— „„— 8 — — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Eduard Oltmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——.——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das geiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * ———— — —— Shakspeare's dramatiſche Werke. — — Ueberſetzt Auguſt Wilhelm von Schlegel, ergänzt und erlaͤutert von Ludwig Tieck. Dritter Theil: König Richard der Dritte. König Heinrich der Achte. Sommernachtstraum. + Viel Lärmen um Nichts. Berlin, bey G. Reimer. 1 8 3. Vorrede zum dritten Theil. Ats ich vor einigen Jahren verſprach, die Schauſpiele Shakſpeare's, die W. von Schlegel noch nicht uͤberſetzt hatte, fur eine vollſtäͤndige deutſche Ausgabe des Dich⸗ ters ſelbſt zu ergänzen, berechnete ich zu wenig die Zeit, die mir zu Gebote ſtand, wenn ich nicht manche andre Arbeit auf lange liegen laſſen, oder aufgeben wollte. Vorgearbeitet hatte ich, aber die Uebertragung, wenn ſie mir genügen ſollte, forderte mehr Zeit und Ent⸗ fernung von jedem Geſchaͤft oder Studium, die mich immer wieder zerſtreuten. Der Verleger, mein Freund, hat mich aufgeſordert, die damals angekuͤndigte Ausgabe in ſo fern zu beſorgen, daß ich die Ueberſetzungen juͤn⸗ gerer Freunde, die ihre ganze Muße dieſem Studium widmen koͤnnen, durchſehe, und, wo es noͤthig iſt, ſie verbeſſere, auch einige Anmerkungen den Schauſpielen zufuͤge. Dieſes Geſchaͤft habe ich von neuem uͤbernom⸗ men, und ſo erſcheint hier der dritte Band, welcher damals uͤbergangen wurde, um die Reihe der hiſtori⸗ ſchen Dramen nicht zu unterbrechen. Der fuͤnfte iſt ebenfalls zum Drucke bereit, und wird den Cäſar, An⸗ tonius, Coriolan und die gezaͤhmte Widerſpänſtige ent⸗ W halten; der ſechſte, welcher gleich nach Michaelis er⸗ ſcheinen kann, iſt fuͤr Romeo, Hamlet, Othello und Maaß fuͤr Maaß beſtimmt. Fuͤr den naͤchſten Band behalte ich mir vor, meine Ueberſetzung des Macbeth zu geben, die ſchon laͤngſt weit gediehen iſt, ſo wie ich wenigſtens auch noch Love's labour's lost,(welches auch ſchon faſt vollendet) und die Merry Wives ſelbſt bearbeiten werde. Da jetzt die ruſtige Huͤlfe von Ein⸗ ſichtsvollen und der Sprache Kundigen hinzu getreten iſt, ſo wird dieſe Ausgabe, aus neun Theilen beſte⸗ hend, ohne neue Unterbrechung oder Hemmung in der beſtimmten Zeit vollendet ſeyn. Deutſchland hat es fuͤr immer zu beklagen, daß der erſte Ueberſetzer, Schlegel, ſich von dieſer Arbeit ganz zuruͤckgezogen hat. Ihn wird ſchwerlich jemand in die⸗ ſer Kunſt des Uebertragens wieder erreichen. Hätte ich alſo damals meine Arbeit nur furchtſam als Fortſetzung der ſeinigen geben moͤgen, ſo kann ich ebenfalls jetzt nicht, ſo aufmerkſam ich auch die Schauſpiele durchge⸗ gangen bin, die Ueberſetzung meiner Freunde, jede Wen⸗ dung und jeden Ausdruck vertreten. Jeder hat ſeine eigene Manier, ſeine Art, die Sprache und den Vers zu brauchen. Aenderungen können Fehler und Mißver⸗ ſtaͤndniſſe tilgen, aber nicht Colorit, Sprache und das Weſen der Arbeit ſelbſt zu bedeutend aͤndern, wenn nicht zu großer Widerſtreit und Ungleichheit im Werke ſelbſt entſtehen ſoll. Indeſſen werden dieſe Arbeiten nicht an Sorgfalt, Fleiß und Studium andern, die —— —— ——— erſchienen ſind, nachſtehen, und meine Erklaͤrung ſo vieler ſchwierigen, oder mißverſtandenen Stellen wird den Text in manchen Scenen herſtellen und erlaͤutern. Seit man(wie es vor Jahren mit faſt allgemeiner Einſtimmung geſchah) Schlegels Arbeit nicht mehr fuͤr unverbeſſerlich will gelten laſſen, wird es vielleicht bald dahin kommen, daß jede unternehmende Buchhandlung eine eigne Ueberſetzung des Shakſpeare beſorgen läßt. Es iſt nichts leichter, als durch Abkuͤrzung, undeutliche Kuͤrze, Haͤrte des Verſes und dergl. irgend ein Wort, eine Bezeichnung, die Schlegel ausließ, noch anzuklem⸗ men: wer aber Poeſie, Drama, und den Originaltert wahrhaft kennt, wird einſehen, wie faſt in allen Stel⸗ len Schlegel mit großer Weisheit und aͤchtem Geſchmack irgend eine Kleinigkeit, eine Nebenſache aufopferte, um das Groͤßere zu retten, und den Geiſt, die Geſchmei⸗ digkeit, den Wohllaut der Sprache im Charakteriſtiſchen beizubehalten. Was haͤtten die Deutſchen, auch die Dichter, aus dieſen Ueberſetzungen fuͤr Sprache und den dramatiſchen Jamben lernen koͤnnen! Früher fand man dieſe gelungene Arbeit zu ſchwerfaͤllig und dunkel; jetzt will es von vielen Seiten her verlauten, alles ſei zu leicht und unbedeutend. Wir werden hoffentlich wieder auf jenen fruͤhern Standpunct zuruͤckkehren, und die Bar⸗ barei, die Voß hat einfuͤhren wollen, hat zwar Nachah⸗ mer, aber keinen Beifall gefunden. Der Richard III., ſo wie der Sommernachts⸗Traum ſind von Schlegel, und waren ſchon in den vorigen VI Ausgaben. Im letzteren Stuͤck hat Schlegel noch vieles in den komiſchen Scenen von Wielands früherer Arbeit benutzt. Es iſt ſchwer, in dieſer wahrhaft geiſtreichen Weiſe viel zu ändern, wenn nicht andre Willkür an die Stelle dieſer treten ſoll. Haͤtte Wieland Vieles mit dieſer Luſt und Laune gearbeitet, ſich immer ſo um das Verſtaͤndniß des Textes bemuͤht, und das, was unuͤber⸗ ſetzlich ſchien, in ſo freiem, heiterm Sinn ergänzt, ſo wuͤrde auch jetzt noch ſein Verſuch weit mehr Lob ver⸗ dienen, als man ihm beilegen kann. Heinrich VIII. war ſchon vor Jahren einzeln gedruckt, erſcheint aber hier mit vielen Verbeſſerungen. In Viel Lärmen haben die Scenen der Wache und des Conſtabel freier und willkuͤrlicher ubertragen werden muͤſſen, wenn ſie eini⸗ germaßen dem Kauderwelſch des Originals entſprechen ſollten, als es ein aͤngſtlicher, bloß gewiſſenhafter Ueber⸗ ſetzer billigen wuͤrde. Hier muß aber jene Willkuͤr eintreten, die Schlegel im Heinrich V. ſo muſterhaft und Wieland in Pyramus und Thisbe ſo vortrefflich hat walten laſſen. Im folgenden Theile werde ich in den Anmerkun⸗ gen etwas ausfuͤhrlicher ſeyn, und einige Worte uͤber den dramatiſchen Jamben hinzufuͤgen. Koͤnig Richard der Dritte. erſ en Koͤnig Eduard der Vierte. Eduard, Prinz von Wales, nachmals Koͤnig Eduard der Fuͤnfte. Soͤhne des Koͤnigs. Richard, Herzog von York. George, Herzog von Clarence. 3 Richard, Herzog von Gloſter, nach⸗, Bruͤder des Koͤnigs. mals Koͤnig Richard der Dritte. Ein junger Sohn des Clarence. Heinrich, Graf von Richmond, nachmals Koͤnig Hein⸗ rich der Siebente. Cardinal Bourchier, Erzbiſchof von Canterbury. Erzbiſchof von York. Biſchof von Ely. Herzog von Buckingham. Herzog von Norfolk. Graf von Surrey, ſein Sohn. Graf Rivers, Bruder der Gemahlin Koͤnig Eduards. Marquis von Dorſet und Lord Grey, ihre Soͤhne. Graf von Orford. Lord Haſtings. Lord Stanley. Lord Lovel. Sir Thomas Vaughan. Sir Richard Ratcliff. Sir William Catesby. Sir James Tyrrel. Sir James Blount. Sir Walter Herbert. Sir Robert Brakenbury, Commandant des Thurms. Chriſtopher Urſwick, ein Prieſter. Ein andrer Prieſter. Lord Mayor von London. Sheriff von Wiltſhire. Eliſabeth, Gemahlin Koͤnig Eduards des Vierten. Margaretha, Witwe Koͤnig Heinrichs des Sechſten. Herzogin von York, Mutter Koͤnig Eduards des Vierten, Clarence's und Gloſters. Anna, Witwe Eduards, Prinzen von Wales, Sohnes Koͤnig Heinrichs des Sechſten; nachmals mit Gloſter vermaͤhlt. Eine junge Tochter des Clarence. Lords und andres Gefolge; zwey Edelleute, ein Herold, ein Schreiber, Buͤrger, Moͤrder, Boten, Geiſter, Soldaten ꝛc. Die Szene iſt in England. — — — Err ſter A ufzug. Erſte Szene. London. Eine Straße. (Gloſter tritt auf.) Gloſter. Nun ward der Winter unſers Mißvergnuͤgens Glorreicher Sommer durch die Sonne Yorks; Die Wolken all, die unſer Haus bedraͤut, Sind in des Weltmeers tiefein Schvoß begraben. Nun zieren unſte Brauen Siegeskraͤnze, Die ſchart'gen Waffen haͤngen als Trophaͤ'n; Aus rauhem Feldlaͤrm wurden muntre Feſte, Aus furchtbar'n Maͤrſchen holde Tanzmuſiken. er grimm'ge Krieg hat ſeine Stirn entrunzelt, Und ſtatt zu reiten das geharn'ſchte Roß, Um droh'nder Gegner Seelen zu erſchrecken, Huͤpft er behend' in einer Dame Zimmer Nach uͤppigem Gefallen einer Laute. Doch ich, zu Poſſenſpielen nicht gemacht, Noch um zu buhlen mit verliebten Spiegeln; Ich, roh gepraͤgt, entbloͤßt von Liebes⸗Majeſtät Vor leicht ſich drehn'den Nymphen mich zu bruͤſten; Ich, um dieß ſchone Ebenmaaß verkuͤrzt, Von der Natur um Bildung falſch betrogen, Entſtellt, verwahrloſt, vor der Zeit geſandt In dieſe Welt des Athmens, halb kaum fertig Gemacht, und zwar ſo lahm und ungeziemend, Daß Hunde bellen, hink' ich wo vorbey; 1* 4 Koͤnig Richard W1. 50 nun, in dieſer ſchlaffen Friedenszeit, Weiß keine Luſt, die Zeit mir zu vertreiben, Als meinen Schatten in der Sonne ſpaͤhn Und meine eigne Mißgeſtalt eroͤrtern; Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter Kann kuͤrzen dieſe fein beredten Tage, Bin ich gewillt ein Boͤſewicht zu werden, Und feind den eitlen Frenden dieſer Tage. Anſchlaͤge macht' ich, ſchlimme Einleitungen, Durch trunkne Weiſſagungen, Schriften, Traͤume, Um meinen Bruder Clarence und den Koͤnig In Todfeindſchaft einander zu verhetzen. Und iſt nur Koͤnig Eduard treu und aͤcht, Wie ich verſchmitzt, falſch und verraͤtheriſch, So muß heut Clarence eng verhaftet werden, Fuͤr eine Weiſſagung, die ſagt, daß G Den Erben Eduards nach dem Leben ſteh'. Taucht unter, ihr Gedanken! Clarence kommt. (Clarence kommt mit Wache und Brakenbury.) Mein Bruder, guten Tag! Was ſoll die Wache Bei euer Gnaden? Clar. Seine Majeſtaͤt, Beſorgt um meine Sicherheit, verordnet Mir dieß Geleit, mich nach dem Thurm zu ſchaffen. Gloſt. Aus welchem Grund? Clar. Weil man mich George nennt. Gloſt. Ach, Mylord, das iſt euer Fehler nicht, Verhaften ſollt' er darum eure Pathen. O, vielleicht hat Seine Majeſtat im Sinn Umtaufen euch zu laſſen dort im Thurm. Doch was bedentets, Clarence? Darf ichs wiſſen? Clar. Ja, Richard, wann ichs weiß: denn ich betheure, Noch weiß ichs nicht; nur dieß hab' ich gehoͤrt, Er horcht auf Weiſſagungen und auf Traͤume, Streicht aus dem Alphabet den Buchſtab G, Und ſpricht, ein Deuter ſagt' ihm, daß durch G Enterbung uͤber ſeinen Stamm ergeh'; Und weil mein Name George anfaͤngt mit G, So denkt er, folgt, daß es durch mich geſcheh'. Dieß, wie ich hoͤr', und Grillen, dieſen gleich, Bewogen Seine Hoheit zum Verhaft. Gloſt. So gehts, wenn Weiber einen Mann regieren. 'S iſt Eduard nicht, der in den Thurm euch ſchickt; x Sz. 1. der Dritte. 5 Mylady Grey, ſein Weib, Clarence, nur ſie Neizt ihn zu dieſem harten Aeußerſten. War ſie es nicht, und jener Mann der Ehren, Ihr guter Bruder, Anton Woodeville, Die in den Thurm Lord Haſtings ſchicken ließen, Von wo er eben heute losgekommen? Wir ſind nicht ſicher, Clarence, ſind nicht ſicher. Clar. Beym Himmel, niemand iſt es, als die Sippſchaft Der Koͤnigin, und naͤchtliche Herolde, Des Koͤnigs Botenlaͤufer zu Frau Shore. Hoͤrtet ihr nicht, wie ſich demuͤthig flehend Lord Haſtings um Befreyung an ſie wandte? Gloſt. Demuͤthig klagend ihrer Goͤttlichkeit, Ward der Herr Oberkaͤmmerer befreyt. Hoͤrt an, ich denk', es waͤr' die beſte Art,. Wenn wir in Gunſt beym Koͤnig bleiben wollen, Bey ihr zu dienen und Livrey zu tragen. Die eiferjuͤcht'ge abgenutzte Witwe Und jene, ſeit mein Bruder ſie geadelt, Sind maͤchtige Gevatterfrau'n im Reich. Brak. Ich erſuch' eur Gnaden beide zu verzeihn, Doch Seine Majeſtaͤt hat ſtreng befohlen, Daß niemand, welches Standes er auch ſey, Soll ſprechen insgeheim mit ſeinem Bruder. Gloſt. Ja ſo! Beliebts eur Edeln, Brakenbury, So hoͤrt nur allem, was wir ſagen, zu: Es iſt kein Hochverrath, mein Freund. Wir ſagen, Der Koͤnig ſey ſo weif als tugendſam, Und ſein verehrtes Ehgemahl an Jahren Anſehnlich, ſchoͤn und ohne Eiferfucht; Wir ſagen, Shore's Weib hab ein hubſches Fuͤßchen, Ein Kirſchenmuͤndchen, Aeugelein, und wunderſuͤße Zunge, Und daß der Koͤngin Sippſchaft adlich worden. Was ſagt ihr, Herr? iſt alles das nicht wahr? Brak. Mylord, ich bin bey allem dem nichts nutz. Gloſt. Nichtsnutzig bei Frau Shore? Hoͤr an, Geſell: Iſt wer bei ihr nichtsnutzig, als der eine, Der thaͤt' es beſſer insgeheim, alleine. Brak. Als welcher eine, Mylord? Gloſt. Ihr Mann, du Schuft; willſt du mich fangen? Brak. Ich erſuch' eur Gnaden zu verzeihn, wie auch Nicht mehr zu ſprechen mit dem edlen Herzog. 6 Koͤnig Richard Clar. Wir kennen deinen Auftrag, Brakenbury, Und woll'n gehorchen. Gloſt. Wir ſind die Verworfnen Der Koͤnigin, und muͤſſen ſchon gehorchen. Bruder, lebt wohl! Ich will zum Koͤnig gehn, Und wozu irgend ihr mich brauchen wollt, Muͤßt' ich auch Eduards Witwe Schweſter nennen, Ich will's vollbringen, um euch zu befreyn. Doch dieſe tiefe Schmach der Bruͤderſchaft Ruͤhrt tiefer mich, als ihr euch denken koͤnnt. Clar. Ich weiß es, ſie gefaͤllt uns beiden nicht. Gloſt. Wohl, eur Verhaft wird nicht von Dauer ſeyn: ch mach, euch frey, ſonſt lieg' ich ſelbſt fur euch. Indeſſen habt Geduld. Clar. Ich muß; leb wohl! (Clarence mit Brakenbury und der Wache ab.) Gloſt. Geh nur des Wegs, den du nie wiederkehrſt, Einfaͤlt'ger Clarence! So ſehr lieb' ich dich,. Ich ſende bald dem Himmel deine Seele, Wenn er die Gab' aus unſter Hand will nehmen. Doch wer kommt da? der neubefreyte Haſtings? (Gaſtings tritt auf.) Zaſt. Vergnuͤgten Morgen meinem gnaͤd'gen Herrn! Gloſt. Das Gleiche meinem lieben Kaͤmmerer! Seyd ſehr willkommen in der freyen Luft. Wie fand eur Gnaden ſich in den Verhaft? Zaſt. Geduldig, edler Herr, wie man wohl muß; Doch hoff' ich denen Dank einſt abzuſtatten, Die Schuld geweſen ſind an dem Verhaft. Gloſt. Gewiß, gewiß! und das wird Clarence auch; Die eure Feinde waren, ſind die ſeinen, Und haben Gleiches wider ihn vermocht. Baſt. Ja leider wird der Adler eingeſperrt, Und Geyr und Habicht rauben frey indeß. Gloſt. Was giebt es Neues draußen? Baſt. So Schlimmes draußen nichts, als hier zu Haus. Der Füͤrſt iſt kraͤnklich, ſchwach und melancholiſch, Und ſeine Aerzte fuͤrchten ungemein.„ Gloſt. Nun, bey Sankt Paul! die Neuigkeit iſt ſchlimm. O er hat lange ſchlecht Diat gehalten, Und ſeine fuͤrſtliche Perſon verzehrt. Es iſt ein Herzeleid, wenn man's bedenkt. Sagt, huͤtet er das Bett? 3 Sz2. der Dritte. 7 Baſt. Er thut's. Gloſt. Geht nur voran, ich folge bald euch nach. (Haſtings ab.) Er kann nicht leben, hoff' ich; darf nicht ſterben, Eh' George mit Extrapoſt gen Himmel faͤhrt. Ich will hinein, und ihn auf Clarence hetzen Mit wohl geſtählten Luͤgen, trift'gen Gruͤnden; Und wenn mein tiefer Plan mir nicht mißlingt, Pat Clarence weiter keinen Tag zu leben. Dann nehme Gott in Gnaden Koͤnig Eduard, Und laſſe mir die Welt zu hauſen drin. Denn dann heirath' ich Warwicks juͤngſte Tochter. Ermordet' ich ſchon ihren Mann und Vater, Der ſchnellſte Weg der Dirne gnng zu thun Iſt, daß ich ſelber werd' ihr Mann und Vater. Das will ich denn, aus Liebe nicht ſowohl, Als andrer tief verſteckter Zwecke halb, Die dieſe Heirath mir erreichen muß. Doch mach' ich noch die Nechnung ohne Wirth; Noch athmet Clarence, Ednard herrſcht und thront: Sind ſie erſt hin, dann wird die Muͤh' (ab. — 8 weyte Szen e. London. Eine andre Straße. Goͤnig Heinrichs des Sechſten Leiche wird in einem offnen Sarge hereingetragen, Edelleute mit Hellebarden begleiten ſie; hierauf Prinzeſſin Anna als Leidtraͤgerin.) Anna. Setzt nieder eure chrenwerthe Laſt,— Wofern ſich Ehre ſenkt in einen Sarg,— Indeſſen ich zur Leichenfeyer klage Den fruͤhen Fall des frommen Lancaſter. Da eiskalt Bildniß eines heil'gen Koͤnigs! Des Hauſes Lancaſter erblichne Aſche! Blutloſer Reſt des koͤniglichen Bluts! Vergoͤnnt ſey's, aufzurufen deinen Geiſt, Daß er der armen Anna Jammer hoͤre, Die Eduards Weib war, deines Sohns, erwuͤrgt 8 Koͤnig Richard A.I. Von jener Hand, die dieſe Wunden ſchlug. In dieſe Fenſter, die ſich aufgethan, Dein Leben zu entlaſſen, traͤufl' ich, ſieh! Huͤlfloſen Balſam meiner armen Augen. Verflucht die Hand, die dieſe Riſſe machte! Verflucht das Herz, das Herz hatt', es zu thun! Verflucht das Blut, das dieſes Blut entüeß! Sel Schickſal treffe den Elenden, er elend uns gemacht durch deinen Tod, Als ich kann wuͤnſchen Nattern, Spinnen, Kroͤten Und allem giftigen Gewuͤrm, das lebt. Hat er ein Kind je, ſo ſey's mißgebohren, Verwahrloſt und zu fruͤh ans Licht gebracht, Deß graͤulich unnatuͤrliche Geſtalt Den Blick der hoffnungsvollen Mutter ſchrecke; Und das ſey Erbe ſeines Mißgeſchicks! Hat er ein Weib je, nun ſo moͤge ſie Sein Tod um vieles noch elender machen, Als mich mein junger Ehgemahl und du!— Kommt nun nach Chertſey mit der heil'gen Laſt, Die von Sankt Paul wir zur Beſtattung holten, Und immer, wenn ihr muͤde ſeyd, ruht aus, Derweil ich klag' um Koͤnig Heinrichs Leiche. Die Fraͤger nehmen die Leiche auf und gehen weiter.) Gloſter tritt auf.) Gloſt. Halt! ihr der Leiche Traͤger, ſetzt ſie nieder! Anna. Welch ſchwarzer Zaubrer bannte dieſen Boͤſen Zur Stoͤrung frommer Liebesdienſte her? Gloſt. Schurken, die Leiche nieder! Bey Sankt Paul, Zur Leiche mach' ich den, der nicht gehorcht! 1. Edelm. Mylord, aus und laßt den Sarg vorbey. Gloſt. Schamloſer Hund! ſteh du, wenn ich's befehle! Senk die Hellbarde nicht mir vor die Bruſt, Sonſt, bey Sankt Paul! ſtreck' ich zu Boden dich, Und trete, Bettler, dich fuͤr deine Keckheit. Die Traͤger ſetzen den Sarg nieder.) Anna, Wie nun? ihr zittert, ihr ſeyd all' erſchreckt? Doch ach! ich tadl' euch nicht: ihr ſeyd ja ſterblich, Und es ertraͤgt kein ſterblich Aug' den Teufel.— 2 dich hinweg, du graufer Höllenbote! u hatteſt Macht nur uber ſeinen Leib, Die Seel' erlangſt du nicht: drum mach' dich fort. —— 2—— Sz. 2. der Dritte. 9 Gloſt. Sey chriſtlich, ſuße Heil'ge! fluche nicht! Anna. Um Gottes Willen, ſchnoͤder Teufel, fort, Und ſtoͤr' uns ferner nicht! Du machteſt ja Zu deiner Hoͤlle die begluckte Erde, Erfullt mit Fluchgeſchrey und tiefein Weh. Wenn deine grimm'gen Thaten dich ergotzen, Sieh dieſe Probe deiner Metzgerey'n.— Ihr Herrn, ſeht, ſeht! des todten Heinrichs Wunden Heffnen den ſtarren Mund, und bluten friſch.— Erroͤthe, Klumpe ſchnoͤder Mißgeſtalt! Denn deine Gegenwart haucht dieſes Blut Aus Adern, kalt und leer, wo kein Blut wohnt; Ja deine That, unmenſchlich, unnatuͤrlich, Auft dieſe Flut hervor, ſo unnatuͤrlich.— Du ſchufſt dieß Blut, Gott! raͤche ſeinen Tod; Du trinkſt es, Erde: raͤche ſeinen Tod! Laß, Himmel, deinen Blitz den Moͤrder ſchlagen! Gaͤhn', Erde, weit, und ſchling' ihn lebend ein, Wie jetzo dieſes guten Koͤnigs Blut, Den ſein der Hoͤll ergebner Arm gewuͤrgt! Gloſt. Herrin, ihr kennt der Liebe Vorſchrift nicht, Mit Gutem Boͤſes, Fluch mit Segen lohnen. Anna. Bube, du kennſt kein gottlich, menſchlich Recht; Das wild'ſte Thier kennt doch des Mitleids Regung. Gloſt. Ich kenne keins, und bin daher kein Thier. Anna. O Wunder, wenn ein Teufel Wahrheit ſpricht! Sloſt. Mehr Wunder, wenn ein Engel zornig iſt!— Geruhe, goͤttlich Urbild eines Weibes, Von der vermeinten Schuld mir zu erlauben Gelegentlich bey dir mich zu befreyn. Anna. Geruhe, gift'ger Abſchaum eines Manns, Fuͤr die bekannte Schuld mir zu erlauben Gelegentlich zu fluchen dir Verfluchtem. Gloſt. Du, ſchoͤner als ein Mund dich nennen kann! Verleih geduld'ge Friſt, mich zu entſchuld'gen. Anna. Du, ſchnoͤder als ein Herz dich denken kann! Fuͤr dich gilt kein Entſchuld'gen, als dich haͤngen. loſt. Verzweifelnd ſo, verklagt' ich ja mich ſelbſt. Anna. Und im Verzweifeln waͤreſt du entſchuldigt, Durch Uebung wuͤrd'ger Rache an dir ſelbſt, Der du unwuͤrd'gen Mord an Andern uͤbteſt. Gloſt. Setz, ich erſchlug ſie nicht. 10 Koͤnig Richard A.. d Anna. So waͤren ſie nicht todt; Doch todt ſind ſie, und, Höllenknecht, durch dich. Gloſt. Ich ſchlug nicht euren Gatten. Anna. Nun wohl, ſo lebt er noch. Gloſt. Nein, er iſt todt, und ihn ſchlug Ednards Hand. Anna. Du luͤgſt in deinen Hals; Margretha ſah In ſeinem Blut dein moͤrdriſch Meſſer dampfen, as du einſt wandteſt gegen ihre Bruſt, 2 Nur deine Bruͤder ſchlugen es beyſeit. Gloſt. Ich war gereizt von ihrer Laͤſterzunge, Die jener Schuld legt' auf mein ſchuldlos Haupt. Anna. Du warſt gereizt von deinem blutgen Sinn, Der nie von anderm traͤumt' als Metzgerey'n. Haſt du nicht dieſen Koͤnig umgebracht? Gloſt. Ich geb' es zu. Anna. Zugiebſt du's, Igel? Nun, ſo geb' auch Gott, Daß du verdammt ſeyſt für die boͤſe That! O er war guͤtig, mild und tugendſam. Gloſt. So taugt er, bey des Himmels Herrn zu wohnen. Anna. Er iſt im Himmel, wo du niemals hinkommſt. Gloſt. Er danke mir, der ihm dahin verholfen: Er tangte fuͤr den Ort, nicht fuͤr die Erde. Anna. Du taugſt fuͤr keinen Ort, als fuͤr die Hoͤlle. Gloſt. Ja, Einen noch, wenn ich ihn nennen darf. Anna. Ein Kerker. Gloſt. Euer Schlafzimmer. Anng. Verbannt ſey Ruh vom Zimmer, wo du liegſt. Gloſt. Das iſt ſie, Herrin, bis ich bey euch liege. Anna. Ich hoff' es. Gloſt. Ich weiß es.— Doch, liebe Lady Anna, Um aus dem raſchen Anlauf unſers Witzes In einen mehr geſetzten Ton zu fallen: Iſt, wer verurſacht den zu fruͤhen Tod Der zwey Plantagenets, Heinrich und Ednard, So tadelnswerth als der Vollzieher nicht? Anna. Du warſt die Urſach und verfluchte Wirkung. Gloſt. Eur Reiz allein war Urſach dieſer Wirkung, Eur Reiz, der heim mich ſucht' in meinem Schlaf, Von aller Welt den Tod zu unternehmen Fuͤr eine Stund' an eurem ſuͤßen Buſen. Anna. Daͤcht' ich das, Moͤrder, dieſe Naͤgel ſollten Von meinen Wangen reißen dieſen Reiz. Gloſt. Dieß Auge kann den Reiz nicht tilgen ſehn; — ₰ Sz. 2. der Dritte. 11 Ihr thaͤtet ihm kein Leid, ſtand' ich dabey. Wie alle Welt ſich an der Sonne labt, So ich an ihm: er iſt mein Tag, mein Leben. Anna. Nacht ſchwaͤrze deinen Tag und Tod dein Leben. Gloſt. Fluch', hold i dir ſelbſt nicht: du biſt eides. Anna. Ich wollt', ich waͤr's, um mich an dir zu raͤchen. Gloſt. Es iſt ein Handel wider die Natur, Dich raͤchen an dem Manne, der dich liebt. Anna. Es iſt ein Handel nach Vernunft und Recht, Mich räͤchen an dein Moͤrder meines Gatten. Gloſt. Der dich beraubte, Herrin, deines Gatten, Thats, dir zu ſchaffen einen beſſern Gatten. Anna. Ein beßrer athmet auf der Erde nicht. Gloſt. Es lebt wer, der euch beſſer liebt als er. Anna. Nenn' ihn. Gloſt. Plantagenet. . Anna. So hieß ja er. Gloſt. Derſelbe Name, doch bey beßrer Art. Anna. Wo iſt er? Gloſt. Hier.(Sie ſpeyt nach ihm.) Warum ſpeyſt du mich an? Anna. Wäͤr' es doch todtlich Gift, um deinethalb! Gloſt. Niemals kam Gift aus ſolchem ſuͤßen Ort. Anna. Riemals hing Gift an einem ſchnoͤdern Molch. Aus meinen Angen fort! dn ſteckſt ſie an. Gloſt. Dein Auge, Herrin, hat meins angeſteckt. Anng. O waͤr's ein Baſilisk, dich todt zu blitzen! Gloſt. Ich wollt' es ſelbſt, ſo ſtuͤrb' ich auf einmal, Denn jetzo giebt es mir lebend'gen Tod. Dein Aug' erpreßte meinen ſalze Thraͤnen, Beſchaͤmt' ihr Licht mit kind ſcher Tropfen Fuͤlle, Die Augen, nie benetzt von Mitleids-Thraͤnen: Nicht als mein Vater York und Eduard weinten Bei Rutlands bangem Jammer, da ſein Schwert Der ſchwarze Clifford zuckte wider ihn; Noch als dein tapfrer Vater wie ein Kind Klaͤglich erzaͤhlte meines Vaters Tod, Und zehnmal inne hielt zu ſchluchzen, weinen, Daß, wer dabey ſtand, naß die Wangen hatte Wie Laub im Regen: in der traur'gen Zeit Verwarf mein maͤnnlich Ange niedre Thraͤnen, Und was dieß Leid ihm nicht entſaugen konnte, 12 Koͤnig Richard Ak Das that dein Reiz, und macht' es blind vom Weinen. Ich flehte niemals weder Freund noch Feind, Nie lernte meine Zunge Schmeichel-Worte: Doch nun dein Reiz mir iſt geſetzt zum Preis, Da ſleht mein ſtolzes Herz, und lenkt die Zunge. Sie ſieht ihn veraͤchtlich an.) Nein, lehr' nicht deine Lippen ſolchen Hohn: Zum Kuß geſchaffen, Herrin, ſind ſie ja. Kann nicht verzeihn dein rachbegierig Herz, So biet' ich, ſieh! dieß ſcharfgeſpitzte Schwert; Birg's, wenn du willſt, in dieſer treuen Bruſt, Und laß die Seel' heraus, die dich vergoͤttert: Ich lege ſie dem Todesſtreiche bloß, Und bitt', in Demuth knieend, um den Tod. Er entbloͤßt ſeine Bruſt, ſie zielt mit dem Degen nach ihm.) Nein, zoͤgre nicht: ich ſchlug ja Koͤnig Heinrich, Doch deine Schoͤnheit reizte mich dazu. Nur zu! Denn ich erſtach den jungen Ednard: (Sie zielt wieder nach ſeiner Bruſt.) Jedoch dein himmliſch Antlitz trieb mich an. Sie laͤßt den Degen fallen.) Nimm auf den Degen, oder nimm mich auf. Anna. Steh, Heuchler, auf! Wuͤnſch' ich ſchon deinen d od, So will ich doch nicht ſein Vollſtrecker ſeyn. Gloſt. So heiß' mich ſelbſt mich toͤdten, und ich will's. Anna. Ich that es ſchon. Gloſt. Das war in deiner Wuth. Sag's noch einmal, und gleich ſoll dieſe Hand, Die deine Lieb' aus Lieb' erſchlug zu dir, Weit treuere Liebe dir zu Lieb' erſchlagen; Du wirſt an beider Tod mitſchuldig ſeyn. Anna. Kennt' ich doch nur dein Herz! Gloſt. Auf meiner Zunge wohnt's. Anna. Vielleicht ſind beyde falſch. Gloſt. Dann meynt' es niemand treu. Anna. Nun wohl, ſteckt ein das Schwert. Gloſt. Gewaͤhrſt du Frieden mir? Anna. Das ſollt ihr kuͤnftig ſehn. Gloſt. Darf ich in Hoffnung leben? Anna. Ich hoffe, jeder thut's. Gloſt. Tragt dieſen Ring von mir. Anna. Annehmen iſt nicht geben.(Sie ſteckt den Ring an.) Sz. 2. der Dritte. 13 Gloſt. Sieh, wie der Ring umfaſſet deinen Finger, So ſchließt dein Buſen ein mein armes Herz; Trag' beide, denn ſie ſind ja beide dein. Und wenn dein treuſter Diener Eine Gunſt Erbitten darf von deiner gnaͤd'gen Hand, So ſicherſt du ſein Gluͤck ihm zu für immer. Anna. Was iſt es? Gloſt. Daß ihr dieß tranr'ge Werk dem uͤberlaßt, Der groͤß're Urſach leidzutragen hat, Und euch ſogleich nach Crosby⸗Hof begebt, Wo ich, nachdem ich feyerlich beſtattet In Chertſey⸗Muͤnſter dieſen edlen Koͤnig, Und reuevoll ſein Grab genetzt mit Thraͤnen, Mit aller ſchuld'gen Ehr' euch will beſuchen. Aus mancherley geheimen Gruͤnden, bitt ich, Gewaͤhrt mir dieß. Anna. Von ganzem Herzen, und es freut mich ſehr, Zu ſehn, daß ihr ſo renig worden ſeyd.— Weſſel und Berkley, kommt, begleitet mich. Gloſt. Sagt mir Lebwohi. Anng. S iſt mehr als ihr verdient, Doch weil ihr, euch zu ſchmeicheln, mich gelehrt, So denkt, ich ſagte ſchon euch Lebewohl. Prinzeſſin Anna mit zwey Edelleuten ab.) Sloſt. Nehmt auf die Leich', ihr Herrn. 2. Edelm. Nach Chertſey, edler Lord? Gloſt. Nein, zu den Carmelitern; dort erwartet mich. Der Zug mit der Leiche ab.) Ward je in dieſer Laun' ein Weib gefreit? Ward je in dieſer Laun' ein Weib gewonnen? Ich will ſie haben, doch nicht lang behalten. Wie? ich, der Moͤrder ihres Mann's und Vaters, In ihres Herzens Abſchen ſie zu fangen, Im Munde Fluͤche, Thraͤnen in den Augen, Der Zeuge ihres Haſſes blutend da; Gott, ihr Gewiſſen, all dieß wider mich, Kein Freund, um mein Geſuch zu unterſtutzen, Als Heuchler⸗Blicke und der baare Teufel, 3 doch ſie zu gewinnen! alles gegen nichts! a! Entfiel ſo bald ihr jener wackre Prinz, Eduard, ihr Gatte, den ich vor drey Monden Zu Tewksbury in meinem Grimm erſtach? 14 Koͤnig Richard A. I. Solch einen holden liebenswuͤrd'gen Herrn, In der Verſchwendung der Natuͤr gebildet, ung, tapfer, weiſ', und ſicher koniglich, Hat nicht die weite Welt mehr aufzuweiſen: Und will ſie doch ihr Aug' auf mich erniedern, Der dieſes Prinzen goldne Bluͤthe brach, Und ſie verwitwet' im betruͤbten Bett? Auf mich, der nicht dem halben Eduard gleich kommt? Auf mich, der hinkt und mißgeſchaffen iſt? Mein Herzogthum fuͤr einen Bettler-Pfennig, Ich irre mich in mir die ganze Zeit: wahr ich lebe, kann ich's gleich nicht finden, Sie find't, ich ſey ein wunderhuͤbſcher Mann. Ich will auf einen Spiegel was verwenden, Und ein paar Dutzend Schneider unterhalten, Um Trachten auszuſinnen, die mir ſtehn. Da ich bey mir in Gunſt gekommen bin, So will ich's auch mich etwas koſten laſſen. Doch ſchaff' ich den Geſellen erſt ins Grab, Und kehre jammernd dann zur Liebſten um. Komm, holde Sonn', als Spiegel mir zu Statten, Und zeige, wenn ich geh', mir meinen Schatten.(ab.) — Dritte Szene. Eben daſelbſt. Ein Zimmer im Palaſt. (Foͤnigin Eliſabeth, Lord Rivers und Lord Grey treten auf.) Rivers. Seyd ruhig, Fuͤrſtin: bald wird Seine Majeſtaͤt Sich wieder im erwuͤnſchten Wohlſeyn finden. Grepy. Es macht ihn ſchlimmer, daß ihr's uͤbel tragt: Um Gottes willen alſo, ſeyd getroſt, Und muntert ihn mit frohen Worten auf. Eliſ. Was wuͤrde mir begegnen, waͤr' er todt? Grey. Kein ander Leid, als ſolches Herrn Verluſt. Eliſ. Solch eines Herrn Verluſt ſchließt jedes ein. Grey. Der Himmel ſchenkt' euch einen wackern Sohn, Wenn er dahin iſt, Troͤſter euch zu ſeyn. N Sz 3. der Dritte. 15 Eliſ. Ach! er iſt jung, und bis zur Muͤndigkeit Fuͤhrt uͤber ihn die Sorge Richard Gloſter, Ein Mann, der mich nicht liebt, noch wen von euch. Riv. Iſt's ausgemacht, daß er Protector wird? Eliſ. Es iſt beſchloſſen, noch nicht ausgemacht: Allein es muß ſeyn, wenn der Koͤnig abgeht. (Buckingham und Stanley treten auf.) Grey. Da ſind die Lords von Buckingham und Stanley. Buck. Eur koͤniglichen Gnaden Heil und Gluͤck! Stan. Gott mog' eur Majeſtaͤt erfreun wie ehmals! Eliſ. Die Graͤfin Richmond, lieber Mylord Stanley, Sagt auf eur gut Gebet wohl ſchwerlich Amen. Doch, Stanley, ob ſie euer Weib ſchon iſt, Und mich nicht liebt, ſeyd, beſter Lord, verſichert, Ich haſſt euch nicht um ihren Uebermuth. Stan. Meßt, ich erſuch' euch, keinen Glauben bey Den Laͤſterungen ihrer falſchen Klaͤger; Und wuͤrde ſie auf guͤlt'gen Grund verklagt, Tragt ihre Schwaͤche, die gewiß entſteht Aus kranken Grillen, nicht bedachter Bosheit. Eliſ. Saht ihr den Koͤnig heute, Mylord Stanley? Stan. Wir kommen, Herzog Buckingham und ich, Nur eben jetzt von Seiner Maſeſtät. Eliſ. Was iſt fuͤr Anſchein ſeiner Beßrung, Lords? Buck. Die beſte Hoffnung, eur Gemahl ſpricht munter. Lliſ. Gott geb' ihm Heil! Beſpracht ihr euch mit ihm? uck. Ja, gnaͤd'ge Frau: er wuͤnſcht den Herzog Gloſter Mit euren Brüdern wieder auszuſoͤhnen, Und dieſe mit dem Oberkaͤmmerer, Und hieß vor Seiner Hoheit ſie erſcheinen. Eliſ. Waͤr' alles gut! Doch das wird nimmer ſeyn: Ich fuͤrchte, unſer Gluͤck hat ſeine Hoͤh'. Gloſter, Haſtings unß Dorſet.) Gloſt. Sie thun mir Unrecht, und ich will s nicht dulden. Wer ſind ſie, die beym Koͤnig ſich beklagen, Ich ſey, man denke, hart, und lieb' ſie nicht? Beym heil'gen Pauk, der liebt ihn obenhin, Wer ſo ſein Ohr mit Zankgeruͤchten anfuͤllt. Weil ich nicht ſchmeicheln und beſchwatzen kann, Zulachen, ſtreicheln, hintergehn und kriechen, Fuchsſchwaͤnzend wie ein Franzmann und ein A So haͤlt man mich fuͤr einen haͤm'ſchen Feind. Kann denn ein ſchlichter Mann nicht harmlos leben, 16 Koͤnig Richard A. I. Daß nicht ſein redlich Herz mißhandelt wuͤrde Von ſeidnen, ſchlauen, ſchmeichleriſchen Gecken? Grey. Mit wem in dieſem Kreis ſpricht euer Gnaden? Gloſt. Mit dir, der weder Tugend hat, noch Gnade. Wann kraͤnkt' ich dich? wann that ich dir zu nah? Und dir? und dir? Wann einem eurer Rotte? Die Peſt euch allen! Unſer gnaͤd'ger Fuͤrſt— Den Gott erhalte, beſſer als ihr wuͤnſcht!— Kann kaum ein Athemholen ruhig ſeyn, Daß ihr ihn nicht mit wuͤſten Klagen ſtoͤrt. Eliſ. Bruder von Gloſter, ihr mißnehmt die Sache. Der Koͤnig hat, auf eignen hoͤchſten Antrieb, Und nicht bewogen durch ein fremd Geſuch, Vielleicht vermuthend enren innern Haß, Der ſich in enrem aͤußern Thun verraͤth, Auf meine Kinder, Bruͤder und mich ſelbſt, Zu euch geſandt, damit er ſo erfahre Die Urſach eures Grolls, und weg ſie ſchaffe. Gloſt. Ich weiß es nicht,— die Welt iſt ſo verderbt, Zaunkoͤn'ge hauſen, wo's kein Adler wagt. 1 Seit jeder Hans zum Edelmanne ward, So wurde mancher edle Mann zum Hans. Eliſ. Schon gut! Su kennt die Meynung, Bruder loſter: Ihr neidet mein und meiner Freunde Gluͤck. Gott gebe, daß wir nie euch noͤthig haben! Gloſt. Gott giebt indeß, daß wir euch noͤthig haben; Denn unſer Bruder iſt durch euch verhaftet, Ich ſelbſt in Ungnad', und der Adel Preis Der Schmach gegeben, da man hohe Poſten Taͤglich verleiht, mit Ehren die zu kroͤnen, Die geſtern keine Kron' im Beutel hatten. Eliſ. Bey dem, der mich zu banger Hoͤh' erhob, Von dem zufriednen Loos, das ich genoß! Ich reizte niemals Seine Majeſtaͤt Wider den Herzog Clarence, war vielmehr Ein Anwald, welcher eifrig fuͤr ihn ſprach. Mylord, ihr thut mir ſchmaͤhlich Unrecht an, Da ihr mich falſch in ſolchen Argwohn bringt. Gloſt. Ihr koͤnnt auch laͤugnen, daß ihr Schuld gehabt An Mylord Haſtings neulichem Verhaft. Riv. Sie kann's, Mylord; denn— Gloſt. Sie kann's, Lord Rivers? Ey, wer weiß das nicht? — 6) 58 en, 6— er bt t? Sz 3. der Dritte. 3 Sie kann noch mehr als dieſes laͤngnen, Herr: Sie kann euch helfen zu manch ſchoͤnem Poſten, Dann laͤugnen ihre Hand im Spiel dabey, Und alles nennen des Verdienſtes Lohn. Was kann ſie nicht? Sie kann,— ja traun! ſie kann— Riv. Was kann ſie, traun? Sloſt. Was kann ſie traun? Mit einem Koͤnig traun, Und der ein Junggeſell, ein huͤbſcher Burſch. Hat eure Großmama ſo gut gefreyt? Eliſ. Mylord von Gloſter, allzu lang' ertrug ich Eur plumpes Schelten und eur bittres Schmaͤhn. Ich melde Seiner Majeſtaͤt, beim Himmel, Den groben Hohn, den ich ſo oft erlitt. Ich waͤre lieber eine Bauermagd, Als große Koͤnigin, mit der Bedingung Daß man mich ſo verachtet und beſtuͤrmt. Ich habe wenig Freud' auf Englands Thron. Roͤnigin Margaretha erſcheint im Hintergrunde.) Warg. Das Wen'ge ſey verringert, Gott, ſo fleh' ich! Denn mir gebuͤhrt dein Nang und Ehrenſitz. Gloſt. Was? droht ihr mir, dem Koͤnig es zu ſagen? Sagts ihm und ſchont nicht; ſeht, was ich geſagt, Behaupt'ich in des Koͤnigs Gegenwart. Ich wag' es drauf, in Thurm geſchickt zu werden. »S iſt Redens Zeit: man denkt nicht meiner Dienſte. Miarg. Fort, Teufel! Ihrer denk' ich allzu wohl. Du brachteſt meinen Gatten um im Thurm, Und meinen armen Sohn zu Tewksbury. Sloſt. Eh ihr den Thron beſtiegt und eur Gemahl, War ich das Packpferd ſeines großen Werks, Ausrotter ſeiner ſtolzen Widerſacher, Freygebiger Belohner ſeiner Freunde; Sein Blut zu furſten, hab' ich meins vergoſſen. Warg. Ja, und viel beßres Blut als ſeins und deins. Gloſt. In all der Zeit war't ihr und Grey, eur Mann, Parteyiſch fuͤr das Haus von Lancaſter; Ihr, Rivers, war't es auch.— Fiel ener Mann Nicht zu Sankt Albans in Margretha's Schlacht? Erinnern muß ich euch, wenn ihrs vergeßt, Was ihr zuvor geweſen, und nun ſeyd; Zugleich was ich geweſen, und noch bin. Marg. Ein moͤrderiſcher Schurk, und biſt es noch. IHI. 2 18 Koͤnig Richard. A. I. Gloſt. Verließ nicht Clarence ſeinen Vater Warwick, Ja, und brach ſeinen Eid,— vergeb' ihm Jeſus!— Warg. Beſtraf' ihn Gott! Gioſt Um neben Eduard fuͤr den Thron zu fechten? Zum Lohn ſperrt man den armen Prinzen ein. Waͤr doch mein Herz ſteinhart wie Eduard ſeins, Wo nicht, ſeins weich und mitleidsvoll wie meins! Ich bin zu kindiſch thoͤricht fuͤr die Welt. Warg. So fahr zur Hoͤlle, und verlaß die Welt, Du Kakodaͤmon! Dort iſt ja dein Reich. Riv. Mylord von Gloſter, in der heißen Zeit, Woran ihr mahnt, der Feindſchaft uns zu zeihn, Da hielten wir an unſerm Herrn und Koͤnig, Wie wir an euch es thaͤten, wenn ihr's wuͤrdet. Gloſt. Wenn ich es wuͤrde? Lieber ein Hauſirer! Fern meinem Herzen ſey's, es nur zu denken. Eliſ. So wenig Freunde, Mylord, als ihr denkt Daß ihr genoͤßt als dieſes Landes Koͤnig: So wenig Freude moͤgt ihr denken auch, Daß ich genieß' als deſſen Koͤnigin. Warg. Ja, wenig Freud' hat deſſen Koͤnigin: Ich bin es, und bin gaͤnzlich frendenlos. Ich kann nicht laͤnger mich geduldig halten. (Sie tritt vor.) Hoͤrt mich, Piraten, die ihr hadernd zankt, Indem ihr theilt, was ihr geraubt von mir! Wer von euch zittert nicht, der auf mich ſchaut? Beugt euch der Koͤnigin als Unterthanen, Sonſt bebt vor der Entſetzten als Rebellen.— Ha, lieber Schurke! wende dich nicht weg! Gloſt. Was ſchaffſt du, ſchnoͤde Hexe, mir vor Augen? Wiarg. Nur Wiederholung deß, was du zerſtort; Das will ich ſchaffen, eh ich gehn dich laſſe. Gloſt. Biſt du bey Todesſtrafe nicht verbannt? Warg. Ich bins, doch 3 Pein find' ich in meinem ann, Als mir der Tod kann bringen, weil ich blieb. Den Gatten und den Sohn biſt du mir ſchuldig.— Und du das Koͤnigreich,— ihr alle, Dienſtpflicht; Dieß Leiden, das ich habe, kommt euch zu, Und alle Luſt, die ihr euch anmaßt, mir. Gloſt. Der Fluch, den dir mein edler Vater gab, Als mit Papier die Heldenſtirn du kroͤnteſt, S 3. der Dritte. 19 Und hoͤhnend Baͤch' aus ſeinen Augen zogſt, Und reichteſt, ſie zu trocknen, ihm ein Tuch, Getaucht ins reine Blut des holden Rutland: Die Fluͤch', aus ſeiner Seele Bitterkeit Dir da verkuͤndigt, ſind auf dich gefallen, Und Gott, nicht wir, ſtraft deine blut'ge That. Eliſ. Ja, ſo gerecht iſt Gott zum Schutz der Unſchuld. aſt. O es war die ſchnoͤdſte That, das Kind zu morden, Die unbarmherzigſte, die je gehoͤrt ward! iv. Tyrannen weinten, als man ſie erzaͤhlte. orſ. Kein Menſch war, der nicht Rache prophezeyte. Buck. Northumberland, der*s anſah, weinte drum. Warg. Wie? fletſchtet ihr die Zaͤhne, wie ich kam, Bereit ſchon, bey der Gurgel euch zu packen, Und kehrt ihr nun all euren Haß auf mich? Galt Yorks ergrimimter Fluch ſo viel im Himmel Daß Peinrichs Jod, des ſuͤßen Eduards Tod, es Reichs Verluſt, mein wehevoller Bann, Genugthut bloß ſuͤr das verzogne Buͤbchen? Dringt denn ein Fluch die Wolken durch zum Himmel? Wohl! trennt die ſchweren Wolken, raſche Fluͤche!— Wo nicht durch Krieg, durch Praſſen ſterb' eur Koͤnig, Wie Mord des unſern ihn gemacht zum Koͤnig! Eduard, dein Sohn, der jetzo Prinz von Wales, Statt Eduard, meines Sohns, ſonſt Prinz von Wales, Sterb' in der Jugend, vor der Zeit, gewaltſam! u, Koͤnigin ſtatt meiner, die ichs war, Gleich mir Elenden uͤberleb⸗ dein Loos! Lang' lebe, deine Kinder zu bejammern! Sieh eine andre, wie ich jetzo dich, Gekleidet in dein Recht wie du in meins! Lang' ſterbe deines Gluckes Tag vor dir, Und nach viel langen Stunden deines Grams, Stirb weder Mutter, Weib, noch Koͤnigin! Rivers und Dorſet, ihr ſaht zu dabey,— Auch du, Lord Haſtings,— als man meinen Sohn Erſtach mit blut'gen Dolchen: Gott, den fleh' ich, Daß euer keiner ſein natuͤrlich Alter Erreich', und ploͤtzlich werde weggerafft! Gloſt. Schließ deinen Spruch, verſchrumpfte boͤſe Hexe! Warg. Und ließ dich aus? Bleib, Hund, du mußt mich 6 hoͤren. Bewahrt der Himmel eine ſchwere Plage, 20 Koͤnig Richard 2.1. Die uͤbertrifft, was ich dir weiß zu wuͤnſchen, O ſpar' er ſie, bis deine Suͤnden reif, Dann ſchleudr' er ſeinen Grimm herab auf dich Den Friedensſtoͤrer dieſer armen Welt! Dich nage raſtlos des Gewiſſens Wurm! Argwoͤhne ſtets die Freunde wie Verraͤther, Und Erzverraͤther acht' als Buſenfreunde! Dein toͤdlich Auge ſchließe nie der Schlaf, Es ſey denn, weil ein peinigender Traum Dich ſchreckt mit einer Hoͤlle grauſer Teufel! Du Mißgeburt voll Maͤler! wuͤhlend Schwein! Du, der geſtempelt ward bey der Geburt Der Sklave der Natur, der Hoͤlle Sohn! Du Schandfleck fuͤr der Mutter ſchweren Schooß! Du ekler Sproͤßling aus des Vaters Lenden!“ Du Lump der Ehre! du mein Abſcheu— Gloſt. Margaretha. Marg. Richard. Gloſt. He? Warg. Ich rief dich nicht. Gloſt. So bitt' ich um Verzeihung; denn ich dachtt, Du riefſt mir all die bittern Namen zu. Warg. Das that ich auch, doch Antwort wollt' ich nicht. O laß zum Schluß mich bringen meinen Fluch! Gloſt. Ich thats fur dich: er endigt in Margretha. Eliſ. So hat eur Fluch ſich auf euch ſelbſt gewandt. Warg. Gemalte Koͤn'gin! Scheinbild meines Gluͤcks! Was ſtreuſt du Zucker auf die bauch'ge Spinne, Die dich mit toͤdlichem Geweb' umſtrickt? Thoͤrin! du ſchaͤrfſt ein Meſſer, das dich wuͤrgt; Es kommt der Tag, wo du herbey mich wuͤnſcheſt Zum Fluchen auf den giftgeſchwollnen Molch. aſt. Schließ, Wahnprophetin, deinen tollen Fluch, Erſchoͤpf nicht, dir zum Schaden, die Geduld. Warg. Schand' uͤber ench! Ihr all' erſchoͤpftet meine. Riv. Berathet euch und lernet eure Pflicht. Marg. Mich zu berathen, muͤßt ihr Pflicht mir leiſten. Lehrt Koͤnigin mich ſeyn, euch Unterthanen; Berathet mich, und lernet dieſe Pflicht. Dorſ. O ſtreitet nicht mit ihr, ſie iſt verruͤckt. Warg. Still, Meiſter Marquis! ihr ſeyd naſeweis. Eur neugepraͤgter Rang iſt kaum in Umlauf. O daß eur junger Adel fuͤhlen koͤnnte, Sz 3. der Dritte. 21 Was ihn verlieren heißt, und elend ſeyn. Wer hoch ſteht, den kant maucher Windſtoß treffen, Und wenn er faͤllt, ſo wird er ganz zerſchmettert. Gloſt. Traun, guter Rath! Marquis, nehmt ihn zu Herzen. Dorſ. Er geht euch an, Mylord, ſo ſehr als mich. Gloſt. Ja, und weit mehr: Doch ich bin hochgeboren; In Cedermvipfein niſtet unſre Brut, Und taͤndelt mit dem Wind, und trotzt der Sonne. Warg. Und huͤllt die Sonn in Schatten,— weh! achweh! Das zeugt mein Sohn, im Todesſchatten jetzt; Deß ſtrahlend lichten Schein dein wolk'ger Grimm Mit ew'ger Finſterniß umzogen hat. In unſrer Jungen Reſt baut eure Brut. 9 Gott, der di es ſieheſt, duld' es nicht! Was Blut gewann, ſeh auch ſo eingebuͤßt! Buck. Skill, ſtili aus Scham, wo nicht aus Chriſtenliebe. Warg. Ruͤckt Chriſtenliebe nicht, noch Scham mir vor: Unchriſtlich ſeyd ihr mit mir umgegangen, Und ſchamlos würgtet ihr mir jede Hoffnung. Wuth iſt mein Lieben, Leben meine Schmach; Stets leb' in meiner Schmach des Leidens Wuth. Buck. Hoͤrt aufl hört auf! Warg. O Buckingham, ich kuͤſſe deine Hand, Zum Pfand der Freundſchaft und des Bunds mit dir. Dir geh' es wohl, und deinem edlen Haus! Dein Kleid iſt nicht befleckt mit unſerm Blut, Und du nicht im Bezirke meines Fluchs. Buck. Anch keiner ſonſt; nie ͤberſchreiten Fluͤche Die Lippen deß, der in die Luft ſie haucht. Wiarg. Ich glaube doch, ſie ſteigen hünmelan, Und wecken Gottes ſanft entſchlafnen Frieden. Q Buckingham, weich' aus dem Hunde dort! Sieh, wann er ſchmeichelt, beißt er; wann er beißt, So macht ſein gift'ger Zahn zum LTode wund. Hab' nichts mit ihm zu ſchaffen, weich' ihm aus! Tod, Suͤnd' und Hoͤlle haben ihn gezeichnet, Und ihre Diener all' umgeben ihn. Bloſt. Was ſagt ſie da, Mylord von Buckingham? Buck. Nichts das ich achte, mein gewogner Herr. Warg. Wie? hoͤhnſt dn mich fuͤr meinen treuen Rath, Und hegſt den Teufel da, vor dem ich warne? O denke deß auf einen audern Tag, Wenn er dein Herz mit Gram zerreißt, und ſage: 22 Koͤnig Richard A.. Die arme Margaretha war Prophetin. Leb' euer jeder, ſeinem Haß zum Ziel, Und er dem euren, und ihr alle Gottes! (ab. Zaſt. Mir ſtraͤubt das Haar ſich, fluchen ſie zu hoͤren. Riv. Mir auch; es wundert mich, daß man ſo frey ſie laͤßt. Gloſt. Ich ſchelte nicht ſie, bey der Mutter Gottes! Sie hat zu viel gelitten, und mich reut Mein Theil daran, was ich ihr angethan. Fliſ. Ich that ihr nie zu nah, ſo viel ich weiß. Gloſt. Doch habt ihr allen Vortheil ihres Leids. Ich war zu hitzig, jemand wohl zu thun, Der nun zu kalt iſt, mir es zu gedenken. Mein Treu, dem Clarence wird es gut vergolten: Man maͤſtet ihn fuͤr ſeine Muͤh im Kofen. Verzeih Gott denen, welche Schuld dran ſind! Riv. Ein tugendhafter chriſtlicher Beſchluß, Fuͤr die zu beten, die uns Boͤſes thun! Gloſt. Das thu' ich immer, weislich ſo belehrt:— beyſeit.) Denn flucht' ich jetzt, haͤtt' ich mich ſelbſt verflucht. (Catesby tritt auf.) Cat. Fuͤrſtin, euch fodert Seine Majeſtaͤt: Eur Gnaden auch,— und euch, ihr edlen Lords. liſ. Ich komme, Catesby.— Geht ihr mit mir, Lords? Riv. Wir ſind zu Euer Gnaden Dienſt. (Alle ab, außer Gloſter.) Gloſt. Ich thu' das Boͤſ, und ſchreye ſelbſt zuerſt. Das Unheil, das ich heimlich angeſtiftet, Leg' ich den Andern dann zur ſchweren Laſt. Clarence, den ich in Finſterniß gelegt, Bewein' ich gegen manchen bloͤden Tropf, Ich meyne Stanley, Haſtings, Buckingham, Und ſage, daß die Koͤn'gin und ihr Anhang Den Koͤnig wider meinen Bruder reizen. Nun glauben ſie's, und ſtacheln mich zugleich Zur Rache gegen Rivers, Vaughan, Grey; Dann ſeufz' ich, und nach einem Spruch der Bibel Sag' ich, Gott heiße Gutes thun fuͤr Boͤſes; Und ſo bekleid' ich meine nackte Bosheit Mit alten Fetzen, aus der Schrift geſtohlen, Und ſchein' ein Heil'ger, wo ich Teufel bin. (Zwey Moͤrder kommen.) Doch ſtill! da kommen meine Henkersknechte.— Sz. 4. der Dritte. 23 Nun, meine wackern, tuͤchtigen Geſellen, Gcht ihr anjetzt den Handel abzuthun? 1. Moͤrd. Ja, gnaͤd'ger Herr, und kommen um die Vollmacht, Damit man uns einlaſſe, wo er iſt. Gloſt. Ganz wohl bedacht! Ich habe hier ſie bey mir; Giebt ihnen die Vollmacht.) Wann ihr's vollbracht habt, kommt nach Crosby⸗Hof. Doch ſeyd mir ſchleunig bey der Ausfuͤhrung, Zugleich verhaͤrtet euch, hoͤrt ihn nicht an; Denn Clarence iſt beredt, und kann vielleicht Das Herz euch ruͤhren, wenn ihr auf ihn achtet. 1. Moͤrd. Pah, gnäd'ger Wir ſchwatzen nicht erſt lang; Wer Worte macht, thut wenig: ſeyd verſichert, Die Hände brauchen wir und nicht die Zungen. Gloſt. Ihr weint Muͤhlſteine, wie die Narren Thraͤnen; Ich hab' euch gerne, Burſchen; friſch ans Werk! Geht! geht! macht zu! 1. Moͤrd. Wir wollen's, edler Herr. (Alle ab.) — Vierte Szene. Ein Zimmer im Thurm. (Clarence und Brakenbury treten auf.) Brakenbury. Wie ſieht eur Gnaden heut ſo traurig aus? lar. O ich hatt' eine jaͤmmerliche Nacht, Voll banger Traͤume, ſcheußlicher Geſichte! So wahr als ich ein frommer glaͤub'ger Chriſt, Ich braͤchte nicht noch eine Nacht ſo zu, Goͤlt' es auch eine Welt begluͤckter Tage: So voll von grauſem Schrecken war die Zeit. Brak. Was war eur Traum, Mylord? Ich bitt' euch, ſagt mir. Clar. Mir daͤucht', ich war entſprungen aus dem Thurm, Und eingeſchifft, hinuber nach Burgund, Und mich begleitete mein Bruder Gloſter. Der lockt' aus der Kajuͤte mich, zu gehn 24 Koͤnig Richard AP Auf dem Verdeck; von da ſahn wir nach England, Und fuͤhrten tanſend ſchlimme Zeiten an Vom Kriege zwiſchen York und Lancaſter, Die uns betroffen. Wie wir ſchritten ſo Auf des Verdeckes ſchwindlichtem Getaͤfel,. Schien mir's, daß Gloſter ſtrauchelt', und im Fallen Mich, der ihn halten wollte, uͤber Bord In das Gewuͤhl der Meereswogen riß. O Gott! wie gualvoll ſchien mir's, zu ertrinken! Welch grauſer Laͤrm des Waſſers mir im Ohr! Welch ſcheuslich Todesſchanſpiel vor den Augen! Mir daͤucht', ich ſaͤh' den Graus von tanſend Wracken, z Saͤh' tauſend Menſchen, angenagt von Fiſchen; Goldkiumpen, große Anker, Perlenhaufen, Stein' ohne Preis, unſchaͤtzbare Juwelen, Zerſtreuet alles auf dem Grund der See. In Schaͤdeln lagen ein'ge; in den Hoͤhlen, Wo Augen ſonſt gewohnt, war eingeniſtet, Als wie zum Spotte, blinkendes Geſtein, Das buhlte mit der Tiefe ſchlamm'gem Grund, Und hoͤhnte die Gerippe rings umher. Brak. Ihr hattet Muß' im Augenblick des Todes, Der Tiefe Heimlichkeiten auszuſpaͤhn? Clar. Mir daͤuchte ſo, und oft ſtrebt' ich den Geiſt Schon aufzugeben: doch die neid'ſche Flut Hielt meine Seel', und ließ ſie nicht heraus, Die weite, leere, freye Luft zu ſuchen; Sie wuͤrgte ſie mir im beklommnen Leib, Der faſt zerbarſt, ſie in die See zu ſpeyn. Brak. Erwachtet ihr nicht von der Todesangſt? Clar. O nein, mein Traum fuhr nach dem Leben fort: O, da begann erſt meiner Seele Sturm!. Mich ſetzte uͤber die betruͤbte Flut Der grimmme Faͤhrmann, den die Dichter ſingen, In jenes Koͤnigreich der ew'gen Nacht. Zum erſten gruͤßte da die fremde Seele Mein Schwiegervater, der beruͤhmte Warwick. Laut ſchrie er:„Welche Geißel fuͤr Verrath Verhaͤngt dieß duͤſtre Reich dem falſchen Clarence?“ Und ſo verſchwand er. Dann voruͤber ſchritt Ein Schatte wie ein Engel, helles Haar Mit Blut beſudelt, und er ſchrie lant auf: „Clarence iſt da, der eidvergeßne Clarence, — Sz. 4. der Dritte. 25 Der mich im Feld bey Tewksbury erſtach! Ergreift ihn, Furien! nehmt ihn auf die Folter!— Somit umfing mich eine Legion Der argen Feind', und heulte mir ins Ohr So graͤßliches Geſchrey, daß von dem Laͤrm Ich bebend aufwacht', und noch laͤngſt nachher Nicht anders glaubt', als ich ſey in der Hoͤlle: So ſchrecklich eingepraͤgt war mir der Traum. Brak. Kein Wunder, Herr, daß ihr euch drob entſetzt; Mir bangt ſchon, da ich's euch erzaͤhlen hoͤre. Clar. O Brakenbury, ich that alles dieß, Was jetzo wider meine Scele zengt, Um Eduards halb:— und ſieh, wie lohnt ers mir! O Gott, kann dich mein innig Flehn nicht ruͤhren, Und willſt du raͤchen meine Miſſethaten, So uͤbe deinen Grimm an mir allein! O ſchon' mein ſchuldlos Weib, die armen Kinder!— Ich bitt' dich, lieber Waͤrter, bleib bey mir: Mein Sinn iſt trub', und gerne moͤcht' ich ſchlafen. Brak. Ich wills, Muylord; Gott geb' euch gute Nuh! Clarence ſetzt ſich zum Schlafen in einen Lehnſtuhl.) Leid bricht die Zeiten und der Ruhe Stunden, Schafft Nacht zum Morgen und aus Mittag Nacht. Nur Titel ſind der Prinzen Herrlichkeiten, Ein außrer Glanz für eine inure Laſt; Fuͤr ungeſühlte Einbildungen fuͤhlen Sie eine Welt raſtloſer Sorgen oft. So daß von ihren Titeln niedern Rang Nichts unterſcheidet als des Ruhmes Klang. (Die beyden Moͤrder kommen.) 1. MWoͤrd. He! wer iſt da? Brak. Was willſt dn, Kerl? wie biſt du hergekommen? 1. Mörd. Ich will Clarence ſprechen, und ich bin auf meinen Beinen hergekommen. Brak. Wie? ſo kurz ab? 2. Moͤrd. O Herr, beſſer kurz ab, als langweilig.— Zeige ihm unſern Auftrag, laß dich nicht weiter ein. Sie uͤberreichen dem Brakenbury ein Papier, welches er lieſt.) Brak. Ich werde hier befehligt, euren Haͤnden Den edlen Herzog Clarence anszuliefern. Ich will nicht grubeln, was hieimit gemeynt iſt, Denn ich will ſchuldlos an der Meynung ſeyn. Hier ſind die Schluſſel, dorten ſchlaͤft der Herzog, 26 Koͤnig Richard A. E Ich will zum Koͤnig, um ihm kund zu thun, aß ich mein Amt ſo an euch abgetreten. 1. Moͤrd. Das moͤgt ihr, Herr; es wird weislich gethan ſeyn. Gehabt euch wohl. (Brakenbury ab.) 2. Moͤrd. Wie? ſollen wir ihn ſo im Schlaf erſtechen? 1. Moͤrd. Nein, er wird ſagen, das war feige von uns, wenn er aufwacht. 2. Moͤrd. Wenn er aufwacht! Ey, Narr, er wacht gar nicht wieder auf bis zum großen Gerichtstag. 1. Moͤrd. Ja, dann wird er ſagen, wir haben ihn im Schlaf erſtochen. 2. Moͤrd. Die Erwaͤhnung des Wortes Gerichtstag hat eine Art Gewiſſensbiß in mir erregt. 1. Moͤrd. Was? du fuͤrchteſt dich? 2. Moͤrd. Nicht ihn umzubringen, dazu hab' ich ja die Vollmacht; aber verdammt dafuͤr zu werden, wovor mich keine Vollmacht ſchuͤtzen kann. 1. Moͤrd. Ich dachte, du waͤrſt entſchloſſen. 2. Woͤrd. Das bin ich auch, ihn leben zu laſſen. 4. Moͤrd. Ich gehe wieder zum Herzog von Gloſter und ſage es ihm. 2. Woͤrd. Nicht doch, ich bitte dich, wart' ein Weilchen. Ich hoffe, dieſe fromme Laune ſoll ubergehn: ſie pflegt bey 3 nicht laͤnger anzuhalten, als derweil man etwa zwanzig zaͤhlt. 1. Woͤrd. Wie iſt dir jetzt zu Muthe. 2. Moͤrd. Mein Treu, es ſteckt immer noch ein gewiſſer Bodenſatz von Gewiſſen in mir. 1. Moͤrd. Denk an unſern Lohn, wenn's gethan iſt. 2. Moͤrd. Recht! er iſt des Todes. Den Lohn hatt' ich vergeſſen. 1. Moͤrd. Wo iſt dein Gewiſſen nun? 2. Woͤrd. Im Beutel des Herzogs von Gloſter. 1. Moͤrd. Wenn er alſo ſeinen Beutel aufmacht, uns den Lohn zu zahlen, ſo fliegt dein Gewiſſen heraus. 2. Moͤrder. Es thut nichts, laß es laufen; es mags ja doch beynahe kein Menſch hegen. 1. Woͤrd. Wie aber, wenn ſichs wieder bey dir einſtellt? 2. Moͤrd. Ich will nichts damit zu ſchaffen haben, es iiſt ein gefaͤhrlich Ding, es macht einen zur Memme. Man kann nicht ſtehlen, ohne daß es einen anklagt; man kann nicht ſchwoͤren, ohne daß es einen zum Stocken bringt; Sz. 4. der Dritte. 27 man kann nicht bey ſeines Nachbars Frau liegen, ohne daß es einen verraͤth. S iſt ein verſchaͤmter bloͤder Geiſt, der einem im Buſen Aufruhr ſtiftet; es macht einen voller Schwierigkeiten; es hat mich einmal dahin gebracht, einen Beutel voll Gold wieder herzugeben, dehn ich von ungefaͤhr gefunden hatte; es macht jeden zum Bettler, der es hegt es wird aus Staͤdten und Flecken vertrieben als ein gefaͤhrlich Ding, und jedermann, der gut zu leben denkt, verlaͤßt ſich auf ſich ſelbſt und lebt ohne Gewiſſen. 1. Moͤrd. Sapperment, es ſitzt mir eben jetzt im Nacken, und will mich uͤberreden den Herzog nicht umzubringen. 2. Moͤrd. Halt den Teufel feſt im Gemuͤth und glaub' ihm nicht: es will ſich nur bey dir eindraͤngen, um dir Seufzer abzuzwingen. e Ich hab'ne ſtarke Natur, es kann mir nichts anhaben. 2. Mord. Das heißt geſprochen wie ein tuͤchtiger Kerl, der ſeinen guten Namen werth haͤlt. Komm, wollen wir ans Werk gehn? 1. Woͤrd. Gieb ihm eins mit dem Degengriff uͤbern Hirnkaſten, und dann ſchmeiß ihn in das Malvaſierfaß im naͤchſten Zimmer. 2. Moͤrd. O herrlich ausgedacht! und mache ihn ſo zur Tunke. 1. Moͤrd. Still! er wacht auf. 2. Moͤrd. Schlag zu! 1. Woͤrd. Nein, laß uns erſt mit ihm reden. Clar. Wo biſt du, Waͤrter? Einen Becher Weins! 5 Moͤrd. Ihr ſollt Wein genug haben, Herr, im Augen⸗ ick. Clar. Im Namen Gottes, wer biſt du? 4. Moͤrd. Ein Menſch, wie ihr ſeyd. Clar. Doch nicht, wie ich bin, koͤniglich. 1. Moͤrd. Noch ihr, wie wir ſind, buͤrgerlich. Clar. Dein Ruf iſt Donner, doch dein Blick voll Demuth. 1. Moͤrd. Des Koͤnigs iſt mein Ruf, mein Blick mein eigen. Clar. Wie dunkel und wie todlich ſprichſt du doch! Eur Auge droht mir, warum ſeht ihr bleich? Wer hat euch hergeſandt? weswegen kommt ihr? Beide. Um, um, um— Clar. Mich zu ermorden? Beide. Ja, ja. Clar. Ihr habt, mir das zu ſagen, kaum das Herz, 28 Koͤnig Richard A. I. Und koͤnnt drum, es zu thun, das Herz nicht haben. Was, meine Freunde, that ich euch zu nah? 1. Moͤrd. Dem Koͤnig thatet ihr zu nah, nicht uns. Clar. Ich ſoͤhne mich noch wieder aus mit ihm. 2. Moͤrd. Niemals, Mylord, drum ſchickt ench anzum Tod. Clar. Erlas man euch aus einer Welt von Menſchen Zum Mord der Unſchuld? Was iſt mein Vergehn? Wo iſt das Zeugniß, welches mich verklagt? Was fuͤr Geſchworne reichten ihr Gutachten Dem ſinſtern Richter ein? Den bittern Spruch, Wer faͤllt' ihn zu des armen Clarence Tod? Eh mich der Lauf des Rechtes uberfuͤhrt, Iſt, mir den Tod zu drohn, hoͤchſt widerrechtlich. Ich ſag' euch, wo ihr hofft auf die Erloͤſung Durch Chriſti theures Blut, fuͤr uns vergoſſen: Begebt euch weg, und legt nicht Hand an mich! Die That, die ihr im Sinn habt, iſt verdammlich. 1. Moͤrd. Was wir thun wollen, thun wir auf Befehl. 2. Moͤrd. Und er, der ſo befahl, iſt unſer Koͤnig. Clar. Misleiteter Vaſall! Der große Koͤnig. Der Koͤn'ge ſpricht in des Geſetzes Tafel: „Du ſollt nicht toͤdten.“ Willſt dn ſein Gebot Denn hoͤhnen und ein menſchliches volbringen? Gieb Acht! Er haͤlt die Rach' in ſeiner Hand, Und ſchiendert ſie aufs Haupt der Uebertreter. 2. Moͤrd. Und ſelb'ge Rache ſchleudert er auf dich, Fuͤr falſchen Meineid und fuͤr Mord zugleich. Du nahmſt das Sacrament darauf, zu fechten Im Streite fuͤr das Haus von Lancaſter. 1. Woͤrd. Und als Verraͤther an dem Namen Gottes Brachſt du den Eid, und dein verraͤthriſch Eiſen Riß auf den Leib dem Sohne deines Herrn. 2. MWoͤrd. Dem du geſchworen hatteſt Lieb' und Schutz. 1. Moͤrd. Wie haͤltſt du Gottes furchtbar Wort uns vor, Das du gebrochen in ſo hohem Maaß? Clar. Ach! wem zu lieb that ich die uͤble That? Fuͤr Eduard, meinen Bruder, ihm zu lieb. Er ſchickt ench nicht, um dafuͤr mich zu morden; Denn dieſe Schuld druͤckt ihn ſo ſchwer wie mich. Wenn Gott gerochen ſeyn will fuͤr die That, O dennoch wißt, er thut es oͤffentlich: Nehmt nicht die Sach' aus ſeinem maͤcht'gen Arm; Sz. 4. der Dritte. 29 Er braucht nicht krumme, unrechtmaͤß'ge Wege, Um die, ſo ihn beleidiat, wegzuraͤumen. 1. Mörd. Was machte dich zum blut'gen Diener denn, Als, hold erwachſend, jener Fuͤrſtenſproß, Plantagenet, von dir erſchlagen ward? Clar. Die Bruderliebe, Satan, und mein Grimm., 1. Woͤrd. Dein Bruder, unſte Pflicht, und dein Vergehn Berufen jetzt uns her, dich zu erwuͤrgen. Clar. Iſt euch mein Bruder lieb, ſo haßt mich nicht: Ich bin fein Bruder, und ich lieb' ihn tren. Seyd ihr um Lohn gedungen, ſo kehrt um, Und wendet euch an meinen Bruder Gloſter; Der wird euch beſſer lohnen fuͤr mein Leben, Als Eduard für die Zeitung meines Todes. 2. Moͤrd. Ihr irrt euch ſehr, eur Bruder Gloſter haßt euch. Clar. O nein! Er liebt mich und er haͤlt mich werth. Geht nur von mir zu ihm. Beide. Das woll'n wir auch. Clar. Sagt ihm, als unſer edler Vater York Uns drey geſegnet mit ſiegreichem Arm, Und herzlich uns beſchworen, uns zu lieben, Gedacht' er wenig der getrennten Freundſchaft. Mahnt Gloſtern daran nur, und er wird weinen. 1. Moͤrd. Muͤhlſteine, ja, wie er uns weinen lehrte. lar. O nein! verlumd⸗ ihn nicht, denn er iſt mild. 1. Moͤrd. Recht! Wie Schnee der Frucht.— Geht, ihr betrugt euch ſelbſt: er iſts, der uns geſandt, euch zu vertilgen. lar. Es kann nicht ſeyn: er weinte um mein Ungluͤck, Schloß in die Arme mich, und ſchwor mit Schluchzen Mir eifrig meine Freyheit auszuwirken. 1. Moͤrd. Das chut er ja, da aus der Erde Knechtſchaft Er zu des Himmels Freuden euch erloͤſt. 2. Moͤrd. Herr, ſoͤhnt euch wir Gott⸗ denn ihr muͤßt erben. Clar. Haſt du die heil'ge Regung in der Seele, Daß du mit Gott mich auszuſohnen mahnſt, Und biſt der eignen Seele doch ſo blind, aß du, mich mordend, Gott bekriegen willſt? Ach Leute! denkt, daß, der euch angeſtiftet Die That zu thun, euch um die That wird haſſen. 2. Moͤrd. Was ſollen wir thun? Clar. Bereut, und ſchafft eur Heil. Konig Richard Wer von euch, waͤr' er eines Fuͤrſten Sohn, Vermauert von der Freyheit, wie ich jetzt, Wofern zwey ſolche Moͤrder zu ihm kaͤmen, Baͤt' um ſein Leben nicht? So wie ihr baͤtet, Waͤrt ihr in meiner Noth,— 1. Moͤrd. Bereun? Das waͤre memmenhaft und weibiſch. Clar. Nicht zu berenn iſt viehiſch, wild und teufliſch. Mein Freund, ich ſpaͤhe Mitleid dir im Blick: Wofern dein Auge nicht ein Schmeichler iſt, So tritt auf meine Seit' und bitt' fuͤr mich. Ruͤhrt jeden Bettler nicht ein Prinz, der bittet? 2. Moͤrd. Seht hinter euch, Mylord. 1. Moͤrd.(erſticht ihn.) Nehmt das und das; reicht alles noch nicht hin, So tauch' ich euch ins Malvaſierfaß draußen. (mit der Leiche ab.. 2. Moͤrd. O blut'ge That, verzweiflungsvoll veruͤbt! Gern, wie Pilatus, wuͤſch' ich meine Haͤnde Von dieſem hoͤchſt verruchten ſuͤnd'gen Mord. Der erſte Moͤrder koͤmmt zuruͤck.) 1. Moͤrd. Wie nun? was zuſdu⸗ daß du mir nicht 1. Bey Gott, der Herzog ſoll dein Zoͤgern wiſſen. 2. Moͤrd. Wuͤßt' er, daß ich gerettet ſeinen Bruder! Nimm du den Lohn, und meld' ihm, was ich ſage; Denn mich gerent am Herzog dieſer ab.) 1. Moͤrd. Nicht ich; geh, feige Memme, die du biſt!— Ich will in einem Loch die Leiche bergen, Bis daß der Herzog ſie begraben laͤßt; Und hab' ich meinen Sold, ſo will ich fort: Dies kommt heraus, drum meid' ich dieſen Ort. 4(b.) 3 w ht er Aufzug. E ſüe Sene London. Ein Zimmer im Palaſt. Goͤnig Eduard wird krank hereingefuͤhrt; Koͤnigin Eliſa⸗ beth, Dorſet, Rivers, Ha ſtings, Buckingham, Grey und Andre treten auf.) Eduard. So recht! ich ſchafft' ein gutes Tagewerk.— Ihr Pairs, verharrt in dieſem ein'gen Bund! Ich warte jeden Tag auf eine Botſchaft, Daß mein Erloͤſer mich erloͤſt von hier; Die Seele ſcheidet friedlich nun zum Himmel, Da ich den Freunden Frieden gab auf Erden. Rivers und Haſtings, reichet euch die Haͤnde, Hegt nicht verſtellten Haß, ſchwoͤrt Lieb' euch zu. Riv. Beym Himmel, meine Seel' iſt rein von Groll, Die Hand beſiegelt meine Herzensliebe. Zaſt. So geh's mir wohl, wie ich dieß wahrhaft ſchwoͤre. Ed. Gebt Acht! treibt keinen Scherz vor eutem Koͤnig! Auf daß der hoͤchſte Koͤnig aller Koͤn'ge Die Falſchheit nicht zu Schanden mach', und jeden Von euch erſeh', des Andern Jod zu ſeyn. Zaſt. Moͤg' ich gedeihn, wie aͤchte Lieb⸗ ich ſchwoͤre! Riv. Und ich, wie ich von Herzen Haſtings liebe! Ed. Gemahl, ihr ſeyd hier ſelbſt nicht ausgenommen;— Noch eur Sohn Dorſet;— Buckingham, noch ihr;— Ihr waret widerwaͤrtig mit einander. Frau, liebe Haſtings, laß die Hand ihn kuſſen, Und was du thuſt, das thue unverſtellt. Eliſ. Hier, Haſtings! Nie des vor'gen Haſſes denk' ich: So moͤg' ich ſamt den Meinigen gedeihn! Ed. Dorſet, umarm' ihn.— Liebt den Marquis, Haſtings. Dorſ. Ja, dieſer Tauſch der Lieb', erklär' ich, ſoll Von meiner Seite unverletzlich ſeyn. Zaſt. Das ſchwoͤr' auch ich. (er umarmt Dorſet.) 32 Koͤnig Richard A. kl. Ed. Nun ſiegle, edler Buckingham, dieß Buͤndniß: Umarm' auch du die Naͤchſten meiner Frau, Und mach' in eurer Eintracht mich begluckt. Buck.(zur Koͤnigin.) Wenn je wendet ſeinen Auf eure Hoheit, nicht mit ſchuld'ger Liebe Euch und die euren hegt, ſo ſtraf' mich Gott Mit Haß, wo ich am meiſten Lieb' erwarte! Wenn ich am meiſten einen Freund bedarf, Und ſichrer bin als je, er ſey mein Freund: Dann grundlos, hohl, verraͤthriſch, voll Betrug, Moͤg' er mir ſeyn! Vom Himmel bitt' ich dieß, Erkaltet meine Lieb' euch und den euren. (er umarmt Rivers und die uͤbrigen.) Ed. Ein ſtaͤrkend Labſal, edler Buckingham, Iſt meinem kranken Herzen dieß dein Wort. Nun fehlt nur unſer Bruder Gloſter hier Zu dieſes Friedens ſegensreichem Schluß. Buck. Zur guten Stunde kommt der edle Herzog. Gloſt.(ritt auf.) Guten Morgen meinem hohen Fuͤrſten⸗ paar! Und, edle Pairs, euch einen frohen Tag! Ed. Froh, in der That, verbrachten wir den Tag. Bruder, wir ſchafften hier ein chriſtlich Werk, Aus Feindſchaft Frieden, milde Lieb' aus Haß, Bey dieſen hitzig aufgereizten Pairs. Gloſt. Geſegnetes Bemuͤhn, mein hoher Herr! Wenn jemand unter dieſer edeln Schaar Auf falſchen Argwohn oder Eingebung Mich haͤlt fuͤr ſeinen Feind; Wenn ich unwiſſend oder in der Wuth Etwas begangen, das mir irgend wer, Hier gegenwaͤrtig, nachtraͤgt: ſo begehr ich In Fried' und Freundſchaft mich ihm auszuſoͤhnen. In Feindſchaft ſtehen, iſt mein Tod; ich haſſ' es, Und wuͤnſche aller guten Menſchen Liebe.— Erſt, gnaͤd'ge Frau, erbitt' ich wahren Frieden Von euch, den ſchuld'ger Dienſt erkaufen ſoll;— Von euch, mein edler Vetter Buckingham, Ward jemals zwiſchen uns ein Groll beherbergt;— Von euch, Lord Rivers,— und, Lord Grey, von euch: Die all ohn' Urſach ſcheel auf mich geſehn;— Von euch, Lord Woodville,— und Lord Seales, von euch;— Sz. 1. der Dritte. S — Herzoͤge, Grafen, Edle,— ja, von allen Nicht Einen weiß ich, der in England lebt, Mit dem mein Sinn den mindſten Hader häͤtte, Mehr als ein heute Nacht gebornes Kind. Ich danke meinem Gott für meine Demuth. Eliſ. Ein Feſttag wird dieß kuͤnftig fuͤr uns ſeyn: Gott gebe, jeder Zwiſt ſey beygelegt! Mein hoher Herr, ich bitt' Eur Hoheit, nehmt Zu Gnaden unſern Bruder Clarence an. Gloſt. Wie? bot ich darum Liebe, gnaͤd'ge Frau, Daß man mein ſpott' in dieſem hohen Kreis? Wer weiß nicht, daß der edle Herzog todt iſt? (Alle fahren zuruͤck.) Zur Ungebuͤhr verhoͤhnt ihr ſeine Leiche. Ed. Wer weiß nicht, daß er todt iſt? Ja, wer weiß es* Eliſ. Allſeh'nder Himmel, welche Welt iſt dieß! Buck. Seh' ich ſo bleich, Lord Dorſet, wie die Andern 2 Dorſ. Ja, beſter Lord; und niemand hier im Kreis, Dem nicht die Roͤthe von den Wangen wich. Ed. Starb Clarence? Der Befehl war widerrufen. Gloſt. Der Arme ſtarb auf euer erſt Geheiß. Und das trug ein geflugelter Merkur. Ein lahmer Bote trug den Widerruf, Der allzuſpaͤt, ihn zu begraben, kam. Geb' Gott, daß Andre, minder treu und edel, Naͤher durch blut'gen Sinn, nicht durch das Blut, Nicht mehr verſchulden als der arme Clarence, Und dennoch frey umhergehn von Verdacht! . Stanley tritt auf.) Stanl. Herr, eine Gnade fuͤr gethanen Dienſt! Ed. O laß mich, meine Seel' iſt voller Kummer. Stanl. Ich will nicht aufſtehn, bis mein Fuͤrſt mich hoͤrt. Ed. So ſag mit eins, was dein Begehren iſt. Stanl. Herr, das verwirkte Leben meines Dieners, Der einen wilden Junker heut erſchlug, Vormals in Dienſten bey dem Herzog Norfolk. Ed. Sprach meine Zunge meines Bruders Tod, Und ſpraͤch' nun eines Knechts Begnadigung? Kein Mord, Gedanken waren ſein Vergehn, Und doch war ſeine Strafe bittrer Tod. Wer bat fuͤr ihn? wer kniet in meinem Grimm Zu Fuͤßen mir, und hieß mich uͤberlegen? Wer ſprach von Bruderpflicht? wer ſprach von Liebe? II. 3 34 Koͤnig Richard A. IMI. Wer ſagte mir, wie dieſe arme Seele Vom mäͤcht'gen Warwick ließ, und fuͤr mich focht? Wer ſagte mir, wie er zu Tewksbury Mich rettet', als mich Opxford niederwarf, Und ſprach:„Leb', und ſey Koͤnig, lieber Bruder?“ Wer ſagte mir, als wir im Felde lagen, Faſt todtgefroren, wie er mich gehuͤllt In ſeinen Mantel, und ſich ſelber preis, Ganz nackt und bloß, der ſtarren Nachtluft gab? Dieß alles ruͤckte viehiſch wilde Wuth Mir ſuͤndhaft aus dem Sinn, und euer keiner War ſo gewiſſenhaft, mich vran zu mahnen. Wenn aber eure Kaͤrner, eur Geſinde Todſchlag im Trunk veruͤbt, und ausgeloͤſcht Das edle Bildniß unſers thenern Heilands, Dann ſeyd ihr auf den Knie'n um Gnade, Gnade, Und ich muß ungerecht es zugeſtehn. Fuͤr meinen Bruder wollte niemand ſprechen, Noch ſprach ich ſelbſt mir fuͤr die arme Seele, Verſtockter! zu. Der Stolzeſte von euch Hatt' ihm Verpflichtungen in ſeinem Leben, Doch wollte keiner rechten fuͤr ſein Leben. O Gott! ich fuͤrchte, dein Gericht vergilt's An mir und euch, den Meinen und den Euren.— Komm, Haſtings, hilf mir in mein Schlafgemach. O armer Clarence! (Der Koͤnig, die Koͤnigin, Haſtings, Rivers, Dorſet und Grey ab.) Gloſt. Das iſt die Frucht des Jaͤhzorns! Gabt ihr Acht, Wie bleich der Koͤn'gin ſchuldige Verwandte Ausſahn, da ſie von Clarence Tode hoͤrten? O, immer ſetzten ſie dem Koͤnig zu! Gott wird es raͤchen. Wollt ihr kommen, Lords, Daß wir mit unſerm Zuſpruch Ednard troͤſten? Buck. Zu Euer Gnaden Dienſt. (Alle ab.) der Dritte. 35 * 8 wenyte Szene. Ebendaſelbſt. (Die Herzogin von York tritt auf mit des Clarence So hn und Tochter.) Sohn. Großmutter, ſagt uns, iſt der Vater todt? Zerz. Nein, Kind. Tocht. Was weint ihr denn ſo oft, und ſchlagt die Bruſt? Und ruft:„O Clarence! ungluͤckſel'ger Sohn!“ Sohn. Was ſeht ihr ſo, und ſchuͤttelt euren Kopf, Und nennt uns arine, ausgeſtoßne Waiſen, Wenn unſer edler Vater noch am Leben? Berz. Ihr art'gen Kinder misverſteht mich ganz. Des Koͤnigs Krankheit jammr' ich, ſein Verinſt Macht Sorge mir; nicht eures Vaters Tod: Verloren waͤr' der Gram um den Verlornen. Sohn. So wißt ihr ja, Großmutter, er ſey todt. Mein Ohm, der Koͤnig, iſt darum zu ſchelten; Gott wird es raͤchen: ich will in ihn dringen Mit eifrigem Gebet um einzig dieß. Tocht. Das will ich auch. Berz. Still, Kinder, ſtill! Der Koͤnig hat euch lieb; Unſchuldige, harmloſe Kleinen ihr, In eurer Einfalt koͤnnt ihr nicht errathen, Wer eures Vaters Tod verſchuldet hat. ohn. Großmutter, doch! Vom guten Oheim Gloſter Weiß ich, der Koͤnig, von der Koͤnigin Gereizt, fann Klagen aus, ihn zu verhaften. Und als mein Oheim mir das ſagte, weint' er, Bedaurte mich, und kuͤßte meine Wange, Hieß mich auf ihn vertraun als einen Vater, Er wolle lieb mich haben als ſein Kind. Zerz. Ach, daß der Trug ſo holde Bildung ſtiehlt, Und Bosheit mit der Tugend Larve deckt! Er iſt mein Sohn, und hierin meine Schmach, Doch ſog er nicht an meiner Bruſt den Trug. Sohn. Denkt ihr, mein Ohm verſtellte ſich, Großmutter? Zerz. Ja, Kind. Sohn. Ich kann's nicht Horch, was fur ein ͤrm! 3 36 Koͤnig Richard A. M. (Konigin Eliſabeth tritt auf, außer ſich; Rivers und Dorſet folgen ihr.) Eliſ. Wer will zu weinen mir und jammern wehren, Mein Lvos zu ſchelten, und mich ſelbſt zu plagen? Beſtuͤrmen mit Verzweiflung meine Seele, Und ſelber meine Feindin will ich ſeyn. Zerz. Wozu der Auftritt wilder Ungeduld? Eliſ. Zu einem Aufzug trag'ſchen Ungeſtuͤms: Der Koͤnig, mein Gemahl, dein Sohn, iſt todt. Was bluͤhn die Zweige, wenn der Stamm verging? Was welkt das Laub nicht, dem ſein Saft gebricht? Wollt ihr noch leben? Jammert! Sterben? Eilt! Daß unſre Seelen ſeiner nach ſich ſchwingen, Ihm folgend wie ergebne Unterthanen In ſeinem neuen Reich der ew'gen Ruh. Zerz. Ach, ſo viel Theil hab ich an deinem Leiden, Als Anſpruch ſonſt an deinem edlen Gatten. Ich weint' um eines wuͤrd'gen Gatten Tod, ünd lebt' im Anblick ſeiner Ebenbilderz Nun ſind zwey Spiegel ſeiner hohen Zuͤge Zertruͤmmert durch den boͤsgeſinnten Tod, Mir bleibt zum Troſte nur ein falſches Glas, Worin ich meine Schmach mit Kummer ſehe. Zwar biſt du Wittwe, doch du biſt auch Mutter, ünd deiner Kinder Troſt ward dir gelaſſen: Mir riß der Tod den Gatten aus den Armen, Und dann zwey Kruͤcken aus den ſchwachen Haͤnden, Clarence und Ednard. O wie hab' ich Grund, Da deins die Haͤlfte meines Leids nur iſt, Dein Wehgeſchrey durch meins zu uͤbertaͤnben! 2 Sohn. Ach, Muhm', ihr weintet nicht um unſern Vater: Wie huͤlfen wir euch mit verwandten Thraͤnen? Tocht. Blieb unſre Waiſen⸗Noth doch unbeklagt; Sey unbeweint auch euer Witwen⸗Gram. Eliſ. O ſteht mir nicht mit Jammerklagen bey, Ich bin nicht unfruchtbar, ſie zu gebaͤren. In meine Augen ſtroͤmen alle Quellen, Daß ich, hinfort vom feuchten Mond regiert, Die Weit in Thraͤnenfuͤlle moͤg' ertraͤnken. Ach, weh um meinen Gatten, meinen Eduard! Pie Rinder. Um unſern Vater, unſern theuern Clarence! Zerz. Um beide, beide mein, Eduard und Clarence! liſ. Wer war mein Halt als Eduard? Er iſt hin. Sz2. der Dritte. Die Rinder. Wer unſer Halt als Clarence? Er iſt hin. Zerz. Wer war mein Halt als ſie? Und ſie ſind hin. Tliſ. Nie keine Witwe buͤßte ſo viel ein. Die Rinder. Nie keine Waiſe buͤßte ſo viel ein. Zerz. Nie keine Mutter buͤßte ſo viel ein. Weh mir! ich bin die Mutter dieſer Leiden: Vereinzelt iſt ihr Weh, meins allgemein. Sie weint um einen Eduard, und ich auch; Ich wein' um einen Clarence, und ſie nicht; Die Kinder weinen Clarence, und ich auch; Ich wein' um einen Eduard, und ſie nicht. Ach, gießt ihr drey auf mich dreyfach geſchlagne All, eure Thraͤnen: Waͤrterin des Grams Will ich mit Jammern reichlich ihn ernaͤhren. Dorſ. Muth, liebe Mutter! Gott iſt ungehalten, Daß ihr ſein Thun mit Undank ſo empfangt. In Weltgeſchaͤften nennt man's undankbar, Mit traͤgem Widerwillen Schulden zahlen, Die eine milde Hand uns freundlich lich; Viel mehr, dem Himmel ſo ſich widerſetzen, Weil er von euch die koͤnigliche Schuld Zuruͤcke fodert, die er euch geliehn. Riv. Bedenkt als trene Mutter, gnaͤd'ge Frau, Den Prinzen, euren Sohn; ſchickt gleich nach ihm, lUnd laßt ihn kroͤnen. In ihm lebt euer Troſt: Das Leid ſenkt in des todten Eduard Grab, Die Luſt baut auf des bluͤhnden Eduard Thron. (Gloſter, Buckingham, Stanley, Haſtings, Ratcliff und Andre treten auf.) Gloſt. Faßt, Schweſter, euch; wir alle haben Grund Um die Verdunklung unſers Sterns zu jammern: Doch niemand heilt durch Jammern ſeinen Harm.— Ich bitt' euch um Verzeihung, gnaͤd'ge Mutter, Ich ſah Eur Gnaden nicht. Demuͤthig auf den Knie'n Bitt' ich um euren Segen. erz. Gott ſegne dich! und floße Milde dir, Gehorſam, Lieb' und aͤchte Treu ins Herz! Gloſt. Amen! Und laſſ' als guten alten Mann mich ſterben!— (Beyſeit.) Das iſt das Hauptziel eines Mutterſegens: Mich wundert, daß Ihr' Gnaden das vergaß. Buck. Umwoͤlkte Prinzen, herzbeklemmte Pairs, Die dieſe ſchwere Laſt des Jammers druckt! 38 Koͤnig Richard A. H. Hegt all' in eurer Lieb' einander nun. Iſt unſte Ernt' an dieſem Koͤnig hin, So werden wir des Sohnes Ernte ſammeln. Der Zwieſpalt enrer hochgeſchwollnen Herzen, Erſt neulich eingerichtet und gefugt, Muß ſanft bewahrt, gepflegt, gehutet werden. Mir daͤncht es gut⸗ daß gleich ein klein Gefolg Pon Ludlow her den jungen Prinzen hole, Als Koͤnig hier in London ihn zu kroͤnen. Riv. Warum ein klein Gefolg, Mylord von Buckingham? Buck. Ey, Mylord, daß ein großer Haufe nicht Des Grolles nengeheilte Wunde reize; Was um ſo mehr gefaͤhrlich wuͤrde ſeyn, J mehr der Staat noch wild und ohne Fuͤhrer, Wo jedes Roß den Zugel ganz beherrſcht, Und ſeinen Lauf nach Wohlgefallen lenkt. So wohl des Unheils Furcht als wirklich Unheil Muß, meiner Meynung nach, verhuͤtet werden. Gloſt. Der Koͤnig ſchloß ja Frieden mit uns allen, Und der Vertrag iſt feſt und treu in mir. Riv. So auch in mir, und ſo, denk' ich, in allen; Doch weil er noch ſo friſch iſt, ſollte man Auf keinen Anſchein eines Bruchs ihn wagen, Den viel Geſellſchaft leicht befoͤrdern koͤnnte. Drum ſag' ich mit dem edlen Buckingham, Daß Wen, nur den Prinzen holen muͤſſen. Saſt. Das ſag' ich auch. Gloſt. So ſey es dennz und gehn wir, jn entſcheiden Wer ſchnell ſich auf nach eudlow machen ſoll.— Fuͤrſtin, und ihr, Frau Mutter, wollt ihr gehn, Um mitzuſtimmen in der wicht'gen Sache? (Alle ab außer Buckingham und Gloſter Buck. Mylord, wer auch zum Prinzen reiſen mag, Um Gottes willen, bleiben wir nicht aus: Denn unterwegs ſchafſ' ich Gelegenheit, Als Eingang zu dein juͤngſt beſprochnen Handel, Der Koͤnigin hochmuͤth'ge Vetterſchaft Von der Perſon des Prinzen z entfernen. Gloſt. Mein andres Selbſt! Du meine Rathsverſammlung, Orakel und Prophet! Mein lieber Vetter, Ich folge deiner Leitung wie ein Kind. Mach Ludlow denn! Wir bleiben nicht zuruͤck. (Beide ab.) Sz. 3. der Dritte. 39 Dritte Szene. Eine Straße. Swey Buͤrger begegnen ſich.) Erſter Bürger. Guten Morgen, Nachbar! wohin ſo in Eil? zw. Burg. Ich weiß es ſelber kaum, betheur⸗ ich euch. Ihr wißt die Neüigkeit? Erſt. Burg. Ja, daß der Koͤnig todt iſt. Iw. Buͤrg. Schlimme Nenigkeit, Bey Unſrer Frauen! Seiten kommt was Beßres; Ich fuͤrcht, ich furcht, es geht die Welt rundum. (Ein andrer Buͤrger kommt.) Dritt. Burg. Gott gruß' euch, Nachbarn! Erſt. Bürg. Geb' euch guten Tag! Dritt. Buͤrg. Beſtätigt ſich des guten Koͤnigs Tod? Zw. Bürg. Ja,* iſt nur allzuwahr: Gott ſteh' uns bey! Dritt. Bürg. Dann, eine ſtuͤrm'ſche Welt. Erſt. Burg. Nein, nein! Sein Sohn herrſcht nun durch Gottes Gnaden. Dritt. Buͤrg. Weh einem Lande, das ein Kind regiert! zw. Burg. Bey ihm iſt Hoffnung auf das Regiment, Daß in der Minderjaͤhrigkeit ſein Rath, Und, wann er reif an Jahren iſt, er ſelbſt, Dann und bis dahin gut regieren werden. Erſt. Buͤrg. So ſtund der Staat auch, als der ſechſte Heinrich Neun Monat alt gekroͤnt ward in Paris. Dritt. Bürg. Stund der Staat ſo? Nein, nein! Gott weiß, ihr Freunde! Denn dieſes Land war damals hoch begabt Mit wuͤrd'ger Staatskunſt; und der Koͤnig hatte Oheime voll Verdienſt zur Vormundſchaft. Zrſt. Burg. Die hat er auch vom Vater wie der Mutter. Dritt. Bürg. Viel beſſer waͤrs, ſie waͤren bloß vom Vater, Oder es waͤr vom PVater ihrer keiner. Denn Eiferſucht, der Naͤchſte nun zu ſeyn, Tritt uns geſamt zu nah, wenn's Gott nicht wendet. 40 Koͤnig Richard A. II. O ſehr gefaͤhrlich iſt der Herzog Gloſter, Der Koͤn'gin Soͤhn' und Bruder frech und ſtolz; Und wuͤrden ſie beherrſcht und herrſchten nicht, Dieß kranke Land gediehe noch wie ſonſt. Erſt. Burg. Geht, geht! wir zagen: alles wird noch gut. Dritt. Buͤrg. Wann Wolken ziehn, nimmt man den Mantel um, Wann Blaͤtter fallen, iſt der Winter nah; Wer harrt der Nacht nicht, wann die Sonne ſinkt? Unzeit'ge Stuͤrme kuͤnden Theurung an. Noch kann es gut gehn: doch, wenn's Gott ſo lenkt, Iſts mehr als ich erwart' und wir verdienen. Zw. Bürg. Wahrlich, der Herzen ſind voll urcht, Pr koͤnnt nicht reden faſt mit einem Mann, Der nicht bedenklich ausſieht, und voll Schrecken. Dritt. Bürg. So iſt es immer vor des Wechſels Tagen. Auf hoͤhern Antrieb mistrann die Gemuͤther Der kommenden Gefahr; ſo ſehn wir ja Die Waſſer ſchwellen vor dem wuͤſten Sturm. Doch laſſen wir das Gotte. Wohin gehts? Zw. Buͤrg. Die Richter haben beyd' uns rufen laſſen. Dritt. Buͤrg. Mich auch; ſo will ich euch Geſelſchaft leiſten.(Alle ab., * ——— Vi te S zeß e Ein Zimmer im Palaſt. (Der Erzbiſchof von York, der junge Herzog von York, Koͤnigin Eliſabeth, und die Herzogin von York tre⸗ ten auf.) Erzbiſchof. Sie lagen, hoͤr' ich, Nachts zu Northampton; Zu Stony⸗Stratford ſoll'n ſie heute ſeyn, Und morgen oder uͤbermorgen hier. Zerz. Von Herzen ſehr verlangt mich nach dem Prinzen. Seit ich ihn ſah, iſt er gewachſen, hoff' ich. Eliſ. Ich hoͤre, nein: ſie ſagen, mein Sohn Pork Hat faſt in ſeinem Wuchs ihn eingeholt. Pork. Ja, Mutter; doch ich wollt', es waͤr nicht ſo. Sz. 4. der Dritte. 3 41 Zerz. Warum, mein Enkel? Wachſen iſt ja gut. Pork. Großmutter, einmal ſpeiſten wir zu Nacht, Da ſprach mein Oheim Rivers, wie ich wuͤchſe Mehr als mein Bruder;„Ja, ſagt' Oheim Gloſter, „Klein Kraut iſt fein, groß Unkraut hat Gedeihn.“ Seitdem nun moͤcht' ich nicht mit Wachſen eilen, Weil Unkraut ſchießt, und ſüße Blumen weilen. Zerz. Fuͤrwahrj fuͤrwahr! das Spruͤchwort traf nicht zu Bey ihm, der ſelbiges dir vorgeruͤckt. Er war als Kind das jaͤmmerlichſte Ding, Er wuchs ſo langſam und ſo ſpaͤt heran, Daß, waͤr die Regel wahr, er muͤßte fromm ſeyn. Erzb. Auch zweifl' ich nicht, das iſt er, gnaͤd'ge Frau. Zerz. Ich hoff' er iſts; doch laßt die Mutter zweifeln. Pork. Nun, meiner Tren, haͤtt' ich es recht bedacht, So konnt' ich auch dem gnaͤd'gen Oheim ſticheln Auf ſeinen Wachsthum, mehr als er auf meinen. Zerz. Wie, junger York? Ich bitte, laß michs hoͤren. ork. Ey, wie ſie ſagen, wuchs mein Ohm ſo ſchnell, aß er, zwey Stunden alt, ſchon Rinden nagte; Zwey volle Jahre hatt' ich keinen Zahn. Großmutter, beißend waͤr der Spaß geweſen. Serz. Mein art'ger Pork, wer hat dir das geſagt? Mork. Großmutter, ſeine Amme. Herz. Ey, die war todt, eh du geboren warſt. Pork. Wenn ſie's nicht war, ſo weiß ich es nicht mehr. Eliſ. Ein kecker Burſch!— Geh, du biſt zu durch⸗ trieben. Erzb. Zuͤrnt nicht mit einem Kinde, gnaͤd'ge Frau. Eliſ. Die Kruͤge haben Ohren. (Ein Bote tritt auf.) Erzb. Da kommt ein Bote, ſcht;— Was giebt es nenes? Bote. Mylord, was anzumelden mich betruͤbt. Eliſ. Was macht der Prinz? Bote. Er iſt geſund und woh Zerz. Was bringſt du ſonſt? 3 Bote. Lord Rivers und Lord Grey ſind fort nach Pomfret, Benebſt Sir Thomas Vaughan, als Gefangne. Zerz. Und wer hat ſie verhaftet? S Bote. Die maͤcht'gen Herzoge, Gloſter und Buckingham. Eliſ. Fuͤr welch Vergehn? Bote. Was ich nur weiß und kann, eroͤffnet' ich. 42 Koͤnig Richard. Warum, wofuͤr die Herrn verhaftet ſind, Iſt gaͤnzlich unbekannt mir, gnaͤd'ge Fuͤrſtin. Eliſ. Weh mir! ich ſehe meines Hauſes Stutz. Der Tiger hat das zarte Reh gepackt; Verwegne Tyranney beginnt zu ſtuͤrmen Auf den harinloſen ungeſchenten Thron. Willkommen, Blut, Zerſtörung, Metzeley! Ich ſehe, wie im Abriß, ſchon das Ende. Berz. Verfluchte Tage unruhvollen Zanks! Wie manchen euer ſah mein Auge ſchon! Mein Gatte ließ ſein Leben um die Krone, Und meine Soͤhne ſchwankten auf und ab. Gewinn, Verluſt gab Frende mir und Weh. Nun, da ſie eingeſetzt, und Buͤrgerzwiſt Ganz weggeraͤumt, bekriegen ſelber ſie Die Sieger ſelber ſich; Bruder mit Bruder, Blut mit Blut, Selbſt gegen ſelbſt.— O du verkehrte Wahnſinn'ge Wuth, laß den verruchten Grimm, Sonſt laß mich ſterben, nicht den Tod mehr ſchaun! Eliſ. Komm, komm, mein Kind, wir ſuchen heil'ge Zuflucht.— Gehabt euch wohl. Berz. Bleibt noch, ich gehe mit. Eliſ. Ihr habt nicht Urſach. Erzb.(zur Koͤnigin.) Gnaͤd'ge Fuͤrſtin, geht, Und nehmet euren Schatz und Guͤter mit. Fuͤr mein Theil geb' ich mein vertrautes Siegel Eur Hoheit ab; und moͤg' es wohl mir gehn, Wie ich euch wohlwill, und den Euren allen! Kommt, ich geleit' euch zu der heil'gen Zuflucht. (Alle ab.) Dr i E r ſte S zen e London. Eine Straße. (Trompeten. Der Prinz von Wales, Gloſter, Bucking⸗ ham, Cardinal Bouchier und Andre.) Buckingham. Willkommen, beſter Prinz, in London, eurer Kammer! Gloſt. Willkommen, Vetter, meines Sinnes Fuͤrſt!— Der Reiſ Ermuͤdung macht' euch melancholiſch. Prinz. Nein, Oheim; der Verdruß nur unterwegs Hat ſie mir ſchwer gemacht, langweilig, widrig. Ich miſſe hier noch Onkel zum Empfang. Gloſt. Mein Prinz, die reine Tugend eurer Jahre Ergruͤndete noch nicht der Welt Betrug. Ihr unterſcheidet nichts an einem Mann Als ſeinen aͤußern Schein; und der, weiß Gott, Stimmt ſelten oder niemals mit dem Herzen. Gefaͤhrlich ſind die Onkel, die ihr mißt: Eur Hoheit lauſchte ihren Honigworten, Und merkte nicht auf ihrer Herzen Gift. Bewahr' euch Gott vor ſolchen falſchen Freunden! Prinz. Vor falſchen Freunden, ja! Sie waren keine. Gloſt. Mein Fuͤrſt, der Schulz von London kommt zum Willkomm. (Der Lord Mayor und ſein Zug treten auf.) Mayor. Gott ſegn' Eur Hoheit mit begluͤckten Tagen! Prinz. Ich dank' euch, beſter ſt— und dank' euch allen. (Der Lord Mayor mit ſeinem Zuge ab.) Viel fruͤher, dacht' ich, wuͤrde meine Mutter Und Bruder York uns unterweges treffen.— Pfui, welche Schneck' iſt Haſtings! daß er uns Nicht meldet, ob ſie kommen oder nicht. (Haſtings tritt auf.) Buck. So eben recht kommt der erhitzte Lord. Prinz. Willkommen, Mylord! Nun, kommt unſre Mutter? 14 Koͤnig Richard A. HI. Haſt. Auf welchen Anlaß, das weiß Gott, nicht ich, Nahm eure Mutter und eur Bruder York Zuflucht im Heiligthum. Der zarte Prinz, Haͤtt' Eure Hoheit gern mit mir begruͤßt, Doch ſeine Mutter hielt ihn mit Gewalt. Buck. Pſui! welch verkehrtes eigenſinn'ges Thun Iſt dieß von ihr?— Wollt ihr, Lord Cardinal, Die Koͤnigin bereden, ſeinem Bruder Dem Prinzen gleich den Herzog York zu ſenden? Verweigert ſie's,— Lord Haſtings, geht ihr mit, Entreißt ihn ihrem eiferſuͤcht'gen Arm. Card. Mylord, wenn meine ſchwache Redekunſt Der Mutter kann den Herzog abgewinnen, Erwartet gleich ihn hier. Allein ſie iſt verhaͤrtet Fuͤr milde Bitten, ſo verhuͤte Gott Daß wir das theure Vorrecht kraͤnken ſollten Der heil'gen Zuflucht! Nicht um all dieß Land Wollt' ich ſo ſchwerer Suͤnde ſchuldig ſeyn. Buck. Ihr ſeyd zu ſinnlos eigenwillig, Mylord, Zu altherkoͤmmlich und zu feyerlich. Erwaͤgt es nach der Groͤblichkeit der Welt, Ihn greifen bricht die heil'ge Zuflucht nicht. Derſelben Gunſt wird dem ſtets zugeſtanden, Der durch ſein Thun verdienet ſolchen Platz, Und Witz hat, zu begehren ſolchen Platz. Der Prinz hat ihn begehrt nicht, noch verdient, Und kann alſo, wie mich duͤnket, ihn nicht haben. Wenn ihr von da ihn wegfuͤhrt, der nicht da iſt, Brecht ihr kein Vorrecht, keinen Freyheitsbrief. Oft hoͤrt' ich ſchon von kirchenfluͤcht'gen Maͤnnern, Von kirchenfluͤcht'gen Kindern nie bis jetzt. Card. Mylord, ihr ſollt mich dießmal uͤberſtimmen.— Wohlan, Lord Haſtings, wollt ihr mit mir gehn? Zaſt. Ich gehe, Mylord. Prinz. Betreibt dieß, liebe Herrn, in aller Eil. (Der Cardinal und Haſtings ab.) Sagt, Oheim Gloſter, wenn mein Bruder kommt, Wo ſollen wir verbleiben bis zur Kroͤnung? Gloſt. Wo's gut duͤnkt enrer fuͤrſtlichen Perſon. Wenn ich ench rathen darf, belieb' Eur Hoheit Sich ein paar Tage auszuruhn im Thurm; Dann wo ihr wollt, und es am beſten ſcheint Fuͤr euer Wohlſeyn und Gemuͤthsergotzung. * Sz. 1. der Dritte. 45 Prinz. Der Thurm misfaͤllt mir, wie kein Ort auf Erden.— Hat Julins Caͤſar ihn gebaut, Mylord? Gloſt. Er hat, mein gnaͤd'ger Fuͤrſt, den Ort geſtiftet, Den dann die Folgezeiten neu erbaut. 2 Prinz. Hat man es ſchriftlich, oder uͤberliefert Von Zeit auf Zeiten nur, daß er ihn baute? Buck. Schriftlich, mein gnaͤd'ger Fuͤrſt. Prinz. Doch ſetzt, Mylord, es waͤr nicht aufgezeichnet: Mich dunkt, die Wahrheit ſollte immer leben, Als waͤr ſie aller Nachwelt ausgetheilt, Bis auf den letzten Tag der Welt. Gloſt.(eyſeit.) Klug allzubald, ſagt man, wird nimmer alt. Prinz. Was ſagt ihr, Oheim? Sloſt. Ich ſage, Muth wird ohne Schriften alt.— (beyſeit.) So, wie im Faſtnachtſpiel die Suͤndlichkeit, Deut' ich zwey Meynungen aus Einem Wort. Prinz. Der Julius Cäͤſar war ein großer Mann: Womit ſein Muth begabte ſeinen Witz, Das ſchrieb ſein Witz, dem Muthe Leben ſchaffend. Der Tod beſiegte dieſen Sieger nicht, Er lebt im Ruhm noch, obwohl nicht im Leben.— Wollt ihr was wiſſen, Vetter Buckingham? Buck. Was, mein anaͤd'er Fuͤrſt? Prinz. Werd' ich ein Mann je, ſo gewinn' ich wieder In Frankreich unſer altes Recht; wo nicht, Sterb' ich als Krieger, wie ich lebt' als Koͤnig. Gloſt.(beyſeit.) Auf zeit'gen Fruͤhling waͤhrt der Som⸗ mer wenig. GPork, Haſtings und der Cardinal treten auf.) Buck. Da kommt zu rechter Zeit der Herzog York. Prinz. Richard von York!— Wie lebt mein lieber Bruder? F. Gut, ſtrenger Herr; ſo muß ich nun euch nennen. rinz. Ja, Bruder, mir zum Grame, ſo wie euch: Er ſtarb ja kaum, der dieſen Titel fuͤhrte, Deß Tod ihm viel an Majeſtaͤt benahm. Gloſt. Wie geht es unferm edlen Vetter York? York. Ich dank' euch, lieber Oheim. Ha, Mylord, Ihr ſagtet, unnuͤtz Kraut das wachſe ſchnell: Der Prinz, mein Bruder, wuchs mir uͤber'n Kopf. 46 Koͤnig Richard A. III. Gloſt. Ja wohl, Work„Und iſt er darum unnuͤtz? Gloſt. O beſter Weiter, das moͤcht' ich nicht ſagen. Mork. Dann iſt er euch ja mehr ich verpflichtet. Gloſt. Er hat mir zu befehlen, als mein Fuͤrſt, Doch ihr habt Recht an mir als ein Verwandter. Mork. 3h bitt' euch, Oheim, gebt mir dieſen Dolch. Gloſt. Den Dolch, mein kleiner Vetter? Herzlich gern. rinz. Ein Bettler, Bruder? ork. Beym guten Oheim, der gewiß mir giebt, Und um'ne Kleinigkeit, die man ohn' Arges giebt. Gloſt. Wohl groͤßres will ich meinem Vetter geben. NMork. 2 groͤßres? O, das iſt das Schwert dazu. Gloſt. Ja, lieber Vetter, waͤrs nur leicht genug. Nork. Si ſeh' ich wohl, ihr ſchenkt nur leichte Gaben, Bey Dingen von Gewicht ſagt ihr dem Bettler: nein! Gloſt. Cs hat zu viel Gewicht fur euch zu tragen. Mork. Fuͤr mich hat's kein nnd waͤr's noch chwerer. Gloſt. Wie? wollt ihr meine Waffen, kleiner Lord? Mork. Ja, und mein Dank ſoll ſeyn, wie ihr mich nennt. Gloſt. Wie? ork. Klein. rinz. Mylord von port iſt ſtets in Reden keck: Oheim, Eur Gnaden weiß ihn zu ertragen. Mork. Ihr meynt, zu tragen, nicht mich zu ertragen.— Oheim, mein Bruder ſpottet mein und euer; Er denkt, weil ich nur klein bin, wie ein Af, Ihr ſolltet mich auf euren Schultern tragen. Buck. Mit welchem ſcharf verſehnen Witz er redet, Den Spott zu mildern wider ſeinen Oheim, Verhoͤhnt er ſelbſt ſich artig und geſchickt. So ſchlau und noch ſo jung, iſt wunderbar. Gloſt. Mein gnaͤd'ger Fuͤrſt, beliebt es euch zu gehn Ich und mein guter Vetter Buckingham, Wir woll'n zu eurer Mutter, und ſie bitten Daß ſie im Thurm euch trifft, und euch bewillkommt. Pork. Wie? denkt ihr in den Thurm zu gehn, Mylord? Hinz 3 Mylord Protector will es ſo durchaus. Pork. Ich ſchlafe ſicher nicht mit Ruh im Thurm. Gloſt. Warum? was kdunt ihr furchten? ork. Ey, meines Oheims Clarence zorn'gen Geiſt. Großmutter ſagt, er wurde da ermordet.* S 16 der Dritte. 47 Prinz. Ich fürchte keinen todten Oheim. Gloſt. Auch keine, hoff' ich, die am Leben ſind.. Prinz. Sind ſie's, ſo hab' ich nichts zu fuͤrchten, hoff ich. Doch kommt, Mylord, und mit beklommnem Herzen, Ihrer gedenkend, geh' ich in den Thurm. (Der Prinz, York, Haſtings, Cardinal und Gefolge ab.) Buck. Glaubt ihr, Mylord, den kleinen Schwaͤtzer York Nicht aufgereizt von ſeiner ſchlauen Mutter, So ſchimpſlich euch zu necken und verſpotten? Gloſt. Gewiß, gewiß: o,*s iſt ein ſchlimmer Burſch! Keck, raſch, verſtaͤndig, altklug und geſchickt; ie Mutter ganz vom Wirbel bis zur Zeh. Buck. Gut, laßt das ſeyn.— Komin hieher, Catesby! Du ſchwurſt So gruͤndlich auszurichten unſre Zwecke, Als heimlich zu bewahren unſre Winke; Du hoͤrteſt unſre Gruͤnde unterwegs: Was meynſt du? ſollt' es nicht ein leichtes ſeyn, William Lord Haſtings unſers Sinns zu machen Fuͤr die Erhebung dieſes edlen Herzogs Auf dieſer weltberuͤhmten Inſel Thron? Cat. Er liebt den Prinzen ſo des Vaters halb, Er laͤßt zu nichts ſich wider ihn gewinnen. Buck. Was denkſt du denn vom Stanley? laͤßt nicht der? Lat. Der wird in allem ganz wie Haſtings thun. Buck. Nun wohl, nichts mehr als dieß: geh, lieber Catesby, Und wie von fern erforſche du Lord Haſtings, Wie er geſinnt iſt gegen unſte Abſicht; Und lad' ihn ein auf morgen in den Thurm, Der Kroͤnung wegen mit zu Rath zu ſitzen. Wenn du fuͤr uns geſchmeidig ihn verſpuͤrſt, So muntr' ihn auf und ſag' ihm unſte Gruͤnde. Doch iſt er bleyern, froſtig, kalt, unwillig, So ſey du's auch: brich das Geſpraͤch ſo ab, Und gieb uns Nachricht uber ſeine Neigung. Denn morgen halten wir beſondern Rath, orin wir hoͤchlich dich gebrauchen wollen. loſt. Empfiehl mich dem Lord William: ſag'ihm, Catesby, Daß ſeiner Todfeind' alter Rotte morgen In Pomfret⸗Schloß zur Ader wird gelaſſen; eiß meinen Freund, fuͤr dieſe Reuigkeit Frau Shore ein Kuͤßchen mehr aus Frenden geben. „ 48 Koͤnig Richard 1. M. Buck. Geh, guter Catesby, richt' es tuͤchtig ans. Cat. Ja, werthe Lords, mit aller Achtſamkeit. Gloſt. Wird man von euch vor Schlafengehn noch hoͤren? Cat. Gewiß, Mylord. Gloſt. In Crosby⸗Hof, da findet ihr uns beide. (Catesby ab.) Buck. Nun, Mylord, was ſoll'n wir thun, wenn wir verſpuͤren, Daß Haſtings unſern Planen ſich nicht fuͤgt? Gloſt. Den Kopf ihm abhaun, Freund:—'was muß . geſchehn. Und wenn ich Koͤnig bin, dann fodre du Die Grafſchaft Hereford, und alles fahrende Gut Was ſonſt der Koͤnig unſer Bruder hatte. Buck. Ich will mich auf Eur Hoheit Wort berufen. Gloſt. Es ſoll dir freundlichſt zugeſtanden werden. Komm, ſpeiſen wir zu Abend, um hernach In unſern Anſchlag'ne Geſtalt zu bringen. (Beide ab.) Sweyte Szene. Vor Lord Haſtings Hauſe. (Ein Bote tritt auf.) Bote(klopft.) Mylord! Mylord! Zaſt. von innen. Wer klopft? Bote. Jemand von Lord Stanley. Baſt.(von innen.) Was iſt die Uhr? Bote. Vier auf den Schlag. (Haſtings tritt auf.) Baſt. Kann nicht dein Herr die langen Naͤchte ſchlafen? Bote. So ſcheints, nach dem, was ich zu ſagen habe. Zuerſt empfiehlt er ſich Eur Herrlichkeit. Zaſt. Und dann? Bote. Und dann laͤßt er euch melden, daß ihm traͤumte, Der Eber ſtoße ſeinen Helmbuſch ab. Auch, ſagt er, werde doppelt Rath gehalten, Und daß man leicht beſchließen koͤnn' im einen, Was ihm und euch bekuͤmmern koͤnnt' im andern. S 2 der Dritte. 49 Drum ſchickt er, enr Belieben zu erfahren, Ob ihr ſogleich mit ihm aufſitzen wollt, Und ohne Saͤumen nach dem Norden jagen, Um die Gefahr zu meiden, die ihm ſchwant. Zaſt. Geh, geh, Geſell, zuruͤck zu deinem Herrn, Heiß' ihn nicht fuͤrchten den getrennten Rath: Sein' Edeln und ich ſelbſt ſind bey dem einen, Catesby, mein guter Freund, iſt bey dem andern, Woſelbſt nichts vorgehn kann, was uns betrifft, Wovon mir nicht die Kundſchaft wuͤrd' ertheilt. Sag'ihm, die Furcht ſey albern, ſonder Anlaß; Und wegen ſeines Traums, da wundr'es mich, Wie er doch nur ſo thoͤricht konne ſeyn, Zu traun der Neckerey unruh'gen Schlummers. Den Eber ſliehn, bevor der Eber nachſetzt, Das hieß' den Eber reizen, uns zu folgen, Und Jagd zu machen, wo ers nicht gemeynt. Heiß deinen Herrn aufſtehn und zu mir kommen, Dann wollen wir zuſammen hin zum Thurm, Wo, du ſollſt ſehn, der Eber freundlich ſeyn wird. Bote. Ich geh, Mylord, und will ihm das beſtellen. (Catesby tritt auf.) Cat. Vielmals guten Morgen meinem edlen Lord! Baſt. Guten Morgen, Catesby! Ihr ſeyd fruͤh bei Wege. Was giebts, was giebts in unſerm Wankelſtaat? Cat. Die Welt iſt ſchwindlicht, in der That, Mylord, Und, glaub⸗ ich, wird auch niemals aufrecht ſtehn, Bevor nicht Richard traͤgt des Reiches Kranz. Zaſt. Wie ſo? des Reiches Kranz? meynſt du die Krone? Cat. Ja, beſter Lord. Baſt. Man ſoll das Haupt mir ſchlagen von den Schultern, Eh ich die Krone ſeh' ſo ſchnoͤd entwandt. Doch kannſt du rathen, daß er darnach zielt? Cat. So wahr ich lebe, und er hofft euch wirkſam Fuͤr ihn zu finden, ſelb'ge zu gewinnen; Und hierauf ſchickt er euch die gute Botſchaft, Daß eure Feinde dieſen ſelben Tag, Der Koͤnigin Verwandt', in Pomfret ſterben, Zaſt. Um dieſe Nachricht traur' ich eben nicht, enn immer waren ſie mir Widerſacher. Fh ich ſtimmen ſollt' auf Richards Seit⸗ 50 König Rich ard A. m. Den aͤchten Erben meines Herrn zum Nachtheit, Gott weiß, das thu' ich nicht bis in den Tod. Cat. Gott ſchutz' Eur Gnaden bei dem frommen Sinn! Zaſt. Doch das belach' ich wohl noch uͤbers Jahr, Daß ich erlebe deren Trauerſpiel, Die mich bei meinem Herrn verhaßt gemacht. Hoͤr, Catesby, eh' ein vierzehn Tag' ins Land gehn, Schaff' ich noch Einge fort, die's jetzt nicht denken. Cat. Ein haͤßlich Ding zu ſterben, gnaͤd'ger Herr, Unvorbereitet und ſich nichts verſehend. Zaſt. O greulich! greulich! Und ſo geht es nun Mit Rivers, Vaughan, Grey; und wird ſo gehn Mit Andern noch, die ſich ſo ſicher duͤnken Wie du und ich, die dem durchlauchten Richard Und Buckingham doch werth ſind, wie du weißt. Cat. Die Prinzen beide achten euch gar hoch.— (beyſeit.) * Sie achten ſeinen Kopf ſchon auf der Bruͤcke. Zaſt. Ich weiß es wohl, und hab's um ſie verdient. (Stanley tritt auf) Wohlan, wohlan! Wo iſt eur Jagdſpieß, Freund? Ihr ſcheut den Eber, und geht ungeruſtet? Stan. Mylord, guten Morgen! guten Morgen, Catesby! Ihr moͤgt nur ſpaßen, doch, beym heilgen Kreuz, Ich halte nichts von dem getrennten Rath. Baſt. Mylord, Mein Leben halt' ich werth, wie ihr das eure, Und nie in meinem Leben, ſchwoͤr' ich euch, War es mir koſtbarer als eben jetzt. Denkt ihr, wuͤßt' ich nicht unſte Lage ſicher, Ich waͤr' ſo triumphirend, wie ich bin? Stan. Die Lords zu Pomfret ritten wohlgemuth Aus London, glaubten ihre Lage ſicher, Und hatten wirklich keinen Grund zum Mistraun: Doch ſeht ihr, wie der Tag ſich bald bewoͤlkt. Ich furchte dieſen raſchen Streich des Grolls; Gott gebe, daß ich nothlos zaghaft ſey! Nun, wollen wir zum Thurm? Der Tag vergeht. Zaſt. Kommt, kommt, ſeyd ruhig! Wißt ihr was, Mylord? Heut werden die erwaͤhnten Lords enthauptet. Stan. Fuͤr Treu' ſtund' ihnen beſſer wohl ihr Haupt, Als manchen, die ſie angeklagt, ihr Hut. Kommt, Mylord, laßt uns gehn. * der Dritte. 51 G (Ein Heroldsdiener tritt auf.) Zaſt. Geht nur voran, Ich will mit dieſem wackern Manne reden. (Stanley und Catesby ab.) He, Burſch, wie ſtehts mit dir? Zer. Um deſto beſſer, Weil Eure Herrlichkeit geruht zu fragen. Zaſt. Ich ſag' dir, Freund, mit mir ſtehts beſſer jetzt, Als da du neulich eben hier mich trafſt. Da ging ich als Gefangner in den Thurm Auf Antrieb von der Koͤnigin Partey; Nun aber ſag' ich dir,(bewahrs fur dich,) Heut werden meine Feinde hingerichtet, Und meine Lag' iſt beſſer als zuvor. Ser. Erhalt' ſie Gott nach Euer Gnaden Wunſch! Baſt. Großen Dank, Burſche! Trink das auf mein Wohl. (wirft ihm ſeinen Beutel zu.) Ber. Ich dank' Eur Gnaden. (ab.) (Ein Prieſter tritt auf.) Prieſt. Mylord, mich freuts Eur Gnaden wohl zu ſehn. aſt. Ich danke dir von Herzen, mein Sir John. Ich bin Eur Schuldner fuͤr die letzte Uebung; Kommt naͤchſten Sabbath, und ich wills verguten. (Buckingham kritt auf.) Buck. Ihr ſprecht mit Prieſtern, wie, Herr Kaͤmmerer? Den Prieſter brauchen eure Freund'in Ponfret, Eur Gnaden hat mit Beichten nichts zu thun. Saſt. Fuͤrwahr, da ich den wuͤrd'gen Mann hier ſah, Da ſielen die, wovon ihr ſprecht, mir ein. Sagt, geht ihr in den Thurm? uck. Ja, Mylord, doch ich kann nicht lang' da bleiben, Ich geh' vor Euer Edeln wieder fort. Baſt. Vielleicht, weil ich zum Mittageſſen bleibe. Buck.(beiſeit.) Zum ineſen auch, weißt du's ſchon nicht.— Kommt, wollt ihr gehn? Zaſt. Eur Gnaden außnwanr ab. * Koͤnig Richard A. IMI. D S ne Zu Pomfret, vor der Burg. (Ratcliff tritt auf mit einer Wache, welche Rivers, Vaug⸗ han und Grey zur Hinrichtung fuͤhrt.) Ratecliff. Kommt, fuͤhrt die Gefangnen vor. 3 Riv. Sir Richard Rateliff, laß dir ſagen dieß: Heut wirſt du einen Unterthan ſehn ſterben, Den Tren' und Pflicht und Biederkeit verderben. Grey. Gott ſchuͤtz' den Prinzen nur vor enrer Rotte! Verdammter Hauf ihr alle von Blutſangern! Paug. Ihr, die ihr lebt, wehklagt hierum noch kuͤnftig. Rat. Macht fort, denn eures Lebens Ziel iſt da. Riv. O Pomfret! Pomfret! O du blut'ger Kerker, Verhaͤngnißvoll und toͤdlich edlen Pairs! Im ſuͤnd'gen Umfang deiner Mauern ward Richard der zweyte hier zu Tod gehaun; Und deinem grauſen Sitz zu fernerm Schimpf Giebt man dir unſer ſchuldlos Blut zu trinken. Grey. Nun faͤllt Margretha's Fluch auf unſer Haupt, Ihr Racheſchrey, weil Haſtings, ihr und ich Zuſahn, als Richard ihren Sohn erſtach. Riv. Da fluchte ſie Haſtings, da fluchte ſie Buckingham, Da fluchte ſie Richard: Gott, gedenke deß! Hoͤr' ihr Gebet fur ſie, wie jetzt fuͤr uns! Fuͤr meine Schweſter und fuͤr ihre Prinzen G'nuͤg' unſer trenes Blut dir, theurer Gott, Das ungerecht, du weißt's, vergoſſen wird! Rat. Eilt euch, die Todesſtund' iſt abgethan. Riv. Komm, Grey! komm, Vaughan! umarmen wir uns hier: Lebt wohl, bis wir uns wiederſehn im Himmel. Alle ab. G 0 + der Dritte. 53 Vierte Szene. London. Ein Zimmer im Thurm. Buckingham, Stan ley, Haſtings, der Biſchof von Ely, Lovel und Andre, an einer Tafel ſitzend; Raths⸗ bediente hinter ihnen ſtehend.) Zaſtings. Nun, edle Pairs, was uns verſammelt, iſt, Die Kroͤnung feſtzuſetzen: in Gottes Namen, Sprecht denn, wann iſt der koͤnigliche Tag? Buch. Iſt alles fertig fuͤr dieß Koͤnigsfeſt? Stan. Ja, und es fehlt die Anberaumung nur. Ely. So acht' ich morgen einen guten Tag. Buck. Wer kennt des Lord Protectors Sinn hierin? Wer iſt Vertrauteſter des edlen Herzogs? Ely. Eur Gnaden kennt wohl ſeinen Sinn am erſten. Buck. Wir kennen von Geſicht uns: doch die Herzen, Da kennt er meins nicht mehr, als eures ich; Noch ſeines ich, Mylord, als meines ihr.— Lord Haſtings, ihr und er ſeyd nah vereint. Zaſt. Ich weiß, er will mir wohl, Dank Seiner Gnaden. Doch uͤber ſeine Abſicht mit der Kroͤnung Hab' ich ihn nicht erforſcht, noch er darin Sein gnaͤd'ges Wohlgefallen mir eroͤffnet. Ihr moͤgt, mein edler Lord, die Zeit wohl nennen, Und ich will ſtimmen an des Herzogs Statt, Was, wie ich hoff', er nicht veruͤbeln wird. Gloſter tritt auf.) Ely. Zu rechter Zeit kommt da der Herzog ſelbſt. Gloſt. Ihr edlen Lords und Vetter, guten Morgen! Ich war ein Langeſchlaͤfer; doch ich hoffe, Mein Abſeyn hat kein groß Geſchaͤft verſaͤumt, Das meine Gegenwart beſchloſſen haͤtte. Buck. Kamt ihr auf euer Stichwort nicht, Mylord, So ſprach William Lord Haſtings eure Rolle? ab eure Stimme, meyn' ich, fuͤr die Kroͤnung. Gloſt. Niemand darf dreiſter ſeyn als Mylord Haſtings; Sein' Edeln kennt mich wohl, und will mir wohl. Mylord von Ely, juͤngſt war ich in Holborn, Und ſah in enrem Garten ſchoͤne Erdbeer'n: Laßt etliche mir holen, bitt' ich euch. 54 Koͤnig Richard A. IMH. Ely. Das will ich, Mylord, und von Herzen (ab. Gloſt. Vetter von Buckingham, ein Wort mit euch. eeer nimmt ihn beyſeit.) Catesby hat Haſtings uͤber unſern Handel Erforſcht, und findt den ſtarren Herrn ſo hitzig, Daß er den Kopf daran wagt, eh' er leidet, Daß ſeines Herrn Sohn, wie er's ehrſam nennt, An Englands Thron das Erbrecht ſoll verlieren. Buck. Entfernt ein Weilchen euch, ich gehe mit. (Gloſter und Buckingham ab.) Stan. Noch ſetzten wir dieß Jubelfeſt nicht an. Auf morgen, wie mich duͤnkt, das waͤr' zu plotzlich, Denn ich bin ſelber nicht ſo wohl verſehn, Als ich es waͤr', wenn man den Tag verſchoͤbe. (Der Biſchof von Ely kommt zuruͤck.) Ely. Wo iſt der Lord Protector? Ich ſandt' aus Nach dieſen Erdbeern. Zaſt. Heut ſieht Sein' Hoheit mild und heiter aus: Ihm liegt etwas im Sinn, das ihm behagt, Wenn er ſo munter guten Morgen bietet. Ich denke, niemand in der Chriſtenheit Kann minder bergen Lieb' und Haß, wie er; Denn ſein Geſicht verraͤth euch gleich ſein Herz.. Stan. Was nahmt ihr im Geſicht vom Herzen wahr, Durch irgend einen Anſchein, den er wies? Zaſt. Ey, daß er wider Niemand hier was hat, Denn waͤre das, er zeigt' es in den Mienen. (Gloſter und Buckingham treten auf.) Gloſt. Ich bitt' euch alle, ſagt, was die verdienen, Die meinen Tod mit Teufelsraͤnken ſuchen Verdammter Hexerey, und meinen Leib Mit ihrem hoͤlliſchen Zauber uͤbermannt? Saſt. Die Liebe, die ich zu Eur Hoheit trage, Draͤngt mich in dieſem edlen Kreis vor allen Die Schuld'gen zu verdammen; wer ſie ſey'n, Ich ſage, Mylord, ſie ſind werth des Tods. Gloſt. Sey denn eur Auge ihres Unheils Zeuge: Seht nur, wie ich behext bin! Schaut, mein Armn Iſt ausgetrocknet, wie ein welker Sproß. Und das iſt Eduards Weib, die arge Hexe, Verbuͤndet mit der ſchandbarn Metze Shore, Die ſo mit Hexenkuͤnſten mich gezeichnet. Sz. 4. der Dritte. 55 Zaſt. Wenn ſie die That gethan, mein edler Herr— Gloſt. Wenn! Du Beſchutzer der verdammten Metze! Kommſt du mit Wenn mir? Du biſt ein Verraͤther.— Den Kopf ihm ab! Ich ſchwoͤre bey Sankt Paul, Ich will nicht ſpeiſen, bis ich den geſehn.— Lovel und Catesby, ſorgt, daß es geſchieht;— Und wer mich liebt, ſteh auf und folge mir! (Der Staatsrath mit Gloſter und Vuckingham ab.) Zaſt. Weh, weh um England! Keineswegs um mich. Ich Thor, ich haͤtte dieß verhuͤten können: Denn Stanley traͤumte, daß der Eber ihm Den Helmbuſch abſtieß, aber nur gering Hab ich's geachtet, und verſaͤumt zu fliehn. Dreymal geſtrauchelt hat mein Leibpferd heute, Und hat geſcheut, wie es den Thurm erblickt, Als trug' es ungern in das Schlachthaus mich. Ol jetzt brauch' ich den Prieſter, den ich ſprach; Jebt reut es mich, daß ich dem Heroldsdiener Zu triumphirend ſagte, meine Feinde In Pomfret wuͤrden blutig heut geſchlachtet, Derweil ich ſicher waͤr' in Gnad' und Gunſt. O jetzt, Margretha, trifft dein ſchwerer Fluch Des armen Haſtings ungluckſel'gen Kopf. Cat. Macht fort, Muylord, der Herzog will zur Tafel; Beichtet nur kurz; ihm iſt's um enren Kopf. Baſt. O fluͤcht'ge Gnade ſterblicher Geſchoͤpfe, Wonach wir trachten vor der Gnade Gottes! Wer Hoffnung baut in Luften eurer Blicke, Lebt wie ein trunkner Schiffer auf dem Maſt, Bereit bey jedem Ruck hinabzutaumeln In der verderbenſchwangern Jiefe Schooß. Lov. Wohlan, macht fort! iſt fruchtlos weh zu rufen. Zaſt. O blut'ger Richard! Ungluͤckſel ges England! Ich prophezeyhe grauſe Zeiten dir, Wie die bedraͤngte Welt ſie nie geſehn.— Kommt, führt mich hin zum Block! bringt ihm mein Haupt! Bald wird, wer meiner ſpottet, hingeraubt. (Alle ab.) 56 Koͤnig Richard A. IHt. F unfte S eene Innerhalb der Mauern des Thurms. (Gloſter und Buckingham in roſtigem Harniſch und einem ſehr entſtellenden Aufzuge.) Gloſter. Komm Vetter, kannſt du zittern, Farbe wechſeln? Mitten im Worte deinen Athem wuͤrgen, Dann wiederum beginnen, wieder ſtocken, Wie außer dir und irr' im Geiſt vor Schrecken? Buck. Pah! ich thu's dem Tragoͤdienſpieler nach, Red, und ſeh' hinter mich, und ſpaͤh' umher, Beb' und fahr' auf, wenn ſich ein Strohhalm ruͤhrt, Als tiefen Argwohn hegend; granſe Blicke Stehn zu Gebot mir, wie erzwungnes Laͤcheln, Und beide ſind bereit in ihrem Dienſt Zu jeder Zeit zu Gunſten meiner Raͤnke. Doch ſag', iſt Catesby fort? Gloſt. Ja, und ſieh da, er bringt den Schulzen mit., (Der Lord Mayor und Catesby treten auf.) Buck, Laßt mich allein ihn unterhalten.— Lord Mayor— Gloſt. Gebt auf die Zugbruͤck' Acht. Buck. Horch eine Trommel. Gloſt. Catesby, ſchau von der Mauer. Buck. Lord Mahor, der S warum wir nach euch andten,— Gloſt. Sieh um dich, wehr dich, es ſind Feinde hier. Buck. Bewahr' und ſchirm' uns Gott und unſte Unſchuld! Ratcliff und Lovel treten auf mit Haſtings Kopfe.) Gloſt. Seyd ruhig, Freunde ſind's, Rateliff und Lovel. Lov. Hier iſt der Kopf des ſchaͤndlichen Verraͤthers, Des tuckiſchen und unverdaͤcht'gen Haſtings. Gloſt. Ich war ſo gut ihm, daß ich weinen muß. Zoh hielt ihn fuͤr das redlichſte Geſchoͤpf, as lebt' auf Erden unter Chriſtenſeelen; Macht' ihn zum Buch, in welches meine Seele Die heimlichen Gedanken niederſchrieb. So glatt betuͤncht' er mit dem Schein der Tugend Sein Laſter, daß, bis auf ſein offenbares Vergehn, den Umgang meyn' ich mit Shore's Weib, Er rein ſich hielt von jeglichem Verdacht. Buck. Ja, ja, er war der ſchleichendſte Verraͤther, ————— —————————— Sz. 5. der Dritte. 57 Der je gelebt.— Seht ihr, Mylord Mayor, Solltet ihrs denken, oder glauben ſelbſt, Falls wir nicht wunderbar errettet lebten, Es zu bezeugen, daß der Erzverraͤther Heut angezettelt hatt, im Saal des Raths Mich und den guten Herzog zu ermorden? Miapor. Wie? hat er das? Gloſt. Was? denkt ihr, wir ſey'n Tuͤrken oder Heiden, Und wuͤrden, wider alle Form des Rechts, So raſch verfahren mit des Schurken Tod, Wo nicht die dringende Gefahr des Falls, Der Frieden Englands, unſte Sicherheit Uns dieſe Hinrichtung haͤtt' abgenothigt? Mapyor. Ergeh's euch wohl! Er hat den Tod verdient, Und behd'Eur Gnaden haben wohl gethan, Verraͤther vor dergleichen Thun zu warnen. Ich habe nie mir Gut's von ihm verſehn, eit er ſich einmal einließ mit Frau Shore. Buck. Doch war nicht unſte Abſicht, daß er ſtuͤrbe, Bis Euer Edeln kaͤm', es anzuſehn; 2 Was dieſer unſrer Freund' ergebne Eil', In etwas gegen unſern Sinn, verhindert. Wir wollten, Mylord, daß ihr den Verraͤther Selbſt hortet reden, und verzagt bekennen Die Weiſ und Abſicht der Verratherey, Auf daß ihr ſelb'ge wohl erklaͤren moͤgtet Der Buͤrgerſchaft, die uns vielleicht hierin Misdeutet, und bejammert ſeinen Tod. Mayor. Doch, beſter Herr, mir gilt Eur Gnaden Wort, Als haͤtt ich ihn geſehn und reden hoͤren; Und zweifelt nicht, erlauchte Prinzen beide, Ich will der treuen Burgerſchaft berichten All eur gerecht Verfahren bey dem Fall. Gloſt. Wir wuͤnſchten zu dem End'Eur Edeln her, Dem Tadel zu entgehn der ſchlimmen Welt. Buck. Doch weil zu ſpaͤt ihr kamt fur unſern Zweck, Bezeugt nur, was ihr hort, das wir bezielt; Und ſomit, wertheſter Lord Mayor, lebt wohl. (Der Loͤrd Mayor ab.) Gloſt. Geh, folg' ihm, folg' ihm, Vetter Buckingham. Der Schulz geht eiligſt nun aufs Gildehaus: Daſelbſt, wie's dann die Zeit am beſten giebt, Dring' auf die Unaͤchtheit von Eduard's Kindern. 58 Koͤnig Richard A. 11l. Stell ihnen vor, wie Eduard einen Buͤrger Am Leben ſtrafte, bloß weil er geſagt, Er wolle ſeinen Sohn zum Erben machen Der Krone, meynend naͤmlich ſeines Hauſes, Das ſo nach deſſen Schilde ward benannt. Auch ſchildre ſeine ſchnoͤde Ueppigkeit Und viehiſches Geluͤſt nach ſtetem Wechſel, Das ihre Maͤgde, Toͤchter, Weiber traf, Wo nur ſein luͤſtern Aug' und wildes Herz Ohn' Einhalt waͤhlen mochte ſeinen Raub. Ja, wenn es noth thut, ruͤck' mir ſelbſt noch naͤher, Und ſag', als meine Mutter ſchwanger war Mit dieſem nie zu ſaͤttigenden Eduard, Da habe mein erlauchter Vater York In Frankreich Krieg gefuͤhrt, und bey Berechnung Der Zeit gefunden, daß das Kind nicht ſein; Was auch in ſeinen Zugen kund ſich gab, Als keineswegs dem edeln Herzog aͤhnlich. Doch das beruͤhrt nur ſchonend, wie von fern, Weil meine Mutter, wie ihr wißt, noch lebt. Buck. Sorgt nicht, Mylord: ich will den Redner ſpieken, Als ob der goldne Lohn, um den ich rechte, Mir ſelbſt beſtimmt waͤr; und ſomit lebt wohl. Gloſt. Wenn's euch gelingt, bringt ſie nach Baynards⸗ Schloß, ⸗ Wo ihr mich finden ſollt, umringt vom Kreis Gelahrter Biſchoͤf' und ehrwuͤrd'ger Vaͤter. Buck. Ich geh' und gegen drey bis vier erwartet Das Neue, was vom Gildehauſe kommt. (Buckingham ab.) Gloſt. Geh, Lovel, ungeſaumt zum Doctor Shaw;— (zu Catesby) Geh du zum Pater Penker; heißt ſie beide In einer Stund' in Baynards⸗Schloß mich treffen. (Lovel und Catesby ab.) Nun will ich hin, um heimlich zu verfugen, Wie man des Clarence Baͤlge ſchafft bey Seit; Und anzudeuten, daß keine Art Perſonen Je zu den Prinzen Zutritt haben ab. Sz. 6. 7. den Dritte. 59 Sechſte Szene. Eine Straße. Ein Kanzelliſt tritt auf.) Ranzelliſt. Hier iſt die Klagſchrift wider den Lord Haſtings, Den wackern Mann, in ſauberer Kopey, Um in Sankt Paul ſie heute zu verleſen. Nun merke man, wie fein das haͤngt zuſammen: Eilf Stunden bracht' ich zu, ſie abzuſchreiben, Denn Catesby ſchickte ſie mir geſtern Abend; Die Urſchrift war nicht minder lang' in Arbeit, lind vor fuͤnf Stunden lebte Haſtings doch Noch unbeſcholten, unverhoͤrt, in Freyheit. Das iſt'ne ſchoͤne Welt!— Wer iſt ſo bloͤde Und ſieht nicht dieſen greiflichen Betrug? Und wer ſo kuͤhn, und ſagt, daß er ihn ſieht? Schlimm iſt die Welt, ſie muß zu Grunde gehn, Wenn man muß ſchweigend ſolche Raͤnke i 3 ab. Siebente Szene. Der Hof in Baynards⸗Schloß. Gloſter und Buckin gham begegnen einander.) Gloſter. Wie ſtehts? wie ſtehts? Was ſagt die Buͤrgerſchaft? Buck. Nun, bey der heil'gen Mutter unſers Herrn! Die Buͤrgerſchaft iſt ſtockſtill, ſagt kein Wort. Gloſt. Spracht ihr von Unaͤchtheit der Kinder Eduards? Buck. Ja, nebſt dem Ehvertrag mit Lady Luch, Und dem in Frankreich, den er ſchloß durch Vollmacht; Der Unerſaͤttlichkeit in ſeinen Luſten,. Und Vergewaͤltigung der Buͤrgerfrau'n; Von ſeiner Tyranney um Kleinigkeiten, 60 Koͤnig Richard A. III. Von ſeiner eignen Unaͤchtheit, als der Erzeugt ward, da eur Vater außer Lands, Und der an Bildung nicht dem Herzog glich. Dann hielt ich ihnen eure Zuͤge vor, Als eures Vaters rechtes Ebenbild, Wie an Geſtalt, ſo auch an edlem Sinn; Legt' ihnen dar all' eure Sieg' in Schottland, Die ſtrenge Zucht im Krieg, Weisheit im Frieden, Auch eure Guͤte, Tugend, fromme Demuth; Ließ in der That nichts, dienlich fuͤr den Zweck, Im Sprechen unberuͤhrt, noch leicht behandelt. Und als die Redekunſt zu Ende ging, Sagt' ich: Wer ſeinem Lande wohl will, rufe: „Gott ſchuͤtze Richard, Englands großen Koͤnig!“ Gloſt. Und thaten ſie's? Buck. Nein, helf mir Gott, ſie ſagten nicht ein Wort. Wie ſtumme Bilder, unbelebte Steine, So ſahn ſie ſtarr ſich an, und todtenbleich. Dieß ſehend ſchalt ich ſie, und frug den Mayor, Was dieß verſtockte Schweigen nur bedeute. Seine Antwort war, das Volk ſey nicht gewohnt, Daß ſonſt wer als der Sprecher zu ihm rede. Gedrungen mußt' er nun mich wiederholen: „So ſagt der Herzog, giebt der Herzog an;“ Doch ſagt' er nichts, es zu beſtaͤt'gen, ſelbſt. Als er geſchloſſen, ſchwenkten ein'ge Leute Von meinem Troß, am andern End' des Saals, Die Muͤtzen um den Kopf, ein Dutzend Stimmen Erhoben ſich:„Gott ſchuͤtze Koͤnig Richard!“ Ich nahm den Vortheil dieſer Wen'gen wahr; „Dank, lieben Freund' und Buͤrger!“ fiel ich ein, „Der allgemeine frohe Beyfalls⸗Ruf „Giebt Weisheit kund und Lieb' in euch zu Richard;“ Und damit brach ich ab, und ging davon. Gloſt. Die ſtummen Bloͤcke! wollten ſie nicht ſprechen? Kommt denn der Mayor mit ſeinen Bruͤdern nicht? Buck. Der Mayor iſt hier nah bey. Stellt euch beſorgt, Laßt ench nicht ſprechen als auf dringend Bitten, Und nehmt mir ein Gebetbuch in die Hand, Und habt, Mylord, zween Geiſtliche zur Seite, Denn daraus zieh' ich heil'ge Nutzanwendung. Laßt das Geſuch ſo leicht nicht Eingang finden, Thut maͤdchenhaft, ſagt immer Nein, und nehmt. Sz. 7. der Dritte. 61 Gloſt. Ich geh', und wenn du weißt fuͤr ſie zu ſprechen, Wie ich dir Nein fuͤr mich zu ſagen weiß, So bringen wir's gewiß nach Wunſch zu Ende. Buck. Geht, geht, auf 3 er Lord Mayor klopft. 3(Gloſter ab.) (Der Lord Mayo r, Aldermaͤnner und Buͤrger treten auf. Buck. Willkommen, Muylord! Ich wart' umſonſt hierauf: Der Herzog, ſcheints, will ſich nicht ſprechen laſſen. (Catesby kommt aus dem Schloß.) Nun, Catesby? was ſagt eur Herr auf mein Geſuch? Cat. Er bittet Euer Gnaden, edler Lord, Kommt morgen wieder oder uͤbermorgen. Er iſt mit zwey ehrwuͤrd'gen Vaͤtern drinnen, Vertieft in geiſtliche Beſchaulichkeit, Kein weltliches Geſuch moͤcht' ihn bewegen, Ihn von der heil'gen Uebung abzuziehn. Buck. Geh, guter Catesby, noch zum gnaͤd'gen Herzog; Sag' ihm, daß ich, der Mayor und Aldermaͤnner, In trift'ger Abſicht, Sachen von Gewicht, Betreffend minder nicht als Aller Wohl, Hier ſind um ein Geſpraͤch mit Seiner Gnaden. Cat. Ich geh' ſogleich, ihm ſolches tte ab. Buck. Ha, Mylord, dieſer Prinz, das iſt kein Eduard! Den findt man nicht auf uͤpp'gem Ruhbett lehnend, Nein, auf den Knieen liegend in Betrachtung; Nicht ſcherzend mit'nem Paar von Buhlerinnen, Nein, mit zwey ernſten Geiſtlichen betrachtend; Nicht ſchlafend, ſeinen tragen Leib zu maͤſten, Nein, betend, ſeinen wachen Sinn zu naͤhren. Begluͤckt waͤr' England, wenn der fromme Prinz Deſſelben Oberherrſchaft auf ſich naͤhme; Allein ich furcht', er iſt nicht zu bewegen. Mayor. Ey, Gott verhuͤte, daß uns Seine Gnaden Nein ſollte ſagen! Buck. Ich fuͤrcht', er wird es. Da kommt Catesby wieder. (Catesby kommt zuruͤck.) Nun, Catesby, was ſagt Seine Gnaden? Cat. Ihn wundert, zu was End' ihr ſolche Haufen Von Buͤrgern habt verſammelt herzukommen, a Seine Gnaden deſſen nicht gewaͤrtig. 62 Koͤnig Richard A. HMI. Er ſorgt, Mylord, ihr habt nichts Guts im Sinn. Buck. Mich kraͤnkt der Argwohn meines edlen Feit. Als haͤtt ich wider ihn nichts Guts im Sinn. Beym Himmel! ganz wohlmeynend kommen wir; Geh wieder hin, und ſag das Seiner Gnaden. (Catesby ab.) Wenn fromm⸗andaͤcht'ge Maͤnner einmal ſind Beym Roſenkranz, ſo zieht man ſchwer ſie ab: So ſuß iſt bruͤnſtige Beſchaulichkeit. (Gloſter erſcheint auf einem Altan zwiſchen zwey Bi⸗ ſchoͤfen; Catesby kommt zuruͤck.) Mayor. Scht, Seine Gnaden zwiſchen zwey Biſchoͤfen! Buck. Zwey Tugendpfeilern fuͤr ein chriſtlich Haupt Ihn vor dem Fall der Eitelkeit zu ſtuͤtzen. Und, ſeht nur, ein Gebetbuch in der Hand, Die wahre 3 Zier, woran man Fromme kennt.— Großer Plurtehenet erlauchter Prinz, Leih unſerem Geſuch ein guͤtig Ohr, Und woll' die Unterbrechung uns verzeihn Der Andacht und des chriſtlich frommen Eifers. Gloſt. Mylord, es braucht nicht der Entſchuldigung, Vielmehr erſuch' ich euch, mir zu verzeihn, Der ich, im Dienſte meines Gottes eifrig, Verſaͤume meiner Freunde Heimſuchung. das bey Seite, beliebt Eur Gnaden? Buck. Was, hoff' ich, Gott im Himmel auch beliebt, Und den rechtſchaffnen Maͤnnern insgeſammt, So dieſes unregierte Eiland hegt. Gloſt. Ich ſorg', ich hab in etwas mich vergangen, Das widrig in der Buͤrger Ang erſcheint; Und daß ihr kommt, um mein Verſehn zu ſchelten. Buck. Das habt ihr, Mylord: wollt' Eur Gnaden doch, Auf unſre Bitten, euren Fehl verbeſſern! Gloſt. Weswegen lebt' ich ſonſt in Chriſtenlanden? Buck. Wißt denn, eur Fehl iſt, daß ihr uͤberlaßt Den hoͤchſten Sitz, den majeſtät'ſchen Thron, Dieß eurer Ahnen ſeepterfuͤhrend Amt, Des Rangs Gebuͤhr, den Anſpruch der Geburt, Den Erbruhm enres koͤniglichen Hauſes, An die Verderbniß eines falſchen Sprößlings; Weil, bey ſo ſchlaͤfriger Gedanken Milde, Die wir hier wecken zu des Landes Wohi, Dieß edle Eiland ſeiner Glieder mangelt, Sz 7. der Dritte. Entſtellt ſein Antlitz von der Schande Narben, Sein Fuͤrſtenſtamm geimpft mit ſchlechten Zweigen, Und faſt verſchlemmt im niederzieh'nden Sumpf Der tiefſten naͤchtlichſten Vergeſſenheit. Dieß abzuſtellen, gehn wir dringend an Eur gnadig Selbſt, das hoͤchſte Regiment Von dieſem eurem Land auf euch zu laden, Nicht als Protector, Anwald, Stellvertreter, Noch dienender Verwalter freinden Guts, Nein, als der Folge nach, von Glied zu Glied, Eur Erbrecht, euer Reich, eur Eigenthum. Deßhalb, gemeinſam mit der Buͤrgerſchaft, Die ehrerbietigſt euch ergeben iſt, Und auf ihr ungeſtuͤmes Dringen komm' ich, Fuͤr dieß Geſuch Eur Gnaden zu bewegen. Gloſt. Ich weiß nicht, ob ſtillſchweigend wegzugehn, Ob bitterlich mit Reden euch zu ſchelten, Mehr meiner Stell' und eurer Faſſung ziemt. Antwort' ich nicht, ſo daͤchtet ihr vielleicht, Verſchwiegner Ehrgeiz will'ge ſtumm darein, Der Oberherrſchaft goldnes Joch zu tragen, Das ihr mir thoͤricht auferlegen wollt. Doch ſchelt' ich euch fuͤr diefes eur Geſuch, Durch eure treue Liebe ſo gewuͤrzt, Dann, andrerſeits, verſehr' ich meine Freunde. Um jenes drum zu meiden, und zu reden, Und nicht in dieß beym Reden zu verfallen, Antwort' ich euch entſchiednermaßen ſo: Dankwerth iſt eure Liebe; doch mein Werth, Verdienſtlos, ſcheut eur allzuhoch Begehren. Erſt, waͤre jede Hindrung weggeraͤumt, Und waͤr' geebnet meine Bahn zum Thron, Als heimgefallnem Rechte der Geburt⸗ Dennoch, ſo groß iſt meine Geiſtes⸗Armuth, So maͤchtig und ſo vielfach meine Maͤngel, aß ich mich eh' verbuͤrge vor der Hoheit, ls Kahn, der keine maͤcht'ge See vertraͤgt, Eh' ich von meiner Hoheit mich verbergen, Von meines Ruhmes Dampf erſticken ließe. Doch, Gott ſey Dank! es thut nicht noth um mich; Und waͤr's, thaͤt' vieles noth mir, euch zu helfen. Der koͤnigliche Baum ließ Frucht uns nach Die durch der Zeiten leiſen Gang gereift, „ 63 64 Koͤnig Richard A. III. Wohl zieren wird den Sitz der Majeſtaͤt, Und deß Regierung uns gewiß begluͤckt. Auf ihn leg' ich, was ihr mir auferlegt, Das Recht und Erbtheil ſeiner guten Sterne, Was Gott verhuͤte, daß ich's ihm entriſſe. Buck. Mylord, dieß zeigt Gewiſſen in Eur Gnaden, Doch ſeine Gruͤnde ſind gering und nichtig, Wenn man jedweden Umſtand wohl erwaͤgt. Ihr ſaget, Eduard ſey eur Brudersſohn; Wir ſagen's auch, doch nicht von Eduards Gattin. Denn erſt war er verlobt mit Lady Luch, Noch lebt des Eides Zengin, eure Mutter; Und dann war ihm durch Vollmacht Bona, Schweſter Des Koͤniges von Frankreich, angetraut. Doch beide wurden ſie hintangeſetzt Zu Gunſten einer armen Supplicantin, Der abgehaͤrmten Mutter vieler Soͤhne, Der reizverfallnen und bedraͤngten Witwe, Die, ſchon in ihrer Bluͤhzeit Nachmitttag, Sein uͤppig Aug erwarb als einen Raub, Und ſeines Sinnes hoͤchſten Schwung verfuͤhrte Zu niederm Fall und ſchnoͤder Doppek⸗Eh. Aus dieſem nnrechtmaͤß'gen Bett erzeugt Ward Eduard, Prinz aus Hoͤflichkeit genannt. Ich koͤnnt' es bittrer fuͤhren zu Gemuͤth. Nur daß, aus Achtung ein'ger, die noch leben, Ich ſchonend meiner Zunge Schranken ſetze. Drum, beſter Herr, nehm' euer fuͤrſtlich Selbſt Der Wuͤrde dargebotnes Vorrecht an: Wo nicht zu unſerm und des Landes Segen, Doch um eur edles Haus hervorzuziehn Aus der Verderbniß der verkehrten Zeit, Zu erblicher und aͤchter Folgereihe. Mayor. Thut, beſter Herr, was eure Burger bitten. Buck. Weißt, hoher Herr, nicht ab den Liebes⸗Antrag. Cat. O macht ſie froh, gewaͤhrt ihr bill'ges Flehn! Gloſt. Ach, warum dieſe Sorgen auf mich laden? Ich tauge nicht fuͤr Rang und Majeſtat. Ich bitt' euch, legt es mir nicht uͤbel aus: Ich kann und will euch nicht willfaͤhrig ſeyn. Buck. Wenn ihr es weigert, Lieb' und Eifers halb, Das Kind, den Brudersſohn, nicht zu entſetzen, Wie uns bekannt iſt eures Herzens Milde, St. 7 der Dritte. 65 Und euer ſanftes, weichliches Erbarmen, Das wir in euch fuͤr Anverwandte ſehn, Ja, gleichermaßen auch für alle Staͤnde: So wißt, ob ihr uns wilifahrt oder nicht, Doch ſoll eur Brudersſohn uns nie beherrſchen; Wir pflanzen jemand anders auf den Thron Zum Schimpf und Umſturz eures ganzen Hauſes. Und, ſo entſchloſſen, laſſen wir euch hier.— Kommt, Buͤrger, laͤnger wollen wir nicht bitten. (Buckingham mit den Buͤrgern ab.) Cat. Ruft, lieber Prinz, ſie wieder, und gewaͤhrt es! enn ihr ſie abweiſt, wird das Land es buͤßen. loſt. Zwingt ihr mir eine Welt von Sorgen auf? Wohl, ruf ſie wieder!(Catesby ab. Ich bin ja nicht von Stein, Durchdringlich eurem freundlichen Erſuchen, Zwar wider mein Gewiſſen und Gemuͤth. Buckingham und die uͤbrigen kommen zuruͤck.) Vetter von Buckingham und weiſe Maͤnner, Weil ihr das Gluͤck mir auf den Ruͤcken ſchnallt, Die Laſt zu tragen, willig oder nicht, 6 So muß ich in Geduld ſie auf mich nehmen. Wenn aber ſchwarzer Leumund, frecher Tadel Erſcheinet im Gefolge eures Auftrags, o ſpricht mich euer foͤrmlich Nöth'gen los Von jeder Makel, jedem Fleck derſelben. Denn das weiß Gott, das ſeht ihr auch zum Theil, ie weit entfernt ich bin, dies zu begehren. Mayor. Gott ſegn' Eur Gnaden Wir ſehn's, und wol⸗ len's ſagen. Wenn ihr es ſagt, ſo ſagt ihr nur die Wahrheit. Buck. Dann gruͤß ich euch mit dieſem Fuͤrſtentitel: Lang lebe Richard, Englands wuͤrd'ger Koͤnig! ite uck. Beliebt's euch, daß die Kroͤnun morgen ſey? Gloſt. Wann's euch beliebt, weil ihro ſo Buch. So warten wir Eur Gnaden morgen auf, Und nehmen hiemit voller Frenden Abſchied. loſt.(zu den Biſchoͤfen.) Kommt, gehn wir wieder an das heil'ge Werk;— Lebt wohl, mein Vetter! lebt wohl, werthe Freunde! Alle ab. IIH. 66 König Richard A. W. Vierter Aufzug. Erſte Szene. Vor dem Thurm. (Von der einen Seite treten auf Koͤnigin Eliſabeth, die Herzogin von York, und der Marquis von Dorſet; von der andern Anna Herzogin von Gloſter, mit Lady Margaretha Plantagenet, Clarence's kleiner Toch⸗ ter, an der Hand.) Serzogin. Wen treff' ich hier? Enk'lin Plantagenet, An ihrer guten Muhme Gloſter Hand? So wahr ich lebe, ſie will auch zum Thurm Aus Herzensliebe zu dem zarten Prinzen.— Tochter, ich freue mich, euch hier zu treffen. Anna. Gott geb' Eur Gnaden beiden frohe Zeit! Eliſ. Euch gleichfalls, gute Schweſter! Wohin gehts? Anna. Nicht weiter als zum Thurm, und, wie ich rathe, In gleicher frommer Abſicht wie ihr ſelbſi, BDoſelbſt die holden Prinzen zu begruͤßen. Eliſ. Dank, liebe Schweſter! Gehn wir all' hinein: Und da kommt eben recht der Commandant.— (Brakenbury tritt auf.) Herr Commandant, ich bitt' euch, mit Verlaub, Was macht der Prinz und York, mein juͤng'rer Sohn? Brak. Wohl ſind ſie, gnaͤd'ge Frau; doch wollt verzeihn, Ich darf nicht leiden, daß ihr ſie beſucht: Der Koͤnig hat es ſcharf mir unterſagt. Eliſ. Der Koͤnig? wer? 2 Brak. Der Herr Protector, meyn' ich. Eliſ. Der Herr beſchuͤtz' ihn vor dem Koͤnigstitel! So hat er Schranken zwiſchen mich geſtellt Und ihre Liebe? Ich bin ihre Mutter: Wer will den Zutritt mir zu ihnen wehren? Serz. Ich ihres Vaters Mutter, die ſie ſehn will. Anna. Ich bin nur ihre Wi nach den Rechten, Doch Mutter nach der Liebe; fuͤhre denn Mich vor ſie: tragen will ich deine Schuld, Und dir dein Amt abnehmen auf mein Wort. Sz. 1. der Dritte. 67 Brak. Nein, gnäd'ge Frau, ſo darf ich es nicht laſſen. Ein Eid verpflichtet mich, deshalb verzeiht. 8 (Brakenbury ab.) (Stanley tritt auf.) Stan. Träf ich euch, edle Frau'n, ein Stuͤndchen ſpaͤter, So koͤnnt' ich Euer Gnaden ſchon von York Als wuͤrd'ge Mutter und Begleiterin Von zweyen holden Koͤniginnen gruͤßen.— (Zur Herzogin von Gloſter.) 5 Kommt, Fuͤrſtin, ihr muͤßt gleich nach Weſtminſter: Dort kroͤnt man euch als Richards Ehgemahl. Eliſ. Ach! luͤftet mir die Schnuͤre, Daß mein beklemmtes Herz Raum hat zu ſchlagen, Sonſt ſink ich um bey dieſer Todes⸗Botſchaft. Anna. Verhaßte Nachricht! unwillkommne Botſchaft! Dorſ. Seyd gutes Muths!— Mutter, wie geht's Eur Gnaden? Eliſ. O Dorſet, ſprich nicht mit mir! mach dich fort! Jod und Verderben folgt dir auf der Ferſe; Verhangnißvoll iſt deiner Mutter Name. Willſt dn dem Tod⸗ entgehn, fahr uͤbers Meer, Bey Richmond leb', entruͤckt der Hoͤlle Klau'n. Geh, eil' aus dieſer Moͤrdergrube fort, Daß du die Zahl der Todten nicht vermehrſt, Und unter Margaretha's Fluch ich ſterbe, Noch Mutter, Weib, noch Koͤnigin geachtet. Stan. Voll weiſer Sorg' iſt dieſer euer Rath— Nehmt jeder Stunde ſchnellen Vortheil wahr; Ich geb' euch Briefe mit an meinen Sohn, Empfehl' es ihm, entgegen euch zu eilen: Laßt euch nicht fangen durch unweiſes Weilen. Zerz. O ſchlimm zerſtreu'nder Wind des Ungemachs!— D mein verfluchter Schooß, des Todes Bett! Du heckteſt einen Baſiliskt der Welt, Deß unvermiednes Auge moͤrdriſch iſt. Stan. Kommt, Fuͤrſtin, kommt! Ich ward in Eil geſandt. Anna. Mit hochſter Abgeneigtheit will ich gehn.— O wollte Gott, es waͤr' der Zirkelreif Von Gold, der meine Stirn umſchließen ſoll, Rothgluͤh'nder Stahl, und ſengte mein Gehirn! 5* 68 Koͤnig Richard A. IV. Mag toͤdlich Gift mich ſalben, daß ich ſterbe, Eh wer kann rufen: Heil der Koͤnigin! Eliſ. Geh, arme Seel', ich neide nicht dein Gluͤck; Mir zu willfahren, wuͤnſche dir kein Leid⸗ Anna. Wie ſollt' ich nicht? Als er, mein Gatte jetzt, Hinzutrat, wie ich Heinrichs Leiche folgte, Als er die Haͤnde kaum vom Blut gewaſchen, Das dir entfloß, mein erſter Engel⸗Gatte, Und jenem todten Heil'gen, den ich weinte; O, als ich da in Richards Antlitz ſchaute, War dies mein Wunſch: Sey du, ſprach ich, verflucht, Der mich, ſo jung, ſo alt als Witwe macht! Und wenn du ſreyſt, umlag're Gram dein Bett, Und ſey dein Weib(iſt eine ſo verruͤckt) Elender durch dein Leben, als du mich Durch meines theuren Gatten Tod gemacht! Und ſieh, eh ich den Fluch kann wiederholen, In ſolcher Schnelle, ward mein Weiberherz Broblich beſtrickt von ſeinen Honigworten, Und unterwuͤrfig meinem eignen Fluch, Der ſtets ſeitdein mein Auge wach erhielt: Denn niemals Eine Stund' in ſeinem Bett Genoß ich noch den goldnen Thau des Schlafs, Daß ſeine bangen Traume nicht mich ſchreckten. Auch haßt er mich um meinen Vater Warwick, Und wird mich ſicherlich in kurzem los. Eliſ. Leb wohl, du Mich daurt dein Klagen. Anna. Nicht mehr, als eur's mich in der Seele ſchmerzt. Dorſ. Leb wohl, die du mit Weh die Hoheit gruͤßeſt! Anna. Leb, arme Seele, wohl, die von ihr ſcheidet! Zerz.(zu Dorſet.) Geh du zu Richmond: gutes Gluͤck geleite dich!— (Gzu Anna.) Geh du zu Richard: gute Engel ſchirmen dich!— (zu Eliſabeth.) Geh du zur Freyſtatt: guter Troſt erfuͤlle dich!— Ich in mein Grab, wo Friede mit mir ruhe! Mir wurden achtzig Leidensjahr' gehaͤnft, Und Stunden Luſt in Wochen Grams erſäuft. Eliſ. Verweilt noch, ſchaut mit mir zuruͤck zum Thurm.— Erbarmt ench, alte Steine, meiner Knaben, Die Neid in enren Mauern eingekerkert! Sz. 2. der Dritte. 69 Du rauhe Wiege für ſo holde Kinder! Felsſtarre Amme! finſtrer Spielgeſell Fuͤr zarte Prinzen! Pflege meine Kleinen! So ſagt mein choͤricht Leid Lebwohl den (Alle ab.) Zweyte Szene. Ein Staatszimmer im Palaſt. (Trompetenſtoß. Richard als Koͤnig auf ſeinem Thron„Bu⸗ ckingham, Catesb„ ein Edelknabe und Andre.) Richard. Steht alle ſeitwaͤrts.— Vetter Buckingham— Buck. Mein gnaͤd'ger Fuͤrſt? Kich. Gieb mir die Hand. So hoch, durch deinen Rath Und deinen Beyſtand ſitzt nun Koͤnig Richard. Doch ſoll der Glanz uns einen Tag bekleiden, Wie, oder dauern, und wir ſein uns freun? Buck. Stets leb⸗ er, moͤge dauern immerdar! Rich. Ah, Buckingham! den Pruͤfſtein ſpiel' ich jetzt, Ob du dich wohl als aͤchtes Gold bewaͤhrſt. Der junge Eduard lebt⸗ rath', was ich meyne. uck. Sprecht weiter, beſter Herr. Rich. Ey, Buckingham, ich mochte Koͤnig ſeyn. Buck. Das ſeyd ihr ja, mein hochberuͤhmter Furſt. Kich. Ha! bin ich Koͤnig? Wohl, doch Eduard lebt. Buck. Wahr, edler Prinz. Rich. O bittre Folgerung! Daß Eduard ſtets noch lebt:„wahr, edler Prinz.“— Vetter, du warſt ja ſonſt ſo bloͤde nicht. Sag' ichs heraus? Die Buben wuͤnſch' ich todt, Und wollt', es wuͤrde ſchlennig ausgefuͤhrt. Was ſagſt du nun? Sprich ſchleunig, faſſ⸗ dich kurz. Buck. Eur Hoheit kann verfahren nach Belieben. „Rich. Pah, pah! Du biſt wie Eis; dein Eifer friert. Sag, biſt du es zufrieden, daß ſie ſterben? Buck. Laßt mich ein Weilchen Athem ſchoͤpfen, Herr, Eh ich beſtimmt in dieſer Sache rede. Ich geb' Eur Hoheit alſobald Beſcheid. (Buckingham ab.) 70 Koͤnig Richard A. W. Cat.(beiſeit.) Der Koͤnig iſt erzuͤrnt, er beißt die Lippe. Rich.(ſteigt vom Thron.) Ich will mit eiſenkoͤpf'gen Marrn verhandeln, Mit unbedachten Burſchen; keiner taugt mir, Der mich mit uͤberlegtem Blick erſpaͤht. Der hochgeſtiegne Buckingham wird ſchwierig.— He, Burſch! Edelk. Mein Fuͤrſt? Rich. Weißt du mir keinen, den beſtechend Gold Wohl zu verſchwiegnem Todeswerk verſuchte? Edelk. Ich kenne einen misvergnuͤgten Mann, Deß niedrer Gluͤcksſtand ſeinem Stolz verſagt. Gold waͤr' ſo gut bei ihm wie zwanzig Redner, Und wird gewiß zu allem ihn verſuchen. Rich. Wie iſt ſein Name? Edelk. Herr, ſein Nam' iſt Tyrrel. Rich. Ich kenne ſchon den S geh, Burſche, hol' ihn her.— (Edelknabe ab.) Der tiefbedaͤcht'ge ſchlaue Buckingham Soll nicht mehr Nachbar meines Rathes ſeyn. Hielt er ſo lang' mir unermuͤdet aus Und muß nun Athem ſchoͤpfen? Wohl, es ſey.— (Stanley tritt auf.) Lord Stanley, nun? was giebt es neues? Stan. Wißt, gewogner Herr, Der Marquis Dorſet, hoͤr' ich, iſt entflohn Zum Richmond, in die Lande, wo er lebt. Rich. Catesby, komm her. Bring ein Geruͤcht herum, Gefaͤhrlich krank ſey Anna, mein Gemahl; Ich ſorge ſchon, zu Hauſe ſie zu halten. Find' einen Mann von ſchlechter Herkunft aus, Dem ich zur Frau des Clarence Tochter gebe;— Der Jung' iſt thoͤrlich, und ich furcht ihn nicht.— Sieh, wie du traͤumſt! Ich ſag's nochmal: ſtreu aus, Anna, mein Weib, ſey krank, und wohl zum Sterben. Ans Werk! Mir liegt zu viel dran, jede Hoffnung Zu hemmen, deren Wachsthum ſchaden kann. (Catesby ab.) She muß ich meines Bruders Tochter, onſt ſteht mein Koͤnigreich auf duͤnnem Glas. Erſt ihre Bruͤder morden, dann ſie freyn! Unſichrer Weg! Doch wie ich einmal bin, Sz. 2. der Dritte. 51 So tief im Blut, reißt Suͤnd' in Suͤnde hin. Bethraͤntes Mitleid wohnt nicht mir im Ange.— (Der Edelknabe koͤmmt mit Tyrrel zutuͤck.) Dein Nam' iſt Tyrrel? Tyr. James Tyrrel, eur ergebner Unterthan. Rich. Biſt du das wirklich? yr. Pruͤft mich, gnaͤd'ger Herr, Kich. Schlügſt du wohl einen meiner Freunde todt? yr. Wie's euch beliebt; doch lieber noch zwey Feinde. Kich. Da triffſt du's eben, zwey Erzfeinde ſind's, Verſtoͤrer meiner Ruh und ſuͤßen Schlafs, An denen ich dir gern zu ſchaffen gäbe. Tyrrel, ich meyn' im Jhurm die Baſtard⸗Buben. Tyr. Gebt mir zu ihnen offnen Zutritt nur, So ſeyd ihr bald der Furcht vor ihnen los. Kich. Du ſingſt mir ſuͤßen Ton. Hieher konun, Tyrrel: Geh, auf dies lUnterpfand— Steh auf, und leih dein Ohr. flüſtert ihm zu.) Nichts weiter braucht es. Sag', es ſey geſchehn, Und lieben und befoͤrdern will ich dich. Tyr. Ich will es gleich Shi ab. (Buckingham koͤmmt zuruͤck.) Buck. Mein Fuͤrſt, ich hab' erwogen im Gemuͤth Den Wunſch, um den ihr eben mich befragtet. Kich. Laß gut ſeyn. Dorſet iſt geflohn zum Richmond. Buck. Ich hoͤre ſo, mein Fuͤrſt. Kich. Stanley, er iſt eur Stiefſohn.— Wohl, gebt Acht. Buck. Mein Fürſt, ich bitt' um mein verſprochnes Theil, Wofuͤr ihr Treu und Ehre mir verpfaͤndet; Die Grafſchaft Hereford und ihr fahrend Gut, Die ich, wie ihr verſpracht, beſitzen ſoll. ich. Stanley, gebt Acht auf eure Fran: befoͤrdert Sie Brief' an Richmond, ſteht ihr dafür ein. Buck. Was ſagt Eur Hoheit auf die bill'ge Fodrung? Rich. Es iſt mir noch im Sinn, Heinrich der ſechſte Weiſſagte, Richmond wurde Koͤnig werden, Da er ein klein verzognes Buͤbchen war Koͤnig!— vielleicht— Buck. Mein Fürſt,— RKich. Wie kams, daß der Prophet nicht damals mir, Der ich dabei ſtand, ſagt“, ich wurd' ihn toͤdten? Buck. Mein Fuͤrſt, die mir verſprochne Grafſchaft 52 Koͤnig Richard A. IW. Rich. Richmond!— ich war letzthin in Exeter, Da wies der Schulz verbindlich mir das Schloß, Und nannt'es Rougemont; bey dem Namen ſiutzt' ich, Weil mir ein Bard' aus Irland einſt geſagt, Nicht lange lebt' ich, wenn ich Richmond ſaͤhe. Buck. Mein Fuͤrſt,— Rich. Was iſt die Uhr? Buck. Ich bin ſo dreiſt, Eur Hoheit zu erinnern An was ihr mir verſpracht. Rich. Gut, doch was iſt die Uhr? Buck. Zehn auf den Schlag. Rich. Nun gut, ſo laß es ſchlagen. Buck. Warum es ſchlagen laſſen? Rich. Weil zwiſchen deiner Bitt' und meinem Denken Du wie ein Glockenhans den Hammer haͤltſt. Ich bin nicht in der Gebe⸗Laune heut. Buck. Nun ſo erklaͤrt euch, ob ihr wollt, ob nicht. Rich. Du ſtoͤrſt mich nur; ich bin nicht in der Lanne. (Richard mit ſeinem Gefolge ab.) Buck. So ſteht's? Bezahlt er meine wicht'gen Dienſte Mit Hohn? Macht' ich zum Koͤnig dazu ihn? O laß mich Haſtings warnen, und derweilen Dieß bange Haupt noch ſteht, nach Brecknock eilen! (ab.) Ebendaſelbſt. (Cyrrel tritt auf.) Tyrrel. Geſchehn iſt die tyranniſch blut'ge That, Der aͤrgſte Greuel jaͤmmerlichen Mords, Den jemals noch dies Land verſchuldet hat. Dighton und Forreſt, die ich angeſtellt Zu dieſem Streich ruchloſer Schlaͤchterey, Zwar eingeſleiſchte Schurken, blut'ge Hunde, Vor Zaͤrtlichkeit und mildem Mitleid ſchmelzend, 3 Weinten wie Kinder bey der Tran'rgeſchichte. O ſo, ſprach Dighton, lag das zarte Paar; So, ſo, ſprach Forreſt, ſich einander guͤrtend Sz. 3. der Dritte. Mit den unſchuld'gen Alabaſter⸗Armen: Vier Roſen eines Stengels ihre Lippen, Die ſich in ihrer Sommerſchoͤnheit kuͤßten. Und ein Gebetbuch lag auf ihrem Kiſſen, Das wandte faſt, ſprach Forreſt, meinen Sinn; Doch o! der Teufel— dabey ſtockt der Bube, Und Dighton fuhr ſo fort: Wir wuͤrgten hin Das voͤlligſt ſuße Werk, ſo die Natur Seit Anbeginn der Schoͤpfung je gebildet.— Drauf gingen beide voll Gewiſſensbiſſe, ie ſie nicht ſagen konnten, und ich ließ ſie, Dem blut'gen Koͤnig den Bericht zu bringen. (Richard tritt auf.) Hier kommt er eben.— Heil, mein hoher Herr! Rich. Freund Tyrrel, macht mich deine Zeitung gluͤcktich yr. Wenn das vollbracht zu wiſſen, was ihr mir Befohlen, ench begluͤckt, ſo ſeyd denn gluͤcklich: Es iſt geſchehn. Kich. Doch ſahſt du ſelbſt ſie todt? Tyr. Ja, Herr. Rich. Und auch begraben, lieber Tyrrel? Tyr. Der Kapellan im Thurin hat ſie begraben; Wo, weiß ich nicht, die Wahrheit zu geſtehn. Rich. Komm zu mir, Tyrrel, nach dem Abendeſſen, Da ſagſt du mir den Hergang ihres Tods. Denk drauf, was ich zu lieb dir konnte thun, Und dein Begehren faͤllt ſogleich dir zu. Leb wohl indeß. Tyr. Zu Gnaden euch empfohlen. ab.) Rich. Den Sohn des Clarence hab' ich F Die Tochter in geringem Stand verehlicht; Im Schooß des Abraham ruhn Ednards Soͤhne, Und Anna ſagte gute Nacht der Welt. Nun weiß ich, der Bretagner Richmond trachtet Nach meiner jungen Nicht Eliſabeth, Und blickt, ſtolz auf dies Band, zur Kron' empor: Drum will ich zu ihr, als ein muntrer Freyer. (Catesby tritt auf.)* Cat. Herr,— Rich. Gilt es gute oder ſchlimme Zeitung. Daß du ſo grad' hereinſtärmſt? Cat. Herr, ſchlimme Zeitung: Morton ſloh zum Richmond, 74 Koͤnig Richard A. 1V. Und Buckingham, verſtaͤrkt mit tapfern Waͤlſſchen, Ruͤckt in das Feld, und ſeine Macht nimmt zu. Rich. Ely ſamt Richmond draͤngen naͤher mich Als Buckinghams ſchnell aufgeraffte Macht. Komm, denn ich lernte, baͤngliches Erwaͤgen Sey ſchlaͤfrigen Verzuges bley'rner Diener; Verzug fuͤhrt Betteley im lahmen Schneckenſchritt. Sey denn mein Fluͤgel, feur'ge Schnelligkeit, Zum Koͤnigs⸗Herold und Merkur bereit! Geh, muſtre Volk: mein Schild iſt jetzt mein Rath; Verraͤther⸗Trotz im Felde ruft zur That. (Beide ab.) Vierte Szene Vor dem Palaſt. (Koͤnigin Margaretha tritt auf.) Wargaretha. So, jetzo wird der Wohlſtand uͤberreif, Und faͤllt in den verfaulten Schlund des Todes. Hier in der Naͤhe hab' ich ſchlau gelauſcht, Um meiner Feinde Schwinden abzuwarten. Von einem grauſen Vorſpiel war ich Zeugin, Und will nach Frankreich, hoffend, der Erfolg Werd' auch ſo bitter, ſchwarz und tragiſch ſeyn. Ungluͤckliche Margretha, fort! Wer kommt? Goͤnigin Eliſabeth und die Herzogin von Rork treten auf.) Eliſ. Ach, arme Prinzen! meine zarten Knaben! Unaufgebluͤhte Knospen! ſuͤße Keime! Fliegt eure holde Seel' in Luͤften noch, Und haͤlt ſie nicht ein Spruch auf ewig feſt, So ſchwebet um mich mit den luft'gen Fluͤgeln, Und hoͤrt die Wehklag' eurer Mutter an! MWarg. Schwebt um ſie, ſagt, daß Recht um Recht ge— handelt Der Kindheit Fruh' in alte Nacht euch wandelt. Zerz. So manches Elend brach die Stimme mir, Die jammermuͤde Zung' iſt ſtill und ſtumm. Eduard Plantagenet, ſo biſt du todt? 3 4. der Dritte. — — Marg. Plantagenet vergilt Plantagenet; Eduard an Eduard zahlt ſein Todtenbett. Eliſ. Entziehſt du dich, o Gott, ſo holden Laͤmmern, 2 Und ſchlenderſt in den Rachen ſie dem Wolf? Wann ſchliefſt du ſonſt bei ſolchen Thaten ſchon? Warg. Als Heinrich ſtarb, der Heil'ge, und mein Sohn. Serz. Erſtorbnes Leben! blindes Augenlicht! Du armes irdiſch-lebendes Geſpenſt! Des Wehes Schanplatz, Schande dieſer Welt! Des Grabs Gebuͤhr, vom Leben vorenthalten! Auszug und Denkſchrift laͤſtig langer Tage! Laß deine Unruh ruhn auf Engellands Nechtmaͤß'ger Erde, die ſo unrechtmaͤßig Berauſchet worden von unſchuld'gem Blut. (ſetzt ſich nieder.) Eliſ. Ach, wollteſt du ein Grab ſo bald gewaͤhren, Als einen ſchwermuthsvollen Sitz du beutſt: Dann buͤrg' ich mein Gebein hier, ruht' es nicht. Ach, wer hat Grund zu trauern, außer uns? (ſetzt ſich zu ihr.) Warg. Wenn alter Gram um ſo ehrwuͤrd'ger iſt, Geſteht der Jahre Vorrang meinem zu, Und woͤlke ſich mein Kummer obenan. (ſetzt ſich neben ſie.) Und wenn der Gram Geſellſchaft dulden mag, Zaͤhlt eure Leiden nach, auf meine ſchauend. Mein war ein Eduard, doch ein Richard ſchlug ihn; Mein war ein Gatte, doch ein NRichard ſchlug ihn; Dein war ein Eduard, doch ein Richard ſchlug ihn. Dein war ein Richard, doch ein Richard ſchlug ihn. Berz. Mein war ein Richard auch, und du erſchlugſt ihn; Mein war ein Rutland auch, du haiſſt ihn ſchlagen. jarg. Dein war ein Clarence auch, und Richard ſchlug ihn. Aus deines Schooßes Hoͤhle kroch hervor Ein Hoͤllenhund, der all' uns hetzt zu Tod. Den Hund, der eh als Angen Zaͤhne hatte, Gebißner Lämmer frommes Blut zu lecken; er Gotteswerke ſchaͤndlichen Verderber; Den trefflich großen Wuͤtherich der Erde, In wunden Augen armer Seelen herrſchend, Ließ los dein Schooß, um uns ins Grab zu jagen. O redlich ordnender, gerechter Gott! 76 Konig Richard A. Iv. Wie dank' ich dir, daß dieſer Metzgerhund In ſeiner Mutter Leibesfruchten ſchwelgt, ünd macht ſie zur Geſellin freinder Klagen. Zerz. O juble, Heinrichs Weib, nicht um mein Weh! Gott zeuge mir, daß ich um deins geweint. Warg. Ertrage mich: ich bin nach Rache hungrig, Und ſaͤttge nun an ihrein Anblick mich. Todt iſt dein Eduard, Moͤrder meines Ednards; Dein andrer Ednard todt fuͤr meinen Eduard; Der junge York war Zuthat: beid' erreichten Nicht meines Eingebuͤßten hohen Preis. Todt iſt dein Clarence, Meuchler meines Eduards, Und die Zuſchauer dieſes Tranerſpiels, Der falſche Haſtings, Rivers, Vanghan, Grey, Sind vor der Zeit verſenkt ins dumpfe Grab. Richard nur lebt, der Hoͤlle ſchwarzer Spuͤrer, Als Maͤkler aufbewahrt, der Seelen kauft Und hin ſie ſendet: aber bald, ja bald Erfolgt ſein klaͤglich, unbeklagtes Ende. Die Erde gaͤhnt, die Hoͤlle brennt, Die Teufei bruͤllen, Heil'ge beten, Auf daß er ſchleunig werde weggerafft. Vernichte, lieber Gott, ich ſieh' dich an, Den Pfandſchein ſeines Lebens, daß ich noch Dies Wort erleben mag: der Hund iſt todt! Eliſ. O, du haſt prophezeyt, es kaͤm' die Zeit, Wo ich herbey dich wuͤnſcht' um mitzufluchen Der bauch'gen Spinne, dem geſchwollnen Moich. Warg. Da nannt' ich dich ein Scheinbild meines Glucks, Da nannt' ich dich gemalte Koͤnigin; Die Vorſtellung nur deſſen, was ich war; Ein ſchmeichelnd Inhaltsblatt zu grauſem Schauſpiel; So hoch erhoben, tief geſtuͤrzt zu werden; Zwey holder Knaben bloß geaͤffte Mutter; Ein Traum deß, was du warſt; ein bunt Panier, Zum Ziel geſtellt fur jeden drohnden Schuß; Ein Schild der Wuͤrde, eine Blaß', ein Hauch, Koͤn'gin zum Spaß, die Buͤhne nur zu fuͤllen. Wo iſt dein Gatte nun? wo deine Bruͤder? Wo deine beiden Sohne? Was noch frent dich? Wer kniet und ſagt nun: Heil der Konigin? Wo ſind die Pairs, die ſchineichelnd ſich dir buͤckten? e— 8 Wo die gedraͤngten Haufen, die dir folgten? 3„— 6 — Sz. 4. der Dritte. ₰ Geh all dies durch, und ſſeh, was biſt dn jetzt. Statt glucklich Ehweib, hoͤchſt bedraͤngte Witwe; Statt frohe Mutter, jammernd bey dem Namen; Statt angefleht, demuthig flehende; Statt Koͤnigin, mit Noth gekroͤnte Selavin; Statt daß du mich verhoͤhnt, verhoͤhnt von mir; Statt allgefuͤrchtet, Einen fuͤrchtend nun; Statt allgebietend, nun gehorcht von keinem. So hat des Nechtes Lauf ſich umgewaͤlzt, Und dich der Zeit zum rechten Raub gelaſſen; Nur der Gedanke blieb dir, was du warſt, Auf daß dichs mehr noch foltre, was du biſt. Du maßteſt meinen Platz dir an: und faͤllt Nicht meiner Leiden richtig Maß dir zu? Halb traͤgt dein ſtolzer Nacken nun mein Joch, Und hier entzieh' ich ihm das muͤde Haupt, Und laſſe deſſen Buͤrde ganz auf dir. Leb wohl, Yorks Weib, des Unglucks Koͤnigin! In Frankreich labt mir Engliſch Weh den Sinn. Eliſ. O du in Fluͤchen wohl erfahrne, weile, Und lehre mich, zu fluchen meinen Feinden! Marg. Verſag dir Nachts den Schlaf, und faſte Tags; Vergleiche todtes Gluck lebend'gem Weh; Denk deine Knaben holder als ſie waren, Und ſchnoͤder als er iſt, den, der ſie ſchlug: Mit dem Verluſt muß ſich der Abſchen mehren; Dies ͤberdenken, wird dich flnchen lehren. Eliſ. ſchaͤrfe meine ſtumpfen Wort' an deinen! Marg. Dein Weh wird ſcharf ſie machen, gleich den meinen. (ab.) Zerz. Warum doch iſt Bedraͤngniß reich an Worten? Kliſ. Wind'ge Sachwalter ihrer Leid⸗Parteyen! Luſt'ge Beerber unbewillter Frenden! es Elends arme hingehauchte Redner! Goͤnnt ihnen Raum: obſchon, was ſie gewußt, Auch ſonſt nicht hilft, doch lindert es die Bruſt. erz. Iſt das, ſo binde deine Zunge nicht: Geh mit mir, und im Hauche bittrer Worte Seh mein verdammter Sohn von uns erſtickt, Der deine beiden ſußen Soͤhn⸗ erſtickte. (Trommeln hinter der Szenc.) Ich hoͤre Trommeln; ſpar' nicht dein Geſchrey. 78 Konig Richard V IF (Rich ard mit ſeinem Zuge, auf dem Marſch.) Rich. Wer haͤlt in meinem Zuge hier mich auf? Serz. O ſie, die dich moͤcht' aufgehalten haben, In ihrem ſluchbeladnen Schooß dich wuͤrgend, Th du, Elender, all den Mord veruͤbt. Eliſ. Birgſt du die Stirn mit einer goldnen Krone, Wo, gaͤb's ein Recht, gebrandmarkt ſollte ſtehn Der' Mord des Prinzen, deß die Krone war, Und meiner Soͤhn' und Bruͤder grauſer Tod? Du buͤb'ſcher Knecht, ſag, wo ſind meine Kinder? Zerz. Du Molch, du Molch, wo iſt dein Bruder Clarence, und Ned Plantagenet, ſein kleiner Sohn? Eliſ. Wo iſt der wackre Rivers, Vaughan, Grey? Zerz. Wo iſt der gute Haſtings? Rich. Ein Tuſch, Trompeten! Trommeln, ſchlaget Laͤrm! Der Himmel hoͤre nicht die Schnickſchnack-Weiber Des Herrn Geſalbten läſtern: ſchlagt, ſag' ich! (Tuſch, Laͤrmtrommeln.) Geduldig ſeyd und gebt mir gute Worte, Sonſt in des Krieges laͤrmendem Getoͤſe Erſäuf' ich eure Ausrufungen ſo. Zerz. Biſt du mein Sohn? Kich. Ja, Gott gedankt ſey's, euch und meinem Vater. Ferz. So hoͤr geduldig meine Ungeduld. Rich. Ich hab'ne Spur von eurer Art, Frau Mutter, Die nicht den Ton des Vorwurfs dulden kann. Zerz. O laß mich reden! Rich. Thut's, doch hor ich nicht. Zerz. Ich will in meinen Worten milde ſeyn. Rich. ünd, gute Mutter, kurz! Denn ich hab' Eil. Zerz. Biſt du ſo eilig? Ich hab' dein gewartet, Goit weiß, in Marter und in Todesangſt. Rich. Doch kam ich endlich nicht zu eurem Troſt? Zerz. Nein, bei dem heilgen Kreuz! Zur Welt gebracht, Haſt du die Welt zur Hoͤlle mir gemacht. Eine ſchwere Buͤrde war mir die Geburt; Launiſch und eigenſinnig deine Kindheit, Die Schulzeit ſchreckhaft, heillos, wild und wuͤthig: Dein Jugendlenz verwegen, dreiſt und tollkuͤhn, Dein reifres Alter ſtolz, fein, ſchlan und blutig, Zwar milder aber ſchlimmer, ſanft im Haß. Welch eine frohe Stunde kannſt du nennen, Die je in deinem Beyſeyn mich begnadigt? Sz. 4. der Dritte. 79 Rich. Find' ich ſo wenig Gnad' in euren Augen, So laßt mich weiter ziehn, und euch nicht aͤrgern.— „Berz. Ich bitt' dich, hoͤr mich reden. Rich. 3p redet allzu bitter. erz. Hoͤr' ein Wort, Denn niemals wieder werd' ich mit dir reden. Rich. Wohl! Serz. Du ſtirbſt entweder durch des Himmels Fuͤgung, Eh du aus dieſem Krieg als Sieger kominſt; Oder ich vergeh' vor Gram und hohem Alter, Und niemals werd⸗ ich mehr dein Antlitz ſehn. Drum nimm mit dir den allerſchwerſten Fluch, Der mehr am Tag der Schlacht dich moͤg' ermuͤden, Als all die volle Nuͤſtung, die du traͤgſt! Fuͤr deine Geguer ſtreitet mein Gebet, Und dann der Kinder Eduards kleine Seelen, Sie fluͤſtern deiner Feinde Geiſtern zu, Und angeloben ihnen Heil und Sieg. Blutig, das biſt du; blutig wirſt du enden: Wie du dein Leben, wird dein Tod dich ſchaͤnden. (ab. Eliſ. Zwur weit mehr Grund zum Fluchen wohnt mir bey, Doch minder Muth, drum ſag' ich Amen nur. (will gehen.) Rich. Bleibt, gnaͤd'ge Frau: ich muß ein Wort euch agen, Eliſ. Nicht inehr der Söhn' aus koͤniglichem Blut Fuͤr dich zum Morden, Richard, hab⸗ ich ja. Und meine Toͤchter, nun, die ſollen beten Als Nonnen, nicht als Koͤniginnen weinen: Und alſo ſteh nach ihrem Leben nicht. Rich. Ein' eurer Toͤchter heißt Eliſabeth, Iſt tugendſam und ſchoͤn, furſtlich und fromm. Eliſ. Und bringt ihr das den Tod? O laß ſie leben, Und ihre Sitten will ich ſelbſt verderben, Beflecken ihre Schoͤnheit, mich verlaͤumden, ls waͤr' ich treulos Eduards Bett geweſen, er Schande Schleyer werfen uͤber ſie: So ſie den blut'gen Streichen nur entrinnt, Bekenn ich gern, ſie ſen nicht Eduards Kind. Kich. Ehrt ihre Abkunft, ſie iſt königlich. Lliſ. Ich läugn es ab, das Leben ihr zu ſichern. 80 Konig Richard Rich. Ihr Leben ſichert die Geburt zumeiſt. Eliſ. Badurch geſichert ſtarben ihre Bruͤder. Rich. Weil gute Sterne der Geburt gemangelt. Eliſ. Nein, weil ihr Leben uͤble Freunde hatte. Rich. Nicht umzukehren iſt des Schickſals Spruch. Eliſ. Ja, wenn verkehrter Sinn das Schickſal macht. Den Kindern war ein ſchoͤnrer Tod beſchieden, Haͤttſt du ein ſchoͤn'res Leben dir erkohren. Rich. Ihr ſprecht, als haͤtt' ich meine Vetter umgebracht. Eliſ. Wohl umgebracht! Du brachteſt ſie um alles: um Freude, Reich, Verwandte, Freyheit, Leben. Weß Hand die zarten Herzen auch durchbohrt, Dein Kopf, mit krummen Wegen, gab die Richtung; Stumpf war gewiß das moͤrderiſche Meſſer, Bis es, gewetzt an deinem harten Herzen, In meiner Laͤmmer Eingeweiden wuͤhlte. Den wilden Gram macht die Gewohnheit zahm, Sonſt nennte meine Zunge deinen Ohren Nicht meine Knaben, eh' als meine Naͤgel In deinen Augen ſchon geankert haͤtten, ſnd ich, in ſo heilloſer Todesbucht, 6 Gleichwie ein Boot, beraubt der Tau' und Segel, Zerſcheitert waͤr' an deiner Felſenbruſt. Rich. So gluͤck' es mir bey meinem Unternehmen Und blut'gen Kriegs gefaͤhrlichem Erfolg, Als ich mehr Guts gedenk' euch und den euren, Als ich je Leids euch und den euren that. Eliſ. Welch Gut, bedeckt vom Angeſicht des Himmels, Iſt zu entdecken, das mir gutes ſchaffte? Rich. Erhebung eurer Kinder, werthe Frau. Eliſ. Zum Blutgeruͤſt, ihr Hanpt da zu verlieren. Rich. Nein, zu der Hoͤh' und Wuͤrdigkeit des Gluͤcks, Dem hehren Vorbild ird'ſcher Herrlichkeit. Eliſ. Schmeichle mein Leid mit dem Bericht davon. Sag, welchen Gluͤcksſtand, welche Wuͤrd' und Ehre Kannſt du auf eins von meinen Kindern bringen? Rich. Was ich nur habe; ja, mich ſelbſt und alles Will ich an deiner Kinder eins verſchenken, So du im Lethe deines zorn'gen Muth's Die truͤb' Erinnrung deſſen willſt ertraͤnken, Was, wie du meynſt, ich dir zu nah gethan. Eliſ. Sey kurz, der Antrag deiner Freundſchaft moͤchte Sonſt laͤnger dauern als die Freundſchaft ſeibſt. Sz. 4. der Dritte. 81 Rich. So wiſſ, von Herzen lieb' ich deine Tochter. Eliſ. Im Herzen denkt es meiner Mutter Tochter. Kich. Was denket ihr? Eliſ. Daß du vom Herzen meine Tochter liebſt. So liebteſt du vom Herzen ihre Bruͤder, Und ich, vom Herzen, danke dir dafuͤr. ich. Verwirret meine Meynung nicht ſo raſch. Ich meyne, herzlich lieb' ich deine Tochter, Und mache ſie zur Koͤnigin von England. Wohl, doch wer meynſt du, ſoll ihr Koͤnig ſeyn? Rich. Nun, der zur Koͤnigin ſie macht. Wer ſonſt? Eliſ. Wie? du? Rich. Ich, eben ich: was duͤnkt euch, gnäd'ge Frau? Eliſ. Wie kannſt du um ſie freyn? Rich. Das moͤcht' ich lernen Von euch, die ihren Sinn am beſten kennt. Eliſ. Und willſt dus von mir lernen? Rich. Herzlich gern. liſ. Schick durch den Mann, der ihre Bruͤder ſchlug, Ihr ein paar blut'ge Herzen; grabe drein: Eduard und York; dann wird ſie etwa weinen, Drum biet' ihr(wie Margretha deinem Vater Weiland gethan, getaucht in Rutlands Blut) Ein Schnupftuch, das den Purpurſaft, ſo ſag' ihr, Aus ihrer ſuͤßen Bruder Leibe ſog, Und heiß' damit ihr weinend Aug' ſie trocknen. Nuͤhrt dieſe Lockung nicht zur Lebe ſie, Send! einen Brief von deinen edlen Thaten: ag ihr, du raͤumteſt ihren Oheim Clarence Und Rivers weg; ja, halfeſt ihrethalb Der guten Tante Anna ſchleunig fort. Rich. Ihr ſpottet, gnaͤd'ge Frau: ſie zu gewinnen Iſt das der Weg nicht. Fliſ. Keinen andern giebt's, Kannſt du dich nicht in andre Bildung kleiden Und nicht der Richard ſeyn, der all dieß that. Rich. Setzt, daß ichs nur aus Liebe zu ihr that. Eliſ. Ja, dann fuͤrwahr muß ſie durchaus dich haſſen, Der Lieb' erkauft um ſolchen blut'gen Raub. Rich. Seht, was geſchehn, ſteht jetzo nicht zu aͤndern. Der Menſch geht manchmal unbedacht zu Werk, Was ihm die Folge Zeit laͤßt zu bereun. Nahm euren Soͤhnen ich das Koͤnigreich, HI. 6 82 König Richard A. W. So geb' ichs zum Erſatz nun eurer Tochter. Bracht' ich die Fruͤchte eures Schooßes um, Um eur Geſchlecht zu mehren will ich mir Aus eurem Blute Leibeserben zengen⸗ Groutßmter heißen iſt kaum minder lieb Als einer Mutter innig ſuͤßer Name. Sie ſind wie Kinder, nur'ne Stufe tiefer, Von eurer Kraft, von eurem aͤchten Blut, Ganz gleicher Muͤh,— bis auf'ne Nacht des Stoͤhnens, Von der geduldet, fuͤr die ihr ſie littet. Plag' eurer Jugend waren eure Kinder, Troſt eures Alters ſollen meine ſeyn. Was ihr verlort, war nur ein Sohn als Koͤnig, Dafuͤr wird eure Tochter Koͤnigin. Ich kann nicht, wie ich wollt', Erſatz ench ſchaffen, Drum nehmt, was ich in Guͤte bieten kann. Dorſet, eur Sohn, der mißvergnuͤgte Schritte Mit banger Seel' auf fremdem Boden lenkt, Wird durch dieß holde Buͤndniß ſchleunig heim Zu großer Wuͤrd' und hoher Gunſt gerufen. Der Koͤnig, der die ſchoͤne Tochter Gattin nennt, Wird traulich deinen Dorſet Bruder nennen. Ihr werdet wieder Mutter eines Koͤnigs, Und alle Schaͤden drangſalvoller Zeiten Zwiefach erſetzt mit Schaͤtzen neuer Luſt. Ey, wir erleben noch viel wackre Tage! Die hellen Thraͤnentropfen kommen wieder, Die ihr vergoßt, in Perlen umgewandelt, Das Darlehn euch verguͤtend, mit den Zinſen Von zehnfach doppeltem Gewinn des Gluͤcks. Geh, meine Mutter, geh zu deiner Tochter: Erfahrung mach' ihr ſchuͤchtern Alter dreiſt; Bereit' ihr Ohr auf eines Freyers Lied; Leg' in ihr zartes Herz die tuhne Flamme Der goldnen Hoheit; lehre die Prinzeſſin Der Ehefrenden ſuͤß verſchwiegne Stunden: Und wenn der Arm hier jenen Zwerg⸗Rebellen, Den ungehirnten Buckingham, gezuͤchtigt, Dann komm' ich prangend im Trinmphes Kranz, Und fuͤhr ins Bett des Siegers deine Tochter; Ihr liefr' ich die Erobrung wieder ab, ſind ſie ſey einzig Sieg'rin, Caͤſars Caͤſar. Eliſ. Wie ſoll ich ſagen? Ihres Vaters Bruder Sz. 4. der Dritte. Will ihr Gemahl ſeyn? Oder ſag' ich Oheim? Oder, Der Oheim“ ihr erſchlug und Brüder? Auf welche Namen wuͤrb' ich wohl fuͤr dich, Den Gott, Geſetz, meine Ehr' und ihre Liebe Den zarten Jahren ließ' gefällig ſeyn? Rich. Zeig' Englands Frieden ihr in dieſem Buͤndniß. Eliſ. Den ſie erkaufen wird mit ſtetem Krieg. Rich. Sag ihr, der Koͤnig, ſonſt gebietend, bitte. Eliſ. Das von ihr, was der Koͤn'ge Herr verbeut. Kich. Sag, ſie werd' eine maͤcht'ge Königin. Eliſ. Den Titel zu bejammern, ſo wie ich. Rich. Sag', immerwaͤhrend lieben woll' ich ſie. Eliſ. Wie lang wird doch dieß Woͤrtchen immer waͤhren? Rich. Bis an das Ende ihres holden Lebens. liſ. Wie lang wird wohl dieß ſuͤße Leben waͤhren? Rich. So lang Natur und Himmel es verlängt. Eliſ. So lang's die Hoͤll und Richard leiden mag. Rich. Sag', ich, ihr Herrſcher, ſey ihr Unterthan. Eliſ. Zwar Unterthanin, haßt ſie ſolche Herrſchaft. Rich. Zu meinem Beſten ſey beredt bey ihr. Eliſ. Ein redlich Wort macht Eindruck, ſchlicht geſagt. Rich. So ſag' ihr meine Lieb⸗ in ſchlichten Worten. Eliſ. Schlicht und nicht redlich lautet allzu rauh. Rich. Zu ſeicht und lebhaft ſind mir eure Gruͤnde. Eliſ. Nein, meine Gruͤnde ſind zu tief und todtz Zu tief und todt, im Grab die armen Kinder. Rich. Ruͤhrt nicht die Saite mehr: das iſt vorbey. Eliſ. Ich will ſie ruͤhren, bis das Herz mir ſpringt. Rich. Bey meinem Liiee dem Knieband und der Krone— Eliſ. Entweiht, entehrt, die dritte angemaßt! Rich. Schwoͤr ich— Eliſ. Bey nichts; denn dieſes iſt kein Schwur. Der George, entehrt, verlor die heil'ge Ehre; Befleckt, das Knieband ſeine Rittertugend; Geraubt, die Krone ihren Fuͤrſtenglanz. Willſt du was ſchwoͤren, das man glauben mag, So ſchwoͤr' bey etwas, das du nicht gekraͤnkt. 84 Koͤnig Richard A. W. Rich. Nun, bey der Welt— Eliſ. Voll deines ſchnoͤden Unrechts. Rich. Bey meines Vaters Tod— Eliſ. Dein Leben ſchmaͤht ihn. Rich. Dann bey mir ſelbſt— Eliſ. Dein Selbſt iſt ſelbſtgeſchaͤndet. Rich. Beym Himmel— Eliſ. Gottes Kraͤnkung iſt die aͤrgſte. Zit du geſcheut den Schwur bey ihm zu brechen, ie Einigkeit, die mein Gemahl geſtiftet, Waͤr' nicht zerſtoͤrt, mein Bruder nicht erſchlagen. Haͤtt ſt du geſcheut, den Schwur bey ihm zu brechen, Dieß hehre Gold, umzirkelnd nun dein Haupt, Es zierte meines Kindes zarte Schlaͤfen, Und beide Prinzen waͤren athmend hier, Die nun, im Staub zwey zarte Bettgenoſſen, Dein treulos Thun zum Raub der Wuͤrmer machte. Wobey nun kannſt du ſchwoͤren? Rich. Bey der kuͤnft'gen Zeit. Eliſ. Die kraͤnkteſt du in der Vergangenheit. Mit Thraͤnen muß ich ſelbſt die Zukunft waſchen, Fuͤr die Vergangenheit, gekraͤnkt durch dich⸗ Die Kinder, deren Eltern du ermordet, In unberathner Ingend leben ſie, Und muͤſſen es bejammern noch im Alter. Die Eltern, deren Kinder du geſchlachtet, Als unfruchtbare Pflanzen leben ſie, Und muͤſſen es bejammern ſchon im Alter. Schwoͤr' bey der Zukunft nicht, ſo misverwandelt Durch die vergangne Zeit, die du mishandelt. Rich. So wahr ich ſinn' auf Wohlfahrt und auf Ren! So geh's mir wohl im mislichen Verſuch Feindſel'ger Waffen! Schlag' ich ſelbſt mich ſelbſt! Himmel und Gluͤck entzieh mir frohe Stunden! Tag, weigre mir dein Licht! Nacht, deine Ruh! Sey'n alle Gluͤcksplaneten meinem Thun Zuwider! wo ich nicht mit Herzensliebe, Mit makelloſer Andacht, heil'gem Sinn, Um deine ſchoͤn' und edle Tochter werbe! Auf ihr beruht mein Gluͤck, und deines auch: Denn ohne ſie erfolgt fuͤr mich und dich, Sie ſelbſt, das Land und viele Chriſtenſeelen, Tod und Verwuͤſtung, Fall und Untergang. Sz. 4. der Dritte. 85 Es ſteht nicht zu vermeiden, als durch dieß; Es wird auch nicht vermieden, als durch dieß; Drum, liebe Mutter,(ſo muß ich euch nennen) Seyd meiner Liebe Anwald: ſtellt ihr vor Das, was ich ſeyn will, nicht was ich geweſen; Nicht mein Verdienſt, nein, was ich will verdienen; Dringt auf die Nothdurft und den Stand der Zeiten, Und ſeyd nicht launenhaft in großen Sachen. Eliſ. Soll ich vom Teufel ſo mich locken laſſen? ich. Ja, wenn der Teufel dich zum Guten lockt. Eliſ. Soll ich denn ſelbſt vergeſſen meiner ſelbſt? Kich. Wenn eurer ſelbſt gedenken, ſelbſt euch ſchadet. Eliſ. Du brachteſt meine Kinder um. Rich. In eurer Tochter Schooß begrab⸗ ich ſie: Da, in dem Neſt der Wuͤrz' erzeugen ſie Sich ſelber neu, zu eurer Wiedertroſtung. Eliſ. Soll ich die Tochter zu gewinnen gehn? Kich. Und ſeyd begluͤckte Mutter durch die That. Eliſ. Ich gehe, ſchreibt mir allernaͤchſtens, Und ihr vernehmt von mir, wie ſie geſinnt. Rich. Bringt meinen Liebeskuß ihr, und lebt wohl. Eüßt ſie. Eltiſabeth ab.) Nachgieb'ge Thoͤrin! wankelmuͤthig Weib! un? was giebt's neues? (Ratcliff tritt auf, und Catesby folgt ihm.) Rat. Gewalt'ger Fuͤrſt, im Weſten laͤngs der Kuͤſie Wogt eine maͤcht'ge Flotte; hin zum Strand Draͤngt ſich ein Haufe hohlgeherzter Freunde, Man meynet, Richmond ſey ihr Admiral. Sie liegen da, die Huͤlfe Buckinghams Erwartend nur, am Strand ſie zu empfangen. Rich. Ein flinker Freund ſoll hin zum Herzog Norfolk: Du, Ratcliff; oder Catesby: wo iſt er? Cat. Hier, beſter Herr. Rich. Catesby, flieg' hin zum Herzog. Cat. Das will ich, Herr, mit aller noͤth'gen Eil. Rich. Ratecliff, komm her. Neit' hin nach Salisbury: Wenn du dahin kommſt— 6 Gu Catesby.) Unachtſamer Schurke Was ſaͤumſt du hier, und gehſt nicht hin zum Herzog? 86 Koͤnig Richard A. W. Cat. Erſt, Herr, erklaͤrt die gnaͤd'ge Meynung, Was ich von Euer Hoheit ihm ſoll melden. Rich. Wahr, guter Catesby! Gleich aufbringen ſoll er Die groͤßte Macht und Mannſchaft, die er kann, Und treffe mich alsbald zu Salisbury. Cat. Ich gehe.(ab.) Rat, Was ſoll ich, wenn's beliebt, zu Salisbury? Rich. Ey, was haſt du zu thun da, eh' ich komme? Rat. Eur Hoheit ſagte mir, voraus zu reiten. (Stanley tritt auf.) Rich. Ich bin itzt andern Sinn's.— Stanley, was bringſt du neues? Stan. Nichts gutes Herr, daß ihr es gerne hoͤrtet, Noch auch ſo ſchlimm, daß man's nicht melden duͤrfte. Rich. Heyda, ein Raͤthſel! weder gut noch ſchlimm! Was brauchſt du ſo viel Meilen umzugehn, Statt grades Weges deinen Spruch zu ſprechen? Nochmal, was giebt's? Stan. Richmond iſt auf der See. Rich. Verſaͤnk' er da, und waͤr die See auf ihm! Landlaͤnfer ohne Herz, was thut er da? Stan. Ich weiß nicht, Fuͤrſt, und kann nur rathen. Rich. Nun, und ihr rathet? Stan. Gereizt von Dorſet, Buckingham und Morton, Kommt er nach England, und begehrt die Krone. Rich. Iſt der Stuhl ledig? ungefuͤhrt das Schwert? Iſt todt der Koͤnig? herrenlos das Reich? Sind Erben Yorks am Leben, außer mir? Und wer iſt Englands Koͤnig, als Yorks Erbe? Drum ſage mir, was thut er auf der See? Stan. Es ſey denn dazu, Herr, kann ich's nicht rathen. Rich. Es fey denn, daß er komm', eur Fuͤrſt zu ſeyn, Koͤnnt ihr nicht rathen, was der Waͤl'ſche will! 1 Ich fuͤrcht', ihr fallt mir ab und flieht zu ihm. Stan. Nein, maͤcht'ger Fuͤrſt, mistraut mir alſo nicht. Rich. Wo iſt dein Volk denn, ihn zuruͤckzuſchlagen? Wo haſt du deine Leut' und Lehnsvaſallen? Sind ſie nicht an der Kuͤſt' im Weſien jetzt, Geleit zum Landen den Rebellen gebend? Stan. Nein, meine Freunde ſind im Norden, beſter Herr. Rich. Mir kalte Freunde: was thun die im Norden, Da ſie ihr Fuͤrſt zum Dienſt im Weſten braucht? Sz. 4. der Dritte. 87 Stan. Sie waren nicht befehligt, großer Koͤnig. Geruht Eur Majeſtät mich zu entlaſſen, So muſtr' ich meine Freund' und treff Eur Gnaden, Wo es und wann Eur Majeſtaͤt beliebt. Rich. Ja, ja, du moͤchteſt gern zu Richmond ſtoßen: Ich will euch, Herr, nicht traun. Stan. Gewalt'ger Furſt, Ihr habt an meiner Freundſchaft nicht zu zweifeln; Ich war und werde nimmer treulos ſeyn. Rich. Geht denn, muſtert Volk. Doch, hoͤrt ihr, laßt zuruͤck George Stanley, euren Sohn; und wankt eur Herz, Gebt Acht, ſo ſteht ſein Kopf nicht allzu feſt. Stan. Verfahrt mit ihm, wie ich mich treu bewaͤhre. (Stanley ab.) 3(Ein Bote tritt auf.) Bote. Mein gnaͤd'ger Fuͤrſt, es ſind in Devonſhire, Wie ich von Freunden wohl berichtet bin, Sir Eduard Courtney und der ſtolze Kirchherr, Biſchof von Exeter, ſein aͤltrer Bruder, Samt vielen Mitverbundeten in Waffen. Ein andrer Bote tritt auf.) Zweit. Bote. Mein Fuͤrſt, in Kent die Guilfords ſind en, in? Und jede Stunde ſtroͤmen den Rebellen Mitwerber zu, und ihre Macht wird ſtark. Moch ein andrer Bote tritt auf.) Dritt. Bote. Mein Sii Heer des großen Bu⸗ ingham— Rich. Fort mit euch, Uhu's! Nichts als Todeslieder? Eer ſchlaͤgt den Boten.) Da, nimm das, bis du beßre Zeitung bringſt. Dritt. Bote. Was ich Eur Majeſtät zu melden habe, Iſt, daß durch jahe Fluth und Wolkenbruͤche Buckinghams Heer zerſtreut iſt und verſprengt, Und daß er ſelbſt allein ſich fortgemacht; Wohin, weiß niemand. Rich. O, ich bitt' entſchuldigt! Da iſt mein Beutel, um den Schlag zu heilen. Ließ nicht ein wohlberathner Freund Belohnung Ausrufen dem, der den Verraͤther greift? Dritt. Bote. Ein ſolcher Ausruf iſt geſchehn, mein Fuͤrſt. (Ein vierter Bote tritt auf.) Piert. Bote. Sir Thomas Lovel und der Marquis Dorſet 88 Koͤnig Richard A. IV. Sind, Herr, wie's heißt, in Yorkſhire in den Waffen. Doch dieſen guten Troſt bring' ich Eur Hoheit: Vom Sturm zerſtrent iſt die Bretagner Flottez Richmond ſandt' an die Kuͤſt' in Dorſetſhire Ein Boot aus, die am Ufer zu befragen, Ob ſie mit ihm es hielten, oder nicht. Sie kaͤmen, ſagten ſie, vom Buckingham Zu ſeinem Beyſtand; doch er traute nicht, Zog Segel auf, und ſteurte nach Bretagne. Rich. Ins Feld! ins Feld! weil wir in Waffen ſind: Wo nicht zu fechten mit auswaͤrt'gen Feinden, Zu Daͤmpfung der Rebellen hier zu Haus. (Catesby tritt auf.) Cat. Der Herzog Buckingham, Herr, iſt gefangen: Das iſt die beſte Zeitung; daß Graf Richmond Mit großer Macht gelandet iſt zu Milford, Klingt minder gut, doch wills gemeldet ſeyn. — Rich. Wohlauf, nach Salisbury! Indeß wir ſchwatzen, Koͤnnt' eine Hauptſchlacht ſchon entſchleden ſeyn. Trag' einer Sorge, Buckingham zu ſchaffen Nach Salisbury! ihr andern zieht. 5 e ab. Fuͤnfte Szene. Ein Zimmer in Stanleys Hauſe. (Stantey und Sir Chriſtopher urswick treten auf.) Stanlepy. Sir Chriſtopher, ſagt Richmond dieß von mir: Im Kofen des blutduͤrſt'gen Ebers ſey Mein Sohn, George Stanley, eingeſtallt in Haft; Und fall' ich ab, ſo fliegt des Knaben Kopf. Die Furcht haͤlt meinen Beyſtand noch zurück. Doch ſagt, wo iſt der edle Richmond jetzt? Urs. Zu Pembroke, oder Harford⸗Weſt, in Wales. Stan. Wer haͤlt ſich zu ihm von namhaften Maͤnnern? „Urs. Sir Walter Herbert, ein beruͤhmter Krieger; Sir Gilbert Talbert, Sir William Stanley; Orford, der maͤcht'ge Pembroke, Sir James Blnunt, — Sz. 5. der Dritte. 89 Und Rice ap Thomas, mit beherzter Schaar; Und viele mehr von großem Ruf und Werth, Und hin nach London richten ſie den Zug, eun ſie kein Angriff hindert unterwegs. tan. Wohl, eil' zu deinem Herrn, empfiehl mich ihm, Sag' ihm, die Koͤnigin woll' ihre Tochter Eliſabeth ihm herzlich gern vermaͤhlen. Die Briefe hier eroͤffnen ihm das Weitre. Leb wohl. (Er giebt ihm Papiere. Beide ab.) 90 Koͤnig Richard A. V. F u nß ee n fz ugr Erſt e Szene. Salisbury. Ein offner Platz. (Der Sheriff und die Wache mit Buckingham, der zur Hinrichtung gefuͤhrt wird.) Buckingham. Will Koͤnig Richard ſich nicht ſprechen laſſen? Sher. Nein, beſter Herr; drum faßt ench in Geduld. Buck. Haſtings und Eduards Kinder, Rivers, Grey, Du heil'ger Heinrich und dein holder Sohn, Vaughan, und alle, die ihr ſeyd geſtuͤrzt Durch heimliche verderbte ſchnoͤde Raͤnke: Wenn eure finſtern, misvergnuͤgten Seelen, Die Wolken durch, die jetz'ge Ciunde ſchaun, So raͤcht euch nur und ſpottet meines Falls!— Iſt heut nicht Allerſeelentag, ihr Leute? Sher. Ja, Mylord. Buck. Run, Allerſeelentag iſt meines Leibs Gerichtstag. Dies iſt der Tag, den wuͤnſcht' ich uͤber mich, In Koͤnig Ednards Zeit, wofern ich falſch In ſeinem Weib und Kindern wuͤrd' erfunden; Auf dieſen Tag wuͤnſcht' ich mir meinen Fall Durch deſſen Falſchheit, dem zumeiſt ich traute; Ja dieſer, dieſer Allerſeelentag Iſt meiner armen Seele Suͤndenfriſt. Der hoh' Allſehende, mit dem ich Spiel trieb, Wandt' auf mein Haupt mein heuchelndes Gebet, Und gab im Ernſt mir, was ich bat im Scherz. So wendet er den Schwertern boͤſer Menſchen Die eigne Spitz' auf ihrer Herren Bruſt. Schwer faͤllt Margretha's Fluch auf meinen Nacken: „Wenn er,“ ſprach ſie,„dein Herz mit Gram zerreißt, „Gedenke, Margaretha war Prophetin.“— Kommt, daß ihr mich Block der Schande fuͤhrt; Unrecht will Unrecht, Schuld, was ihr gebuͤhrt. (Sie fuͤhren ihn ab.) Sz. 2. der Dritte. 94 8 b e y te S en e. Ebene bey Tamworth. „ (Mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel treten auf Richmond, Dpford, Sir James Blu nt, Sir Wal⸗ ter Herbert und Andre mit Truppen auf dem Marſch.) Richmond. Ihr Waffenbruͤder und geliebte Freunde, Zermalmet unterm Joch der Tyranney! So weit ins Innerſte des Landes ſind Wir fortgezogen ohne Hinderniß; Und hier von unſerm Bater Stanley kommen Uns Zeilen troſtlicher Ermuthigung. Der greulich blut'ge, raͤnberiſche Eber, Der eure Weinberg' umwuͤhlt, enre Saaten, Eur warm Blut ſaͤuft wie Spuͤlicht, eure Leiber Ausweidet ſich zum Trog: dies wuͤſte Schwein Liegt jetzt in dieſes Eilands Mittelpunkt, Nah bey der Stadt Leiceſter, wie wir hoͤren; Von Tamworth bis dahin iſt nur ein Tag. Friſch auf, in Gottes muth'ge Frennde, Die Frucht beſtaͤnd'gen Friedens einznernten Durch eine blut'ge Probe ſcharfen Kriegs. Grf. Jeglich Gewiſſen iſt wie tauſend Schwerter, Zu fechten mit dem blut'gen Boͤſewicht. Berb. Ganz ſicher fallen ſeine Freund' uns zu. Blunt. Er hat nur Freunde, die aus Furcht es ſind; Die werden ihn in tiefſter Noth verlaſſen. Richm. Dies alles uns zu Gunſten. Auf, mit Gott! Poffnung iſt ſchnell, und ſtiegt mit Schwalben⸗Schwingen; Aus Koͤn'gen macht ſie Goͤtter, Koͤn'ge aus Geringen. (Alle ab.) 92 König Richard A. V. Das Feld bey Bosworth. Konig Richard mit Mannſchaft; Herzog von Norfolk Graf von Surrey und Andre.) Richard. ſchlagt die Zelt' auf, hier im Feld bey Bosworth.— Kylord von Surrey, warum ſeht ihr truͤbe? Sur. Mein Herz iſt zehnmal heitrer als mein Blick. Rich. Mylord von Norfolk.— Morf. Hier, mein gnaͤd'ger Fuͤrſt. Rich. Norfolk, hier gilt es Schlaͤge. Ha, nicht wahr? Worf. Man giebt und nimmt ſie, mein gewogner Herr. Rich. Schlagt auf mein Zelt; ich will hier ruhn zu Nacht. (Soldaten fangen an des Koͤnigs Zelt aufzuſchlagen.) Doch morgen wo? Gut, es iſt alles eins.— Wer ſpaͤhte der Verraͤther Anzahl aus? Norf. Sechs, ſieben tauſend iſt die ganze Macht. Rich. Ey, unſer Heer verdreyfacht den Belauf. Auch iſt des Koͤnigs Nam' ein feſter Thurm, Woran der feindlichen Partey es fehlt.— Schlagt mir das Zelt auf.— Kommt, ihr edlen Herrn, Laßt uns der Lage Vortheil uͤberſchaun.— Ruft ein'ge Maͤnner von bewaͤhrtem Rath. Laßt Zucht uns halten, und nicht laͤſſig ruhn, Denn, Lords, auf Morgen giebt's vollauf zu thun. (Richard mit den uͤbrigen ab.) (An der andern Seite des Feldes treten auf Richmond, Sir William Brandon, Opford und andere Herren. Einige Soldaten ſchlagen Richmonds Zelt auf.) Richmond. Die muͤde Sonne ging ſo golden unter, Und, nach des Feuerwagens lichter Spur, Verheißt ſie einen ſchoͤnen Tag auf morgen.— Sir William Brandon, ihr tragt mir mein Banner.— Gebt mir Papier und Dinte in mein Zelt.— Ich will der Schlachtordnung Geſtalt entwerfen, Jedwedem Fuͤhrer ſeinen Stand begraͤnzen, Und recht vertheilen unſre kleine Macht. Muylord von Oyford,— ihr, Sir William Brandon,— Und ihr, Sir Walter Herbert, bleibt bey mir;— Der Graf von Pembroke fuͤhrt ſein Regiment; —* Sz 3. der Dritte. 93 Bringt, Hauptmann Blunt, ihm gute Nacht von mir, Und um die zweyte Stunde früh erſucht Den Grafen, mich in meinem Zelt zu ſprechen. Doch eins noch guter Hauptmann, thut fuͤr mich; Wo hat Lord Stanley ſein Quartier? ihr wißt es2 Blunt. Wenn ich mich nicht in ſeinen Fahnen irrte, (Was ich verſichert bin, daß nicht geſchehn) So liegt ſein Regiment'ne halbe Meile Gen Suͤden von des Koͤnigs großem Heer. Richm. Iſts ohn' Gefaͤhrde moͤglich, liebet Blunt, So findet Mittel aus, mit ihm zu ſprechen, Und gebt von mir ihm dieß hochſt noͤth'ge Blatt. Blunt. Bey meinem Leben, Herr, ich unternehm's; Und ſomit geb' euch Gott geruh'ge Nacht. Richm. Gut' Nacht, mein guter Hauptmann Blunt. Kommt, Herrn, Laßt uns das morgende Geſchaͤft berathen. Ins Zelt hinein, die Luft iſt rauh und kalt. (Sie begeben ſich in das Zelt.) Goͤnig Richard geht zu ſeinem Zelte mit Norfolk, Rat⸗ cliff und Latesby.) ich. Was iſt die Uhr? Cat. Rachteſſens⸗Zeit, mein Fuͤrſt: Es iſt neun Uhr. Kich. Ich will zu Nacht nicht eſſen.— Gebt mir Papier und Dinte— Nun, iſt mein Sturmhut leichter, als er war? Und alle Ruͤſtung mir ins Zelt gelegt? at. Ja, gnaͤd'ger Herr,*s iſt alles in Bereitſchaft. Rich. Mach, guter Norfolk, dich auf deinen Poſten, Halt ſtrenge Wache, waͤhle ſichre Waͤchter. orf. Ich gehe, Herr. ich. Sey mit der Lerche muhter, lieber Norſolk. orf. Verlaßt euch drauf, mein⸗ Fuͤrſt. ab. Rich. Rateliff,— 6* at. Mein Fuͤrſt? Kich. Send' einen Waffen⸗Herold Zu Stanley's Regiment; heiß ihn ſein Volk or Sonnen⸗Aufgang bringen, oder ſein Sohn George Fällt in die blinde Höhle ew'ger Racht.— Juͤllt einen Becher Weins; gebt mir ein Nachtlicht.— Sattelt den Schimmel Surrey früh zur Schlacht. — „ 94 Koͤnig Richard A. V. Daß meine Schaͤfte feſt und nicht zu ſchwer ſind.— Rateliff,— Rat. Mein Fuͤrſt? Rich. Sahſt du den melanchol ſchen Lord Northumberland? Rat. Er ſelbſt und Thomas Graf von Surrey gingen, Im erſten Zwielicht eben, durch das Heer, Von Schaar zu Schaar ermunternd unſre Lente. Rich. Das gungt mir. Gebt mir einen Becher Weins.— Ich habe nicht die Ruͤſtigkeit des Geiſtes, Den friſchen Muth, den ich zu haben pflegte.— So, ſetzt ihn hin.— Papier und Dint' iſt da? Kat. Ja, gnaͤd'ger Herr. Rich. Heißt meine Schildwacht munter ſeyn; verlaßt mich. Wenn halb die Nacht vorbeh iſt, kommt ins Zelt Und hefft mich waffnen.— Verlaßt mich, ſag' ich. (Richard zieht ſich in ſein Zelt zuruͤck. Ratcliff und Catesby ab.). (Richmonds Zelt oͤffnet ſich, man ſieht ihn und ſeine Offiziere u. ſ. w.) (Stanley tritt auf.) Stan. Gluͤck und Triumph bekroͤne deinen Helm! Richm. Was nur fuͤr Troſt die dunkle Nacht geſtattet, Das ſey dein Theil, mein edler Pflegevater! Sag mir, wie geht es unſter theuren Mutter? 3 Stan. Ich ſegne dich aus Vollmacht deiner Mutter, Die im Gebet verharrt füͤr Richmonds Wohl. So viel hievon.— Die leiſen Stunden fliehn, Und ſtreifig Dunkel bricht im Oſten ſich. Kurz, denn uns ſo zu faſſen heiſcht die Zeit. Bereite deine Schlachtordnung fruͤhmorgens, Und ſtelle der Entſcheidung blut'ger Streiche Und toͤdtlich draͤu'nden Kriegs dein Gluͤck anheim. Ich, wie ich kann,(ich kann nicht, wie ich wollte) Gewinne ſchlau der Zeit den Vortheil ab, Und ſteh' dir bey im zweifelhaften Sturm. Allein ich darf fuͤr dich nicht allzuweit gehn, Denn ſieht man's, wird dein zarter Bruder George Vor ſeines Vaters Angen hingerichtet. Leb wohl! Die Muße und die bange Zeit Bricht ab der Liebe feyerliche Schwuͤre, Und langen Wechſel herzlichen Geſpraͤchs, Der laͤngſt getrennte Freunde ſollt' erfreun. E e„. Sz. 3 der Dritte. 95 Gott geb' uns Muße zu der Liebe Braͤuchen! Nochmals leb wohl! Sey tapfer und begluͤckt! Kichm. Geleitet ihn zu ſeinem Regiment, Ihr lieben Lords; ich, mit verſtoͤrtem Sinn, Will unterdeſſen einzunicken trachten, Daß bley'rner Schlaf nicht morgen auf mir laſte, Wann ich auf Siegesfluͤgelt ſteigen ſoll. Gut' Nacht noch einmal, liebe Lords und Herrn. (Ahe uͤbrigen mit Stanley ab.) Q du, fuͤr deſſen Feldherrn ich mich achte, Sieh deine Schaaren an mit gnäd'gem Blick! Neich ihrer Hand des Griinms zermalmend Eiſen, Daß ſie mit ſchwerem Falle niederſchmettern Die trotz'gen Helme unſrer Widerſacher! Mach uns zu Dienern deiner Zuͤchtigung, Auf daß wir preiſen dich in deinem Sieg! Dir anbefehl' ich meine wache Seele, Eh' ich der Augen Fenſter ſchließe zu. Schlafend und wachend, ſchirme du mich ſtets. (ſchlaͤft ein.) (Der Geiſt des Prinzen Eduard, Sohnes Heinrichs des ſechſten, ſteigt zwiſchen den beiden Zelten auf.) Geiſt(zu Koͤnig Richard. Schwer moͤg' ich morgen deine Seele laſten! Denk, wie du mich erſtachſt in meiner Bluͤthe Zu Tewksbury: verzweifle drum und ſtirb!— Gzu Richmond.) Sey frendig, Richmond, denn gekraͤnkte Seelen Erwuͤrgter Prinzen ſtreiten dir zum Schutz: Dich troſtet, Richmond, Koͤnig Heinrichs Sohn. (Der Geiſt Heinrichs des ſechſten ſteigt auf.) Geiſt(zu Konig Richard.) Du bohrteſt mir, da ich noch ſterblich war,. Voll Todeswunden den geſalbten Leib; Denk' an den Thurm und mich; verzweiſt' und ſtirb! Heinrich der ſechſte ruft: verzweifl' und ſtirb! Gu Richmond.) Heilig und tugendhaft, ſey Sieger du! Heinrich, der prophezeyt, du werdeſt Koͤnig, ommt, dich im Schlaf zu troͤſten: leb' und bluͤhe! (Der Geiſt des Clarence ſteigt auf.) Geiſt(zu Koͤnig Richard.) Schwer mog' ich morgen deine Seele laſten!“ 96 Koͤnig Richard A. V. ch, todt gebadet einſt in ekelm Wein, er arme Clarence, den dein Trug verrieth! Denk' in der Schlacht an mich, und fallen laß Dein abgeſtumpftes Schwert! Verzweifl' und ſtirb! Gu Richmond.) Du Sproͤßling aus dem Hauſe Lancaſter, Es beten fuͤr dich Yorks gekraͤnkte Erben. Dich ſchirm' ein guter Engel! Leb' und bluͤhe! Gie Geiſter des Rivers, Grey und Vaughan ſteigen auf.) Riv.(zu Koͤnig Richard.) Schwer moͤg' ich morgen deine Seele laſten, Rivers, der ſtarb zu Pomfret! Verzweifl' und ſtirb! Grey lzu Koͤnig Richard). Gedenk' an Grey, und laß die Seel' verzweifeln! Vaug.(Guu Koͤnig Richard.) Gedenk' an Vaughan, und laß die Lanze fallen Vor ſchuldbewußter Furcht! Verzweifl' und ſtirb! Alle drei(zu Richmond). Erwach' und denk, fuͤr dich kaͤmpf' unſer Leiden In Richards Bruſt! Erwach' und ſieg' im Feld! Der Geiſt Haſtings ſteigt auf.) Geiſt Gu Konig Richard.) Blutig und ſchuldvoll, wache ſchuldvoll auf, Und ende deine Tag' in blut'ger Schlacht! Denk' an Lord Haſtings, und verzweifl' und ſtirb! (zu Richmond.) In Frieden ruh'nde Seel', erwach', erwache, Und kaͤmpf' und ſieg' in unſers Englands Sache! (Die Geiſter der beiden jungen Prinzen ſteigen auſ.) Geiſter. Von deinen Vettern traum', erwuͤrgt im Thurm; Und ſeyn wir Bley in deinem Buſen, Richard, Ziehn nieder dich in Unfall, Schmach und Tod! Die Seelen deiner Neffen rufen dir: Verzweifl' und ſtirb! Schlaf friedlich, Richmond, und erwach voll Muth! Dich ſchirm' ein Engel vor des Ebers Wuth! Leb' und erzeug' ein reiches Koͤnigshaus! Dich heißen Eduards arme Soͤhne bluͤhen. (Der Geiſt der Prinzeſſin Anna ſteigt auf.) Geiſt. Richard, dein Weib, Anna, dein elend Weib, Die keine ruh'ge Stunde ſchlief bey dir, 5 Fuͤllt deinen Schlaf jetzt mit Verſtoͤrungen. der Dritte. 97 Denk' in der Schlacht an mich, und fallen laß Dein abgeſtumpftes Schwert! Verzweifl' und ſtirb! Gu Richmond.) Schlaf, ruh'ge Seele, ſchlaf gernh'gen Schlaf! ir zeige Gluͤck und Sieg im Traume ſich: Es betet deines Gegners Weib fuͤr dich. (Buckinghams Geiſt ſteigt auf.) Geiſt Gu König Richard.) Der erſte war ich, der zum Thron dir half; Der letzte fuͤhlt' ich deine Tyranney: D, in der Schlacht gedenk an Buckingham, Und ſtirb im Schrecken uber deine Schuld! räum“ weiter, träum' von Tod und von Verderben: Du ſollſt verzweifeln und verzweifelnd ſterben. Ich ſtarb Hofft 6 b ſtarb um Hoffnung, eh' ich Huͤlfe bot: Doch ſtark' Herz und habe keine Noth. Gott ſamt den Engeln ſicht zu Nichmonds Schutz, Und Richard fallt in ſeinem hoͤchſten Trutz. Die Geiſter verſchwinden. Koͤnig Richard faͤhrt aus ſeinen Traͤumen auf.) Richard. Ein andres Pferd! verbindet meine Wunden!— rbarmen, Jeſus!— Still, ich traͤumte nur. O feig Gewiſſen, wie du mich bedraͤngſt!— Das Licht brennt blau. Iſts nicht um Mitternacht? Mein ſchauerndes Gebein deckt kalter Schweiß. Was furcht ich denn? mich ſelbſt? Sonſt iſt hier niemand. Richard liebt Richard; das heißt, Ich bin Ich. Iſt hier ein Moͤrder? Nein.— Ja, ich bin hier. o flieh.— Wie? vor dir ſelbſt? Mit gutem Grund: Ich mochte raͤchen. Wie? mich an mir ſelbſt? Ich liebe ja mich ſelbſt. Wofuͤr? fuͤr Gutes, Das je ich ſelbſt haͤtt' an mir ſelbſt gethan? O leider, nein! Vielmehr haſſ⸗ ich mich ſelbſt, Verhaßter Thaten halb, durch mich veruͤbt. Ich bin ein Schurke,— doch ich luͤg, ich bin's nicht. hor, rede gut von dir!— Thor, ſchmeichle nicht! Hat mein Gewiſſen doch viel tauſend Zungen, Und jede Zunge bringt verſchiednes Zeugniß, Und jedes Zeugniß ſtraft mich einen Schurken. Meineid, Meineid„im allerhoͤchſten Grad, Mord, grauſer Mord, im furchterlichſten Grad, II. 7 98 Koͤnig Richard A. V. Jedwede Suͤnd', in jedem Grad geuͤbt, Stuͤrmt an die Schranken, rufend: Schuldig! ſchuldig! Ich muß verzweifeln.— Kein Geſchoͤpfe liebt mich, ünd ſterb' ich, wird ſich keine Seel' erbarmen. Ja, warum ſollten's andre? Find' ich ſelbſt In mir doch kein Erbarmen mit mir ſelbſt. Mir ſchien's, die Seelen all, die ich ermordet, Kaͤmen ins Zelt, und ihrer jede drohte Mit Rache morgen auf das Haupt des Richard. (Ratcliff tritt auf.) Ratc. Mein Fuͤrſt,— Rich. Wer iſt da? Ratc. Ratrliff, mein Fuͤrſt; ich bins. Der fruͤhe Hahn des Dorfs That zweymal Gruß dem Morgen; eure Freunde Sind auf, und ſchnallen ihre Ruͤſtung an. Rich. O Rateliff, ich hatt' einen furchtbar'n Traum!— Was denkſt du? halten alle Freunde Stand? Ratc. Gewiß, mein Fuͤrſt. 2 Rich. O Rateliff! ich fuͤrcht', ich fuͤrchte. Ratc. Nein, beſter Herr, entſetzt euch nicht vor Schatten. Rich. Bey dem Apoſtel Paul! es warfen Schatten Zu Nacht mehr Schrecken in die Seele Richards, Als weſentlich zehntauſend Krieger koͤnnten, In Stahl, und angefuͤhrt vom flachen Richmond. Noch wirds nicht Tag. Komm, geh mit mir, Ich will den Horcher bei den Zelten ſpielen, Ob irgend wer von mir zu weichen denkt. (oͤnig Richard und Ratcliff ab.) (Richmond erwacht. Opford und Andre treten auf.) Lords. Guten Morgen, Richmond. Richm. Bitt um Verzeihung, Lords und wache Herrn, Daß ihr'nen traͤgen Saͤumer hier ertappt. Lords. Wie ſchliefet ihr, Mylord? Richm. Den ſuͤßten Schlaf und Traͤume ſchoͤnſter Ahn⸗ dung Die je gekommen in ein muͤdes Haupt, Hab' ich gehabt, ſeit wir geſchieden, Lords. Mir ſchien's, die Seelen, deren Leiber Richard Gemordet, kaͤmen in mein Zelt und riefen: - Sz. 3. der Dritte. 99 In der Erinnrung ſolchen holden Traums. Wie weit ſchon iſts am Morgen, Lords? Lords. Auf den Schlag vier. Richm. So iſt es Zeit, daß man ſich ruͤſt und ordne. (Er tritt vor zu den Truppen.) Mehr als ich ſagte, theure Landsgenoſſen, Verbietet darzulegen mir die Muße Und Dringlichkeit der Zeit. Jedoch bedenkt: Gott und die gute Sache ſicht für uns; Gebete Heil'ger und gekraͤnkter Seelen, Wie hohe Schanzen, ſtehn vor unſerm Antlitz; Die, gegen die wir fechten, bis auf Richard, Saͤhn lieber ſiegen uns, als dem ſie folgen. Was iſt er, dei ſie folgen? Wahrlich, Herrn, Ein blutiger Tyrann und Menſchenmoͤrder; Erhoͤht durch Blut und auch durch Blut befeſtigt; Der, was er hat, auf krummem Weg' erlangt, Und die erwuͤrgt, die ihm dazu verholfen; Ein ſchlechter Stein, erhoben durch die Folie Von Englands Stuhl, betruͤglich drein geſetzt; Ein Menſch, der ſtets geweſen Gottes Feind. Nun, fechtet ihr denn wider Gottes Feind, So ſchirmt euch billig Gott als ſeine Krieger; Vergießt ihr Schweiß, den Draͤnger zu erlegen, So ſchlaft ihr friedlich, wenn der Draͤnger fiel; Fuͤhrt ihr den Streit mit eures Landes Feinden, So wird des Landes Fett die Muͤh euch zahlen; Tuͤhrt ihr den Streit zur Obhut eurer Weiber, So gruͤßen eure Weiber euch als Sieger; Befreyt ihr eure Kinder von dem Schwert, So lohnen's Kindes⸗Kinder euch im Alter. In Gottes Namen denn und dieſer Rechte, Schwinnt eure Banner, zieht eur willig Schwert. Mein Loſegeld fuͤr dieſe kuhne That Sey dieſe kalte Leich' auf kalter Erde; Doch wenn's gelingt, ſoll am Gewinn der That Sein Theil auch dem geringſten eurer werden. Schallt, Trommeln und Trompeten, froh zum Krieg! Gott und Sankt George! Richmond und Heil und Sieg! Cune ab.) 7 Wohlauf! zum Sieg! Glaubt mir, mein Herz iſt freudig 100 Koͤnig Richard A.⸗Ve (Koͤnig Richard und Ratcliff kommen zuruͤck, mit Gefolge und Truppen.) Rich. Was hat Northumberland geſagt vom Richmond? Ratc. Er ſey nicht auferzogen bey den Waffen. Rich. Er ſagte wahr. Was ſagte Surrey drauf? Ratc. Er laͤchelte und ſprach: Um deſto beſſer. Rich. Er hatte Recht, ſo iſt es in der That. (Die Glocke ſchlaͤgt.) Zaͤhlt da die Glocke.— Gebt mir'nen Kalender. Wer ſah die Sonne heut? Ratc. Ich nicht, mein Fuͤrſt. Rich. So weigert ſie den Schein, denn nach dem Buch Muͤßt' ſie im Oſt ſchon eine Stunde prangen. Dieß wird ein ſchwarzer Tag fuͤr jemand werden.— Ratcliff,— Ratc. Mein Fuͤrſt? Rich. Die Sonne laßt ſich heut' nicht ſehn; Der Himmel woͤlkt ſich finſter unſerm Heer. Die thau'gen Thraͤnen moͤcht' ich weg vom Boden. Nicht ſcheinen henut! Ey nun, was gilt das mir Mehr als dem Richmond? Denn derſelbe Himmel, Der mir ſich woͤlkt, ſieht truͤb' herab auf ihn. (Norfolk tritt auf.) Morf. Auf, auf, mein Fuͤrſt! S Feind ſtolzirt im Rich. Kommt, tummelt, tummelt euch! Mein Pferd gezaͤumt!— Ruft Stanley auf, heißt ſeine Schaar ihn bringen.— Ich fuͤhre meine Truppen in die Ebne, Und ſo ſoll meine Schlacht geordnet ſeyn. Die Vorhut ſoll ſich in die Laͤnge dehnen, Aus Reitern und aus Knechten gleich gemiſchtz Die Schuͤtzen ſollen in der Mitte ſtehn; John, Herzog Norfolk, Thomas, Graf von Surrey oll'n dieſer Knecht' und Reiter Fuͤhrer ſeyn. Die ſo geordnet, woll'n wir folgen Mit unſerm Hauptheer, das auf beyden Fluͤgeln Verſtaͤrken ſoll der Kern der Reiterey. Dieß, und Sankt George dazu!— Was meynſt du, Norfolk? Sz.3. der Dritte. 101 Norf. Eine gute Ordnung, kriegriſcher Monarch. Dies fand ich heut in meinem Zelt. Cgiebt ihm einen Zettel.) Rich. lieſt.„Hans von Norfolk, laß kluͤglich dir rathen! „Richerz dein Herr iſt verkauft und verrathen.“ Das iſt ein Stuͤck, vom Feinde ausgedacht.— Nun geht, ihr Herrn, auf ſeinen Poſten jeder. Laßt plauderhafte Träum⸗ uns nicht erſchrecken; Gewiſſen iſt ein Wort fuͤr Feige nur, Zum Einhalt fuͤr den Starken erſt erdacht: Uns iſt die Wehr Gewiſſen, Schwert Geſetz. Ruͤckt vor! dringt ein! recht in des Wirrwarrs Volle! Wo nicht zum Himmel, Hand in Hand zur Höolle! Was hab' ich mehr euch vorzuhalten noch? Bedenkt, mit wemn ihr euch zu meſſen habt: Ein Schwarm Landlaͤufer, Schelme, Vagabunden, Bretagner Abſchaum, niedre Bauern⸗Knechte, Die ausgeſpien ihr uberſaͤttigt Land Zu tollen Abentheuern, ſicherm Untergang. Ihr ſchlieft in Ruh: ſie bringen Unruh euch; hr ſeyd mit Land, mit ſchoͤnen Frau'n geſegnet: ie wollen jenes einziehn, dieſe ſchaͤnden. Wer fuͤhrt ſie, als ein kahler Burſch, ſeit lange Von unßrer Mutter in Bretagn' ernaͤhrt? Ein Milchbart, einer, der ſich lebenslang Nicht uͤber ſeine Schuh' in Schnee gewagt? Peitſcht dieß Geſindel uͤber's Meer zuruͤck! Staͤupt fort dieß freche Lumpenpack aus Frankreich, Die Bettler, hungrig, ihres Lebens muͤde, Die ſchon gehängt ſich haͤtten, arme Ratzen, Waͤr nicht der Traum von dieſer läpp'ſchen Fahrt! Soll'n wir beſiegt ſeyn, nun, ſo ſey's durch Maͤnner, Und nicht durch die Baſtarde von Bretagnern, Die unſre Vaͤter oft in ihrem Lande Geſchlagen, durchgedroſchen und gewalkt, Und ſie der Schand' urkundlich Preis gegeben. Soll'n dieſe unſte Laͤndereyn beſitzen? Bey unſern Weibern liegen? unſre Toͤchter Bewaͤltgen?— Horcht! ich hoͤre ihre Trommeln. (Trommeln in der Ferne.) Kaͤmpft, Englands Edle! kämpft, beherzte Saſſen! Zieht, Schuͤtzen, zieht die Pfeile bis zum Kopf! 102 König Richard A. v. Spornt eure ſtolzen Roſſt, und reit't im Blut! Erſchreckt das Firmament mit Lanzenſplittern!— (Ein Bote tritt auf.) Was ſagt Lord Stanley? bringt er ſeine Schaar? Bote. Mein Fuͤrſt, er weigert ſich zu kommen. Rich. Herunter mit dem Kopfe ſeines Sohns. Norf. Mein Fuͤrſt, der 5 i ſchon den Moor eruͤber; Erſt nach dem Treffen laßt Georg! Stanley ſterben. Rich. Wohl tauſend Herzen ſchwellen mir im Buſen: Voran die Banner! ſetzet an den Feind! Und unſer altes Wort des Muths, Sankt George, Beſeel' uns mit dem Grimme feur'ger Drachen! Ein auf ſie! Unſre Helme kroͤnt der Sieg. Qlle ab.) Vierte Szene. Ein anderer Theil des Feldes. (Getuͤmmel. Angriffe. Norfolk kommt mit Truppen; zu ihm Catesby.) Catesby. Rettet, Mylord von Norfolk, rettet, rettet! Der Koͤnig thut mehr Wunder als ein Menſch, Und trotzt auf Tod und Leben, wer ihm ſteht; Ihm ſiel ſein Pferd, und doch ficht er zu Fuß, Und ſpaͤht nach Richmond in des Todes Schlund. O rettet, Herr, ſonſt iſt das Feld verloren! (Getuͤmmel. Koͤnig Richard tritt auf.) Rich. Ein Pferd! ein pſer lmein Koͤnigreich fuͤr'n erd. Cat. Herr, weicht zuruͤck! Ich helf' euch an ein Pferd. Rich. Ich ſetzt' auf einen Wurf mein Leben, Knecht, Und will der Wuͤrfel Ungefaͤhr beſtehn. Ich denk“, es ſind ſechs Richmonds hier im Feld: Fuͤnf ſchlug ich ſchon an ſeiner Stelle todt. Ein Pferd! ein Pferd! mein S e ab. Sz. 4. der Dritte. 103 G (Getuͤmmel. Koͤnig Richard und Rich mond treten auf und gehen fechtend ab. Ruͤckzug und Tuſch. Hierauf kom⸗ men Richmond, Stanley mit der Krone, verſchiedne andre Lords und Truppen.) Richmond. Preis Gott und euren Waffen, Freunde, Sieger! Das Feld iſt unſer und der Bluthund todt. Stan. Wohl haſt du dich geloͤſt, beherzter Richmond! Sieh hier, dieß lang geraubte Koͤnigs⸗Kleinod Hab' ich von des Elenden todten Schlaͤfen Geriſſen, deine Stirn damit zu zieren. Trag' es, genieß' es, bring' es hoch damit. Richm. Zu allem ſpreche Gott im Himmel Amen. Doch ſag mir, lebt der junge Stanley noch? Stan. Er lebt, und iſt in Sicherheit in Leiceſter, Wohin wir uns, mein Fuͤrſt, begeben koͤnnten, Wenn's euch beliebt. Richm. Was fuͤr namhafte Maͤnner Sind in der Schlacht gefallen beyderſeits? Stan. John Herzog Norfolk, Walter Lord Ferres, Sir Robert Brakenbury und Sir William Brandon. Richm. Beerdigt ſie, wie's ihrem Rang gebuͤhrt. Auft Gnade aus fuͤr die gefloh'ne Mannſchaft, Die unterwuͤrfig zu uns wiederkehrt; Und dann, worauf das Sacrament wir nahmen, Vereinen wir die weiß' und rothe Roſe. Der Himmel laͤchle dieſem ſchoͤnen Bund, Der lang' auf ihre Feindſchaft hat gezuͤrnt! Wer waͤr' Verraͤther guug, und ſpraͤch' nicht Amen? England war lang' im Wahnſinn, ſchlug ſich ſelbſt: Der Bruder, blind, vergoß des Bruders Blut; Der Vater wuͤrgte raſch den eignen Sohn Der Sohn, gedrungen, ward des Vaters Schlaͤchter; All dieß entzweyten York und Lancaſter, Entzweyet ſelbſt in graͤulicher Entzweyung.— Nun moͤgen Richmond und Eliſabeth, Die aͤchten Erben jedes Koͤnigshauſes, Durch Gottes ſchoͤne Fuͤgung ſich vereinen! Moͤg ihr Geſchlecht,(wenn es dein Will iſt, Gott!) Die Folgezeit mit mildem Frieden ſegnen, 104 Koͤnig Richard A. V. Mit lachendem Gedeihn und heitern Tagen! Zerbrich der Boͤſen Waffe, gnaͤd'ger Gott, Die dieſe Tage moͤchten wiederbringen, Daß England weinen muͤßt' in Stroͤmen Bluts! Der lebe nicht, und ſchmeck' des Landes Frucht, Der heim des ſchoͤnen Landes Frieden ſucht! Getilgt iſt Zwiſt, geſtreut des Friedens Samen: Daß er hier lange bluͤhe, Gott, ſprich Amen! Qucle ab.) Perſonen: Koͤnig Heinrich der Achte. Cardinal Wolſey. Cardinal Campejus. Capucius, Botſchafter Kaiſer Karls des Fuͤnften. Cranmer, Erzbiſchof von Canterbury. Herzog von Norfolk. Herzog von Buckingham. Herzog von Suffolt. Graf von Surrey. Lord Kaͤmmerer. Sir Thomas Audley, Lord Siegelbewahrer. Gardiner, Biſchof von Wincheſter. Biſchof von Lincoln. Lord Abergavenny. Lord Sands. Sir Heinrich Guilford. Sir Thomas Lovell. Sir Anton Denny. Sir Nikolas Vaur. Sir William Sands. Cromwell, Wolſey's Diener. Griffith, Marſchall der Koͤnigin Catharina. Drei Herren vom Hofe. Doctor Butts, Leibarzt des Koͤnigs. Garter, Wappenherold. Haushofmeiſter des Herzogs von Buckingham. Brandon. Sergeant. Thuͤrhuͤter vor dem Saal des Staatsraths. Pfoͤrtner. Deſſen Knecht. Catharina, Koͤnigin von England. Anna Bullen. Eine alte Hofdame. Patienza, Kammerfrau der Koͤnigin Catharina. Verſchiedne Herren und Frauen vom Hof, als ſtumme Perſonen. Weiber, im Gefolge der Koͤnigin; Geiſter, die ihr erſchoinen. Schreiber, Officiere, Wachen, Gefolge, Volk, u. ſ. w. Die Scene iſt abwechſelnd in London und Weſtminſter; einmal in Kimbolton. Prologus. Ich komme nicht mehr, daß Ihr lacht. Geſtalten, Die Eure Stirnen ziehn in ernſte Falten, Die traurig, groß, ſtark, voller Pomp und Schmerz, So edle Scenen, daß in Leid das Herz Zerrinnt, erſcheinen hent. Die Mitleid fuͤhlen, Sie moͤgen Thraͤnen ſchenken unſern Spielen, Der Inhalt iſt es werth. Die, welche geben Ihr Beld, um etwas Wahres zu erleben, Sie finden hier Geſchichte. Die an Zuͤgen, Geſchmuckten, ſich erfreun, und ſo begnuͤgen, Sie achten unſer Spiel: ruhig Vertrauen Soll, wahrlich, fuͤr den Schilling reichlich ſchauen In zweien kurzen Stunden. Jen' allein, Die ſich an Lachen, Unzucht gern erfreun, Am Tartſchenlaͤrm, die nur der Burſch' ergetzt, Im bunten langen Kleid, mit Gelb beſetzt, Sie ſind getaͤuſcht; mit Wahrheit, groß und wichtig, Darf, Edle, niemals Schattenwerk ſo nichtig, Wie Narr und Kampf ſich miſchen, ſonſt entehrten Wir uns und Euch, die uns Vertrau'n gewaͤhrten, (Daß wahr nur ſey, was jetzt vor Euch erſcheint,) Und ſo verblieb' uns kein verſtaͤnd'ger Freund. Der Tugend halb, wie man Euch weiſe kennt, Und in der Stadt die feinſten Hoͤrer nennt, Seyd ernſt, wie wir Euch wuͤnſchen. Denkt, Ihr ſeht, Als lebten ſie, in ſtolzer Majeſtaͤt Des edlen Spiels Perſonen. Denkt ſie groß, Vom Volk umringt; denkt ihrer Diener Troß, Der Freunde Drang: ſeht hierauf, im Moment, Wie ſolche Macht ſo bald zum Fall gewend't; Und ſeyd Ihr dann noch luſtig, moͤcht' ich meinen, Es koͤnn' ein Mann am Hochzeittage weinen. E r ſ r A g. Erſte Scene. London. Ein Vorzimmer im Pallaſt des Koͤnigs. (Von der einen Seite kommt der Herzog von Norfolk, von der andern der Herzog von Buckingham und der Lord Abergavenny.) Pucingham. Guten Morgen und willkomm'. Wie ging es Euch, Seit wir uns ſah'n in Frankreich? Norf. Dank Eur Gnaden, Wohlauf, und ſtets ſeitdem noch friſch bewundernd, Was ich dort ſah. Buck. Ein ſehr unzeitig Fieber Hielt mich gebannt auf meinem Zimmer fern, Als die zween Ruhmesſoͤhn' und Heldenſterne Im Ardethal ſich trafen. Norf. Zwiſchen Arde Und Guines ſah ich der Fuͤrſten Gruß vom Pferd; Sah, abgeſtiegen, beyde ſich umſchließen, Als wuͤchſen ſie zuſammen, ſo umarmt; Und waͤren ſie's: wo gab's vier Koͤn'ge, die Dem Doppelt⸗Einen gleich? Buck. Die ganze Zeit War ich des Bett's Gefangner. Worf. Da verlort Ihr Die Schau des ird'ſchen Pomps. Man moͤchte ſagen, Pracht, einſam bis dahin, ward hier vermaͤhlt Noch uͤber ihrem Rang. Stets war das Morgen Meiſter des Geſtern, bis der letzte Tag Die vor'gen Wunder einſchlang. Ueberſtrahlten 110 Koͤnig Heinrich A. 1. Ganz flimmernd, ganz in Gold, gleich Heidengoͤttern Die Franken heut uns; morgen ſchufen wir Aus England India: jeder, wie er ſtand, Glich einer Mine. Die Pagenzwerge ſchienen Ganz Gold, wie Cherubim: die Damen auch, Der Arbeit ungewohnt, keuchten beinah Unter der Pracht; ſo daß die Muͤhe ſelber Zur Schminke ward. Jetzt rief man dieſe Maske Als einzig aus: der naͤchſte Abend macht ſie Zum Narrn, zum Bettler. Beynde Koͤnige, An Schimmer gleich, je wie in Gegenwart Gewahrt, ſtehn hoͤh'r und tiefer: wer im Aug', Iſt's auch im Preis; und Beyde gegenwaͤrtig, ah man, ſo ſchien's, nur Einen: keine Wahl Ward nur verſucht vom Kenner. Wenn jene Sonnen (Denn alſo hieß man ſie) die edlen Geiſter Durch Heroldsruf zum Kampf ermahnt, ſind Thaten Jenſeit des Denkbaren vollbracht; die Fabel, So jetzt als moͤglich ſich bewaͤhrt, fand Glauben, Und Bevis duͤnkt' uns wahr. Buck. O, Ihr geht weit. Morf. So wahr ich Edelmann, und immer ſtrebte Nach Ehr und Tugend, jedes Ding's Verlauf Verloͤr' an Leben wohl beym beſten Redner, Da Handlung ſelbſt ihm Zunge war. Ganz koͤniglich War alles, nichts der Einrichtung empoͤrt, Durch Ordnung alles ſichtbar, jedes Amt Erfuͤllte, was ihm oblag. Buck. Wer nur fuͤhrte, Ich ſage, wer vereinte Haupt und Glieder Zu dieſem großen Feſt nach Eurer Meinung? Morf. Nun einer, wahrlich, der kein Element Fuͤr ſolch Geſchaͤft verſpricht. Buck. Sagt, wer, Mylord? Worf. Das alles ſchuf die klug verſtaͤnd'ge Einſicht Des hochehrwuͤrd'gen Cardinals von York. Buck. Hol ihn der Tenfel! Er muß an jedem Brey Ehrgeizig kochen helfen.— Was ging ihm Dieß weltliche Stolziren an? Mich wundert, Wie ſolch ein Klump mit ſeiner rohen Laſt Der ſegensreichen Sonne Licht darf hemmen, Der Erd' es vorenthaltend. Norf. Wahrlich, Herr, Sz1. der Achte. 11¹ In ihm iſt Stoff, der ſeinen Zwecken hilft: Denn, nicht geſtuͤtzt auf Ahnenthum(deß Gunſt Dem Enkel ſichre Bahn vorſchreibt); nicht fußend Auf Thaten fuͤr die Krone; nicht geknuͤpft An maͤcht'ge Helfer, ſondern Spinnen gleich, Aus ſeiner ſelbſtgeſchaffnen Webe, zeigt er, Wie Kraft eignen Verdienſt's den Weg ihm bahnt; So ein Geſchenk vom Himmel ſelbſt, das ihm erkauft Den Platz zunaͤchſt am Thron. Aberg. Ich kann's nicht ſagen, Was ihm der Himmel gab: das mag ein wuͤrd'ger Aug' Durchſchaun. Allein, wie allenthalb ſein Stolz Vorſcheint, das kann ich ſehn: wer gab ihm den? War's nicht die Hoͤell, ſo iſt Satan Knauſer; Oder gab alles ſchon hinweg, und Er Erſchafft'ne neue Hoͤlle ſelbſt in ſich. Buck. Beym fraͤnk ſchen Zug, wie Teufel nahm er's auf ſich, Ohne Koͤnigs Vorwiſſen zu beſtimmen, Wer mit ihm zoͤg'? Er ſchmiedet die Regiſter Vom ganzen Adel; waͤhlt auch ſolche nur, Auf die er ſo viel Buͤrd⸗ als wenig Ehren Zu haͤufen denkt: ja, einzig ſchon ſein Handbrief, Den hochachtbaren Staatsrath unbefragt, Muß liefern, wen er hinſchreibt. Aberg. Weiß ich doch Drey meiner Vettern mind ſtens, die ſich alſo Ihr Erbtheil hiedurch ſchwaͤchten, daß ſie nimmer Wie vormals werden bluhn. Buck. O, Pielen brach Der Ruͤcken, die Landguͤter drauf geladen Fuͤr dieſen großen Zug. Was half die Thorheit, Als Mittlerin zu werden einem hoͤchſt Armſel'gen Ausgang? orf. Traurig denk' ich oft, Wie uns der fraͤnk'ſche Friede nicht die Koſten, Ihn abzuſchließen, lohnt. Buck. Ward Jeder nicht Nach jenem grauſen Sturm, der drauf erfolgt, Vom Geiſt erfuͤllt, und ſprach, nnabgeredet, Das allgemeine Prophezey'n: es deute Solch Zeichen, dieſes Friedenskleid zerreißend, Auf ſeinen bald'gen Bruch? Norf. Der iſt ſchon klar; 112 König Heinrich A. I. Denn Frankreich hoͤhnt den Band, und legt Beſchlag Auf unſrer Kaufherr'n Gut in Bourdeaux. Aberg. Wies Man deshalb den Botſchafter ab? . Norf. Nun freylich. Aberg. Ein ſaubrer Titel eines Friedens! Und Zu welchem Preis erkauft!— Buck. Ey, lauter Arbeit Des wuͤrd'gen Cardinals. Morf. Verzeiht, Mylord, Der Staat nimmt Kenntniß vom beſondern Zwiſt Zwiſchen dem Cardinal und Euch. Drum rath' ich (Und nehmt aus einem Herzen dieß, das Ehr' Und Sicherheit Euch reichlich goͤnnt,)— Ihr woll't Des Prieſters Argliſt ſtets, und ſeine Macht Zuſammenreih'n; dann wohl erwaͤgen, daß, Worauf ſein wilder Haß auch bruͤt', ihm nimmer Ein Werkzeng fehlt. Ihr kennt ſein Naturell, Rachgierig iſt er: und ich weiß, ſein Schwert Iſt ſcharf gewetzt;“s iſt lang, und, wohl weiß man, ð reicht fern hin: wohin er's nicht kann ſtrecken, Da ſchleudert er's. Schließt meinen Rath in's Herz; Er wird Euch frommen. Seht, da kommt die Klippe, Der ich Euch rieth zu weichen. (Cardinal Wolſey, vor dem die Taſche getragen wird, mehrere von der Leibwache, und zwey Schreiber mit Papieren, treten auf. Der Cardinal heftet im Vorbeygehn ſeinen Blick auf Buckingh am, und dieſer auf ihn; Beyde ſehn ein⸗ ander voller Verachtung ane) Wolſ. Der Hausvogt Herzog Buckingham's? Schon gut! Habt Ihr die Unterſuchung? Schreiber. Hier, Mylord. Wolſ. Haͤlt er ſich fertig in Perſon? Schreiber. Ja, gnaͤd'ger Herr. Wolſ. Gut! Dann ergiebt ſich mehr; und Buckingham Wird dieſen ſtolzen Blick ſchon maͤß'gen. (Cardinal Wolſey und ſein Gefolge ab.) Buck. Der Fleiſcherhund traͤgt Gift im Maul, und ich Vermag nicht ihn zu knebeln: drum, am beſten Man weckt ihn nicht aus ſeinem Schlaf. Das Buch Des Bettlers zaͤhlt vor edlem Blut!— Norf. Wie, ſo erhitzt? Sz. 1. der Achte. 113 Fleht Gott um Maͤßigung, das einz'ge Mittel, das Eu'r Uebel heiſcht. Buck. Ich las in ſeinen Blicken Was gegen mich: ſein Aug' erniedrigte Mich als verworfnen Knecht; und jetzt, jetzt eben, Bohrt' er mich meuchlings durch: er ging zum Koͤnig; Ich folg' und will ihn uͤbertrotzen. Norf. Bleibt doch, Mylord, und laßt Vernunft und Zorn ſich fragen, Was Ihr beginnt. Wer ſteilen Berg erklimmt, Hebt an mit ruh'gem Schritt; der Aerger gleicht Nem uͤberhitz'gen Pferd, das, gebt Ihr Freiheit, Am eig'nen Feu'r ermuͤdet. Keiner, glaubt mir, Vermag, wie Ihr, mir Rath zu geben: ſeyd Fuͤr Euch, was Ihr dem Freund waͤrt. Buck. Ich will hin, Und Ehrenmund ſoll voͤllig niederſchreien Den Hochmuth des Ipswicher Knechts; ſonſt ruf' ich's, Hin iſt der Unterſchied des Ranges. NWorf. Hoͤrt mich! Heizt nicht den Ofen Euerm Feind ſo gluͤhend, Daß er Euch ſelbſt verſengt. Wir uͤberrennen Durch jaͤhe Eil das Ziel, nach dem wir rennen, Und gehn's verluſtig. Denkt nur, wie die Flamme, Wenn ſie den Trank geſchwellt zum Ueberſchaͤumen, Ihn, ſcheinbar mehrend, nur zerſtaͤubt. O, hoͤrt! Ich wiederhol', es giebt kein Herz in England So kraͤftig ſich zu leiten, als das Eure, Wenn Ihr mit Saft der Weisheit wolltet loͤſchen, Ja, daͤmpfen nur, die Gluth des Jaͤhzorns. Buck. Herr, Nehmt meinen Dank. Entfernen will ich mich Nach Euerm Wort. Doch der erzſtolze Schwindler (Den ich, weil mir die Galle ſchwillt, nicht nenne)— Aus Nachrichten, die wahr ſind, und durch Kundſchaſt, Beweiſen, die ſo klar, wie Baͤch' im Juli, Wenn jedes Korn von Kies wir ſehn, kenn' ich ihn Beſtochen und verraͤth'riſch. Norf. Nicht verraͤth'riſch. Buck. Dem Koͤnig ſag' ich's: mein Beweis ſoll ſtark ſeyn, Wie Felſenufer. Seht mur. Dieſer heil'ge Fuchs oder Wolf— wenn beydes nicht!—(er iſt So raͤub'riſch ja als ſchlau, ſo raſch zum Boͤſen, II. 8 114 Koͤnig Heinrich A. 1. Als fein es zu vollziehn; Gemuͤth und Amt Hat gegenſeitig ſich an ihm verpeſtet): Nur daß er ſeinen Prunk ausbreit' in Frankreich, Wie hier zu Haus, trieb unſern Herrn, den Koͤnig, Zum letzten theuren Buͤndniß und Congreß, Der ſo viel Schaͤtze ſchlang, und wie ein Glas Im Ausſpuͤlen zerbrach. Morf. Gewiß, ſo war es. Buck. Erlaubt nur weiter, Herr. Der liſt'ge Pfaff Spann die Artikel nun der Uebereinkunft, Wie's ihm geſiel; dann ward ratificirt, Wie er nur winkt,„ſo ſey's;“— zu nicht mehr Vortheil, Als Kruͤcken fuͤr den Todten. Doch unſer Hofpfaff' Erſann's, und ſo iſt's gut; der wuͤrd'ge Wolſey, Der niemals irrt, der that's. Drauf ſolgt nun dieß, (Was mich beduͤnkt,'ne Art von Brut der alten Huͤndin Verrath):— der Kaiſer Karl, vorgeblich, Die Koͤn'ginn, ſeine Baſe, zu beſuchen, (Den Anſtrich gab er wirklich; doch er kam, Dem Wolſey zuzufluͤſtern) haͤlt hier Einzug. Er war in Furcht, ihm werd' aus dem Congreß Von Frankreich, durch der zween Monarchen Freundſchaft, Nachtheil entſtehn; und freylich blickte Unheil Ihm draͤuend aus dem Bund: drum pflog er heimlich Mit unſerm Cardinal, und, wie ich glaube, Ja vielmehr weiß,— weil ſicher vor dem Abſchluß Der Kaiſer zahlt', und alſo ſein Geſuch Erfuͤllt war, eh' genannt— genug, nachdem Der Weg gebahnt und goldgepflaſtert, heiſcht Der Kaiſer,— er moͤcht' guͤtigſt anders Den Koͤnig ſtimmen, und den Frieden brechen. Ja, wiſſen muß der Koͤnig(gleich, durch mich) Wie ſo der Cardinal nach Wohlgefallen Ihm ſeine Ehre kauft und auch verkauft Zu ſeinem eignen Vortheil. Worf. Mich betruͤbt's, Solches von ihm zu hoͤren, und ich wuͤnſche, Hier walt' ein Irrthum ob. Buck. In keiner Sylbe! Ich ſtell ihn dar in eben der Geſtalt, In der er bald entlarvt iſt. (Brandon tritt auf; vor ihm her ein bewaffneter Ge⸗ richtsdiener, darauf zwey oder drey von der Leibwache.) Sz1. der Achte. 1¹⁵ Brand. Sergeant, Ihr wißt, was Eures Amts; vollzicht es! Gerichtsd. Sir, Mylord, Herzog von Buckingham, und Graf Von Hereford, Stafford und Northampton, ich Verhafte Dich um Hochverrath, im Namen Des hocherhabnen Koͤnigs. Buck. Seht, Mylord, Das Netz fiel auf mich nieder; durch Verrath Und Argliſt muß ich untergehn. Brand. Mich ſchmerzt, Der Freyheit euch beraubt, und dieſen Hergang Mit anzuſeh'n; es iſt des Koͤnigs Wille, Ihr ſollt zum Thurm. Buck. Nichts hilft mir's, meine Unſchuld Darthun, da ſolcher Schatten fiel auf mich, Der ſelbſt das Weiße ſchwarz faͤrbt. Herr, dein Rathſchluß Geſcheh' hierin und allzeit! Ich gehorche. O Myiord Aberga'ny, lebt mit Gott! Brand. Nein, er wird mit Euch gehn. Es iſt des Koͤnigs Gefall., Ihr ſollt zum Thurm, bis Ihr erfahrt, Was ferner nachfoigt. Aberg. Mit dem Herzog ſag' ich: Des Herrn Rathſchluß geſcheh', ſo wie des Koͤnigs Gefallen. Brand. Vollmacht hab' ich hier vom Koͤnig, Lord Montacut' in Haft zu nehmen; ferner Den Johann de la Lourt, des Herzogs Beicht'ger; Dann ſeinen Kanzler, Gilbert Peck— So, ſo! Buck. Das ſind des Bunds Mitglieder! Habt Ihr noch mehr? Brand. Noch einen Carthaͤuſermoͤnch— Buck. O, Niklas Hopkins. Brand. Ja. Buck. Mein Hausmeiſter iſt falſch: der große Prieſter Bot Gold ihm an; mein Leben iſt. Ich bin nur Schatten noch des armen Buckingham, Und deſſen Zuge ſelbſt tilgt dieſe Wolke, Mein helles Licht verdunkelnd. Mylord, lebt wohl. (Alle ab.) —— 116 Konig Heinrich. A Zweyte Szene. Das g3immer des Staatsraths. (Eine Zinke wird geblaſen. Koͤnig Heinrich, auf der Cardinals Schulter geſtuͤtzt; mehrere Edelleute und Sir Thomas Lovell treten auf.) Roͤnig. Mein ganzes Leben dankt, mein Herzblut Euch Fuͤr ſolche Sorgfalt. Stand ich doch im Schuß Der ſchwergelad'nen Meuterey! Habt Dank, Der ſie vertilgt. Laßt jetzt vor uns erſcheinen Des Buckingham Hofmeiſter: in Perſon Will ich rechtfert'gen hoͤren ſein Bekenntniß, Und Punkt fuͤr Punkt ſoll er uns ſeines Herrn Verrath auf's neu berichten. (Der Koͤnig ſetzt ſich auf den Thron. Die Lords des Rei⸗ ches nehmen ihre Plaͤtze ein. Der Cardinal ſetzt ſich zu des Koͤnigs Fuͤßen auf der rechten Seite. Man hoͤrt hinter der Scene rufen: Platz fuͤr die Koͤniginn! Die Koͤniginn tritt auf, gefuͤhrt von den Herzogen von Norfolk und Suffolk; ſie knieet. Der Koͤnig ſteht auf von ſeinem Thron, hebt ſie auf, kuͤßt ſie, und heißt ſie, neben ihm ſitzen.) Roͤniginn. Nein, laßt uns laͤnger knie'n; ich kam, zu bitten. Roͤnig. Steht auf! Nehmt Euern Platz; Eu'r halb Geſuch Bleib' unberuͤhrt(halb unſre Macht iſt Eure), Die andre Haͤlft', eh' Ihr ſie nennt, gewaͤhrt. So ſagt, und nehmt die Bitte. Roͤniginn. Dank, mein Koͤnig. Daß Ihr Euch ſelbſt liebt, und in ſolcher Liebe Nicht außer Acht laßt Eure Ehre, noch Die Hoheit Enres Amts: das iſt der Inhalt Von meiner Bitte. Boͤnig. Fahret fort, Gemahlin. Roͤniginn. Ich werd' umlagert ſtets— und zwar von Vielen, Und von den Redlichſten,— weil Euer Volk Im harten Truͤbſal ſeufzt. Es ſind Sendſchreiben Erlaſſen, ſo die Herzen loͤſen mußten Von aller Tren!; und ob ſich zwar darob, Werther Herr Cardinal, die herbſten Klagen Auf Euch zumeiſt ergießen, als Anſtifter Solcher Erpreſſung, trifft doch ſelbſt den Koͤnig — Sz2. der Achte. 117 (Deß Ehre Gott vor Unglimpf ſchuͤtzen mag)) linziemlich Reden, ja, ſolches, das zerbricht Treu und Gehorſam, und beynah' erſcheint Als lauter Aufruhr. Worf. Nicht beynah' erſcheint, Wirklich erſcheint: denn dieſer Schatzung willen Hat ſchon das ganze Tuchgewerk, unfaͤhig, Die Arbeit zu erhalten, ſeine Spinner, Die Krempler, Walker, Weber abgedankt, Die nun, verfolgt vom Hunger, andern Handwerts Unkundig, ſonder Mittel, in Ve rzweiflung, Dem Ausgang trotzend, all' in Aufſtand ſind; Und die Gefahr dient unter ihnen. Roͤnig. Schatzung? Auf was? Und welche Schatzung? Cardinal, Ihr, der die Laſt zugleich mit uns hier tragt, Wißt Ihr von dieſer Schatzung? Wolſ. Erlaubt, mein Koͤnig, Ich weiß nur Einzelnes, von Allem, was Den Staat betrifft, und ſteh' nur mit im Gliede, Wo andre mit mir ſchreiten. Roͤniginn. Nein, Mylord, Ihr wißt nicht mehr, als Andre; doch Ihr ſchmiedet Die Dinge, die auch jeder kennt; nicht heilſam Fuͤr die, die lieber nicht ſie kennten, doch Wohl nothgedrungen ſie erfahren. Dieſe Erpreſſungen, von denen mein Gemahl will wiſſen, Im Hoͤren ſind ſie todtlich ſchon; ſie tragen, Der Ruͤcken bricht der Laſt. Man ſagt, Ihr ſeyd's, Der ſie erſonnen; iſt das nicht, ſo ſeyd Ihr Zu hart beſchuldigt. Roͤnig. Immerdar Erpreſſung!— Von welcher Art? Laßt hoͤren, welcher Art War die Erpreſſung? Roniginn. Wag' ich doch zu viel, So pruͤfend Eure Mide! Doch mich ſtärkt Die Nachſicht, ſo Ihr zugeſagt. Es ruht Des Volks Beſchwerd' auf Steuern, ſo ein Sechstheil Von jeglichem Vermoͤgen ſonder Aufſchub Einfordern, und als Vorwand ſoll Eu'r Krieg In Frankreich gelten. Dieß macht dreiſte Zungen, Der Mund ſpeht aus die Pflicht; in kaiten Herzen Gefriert die Treu; Verwuͤnſchung wohnt anf t, 118 Koͤnig Heinrich A. 1. Wo ſonſt Gebete; ja es kam ſo weit, Daß nun lenkſame Folgſamkeit erſcheint Als jeglicher erhitzten Laune Sklav. O, moͤcht' Eur Hoheit bald erwaͤgen dieß Geſchaͤft! Keins iſt ſo dringend.— Roͤnig. Nein, bey meinem Leben!— Dieß iſt zuwider unſerm Wunſch. Woiſey. Und ich Ging meinerſeits hierin nicht weiter, als Durch Eine Stimm'; auch dieſe gab ich nur Auf Rath gelehrter Richter. Schmaͤhen mich Unkund'ge Zungen, ſo mein Innres nicht Erkannt, noch meine Weg', und wollen dennoch Die Chronik werden meines Thuns: ſo weiß man, »S iſt nur der Wuͤrden Loos, der Dornenpfad, Den Tugend wandeln muß. Beſchraͤnke Keiner, Was ihm zu thun nothwendig, in der Furcht, Er ſtoß' auf neid'ſche Tadler, die beſtaͤndig, Raubfiſchen gleich, dem neugeſchmuͤckten Fahrzeug Nachziehn, wiewohl es Vortheil bringt mit nichten, Nur eitle Jagd. Oft unſre beſte That, Wie Boͤſe oder Schwache deuten, iſt Nicht unſte, oder nicht gelobt; die ſchlimiſte, Dem groͤbern Sinn verſtaͤndlich, preiſt man oft Als unſer beſtes Thun. Muͤßten wir ſtillſtehn, In Furcht, belacht ſey unſer Gehn, verlaͤſtert, Wir muͤßten Wurzel ſchlagen, wo wir ſitzen, Wo nicht, gleich Bildern ſitzen. Roͤnig. Weiſe That, Vollbracht mit Vorſicht, ſchirmt ſich ſelbſt vor Zweifeln; That ohne Vorbild aber iſt zu fuͤrchten In ihrem Ausgang. Habt Ihr einen Vorgang Fuͤr ſolche Schatzung? Wie mir ſcheint, wohl keinen. Man muß das Volk nicht vom Geſetz losreißen, Und an die Willkuͤhr ketten. Wie! Ein Sechstheil? Entſetzliche Beſteurung! Ey, wir nehmen Von jedem Baum Aſt, Rind', und ſelbſt vom Stamm! Und laſſen wir ihm auch die Wurzel, ſo verſtuͤmmelt, Verzehrt die Luft den Saft. In jede Grafſchaft, Wo dieß verhandelt, ſchickt Sendſchreiben mit Vollkommner Nachſicht Allen, ſo ſich ſtraͤnbten Dem Druck ſothaner Schatzung. Bitt' Euch, eilt, Ich leg's in Eure Hand. Sz. 2. der Achte. 119 Wolſ. Gu ſeinem Geheimſchreiber) Hoͤrt, auf ein Wort Ihr fertigt Briefe mir fuͤr jede Grafſchaft Von Koͤnigs Gnad' und Nachſicht. Die gekraͤnkten Gemeinden ſind uns abhold; ſprenget aus, Als ſey auf unſer Fuͤrwort der Erlaß Und Widerruf erfolgt. Ich werd' alsbald Euch ferner unterrichten. (Geheimſchreiber ab.) Der Haushofmeiſter tritt auf.) Boͤniginn. Es geht mir nah, daß Herzog Buckingham Sich Euͤ'r Mißfallen zuzog. Ronig. Viele ſchmerzt es: Er iſt gelehrt, ein trefflich ſeitner Redner, Naturbeguͤnſtigt, an Erzichung faͤhig Den groͤßten Meiſtern Lehr' und Rath zu geben, Nie Huͤlfe ſuchend außer ſich; und dennoch, Wo alſo edle Gabe ſchlecht vertheilt Erfunden wird,— wenn erſt der Geiſt verderbt iſt— Verkehrt ſie ſich zum Laſter, zehnfach wuͤſter, Als ſchoͤn zuvor. Derſelbe Mann, ſo edel, Der ſtets den Wundern wurde beygezaͤhlt, Bey dem, entzuͤckt zu horchen, uns Minuten Die Stunden ſeiner Red⸗ erſchienen: dieſer, Mylady, hat die Grazie, ſonſt ihm eigen, In ſcheußliche Geſtalt verkehrt, ſo ſchwarz, Wie aus dem Hoͤllenpfuhl. Nehmt Platz, und horet Dinge, Wier ſteht, der ſein vertrauter Diener war) Die Ehre trauern machen. Wiederholt Die ſchon erzaͤhlten Grau'l; wovon wir nie Zu wenig fuͤhln, zu viel nie hoͤren koͤnnen. olſ. Kommt vor, erzaͤhlt mit freyem Muth, was Ihr, Als ein ſorgſamer Unterthan, erforſcht. Vom Herzog Buckingham. Roͤnig. Nur dreiſt geſprochen. Zaushofm. Erſt wars ihm zur Gewohnheit, jeden Tag Sein Reden zu verpeſten durch die Aeuß rung, Daß, ſtuͤrb' ohn' Erben unſer Herr, er ſicher Das Szepter an ſich braͤchte: ſolche Worte Hoͤrt' ich ihn ſagen ſeinem Schwiegerſohn Lord Aberga'ny, dem er eidlich ſchwur Rach' an dem Cardinal. Wolſ. Bemerk' Eur Hoheit In dieſem Punkt ſein ſtraͤfliches Beginnen? 120 Koͤnig Heinrich A. I. Feindlich im Wuͤnſchen ſtrebt ſein boͤſer Wille Entgegen Eurer heiligen Perſon, Ja, zielt noch jenſeits ſelbſt auf Eure Freunde. Roͤniginn. Seyd chriſtlich, Mylord Cardinal! Roͤnig. Fahrt fort! Wie ſtuͤtzt' er ſeinen Anſpruch auf die Krone, Wenn wir dahin? haſt uͤber dieſen Punkt Auch was vernommen? Saushofm. Dazu leitet' ihn Des Niklas Hopkins eitles Prophezey n. Roͤnig. Wer war der Hopkins? Zaushofm. Ein Carthaͤuſermoͤnch, Sein Beicht'ger, der ihn ſtets genaͤhrt mit Worten Von Kron' und Koͤnigthum. Roͤnig. Wie weißt Du dieß? Zaushofm. Nicht lang', Hoheit zog gen rankreich, Geſchah's, daß in der Roſe, in dem Kirchſpiel Sankt Laurenz Poultney, mich der Herzog fragte, Was fuͤr Geſpraͤch in London ich gehoͤrt, Betreffend Euren fraͤnkſchen Zug. Drauf ſagt' ich Man fuͤrchte der Franzoſen trenlos Weſen Zu unſers Herrn Verderben. Alſobald Begann der Herzog: Dazu geb' es Grund, Und, meynt' er, wohl erfulle ſich's, was ihm Ein heil'ger Moͤnch geſagt,„der oft,“ erzaͤhlt' er, „Zu mir geſandt, gelegene Zeit begehrend, „Wo meinem Capellan, John de la Court, „Hochwicht'ge Ding' er offenbaren wolle; „Und als er drauf, unterm Sigill der Beichte, „Foͤrmlichen Eyd verlangt, was er entdeckte, „Das ſolle mein Caplan nie einem Menſchen „Als mir enthuͤllen— Da ſprach er ernſt, bedaͤchtig, „Dieß Wort: Der Koͤnig weder, noch ſein Stamm, „(So ſagt dem Herzog) wird gedeyh'n: drum ſtreb'er „Des Volkes Liebe zu gewinnen. Er, der Herzog „Wird England einſt beherrſchen.“— Roͤniginn. Hoͤr' ich recht, Wart Ihr des Herzogs Hausvogt, und verlort Auf Eurer Untern Anklag' Eure Stelle; So habt wohl Acht, ſchmaͤht nicht in Eurer Laune Den edlen Mann, und wagt die edlere Seele. Habt Acht, ich ſag's Euch, ja ich bitt' Euch herzlich. Sz. 2. der Achte. 121 Roͤnig. Laß ihn.— Fahr' fort! Zaushofm. Wahr red' ich, auf Gewiſſen. Sch ſagte dem Herrn Herzog, Teufels Blendwert Betriege wohl den Moͤncht es ſey gefaͤhrlich, So lang' hierob zu bruͤten, bis zuletzt Ein Anſchlag reifte, wie's gewiß geſchaͤh', Glaubt' er einmal. Er aber rief:„Sey ſtill!— „Es bringt mir nimmer Schaden!“— ſagt' auch ferner: „Wofern der Koͤnig ſtarb im letzten Fieber, „So fiel das Haupt des Cardinals, ſo wie „Sir Thomas Lovell's.“ Roͤnig. Wie! ſo arg? Ey, ja! Das iſt ein ſchlimmer Mann. Weißt Du noch mehr? Zaushofm. Ich weiß, mein Fuͤrſt. Roͤnig. Fahr' fort. Zaushofm. Zu Greenwich war's, Verweis hatt' Eure Hoheit meinem Herzog Ertheilt, Sir William Blomer's willen— Roͤnig. Wohl Entſinn' ich mich's: aus meinem Lehnsdienſt nahm Der Herzog ihn fuͤr ſich. Doch nun, wie weiter? Saushofm. Da ſprach er:„Waͤr ich hierum feſtgeſetzt, „Etwan im Thurm, ſo meyn' ich, ſpielt' ich wohl „Die Rolle, ſo mein Vater wollt' erfollen „Am Uſurpator Richard, als in Salsbury „Er ſich Gehoͤr erbat, und waͤr's gewaͤhrt, „Ihm unterm Schein der Huldigung ſein Meſſer „In's Herz geſtoßen haͤtte.“ Roͤnig. O, Rieſenbosheit! Wolſ. Nun, Fuͤrſtinn, kann der Koͤnig frey noch athmen, Bleibt Dieſer auherit oͤniginn. Gott fuͤg's zum Guten! Ronig. Du haſt noch Weitres auf dem Herzen rede. Saushofm. Nach„Rolle meines Vaters“— und dem „Meſſer“— Streckt' er ſich ſo,— und eine Hand am Dolch, Die andre auf der Bruſt, den Blick erhoben, Stieß er hervor den wild'ſten Fluch, des Inhalts, Daß, wuͤrd' ihm hart begegnet, er den Witer So weit noch ubertreffen wollt', als je Die That den ſchwanken Vorſaß. 122 Koͤnig Heinrich. A. 1. Roͤnig. Seinem Meſſer Iſt wohl ein Ziel geſetzt; er iſt verhaftet. Ruft vor Gericht ihn gleich. Vermag er Gnade Vor dem Geſetz zu finden, ſey's; wo nicht, Bey uns ſuch' er ſie nie!— Bey Tag und Nacht! Er iſt auf Hochverrath bedacht! (Alle ab.) Drit te Sz ene Ein gZimmer im Pallaſt. (Der Lord Kaͤmmerer und Lord Sands treten auf.) Lord Raͤmmerer. Iſt's moͤglich, gaukelten die Zauber Frankreich Die Menſchen in ſolch ſeltſamliche Form? Sands. Sind neue Moden noch ſo laͤcherlich, Ja, ſelbſt unmaͤnnlich, doch befolgt man ſie. L. Räm. So weit ich ſeh', was unſte Engliſchen Sich Gut's geholt auf dieſer Fahrt, ſind's hoͤchſtens Ein paar Geſichter, die ſie ziehn, doch ſchlimmer, Denn macht ſie einer, nun ſo ſchwoͤrt man d'rauf, Selbſt ſeine Naſe ſey ſchon Rath geweſen Bey Pipin und Clothar, ſo ehrbar ſchaut ſie. Band⸗ Sie fuͤhren ſaͤmmtlich neue, lahme Beine, Und meynt wer ſie zuvor nicht gehn ſah, Spath Und Gallen zwickten ſie. L. Ram. Beym Element! Selbſt ihrer Kleider Schnitt iſt ſo ſehr heidniſch, Daß ſie gewiß den Chriſten ausgezogen. Wie nun? Was Neues bringt Sir Thomas Lovell?— (Sir Thomas Lovell tritt auf.) Lovell. Nicht Neues juſt, Mylord, als die Verordnung, Die eben jetzt am Schloßthor klebt. L. Räm. Woruͤber? Lovell. Der Lanfpaß unſrer vielgereiſtten Stutzer, Die uns verfolgt mit Zank und Laͤrm und Schneidern. L. Räm. Gott ſey's gedankt! Nun bitt' ich die Monſieurs, Einem britt'ſchen Hofmann noch Verſtand zu laſſen, Auch wenn er's Louvre nicht geſehn. Sz. 3. der Achte 123 Lov. Sie ſollen (So lautet die Verordnung) ihren Wedeln Und Reſten fraͤnk ſchen Narrenthums entſagen, Sammt all' den theuern Punkten ihrer Thorheit Pon gleichem Schlag; Duell'n und Feuerwerken; Und beß'rer Leute Mishandlung als ſie Aus fremder Weisheit, ſollen ganz entſagen Dem Aberglauben ihres Federballs, Der langen Struͤmpf', gepufften kurzen Hoſen, Und jenen Kennzeichen der Reiſe, wieder Sich wie vernuͤnft'ge Menſchen ſtellen, oder Sich zu den alten Spielkam'raden packen, Wo ſie cum privilegio dann moͤgen Verlacht ſeyn und die Kluͤglichkeit verbrauchen. Sands. Die Kur war an der Zeit; es griff dieß Uebel Verzweifelt um ſich. L. Ram. Wie wohl unſte Weiber Die ſuͤßen Eitelkeiten all' entbehren!— Lov. Nun, Klagen giebt's gewiß; die ſchlauen Loͤffler Verſtanden meiſterlich, die Frau'n zu fangen; Ne Fidel, ein franzoſiſch Lied, that Wunder. Sands. Fidl' ſie der Teufel! Gut, daß ſie fort ſind! Denn Beſſerung traun war hier vorbey. Jetzt mag Ein ſchlichter Edelmann vom Land', wie ich, Laͤngſt aus dem Spiel verdraͤngt, doch auch ſein Lied Anſtimmen und Gehoͤr ein Stuͤndchen hoffen, Und, meyn' ich, ſeinen Takt noch eben halten. L. Räm. Recht ſo, Lord Sands; Ihr habt den Fuͤllenzahn Nicht abgelegt. Sands. O nein, und werd' auch nicht, So lang' ein Stumpf mir nachbleibt. Wohin Ihr gingt L. Ram. Sagt, Sir Thomas, Ihr gingt. Lov. In's Haus des Cardinals; Eu'r Herrlichkeit iſt gleichfalls dort ein Gaſt. L. Ram. Ja wohl. Er giebt ein praͤchtig Feſt zu Nacht Gar vielen Herr'n und Frau'n; Ihr findet dort Des ganzen Landes Schoͤnheit heut verſammelt. Lov. Ein guͤtig Herz hat dieſer Fuͤrſt der Kirche, Fruchtbar die Hand, wie der uns naͤhr'nde Boden, Sein Than traͤnkt alles. L. Ram. Ja, er iſt hoͤchſt edel, Ein ſchwarz Gemuͤt„das anders von ihm ſagte. 124 Koͤnig Heinrich A. I. Sands. Nun, er vermag's, er hat genug; an ihm Waͤr' Sparen aͤrg're Sund' als Ketzerey. Freygebig muͤſſen Maͤnner ſeyn wie er, Sie ſtehn als Beyſpiel da. L. Räm. Ihr habt wohl NRecht; Wie er ſind wen'ge. Meine Barke halt, Ich nehm' En'r Gnaden mit. Nun kommt, Sir Thomas, Wir kommen ſpaͤt ſonſt, und mir waͤr' es leid, Weil ich heut' Abend mit Sir Heinrich Guilford Aufſeher bin des Feſtes. Sands. Euch zu Dienſten. (Alle ab.) Vei ert 6 ne Im Pallaſt des Cardinals von York. (Poboen. Ein kleiner Siſch unter einem Thronhimmel fur den Cardinal; eine laͤngere Tafel fuͤr die Gaͤſte. Von der einen Seite treten auf Anna Bullen mit einigen andern Frau⸗ lein und Edelfrauen als Gaͤſte, von der andern Sir Hein⸗ rich Guilford.) Guilford. Ein allgemein Willkommen Seiner Gnaden Begruͤßt Euch All', Ihr Frau'n; er weiht den Abend Der ſchoͤnen Freud' und Euch, und hofft, nicht Eine In dieſer edlen Schaar nahm Sorgen mit Von Haus. Gern ſäͤh' er alles hier ſo munter, Als gut gewaͤhlte Gaͤſt' und guter Wein Und guter Willkomm' gute Leute nur Zu ſtimmen wiſſen. Ey, Mylord, Ihr ſaͤumt; (Der Lord Kaͤmmerer, Lord Scnds und Sir Thomas Lovell treten auf.) Schon der Gedank' an dieſen ſchoͤnen Kreis Gab Fluͤgel mir. Ram. Ihr ſeyd noch jung, Sir Heinrich. Sands. Sir Thomas, hegte nur der Cardinal Halb meine weltlichen Gedanken, traun! Manch' eine faͤnde hier vor Schlafengehn Ein luſt'ger Feſt, das beſſer ihr gefiele. Es iſt, fuͤrwahr! ein Kreis der ſchoͤnſten Kinder. — Sz. 4. der Achte. 125 Lov. Waͤr' Eure Herrlichkeit nur jett der Beicht'ger Zwey'n oder Drey'n von dieſen!— Sands. Wollt', ich waͤr's, Sie faͤnden leichte Poͤnitenz. Wie leicht? Sands. So leicht, wie Federbetten ſie nur boͤten. Bäm. Cu den Damen.) Gefallt's Ench, Platz zu nehmen? Ihr, Sir Heinrich, Setzt Euch dorthin; ich bleib⸗ auf dieſer Seite. Dort kommt der Cardinal. Nein, frieren muͤßt Ihr nicht: Zwey Frau'n zuſammenſetzen, macht kalt Wetter— Ihr, Mylord Sands, muͤßt ſie uns munter halten; Setzt Euch zu dieſen Damen. Sands. Nun, Mylord, Auf Ehr', ich dank' Euch. Wollt bihe Schoͤnen. (ſetzt ſich. Red' ich vielleicht ein bischen wild, ſo zurnt nicht; Ich hab's von meinem Vater. Anna. War der toll, Sir? Sands. Sehr toll, außerordentlich toll, verliebt beſonders; Doch biß er nie, und, eben ſo wie ich, Kuͤßt' er wohl zwanzig Mal in Einem Athem. Ram. Recht ſo, Mylord. So, jetzo ſitzt Ihr gut. Ihr Herr'n, nun liegt Die Schuld an Euch, weän dieſe ſchoͤnen Frau'n Nicht heiter uns verlaſſen. Sands. Was ich vermag, Das ſoll gewiß geſchehen. Poboen. Cardinal Wolſey tritt auf, und nimmt Platz auf ſeinem erhoͤheten Sitz. Woiſ. Willkommen, Ihr ſchoͤnen Gäſte! Welcher edlen Frau Und welchem Ritter heut' der Frohſinn ausbleibt, Die meynen's ſchlimm mit mir. Nochmals willkommen! 8(trinkt.) Auf Euer Aller Wohl! Sands. Ein huldreich Wort! Nen Tummler gebt, der meinen Dank enthalte, Und mir das Reden ſpare. Wolſ. Mylord Sands, Ich dank“ Euch beſtens. Trinkt den Gaͤſten zu. Die Damen ſind nicht munter; ſagt mir an, Weß iſt die Schuld? 126 Koͤnig Heinrich. A. 1. Sands. Erſt muß des Weines Purpur Die ſchoͤnen Wangen roͤthen, Herr; dann ſollt Ihr Sie uns ſtumm plandern ſehn. Anna. Ihr ſeyd Ein luſt'ger Spielmann, Mylord Sands. Sands. O ja, Wenn ich den Tanz darf waͤhlen— Hier, mein Fraͤnlein, Iſt Wein fuͤr Euch, und wollt Beſcheid mir thun; Es gilt nun einer Sache.... Anna. Die Euch fehlt. Sands. Ich ſagt' es wohl, ſie wuͤrden plandern. (Trommeln und Trompetenſchall, man hoͤrt Kanonen abfeuern.) Wolſ. Horch! Raͤm. Seht draußen nach. (Ein Diener geht hinaus.) Wolſ. Welch kriegeriſcher Klang!— Wie deut' ich dieß? Nein, fuͤrchtet nichts, Ihr Frau'n; Nach allem Kriegsbrauch ſeyd Ihr außer Faͤhrde. (Der Diener kommt zuruͤck.) Räm. Nun ſprich, was iſt's? Diener. Ein Trupp von edlen Fremden; Denn alſo ſcheints: ſie ſind an's Land geſtiegen, Und nahen jetzt, gleich hohen Abgeſandten Auslaͤnd'ſcher Fuͤrſten. Woiſ. Werther Mylord Kaͤmm'rer, Geht Ihr zum Gruß; Ihr ſprecht die fraͤnk ſche Zunge. Empfangt ſie wuͤrdig, und geleitet ſie In unſ're Naͤh', wo dieſer Schoͤnheitshimmel Vollglaͤnzend ſie beſtrahle.— Geh wer mit! (Der Kaͤmmerer mit Gefolge ab. Alle ſtehen auf; man bringt die Tiſche auf die Seite.. Man ſtoͤrt das Feſt; doch holen wir's wohl nach. Euch allen ein geſegnet Mahl; ich heiß' Euch Nochmals willkomm', willkommen All von Herzen. (Hoboen. Der Koͤnig und mehrere Andre als Schaͤfer ver⸗ kleidet, mit ſechzehn Fackeltraͤgern, und durch den Lord Kaͤmmerer eingefuͤhrt, treten auf. Sie gehen gerade auf den Cardinal zu und gruͤßen ihn hoͤflich.) Ein edler Zug! Was ſteht zu Eurem Dienſt?— Räm. Da ſie kein Engliſch reden, meld' ich dieß Auf ihr Geſuch: daß, als der Ruf erſchollen Von dieſes Abends ſchoͤner und erlauchter Verſammlung, ſie nicht laͤnger widerſtanden Nach ihrer tefen Ehrfurcht fuͤr die Schoͤnheit, Sz. 4. der Achte. 127 Die Heerden zu verlaſſen, um in Eurem Edlen Geleit' Erlaubniß zu begehren, Die Damen hier zu ſehn und eine Stunde Zu unterhalten. Wolſ. Sagt, Lord Kaͤmm'rer, ihnen, Sie haͤuften Gnaden auf mein armes Haus, Ich dankt' es kauſendfach, und bate ſie, Nach ihrem Wohlgefallen hier zu ſchalten. Qlle waͤhlen ſich Damen zum Tanz. Der Koͤnig tanzt mit Anna Bulken.) Roͤnig. Die ſchoͤnſte Hand, die ich beruͤhrt! O Schoͤnheit, Dich ahndet' ich bis heut' noch nie!— Wolſ. Mylord! Ram. Eur Gnaden? olſ. Bitt' Euch, ſagt in meinem Namen, Daß Einer unter ihnen muͤſſe ſeyn, Der wuͤrd'ger dieſer Stelle ſey denn ich, Und dem ich, kennt' ich ihn, mit aller Lieb⸗ Und Pflicht ſie uͤberließe. z San Woht: ich cht zur Geſellſchaft und kommt zurä Wolſ. Was ſagen ſie? Raͤm. Ein ſolcher, dieß geſteh'n ſie Sey wirklich hier, und mög' Eur Gnaden ihn Ausfinden, und er naͤhm' es an. Wi uer aler Gunt, Ihr Pelfn ht ſchn. t euer aller Gunſt, Ihr Herr'n ier wag' i Die Könios⸗Wahl. Io Herrn, hier wag ich Ronig. Ihr traft ihn, Cardinal. Ihr haltet trefflich Haus; recht wohl, Mylord. Ihr ſeyd ein Geiſtlicher, ſonſt, Cardinal, Daͤcht' ich von Euch nichts Gutes. Wolſ. Mich erfreut's Wenn Eure Hoheit ſcherzt. Roͤnig. O, Mylord Kaͤmm'rer, Bitt“ Euch, kommt her. Wer iſt das ſchoͤne Fräulein?— Räm. Erlaubt, mein Fuͤrſt, Sir Thomas Bullens Tochter, Des Vicomte Rochford, von der Koͤn'gin Damen. Roͤnig. Bey Gott! ein lieblich Kind.— Mein ſußes Herz, Gu Anna Bullen) Euch aufzufordern ud nicht zu kuͤſſen. Stoßet an r Herr'n Bringt die Geſundheit rund. 128 Koͤnig Heinrich A. 1I. Wolſ. Sir Thomas Lovell, Iſt das Banquet bereit im innern Saal? Lov. Ja, Herr. Wolſ. Eur Hoheit, fuͤrcht' ich, iſt ein wenig Erhitzt vom Tanz. Roͤnig. Ich fuͤrchte ſelbſt, zu ſehr. Woiſ. Im naͤchſten Saale, Sire, iſt friſch're Kuͤhle. Roͤnig. Fuͤhrt Eure Damen Alle.— Holde Lady, Noch darf ich Euch nicht laſſen— Sey'n wir froͤhlich! Ich hab' auf dieſe Schoͤnen halb ein Dutzend Trinkſpruͤch' im Sinn, und ſie zum Tanz noch einmal Zu fuͤhren; und hernach mag jeder traͤumen, Wem heut' die meiſte Gunſt ward.— Blaſt zum Aufbruch. (Alle, unter Trompetenſchall, ab.) Z wehyter A ufzug. Erſt S5ene Straße. (Zwey Edelleute treten auf, von verſchiedenen Seiten.) Erſter. Wohin ſo eilig? Fweyt. O! Gott gruͤß' Euch! Grade Zur Halle ging ich, um das Schickſal ſorſchend Des großen Herzogs Buckingham. Erſt. Ich ſpar' Euch Die Muͤhe, Sir;*s iſt alles ſchon geſchehn. Jetzt wird er heimgefuͤhrt. Zweyt. Ihr war't zugegen? Erſt. Ja wohl! Zweyt. Dann, bitt' Euch, ſagt, wie war der Hergang? Erſt. Das raͤth ſich leicht! Zweyt. Erkannte man ihn ſchuldig? Erſt. Nun, allerdings, und ſprach ſogleich ſein Urtheil. Zweyt. Das geht mir nah! der Achte. 129 G. Erſt. Das thut es vielen Andern. zweyt. Doch jetzt erzählt, wie trug ſich alles zu? Erſt. Ich meld's Euch kuͤrzlich. Vor die Schranken trat Der große Herzog, wo auf alle Klagen Er ſeine Unſchuld ſcharf verfocht, und Gruͤnde Anhaͤuft', um dem Geſetz ſich zu entzieh'n. Des Koͤnigs Anwald dahingegen drang Auf das Verhor, den Eyd, das Eingeſtaͤndniß Verſchied'ner Zeugen, die ſogleich der Herzog Perſoͤnlich ihm vor Augen bat zu fuͤhren: Worauf ſein Hausvogt wider ihn erſchien, Sir Gilbert Peck, ſein Kanzler, und John Court, Sein Beicht'ger; ferner jener Teufelsmonch, Hopkins, der Schuld an allem. Fweyt. Eben der, Der ihn getaͤuſcht mit Prophezey'n? Erſt. Derſelbe. Sie klagten ſaͤmmtlich hart ihn an. Gern hätt' er Sie von ſich abgelehnt, doch konnt' ers nicht; Und alſo ſprachen, nach ſothanem Zeugniß, Ihn ſeine Pairs des Hochverrathes ſchuldig. Viel und Gelehrtes hat er eingewandt; Doch blieb's bedauert oder unbeachtet. Zweyt. Und nach dem allen, wie betrug er ſich? Erſt. Als vor die Schrank' er wieder trat, und hoͤrte Sein Grabgeläͤut', ſein Urtheil, da erfaßt' ihn Die Todesangſt; ihm brach der Schweiß hervor, Und ſprach im Zorn ein wen'ges, ſchlecht und haſtig. Doch kehrt' er bald zu ſich zuruͤck, und blieb Hoͤchſt edel und gefaßt, bis ganz zu Ende. Zweyt. Er ſcheut den Tod wohl nicht? Erſt. Gewißlich nicht. So weibiſch war er nie; obwohl die Urſach' Ihn ſicherlich muß kraͤnken. Zwept. Zuverlaͤſſi War hier der Cardinal i Spiel. 2 Erſt. So ſcheint es Nach allem Fug: zuerſt Kildair's Anklage, Der erſt Regent in Irland war, dem, abgerufen, Lord Surrey folat', änd zwar in großer Eil, Damit er nicht dem Vater huͤlf'. IIH. 9 130 Konig Heinrich.. Zweyt. Welch haͤmiſcher Verborg'ner Streich der Staatskunſt! Erſt. Kehrt er heim, Wird er Vergeltung uͤben. Allgemein Iſt ſchon bekannt, daß, wem der Koͤnig guͤnſtig, Dem ſuche flugs der Cardinal ein Amt, Das fern genng vom Hof. Zweyt. All' die Gemeinen Sind ihm von Herzen gram, und ſaͤh'n ihn gern Zehn Klafter tief: ſo wie ſie Lieb' und Treu' Dem Herzog ſchenkten, der ihr guͤt'ger Buckingham Bey ihnen heißt, und aller Sitte Spiegel. Erſt. Verweilt. Dort kommt der arme, wuͤrd'ge Pair. (Buckingham tritt auf, von ſeinem Verhoͤr kommend. Ge⸗ richtsdiener gehen vor ihm, die Schneide ihrer Beile gegen ihn gekehrt. Hellebardirer auf beiden Seiten. Ihm folgen Sir Thomas Lovell, Sir Nicolas Vaur, Sir William Sands. Volk.) Zweyt. Kommt naͤher; ſehn wir ihn. Buck. Ihr guten Leute, Die mich voll Mitleid alſo weit begleitet, Hoͤrt mich und dann geht heim, vergeſſet mich. Mir iſt Verraͤthers Urtheil heut geſprochen, Und dieß giebt mir den Tod. Doch weiß der Himmel, Und hab' ich ein Gewiſſen, treff' es mich So wie die Art faͤll't, war ich jemals treulos! Den Richtern groll' ich nicht um meinen Fall; Sie uͤbten Recht nur, nach der Sache Hergang. Doch, die's veranlaßt, wuͤnſcht' ich beſſ'ere Chriſten!— Wie ſie auch ſey'n, verzeih' ich ihnen gern; Nur daß ſie nie mit ihrem Unheil prahlen, Noch ihre Bosheit bau'n aufs Grab der Großen; Dann ſchriee wider ſie mein ſchuldlos Blut. Auf laͤng'res Leben hoff' ich nicht hienieden, Noch fleh' ich drum, iſt gleich der Koͤnig reicher An Huld, als ich an Fehlen. Ihr Getreuen, Die ihr's noch wagt, um Buckingham zu weinen, Ihr edlen Freund' und Bruͤder, deren Abſchied Allein ihm bitter wird, allein'ger Tod, Folgt mir, gleich guten Engeln, hin zum Tode; Und wie der Stahl mich trifft, die lange Scheidung, Laßt Eu'r Gebet ein lieblich Opfer ſteigen, Sz. 41. der Achte. 131 Und hebt die Seel⸗ empor gen Himmel. Weiter, In Gottes Namen!— Lov. Ich erſuch' Euch, Sir, Wenn jemals gegen mich ein Haß verborgen In Eurer Bruſt, vergebet ohne Ruͤckhalt. Buck. Sir Thomas, ich vergeb' Euch, wie mir ſelber Vergeben werde; ich vergebe Allen. Es giebt ſo ungezahltes Unrecht nicht An mir, das ich nicht koͤnnt' entſuhnen: ſicher Soll ſchwarzer Haß mein Grab nicht bau'n. Empfehlt mich Dem Koͤnig; und ſpricht er von Buckingham, Sagt ihm, ihr ſah't ihn halb im Himmel. Stets ind meine Wuͤnſch' und Bitten ganz des Koͤnigs, Und werden, bis die Seele mich verlaͤßt, Um Segen fuͤr ihn fleh'n. Er lebe laͤnger, Als Zeit mir bleibt, zu zählen ſeine Jahre!— Sein Walten ſey ſtets liebreich und geliebt! Und fuͤhrt ihn Alter ſpaͤt dereinſt hinab, Erfuͤllen Herzensguͤt' und Er ein Grab!— Lov. Zur Waſſerſeite ſoll ich Euch geleiten, Dann ubernimmt mein Amt Sir Nicolas Vaux, Der Euch zu Eurem Ende fuͤhrt. Paur. Macht Anſtalt; Der Herzog kommt ſchon. Habt das Boot bereit, Und ziert es aus mit Schmuck, wie ſichs geziemt Fuͤr ſeine furſtliche Perſon. Buck. Nein, Sir, Laßt gut ſeyn; jetzund hoͤhnt mein Nang mich nur. Ich kam hieher, als Lord Groß⸗Connetable, Herzog von Buckingham; jetzt bin ich nur Der arme Eduard Bohun; und reicher dennoch Als die Elenden, die mich angeklagt Und Wahrheit nie gekannt. Ich geb' ihr Zeugniß Mit meinem Blut, um das ſie einſt noch ächzen. Mein edler Vater, Heinrich Buckingham, Der gegen Richards Tyranney zuerſt ſtritt, Als er entfloh'n zu ſeinem Diener Baniſter, Fand, weil in Noth, Verrath durch dieſen Buben, Und ſiel ohn' Unterſuchung: Gott ſey mit ihm! Heinrich der Sieb'te folgt, und treu bekuͤmmert Ob meines Vaters Mord, der edle Koͤnig, Gab er mir Ehr' und Gut zuruͤck, und ſchuf mir * 8 Koͤnig Heinrich A. II. Aus Truͤmmern doppelt hellen Glanz. Jetzt rafft Sein Sohn, Heinrich der Achte, Leben, Ehre, Und Nam', und was mich gluͤcklich je gemacht, Mit Einem Streich auf ewig aus der Welt. Mir goͤnnte man gerichtliches Verhoͤr, Und zwar ein wahrhaft edles, das begluͤckt mich Ein wenig mehr als meinen armen Vater. Doch ſonſt ward Beyden gleiches Loos: wir Beyde Geſtuͤrzt durch Diener, durch die liebſten Maͤnner! Hoͤchſt treulos, unnatuͤrliche Vergeltung!— Der Himmel legt in Alles Zweck. Ihr aber Nehmt dieſe Warnung von dem Sterbenden: Wo Lieb' ihr und Vertraun freygebig ſchenkt, Bewahrt die Zung': die ihr zu Frehnden macht, Die Herzen ihnen gebt, gewahren ſie Den kleinſten Stoß an Eurem Gluͤck, ſie fallen Wie Waſſer von Euch ab, nie mehr gefunden Als Euch zu ſtuͤrzen. All ihr guten Menſchen, Betet fuͤr mich! Ich geh! Die letzte Stunde Des muͤden, langen Lebens hat geſchlagen. Lebt wohl! Und wollt ihr Trauriges einmal erzaͤhlen, Sagt, wie ich fiel.— So ſchließ' ich. Gott verzeih mir.— (Buckingham und Gefolge ab.) Erſt. O, dieß iſt jammervoll! Dieß, fuͤrcht' ich, ruft Zu viele Fluͤch' auf Aller Haupt, die ſolches Veranlaßt. Zweyt. Wenn der dee ſchuldlos ſtirbt, Iſt's grau'nvoll; doch ich koͤnnt' Euch Winke geben Von einem nahen Uebel, das, eintretend, Noch groͤßer waͤre. Erſt. Schuͤtzt uns, gute Geiſter! Was kann es ſeyn? Mißtraut nicht meiner Treu;— Zweyt. So wichtiges Geheimniß heiſcht bewährte Verſchwiegenheit, es zu verſchließen. Erſt. Goͤnnt mir's; Ich rede wenig. Zwepyt. Wohl, ich will Euch trau'n. S an: Vernahmt ihr nicht vor wenig Tagen in heimlich Munkeln uͤber nahe Scheidung Des Koͤnigs von Cathrinen? Erſt. Ja, doch ſchwand es wieder: Der Koͤnig, als er kaum davon gehoͤrt, Sz. 2. der Achte. 133 Hat zornig dem Lord Mayor Befehl geſandt, Zn hemmen ſolch Geruͤcht, und ſchnell zu baͤnd'gen Die Zungen, die's verbreitet. weyt. Dennoch, Sir, Ward jenes Laͤſtern Wahrheit; denn auf's Neu Erhebt ſich's ſtaͤrker, und man glaubt gewiß Den Koͤnig ſchon beſtimmt. Der Cardinal, Wo nicht, vom Hof ein Andrer, weckt in ihm, Die gute Fuͤrſtin haſſend, ſolche Scrupel, ie ihr Verderben drohn; und nun erwaͤgt Des Cardinals Campejus neulich Kommen, Das Alle hierauf deuten. Erſt. S iſt allein Der Cardinal, der Nache ſucht am Kaiſer, Weil ihm das Erzbisthum Toledo nicht Auf ſein Geſuch von jenem ward gewaͤhrt. Zweyt. Ich denk, Ihr traft den Fleck. Doch, iſt's nicht grauſam, Daß ſie dieß buͤßen muß? Der Cardinal Folgt ſeinem Sinn: d'rum fallt ſie. Erſt. S iſt betruͤbt. Wir ſtehn zu offen hier fuͤr ſolch Geſpraͤch; Laßt uns daheim noch ferner d'ruber denken. ab. 8 weyte Szene. Ein Vorzimmer im Pallaſt. (Der Lord Kͤmm erer, der einen Brief lieſt.) „Muylord! die Pferde, nach denen Eure Herrlichkeit ſchickte, „waren mit aller Sorgfalt von mir ausgewaͤhlt, zugeritten „und mit Sattel und Zeug verſehen worden. Sie waren „jung und ſchoͤn, und von unſter beſten Zucht im Norden. „Als ich ſie ſo weit gebracht, nach London abgeh'n zu koͤn⸗ „nen, hat einer von des Lord Cardinals Dienern, nach „vorgezeigter Vollmacht und Befehl, ſie in Beſchlag ge⸗ „nommen, mit der Aeußerung, ſein Herr wolle eher be⸗ „dient ſeyn, als ein Unterthan, wo nicht eher als der Ko⸗ „nig; dieß, gnaͤdiger Herr, ſtopft uns den Mund.“ 1384 Koͤnig Heinrich A. I. Das will er freylich, furcht' ich. Nun, nehm' er ſie, Ich denk'“, er nimmt noch alles wohl fuͤr ſich. (Die Herzoge von Norfolk und Suffolk treten auf.) Morf. Mich freut's, Euch hier zu treffen, Mylord Kaͤmm'rer. L. Raͤm. Gott gruͤß' Eur' Gnaden Beyde. vie e Suff. Sagt, was macht er Koͤnig? L. Räm. Ich verließ ihn einſam, voll Bekuͤmmerniß und Gram. Norf. Was war die Urſach? L. Raͤm. Es ſcheint, die Eh' mit ſeines Bruders Weib Kam dem Gewiſſen allzu nah. Suff. Nein, ſein Gewiſſen Kam einer andern Frau zu nah. Morf. Soo iſt's. Das macht der Prieſter, dieſer Koͤnig-Prieſter! Der blinde Pfaff', Fortuna's Erſtgebor'ner, Dreht alles um. Einſt wird der Herr ihn kennen. Suff. Gott geb', er thaͤt's! Er kennt ſich ſelbſt nicht eh'. Norf. Seht nur, wie heilig all ſein Thun und Dichten! Wie ſalbungsvoll! Denn ſeit er brach das Buͤndniß Mit Kaiſer Karl, der Koͤn'gin großem Neffen, Jaucht' er in's Herz des Koͤnigs, ſtreuet dort Gefahr und Zweifel und Gewiſſensangſt, Vorwurf und Furcht, bloß dieſer Ehe wegen. Und nun, mit Eins den Koͤnig zu erwecken, Raͤth er zur Scheidung, raͤth, ſie zu verſtoßen, Die zwanzig Jahr an ſeinem Halſe hing, Wie ein Juwel, doch nie den Glanz getruͤbt; Sie, die mit jener Zärtlichkeit ihn liebt, Mit der die Engel gute Menſchen lieben; Ja, ſie, die bey des Gluͤckes haͤrtſten Streichen Den Koͤnig ſegnen wird! Iſt das nicht fromm? L. Baͤm. Behuͤt' uns Gott ſolchem Rath! Wahr iſt's, Schon ward's bekannt, ſchon wohnt's auf allen Zungen, Und alle Treuen weinen drum; nicht Einem, Der naͤh're Einſicht hat, entgeht der Hauptzweck, Die Eh' mit Frankreichs Schweſter. Bald erſchließe Gott noch des Koͤnigs Augen, eingeſchläfert Von dieſem frechen Mann, Sz. 2. der Achte. 135 Suff. Und mach' uns frey Von ſeiner Knechtſchaft! Vorf. Beten mochte man, Und zwar von ganzem Herzen, um Erloͤſung. Sonſt wirkt uns Alle der herrſchſuͤcht'ge Mahn Von Fuͤrſten noch zu Pagen. Stand und Rang Liegt wie ein Teig vor ihm, den er allein Nach Wohlgefallen modelt. Suff. Ich, Mylords, Ich lieb' und furcht' ihn nicht, das iſt mein Credo. Wie ich ohn' ihn entſtand, ſo will ich bleiben Mit Koͤnigs Huͤlfe; Wolſey's Fluch und Segen Trifft mich gleichviel:*s i Luft, die nicht verwundet. Ich kannt' und kenn⸗ ihn noch, und laſſ' ihn Dem, Der ihn ſo ſtolz gemacht, dem Pabſt. NMorf. Kommt, gehn wir, Verſuchen wir's, ob nicht ein neu Beginnen Den Koͤnig dieſem truͤben Thun entreißt. Mylord, Ihr folgt uns doch? L. Räm. Entſchuldigt mich; Der Koͤnig ſchickt mich ſonſt wohin. Zudem Fuͤrcht' ich, Ihr trefft hoͤchſt ungelegne Zeit; Ich wuͤnſch' Fuch Gluͤck! NWorf. Dank, werther Mylord Kaͤmm'rer. CLord Kaͤmmerer ab.) (Der Herzog von No rfolk oͤffnet eine Flugelthuͤr; man ſieht den Koͤnig ſizend und nachdenklich leſend.) Suff. Wie ernſt er blickt! Wohl ſcheint er ſehr be⸗ kuͤmmert. Ron. Wer iſt hier? He Worf. Gott wende ſeinen Zorn! Rön. Wer iſt hier? frag' ich. Wie vermeßt Ihr Euch In Stunden ernſter Sammlung Euch zu draͤngen? Wer bin ich? wie? Norf. Ein guͤtger Fuͤrſt, der gern Verſeh'n entſchuldigt, Die nimmer arg gemeynt. Der Fehl von eben Betraf ein Staatsgeſchaͤft, um das wir kamen, Den Willen unſers Koͤnigs zu vernehmen. Roͤn. Ihr ſeyd zu kuͤhn. Ey was! Ich lehr' Euch, wann es Zeit iſt zu Geſchaͤften! Iſt dieß'ne Stund fuͤr weltlich Thun? Ha! Wie“ 136 Koͤnig Heinrich A. 1l. (Wolſey und Campejus treten auf.) Wer kommt? Mein theurer Cardinal? O, Wolhey, Du Balſam meiner ſchmerzgequaͤlten Seele, Du reichſt dem Koͤnig Heilung.— Seyd willkommen (zu Campejus.) In unſerm Reich, gelehrter, edler Herr!— Verfuͤgt mit ihm und uns, und ſorgt mir ja, 6u Wolſey.) Daß auch das Wort zur That wird. — Wolſ. Mein Gebieter, Ich bitt' Eur Hoheit nur um Eine Stunde Geheimen Vortrags. Ron.(zu Norfolk und Suffolk.) Fort! wir ſind beſchaͤftigt. Norf.(bey Seite.) Der Prieſter waͤr' nicht ſtolz? Suff.(bey Seite.. Ganz unermeßlich. Ich moͤchte nicht ſo krank ſeyn, nicht einmal Fuͤr ſeinen Platz. Doch dieß kann ſo nicht bleiben. Norf. Geſchieht's, ſo wag' ich, ihm Eins beyzubringen. Suff. Auch ich. (Norfolk und Suffolk ab.) Wolſ. Eur Hoheit gab ein Beyſpiel Ihrer Weisheit Vor allen Fuͤrſten, als Ihr frey dem Spruch Der Kirch' anheim geſtellt habt Eure Scrupel. Wer darf nun zuͤrnen? Welcher Haß Euch treffen? Spanien, durch Blut und Freundſchaft ihr verbuͤndet, Muß jetzt, wofern es irgend gut geſinnt, Die Unterſuchung recht und edel finden. In allen Chriſtenreichen hat der Klerus, Der einſichtsvolle, freye Beyſtimmung, Und Rom, die Pflegerin des Urtheils, ſandte Auf Euer Gnaden eig'nen Wunſch als Zunge Von allen, dieſen wuͤrd'gen Prieſter her, Den vielerfahrnen Cardinal Campejus, Den ich nochmals vorſtelle meinem Fuͤrſten. Roͤn. Und nochmals ſagt ihm Willkomm die Umarmung, Dem heiligen Conclav' die Liebe dankend; Sie traf die Wahl nach meines Herzens Wunſch. Camp. Mit Recht iſt aller Fremden Herz entzuͤckt Von Euch, mein Fuͤrſt, der ſich ſo edel zeigt. In Eure Hand leg' ich die Vollmacht nieder, — Sz. 2. der Achte. 137 Die auf Befehl des roͤm'ſchen Hofs mit Euch, Lord Cardinal, mich, ſeinen Knecht, vereinigt Als unpartheyjſche Richter dieſes Falls. Roͤn. Gleich wuͤrdig Beyde. Wir werden ungeſaͤumt Die Koͤniginn unterrichten.— Wo iſt Gardiner? Wolſ. Eur Majeſtaͤt, ich weiß es, hat ſie ſtets Zu ſehr geliebt, um das ihr nicht zu goͤnnen, Was ein gering'res Weib mit Recht auch fordert: Gelehrte, die frey fuͤr ſie ſprechen duͤrfen. Roͤn. Ja, und die beſten ſoll ſie haben, meine Gunſt Wer es am beſten thut. Ey, da ſey Gott fuͤr! Ruft, bitt' ich, Gardiner, Den Menſchen find ich recht geſchickt. (Der Cardinal geht hinaus, und kommt zuruͤck mit Gardin er) Woiſ. Gebt mir die Hand; ich wuͤnſch' Euch Gunſt, und Freude; Ihr ſeyd des Koͤnigs jetzt. Gard.(bey Seite zum Cardinal.) Doch ſtets im Dienſt Des theuern Goͤnners, deſſen Hand mich hob. Roͤn. Kommt hieher, Gardiner. Geht bey Seite, und redet leiſe mit Gardiner.) Camp. War nicht, Lord York, vorher ein Doctor Pace In dieſes Mannes Stelle? Wolſ. Ja, das war er. Camp. Und galt er nicht fuͤr hochgelahrt? Wolſ. Gewiß. Camp. Glaubt mir, ein uͤbeles Geruͤcht iſt ſelbſt Von Euch verbreitet, Cardinal. 6 Nn ſich olſ. amp. an ſteht nicht an, des Neides Euch zu zeihn Aus Furcht, daß ſeine Tugend hoch ihn hoͤbe, Hieltet Ihr ihn entfernt, das kränkt' ihn ſo, Daß er im Wahnſinn ſtarb. Des Himmels Fried' ihm! Woiſ. So viel als Chriſtenlieb': lebend'ge Läſterer Kann man noch ſtrafen. Dieſer war ein Narr, Ein Tugendheld durchaus: der gute Menſch da, Wo ich gebiete, folgt er meinem Wink. Kein andrer muß ſo nah ſtehn. Lernt das, Bruder, Nie darf ein klein'rer Mann uns irgend heiumen. 138 Koͤnig Heinrich. A. II. Roͤnig. Bringt dieß der Koͤniginn mit aller Ehrfurcht. (Gardiner ab.) Der beſtgelegne Ort, ſo wie mir ſcheint, Fuͤr jene Unterſuchung, iſt Blackfriars; Dort eint Ihr Euch, den wicht'gen Fall zu waͤgen.— 3 Mein Wolſey, trefſt die Anſtalt. O, Mylord, Muß nicht ein wack'rer Mann mit Gram verlaſſen Solch liebes Ehweib? Doch, Gewiſſen! Gewiſſen!— O allzuzarter Punkt! ich ſie laſſen. (Alle ab.) Dritte S en Vorzimmer der Koͤniginn. (Anna Bullen und eine alte Hofdame treten auf.) Anna. Auch deßhalb nicht:— hier iſt der Dorn, der icht: Der Herr, der ſo lang mit ihr lebte; ſie So gut, daß keine Zunge jemals konnte Was Schlechtes von ihr ſagen, o nein, wahrlich, Sie wußte nicht, was Kraͤnken war; und nun So manchen Sonnen-Umlauf Koͤnigin, In Pomp und Majeſtaͤt anwachſend, die Zu laſſen tanſendmal noch bitt'rer iſt, Als ſuͤß ſie zu erlangen,— nun, nach Allem, So Schmach ihr bieten! o,*s iſt zum Erbarmen, Und ruͤhrt wohl Ungehen'r. Zofd. Die haͤrtſten Seelen Zerſchmelzen in Wehklage. Anna. Himmel! beſſer, Sie kannte nie den Pomp! Zwar iſt er weltlich, Doch wenn das Gluͤck, die Zaͤnkerin, ihn ſcheidet Vom Eigner, iſt es Leid, ſo ſtechend, wie Wenn Seel' und Leib ſich trennen. Zofd. Arme Furſtinn! Zur Fremden ward ſie wieder!— Anna. Um ſo mehr Muß Mitleid auf ſie thau'n. Wahrlich, ich ſchwoͤre, Viel beſſer iſt's, niedrig geboren ſeyn, Sz. 3. der Achte. 139 Und mit geringem Volk zufrieden leben, Als aufgeputzt im Flitterſtaat des Grams Und gold'ner Sorgen. Zofd. Ja, Zufriedenheit Iſt unſer beſtes Gut. Anna. Auf Treu' und Unſchuld, Ich moͤchte keine Koͤn'ginn ſeyn! Zofd. Mein Seel, ich wohl, Und wagte dran die Unſchuld; ſo auch Ihr, Trotz Eurer ſußgewuͤrzten Heuchelei: Ihr, die ihr alle Reize habt des Weib's, Habt auch ein Weiberherz; das immer noch Nach Hoheit geizte, Reichthum, Herrſchermacht; Und die, geſteht's, ſind Seligkeit; die Gaben Wie Ihr auch zimpert) faͤnden doch wohl Raum In Eurem ſaffian⸗zaͤrtlichen Gewiſſen, Wenn Ihr's nur dehnen wolltet! Anna. Rein, auf Treu“! Sofd. Tren hin, Treu her!— Ihr waͤr't nicht gerne Fuͤrſtinn? Anna. Nein, nicht um alle Guͤter unterm Mond. Bofd. Kurios! Ey, mich beſtaͤch' ein krummer Dreier, Koͤn'ginn zu ſeyn, ſo alt ich bin: doch, bitte, Was meynt Ihr zu ner Herzoginn? Habt Ihr Zu ſolcher Burde Kraft? Anna. Nein, wahrlich nicht. Bofd. Ich trät' Euch nicht als junger Graf entgegen, Um mehr als ein Erroͤthen: kann der Ruͤcken Die Laſt nicht tragen, ſeyd Ihr auch zu ſchwaͤchlich Um Kinder zu erzeugen. Anna. Wie Ihr ſchwatzt! Ich ſchwoͤr noch eins, ich wär' nicht Koͤniginn Um alle Welt. Zofd. Seht, um das kleine England— Wuͤrd Euch der' Mund ſchon waͤſſern: mir ſchon fuͤr Carnarvonſhire, wenn auch nichts anders ſonſt Zur Krone mehr gehoͤrte. Wer kommt da? Der Lord Kaͤmmerer tritt auf.) Raͤm. Guten Morgen, Fraͤulein! Wie viel waͤr's wohl werth, Zu wiſſen, welch Geheimniß Ihr beſpracht? 140 Koͤnig Heinrich A. U. Anna. Kaum Eurer Frage, lieber Lord, verlohnt ſich's; Wir klagten uͤber unſter Herrin Leid. Raͤm. Ein loblich Thema, das ſich trefflich ziemt Fuͤr ſolche wurd'ge Damen. Noch iſt Hoffnung, Daß alles gut wird. Anna. Amen, geb' es Gott!— Ram. Ihr habt ein freundlich Herz; des Himmels Segen Folgt Eures Gleichen. Daß Ihr ſeht, Mylady, Wie wahr ich red', und wie den hoͤchſten Blicken Von Eurer reichen Tugend Kenntniß wurd':— Hochachtungsvoll gruͤßt Euch des Koͤnigs Gnade, Und will Euch mit nicht mind'rer Ehre ſchmscken Als einer Markgraͤfin von Pembroke; ferner Fuͤgt er zu ſolchem Titel tauſend Pfund Als Jahrgehalt hinzu. Anna. Noch weiß ich kaum Der treuen Unterwerfung Form zu waͤhlen. Mehr, denn mein Alles, iſt noch nichts; mein Beten Nicht heilig g'nug, noch meine Wuͤnſche mehr, Als leere Eitelkeit: doch Wuͤnſch' und Bitten Sind, was ich darzubieten hab'. Ich bitt' Euch, Verſucht zu ſchildern meines Dank's Gehorſam, Als einer tief beſchaͤmten Magd, dem Koͤnig, Fuͤr deſſen Heil und Kron' ich bete. Raͤm. Fraͤulein, Ich eil', in ſeiner guͤnſt'gen Meinung noch Zu ſtaͤrken meinen Herrn.(beiſeit.) Wohl pruͤft' ich ſie, Schoͤnheit und Zucht ſind ſo verwebt in ihr, Daß ſie den Herrn umſtrickten; und wer weiß, Ob ihr nicht ein Juwel entſprießen mag, Dieß ganze Land durchſtrahlend.— Jetzt zum Koͤnig, Ihm melden, daß ich Euch geſehn. — Anna. Mein theurer Lord.— (Kaͤmmerer ab) Zofd. Da haben wir's! Nun ſeht einmal, nun ſeht! Ich habe ſechszehn Jahr am Hof gebettelt, Bin ſtets noch bettelhaft am Hof, und zwiſchen Zu zeitig und zu ſpaͤt, traf ich's noch nie, 8 Warb ich um ein'ge Pfund. Und Ihr? O Schickſal! Ihr hier ganz neuer Fiſch(o Zeter uͤber * Sz. 4. der Achte. 141 Dieß aufgedraͤngte Gluͤck!) kriegt voll den Mund, Ch' Ihr die Lippen oͤffnet! Anna. Seltſam, in Wahrheit! Sofd. Wie ſchmeckt's? Iſts bitter? Ich wett''nen Es war mal eine Dam'(erzaͤhlt ein Maͤhrchen), Die wollte Koͤniginn nicht ſeyn, durchaus nicht, Um allen Schlamm Egyptens nicht.— Kennt Ihr's? Anna. Geht, Ihr ſeyd heiter. Bofd. Ich, in Eurer Stelle Floͤg' hoͤher als die Lerch! Markgraͤfin Pembroke! Ein tauſend Pfund des Jahrs! Aus bloßer Achtung! Und von Verpflichtung nichts! Bei meinem Leben, Mehr Tauſende verſpricht das. Der Ehre Schlepp' Iſt laͤnger als ihr Vorderkleid. Nun jetzo, Tragt Ihr wohl auch die Herzoginn? Nicht wahr? Anna. Mein gutes Fraͤulein, Ergetzt euch ſelbſt mit Euren eignen Grillen, 3 Und laßt mich aus dem Spiel— Stuͤrb⸗ ich doch lieber, Wenn dieß mein Blut erhitzt; nein, es erſchreckt mich, Zu denken, was mag folgen.— Die Koͤniginn iſt troſtlos, wir vergeßlich Sie ſo allein zu laſſen. Bitt' Euch, ſagt nicht Was Ihr gehoͤrt. ofd. Was denkt Ihr nur von mir? 5(Beyde ab.) Vierte Szene. Ein Saal in Blackfriars. (Trompetenſtoß; Zinken und Hoͤrner. Zwey Serichtsdiener treten auf, mit kurzen Silberſtäben; nach ihnen zwey Schrei⸗ ber in Doctorkleidung; darauf der Erzbiſchof von Can terbury allein; nach ihm die Biſchoͤfe von Lincoln, Ely, Rocheſter und St. Aſaph. Dann folgt in einer kleinen Entfernung ein Edelmann, der die JTaſche mit dem großen Siegel und einen Cardinalshut kraͤgt; alsdann zwey Prieſter, jeder mit einem ſilbernen Kreuz; hernach ein Marſchall mit entbloͤßtem Haupt, mit einem Herold, der ein ſilbernes Szepter trägt; fernet zwey Edelleute mit zwey ſilbernen großen Pfeilern. Ihnen folgen neben 142 Koönig Heinrich A. M. einander gehend die zwey Cardinaͤle Wolſey und Cam⸗ peius; endlich zwey Cavaliere mit Schwert und der Maße: Der Koͤnig nimmt Platz unter dem Baldachin; die beyden Cardinaͤle ſitzen unter ihm als Richter. Die Ko⸗ nigin nimmt ihren Platz in einiger Entfernung vom Ko⸗ nige. Die Biſchoͤfe ſetzen ſich an jede Seite des Gerichtsho⸗ fes, nach Art eines Conſiſtoriums; unter ihnen die Schrei⸗ ber. Die Lords ſitzen zunaͤchſt den Biſchoͤfen. Der Rufer und der uͤbrige Theil des Gefolges ſteht in gebuͤhrender Ord⸗ nung um die Buͤhne umher.) wotſey. Bis unſre roͤm'ſche Vollmacht abgeleſen, Laßt Stille rings gebieten. Roͤnig. Zu was Ende? Sie ward ſchon einmal oͤffentlich verleſen, Und ihre Rechtskraft allerſeits erkannt, Drum ſpart die Zeit. Wolſ. So ſey's; dann ſchreitet weiter. Schreib. Ruf't: Heinrich, Koͤnig von England, er⸗ ſcheine vor Gericht! Ausrufer. Heinrich, Koͤnig von England, erſcheine vor Gericht! Roͤnig. Hier. Schreib. Ruf't: Catharine, Koͤniginn von England, er⸗ ſcheine vor Gericht! Ausruf. Catharine, Koͤniginn von England, erſcheine vor Gericht! (Die Königinn antwortet nicht, ſteht von ihrem Sitze auf, geht der Verſammlung voruͤber, kommt zum Koͤnig, kniet zu ſeinen Fuͤßen, und ſpricht darauf:) Roͤniginn. Ich ſleh' Euch, Herr, gewaͤhrt mir Recht und Urtheil, Und offenbart an mir Eu'r mildes Herz, Der ſehr beklagenswerthen Frau, der Fremden, In Eurem Reich nicht heimiſchen, der hier Kein Richter unpartheylich, keine Ausſicht Auf bill'ge Freundſchaft und Begegniß bleibt. Ach, lieber Herr, wie that ich Euch zu nah? Wie gab ich ſolchen Anlaß Eurem Zorn, Daß Ihr ſogar auf mein Verſtoßen ſinnt, Mir jede Lieb' und Gunſt entzogt? Gott weiß, Ich war Euch ſtets ein treu ergeben Weib, Sz. 4. der Achte. 143 Zu allen Zeiten fuͤgſam Eurem Willen, In ſieter Furcht, zu zuͤnden Euren Unmuth, Ja, dienend Emem Blick, truͤb' oder frohlich, Nachdem ich Euch bewegt ſah. Welche Stunde Erſchien ich je mit Eureim Wunſch in Streit, Und der nicht auch der meine ward? Wann llebt' ich Nicht Eure Freunde, kannt' ich ſchon ſie oft Als meine Feinde? Welchem meiner Freunde, Der Euern Zorn gereizt, erhielt ich laͤnger Mein Zutraun? Gab ich nicht alsbald Euch Kunde, Daß er mir fremd geworden? Denkt, o Herr, Wie ich in ſolcher Folgſamkeit Eu'r Weib An zwanzig Jahr geweſen, und geſegnet Durch Euch mit Kindern. Wenn Ihr irgend etwas Im Lauf und Fortgang dieſer Zeit entdeckt Und mir's beweiſt, das meiner Ehr' entgegen, Dem Bund der Eh' und meiner Lieb' und Dreu' Fuͤr Eure heilige Perſon; dann ſtoßt In Gottes Namen mich hinweg, es ſchließe Hohn und Verachtung hinter mir die Pforten, Und gebt mich Preis des Rechtes ſchaͤrfſter Strafe. Erlaubt, mein Fuͤrſt, Der Koͤnig, Euer Vater, ward geprieſen, Ein hoͤchſt vorſicht'ger Fuͤrſt, von herrlichem, Unuͤbertroff'nem Geiſt und Urtheil: Ferdinand, Mein Vater, Spaniens Koͤnig, galt gleich ihm Als weiſeſter Regent, der dort regiert Seit vielen Jahren: und drum iſt kein Zweifel, Daß weiſe Raͤthe ſie von jedem Reich Um ſich verſammelt, dieß Geſchaͤft erwaͤgend, Die guͤltig unſte Eh' erkannt. Drum fleh' ich In Demuth, Herr, verſchont mich, bis mir Nath wird Von meinen Span'ſchen Freunden, deren Einſicht Ich heiſchen will; wo nicht, geſcheh⸗ Eu'r Wille In Gottes Namen. Wolſ. Fuͤrſtin, Ihr habt hier Nach eigner Auswahl dieſe wuͤrd'gen Vaͤter, Maͤnner von ſeltner Redlichkeit und Kenntniß, Ja, dieſes Landes Zierde, heut' verſammelt, Zur Fuͤhrung Eures Streits. Druin waͤr' es zwecklos, Verſchoͤbt Ihr laͤnger das Gericht, ſowohl Fuͤr Eure eigne Ruh', als herzuſtellen Was in dem Koͤnig ſtoͤrend iſt. 144 Koͤnig Heinrich A. I. Camp. Ihr Gnaden Sprach gut und treffend: darum, Fuͤrſtinn, ziemt's, Daß man fortfahr' in dieſer hohen Sitzung, Und ungeſaͤumt die beyderſeit'gen Gruͤnde Vertheidigt werden. Roͤniginn. Mylord Cardinal,—! Ich ſprach mit Euch! Wolſ. Was wuͤnſcht Ihr, Fuͤrſtinn? Roͤniginn. Herr, Mir iſt das Weinen nah; doch denk' ich, daß Wir eine Koͤn'ginn ſind— ces mindſtens lang' Getraͤumt) und ſicher eines Koͤnigs Tochter, Will ich in Feuerfunken Thraͤnen wandeln. Wolſ. Seyd noch geduldig. Roͤniginn. Ich will's, wenn Ihr demuthig ſeyd, ja fruher, Wo nicht, dann ſtrafe mich der Herr!— Ich glaube, Und bin geſtutzt auf maͤcht'ge Gruͤnd', Ihr ſeyd Mein Feind; und ſo erklaͤr' ich meinen Einſpruch: Ihr ſollt mein Richter nimmer ſeyn. Denn Ihr Blieſt zwiſchen mir und meinem Herrn die Gluth, Die Gottes Thau mag daͤmpfen! Drum noch einmal, Als meinen Richter haſſ' ich Euch durchaus; Euch widerſteht mein tiefſtes Herz; ich halt' Euch Fuͤr meinen boͤſen Geiſt, und hab' Euch nie Der Wahrheit treu geglaubt. Wolſ. Ich muß geſtehn, Ich find' Euch ſelbſt nicht wieder, die Ihr ſonſt Sanftmuth geuͤbt, und Thaten rein entfaltet, Die milden Sinn, nur Weisheit wirken konnten Weit uͤber Frauen Kraft. Ihr thut mir Unrecht, Ich heg' Euch keinen Groll, noch uͤb' ich Euch, Noch jemand Unrecht. Was bisher geſchehn Und noch geſchieht, verbuͤrgt gemeſſ'ne Vollmacht, So uns ertheilt vom geiſtlichen Gericht, Roms ganzem geiſtlichen Gericht. Ihr klagt, Ich ſchure dieſe Gluth; dem iſt nicht alſo. Der Koͤnig iſt zugegen waͤr' ihm kund, Daß ich mein Thun verlaͤugn', wie wuͤrd' er ſchelten, Und ſehr mit Recht, die Falſchheit? Ja, ſo ſtark Wie meine Wahrheit Ihr. Und weiß er nun Daß ich frey Eurer Klage bin, ſo weiß er, Sz. 4. der Achte. 14⁵ Picht Enrer Krankung frey. Drum liegt's in ihm, Daß er mich heile: und die Heilung iſt Den Argwohn Euch zu nehmen. Eh' deßhalb Noch Seine Hoheit ſpricht, erſuch' ich Euch, Sehr gnaͤd'ge Frau, nicht denkt mehr, was Ihr ſpracht, Und ſprecht es nie mehr aus. Roöniginn. Mylord, Mylord, Ich bin ein einfach Weib, zu ſchwach zu ringen Mit Euren Kuͤnſten. Ihr ſeyd mild, ſprecht Demuth; Ihr ſpielt Beruf und Amt, iin vollſten Schein, Mit Mild' und Demuth; Euer Herz jedoch Iſt voll von Hochmuth, Anmaßung und Tuͤcke. Durch Gluͤck und Seiner Hoheit Gunſt ſtiegt Ihr Leicht uͤber niedre Stufen; nun erhoben, Iſt die Gewalt Euch Stuͤtz': und Eure Worte Euch Knecht', die Eurem Willen dienen, wie's Sie zu gebrauchen Euch beliebt. Ich ſag' Euch, Ihr ſtrebet mehr nach Eurer eignen Ehre, Als nach dem heiligen Beruf. Noch einmal, Ich will Euch nicht zum Richter; vor Euch allen Beruf“ ich mich in dieſer ganzen Sache Auf Seine Heiligkeit, damit in Rom Mein Recht entſchieden ſey. (Sie verneigt ſich vor dem Koͤnige, und will weggehn.) Camp. Die Koͤniginn Iſt hart geſinnt und ſtoͤrriſch, ſchilt die Richter, Verachtet ihren Spruch; das iſt nicht gut. Sie geht hinweg. Roͤnig. Ruft ſie zuruͤck. Ausrufer. Catharine, Koͤnigin von England, erſcheine „ vor dem Gericht!“ Griffith. Man ruft Euch, Koͤniginn. Roͤniginn. Was braucht Ihr drauf zu hoͤren? Geht nur weiter: Kehrt um, wenn Ihr gerufen ſeyd.— Nun helf mir Gott, Mehr iſt es, als ſan dulden kann!— Geht weiter: Ich bleibe nicht, gewiß nicht; werd' auch nimmer Vor keiner ihrer Sitzungen hinfort In dieſer Sach' erſcheinen. Die Koͤniginn mit Griffith und ihrem Gefolge ab.) Ronig. Geh' nur, Kaͤthe! Wer in der Welt ſich ruͤhmen wollt, er hab' III. 10 146 Koͤnig Heinrich. A. Ein beſſer Weib, dem muß in nichts man traun, Weil er hierinnen log.— Einzig biſt du, Wenn ſeltne Eigenſchaften, holde Milde, Sanftmuth wie Heil'ge, weiblich aͤchte Wuͤrde, Gehorchen im Beherrſchen— alle Gaben So koͤniglich wie fromm dich ganz ausſpraͤchen) Ob allen Koͤniginnen.— Sie iſt edlen Stamms; Und ihrem hohen Adel angemeſſen war Auch ihr Betragen gegen mich. Wolſ. Mein Fuͤrſt, Zief unterthaͤnigſt bitt' ich Eure Hoheit, Ihr wolltt geruhn, mir Zeugniß zu ertheilen Vor dieſem Kreis—(denn wo ich Naub und Feſſel Erlitten, muß ich losgebunden ſeyn, So mir auch vollig nicht genug geſchieht) Ob dieß Geſchaͤft wohl, hoher Herr, von mir Zuerſt Euch in den Weg gelegt, ob ich wohl je Euch Scrupel aufgeworfen, die Euch konnten Zum Unterſuchen fuͤhren: ob das kleinſte Anders als frommen Dank fuͤr ſolche Herrin— Ich ſprach, das Nachtheil bringen konnte o ihrem gegenwaͤrt'gen Rang, wie ihrem Hoͤchſt tugendhaften Weſen Roͤnig. Mylord, ich Entſchuld'ge Euch; noch mehr, beh meiner Ehre, Ich ſprech' Euch frey. Wohl lernt Ihr nicht durch mich Wie viele Feind' Ihr habt, die ſelbſt kaum wiſſen Weshalb ſie's ſind, und doch, Dorfhunden gleich, Mitbellen, wenn's die Anderu thun; ſie reizten Die Koͤniginn zum Zorn. Ihr ſeyd entſchuldigt: Wollt Ihr noch mehr Nechtfertigung? Ihr wuͤnſchtet, Daß ſtets die Sache ſchlafen moͤchte, niemals Habt Ihr ſie aufgeregt, nein, oft gehemmt; Geſchloſſen oft den Weg. Auf meine Ehre, Ich ſpreche jetzt im Sinn des Cardinals, Und ſprech' ihn vollig frey.— Nun, was mich reizte, Zeit muß ich mir, Aufmerkſamkeit erbitten:— Merkt nun den Anfang. Alſo kames: gebt Acht.— Meinem Gewiſſen ward die erſte Regung, Scrupel und Stich, wegen gewiſſer Reden Des Biſchofs von Bahonne, Frankreichs Geſandten; Er war geſandt, Vermaͤhlung unterhandeln Mit unſerm Kind Maria und dem Herzog Sz. 4. der Achte. 147 Von Orleans: im Fortgang des Geſchaͤft's, Bevor Entſchluß gefaßt, verlangt' er da, Der Biſchof, meyn⸗ ich) eine Friſt von Uns, Dem Koͤnig, ſeinem Herrn, anheim zu ſtellen, Ob Unſre Tochter ſtammt aus guͤlt'ger Ehe, Ruͤckſichtlich jener Heyrath mit der Wittib, Die Unſers weiland Bruders Weib. Die Friſt Erſchuͤtterte die Seele mir, drang ein, Und mit zertruͤmmernder Gewalt, daß bebte So Herz wie Bruſt; dieß ſprengte weiten Weg, Daß viel verwirrte Zweifel ſich nun draͤngten Und preßten dieſer Mahnung halb. Erſt, dacht' ich, Ich ſey nicht in des Himmels Gnade; welcher Natur befahl, daß meiner Frauen Leib, Wenn er ein maͤnnlich Kind mir trug, nicht mehr Ihm Dienſte ſollte thun, als wie das Grab Dem Todten thut: denn'alle Knaben ſtarben Wo ſie erſchaffen, oder bald nachdem Sie hier un Licht: da macht' ich mir Gedanken, Dieß ſey mir Himmelsſtrafe; daß mein Reich, Des allerbeſten Erben werth, nicht ſollte Durch mich ſo gluͤcklich ſeyn: Nun kam's, daß ich All die Gefahren meines Land's erwog, Daß mir kein Erbe ward; und das erpreßte Mir manchen Herzensſeufzer. Treibend ſo In des Gewiſſens wilder See, hab' ich Nach dieſem Halt geſtenert, warum wir Nun hier verſammelt ſind; das heißt, ich dachte Mir herzuſtellen mein Gewiſſen,— welches Ich ganz krank fuhlt', und jetzt noch nicht geſund,— Durch all' ehrwuͤrd'gen Vaͤter hier im Land, Doktoren, tief gelehrt.— Erſt, ganz geheim Fing ich mit Euch, Lord Lincoln, an; Ihr wißt, Wie ſchwer ich aͤchzte unter meiner Laſt, Als ich's zuerſt eröffnet. Linc. Ja wohl, mein Fuͤrſt. Roͤnig. Ich ſprach ſchon lang; gefaͤllt's Euch, ſelbſt zu ſagen, Wie weit Ihr mich beruhigt? Linc. Mein Gebieter, Ihr hattet mich zuerſt ſo ſehr beſtuͤrzt,— Da dieſer Fall ſo hochgewichtig war, Und furchtbar in den Folgen,— daß die kuͤhnſten Gedanken ich dem Zweifel ubergab: 10* 148 König Heinrich A. H. Und ich Eur Hoheit dieſen Weg empfahl, Den ihr anjetzt gewaͤhlt. Roͤnig. Dann fragt' ich Euch, Lord Canterbury, und holt' Erlaubniß ein Zur heutigen Verſammkung. Unbefragt Blieb kein ehrwuͤrdig Mitglied dieſer Sitzung, Nein, durch beſondre Zuſtimmung beſtaͤtigt, Durch eure Hand und Siegel. Fahrt denn fort, Weil kein Mißfallen an der theuern Koͤniginn Perſon, nein, einzig jene ſcharfen Stacheln Der vorerwaͤhnten Gruͤnde dieß betrieben. Erweiſt nur guͤltig jene Eh⸗, und wahrlich Bey Unſerm Koͤnigsthron, Wir ſind zufried'ner, Des Lebens ird'ſche Zukunft ferner noch Mit Catharinen, unſtrer Koͤniginn, Als mit dem ſchoͤnſten Frauenbild zu theilen, Das je die Weit geſchmuckt. Camp. Vergonnt, mein Fuͤrſt, Der Koͤniginn Entfernung fordert wohl Vertagung dieſer Sitzung bis auf Weit'res; Inzwiſchen muß ein ernſtliches Ermahnen Ergehn an Ihre Hoheit, abzuſtehn Von dem Recurs an Seine Heiligkeit. (Alle ſtehn auf, um auseinander zu gehen.) Roͤnig.(vor ſich) Ich ſeh, die Cardinale treiben Spiel Mit mir ich haſſe ſolche Zoͤgerung Und Kuͤnſte Roms. S, kämſt du bald zuruck, Mein kluger, vielgeliebter Diener Cranmer! Denn deine Abkunft, weiß ich, fuͤhrt zugleich Mir Troſt herbey.— Hebt die Verſammlung auf; Wir wollen gehn. (Alle ab, in derſelben Ordnung, in der ſie kamen.) 149 Dritter Aufzug.⸗ Erſte Szene. Zimmer der Koͤniginn. (Die Koniginn und ihre Frauen, an der Arbeit.) Roͤniginn. Nimm Deine Laute, Kind, mich truͤbt der Kummer; Zerſtreu' ihn, wenn du kannſt, laß Deine Arbeit. Lied. Orfeus Laute hieß die Wipfel Wuͤſter Berge kalte Gipfel Niederſteigen, wenn er ſang. Pflanz' und Bluͤth' und Fruͤhlingsſegen Sproßt', als folgten Sonn' und Regen Ewig nur dem Wunderklang. Alle Weſen, ſo ihn hoͤrten, Wogen ſelbſt, die ſturmempoͤrten Neigten ſtill ihr Haupt herab. Solche Macht ward ſüßen Toͤnen; Herzensweh und tödtlich Sehnen Wiegten ſie in Schlaf und Grab. (Ein Edelmann tritt auf.) Ron. Was iſt? Edelm. Geruht' Eu'r Hoheit, draußen warten Die beyden großen Cardinale. Roͤn. Wollen Sie mit mir reden? Edelm. Ihr Begehren war, Eu'r Hoheit ſie zu melden. Rön. Bittet ſie, Herein zu treten.(Edelmann ab.) Was nur fuͤhrt die zwey Zu mir, der armen, gunſtverſtoß'nen Frau?— Ich lieb' ihr Kommen nicht, bedenk' ich's recht! Sie ſollten fromm ſeyn, würdig iſt ihr Amt; Allein die Kappe macht den Moͤnch nicht aus. Die Cardinale Wolſey und Campejus treten auf.) Wolſ. Fried' Eurer Hoheit! 150 Konig Heinrich A. II. Roͤn. Eure Gnaden ſehn Zn einer Hausfrau Weiſe mich beſchaͤftigt; as Schlimmſte furchtend, denk ich gern auf alles. Was ſteht zu Eurem Dienſt, hochwuͤrd'ge Herr'n? Wolſ. Gefaͤllt's Euch, edle Frau, mit uns allein In Euer Kabinet zu gehn, ſo ſollt Ihr Vernehmen unſrer Ankunft Urſach'. Roͤn. Sagt mir's Nur immer hier: noch hab' ich, Gott ſey Dank, Nichts je veruͤbt, das Winkel muͤßte ſuchen, Und allen Frau'n wuͤnſcht' ich ein ſolch Gewiſſen. Mich kuͤmmert's wenig,— dieſes Glück, Mylords, Ward mir vor vielen Andern,— ob mein Thun Auf Aller Zungen wohnt, in Aller Augen, Ob Neid und Mißgunſt ſelbſt mir widerſtrebten; So rein iſt mir's bewußt. War Eure Abſicht, Wie ich als Weib gewandelt, auszuforſchen, Nur dreiſt heraus damit, grad' geht die Wahrheit. Wolſ. Tanta est erga te mentis integritas, regina serenissima— Ron. O, kein Latein, Mylord;. Ich war ſo muͤßig nicht, ſeit meiner Ankunft ie Sprach', in der ich lebte, nicht zu kennen. In fremder Zunge ſcheint mein Fall noch fremder, Verdaͤcht'ger noch; ſprecht, bitt' Euch, Engliſch. Mancher Weiß Euch noch Dank, wenn Ihr die Wahrheit redet, Um ſeiner armen Herrin willen. Glaubt mir's, Man thut ihr ſehr zu nah. Lord Cardinal, Ihr koͤnnt, ſelbſt was ich je gefehlt mit Vorſatz, Gewiß in Engliſch abſolviren. Wolſ. Fuͤrſtinn, Es duͤnkt mich hart, daß meine Redlichkeit, Mein Eifer, unſerm Herrn und Euch zu dienen, Bey ſolcher Treu ſo viel Verdacht erzeugt. ir nah'n nicht auf dem Wege der Beſchuld'gung Dem Ruf zur Schmach, den alle Frommen ſegnen, Noch irgend neuem Gram Euch zu verrathen; hr habt zu viel ſchon, edle Frau; vielmehr Zu forſchen Eure Wuͤnſch' und wahre Mehnung du jenem wicht'gen Zwiſt, und Euch dagegen edlich und frey auch unſre Sinnesanſicht Und Troͤſtung zu ertheilen. — Sz. 1. der Achte. 131 Camp. Hohe Fuͤrſtinn, Mylord von York, nach ſeiner edlen Weiſe Und warmer Treu, ſo er Euch ſtets geweiht, Denkt wohlgeſinnt des letzten Angriffs nicht Auf ſeine Ehr' und ihn— Ihr gingt zu weit— Und beut, wie ich, als Zeichen der Verſoͤhnung, Euch Dienſt und Beyſtand. Roͤn.(bey Seite) Um mich zu verrathen.— (aut) Mylords, ich dank' Euch Euren guten Willen, Ihr ſprecht wie Ehrenmaͤnner;(gebe Gott, Ihr ſeyd's!) och haſt'ge Antwort gleich bereit zu halten In ſo gewicht'gem Fall, ſo nah der Ehre giel dem Leben naͤher noch,) mit meinem Beringen Witz, an Maͤnner, ſo gelehrt Und ernſt,— das weiß ich nicht. Ich war in Arbeit Mit meinen Frau'n, Gott weiß, mich wenig faſſend Auf ſolcherley Beſuch, noch ſolch Geſchaͤft. Ihr drum zu Lebe, die ich war— ich fuͤhle Der Hoheit letzte Regung; werthe Herrn,— Goͤnnt mir fuͤr meihe Sache Zeit und Rath. Ich bin ein Weib— ach, freundlos! hoffnungslos!— olſ. Erhab'ne Frau, Ihr kraͤnkt des Koͤnigs Liebe Mit ſolcher Furcht; Eur Hoffen, Eure Freunde Sind noch unendlich. Roͤn. Hier in England kaum Von Nutzen; glaubt Ihr ſelbſt, Mylords, es wage Ein einz'ger Engliſchet mir Rath zu geben? Mir offen Freund zu ſeyn, dem Hertn entgegen? (Wollt einer ſo verzweifelnd ehrlich ſeyn,) Er lebt' als Unterthan? Nein, nein, die Freunde, Die meines Kummers gauze Laſt auswiegen, Auf die ich trauen darf, ſie ſind nicht hier, Sie ſind, wie all mein Troſt, weit, weit von hier, In meinem Vaterlande. Camp. Gnaͤd'ge Frau, ich wuͤnſchte, Ihr ließt den Gram, und hoͤrtet mich. Ron. Was meynt ihr? Camp. Stellt Euren ganzen Fall des Koͤnigs Schutz Anheim, er iſt liebreich und gut: ſo waͤr's Fuͤr Eure Ehr' und Euren Vortheil guͤnſt'ger. Denn wenn des Rechtes Ausſpruch Euch verdammt, Dann ſcheidet Ihr mit Schinach. Wolſ. Er ſpricht Euch wahr. 1⁵2 Koͤnig Heinrich A. II. Roͤn. Er raͤth mir, was Ihr h wuͤnſcht— Ver⸗ erben!— ſt das chriſtlicher Beyſtand? Schand' auf Euch! Noch ſteht der Himmel, droben thront ein Richter, Den nie ein Fuͤrſt beſticht. Camp. Eur Zorn verkennt uns. Roͤn. So ſchmaͤhlicher fuͤr— Ich waͤhnt' Euch heilig, Gleich zween Cardinal⸗Tugenden: jetzt find' ich Cardinal⸗Laſter und heilloſe Herzen. D, ſchaͤmt und aͤndert Euch! Iſt dieß Eur Troſt? Die Herzensſtaͤrkung der gebengten Frau? Dem Weibe, das geſtuͤrzt, verlacht iſt und verhoͤhnt? Ich wuͤnſch' Euch nicht die Haͤlfte meines Elends, Ich bin zu gut— doch ſagt, ich warnt' Euch einſt! S Acht, um Gott, habt Acht, daß ploͤtzlich nicht ie Buͤrde meiner Sorgen auf Euch falle!— Wolſ. Fuͤrſtinn, Ihr ſcheint in Wahrheit außer Euch; In Argliſt wandelt Ihr die gute Meivung. Ron. Ihr aber wandelt mich in Nichts. Weh Euch! Weh allen Gleißnern! Wie! Ihr rathet mir (Wenn Euch noch irgend Guͤt' und Mitleid blieb, Wenn Ihr mehr ſeyd als Kleider nur des Prieſters) Mein krankes Recht dem Todfeind zu vertraun? Ach! ſchon verbannt' er mich aus ſeinem Bett, Aus ſeiner Liebe, laͤngſt:— ich werde alt, Und was mir noch von Ehgemeinſchaft bleibt, Iſt mein Gehorſam. Was kann Schlimm'res mir Als dieſes Elend kommen? All Eur Streben Erzeigt den Jammer mir. Camp. Das Schlimmſt' iſt Eure Furcht. Roͤn. Lebt' ich ſo lang',— ja laßt mich ſelber reden, Tugend hat keinen Freundi ein treues Weib, Ein Weib—(ich darf's betheuern ohne Ruhmſucht) Zu keiner Zeit erreichbar dem Verdacht; Begegnet' ich mit ganzer, voller Neigung Dem Koͤnig ſtets, liebt' ihn naͤchſt Gott, gehorcht' ihm, War ich aus Zäͤrtlichkeit ihm aberglaͤubiſch, Vergaß ich meiner Andacht faſt um ihn, Und werd' ich ſo belohnt? O das iſt hart! Zeigt mir ein Weib, das ihrem Ehherrn treu Nie keine Freude traͤumt als nur ſein Wohlſeyn; — Sz. 1. der Achte. 15⁵3 Und wenn ſie alles that, ſo hab' ich doch Noch einen Kranz voraus— große Geduld!— Wolſ. Weg ſlieht Ihr von dem Gut, das wir Euch goͤnnten.— Bon. Mylord, ich lade nie die Schuld auf mich, Dem edlen Rang freywillig zu entſagen, Dem Euer Herr mich hat vermaͤhlt: nur Tod Soll von dem Thron mich ſcheiden. Wolſ. Hoͤrt, ich bitt Euch— Roͤn. Hätt' ich doch nie dieß britt'ſche Land betreten, Noch ſeiner Schmeicheleyen Frucht gekoſtet!— Der Engel Antlitz, Gott kennt Eure Herzen! Unſel'ge Frau, was wird mein Schickſal ſeyn? Ich bin das mitleidwerth'ſte Weib, das lebt! Gu ihren Frauen) Ihr Armen, ach! Wo bleibt auch Euer Gluͤck? Wir ſcheiterten auf dieſem Strand, wo Mitleid Noch Freund— noch Hoffnung— wo kein Blutsfreund weint, Man kaum ein Grab uns goͤnnt!— Der Lilie gleich, Die einſt der Fluren Herrinn war und bluͤhte, Neigt ſich mein Haupt und ſtirbt. „ Wolſ. Wuͤßt' ich nur erſt Eur Gnaden uͤberzeugt, wir meinten's redlich, Das gaͤb' Euch Troſt! Weshalb nur, werthe Fuͤrſtinn, Zu welchem End' Euch kraͤnken? Unſte Wuͤrde, ie Weiſe unſers Amts verbeut es ſchon; Wir ſoll'n den Kummer heilen, nicht ihn ſaͤen. Um Tugend ſelbſt, erwaͤgt doch, was Ihr thut; Wie Ihr Euch ſelbſt koͤnnt ſchaden, ja durchaus Dem Koͤnig Euch, durch dieſes Thun, entfremden. Der Fuͤrſten Herzen kuͤſſen den Gehorſam, So lieblich duͤnkt er ihnen: doch die Starrheit Schwellt ſie empor, reißt ſie zu Ungewittern. Ich weiß, Ihr habt ein adlich mild Gemuth, anft, gleich der Meeresſtille; glaubt uns ja Nach unſerim Amt Ruhſtifter, Freunde, Diener. Camp. So ſollt Ihr uns erfinden. Eure Tugend Kraͤnkt Ihr durch ſchwache Weiber⸗Furcht. Hochſinn, ie Ihr im Buſen tragt, wirft ſolche Zweifel Wie falſche Muͤnze weg. Der Koͤnig liebt Euch; ebt Acht, daß Ihr ihn nicht verliert. Gefaͤllt's Euch, 15⁵4 Koͤnig Heinrich A. III. 3 Uns zu vertrau'n, ſind wir fuͤr Euch erboͤthig Das Aeußerſte in Eurem Dienſt zu thun. Roͤn. Thut was Ihr wollt, S Herrn; und mir ver⸗ zeiht, Wenn ich nicht Sitte gegen Euch geubt.. Ihr wißt, ich bin ein Weib, mir fehlt die Kunſt Pit Eures Gleichen, wie's geziemt, zu reden. Bringt Seiner Hoheit meine Ehrfurcht dar, Er hat mein Hetz, auch mein Gebet iſt ſein, So lang' ich lebe. Kommt, hochwuͤrd'ge Vaͤter, Enthuͤllt mir Euren Rath— es bittet jetzt, Die nicht geahnt, als ſie betrat dieß Land, uͤr welchen Preis ſie ihre Kron' erſtand.— Fuͤr welchen Preis ſie ih ſt&t 35) Zweyte Szene. Borzimmer des Koͤnigs. Herzog von Norfolk, Herzog von Suffolk, Graf von Surrey und der Lord Kaͤmmerer treten auf.) Norfolk. Wenn Ihr Euch jetzt in Euren Klagen einigt, Und kraͤftigt ſie durch Feſtigkeit, ſo kann Der Cardinal nicht widerſiehn. Doch nehmt Ihr Die Gunſt des Angenblicks nicht wahr, dann droht Der neuen S Euch nur noch immer mehr Zu jener ſchon erlittnen. Surr. Mich erfreut Der kleinſte Anlaß, der mich an den Mord Des Herzogs, meines Schwaͤhers, mag gemahnen, Um Rache mir zu f Suff. Welcher Pair Blieb ungekraͤnkt durch ihn? ward mindſtens nicht Schnoͤd' uͤberſehn? Wann hat er je gewuͤrdigt An irgend wem üoch das Gepraͤg' des Adels, Als an ihm ſelbſt? Bämm. Ihr ſprecht, Herrn, Eure Wuͤnſche: Was er verdient an Euch und mir, das weiß ich; Doch ob ihm beyzukommen, wenn die Zeit. Auch guͤnſtig ſcheint, zweifl' ich noch ſehr. Koͤnnt Ihr k Sz. 2. der Achte. 15⁵⁵ Den Zugang nicht zum Koͤnig ihm verſperren, So unternehmt noch nichts; denn Zauberkraft Uebt ſeine Zung' an ihm. Norf. O, fuͤrchtet nicht, Darin iſt's aus mit ſeiner Macht; der Koͤnig Hat einen Strauß mit ihm, der wohl auf immer Den Honig ſeiner Reden gaͤllt. Er ſteckt, Um nicht mehr loszukommen, feſt in Ungunſt. Surr. Wie gern vernaͤhm' ich Reuigkeit wie dieſe In jeder Stunde! NWorf. Glaubt mir, dieß iſt wahr. Waͤhrend der Scheidungsſach' hat ſich durchaus Sein zwiefach Spiel enthuͤllt; und nun erſcheint er Wie ich's nur meinen Feinden wuͤnſche. Surr. Sagt, Wie kam's zu Tag? Suff. Hoͤchſt ſeltſam. Surr. Sagt, o ſagt!— Suff. Des Cardinals Brief an den Pabſt ging fehl, Und kam dem Koͤnig zu Geſicht: er las Wie Seiner Heiligkeit Rath wird ertheilt Das Scheidungs Urtheil nicht zu faͤll'n;„wofern „Es Statt noch faͤnde“, ſchreibt er,„ahnd' ich deutlich, „Wie weit des Koͤnigs Neigung ſchon gefeſſelt „Eine Magd der Koͤniginn, Fraͤulein Anna Bullen.“ Surr. Hat dieß der König? Suff. Glaubt mir! Surr. Wird dieß wirken? Raͤmm. Der Koͤnig ſieht daraus, wie jener ihm Den eignen Weg umſchleicht und ſperrt: doch hierin Zerſcheitern alle Kuͤnſt', und die Arzney Kommt nach des Kranken Tod: der Koͤnig ward Dem ſchoͤnen Fraͤulein ſchon vermaͤhlt. Surr. O, waͤr' ers! Suff. Moͤg' Euer Gluͤck in dieſem Wunſche liegen, Denn ich bezeug', er ward erfuͤllt. Surr. Nun, Freude Und Heil dem Bund!— Suff. Mein Amen auch! NMorf. Und Aller!— Suff. Befehle ſind ſchon da zu ihrer Kroͤnung; Dieß iſt noch friſch, mein Treu, und nicht gemacht Fuͤr aller Ohr. Doch in der That, ihr Herrn, 156 Konig Heinrich A. III. Sie iſt ein lieblich Weſen, tadelsfrey An Geiſt und Zuͤgen; ja, ich ahnd', es wird Dem Reich ein Segen noch entbluͤh'n durch ſie Fuͤr ſpaͤte Zeiten. Surr. Aber wird der Koͤnig Das Schreiben unſers Cardinals verdaun? Gott wend' es ab!— Norf. Amen, ſag' ich. Suff. Nein! nein!— Pm ſummen noch mehr Weſpen vor dem Ohr, ie dieſen Stich beſchleun'gen. Cardinal Campejus Iſt heimlich abgereiſ't nach Rom, ohn' Abſchied Und ohne dieß Geſchaͤft zu ſchlichten: er Iſt fortgeſchickt als Wolſey's Unterhaͤndler Um deſſen Liſt zu foͤrdern. Ich verſichr' Euch, Der Koͤnig, als er's las, rief ha!— Raͤmm. Nun, Gott Entzuͤnd' ihn, laß ihn ha! noch lauter rufen!— Morf. Doch wann, kehrt Cranmer wieder eim?— Suff. Er iſt ſchon hier, der alten Meinung treu; Und dieß beſtimmt den Koͤnig fuͤr die Scheidung, Sammt dem Beſcheid faſt aller Facultaͤten Der Chriſtenheit. Mit einem Wort, ich glaube Sein zweytes Ehbett, ihre Kroͤnung, werden Dem Volk verkuͤndigt, Catharinen bleibt Der koͤnigliche Titel nicht, ſie wird Prinz Arthur's furſtliche Wittwe ferner heißen. Morf. Der Cranmer iſt ein tuͤcht'ger Menſch, und hat Sich in des Koͤniges Geſchaͤft gar ſehr Bemuͤht. Suff. Gewiß; auch ſehn wir ihn dafuͤr Sehr bald als Erzbiſchof. Morf. So hoͤr' ich. Suff. Ja, So iſt's.— Der Cardinal (Wolſey und Cromwell treten auf.) Morf. Seht, wie verſtimmt!— Wolſ. Und gabt Ihr, Cromwell, das Packet dem Koͤnig? Cromw. Zu eigner Hand in ſeinem Schlafgemach. Wolſ. Sah er den Inhalt an?. Cromw. Ja, augenblicklich e Entſiegelt' er's: was er zuerſt ergriff Sz A der Achte. 157 Las er mit Ernſt, es lag auf ſeinen Zuͤgen Geſpannte Achtſamkeit. Er hieß Euch drauf eut' fruͤh ihn hier erwarten. 3 Wolſ. Iſt er fertig Zum Kommen? Cromw. Ich denk?, er wird alsbald. Woſ. Laßt mich ein Weilchen.— Die Herzogin von Alengon ſolls ſeyn, Die Schweſter Koͤnigs Franz: die ſoll er frey'n— Anna Bullen!— Mein! keine will ich fuͤr ihn— Ein ſchoͤn Geſicht reicht hier nicht hin— Wie! Bullen? Wir wollen keine Bullen! Haͤtt' ich nur Nachricht von Die Markgraͤfin von Pembroke!— rf. Er iſt ſehr mißvergnuͤgt. Suff. Vielleicht vernahm er, Wie gegen ihn der Koͤnig wetzt den Zorn. urr. Necht ſcharf nur, Himmel, wenn gerecht du biſt! olſ. Der vor'gen Koͤn ginn Kammerfrau: des Rit⸗ ters Tochter, Soll Herrinn ihrer Herrinn ſeyn! der Fuͤrſtinn Fuͤrſtinn!— ie Kerze brennt nicht hell; ich muß ſie ſchneuzen; So, ſie iſt aus.— Iſt ſie gleich tugendhaft, Und ehrenwerth; doch kenn' ich ſie als tuͤck'ſche Luth'ranerinn; nicht heilſam unſter Sache, Daß ſie im Buſen ſollte ruhn von unſerm Nur ſchwer regierten Herrn. Auch, aufgeſchoſſen in Ketzer, ein Erzketzer iſt, der Cranmer, Der eingeſchlichen in des Koͤnigs Gunſt Und ſein Orakel iſt. NWorf. Es wurmt ihn was. Surr. Zerſprengt' es ihm die ſtäͤrkſte Sehne doch, Des Herzens Ader!— (Der Koͤnig, der einen Zettel lieſ't, und Lovelh treten auf.) uff. Der Koͤnig kommt, der Koͤnig!— Roͤn. Welch eine Maſſe Golds hat er gehaͤuft Als Eigenthum! Und welch ein Aufwand Entſtroͤmt ihm ſtuͤndlich! Wie, in Gewinnſtes Nahmen, Scharrt er das all zuſammen!— Nun, ihr Herrn, Sah't Ihr den Cardinal? Worf. Wir ſtanden, Herr, Pier, gaben Acht anf ihn: Seltſamer Aufruhr Iſt ihm im Hirn: er beißt die Lippe, ſtarrt; 8 Koͤnig Heinrich A. III. Häͤlt plotzlich an den Schritt, blickt auf die Erde, 11 Legt dann den Finger an die Schlaͤfe; ſtracks, 1 Springt wieder auf, laͤuft ſchnell, ſteht wieder ſtill, Schlägt heftig auf die Bruſt; und gleich drauf ſchlaͤgt er Die Augen auf zum Mond: ſeltſame Stellung Sahn wir hier an ihm wechſeln. Roͤn. Moͤglich wohl, 11 Daß Menterey im Innern. Dieſen Morgen Schickt er zur Durchſicht mir, wie ich gefordert, Staatsſchriften; und, wißt Ihr, was ich gefunden, 1 Gewiß nur unbedacht dazu gelegt? 1 Eein Inventar, wahrhaftig, ſo bedeutend,— Von allen Schaͤtzen, ſilbernen Geſchirren, Goldſtoffen, Prunkgeraͤth des Hauſes, welches So hohe Summ' iſt, mein' ich, daß ſie weit Beſitz des Unterthanen uͤberbiethet. MWorf. Es iſt des Himmels Will; ein guter Geiſt Schob ein das Blatt, Eu'r Aug mit ihm zu ſegnen. Roͤn. Daͤchten wir, Sein Sinnen ſchwebt' anſchauend jetzt gen Himmel, 1 Geheftet auf das inn're Licht, dann moͤcht' er In ſeinem Bruͤten bleiben; doch ich fuͤrchte, Es weilt ſein Trachten unterm Mond, unwerth So eifriger Berathung. (Der Koͤnig ſetzt ſich, und redet mit Lovell, der zum Car⸗ dinal geht.). 1 Wolſ. Gott verzeih' mir!— Der Himmel ſegn' Eur' Hoheit!— 1 Ron. Werther Lord, Ihr ſeyd erfullt von geiſt'gen Schaͤtzen, tragt. Ein Inventar der reichſten Gnad' im Herzen, Das Ihr wohl eben durchlaſt, und Ihr habt Kaum Zeit, der frommen Muß' ein kurzes Schaͤrflein Fuͤr unſer irdiſch Thun zu rauben. Traun, Ihr ſcheint mir darin faſt ein ſchlechter Hauswirth, ſind freut mich's, meines Gleichen Euch zu finden. Wolſ. Ich habe meine Zeit, Herr, fuͤr die Andacht, Zeit fuͤr den Antheil an Geſchaͤften, die ich Dem Staate ſchuldig: endlich heiſcht Ratur 11 Fuͤr ihr Erhalten eine Zeit, die leider 11 Ich, ihr hinfaͤllger Sohn, ihr pſflichten muß, lang' ich in der Sterblichkeit noch walle. Roͤn. Sehr wohl geſprochen. Sz. 2. der Achte. 159 Wolſ. Mog' Eur' Hoheit ſtets, Wie ich's verdienen will, mein gutes Reden, Mit guter That gepaart, an mir erfinden!— Roͤn. Aufs Neue wohl geſagt: Und's iſt'ne Art gut handeln, gut zu reden, Obgleich das Wort noch keine That. Mein Vater Liebt' Euch, er ſagt' es Euch, und hat ſein Wort Mit ſeiner That gekroͤnt. Und ſeit ich ihm Gefolgt, war't Ihr der Liebſte mir; ich braucht' Euch, Wo Euch der hoͤchſte Vortheil ſicher traf, Ja, ich entzog's der eignen Hab', um Wohlthat Auf Euch zu haͤufen. olſ.(bey Seite.) Wo will dieß hinaus? Surr.(bey Seite.) Gott gebe gut Gedeihen! Rön. Hob ich Euch Nicht zu des Reiches erſter Wuͤrd'?— Ich bitt' Euch, Sagt, wenn Euch Wahrheit duͤnkt was jetzt ich rede, Und wollt Ihr's eingeſtehn, ſo ſagt zugleich, Ob Ihr Verbindlichkeit uns habt, ob nicht? Was meynt Ihr?— Wolſ. Ja, ich geſteh, mein Fuͤrſt, die hohen Gnaden Taͤglich auf mich geſchuͤttet, waren mehr Als all mein emſig Sinnen mocht' erwiedern: Wie dieß auch Menſchenthun beſiegen mochte: Mein Thun war wen'ger ſtets als meine Wuͤnſche, Doch meinen Kraͤften gleich: Was ich mir ſuchte War ſo nur mein, daß es ſtets zielc' aufs Beſte Von Eurer heiligen Perſon, wie auf Des Staates Vortheil. Jenen hohen Gnaden, Auf mich gehaͤuft, den Armen, Unverdienten, Kann nur mein unterwuͤrf'ger Dank erwiedern: Zum Himmel mein Gebet fuͤr Euch; die Treue, Die immer wuchs, und ſtets noch wachſen ſoll, Bis ſie der Tod, der Winter, tödtet. Roͤn. Schoͤn! Die Antwort ſchildert ganz den Unterthan, Den treuen: Ehre lohnt, wer alſo handelt; So wie das Gegentheil die Schande ſtraft. Nun glaub' ich, daß, wie meine Hand Euch offen, Mein Herz Euch Lieb', mein Thron Euch Ehren ſchenkte, Euch mehr, denn irgend wem; ſo Eur Herz, Hand, Eu'r Hirn, und jede Geiſteskraft in Euch, Auch, außer allgemeiner Pflicht der Treue, * 160 Koͤnig Heinrich A. III. Noch, ſo zu ſagen, in beſondrer Liebe, Mir, mehr als andern, muͤßt' ergeben ſeyn. Wolſ. Auch hehl' ich's nicht, wie Eurer Hoheit Wohl Mir mehr als meines ſtets am Herzen lag; So bin, ſo halt' ich's, und ſo will ich bleiben, Ob auch die ganze Welt den Eid Euch braͤche, Und aus der Bruſt ihn bannt'; und ob Gefahren Sich haͤuften, dichter als ſich's denken laͤßt, Und in entſetzlichern Geſtalten: dennoch Wie Felſen in den ſtuͤrmiſchen Wogen, wuͤrde Mein treues Herz dem wilden Strom ein Damm ſeyn Und Euer bleiben, ſonder Wanken— Roͤn. Trefflich Geredet; merkt, Ihr Herrn, welch trenes Herz! Denn offen ſah't Ihr's.— Giebt ihm Papiere.) Leſet dieß durch Und darauf dieß: und dann zum Morgenimbiß Mit ſoviel Eßluſt Euch noch bleibt. (Der Koͤnig geht ab, und wirft einen zornigen Blick auf Wolſey. Die Hofleute draͤngen ſich ihm nach, und fluͤſtern und laͤcheln untereinander.) Wolſ. Was war dieß? Welch' haſt'ge Laun', und wie erweckt' ich ſie? Er ging in Zorn von mir, als ſpruͤh'te Tod Aus ſeinem Blick; ſo ſchaut der grimme Loͤwe, Wenn ihn der kuͤhne Jaͤgersmann verletzt, Vertilgt ihn dann. Leſ⸗ muß ich das Blatt: Die Urſach', fuͤrcht' ich, ſeines Zorns.— So iſt's. Dieß Blatt hat mich vernichtet—'s iſt die Summe Des unermeßnen Reichthums, den ich ſparte Zu meinem Zweck; im Grunde fuͤr das Papſtthum, Die Freund' in Rom zu zahlen. Nachlaͤſſigkeit, Durch die ein Narr nur ſtuͤrzt! Welch boͤſer Teufel Schob mir dieß wichtige Geheimniß in's Packet Das ich dem Koͤnig gab? Kein Weg zur Heilung? Kein Kunſtgriff, der's ihm aus dem Sinne ſchluͤge? Ich weiß, es reizt ihn heftig; doch ich finde Noch einen Weg, der mich dem Gluͤck zum Trotz Herausziehn ſoll.—— Was ſeh' ich?— An den Papſt? Der Brief, ſo wahr ich leb', und alles weitre Was ich nach Rom geſandt.— Nun, dann iſt's aus!— Ich ſtand auf meiner Hoheit fernſter Sproſſe, Und von der Mittagslinie meines Ruhms Eil' ich zum Niedergang. Ich werde fallen Szi2 der Achte. 161 Wie in der Nacht ein glaͤnzend Dunſtgebild Und niemand mehr mich ſehn.— Die Herzoge von Norfolk und Suffolk, der Graf von Surrey und der Lord Kämmerer treten auf.) Morf. Vernehmt des Koͤnigs Gefallen, Cardinal: er heißt Euch, ſchleunig Das große Siegel an uns abzuliefern Zu eigner Hand, und Euch zuruͤckzuziehn Nach Aſherhonſe, als Eurem Biſchofsſitz, Bis Ihr ein weitres werdet hoͤren. Wolſ. Halt! Wo habt Ihr Vollmacht? Rimmer end'gen Worte Solch hohes Anſehn. Suff. Wer darf widerſprechen, Wenn ſie aus Koͤnigs Mund Befehle ſenden? Wolſ. Bis ich mehr ſeh' als Abſicht nur, und Worte, Und Eure Falſchheit; wißt, geſchaͤft'ge Lords, Daß ich's verweigern werd“ und kann. Jetzt fuͤhl' ich Aus welchem harten Erz Ihr ſeyd gegoſſen, Aus Neid. Wie emſig meinem Fall Ihr folget, Als naͤhrt' er Euch! und wie ſo weich und glatt Ihr allerdings Euch zeigt, was mich mag ſtuͤrzen: Folgt Eurer tuck ſchen Art, Maͤnner der Bosheit! Stuͤtzt Euch auf Euer chriſtlich Recht, es wird Zu ſeiner Zeit Euch wohl belohnt. Das Siegel, Das Ihr ſo heftig fordert, gab der Koͤnig Mein Herr und Eurer) mir mit eigner Hand, Verhieß es mir, zugleich mit Wuͤrd' und Amt, Aufs Leben: und zu feſt'gen ſeine Gnade Beſtaͤtigt' er's durch offnen Brief. Wer nimmt's mir? Surr. Der Koͤnig, der's Euch gab. Woiſ So thu' er's ſelber. Surr. Du biſt ein ſtolzer Hochverräther, Pfaff!— Wolſ. Das lugſt Du, ſtolzer Lord! Vor vierzig Stunden hätte Surrey lieber Die Zunge weggebrannt, als dieß geſagt. Surr. Dein Ehrgeiz, Du ſcharlachne Suͤnd', entriß Uns weinenden den edlen Buckingham. Die Haͤupter aller Cardinaͤl auf Erden, (Mit Dir, das Beſt“ in Dir zuſamm gebunden) Erſetzten noch kein Haar von ihm. Fluch Euch! Ihr ſchicktet als Regenten mich nach Irland Von NRettung fern, vom Koͤnig, fern von Allem 162 Koͤnig Heinrich A. IMI. Was Gnade ſchuf dem falſcherfundnen Fehl, Indeß aus heil'gem Mitleid Eu'r Erbarmen Mit einem Beil ihn abſolvirt. Wolſ. Dieß alles, Und was des Lords Geſchwaͤtz mir weitres mag Vorwerfen, iſt nur Lug. Nach Rechten fand Der Herzog ſeinen Tod: und daß ich ſchuldlos ſey An ſeinem Fall durch niedern Haß, bewaͤhren Die ſchlechte Sach' und ſeine edlen Richter. Liebt' ich viel Worte, Lord, ich koͤnnt' Euch zeigen Wie Ihr ſo wenig Ehr' als Gradheit habt: Und daß ich auf des treuen Rechtthuns Pfad Dem Koͤnig, meinem ſtets erhab'nen Mich einen beſſern ſtellen moͤcht' als Surrey Und alle Freunde ſeiner Thorheit. Surr. Prieſter!— Dich ſchuͤtzt Dein langes Kleid, ſonſt fuͤhlteſt Du Mein Schwerdt in Deinem Herzblut. Werthe Herrn, Ertragt Ihrs, ſolchen Hochmuth anzuhoͤren? Von dieſem Menſchen? Sind wir erſt ſo zahm Daß uns ein Stuͤck von Scharlach hoͤhnt und zwickt, Dann, Adel, fahre wohl; dann, Biſchof, vorwärts!— Scheuch' uns mit Deiner Kappe, wie die Lerchen!— Wolſ. Dir wird zum Gift die Frommheit ſelbſt verkehrt. Surr. Die Frommheit, die des ganzen Landes Mark In Eurer Hand vereint hat durch Erpreſſung; Die Frommheit jener aufgefangnen Blaͤtter, Die Ihr dem Papſt geſchrieben: Eure Frommheit, Weil Ihrs verlangt von mir, ſey ganz enthuͤllt. Lord Norfolk,— wenn Ihr ſtammt aus hohem Blut, Wenn Euch gemeines Wohl am Herzen liegt, Des Adels Kraͤnkung, unſrer Soͤhne Heil, Die, lebt er, kaum noch Edle werden heißen,— Verleſ't ſein Schuldregiſter, ſeines Wirkens Geſammelt Unheil— Schrecken will ich Euch Mehr denn die Meßglock, wenn Eu'r braunes Maͤdchen Euch kuͤſſend lag im Arm, Lord Cardinal. Wolſ. Wie ſehr doch moͤcht' ich dieſen Mann verachten, Bewahrte mich die Naͤchſtenliebe nicht! Norf. Es liegt, Mylord, die Klage ſelbſt beym Koͤnig, Und ſie erſcheint ſehr haͤßlich. Wolſ. um ſo ſchoͤner Sz. 2. der Achte. 163 Und fleckenlos ſoll meine Unſchuld leuchten, Wenn erſt die Wahrheit obſiegt. Surr. Hofft nicht viel; Ich dank's meinem Gedaͤchtniß, noch behieit ich Verſchied'ne Punkt' und fordre ſie ans Licht. Nun gebt Euch Muͤh', erroͤthet und bereut, So zeigt Ihr noch ein wenig Tugend. Wolſ. Sprecht nur, Trotz jeder Klag'; erroth' ich, ſo geſchieht's, Den Edlen hier zu ſehn, dem Sitte fehlt. Surr. Doch beſſer noch als fehlt der Kopf. So hoͤrt denn: Zuerſt, daß ohne Koͤnigs Will' und Wiſſen Ihr Euch beſtrebt, Legat des Papſts zu werden, Und der Praͤlaten Recht im Land zu laͤhmen. NWorf. Dann, daß Ihr Briefe ſchriebt nach Rom, und ſonſtwaͤrts An fremde Hoͤf⸗ und ſtets die Form gebraucht: Ego et rex mens: was den Koͤnig darthat Als Euren Diener. Suff. Dann, daß ohne Kenntniß Des Koͤnigs, noch des Raths, Ihr Euch erkuͤhnt, Als Ihr zum Kaiſer wurdet abgeſandt, Des Reichs Sigill nach Flandern mitzufuͤhren. Surr. Sodann gabt Ihr weitlaͤuft'ge Vollmacht hin An den Gregor von Caſſalis, zum Abſchluß Des Bundes Seiner Hoheit mit Ferrara, Wovon nicht Staat noch Koͤnig unterrichtet. Suff. Dann, daß aus eitei Ehrſucht Euren Hut Ihr praͤgen ließt auf unſers Koͤnigs Muͤnze. Surr. Dann, daß Ihr unermeßlich Gold geſandt (Und wie erworben, mogt Ihr ſelbſt bedenken! Rom zu verſehn, und Euch den Weg zu bahnen Fuͤr hoͤh're Wuͤrden; alles dieß zum Unheil Dem ganzen Land. Noch giebts der Dinge mehr, Die, weil von Euch herruͤhrend, uns verhaßt, Und meinen Mund nicht ſoll'n entweih'n. Rämm. O Hert, Draͤngt den Gefall'nen nicht ſo hart,'s iſt Unrecht, Sein Fall liegt offen dem Geſetz, es ſtrafe Das Recht, nicht Ihr. Faſt weint mein Herz zu ſchaun Die Truͤmmer ſolcher Hoheit! Surr. Ich vergeb' ihm. 11 164 Koͤnig Heinrich A. In. Suff. Dann iſt des Koͤnigs Will, Herr Cardinal, Weil alles, was vorletzt durch Euch begonnen, Ein Praemunire wird umſchließen muͤſſen, Daß gegen Euch ein Achtsbefehl ergeh', Der Eurer Guͤter, Laͤnderey'n, und Habe Und Eurer Schloͤſſer Euch verluſtig ſpricht, Geſetzlos Euch erklaͤrt. Dieß iſt mein Auftrag. Norf. Und ſomit habt Ihr Raum zur Selbſtbeſchauung und frommen Wandel. Jene ſtoͤrriſche Antwort Von wegen des verlangten großen Siegels Erfaͤhrt der Koͤnig jetzt, und dankts Euch ſicher. Lebwohl dann ferner meinem kleinen guten Lord Cardinal! .(Alle ab, auſſer Wolſey.) Wolſ. Leb wohl dem kleinen Guten, Das mir von Euch gekommen!— Lebe wohl, Ein langes Lebewohl all' meiner Groͤße!— Dieß iſt des Menſchen Thun; heut ſprießen ihm Der Hoffnung zarte Knospen, morgen bluh'n ſie, Und kleiden ihn in dichten Blumenſchmuck: Und uͤbermorgen, toͤdtlich, kommt ein Froſt, Und wenn er waͤhnt, der gute ſichre Mann, Die Groͤße reife,— nagt ihm der die Wurzel Und faͤllt ihn ſo wie mich. Ich trieb dahin Gleich wilden Knaben, die auf Blaſen ſchwimmen, So manchen Sommer auf der Ehrſucht Wogen, Doch viel zu weit: mein hochgeſchwellter Stolz Brach endlich unter mir, und giebt mich jetzt Muͤd' und im Dienſt ergraut der Willkuͤhr hin Des wuͤſten Strom's, der ewig nun mich birgt. Ich haſſi Euch, eitler Pomp und Glanz der Welt, Mein Herz erſchließt ſich neu. O traurig Lvos Des Armen, der an Koͤnigs Gunſt gebunden! Denn zwiſchen jenem Laͤcheln, ſo erſehnt, Der Fuͤrſten Huld und unſerm Abgrund, liegt Mehr Qual und Furcht, als Krieg und Weiber bringen, Und wenn er faͤllt, faͤllt er wie Lucifer Der Hoffnung ewig baar——— (Cromwell tritt auf, voller Beſtuͤrzung.) Was iſt Dir, Cromwell? Cromw. Mir ſtockt die Sprache, Herr! Wolſ. Wie, ſo beſtuͤrzt Ob meinem Ungluͤck? Kann Dein Geiſt ſich wundern S 2. der Achte. 165 Daß Groͤße wird geſtuͤrzt? Nein, wenn Du weinſt, Dann ſiel ich wirklich. Cromw. Iſt Euch wohl? Woif Vollkommen, WMoch nie ſo wahrhaft glucklich, guter Cromwell. Zebt kenn, ich ſelber mich, jetzt fuhl ich Frieden n mir, hoch uͤber aller ird'ſchen Wuͤrde,— Ein klar und rein Gewiſſen. Dieſe Heilung Dank' ich dem Koͤnig demuthsvoll, er nahm Mitleidig dieſer Schultern muͤden Ssulen Die Laſt, die Schiffe ſenkte,— zu viel Ehre. D, 3 iſt'ne Buͤrde, Cromwell, eine Buͤrde Zu ſchwer dem Mann, der auf den Himmel hofft! Cromw. Mich freut's, Euch auf dem rechten Weg zu ehn. Wolſ. Ich hoff, ich bins: mich dunkt ich ſey bereit Durch meiner Seele neu empfund'ne Stäͤrke Mehr Leiden zu erdulden, und viel groͤßre Als mir die ſchwachen Feinde koͤnnen drohn. Was giebt es neues? Cromw. Nun, das haͤrtſte bleibt Des Koͤnigs Ungunſt wider Euch. .. Wolſ. Gott ſchuͤtz' ihn! Cromw. Dann, daß Sir Thomas Morus Kanzler ward An Eurer Statt. Wolſ. Das find' ich etwas ſchnell, Doch iſt's ein kund'ger Mann. Erhalt' er ſich Des Koͤnigs Gunſt noch lang', und walte recht Nach Wahrheit und Geſetz, daß ſeinem Staub, Wenn er den Lauf vollbracht und ruht in Gott, Ein Grabmahl werde von der Waiſen Thraͤneni Was mehr? Cromw. Die Ruͤckkunft Cranmers, ſeine Gunſt Und Wahl zum Erzbiſchof von Canterbury. Wolſ. Wohl iſt das neu! Cromw. Dann endlich, daß man heut Die Lady Anna, ſchon vorlaͤngſt dem Koͤnig Heimlich vermaͤhlt, als Koͤniginn offenbar Zur Kirch' ihm folgen ſah, und jetzt allein Von ihrer Kroͤnung das Geruͤcht ergeht. Wolſ. Das war die Laſt, der ich erlag. O, Cromwell, Der Koͤnig taͤuſchte mich, all' meine Wuͤrden 166 Koͤnig Heinrich A. III. Verlor ich durch dieß eine Weib auf immer. Nie fuͤhrt ein Morgen meinen Glanz zuruͤck, Noch rothet je die edlen Schaaren wieder, Die meines Laͤchelns harrten. Geh' nur, Cromwell, Ich bin ein armer Mann, geſtuͤrzt und unwerth Dein Herr zu ſeyn und Meiſter. Geh' zum Koͤnig! Die Sonne, hoff' ich, ſinkt nicht!— Ich erzaͤhlt' ihm Wer und wie treu dn ſeyſt; er wird dich foͤrdern, Ein klein Erinnern meiner wird ihn treiben, Sein Sinn iſt edel, ſicher weißt er nicht So hoffnungsvolle Dienſte ab. Mein Cromwell, Vermeid' ihn nicht; benutz' ihn jetzt, und ſorge Fuͤr Deine kuͤnft'ge Sicherheit. Cromw. O Herr, So muß ich von Euch weichen? muß durchaus Solch guten, edlen aͤchten Herrn verlieren? Sey Zeuge, wer kein Herz von Eiſen traͤgt, Wie traurig Cromwell ſeinen Herrn verlaͤßt.— Dem Koͤnig halt' ich meinen Dienſt; doch Euch Bleibt immer nur und immer mein Gebet. Wolſ. Cromwell, nicht eine Thraͤne wollt' ich weinen All' meinem Elend; doch Du zwangſt mich eben In Deiner ſchlichten Treu, das Weib zu ſpielen. rocknen wir uns die Angen; hoͤr' mich, Cromwell. Wenn ich vergeſſen bin,— und das iſt bald,— Und ſchlaf' im ſtummen kalten Stein, wo Niemand Von mir erfaͤhrt,— dann ſag', ich lehrt' es Dich, Sag, Wolſey, der einſt ging des Ruhmes Pfad, Der Ehre Baͤnk' und Klippen all' erkundet, Fand dir den Weg zur Hoͤh' aus ſeinem Schiffbruch, Den wahren, ſichern, den er ſelbſt verlaſſen. Denk' nur an meinen Fall, und was mich ſtuͤrzte! Cromwell, ich fleh' Dich: wirf die Ehrſucht von Dir! Die Suͤnde hat die Engel ſelbſt bethoͤrt, Wie frommte ſie dem Menſchen, Gottes Bilde? Fleuch Eigenliebe, ſegne ſelbſt die Feinde; Beſtechung fuͤhrt Dich weiter nicht als Treu. Stets in der Rechten halt' den milden Frieden, Boshafte zu beſchwicht'gen. Handle recht, nicht fuͤrchte, Dein Ziel ſey immer Ziel auch Deines Landes Wie Deines Gottes und der Wahrheit: dann, O Cromwell! wenn Du faͤllſt, faͤllſt Du im Tod Als ſel'ger Maͤrtyrer. Dem Koͤnig diene Sz. 2. der Achte. 167 Und— bitt' Dich, ſtuͤtze mich,— Nimm dieß Verzeichniß meiner ganzen Habe Bis auf den letzten Pfennig;'s iſt des Koͤnigs. Mein Prieſterkleid, und mein aufrichtig Herz Vor Gott, mehr blieb mir nicht. O, Cromwell, Cromwell, Haͤtt ich nur Gott gedient mit halb dem Eifer, Den ich dem Koͤnig weiht', er gaͤbe nicht Im Alter nackt mich meinen Feinden Preis!— Cromw. Geduldig, lieber Herr!— Wolſ. Ich bin's. Fahr hin, Dnu Sinn des Hofs! Zum Himmel ſtrebt mein Sinn. (gehn ab.) V i i Erſte Scene. Straße in Weſtminſter. (Zwey Edelleute, die einander begegnen.) Erſter. Seyd abermahl willkommen! Zweyt. So auch Ihr. Erſt. Ihr ſtellt Euch wohl, um Lady Annen hier Zu ſchau'n, wie ſie vom Kroͤnungsfeſte kommt? Zweyt. Das wollt' ich grad! Als wir uns juͤngſt hier n trafen, Kam Herzog Buckingham von ſeinem Spruch. Erſt. Ja wohl! Doch jene Zeit war truͤb und ban Heut allgemeines Feſt!— 2 Zweyt. Mit Recht. Die Buͤrger Sind alle treu und koͤniglich geſinnt; Und, wahr zu ſprechen, alle find ſie bereit, Zur Feyer dieſes Tags, mit manchem Schauſpiel, Aufzuͤgen, Prunk, zu Ehren angeſtellt. Erſt. Doch nie ſo reich als hent, und wohlerſonnen. 168 Koͤnig Heinrich A. IW. zweyt. Wenn Ihrs vergönnt, wuͤßt' ich den Inhalt ern 9 Von jenem Blatt in Eurer Hand. Erſt. Sceht hier. S iſt das Verzeichniß aller hohen Wuͤrden, Die heut am Kroͤnungsfeſt ihr Amt verſehn. Der Herzog Suffolk geht voran, er nimmt Den Rang als Oberhofmeiſter; dann, als Marſchall Herzog von Norfolk: leſet die Andern ſelber. zweyt. Ich dank' Euch, Herr; ee ich den Brauch nicht ſchon, Es haͤtte jenes Blatt mich ſehr verbunden. Doch ſagt mir noch, was ward aus Catharinen? Der Fuͤrſtinn Wittwe? Wie ſteht deren Sache? Erſt. Das ſollt Ihr gleichfalls hoͤren. Der Erzbiſchof Von Canterbury, in Begleitung andrer Gelahrter wuͤrd'ger Vaͤter hohen Rangs, Hielt einen Tag zu Dunſtable, ſechs Meilen Von Ampthill, wo die Fuͤrſtinn wohnt; wohin Sie oft geladen, nimmer doch erſchien: Und wegen Nicht⸗Erſcheinens, und des Koͤnigs Gewiſſensſerupel hat einmuͤthig Urtheil Der weiſen Vaͤter Scheidung erkannt, Und wird die ganze Eh' fuͤr null erklaͤrt. Seitdem iſt ſie nach Kimbolton entfernt Wo Krankheit ſie befallen. Zwepyt. Arme Fuͤrſtinn!—* Hoͤrt die Muſik; ſteht ſtill; die Koͤniginn naht. (Ordnung des Kroͤnungszugs.) 1) Ein lebhafter Trompeten⸗Stoß. 2) Zwey Richter. 6 3) Der Lord Canzler mit Taſche und Stab vor ihm her. 4) Singende Chorknaben. 5) Der Mayor von London, der den Stab traͤgt; darauf der erſte Herold in ſeinem Wappenrock, auf dem Haupt eine kupferne vergoldete Krone. 6) Der Marquis Dorſet mit einem goldnen Szepter, auf dem Kopf eine goldne Halbkrone. Neben ihm der Graf von Surrey, der den ſilbernen Stab mit der Taube, und auf dem Haupt eine Grafenkrone traͤgt; um den Hals ritter⸗ liche Ketten. 7) Der Herzog von Suffolk in ſeiner Staatskleidung, ſeine kleine Krone auf dem Haupt, in der Hand einen langen weißen Stecken, als Oberhofmeiſter. Neben ihm der Her⸗ Sz. 1. der Achte. 169 zog von Norfolk mit dem Marſchallsſtabe, eine kleine Krone auf dem Haupt. Beyde mit ritterlichen Ketten um den Hals 0** 7 8 Der Thronhimmel, von vieren der Baronen von den fuͤnf Haͤfen getragen: unter demſelben die Koͤniginn im Krö⸗ nungsgewande. Sie iſt in Haaren, reich mit Perlen ge⸗ ſchmuͤckt, und gekroͤnt. Zu ihren beyden Seiten die Bi⸗ ſchoͤfe von London und Wincheſter. 9) Die alte Herzoginn von N orfolk, mit einer kleinen gold⸗ nen mit Blumen durchflochtnen Krone; ſie traͤgt die Schleppe der Koͤniginn. 10) Verſchiedne Edelfrauen und Graͤſinnen, mit ſchlichten gold⸗ nen Reifen um den Kopf, ohne Blumen. Sie ziehn in feyerlicher Ordnung uͤber die Buͤhne.) Zweyt. Ein ſtolzer Zug, S Sieh, dieſe kenn' Wer aber traͤgt den Szepter? Erſt. Marquis Dorſet, Und dort Stab.— Zweyt. Ein edler, wackrer Herr! ort, meyn' ich, folgt dñ Suffolk. Erſt. Ja, der Oberhofmeiſter. zweyt. Dann Mylord Norfolk. Erſt. Ja. Zweyt.(Indem er die Koͤniginn erblickt.) Gott ſey mit Dir! Solch ſuͤß Geſicht als Deins erblickt' ich nie! Bey meinem Leben, Herr, ſie iſt ein Engel, er Koͤnig haͤlt ganz Indien in den Armen, Und viel, viel mehr, wenn er dieß Weib umfaͤngt: Ich tadle ſein Gewiſſen nicht. „ Erſt. Die Träger Des Ehrenbaldachins ſind vier Barone Von den fuͤnf Haͤfen. e Fweyt. Gluͤcklich ſind die Herrn, Und ſo ſind alle, die ihr nahen duͤrfen. Dann war wohl jene, ſo die Schleppe trug, Die alte hohe Herzogin von Norfolk? 3 Erſt. Ja, und die andern All' ſind Grafenfrau'n. Zweyt. Das denten ihre Kroͤnchen. Sterne ſind's, Und die mitunter fallen. Erſt. Still davon!— (Die Proceſſion geht voruber unter Trompetenſchall.) Ein dritter Edelmann kommt hinzu.) Gott gruͤß Euch, Freund! Aus welchem Feuer kommt Ihr? 170 Koͤnig Heinrich A. W. Dritt. Vom dickſten Draͤngen der Abtey, wo kaum Ein Finger einzuzwaͤngen iſt. Faſt bin ich Erſtickt vor lauter Freud' und Luſt. Zweyt. Ihr ſaht Dritt. Ja. weyt. Wie wars damit?— Dritt. Wohl werth geſehn zu werden. Zweyt. O, erzaͤhlt uns. Dritt. So viel ich weiß. Nachdem der reiche Strom Der Lords und Edelfrau'n die Koͤniginn Zu ihrem Sitz geleitet auf das Trat er zuruͤck; indeſſen Ihre Hoheit Sich niederließ, ein Weilchen auszuruhn, Auf einem praͤcht'gen Seſſel frey dem Volke Entgegenſtellend Ihrer Schoͤnheit Glanz. Glaubt mir, ſie iſt das herrlichſte Geſchoͤpf, Die je an Mannes Seite lag. Als nun dem Volk Pr Anblick ward gegoͤnnt, entſtand ein Rauſchen zie man's zur See im Sturm vom Tauwerk hoͤrt, So laut und mannigfalt. Die Huͤt' und Muͤtzen, Ja ſelbſt die Waͤmſer flogen in die Hoͤh, Und haͤtten ſie Geſichter loͤſen koͤnnen, Heut waren ſie verloren. Solchen Jubel Erblickt ich nie zuvor, Hochſchwang're Weiber, Acht Tage kaum vom Ziele, draͤngten vorwaͤrts Gleich Widdern aus der alten Kriegeszeit, Und machten Breſchen vor ſich: Keiner konnte Wohl ſagen:„dieß iſt meine Frau;“ ſo ſeltſam War alles hier verwebt in Eins. Zweyt. Nun, weiter? Dritt. Dann trat ſie vor, und gieng, beſcheidnen Schritts, Zum Altar, kniet', und hub gleich einer Heil'gen Den ſchoͤnen Blick empor, andaͤchtig betend; Erhob ſich dann, und neigte ſich dem Volk, Weil ihr der wuͤrd'ge Erzbiſchof von York Die koͤniglichen Zeichen all' ertheilte, Das heil'ge Hel, die Krone Koͤnig Eduards, Den Stab, die Friedenstaub', und allen Kroͤnungs⸗ Ornat: worauf in Einklang, hoch vom Chor Von dieſes Reiches ausgeſucht'ſten Stimmen Der Lobgeſang erſcholl. Drauf wandte ſich Die Ceremonie? » Sz. 1. der Achte. 171¹ Der Zug im vollen, ernſten Prunk zuruͤck Nach York⸗Pallaſt, wo Tafel wird gehalten. Erſt. Sagt York⸗Pallaſt nicht mehr, das iſt vorbey, Denn ſeit des Wolſey Stutz erloſch der Nahme, Dem Konig fiel er heim und heißt Whitehall. Dritt. Ich weiß; doch iſt's ſo neu, daß mir gelaͤuf'ger Der alte Nahme blieb. Zweyt. Wer waren, ſagt, Die zween Biſchoͤfe zu der Furſtinn Seiten? Dritt. Stocksley und Gardiner; der von Wincheſter, Und kurz vorher noch Schreiber unſers Koͤnigs, Jener von London. Zweyt. Der von Wincheſter ſt wohl kein Herzensfreund des Erzbiſchofs, es frommen Cranmer. Dritt. Das iſt weltbekannt. Doch iſt die Spaltung noch nicht groß, und wird ſie's, So hat der Cranmer einen wackren Freund. zweyt. Wen meynt Ihr, ſagt, ich bitt' Euch? Dritt. Thomas Cromwell, Ein Mann hoͤchſt werth dem Koͤnig, und in Wahrheit, Getreuer Freund. Der Koͤnig hat ihn ſchon Zum Reichs⸗Wardein ernannt, und einen Platz Im Staatsrath ihm verlieh'n. Zweyt. So ſteigt e Noch hoͤher. P § e Zweifel S er 1 Jetzt, liebe Herrn, geht meinen eg, ich fuͤhr' Eu An Hof, dort ſollt Ihr meine Gaͤſte ſeyn, 6 Etwas vermag ich ſchon. Auf unſerm Gang Erzaͤhl' ich mehr. Beyde. Wir ſind zu Eurem Dienſt. (Alle ab.) 8 weyte Szene. Kimbolton. (Die verwittwete Koͤniginn Catharina, krank, von Grif⸗ fith und Patienza gefuͤhrt! tritt auf. Griffith. Wie geht's Eu'r Hoheit? 172 Koͤnig Heinrich* A. IV. Cath. Toͤdtlich krank, o Griffith! Es ſinken mir, beſchwerten Aeſten gleich, Die Knie zur Erd' und wichen gern der Laſt.— Reich' einen Seſſel,— ſo!— jetzt wird mir's leichter. Sagt'ſt Du mir nicht, als Du mich fuͤhrteſt, Griffith, Das Rieſenkind des Ruhms, der Cardinal, Sey todt?— Griff. Ja, Fuͤrſtinn, doch Eu'r Hoheit, wie ich glaubte, Vernahm mich kaum in Ihrem heft'gen Schmerz. Cath. Sag, guter Griffith, bitt' Dich, wie er ſtarb; Wenn fromm, ſo gieng er mir vielleicht voran Als Beyſpiel. Griff. Fromm, erzaͤhlt man mir, verſchied er. Denn als der wackre Graf Northumberland Zu York ihn feſtgeſetzt, und ungeſaͤumt Als einen Hartbeſchuldigten verhoͤrt, Erkrankt' er plotzlich ſchwer, und konnte nicht Auf ſeinem Maulthier ſitzen.. Cath. Armer Mann!— Griff. Endlich, nach haͤuf'ger Raſt, erreicht' er Leiſter, Wo ihn im Kloſterhof der wuͤrd'ge Abt Sammt dem Convent mit aller Ehr' empfieng. Dem ſagt' er dieſes Wort:„o Vater Abt! „Ein Greis, zerknickt im wilden Sturm des Staats, „Legt hier bey Euch ſein muͤdes Haupt zur Ruh; „Goͤnnt aus Erbarmen ihm ein wenig Erde!“— Man bracht' ihn gleich zu Bett; die Krankheit ſtieg Anhaltend heft'ger, und am dritten Abend, Juſt um die achte Stund' in der er ſelbſt Vorausgeſagt ſein Ende,— gab er reuig Verſenkt in Thraͤnen, Sorg' und tiefer Andacht, Der ird'ſchen Welt den eitlen Ruhm zuruͤck, Sein geiſtlich Theil dem Herrn, und ſtarb im Frieden. Cath. So ſchlaf er auch, leicht ſey'n ihm ſeine Fehle!— Das einz'ge, Griffith, ſag' ich noch von ihm, Und doch in aller Lieb'— er war ein Mann Von ungezaͤhmtem Stolz, der Fuͤrſten ſtets Sich geich gezaͤhlt; ein Mann, deß heimlich Trachten Das Reich gefeſſelt; geiſtlich Recht war feil, Geſetz ſein Wille, Wahrheit widerrief er Am Hof, zweyzuͤngig uͤberall erſcheinend In Red' und Sinn: nie zeigt' er Mitleid je, Als wenn er Untergang beſchloß im Herzen. Sz. 2. der Achte. 173 Sein Wort, gleich ſeinem vor'gen Selbſt, gewaltig, Doch ſein Erfullen nichtig, gleich dem jetz'gen. Am eignen Koͤrper ſuͤndigt' er, und gab Dem Clerus ſchlechtes Beyſpiel. Griff. Edle Frau, Der Menſchen Tugend ſchreiben wir in Waſſer, Ihr boͤſes Treiben lebt in Erz: vergoͤnnt Ihr Mir jetzt wohl auch ſein Lob? Cath. Ja, guter Griffith, Sonſt waͤr' ich boshaft. Griff. Dieſer Cardinal, Wenn ſchon von niederm Stand, war unbezweifelt Fuͤr großen Ruhm geſchaffen. Seit der Wiege Erſchien er leichtauffaſſend, reif und tuchtig, Unendlich klug, beredſam, uͤberzeugend, Den Abgeneigten herb' und ſchroff geſinnt, Allein dem Freunde liebreich, wie der Sommer. Und war er gleich im Nehmen unerſaͤttlich,— Was ſundlich iſt;) ſo zeigt er, Fuͤrſtinn, ſich Im Geben königlich— Deß zeugen ewig Des Wiſſens Zwillinge, ſo er Euch ſchuf, Jpowich und Hrford!— Jenes fiel mit ihm, Picht wollt' es ſeine Wohlthat uͤberleben; Dieß aber, zwar unfertig, doch ſo glaͤnzend, So trefflich in der Kunſt, ſo ſtaͤt im Wachſen, Daß in Europa nie ſein Ruhm vergehn wird. Sein Sturz hat Heil geſammelt uͤber ihm, Denn nun,— und nicht bis dahin,— kannt' er ſich, Und ſah den Segen ein, gering zu ſeyn, Und daß er hoͤhern Ruhm dem Alter ſchuͤfe Als der von Menſchen kommt, ſtarb er, Gott fuͤrchtend. Cath. Nach meinem Tod wuͤnſch' ich zum Herold mir, Der meines Lebens Thaten aufbewahre Und meinen Leumund rette vor Verweſung, So redlichen Chroniſten als mein Griffith. Den ich zumeiſt gehaßt, den muß ich nun Durch Deine fromme Wahrheitslieb' und Demuth Im Grab' noch ehren. Friede ſey mit ihm!— Patienza, geh nicht von mir; leg' mich tiefer, Du haſt nicht lang' mehr all“ die Muͤhe— Griffith, Laß die Muſik die trube Weiſe ſpielen, Die ich mein Grabgelaͤute hab' genannt, 174 Koͤnig Heinrich Derweil' ich ſitz' und denk' an den Geſang Der Himmel, dem ich bald entgegengehe. (Eine traurige und feyerliche Muſik.) Griff. Sie ſchlaͤft— ſetz' ſtill Dich nieder, liebes Maͤdchen, Sonſt wecken wir ſie. Still, gute Patienza!— (Traumgeſicht. Sechs Geſtalten in weißen Gewaͤndern, Lor⸗ beerkraͤnze auf dem Haupt, goldne Masken vor dem Geſicht, und Palmenzweige in den Haͤnden, ſchweben langſam auf die Buͤhne. Sie begruͤſſen Catharinen, und tanzen darauf. Bey gewiſſen Wendungen halten die erſten zwey einen ſchmalen Blumenkranz uͤber ihrem Haupt, waͤhrend die vier uͤbrigen ſich ehrerbietig neigen. Dann wiederholt das naͤchſtfolgende, und endllch das letzte Paar dieſelbe Hand⸗ lung. Die Fuͤrſtinn giebt ſchlafend Zeichen der Freude, wie durch hoͤhere Eingebung, und ſtreckt beide Haͤnde gen Himmel. Darauf verſchwinden die Geſtalten, und nehmen den Kranz mit ſich hinweg. Die Muſik geht fort.) Cath. Wo bleibt ihr, ſel'ge Geiſter? All verſchwunden? Und laßt mich hier zuruͤck in meinem Elend? Griff. Hier ſind wir, gnaͤd'ge Frau. Cath. Euch rief ich nicht; Doch ſaht Ihr niemand, als ich ſchlief? Griff. Nein, Fuͤrſtinn. Cath. Nicht? Kam nicht eben jetzt ein Chor von Engeln Zum Feſtmahl mich zu laden? deren Glanz Mich gleich der Sonn' in tauſend Strahlen huͤllte? Die ew'ge Seligkeit verhießen ſie Und reichten Kraͤnze mir, die ich zu tragen Mich noch nicht wuͤrdig fuͤhle; doch ich werd' es Gewißlich einſt. Griff. Mich freut, daß Euren Sinn ſo ſuͤße Traͤume Erquicken. LCath. Laßt nun enden die Muſik, Sie duͤnkt mich rauh und laͤſtig. (Die Muſik hoͤrt auf.) Pat. Seht Ihr wohl Wie Ihre Hoheit plotzlich ſich veraͤndert? Wie lang ihr Antlitz, ihre Zuͤge bleich, Und kalt und erdig? Seht Ihr wohl die Augen? Griff. Sie ſtirbt, Kind, bete! bete!— Sz. 2. der Achte. 17⁵ at. Herr, ſey mit Ihr!— tritt auf.) Bote. Eu'r Gnaden wird———— Cath. Geh, unverſchaͤmter Menſch! Iſt das die ſchuld'ge Ehrfurcht? Griff. Ihr thut Unrecht Da Ihr es wißt, ſie will den Nang nicht laſſen, Daß Ihr ſo roh Euch zeigt! So kniet denn nieder. Bote. Ich bitt' Eu'r Hoheit demuthsvoll um Nachſicht, Die Eile ließ mich fehlen. Draußen harrt Ein Herr, geſandt vom Koͤnig, Euch zu ſehen. Cath. Gewaͤhrt ihm Zutritt, doch dieſen enſchen Laßt nie mich wieder ſehen. Griffith und der Bote ab.— Griffith kommt zuruͤck mit Capucius.) Irr' ich nicht, Seyd Ihr des Kaiſers, meines edien Neffen, Botſchafter, und Capucius iſt Eu'r Nahme. Cap. Derſelbe, Fuͤr ſtinn, Euer Knecht. Cath. O, Herr, Titel und Zeiten, ſeit Ihr juͤngſt mich ſaht, Sind ſehr veraͤndert. Sagt mir jetzt, ich bitt' Euch, Was fuͤhrt Euch her zu mir? Erhabne Frau, Cap. Vor allem eignes pflchtgefuht; demnaͤchſt Des Koͤnigs Auftrag Euch hier zu beſuchen. Es graͤmt ihn Eure Krankheit ſehr, er meldet Sein fuͤrſtliches Empfehlen Euch durch mich, Und wuͤnſcht von Herzen Euch den beſten Troſt. Cath. O werther Herr, dieß Troſten kommt zu ſpaͤt, 8 iſt wie Begnad'gung nach vollzognem Urtheil. Zur rechten Zeit war die Arzney mir Heilung, Jetzt braucht's der Troͤſtung keine, denn Gebet. ie geht es meinem Hrrrn?— Cap. In beſtem Wohlſeyn. Cath. Das bleib' ihm immer! Bluͤhe ſtets ſein Gluͤck Wenn ich bey Wuͤrmern wohne, wenn mein Nahme Verbannt wird ſeyn aus dieſem Reich! Patienza, Haſt Du mein Schreiben abgeſchickt? MNein, Fuͤrſtinn. Cath. Dann bitt' ich Euch in emuth, meinem Herrn Dieß einzuhaͤnd'gen. 176 Koͤnig Heinrich. A. W. — Cap. Fuͤrſtinn, zaͤhlt darauf. Cath. Empfohlen hab ich ſeiner Gnad und Milde Sein Toͤchterlein, das Abbild unſter Liebe; Des Himmels Thau tropf' ſegnend auf ſie nieder! Sie glaͤubig aufzuziehn erſucht' ich ihn, Sie iſt noch jung, von edler ſitt'ger Art, Und uͤbt die Tugend, hoff' ich. Dann, ein wenig Sie lieb zu halten ihrer Mutter wegen, Die ihn geliebt, der Himmel weiß wie theuer!— Weiter bitt' ich demuͤthig ihn um Mitleid Fuͤr meine armen Frau'n, die mir ſo lang' Treulich gefolgt in gut und boͤſem Gluͤck, Von denen wahrlich Kein',— ich weiß es ſicher, Und luͤge jetzt gewiß nicht,— die durch Tugend, Durch wahre Seelenſchoͤnheit, ſtrenge Sitte Und fein Betragen nicht den beſten Mann Verdient, und dieſer ſey von edlem Standz Und jeder Mann iſt gluͤcklich, ſo vermaͤhlt. Zuletzt nenn' ich die Diener;(arm ſind Alle, Doch Armuth wandte Keinen je von mir,) Man woll' auch ferner ihren Lohn nicht weigern, Noch etwas druͤber, mir zum Angedenken: Dafern mir Gott gegoͤnnt ein laͤng'res Leben Und reichern Schaß, wir ſchieden wohl nicht alſo. Das iſt der ganze Inhalt: theurer Herr; Bey allem was euch werth iſt in der Welt, Und wie Ihr chriſtlich' Ruh' den Todten wuͤnſcht, Seyd dieſer armen Leute Freund, und mahnt Den Koͤnig an dieß letzte Recht! Cap. Das will ich, So wahr mir Gott ein menſchlich Herz verliehn!— Cath. Ich dank' Euch, wuͤrd'ger Herr. Gedenkt auch meiner In aller Ehrfurcht gegen Seine Hoheit, Sagt, ſeine lange Sorge ſcheide jetzt Von hinnen, ſagt, ich ſegnet' ihn im Tode, Denn alſo will ichs thun— mein' Aug' wird dunkel— Lebt wohl!— Griffith, lebt wohl. Nein, geh noch nicht. Patienza, ruf' die andern Frau'n, ich muß Zu Bett— Wenn ich erſt todt bin, gutes Maͤdchen, Setzt mich mit Ehren bey; beſtreut mein Grab Mit jungfraͤulichen Blumen, daß man ſehe, Ich war bis an den Tod ein keuſches Weib⸗ Sz. 2. der Achte. 177 Ihr ſollt mich balſamiren, dann zur Schau Ausſtellen: zwar nicht Koͤnginn, doch begrabt mich Als Koͤniginn, und eines Koͤnigs Tochter⸗ Ich kann nicht mehr!— Die Koͤniginn wird hinweg gefuͤhrt.) F uͤnfter Aufzug. Erſte Szene. Eine Galleri im Koͤniglichen Parlaft. Gardiner, Biſchof von Wincheſter, tritt auf; ein age einer Fackel ſ her. Sir 4. gegnet ihm.) Gardiner. Die Uhr iſt Eins, nicht wahr? Pag. Es hat geſchlagen. Gard. Dieß ſollten Stunden ſeyn fur den Bedarf, Picht fuͤr Vergnuͤgung; Zeit, Natur zu ſtaͤrken Durch Schlafs Erquickung, zum Vergeuden nicht Beſtimmt— Gott ſchenk' Euch gute Nacht, Sir Thomas! Wohin ſo ſpaͤt? Lov. Mylord, kommt Ihr vom Koͤnig? Gard. So eben erſt; ich ließ ihn beym Primero Mit Herzog Suffolk. . Lov. Ich muß auch zu ihm, Eh' er ſich ſchlafen legt. Auf Wiederſehn Gard. Noch nicht, Sir Sbena Lovell; ſagt, was giebts? Ihr ſcheint in großer Eil, und wollt Ihrs nicht Auslegen als Beleid'gung,— theilt dem Freund Die Urſach mit ſo ſpaͤter Haſt: Geſchaͤfte, Die mitternaͤchtlich umgehn wie die Geiſter, Sind wildrer Art in ſich, als ſolches Treiben, Das Foͤrdrung ſucht des Tags. Lov. Mylord, ich lieb' Euch, Und moͤcht' Euch ein Geheimniß wohl vertraun, MI. 12 178 Koͤnig Heinrich A. V. Viel wicht'ger noch als dieß. Die Koͤniginn iſt in Wehen, Man ſagt, in aͤußerſter Gefahr; ſie fuͤrchten, Es werd' ihr Ende ſeyn. Gard. Fuͤr ihre Frucht Will ich von Herzen beten, wuͤnſch' ihr auch Gedeihn im Leben; doch den Stamm, Sir Thomas, Laßt immer jetzt vertilgen. Lov. Dazn ſprech' ich Das Amen mit, und dennoch ſagt mein Herz, Sie ſey ein gut Geſchoͤpf und liebes Weib, Und beßrer Wuͤnſche werth. Gard. Doch, Herr, Herr, hoͤrt Mich an, Sir Thomas: Ihr ſeyd ein Edelmann Von meiner Bahn, ich kenn“ Euch weiſe, fromm; Und laßt Euch ſagen,— beſſer wirds nicht eh,— Nicht eh, Sir Thomas Lovell, darauf baut, Bis Cranmer, Cromwell, ihre beyden Haͤnde, Und ſie,— im Grabe ruhn. Lov. Ey Sir, Ihr nennt Die Maͤchtigſten im Reiche. Cromwell ſtieg Vom Kron⸗Wardein erſt juͤngſt zum Archivar Und Rath des Koͤnigs, ſteht noch uͤberdem Recht auf dem Sprung zu weitrer Foͤrderung, Und harrt nur auf die Zeit,— der Erzbiſchof Iſt Zung' und Hand des Koͤnigs; wer nur wagt Ein Woͤrtlein wider den? Gard. Doch, doch, Sir Thomas, Noch wagk es einer wohl; ich ſelbſt erdreiſtet's Mich auszuſprechen, ja noch heut am Tag (Euch darf ich mich vertraun) ſchuͤrt' ich die Flamme Den Herrn vom Staatsrath, hoff' ich; zeigt', er ſey (Das, weiß ich, iſt er, ſie auch wiſſen es,) Ein erzverruchter Ketzer, eine Peſt, Die unſerm Reiche droht; worauf ihr Eifer Sich laut dem Koͤnig hat erklaͤrt, und dieſer, Gehoͤr uns leihend—(aus beſondrer Sorgfalt Und koͤniglicher Ahndung alles Unheils, Das unſte Gruͤnd' ihm dargelegt) dem Staatsrath Befehl ertheilt, ſich morgen zu verſammeln In aller Fruͤh. Dieß boͤſe Unkraut, Sir, Muß ausgerottet werden. Doch zu lang Halt' ich Euch auf; ich wuͤnſch' Euch gute Nacht. Sz. 1. der Achte. 179 Lov. Gut' Nacht gleichfalls, Mylord; ich bleib' Eu'r iener. Gardiner mit dem Pagen ab.) Der Koͤnig mit dem Herzog von Suffolk tritt auf.) Ron. Karl, laͤnger ſpiel' ich dieſen Abend nicht, Ich bin zerſtreut, Ihr ſeyd mir heut zu ſtark. uff. Herr, ich gewann zuvor von Euch noch nie. Roͤn. Nur ſelten, Karl, Und ſollt' auch nie, wenn ich nur achtſam bin— Nun, Lovell, von der Koͤniginn, wie ſteht's? Lov. Ich konnte nicht perſoͤnlich uͤberbringen Was Ihr gebotet; doch durch ihre Frau'n Sandt ichs ihr zu. Die Fuͤrſtinn ſagt Euch Dank In tiefſter Demuth, und erſucht Eur Hoheit Herzlich fuͤr ſie zu beten. Roͤn. Was ſagſt Du? Wie? Fuͤr ſie zu beten? Wie? Iſt ſie in Wehen? Lov. Das ſagten ihre Frau'n; und daß der Schmerz Ihr Qualen faſt zum Tode giebt. Roͤn. Die Arme!— Suff. Gott woll' ihr leichtlich ihre Buͤrde nehmen, Mit lindem Weh, um bald mit einem Erben Eu'r Hoheit zu erfreu'n. Ron. S iſt Mitternacht, Bitt' Dich, geh' ſchlafen, und gedenk im Beten Der armen Koͤniginn. Laß mich allein, Mir kreuzen ſich Gedanken, denen wenig Geſellſchaft frommt. Suff. Ich wuͤnſch' Eu'r Majeſtät Gut' Nacht, und meiner theuren Herrin will ich Gedenken im Gebet. Roͤn. Karl, gute Nacht. (Suffolk ab.) (Sir Anton Denny trit auf.) Nun, Sir, was giebts? Denn. Mylord den Etzbiſchof bracht' ich Eu'r Hoheit Wie Ihr befahlt. Roön. Ah, den von Canterbury? Denn. Ja, beſter Herr. Roͤn. S iſt wahr. Wo iſt er, Denny? Denn. Er harrt im Vorſaal. Ron. Fuͤhr' ihn her zu mir. Denny ab.) 180 Koͤnig Heinrich A. V. Lov.(bey Seite.) Das iſt, Biſchof zu mir pprach, Ich kam zur guten Stunde. Denny kommt zuruͤck mit Cranmer.) Roͤn. Verlaßt die Gallerie. (Lovell ſcheint zu zögern.) Ha! ſagt' ich's nicht? Fort da!— Was!— (Lovell und Denny ab.) Cranm.(bey Seite.) Ich bin voll Furcht— Warum der finſtre Blick? Sein Anblick ſchreckt mich. Alles iſt nicht gut. Ron. Nun, Mylord? Wiſſen wollt Ihr wohl, weshalb Ich Euch ließ rufen? Cranm.(Enieend.)'s iſt mir Pflicht, Eu'r Hoheit Befehlen ſtets zu gnuͤgen. Bon. Steht nur auf, Mein guter, wuͤrd'ger Lord von Canterbury, Kommt, gehn wir auf und nieder mit einander. Ich habe Neuigkeiten hier fuͤr Euch, Kommt naͤher, kommt, und gebt mir Eure Hand. Ach, guter Lord, es kraͤnkt mich ſehr zu ſagen, Und geht recht nah, was folgt, Euch auszuſprechen. Ich hab'— und zwar mit Kummer— juͤngſt vernommen Von mancher ſchweren,— wie Ihr hoͤrt, Mylord, Schweren Beſchuld'gung wider Euch; worauf Wir uns entſchieden haben, ſammt dem Staatsrath Euch morgen zu vernehmen: und ich weiß, Ihr koͤnnt ſo frey und rein Euch ſchwerlich läutern, Daß bis zur fernern Unterſuchung nicht Der Punkte ſo Ihr widerlegen ſollt Ihr Euch gedulden muͤßtet und bereiten Zwr Haus in unſerm Thurm zu ſuchen. Alſo Ziemt ſichs fuͤr Euch, den Bruder, weil kein Zeuge Sonſt gegen Euch erſchien'. Cranm. Eu'r Hoheit dank' ich, Und freu mich ſehr zu ſolchem ernſten Anlaß Sorgfaͤlt'ger Sichtung, die den Waitzen vollig Von meiner Spreu wird ſondern: denn ich weiß, WMich Armen treffen mehr Verleumderzungen Als irgend Einen. BRoͤn. Knie' nicht, Canterbury: Dein Recht, dein reiner Sinn ſchlug tiefe Wurzel Sz. 1. der Achte. 181 In uns, in Deinem Freund. Gebt mir die Hand, Kommt, gehn wir noch.— Nun, bey der Mutter Gott's, Was ſeyd Ihr fuͤr ein Mann denn? Dacht' ich doch Ihr wuͤrdet eine Bittſchrift jetzt mir reichen, Auf daß ich mich verwendete, nur ſchnell Die Gegner Euch zu ſtellen, und demnaͤchſt Euch ferner hoͤrte ſonder Haft. Cranm. Mein Fuͤrſt, Der Schutz, auf den ich trau', ſind Recht und Gradheit; Verließen die mich, wuͤrd⸗ ich mit den Feinden Mich meines Sturzes freun, denn ohne ſie Koͤnnt' ich mich ſelbſtnicht achten. Doch ich fuͤrchte Nichts was ſie ſagen moͤgen. Rönig. Wißt Ihr nicht, Was alle Welt weiß) wie Ihr mit der Welt ſteht? Sehr viel ſind Eurer Feind', Und kleine nicht; und deren Ranke ſind Wie ſie beſchaffen: und nicht immer traͤgt Wahrheit und Recht, wie ſich's geziemt, Freyſpruch Heim aus dem Streit. Wie leicht erkaufen nicht Verderbte Seelen gleich verderbte Schurken Zu ſchwoͤren gegen Euch? So was geſchieht! Die Gegner ſind Euch ſtark, und ihrer Macht Gleicht ihre Bosheit. Hofft Ihr guͤnſt'ger Gluͤck Im Punkt meineid'ger Zeugen denn Eu'r Heiland, Dem Ihr als Diener folgt, ſo lang' er wallte Auf dieſer ſchnoͤden Erde?— Wie? Ei! Ei! Euch duͤnkt ein Abgrund kein gewagter Sprung, Ihr werbt Euch ſelbſt den eignen Untergang! Cranm. So moͤgen Gott und Eure Majeſtät Beſchuͤtzen meine Unſchuld, ſonſt vermeid⸗ ich So viele Schlingen nicht! Ron. Seyd gutes Muths; Sie ſoll'n nicht weiter gehn, als wir geſtatten. Bleibt nur getroſt, und ſchickt Euch an, heut Morgen Vor ihnen zu erſcheinen. Kommt's, daß ſie Anklagen auf Verhaftung legen dar, So laßt nicht ab, die beſten Gegengruͤnde Zu haͤufen, ſcheut auch nicht ein heft'ges Wort, Wie's Euch der Anlaß eingiebt: wenn alsdann Eu'r Dringen fehl ſchlaͤgt, zeigt nur dieſen Ring, Und wendet Euch ſofort in ihrem Beyſeyn An mein Entſcheiden.— Seht, der Gute weint! 182 Koͤnig Heinrich. A. V. Der iſt getreu, auf Ehre!— Bey Chriſti Mutter, Ich ſchwoͤr's, er iſt wie Gold, das beſte Herz In unſerm Koͤnigreich— Nun geht, und thut Wie ich Euch ſagte. Seine Sprach' iſt ganz Erſtickt in Thraͤnen. (Cranmer ab.) (Eine alte Hofdametritt auf.) Zofcavalier.(hinter der Szene.) Bleibt zuruͤck! Was wollt Ihr? Zofd. Ich bleibe nicht zuruͤck! Ich habe Zeitung, Die Dreiſtigkeit geſittet macht.— Dein Haupt Umſchweben gute Engel, und ihr Fittig Beſchatte Dich!— BRon Aus Deinen Blicken leſ' ich Die Botſchaft— Iſt die Koͤniginn entbunden? Sprich ja, und von'nem Knaben? Zofd. Ja! ja! mein Koͤnig, Von einem ſuͤßen Knaben. Herr im Himmel, Beſchuͤtz' ihn nun und ewig!—'s iſt ein Maͤdchen, Das kuͤnft'ge Knaben wohl verſpricht. Die Koͤniginn Harrt Eures Kommens, Herr, und Eurer erſten Bekanntſchaft mit dem kleinen Ankoͤmmling. Er gleicht Euch wie ein Ey dem andern—— Roͤn. Lovell,— Lov. Herr! Roͤn. Gieb ihr hundert Mark. Ich will zur Koͤniginn. (Koͤnig ab.) Zofd. Nur hundert Mark? Zum Geyer! ich will mehr, Solch Zahlen ſchickt ſich fuͤr'nen ſchlechten Stallknecht. Mehr muß ich haben, ſonſt keif' ich's ihm ab: Sagt' ich deshalb, das Maͤdchen ſeh' ihm gleich? Ich muß mehr haben, ſonſt nehm' ichs ganz zuruͤck, Und nun das Eiſen, weil's noch heiß, zum ab. 3 w ey e Sne Vor dem Zimmer des Staatsraths. (Cranmer tritt auf. Thuͤrſteher und Bediente, drau⸗ ßen wartend.) Cranmer. S iſt, hoff' ich, nicht zu ſpaͤt, und doch empfahl mir Sz. 2. der Achte. 183 Der Bote, den der Staatsrath mir geſandt,. So große Eil— Noch zu? Was heißt das? He!— Wer hat den Dienſt? Ihr kennt mich doch? Thuͤrſt. O ja, Mylord; doch kann ich Euch nicht helfen. Cranm. Wie!— Thuͤrſt. Ihr muͤßt noch ſtehn,. bis man Euch ruft. Cranm. So?— (Doctor Butts tritt auf.) Butts.(uͤr ſich.. Nun, das iſt Ich in froh, Daß ich zum Gluͤck den Weg hier nahm.— Der Koͤnig Soll dieß ſogleich erfahren.(ab.) Cranm. Das iſt Butts, Des Koͤnigs Arzt. Als er voruͤbergieng, Wie ernſt er ſeinen Blick auf mich geheftet! Wenn er nur nicht mein Ungluͤck weiß! Gewiß iſt's Abſichtlich angelegt durch meine Feinde, Gott beſſere ſie, nie reizt' ich ihre Tuͤcke!—) Zu meinem Schimpf; ſonſt ſchaͤmten ſie ſich wohl Mich vor der Thuͤr zu laſſen, ihres Gleichen Im Staatsrath, unter Troß und Knechten. Mag Ihr Wille doch geſchehn, ich warte ruhig. Der Koͤnig und Butts, oben am Fenſter.) Butts. Ich zeig' Eu'r Hoheit den ſeltſamſten Auftritt... Roͤn. Was meynſt Du? Butts. Ich denk“, Eu'r Hoheit ſah wohl ſchon dergleichen. Ron. Zum Element! Wo iſt's?— Butts. Scht hier, mein Fuͤrſt, Das Stands Erhoͤhn Mylords von Canterbury, Der Fuß gefaßt am Thor, mit Haͤſchern, Pagen, Und Dienertroß. Ron. Ha, wirklich! Er iſt's ſelbſt! Iſt dieß die Ehr', die ſie einander goͤnnen? Gut, daß doch einer hoͤher noch. Ich dachte, Sie theilten ſo viel Rechtſinn unter ſich, (Zum mind'ſten gute Sitte) nicht zu dulden Daß Maͤnner ſolches Rangs und uns ſo nah Hier Ihrer Gnaden Wohilgefall'n abwarte, Und an der Thuͤr, wie'n Poſtknecht mit Packeten! Butts, bey der Mutter Gott's, ſo handeln Schufte! Koͤnig Heinrich A. V Doch laß ſie nur, ziehn wir den Vorhang zu, Wir werden weiter ſehn.— (Das Zimmer des Staatsraths. Der Lord Kanzler ſetzt ſich oben an die Tafel zur Linken; ein Sitz uͤber ihm bleibt leer, als der dem Erzbiſchof von Canterbury gehoͤrt. Die Herzoge von Norfolk, Suffolk, Surrey, der Lord Kaͤmmerer, und der Biſchof von Wincheſter ſetzen ſich nach der Ordnung zu beyden Seiten der Tafel. Crom⸗ well als Secretair zu unterſt.) Ranzl. Beginnt den Vortrag jetzt, Herr Secretair. Was fuͤhrt uns heut zuſammen? Cromw. Gnaͤd'ge Herrn, Der Fall betrifft Mylord von Canterbury. Gard. Gab man ihm Nachricht? Cromw. Ja. Norf. Wer wartet dort? Thürſt. Dort außen? Gard. Ja. Thuͤrſt. Nun, der Herr Erzbiſchof, Der Eures Winks ſeit einer Stunde harrt. Ranzl. Laßt ihn herein. Thurſt. Eu'r Gnaden kann jetzt kommen. (Cranmer naͤhert ſich der Verſammlung.) Ranzl. Werther Herr Erzbiſchof!— Mit tiefem Kummer Sitz' ich allhier, und ſehe jenen Stuhl Erledigt: doch wir Alle ſind nur Menſchen, Schwachheit iſt unſer Erb' und wen'ge nur Weil noch im Fleiſch, ſind Engel. Welche Schwachheit Und bloͤde Weisheit Euch zumahl verfuͤhrt, Der uns das beſte Beyſpiel ſollte geben, Euch zu verſuͤnd'gen, und fuͤrwahr, nicht leicht! Zuerſt am Koͤnig; dann am Recht, indem Das Reich durch Euch und Eurer Pfarrherrn Lehre (Denn ſo verlautet's) neuer Irrthum fuͤllt, Sektirung und Gefahr; kurz, Ketzerey, Die, nicht gedämpft, Verderbniß muß erzengen. Gard. Und ſolche Daͤmpfung thut uns eilend Noth, Ihr edlen Herrnz wer wilde Hengſte zaͤhmt, Dem reicht die Hand nicht aus, ſie fromm zu ziehn, Er zwaͤngt ihr Hanpt mit ſcharfem Zaum, und ſpornt ſie Bis ſie der Fuͤhrung weichen. Dulden wir Nach unſrer Laͤſſigkeit und kind'ſcher Sorgfalt Sz. 2. der Achte. 185⁵ Juͤr Eines Mannes Ruf ſolch ſchnoͤde Peſt, Dann, Heilkunſt, fahre wohl! Was wird die Folge? Aufruhr, Emporung, allgemeine Seuche Des ganzen Staats, wie kuͤrzlich unſre Nachbarn Im obern Deutſchland theuer genug bezeugt, Die noch ganz neulich unſern Schmerz erregt. Cranm. Ich habe treu bisher gekaͤmpft, Mylords, In meines Amts und Lebens ganzem Fortgang, Und nicht mit kleiner Muͤhe, daß mein Wort Und meines Lehreranſehns ſtrenger Gang Die gleiche Bahn bewahrten, und das Gute Blieb ſtets mein Ziel: auch lebt auf Erden wohl, Das ſag' ich ganzes Herzens, edle Lords,— Nicht Einer, der die Stoͤrer heim'ſchen Friedens Mehr haßt als ich, noch ihnen mehr entgegnet. Gott geb', es diente keiner je dem Koͤnig Mit mind'rer Treu und Liebe! Wem der MNeid, Die krumme Argliſt Nahrung giebt, deß Biß Wagt an die Beſten ſich. Ich bitt' Euch, Herrn, Laßt meine Klaͤger mir in dieſer Sache, Wer ſie auch ſey'n, hier gegenuͤber ſtehn, Und ohne Ruͤckhalt zeugen. Suff. Nein, Mylord, Das geht nicht an. Ihr ſeyd des Staatsraths Mitglied, Und ſolche Wuͤrde ſchutzt vor aller Klage. Gard. Mylord, weil uns bedeutenders noch obliegt, Seyd kurzlich abgefertigt. Seine Hoheit, Nach unſerm Schluß, zu beß rer Unterſuchung, Verlangt, daß Ihr Euch gleich zum Thurm begebt, Wo Ihr, Privatmann wiederum geworden, Erfahren ſollt, wieviel Ihr Kläger habt; Und, fuͤrcht' ich, mehr als Ihr's gewaͤrtig ſeyd. Cranm. Ey, werther Lord von Wincheſter, ich dank' Euch, War't Ihr doch ſtets mein Freund: nach Eurem Wunſch Spracht Ihr zugleich die Klage wie das Urtheil, So menſchlich ſeyd Ihr. Euer Trachten ſeh' ich, S iſt mein Verderben: Lieb' und Nachſicht, Lord, Ziemt frommen Hirten mehr als Sucht der Ehre;— Mit Glimpf verirrte Seelen wieder werben, Und keine von ſich ſtoßen. Mich zu rein'gen, Und beugt Ihr auch mir gaͤnzlich die Geduld, Bleibt mir kein Zweifel, gleich wie Euch kein Scrupel 186 Koͤnig Heinrich A. V. Fuͤr taglich Unrecht. Mehr noch koͤnnt' ich ſagen, Doch mahnt die Achtung fuͤr En'r Amt zur Demuth. Gard. Mylord, Mylord, Ihr ſeyd ein Sektenſtifter, Das liegt am Tag; Eu'r gleißend heller Firniß Huͤllt Schwaͤch' und leere Worte nimmer ein. Cromw. Mylord von Wincheſter, verzeiht in Gnaden, Ihr duͤnkt mich faſt zu hart. So edle Maͤnner, Wenn gleich im Irrthum, ſollten Nachſicht finden Fuͤr das was ſie geweſen. Grauſam iſt Den Fallenden zu draͤngen. 6Gard. Mein Herr Schreiber, Ich bitt' Eur' Gnaden um Verzeihung; Ihr Der Schlimmſt' am Tiſch hier, darf ſo ſprechen. Cromw. Wie? Gard. Kenn' ich Euch etwa nicht, als zugethan Der neuen Sekt'? Ihr ſeyd nicht rein. Cromw. Nicht rein?— Gard. Nicht rein, ſag' ich. Cromw. Waͤr't Ihr nur ſelbſt ſo lauter, Dann folgt Euch Segen nach, wie jetzt die Furcht. Gard. Des frechen Worts gedenk' ich. Cromw. Immerhin, Doch auch des frechen Thuns. Ramm. Das geht zu weit!— Ihr Herrn, hoͤrt ard. Ich bin zu End'. Cromw. Ich auch. Raͤmm. Was Euch betrifft, Mylord, ſo glaub' ich ward Einſtimmig der Beſchluß gefaßt, zum Thurm Euch als Gefang'nen ſchleunig abzuſenden, Wo Ihyr verbleibt, bis fern'rer Auftraguns Vom Koͤnig kommt. Mylords, ſind alle einig? Alle. Pa⸗ ſind wir. Cranm. Iſt fuͤr mich kein mild'rer Weg, Muß ich durchaus zum Thurm, Ihr Herrn? Gard. Welch' andrer Bleibt wohl fuͤr Euch? Ihr ſeyd ſehr uͤberlaͤſtig! Ruft von der Wache wen hicher! Cranm. Fuͤr mich? So ſtellt Ihr mich Verraͤthern gleich? (Es treten einige von der Wache in den Saal.) Gard. Empfangt ihn, Und fuͤhrt ihn in den Thurm. * Sz. 2. der Achte. 187 Cranm. Halt, gute Lords, Goͤnnt mir zwey Worte noch.— Seht, werthe Herrn, Kraft dieſes Ringes nehm' ich meine Sache Aus boͤſer Menſchen Klaun, und gebe ſie Einem hoͤhern Richter, meinem Herrn und Koͤnig. Rämm. Das iſt des Koͤnigs Ring. Surr. S iſt kein verfaͤlſchter. Suff. Der aͤchte Ring; bey Gott, ich ſagt' Euch allen, Als Ihr verſucht, den ſchlimmen Fels zu rollen, Er traͤf' uns ſelbſt zuletzt. Morf. Glaubt Ihr, Mylords, Der Koͤnig laſſe dieſem Mann auch nur Den kleinen Finger kraͤnken? Rämm. Nur zu wahr! Und wie viel mehr liegt ihm an dieſem Leben! Ich wollt', ich waͤr' heraus. Cromw. Mir ward es klar, Als Ihr noch Kundſchaft ſuchtet und Verdacht Wider ſolchen Mann, deß Redlichkeit allein Der Teufel und ſein Anhang ſieht mit Neid, Ihr ſchuͤrtet ſelbſt das Feuer, das Euch brennt, un ſeht Euch vor!— (Der Koͤnig tritt herein, und ſieht mit zuͤrnenden Blicken auf die Herrn vom Staatsrath. Dann ſetzt er ſich.) Gard. Erhab'ner Fuͤrſt, wie danken wirs dem Himmel Alltaͤglich, der uns ſolchen Herrn gegoͤnnt, Nicht nur hoͤchſt weiß und zut, doch fromm vor Allem. Ein Koͤnig, der die Kirch' in ſeiner Demuth Zum Ziel des hoͤchſten Ruhms ſich waͤhlt, und ſelbſt Um ſolche Pflicht zu kraͤft'gen, voller Huld Der heutgen Sitzung naht, um ihren Rechtsfall Mit jenem Hauptverbrecher zu vernehmen. Ron. Lobreden aus dem Stegreif ſcheint Eur Fach, Biſchof von Wincheſter: Doch komm' ich nicht Solch Schmeicheln mir ins Antlitz jetzt zu hoͤren, Zu duͤnn und ſchal, die Bosheit zu verhuͤllen. Ihr reicht nicht hoch genug— dei Schooshund aͤhnlich Meynt Ihr mit Zungenſpiel mich zu gewinnen; Doch wie du auch mich nimmſt, ich bin gewiß, Du hegſt grauſame, blut'ge Sinnesart.—. Setz dich, mein guter Cranmer. Nun, laßt ſehn! Laßt nun den Keckſten, der am meiſten wagt, Nur ſeinen Finger heben wider dich! 188 Koͤnig Heinrich A. W Beym Himmel! beſſer thaͤt' er, zu verhungern, Als daͤcht' er, dieſer Platz ſey dir zu gut. Surr. Gefall Eu'r Hoheit,— Roͤn. Nein, Sir, es mißfaͤllt mir. Ich dacht', ich haͤtte Maͤnner von Verſtand Und Einſicht hier im Rath, doch taͤuſcht' ich mich. War's klug gethan, Ihr Herrn, hier dieſen Mann, Den guten Mann— wen nennt'ich ſo von Euch? Den wuͤrd'gen Mann, gleich einem lump'gen Diener Ihn laſſen vor der Thuͤr? Ihn, der Euch gleich? Ey, welche Schmach! hieß meine Vollmacht Euch So gaͤnzlich Euch vergeſſen? Ich erlaubt' Euch Ihn zum Verhoͤr zu ziehn als meinen Staatsrath, Nicht als'nen Burſchen. Zwar ich ſeh' hier manchen, Der mehr aus Argliſt denn aus reinem Eifer, Vermoͤcht' ers, ihm das Aergſte zuerkennte: Allein, das ſollt Ihr nie, weil ich noch lebe. Ranzl. Bis hieher, hoͤchſter Herr, vergoͤnn' Eu'r Hoheit Den Hergang zu entſchuld'gen. Was beliebt ward Anlangend ſein Gefaͤngniß, traf vielmehr, Wenn Treu und Glauben gelten, ein Verhoͤr Und Rein'gung vor der Welt, als boͤſen Zweck; In mir zum mind'ſten. Roͤn. Ehrt ihn denn, ihr Herrnz So nehmt ihn denn und liebt ihn, er verdient es. Ich ſage nur ſo viel von ihm: Kann je Ein Fuͤrſt dem Unterthan verpflichtet ſeyn, Bin ich es ihm fuͤr ſeine Lieb' und Dienſte; Macht keine Umſtaͤnd' mehr, umarmt ihn alle; Seyd Freunde, ſchaͤmt Euch, Lords!— Lord Canterbury, Ich hab''ne Bitt' an Euch, verſagt mir's nicht: Roch fehlt die Tauf''nem art'gen kleinen Fraͤulein, Ihr muͤßt Gevatter ſeyn und ſie vertreten. Cranm. Der groͤßte Koͤnig wuͤrd' erfreut und ſtolz Durch ſolche Ehre; wie verdien' ich ſoviel!— Ich Eu'r geringer, ſchwacher Unterthan!— Roͤn. Geht, geht, Mylord; ich glaub' Ihr ſpartet gern Die Pathenloͤffel— Ich beſorg' Euch noch Zwey wuͤrdige Gehuͤlfen: Lady Norfolk, Und Marquis Dorſets Frau: gefaͤllt's Euch ſo? Noch einmahl, Mylord Wincheſter, ich ſag's Euch, Kuͤßt dieſen Mann, und liebt ihn. Sz. 2. der Achte. 189 Gard. Bruͤderlich Und treues Herzens ſeyd umarmt. Cranm. Der Himmel Bezeug' es, wie mich dieſes Wort erfreut! Roͤn. Redlicher Mann! die Freudenthraͤne zeigt dein treues Herz. Des Volkes Stimme ſeh' ich hier bewaͤhrt, Die oft geſagt: Spielt Mylord Canterbury nen haͤnſchen Streich, dann habt ihr ihn zum Freund.— Kommt Herrn, die Zeit iſt edel, mich verlangt Als Chriſtinn meine Kleine bald zu ſehn. Doch Ihr bleibt einig, wie Ihr jetzt Euch zeigt, Daß meine Macht, wie Eure e ab. Dritte Scene. Der Schloßhof. (Geraͤuſch und Tumult hinter der Buͤhne. Der Pförtner und ſein Knecht treten auf.) Pfoͤrtner. Werdet ihr bald mit Laͤrmen aufhoͤren, ihr Eſel? Meynt ihr, der Schloßhof ſey ein Baͤrengarten? Ihr wuͤſten Ge⸗ ſellen, laßt ab mit Gaffen. Einer von Drinnen. Lieber Meiſter Pfoͤrtner, ich ge⸗ hoͤre zur Speiſekammer. Pfoͤrtn. Gehoͤrt zum Galgen und laßt Euch haͤngen, ihr Maulaff. Iſt dieß der Ort, ſolch ein Gebruͤll zu ver⸗ fuͤhren? Hohlt mir ein Dutzend Schwarzdornknittel, von den ſtaͤmmigſten. Dieſe hier ſind alle nur wie Reitgerten. Ich werde euch die Koͤpfe krauen; muͤßt ihr auf Kindtaufen ſeyn? Steht euch der Sinn auf Bier und Kuchen hier, ihr wuͤſten Eſel? Rnecht. Seyd ruhig, lieber Herr,*s iſt gleich unmoͤglich, Wir fegen denn ſie mit Kanonen heim, Sie zu zerſtreun, als ſie zum Schlaf zu bringen Am Maytag Morgen, nimmer ſetzt ihrs durch: Wir braͤchten wohl Sankt Paul ſo leicht zum Weichen. Pförtn. Wie zum Henker kamen ſie denn herein? 190 Koͤnig Heinrich A. Rnecht. Ich weiß nicht, e wie bricht die Fluth herein? Was ein geſunder Pruͤgel von vier Fuß Austheilen konnte,— ſeht die winz'gen Reſte,— Herr, daran ſpart' ich nichts. Pfoͤrtn. Nichts thatet Ihr. Rnecht. Ich bin kein Simſon, kein Ritter Guy, kein Rieſe Colbrand, daß ich ſie vor mir niedermaͤhen koͤnnte; wenn ich aber Einen verſchont habe, der einen Kopf zum Treffen hatte, jung oder alt, Er oder Sie, Hahnrey oder Hahnreymacher, ſo will ich nie wieder einen Rippenbraten vor Augen ſehn, und das moͤcht' ich nicht fuͤr eine ganze Kuh, Gott troͤſte ſie. Pon Drinnen. Hoͤrt ihr, Meiſter Pfoͤrtner? Pfoͤrtn. Gleich werd' ich bey Euch ſeyn, lieber Meiſter Haſenfuß. Halt die Thuͤr feſt zu, Kerl. Rnecht. Was wollt ihr, daß ich thun ſoll? Pfoͤrtn. Was ſollt ihr anders thun, als ſie bey Dutzen⸗ den zu Boden ſchlagen? Iſt dies Moorfields, wo gemu⸗ ſtert wird? Oder haben wir einen auslaͤnd'ſchen Indianer mit einem großen Schweif am Hofe, daß die Weiber uns ſo belagern? Gott behuͤte, was fuͤr unzuͤchtiges Geſindel ſich da vor der Thuͤr herumtreibt! Bey meiner chriſtlichen Taufe, dieſer eine Taͤufling bringt ihrer tauſend neue zu⸗ wege— hier kommen Vater, Gevatter, und alle Welt zu⸗ ſammen. Rnecht. Deſto dichter fallen die Loͤffel, Herr. Dort ſteht ein Kerl ſo ziemlich nah' an der Thuͤre, der muß ein Kupferſchmied ſeyn nach ſeinem Geſicht; denn, mein Seel, zwanzig Hundstage regieren ihm in der Naſe: alle die um ihn her ſtehn ſind unter der Linie, ſie brauchen keine Strafe weiter: dieſen Feuerdrachen traf ich dreymahl auf den Kopf, und dreymahl gab ſeine Naſe Feuer auf mich; er ſteht wie ein Moͤrſer da, um auf uns loszubrennen. Neben ihm ſah ich ein Troͤdlerweib mit kleinen Waaren und kurzen Ga— ben, das auf mich ſchimpfte, bis ihre zackigte Suppen⸗ ſchuͤſſel ihr vom Kopf fiel, weil ich ſolch einen Brand im gemeinen Weſen anſchuͤre. Ich verfehlte das Feuermeteor einmahl, und traf dieſes Weib, das gleich rief: Pruͤgel her! Worauf ich alsbald an die vierzig Knitteltraͤger ihr zu Huͤlfe kommen ſah, die Hoffnung des Strands, den ſie bewohnt. Sie griffen an, ich hielt mich tapfer; zuletzt kams bis zum Beſenſtiel, und noch immer bot ich Trotz: Sz. 3. der Achte. 191 als ploͤtzlich eine Reihe von Jungen hinter ihnen, loſes Ge⸗ ſindel, ſolch einen Hagel von Steinen gegen mich anſchickte, daß ich die Segel einzog und froh ſeyn mußte das Feld zu raͤumen. Der Teufel war unter ihnen, glaub' ich ſicher. Pfoͤrtn. Das ſind die Schlingel, die im Theater trom⸗ meln und ſich um angebißne Aepfel pruͤgeln; ſolche, die kein Zuhoͤrer aushalten kann, als einer von der truͤbſeligen Gilde zu Towerhill, oder von ihrer theuern Bruͤderſchaft, der Gemeinde zu Limehouſe. Ein paar von ihnen hab' ich in limbo patrum, wo ſie wohl dieſe drey Tage durch tan⸗ zen koͤnnten, außer dem ambulirenden Banquet zweyer Buͤttel, das ihnen noch bevorſteht. (Der Lord Kämmerer tritt auf.) Raͤmm. Gott ſteh' uns bey, Raeti ein Schwarm iſt dieß! Er waͤchſt ſtets noch, es draͤngt von allen Seiten Als gaͤb' es Jahrmarkt! Wo ſind hier die Pfoͤrtner, Die faulen Schelme? Schoͤne Arbeit, he!— Ein ſaub'rer Haufe hier im Hof! Sind dieß Die werthen Freunde von der Vorſtadt her? Gewiß, den Damen bleibt viel Platz noch offen Wenn ſie vom Taufſaal kommen. Pförtn. Sieht Eu'r Gnaden, Wir ſind nur Menſchen: was da moͤglich war Untodtgeſchlagner Weiſe, das geſchah: Ein ganzes Heer bezwingt ſie nicht. Rämm. Beym Himmel, Wenn mich der Koͤnig ſchilt, ſo ſollt ihr all' Ins Eiſen mit den Ferſen, unverzuͤglich, Und Eure Koͤpfe trifft''ne runde Buße. Ihr klappert mit dem Krug, ihr faulen Schelme, Ob auch der Dienſt drum ſtill ſteht!— hoͤrt, man blaͤßt, Sie kommen von der Taufe ſchon zuruͤck; Geht, brecht mir durch's Gedraͤng' und macht Euch Bahn, Und Raum dem Zug, ſonſt ſuch' ich Euch ſofort Ein Kloſter aus, das Euch ſechs Wochen herbergt. Pfoͤrtn. Macht Platz fuͤr die Prinzeſſinn!— Rnocht. Ihr großer Kerl, geht auf die Seite, oder ich will Euch Kopfweh machen. Pfoͤrtn. Ihr da, in deun geſtreiften Wams, packt Euch aus den Schranken, oder ich werf' Euch uͤber die Pfeiler. Calle ab.) 5— Koͤnig Heinrich A. V. Vierte Szene. (Im Pallaſt. Blaſende Trompeter; darauf zwey Aldermaͤn⸗ ner; der Lord Mayor; der Herold; Cranmer, der Her⸗ zog von Norfolkmit dem Marſchallsſtabe; der Herzog von Suffolk; zwey Edelleute, die große aufrechtſtehende Schaa⸗ len als Taufgeſchenke tragen, darauf vier Edelleute, die ei⸗ nen Thronhimmel halten, unter welchem die Herzoginn von Norfolk als Gevatterin das Kind traͤgt. Sie iſt reich in einen Mantel gekleidet, eine Hofdame haͤlt ihre Schleppe. Ihr folgen die Marquiſin von Dorſet, als zweyte Gevat⸗ terin, und andre Damen. Der Zug geht einmal uͤber die Buͤhne, dann ſpricht der Berold. Der Himmel verleihe nach ſeiner endloſen Guͤte Gedeihen, langes und immer gluͤckliches Leben der hohen und maͤchtigen Prinzeſſinn von England, Eliſabeth!— (Trompetenſtoß. Der Koͤnig und ſein Gefolge treten auf.) Cranm. Und meiner edlen Mitgevattern Flehn Und meins fuͤr Eure Koͤnigliche Hoheit Und unſre theure Koͤniginn iſt dieß: Moͤg' alle Freud' und Troͤſtung, ſo der Himmel Je aufgeſpart zwey Eltern zu begluͤcken, In dieſem holden Kind Euch ſtuͤndlich wachſen!— Roͤn. Ich dank' Euch, wertheſter Lord Erzbiſchof. Wie iſt ihr Nahm'? Cranm. Eliſabeth. Roͤn. Steht auf. (indem er die Prinzeſſinn kuͤßt.) Mein Segen mit dem Kuß! Gott ſey mit Dir, In ſeine Hand leg' ich Dein Leben!— Cranm. Amen! Roͤn. Ihr habt zu viel geſpendet, edle Zeugen, Ich dank' Euch: auch dieß Fraͤulein thuts dereinſt, obald ihr Engliſch ausreicht. Cranm. Laßt mich reden, Gott will's; und achte keiner hier mein Wort Fuͤr Schmeicheley, denn Wahrheit ſollt Ihr's finden. Dieß Koͤnigs Kind,—(ſtets ſey mit Dir der Himmel)) Ob in der Wiege noch, verheißt dem Reich Tauſend und aber tauſend Segensfuͤlle, Die Zeit zur Reife fuͤhrt. Du wirſt dereinſt (Mur wen'ge jetzt am Leben ſchau'n es noch) Sz. 3. der Achte. 193 Ein Muſter aller Koͤn'ge neben Dir Und die nach Dir erſcheinen. Saba's Fuͤrſtinn Hat Weisheit nicht und Tugend mehr geliebt Als dieſe holde Unſchuld. Jede Zier, Jedwede Anmuth ſo erhabnen Haupts, Und jede Tugend, die den Frommen ſchmuckt, Sey Dein gedoppelt Loos. Dich traͤnke Wahrheit, Himmliſche Froͤmmigkeit berathe Dich. zeliebt wirſt Du, gefuͤrchtet ſeyn: geſegnet Von Deinen Freunden. Die Feinde zittern gleich geſchlag'nen Halmen, Und Sorge neigt ihr Haupt. Heil waͤchſt mit Dir, In Deinen Tagen ißt in Frieden jeder Unter dem eignen Weinſtock was er pflanzte: Des Friedens heitre Klaͤnge toͤnen rings, Gott wird erkannt in Wahrheit; Deine Treuen, Durch Dich gefuͤhrt zum wahren Pfad der Ehre, Erkaͤmpfen hier ſich Groͤße, nicht durch Blut. Auch ſchlaͤft mit ihr der Friede nicht; nein, wie Der Wunder⸗Vogel ſtirbt, der Jungfrau'n⸗Phoͤnir, Erzengt ſich aus der Aſch' der Erbe dann, Dem Stannen ganz ſo groß, wie ſie es war; So laͤßt ſie einem andern allen Segen, Muft ſie der Herr aus Wolken dieſes Dunkels) Der, aus der heil'gen Aſche ihrer Ehre, Sich, ein Geſtirn, ſo groß wie ſie, erhebt, Von Glanz erhellt: Fried', Fuͤll, Lieb, Treue, Schreck, Die Diener dieſes auserwaͤhlten Kindes, Sind ſeine dann, wie Reben ihn umſchlingend; Wo nur des Hinmels helle Sonne ſcheint, Da glaͤnzt ſein Ruhm, die Große ſeines Nahmens, Und ſchaffet nene Voͤlker: Er wird bluͤhn, Und weit, wie Berges Cedern, ſeine Zweige Auf Ebnen ſtrecken.— Unſte Kindes Kinder Sie ſehn, Gott preiſend, dieß. Boͤn. Hm! Du ſprichſt Wunder. Cranm. Sie wird zu S ſchoͤnſtem Ruhm ge⸗ S egnet Mit hohen Jahren, viele Tage ſieht ſie, Und keinen doch ohn eine That des Ruhms. O ſaͤh' ich weiter nicht! Doch ſterben mußt Du, Du mußt, die Heil'gen woll'n Dich: doch als Jungfrau, 13 14 Als fleckenloſe Lilie ſenkt man Dich Hinab zur Erd', und alle Welt wird trauern. Roͤn. Lord Erzbiſchof, Ihr habt mich jetzt zum Mann gemacht; noch nichts Beſaß ich je vor dieſem ſel'gen Kinde. Dieß Troſt⸗Orakel hat mich ſo begluckt, Daß ich dereinſt im Himmel wuͤnſchen werde, Das Thun des Kinds zu ſehn, und Gott zu preiſen. Ich dank' Euch allen. Euch, werther Lord Mayor, ſind Euren Bruͤdern bin ich hoͤchſt verbunden, Ich ward geehrt durch Eure Gegenwart, Und will mich dankbar zeigen. Kommt, Ihr Herrn, Ihr muͤßt die Koͤniginn noch Alle ſehn: duch alle muß ſie ihres Danks verſichern, Sonſt wird ſie nicht geneſen. Heut ſoll Keiner Des Hauſes warten, Alle bleibt als Gaͤſte; Denn dieſe Kleine ſtempelt ihn zum Feſte. Alle ab.) Koͤnig Heinrich. A. V. 195 S 9 g 5 Zehn gegen Eins, daß unſer Spiel nicht Allen Behaglich war. Der ſchlief mit Wohlgefallen Zwey Acte durch; da weckt ihn ungebuͤhrlich Trompetenſchall und Laͤrm: nun heißts natuͤrlich: „Das Stuck iſt ſchlecht.“ Der kam, um Groß und Klein Verhoͤhnt zu ſehn, und„ächter Witz“ zu ſchreyn: Was gleichfalls ausblieb. Darum fuͤrcht' ich heut Kein Lob zu erndten, wie's uns oft erfreut; Und unſer einzig Hoffen laßt uns bau'n Auf guͤt'ge Nachſicht ſanft geſtimmter Frau'n. Denn eine ſolche ſah'n ſie hier; und kroͤnt Ihr Beyfall uns, dann weiß ich auch verſoͤhnt Die Maͤnner: unſer Spiel wird Gunſt erlangen, Sie klatſchen gern, wenn's ihre Frau'n verlangen. 13* Ein Sommernachtstraum. Perſonen: Theſeus, Herzog von Athen. Egeus, Vater der Hermia. Q „ Liebhaber der Hermia. Philoſtrat, Aufſeher der Luſtbarkeiten am Pofe des Theſeus. Squenz, der Zimmermann, Sch nock, der Schreiner. Zettel, der Weber. Flaut, der Baͤlgenflicker. Schnauz, der Keſſelflicker. Schlucker, der Schneider. Hippolyta, Koͤniginn der Amazonen, mit Theſeus verlobt. Hermia, Tochter des Egeus, in Lyſander verliebt. Helena, in Demetrius verliebt. Oberon, Koͤnig der Elfen. Titania, Koͤniginn der Elfen. Puck, oder Robin Gutgeſell, ein Eife. Bohnenbluͤthe, Spinnweb, Elfen. Motte, Senfſamen, Pyramus, Thisbe, Wand, Mondſchein, Löwe, Andere Elfen im Gefolge des Koͤnigs und der Königinn. Gefolge des Theſeus und der Hippolyta. Rollen in dem Zwiſchenſpiele, das von den Ruͤpeln vorgeſtellt wird. Szene: Athen und ein nahe gelegener Wald. ſ e A u f z u g. —.—— Erſte Scene. Ein Saat im Pallaſte des Theſeus. — (Theſeus, Hippolyta, Philoſtrat und Gefolge tre⸗ ten auf.) Theſeus. Nun ruͤckt, Hippolyta, die Hochzeitſtunde Mit Eil heran; vier frohe Tage bringen Den neuen Mond; doch, o wie langſam nimmt Der alte ab! Er haͤlt mein Sehnen hin, Gleich einer Wittwe, deren duͤrres Alter Von ihres Stiefſohns Renten lange zehrt. Zippol. Vier Tage tauchen ſich ja ſchnell in Naͤchte: Vier Naͤchte träͤumen ſchnell die Zeit hinweg: Dann ſoll der Mond, gleich einem Silberbogen Am Himmel neu geſpannt, die Racht beſchaun Von unſerm Feſt. Theſ. Geh', Philoſtrat, berufe Die junge Welt Athen's zu Luſtbarkeiten! Erweck den raſchen leichten Geiſt der Luſt. Den Gram verweiſe hin zu Leichenzugen: Der bleiche Gaſt geziemt nicht unſerm Pomp. Ghiloſtrat ab.) Hippolyta! ich habe mit dem Schwert Um dich gebuhlt, durch angethanes Leid Dein Herz gewonnen; doch ich ſtimme nun Aus einem andern Ton', mit Pomp, Triumph, Bankett und Spielen die Vermaͤhlung an. (Egeus, Hermia, Lyſander und Demetrius treten auf.) Pgeus. Dem großen Theſeus, unſerm Herzog, Heil! Theſ. Mein guter Egeus, Dank! Was bringſt du Neues? 200 Dann uͤbergeb' ich dieſem Manne ſie, Ein Sommernachtstraum. R. 1. Egeus. Verdruſſes voll erſchein' ich, und verklage Mein Kind hier, meine Tochter Hermia.— Tritt her, Demetrius.— Erlauchter Herr, Dem da verhieß mein Wort zum Weibe ſie. Tritt her, Lyſander.— Und, mein gnaͤd'ger Fuͤrſt, S Der da bethoͤrte meines Kindes Herz. Ja! Du, Lyſander, du haſt Liebespfaͤnder Mit ihr getauſcht: du ſteckteſt Reim' ihr zu; Du ſangſt im Mondlicht unter ihrem Fenſter Mit falſcher Stimme Lieder falſcher Liebe; Du ſtahlſt den Abdruck ihrer Phantaſie Mit Flechten deines Haares, buntem Tand, Mit Ringen, Straͤußen, Naͤſchereyen(Boten Von viel Gewicht bey unbefangner Ingend); Entwandteſt meiner Tochter Herz mit Eit, Verkehrteſt ihren kindlichen Gehorſam In eigenſinn'gen Trotz.— Und nun, mein Fuͤrſt, Verſpricht ſie hier vor Eurer Hoheit nicht Sich dein Demetrius zur Eh', ſo fodr' ich Das alte Buͤrgervorrecht von Athen, Mit ihr, wie ſie mein eigen iſt, zu ſchalten. Wo nicht, dem Tode, welchen unverzuͤglich In dieſem Falle das Geſetz verhaͤngt. Theſ. Was ſagt ihr, Hermia? Laßt ench rathen, Kind. Der Vater ſollte wie ein Gott euch ſeyn, Der euren Reiz gebildet; ja wie einer, Dem ihr nur ſeyd wie ein Gepraͤg, in Wachs Von ſeiner Hand gedruͤckt, wie's ihm gefaͤllt, Es ſtehn zu laſſen oder auszuloͤſchen. Demetrius iſt ja ein wackrer Mann. Zerm. Lyſander auch. Theſ. An ſich betrachtet wohl. So aber, da des Vaters Stimm' ihm fehlt, Muͤßt ihr fuͤr wackrer doch den andern achten, Berm. O ſoͤh' mein Vater nur mit meinen Augen! Theſ. Eu'r Auge muß nach ſeinem Urcheil ſehn. werm. Ich bitt' ench, gnaͤd'ger Fuͤrſt, mir zu verzeihn. Ich weiß nicht, welche Macht mir Kuͤhnheit giebt, Noch wie es meiner Sittſamkeit geziemt, In ſolcher Gegenwart das Wort zu fuͤhren; Doch duͤrft' ich mich zu fragen unterſtehn: . — Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 201 Was iſt das haͤrt'ſte, das mich treffen kann, Verweigr' ich dem Demetrius die Hand? Theſ. Den Tod zu ſterben, oder immerdar Den Umgang aller Männer abzuſchwoͤren. Drum fraget eure Wuͤnſche, ſchoͤnes Kind, Bedenkt die Ingend, pruͤfet euer Blut, Ob ihr die Nonnentracht ertragen koͤnnt, Wenn ihr der Wahl des Vaters widerſtrebt; Im dumpfen Kloſter ewig eingeſperrt, Als unfruchtbare Schweſter zu verharren, Den keuſchen Mond mit matten Hymnen feyernd. Q dreymal ſelig, die, des Bluts Beherrſcher, So jungfraͤuliche Pilgerſchaft beſtehn! Doch die gepfluͤckte Roſ' iſt irdiſcher begluckt, Als die, am unberuͤhrten Dorne welkend, Waͤchſt, lebt und ſtirbt in heilger Einſamkeit. Berm. So will ich leben, gnädger err, ſo ſterben, Eh' ich den Freyheitsbrief des Maͤdchenthums Der Herrſchaft deſſen uͤberliefern will, Deß unwillkommnem Joche mein Gemuͤth Die Huldigung verſagt. Theſ. Rehmt ench Bedentzeit; auf den naͤchſten Neu⸗ mond Den Tag, der zwiſchen mir und meiner Lieben Den ew'gen Bund der Treu⸗ beſiegeln wird, Auf dieſen Tag bereitet euch zu ſterben Fuͤr euren Ungehorſam, oder nehmt Demetrius zum Gatten, oder ſchwoͤrt Auf ewig an Dianens Weihaltar Eh'loſen Stand und Abgeſchiedenheit. Demet. Gebt, Holde, nach; gieb gegen meine Rechte, Lyſander, deinen kahlen Anſpruch auf. yſand. Demetrius, ihr habt des Vaters Liebe: Nehmt ihn zum Weibe; laßt mir Hermia. Egens. Ganz recht, du Spoͤtter! Meine Liebe hat er; Was mein iſt, wird ihm meine Liebe geben; Und ſie iſt mein; und ale meine Rechte An ſie verſchreib' ich dem Demetrius. Lyſand. Ich bin, mein Fuͤrſt, ſo edlen Stamms wie er; So reich an Gut; ich bin an Liebe reicher; Mein Gluͤcksſtand haͤlt die Wag' auf alle Weiſe Dem ſeinigen, wo er nicht uͤberwiegt; 202 Ein Sommernachtstraum. A 1. Und(dieß gilt mehr, als jeder andre Ruhm) Ich bin es, den die ſchoͤne Hermia liebt. Wie ſollt' ich nicht beſtehn auf meinem Recht? Demetrius(ich will's auf ſeinen Kopf Betheuern) buhlte ſonſt um Helena, Die Tochter Nedars, und gewann ihr Herz; Und ſie, das holde Kind, ſchwaͤrmt nun fuͤr ihn, Schwaͤrmt andachtsvoll, ja mit Abgoͤtterey, Fuͤr dieſen ſchuld'gen, flatterhaften Mann⸗ Theſ. Ich muß geſtehn, daß ich dieß auch gehoͤrt, Und mit Demetrius davon zu ſprechen Mir vorgeſetzt; nur, da ich uͤberhaͤuft Mit eignen Sorgen bin, entfiel es mir. Doch ihr, Demetrius und Egeus, kommt! Ihr muͤßt jetzt mit mir gehn, weil ich mit euch Verſchiednes insgeheim verhandeln will. Ihr, ſchoͤne Hermia, ruͤſtet euch, dem Sinn Des Vaters eure Grillen anzupaſſen: Denn ſonſt beſcheidet euch Athen's Geſetz, Das wir auf keine Weiſe ſchmaͤlern koͤnnen, Tod oder ein Geluͤbd' des led'gen Standes. Wie geht's, Hippolyta? Kommt, meine Trautel Ihr, Egeus und Demetrius, geht mit! Ich hab' euch noch Geſchaͤfte aufzutragen Fuͤr unſer Feſt; auch muß ich noch mit euch Pon etwas reden, das euch nah' betrifft. Egeus. Dienſtwillig und mit Freuden folgen wir. (Cheſeus, Hippolyta, Egeus, Demetrius und Gefolge ab.) Lyſand. Nun, liebes Herz? Warum ſo blaß die Wange? Wie ſind die Roſen dort ſo ſchnell verwelkt? Zerm. Vielleicht, weil Regen fehlt, womit gar wohl Sie mein umwoͤlktes Auge netzen koͤnnte. Lyſand. Weh' mir! Nach allem, was ich jemals las, Und jemals hoͤrt' in Sagen und Geſchichten, Rann nie der Strom der treuen Liebe ſanft; Denn bald war ſie verſchieden an Geburt— SZerm. O Qual! zu hoch, vor Niedrigem zu knien! Lyſand. Bald war ſie in den Jahren mißgepaart— Zerm. O Schmach! zu alt, mit jung vereint zu ſeyn! LPyſand. Bald hing ſie ab von der Verwandten Wahl— Zerm. O Tod! mit fremdem Aug' den Liebſten waͤhlen! Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 203 Lyſand. Und war auch Spympathie in ihrer Wahl, So ſtuͤrmte Krieg, Tod, Krankheit auf ſie ein. Und macht' ihr Gluͤck gleich einem Schalle fluchtig, Wie Schatten wandelbar, wie Traͤume kurz, Schnell, wie der Blitz, der in geſchwaͤrzter Nacht In einem Winke Himmel und Erd⸗ entfaltet, Voch eh' ein Menſch vermag zu ſagen: ſchaut! Schlingt gierig ihn die Finſterniß hinab: So ſchnell verdunkelt ſich des Gluckes Schein. Zerm. Wenn Leid denn immer trene Liebe traf, So ſteht es feſt im Rathe des Geſchicks. Drum laß Geduld uns durch die Pruͤfung lernen, Weil Leid der Liebe ſo geeignet iſt, Wie Traͤume, Seußzer, ſtille Wuͤnſche, Thraͤnen, Der armen kranken Leidenſchaft Gefolge. Lyſand. Ein guter Glaube! Hoͤr' denn, Hermia! Es liegt nur ſieben Meilen von Athen Das Haus'ner alten Wittwe, meiner Muhme; Sie lebt von großen Renten, hat kein Kind, Und achtet mich wie ihren einz'gen Sohn. Dort, Holde, darf ich mich mit dir vermaͤhlen, Dorthin verfolgt das grauſame Geſetz Athen's uns nicht: liebſt du mich denn, ſo ſchleiche Aus deines Vaters Hauſe morgen Nacht, Und in den Wald'ne Meile von der Stadt, Wo ich einmal mit Helena dich traf, Um einen Maienmorgen zu begehn; Da will ich deiner warten. Berm. Mein Lyſander! Ich ſchwoͤr' es dir bey Amors ſtaͤrkſtem Bogen, Bey ſeinem beſten goldgeſpitzten Pfeil, Und bey der Unſchuld von Cytherens Tauben;. Bey dem, was Scelen knuͤpft, in Lieb' und Glauben; Bey jenem Feu'r, wo Dido einſt verbrannt, Als der Trojaner falſch ſich ihr entwandt; Bey jedem Schwur, den Maͤnner je gebrochen, Mehr an der Zahl, als Frauen je geſprochen: Du findeſt ſicher morgen Mitternacht Mich an dem Platz, wo wir es ausgemacht. Lyſand. Halt, Liebe, Wort! Sieh', da kommt Helena. Gelena tritt auf.) Ferm-. Gott gruͤß euch, ſchoͤnes Kind! wohin ſoll's gehn? „ 204 Ein Sommernachtstraum. A. I. Schoͤn! Euch liebt Demetrius, begluͤckte Schoͤne!— Ein Angelſtern iſt ener Aug'; die Toͤne Der Lippe ſuͤßer als der Lerche Lied Dem Hirten ſcheint, wenn alles gruͤnt und bluͤht. Krankheit ſteckt an; o thaͤt's Geſtalt und Weſen! Nie wollt' ich, angeſteckt von euch, geneſen. Mein Aug' lieh' euren Blick, die Zunge lieh' Von eurer Zunge Wort und Melodie. Waͤr' mein die Welt, ich ließ damit euch ſchalten, Nur dieſen Mann wollt' ich mir vorbehalten. O lehrt mich, wie ihr blickt! Durch welche Kunſt Haͤngt ſo Demetrius an eurer Gunſt? erm. Er liebt mich ſtets, trotz meinen finſtern Mienen. elen. O lernte das mein Laͤcheln doch von ihnen! Se Ich fluch' ihm, doch das naͤhrt ſein Feuer nur. Selen. Schoͤn nennt ihr mich?— 2 widerruft dieß elen. Ich, hegte ſolche Kraft mein Liebesſchwur! erm. Je mehr gehaßt, je mehr verfolgt er mich. elen. Je mehr geliebt, je ärger haßt er mich. Serm. Soll ich denn Schuld an ſeiner Thorheit ſeyn? elen. Nur eure Schoͤnheit: waͤr' die Schuld doch mein! Zerm. Getroſt! ich werd! ihm mein Geſicht entziehen. Lyſander wird mit mir von hinnen fliehen. Von jener Zeit als ich Lyſandern ſah, Wie ſchien Athen ein Paradies mir da! Run denn, wofur ſind Reize wohl zu achten, Die einen Himmel mir zur Hoͤlle machten? Lyſand. Laß, Helena, dir unſern Schluß vertrauen. Wenn morgen Phoͤbe die begruͤnten Auen Mit ihrer Perlen feuchtem Schmuck bethaut, Und ihre Stirn im Wellenſpiegel ſchaut; Wann Still' und Nacht verliebten Raub verhehlen, Dann wollen wir zum Thor' hinaus uns ſtehlen. Zerm. Und in dem Wald, wo oftmals ich und du Auf Veilchenbetten pſlogen ſanfter Ruh', Wo unſre Herzen ſchweſterlich einander Sich oͤſfneten, da trifft mich mein Lyſander. Wir ſuchen, von Athen hinweggewandt, Uns nene Freunde dann in freindem Land'. Leb wohl, Geſpielin, bete fuͤr uns beyde! Demetrius ſey deines Herzens Freude! Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 205 Lyſander, halte Wort!— Was Lieb' erquickt, Wird unſerm Blick bis morgen Nacht ab. Lyſand. Das will ich!— Lebet wohl nun, Helena! Der Liebe Lohn ſey eurer Liebe nah'.(ab.) Selen. Wie kann das Gluck ſo wunderlich doch ſchalten! Ich werde fur ſo ſchoͤn als ſie gehalten. Was hilft es mir, ſo lang' Deinetrius Nicht wiſſen will, was jeder wiſſen muß? Wie Wahn ihn zwingt, an Hermia's Blick zu hangen, Vergottr' ich ihn, von gleichemn Wahn befangen. Dem ſchlecht'ſten Ding an Art und an Gehalt Leiht Liebe dennoch Anſehn und Geſtalt. Sie ſieht mit dem Gemuͤth nicht mit den Augen, Und ihr Gemuͤth kann nie zum Urtheil tangen. Drum nennt man ja den Gott der Liebe blind. Auch mahlt man ihn gefluͤgelt und als Kind, Weil er, von Spiel zu Spielen fortgezogen, In ſeiner Wahl ſo haͤufig wird betrogen. Vie Buben oft im Scherze luͤgen, ſo Iſt auch Cupido falſcher Schwure froh. Eh' Hermia meinen Liebſten mußt' entfuͤhren, Ergoß er mir ſein Herz in tauſend Schwuͤren; Moch, kaum erwaͤrmt von jener neuen Glut, Verrann, verſiegte dieſe wilde Flut. Jetzt geh' ich, Hermia's Flucht ihm mitzutheilen! Er wird ihr nach zum Walde morgen eilen. Zwar, wenn er Dank fuͤr den Bericht mir weiß, o kauf' ich ihn um einen theuren Preis. Doch will ich, mich fuͤr meine Muͤh' zu laben, Hin und zuruͤck des Holden Anblick haben. ———— 8weyte Szene. Eine Stube in einer Huͤtte. — (Saquenz, Schnock, Zettel, Flaut, lucker kommen.) quenz. Iſt unſte ganze Kompagnie beyſtmen Schnauz und 206 Ein Sommernachtstraum. A. I. Fett. Es wäͤre am beſten, ihr riefet ſie alle zugleich auf, Mann fuͤr Mann, wie es die Liſte giebt. Squenz, Hier iſt der Zettel von jedermanns Namen, der in ganz Athen fuͤr tuͤchtig gehalten wird, in unſerm Zwiſchenſpiel vor dem Herzog und der Herzogin zu agiren, an ſeinem Hochzeittag' zu Nacht. Zett. Erſt, guter Peter Squenz, ſag' uns, wovon das Stuͤck handelt; dann lies die Namen der Acteurs ab, und komm ſo zur Sache. Squenz. Wetter, unſer Stuͤck iſt— die hoͤchſt klaͤgliche Komoͤdie und der hoͤchſt grauſame Tod des Pyramus und der Thisbe. Fett. Ein ſehr gutes Stuͤck Arbeit, ich ſag's euch! und luſtig!— Nun, guter Peter Squenz, ruf' die Acteurs nach dem Zettel auf.— Meiſters, ſtellt euch aus einander! Squenz. Antwortet, wie ich euch rufe!— Klaus Zet⸗ tel, der Weber. Zett. Hier! Sagt, was ich fuͤr einen Part habe, und dann weiter. Squenz. Ihr, Klaus Zettel, ſeyd als Pyramus ange⸗ ſchrieben. Zett. Was iſt Pyramus? Ein Liebhaber oder ein Tyrann? Squenz. Ein Liebhaber, der ſich auf die honetteſte Ma⸗ nier vor Liebe umbringt. Zett. Das wird einige Thraͤnen koſten bey einer wahr⸗ haftigen Vorſtellung. Wenn ichs mache, laßt die Zuhoͤrer nach ihren Augen ſehn! Ich will Sturm erregen, ich will einigermaßen lamentiren. Nun zu den uͤbrigen;— eigent⸗ lich habe ich noch das beſte Genie zu einem Tyrannen; ich konnte einen Herkles koſtbarlich ſpielen, oder eine Rolle, wo man alles kurz und klein ſchlagen muß. Der Felſen Schooß Und toller Stoß Zerbricht das Schloß Der Kerkerthuͤr. Und Phoͤbus Karr'n Kommt angefahr'n, Und macht erſtarr'n Des ſtolzen Schickſals Zier: Das ging praͤchtig.— Nun nennt die uͤbrigen Acteurs.— Sz 2. Ein Sommernachtstraum. 207 Dieß iſt Herkleſſens Natur, eines Tyrannen Natur; ein Liebhaber iſt ſchon mehr lamentabel. Squenz. Franz Flaut, der Baͤlgenflicker! Flaut. Hier, Peter Squenz. Saquenz. Flaut, ihr müßt Thisbe uͤber euch nehmen. Flaut. Was iſt Thisbe? ein irrender Ritter? Squenz. Es iſt das Fraͤulein, was Pyramus lieben muß. Flaut. Ne, meiner Seel', laßt mich keine Weiberrolle machen; ich kriege ſchon einen Bart. Squenz. Das iſt alles eins! Ihr ſollt's in einer Maske ſpielen, und ihr koͤnnt ſo fein ſprechen, als ihr wollt. Zett. Wenn ich das Geſicht verſtecken darf, ſo gebt mir Thisbe auch. Ich will mit ner terribel feinen Stimme reden:„Thisne, Thisne!— Ach Pyramus, mein Liebſter ſchoͤn! Deine Thisbe ſchoͤn, und Fraͤulein ſchoͤn!“ Squenz. Nein, nein! ihr muͤßt den Pyramus ſpielen, und Flaut, ihr, die Thisbe. Zett. Gut, nur weiter! Squenz. Matz Schlucker, der Schneider. Schluck. Hier, Peter Squenz. n Matz Schlucker, ihr muͤßt Thisbe's Mutter ſpielen. Thoms Schnauz, det Keſſelflicker! Schnauz. Hier, Peter Squenz. Squenz. Ihr, des Pyramus Vater, ich ſelbſt, This⸗ be's Vater; Schnock, der Schreiner, ihr des Lowen Rolle. Und ſo waͤre dann halt ne Komoͤdie in den Schick gebracht. Schnock. Habt ihr des Loͤwen Rolle aufgeſchrieben? Bitt euch, wenn ihr ſie habt, ſo gebt ſie mir; denn ich habe einen ſchwachen Kopf zum Lernen. Squenz. Ihr konnt ſie ertempore machen: es iſt nichts wie bruͤllen. Fett. Laßt mich den Loͤwen auch ſpielen. Ich will brullen, daß es einem Menſchen im Leibe wohl 3 ſoll, mich zu hoͤren. Ich will bruͤllen, daß der Herzog ſagen ſoll: Noch mal brullen! Noch mal bruͤllen! Squenz. Wenn ihr es gar zu fuͤrchterlich machtet, ſo wuͤrdet ihr die Herzogin und die Damen erſchrecheh ſie ſchrien, und das braͤchte euch alle an den Galgen. Alle. Ja, das brächte uns an der da ſind.. Galgen, wie wir 208 Ein Sommernachstraum. Zett. Zugegeben, Freunde, wenn ihr die Damen erſt ſo erſchreckt, daß ſie um ihre fuͤnf Sinne kommen, ſo wer⸗ den ſie unvernuͤnftig genug ſeyn, uns aufzuhaͤngen. Aber ich will meine Stimme forciren, ich will euch ſo ſanft bruͤllen, wie ein ſaugendes Taͤubchen:— ich will euch bruͤllen, als waͤr' es'ne Nachtigall. Squenz. Ihr koͤnnt keine Rolle ſpielen als den Pyra⸗ mus. Denn Pyramus iſt ein Mann mit einem ſuͤßen Geſicht, ein huͤbſcher Mann, wie man ihn nur an Feſtta⸗ gen verlangen kann, ein charmanter, artiger Kavalier. Der⸗ halben muͤßt ihr platterdings den Pyramus ſpielen. Fett. Gut, ich nehm's auf mich. In was fuͤr einem Bart koͤnnt' ich ihn wohl am beſten ſpielen? Squenz. Nu, in was fuͤr einem ihr wollt. Fett. Ich will ihn heraus bringen, entweder in dem ſtrohfarbenen Bart, oder in dem orangegelben Bart, oder in dem carmoſinrothen Bart, in dem ganz gelben. Saquenz. Hier, Meiſters, ſind eure Rollen, und ich muß euch bitten, ermahnen und erſuchen, ſie bis morgen Nacht auswendig zu wiſſen. Trefft mich in dem Schloßwalde, eine Meile von der Stadt, bey Mondſchein; da wollen wir probiren. Denn wenn wir in der Stadt zuſammenkom⸗ men, werden wir ausgeſpuͤrt, kriegen Zuhoͤrer, und die Sache kommt aus. Zugleich will ich ein Verzeichniß von Artikeln machen, die zu unſerm Spiele noͤthig ſind. Ich bitt euch, bleibt mir nicht aus. Fett. Wir wollen kommen, und da koͤnnen wir recht unverſchaͤmt und herzhaft probiren. Gebt euch Muͤhe! Koͤnnt eure Rollen perfekt! Adien! Squenz. Bey des Herzogs Eiche treffen wir uns. Zett. Dabey bleibt's! es mag biegen oder brechen! (Alle ab.) Zweiter Erſte Szene. Ein Wald bey Athen. (Ein Elfe kommt von einer Seite. Puck von der andern.) Puck. — Ve Geiſt! Wo geht die Reiſe hin? Elfe. Ueber Thaͤler und Hoͤhn, Durch Dornen und Steine, Ueber Graͤben und Zaͤune, Durch Flammen und See'n, Wandl ich, ſchluͤpf' ich uͤberall, Schneller als des Mondes Ball. Ich dien' der Elfenkoͤnigin, Und thau' ihr Ring' aufs Gruͤne hin. Die Primeln ſind ihr Hofgeleit; Ihr ſeht die Fleck' am goldnen Kleid: Das ſind Rubinen, Feengaben, Wodurch ſie ſuͤß mit Duͤften laben. Nun ſuch' ich Tropfen Than's hervor, Und haͤng'ne Peri' in jeder Primel Ohr. Leb' wohl, ich geh', du taͤppiſcher Geſelle! Der Zug der Koͤniginn naht gleich zur Stelle, Puck. Der Koͤnig will ſein Weſen Nachts hier treiben. Warnt nur die Koͤnigin, entfernt zu bleiben, Weil Oberon vor wildem Grimme ſchnaubt, Daß ſie ein Indiſch Furſtenkind geraubt, Als Edelknabe kuͤnftig ihr zu dienen; Kein ſchoͤn'res Buͤbchen hat der Tag beſchienen, Und eiferſuchtig fordert Ob'ron ihn, Den rauhen Forſt als Knappe zu durchziehn; Doch ſie verſagt durchaus den holden Knaben, Bekraͤnzt ihn, will an ihm ſich einzig laben. Nun treffen ſie ſich nie in Wieſ und Hain, Am klaren Quell, bey luſt'gem Sternenſchein, II. 14 2¹0 Ein Sommernachtstraum. A. U. So zanken ſie zu aller Elfen Schrecken, Die ſich geduckt in Eichelnaͤpfe ſtecken. Elfe. Wenn du nicht ganz dich zu verſtellen weißt, So biſt dn jener ſchlaue Poltergeiſt, Der auf dem Dorf' die Dirnen zu erhaſchen, Zu necken pflegt; den Milchtopf zu benaſchenz Durch den der Brau mißraͤth; und mit Verdruß Die Hausfrau athemlos ſich buttern muß; Der oft bei Nacht den Wandrer irre leitet, Dann ſchadenfroh mit Lachen ihn begleitet. Doch wer lieb Puck dich nennt, dir Liebes thut, Dem hilfſt du gern, und ihm gelingt es gut. Biſt du der Kobold nicht? Puck. Du haſt's gerathen, Ich ſchwaͤrme Nachts umher auf ſolche Thaten. Oft lacht bey meinen Scherzen Oberon, Ich locke wiehernd mit der Stute Ton Den Hengſt, den Haber kitzelt in der Naſe; Auch kauſch' ich wohl in der Gevatt'rin Glaſe, Wie ein gebratner Apfel klein und rund; Und wenn ſie trinkt, fahr' ich ihr an den Mund, Daß ihr das Bier die platte Bruſt betriefet. Zuweilen haͤlt, in Trauermaͤhr' vertiefet, Die weiſe Muhme fuͤr den Schemel mich: Ich gleit' ihr weg, ſie ſetzt zur Erde ſich Auf ihren Steiß, und ſchreit: Perdanz! und huſtet. Der ganze Kreis haͤlt ſich die Seiten, pruſtet, Lacht lauter dann, bis ſich die Stimm' erhebt: Nein, ſolch ein Spaß ſey nimmermehr erlebt! Mach' Platz nun, Elfchen, hier koͤmmt Oberon. Elfe. Hier meine Koͤniginn.— O macht' er ſich davon! (Oberon mit ſeinem Zuge, von der einen Seite; Tita⸗ nia mit dem ihrigen, von der andern.) Gber. Schlimm treffen wir bey Mondenlicht, du ſtolze Titania! Titan. Wie? Oberon iſt hier, Der Eiferſuͤcht'ge? Elfen, ſchluͤpft von hinnen, Denn ich verſchwor' ſein Bett und ſein Geſpraͤch. Ober. Vermeßne, halt! Bin ich nicht dein Gemahl? Titan. So muß ich wohl dein Weib ſeyn; doch ich weiß Die Zeit, daß du dich aus dem Feenland Geſchlichen, Tage lang als Corydon Geſeſſen, ſpielend auf dem Haberrohr, Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. Und Minne der verliebten Phyllida Geſungen haſt.— Und warum kommſt du jetzt Von Indiens entfernteſtem Gebirg', Als weil— ey denk doch!— weil die Amazone, Die ſtrotzende hochaufgeſchuͤrzte Dame, Dein Heldenliebchen ſich vermählen will? Da kommſt du denn, um ihrem Bette Heil Und Segen zu verleihn. Gber. Titania, Wie kannſt du dich vermeſſen, anzuſpielen Auf mein Verſtäͤndniß mit Hippolyta, Da du doch weißt, ich kenne deine Liebe Zum Theſeus? Lockteſt du im Daͤmmerlichte Der Nacht ihn nicht von Perigunen weg, Die er vorher geraubt? Warſt du nicht Schuld Daß er der ſchoͤnen Aegle Treue brach, Der Ariadne und Antiopa? Titan. Das ſind die Grillen deiner Eiferſucht! Und nie, ſeit jenem Sommer, trafen wir Auf Huͤgeln noch im Thal, im Wald noch Wieſe, Am Kieſelbrunnen, am beſchilften Bach, Noch an des Meeres Klippenſtrand uns an, Und tanzten Ringel nach des Windes Pfeiſen, Daß dein Gezaͤnk uns nicht die Luſt verdarb. Drum ſog der Wind, der uns vergeblich pfiff, Als wie zur Rache, boͤſe Nebel auf Vom Grund des Meers; die fielen auf das Land, 2 Und machten jeden winz'gen Bach ſo ſtolz, Daß er des Bettes Daͤmme niederriß. 211 Drum ſchleppt der Stier ſein Joch umſonſt, der Pflüger Vergeudet ſeinen Schweiß, das gruͤne Korn Verfault, eh' ſeine Jugend Bart gewinnt. Leer ſteht die Huͤrd' auf der erſaͤuften Flur, Und Kraͤhen praſſen in der ſiechen Heerde. Verſchlaͤmmt vom Leime liegt die Kegelbahn; Unkennbar ſind die art'gen Labyrinthe Im muntern Gruͤn, weil niemand ſie betritt. Den Menſchenkindern fehlt die Winterluſt; Kein Sang noch Jubel macht die Naͤchte froh. Drum hat der Mond, der Fluten Oberherr, Vor Zorne bleich, die ganze Luft gewaſchen, Und fieberhafter Fluͤſſe viel erzeugt. Durch eben die Zerruͤttung wandeln ſich 14* 212 Ein Sommernachtstraum. A. M. Die Jahreszeiten: ſilberhaar'ger Froſt Faͤllt in den zarten Schooß der Purpurroſe; Indeß ein wuͤrz'ger Kranz von Sommerknospen Auf Hymens Kinn und der beeiſiten Scheitel Als wie zum Spotte prangt. Der Lenz, der Sommer, Der zeitigende Herbſt, der zorn'ge Winter, Sie alle tauſchen die gewohnte Tracht, Und die erſtaunte Welt erkennt nicht mehr An ihrer Frucht und Art, wer jeder iſt. Und dieſe ganze Brut von Plagen kommt Von unſerm Streit, von unſerm Zwieſpalt her; Wir ſind davon die Stifter und Erzeuger. Gber. So hilf dem ab! Es liegt an dir. Warum Kraͤnkt ihren Oberon Titania? Ich bitte nur ein kleines Wechſelkind Zum Edelknaben. Titan. Gieb dein Herz zur Ruh! Das Feenland kauft mir dieß Kind nicht ab. Denn ſeine Mutter war aus meinem Orden, Und hat in Indiens gewuͤrzter Luft Gar oft mit mir die Naͤchte weggeſchwatzt. Wir ſaßen auf Neptunus gelbem Sand, Sahn nach den Handelsſchiffen auf der Flut, Und lachten, wenn vom uͤpp'gem Spiel des Windes Der Segel ſchwangrer Leib zu ſchwellen ſchien. Dieß ahmte ſie, mit kleinen Schritten wankend (Ihr Leib trug damals meinen kleinen Junker), Aus Thorheit nach, und ſegelt' auf dem Lande Nach Spielereyen aus, und kehrte reich An Waare, wie von einer Reiſe heim. Doch ſie, ein ſterblich Weib, ſtarb an dem Kinde, Und ihr zu Lieb' erzieh' ich nun das Kind, Und ihr zu Liebe geb' ich es nicht weg. Gber. Wie lange denkt ihr hier im Hain zu weilen? Titan. Vielleicht bis nach des Theſeus Hochzeitfeſt. Wollt ihr in unſern Ringen gnſen, Beche Und unſre luſt'gen Mondſcheinſpiele ſehn, So kommt mit uns! Wo nicht: vermeidet mich, Und ich will nie mich nahen, wo ihr hauſet.* Gber. Gieb mir das Kind, ſo will ich mit dir gehn. * Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 21¹3 Titan. Nicht um dein Koͤnigreich.— Ihr Elfen, fort mit mir; Denn Zank erhebt ſich, weil' ich laͤnger hier. 6 (mit ihrem Gefolge ab.) Gber. Gut, zieh' nur hin! dn ſollſt aus dieſem Walde Nicht eher, bis du mir den Trotz gebuͤßt. Mein guter Puck, komm her! Weißt du noch wohl, Wie ich einſt ſaß auf einem Vorgebirge, Und ne Sirene, die ein Delphin trug, So ſuͤße Harmonien hauchen hoͤrte, Daß die eipoͤrte See gehorſam ward, Daß Sterne wild aus ihren Kreiſen fuhren, Der Nymphe Lied zu hoͤren? Puck. Ja, ich weiß. Gber. Zur ſelben Zeit ſah ich(du konnteſt nicht) Cupido zwiſchen Mond und Erde ſtegen In voller Wehr: er zielt' auf eine holde Veſtal, in Weſten thronend, ſcharfen Blicks, Und ſchnellte raſch den Liebespfeil vom Bogen, Als ſollt, er hunderttauſend Herzen ſpalten; Allein ich ſah das feurige Geſchoß Im keuſchen Strahl des feuchten Monds verloſchen, Die konigliche Prieſterinn ging weiter, In ſittſamer Betrachtung, liebefrey; Doch merkt' ich auf den Pfeil, wohin er ſiele. Er fiel gen Weſten auf ein zartes Bluͤmchen, Sonſt milchweiß, purpurn nun durch Amors Wunde, Und Maͤdchen nennen's: Lieb im M uͤßiggang. Hol' mir die Blum'! Ich wies dir einſt das Kraut; Ihr Saft, getraͤufelt auf entſchlafne Wimpern, Macht Mann und Weib, in jede Kreatur, Die ſie zunaͤchſt erblicken, toll vergafft; Hol' mir das Kraut: doch komm zuruͤck, bevor Der Leviathan eine Meile ſchwimmt. Puck. Rund um die Erde zieh' ich einen Guͤrtel In viermahl zehn Minuten.(ab.) 0 ber. Hab' ich nur Den Saft erſt, ſo ich, wenn ſie ſchlaft, Titanien, und traͤufl' i s Auge. Was ſie zunaͤchſt erblickt, wenn ſie erwacht, Sey's Loͤwe, ſey es Baͤr, Wolf oder Stier, Ein naſeweiſer Aff', ein Paviaͤnchen: Sie ſoll's verfolgen mit der Liebe Sinn 214 Ein Sommernachtstraum. A. 11. Und eh' ich ſie von dieſem Zauber loͤſe, Wie ich's vermag mit einem andern Kraut, Muß ſie mir ihren Edelknaben laſſen. Doch ſtill! wer kommt hier? Ich bin unſichtbar, Und will auf ihre Unterredung horchen. 1 (Demetrius und Helena treten auf.) Demet. Ich lieb' dich nicht: verfolge mich nicht mehr! Wo iſt Lyſander und die ſchoͤne Hermia? Ihn toͤdten moͤcht' ich gern; ſie toͤdtet mich. Du ſagteſt mir von ihrer Flucht hieher; Nun bin ich hier, bin in der Wildniß wild, Weil ich umſonſt hier meine Hermia ſuche. Fort! heb dich weg, und folge mir nicht mehr! Belen. Du ziehſt mich an, hartherziger Magnet! Doch zieheſt du nicht Eiſen, denn mein Herz M aͤcht wie Stahl. Laßt ab, mich anzuziehn, do hab' ich dir zu folgen keine Macht. Demet. Lock' ich euch an, und thu' ich ſchoͤn mit euch? Sag' ich euch nicht die Wahrheit rund heraus, Daß ich euch nimmer lieb' und lieben kann? Zel. Und eben darum lieb' ich euch nur mehr!— 3h bin eu'r Huͤndchen, und, Demetrius, Wenn ihr mich ſchlagt, ich muß euch dennoch ſchmeicheln. Begegnet mir wie eurem Huͤndchen nur, Stoßt, ſchlagt mich, achtet mich gering, verliert mich: Vergoͤnnt mir nur, unwuͤrdig, wie ich bin, Euch zu begleiten. Welchen ſchlechtern Platz Kann ich mir wohl in eurer Lieb' erbitten (Und doch ein Platz von hohem Werth fuͤr mich), Als daß ihr ſo wie euren Hund mich haltet? Demet. Erreg' nicht ſo den Abſchen meiner Seele! Mir iſt ſchon uͤbel, blick' ich nur auf dich. Lel. Und mir iſt uͤbel, blick ich nicht auf euch. Demet. Ihr tretet eurer Sittſamkeit zu nah, Da ihr die Siadt verlaßt, und einem Mann Euch in die Haͤnde gebt, der euch nicht liebt, Da ihr den Lockungen der ſtillen Nacht Und einer oͤden Stätte boͤſem Rath Das Kleinod eures Maͤdchenthums vertraut. Zel. Zum Schutzbrief dienet eure Tngend mir. Es iſt nicht Nacht, wenn ich eu'r Antlitz ſehe; 5 Drum glaub' ich jetzt, es ſey nicht Nacht um mich. Auch fehlt's hier nicht an Welten von Geſellſchaft, Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 21⁵ Denn ihr ſeyd ja für mich die ganze Welt. Wie kann man ſagen nun, ich ſey allein, Da doch die ganze Welt hier auf mich ſchaut? Demet. Ich laufe fort, verberge mich im Buſch, Und laſſe dich der Gnade wilder Thiere. Zel. Das wildeſte hat nicht ein Herz wie du. Lauft, wenn ihr wollt! Die Fabel kehrt ſich um: Apollo flieht, und Daphne ſetzt ihm nach. Die Taube jagt den Greif; die ſanfte Hindin Stuͤrzt auf den Tiger ſich. Vergebne Eil! Verfolgt die Zagheit, ſlieht die Tapferkeit. Demet. Ich ſteh nicht länger Rede: laß mich gehn! Wo du mir folgſt, ſo glaube ſicherlich, Ich thue dir im Walde Leides noch. Zel. Ach, in der Stadt, im Tempel, auf dem Felde Thuſt du mir Leides. Pfui, Demetrius! Dein Unglimpf wuͤrdigt mein Geſchlecht herab. Um Liebe kaͤmpft ein Mann wohl mit den Waffen; Wir ſind, um euch zu werben, nicht geſchaffen. Ich folge dir, und ſinde Wonn' in Noth, Giebt die geliebte Hand mir nur den Tod.(Beyde ab.) Gber. Geh', Nymphe, nur! Er ſoll uns nicht von hinnen, Bis du ihn fliehſt, und er dich will gewinnen.— Puck kommt zuruͤck.) Haſt du die Blume da? Willkommen, Wildfang! Puck. Da iſt ſie, ſeht! Gber. Ich bitt' dich, gieb ſie mir; Ich weiß'nen Huͤgel, wo man Quendel pfluͤckt, Wo aus dem Gras Viol' und Maaslieb nickt, Wo dicht gewoͤlbt des Geisblatts uͤpp'ge Schatten Mit Hagedorn und mit Jasmin ſich gatten. Dort ruht Titania halbe Naͤchte kuhl Auf Blumen eingewiegt durch Tanz und Spiel. Die Schlange legt die bunte Haut dort nieder, Ein weit Gewand fuͤr eines Elfen Glieder. Ich netz' ihr Ang' mit dieſer Blume Saft, Der ihr den Kopf voll ſchnoͤder Grillen ſchafft. Nimm auch davon, und ſuch in dieſem Holze: Ein holdes Maͤdchen wird mit ſproͤdem Stolze Von einem Juͤngling, den ſie liebt, verſchmaͤht. Salb' ihn; doch ſo, daß er die Schoͤn' erſpaͤht, Sobald er aufwacht. Am Atheniſchen Gewand, Wird ohne Muͤh' der Mann von dir erkannt. 246 Ein Sommernachtstraum. A. II. Verfahre ſorgſam, daß mit heißerm Triebe, Als ſie den Liebling, er ſie wieder liebe, Und triff mich vor dem erſten Hahnenſchrey. Puck. Verlaßt euch, Herr, auf eures Knechtes Treu'. (Sie gehen ab.) 38 weyte Szene, Ein anderer Theil des Waldes. Citania kommt mit ihrem Gefolge.) Titania. Kommt! einen Ringel⸗, einen Feenſang! Dann auf das Drittel'ner Minute fort! Ihr, toͤdtet Raupen in den Roſenknospen! Ihr Andern fuͤhrt mit Fledermaͤuſen Krieo, Bringt ihrer Fluͤgel Balg als Beute heim, Den kleinen Elfen Rocke draus zu machen! Ihr endlich ſollt den Kauz, der nächtlich kreiſcht, Und uͤber unſre ſchmucken Geiſter ſtaunt, Von uns verſcheuchen! Singt mich nun in Schlaf; An eure Dienſte dann und laßt mich ruhn! . Lied. Erſt. Elfe. Bunte Schlange, zweygezuͤngt! Igel, Molche, fort von hier! Daß ihr euren Gift nicht bringt, In der Koͤniginn Revier! Chor. Nachtigall, mit Melodey Sing in unſer Lullabey; Lulla, lulla, Lullabey; Daß kein Spruch, Kein Zauberfluch Der holden Herrinn ſchaͤdlich ſey Nun gute Nacht mit Lullabey! zweyt. Elf. Schwarze Käͤfer, uns umgebt Nicht mit Summen! macht euch fort! Stpinnen, die ihr kuͤnſtlich webt, Webt an einem andern Hrt! Chor. Nachtigall, mit Melodey Sing in unſer Lullabey: Lulla, lulla, Lullabey; 1 * — Sz. 2. Ein Sommernachtstraum. 2¹7 Daß kein Spruch, Kein Zauberfluch Der holden Herrinn ſchaͤdlich ſey. Nun gute Nacht mit Lullabey! Erſt. Elfe. Alles gut: nun auf und fort! Einer halte Wache dort! Elfen ab. Titanig ſchläft.) (Oberon tritt auf.) Gberon 6u Titania, indem er die Blume uͤber ihren Augen⸗ liedern ausdruͤckt.) Was du wirſt erwachend ſehn, Waͤhl' es dir zum Liebchen ſchoͤn, Seinetwegen ſchmacht' und ſtohn'. Sey es Brummbaͤr„Kater, Luchs, Borſt'ger Eber oder Fuchs; Was ſich zeigt an dieſem Platz, Wenn du aufwachſt, wird dein Schatz; Saͤh'ſt du gleich die aͤrgſte Fratz!(ab.) Cyſander und Hermia treten auf.) Lyſand. Kaum tragen durch euch noch die uͤße, Und ich geſteh' es, ich verlor den Pfad. Wollt ihr, ſo laßt uns ruhen, meine Suͤße, Bis troͤſtend ſich das Licht des Tages naht. Berm. Ach ja, Lyſander! ſucht fuͤr euch ein Bette; Der Huͤgel hier ſey meine Schlummerſtaͤtte. Lyſand. Ein Raſen dien' als Kiſſen fuͤr uns zwey: Ein Herz, Ein Bett, zwey Buſen, Eine Trau BZerm. Ich bitt' euch ſehr! Um meinetwillen, Lieber! Liegt nicht ſo nah! Liegt weiter dort hinuber! yſand. O aͤrgert euch an meiner Unſchuld nicht! Die Liebe deute, was die Liebe ſpricht. Ich meynte nur, mein Herz ſey eurem ſo verbunden, Daß nur Ein Herz in beyden wird gefunden. Verkettet hat zwey Buſen unſer Schwur: So wohnt in zweyen Eine Treue nur. Erlaubet denn, daß ich mich zu euch fuͤge, Denn, Hetz, ich luͤge nicht, wenn ich ſo liege. Zerm. Wie zierlich ſpielt mit Worten doch mein Freund!— Ich wuͤrde ſelbſt ja meiner Unart feind, Haͤtt' ich: Lyſander luge, je gemeynt. Doch aus Gefaͤlligkeit und Lieb', ich bitte, 218 Ein Sommernachtstraum. AH Ruͤckt weiter weg! ſo weit, wie nach der Sitte Der Menſchen ſich, getrennt von einem Mann, Ein tugendſames Maͤdchen betten kann. Der Raum ſey zwiſchen uns.— Schlaf ſuͤß! Der Him⸗ mel gebe Daß, bis dein Leben ſchließt, die Liebe lebe! Lyſand. Amen! ſo holder Bitte ſtimm' ich bey: Mrit Herz ſoll brechen, bricht es meine Tren', Moͤg' alle Nuh des Schlafes bey dir wohnen! Zerm. Des Wunſches Haͤlfte ſoll den Wuͤnſchen n (Sie ſchlafen.) uck(tritt auf.) Wie ich auch den Wald durchſtrich, Kein Athen zeigte ſich, Zum Verſuch' auf ſeinem Ange, Was dieß Liebesblumchen tauge. Aber wer— o Still' und Nacht!— Liegt da in Athenertracht? Er iſt's, den mein Herr geſeh'n Die Athenerin verſchmaͤh'n; Hier ſchlaͤft auch ruhig und geſund as Maͤdchen auf dem feuchten Grund. Die Arme darf nicht liegen nah Dem Schlagetodt der Liebe da. Allen Zauber dieſes Thau's, Flegel, gieß' ich auf dich aus. er den Saft uͤber ſeine Augen auspreßt.) Wachſt du auf, ſo ſcheuch' den Schlummer Dir vom Aug' der Liebe Kummer! Nun erwach'! ich geh' davon, Denn ich muß zum Oberon. (Demetrius und Helena, beyde laufend.) Hel. Demetrius, geliebter Mörder⸗ ſteh'! Demet. O quaͤle mich nicht ſo! Fort, ſag ich, geh'! Zel. Ach, du verlaͤſſeſt mich im Dunkel hier? Demet. Ich geh' allein: du bleib', das rath' ich dir. (Demetrius ab.! Zel. Die tolle Jagd, ſie macht mir weh und bange! Je mehr ich fleh', je minder ich erlange. Wo Hermia ruhen mag, ſie iſt begluͤckt; Denn ſie hat Augen, deren Strahl entzuckt. Wie wurden ſie ſo hell? Durch Thraͤnen? nein? Sonſt muͤßten meine ja noch heller ſeyn. Sz. 2. Ein Sommernachtstraum. Nein, ich bin ungeſtalt wie wilde Baͤren, Daß Thiere ſich voll Schrecken von mir kehren. Was Wunder alſo, daß Demetrius Gleich einem Ungeheu'r mich fliehen muß? Vor welchem Spiegel koͤnnt' ich mich vergeſſen, Mit Hermia's Sternenaugen mich zu meſſen? Doch, was iſt dieß? Lyſander, der hier ruht? Todt oder ſchlafend? Seh' ich doch kein Blut. Lyſander, wenn ihr lebt, ſo hoͤrt! erwachet. Lyſand.(im Erwachen.) Durch's Feuer lauf⸗ ich, wenn's dir Freude machet! Verklaͤrte Helena, ſo zart gewebt, Daß ſichtbar ſich dein Herz im Buſen hebt! Wo iſt Demetrius? O der Verbrecher! Sein Name ſey vertilgt! Dieß Schwert dein Raͤcher! Zel. Sprecht doch nicht ſo, Lyſander, ſprecht nicht ſo! Liebt er ſchon eure Braut⸗ ey nun, ſeyd froh! Sie liebt euch dennoch ſtets. Lyſand. O nein! wie reut Mich die bey ihr verlebte traͤge Zeit! Nicht Hermia, Helena iſt jetzt mein Leben; Wer will die Kraͤh' nicht fuͤr die Taube geben? Der Wille wird von der Vernunft regiert; Mir ſagt Vernunft, daß euch der Preis gebuͤhrt. Ein jedes Ding muß Zeit zum Reifen haben; So reiften ſpaͤt in mir des Geiſtes Gaben. Erſt jetzt, da ich am Ziel des Mannes bin, Wird die Vernunft des Willens Fuͤhrerinn; Und laͤßt mich nun der Liebe Thun und Weſen In goldner Schrift in euren Augen leſen. Zel. Weswegen ward ich ſo zum Hohn erwaͤhlt? Verdient' ich es um euch, daß ihr mich quaͤlt? War's nicht genug, genug nicht, junger Mann, Daß ich nicht einen Blick gewinnen kann, Nicht einen holden Blick von dem Geliebten, Wenn eure Spoͤtterey'n mich nicht betruͤbten? Ihr thut fuͤrwahr, ihr thut an mir nicht recht, aß ihr, um mich zu buhlen, euch erfrecht. Gehabt euch wohl! Allein, ich muß geſtehn, Ich glaubt' in euch mehr Edelmuth zu ſehn. O daß, verſchmaͤht von Einem Mann, ein Weib Dem andern dienen muß zum Zeitvertreib!(ab.) 220 Ein Sommernachtstraum. A. II. Lyſand. Sie ſiehet Hermia nicht.— So ſchlaf nur immer, Und naheſt du Lyſander doch dich nimmer! Wie nach dem Uebermaß von Naͤſcherey'n Der Ekel pflegt am heftigſten zu ſeynz Wie die am meiſten Ketzereyen haſſen, Die, einſt bethoͤrt, ſie wiederum verlaſſen: Mein Uebermaß! mein Wahn! ſo flieh' ich dich; Dich haſſe jeder, doch am aͤrgſten ich.— Run ſtrebt nach Helena, Muth, Kraft und Sinne! Daß ich ihr Retter werd', und ſie gewinne!(ab.) Zerm.(fahrt auf.) O hilf, Lyſander, mir! Siehſt du nicht Die Schlange, die den Buſen mir umſlicht? Weh mir! Erbarmen— Welch' ein Traum, mein Lieber! Noch ſchuttelt mich das Schrecken, wie ein Fieber. Mir ſchien es, eine Schlange fraͤß' mein Herz, Und laͤchelnd faͤh'ſt dn meinen Todesſchmerz.— Lyſander! wie, Lyſander! biſt du fort?, Du hoͤrſt mich nicht? O Gott! kein Laut? kein Wort? Wo biſt du? Um der Liebe willen ſprich, Wenn du mich hoͤrſt! Es bringt zur Ohnmacht mich.— Noch nicht? Run ſeh' ich wohl, ich darf nicht weilen: Dich muß ich, oder meinen Tod ereilen.(ab.) Dritter Aufzug. Erſte Szene⸗ Der Wald. Die Elfenkoͤniginn liegt noch ſchlafend. (Sauenz, Zettel, Schnock, Flaut, Schnaus, Schlucker treten auf.) Fettel. Sind wir alle beyſammen? Squenz. Auf's Haar; und hier iſt ein praͤchtig bequemer Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 221 Platz zu unſrer Probe. Dieſer gruͤne Fleck ſoll unſer Thea⸗ ter ſeyn, dieſe Weißdornhecke unſre Kamier zum Anziehen, und wir wollen's in Action vorſtellen, wie wir's vor dem Herzoge vorſtellen wollen. Zett. Peter Squenz.— Saquenz. Was ſagſt du, lieber Sappermentszettel? Zett. Es kommen Dinge vor in dieſer Komoͤdie von Pyramus und Thisbe, die nimmermehr gefallen werden. Erſtens: Pyramus muß ein Schwert ziehen, um ſich ſelbſt umzubringen, und das koͤnnen die Damen nicht vertragen. He Wie wollt ihr darauf antworten? Schnauz. Potz Kukuck, ja! ein gefaͤhrlicher Punkt. Schluck. Ich denke, wir muͤſſen, bey Licht beſehn, das Todtmachen auslaſſen. Zett. Nicht ein Tuttelchen; ich habe einen Einfall, der alles gut macht. Schreibt mir einen Prolog, und laßt den Prolog verhlümt zu verſtehen geben, daß wir mit unſern Schwertern keinen Schaden thun wollen; und daß Pyra⸗ mus nicht wirklich todt gemacht wird; und zu mehr beſſerer Sicherheit ſagt ihnen, daß ich Pyramus nicht Pyramus bin, ſondern Zettel der Weber⸗ Das wird ihnen ſchon die Furcht benehmen. Squenz. Gut, wir wollen einen ſolchen Prologus haben. Schnauz. Werden denn die Damen nicht auch vor dem Loͤwen erſchrecken? Schluck. Ich fuͤrcht' es, dafur ſteh' ich euch. Zett. Meiſters, ihr ſolltet dieß bey euch ſelbſt uͤberlegen. Einen Loͤwen— Gott behuͤt' uns!— unter Damen zu bringen, iſt eine graͤuliche Geſchichte; es giebt kein grauſa⸗ meres Wildpret als ſo'n Loͤwe wenn er lebendig iſt; und wir ſollten uns vorſehn. 8 Schnauz. Derhalben muß ein andrer Prologus ſagen, daß es kein Loͤwe iſt. Fett. Ja, ihr muͤßt ſeinen Namen nennen, und ſein Geſicht muß durch des Loͤwen Hals geſehen werden; und er ſelbſt muß durchſprechen, und ſich ſo, oder ungefaͤhr ſo appliciren: Gnaͤdige Frauen, oder ſchoͤne gnaͤdige Frauen, ich wollte wuͤnſchen, oder ich wollte erſuchen, oder ich wollte gebeten haben, fuͤrchten Sie nichts, zittern Sie nicht ſo; mein Leben fuͤr das Ihrige! Wenn Sie daͤchten, ich käme hieher als ein Loͤwe, ſo dauerte mich nur meine Haut. Nein, ich bin nichts dergleichen; ich bin ein Menſch wie andre auch;— und dann laßt ihn nur ſeinen Ramen nen⸗ 222 Ein Sommernachtstraum. A. 11l. nen, und ihnen rund heraus ſagen, daß er Schnock der Schreiner iſt. Saquenz. Gut, ſo ſoll's auch ſeyn. Aber da ſind noch zwey harte Punkte: naͤmlich den Mondſchein in die Kam⸗ mer zu bringen; denn ihr wißt, Pyramus und Thisbe kom⸗ men bey Mondſchein zuſammen. Schnock. Scheint der Mond in der Nacht, wo wir unſer Spiel ſpielen? ZFett. Einen Kalender! Einen Kalender! Seht in den Almanach! Suchet Mondſchein! Suchet Mondſchein! Squenz. Ja, er ſcheint die Nacht. Zett. Gut, ſo koͤnnt ihr ja einen Fluͤgel von dem gro⸗ ßen Stubenfenſter, wo wir ſpielen, offen laſſen, und der Mond kann durch den Fluͤgel herein ſcheinen. Squenz. Ja, oder es koͤnnte auch einer mit einem Dornbuſch und einer Laterne herauskommen, und ſagen, er komme, die Perſon des Mondſcheins zu defiguriren oder zu praͤſentiren. Aber da iſt noch ein Punkt: wir muͤſſen in der großen Stube eine Wand haben; denn Pyramus und Thisbe, ſagt die Hiſtorie, redeten durch die Spalte einer Wand mit einander. Schnock. Ihr bringt mein Leben keine Wand hinein. Was ſagſt du, Zettel? Zett. Einer oder der Andre muß Wand vorſtellen; und laßt ihn ein bischen Kalk, oder ein bischen Leim, oder ein bischen Moͤrtel an ſich haben, um Wand zu bedeuten; und laßt ihn ſeine Finger ſo halten, und durch die Klinze ſollen Pyramus und Thisbe wispern. Squenz. Wenn das ſeyn kann, ſo iſt alles gut. Kommt, ſetzt euch, jeder Mutter Sohn, und probirt eure Parte. Pyramus, ihr fangt an; wann ihr eure Rede ausgeredet habt, ſo tretet hinter den Buſch; und ſo jeder nach ſeinem Stichwort. Puckerſcheint im Hintergrunde.) Puck. Welch' hausgebacknes Volk macht hier ſich breit, So nah der Wiege unſrer Koniginn? Wie? giebt's ein Schauſpiel? Ich will Hoͤrer ſeyn, Mitſpieler auch vielleicht, nach dem ſich's fuͤgt. Squenz. Sprecht, Pyramus; Thisbe, tretet vor. Pyram.„Thisbe, wie ein Blum'von Giften duftet ſuͤß,“— Squenz. Duͤften; Duͤften! Pyram.„—— von Duͤften duftet ſuͤß, „So thut dein Athem auch, o Thisbe, meine Zier. Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 223 „Doch horch', ich hör' ein Stimm'; es iſt mein Vater g'wiß. „Bleib' eine Weile ſtehn, ich bin gleich wieder 2 5 ab. Puck.(beyſeit. Ein ſeltnes Stuck von einem Pyramus. (ab.) Thisb. Muß ich jetzt reden?. Squenz. Ja, zum Henker, freilich muͤßt ihr; ihr muͤßt wiſſen, er geht nur weg, um ein Geraͤnſch zu ſehen, das er gehoͤrt hat, und wird gleich wieder kommen. Thisb.„Umſtrahlter Pyramus, an Farbe lilienweiß, „Und roth wie eine Roſ' auf triumphir'ndem Strauch; „Du muntrer Juvenil, der Maͤnner Zier und Preis, „Treu wie das treuſte Roß, das nie ermuͤdet auch. „Ich will dich treffen an, glaub' mir, bey Nickel's Grab.“ Squenz. Ninus Grab, Kerl. Aber das mußt ihr jetzt nicht ſagen, das antwortet ihr dem Pyramus. Ihr ſagt euren ganzen Part auf einmal her, Stichwoͤrter und den ganzen Plunder.— Pyramus, tretet auf; euer Stich⸗ wort iſt ſchon da geweſen; es iſt: ermuͤdet auch. Gettel mit einem Eſelskopfe und Puck kommen zuruͤck.) Thisb. Uf—„So treu, wie's treuſte Pferd, das nie „ermuͤdet auch. Pyram.„Wenn, Thisbe, ich waͤr' ſchoͤn, ſo waͤr' ich einzig dein. Squenz. O graͤulich! erſchrecklich! Es ſpukt hier. Ich bitt' euch, Meiſters! lauft, Meiſters! Huͤlfe! Sie laufen davon.) Puck. Nun jag' ich euch, und fuͤhr' euch kreuz und quer, Durch Dorn, durch Buſch, durch Sumpf, durch Wald. Bald bin ich Pferd, bald Eber, Hund und Baͤr, Erſchein' als Wehrwolf und als Feuer bald, Will grunzen, wiehern, bellen, brummen, flammen, Wie Eber, Pferd, Hund, Baͤr und Feu'r zuſammen. (ab.) Zett. Warum laufen ſie weg? Dieß iſt eine Schel⸗ merey von ihnen, um mich zu fuͤrchten zu machen. (Schnauz kommt zuruͤck.) Schnauz. O Zettel! du biſt verwandelt! Was ſeh' ich an dir? Zett. Was du ſiehſt? Du ſiehſt deinen eignen Eſels⸗ kopf. Nicht?(Schnauz ab.) (Squenz kommt zuruͤck.) 224 Ein Sommernachtstraum. A. IIH. Squenz. Gott behuͤte dich, Zettel! Gott behuͤte dich! du biſt transferirt.(ab.) Fett. Ich merke ihre Schelmerey; ſie wollen einen Eſel ans mir machen, mich zu fuͤrchten machen, wenn ſie koͤnnen. Aber ich will hier nicht von der Stelle, laß ſie machen was ſie wollenz ich will hier auf und ab ſpazieren und ſingen, damit ſie ſehen, daß ich mich nicht fuͤrchte. (Er ſingt.) Die Schwalbe, die den Sommer bringt, Der Spatz, der Zeiſig fein, Die Lerche, die ſich luſtig ſchwingt Bis in den Himmel nnein; Titan.(erwachend.. Weckt mich von meinem Blumen⸗ bett' ein Engel? Jett.(ſingt.) Der Kukuck, der der Graſemuͤck' So gern ins Neſtchen heckt, Und lacht darob mit arger Tuͤck, Und manchen Ehmann neckt. Denn ſein Rufen ſoll eine gar gefaͤhrliche Vorbedeutung ſeyn, und wem juͤckt es nicht ein bischen an der Stirne, wenn er ſich Kukuck gruͤßen hoͤrt? Titan. Ich bitte dich, du holder Sterblicher, Sing' noch einmal! Mein Ohr iſt ganz verliebt In deine Melodie; auch iſt mein Ange Bethoͤrt von deiner lieblichen Geſtalt; Gewaltig treibt mich deine ſchoͤne Tugend Bey'm erſten Blick dir zu geſtehn, zu ſchwoͤren: Daß ich dich liebe. Fett. Mich duͤnkt, Madam, ſie koͤnnten dazu nicht viel Urſache haben. Und doch, die Wahrheit zu ſagen, halten Vernunft und Liebe heut zu Tage nicht viel Gemeinſchaft. Schade, daß ehrliche Nachbarn ſie nicht zu Freunden ma⸗ chen wollen! Gelt, ich kann auch ſpaßen, wenn's darauf ankoͤmmt. Tit. Du biſt ſo weiſe, wie du reizend biſt. Fett. Das nun juſt auch nicht. Doch, wenn ich Witz genug haͤtte, um aus dieſem Walde zu kommen, ſo hette ich juſt ſo viel, als mir noͤthig thaͤte. Titan. Begehre nicht, aus dieſem Hain zu fliehn; Du mußt hier, willig oder nicht, verziehn. Ich bin ein Geiſt nicht von gemeinem Stande; Ein ew'ger Sommer zieret meine Lande. Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 22⁵ Und ſieh', ich liebe dich! drum folge mir, Ich gebe Elfen zur Bedienung dir; Sie ſollen Perlen aus dem Grund dir bringen, Und, wenn du leicht auf Blumen ſchlummerſt, ſingen. Ich will vom Erdenſtoffe dich befreyn, Daß du ſo juftig ſollſt wie Geiſter ſeyn. Senfſamen! Bohnenbluͤthe! Motte! Spinnweb! (Vier Elfen treten auf.) Erſt. Elf. Hier! Zweit. Elf. Und ich! Dritt. Elf. Und ich! Piert. Elf. Wohin heißt du uns gehn? Alle. Was ſollen wir? Tit. Gefaͤllig ſeyd und dienſtbar dieſem Herrn. Huͤpft wo er geht, und gaukelt um ihn her; Sucht Aprikof ihm auf und Stachelbeer; Maulbeeren gebt ihm, Feigen, Purpurtrauben. Ihr muͤßt der Biene Honigſack ihm rauben; Zur Kerze nehmt von ihr ein waͤchſern Bein, Und ſteckt es an bey eines Gluͤhwurms Schein, Zu leuchten meinem Freund' Bett aus und ein; Mit bunter Schmetterlinge Fluͤgelein Wehrt faͤchelnd ihm vom Aug' den Mondenſchein. Nun, Elfen, huldigt ihm, und neigt euch fein. Erſt. Elf. Heil, dir Sterblicher! Zweit. Elf. Heil! Dritt. Elf. Heil! Piert. Elf. Heil! Fett. Ich flehe Euer Gnaden von ganzem Herzen um Verzeihung. Ich bitte um Euer Gnaden Namen. Spinnw. Spinnweb. Zett. Ich wuͤnſche näher mit Ihnen bekannt zu wer⸗ den, guter Musje Spinnweb. Wenn ich mich in den Fin⸗ ger ſchneide, werde ich ſo frey ſeyn, Sie zu gebrauchen.— Ihr Name, ehrſamer Herr? Bohnenbl. Bohnenbluͤthe. Fett. Ich bitte Sie, empfehlen Sie mich Madam Huͤlſe, Ihrer Frau Mutter, und Herrn Bohnenſchote, Ihrem Herrn Vater. Guter Herr Bohnenbluͤthe, auch mit Ihnen hoffe ich naͤher bekannt zu werden.— Ihren Namen, mein Herr, wenn ich bitten darf. Senfſ. Senfſamen. 6 Zett. Lieber Musje Senfſamen, ich kenne Ihre Geduld III. 15 226 Ein Sommernachtstraum. A. IM. gar wohl. Jener niedertraͤchtige und ungeſchlachte Kerl, Rinderbraten, hat ſchon manchen wackern Herrn von Ihrem Hauſe verſchlungen. Seyn Sie verſichert, Ihre Freund⸗ ſchaft hat mir ſchon oft die Augen uͤbergehen machen. Ich wuͤnſche naͤhere Bekanntſchaft, lieber Musje Senfſamen. Titan. Kommt, fuͤhrt ihn hin zu meinem Heiligthume! Mich duͤnkt, von Thraͤnen blinke Luna's Glanz; Und wenn ſie weint, weint jede kleine Blume Um einen wild zerrißnen Maͤdchenkranz. Ein Zauber ſoll des Liebſten Zunge binden: Wir wollen ſtill den Weg zur Laube finden. (Alle ab.) Zweyte Szene. Ein andrer Theil des Waldes, Gberon ttritt auf.) Mich wunderts, ob Titania erwachte, Und welch Geſchoͤpf ihr gleich ins Ange fiel, Worin ſie ſterblich ſich verlieben muß. Muck kommt.) Da kommt mein Bote ja.— Nun, toller Geiſt, Was ſpuken hier im Wald fuͤr Abentheuer? Puck. Herr, meine Fuͤrſtinn liebt ein Ungeheuer, Sie lag in Schlaf verſunken auf dem Moos, In ihrer heil'gen Laube dunklem Schooß, Als eine Schaar von lump'gen Handwerksleuten, Die muͤhſam kaum ihr täglich Brod erbeuten, Zuſammenkoͤmmt, und hier ein Stuͤck probirt, 6 So ſie auf Theſeus Hochzeittag ſindirt. Der ungeſalzenſte von den Geſellen, Den Pyramus berufen vorzuſtellen, Tritt von der Buͤhn', und wartet im Geſtraͤuch; Ich nutze dieſen Augenblick ſogleich, Mit einem Eſelskopf ihn zu begaben. Nicht lange drauf muß Thisbe Antwort haben; Mein Affe tritt heraus; kaum ſehen ihn Die Freund', als ſie wie wilde Gaͤnſe fliehn, Wenn ſie des Jaͤgers leiſen Tritt erlauſchen; Wie grauhe Krähen, deren Schwarm mit Rauſchen Und Kraͤchzen auffliegt, wenn ein Schuß geſchieht, S 2 Ein Sommernachtstraum. 227 Und wild am Himmel da⸗ und dorthin zieht. Vor meinem Spuk rollt der ſich auf der Erde, Der ſchreyet Mord! mit kläglicher Geberde; Das Schrecken, das ſie ſinnios machte, lieh Sinnloſen Dingen Waffen gegen ſie. An Dorn und Buſch bleibt Hut und Aermel ſtecken; Sie fliehn hindurch, berupft an allen Ecken. In ſolcher Angſt trieb ich ſie weiter fort, Nur Schaͤtzchen Pyramus verharret dort. Gleich mußte nun Titania erwachen, Und aus dem Langohr ihren Liebling machen. Gber. Das geht ja uͤber mein Erwarten ſchoͤn. Doch haſt du auch den Juͤngling von Athen, Wie ich dir auftrug, mit dem Saft beſtrichen? uck. O ja, ich habe ſchlafend ihn beſchlichen. Das Maͤdchen ruhte neben ihm ganz dicht: Erwacht er, ſo entgeht ſein Aug' ihr nicht. (Demetrius und Hermia treten auf.) Gber. Tritt her; da kommt ja der Athener an. Las Das Maͤdchen iſt es, aber nicht der Mann. emet. O konnt ihr ſo, weil ich euch liebe, ſchmaͤhlen? Den Todfeind ſolltet ihr ſo toͤdtlich quaͤlen! Berm. Noch mehr verdient, was ich von dir erfuhr; Denn fluchen ſollt' ich dir und ſchalt dich nur. Erſchlugſt du mir Lyſandern, weil er ruhte, So bad', einmal befleckt, dich ganz im Blute, Und toͤdt' auch mich! Die Sonne liebt den Tag nicht treuer, ſteter, Als wie er mich: nun waͤr' er als Verraͤther Entflohn, indeß ich ſchlief? Rein, nimmermehr! Eh' wollt' ich glauben, daß es moͤglich waͤr', Ganz zu durchbohren dieſer Erde Boden, Und durch die Oeffnung zu den Antipoden Zu ſenden des verwegnen Mondes Gruß, Der hellen Mittagsſonne zum Verdruß. Es kann nicht anders ſeyn, du mordeteſt ihn mir. So ſieht ein Moͤrder aus; ſo graß, ſo ſtier. Demet. So ſiehet ein Erſchlaguer aus; ſo ich; Denn eure Grauſamkeit durchbohrte mich, Doch ihr, die Moͤrd'rin, glanzet wie Cythere Am Himmel dort in ihrer lichten Sphaͤre. Zerm. Was ſoll mir dieß? Wo iſt Lyſander? ſprich!— Gieb ihn mir wieder, Freund, ich bitte dich. 5 228 Ein Sommernachtstraum. A. III. Demet. Den Hunden gaͤb' ich lieber ſeine Leiche. Serm. Hinweg, du Hund! du treibſt durch deine Streiche 5 Mich armes Weib zur Wuth. Haſt du ihn umgebracht: Nie werde mehr fuͤr einen Mann geachtt. Sprich einmal wahr, ſprich mir zu Liebe wahr! Haͤtt'ſt du, wenn er gewacht, ihm wohl ein Haar Gekruͤmmt? und haſt ihn, weil er ſchlief, erſchlagen? O Kuͤhnheit! eine Natter konnt' es wagen. Ja, eine Natter that's; die aͤrgſte ſticht Zweyzuͤngiger als du, o Schlange, nicht. Demet. An einen Wahn verſchwend'ſt du deine Wuth. Ich bin nicht ſchuldig an Lyſanders Blut; Auch mag er wohl, ſo viel ich weiß, noch leben. Berm. Und geht's ihm wohl? Kannſt du mir Nach⸗ richt geben? Demet. Und koͤnnt' ich nun, was wuͤrde mir dafuͤr? Serm. Mich nie zu ſehn, dieß Vorrecht ſchenk' ich dir. Und ſo verlaſſ' ich deine ſchnoͤde Naͤhe; Todt ſey er, oder nicht, wenn ich nur dich nicht ſehe. ab.) Demet. Ihr folgen iſt vergebliches Bemuͤhn In dieſem Sturm; ſo will ich hier verziehn. Poch hoͤher wird des Grames Noth geſteigert, Seit ſich ſein Schuldner Schlaf zu zahlen weigert. Vielleicht empfang' ich einen Theil der Schuld, Erwart' ich hier den Abtrag in Geduld. (Er legt ſich nieder.) Gber. Was thateſt dn? du haſt dich ganz betrogen. Ein treues Auge hat den Liebesſaft geſogen; Dein Fehlgriff hat den treuen Bund geſtört, — Und nicht den Unbeſtand zur Treu' bekehrt. Puck. So ſiegt das Schickſal daß gegen Einen reuen Millionen falſch auf Schwuͤre Schwuͤr' entweihen. Gber. Streif durch den Wald behender als der Wind, Und ſuche Helena, das ſchoͤne Kind. Sie iſt ganz liebekrank und blaß von Wangen, Von Seufzern, die ihr ſehr an's Leben drangen. Geh', locke ſie durch Taͤuſchung her zu mir; Derweil ſie koͤmmt, bezaubr' ich dieſen hier. Puck. Ich eil, ich eib, ſieh wie ich eil': So ſliegt vom Bogen des Tartarn Pfeil.(ab.) N Sz. 2. Ein Sommernachtstraum. 2¹9 Gber. Blume mit dem Purpurſchein, Die Cupido's Pfeile weihn, * Senk' dich in ſein Aug' hinein. Wenn er ſieht ſein Liebchen fein, Daß ſie glorreich ihm erſchein', Wie Cyther' im Sternenreihn.— Wachſt du auf, wenn ſie dabey; Bitte, daß ſie huͤlfreich ſey. Muck kommt zuruͤck. Puck. Hauptmann unſrer Elfenſchaar, Hier ſtellt Helena ſich dar. Der von mir geſalbte Mann Fleht um Liebeslohn ſie an. Wollen wir ihr Weſen ſehn? O die tollen Sterblichen! Gber. Tritt beyſeit'! Erwachen muß Von dem Laͤrm Demetrius. Puck. Wenn dann zwey um eine freyn: Das wird erſt ein Hauptſpaß ſeyn. Gehn die Sachen kraus und bunt, Freu' ich mich von Herzensgrund. (Lyſander und Helena treten auf. Lyſand. Pflegt Spott und Hrha in Thränen ſich zu kleiden? Wie glaubſt du denn, ich huld'ge dir zum Hohn? Sieh', wenn ich ſchwoͤre, wein' ich: ſolchen Eiden Dient zur Beglaubigung ihr Urſprung ſchon. Kannſt du des Spottes Reden wohl verklagen, Die an der Stirn des Ernſtes Siegel tragen? Sel. Stets mehr und mehr wird deine Schalkheit kund. Wie teufliſch fromm, mit Schwur den Schwur erlegen! Beſchwurſt du nicht mit Hermia ſo den Bund? Waͤg Eid an Eid, ſo wirſt du gar nichts wägen. Die Eid' an ſie und mich, wie Maͤrchen leicht, Leg' in zwey Schalen ſie, und keine ſteigt. Lyſand. Verblendung war's, mein Herz ihr zu ver⸗ ſprechen, Zel. Verblendung nenn' ichs, jetzt den Schwur zu brechen. Lyſand. Demetrius liebt ſie; dich liebt er nicht. Demet.(erwachend.) O Huldinn! Schoͤnſte! Goͤttin mei⸗ ner Wahl! 230 Ein Sommernachtstraum. A. HII. Womit vergleich' ich deiner Augen Strahl? Kryſtall iſt trube. O wie reifend ſchwellen Die Lippen dir, zwey kuſſende Morellen! Und jenes dichte Weiß, des Taurus Schnee, Vom Oſtwind rein gefaͤchelt, wird zur Kräh', Wenn du die Hand erhebſt. Laß mich dieß Siegel Der Wonne kuͤſſen, aller Reinheit Spiegel. Bel. O Schmach: o Hoͤll“! ich ſeh', ihr alle ſeyd Zu eurer Luſt zu plagen mich bereit. Waͤr' Sitt' und Edelmuth in euch Verwegnen, Ihr wuͤrdet mir ſo ſchmaͤhlich nicht begegnen. Koͤnnt ihr mich denn nicht haſſen, wie ihr thut, Wenn ihr mich nicht verhoͤhnt im frechen Muth? Waͤrtt ihr in Wahrheit Maͤnner, wie im Schein, So floßt' ein armes Weib euch Meitleid ein. Ihr wuͤrdet nicht mit Lob und Schwuͤren ſcherzen, Da ich doch weiß, ihr haſſet mich von Herzen; Als Nebenbuhler liebt ihr Hermia, Wetteifernd nun verhoͤhnt ihr Helena. Ein tapfres Stuͤck, ein maͤnnlich Unternehmen, Durch Spott ein armes Maͤdchen zu beſchaͤmen, Ihr Thränen abzulocken! Quaͤlt ein Weib. Ein edler Mann wohl, bloß zum Zeitvertreib? Lyſand. Demetrius, du biſt nicht bieder: ſey's! Du liebſt ja Hermia; weiß't, daß ich es weiß. Hier ſey von Herzensgrund, in Gut“ und Frieden, An Hermia's Huld mein Antheil dir beſchieden. Tritt deinen nun an Helena mir ab;* Ich lieb' und will ſie lieben bis in's Grab. Zel. Ihr loſen Schwaͤtzer, wie es keine gab! emetr. Nein, Hermia mag ich nicht; behalt' ſie, Lieber! Liebt' ich ſie je, die dieb⸗ iſt laͤngſt voruͤber. Mein Herz war dort nur wie im fremden Land'; Nun hat's zu Helena ſich heim gewandt, 5 Um da zu bleiben. Lyſand. Glaubt's nicht, Helena, Demet. Tritt nicht der Tren'“, die— nicht kennſt, zu nah; Du mhchteſt ſonſt vielleicht es theuer buͤßen. Da kommt dein Liebchen; geh' ſie zu begruͤßen. (Hermia tritt auf.) Berm. Die Nacht, die uns der Augen Dienſt entzieht, Macht, daß dem Ohr kein leiſer Laut entſlieht; S; 2. Ein Sommernachtstraum. 231 Was dem Geſicht an Schaͤrfe wird benommen, Muß doppelt dem Gehoͤr zu Gute kommen. Mein Aug' wars nicht, das dich, Lyſander, fand; Mein Ohr, ich dank' ihm, hat die Stimm' erkannt. Doch warum mußteſt du ſo von mir eilen? Lyſand. Den Liebe fortriß, warum ſollt' er weilen? Serm. Und welche Liebe wars, die it von mir dich trieb? Lyſand. Lyſanders Liebe litt nicht, daß er blieb; Die ſchoͤne Helena, die ſo die Nacht durchfunkelt, Daß ſie die lichten O's, die Augen dort, verdunkelt. Was ſuchſt du mich? That dieß dir noch nicht kund, Mein Haß zu dir ſey meines Fliehens Grund? Serm. Ihr ſprecht nicht, wie ihr denkt. Es kann nicht ſeyn. Zel. Ha! ſie ſtimmt auch in die Verſchwoͤrung ein. Nun merk ichs, alle drey verbanden ſich Zu dieſer falſchen Poſſe gegen mich. Feindſel'ge Hermial undankbares Maͤdchen! Verſtandeſt du, verſchworſt mit dieſen dich, Um mich zu necken mit ſo ſchnoͤdem Spott? Sind alle Heimlichkeiten, die wir theilten, Der Schweſtertren“ Gelubde, jene Stunden, Wo wir den raſchen Tritt der Zeit verwuͤnſcht, Wie ſie uns ſchied: o alles nun vergeſſen? S Die Schulgenoſſenſchaft, die Kinderunſchuld? Wie kunſtbegabte Götter ſchufen wir Mit unſern Nadeln Eine Blume beyde: Nach Einem Muſter und auf Einem Sitz, Ein Liedchen wirbelnd, beyd' in einem Ton, Als waͤren unſre Haͤnde, Stimmen, Herzen Einander einverleibt. So wuchſen wir Zuſammen, einer Doppelkirſche gleich, Zum Schein getrennt, doch in der Trennung Eins; Zwey holde Beeren, Einem Stiel entwachſen, Dem Scheine nach zwey Koͤrper, doch ein Herz; Zwey Schildern eines Wappens glichen wir Die friedlich ſtehn, gekroͤnt von Einem Helm. Und nun zerreißt ihr ſo die alte Liebe? Geſellt im Hohne eurer armen Freundin Zu Maͤnnern euch? Das iſt nicht freundſchaftlich, Das iſt nicht jungfraͤulich; und mein Geſchlecht, 4 232 Sowohl wie ich, Ein Sommernachtstraum. A. MI. darf euch daruͤber ſchelten, Obſchon die Kraͤnkung mich allein betrifft. Zerm. Ich hoͤr⸗ Ich hoͤhn' euch nicht Hel. erſtaunt die ungeſtuͤmen Reden; „es ſcheint, ihr hoͤhnet mich. Habt ihr Lyſandern nicht beſtellt, Mir nachzugehn, zu preiſen mein Geſicht? Und euren andern Buhlen, zum Hohn den Demetrius, Der eben jetzt mich noch mit Fuͤßen ſtieß, Mich Goͤttin, Nymphe, wunderſchoͤn zu nennen, Und koͤſtlich, himmliſch? Warum ſagt er das Der, die er haßt? Und warum ſchwoͤrt Lyſander Die Liebe ab, die ganz die Seel' ihm fuͤllt, Und bietet mir(man denke nur)) ſein Herz, Als weil ihr ihn gereizt, Bin ich ſchon nicht ſo in Mit Liebe ſo umkettet, ſo elend gnug, um ungeliebt zu lieben; Ja, Ihr weil ihr's gewollt? der Gunſt wie ihr, begluͤckt, ſolltet mich bedauern, nicht verachten. erm. Ich kann mir nicht erklaͤren, was ihr meynt. el. Schon recht! Beharrt nur! Heuchelt ernſte Blicke, Und zieht Geſichter hinter'm Ruͤcken mir! Blinzt euch nur zu! Wohl ausgefuͤhrt, wir Waͤr' Mitleid, Huld Verfolgt den feinen Scherz! d es euch nachgeruͤhmt. ind Sitte noch in euch, Ihr machtet ſo mich nicht zu eurem Ziel. Doch lebet wohl! Zum Theil iſt's meine Schuld: Bald wird Entfernung oder Tod ſie buͤßen. Lyſand. Zel. O herrlich! Bleib', holde Mein Herz! mein Leben! Helena, und hoͤr' mich an! meine Helena! Berm. Lieber, hoͤhne ſie nicht ſo! Demet. Lyſand. Dein Drohn Dich lieb' ich, Und gilt ihr Bitten nichts, Nichts mehr erzwingen, iſt kraftlos, wie ihr ſchwaches Flehn. Helena! ſo kann ich zwingen. als was ſie erbittet; Bey meinem Leben Ich liebe dich, und will dieß Leben wagen, er Demet. Lyſand. Demet. Luͤge den zu zeihn, der widerſpricht. Ich ſag'“, ich liebe dich weit mehr als er. Ha! ſagſt du das, Auf, komm! Zerm. Lyſander, wohin ſo komm, beweiſ' es auch. zielt dieß alles? Lyſand. Fort, Mohrenmaͤdchen! Demet. Nein, o nein! er thut Sz. 2. Ein Sommernachtstraum. 233 Als braͤch' er los; er tobt, als wollt' er folgen, Kommt aber nicht. O geht mir, zahmer Menſch! yſand. Fort, Katze, Klette! Mißgeſchoͤpf, laß los! Sonſt ſchleudr' ich dich wie eine Natter weg. Zerm. Wie wurdet ihr ſo wild? wie ſo verwandelt, Mein ſuͤßes Herz? Lyſand. Dein Herz? Fort, fort! hinweg! Zigeunerin! fort, widerwaͤrt'ger Trank! Serm. Ihr ſcherzet nicht? Hel! Ja wahrlich, und ihr auch! PLyſand. Demetrius, ich halte dir inein Wort. Demet. Ich haͤtt' es ſchriftlich gern von deiner Hand; Dich haͤlt'ne ſchwache Hand, ich trau' dir nicht. yſand. Wie? ſollt' ich ſie verwunden, ſchlagen, toͤdten? Haſſ' ich ſie ſchon, ich will kein Leid ihr thun. Zerm. Wie? koͤnnt ihr mehr S als mich aſſen? Warum mich haſſen? was geſchah, Geliebter? Bin ich nicht Hermia? Seyd ihr nicht Lyſander? Ich bin ſo ſchoͤn noch, wie ich eben war. Ihr liebtet uber Nacht mich, doch verließt ihr Mich uͤber Nacht. Und muß ich alſo ſagen, (Verhuͤten es die Goͤtter) ihr verließt Im Ernſte mich. Lyſand. Im Ernſt, ſo wahr ich lebe! S Und nie begehr' ich wieder dich zu ſehn. Drum gieb nur Hoffnung, Frage, Zweifel anf; 3 Sey ſicher, nichts iſt wahrer,*s iſt kein Scherz: Ich haſſe dich, und liebe Helena. 1 Zerm. Weh mir!— Du Gauklerin! du Bluͤthenwurm! Du Liebesdiebin! Was? du kamſt bey Nacht, Stahlſt meines Liebſten Herz? 66* Bel. Schoͤn, meiner Treu'! Haſt du denn keine Scheu, noch Maͤdchenſitte, Nicht eine Spur von Schaam? Und zwingſt du ſo Zu harten Reden meine ſanften Lippen? Du Marionette, pfui! du Puppe, du! Berm. Wie? Puppe? Ha, Wnzit ihr Spiel mir . a Sie hat ihn unſern Wuchs vergleichen laſſen— Ich merke ſchon— auf ihre Höh' getrotzt. Mit ihrer Figur, mit ihrer langen Figur, Hat ſie ſich ſeiner, ſeht mir doch! bemeiſtert. — 234 Ein Sommernachtstraum. A. III. Und ſtehſt du nun ſo groß bey ihm in Gunſt, Weil ich ſo klein, weil ich ſo zwerghaft bin? Wie klein bin ich, du bunter Mayen⸗Pfahl? Wie klein bin ich? Nicht gar ſo klein, daß nicht Dir meine Naͤgel an die Angen reichten. Zel. Ihr Herrn, ich bitt euch, enn ihr ſchon mich oͤhnt, Beſchirmt mich doch vor ihr. Nie war ich boͤſe, 4 Bin keineswegs geſchickt zur Zankerin: 5 Ich bin ſo feig, wie irgend nur ein Maͤdchen. Verwehrt ihr, mich zu ſchlagen; denket nicht, Weil ſie ein wenig kleiner iſt als ich, Ich naͤhm' es mit ihr auf. Serm. Schon wieder kleiner? Zel. Seyd, gute Hermia, nicht ſo böſ' auf mich, Ich liebt' euch immer, hab' euch nie gekraͤnkt; Mur daß ich, dem Demetrius zu Liebe, Zhin eure Flucht in dieſen Wald verrieth. Er folgte euch; aus Liebe folgt' ich ihm; Er aber ſchalt mich weg, und drohte, mich Zu ſchlagen, ſtoßen, ja zu toͤdten gar; Und nun, wo ihr mich ruhig gehen laßt, So trag' ich meine Thorheit heim zur Stadt, Und folg' euch ferner nicht. O laßt mich gehn! Ihr ſeht, wie kindiſch und wie bloͤd' ich bin. erm. Gut! zieht nur hin! Wer hindert euch daran? el. Ein thoͤricht Herz, das ich zuruͤck hier laſſe. Serm. Wie? Bey Lyſander? Sel. Bey Demetrins. Lyſand. Sey ruhig, Helena! ſie ſoll kein Leid dir thun. Demet. Sie ſoll nicht, Herr, wenn ihr ſie ſchon beſchuͤtzt. Zel. O ſie hat arge Tuͤck' in ihrem Zorn. Sie war'ne boͤſe Sieben in der Schule, Und iſt entſetzlich wild, obſchon ſo klein. Serm. Schon wieder klein, und anders nicht wie klein? Wie duldet ihr's, daß ſie mich ſo verſpottet? Weg! laß mich zu ihr!. . Lyſand. Packe dich, du Zwergin! Du Ecker du, du Paternoſterkralle! Demet. Ihr ſeyd zu dienſtgeſchaͤftig, guter Freund, Zu Gunſten der, die euren Dienſt verſchmaͤht. Laß mir ſie gehn! Sprich nicht von Heiena! Ninm nicht Partey fuͤr ſie! Vermiſſeſt du 1„½ 6* — Sz 2. Ein Sommernachtstraum. Dich im geringſten, Lieb' ihr zu bezeugen, So ſollſt du's buͤßen. Lyſand. Jetzo bin ich frey:. Nun komm, wofern du's wagſt: laß ſehn, weß Recht An Helena, ob deins, ob meines gilt. i Demet. Dir folgen? Rein, ich halte Schritt mit dir. Lyſander und Demetrius ab.) Zerm. Nun Fraͤulein! ihr ſeyd Schuld an all' dem Laͤrm. Ey, bleibt doch ſtehn! Zel. Nein, nein! ich will nicht, traun, Voch langer eu'r verhaßtes Antlitz ſchaun. Sind eure Haͤnde hurtiger zum Raufen, So hab' ich laͤng're Beine doch zum Laufen.(ab.) Zerm. Ich ſtaun', und weiß nicht was ich ſagen ſoll. (Sie laͤuft der Helena nach.) Gber. Das iſt dein Unbedacht! Stets irrſt du dich, Wenn's nicht geflißne Schelmenſtreiche ſind. Puch. Ich irrte dießmal, glaubt mir, Fuͤrſt der Schatten. Gabt ihr denn nicht von dem beſtimmten Mann Mir die Athenertracht als Merkmal an? Und ſo weit bin ich ohne Schuld, daß jener, Den ich geſalbt, doch wirklich ein Athener, Und ſo weit bin ich froh, daß ſo ſich's fuͤgt, Weil dieſe Balgerey mich ſehr vergnuͤgt. Gber. Du ſiehſt zum Kampf bereit die hitz'gen Freyer: Drum, Robin, eil', wirf einen naͤcht'gen Schleyer, Bedecke die geſtirnte Veſte ſchnell Mit Nebeln, duͤſter wie Kochtus Quell, Und locke ſie auf falſche Weg' und Stege, Damit ſie nicht ſich kommen ins Gehege. Bald borg' die Stimme von Demetrius, Und reize keck Lyſandern zum Verdruß; Bald ſchimpf' und hoͤhne wieder wie Lyſander, Und bringe ſo ſie weiter aus einander, Bis ihre Stirnen Schlaf, der ſie dem Tod' vergleicht, Mit dichter Schwing' und bley'rnem Tritt beſchleicht. Zerdruͤck' dieß Kraut dann auf Lyſanders Augen, Die Zauberkraͤfte ſeines Saſftes taugen Von allem Wahn ſie wieder zu befreyn, Und den gewohnten Blick ihm zu verleihn. Wenn ſie erwachen, iſt, was ſie betrogen, Wie Traͤum' und eitle Nachtgebild' entſtogen; 236 Ein Sommernachtstraum. A. III. Dann kehren wieder nach Athen zuruͤck Die Liebenden, vereint zu ſtetem Gluͤck. Derweil dieß alles deine Sorgen ſind, Bitt' ich Titanien um ihr Indiſch Kind; Ich bann' ihr vom bethoͤrten Augenliede Des Unholds Bild, und alles werde Friede. Puck. Mein Elfenfuͤrſt, wir muͤſſen eilig machen. Die Nacht theilt das Gewoͤlk mit ſchnellen Drachen; Auch ſchimmert ſchon Auroras Herold dort, Und ſeine Naͤh' ſcheucht irre Geiſter fort Zum Todtenacker; banger Seelen Heere, Am Scheideweg begraben und im Meere, Man ſieht ins wurmbenagte Bett ſie gehn. Aus Angſt, der Tag moͤcht' ihre Schande ſehn, Verbannt vom Lichte ſie ihr eigner Wille, Und ihnen dient die Nacht zur ew'gen Huͤlle. Gber. Doch wir ſind Geiſter andrer Region. Oft jagt' ich mit Aurorens Liebling ſchon, Darf, wie ein Waidmann, noch den Wald betreten, Wenn flammend ſich des Oſtes Pforten roͤthen, Und, aufgethan, der Meeresfluten Gruͤn Mit ſchoͤnem Strahle golden uͤbergluͤhn. Doch zaudre nicht! Sey ſchnell vor allen Dingen! Wir koͤnnen dieß vor Tage noch vollbringen. (Oberon ab.) Puck. Hin und her, hin und her, Alle fuͤhr' ich hin und her, Land und Staͤdte ſcheun mich ſehr. Kobold, fuͤhr' ſie hin und her! Hier kommt der Eine. Eyſander tritt auf. Lyſand. Demetrius! Wo biſt du, Stolzer, du? Puck. Hier, Schurk', mit bloßem Degen; mach nurzu! Lyſand. Ich komme ſchon. uck. So laß uns miteinander Auf ebnen Boden gehn. (Lyſander ab, als ging' er der Stimme nach.) (Demetrius tritt auf.) Demet. Antworte doch, Lyſander! Ausreißer! Memmel! liefſt du ſo mir fort? In welchem Buſche ſteckſt du? ſprich ein Wort! Puck. Du Memme, forderſt hier heraus die Sterne, Erzaͤhlſt dem Buſch, du foͤchteſt gar zu gerne, * Sz. 2. Ein Sommernachtstraum. 237 Und koͤmmſt doch nicht? Komm, Buͤbchen! komm doch her! Ich geb' die Ruthe dir. Beſchimpft iſt der, Der gegen dich nur zieht. Demet. He, biſt du dort? Puck. Folg' meinem Ruf, zum Kampf iſt dieß kein Ort. (Puck und Demetrius ab.) (Lyſander kommt zuruͤck.) Lyſand. Stets zieht er vor mir her mit lautem Drohen, Komm' ich, wohin er ruft, iſt er entflohen. Behender iſt der Schurk' im Lauf als ich: Ich folgt' ihm ſchnell, doch ſchneller mied er mich, So daß ich fiel auf dunkler rauher Bahn, Und hier nun ruhn will.— Cegt ſich nieder.) Holder Tag, brich an! Sobald mir nur dein graues Licht erſcheint, Raͤch' ich den Hohn, und ſtrafe meinen Feind. (Entſchlaft.) WPuck und Demetrius treten auf.) Puck. Ho, ho! du Memme, warum kommſt du nicht? Demet. Steh', wenn du darfſt, und ſieh' mir ins Geſicht. Ich merke wohl, von Einem Platz zum andern Entgehſt du mir und laͤßt umher mich wandern. Wo biſt du nun? Puck. Hieher komm! ich bin hier. Demet. Du neckſt mich nur, doch zahlſt du's theuer mir, Wenn je der Tag dich mir vor's Auge bringt. Jetzt zieh' nur hin, weil Muͤdigkeit mich zwingt, Mich hinzuſtrecken auf dieß kalte Kiſſen; Fruͤh morgens werd' ich dich zu finden wiſſen. CLegt ſich nieder und entſchlaft.) (Helena tritt auf.) Zel. O traͤge, lange Nacht, verkuͤrze dich! Und Tageslicht, laß mich nicht laͤnger ſchmachten! Zur Heimath fuͤhre weg von dieſen mich, Die meine arme Gegenwart verachten. Du, Schlaf, der oft dem Grame Lind'rung leiht, Entziehe mich mir ſelbſt auf kurze Zeit. (Schlaͤft ein.) 238 Ein Sommernachtstraum. A. III. Puck. Dreye nur!— Fehlt eins noch hier: Zweh von jeder Art macht vier. Seht ſie kommt ja wie ſie ſoll; Auf der Stirn Verdruß und Groll. Amor ſteckt von Schalkheit voll, Macht die armen Weiblein toll. (Hermia tritt auf.) Zerm. Wie matt! wie krank! Zerzanſt von Dornen⸗ ſtraͤuchen, Vom Thau beſchmutzt und tauſendfach in Noth; Ich kann nicht weiter gehn, nicht weiter ſchleichen, Mein Fuß vernimmt nicht der Begier Gebot. Pier will ich ruhn; und ſoll's ein Treffen geben, O Himmel, ſchuͤtze nur Lyſanders Leben! (Schlaͤft ein.) Puck. Auf dem Grund Schlaf' geſund! Gießen will Ich dir ſtill Auf die Augen Arzeney. (Traͤufelt den Saft auf Lyſanders Auge.) Wirſt du wach, O ſo lach' Freundlich der, Die vorher Du geliebt, und bleib' ihr treu. Dann geht es, wie das Spruͤchlein ruͤhmt: Gebt jedem das, was ihm geziemt.. Hans nimmt ſein Gretchen, Jeder ſein Maͤdchen; Findt ſeinen Deckel jeder Topf, Und allen geht's nach ihrem Kopf. * (ab.) 239 V e te An g Eir ſte Szene Der Wald. — (Sitania und Zettel mit einem Gefolge von Elfen. Obe⸗ ron im Hintergrunde, ungeſehn.) Titania. 8 Komm, laß uns hier auf Blumenbetten koſen! Beut, Holder, mir die zarte Wange dar: Den glatten Kopf beſteck' 8 dir mit Roſen, Und kuͤſſe dir dein ſchoͤnes hrenpaar. Zett. Wo iſt Bohnenhluͤthe? Bohnenbl. Hier. Fett. Kratz' mir den Kopf, Bohnenbluͤthe.— Wo iſt Musje Spinnweb? pinnw. Hier. Zett. Musje Spinnweb, lieber Musje, kriegen Sie Ihre Waffen zur Hand, und ſchlagen Sie mir eine roth⸗ beinige Biene auf einem Diſtelkopfe todt, und, lieber Musje, bringen Sie mir den Honigbeutel. Tummeln Sie ſich nicht allzuſehr bey dieſer Verrichtung, Musje; und, lieber Musje, haben Sie Acht, daß der Honigbeutel nicht entzwey geht; es wuͤrde mir Leid thun, Signor, wenn Sie ſich mit einem Honigbeutel beſchuͤtteten. Wo iſt Musje Senfſamen? Senfſ. Hier. Zett. Geben Sie die Pfote, Musje Senfſamen: ich bitte Sie, laſſen Sie die Neverenzen, lieber Musje. Senfſ. Was befehlen Sie? Zett. Nichts, lieber Musje, als daß Sie dem Cava⸗ lier Bohnenbluthe kratzen helfen. Ich muß zum Balbier, Musje; denn mir iſt, als waͤr' ich gewaltig haarig um's Geſicht herum, und ich bin ein ſo zaͤrtlicher Eſel, wenn n Haar mich nur ein bischen kitzelt, gleich muß ich ratzen. SR 240 Ein Sommernachtstraum. A. IV. Titan. Willſt du Muſik vernehmen, junger Freund? Zett. Ich hab' ein raͤſonabel gutes Ohr fuͤr Muſik; ſpielt mir ein Stuͤck auf dem Dudelſack. Titan. Sag', ſuͤßer Freund, was haſt du Luſt zu eſſen? Zett. Ja, meiner Seel'! Eine Krippe voll Futter. Ich koͤnnte auch guten trocknen Hafer kaͤuen. Mir iſt, als haͤtte ich großen Appetit nach einem Bunde Heu; Heu, ſuͤßes Heu hat ſeines Gleichen auf der Welt nicht. Titan. Ich hab'nen dreiſten Elfen, der nach Nuͤſſen Im Magazin des Eichhorns ſuchen ſoll. Fett. Ich haͤtte lieber ein oder zwey Handvoll trockner Erbſen. Aber ich bitt' euch, laßt keinen von euren Leuten mich ſtoͤren. Es kommt mir eine Expoſition zum Schlaf an. Titan. Schlaf' du! Dich ſoll indeß mein Arm um⸗ . winden, Ihr Elfen, weg! Nach allen Seiten fort!— S lind' umflicht mit ſuͤßen Bluͤthenranken Das Geisblatt; ſo umringelt, weiblich zart, Das Ephen ſeines Ulmbaums rauhe Finger.— Wie ich dich liebe! wie ich dich vergoͤttre! (Sie ſchlafen ein.) (Oberon tritt vor. Puck kommt.) Gber. Willkommen, Robin! S ſuͤße Schau⸗ piel! Jetzt faͤngt mich doch ihr Wahnſinn an zu dauern. Denn da ich eben im Gebuͤſch ſie traf, Wie ſie fuͤr dieſen Tropf nach Duͤften ſuchte, Da ſchalt ich ſie, und ließ ſie zornig an. Sie hatt' ihm die behaarte Schlaͤf umwunden Mit einem friſchen wuͤrz'gen Blumenkranz. Derſelbe Thau, der ſonſt wie runde Perlen Des Morgenlandes an den Knospen ſchwoll, Stand in der zarten Bluͤmchen Augen jetzt, Wie Thraͤnen, trauernd uͤber eigne Schmach. Als ich ſie nach Gefallen ausgeſchmaͤhlt, Und ſie voll Demuth und Geduld mich bat, Da fordert' ich von ihr das Wechſelkind. Sie gab's mir gleich, und ſandte ihren Elfen Zu meiner Laub' im Feenland' mit ihm. Nun, da der Knabe mein iſt, ſey ihr Auge Von dieſer haͤßlichen Verblendung frey. Du, lieber Puck, nimm dieſe fremde Larve ⸗ Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 241 Vom Kopfe des Geſellen aus Athen; Auf daß er, mit den Andern hier, erwachend Sich wieder heim begebe nach Athen, Und Alle der Geſchichten dieſer Nacht Nur wie der Launen eines Traums gedenken. Doch loͤſ ich erſt die Elfenkoͤniginn. (Er beruͤhrt ihre Augen mit einem Kraut.) Sey als waͤre nichts geſchehn! Sieh' wie du zuvor geſehn! So beſiegt zu hohem Ruhme Cynthia's Knospe Amors Blume. Nun, holde Koͤniginn! wach auf, Titania! Titan. Mein Oberon, was fuͤr Geſicht' ich ſah! Mir ſchien, ein Eſel hielt mein Herz gefangen. Gber. Da liegt dein Freund. Titan. Wie iſt dieß zugegangen? O wie mir nun vor dieſer Larve graut! Gber. Ein Weilchen ſtill!— Puck, nimm den Kopf da weg.— Titania, du, laß nun Muſik beginnen, Und binde ſtaͤrker aller Fuͤnfe Sinnen Als durch gemeinen Schlaf. Titan. Muſik her! Schlaf⸗beſchwoͤrende Muſik! Puch. Wenn du erwachſt, ſo ſollſt du, umgeſchaffen, Aus deinen eignen, dummen Augen gaffen. Gber. Ertoͤn' Muſik! (Sanfte Muſik.) Nun komm, Gemahlin! Hand in Hand gefuͤgt, Und dieſer Schlaͤfer Ruheplatz gewiegt! Die Freundſchaft zwiſchen uns iſt nun erneut: Wir tanzen morgen Mitternacht erfreut In Theſeus Hauſe bey der Feſtlichkeit, Und ſegnen es mit aller Herrlichkeit. Auch werden da vermaͤhlt zu gleicher Zeit Die Paare hier in Wonn' und Froͤhlichkeit. Puck. Elfenkoͤnig, horch! da klang Schon der Lerche Morgenſang. Ober. Huͤpfen wir denn, Koͤniginn, Schweigend nach den Schatten hin! Schneller als die Monde kreiſen, Koͤnnen wir die Erd' umreiſen. M. 16 Ein Sommernachtstraum. A. IV. Komm, Gemahl, und ſage du Mir im Fliehn, wie ging es zu, Daß man dieſe Nacht im Schlaf' Bey den Sterblichen mich traf? (Alle ab.) (Waldhoͤrner hinter der Szene.) (Theſeus, Hippolyta, Egeus und Gefolge treten auf.) heſ. Geh einer hin, und finde mir den Foͤrſter— Denn unſre Maienandacht iſt vollbracht, Und da ſich ſchon des Tages Vortrab zeigt, So ſoll Hippolyta die Jagdmuſik Der Hunde hoͤren.— Koppelt ſie im Thal Gen Weſten los; eilt, ſucht den Foͤrſter auf. Komm, ſchoͤne Fuͤrſtin, auf des Berges Hoͤh', Dort laß uns in melodiſcher Verwirrung Das Bellen hoͤren, ſammt dem Wiederhall. Sippol. Ich war bey'm Herkules und Kadmus einſt, Die iit ſpartan'ſchen Hunden einen Baͤr Zn Kreta's Waͤldern hetzten; nie vernahm ich o tapfres Toben. Nicht die Haine nur, Das Firmament, die Quellen, die Reviere, Sie ſchienen all' Ein Ruf und Gegenruf. Nie hoͤrt' ich ſo harmon'ſchen Zwiſt der Toͤne, So hellen Donner. Theſ. Auch meine Hunde ſind aus Sparta's Zucht, Weitmaͤulig, ſcheckig, und ihr Kopf behangen Mit Ohren, die den Thau vom Graſe ſtreifen; Krummbeinig, wammig, wie Theſſaliens Stiere; Nicht ſchnell zur Jagd, doch ihrer Kehlen Ton Folgt auf einander wie ein Glockenſpiel.* Harmoniſcher ſcholl niemals ein Gebell Zum Huſſa und zum frohen Hoͤrnerſchall, In Kreta, Sparta, noch Theſſalien. Entſcheidet ſelbſt.— Doch ſtill! wer ſind hier dieſe? Egeus. Hier ſchlummert meine Tochter, gnaͤd'ger Herr; Dieß iſt Lyſander, dieß Demetrius, Dieß Helena, des alten Nedar's Kind. Ich bin erſtannt, beyſammen ſie zu treffen. Theſ. Sie machten ohne Zweifel fruh ſich auf, Den Mai zu feyern, hoͤrten unſtre Abſicht, Und kamen her zu unſrer Feſtlichkeit. Doch ſag' mir, Egeus: iſt dieß nicht der Tag, Wo Hermia ihre Wahl erklaͤren ſollte? Sz 2. Ein Sommernachtstraum. 243 Egeus. Er iſts, mein Fuͤrſt. Theſ. Geh', heiß die Jäger ſie Mit ihren Hörnern wecken. (Waldhoͤrner und Jagdgeſchrei hinter der Szene, Demetrius, Lyſander, Hermia und Helena erwachen und fahren auf. Theſ. Ey, guten Tag! Sankt Velten iſt vorbey, Und paaren jetzt ſich dieſe Vögel erſt? Lyſand. Verzeihung, Herr! (Er und die uͤbrigen knlen.) Theſ. Steht auf, ich bitt' euch alle. Ich weiß, ihr zwey ſeyd Feind' und Nebenbuhler: Wo kommt nun dieſe milde Eintracht her, Daß, fern vom Argwohn, Haß bey'm Haſſe ſchlaͤft, Und keiner Furcht vor Feindlichkeiten hegt? Lyſand. Mein Fuͤrſt, ich werd' erſtaunt euch Antwort geben. Halb wachend, halb im Schlaf noch, ſchwoͤr' ich euch, Ich weiß nicht recht, wie ich hieher mich ſand. Doch denk' ich(denn ich moͤchte wahrhaft reden— Und jetzt beſinn' ich mich, jo iſt es auch) Ich kam mit Hermia her; wir hatten vor, Weg von Athen an einen Ort zu fliehn, Wo des Geſetzes Bann uns nicht erreichte. Egeus. Genug, genug! Mein Fuͤrſt, ihr habt genug; Ich will den Bann, den Bann auf ſeinen Kopf. Fliehn wollten ſie, ja fliehn, Demetrius! Und wollten ſo berauben dich und mich, Dich deines Weibs, und meines Wortes mich; Des Wortes, das zum Weibe dir ſie gab. Demet. Mein Fuͤrſt, die ſchoͤne Helena verrieth Mir ihren Plan, in dieſen Wald zu fluͤchten; Und ich verfolgte ſie hieher aus Wuth, Die ſchoͤne Helena aus Liebe mich. Doch weiß ich nicht, mein Fuͤrſt, durch welche Macht Doch eine hoͤh're Macht iſts) meine Liebe Zu Hermia, wie Schnee zerronnen, jetzt Mir eines eitlen Tands Erinn'rung ſcheint, Worein ich in der Kindheit mich vergafft. Der Gegenſtand, die Wonne meiner Angen, Und alle Treu' und Tugend meiner Bruſt Iſt Helena allein. Mit ihr, mein Fuͤrſt, War ich verlobt, bevor ich Hermia ſah Doch, wie ein Kranker, haßt' ich dieſe Rahrung; 16* * 244 Ein Sommernachtstraum. A. W. Nun, zum natuͤrlichen Geſchmack geneſen, Begehr' ich, lieb' ich ſie, ſchmacht' ich nach ihr, Und will ihr tren ſeyn, nun und immerdar. Theſ. Ihr Liebenden, ein Gluͤck, daß ich euch traf! Wir ſetzen dieß Geſpraͤch bald weiter fort.— Ihr, Egeus, muͤßt euch meinem Willen fuͤgen: enn ſchließen ſollen dieſe Paar' im Tempel Zugleich mit uns den ewigen Verein. Und weil der Morgen ſchon zum Theil verſtrich, So bleib' auch unſte Jagd nun ausgeſetzt.— Kommt mit zur Stadt! Wir wollen drey ſelb drey Ein Feſt begehn, das ohne Gleichen ſey.— Komm denn, Hippolyta. (Theſeus, Hippolyta, Egeus und Gefolge ab.) Demet. Dieß alles ſcheint ſo klein und unerkennbar, Wie ferne Berge, ſchwindend im Gewoͤlk. Zerm. Mir iſt, ich ſaͤh' dieß mit getheiltem Auge, Dem alles doppelt ſcheint. Bel. So iſt's auch mir. Ich fand Demetrius, ſo wie ein Kleinod, Mein, und auch nicht mein eigen. Demet. Seyd ihr denn Des Wachens auch gewiß? Mir ſcheints, wir ſchlafen, Wir traͤumen noch. Denkt ihr nicht, daß der Herzog Hie war, und ihm zu folgen uns gebot? Zerm. Ja, auch mein Vater. Bel. Und Hippolyta. Lyſand. Und er beſchied uns zu ſich in den Tempel. Demet. Wohl denn, wir wachen alſo. Auf, ihm nach! Und plaudern wir im Gehn von unſern Traͤumen. 6) ab. (Wie ſie abgehn, wacht Zettel auf.) ett. Wenn mein Stichwort kommt, ruft mich, und ich will antworten. Mein naͤchſtes iſt: o ſchoͤnſter Py⸗ ramus.— He! Holla!— Peter Squenz! Flaut, der Baͤlgenflicker! Schnauz, der Keſſelflicker! Schlucker!— Sapperment! Alle davon gelaufen, und laſſen mich hier ſchlafen!— Ich habe ein aͤußerſt rares Geſicht gehabt. Ich hatte'nen Traum— es geht uͤber Menſchenwitz zu ſagen, was es fuͤr ein Traum war. Der Menſch iſt nur ein Eſel, wenn er ſich einfallen laͤßt, dieſen Traum auszu⸗ legen. Mir war, als waͤr' ich— kein Menſchenkind kann ſagen, was. Mir war, als waͤr' ich und mir war, als * Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 245 haͤtt' ich— aber der Menſch iſt nur ein lumpiger Hans⸗ wurſt, wenn er ſich unterfaͤngt zu ſagen, was mir war, als haͤtt' ich's; des Menſchen Auge hat's nicht gehoͤrt, des Menſchen Ohr hat's nicht geſehen, des Menſchen Hand kann's nicht ſchmecken, ſeine Zunge kann's nicht begreifen, und ſein Herz nicht wieder ſagen, was mein Traum war.— will den Peter Squenz dazu kriegen, mir von dieſem Traum eine Ballade zu ſchreiben; ſie ſoll Zettel's Traum heißen, weil ſie ſo ſeltſam angezettelt iſt, und ich will ſie gegen das Ende des Stuͤcks vor dem Herzoge ſingen. Vielleicht, um ſie noch anmuthiger zu machen, werde ich ſie nach dem Tode ſingen. (ab.) 8 we y te S ne e n. Eine Stube in Squenzens Hauſe. (Squenz, Flaut, Schnauz und Schlucker kommen.) Squenz. Habt ihr nach Zettels Hauſe geſchict? Iſt er noch nicht zu Haus gekommen? Schluck. Man hoͤrt nichts von ihm. Ohne Zweifel iſt er transportirt. Flaut. Wenn er nicht kommt, ſo iſt das Stuͤck zum Henker. Es geht nicht vor ſich, nicht wahr? Squenz. Es iſt nicht moͤglich. Ihr habt keinen Mann in ganz Athen, außer ihm, der capabel iſt, den Pyramus herauszubringen. Flaut. Nein; er hat ſchlechterdings den beſten Witz von allen Handwerksleuten in Athen. Squenz. Ja, der Tauſend! und die beſte Perſon dazu. Und was eine ſuͤße Stimme betrifft, da iſt er ein rechtes Phaͤnomen. Flaut. Ein Phoͤnir muͤßt ihr ſagen. Ein Phaͤnomen (Gott behuͤte uns) iſt ein garſtiges Ding. (Schnock koͤmmt,) Schnock. Meiſters, der Herzog koͤmmt eben vom Tem— vel, und noch drey oder vier andere Herren und Damen 246 Ein Sommernachtstraum. A. IV. mehr ſind verheyrathet. Wenn unſer Spiel vor ſich gegan⸗ gen waͤre, ſo waͤren wir alle gemachte Leute geweſen. Flaut. O lieber Sappermentsjunge Zettel! So hat er nun ſechs Batzen des Tags fuͤr Lebenszeit verloren. Er konnte ſechs Batzen des Tags nicht entgehn,— und wenn ihm der Herzog nicht ſechs Batzen des Tags fuͤr dr⸗ ramus gegeben haͤtte, will ich mich haͤngen laſſen! es verdient.— Sechs Batzen des Tags fuͤr den Pyram k oder gar nichts! (Zettel koͤmmt.) Zett; Wo ſind die Buben? Wo ſind die Herzens⸗ ungen? quenz. Zettel!— O allertrefflichſter Tag! gebene⸗ deyte Stunde! Zett. Meiſters, ich muß Wunderdinge reden, aber fragt mich nicht, was; denn wenn ich's euch ſage, bin ich kein ehrlicher Athener. Ich will euch alles ſagen, juſt wie es ſich zutrug. Squenz. Laß uns hoͤren, lieber Zettel. Zett. Nicht eine Sylbe. Nur ſo viel will ich euch ſagen, der Herzog habe zu Mittag geſpeiſt. Kriegt eure Geraͤthſchaften herbey! Gute Schnuͤre an eure Baͤrte! Neue Baͤnder an eure Schuh. Kommt gleich beym Pal⸗ laſte zuſammen; laßt jeden ſeine Rolle uͤberleſen: denn das Kurze und das Lange von der Sache iſt: unſer Spiel geht vor ſich. Auf allen Fall laßt Thisbe reine Waͤſche anziehn, und laßt dem, der den Loͤwen macht, ſeine Naͤgel nicht verſchneiden; denn ſie ſollen heraushaͤngen, als des Loͤwen Klauen. Und, allerliebſte Acteurs! eßt keine Zwiebeln, keinen Knoblauch; denn wir ſollen ſuͤßen Odem von uns geben, und ich zweifle nicht, ſie werden ſagen: Es iſt eine ſehr ſuͤße Komoͤdie. Keine Worte weiter! Fort! marſch, fort!(Alle ab.) Fünfter An fz ug. ———— Erſte Seene Ein Zimmer im Pallaſte des Theſeus. (Theſeus, Hippolyta, Philoſtrat, Herren vom Hofe und Gefolge treten auf.) Zippolyta. Was dieſe Liebenden erzaͤhlen, mein Gemahl, Iſt wundervoll, Theſ. Mehr wundervoll, wie wahr. Ich glaubte nie an dieſe Feenpoſſen Und Fabeley'n. Verliebte und Verruͤckte Sind beyde von ſo brauſendem Gehirn, So bildungsreicher Phantaſie, die wahrnimmt, Was nie die kuͤhlere Vernunft begreift. Wahnwitzige Poeten und Verliebte Beſtehn aus Einbildung. Der Eine ſieht Mehr Teufel als die weite Hoͤlle faßt; Der Tolle nemlich: der Verliebte ſieht Nicht minder irr, die Schoͤnheit Helena's Auf einer Aethiopiſch braunen Stirn. Des Dichters Aug', in ſchoͤnem Wahnſinn rollend, Blitzt auf zum Himmel, blitzt zur Erd' hinab, Und wie die ſchwangre Phantaſie Gebilde Von unbekannten Dingen ausgebiert, Geſtaltet ſie des Dichters Kiel, benennt Das luft'ge Nichts, und giebt ihm feſten Wohnſitz. So gaukelt die gewalt'ge Einbildung; Empfindet ſie nur irgend eine Freude, Sie ahndet einen Bringer dieſer Freude, Und in der Nacht, wenn uns ein Grann befaͤllt, Wie leicht, daß man den Buſch fuͤr einen Baͤren haͤlt! 248 Ein Sommernachtstraum. A. V. Zipp. Doch dieſe ganze Nachtbegebenheit, Und ihrer aller Sinn, zugleich verwandelt, Bezeugen mehr als Spiel der Einbildung⸗ Es wird daraus ein Ganzes voll Beſtand, Doch ſeltſam immer noch, und wundervoll. Cyſander, Demetrius, Hermia und Helena treten auf. Theſ. Hier kommen die Verliebten, froh entzuͤckt. 2 Gluͤck, Freunde, Gluͤck! Und heitre iebestage Nach Herzenswunſch! Lyſand. Begluͤckter noch, mein Fuͤrſt, Sey euer Aus⸗ und Eingang, Tiſch und Bett!“ Theſ. Nun kommt! Was für Spiel und aͤnze Wie bringen wir nach Tiſch bis i Den langen Zeitraum von drey Stunden hin? Wo iſt der Meiſter unſter Luſtbarkeiten? Was giebt's fuͤr Kurzweil, iſt kein Schauſpiel da, Um einer langen Stunde Qual zu lindern?— Ruf mir den Philoſtrat. hiloſt. Hier, großer Theſeus! Theſ. Was giebt's fur Zeitvertreib auf dieſen Abend? Was fuͤr Muſik und Tanz? Wie taͤuſchen wir Die traͤge Zeit, als durch Beluſtigung? Philoſt. Der Zettel hier beſagt die fert'gen Spiele: Wähl' eure Hoheit, was ſie ſehen will. (Ueberreicht ein Papier.) Theſ.(lieſt.)„Das Treffen der n wird zur Harfe „Von einem Haͤmmling aus Athen geſungen.“ Nein, nichts hievon! Das hab' ich meiner Braut Zum Ruhm des Vetter Herkules erzaͤhlt. „Der wohlbezechten Bacchanalen Wuth, „Wie ſie den Saͤnger Thraciens zerreißen.“ Das iſt ein altes Stuͤck; es ward geſpielt, Als ich von Theben ſiegreich wieder kam. „Der Muſen Neunzahl, traurend um den Tod 4 „Der juͤngſt im Betteiſtand verſtorbenen Gelahrtheit.“ Dos iſt ne ſtrenge, beißende Satyre, Die nicht zu einer Hochzeitfeyer paßt. „Ein kurz langweil'ger Akt vom jungen Pyramus, „Und Thisbe, ſeinem Lieb'. Spaßhafte Tragoͤdie.“ Kurz und langweilig? Spaßhaft und doch tragiſch? Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 249 Das iſt ja gluͤhend Eis und ſchwarzer Schnee. Wer findet mir die Eintracht dieſer Zwietracht? Philoſt. Es iſt ein Stuͤck, ein Dutzend Worte lang, Und alſo kurz, wie ich nur eines weiß; Langweilig wird es, weil's ein Dutzend Worte Zu lang iſt, gnaͤd'ger Fuͤrſt; kein Wort iſt recht Im ganzen Stuͤck, kein Spieler weiß Beſcheid. Und tragiſch iſt es auch, mein Gnaͤdigſter, Denn Pyramus bringt ſelbſt darin ſich um. Als ich's probiren ſah, ich muß geſtehen, Es zwang mir Thraͤnen ab, doch luſt'ger weinte Des lauten Lachens Ungeſtuͤm ſie nie. Theſ. Wer ſind die Spieler? Philoſt. Maͤnner, hart von Fanſt, Die in Athen hier ein Gewerbe treiben, Die nie den Geiſt zur Arbeit noch geuͤbt, Und nun ihr widerhünſiges Gedaͤchtniß Mit dieſem Stuͤck auf ener Feſt geplagt. Theſ. Wir wollen's hoͤren. Philoſt. Nein, nein, gnaͤd'ger Fuͤrſt, Es iſt kein Stuͤck fuͤr euch. Ich hoͤrt' es an, Und es iſt nichts daran, nichts auf der Welt; Wenn ihr nicht Spaß an ihren Kuͤnſten findet, Die ſie mit ſchwerer Muͤh' ſich eingepraͤgt, Euch damit aufzuwarten. Theſ. Ich will's hoͤren, Denn nie kann etwas mir zuwider ſeyn, Was Einfalt darbringt und Ergebenheit. Geht, fuͤhrt ſie her! Ihr Frauen, nehmet Platz! (Philoſtrat ab.) Zipp. Ich mag nicht gern Armſeligkeit bedruͤckt, Ergebenheit im Dienſt erliegen ſehn. Theſ. Du ſollſt ja, Theure, nichts dergleichen ſehn. Bipp. Er ſagt ja, ſie verſtehen nichts davon. Theſ. Um deſto guͤt'ger iſt's, fur nichts zu danken. Was ſie verſehen, ihnen nachzuſehen, Sey unſte Luſt. Was armer, will'ger Eifer Zu leiſten nicht vermag, ſchaͤtz' edle Ruͤckſicht Nach dem Vermoͤgen nur, nicht nach dem Werth. Wohin ich kam, da hatten ſich Gelahrte Auf wohlgeſetzte Reden vorbereitet. Da haben ſie gezittert, ſich entfaͤrbt, Geſtockt in einer halb geſagten Phraſe; 2⁵0 Die Angſt erſtickte die erlernte Rede, Noch eh ſie ihren Willkomm vorgebracht, Und endlich brachen ſie verſtummend ab. Sogar aus dieſem Schweigen, liebes Kind, Glaub' mir, fand ich den Willkomm doch heraus, Ja, in der Schuͤchternheit beſcheidnen Eifers Las ich ſo viel, als von der Plapperzunge Vorwitzig prahlender Beredſaikeit. Wenn Lieb' und Einfalt ſich zu reden nicht erdreiſten, Dann, duͤnkt mich, ſagen ſie im wenigſten am meiſten. (Philo ſtrat kommt zuruͤck.) Philoſt. Beliebt es eurer Hoheit? Der Prolog Iſt fertig. Theſ. Laßt ihn kommen. (Trompeten.) (Der Prolog tritt auf.) Prolog.„Wenn wir mißfallen thun, ſo iſt's mit gutem Willen; „Der Vorſatz bleibt doch gut, wenn wir ihn nicht erfuͤllen. „Zu zeigen unſre Pflicht durch dieſes kurze Spiel, „Das iſt der wahre Zweck von unſerm End' und Ziel. „Erwaͤget alſo denn, warum wir kommen ſeyn: „Wir kommen nicht, als ſollt ihr euch daran ergetzen; „Die wahre Abſicht iſt— zu eurer Luſt allein „Sind wir nicht hier— daß wir 62 Reu' und Leid euch etzen. „Die Spieler ſind bereit: wenn ihr ſie werdet ſehen, „Verſteht ihr alles ſchon, was ihr nur wollt verſtehen.“ Theſ. Dieſer Burſche nimmts nicht ſehr genau. Lyſand. Er hat ſeinen Prolog geritten, wie ein wil⸗ des Fuͤllen; er weiß noch nicht, wo er Halt machen ſoll. Eine gute Lehre, gnaͤdiger Herr: es iſt nicht genug, daß man rede; man muß auch richtig reden. Zipp. In der That, er hat auf ſeinem Prolog ge⸗ ſpielt, wie ein Kind auf der Floͤte. Er brachte wohl einen Ton heraus, aber keine Note. Theſ. Seine Rede war wie eine verwickelte Kette: nichts zertiſſen⸗ aber alles in Unordnung. Wer kommt unä. Thisbe, Wand, Mondſchein und Loͤwe treten als ſtumme Perſonen auf.) Prol.„Was dieß bedeuten ſoll, das wird euch wun⸗ dern muͤſſen, Ein Sommernachtstraum. A. V. „— Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 25¹ „Bis Wahrheit alle Ding' ſtellt an das Licht herfuͤr. „Der Manmn iſt Pyramus, wofern ihr es wollt wiſſen; „Und dieſes Fraͤulein ſchoͤn, iſt Thisbe, glaubt es mir. „Der Mann mit Moͤrtel hier und Leimen ſoll bedeuten „Die Wand, die garſt'ge Wand, die ihre Lieb that ſcheiden. „Doch freut es ſie, drob auch ſich niemand wundern ſoll, „Wenn durch die Spalte klein ſie konnten fluͤſtern wohl. „Der Mann da mit Latern' und und Buſch von orn „Den Mondſchein praͤſentirt; denn, wann ihrs wollt erwaͤgen: „Bey Mondſchein hatten die Verliebten ſich verſchwor'n, „Zu gehn nach Nini Grab, um dort der Lieb' zu pflegen. „Dieß graͤßliche wilde Thier, mit Namen Loͤwe groß, „Die treue Thisbe, die des Nachts zuerſt gekommen, „Thaͤt ſcheuchen, ja vielmehr erſchrecken, daß ſie bloß „Den Mantel fallen ließ, und drauf die Flucht genommen. „Drauf dieſer ſchnoͤde Loͤw' in ſeinen Rachen nahm, „Und ließ mit Blut befleckt den Mantel lobeſam. „Sofort kommt Pyramus, ein Juͤngling weiß und roth, „Und find't den Mantel da von ſeiner Thisbe todt; „Worauf er mit dem Deg'n, mit blutig boͤſem Degen, „Die blut'ge brave Bruſt ſich bitter bos aufbrach: „Und Thisbe, die indeß im Maulbeerſchatten g'legen, „Zog ſeinen Dolch heraus, und ſich das Herz durchſtach. „Was noch zu ſagen iſt, das wird, glaubt mir fuͤrwahr! „Euch Mondſchein, Wand und und das verliebte aar, „Der Laͤng' und Breite nach, ſo lang ſie hier verweilen, „Erzaͤhlen, wenn ihr wollt, in wohl gereimten Zeilen.“ Prolog, Thisbe, Loͤwe und Mondſcheln ab.) Theſ. Mich nimmt Wunder, ob der Loͤwe ſprechen wird. Demet. Kein Wunder, gnaͤdiger Herr: ein Loͤwe kann's wohl, da ſo viele Eſel es thun. and.„In dem beſagten Stuck es ſich zutragen thut, „Daß ich, Thoms Schnauz genannt, die Wand vorſtelle gut. „Und eine ſolche Wand, wovon ihr ſolltet halten, „Sie ſey durch einen Schlitz recht durch und durch geſpalten, „Wodurch der Pyramus und ſeine Thisbe fein „Oft fluͤſterten fuͤrwahr ganz leiſ und insgeheim. „Der Moͤrtol und der Leim und dieſer Stein thut zeigen, 6 —————— 252 Ein Sommernachtstraum. A. V. „Daß ich bin dieſe Wand, ich wills euch nicht verſchweigen. „Und dieß die Spalte iſt, zur Linken und zur Rechten, „Wodurch die Buhler zwey ſich thaͤten wohl beſprechen.“ heſ. Kann man verlangen, daß Leim und Haar beſ⸗ ſer reden ſollten? Demet. Es iſt die witzigſte Abtheilung, die ich jemals vortragen hoͤrte. Theſ. Pyramus geht auf die Wand los. Stille! yram.„O Nacht, ſo ſchwarz von Farb', o grimmer⸗ fullte Nacht! „O Nacht, die immer iſt, ſobald der Tag vorbey. „O Nacht! O Nacht! O Nacht! ach! Himmel! ach „Ich furcht, daß Thisbe's Wort vergeſſen worden ſey.— du, o Wand, o ſuͤß' und liebenswerthe Wand! „Die zwiſchen unſter beyden Eltern Haus thut ſtehen; „Du Wand, o Wand, o ſuͤß' und liebenswerthe Wanb! „Deig deine Spalte mir, daß ich dadurch mag ſehen. (Wand haͤlt die Finger in die Hoͤh.) „Hab' Dank, du gute Wand! der Himmel lohn' es dir! „Jedoch was ſeh' ich dort? Thisbe, die ſeh' ich nicht. „O boͤſe Wand, durch die ich nicht ſeh' meine Zier, „Verflucht ſeyn deine Stein“, daß du ſo ͤffeſt mich.“ Theſ. Mich duͤnkt, die Wand muͤßte wieder fluchen, da ſie Empfindung hat⸗ ram. Nein, fuͤrwahr, Herr, das muß er nicht. „Aeffeſt mich“ iſt Thisbe's Stichwort; ſie muß hereinkom⸗ inen, und ich muß ſie dann durch die Wand ausſpioniren. Ihr ſollt ſehen, es wird juſt zutreffen, wie ichs euch ſage. Da kommt ſie ſchon. (Thisbe kommt.) Thisb.„O Wand, du haſt ſchon oft gehoͤrt das Seuf⸗ zen mein, „Mein'n ſchoͤnſten Pyramus weil du ſo trennſt von mir. „Mein rother Mund hat oft gekuͤſſet deine Stein', „Dein' Stein, mit Leim und Haar gekuͤttet auf in dir.“ Pyram.„Ein Stimm⸗ ich ſehen thu'; i0 will zur Spalt und ſchauen,— nicht hoͤren kann, meiner Thisbe Antlitz klar. „Thisbe! Thisb.„Dieß iſt mein Schatz, mein Liebchen iſt's, fuͤrwahr!“ ** Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 253 Pyram.„Denk', was du willſt, ich bin's; du kannſt mir ſicher trauen, „Und gleich Limander bin ich treu in meiner Pflicht.“ Thisb.„Und ich gleich Helena, mich der Tod erſticht Pyram.„So treu war ſeiner Procrus ni Thisb.„Wie Procrus Scheflus liebt, lieb⸗ ich dein Angeſicht.“ Pyram.„O kuͤſſ' mich durch das Loch von dieſer garſt'gen Wand!“ Thisb.„Mein Kuß trifft nur das Loch, nicht deiner Lippen Rand.“ Pyram.„Willſt du bey Nickels Grab heut Nacht mich treffen an?“ Thisb.„Seys lebend oder todt, 6 komme, wenn ich ann. Wand.„So hab' ich Wand nunmehr mein Part gemachet gut, „Und nun ſich alſo Wand hinweg begeben thut.“ (Wand, Pyramus und Thisbe ab.) Theſ. Nun iſt alſo die Wand zwiſchen den beyden Nachbarn nieder. Demet. Das iſt nicht mehr als billig, gnaͤdiger Herr, wenn Waͤnde Ohren haben. Bipp. Dieß iſt das einfaͤltigſte Zeug, das ich jemals oͤrte. Theſ. Das beſte in dieſer Art iſt nur Schattenſpiel, und das ſchlechteſte iſt nichts ſchlechteres, wenn die Einbildungs⸗ kraft nachhilft. Zipp. Das muß denn eure Einbildungskraft thun, und nicht die ihrige. Theſ. Wenn wir uns nichts ſchlechteres von ihnen ein⸗ bilden, als ſie ſelbſt, ſo moͤgen ſie für vortreffliche Leute gelten. Hier kommen zwey edle Thiere herein, ein Mond und ein Loͤwe. Eowe und Mondſchein treten auf) Loͤwe.„Ihr Fraͤulein, deren bez, fuͤrchtet die kleinſte aus, „Die in monſtroͤſer Geſtalt thut auf dem Boden ſchweben, „Moͤgt itzo zweifelsohn' erzittern und erbeben, „Wenn Loͤwe, rauh von Wuth, laͤßt ſein Gebruͤll heraus. 254 Ein Sommernachtstraum. A. V. „So wiſſet denn, daß ich Hans der Schreiner, in, „Kein boͤſer Low' fuͤrwahr, noch eines Lowen Weib; „Denn kaͤm' ich als ein Low', und haͤtte Harm im Sinn, „So daur'te, meiner Treu', mich mein geſunder Leib.“ Tbeſ. Eine ſehr hoͤfliche Beſtie und ſehr gewiſſenhaft. nech Se Beſte von Beſtien, gnaͤdiger Herr, was ich je geſehn habe. 6 Dieſer Lowe iſt ein rechter Fuchs an Herz⸗ aftigkeit.. Theſ. Wahrhaftig, und eine Gans an Klugheit. Demet. Nicht ſo, gnaͤdiger Herr, denn ſeine Herzhaf⸗ tigkeit kann ſich ſeiner Klugheit nicht bemeiſtern, wie der Fuchs einer Gans. Theſ. Ich bin gewiß, ſeine Klugheit kann ſich ſeiner Herzhaftigkeit nicht bemeiſtern; denn eine Gans bemeiſtert ſich keines Fuchſes. Wohl! uͤberlaßt es ſeiner Klugheit, und laßt uns auf den Mond horchen. Wond.„Den wohlgehoͤrnten Mond d' z' erken⸗ en iebt, Demet. Er ſollte die Hoͤrner auf dem Kopfe tragen. Theſ. Er iſt ein Vollmond; ſeine Hoͤrner ſtecken unſicht⸗ bar in der Scheibe. Mond.„Den wohlgehoͤrnten Mond d' Sn z' erken⸗ nen giebt; „Ich ſelbſt den Mann im Mond, wofern es euch beliebt.“ Theſ. Das iſt noch der groͤßte Verſtoß unter allen; der Mann ſollte in die Laterne geſteckt werden; wie iſt er ſonſt der Mann im Monde? Demet. Er darf es nicht wegen des Lichtes. Er wuͤrde es in Feuer und Flammen ſetzen. Zipp. Ich bin dieſen Mond ſatt; ich wollte, er wechſelte. Theſ. Das kleine Licht ſeiner Vernunft zeigt, daß er im Abnehmen iſt. Aber doch, aus Hoͤflichkeit und der Ord⸗ nung wegen, muͤſſen wir die Zeit ausdauern. PLyſand. Sprich weiter, Mond! Mond. Alles, was ich zu ſagen habe, iſt, euch zu mel⸗ den; daß dieſe Laterne der Mond iſt; ich der Mann im Monde: dieſer Dornbuſch, mein Dornbuſch; und dieſer Hund, mein Hund. Demet. Alle dieſe Dinge ſollen alſo in der Laterne ſeyn, denn ſie ſind im Monde. Doch ſtill, hier kommt Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 25⁵5 (Thisbe tritt auf.. Thisb.„Dieß iſt ja Nickels Grab; wo iſt mein Lieb⸗ 16 chen denn?“ Loͤwe.„Oh!“ (Der Loͤwe bruͤllt, Thisbe laͤuft davon.) Demet. Gut gebruͤllt, Loͤwe! Theſ. Gut gelaufen, Thisbe! Sipp. Gut geſchienen, Mond!— In der That, der Mond ſcheint mit vielem Anſtande. 3 Theſ. Gut gemauſt, Loͤwe! (Der Loͤwe zerreißt den Mantel der Thisbe.) Demet. Und da kam Pyramus. (Pyramus kommt.) Lyſand. Und da verſchwand der Lowe. (Loͤwe ab.) Pyram.„Ich dank' dir, ſuͤßer Mond, fuͤr deine Son⸗ nenſtrahlen, „Die alſo hell und ſchoͤn den Erdenball bemalen; „Dieweil bey deinem Gold und funkelnd ſuͤßem Licht „Zu koſten ich verhoff' mein'r Thisben Angeſicht. „Doch halt, o Pein! „Was ſoll dieß ſeyn? „Was fuͤr ein Graus iſt dieß? „Aug', ſiehſt du noch? „O ſchweres Joch! „Mein Herz, mein Liebchen ſuͤß, „Dein Mantel gut „Befleckt mit Blut! „Ihr Furien kommt im Trab „Herbey, und raͤcht, „Und loͤſcht, und brecht „Den Lebensfaden ab.“ Theſ. Dieſer Jammer und der Tod eines werthen Freundes ſollten einen Menſchen ſchon zum Trauern bringen. Zipp. Bey meiner Seele, ich bedaure den Mann. Pyram.„Warum denn, o Natur, thatſt du den Lo⸗ wen bauen? „Weil ſolch ein ſchnoͤder Low' mein' Lieb hat deflorirt. „Sie, welche iſt— nein, war— die ſchoͤnſte aller Frauen, „Die je des Tages Glanz mit ihrem Schein geziert. „Komm Thraͤnenſchaar! „Aus, Schwerdt! durchfahr' „Die Bruſt dem Pyramo! Ein Sommernachtstraum. A. V. „Die Linke hier, „Wo's Herz huͤpft mir; „So ſterb' ich denn, ſo, ſo! „Nun todt ich bin, „Der Leib iſt hin, „Die Seel ſpeiſt Himmelsbrot. „O Zungk', liſch aus! „Mond, lauf' nach Haus! „Nun todt, todt, todt, todt, todt!“ (Er ſtirbt. Mondſchein ab.) iß⸗ Wie kommt's, daß der Mondſchein weggegan⸗ gen iſ„ ehe Thisbe zuruͤckkoͤmmt, und ihren Liebhaber findet? Theſ. Sie wird ihn beim Sternenlicht finden.— Hier kommt ſiez und ihr Jammer endigt das Spiel. (Thisbe kommt.) Zipp. Mich deucht, ſie ſollte keinen langen Jammer fuͤr einen Pyramus noͤthig haben; ich hoffe, ſie wird ſich kurz ſaſſen. Demet. Eine Motte wird in der Wage den Ausſchlag geben, ob Pyramus oder Thisbe mehr taugt. Lyſand. Sie hat ihn ſchon mit ihren ſuͤßen Augen ausgeſpaͤht. Demet. Und ſo laͤßt ſie ſich vernehmen folgendermaßen: Thisb.„Schläfſt du, mein Kind? „Steh' auf geſchwind! „Wie, Taͤubchen, biſt du todt? „O ſprich! o ſprich! „O rege dich! „Ach! todt iſt er! o Noth! „Dein Lilienmund, „Dein Auge rund, „Wie Schnittlauch friſch und gruͤn, „Dein' Kirſchennaſ, „Dein' Wangen blaß, „Die wie ein Goldlack bluͤhn, „Soll nun ein Stein „Bedecken fein? „O klopfi mein Herz und brich! „Ihr Schweſtern drey! „Kommt, kommt herbey, „Und leget Hand an mich! Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 257 „Zung', nicht ein Wort! „Nun Dolch, mach' fort! „Zerreiß des Buſens Schnee. „Lebt wohl, ihr Herrn! „Ich ſcheide gern. „Ade, Ade, Ade! Sie ſtirbt.) Theſ. Mondſchein und Loͤwe ſind uͤbrig geblieben, um die Todten zu begraben. Demet. Ja, und Wand auch. Zett. Nein, wahrhaftig nicht; die Wand iſt niederge⸗ riſſen, die ihre Vaͤter trennte. Beliebt es euch, den Epi⸗ log zu ſehen, oder einen Bergomasker Tanz zwiſchen zweyen von unſrer Geſellſchaft zu horen? Theſ. Keinen Epilog, ich bitte euch; euer Stuͤck bedarf keiner Entſchuldigung. Entſchuldigt nur nicht: wenn alle Schauſpieler todt ſind, braucht man keinen zu tadeln. Meiner Treu, haͤtte der, der es geſchrieben hat, den Py⸗ ramus geſpielt, und ſich in Thisbe's Strumpfband aufge⸗ hängt, ſo waͤr' es eine ſchone Tragodie geweſen; und das iſt es auch geweſen, und recht wacker agirt. Aber kommt, euren Bergomasker Tanz! Den Epilog laßt laufen. in Tanz von Bauern.) Theſ. Die Mitternacht rief Zwoͤlf mit eh'rner Zunge. Zu Bett, Verliebte! Bald iſt's Geiſterzeit. Wir werden, fuͤrcht' ich, in den Morgen ſchlafen, So weit wir in die Nacht hineingewacht. Dieß greiflich dumme Spiel hat doch den traͤgen Gang Der Nacht getaͤuſcht. Zu Bett, geliebten Freunde! Poch vierzehn Tage lang ſoll dieſe Feſtlichkeit Sich jede Nacht erneun, mit Spiel und Luſtbarkeit. (Ale ab.) S(tritt auf.) Jetzt beheult der Wolf den Mond, urſtig bruͤllt im Forſt der Tiger; Jetzt mit ſchwerem Dienſt verſchont, chnarcht der arbeitmuͤde Pfluͤger; Jetzo ſchmaucht der Brand am Heerd', Und das Kaͤuzlein kreiſcht und jammert, Daß der Krank' es ahndend hoͤrt, Und ſich feſt ans Kiſſen klammert; Zetzo gaͤhnt Gewoͤlb' und Grab, Und, entſchluͤpft den kglten Mauern, III. 17 2⁵8 Ein Sommernachtstraum. Sicht man Geiſter auf und ab, Sicht am Kirchhofszaun ſie lauern. Und wir Elfen, die iit Tanz Hekate's Geſpann umhuͤpfen, Und geſcheucht vom Sonnenglanz, Traͤumen gleich, ins Dunkel ſchlupfen, Schwaͤrmen jetzo; keine Maus Stoͤre dieß geweihte Haus! Voran komm' ich mit Beſenreis, Den Flur zu fegen blank und weiß. (Obevon und Titania mit ihrem Gefolge treten auf.) Gber. Bey des Feuers mattem Flimmern Geiſter, Elfen, ſtellt ench ein! Tanzet in den bunten Zimmern Manchen leichten Ringelreihn! Singt nach meiner Lieder Weiſe! Singet! huͤpfet! loſe! leiſe! Titan. Wirbelt mir mit zarter Kunſt Eine Not' auf jedes Wort; Hand in Hand, mit Feengunſt, Singt, und ſegnet dieſen Ort. (Geſang und Tanz.) Ober. Nun bis Tages Wiederkehr, Elfen, ſchwaͤrmt im Hauſ' umher! Kommt zum beſten Brautbett hin, Daß es Heil durch uns gewinn'! Das Geſchlecht, entſproſſen dort, Sey geſegnet immerfort; Jedes dieſer Paare ſey Ewiglich im Lieben treu; Ihr Geſchlecht ſoll nimmer ſchaͤnden Die Ratur mit Feindeshaͤnden; Und mit Zeichen ſchlimmer Art, Muttermaal und Haſenſchart', Werde durch des Himmels Zorn Ihnen nie ein Kind gebor'n.— Elfen, ſprengt durchs ganze Haus Tropfen heilgen Wieſenthau's, Jedes Zimmer, jeden Saal Weiht und ſegnet allzumal! Friede ſey in dieſem Schloß, ünd ſein Herr ein Gluͤcksgenoß! Sz. 1. Ein Sommernachtstraum. 259 Nnn genung! Fort im Sprung! Trefft mich in der Daͤmmerung! (Oberon, Titania und Gefolge ab.) Puck. Wenn wir Schatten euch beleidigt, D ſo glaubt— und wohl vertheidigt Sind wir dann!— ihr Alle ſchier Habet nur geſchlummert hier, Und geſchaut in Nachtgeſichten Eures eicnen Hirnes Dichten. Wollt ihr dieſen Kindertand, Der wie leere Träume ſchwand, Liebe Herrn, nicht gar verſchmaͤhn, Sollt ihr bald was Beſſres ſehn. Wenn wir boͤſem Schlangenziſchen Unverdienter Weiß entwiſchen, So verheißt auf Kobolds⸗Ehren Puck, daß wir Euch Dank gewaͤhren: Iſt ein Schelm zu heißen willig, Wenn dieß nicht geſchieht, wie billig. Nun gute Nacht! Das Spiel zu enden, Begruͤßt uns mit gewognen Haͤnden! (ab.) 1 Viel Laͤrmen um Richts. ——— ——— Perſo nen. Don Pedro, Prinz von Arragon. Leonato, Gouyerneur von Meſſina. Don Juan, Pedro's Halbbruder. Claudio, ein florentiniſcher Graf. Benedict, ein Edelmann aus Padua. Antonio, Leonato's Bruder. Valthaſar, Don Pedro's Diener. Bora chio,] Conrad, polzapfel, Schleewein, Ein Schreiber. Hero, Leonato's Tochter. Beatrice, Leonato's Nichte. Margaretha, Urſula, Ein Moͤnch. Ein Knabe, Boten, Wachen, Gefolge. Don Inan's Begleiter. einfaͤltige Gerichtsdiener. Hero's Kammerfrauen. Die Szene iſt in Meſſina. † † ——— Erſter Aufzug. Erſte Scene. (Leonato, Hero, Beatrice und ein Bote treten auf.) Leonato. Ich ſehe aus dieſem Briefe, daß Don Pedro von Arra⸗ gon dieſen Abend in Meſſina eintrifft. Bote. Er kann nicht mehr weit ſeyn; er war kaum drey Meilen von der Stadt entfernt, als ich ihn verließ. Leon. Wie viel Edelleute habt Ihr in dieſem Treffen verloren? Bote. Ueberhaupt nur ſehr wenige, und keinen von Namen. Leon. Ein Sieg gilt doppelt, wenn der Feldherr ſeine volle Zahl wieder heimbringt. Wie ich ſehe, hat Don Pedro einem jungen Florentiner, Namens Clandio, große Ehre erwieſen. Bote. Die er ſeinerſeits ſehr wohl verdient, und Don Pedro nicht minder nach Verdienſt erkannt. Er hat mehr gehalten, als ſeine Jugend verſprach, und in der Geſtalt eines Lammes die Thaten eines Loͤwen vollbracht; ja, wahr⸗ lich, es ſind alle Erwartungen noch trefflicher von ihm uͤber⸗ troffen, als Ihr erwarten duͤrft, von mir erzaͤhlt zu hoͤren. Leon. Er hat einen Oheim hier in Meſſina, welchem dieſe Nachricht ſehr lieb ſeyn wird. Bote. Ich habe ihm ſchon Briefe uͤberbracht, und er ſcheint große Freude daran zu haben; ſo große Freude, daß es ſchien, ſie koͤnne ſich nicht ohne ein Zeichen von Schmerz beſcheiden genug darſtellen. S Brach er in Thraͤnen aus? Bote. In großem Maaß. 3 Leon. Eine zaͤrtliche Ergießung der Zaͤrtlichkeit. Keine 264 Viel Lärmen um Nichts. A. P Geſichter ſind ächter, als die ſo gewaſchen werden. Wie viel beſſer iſt's, uber die Freude zu weinen, als ſich am Weinen zu freuen. Begt. Sagt mir doch, iſt Signor Schlachtſchwerdt aus dem Feldzug wieder heim gekommen? oder noch nicht? Bote. Ich kenne keinen unter dieſem Namen, mein Fraͤulein. Es wird keiner von den Officieren ſo genannt. Leon. Nach wem fragt Ihr, Nichte? Sie Meine Muhme meint den Signor Benedict von adua. Bote. O der iſt zuruͤck, und immer noch ſo aufgeraͤumt, als jemals. Beatr. Er ſchlug ſeinen Zettel hier in Meſſina an, und forderte den Cupido auf Pfeil und Bogen heraus; und meines Oheims Narr, als er die Aufforderung geleſen, un⸗ terſchrieb in Cupido's Namen, und erwiederte die Heraus⸗ ſorderung auf den ſtumpfen Bolzen. Sagt mir doch, wie viele hat er in dieſem Feldzug umgebracht und aufgegeſſen? Oder lieber, wie viele hat er umgebracht? denn ich verſprach ihm, alle aufzueſſen, die er umbringen wuͤrde. Leon. Iin Ernſt, Nichte, Ihr ſeyd unbarmherzig gegen den Signor Benedict. Aber Ihr werdet Euren Mann an ihm finden, das glaubt mir nür. Bote. Er hat in dieſem Feldzug gute Dienſte gethan, mein Fraͤulein. Bratr. Ihr hattet verdorbnen Proviant, und er half ihn verzehren; nicht wahr? Er iſt ein ſehr tapfrer Teller⸗ held, und hat einen unvergleichlichen Appetit. Bote. Dagegen, Fraulein, iſt er auch ein guter Soldat. Beatr. Gegen Fräulein iſt er ein guter Soldat: aber was iſt er gegen Cavaliere? Bote. Ein Cavalier gegen einen Cavalier, ein Mann gegen einen Mann. Er iſt mit allen ehrenwerthen guten Eigenſchaften ausſtaffirt. Beatr. Ausſtaffirt! O ja! Aber die Staffage iſt auch danach.— Ey nun, wir ſind alle ſterblich. Leon. Ihr muͤßt meine Nichte nicht mißverſtehn, lie⸗ ber Herr. Es iſt eine Art von ſcherzhaftem Krieg zwi⸗ ſchen ihr und Signor Benedict. Sie kommen nie zuſam⸗ men ohne ein Scharmuͤtzel von ſinnreichen Einfaͤllen. Beatr. Leider gewinnt er niemals dabey. In unſter letzten Affaire gingen ihm vier von ſeinen fuͤnf Sinnen als Kruͤppel davon, und ſeine ganze Perſon muß ſich ſeitdem — Sz. 1. Viel Laͤrmen um Nichts. 265 mit Einem behelfen. Wenn er noch Sinn und Witz genng zuruͤckbehalten hat, ſich warm zu halten, ſo mag man ihm das als ein Abzeichen goͤnnen, das ihn von ſeinem Pferde unterſcheidet, denn ſein ganzer Vorrath beſchraͤnkt ſich jetzt darauf, nicht eben eine unvernuͤnftige Creatur zu ſeyn. Wer iſt denn jetzt ſein Unzertrennlicher? Denn alle vier Wochen hat er einen neuen Herzensfreund. Bote. Iſt's moͤglich? Beatr. Sehr leicht moͤglich: denn er haͤlt es mit ſeiner Treue, wie mit der Mode ſeines Huts, die immer mit jedem naͤchſten Block wechſelt. Bote. Wie ich ſehe, Fraͤulein, ſteht dieſer Cavalier nicht ſonderlich bei Euch angeſchrieben. Beatr. Nein, wenn das waͤre, ſo wuͤrde ich alles, was ich ſchrieb, verbrennen. Aber ſagt mir doch, wer iſt jetzt ſein Camerad? Giebt's keinen jungen Raufer, der Luſt hat, in ſeiner Geſellſchaft eine Reiſe zum Teufel zu machen?— Bote. Man ſieht ihn am meiſten mit dem edlen Claudio. Beatr. O Himmel! Dem wird er ſich anhaͤngen, wie eine Krankheit. Man holt ihn ſich ſchneller als die Peſt, und wen er angeſteckt hat, der wird augenblicklich vertuͤckt. Troͤſte Gott den edlen Claudio; wenn er ſich den Benedict zugezogen, wird er nicht unter tauſend Pfund von ihm geheilt. 6 Ich wuͤnſchte Freundſchaft mit Euch zu halten, raͤulein. Beatr. Thut das, mein Freund. Leon. Ihr werdet niemals verruͤckt werden, Nichte! Beatr. Rein, nicht eh' ein heißer Januar kommt. Bote. Hier kommt Don Pedro. (eht ab.) Don Pedro, Balthaſar, Don Juan, Claudio, und Benedict treten auf.) D. Pedro. Theurer Signor Leonato, Ihr geht Eurer Unruhe entgegen. Es iſt ſonſt der Welt ⸗ zu vermeiden, und Ihr ſucht ſie auf. Leon. Nie kam Unruhe unter Eurer Geſtalt in mein Haus, mein gnaͤdiger Fuͤrſt. Wenn uns die Unruhe ver⸗ ließ, bleibt ſonſt die Behaglichkeit zuruͤck: wenn Ihr dage⸗ gen wieder abreiſ't, wird die Trauer verweilen, und das Gluͤck von mir Abſchied nehmen. D. Pedro. Ihr nehmt Eure Laſt zu willig auf.— Das iſt Eure Tochter, wie ich vermuthes 266 Viel Laͤrmen um Richts. A. I. Leon. Das hat mir ihre Mutter oft geſagt. Ben. Zweifeltet Ihr daran, Signor, daß Ihr ſie fragtet? Leon. Nein, Signor Benedict, denn damals wart Ihr noch ein Kind⸗ D. Pedro. Da habt Ihrs nun, Benedict: wir ſehn daraus, was Ihr jetzt als Mann ſeyn muͤßt. In der That, ſie kuͤndigt ſelber ihren Vater an.— Ich wuͤnſche Euch Gluͤck, mein Fraͤulein, Ihr gleicht einem ehrenwer⸗ then Vater. „Ben. Sey Signor Leonato ihr Vater, aber doch, wie aͤhnlich ſie ihm auch iſt, ſie wuͤrde nicht um ganz Meſſina ſeinen Kopf auf ihren Schultern tragen wollen. Beatr. Mich wundert, daß Ihr immer etwas ſagen wollt, Signor Benedict, kein Menſch achtet auf Euch. Ben. Wie, mein liebes Fraͤulein Verachtung! Lebt Ihr auch noch? Beatr. Wie ſollte wohl Verachtung ſterben, wenn ſie ſolche Nahrung vor ſich hat, wie den Signor Benedict?— Die Hoͤflichkeit ſelbſt wird zur Verachtung werden, wenn Ihr Euch vor ihr ſehn kaßt. Ben. Dann iſt Hoͤflichkeit ein Ueberlaͤufer; aber ſoviel iſt gewiß, alle Damen ſind in mich verliebt, Ihr allein ausgenommen; und ich wollte, mein Herz ſagte mir, ich hi kein ſo hartes Herz; denn wahrhaftig, ich liebe eine. Beatr. Ein wahres Gluͤck fuͤr die Frauen; Ihr waͤret ihnen ein gefaͤhrlicher Bewerber geworden. Ich danke Gott und meinem kalten Herzen, daß ich hierin mit Euch Eines Sinnes bin. Lieber wollt' ich meinen Hund eine Kraͤhe et hoͤren, als einen Mann ſchwoͤren, daß er mich liebe. Ben. Gott erhalte mein gnaͤdiges Fraͤulein immer in dieſer Geſinnung! So wird doch einer oder der andre ehrliche Mann dem Schickſal eines zerkratzten Geſichts entgehn. Beatr. Kratzen wuͤrde es nicht ſchlimmer machen, wenn es ein Geſicht waͤre, wie Eures. Ben. Gut, Ihr ſeyd ein trefflicher Papageien⸗Erzieher. Beatr. Ein Vogel von meiner Zunge iſt beſſer, als ein Vieh von Eurer. Ben. Ich wollte, mein Pferd waͤre ſo ſchnell als Eure Zunge und liefe ſo in Eins fort. Doch nun geht und der Hinimel ſey mit Euch, denn ich bin fertig. N Sz. 1. Viel Laͤrmen um Nichts. 267 Beatr. Ihr muͤßt immer mit lahmen Pferdegeſchichten aufhoͤren; 5 kenne Euch von alten Zeiten her. D. Pedro. Kurz und gut— Leonato— Ihr Signor Claudio und Signor Benedict;— mein werther Freund Leonato hat Euch alle eingeladen. Ich ſage ihm aber, wir werden wenigſtens einen Monat verweilen, und er bittet den Himmel, daß irgend eine Veranlaſſung uns laͤnger hier aufhalten moͤge. Ich wollte ſchwoͤren, daß er kein Heuch⸗ ler ſey, ſondern daß ihm dieß Gebet von Herzen geht. Leon. Ihr wuͤrdet nicht falſch ſchwoͤren, mein gnaͤdiger Herr. Laßt mich Euch willkommen heißen, Prinz Juan; nach Eurer Ausſoͤhnung mit dem Fuͤrſten, Eurem Bruder, widme ich Euch alle meine Dienſte. D. Juan. Ich danke Euch. Ich bin nicht von vielen Worten, aber ich danke Euch. Leon. Gefaͤllts Euer Gnaden, voraus zu gehn? D. Pedro. Eure Hand, Leonato, wir gehn zuſammen. Ceonäto, D. Pedro, D. Juan, Beatrice und Hero gehn ab.) (Benedict und Claudio.) Claud. Benedict, haſt Du Leonato's Tochter wohl ins Auge gefaßt? DBen. Ins Auge habe ich ſie nicht gefaßt, aber ange⸗ ſehn habe ich ſie. Cland. Iſt ſie nicht ein ſittſames junges Fraͤulein? Ben. Fragt Ihr mich wie ein ehrlicher Mann um meine ſchlichte aufrichtige Meynung? Oder ſoll ich Euch nach meiner Gewohnheit als ein erklaͤrter Feind ihres Ge⸗ ſchlechts antworten? S Claud. Nein, ich bitte Dich, rede nach ernſtem nuch⸗ ternen Urtheil. Ben. Nun denn, auf meine Ehre; mich duͤnkt ſie iſt zu niedrig fuͤr ein hohes Lob, zu braun fuͤr ein helles Lob, zu klein fuͤr ein großes Lob; alles was ich zu ihrer Empfeh⸗ lung ſagen kann, iſt dieß: waͤre ſie anders als ſie iſt, ſo waͤre ſie nicht hubſch, und weil ſie nicht anders iſt als ſie Slſe e aud. Du glaubſt, ich treibe Scherz: nein emir chrlich, wie ſie Dir gefällt Ben. Wollt Ihr ſie kauſen, weil Ihr Euch ſo genau erkundigt? Claud. Kann auch die ganze Welt ſolch Kleinod kaufen? Ben. Ja wohl, und ein Futteral dazu. Aber ſprecht 268 Viel Lärmen um Nichts. NA. 1 Ihr dieß in vollem Ernſt? Oder agirt Ihr den luſtigen Rath, und erzahlt uns, Amor ſey ein geuͤbter Haſenjaͤger, und Vulcan ein treffücher Zimmermann? Sagt doch, welchen Schluͤſſel muß man haben, um den rechten Ton Eures Geſanges zu treffen? Claud. In meinem Aug' iſt ſie das holdeſte Fraͤulein, das ich jemals erblickte. Ben. Ich kann noch ohne Brille ſehn, und ich ſehe doch von dem allen nichts. Da iſt ihre Muhme: wenn die nicht von einer Furie beſeſſen waͤre, ſie wuͤrde Hero an Schoͤnheit ſo weit uͤbertreffen, als der erſte May den letzten December. Aber ich hoffe, Ihr denkt nicht daran, ein Ehemann zu werden? Oder habt Ihr ſolche Gedanken?—. Claud. Und haͤtt' ich ſchon das Gegentheil beſchworen, ich traute meinem Eide kaum, wenn Hero meine Gattin werden wollte. Ben. Nun wahrhaftig, ſteht es ſo mit Euch? Hat die Welt auch nicht einen einzigen Mann mehr, der ſeine Kappe ohne Verdacht tragen will? Soll ich keinen Jung⸗ geſellen von ſechzig Jahren mehr ſehn? Run, nur zu; wenn Du denn durchaus Deinen Hals unters Joch zwingen willſt, ſo trage den Druck davon und verſeufze Deine onntage. Sieh, da kommt Don Pedro und ſucht Dich. (Don Pedro kommt zuruͤck.) D. Pedro. Welch Geheimniß hat Euch hier zuruͤckge⸗ halten, daß Ihr nicht mit uns in Leonato's Haus gingt? t Ben. Ich wollte, Eure Hoheit noͤthigte mich, es zu agen. D. Pedro. Ich befehle Dirs bey deiner Lehnspflicht. Ben. Ihr hoͤrt's, Graf Claudio: ich kann ſchweigen wie ein Stumnmer, das koͤnnt Ihr glauben; aber bey mei⸗ ner Lehnspflicht,— ſeht Ihr wohl, bey meiner Lehnspflicht, — Er iſt verliebt. In wen?(o fragt Eure Hoheit jetzt) und nun gebt Acht, wie kurz die Antwort iſt: in Hero, Leonato's kurze Tochter. Claud. Wenn dem ſo waͤre, waͤr' es nun geſagt. Ben. Wie das alte Maͤhrchen, mein Fuͤrſt: es iſt nicht ſo, und war nicht ſo, und wolle Gott nur nicht, daß es ſo werde!— Claud. Wenn meine Leidenſchaft ſich nicht in kurzem aͤndert, ſo wolle Gott nicht, daß es anders werde. — Sz. 1. Viel Laͤrmen um Nichts. 269 D. Pedro. Amen, wenn Ihr ſie liebt; denn das Fraͤu⸗ lein iſt deſſen ſehr wuͤrdig. Claud. So ſprecht Ihr nur, mein Fuͤrſt, mich zu ver⸗ ſuchen. Z. Pedro. Bey meiner Tren', ich rede, wie ichs denke. Claud. Das that ich ebenfalls mein Fuͤrſt, auf Ehre. Ben. Und ich bey meiner zwiefachen Ehre und Treue, mein Fuͤrſt, ich gleichfalls. Claud. Daß ich ſie liebe, fuͤhl' ich. D. Pedro. Daß ſie es werth iſt, weiß ich. Ben⸗ Und daß ich weder fuͤhle, wie man ſie lieben kann, noch weiß, wie ſie deſſen wuͤrdig ſey, das iſt eine Ueberzeugung, welche kein Feuer aus mir herausſchmelzen ſoll; darauf will ich mich ſpießen laſſen. D. Pedro. Du warſt von jeher ein verſtockter Ketzer in Verachtung der Schoͤnheit. Claud. Und der ſeine Rolle nie anders durchzufuͤhren wußte, als indem er ſeinem Willen Gewalt anthat. Ben. Daß mich ein Weib gebohren hat, dafuͤr dank' ich ihr; daß ſie mich aufzog, auch dafuͤr ſag' ich ihr mei⸗ nen demuͤthigſten Dank: aber daß ich meine Stirn dazu hergebe, die Jagd darauf abzublaſen, oder mein Hifthorn an einen unſichtbaren Riem aufhaͤnge, das koͤnnen mir die Frauen nicht zumuthen. Weil ich ihnen das Unrecht nicht thun moͤchte, einer von ihnen zu mißtrauen, ſo will ich mir das Recht vorbehalten, keiner zu trauen; und das Ende vom Liede iſt,(und zugleich gewiß auch das beſite Lied) daß ich ein Junggeſell bleiben will. D. Pedro. Ich erlebe es noch, Dich einmal ganz blaß vor Liebe zu ſehn. Ben. Vor Zorn, vor Krankheit oder Hunger, mein Fuͤrſt; aber nicht vor Liebe. Beweiſ't mir, daß ich jemals aus Liebe mehr Blut verliere, als ich durch eine Flaſche Wein wieder erſetzen kann, ſo ſtecht mir die Augen aus mit eines Balladenſchreibers Feder, haͤngt mich auf uͤber der Thuͤr eines ſchlechten Hauſes, und ſchreibt darunter:„Zum blin⸗ den Cupido.“ D. Pedro. Nun ja, wenn Du je von dieſem Glauben abfaͤllſt, ſo mach Dir keine Rechnung auf unſte Barm⸗ herzigkeit. Ben. Wenn ich das thue, ſo haͤngt mich in einem Faß 270 Viel Laͤrmen um Nichts. A. 4 auf wie eine Katze, und ſchießt nach mir; und wer mich trifft, dem klopft auf die Schulter und nennt ihn Adam. „Pedro. Nun wohl, die Zeit wird kommen, „Wo ſich der wilde Stier dem Joche fuͤgt.“ Ben. Das mag der wilde Stier; wenn aber der ver⸗ ſtaͤndige Benedict ſich ihm fuͤgt, ſo reißt dem Stier ſeine Hoͤrner aus, und ſetzt ſie an meine Stirn, und laßt mich von einem Anſtreicher abmalen, und mit ſo großen Buch⸗ ſtaben, wie man zu ſchreiben pflegt:„hier ſind gute Pferde zu vermiethen“ ſetzt unter mein Bildniß:„Hier iſt zu ſehn Benedict, der verheirathete Mann.“ Claud. Wenn das geſchaͤhe, ſo wuͤrdeſt du hoͤrnertoll ſeyn. D. Pedro. Nun, wenn nicht Cupido ſeinen ganzen Ko⸗ cher in Venedig verſchoſſen hat, ſo wirſt Du in Kurzem fuͤr Deinen Hochmuth beben muͤſſen. Ben. Dazu muͤßte noch erſt ein Erdbeben kommen. D. Pedro. Gut, andre Zeiten, andre Gedanken. Fuͤr jetzt, lieber Signor Benedict, geht hinein zu Leonato, em⸗ pfehlt mich ihm, und ſagt ihm, ich werde mich zum Abend⸗ aſſen bey ihm einfinden; denn wie ich hoͤre, macht er große Zuruͤſtungen. Ben. Dieſe Beſtellung traue ich mir allenfalls noch zu, und ſomit befehle ich Euch—— Claud.„Dem Schutz des Allerhoͤchſten: gegeben in mei⸗ nem Hauſe,(wenn ich eins haͤtte)—— D. Pedro. Den ſechſten July: Euer getreuer Freund Benedict.“ Ben. Nun ſpottet nicht, ſpottet nicht: der Inhalt Eurer Geſpraͤche iſt zuweilen mit Lappen verbraͤmt, und die Verbraͤ⸗ mung nur ſehr ſchwach aufgenaͤht: Eh Ihr ſo alte Spaͤße wie⸗ der hervorſucht, pruͤft Euer Gewiſſen, und ſomit empfehle ich mich Euch. (GBenedict ab.) Claud. Eur Hoheit koͤnnte jetzt mich ſehr verpflichten. D. Pedro. Sprich, meine Lieb iſt Dein: belehre ſie, Und Du ſollſt ſehn, wie leicht ſie faſſen wird Die ſchwerſte Lehre, die Dir nuͤtzlich iſt. Claud. Hat Leonato einen Sohn, mein Fuͤrſt? D. Pedro. Kein Kind, als Hero, ſie iſt einz'ge Erbin.. Denkſt Du an ſie, mein Elaudio? Claud. O mein Fuͤrſt, Eh' Ihr den jetzt beſchloßnen Krieg begannt, Sah ich ſie mit Soldatenblick mir an, Sz2. Viel Laͤrmen um Nichts. 271 Dem ſie geſiel: allein die rauhe Arbeit Ließ Wohlgefallen nicht zur Liebe reifen. Jetzt kehr' ich heim, und jene Kriegsgedanken Raͤumten den Platz; ſtatt ihrer draͤngen nun Sich Wuͤnſche ein, von ſanfter holder Art, Und mahnen an der jungen Hero Reiz, Und daß ſie vor dem Feldzug mir geſiel. D. Hedro. Ich ſeh' Dich ſchon als einen Neuverliebten, Und unſer Ohr bedroht ein Buch von Worten. Liebſt Du die ſchoͤne Hero, ſey getroſt, Ich will bey ihr und ihrem Vater werben, Du ſollſt ſie haben: war es nicht dieß Ziel, Nach dem die feingeflochtne Rede ſtrebte? Claud. Wie lieblich pflegt Ihr doch des Liebeskranken, Deß Gram Ihr gleich an ſeiner Blaͤſſe kennt. Nur daß mein Leid zu plotzlich nicht erſchiene, Wollt' ich durch laͤngres Heilen es beſchoͤnen. D. Pedro. Wozu die Bruͤcke breiter, als der Fluß? Die Noth iſt der Gewaͤhrung beſter Grund. Sieh, was Dir hilft, iſt da? feſt ſteht, Du liebſt, Und ich bin da, das Mittel Dir zu reichen. Heut Abend, hoͤr“ ich, iſt ein Maskenball, Verkleidet ſpiel ich Deine Rolle dann, Der ſchoͤnen Hero ſag' ich, ich ſey Claudio, Mein Herz ſchutt' ich in ihren Buſen aus, Und nehm' ihr Ohr gefangen mit dem Sturm Und maͤcht'gen Angriff meiner Liebeswerbung. Sogleich nachher ſprech' ich den Vater an, Und dieſes Liedes End' iſt, ſie wird Dein. Nun komm und laß ſogleich ans Werk uns gehn.— *(Beyde ab.) Zweyte Szene. Ceonato und Antonio treten auf.) Leonato. Nun, Bruder! Wo iſt mein Neffe, Dein Sohn?— Hat er die Muſik beſorgt? Ant. Er macht ſich ſehr viel damit zu thun. Aber, Bru⸗ der, ich kann Dir ſeltſame Nenuigkeiten erzaͤhlen, von denen Du Dir nicht haͤtteſt traͤumen laſſen. 272 Viel Laͤrmen um Nichts. A. I. Leon. Sind ſie gut? Ant. Nachdem der Erfolg ſie ſtempeln wird: indeß der Deckel iſt gut, von außen ſehn ſie huͤbſch aus. Der Prinz und Graf Claudio, die in einer dicht verwachsnen Allee in meinem Garten ſpatzieren gingen, wurden ſo von einem mei⸗ ner Leute ſehr behorcht. Der Prinz entdeckte dem Claudio, er ſey verliebt in meine Nichte, Deine Tochter, und Willens, ſich ihr heut Abend auf dem Ball zu erklaͤren: und wenn er finde, daß ſie nicht abgeneigt ſey, ſo wolle er den Angenblick beym Schopf ergreifen, und gleich mit dem Vater reden. Leon. Hat der Burſche einigen Verſtand, der das ſagte? Ant. Ein guter, ein recht ſchlauer Burſch: ich will ihn rufen laſſen, dann kannſt du ihn ſelbſt ausfragen. Leon. Nein, nein, wir wollen es fuͤr einen Traum hal⸗ ten, bis es an den Tag kommt.— Aber ich will doch meiner Tochter davon ſagen, damit ſie ſich beſſer auf eine Antwort gefaßt machen kann, wenn es von ohngefaͤhr wahr ſeyn ſollte. Geht doch, und erzaͤhlt ihr's. Verſchiedene Perſonen gehn uͤber die Buͤhne.) Vettern, Ihr wißt was Ihr zu thun habt?—— O bitte um Verzeihung, lieber Freund, Ihr muͤßt mit mir gehn, ich bedarf Eures guten Kopfs.— Ihr, lieben Vettern, gebt Acht in dieſer unruhigen Zeit. (Alle ab.) ——— Dritte Szene. (Don Juan und Conrad treten auf.) Conrad. Was der Tauſend, mein Prinz, warum ſeyd Ihr denn ſo uͤbermaͤßig ſchwermuͤthig? D. Juan. Weil ich uͤbermaͤßig viel Urſache dazu habe, deßhalb iſt auch meine Verſtimmung ohne Maaß. Conr. Ihr ſolltet doch Vernunft anhoͤren. D. Juan. Und wenn ich ſie nun angehoͤrt, welchen Troſt haͤtt' ich dann davon? Conr. Wenn auch nicht augenblickliche Huͤlfe, doch Ge⸗ duld zum Leiden. D. Juan. Ich wundre mich, wie Du, der, wie Du ſelbſt ſagſt, unterm Saturn geboren iſt, Dich damit abgiebſt, ein moraliſches Mittel gegen ein todtliches Uebel anzupreiſen. Ich kann nicht verbergen wer ich bin; ich muß ſchwermuͤthig Sz2. Viel Laͤrmen um Nichts. 273 ſeyn, wenn ich Urſache dazu habe, und uͤber Niemand's Ein⸗ faͤlle lachen; eſſen, wenn mich hungert, und auf Niemands Belieben warten; ſchlafen, wenn mich ſchlaͤfert, und um Niemands Geſchaͤfte mich anſtrengen; lachen, wenn ich luſtig bin, und Keinen in ſeiner Laune ſtreicheln. Conr. Ey ja; aber Ihr ſolltet Euch nicht ſo zur Schau tragen, bis Ihrs ohne Widerſpruch thun koͤnnt. Erſt neu⸗ lich habt Ihr Euch mit Eurem Bruder uͤberworfen, und jetzt eben hat er Euch wieder zu Gnaden aufgenommen; da koͤnnt Ihr unmoͤglich in ſeiner Gunſt Wurzel ſchlagen, wenn Ihr Euch nicht ſelbſt das gute Wetter dazu macht⸗ Ihr muͤßt Euch nothwendig guͤnſtige Witterung fuͤr Eure Erndte ſchaffen. D. Juan. Lieber wollt' ich eine Hagebutte im Zaun ſeyn, als eine Roſe in ſeiner Gnade; und fuͤr mein Blut ſchickt ſichs beſſer, von allen verſchmaͤht zu werden, als ein Betragen zu drechſeln, und Jemands Liebe zu ſtehlen. Soviel iſt gewiß, Niemand wird mich einen ſchmeichleri⸗ ſchen Biedermann nennen, Niemand ſoll mirs aber dage⸗ gen abſprechen, daß ich ein aufrichtiger Boͤſewicht ſey. Mit einem Maulkorb trauen ſie mir, und mit einem Block laſſen ſie mich laufen: darum bin ich entſchloſſen, in mei⸗ nem Kaͤficht nicht zu ſingen. Hatt' ich meine Zähne los, ſo wuͤrd' ich beißen: haͤtt ich meinen freyen Lauf, ſo thäte ich was mir beliebt. Bis dahin laß mich ſeyn, was ich bin, und ſuch mich nicht zu aͤndern. Conr. Koͤnnt Ihr denn von Euerm Mißvergnuͤgen kei⸗ nen Gebrauch machen? D. Juan. Ich mache allen moͤglichen Gebrauch davon, ich brauche es eben. Wer kommt denn da? Was gibts Neues, Borachio?— (Borachio kommt.) Bor. Ich komme von druͤben von einem großen Abend⸗ ſchmaus: der Prinz, Euer Bruder, wird von Leonato koͤ⸗ niglich bewirthet, und ich kann Euch vorlaͤufig erzaͤhlen, daß eine Heirath im Werke iſt. D. Juan. Koͤnnte mir das nicht ein Fundament wer⸗ den, irgend ein Unheil drauf zu bauen? Wer iſt denn der Narr, der ſich an ewige Unruhe verloben will? Bor. Ey, es iſt Eures Bruders rechte Hand. „Juan. Wer? der hoͤchſt ausbuͤndige Claudio? Bor. Eben der. II. 18 274 Viel Laͤrmen um Nichts.⸗ A. n. D. Jnan. Ein ſchmuckes Herrchen! Und wer? und wer? Was ſein Abſehn?— Bor. Nun Hero, Leonato's Tochter und Erbin. D. Juan. Das kaum fluͤgge Maͤrzhuͤhnchen? Wie kommſt Du dazu?— Bor. Ich habe das Ausraͤuchern der Zimmer zu beſor⸗ gen; und als ich eben in einem dumpfigen Saal damit beſchaͤftigt bin, kommen der Prinz und Claudio Hand in Hand, in ſehr ernſthafter Unterredung. Ich duckte mich hinter die Tapeten, und da hoͤrt' ich, wie ſie Abrede nah⸗ men, der Prinz ſolle um Hero fuͤr ſich werben, und wenn er ſie bekomme, ſie dem Grafen Claudio geben. D. Juan. Komm, komm, laß uns hinuͤber; das kann meinem Grimm Nahrung werden. Dieſer junge Empor⸗ ſchoͤßling hat den ganzen Ruhm meiner Niederlage; kann ich den nur auf Einem Wege kreuzen, ſo will ich mich allerwegen glucklich ſchaͤtzen. Ihr ſeyd beyde zuverlaͤſſig, und ſteht mir bey?— Conr. Bis in den Tod, gnaͤdiger Herr. D. Juan. Gehn wir zu dem großen Gaſtmahl! Ihr Wohlleben iſt deſto groͤßer, weil ich zu Grunde gerichtet bin. Ich wollte, der Koch daͤchte wie ich! Wollen wir gehn und ſehn was zu thun iſt?— Bor, Wir ſind zu Euerm Befehl, mein gnaͤdiger Herr. (alle ab.) Zwehter Aufzug. Erſte Szene. (Leongto, Antonio, Hero und Beatrice treten auf.) Leonato. War der Graf nicht zum Abendeſſen hier? Ant. Ich ſah ihn nicht. Beat. Wie herbe dieſer Mann ausſieht! Ich kann ihn Sz. 1. Viel Lärmen um Nichts. 275 niemals anſehn, daß ich nicht eine volle Stunde Sodbren⸗ nen bekaͤme. Zero. Er hat eine ſehr melancholiſche Gemuͤthsart. Beat. Das muͤßte ein vortrefflicher Mann ſeyn, der grade das Mittel zwiſchen ihm und Benedict hielte: der eine iſt wie ein Bild, und ſagt gar nichts, und der andre wie meiner gnaͤdigen Frau älteſter Sohn, und plappert immer fort. Leon. Alſo die Haͤlfte von Signor Benedicts Zunge in Don Juans Mund, und die Halfte von Don Juans Schwermuth in Benedicts Geſicht.— Beat. Und dazu ein huͤbſches Bein und ein feiner Fuß, Oukel, und Geld genug in der Taſche, ſolch ein Mann muͤßte jedes Maͤdchen in der Welt erobern, wenn er's ver⸗ ſtaͤnde, ihre Gunſt zu gewinnen. Leon. Auf mein Wort, Nichte, Du wirſt Dir in Dei⸗ nei Leben keinen Mann gewinnen, wenn Du eine fo boͤſe Zunge haſt. Ant. Ja wahrhaftig, ſie iſt zu boͤſe. Beat. Zu boͤſe iſt mehr als boͤſe: auf die Weiſe ent⸗ geht mir eine Gabe Gottes, denn es heißt:„Gott giebt einer boͤſen Kuh kurze Hoͤrner, aber einer zu boͤſen Kuh giebt er gar keine.“ Leon. Weil Du alſo zu boͤſe biſt, wird Gott Dir keine Hoͤrner geben. Beat. Richtig, wenn er mir keinen Mann giebt, und das iſt ein Segen, um den ich jeden Morgen und jeden Abend auf den Knieen bitte. Himmel! wie ſollte ich wohl einen Mann mit einem Bart im Geſicht aushalten: lieber ſchlief' ich auf Wolle. Leon. Du kannſt Dir ja einen Mann ausſuchen, der keinen Bart hat. Beat. Was ſollte ich mit dem anfangen? Ihm meine Kleider anziehn und ihn zum Kammerinaͤdchen machen? Wer einen Bart hat, iſt mehr als ein Juͤngling, und wer keinen hat, weniger als ein Mann: wer mehr als ein Juͤngling iſt, taugt nicht fuͤr mich, und wer weniger als ein Mann iſt, fuͤr den tauge ich nicht. Deshalb will ich lieber ſechs Batzen Handgeld vom Baͤrenfuͤhrer als Lohn nehmen, ugd ſeine Affen zur Hoͤlle fuͤhren. Leon⸗ But, geh' alſo zur Hoͤlle. Beat. Nein, nur an die Pforte. Da wird mir denn der Teufel entgegen kommen, mit Hoͤrnern auf dem Kopf, 18* 276 Viel Lärmen um Nichts. A. Il. wie ein alter Hahnrey und ſagen: mach' dich fort und geh' zum Himmel, Beatrice, geh' zum Himmel, hier iſt kein Platz fuͤr euch Maͤdchen; darauf liefre ich ihm denn meine Affen ab, und nun flugs hinauf zu Sct. Peter am Him⸗ melsthor, der zeigt mir, wo die Junggeſellen ſitzen und da leben wir ſo luſtig, als der Tag lang iſt. Ant.(zu Herv.) Nun liebe Richte, ich hoffe doch, Ihr werdet Euch von Euerm Vater regieren laſſen? Beat. Ey, das verſteht ſich. Es iſt meiner Muhme Schuldigkeit, einen Knir zu machen und zu ſagen:„wie es Euch gefaͤllt, mein Vater.“ Aber mit alle dem, liebes Muͤhmchen, muß es ein huͤbſcher junger Menſch ſeyn, ſonſt mach' einen zweiten Knir und ſage,„wie es mir gefaͤllt, mein Vater.“— Leon. Nun, Nichte, ich hoffe noch den Tag zu erle⸗ ben, wo Du mit einem Manne verſehn biſt. Beat. Nicht ehe, bis der liebe Gott die Maͤnner aus einem andern Stoff macht, als aus Erde. Sooll es ein armes Maͤdchen nicht verdrießen, ſich von einem Stuͤck Fi Staubes meiſtern zu laſſen? Einem nichtsnutzigen ehmkloß Rechenſchaft von ihrem Thun und Laſſen abzu⸗ legen? Rein, Onkel, ich nehme keinen. Adam's Soͤhne ſind meine Bruͤder, und im Ernſt, ich halte es fuͤr eine Suͤnde, ſo nah' in meine Verwandtſchaft zu heyrathen. Leon. Tochter, denk' an das, was ich Dir ſagte. Wenn der Prinz auf eine ſolche Art um Dich wirbt, ſo weißt Du Deine Antwort. Beat. Die Schuld wird an der Muſik liegen, Muhme, wenn er nicht zur rechten Zeit um Dich anhaͤlt. Wenn der Prinz zu ungeſtuͤm wird, ſo ſag' ihm, man muͤſſe in jedem Dinge Maaß halten; und ſo vertanze die Antwort. Denn ſiehſt Du, Hero, freyen, heyrathen und bereuen ſind wie eine Courante, eine Sarabande und ein Grave: der erſte Antrag iſt heiß und raſch, wie eine Courante, und eben ſo fantaſtiſch: die Hochzeit manierlich, ſittſam wie eine Sarabande, voll altfraͤnkiſcher Feyerlichkeit; und dann kommt die Reue, und faͤllt mit ihren lahmen Beinen in den Pas Grave immer ſchwerer und ſchwerer, bis ſie in ihr Grab ſinkt. Leon. Muhme, Du betrachteſt alle Dinge ſehr ſcharf und bitter. Beat. Ich habe geſegnete Augen, Oheim, ich kann eine Kirche bey hellem Tage ſehn.. Leon. Da kommen die Masken; Bruder, mach' Plaß. Sz. 1. Viel Laͤrmen um Nichts. 277 (Don Pedro, Leonato, Beatrice, Antonio gehn ab.) (Don Pedro kommt maskirt.) D. Pedro. Gefaͤllt es Euch, mein Fraͤulein, mit Eurem Freunde umher zu gehn? Sero. Wenn Ihr langſam geht und freundlich ausſeht und nichts ſagt, ſo will ich Euch das Gehn zuſagen; auf jeden Fall, wenn ich davon gehe. D. Pedro. Mit mir, in meiner Geſellſchaft? Zero. Das kann ich ſagen, wenn mir's gefaͤllt. D. Pedro. Und wenn gefällt's Euch, das zu ſagen? Zerd. Wenn ich Euer Geſicht werde leiden moͤgen; 3 es waͤre ein Leiden, wenn die Laute dem Futteral gliche. D. Pedro. Meine Maske iſt wie Philemons Dach, drin⸗ nen in der Huͤtte iſt Jupiter. Sero. Auf die Weiſe muͤßte Eure Maske mit Stroh ge⸗ deckt ſeyn. (Gehn vorbey.) (Margaretha und Balthaſar maekirt.) MWarg. Redet leiſe, wenn Ihr von Liebe redet. Balth. Nun, ich wollte, Ihr liebtet mich. Marg. Das wollte ich nicht, um Eurer ſelbſt willen. Denn ich habe eine Menge ſchlimme Eigenſchaften. Balth. Zum Beyſpiel? Wiarg. Ich bete laut. 3 Balth Um ſo lieber ſeyd Ihr mir: da koͤnnen, die Euch hoͤren, Amen ſagen. Warg. Der Himmel verhelfe mir zu einem guten Taͤnzer. Balth. Amen. Warg. Und ſchaffe mir ihn aus den Augen, ſobald der Tanz aus iſt.— Nun, Kuͤſter, antwortet. Balth. Schon gut, der Kuͤſter hat ſeine Antwort. (Gehn vorbey.) (urſula und Antonio treten maskirt ein.) Urſ. Ich kenne Euch gar zu gut, Ihr ſeyd Signor Antonio. Ant. Auf mein Wort, ich bin's nicht. Urſ. Ich kenne Euch an Eurem wackelnden Kopf. Ant. Die Wahrheit zu ſagen, das mache ich ihm nach. Urſ. Ihr koͤnntet ihn unmöglich ſo vortrefflich ſchlecht nachmachen, wenn Ihr nicht der Mann ſelber waͤr't. Hier iſt ja ſeine trockne Hand ganz und gar; Ihr ſeyd's, Ihr ſeyd's. 278 Viel Lärmen um Nichts. A. Il. Ant. Auf mein Wort, ich bin's nicht. Urſ. Geht mir doch! Denkt Ihr denn, ich kenne Euch nicht an Eurem lebhaften Witz? Kann ſich Tugend ver⸗ bergen? Ey, Ey, Ihr ſeyd's. Die Anmuth laͤßt ſich nicht verhuͤllen; und damit gut. (Gehn voruͤber.) (Benedict und Beatrice, maskirt.) Ben. Wollt Ihr mir nicht ſagen, wer Euch das ge⸗ ſagt hat? Beat. Mein, das bitte ich mir aus. Ben. Und wollt Ihr mir auch nicht ſagen, wer Ihr eyd? Beat. Jetzt nicht. Ben. Daß ich voller Hochmuth ſey— und daß ich nein beſten Witz aus den hundert luſtigen Erzaͤhlungen ernehme.— Beat. Nun ſeht, das ſagte mir Signor Benedict. Ben. Wer iſt das? Beat. Ich bin gewiß, Ihr kennt ihn mehr als zu viel. Ben. Nein, gewiß nicht. Beat, Hat er Enuch nie lachen gemacht? Ben. Sagt mir doch, wer iſt er denn? Beat. Nun, er iſt des Prinzen Hofnarr: ein ſehr ſchaler Spaßmacher, der nur das Talent hat, unmoͤgliche Laͤſterungen zu erſinnen. Niemand findet Gefallen an ihm, als Wuͤſtlinge, und was ihn dieſen empfiehlt, iſt nicht ſein Witz, ſondern ſeine Feigheit: denn er unterhaͤlt ſie und aͤrgert ſie zugleich, und dann lachen ſie einmal uͤber ihn und ein andermal ſchlagen ſie ihn. Ich weiß gewiß, er iſt hier in dieſem Geſchwader: ich wollte, unſre Fahrzeuge begegneten ſich. Ben. Sollte ich dieſen Cgvalier finden, ſo will ich ihm erzaͤhlen, was Ihr von ihm ſagt. Beat. Ja, ja, thut das immer. Er wird dann allen⸗ falls ein paar Gleichniſſe an mir zerbrechen, und wenn ſich's etwa fuͤgt, daß Niemand drauf Acht giebt, oder druber lacht, ſo verfaͤllt er in Schwermuth, und dann iſt ein Nebhuhnfluͤgel gerettet, denn der Narr wird den Abend gewiß nicht eſſen. (Muſik drinnen.) Wir muͤſſen den Anfuͤhrern folgen. Ben. In allem was gut iſt. Sz. 1. Viel Laͤrmen um Nichts. 279 Beat. Freylich, wenn ſie zu etwas boͤſem fuͤhren, ſo fall' ich bey der naͤchſten Tour von ihnen ab. (Beyde ab.) (Tanz drinnen. Es kommen Don Juan, Borachio, Claudiv.) D. Juan. Es iſt richtig, mein Bruder iſt in Hero verliebt, und hat ihren Vater auf die Seite genommen, um ihm den Antrag zu machen: die Damen folgen ihr, und nur eine Maske bleibt zuruͤck. Sat Und das iſt Clandio, ich kenne ihn an ſeiner Haltung. D. Jnan. Seyd Ihr nicht Signor Benedict? Claud. Ihr habt's getroffen, ich bin's. D. Juan. Signor, Ihr ſteht ſehr hoch in meines Bru⸗ ders Freundſchaft. Er iſt in Hero verliebt: redet ihm das aus, ich bitte Euch. Sie iſt ihm an Geburt nicht gleich; Ihr wuͤrdet darin als ein rechtſchaffner Mann handeln. Claud. Wie wißt Ihr's denn, daß er ſie liebt?— D. Juan. Ich hoͤrte ihn ſeine Zuneigung betheuern. Bor. Ich auch. Er ſchwur, er wolle ſie noch dieſen Abend heyrathen. D. Juan, Kommt, wir wollen zum Bankett.— (D. Juan und Borachio ab.) Claud. So gab ich Antwort ihm als Benedict, Doch Claudio's Ohr vernahm die ſchlimme Zeitung. Es iſt gewiß, der Prinz warb fuͤr ſich ſelbſt; Freundſchaft haͤlt Stand in allen andern Dingen, Nur in der Liebe Dienſt und Werbung nicht. Drum brauch' ein Liebender die eigne Zunge, Es rede jeglich Auge fuͤr ſich ſelbſt, Und keiner trau' dem Anwald: Schoͤnheit weiß Durch Zauberkuͤnſte Tren' in Blut zu wandeln, Das iſt ein Fall, der ſtuͤndlich zu erproben Und dem ich doch vertraut: Hero, fahr' hin. (Benedict kommt wieder.) Ben. Graf Clandio? Claud. Ja, der bin ich. Ben. Kommt, wollt Ihr mit? Claud. Wohin? Ben. Nun, zum naͤchſten Weidenbaum, in Euren eig— nen Angelegenheiten, Graf. Auf welche Manier wollt Ihr Euern Kranz tragen; um den Hals, wie eines Wucheters Kette? oder unterin Arm, wie eines Hauptmanns Schaͤrpe? 280 Viel Lärmen um Nichts. A. M. Tragen muͤßt Ihr ihn, auf eine oder die andre Weiſe, denn der Prinz hat Eure Hero weggefangen⸗ Claud. Viel Gluͤck mit ihr! Ben. Nun, das nenn' ich geſprochen, wie ein ehrlicher Viehhaͤndler: ſo endigt man einen Ochſenhandel. Aber haͤt⸗ tet Ihr's wohl gedacht, daß der Prinz Euch einen ſolchen Streich ſpielen wuͤrde? Claud. Ich bitte Euch, laßt mich. Ben. Oho, Ihr ſeyd ja wie der blinde Mann. Der Fense ſtahl Euch Euer Eſſen, und Ihr ſchlagt den Pfeiler. Claud. Wenn Ihr denn nicht wollt, ſo gehe ich.(ab.) Ben. Ach, das arme angeſchoßne Huhn! Jetzt wird ſich's in die Binſen verkriechen.—— Aber daß Fraͤulein Beatrice mich kennt, und doch anch nicht kennt.. Des Prinzen Hofnarr? Nun ja, das mag hingehn, ich komme zu dieſem Titel, weil ich luſtig bin.— Aber nein! thue ich mir denn nicht ſelbſt Unrecht? Halten mich denn die Leute fur ſo etwas? Iſt's denn nicht die boshafte, bittre Gemuͤths⸗ art Beatricens, welche die Rolle der Welt uͤbernimmt, und mich in's Gerede bringen moͤchte? Gut, ich will mich raͤ⸗ chen, wie ich kann.* (Don Pedro, Hero und Leonato kommen.) D. Pedro. Sagt, Signor, wo iſt der Graf? Habt Ihr ihn nicht geſehn? Ben. Wahrhaftig, gnaͤdigſter Herr, ich habe eben die Rolle der Frau Fama geſpielt. Ich fand ihn hier ſo me⸗ lancholiſch, wie ein Jagdhaus im Forſt: darauf erzaͤhlte ich ihm,— und ich glaube ich erzaͤhlte die Wahrheit— Euer Gnaden habe die Zuſage dieſes jungen Fraͤuleins erhalten, und bot ihm meine Begleitung zum naͤchſten Weidenbaum an, entweder ihm einen Kranz zu flechten, weil man ihm untreu geworden, oder ihm eine Ruthe zu binden, weil er nichts beſſeres verdiene, als Streiche. D. Pedro. Streiche? Was hat er denn begangen? Ben. Die alberne Suͤnde eines Schulknaben, der vol⸗ ler Frenden uͤber ein gefundenes Vogelneſt, es ſeinem Ca⸗ meraden zeigt, und dieſer ſtiehlt's ihm weg. D. Pedro. Willſt Du denn das Zutrauen zur Suͤnde machen? Die Suͤnde iſt beym Stehler. Ben. Nun, es waͤre doch nicht umſonſt geweſen, wenn wir die Ruthe gebunden haͤtten und den Kranz dazu; den Kranz hätte er ſelbſt tragen können, und die Ruthe waͤre Sz. 1. Viel Lärmen um Richts. 281 fuͤr Euch geweſen, denn ihr habt ihm, wie mir's vorkommt, ſein Vogelneſt geſtohlen.. „Pedro. Ich will ihm ſeine Voͤgel nur ſingen leh⸗ ren, und ſie dann dem Eigenthuͤmer wieder zuſtellen. Ben. Wenn ihr Geſang zu Euren Worten ſtimmt, ſo war es bey meiner Treue chrlich geſprochen. D. Pedro. Fraulein Beatrice hat einen Handel mit Euch; der Cavalier, mit dem ſie tanzte, hat ihr geſagt, Ihr haͤttet ſehr uͤbel von ihr geſprochen. Ben. O! Sie iſt vielmehr mit mir umgegangen, daß kein Klotz es ausgehalten haͤtte; eine Eiche, an der nur noch ein einziges gruͤnes Laub geweſen waͤre, haͤtte ihr geant⸗ wortet: ja ſelbſt meine Maske fing an lebendig zu werden, und mit ihr zu zanken. Sie ſagte mir, indem ſie mich fuͤr einen Andern hielt, ich ſey des Prinzen Hofnarr; ich ſey langweiliger als ein ſtarkes Thauwetter; das ging, Schlag auf Schlag, mit einer ſo unglaublichen Geſchwindigkeit, daß ich nicht anders da ſtand, als ein Mann an einet Scheibe, nach welcher eine ganze Armee ſchießt. Sie ſpricht lauter Dolche, und jedes Wort durchbohrt: wenn ihr Athem ſo fuͤrchterlich waͤre, als ihre Ausdruͤcke, ſo koͤnnte Nie⸗ mand in ihrer Naͤhe leben, ſie wuͤrde alles bis an den Nord⸗ pol vergiften. Ich moͤchte ſie nicht heyrathen, und bekaͤme ſie alles zur Mitgift, was Adam vor dem Suͤndenfall beſaß. Sie haͤtte den Herkules gezwungen, ihr den Braten zu wenden, ja er haͤtte ſeine Keule ſpalten muͤſſen, um das Feuer an⸗ zumachen. Nein, reden wir nicht von der; an der werdet Ihr die hoͤlliſche Ate finden, nur in guten Kleidern. Wollte doch Gott, wir haͤtten einen Gelehrten, der ſie beſchwoͤren koͤnnte; denn wahrhaftig, ſo lange ſie hier iſt, lebt ſich's in der Hoͤlle ſo ruhig, als auf geweihter Staͤtte, und die Leute ſuͤndigen mit Fleiß, um nur hin zu kommen! ſo ſehr folgen ihr alle Zwietracht, Grauſen und Verwirrung. (Claudio und Beatrice kommen.) D. Pedro. Seht, da kommt ſie. Ben. Hat Eure Hoheit nicht eine Beſtellung fuͤr mich an das Ende der Welt? Ich waͤre jetzt bereit, um des geringſten Auftrags willen, der Euch in den Sinn kaͤme, zu den Antipoden zu gehn. Ich wollte Euch vom aͤußer⸗ ſten Rande von Aſien einen Zahnſtocher holen; Euch das Maaß vom Fuß des Prieſters Johannes bringen; Euch ein Haar aus dem Bart des großen Chans holen, eine Ge⸗ ſandtſchaft zu den Pigmaͤen uͤbernehmen, ehe ich nur drey 282 Viel Laͤrmen um Nichts. A. II. Worte mit dieſer Harpye wechſeln follte. Habt Ihr kein Geſchaͤft fuͤr mich? D. Pedro. Keines, als daß ich um Eure angenehme Geſellſchaft bitte. 25 Ben. O Himmel, mein Fuͤrſt, hier habt Ihr ein Ge⸗ richt, das nicht fuͤr mich iſt; ich kann dieſe gnaͤdige Frau Zunge nicht vertragen.(ab.) D. Pedro. Seht Ihr wohl, Fraͤulein, Ihr habt Sig⸗ nor Benedicts Herz verloren. Beatr, Es iſt wahr, gnaͤdiger Herr, er hat es mir eine Zeitlang verſetzt, und ich gab ihm ſeinen Zins dafuͤr, ein doppeltes Herz fuͤr ein einfaches. Seitdem hatte er mir's aber mit falſchen Wuͤrfeln wieder abgenommen, daß Euer Gnaden wohl ſagen mag, ich habe es ver⸗ oren. D. Pedro. Ihr habt ihn daniedergeſtreckt, mein Fraͤu⸗ lein, Ihr habt ihn niedergeſtreckt. Beat. Ich wollte nicht, daß er mir das thaͤte, gnaͤdi⸗ ger Herr, ich moͤchte ſonſt Narren zu Kindern bekommen. Hier bringe ich Euch den Grafen Claudio, den Ihr mir zu ſuchen auftrugt. D. Pedro. Nun wie ſteht's, Graf, warum ſeyd Ihr ſo traurig? Claud. Nicht traurig, mein Fuͤrſt. D. Pedro. Was denn? Krank? Claud. Auch das nicht. Beat. Der Graf iſt weder traurig, noch krank, noch luſtig, noch wohl: aber hoͤflich, Graf, hoͤflich wie eine Apfelſine, und ein wenig von eben ſo eiferſuͤchtiger Farbe. D. Pedro. In Wahrheit, Fraͤulein, dieſe heraldiſche Auslegung trifft zu; obgleich ich ſchwoͤren kann, daß, wenn dieß der Fall iſt, ſein Argwohn im Irrthum ſey. Sieh, Claudio, ich warb in Deinem Namen, und die ſchoͤne Hero iſt gewonnen; ich hielt bey ihrem Vater an, und habe ſeine Einwilligung erhalten. Beſtimme jetzt Deinen Hochzeittag, und Gott ſchenke Dir ſeinen Segen, Leon. Graf, empfangt von mir meine Tochter, und mit ihr mein Vermoͤgen. Seine Gnaden haben die Hey⸗ rath gemacht, und die ewige Gnade ſage Amen dazu. Beat. Redet doch, Graf, das war eben Euer Stich⸗ wort. Claud. Schweigen iſt der beſte Herold der Freude. Ich waͤre nur wenig gluͤcklich, wenn ich ſagen koͤnnte, wie ſehr — Sz. 1. Viel Lärmen um Nichts. 283 ich's bin. Fraͤulein, wie Ihr die Meine ſeyd, bin ich nun der Eurez ich gebe mich ſelbſt fuͤr Euch hin, und ſchmachte nach der Auswechslung. Beat. Redet doch, Muhme, oder wenn Ihr nichts wißt, ſo ſchließt ihm den Mund mit einem Kuß, und laßt ihn auch nicht zu Wort kommen. D. Pedro. In der That, mein Fraͤulein, Ihr habt ein froͤhliches Hetz. Beat. O ja, gnaͤdiger Herr, ich weiß es ihm Dank, dem naͤrriſchen Dinge, es haͤlt ſich immer an der Windſeite des Kummers. Meine Muhme ſagt ihm da in's Ohr, er ſey in ihrem Herzen. Claud. Ja, das thut ſie, Muhme. Beat. Lieber Gott, uͤber das Heyrathen! So kommt alle Welt unter die Haube, nur ich nicht, und mich brennt die Sonne braun; ich muß ſchon im Winkel ſitzen, und mit Ach! und Weh! nach einem Mann weinen. — Pedro. Fraͤulein Beatrice, ich will Euch einen ſchaffen. Ich wollte, Euer Vater haͤtte dieſe Muͤhe uͤber⸗ nommen. Haben Euer Gnaden nicht vielleicht einen Bru⸗ der, der Euch gleicht? Euer Vater verſtand ſich auf herrliche Ehemaͤnner, wenn ein armes Maͤdchen nur dazu kommen koͤnnte! D. Pedro. Wollt Ihr mich haben, mein Fraͤulein? Beat. Nein, mein Prinz, ich muͤßte denn einen andern daneben fuͤr die Werkeltage haben koͤnnen. Eure Hoheit iſt zu koſtbar, um Ench fuͤr alle Tage zu tragen.— Aber ich bitte, verzeiht mir, mein Prinz; ich bin einmal dazu geboren, lauter Thorheiten, und nichts Ernſthaftes zu ſprechen. D. Pedro. Euer Schweigen verdrießt mich am meiſten, nichts kleidet Euch beſſer als Munterkeit, denn Ihr ſeyd ohne Frage in einer luſtigen Stunde geboren. Beat. O nein, gnaͤdigſter Herr, denn meine Mutter weinte. Aber es tanzte eben ein Stern, und unter dem bin ich zur Welt gekommen. Gluͤck zu, Vetter und Muhme!— n⸗ Nichte, wollt Ihr das beſorgen, wovon ich Euch agte? Beat. O ich bitte tauſendmal um Vergebung, Oheim: mit Eurer Hoheit Erlanbniß.(ab.) D. Pedro. Wahrhaftig, ein angenehmes, muntres Maͤdchen!— ————— 284 Viel Laͤrmen um Nichts. A. II. Leon. Melancholiſches Element hat ſie nicht viel, gnaͤ⸗ diger Herr. Sie iſt nie ernſthaft, als wenn ſie ſchlaͤft: und auch dann iſt ſie's nicht immer. Denn wie meine Tochter mir erzaͤhlt, träumt ihr zuweilen tolles Zeug, und vom Lachen wacht ſie auf. . Pedro. Sie kann's nicht leiden, daß man ihr von einem Manne ſagt. Leon. O um alles in der Welt nicht; ſie ſpottet alle ihre Freywerber von ſich weg. B. Pedro. Das waͤre eine vortreffliche Frau fuͤr Be⸗ nedict!— Leon. O behuͤte Gott, mein Fuͤrſt; wenn die eine Woche verheyrathet waͤren, ſie haͤtten einander toll geſchwatzt. Pedro. Graf Clandio, wann gedenkt Ihr Eure Braut zur Kirche zu fuͤhren?“ Cland. Morgen, gnaͤdiger Herr. Die Zeit geht auf Kruͤcken, bis die Liebe im Beſitz aller ihrer Rechte iſt. Leon. Nicht vor dem nächſten Montag, mein lieber Sohn, welches grade heute uͤber acht Tage wäre; und auch das iſt noch immer eine zu kurze Zeit, um alles nach meinem Sinn zu veranſtalten. D. Pedro. Ich ſehe, Ihr ſchuͤttelt den Kopf uͤber einen ſo langen Anſſchub, aber ich verſpreche Dir's, Claudio, dieſe Woche ſoll uns nicht langweilig werden. Ich will waͤhrend dieſer Zwiſchenzeit eine von Herkules Arbeiten vollbringen, und zwar die, den Signor Benedict und das Fraͤulein Beatrice ſterblich in einander verliebt zu machen. Ich ſaͤhe die beyden gar zu gern als ein Paar, und zweifle nicht, damit zu Stande zu kommen, wenn Ihr drey mir ſolchen Beyſtand verſprechen wollt, wie ich's jedem von Euch an⸗ weiſen werde. Leon. Ich bin zu Euren Dienſten, mein Fuͤrſt, und ſollte mich's zehn ſchlafloſe Näͤchte koſten. laud. Ich auch, gnadiger Herr. D. Pedro. Und Ihr auch, ſchoͤne Hero? Sero. Ich will alles thun, was nicht unziemlich iſt, um meiner Muhme zu einem guten Mann zu verhelfen. Und Benedict iſt noch keiner von den hoff⸗ o D. nungsloſeſten Ehemaͤnnern, die ich kenne. So viel kann ich von ihm ruͤhmen: er iſt von edler Geburt, von erprob⸗ ter Tapferkeit und bewaͤhrter Rechtſchaffenheit. Ich will Euch lehren, wie Ihr Eure Muhme ſtimmen ſollt, daß ſie ſich in Benedict verliebe: und ich werde mit Eurer beyder ft: ne nd on Sz. 1. Viel Lärmen um Richts. 285 Huͤlfe Benedict ſo bearbeiten, daß er trotz ſeinem ſchnellen Witz und ſeinem verwoͤhnten Gaumen in Beatricen ver⸗ liebt werden ſoll. Wenn wir das zu Stande öringen, ſo iſt Cupido kein Bogenſchuͤtze mehr; ſein Ruhm wird uns zu Theil werden, denn dann ſind wir die einzigen wahren Liebesgoͤtter. Komint mit mir hinein, ich will Euch mei⸗ nen Plan ſagen.(ab.) 3weyte Szene. —— (Don Juan und Borachio treten auf.) Don Juan. Es iſt richtig; Graf Claudio wird Leonato's Tochter heyrathen. Bor. Ja, gnaͤdiger Herr; ich kann aber einen Quer— ſtrich machen. D. Juan. Jeder Schlagbaum, jeder Querſtrich, jedes Hinderniß wird mir eine Arzney ſeyn. Ich bin krank von zney Verdruß uͤber ihn, und was nur irgend ſeine Neigung krenzt, geht gleiches Weges mit der meinigen. Wie willſt Du denn dieſe Heyrath hindern? Bor. Nicht auf eine redliche Art, gnaͤdiger Herr, aber ſo daß keine Unredlichkeit an mir ſichtbar wer⸗ den ſoll. D. Juan. Wie denn? Mach's kurz. Bor. Ich glaube, ich ſagte Euch ſchon vor einem Jahr, gnaͤdiger Herr, wie weit ich's in Margarethens Gunſt ge⸗ bracht, des Kammermaͤdchens der Hero? D. Juan. Ich erinnere mich. Bor. Ich kann ſie zu jedein ungewohnlichen Augen⸗ blicke in der Nacht beſtellen, daß ſie aus dem Kammer⸗ fenſter ihres Fraͤuleins herausſehe. D. Juan. Und was fuͤr Leben iſt darin, der Tod dieſer Heyrath zu werden? Bor. Das Gift hieraus zu miſchen, iſt hernach Eure Sache. Geht zum Prinzen, Eurem Bruder; ſeyd nicht ſparſam damit, ihm zu ſagen, welchen Schimpf es ſeiner Ehre bringe, den hochberuhmten Elaudio(Oeſſen Wuͤrdi⸗ gung Ihr maͤchtig erheben muͤßt) mit einer verrufenen Dirne zu vermaͤhlen, wie dieſe Hero. 286 Viel Laͤrmen um Nichts. A. II. D. Juan. Und welchen Beweis ſoll ich ihm davon geben? Bor. Beweis genug, den Prinzen zu täuſchen, Claudio zu quaͤlen, Hero zu Grunde zu richten, und Leonato zu toͤdten. Wollt Ihr denn noch mehr haben? D. Juan. Alles will ich dran ſetzen, nur um ſie zu aͤrgern. Bor. Nun wohl, ſo findet mir eine bequeme Stunde, in der Ihr Don Pedro und Graf Clandio. bey Seite neh⸗ men koͤnnt. Sagt ihnen, Ihr wuͤßtet, Hero liebe mich; zeigt einen beſondern Eifer fuͤr den Prinzen wie fuͤr Clau⸗ dio, und wie Ihr aus Beſorgniß fuͤr Eures Bruders Ehre, der dieſe Heyrath gemacht, und fuͤr ſeines Freundes Ruf, der im Begriff ſey, durch die Larve eines Maͤdchens hin⸗ tergangen zu werden, dieß alles offenbartet. Sie werden Euch ſchwerlich ohne Unterſuchung glauben: dann erbietet Euch, Beweiſe zu ſchaffen, und zwar nicht geringere, as daß ſie mich an ihrem Kammerfenſter ſehn ſollen; mich hoͤren, wie ich Margarethen Hero nenne, wie Margarethe mich Borachio ruft: und dieß alles laßt ſie grade in der Nacht vor dem beſtimmten Hochzeitstage ſehn. Denn ich will indeß die Sache ſo einrichten, daß Hero abweſend ſeyn ſoll, und daß, wenn ſich ſo wahrſcheinliche Gruͤnde fuͤr ihre Treuloſigkeit häufen, Eiferſucht als Ueberzeugung erſcheinen, und die ganze Zuruͤſtung unnuͤtz werden ſoll. D. Juan. Mag daraus kommen, was will, ich unter⸗ nehme es. Zeige dich gewandt in der Ausfuͤhrung, und tauſend Ducaten ſollen Deine Belohnung ſeyn. Bor. Bleibt nur ſtandhaft in Eurer Anklage, meine Gewandtheit ſoll mir keine Schande machen. D. Juan. Ich will gleich gehn, und hoͤren, welchen Tag ſie zur Hochzeit angeſetzt haben. (Beyde ab.) Dritte Szene. (Benedict und ein Page treten auf.) Benedict. Hoͤre! age. Signor? en. In meinem Kammerfenſter liegt ein Buch, bringe mir das hieher in den Garten. Page. Ich bin ſchon hier, gnaͤdiger Herr. Sz. 3. Viel Laͤrmen um Nichts. 287 Ben. Das weiß ich, aber ich will dich fort haben, und hernach wieder hier. Page geht.) Ich wundre mich doch außerordentlich, wie ein Mann, der ſieht wie ein Andrer zum Narren wird, wenn er ſeine Geberden der Liebe wid⸗ met, doch, nachdem er ſolche laͤppiſche Thorheiten an jenem verſpottet, ſich zum Gegenſtand ſeiner eignen Verachtung macht, indem er ſich ſelbſt verliebt: und ſolch ein Mann iſt Elaudio. Ich weiß die Zeit, da ihm keine Muſik recht war, als Trommel und Querpfeife, und nun hoͤrte er lieber Tam⸗ burin und Floͤte. Ich weiß die Zeit, wo er fuͤnf Stun⸗ den zu Fuß gelaufen ware, um eine gute Ruͤſtung zu ſehn, und jetzt koͤnnte er fuͤnf Naͤchte ohne Schlaf zubringen, um den Schnitt eines neuen Wammſes zu erſinnen. Sonſt ſprach er ſchlicht vom Munde weg, wie ein ehrlicher Junge und ein guter Soldat; nun iſt er ein Aeſthetiker geworden, ſeine Rede iſt wie ein fantaſtiſch beſetztes Bankett, eben ſo viel curioſes ſeltſames Confect.— Sollt' ich jemals ſo ver⸗ wandelt werden koͤnnen, ſo lange ich noch aus dieſen Augen ſehe? Wer weiß:— Ich glaube es nicht. Ich will nicht darauf ſchwoͤren, daß mich die Liebe nicht in eine Auſter verwandeln koͤnne; aber darauf moͤchte ich doch einen Eid ablegen, daß ſie mich vorher erſt in eine Auſter ver⸗ wandelt haben muͤſſe, eh ſie einen ſolchen Narren aus mir machen ſoll. Dieſes Maͤdchen iſt ſchoͤn, das thut mir noch nichts; ein andres iſt witzig, das thut mir auch nichts; eine dritte tugendhaft, das thut mir immer noch nichts: und bis nicht alle Vorzuge ſich in einem Maͤdchen vereinigen, ſoll kein Maͤdchen bey mir einen Vorzug haben. Reich muß ſie ſeyn, das iſt ausgemacht; tugendhaft, oder ich biete gar nicht auf ſie; ſchoͤn, oder ich ſehe ſie nicht an; ſanft, oder ſie ſoll mir nicht nahe kommen; edel, oder ich wollte ſie nicht, wenn ſie auch ſonſt ein Engel waͤre; angenehm in ihrer Unterhaltung, vollkommen in der Muſik: und wenn ſie das alles iſt, ſo mag ihr Haar eine Farbe haben, wie es Gott gefaͤllt. Ach! da kommen der Prinz und unſer Amo⸗ roſo. Ich will mich in die Laube verſtecken. (Geht bey Seite.) (Don Pedro, Leonato und Claudio kommen.) D. Pedro. Gefaͤllt's Euch jetzt, das Lied zu hoͤren? Claud. Ja, theurer Herr.— Wie ſtill der Abend iſt, Wie ſchlummernd, daß Muſik noch ſuͤßer toͤne!— D. Pedro. Seht Ihr, wie Benediet ſich dort verſteckt? 288 Viel Laͤrmen um Nichts. A. I. Claud. Ja wohl, mein Fuͤrſt. Wenn der Geſang beendigt, Soll unſer Fuͤchslein gleich ſein Theil erhalten. (Balthaſar mit Muſik kommt.) D. Pedro. Kommt, Balthaſar, ſingt das Gedicht noch einmal.— Balth. Mein Fuͤrſt, verlangt nicht von ſo rauher Stimme Zum zweytenmal dieß Lied Euch zu verderben. D. Pedro. Stets war's ein Merkmal der Vortrefflichkeit, Durch Larve die Vollendung zu entſtellen:— Ich bitt Dich, ſing', laß mich nicht laͤnger werben. Balth. Weil Ihr von ſprecht, ſo will ich ingen: Denn oft beginnt ſein Werben ein Galan, Wo's ihm der Muͤh' nicht werth ſcheint: dennoch wirbt er, Und ſchwoͤrt, er ſey verliebt. „Pedro. Nun bitt' Dich, ſinge, Und willſt Du erſt noch laͤnger praͤludiren, So thu's in Noten. Balth. Welche Noth! die Noten Sind der Notiz nicht werth, notirt Euch das. D. Pedro. Das nenn' ich drey geſtrichne Noten mir, Noth, Noten, und Notiz! (Muſik.) Ben. Nun, divina Musica! Nun iſt ſeine Seele in Ver⸗ zuͤckung! Iſt es nicht ſeltſam, daß Schafdaͤrme die Seele aus eines Menſchen Leibe ziehn koͤnnen? Nun, ein Horn fuͤr mein Geld, wenn alles gut geht. Klagt, Maͤdchen, klagt nicht Ach und Weh, Kein Mann bewahrt die Treue. Am Ufer halb, halb ſchon zur See Reizt, lockt ſie nur das Neue. Weint keine Thraͤn' und laßt ſie gehn, Seyd froh und guter Dinge, 1 Daß ſtatt der Klag' und dem Geſiohn Juchheiſaſa erklinge. Singt nicht Balladen truͤb und bleich, In Trauermelodieen: Der Maͤnner Trug war immer gleich Seitdem die Schwalben ziehen. Weint keine Thraͤn' u. ſ. w. 8 Sz. 3. Viel Laͤrmen um Nichts. 289 D. Pedro. Auf meine Ehre, ein huͤbſches Lied. Balth. Und ein ſchlechter Saͤnger, gnaͤdiger Herr. D. Pedro. Wie? O nein doch, Du ſingſt gut genug fuͤr den Nothbehelf. Ben.(bey Seite.) Waͤr's ein Hund geweſen, der ſo ge⸗ heult haͤtte, ſie haͤtten ihn aufgehaͤngt. Nun, Gott gebe, daß ſeine heiſrte Stimme kein Ungluͤck bedeute!— Ich haͤtte eben ſo gern den Nachtraben gehoͤrt, waͤre auch alles erdenkliche Ungluͤck danach erfolgt. D. Pedro. Czu Claudio.) Ja, Ihr habt Recht.— Hoͤre, Balthaſar! Schaffe uns eine recht ausgeſuchte Muſik; mor⸗ gen Abend ſoll ſie unter Fraͤulein Hero's Fenſtern ſpielen. Balth. Die beſte, die ich finden kann, gnaͤdiger Herr. .(ab mit den Muſikern.) D. Pedro. Schoͤn;— jetzt laß uns.— Sagt doch, Leonato, was erzaͤhltet Ihr mir doch vorhin? Daß Eure Nichte Beatrice in Benedict verliebt ſey? Claud.(bey Seite.) O nur zu, nur zu, der Vogel ſitzt. (laut.) Ich haͤtte nie geglaubt, daß das Fraͤulein einen Mann lieben koͤnnte. Leon. Ich eben ſo wenig. Aber das iſt eben das Wun⸗ derbarſte, daß ſie grade fuͤr den Benedict ſchwaͤrmt, den ſie dem aͤußern Schein nach bisher verabſcheute. Ben. Iſt's moͤglich? blaͤſt der Wind aus der Ecke? Leon. Auf mein Wort, gnaͤdiger Herr, ich weiß nicht, was ich davon denken ſoll. Aber ſie liebt ihn mit einer raſenden Leidenſchaft, es uͤberſteigt alle Vorſtellung. D. Pedro. Vielleicht iſt's nur Verſtellung. Claud. Das moͤcht' ich auch glauben. Leon. O Gott, Verſtellung! Es iſt wohl noch nie eine verſtellte Leidenſchaft der lebendigen Leidenſchaft ſo nahe ge⸗ kommen, als ſich's an ihr aͤußert. D. Pedro. Nun, und welche Symptome der Leidenſchaft zeigt ſie denn? Claud. Cleiſe) Jetzt koͤdert den Hamen, dieſer Fiſch wird anbeißen. Leon. Welche Symptome, gnaͤdiger Herr? Sie ſitzt Euch da, nun, meine Tochter ſagte Euch ja, wie. Claud. Ja, das that ſie. D. Pedro. Wie denn? Wie? Ihr ſetzt mich in Er⸗ ſtaunen. Ich haͤtte immer gedacht, ihr Herz ſeh ganz unempfindlich gegen alle Angriffe der Liebe. II. 19 290 Viel Lärmen um Nichts. A. IMI. Leon. Darauf haͤtte ich auch geſchworen, mein Fuͤrſt, und beſonders gegen Benedict. Ben.(bey Seite.) Ich hielte es fuͤr eine Prellerey, wenn's der weißbaͤrtige Kerl nicht ſagte. Spitzbuberey, meiner Seele, kann ſich doch nicht hinter ſolcher Ehrwuͤr⸗ digkeit verbergen. Claud.(bey Seite.) Jetzt hat's gefaßt, nur immer weiter. Pedro. Hat ſie Benedict ihre Neigung zu erkennen gegeben? Leon. Nein, ſie ſchwoͤrt auch, dieß nie zu thun: das iſt eben ihre Qual. laud. Ja wohl, darin liegt's. Das ſagte mir auch Eure Tochted; ſoll ich, ſagt ſie, die ich ihm oft mit Spott begegnet, ihm jetzt ſchreiben, daß ich ihn liebe? Leon. Das ſagt ſie, wenn ſie grade einen Brief an ihn angefangen hat. Denn ſie ſteht wohl zwanzigmal in der Nacht auf, und da ſitzt ſie dann in ihrem Rachtkleide und ſchreibt ganze Seiten voll,— meine Tochter ſagt uns alles.—— Und nachher zerreißt ſie den Brief in tau⸗ ſend Hellerſtuckchen, zankt mit ſich ſelbſt, daß ſie ſo wenig Zuruͤckhaltung beſitze, an Jemand zu ſchreiben, von dem ſie's doch wiſſe, er werde ſie verhoͤhnen: ich beurtheile ihn, ſagt ſie, nach meiner eignen Sinnesart, denn ich wuͤrde ihn verhoͤhnen, wenn er mir ſchriebe; ja, wie ſehr ich ihn liebe, ich thaͤt' es doch. Claud. Dann nieder auf die Kniee ſtuͤrzt ſie, weint, ſeufzt, ſchlaͤgt ſich an die Bruſt, zerrauft ihr Haar, betet, flucht: O ſuͤßer Benedict! Gott ſchenke mir Geduld! Leon. Freylich, das thut ſie, das ſagt mir meine Toch— ter. Ja, ſie iſt ſo außer ſich in ihrer Exſtaſe, daß meine Tochter zuweilen furchtet, ſie moͤchte in der Verzweiflung ſich ein Leides thun: das iſt nur zu wahr. D. Pedro. Es waͤre doch gut, wenn Benediet es durch jemand anders erfuͤhre, da ſie es ihm nun einmal nicht ent⸗ decken wird. Claud. Wozu? Er wuͤrde doch nur Scherz damit trei⸗ ben, und das arme Fraͤulein dafur aͤrger quaͤlen. D. Pedro. Wenn er das chaͤte, ſo waͤr's ein gutes Werk, ihn zu haͤngen. Sie iſt ein vortreffliches, liebes Fraͤulein und ihr guter Ruf uͤber allen Verdacht erhaben. Claud. Dabey iſt ſie ausgezeichnet verſtaͤndig. I. rſt, ey, ey, r⸗ er en as tt n in e 8 „ * 9 1, E n Sz. 3. Viel Lärmen um Nichts. 291 D. Pedro. In allen andern Dingen, nur nicht darin, daß ſie den Benedict liebt. Leon. O gnaͤdiger Herr! wenn Verſtand und Leiden⸗ ſchaft in einem ſo zarten Alter mit einander kaͤmpfen, ſo haben wir zehn Beyſpiele fuͤr Eines, daß die Leidenſchaft den Sieg davon traͤgt. Es thut mir leid um ſie, und ich habe die gerechteſte Urſache dazu, da ich ihr Oheim und Vormund bin. D. Pedro. Ich wollte, ſie haͤtte dieſe Entzuͤckungen mir gegoͤnnt; ich haͤtte alle andern Ruͤckſichten abgethan, und ſie zu meiner Haͤlfte gemacht. Ich bitte Euch, ſagt doch dem Benedict von der Sache, und hoͤrt, was er erwie⸗ dern wird. Leon. Meynt Ihr wirklich, daß es gut waͤre? Claud. Hero iſt uͤberzeugt, es werde ihr Tod ſeyn; denn ſie ſagt, ſie ſterbe, wenn er ſie nicht wieder liebe, und ſie ſterbe auch lieber, als daß ſie ihm ihre Liebe ent⸗ decke; und wenn er ſich wirklich um ſie bewirbt, ſo wird ſie eher ſterben wollen, als das Geringſte von ihrem ge— wohnten Widerſpruchsgeiſt aufgeben. D. Pedro. Sie hat ganz Recht; wenn ſie ihm ihre Neigung merken ließe, ſo waͤr's ſehr moͤglich, daß er ſie nur verlachte. Der Mann hat, wie Ihr alle wißt, eine ſehr uͤbermuͤthige Geſinnung. Claud. Er iſt ſonſt ein feiner Mann. 6 Pedro. Er hat allerdings eine recht gluckliche aͤußre ildung. Claud. Ganz gewiß, und wie mich duͤnkt, auch viel Verſtand. D. Pedro. Es zeigen ſich in der That mitunter Fun⸗ ken an ihm, welche wie Witz ausſehn. Leon. Und ich halte ihn auch fuͤr tapfer. D. Pedro. Wie Hector, das verſichre ich Euch, und nach der Art, wie er mit Haͤndeln umzugehn verſteht, muß man auch einraͤumen, daß er Klugheit beſitzt. Denn ent⸗ weder weicht er ihnen mit großer Vorſicht aus, oder er unterzieht ſich ihnen mit einer chriſtlichen Furcht. Leon. Wenn er Gott fuͤrchtet, ſo muß er nothwendig Frieden halten. Wenn er den Frieden bricht, kann's nicht anders ſeyn, als daß er ſeine Haͤndel mit Furcht und Zit⸗ tern anfaͤngt. D. Pedro. Und ſo iſt es auch. Denn der Mann fuͤrchtet Gott, obgleich nach ſeinen derben Spaͤßen kein 19* 292 Viel Laͤrmen um Nichts. A. I. Menſch das von ihm glauben ſollte. Mit alle dem dauert mich Eure Nichte. Wollen wir gehn und Benedict auf⸗ ſuchen, und ihm von ihrer Liebe ſagen? Claud. Nimmermehr, gnaͤdigſter Herr. Dieſe Schwach⸗ heit wird endlich verſtaͤndigem Rathe weichen. Leon. Ach, das iſt unmoͤglich. Ehe wird ihr Leben von ihr weichen. D. Pedro. Nun, wir wollen hoͤren, was Eure Tochter weiter davon ſagt, und ſich's indeß verkuͤhlen laſſen. Ich halte viel auf Benedict, und wuͤnſchte ſehr, er moͤchte ſich einmal mit aller Beſcheidenheit pruͤfen und einſehn, wie wenig er eine ſo treffliche Dame zu beſitzen verdient. Leon. Wollen wir gehn, mein Fuͤrſt? Das Mittags⸗ eſſen wird fertig ſeyn. Claud.(bey Seite.) Wenn er ſich hierauf nicht ſterblich in ſie verliebt, ſo will ich nie wieder einer Wahrſcheinlich⸗ keit trauen. D. Pedro.(bey Seite.) Man muß jetzt das naͤmliche MNetz fuͤr ſie aufſtellen, und das laßt Eure Tochter und ihre Kammerfrau uͤbernehmen. Der Spaß wird ſeyn, wenn jeder von ihnen ſich von der Leidenſchaft des andern uͤber⸗ zeugt haͤlt, und ohne allen Grund. Das iſt die Sonne, die ich ſehen moͤchte: es wird eine wahre Pantomime ſeyn. Wir wollen ſie abſchicken, um ſie zu Tiſche zu rufen. (Don Pedro, Claudio, und Leonato ab.) Ben.(tritt hervor.) Das kann keine Schelmerey ſeyn; das Geſpraͤch war zu ernſthaft. Sie haben die Gewißheit der Sache von Hero; ſie ſcheinen das Fraͤulein zu bedauern: es ſcheint, ihre Leidenſchaft hat die hoͤchſte Spannung er⸗ reicht.— In mich verliebt? O, das muß erwiedert wer⸗ den. Ich hoͤre, wie man mich tadelt: ſie ſagen, ich werde mich ſiolz gebehrden, wenn ich merke, wie ſie mich liebt. Sie ſagen ferner, ſie werde ehe ſterben, als irgend ein Zeichen ihrer Neigung geben. Ich dachte nie zu heyra⸗ then; aber man ſoll mich nicht fuͤr ſtolz halten. Gluͤcklich ſind, die erfahren, was man an ihnen ausſetzt, und ſich danach beſſern koͤnnen. Sie ſagen, das Fraͤulein ſey ſchoͤn; ja, das iſt eine Wahrheit, die ich bezeugen kann; und tu⸗ gendhaft:— allerdings, ich kann nichts dawider ſagen;— Und verſtaͤndig, ausgenommen, daß ſie in mich verliebt ſey:— nun,— meiner Tren', das iſt eben kein Zuwachs ihrer Verſtaͤndigkeit, aber doch kein großer Beweis ihrer Thorheit, denn ich will mich entſetzlich wieder in ſie ver⸗ Sz. 3. Viel Laͤrmen um Nichts. 293 lieben.— Ich wage es freilich drauf, daß man mir etliche alberne Spaͤße und Witzbrocken zuwirft, weil ich ſelbſt ſo lange uͤber das Heyrathen geſchmaͤhlt habe; aber kann ſich der Geſchmack nicht aͤndern? Es liebt Einer in ſeiner Ju⸗ gend ein Gericht, das er im Alter nicht ausſtehn kann: ſollen wir uns durch Sticheleyen und Sentenzen und jene papiernen Kugeln des Gehirns aus der rechten Bahn unſrer Laune ſchrecken laſſen? Nein, die Welt muß bevoͤlkert werden. Als ich ſagte, ich wolle als Junggeſelle ſterben, dacht' ich es nicht zu erleben, daß ich noch eine Frau nehmen wuͤrde. Da kommt Beatrice. Beym Sonnen⸗ licht, ſie iſt ſchoͤn! ich erſpaͤhe ſchon einige Zeichen der Liebe an ihr. (Beatrice kommt.) Beat. Wider meinen Willen hat man mich abgeſchickt, Euch zu Tiſche zu rufen. Ben. Schoͤne Beatrice, ich danke Euch fuͤr Eure Muͤhe. Beat. Ich gab mir nicht mehr Muͤhe, dieſen Dank zu verdienen, als Ihr Euch bemuͤht, mir zu danken. Waͤr' es muͤhſam geweſen, ſo waͤr' ich nicht gekommen. Ben. Die Beſtellung machte Euch alſo Vergnuͤgen? Beat. Ja, grade ſo viel, als Ihr auf eine Meſſer⸗ ſpitze nehmen koͤnnt, um's einer Dohle beyzubringen. Ihr habt wohl keinen Appetit, Signor? So i wohl. ab.) Ben. Ah,„wider meinen Willen hat man mich ab⸗ „geſchickt, Euch zu Tiſche zu rufen!“ das kann zweyerley bedeuten:—„es koſtete mich nicht mehr Muͤhe, dieſen Dank zu verdienen, als Ihr Euch bemuͤht, mir zu dan⸗ ken:“ das heißt ſoviel als, jede Muͤhe, die ich fuͤr Euch unternehme, iſt ſo leicht als ein Dank. Wenn ich nicht Mitleid fur ſie fuͤhle, ſo bin ich ein Schurke; wenn ich ſie nicht liebe, ſo bin ich ein Jude. Ich will gleich gehn, und mir ihr Bildniß verſchaffen. (ab.) — 294 S i E ſte Szene (Es treten auf Hero, Margarethe, urſula.) Zero. Lauf, Margarethe, in den Saal hinauf, Dort find'ſt Du meine Muhme Beatrice Mit Claudio und dem Prinzen im Geſpraͤch, Raun' ihr ins Ohr, daß ich und Urſula Im Garten gehn, und unſre Unterhaltung Nur ſie betrifft, ſag, daß Du uns behorcht. Dann heiß ſie ſchleichen in die dichte Laube, Wo Geißblattranken, an der Sonn' erbluͤht, Der Sonne Zutritt wehren:— wie Guͤnſtlinge, Von Fuͤrſtenſtolz gemacht, mit Stolz verſchatten Die Kraft, die ſie erſchaffen.— Dort verſteckt Soll ſie uns reden hoͤren: dieß beſorge, Mach' Deine Sachen gut, und laß uns jetzt. Warg. Ich ſchaffe gleich ſie her, 6 drauf. ab. Zero. Nun Urſula, wenn Beatrice kommt, Und wir im Baumgang auf und nieder wandeln, Sey einzig nur vom Benedict die Rede. Wenn ich ihn nenne, ſtimme gleich mir bey, Und preiſ' ihn mehr, als je ein Mann verdient. Darauf erzaͤhl' ich Dir, wie Benedict In Beatricen ſterblich ſey verliebt. 2 ſchnitzt der kleine Gott die ſchlauen Pfeile, Die ſchon durch Hoͤren treffen. Jetzt fang' an: Denn ſieh' nur, Beatrice, wie ein Kiebitz, Schluͤpft dicht am Boden hin, uns zu belauſchen. (Beatrice ſchleicht in die Laube.) Urſ. Die Luſt beym Angeln iſt, ſehn, wie der Fiſch Den Silberſtrom mit goldnen Rudern theilt, Den tuͤck'ſchen Haken gierig zu verſchlingen. Sz 1. Viel Lärmen um Nichts. 205 So angeln wir nach jener, die ſich eben Geduckt dort in die Geißblatthuͤlle biegt. Sorgt nicht um meinen Antheil am Geſpraͤch. Zero. Komm naͤher nun, daß nichts ihr Ohr verliere Vom ſuͤßen Koͤder, den wir truͤglich legen. (ſie naͤhern ſich der Laube.) Nein wahrlich, Urſula, ſie iſt zu ſtolz. Ich kenn' ihr Herz, es iſt ſo ſproͤd' und wild Wie ungezaͤhmte Falken. Urſ. Iſt's denn wahr? Liebt Benedict ſo einzig Beatricen? Zero. So ſagt der Prinz und auch mein Braͤutigam. Urſ. Und trugen ſie Euch auf, es ihr zu ſagen? Bero. Sie baten mich, ich moͤg' es ihr entdecken: Ich ſprach, da Benedict ihr Freund, ſie moͤchten Ihm rathen, dieſe Neigung zu beſiegen, Daß Beatrice nie davon erfaͤhrt. Urſ. Warum, mein S Goͤnnt Ihr nicht dem titter So reiche, vollbegluͤckte Ehe gern, Als Beatrice je gewaͤhren kann? Zero. Beym Liebesgott! Ich weiß es, er verdient Soviel, als man dem Manne nur vergoͤnnt. Doch ſchuf Natur noch nie ein weiblich Herz Von ſproͤderm Stoff als das der Beatrice. Hohn und Verachtung ſpruͤht ihr funkelnd Auge Und ſchmaͤht, worauf ſie blickt: ſo hoch im Preiſe Stellt ſie den eignen Witz, daß alles andre Ihr nur gering erſcheint: ſie kann nicht lieben, Noch Bild und Form der Neigung in ſich praͤgen, So iſt ſie in ſich ſelbſt vergafft. Urſ. Gewiß, Und darum waͤr's nicht gut, erfuͤhre ſie's, Wie er ſie liebt; ſie wuͤrd' ihn nur verſpotten. Bero. Da ſagſt Du wahr. Ich ſah noch keinen Mann, So klug, ſo jung und brav, ſo ſchoͤn gebildet, Sie muͤnzt ihn um in's Gegentheil. Wenn blond, So ſchwur ſie, ſollt' er ihre Schweſter heißen, Wenn ſchwarz, hatt' einen Harlekin Natur Sich zeichnend, einen Tintenſleck gemacht: Schlank, war's ein Lanzenſchaft mit ſchlechtem Kopf, Klein, ein Agathbild ungeſchickt geſchnitzt: Sprach er, ein Wetterhahn fuͤr alle Winde, 296 Viel Laͤrmen um Nichts. A. III. Schwieg er, ein Block, den keiner je bewegt. So kehrt ſie ſtets die falſche Seit' hervor, Und giebt der Tugend und der Wahrheit nie, Was Einfalt und Verdienſt erwarten duͤrfen. Urſ. Gewiß, ſo ſcharfer Witz macht nicht beliebt. Zero. O nein! So ſchroff, ſo außer aller Form, Wie's Beatrice liebt, empfiehlt wohl nie. Wer aber darf ihr's ſagen? Wollt' ich reden, Ich muͤßt' an ihrem Spott vergehn: ſie lachte Mich aus mir ſelbſt, erdruͤckte mich mit Witz. Mag Benedict drum wie verdecktes Feuer In Seufzern ſterben, innen ſich verzehren: Das iſt ein beßrer Tod als todt geſpottet, Was ſchlimmer iſt, als todt gekitzelt werden. Urſ. Erzaͤhlt's ihr doch, hoͤrt, was ſie dazu ſagt. Bero. Nein, lieber geh' ich ſelbſt zu Benedict, Und rath' ihm ſeine Leidenſchaft bezaͤhmen. Und wahrlich, ein'ge ehrliche Verlaͤumdung Auf meine Muhm' erſinn' ich. Niemand glaubt, Wie leicht ein boͤſes Wort die Lieb' erſtickt. Urſ. Thut Eurer Muhme nicht ſo großes Unrecht. ie kann nicht alles Urtheil ſo verlaͤugnen, Mit ſo viel ſchnellem, ſcharfen Witz begabt, (QAls man ſie deſſen ruͤhmt), zuruͤck zu weiſen Solch ſeltnen Cavalier als Signor Benedict. Bero. In ganz Italien ſucht er ſeines Gleichen: Verſteht ſich, meinen Claudio ausgenommen. Urſ. Ich bitt' Euch, zuͤrnt mir deßhalb nicht, mein Fraͤulein:„ Nach meiner Anſicht glaub' ich, Signor Benedict Gilt an Geſtalt und Haltung, Geiſt und Mu In unſerm Welſchland fuͤr den erſten Mann. Zero. Gewiß, er iſt von hochbewaͤhrtem Ruf. Urſ. Den ihm ſein Werth verdient, eh' er ihn hatte. Wenn macht Ihr Hochzeit, Fraͤulein? Zero. Nun, allernaͤchſtens; morgen wohl. Jetzt komm“, Ich will Dir Kleider zeigen, rathe mir, Was morgen mich am beſten ſchmuͤcken wird. Urſ. Die klebt am Leim: Ihr fingt ſie, dafuͤr ſteh' ich. So bringt ein Zufall Amor'n oft Gelingen, Den trifft ſein Pfeil, den faͤngt er ſich mit Schlingen. (Beyde ab.) Sz. 2. Viel Laͤrmen um Nichts. 297 Beatr.(kommt hervor) Welch Feu'r durchſtroͤmt mein Ohr! Iſt's wirklich wahr? Wollt ihr mir Spott und Hohn ſo ſcharf verweiſen? Leb wohl dann, Maͤdchenſtolz, auf immerdar, Mich luͤſtet nimmermehr nach ſolchem Preiſen. Und, Benedict, lieb' immer: ſo gewoͤhn' ich Mein wildes Herz an deine theure Hand: Sey treu, und, Liebſter, deine Treue kroͤn' ich, Und unſte Herzen bind' ein heil'ges Band. Man ſagt, du biſt es werth, und ich kann ſchwoͤren, Ich wußt' es ſchon, und beſſer als vom 6 ab. 3 weyte Szene (Don Pedro, Claudio, Benediet und Leonato.) Don Pedro. Ich bleibe nur noch, bis Eure Hochzeit voruͤber iſt und gehe dann nach Aragon zuruͤck. Claud. Ich will Euch dahin begleiten, mein Fuͤrſt, wenn Ihr mir's vergoͤnnen wollt. D. Pedro. Nein, das hieße, den neuen Glanz Eures Eheſtand's eben ſo verderben, als einem Kinde ſein neues Kleid zeigen und ihm verbieten, es zu tragen. Ich will mir nur Benedict's Geſellſchaft erbitten, denn der iſt von der Spitze ſeines Scheitels bis zur Sohle ſeines Fußes lauter Froͤhlichkeit. Er hat Cupido's Bogenſenne zwey oder dreimal durchgeſchnitten, und der kleine Henker wagt ſeitdem nicht mehr, auf ihn zu ſchießen. Er hat ein Herz, ſo geſund und ganz wie eine Glocke, und ſeine Zunge iſt der Kloͤpfel, denn was ſein Herz denkt, ſpricht ſeine Zunge aus. Ben. Ihr Herrn, ich bin nicht mehr, der ich war. Leon. Das ſag' ich auch, mir ſcheint, Ihr ſeyd ernſter. Claud. Ich hoffe, er iſt verliebt. D. Pedro. Fort mit dem unnuͤtzen Menſchen!— Es iſt kein ſo wahrer Blutstropfen in ihm, daß er durch eine Liebe wahrhaft geruͤhrt werden koͤnnte; iſt er ernſt, ſo fehlt's ihm an Geld⸗ 298 Viel Lärmen um Nichts. A. III. Ben. Mich ſchmerzt der Zahn. . Pedro. Heraus damit!— Was! um Zahnweh eufzen? Leon. Was doch nur ein Fluß oder ein Wurm iſt? Ben. Gut, jeder kann den Schmerz bemeiſtern, nur der nicht, der ihn fuͤhlt. Claud. Ich bleibe doch dabey, er iſt verliebt. D. Pedro. Es iſt kein Zeichen verliebter Grillen an ihm, es muͤßte denn die Grille ſeyn, mit der er in fremde Moden verliebt iſt: als z. B. heut ein Hollaͤnder, morgen ein Franzos, oder in der Tracht zweyer Laͤnder zugleich, ein Deutſcher vom Guͤrtel abwaͤrts lauter Falten und Plu⸗ derhoſen, und ein Spanier druͤber, nichts als Wamms. Haͤtte er alſo nicht eine verliebte Grille fuͤr dieſe Narrheit, (wie er ſie denn wirklich hat,) ſo waͤre er kein Narr aus Liebe, wie Ihr ihn dazu machen wollt. Claud. Wenn er nicht in irgend ein Frauenzimmer verliebt iſt, ſonſt traut keinem Wahrzeichen mehr. Er buͤr⸗ ſtet alle Morgen ſeinen Hut; was kann das ſonſt bedeuten? D. Pedro. Hat ihn jemand beym Barbier geſehn? Claud. Nein, aber wohl den Barbiers⸗Diener bey ihm, und die alte Zier ſeiner Wangen iſt ſchon gebraucht, Baͤlle damit zu ſtopfen. Leon. In der That, er ſieht um einen Bart juͤnger aus. D. Pedro. Und was mehr iſt, er reibt ſich mit Biſam; merkt Ihr nun, wo's ihm fehlt? Das heißt mit andern Worten, der holde Knabe iebt. D. Pedro. Der groͤßte Beweis iſt ſeine Schwermuth. Claud. Und wann pflegte er ſonſt ſein Geſicht zu waſchen? D. Pedro. Ja, oder ſich zu ſchminken? ich hore aber wohl, was man deßwegen von ihm ſagt. Claud. Und ſein ſprudelnder Geiſt! der jetzt in eine Lautenſaite gekrochen iſt, und durch Griffe regiert wird. D. Pedro. Freylich, das alles kuͤndigt eine tragiſche Geſchichte an. Summa Summarum, er iſt verliebt. Claud. Ja, und ich weiß auch, wer in ihn verliebt iſt. D. Pedro. Nun, das moͤchte ich auch wiſſen. Ich wette, es iſt eine, die ihn nicht kennt. Claud. O frehlich! Ihn und alle ſeine Fehler; und die demungeachtet fuͤr ihn ſtirbt. D. Pedro. Die muß mit dem Geſicht aufwaͤrts begra⸗ ben werden. S 2 Viel Laͤrmen um Richts. 299 Ben. Das alles hilft aber nicht fuͤr mein Zahnweh. Alter Herr, kommt ein wenig mit mir auf die Seite; ich habe acht oder neun vernuͤnftige Worte ausſtudirt, die ich Euch ſagen moͤchte, und die dieſe Steckenpferde nicht zu hoͤren brauchen. (Benedict mit Leonato ab.) D. Pedro. Ich wette mein Leben, er haͤlt bey ihm um Beatricen an. Claud. Ganz gewiß. Hero und Margarethe haben unterdeß ihre Rolle mit Beatricen geſpielt, und nun wer⸗ den wohl dieſe Baͤren einander nicht beißen, wenn ſie ſich begegnen. (Don Juan kommt.) D. Jnan. Mein Fuͤrſt und Bruder, gruͤß Euch Gott. D. Se⸗ Guten Tag, Bruder. D. Juan. Wenn es Euch gelegen waͤre, haͤtte ich mit Euch zu reden. D. Pedro. Allein? D. Juan. Wenn es Euch gefaͤllt,— doch Graf Clau⸗ immer hoͤren; denn was ich zu ſagen habe, be⸗ trifft ihn. D. Pedro. Wovon iſt die Rede? D. Juan. Gedenkt Ihr Euch morgen zu vermaͤhlen, edler Herr? D. Pedro. Das wißt Ihr ja. D. Juan. Das weiß ich nicht, wenn er erſt wiſſen wird, was ich weiß. Claud. Wenn irgend ein Hinderniß ſtatt findet, ſo bitte ich Euch, entdeckt es. D. Juan. Ihr denkt vielleicht, ich ſey Euer Freund nicht: das wird ſich hernach ausweiſen; indem Ihr mich beſſer ins Auge faßt, durch das, was ich Euch entdecken werde. Von meinem Bruder glaube ich, daß er Euch wohl will, und aus Herzensliebe Euch verholfen hat, Eure baldige Heyrath ins Werk zu richten. In Wahrheit, eine ſchlecht angebrachte Werbung! Eine ſchlecht verwandte Muͤhe!— D. Pedro. Nun? was wollt Ihr damit ſagen? D. Juan. Ich kam hieher, es Euch mitzutheilen; und um die Sache kurz zu faſſen,— denn es iſt ſchon zu lange die Rede davon geweſen,— das Fraͤulein iſt treulos. Claud. Wer? Hero? D. Juan. Eben ſie; Leonato's Hero, Eure Hero,— jedermanns Hero. 1 300 Viel Lärmen um Nichts. A. IMI. Claud. Treulos? D. Juan. Das Wort iſt zu gut, ihre Verderbtheit zu malen: ich koͤnnte ſie leicht ſchlimmer nennen. Denkt nur auf die ſchlimmſte Benennung, ich werde ſie rechtfertigen. Wundert Euch nicht, bis wir mehr Beweis haben: geht nur heut Abend mit mir, dann ſollt Ihr ſehn, wie ihr Kammerfenſter erſtiegen wird, und zwar noch in der Nacht vor ihrem Hochzeittage. Wenn Ihr ſie dann noch liebt, ſo heyrathet ſie morgen; aber Eurer Ehre wird es freylich beſſer ſtehn, wenn Ihr Eure Gedanken aͤndert. Claud. Waͤr' es moͤglich? D. 3 Ich will es nicht glauben. D. Juan. Habt Ihr nicht Muth zu glauben, was Ihr ſeht, ſo bekennt auch nicht, was Ihr wißt. Wollt Ihr mir folgen, ſo will ich Euch genng zeigen. Wenn Ihr erſt mehr gehoͤrt und geſehn habt, ſo thut hernach, was Euch beliebt. Claud. Sehe ich dieſe Nacht irgend etwas, weßhalb ich ſie morgen nicht heyrathen koͤnnte, ſo will ich ſie vor der ganzen Verſammlung, indem ſie getraut werden ſollte, beſchimpfen. D. Pedro. Und ſo wie ich fuͤr Dich warb, ſie zu er⸗ langen, ſo will ich mich nun mit Dir vereinigen, ſie zu beſchaͤmen. D. Juan, Ich will ſie nicht weiter verunglimpfen, bis Ihr meine Zeugen ſeyd. Seyd nur ruhig bis Mitternacht, dann mag der Ausgang ſich offenbaren. D. Pedro. O Tag, verkehrt und leidig! Claud. O Ungluͤck fremd und ſeltſam! D. Juan. O Schmach mit Gluͤck verhuͤtet, So ſollt Ihr ſagen, ſaht Ihr erſt den e ab. Dritte Szene. (Holzapfel, Schlehwein, und Wache treten auf.) Zolzapfel. Set Ihr fromme ehrliche Leute, und getreu? Sch Schlehw. Ja; ſonſt wär's Schade drum, wenn ſie nicht die ewige Salvation litten, an Leib und Seele. u . E r t . S— —* 6ð Sz. 3. Viel Laͤrmen um Nichts. 30¹ Solz. Nein, das waͤre noch viel zu wenig Strafe fuͤr ſie, wenn ſie nur irgend eine Legitimitaͤt an ſich haͤtten, da ſie doch zu des Prinzen Wache incommodirt ſind. Schlehw. Richtig. Theilt Ihnen jetzt ihr Commando aus, Nachbar Holzapfel. Solz. Erſtens alſo. Wer meynt Ihr, der die meiſte Uncapacitaͤt haͤtte, Conſtabel zu ſeyn?— 4. Wache. Veit Haberkuchen, Herr, oder Goͤrge Stein⸗ kohle, denn ſie koͤnnen leſen und ſchreiben. Zolz. Kommt her, Nachbar Steinkohle. Gott hat Euch mit einem guten Namen geſegnet. Ein Mann von guter Phyſiognomik ſeyn, iſt ein Geſchenk des Gluͤcks; aber die Schreibe- und Leſekunſt kommt von der Natur. 2. Wache. Und beydes, Herr Conſtabel—— Jolz. Habt Ihr, ich weiß, daß Ihr das ſagen wolltet. Alſo dann, was Eure Phyſiognomik betrifft, ſeht, da gebt Gott die Ehre, und macht nicht viel Ruͤhmens davon; und Eure Schreibe- und Leſekunſt, damit koͤnnt Ihr Euch ſehn laſſen, wo kein Menſch ſolche Dummheiten noͤthig hat. Man haoͤlt Euch hier fuͤr den allerſtupidſten Menſchen, um Conſtabel bey unſrer Wache zu ſeyn; darum ſollt Ihr die Laterne halten. Euer Amt iſt, Ihr ſollt alle Fragebun⸗ ten irritiren: Ihr ſeyd dazu da, daß Ihr Allen und Jeden zuruft: halt! In des Prinzen Namen. 2. Wache. Aber wenn nun Einer nicht halten will? Zolz. Nun ſeht Ihr, da kuͤmmert Euch nicht um ihn, laßt ihn laufen, ruft ſogleich die uͤbrige Wache zuſammen, und dankt Gott, das Ihr den Schelm los ſeyd. Schlehw. Wenn man ihn angerufen hat, und er will nicht ſtehn, ſo iſt er keiner von des Prinzen Unterthanen. Bolz. Richtig. Und mit ſolchen, die nicht des Prinzen Unterthanen ſind, ſollen ſie ſich gar nicht abgeben. Dann ſollt Ihr auch keinen Laͤrm auf der Straße machen, denn daß eine Wache auf dem Poſten Toleranz und Spectakel treibt, kann gar nicht geduldet werden. 2. Wache. Wir wollen lieber ſchlafen als ſchwatzen; wir wiſſen ſchon, was ſich fuͤr eine Wache gehoͤrt. olz. Recht! Ihr ſprecht wie ein alter und tranquiler Waͤchter; denn ich ſehe auch nicht, was im Schlafen fuͤr Suͤnde ſeyn ſollte. Nur nehmt Euch in Acht, daß ſie Euch Eure Piken nicht ſtehlen. Ferner! Ihr ſollt in allen Bierſchenken einkehren, und den Bepoffenen ſollt Ihr befeh⸗ len, zu Bett zu gehn.— 302 Viel Lärmen um Nichts. A. M. 2. Wache. Aber wenn ſie nun nicht wollen.— Holz. Nun ſeht Ihr, da laßt ſie ſitzen, bis ſie wieder nuͤchtern ſind. Und wenn ſie Euch dann keine beſſere Ant⸗ wort geben, da konnt Ihr ihnen ſagen, ſie waͤren nicht die Leute, fuͤr die Ihr ſie gehalten habt. 2. Wache. Gut, Herr. Zolz. Wenn Ihr einem Diebe begegnet, ſo koͤnnt Ihr ihn Kraft Eures Amts in Verdacht haben, daß er kein ehr⸗ licher Mann ſey; und was dergleichen Leute betrifft, ſeht Ihr, je weniger Ihr mit ihnen zu verkehren oder zu ſchaffen habt, je beſſer iſts fuͤr Eure Repetition. 2. Wache. Wenn wir's aber von ihm wiſſen, daß er ein Dieb iſt, ſollen wir ihn da nicht feſt halten? Zolz. Freylich, Kraft Eures Amts könnt Ihr's thun; aber ich denke, wer Pech angreift beſudelt ſich? der fried⸗ fertigſte Weg iſt immer, wenn Ihr einen Dieb fangt, laßt ihn zeigen, was er kann, und ſich aus Eurer Geſell⸗ ſchaft wegſtehlen. Schlehw. Ihr habt doch immer fuͤr einen ſanftmuͤthi⸗ gen Mann gegolten, Camerad. Zolz. Das iſt wahr, mit meinem Willen moͤcht' ich keinen Hund haͤngen, wieviel mehr denn einen Menſchen, der nur einige Redlichkeit im Leibe hat. Schlew. Wenn Ihr ein Kind in der Nacht weinen hoͤrt, ſo muͤßt Ihr der Amme rufen, daß ſie's ſtillt. 2. Wache. Wenn aber die Amme ſchlaͤft und uns nicht hoͤrt? Zolz. Nun ſo zieht in Frieden weiter und laßt das Kind ſie mit ſeinem Schreyen wecken. Denn wenn das Schaaf ſein Lamm nicht hoͤren will, das da ba ſchreyt, ſo wirds auch keinem Kalbe antworten, wenn's blökt. Schlehw. Das iſt ſehr wahr. Zotz. Dies iſt das Ende Eurer Deſtruction: Ihr Con⸗ ſtabel, ſollt jetzt den Prinzen in eigner Perſon preſentiren: wenn Ihr dem Prinzen in der Nacht begegnet, koͤnnt Ihr ihn ſtehn heißen. Schlehw. Nein, mein Seel, das kann er doch wohl nicht. Zolz. Fuͤnf Schillinge gegen einen: jedermann, der die Coñſtipation dieſer Buͤrgerwache kennt, muß ſagen, er kann ihn ſtehn heißen: aber zum Henker, verſteht ſich, wenn der Prinz Luſt hat: denn freylich, die Wache darf Niemand beleidigen, und es iſt doch eine Beleidigung, jemand gegen ſeinen Willen ſtehn zu heißen. Sz. 3. Viel Laͤrmen um Nichts. 303 Schlehw. Sapperment, das denk' ich auch. Jolz. Ha, ha, ha!— Nun, Leute, gute Nacht. Sollte irgend eine Sache von Wichtigkeit paſſiren, ſo ruft nach mir. Nehmt Euren und Eures Cameraden Verſtand zuſammen, und ſo ſchlaft wohl. Kommt, Nachbar. 2. Wache. Nun, Leute, wir wiſſen jetzt was unſtes Amts iſt: kommt und ſetzt Euch mit auf die Kirchenbank bis um zwey Uhr, und dann zu Bett. Zolz. Noch ein Wort, ehrliche Nachbarn. Ich bitte Euch, wacht doch vor Signor Leonato's Thuͤrc, denn weil's da Morgen eine Hochzeit gibt, ſo wird heut Abend viel Spectakel ſeyn. Gott befohlen! Nun, gute Addition! das bitte ich Euch. (Holzapfel und Schlehwein ab.) (Borachio und Conrad kommen.) Bor. He, Conrad. 1. Wache. Still! ruͤhrt Euch nicht.— Bor. Conrad, ſag' ich! Conr. Hier, Menſch! ich bin an deinem Elbogen. Bor. Zum Henker, mein Elbogen juckte mir auch, ich wußte wohl, daß das die Krätze bedeuten wuͤrde. Conr. Die Antwort darauf will ich Dir ſchuldig blei⸗ ben; nun nur weiter in Deiner Geſchichte. Bor. Stelle Dich nur hart unter dieſes Vordach, denn es fängt an zu regnen; und nun will ich Dir, wie ein red⸗ licher Trunkenbold, alles offenbaren. ſ Irgend eine Verratherey, Leute! Steht aber ockſtill! Bor. Wiſſe alſo, ich habe tauſend Ducaten von Don Juan verdient. Conr. Iſts moglich, daß eine Schurkerey ſo theuer ſeyn kann? Bor. Du ſollſt lieber fragen, obs moͤglich ſey, daß ein Schurke ſo reich ſeyn konne: denn wenn die reichen Schur⸗ ken der armen beduͤrfen, ſo koͤnnen die armen fordern, was ſie wollen. Conr. Das wundert mich. Bor. Man ſieht wohl, Du biſt noch kein Eingeweih⸗ ter, Du ſollteſt doch wiſſen daß die Mode eines Mantels, eines Wamſes, oder eines Huts, fuͤr einen Mann ſo viel als Nichts iſt. Conr. Nun ja, es iſt die Kleidung. Bor. Ich meine aber die Mode. — 304 Viel Laͤrmen um Nichts. A. III. Conr. Ja doch, die Mode iſt die Mode. Bor. Ich was, das heißt eben ſo viel als ein Narr iſt ein Narr. Aber ſiehſt Du denn nicht, was fuͤr ein miß⸗ geſtalter Dieb dieſe Mode iſt? 1. Wache. Ey! den Herrn Mißgeſtalt kenne ich: der hat nun an die ſieben Jahr das Diebeshandwerk mitgemacht, und geht jetzt herum wie ein vornehmer Herr; ich beſinne mich auf ſeinen Namen. Bor. Hoͤrteſt Du nicht eben jemand? Fonr. Nein, es war die Fahne auf dem Hauſe. Bor. Siehſt Du nicht, ſag' ich, was fuͤr ein mißge⸗ ſtalter Dieb dieſe Mode iſt? Wie ſchwindlich er alle das hitzige junge Blut zwiſchen vierzehn und fuͤnf und dreyßig herumdreht? bald ſtutzt er ſie Dir zu, wie Pharao's Sol⸗ daten auf den ſchwarzgeraͤucherten Bildern, bald wie die Prieſter des Bel zu Babel auf den alten Kirchenfenſtern, bald wie den kahl geſchornen Hercules auf den braunen wurmſtichigen Tapeten, wo ſein Hoſenlatz ſo groß iſt als ſeine Keule. Conr. Kann ſeyn, ich ſehe auch, daß die Mode mehr Kleider aufträgt als der Menſch. Aber hat ſie Dich denn nicht auch ſchwindlicht gemacht, daß Du von Deiner Er⸗ abgekommen biſt, um mir von der Mode vorzu⸗ aſeln? Bor. Nicht ſo ſehr als Du denkſt. Wiſſe alſo, daß ich dieſe Nacht mit Margarethen, Fraͤulein Hero's Kammer⸗ maͤdchen, unter Hero's Nahmen ein Liebesgeſpraͤch gefuͤhrt; daß ſie ſich aus ihres Fraͤuleins Fenſter zu mir herunter⸗ geneigt und mir tanſendmal gute Nacht gewuͤnſcht hat: o, ich erzaͤhle Dir die Geſchichte erbaͤrmlich:— ich hätte vorher ſagen ſollen, wie der Prinz, Claudio und mein Herr, gekoͤrnt, geſtellt und geprellt von meinem Herrn Don Juan, zo im Garten dieſe zaͤrtliche Zuſammenkunft mit anſahen. 8 Conr. Hielten ſie denn Margarethe fuͤr Hero? Bor. Zwey von ihnen thaten's, der Prinz und Claudio; aber mein Herr, der Teufel, wußte wohl, daß es Marga⸗ rethe ſey. Theils ſeine Schwuͤre, mit denen er ſie vorher beruckt hatte, theils die dunkle Nacht, die ſie taͤuſchte, vor allem aber mein kuͤnſtliche Schelmerey, die alle Verlaͤum⸗ dung des Don Juan bekraͤftigte, brachten's ſo weit, daß Claudio wuͤthend davon gieng und ſchwur, er wolle morgen, wie es verabredet war, zur Trauung mit ihr zuſammen — Sz. 3. Viel Laͤrmen um Nichts. 305 kommen, ſie dann vor der ganzen Verſammlung durch die Entdeckung von dem, was er in der Nacht geſehn, beſchim⸗ pfen und ſie ohne Gemahl nach Hauſe ſchicken. 1. Wache. Wir befehlen Euch in des Prinzen Na⸗ men, ſteht. 2. Wache. Ruft den eigentlichen Herrn Conſtabel; wir haben hier das allergefaͤhrlichſte Stuͤck von liederlicher Wirthſchaft dekoffrirt, das jemals im Lande vorgefallen iſt. 1. Wache. Und ein Herr Mißgeſtalt iſt mit im Spiel, ich kenne ihn, er traͤgt eine Locke. Conr. Liebe Herren.„ 2. Wache. Ihyr ſollt uns den Herrn Mißgeſtalt herbey⸗ ſchaffen, das werden wir Euch wohl zeigen. Conr. Meine Herren—— 1. Wache. Stillgeſchwiegen! Wir befehlen Euch, daß wir Euch gehorchen mit Euch zu gehn. Bor. Wir werden da in eine recht bequeme Situation kommen, wenn ſie uns erſt auf ihre Piken genommen haben. Conr. O ja, eine recht pikante Situation. Kommt, wir wollen mit Euch gehn. (Alle ab.) Vierte Szene. Cbero, Margarethe, urſula.) Sero⸗ Liebe Urſula, wecke doch meine Muhme Beatrice und bitte ſie aufzuſtehn. Urſ. Sogleich, mein Fraͤulein. Zero. Und hieher zu kommen. ürſ. Sehr wohl.(Ab.) Ich daͤchte doch, Eure andre Palatine ſey noch hoͤner. Zero. Nein, liebes Gretchen, ich werde dieſe tragen⸗ Wiarg. Sie iſt wahrhaftig nicht ſo hubſch, und ich ſtehe Euch dafuͤr, Eure Muhme wird Euch daſſelbe ſagen. Hero. Meine Muhme iſt eine Naͤrrin, und Du biſt die zweyte; ich werde keine andre als dieſe nehmen. Warg. Euren neuen Aufſatz finde ich allerliebſt, wenn das Haar nur um einen Gedanken brauner waͤre; und euer Kleid iſt nach der geſchmackvollſten Mode, das iſt gewiß⸗ III. 20 306 Viel Läͤrmen um Nichts. A. III. Ich habe das Kleid der Herzogin von Mayland geſehn, von dem man ſo viel Weſens macht. Zero. Das ſoll ja uͤber alles gehn, ſagt man. Warg. Auf meine Ehre, es iſt nur ein Nachtkleid im Vergleich mit dem Eurigen. Das Zeug von Goldſtoff, und die Aufſchnitte mit Silber garnirt und mit Perlen geſtickt; niederhaͤngende und Seitenermel, und Garnirun⸗ gen unten herum, die mit einem blaͤulichen Lahn unter⸗ iegt ſind. Was aber die ſchoͤne, ausgeſuchte, gefaͤllige und gtn Mode betrifft, da iſt Eures zehnmahl mehr werth. Fero. Gott gebe daß ichs mit Freuden tragen moͤge, denn mein Herz iſt erſtaunlich ſchwer. Warg. Es wird bald noch ſchwerer werden, wenn es erſt das Gewicht eines Mannes tragen ſoll. Zero. Pfui doch, ſchaͤmſt Du Dich denn nicht?— arg. Warum denn, mein Fraulein? Daß ich von Dingen in Ehren rede? Iſt nicht eine Heyrath ein Ding in Ehren, auch bey Bettlern? Iſt nicht Euer Herr ein Ehrenmann auch ohne Heyrath? Ich haͤtte wohl ſagen ſollen,— haltet mirs zu Gnaden,— das Gewicht eines Gemahls? Wenn nicht ſchlimme Gedanken gute Reden verdrehen, ſo werde ich Niemanden Aergerniß geben. Iſt wohl irgend ein Anſtoß darin, wenn ich ſage: ſchwerer durch das Gewicht eines Gemahls? Nein gewiß nicht, wenn es nur der rechte Mann und die rechte Frau ſind, ſonſt freilich hieße das die Sache leicht nehmen und nicht ſchwer. Fragt nur Fraͤulein Beatrice, hier kommt ſie. GBeatrice kommt.) Beat. Guten Morgen, liebe Hero. Sero. Run was iſt Dir? Du ſprichſt ja in einem ſo kranken Ton? Beat. Mich duͤnkt, aus allen andern Tonarten bin ich heraus.— Es iſt gleich fuͤnf Uhr, Muhme, es iſt Zeit, daß Du Dich fertig machſt.—— Mir iſt ganz krank zu Muth, wahrhaftig!— Ach! Warg. Nun, wenn Ihr nicht eine Renegatin gewor⸗ den ſeyd, ſo kann man nicht mehr nach den Sternen ſegeln. Beatr. Was meynt die Naͤrrin damit? Warg. Ich? H gar nichts, aber Gott ſchenke jedem was ſein Herz wuͤnſcht, Zero. Dieſe Handſchuhe ſchickte mir der Graf, es iſt der lieblichſte Wohlgeruch.% Sz. 4. Viel Laͤrmen um Nichts. 307 Beat. Der Sinn iſt mir benommen; ich rieche nichts. Marg. Benommen? Oder eingenommen? Je nun, man erkältet ſich wohl. Beat. O Gott ſteh uns bey, Gott ſteh uns bey! Wie lange iſts denn, daß Du Jagd auf Witz machſt? Warg. Seitdem Ihr es aufgegeben habt, mein Fraͤu⸗ lein. Steht mein Wiß mir nicht vortrefflich? Beat. Er ſcheint noch nicht genug ins Feld, Du ſoll⸗ teſt ihn an Deiner Kappe tragen.— Aber auf mein Wort, ich bin recht krank. Warg. Euer Gnaden ſollten ſich abgezognen Cardobe⸗ nedict hohlen laſſen, und ihn aufs Herz legen; es gibt kein beßres Mittel fuͤr Beklemmungen. Zero. Da ſtichſt Du ſie mit einer Diſtel. Beat. Benedict? Warum Benedict? Soll vielleicht eine Moral in dem Benedict ſtecken? Warg. Moral? Nein mein Treu, ich meynte nichts moraliſches damit, ich meynte naturliche Cardobenedicten⸗ Diſtel. Ihr denkt vielleicht, ich halte Euch fuͤr verliebt. Nein, beym Himmel, ich bin nicht ſolch eine Naͤrrin, daß ich alles denken ſollte, was mir einfaͤllt, und es faͤllt mir auch nicht ein zu denken, was ich konnte. Denn wenn ich mir auch den Kopf ausdächte, ſo kann ich mirs nicht den⸗ ken, daß Ihr, mein Fraͤulein, verliebt ſeyd, oder jemals ſeyn werdet, oder jemals ſeyn koͤnnt. Und doch war Bene⸗ dict auch ſo einer, und iſt jetzt ein Menſch, wie andre. Er ſchwur, er wolle nie heyrathen, und jetzt trotz ſeinem hohen Sinn verzehrt er ſein Eſſen ohne Murren. Ob Ihr noch zu bekehren ſeyd, weiß ich nicht; aber mir ſcheint, Ihr ſeht auch ſchon aus den Augen, wie andre Maͤdchen. Beat. Was iſt das fuͤr eine Art von Gang, den Deine Zunge nimmt? Wiarg. Kein falſcher Galopp. Urſ. Gommt zuruͤc.) Gnaͤdiges Fraͤulein, macht Euch fertig, der Fuͤrſt, der Graf, Signor Benedict, Don Jnan und alle jungen Cavaliere aus der Stadt ſind da, um Euch zur Trauung zu fuͤhren. Zero. Heift mir, mich ankleiden, liebe Muhme, liebes Gretchen, liebe Urſula. (Alle ab.) 20* 308 Viel Lärmen um Nichts. A. MI. Fuͤnfte Szene. Geonato, Holzapfel, Schlehwein treten auf.) Leonato. Was habt Ihr mir zu ſagen, mein ehrlicher Nachbar? Fol;. Ey, gnaͤdiger Herr, ich moͤchte gern eine Confidenz mit Euch haben, die Euch ſehr introducirt. Leon. Machts kurz, ich bitt' Euch: Ihr ſeht, ich habe viel zu thun. Zolz. Ja, gnaͤdiger Herr, ſo iſt es. Schlehw. Ja, wahrlich, ſo iſt es. Leon. Was iſt es denn, meine guten Freunde? Zolz. Der gute, liebe Schlehwein, mein gnaͤdiger Herr, weiß auch ein wenig von der Sache. Ein alter Mann, gnaͤdiger Herr! Und ſein Verſtand iſt nicht ſo ſiumpf, Gott ſey Dank, als ichs ihm wuͤnſchen wollte. Aber, das muß ich ſagen, ehrlich! ehrlich! Wie die Haut zwiſchen ſeinen Augenbraunen! chlehw. Ja, Gottlob, ich bin ſo ehrlich als irgend ein Mann auf der Welt, der ein alter Mann iſt, und nicht ehrlicher, als ich. Zolz. Comporationen ſind odords: palabras, Nachbar Schlehwein! Leon. Machbarn, Ihr ſeyd mir nach grade ennuyant. Zolz. Das ſagen Euer Gnaden nur ſo aus Hoͤflichkeit, denn wir ſind des armen Herzogs Gerichtsdiener. Aber waͤr' ich auch ſo ennuyant, als ein Koͤnig, ſo wollt' ichs mich nicht dauern laſſen, und alles auf Euer Gnaden wenden. Leon. Dein ganzes Talent zu ennuyiren auf mich? Zolz. Ja, und wenns noch tauſendmal mehr waͤre als es ſchon iſt; denn ich hoͤre eine ſo gute Exclamation von Ew. Gnaden als von irgend jemand in der Stadt; und obgleich ich nur ein armer Mann bin, ſo freuts mich doch, es zu hoͤren. Schlehw. Und mich auch. Zeon. Wenn ich nur wuͤßte, was Ihr mir denn zu ſagen habt. Schlehw. Seht Ihr, Herr, unſte Wache hat dieſe Nacht, immer mit Exception von Eurer hochſten Gegenwart, ein paar ſo durchtriebne Spitzbuben aufgefangen, als nur in Meſſina zu finden ſind. Sz. 5. Viel Laͤrmen um Nichts. 309 Zolz. Ein guter alter Mann, gnaͤdiger Herr! Er muß immer was zu ſchwatzen haben, wie man zu ſagen pflegt. Wenn das Alter eintritt, geht der Verſtand zu Ende. Gott ſteh' mir bey! So iſt einmal die Beſtimmung! Brav, meiner Tren, Nachbar Schlehwein! Seht Ihr, der liebe Gott iſt ein guter Mann; wenn ihrer zwey auf Einem Pferde reiten, ſo muß ſchon einer hinten auf ſitzen. Eine ehrliche Seele, meiner Treu! Ja, gnaͤdiger Herr, das iſt er, ſo gut als einer der Brod ißt. Aber was Gott thut, das iſt wohl gethan. Die Menſchen koͤnnen nicht alle gleich ſeyn. Ja ja! der liebe gute Nachbar!— In der That, Nachbar, er reicht doch nicht an uch. Zolz. Gaben, die von Gott kommen. Leon. Ich muß gehn. Zolz. Ein einziges Wort, gnaͤdiger Herr: unſre Wache hat wirklich zwey perſpectiviſche Kerls irritirt, und wir moͤchten, daß Ew. Gnaden ſie noch heut' Morgen exa⸗ minirten. Leon. Uebernehmt dieſes Examen ſelbſt und bringt mir das Protocoll. Ich bin jetzt ſehr eilig, wie Ihr wohl ſeht. Zolz. Das ſoll aufs complottſte beſorgt werden. Peon. Trinkt ein Glas Wein, ehe Ihr geht, und ſo lebt wohl. (Ein Diener kommt.) Diener. Gnaͤdiger Herr, man wartet auf Ench, um Enre Fraͤulein Tochter zur Trauung zu fuͤhren. Leon. Ich komme gleich, ich bin fertig.(ab.) Zolz. Geht doch, lieber Camerad, geht doch zum Goͤrge Steinkohle, ſagt doch, er ſoll ſeine Feder und Dintenfaß mit ins Gefaͤngniß nehmen. Wir ſollen jetzt hin und dieſe Kerls examiniren. Schlehw. Und das muß mit Verſtand geſchehn. Solz. An Verſtand ſolls nicht fehlen, darauf verlaßt Euch. Hier ſitzt was(an die Stirn deutend) das ſoll einen oder den andern ſchon zur Confection bringen. Holt Ihr nur den gelehrten Schreiber, um unſte ganze Excommuni⸗ cation zu Papiere zu liefern, und kommt dann wieder zu mir ins Gefaͤngniß. (Gehn ab.) Vierter Aufzug. Sſ (In der Kirche.) (D. Pedro, D. Juan, Leonato, Monch, Claudio, Benedict, Hero, und Beatrice, ꝛc.) Leonato. Wohlan, Pater Franziscus, macht's kurz; nichts als was zur eigentlichen Trauung gehoͤrt: Ihre beſondern Pflichten könnt Ihr ihnen hernach vorhalten. Moͤnch. Ihr ſeyd hier, gnaͤdiger Herr, um Euch die⸗ ſem Fraͤulein zu vermaͤhlen? Claud. Nein. Leon. Um mit ihr vermaͤhlt zu werden, Pater; Ihr ſeyd hier, um ſie zu vermaͤhlen. Moͤnch. Fraͤulein, ſeyd Ihr hier, um mit dieſem Gra⸗ fen vermaͤhlt zu werden? Zero. Ja. Monch. Wofern Einer von Euch ein innres Hinderniß weiß, weßhalb Ihr nicht verbunden werden duͤrfet, ſo be⸗ ſchwoͤre ich Euch, bey dem Heil Eurer Seelen, es zu entdecken. Claud. Wißt Ihr Eines, Hero? Zero. Keines, Herr. Mionch. Wißt Ihr Eines, Graf? Leon. Ich getraue mich fuͤr ihn zu antworten, keines. Claud. D was ſich die Menſchen nicht alles getrauen! Was ſie alles thun! Was ſie taͤglich thun, und wiſſen nicht, was ſie thun!— Ben. Nun? Interjectionen? Freylich! Einige werden gebraucht beym Lachen, als z. B. S Ha, Ha!— Claud. Pater, mach' Platz! Erlaubt ein Wort, mein Vater. Gabt Ihr aus freyer Wahl mir, ohne Zwang, dieß Maͤdchen, Eure Tochter? Leon. So frey, mein Sohn, als Gott ſie mir gegeben. Claud. Und was geb' ich zuruͤck Euch, deſſen Werth ſo reichem koͤſtlichem Geſchenk entſpraͤche? — „——— „ Eu ———— — Sz. 1. Viel Lärmen um Richts. 311 D. Pedro. Nichts, wenn Ihr nicht zuruͤck ſie ſelbſt * erſtattet. Claud. Ihr lehrt mich edle Dankbarkeit, mein Prinz. Hier, Leonato, nehmt zuruͤck ſie wieder, Gebt Eurem Freunde nicht die faule Frucht, Sie iſt nur Schein und Zeichen ihrer Ehre.— Seht nur, wie maͤdchengleich ſie jetzt errothet. O wie vermag in Wuͤrd' und Glanz der Tugend Verworfne Suͤnde liſtig ſich zu kleiden! Zeugt nicht dieß Blut als ein verſchaͤmter Anwald Von ihrer ſchlichten Tugend? ſchwuͤrt Ihr nicht, Ihr alle, die ſie ſeht, ſie ſey noch ſchuldlos, Rach dieſem aͤußern Schein? Doch iſt ſie's nicht: Sie kennt die Gluten heimlicher Umarmung, Rur Schuld, nicht Sittſamkeit iſt dieß Erröthen. Leon. Was meynt Ihr, Herr? Claud. Sie nicht zu nehmen, meyn' ich, Mein Herz an keine Buhlerin zu knuͤpfen. Leon. Mein theurer Graf, wenn Ihr in eigner Pruͤfung Schwach ihre unerfahrne Jugend traft Und ihre Jungfrau'n⸗Ehre uͤberwandet— Claud. Ich weiß ſchon, was Ihr meynt! Erkannt' ich ſie, Umarmte ſie in mir nur ihren Gatten, Und milderte die vorbegangne Suͤnde: Nein, Leonato! Nie mit zu freyem Wort verſucht' ich ſie; Stets wie ein Bruder ſeiner Schweſter zeigt' ich Verſchaͤmte Neigung und beſcheidnes Werben. Hero. Und hab' ich jemals anders Euch geſchienen? Elaud. Fluch Deinem Schein! Ich will dagegen ſchreiben. Du ſchienſt wie Diana mir in ihrer Sphaͤre, Keuſch wie die Knoſpe, die noch nicht erbluht: Doch Du biſt ungezaͤhmt in Deiner Luſt Wie Venus oder jene uͤpp'gen Thiere, Die ſich im wilden Sinnentaumel waͤlzen. Sero. Iſt meinem Herrn nicht wohl, daß er ſo ſpricht? Elaud. Ihr, theurer Fuͤrſt, ſagt nichts? D. Pedro. Was ſoll ich ſagen? Ich ſteh' entehrt, weil ich die Hand geboten, en theuern Freund der Dirne zu verknuͤpfen. Leon. Wird dieß geſprochen, oder iſts ein Traum? D. Juan. Es wird geſprochen, Herr, und iſt auch wahr. 312 Viel Lärmen um Nichts. A. IV. Ben. Dieß ſieht nicht aus wie Hochzeit! Zero. Wahr? O Gott!— Claud. Leonato, ſteh' ich hier? Iſt dieß der Prinz? Iſt dieß des Prinzen Bruder? Dieß Hero's Antlitz? Sind dieß unſre Augen?— Leon. Das alles iſt ſo; doch was ſoll es, Herr? Claud. Erlaubt nur eine Frag' an Eure Tochter: Beym Recht, das Euch Natur und Blut gegeben Auf Euer Kind, heißt ſie die Wahrheit reden. Leon. Thu's, ich befehl' es Dir, wenn Du mein Kind. Zero. O Gott beſchuͤtze mich! Wie man mich draͤngt!— Wie nennt ihr dieſe Weiſe des Verhoͤrs? Claud. Antwortet jetzt, nennt wahrhaft Euren Namen. Zero. Iſt der nicht Hero? Wer ſchmaͤht dieſen Namen Mit irgend wahrem Vorwurf? Claud. Das thut Hero, Ja, Hero ſelbſt kann Hero's Tugend ſchmaͤhn.— Wer iſt der Mann, den geſtern Nacht Ihr ſpracht Aus Eurem Fenſter zwiſchen Zwoͤlf und Eins? Wenn Ihr unſchuldig ſeyd, antwortet mir. ero. Ich ſprach mit keinem Mann zu dieſer Stunde. D. Pedro. Nun wohl, ſo ſeyd Ihr ſchuldig. Leonato, Mich ſchmerzt, daß Ihr dieß hoͤrt, dey meiner Ehre! Ich ſelbſt, mein Brnuder, der beſchimpfte Graf ahn ſie und hoͤrten ſie zu jener Stunde An ihrem Fenſter mit'nem Wuͤſtling reden, Der wie ein frecher Schuft auch eingeſtand Die tauſend ſchaͤndlichen Zuſammenkuͤnfte, So heimlich ſtatt gehabt. D. Juan. Pfui! Pfui! man kann Sie nicht benennen, Herr, noch druͤber reden. Die Sprach' iſt nicht ſo rein, um ohne Suͤnde Davon zu ſprechen; drum, mein ſchoͤnes Kind, Beklag' ich Euren ſchlecht berathnen Wandel. Claud. O Hero! Welche Hero koͤnnt'ſt Du ſeyn, Wenn halb nur Deine aͤußre Huld im Innern Dein Thun und Deines Herzens Rath bewachte! So fahr denn wohl, hoͤchſt haͤßlich, und hoͤchſt ſchoͤn! Du reine Suͤndlichkeit, ſundhafte Reinheit! Um Deinethalb ſchließ' ich der Liebe Thor, Und haͤng' als Decke Argwohn vor mein Auge; Sie wandle jede Schoͤnheit mir in Unheil, Daß nie ihr Bild im Glanz der Huld mir ſtrahle. „—— Sz. 1. Viel Laͤrmen um Nichts. 313 Leon. Iſt Niemands Dolch fuͤr meine Bruſt geſchliffen? (Hero fällt in Ohnmacht.) Beat. Was iſt Dir, Muhme? Warum ſinkſt Du nieder? D. Juan. Kommt, gehn wir. Dieſe Schmach, ans Licht gebracht, Loͤſcht ihre Lebensgeiſter. (D. Pedro, D. Juan und Claudiv ab.) Ben. Wie geht's dem Fraͤulein? Beat. Todt, fuͤrcht' ich!— Oheim, helft! Hero! ach Hero! Oheim! Pater! Benedict!— Leon. Zieh', Schickſal, nicht die ſchwere Hand zuruͤck! Tod iſt die ſchoͤnſte Huͤlle ſolcher Schmach, Und einzig zu erflehn. Beat. Wie iſt Dir, Muhme? Moͤnch. Erholt Euch, Fraͤulein! Leon. Blickſt Du noch auf? Moͤnch. Ja, warum ſoll ſie nicht? Leon. Warnm? hal ruft nicht jede Creatur Schmach uͤber ſie? vermochte ſie es wohl, Die in ihr Blut gepraͤgte Schuld zu laͤugnen? Du ſollſt nicht leben! Schließ Dein Aug' auf ewig! Denn glanbt' ich nicht, daß Du alsbald hier ſtuͤrbeſt, Glaubt ich, Dein Geiſt ſey ſüͤrker als die Schmach, Ich wuͤrde ſelbſt als Schlußwort meiner Fluͤche Dein Herz durchbohren.— ich⸗ Du ſeyſt mein . inz'ges? Zuͤrnt' ich deßhalb der kargenden Natur? D Eins zu viel an Dir! Weßhalb das Eine!— Weßhalb warſt Du je lieblich meinem Auge, Weßhalb nicht nahm ich mit barmherz'ger Hand Ein Bettlerkind mir auf vor meinem Thor? Daß, ſo beſleckt, ein Brandmaal jedes Frevels, Alsdann ich ſprach: kein Theil davon iſt mein, Im fremden Stamm hat dieſe Schande Wurzel!— Doch mein! mein's, das ich liebte, das ich pries, Mein Eigenthum, mein Stolz: ſo ſehr ja mein's, Daß ich mir ſelbſt nicht mehr als mein erſchien, Mich an ihr meſſend: Ha, ſie! ſie iſt gefallen In einen Pfuhl von Schwarz: die weite See Hat Tropfen nicht genug, ſie rein zu waſchen, Zu wenig Salz vor Faͤulniß zu bewahren Dieß boͤs verderbte Fleiſch! Ben. Herr, ſeyd geduldig. 314 Viel Laͤrmen um Nichts. A. IV Ich wahrlich bin von Staunen ſo betaubt, Daß mir die Worte fehlen. Beat. Bey meinem Leben, man belog die Muhme! Ben. Fraͤulein, ſchlieft Ihr zu Nacht in ihrem Zimmer? Beat. Nein, dießmal nicht; doch bis zur letzten Nacht Schlief ich das ganze Jahr in ihrer Kammer. Leon. Beſtaͤtigt! Ha, beſtatigt! Noch verſtaͤrkt, Was ſchon verſchloſſen war mit Eiſenbanden! Wie koͤnnten beyde Prinzen, Clandio, luͤgen? Der ſo ſie liebte, daß die Schmach nur nennend Er ſie mit Thraͤnen wuſch? Fort! laßt ſie ſterben. MWoͤnch. Hoͤrt jetzt mich an; Denn nur deßhalb hab' ich ſo lang' geſchwiegen Und dieſem Vorfall freyen Raum gegeben, Das Fraͤulein zu beachten. Sah' ich doch, Wie tauſend Roͤthen durch ihr Antlitz fuhren Als Boten; und wie tauſend Unſchulds⸗Engel In weißer Scham hinweg die Roͤthen trugen. Und in dem Auge gluͤht' ein Feuer auf Verbrennend allen Irrwahn, den die Prinzen Aufſtellten wider ihre Maͤdchentreu. —— Nennt mich Thor, Traut meinem Wiſſen nicht, noch der Erfahrung, Die mit der Pruͤfung Siegel ſtets bekraͤftigt Die Wahrheit meines Wiſſens, nicht dem Alter, Ehrwuͤrdgem Stand, Beruf und heil'gem Amt; Liegt nicht dieß ſuͤße Fraͤulein ſchuldlos hier, Von gift'gem Wahn getroffen. Leon. Moͤnch, unmoͤglich! Du ſiehſt, es blieb ihr nur ſo viele Gnade, Nicht zur Verdammniß ihrer Schuld zu fuͤgen Des Meineids Suͤnde. Laͤugnet ſie es denn? Was ſuchſt Du denn entſchuld'gend zu verhuͤllen, Was frey in eigner Nacktheit vor uns ſteht? Mioͤnch. Fraͤulein, wer mit dem man Euch ver⸗ agt? Fero. Die mich verklagten, wiſſen's, ich weiß keinen. Weiß ich von irgend einem Mann, der lebt, Mehr, als der Jungfran Sittſamkeit erlaubt, Sey keine Suͤnde mir vergeben.— Vater, Beweiſt, daß irgend wer mit mir geſprochen Um Mitternacht, und daß ich geſtern Abend Mit irgend einem Weſen Wort gewechſelt, Sz. 1. Viel Laͤrmen um Nichts. 31⁵ Verſtoßt mich, haßt mich, martert mich zu Tode. Moͤnch. Ein ſeltſam Irren muß die Prinzen täuſchen! Ben. Gewiß ſind zweh von ihnen Ehemaͤnner; Und ward ihr beßres Urtheil fehl geleitet, Schreibt ſich die Bosheit wohl vom Baſtard her, Deß Geiſt und Sinn nur lebt von Trug und Tuͤcke. Leon. Ich weiß nicht. Sprachen wahr ſie, ſo zerreiße Dich dieſe Hand; iſt falſch ſie angeklagt, So ſoll der Stolzeſte wohl davon hoͤren. Zeit hat noch nicht mein Blut ſo aufgetrocknet, Roch Alter meinen Geiſt ſo abgeſtumpft, Noch Armuth mein Vermoͤgen ſo vernichtet, Noch ſchlechter Wandel mich beraubt der Freunde, Daß ſie nicht, ſo mich kraͤnkend, fuͤhlen ſollen Roch meines Korpers Kraft, des Geiſtes Stärke, Des Reichthums Macht und auserwaͤhlter Freunde, Es ihnen uͤbergnug zu zahlen. Woͤnch. Haltet! Laßt meinen Rath in dieſem Fall Euch leiten. Die Prinzen ließen Eure Tochter todt: Laßt eine Zeitlang heimlich ſie verſchließen, Und macht bekannt, daß wirklich ſie geſtorben. Behauptet allen aͤußern Prunk der Trauer; Und haͤngt an Eurer Ahnen altes Grabmal Ein Epitaph, vollziehet jede Feyer, Die zur Beerdigung die Sitt' erheiſcht. Leon. Und wohin fuͤhrt dieß alles? was dann weiter? Wonch. Dieß wird, gut durchgefuͤhrt, Verlaͤumdung wandeln In Mitleid gegen ſie: das iſt ſchon viel. Doch weiter ſoll die ſeltne Huͤlfe fuͤhren, Mein Werk ſoll, hoff ich, hoͤhern Zweck gebaͤhren. Sie ſtarb, ſo muß man uͤberall verbreiten, Im Augenblick, als man ſie angeklagt: So wird ſie dann entſchuldigt und bedauert Von jedem, der es hoͤrt: denn ſo geſchieht's, Daß, was wir haben, wir nach Werth nicht achten So lange wir's genießen: war's verloren, Dann uͤberſchaͤtzen wir den Preis; dann ſehn wir Die Tugend, die wir im Beſitz verkannt, So lang' er unſer. So wird's Claudio gehn, Hoͤrt er, daß ſeine Worte ſie getodtet. Mit ſuͤßer Macht ſchleicht ihres Lebens Bild 316 Viel Laͤrmen um Nichts. A. W. Sich in die Werkſtatt ſeiner Fantaſie, Und jedes liebliche Organ des Lebens Stellt ſich, in koͤſtliches Gewand gekleidet, Weit zarter, ruͤhrender, voll friſchern Lebens Dem innern Auge ſeines Geiſtes dar, Als da ſie wirklich lebt'; und er wird trauern, Hat Lieb' in ſeinem Herzen je geherrſcht, Und wuͤnſchen, daß er nicht ſie angeklagt, n Selbſt, wenn er auch die Schuld als wahr erkannte⸗ Geſchieht dieß nun, ſo zweifelt nicht, Erfolg Wird dieſes Gluͤck noch glaͤnzender bekleiden, Als ich das ungefaͤhre Bild entwerfe. Doch waͤr' auch jeglich andres Ziel verfehlt; Die Ueberzeugung von des Fraͤuleins Tod Tilgt das Gericht von ihrer Schmach gewiß; Und ſchluͤg' Euch alles fehl, ſo bergt ſie dann, Wiec's ihrem wunden Ruf am beſten ziemt, In eines Kloſters abgeſchiednem Leben Vor aller Angen, Zungen, Schmaͤh'n und Kraͤnkung. Ben. Signor Leonato, folgt dem Rath des Moͤnchs, Und wißt Ihr ſchon, wie ſehr ich Lieb' und Neigung Dem Prinzen und Graf Clandio zugewendet, Doch will ich, auf mein Wort, ſo ſorglich ſchweigen, So ſtreng und treu fuͤr Euch, wie Eure Seele Sich ſelber bleibt. Leon. In dieſer Fluth des Grams Moͤgt Ihr mich lenken an dem ſchwaͤchſten Faden. Woͤnch. So ſey denn, wenn Euch Faſſung nicht verlaͤßt, Seltſame Heilung ſeltnem Schmerz beſchieden.— Ihr, Fraͤulein, ſterbt zum Schein: Eu'r Hochzeitfeſt Ward, hoff' ich, nur verlegt: drum harrt in Frieden. (Moͤnch, Herv und Leonato ab.) Ben⸗ Fraͤulein Beatrice, habt Ihr die ganze Zeit ge⸗ weint? Beat. Ja, und ich werde noch viel laͤnger weinen. Ben. Das will ich nicht wuͤnſchen. Beat. Deſſen bedarf's auch nicht, ich thu' es freywillig. Gewiß, ich denke, Eurer ſchoͤnen Baſe iſt Unrecht geſchehn. Beat. Ach! Wie hoch wuͤrde der Mann ſich um mich verdient machen, der ihr Recht wiederfahren ließe! Ben. Giebt es irgend einen Weg, ſolche Freundſchaft zu zeigen? Sz. 1. Viel Laͤrmen um Nichts. 317 Beat. Einen ſehr ebnen Weg, aber keinen ſolchen Freund. Ben. Kann ein Mann es vollbringen? Beat. Es iſt eines Mannes Amt, aber nicht das Eure. Ben. Ich liebe nichts in der Weit ſo ſehr, als Euch; iſt das nicht ſeltſam? Beat. So ſeltſam, als etwas, von dem ich nichts weiß. s wäre eben ſo moͤglich zu ſagen, ich liebte nichts in der elt ſo ſehr, als Euch: aber glaubt mir's nicht; und doch lüg' ich nicht: ich bekenne nichts und laͤugne nichts. Mich jammert meine Muhme. Ben. Bei meinem Degen, Beatrice, Du liebſt mich. Beat. Schwoͤrt nicht bey Euerm Degen, eßt ihn. Ben. Ich will bey ihm ſchwoͤren, daß Du mich liebſt; und ich will den zwingen, meinen Degen zu eſſen, der da ſagt, ich liebe Euch nicht. Beat. Ihr wollt Euer Wort nicht wieder eſſen? Ben. Mit keiner Bruͤhe, die nur irgend erſonnen wer⸗ den kann. Ich betheure, daß ich Dich liebe. Beat. Run denn, Gott verzeihe mir! Ben. Was fuͤr eine Suͤnde, liebſte Beatrice? Beat. Ihr unterbracht mich eben zur guten Stunde: ich war im Begriff, zu betheuern, ich liebte Euch. Ben. Thue das von ganzem Herzen. Beat. Ich liebe Euch mit ſo viel von meinem Herzen, daß nichts mehr uͤbrig bleibt, es Euch dabey zu betheuern. Ben. Heiß' mich, was Du willſt, fuͤr Dich ausfuͤhren. Beat. TDoͤdte Claudio. Ben. O, nicht fuͤr die ganze Welt! Beat. Ihr tödtet mich, indem Ihr's weigert: lebt wohl. Ben. Warte noch, ſuͤße Beatrice. Beat. Ich bin fort, obgleich ich noch hier bin.— Nein, Ihr ſeyd keiner Liebe faͤhig;— nein, ich bitt' Euch, laßt mich. Ben. Bentrice Beat. Im Ernſt, ich will gehn. Ben. Laß uns erſt Freunde ſeyn⸗ Beat. O ja, Ihr wagt ehe Freund mit mir zu ſeyn, als mit meinem Feinde zu fechten. Ben. Iſt Claudio Dein Feind? Beat. Hat ſich der nicht auf den aͤußerſten Grad als ein Schurke gezeigt, der meine Verwandte verlaͤumdet, ge⸗ ſchmaͤht, entehrt hat? Ol daß ich ein Mann waͤre!— as! Sie hinzuhalten, bis ſie ihm am Altar die Hand 318 Viel Lärmen um Nichts. A. W. hinhaͤlt, und dann mit ſo oͤffentlicher Beſchuldigung, ſo unverholener Beſchimpfung, ſo unbarmherziger Tuͤcke,— o Gott! daß ich ein Mann waͤre! Ich wollte ſein Herz auf offnem Markt verzehren! Ben. Hoͤrt mich, Beatrice.—— Beat. Mit einem Manne aus ihrem Fenſter reden! Ein feines Maͤhrchen! Ben.— Nein, aber Beatrice.—— Beat. Die ſuͤße Hero! Sie iſt gekraͤnkt, ſie iſt ver⸗ laͤumdet, ſie iſt vernichtet! Ben. Beatr..—— Beat. Prinzen und Grafen! Wahrhaftig, ein recht prinzliches Zeugniß! ein honigſuͤßes Grafenſtuͤckchen! ein lieber Braͤutigam, wahrhaftig! O daß ich ein Mann waͤre um ſeinetwillen! oder daß ich einen Freund haͤtte, der um meinetwillen ein Mann ſeyn wollte! Aber Mannheit iſt in Ceremonien und Hoͤflichkeiten zerſchmolzen, Tapferkeit in Complimente: die Maͤnner ſind ganz Zungen geworden, und noch dazu ſehr gezierte. Es iſt jetzt ſchon einer ein Hercules, der nur eine Luͤge ſagt, und drauf ſchwoͤrt: ich kann durch meinen Wunſch kein Mann werden, ſo will ich denn als ein Weib mich graͤmen und ſterben. Ben. Warte, liebſte Beatrice; bey dieſer Hand, ich* liebe Dich. Beat. Braucht ſie mir zu Liebe zu etwas Beſſerm, als dabey zu ſchwoͤren. Ben. Seyd Ihr in Euerm Gewiſſen uͤberzeugt, daß Graf Claudio Hero Unrecht gethan hat? Beat. Ja, ſo gewiß ich einen Gedanken oder eine Seele habe. Ben. Genug, zaͤhlt auf mich. Ich fordre ihn heraus. Laßt mich Eure Hand kuͤſſen: bey dieſer Hand, Claudio ſoll mir eine ſchwere Rechenſchaft ablegen. Wie Ihr von mir hoͤrt, ſo denket von mir. Geht, troͤſtet Eure Muhme; ich muß ſagen, ſie ſey geſtorben, und ſo lebt wohl. (Beyde ab.) Sz. 2. Viel Laͤrmen um Nichts. 319 8weyte Szene. (Holzapfel, Schlehwein, Schreiber; alle drey in ihren Amtsroͤcken, Wache mit Conrad und Borachio.) Zolzapfel. Sind alle Geſchwornen unſrer Injurie beyſammen? Schlehw. O, einen Stuhl und Kiſſen fuͤr den Herrn Schreiber. Schreiber. Welches ſind die Maleficanten? Folz. Zum Henker, der bin ich und mein Gevatter. Schlehww. Pas verſteht ſich. Wir haben die Intro⸗ duction, ſie zu examiniren. Schreiber. Aber wo ſind die Verbrecher, die examinirt werden ſollen? Laßt ſie vor den Herrn Conſtabel fuͤhren. Zolz. Ja zum Henker, laßt ſie vorfuhren. Wie iſt ſein Name, Freund? Bor. Borachio. Solz. Seyd ſo gut, ſchreibt's auf, Borachio.— Senior, Musjeh?— P Conr. Ich bin ein Cavalier, Herr, und mein Name iſt Conrad. Zolz. Schreibt auf, Meiſter Cavalier Conrad. Leute, ſagt einmal, dient ihr Gott? Conr. und Bor. Nun, das hoffen wir. Solz. Schreibt's nieder, ſie hoffen, daß ſie Gott die⸗ nen, und ſchreibt Gott voran: denn Gott bewahre doch, daß Gott vor ſolchen Schelmen vorangehn ſollte. Leute, es iſt bereits erwieſen, daß Ihr nicht viel beſſer ſeyd als Spitzbuben, und man wird bald genug eine Ahndung da⸗ von kriegen. Was koͤnnt Ihr nun fuͤr Euch anfuͤhren? Conr. Ey nun, Herr, wir ſagen, wir ſind keine. Solz. Ein verdammt witiger Burſch, das muß ich ſagen: aber ich will ſchon mit ihm fertig werden.— Kommt einmal hier heran, Musjeh: ein Wort ins Ohr, Herr: ihm, man glaubt von Euch, Ihr ſeyd zwey Spit⸗ uben. Bor. Herr, ich ſage Euch, wir ſind keine. Solz. Tretet wieder auf die Seite. Bey Gott, ſprechen ſie nicht, als haͤtten ſie ſich mit einander verabredet! Habt Ihr's hingeſchrieben, daß ſie keine ſind?— 320 Viel Laͤrmen um Nichts. A. W. Schreiber. Herr Conſtabel, das iſt nicht die Manier zu examiniren. Ihr muͤßt die Wache abhoͤren, die ſie verklagt hat. Zolz. Ja, zum Henker, das iſt die vidimirte Heerſtraße. Die Wache ſoll kommen.(Wache kommt.) Leute, ich be⸗ fehle Euch in des Prinzen Namen, verklagt mir einmal dieſe beyden Menſchen. 1. Wache. Dieſer Mann hier ſagte, Herr, Don Juan, des Prinzen Bruder, ſey ein Schurke.— Bolz. Schreibt hin,— Don Juan ein Schurke.— Was! Das iſt ja klarer Meineid, des Prinzen Bruder einen Schurken zu nennen. Bor. Herr Conſtabel— Solz. Still geſchwiegen, Kerl, Dein Geſicht gefaͤllt mir gar nicht, muß ich Dir geſtehn. Schreiber. Was hoͤrtet Ihr ihn ſonſt noch ſagen? 2. Wache. Ey nun, er ſagte auch, er haͤtte tauſend Ducaten vom Don Juan erhalten, um Fraͤulein Hero faͤlſchlich anzuklagen. i Klare Brandmoͤrderey, wenn jemals eine began⸗ gen iſt. Schlehw. Ja, mein Seel, ſo iſt es auch. 1. Wache. Und daß Graf Claudio nach ſeinen Reden ſich vorgeſetzt habe, Fraͤulein Hero vor der ganzen Ver⸗ ſammlung zu beſchimpfen und ſie nicht zu heyrathen. Zolz. O Spitzbube! Dafuͤr wirſt Du noch ins ewige Jubilaͤum verdamint werden. Schreiber. Was noch mehr? 2. Wache. Das war alles. Schreiber. Und das iſt mehr, Leute, als Ihr laͤugnen koͤnnt. Prinz Juan hat ſich dieſen Morgen heimlich weg⸗ geſtohlen; Hero ward auf dieſe Weiſe angeklagt, auf eben dieſe Weiſe verſtoßen, und iſt aus Gram daruͤber plotzlich geſtorben: Herr Conſtabel, laßt die beyden Leute binden und in Leonato's Haus fuͤhren, ich will voran gehn, und ihm das Verhoͤr zeigen.(ab.) Bolz. Recht ſo; laßt ihnen die Bandagen anthun. Schlehw. Laßt ſie feſtbinden. Conr. Fort, Ihr Maulaffen! 4 SZolz. Gott ſteh mir bey, wo iſt der Schreiber? Er ſpoll ſchreiben: des Prinzen Conſtabel ein Maulaſſe! Wart! bindet ſie feſt! Du nichtswuͤrdiger Kerl!— Conr. Fort! Ihr ſeyd ein Eſel, Ihr ſeyd ein Eſel. Sz. 2. Viel Lärmen um Nichts. 32¹ Solz. Deſpektirſt Du denn mein Amt nicht? Deſpek⸗ tirſt Du denn meine Jahre nicht?— Waͤr' er doch noch hier, daß er es aufſchreiben koͤnnte, daß ich ein Eſel bin! Aber, Ihr Leute, vergeßt mir's nicht, daß ich ein Eſel bin, wenn's auch nicht hingeſchrieben ward, erinnert Euch's ja, daß ich ein Eſel bin. Nein, Du Spitzbube, Du ſteckſt voller Moralität, das kann ich Dir durch zuverlaͤſſige Zeu⸗ gen beweiſen. Ich bin ein geſcheuter Mann, und was mehr iſt, ein Mann bey der Juſtiz, und was mehr iſt, ein anſaͤſſiger Mann, und was mehr iſt, ein ſo huͤbſches Stuͤck Fleiſch, als nur irgend eines in ganz Meſſina, und ein Mann, der ſich auf die Geſetze verſteht, ſiehſt Du, und ein Mann, der ſein Vermoͤgen hat, ſiehſt Du, und ein Mann, der um vieles gekommen iſt, und der ſeine zwey Roͤcke hat, und alles, an ihm iſt, ſauber und accurat. Bringt ihn fort! Ach, haͤtten ſie's nur von mir aufgeſchrieben, daß ich ein Eſel bin!— (Alle ab.) — Fuͤnfter Aufzug. ——— Erſte Scene. (Es treten auf Leonato und Antoniv.) Antonio. Fährſt Du ſo fort, ſo bringſt Du ſelbſt Dich umz Und nicht verſtaͤndig iſt's, dem Gram ſo helfen, Dir ſelbſt zum Schaden. Leon. Spare Deinen Rath! Er faͤllt ſo fruchtlos in mein Ohr, wie Waſſer Ein Sieb durchſtroͤmt. O gieb mir keinen Rath! Und keinen Troͤſter laß mein Ohr erquicken, Als ſolchen, deſſen Schmerz dem meinen gleicht.— Bring' mir'nen Vater, der ſein Kind ſo liebte, Deß Freud' an ihm vernichtet ward, wie meine, Und heiß Geduld ihn predigen. Miß ſeinen Gram nach meinem auf ein Haar, II. 21 322 Viel Laͤrmen um Nichts. A. V. Jeglichem Weh entſprech' ein gleiches Weh', ſnd hier wie dort, ein Schmerz fuͤr jeden Schmerz, In jedem Zug und Umriß, Licht und Schatten; Wenn der mun laͤchelt und den Bart ſich ſtreicht, Ruft: Gram fahr' hin, und Ey! ſtatt tief zu ſeufzen, Sein Leid mit Spruͤchen flickt, mit Schuͤler-Phraſen Den bittern Schmerz betaͤubt, den bringe mir, Von dieſem will ich dann Geduld erlernen. Doch ſolchen Mann giebts nicht. Denn, Bruder, Menſchen, Sie rathen, troͤſten, heilen nur den Schmerz, Den ſie nicht ſelber fuͤhlten. Trifft er ſie, Dann wird zur wilden Wuth derſelbe Troſt, Der eben noch Arzney dem Gram verſchrieb, An ſeidner Schnur den Wahnſinn wollte feſſeln, Herzweh mit Luft, den Krampf mit Worten ſtillen. Nein! Nein! Stets war's der Brauch, Geduld zu ruͤhmen Dem Armen, den die Laſt des Kummers beugt: Doch keines Menſchen Kraft noch Willensſtaͤrke Genuͤgte ſolcher Weisheit, wenn er ſelbſt Das gleiche duldete: drum keinen Rath; Denn lauter ſchreyt mein Schmerz als Dein Ermahnen. Ant. So hat der Mann dem Kinde nichts voraus?. Leon. Ich bitt' Dich, ſchweig. Ich bin nur Fleiſch* und Blut. Denn noch bis jetzt gab's keinen Philoſophen, Der mit Geduld das Zahnweh' konnt' ertragen: Ob ſie der Goͤtter Sprache gleich geredet, Und Schmerz und Zufall als ein Nichts verlacht. Ant. So haͤufe nur nicht allen Gram auf Dich; Laß jene, die Dich kraͤnkten, gleichfalls dulden. Leon. Da ſprichſt Du weislich: ja, ſo ſoll's geſchehn. Mein Herz bezeugt mir's, Hero ward verlaͤumdet, Und dieß ſoll Claudio hoͤren, dieß der Fuͤrſt, Und alle ſollen's, die ſie ſo entehrt. (D. Pedro und Claudio kommen.) Ant. Hier kommen Clandio und der Prinz in Eil. D. Pedro. Ah, guten Morgen! Claud. Guten Tag Euch beyden. Leon. Hoͤrt mich, Ihr Herrn—— D. Pedro. Leonato, wir ſind eilig. Leon. So eilig, Herr? So lebt denn wohl, Ihr Herrn; Jetzt habt Ihr Eile?— Wohl, es wird ſich finden. Sz. 1. Viel Lärmen um Nichts. 323 D. Pedro. Nun, guter Alter, zankt doch nicht mit uns. Ant. Schafft ihm ein Zank ſein Recht, ſo weiß ich ſolche, Die wohl den Kuͤrzern zoͤgen. Claud. Ey, wer kraͤnkt' ihn? Leon. Ha, wahrlich Du! Du kraͤnkteſt mich, Du Heuchler!— O leg' die Hand nur nicht an Deinen Degen, Ich fuͤrchte nichts. Claud. Verdorre dieſe Hand, Eh' ſie dem Alter ſo zu drohen daͤchte. Die Hand am Schwerdt hat nichts bedeutet, wahrlich! Leon. Ha, Mann! Nicht grinſe ſo, und ſpotte meiner! 3h ſpreche nicht als Thor und bloͤder Greis, och unter meines Alters Freybrief ruͤhm' ich, Was ich als Juͤngling that, was ich noch thaͤte, Waͤr' ich nicht alt: Rein, hoͤr' es auf dein Haupt, Du kraͤnkteſt ſo mein ſchuldlos Kind und mich, Daß ich ablege meine Wuͤrd' und Ehrfurcht: Mit grauem Haar und vieler Jahre Druck Fordr' ich Dich hier, als Mann Dich mir zu ſtellen. Ich ſage, Du belogſt mein armes Kind. ein falſches Zeugniß hat ihr Herz durchbohrt, Und unter ihren Ahnen ruht ſie jetzt, Ha! in dem Grab, wo Schande nimmer ſchlief, Als ihre, die Dein Schurkenſtreich erſann. Claud. Mein Schurkenſtreich? Leon. Ja, Deiner, Claudio, Deiner. D. Ped. Ihr druckt Euch unrecht aus, Signor. Leon. Mein Prinz, An ihm will ich's beweiſen, wenn er's wagt, Trotz ſeiner Fechterkunſt und raſchen Uebung, Troß ſeiner Jugend Lenz, und muntern Bluͤthe. Claud. Laßt mich. Ich habe nichts mit Euch zu ſchaffen. Leon. So willſt Du gehn? Du haſt mein Kind gemordet. Ermord'ſt Du, Knabe, mich, mord'ſt Du'nen Mann. Ant. Er muß uns beyde morden, ja, zwey Maͤnner, Darauf kommt's hier nicht an: zuerſt den Einen; Ja, wer gewinnt, der lacht. Mir ſteh' er Rede! Herr Jung! ich haue Deine Finten durch, Ja, ja, ſo wahr ich Edelmann, das will ich! Leon. Bruder 24* 324 Viel Laͤrmen um Nichts. A. V. Ant. Sey Du nur—— weiß, das Maͤdchen iebt' ich. Nun iſt ſie todt, von Schurken todt geſchmaͤht, Die wohl ſo gern ſich einem Manne ſtellen, Als ich der Schlang' an ihre Zunge griffe. Gelbſchnaͤbel, Buben, Affen, Prahler.—— Leon. Bruder!— Ant. Ey was, ſey ſtill!— Was da! ich kenne ſie, Weiß, was ſie gelten, ja, bis auf'nen Scrupel: Vorlaute, dreiſte, modeſuͤcht'ge Knaben, Die luͤgen, witzeln, hoͤhnen, ſchmaͤhn und laͤſtern, Wie Narrn ſich tragen, widerlich dem Auge, Und ein halb Dutzend grimme Worte lernten, „Was ſie dem Feind' anthaͤten, wenn er's wagte—“ Und das iſt alles. Leon. Bruder. Ant.'S iſt ſchon gut, Du kuͤmm're Dich um nichts, laß mich nur machen. D. Pedro. Ihr Herrn, wir woll'n nicht Euern Un⸗ muth wecken. Daß Eure Tochter ſtarb, geht mir zu Herzen. Doch auf mein Wort, ſie ward um nichts beſchuldigt, Als was gewiß und klar erwieſen ſtand⸗ Leon. Mein Fuͤrſt, mein Fuͤrſt—— D. Pedro. Ich will nicht hoͤren. 8 5 Leon. Nicht? ort, Bruder— Ihr ſollt hoͤren! Ant. Ja, Ihr ſollt! Ja! oder ein'ge von uns ſollen's fuͤhlen! (Leonato und Antonio ab.) (Benedict kommt.) D. Pedro. Seht, ſeht, da der Mann, den wir geſucht. Claud. Nun, Signor, was giebt's Neues? Ben. Guten Tag, mein Fuͤrſt. D. Pedro. Willkommen, Signor. Ihr haͤttet eben bey⸗ nahe einen Strauß trennen koͤnnen.. Claud. Es fehlte nicht viel, ſo haͤtten zwey alte Maͤn⸗ ner ohne Zaͤhne unſte zwey Naſen abgebiſſen. D. Pedro. Leonato und ſein Bruder. Was denkſt Du wohl? Haͤtten wir gefochten, ich weiß nicht, ob wir zu jung fuͤr ſie geweſen waͤren? Sz. 1. Viel Lärmen um Nichts. 325 Ben. In einer ſchlechten Sache hat man keinen echten Muth. Ich kam, Euch beyde aufzuſuchen. Claud. Und wir ſind ſchon lange auf den Beinen, Dich zu ſuchen. Denn wir ſind gewaltig melancholiſch, und fähens gern, wenn uns das Jemand austriebe. Willſt Du Deinen Witz in Bewegung ſetzen? Ben. Er ſieckt in meiner Scheide, ſoll ich ihn ziehn? D. Pedro. Traͤgſt Du Deinen Witz an der Seite? Eland. Das that noch Niemand, obgleich wohl ſchon viele ihren Witz beyſeite gelegt haben. Ich will Dich ſpielen een⸗ wie wir's den Fiedlern thun; ſpiel' auf, mach uns uſtig. D. Pedro. So wahr ich ehrlich bin, er ſieht blaß aus: biſt Du krank oder verdrießlich? Claud. Muth, Freund! Wenn der Gram auch eine Katze um's Leben bringen kann, ſo haſt Du doch wohl Herz genng, den Gram ums Leben zu bringen. Ben. Signor, wenn Ihr Euern Witz gegen mich rich⸗ tet, ſo denk' ich ihm in ſeinem Rennen Stand zu halten. Habt die Guͤte, und waͤhlt ein andres Thema, Claud. So ſchafft Euch erſt eine neue Lanze, denn dieſe letzte brach mitten durch. D. Pedro. Beym Himmel, er veraͤndert ſich mehr und mehr; ich glaube, er iſt im Ernſt verdrießlich. Elaud. Nun, wenn er's iſt, ſo weiß er, wie er ſeinen Guͤrtel zu ſchnallen hat. Ben. Soll ich Euch ein Wort ins Ohr ſagen? Claud. Gott bewahre uns vor einer Ausforderung! Ben.(beyſeit zum Claudio.) Ihr ſeyd ein Nichtswuͤrdiger; ich ſcherze nicht. Ich will's Euch beweiſen, wie Ihr wollt, womit Ihr wollt, und wann Ihr wollt. Thut mir Beſcheid, oder ich mache Eure Feigherzigkeit oͤffentlich bekannt. Ihr habt ein liebenswuͤrdiges Maͤdchen getoͤdtet, und ihr Tod ſoll ſchwer auf Euch fallen: Laßt mich Eure Antwort hoͤren. Claud.(laut.) Schoͤn, ich werde mich einfinden, wenn Enre Mahlzeit der Muͤhe verlohnt. D. Pedro. Was? ein Schmaus? ein Schmaus? Claud. Ja wohl, er hat mich eingeladen auf einen Kalbskopf und einen Capaun, und wenn ich beyde nicht mit der groͤßten Zierlichkeit vorſchneide, ſo ſagt, mein Meſſer tauge nichts. Giebt's nicht etwa auch eine junge Schnepfe? 326 Viel Laͤrmen um Nichts. A. v. Ben. Signor, Euer Witz geht einen guten leichten Paß, er faͤllt nicht ſchwer. D. Pedro. Ich muß Dir doch erzaͤhlen, wie Beatrice neulich Deinen Witz herausſtrich. Ich ſagte, Du haͤtteſt einen feinen Witz; o ja, ſagte ſie, fein und klein. Nein, ſagte ich, einen großen Wit, recht, ſagte ſie, groß; nein, ſagte ich, einen guten Witz: und eben, ſagte ſie, er thut Niemanden weh. Aber, ſagte ich, es iſt ein kluger junger Mann: gewiß, ſagte ſie, ein recht ſuperkluger junger Menſch. Und was noch mehr iſt, ſagte ich, er verſteht ſich auf ver⸗ ſchiedne Sprachen: Das glaub' ich, ſagte ſie, denn er ſchwur mir Montag Abends etwas zu, das er Dienſtag Morgens wieder verſchwur: da habt Ihr eine doppelte Sprache, da habt Ihr zwey Sprachen. So hat ſie eine ganze Stunde lang alle Deine beſondern Tugenden tra⸗ veſtirt, bis ſie zuletzt mit einem Seußzer beſchloß, Du ſeyſt der artigſte Mann in Italien. Claud. Wobey ſie bitterlich weinte, und hinzufuͤgte, ſie kuͤmm're ſich nichts drum. D. Pedro. Ja, das that ſie: und doch mit alle dem, wenn ſie ihn nicht herzlich haßte, ſo wuͤrde ſie ihn ſchmerz⸗ lich lieben. Des Aiten Tochter hat uns alles erzaͤhlt. Claud. Alles, alles: und noch obendrein, Gott ſahe ihn, als er ſich im Garten verſtecket hatte. D. Pedro. Und wann werden wir denn des wilden Stieres Hoͤrner auf des vernuͤnftigen Benedict Stirne ſehn? Claud. Und wann werden wir mit großen Buchſtaben ziien leſen: Hier wohnt Benedict, der verheyrathete Mann? Ben. Lebt wohl, junger Burſche, Ihr wißt meine Meynung, ich will Euch jetzt Euerm ſchwatzhaften Humor uberlaſſen. Ihr ſchwadronirt mit Euern Spaͤßen, wie die Großprahler mit ihren Klingen, die Gottlob Niemand ver⸗ wunden. Gnaͤdiger Herr, ich ſage Euch meinen Dank fuͤr Eure bisherige Guͤte; von nun an muß ich mich Eurer Geſellſchaft entziehn. Euer Bruder, der Baſtard, iſt aus Meſſina entflohen; Ihr beyde habt ein liebes unſchuldiges Mäͤdchen ums Leben gebracht. Was dieſen Don Ohnebart hier betrifft, ſo werden er und ich noch mit einander ſprechen, und bis dahin mag er in Frieden ziehn.(ab.) D. Pedro. Es iſt ſein Ernſt? Elaud. Sein ehrſamſter Ernſt, und ich wollte wetten, alles aus Liebe zu Beatrice. „— Sz. 1. Viel Laͤrmen um Nichts. 3 D. Pedro. Und er hat Dich gefordert? Claud. In aller Form. D. Pedro. Was fuͤr ein artiges Ding ein Mann iſt, wenn er in Wamms und Hoſen herumlaͤuft und ſeinen Ver⸗ ſtand zu Hauſe laͤßt!— Claud. Er iſt alsdann ein Rieſe gegen einen Affen, aber dafuͤr iſt dann auch ein Affe ein Doctor gegen ſolch einen Mann. (Holzapfel, Schlehwein, Wache, mit Conrad und Borachio.) D. Pedro. Aber jetzt ſtille, laß gut ſeyn, und Du, mein Herz, geh' in Dich und ſey ernſt. Sagte er nicht, mein Bruder ſey entflohn? Holz. Nur heran, Herr; wenn Euch die Gerechtigkeit nicht zahm machen kann, ſo ſoll die Juſtiz niemals wieder mit Mor⸗Alen und Crimen⸗Alen zu thun haben; ja, und wenn Ihr vorher ein hippokratiſcher Taugenichts geweſen ſeyd, ſo muß man Euch jetzt auf die Finger ſehn. D. pedro. Was iſt das? Zwey von meines Bruders Leuten gebunden? und Borachio der eine? S Forſcht doch nach ihrem Vergehn, gnaͤdiger err. D. Pedro. Gerichtsdiener, welches Vergehn haben ſich dieſe Leute zu Schulden kommen laſſen? Zolz. Zum Henker, gnaͤdiger Herr, falſchen Rapport haben ſie begangen: uͤberdem haben ſie Unwahrheiten ge⸗ ſagt; anderntheils ſind ſie Calomnieen; ſechſtens und letz⸗ tens haben ſie ein Fraͤulein belogen; drittens haben ſie Un⸗ richtigkeiten verificirt: und ſchließlich ſind ſie luͤgenhafte Spitzbuben. D. Pedro. Erſtens frage ich Dich, was ſie gethan haben; drittens frag' ich Dich, was ihr Vergehn iſt; ſechs⸗ tens und letztens, warum man ſie arretirt hat; und ſchließ⸗ lich, was Ihr ihnen zur Laſt legt. Elaud. Richtig ſubdividirt, nach ſeiner eignen Einthei⸗ lung. Das heiß' ich doch eine Sache in die rechte Uni⸗ form reformiren. D. Pedro. Was habt Ihr begangen, Leute, daß man Euch auf dieſe Weiſe gebunden hat? Dieſer gelehrte Con⸗ ſtabel iſt zu ſcharfſinnig, als daß man ihn verſtehn koͤnnte. Worin beſteht Euer Vergehn? Bor. Theuerſter Prinz, laßt mich nicht erſt vor Gericht geſtellt werden; hoͤrt mich an, und mag dieſer Graf mich 328 Viel Laͤrmen um Nichts. A. V. niederſtoßen. Ich habe Eure eignen Angen grob getaͤuſcht; was Euer Beyder Weisheit nicht entdecken konnte, haben dieſe ſchalen Thoren ans Licht gebracht, die mich in der Nacht behorchten, als ich dieſem Manne hier erzaͤhlte, wie Don Juan, Euer Bruder, mich angeſtiftet, Fraͤulein Hero zu verläumden: wie Ihr in den Garten gelockt wurdet, und mich um Margarethen, die Hero's Kleider trug, wer⸗ ben ſaht; wie Ihr ſie verſtoßen habt, als Ihr ſie heyra⸗ then ſolltet. Dieſen meinen Bubenſtreich haben ſie zu Pro⸗ tocoll genommen, und lieber will ich ihn mit meinem Blut verſiegeln, als ihn noch einmal zu meiner Schande wiederho⸗ len. Das Fraͤulein iſt durch meine und meines Herrn falſche Beſchuldigung getoͤdtet worden; und kurz, ich begehre jetzt nichts, als den Lohn eines Boͤſewichts. D. Pedro. Rennt nicht dieß Wort wie Eiſen durch Dein Blut? Claud. Ich habe Gift getrunken, als er ſprach. D. Pedro. Und hat mein Bruder hiezu Dich verleitet? Bor. Ja, und mich reichlich fuͤr die That belohnt. D. Pedro. Er iſt Verrath und Tuͤcke ganz und gar,— Und nun entfloh er auf dieß Bubenſtuͤck. Claud. O ſuͤße Hero! Jetzt ſtrahlt mir Dein Bild Im reinen Glanz, wie ich zuerſt es liebte. Zolz. Kommt, fuͤhrt dieſe Requiſiten weg: unſer Schrei⸗ ber wird alleweil auch den Signor Leonato von dem Han⸗ del deſtruirt haben; und Ihr, Leute, vergeßt nicht, zu Enee und an ſeinem Ort zu ſpecificiren, daß ich ein ſel bin. Schlehw. Hier, hier kommt der Herr Signor Leonato, und der Schreiber dazu. (Leonato, Antonio und der Schreiber kommen.) Leon. Wo iſt der Bube? Laßt mich ſehn ſein Antlitz, Daß wenn ein Menſch mir vorkommt, der ihm gleicht, Ich ihn vermeiden kann. Wer iſt's von dieſen? Bor. Wollt Ihr den ſehn, der Euch gekränkt? Ich bin's. Leon. Biſt Du der Selav, deß Hauch getoͤdtet hat Mein armes Kind? Bor. Derſelbe; ich allein. PLeon. Nein, nicht ſo, Bube, Du belogſt Dich ſelbſt. Hier ſteht ein Paar von ehrenwerthen Maͤnnern, Ein dritter floh, deß Hand im Spiele war:— Euch dank' ich, Prinzen, meiner Tochter Tod, Den ſchreibt zu Euern hohen wuͤrd'gen Thaten, ——————— S. 1. Viel Laͤrmen um Nichts. 329 Denn herrlich war's vollbracht, bedenkt Ihr's recht. Claud. Ich weiß nicht, 3 ich Euch um Nachſicht t baͤte, Doch reden muß ich. Waͤhlt die Rache ſelbſt, Die ſchwerſte Buß' erſinnt fuͤr meine Suͤnde, Ich trage ſie. Doch nur im Mißverſtand Lag meine Suͤnde! D. Pedro. Und meine, das beſchwoͤr' ich. Und doch, dem guten Greis genng zu thun, Moͤcht' ich mich bengen unterm ſchwerſten Joch, Mit dem er mich belaſten will. Leon. Befehlen kann ich nicht,„erweckt mein Kind,“ Das waͤr' unmoͤglich. Doch ich bitt' Euch beyde, Verkuͤndet's unſrer Stadt Meſſina hier, Wie ſchuldlos ſie geſtorben. Kann die Liebe Zu ernſter Arbeit Euern Geiſt erheben, So haͤngt ein Epitaph an ihre Gruft, Und ſingt es ihrer Aſche, ſingt's heut Nacht. Auf morgen fruͤh' lad' ich Euch in mein Haus, Und Innt Ihr jetzt mein Eidam nicht mehr werden, So ſeyd mein Neff'. Mein Bruder hat'ne Tochter, Beynah' ein Abbild meines todten Kindes: Der gebt, was ihre Muhm' erhalten ſollte, Und ſo ſtirbt meine Rache. Claud. Edler Mann! So uͤbergroße Guͤt' entlockt mir Thraͤnen. Mit Ruͤhrung nehm' ich's an: verfuͤgt nun kuͤnftig Nach Willkuͤhr mit dem armen Clandio. Leon. Auf morgen dann erwart' ich Euch bey mir, Fuͤr heut' gut' Nacht. Der Niedertraͤchtige Steh' im Verhoͤr Margrethen gegenuͤber, Die, glaub' ich, auch zu dem Complott gehoͤrte, Erkauft von Euerm Bruder. Bor. Bey meiner Seele, nein, ſo war es nicht, Sie ſprach mit mir, nicht wiſſend, was ſie that: Stets hab' ich treu und rechtlich ſie gefunden, In allem, was ich je von ihr erfahren. Zolz. Anbey iſt noch Meldung zu thun, gnaͤdiger Herr, obgleich es freylich nicht weiß auf ſchwarz daſteht, daß dieſer Requiſit hier, dieſer arme Suͤnder, mich einen Eſel genannt hat. Ich muß bitten, daß das bey ſeiner Beſtra⸗ fung in Anregung kommen moͤge. Und ferner hoͤrte die Wache ſie von einem Mißgeſtalt reden; er leiht Geld um 330 Viel Laͤrmen um Nichts. A. V. Gotteswillen und treibt's nun ſchon ſo lange, und giebt nichts wieder, daß die Leute anfangen, hartherzig zu wer⸗ den, und nichts mehr um Gotteswillen geben wollen. von der Guͤte und verhoͤrt ihn auch uͤber dieſen unct. Leon. Hab' Dank fuͤr Deine Sorg' und brav Bemuͤhn. Zolz. Eu'r Wohlgeboren reden wie ein recht ehrwuͤrdiger und dankbarer junger Menſch, und ich preiſe Gott fuͤr Euch. Leon. Da haſt Du fuͤr Deine Muͤhe. Zolz. Gott ſegne dieſes fromme Haus. Eeon. Geh', ich nehme Dir Deine Gefangenen ab und danke Dir. Zolz. So reſignire ich Ew. Wohlgeboren einen infamen Spitzbuben, nebſt unterthaͤnigſter Bitte an Ew. Wohlge⸗ ren, ein Exempel an ſich zu ſtatuiren, Andern dergleichen zur Warnung. Gott behuͤte Ew. Wohigeboren, ich wuͤnſche Euch alles Gute, Gott geb' Euch gute Beßrung, ich er⸗ laube Ew. Wohlgeboren jetzt allerunterthaͤnigſt zu Hauſe zu gehn: und wenn ein froͤhliches Wiederſehn zu den er⸗ wuͤnſchten Dingen gehoͤrt, ſo wolle Gott es in ſeiner Gnade verhuͤten. Kommt Nachbar.(gehn ab.) Leon. Nun bis auf morgen fruͤh, Ihr Herren, lebt wohl. Ant. Lebt wohl, Ihr Herren, vergeßt uns nicht auf morgen. D. Pedro. Wir fehlen nicht Claud. Heut' Nacht wein“ ich um Hero. Pedro und Claudio ab.) Leon. Schafft dieſe fort: Jetzt frag' ich Margarethen, Wie ſie bekannt ward mit dem ſchlechten Menſchen.(b) Zweyte Szene. (Benedict und Margarethe, die ſich begegnen.) Benedict⸗ Hort doch, liebſte Margarethe, macht Euch um mich ver⸗ dient, und verhelft mir zu einem Geſpräch mit Beatricen. — — Sz. 2. Viel Laͤrmen um Nichts. 331 Marg. Wollt Ihr mir dafuͤr auch ein Sonett zum Lobe meiner Schoͤnheit ſchreiben? Ben. In ſo hohem Styl, Margarethe, daß kein jetzt lebender, noch ſo Verwegner ſich dran wagen ſoll, denn in Wahrheit, das verdienſt Du. Warg. Daß keiner ſich an meine Schoͤnheit wagen ſoll? Ben. Dein Witz ſchnappt ſo raſch wie eines Windſpiels Maul, er faͤngt auf. Warg. Und Eurer trifft ſo ſtumpf wie eines Fechters Rappier, er ſtoͤßt und verwundet nicht. Ben. Lauter Galanterie, Margarethe, er will kein Frauenzimmer verwunden. Und nun bitte ich Dich, rufe mir Beatrice, ich ſtrecke die Waffen vor Dir. MWarg. Nun, ich will ſie rufen, ich denke, ſie hat ihre Fuͤße bey der Hand. Ben. Wenn das iſt, ſo hoffe ich, kommt ſie. (ſingt.) Gott Amor droben Kennt meinen Sinn, Und weiß aus vielen Proben, Wie ſchwach ich bin.—— Ich meine im Singen; aber in der Liebe„. Leander, der treffliche Schwimmer, Troilus, der den erſten Panda⸗ rus in Requiſition ſetzte, und ein ganzes Buch voll von dieſen Liebesrittern, deren Namen jetzt ſo glatt in der ebnen Bahn der fuͤnffuͤßigen Jamben dahin gleiten, alle dieſe waren nie ſo ernſtlich uͤber und uͤber in Liebe verſenkt, als mein armes Ich: aber wahrhaftig, ich kann's nicht in Reimen beweiſen: ich hab's verſucht; ich finde keinen andern Reim auf Maͤdchen als„ Schaͤfchen, ein zu unſchuldiger Reim: auf Zorn, als Horn, ein harter Reim; auf Ohr, Thor, ein alberner Reim: ſehr verfaͤngliche Endungen; nein, ich bin einmal nicht unter einem reimenden Planeten ge⸗ boren, ich weiß auch nicht in Feyertagsworten zu werben. (Beatrice kommt.) Schoͤnſte Beatrice, kamſt Du wirklich, weil ich Dich rief? Beatr. Ja, Signor, und ich werde gehn, wenn Ihr mir's ſagt. Ben. O, Ihr bleibt alſo bis dahin? Beatr. Dahin habt Ihr jetzt eben geſagt, alſo lebt nun wohl. Doch eh' ich gehe, ſagt mir das, weshalb ich kam; laßt mich hoͤren, was zwiſchen Euch und Claudio vorgefallen iſt. 332 Viel Läͤrmen um Nichts. A. V. Ben. Nichts als boſe Reden, und demzufolge laß mich Dich kuͤſſen. Beatr. Boͤſe Reden ſind nur boͤſe Luft, und boͤſe Luft iſt nur boͤſer Athem, und boͤſer Athem iſt ungeſund, und alſo will ich ungekußt wieder gehn. Ben. Du haſt das Wort aus ſeinem rechten Sinn heraus geſchreckt, ſo energiſch iſt Dein Witz. Aber ich will Dir's ehrlich erzäͤhlen. Clandio hat meine Fordrung angenommen, und ich werde jetzt bald mehr von ihm hoͤren, oder ich nenne ihn oͤffentlich eine Memme. Und nun ſage mir, in welche meinen ſchlechten Eigenſchaften haſt Du Dich zuerſt verliebt?— Beatr. In alle auf einmal, denn ſie bilden zuſammen eine ſo wohl organiſirte Republik von Fehlern, daß ſie auch nicht einer guten Eigenſchaft geſtatten, ſich unter ſie zu miſchen. Aber um welche von meinen ſchoͤnen Qualitaͤten habt Ihr zuerſt die Liebe zu mir erdulden muͤſſen? Ben- Die Liebe erdulden! Eine huͤbſche Phraſe! Frey⸗ lich erdulde ich die Liebe, denn wider meinen Willen muß ich Dich lieben. Beatr. Wohl gar Deinem Herzen zum Trotz? Wenn Ihr ihm um meinetwillen trotzt, will ich ihm um Euretwillen Trotz bieten, denn ich werde niemals das lieben, was mein Freund haßt. Ben. Du und ich ſind zu vernuͤnftig, um uns friedlich um einander zu bewerben. Beat. Das ſollte man aus dieſer Beichte nicht ſchließen: unter zwanzig vernuͤnftigen Maͤnnern wird nicht einer ſich ſelbſt loben. Ben. Ein altes altes Sprichwort, Beatrice, das gegolten haben mag, als es noch gute Nachbarn gab: wer in un⸗ ſerm Zeitalter ſich nicht ſelbſt eine Grabſchrift aufſetzt, ehe er ſtirbt, der wird nicht laͤnger im Gedaͤchtniß leben, als die Glocke läutet und die Wittwe weint. Beat. Uns das waͤre? Ben. Ihr fragt noch? Nun, eine Stunde laͤuten, und eine Vierteſſtunde weinen. Deshalb iſt der beſte Ausweg fuͤr einen Verſtändigen,(wenn anders Don Wurm, ſein Gewiſ⸗ ſen, ihn nicht daran hindert), die Poſaune ſeiner eignen Tugenden zu ſeyn, wie ich's jetzt fur mich bin. Soviel uͤber mein Selbſtlob(und daß ich des Lobes werth ſey, will ich ſelbſt bezeugen); nun ſagt mir aber, wie geht es Eurer Muhme?—„ Sz. 3. Viel Laͤrmen um Nichts. 333 Beat. Sehr ſchlecht. Ben. Und wie geht es Euch ſelbſt? Beat. Auch ſehr ſchlecht. Ben. Seyd fromm, liebt mich und beſſert Euch, und ich Euch Lebewohl ſagen, denn hier kommt jemand in Eil. (urſula kommt.) Urſ. Mein Fraͤnlein, Ihr ſollt zu Euerm Oheim kom⸗ men, es iſt ein ſchoͤner Laͤrm da drinnen! man hat erwieſen, Hero ſey boͤslich belogen, die Prinzen und Claudio maͤchtig betrogen, und Don Juan, der Anſtifter von dem allen, hat ſich auf und davon gemacht. Wollt Ihr jetzt gleich mit kommen? Beat. Wollt Ihr dieſe Neuigkeiten mit anhoͤren? Ben. Ich will in Deinem Herzen leben, in Deinem Schooß ſterben, in Deinen Angen begraben werden, und uͤber das Alles will ich mit Dir zu Deinem Oheim ab. — (D. Pedro, Claudio, Gefolge mit Muſik und Fackeln.) Claudio. Iſt dieß des Leonato Grabgewoͤlb? Diener. Ja, gnaͤd'ger Herr. Claudio.(lieſ't von einer Rolle.) Schmaͤhſucht brach der Hero Herz, Hier ſchlaͤft ſie im Jungfraunkranz⸗ Fuͤr der Erde kurzen Schmerz Schmuͤckt ſie Tod mit Himmelsglanz: Leben mußt' in Schmach erſterben, Tod ihr ew'gen Ruhm erwerben. (GHaͤngt die Rolle auf.) Haͤng' an ihres Grabmals Steinen, Wenn ich todt, ſie zu beweinen. Nun ſtimmet an, und ſingt die Todeshymne. Geſang. Gnad' uns, Koͤniginn der Nacht, Die Dein Maͤgdlein umgebracht; Trauernd und mit Angſtgeſtohn Uum ihr Grab wir reuig gehn. Mitternacht, ſteh' uns bey! Mehr' unſer Klaggeſchrey! Feyerlich, feyerlich! Graͤber, gaͤhnt weit empor! Steig' auf, o Geiſterchor, Feyerlich, feyerlich! Claud. Nun ruh' in Frieden Dein Gebein! Dieß Feſt ſoll jaͤhrlich ſich erneun. D. Pedro. Loͤſcht Eure Fackeln jetzt, ſchon faͤllt der Thau, Der Wolf zieht waldwarts, und voin Schlaf noch ſchwer, Streift ſich der Oſten ſchon mit lichtem Grau, Vor Phoͤbus Raͤdern zieht der Tag einher. Euch allen Dank: verlaßt uns und lebt wohl. Claud. Guten Morgen, Freunde, geh' nun jeder heim; D. Pedro. Kommt, laßt zu neuem Feſie jetzt uns ſchmuͤcken, Und dann zu Leonato folgt mir nach. Claud. Und Hymen mog' uns dießmal mehr begluͤcken, Als an dem heut geſuͤhnten Trauertag. (Alle ab.) 334 Viel Lärmen um Nichts. A. V. Vierte Szene. (Leonato, Antonio, Benedict, Beatrice, urſula, Moͤnch und Hero treten auf.) Moͤnch. Sagt ich's Euch nicht, daß ſie unſchuldig ſey?— Leon. Wie Claudio und der Prinz, die ſie verklagt Auf jenen Irrthum, den wir jetzt beſprochen. Doch etwas iſt Margreth' im Fehl verſtrickt, Zwar gegen ihren Willen, wie's erſcheint In dein Verlauf der ganzen Unterſuchung. Ant. Nun, ich bin froh, daß Alles glucklich endet. Ben. Das bin ich auch, da ſonſt mein Wort mich band, Vom jungen Claudio Rechenſchaft zu fordern. Leon. Nun, meine Tochter, und ihr andern Fraun, Zieht in das naͤchſte Zimmer Euch zuruͤck, Und wenn ich ſende, kommt in Masken her. Der Prinz und Claudio woll'n um dieſe Stunde Mich hier beſuchen. Du, Bruder, kennſt Dein Amt, Du mußt der Vater Deiner Nichte ſeyn, Und Claudio ſie vermaͤhlen. (Frauen gehn ab.) Sz. 4. Viel Lärmen um Nichts. 335 Ant. Das thu' ich Dir mit feſter, ſichrer Miene. Ben. Euch, Pater, denk' ich auch noch zu bemuͤhn. Moͤnch. Wozu, Signor? Ben. Zu binden oder loͤſen, eins von beyden. Herr Leonato, ſo weit iſt's, mein Theurer, Mit guͤnſt'gen Augen ſieht mich Eure Nichte. Leon. Die Augen lieh ihr, wahrlich, meine Tochter. Ben. Und ich vergelt' es mit verliebten Angen. Leon. Den Liebesblick habt Ihr von mir erhalten, Von Claudio und dem Prinzen. Doch, was wollt Ihr? Ben. Die Antwort, Herr, beduͤnkt mich problematiſch. Mein Wille wuͤnſcht, daß Euer guter Wille Sich unſerm Willen fuͤgt, und dieſer Tag Uns durch das Band der heil'gen Eh' verknuͤpfe: Und dazu, wuͤrd'ger Mann, ſchenkt Euern Beyſtand. Leon. Mein Jawort geb' ich gern. Woͤnch. Ich meinen Beyſtand. Hier kommt der Prinz und Claudio. (D. Pedro und Claudio mit Gefolge.) D. Pedro. Guten Morgen dieſem ganzen edeln Kreis. Leon. Guten Morgen, theurer Fuͤrſt, guten Morgen, Claudio: Wir warten Euer: ſeyd Ihr noch entſchloſſen, Mit meines Bruders Kind Euch zu vermaͤhlen? Claud. Ich halte Wort und waͤr' ſie eine Mohrinn. Leon. Ruft ſie herein, der Prieſter iſt bereit. (Antonio ab.) D. Pedro. Ey, guten Morgen, Benedict, wie geht's? Wie kommt Euch ſolch ein Februarsgeſicht, So voller Froſt und Sturm und Wolken, an? Claud. Ich denk', er denkt wohl an den wilden Stier. Nur ſtill! Dein Horn ſchmuͤck' ich mit goldnem Knopf, Und ganz Europa ſoll Dir Bravo rufen, Wie einſt Europa ſich am Zeus erfreute, Da er als edles Vieh trug Liebesbeute. Ben. Zeus bruͤllt' als Stier ein ſehr verfuͤhrend Muh, Und ſolch ein Gaſt kirrt' Eures Vaters Kuh, Und ließ ein Kalb zuruͤck dem edlen Thier, Ganz ſo vom Anſehn und Gebloͤk wie Ihr. (Antonio kommt wieder, mit ihm die Frauen maskirt.) 336 Viel Laͤrmen um Nichts. A. V Claud. Das zahl' ich Euch: doch jetzt kommt andre Rechnung. — An welche Dame darf ich hier mich wenden? Ant. Hier dieſe iſt's, nehmt ſie von meiner Hand. Claud. So iſt ſie mein, zeigt mir Eur Antlitz, Holde. Leon. Nicht ſo: bevor Du ihre Hand erfaßt Vor dieſem Prieſter, und ihr Treu gelobt. Claud. Gebt mir die Hand vor dieſem wuͤrd'gen Moͤnch, Wenn Ihr mich wollt, ſo bin ich Euer Gatte. Zero. Als ich gelebt, war ich Eu'r erſtes Weib, Als Ihr geliebt, wart Ihr mein erſter Gatte. (Nimmt die Maske ab.) Claud. Die zweyte Hero? Fero. Nichts iſt ſo gewiß, Geſchmaͤht ſtarb eine Hero: doch ich lebe, Und ich bin rein von Schuld, ſo wahr ich lebe. D. Pedro. Die vor'ge Hero! Hero, die geſtorben!— Leon. Sie war nur todt, ſo lang' ihr Leumund lebte. mioͤnch. All dieß Erſtaunen bring' ich zum Verſtaͤndniß. Sobald die heil'gen Braͤuche ſind vollbracht, Erzaͤhl ich Euch genau des Fraͤuleins Tod. Indeß nehmt als Gewoͤhnliches dieß Wunder, ſnd laßt uns alle zur Capelle gehn. Ben. Still, Moͤnch, gemach! Wer iſt hier Beatrice? Beatr. Ich bin ſtatt ihrer da. Was wollt Ihr mir? Ben. Liebt Ihr mich nicht? Beatr. Nein, weiter nicht, als billig. Ben. So ſind Eu'r Oheim und der Prinz und Claudio Gar ſehr getaͤuſcht; ſie ſchwuren doch, Ihr liebtet. Beatr. Liebt Ihr mich nicht? Ben. Nein, weiter nicht als billig. Beatr. So ſind mein Muͤhmchen, Urſula und Gretchen, Gar ſehr getäuſcht; ſie ſchwuren doch, Ihr liebtet. Ben. Sie ſchwuren ja, Ihr ſeyd faſt krank um mich? Beatr. Sie ſchwuren ja, Ihr ſeyd halbtodt aus Liebe? Ben. Ey, nichts davon! Ihr liebt mich alſo nicht? Beatr. Nein wahrlich, nichts als freundliches Erwiedern. Leon. Kommt, Nichte, glaubt— nur, Ihr liebt den err Sz. 4. Viel Laͤrmen um Nichts. 337 Claud. Und ich verſichr' es Euch, er liebt auch ſie: Seht nur dieß Blatt von ſeiner Hand geſchrieben, Ein lahm Sonett aus eignem leeren Hirn Zu Beatricens Preis. SZero. Und hier ein zweytes Von ihrer Schrift, aus ihrer Taſch' entwandt, Verraͤth, wie ſie fuͤr Benedict ergluht. Ben. O Wunder! Hier zeugen unſte Haͤnde gegen unſre Herzen. Komm, ich will dich nehmen, aber bey dieſem Sonnenlicht, ich nehme dich nur aus Mitleid. Beatr. Ich will Euch nicht geradezu abweiſen, aber bey dieſem Tagesglanz, ich folge nur dem dringenden Zureden meiner Freunde; und zum Theil, um Euer Leben zu retten; denn man ſagt mir, Ihr haͤttet die Auszehrung. Ben. Still, ich ſtopfe Dir den Mund.(kuͤßt ſie.) D. Pedro. Wie gehts nun, Benedict, Du verheirathe⸗ ter Mann? RBen. Ich will Dir etwas ſagen, Prinz: eine ganze hohe Schule von Witzknackern ſoll mich jetzt nicht aus meinem Humor ſticheln. Meynſt Du, ich frage etwas nach einer Satyre oder einem Epigramm? Koͤnnte man von Einfaͤllen beſchmutzt werden, wer haͤtte dann noch einen ſaubern Fleck an ſich? Mit einem Wort, weil ich mir's einmal vorgeſetzt, zu heyrathen, ſo mag mir die ganze Welt jetzt vorſetzen was ſie an Gegengruͤnden weiß, mir ſoll's Eins ſeyn; und darum macht nurkeine Gloſſen, wenn ich ehmals daruͤber geſprochen; denn der Menſch iſt ein ſchwindliches Geſchoͤpf, und damit iſts gut. Was Dich betrifft, Claudio, ſo dachte ich dir eins zu verſetzen; aber da es den Anſchein hat, als ſollten wir jetzt Vettern werden, ſo lebe in heiler Haut, und liebe meine Muhme. Claud. Ich hatte ſchon gehofft, Du wuͤrdeſt Beatricen einen Korb geben, damit ich Dich aus Deinem einzelnen Stande haͤtte herausklopfen koͤnnen, und dich zu einem Dua⸗ liſten machen, und ein ſolcher wirſt Du auch ohne Zweifel K wenn meine Muhme dir nicht gewaltig auf die Finger ieht! Ben. Still doch, wir ſind Freunde. Laßt uns vor der Hochzeit einen Tanz machen, das ſchafft uns leichtere Herzen, und unſern Frauen leichtere Fuͤße. Leon. Den Tanz wollen wir hernach haben. IIHI. 22 338 Viel Laͤrmen um Nichts. A. v. Ben. Nein, lieber vorher; ſpielt nur, ihr Muſikanten.— Prinz, Du biſt ſo nachdenklich, nimm Dir eine Frau! nimm Dir eine Fran! Es giebt keinen ehrwuͤrdigern Stab, als der mit Horn beſchlagen iſt. (Ein Diener kommt.) Dien. Mein Fuͤrſt, Eu'r Bruder ward im Fliehn ge⸗ fangen, Man bracht' ihn mit Bedeckung nach Meſſina. Ben. Denkt nicht ehr als morgen an ihn; ich will unterdeß ſchon auf derbe Strafen ſinnen. Spielt auf, Muſikanten!— (Tanz: alle ab.) — Anmerkungen zum erſten Bande. Koönig Johann. Erſter Theil. Ueber das Jahr der Entſtehung dieſes groſen Gedichtes ſ. mein Alt⸗Engliſches Theater, Vorrede zum erſten Bande. Ich konnte hier nur wiederholen, was ich dort geſagt habe. Bey jenen aufmerkſamen Leſern des Dichters, die zugleich der Sprache kundig ſind, ſich aber vorzuͤglich aus der ſeinigen ein Studium gemacht haben, muß es keine Frage ſeyn, daß dieſes Schauſpiel eins der ſpaͤtern Shakſpeare's iſt, und nicht 1590, oder 1591 geſchrieben ſeyn kann. Die große Virtuoſität leuchtet aus jeder Zeile hervor, die Gewandtheit, ſo wie der Eigenſinn, welche ſicher mit den gewagteſten Wendungen und Ausdruͤcken ſpielen. Die Figur des Faulconbridge allein ſpricht den vollendeten Meiſter aus, der dieſen Humor des Heldenthums mit ſo keckem Pinſel ſich hinzumahlen getraute. Vor 1611 iſt dieſe ſeltſame Tragoͤdie wohl nicht geſchrieben worden, und dies Jahr giebt ſchon mit dem Zuſatz: written Py W. Sh., ein erneuerter Abdruck jenes aͤltern merkwuͤrdigen und großen Schauſpiels The tronble soma raigne of John King of England an, welches ich vor Jah⸗ ren uͤberſetzte(ſ. Altengliſches Theater 1811 b. Reimer). Dies iſt frevlich eins der fruͤheſten Werke Shakſpeares, und wohl ſchon vor 1589 oder 1590 gedichtet. Die Kritik Malone's und der meiſten Englaͤnder, die dieſes ſchoͤne Gedicht dem Shakſpeare ab⸗ ſprechen, iſt nur ſeicht und gruͤndet ſich eigentlich nur auf die Meinung, daß die Tragoͤdie ſchlecht ſey.“ Seitdem man aber neuerdings die Zeitgenoſſen unſers Dichters, Marlow, Green und andre mehr gewuͤrdigt hat, denkt man auch von dieſem Schauſpiel etwas beſſer, obwohl man es immer, allen innern Gegengruͤn⸗ den zum Trotz, und wiewol es 1611 ſelbſt mit Shakſpeare's Namen gedruckt iſt, ihm abſprechen will „und lieber ſich verſtricket in ein Netz, Als offen darlegt ein verdrehtes Recht. Nimmt man freylich dieſen aͤltern Johann als die Arbeit unſers Dichters an, ſo kann auch geſchehen, daß dem groſten Namen manches zugeſchrieben werde, was ſeiner unwuͤrdiger iſt, als die⸗ ſes Trauerſpiel. — 340 Anmerkungen. Die Grundlage dieſes Stuckes iſt hiſtoriſch; doch hat der Dich⸗ ler hier die Geſchichte ganz anders bearbeitet, als in ſeinen Buͤr⸗ gerkriegen der Roſen. Bie Figur des Robert Faulconbridge iſt nicht hiſtoriſch, ſondern nur aus Volksbuͤchern und Maͤrchen, ſo wie der weit fruͤher und anders erfolgte Tod des Herzogs von Oeſterreich, der hier mit Limoges verwechſelt wird, in das Gedicht aufgenommen worden. pag. 6. Z. 2. v. o. Solch Groſchen⸗Halbgeſicht u. ſ. w.— Koͤnig Heinrich VII. ließ zuerſt groats und halbe groats mit ſeinem Geſicht in Proſil prägen, da alle fruͤheren Muͤn⸗ zen das Haupt im Vollen darſtellten. Dieſe kleinen Muͤnzen mit dem ſpaͤrlichen Gepraͤge geben hier und oft den dramatiſchen Dich⸗ tern zu Scherzen Veranlaſſung. pag. 7. Z. 8. Daß keine Roſ' in's Ohr u. ſ. w.— Es war zu S.'s Zeiten gebraͤuchlich, daß diejenigen, die fein ſeyn und der Mode folgen wollten, Roſen hinter dem Ohr trugen. Hft, vorzuͤglich bei Frauenputz, waren es Schleifen und Baͤnder. Dieſe erſchienen auf den Muͤnzen, am Bildniß der Eliſabeth⸗ Sie ließ zuerſt in England die kleinſten Scheidemuͤnzen von Sil⸗ ber praͤgen, und auf den ganz geringen und duͤnnen Pfennigen erſchien dieſe Roſe faſt groͤßer, als der Kopf ſelbſt, weshalb F. ſagt, man wuͤrde ihm nachrufen; ſeht dort drei Heller gehn! pag. S. Z. 12. v. v. Habt guten Tag, u. ſ. w.— In dieſem humoriſtiſchen Monolog ergeht ſich der Baſtard uͤber die Affektation der Reiſenden, und der vornehmen Zirkel, in denen damals ein Weitgereiſeter zu den unentbehrlichen Unterhaltungen gehoͤrte. Coryat's Crndities waren damals geleſen, beliebt und verlacht. Coryat hatte einen großen Theil von Europa geſehn und nicht ohne Laune beſchrieben. Sein Buch war eben im Jahr 1611 erſchienen. Fullen(in ſeinen Worthies) ſagt von ihm: Canfett und Coryat haben am Hofe zum Nach⸗Tiſch gehoͤrt. Man hat auch neuere ueberſetzungen dieſes Buchs, zu welchem bei ſeinem erſten Erſcheinen die beruͤhmteſten Autoren ironiſche Anpreiſungen in lobenden Sonetten und andern Gedichten gaben. Es iſt fuͤr die Kenntniß der Sitten nicht unwichtig. pag. 9. Z. 16. v. o. Philipp! Ein Spaz!— Der Sperling wurde ſchon ſeit lage in England, wegen ſeines Tons, in dem man den Namen Philipp hoͤren kann, wenn man will, im Scherz Philipp genannt. pag. 14. Z. 4. v. n. So azii liegt's ihm auf dem uͤck uͤcken, Wie auf dem Eſel Herkuls Kraft erſchiene. Dieſe Stelle hieß in der vorigen Ausgabe: Es liegt ſo ſtattlich auf dem Ruͤcken ihm, Wie auf'nem Eſel des Alcides Kleid. Im DOriginal heißt es: Anmerkungen. 341 It Bes as nightly on the Pack of him, As great Aleides shoes upon an ass:— Dieſe Stelle hat den Commentatoren viel Noth gemacht. Shoes will Malone, der die Schuhe retten will, nicht ſo verſtan⸗ den wiſſen, daß ſie auf dem Ruͤcken des Eſels liegen; nein, es ſollen die Kothurne, oder Sohlen des Herkules ſeyn, die der Eſel an ſeinen Hufen traͤgt. Steevens legt ſie, was eben jene ganz gezwungene Erklaͤrung veranlaßte, dem Eſel auf den Ruͤcken. Da Theobald ganz mit Recht das unpaſſende einſahe, korrigirte er fuͤr shoes„hos; der Prunk, der Schmuck des Herkules, die Loͤwenhaut ſelbſt, die der Alcide trug; dieſe Haut wuͤrde dem Eſel ſo wenig ziemen, wie dem Auſtria die Loͤwenhaut, die er von Richard erbeutet hat. Dieſe Verbeſſerung, wenn auch shows fuͤr Schmuck hier etwas gezwungen ſteht, hat Schlegel angenom⸗ men. Ich leſe ebenfalls shows anſtatt shoes; denn dieſe Ver⸗ wechſelung und unrichtigkeit iſt in den alten nachlaͤßigen Drucken ſehr haͤufig; und erklaͤre am natuͤrlichſten: wie ſich Alcides auf einem Eſel reitend ausnimmt. Sighly des vorigen Verſes iſt dann:„recht in die Augen fallend,“ ungeziemlich, wenn man das ſtaatlich nicht ironiſch nehmen will. pag. 32. Z. 15. v. v. Im Bildniß einer unberuͤhr⸗ ten Braut,— fruͤher: In einer jungen ſchmucken Braut⸗ geſtalt— Im Original: In likeneſs of a new untrimmed bride. Trimmed iſt allerdings„geſchmuͤckt, geputt, und ſo moͤch⸗ ten auch deshalb die meiſten Commentatoren gern leſen: untrimmed mit Steevens durch nackt, reizend zu erklaͤren, iſt geſucht und hier voͤllig unpaſſend. Man ſieht aus den Zeitgenoſſen des Dich⸗ ters, daß im Verlauf der Jahre trimmed, vorzuͤglich im gemei⸗ nen Leben, und bei den Dramatikern, die deſſen Sprache redeten, ſehr verſchiedene Bedeutungen und Nuangen derſelben annahm. So kommt trimmed nicht ſelten unanſtändig vor, fuͤr genoſſen, entehrt, wie das gozada der Spanier. Spaͤterhin(und ſo hier um 1611) iſt der Ausdruck, wenn er auch die Bedeutung behalten hat, wieder edel geworden, und wird alſo hier fuͤr„unberuͤhrt, unentweiht, ungenoſſen“ gebraucht. 342 Anmerkungen. Richard der Zweyte. ſ zuerſt 1597 gedruckt und iſt wahrſcheinlich 1596 ge⸗ chrieben. pag. 131. Z. 2. v. o. Ach, warum ruft man u. ſ. w.— Dieſe ganze Szene der Abdankung, eine der ſchoͤnſten, die S. je geſchrieben hat, findet ſich nicht in der erſten Quartausgabe von 1591; ſie iſt erſt in der zweyten 1608 abgedruckt. Als Eſſer im Fruͤhling 1601 den verwegenen und unklugen Plan machte, die Stadt London gegen die Koͤniginn in Aufruhr zu ſetzen, ließen ſeine Vertrauten, Cuffa und Maricke, am Abend vorher Richard den Zweyten ſpielen, um ſich und ihre Anhaͤnger, auch wohl die nicht wiſſenden Zuſchauer, an den Szenen der Ermordung des Koͤniges, ſo wie der Entthronung und Strafe ſeiner ſchlechten Raͤthe noch mehr zu erhitzen. Die Schauſpieler weigerten ſich erſt, das Stuͤck, weil es nicht neu ſey, und die Menge nicht an⸗ locken wuͤrde, zu ſpielen; indeſſen bezahlten die Beſteller eine kleine Summe zur Entſchaͤdigung. In der Anklage des Grafen ward dieſer umſtand nicht vergeſſen. Es iſt hoͤchſt unkritiſch, nach einem andern Richard I. ſuchen zu wollen, oder argwoͤhnen, daß dieſe Scene, in welcher Richard gezwungen dem Thron entſagt, ſchon damals ein Theil des Trauerſpiels geweſen waͤre. Es mußte fuͤr den Dichter ein kraͤnkendes Gefuͤhl ſeyn, daß eine Partey ſein aͤcht patriotiſches Gedicht zu einer verraͤtheriſchen Abſicht ge⸗ braucht hatte. Spaͤter(wann, iſt ungewiß, ſo wie ob es je, oder oft nach dieſer Begebenheit wieder geſpielt wurde) fuͤgte er dieſe unvergleichliche Szene hinzu, die jener Partey wohl nicht haͤtte dienen koͤnnen, da ſie das ganze Gefuͤhl des Mitleids und der Theilnahme auf den ungluͤcklichen Koͤnig wendet. Was in dieſer Szene fuͤr Eliſabeth ſo verletzend geweſen waͤre, daß man es nicht gewagt haͤtte, ſie 1597 abzudrucken, iſt voͤllig unbegreiflich. Heinrich der Vierte. Erſter Theil. Iſt 1596— 97 geſchrieben. Wenn der zweyte Richard eine ruͤhrende Elegie und prophe⸗ tiſche Einleitung zu den Buͤrgerkriegen iſt, die ſpaͤter das Land verwuͤſteten, ſo ſind dieſe beiden Theile des vierten Heinrich, vor⸗ zuglich aber der fuͤnfte, große hiſtoriſche Luſtſpiele, munter er⸗ freuende Heldengedichte zu nennen. — 4 Anmerkungen. 343 Heinrich der Vierte. Zweyter Theil. Iſt 1597 gedichtet und geſpielt worden. Dieſes und das Schauſpiel gehoͤrten zu den beliebteſten und populäͤrſten in ngland. — 273. Z. 4. v. u. Iſt Durindane nicht hier?— Im Driginal: have we nöt Hiren here?— Hiren, Irene, die ſchoͤne Griechinn, war durch Volksko⸗ moͤdien als die Geliebte des Sultaus Mahomet des Zweyten be⸗ kannt, die er ſelbſt ermordete, als ſeine Krieger glauvpten, daß ſeine heftige Liebe zu ihr ihn weichlich mache. Der Name und die ganze Formel wird oft in den Schauſpielen jener Tage genannt, auch wohl gebraucht, um verdaͤchtige, ausſchweifende, oder ganz zuͤgel⸗ loſe Dirnen zu bezeichnen. Der Spaß hier iſt aber nur halb, wenn man nicht daran denkt, daß Wiren zugleich wie Iron klingt, der bramarbaſirende Piſtol ſein Schwert meint und die Wirthin nur an jene Irene denkt. Dergleichen laͤßt ſich nicht uͤberſetzen, weil bey allem, was an die Stelle tritt,(wie hier Durindane) das ſchnelle, allgemeine Verſtaͤndniß fehlt. Soll'n Packpferde u. ſ. w. Ceinige Zeilen fruͤher) nimmt Piſtol aus Marlows Tamerlan, entſtellt aber die Verſe. pag. 328. Dieſer Epilog war nicht in der fruͤheren Aus⸗ gabe. Jedes Stück hatte, wie noch jetzt die Sitte in England iſt, einen Prolog und Epilog bei ſeinem erſten Erſcheinen. Nur wenige von Sh. ſind uns uͤbrig, die durch eine Beziehung, die in ihnen vorkommt, gerettet ſind. So dieſer. Shakſpeare hatte fruͤher ſeinen Falſtaff Oldcaſtle genannt; dies hatten die Purita⸗ ner und ſtrengen Proteſtanten uͤbel gedeutet, da Oldtaſtle unter Heinrich V. als ein Maͤrtyrer der Lehre Wikleffs ſtarb. Die meiſten Commentatoren laͤugnen ohne Gruͤnde dieſe Umtauſchung des fetten Ritters. Sie zu widerlegen iſt hier der Ort nicht. 3 6 3 Anmerkungen zum zweyten Bande. Konig Heinrich der Fuͤnfte Wurde 1599 geſpielt und geſchrieben. Dieſes Stuͤck, als den verherrlichenden Schluß der erſten vier hiſtoriſchen Schauſpiele, hat der Dichter noch mehr als die vo⸗ rigen durch poetiſchen uiebermuth erhoben. Dazu braucht er auch den Chorus, der als Prolog und Zwiſchenredner erklärt und die große Aufgabe wuͤrdiget. Dieſe Form, durch einen ſogenann⸗ ten Chorus entweder die Geſchichte zu ergaͤnzen, oder die Ge⸗ wogenheit der Zuſchauer in Anſpruch zu nehmen, war bey den Englaͤndern ſchon altherkoͤmmlich— eine Art Parabaſe. Als ſich das Drama ausgebildet hatte, erſchien der Chor nur ſelten. Manche Dichter benutzten ihn noch zuweilen, auch wohl mitten im Act die Darſtellung unterbrechend, um eine dunkle und verwickelte Geſchichte zu erklaͤren, oder um zu ſcherzen und die Mannichfaltig⸗ keit zu vermehren. Nirgend aber iſt der Chor ſo ſchoͤn und edel gebraucht worden, um die poetiſche Darſtellung, die Groͤße des Gegenſtandes ſelbſt, noch mehr zu ſchmuͤcken. Erſte Szene. Wir haben verſchiedene Ausgaben dieſes Schauſpiels, und in der letztern iſt dieſe Szene umſtaͤndlicher, als in der fruͤhern. Der Dichter vermehrte das Lob des Koͤni⸗ ges, und ſtellte einiges ſo, z. B. uͤber ſeine Kenntniß der Thev⸗ logie und Redekunſt, daß es von den Zuſchauern auf Jakob I. ſollte angewendet werden. pag. 13. Z. 4. v. v. Nicht mit dem ſchwaͤchſten Epitaph geehrt. Im Original: Not worship'd with a waken epitaph, welches Wort die Erklaͤrer in große Verle⸗ genheit geſetzt, und das ſie vielfach und immer ungenuͤgend erläutert haben. Man gab ſich endlich damit zufrieden, daß es Epitaphe auf Papier mit Wachs angeheftet bedeuten ſollte. Darum hatte die fruͤhere Ausgabe auch„papiernes“ Epitaph. Aus Halls Satyren(B. III. Sat. 5.) ſehen wir aber, daß waxen um eine gewiſſe Zeit alles unbeſtaͤndige bedeutete, alles, was nicht feſt iſt, was ſo fluͤſſig, oder zerſtoͤrbar iſt, wie Wachs. Wächſern iſt alſo was nicht bleibt, nicht ausdauert. habe den Hall nicht zur Hand, um die beweiſende Stelle ganz abzuſchreiben. Vergl. Two Cent. Ver. 2, 4. pag. 25. 3. 19. v. u. Denn ſeine Naſe war ſo ſpitz, wie eine Feder:— hier fugt die vorige Ausgabe noch hinzu: er o nd n⸗ e en ch he ct te ig⸗ el es ſes er, ni⸗ eo I. en le⸗ end daß lte. daß les, chs. Ich anz itz, zu: Anmerkungen. 345 „und er faſelte von gruͤnen Feldern.“— Die Folio, in welcher allein ſich dieſe Stelle ſindet, lieſet ganz unverſtändlich: for his nose was as sharp as a pen, and a table ofgreen fields. Dafuͤr leſen die meiſten Editoren nun mit Theobald: andhe pabbled of green fields.— Dies wuͤrde ſich recht gut auf das in heißen Klimaten gewoͤhnliche Seefieber, ealeuture ge⸗ nannt, beziehen laſſen, wo die Ser fuͤr gruͤne Felder angeſehen wird, und konnte wohl als Symptom der Aufloͤſung gelten, wie das hippokratiſche Geſicht, das Flockenleſen kc. Doch in der ueberſetzung wurden dieſe Worte lieber ausgelaſſen. pag. 82. 3. 13. v. v. Wennjetzt der Feldherru. ſ. w. Eſſer, der damals das Commando der Armee in Irland hatte. Es iſt bekannt, wie dieſer vom Volk vergoͤtterte und von allen Dichtern und Schriftſtellern ſeiner Zeit geprieſene Held bald dar⸗ auf, aber unter ganz andern umſtaͤnden, als hier angedeutet wurden, zu ſeinem Ungluͤck nach England und London zuruͤck⸗ kehrte. Rach ſeinem Proceſſe, als Heinrich V. zuerſt gedruckt wurde, blieben deshalb alle Verſe des Chorus weg, weil der Dichter wohl dieſe Stelle nicht ausſtreichen mochte, wie er leicht gekonnt hätte, ohne dem Verſtaͤndniß zu ſchaden. Heinrich der Sechſte. Erſter Theil. Die drei Theile, die das Leben des ſechſten Heinrich enthal⸗ ten, gehoͤren zu den allerfruͤheſten Arbeiten des Dichters, und man irrt wohl nicht, wenn man ſie 1589 und 1590 in die Zeit⸗ ordnung ſeiner Werke ſtellt. Es iſt jetzt, wie es ſcheint, bei allen engliſchen Kritikern, die ſich haben vernehmen laſſen, eine ausgemachte Sache, daß der Erſte Theil dieſes Heinrich durchaus nicht von unſerm Dich⸗ ter herruͤhre, und der zweite und dritte nur Ueberarbeitung frem⸗ der Arbeit ſeyo. Auch Drake, der ſich die Miene des gruͤndlichen Forſchers giebt, tritt dieſer Meynung bey, die ganz unhaltbar iſt, obgleich Malone eine lange Abhandlung und Unterſuchung dieſem Gegenſtande widmete, in welcher er auf ſeine pedantiſche und geſchmackloſe Art das Thema hoͤchſt ermuͤdend durchfuͤhrt. Dieſer voͤllig unkritiſche Aufſatz hat ſo viel Autoritaͤt gewonnen, daß auch diejenigen ihren Beyſall gaben, die ſonſt nicht mit Ma⸗ lone einverſtanden waren. Dieß beweiſet nun, daß die Eng⸗ laͤnder immer noch nicht aufmerkſam genug ihre alten Schrift⸗ ſteller, die Zeitgenoſſen des Dichters, leſen, und daß es ihnen an unbefangenheit und freyem Sinn fehlt, um Shakſpear ſelbſt ſo zu wuͤrdigen, wie er es verdient, die Epochen ſeiner Bildung, 346 Anmerkungen. die Verſchiedenheit ſeines Styls, die Veraͤnderung ſeiner Sprache, und die Mannichfaltigkeit ſeiner Abſicht durch fortgeſetztes Stu⸗ dium zu erkennen. Ein ſolches Studium aber wird und muß zu ganz andern Reſultaten fuͤhren, als die Englaͤnder gefunden haben. Es dreht ſich immer um den Einen Punkt: dieſe drey Heinriche ſind des großen Dichters unwerth, folglich koͤnnen ſie nicht von ihm ſeyn. Was wuͤrde man aber wohl von einem Kritiker ſagen, der dieſe aͤltern Gedichte beſſer als die Englaͤn⸗ der wuͤrdigend, etwa ſo räͤſonniren wollte?—„Dieſe drey Heinriche, jugendlich raſch entworfen, zuweilen ungeſchickt gear⸗ beitet, oft herbe oder ſchwer in der Sprache, zeigen im Fort⸗ gange des großen Gedichtes einen Geiſt, der mit ſeinem Gegen⸗ ſtande ſelbſt immer groͤßer und mächtiger wird, und der, mit dem wundervoll beſchließenden dritten Richard uns eine Ge⸗ ſchichtsdichtung entwickelt, in welcher durch Darlegung des Eigennutzes, der Leidenſchaft, des Stolzes und der Rachſucht ſo tlar, einleuchtend und furchtbar üͤberzeugend die Idee des Schick⸗ ſals ſich vergegenwärtiget, daß keine Litteratur ein ſo patriotiſches, edles Werk von ſo großem umfange aufzuweiſen hat, daß ſelbſt das Groͤßte und Edelſte im Shakſpear, zeige es noch ſo viel Reife, Gediegenheit und Macht, ſich im Plan wenigſtens, in der großen Conception, nicht mit dieſer vielgegliederten Ge⸗ ſchichtstragodie vergleichen laͤßt. Wie kann man alſo glauben, daß ein ſo ernſter und erhabner Geiſt etwa die Veroneſer, oder ſelbſt die Sommernacht dichten und ſich in dieſe poetiſchen Kleinigkeiten und Kindereien mit Liebe habe vertiefen koͤnnen? um ſo unglaublicher, da er die letzteren in reiferen Jahren hätte dichten muͤſſen! Nein, eine ſolche umkehrung giebt es in der Natur nicht und wir ſind gezwungen anzunehmen, da jene aͤl⸗ tern Gedichte Anfangs ohne Namen erſchienen, ein Unbekannter ſey fruͤh verſtorben, der, wenn ihn das Schickſal erhielt, dieſen mit Recht geprieſenen Shakſpeare in Zukunft weit uͤberfluͤgelt haͤtte.“—— Dieſes waͤre auch das Raͤſonnement eines Einſeitigen, der nur dieſe Geſchichtsſtucke beſſer, als die Engländer verſtanden haͤtte. Denn, wie kann man ſich der Ruͤhrung und Bewunde⸗ rung erwehren, wenn man in dieſem erſten Theile auch nur den Tod Jalbots und den Streit mit ſeinem Sohne lieſet! Manches iſt zu kurz abgefertigt, oder herbe behandelt, wie die Figur der Jungfrau von Orleans. Der Dichter fuͤgt ſich hier ganz dem Glauben des gemeinen Volks und dem Haß der Englaͤnder gegen dieſes Maͤdchen, das ihnen ſo großen Schaden zugefuͤgt hatte. Fe pag. 100. Z. 9. v. u. Als Julius Cäſar oder— Die Eile des ploͤtzlich eintretenden Vothen verhindert den Schluß der Rede und die Editoren haben alſo ohne Noth Berenice hin⸗ zugefuͤgt. il⸗ ter en elt n, en de⸗ ur t die ier der en luß in⸗ Anmerkungen 347 Heinrich der Sechſte. Zweyter Theil. Im Jahr 1599 oder 1600 arbeitete der Dichter dieſes Schau⸗ ſpiel, welches er ſchon 1590 geſchrieben hatte, wieder um. Dieſe neue Bearbeitung machte jetzt eben ſo viel Gluͤck beym Publikum, als die fruͤhern, und dieß veranlaßte den Verleger der fruͤheren Werke Shakſpeare's die aͤltern Schauſpiele unter dem Titel: The Contention of the two famous Houses Vork and Lancaster, 1600 dem Druck zu uͤbergeben. Der Erſte Theil Heinrichs erſchien erſt 1623 in der erſten folio, und dieß iſt eins der Hauptargumente, die Malone braucht, um dieß Schauſpiel unſerm Dichter voͤllig abzuſprechen, obgleich dieß allein, da Heminge und Condell, alte Freunde und Cameraden des Dichters, die ſeine Arbeiten wohl kennen mußten, die Herausgeber der folio waren, mehr gilt, als alle neu erho⸗ benen Zweifel. Dieſer erſte Theil wurde zwar, wie es ſcheint, im Globus ſelbſt, von der Geſellſchaft Shakſpeare's, nicht wieder geſpielt. um 1592 hatte er allgemeinen Beyfall gefunden, jetzt mochte er veraltet ſeyn. Vielleicht hatte die andre Geſellſchaft auch, die ihn damals geſpielt, ihr Recht nicht aufgeben wollen, weil er noch beliebt ſeyn mochte. Es kam hinzu, daß der Schau⸗ ſpieler, der den Talbot mit ſo vielem Applaus geſpielt hatte, nur von kleiner Statur war. Einen tragiſchen Schauſpieler von dieſer Kleinheit beſaß wohl die Geſellſchaft des Globus nicht, und wie der Dichter ihn als kleinen Mann bezeichnet, ſo war die Stadt auch wohl zu ſehr daran gewoͤhnt, ihn als ſolchen zu ſehn, ſo daß der Hichter ſchon dieſes Charakters wegen ſein Stuͤck vielleicht nicht von neuem umarbeiten mochte. pag. 252. 3 4. v. u. Halme! Helme!— Im Origi⸗ nal sallet, das Salat und auch, vom ſpaniſchen celada wohl, einen ganzen Helm, mit Viſier, bedeutet. Heinrich der Sechſte. Dritter Theil. Fur diejenigen Leſer, welche die vier Baͤnde beſitzen, welche Steevens 1766 drucken ließ, und die die 20 Stuͤcke enthalten, die ſchon vor 1623 in Quart erſchienen waren, iſt es intereſ⸗ ſant, die fruͤhere Arbeit Shakſpeares mit dieſer ſeiner reiferen Zeit zu vergleichen. Nichts kann ſo belehrend ſeyn, als aus zwey verſchiedenen Zeiten das Werk eines ſo großen und vollen⸗ deten Dichters mit unbefangenem Auge anzuſehn: waͤre es auch nur, um ſeine Fortſchritte zu meſſen. Dieſe vier Baͤnde der III. 23 Anmerkungen. Quartabdruͤcke ſind aber jetzt ſelbſt in England ſelten. Dem kritiſchen Leſer ſind ſie unentbehrlich, ſo wie die Folio von 1623; 1 denn es iſt unglaublich, wie willkuͤrlich alle Editoren den Tert 1 des Dichters, Versmaas, und alles nach einſeitigen Grundſätzen 1 und Mangel an Kenntniß veraͤndert haben. Anmerkungen zum dritten Band. Richard der Dritte. Dieſes beruͤhmte Schauſpiel, welches des Dichters Ruhm in einer Zeit durch ſeine Popularitaͤt noch mehr verbreitete und begruͤndete, wurde wohl unmittelbar nach dem dritten Heinrich dem ſechſten um 1590, oder 1591 geſchrieben. Es war aber gewiß nicht urſpruͤnglich ſo, wie wir es jetzt beſitzen; denn dieſe Bearbeitung iſt von 1596, in welchem Jahre das Schauſpiel auch zuerſt gedruckt wurde. In dem fruͤheren Schauſpiel ſcheint das Schickſal der Shore, der Geliebten des Haſtings, einen 2 Theil der Tragodie ausgemacht zu haben. — Heinrich der Achte. Aus Inhalt, Ton und Abſicht erkennt der aufmerkſame Leſer ſogleich, daß dieſes merkwuͤrdige, charakteriſtiſche Schau⸗ ⁰ ſpiel noch bei Lebzeiten der Koͤniginn Eliſabeth geſchrieben ſev. Vielleicht entſtand es ſchon 1600, ſchwerlich ſpaͤter, als 1601. Denn es ſollte, da nun Heinrich V. geendigt, die Buͤr⸗ gerkriege umgearbeitet und von neuem auf der Buͤhne erſchienen waren, gleichſam ein Epilog, eine Verherrlichung der Gegen⸗ 3 wart ſeyn, des Gluckes und Friedens, die nun endlich, nach ſo vielen blutigen Kaͤmpfen, errungen waren. und ſo beſitzen die Englander eine Reihe von zehn groſen Werken uͤber die engliſche Geſchichte und eine ihrer merkwuͤr⸗ digſten Perioden, wie kein anderes Volk etwas dem nur Aehn⸗ liches aufzuweiſen hat. Der ſpaͤter gedichtete neuere Koͤnig Johann eroͤffnet gls t ragiſch⸗humoriſtiſcher Prolog dieſe maͤch⸗ ne u⸗ en 6 — en ir⸗ n⸗ nig ch⸗ Anmerkungen. 349 tige Welt von Bildern und Erſcheinungen, Gedanken und Em⸗ pfindungen, Leidenſchaften und Schickſalen. Mit herber Ironie und tiefſinniger Wehmuth verhoͤhnt der Dichter in dieſem Prolog alle ſogenannte Politit, und klagt den Eigennutz, die Herrſch⸗ gier und Treuloſigkeit der Fuͤrſten an, die ſchwankende An⸗ maßung und Achſeltraͤgerey der Großen, und das Zuſammen⸗ brechen aller Leiden auf die erliegende unſchuld: eben ſo das Un⸗ genuͤgende dieſer armen, hinterliſtigen Klugheit, die Kurzſichtig⸗ keit des Deſpotismus, der das Schwerdt gegen ſich ſelber ge⸗ ſchliffen hat. Als Chorus gleichſam, der im Bewußtſeyn alles dieß ſieht und erkennt, dient ein wilder Luſtigmacher und Held, Faulconbridge, der eben ſo eigennuͤtzig, klug und ein Diener des Gluͤcks, wie die uͤbrigen, alles zu ſeinem Vortheile kehrt, und nicht minder wie jene, die er verſpottet, auch den lovyalen Pa⸗ trioten ſo heftig zu ſpielen weiß, daß er ſelbſt an ſeine Tugend glauben darf. Kann dieſe kuͤhne, großartige Einleitung fuͤr alle Geſchichts⸗ dramen dienen, ſo tritt nun, in Richard dem Zweyten(in⸗ deſſen faſt dreyhundert Jahre verfloſſen waren) ein andrer elegiſch-prophetiſcher Prolog ein, der in einem erſt ſcheinbar unbedeutenden Zwiſt einzelner Maͤnner und Familien ſchon die ſchweren, langwierigen und blutigen Buͤrgerkriege andeutet, in welchen die großen adlichen Familien faſt in gegenſeitigem Kampfe vernichtet wurden. Ein leichtſinniger Koͤnig, deſſen edles und ſchoͤnes Gemuͤth ſich erſt im ungluͤck zeigt und aus⸗ bildet, wird von einem klugen uſurpator verdraͤngt, der ſein Gluͤck und die umſtaͤnde zu benutzen verſteht. Dieſe Gluͤcksfälle, welche ihn erhoben haben, wiederholen ſich zu ſeinen Gunſten auch, indem er die Freunde niederſchlägt, die ihm zum Thron verhalfen. Dieſe heitre Luſt der Gegenwart ſpiegelt ſich in den beyden heroiſchen Luſtſpielen ab, deren Inhalt das Leben und der Tod Heinrichs des Vierten iſt. Bis zum Gipfel ſteigt Ruhm und Freude, die Verherrlichung des Helden und des Vaterlandes im fuͤnften Heinrich.— Bieſe Gedichte ſchrieb der reiſe Mann; der Juͤngling, der ſcheinbar unerfahrne, aus ernſtem, erhaben geſtimmten Gemuͤthe, die Kriege der rothen und weißen Roſe. Am Enkel, Heinrich dem Sechſten, an der edlen, faſt heiligen Unſchuld werden die Vergehungen ſeines Großvaters heimgeſucht. Die ſiegende Partey nahrt aber ſchon in ihrem Schooße jenen dritten Richard, der auch an ihnen ſelbſt, Bruͤdern und Verwandten, alles unrecht ſtraft, das ſie gegen ihre Feinde ausgeuͤbt haben. Dieſes ungeheure Schlußgedicht, das wieder prophetiſch, mythiſch und hochpoetiſch dieſe furcht⸗ bare Zeit und das furchtbare Gemaͤhlde zu Ende fuͤhrt, laͤßt uns Hoffnung und Zutrauen zu einer beſſern Zeit faſſen, in welche hinein uns nur ein ahnender Blick vergoͤnnt iſt. Dieſe große Erſchuͤtterung des Landes, wenn wir die we⸗ nigen finſtern Jahre der Maria abrechnen, war die letzte poli⸗ — —— 350 Anmerkungen. tiſche vor der Zeit des Dichters geweſen. Nur ein Jahrhundert war ſeit Richards III. Tod entſchwunden, als S. ſie zu beſchrei⸗ ben begann: ſeine Voraͤltern hatten noch am Zwieſpalt Theil genommen. Die Freude ſeiner Tage war aber nicht lange nach jenen ſchweren Zeiten geboren worden; und dieſen Augenblick zu verherrlichen, ſchrieb er dieſen Heinrich VMII. den politiſchen, vaterlaͤndiſchen Epilog zu jenen Dichtungen.— Es beweiſ't eine hoͤchſt liberale Geſinnung der Regierung, daß dieſes Schau⸗ ſpiel, in welchem ſelbſt uͤber Eliſabeth geſcherzt, und die Schwaͤ⸗ chen ihres Vaters nicht verſchwiegen wurden, oͤffentlich geſpielt werden durfte. Immer iſt es noch nicht ausgemacht und verdient eine naͤ⸗ here Unterſuchung, ob Shakſpeare nicht uͤberhaupt der Erſte war, der die Gegenſtaͤnde aus ſeiner vaterlaͤndiſchen Geſchichte auf die Buͤhne brachte, und ob nicht in dieſer Hinſicht ſelbſt ſeine fruͤhe⸗ ſten und damals beruͤhmteren Zeitgenoſſen ſeine Nachahmer wa⸗ ren, wie er in ſeiner Jugend wohl auch ſie in andrer Ruͤckſicht nachahmte. pag. 107. Prologus.— Faſt alle Editoren haben in dieſem, ſo wie im Epilog, eine andere Manier erkennen wollen, als an welche uns Shakſpeare gewoͤhnt hat. Manche haben geſchloſſen, Ben Jonſon muͤßte ſie geſchrieben, das Stuͤck zur Auffuͤhrung gebracht, und in dieſem ſelbſt wohl manches geaͤn⸗ dert haben. Dieſe Meynung iſt wenigſtens voreilig; denn da wir Prolog und Epilog in der erſten Folio antreffen, ſo laͤßt ſich ſchwer begreifen, warum die Herausgeber, die alten Freunde des Dichters, dieſem fremde Verſe ſollten untergeſchoben haben, die ſogar den Anſchein haben, als ſatyriſirten ſie viele ſeiner eigenen Gedichte. Da wir nur wenige von Shakſpeare's Prologen erhalten haben, ſo iſt ſchwer zu beſtimmen, in wiefern hier ſeine Manier ihm ſelber unaͤhnlich ſeyn. Man ſieht, der Prolog ſpricht mit mehr Vertrauen und Sicherheit von dem Werke des Dich⸗ ters, als wir es in Heinrich V., oder in Trvilus wahrnehmen; er ſpricht ſogar von der unziemlichkeit der Gefechte auf der Buͤhne; das geſchieht aber gewiſſermaßen auch in dem einen Chor Heinrichs V.— Wir wiſſen, daß im Jahr 1613 dieſes Stuͤck, nachdem es vielleicht einige Jahre gelegen hatte, von neuem mit einigem Aufwande den Freunden des Theaters aufgefuͤhrt wurde. Wenn nicht ſchon am Schluß das Lob auf Jakob hinzugefugt war, ſo wurden jetzt dieſe Verſe geſchrieben, und wahrſcheinlich Manches im Stuck veraͤndert und verbeſſert.— Daß ſchon im J. 1601 und 1602 Heinrich VII. ein Lieblingsſchauſpiel der Stadt geworden war, ſehn wir daraus, daß er es wagen durfte, aller Kritik und der vorgeſchrittenen Theaterbildung, ja lei⸗ denſchaftlichen Parteyen zum Trotz, ſein allerfruͤheſtes, und, wenn man will, ſchwaͤchſtes Gedicht,„Leben und Tod Crom⸗ wells“ ganz unverandert wieder auf das Theater zu brin⸗ — DNS—*— *— S X 5— — — ch m er o, i⸗ d, n n⸗ — Anmerkungen⸗ 351 gen. Viele Schauſpiele aus dem Leben der Eliſabeth, ſo wie Heinrich ihres Vaters, wurden geſchrieben, und auf den andern, den eigentlichen Volkstheatern, auch mit Wohlgefallen geſehn. Ein ſolches„If vou see me, Je know me,“ enthielt auch dieſe neueſte Geſchichte, wurde auch 1613 gedruckt, war aber wahr⸗ ſcheinlich fruͤher geſchrieben, und in dieſem Schauſpiele erſchien Patch, der wohlbekannte Narr Wolſey's, und Summers, der Hofnarr des Koͤniges.— Da nun Heinrich ViII. von Shak⸗ ſpeare ein bekanntes und beliebtes Schauſpiel war, ſo ſpricht der Dichter im Prolog mit Zuverſicht von dem Werk: es war aber uͤberarbeitet, und hatte als verändertes Stuͤck noch den Titel: A11 is true, oder A11 is truth,— Alles iſt Wahr⸗ heit. Auch darauf ſpielt der Prolog an: erinnert aber zugleich, daß man es nicht mit jenen Volkskomoͤdien verwechſeln, oder Unanſtandigkeit, rohen Witz und perſoͤnliche Satyre erwarten ſolle. Im Fruͤhjahr 1613 war ganz London in aufgereizter Bewe⸗ gung; die Vermaͤhlung der Tochter des Koͤniges, Eliſabeth, mit dem Pfalzgrafen Friedrich, dem nachherigen ungluͤcklichen Koͤnige von Boͤhmen, wurde gefeyert. Englaͤnder vom Lande, wie aus den Stäͤdten, hatten ſich nach London begeben, viele Deutſche und Ausländer waren zugegen; und ſo erneute der Dichter ſein Werk, in welchem ſchon der Name Eliſabeth viele Zuſchauer in dieſer Stimmung aufregen mußte. Die Autorität der Kinder von der Capelle(ſ. hieruͤber die Vorrede zum Erſten Bande der Vorſchule Shakſpeare's) hatte ſich wieder verlohren, oder dieſe Geſellſchaft machte mindeſtens nicht mehr ſo große kritiſche Anſpruͤche. So galt die Geſellſchaft des Globus von neuem fuͤr die beſſere und die Beſucher dieſes Theaters fuͤr gebildet. Auch dieß erwaͤhnt der Prolog. pag. 109.— In dieſer Einleitung iſt etwas Geſuchtes, ja Gewaltſames nicht zu verkennen; die Krankheit des Hoͤrenden, damit ihm erzaͤhlt werden koͤnne, ſo wie nachher der Uebergang auf Woilſey, ſind nicht natuͤrlich. Ich vermuthe, daß dieſe Verſe erſt 1613, und nicht ohne Anſtrengung, geſchrieben wurden; ſie ſollen, wie es mir ſcheint, an die Feſtlichkeiten erinnern, die die Stadt eben geſehn hatte, und an den Prunk, den die Deutſchen und der Pfalzgraf, ſo wie der Koͤnig Jakob und der Engliſche Adel, hatten ſchimmern laſſen. pag. 122. Dritte Szene.— Auch hier iſt ein gezwun⸗ gener Ton und geſuchte Sprache, die ſich nicht recht in das uͤbrige Meiſterwerk einfuͤgen wollen. Ich halte auch dieſe Szene fuͤr neu gearbeitet, und die naͤchſten Beziehungen, wodurch ſie mehr Bedeutung erhielte, ſind fuͤr uns jett verlohren. png. 126. 3. 12. v. o. Man hoͤrt Kanonen abfeuern. — Dieſe, die hinter den Szenen abgeſchoſſen wurden, ſetzten — ——— Anmerkungen. im Sommer 1613 den Globus in Brand, der das Schauſpiel⸗ haus vernichtete. pag. 134. Z. 12. v. u. Konig. Wer iſt hier? he? — Die Art und Weiſe des Koͤnigs im ganzen Stuͤck, ſeine Sprache, die Manier abzubrechen, Parentheſen einzuſchieben, ꝛc. iſt ſo vortrefflich und portraitmaͤßig, daß er, ſo wie er auftritt, die neberzeugung giebt, man ſehe einen laͤngſt gekannten. Capell bemerkt in ſeinen Erlaͤuterungen, daß dieſes haͤufige Ha! auch von andern Dichtern ihm in den Mund gelegt werde. So im Stuͤck If vou know me(von Rowley) ſagt der Narr Sum⸗ mers: hat er einmal ſo ein Ha! gerufen, ſo iſt kein Mann am Hofe, der es um ſein Leben wagte, drein zu reden. Der andre Narr, Patch, iſt ſchon aus Furcht unter den Tiſch gekrochen. Summers zieht ihn hervor und zwingt ihn, zum Koͤnig zu gehn, den er Boh! anſchreyen muß; der Koͤnig zuͤrnt zwar, wird aber doch dadurch erheitert.— In demſelben Stuͤck kommt noch ſpaͤter ein Gefecht vor.— Es iſt hieraus mehr als hinlaͤnglich erwieſen, daß die im Prolog auffallenden Verſe auf das Schau⸗ ſpiel dieſes S. Rowley ſich beziehn, nicht aber, wie man zu leicht geglaubt hat, von fremder Hand herruͤhren und den Shak⸗ ſpeare ſelbſt tadeln ſollen. Der Sommernachtstraum Hat davon den Namen, weil er am Johannistage auf⸗ gefuͤhrt ward. Die Johannisnacht wurde in England, wie faſt allenthalben in Europa, zu manchem unſchuldigen Aber⸗ glauben und Spiel gebraucht, den kuͤnftigen Mann, oder die Geliebte zu erfahren, zu weiſſagen, u. d. gl. Viele Kraͤuter und Blumen ſollten nur in dieſer Nacht ihre vollkommene Kraft, oder irgend etwas Zauberiſches erhalten. Die Hitze der Jahrszeit, nahm man an, wirke außerdem ſo auf die Phantaſie, daß in dieſen Wochen die ſeltſamſten Traͤume, ungewoͤhnliche Zuſtaͤnde, Tollheiten und Launen der wunderlichſten Art den Menſchen beſuchten. Daher der Titel dieſes romantiſchen Meiſterwerks, in welchem die bluͤhendſte Einbildungskraft, gutmuͤthige, liebevolle Schalkheit, ſeltſamer Humor, Launen der Liebe und Alles Thoͤ⸗ richte und Erfreuliche in wunderſamen Geſtalten den verſtehen⸗ den Leſer necken und begluͤcken. Wem es freylich verſagt iſt, das Verſtaͤndniß zu ſinden, die Hriginalitaͤt des Gedichtes zu fuͤhlen, und ſich von dem Zauber dieſer Sprache und dem lieb⸗ lichen Wechſel mannichfaltiger Bilder hinreißen zu laſſen, der wird auch durch Erklaͤrung, Kritik und wos alles in Bewegung — Anmerkungen. 353 geſetzt werden moͤchte, niemals weiter kommen. Haͤtte Shak⸗ ſpeare auch nichts, als dieſen Traum gedichtet, ſo wuͤrde er einen Platz unter den groͤßten Dichtern ſich errungen haben. Eine Kurzſichtigkeit der engliſchen Kritik iſt es, ſo ſehr ſie einzelne Schoͤnheiten anerkennt, nicht die Vollendung, das Ein⸗ zige dieſes Werkes, zu verſtehn. Alle Commentatoren ängſtigen ſich deßhalb, die Zeit ſeiner Entſtehung ſo weit als moͤglich zu⸗ ruͤck zu ſchieben, damit der junge, unerfahrne Dichter fuͤr ſeinen ſchwachen Plan und die gehaltloſen unbeſtimmten Charaktere einige Entſchuldigung finden moͤge. Der Kenner, der den Dich⸗ ter und ſeine Sprache verſteht, muß ſich uͤberzeugen, daß dieſe Phantaſie um dieſelbe Zeit der poetiſchen Trunkenheit entſtand, die den Kaufmann von Venedig, Was Ihr wollt, Wie es Euch gefaͤllt, und Heinrich V. erzeugte. Im Jahr 1600 erſchien das Gedicht zuerſt gedruckt, und man kann annehmen, daß es auch in dieſem Jahr geſchrieben wurde; denn Mares erwaͤhnt es 1598. In dieſem Jahr 1598 vermaͤhlte ſich auch der Freund des Dich⸗ ters, Graf Southampton, mit ſeiner geliebten Miſtreß Varnon, mit welcher er ſich ſchon ſeit lange verſprochen hatte. Vielleicht war der Kern oder die erſte Skitze des Drama ein Gluck⸗ wunſch fuͤr die Neuvermaͤhlten, in Form einer ſogenannten Maske, in der Oberon, Titania und ihre Feen dem Brautpaar Gluͤck und Heil wuͤnſchten und weiſſagten. Der komiſche Gegen⸗ ſatz, die Szenen der Handwerker bildeten von ſelbſt, was man die Anti-Maske nannte, und welche Form ſpaͤterhin Ben Jon⸗ ſon unter dem Koͤnige Jakob fuͤr deſſen Hof mit aller Zier der Poeſie und des Witzes vollendete. So fuͤgten ſich dann ſpaͤter um dieſes Gelegenheitsgedicht die uͤbrigen Szenen des Schauſpiels. Auch Southampton vermaͤhlte ſich gegen den Willen der Koͤni⸗ gin mit ſeiner Braut. Eliſabeth ſcheint um die Heirath anfangs nicht gewußt zu haben; denn ſie behandelte ſie wie eine heim⸗ liche; die junge Lady Varnon war bey der Trennung von ihrem Geliebten, als dieſer in Frankreich Heinrich IV. ſah, der Gegen⸗ ſtand des Mitleids aller ihrer Freunde geweſen. Eſſex wurde durch dieſe Verbindung mit Southampton verwandt, mit wel⸗ chem er fruͤher nicht im beſten Vernehmen gelebt hatte. über Southampton(wie wir aus Shakſpeare's Sonetten lernen) ſeufzte manche Schoͤne, die ſeine Liebenswuͤrdigkeit gewonnen hatte. Wo⸗ hin man blickt, ſieht man Beziehungen, Anſpielungen, die, wenn ſie das wunderſame Gedicht auch nicht naͤher erlaͤutern, doch durch ihr halb durchſchimmerndes Verſtaͤndniß dem Leſer faſt eben ſo necken, wie die Sterblichen des Schauſpiels von dem Kobolde Puck geneckt worden. pag. 200. Puck. Der eigentliche Name dieſes Koboldgei⸗ ſtes ſtatt Droll iſt wieder hergeſtellt worden, weil er bei den Englaͤndern ganz mythiſch und allgemein bekannt iſt. Wenn die uͤbrigen Elfen, auch Titania und Oberon, von Kindern ge⸗ Anmerkungen. ſpielt wurden, ſo mochte der ſchadenfrohe, muthwillige Puck wohl ſchon etwas mehr erwachſen ſeyn. Doch hatte ſeine Geſtalt wohl nichts Abſchreckendes, Widerwaͤrtiges oder Rohes, weil er ſonſt leicht den ſchoͤn gearbeiteten vielſtimmigen Satz dieſer barocken poetiſchen Phantaſicen geſtoͤrt haͤtte. In einem alten Stuck, Grim der Kohlenbrenner von Croydon(ſ. Dodsley, XI.) macht ſich ein untergeordneter Geiſt der Hoͤlle, Auerhahn, mit einem maͤchtigern auf die Erde und unter die Sterblichen hinaus: er verlaͤßt ſeinen Dienſt und erſcheint auf dem Dorf in der Geſtalt des Puck, Hobgoblin, Robin, oder Gutgeſell: ſo ſehn wir ihn im vierten Akt in einem ledernen, dicht anſchließen⸗ den Kleide, Geſicht und Haͤnde braunroth, einen Dreſchflegel in der Hand.— In einem alten Stuͤck Wily beguiled(ſ. Hawkins Origin. III.) tritt ein gemeiner Be⸗ truͤger auf, der ſchon Robin Goodfellow heißt, der ſich vor⸗ nimmt, einen andern zu erſchrecken, indem er ſagt:(Scena 5.) „Ich will meine brennend rothe Naſe anthun, in ein Kalbsfell gewickelt kommen, und ſchreyen bo! bo! und ſo will ich, ohne Frage, dem Gelehrten einen Schrecken einjagen.“— In der ächten Szene ſagt derſelbe: Ich ſetz mir an die große dunkle Naſe, Und huͤll mich in das Kleid von Kaͤlberfellen, So komm' ich wie Hobgoblin, oder Teufel— Man wuͤrde gewiß irren, wenn man ſich den Puck der Som⸗ mernacht unter dieſer, oder einer aͤhnlichen Geſtalt denken wollte. In jedem Stuͤck, in welchem Feen und Geiſter erſchienen, traten ſie nach den umſtanden anders auf: ſeltſamer, roher, geiſtiger oder kindiſcher. So iſt in der Beſchreibung des Merkutio die Koniginn Mab auch eine ganz andre als dieſe Feenkoͤniginn Titania. pag. 211. V. 1. v. u. Durch eben die Zerruͤttung wandeln ſich u. ſ. w. Dieſe ganze Beſchreibung eines unna⸗ tuͤrlichen Herbſtes, Winters und Sommers, der Stuͤrme und vielfachen Regen bringt, malt wahrſcheinlich das wirkliche Jahr, in welchen Shakſpeare dieſes Luſtſpiel dichtete. Doch findet ſich nicht, daß die Chroniken dergleichen vom Jahr 1598 melden. Mares erwaͤhnt zwar in dieſem Jahr der Sommernacht; alſo war ſie geſchrieben, doch ward ſie erſt 1600 gedruckt, und dieſe ganze Stelle iſt vielleicht hinzugefuͤgt; denn das Jahr 1590 und zum Theil 1600 war in der That ſo regnicht, daß die Frucht ver⸗ darb, und eine Theurung entſtand. pag. 213. V. 7. v. o. und'ne Sirene, die ein Del⸗ phin trug— Viele haben dieſe Schilderung auf die Koͤniginn Maria von Schottland deuten wollen; aber die Erklaͤrung iſt zu geſucht, und die Stelle bleibt pvetiſcher, wenn man ſie nicht allegoriſch nimmt. Es wäre auch unziemlich, hier bei Spiel N— 5 ——— — 8 S* Anmerkungen. 355 und Feſt an das tragiſche Schickſal jener Ungluͤcklichen zu erin⸗ nern und an jene Großen, die ſie in' Verderben zog.— Die folgende ſchoͤne Schilderung der Veſtale, der königlichen Prie⸗ ſterin, bezieht ſich allerdings auf die Eliſabeth. pag. 216. In dieſem Chor der Elfen, das die Koͤniginn einſchlaͤferte, iſt ſtatt des fruͤheren Eya Popeia, Lulabey geſetzt, weiches trochäiſcher und ſuͤßer klingt, da wir uͤberdieß das Wort einlullen auch in unſrer Sprache haben. pag. 248. V. 7. v. u. Der Muſen Neunzahl. S. Vorrede pag. 13. 3 u Shakſpeare's Vorſchule; denn wahrſcheinlich iſt hier Spenſers Gedicht: die Thraͤnen der Muſen gemeint.— 1598 ſtarb Spenſer auch in großer Duͤrftigkeit in London, nachdem er durch die Rebellen in Irland ſein Vermoͤgen dort verloren hatte. Viel Lärmen um Nichts. Iſt am Ende des Jahrs 1599, oder im Jahr 1600 gedichtet. 1600 iſt es in das Verzeichniß der Buchhaͤndler eingetragen und auch gedruckt worden. Es folgt alſo unmittelbar auf Heinrich den Fuͤnften. pag. 264. Z. 13. v. o. Er ſchlug ſeinen Zettel hier in Meſſina an.— Fuͤr Fechter und Schuͤtzen war es nichts ungewoͤhnliches in London, Wetten und Ausforderungen, um ihre Geſchicklichkeit zu zeigen, in angeſchlagenen Blättern anzubieten. So ſcherzt Beatrice hier, daß Benedict den Cupido gefordert hatte, um mit Bogen und beſchwingtem Pfeil den weite⸗ ſten Schuß zu thun: er will alſo maͤchtiger als Cupido ſeyn, ſeinem Witz, ſeiner Schoͤnheit vertrauend, ohne ſelbſt bezwungen zu werden. Der Narr ſoll dieſe Ausforderung unterſchrieben, und auf den ſtumpfen Bolzen gefordert haben, womit man Kraͤhen zu verſcheuchen pflegte⸗ Er macht dadurch den Benedict zu einer häßlichen Vogelſcheuche.— Immer behaͤlt die Stelle eine ge⸗ wiſſe Dunkelheit. pag. 268. 3. 2. v. o. Amor ſey ein geuͤbter Haſen⸗ jäger und Vulkan ein trefflicher Zimmermann.— Wollt Ihr mir ſagen, was ſich von ſelbſt verſteht! daß Amor Liebende, Haſen, aufjagt und trifft, und daß Vulcan ihm dazu (ſcherzhaft als Zimmermann) die nieverfehlenden Pfeile liefert? Der Nuͤrnberger Ayrer, ein Zeitgenoſſe Shakſpeare's, hat dieſelbe Novelle des Vandello, aus welcher dieſes Viel Lärmen genommen iſt, ebenfalls auf ſeine Weiſe bearbeitet. Bey ihm tritt im An⸗ MI. 24 356 Anmerkungen. fange Venus auf, die ſich uͤber den Grafen Timbrio Cden Claudio des Engliſchen Schauſpiels) beklagt, daß er ſich ſo hartnaͤckig ihrer Macht entziehe. Sie ſagt: So iſt aber der Graf und Ritter Wider mich ſo grimm und bitter Das er ſich keiner Weiber acht Liebt viel mehr groß Kriegß weßn und ſchlacht. Daß hat mich billich hart verdroſſen Cupido hat vil Pfeil verſchoſſen„ Nach jhm, ſend all gangen in windt Vulcannus iſt zornig und geſchwindt Und will ihm keine Pfeil mehr ſchmieden— Moͤglich, daß ſchon vor Spakſpeare dieſe Novelle auch auf der Engliſchen Buͤhne war und ein aͤhnlicher Scherz oder Ausdruck auch dort vorkam. Denn daß Ayrer mehr wie einmal alte eng⸗ liſche Komoͤdien vor Augen gehabt, habe ich ſchon(Vorrede zum Alt⸗Engliſchen Theater) erwaͤhnt. pag. 270. Z. 1. v. v., wie eine Katze, ꝛc.— Ein Ver⸗ gnuͤgen des Landvolks. In ein Faß mit lockerm Boden ward eine RKatze geſperrt, und zugleich das ganze Gefaͤß mit Ruß angefullt. Mit einem Spieß mußten die jungen Leute darunter wegkaufen, den leicht beweglichen Boden ausſtoßen, ohne von Katze, oder Ofenruß getroffen zu werden. Noch im Jahr 1793 ſah ich in Nuͤrnberg uͤber Ecke von der Gaſſe eine Wanne mit Blut an einem Strick befeſtigt; zwey Knaben zogen auf einem Schlitten einen dritten, der mit einer Stange die Wanne beim Hindurch⸗ fahren anſtieß, und mit Blut beſchuͤttet wurde. Alle drey und mehr im Gefolge waren ſeltſam maskirt, hatten Muͤtzen von Tannenaͤpfeln, und eben ſolche Waͤmmſer; die Larven, die das Geſicht bedeckten, waren furchtbar. Ein andrer Junge, eben ſo gekleidet, ſammelte in einer Buͤchſe von den Zuſchauenden Geld ein. Dieſes ſonderbare Spiel ward von den Nuͤrnbergern„der blutige Mann“ damals genannt. Jetzt kennt man es dort gewiß nicht mehr, und in England iſt wohl auch jenes Stechen nach der Katze jetzt nicht mehr gebräuchlich. Und nennt ihn Adam. Adam Boll, ein beruͤhmter Schuͤtze, wie Robin Hyod, Clim, und andre, deren Namen damals in Volksballaden gefeiert wurden. pag. 278. Benedict und Beatrice.— Hier ſind die Reden anders eingetheilt, als in den bisherigen Ausgaben, wo ſie keinen rechten Sinn geben. Dieſe Stelle ſchien mir an Hruck⸗ fehlern zu leiden, die man fruͤher haͤtte verbeſſern ſollen. pag. 282. Z. 15. v. u.— Apfelſine,— von ſo eifer⸗ ſuͤchtiger Farbe.— Gelb, die Farbe der Eiferſucht;— hoͤf⸗ Anmerkungen. 357 lich, weil die Orange, Pomeranze, oder der ſuͤße chineſiſche Apfel oft Geſchenke von Wein, oder Confect, begleitete, wie wohl noch geſchieht. pag. 287. Z. 15. v. v. Bankett.— Der Nachtiſch, der in der Regel aus Fruͤchten, hauptſaͤchlich aber aus Zuckerwerk beſtand, das oft in ſeltſamen Geſtalten aufgetragen und kuͤnſtlich zubereitet war. Dieſe Bankette, da die Englaͤnder damals den Zucker uͤbermaͤßig liebten, wurden oft als Fruͤhſtuͤck gegeben, beim Beſuch Vornehmer, oder Fremder, denen man Achtung er⸗ weiſen wollte. Wenn die eigentliche Mahlzeit voruͤber war, ſo ſtand die Geſellſchaft auf, und genoß in einem andern Zimmer das Bankett. Daher iſt es den dramatiſchen Dichtern ſo bequem, die Geſellſchaft zum Bankett zu verſammeln, wo nur Naͤſcherei, Frucht und Zucker gegeben wurde. Viele Ueberſetzer und Erklaͤrer haben Bankett oft mit der eigentlichen Mahlzeit oder einem Feſt⸗ ſchmaus verwechſelt. — mag ihr Haar eine Farbe haben—(8. 9. v. u.) weil es damals ſehr gewoͤhnlich war, die Haare zu faͤrben, oder falſche zu tragen. pag. 292. Z. 22. v. o. Hier ein Druckfehler, lies Szene anſtatt Sonne. pag. 311. Vers 5. v. u. Ihr, theurer Fuͤrſt, ſagt nichts? Dieſe kurze Rede muß nach meiner Einficht Claudio ſagen: er ſieht ſich um, er verwundert ſich, daß der Prinz, wie er es ihm verſprochen, nicht ſchon ſeine Ausſage beſtaͤtigt.— Alle Editionen haben bis jetzt dieſe Worte dem Leonato in den Mund gelegt. Dieſer iſt aber zu ſehr erſchreckt, um in dieſem Au⸗ genblick auf den Prinzen Ruͤckſicht zu nehmen, und ihn theurer (im Original sweer) Fuͤrſt zu nennen. ———— —— ——————— ——— ſ 8 0 10 ſiſſſ 7 11 12 43 1 15 16 4 17 18 19 9 8 p 8 llle 2 3 8 4—