grad am Geſtell der Saͤule des Pompejus, Von der das Blut rann, fiel der große Caͤſar. O meine Buͤrger, welch ein Fall war das! Da fielet Ihr und ich; wir alle fielen Und uͤber uns frohlockte blut'ge Tuͤcke. D ja! nun weint Ihr, und ich merk', Ihr fuͤhlt Den Drang des Mitleids; dieß ſind midde Tropfen. Wie? weint Ihr, gute Herzen, ſeht Ihr gleich Nur unſers Caͤſars Kleid verletzt? Schaut hert Hier iſt er ſelbſt, geſchaͤndet von Verräthern. 1. Bürg. O kläglich Schauſpiel! 2. Buͤrg. O edler Caͤſar! 3. Bürg. O jammervoller Tag! 4. Bürg. O Buben und Verräther! 1. Bürg. O blut'ger Anblick! 2. Bürg. Wir wollen Rache! Rache! Auf und ſucht! Sengt! brennt! ſchlagt! mordet! laßt nicht Einen leben! Ant. Seyd ruhig, meine Buͤrger! 1. Bürg. Still da! Hoͤrt den edlen Antonius! 2. Burg. Wir wollen ihn hoͤren, wir wollen ihm fol— gen, wir wollen fuͤr ihn ſterben! „Ant. Ihr guten lieben Freund', ich muß Euch nicht Hinreißen zu des Aufruhrs wildem Sturm; Die dieſe That gethan, ſind ehrenwerth. Was fuͤr Beſchwerden ſie perſoͤnlich fuͤhren, zarum ſie's thaten, ach! das weiß ich nicht; Doch ſind ſie weiſ' und ehrenwerth, und werden Euch ſicherlich mit Gruͤnden Rede ſtehn. Nicht Euer Herz zu ſtehlen komm' ich, Freunde; Ich bin kein Redner, wie es Brutus iſt, Nur, wie Ihr alle wißt, ein ſchlichter Mann, — Sz. 2. Julius Cäſar. 155 Dem Freund' ergeben, und das wußten die Gar wohl, die mir geſtattet hier zu reden. Ich habe weder ſchriftliches noch Worte, Noch Wuͤrd' und Vortrag, noch die Macht der Rede, Der Menſchen Blut zu reizen; nein ich ſpreche Nur gradezu, und ſag' Euch, was Ihr wißt. Ich zeig' Euch des geliebten Caͤſars Wunden, Die armen ſtummen Munde, heiße die Statt meiner reden. Aber waͤr' ich Brutus, Und Brutus Mark Anton, dann gaͤb' es einen Der Eure Geiſter ſchuͤrt', und jeder Wunde Des Caͤſars eine Zunge lieh, die ſelbſt Die Steine Roms zum Auſſtand wuͤrd' empoͤren. 3. Bürg. Empoͤrung! 1. Buͤrg. Steckt des Brutus Haus in Brand. 3. Bürg. Hinweg denn! kommt, ſucht die Verſchwor⸗ nen auf! Ant. Noch hoͤrt mich, meine Buͤrger, hoͤrt mich an! Burg. Still da! Hoͤrt Mark den edlen Mark nton! Ant. Nun, Freunde, wißt Ihr auch, was Ihr thut? Wodurch verdiente Caͤſar Eure Liebe? Ach nein! Ihr wißt nicht.— Hoͤrt es denn! Vergeſſen Habt Ihr das Teſtament, wovon ich ſprach. Buͤrger. Wohl wahr! Das Teſtament! Bleibt, hoͤrt das Teſtament! Ant. Hier iſt das Teſtament mit Caͤſars Siegel! Darin vermacht er jedem Buͤrger Roms, Auf jeden Kopf Euch fuͤnf und ſiebzig Drachmen. 2. Buͤrg. O edler Caͤſar!— Kommt, raͤcht ſeinen d! 3. Buͤrg. O koͤniglicher Caͤſar! Ant. Hoͤrt mich mit Geduld! Buͤrger. Still da! Ant. Auch laͤßt er alle ſeine Luſtgehege, Verſchloßne Lauben, neugepflanzte Gäͤrten, Dieſſeits der Tiber, Euch und Euren Erben Auf ew'ge Zeit, damit Ihr Euch ergehn, Und Euch gemeinſam dort ergotzen konnt. Das war ein Caͤſar! wann kömmt ſeines Gleichen? 1. Bürg. Nimmer! nimmer!— Kommt! hinweg! . hinweg! T0 „ 156 Julius Caͤſar. A. III. Verbrennt den Leichnam auf dem heil'gen Platze, Und mit den Braͤnden zuͤndet den Verraͤthern Die Haͤuſer an. Nehmt denn die Leiche aufl 2. Bürg. Geht! holt Feuer! 3. Burg. Reißt Baͤnke ein! 4. Bürg. Reißt Sitze, Laͤden, alles ein! (Die Bürger mit Cäſars Leiche ab.) Ant. Nun wirk' es fort. Unheil, du biſt im Zugez Nimm, welchen Lauf du willſt!— (Ein Diener kommt.) Was bringſt du, Burſch! Dien. Herr! Oetavius iſt ſchon nach Rom gekommen. Ant. Wo iſt er? Dien. Er und Lepidus ſind in Caſars Hauſe. Ant. Ich will ſofort dahin, ihn zu beſuchen, Er kommt erwuͤnſcht. Das Gluͤck iſt aufgeraͤumt, Und wird in dieſer Laun' uns nichts verſagen. Dien. Ich hoͤrt' ihn ſagen, Caſſius und Brutus Seyn durch die Thore Roms wie toll geritten. Ant. Vielleicht vernahmen ſie vom Volke Kundſchaft, Wie ich es aufgewiegelt. Fuͤhr' indeß Mich zum Oetavius.(Beide ab,) e Eine Straße. (Einna der Poet tritt auf.) Cinns. Mir traͤumte heut, daß ich mit Caſarn ſchmauſte, Und Mißgeſchick fuͤllt meine Phantaſie. Ich bin unluſtig aus dem Hauſ' zu gehn, Doch treibt es mich heraus. (Bürger kommen.) 1. Bürg. Wie iſt Euer Name? 2. Bürg. Wo geht Ihr hin? 3. Bürg. Wo wohnt Ihr? 4. Bürg. Seyd Ihr verheirathet oder ein Junggeſell? 2. Bürg. Antwortet jedem unverzuͤglich. Sz. 3. Julius Caͤſar. 157 1. Bürg. Ja, und kuͤrzlich. 4. Bürg. Ja, und weislich. 3. Bürg. Ja, und ehrlich, das rathen wir Euch. Einna. Wie iſt mein Name? Wohin gehe ich? Wo wohne ich? Bin ich verheirathet oder ein Junggeſell? Alſo um jedem Mann unverzuglich, und kurzlich, weislich und zu antworten, ſage ich weislich: ich bin ein Jung⸗ geſell. 2. Buͤrg. Das heißt ſo viel: wer heirathet, iſt ein Narr. Vi ich Euch eins zu verſetzen.— Weiter, unver⸗ uͤglich! Cinna. Unverzuglich gehe ich zu Cäſars Beſtattung. 1. Bürg. Als Freund oder Feind? Cinna. Als Freund. 2. Bürg. Das war unverzuglich beantwortet. 4. Buͤrg. Euere Wohnung, kuͤrzlich! Cinna. Kuͤrzlich: ich wohne beim Kapitol. 3. Buͤrg. Euer Name, Herr! ehrlich! Cinna. Ehrlich, mein Name iſt Einna. 4 1. Buͤrg. Reißt ihn in Stuͤcke! Er iſt ein Verſchworner. Cinna. Ich bin Cinna der Poet! Ich bin Cinna der Poet! 4. Buͤrg. Zerreißt ihn fur ſeine ſchlechten Verſe! Zer⸗ reißt ihn fuͤr ſeine ſchlechten Verſe! Cinna. Ich bin nicht Cinna der Verſchworne. 4. Buͤrg. Es thut nichts! ſein Name iſt Cinna: reißt ihm den Ramen aus dem Herzen und laßt ihn laufen. 3. Bürg. Zerreißt ihn! zerreißt ihn! Kommt, Braͤnde! Heda, Feuerbraͤnde! Zum Brutus! Zum Caſſius! Steckt alles in Brand! Ihr zu des Decius Hauſe! Ihr zu des Caſca! Ihr zu des Ligarius! Fort: kommt!(Alle ab.) 1⁵8 Julius Caͤſar. Vierter Aufzug.⸗ Erſte Szene. Rom. Ein Zimmer im Hauſe des Antonius. (Antonius, Octavius und Lepidus, an einem Tiſche ſitzend.) Antonius. Die muͤſſen alſo ſterben, deren Namen Hier angezeichnet ſtehn. 1 Get. Auch Euer Bruder Muß ſterben, Lepidus. Ihr willigt drein? Lep. Ich will'ge drein. Gect. Zeichn' ihn, Antonius. Lep. Mit dem Beding, daß Publius nicht lebe, Der Eurer Schweſter Sohn iſt, Mark Anton. Ant. Er lebe nicht! ſieh her, ein Strich verdammt ihn. Doch, Lepidus, geht Ihr zu Caͤſars Haus, Bringt uns ſein Teſtament; wir wollen ſehn, Was an Vermaͤchtniſſen ſich kuͤrzen laͤßt. Lep. Wie? ſoll ich hier Euch finden? Get. Hier oder auf dem Capitol. (Lepidus ab.) Ant. Dieß iſt ein ſchwacher, unbrauchbarer Menſch, Zum Botenlaufen nur geſchickt. Verdient er, Wenn man die dreibenahmte Welt vertheilt, Daß er, als dritter Mann, ſein Theil empfange? Get. Ihr glaubtet es, und hoͤrtet auf ſein Wort, Wen man im ſchwarzen Rathe unſter Acht Zum Tode zeichnen ſollte. Ant. Octavius, ich ſah mehr Tag' als Ihr. Ob wir auf dieſen Mann ſchon Ehren haͤufen, Um manche Laſt des Leumunds abzuwaͤlzen, Er traͤgt ſie doch nur, wie der Eſel Gold, A. IV. Sz. 1. Julius Caͤſar. 15⁵9 Der unter dem Geſchaͤfte ſtoͤhnt und ſchwitzt, Gefuͤhrt, getrieben, wie den Weg wir weiſen. Und hat er unſern Schatz wohin wir wollen Gebracht, dann nehmen wir die Laſt ihm ab, Und laſſen ihn als led'gen Eſel laufen, Daß er die Ohren ſchuͤtteln moͤg' und graſen Auf offner Weide. Gct. Thut, was Euch beliebt; Doch iſt er ein gepruͤfter, wackrer Krieger. Ant. Das iſt mein Pferd ja auch, Octavius, Dafuͤr beſtimm' ich ihm ſein Maaß von Futter. Iſt's ein Geſchoͤpf nicht, das ich lehre fechten, Umwenden, halten, grade vorwaͤrts rennen, Deß koͤrperliches Thun mein Geiſt regiert? In manchem Sinn iſt Lepidus nichts weiter: Man muß ihn erſt abrichten, lenken, mahnen; Ein Menſch von duͤrft'gem Geiſte, der ſich naͤhrt Von Gegenſtaͤnden, Kuͤnſten, Nachahmungen, Die alt, und ſchon von andern abgenutzt, Erſt ſeine Mode werden. Sprecht nicht anders Von ihmr als einem Eigenthum.— Und nun, Octavius, vernehmet große Dinge— Brutus und Caſſius werben Voͤlker an, Wir muͤſſen ihnen ſtraks die Spitze bieten. Drum laßt die Bundsgenoſſen uns verſammeln, Die Freunde ſichern, alle Macht aufbieten; Und laßt zu Rath uns ſitzen alſobald, Wie man am beſten Heimliches entdeckt, Und offnen Faͤhrlichkeiten ſicher trotzt. Get. Das laßt uns thun; denn uns wird aufgelauert, Und viele Feinde bellen um uns her; Und manche, ſo da laͤcheln, furcht' ich, tragen Im Herzen tauſend Unheil. (Beide ab.) Julius Caͤſar. A. W. Zweite Szene. Vor Brutus Zelte im Lager nahe bei Sardes. (Trommeln werden gerührt. Brutus, Lu cilius, Lucius und Soldaten treten auf. Pindarus und Titinius kommen ihnen entgegen.) Brutus. Halt! Luc. He! gebt das Wort und haltet. Brut. Was giebt's, Lucilius? Iſt Caſſius nahe? Lue. Er iſt nicht weit, und hied koͤmmt Pindarus, Im Namen ſeines Herrn Euch zu begruͤßen. WMWindarus überreicht dem Brutus einen Brief.) Brut. Sein Gruß iſt freundlich. Wißt, daß Euer err, Von ſelbſt veraͤndert oder ſchlecht berathen, Mir guͤlt'gen Grund gegeben, ungeſchehn Geſchehenes zu wuͤnſchen. Aber iſt er Hier in der Naͤh', ſo wird er mir genugthun. Pind. Ich zweifle nicht, voll Ehr' und Wuͤrdigkeit Wird, wie er iſt, mein edler Herr erſcheinen. Brut. Wir zweifeln nicht an ihm.— Ein Wort, Lucilius! Laßt mich erfahren, wie er Euch empfing. Luc. Mit Hoͤflichkeit und Ehrbezeugung gnug, Doch nicht mit ſo vertrauter Herzlichkeit, Nicht mit ſo freiem, freundlichen Geſpräch, Als er vordem wohl pflegte. Brut. Du beſchreibſt, Wie warme Freund' erkalten. Merke ſtets, Lucilius, wenn Lieb' erkrankt und ſchwindet, Nimmt ſie gezwungne Hoͤflichkeiten an. Einfaͤltge ſchlichte Treu weiß nichts von Kuͤnſten; Doch Gleißner ſind wie Pferde, heiß im Anlauf: Sie prangen ſchoͤn mit einem Schein von Kraftz Doch ſollen ſie den blut'gen Sporn erdulden, So ſinkt ihr Stolz, und falſchen Maͤhren gleich Erliegen ſie der Pruͤfung.— Naht ſein Heer? Luc. Sie wollten Nachtquartier in Sardes halten. Sz. 2. Julius Caͤſar. 161 Der groͤßte Theil, die ganze Reuterei Kommt mit dem Caſſius. (Ein Marſch hinter der Szene.) Brut. Horch! er iſt ſchon da. Ruͤckt langſam ihm entgegen. (Caſſius tritt auf mit Soldaten.) Caſſ. Halt! Brut. Halt! Gebt das Befehlswort weiter. (Hinter der Szene:) Halt!— Halt!— Halt!— Caſſ. Ihr thatet mir zu nah, mein edler Brutus. Brut. Ihr Goͤtter, richtet! Thu' ich meinen Feinden Zu nah? und ſollt' ichs meinem Bruder thun? Caſſ. Brutus, dieß Euer nuͤchternes Benehmen Deckt Unrecht zu, und wenn Ihr es begeht— Brut. Seyd ruhig, Caſſius! bringet leiſe vor, Was fuͤr Beſchwerd Ihr habt. 352 kenn' Euch wohl.— Im Angeſicht der beiden Heere hier, Die nichts von uns als Liebe ſehen ſollten, Laßt uns nicht hadern. Heißt hinweg ſie ziehn, Fuͤhrt Eure Klagen dann in meinem Zelt; Ich will Gehoͤr Euch geben. Caſſ. Pindarus, Heißt unſre Oberſten ein wenig weiter Von dieſem Platz hinweg die Schaaren fuͤhren. Brut. Thut Ihr das auch, Lucilius. Laſſet niemand, So lang die Unterredung dauert, ein. Laßt Lucius und Titinius Wache ſtehn. (Alle ab.) — S Im Zelte des Brutus. Eucius und Titinius in einiger Entfernung dabon⸗ Brutus und Caſſius treten auf.) 3 Caſſius.* Eu'r Unrecht gegen mich erhellet hieraus: Ihr habt den Lucius Pella hart verdammt, er beſtochen worden von den Sardern; * 162 Julius Cäſar. A. IV. Mein Brief, worin ich mich fuͤr ihn verwandt, Weil ich ihn kenne, ward fuͤr nichts geachtet. Brut. Ihr thatet Euch zu nah, in ſolchem Fall zu ſchreiben. Caſſ. In ſolcher Zeit wie dieſe ziemt es nicht, Daß jeder kleine Fehl bekrittelt werde. Brut. Laßt mich Euch ſagen, Caſſius, daß Ihr ſelbſt Verſchrie'n ſeyd, weil Ihr hohle Haͤnde macht, Weil Ihr an Unverdiente Eure Aemter Verkauft und feilſchet. Caſſ. Mach' ich hohle Haͤnde? Ihr wißt wohl, Ihr ſeyd Brutus, der dieß ſagt, Sonſt, bei den Göͤttern! waͤr' dieß Wort Eu'r letztes. Brut. Des Caſſius Name adelt die Beſtechung, Darum verbirgt die Zuͤchtigung ihr Haupt. Caſſ. Die Zuͤchtigung! Brut. Denkt an den Maͤrz! denkt an des Maͤrzen Idus! Hat um das Recht der große Julius nicht 5 Geblutet? Welcher Bube legt' an ihn 3 Die Hand wohl, ſchwang den S und nicht um's techt? Wie? ſoll nun einer derer, die den erſten Von allen Maͤnnern dieſer Welt erſchlugen, Bloß weil er Raͤuber ſchuͤtzte: ſollen wir Mit ſchnoͤden Gaben unſre Hand beſudeln? Und unſrer Wuͤrden weiten Kreis verkaufen Fuͤr ſo viel Plunders, als man etwa greift? Ein Hund ſeyn lieber, und den Mond anbellen, Als ſolch ein Roͤmer! . Caſſ. Brutus, reizt mich nicht! Ich will's nicht dulden. Ihr vergeßt Euch ſelbſt, Wenn Ihr mich ſo umzaͤnnt! ich bin ein Krieger, Erfahrner, aͤlter, faͤhiger als Ihr Bedingungen zu machen. Brut. Redet nur, Ihr ſeyd es doch nicht, Caſſius. Caſſ. Ich bin's.. Brut. Ich ſag', Ihr ſeyd es nicht. LCaſſ. Braͤngt mich nicht mehr, 6 werde mich ver⸗ geſſen; Gedenkt an Euer Heil, reizt mich nicht laͤnger. Brut. Geht, leichtgeſinnter Mann! * Sz 3. Julius Cäſar. 163 Caſſ. Iſts moͤglich? Brut. Hoͤrt mich an, denn ich will reden. Muß ich mich Eurer jaͤhen Hitze fuͤgen? Muß ich erſchrecken, wenn ein Toller auffaͤhrt? Caſſ. Ihr Goͤtter! Goͤtter! muß ich all dieß dulden? Brut. All dieß? Noch mehr! Ergrimmt, bis es Euch 5 ir Das ſtolze Herz. Geht, zeiget Euren Sklaven, Wie raſch zum Zorn Ihr ſeyd, und macht ſie zittern. Muß ich beiſeit mich druͤcken? muß den Hof Euch machen? Muß ich daſtehn und mich kruͤmmen Vor Eurer krauſen Laune? Bei den Goͤttern! Ihr ſollt hinunterwuͤrgen Euren Gift, Und wenn Ihr boͤrſtet; denn von heute an Dient Ihr zum Scherz, ja zum Gelaͤchter mir, Wenn Ihr Euch ſo gebehrdet. Caſſ. Dahin kam's? Brut. Ihr ſagt, daß Ihr ein beßrer Krieger ſeyd: Beweiſt es denn, macht Euer Prahlen wahr, Es ſoll mir lieb ſeyn; denn, was mich betrifſt, Ich werde gern von edlen Maͤnnern lernen. Caſſ. Ihr thut zu nah, durchaus zu nah mir, Brutus, Ich ſagt' ein aͤlt'rer Krieger, nicht ein beßrer. agt' ich ein beßrer? Brut. Und haͤttet Ihr's geſagt, mir gilt es gleich. Caſſ. Mir haͤtte Caͤſar das nicht bieten duͤrfen. Brut. O ſchweigt! Ihr durftet ihn auch ſo nicht gaſf. I nt it reizen. aſſ. Ich durfte nicht Brut. Nein. Caſſ. Wie? durft' ihn nicht reizen? Brut. Ihr durftet es fuͤr Euer Leben nicht. Laſſ. Wagt nicht zu viel auf meine Liebe hin, Ich moͤchte thun, was mich nachher gereute. Brut. Ihr habt gethan, was Euch gereuen ſollte. Eu'r Drohn hat keine Schrecken, Caſſius, Denn ich bin ſo bewehrt durch Redlichkeit, Daß es vorbeizieht wie der leere Wind, Der nichts mir gilt. Ich ſandte hin zu Euch Um eine Summe Golds, die Ihr mir abſchlugt. Ich kann kein Geld durch ſchnoͤde Mittel heben, Beim Himmel! lieber praͤgt' ich ja mein Herz, Und troͤpfelte mein Blut hr Drachmen aus, „ 164 Julius Caͤſar. A. IV. Als daß ich aus der Bauern harten Haͤnden Die jaͤmmerliche Habe winden ſollte Durch irgend einen Schlich.— Ich, um Gold u Euch, Um meine Legionen zu bezahlen; Ihr ſchlugt mir's ab; war das, wie Caſſius ſollte? Haͤtt' ich dem Cajus Caſſius ſo erwiedert? Wenn Marcus Brutus je ſo geizig wird, Daß er ſo lump'ge Pfennige den Freunden Verſchließt, dann ruͤſtet eure Donnerkeile, Zerſchmettert ihn, ihr Goͤtter! Caſſ. Ich ſchlug es Euch nicht ab. Brut. Ihr thatet es. Caſſ. Ich that's nicht; der Euch meine Antwort brachte, War nur ein Thor.— Brutus zerreißt mein Herz— Es ſollt' ein Freund des Freundes Schwaͤchen tragen, Brutus macht meine groͤßer als ſie ſind. Brut. Das that ich nicht, bis Ihr damit mich quaͤlt. Caſſ. Ihr liebt mich nicht. Brut. Nicht Eure Fehler lieb' ich. Caſſ. Nie konnt' ein Freundesaug' dergleichen ſehn. Brut. Des Schmeichlers Auge ſaͤh' ſie nicht, erſchienen Sie auch ſo rieſenhaft wie der Olymp⸗ Caſſ. Komm, Mark Anton, und komm, Oectavius, nur! Nehmt Eure Rach' allein am Caſſius; Denn Caſſius iſt des Lebens uͤberdruͤſſig, Gehaßt von einem, den er liebt; getrotzt Von ſeinem Bruder; wie ein Kind geſcholten. Man ſpaͤht nach allen meinen Fehlern, zeichnet Sie in ein Denkbuch, lernt ſie aus dem Kopf, 4 Wirft ſie mir in die Zaͤhne.— O ich koͤnnte Aus meinen Augen meine Seele weinen! Da iſt mein Dolch, hier meine nackte Bruſt; Ein Herz drin, reicher als des Plutus Schacht, Mehr werth als Gold; wo du ein Roͤmer biſt, So nimm's heraus. Ich, der dir Gold verſagt, Ich biete dir mein Herz. Stoß zu, wie einſt Auf Caͤſar! Denn ich weiß, als du am aͤrgſten Ihn haßteſt, liebteſt du ihn mehr, als je Du Caſſius geliebt. . Brut. Steckt Euren Dolch ein; Seyd zornig, wenn Ihr wollt: es ſteh' Euch frei! Sz. 3. Julius Caͤſar. 165 Thut, was Ihr wollt; Schmach ſoll fuͤr Laune gelten. O Caſſius! einem Lamm ſeyd Ihr geſellt, Das ſo nur Zorn hegt, wie der Kieſel Feuer, Der, viel geſchlagen, fluͤchtige Funken zeigt, Und gleich drauf wieder kalt iſt. Caſſ. Lebt' ich dazu, Ein Scherz nur und Gelaͤchter meinem Brutus Zu ſeyn, wenn Gram und boͤſes Blut mich plagt? Brut. Als ich das ſprach, hatt' ich auch boͤſes Blut. Caſſ. Geſteht Ihr ſo viel ein? Gebt mir die Hand. Brut. Und auch mein Herz. Caſſ. O Brutus! Brut. Was verlangt Ihr? Caſſ. Liebt Ihr mich nicht genug, Geduld zu haben, Wenn jene raſche Laune, von der Mutter Mir angeerbt, macht, daß ich mich vergeſſe? Brut. Ja, Caſſius, kuͤnftig, wenn Ihr allzu ſtreng Mit Eurem Brutus ſeyd, ſo denket er, Die Mutter ſchmaͤhl' aus Euch, und laͤßt Euch gehn. (Lärm hinter der Szene.) (Ein Poet hinter der Szene:) Laßt mich hinein, ich muß die Feldherrn ſehn. Ein Zank iſt zwiſchen ihnen; es iſt nicht gut, Daß ſie allein ſind. (Lucilius hinter der Szene:) Ihr ſollt nicht hinein. (Poet hinter der Szene 3) Der Tod nur haͤlt mich ab. (Der Poet tritt herein.) Caſſ. Ei nun, was giebts? Poet. Schaͤmt Ihr Euch nicht, Ihr Feldherrn? Was beginnt Ihr? Liebt Euch, wie ſichs fuͤr ſolche Maͤnner ſchickt; Fuͤrwahr, ich hab' mehr Jahr' als Ihr erblickt. Caſſ. Ha ha! wie toll der Cyniker nicht reimt! Brut. Ihr Schlingel, packt S verwegner urſch'! Laſſ. Ertragt ihn, Brutus! ſeine Weiſ iſt ſo. Brut. Kennt er die Zeit, ſo kenn' ich ſeine Laune⸗ Was ſoll der Krieg mit ſolchen Schellennarren? Geh fort, Geſell! Caſſ. Fort! fort! geh deines Wegs! (Der Poet ab.) Auf Nachtquartier fuͤr ihre Schaaren denken. 166 Julius Caͤſar. A. IV. (Lucilius und Titinius kommen.) Brut. Lucilius und Titinius, heißt die Oberſten Caſſ. Kommt ſelber dann und bringt mit Euch Meſſala Sogleich zu uns herein. (Lucilius und Titinius ab.) Brut. Lucius, eine Schale Weins. Caſſ. 2 dachte nicht, daß Ihr ſo zuͤrnen könntet. Brut. Caſſius, ich bin krank an manchem Gram. Caſſ. Ihr wendet die Philoſophie nicht an, Die Ihr bekennt, gebt Ihr Uebeln Raum. Brut. Kein Menſch traͤgt Leiden beſſer.— Portia arb. Caſſ. Ha! Portia! * Brut. Sie iſt todt. Caſſ. Lag das im Sinn Euch, wie entkam ich lebend? O bittrer, nnertraͤglicher Verluſt! An welcher Krankheit? Brut. Die Trennung nicht erduldend; Und Gram, daß mit Octavius Mark Anton So maͤchtig worden— denn mit ihrem Tod Kam der Bericht— das brachte ſie von Sinnen, Und wie ſie ſich allein ſah, ſchlang ſie Feuer⸗ Caſſ. Und ſtarb ſo? Brut. Starb ſo. Caſſ. O Ihr ew'gen Goͤtter! (Lucius kommt mit Wein und Kerzen) BPrut. Sprecht nicht mehr von ihr.— Gebt eine 5 v S Weins! ierin begrab' allen Unglimpf, Caſſius. Ctrinkt.) 4 Caſſ. Mein Herz iſt durſtig nach dem edlen Pfand,* Fuͤllt, Lucius, bis der Wein den Becher kraͤnzt, Von Brutus Liebe trink' ich nie zu viel.(trinkt.) (Titinius und Meſſala kommen.) Brut. Herein, Titinius! Seyd gegruͤßt, Meſſala! Nun laßt uns dicht um dieſe Kerze ſitzen, Und, was uns frommt, in Ueberlegung ziehn. Caſſ. O Portia, biſt du hin! Brut. Nicht mehr, ich bitt' Euch. Meſſala, ſeht, ich habe Brief⸗ empfangen, Daß Mark Anton, mit ihm Oetavius, — Sz. 3. Julius Caͤſar. 167 Heranziehn gegen uns mit ſtarker Macht, Und ihren Heerzug nach Philippi lenken. Weſſ. Ich habe Briefe von demſelben Inhalt. Brut. Mit welchem Zuſatz? Weſſ. Daß durch Proſcription und Achtserklaͤrung Octavius, Mark Anton und Lepidus Auf hundert Senatoren umgebracht. Brut. Daruͤber weichen unſte Briefe ab. Der meine ſpricht von ſiebzig Senatoren, Die durch die Aechtung fielen; Cicero Sey einer aus der Zahl. : Caſſ. Auch Cicero? Weſſ. Ja, er iſt todt, und durch den Achtsbefehl.— Kam Euer Brief von Eurer Gattin, Herr? Brut. Nein, Meſſala. Weſſ. Und meldet Euer Brief von ihr Euch nichts? Brut. Gar nichts, Meſſala. Weſſ. Das beduͤnkt mich ſeltſam. Brut. Warum? wißt Ihr aus Eurem Brief von ihr? Meſſ. Nein, Herr. Brut. Wenn Ihr ein Roͤmer ſeyd, ſagt mir die Wahrheit. Weſſ. Tragt denn die Wahrheit, die ich ſag', als Roͤmer. Sie ſtarb, und zwar auf wunderbare Weiſe. Brut. Leb wohl denn, Portia!— Wir muͤſſen ſterben, Meſſala; dadurch, daß ich oft bedacht, Sie muͤſſ' einſt ſterben, hab' ich die Geduld, Es jetzt zu tragen. Meſſ. So traͤgt ein großer Mann ein großes Ungluͤck. Caſſ. Durch Kunſt hab' ich ſoviel hievon als Ihr, Doch die Natur ertruͤg's in mir nicht ſo. Brut. Wohlan, zu unſerm lebenden Geſchaͤft! Was denkt Ihr? ziehn wir nach Philippi gleich? Caſſ. Mir ſcheint's nicht rathſam. Brut. Euer Grund. Caſſ. Hier iſt er Weit beſſer iſt es, wenn der Feind uns ſucht, So wird er, ſich zum Schaden, ſeine Mittel Erſchoͤpfen, ſeine Krieger muͤde machen. Wir liegen ſtill indeß, bewahren uns In Ruh, wehrhaftem Stand und Munterkeit. * 168 Julius Caͤſar. M Brut. Den beſſern Gruͤnden muͤſſen gute weichen. Das Land von hier bis nach Philippi hin Beweiſt uns nur aus Zwang Ergebenheit, Denn murrend hat es Laſten uns gezahlt. Der Feind, indem er durch daſſelbe zieht, Wird ſeine Zahl daraus ergaͤnzen koͤnnen, Und uns, erfriſcht, vermehrt, ermuthigt nah'n. Von dieſem Vortheil ſchneiden wir ihn ab, Wenn zu Philippi wir die Stirn ihm bieten, Dieß Volk im Rucken. CLaſſ. Hoͤrt mich, lieber Bruder! Brut. Erlaubt mir guͤtig!— Ferner muͤßt Ihr merken, Daß wir von Freunden alles aufgeboten, ₰ Daß unſte Legionen uͤbervoll, Und unſte Sache reif. Der Feind nimmt täglich zu, Wir, auf dem Gipfel, ſtehn ſchon an der Neige. Der Strom der menſchlichen Geſchaͤfte wechſelt; Nimmt man die Flut wahr, fuͤhret ſie zum Gluͤck; Verſaͤumt man ſie, ſo muß die ganze Reiſe Des Lebens ſich durch Noth und Klippen winden. † Wir ſind nun flott auf ſolcher hohen See, Und muͤſſen, wenn der Strom uns hebt, ihn nutzen, Wo nicht, verlieren wir des Zufalls Gunſt. Caſſ. So zieht denn, wie Ihr wollt; wir ruͤcken ſelbſt, Dem Feind' entgegen, nach Philippi vor. Brut. Die tiefe Nacht hat das Geſpraͤch beſchlichen, Und die Natur muß froͤhnen dem Beduͤrfniß, 3 3t ein wir taͤuſchen wollen. Iſt mehr zu ſagen noch? Laſſ. Nein. Gute Nacht!„ Fruͤh ſtehn wir alſo morgen auf, und fort. Brut. Lucius, mein Schlafgewand!(Lucius ab.) Lebt wohl, Meſſala, Gute Nacht, Titinius! Edler, edler Caſſius, Gute Nacht und ſanfte Ruh! Caſſ. O theurer Bruder! Das war ein ſchlimmer Anfang dieſer Nacht. Nie trenne ſolcher Zwieſpalt unſre Herzen, Nie wieder, Brutus. Brut. Alles ſteht ja wohl. Caſſ. Nun gute Nacht! Brut. Gute Nacht, mein guter Bruder! Sz. 3. Julius Caͤſar. 169 Titinius und Meſſala. Mein Feldherr, gute Nacht! Brut. Lebt alle wohl! (Caſſius, Titinius und Meſſala ab.) (Lucius kommt zurück mit dem Nachtkleide.) Brut. Gieb das Gewand, wo haſt du deine Laute? Luc. Im Zelte hier. Brut. Wie? ſchlaͤfrig? Armer Schelm, Ich tadle drum dich nicht, du haſt dich uͤberwacht. Ruf Claudius her, und andre meiner Leute, Sie ſollen hier im Zelt auf Kiſſen ſchlafen. Luc. Varro und Clandius! (Varro und Claudius kommen.) Varro. Ruft mein Gebieter? Brut. Ich bitt' Euch, liegt in meinem Zelt und ſchlaft; Bald weck' ich Euch vielleicht, um irgend was Bei meinem Bruder Caſſius zu beſtellen. Varro. Wenn's Euch geliebt, wir wollen ſtehn und warten. Brut. Das nicht! Nein, legt Euch nieder, meine Freunde.— (Die beiden Diener legen ſich nieder.) Vielleicht veraͤndert noch ſich mein Entſchluß.— Sieh, Lucius, hier das Buch, das ich ſo ſuchte; Ich ſteckt' es in die Taſche des Gewandes. Luc. Ich wußte wohl, daß mein Gebieter mir Es nicht gegeben. Brut. Hab' Geduld mit mir, Mein guter Junge, ich bin ſehr vergeßlich. Haͤltſt du noch wohl die muͤden Angen auf, Und ſpielſt mir ein paar Weiſen auf der Laute? Luc. Ja, Herr, wenn's Euch geliebt. Brut. Das thuts, mein Junge. Ich plage dich zu viel, doch du biſt willig. Luc. Es iſt ja meine Pflicht. Brut. Ich ſollte dich Zur Pflicht nicht uͤber dein Vermoͤgen treiben; Ich weiß, daß junges Blut auf Schlafen haͤlt. Luc. Ich habe ſchon geſchlafen, mein Gebieter. Brut. Nun wohl denn, und du ſollſt auch wieder ſchlafen. 170 Julius Caͤſar. Ich will nicht lang dich halten; wenn ich lebe, Will ich dir Gutes thun. (Muſik und ein Lied.) Die Weiſ' iſt ſchlaͤfrig.— Moͤrderiſcher Schlummer, Legſt du die blei'rne Keul' auf meinen Knaben, Der dir Muſik macht?— Lieber Schelm, ſchlaf wohl, Ich thu' dirs nicht zu Leid, daß ich dich wecke. Nickſt du, ſo brichſt du deine Laut' entzwei; Ich nehm' ſie weg, und ſchlaf nun, guter Knabe!— Laßt ſehn! Iſt, wo ich aufgehoͤrt zu leſen, Das Blatt nicht eingelegt? Hier, denk“ ich, iſts. Cer ſetzt ſich.) (Der Geiſt Cäſars erſcheint.) Wie dunkel brennt die Kerze!— Ha, wer kommt? Ich glaub', es iſt die Schwaͤche meiner Angen, ie dieſe ſchreckliche Erſcheinung ſchafft. Sie kommt mir näher— Biſt du irgend was? Biſt du ein Gott, ein Engel oder Teufel, Der ſtarren macht mein Blut, das Haar mir ſträubt? Gieb Rede, was du biſt. Geiſt. Dein boͤſer Engel, Brutus. Brut. Weswegen kommſt du? Geiſt. Um dir zu ſagen, daß du zu Philippi Mich ſehn ſollſt. Brut. Gut, ich ſoll dich wiederſehn. Geiſt. Ja, zu Philippi.(verſchwindet.) Brut. Nun, zu Philippi will ich denn dich ſehn. Nun ich ein Herz gefaßt, verſchwindeſt du;z Gern ſpraͤch' ich mehr mit dir noch, boͤſer Geiſt.— Burſch! Lucius!— Varro! Claudius! wacht auf! Claudius! Luc. Die Saiten ſind verſtimmt. Brut. Er glaubt, er ſey bei ſeiner Laute noch. Erwache, Lucius! Luc. Herr? Brut. Haſt du getraͤumt, daß du ſo ſchrieeſt, Lucius? Lue. Ich weiß nicht, mein Gebieter, daß ich ſchrie. Brut. Ja doch, das thatſt du; ſahſt du irgend was? Luc. Nichts auf der Welt. Brut. Schlaf wieder, Lucius.— Heda, Claudius! Du, Burſch, wach auf! Sz. 3. Julius Cäſar. 17¹ Varro. Herr? Claud. Herr? Brut. Weswegen ſchrie't Ihr ſo in Eurem Schlaf? Varro und Claudius. Wir ſchricen, Herr? v 3ch hab Brut. vi ſaht Ihr irgend was? arro. Ich habe nichts geſehn. Claud. Ich gleichfalls nicht. Brut. Geht und empfehlt mich meinem Bruder Caſſius; Er laſſe fruͤh voraufziehn ſeine Macht, Wir wollen folgen. Varro und Claud. Herr, es ſoll geſchehn. (Alle ab.) Fuͤnfter Aufzug. Erſte Szene. Die Ebene von Philippi. (Octavius, Antonius und ihr Heer.) Gctavius. Nun, Mark Anton, wird meine Hoffnung wahr. Ihr ſpracht, der Feind werd' auf den Hoͤhn ſich halten, Und nicht herab in unſre Ebne ziehn; Es zeigt ſich anders; ſeine Schaaren nahn! Sie wollen zu Philippi hier uns mahnen, Und Antwort geben, eh' wir ſie befragt. Ant. Pah, ſteck' ich doch in ihren Herzen, weiß, Warum ſie's thun. Sie koͤnnten ſich begnugen Nach andern Plaͤtzen und kommen Mit bangem Trotz, im Wahn durch dieſen Aufzug Uns vorzuſpiegeln, ſie beſitzen Muth. Allein dem iſt nicht ſo. (Ein Bote tritt auf.) Bote. Bereitet Euch, Ihr Feldherrn. — 172 Julius Cäſar. A. V. Der Feind ruͤckt an in wohlgeſchloßnen Reihn. Sein blut'ges Schlachtpanier iſt ausgehaͤngt, Und etwas muß im Angenblick geſchehn. Ant. Octavius, fuͤhret langſam Euer Heer Zur linken Hand der Ebne weiter vor. Get. Zur Rechten ich, behaupte du die Linke. Ant. Was kreuzt Ihr mich, da die Entſcheidung draͤngt? Get. Ich kreuz' Euch nicht, doch ich verlang' es ſo. (Marſch.) (Trommeln werden gerührt. Brutus und Caſſius kom⸗ men mit ihrem Heere, Lucilius, Titinius, Meſſala und Andre.) Brut. Sie halten ſtill und wollen ein Geſpraͤch. Caſſ. Titinius, ſteh! Wir treten vor und reden. Get. Antonius, geben wir zur Schlacht das Zeichen? Ant. Nein, Caͤſar, laßt uns ihres Angriffs warten. Kommt, tretet vor! Die Feldherrn wuͤnſchen ja Ein Wort mit uns. Get. Bleibt ſtehn bis zum Signal. Brut. Erſt Wort, dann Schlag; nicht wahr, ihr Landsgenoſſen? Gct. Nicht daß wir mehr, nach Worten ragen. Brut. Gzut Wort, Octavius, gilt wohl boͤſen Streich. Ant. Ihr, Brutus, gebt bei Sſ Streich gut ort. Deß zeuget Caſars Herz, durchbohrt von Euch, Indeß Ihr rieft: lang lebe Caͤſar, Heil! Laſſ. Die Fuͤhrung Eurer Streiche, Mark Anton, Iſt uns noch unbekannt; doch Eure Worte Begehn an Hybla's Bienen Raub und laſſen Sie ohne Honig. Ant. Nicht auch ſtachellos? Brut. Oja! auch tonlos, denn Ihr habt ihr Summen Geſtohlen, Mark Anton, und drohet weislich Bevor Ihr ſtecht. Ant. Ihr thatet's nicht, Verraͤther, Als Eure ſchnoͤden Dolch' einander ſtachen In Cäſars Bruſt. Ihr zeigtet Eure Zaͤhne Wie Affen, krocht wie Hunde, bucktet tief Wie Sklaven Euch, und kuͤßtet Caſars Fuͤße; Sz. 1. Julius Caͤſar. 173 Derweil von hinten der verfluchte Caſca Mit tuͤck'ſchem Biſſe Caͤſars Nacken traf. O Schmeichler! Caſſ. Schmeichler!— Dankt Euch ſelbſt nun, Brutus, Denn dieſe Zunge wuͤrde heut nicht freveln, Waͤr' Caſſins Rath befolgt. Gct. Zur Sache! kommt! Macht Widerſpruch uns ſchwitzen, So koſtet roͤth're Tropfen der Erweis. Seht! auf Verſchworne zuͤck' ich dieſes Schwerdt: Wann, denkt Ihr, geht es wieder in die Scheide? die, bis des Caͤſar drei und zwanzig Wunden Geraͤcht ſind, oder bis ein andrer Caͤſar Mit Mord geſaͤttigt der Verraͤther Schwerdt. Brut. Caͤſar, du kannſt nicht durch Verraͤther ſterben, Du bringeſt denn ſie mit. Get. Das hoff' ich auch; Von Brutus Schwerdt war Tod mir nicht beſtimmt. Brut. O waͤrſt du deines Stammes Edelſter, Du koͤnnteſt, junger Mann, nicht ſchoͤner ſterben. Caſſ. Ein launiſch Buͤbchen, unwerth ſolches Ruhms, Geſellt zu einem Wuͤſtling und'nem Trinker. Ant. Der alte Caſſius! Get. Komm, Antonius! fort! Trotz in die Zaͤhne ſchleudr' ich Euch, Verraͤther! Wagt Ihr zu fechten heut, ſo kommt ins Feld, Wo nicht, wenn's Euch gemuthet. (Octavius und Antonius mit ihrem Heere ab.) Caſſ. Nun tobe, Wind! We ſchwimme, MRachen! Der Strom iſt wach und alles auf dem Spiel. Brut. Lucilius, hoͤrt! Ich muß ein Wort Euch ſagen. Luc. Herr? (Brutus und Lucilius reden beiſeit mit einander.) Caſſ. Meſſala! Weſſ. Was beſiehlt mein Feldherr? Caſſ. Meſſala, dieß iſt mein Geburtstag; grade An dieſem Tag kam Caſſius auf die Welt. Gieb mir die Hand, Meſſala, ſey mein Zeuge, Daß ich gezwungen, wie Pompejus einſt, „ 174 Julius Caͤſar. A. V. An eine Schlacht all' unſre Freiheit wage. Du weißt, ich hielt am Epikurus feſt Und ſeiner Lehr'; nun aͤndr' ich meinen Sinn, Und glaub' an Dinge, die das Kuͤnft'ge deuten. Auf unſerm Zug von Sardes ſtuͤrzten ſich Zwei große Adler auf das vordre Banner; Da ſaßen ſie, und fraßen gierig ſchlingend Aus unſrer Krieger Hand; ſie gaben uns Hieher bis nach Philippi das Geleit; Heut Morgen ſind ſie auf und fortgeflohn. Statt ihrer fliegen Raben, Geyer, Kraͤh'n Uns uͤberm Haupt, und ſchaun herab auf uns Als einen ſiechen Raub; ihr Schatten ſcheint Ein Trauerhimmel, unter dem das Heer, Bercit den Athem auszuhauchen, liegt. Weſſ. Nein, glaubt das nicht. Caſſ. Ich glaub' es auch nur halb, Denn ich bin friſches Muthes und entſchloſſen, Zu trotzen ſtandhaft jeglicher Gefahr. Brut. Thu das, Lucilius. Caſſ. Nun, mein edler Brutus, Seyn uns die Goͤtter heute hold, auf daß wir Geſellt im Frieden unſerm Alter nahn! Doch weil das Loos der Menſchen niemals ſicher, Laßt uns bedacht ſeyn auf den ſchlimmſten Fall. Verlieren wir dieß Treffen, ſo iſt dieß Das allerletzte Mal, daß wir uns ſprechen. Was habt Ihr dann Euch vorgeſetzt zu thun? Brut. Ganz nach der Vorſchrift der Philoſophie, Wonach ich Cato um den Tod getadelt, Den er ſich gab(ich weiß nicht, wie es koͤmmt, Allein ich find' es feig' und niedertraͤchtig, Aus Furcht was kommen mag, des Lebens Zeit So zu verkuͤrzen), will ich mit Geduld Mich wafſnen, und den Willen hoher Maͤchte Erwarten, die das Irdiſche regieren. Caſſ. Dann, geht die Schlacht e laßt Ihr's u 0 Gefallen, daß man durch die Straßen Roms Euch im Triumphe fuͤhrt? Brut. Nein, Caſſius, nein! mir, du edler tömer Brutus wird nie gebunden gehn nach Rom. Sz. Julius Caͤſar. 17⁵ Er trägt zu hohen Sinn. Doch dieſer Tag Muß enden, was des Maͤrzen Idus anfing; Ob wir uns wieder treffen, weiß ich nicht, Drum laßt ein ewig Lebewohl uns nehmen: Gehab' dich wohl, mein Caſſius, fuͤr und fuͤr! Sehn wir uns wieder, nun ſo laͤcheln wir; Wo nicht, ſo war dieß Scheiden wohlgethan. Caſſ. Gehab' dich wohl, mein Brutus, fuͤr und fuͤr! Sehn wir uns wieder, lächeln wir gewiß; Wo nicht, iſt wahrlich wohlgethan dieß Scheiden. Brut. Nun wohl, fuͤhrt an! O wuͤßte jemand doch Das Ende dieſes Tagwerks, eh' es kommt! Allein es gnuͤget: enden wird der Tag, Dann wiſſen wir ſein Ende.— Kommt und fort! (Alle ab.) 3 weite Szene. 3 Das Schlachtfeld. (Getümmel. Brutus und Meſſala kommen.) Brutus. Reit', reit', Meſſala! reit'! Bring dieſe Zettel Den Legionen auf der andern Seite. (Lautes Getümmel.) Laß ſie auf Einmal ſtuͤrmen, denn ich merke, Oetavius Flugel haͤlt nur ſchwachen Stand; Ein ſchneller Anfall wirft ihn uͤber'n Haufen. Reit' reit, Meſſala! Laß herab ſie kommen! (Beide ab.) Julius Caͤſar. A. V. Dritte Szene. Ein andrer Theil des Schlachtfeldes. (Getümmel. Caſſius und Titinius kommen.) Caſſius. O ſieh, Titinius! ſieh! die Schurken fliehn. Ich ſelbſt ward meiner eignen Leute Feind! Dieß unſer Banner wandte ſich zur Flucht; Ich ſchlug den Feigen und entriß es ihm. Tit. D Caſſius! Brutus gab das Wort zu fruͤh; Im Vortheil gegen den Octavius, ſetzt' er Zu hitzig nach; ſein Heer fing an zu pluͤndern, Indeß uns alle Mark Anton umzingelt. (Pindarus kommt.) Pind. Herr, flieht doch weiter! flieht doch weiter weg! Antonius iſt in Euren Zelten, Herr; Drum, edler Caſſius, flieht! Flieht weit hinweg! Caſſ. Der Huͤgel hier iſt weit genug. Schau, ſchau, Titinius! Sind das meine Zelte nicht, Wo ich das Feuer ſehe? Tit. Ja, mein Feldherr. Caſſ. Wenn du mich liebſt, Titinius, ſo beſteig Mein Pferd, ſetz' ihm die Sporen in die Seite, Bis es zu jener Mannſchaft dich gebracht, Und wieder her; damit ich ſicher wiſſe, Ob jene Mannſchaft Freund iſt oder Feind⸗ Tit. Wie ein Gedanke bin ich wieder hier. Cab.) Caſſ. Geh, Pindarus, ſteig' hoͤher auf den Huͤgel⸗ Denn mein Geſicht iſt kurz; acht' auf Titinius, Und ſag' mir, was du auf dem Feld' entdeckſt, (Pindarus ab.) An dieſem Tage athmet' ich zuerſt; Die Zeit iſt um, und enden ſoll ich da, Wo ich begann; mein Leben hat den Kreislauf Vollbracht.— Du dort, was giebts? Pind.(oben.) O Herr! Caſſ. Was giebts? Pind. Titinius iſt von Reitern ganz umringt, Sie jagen auf ihn zu, doch ſpornt er weiter⸗ Sz. 3. Julius Caͤſar. 177 Nun ſind ſie dicht ſchon bei ihm— nun Titinins! Sie ſteigen ab— er auch— er iſt gefangen, Und horcht! ſie jubeln laut.(Freudengeſchrei.) Caſſ. Steig nur herunter, ſieh nicht weiter zu.— O Meinme, die ich bin, ſo lang zu leben Bis ich den beſten Freund vor meinen Augen Gefangen ſehen muß! (Pindarus kommt zuruͤck.) Komm, Burſch, hieher! Ich macht' in Parthia dich zum Gefangnen, Und ließ dich ſchwoͤren, deines Lebens Retter, Was ich nur immer thun dich hieß', du wolleſt Es unternehmen. Komm nun, halt' den Schwur! Sey frei nun, und mit dieſem guten Schwerdt, Das Caͤſars Leib durchbohrt, triff dieſen Buſen. Erwiedre nichts! Hier faſſe du das Heft, Und iſt mein Angeſicht verhuͤllt, wie jetzt, So fuͤhr' das Schwerdt.— Caͤſar, du biſt geraͤcht, Und mit demſelben Schwerdt, das dich getoͤdtet. (Er ſtirbt.) Pind. So bin ich frei, doch waͤr' ichs lieber nicht, Haͤtt' es auf mir beruht.— O Caſſius! Weit weg flieht Pindarus von dieſem Lande, Dahin, wo nie ein Roͤmer ihn bemerkt. Cab.) (Titinius und Meſſala kommeu.) Weſſ. Es iſt nur Tauſch, Titinius; denn Octav Ward von des edlen Brutus Macht geſchlagen, Wie Caſſius Legionen vom Antonius. Tit. Die Zeitung wird den Caſſius ſehr erquicken. Weſſ. Wo ließt Ihr ihn? Tit. Ganz troſtlos, neben ihm Sein Sklave Pindarus, auf dieſem Huͤgel. Weſſ. Iſt er das nicht, der auf dem Boden liegt? Tit. Er liegt nicht da wie lebend.— O mein Hetz! Weſſ. Nicht wahr?— er iſt es? Tit. Nein, ek war's, Meſſala! Doch Caſſius iſt nicht mehr.— O Abendſonne! Wie du in deinen rothen Strahlen ſinkſt, So ging in Blut der Tag des Caſſius unter. Die Sonne Rons ging unter; unſer Tag V. 42 Julius Caͤſar. Iſt hingeflohn; nun kommen Wolken, Thau, Gefahren; unſre Thaten ſind gethan; Mißtraun in mein Gelingen bracht' ihn um. Weſſ. Mißtraun in guten Ausgang bracht' ihn um. O haſſenswerther Wahn! der Schwermuth Kind! Was zeigſt du doch dem regen Witz der Menſchen Das, was nicht iſt? O Wahn, ſo bald empfangen, Zu gluͤcklicher Geburt gelangſt du nie, Und bringſt die Mutter um, die dich erzengt. Tit. Auf, Pindarus! Wo biſt du, Pindarus? Weſſ. Such ihn, Titinius; ich indeſſen will Zum edlen Brutus und ſein Ohr durchbohren Mit dem Bericht. Wohl nenn' ich es durchbohren, Denn ſcharfer Stahl und gift'ge Pfeile wuͤrden Dem Ohr des Brutus ſo willkommen ſeyn, Als Meldung dieſes Anblicks. Tit. Eilt, Meſſala! Ich ſuche Pindarus indeſſen auf.(Meſſala ab.) Warum mich ausgeſandt, mein wackrer Caſſius? Zraf ich nicht deine Freunde? Setzten ſie Nicht dieſen Siegeskranz auf meine Stirn, Ihn dir zu bringen? Vernahmſi du nicht ihr Jubeln? Ach, jeden Umſtand haſt du mißgedeutet! Doch halt, nimm dieſen Kranz um deine Stirn, Dein Brutus hieß mich dir ihn geben; ich Volffuͤhre ſein Gebot.— Komm ſchleunig, Brutus, Und ſieh, wie ich den Cajus Caſſius ehrte! Verzeiht, ihr Goͤtter!— Dieß iſt Roͤmerbrauch: Komm, Caſſius Schwerdt! triff den Titinius auch. (Er ſtirbt.) (Getümmel. Meſſala kommt zuruͤck mit Brutus, dem jun⸗ gen Cato, Strato, Volumnius und Lucilius.) Brut. Wo? Wo, Meſſala? ſag, wo liegt die Leiche? Weſſ. Seht, dort! Titinins trauert neben ihr. Brut. Titinins Antlitz iſt emporgewandt. Cato. Er iſt erſchlagen. Brut. O Julins Caͤſar! Du biſt maͤchtig noch; Dein Geiſt geht um, er iſts, der unſre Schwerdter In unſer eignes Eingeweide kehrt. Sz. 4. Julius Caͤſar. 179 (Lautes Getümmel.) Cato. Mein wackrer Freund Titinius! Scht doch her, Wie er den todten Caſſius gekraͤnzt! Brut. Und leben noch zwei Roͤmer, dieſen gleich? Du letzter aller Roͤmer, lebe wohl! Unmoͤglich iſts, daß Rom je deines Gleichen Erzeugen ſollte.— Dieſem Todten, Freunde, Bin ich mehr Thraͤnen ſchuldig, als ihr hier Mich werdet zahlen ſehen: aber Caſſius, Ich finde Zeit dazu, ich finde Zeit. Drum kommt, und ſchickt nach Thaſſos ſeine Leiche, Er ſoll im Lager nicht beſtattet werden; Es ſchluͤg' uns nieder.— Komm, Lucilins! Komm, junger Cato! Zu der Wahlſtatt hin! Ihr, Flavius und Labeo, laßt unſre Schaaren ruͤcken! Es iſt drei Uhr, und, Roͤmer, noch vor Nacht Verſuchen wir das Gluͤck in einer zweiten Schlacht. (Alle ab.) Vierte Szene. Ein andrer Theil des Schlachtfeldes⸗ (Getümmel. Soldaten von beiden Heeren, fechtend; darauf Brutus, Cato, Lucilius und Andre.) Brutus. Noch, Buͤrger, o noch haltet hoch die Haͤupter! Cato. Ein Baſtard, der's nicht thut! Wer will mir folgen? Ich rufe meinen Namen durch das Feld: Ich bin der Sohn des Marcus Cato, hoͤrt! Feind der Tyrannen, Freund des Vaterlands! Ich bin der Sohn des Marcus Cato, hoͤrt! (Brutus dringt auf den Feind ein.) Brut. Und ich bin Brutus, Marcus Brutus, ich; Des Vaterlandes Freund: kennt mich als Brutus! (Ab, indem er anf den Feind eindringt. Cato wird überwäl⸗ tigt und fällt.) 12 Julius Caͤſar. A. V. Lue. O junger, edler Cato! biſt du hin? Ja! tapfer wie Titinius ſtirbſt du nun, Man darf dich ehren als des Cato Sohn. 1. Sold. Ergieb dich, oder ſtirb! Luc. Nur um zu ſterben Ergeb' ich mich. Hier iſt ſo viel fuͤr dich⸗ (Bietet ihm Geld an.) Daß du ſogleich mich toͤdten wirſt: nun toͤdte Den Brutus, und es ehre dich ſein Tod. 1. Sold. Wir muͤſſens nicht.— Ein edler Gefangner. 2. Sold. Platz da! Sagt dem Antonius, daß wir Brutus haben⸗ 1. Sold. Ich will es melden.— Sieh, da koͤmmt der Feldherr. (Antonius tritt auf.) Wir haben Brutus, Herr! wir haben Brutus! Ant. Wo iſt er? Luc. In Sicherheit; Brutus iſt ſicher gnug. Verlaß dich drauf, daß nimmermehr ein Feind Den edlen Brutus lebend fangen wird. Die Goͤtter ſchuͤtzen ihn vor ſolcher Schmach! Wo Ihr ihn findet, lebend oder todt, Er wird wie Brutus, wie er ſelbſt, ſich zeigen⸗ Ant. Dieß iſt nicht Brutus, Freund, doch auf mein Ein nicht gering'rer Fang. Verwahrt ihn wohl, Erweiſt nur Gutes ihm: ich habe lieber Zu Freunden ſolche Maͤnner als zu Feinden. Eilt! ſeht, ob Brutus todt iſt oder lebt! Und bringt Bericht zu des Octavius Zelt, Wie alles ſich begeben. (Alle ab.) Sz. 5. Julius Caͤſar. 181 Fuͤnfte Szene. Ein andrer Theil bes Schlachtfeldes⸗ (Brutus, Dardanius, Clitus, Strato und Vo⸗ lumnius treten auf.) Brutus. Kommt, armer Ueberreſt von Freunden! ruht An dieſem Felſen. Clit. Herr, Statilins zeigte Das Fackellicht, doch koͤmmt er nicht znruͤck, Er iſt gefangen oder gar erſchlagen. Brut. Setz dich zu mir. Erſchlagen iſt das Wort, Es iſt des Tages Sitte.— Hoͤre, Clitus! .(Spricht leiſe mit ihm.) Clit. Wie, gnaͤd'ger Herr? Ich? Nicht um alle Welt. Brut. Still denn! kein Wort! Clit. Eh' tödtet' ich mich ſelbſt. Brut. Dardanius, hoͤr'! (Spricht leiſe mit ihm.) Dard. Ich eine ſolche That? Clit. O Dardanius! Dard. O Clitus! Clit. Welch einen ſchlimmen Antrag tht dir Bru'us? Tard. Ich ſollt' ihn toͤdten, Clitus: ſiech, er ſinnt. Clit. Nun iſt das herrliche Gefaß voll Gram, So daß es durch die Augen uͤberfließt. Brut. Komm zu mir, Freund Volumnius: ein Wort! Pol. Was ſagt mein Feldherr? * Brut. Dieß, Volumnius. Der Geiſt des Caͤſar iſt zu zweien Malen Mir in der Nacht erſchienen; erſt zu Sardes, Und vor'ge Nacht hier in Philippi's Ebne, Ich weiß, daß meine Stunde kommen iſt. „ Julins Caͤſar. Vol. Nicht doch, mein Feldherr. Brut. O ja, es iſt gewiß, Volumnins; Du ſiehſt die Welt, mein Guter, wie ſie geht; Der Feind hat uns zum Abgrund hingetrieben; (Getümmel.) Es ziemt ſich mehr, von ſelbſt hineinzuſpringen Als zu erwarten ſeinen letzten Stoß. Volumnins, wir gingen in die Schule Zuſammen, wie du weißt. Ich bitte dich üm jener unſrer alten Liebe willen: Halt du mein Schwerdt, indeß ich drein mich ſtuͤrze. Vol. Das, Brutus, iſt kein Dienſt fuͤr einen Freund. (Fortdauerndes Getümmel.) Clit. Flieht, Herr! o flieht! Ficr ait kein Saͤumen mehr. Brut. Lebt wohl denn, Ihr— und Ihr— und Ihr, Volumnius. Du, Strato, lagſt die ganze Zeit im Schlaf: Leb wohl auch du!— Mitbuͤrger, meinem Herzen Iſts Wonne, daß ich noch im ganzen Leben Nicht Einen fand, der nicht getren mir war. Ich habe Ruhm von dieſem Ungluͤckstage, Mehr als Octavius und Mark Anton Durch dieſen ſchnoͤden Sieg erlangen werden. So lebt zuſammen wohl! Denn Brutus Zunge Schließt die Geſchichte ſeines Lebens bald. Nacht deckt mein Auge, mein Gebein will Ruh, Es ſtrebte laͤngſt nur dieſer Stunde nach. (Getuͤmmel. Geſchrei hinter der Szene„Flieht! flieht! . ieht! Clit. Flieht, Herr!o flieht! Brut. Nur fort! Ich will Euch folgen, (Glitus, Dardanius und Volumnius ab.) Ich bitt' dich, Strato, bleib bei deinem Herrn. Du biſt ein Menſch von redlichem Gemuͤth, In deinem Leben war ein Funken Ehre. Halt denn mein Schwerdt, und wende dich hinweg, Indeß ich drein mich ſtuͤrze. Willſt du, Strato? Sz. 5. Julius Caͤſar. 183 Strato. Gebt erſt die Hand mir, e gehabt Euch wohl! Brut. Leb wohl, mein Freund! ſe Caͤſar, dich, Nicht halb ſo gern bracht' ich dich um als mich. (Er ſtürzt ſich auf ſein Schwerdt und ſtirbt.) (Getümmel. Rückzug. Octavius, Antonius, mit ihrem Heere, Meſſala und Lucius kommen.) Get. Wer iſt der Mann? Meſſ. Der Diener meines Herrn. Strato, wo iſt dein Herrz Strato. Frei von den Banden, die Ihr tragt, Meſſala. Die Sieger können nur zu Aſch' ihn brennen, Denn Brutus unterlag allein ſich ſelbſt, Und niemand ſonſt hat Ruhm von ſeinem Tode. Luc. So mußten wir ihn finden.— Dank dir, Brutus, Daß du Lucilius Rede wahr gemacht. Gect. Des Brutus Leute nehm' ich all in Dienſt. Willſt du in Zukunft bei mir leben, Burſch? Strato. Ja, wenn Meſſala mich Euch uͤberläßt. Get. Thut mir's zu lieb, Meſſala. Weſſ. Strato, wie ſtarb mein Herr? Strato. Ich hielt das Schwerdt, ſo ſturzt' er ſich hinein. Weſſ. Octavius, nimm ihn denn, daß er dir folge, Der meinem Herrn den letzten Dienſt erwies. Ant. Dieß war der beſte Roͤmer unter allen: Denn jeder der Verſchwornen, bis auf ihn, Jhat, was er that, aus Mißgunſt gegen Caͤſar. Nur er verband aus reinem Biederſinn, Und zum gemeinen Wohl, ſich mit den Andern. Sanft war ſein Leben, und ſo miſchten ſich Die Element' in ihm, daß die Natur Aufſtehen durfte, und der Welt verkuͤnden: Dieß war ein Mann! * 184 Julius Cäſar. M. NW. Mach ſeiner Tugend laßt uns ihm begegnen, Nit aller Achtung und Beſtattungsfeier. lieg in meinem Zelte dieſe Nacht, Mit Ehren wie ein Krieger angethan. Nun ruft das Heer zur Ruh, laßt fort uns eilen Und dieſes frohen Tags Trophaͤen theilen.(ab.) Siheeciiic. Antonius und Cleopatra. Perſonen. Marcus Antonius, Octavius Cäſar, Triumvirn. W. Nemilius Leyidus, Sertus Pompejus. Domitius Enobarbus, Ventidius, Eros, Scarus,„ Freunde des Antonius. Dercetas, Demetrius, Philo. Mäcenas, Agrippa, Dolabella, Proculejus, Thyräus, Gailus. Menas, Menecrates, Freunde des Pompejus. Varius. Taurus, Oberbefehlshaber unter Cäſar. Canidius, Oberbefehlshaber unter Antonius. Solius, ein Officier in der Armee des Ventidius. Euphronius, ein Geſandter des Antonius an Cäſar. Aleras, F im Dienſte der Cleopatra. Diomedes. Ein Wahrſager. Ein Bauer. Freunde des Cäſar. Cleopatra, Königin von Egypten. Hoetavia, Cäſars Schweſter, Gemahlin des Antonius. CGharmion, S im Dienſte der Cleopatra. Jras, Hauptleute, Soldaten, Boten und Gefolge. ——— —— S ſt e S Alexandria. Ein Zimmer in Eleopatra's Pallaſt. (Demetrius und Philo treten auf.) Philo. Nein, dieſer Liebeswahnſinn unſres Feldherrn Steigt uͤbers Maaß. Die tapfern edlen Augen, Die uͤber Kriegsreih'n und Legionen gluͤhten, So wie der erzne Mars, ſie heften ſich Und wenden ihrer Blicke Dienſt und Andacht Auf eine braune Stirn: ſein Heldenherz, Das im Gewuͤhl der Schlachten ſonſt geſprengt Die Spangen ſeiner Bruſt, faͤllt ab zur Schmach, Und iſt zum Faͤcher worden, und zum Blaſbalg Die luͤſterne Zigeun'rin abzukuͤhlen. Seht da, ſie kommen! (Trompetenſtoß. Antonius und Cleopatra mit ihrem Gefolge und Verſchnittnen, die ihr Luft zufächeln, treten auf.) Bemerkt ihn recht; ſo ſeht Ihr dann in ihm Des Weltalls dritte Saͤule umgewandelt Zum Narren einer Buhlerin: ſchaut hin, und ſeht!— Cleop. Iſts wirklich Liebe, ſag' mir denn, wie viel? Ant. Armſelige Liebe, die ſich zaͤhlen ließe!— Cleop. Ich will den Graͤnzſtein ſetzen deiner Liebe! Ant. So mußt du neue Erd' und Himmel ſchaffen. (Ein Bote tritt auf.) Bote. Zeitung aus Rom, Herr! Ant. O Verdruß! Machs kurz. Cleop. Nein, hoͤre ſie Antonius. Fulvia vielleicht iſt zornig? Oder hat,— . 188 Antonius und Cleopatra. — Wer weiß es?— der duͤnnbaͤrt'ge Caͤſar Sein Machtgebot geſandt:„Thu dieß, und das! „Dieß Reich erobre! Jenes mache frei! „Thu's gleich, ſonſt zuͤrnen wir!“. Ant. Wie nun! Geliebte! Cleop. Vielleicht,— Nein doch, gewiß Darfſt du nicht laͤnger bleiben: Caſar weigert Dir fernern Urlaub! drum Antonius, hoͤr“ ihn.— Wo iſt Fulvia's Aufruf? Caͤſars meint' ich— beider? — Die Boten ruft.— So wahr ich Koͤnigin, Antonius, du erroͤth't: dieß Blut erkennt Caͤſarn als Herrn, wo nicht, zahlt Scham die Wange, Wenn Fulvia's Kreiſchen zankt.— Die Abgeſandten!— Ant. Schmilz in die Tiber, Rom! Der weite Bogen Des feſten Reichs, zerbrich! Hier iſt die Welt, Thronen ſind Staub:— die koth'ge Erde naͤhrt Wie Menſch, ſo Thier: der Adel nur des Lebens Iſt, ſo zu thun: wenn ſolch ein liebend Paar, (umarmt ſie.) 6 Und ſolch Zwillings⸗Geſtirn es darf: worin (Bei ſchwerer Ahndung wiſſe das die Welt,) Wir unerreichbar ſind. 13 Cleop. Erhabne Luͤge! Wie ward Fulvia ſein Weib, liebt er ſie nicht?— So will ich Thoͤrin ſcheinen und nicht ſeyn;— Anton bleibt ſtets er ſelbſt. „ Ant. Nur nicht, reizt ihn Cleopatra. Wohlan, Zu Liebe unſrer Lieb' und ſuͤßen Stunden, 2 Nicht ſey durch herb Geſpraͤch die Zeit verſchwendet. Kein Punct in unſerm Leben, den nicht dehne Noch neue Luſt. Welch Zeitvertreib zu Nacht?— Cleop. Hoͤr' die Geſandten. Ant. Pfni, zankſucht'ge Koͤnigin! 1 Der alles zierlich ſteht, Schelten und Lachen, Und Weinen; jede linart kaͤmpft in dir, Kein Bote! Einzig dein, und ganz allein!— Zu Nacht durchwandern wie die Stadt, und merken Des Volkes Launen. Komm, o Foͤnigin, Noch geſtern wuͤnſchteſt du's.— Sprecht nicht zu uns. (Antonius mit Cleopatra und Gefolge ab.) Demet. Wie! ſchaͤtzt Antonius Caͤſarn ſo gering? ₰ Daß ſie zur Schoͤnheit und Bewundrung wird.— — Sz. 2. Antonius und Cleopatra. 189 Pbilo. Zu Zeiten, wenn er nicht Antonius iſt, Entzieht ſich ihm die große wuͤrd'ge Haltung, Die ſtets ihn ſollte ſchmuͤcken. Demet. Mich bekuͤmmerts, Daß er bekraͤftigt den gemeinen Luͤgner, Der ſo von ihm in Rom erzaͤhlt. Doch hoff' ich Morgen auf ein verſtaͤnd'ger Thun.— Schlaft wohl!— (Beide ab.) 3 weite Szene. Daſelbſt. Ein andres Zimmer. (Es treten auf Charmion, Iras, Aleras, und ein . Wahrſager.) Charmion. Herzens Alcxas, ſuͤßer Alexas, ausbuͤndigſter Alexas, du allerſublimirteſter Alexos, wo iſt der Wahrſager, den du der Koͤnigin ſo geruͤhmt? O kennte ich doch dieſen Ehe⸗ mann, der, wie du ſagſt, ſeine Hoͤrner fuͤr Kraͤnze anſieht!— Alex. Wahrſager!— Wahrſ. Was wollt Ihr?— Charm. Iſt dieß der Mann? S Ihis, der alles weiß? Wahrſ. In der Natur unendlichem Geheimniß Leſ ich ein wenig. Alex. Zeig' ihm deine Hand. (Enobarbus tritt auf.) Enob. Bringt das Bankett ſogleich, und Wein genug, Aufs Wohl Cleopatra's zu trinken. Lbarm. Freund, ſchenk' mir gutes Gluͤck. Wahrſ. Ich mach' es nicht, ich ſeh' es nur voraus. Charm. Erſieh' mir eins. Wahrſ. Ihr werdet noch an Schoͤnheit zunehmen. Charm. Er meint an Umfang. Iras. Nein, wenn du alt geworden biſt, wirſt du dich ſchminken. Charm. Nur keine Runzeln!— Alex. Stort den Propheten nicht! gebt Achlung! Charm. Mum!— „ „ 190 Antonius und Cleopatra. A. 1. Wahrſ. Ihr werdet mehr verliebt ſeyn, als geliebt. Charm. Rein, lieber mag mir Wein die Leber waͤrmen. Alex. So hoͤrt ihn doch! Charm. Nun ein recht ſchoͤnes Gluͤck: laß mich an einem Vormittage drei Koͤnige heirathen, und ſie alle be⸗ graben: laß mich im funfzigſten Jahr ein Kind bekommen, dem Herodes der Judenkoͤnig huldigt: ſieh zu, daß du mich mit dem Octavius Caͤſar verheiratheſt, und meiner Gebie⸗ terin gleich ſtellſt. Wahrſ. Ihr uͤberlebt die Fuͤrſtin, der Ihr dient.— Charm. O trefflich! Langes Leben iſt mir lieber als Feigen. Wahrſ. Ihr habt bisher ein beßres Gluͤck erfahren, Als Euch beverſteht. Charm. So werden meiné Kinder wohl ohne Namen bleiben:— ſage doch, wie viel Buben und Maͤdchen be⸗ komme ich noch?— Wahrſ. Wenn jeder deiner Wuͤnſche waͤr' ein Schooß, Und fruchtbar jeder Wunſch,—'ne Million. Charm. Geh, Narr, ich vergebe dir, weil du ein Hexen⸗ meiſter biſt. Alex. Ihr meint, nur Eure Betttuͤcher wuͤßten um Eure Wuͤnſche? Charm. Nun ſag' auch Iras Zukunft! Alex. Wir wollen alle unſer Schickſal wiſſen. Enob. Mein und der meiſten Schickſal fuͤr heut Abend wird ſeyn,— betrunken zu Bett. Iras. Hier iſt eine flache Hand, die weißagt Keuſch⸗ heit, wenn nichts anders. Charm. Grade wie die Ueberſchwemmung des Nils Hunger weißagt. Jras. Geh, du wilde Geſellin, du verſtehſt nichts vom Wahrſagen. Charm. Nein, wenn eine feuchte Hand nicht ein Wahrzeichen von Fruchtbarkeit iſt, ſo kann ich mir nicht das Ohr kratzen.— Bitte dich, ſag ihr nur ein Alltags⸗ Schickſal. Wahrſ. Euer Schickſal iſt ſich gleich.. Iras. Doch wie? Doch wie? ſag mirs umſtaͤndlicher. Wahrſ. Ich bin zu Ende. Jras. Soll ich nicht um einen Zollbreit beßres Schick⸗ ſal haben als ſie?— — Sz. 2. Antonius und Cleopatra. 191 Charm. Nun wenn dir das Schickſal juſt einen Zoll mehr gonnt als mir, wo ſollt' er hinkommen? Jras. Nicht an meines Mannes Naſe. Charm. S Himmel, beßre unſre boͤſen Gedanken! Alexas, komm; dein Schickſal, dein Schickſal. O laß ihn ein Weib heirathen, das nicht gehn kann, liebſte Iſis, ich ſtehe dich! Und laß ſie ihm ſterben, und gieb ihm eine ſchlimmere, und auf die ſchlimmere eine noch ſchlimmre, bis die ſchlimmſte von allen ihm lachend zu Grabe folgt, dem funßzigfaͤltigen Hahnrei! Gute Iſis, erhoͤre dieß Ge⸗ bet, wenn du mir auch etwas wichtiges abſchlaͤgſt; gute Iſis, ich bitte dich!— Jras. Amen. Liebe Goͤttin, hoͤre dieſes Gebet deines Volkes! Denn wie es herzbrechend iſt einen huͤbſchen Mann mit einer lockern Frau zu ſehn, ſo iſts eine toͤdt⸗ liche Betruͤbniß, wenn ein haͤßlicher Schelm unbehornt ein⸗ hergeht: darum, liebe Iſis, ſieh auf den Anſtand, und ſend' ihm ſein verdientes Schickſal! Charm. Amen! Alex. Nun ſeht mir! Wenn's in ihrer Hand ſtaͤnde mich zum Hahnrei zu machen, ſie wuͤrden zu Huren, um es zu thun. Enob. Still da! Antonins kommt. Charm. Nicht er, die Fuͤrſtin. (Cleopatra kommt.) Cleop. Saht Ihr Anton? Enob. Nein, Herrin. Cleop. War er nicht hier? Charm. Mein, gnaͤdge Frau. Cleop. Er war geſtimmt zum Frohſinn, da„ auf Einmal Ergriff' ihn ein Gedank' an Nom.. Enobarbus!— Enob. Fürſtin?— Eleop. Such, ihn, und bring' ihn her. Wo iſt Alexas? Aler. Hier, Fuͤrſtin, Euch zum Dienſt.— Der Feld⸗ herr naht. (Antonius kommt mit einem Boten und Gefolge.) Cleop. Wir wollen ihn nicht anſehn. Geht mit uns. (Cleopatra, Enobarbus, Alexas, Iras, Charmion, Wahrſager und Gefoige ab.) Bote. Fulvia, dein Weib, erſchien zuerſt im Feld. * 192 Antonius und Cleopatra. AI. Ant. Wider meinen Bruder Lucius? Bote. Ja, Doch bald zu Ende war der Krieg. Der Zeitlauf Einte die Zwei zum Buͤndniß wider Caͤſar, Deß beßres Gluͤck im Felde von Italien Sie nach der erſten Schlacht vertrieb. Ant. Nun gut;— Was ſchlimmres?— Bote. Der boͤſen Zeitung Gift macht krank den Boten. Ant. Wenn er ſie Narren und Feigen meldet: weiter! Mir iſt Geſcheh'nes abgethan. Vernimm, Wer mir die Wahrheit ſagt, und ſpraͤch' er Tod, Ich hoͤr' ihn an, als ſchmeichelt' er.. Bote. Labienus (O harte Poſt!) hat mit dem Partherheer, Vom Euphrat aus, ſich Aſien erobert: Sein triumphirend Banner weht von Syrien Bis Lydien und Jonien; indeß.. Ant. Antonius, willſt du ſagen„ Bote. O mein Feldherr! Ant. Sprich dreiſt, verfein're nicht des Volkes Zunge Nenne Cleopatra, wie Rom ſie nennt, 3 Tadle mit Fulvia's Schmaͤhn, ſchilt meine Fehler Mit allem Freimuth, wie nur Haß und Wahrheit Sie zeichnen mag. Nur Unkraut tragen wir, Wenn uns kein Wind durchſchuͤttelt; und uns ſchelten, Heißt nur rein jaͤten. Lebe wohl fuͤr jetzt. Bote. Nach Eurem hohen Willen.(ab.) Ant. Was meldet man von Sichon? Sag an. 1. Dien. Der Bot' aus Sicyon! War nicht Einer da? 2. Dien. Er harrt auf Euren Ruf⸗ Ant. Laßt ihn erſcheinen.— (Diener gehn.) — Die ſtarke Egypt'ſche Feſſel muß ich brechen, Sonſt geh' in Lieb' ich unter.— Wer biſt du?— 2. Bote. Fulvia, dein Weib, iſt todt. Ant. Wo ſtarb ſie? 2. Bote. Herr, In Sicyon: Der Krankheit Dauer, und was ſonſt von Nachdruck Dir frommt zu wiſſen, ſagt dieß Blatt.— Ant. Entfernt Euch.— (Bote ab.) 24 Sz. 2. Antonius und Cleopatra. 193 Da ſchied ein hoher Geiſt! Das war mein Wunſch:— Was wir verachtend oft hinweggeſchleudert, Das wuͤnſchen wir zuruͤck: Erxfuͤllte Freude Durch Zeitumſchwung ermattet, wandelt ſich Ins eigne Gegentheil: gut iſt ſie, todt; Nun reicht' ich gern die Hand, die ihr gedroht. Fliehn muß ich dieſe Zanberkoͤnigin: Zehntauſend Weh'n, und ſchlimmre, als ich weiß, Bruͤtet mein Muͤßiggang. He!— Enobarbus!— (Enobarbus kommt.) KEnob. Was wuͤnſcht Ihr, Herr?— Ant. Ich muß in Eil von hier. Enob. Nun, dann bringen wir alle unſre Weiber um: wir ſehn ja, wie toͤdtlich ihnen eine Unfreundlichkeit wird: wenn ſie unſre Abreiſe uͤberſtehn muͤſſen, ſo iſt Tod die Loſung. Ant. Ich muß hinweg! Enob. Iſt eine Nothwendigkeit da, ſo laßt die Wei⸗ ber ſterben. Schade waͤrs, ſie um Nichts wegzuwerfen: aber iſt von ihnen und einer wichtigen Sache die Rede, ſo muß man ſie fuͤr nichts rechnen. Cleopatra, wenn ſie nur das mindeſte hievon wittert, ſtirbt augenblicklich: ich habe ſie zwanzigmal um weit armſeligern Grund ſterben ſehn. Ich denke, es ſteckt eine Kraft im Tode, die wie eine Liebesumarmung auf ſie wirkt, ſo iſt ſie mit dem Sterben bei der Hand. Ant. Sie iſt liſtiger als man's denken kann!— Enob. Ach nein, Herr, nein; ihre Leidenſchaften beſtehn aus nichts als aus den feinſten Theilen der reinen Liebe. Dieſe Stuͤrme und Fluthen koͤnnen wir nicht Seuf⸗ zer und Thraͤnen nennen: das ſind groͤßere Orcane und Un⸗ gewitter, als wovon Calender Meldung thun. Liſt kann das nicht ſeyn: wenn es iſt, ſo macht ſie ein Regenwetter ſo gut als Jupiter. Ant. Haͤtt' ich ſie nie geſehen!— Enob. O Herr, dann hättet Ihr ein wundervolles Meiſterwerk ungeſehen gelaſſen: Euch dieſe Freude ver⸗ ſagen, wuͤrde Eure Reiſe um allen Credit gebracht haben. Ant. Fulvia iſt todt. Knob. Herr? Ant. Fulvia iſt todt. Enob. Fulvia? V 13 194 Antonius und Cleopatra. A. I. Ant. Todt! Enob. Nun Herr, ſo bringt den Goͤttern ein Dank⸗ opfer. Wenn es ihrer himmliſchen Regierung gefaͤllt, einem Mann ſeine Frau zu nehmen, ſo gedenke er an die Schnei⸗ der hier auf Erden, und beruhige ſich damit, daß wenn alte Kleider aufgetragen wurden, dieſe dazu geſetzt ſind Neue zu machen. Gaͤbe es nicht mehr Weiber als Fulvia, ſo waͤre es allerdings ein Elend, und die Geſchichte ſtaͤnde ſchlimm. Dieſer Gram iſt mit Troſt gekroͤnt:; aus Euerm alten Weiberhemd laͤßt ſich ein neuer Unterrock machen: und in der That, die Thraͤnen muͤſſen in einer Zwiebel leben, die um dieſen Kummer floͤſſen. Ant. Die Unruhn, die ſie mir im Staat erregt, Erlauben mir nicht mehr entfernt zu ſeyn. Enob. Und die Unruhe, die Ihr hier erregt habt, erlaubt nicht daß Ihr geht: beſonders die der Cleopatra, die allein von Euerm Hierſeyn lebt. Ant. Nicht leichter Reden mehr. Unſern Beſchluß Thu kund den Fuͤhrern. Ich verſtaͤnd'ge dann Der Koͤnigin den Anlaß dieſer Eil, Urlaub von ihrer Liebe fordernd. Nicht allein Der Fulvia Tod mit ernſter Mahnung Ruft uns nachdruͤcklich; andre Briefe auch, Von vielen wohlbemuͤhten roͤm'ſchen Freunden, Verlangen uns daheim. Sextus Pompejus Hat Caͤſarn Trotz geboten, und beherrſcht Das weite Meer: das wankelmuͤth'ge Volk, (Deß Gunſt nie feſt dem wohlverdienten bleibt Bis ſein Verdienſt voruͤber) wirft nun ſchon Was je Pompejus nur der Große that, Auf ſeinen Sohn, der hoch in Macht und Namen, Und hoͤher noch durch Muth und Kraft erſteht, Als Held des Heers. Sein Anſehn, waͤchſt es ferner, Bedroht den Ban der Welt.— Viel bruͤtet jetzt, Das gleich dem Roßhaar nur erſt Leben hat, Noch nicht der Schlange Gift.— Geh, und verkuͤnde Des Heers Hauptleuten, unſer Wille fordre Schleunigen Aufbruch aller. Enob. Ich beſorg' es. e (Beide ab.) Sz. 3. Antonius und Cleopatra. 195 Si e S ene. (Es treten auf Cleopatra, Charmion, Iras und Aleras.) Cleopatra. Wo iſt er? Charm. Ich ſah ihn nicht ſeitdem. Cleop. Sieh wo er iſt, wer mit ihm, was er thut, (Ich ſchickte dich nicht ab:) Findſt du ihn traurig, Sag ihm, ich tanze; iſt er munter, meld' ihm, Ich wurde plotzlich krank. Schnell bring mir Antwort. (Alexas ab.) Charm. Fuͤrſtin, mir ſcheint, Ihr ihn wirklich iebt, Ihr waͤhlt die rechte Art nicht, ihn zur Liebe u zwingen. Cleop. Und was ſollt' ich thun, und laſſ' es? Charm. Gebt immer nach, laßt Euch von ihm nur fuͤhren. Cleop. Thoͤrichter Rath! S Weg ihn zu ver⸗ ieren!— Charm. Verſucht ihn nicht zu ſehr; ich bitt', erwaͤgt, Wir haſſen bald, was oft uns Furcht erregt. (Antonius kommt.) Doch ſeht, er kommt. Cleop. Ich bin verſtimmt und krank. Ant. Es quaͤlt mich meinen Vorſatz ihr zu ſagen. Cleop. Hilf, liebe Charmion, hilf, ich ſinke hin: So kanns nicht dauern, meines Koͤrpers Bau Wird unterliegen. Ant. Theure Koͤnigin. Cleop. Ich bitt' dich, ſteh mir nicht ſo nah!— Ant. Was giebts!— Cleop. Ich ſeh' in dieſem Blick die gute Zeitung! Was ſagt die Ehgemahlin? Geh nur, geh! Haͤtte ſie dirs doch nie erlaubt zu kommen! Sie ſoll nicht ſagen daß ich hier dich halte; Was kann ich uͤber dich? Der Ihre biſt du! Ant. Die Goͤtter wiſſen. Cleop. Nie ward eine S 8* 196 Antonius und Cleopatra. A. I. So ſchrecklich je getäuſcht. Und doch, von Anfang Sah ich die Falſchheit keimen. Ant. Cleopatra. Cleop. Wie ſoll ich glauben, du ſeyſt mein, und treu, Erſchuͤttert auch dein Schwur der Goͤtter Thron, Wenn du Fulvia verriethſt? Schwelgender Wahnſinn, An ſolchen mundgeformten Eid ſich feſſeln, Der ſchon im Schwur zerbricht!— Ant. Geliebte Fuͤrſtin„. Cleop. Nein, ſuch nur keine Faͤrbung deiner Flucht. Geh, ſag Lebwohl: als du zu bleiben flehteſt, Da galts zu ſprechen: damals nichts von Gehn!— In unſerm Mund und Blick war Ewigkeit, Wonn' auf den Brau'n, kein Tropfen Blut ſo arm, Der Goͤttern nicht entquoll: und ſo iſts noch, Oder der groͤßte Feldherr du der Welt, Wurdeſt zum groͤßten Luͤgner. Ant. Mir das! Wie! Cleop. Haͤtt' ich nur deine Sehnen, daß du ſaͤhſt, Auch in Egypten gäbs ein Herz.. Ant. Vernimm, Der Zeiten ſtrenger Zwang heiſcht unſern Dienſt Fuͤr eine Weile: Meines Herzens Summe Bleibt dein hier zum Gebrauch. Unſer Jlalien Blitzt rings vom Buͤrgerſtahl; Sextus Pompejus Bedroht mit ſeinem Heer die Häfen Roms: Die Gleichheit zweier heim'ſchen Maͤchte zeugt Gefaͤhrliche Partheiung:— ſtark geworden, Liebt man die ſonſt Verhaßten: der verbannte Pompejus, reich durch feines Vaters Ruhm, Schleicht in die Herzen aller, die im Staat Jetzt nicht gedeihn, und deren Menge ſchreckt:— Und Ruhe, Friede krank, ſucht nun verzweifelnd Heilung durch Wechſel. Doch ein naͤh'rer Grund, Und der zumeiſt mein Gehn Euch ſollt⸗ entſchuld'gen, Iſt Fulvia's Tod. Cleop. Wenn mich das Alter ſchuͤtzt vor Thorheit, Doch wohl vor Kinderci. Kann Fulvia ſterben?— Ant. Geliebte, ſie iſt todt. Sieh hier, in uͤbermuͤß'ger Stunde lies Die Haͤndel, die ſie ſchuf: zuletzt ihr Beſtes, Sieh, wann und wo ſie ſtarb. Sz 3. Antonius und Cleopatra. 197 Cleop. O falſches Lieben! Wo ſind Phiolen, die du fuͤllen ſollteſt Mit Thau des Grams? Nicht Fulvia's Tod beweinen, Zeigt mir, wie leicht du einſt erträgſt den meinen. Ant. Nicht weitrer Zank. Sey ruhig jetzt, und hoͤre Was ich mir vorgeſetzt. Ja, bei dem Strahl, Der Nilus Schlamm belebt, ich geh' von hier, Dein Held, dein Diener: Krieg erklaͤr⸗ ich, Frieden, Wie dirs gefaͤllt. Cleop. Komm, Charmion, ſchnuͤr' mich auf. Nein, laß nur, mir wird wechſelnd ſchlimm und wohl, Ganz wie Antonius liebt. Ant. Still, theures Kleinod! Gieb beßres Zeugniß ſeiner Treuz die ſtrengſte Pruͤfung wird ſie beſtehn. Cleop. Das lehrt mich Fulvia! O bitte, wende dich und wein' um ſie, Dann ſag mir Lebewohl, und ſprich: die Thrä nen Sind fuͤr Egypten: Spiel einmal als Meiſter Ein Stuͤck Verſtellung, Lieber, das misſcheine Als aͤchte Ehre!— Ant. Du erzuͤrnſt mich! Laß!— Cleop. Das geht ſchon 6 du kannſt es eſſer. Ant. Bei meinem Schwerdt. Cleop. Und Schild:— er ſpielt ſchon beſſer, Doch iſts noch nicht ſein Beſtes. Sieh nur, Charmion, Wie tragiſch dieſer Roͤm'ſche Hercules Auffaͤhrt in ſeinem Grimm! Ant. So leb denn wohl. Cleop. Hoͤflicher Herr, ein Wort: Wir beide muͤſſen ſcheiden, doch das iſts nicht,— Wir beide liebten einſt,— doch das iſts auch nicht,— Das wißt Ihr wohl— Was wars doch das ich meinte? O mein Gedaͤchtniß iſt recht ein Antonius, Und ich bin ganz vergeſſen! Ant. Waͤr' nicht Thorheit Die Dien'rin deines Throns, ſo hielt ich dich Fuͤr Thorheit ſelbſt. Cleop. O ſchwere Muh' des Lebens, Dem Herzen nahe ſolche Thorheit tragen, Wie dieſe ich! Doch, theurer Freund, vergieb mir, Denn Tod bringt mir mein Treiben, wenn es dir * 198 Antonius und Cleopatra. A. I. Nicht gut ins Auge faͤllt. Dich ruft die Ehre, Hoͤr' denn auf meinen eiteln Wahnſinn nicht! Und alle Goͤtter mit dir! Siegeslorbeer Kraͤnze dein Schwerdt, und muͤhelos Gelingen Bahne den Weg vor deinen Fuͤßen! Ant. Komm; Es flieht zugleich und weilet unſre Trennung: Denn du, hier thronend, gehſt doch fort mit mir, Und ich, fortſchiffend, bleibe doch mit dir.— Hinweg.(Alle ab.) Vierte Szene. Rom. Ein Zimmer in Cäſar's Hauſe. (Es treten auf Octavius Cäſar, Lepidus und Gefolge.) Cäſar. Ihr ſeht nun, Lepidus, und wißt hinfort, Caͤſar haßt nicht nach angebornem Sinn Den großen Mitbewerber. Aus Egypten Schreibt man uns dieß: er ſiſcht und trinkt, verſchwendet Der Naͤchte Kerzen ſchwelgend, nicht mehr Mann Als dieſe Koͤn'gin, noch Cleopatra Mehr Weib als Er. Kaum ſprach er die Geſandten, Noch dacht' er ſeiner Mitregenten.— In ihm ſeht Den Mann, der alle Fehler in ſich faßt, Die jedermann verlocken. Lep. Doch denk' ich, hegt er Nicht ſo viel Suͤnde, all' ſein Gut zu ſchwaͤrzen:— Die Fehl' in ihm, wie Meteore, glaͤnzen Heller in ſchwarzer Nacht: ſind angeſtammt Mehr als erworben: unwillkuͤhrlich mehr, S äſ. Ihr ſeyd zu dulbſam. Sey es auch verzeihli Sich auf des Ptolomaͤus Lager S vehuch Mit Kronen zahlen einen Scherz, umtrinken Zur Wette nach der Kunſt mit jedem Sclaven, Am hellen Tag die Stadt durchtaumeln, balgen Mit Schuften, ſchweißbetrieft: das ſteh' ihm an, (Und deſſen Anſtand, traun, muß ſelten ſeyn, Den ſolches nicht entehrt:) doch fuͤr Antonius Sz. 4. Antonius und Cleopatra. 199 Giebts kein Entſchuld'gen ſeiner Schmach, wenn wir So ſchwer an ſeinem Leichtſinn tragen. Fuͤllt' er Die leeren Stunden ſich mit Wolluſt aus, Vertrocknet Mark und Ekel zoͤgen ihn Zur Rechenſchaft:— Doch ſolche Zeit verwuͤſten, Die ihn vom Scherz wegtrommelt,— ruft ſo laut Wie Weltherrſchaft nur mahnt: das muß man ſchelten, Wie man den Knaben ſchmaͤhlt, der, wohlerfahren, Einſicht der Luſt des Augenblicks hinopfert, Empoͤrt dem eignen Urtheil. (Ein Bote tritt auf.) Lep. Neue Botſchaft!— Bote. Erfullt iſt dein Gebot: zu jeder Stunde, Erhabner Caͤſar, ſollſt du Nachricht hoͤren, Wie's auswaͤrts ſteht. Pompejus herrſcht zur See, Und wie es ſcheint, gewann er ſich die Herzen, Die Caͤſarn nur gefuͤrchtet. Zu den Haͤfen Stroͤmen die Mißvergnuͤgten; hoͤchſt gekraͤnkt Nennt ihn die Menge. Caͤſ. Konnt' ich mir's doch denken!— Vom erſten Anbeginn lehrt die Geſchichte, Daß wer hoch ſteht, erſehnt wird bis er ſtand! Wer ſtrandet,— nie zuvor der Liebe werth,— Theuer erſcheint wenn man ihn mißt: der Haufe, Gleich einer Flagg' umtreibend in der Stroͤmung Schwimmt vor, zuruͤck, die Wechſelfluten geißelnd, Und ihn zerſtoͤrt die Reibung. Bote. Hoͤre ferner: Menecrates und Menas, maͤchtige Piraten, Herrſchen im Meer, und pfluͤgen, und verwunden's Mit Kielen aller Art: manch frecher Einbruch Verheert Italien: alles Volk der Kuͤſte Erblaßt vor Schreck, die kuͤhne Jugend zurnt, Kein Segel taucht nur auf, es wird gekapert, Wie man's erblickt: Pompejus Name ſchadet Mehr als ſein Heer im offnen Krieg. Cäſ. Antonius, Laß deine uͤpp'gen Becher! Als geſchlagen Du zogſt von Mutina, wo du die Conſuln Hirtius und Panſa erſt beſiegt, da folgte Der Hunger deinen Ferſen: den beſtandſt du, Obgleich ſo zart gewoͤhnt) mit mehr Geduld, „ 200 Antonius und Cleopatra. A. I. Als Wilde ſelbſt vermoͤchten; ja du trankſt Den Harn der Roſſe, und den falben Schlamm, Der Vieh zum Ekel zwaͤnge: dein Gaum verſchmähte Die herbſte Beere nicht auf rauhſter Hecke: Ja wie der Hirſch, wenn Schnee die Weide deckt, Nagt'ſt du der Baͤume Rinden: auf den Alpen (Erzaͤhlt man,) aßeſt du ſo ekles Fleiſch, Daß mancher ſtarb, es nur zu ſehn: und Alles D Schande deinem Ruhm, daß ichs erzähle) Trugſt du ſo heldemmnuthig, daß die Wange Dir nicht einmal erbleichte. Lep. Schade um ihn!— Cäſ. Die Schande treib' ihn bald Nach Rom zuruͤck: Zeit waͤrs dem Zwillingspaar, Daß wir im Feld' uns zeigten: dem gemaͤß, Ruf mir den Rath zuſammen, denn Pompejus Gedeiht durch unſer Saͤumen. Lep. Morgen, Cäſar, Werd ich vermogend ſeyn dir zu berichten, Was ich zu Meer und Land verſammeln kann, Die Stirn der Zeit zu bieten. Caͤſ. Bis dahin Sey dieß auch meine Sorge. Lebe wohl.— Lep. Lebt wohl, mein Feldherr. man Euch mehr, Was ſich im Ausland regt, erſuch' ich Euch Mirs mitzutheilen. Cäſ. Zweifelt nicht daran, Ich kenn's als meine Pflicht.(Beibe ab.) Fuͤnfte Szene. Alexandria. Ein Zimmer im Pallaſt. (Es treten auf Cleopatra, Charmion, Iras und Mardian.) Cleopatra. Charmion... Charm. Eur Hoheit? Cleop. Ach! Gieb mir Mandragora zu trinken. Sz. 5. Antonius und Cleopatra. 201 Charm. Wie? Cleop. Daß ich die große Kluft der Zeit durchſchlafe, Wo mein Antonius fort iſt! Charm. Allzuviel Denkt Ihr an ihn. Cleop. Du ſprichſt Verrath. Charm. O Nein! Cleop. Du Haͤmling, Mardian! Wiad. Was gefaͤllt Eur Hoheit? Cleop. Nicht jetzt dich ſingen höten: Nichts gefaͤlt 5 mir An einem Haͤmling. Es iſt gut fuͤr dich, Daß ohne Saft und Mark, dein freier Sinn Nicht fliehn mag aus Egypten.— Kannſt du lieben? Mard. Ja, gnaͤd'ge Fuͤrſtin. Cleop. In der That? Mard. Nicht in der That: Ihr wi ich kann nichts thun Was in der That nicht ehrſam wird gethan; Doch fuͤhl' ich heft'ge Trieb', und denke mir, Was Venus that mit Mars. Cleop. O liebe Charmion, Wo denkſt du dir ihn jetzt? ſag, ſteht er? ſitzt er? Wie, geht er wohl? Sitzt er auf ſeinem Pferd? O gluͤckiich Pferd, Antonius Laſt zu tragen! Sey ſtolz, mein Pferd! Weißt du wohl wen du tragſt? Den halben Atlas dieſer Erde, Schild Und Schutz der Welt!— Jetzt ſpricht er, oder murmelt: Wo weilſt dn meine Schlang' am alten Nil? Denn alſo nennt er mich. Jetzt weid' ich mich Am allzuſuͤßen Gift! Gedenke mein, Ob auch von Phoͤbus Liebesſtichen braun, Und durch die Zeit gerunzelt! Als du hier Ans Ufer tratſt, breitſtirn'ger Cäſar, war ich Werth eines Koͤnigs: Held Pompejus ſtand Und ließ ſein Aug' auf meinen Brauen wurzeln, Da warf ſein Blick den Anker ein, er ſtarb Im Anſchaun ſeines Lebens. (Alexas kommt.) Alex. Herrin Egyptens, Heil! Cleop. Wie ganz unaͤhnlich biſt du Marc Anton! Doch ſahſt du ihn: die koͤſtliche Tinktur „. 202 Antonius und Cleopatra. W. Vergoldet dich mit ihrem Glanz. Wie geht es meinem edlen Marc Anton? Alex. Sein Letztes, Fuͤrſtin, war: Er kuͤßte,— vieler Doppelkuͤſſe letzter,— Die Perle hier: ſein Wort lebt mir im Herzen. Cleop. Von dort muß es mein Ohr ſich pfluͤcken. Alex. Freund, So ſagt' er mir, ſprich du: Der trene Roͤmer ſchickt der großen Koͤnigin Dieß Kleinod einer Muſchel: Ihr zu Fuͤßen, Dieß Nichts zu beſſern, ſtreu' ich Koͤnigreiche Vor ihren uͤppigen Thron: Der ganze Sſt, Sprich, ſoll ſie Koͤnigin nennen:— nickt mir zu, Und ſteigt gelaſſen auf ſein hohes Streitroß, Deß helles Wiehern, was ich gern erwidert, Zu thier'ſchem Schweigen brachte. Cleop. War er munter oder ernſt? Alex. Der Jahrszeit gleich, die auf der Mitte ſchwebt Von heiß und kalt: er war nicht ernſt noch munter. Cleop. O wohl getheilte Stimmung! o bemerk' ihn, Charmion!— Bemerk' ihn, Charmion, welch ein Mann! O merk' ihn! Er war nicht ernſt, denn die wollt' er beglaͤnzen, Die von ihm lernen ſehn: er war nicht munter: Dieß ſchien zu ſagen, ſein Erinnern weile Mit ſeiner Luſt hier: ſondern zwiſchen beiden. O himmliſche Vermiſchung! Ernſt und Munter, Das aͤußerſte von beiden ſteht dir ſo, Wie keinem Manne ſonſt.— Trafſt du die Boten? Alex. Ja Fuͤrſtin, zwanzig auf demſelben Wege; Warum ſo dicht? Cleop. Wer an dem Tag geboren, Wo ich vergaß an Marc Anton zu ſchreiben, Der ſterb' als Bettler.— Papier und Tinte, Charmion!— Willkommen, mein Alexas.— Sag mir, Charmion, Liebt' ich je Caͤſarn ſo? Charm. Du edler Caͤſar! Cleop. Erſtick', wenn du den Ausruf wiederholſt! Sprich, edler Marc Anton! Charm. Der tapfre Caͤſar!— Cleop. Bei Iſis, deine Zaͤhne werden bluten, Wenn du mit Caͤſarn irgend noch vergleichſt Den erſten aller Maͤnner! Sz. 5. Antonius und Cleopatra. 203 Charm. Mit Vergunſt, Ich ſing' in Euerm Tone. Cleop. Meine Milchzeit, Als mein Verſtand noch gruͤn!— Du kaltes Blut, Noch jetzt die alte Sprache! Nun mach fort; Ein ſiuͤndlich wiederholtes Liebeswort Gruͤß' ihn von mir, entvoͤlkr' ich auch Egypten. (Ale ab.) 3 weiter Auſz ug.⸗ Erſte Szene. Meſſina. Ein Zimmer in Pompejus Hauſe. (Es treten auf Pompejus, Menecrates und Menas.) Pompejus. Und ſind gerecht die Goͤtter, ſchuͤtzen ſie Die Thaten der Gerechten. WMenecr. Denkt, Pompejus: Was ſie verzoͤgern, nicht verweigern ſie's. Pomp. Indeß wir flehn vor ihrem Throne, welkt Die Gab' um die wir flehn. MWenecr. Wir Blinden bitten Oft unſer eignes Weh, das weiſe Maͤchte“ Zu unſerm Wohl verſagt: So ſind wir reicher Durch des Gebets Verluſit. Pomp. Ich muß gedeihn! Mich liebt das Volk, mein iſt das ganze Meer, Mein Gluͤck iſt Neumond, mein prophetiſch Hoffen Sieht ſchon die volle Scheibe. Marc Anton Haͤlt Tafel in Egypten, wird nicht draußen Zu Felde ziehn: Caͤſar macht Geld, wo Herzen Er einbuͤßt: beiden ſchmeichelt Lepidus, Laͤßt ſich von beiden ſchmeicheln, und liebt Keinen, Und keiner haͤlt ihn werth. Wienecr. Caͤſar und Lepidus Stehn ſchon im Feld, mit großer Macht geruͤſtet. „ 204 Antonius und Cleopatra. A. MI. omp. Wer ſagt Euch das?'s iſt falſch. e Menecr. Das ſagte Silvius. Pomp. Er traͤumt: ich weiß, ſie ſind in Rom zu⸗ ſammen, Und harren auf Anton: doch Liebreiz wuͤrze Der uͤpp'gen Cleopatra duͤnne Vppen, Zauber erhoͤh' die Schoͤnheit, Wolluſt beide; Den Schwelger bind' ein Heer von Feſigelagen, Sein Hirn umnebelnd: Epicur'ſche Koͤche Schaͤrfen mit kraͤftig neuen Bruͤhn die Eßluſt, Daß Schlaf und Schwelgen ſeinen Ruhm vertragen, Bis zur Betaͤubung Lethe's. Was bringt Varrius? (Varrius tritt auf.) Varr. Was ich zu melden hab', iſt zuverlaͤßig: Antonius kann zu jeder Stund' in Rom Eintreffen; ſeit er Africa verließ, War Raum fuͤr weit're Reiſe. Pomp. Mir waͤre klein're Zeitung weit willkommner. Menas, ich glanbte nicht, Daß um ſo duͤrft'gen Krieg der Liebesſchwaͤrmer Den Helm ſich aufgeſetzt: Sein Feldherrngeiſt Iſt zwiefach der der Beiden: doch erheb' uns So hoͤher das den Muth, daß unſer Zug Den nimmer luſtgeſaͤttigten Anton Dem Schooß der Wittw' Egyptens konnt' entreißen. WMen. Ich glaube nie, Daß Caͤſar und Anton ſich freundlich gruͤßen. Sein Weib, nun todt, hat Caͤſarn ſchwer gereizt, Sein Bruder kriegte gegen ihn, obwohl Nicht auf Antons Geheiß. Pomp. Ich weiß nicht, Menas, Wie bald der groͤßern Feindſchaft kleinre weicht: Staͤnden wir jetzt nicht gegen Alle auf, Geriethen ſie ohn' Zweifel an einander; Denn Anlaß haben Alle laͤngſt genug, Das Schwerdt zu ziehn: doch wie die Furcht vor uns Ein Leim wird ihrer Trennung, und verknuͤpft Die kleine Spaltung, wiſſen wir noch nicht.— Seys wie's die Goͤtter fuͤgen! Unſer Leben 3 Steht auf dem Spiel, wenn wir nicht muthig ſtreben. Komm, Menas. Calle ab.) Stz. 2. Antonius und Cleopatra. 205 — Zweite Szene. Rom. Im Hauſe des Lepidus. (Es treten auf Enobarbus und Lepidus.) Lepidus. Mein Enobarbus, es iſt wohlgethan, Und bringt dir Ruhm, bewegſt du deinen Feldherrn Zu mildem ſanften Wort. Enob. Ich werd' ihn bitten, Zu reden wie Er ſelbſt. Reizt Caͤſar ihn, So ſchau Anton auf Caͤſars Haupt herab, Und donn're laut wie Mars! Beim Jupiter, Haͤtt' ich Antonius Bart an meinem Kinn, Heut ſchoͤr' ich ihn nicht ab. Lep. s iſt nicht die Zeit Fuͤr Zwiſt der Einzelnen. Enob. Jegliche Zeit Paßt wohl fuͤr das, was ſie zu Tage bringt. Lep. Doch muß das Kleine ſich dem Groͤßern fuͤgen! Enob. Nicht, kommt das Kleine erſt. Lep. Ihr ſprecht im Zorn; Doch ſtort nicht auf die Aſche. Seht, hier kommt Der edle Marc Anton. (Antonius und Ventidius treten auf.) Enob. Und dort kommt Caͤſar. (Cäſar, Mäcenas und Agrippa treten auf.) Ant. Im Fall wir einig werden, dann nach Parthien; Hoͤrſt du, Ventidius?— Cäſ. Frage den Agrippa, Maͤcen; ich weiß es nicht. Lep. Erhabne Freunde, Was uns vereinte, war ſo groß; nun laßt nicht Geringen Zwiſt uns trennen. Was zu tadeln, Hoͤrt es mit Nachſicht an: Verhandeln wir Den nicht'gen Streit ſo laut, dann wird ein Mord, Was Wunden ſollte heilen. Drum, edle Freunde, (Und um ſo mehr, je ernſtlicher ich bitte,) Beruͤhrt mit mild'ſtein Wort die herbſten Puncte, Daß Laune nicht das Uebel mehre. Ant. Wohl geſprochen; Und ſtaͤnd' ich vor dem Heer zum Kampf bereit, Ich daͤchte ſo. „ 206 Antonius und Cleopatra. A. II. Caͤſ. Willkomm' in Rom! Ant. Habt Dank. Caſ. Setzt Euch. Ant. Setzt Euch, Herr. Cäſ. Nun! ſo.. Ant. Ich ſeh, Ihr findet Anſtoß wo nichts iſt, Und waͤrs, Euch nicht betrifft. Caͤſ. Von mir, zum Lachen! Wenn um ein Nichts, ein Weniges, ich mich hielt' Von Euch beleidigt; und vor allen Menſchen Von Euch zumeiſt:— Noch laͤcherlicher, daß ich Nur einmal Euch mit Abſchaͤtzung genannt, Wenn Euern Namen auch nur auszuſprechen Mir fern lag. Ant. Mein Verweilen in Egypten, Was war es Euch? Caſ. Nicht mehr, als Euch mein Walten hier in Rom Mocht' in Egypten ſeyn: doch wenn Ihr dort Was gegen mich geſchmiedet, war mir wichtig Euer Verweilen in Egypten. Ant. Wie nun! was nennt Ihr Schmieden! Caͤſ. Geliebts Euch, faßt Ihr wohl, was ich bezeichne, Aus dem was hier mich traf. Eur Weib und Bruder Bekriegten mich: fuͤr ihren Anlauf wart Der Vorwand Ihr: Ihr wart das Feldgeſchrei! Ant. Ihr irrt in Eurer Anſicht. Nie berief ſich Mein Bruder je auf mich. Ich forſchte nach, Und hab' aus ſichrer Kunde die Gewißheit Von Euern Freunden ſelbſt: bekaͤmpft' er nicht Mein eignes Anſehn, wie das Eurige? Fuͤhrt er den Krieg nicht meinen Sinn entgegen, Der Euch verbuͤndet war? All' meine Briefe Beweiſen's klar: Drum, wollt Ihr Haͤndel flicken, (Denn nicht aus ganzem Tuch koͤnnt Ihr ſie ſchneiden,) So muß es dieß nicht ſeyn. Cäſ. Ihr preiſ't Euch ſelbſt, Indem Ihr ſchwach mein Urtheil nennt; doch Ihr Flickt nur Entſchuldigung ſo. Ant. O nein, o nein, Es kann Euch nicht entgehn, ich weiß gewiß, Die ſichre Folgrung: daß, mit Euch vereint In jener Sach' um die er Krieg gefuͤhrt, Ich nie mit Luſt den Zwiſt betrachten konnte, Sz. V Antonius und Cleopatra. 207 Der meine Ruh bedroht.— Was Fulvia that, — Ich wuͤnſcht' Euch, ſolch ein Geiſt regiert' Eur Weib! Ihr lenkt der Erde Dritttheil: mit'nem Halfter Zuͤgelt Ihrs leicht, doch nimmer ſolch ein Weib. Enob. Haͤtten wir doch alle ſolche Weiber, daß die Maͤnner mit ihren Weibern in den Krieg gehn koͤnnten!— Ant. Ganz widerſpenſtig hatt' ihr Kampftumult, Erregt von ihrem Jaͤhzorn, dem nicht fehlte Der Klugheit bittre Schaͤrfe,—(mit Euch beklag' ichs),— Euch Unruh viel erregt. Doch gebt mir zu, Dieß aͤndern konnt' ich nicht. Cäſ. Ich ſchrieb an Euch: Ihr aber, ſchwelgend in Egypten, ſtecktet Beiſeit mein Schreiben, und mit Hohn und Lachen Ward ungehoͤrt die Bothſchaft fortgewieſen. Ant. Er fiel mich an noch kaum gemeldet: eben Hatt' ich drei Koͤnige bewirthet, und mir fehlte Was ich am Morgen war: doch naͤchſten Tags Sagt' ich dieß ſelbſt ihm, was nicht minder war Als um Verzeihung bitten.— Nicht der Burſch Sey nur genannt im Zwiſt, und wenn wir ſtreiten Sey er ganz ausgeſtrichen. Cäſ. Eures Eids Hauptpunct habt Ihr gebrochen: deß kann nimmer Mich Eure Zunge zeihn. Lep. Halt Caͤſar! Ant. Nein, Lepidus, laßt ihn reden.— Die Ehr' iſt rein und heilig die er angreift, Im Wahn ich ſey ihr treulos. Weiter, Caͤſar, Der Hauptpunct meines Eids Cäſ. Mir Huͤlf' und Macht zu ihn wenn ichs ver⸗ angte; Und beides ſchlugt Ihr ab. 4 Ant. Verſaͤumt' es nur; Und zwar, als ein vergiftet Daſeyn mir Mein Selbſtbewußtſeyn raubte. Soviel moglich, Zeig ich den Reuigen: doch mein Gradſinn ſoll Nicht meine Groͤße ſchmaͤlern; meine Macht Nicht ohne dieſen wirken. Wahr iſts, Fulvia Bekriegt Euch, aus Egypten mich zu ſcheuchen: Wofuͤr ich jetzt, unwiſſentlich die Urſach,— Pompejus nicht mehr die Rede iſt, wieder zuruͤckgeben: 208 Antonius und Cleopatra. A. M. Soweit Verzeihung bitt' als ich mit Wuͤrde Nachgeben kann. Lep. Ihr ſpracht ein edles Wort. Waͤc. Geſiels Euch doch, nicht ferner zu gedenken Des Streites: um ihn gaͤnzlich zu vergeſſen Erinnert Euch, wie gegenwaͤrt'ge Noth Euch an Verſohnung mahnt. Lep. Ein wuͤrd'ges Wort!— Pnob. Oder wenn Ihr Euch Einer des Andern Freund⸗ aft fuͤr den Augenblick borgt, koͤnnt Ihr ſie, wenn vom Ihr moͤgt Zeit zu Zanken finden, wenn Ihr ſonſt nichts anders zu thun habt. Ant. Du biſt nur ganz Soldat, drum ſprich nicht mehr. Ich haͤtte dald vergeſſen, daß Wahrheit ſchwei⸗ gen muß. Ant. Du kraͤnkſt den wuͤrd'gen Kreis, drum ſprich nicht mehr. Enob. Schon recht: ſo bin ich Eur vorſicht'ger Stein.— Cäſ. Ich tadle nicht den Inhalt ſeiner Rede, Nur ihre Weiſe: denn unmoͤglich ſcheints Daß Freundſchaft bleibe, wenn die Sinnesart Im Thun ſo abweicht. Doch, wuͤßt' ich den Reif Der uns verfeſtigte, von Pol zu Pol Sucht' ich ihn auf. Agr. Wollt Ihr vergoͤnnen, Caͤſar. Cäſ. Agrippa, ſprich. Agr. Du haſt'ne Schweſter von der Mutter Seite, Die herrliche Octavia. Der große Marc Anton Ward Wittwer,—. Caͤſ. Sprich kein ſolches Wort, Agrippa? Haͤtt' es Cleopatra gehoͤrt, mit Recht Nennte ſie jetzt dich uͤbereilt. Ant. Ich bin vermaͤhlt nicht, Caͤſar: Laß mich wiſſen Agrippas fern're Meinung. Agr. Euch in beſtaͤnd'ger Freundſchaft zu erhalten, Euch bruͤderlich zu einen, Eure Herzen Unlosbar feſt zu knuͤpfen, nehm' Anton Octavia zur Gemahlin; deren Schoͤnheit Wohl fordern kann den beſten Mann der Welt, Und deren Guͤt' und Anmuth ſie erhebt Mehr als es Worte koͤnnten. Durch dieß Buͤndniß Wird kleine Eiferſucht, die groß nun ſcheint, Sz. 2. Antonius und Cleopatra. 209 Und große Furcht, die jetzt Gefahren droht, In Nichts verſchwinden: Wahrheit wird dann Maͤhrchen, Wie halbe Maͤhr' jetzt Wahrheit:— Beide liebend, Verſtaͤrkt ſie Eure Wechſellieb', und zieht Der Voͤlker Liebe nach.— Verzeiht die Rede, Denn ſie ward langſt gepruͤft, nicht ſchnell erſonnen, Pflichtmaͤßig reif bedacht. Ant. Will Caͤſar reden? Cäſ. Nicht bis er hoͤrt, was Marc Anton etwiedert Dem ſchon Geſagten. Ant. Was vermag Agrippa, Wenn ich nun ſpraͤch: Agrippa, alſo fey's,— Dieß gut zu machen?— Cäſ. Caͤſars ganze Macht, Und was ſein Wort der Schweſter gilt. Ant. Nie moͤg' ich Dem edlen Antrag, der ſo herrlich glaͤnzt, Verhindrung traͤumen. Reich mir deine Hand, Foͤrdre den frommen Bund; und nun, von Stund' an, Regier' in unſter Liebe Bruder⸗Eintracht, Das hohe Ziel erſtrebend. Cäſ. Nimm die Hand. Dir ſchenk' ich eine Schweſter, wie kein Bruder So zaͤrtlich eine je geliebt: Sie lebe, Zu binden unſte Reich' und Herzen. Flieh Nie wieder unſre Liebe!— Lep. Gluͤck und Amen!— Ant. Ich dachte nicht, Pompejus zu bekaͤmpfen, Denn großen Freundſchaftsdienſt erwies er mir Vor kurzem erſt: Dank darf er von mir fordern, Daß mich der Ruf nicht unerkenntlich nenne:— Das abgethan, entbiet' ich ihn zum Kampf. Lep. Es draͤngt die Zeit; Pompejus muͤſſen wir alsbald nun ſuchen, Sonſt ſucht er uns. Ant. Wo ankert ſeine Flotte? Cäſ. Am Vorgebirg Miſenum. Ant. Seine Landmacht, Wie ſtark? Läſ. Groß und im Wachſen: doch zur See 6 Gebeut er unumſchraͤnkt. Ant. So ſagt der Ruf.— S ich ihn doch geſprochen! Hin in Eil. F 240 Antonius und Cleopatra⸗ A. MI. Doch eh wir uns bewaffnen, bringt zu Ende, Was eben ward gelobt. Cäſ. Mit hoͤchſter Freude: So lad' ich Euch zum Anblick meiner Schweſter, Und fuͤhr' Euch gleich zu ihr. Ant. Goͤnnt, Lepidus, Uns Eure Gegenwart. Lep. Edler Antonius, Nicht Krankheit hielte mich zuruͤck. (Trompetenſtoß. Cäſar, Antonius und Lepidus ab.) MWiaͤc. Willkommen von Egypten, Herr. Enob. Haͤlſte von Caͤſars Herzen, wuͤrdiger Maͤcenas! Mein ehrenwerther Freund Agrippa!— Agr. Wackrer Enobarbus! Miäc. Wir haben Urſache froh zu ſeyn, daß alles ſich ſo gut entwirrt hat. Ihr habts Euch indeſſen in Egypten wohl ſeyn laſſen? Enob. Ja Herr, wir ſchliefen, daß ſich der helle Tag ſchaͤmte, und machten die Nacht mit Trinken hell. Mäc. Acht wilde Schweine ganz gebraten zum Fruͤh⸗ ſtuͤck, und nur fuͤr zwoͤlf Perſonen; iſt das wahr? Enob. Das war nur wie eine Fliege gegen einen Adler; wir hatten viel andre ungeheure Dinge bei unſern Feſten, die wohl werth waren, daß man darauf achtete. Mic. Sie iſt eine ganz unwiderſtehliche Frau, wenn der Ruf ihr gleich kommt. Enob. Als ſie den Marc Anton das erſtemal ſah, ſtahl ſie ihm ſein Herz; es war auf dem Fluſſe Cydnus. Agr. Da zeigte ſie ſich ihm in der That, oder mein Erzaͤhler hat viel fuͤr ſie erfunden. Enob. Ich wills berichten.— Die Bark', in der ſie ſaß, ein Feuerthron, Brannt' auf dem Strom: getriebnes Gold der Spiegel,. Die Purpurſegel duftend, daß der Wind Entzuͤckt nachzog: die Ruder waren Silber, Die nach der Floͤten Ton Tact hielten, daß Das Waſſer, wie ſie's trafen, ſchneller ſtroͤmte, Verliebt in ihren Schlag: Doch ſie nun ſelbſt,— Zum Bettler wird Bezeichnung: ſie lag da, In ihrem Zelt, das ganz aus Gold gewirkt, Noch farbenſtrahlender, als jene Venus, Wo die Natur der Mahlerei erliegt. Zu beiden Seiten ihr holbſel'ge Knaben, Sz. 2. Antonius und Cleopatra. 211 Mit Wangengruͤbchen, wie Cupido laͤchelnd, Mit bunten Faͤchern, deren Wehn durchgluͤhte So ſchiens) die zarten Wangen, die ſie kuͤhlten; Anzuͤndend ſtatt zu loͤſchen. Agr. Ihm, welch Schauſpiel!— Enob. Die Dienerinnen, wie die Rereiden Spannten Sirenen gleich nach ihr die Blicke, Und Schmuck ward jede Beugung: eine Meerfrau Lenkte das Steuer: ſeidnes Tanwerk ſchwoll Dem Druck ſo blumenreicher Haͤnd' entgegen, Die friſch den Dienſt verſah'n. Der Batk⸗ entſtroͤmend Betaͤnbt' ein wuͤrz'ger Wohlgeruch die Sinne Der beiden nahen Ufer: Sie zu ſehn Ergießt die Stadt ihr Volkt und Marc Anton, Hochthronend auf dem Marktplatz, ſaß allein, Und pfiff der Luft, die, wär ein Leeres moͤglich, Sich auch verlor Cleopatra zu ſchaun, Und einen Riß in der Natur zuruͤckließ. Agr. O wundervolles Weib!— Enob. Als ſie gelandet, bat Antonius ſie Zur Abendmahlzeit; ſie erwiederte, Ihr ſey willkomner ihn als Gaſt zu ſehn, Und lud ihn. Unſer hoͤflicher Anton, Der keiner Frau noch jemals Nein geſagt, Zehnmal recht ſchmuck barbirt, geht zu dem Feſt, Und dort muß nun ſein Herz die Zeche zahlen, so nur ſein Auge zehrte. Agr. Zauberrin!— Sie ließ des großen Cäſars Schwerdt zu Bett gehn, Er pfluͤgte ſie, ſie aͤrndtete. Enob. Ich ſah ſie Einſt wen'ge Schritte durch die Straße huͤpfen, Und als ſie athemlos, ſprach ſie in Pauſen: So daß zur Anmuth ſie den Fehl erhob, Und ohne Athem Kraft entathmete. Waäc. Nun muß Antonius ſie durchaus verlaſſen! Enob. Niemals! Das wird er nicht! Nicht kann ſie Alter Hinwelken, täglich Sehn an ihr nicht ſtumpfen Die immerneue Reizung; andre Weiber Saͤtt'gen die Luſt gewährend: ſie macht hungrig, Je reichlicher ſie ſchenkt: denn das Gemeinſte 14* 212 Antonius und Cleopatra. A. II. Wird ſo geadelt, daß die heil'gen Prieſter Sie ſegnen, wann ſie buhlt. Waͤc. Wenn Schoͤnheit, Sitt' und Weisheit feſſeln koͤnnen Das Herz Antons, dann iſt Octavia ihm Ein ſegensreiches Loos. Agr. Kommt, laßt uns gehn. Ihr, werther Enobarbus, ſeyd mein Gaſt, So lang' Ihr hier verweilt. Enob. Ich dank' Euch beſtens. (Alle ab.) Dritte Szene. Daſelbſt. In Cäſars Hauſe. (Es treten auf Cäſar, Antonius, Oetavia zwiſchen ihnen; Gefolge; ein Wahrſager.) Antonins. Die Welt, mein großes Amt, wird jezuweilen Von deiner Bruſt mich trennen. Get. All die Zeit Beugt vor den Goͤttern betend ſich mein Knie Zu deinem Heil. Ant. Gut Nacht, Herr. O Oetavia, Lies meinen Tadel nicht im Ruf der Welt; Ich hielt nicht ſtets das Maaß: doch fuͤr die Zukunft Fuͤgt alles ſich der Form. Gut Nacht, Geliebte!— Gut' Nacht, Herr. Caͤſ. Gute Nacht. (Cäſar und Octavia ab.) Ant. Nun, Freund? Du ſehn'ſt dich heim wohl nach gypten: St Ging' ich doch nie von dort, noch jemals Ihr ahin!— Ant. Den Grund, wenn's einen giebt?— Wahrſ. Ich ſeh' ihn Im Geiſt; doch nicht mit Worten faſſ' ichs. Dennoch Eilt nur nach Afrika. Ant. Weiſſage mir, Weß Gluͤck ſteigt hoͤher? Caͤſars oder meins? Wahrſ. Caͤſars: Drum, o Antonius, weile nicht bei ihm: Sz. 3. 4. Antonius und Cleopatra. 213 Dein Geiſt, der dich beſchutzt, dein Daͤmon, iſt Hochherzig, edel, muthig, unerreichbar, Dem Cäfar fern: doch nah ihm wird dein Engel Zur Furcht, wie eingeſchuͤchtert. Darum bleibe Raum zwiſchen dir und ihm. Ant. Sag das nicht mehr. Wahrſ. Niemand als dir? dir nicht zum zweitenmal. Verſuche du mit ihm welch Spiel du willſt, Gewiß verlierſt du: ſein natuͤrlich Gluͤck Schlaͤgt dich, wie ſchlecht er ſteht: dein Glanz wird truͤbe, Strahlt er daneben: Noch einmal, dein Geiſt, Kommt er ihm nah, verliert den Muth zu herrſchen, Doch ihm entfernt, erhebt er ſich. Ant. Hinweg! Sag dem Ventidius, ſprechen woll' ich ihn: (Wahrſager ab.) Er ſoll nach Parthien.— Ob Geſchick, ob Zufall, Er ſagte wahr. Der Wuͤrfel ſelbſt gehorcht ihm! In unſern Spielen weicht vor ſeinem Gluͤck Mein beßrer Plan: ziehn wir ein Loos, gewinnt er: Sein Hahn ſiegt' uͤber meinen ſtets im Kampf, Wenn Alles gegen Nichts ſtand: ſeine Wachtel Schlug meine, ob auch ſchwaͤcher. Nach Egypten! Und ſchloß ich dieſe Heirath mir zum Frieden, (Ventidius kommt.) Im Oſt wohnt meine Luſt. O komm, Ventidius, Du mußt nach Parthien: fertig iſt dein Auftrag, Komm mit, und hohl' ihn. Cgehn ab.) 8 Vierte Szene. Daſelbſt. Eine Straße. (Es treten auf Lepidus, Mäcenas und Agrippa.) Lepidus. Bemuͤht Euch ferner nicht; ich bitt Euch, eilt, Folgt Euerm Feldherrn nach. Agr. Herr, Marc Anton Umarmt nur noch Hetavien; gleich dann gehn wir. Lep. Bis ich Euch wiederſeh' in Kriegertracht, Die beide zieren wird, lebt wohl. Mac. Wir ſind, 214 Antonius und Cleopatra. A. II. Kenn' ich die Gegend recht, am Vorgebirg Noch ehr als Ihr. Lep. Weil Eure Straße kuͤrzer:— Mein Vorſatz fuͤhrt mich einen weiten Umweg, Ihr kommt zwei Tage fruͤher. Wiaäc. Viel Erfolg! Lep. Lebt wohl. CAle ab.) Fuͤnfte Szene. Lletandrien. Zimmer im Pallaſt. (Cleopatra, Charmion, Jras und Alepas tre⸗ ten auf.) Cleopatra. Gebt mir Muſſk; Muſik, ſchwermuͤth'ge Nahrung Fuͤr uns verliebtes Volk!— Diener. He! Die Muſik! (Mardian kommt.) Cleop. Laßt es nur ſeyn. Wir woll'n zum Kugelſpiel: Komm, Charmion. Charm. Mich ſchmerzt der Armz mit Mardian ſpielt Ihr beſſer. Cleop. Ein Weib ſpielt mit dem Haͤmling wohl ſo gut Als mit'nem Weibe. Wollt Ihr mit mir ſpielen? Ward. Fuͤrſtin, ſo gut ich kann. Cleop. Wo guter Wille, käm' er auch zu kurz, Muß man dem Spieler nachſehn. och was Anders:— Gebt mir die Angel, kommt zum Fluſſe; dort Waͤhrend Muſik von fern erklingt, beruͤck' ich Den goldbefloßten Fiſch, mit krummen Haken Die ſchleim'gen Kiefern faſſend; und bei jedem, Den ich aufzog, denk' ich, es ſey Anton, Und ſag': aha! Dich fing ich!— Charm. Luſtig war Mit ihm das Wette⸗Angeln, als Eur Taucher Den Sahzſiſch haͤngt' an ſeine Schnur, den er So eifrig aufzog. Cleop. Jene Zeit! O Zeiten! Ich lacht' ihn aus der Ruh: dieſelbe Nacht Lacht' ich ihn in die Nuh: den naͤchſten Morgen Noch vor neun Uhr trank ich ihn auf ſein Lager, Sz. 5. Antonius und Cleopatra. 24⁵ That meinen Mantel ihm und Schleier um, Und ich derweil trug ſein Philippiſch Schwerdt.— O, von Italien!— (Ein Bote kommt.) Stopf' mir fruchtbare Zeitung in mein Ohr, Das lange brach gelegen. Bote. Fuͤrſtin! Fuͤrſtin!— Cleop. Antonius todt?— Sagſt du das, Sclav, ſo mord'ſt du deine Herrin:— Doch meldſt du ihn Geſund und frei, nimm Gold, und hier zum Kuß Die blauſten Adern: eine Hand, die zitternd Der Koͤn'ge Lippen kuͤßten. Bote. Er iſt wohl. Cleop. Hier noch mehr Gold.— Doch, Menſch! wir ſagen oft, Wohl ſey den Todten: wenn du's ſo gemeint, Schmelz' ich das Gold, das ich dir gab, und gieß es In deinen Gott verhaßten Schlund. Bote. O, hoͤrt mich! Cleop. Nun wohl, ich wills:— Doch ſagt dein Blick nichts Gutes. Wenn Anton Frei und geſund,— wozu die finſtre Miene Zu ſolcher frohen Poſt? Iſt ihm nicht wohl, Sollt'ſt du als Furie kommen, ſchlangumkraͤnzt, Und nicht in Mannsgeſtalt. Bote. Wollt Ihr mich hoͤren? Cleop. Ich moͤchte gleich dich ſchlagen, eh du ſprichſt: Doch wenn du meldſt, Anton ſey wohl, er lebe, Sey Caͤſars Freund, und nicht von ihm gefangen, Dann ßroͤm' ein goidner Regen dir, ein Hagel Von reichen Perlen. Bote. Er iſt wohl. Cleop. Recht gut! Bote. Und Caͤſars Freund. . Cleop. Du biſt ein wackrer Mann! Bote. Caͤſar und er ſind groͤßre Freund' als je. Cleop. Begehr' ein Gluͤck von mir! Bote. Fuͤrſtin, und doch.. Cleop. Ich haſſe dieß„und doch:“ es macht zu Nichts Den guten Vorderſatz: Pfui dem„und doch:“ „Und doch“ iſt wie ein Scherg' und fuͤhrt heran 2¹6 Antonius und Cleopatra. A. II. Fluchwuͤrd'ge Miſſethaͤter. Bitt dich, Freund, Geuß mir die ganze Bothſchaft in mein Ohr, Das Schlimm' und Gute.— Er iſt Freund mit Caͤſar, Geſund und friſch ſagſt du, und ſagſt in Freiheit? Bote. In Freiheit, Fuͤrſtin? Nein, ſo ſagt' ich nicht: Octavia bindet ihn. Cleop. In welchem Sinn? Bote. Als Ehgemahl. Eleop. Ich zittre, Charmion. Bote. Fuͤrſtin, er iſt Octavien vermaͤhlt. Cleop. Die giftigſte von allen Seuchen dir! (ſchlägt ihn.) Bote. Geduld, o Koͤnigin! Cleop. Was ſagſt du? Fort, Abſcheulicher Wicht! Sonſt ſtoß' ich deine Augen Wie Baͤlle vor mir her; raufe dein Haar, Laſſe mit Drath dich geißeln, bruͤhn mit Salz, Verzehrt von ſcharfer Lauge. Bote. Gnaͤd'ge Fuͤrſtin, Ich meldete die Heirath, ſchloß ſie nicht! Cleop. Sag, s' iſt nicht ſo: ich ſchenke dir ein Land, Daß du im Gluͤcke ſchwelgeſt: jener Schlag Sey Buße, daß du mich in Wuth gebracht, Und ich gewaͤhre jede Gunſt dir noch, Die Demuth wuͤnſchen mag. Bote. Er iſt vermaͤhlt. Cleop. Schurke, du haſt zu lang gelebt... Gieht einen Dolch.) ote. Dann lauf' ich:— Was wollt' Ihr, Fuͤrſtin? S iſt nicht ab. Charm. O Fuͤrſtin, faßt Euch! ſeyd nicht außer Euch!— Der Mann iſt ſchuldlos! Cleop. Wie manch Unſchuld'gen trift der Donnerkeil! Der Nil erſaͤuf' Egypten! Werdet Schlangen, Ihr ſanfteſten Geſchoͤpfe!— Ruft den Selaven, Bin ich auch toll, ich beiß' ihn nicht.— Ruft ihn. Charm. Er fuͤrchtet ſich vor dir. Cleop. Ich thu' ihm nichts. Ihr Haͤnde ſeyd entadelt, weil Ihr ſchlugt Den Mindern als ich ſelbſt: denn nur ich ſelbſt War Urſach meines Zorns.— Hieher denn, komm⸗ Sz. 5. Antonius und Cleopatra. A (Bote kommt zurück.) Ob wohl es redlich iſt, war's nimmer gut, Die ſchlimme Nachricht bringen: Freudenbothſchaft Verkuͤnd' ein Heer von Zungen, doch die ſchlimme Mag ſelbſt ſich melden, wenn man ſie empfindet. Bote. Ich that nach meiner Pflicht. Cleop. Iſt er vermaͤhlt? Ich kann nicht mehr dich haſſen als ich that, Sagſt du noch einmal Ja. Bote. Er iſt vermaͤhlt. Cleop. Fluch uͤber dich! So bleibſt du ſtets dabei?— Bote. Sollt' ich denn luͤgen? Cleop. O daß du es thaͤtſt! Und waͤr mein halb Egypten uͤberſchwemmt, Ein Pfuhl fur ſchupp'ge Nattern! Geh, entfleuch, Haͤtt'ſt du ein Antlitz wie Narciß, fuͤr mich Schienſt du ein Ungehener!— Er vermaͤhlt?— Bote. Ich bitt Euch um Vergebung.. Cleop. Er vermaͤhlt? Bote. Zuͤrnt nicht, daß ich Euch nicht erzuͤrnen willz Mich dafuͤr ſtrafen, was Ihr ſelbſt verlangt, Scheint hoͤchſt uurecht.— Er iſt Octaviens Gatte. Cleop. O daß dein Frevel dich zum Schurken macht, Der du nicht biſt! Wie! weißt du's ſicher? Fort! Die Waare, die du mir von Nom gebracht, Iſt mir zu theuer; bleibe ſie dir liegen, Und moͤge dich verderben.(Bote ab.) Charm. Faßt Euch, Hoheit. Cleop. Antonius zu erheben, ſchalt ich Caͤſarn,... Charm. Oft, gnaͤdge Fuͤrſtin. Cleop. Dafuͤr lohnt er nun!— Fuͤhrt mich von hier!. Mir ſchwindelt. Iras, Charmion!— Es geht voruber! Geh zu dem Boten, mein Aleras: heiß ihn Oetavias Zuͤge ſchildern, ihre Jahre, Ihr ganz Gemuͤth: er ſoll dir nicht vergeſſen Die Farbe ihres Haars: gieb ſchnell mir Nachricht. (Alexas ab.) Er geh' auf immer!— Nein doch! liebe Charmion, Wenn er auch Gorgo aͤhnlich ſieht von hier, Von dort gleicht er dem Mars: Sag dem Aleras, 218 Antonius und Cleopatra. A. II. Er melde mir, wie groß ſie iſt. Hab' Mitleid, Doch ſag nichte, Charmion.— Fuͤhrt mich in mein Zimmer. (Alle ab) Sechſte Szene. In der Nähe von Miſenum. (Es treten auf von der einen Seite, Pompejus und Menas, mit Trommeln und Trompeten; von der andern Cäſar, An⸗ tonius, Lepidus, Enobarbus und Mäcenas mit Truppen.) Pompejus. 25 habt nun meine Geißeln, ich die Euern, o laßt uns reden vor der Schlacht. Cäſ. Sehr loͤblich, Daß erſt verhandelt werde: darum ſandt' ich Voraus, was wir dir ſchriftlich zugeſtanden. Haſt du dieß wohl erwogen, zeig' uns an, Ob's in der Scheide haͤlt dein zuͤrnend Schwerdt, Und fuͤhrt zuruͤck Siciliens muth'ge Jugend, Die ſonſt hier fallen muß. Pomp. Hoͤrt mich, Ihr drei Alleinge Reichsverweſer dieſer Welt,. Hoͤchſte Statthalter Jupiters. Ich weiß nicht, Weshalb mein Vater Rache ſollt' entbehren, Dem Sohn und Freunde blieben, da doch Caͤſar, Der ſich dem edeln Brutus offenbart, Euch bei Philippi fuͤr ihn kaͤmpfen ſah. Was trieb den bleichen Caſſius zur Verſchwoͤrung? Was traͤnkte der altroͤm'ſche biedre Brutus Und wer noch ſonſt fuͤr holde Freiheit focht, Mit Blut das Capitol? Nur daß Ein Mann Nicht mehr ſey als ein andrer Mann! Und deshalb Ruͤſtet' auch ich die Seemacht, deren Laſt Das Meer zornſchaͤumend traͤgt, mit ihr zu geißeln Den Undank, den dieß ſchnoͤde Rom erwies Meinem erhabnen Vater. Cäſ. Nimm wahr der Zeit. Ant. Du ſchreckſt mit deiner Flott' uns nicht, Pompejus: Wir ſprechen uns zur See: zu Lande weißt du Wir viel wir reicher ſind.⸗ Sz. 6. Antonius und Cleopatra. 219 Pomp. O ja, zu Lande Biſt reicher du durch meines Vaters Haus: Doch weil der Kuckuk fur ſich ſelbſt nicht baut, Bleib drinn, ſo lang' du kannſt. Lep. Gefaͤllt's Euch, ſagt, (Denn dieß fuͤhrt uns vom Ziel) wie Euch beduͤnkt Der Vorſchlag, den wir thaten. Caſ. Dieß der Punkt.— Ant. Nicht ſey dazu gebeten; ſondern waͤge Was du dadurch gewinnſt. Caͤſ. Und was geſchehn kann, Noch groͤßres Gluͤck zu finden. Pomp. Ihr botet mir Sicilien und Sardinien, und ich ſoll Das Meer befrein von Raͤubern; ſoll nach Rom Vorrath von Waizen ſenden: thu' ich das, Ziehn wir mit unzerhacktem Schwerdt nach Haus, Und glattem Schild. Caͤſ. Ant., Das boten wir. Lep. Pomp. So wißt, Ich kam vor Euch hieher mit dem Entſchluß Dieß anzunehmen; nur daß Marc Anton Ein wenig mich verſtimmt.— Buͤß' ich ſchon ein An Ruhm, erzaͤhl' ichs ſelber:— dennoch, wißt! Als Caͤſar Krieg mit Euern Bruͤdern fuͤhrte, Fand Eure Mutter in Sicilien damals Den gaſtlichſten Empfang. Ant. Ich weiß, Pompejus; Und ſann zeither auf edle Dankbarkeit, Die ich Euch ſchuldig. Pomp. Gebt mir Eure Hand. Ich haͤtte nicht gedacht, Euch hier zu treffen. Ant. Es ruht ſich ſanft im Oſten, und ich dank' Euch Daß Ihr mich herrieft, eh's mein Vorſatz war; Denn ich gewann dabei. Cäſ. Seit ich Euch ſah, Habt Ihr Euch ſehr veraͤndert. Pomp. Nun, ich weiß nicht, Wie herbes Schickſal mein Geſicht gefurcht:— Doch nimmer ſoll mirs dringen in die Bruſt, Mein Herz ſich uͤberwaͤlt'gend. Antonius und Cleopatra. AII. Lep. Seyd willkommen! Pomp. Das hoff' ich, Lepidus. So ſind wir Eins.— Ich wuͤnſchte nun geſchrieben den Vertrag, Und unterzeichnet. Caͤſ. Das geſchehe gleich. Pomp. Wir wollen uns bewirthen, eh' wir ſcheiden, Und loſen wer beginnt.— Ant. Laßt mich beginnen! Pomp. Nein, loſen wir, Antonins: Ob der erſte, Ob letzte; Eurer Kochkunſt aus Egypten Gebuͤhrt der Preis. Ich hoͤrte, Julius Caͤſar Ward dort von Schmauſen fett⸗ Ant. Ihr hoͤrtet Vieles! Pomp. Ich meyn' es gut. Ant. Und ſetzt die Worte gut. Pomp. Nun wohl, ich hoͤrt' es: Und hoͤrt' auch das: Appollodorus trug. Enob. O ſtill davon! Er trug.. Pomp- Was?— Enob. Eine gewiſſe Monarchin hin zum Caͤſar in'ner Decke. Pomp. Run kenn' ich dich: wie geht dirs, Kriegsmann? 2 Enob. Gut; Und wie mirs ſcheint, auch ferner gut: ich ſehe, Vier Schmaͤuſe ſind im Werk. Pomp. Reich mir die Handz Ich hab' dich nie gehaßt: ich ſah dich fechten, Und neidete dir deinen Muth⸗ Enob. Mein Feldherr, Ich liebt Euch nie ſehr ſtark, doch lobt' ich Euch, Da Ihr wohl zehnmal ſo viel Lob verdient, Als ich Euch zugeſtand. omp. Dein offnes Weſen Erhalte dir, es ſteht dir wohl.— Ich lad' Euch all' an Bord meiner Galeere; Wollt' Ihr vorangehn? Alle. Fuͤhrt uns, Feldherr!— omp. Kommt. (Pompejus, Cäſar, n Soldaten und Ge⸗ folge ab. Wien.(beiſeit.) Dein Vater, Pompejus, waͤre nimmer dieſen Vergleich eingegangen.— Ihr und ich haben uns ſchon geſehn, Herr. Sz. 6. Antonius und Cleopatra. 22¹ Enob. Zur See, denk ich. Wen. Ganz recht, Herr. Enob. Ihr habt Euch gut zur See gehalten. WMen. Und Ihr zu Lande. Enob. Ich werde jeden loben der mich lobt, obgleich nicht zu laͤugnen iſt was ich zu Lande gethan. Men. Noch was ich zu Waſſer gethan.— Enob. Nun etwas koͤnnt Ihr ſchon fuͤr Eure Sicher⸗ heit laͤugnen; Ihr ſeyd ein großer Dieb zur See geweſen. Wen. Und Ihr zu Lande. Enob. Solchen Landdienſt laͤngne ich ab. Aber gebt mir die Hand, Menas: haͤtten unſre Augen jetzt Voll⸗ macht, ſo wuͤrden ſie hier zwei ſich kuͤſſende Diebe er⸗ tappen. Men. Aller Menſchen Geſichter ſind ohne Falſch, wie auch ihre Haͤnde beſchaffen ſind. Enob. Aber noch kein huͤbſches Weib hatte je ein Ge⸗ ſicht ohne Falſch. WMen. Das iſt kein Tadel, ſie ſtehlen Herzen.— Enob. Wir kamen, mit Euch zu fechten. WMen. Mir fuͤr mein Theil thuts leid, daß daraus ein Trinkgelag ward. Pompejus lacht heut ſein Gluͤck weg! Enob. Wenn das iſt, ſo kann ers gewiß nicht wieder zuruͤck weinen. Men. Sehr gewiß, Herr; wir dachten nicht, Marc Antonius hier zu treffen. Sagt doch, iſt er mit Cleopatra vermaͤhlt?— Enob. Caͤſars Schweſter heißt Octavia. Wen. Ja wohl, ſie war des Cajus Marcellus Weib. Enob. Und iſt nun des Marcus Antonius Weib. Wen. Was Ihr ſagt! Enob. S iſt wahr! Men. Dann ſind Cäſar und er fuͤr immer an ein⸗ ander geknuͤpft! Enob. Wenn es meines Amts waͤre, von dieſer Ver⸗ einigung zu weiſſagen, ich prophezeite nicht ſo. Men. Ich denke, in dieſer Angelegenheit that die Po⸗ litik mehr fuͤr die Heirath, als die Liebe der Vermaͤhlten. Enob. Das denk' ich auch. Aber Ihr ſollt ſehn, das Band, das ihre Freundſchaft zu verknuͤpfen ſcheint, erwuͤrgt ihre Verbruͤdrung. Octavia iſt von kaltem ſtillen Tem⸗ perament. men. Wer wuͤnſchte ſein Weib nicht ſo?— 222 Antonius und Cleopatra. A. II. Enob. Der nicht, der ſelbſt nicht ſo iſt: und das iſt Marc Anton. Sein Egyptiſches Mahl wird ihn zuruͤck⸗ ziehen: dann werden Oetavias Seufzer Caͤſars Feuer an⸗ fachen, und wie ich vorhin ſagte: was die Befeſtigung ihres Bundes ſcheint, wird die unmittelbare Veranlaſſung ihrer Entzweiung werden. Antonins wird ſeine Liebe zei⸗ gen wo ſie iſt; hier hat er nur ſeinen Vortheil gehei⸗ rathet.— Men. So wirds wohl kommen. Sagt, Herr, wollt Ihr an Bord? Ich habe eine Geſundheit fuͤr Euch. Enob. Die nehm' ich an, Herr; wir haben unſre Gur⸗ geln in Egypten eingeuͤbt. Men. Wir wollen gehn. (Beide ab.) Siebente Szene. An Bord von Pompejus Galeere. (Muſik. Es treten auf zwei oder drei Diener, die ein Ban⸗ 5 kett herein tragen.) 1. Diener. Gleich werden ſie hier ſeyn, Kamrad: ein paar von die⸗ ſen edlen Baͤumen ſind nicht mehr im Boden feſtgewurzelt, der kleinſte Wind kann ſie umwerfen. 2. Dien. Lepidus iſt ſchon hochroth. 1. Dien. Der hat trinken muͤſſen, wie keiner mehr mochte.— 2. Dien. Wie nur Einer dem Andern den wunden Fleck beruͤhrt, ruft er: haltet ein! und macht daß Jeder ſich ſeinen Friedensworten und er ſich dem Becher ergiebt. 1. Dien. Deſto größrer Krieg erhebt ſich zwiſchen ihm und ſeinen fuͤnf Sinnen. 2. Dien. Das kommt dabei heraus, in großer Herrn Geſellſchaft Kamrad zu ſeyn: eben ſo gern haͤtte ich ein Schilfrohr, das mir nichts mehr nutzen kann, als eine Hellebarde, die ich nicht regieren konnte. 1. Dien. In eine große Sphaͤre berufen ſeyn, und ſich nicht einmal darin bewegen koͤnnen, iſt wie Loͤcher, wo Angen ſeyn ſollten; was das Geſicht jaͤmmerlich entſteilt. S7. Antonius und Cleopatra. 223 (Eine Zinke wird geblaſen. Es treten auf Cäſar, Antonius, Pompejus, Lepidus, Agrippa, Mäcenas, Eno⸗ barbus, Menas, und andre Hauptleute.) Ant. Gum Cäſar.) So iſt der Brauch: ſie meſſen dort den Strom Nach Pyramidenſtufen: daran ſehn ſie, Nach Hoͤhe, Tief' und Mittelſtand, ob Thenrung, Ob Fuͤlle folgt. Je hoͤher ſchwoll der Nil, Je mehr verſpricht er: fällt er dann, ſo ſtreut Der Saͤmann auf den Schlamm und Moor ſein Korn, Und erndtet bald nachber. Lep. Ihr habt ſeltſame Schlangen dort!— Ant. Ja, Lepidus!— Lep. Eure Eoyptiſche Schlange wird alſo durch die Kraft Eurer Sonne aus Eurem Schlamm ausgebruͤtet; ſo auch Euer Crocodil?— Ant. So iſts. Fomp. Setzt Euch.— Mehr Wein! Auf Lepidus Geſundheit! Mir iſt nicht ſo wohl als ich ſeyn ſollte, aber ich in dabei. Enob. So lange bis Ihr einſchlaft; bis dahin bleibt Ihr gewiß nebenbei. Lep. Ja, das muß wahr ſeyn, dieſe Ptolomaͤiſchen Pyramichien, ſagt man, ſind allerliebſte Dinger; in allem Ernſt, das ſagt man. Mien. Cbeiſeit.) Ein Wort, Pompejus. Pomp. Sag ins Ohr, was iſits? Wen. Cbeiſeit) Steh' auf von deinem Sitz, ich bitt' di eldherr, Und hoͤr' mich auf ein Wort. omp. art noch ein Weilchen. Den Wein fuͤr* 3 Lep. Was fuͤr'ne Sorte von Geſchoͤpf iſt Euer Crocodil? Ant. Es hat eine Geſtalt, Herr, wie es ſelbſt, und iſt ſo breit als ſeine Breite betraͤgt; juſt ſo hoch als es hoch iſt, und bewegt ſich mit ſeinen eignen Gliedern; es lebt von ſeiner Nahrung, und haben ſeine Elemente ſich auf⸗ geloͤſ't, ſo wird ein neues Weſen aus ihm. Lep. Was hat es fuͤr eine Farbe?“ Ant. Auch ſeine eig enthuͤmliche Farbe. — 2⁴ Antonius und Cleopatra. A. II. Lep. Ein curioſer Wurm!— Ant. Allerdings. Und ſeine Thraͤnen ſind naß. Cäſ. Wird ihin dieſe Beſchreibung genuͤgen?— Ant. Nach allen Geſundheiten, die Pompejus ihm bringt; ſonſt iſt er ein wahrer Cpicur., Pomp. Cbeiſeit zu Menas.) Gch mir und laß dich haͤn⸗ gen! Das mir ül Geh, thu wie ich dir hieß. Wo bleibt mein Becher?— mien. Hab ich dir Treu bewieſen, hoͤr mich an, Und komm' beiſeit. Pomp. Du biſt nicht klug. Was willſt du? WMen. Ich zog die Muͤtze ſtets vor deinem Gluͤck. Pomp. Du haſt mir immer brav gedient: was weiter? — Munter, Ihr edeln Herrn! Ant. Nehmt Euch in Acht Vor dieſer Sandbank, Lepidus; Ihr ſinkt!— WMen. Willſt du Herr ſeyn der ganzen Welt? Pomp. Was ſagſt du? Wen. Willſt Herr der ganzen Welt ſeyn? Zweimal ſagt' ichs. Pomp. Wie ſollte das geſchehn? Men. Sey willig nur: Und ſchein' ich noch ſo arm, ich bin der Mann, Der dir die ganze Welt giebt. omp. Biſt du trunken? Wen. Mein Feldherr, vor dem Becher wahrt' ich mich; Du biſt, wenn du's nur wagſt, der Erde Zeus, Und was das Meer umgraͤnzt, umwoͤlbt der Himmel, Iſt dein, wenn du's nur willſt. Pomp. So ſag mir, wie?— Wen. Dieſe drei Weltentheiler, die Triumvirn, Faßt unſer Schiff; ich kappe jetzt das Tau, Wir ſtoßen ab, ich greif' an ihre Kehle, Und dein iſt alles. Pomp. Ah! haͤttſt du's gethan, Und nichts geſagt! In mir iſts Buͤberei, Von dir getreuer Dienſt. Vergiß es nie, Mein Vortheil nicht geht meiner Ehre vor, Die Ehre ihm. Bereu' es, daß dein Mund So deine That verrieth. Thatſt du's geheim, Dann haͤtt' ichs, wenns geſchehn, als gut erkannt, Doch nun muß ichs verdammen.— Vergiß, und trink! Sz. 7. Antonius und Cleopatra. 225 Men. Hinfort Folg' ich nie wieder deinem morſchen Gluͤck! Wer ſucht, und greift nicht was ihm einmal zulaͤuft, Findets nie wieder. Pomp. Lepidus ſoll leben! Ant. Tragt ihn ans Land: ich thu' fuͤr ihn Beſcheid⸗ Enob. Menas, dein Wohl! Men. Willkommen, Enobarbus!— Pomp. Fuͤllt bie zum Rand den Becher!— Enob. Der Kerl hat Kraͤfte, Menas! Wen. Wie? Enob. Da traͤgt er Den dritten Theil der Welt: Mann, ſiehſt du's nicht? Wen. Dieß Drittheil alſo trunken! Waͤrs die ganze, So kaͤm' es bald zu Rande. Enob. Trink, mach' uns keine Schande!— Men. 8, Sn itnchetah en omp. Dieß iſt noch kein Egyptiſch Feſt! Ant. Es kommt ihm doch ſchon nah. Stoßt an die Becher! aͤſ. Ich verbaͤt' es lieber; »S iſt ſchwere Arbeit mein Gehirn zu waſchen; Und es wird ſchmutz'ger. Ant. Sey ein Kind der Zeit! Caͤſ. Trink' aus, ich thu' Beſcheid: doch lieber faſt' ich Vier Tage lang, als Einen ſo viel trinken. Enob. O wackrer Imperator! Soll'n wir Egyptſchen Baechustanz beginnen, Und feiern dieſen— S omp. Recht ſo, mein Krieger!— Ant. Kommt, ſchleßenwir den Reih'n. 2 Bis der ſieghafte Wein den Sinn uns taucht Im ſuͤßen weichen Lethe. Enob. Nun umfaßt Euch; Stuͤrmt unſer Ohr mit laͤrmender Muſik, Bis ich Euch ſtelle: dann ſingt der Knab⸗ ein Lied, Und jeder faͤllt mit ein im Chor, ſo laut Als ſeine ſtarke Bruſt nur ſchmettern kann.— (Muſik. Enobarbus ſtellt ſie, und ſie ſchließen den Reihen.) Liſed. Komm du Koͤnig, weinbekraͤnzt, Bacchus, deſſen Auge glaͤnzt: Der hier fuͤr Caͤſar! 64 Antonius und Cleopatra. A. II. Sz. 7. Du verjagſt die Leidgedanken! In den Locken Epheuranken, Trinkt bis alle Welten ſchwanken, Trinkt bis alle Welren ſchwanken!— 8 Caſ. Was wollt Ihr mehr? Lit Nacht, Pompejus. ruder, Gehn wir, ich bitt' Euch: unſer ernſt Geſchaͤft Zuͤrnt dieſem Leichtſinn. Werthe Herrn, brecht auf, Ihr ſeht, die Wangen gluͤhn. Selbſt Enobarbus Iſt ſchwaͤcher als der Wein; auch meine Zunge Spaltet die Worte: wilder Taumel hat uns Zu Gecken faſt vermummt. Was red' ich hier? Gut Nacht! Die Hand, Antonius! ich bring' Euch ans Land. Ant. Gut, gebt die Hand, Herr. Pomp. O Anton, Ihr habt Des Vaters Haus: was thuts, wir ſind ja Freunde!— Kommt jetzt ins Boot. Enob. Nehmt Euch in Acht, und fallt nicht. (Pompejus, Cäſar, Antonius und Gefolge ab.) Menas, ich will nicht mit. Men. Komm zur Cajuͤte. He, unſre Trommeln, Floͤten, Cymbeln, he! Hoͤr es, Neptun, welch lauten Abſchied wir Dieſen Gewalt'gen bringen; blaſ't, ſo blaſ't doch!— (Trompeten und Trommeln.) Enob. Halloh! die Muͤtzen ſchwenkt! Mien. Brav, wackrer Kriegsmann!— Cgehn ab.) Kommt!— Antonius und Cleopatra. 227 Erſte Szene. Eine Ebene in Syrien. (Ventidius tritt auf, wie nach einem Siege; mit ihm Si⸗ lius, und andre römiſche Hauptleute und Soldaten; vor ihnen wird der Leichnam des Pacorus getragen.) Pentidius. So, kuͤhnes Parthien, ſchlug ich dich, und ſo Erwaͤhlte mich das Gluͤck, des Craſſus Tod Zu raͤchen. Tragt den todten Koͤnigsſohn Dem Heer voran: Orodes, dein Pacorus Zahlt dieß fuͤr Craſſus. 2 Sil. Wuͤrdiger Ventidius! Weil noch vom Partherblute raucht dein Schwerdt, Folge den fluͤcht'gen Parthern ſchnell durch Medien, Meſopotamien, und in alle Schluchten, Wohin die Flucht ſie trieb: dann hebt dein Feldherr Antonius auf den Siegeswagen dich, Und kraͤnzt dein Haupt mit Lorbeern. Vent. Silius, Silius!— Ich that genug. Ein Untergebner, merk' es, Glaͤnzt leicht zu hell: denn wiſſe dieß, o Silius:— Beſſer nichts thun, als zuviel Ruhm erwerben Durch tapfre That, wenn unſre Obern fern. Caͤſar und Marc Anton gewannen ſtets Durch Diener mehr als durch ſich ſelber: Soſſins, Sein Hauptmann,(der vor mir in Syrien ſtand) Verlor, weil ihn zu ſchnell der Ruf erhob, Den er erlangt, im Umſehn, ſeine Gunſt. Wer mehr im Krieg thut als ſein Feldherr kann, Wird ſeines Feldherrn Feldherr: und der Ehrgeiz, Des Kriegers Tugend, waͤhlt Verluſt wohl lieber, Als Sieg, der ihn verdunkelt. Ich koͤnnte mehr thun zu Antonius 1* 228 Antonius und Cleopatra. A. IIMI. Doch wuͤrd's ihn kranken; und in ſeiner Kraͤnkung Verſchwaͤnde mein Bemuͤhn. Sil. Du haſt, Ventidius, Was, fehlt es ihm, den Krieger und ſein Schwerdt Kaum unterſcheiden laͤßt.— Schreibſt du dem Marc Anton? Vent. Ich meld' in Demuth, was in ſeinem Namen, Dem mag'ſchen Feldgeſchrei, uns dort gelang: Wie ſein Panier, ſein wohlbezahltes Heer, Die nie beſiegte Parth'ſche Reiterei Mit Schmach vom Feld gejagt. Sil. Wo iſt er jetzt? Pent. Er wollte nach Achen: und dort mit ſo viel Eil, Als unſres Zugs Beſchwer vergoͤnnen will, Erſcheinen wir vor hm. Nun vorwaͤrts, weiter!— ab. Sweite Szene Rom. Ein Vorzimmer in Cäſars Hauſe. (Agrippa und Enobarbus begegnen einander.) Agrippa. Wie! trennten ſich die Bruͤder? Enob. Sie ſind Eins mit Pompejus: Er iſt fort, Die Andern unterzeichnen. Ockavia weint, Von Rom zu gehn: Caͤſar iſt traurig; Lepidus, (Wie Menas ſagt,) hat ſeit Pompejus Schmaus Die Bleichſucht. Agr. Ei du wackrer Lepidus!— Enob. Ausbuͤndigſtes Gemuͤth! Wie liebt er Cäſarn!— Agr. Und wie entzuckt ihn vollends Marc Anton!— Enob. Cäſar? Das iſt der Jupiter der Menſchheit! Agr. Und Marc Anton? Der Gott des Jupiter!— Enob. Spracht Ihr vom Sil der nie Er⸗ reichte!— Agr. Und Marc Anton? Der Phoͤnir aus Arabien! Pnob. Caͤſarn zu loben ſprecht: Caͤſar! Nichts mehr!— Agr. Ja, Beiden ſpendet er erhabnes Lob. Tnob. Doch Cäſarn mehr. Zwar liebt er auch Anton, „ Sz 2. Antonius und Cleopatra. 229 Nicht Herz, Wort, Griffel, Schreiber, Bard' und Dichter, Denkt, ſpricht, mahlt, ſchreibt, ſingt, reimt, was er . empfindet Fuͤr Marc Anton: doch nennt Ihr Caͤſarn, kniet, Kniet nieder, kniet und ſtaunt. Agr. Er liebt ſie beide. Enob. Sie ſind ihm ſchwere Flugel, er ihr Kaͤfer.— (Trompetenſtoß.) So, Das heißt zu Pferd. Leb wohl, edler Agrippa!— Agr. Viel Gluͤck, mein wackrer Krieger, und lebt wohl!— (Es treten auf Cäſar, Antonius, Lepidus und Hetaia.) Ant. Nicht weiter, Herr!— Caäſ. Ihr nehmt von mir ein Theil von mir elbſt; Ehrt mich in ihm. Schweſter, ſey ſolch ein Weib, Wie dich mein Herz gedacht, mein hoͤchſtes Pfand Dir Buͤrgſchaft leiſten moͤchte. Mein Anton, Laß nie dieß Staͤrkungsmittel, zwiſchen uns Als unſrer Liebe Moͤrtel eingeſetzt, Sie feſt zu gruͤnden,— Mauerbrecher werden, Sie zu zerſchmettern. Beſſer dann fuͤr uns, Wir liebten ohne ſie, wenn beide nicht Dieß Mittel heilig achten. Ant. Kraͤnkt mich nicht Durch Mißtraun. Cäſ. Nun genug. Ant. Nie geb' ich Euch, So fein Ihr pruͤfen moͤgt, den kleinſten Anlaß Zu ſolcher Furcht. So ſchuͤtzen dich die Goͤtter, Und lenken deinem Wunſch die Herzen Roms!— Wir ſcheiden hier!— Cäſ. Leb wohl, geliebte Schweſter, lebe wohl: Die Elemente ſeyn dir hold, ſie ſtaͤrken Mit frohem Muth dein Herz! Gehab' dich wohl. Get. Mein edler Bruder!— Ant. April iſt dir im Aug, der Liebe Lenz, Und Thraͤnen ſind der Regen die ihn kuͤnden! Blick' heiter! 230 Antonius und Cleopatra. A. II. O, ſorge doch fuͤr meines Gatten Haus, nd** Caͤſ. Wie, Octavia? GOct.„heimlich ſag' ichs dir. Ant. Ihr Mund gehorcht demgehen nicht, noch ann Das Herz die Zunge meiſtern: wie des Schwans Flaumfeder ſteht auf hochgeſchwellter Fluth, Und ſinkt auf keine Seite. Enob. Wird Caͤſar weinen? Agr. Wolken ſtehn im Auge!— Enob. Das waͤre ſchlimm genug, waͤr er ein Pferd; So mehr fuͤr einen Mann. Agr. Wie, Enobarbus? Antonius, als er Caͤſar'n ſah erſchlagen, Da ſchrie er ſchluchzend; und er weinte auch Ueber des Brutus Leiche bei Philippi. Enob. Nun, in dem Jahre hatt' er wohl den Schnupfen! Was er mit Luſt zerſtort, netzt' er mit Thraͤnen? Das glaubt, wenn ich auch weine. Cäſ. Nein, theure Schweſter! Stets ſollſt du von mir hoͤren: keine Zeit Soll dein Gedaͤchtniß tilgen. Ant. Kommt nun, kommt. Laßt mich mit Euch in Kraft der Liebe ringen, Seht, ſo noch halt' ich Euch: ſo laß ich los, Und gebe Euch den Goͤttern. Caͤſ. Geht! Seyd glucklich!— Lep. Die ganze Schaar der Stern⸗ umleuchte dir Den heitern Pfad!— Cäſ. Leb wohl! leb wohl!(umarmt Octavia.) Ant. Leb wohl! (Trompetenſtoß. Alle ab.) h „— Sz. 3. Antonius und Cleopatra. 231 Dritte Szene. Alexandria. Ein Zimmer im Pallaſt. (Es treten auf Cleopatra, Charmion, Iras und Aleras.) Cleopatra. Wo iſt der Menſch? Alex. Er fuͤrchtet ſich zu kommen. Cleop. Nur zu, nur zu: tritt naͤher, Freund. (Bote tritt auf.) Alex. Monarchin, Herodes von Judaͤa ſcheut dein Auge, Wenn du nicht heiter! Cleop. Des Herodes Haupt Verlang' ich: aber wie? wer kann mirs ſchaffen, Seit Marc Anton nicht hier iſt!— Komm, nur naͤher!— Bote. Huldreiche Majeſtͤt Cleop. Haſt du Octavien Selber geſehn? Bote. Ja, Herrin. Cleop. Wo? Bote. In Rom. Ich ſah ihr ins Geſicht; ſah ſie gefuͤhrt Von ihrem Bruder, und vom Marc Anton. Cleop. Iſt ſie ſo groß als ich? Bote. Nein, gnaͤd'ge Fuͤrſtin. Cleop. Hoͤrtſt ihre Sprache? Iſt tief ſie oder hell? Bote. Ich hoͤrte wie ſie ſprach, mit tiefer Stimme. Cleop. Dann klingts nicht gut, i liebt er ſie nicht ang. Charm. Sie lieben? Nun bei Iſis. ganz unmoͤglich! Cleop. Das hoff' ich, Charmion! dumpf von Stimm' 8 und zwerghaft! Iſt Majeſtaͤt in ihrem Gang? Beſinn' dich, Wenn du je Majeſtaͤt geſehn! Bote. Sie kriecht; Ihr Stillſtehn und Bewegen ſind faſt Eins; Sie zeigt ſich mehr ein Koͤrper als ein Leben, Mehr Bildniß als beſeelt. Cleop. Iſt das gewiß? 232 Antonius und Cleopatra. A. III. Bote. Sonſt fehlt mir Scharfblick.. Charm. Drei in ganz Egypten Bemerken beſſer nicht. Cleop. Er zeigt Verſtand, Das ſeh' ich wohl. Von der iſt nicht zu fuͤrchten:— Der Menſch hat gutes Urtheil. Charm. Ausgezeichnet!— Cleop. Wie alt wohl mag ſie ſeyn? Bote. Sie war Schon Wittwe, Fuͤrſtin. Cleop. Wittwe? Charmion„hoͤrſt du?— Bote. Auf Dreißig ſchaͤtz' ich ſie. Cleop. Schwebt dir ihr Antlitz vor? lang oder rund? Bote. Ganz uͤbertrieben rund⸗ Cleop. Solche Geſichtet Verrathen meiſt auch Einfalt. Was für Haar?— Bote. Braun, Fuͤrſtin: und ſo niedrig ihre Stirn, Wie man's nur ſehn mag. Cleop. Nimm, da haſt du Gold.— Ich geb' dir Briefe mit zuruͤck; du ſcheinſt mir Sehr brauchbar in Geſchaͤften. Mach dich fertig, Die Briefe ſind bereit.(Bote ab.) Charm. Ein huͤbſcher Mann!— Cleop. Das iſt er auch; und ich bereue ſehr, Daß ich ihn ſo gerauft. Nun, ſo nach ihm Kann das Geſchoͤpf nicht viel bedeuten⸗ Charm. Gar nichts!— Cleop. Er ſah doch Majeſtät und muß ſie kennen. Charm. Ob er ſie ſah! Nun, Iſis moͤg' ihm helfen, o lang' in Euerm Dienſt!— Cleop. Ich muß ihn Eins noch fragen, gute Charmion; Doch thut es nichts. Geh, bring ihn auf mein Zimmer, Da will ich ſchreiben. Noch vielleicht gelingts! Charm. Fuͤrſtin, verlaßt Euch drauf. Cgehn ab.) — Sz. 4. Antonius und Cleopatra. W Vierte Szene. Athen. Zimmer in Antonius Hauſe. (Antonius und Octavia treten auf.) Antonins. Nein, nein, Octavia;'s iſt nicht das allein; Das waͤr' verzeihlich: das und tauſend andres Von gleicher Art. Doch neuen Krieg begann er, Wider Pompejus; las ſein Teſtament Dem Volke vor; Sprach leicht von mir, und mußt' er mein durchaus Ruhmvoll erwaͤhnen, that ers doch nur kalt Und matt, und brauchte hoͤchſt verkleinernd Maaß: Den naͤchſten Anlaß nahm er nicht, und mußt' er, Geſchah's nur nebenher. Gct. O theurer Gatte, Glaub doch nicht Allem, oder mußt du glauben, Nimms nicht als Kraͤnkung. Ungluckſebger ſtand (Lrennt Ihr Euch jetzt) kein Weib je zwiſchen beiden, Fuͤr beide betend: Die guten Goͤtter werden meiner ſpotten, Fleh' ich zu ihnen: Schuͤtzet meinen Bruder, Und widerruf' es mit gleich lautem Flehn: Schuͤtzt den Gemahl! Mag Gatte, Bruder ſiegen, Zerſtoͤrt Gebet das Beten: kein Vermitteln Liegt zwiſchen dieſem Aeußerſten. Ant. O Theure, Schenk' deine beſte Liebe dem, der ihr Den beſten Schutz verheißt. Die Ehre miſſen, Heißt alles miſſen. Beſſer, nicht der deine, Als dein ſo ſchmuckberaubt. Doch, wie du's bateſt, Sey Botin zwiſchen uns; derweil, Octavia, Will ich die Ruͤſtung ordnen dieſem Krieg, Der deinem Bruder Schmach bringt. Eiligſt fort; So wird dir, was du wuͤnſcheſt. Gct. Dank meine Gatte! Der Weltregierer mache mich, die Schwächſte, Euch zur Verſoͤhnerin!— Krieg zwiſchen Euch, Das waͤr als ſpaltete die Welt, und Leichen Fuͤllten die weite Kluft!— Ant. Wenn du es einſiehſt, wer den Zwiſt begann, 234 Antonius und Cleopatra. A. MII. Lenk' dorthin deinen Tadel:— Unſre Schuld Kann nicht ſo gleich ſeyn, daß ſich deine Liebe Gleichmaͤßig theilte. Nun betreib' die Reiſe, Waͤhl' dein Gefolge ſelbſt, und wieviel Aufwand Dir irgend nur beliebt. C(gehn ab.) Fuͤnfte Szene. Ein andres Zimmer daſelbſt. (Enobarbus und Eros, einander begegnend.) Enobarbus. Was giebt es, Freund Eros? Eros. Herr, man hoͤrt ſeltſame Neuigkeiten. Enob. Was denn? Caͤſar und Lepidus haben dem Pompejus Krieg erklaͤrt. Enob. Das iſt etwas Altes. Wie war der Ausgang? Eros. Caͤſar, nachdem er ihn im Krieg wider Pompejus gebraucht, verweigert ihm jetzt alle Mitgenoſſenſchaft; läͤßt ihm keinen Theil an dem Ruhm des Feldzugs; und damit nicht zufrieden, beſchuldigt er ihn, vormals dem Pompejus Briefe geſchrieben zu haben: auf ſeine eigne Anklage ſetzt er ihn feſt, und ſo iſts nun mit dem armen dritten Mann vorbei, bis Tod ſein Gefaͤngniß oͤffnet. Enob. So wollt' ich denn, du waͤrſt der einz'ge 6 Rachen! Werft ihm die ganze Welt als Futter hin, So ſchlingt er alles. Wo iſt Marc Anton? Eros. Er geht im Garten ſo: ſtoßt mit dem Fuß Die Binſen vor ſich her; ruft: Lepidus! du Thor! Und droht der Gurgel des Soldaten, der Pompejus ſchlug. Enob. Die Flott' iſt ſegelfertig. Eros. Wider Italien und den Caͤſar.— Eins noch: Anton verlangt Euch jetzt; die Neuigkeit Konnt' ich Euch ſpaͤter ſagen. n S wird nichts ſeyn: Doch woll'n wir ſehn. Fuͤhr' mich zu ihm. Eros. So komm. 5(gehn ab.) Sz. 6. Antonius und Cleopatra. 285 S e ch ſt e Szene. Rom. Zimmer in Cäſars Hauſe. (Es treten auf Cäſar, Agrippa und Mäcenas.) Cäſar. Rom zur Verhoͤhnung that er dieß und mehr. In Alexandria,(hier ſchreibt man mir's,) Thronten auf offnem Markt, vor allem Volk, Cleopatra und er auf goldnen Stuͤhlen Und ſilbernem Geruͤſt: zu ihren Fuͤßen Caͤſarion, meines Vaters Sohn genannt, Und all' die Baſtardbrut, die ihre Luſt Seitdem erzeugt. Zur Herrſchaft von Egypten Gab er ihr Cypern, Nieder-Syrien, Lydien, Als einer unumſchraͤnkten Koͤnigin. Mäc. Dieß vor den Augen alles Volks? Cäſ. Auf oͤffentlicher Buͤhne, wo ſie ſpielen, Setzt' er zu Koͤn'gen uͤber Koͤn'ge ſeine Soͤhne: Groß⸗Medien, Parthien und Armenien Gab' er dem Alexander: Ptolomaͤus Syrien, Cilicien und Phoͤnicien: Sie Trug an dem Tag der Gottin Iſis Kleid, In dem ſie oft zuvor, wie man erzaͤhlt, Gehoͤr ertheilt. Mac. Die Nachricht laßt in Rom Verbreiten. Agr. Laͤngſt durch ſeinen Uebermuth Verſtimmt, wird es ihm ſeine Gunſt entziehn. Caͤſ. Das Volk erfuhr's, und ihm nun gleich⸗ alls Die Klag' erhalten. Agr. Wen beſchuldigt er? Cäſ. Caͤſarn? Zuerſt, daß als Sicilien wir Pompejus nahmen, wir nicht abgetheilt Fuͤr ihn die Haͤlfte: daß er Schiffe mir Geliehn, und nicht zuruck erhielt: Dann zuͤrnt er, Daß Lepidus aus dem Triumvirat Entſetzt ward, und wir auf ſein ganz Vermoͤgen Beſchlag gelegt. „ Agr. Darauf muͤßt Ihr erwiedern. Caͤſ. Das iſt geſchehn, ich fandte ſchon den Boten. 236 Antonius und Cleopatra. A. III. Lepidus, ſchrieb' ich, ſey zu grauſam worden; Gemißbraucht hab' er ſeine hohe Macht, Und dieſen Fall verdient: Was ich eroberk, Das woll' ich theilen; doch verlang' ich auch Ein gleiches fuͤr Armenien, und die andern Beſiegten Reiche. Mac. Nimmer raͤumt er's ein. Cäſ. So wird das Andre ihm nicht eingeräumt. (Octavia tritt auf.) Get. Heil Caͤſarn, meinem Heil, theurer äſar! Caͤſ. Daß ich dich je Verſtoßne mußte nennen!— Get. Du nannteſt nicht mich ſo, noch haſt du Grund. Cäſ. Stahlſt du dich heimlich nicht hieher? Du kommſt nicht Wie Caͤſars Schweſter! Des Antonius Weib Mußt“ uns ein Heer anmelden, und das Wiehern Der Roſſe ihre Ankunft uns verkuͤnden, Lang' eh' ſie ſelbſt erſchien: die Baͤum' am Wege Beſeßt mit Menſchen ſeyn, Erwartung ſchmachten In ſehnlichem Verlangen: ja der Staub Mußte zum Dach des Himmels ſich erheben, Erregt vom Volksgewuͤhl! allein du kommſt Gleich einer Baͤn'rin her nach Rom, die Huld'gung Vereitelnd unſrer Gunſt, die, nicht gezeigt, Oft ungeliebt bleibt. Dich begruͤßen ſollten Geſtad' und Meer, auf jeder Ruheſtätte Mit neuem Prunk dich feiernd. Gct. Theurer Bruder, Nicht kam ich ſo, weil man mich zwang; ich thats Aus freier Wahl. Antonius, mein Gebieter, Von deiner Ruͤſtung hoͤrend, gab mir Nachricht Der boͤſen Zeitung; und ſogleich begehrt' ich Urlaub zur Heimkehr. Caſ. Den er gern gewaͤhrt, Weil zwiſchen ihm und ſeiner Luſt du ſtandſt! Gct. Denke nicht ſo. Caͤſ. Ich faßt' ihn wohl ins Auge, Mir bringt der Wind von ſeinem Thun die Kunde. Wo iſt er jetzt? Get. Noch in Athen, mein Bruder!— Caſ. Nein, ſchwer gekraͤnkte Schweſter. Cleopatra Sz. 6. Antonius und Cleopatra. 237 Pat ihn zu ſich gewinkt. Er gab ſein Reich An eine Metze, und nun werben ſie Der Erde Koͤn'ge fuͤr den Krieg. Ihm folgen Bochus, Koͤnig von Libyen; Archelaus Von Cappadocien; Philadelphus, Koͤnig Von Paphlagonien; Thraciens Fuͤrſt Adallas; Fuͤrſt Malchus von Arabien; der von Pontus; Herodes von Judaͤa, Mithridat Von Comagene:— Polemon und Amintas, Der Lycaonier und der Meder Fuͤrſten, Und noch viel andre Scepter. Get. Ach ich Aermſte, In deren Herz ſich zwei Geliebte theilen, Die bittre Feindſchaft trennt!— Caͤſ. Sey hier willkommen. Nur deine Briefe hemmten noch den Ausbruch, Bis wir zugleich erkannt wie man dich taͤuſchte, Und Saͤumniß uns gefaͤhrde. Sey getroſt, Dich kuͤmmre nicht der Zeitlauf, deſſen ſtrenge Nothwendigkeit dein friedlich Gluͤck bedroht. Nein, ſchau den vorbeſtimmten Schickſalsgang Jetzt ohne Thraͤnen; ſey gegruͤßt in Rom, Theurer als je: weit uͤber alles Maaß Wardſt du gekraͤnkt; und die erhabne Gottheit Macht, dich zu raͤchen, uns zu ihren Dienern, Und alle die dich lieben. Theures Leben, Sey immer uns gegruͤßt. Agr. Gegruͤßt, Verehrte. Mäc. Gegruͤßt, erhabne Frau; Ganz Rom iſt Euch ergeben, und beklagt Euch: Nur Marc Anton, im frechen Ehebruch Und allem Greul vermeſſen, ſtoͤßt Euch aus, Und gibt ſein Scepter einer Buhlerin Als Waffe wider uns. Get. Iſt dieß die Wahrheit? Cäſ. Nur zu gewiß. Willkommen, Schweſter; bitt' dich, Bleib ſtandhaft und geduldig.— Liebſte Schweſter!— —— 238 Antonius und Cleopatra. A. III. Siebente S üe Antonius Lager bei dem Vorgebirge Actium. (Cleopatra und Enobarbus treten auf.) Cleopatra. Ich werde dirs gedenken, zweifle nicht!— Enob. Warum? warum denn?— Cleop. Du widerſprachſt, daß ich zum Kriege folgte, Und ſagt'ſt, es zieme nicht. Enob. Nun, ziemt es denn? Cleop. Warum, rechtfert'ge dich, warum nicht zoͤg' ich Mit ihm ins Feld? Enob.(beiſeit.) Ei nun, ich koͤnnt' erwiedern, Wenn wir mit Stut und Hengſt dem Feind begegnen, Sey's um den Hengſt geſchehn; die Stute truͤge Den Reiter und ſein Roß. Cleop. Was ſagſt du da? Enob. Eur Beiſeyn muß durchaus Anton verwirren, Und ihm an Herz und Hirn und Zeit entwenden, Was dann hoͤchſt unentbehrlich. Zeiht man doch Ihn ſchon des Leichtſinns, und erzaͤhlt in Rom, PPhotinus der Eunuch, und Eure Weiber Regierten dieſen Krieg. Cleop. Fluch Rom! Verdorren Die Zungen dieſer Laͤſtrer! Unſer iſt Der Krieg, und als der Vorſtand meines Reichs Streit' ich in ihm als Mann. Sprich nicht dagegen, Ich bleibe nicht zuruͤck. Enob. Ich ſage nichts; Hier kommt der Imperator. (Antonius und Canidius treten auf.) Ant. Wie ſeltſam iſts, Canidius, Wie konnt' er von Tarent doch und Brunduſium So ſchnell durchſchneiden das Jon'ſche Meer, Und Toryn nehmen? hoͤrteſt du's, Geliebte? Cleop. Geſchwindigkeit wird nie ſo ſehr bewundert, Als von Saumſeligen. Ant. Ein guter Vorwurf, Sz. 7. Antonius und Cleopatra. 239 Wie er dem beſten Manne wohl geziemt, Nachlaͤſſigkeit zu ruͤgen.— Wir, Canidius, Bekaͤmpfen ihn zur See. Cleop. Zur See! Wie ſonſt?— Lan. Warum denn das, mein Feldherr? Ant. Weil er uns dorthin fordert. Enob. So hat Anton ihm Zweikampf an eboten? Can. Ja, und die Schlacht zu wagen bei Pharſalia, Wo Caͤſar mit Pompejus focht: Doch beides, Weils ihm nicht vortheilhaft, weißt er zuruͤck; So ſolltet Ihr. Enob. Die Flott' iſt ſchlecht bemannt; Eur Schiffsvolk Landſoldaten, Bauern, Leute In flaͤcht'ger Eil geworben: Caͤſars Mannſchaft Dieſelbe, die Pompejus oft bekaͤmpft, Leicht ſeine Segler, Eure ſchwer. Kein Unheil Erwaͤchſt fur Euch, wenn Ihr zur See ihn meidet; Zu Lande ſeyd Ihr ſtark. Ant. Zur See! Zur See!— Enob. O großer Mann! dadurch vernichteſt du Dein' unerreichte Feldherrnkunſt zu Land; Verwirrſt dein Heer, von dem die groͤßte Zahl Erprobtes Fußvolk iſt: unangewandt Bleibt deine Kriegeskenntniß: du verfehlſt Den Weg, der dir Erfolg verheißt, und giebſt Dich ſelbſt dem eitlen Gluͤck und Zufall hin, Statt feſter Sicherheit! Ant. Zur See!— Cleop. Ich bring' Euch ſechzig Segel, Cäſar hat nicht beßre. Ant. Der Schiffsmacht Ueberzahl verbrennen wir, Und mit dem wohlbemannten Reſt, am Vorland Von Actium, ſchlag' ich Caͤſarn. Fehlt es uns, Dann ſeys zu Lande noch verſucht.— (Ein Bote tritt auf.) Was bringſt du? Bote. Es iſt beſtätigt, Herr, er ward erſpaͤht, Caͤſar nahm Toryn ein. Ant. Kann er perſoͤnlich dort ſeyn? S iſt unmoͤglich. Schon viel, wenn nur ſein Heer es iſt. Canidius, Du bleibſt am Land mit den zwoͤlftauſend Pferden, 240 Antonius und Cleopatra. A. III. Und allem Fußvolk.— Wir gehn jetzt zu Schiff; (Ein Soldat tritt auf.) Komm, meine Thetis.— Nun, mein wuͤrd'ger Kriegsmann? Sold. O, Imperator! Fechtet nicht zur See, Baut nicht auf morſche Planken! Traut Ihr nicht Dem Schwerdt und dieſen Wunden, laßt die Syrer Und die Egypter wie die Enten tauchen: Wir lernten ſiegen auf dem feſten Grund, Und fechtend Fuß an Fuß. Ant. Schon gut! hinweg!— (Cleopatra, Antonius und Enobarbus ab.) Sold. Beim Hercules! Mir daͤucht, ich habe Recht. Can. Das haſt du, Freund. Doch all' ſein Thun erwaͤchſt nicht Aus eigner Macht: So fuͤhrt man unſern Fuͤhrer, Und wir ſind Weiberknechte. Sold. Ihr behaltet Zu Land das Fußvolk und die Reiter alle?— Can. Marcus Octavius, und Marcus Juſtejus, Publicola und Caͤlius ſind zur See; Wir alle ſtehn am Lande. Dieſe Eil Des Caͤſar iſt unglaublich. Sold. Seine Macht Zog ſo vereinzelt ſich aus Rom, daß er Die Spaͤher taͤuſchte. Can. Wißt Ihr, wer ſie fuͤhrt? Sold. Man nannte Taurus. Can. Der iſt mir bekannt. (Ein Bote kommt.) Bote. Der Imperator laͤßt Canidius rufen. Can⸗ Die Zeit iſt Neuigkeiten⸗ſchwanger; ſtundlich Gebiert ſie eine. (Alle ab.) Sz. 8. Antonius und Cleopatra. 24¹ Achte Szene. Eine Ebene bei Actium. (Cäſar, Taurus, Hauptleute und Gefolge treten auf.) Caſar. Taurus!— Taur. Herr? Caͤſ. Kaͤmpf' nicht zu Lande: bleib' geſchloſſen, Beut nicht die Schlacht, bis ſichs zur See entſchied; Durchaus nicht uͤbertrete dieß Gebot: Auf dieſem Wurf ſteht unſer Gluͤck. Cgehn ab.) (Antonius und Enobarbus treten auf.) Ant. Stellt unſre Schaaren hinterm Huͤgel auf, Im Angeſicht von Caͤſars Heer: Von dort Laͤßt ſich die Zahl der Segel uͤberſehn, Und dem gemaͤß verfahren. (gehn ab.) (Von der einen Seite Canidius, mit ſeinen Landtruppen über die Bühne ziehend; von der andern Taurus, Cäſars Unterfeldherr. Nachdem ſie vorbei marſchirt ſind, hört man das Getöſe einer Seeſchlacht.) (Feldgeſchrei. Enobarbus kommt zurück.) Enob. Schmach, Schmach! O Schmach! Ich kanns nicht laͤnger ſehn! Die Antoniad', Egyptens Admiralſchiff, Mit allen ſechz'gen flieht, und kehrt das Ruder: Das ſeh'n, verzehrt die Augen mir!— (Scarus tritt auf.) Scar. O Goͤtter und Goͤttinnen! O Rathsverſammlung aller Himmelsſchaaren!— Enob. Warum ſo außer dir? Scar. Das groͤßre Eckſtuck dieſer Welt, verloren Durch baaren Unverſtand; wir kuͤßten weg Provinzen und Koͤnigreiche! Enob. Wie ſchaut das Treffen? Auß unſrer Seite wie gebeulte weſi 16 242 Antonius und Cleopatra. A. MI. Wo Tod gewiß. Die Schandmaͤhr' aus Egypten,— — Der Ausſatz treffe ſie! In Kampfes Mitte, Als Vortheil wie ein Zwillingspaar erſchien, Sie beide gleich, ja aͤlter faſt der unſre,— Die Bremſ“ auf ihr, wie eine Kuh im Junius, Hißt alle Segel auf, und flieht. Enob. Ich ſah's; Mein Aug' erkrankte wie's geſchah; nicht konnt' es Ertragen mehr zu ſchaun. Sear. Sie kaum gewandt, Als ihres Zaubers edler Wrack, Antonius, Die Schwingen ſpreitend wie ein bruͤnſt'ger Entrich, S verlaͤßt auf ihrer Hoͤh, und fliegt r nach:— och nimmer ſah' ich eine That ſo ſchaͤndlich: Erfahrung, Mannheit, Ehre, hat noch nie Sich ſelber ſo vernichtet!— Enob. Weh uns! weh!— (Canidius tritt auf.) Can. Zur See iſt unſer Gluͤck ganz außer Athem, Und ſinkt hoͤchſt jammervoll. War unſer Feldherr heut Nur wie er ſelbſt ſich kannte, gieng es gut! O, er hat Beiſpiel unſrer Flucht gegeben, Hoͤchſt ſchmaͤhlich, durch die eignel— (beiſeit.) Ho! ſteht die Sache ſo? Dann freilich iſt aus. Can. Zum Peloponnes ſind ſie entflohn. Scar. Der läßt ſich bald erreichen: Dort erwart' ich, Was weiter folgt. Can. Ich uͤberliefre Caͤſarn Die Reiter und Legionen; ſchon ſechs Koͤn'ge Zeigten, wie man die Waffen ſtreckt. Enob. Noch will ich Dem wunden Gluͤck Antonius folgen, haͤlt Vernunft ſchon mit dem Gegenwind die Richtung. (gehn ab.) Sz. 9. Antonius und Cleopatra. 243 Neunte Szene. Alexandrien. Ein Zimmer im Pallaſt. (Antonius tritt auf, von einigen Dienern begleitet.) Antonius. Horch! Mir verbeut der Boden, ihn zu treten, Er ſchaͤmt ſich, mich zu tragen! Freunde, kommt: Bin ich doch ſo verſpaͤtet in der Welt, Daß ich den Weg verlor auf ewig. Nehmt Mein Schiff mit Gold beladen; theilt es, flieht, Und macht mit Caͤſar Frieden. Alle. Fliehn? nicht wir!— Ant. Ich ſelber floh, und lehrte Memmen fliehn, Und ihren Ruͤcken zeigen. Freunde, geht; Zu neuer Laufbahn hab' ich mich entſchloſſen, Die Euer nicht bedarf: drum geht, Mein Schatz liegt dort im Hafen, nehmt ihn.— O, Dem folgt' ich, was mich roth macht es zu ſchaun; Ja, ſelbſt mein Haar empoͤrt ſich: denn das weiße Tadelt des brannen Raſchheit, dieß an jenem Feigheit und Unſinn!— Freunde, geht: ich will Euch Brief' an Solche geben, die den Weg Euch ebnen ſollen. Bitt' Euch, ſeyd nicht traurig, Erwiedert nicht mit Truͤbſinn, nehmt die Weiſung, Die mir Verzweiflung raͤth: verlaſſen ſey Was ſelber ſich verlaͤßt! Geht ſtracks zur See, Ich ſchenk“' Euch jenes Schiff, und alles Gold.— Laßt mich, ich bitt', ein wenig: ich bitt' Euch jetzt, O thuts! denn mein Befehl iſt nun zu Ende, Drum bitt' ich Euch.— Ich folg' Euch Augenblicks. (Er ſetzt ſich nieder. Cleopatra, geführt von Charmion und Jras, und Eros treten auf.) Pros. O guͤt'ge Frau, zu ihm! O troͤſtet ihn!— Iras. Thut es, geliebte Fuͤrſtin! Charm. Ja, thut es: was auch ſonſt? Cleop. Laß mich niederſitzen. O Juno! Ant. Nein, nein, nein, nein!— Pros. Seht Ihr hier, o Herr? Ant. O pfui, pfui, pfui!— 6 244 Antonius und Cleopatra. A. III. Charm. Gnaͤdige Frau!— Iras. O Fuͤrſtin, gut'ge Kaiſerin!— Eros. Herr, Herr!— Ant. Ja, Herr, o ja!— Er, zu Philippi, fuͤhrte Sein Schwerdt recht wie ein Taͤnzer, waͤhrend ich Den hagern finſtern Caſſius ſchlug! Ich fällte Den tollen Brutus: Er ließ andre handeln An ſeiner Statt, und hatte nicht Erfahrung Im wackern Kampf des Felds. Doch jeßt⸗— es thut ichts!— nich Cleop. O, ſteht zuruͤck!— Eros. Die Koͤnigin, Herr, die Koͤnigin! Jras. Geht zu ihm, Fuͤrſtin, ſprecht zu ihm!— Er iſt ſich ſelbſt entfremdet vor Beſchaͤmung!— Cleop. Nun wohl denn,— fuͤhrt mich.— O! Eros. Erhabner Herr, ſteht auf: die Koͤnigin naht, Ihr Haupt geſenkt: der Tod ergreift ſie,— nur Durch Euern Troſt kann ſie geneſen. Ant. Verletzt hab' ich die Ehre:— So ſchaͤndlich zu entfliehn! Eros. Die Fuͤrſtin, Herr. Ant. O, wohin brachtſt du mich, Egypten? Sieh Wie ich die Schmach entziehe deinem Auge, Und ſeh' zuruͤck auf das was ich verließ, Zerſtoͤrt in Schande!— Cleop. O mein theurer Herr, Vergieb den ſcheuen Segeln. Nimmer glaubt' ich, Du wuͤrdeſt folgen. Ant. Wußt'ſt du nicht, Egypten, Mein Herz ſey an dein Steuer feſt gebunden, Und daß du nach mich riſſeſt? Ha, du kannteſt Die Oberherrſchaft uͤber meinen Geiſt, Und daß dein Wink vom goͤttlichen Gebot Zuruͤck mich herrſchte! Cleop. O, verzeih! Ant. Nun muß ich Dem jungen Mann demuͤth'gen Vorſchlag ſenden, Mich windend kruͤmmen niedrigem Vertrag, Ich, deſſen Laune mit des Weltballs Wucht geſpielt, Schickſale ſchaffend und vernichtend. Ja du wußteſt, Wie du ſo ganz mein Sieger warſt, und daß Mein Schwerdt, entherzt durch meine Lieb' ihr blind Gehorchen wuͤrde, Sz. 10. Antonius und Cleopatra. 245 Cleop. O vergieb, vergieb! Ant. Laß keine Thräne fallen. Eine zahlt Gewinn ſo wie Verluſt; Gieb einen Kuß, Schon dieß vergilt mir alles.— Unſern Lehrer ſandt ich; Kam er zuruͤck? Ich fühl' mich ſchwer wie Blei; Bringt etwas Wein und Speife.— Gluͤck, du weißt, Triffſt du uns hart, ſo trotzen wir zumeiſt. (Alle ab.) Zehnte Szene. Cäſars Lager in Egypten. (Es treten auf Cäſar, Dolabella, Thyreus und Andre.) Cäſar. Antonius Abgeſandter trete vor;— Kennſt du ihn?„ Dol. S iſt der Lehrer ſeiner Kinder: Das zeigt wie kahl er iſt, entſandt er uns Aus ſeinem Fluͤgel ſolche duͤrft'ge Feder, Er, der vor wenig Monden Koͤnige konnt' Als Boten ſchicken. (Euphronius tritt auf.) Caſ. Komim heran und ſprich. Euphr. So wie ich bin, komm ich vom Marc Anton: Ich war noch juͤngſt ſo klein fur ſeine Zwecke, Wie auf dem Myrtenblatt der Morgenthau Dem Meer verglichen. Cäſ. Sey's! Sag deinen Auftrag. Euphr. Er gruͤßt dich, ſeines Schickſals Herrn, und wuͤnſcht Zu leben in Egypten. Schlaͤgſt du's ab, So maͤßigt er die Fordrung, und erſucht dich, Goͤnn' ihm zu athmen zwiſchen Erd' und Himmel Als Buͤrger in Athen. So viel von ihm. Dann: Cleopatra huldigt deiner Macht, Beugt ſich vor deiner Groͤß', und fleht von dir Der Ptolomaer Reif fur ihre Soͤhne, Als Willkuͤhr deiner Gnade. 246 Antonius und Cleopatra. A. II. Caͤſ. Fuͤr Anton Bin ich der Fordrung taub. Der Koͤnigin Wird nicht Gehoͤr noch Zugeſtaͤndniß fehlen, Treibt ſie hinweg den ſchmachentſtellten Buhlen, Oder erſchlaͤgt ihn hier: Vollbringt ſie dieß, Sey ihr Geſuch gewaͤhrt. So viel fuͤr beide.— Euphr. Das Gluͤck geleite dich! Cäſ. Fuͤhrt ihn durchs Heer! (Euphronius ab.) Czum Thyreus.) Nun zeige deine Rednerkunſt: enteile, Gewinn' Cleopatra ihm ab; verſprich In unſerm Namen was ſie heiſcht, und beut Nach eignem Sinn weit mehr. Stark ſind die Weiber Im hoͤchſten Gluͤck nicht: Mangel lockt zum Meineid Selbſt der Veſtalin Tugend: deine Liſt verſuche; Den Preis der Muͤh' beſtimme ſelber dir, Uns ſey Geſetz dein Wort. Thyr. Caͤſar, ich gehe. Cäſ. Betrachte wie Anton den Riß erträgt, Und was ſein ganz Benehmen dir verkuͤndet In jeder außern Regung. Thyr. Zaͤhl' auf mich. — Elfte Szene. Alerandrien. Ein Zimmer im Pallaſt. (Es treten auf Cleopatra, Enobarbus, Charmion und Jras.) (Alle ab.) Cleopatra. Was bleibt uns jetzt noch uͤbrig? Enob. Denken,— ſterben. Cleop. Hat dieß Antonius,— haben wirs verſchuldet? Enob. Anton allein, der ſeinen Willen machte Zum Herrſcher der Vernunft. Nun, floht Ihr auch Des Kriegs furchtbares Antlitz, deß Geſchwader Einander ſchreckten: weshalb folgt' er Euch? Da durfte ſeiner Neigung Kitzel nicht Sein Feldherrnthum wegſpotten, im Moment Da halb die Welt der andern Haͤlfte trotzte, Und alles ruht' auf ihm! Das war ein Schimpf, Sz. 11. Antonius und Cleopatra. 247 So groß als ſein Verluſt, als er Euch nachzog Und ließ die Flotte gaffend. Bitt' dich, ſchweig!— (Antonius tritt auf mit Euphronius.) Ant. Dieß ſeine Antwort? Euphr. Ja, mein Herr. Ant. Die Koͤnigin Soll alſo Gunſt erfahren, wenn ſie uns Verrathen will? Euphr. Soo iſt es. Ant. Nun, ſo ſag' ihrs. Schick dieß ergrau'nde Haupt dem Knaben Caͤſar, Dann fuͤllt er dein Begehren bis zum Rand Mit Fuͤrſtenthuͤmern. Cleop. Dieſes Haupt, mein Feldherr? Ant. Geh wieder hin. Sag' ihm, der Jugend Roſe Schmuͤck' ihn, und Großes fordre drum die Welt Von ihm.— All' ſeine Schaͤtze, Flotten, Heere Koͤnnt' auch ein Feigling fuͤhren, deſſen Diener Auf eines Knaben Wort ſo leicht wohl ſiegten, Als unter Caͤſar: drum entbiet' ich ihn, Sein glaͤnzend Außenwerk beiſeit zu thun, Mit mir Gebeugtem Schwerdt um Schwerdt zu fechten, Er ganz allein. Ich will es ſchreiben:— Komm. (Antonius und Euphronius ab.) Enob. O ja! Recht glaublich! Cäͤſar, ſchlachtenſtolz, Sollte ſein Gluͤck vernichten, mit dem Fechter Den Buͤhnenkampf verſuchen? Ich ſeh', Verſtand Der Menſchen iſt ein Theil von ihrem Gluͤck, Und aͤußre Dinge ziehn das innre Weſen Sich nach, daß Eines wie das Andre krankt.— Daß Er ſichs traͤumen laͤßt, (Der das Verhaͤltniß kennt,) die Fuͤlle Caſars Soll ſeiner Leerheit Rede ſtehn! Auch den Verſtand hat Caͤſar ihm beſiegt. (Ein Diener kommt,) Dien. Botſchaft vom Caͤſar!— 3 Cleop. Wie? Nicht mehr Gepraͤnge? Seht, meine Frau'n, Die zeigen Ekel der verbluͤhten Roſe, Die vor der Knoſpe knieten. Laßt ihn ein. 24⁸ Antonius und Cleopatra. A. III. Enob.(ueeit.) Die Redlichkeit ich beginnen aͤndel: Haͤ Die Pflicht, die feſt an Thoren haͤlt, macht Treue Zur Thorheit ſelbſt: doch wer ausdauern kann, Standhaft zu folgen dem gefallnen Fuͤrſten, Beſieget den, der ſeinen Herrn, beſiegt, Und erndtet einen Platz in der Hiſtorie. (Thyreus tritt auf.) Cleop. Was ſendet Caͤſar? Thyr. Hoͤrt mich allein. Cleop. Hier ſtehn nur Freunde: Redet! Thyr. Dann ſind's vermuthlich Freunde Marc Antons? Enob. Anton bedarf ſo viel als Caͤſar hat, Oder bedarf nicht unſer. Forderts Caͤſar, So ſtuͤrzt mein Herr ihm zu, ſein Freund zu ſeyn: Und wir ſind deß, dem er gehoͤrt, des Caͤſar. Thyr. Wohlan:— Vernimm dann, Hochberuͤhmte, Caͤſar wuͤnſcht, Nicht dein Geſchick moͤgſt du ſo ſehr bedenken, Als daß er Cäfar ſey. Cleop. Fahr fort: recht furſtlich! Thyr. Er weiß, du haſt dich dem Anton verbuͤndet, Aus Reigung minder als gezwungen.. Cleop.(beiſeit.) O! Thyr. Die Kränkung deiner Ehre drum beklagt er Als unfreiwill'ge Schmach, die du erduldet Und nicht verdient.— Cleop. Er iſt ein Gott, und ſieht Die Wahrheit. Meine Ehr' ergab ſich nicht, ein, ward geraubt. Enob.(beiſeit.) Das recht genau zu wiſſen, Frag' ich Anton. Du Armer wardſt ſo leck, Wir muͤſſen dich verſinken laſſen, denn Dein liebſtes wird dir treulos!— Cab.) Thyr. Meld' ich Caͤfarn, Was du von ihm begehrſt? Er bittet dringend, Du moͤgeſt fordern, daß er geb': es freut ihn, Willſt dn ſein Gluck als einen Stab gebrauchen, Dich drauf zu ſtuͤtzen: doch ſein Herz wird gluͤhn, Erfaͤhrt er, daß du Marc Anton verließeſt, Und willſt dich bergen unter ſeinem Schirm, Des großen Weltgebieters. Sz. 11. Antonius und Cleopatra. 249 Cleop. Wie dein Name? Thyr. Mein Nam' iſt Thyreus. Cleop. Lieber Abgeſandter, Dem großen Caͤſar ſag', die Hand des Siegers In dieſem Kampfe kuͤſſ' ich: meine Krone Leg' ich zu Fuͤßen ihm, und wolle knieend Von ſeinem maͤcht'gen Hauch Egyptens Schickſal Vernehmen. Thyr. Dieſen edeln Weg verfolge, Wenn Klugheit mit dem Gluͤck den Kampf beginnt, Und jene wagt nur alles was ſie kann, Iſt ihr der Sieg gewiß. Laß huldreich mich Auf deiner Hand der Ehrfurcht Pflicht beſiegeln! 3 Cleop. Der Vater Eures Caͤſar Hat oft, wenn er auf Sturz der Koͤnige ſann, Auf den unwuͤrd'gen Fleck den Mund gedruͤckt Mit tauſend Kuͤſſen. (Untonius und Enobarbus kommen zurück.) Ant. He! Gunſtbezeugung? bei dem Zeus, der donnert, Wer biſt du, Menſch? Thyr. Ein Diener dem Gebot Des allergroͤßten Manns, des wuͤrdigſten, Sein Wort erfullt zu ſehn. Enob. Man wird dich peitſchen! Ant. Heran, du Geyer! Nun, Goͤtter und Teufel, Mein Anſehn ſchmilzt! Noch juͤngſt rief ich nur: Ho! Und Koͤnige rannten, wie zum Raufen Buben, Und riefen: was befehlt Ihr? Hoͤrt Ihrs? Noch Bin ich Anton.— Nehmt mir den— und peitſcht ihn! Enob. Ihr ſpielt noch ſichrer mit des Loͤwen Jungen, Als mit dem alten ſterbenden. Ant. Mond und Sterne!— Peitſcht ihn! und waͤrens zwanzig Bundesfuͤrſten, Die Caͤſarn anerkennen; faͤnd' ich ſie Mit Ihrer Hand ſo frech,— wie heißt ſie doch, Seit ſie nicht mehr Cleopatra? Geht, peitſcht ihn, Bis er ſein Angeſicht verzieht, wie Knaben, Und wimmert laut um Gnade. Fuͤhrt ihn fort. Thyr. Antonius. Ant. Schleppt ihn weg: iſt er gepeitſcht, Bringt ihn zuruͤck. Der Narr des Caͤſar ſoll 250 Antonius und Cleopatra. A. III. Uns ein Gewerb' an ihn beſtellen. (Gefolge mit dem Thyreus ab.) Ihr wart halb welk, ch ich Euch kannte: Ha!— Ließ ich mein Kuͤſſen ungedruckt in Rom, Entſagt' ich der Erzeugung aͤchten Stamms Vom Kleinod aller Fraun, daß dieſe hier Mit Sclaven mich beſchimpfe? Cleop. Theurer Herr!. Ant. Ihr wart von jeher ungetreu und falſch. Doch wenn wir in der Suͤnde uns verhaͤrtet, O Jammer! dann verblinden unſre Augen Mit eignem Schmutz die Goͤtter; trüͤben uns Das klare Urtheil, daß wir unſern Irrthum Anbeten; lachen uͤber uns, wenn wir Zum Tode hin ſtolziren! Cleop. Kam's ſo weit? Ant. Ich fand Euch, einen kaltgewordnen Biſſen Auf Caͤſars Teller, ja ein Ueberbleibſel Cnejus Pompejus: andrer heißer Stunden Gedenk' ich nicht, die Eure Luſt ſich auflas, Und nicht der Leumund nennt: denn ganz gewiß, Wenn Ihr auch ahnden moͤgt was Keuſchheit ſey, Ihr habt ſie nie gekannt!— Cleop. Was ſoll mir das? Ant. Daß ſolch ein Sclav der wohl ein Trinkgeld nimmt, Und ſpricht: Gott lohn Euch! keck ſich wagt an meine Geſpielin, Eure Hand, dieß Koͤnigsſiegel Und großer Herzen Pfand! O daß ich ſtaͤnde Auf Baſan's Hügel, die gehoͤrnte Heerde Zu uͤberbrullen! Ward ich doch zum Stier! Dieß ſanft verkunden, waͤr' wie ein armer Suͤnder, Der mit umſtricktem Hals dem Henker dankt, Daß er's ſo raſch gemacht.— Ward er gepeitſcht?— (Diener kommen mit Thyreus zuruck.) Dien. Recht derb, mein Feldherr. nt. Schrie er? fleht' um Gnade?— Dien. Er bat um Schonung. Ant. Haſt du'nen Vater noch, der ſolls bereun, Daß du kein Weib geworden. Dir ſey Angſt, Cäſarn in ſeinem Gluͤck zu folgen, ſeit Du fuͤr dein Folgen wardſt gepeitſcht. Fortan Schreck' dich in Fieber jede Damenhand, I. Sz. 11. Antonius und Cleopatra. 251 Und ſchuͤttle dich der Anblick: Geh zum Caͤſar, Erzaͤhl' ihm deinen Willkomm'; ſag ihm ja, Daß er mich zornig macht: er ſcheint durchaus Stolz und Verſchmaͤhn, nur ſchauend was ich bin, Vergeſſend was ich war. Er macht mich zornig; Und dazu kommt es leicht in dieſer Zeit, Seit gute Sterne, die mich ſonſt gefuͤhrt, Verließen ihre Bahn, und ihren Glanz Zum Pfuhl der Hoͤlle ſandten. Steht mein Wort, Und was geſchehn, Caͤſarn nicht an; ſag ihm, Hipparchus, meinen Freigelaßnen, hab' er, Den ſoll nach Luſt er peitſchen, haͤngen, foltern, Dann iſt er wett mit mir, ſo zeig' ihm an.— Nun fort mit deinen Striemen!— Geh!— (Thyreus ab.) Cleop. Seyd Ihr zu Ende? Ant. Ach! unſer irdſcher Mond ſt nun verfinſtert, und das deutet nur en Fall des Marc Anton! Cleop. Ich muß ſchon warten. Ant. Caͤſarn zu ſchmeicheln, konnteſt du liebaͤugeln Dem Sclaven, der den Gurt ihm ſchnallt? Cleop. Das glaubſt du? Ant. Kalt gegen mich? Cleop. Ah Theurer, ward ich das, Verhaͤrte Zeus mein kaites Herz zu Hagel; Vergift' ihn im Entſtehn, und ſend' auf mich Die erſte Schloße: wie ſie trifft mein Haupt, Schmelze mein Leben hin: Caͤſarion tödte Die naͤchſt', und das Gedaͤchtniß meines Schooßes, Und nach und nach mein ganz Egypter Volk Lieg' ohne Grab, wenn der eryſtallne Regen Zergeht, bis Nilus Muͤcken ſie und Fliegen Als Raub beſtatteten! Ant. Ich bin befriedigt.— Caͤſar ruͤckt vor von Alexandria; Da will ich ihn erwarten. Unſer Landheer Hielt ruͤhmlich Stand; auch die zerſtreuten Schiffe Sind nun vereint und drohn im Meer als Flotte.— Wo warſt du, kuͤhnes Herz?. Hoͤrſt du, Geliebte: Wenn ich vom Schlachtfeld nochmals wiederkehre, Den Mund zu kuͤſſen, komm' ich ganz in Blut, 252 Antonius und Cleopatra. A. III. Ich und mein Schwerdt ſind Schnitter fur die Chronik; Die Hofnung lebt. Cleop. Das iſt mein wackrer Held!— Ant. Ich will verdoppein Herz und Muth und Sehnen, Und wuͤthig fechten. Sonſt, als meine Zeit Noch leicht und hell, erkauft' ein Mann ſein Leben Durch einen Scherz: nun ſetz' ich ein die Zaͤhne, Zur Hoͤll' entſendend was mich aufhaͤlt. Kommt, Noch einmal eine wilde Nacht; ruft mir All' meine ernſten Krieger; fuͤllt die Schalen, Die Mitternacht noch einmal wegzuſpotten!— Cleop. Morgen iſt mein Geburtstag, Ich wollt' ihn ſtill begehn, doch da mein Herr Antonius wieder ward, bin ich Cleopatra. Ant. So halten wir uns dran. Lleop. Ruft alle tapfern Krieger meines Herrn! Ant. Thut das: ich ſprech' ſie an. Heut Nacht ſoll Wein Aus ihren Narben gluͤhn. Kommt, Koͤnigin, Poch friſcher Muth! Und kaͤmpf' ich morgen, ſoll Der Tod in mich verliebt ſeyn; denn wetteifern Will ich mit ſeiner volkermaͤh'nden Sichel. (Antonius mit Cleopatra und Geſolge ab.) Enob. Den Blitz nun übertrotzt er. Tollkuͤhn ſeyn, Heißt, aus der Furcht geſchreckt ſeyn: ſo gelaunt, Hackt auf den Strauß die Taub'; und immer ſeh ich, Wie unſerm Feldherrn der Verſtand entweicht, Waͤchſt ihm das Herz. Zehrt Muth das Urtheil auf, Frißt er das Schwerdt, mit dem er kaͤmpft. Ich ſinne, Auf welche Art ich ihn verlaſſen mag.—(ab.) , Antonius und Cleopatra. Vierter Aufzug. Erſte Szene. Cäſars Lager bei Alexandrien. 253 (Cäſar, einen Brief leſend, Agrippa, Mäcenas und Andre treten auf.) Caſar. Er nennt mich Knabe; ſchilt, als haͤtt' er Macht Mich von hier wegzuſchlagen; meine Boten Peitſcht' er mit Ruthen; bot mir Zweikampf an, Anton dem Caͤſar! Wiſſ⸗ es, alter Raufer, Es giebt zum Tod noch andre Weg': indeß Verlach' ich ſeinen Aufruf. Wäc. Denkt, o Caͤſar, Wenn ein ſo Großer raſet, ward er gejagt Bis zur Erſchoͤpfung. Komm' er nicht zu Athem, Nutzt ſeinen Wahnſinn: nimmer hat die Wuth Sich gut vertheidigt. Cäſ. Thut den Fuͤhrern kund, Daß morgen wir die letzte vieler Schlachten Zu fechten denken. In den Reihn der Unſern Sind, die noch kuͤrzlich dienten Marc Anton, Genug ihn einzufangen. Dieß beſorgt, Und gebt dem Heer ein Mahl. Wir haben Vorrath, Und ſie verdienten's wohl. Arier Antonius!— Cgehn ab.) 2⁵4 Antonius und Cleopatra. A. W. 3weite Szene. Alexandrien. Ein Zimmer im Pallaſt. (Es treten auf Antonius, Cleopatra, Enobarbus, Charmion, Fras, Aleras und Andre.) Antonius. Er ſchlug den Zweikampf aus, Domitius? Enob. Ja. Ant. Und warum that ers? Enob. Er meinte, weil er zehnmal glucklicher, Sey er Zehn gegen Einen. Ant. Morgen ſchlag' ich Zu Meer und Land: dann leb⸗ ich, oder bade Die ſterbende Ehre in dem Blute mir, Das wieder Leben ſchafft. Wirſt du brav einhaun? Enob. Fechten und ſchrein: jetzt gilts 1— Ant. Brav! Geh, mein Freund, Ruf meine Hausbedienten. Dieſe Nacht Seyd froͤhlich beim Gelag!— Gieb mir die Hand; Du warſt ehrlich und treu: und ſo auch du, Und du, und du, und du: ihr dientet brav, Und Koͤnige waren Eure Kameraden. Cleop. Was ſoll das? Enob. C(beiſeit.) Solch ſeltſam Ding, wie Kummer ſproſſend treibt Aus dem Gemuͤth. Ant. Und ehrlich biſt auch du.— Wuͤrd' ich in Euch, die Vielen, doch verwandelt, Und Ihr zuſammen ausgepraͤgt zu Einem Antonius, daß ich Euch konnte dienen, So buͤndig wie Ihr mir. Dien. Verhuͤt' es Gott! Ant. Gut denn, Kam'raden; heut bedient mich noch, Juͤllt fleißig meine Becher; ehrt mich ſo, Als waͤre noch mein Weltreich Eur Kam'rad, Und folgſam meinem Ruf. Cleop. Was ſinnt er nur? Enob. Zum Weinen ſie zu bringen. Ant. Pflegt mich heut; Kann ſeyn, es iſt das Eure letzte Pflicht! „ Sz. 3. Antonius und Cleopatra. 255⁵ Wer weiß ob Ihr mich wiederſeht, und thut Ihrs, Ob nicht als blut'gen Schatten: ob nicht morgen Ihr einem andern folgt. Ich ſeh Euch an, Als naͤhm' ich Abſchied. Ehrliche, liebe Freunde, Ich ſtoß' Euch nicht von mir, nein, bleib' Eur Herr, Vermaͤhlt bis in den Tod ſo trenem Dienſt.— Goͤnnt mir zwei Stunden noch, mehr bitt' ich nicht, Und lohnens Euch die Goͤtter!— Enob. Herr, was macht Ihr, Daß Ihr ſie ſo entmuthigt? Seht, ſie weinen, Ich Eſel rieche Zwiebeln auch: ei ſchaͤmt Euch, Uud macht uns nicht zu Weibern!— Ant. Ha, ha, ha!— So will ich doch verhert ſeyn, meint' ich das! Heil ſprieße dieſem Thraͤnenthau! Herzfreunde, Ihr nehmt mich in zu ſchmerzensvollem Sinn, Denn ich ſprach Euch zum Troſt: ich wuͤnſchte ja Daß wir die Nacht durchſchwaͤrmten: wißt Ihr, Kinder, Ich hoff' auf morgen Gluͤck, und will Euch fuͤhren, Wo ich ein ſiegreich Leben ehr erwarte, Als Tod und Ehre. Kommt zum Mahie, kommt, Und alle Sorg' ertraͤnkt. (Alle ab.) St Daſelbſt vor dem Pallaſt. (Zwei Soldaten auf ihrem Poſten treten auf.) 1. Soldat. Bruder ſchlaf wohl, auf morgen iſt der Tag. 2. Sold. Dann wirds Sicn ſo oder ſo: leb wohl.— Vernahmſt du nichts ſeltſames auf der Straße? 1. Sold. Nichts. Was geſchah? 2. Sold. Vielleicht iſts nur ein Maͤrchen;— Nochmals gut' Nacht. 1. Sold. Gut' Nacht, Kamrad. 256 Antonius und Cleopatra. A. IV. (Zwei andre Soldaten kommen.) 2. Sold. Soldaten, Seyd ja recht wach! 3. Sold. Ihr auch: Gut' Nacht, gut' Nacht. (die beiden erſten Soldaten ſtellen ſich auf ihren Poſten.) 4. Sold. Hier ſtehn wir: wenns nur morgen Der Flotte gluͤckt, ſo hoff' ich ſehr gewiß, Die Landmacht haͤlt ſich brav. 3. Sold. Ein wackres Heer, Voll Zuverſicht. (Hoboen unter der Bühne.) 4. Sold. Still! welch ein Klingen? 1. Sold. Horch! 2. Sold. Hoͤrt! 1. Sold. In der Luft Muſik? 3. Sold. Im Schooß der Erde!— 4. Sold. Das iſt ein gutes Zeichen, meint Ihr nicht? 3. Sold. Rein! 4. Sold. Stille, ſag' ich. Was bedeutet das?— 2. Sold. Gott Hercules, den Marc Anton geliebt, Und der ihn jetzt verlaͤßt. 1. Sold. Kommt, ſehn wir zu, Obs auch die Andern hoͤrten. (gehn zu den andern Poſten.) 2. Sold. Heda! Leute! Alle Soldaten. Was iſt das? Hoͤrt Ihr wohl? 1. Sold. Ja, iſts nicht ſeltſam? 3. Sold. Hoͤrt Ihr Kamraden? Hoͤrt Ihrs jetzt? 1. Sold. Folgt dieſem Klang, ſo weit der Poſten 6 reicht, Seht, wie das ablaͤuft. Alle Soldaten. Ja,'s iſt wunderbar!— (gehn ab.) Sz. 4. Antonius und Cleopatra. 257 Vierte Szene. Daſelbſt. Ein Zimmer im Pallaſt. Antonius und Cleopatra, Charmion und andres Gefolge treten auf.) Antonins. Eros! Mein Harniſch, Eros! Cleop. Schlaf ein wenig! Ant. Nein, Taͤubchen! Eros S, mein Harniſch, ros!— (Eros kommt mit der Rüſtung.) Komm, lieber Freund, leg mir dein Eiſen an. Wenn uns Fortuna heut verlaͤßt, ſo iſt's Weil wir ihr Suh, i 5 Cleop. Sieh, ich helfe auch. Wozu iſt dieß?. Ant. Ah, laß doch! laß! du biſt Der Wappner meines Herzens. Falſch; ſo, ſo.— Cleop. Geh, ſtill; ich helfe doch,— ſo muß es ſeyn. Ant. Gut, gut; Nun ſieg' ich ſicher. Siehſt du, mein Kamrad?— Nun geh, ruͤſte dich auch. Eros. Sogleich, mein Feldherr.— Cleop. Iſt dieß nicht gut geſchnallt? Ant. O herrlich! herrlich!— Wer dieß aufſchnallt, bis es uns ſelbſt gefaͤllt Es abzuthun zur Ruh, wird Sturm erfahren.— Du fuſchelſt, Eros: kraͤft'gern Knappendienſt Thut meine Koͤnigin hier, als du. Mach fort! O Liebe, Saͤhſt du doch heut mein Kaͤmpfen, und verſtaͤndeſt Dieß Koͤnigshandwerk, dann erblickteſt du Als Meiſter mich. (Ein Hauptmann tritt auf, gerüſtet.) Guten Morgen dir! Willkommen! Du ſiehſt dem gleich, der Krieges Amt verſteht, Zur Arbeit, die uns lieb, ſtehn fruͤh wir auf, un gehn mit Freuden dran. 17 258 Antonius und Cleopatra. A. IV. 1. Zauptm. Schon tauſend, Herr, So fruͤh' es iſt, ſtehn in dem Kleid von Eiſen, Und warten dein am Strand. (Feldgeſchrei, Kriegsmuſik, Trompeten.) (Andre Hauptleute und Soldaten treten auf.) 2. Zauptm. Der Tag iſt ſchoͤn. Guten Morgen, General! Alle. Guten Morgen, General! Ant. Ein edler Gruß!— Fruͤh faͤngt der Morgen an, ſo wie der Geiſt Des Juͤnglings, der ſich zeigen will der Welt.— So, ſo; kommt, gebt mir das; hieher:— ſo recht.— Fahr wohl denn, Frau: wie es mir auch ergeht, Nimm eines Kriegers Kuß. Man muͤßte ſchelten, Und Scham die Wange roͤthen, weilt' ich laͤnger In muͤß'gem Abſchied. Und ſo laß ich dich, Ein Mann von Stahl! Ihr, die Ihr kaͤmpfen wollt, Folgt mir ganz dicht: ich fuͤhr' Euch hin: Lebt wohl!— (Antonius, Eros, Hauptleute und Soldaten ab.) Charm. Wollt Ihr in Eu'r Gemach gehn? Cleop. Fuͤhre mich.— Er ziebt hin wie ein Held. O, daß ſich beiden Der große Streit durch Zweikampf koͤnnt' entſcheiden! Dann, Marc Anton„doch jetzt,— Gut— fort!— 1§ uͤnfte Szene. Antonius Lager bei Alexandria. . 11(Trompeten. Antonius und Eros treten auf; ein Soldat 5* begegnet ihnen.) 1 Soldat. Gebt heut, Ihr Goͤtter, dem Antonius Gluͤck! Ant. Haͤttſt du und deine Narben mich beſtimmt, Damals zu Land zu ſchlagen!„. Sold. Thatſt du ſo, Die abgefallnen Koͤnige, und der Krieger, . Der dieſen Morgen dich verließ, ſie folgten 4 Noch deinen Ferſen. Sz. 6. Antonius und Cleopatra. 2⁵9 Ant. Wer gieng heut Morgen? Sold. Wer? Dir ſtets der Naͤchſte: Ruf den Enobarbus, Er hoͤrt nicht, oder ſpricht aus Caͤſars Lager: Nicht dir gehoͤr' ich an. Ant. Was ſagſt du? Sold. Herr, Er iſt beim Caͤſar. Eros. Seine Schaͤtz' und Kiſten Nahm er nicht mit ſich. Ant. Iſt er fort? Sold. Gewiß. Ant. Geh, Eros; ſend' ihm 5 6 Be⸗ org' es, Behalte nichts zuruͤck, befehl' ich; meld' ihm (Ich unterſchreib' es) Freundes Gruß und Abſchied, Und ſag', ich wuͤnſch', er finde nie mehr Grund Den Herrn zu wechſeln. O mein Schickſal hat Auch Ehrliche verfuͤhrt! Geh!— 2 erneti— gehn ab. Seeſchſte Szene. Cäſars Lager bei Alerandria. (Trompetenſtoß. Es treten auf Cäſar, Agrippa, Eno⸗ barbus und Andre.) Caͤſar. Ruͤck' aus, Agrippa, und beginn' die Schlacht: Anton ſoll lebend mir gefangen ſeyn, Mach' es bekannt. Agr. Caͤſar, wie du befiehlſt.(ab.) Cäſ. Die Zeit des allgemeinen Friedens naht, Und ſieg' ich heut, dann ſproßt von ſelbſt der Helzweig Der dreigetheilten Welt. (Ein Bote tritt auf.) Bote. Antonius Heer Ruͤckt an zur Schlacht.— 4 260 Antonius und Cleopatra. A. IV. Caͤſ. Geh, laß ins Vordertreffen Die Ueberlaͤufer den Agrippa ſtellen, Daß auf ſich ſelbſt Antonius ſeine Wuth Zu richten ſcheine. (Cäſar und ſein Gefolge ab.) Enob. Alexas wurde treulos: in Iudaa, Wohin Antonius ihn geſchickt, verfuͤhrt' er Herodes, ſich zum Caͤſar hin zu neigen, Abtruͤnnig ſeinem Herrn. Fuͤr dieſe Muͤh Hat Caͤſar ihn gehaͤngt. Canidius und die Andern, Die uͤbergingen, haben Rang und Stellen, Nicht ehrendes Vertrau'n. Schlecht handelt' ich, Und das verklagt mich mit ſo bitterm Schmerz, Daß nichts mich freut. (Einer von Cäſars Soldaten tritt auf.) Sold. Enobarbus, Marc Anton Hat deinen ganzen Schatz dir nachgeſandt Mit ſeiner Liebe.— Zu meinem Poſten kam Der Bote; der iſt jetzt vor deinem Zelt, Und laͤdt die Maͤuler ab.— nob. Ich ſchenk' es dir!— Sold. Spotte nicht, Enobarbus; Ich rede wahr. Schaff' nur in Sicherheit Den Boten fort; ich muß auf meinen Poſten, Sonſt haͤtt' ichs ſelbſt gethan. Dein Imperator Bleibt doch ein Zeus!— Cgeht ab.) Enob. Ich bin der einz'ge Boͤſewicht auf Erden, Und fuͤhl' es ſelbſt am tiefſten. O Anton, Goldgrube du von Huld, wie zahlteſt du Den treuen Dienſt, wenn du die Schaͤndlichkeit So kroͤnſt mit Gold! Dieß ſchwellt mein Herz empor; Brichts nicht ein ſchneller Gram, ſoll ſchnell'res Mittel Dem Gram voreilen: doch Gram, ich fuͤhl''s, genuͤgt. Ich foͤchte gegen dich? Rein, ſuchen will ich Nen Graben, wo ich ſterben mag.— Der ſchmaͤhlichſte Ziemt meiner letzten That am beſten.(ab.) Sz. Antonius und Cleopatra. 261 Siebente Szene. Schlachtfeld zwiſchen den Lagern. (Schlachtgeſchrei. Trommeln und Trompeten. Agrippa und Andre treten auf.) Agrippa. Zuruͤck! Wir haben uns zu weit gewagt, Selbſt Caͤſar hat zu thun: der Widerſtand Iſt ſtaͤrker, als wir dachten.(gehn ab.) (Schlachtgeſchrei. Es treten auf Antonius und Scaru s, verwundet.) Sear. O tapfrer Imperator! das hieß fechten! Schlugen wir ſo zuerſt, wir jagten ſie Mit blut'gen Koͤpfen heim. Ant. Du bluteſt ſehr. Scar. Hier dieſer Hieb glich anfangs einem T, Nun ward daraus ein H. Ant. Sie ziehn zuruͤck! Scar. Wir jagen ſie bis in die Kellerloͤcher: Ich habe Platz noch fuͤr ſechs Schmarren mehr. (Eros tritt auf.) Eros. Sie ſind geſchlagen, Herr, und unſer Vortheil Iſt gleich dem ſchoͤnſten Sieg. Scar. Kerbt ihre Ruͤcken, Und greift ſie an den Ferſen auf, wie Haſen: Die Memmen klopfen iſt ein Spaß. Ant. Dir lohn' ich Erſt fuͤr dein kraͤft'ges Troſtwort, zehnfach dann Fuͤr deinen Muth. Nun komm. Scar. Ich hinke nach. Alle ab.) Antonius und Cleopatra. A. IV. A e Sene. Unter den Mauern von Alexandria. (Schlachtgeſchrei. Antonius im Anmarſch; mit ihm Scarus und Fußvolk.) Antonius. Wir ſchlugen ihn ins Lager. Einer laufe, Der Koͤnigin meld' er unſre Gaͤſte. Morgen, Eh' Sonn' uns ſieht, vergießen wir das Blut, Das heut uns noch entkam. Ich dank' Euch allen; Denn tuͤcht'ge Haͤnde habt Ihr, fochtet nicht Als dientet Ihr der Sache, nein als waͤr' ſie Wie meine, Jedes eigne: alle wart Ihr Hectors. Zieht in die Stadt; herzt Eure Freund' und Weiber, Ruͤhmt Eure That, laßt ſie mit Freudenthraͤnen Eu'r Blut abwaſchen, Eure Ehrenwunden 4 Geſund Euch kuͤſſen.(zum Scarus.) Gieb mir deine Hand! (Cleopatra tritt auf, mit Gefolge.) Der großen Fee laß mich dein Lob verkuͤnden, Ihr Dank ſoll dich beſeligen. Tag der Welt,. ümſchließ den erznen Hals, ſpring, Schmuck und Alles, Durch feſten Harniſch an mein Herz, und dort Siegprang' auf ſeinem Klopfen!— Cleop. Herr der Herrn!— O unbegraͤnzter Muth! Kommſt du ſo laͤchelnd Und frei vom großen Netz der Welt? Ant. O, Nachtigall, Wir ſchlugen ſie zu Bett! Ha, Kind! Ob Grau Sich etwas mengt ins junge Braun; doch blieb uns Ein Hirn, das unſre Nerven naͤhrt, den Preis Und Kampf der Jugend abgewinnt. Schau Dieſen; Reich ſeinen Lippen deine Goͤtterhand; Kuͤſſ ſie, mein Krieger: Der hat heut gefochten, Als ob ein Gott, dem Menſchenvolk verderblich, In der Geſtalt es wuͤrgte. Cleop. Du bekommſt Eine Ruͤſtung ganz von Gold:(ein Koͤnig trug ſieh Ant. Er hats verdient: waͤr' ſie auch voll Carfunkeln, Sz. 8. Antonius und Cleopatra. 263 Wie Phoͤbus heiliger Wagen.— Deine Hand! Durch Alexandria in freud'gem Marſch Tragt den zerhackten Schild, wie's Helden ziemt. Haͤtt' unſer großer Burghof Raum genug Fuͤr dieſes Heer, wir zechten dort zu Nacht, Und traͤnken auf des naͤchſten Tages Gluͤck Und koͤnigliche Todsgefahr. Drommeten, Betaͤubt mit erznem Schall das Ohr der Stadt, Miſcht Euch mit unſrer Trommeln Wirbelſchlag, Daß Erd' und Himmelsſchall zuſammen droͤhnen, Und unſte Ankunft gruͤßen. Cgehn ab.) N e Cäſars Lager. (Schildwachen auf ihren Poſten. Enobarbus tritt auf.) 1. Soldat. Sind wir nicht abgeloͤſt in einer Stunde, So muͤſſen wir zuruͤck zur Wacht. Der Mond Scheint hell, und wie es heißt, beginnt die Schlacht Fruͤh um die zweite Stunde. 2. Sold. Geſtern war Ein ſchlimmer Tag fuͤr uns!— Enob. Nacht, ſey mein Zeuge! 3. Sold. Wer iſt der Mann? 2. Sold. Sey ſtill und horch' auf ihn. Enob. Bezeuge mir's, o ſegenreicher Mond, Wenn einſt die Nachwelt treuvergeßner Maͤnner Mit Haß gedenkt,— der arme Enobarbus Bereut vor deinem Antlitz. 1. Sold. Enobarbus! 3. Sold. Still da! horcht weiter!— Enob. Du hoͤchſte Herrſcherin wahrhafter Schwermuth, Den gift'gen Thau der Nacht geuß uͤber mich, Daß Leben, meinem Willen laͤngſt einpoͤrt, Nicht laͤnger auf mir laſte! Wirf mein Herz Wider den harten Marmor meiner Schuld! 264 Antonius und Cleopatra. A. IV. Gedoͤrrt von Gram zerfall' es dann in Staub, Mit ihm der boͤſe Sinn! O Marc Antonius, Erhabner als mein Abfall ſchaͤndlich iſt, Vergieb du mir in deinem eignen Selbſt, Doc laß die Welt mich zeichnen in die Reihn Der fluͤcht'gen Diener und der Ueberlaͤufer!— O Marc Anton! O Marc Anton!— ECer ſtirbt.) 2. Sold. Kommt, redet Ihn an. 1. Sold. Rein, horcht, denn was er ſagt Kann Caͤſarn angehn. 2. Sold. Du haſt Recht. Doch ſchlaͤft er. 1. Sold. Liegt wohl in Si denn ſo ſchlimmes eten Gieng keinem Schlaf voran. 2. Sold. Gehn wir zu ihm. 3. Sold. Erwacht, erwacht, Herr. Redet! 2. Sold. Hoͤrt Ihr, Herr? 1. Sold. Die Hand des Tods erreicht ihn. Hoͤrk! die Trommel Weckt feierlich die Schlaͤfer: Kommt und tragt ihn Zur Wach': er iſt von Anſehn: unſre Stunde Iſt abgelaufen. 3. Sold. Nun ſo kommt, vielleicht Erholt er ſich. (Gehn ab, und tragen den Körper fort.) 3 eh ne Szener Zwiſchen den zwei Lagern. (Es treten auf Antoniu s und Scarus mit Truppen.) Antoniuns. Heut ruͤſten ſie ſich auf den Kampf zur See, Zu Land gefall'n wir ihnen nicht. Scar. Herr, nirgend!— Ant. Und kaͤmpften ſie in Feuer oder Luft, Wir foͤchten auch dort. Doch ſo ſeys: das Fußvolt Sz. 10. Antonius und Cleopatra. 265 Dort auf den Huͤgeln, ſo die Stadt begrenzen, Bleibt hier mit uns: die Flott' erhielt Befehl, Sie lief ſchon aus dem Hafen. Nun hinan, Wo ihre Stellung ſich am beſten zeigt, Und jegliche Bewegung. (gehn weiter.) (Cäſar kommt mit ſeinen Truppen.) Cäſ. Greift er nicht an,(und kaum vermuth' ich es,) So bleibt zu Lande ruhig: ſeine Hauptmacht Entſandt' er auf die Schiffe. Nun zur Niedrung, Und haltet Euch aufs Beſte. C(gehn ab.) (Antonius und Scarus kommen zurück.) Ant. Noch nicht zum Kampf geſchaart! Dort bei der ichte Kann ichs ganz uͤberſehn: Gleich meld' ich dir, Wie es ſich anlaͤßt.(ab.) Sear. Schwalben niſteten In den Egypt'ſchen Segeln: unſte Augurn Verſtummen, woll'n nichts wiſſen, ſind verſtoͤrt, Und ſcheun zu reden, was ſie ſahn. Antonius Iſt muthig und verzagt, und fieberhaft Giebt ſein zerſtortes Gluͤck ihm Furcht und Hoffnung Deß was er hat, und nicht hat. (Schlachtgetöſe in der Ferne, wie von einem Seetreffen. Antonius kommt zurück.) Ant. Alles hin! Die ſchaͤndliche Egypterin verrieth mich; Dem Feind ergab ſich meine Flotte: dort Schwenken ſie ihre Muͤtzen, zechen ſie, Wie Freunde lang getrennt. Dreifache Hure! Du haſt dem Knaben mich verkauft! Mein Herz Fuͤhrt Krieg mit dir allein.— Heiß alle fliehn: Denn wenn ich mich geraͤcht an meinem Zauber, Bin ich zu Ende: Geh! heiß alle fliehn!— (Scarus ab.) O Sonne! Nimmer ſeh' ich deinen Aufgang! Ich und Fortuna ſcheiden hier:— hier grade ſchuͤtteln Die Hand wir uns! Kam es dahin? Die Herzen, Die huͤndiſch mir gefolgt, die jeden Wunſch Von mir erhielten, 266 Antonius und Cleopatra. X Die ſchmelzen hin, und thauen ihre Huld Auf den erbluͤh'nden Caͤſar: Und abgeſchaͤlt nun ſteht die Fichte da, Die alle uͤberragt! Ich bin verkauft! O falſch Egyptiſch Herz! o tiefer Zauber! Du winkt'ſt mein Heer zum Krieg, du zogſt es heim, Dein Buſen war mein Diadem, mein Ziel, Und du, ein echt Zigeunerweib, betrogſt mich Beim falſchen Spiel um meinen ganzen Einſatz! He, Eros! Eros! (Cleopatra kommt.) Ah du Blendwerk! Fort! Cleop. Was tobt mein Fi ſ gegen die Ge⸗ iebte? Ant. Entfleuch, ſonſt zahl' ich dir verdienten Lohn, Und ſchaͤnde Caͤſars Siegszug. Nehm' er dich; Hoch aufgeſtellt den jauchzenden Plebejern, Folg' ſeinem Wagen als der groͤßte Fleck Des Fraungeſchlechts!— Laß dich als Monſtrum zeigen. Den ſchaͤbigſten Geſell'n und Toͤlpeln; laß Die ſanfte Octavia dein Geſicht zerfurchen Mit ſcharfen Naͤgeln.(Cleopatra ab.)— Gut daß du gegangen, Wenn's gut iſt daß du lebſt: doch heſſer war's, Du ſieleſt meiner Wuth: der Einen Tod Erhielt am Leben viele.— Eros, ha! Des Neſſus Hemd umſchließt mich! Lehre mich, Alcides, großer Ahnherr, deine Wuth; Laß mich ans Horn des Monds den Lichas ſchleudern, Und dieſe Hand, die Rieſenkeulen ſchwang, Mein edles Selbſt zerſtoͤren. Tod der Zaub'rin! Dem Buben Roms gab ſie mich Preis; ich falle Durch dieſen Trug: drum Tod ihr.„ho!— 9 7. Sz. 12. Antonius und Cleopatra. 267 Sfte Alerandrien. Zimmer im Pallaſt. (Cleopatra, Charmion, Jras, und Mardian treten auf.) Cleopatra. Helft mir! o er raſſt mehr als Telamon Um ſeinen Schild: der Eber von Theſſalien Hat niemals ſo geſchaͤumt. Charm. Zum Monument! Da ſchließt Euch ein, meldet ihm Euern Tod. Mehr ſchmerzt das Scheiden nicht von Seel und Leib, Als Groͤße, die uns abfaͤllt. Cleop. Hin zum Grabmal! Mardian, geh, ſag' ihm, ich erſtach mich ſelbſt; ag ihm, mein letztes Wort war Marc Anton; Und recht wehmuͤthig ſprichs, ich bitt' dich. Geh, Mardian, und melde mir, wie er es nimmt; Zum Monument!(Alle ab.) Zwoͤlfte Szene. Daſelbſt. Ein anderes Zimmer. (Antonius und Eros treten auf.) Antonius. Eros, ſiehſt du mich noch? Eros. Ja, hoher Feldherr. Ant. Oft ſehn wir eine Wolke, drachenhaft, Oft Dunſtgeſtalten gleich dem Leu, dem Baͤr, Der hochgethuͤrmten Burg, dem Felſenhang, Gezacktem Berg und blauem Vorgebirg, Mit Baͤumen drauf, die nicken auf die Welt, Mit Luft die Augen taͤuſchend: ſolche Zeichen ſahſt du, Des dunkeln Abends Prachtgebilde? Eros. Ja, Mein edler Herr. Ant. Was jetzt ein Pferd noch war, im naͤchſten Nu 268 Antonius und Cleopatra. A. IV. Verſchwemmt's der Wolkenzug, unkenntlich wird's, Wie Waſſer iſt im Waſſer,— Eros. Ja, ſo iſt's. Ant. Mein guter Freund, ſolch einem Bilde gleicht Dein Feldherr jetzt. Noch bin ich Marc Anton; Doch bleibt mir nicht, mein Freund, dieß Lebensbild. — Der Krieg war fuͤr Egypten,— und die Koͤnigin— Ihr Herz, waͤhnt' ich, war mein, denn meins war Ihr,— Und als es mein, da zog's Millionen Andre Mir nach, die jeht dahin,— Sie hat mit Caͤſarn Die Karten miſchend, falſch ihm meinen Rahm, Dem Triumph des Feindes zugeſpielt. Nein, lieber Eros! Weine nicht! Es blieb noch Ich ſelbſt, mit mir zu enden. O die Arge!— (Mardian kommt.) Sie hat mein Schwerdt geſtohlen! „Ward. Mein, Antonius, Meine Herrin liebte dich, und knuͤpft ihr Schickſal An deines feſt. Ant. Fort, ſchnoͤder Haͤmling, ſchweig; 3 Verrathen hat ſie mich, und ſie foll ſterben. MWard. Den Tod kann jeder Menſch nur Einmal zahlen; Sie hat die Schuld getilgt. Was du gewollt, Iſt ſchon vollbracht. Ihr letztes Wort im Leben War Marc Antonius, edler Marc Anton!— Dann brach ein ſtoͤhnend Aechzen mitten durch Das Wort Antonius: es blieb getheilt So zwiſchen Herz und Lippen: ſie verſchied, Und ward des Namens Grab. Ant. Todt alſo? Mard. Todt. Ant.—— Eros, entwaffne mich. Des langen Tages Arbeit iſt gethan, Ich geh zur Ruh. Daß du in Frieden ziehn magſt, Zahlt reichlich deinen Gang. Fort! Ab! Reiß ab!— (Mardian geht.) Nicht Ajax ſiebenfaͤlt'ger Schild bewahrte Vor dieſem Sturm mein Herz. O brecht, ihr Seiten! Herz, dießmal ſtaͤrker ſey als deine Huͤlle, Spreng' dein zerbrechlich Haus! Schnell, Eros, ſchnell! Kein Krieger mehr! Lebt wohl, zerſchlagne Waffen, Ihr dientet mir mit Ehren.— Geh ein Weilchen!— *(Eros geht.) Sz. 12. Antonius und Cleopatra. 269 Ich hole bald dich ein, Cleopatra; Und wein' um dein Vergeben: alſo ſey's. Aufſchub iſt Folter: weil dein Licht erloſch, Ruh aus, ſchweife nicht laͤnger. Alle Muͤh' Verdirbt, was ſie erringt: Kraft wird verſtrickt Durch Staͤrke ſelbſt.„ Verſiegelt! Alles aus!— Eros! Ich komme, Koͤnigin! Eros!— Weile noch; Wo Seelen ruhn auf Blumen, wandeln wir, Daß Geiſter ſtaunen unſerm freud'gen Gang, Dido und ihr Aeneas ſtehn verlaſſen, Und alles ſchwaͤrmt uns nach. Komm, Eros! Eros! (Eros kommt zurück.) Eros. Was ruft mein Herr? . Ant. Seit ſie vorangegangen, Lebt' ich in ſolcher Schmach, daß meine Feigheit Den Goͤttern ward zum Abſcheu. Ich, deß Schwerdt Die Welt getheilt, der auf des Mecres Wogen Schiffe zu Staͤdten ſchuf, bin nun verdammt Dem Weib' an Muth zu weichen, minder kuͤhn Als ſie, die ſterbend unſerm Cäſar ſagt: Ich uͤberwand mich ſelbſt. Du ſchwurſt mir, Eros, Kaͤm' es zum Aeußerſten,—(und wahrlich, jetzt Kam es ſo weit,—) und ſaͤh' ich hinter mir Die unvermeibliche Verfolgung von Ruin und Schande: Dann auf mein Geheiß Wollſt du mich toͤdten. Thu's! die Zeit iſt da! Nicht triffſt du mich, den Caͤſar ſchlaͤgſt du nieder. Ruf Farb' auf deine Wangen. Eros. Goͤtter! Nein! Sollt' ich das thun, was alle Parther-Speere, Ob ſeindlich, nicht vermocht, ihr Ziel verfehlend? Ant. Mein Eros, Moͤcht'ſt du am Fenſter ſtehn im großen Rom, Und deinen Feldherrn ſchaun, verſchraͤnkt den Arm, Geneigt den unterjochten Hals, ſein Antlitz Durchgluͤht von Scham, indeß der Siegerwagen Des freud'gen Caͤſar auf des Folgers Feigheit Ein Brandmal druͤckte? Cros. Nimmer mocht' ichs ſchaun. Ant. So komm, mit einer Wunde heilſt du mich. Zieh dieß dein wackres Schwerdt, das du gefuͤhrt So nuͤtzlich fuͤr dein Land⸗ Eros. O Herr, verzeiht mir! 270 Antonius und Cleopatra. A. W. Ant. Als ich dich frei ließ, ſchwurſt du's damals nicht Zu thun, wenn ichs verlangte? Thu's mit Eins, Sonſt wird dein fruͤhrer trener Dienſt durchaus Gedankenloſer Zufall. Zieh, und ſchnell. Eros. So wende denn von mir das edle Antlitz, Aus dem die Majeſtaͤt des Weltalls blickt! Ant. Wohlan!(wendet ſich ab.) Eros. Ich zog das Schwerdt. Ant. Vollende dann mit Eins Weshalb Du's zuͤckteſt. Eros. Mein geliebter Herr, Mein Held, mein Imperator! Nun ſag' ich Vor dieſem blutgem Streich Dir Lebewohl! Ant. Du ſprachſt es, Lieber; leb denn wohl.— Eros. Leb wohl, mein Feldherr. Stoß' ich jetzt? Ant. Ja, Eros. Eros. Nun, ſo dann: ſo entrinn' ich denn der Qual, Antonius Tod zu ſehn. (fällt in ſein Schwerdt.) Ant. O dreimal edler du als ich! Du lehrteſt mich, mein tapfrer Eros, was Ich ſollt' und du nicht konnteſt. Meine Koͤnigin Und du, ihr mahntet durch Eu'r großes Beiſpiel Mich an den alten Muth. Nun will ich ſeyn Ein Braͤutigam dem Tod, und zu ihm eilen Wie zu der Liebſten Bett. Wohlan! Und Eros, Dein Meiſter ſtirbt dein Schuͤler: das zu thun (fällt in ſein Schwerdt.) Lernt' ich von dir Was?— Nicht todt? Nicht todt? Wache! O endet nun mit mir!— (Dercetas kommt mit Wache.) 1. Wache. Was fuͤr ein Laͤrm? Ant. Ich machte ſchlecht mein Werk; vollendet, Freunde, Was ich begonnen. 2. Wache. Unſer Stern ging unter! 1. Wache. Und unſte Zeit iſt aus! Alle. Weh allen! Weh!— Ant. O, wer mich lieb hat, toͤdte mich! 5 1. Wache. Nicht ich. 2. Wache. Ich auch nicht. 3. Wache. Keiner hier! (Wachen gehn ab.) — Sz. 12. Antonius und Cleopatra. 271 Derc. Dein Tod und Schickſal ſcheucht die Freunde weg.— Caͤſarn dieß Schwerdt mit dieſer Poſt nur zeigen, Verſchafft mir Wuͤrden. (Diomedes tritt auf.) Diom. Wo iſt Anton? Derc. Hier, Diomed. Diom. Lebt er? Willſt du nicht Antwort geben? (Dercetas geht.) Ant. Diomed, biſt du's? o zieh dein Schwerdt, und gieb mir Den Todesſtreich! Diom. Erhabenſter Gebieter, Cleopatra, meine Fuͤrſtin, ſandte mich. Ant. Wann ſchickte ſie? Diom. Jetzt eben, Herr. Ant. Wo iſt ſie? Diom. In ihrem Grabmal. Ein prophetiſch Ahnden Weiſſagt' ihr, was geſchehn. Denn als ſie ſah Was nimmer ſich bewaͤhren wird) Euch mißtraun, Sie halt' es mit dem Caͤſar, und Euer Grimm Sey nicht zu ſaͤnftgen, gab ſie ſich fuͤr todt: Dann fuͤrchtend wie Ihrs tragen moͤchtet, hieß ſie Mich Euch die Wahrheit kuͤnden: doch ich kam Zu ſpaͤt, beſorg' ich. Ant. Zu ſpaͤt, mein Diomed. Ruf mir die Wache!— Diom. He, he! Des Feldherrn Wache! Wache, he! Kommt, Eur Gebieter ruft. (Einige von der Wache kommen zurück.) Ant. Tragt mich zur Koͤnigin, meine guten Freunde, Dieß iſt der letzte Dienſt, den ich verlange⸗ 1. Wache. Weh uͤber uns! Daß Ihr nicht uberlebt All' Eure treuen Diener! Alle. Tag des Jammers! Ant. Nein, Kinder, ſchmeichelt nicht dem argen Schickſal, Goͤnnt ihm nicht Euren Kummer: heißt willkommen Was uns als Strafe naht, ſo ſtrafet ihrs, Indem Ihrs leicht ertragt. Nun hebt mich auf! Ich fuͤhrt' Euch oft, nun tragt mich, lieben Freunde, Und nehmt fuͤr Alles Dank!— (Sie tragen den Antonius weg.) —— 272 Antonius und Cleopatra. A. IV. Dreizehnte Szene. Daſelbſt. Ein Monument. (Cleopatra, Charmion und Fras erſcheinen oben auf dem Monument.) Cleopatra. O Charmion, ich will nie von hier mehr gehn. Charm. O troͤſtet Euch, Verehrte! Cleop. Nein, ich will nicht: Entſetzen ſey und Schreckniß mir willkommen, Doch Troſt verſchmaͤh'n wir: unſtes Schmerzens Groͤße, Der Urſach gleichgemeſſen, ſey ſo furchtbar Als was ihn uns erregt. (Diomedes tritt auf.) . Sprich, iſt er todt? Diom. Sein Tod ſchwebt uͤber ihm, doch lebt er noch. Schaut nur nach jener Seite Eures Grabmals, Dort bringt ihn ſchon die Wache. (Antonius wird von der Wache herein getragen.) Cleop. O du Sonne, Verbrenne deine Sphaͤre! Nacht, ſteh feſt Auf wechſelnden Weltfluren! O Antonius, Anton, Anton! O Charmion hilf, hilf Iras, Helft Freunde unten! Zieht herauf ihn! Ant. Still! Nicht Caͤſars Kraft beſiegte Marc Anton, Nein, Marc Anton erlag ſich ſelber nuri Cleop. So mußt' es ſeyn; Antonins konnt'“ allein Anton bewaͤltigen: doch weh' dem Tag! Ant. Ich ſterb' Egypten, ſterbe: nur ein Weilchen Laß ich den Tod noch warten, bis ich dir Von ſo viel tauſend Kuͤſſen den armen letzten Auf deine Lippen druckte. Cleop. Ich wag' es nicht,— O theurer Herr vergieb h Ich wag' es nicht, Sie fah'n mich ſonſt. Rein! nicht das Siegsgepraͤnge Des hochbegluckten uͤbermuͤth'gen Caͤſar Zier' ich jemals. Bleibt Meſſern, Giften, Schlangen, Nur Schaͤrfe, Kraft, und Stachel, bin ich ſicher. Eur Weib Octavia mit dem kalten Blick Und ſtillem Gleichmuth ſoll nicht Ehr' empfangen Sz. 13. Antonius und Fleopatra. 23 Indem ſie ſtreng' mich anſieht. Komm, Antonius, Helft, meine Frau'n, wir ziehn dich hier herauf; Faßt Alle an. Ant. O ſchnell, ſonſt bin ich hin. Cleop. O ſeltſam Spiel! Wie ſwe du wiegſt, Ge⸗ iebter! All' unſre Staͤrke ging in Schwermuth unter, Das mehrt die Laſt. Hätt' ich der Juno Macht, Merkur, der Kraftbeſchwingte, hoͤbe dich Und ſetzte dich an Jovis Seite. Komm nur! Wuͤnſchen war nimmer Thorheit: komm, komm, komm, Willkommen! Willkommen! Stirb nun, wo du lebteſt, Leb' auf im Kuß! Vermoͤchten das die Lippen, Wegkuͤſſen ſollt'ſt du ſie!— Alle. O jammervoll! Ant. Ich ſterb', Egypten, ſterbe!— Reicht mit ein wenig Wein, daß ich noch rede!— Cleop. Nein, laß mich reden, laß ſo laut mich ſchelten, Bis ſie, gekraͤnkt, das falſche Weib Fortuna, Ihr ſpinnend Rad zerbricht. Ant. Ein Wort, Geliebte: Beim Caͤſar ſuch' dir Schutz und Ehre.„Oh! Cleop. Die gehn nicht mit einander. Ant. Hoͤr' mich, Liebe: Von Caͤſars Volk trau' nur dem Proculejus. Cleop. Ich trau' auf meinen Muth und meine Hand, Keinem von Caͤſars Volk. Ant. Den jammervollen Wechſel und mein Sterben, Beweint, beklagt ſie nicht: ſtaͤrkt Eur Gedaͤchtniß An der Erinnrung meines fruͤhern Gluͤcks, Das mich erhob zum erſten Weltgebieter, Zum edelſten: und jetzt, nicht feige ſterb“ ich, Noch ehrlos: neige meinen Helm dem Landsmann, Ein Roͤmer, maͤnnlich nur beſiegt vom Roͤmer. Jetzt nun entflieht mein Geiſt, das Wort erſtirbt. Cer ſtirbt.) Cleop. O edelſter der Maͤnner! willſt du ſcheiden? So ſorgſt du nicht um mich? Aushalten ſoll ich In dieſer ſchaalen Welt, die ohne dich Nicht mehr iſt als ein Viehſtall? Seht, ihr Fraun, Die Krone ſchmilzt der Erde! O mein Herr! O hingewelkt iſt aller Sieges⸗Lorbeer, des Kriegers Banner, Dirn' und Knabe . 18 ————— 74 Antonius und Cleopatra. A. IV. Sz. 13. Stehn jetzt den Maͤnnern gleich: kein Abſtand mehr, Nichts bietet der Betrachtung mehr ſich dar Unter dem ſpaͤhnden Mond. (Sie fällt in Ohnmacht.) Charm. O Faſſung, Fuͤrſtin! Iras. Sie ſtirbt auch, unne Koͤnigin! Charm. Herrin! Iras. Fuͤrſtin! Charm. O Fuͤrſtin, Fuͤrſtin, Fuͤrſtin!— Iras. Egyptens Krone, unſte Herrſcherin! Charm. Still, Iras, ſtill! Cleop. Nichts mehr als jeglich Weib, und unterthan So armem Schmerz, als jede Magd, die melkt, Und nicdern Hausdienſt thut. Nun koͤnnt' ich gleich Mein Scepter auf die neid'ſchen Goͤtter ſchleudern, Und rufen:„dieſe Welt glich' ihrer ganz Bis ſie geſtohlen unſern Diamant!“ Richtsnutzig alles jetzt! Geduld iſt laͤppiſch, Ungeduld ziemt nur Den tollgewordnen Hunden! Iſts denn Suͤnde, Zu ſtuͤrmen ins geheime Haus des Todes, Eh Tod zu uns ſich wagt? Was macht ihr, Mädchen? Was, was? getroſt! Wie geht dirs, Charmion? Ihr edlen Dirnen! Ach!— Seht, Weiber, ſeht, Unſre Leucht' erloſch, iſt aus! Seyd herzhaft, Kinder, Begraben woll'n wir ihn: was groß, was edel, Vollziehn wir dann nach hoher Roͤmer Art. Stolz ſey der Tod uns zu empfangen! Kommt, Dieß Haus des Rieſengeiſtes iſt nun kalt! Ach Maͤdchen, Maͤdchen, kommt! In dieſer Noth Blieb uns kein Freund, als Muth und ſchneller Tod. (geht ab. Antonius Leiche wird oben weggetragen.) A. V. Sz. 1. Antonius und Cleopatre. 275 Fuͤnfter Aufzug. Exſt e Cäſars Lager vor Alerandrien. (Es treten auf Cäſar, Agrippa, Dolabella, Mäce⸗ nas, Gallus, Proculejus und Andre.) Caͤſar. Gch, Dolabella, heiß ihm, ſich ergeben: Da es ſo ganz umſonſt, ſag' ihm, er ſpotte Der Zoͤgrung, die er macht. Dol. Ich gehe, Caͤſar.(ab.) (Dercetas kommt mit dem Schwerdt des Antonius.) Cäſ. Was ſoll uns das? Und wer biſt du, der wagt Uns ſo zu nahn? Derc. Dercetas heiß ich, Herr, Ich diente Marc Anton, dem beſten Mann, Und werth des beſten Dienſts. Mein Leben trug ich nur, An ſeine Haſſer es zu wagen. Willſt du Mich zu dir nehmen? Was ich ihm geweſen, Will ich dem Caͤſar ſeyn. Gefaͤllt dirs nicht, So nimm mein Leben hin. Cäſ. Was ſagſt du mir? Derc. Ich ſag', o Caͤſar, Marc Anton iſt todt. Cäſ. Daß nicht den Einſturz ſolcher Macht verkuͤndet Ein ſtaͤrkres Krachen! Soll der Welt Erſchuͤttrung Nicht Loͤwen in der Staͤdte Gaſſen treiben, Und Buͤrger in die Wuͤſte? Antonius Tod Iſt nicht ein einzeln Sterben: denn ſo hieß Die halbe Welt. Derc. Er iſt geſtorben, Caͤſar: Kein Henker des Gerichts auf offnem Markt, Kein mordgedungner Stahl, nein, jene Hand, Die ſeinen Ruhm in Thaten niederſchrieb, Hat mit dem Muth, den ihr das Herz geliehn, 18* 276 Antonius und Cleopatra. A V Sein Herz durchbohrt. Dieß iſt ſein Schwerdt, Ich raubt' es ſeiner Wund'; es iſt gefärbt Mit ſeinem reinſten Blut. Cäſ. Ihr trauert, Freunde? So ſtrafe Zeus mich! Dieß iſt eine Bothſchaft, Ein Koͤnigsaug' zu feuchten. Agr. Seltſam iſts, Daß uns Natur das zu beweinen zwingt, Was wir erſtrebt mit Eifer! Mäc. Ruhm und Unwerth Wog gleich in ihm. Agr. Nie lenkt' ein hoͤhrer Geiſt Ein menſchlich Weſen; Doch ihr Goͤtter leiht Uns Fehler, daß wir Menſchen ſeyn. Weint Caͤſar? Waͤc. Wird ihm ſolch maͤchtger Spiegel vorgehalten, Muß er ſich ſelber ſchaun. Caͤſ. O Marc Anton!— Bis dahin bracht' ich dich! doch hegen wir Den Todeskeim in unſter Bruſt: gezwungen mußt' ich Dir ſolchen truben Tag des Falls bereiten, Wenn du nicht mir: Raum war nicht fuͤr uns beide In ganzer weiter Welt. Und doch beklag' ichs nun, Mit Thraͤnen koſtbar wie des Herzens Blut, Daß du, mein Bruder, du mein Mitbewerber Zum Gipfel jedes Ruhms, mein Reichsgenoß, Freund und Gefaͤhrt' im wilden Sturm der Schlacht, Arm meines Leibes, Herz, an dem das meine Sich Glut entzuͤndete,— daß unſre Sterne, Nie zu verſoͤhnen, ſo zerreißen mußten Die vor'ge Einheit. Hoͤrt mich, werthe Freunde,— — Doch ſag' ichs lieber Euch zu beßrer Zeit! (Ein Bote kommt.) Des Mannes Botſchaft kundet ſchon ſein Blick, Laßt uns ihn hoͤren. Woher biſt du? Bote. Noch Ein armer Egypter. Meine Koͤnigin, In ihrem Grabmal(ihrer Habe Reſt) Verſchloſſen, wuͤnſcht zu wiſſen deine Abſicht: Daß ſie ſich faſſen moͤg', und vorbereiten Auf ihre Zukunft. Cäſ. Sprich ihr Muth und Troſt; Bald meldet einer ihr der Meinigen, Welch ehrenvoll und mildes Loos wir ſchon Sz 2. Antonius und Cleopatra. 277 Fuͤr ſie beſtimmt: denn Caͤſar kann nicht leben, Und hart geſinnt ſeyn. 1 Bote. Schuͤtze dich der Himmel! ab.) Cäſ. Komm hieher, Proculejus; geh, verkuͤnd' ihr, Ich ſey nicht Willens ſie zu kraͤnken. Gieb ihr Troſt, wie's der Umfang ihres Weh's erheiſcht, Daß ſie großherzig nicht durch eignen Tod Uns uͤberwinde. Sie, nach Rom gefuͤhrt, Wuͤrd' unſern Siegs⸗Triumph verew'gen. Geh, Und auf das ſchnellſte bring' mir was ſie ſagt, Und wie du ſie gefunden. Proc. Ich eile, Caͤſar.(ab.) Cäſ. Gallus, begleit ihn. Wo iſt Dolabella, Zu helfen Proculejus?—(Gallus geht ab.) Agr. und Mäc. Dolabella! Cäſ. Laßt ihn; denn eben jetzt beſinn' ich mich, Wozu ich ihn gebraucht. Er muß bald hier ſeyn;— Kommt mit mir in mein Zelt, da ſollt ihr hoͤren, Wie ſchwer ich mich fur dieſen Krieg entſchied, Wie mild und ruhig ich mich ſtets geaͤußert In allen Briefen. Folgt mir, und erfahrt Was mich Euch mitzutheilen draͤngt.(Alle ab.) Zweite Szene. Alexandrien. Ein Zimmer im Monument. (Cleopatra, Charmion und Fras treten auf.) Cleopatra. Schon giebt Verzweiflung mir ein beßres Leben; Armſelig iſt es, Caͤſar ſeyn: da er Fortuna nicht, iſt er nun Knecht Fortunens, Handlanger ihres Willens.— Groͤße iſts Das thun, was alle andern Thaten endigt, Zufall in Ketten ſchlaͤgt, verrammt den Wechſel, Feſt ſchlaͤft, und nicht nach jenem Koth mehr hungert, Des Bettlers Amm' und Cäſars. (Proculejus, Gallus und Soldaten erſcheinen unten an der Thür des Begräbniſſes.) Proc. Caͤſar begruͤßt Egyptens Koͤnigin, 8 Antonius und Cleopatra. A. V. Und heißt dich ſinnen, welchen billigen Wunſch Er dir gewaͤhren ſoll. Cleop.(von innen.) Wie iſt dein Name?— Proc. Mein Nam' iſt Proculejus. Cleop. Marc Anton Sprach mir von Euch, hieß mich auf Euch vertraun; Doch wenig ſoll michs kuͤmmern ob Ihr taͤuſcht, Da Gradheit mir nicht nutzt. Will Euer Herr Zu ſeiner Bettlerin ein furſtlich Haupt, Sagt: Majeſtaͤt, ſchon Wohlſtandshalber, durfe Nicht wen'ger betteln als ein Reich. Gefallts ihm, Fuͤr meinen Sohn Egypten mir zu ſchenken, So giebt er mir ſo viel des Meinen, daß ich Ihm knieend danken will. Proc. Habt guten Muth! Ihr fielt in Fuͤrſtenhand, ſeyd unbeſorgt, Vertraut Euch ohne Ruͤckſicht meinem Herrn, Der ſo voll Gnad' iſt, daß ſie uͤberſtroͤmt Auf alle Huͤlfsbeduͤrft'gen. Ich bericht' ihm Eur ſanftes Unterwerfen, und als Sieger Erſcheint er Euch, der das von Euch erbittet, Um was Ihr knicend ſleht. Cleop. O meldet ihm, Ich⸗ ſeines Gluͤcks Vaſallin, bring' ihm dar Die Hoheit, die er ſich gewann: gehorchen Lern' ich jetzt ſtundlich, und mit Freuden ſaͤh' ich Sein Angeſicht. Proc. Dieß ſag' ich, werthe Fuͤrſtin: Seyd ruhig, denn ich weiß, Eur Ungluͤck weckt Sein Mitleid, der's veranlaßt. Gall. Ihr ſeht, wie leicht wir jetzt ſie uͤberfallen! (Proculejus und einige von der Wache erſteigen das Grab⸗ mal auf einer Leiter, und umringen Cleopatra. Zugleich wird das Thor entriegelt und aufgeſprengt.) Bewacht ſie gut, bis Cäſar kommt. Cab.) Iras. O Fuͤrſtin! Charm. Cleopatra! Du biſt gefangen,— Fuͤrſtin!— Cleop. Schnell, liebe Hand! Gieht einen Dolch hervor.) — Sz. 2. Antonius und Cleopatra. 279 Proe. Halt, edle Frau; laßt ab! (ergreift und entwaffnet ſie.) Thut Euch nicht ſelbſt ſo nah; dieß ſoll Euch retten, Nicht Euch verrathen! Cleop. Auch den Tod mißgoͤnnt Ihr, Der ſelbſt den Hund von ſeiner Angſt erloͤſ't? Proc. Entzieht Euch nicht des Gnade, Fuͤrſtin, Durch Enern Untergang!— Die Welt erfahre Das Wirken ſeiner Großmuth, das Eur Tod Nicht laͤßt zum Ziel gelangen. Cleop. Tod, wo biſt du?— Komm her! Komm, komm! Nimm eine Koͤnigin, Mehr werth, als viele Saͤuglinge und Bettler!— Proc. O maͤßigt Euch!— Cleop. Freund, keine Speiſe nehm' nicht trink' ich, Und wenn auch muͤßig Schwatzen noͤthig iſt, Schlaf' ich auch nicht? dieß ird'ſche Haus zerſtor' ich: Thu' Caͤſar, was er kann. Wißt, Herr, nicht froͤhn' ich In Ketten je an Eures Feldherrn Hof, Noch ſoll mich je das kalte Ange zuͤcht'gen Der nuͤchternen Octavia. Hochgehoben Sollt' ich des ſchmaͤhnden Roms jubelndem Poͤbel Zur Schau ſtehn? Lieber ſey ein Sumpf Eoyptens Mein freundlich Grab! Lieber in Nilus Schlamm Legt mich ganz nackt, laßt mich die Waſſerfliege Zum Scheuſal ſtechen; lieber macht Egyptens Erhabne Pyramiden mir zum Galgen, Und haͤngt mich auf in Ketten! Proc. Ihr dehnt weiter Die Bilder ſolches Schanders, als Euch Caͤſar Veranlaſſung wird geben. (Dolabella tritt auf.) Dolab. Proculejus, Was du gethan, weiß Caͤſar dein Gebieter.— Er hat geſandt nach dir: die Koͤnigin Nehm' ich in meine Hut. Proc. Wohl, Dolabella, Mir um ſo lieber. Seyd nicht ſtreng' mit ihr.— ————— ———— 280 Antonius und Cleopatra. A. W Caſar'n beſtell' ich, was du irgend wuͤnſcheſt, Wenn du mirs auftraͤgſt. Cleop. Sprich, ich wolle ſterben. (Proculejus mit den Soldaten ab.) Dolab. Erhabne Kaiſ'rin, hoͤrtet Ihr von mir? Cleop. Ich weiß nicht. Dolab. Ganz gewiß, Ihr kennt mich ſchon. Cleop. Gleichviel ja, wen ich kenne, was ich hoͤrte;— Ihr lacht, wenn Frau'n und Kinder Traͤum' etzaͤhlen; Nicht wahr? Ihr lacht?— Dolab. Was wollt Ihr damit ſagen? Cleop. Mir traͤumt', es lebt' Feldherr Marc nton,— Ach, noch ein ſolcher Schlaf, damit ich nur Noch einmal ſaͤhe ſolchen Mann!— Dolab. Gefaͤllts Euch. Cleop. Sein Antlitz war der Himmel: darin ſtanden Sonne und Mond, kreiſ'ten, und gaben Licht Dem kleinen O, der Erde. Dolab. Hohes Weſen,„ Cleop. Den Ocean uͤberſchritt ſein Bein; ſein Arm Erhoben, ward Helmſchmuck der Welt; ſein Wort War Harmonie, wie aller Sphaͤren Klang, Doch Freunden nur: Denn galts, den Weltkreis ſtuͤrmiſch zu erſchuͤttern, Ward es ein donnernd Schelten. Seine Guͤte,— — Kein Winter jemals; immer blieb ſie Herbſt, Die mehr noch wuchs im Erndten: Seine Freuden, Delphinen gleich: ſtets ragte hoch ſein Nacken Empor aus ihrer Fluth. Sein Zeichen trug Krone wie Fuͤrſtenhut: wie Muͤnzen fielen Ihm aus der Taſche Koͤnigreich' und Inſeln— Dolab. Cleopatra,.. Cleop. Gab es wohl jemals, gibts je ſolchen Mann Wie ich ihn ſah im Traum?— Dolab. Nein, edle Fuͤrſtin!— Cleop. Du luͤgſt, hinauf bis zu dem Ohr der Götter! Doch gab es je, giebts jemals einen ſolchen, So uͤberragt er alle Fantaſie:— * Sz. 2. Antonius und Cleopatra. 281 Stoff mangelt der Natur, Die Wunderform des Traums zu uͤberbieten; Doch daß ſie einen Marc Anton erſann, Dieß Kunſtſtuͤck ſchlug die Traumwelt voͤllig nieder, All' ihre Schatten tilgend. Dolab. Fuͤrſtin, hoͤrt: Groß wie Ihr ſelbſt iſt Eur Verluſt, und Ihr Tragt ihn gemaͤß der Schwere. Moͤg' ich nie Erſehntes Ziel erreichen, fuͤhl' ich nicht Durch Ruͤckſchlag Eures Grams ſo tiefen Schmerz, Daß er mein Herz entwurzelt. Cleop. Freund' ich dank' Euch.— Wißt Ihr, was Caͤſar uͤber mich beſchloß? Dolab. Ich wollt', Ihr wuͤßtet, was ich ungern ſage. Cleop. Ich bitt' Euch, Herr...„ Dolab. Wie groß ſein Edelmuth,— Cleop. Er will mich im Triumph auffuͤhren? Dolab. Fuͤrſtin, So iſts, ich weiß es. (Hinter der Szene:) Platz! macht Platz dem Caͤſar!— (Cäſar, Gallus, Proculejus, Mäcenas, Seleucus und Gefolge treten auf.) Caͤſ. Welch' iſt die Koͤnigin von Egypten? Dolab. S iſt Der Imperator, edle Frau. (Cleopatra kniet.) Caſ. Steht auf; Ihr ſollt nicht knien, ich bitt' Euch drum; ſteht auf; Steht auf, Egypten! Cleop. Alſo wollten es Die Goͤtter; meinein Sieger und Gebieter Muß ich gehorchen. Caͤſ. Truͤbes Sinnen, ferne! Erinnrung aller Unbill, uns erwieſen, Sey mir, obſchon in unſer Blut geſchrieben, Wie Kraͤnkung nur durch Ungefaͤhr. Cleop. Allein'ger Herr der Welt, Ich kann nicht meinem Thun das Wort ſo fuͤhren. 282 Antonius und Cleopatra. A. V. Daß es ganz klar erſcheine: ich bekenn bem Mich druͤcken ſolche Schwaͤchen, wie ſchen ſonſt Oft mein Geſchlecht beſchaͤmt. Caͤſ. Cleopatra, Wir wollen mildern lieber als verſtaͤrken: Wenn Ihr Euch unſrer Abſicht fuͤgſam zeigt, Die gegen Euch ſehr ſanft iſt, findet Ihr Gewinn in dieſem Tauſch. Doch wenn Ihr ſucht Auf mich den Schein der Grauſamkeit zu werfen, Antonins Bahn betretend, raubt Ihr Euch Was ich Euch zugedacht: ſtuͤrzt Eure Kinder In den Ruin, vor dem ich gern ſie ſchuͤtzte, Wenn Ihr darauf verharrt.— So geh ich nun. Cleop. Das koͤnnt Ihr, durch hin! Sie iſt uer Und uns, Eure Schildzeichen und Trophäen, Haͤngt auf, wo's Euch gefaͤllt. Hier, edler Herr,. Cäſ. Ihr ſelbſt ſollt fuͤr Cleopatra mir rathen. Cleop. Hier ſteht an Geld, Geraͤth und Schmuck ver⸗ zeichnet Was mein Beſitz: es iſt genau verfaßt, Nur Kleinigkeiten fehlen; wo iſt Seleucus? Sel. Hier, Fuͤrſtin. Cleop. Dieß iſt mein er fragt ihn, Herr Daß ich Euch nichts entzog, laßt ihn verſichern Bei ſeiner Pflicht.— Seleucus, ſprich die Wahrheit!— Sel. Eh' ſchließt den Mund 5 3 daß ich auf flicht Verſichre, was nicht wahr. Cleop. Was denn verhehlt' ich? Sel. Genug, damit zu kaufen was Ihr angabt. Läſ. Erroͤthet nicht, Cleopatra! Ich lob“ Euch Fuͤr Eure Klugheit. 5 Cleop. Seht, o Caͤſar, lernt Des Siegers Macht! Die meinen werden Euer, Und tauſchen wir das Gluͤck, die Euern mein. Dieſes Seleucus ſchnoͤder Undank macht Sz. 2. Antonius und Cleopatra. 283 Ganz wuͤthend mich. O Sclav! Nicht treuer du, Als feile Liebe! ſchleichſt du fort? Du ſollſt Fortſchleichen, glaub mirs! Doch dein Aug⸗ erhaſch' ich, ünd hätt' es Fluͤgel. Hund! Sclav! Fuͤhllos Thier!— O Schandfleck, einzig!— Cäſ. Fuͤrſtin, maͤßigt Euch!— Cleop. O Caͤſar, wie verwundet dieſe Schmach! Daß, wenn du wuͤrdigſt ſelbſt mich hier zu ſehn, Die Ehre goͤnnend deiner Fuͤrſtlichkeit Der tief Gebeugten,— daß mein eigner Knecht Entehrt die große Summe meines Ungluͤcks 6 Durch Zuthat ſeiner Bosheit.— Geſetzt auch, Caͤſar, Daß ich behielt ein wenig Frauentand, Unwichtig Spielwerk, Dinge ſolches Werths Wie man ſie leichten Freunden ſchenkt;— geſetzt, Ein edles Kleinod haͤtt' ich aufgeſpart Fuͤr Livia und Octavia, ihr Vermitteln Mir zu gewinnen;— mußte mich verrathen Ein Menſch, den ich genaͤhrt? O Gott, das ſtuͤrzt mich Noch tiefer als mein Fall. Du weilſt noch?— Fort!— Sonſt ſollen Funken meines Geiſtes ſpruͤhn Aus meines Ungiuͤcks Aſche. Waͤrſt du menſchlich, Du haͤtt'ſt Mitleid fuͤr mich. Caͤſ. Geh fort, Seleucus. (Seleucus geht.) Cleop. Ihr wißt, uns Groͤßte trifft ſo oft Verdacht Um das was andre thaten: Fallen wir, So kommt auf unſer Haupt die fremde Schuld, Statt Mitleid, das uns ziemte. Caͤſ. Koͤnigin, Nicht was Ihr angezeigt noch was verhehlt, Woll'n wir als Beute anſehn: Euch verbleib' es. Schaltet damit nach Willkuͤhr: denkt auch nicht, Caͤfar ſey Handelsmann, mit Euch zu dingen Um Kaufmannswaaren: deshalb ſeyd getroſt, Macht Euren Wahn zum Kerker nicht. Rein, Theure, Wir wollen ſo mit Euch verfuͤgen, wie hr ſelbſt uns rathen werdet; eßt und ſchlaft; o ſehr gehoͤrt Euch unſ're Sorg' und Troͤſtung, Daß Ihr als Freund uns finden ſollt. Lebt wohl. 284 Antonius und Cleopatra. A. P. Cleop. Mein Herr! mein Sieger! Cäſ. Nicht alſo: lebt wohl!— (Cäſar und ſein Gefolge ab.) Cleop. Ha, Worte, Kinder! Worte! Daß ich nur Nicht edel mit mir ſey!— Doch horch du, Charmion.— (ſpricht leiſe mit Charmion.) Fras. Zu Ende denn! der klare Tag iſt hin, Im Dunkel bleiben wir! Cleop. Komm ſchnell zuruck; Ich hab' es ſchon beſtellt, es iſt beſorgt. Geh' daß man's eilig bringe. Charm. Ja, ſo ſey's. (Dolabella kommt.) Dolab. Wo iſt die Fuͤrſtin? Charm. Hier. Cgeht ab.) S Cleop. Nun, Dolabella,. Dolab. Auf Eures Koͤniglichen Worts Geheiß, Dem meine Lieb' als heilig treu gehorcht, Meld' ich Euch dieß: durch Syrien denkt nun Caͤſar Den Marſch zu lenken; innerhalb drei Tagen Schickt er mit Euern Kindern Euch voraus. Nutzt dieſe Friſt ſo gut Ihr koͤnnt: ich that RNach Euerm Wunſch und meinem Wort. Cleop. Ich bleib' Euch Verpflichtet, Dolabella. Dolab. Ich Eu'r Knecht. Lebt, Fuͤrſtin, wohl, ich muß dem Cäſar folgen. Cleop. Lebt wohl, ich dank' Euch. (Dolabella geht ab.) Nun, was denkſt du, Iras? Du, als ein fein egyptiſch Puͤppchen, ſtehſt In Rom zur Schau wie ich: Handwerkervolk Mit ſchmutzgem Schurfell, Maaß und Hammer, hebt Uns auf uns zu beſehn: ihr truͤber Hauch, Widrig von ekler Speiſ, umwoͤlkt uns dampfend, Und zwingt zu athmen ihren Dunſt. Sz. 2. Antonius und Cleopatra. 285 Iras. Verhuͤten's Die Goͤtter!— Cleop. O ganz unfehlbar Iras! Freche Lictorn Packen uns an wie Huren: Schreiend ſingt uns Der Baͤnkelſaͤnger; aus dem Stegreif ſpielen Uns ſelbſt und Alexandriens Gelage Die luſt'gen Hiſtrionen: Marc Anton Tritt auf im Weinrauſch: und ein quaͤkender Junge Wird als Cleopatra meine Majeſtaͤt In einer Metze Stellung hoͤhnen!— Iras. Goͤtter!— Cleop. Ja, ganz gewiß! Jraz. Das ſeh' ich nimmer. Meine Naͤgel, weiß ich, Sind ſtaͤrker als mein Auge. Cleop. Freilich; ſo nur Hoͤhnen wir ihren Anſchlag, und vernichten Den aberwitz'gen Plan. (Charmion kommt zurück.) Nun, Charmion? Nun? Schmuͤckt mich als Koͤnigin, ihr Fraun: geht, holt Mein ſchoͤnſtes Kleid: ich will zum Cydnus wieder, Und Marc Anton begegnen. Hurtig, Iras!— Nun, edle Charmion, wirklich enden wir, Und thatſt du heut dein Amt, dann magſt du ſpielen Bis an den juͤngſten Tag. Bringt Kron' und Alles.— Was fuͤr ein Lärin? (Fras geht. Lärm hinter der Szene.) (Ein Soldat tritt auf.) Sold. Es ſteht ein Bauer draußen, Der will durchaus mit Eurer Hoheit reden: Er bringt Euch Feigen. Cleop. Laßt ihn herein.(Soldat ab.) Welch armes Werkzeug oft Das Cdelſte vollfuͤhrt! Er bringt mir Freiheit! Mein Schluß iſt wandellos: nichts fuͤhl' ich mehr Vom Weib' in mir: Vom Kopf zu Fuß ganz bin ich Nun marmorfeſt: Der unbeſtaͤnd'ge Mond Iſt mein Planet nicht mehr. 286 Antonius und Cteopatra. A. V. (Der Soldat kommt zurück mit einem B auer, welcher einen Korb trägt.) Sold. Dieß iſt der Mann. Cleop. Geh fort und laß ihn hier. S(Soldat ab.) Haſt du den art'gen Nilwurm mitgebracht, Der toͤdtet ohne Schmerz? Bauer. Ja freilich: aber ich moͤchte nicht der Mann ſeyn, der's Euch riethe, Euch mit ihm abzugeben, denn ſein Beißen iſt ganz unſterblich: die, welche daran verſcheiden, kommen ſelten oder nie wieder auf. Cleop. Weißt du von Einem der daran geſtorben? Baucr. Sehr viele; Mannsleute und Frauensleute dazu: ich hoͤrte ganz kuͤrzlich, noch geſtern, von Einer; ein recht braves Weib, nur etwas dem Luͤgen ergeben, (und das ſollte eine Frau nie ſeyn, außer in redlicher Art und Weiſe:) die erzaͤhlte wie ſie an ſeinem Biß geſtorben war, was ſie fuͤr Schmerzen gefuͤhlt. Mein Seel, ſie ſagt' viel Guts von dem Wurm; aber wer den Leuten alles glauben will was ſie ſagen, dem hilft nicht die Haͤlfte von dem was ſie thun. Das iſt aber auf jeden Fall eine in⸗ complete Sache, der Wurm iſt ein curioſer Wurm. Cleop. Geh, mach dich fort, leb wohl. Bauer. Ich wuͤnſche Euch viel Zeitvertreib von dem Wurm. Cleop. Leb wohl. Bauer. Das muͤßt Ihr bedenken, ſeht Ihr, daß der Wurm nicht von Art laͤßt. Cleop. Ja, ja, leb wohl. Bauer. Seht Ihr, dem Wurm iſt nicht zu trauen, außer in geſcheidter Leute Haͤnden: denn, mein Seel, es ſteckt nichts Gutes in dem Wurm. Cleop. Sey unbeſorgt, wir woll'n ihn huͤten!— Bauer. Recht ſchoͤn, gebt ihm nichts, ich bitt' Euch; er iſt ſein Futter nicht werth. Cleop. Wird er mich eſſen? Bauer. Denkt doch nicht, ich waͤre ſo dumm, daß ich nicht wiſſen ſollte, der Teufel ſelbſt werde kein Weibsbild „ — S L. Antonius und Cleopatra. 287 eſſen. Ich weiß, ein Weibsbild iſt ein Gericht fuͤr die Goͤtter, wenns der Teufel nicht zugerichtet hat: aber mein Seel, dieſe Hurenſoͤhne von Teufeln machen den Goͤttern viel Verdruß mit den Weibern: denn von jedem Dutzend, das ſie erſchaffen, verderben ihnen die Teufel ſechſe. Cleop. Nun geh nur, geh! leb wohl. Bauer. Ja wahrhaftig, ich wuͤnſche Euch viel Zeit⸗ vertreib von dem Wurm.(ab.) (Iras kommt zurück mit Krone und. Kleid.) Cleop. Den Mantel gieb, ſetz mir die Krone auf, Ich fuͤhl' ein Sehnen nach Unſterblichkeit! Mun netzt kein Traubenſaft die Lippe mehr.— Raſch, gute Iras! Schnell! Mich duͤnkt, ich hoͤre Antonius Ruf: ich ſeh' ihn ſich erdeben, Mein edles Thun zu preiſen: er verſpottet Des Caͤſar Gluͤck, das Zeus nur als Entſchuld'gung Zukuͤnft'gen Zorn's verleiht. Gemal, ich komme:— Jetzt ſchafft mein Muth ein Recht mir zu dem Titel! Ganz Feu'r und Luft geb' ich dem niedern Leben Die andern Elemente: ſeyd ihr fertig, So kommt, nehimt meiner Lippen letzte Waͤrme!— Lob wohl du gute Charmion! liebſte Iras! Ein langes Lebewohl! (küßt ſie, Iras fällt hin und ſtirbt.) Hab' ich die Natter auf der Lippe? Faͤllſt du? Kann ſich Ratur ſo freundlich von dir trennen? So trifſt uns Tod wie Haͤndedruck des Liebſten, Schmerzlich und doch erſehnt. Liegſt du noch ſtill? Wenn du ſo hinſcheidſt, meldeſt du der Welt, Sie ſey nicht werth des Abſchieds. Charm. Zerſchmilz in Regen, truͤbe Luft, dann glaub' ich, Daß ſelbſt die Goͤtter weinen. Cleop. Dieß beſchaͤmt mich!— Sieht ſie zuerſt Antonius lockig Haupt, Wird er ſie fragen, und den Kuß verſchwenden Der mir ein Himmel iſt.— Komm, toͤdtlich Spielzeug, (ſetzt die Schlange an ihre Bruſt.) Dein ſcharfer Zahn loͤſe mit Eins des Lebens Verwirrten Knoten. Armer gift'ger Narr! 288 Antonius und Cleopatra. A. V. Sey zornig und beſchließ. O koͤnntſt du reden, So hoͤrt' ich dich den großen Caͤſar ſchelten Kurzſicht'ger Tropf. Charm. O Stern des Oſtens! Cleop. Still, Siehſt du den Saͤugling nicht an meiner Bruſt In Schlaf die Amme ſaugen? Charm. Brich, mein Herz! Cleop. So ſuͤß wie Thau! ſo mild wie Luft! ſo lieb⸗ lich— O mein Antonius!— Ja dich nehm' ich auch, (ſetzt eine zweite Schlange an ihren Arm.) Was wart' ich noch (fällt zurück und ſtirbt.) Charm. in dieſer oͤden Welt? ſo fahre wohl! Nun triumphire Tod! du fuͤhrteſt heim Das ſchoͤnſte Fraunbilt. Schließt Euch, weiche Fenſter! Den goldnen Phoͤbus ſchau'n hinfort nicht mehr So koͤnigliche Augen. Deine Krone Sitzt ſchief; ich richte ſie: dann will ich ſpielen.—— (Wache ſtürzt herein.) 1. Wache. Wo iſt die Koͤnigin? Charm. Still, weckt ſie nicht!— 1. Wache. Caͤſar ſchickt. Charm. Viel zu langſam ſeine Boten!— (ſetzt ſich die Schlange an.) O komm! Nun ſchnell! Mach fort! Dich fuͤhl' ich kaum!— 1. Wache. Kommt her: hier ſieht es ſchlimm: ſie taͤuſchten Caͤſar'n. 5 2. Wache. Ruft Dolabella, Caͤſar ſandt' ihn her! 1. Wache. Was giebt's hier? Charmion, iſt das wohl⸗ gethan?— Charm. Ja wohlgethan; ziemts einer uͤrſtin Die ſo viel hohen Koͤnigen entſtammt, Wu Ah, Krieger!——(ſirbt.) (Dolabella tritt auf) Dolab. Wie ſtehts hier? 2. Wache. Alle todt. Sz.2. Antonius und Ctebpatre. 289 Dolab. Cäſar, dein Sorgen Verfehlte nicht ſein Ziel. Du ſelber kommſt, Erfuͤllt zu ſehn die grauſe That, die du Gern hindern wollteſt. (Hinter der Szene„ Platz ſr Caͤſar! Platz!— (Cäſar tritt auf mit Gefolge.) Dolab. O Herr! Ihr wart ein allzu ſichrer Augui Was Ihr beſorgt, geh Caͤſ. Ihr End' erhaben!— Sie rieth was wir gewollt, und königlich Ging ſie den eignen Weg. Wie ſtarben ſie? Ich ſeh' kein Blut. Dolab. Wer war zuletzt mit ihnen? 1. Wache. Ein ſchlichter Landmann, der ihr Feigen brachtez Dieß war ſein Korb. Caͤſ. Gift alſo!— 1. Wache. Eben noch, O Caͤſar, lebte Charmion, ſtand und ſprach, Und ordnet' an dem Koͤnigs⸗ Diadem Der todten Herrin: zitternd ſtand ſie da, Und plotzlich ſank ſie nieder. Caͤſ. Edle Schwachheit! Haͤtten ſie Gift geſchluckt, ſo faͤnde ſich Geſchwulſt von außen: doch ſie gleicht dem Schlaf, Als wollte ſie Anton von neuem fangen Im ſtarken Netz der Schoͤnheit. Dolab. Ihre Bruſt Iſt blutgefaͤrbt und etwas aufgeſchwollen, Und eben ſo ihr Arm. 1. Wache. Dann war's'ne Schangit auf den Fei⸗ genblaͤttern Iſt Schleim zu ſehn, ſo wie die Schlang' ihn laßt In Hoͤhlungen des Rils. Caͤſ. Sehr zu vermuthen, Daß ſo ſie ſtarb: denn mir erzählt ihr Arzt, Wie oft und wiederholt ſie nachgeforſcht V. 19 290 itonius und Cleopatra. Schmerzloſen Todesarten. Nehmt ihr Bett, Und tragt die Dienerinnen fort von hier: Mit ihrem Marc Anton laßt ſie beſtatten!— Kein Grab der Erde ſchließt je wieder ein Solch hohes Paar. Der ernſte Ausgang ruͤhrt Wohl auch den Stifter; und ihr Schickfal wirbt Fuͤr ſie nicht minder Leid, als Ruhm fur den, Der ſie geſtuͤrzt. Laßt unſre Kriegerſchaaren In Feierpracht begleiten dieſe Bahren, Und dann nach RNom.— Komm, Dolabella, dir Vertraun wir der Beſtattung große Zier. (Alle gehn ab.) A. W⸗ ——————— 40. — — 5 — —= — — — Perſonen. Vincentio, Herzog von Wien. Angelo, Statthalter während des Herzogs Abweſenheit. Escalus, ein alter Herr vom Staatsrath, und des Angelo. Claudio, ein junger Edelmann. Lucio, ein Wüſtling. Zwei junge Edelleute, Freunde des Lucio. Varrius, ein Edelmann, in des Herzogs Dienſten. Ein Kerkermeiſter. Thomas, peter, Mönche. Elbogen, ein einfältiger Gerichtsdiener. Schaum, ein alberner junger Menſch. Pompejus, Bierzapfer bei der Frau ueberley. Grauslich, ein Scharfrichter. Bernardino, ein Mörder. Iſabella, Schweſter des Claudio. Mariane, Angelo's Verlobte. Julia, Claudio's Geliebte. Francisca, eine Nonne. Frau ueberley, eine Kupplerin. Herren, Wachen, Gerichtsdiener und andres Gefolge. (Die Szene iſt in Wien.) Erſter i Siſte Sene Ein Zimmer in des Herzogs Pallaſt. (Es treten auf: der Herzog, Escalus, Herren vom Hofe, und Gefolge.) 2 Zerzog. Escalus— Esc. Mein Fuͤrſt?— Zerz. Die Eigenſchaft des Herrſchens zu entfalten, Erſchien' in mir als Luſt an eitler Rede, Weil mir bewußt, daß Eure eigne Kenntniß Die Summe alles ue uͤberſchreitet, Den meine Macht Euch boͤte. Nehmt ſie denn, Wie Euer Edelſinn und Werth verdient, Und laßt ſie wirken. Unſers Volkes Art, Der Stadt Geſetze wie des ganzen Staats Gemeines Recht habt Ihr ſo wohl erforſcht, Als Kunſt und Uebung irgend wen bereichert, Den wir gekannt. So nehmt die Vollmacht hin, Die Euch die Bahn bezeichne. Ruft hieher,— Ich meine, bittet Angelo zu kommen. .(Ein Diener geht.) Wie wird er, ſprecht, in unſerm Bildniß ſcheinen?— Denn wißt, daß mit beſonderm Vorbedacht Wir ihn erwaͤhlt, an unſrer Statt zu herrſchen; Ihm unſre Schrecken liehn, und unſre Gnade, Und ihm als Stellvertreter alle Waffen Der eignen Macht vertraut. Wie dunkt Euch dieß?— Esc. Wenn irgend Einer je in Wien verdient So reiche Huld und Ehre zu erfahren, So iſt's Lord Angelo. (Ungelo tritt auf.) Berz. Da kommt er ſelbſt. Ang. Stets Euer Hoheit Willen unterthaͤnig, Bitt' ich um Euern Auſtrag. 6 „ 294 Maaß für Maaß. 4. 1. Zerz. Angelo, Es iſt'ne Schriſt in deiner Lebensweiſe, Die dem Bemerker klar entfaltet, was Du je erlebt. Du ſelbſt und dein Talent Sind nicht dein eigen, daß du dich verzehrſt S deinen eignen Werth, den Werth fuͤr dich. er Himmel braucht uns, ſo wie wir die Fackeln, Sie leuchten nicht fuͤr ſich; wenn unſ're Kraft Nicht ſtrahlt nach außen hin, waͤr's ganz ſo gut, Als haͤtten wir ſie nicht. Geiſter ſind ſchoͤn gepraͤgt Zu ſchoͤnem Zweck; noch leiht jemals Natur Den kleinſten Scrupel ihrer Trefflichkeit, Dab ſie ſich nicht, als wirthſchaftliche Goͤttin, Den Vortheil eines Glaͤub'gers ausbedingt, So Dank wie Zinſen. Doch ergeht mein Wort An einen Mann, der mich belehren koͤnnte: Bleib ſtets denn Angelo! So lang wir fern, ſey unſer zweites Selbſt: Tod und Begnad'gung wohn' allein in Wien In deiner Bruſt und Zunge. Escalus, Sbſchon zuerſt berufen, ſteh' dir nach: Empfange deine Vollmacht. 8 Ang. O, mein Fuͤrſt, Laßt ſchaͤrfre Pruͤfung mein Metall beſtehn, Bevor ein ſo erhab'nes edles Bild Darauf gepraͤgt wird. Zerz. Keine Ausflucht mehr. Mit wohl gereifter lang bedachter Wahl Wardſt du erſeh'n: Deshalb nimm deine Wuͤrden.— So ſchnelle Eil erfordert unſre Reiſe,. Daß ſie mich draͤngt, und unentſchieden laͤßt Geſchaͤfte wicht'ger Art. Wir ſchreiben Euch, Wie uns Begebenheit und Zeit ermahnt, Was uns betrifft; und wuͤnſchen zu erfahren, Was hier begegnen mag. So lebt denn wohl, Ein gluͤckliches Gelingen ſey mit Euch, Nach unſern Wuͤnſchen. Ang. Doch erlaubt, mein Fuͤrſt, Daß wir ein Stuͤck des Weges Euch geleiten. Berz. Die Eil' erlaubt es nicht; Ihr ſollt, bei meinem Wort, mit keinem Zweifel Euch plagen. Eure Macht iſt gleich der meinen: So ſchaͤrft nun, oder mildert die Geſetze, ——— Sz. 2. Maaß fuͤr Maaß. 3 295 Wie's Eure Einſicht heiſcht. Gebt mir die Hand? Ich reiſ' im Stillen. Lieb' ich gleich das Volk, Doch wuͤnſch' ich nicht, zur Schau mich ihm zu ſtellen; Ob wohl gemeint, doch mundet mir nicht wohl Sein lauter Ruf, ſein ungeſtuͤmes Jauchzen; Noch ſcheint mir der ein Mann von reifem Urtheil, Der ſich daran erfreut. Nochmals lebt wohl. Ang. Der Himmel ſey mit Euch und Euerm Thun! Esc. Er leit' und bring' Euch gluͤcklich wieder heim. Serz. Ich dank' Euch: Lebet wohl. Ab. Eosc. Ich werd' Euch um ein ungeſtoͤrt Geſpraͤch Erſuchen, Herr; es liegt mir viel daran, Ganz durchzuſchau'n mein Amt bis auf den Grund. Vollmacht hab' ich; doch welcher Kraft und Art, Ward mir noch nicht erklaͤrt. Ang. So iſt's mit mir. Laßt uns zuſammen gehn, Dann wird ſich Auskunft wohl genugend finden, Was dieſen Punkt betrifft. Esc. Ich folg' Eu'r Gnaden. (Gehn ab.) —— Zweite Szene. Eine Straße. (Es treten auf Lucio und zwei Edelleute.) Lucio. Wenn ſich der Herzog und die andern Herzoge nicht mit dem Koͤnig von Ungarn vergleichen, nun ſo fallen alle Her⸗ zoge uͤber den Koͤnig her. 1. Edelm. Der Himmel gebe uns ſeinen Frieden, aber nicht des Koͤnigs von Ungarn Frieden!— 2. Edelm. Amen! Luc. Du ſprichſt dein Schlußgebet wie der gottſelige Seeraͤuber, der mit den zehn Geboten zu Schiff gieng, das eine aber aus der Tafel auskratzte. 2. Edelm. Du ſollſt nicht ſtehlen? Luc. Ja, das ſchabte er aus⸗ 1. Edelm. Nun, das war ja auch ein Gebot, das dem Capitain und ſeinem ganzen Haufen gebot, ihren Be⸗ ruf aufzugeben: ſie hatten ſich eingeſchifft, um zu ſtehlen. Da iſt keiner von uns Soldaten, dem bei'm Tiſchgebet vor der Mahlzeit die Bitte um Frieden recht gefiele. 296 WMaaß fuͤr Maaß. A. I. 2. Edelm. Ich habe noch keinen gehoͤrt, dem ſie miß⸗ fallen haͤtte. Luc. Das will ich dir glauben! Denn ich denke, du biſt nie dabei geweſen, wo ein Gratias geſprochen ward. 2. Edelm. Nichts Ein Dutzendmal wenigſtens!— 1. Edelm. Wie haſt du's denn gehoͤrt? In Verſen? 2. Edelm. In allen Sylbenmaaßen und Sprachen! 1. Edelm. Und wohl auch in allen Confeſſionen?— Luc. Warum nicht? Gratias iſt Gratias, aller Con⸗ trovers zum Trotz: ſo wie du, Exempli gratia, ein durch⸗ triebener Schelm biſt, und mehr von den Grazien weißt, als vom Gratias. 1. Edelm. Schon gut; wir ſind wohl beide uͤber einen Kamm geſchoren. Luc. Recht, wie Sammt und Egge; du biſt die Egge. 1. Edelm. Und du der Sammt: Du biſt ein ſchoͤnes Stuͤck Sammt, von der dreimal geſchornen Sorte. Ich will viel lieber die Egge von einem Stuck Engliſchen haa⸗ richten Fries ſeyn, als ein Sammt, uͤber den eine fran⸗ zoͤſiſche Scheere gekommen iſt. Habe ich dich nun einmal recht herzhaft geſchoren? Luc. Rein, ich denke, du haſt dieſe Scheere ſchon recht ſchmerzhaft verſchworen, und ich will nach deinem eignen Geſtaͤndniß deine Geſundheit ausbringen lernen, aber ſo lange ich lebe, vergeſſen, nach dir zu trinken. 1. Edelm. Ich habe mir wohl eben ſelbſt zu nahe ge⸗ than; habe ich nicht? 2. Edelm. Das haſt du auch, du magſt dich verbrannt haben oder nicht. Luc. Seht nur, kommt da nicht unſre Frau Minne⸗ troſt? Ich habe mir Krankheiten unter ihrem Dach ge⸗ holt, die koſten mich—— 2. Edelm. Wie viel? 1. Edelm. Rathet nur!— 2. Edelm. Er wird Euch nicht geſtehn, wie viel Mark ſie ihn jaͤhrlich koſten. 1. Edelm. Recht, und uͤberdem noch——— Lue. Ein paar franzoͤſiſche Kronen!— 1. Edelm. Immer willſt du mir Krankheiten andich⸗ kne du ſieckſt im Irrthum, ich habe mir nichts geholt. Luc. Und doch biſt du hohl durch und durch; deine Knochen ſind hohl, die Ruchloſigkeit hat in dir geſchwelgt. Sp2. Maaß fuͤr Maaß. 297 (Eine Kupplerin kommt.) 4. Edelm. Nun, wie geht's? An welcher von deinen Huͤften haſt du jetzt die Sciatica? Ruppl. Schon gut! Eben wird Einer verhaftet, und in's Gefaͤngniß geſteckt, der war mir mehr werth, als fuͤnftauſend ſolche, wie Ihr. 1. Edelm. Wer denn, ſagt doch? Ruppl. Zum Henker, Herr, Claudio iſt's, Signor Claudio! 1. Edelm. Claudio im Gefaͤngniß? Nicht moͤglich! Ruppl. Ich ſage Euch, es iſt gewiß; ich ſah ihn ver⸗ haftet; ich ſah ihn weggefuͤhrt; und was noch mehr iſt, binnen drei Tagen ſoll ihm der Kopf abgehauen werden. Luc. Nun, trotz allen Thorheiten von eben, das ſollte mir leid ſeyn, Weißt du's denn gewiß? kuppl. Nur zu gewiß; es geſchieht, weil Fraͤulein Julia ſchwanger von ihm ward. Luc. Glaubt mir, es iſt nicht unmoͤglich. Er ver⸗ ſprach mir, mich vor zwei Stunden zu treffen, und er war immer puͤnktlich im Worthalten. 2. Edelm. Dazu kommt, daß es ganz mit dem uͤber⸗ einſtimmt, wovon wir zuſammen ſprachen⸗ Und am meiſten mit dem letzten oͤffentlichen Ausruf. Luc. Kommt, hoͤren wir, was an der Sache iſt. (Lucio und die Edelleute gehn ab.) Ruppl. So bringen mich denn theils der Krieg, und theils das Schwitzen, und theils der Galgen, und theils die Armuth um alle meine Kunden. Nun? Was vringſt du mir Neues? (Pompejus kommt.) Pomp. Den haben ſie jetzt eben eingeſteckt!— Ruppl. Und was hat er vorgehabt? Pomp. Ein Maͤdchen. Ruppl. Ich meine, was hat er begangen? Pe In einem fremden Bach Forellen gefiſcht. uppl. Wie? Hat ein Maͤdchen ein Kind von ihm? Pomp. Nein, aber es hat eine Frau ein Maͤdchen von ihm. Habt Ihr nicht von dem Ausruf gehoͤrt? He? Ruppl. Was fuͤr ein Ausruf, Mann? Pomp. Alle Haͤuſer in den Vorſtaͤdten von Wien ſollen eingeriſſen werden. 298 Maaß fuͤr Maaß. A. I. Ruppl. Und was ſoll aus denen in der Stadt werden? Fomp. Die ſollen zur Saat ſtehen bleiben; ſie wären auch drauf gegangen, aber ein wohlweiſer Buͤrger hat ſich fuͤr ſie verwendet. Ruppl. Sollen denn alle unſte Gaſt- und Schenk⸗ haͤuſer in der Vorſtadt eingeriſſen werden? Pomp. Bis auf den Grund, Frau. Ruppl. Nun, das heiß' ich eine Veraͤnderung im Staat! Was ſoll nun aus mir werden?— Pomp. Ei, fuͤrchtet Ihr nichts; guten Advokaten fehlt es nicht an Clienten. Wenn Ihr ſchon Euer Quartier aͤndert, braucht Ihr darum nicht Euer Gewerbe zu aͤndern; ich bleibe noch immer Euer Zapfer. Muth gefaßt! Mit Euch wird man's ſo genau nicht nehmen; Ihr habt Eure Augen in Euerm Beruf faſt aufgebraucht; uͤber Euch wer⸗ den ſie ſchon ein Auge zudruͤcken. Ruppl. Was ſoll nun werden, Zapfer Thomas? Laß uns auf die Seite gehn. Pomp. Hier kommt Signor Claudio, den der Schließer in's Gefaͤngniß fuͤhrt, und da iſt auch Fraulein Julia. (Gehn ab.) Dritte Szene Daſelbſt. (Es treten auf der Schließer, Elaudio und Gerichts⸗ diener, Lucio und die zwei Edelleute; Julia wird voruͤber gefuͤhrt.) Claudio. Menſch, warum muß die ganze Welt mich ſehn?— Bring' mich zum Kerker, wie dir aufgetragen. Schließ. Ich thu' dieß nicht aus eignem boͤſen Willen, ur weil's Lord Angelo beſtimmt verlangt. Claud. Ja, ſo kann dieſer Halbgott Majeſtät Uns nach Gewicht die Suͤnde zahlen laſſen. Des Himmels Wort: wen ich erwaͤhl', erwahl' ich, Wen nicht, verſtoß' ich„ und doch ſtets gerecht!— Luc. Nun ſag' doch, Clandio, woher ſolcher Zwang? Claud. Von zu viel Freiheit, Lucio, zu viel Freiheit! Wie lleberfuͤllung ſtrenge Faſten zeugt, So wird die Freiheit, ohne Maaß gebraucht, Sz. 3. Maaß fuͤr Maaß. 299 In Zwang verkehrt; des Menſchen Herz verfolgt, (Wie Ratten gierig ſelbſt ihr Gift ſich rauben) Die durſt'ge Suͤnd, und toͤdtlich wird der Trunk!— Luc. Wenn ich im Arreſt ſo weislich zu reden wuͤßte, ſo wuͤrde ich einige von meinen Glaͤubigern rufen laſſen. Und doch, die Wahrheit zu ſagen, mir iſt die Narrenthei⸗ dung der Freiheit lieber, als die Moral der Gefangen⸗ ſchaft. Was iſt dein Vergehn, Claudio?— Claud. Was nur zu nennen neuen Anſtoß gaͤbe! Luc. Was, iſt's ein Mord? Claud. Nein! Luc. Unzucht? Claud. Nenn' es ſo. Schließ. Fort, Herr, Ihr muͤßt jetzt weiter. Claud. Ein Wort, mein Freund: Lucio, ein Wort mit Euch. (Nimmt ihn auf die Seite.) Lue. Ein Dutzend, wenn's dir irgend helfen kann. Wird Unzucht ſo beſtraft? Claud. So ſteht's mit mir:— nach redlichem Verloͤbniß Nahm ich Beſitz von meiner Julia Bett: Ihr kennt das Fraͤulein; ſie iſt ganz mein Weib, Mur daß wir noch bisher nicht kund gethan Die aͤußre Foͤrmlichkeit: dieß unterblieb Um einer nicht bezahlten Mitgift willen, Die noch in ihrer Vettern Truhen liegt; So daß wir unſern Bund verſchweigen wollten, Bis Zeit ſie uns befreundet. Doch der Raub Hoͤchſt wechſelſeit'gen Koſens zeigt ſich leider Mit allzugroßer Schrift auf ihr gepragt. Luc. Schwanger vielleicht? Claud. Zum Ungluͤck iſt es ſo! Denn unſers Herzogs neuer Stellvertreter, Sey es die Schuld und falſcher Glanz der Neuheit, Sey's, daß ihm das gemeine Wohl erſcheint Gleich einem Roß, auf dem der Landvogt reitet, Der, kaum im Sattel, daß es gleich empfinde Des Reiters Kunſt, den Sporn ihm fuͤhlen laͤßt; Sey's, daß die Tyranney im Herrſcheramt, Sey's, daß ſie wohn' im Herzen ſeiner Hoheit,— — Ich weiß es nicht: genng, der neue Richter Weckt mir die laͤngſt verjaͤhrten Strafgeſetze, Die gleich beſtaͤubter Wehr im Winkel hingen, So lang', daß neunzehn Jahreskreiſe ſchwanden, 300 Maaß fuͤr Maaß. Und keins gebraucht ward: und aus Sucht nach Ruhm Muß ihm das ſchlaͤfrige, vergeßne Recht Friſch wider mich erſtehn: ja, nur aus Ruhmſucht! Luc. Ja, wahrhaftig, ſo iſt es, und dein Kopf ſteht ſo kitzlich auf deinen Schultern, daß ein verliebtes Milch⸗ maͤdchen ihn herunter ſeufzen koͤnnte. Sende dem Herzog Botſchaft, und appellire an ihn.— Claud. Das that ich ſchon; doch iſt er nicht zu finden. Ich bitt' dich, Lucio, thu mir dieſe Freundſchaft: Heut tritt ins Kloſter meine Schweſter ein, Und ihre Probezeit beginnt ſie dorf. 3 Erzähl' ihr die Gefahr, die mich bedroht, In meinem Namen flehe, daß ſie Freunde Dem ſtrengen Richter ſchickt, ihn ſelöſt beſchwoͤrt. Ich hoffe viel von ihr: denn ihre Jugend Iſt kraͤft'ge Rednergabe ohne Wort, Die Maͤnner ruͤhrt: zudem iſt ſie begabt, Wenn ſie es will, mit holdem Spruch und Witz, Und leicht gewinnt ſie jeden. Luc. Der Himmel gebe, daß ſie es koͤnne, ſowohl zum rich derer, die ſich im gleichen Fall beſinden, und ſonſt unter ſchwerer Zucht ſtehn wuͤrden, als damit du dich deines Lebens erfreuſt; denn es wäre mir leid, wenn dus ſo närriſcher Weiſe um ein Spiel Triktrak ver⸗ lieren ſollteſt. Ich gehe zu ihr. Claud. Ich danke dir, mein beſter Freund. Luc. In zwei Stunden—— Claud. Kommt, Schließer; wir gehn.(Ale ab.) —— Vierte Szene. 3 Ein Kloſter. (Es treten auf der Herzog und Pater Thomas.) Zerzog. Nein, heil'ger Vater! Fort mit dem Gedanken! Glaubt nicht, der Liebe leichter Pfeil durchbohre Des aͤchten Mannes Bruſt. Daß ich dich bat Um ein geheim Aſyl, hat ernſten Zweck, Gereifteren, als Ziel und Wuͤnſche ſind Der gluͤhnden Ingend. Moͤnch. Koͤnnt Ihr mir vertraun? Sz. 4. Maaß fuͤr Maaß. 301 Berz. Mein frommer Freund, Ihr ſelber wißt am beſten, Wie ſehr ich ſtets die Einſamkeit geliebt, Geringe Freude fand am eitlen Schwarm, Wo Jugend herrſcht, und Gold, und ſinnlos Prunken. Dem Grafen Angelo hab' ich vertraut (Als einem Mann von ſtrenger Zucht und Keuſchheit,) Mein unumſchraͤnktes Anſehn hier in Wien; Und dieſer waͤhnt, ich ſey verreiſtt nach Polen, Denn alſo hab' ich's ausgeſprengt im Volk, Und alſo glaubt man's. Mun, mein heil'ger Freund, Fragt Ihr mich wohl, weßhalb ich dieß gethan? Moͤnch. So fragt' ich gern. Zerze Hier gilt ein ſcharf Geſetz, ein ſtarres Recht, Als Kappzaum und Gebiß halsſtarr'gen Pferden, Das wir ſeit vierzehn Jahren ließen ſchlafen, Gleich einem alten Löwen in der Hoͤhle, Der nicht mehr raubt. Nun, wie ein ſchwacher Vater, Der wohl die Birkenreiſer drohend bindet, Und haͤngt ſie auf zur Schau vor ſeinen Kindern, Zum Schreck, nicht zum Gebrauch: bald wird die Ruthe Verhoͤhnt mehr, als geſcheut: ſo unſte Satzung, Todt fuͤr die Straf', iſt fur ſich ſelbſt auch todt, Und Freiheit zieht den Richter an der Raſe, Der Saͤugling ſchlaͤgt die Amm, und ganz verloren Geht aller Anſtand.. Moͤnch. Euch, mein Fuͤrſt, lag ob, Die Feſſeln des gebundnen Rechts zu loſen; Und dieß erſchien von Euch noch ſchrecklicher, Als von Lord Angelo. . Zerz. Zu ſchrecklich, furcht' ich. Da meine Saͤumniß Freiheit ließ dem Volk, Waͤr's Tyranney, wollt' ich mit Haͤrte ſtrafen, Was ich erlanbt. Denn der ertheilt Erlaubniß, Der freien Lauf der boͤſen Luſt gewaͤhrt, Anſtatt der Strafe. Drum, verehrter Vater, Hab' ich auf Angelo dieß Amt gelegt Der, hinter meines Namens Schutz, mag treffen, Derweil ich ſelbſt vom Kampfe fern mich halte, Und frei vom Tadel bleibe. Sein Verfahren Zu pruͤfen, will ich als ein Hrdensbruder Beſuchen Fuͤrſt und Volk; drum bitt' ich Euch, Schafft mir ein kloſterlich Gewand, belehrt mich, ie ich in aller aͤnßern Form erſcheine 302 Maaß fuͤr Maaß. A. I. Als wahrer Moͤnch. Mehr Gruͤnde fuͤr dieß Thun Will ich bei beßrer Muße Euch enthuͤllen. Nur dieß:— Lord Angelo iſt ſcharf und ſtreng, Stets auf der Hut vor Neid, geſteht ſich kaum, Blut fließ' in ſeinen Adern, und ſein Hunger Sey mehr nach Brod als Stein. Bald wird ſich's zeigen, Ob Macht ihn lockt, ob aͤchte Treu ihm eigen.(Gehn ab.) Fünfte Szene. Ein Nonnenkloſter. (Es treten auf Iſabella und Francisca.) Iſabella. Und habt Ihr Nonnen keine Freiheit ſonſt? Franc. Scheint dieſe dir zu klein?— Iſab. O nein! Ich ſprach's nicht, als begehrt' ich mehr, Im Gegentheil, ich wuͤnſchte ſtreng're Zucht anct Clarens Schweſterſchaft und ihrem Orden. Luc.(draußen). He! Friede dieſem Ort!— Iſab. Wer ruft denn da?— Franc. Es iſt ein Mann. O liebe Iſabella, Schließt Ihr ihm auf, und fragt, was ſein Begehr: Ihr koͤnnt es thun, ich nicht: Ihr ſchwurt noch nicht; Doch eingekleidet ſprecht Ihr nie mit Maͤnnern, Als nur in der Aebtiſſin Gegenwart, Und wenn Ihr ſprecht, bleibt Eu'r Geſicht verhuͤllt; Entſchleyert Ihr das Antlitz, muͤßt Ihr ſchweigen. Er ruft noch einmal: bitt' Euch, gebt ihm Antwort. (Francisca ab.) Iſab. Fried' und Gluͤckſeligkeit! Wer iſt's, der ruſt?— (Lucio tritt auf.) Lue. Heil Inngfrau! Daß Ihr's ſeyd, verkuͤndet mir Die Wangenbluͤthe. Koͤnnt Ihr ſo mich fordern, Zum Fraͤulein Iſabella mich zu fuͤhren, Die hier Novize iſt; der ſchoͤnen Schweſter Des ungluͤckſelgen jungen Claudio? Iſab. Warum unſel'gen Clandio? frag' ich Euch, Und um ſo mehr, weil ich Euch melden muß, Ich ſelbſt bin Iſabella, ſeine Schweſter. Lue. Holdſel'ge Schoͤne, Euer Bruder gruͤßt Euch, Und daß ich's kurzlich meld', er iſt im Kerker. —— Sz. 5. Maaß fuͤr Maaß. 303 Iſab. Weh' mir! fuͤr was?— Luc. Um das, wofuͤr, wenn ich ſein Richter waͤr', Er ſeine Straf' empfangen ſollt' in Dank: Er half zu einem Kinde ſeiner Freundin. Iſab. Herr, macht mich nicht zu Euerm Scherz. Luc. Siſt wahr; Ich moͤchte nicht, iſt's gleich mein alter Fehl, Mit Maͤdchen Kiebitz ſpielen, weit vom Herzen Die Zunge,— ſo mit allen Jungfrau'n taͤndeln, Ihr ſeyd mir ein verklaͤrter Himmelsgaſt, Und durch Enthaltſamkeit unkorperlich, Drum muß das Wort mit Euch wahrhaftig ſeyn, Als nahte man ſich einer Heiligen. Iſab. Ihr laͤſtert das Frhabne, mich verhoͤhnend. Luc. Das glaubt nicht! Kurz und wahr, ſo ſteht die Sache: En'r Bruder und ſein Liebchen herzten ſich; Und wie die Speiſe fuͤllt; der bluͤhnde Mai Den duͤrren Furchen nach der Saat verhilft Zu ſchwell'nder Fuͤlle: alſo zeigt ihr Schooß Sein fleißiges Bemuͤhn und emſig Thun⸗ Iſab. Iſt jemand von ihm ſchwanger? Muhme Julia? Luc. So iſt ſie Eure Muhme? Iſab. Durch Wahl: wie Schuͤlerinnen Namen tauſchen In kindiſch treuer Freundſchaft. F Iſab. O, nehm' er ſie zur Frau! 4 Luc. Das iſt der Punkt:— Der Herzog hat hoͤchſt ſeltſam ſich entfernt; Und manchen Edeln,—(mich nebſt andern) foppt er Mit Hoffnung auf ein Amt: Doch horen wir Von ſolchen, die den Nerv des Staates kennen, Was er uns vorgab, ſey unendlich weit Von ſeiner wahren Abſicht. Jetzt regiert Statt ſeiner, mit der unbeſchränkt'ſten Vollmacht, Lord Angelo: ein Mann, dem ſtatt des Bluts Schneewaſſer in den Adern fließt; der nie Der Sinne muntre Trieb' und Regung kannte; Der ihren Stachel hemmt und abgeſtumpft Mit geiſt'ger Arbeit, Faſten und Studiren. Dieſer, in Furcht zu ſetzen Luſt und Freiheit, Die lang' das drohende Geſetz umſchwärmt (Wie Maͤuſ um Lowen), klaubt den Spruch hervor, 304 Maaß fuͤr Maaß. A. I. Sz Durch deſſen ſchweren Inhalt Claudio's Leben Verwirkt iſt; ſetzt ſogleich ihn in Verhaft, Und folgt genan der Sabung todtem Wort Zu ſtrenger Warnung. Alles iſt verloren, Wenn Euch nicht Gnade wird durch holdes Flehn, Ihn zu erweichen. Dieß nun iſt der Kern es Auftrags, den mir Euer Bruder gab. Iſab. So will er ſeinen Tod? 2 Luc. Hat die Sentenz Schon unterſchrieben, und der Schließer, hoͤr' ich, Erhielt Befehl, das Urtheil zu vollziehn. Iſab. Ach, welche arme Faͤhigkeit beſitz ich, Ihm noch zu helfen? Luc. Eure Macht verſucht! Iſab. Weh' mir! Ich zweifle—— Luc. Zweifel ſind Verraͤther, Die oft ein Gut entziehn, das wir erreichten,— 4 Weil den Verſuch wir ſcheuten. Geht zu Angelo, Und lehrt ihn, daß wenn Jungfrau'n flehn, die Maͤnner Wie Goͤtter geben: weinen ſie und knien, Dann wird ihr Wunſch ſo frei ihr Eigenthum, Als ob ſie ſelber die Gewaͤhrung ſpraͤchen. Iſab. Ich will verſuchen, was ich kann. Luc. Mur ſchnell!— Iſab. Ich geh' ſogleich, Nicht laͤnger ſaͤum' ich; der Aebtiſſin nur Meld' ich's vorher. Ich dank' Euch, Herr, in Demuthz Empfehlt mich meinem Bruder, noch vor Nacht Send' ich ihm ſichre Nachricht des Erfolgs.— Luc. Dann nehm' ich Abſchied. Iſab. Gott befohlen, Herr!— 4 (Beide gehn.) Sz. 1. Maaß fuͤr Maaß. 305 3 weiter Aufzug. Erſte Szene. Eine Halle in Angelo's Hauſe. (Es treten auf Angelo, Escalus, ein Richter, Schließer, Gerichtsdiener und Gefolge.) Angelo. Das Recht ſoll nicht zur Vogelſcheuche werden, Als ſtaͤnd' es da, um Habichte zu ſchrecken, Und bliebe regungslos, bis ſie zuletzt, Gewoͤhnt, drauf ausruhn, ſtatt zu fliehn⸗ Egc. Gut, laßt uns Dann lieber ſcharf ſeyn, und ein wenig ſchneiden, Als todtlich niederſchlagen. Ach, der Juͤngling, Fuͤr den ich bat, hatt' einen edeln Vater! Bedenkt, mein werther Herr,— von dem ich weiß, Ihr ſeyd ſehr ſtreng' in Tugend,— Ob in der Regung Eurer Leidenſchaft, Wenn Zeit mit Hrt geſtimmt, und Hrt mit Wunſch, Ob, wenn das heft'ge Treiben Cures Bluts Das Ziel erreichen mochte, das Euch lockte,— Ob, ſag' ich, Ihr nicht ſelbſt wohl konntet irren In dieſem Punkt, den Ihr an ihm verdammt, Und dem Geſetz verfallen?— Ang. Ein andres iſt, verſucht ſeyn, Escalus, Ein andres, fallen. Laͤugnen will ich nicht, In dem Gerichte, das auf Tod erkennt, Sey unter zwölf Geſchwornen oft ein Dieb, Wohl zwei, noch ſchuld'ger, als der Angeklagte⸗ Wer offenbar dem Rechte ward, Den ſtraft das Recht. Was kuͤmmerts das Geſetz, Ob Dieb den Dieb verurtheilt? S iſt natuͤrlich, Daß wir den Demant auf vom Boden heben, Weil wir ihn ſehn, doch was wir nicht geſehn, Wir treten d'rauf, und denken nicht daran⸗ V. 20 4 306 Maaß fuͤr Maaß. A. M. Ihr duͤrft nicht deshalb mildern ſein Vergehn, Weil ich auch fehlen konnte: ſagt vielmehr, Wenn ich, ſein Richter, ſolch' Verbrechen uͤbe, Sey mir der eigne Spruch Vorbild des Todes, Und nichts entſchuld'ge mich. Freund, er muß ſterben.— Esc. Wie's Eurer Weisheit duͤnkt. Ang. Wo iſt der Schließer? Schließ. Hier, gnaͤd'ger Herr. Ang. Ihr ſteht dafuͤr, daß Claudio Enthauptet werde morgen fruh um Neun: Bringt ihm den Beicht'ger, laßt ihn ſich bereiten, Denn das iſt ſeiner Wallfahrt letzte Stunde. (Schließer ab.) Esc. Nun, Gott verzeih ihm, und verzeih' uns Allen: Der ſieigt durch Schuld, der muß durch Tugend fallen: Vom Eis, das bricht, kommt der geſund herab, Den ſtuͤrzt ein einz'ger Fehltritt in das Grab. (Es treten auf Elbogen, Schaum, Pompejus, Ge⸗ richtsdiener.) Elb. Kommt, bringt ſie herbei. Wenn das recht⸗ ſchaffne Leute im gemeinen Weſen ſind, die nichts thaten, als ihre Unthaten in gemeinen Haͤuſern auszurichten, ſo weiß ich nicht, was Jura iſt. Bringt ſie herbei. Ang. Was giebts, Freund? wovon iſt die Rede? wie heißt Ihr? Elb. Mit Eurer Gnaden Vergunſt, ich bin des armen Herzogs Conſtabel, und mein Name iſt Elbogen: ich bin ein Stuͤck Juſtiz, Herr, und fuͤhre Eurer geſtrengen Gna⸗ den hier ein paar notoriſche Benefikanten vor. Ang. Benefikanten? Was denn fuͤr Benefikanten? Ihr meint wohl Malefikanten? Elb. Nichts fuͤr ungut, gnaͤdiger Herr; ich weiß nicht recht, was ſie ſind; aber zwei abſolutgeſinnte Spitzbuben ſind ſie, und ohne ein Koͤrnchen von der Contribution, die ein guter Chriſt haben muß. Esc. Vortrefflich vorgetragen! Da haben wir einen verſtaͤndigen Conſtabel!— Ang. Zur Sache: Was fuͤr Leute ſind es? Elbogen heißt du: warum ſprichſt du nicht, Elbogen?— Pomp. Er kann nicht, Herr, er iſt am Ellbogen zerriſſen. Ang. Wer ſend Ihr, Freund? Sz. 1. Maaß fuͤr Maaß. 307 Elb. Der, Gnaͤdiger Herr? Ein Bierzapfer, Herr; ein Stuͤck von einem Kuppler; dient einem ſchlechten Weibs⸗ bilde, deren Haus, wie es heißt, in den Vorſtaͤdten ein⸗ geriſſen iſt: und nun macht ſie Prozeſſion von einem Bade⸗ hauſe, und das iſt auch ein recht ſchlechtes Haus. Esc. Wie wißt Ihr das? Elb. Mein Weib, gnädiger Herr, wie ich's vor Euer Gnaden deteſtire,—— Esc. Wie! dein Weib? Elb. Ja, Herr, maaßen es, Gott ſey Dank, ein ehrliches Weib iſt,— Ese. Und darum deteſtirſt du's? Elb. Ich ſage Herr, ich fuͤr meine eigne Perſon de⸗ teſtire hierin eben ſo gut wie ſie: wenn dieſes Haus nicht einer Kupplerin Haus iſt, ſo waͤr's Schade d'rum; denn es iſt ein ganz nichtsnutziges Haus. Esc. Wie weißt du das, Conſtabel?— Elb. Blitz, Herr, von meiner Frau: denn wenn ſie eine Frau waͤre, die den cardinaliſchen Luſten nachhinge, ſo haͤtte ſie in dieſem Hauſe zu Proſcription und Ehebruch und aller Unſauberkeit verfuͤhrt werden koͤnnen. Ese. Durch dieſes Weibes Anſtiften? Elb. Ja Herr, durch das Anſtiften der Frau Ueber⸗ ley: wie ſie ihm aber in's Geſicht ſpuckte, ſo wußte er woran er war. Pomp. Herr, mit Eurer Gnaden Erlaubniß, ſo war's nicht. Elb. Das beweiſe mir einmal vor dieſen Schlingeln, du ehrenwerther Mann, das beweiſe mir!— Esc. Hoͤrt Ihr, wie er ſich verſpricht? Pomp. Herr, ſie kam an, und war hochſchwanger, und hatte,—(mit Eu'r Gnaden Reſpekt,)— ein Geluſt nach gekochten Pflaumen. Nun hatten wir nur zwei im Hauſe, gnaͤdiger Herr, und die lagen eben in dem Mo⸗ nument gleichſam auf einem Fruchtteller, ein Teller fuͤr drei oder vier Pfennige: Euer Gnaden muͤſſen ſolche Teller ſchon geſehn haben; es ſind keine Teller aus China, aber doch ſehr gute Teller. Esc. Weiter, weiter, am Leller iſt nichts gelegen. Pomp. Nein, wahrhaftig Herr, nicht ſo viel als eine Sitecknadel werth iſt, das iſt vollkommen richtig. Aber nun 2 308 Maaß fuͤr Maaß. A.I. zur Hauptſache: Wie geſagt, die Frau Elbogen war, wie geſagt, guter Hoffnung, und anſehnlich ſtark, und hatte, wie geſagt, ein Geluſt nach Pflaumen; und weil, wie ge⸗ ſagt, nur zwei auf dem Teller lagen,— denn Junker Schaum, der naͤmliche Herr hier, hatte, wie geſagt, die andern gegeſſen;— und er bezahlte ſie ſehr gut, das muß ich ſagen; denn wie Ihr wohl wißt, Junker Schaum, ich konnte Euch keinen Dreyer herausgeben,—— chaum. Nein, das iſt wahr. Pomp. Seht Ihr wohl? Ihr watt eben dabei, wenn Ihr's Euch noch beſinnt, und knacktet die Steine von den vorbeſagten Pflaumen. chaum. Ja, das that ich auch, mein Seel. Pomp. Nun, ſeht Ihr wohl? Ich ſagte Euch juſt, wehn Ihr's Euch noch beſinnt, daß der und der, und dieſer und jener von der Krankheit, die Ihr wohl wißt, nicht durchcurirt worden wären, wenn ſie nicht ſo ſehr gute Diaͤt gehalten haͤtten, ſagte ich Euch. Schaum. Alles richtig. Pomp. Seht Ihr's? Ese. Geht mir, Ihr ſeyd ein langweiliger Narr; zur Sache. Was that man denn der Frau des Elbogen, daß er Urſach zu klagen hat? Kommt jetzt auf das, was man ihr that. Pomp. Herr, Eu'r Gnaden kann darauf noch nicht kommen. Esc. Das iſt auch nicht meine Abſicht. Pomp. Herr, Ihr ſollt aber darauf kommen, mit Eu'r Gnaden Vergunſt; uͤnd betrachtet Euch einmal den Junker Schaum hier, mein gnaͤdiger Herr: er bringt's auf Achtzig Pfund im Jahr, und ſein Vater ſtarb am erheiligen⸗Tage. War's nicht am Allerheiligen-Tage, Junter Schaum?— Schaum. Allerheiligen⸗Abend. Pomp. Nun, ſeht Ihr wohl? Ich hoffe, hier giebt's Wahrheit! Er ſaß eben auf einem niedrigen Seſſel, gnaͤ⸗ diger Herr; es war in der goldnen Traube, wo Ihr ſo gern ſitzt, nicht ſo? Schaum. Ja, das thu ich; denn es iſt ein offnes Zimmer, und gut fuͤr den Winter. Pomp. Seht Ihr wohl? Ich hoffe, hier giebt's Wahr⸗ heit!— 6 ———————— Sz. 2. Maaß fuͤr Maaß. 309 Ang. Dieß wäͤhrt wohl eine Winternacht in Rußland, Wenn Raͤchte dort am laͤngſten ſind. Ich geh', Und überlaſſ' Euch dieſe Unterſuchung: Ich hoff', Ihr findet Grund, ſie all' zu ſtaͤupen. Esc. Das denk ich auch, ich wuͤnſch' Euch guten Morgen. CAngelo ab.) Nun Freunde, weiter! Was that man Elbogens Frau, noch ein mal? omp. Einmal, gnaͤdiger Herr? Einmal hat man ihr nichts gethan. Elb. Ich erſuche Euch, Herr, fragt ihn, was dieſer Mann hier meiner Frau gethan hat. Pomp. Ich bitt' Eu'r Gnaden, fragt mich. Esc. Nun denn, was hat dieſer Herr ihr gethan? Pomp. Ich bitt' Eu'r Gnaden, ſeht dieſem Herrn einmal in's Geſicht. Lieber Junker Schaum, ſeht doch Ihre Gnaden an; ich ſag's aus guter Meinung; betrach⸗ ten ſich Eu'r Gnaden ſein Geſicht. Ese. O ja, recht wohl. Pomp. Nein, ich bitte, betrachtets Euch genan! Esc. Nnn ja, das thu' ich. Pomp. Sieht Euer Gnaden etwas unrechts in ſeinem Geſicht? Esc. O nein. Pomp. Ich wilks vor Gericht declamiren, daß ſein Geſicht das ſchlimmſte an ihm iſt. Nun gut: Wenn ſein Geſicht das ſchlimmſte an ihm iſt, wie konnte Junker Schaum des Conſtabels Frau etwas Unrechts thun?— Das moͤcht' ich von Euer Gnaden hoͤren. Esc. Da hat er Recht. Conſtabel, was ſagt Ihr dazu? Elb. Erſtlich, mit Eu'r Gnaden Erlaubniß, iſt es ein reſpectirliches Haus; ferner iſt dieſer hier ein reſpectirlicher Kerl, und ſeine Wirthin iſt ein reſpectirliches Weibsbild. Pomp. Bei dieſer Hand, Herr, Elbogens Frau iſt eine ſo reſpectirliche Perſon, als Einer von uns allen. Elb. Schlingel, du lugſt, du luͤgſt gottloſer Schlingel. Die Zeit ſoll noch kommen, wo ſie je reſpectirt war mit Mann, Weib und Kind. Pomp. Herr, ſie war ſchon mit ihm reſpectirt, eh er mit ihr verheirathet war. Esc. Wer iſt nun hier geſcheidter? Die Gerechtigkeit eder die Ruchloſigkeit? Iſt das wahr?— Elb. O du Lumpenkerl! O du Schlingel! O du 310 Maaß fuͤr Maaß. A. II. menſchenfreſſeriſcher Hannibal! Ich mit ihr reſpectirt vor unſrer Heirath? Wenn ich mit ihr oder ſie mit mir re— ſpectirt geweſen iſt, ſo ſoll Eu'r Gnaden mich nicht fuͤr des armen Herzogs Diener halten. Beweiſe das, du goit⸗ füet⸗ ſonſt belange ich dich wegen thaͤtlicher Miß⸗ andlung!— Esc. Wenn er Euch jetzt eine Maulſchelle gaͤbe, ſo hättet Ihr noch obendrein eine Klage wegen anzuͤglicher Reden. Elh. Sapperment, ich danke Eu'r Gnaden. Was waͤre Eu'r Gnaden Inclination, daß ich mit dieſem gott⸗ loſen Lump anfangen ſoll? Esc. Ich denke, Conſtabel, weil er allerlei Bosheiten in ſich traͤgt, die du gern heraus braͤchteſt, wenn du koͤnn⸗ teſt, ſo mag's mit ihm ſein Bewenden haben, bis wir er⸗ fahren, worin ſie beſtehn. Elb. Sapperment, ich danke Eu'r Gnaden. Da ſiehſt du nun, du gottloſer Schllngel, wohin es mit dir gekom⸗ men iſt; das Bewenden ſollſt du kriegen, das Bewenden!— Eoc. Czn Schaum). Wo ſeyd Ihr geboren, Freund? Schaum. Hier in Wien, gnadiger Herr. Esc. Habt Ihr Achtzig Pfund im Jahr? Schaum. Ja, wenn's Euer Gnaden gefallig iſt, Esc. So.— Was iſt dein Gewerbe, Freund? Pomp. Ein Bierzapfer, Herr; einer armen Wittwe Zapfer. Ese. Wie heißt Eure Wirthin? Pomp. Frau Ueberley. Esc. Hat ſie mehr als Einen Mann gehabt? Pomp. Neun, Herr; der letzte war Ueberley. Ese. Neun! Kommt einmal her, Junker Schaum. Junker Schaum, ich dächte, Ihr ließt Euch nicht mit Zapfern ein: ſie ziehn Euch nur aus, Junker Schaum, und Ihr bringt ſie an den Galgen. Geht Eurer Wege, und laßt mich nichts mehr von Euch horen. Schaum. Ich danke Eurer Herrlichkeit. Ich fuͤr mein Theil bin auch nie in eine Schenkſtube gekommen, daß ich s nicht recht anziehend gefunden hätte. Esc. Schon gut, Junker Schaum; geht mit Gott. (Schanm ab.) Fe kommt Ihr einmal heran, Meiſter Bierzapfer; wie heißt Ihr, Meiſter Zapfer? Pomp. Pompejus. Esc. Wie weiter? Pomp. Pumphoſe. Sz. 1. Maaß fuͤr Maaß. 314 Esc. So! An Eurer Pumphoſe habt Ihr freilich et⸗ was Großes, und ſo waͤrt Ihr, wo von Hoſen die Rede iſt, Pompejus der Große.— Pompejus, Ihr ſeyd ein Stuͤck von einem Kuppler, Pompejus, obgieich Ihr Euch hinter Euer Bierzapfer-Amt verſtecken wollt. Seyd Ihr's nicht? Kommt, ſagt mir die Wahrheit, es ſoll Euer Schade nicht ſeyn. Pomp. In Wahrheit, Herr, ich bin ein armer Junge, der gern leben will. Ese. Wovon willſt dn leben, Pompejus? Vom Kup⸗ peln? Was duͤnkt dich von dieſem Gewerbe, Pompejus? Iſt das ein geſetzlich erlaubtes Gewerbe? Pomp. Wenn das Geſetz nichts dagegen hat, Herr—— Esc. Aber das Geſetz hat etwas dagegen, Pompejus, und wird in Wien immer etwas dagegen haben. Pomp. Will denn Eure Herrlichkeit aus allen jungen Leuten in der Stadt Wallachen und Cappaunen machen? Esc. Nein, Pompejus. Pomp. Sieht Eu'r Herrlichkeit, ſo werden ſie nach meiner geringen Meinung nicht davon laſſen. Wenn Eu'r Herrlichkeit nur die liederlichen Dirnen und loſen Buben in Ordnung halten kann, ſo braucht ſie die Kuppler gar nicht zu fuͤrchten. Esc. Es faͤngt auch jetzt ein huͤbſches Regiment an, kann ich dir ſagen; es handelt ſich nur um Koͤpfen und Haͤngen. Pomp. Wenn Ihr nur zehn Jahr lang hinter einander Alle die haͤngen und koͤpfen laßt, die ſich in dieſem Stuͤcke vergehn, ſo koͤnnt Ihr Euch bei Zeiten danach umſehn, wo Ihr mehr Koͤpfe verſchreiben wollt. Wenn dieß Geſeß zehn Jahr in Wien beſteht, will ich im ſchoͤnſten Hauſe das Stockwerk fuͤr ſechs Dreyer miethen: ſolltet Ihr's er⸗ leben, daß es ſo weit kommt, ſo ſagt nur, Pompejus hab' es Euch voraus geſagt. 3 Esc. Dank, trefflicher Pompejus. Nun, um dir die Prophezeiung zu erwiedern, ſo rath' ich dir, verſtehſt du, laß dich auf keiner neuen Klage betreffen, und eben ſo wenig in deiner jetzigen Wohnung; denn wenn das ge⸗ ſchehn ſollte, Pomvejus, ſo werde ich dich in dein Zelt zuruͤckſchlagen, und ein ſchlinimer Caͤſar fuͤr dich werden: und, grade heraus zu ſagen, Pompejus, ich werde dich peitſchen laſſen. So, fuͤr dießmal, Pompejus, gehab dich wohl. 312 Maaß für Maaß. A. I. Pomp. Ich dank' Euir Herrlichkeit fuͤr Euern guten Rath; aber folgen werd' ich ihm, wie Fleiſch und Schickſal es fuͤgen.* Mich peitſchen? Peitſchen laßt den Kaͤrrner ſeine Maͤhre, Wer peitſcht' aus dein Beruf je einen Maun von Ehre? (Ab. Ese. Kommt einmal her, Meiſter Elbogen, kommt einmal her, Meiſter Conſtabel. Wie lange iſt es her, daß Ihr Eurem Amt als Conſtabel vorſteht?— Elb. Sieben und ein halbes Jahr, gnaͤdiger Herr. Esc. Ich dachte mir's nach Eurer Fertigkeit im Amt, Ihr mußtet es ſchon eine Weile verwaltet haben, Sieben ganze Jahre, ſagt Ihr? Elb. Und ein halbes. Esc. Ach! da hat es Euch viel Muͤhe gemacht. Es geſchieht Euch Unrecht, daß man Euch ſo oft zum Dienſt requirirt: ſind denn nicht andre Leute in Euerm Kirchſpiel, die im Stande waͤren, ihn zu verſehn? Elb. Meiner Treu, gnadiger Herr, es ſind wenige, die etwas Einſicht in ſolchen Dingen haben; wenn ſie ge⸗ waͤhlt werden, ſind ſie immer froh, mich wieder ſtatt ihrer zu waͤhlen; ich thu's fuͤr ein Stuck Geld, und uͤbernehme es ſo fuͤr ſie alle. Esc. Hoͤrt, ſchafft mir die Namen von ſechs oder ſieben Leuten, die die brauchbarſten in euerm Kirchſpiele ind. Elb. In Euer Herrlichkeit Haus, mein gnaͤdiger Herr? Esc. In mein Haus. Lebt wohl! Was iſt wohl die r?(Elbogen ab.) Kicht. Eilf, gnaͤdiger Herr. Ese. Wollt Ihr ſo gut ſeyn, und mit mir eſſen? Richt. Ich danke Euch unterthaͤnig. sc. Es iſt mir herzlich leid um Claudio's Tod, Doch ſeh' ich keinen Ausweg. Richt. Lord Angelo iſt ſtreng! Esc. Das thut auch Noth; Ihr ſeyd nicht gnadig, zeigt ſich immer Huld: Verzeihung iſt nur Mutter neuer Schuld. Und doch, du armer Claudio! S'iſt kein Ausweg!— Kommt, Herr,(Gehn ab.) Sz. 2. Maaß fuͤr Maaß. 313 Ein andres Zimmer daſelbſt. à (Es treten auf der Schließer und ein Diener.) Diener. 4§ haͤlt noch ein Verhoͤr, er kommt ſogleich: Ich meld' uch an. Schließ. Das thut.(Diener ab.) Ich frag' ihn nochmals Was er beſchließt; vielleicht doch zeigt er Gnade. Er hat ja nur als wie im Traum geſuͤndigt: Der Fehl faͤrbt jede Sekt' und jedes Alter; Und er d'rum ſterben!—— (Angelo tritt auf.) Ang. Nun, was wollt Ihr, Schließer? Schließ. Befehlt Ihr, Herr, daß Claudio morgen ſterbe? Ang. Sagt' ich dir nicht ſchon, ja? befahl ich's nicht? Was fragſt du denn? Schließ. Aus Furcht, zu raſch zu ſeyn; Verzeiht, mein gnaͤd'ger Herr, ich weiß den Fall, Daß nach vollzog'nem Urtheil das Gericht Bereu'te ſeinen Spruch. Ang. Mein ſey die Sorge!—„ Thut Eure Pflicht, ſonſt ſucht ein ander Amt, Man wird Euch leicht entbehren. Schlietz. Herr, vetzeiht! Was ſoll mit Julien, die ſchon leidet, werden? Denn ihre Stunde ruckt heran. Ang. Die ſchafft mir In ein bequem'res Haus, und das ſogleich. (Diener kommt zuruͤck.) Dien. Hier iſt die Schweſter des zum Tod Verdammten, Die Euch zu ſprechen wuͤnſcht. Ang. Hat er'ne Schweſter? Schließ. Ja, gnaͤd'ger Herr; ein tugendhaftes Fraͤulein, Die bald nun eintritt in die Schweſterſchaft, Wenn's nicht bereits geſchehn. Ang. Fuͤhrt ſie herein; (Diener ab.) Und die Geſchwaͤchte ſchafft ſogleich hinweg: 3 4 Maaß fuͤr Maaß. A. II. Reicht ihr nothduͤrft'ge Koſt, nicht Ueberfluß; Ausfert'gen laß' ich den Befehl. Eucio und Iſabella treten auf.) Schließ. Gott ſchutz' Euch! e 6(Will 3 Ang. Bleibt noch.—(Zu Iſabella) Ihr ſeyd will⸗ kommen; was begehrt Ihr? Iſab. Von Gram erfullt moͤcht ich Eu'r Gnaden flehn, Wenn Ihr mich horen wollt—— Ang. Wohlan! was wuͤnſcht Ihr? Iſab. Es giebt ein Laſter, mir verhaßt vor allen, Dem ich vor allen harte Strafe wuͤnſche; Fuͤrbitten moͤcht' ich nicht, allein ich muß, Fuͤrbitten darf ich nicht, allein mich draͤngt Ein Kampf von Wollen und Nichtwollen. Ang. Weiter! Iſab. Mein Bruder ward nt⸗ den Tod zu eiden; Ich fleh' Euch an, laßt ſeine Suͤnde tilgen, Den Bruder nicht! Schließ. Gott ſchenk' dir Kraft, zu ruͤhren! Ang. Ich ſoll die Schuld verdammen, nicht den Thäter? Verdammt iſt jede Schuld ſchon vor der That. Mein Amt zerfiele ja in wahres Nichts, Straft'ich die Schuld, wie das Geſetz begehrt, Und ließe frei den Thaͤter? Iſab. O gerecht, doch ſtreng!— So hatt' ich einen Bruder. Gott beſchirm' Euch! (Will gehn.) Luc. Czu Iſabella.) Gebt's ſo nicht auf! Noch einmal d'ran, und bittet; Kniet vor ihm nieder, haͤngt an ſeinem Mantel. Ihr ſeyd zu kalt; verlangtet Ihr'ne Nadel, Ihr koͤnntet nicht mit zahm'rer Zunge bitten.— Noch einmal zu ihm, friſch!— Iſab. So muß er ſterben?— Ang. Jungfrau,'s iſt keine Rettung. Iſab. O ja! Ich denk', Ihr koͤnntet ihm verzeih'n, Und weder Gott noch Menſchen zuͤrnten Euch. Ang. Ich will's nicht thun. Iſab. Doch koͤnnt Ihr's, wenn Ihr wollt? Ang. Was ich nicht will, das kann ich auch nicht thun. Sz. 2. Maaß fuͤr Maaß. 315 Iſab. Doch koͤnntet Ihrs ohm Unrecht an der Welt, Wenn Euer Herz die gleiche Ruͤhrung fuͤhlte, Wie meins? Ang. Er ward verurtheilt,'s iſt zu ſpaͤt. Luc.(zu Iſabella.) Ihr ſeyd zu kalt! Iſab. Zu ſpaͤt? O nein doch! mein geſprochnes Wort, Ich kann es widerrufen! Seyd gewiß, Kein Attribut das Maͤchtige verherrlicht, Nicht Koͤnigskrone, Schwerdt des Reichsverweſers, Des Marſchalls Stab, des Richters Amtsgewand, Keins ſchmuͤckt ſie alle halb mit ſolchem Glanz, Als Gnade thut. War er an Eurer Stelle, An ſeiner Ihr, Ihr ſtraucheltet gleich ihm; Doch Er im Amt waͤr nicht ſo ſtrengen Sinns!— Ang. Ich bitt' Euch, geht. Iſab. O guͤt'ger Gott, haͤtt' ich nur Eure Macht, Und Ihr waͤrt Iſabella! Staͤnd' es ſo? Dann zeigt' ich, was es heißt ein Richter ſeyn, Was ein Gefangner. Luc.(leiſe.) Das iſt die rechte Weiſe!— Ang. Eu'r Bruder iſt verfallen dem Geſetz Und Ihr verſchwendet Eure Worte. Iſab. Weh mir! Ach! Alle Welt war Gottes Zorn verfallen, Und er, dem Fug und Macht zur Rache war, Fand aus Vermittlung. Wie erging' es Euch, Wollt' Er, das allerhoͤchſte Recht, Euch richten So wie Ihr ſeyd? O das erwaͤget, Herr, Und Gnade wird entſchweben Euern Lippen Mit Kindes Unſchuld. Ang. Faßt Euch, ſchoͤnes Maͤdchen; Denn das Geſetz, nicht ich, ſtraft Euern Bruder. Waͤr er mein Vetter, Bruder, ja mein Sohn, Es ging' ihm ſo: ſein Haupt wird morgen fallen. Iſab. Schon morgen! das iſt„ ſchont ihn, ont ihn, Er iſt noch nicht bereit. Wir ſchlachten ja Gefluͤgel nur wenns Zeit iſt; dienten wir Gott ſelbſt mit mindrer Achtung, als wir ſorgen Fuͤr unſer grobes Ich? denkt, guͤt'ger, guͤt'ger Herr, Wer buͤßte ſchon fuͤr dieß Vergehn mit Tod? So manche doch begingens!— Luc.(leiſe.) So iſis recht. 3 316 Maaß für Maaß. 4 A. II. Ang. Nicht todt war das Geſeß, obwohl es ſchlief. Die Vielen haͤtten nicht gewagt den Frevel, Wenn nur der Erſte, der die Vorſchrift brach, Fuͤr ſeine That gebuͤßt. Run iſts erwacht, Forſcht, was veruͤbt ward, und Propheten gleich Sieht es im Spiegel, was fuͤr kuͤnft'ge Suͤnden Ob jetzt ſchon, ob durch Nachſicht neu erzeugt Und ferner ausgebruͤtet und geboren) Hinfort ſich ſtufenweiſ⸗ nicht mehr entwickeln, Nein, ſterben im Entſtehn. Iſab. Zeigt dennoch Mitleid!— Ang. Das thu' ich nur, zeig' ich Gerechtigkeit. Denn dann erbarmen mich, die ich nicht kenne, Die jetz'ge Nachſicht einſt verwunden moͤchte: Und ihm wird Recht, der ein Verbrechen buͤßend, Nicht lebt ein zweites zu begehn. Dieß guuͤge;— Claudio muß morgen ſterben:— ſeyd zufrieden. Iſab. So mnß zuerſt von Euch ſolch Urtheil kommen, Und er zuerſt es dulden? Ach,*s iſt groß, Des Rieſen Kraft beſitzen: doch tyranniſch, Dem Rieſen gleich ſie brauchen. Luc. Cleiſe) Ha, vortrefflich!— Iſab. Koͤnnten die Großen donnern Wie Jupiter, ſie machten taub den Gott: Denn jeder winz'ge, kleinſte Richter brachte Zum Donnern Jovis Aether;— nichts als Donnern! O gnadenreicher Himmel! Du mit dem zack'gen Felſenkeile ſpalteſt Den unzerkeilbar knot'gen Eichenſtamm, Picht zarte Myrten: doch der Menſch, der ſtolze Menſch, In kleine, kurze Majeſtät gekleidet, Vergeſſend, was am mind'ſten zu bezweifeln, Sein glaͤſern Element,— wie zorn'ge Affen, Spielt ſolchen Wahnſinn gaukelnd vor dem Himmel, Daß Engel weinen, die gelaunt wie wir, Sich alle ſerblich lachen wuͤrden.— Luc. Nur weiter, weiter Kind; er giebt ſchon nach; Es wirkt, ich ſeh' es. Schließ. Geb' Ihr Gott Gelingen!— Iſab. Miß nicht den dem eignen aaß: Ihr Starken ſcherzt mit Heil'gen! Witz an Euch Iſt, was am KFleinen nur Entweihung waͤr. Sz. 2. Maaß fuͤr Maaß. 317 Luc. Das iſt die rechte Weiſe; immer mehr!— Iſab. Was in des Feldyerrn Mund ein zornig Wort, Wird beim Soldaten Gotteslaͤſterung. Luc. Wo nimmſt du das nur her? Fahr fort!— Ang. Was uͤberhaͤuft du mich mit all' den Spruͤchen?— Iſab. Weil Hoheit, wenn ſie auch wie Andre irrt, Doch eine Art von Heilkraft in ſich traͤgt, Die Fehl' und Wunden ſchließt. Fragt Euer Herz; Klopft an die eigne Bruſt, ob nichts drin wohnt, Das meines Bruders Fehltritt gleicht: bekennt ſie Menſchliche Schwachheit, wie die Seine war, So ſtieig' aus ihr kein Laut auf Eure Zunge Zu Claudio's Tod. Ang. Sie ſpricht ſo tiefen Sinn's, Daß Sinn und Geiſt ihr folgen.— Lebt nun wohl!— Iſab. O theurer Herr, kehrt um!— 3 Ich uͤberleg' es noch. Kommt morgen wieder!— Iſab. Hoͤrt, wie ich Euch beſtechen will! Kehrt um, Mein guͤt'ger Herr! Ang. Wie! mich beſtechen? Iſab. Ja, mit ſolchen Gaben, Wie ſie der Himmel mit Euch theilt!— Zuc. Gut, ſonſt verdarbſt du Alles!— Iſab. Nicht eitle Seckel voll gepraͤgten Goldes, Noch Steine, deren Werth bald reich, bald arm, Nachdem die Laun' ihn ſchaͤtzt: nein, fromm Gebet, Das auf zum Himmel ſteigt, und zu ihm dringt Vor Sonnenaufgang; Bitten reiner Seelen, Jaſtender Jungfraun, deren Herz nicht haͤngt An dieſer Zeitlichkeit. Ang. Gut, morgen kommt Zu mir. Luc. Jetzt geht nur; es gelingt Euch.— Kommt!— Iſab. Der Himmel ſchuͤtz' Eu'r Gnaden!— Ang.(für ſich.. Amen! denn Ich bin ſchon auf dem Wege zur Verſuchung, Der die Gebete kreuzt. Iſab. Um welche Stunde morgen Wart' ich Eur Gnaden auf? Ang. Zu jeder Zeit vor Mittag. Iſab. Gott beſchuͤtz' Euch: (Lucio, Iſabella und Schließer gehn ab.) 318 Maaß fuͤr Maaß. A. H. Ang. Vor dir! Vor deiner Tugend ſelbſt!— Was iſt dieß? Was? Iſts ihre Schuld, iſts meine? Wer ſuͤndigt mehr? Iſts die Verſucherin, Iſts der Verſucher? Ha! Nicht ſie: nein, ſie verſucht' auch nicht! Ich bins, Der bei dem Veilchen liegt im Sonnenſchein, Und gleich dem Aaſe, nicht der Blume gleich, Verweſtt in der balſam'ſchen Luft. Iſts moͤglich, Daß Sittſamkeit mehr unſern Sinn empoͤrt, Als Leichtſinn? Da uns wuͤſter Raum nicht fehlt, Soll man die heil'gen Tempel niederreißen, Den Frevel dort zu baun? O pfui, pfui, pfui!— Was thuſt du! Ha, was biſt du, Angelo! Du wuͤuſcheſt ſie verderbt, um eben das, Was ſie erhebt? O laß den Bruder leben!— Es hat der Dieb ein freies Recht zum Raub, Wenn erſt der Richter ſtiehlt. Was! lieb⸗ ich ſie, Daß mich's verlangt, ſie wieder reden hoͤren, An ihrem Blick mich weiden„„ Wovon träum' ich? O liſt'ger Erbfeind! Heil'ge dir zu fangen, Koͤderſt du ſie mit Heil'gen: hoͤchſt gefaͤhrlich Iſt die Verſuchung, die durch Tugendliebe Zur Suͤnde reizt. Nie konnte feile Wolluſt, Mit ihrer Doppelmacht, Natur und Kunſt, Mich je verlocken: doch dieß fromme Maͤdchen Beſiegt mich ganz. Bis heut begriff ich nie Die Liebesthorheit, fragte lachend, wie!— Cab.) Zimmer im Gefaͤngniß. (Es treten anf der Herzog, als Mönch gekleidet, und der Schließer.) Zerzog. Heil Euch, Freund Schließer! Denn das ſeyd Ihr, denk' ich. Schließ. Der Schließer bin ich: was begehrt Ihr, . Pater? „ Sz. 3. Maaß fuͤr Maaß. 319 Zerz. Nach Chriſtenlieb' und meiner heil'gen Regel Komm' ich mit Zuſpruch zu den armen Seelen In dieſem Kerker. Laßt, ſo wie's der Brauch, Sie dort mich ſehn, und nennet mir den Grund, Von ihrer Haft, daß ich, wie ſich's geziemt, Mein Amt verwalten mag. Schließ. Gern thät ich mehr, wenn Ihr noch mehr e beduͤrft. (Julia kommt.) Seht da; dort kommt ein Fraͤulein, hier verhaftet, Die durch den Sturm der eignen Jugend fiel, Und ihren Ruf befleckt. Sie traͤgt ein Kind, Deß Vater ſterben muß; ein junger Mann, Geeigneter den Fehl zu wiederholen, Als drum zu ſterben. Zerz. Wann ſoll er ſterben? Schließ. Morgen, wie ich glaube. Czu Julia.) Ich traf ſchon Anſtalt, wartet noch ein wenig, Dann fuͤhrt man Euch von hier. Zerz. Bereuſt du Kind, was du geſuͤndigt haſt?— Jul. Ich thu's, und trage meine Schmach geduldig. Zerz. Ich lehr Euch, wie Ihr Eu'r Gewiſſen pruͤft, Und Reu erforſcht, ob ſie aufrichtig, Ob hohl im Innern. Jul. Freudig will ichs lernen. Zerz. Liebt Ihr den Mann, d Euch ins Ungluͤck uͤrzte. Jul. Ja, wie das Weib, das ihn ins Ungluͤck ſtuͤrzte. Zerz. So ſeh ich denn, daß beide Ihr geſuͤndigt Im Einverſtandniß? Jul. Ja, im Einverſtaͤndniß. Zerz. Dann iſt Eu'r Unrecht ſchwerer noch als ſeins. Jul. Ja, das bekenn' ich, Vater, und bereu' es. Berz. Necht liebes Kind: nur darum nicht bereu' es, Weil dich die Suͤnd' in dieſe Schmach geführt: Solch Leid ſieht auf ſich ſelbſt, nicht auf den Himmel, Und zeigt, des Himmels denkt man nicht aus Nein, nur aus Furcht. Jul. Ich fuͤhle Neu', weil es ein Unrecht war, Und trage gern die Schmach. Zerz. Beharrt dabei. Eur Schuldgenoß muß morgen, hoͤr' ich, ſterben: 320 Maaß für Maaß. A. N. Ich geh' zu ihm, und ſpend' ihm Troſt und Rath.— Gnade geleit' Euch! Benedicite!—(geht ab.) Jul. Muß morgen ſterben! O grauſame Milde, Die mir ein Leben ſchont, das immerdar Nur Grau'n des Todes beut ſtatt Troſt! Schließ. S iſt Schad' um ihn:— Cgehn ab.) Vierte Szene. Zimmer in Angelo's Hauſe. (Ungelo tritt auf.) Angelo. Bet“ ich, und denk' ich, geht Gedank' und Beten Verſchiednen Weg. Gott hat mein hohles Wort, Indeß mein Tichten, nicht die Zunge hoͤrend, An Iſabelien ankert. Gott im Munde;— Als praͤgten nur die Lippen ſeinen Namen; Im Herzen wohnt die giftig ſchwell'nde Suͤnde Des boͤſens Trachtens.— Der Staat, in dem ich forſchte, Iſt wie ein gutes Buch, zu oft geleſen, Schaal und verhaßt: ja ſelbſt mein Tugendruhm, er ſonſt,— o yoͤr' es Niemand! all“ mein Stolz,— Ich gaͤb' ihn fuͤr ein Federchen mit Freuden, Das muͤßig ſpielt im Wind. O Rang! O Wuͤrde! Wie oft durch zußre Schal' und Form erzwingſt du Chrfurcht von Thoren; lockſt die Beſſern ſelbſt Durch falſchen Schein!—— behaͤltſt dein b t. e 5 Schreibt„ guter Engel!“ auf des Teufels Hoͤrner, So ſind ſie nicht ſein Zeichen mehr. (Ein Diener kommt.) Was giebts? Dien. Eine Nonn' iſt draußen, Iſabella heißt ſie, Die Zutritt wunſcht. Ang. Fuͤhrt ſie zu mir herein. 8 Diener geht.) O Himmel! Sz. 4. Maaß fuͤr Maaß. 321 Wie ſich mein Blut im Sturm zum Herzen ſchaart, Dort alle Kraft und Regſamkeit erſtickend, Und allen meinen andern Gliedern raubend Den noͤth'gen Geiſt!— So zum Ohnmächt'gen draͤngt die thoͤr'ge Menge, Jeder will helfen, und entzieht die Luft Die ihn beleben ſollte: eben ſo Der Volksdrang, zeigt ſich ein geliebter Koͤnig, Laͤuft vom Gewerb', und ſchwaͤrmt in laͤſt'gem Eifer Um ſeine Gegenwart, wo ungezogne Liebe So zur Beleid'gung wird. (Iſabella tritt auf.) Nun, ſchoͤne Jungfrau? Iſab. Ich kam, zu hoͤren was Euch wohl gefaͤllig. Ang. Viel mehr gefiele mir, wenn du es wuͤßteſt, Als daß du mich drum fragſt.— S Bruder kann nicht eben!— Iſab. Das war's?— Gott ſchuͤtz Euch, Herr! (will gehn.) Ang. Zwar koͤnnt' er wohl noch leben, und vielleicht So lähg als Ihr und ich; doch muß er ſterben. Iſab. Durch Euer Urtheil? Ang. Ja. Iſab. Wann, bitt' ich Euch?— Damit in ſeiner riſt, — Lang oder kurz,— er ſich bereiten mag, Daß er nicht Schaden nehm' an ſeiner Seele!— Ang. Ha! Pfui dem ſchnoͤden Mit gleichem echt Verzieh' ich dem, der aus der Welt entwandt Ein ſchon geformtes Weſen, als willfahrt' ich Unreiner Luſt, des Himmels Bild zu praͤgen Mit unerlaubtem Stempel. Ganz ſo leicht, Ein aͤcht geſchaffnes Leben falſch vernichten,— Als Saat zu ſtreuen wider das Gebot, Ein falſches zu erzeugen. Iſab. So ſtehis im Himmel feſt, doch nicht auf den Erden. Ang. Ah, meinſt du? dann biſt du mir ſchnell ge⸗ fangen!— Was waͤhlſt du jetzt? Daß hochſt gerechtem Spruch S Bruder faͤllt; wo nicht, ihn zu 322 Maaß für Maaß. A. II. Du ſelbſt den Leib ſo ſuͤßer Schmach dahingaͤbſt, Als ſie, die er entehrt? Iſab. Herr, glaubt es mir, Eh geb' ich meinen Leib hin, als die Seele. Ang. Nicht ſprech' ich von der Seel. Erzwungne Suͤnden, Sie werden nur gezaͤhlt, nicht ungerechnet. Iſab. Wie meint Ihr, Herr?— Ang. Nun, nicht verbuͤrg' ich das; denn ich darf ſprechen Auch gegen meine Worte. Doch erwidre: Ich, jetzt der Mund des anerkannten Rechts, Faͤlle das Todesurtheil deinem Bruder: Waͤr' etwa nicht Erbarmung in der Suͤnde, Die ihn befreite? Iſab. So begeht ſie denn, Ich nehm auf meine Seeie die Gefahr. Durchaus nicht Suͤnde wär es, nur Erbarmung!— Ang. Begingt Ihr ſie, und naͤhmt auf Euch die hat, Gleich ſchwer dann woͤgen Suͤnde wie Erbarmung. Iſab. Wenn ich ſein Leben bitt', iſt Suͤnde das, Die laß mich tragen. Gott! gewaͤhrt Ihr es, Iſt Suͤnde das,— dann ſeys mein Fruhgebet, Daß ſie zu meinem Unrecht ſey gezählt, Und Ihr ſie nicht vertretet. Ang. Nein doch, hoͤrt mich:— Dein Sinn erfaßt mich nicht, ſprichſt du's in Einfalt? Stellſt du dich liſtig ſo? Das iſt nicht gut!— Iſab. Sey ich einfältig dann, und gut in Nichts, Als daß ich fromm erkenn, ich ſey nicht beſſer. Ang. So ſtrebt die Weisheit nur nach hellſtem Glanz, Setzt ſie ſich ſelbſt herab: wie ſchwarze Maſten Verdeckte Schoͤnheit zehnmal mehr erheben, Als Reiz, zur Schau getragen. Doch merkt auf; Daß Ihr mich ganz begreift, red' ich beſtimmter:— Eu'r Bruder kann nicht leben. Iſab. Wohl!— Ang. Und ſein Vergehn iſt ſo, daß offenbar Nach dem Geſez ihn dieſe Strafs trift. Iſab. Wahr!— * — Sz. 4. Maaß fuͤr Maaß. 323 Ang. Nehmt an, kein Mittel gaͤbs, ihn zu erretten— (Zwar nicht verbuͤrg' ich dieſes, noch ein Andres, Und ſetze nur den Fall:—) Ihr, ſeine Schweſter, Wuͤrdet begehrt von einem Maͤchtigen, Deß hoher Rang und Einfluß auf den Richter Den Bruder koͤnnt' erloͤſen aus den Feſſeln Allbindender Geſetze; und es gaͤbe Den einz'gen Ausweg nur, ihn zu befrein, Daß Ihr den Reichthum Eurer Schoͤnheit ſchenktet Dem Maͤchtigen,— wo nicht,— ſtuͤrb' Euer Bruder:— Was thaͤtet Ihr?— Iſab. So viel fuͤr meinen Bruder, als fuͤr mich; Das heißt: waͤr uͤber mich der Tod verhaͤngt, Der Geißel Striemen truͤg' ich als Rubinen, Und zoͤg' mich aus zum Tode, wie zum Schlaf, Den ich mir laͤngſt erſehnt, eh ich den Leib Der Schmach hingaͤbe. Ang. Dann muͤßt' Eu'r Bruder ſterben. Iſab. Und beſſer waͤrs gewiß. Viel lieber mag ein Bruder einmal ſterben, Als daß die Schweſter, um ihn freizukaufen, Auf ewig ſterben ſollte. Ang. Waͤrt Ihr dann nicht ſo grauſam, als der Spruch, Auf den Ihr ſo geſchmaͤht?— Iſab. Die Schand' im Loskauf, ein frei Ver⸗ eihn Sind nicht Geſchwiſter: des Geſetes Gnude War nie verwandt mit ſchmaͤhlichem Erkauf! Ang. Noch eben ſchien das Recht Euch ein Tyrann, Und Eures Bruders Fehltritt duͤnkt Euch mehr Ein Scherz, als ein Verbrechen. Iſab. O gnaͤd'ger Herr, verzeiht! Oft iſt der Fall, Zu haben, was man wuͤnſcht, ſpricht man nicht wie man's meint. So mocht' ich das Verhaßte wohl entſchuld'gen Zum Vortheil deſſen, der mir theuer iſt. Ang. Schwach ſind wir alle. Iſab. Sonſt moͤcht' er immer ſterben, Wenn kein Vaſall als er allein der Schwachheit!——— O wir ſind alle der Verſuchung Erben!— 324 Maaß für Maaß. A. M. Ang. Nun, auch das Weib iſt ſchwach!— Iſab. Ja, wie der Spiegel, drinn ſie ſich beſchaut, So leicht zerbricht, als er Geſtalten praͤgt. Das Weib! Hilf Gott! Der Mann entweih't ihr Edles, Wenn er's mißbraucht. Nennt mich denn zehnmal ſchwach; Denn wir ſind ſanft wie unſte Bildung iſt, Nachgiebig falſchem Eindruck. Ang. Ja, ſo iſt's: Und auf Eu'r eignes Zeugniß Eurer Schwaͤche, (Denn auch wir Maͤnner mein' ich, ſind nicht ſtaͤrker Als daß uns Fehler ſchuͤtteln:— dreiſt nun ſprech' ich. Ich halte dich beim Wort: ſey was du biſt, Ein Weib; willſt du mehr ſeyn, ſo biſt du keinsz Und biſt du eins,—(wie all dein aͤußrer Reiz So holde Buͤrgſchaft giebt—) ſo zeig' es jetzt, Und kleide dich in die beſtimmte Farbe. Iſab. Ich hab' nur eine Zunge: theurer Herr, Ich fleh' Euch an, ſprecht Eure vor'ge Sprache. Ang. Ich ſag' es frei und klar, ich liebe dich. Iſab. Mein Bruder liebte Julien; und Ihr ſagt Er muͤſſe dafuͤr ſterben? Ang. Liebſt du mich, Iſabella, ſoler nicht. Iſab. Ich weiß es, Eurer ward dieß Vor⸗ recht, Sie ſcheint ein wenig ſchlimmer als ſie iſt, Und pruͤft uns andre. * Ang. Glaub auf meine Ehre, Mein Wort ſpricht meinen Vorſatz. Iſab. O kleine Ehre, ſo viel ihr zu glauben! Und Gott verhaßter Vorſatz! Schein, o Schein!— Ich werde dich verkuͤnden, ſieh dich vor: Gleich unterzeichne mir des Bruders Gnade, Sonſt ruf' ichs aller Welt mit lautem Schrei, Was fuͤr ein Mann du biſt. Ang. Wer glaubt dir's, Iſabella? Mein unbefleckter Ruf, des Lebens Strenge, Mein Zeugniß gegen Dich, mein Rang im Staat, Wird alſo dein Beſchuld'gen uͤberbieten, Daß du erſticken wirſt am eignen Wort, Und nach Verlaͤumdung ſchmecken. Ich begann; Und nun, entzuͤgelt, nehmt den Lauf, ihr Sinne; Sz. 4. Maaß fuͤr Maaß. 325 Ergieb dich meiner gluͤhenden Begier, Weg ſproͤdes Weigern, zoͤgerndes Erroͤthen, Das abweiſ't was es wuͤnſcht: Kauf deinen Bruder Indem du meinem Willen dich ergiebſt, onſt muß er nicht allein des Todes ſterben; Ja, deine Haͤrte ſoll den Tod ihm dehnen Durch lange Martern. Antwort gib mir morgen: Denn, bei der Leidenſchaft, die mich beherrſcht, ch werd' ihm ein Tyrann! Und dir ſey klar, Sprich, was du kannſt; mein Falſch beſiegt dein Wahr. Cgeht ab.) Iſab. Wem ſollt' ichs klagen! Wem ich dieß erzaͤhlte, Wer glaubte mirs? O gleißneriſcher Mund, Der mit der einen und derſelben Zunge Verdammniß ſpricht, und Billigung zugleich! Der das Geſetz nach Willkuͤhr ſchweigen heißt, Und kruͤmmt nach ſeinen Luͤſten Recht und Unrecht, Sich ihm zu ſchmiegen! Hin zum Bruder eil' ich; Und fiel er auch durch all zu heißes Blut, Doch lebt in ihm ſo reger Geiſt der Ehre, Daß haͤtt' er zwanzig Haͤupter hinzuſtrecken Auf zwanzig blut'ge Bloͤck“, er boͤte ſie, Eh ſeine Schweſter ihren Leib entheiligt In ſo abſcheulicher Entweihung. Ja, Claudio, ſtirb, ich bleibe keuſch und rein; Mehr als ein Bruder muß mir Keuſchheit ſeyn: Ich ſag' ihm noch, was Angelo beſchieden, Dann geh' er durch den Tod zum ew'gen Frieden. (geht ab.) 326 Maaß für Maaß. Dritter Aufzug. ſi e S e Im Gefängniß. (Es treten auf der Herzog, Claudio und der Schließer.) Berzog. So hofft Ihr Gnade von Lord Angelo? Claud. Im Elend bleibt kein andres Heilungsmittel, Als Hoffnung nur: Ich hoffe Leben; bin gefaßt auf Tod. Zerz. Sey's unbedingt auf Tod! Tod, ſo wie Leben, Wird dadurch ſüßer. Sprich zum Leben ſo: Verlier' ich dich, ſo geb' ich hin, was nur Ein Thor feſthielte. Sprich: du biſt ein Hauch, Abhaͤngig jedem Wechſel in der Luft, Der dieſe Wohnung, die dir angewieſen, Stuͤndlich bedroht; du biſt nur Narr des Todes, Denn durch die Flucht ſtrebſt du ihm zu entgehn, Und rennſt ihm ewig zu. Du biſt nicht edelz Denn alles Angenehme das dich freut, Erwuchs aus Niederm. Tapfer biſt du nicht; Du fuͤrchteſt ja die zartgeſpaltne Zunge Des armen Wurms:— dein beſtes Ruhn iſt Schlaf, Den rufſt du oft, und zitterſt vor dem Tod, Der doch nichts weiter. Du biſt nicht du ſelbſt; Denn du beſtehſt durch tauſende von Koͤrnern, Aus Staub entſproſſen. Glucklich biſt du nicht: Was du nicht haſt, dem jagſt du ewig nach, Vergeſſend was du haſt. Du biſt nicht ſtetig, Denn dein Befinden wechſelt ſeltſam launiſch Mit jedem Mond. Reich, biſt du dennoch arm; Dem Eſel gleich, der unter Gold ſich kruͤmmt, Sz. 1. Maaß fuͤr Maaß. 327 Traͤgſt du den ſchweren Schatz nur Einen Tag Und Tod entlaſtet dich. Freunde haſt du keinez Denn ſelbſt dein Blut, das Vater dich begrußt, Die Wirkung deiner eignen innern Kraft, Flucht deiner Gicht, dem Ausſatz, und der Lähmung, Daß ſie nicht ſchneller mit dir enden. Du haſt zu eigen Jugend nicht noch Alter, Nein, gleichſam nur'nen Schlaf am Nachmittag, Der beides traͤumt: denn all' dein Jugendglanz Lebt wie bejahrt, und ſleht vom welken Alter Die Zehrung ſich: und biſt du alt und reich, Haſt du nicht Glut noch Triebe, Mark noch Schoͤnheit Der Guͤter froh zu ſeyn. Was bleibt nun noch, Das man ein Leben nennt? und dennoch birgt Dieß Leben tauſend Tode; dennoch ſcheu'n wir Den Tod, der all' die Widerſpruͤche loͤſt. Claud. Habt Dank, mein Vater! Ich ſeh', nach Leben ſtrebend, ſuch' ich Sterben, Tod ſuchend, find' ich Leben. Nun, er komme!— (Iſabella kommt.) Iſab. Macht auf! Heil ſey mit Euch, und Gnad' und Frieden! Schließ. Wer da? Herein! der Wunſch verdient Will⸗ 8 kommen! Herz. Bald, lieber Sohn, werd' ich Euch wiederſehn. Claud. Ehrwuͤrd'ger Herr, ich dank' Euch. Iſab. Ich wuͤnſche nur ein kurzes Wort mit Claudio. Schließ. Von Herzen gern; Herr, Eure Schweſter iſts. Zerz. Schließer, ein Wort mit Euch. Schließ. Soviel Ihr wollt. erz. Verbergt mich, Freund, wo ich ſie ſprechen hoͤre. 5(der Herzog und der Schließer ab.) Claud. Nun, Schweſter, was fuͤr Troſt?— Iſab. Nun ja, wie aller Troſt iſt; gut, ſehr gut!— Lord Angelo hat ein Geſchaͤft im Himmel, Und ſucht dich aus als ſchnellen Abgeſandten, Wo du ihm bleibſt als ew'ger Stellvertreter. Drum ſchick dich an zur Wandrung ungeſaͤumt; Auf morgen reiſeſt du. Claud. Iſt denn kein Mittel? 328 Maaß fuͤr Maaß. A. IM. Iſab. Nein; nur ein Mittel, das, ein Haupt zu retten, erſpalten wuͤrd' ein Herz! ciaud? So giebt es Eins?— Iſab. Ja, Bruder, du kannſt leben.— In dieſem Richter wohnt ein teufliſch Mitleid: iüſt du dieß anflehn, wird dein Leben frei, Dich aber feſſelt er bis in dein Grab. Claud. Wie! Ew'ge Haft? Iſab. Ja, nenn' es ew'ge Haft; es war ein Zwang, Der, ſtuͤnd auch offen dir der weite Weltraum, Dich baͤnd' an Eine Qual. Claud. Von welcher Art?— Iſab. Von ſolcher Art, daß, wenn du eingewilligt, Du ſchaͤlteſt ab die Ehre deinem Stamm, Und bliebeſt nackt. Claud. Laß mich die Sache wiſſen! Iſab. O Claudio, ich fuͤrchte dich, und zittre, Du moͤcht'ſt ein fiebernd Leben dehnen wollen; Sechs oder ſieben Winter theurer achten, Als ew'ge Ehre. Haſt du Muth zum Tod?— Des Todes Schmerz liegt in der Vorſtellung; Der arme Kaͤfer, den dein Fuß zertritt, Fuͤhlt koͤrperlich ein Leiden, ganz ſo groß, Als wenn ein Rieſe ſtirbt. Claud. Weshalb beſchämſt du mich? Meinſt du, ich ſuche mir entſchloßnen Muth Ans zartem Blumenſchmelz? Rein, muß ich ſterben, Gruͤß ich die Finſterniß als meine Braut, Und druͤcke ſie ans Herz! Iſab. Das ſprach mein Bruder; Das war wie eine Stimme Aus meines Vaters Grab. Ja, du mußt ſterben!— Du biſt zu groß, ein Leben zu erkaufen Durch niedre Schmach!— Der außenheil'ge Richter,— Deß finſtre Stirn und tiefbedachtes Wort Die Jugend ͤnaſtiat, und die Thorheit ſcheucht, So wie der Falk die Taub',— iſt doch ein Teufel: Sein innrer Schlamm hinweggeſchoͤpft, erſchien' er Ein Pfuhl, tief wie die Hoͤlle. Claud. Der fromme Angelo? Iſab. Das iſt die liſt'ge Ausſtattung der Hoͤlle, Den frechſten Schalk verkleidend einzuhuͤllen . Sz. 1. Maaß für Maaß. In fromme Tracht. Glaubſt du wohl, Claudio, Wenn ich ihm meine Unſchuld opfern wollte, Du wuͤrdeſt frei? Claud. O Himmel! Iſt es moͤglich? Iſab. Ja, er vergoͤnnte dirs, fuͤr ſolche Suͤnde, Noch mehr hinfort zu ſuͤnd'gen. Dieſe Nacht Soll das geſchehn, was ich mit Abſcheu nenne; Sonſt ſtirbſt du morgen. Claud. Das ſollſt du nie. Iſab. O waͤr' es nur mein Leben, Ich wuͤrf' es leicht fuͤr deine Freiheit hin, Wie eine Nadel! Claud. Dank dir, theure Schweſter! Iſab. Bereite dich auf morgen denn zum Tod!— Elaud. Ja.—— Fuͤhlt auch Er Begierden, Fuͤr die er das Geſetz mit Fuͤßen tritt, Indem ers ſchaͤrfen will? Dann iſts nicht Suͤnde, Die kleinſte mindſtens von den Todesſuͤnden!— Iſab. Welch' iſt die kleinſte?— Claud. Waͤr ſie verdammlich: ein ſo weiſer Mann, Wie koͤnnt' er Eines Augenblicks Genuß Mit Ewigkeiten buͤßen? Iſabella!„. Iſab. Was ſagt mein Bruder? Claud. Sterben iſt entſetzlich! Iſab. Und leben ohne Ehre haſſenswerth! Claud. Ja! Aber ſterben! Gehn, wer weiß wohin, Da liegen, kalt, eng eingeſperrt, und faulen; Dieß lebenswarme, fuͤhlende Bewegen Verſchrumpft zum Kloß; und der entzuͤckte Geiſt Getaucht in Feuerfluthen, oder ſchaudernd Umſtarrt von Wuͤſten ew'ger Eiſesmaſſen; Gekerkert ſeyn in unſichtbare Stuͤrme, Und mit raſtloſer Wuth gejagt rings um Die ſchwebende Erde: oder Schlimm'res werden, Als nur das Schlimmſte, Was Fantaſie uns ſchwaͤrmend, zuͤgellos, Heulend erfindet: das iſt zu entſetzlich;— Das muͤd'ſte, jammervollſte ird'ſche Leben, Das Alter, Meineid, Schmerz, Gefangenſchaft Dem Menſchen auflegt,— iſt ein Paradies, Gegen das, was wir vom Tode fuͤrchten! Iſab. Ach!— Claud. O Liebſte, laß mich leben!— 330 Maaß fuͤr Maaß. A. III. Was du auch thuſt, den Bruder dir zu retten, Natur tilgt dieſe Suͤnde ſo hinweg, Daß ſie zur Tugend wird. Iſab. O Thier! O feige Memm'! d treulos Ehrvergeßner, Soll meine Suͤnde dich zum Mann erſchaffen?— Iſts nicht blutſchaͤndriſch, Leben zu empfahn Durch deiner Schweſter Scm S muß ich glauben? Hilf Gott! War meine Mutter falſch dem Vater? Denn ſolch' entartet wildes Unkraut ſproß Niemals aus ſeinem Blute. Dir entſag' ich, Stirb, fahre hin! Wenn auch mein Fußfall nur Dein Schickſal wenden moͤcht“, ich ließ es walten: Ich bete tauſendmal für deinen Tod, Kein Wort zur Rettung. Claud. Schweſter, hoͤr' mich an. Iſab. O pfui, pfui, pfui!— Dein Suͤnd'gen war kein Fall, war ſchon Gewerbe; Und Gnad' wuͤrd' an dir zur Kupplerin: Am beſten ſtirbſt du 9leich. (will abgehn.) Claud. O hoͤr' mich, Schweſter!— (Der Herzog kommt zurück.) Berz. Vergoͤnnt ein Wort, junge Schweſter, nur ein einziges Wort. Iſab. Was iſt Eu'r Wunſch? Zerz. Wenn Eure Zeit es zuließe, haͤtte ich gern eine kurze Unterredung mit Euch: dieſe Gewaͤhrung meiner Bitte wuͤrde zugleich zu Euerm Frommen ſeyn. Iſab. Ich habe keine uͤberfluͤſſige Zeit; mein Verweilen muß ich andern Geſchaͤften ſtehlen; doch will ich noch etwas verweilen.. Berz.(beiſeit zu Claudi.) Mein Sohn, ich habe mit angehoͤrt, was zwiſchen Euch und Eurer Schweſter vor⸗ ging. Angelo hatte nie die Abſicht ſie zu verfuͤhren; er hat nur einen Verſuch auf ihre Tugend gemacht, um ſein Ur⸗ theil uber das menſchliche Gemuͤth zu ſchaͤrfen. Sie, im wahren Gefuͤhl aͤchter Ehre, entgegnete ihm die fromme Weigorung, die er mit hoͤchſter Freude vernahm. Ich bin Angelo's Beichtiger, und weiß daß dieſes wahr iſt. Berei⸗ tet Euch deshalb auf den Tod: ſchmeichelt Eurer Stand⸗ —— —— Sz. 1. Maaß fuͤr Maaß. 331 haftigkeit nicht durch truͤgliche Hoffnungen; morgen muͤßt Iht ſterben: fallt auf Eure Kniee, und macht Euch fertig. Claud. Laßt mich meine Schweſter um Verzeihung bitten. Die Liebe zum Leben iſt mir ſo vergangen, daß ich bitten werde davon befreit zu ſeyn. Zerz. Dabei bleibts. Lebt wohl!— (Claudio ab.) (Der Schließer kommt zurück.) Schließer, ein Wort mit Euch. Schließ. Was wuͤnſcht Ihr, Pater? Zerz. Daß Ihr, wie Ihr kamt, jetzt wieder geht. Laßt mich ein wenig allein mit dieſem Fraͤulein; meine Geſinnung und mein Kleid ſind Euch Buͤrge, daß ſie von meiner Geſellſchaft nichts zu fuͤrchten hat. Schließ. Es ſey ſo.—(geht ab.) Zerz. Die Hand, die Euch ſchoͤn erfchuf, hat Euch auch gut erſchaffen. Guͤte, von der Schoͤnheit gering geachtet, laͤßt auch der Schoͤnheit nicht lange ihre Guͤte; aber Sittſamkeit, die Seele Eurer Zuͤge, wird Euch auch immer ſchoͤn erhalten. Von dem Angriff, den Angelo auf Euch verſucht, hat mich der Zufall in Kenntniß geſetzt; und boͤte nicht die menſchliche Schwachheit Beiſpiele fuͤr ſein Straucheln, ich wuͤrde mich uͤber Angelo wundern. Wie wollt Ihrs nun machen, dieſen Statthalter zufrieden zu ſtellen, und Euren Bruder zu retten?— Iſab. Ich gehe gleich, ihm meinen Entſchluß zu ſagen: ich wolle lieber, daß mir ein Bruder nach dem Geſetz ſterbe, als daß mir ein Sohn wider das Geſetz geboren werde, Aber, o! wie irrt ſich der gute Herzog in dieſem Angelo! Wenn er je zuruͤckkommt, und ich kann zu ihm gelangen, ſo will ich meine Lippen nie wieder oͤffnen, oder dieſe Verwaltung enthuͤllen. Berz. Das wuͤrde nicht Unrecht gethan ſeyn. Indeß wie die Sache nun ſteht, wird er Eurer Anklage entgegnen, er habe Euch nur pruͤfen wollen. Darum heftet Euer Ohr auf meinen Rath; meinem Wunſch, Gutes zu ſtiften, bietet ſich ein Mittel dar. Ich bin uͤberzeugt, Ihr koͤnnt mit aller Rechtſchaffenheit einem armen gekraͤnkten Fraͤulein eine verdiente Wohlthat erzeigen; Euern Bruder dem zor⸗ nigen Geſetz entreißen; Eure eigne fromme Seele rein erhalten; und den abweſenden Herzog ſehr erfreuen, wenn 332 Maaß fuͤr Maaß. A. III. er vielleicht dereinſt zuruͤckkehren, und von dieſer Sache hoͤren ſollte. Iſab. Fahrt fort, mein Vater. Ich habe Herz, alles zu thun, was meinem Herzen nicht verwerſlich erſcheint. Berz. Tugend iſt kuͤhn, und Guͤte ohne Furcht. Hoͤr⸗ tet Ihr nie von Marianen, der Schweſter Friedrichs, des tapfern Helden, der auf der See verungluͤckte? Iſab. Ich hoͤrte von dem Fraͤulein, und Lob begleitete ihren Namen. Serz. Eben die ſollte dieſer Angelo heirathen: mit dieſer war er feierlich verlobt, und die Hochzeit feſtgeſetzt: zwi⸗ ſchen der Zeit des Verloͤbniſſes aber, und dem Trauungstage ging das Schiff ihres Bruders Friedrich unter, und mit ihm das Heirathsgut der Schweſter. Nun denkt Euch, wie hart das arme Fraͤulein hiedurch getroffen ward. Sie verlor einen edeln und beruͤhmten Bruder, deſſen Liebe fuͤr ſie von jeher die zaͤrtlichſte und bruͤderlichſte geweſen; mit ihm ihr Erbtheil und den Nerv ihres Gluͤcks, ihr Hei⸗ rathsgut: mit beiden den ihr beſtimmten Braͤutigam, dieſen redlich ſcheinenden Angelo!— Iſab. Iſt es moͤglich? Und Angelo verließ ſie wirklich? erz. Verließ ſie in ihren Thraͤnen, und trocknete nicht Eine durch ſeinen Troſt; widerrief ſein Treuwort, indem er Entdeckungen uͤber ihre verletzte Ehre vorgab; kurz, uͤberließ ſie ihrem Kummer, dem ſie noch immer um ſei⸗ netwillen ergeben iſt; und er, ein Fels gegen ihre Thraͤ⸗ nen, wird von ihnen benetzt aber nicht erweicht.— Iſab. Welche Wohlthat im Jode, wenn er dieſes arme Maädchen aus der Welt naͤhme! Welche Ungerechtigkeit die⸗ ſes Lebens, daß es dieſen Mann leben läßt! Aber wie ſoll ihr hieraus Huͤlfe werden? Zerz. Es iſt eine Wunde, die Ihr leicht heilen koͤnnt: und dieſe Kur rettet nicht allein Euern Bruder, ſondern ſchutzt Euch vor Schande, wenn Ihr ſie unternehmt. Iſab. Zeigt mir an, wie, ehrwuͤrdiger Vater. Zerz. Jenes Maͤdchen hegt noch immer ihre erſte Neigung; ſeine ungerechte Liebloſigkeit, die nach Vernunft⸗ gruͤnden ihre Zaͤrtlichkeit ausgeloͤſcht haben ſollte, hat ſie wie eine Hemmung im Strom nur heftiger und unaufhait⸗ ſamer gemacht.— Geht Ihr zu Angelo; erwidert auf ſein Begehren mit ſcheinbarem Gehorſam; bewilligt ihm die Sz 4. Maaß fuͤr Maaß. 33³3 Hauptſache, nur behaltet Euch dieſe Bedingungen vort erſtlich, daß Ihr nicht lange bei ihm verweilen duͤrft; dann, daß fuͤr die Zeit alle Begaͤnſtigung der Dunkelheit und Stille ſey; und daß der Ort den Umſtaͤnden entſpreche. Geſteht er dieß zu, dann gelingt Alles. Wir bereden das gekraͤnkte Maͤdchen, ſich an Eurer Statt zur beſtimmten Verabredung einzufinden. Wenn die Znſammenkunft her⸗ nach bekannt wird, ſo kann ihn das zu einem Erſatz bewe⸗ gen; und dann wird auf dieſe Weiſe Euer Bruder gerettet, Eure Ehre bewahrt, die arme Mariane begluͤckt, und der boͤſe Statthalter entlarvt. Das Maͤdchen will ich unter⸗ richten, und zu dem Verſuch uͤberreden. Willigt Ihr ein, dieß alles auszufuͤhren, ſo ſchuͤtzt die doppelte Wohlthat dieſen Trug vor Tadel. Was dunkt Euch davon?— Iſab. Der Gedanke daran beruhigt mich ſchon, und ich hoffe, es wird zum gluͤcklichſten Erfolg gedeihen. Zerz. Es kommt alles auf Euer Betragen an. Eilt ungeſaͤumt zu Angelo. Wenn er Euch um dieſe Nacht bittet, ſo ſagt ihm Gewaͤhrung zu. Ich gehe ſogleich nach Sanct Lucas; dort in der einſamen Huͤtte wohnt dieſe verſtoßene Mariane:— Dort ſucht mich auf; und mit Angelo macht es ab, damit die Sache ſich ſchnell entſcheide. Iſab. Ich danke Euch fuͤr dieſen Beiſtand:— lebt wohl, ehrwuͤrdiger Vater! (Sie gehn ab zu verſchiednen Seiten.) Zweite Szene. Straße vor dem Gefängniß. (Es treten auf der Herzog, Elbogen, Pompejus und Gerichtsdiener.) Elbogen. Nun wahrhaftig, wenn da kein Einhalt geſchieht, und Ihr wollt mit aller Gewalt Manns- und Frauensleute wie das liebe Vieh verkaufen, ſo wird noch die ganze Welt braunen und weißen Baſtard trinken. Zerz. O Himmel! Was haben wir hier fuͤr Zeug!— Pomp. Mit der luſtigen Welt iſts zu Ende, ſeit ſie von zwei Wucherern dem Luſtigſten ſein Handwerk gelegt 334 Maaß fuͤr Maaß. A. III. hat, und dem Schlimmſten von Gerichtswegen einen Pelz⸗ rock zuerkannt, um ſich warm zu halten; und noch dazu gefuͤttert mit Laͤmmerfell, und verbraͤmt mit Fuchs, um anzudeuten daß Liſt beſſer fortkommt als Unſchuld. Elb. Geht Eurer Wege Freund: Gott gruͤß Euch, guter Vater Bruder. Berz. Und Euch, werther Bruder Vater. Was hat Euch dieſer Mann zu Leide gethan, Herr?— Elb. Dem Geſetz hat er etwas zu Leide gethan, Herr; und obendrein, Herr, halten wir ihn fuͤr einen Dieb; denn wir haben einen ganz beſondern Dietrich bei ihm gefunden, Herr, den wir an den Statthalter einge⸗ ſchickt haben. Zerz. Pfui, Schuft, etn Kuppler, ein verruchter Kuppler!— Die Suͤnde, die dein Beiſtand foͤrdern hilft, Verſchafft dir Unterhalt: denk, was das heißt, Den Wanſt ſich fuͤllen, ſich den Ruͤcken kleiden Mit ſo unſauberm Laſter! Sprich zu dir: Von ihrem ſchaͤndlich viehiſchen Verkehr Trink' ich und eſſe, kleide mich, und lebe:—— Und glaubſt du wohl, dein Leben ſey ein Leben, Wenn es ſo ſtinkt zum Himmel? Geh! Thu Buße!— Pomp. Freilich, auf gewiſſe Weiſe ſtinkt es, Herrz aber doch, Herr, koͤnnt' ich beweiſen,. Zerz. Ja, gibt der Teufel dir Beweis fuͤr Suͤnde, Biſt du ihm uͤberwieſen.— Fuͤhrt ihn fort; Zucht und Ermahnung muͤſſen wirkſam ſeyn, Eh ſolch ein ſtoͤrrig Vieh ſich beſſert. Elb. Er muß vor den Statthalter, Herr, der hat ihn gewarnt: der Statthalter kann ſolch Hurenvolk nicht aus⸗ ſtehn: wenn er dergleichen Hurenhaͤndlerhandwerk treibt, und kommt vor ihn, da waͤr' ihm beſſer eine Meile weiter. Zerz. So mancher ſcheint von allen Fehlern rein; O waͤr' er's auch! und jeder Fehl vom Schein!— (Lucio kommt.) Elb. Sein Hals wirds nun bald machen wie Euer Leib, Herr; ein Strick darum. Pomp. Da wittre ich Rettung: ich rufe mir einen Buͤrgen; hier kommt ein Edeimann, ein Freund von mir. Sz. 2. Maaß fuͤr Maaß. 335 Luc. Was macht mein edler Pompejus? Was, an Caſar's Ferſen? Wirſt du in Triumph aufgefuͤhrt? Was? Wo ſind nun deine Pygmalionsbilder, deine neugebacknen Weiber, die einem eine Hand in die Taſche ſtecken, und ſie als Fauſt wieder heraus ziehn? Was haſt du fur eine Replik, he? Wie gefallt dir dieſe Melodie, Manier und Methode? Iſt ſie nicht im letzten Regen erſoffen? Nun, was ſagſt du, Pflaſtertreter? Iſt die Welt noch, wie ſie war, mein Guter? Wie heißt nun dein Lied? Gehts be⸗ traͤbt und einſylbig? Oder wie? Was iſt der Humor da⸗ von?— Zerz. Immer ſo und wieder ſo! Immer ſchlimmer! Luc. Wie gehts meinem niedlichen Schaͤtzchen, deiner Frau? Verſchafft ſie noch immer Kunden, he? J nun, Herr, ſie war mit ihrem Vorrath von geſalznem Fleiſch zu Ende, nun hat ſie ſich ſelbſt in die Beize begeben. Luc. Ei, recht ſo; ſo gehoͤrt ſich's; ſo muß es ſeyn: Eure Fiſche immer friſ„ Eure Hoͤkerin in der Lauge; ſo iſt's der Welt Lauf, ſo muß es ſeyn. Begiebſt du dich in's Gefaͤngniß, Pompejus? omp. Ja, mein Seel, Herr. Luc. Ei, das läßt ſich hoͤren, Pompejus! Gluͤck zu!— Geh', ſag', ich haͤtte dich hingeſchickt; Schulden halber, Pompejus? oder vielleicht——— Elb. Weil er ein Kuppler iſt, weil er ein Kuppler iſt. Lue. Schoͤn! darum in's Gefaͤngniß mit ihm: wenn ſich das Gefaͤngniß fuͤr einen Kuppler gehoͤrt, ſo geſchieht ihm ja ſein Recht: ein Kuppler iſt er unlaͤugbar, und zwar von Alters her; ein geborner Kuppler. Leb' wohl, theurer Pompejus, empfehlt mich dem Gefaͤngniß; Ihr werdet wohl nun ein guter Haushalter werden, denn man wird Euch zu Hauſe halten. Pomp. Ich hoffe doch, Euer Hochgeboren wird fuͤr mich Buͤrge ſeyn?— Lue. Nein wahrhaftig, das werd⸗ ich nicht, Pom⸗ pejus; das iſt jetzt nicht Mode. Ich will mich fuͤr dich verwenden, daß man dich noch laͤnger ſitzen läßt; wenn du dann die Geduld verlierſt, ſo zeigſt du, daß du Haare auf den Zaͤhnen haſt. Leb' wohl, beherzter Pompejus!— Guten Abend, Pater!— Serz. Gleichfalls. 336 Maaß fuͤr Maaß. A. III. Lur. Schminkt ſich Brigittchen noch immer, Pom⸗ ejus? ib. Fort mit Euch! Kommt jetzt!— Pomp. Ihr wollt alſo dann nicht Buͤrge ſeyn, Herr? LZuc. Weder dann noch jetzt.— Was giebts auswärts Neues, Pater?— Was giebts Neues?— Elb. Fort mit Euch! Kommt jetzt!— Luc. Fort, in's Hundeloch, Pompeins! Fort!— (Elbogen, Pompejus und Gerichtsdiener gehn ab.) Was giebts Neues vom Herzog, Pater?— Zerz. Ich weiß nichts; koͤnnt Ihr mir etwas mit⸗ theilen? Luc. Einige ſagen, er ſey bei'm Kaiſer von Rußlandz er ſey nach Rom gereiſt. Wo meint Ihr, daß er ſey. Zerz. Ich weiß es nicht; aber wo er ſeyn mag, wuͤnſch' ich ihm Gutes. Luc. Das war ein toller, fantaſtiſcher Einfall von ihm, ſich aus dem Staat weazuſtehlen, und ſich in die Bettelei zu werfen, zu der er nun einmal nicht geboren iſt. Lord Angelo herzogt indeß recht tapfer in ſeiner Abweſenheit; er nimmt das galante Weſen rechtſchaffen in's Gebet. Herz. Daran thut er wohl. Zuc. Ein wenig mehr Milde fuͤr die Liederlichkeit koͤnnte ihm nicht ſchaden, Pater; etwas zu ſauertoͤpfiſch in dem Punkt, Pater. gerz. Es iſt ein zu allgemeines Laſter, und nur Strenge kann es heilen. Luc. Freilich, das Laſter iſt von großer Familie und vornehmer Verwandtſchaft; aber es iſt unmoglich, es ganz auszurotten, Pater, man muͤßte denn Eſſen und Trinken abſchaffen. Man ſagt, der Angelo ſey gar nicht auf dem ordentlichen Wege der Natur von Mann und Weib er⸗ zeugt; ſollte das wohl wahr ſeyn? Was meint Ihr? Zerz. Wie waͤre er denn erzeugt? Luc. Einige erzählen, eine Meernire habe ihn ge⸗ laicht; andre, er ſey von zwei Stockfiſchen in die Welt geſetzt: aber das iſt gewiß, daß wenn er ſein Waſſer ab⸗ ſchlagt, der Urin gleich zu Eis gefriert: daran iſt nicht der mindſte Zweifel; er iſt eine Marionette ohne Zeugungs⸗ kraft, das kann nicht in Abrede geſtellt werden. Ferz. Ihr ſcherzt, mein Herr, und fuͤhrt loſe Reden. Sz 2. Maaß fuͤr Maaß. 337 Lue. Zum Henker, iſt denn das nicht eine unbarm⸗ herzige Manier, um eines rebelliſchen Hoſenlatzes willen einem Mann das Leben zu nehmen? Haͤtte der Her⸗ zog, der jetzt abweſend iſt, das wohl je gethan? Ehe der einen haͤtte haͤngen laſſen um hundert Baſtarde, haͤtte er das Koſtgeld fuͤr ein ganzes Tauſend aus ſeiner Taſche bezahlt. Er war kein Koſtveraͤchter, er verſtand den Dienſt, und das machte ihn nachſichtig. Zerz. Ich habe nie gehoͤrt, daß man den abweſenden Herzog eben mit Weibern in Verdacht gehabt haͤtte; er hatte dazu keinen Hang. Luc. O Herr, da ſeyd Ihr im Irrthum!— Serz. Unmoͤglich! Luc. Was? der Herzog nicht? Ja doch! fragt nur Euer altes funfzigjaͤhriges Bettelweib; er pflegte ihr immer einen Ducaten in ihre Klapperbuͤchſe zu ſtecken. Der Her⸗ zog hatte ſeine Nuͤcken; er war auch gern betrunken, das glaubt mir auf mein Wort. Serz. Ganz gewiß, Ihr thut ihm Unrecht. Luc. Herr, ich war ſein vertrauter Freund; ein Tuck⸗ maͤuſer war der Herzog, und ich glaube ich weiß, warum er davon gegangen iſt. Berz. Nun, ſagt mir doch, warum denn? Luc. Nein, um Vergebung, das iſt ein Geheimniß, das man zwiſchen Zaͤhnen und Lippen verſchließen muß. Aber ſoviel kann ich Euch doch zu verſtehn geben; der groͤßte Theil ſeiner Unterthanen hielt den Herzog fuͤr einen verſtaͤndigen Mann. 6 Verſtaͤndig? Nun, das war er auch ohne rage! Luc. Ein ſehr oberflaͤchlicher, unwiſſender, unbrauch⸗ barer Geſell! Zerz. Entweder iſt dieß Neid, oder Narrheit von Euch, oder Irrthum, der ganze Lauf ſeines Lebens, die Art wie er das Staatsruder gefuͤhrt, wuͤrden, wenn es der Buͤrgſchaft beduͤrfte, ein beſſeres Zeugniß von ihm ab⸗ legen. Laßt ihn nur nach dem beurtheilt werden wie er ſich gezeigt hat, und er wird dem Neide ſelbſt als ein Gelehrter, ein Staatsmann und ein Soldat erſcheinen⸗ Deshalb redet Ihr ohne Einſicht; oder wenn Ihr mehr ſere habt, wird er ſehr von Eurer Bosheit ver⸗ nſtert. Luc. Herr, ich kenne ihn, und liebe ihn. 22 338 Maaß fuͤr Maaß. A II. Berz. Liebe ſpricht mit beßrer Einſicht, und Einſiht mit mehr Liebe. Luc. Ei was, Herr, ich weiß was ich weiß. Zerz. Das kann ich kaum glauben, da Ihr nicht wißt was Ihr ſprecht. Aber wenn der Herzog je zuruͤckkehrt,— (wie wir alle beten, daß es geſchehn moͤge) ſo laßt mich Euch erſuchen, Euch vor ihm zu verantworten. Habt Ihr der Wahrheit gemaͤß geſprochen, ſo habt Ihr Muͤth es zu vertreten. Meine Pflicht jſt, Euch dazu aufzufordern; und deshalb, bitt' Euch, wie iſt Euer Name? Luc. Herr, mein Name iſt Lucio; der Herzog kennt Zerz. Er wird Euch noch beſſer kennen lernen, wenn ſo lange lebe, daß ich ihm Nachricht von Euch geben ann. Auc. Ich fuͤrchte Euch nicht. Berz. O, Ihr hofft, der Herzog werde nicht zuruͤck⸗ kehren, oder Ihr haltet mich fuͤr einen zu unbedeutenden Gegner. Und in der That, ich kann Euch wenig ſchaden; Ihr werdet dieß alles wieder abſchwoͤren. Luc. Ehe will ich mich haͤngen laſſen; du irrſt dich in mir, Pater. Doch genug hievon. Kannſt du mir ſagen, ob Claudio morgen ſterben muß oder nicht? Serz. Warum ſollte er ſterben, Herr? Luc. Nun, weil er eine Flaſche mit einem Trichter gefuͤllt. Ich wollte, der Herzog, von dem wir reden, waͤre wieder da dieſer unvermoͤgende Machthaber wird die Pro⸗ vinz durch Enthaltſamkeit entvoͤlkern: nicht einmal die Sperlinge duͤrfen an ſeiner Dachtraufe bauen, weil ſie ver⸗ buhlt ſind. Der Herzog haͤtte gewiß, was im Dunkeln geſchah, auch im Dunkeln gelaſſen; er haͤtte es nimmer⸗ mehr ans Licht gebracht; ich wollte, er waͤre wieder da! Wahrhaftig, dieſer Claudio wird verdammt, weil er eine Schleife aufgeknuͤpft! Leb wohl, guter Pater, ich bitte dich, ſchließ mich in dein Gebet. Der Herzog, ſage ich dir, verſchmaͤht auch Fleiſch am Freitag nicht. Er iſt jetzt uͤber die Zeit hinaus, und doch ſag' ich dir, er wuͤrde eine Bettlerin ſchnäbeln, und roͤche ſie nach Schwarzbrod und Knoblauch. Sag nur, ich haͤtte dirs geſeac! 2 wohl.— ab. Berz. Nichts rettet Macht und Groͤße vor dem Gift Der Schmaͤhſucht; auch die reinſte Unſchuld trifft Sz. 2. Maaß fuͤr Maaß. Verlaͤumdung hinterruͤcks: ja ſelbſt den Thron Erreicht der tuͤck'ſchen Laͤſterzunge Hohn.— Doch wer kommt hier? (Escalus, der Schließer, die Kupplerin und Ge⸗ richtsdiener treten auf.) Eoc. Fort, bringt ſie ins Gefaͤngniß!— np Liebſter gnaͤdiger Herr, habt Mitleid mit mir: Euer Gnaden gilt fuͤr einen ſanftmuͤthigen Herrn; liebſter gnaͤdiger Herr!— Esc. Doppelt und dreifach gewarnt, und immer das naͤmliche Verbrechen!— das koͤnnte die Gnade ſelbſt in Wuth bringen und zum Tyrannen machen. Schließ. Eine Kupplerin, die es ſeit elf Jahren treibt, mit Euer Gnaden Vergunſt!— Ruppl. Gnaͤdiger Herr, das hat ein gewiſſer Lucio mir eingeruͤhrt. Jungfer Kaͤthchen Streckling war ſchwan⸗ ger von ihm zu des Herzogs Zeit, er verſprach ihr die Ehe; ſein Kind iſt fuͤnfviertel Jahr alt auf naͤchſten Phi⸗ lippi und Jacobi; ich habe es ſelbſt aufgefuͤttert, und ſeht nun, wie er mit mir umſpringen will. Esc. Dieß iſt ein Menſch von ſehr ſchlechter Auffuͤh⸗ rung: ruft ihn vor uns. Fort mit ihr ins Gefaͤngniß; weiter kein Wort mehr!— (Kupplerin und Gerichtsdiener ab.) Schließer, mein Bruder Angelo laͤßt ſich nicht uͤberreden; Claudio muß morgen ſterben. Beſorgt ihm geiſtlichen Zu⸗ ſpruch, und was er zu chriſtlicher Erbauung bedarf. Wenn mein Bruder gleiches Mitleid wie ich empfaͤnde, ſo ſtaͤnde es nicht ſo um Claudio. Schließ. Gnaͤdiger Herr, dieſer Pater iſt bel ihm geweſen, und hat ihm mit Rath beigeſtanden, dem Tode entgegen zu gehn. Esc. Guten Abend, guter Pater! Zerz. Gnade und Segen uͤber Euch!— Esc. Von wannen ſeyd Ihr? Zerz. Nicht dieſem Land gehor' ich, wo mich Zufall Fuͤr eine Zeitlang haͤlt. Ich bin ein Bruder Aus frommem Orden, uͤber See gekommen Mit wicht'gem Auftrag ſeiner Heiligkeit. 340 Maaß fuͤr Maaß. A. III. Ese. Was giebts Neues im Auslande? Serz. Nichts; außer daß Rechtſchaffenheit an einem ſo ſtarken Fieber leidet, daß ihre Aufloͤſung ſie heilen muß. Nur dem Neuen wird nachgefragt, und es iſt eben ſo gefaͤhrlich geworden, in irgend einer Lebensbahn alt zu werden, als es ſchon eine Tugend iſt, in irgend einem Unternehmen ſtandhaſt zu bleiben. Kaum iſt noch ſo viel Vertrauen wirkſam, um der Geſellſchaſt Sicherheit zu verbuͤrgen; aber Bürgſchaft ſo uͤberlei, daß man gllen Um⸗ gang verwuͤnſchen moͤchte. ilm dieſe Raͤthſel dreht ſich die ganze Weisheit der Welt; dieß Neue iſt alt genug, und dennoch das Neue des Tages. Ich bitt' Euch, Herr, von welcher Geſinnung war Euer Herzog? Esc. Von der, daß er vorzüglich dahin ſtrebte, ſich genau ſelbſt kennen zu lernen. Zerz. Welchen Vergnuͤgungen war er ergeben? Esc. Mehr erfreut, andre froh zu ſehn, als froh uͤber irgend etwas das ihn ſelbſt vergnuͤgt haͤtte; ein Herr, der in allen Dingen maͤßig war. Doch uͤberlaſſen wir ihn ſeinem Schickſal, mit einem Gebet fur ſein Wohl⸗ ergehn: und vergoͤnnt mir die Frage, wie Ihr Claudio vorbereitet fandet? Wie ich hoͤre, habt Ihr ihm Euern Beſuch gegoͤnnt. Zerz. Er bekennt, ſein Richter habe ihn nicht mit zu ſtrengem Maaß gemeſſen; vielmehr demuͤthigt er ſich mit großer Ergebung vor dem Ausſpruch der Gerechtigkeit. Doch hatte er ſich, der Eingebung ſeiner Schwachheit folgend, manche taͤuſchende Lebenshoffnung gebildet, die ich allmaͤhlig herabgeſtimmt habe; und jetzt iſt er entſchloſſen zum Tode. Esc. Ihr habt dem Himmel Euer Geluͤbde, und dem Gefangnen alle Pflichten Eures Berufs erfuͤllt. Ich habe mich fuͤr den armen jungen Mann bis an die aͤußerſte Graͤnze meiner Beſcheidenheit verwendet; aber meines Mitbruders Gerechtigkeit zeigte ſich ſo ſirenge, daß er mich zwang ihm zu ſagen, er ſey in der That die Gerech⸗ tigkeit ſelbſt. Zerz. Wenn ſein eigner Wandel dieſer Schroffheit ſei⸗ nes Verfahrens entſpricht, ſo wird ſie ihm wohl anſtehn; ſollte er aber ſelber fehlen, ſo hat er ſich ſein eignes Ur⸗ theil geſprochen. Sz2. Maaß fuͤr Maaß. Wsc. Ich gehe, den Gefangnen zu beſuchen. wohl!— Serz. Friede ſey mit Euch! (Escalus und der Schließer gehn ab.) Wem Gott vertraut des Himmels Schwerdt, Muß heilig ſeyn, und ernſt bewaͤhrt: Selbſt ein Muſter, uns zu leiten, So feſizuſtehn, wie fortzuſchreiten; Gleiches Maaß den fremden Fehlen, Wie dem eignen Frevel waͤhlen. Schande dem, der toͤdtlich ſchläͤgt Unrecht, das er ſelber hegt! Schmach, Angelo, Schmach deinem Richten, Der fremde Spreu nur weiß zu ſichten! Wie oft birgt inn're ſchwere Schuld, Der außen Engel ſcheint an Huld; Wie oft hat Schein, in Suͤnd' erzogen Der Zeiten Auge ſchon betrogen, Daß er mit duͤnnen Spinneweben Das Schwerſte, Groͤbſte mag erheben!— Liſt gegen Bosheit wend' ich nun: Lord Angelo ſoll heute rahn Bei der Verlobten, erſt Verſchmaͤh'ten: So ſoll der Trug den Trug vertreten, Falſchheit die Falſchheit uͤberwinden, Und neu der alte Bund ſich ien ab. 341 Lebt 342 Maaß für Maaß. Viet g⸗ Erſte Szene. Zimmer in Marianens Hauſe. (Mariane ſitzendz ein Knabe ſingt.) Lied. Bteibt, o bleibt Ihr Lippen ferne, Die ſo lieblich falſch geſchworen; Und ihr Augen, Morgenſterne, Die mir keinen Tag geboren! Doch den Kuß gieb mir zuruck, Gieb zuruͤck,. Falſches Siegel falſchem Gluck, Falſchem Gluͤck!— Mar. Brich ab dein Lied, und eile ſchnell hinweg; Hier kommt ein Mann des Troſtes, deſſen Rath Oft meinen wildempoͤrten Gram geſtillt. (Knabe ab.) (Der Herzog tritt auf.) O lieber Herr, verzeiht! Ich wuͤnſchte faſt. Ihr haͤttet nicht ſo ſangreich mich gefunden: Entſchuldigt mich, und glaubt wie ichs Euch ſage, Es war nicht Luſt, nur Mildrung meiner Plage. Zerz. Recht wohl; doch uͤben Doͤne Zauberkraft, Die Schlimmes gut, aus gutem Schlimmes ſchafft.— Ich bitt' Euch, ſagt mir, hat hier jemand heut nach mir Eben um dieſe Stunde verſprach ich, ihn hier zu reffen. Mar. Es hat niemand nach Euch gefragt; ich habe hier den ganzen Tag geſeſſen. St Maaß fuͤr Maaß. 343 (Fſabella kommt.) Zerz. Ich glaube Euch ohne Bedenken; die Zeit iſt da, eben jetzt. Ich muß Euch bitten, Euch auf einen Augen⸗ blick zu entfernen; ich denke, wir ſprechen uns gleich wie⸗ der, um fuͤr Euch etwas Gutes einzuleiten. War. Ich bin Euch ſtets verpflichtet.(ab.) Zerz. Seyd hoͤchlich mir willkomimen!— Was hat der treffliche Regent beſchloſſen? Iſab. Sein Garten iſt umringt von einer Mauer, Die gegen Weſt an einen Weinberg lehnt; Und zu dem Weinberg fuͤhrt ein Lattenthor, Das dieſer groͤßre Schluͤſſel oͤffnen wird: Der andre ſchließt ein kleines Pfoͤrtchen auf, Das aus dem Weinberg in den Garten fuͤhrt. Dort hab' ich zugeſagt mich einzuſtellen, Grad' in der Stunde ernſter Mitternacht. Herz. Doch ſeyd Ihr auch gewiß, den Weg zu finden? Iſab. Ich merkte alles ſorglich und genau: Mit fluͤſternd und hoͤchſt fuͤndenvollem Eifer Genau vorzeichnend alles, wies er mir Zweimal den Weg. Zerz. Sind keine andern Zeichen Von Euch beſtimmt, die ſie zu merken hat? Iſab. Rein; nur daß wir im Dunkel uns begegnen, Und ich ihm eingeſchaͤrft, nur kurze Zeit Koͤnn' ich verweilen; denn, ſo ſagt' ich ihm, Begleiten werd' ein Maͤdchen mich dahin, Die auf mich wart', und deren Meinung ſey, Ich komm' um meinen Bruder. Berz. Wohl erdacht; Ich habe von dem allen noch kein Wort Marianen mitgetheilt.— He! Fraͤulein, kommt!— (Mariane kommt wieder.) Ich bitt' Euch, macht Bekanntſchaft mit der Jungfrau, Sie kommt, Euch zu verpflichten. Iſab. Ja, ſo wuͤnſch' ich's. Zerz. Vertraut Ihr mir, daß ich Euch lieb' und achte? War. Ich weiß, Ihr thut's, und hab' es ſchon erfahren. Zerz. So nehmt denn dieſe Freundin an der Hand, Und boͤrt, was ſie Euch jetzt erzaͤhlen wird. 344 Maaß fuͤr Maaß. A. IV. Ich werd' Euch hier erwarten.— Eilt indeß, Die fenchte Nacht iſt nah. Miar. Gefaͤllt's Euch, mitzugehn? (Mariane und Iſabella ab.) Zerz. O Groͤß' und Hoheit, tauſend falſcher Augen Haften auf dir! In Baͤnden voll Gerede Rennt falſches Spaͤhn, mit ſich in Widerſpruch, Dein Handeln an: des Witzes Fehlgeburt Macht dich zum Vater ihrer muͤß'gen Traͤume, Und zwaͤngt dich ihren Grillen ein.— Willkommen! Seyd Ihr Euch einig? (Mariane und Iſabella kommen zurück.) Iſab. Sie will die Unternehmung wagen, Vater, Wenn Ihr ſie billigt. Berz. Nicht ermahn' ich nur, Ich fordre, daß ſie's thut. Iſab. Zu ſagen habt Ihr wenig; Nur, wenn Ihr von ihm ſcheidet, leiſ' und ſchwach:— „Gedenkt jetzt meines Bruders!—“ Mar. Fuͤrchtet nicht. Berz. Auch Ihr, geliebte Tochter, furchtet nichts. Er iſt mit Euch vermaͤhlt durch ſein Verloͤbniß: Euch ſo zuſammenfuͤgen iſt nicht Suͤnde, Weil Eures Anſpruchs unbeſtrittnes Recht Den Trug zur Wohithat macht. Kommt, geht hinein, Wer erndten will, muß erſt den Saamen ſtreu'n. (Gehn ab.) —— 3 w e i t e S ne Ein Zimmer im Gefaͤngniß. (Der Schließer und Pompejus treten auf.) Schließ. Kommt einmal her, Burſch; koͤnnt Ihr wohl einem Menſchen den Kopf abſchlagen? Pomp. Wenn der Menſch ein Junggeſell iſt, Herr, ſo kann ich's; iſt's aber ein verheiratheter Mann, ſo iſt er ſeines Weibes Haupt; und ich kann unmoͤglich einen Weiberkopf abſchlagen.“ Sz. 2. Maaß fuͤr Maaß. 345 Schließ. Hoͤrt, Freund, laßt die Narrenspoſſen, und antwortet mir geradezu. Morgen fruͤh ſollen Clandio und Bernardino ſterben: wir haben hier im Gefaͤngniß unſern gewoͤhnlichen Scharfrichter, der einen Gehuͤlfen im Dienſt braucht: wenn Ihr's uͤbernehmen wollt, ihm beizuſtehn, ſo ſollt Ihr von Euern Fußſchellen loskommen: wo nicht, ſo habt Ihr Eure volle Zeit im Gefaͤngniß auszuhalten, und beim Abſchied noch ein unbarmherziges Auspeitſchen; denn Ihr ſeyd ein ſtadtkuͤndiger Kuppler geweſen. Pomp. Herr, ich bin ſeit undenklicher Zeit ein un⸗ zuͤnftiger Kuppler geweſen, aber jetzt will ich mir's gefallen laſſen, ein zuͤnſtiger Henker zu werden. Es ſoll mir ein Vergnuͤgen ſeyn, einigen Unterricht von meinem Amts⸗ bruder zu erhalten. Schließ. Heda, Grauslich! wo ſteckſt du, Grauslich? (Grauslich kommt.) Grausl. Ruft Ihr, Herr?— Schließ. Seht einmal, hier iſt ein Burſch, der Euch morgen bei der Hinrichtung helfen ſoll: wenn's Euch recht iſt, ſo nehmt ihn an auf ein Jahr, und behaltet ihn hier bei Euch: wo nicht, ſo braucht ihn fuͤr diesmal, und laßt ihn gehn. Ihr koͤnnt Euch wegen der Ehre nicht untereinander zanken, denn er iſt ein Kuppler geweſen. Ein Kuppler? Pfni, da verunehrt er unſte unſt. Schließ. Ach, geht nur! Ihr wiegt gleich viel; eine Feder wird auf der Wage den Ausſchlag geben.(ab.) Pomp. Wollt Ihr nicht eine Ansnahme mit mir machen? Denn bis auf Eure haͤngenden Augen nehmt Ihr Euch ſehr gut aus. Ihr nennt alſo Eure Handtirung eine Kunſt? Grausl. Ja, Herr, eine Kunſt. Pomp. Das Mahlen, Herr, habe ich ſagen hoͤren, ſey eine Kunſt; und da die Huren, Herr, unter deren Regi⸗ ment ich gedient habe, ſich auf's Mahlen verſtehn, ſo folgt, daß meine Handtirung eine Kunſt ſey: aber was fuͤr eine Kunſt im Haͤngen ſeyn ſollte,— und wenn Ihr mich haͤngen wolltet, das kann ich nicht einſehn. Grausl. Herr, es iſt eine Kunſt. Pomp. Beweis? Grausl. Jedes ehrlichen Mannes Anzug muß fuͤr einen Dieb paſſen. 346 Maaß fuͤr Maaß. A. W. Pomp. Freilich; denn ſind Anzug und Halsſchmuck ihm auch zu ena, der ehrliche Mann haͤlt ſie doch fuͤr weit genug; und findet Euer Dieb ſie zu vollſtaͤndig und derb, der ehrliche Mann haͤlt ſie fuͤr eng genng. Auf die Weiſe muß jede Art von Anzug fuͤr den Dieb paſſend und an⸗ ziehend gemacht werden koͤnnen. (Der Schließer kommt zurück.) Schließ. Nun, ſeyd Ihr einig? Pomp. Herr, ich will ihm dienen; denn ich ſehe, ſo ein Henker hat doch ein bußfertigeres Gewerbe, als ſo ein Kuppler; er bittet oͤfter um Vergebung. Schließ. Ihr da, haltet Ener Beil und Euern Block auf morgen um vier Uhr in Bereitſchaft. Grausl. Komm mit, Kuppler, ich will dich in meiner Handtirung unterrichten; folge mir. Pomp. Ich bin ſehr wißbegierig, Herr, und ich hoffe, wenn Ihr einmal Gelegenheit habt, mich fuͤr Euch ſelbſt zu brauchen, Ihr ſollt mich ruͤhrig finden; und wahrhaf— tig, Herr, Ihr habt ſo viel Guͤte fuͤr mich, daß ich Euch wieder gefaͤllig ſeyn moͤchte. Schließ. Ruft mir den Bernardin und Claudio her.— (Grauslich und Pompejus gehn ab.) Der thut mir leidz doch jener Moͤrder nicht, Und waͤr's mein Sohn, ich gaͤb' ihn dem Gericht. (Claudio tritt auf.) Hier iſt dein Todesurtheil, Clandio, lies; Jetzt iſt es Mitternacht; um acht Uhr fruͤh Gehſt du zur Ewigkeit.— Wo iſt Bernardin? Claud. So feſt im Schlafe, wie ſchuldloſe Arbeit, Wenn ſie des Wandrers Glieder ſchwer belaſtet; Er wird nicht wach. Schließ. Ihm kann auch keiner helfen. Nun geht, bereitet Euch.— Horcht, welch Geraͤuſch? (Man hört klopfen. Elaudio geht ab.) Gott woll' Euch Troſt verleihn! Schon gut! ich komme!— Ich hoff', es iſt Begnad'gung oder Aufſchub Fuͤr unſern guten Claudio.— Willkommen, Vater!— (Der Herzog tritt auf.) Berz. Der Nacht heilſamſte, beſte Geiſterſchaar lmhuͤll' Euch, guter Schließet! War hier Riemand? Sʒ. 2. Maaß fuͤr Maaß. 347 Schließ. Seitdem die Abendglock' ertönte, Nlemand. Berz. Nicht Iſabella? Schließ. Nein. Herz. Dann kommen ſie. Schließ. Iſt Troſt fur Clandio? Zerz. Ein'ge Hoffnung bleibt. Schließ. Das iſt ein ſcharfer Richter!— Zerz. Das nicht! das nicht! Sein Leben folgt genau Der ſtrengen Richtſchnur ſeines ernſten Rechts. In heiliger Enthaltſamkeit bezwingt er An ſich, was ſeine Herrſchermacht mit Nachdruck In Andern ſtrebt zu daͤmpfen, Schwaͤrzt' ihn ſelbſt Was er beſtraft, dann waͤr' er ein Tyrann; Doch ſo iſt er gerecht.— Jetzt ſind ſie da.— (Es wird geklopft. Schließer ab.) Der Mann iſt mild! Und ſelten, daß geneigt Der harte Schließer ſich dem Menſchen zeigt! Was giebts? Wer pocht? Das iſt ein haſt'ger Geiſt, Der ſo mit Klopfen ſchlaͤgt an's ſtille Thor!— (Der Schließer kommt zurück, und ſpricht zu Einem draußen.) Schließ. Laßt ihn noch warten, bis der Pfoͤrtner kommt Ihn einzulaſſen; er iſt unterwegs. Zerz. Ward der Befehl noch nicht zuruͤckgenommen? Muß Claudio morgen ſterben? Schließ. Keine Aendrung! BZerz. Wie nah die n Slehe⸗ dennoch off' ich, Vor Tagesanbruch hoͤrt Ihr mehr. Schließ. Vielleicht Wißt Ihr etwas? Doch furcht' ich ſehr, ihm wird Begnad'gung nicht: ſolch Beiſpiel ſah ich nie; Und uͤberdem hat ſelbſt vom Richterſtuhl Lord Angelo dem Ohr des ganzen Volks Das Gegentheil erklärt. (Ein Bote kommt.) Zerz. Ein Diener des Regenten. Schließ. Der bringt fuͤr Claudio die Begnadigung. Bote. Mein Herr ſendet Euch dieſe Zeilen, und durch mich den muͤndlichen Anftrag, daß Ihr nicht von dem kleinſten Punkt derſelben abweichen ſollt„ weder in Zeit, S 343 Maaß fuͤr Maaß. A. IV. Inhalt, noch ſonſt einem Umſtand.— Guten Morgen, denn ich denke, der Tag bricht ſchon an. (Bote geht ab.) Schließ. Ich werde gehorchen. Berz. Sein Gnadenbrief! Erkauft durch ſolche Suͤnden, Die den Begnad'ger ſelbſt als Frevler kuͤnden! Da bluͤht den Laſtern ſchnell und leicht Gedeihn, Wo Macht und Hoheit ihnen Schutz verleihn: Wirkt Suͤnde Huld, wird zuviel Huld geuͤbt, Weil ſie des Frevels halb den Frevel liebt.— Nun Herr? Was ſchreibt er Euch? Schließ. Wie geſagt, Lord Angelo, der mich vermuth⸗ lich nachlaͤſſig im Dienſt glaubt, ermuntert mich durch dieß ungewoͤhnliche Treiben. Mir ſcheint dieß ſeltſam, denn es war fruͤher nie ſeine Gewohnheit. erz. Ich bitt' Euch, laßt doch hoͤren. Schließ. Clieſt)„Was Ihr anch immer vom Ge⸗ „gentheil hoͤren moͤgt, laßt Clandio um vier Uhr hin⸗ „richten, und Nachmittags den Bernardin. Zu beſſerer „Verſicherung ſchickt mir Claudio's Kopf um fuͤnf. Laßt „dieß genau vollzogen werden, und ſeyd eingebenk, daß „mehr hieran liegt, als wir Euch fur jetzt mittheilen duͤrfen. „Verfehlt daher nicht, Eure Pflicht zu thun, indem Ihr „auf eigne Gefahr dafuͤr ſtehn muͤßt.“— Was ſagt Ihr dazu, Herr?— Zerz. Wer iſt der Bernardin, der dieſen Nachmittag enthauptet werden ſoll? Schiieß. Ein Zigeuner von Geburt, doch hier im Lande erzogen und groß geworden; er ſitzt ſchon ſeit neun Jahren gefangen.— Berz. Wie kommt es, daß ihn der abweſende Herzog nicht entweder in Freiheit ſetzte, oder hinrichten ließ? Wie ich hoͤre, pflegte er immer ſo zu verfahren. Schließ. Seine Freunde wirkten beſtaͤndig Aufſchub fuͤr ihn aus, und in der That ward ſein Verbrechen erſt unter Lord Angelo's Regierung unzweifelhaft erwieſen. Berz. Iſt es jetzt dargethan?— ſ Schließ. Ganz offenbar, und von ihm ſelbſt einge⸗ anden. Zerz. Hat er Reue im Gefaͤngniß an den Tag gelegt? Scheint er geruͤhrt zu ſeyn? Schließ. Ein Menſch, dem der Tod nicht fuͤrchterlicher vorkommt, als ein Weinrauſch; ſorglos, unbekuͤmmert, — Sz. 2. Maaß für Maaß. 349 furchtlos vor Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; ohne Scheu vor dem Tod, und ein ruchloſer Moͤrder. Zerz. Ihm fehlt Belehrung! Schließ. Die hoͤrt er nicht an; er hat jederzeit viel Freiheit im Gefaͤngniß gehabt; man koͤnnte ihm freiſtellen zu entflichen, er wuͤrde es nicht thun. Er berauſcht ſich mehrmals am Tage: oft iſt er mehrere Tage hintereinan⸗ der betrunken. Mehr als einmal haben wir ihn geweckt, als wollten wir ihn zur Hinrichtung fuͤhren, und ihm einen vorgeblichen Befehl dafur gezeigt, es hat nicht den mindeſten Eindruck auf ihn gemacht. Berz. Hernach mehr von ihm. Auf Eurer Stirn, Kerkerineiſter, ſtehn Redlichkeit und Entſchloſſenheit geſchrie⸗ ben; leſe ich nicht recht, ſo taͤuſcht mich meine alte Erfah⸗ rung. Indeß, im Vertrauen auf mein ſichres Urtheil will ichs drauf wagen. Claudio, fur deſſen Hinrichtung Ihr jetzt den Befehl habt, iſt dem Geſetz nicht mehr verfallen, als Angelo, der ihn verurtheilt hat. Euch davon durch eine augenſcheinliche Probe zu verſichern, bedarf es nur eines Aufſchubs von vier Tagen, waͤhrend deſſen Ihr mir eine ſchleunige und gewagte Gefälligkeit erzeigen ſollt. Schließ. Und worin, ehrwurdiger Herr? Berz. Indem Ihr ſeinen Tod verſchiebt! Schließ. Ach, wie kann ich das? da mir die Stunde beſtimmt, und der ausdruͤckliche Befehl zugeſandt iſt, bei Todesſtrafe ſeinen Kopf dem Angelo vor Augen zu bringen? Ich wuͤrde mir Claudio's Schickſal zuziehn, wollte ich nur im Geringſten hievon abweichen. Berz. Bei meinem Hidensgeluͤbde will ich Euch fuͤr alles einſtehn, wenn Ihr meiner Leitung zu folgen wagt. Laßt dieſen Bernardin heut Morgen hinrichten, und ſchickt ſeinen Kopf dem Angelo. Schließ. Angelo ſah ſie beide, und wuͤrde das Geſicht erkennen. Zerz. O, der Tod iſt Meiſter im Entſtellen, und Ihr koͤnnt ihm zu Huͤlfe kommen. Scheert ihm das Haupt, kurzt ihm den Bart, und ſagt, der reuige Suͤnder habe dieß vor ſeinem Tode ſo verlangt: Ihr wißt, daß der Fall haͤufig vorkommt. Wenn Euch irgend etwas hieraus erwäͤchſt, als Dank und gutes Gluͤck, bei dem Heiligen, ich mich geweiht, ſo will ichs mit meinem Leben ver⸗ reten. 350 Maaß fuͤr Maaß. A. W. Schließ. Verzeiht mir, guter Pater, es iſt gegen mei⸗ nen Eid. Zerz. Schwurt Ihr dem Herzog oder ſeinem Statt⸗ alter? Schließ. Dem Herzog und ſeinem Stellvertreter. Zerz. Ihr wuͤrdet nicht glauben, Euch vergangen zu haben, wenn der Herzog dieß Verfahren billigte? Aber welche Wahrſcheinlichkeit haͤtte ich dafuͤr? Zerz. Nicht nur eine Moͤglichkeit, nein, eine Gewiß⸗ heit. Doch weil ich Euch furchtſam ſehe, und weder meine Ordenskraft, meine lautre Geſinnung, noch meine Ueberredung Euch gewinnen koͤnnen, ſo will ich weiter gehn, als ich mirs vorgeſetzt, um alle Furcht in Euch zu vernichten. Scht her, Freund, hier iſt des Herzogs Hand⸗ ſchrift und Siegel. Ihr kennt die Schrift ohne Zweifel, und das Petſchaft wird Euch nicht fremd ſeyn. Schließ. Ich kenne ſie beide. Zerz. Dieſer Brief enthaͤlt des Herzogs Ruͤckkehr; Ihr ſollt ihn ſogleich nach Gefallen durchkeſen, und werdet ſehn, daß er binnen zwei Tagen hier ſeyn wird. Dieß iſt ein Umſtand, den Angelo nicht weiß, denn eben heut erhaͤlt er Briefe von ſonderbarem Inhalt: vielleicht daß der Her⸗ zog geſtorben, vielleicht daß er in ein Kloſter gegangen ſey; aber wohl nichts von dem was hier geſchrieben ſteht. Seht, der Morgenſtern macht den Schlaͤfer ſchon munter. Staunt nicht zu ſehr, wie alles dieß zuſammenhaͤngt; alle Schwierigkeiten ſind leichter wenn man ſie kennt.— Ruft Eure Scharfrichter, und herab mit Bernardino's Haupt: ich will ſogleich ſeine Beichte hoͤren, und ihn fuͤr ein beßres Leben vorbereiten. Ich ſehe Ihr ſeyd noch erſtaunt; aber dieß muß Euch durchaus zur Entſchließung bringen. Kommt mit, es iſt ſchon lichte Daͤmmerung. (Beide ab.) 6* S — Sz 3. Maaß für Maaß. D i (Pompejus tritt auf.) Pompejus. Ich bin hier ſo bekannt, als ichs in unſerm eignen Hauſe war; man ſollte meinen, es waͤre das Haus der Fran Ueberlei, denn hier kommen eine Menge von ihren alten Kunden zuſammen. Fuͤrs erſte iſt hier der junge Herr Raſch; der ſitzt hier fuͤr eine Proviſion von Packpapier und altem Ingwer, hundert ſieben und neunzig Pfund zuſam⸗ men, woraus er fuͤnf Mark baares Geld gemacht: freilich muß der Ingwer eben nicht ſehr geſucht geweſen ſeyn, und die alten Weiber waren wohl eben alle geſtorben. Dann iſt hier ein Herr Capriole, den Meiſter Drephaar der Sei⸗ denhaͤndler eingeklagt hat; fuͤr ein drei oder vier Stuͤck ſchwarzen Atlas hat er ihn in unſte Geſellſchaft einge⸗ ſchwaͤrzt. Dann haben wir hier den jungen Schwindlich, und den jungen Herrn Fluchmaul, und Herrn Kupfer⸗ ſporn, und Herrn Hungerdarm den Dolch⸗ und Degen⸗ mann, und den jungen Fegeſack, der den luſtigen Pud⸗ ding todt ſchlug; und Junker Stichfeſt, den Klopffechter, und den ſchmucken Herrn Schuhriem, den weitgereiſten; und den wilden Halbnoͤſel, der dem Krug den Garaus machte, und ich glaube ihrer Vierzig mehr; lauter tapfre Leute in unſrer Handtirung, und werden jetzt heimgeſucht um des Herrn willen. (Grauslich kommt.) Grausl. Fort Kerl! Hohl uns Bernardin her!— Pomp. Meiſter Bernardin! Ihr muͤßt wach werden und Euch haͤngen laſſen! Meiſter Bernardin!— Grausl. He, Holla! Bernardin!— Bern. Daß Euch das Donnerwetter uͤbern Hals kaͤme! Wer macht den Larm da? Wer ſeyd Ihr? Pomp. Euer guter Freund, mein Herr, der Henker; Ihr muͤßt ſo gut ſeyn mein Herr, und aufſtehn, und Euch hinrichten laſſen! Bern. Fort du Schurke, fort ſag⸗ ich, ich will ſchlafen. 352 Maaß fuͤr Maaß. A. IV. Sag' ihm, er muß wach werden, und das gleich. Pomp. Bitt' Euch, Meiſter Bernardin, werdet nur wach, bis man Euch hingerichtet hat, nachher koͤnnt Ihr weiter ſchlafen. Grausl. Geh hinein, und hohl ihn heraus. Pomp. Er kommt ſchon, Herr, er kommt ſchon; ich hoͤre ſein Stroh raſcheln. (Ber nardin tritt auf.) Grausl. Iſt das Beil auf dem Block, du? Pomp. Fir und fertig, Herr. Bern. Nun, Grauslich? Was habt Ihr vor? Grausl. Im Ernſt, Freund, macht Euch dran, und Euer Gebet herunter; denn, ſeht Ihr, der Be⸗ ehl iſt da. Bern. Ihr Schurke, ich habe die ganze Nacht durch geſoffen; es iſt mir ungelegen. omp. Ei deſto beſſer; wenn er die ganze Nacht durch geſoffen hat, und man haͤngt ihn den Morgen fruͤh, da hat er den andern Tag um auszuſchlafen. (Der Herzog kommt.) Grausl. Seht Freund, da kommt Euer Beichtvater. Meint Ihr noch, es ſey Spaß? he? Ferz. Mein Freund, ich hoͤrte, wie bald Ihr die Welt verlaſſen muͤßt, und kam aus chriſtlicher Naͤchſten⸗ Euch zu ermahnen, zu troͤſten und mit Euch zu eten. Bern. Pater, daraus wird nichts. Ich habe die ganze Nacht ſcharf geſoffen, und muß mehr Zeit haben mich zu beſinnen, ſonſt ſollen ſie mir das Hirn mit Keulen heraus⸗ ſchlagen. Ich thu's nicht, daß ich mich heut hinrichten laſſe; dabei bleibts. Zerz. O Freund, Ihr muͤßt; und darum bitt“ ich Euch, Schaut vorwaͤrts auf den Weg, der Euch bevorſteht. Bern. Ich ſchwoͤre aber, daß kein Menſch mich dazun bringen ſoll heut zu ſterben. Berz. So hoͤrt nur!. Bern. Nicht ein Wort! Wenn Ihr mir was zu ſagen habt, kommt in mein Gefaͤngniß, denn ich will heut kei⸗ nen Schritt herausthun.(t) ab. Sz.3. Maaß für Maaß. 353 (Der Schließer kommt zuruͤck.) Zerz. Ganz unbereit Zum Leben wie zum Tod. O ſteinern Herz!— Ihm nach Gefallen, fuͤhrt ihn hin zum Block! (Grauslich und Pompejus ab.) Schließ. Nun, Herr, wie fandet Ihr den Delin⸗ quenten? Serz. Durchaus verſtockt, unfertig fuͤr den Tod: In der Verfaſſung ihn hinauszufuͤhren Waͤre verdammlich. Schließ. Hier im Kerker, Vater, Starb dieſen Morgen an dem hitz'gen Fieber Ragozyn, ein beruͤchtigter Pirat, Ein Mann von Claudio's Alter: Bart und Haare Genau von gleicher Farbe. Sagt, wie waͤrs, Wenn wir dem Moͤrder Zeit zur Buße gonnten, Und taͤuſchten den Regenten mit dem Kopf Des Ragozyn, der mehr dem Claudio gleicht?— Zerz. Das iſt ein Gluͤcksfall, den der Himmel ſendet, Verfuͤgt es augenblicks; es naht die Zeit, Die Angelo beſtimmt. Mit Puͤnktlichkeit Vollzieht den Auftrag: waͤhrend ich durch Lehre Den Rohen dort zum frommen Tod bekehre. Schließ. Das ſoll geſchehn, Ehrwuͤrd'ger, unverzuglich; Doch Bernardin muß dieſen Abend ſterben. Und wie verfaͤhrt man weiter nun mit Claudio, Und wendet die Gefahr, die mich bedroht, Wird es bekannt, daß er noch lebt? Berz. Verfuͤgt es ſo: bringt in geheime Haft Beennidin ſo wie Claudio: eh' die Sonne Zweimal in ihrem Tageslauf gegruͤßt Die untern Erdbewohner, findet Ihr Vollkommne Sicherſtellung. Schließ. Ich thu mit Freuden, wie Ihr ſagt. Zerz. So eilt, Beſorgts, und ſchickt das Haupt dem Angelo. (Schließer ab.) Nun ſchreib' ich Briefe gleich dem Angelo, (Der Schlieher bringt ſie ihm,) nach deren Inhalt Ihm Meldung wird, ich ſey der Heimath nah, Und daß ein wicht'ger Anlaß mich beſtimmt Zu Einzug. Ihn entbiet' ich 354 Maaß fuͤr Maaß. A. W. Mir zu begegnen am geweihten Quell, Zwei Stunden vor der Stadt: von dort ſodann, Durch ruhig Steigern der gewicht'gen Schalen, Verfahren wir mit Angelo. (Der Schließer kommt.) Schließ. Hier iſt der Kopf, ich trag' ihn ſelber hin. Zerz. So iſts am ſicherſten. Kehrt bald zuruͤck, Denn manches muß ich Euch vertraun, das ſonſt Kein Ohr vernehmen darf. Schließ. Ich will mich eilen. (Schließer ab.) Iſab.(draußen.) Friede mit Euch! Macht auf! Iſt Keiner da? Zerz. S iſt Iſabellens Ruf: ſie kommt zu hoͤren, Ob ihrem Bruder Gnade ſey gewaͤhrt. Doch bleib' ihr ſeine Rettung noch verhehlt, Daß aus Verzweiflung Himinelstroſt ihr werde, Wenn ſie's am mindſten hofft. (Iſabella tritt auf.) Iſab. Vergonnt, o Herr!— Serz. Seyd mir gegruͤßt, mein ſchönes, frommes eind! Iſab. Ein lieber Gruß von ſolchem heil'gen Mund!— Hat ſchon der Bruder Freiheit vom Regenten?— Zerz. Er hat ihn, Tochter, von der Welt erloͤſt, Das abgeſchlagne Haupt ward ihm geſandt. Iſab. Nein doch! es iſt nicht ſo! Serz. Es iſt nicht anders!— Zeigt Eure Weisheit, Jungfrau, durch Ergebung. Iſab. Ich will zu ihm, ausreißen ihm die Augen!— Zerz. Er wird gewiß den Zutritt Euch verweigern. Iſab. Weh armer Claudio! Weh dir Iſabella!— Grauſame Welt! verdammter Angelo!— Serz. So ſchadet Ihr ihm nicht, noch helft Ihr Euch: Seyd ruhig dann, ſtellt Gott die Sach' anheim. Merkt was ich ſage: jede Sylbe ſollt Ihr Glaubwuͤrd'ge, züverlaͤß'ge Wahrheit fünden. Der Fuͤrſt kehrt morgen heim:— nein, weint nicht ſo! Ein Bruder unſres Ordens, und ſein Beicht'ger Gab mir die Nachricht: auch gelangte ſchon An Escalus und Angelo die Kunde: 6 Sz. 3. Maaß fuͤr Maaß. 355 Sie ſollen ihm am Thor entgegenziehn, Dort ihre Macht abliefern: Koͤnnt Ihrs, leitet Die Klugheit in den Pfad, wie ich es wuͤnſche, Und Ihr kuͤhlt Euern Sinn an dem Verworfnen, Euch wird des Fuͤrſten Huld, dem Herzen Rache Und allgemeines Lob. Iſab. Ich folg' Euch gern. Zerz. So gebt dem Bruder Peter dieſen Brief, Er iſts, der mir des Herzogs Heimkehr ſchrieb. Sagt, auf dieß Zeichen lad' ich ihn heut Nacht In Marianens Wohnung. Ihre Sach' und Eure Leg' ich in ſeine Hand; er bringt Euch vor Den Fuͤrſten: Dann dem Angelo ins Antlitz Klagt lauter ihn und lauter an. Ich Armer Bin durch ein heiliges Geluͤbd' gebunden, Das fern mich haͤlt. Nun geht mit dieſem Brief, Erleichtert Euer Herz, und bannt vom Aug' Dieß herbe Naß:— Traut meinem heil'gen Orden, Ich rath Eu'r Beſtes.— Wer da? (Lucio kommt.) Luc. Guten Abend! Moͤnch, ſag wo iſt der Schließer? Zerz. Nicht zugegen. Luc. O, ſchoͤne Iſabella, mein ganzes Herz erblaßt, deine Augen ſo roth zu ſehn! du mußt Geduld faſſen. Ich muß mich auch drin finden, Mittags und Abends mit Waſſer und Mehl zufrieden zu ſeyn; ſo lieb mein Kopf mir iſt, darf ich meinen Bauch nicht fuͤllen; eine einzige derbe Mahlzeit, und ich waͤre geliefert. Aber wie es heißt, kommt der Herzog morgen wieder: bei meiner Seele, Iſa⸗ bella, ich liebte deinen Bruder: haͤtte nur der alte phan⸗ taſtiſche Herzog, der Winkelkriecher, zu Hauſe geſeſſen, er lebte noch!— (Iſabella geht ab.) Zerz. Herr, der Herzog iſt Euern Reden uͤber ihn außerordentlich wenig Dank ſchuldig; das Beſte iſt nur, daß Eure Schildrung ihm nicht gleicht. Luc. Geh nur Moͤnch, du kennſt den Herzog nicht ſo wie ich; er iſt ein beßrer Wildſchuͤtz als du denkſt. SZerz. Nun, Ihr werdet dieß einmal zu verantworten haben. Lebt wohl! n ℳ 356 Maaß für Maaß. A. W. Luc. Nein, wart' noch, ich gehe mit dirz ich kann dir hubſche Geſchichten von dem Herzog erzaͤhlen. Zerz. Ihr habt mir ſchon zu viele erzählt, wenn ſie wahr ſind; und ſind ſie's nicht, ſo wäͤre Eine Einzige ſchon zu viel⸗ Luc. Ich mußte einmal vor ihm erſcheinen, weil eine Dirne ſchwanger von mir geworden war. Berz. Iſt Euch ſo etwas begegnet? Luc. Nun freilich war ſie's von mir; aber ich ſchwur die Geſchichte ab; ich haͤtte ſonſt die faule Miſpel heirathen muͤſſen. Zerz. Herr, Eure Geſellſchaft iſt mehr unterhaltend als anſtaͤndig; ſchlaft wohl. Lur. Mein Seel, ich bringe dich noch bis an die Ecke. Wenn dir Zotengeſchichten zuwider ſind, ſo wollen wir dir nicht zu viel auftiſchen:— Ja, Moͤnch, ich bin eine Art von Klette, ich haͤnge mich an.— Cgehn ab.) Vierte Szene. Ein 3immer in Angelo's Hauſe, (Angelo und Escalus treten auf.) Escalus. Jeder Brief, den er ſchreibt, widerſpricht dem vorher⸗ gehenden. Ang. Auf die ungleichſte und widerſinnigſte Weiſe. Seine Handlungen erſcheinen faſt wie Wahnſinn; der Him⸗ mel gebe, daß ſein Verſtand nicht gelitten habe! Und warum ihm vor dem Thor entgegenkommen, und unſre Aemter dort niederlegen?— Esr. Ich errathe es nicht. Ang. Und warum ſollen wir eben in der Stunde vor ſeiner Ankunft ausrufen laſſen, daß wenn Jemand uͤber Unrecht zu klagen hat, er ſein Geſuch auf offener Straße anbringen moͤge?. Eoc. Hierfur giebt er Gruͤnde an: er will alle Klagen auf einmal abthun, und uns fuͤr die Zukunft vor Streitig⸗ * Sz. 4. Maaß fuͤr Maaß. 357 keiten ſicher ſtellen, die alsdann keine Kraft mehr gegen uns haben ſollen. Ang. Wohl; ich erſuch Euch, machts der Stadt bekannt: Auf naͤchſten Morgen fruͤh hohl ich Euch ab; Und theilt es allen mit, die Rang und Amt Beſfugt, ihn einzuhohlen. Esc. Das will ich Herr; ſo lebt denn wohl! Ang. Gut Nacht!— (Escalus geht ab.) Die That nimmt allen Halt mir; ſtumpft den Sinn; Und laͤhmt mein Handeln.— Ein entehrtes Maͤdchen!— Und durch den hoͤchſten Richter, der die Strafe Geſchaͤrft! Wenn zarte Scheu ihr nicht verwehrte Den jungfraͤulichen Raub bekannt zu machen, Wie koͤnnte ſie mich zeichnen! Doch Vernunft Zwingt ſie zum Schweigen. Denn des Zutrauns Wucht Folgt ſo waltig meiner Wuͤrd' und Hoheit, Daß, wagt der Laͤſtrer einzeln dran zu ruͤhren, Er ſich vernichtet.— Mocht' er leben bleiben! Doch ſeiner wilden Jugend hitzig Blut Konnt' einſt in Zukunft wohl auf Rache denken, Wenn ihm ein ſo entehrtes Leben ward Erkauft durch ſolche Schmach.— Lebt' er doch lieber!— Ach, wenn uns erſt erloſch der Gnade Licht, Nichts geht dann recht, wir wollen, wollen nicht!— (geht ab.) Fuͤnfte Szene. Feld vor der Stadt. (Es treten auf der Herzog in eigner Tracht, und Bruder Peter. Zerzog. Die Briefe bringt mir zur gelegnen Zeit; 1 Aniet ihm Briefe.) Der Schließer weiß um unſern Zweck und Plan. Die Sach' iſt nun im Gang: folgt Eurer Vorſchrift, Und ſchreitet feſt zum vorgeſetzten Ziel, 358 M aaß füͤr Maaß. A. IV. Wenn Ihr auch manchmal ablenkt hier und dort, Wie ſich der Anlaß beut. Geht vor beim Flavius Und ſagt ihm wo ich ſey; das Gleiche meldet Dem Valentin, dem Roland und dem Craſſus, Und heißt zum Thor ſie die Trompeten ſenden; Doch ſchickt mir Flavius erſt. Pet. Ich werd' es ſchnell beſorgen.(Geht ab.) (Varrius tritt auf.) HZerz. Dank, Varrins, daß du kamſt in ſolcher Eil, Komm, gehn wir, denn es ſind noch andre Freunde Die uns begruͤßen wollen, lieber Varrius. (Alle gehn ab.) Sch ſt S e. Straße beim Thor. (Iſabella und Mariane treten auf.) Iſabella. Dieß unbeſtimmte Reden faͤllt mir ſchwer; Gern ſpraͤch ich wahr; doch ſo ihn anzuklagen Iſt Eure Rolle.— Dennoch muß ichs thun, Um unſern Plan zu bergen, wie er ſagt⸗ War. Folgt ihm nur ganz. Iſab. Und ferner warnt er, daß wenn allenfalls Er ſpraͤche wider mich fuͤr meinen Feind, Michs nicht befremden ſoll: es ſey Arznei, Bitter, doch heilſam. War. Wenn nur Bruder Peter Iſab. O ſtill, da kommt er ſchon. (Bruder Peter tritt auf.) Pet. Kommt Fraͤulein, einen hoͤchſt gelegnen Platz Fand ich, wo Euch der Herzog nicht entgeht. Zweimal gab die Trompete ſchon das Zeichen; Die Edeln, und die Wuͤrdigſten der Stadt Sind ſchon am Thor verſammelt; und alsbald Beginnt des Herzogs Einzug. Darum eilt!— (Sie gehn ab.) Maaß fuͤr Maaß. 359 „ Fünfter Aufzug. Erſte Szene. Ein oͤffentlicher Platz am Thor. (Von der einen Seite treten auf Mariane, verſchleiert; Jſa⸗ bella und Bruder Peterz— von der andern der Herzog, Varrius, Herrn vom Hofe, Angelo, Escalus, Lucio, der Schließer und Bürger aus der Stadt.) Zerzog. Wir danken Euch, mein ſehr verehrter Vetter; Mein alter Freund, wir freun uns, Euch zu ſehn! Ang. und Esc. Begluckte Eurer gnaͤd'gen Hoheit!— Zerz. Euch beiden herzlichen, vielfachen Dank. Wir haben uns erkundigt, und vernehmen So trefflich Lob von Enrer Staatsverwaltung, Wie's oͤffentlichen Dank von uns erheiſcht, Bis auf vollkommnern Lohn. Ang. Euch um ſo mehr verpflichtet! Zerz. O! ſolch Verdienſt ſpricht laut: ich thaͤt ihm Unrecht, Schloͤß ichs in meiner Bruſt verſchwiegne Haft, Da es verdient, mit erz'ner Schrift bewahrt Unwandelbar dem Zahn der Zeit zu trotzen, Und des Vergeſſens Sichel. Reicht die Hand, Zeigt Euch dem Volk, damit es ſo erfahre, Wie aͤuß're Hoͤflichkeit gern laut verkuͤndet Des Buſens inn're Liebe. Escalus, Kommt her; ich faſſ' Euch hier an dieſer Hand; Ja, Ihr ſeyd wackre Stuͤtzen!— (Bruder Peter und Jſabella treten auf.) et. Nun iſt es Zeit; ſprecht laut, und kniet vor ihm! ſab. Gerechtigkeit, mein Fuͤrſt! Senkt Euern Blick 360 Maß fuͤr Maaß. A. V. Auf die gekraͤnkte— ach! gern ſagt' ich, Jungfrau!— O edler Fuͤrſt, entehrt nicht Euer Ange Auf irgend andern Gegenſtand es lenkend, Bis Ihr gehoͤrt die Wahrheit meiner Klage, Und Recht mir zugeſprochen! Recht, Recht, Recht!— Zerz. Gekraͤnkt? Worin? Von wem? Erzaͤhlt es kurz, Hier iſt Lord Angelo, der ſchafft Euch Recht; Entdeckt ihm Euern Fall. Iſab. O edler Herzog, Ihr heiht Erloſung mich beim Teufel fiehn! Pört ſelbſt mich an; denn was ich reden muß, Heiſcht Strafe gegen mich, glaubt Ihr es nicht, Sonſt zwingt es Euch zu helfen. o hoͤrt mich ier!— Ang. Mein Fuͤrſt, ich ſorg' es hat ihr Kopf gelitten. Sie bat bei mir um ihres Bruders Gnade, Der ſtarb im Lauf des Rechts. Iſab. Im Lauf des Rechts?— Ang. Und bitter wird ſie nun, und ſeltſam reden. Iſab. Hoͤchſt ſeltſam, doch hoͤchſt wahrhaft werd' ich reden. Daß Angelo meineidig iſt; wie ſeltſam! Daß Angelo ein Moͤrder iſt; wie ſeltſam! Daß Angelo ein dieb'ſcher Ehebrecher, Ein Heuchler, und ein Jungfraunſchänder iſt, Iſt daß nicht ſeltſam? ſeltſam? Zerz. Zehnfach ſeltſam! Iſab. Es iſt nicht wahrer, daß er Angelo, Als daß dieß alles ganz ſo wahr, als ſeltſam; Ja, zehnfach wahrer; Wahrheit bleibt ja Wahrheit, Wie wir die Summe ziehn!. Zerz. Fort mit ihr! Aermſte, In ihrem Wahnſinn ſpricht ſie ſo! Iſab. Fuͤrſt, ich beſchwoͤre dich,(ſo wahr du glaubſt Es ſey noch andres Heil als hier auf Erden,) Verwirf mich nicht im Wahn, ich ſey geſtoͤrt Durch Tollheit. Mach' nicht zur Unmoͤglichkeit Was nur unglaublich ſcheint:*8 iſt nicht unmoͤglich! Ja, der verruchtſte Frevler auf der Welt Kann ſtreng erſcheinen, fromm, verſchaͤmt, vollendet, Wie Angelo: ſo mag auch Angelo In aller Haltung, Wuͤrde, Hoheit, Forin, Doch ein Erz⸗Schurke ſehn? glaub, waͤr er wen'ger, Sz. 1. Maaß fuͤr Maaß. 361 So waͤr' er nichts, mein Fuͤrſt: doch er iſt mehr; Haͤtt' ich mehr Namen nur fuͤr Schaͤndlichkeit!— Herz. Bei meiner Ehre! Iſt ſie verruͤckt,— und anders glaub' ich nicht,— So hat ihr Unſinn ſelt'ne Form von Sinn; So viel Zuſammenhang von Wort zu Wort, Als ich in Tollheit nie gehoͤrt. Iſab. O Fuͤrſt, Nicht dieſes Wort! Verbanne nicht Vernunft Als widerſprechend; nein, laß deine dienen, Wahrheit hervorzurufen, die verhuͤllt, Und falſche bergend, die als wahr erſcheint. Zerz. Manchem Geſunden fehlt wohl mehr Verſtand.— Was wolltſt du ſagen?— Iſab. Ich bin die Schweſter eines Claudio, Herr, Der wegen Unzucht ward verdammt zu buͤßen Mit ſeinem Haupt; verdammt von Angelo. Mir, der Novize einer Schweſterſchaft, Ward Botſchaft von dem Bruder: und ein Lucio Kam mit der Nachricht. Luc. Das bin ich, mit Gunſt. Ich kam zu ihr von Claudio, und bewog ſie Ihr ruͤhrend Fuͤrwort bei Lord Angelo„ Fuͤr ihren armen Bruder zu verſuchen. Iſab. Ja, dieſer iſts. Berz. Czu Lucio.. Euch hieß man nicht zu reden. Luc. Nein, gnaͤd'ger Herr, Doch auch zu ſchweigen nicht. Zerz. So thu ich's jetzt; Ich bitt' Euch, merkt Euch das, und habt Ihr einſt Zu ſprechen fuͤr Euch ſelbſt, dann fleht zum Himmel Daß Ihr nicht ſtecken bleibt. Luc., Herr, dafuͤr ſteh' ich. Berz. Steht fuͤr Euch ſelber! Nehmt Euch wohl in Acht! Iſab. Der Herr erzaͤhlte den Beginn der Sache. Luec. Recht! Zerz. Recht mags ſeyn; doch Ihr ſeyd ſehr im Unrecht Zu ſprechen vor der Zeit.— Fahrt fort. Iſab. Ich kam Zu dieſem gottlos ſchaͤndlichen Regenten, Berz. Das ſieht faſt aus wie Wahnſinn! Iſab. Herr, verzeiht, Das Wort paßt fuͤr die Sache. 362 Maaß fuͤr Maaß. A⸗F. Zerz. Verbeſſert ſo!— zur Sache denn: wie weiter? Iſab. Kurz denn, um zu verſchweigen, was nicht Noth: Wie ich ihm zuſprach, wie ich bat und kniete, Wie er mich abwies, was er drauf erwiedert,— Denn ſo verging viel Zeit)— beginn' ich gleich Den ſchnoͤden Schluß mit Schmerz und Schaam zu klagen. Nur fuͤr das Opfer meiner Keuſchheit ſelbſt An ſeine luͤſtern ungezaͤhmte Gier, Sprach er den Bruder frei: nach langem Kampf Siegt ſchweſterliches Mitleid uͤber Ehre, Und ich ergab mich ihm: doch nächſten Morgen, Im Uebermaaß der Bosheit, fordert er Des armen Bruders Haupt. Zerz. Traun! hoͤchſt wahrſcheinlich! Iſab. O waͤr' es ſo wahrſcheinlich, als es wahr iſt! Berz. Ha, thoͤricht Ding, du weißt nicht, was du ſprichſt, Sonſt biſt du zur Verlaͤumdung angeſtiftet Durch gift'ges Thun. Erſt ſeine hohe Tugend Iſt fleckenlos: dann waͤr' es widerſinnig, Mit ſolcher Tyrannei den Fehl zu ſtrafen, In den er ſelber fiel. Suͤndigt' er alſo, Dann waͤgt' er deinen Bruder nach ſich ſelbſt, Und nicht vertilgt' er ihn. Nein, du biſt angeſtiftet; Geſteh' es frei, und ſag', auf weſſen Nath Du dieſe Klage vorbringſt? Iſab. Iſt dieß alles? Dann, o Ihr gnadenreichen Engel droben, Staͤrkt mit Geduld mich, und zu reifer Zeit Entdeckt die Unthat, die ſich hier verhuͤllt In hoͤherm Schutz! Gott huͤt⸗ Euch ſo vor Wehe, Wie ich gekraͤnkt, geſchmaͤht hier von Euch gehe. Serz. Ich weiß, Ihr gingt wohl gern:— ruft einen Haͤſcher, Bringt ſie in Haft. Wie! ſollt' ich's ruhig anſehn, Daß Giſt und Laͤſt'rung treffe ſolchen Freund, Der uns ſo nah? Gewiß! hier waltet Trug. Wer weiß von Euerm Plan? und daß Ihr kamt? Iſab. Einer, den ich hier wuͤnſchte; Pater Ludwig. Serz. Ihr Beicht'ger wohl.— Kennt jemand dieſen Ludwig? Lue. Ich kenn' ihn, Herr: in alles mengt er ſich, Mir iſt er widrig: ſchutzt' ihn nicht die Kutte, 4 Sz. 1. Maaß fuͤr Maaß. 363 Um ſeine Reden wider Eure Hoheit, Als Ihr entfernt, haͤtt' ich ihn derb geblaͤut. Zerz. Was, Reden wider mich? welch' ſaubrer Moͤnch!— Und hier dieß arme Maͤdchen anzuhetzen Auf unſern Stellvertreter! Schafft den Moͤnch.— Lue. Noch geſtern Abend ſah ich ihn, mein Fuͤrſt, Mit ihr im Kerker;'s iſt ein frecher Burſch, Ein ſchaͤbichter Geſell. Pet. Gott ſchuͤtz Eu'r Hoheit; Ich war zugegen, gnaͤd'ger Fuͤrſt, und hoͤrte Eu'r fuͤrſtlich Ohr gemißbraucht. Den Regenten Beſchuldigt dieſes Maͤdchen hoͤchſt verlaͤumdriſch; Der iſt ſo frei von Suͤnd' und Schuld mit ihr, Als ſie mit einem, der noch nicht geboren. Zerz. Nicht mindres glaubten wir.— Kennt Ihr den Pater Ludwig, den ſie nannte? Pet. Ich kenn' ihn als'nen frommen heil'gen Mann, Nicht frech, noch je in Weltliches ſich mengend, Wie dieſer Herr von ihm Erwaͤhnung that; Und auf mein Wort, ein Mann, der nimmermehr Wie er behauptet, Eure Hoheit ſchmaͤhte. Luc. Mein gnaͤd'ger Fuͤrſt, hoͤchſt ehrlos, glaubt mir das. Pet. Gut, mit der Zeit rechtfertigt kr ſich wohl; Doch eben jetzo liegt er krank, mein Fuͤrſt, An heft'gem Fieber. Nur auf ſein Geſuch (Weil er erfuhr, daß eine Klage hier Lord Angelo bedrohe) kam ich her, Zu zeugen, was er weiß, in ſeinem Namen, Was wahr, was falſch; und was mit einem Eid Und guͤltigem Beweis er darthun wird, Ruft man ihn auf. Zuerſt, dieß Maͤdchen hier,— (Den wuͤrd'gen Herrn Statthalter loszuſprechen, So oͤffentlich und toͤdtlich angeklagt) — Will ich der Luͤge zeihn vor Ihren Augen, Daß ſie es ſelbſt geſtehn ſoll.(Iſabella wird weggeführt.) Berz. Wohl! laßt hoͤren. Belaͤchelt Ihr dieß nicht, Lord Angelo? Ueber die Eitelkeit der armen Thoren!— Reicht Seſſel her. Kommt, Vetter Angelo; Ich will nur Hoͤrer ſeyn; ſprecht Ihr als Richter In Eurer eignen Sache.— Iſt dieß die Zeugin? (Mariane tritt vor.) Sie zeig' uns ihr Geſicht, und rede dann. 364 Maaß füͤr Maaß. A. V. Mar. Verzelht, mein Fuͤrſt, nicht zeig' ich mein Geſicht, Bis mein Gemahl es heißt. Zerz. Seyd Ihr vermaͤhlt? War. Nein, gnaͤd'ger Herr. Zerz. Sey Ihr ein Maͤdchen? 3 So ſeyd Ihe W MWar. Nein. erz. So ſeyd Ihr Wittwe? War. Auch nicht. . Berz. Nun, dann ſeyd Ihr Gar nichts; nicht Maͤdchen, Wittwe nicht, noch Frau. Luc. Gnaͤdiger Herr, es wird wohl ein Schaͤtzchen ſeyn, denn die ſind gewoͤhnlich weder Maͤdchen, Wittwen, noch Frauen. Berz. Schweigt doch den Menſchen! Haͤtt' er Urfach nur Zu ſchwatzen fuͤr ſich ſelbſt!— Luc. Gut, gnaͤd'ger Herr. War. Ich muß geſtehn, ich war niemals vermaͤhlt, Und ich geſteh' es auch, ich bin kein Maͤdchen. Ich hab' erkannt ihn, doch mein Mann erkennt nicht Daß er mich je erkannt. Luc. So war er alſo betrunken, gnadiger Herr, es kann nicht anders ſeyn. Berz. Ich wellt, du waͤrſt es i ſo ſchwiegſt du endlich. Luc. Gut, mein Fuͤrſt. Berz. Dieß iſt kein Zeugniß fuͤr Lord Angelo. Mar. Nun komm' ich drauf, mein Fuͤrſt. Sie, die ihn anklagt um verletzte Zucht, Dadurch zugleich verklagt ſie meinen Gatten; Und zwar erwaͤhnt ſie ſolcher Zeit, mein Fuͤrſi, Wo ich bezeug!, ich ſelbſt umarmt ihn damals In Lieb' und Zaͤrtlichkeit. Ang. Meint ſie wen ſonſt, als mich? War. Nicht daß ich wuͤßte! Serz. Nicht? Ihr ſagtet, Euer Gatte?— War. Ja wohl, mein Fuͤrſt: und das iſt Angelo, Der glaubt, daß er mich niemals hat beruͤhrt, Und waͤhnt, daß Iſabella ihn umarmt. Ang. Das geht zu weit! Laß dein Geſicht uns ſehn. Mar. Mein Gatte forderts, dann entſchleyr' ich mich. (Sie nimmt den Schleyer ab.) Sieh dieß Geſicht, grauſamer Angelo, Sz. 1. Maaß fuͤr Maaß. 365 Dem du einſt ſchwurſt, es ſey des Anblicks werth: Sieh dieſe Hand, die durch geweihten Bund Sich feſt in deine fuͤgte; ſieh mich ſelbſt, Die dich von Iſabellen losgekauft, Und in dem Gartenhauſe dir begegnet, Als waͤr' es jene. Berz. Kennt Ihr dieſes Maͤdchen? Luc. Ja, fleiſchlich, fägt ſie, Herz. Still doch, Menſch! Luc. Schon gut!— Ang. Mein Fuͤrſt, ich laͤugn' es nicht, ich kenne ſie; Fuͤnf Jahre ſind's, da war von Heirath wohl Die Rede zwiſchen uns; doch brach ich's ab, Theils, weil das feſtgeſetzte Heirathsgut Nicht dem Vertrag entſprach; theils, und zumeiſt, Weil ich erfuhr, ſie ſchade ihrem Ruf Durch Leichtſinn. Seit der Zeit, füͤnf Jahre ſchon, Sprach ich ſie nicht, noch ſah und hoͤrt' ich ſie Bei meiner Treu und Ehre. War. Hoher Herr, Wie Licht vom Himmel kommt, vom Hauch das Wort, Wie Sinn in Wahrheit iſt, Wahrheit in Tugend; Ich bin ſein anverlobtes Weib, ſo feſt. Ein Treugeluͤbde bindet; ja mein Fuͤrſt, Erſt Dienſtag Nacht in ſeinem Gartenhaus Erkannt er mich als Weib. Wie dieß die Wahrheit, So moͤg ich ungekraͤnkt vom Knien erſtehn; Wo nicht,— auf ewig feſtgebannt hier haften Ein marmorn Monument!— Ang. Bisher hoͤrt' ich's mit Laͤcheln: Jetzt, gnaͤd'ger Furſt, laßt meinem Recht den Laufz Hier bricht mir die Geduld. Ich ſeh' es wohl, Die armen Klaͤgerinen ſind durchaus Werkzeuge nur in eines Maͤcht'gen Hand, Der ſie bewegt. Gebt Freiheit mir, mein Fuͤrſt, Die Raͤnke zu entlarven. Zerz. Ja, von Herzen; Und ſtraft ſie nur, ſo wie's Euch wohlgefallt. Einfaͤlt'ger Moͤnch, und du, boshaftes Weib, Im Bund mit der, die ging! Glaubſt du, dein Schwur, Und zwaͤng' er alle Heil'gen her vom Himmel, Sey Zengniß gegen ſolch Verdienſt und Anſehn, Das Unſer Zutraun ſtempelt? Ihr, Lord Escalus, 366 Maaß fuͤr Maaß. MM Setzt Euch zu meinem Vetter; ſteht ihm bei, Die Quelle dieſes Unfugs zu erſpaͤhn. Noch war's ein andrer Moͤnch, der ſie geſtimmt, Den ſchafft herbei. Peter. Ich wuͤnſcht', er ſey ſchon hier; denn allerdings War er's, der dieſe Weiber trieb zur Klage. Eu'r Schließer weiß den Ort, wo er verweilt, Und kann ihn holen. Herz. Thut es ungeſaͤumt. (Schließer ab.) Und Ihr, mein wuͤrd'ger, wohlerprobter Vetter, Dem daran liegt, die Sache zu durchforſchen, Verfahrt mit dieſer Schmaͤhung, wie Ihr moͤgt, Und waͤhlt die Strafe: ich verlaß' Euch jetzt Ein wenig, doch Ihr bleibt, bis Ihr durchaus Mit dieſen Laͤſtrern alles abgethan. Esc. Mein Fuͤrſt, es ſoll an uns nicht fehlen.— (Der Herzog geht ab.) Signor Lucio, ſagtet Ihr nicht, Ihr kenntet jenen Pater Ludwig als einen Menſchen von unehrbarem Wandel? Luc. Cucullus non facit monachum: ehrbar in nichts als in ſeinem Habit; und hat hoͤchſt niedertraͤchtig von unſerm Herzog geſprochen. Esc. Seyd ſo gut, und wartet hier, bis er kommt, um dies gegen ihn zu behanpten. Es wird ſich ergeben, daß dieſer Moͤnch ein ſchlimmer Geſell iſt. W So ſehr, als irgend einer in Wien, auf mein ort. Esc. Ruft beſagte Iſabella wieder her, ich will mit ihr reden. Erlaubt mir, gnaͤdiger Herr, ſie zu vernehmen. Ihr ſollt ſehn, wie ich ihr zuſetzen werde. Luc. Nicht beſſer als der, nach ihrer eigenen Ausſage. Esc. Wie war das? Luc. Ei, gnaͤdiger Herr, ich meine nur, wenn Ihr ihr ins geheim zuſetzt, ſo wird ſie eher beichten, vielleicht ſchaͤmt ſie ſich, es ſo vor der Welt zu thun. (Gerichtsdiener führen Iſabella herein; es kommen der Herzog, als Mönch verkleidet, und der Schließer.) sc. Es liegt mir dran, recht bald alles Dunkle zu erklaͤren. Luc. Recht ſo, erklaͤrt ihr Euer Anliegen im Dunkeln. Esc. Tretet naͤher, junges Maͤdchen; hier dieſes Frauen⸗ zimmer widerſpricht allem, was Ihr geſagt habt. 6 Sz. 1. Maaß fuͤr Maaß. 367 Lue. Gnadiger Herr, hier kommt der Schurke, von dem ich ſprach; hier mit dem Schließer. Esc. Eben recht; redet Ihr aber nicht zu ihm, bis wir Euch aufrufen. 2 Luc. Mum. Ege. Naͤher, guter Freund! Habt Ihr dieſe Weiber angeſtiftet, Lord Angelo zu verlaͤumden? Sie haben be⸗ kannt, daß Ihr es thatet. Zerz. Das iſt falſch. Ese. Was? Wißt Ihr, wo Ihr ſeyd? Zerz. Ehrfurcht vor Eurer Wuͤrde! Selbſt den Teufel Ehrt mancher wohl um ſeinen Flammenthron.— Wo iſt der Fuͤrſt? Ihm will ich Rede ſtehn. Ese. Er iſt in uns; Ihr ſollt uns Rede ſtehn; Gebt Acht, und redet ziemlich. Zerz. Kuͤhnlich gewiß. Doch ach! Ihr armen Kinder! Kam't Ihr, das Lamm beim Fuchſe hier zu fordern? Nun, gute Nacht Erſatz! Der Herzog ging? Dann geht auch ihr zu Grunde! Euer Herzog Iſt ungerecht, daß er von ſich zuruͤckweiſt Eu'r laut gewordnes Rechtgeſuch an ihn, Und in des Schurken Mund Eu'r Urtheil legt, Den Ihr hier angeklagt!— Luc. Dies iſt der Schuft! Der iſt's, von dem ich ſprach! Esc. Wie! du unheil'ger, unehrwuͤrd'ger Moͤnch, War's nicht genug, die Frau'n hier anzuſtiften Wider den wuͤrd'gen Herrn? Noch jetzt mit Laͤſt'rung,— Ja hier, vor ſeinem eignen Ohre— wagſt Du's, Und nennſt ihn Schurke? Und ſchielſt von ihm ſogar noch auf den Fuͤrſten, Und ſchiltſt ihn ungerecht? Fuͤhrt ihn hinweg!— Fort, auf die Folter! Zerrt ihn, Glied fuͤr Glied, Bis er den Plan bekennt! Was, ungerecht!— Zerz. Seyd nicht ſo hitzig! Euer Herzog Wagt nicht, mir nur den Finger anzuruͤhren, Nicht mehr, als er den eignen foltern wird. Auch bin ich ihm nicht unterthan, Noch hier vom Sprengel. Meiner Sendung Amt Ließ manches mich erleben hier in Wien: Ich ſah, wie hier Verderbniß dampft und ſiedet, Und uͤberſchaͤumt: Geſetz fuͤr jede Suͤnde; 368 Maaß fuͤr Maaß. A. V. Doch Suͤnden ſo beſchuͤtzt, daß Eure Satzung Wie Warnungstafeln in des Baders Stube Da ſteht, und was verpoͤnt nur wird verhoͤhnt. Esc. Den Staat geſchmaͤht? Fort, bringt ihn in den Kerker!— Ang. Weß koͤnnt Ihr ihn verklagen, Signor Lucio? Iſt dieß der Mann, von dem Ihr uns geſagt? Luc. Derſelbe, gnaͤdiger Herr. Kommt heran, Ge⸗ vatter Kahlkopf; kennt Ihr mich? Zerz. Ich erinnere mich Euer, Herr, an dem Ton Eurer Stimme; ich traf Euch waͤhrend des Herzogs Ab⸗ weſenheit im Kerker.— Luc. So? traft Ihr mich? und erinnert Ihr Euch noch, was Ihr vom Herzog ſagtet? Serz. Vollkommen, Signor. Luc. Wirklich, Herr? Und laͤuft der Herzog den Dir⸗ nen nach? und iſt er ein Geck und eine Memme, wie Ihr von ihm ſagtet? Zerz. Ihr muͤßt erſt unſre Rollen tauſchen, Herr, eh' Ihr mich das ſagen laßt: Ihr allerdings ſpracht ſo von ihm, und viel mehr, viel ſchlimmer. Luc. Ei du laͤſterlicher Burſch! Zog ich dich nicht bei der Naſe, wie du ſo ſprachſt? Herz. Ich verſichre, daß ich den Herzog ſo ſehr liebe, als mich ſohbſt. Ang. Hoͤrt doch, wie der Schurke jetzt abbrechen moͤchte, nachdein er verraͤtheriſche Laͤſterungen ausgeſtoßen!— Esc. Mit ſolchem Kerl muß man kein Wort verlieren: fort mit ihm ins Gefaͤngniß! Wo iſt der Schließer? Legt ihm Eiſen genug an, laßt ihn nicht weiter reden: und nun auch fort mit dieſen leichtfertigen Dirnen und ihren andern Spießgeſellen! (Der Schließer legt Hand an den Herzog.) Berz. Halt da! haltet ein!— Ang. Was? er widerſetzt ſich? Helft ihm, Lucio⸗ Luc. Wartet nur, wartet nur, wartet nur; pfui doch! Was, Ihr kahlkoͤpfiger, luͤgneriſcher Schuft, Ihr muͤßt Euch den Kopf ſo vermummen? Muͤßt Ihr? Zeigt ein⸗ mal Euer Schelmengeſicht, und an den Galgen mit Euch! Zeigt Euer Strauchdiebsgeſicht, und laßt Euch friſch haͤngen! Will die Capuze nicht herunter? (Reißt ihm die Mönchskappe ab, und erkennt den Herzog.) 6 3* Sz. 1. Maaß fuͤr Maaß. 369 Zerz. Du biſt der erſte Bube, Der je'nen Herzog machte! Erſt, Schließer, meine Buͤrgſchaft dieſen drei'n.— — Schleicht Euch nicht weg, Freund. Denn der Moͤnch und Ihr Sind noch nicht fertig: haltet mir ihn feſt. Luc. Das kann noch ſchlimmer werden, als haͤngen. Zerz.(zu Escalus.) Was Ihr geſagt, will ich verzeihn. Setzt Euch: (zu Angelo.) Wir borgen— mit Eurer zunſt.— — Haſt du noch Wort, und Witz, und Dreiſtigkeit, Die zu Gebot dir ſtehn? Wenn dn ſie haſt, So halt ſie feſt, bis ich zu End⸗ erzaͤhlt, Und zittre daun!— Ang. O, mein furchtbarer Fuͤrſt! Ich waͤre ſchuld'ger wohl als meine Schuld, Daͤcht' ich, ich koͤnnt' Euch irgend noch entſchluͤpfen, Da ich erkannt, wie Ihr mein Thun durchſchaut Dem ew'gen Richter gleich. Drum, gnaͤd'ger Fuͤrſt, Nicht laͤngre Sitzung pruͤfe meine Schande; Statt des Verhoͤrs nehmt mein Geſtaͤndniß an; Unmittelbarer Spruch und ſchneller Tod Iſt alles, was ich flehe. Serz. Kommt, Mariane.— Sprich, warſt du je verlobt mit dieſem Fraͤulein? Ang. Das war ich, Herr. erz. So geh', vollzieh' die Trauung ungeſaͤumt: Ihr, Moͤnch, vermaͤhlt ſie: wenn Ihr das vollbracht, Bringt ihn zuruck hieher.— Geh', folg' ihm, Schließer. (Angelo, Mariane, Peter und Schließer ab.) Esc. O Herr! Mehr noch entſetzt mich ſeine Schande Als dieſes Handels Seltſamkeit! Zerz. Kommt naͤher, Iſabella: Eusr Moͤnch iſt nun Eu'r Fuͤrſt. Wie ich vorhin Als Freund mit trenem Rath mich Euch geweiht, Richt wechſelnd Sinn mit Kleidung, bin ich noch Gewidmet Euerm Dienſt. Iſab. O Fuͤrſt, verzeiht, Daß die Vaſallin mit Geſchaͤft und Muͤh'n Die ungekannte Majeſtaͤt beſchwert!— Herz. Euch iſt verzieh'n. Und nun, du Theure, ſey auch mir ſo mild. V. 24 370 Maaß fuͤr Maaß. A. V. Des Bruders Tod, ich weiß, druͤckt dir das Herz, Und ſtaunen magſt du, daß ich nur verhuͤllt Geſtrebt, ihn dir zu retten, nicht vielmehr Wich raſch hervor hob aus verborgner Macht, Statt ihn dahin zu geben. Liebreich Weſen, Es war der ſchnelle Hergang ſeines Tod's, Der, wie ich waͤhnte, traͤger'n Fußes käme, Was meinen Plan zerſtoͤrt. Doch ruh' er ſanft!— Gluckſe'ger dort, der Todesfurcht entrafft, Als hier in ſteter Furcht. Nimm das zum Troſt: Dieß Gluͤck ward deinem Bruder. (Angelo, Mariane, Peter und Schließer kommen zurück.) Iſab. Wohl, mein Fuͤrſt. gerz. Hier dieſem Neuvermaͤhlten, der uns naht, Deß uͤpp'ge Luſternheit dich kraͤnken wollte An deiner wohlgeſchirmten Ehr' und Tugend, Moͤcht'ſt du verzeihn um Marianens willen:— Doch weil er deinem Bruder ſprach den Tod, (Er, ſchuldig ſelbſt der doppelten Verletzung Geweihter Keuſchheit und gelobten Schwurs, Mit dem er dir des Bruders Rettung buͤrgte)— Ruft des Geſetzes Gnade ſelber nun Vernehmlich, ja ſelbſt aus des Schuld'gen Munde: „Ein Angelo fuͤr Clandio, Tod fuͤr Tod: „Liebe fuͤr Liebe, bittern Haß fuͤr Haß, „Gleiches mit Gleichem zahl' ich, Maaß fuͤr Maaß.“ Drum Angelo, da dein Vergehn am Tage, So klar, daß ſelbſt kein Laͤugnen Huͤlfe boͤte, Sey nun verurtheilt zu demſelben Block Wo Clandio fiel, und zwar mit gleicher Haſt. Hinweg mit ihm. War. O gnadenreicher Fuͤrſt, Ich hoff', Ihr gabt zum Spott mir nicht den Gatten? Zerz. Der Gatte ſelbſt gab Euch zum Spott den Gatten. Nur als Beſchuͤtzung Eurer Ehre hielt ich Den Ehbund noͤthig, daß kein Vorwurf je, Weil Ihr die Seine wart, Eu'r Leben treffe Und hemme kuͤnft'ges Gluͤck. All ſeine Guͤter, Obwohl nach dem Geſetz an uns verfallen, Sind Euch als Witthum und Beſitz verliehn; Kauft damit einen beſſern Mann. 6 — Sz. 1. Maaß fuͤr Maaß. 371 War. O Herr, Ich wuͤnſche keinen andern je, noch beſſern, Zerz. Vergeblich wunſcht Ihr, wir ſind feſt entſchieden. Wiar.(knieet.) Füi erz. Umſonſt iſt Eure Muͤh. Fort, fuͤhrt ihn hin zum Tod.— Nun, Euch!— (Zu Lucio.) Mar. O milder Fuͤrſt! hilf, ſuße Iſabella, Leih mir dein Knie, mein ganzes Leben will ich, All meine Zukunft deinem Dienſte leihn. Zerz. Ganz wider allen Sinn bedraͤngſt du ſie! Wenn ſie fuͤr dieſe That um Gnade knicte, Zerſprengte Clandio's Geiſt ſein ſteinern Bett, Und riß ſie hin in Schreckniß. War. Iſabella, O Herzens⸗Iſabella, dennoch tniet, Erhebt die Hand, ſprecht nicht, ich red' allein. Durch Fehler, ſagt man, ſind die beſten Menſchen Gebildet, werden meiſt um ſo viel beſſer, Weil ſie vorher ein wenig ſchlimm; ſo geht's Vielleicht auch meinem Gatten. Iſabella, Willſt du nicht mit mir knie'n? Zerz. Er ſtirbt fuͤr Claudio's Tod. Iſab. Huldreicher Fuͤrſt, Ich fleh' Euch, ſchaut auf dieſen Mann der Schuld, Als lebte Clandio noch. Faſt muß ich denken, Aufricht'ge Pflicht hat all ſein Thun regiert, Bis er mich ſah. Wenn es ſich ſo verhaͤlt, Laßt ihn nicht ſterben! Claudio ward ſein Recht, Weil er den Fehl beging, fuͤr den er ſtarb: Doch Angelo,— Sein Thun kam nicht dem ſuͤnd'gen Vorſatz gleich, Und muß begraben ruhn als eitler Vorſatz, Der ſtarb entſtehend.— Gedanken ſind nicht Thaten; Vorſaͤtze nur Gedanken. War. Rur Gedanken!— Zerz. Eu'r Flehn erweicht mich Fn ſteht auf; ich will's.— — Noch kommt ein neu Vergehn mir in den Sinn:— Schließer, wie kam's, daß Claudio ward enthauptet Zu ungewohnter Stunde? Schließ. Alſo ward mir's Geboten. 24* 372 Maaß fuͤr Maaß. A. V. erz. Ward Euch ſchriftlicher Befehl?— chließ. Nein, gnaͤd'ger Söe war ein muͤndlich Wort. Zerz. Und dafuͤr ſeyd Ihr Eures Amts entſetzt:— Gebt Eure Schluͤſſel ab. S Schließ. Verzeihung, gnäd'ger Fuͤrſt: Mir ahnt', es ſey ein Fehl, doch wußt' ich's nicht, Und als ich uͤberlegt, hab' ich's bereut. Deß zum Beweis blieb Einer im Verhaſt, Dem ſonſt ein muͤndlich Wort den Tod erkannt, Und den ich leben ließ. Zerz. Wer? SSchließ. Bernardino. e Berz. O, haͤtt'ſt dn doch an Claudio das gethan! Geh', hol' ihn her, ich will ihn ſehn.(Schließer geht.) Ese. Mich ſchmerzt, Daß ein ſo weiſer, ſo gelehrter Mann Als Ihr, Lord Angelo, mir ſtets erſchient, So groͤblich fehlte:— erſt, durch heißes Blut, Und Mangel richt'gen Urtheils hinterher. Ang. Mich ſchmerzt, daß ich Euch dieſen Schmerz be⸗ reitet; Und ſolche Reu durchdringt mein wundes Herz, Daß mir der Tod willkommner ſcheint als Gnade. Ich hab' ihn wohl verdient, und bitte drum!— Der Schließer, Bernardin, Claudio und Julia kommen zurück.) Zerz. Welcher iſt Bernardin? Schließ. Der, gnädiger Herr. Serz. Ein Moͤnch erzaͤhlte mir von dieſem Mann. — Hoͤr' an! man ſagt, du ſey'ſt verſtocktes Herzens, Du fuͤrchteſt nichts jenſeit des Irdiſchen, Und dem entſpricht dein Thun. Du biſt verurtheilt; Doch deine Schuld auf Erden ſey verziehn: So ſtrebe nun, daß ſolche Huld dich leite Auf beßre Zukunft. Pater, unterweißt ihn, Ich laß ihn Euch.— Wer iſt der Eingehuͤllte? Schließ. Noch ein Gefangner iſts, den ich gerettet, Der ſterben ſollt', als Clandio ward enthauptet, Und faſt dem Claudio gleich, als wie ſich ſelbſt. Zerz. Wenn er ihm ähnlich ſieht,— um ſeinethalb Sey ihm verziehn; und Eurer Anmuth halb — Sz.1. Maaß fuͤr Maaß. S Gebt mir die Hand, und ſagt, Ihr ſeyd die Meine; Er iſt mein Bruder dann. Doch dieß fuͤr kuͤnftig. Lord Angelo ſieht alſo, daß er lebt; Mir ſcheint, ſein Aug' erglaͤnzt in neuer Hoffnung: Nun! Eure Suͤnde zahlt noch ſo ziemlich. Liebt ja Eu'r Weib; ihr Werth giebt Werth dem Euern.— Ich fuͤhle Neigung, allen zu verzeihn: Doch jenem da, ihm kann ich nicht vergeben. Ihr frecher Menſch, der weiß, ich ſey ein Narr, Und feig' und liederlich, ein Thor, ein Toller: Womit, ſagt an, hab ichs um Euch verdient, Daß Ihr mich ſo erhebt? Lue. Meiner Treu, gnaͤdigſter Herr, ich ſagte das nur ſo nach hergebrachter Modez wollt Ihr mich dafuͤr hängen laſſen, ſo mags geſchehn, aber ich ſaͤh' es lieber, wenn Ihr geruhen wolltet, mich durchpeitſchen zu laſſen. Zerz. Zuerſt gepeitſcht, Herr, dann gehaͤngt. Laßt es ausrufen, Schließer, durch ganz Wien: Hat wo ein Maͤdchen Klag' auf dieſen Burſchen, (Wie er mir ſelber ſchwor, daß Eine ſeh Die ihm ein Kind gebar,) ſo melde ſie's, Dann ſoll er ſie heirathen:— nach der Hochzeit Staͤupt ihn, und haͤngt ihn auf. Lue. Ich bitt' Euer Hoheit um alles, verheirathet mich doch nicht an eine Metze! Eu'r Hoheit ſagte noch eben, ich haͤtte Euch zum Herzoge gemacht: liebſter gnaͤdiger Herr, mir nun nicht damit, daß Ihr mich zum Hahnrei macht. Berz. Bei meinem Wort, heirathen ſollſt du ſie. Dein Schmaͤhn vergeb' ich, und was weitres du Verwirkt haſt, gleichfalls. Fuͤhrt ihn ins Gefaͤngniß, Und ſorgt, daß mein Befehl vollzogen wird. Luc. Solch einen liederlichen Fiſch heirathen, gnaͤdiger Herr, iſt erdruͤckt, erſtickt, gepeitſcht und gehaͤngt werden. Zerz. Den Fuͤrſten ſchmaͤhn, verdients. Claudio, die Ihr gekraͤnkt, bringt ſie zu Ehren; Gluͤck Euch, Mariana! Liebt ſie, Angelo, Ich war ihr Beicht'ger, ihre Tugend kenn' ich. Dir, Escalus, ſey Dank fuͤr alles Gute; Ich bin auf beſſern Gluͤckwunſch noch bedacht. Dank, Schließer, weil du treu und ſorglich ſchwiegſt; 374 Maaß für Maaß. A. V. Wir ſtellen dich auf einen wuͤrd'gern Platz. Vergebt ihm, Angelo, daß er den Kopf Des Ragozin ſtatt Claudio's Euch gebracht; Der Fehl iſt keiner.— Theure Iſabella, Noch hab' ich eine Bitt', auch Euch zum Beſten; Und wollt Ihr freundliches Gehoͤr mir leihn, So wird das Meine Eur, das Eure Mein. Zum Palaſt dann; und hoͤrt aus meinem Munde Von dem, was noch zu ſagen bleibt, die Kunde. (Alle gehn ab.) Anmerkungen zum fünften Theile. . Die vier Schauſpiele, welche dieſen Band ausmachen, gehören alle dem reiferen Alter des Dichters. Coriolanus iſt wahrſcheinlich 1609 oder 1610 gedichtet und aufgeführt worden, nachdem Cäſar und Antonius ſchon den Bei⸗ fall des Publikums gewonnen hatten. S. 10. Z. 10. v. o. Edler Marcius!— Die Edi⸗ koren haben hier ohne Noth Lartius verbeſſert, da die Folio doch richtig Marcius lieſet, dem alle als ihrem größten Krieger huldigen. S. 35. Z. 21. v. u. Ruhm einfingen.— Der ueber⸗ ſetzer iſt hier, zum Theil der Erſten Folio gefolgt, von der die Editoren ohne Noth zu oft abgewichen ſind. Die Stelle iſt im Original ſchwierig und ungrammatiſch: der Sinn iſt wohl: Coriolan machte es nicht wie jene Schmeichler, die bloß mit Verbeugungen bonnetted them,(das Volk) ſie alle in ihre Mützen einfingen(gleichſam einmützten,) ohne etwas anders zu thun; um ſie ganz und gar(io have ihem at all) in ihre(der Schmeichelnden) estimatſon und report(wie ſie das Volk nun ſelbſt achten und brauchen wollten) to have(zu haben.) Die Stelle bleibt immer hart und gezwungen, indem der Dichter dem Vortragenden und dem Verſtändniß der Hörer vertraut. Der Ueberſetzer iſt im Schluß der Rede von dieſer Erklärung abge⸗ wichen. Die Verbeſſerung to Keawe ſtatt to have, ſcheint mir immer unſtatthaft. S. 37. 3Z. 9. v. u. So wie Binſen tauchen,— nach der alten richtigen Lesart eds, wofür die Editoren waves ge⸗ ſetzt haben, das keinen Sinn giebt. Unter ſeiner Macht glitten die Feinde ſo hinweg, wie Meerkraut, Binſen, Geflecht, unter das große ſeegelnde Schiff. Der größeren Woge muß vielmehr das Schiff folgen. S. 40. Z. 6. v. o. einige ſchäckig, im Original: some ahram, welches die Editoren in anburn verändert haben. Das Wort kommt aber öfter vor, bedeutet ſeltſam, gemiſcht, grau und ſchwarz, und hängt mit Abraham(wie die Engländer mei⸗ nen) nicht zuſammen; im Altdeutſchen haben wir es als ab⸗ räumiſch, abramſch. S. a2. 3. 4. v. u. Warum ſoll hier mit Wolfsgeheu! 376 Anmerkungen. ich ſtehn— nach dem Original: Wh in this woolwish iongue — wofür die Editoren unnöthig gorn corrigirt haben. S. 54. Z. 4. v. u. Menenius. Dieſe Verſe, ſo ganz im Charakter des Menenius, ſind dieſem hier, nach der Erſten Ausgabe, zurückgegeben worden, da die Editoren nach Tyrwhitts Rath ſie höchſt unpaſſend dem Coriolan gegeben hatten. S. 69. Z. 13. v. o. Der neberſetzer hat die alte Leſeart keurt ſt. herd wieder aufgenommen, die wohl richtig, wenn der Ausdruck gleich etwas gezwungen iſt. S. 67. Die folgenden beiden Scenen, wenn die Einthei⸗ lung im Akte einmal bleiben ſoll, beſchließen beſſer den dritten, als ſie den vierten Aufzug beginnen. S. 68. Z. 2. v. o.— ſich beſeitigt— im Hriginal: have Kideck, welches hier heißen muß: ſie haben ſich auf die Seite gemacht, nicht: ſie haben für ihn Parthei genommen. Dieſe Schwäche wirft Coriolan ſpäterhin dem Adel und Se⸗ nat vor. S. 9z. 3. 9. v. o. ich huld'ge?— Die Neuern leſen 1 prate,— die alte Leſeart I pray,— ich bitte die Gattin, oder für ſie, ich huldige ihr, iſt vorzuziehn. 3. 16. v. u. Ich hoffe fügſam. 1 Fope to frame,— wo die Engländer unnöthig hoin verbeſſern. S. 96. 3. 5 v. o. einem Keil zu tauſchen,— change die alte Leſeart, change die neue Verbeſſerung, die überflüſſig ſcheint. Die Sprache in dieſer Tragödie iſt gedrungen, kurz und ener⸗ giſch, die uebergänge ſind oft gewaltſam, nur an wenigen Stellen iſt der Ausdruck leicht. Der ungeſtüme Charakter der Haupt⸗ perſon theilt ſich gleichſam dem Ganzen mit. Nie iſt noch die Verachtung ber unwiſſenden Menge ſo ſtark im Munde eines ad⸗ lichen Kriegers ausgeſprochen worden, der ſich, dem Percy Heiß⸗ ſporn nicht unähnlich, durch ſeinen eignen Ungeſtüm ſtürzt. Der ſich verbannen ließ, um den Seinigen auch nicht im Erlaubten nachzugeben, muß dann dem Fremden in viel größeren Dingen ſic beugen, welches dieſe natürlich nicht erkennen wollen und können. Dieſes Schauſpiel gehört zu den anerkannten Meiſterwerken des Dichters und iſt in ſeiner Tiefe, betreffe es Politik, Moral, Zeichnung der Unzuverläſſigkeit des Volks, oder Characterſchilde⸗ rung eins der lehrreichſten. — Anmerkungen. 377 Julius Cäſar. Dieſes große Gedicht iſt unter den römiſchen Schauſpielen am früheſten geſchrieben, nämlich im Jahr 1607. Die Sprache iſt einfach und der Ausdruck ungeſucht, die Geſchichte trägt ſich gelinde und einfach vor. Im Ganzen ſpiegelt ſich der edle und einfache Charakter des Brutus ab. Die Ueberſetzung iſt, wie bekannt, von Schlegel, und ſo vollendet, daß man bei näherm Vergleich immer wieder über die Meiſterſchaft des Sprachkünſtlers erſtaunen muß. S. 115. 3. 20. v. o. Nach Jubelgeſchrei ſind noch folgende Verſe hinzuzufügen, die, aus Verſehn, in allen Aus⸗ gaben der Ueberſetzung mangeln: Nun in dem Namen aller, aller Götter, Von welchen Speiſen nährt ſich dieſer Cäſar, Daß er ſo groß wuchs? Zeit, du biſt beſchämt! Rom, du verlorſt die Kraft Edles zu zeugen! Wann war die Zeit wohl, ſeit der großen Flut, Daß mehr nicht als Ein Mann berühmt geweſen? Wann ſagten als bis heut, die Roms gedachten, Daß Einen Mann nur birgt ſein weiter Kreis? Nun iſt in Rom u. ſ. w. S. 141. Z. 2. v. o. Cäſar thut kein unrecht; ohne Gründe befriedigt man ihn nicht.— Im Original: Know, Caesar did not wrong, nor without cause Will he be satisfied. Dieſer Schluß der Rede, der gleichſam etwas Lahmes hat, hieß wohl anfangs: Caesar did never wrong but with just cause. B. Jonſon führt ihn in ſeinen Discoveries als eine lächer⸗ liche uebereilung des Shakſpear fo an, und erwähnt ihn noch einmal im Prolog zu ſeinem Luſtſpiel„Staple of News.“ Da Jonſon und deſſen Freunde und Schuͤler dieſen Vers als Unſinn, als ein ächtes Bull, behandelten, ſo machte der Dichter, nachdem das Stück ſchon oft gegeben war, wohl ſelbſt den Schluß der Rede, wie wir ihn jetzt leſen. Sonſt zeigt Tyrwhitt in einer verſtändigen Note, daß der alte Vers auch nicht ſo ausgemacht lächerlich ſei, indem wrong nicht ſo unbedingt in jedem Falle „Unrecht“ bedeute, ſondern eben ſo oft Verletzung, Kränkung oder Nachtheil. Shakſpear wollte vielleicht wrang gerade ironiſch mit just oause zuſammen ſtellen, um dem Cäſar, den er etwas thraſoniſch ſprechen läßt, eine Art von Blöße zu geben, wurde aber ſchon von ſeinen Zeitgenoſſen mißverſtanden. Anmerkungen. Antonius und Cleopatra. Dieſe Tragödie wurde 1608— 9 geſchrieben, unmittelbar nach dem Cäſar, und ſie gewinnt an Verſtändniß, wenn man ſie als die Fortſetzung oder als den zweiten Theil dieſes Schauſpiels anſieht. Dann iſt dieſes Gedicht die gewaltige Vollendung jener Zerſtörung, die im Cäſar gleichſam nur gelinde beginnt. Wie dieſe Tragödie ſich ruhig und einfach fort bewegt und der Held auch im Untergehn ſich ſanft ſeinem Schickſal ergiebt und mit der hohen Grazie eines edlen Geiſtes ſtirbt, ſo iſt Antonius heftig und überſchreitet immerdar das Maaß, im Glück übermüthig, im unglück verzweifelt und tolltühn. In dieſem Geiſt bewegt ſich das Schauſpiel auch gewaltſam und ſpringend. Es verbindet un⸗ gleichartige Elemente und ſtimmt mehr wie einmal den Ton der Comödie an. Antonius geht in Uebermuth und Trägheit unter. Brutus, weil er eine Welt⸗Revolution mit Kurzſichtigkeit unter⸗ nimmt, und Coriolan, weil er ſeinem heroiſchen Egoismus nachgiebt. S. 28 ½. 3 15. v 1 So wollt' ich denn, du wärſt der einz'ge Rachen! Man lieſet nach Johnſons Verbeſſerung: Then, world, thou hast a pair of chaps, no more; Die alte Leſeart: Then' zbonld thou hast etc. läßt ſich wohl erklären, wenn man thou auf death bezieht, womit Eros ſeine Rede beſchließt: all the food thon hast hat der ueberſetzer durch „ganze Welt“ gegeben.— Schwierig bleibt die Stelle immer, man mag Johnſons Aenderung, die man eine Umarbeitung nen⸗ nen kann, annehmen oder nicht. Er liſet nachher noch: PheyM grind the one he other, wenn das Original nur hat: Theyl grind the other.— Es iſt zu beklagen, daß es von dieſen drei Schauſpielen aus der römiſchen Geſchichte keine früheren Quartausgaben giebt; durch dieſen Mangel kann man ſich bei einigen Stellen, die in der Folio als verdruckt erſcheinen, nur durch gewagte Emenda⸗ tionen helfen. S. 250. Die erſte Rede des Antonius iſt nach der Inter⸗ punktion des Originals überſetzt; die neuere Eintheilung giebt auch einen Sinn, doch iſt die Aenderung unnöthig. Anmerkungen. Maaß fuͤr Maaß. Auch von dieſem merkwuͤrdigen, tieffinnig gearbeiteten Schau⸗ ſpiele haben wir keine Quart⸗Ausgabe, und der Critik erwachſen in ihm um ſo ſchwierigere Aufgaben, weil der Dichter vielleicht nirgend wieder ſo ſeiner Laune gefolgt iſt, die Sprache willkühr⸗ lich zu gebrauchen und uneigentliche Ausdrücke, ſeltne Worte und überraſchende und ungewöhnliche Wendungen zu ſuchen. So iſt die Conſtruktion oft ſchwer zu verſtehn, und der Vers, zum Leidweſen der Engliſchen Editoren vielmals entſtellt und zer⸗ brochen, die ſich dann durch Flickwörtchen wie Auslaſſungen be⸗ mühen, ihm wieder aufzuhelfen. Daß Shakſpear den herge⸗ brachten jambiſchen Vers faſt ganz fallen läßt, oder ihn vielmehr durch Pauſen, Härten, überfluſſige Sylben erſt recht zum dra⸗ matiſchen erhebt, charakteriſirt alle ſeine ſpätern Arbeiten, in welchen er ſeltener die Melodie und die Symmetrie des Verſes ſucht, die mehr ein Kennzeichen ſeiner frühren Schauſpiele ſind. Die deutlichere Erörterung, wie er verſchiedenartig den Vers ge⸗ nommen, was er im Drama ſeyn könne, muß, wie die be⸗ ſtimmtere Erklärung einzelner ſchwerer Stellen eigenen Aufſätzen vorbehalten werden, weil ſie in dieſen Anmerkungen zu vielen Raum einnehmen, und für den Leſer doch nicht überzeugend ſeyn dürften. Dem Kenner genügen vielleicht Winke. Die Schwierigkeiten, der herbe Styl, die ſonderbare Sprache dieſes finſtern und tiefſinnigen Schauſpieles deuten darauf hin, daß es in den letzten Jahren des Dichters geſchrieben ſein müſſe. Die Gründe, aus welchen es Malone ſchon dem Jahre 1608 zuſchreibt, ſind alle ſehr ungenügend und oberflächlich. Ich würde es um die Zeit von 1611— 12 ſtellen. Da es erſt in der Folio 1623 erſchien und vorher nicht namentlich erwähnt wird, ſo haben wir keine hiſtoriſche Beſtimmung, welchem Jahre es angehört. Von einem Schauſpiel-Dichter G. Whetſtone giebt es ein Luſtſpiel in zwei Theilen Promos and Cassundra ſchon 1578 ge⸗ druckt, welches dieſelbe Geſchichte, nicht ohne Witz und poetiſches Talent darſtellt.„Es iſt ungewiß, ob es geſpielt wurde. S. 293. Z. 14. v. o. Wie Euer Edelſinn und Werth verdient, Und laßt ſie wirken. Die vielbeſtrittne Stelle im Original lautet: remains, But that to Vour snfliciency, as your worth is able, And let them work. Vat bezieht ſich auf das stength des vorigen Verſes, Vour Worth is able dieſe strength zu bekommen, die ich euch Then no more 380 Anmerkungen- gebe, let Mem work, worth nehmlich, sufficiency und strength. Dieſe kurze Erklärung dürfte die vielen Noten der Herausgeber überflüſſig machen. S. 294. Z. 2. v. o. Es iſt'ne Schrift in deiner Lebensweiſe There is a kind of character in thy Aſe. Lite muß hier Lebensart, Lebensweiſe bedeuten, nicht Leben. Auch kommt es in dieſer Bedeutung öfter vor. Z. 10. v. o. Geiſter ſind ſchön geprägt— Spirits are not ünely Iouch'd; hier kann touch'd nicht, wie ſonſt, ge⸗ prüft bedeuten, ſondern geeignet, gebildet, geprägt. In ſo fern eine Sache geprüft, bewährt iſt, iſt ſie dadurch auch geſtempelt, gepraͤgt.— Dieſe und ähnliche Erklärungen ſind für die Freunde des Dichters, die ihn in ſeiner Sprache leſen; denn bei den Commentatoren ſo wie in Nares Gloſſar finden ſie nicht immer, was ſie ſuchen. S. 296. Z. v. o. Denn ich denke, du biſt nie dabei ge⸗ weſen, wo ein Gratias geſprochen ward. 1. Ed. Richt? Ein Dutzendmal wenigſtens. 2. Ed. Wie haſt du's denn gehört? In Verſen? 1. Ed. In allen Syldenmaßen und Sprachen. 2. Ed. Und wohl auch in allen Confeſſionen?— Dieſe ganze Stelle, unbedeutend und dunkel im Original, und über welche die Editoren leicht hingegangen ſind, lautet ſo: L. J think, thou never wast Where grace was said. 2. 6. No? a dozen times at least. 1. 6. What? in metre? 2. G. In any proportion, or in any language. 1. 6. J dhink, or in any religion. Ich vermuthe, daß der flache Scherz darin beſteht, daß metre, mitre ausgeſprochen, neben Versmaß zugleich mitra, die Biſchofsmütze bedeutet, eine vornehme Taverne, die beſon⸗ ders wegen ihres vorzüglichen Weines berühmt war. So wird ſie(ſ. Shakſpears Vorſchule, Bd. 2.) in den Herxen von Lancaſhire erwähnt. Sie wird oft bei den alten Engliſchen Dramatikern genannt. Der Schluß des berühmten Stückes von B. Jonſon(Every man out of his Humor) ſpielt großentheils in dieſer Taverne. Eben ſo berühmt war die Syrene, oder Meerfrau, ſo wie der Phönir. Ein Sammelplatz oder Clubb für eine Anzahl Poeten und Schriftſteller war die Taverne St. Dunſtan. Ihr Zeichen war dieſer fromme Abt, welchem der Teufel über die Schulter ſah. Von dieſem Umſtande wurde ſie oft, ſpäter vorzüglich, des Teufels(the devils) Taverne ge⸗ nannt. B. Jonſon war der Präſes dieſes Clubbs, den die Dich⸗ ter Beaumont, Fletcher und manche Autoren und Freunde be⸗ ſuchten, die ſich jener neueren Schule anſchloſſen. Daß Shak⸗ ſpeare, wie die Engländer behaupten, ebenfalls ein Mitglied . Anmerkungen. 381 dieſer Geſellſchaft geweſen ſei, iſt durchaus unerwieſen und nicht wahrſcheinlich. Der Saal, in welchem ſich die heitern Literatur⸗ freunde verſammelten, wurde von B. Jonſon der Apollo⸗Saal genannt; er dichtete Geſetze in lateiniſchen Verſen, die auf einer Tafel geſchrieben waren, und denen jedes Mitglied Folge leiſten mußte. Iſt meine Vermuthung in Anſehung der Mitra gegrün⸗ det, ſo iſt auch wohl eine Anſpielung auf dieſen Teufel⸗Apollo⸗ oder Dunſtan⸗Saal hier zu finden, und mit der Biſchofsmütze wären denn hier allerhand Religionen anzutreffen. Mancher ſeichte Geiſt, oder mancher Leichtſinnige mochte ſich von Zeit zu Zeit jenen beſſeren Humoriſten anſchließen, und es iſt nicht ohne Bit⸗ terkeit, wenn Shakſpear zu verſtehn giebt, Lucio und ſeine Ge⸗ fährten ſeien Theilnehmer jenes Clubbs, deſſen Unterhaltung, wie jede luſtige Geſellſchaft zu Zeiten wohl in Geſpräche, wie die des Lucio, ausarten mochte. Man hat ſo oft im B. Jonſon und andern Ausfälle auf Shakſpeare, zuweilen mühſam, geſucht, hier glaube ich einen Ausfall unſers Dichters auf den B Jonſon gefunden zu haben. Vielleicht erſcheint dem Kritiker die Ent⸗ deckung zweifelhaft, und die Erklärung geſucht und künſtlich. Aber man will doch lieber in einer ſonderbaren Stelle einen Ge⸗ danken als Nonſens finden, und etwas andres wird es nicht, wenn man ſich bei der Erklärung der Engländer beruhigt. Iſt die Sache richtig, fo beweiſ't die Stelle auch, daß das Stück, wie ich nach der Sprache vermuthe, um 1612 muß geſchrieben ſeyn, und nicht 1603, wie Malone glaubt. S. 801. 3. 7. v. u.— mag treffen, Derweil ich ſelbſt vom Kampfe fern mich halte und frei vom Tadel bleibe. Nach der Folio:— never in the Rght, 10 do in slander;— wofür die Neueren; never in ihe sight, to do e slander, leſen. S. 306. Z. 16. v. o. Vom Eis, das bricht— nach der Folio: Some run from Prakes of ice,— die Neueren leſen vice, unnöthig. S. 311. 3. 1. v. o. An Eurer Pumphoſe.— um 1550 fing in Deutſchland und England die Mode der großen, runden, ausgeſtopften Beinkleider an. Wie unſinnig weit die Verſchwendung von Seide und Tuch in den ſogenannten Pluder⸗ hoſen getrieben wurde, iſt bekannt. um 1612, Gzur Zeit dieſes Schauſpiels) war, nach vielfachem Wechſel der Mode, die runde, weite Hoſe ein Abzeichen der niedern Stände. Sonſt war ſie auch eine Tracht der gemeinen Irländer. S. che Coxcomb, von Fletcher(B. MX.) welches Schauſpiel auch vielleicht in dieſem Jahr geſpielt wurde. S. 317. Z. 6. v. u. Der die Gebete kreuzt: die Folio: where prayers cross.— Cross wie öfter für oross'd, — where prayr's cross'd. 382 Anmerkungen. S. 319. 3. 11. v. o. Die durch den Sturm der eignen Jugend fiel.— Die Neueren leſen Mames,— die Folio: Who falling in the Manus ol her owr Vonth— ich finde die Aenderung unnöthig, wenn wir Hlaws behalten, ſteht in, wie ſo oft, für by: auch wir können ſagen: ſie fiel im Sturm der Jugend, ſtatt durch den Sturm. S. 320. Z. 14. v. u. Das müſſig ſpielt im Wind,— Which the air heats for vain: vain ſteht hier für vanity, zum Spiel. S. 321. 3. 8. v. o. Der Volksdrang,— the general- subject,— etwas gezwungen, aber nicht ungewöhnlich, lieſt man aber the general, subject to a well- wish'd king, und nimmt mit Recht general für Benennung des Volks, ſo wird dieſer Vers äußerſt matt. Das unnöthige Comma hat Steevens hinzu gefügt. S. 323. Z. 2. v. u. Wenn kein Vaſall als er allein der Schwachheit! O wir ſind alle der Verſuchung Erben!— Eine ſchwierige und dunkle Stelle, der keine Erklärung oder Emendation ganz aufhelfen kann, da wirklich etwas zu feh⸗ len ſcheint. In der Folio: Ebe let m brother die, If not a fedarie but only he Owe, and succeed thy weaknesse. Schon Rowe änderte die Interpunktion und ſuchte dadurch der Stelle einen Sinn zu geben, man las nun und erklärte mit Warburton, der immer noch hier am verſtändigſten erklärt: If not a feodary, but only he, Owe, and succeed 5) weakness. Mein Bruder möge ſterben, wenn er der einzige iſt, der ſo ſündigt, wir ſind alle Vaſallen, die mit dieſer Sünde be⸗ lehnt worden, und einer übernimmt ſie vom andern. Der Ge⸗ danke iſt ſchön, doch widerſpricht die alte Leſeart thy und die Interpunktion. Owe iſt vielleicht nicht Beſitz, muß vielleicht O we geleſen werden,— und wenn etwas fehlt, ſo hieß der Vers vielleicht: O we are weak and succeed all thy weakness. In dieſem Sinne ſpricht die Ueberſetzung. S. 328. Z. 3. v. u. Der fromme Angelo. Die Folio lieſet hier und drei Zeilen weiter prenzie, wofür man, da es gar kein Wort iſt princely, oder priesty leſen kann. Der ueber⸗ ſetzer hat das lezte vorgezogen. Vielleicht könnte man an beiden Stellen precise leſen, ein Wort, wodurch man die ſtrengſten Puritaner, die genauſten Beobachter der Tugend und die Split⸗ terrichter bezeichnete: ſo kommt precise und precisian oft vor. S. 329. 3. 5. v. u. Das Alter, Meineid,— perjury, die alte Leſeart, Schande des Meineids, die Neuern leſen penury, Armuth. 6 Anmerkungen. 383 S. 334. 3. 11. von o. einen ganz beſondern Die⸗ trich— a strange piet loc— ungewiß, was es bedeuten ſoll, ſchwerlich einen Diebesſchlüſſel. S. 841. 3. J. v. o. Selbſt ein Muſter,— dieſe höchſt ſchwierige Stelle ſuche ich ſo zu erklären, indem ich ein Comma hinzufüge: Pattern in himself, to know, Grace to stand, and virtne go; Pattern iſt dann Subſtantiv, nicht Verbum; er ſei ſelbſt ein Muſter, 1o know, daß man in ihm erkenne, er habe Begna⸗ digung genug, um ſtehn bleiben zu dürfen, grace to stand, und doch die Faͤhigkeit, in ſeiner Tugend, ſo groß ſie ſei, fortzu⸗ ſchreiten, and virtne go, S. 346. 3. 1. v. o. Pomp. Dieſe Rede gehört, wie es auch die Folio zeigt, dem Glown und nicht dem Henker, welchem ſie die Editoren zugeſchrieben haben. Every true man's apparel üits your thief.— So fängt Grauslich ſeinen Beweis an: Jedes Ehrlichen Kleid paßt für den Dieb, es iſt ihm recht, kommt ihm zu ſtatten. Sogleich unterbricht ihn Pomp. mit ſeinen Wort⸗ ſpielen: If it be 100 little for Vour thief,— iſt es zu klein, zu eng für den Dieb(denn der Clown nimmt apparel für Hals⸗ ſchmuck, Verband, Strick) vour trne man thinks it pig enongh — ſo hält der ehrliche Mann den Strick immer noch für weit genug; if it be too bis for Faur thief,— iſt er zu dick, zu würgend für den Dieb,— Nour thief thinks it little enongh,— hält ihn doch der Dieb für eng genug.— So verſuche ich dieſe ſchwierige Stelle zu erklären. — Druckfehler im dritten Bande. Seite 309. Zeile 8. v. u. 319. Z. 6. v. o.: lies exanimiren ſſtatt examiniren.(Der Schreiber in derſelben Szene ſagt dagegen examinirt.). Seite 327. Z. 17. v. u. lies: anderntheils waren es Colo⸗ nieen, ſtatt: anderntheils ſind ſie Calomnieen. ———— Druckfehler im fuͤnften Bande. S. 6. 3. 23. v. v. l. Sie würden eingezwängt— ſt. So würden ꝛc. S⸗ 16. 3. 4. v. v. l. Pferd ſt. Pfand. S. 19. 3. 11. v. u. 1. Der Volsker Späher ſt. Spione. . n. Trompeten, Hörner, ſt. Trompetenhörner. S. 37. Z. 7. v. o. l. Brutgewimmel ſt. Buntgen mmel. S. 59. Z. 14. v. v. hinter heiſchte das Semikolon fort. Z. 15. v. o. Komma hinter Staat. k S. 60. Z. 12. v. u. l. Wirbſt ſt. Wärbſt. S. 62. Z. 7. v. u. l. Eintauſch' ſt. Enttäuſch'.— S. 3. 10. v. u. l. ſchauteſt, ſt. ſcheuteſt. S. 37. Z. 7. v. o. l. Er hieß mich Vater ſt. Euch. 3. 19. v. u. lies— Mordend Unmöglichkeit, zum ꝛc. S. 125. Z. 15. v. o. l. giftig würde werden, ſt. heftig. S. 204. Z. 11. v. o. l. Ruhm vert agen ſt. vertragen. S. 229. Z. 16. v. o. 1. Ehrt mich in ihr ſt. ihm. —— 3. 18. v. o. l. Die Bürgſchaft ſt. Dir. 6 S 233. 3. 6. v. u. l. Dank meinem Gatten ſt. meine atte. S. 273. Z. 41. v. o. I. Wünſchen war im mer ſt. nimmer. S. 353. 3. 4. v. o. 1. Ihm nach, Geſellen, ꝛc. 5 6 7 8 9 10 12 13 14 16 1 1 . 9 8 † S S