ſLeipibt — „ — —— — — 2 — — * — —* 8 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6dnard Gllmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. weih und Seſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfennohn und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1n Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en anemmen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .—————— auf 1 Monat: 1F— Pf 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„„. 7„ 5 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und 6 vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ch dafür zu ſtehen haben. ————— ichet der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ——— —— J —— Shakspeare's dramatiſche Werke. ————— ueberſetzt von Auguſt Wilhelm von Schlegel, ergaͤnzt und erlaͤutert von Ludwig Tieck. ſ e König Johann, König Richard der Zweyte, König Heinrich der Vierte, iſter und 2ter Theil. 8 ——— ——— Es war ſeit lange mein Vorſatz, die Ueberſetzung des Shakspeare, die mein Freund W. v. Schlegel auf⸗ gegeben hatte, fortzuſetzen und zu beendigen. Manche Schauſpiele, wie Macbeth, Lear, Love's labours lost, erwarten ſeit Jahren nur die letzte Ueberar⸗ beitung, andre ſind zu verſchiedenen Zeiten angefan⸗ gen und mehr oder minder vorgeruͤckt. Ich hoffe nun, neben andern Beſchäftigungen ſo viele Muße zu ge⸗ winnen, um dieſe Ueberſetzungen mit Fleiß und An⸗ ſtrengung vollenden zu können. In jeder Meſſe wird wenigſtens Ein Band erſcheinen, hoffentlich aber kuͤnftige Oſtern zwey, ſo daß mit den jetzigen beyden im kuͤnftigen Jahre nur noch vier den Freunden des Dichters zu liefern bleiben werden. Doch muß ich zuvor ein Bekenntniß ablegen, um mich mit meinen Leſern zu verſtändigen. Wäre noch irgend Hoffnung geweſen, daß mein Freund ſich dieſer Arbeit widmen wuͤrde, ſo hätte ich ſie auf keinen Fall unternommen. Denn ich bin uͤber⸗ zeugt, daß ich mein Muſter, wie ich auch darnach ſtreben moͤge, nicht erreichen kann. Der wahre Ue⸗ 1V berſetzer muß eben ſo, wie der Dichter, ein angebor⸗ nes Lalent zu ſeiner Arbeit bringen, wenn ſie gelin⸗ gen ſoll. Dieſes Talent laßt ſich durch Studium ausbilden, durch keine Anſtrengung aber erzeugen. Wenn wir Deutſchen unter allen Nationen am mei⸗ ſten und mit dem groͤßten Fleiße uͤberſetzt haben, wenn wir Vers, Ton, Sinn, Wortſpiel und Zufaͤl⸗ ligkeit, ja einen gewiſſen geiſtigen Hauch, der ſich kaum noch bezeichnen läßt, haben wiedergeben und nachahmen wollen, ſo ſteht als aͤchter Kuͤnſtler W. v. Schlegel, nach meiner Einſicht, unter allen deutſchen Virtuoſen oder gruͤndlichen Arbeitern oben an; denn ihm wurde von der Natur jenes geiſtige feine Ohr verliehen, welches auch das leiſeſte vernimmt, ſo wie jener zarte Geſchmack(der in unſern Tagen abzuſter⸗ ben droht), um nie der Sprache, der Grazie, oder dem Wohllaut Gewalt anzuthun. Alles was Schle⸗ gel uns, ſei es aus den Alten oder den Neuern, uberlieferte, hat ein Geprage, daß es wie Original und eigenthuͤmlich lautet, und ſeine Meiſterſchaft iſt ſo groß, daß jede neue Wendung oder Form, die er verſuchte, dreiſt nachgeahmt werden darf, denn alle dieſe Neuerungen ſind eben ſo viele muſterhafte Vor⸗ bilder, durch welche unſre Sprache außerordentlich iſt bereichert worden. Von allem aber, was dieſem Ue⸗ berſetzungskuͤnſtler gelungen iſt, muß man die Ueber⸗ tragung des Shakspeare als ſein vollendetſtes Werk erkennen, und der Sinſß den dieſe Arbeit auf un⸗ v ſre Sprache, Literatur und Dichtkunſt ausgeuͤbt hat, und noch in Zukunft ausuͤben wird, iſt nicht zu berechnen. In den mannichfaltigſten Toͤnen, auf die leichtſte und wunderwuͤrdigſte Weiſe entfaltet ſich hier der Reichthum und ſpricht ſich der Wohllaut unſrer herrlichen Sprache aus, und gewinnt im Ringen mit dem Britten neue, ihr eigenthuͤmliche Gebiete, faſt auf dieſelbe wunderbare Weiſe, wie es dem großen Vor⸗ bilde gelang. Und kann auch der Deutſche nicht ganz die Fuͤlle jener Tone wiederholen, ihr alle Formen nachſpielen, die ſich im Original mannichfaltiger, will⸗ kuͤhrlicher und ſeltſamer geſtalten, ſo geſchieht unſrer edlen Sprache wenigſtens auch in den keckſten Nach⸗ bildungen keine Gewalt, und der feinſte Geſchmack zugelt und regiert die Luſt der genialen Neuerung. Nach dieſer Erklaͤrung mag es Mancher ſonderbar finden, daß der jetzige Herausgeber und Fortſetzer die⸗ ſes Werkes ſich hier und da Aenderungen erlaubt und zuweilen merklich von der Schlegelſchen Ueberſetzung ab⸗ gewichen iſt. Viele neue Leſearten ſind nur verbeſſerte Druckfehler, die ſich ſchon in die erſte Ausgabe geſchli⸗ chen und in den neueren vermehrt hatten. Eben ſo ſind einige Verſe wieder eingeſchaltet worden, die mein Vor⸗ gaͤnger uͤberſehn, oder der Setzer ausgelaſſen hatte, welches letztere ich um ſo eher glaube, da mein Freund nicht die Correctur ſeines Shakspeare ſelbſt beſorgen konnte. Hie und da habe ich die aͤltere Leſeart herge⸗ ſtellt, die die neueren Herausgeber nur zu oft verdrängt VI haben, und im ſeltenſten Fall habe ich ein kleines Miß⸗ verſtaͤndniß entfernt, vor welchein auch der Gelehrteſte nicht immer geſichert iſt. Viele Alterthuͤmer der Eng⸗ länder ſind uns auch jetzt mehr zugänglich, und da ich viele Zeit darauf gewendet habe, mich mit den Erzeug⸗ niſſen jener Tage bekannt zu machen, ſo iſt es kein Verdienſt fuͤr mich, manche Kleinigkeiten der Art ver⸗ beſſert zu haben. Ein ſpaͤterer Forſcher, der noch mehr als ich geleſen hat, wird mir wahrſcheinlich auch Ue⸗ bereilungen und kleine Fehler nachweiſen koͤnnen. Wie weit es Virtuoſität in woͤrtlicher und buch⸗ ſtäblicher Ueberſetzung im Deutſchen bringen koͤnne, beweiſet der verdienſtvolle Veteran unter unſern Kuͤnſt⸗ lern dieſer Art, der uns zuerſt in ſeiner Nachbildung der Alten auf dieſen Weg hinwies. Ob es nicht woͤrt⸗ licher ſey, den Geiſt zu erfaſſen und oft den Buchſtaben Preis zu geben, ob eine Virtuoſität dieſer Art nicht durch fortgeſetzte Uebung und immer großere Conſequenz erſtarren muͤſſe, und am Ende faſt in eine Parodie des Vor⸗ bildes ausarten koͤnne, moͤgen einſt wahre Geſchmacksleh⸗ rer unterſuchen, und Regeln feſtſtellen, was Ueberſetzung ſey, wie weit die Nachbildung gehn koͤnne und daͤrfe, und ob nicht manche ganz freie Uebertragung der ältern Zeit oder fremder Nationen im Weſentlichen das Wort beſſer wieder gegeben habe. Daß wir uns verirrt haben, bewei⸗ ſet auf jeden Fall der Shakspeare jenes beruͤhmten Autors, der in einem niemals geſprochenen Deutſch ſchwer und un⸗ verſtaͤndlich Zufälligkeiten des Dichters nachſtammelt, die ——— 13 —— VPI ſich ſelbſt im Originale nicht finden. Das Mißverſtandniß des dramatiſchen Dialogs iſt hier aufs hoͤchſte getrieben, und von der Grazie und Leichtigkeit des Britten jede Spur verſchuttet. Fleiß und Anſtrengung koͤnnen dergleichen auch nicht mit ſteifem Vorſatz erzwingen. Wie viel Preiswuͤrdiges dieſe edle Thaͤtigkeit auch in der Lite⸗ ratur und fuͤr die Alten geleiſtet haben mag, ſo iſt, wenn Kritiker uͤber das Maaß des Verdienſtlichen unter ſich ſtreitend abweichen moͤgen, der Shakspeare wohl geradezu eine mißlungene Arbeit zu nennen. Ganz im entgegengeſetzten Sinne hat ſich uns eine ſeltſame Erſcheinung hervorgethan, die ſonderbarſte, die irgend eine Literatur aufzuweiſen hat, und merkwuͤrdig nur darum, weil ſie bei unſern wankelmuͤthigen Lands⸗ leuten Gluͤck macht, wie man ſagt. Der uͤbereilte Ueber⸗ druß an wortlichen Ueberſetzungen hat ſich den verdor⸗ benen Gaumen an einer Freyheit wieder ſchaͤrfen wol⸗ len, die man dem großen Britten gegenuͤber, und mit dieſer Unfaͤhigkeit und Entbehrung aller Mittel, nur Frechheit nennen kann. Wollten Spanier, Italiäner und Englaͤnder die alten Dichter in anderer Sprache reden laſſen, ſo waren ſie Kenner des Gegenſtandes, und waͤhlten die neueren Versmaße, weil die alten ihnen unzugänglich waren, erweiterten, modifizirten, und ließen das in Reimen und Wohllaut verſtandlich wiedertoͤnen, was dem Ungeweihten im Munde der Alten unverſtaͤnd⸗ lich war. Niemals aber konnte es die Abſicht ſeyn, die Dichter umwandeln und entſtellen zu wollen. Sagt Leſ⸗ 7 * VIIT ſing ſo beſtimmt, keine fremde Schonheit duͤrfe es wa⸗ gen, ſich neben eine des Shakspeare zu ſtellen: ſo duͤrſte er jetzt um den Ausdruck verlegen ſeyn, wenn er ſaͤhe, wie Trivialitaͤten und Geſchwaͤtz ſich eindraͤngen, und auf die Schoͤnheiten ſelbſt keine Ruͤckſicht genommen wird, die der Unkundige ſo dreiſt neu deutet und in matter, alltäglicher und ungebildeter Sprache vollig vernichtet. Hier iſt ein Weg gefunden, ohne Kenntniß des fremden wie des eigenen Idioms, nach der erſten beſten fruͤhern Ueberſetzung, von Eil und Unverſtand begeiſtert, aus jedem Dichter in weniger Zeith einen neuen umzuſchaffen. Dieſen Vorwurf kann man der neuen Leipziger Ue⸗ bertragung nicht machen. Aber jedes Ohr muß fuͤhlen, daß, dem Schlegelſchen Wohllaut und ſeiner Gruͤndlich⸗ keit gegenuber, dieſer neue Verſuch nur matt und unbe⸗ deutend iſt. Was laßt ſich am Ende nicht uͤberſetzen, und auch ſchnell, wenn der Fleißige ſich jeden Tag ſein Penſum aufgiebt und nicht ablaͤßt, bis dieſes vollendet iſt? Schon laͤngſt haͤtten Freunde eine gruͤndliche Kritik aller dieſer neueren Verſuche ſchreiben ſollen, und ich, da ich ſeit lange dazu ſammelte, hätte meinen Beiſtand ebenfalls leiſten ſollen. Obige Andeutungen ſollen nur den Entſchluß rechtfertigen oder entſchuldigen, daß ich es immer noch nicht fur uͤberfluſſig halte, ebenfalls in die Kampfbahn zu treten. Die verſprochenen Anmerkungen werden dem drit⸗ ten Bande beigefuͤgt werden, da die Eile des Druckes es unmoͤglich machte, ſie jetzt zu liefern. —— Perſonen: König Johann. Prinz Heinrich, ſein Sohn, nachmaliger Koͤnig Heinrich der Dritte. Arthur, Herzog von Bretagne, Sohn des verſtorbnen Her⸗ zogs ihich von Bretagne, aͤlteren Bruders vom Koͤnig Johann. William Mareſhall, Graf von Pembroke. G n Graf von Eſſer, Oberrichter von ngland. William Longſword, Graf von Salisbury. Robert Bigot, Graf von Norfolk. Hubert de Burgh, Kämmerer des Koͤnigs. Robert Faulconbridge, Sohn des Sir Robert Faul⸗ conbridge. 6 Philipp Faukconbridge, ſein Halbbruder, Baſtard Kon nig Richard des Erſten. James Gurney, Diener der Lady Faulconbridge. Peter vou Pomfret, ein Prophet. Philipp, Koͤnig von Frankreich. Louis, der Dauphin. Der Erzherzog von Oeſterreich. Cardinal Pandulpho, Legat des Pabſtes. Melun, ein franzoͤſiſcher Edelmann. Chatillon, Geſandter von Frankreich an Koͤnig Johann. Eleonora, die Wittwe Koͤnig Heinrich des Zweiten, und Mutter Koͤnig Johanns. Conſtanze, Arthurs Mutter. Blanca, Tochter Alfonſo's, des Koͤnigs von Caſtilien, und Nichte Koͤnig Johanns. Lady Faulconbridge, Mutter des Baſtards und Roberts Faulconbridge. Herren und Frauen, Buͤrger von Angers, ein Sheriff, He⸗ rolde, Beamte, Soldaten, Boten und anderes Gefolge⸗ 2 N Die Szene iſt bald in England, bald in Frankreich. ——— * — Erſter Aufzug. Erſte Szene. Northampton. Ein Staatszimmer im Palaſte, 8 (König Johann, Königin Eleonore, Pembroke, Eſ⸗ ſer, Salisbury und Andre, nebſt Chatillon, tre⸗ ten auf.) R. Joh. Nun, Chatillon, ſag, was will Frankreich uns? chat. So redet Frankreichs Koͤnig⸗ nach dem Gruß, In meiner Eigenſchaft, zur Majeſtaͤt, Erborgten Majeſtaͤt von England hier. El. Erborgten Majeſtät?— Seltſamer Anfang! B. Joh. Still, gute Mutter! Hoͤrt die Bothſchaft an. Chat. Philipp von Frankreich, kraft und laut des . Namens Von deines weiland Bruder Gottfried Sohn, Arthur Plantagenet, ſpricht rechtlich an Dieß ſchöne Eiland ſammt den Ländereyn, Als Irland, Poictiers, Anjou, Touraine, Maine; Begehrend, daß du legſt beyſeit das Schwert, Das dieſes Erb' anmaßendlich beherrſcht, Daß Arthur es aus deiner Hand empfange, Dein Neff' und koͤniglicher Oberherr. k. Joh. Und wenn wir dieſes weigern, was erfolgt? Chat. Der ſtolze Zwang des wilden blut'gen Kriegs, Zu dringen auf dieß abgedrungne Recht. 1* 4 Koͤnig A. L R. Joh. Wir haben Krieg fuͤr und Blut fuͤr lut Zwang wider Zwang: antworte Frankreich das. Chat. So nehmt denn meines Koͤnigs Fehderuf Aus meinem Munde, meiner Botſchaft Ziel. B. Joh. Bring meinen ihm, und ſcheid' in Frieden ſo. Sey du in Frankreichs Augen wie der Blitz: Denn eh du melden kannſt, ich komme hin, Soll man ſchon donnern hoͤren mein Geſchütz. Hinweg denn! Sey du unſers Grimms Trompete, Und dumpfe Vorbedeutung eures Falls.— Gebt ehrliches Geleit ihm auf den Weg: Beſorgt es, Pembroke.— Chatillon, leb wohl. (Chatillon und Pembroke ab.) El. Wie nun, mein Sohn! Hab' ich nicht ſtets geſagt, Conſtanzens Ehrgeiz wuͤrde nimmer ruhn, Bis ſie fuͤr ihres Sohns Partey und Recht Frankreich in Brand geſetzt und alle Welt? Dieß konnte man verhuͤten; es war leicht Durch freundliche Vermittlung auszugleichen, Was die Verwaltung zweier Reiche nun Durch ſchrecklich blut'gen Ausgang muß entſcheiden. R. Joh. uns ſchirmt Beſitzes Macht und unſer Recht. El. Beſitzes Macht weit mehr, als euer Recht, Sonſt muͤßt! es uͤbel gehn mit euch und mir. So fluͤſtert in das Ohr euch mein Gewiſſen, Was nur der Himmel, ihr und ich ſoll wiſſen. (Der Sheriff von Northamtonſhire tritt auf, und ſpricht heimlich mit Eſſer.) Eſſ. Mein Fuͤrſt, hier iſt der wunderlichſte Streit, Vom Land vor euren Richterſtuhl gebracht, Wovon ich je gehoͤrt. Bring' ich die Leute? R. Joh. Ja, fuͤhrt ſie vor.—(Sheriff ab.) Die Kloͤſter und hre ſollen zahlen Die Koſten dieſes Zugs.— (Der Sheriff kommt zuruͤck mit Robert Faulcon⸗ bridge und Philipp, ſeinem Baſtard⸗Bruder.) Wer ſeyd ihr beyde? Baſt. Ich euer treuer Knecht, ein Edelmanm Hier aus Northamtonſhire, und, wie ich glaube, Der aͤltſte Sohn des Robert Faulconbridge: —— — Sz 1. Johann. Ein Krieger, den die ruhmverleih'nde Hand Des Loͤwenherz im Feld zum Ritter ſchlug. R. Joh. Wer biſt du? Rob. Der Erb' und Sohn deſſelben Faulconbridge. R. Joh. Iſt das der ält're, und der Erbe du? So ſcheints, ihr ſeyd von Einer Mutter nicht. Baſt. Gewiß von Einer Mutter, maͤcht'ger König, Das weiß man und ich denk' auch, Einem Vater: Doch die gewiſſe Kenntniß dieſes Punkts Macht mit dem Himmel aus und meiner Mutter; Ich zweifle dran, wie jeder Sohn es darf. El. Pfui, grober Mann! Du ſchaͤndeſt deine Mutter, Und kraͤnkeſt ihren Ruf mit dem Verdacht. Baſt. Ich, gnäd'ge Frau? Ich habe keinen Grund; Das ſchuͤtzt mein Brüder vor, ich keineswegs: Denn wenn er es beweiſ't, ſo prellt er mich Jum mindſten um fuͤnfhundert Pfund des Jahrs. Gott ſchuͤtz mein Land und meiner Mutter Ehre! x. Joh. Ein wackrer dreiſter Burſch!— Warum ſpricht er, Als juͤngſtgeborner, deine Erbſchaft an? Baſt. Ich weiß nicht, außer um das Land zu kriegen Doch einmal ſchalt er einen Baſtard mich. Ob ich ſo aͤcht erzeugt bin oder nicht, Das leg' ich ſtets auf meiner Mutter Haupt; Pllein, daß ich ſo wohl erzeugt, mein Juͤrſt, uh dem Gebein, das ſich fuͤr mich bemuͤht!) Vergleicht nur die Geſichter richtet ſelbſt. Wenn uns der alte Herr, Sir Robert, beide Erzeugt, und dieſer Sohn dem Vater gleicht,— O alter Robert! Vater! ſiehe mich Gott kniend danken, daß ich dir nicht glich. R. Joh. Nun, welch ein Tollkopf iſt uns hier beſcheert? El. Er hat etwas von Loͤwenherzens Zugen, Und ſeiner Sprache Ton iſt ihm verwandt. Erkennt ihr nicht Merkmale meines Sohnes Im großen Gliederbaue dieſes Manns? R. Joh. Mein Aug' hat ſeine Bildungwohl erforſcht, Man find't ihn voͤllig Richard.— Ihr da, ſprecht, Was treibt euch eures Bruders Land zu fordern? Baſt. Weil er ein Halbgeſicht hat, wie mein Vater, 6 Koͤnig A. I. Will dieſe Hälfte da mein ganzes Land, Solch' Groſchen⸗Halbgeſicht fuͤnfhundert jaͤhrlich. Rob. Mein gnaͤd'ger Lehnsherr, als mein Vater lebte, Braucht' euer Bruder meinen Vater oft,— Baſt. Ey Herr, damit gewinnt ihr nicht mein Land: Erzaͤhit uns wie er meine Mutter brauchte. Rob. Und ſandt' ihn einſt auf eine Botſchaft aus, Nach Deutſchland, mit dem Kaiſer dort zu handeln In wichtigen Geſchaͤften jener Zeit. Der Koͤnig nutzte die Entfernung nun, Und wohnt' indeß in meines Vaters Haus. Wie ers erlangte, ſchaͤm' ich mich zu ſagen; Doch wahr iſt wahr: es trennten meinen Vater Von meiner Mutter Strecken See und Land, ich von meinem Vater ſelbſt gehoͤrt) lls dieſer muntre Herr da ward erzeugt. Auf ſeinem Todtbeit ließ er mir ſein Land Im Teſtament, und nahms auf ſeinen Tod, Der, meiner Mutter Sohn, ſey ſeiner nichtz Und war er es, ſo kam er in die Welt An vierzehn Wochen vor der rechten Zeit. Drum, beſter Fuͤrſt, geſteht mir zu, was mein: Des Vaters Land nach meines Vaters Willen. R. Joh. Still! Euer Bruder iſt ein aͤchtes Kind, Des Vaters Weib gebar ihn in der Eh, Und wenn ſie ihn betrog, iſts ihre Schuld, Worauf es alle Männer wagen muͤſſen, Die Weiber nehmen. Sprecht doch, wenn mein Bruder, Der, wie ihr ſagt, den Sohn mit Muͤh erzeugt, Von eurem Vater ihn gefordert haͤtte: Trann, guter Freund, ſein Kalb von ſeiner Kuh Konnt' er behaupten gegen alle Welt; Das konnt' er, traun! War er von meinem Bruder, So konnt' ihn der nicht fordern; euer Vater Ihn nicht verlaͤugnen, war er auch nicht ſein. Kurz meiner Mutter Sohn zeugt' eures Vaters Erben, Dem Erben kommt das Land des Vaters zu. Rob. Hat meines Vaters Wille keine Kraft Das Kind, das nicht das ſeine, zu enterben? Baſt. Nein, nicht mehr Kraft mich zu enterben, Herr, Als, wie ich glaub', er mich zu zeugen hatte. El. Was willſt du lieber ſeyn? ein Faulconbridge, Si1. Johann 7 Und wie dein Bruder deines Lands dich freun, Oder anerkannter Sohn des Loͤwenherz, Herr deiner ſelbſt, und ſonſt kein Land dabei? Baſt. Ja, Fuͤrſtin, ſäh mein Bruder aus wie ich, Und ich wie er, Sir Roberts Ebenbild; Und hatt' ich Beine wie zwei Reitergerten, Der Arm geſtopfte Aalhaut, ſchmal Geſicht, Daß keine Roſ' ins Ohr ich duͤrfte ſtecken, So ſchrie die Welt, ſeht dort drei Heller gehn! Und erbt ich all' dies Land mit ſeiner Bildung, Moͤcht' ich von hier entweichen nimmer nicht, Gaͤb' ich nicht Fuß fuͤr Fuß fuͤr dieß Geſicht. Knecht Ruprecht ſeyn war allzuharte Pflicht. El. Ich hab dich gern: willſt du dein Theil verlaſſen, Das Land ihm uͤbermachen, und mir folgen? Ich bin Soldat, und geh auf Frankreich los. Baſt. Bruder, nimm du mein Land, wie ich mein Loos. Gilt eu'r Geſicht fuͤnfhundert Pfund auch heuer, Verkauft ihrs fur fuͤnf Heller doch zu thener.— Ich folge, gnaͤd'ge Frau, euch in den Tod. El. Ich will voran euch lieber gehen laſſen. Baſt. Des Landes Sitte giebt den Hoͤhern Vortritt. R. Joh. Wie iſt dein Name? Baſt. Philipp, mein Fuͤrſt; mein Name ſo beginnt; Des alten Roberts Ehfrau aͤltſtes Kind. R. Joh. Fuͤhr kuͤnftig deſſen Namen, dem du gleichſt. Knie du als Philipp, doch ſteh auf erhoͤht: Steh auf, Sir Richard und Plantagenet; Baſt. Gebt, mutterlicher Bruder, mir die Hand: Mein Vater gab mir Ehre, eurer Land. Geſegnet ſchienen Sonne oder Sterne, Als ich erzeugt ward in Sir Roberts Ferne. xl. Das wahre Feuer der Plantagenet! Nennt mich Großmutter, Richard, denn ich bins. Baſt. Von ungefaͤhr, nicht foͤrmlich; doch was thuts? Gehts nicht grad⸗ aus, ſo ſieht man, wie mans macht: Herein zum Fenſter, oder uͤbern Graben. Wer nicht bei Tage gehn darf, ſchleicht bei Nacht,— Und, wie man dran koͤmmt, haben iſt doch haben. Weit oder nah, gut Schießen bringt Gewinn, Und ich bin ich, wie ich erzeugt auch bin. 8 Koͤnig A. 1. R. Joh. Geh, Faulconbridgel du haſt, was du begehrt; Ein atmer Ritter hat dir Gut beſcheert.— Kommt, Mutter! Richard, kommt! Wir muͤſſen eilen Nach Frankreich, Frankreich! denn hier gilt kein Weilen. Baſt. Bruder leb wohl! das Gluͤck ſey dir geneigt! Du wurdeſt ja in Ehrbarkeit erzeugt. (Alle ab außer der Baſtard) Um einen Schritt zur Ehre beſſer nun, Doch ſchlimmer um viel tauſend Schritte Lands. Ich kann ein Grethchen nun zur Dame machen;— „Habt guten Tag, Sir Richard!“—„Dank Geſell!“— Und wenn er Jürge heißt, nenn' ich ihn Peter; Denn neugeſchaffner Rang vergißt die Namen; Fuͤr vornehmes Geſpräch waͤrs viel zu höflich, Viel zu geſellig.— Dann mein Reiſender, Er und Zahnſtocher an Ihr Gnaden Tafel— Und hat mein Rittermagen die Genuͤge, Nun dann ſaug' ich am Zahn, examinire Den zieren Mann in Laͤndern.—„Theurer Herr“— So auf den Arm mich ſtuͤtzend, fang⸗ ich an, „Ich moͤcht euch bitten,“— das iſt Frage nun, Und dann kommt Antwort wie ein ABC⸗Buch. „D Herr,“ ſagt Antwort,„gänzlich zu Befehl, „Wie's euch beliebt, zu euren Dienſten, Hert,“— Sagt Frage: Nein, ich, beſter Herr, zu euren;“ Und ſo, eh Antwort weiß, was Frage will— Nur Compliment im Zwieſprach ausgenommen— Und Schwatzen von den Alpen, Appenninen, Den Pyrenaen und dem Fluſſe Po, Zieht es ſich bis zur Abendmahlzeit hin. Das iſt hochadliche Geſellſchaft nun, Die ſtrebenden Gemäthern ziemt, gleich mir. Denn der iſt nur ein Baſtard⸗Sohn der Zeit, Der nicht den Ton der feinen Bildung hat, (Der bleib' ich freylich, wie ich tonen mag) Und nicht allein in Tracht und Auszierung, Der außern Form der ſichtlichen Vollendung; Nein auch aus innern Gaben zu erzeugen Suͤß, ſuͤßes Gift fuͤr des Zeitalters Gaum. Will ich dieß ſchon nicht uͤben zum Betrug, So will ichs doch, Betrug zu meiden, lernen: Mir ſolls die Stufen der Erhöhung ebnen,— Wer kommt in ſolcher Eil? im Reithabit? — —, —.—— Sz. 1. Johann. 9 Welch eine Fraun⸗Poſt? hat ſie keinen Mann, Der ſich bequemt, das Horn vor ihr zu blaſen? (Lady Faulconbridge und James Gurney treten auf.) O weh, s iſt meine Mutter.— Nun, gute Frau, Was bringt euch hier ſo eilig an den Hof? Lady F̃. Wo iſt der Schalk, dein Bruder? ſag' mir, wo? Der außer Othem meine Ehre hetzt. Baſt. Mein Bruder Robert? alten Roberts Sohn? Colbrand der Rieſe, der gewalt'ge Mann? IFſt es Sir Roberts Sohn, den ihr ſo ſucht? Lady F. Sir Roberts Ja, nnehrbierger Bube, Sir Roderts Sohn: was höhneſt du Sir Robert? Er iſt Sir Roberts Sohn, du biſt es auch⸗ Baſt. James Gurney, laß ein Weilchen uns allein. Gurn. Empfehl' mich, guter Philipp. Baſt. Philipp? Ein Spatz! James, Hier iſt was los, ſogleich erfaͤhrſt du mehr. (Gurney ab.) Ich bin Sir Roberts Sohn, des alten, nicht: Sir Robert konnte ſeinen Theil an mir Charfreytags eſſen und doch Faſten halten. Sir Robert konnte was; doch— grad' heraus! Konnt' er mich zeugen! Nein, das konnt' er nicht, Wir kennen ja ſein Machwerk.— Gute Mutter, Sagt alſo, wem verdank' ich dieſe Glieder? Nie half Sir Robert dieſes Bein zu machen. LadyF. Verſchworſt auch du mit deinem Bruder dich, Der meine Ehr' aus Klugheit ſchutzen ſollte? Was ſoll dies Hoͤhnen, ungeſchliffner Knecht? Baſt. Kein Knecht, ein Ritter, meine gute Mutter; Ich hab den Ritterſchlag, hier auf der Schulter. Doch, Mutter, ich bin nicht Sir Roberts Sohn, Sir Robert und mein Erbe gab ich auf, Ram', ehrliche Geburt, und alles fort: Drum, gute Mutter, nennt mir meinen Vater! Ich hoff, ein feiner Mann; wer war es, Mutter? Lady F. Haſt du dem Namen Faulconbridge entſagt! Baſt. Entſagt von Herzen, wie dem Teufel ſelbſt. Lady F. Dein Vater war Fuͤrſt Richard Loͤwenherz, Durch lange heft'ge Zumuthung verfuͤhrt, Rahm ich ihn auf in meines Gatten Bett. 10 Konig Johann. A. I. Sz 1. Der Himmel mag den Fchltritt mir verzeihn! Du biſt die Frucht vom Paſüchen Vergehn, Dem ich, bedraͤngt, nicht konnte widerſtehn. Baſt. Beym Sonennlicht, ſollt' ich zur Welt erſtkommen, So wuͤnſcht' ich keinen beſſern Vater mir. Es giebt auf Erden losgeſprochne Suͤnden, Und eure iſts; ihr fehltet nicht aus Thorheit, Ihr mußtet dem durchaus eu'r Herz ergeben, Als Huldigungstribut fuͤr maͤcht'ge Liebe, Mit deſſen Grimm und Staͤrke ohne Gleichen Der unerſchrockne Leu nicht kaͤmpfen konnte, Noch Richards Hand ſein fuͤrſtlich Herz entziehn. Ser mit Gewalt das Herz dem Loͤwen raubt, Gewinnt von einem Weib' es leicht. Ach Mutter! Von Herzen dank' ich dir fuͤr meinen Vater. Wer ſagen darf, daß Uebles ſey geſchehn Als ich erzeugt ward, ſoll zur Hoͤlle gehn. Komm, meine Anverwandten ſollſt du kennen; Sie werden ſprechen, haͤttſt du Nein geſagt, Als Richard warb, das waͤre Suͤnd' zu nennen. Ein Luͤgner wer zu widerſprechen wagt!(ab) 11 Zweiter Aufzug. Erſte Szene⸗ Frankreich. Vor den Mauern von Angers. (Von der einen Seite kommt der Erzherzog von Oe ſter⸗ reich mit Truppen, von der andern Philipp, Koͤnig von Frankreich, mit Truppen, Louis, Conſtanze, Arthur und Gefolge.) gouis. Gegruͤßt vor Angers, tapfrer Heſterreich!— Arthur! der große Vorfahr deines Bluts, Richard, der einſt dem Leu'n ſein Herz geraubt, Und heil'ge Krieg' in Palaͤſtina focht, Kam fruh ins Grab durch dieſen tapfern Herzog, Und zur Entſchaͤdigung fuͤr ſein Geſchlecht, Iſt er auf unſer Dringen hergekommen, Und ſchwingt die Fahnen, Knabe, fuͤr dein Recht, Um deines unnatuͤrlich ſchnoͤden Oheims, Johanns von England, Anmaßung zu daͤmpfen. ümarm' ihn, lieb' ihn, heiß' ihn hier willkommen! Arth. Gott wird euch Lowenherzens Tod verzeihn, So mehr ihr ſeiner Abkunft Leben gebt, Ihr Recht mit euren Krieges⸗ Flugeln ſchattend⸗ Seyd mir bewillkommt mit ohnmächt'ger Hand, Doch einem Herzen reiner Liebe voll. Willkommen vor den Thoren Angers, Herzog! Louis. Ein edles Kind! Wer ſtuͤnde dir nicht bey? Heſt. Auf deine Wange nimm den heil'gen Kuß, Als Siegel des Geluͤbdes meiner Liebe, Daß ich zur Heimath nimmer kehren will, Bis Angers und dein ſonſtig Recht in Frankreich, Sammt jenem bleichen, weißgeſchminkten Strand, Deß Fuß ruͤckſtoßt des Weltmeers bruͤll'nde Woge Und trennt von andrer Welt dieß Inſelvolk, Ja bis dieß England, von der See umzaͤunt, Dieß Flut⸗umgebne Bollwerk, ſicher ſtets Und unbeſorgt vor fremdem Unternehmen, Ja! bis der weſtlich fernſte Winkel dich Als Konig gruͤßt; bis dahin, holder Knabe, Denk' ich der Heimath nicht und bleib' im Feld. 12 Koͤnig A. M. Conſt. O nehmt der Mutter nehmt der Witwe Dank, Bis eure ſtarke Hand ihm Stoaͤrke leiht, Zu beſſerer Vergeltung euver Liebe! Geſt. Den lohnt des Himmels Friede, der ſein Schwert In ſo gerechtem, frommen Kriege zieht. R. Ph. Nun gut, ans Werk! Wir richten das Geſchutz Ins Antlitz dieſer widerſpenſt'gen Stadt.— Ruft unſte Haͤupter in der Kriegskunſt her, Die vortheilhaftſten Stellen zu erſehn.— Wir wollen lieber hier vor dieſer Stadt Hinſtrecken unſer koniglich Gebein, In fraͤnkſchem Blute bis zum Marktplatz waten, Als dieſem Knaben nicht ſie unterwerfen. Conſt. Erwartet auf die Botſchaft erſt Beſcheid, Daß ihr zu raſch mit Blut das Schwert nicht faͤrbt; Vielleicht bringt Ehatillon das Recht in Frieden Von England, das wir hier mit Krieg erzwingen, Dann wird uns jeder Tropfe Bluts gereun, Den wilde Eil ſo unbedacht vergoß. Chattillon tritt auf.) R. Ph. Ein Wunder, Fuͤrſtin!— Suh⸗ auf deinen . . unſch Kommt unſer Bote Chatillon zuruͤck.— Was England ſagt, kurz meld' es, edler Freyherr? Gelaſſen harr'n wir dein: Sprich, Chattillon! Chat. So kehrt von dieſer winzigen Belagerung All eure Macht auf einen größern Kampf. England, nicht duldend eu't gerecht Begehren, Hat ſich gewaffnet; widerwaͤrt'ge Winde, Die mich verzoͤgert, gaben ihm die Zeit Mit mir zugleich zu landen ſeine Schaaren. Er naht mit ſchnellen Maͤrſchen dieſer Stadt, Die Heersmacht ſtark, die Krieger voller Muth. Mit ihm kommt ſeine Mutter Koͤnigin, Als Ate, die zu Kampf und Blut ihn treibt; Dann ihre Nichte, Blanka von Caſtilien, Ein Baſtard vom verſtorbnen Koͤnig auch; Und aller Ungeſtuͤme Muth im Land, Verwegne, raſche, wilde Abentheurer Mit Maͤdchenwangen und mit Drachengrimm; Sie haben all ihr Erb daheim verkauft, Stolz ihr Geburtsrecht auf dem Ruͤcken tragend, Sz. 1. Johann. 13 Es hier zu wagen auf ein neues Gluͤck. Kurz, eine beſſre Auswahl kuͤhner Herzen, Als Englands Boden jetzt heruͤberſendet: S Hat nie gewogt auf der geſchwollnen Flut, Zu Harm und Unfug in der Chriſtenheit. 8 (Man hoͤrt Trommeln.) Die Unterbrechung ihrer groben Trommeln Fuͤrzt alles weitre ab; ſie ſind zur Hand, Zu Unterhandlung oder Kampf: empfangt ſie. R. Ph. Wie unverſehn kommt dieſer Heereszug! Oeſt. Je mehr uns unerwartet, um ſo mehr Muß es zum Widerſtand den Eifer wecken; Es ſteigt der Muth mit der Gelegenheit. Sie ſein willkommen denn, wir ſind bereit. (König Johann, Eleonora, Blänca, der Baſtard, Pembroke, treten auf mit Truppen.) R. Joh. Mit Frankreich Frieden, wenn es friedlich uns Gönnt einzuziehn in unſer Erb' und Recht! Sonſt blute Frankreich, flieh zum Himmel, Friede, Wenn wir, der zorn'ge Diener Gottes, zucht gen, Den Freveltrutz, der ſeinen Frieden ſcheuchte, R. Pph. Mit England Frieden, wenn der Krieg aus Frankreich Nach England kehrt, in Frieden dort zu ſeben. Wir lieben England, und um Englands willen Bringt unſrer Ruͤſtung Buͤrd' uns hier in Schweiß. Dieß unſer Werk kam deiner Sorge zu; Doch, daß du England liebeſt, fehlt ſo viel, Daß ſeinen ächten Koͤnig du verdrängt, Zerſtört die Reih der Abſtammung, gehoͤhnt Des Staats Unmuͤndigkeit, und an der Krone Jungfraͤulich reiner Tugend Raub veruͤbt. Schau hier das Antlitz deines Bruders Gottfried! Die Stirn, die Augen ſind nach ihm geformt, Der kleine Auszug hier enthaͤlt das Ganze, Das ſtarb mit Gottfried; und die Hand der Zeit Wird ihn entfalten zu gieich großer Schrift. Der Gottfried war der aͤltre Bruder dir, Und dieß ſein Sohn; England war Gottfrieds Recht, Und er iſt Gottfrieds: in dem Namen Gottes, Wie kommt es denn, daß du ein Koͤnig heißeſt, Weil lebend Blut in dieſen Schlaͤfen walt, Der Krone wuͤrdig, welche du bewaͤltigt? — 14 Koͤnig A. IH. R. Joh. Von wem haſt du die große Frank⸗ reich, Zur Rede mich zu ſtellen auf Artikel? R. Ph. Vom allerhoͤchſten Richter, der die Bruſt Der Majeſtaͤt zu hohem Sinn begeiſtert, Die Makelung des Rechts zu unterſuchen: Der Richter rief zum Vormund mich des Knaben, Aus ſeiner Vollmacht zeih' ich dich des Unrechts, Mit ſeiner Huͤlfe hoff' ich es zu ſtrafen. R. Joh. Ach, maße dir kein fremdes Anſehn an. R. Ph. Verzeih, es iſt um Anmaßuug zu daͤmpfen. el. Wen, Frankreich, zeiheſt du der Anmaßung? Conſt. Laß ſprechen mich— anmaßend iſt dein Sohn. El. Hah, Freche! Koͤnig ſoll dein Baſtard ſeyn, Daß du ſey'ſt Koͤn'gin und die Welt verwirrſt. Conſt. Mein Bett war immer deinem Sohn ſo treu, Als deines deinem Gatten; dieſer Knabe Gleicht mehr an Zuͤgen ſeinem Vater Gottfried, Als in der Art du und Johann; ihr aͤhnelt Wie Ei dem Ei, wie Satan ſeiner Mutter. Mein Sohn ein Baſtard! Denk' ich doch beym Himmel, Sein Vater war ſo ehrlich nicht erzeugt. Wie koͤnnt' er, da du ſeine Mutter warſt? kl. Eine gute Mutter, Kind! ſchmaͤht deinen Vater! Conſt. Eine gute Großmama, die dich will ſchmaͤhn! Oeſt. Still! Baſt. Hoͤrt den Rufer! Heſt. Wer zum Teufel biſt du? Baſt. Ein Menſch, der Teufelsſpiel mit euch will treiben, Ertappt er euch und euer Fell allein. Ihr ſeyd der Haſe, wie das Sprichwort geht, Der todte Lowen keck am Barte zupft. Pack' ich euch recht, ſo ſchwefl' ich euren Pelzrock: Ja, ſeht euch vor! Ich thu's fuͤrwahr, ich thu's! Bl. O wie ſo wohl ſtand Dem des Leu'n Gewand, Der dieß Gewand dem Leuen hatt' entwandt! Baſt. So augenfaͤllig liegts ihm auf dem Ruͤcken, Wie auf dem Eſel Herkuls Kraft erſchiene. Bald, Eſel, nehm' ich euch die Laſt vom Nacken, Uum andres drauf, was beſſer druͤckt, zu packen. —,————— —, Trittſt du ſie ab, und legſt die Waffen nieder? Ergieb dich, Knabe. Sz1. Johann. Heſt. Wer packt hier ſolche Prahlereyen aus, Die Oyr m leerem Schall betäu n? R. Ph. Louis, entſcheidet, was wir ſollen thun. Louis. Ihr Narrn und Weiber, ſtreitet fuͤrder nicht. Koͤnig Johann, die kurze Summ' iſt dieß England und Irland, Anjou, Touraine, Maine, Sprech' ich von dir in Arthurs Namen an; R. Joh. Mein Leben eher,— Trotz ſey Frankreich, dir! Vertraue mir dich, Arthur von Bretagne, Aus treuer Liebe will ich mehr dir geben, Als Frankreichs feige Hand gewinnen kann. El. Komm zur Großmutter, Kind! Conſt. Thu's, Kind! geh hin Großmama, mein ind! Gieb Königreich an Großmama! ſie giebt dir »Ne Firſche,'ne Roſine und'ne Feige: Die gute Großmama! Arth. Still! gute Mutter! Ich wollt“, ich laͤge tief in meinem Grab, Ich bins nicht werth, daß ſolch ein Laͤrm entſteht. xl. Das Kind weint, wie die Mutter es beſchaͤmt! Conſt. Schaam uͤber euch, ſie thu' es oder nicht; Großmutters Unrecht, und nicht mein Beſchaͤmen, Lockt himmelruͤhr'nde Perl ins arme Auge, Die als ein Pfand der Himmel nehmen wird. Ja, der kriſtallne Schmuck beſticht den Himmel, Zu ſchaffen ihm ſein Recht und Rach' an euch. l. O du Verlaͤumderin von Erd' und Himmel! Conſt. O du Verbrecherin an Erd und Himmel! Schilt mich Verlaͤumdrin nicht. Du raubſt, die Deinen, Des unterdruͤckten Knaben Thron und Recht. Er iſt der Sohn von deinem ältſten Sohn, In keinem Stuͤck ungluͤcklich als in dir; Dein Frevel wird am armen Kind geſtraft, Der Ausſpruch des Gebotes ſucht ihn heim, Denn nur im zweiten Grad“ iſt er entfernt Von dieſem deinem ſuͤndenſchwangern Leib. R. Joh. Wahnwitz, hoͤr auf! Conſt. Nur dieſes ſag' ich noch: Er wird nicht blos geplagt um ihre Suͤnde, Gott machte ihr Suͤnd' und ſie zur Plage ür dieſen Nachkömmling, geplagt fur ſie: WMit ihr plagt ihn ihr Sohn, ihr Unrecht iſt Sein Unrecht, er der Buͤttel ihrer Suͤnden. Das alles wird in dieſem Kind beſtraft, Und alles blos um ſie: Plag' üͤber ſie! El. Du thoͤricht laͤſternd Weib! ein letzter Wille Schließt deinen Sohn von jedem Anſpruch aus. Conſt. Wer zweifelt dran? Ein Will, ein Weiber⸗Wille, Ein boͤſer, tuͤckiſcher Großmutter⸗Wille! Bön. Ph. Still, Fuͤrſtin! oder mäßigt beſſer euch. Schlecht ziemt es dieſein Kreiſe, Beyfall rufen Zum Mißlaut ſolcher Wiederhohlungen.— Lad' ein Trompeter auf die Mauern hier Die Buͤrger Angers; hoͤren wir, weß Recht Bey ihnen gilt, ob Arthurs, ob Johanns. (Trompetenſtoß. Buͤrger erſcheinen auf den Mauern.) Bürg. Wer iſt es, der uns auf die Mauern ruft? & R. ph. Frankreich, fuͤr England. R. Joh. England fuͤr ſich ſelbſt. Ihr Maͤnner Angers, mein getreues Volk,— R. Ph. Getreue Maͤnner Angers, Arthurs Volk,— Wir luden euch zu freundlichen Geſpraͤch,— R. Joh. Zu unſerm Vortheil,— darum hoͤrt uns erſt. Die Banner Frankreichs, die ſich hier genaht Bis vor das Aug' und Antlitz eurer Stadt, Sind angeruͤckt euch zur Beſchaͤdigung. Mit Grimm gefuͤllt iſt der Kanonen Bauch; Sie ſind geſtellt ſchon, gegen eure Mauern iſerne Entruͤſtung auszuſpehn. blutgen Angriff alle Vorbereitung, Und der Franzoſen feindlich Thun, bedroht Die Thore, eurer Stadt geſchloſſne Augen. Und, wenn wir nicht genaht, ſo waͤren jetzt Die ruh'nden Steine, die euch rings umguͤrten, Durch des Geſchuͤtzes ſtuͤrmende Gewalt Aus ihrem feſten Bett von Leim geriſſen, Und die Verwuͤſtung bahnte blut'ger Macht Den Weg, auf euren Frieden einzubrechen.„ Doch auf den Anblick eures aͤchten Koͤnige. Der muͤhſamlich mit manchem ſchnellen Marſch, —,— Sz. 1. Johann. Vor eure Thor' ein Gegenheer gebracht, Um unverletzt die Wangen eurer Stadt Zu ſchuͤtzen,— ſiehe da! erſtaunt bequemen Zur Unterredung die Franzoſen ſich; 2 ünd ſchießen nun, ſtatt Kugeln, rings in Feuer, Uum eure Mauern jieberhaft zu ſchuͤtteln, Nur ſanfte Worte, eingehüllt in Dampf, Um eure Ohren treulos zu bethoͤren. Traut ihnen dem zufolge, werthe Buͤrger, Und laßt uns, euren Koͤnig, ein, deß Kraͤfte, Erſchöpft durch dieſes Zuges ſtrenge Eil, Herberge heiſchen im Bezirk der Stadt. R. Ph. Wann ich geſprochen, gebt uns beyden Antwo Seht hier an meiner Rechten, deren Schutz Aufs heiligſte gelobt iſt deſſen Recht, Der ſie gefaßt, ſteht Prinz Plantagenet,⸗ Sohn von dem aͤltern Bruder dieſes Manus, Und Koͤnig uͤber ihn und all das Seine. Fuͤr dieß zertretne Recht nun treten wir Im Kriegerzug den Plan vor eurer Stadt, Wiewohl wir weiter euer Feind nicht ſind, Als Nöthigung gaſtfreundſchaftlichen Eifers Zur Huͤlfe dieſes unterdruͤckten Kinds üns im Gewiſſen treibt. Seyd denn gewillt, Die ſchuld'ge Pflicht dem, welchem ſie gebuͤhrt, Zu leiſten, naͤmlich dieſem jungen Prinzen: Und unſre Waffen, wie ein Baͤr im Maulkorb, Drohn ſcheinbar nur, verſiegelnd allen Harm; Der Stuͤcke Grimm wird auf des Himmels Wolken, Die unverwundbar, eitel hingewandt; Mit frohem freyem Ruͤckzug wollen wir, Die Helm' und Schwerter ohne Beul' und Scharte, Das muntre Blut nach Hauſe wieder tragen, Das wir an eure Stadt zu ſpruͤtzen kamen, Und euch mit Weib und Kind in Frieden laſſen. Doch ſchlagt ihr thoͤricht dieß Erbieten aus, So ſoll n grauen Mauern Rund Vor unſern Kriegesboten euch verbergen, Waͤr' all' dieß Volk von England, und ihr Zeug In ihren rauhen Umkreis auch gelegt. Sagt denn, erkennt uns eure Stadt als Herrn, Zn Gunſten deß, fuͤr den wir es geheiſcht?! Wie, oder geben wir der Wuth Signal, Und ziehn bhrch Blut in unſer Eigenthum? 2 17 rt. 18 König A. I. 1. Bürg. Wir ſind dem Koͤnig Englands unterthan, Die Stadt bleibt ihm und ſeinem Recht bewahrt. R. Joh. Erkennt den Koͤnig denn, und laßt mich ein. 1. Bürg. Wir könnens nicht; wer ſich bewaͤhrt als Koͤnig, Der ſoll bewaͤhrt uns finden: bis dahin Verrammen wir die Thore aller Welt. R. Joh. Bewaͤhrt die Krone Englands nicht den Koͤnig? Genugt das nicht, ſo bring' ich Zeugen mit, Aus Englands Stamm an dreyßig tauſend Herzen,— Baſt. Baſtarde und ſo weiter. R. Joh. Die mit dem Loben ſtehn fuͤr unſer Recht. R. ph. Nicht weniger, noch minder edles Blut— Baſt. Auch einige Baſtarde. R. Ph. Steht hier, der Forderung zu widerſprechen. 1. Bürg. Bis ausgemacht, weß Recht das wuͤrdigſte, Verweigern fuͤr den Wuͤrdigſten wirs beyden⸗ R. Joh. Vergebe Gott denn aller Seelen Suͤnden, Die heut zu ihrem ew'gen Aufenthalt, Bevor der Abend thaut, entſchweben werden, Im furchtbarn Zwiſt um unſers Reiches Koͤnig! R. ph. Amen!— Zu Pferd, ihr Ritter! zu den Waffen! Baſt. Sankt George!— Der ab den Drachen that, und ſtets ſeitdem Vor unſrer Wirthin Thuͤr zu Pferde ſitzt, Hüf uns nun tuͤchtig!—(Bu Oeſterreich. Ihr! waͤr' ich zu Haus, In eurer Hoͤhle, Herr, bei eurer Loͤwin, Ich ſetzt' ein Stierhaupt auf eu'r Löwenfell, ünd macht' euch ſo zum Unthier. S Geſt. Still doch, ſtill! Baſt. O zittert, denn ihr hoͤrt des Leu'n Gebruͤll. R. Joh. Hinauf zur Ebne, wo in beſter Ordnung Wir alle unſte Truppen reihen wollen. Baſt. So eilt, des Platzes Vortheil zu gewinnen. R. Ph.(zu Louis) So ſey's; und an den andern Hu⸗ gel heißt Den Reſt ſich ſtellen.— Gott und unſer Recht! (AMe ab.) . Johann⸗ 19 G S Zweyte Sßene. (Getuͤmmel und Schlacht. Dann ein Ruͤckzug. Ein franzoſi⸗ ſcher Herold mit Trompetern tritt an die Thore.) Fr. er. Ihr Maͤnner Angers, offnet weit die Thore, Laßt Arthur, Herzog von Bretagne, ein, Der heut durch Frankreichs Ha d viel Stoff zu Thränen Den Muͤttern Enslands ſchaffte, deren Soͤhne Geſaͤet liegen auf dem blut'gen Grund. Auch mancher Wittwe Gatte liegt im Staub, Nun kalt umarmend die verfaͤrbte Erde; Und Sieg, mit wenigem Verluſte, ſpielt Auf der Franzoſen tanzenden Panieren, Die triumphirend ſchon geordnet ſtehn, um einzuziehn, und Arthur von Bretagne Als Englands Herrn und euren auszurufen. (Ein Engliſcher Herold mit Trompetern.) . Her. Freut euch, ihr Maͤnner Angers! laͤutet Glocken! Koͤnig Johann, Englands und eurer, naht, Gebieter dieſes heißen, ſchlimmen Tags. Die ausgeruͤckt mit ſilberheller Wehr, Sie kehren heim, mit Fraͤnk ſchem Blut vergoldet; Kein Engliſch Haupt trug Federn auf dem Helm, Die eine Lanze Frankreichs weggeriſſen; Die Fahnen kehren in denſelben Haͤnden, Die erſt beym Auszug ſie entfaltet, heim. Und wie ein muntrer Trupp von Jaͤgern, kommen Die Engliſchen, die Haͤnde ganz bepurpurt, Gefaͤrbt vom Morde, der die Feind' entfaͤrbt. Thut auf die Thor', und gebt den Siegern Raum! 1. Bürg. Herolde, von den Thuͤrmen ſahn wir wohl Den Angtff und den Ruͤckzug beyder Heere Von Anfang bis zu Ende: ihre Gleichheit Scheint ohne Tadel unſerm ſchaͤrfſten Blick. Blut kaufte Blut und Streiche galten Streiche, Macht gegen Macht, und Stärke ſtand der Staͤrke. Sie ſind ſich gleich, wir beyden gleichgeſinnt. Bis einer uͤberwiegt, bewahren wir Die Stadt fuͤr keinen und fuͤr beyde doch. (Von der einen Seite treten auf Koͤnig Johann mit Truppen, Eleonora, Blanca, und der Baſtard, von der andern Koͤnig Philipp, Louis, Oeſter⸗ reich und Truppen.) 2* 20 Koͤnig A. II. R. Joh. Frankreich, haſt du mehr Blut noch zu vergenden? Hat freyen Lauf nun unſers Rechtes Strom? Er wird, gehemmt durch deinen Widerſtand, Sein Bett verlaſſen, und in wilder Bahn Selbſt dein beſchraͤnkend Ufer uͤberſchwellen, Wo du ſein ſilbernes Gewaͤſſer nicht In Frieden gleiten laͤßt zum Ocean. R. Ph. England, du ſparteſt keinen Tropfen Blut In dieſer heißen Pruͤfung mehr als Frankreich; Verlorſt eh mehr: und bey der Hand hier ſchwör' ich, Die herrſcht, ſo weit ſich dieſer Himmel ſtreckt: S wir gerecht getragne Waffen niederlegen, Mußt nieder du, um welchen wir ſie tragen, Sonſt mehrt ein Koͤnigsleichnam noch die Todten, Daß dann die Liſte von des Kriegs Verluſt Mit Mord beym Namen eines Konigs prange. Baſt. Ha, Majeſtaͤt! wie hoch dein Ruhm ſich ſchwingt, Wenn koͤſtlich Blut in Koͤnigen entgluͤht! Ha! nun beſchlaͤgt der Tod mit Stahl die Kiefern, Der Krieger Schwerter ſind ihm Zaͤhn' und Hauer; So ſchmauſt er nun, der Menſchen Fleiſch verſchlingend, In unentſchiednem Zwiſt der Koͤnige.— Was ſtehn ſo ſtarr die koͤniglichen Heere? Ruft Mord, ihr Koͤn'ge! ins befleckte Feld, Ihr gleichen Maͤchte, wild entflammte Geiſter! Laßt eines Theils Verderb des andern Frieden Verſichern; bis dahin: Kampf, Blut und Tod! R. Joh. Auf weſſen Seite treten nun die Staͤdter? R. Ph. Fuͤr England, Bürger, ſprecht: wer iſt eu'r Herr? 1. Bürg. Der Koͤnig Englands, kennen wir ihn erſt. B. Ph. Kennt ihn in uns, die wir ſein Recht vertreten. k. Joh. In uns, die wir ſelbſteigne Vollmacht fuͤhren, Und uns allhier behaupten in Perſon: Herr unſer ſelbſt, von Angers und von euch. 1. Bürg. Dieß weigert eine hoͤh're Macht, als wir, Und wir verſchließen, bis es ausgemacht, Den vor'gen Zweifel in geſperrten Thoren, Selbſt Koͤn'ge unſrer Furcht, bis dieſe Furcht Uns ein gewiſſer Herrſcher lößt und bannt. Baßt. Bey Gott! dieß Pack ti hoͤhnt euch, uͤrſten;. Sie ſtehn auf ihren Zinnen ſorglos da, Sz. 2. Johann. 2 Wie im Theater gaffen ſie, und zeigen Auf euer emſig Schauſpiel voller Tod. Folg' eure koͤnigliche Wuͤrde mir: Wie die Empoͤrer von Jeruſalein Seyd Freunde eine Weil', und kehrt vereint Der Feindſchaft aͤrgſte Mittel auf die Stadt. Von Oſt und Weſt entlad' England und Frankreich Ihr ſchmetterndes Geſchuͤtz zur Muͤndung voll, Bis niederzankt ihr ſeelerſchuͤtternd Rufen Die Kieſel⸗Rippen dieſer kecken Stadt. Ich wollt' auf dieß Geſindel raſtlos zielen, Bis wehrlos liegende Verheerung ſie So nackend ließ, wie die gemeine Luft, Penn das geſchehn, theilt die vereinte Macht, Trennt die vermiſchten Fahnen noch einmal: Kehrt Stirn an Stirn, und Spitze gegen Spitze. Dann wird Fortuna ſich im Augenblick Auf einer Seite ihren Liebling wählen, Dem ſie aus Gunſt den Tag verleihen wird, Und ihn mit einem ſchoͤnen Siege kuͤſſen. Behagt der wilde Rath euch, mächt'ne Staaten? Schmeckt er nicht etwa nach der Politik? R. Joh. Beym Himmel, der ſich woͤlbt ob unſern Haͤnptern! Mir ſteht er an.— Sag, Frankreich, ſollen wir Die Macht verbuͤnden, und dieß Angers ſchleifen; Denn fechten, wer davon ſoll Koͤnig ſeyn? Baſt. Ja, wenn du hegſt ein koͤniglich Gemuͤth; Da dich wie uns die lump'ge Stadt beleidigt, So kehre deiner Stuͤcke Mändungen Mit unſern gegen dieſe trotz'gen Mauern; Und wenn wir nun zu Boden ſie geſprengt⸗ Dann fordert euch, und ſchafft euch auf der Stelle, Wie's kommen mag, zu Himmel oder Höoͤlle. R. ph.“ So ſey's.— Sagt, wo berennet ihr die Stadt! R. Joh. Von Weſten wollen wir Zerſtoͤrung ſenden In ihren Buſen.. Heſt. Ich von Norden her. s. py. und unſer Donner ſoll ſein Kugelſchauer Aus Säden regnen uͤber dieſe Stadt. Baſt.(beyſeit.) Von Nord nach Suͤden— welch ein kluger Fund!— 22 Koͤnig A. U. Schießt Heſtreich ſich und Frankreich in den Mund.“ Ich will dazu ſie hetzen.— Fort denn, fort! 1. Bürg. Verweilt noch, große Fuͤrſten, hoͤrt ein Wort, Und Frieden zeig' ich euch und frohen Bund. Gewinnt die Stadt doch ohne Wund' und Streich, Bewahrt die Leben für den Tod im Bette, Die hier als Opfer kommen in das Feld. Beharrt nicht, ſondern hoͤrt mich, maͤcht'ge Fuͤrſten! R. Joh. Sprecht! mit Genehmigung; wir hoͤren an. 1. Bürg. Die Tochter da von Spanien, Fraͤulein Blanca, Iſt England nah verwandt: ſchaut auf die Jahre Des Dauphin Louis und der holden Magd. Wenn nuntre Liebe nach der Schoͤnheit geht, Wo faͤnde ſie ſie holder, als in Blanca? Wenn fromme Liebe nach der Tugend ſtrebt, Wo faͤnde ſie ſie reiner, als in Blanca? Fragt ehrbegier'ge Liebe nach Geburt: Weß Blut ſtroͤmt edler, als der Fraͤulein Blanca? Wie ſie, an Tugend, Schoͤnheit und Geburt, Iſt auch der Dauphin allerdings vollkommen. Wo nicht; o ſagt, er iſt nicht ſie, und ihr Fehlt wieder nichts, um Mangel doch zu nennen, Wenn es kein Mangel iſt, daß ſie nicht er. Er iſt die Haͤlfte eines ſel'gen Manns, Den eine ſolche Sie vollenden muß, Und ſie, getheilte holde Trefflichkeit, Von der in ihm Vollendungsfuͤlle liegt. O ſo zwey Silberſtroͤme, wenn vereint, Verherrlichen die Ufer, die ſie faſſen; Und ſolche Ufer ſo vereinter Stroͤme, Zwey Graͤnzgeſtade, Koͤn'ge, moͤgt ihr ſeyn Den beyden Prinzen, wenn ihr ſie vermählt. Der Bund wird an den feſtverſchloſſnen Thoren Mehr thun, als Stuͤrmen: denn auf dieſe Heirath Thut plötzlicher, als Pulver ſprengen kann, Der Durchgang Muͤndung angelweit ſich auf, Euch einzulaſſen! aber ohne ſie Iſt die empoͤrte See nicht halb ſo taub, Nicht Loͤwen unerſchrockner, Berg' und Felſen Nicht unbeweglicher, ja ſelbſt der Tod In grauſer Wuth nicht halb ſo feſt entſchieden, Als wir, die Stadt zu halten. Sz. 2. Johann. 23 Paſt. Das iſt ein Trumpf! Der ſchuͤttelt euch des alten Tods Geripp Aus ſeinen Lumpen! Traun, ein großes Maul, Das Tod ausſpeyt, und Berge, Felſen, Seen; Das ſo vertraut von grimmen Löwen ſchwatzt, Wie von dem Schooßhund dreyzehnjaͤhr'ge Maͤdchen. Hat den Kumpan ein Kanonier erzeugt? Er ſpricht Kanonen, Feuer, Dampf und Knall, Er giebt mit ſeiner Zunge Baſtonaden, Das Ohr wird ausgepruͤgelt; jedes Wort Pufft kraͤftiger, als eine fraͤnkſche Fauſt. Blitz! ich bin nie mit Worten ſo gewalkt, Seit ich des Bruders Vater Tatte nannte. El. Sohn, horch auf dieſen Vorſchlag, ſchließ die Heirath, Gieb unſrer Nichte wuͤrd'gen Brautſchatz mit: Denn dieſes Band verſpricht ſo ſicher dir Den widerſprochnen Anſpruch auf die Krone, Daß dort dem Kindlein Sonne fehlen wird, Die Bluthe bis zur maͤcht'gen Frucht zu reifen. Ich ſehe Willfahrung in Frankreichs Blicken; Sieh, wie ſie fluͤſtern, dring' in ſie, derweil Die Seelen dieſer Ehrſucht faͤhig ſind; Daß nicht der Eifer, durch den Hauch geſchmelzt Von ſanften Bitten, Mitleid und Bereuen, Zu ſeiner vor'gen Haͤrt' aufs neu erſtarrt. 1. Bürg. Warum erwiedern nicht die Majeſtaͤten Den Freundes⸗Vorſchlag der bedrohten Stadt? R. ph. Red' England erſt, das erſt ſich hingewandt Zu dieſer Stadt zu reden.— Was ſagt ihr? R. Joh. Kann dein erlauchter Sohn, der Dauphin dort, „Ich lieb',“ in dieſem Buch der Schoͤnheit leſen, So waͤgt ihr Brautſchatz Koͤniginnen auf; Denn Anjou ſoll, ſammt Poictiers, Touraine, Maine Und allem, was wir nur dieſſeit des Meers, Bis auf die jetzt von uns berennte Stadt, An unſte Kron' und Herrſchaft pflichtig finden, Das Brautbett ihr verguͤlden, und ſie reich An Titeln, Ehren und Gewalten machen, Wie ſie an Reiz, Erziehung und Geburt Sich neben jegliche Prinzeſſin ſtellt. R. Pph. Was ſagſt du, Sohn? Schau in des Fraͤu⸗ leins Antlitz⸗ Koͤnig Louis. Ich thu's, mein Fuͤrſt, und find' in ihrem Auge Ein Wunder, das mich in Verwundrung ſetzt, Den Schatten von mir ſelbſt in ihrem Auge, Der, da er nur der Schatten eures Sohns, Zur Sonne wird, und macht den Sohn zum Schatten. Ich ſchwoͤr' euch zu, ich liebte niemals mich, Bis ich mich ſelber ausgemahlt hier ſah, Gefaßt im Schmeichelbilde ihrer Blicke. (Er ſpricht heimlich mit Blanca.) Baſt. Gefaßt im Schmeichelbilde ihrer Blicke Gehaͤngt in finſtern Runzeln ihrer Brauen! Im Herzen eingeviertelt— Liebestuͤcke Und Hochverrath.— Wie Jammer iſt, zu ſchauen, Daß aufgehaͤngt, gefaßt, geviertelt, nun In ſolcher Huld dieß Jammerbild ſoll ruhn. Bl. Des Oheims Will' in dieſem Stuͤck iſt meiner. Sieht er etwas in euch, das ihm gefaͤllt, So kann ich leicht dieß etwas, das er ſieht, In meinen Willen uͤbertragen: oder Um richtiger zu reden, wenn ihr wollt, Will ich es meiner Liebe gern empfehlen. Nicht weiter ſchmeicheln will ich euch, mein Prinz, Daß, was ich ſeh' an euch, der Liebe werth, Als ſo: daß ich⸗an euch nichts ſehen kann, Sei ſelbſt die Mißgunſt euer Richter waͤr') as irgend Haß mir zu verdienen ſchiene. B. Joh. Was ſagt das junge Paar? was ſagt ihr, Nichte? Bl. Daß Ehre ſie verpflichtet, ſtets zu thun Was eure Weisheit ihr geruht zu ei R. Ph. So ſprecht denn, Prinz, koͤnnt ihr dieß Fräulein lieben? Louis. Nein, fragt, ob ich mich kann der Lieb' er⸗ wehren, Denn unverſtellten Herzens lieb' ich ſie. R. Joh. Dann geb' ich dir Volqueſſen, Touraine, Maine, Poictiers und Anjou, dieſe fuͤnf Provinzen, Mit ihr zugleich, und dieſe Zuthat noch, Baar dreißigtauſend Mark Englaͤndiſch Gold. Philipp von Frankreich, wenn es dir gefaͤllt, Laß Sohn und Tochter nun die Hand ſich geben. Sz. 2. Johann. 25 R. Ph. Mir iſt es rechtl! Gebt euch die Haͤnde, Prinzen! Heſt. Die Lippen auch; denn das ſcheint mir zu loben, Ich macht' es ſo, als ich mich einſt verlobte. R. ph. Nun, Angers Bürger, oͤffnet eure Thore, Und laßt die Freundſchaft ein, die ihr geſtiftet. Denn in Marie'n Kapelle wollen wir Sogleich die Braͤuche der Vermaͤhlung feyern.— Iſt Frau Conſtanze nicht in dieſer Schaar? Gewißlich nicht! denn die geſchloßne Heirath Haͤtt ihre Gegenwart ſonſt ſehr geſtort. Wo iſt ſie und ihr Sohn! ſagt, wer es weiß! Louis. Sie iſt voll Gram in eurer Hoheit Zelt. . ph. Uund, auf mein Wort, der Bund, den wir geſchloſſen, Wird ihrem Grame wenig Lindrung geben.— Bruder von England, wie befried'gen wir Die Fuͤrſtin Wittwe? Ihrem Recht zu lieb Sind wir gekommen, welches wir, Gott weiß, Auf anderm Weg gelenkt zu eignem Vortheil. s. Joh. Wir machen alles gut: den jungen Arthur Ernennen wir zum Herzog von Bretagne Und Graf von Richmond, machen ihn zum Herrn Von dieſer reichen Stadt.— Ruft Frau Conſtanze, Ein eil'ger Bote heiße ſie erſcheinen Bey unſter Feyrlichkeit.— Wir werden, hoff⸗ ich, Wo nicht erfullen ihres Willens Maß, Doch in gewiſſem Maß ihr ſo genugthun, Daß wir ihr Schreyn dagegen hemmen werden. Gehn wir, ſo gut die Eil' es uns erlaubt, Zu dieſem unverſehnen Feyerzug. (Alle außer dem Baſtard ab. Die Buͤrger ziehn ſich von den Mauern zuruͤck.) Baſt. Tolle Welt! tolle Fuͤrſten! tolles Buͤndniß! Johann, um Arthurs Anſpruch an das Ganze Zu hemmen, hat ein Theil davon ertheilt; ünd Frankreich, den Gewiſſen ſelbſt gepanzert, Den Chriſtenlieb' und Eifer trieb ins Feld: Als Gottes Krieger, in das Ohr geraunt Vom Vorſatz⸗Aendrer, ihm, dem ſtillen Teufel, Dem Unterhaͤndler, der die Treu' verhandelt, Dem täglichem Wortbrecher, truͤgend Alle, Die Koͤn'ge, Bettler, Alte, Junge, Maͤgde,— 26 Koͤnig Johann. A. II. Sz. 2. Die er, wenn ſie nichts Aeußres zu verlieren, Als das Wort Magd, um dieß die Armen truͤgt,— Der glatte Herr, der Schmeichler Eigennutz,— Ja Eigennutz, der Nebenhang der Welt, Der Welt, die gleich gewoögen iſt an ſich, Auf ebnem Boden grade hin zu rollen; Bis dieſer Vortheil, dieſer ſchnoͤde Hang, Der Lenker der Bewegung, Eigennutz, Sie abwaͤrts neigt von allem Gleichgewicht, Von aller Richtung, Vorſatz, Lauf und Ziel; Und dieſer Hang nun, dieſer Eigennut, Dieß allverwandelnde Vermittler-Wort, Aufs Aug' gelegt dem wankelmuͤth'gen Frankreich, Zieht ihn von ſeiner ſelbſtverlieh'nen Huͤlfe, Von einem wackern, ehrenvollen Krieg, Zu einem ſchnoͤden, ſchlechtgeſchloßnen Frieden.— Und warum ſchelt' ich auf den Eigennutz? Doch nur, weil er bis jetzt nicht um mich warb. Nicht, daß die Hand zu ſchwach waͤr', zuzugreifen, Wenn ſeine ſchoͤnen Engel ſie begruͤßten; Nein, ſondern weil die Hand, noch unverſucht, Dem armen Bettler gleich, den Reichen ſchilt. Gut, weil ich noch ein Bettler, will ich ſchelten, Und ſagen, Reichthum ſey die einz'ge Suͤnde; Und bin ich reich, ſpricht meine Tugend frey, Kein Laſter geb' es außer Betteleyn. Bricht Eigennutz in Koͤnigen die Treu, So ſey mein Gott, Gewinn, und ſteh mir bey! ab.) Dritter Aufzug.⸗ Erſte Szene. Das Zelt des Konigs von Frankreich. (Conſtanze, Arthur und Salisbury treten auf.) Conſt. So ſich vermaͤhlt! den Frieden ſo geſchworen! Falſch Blut vereint mit falſchem! Freunde nun? Soll Louis Blanca haben? ſie die Laͤnder? Es iſt nicht ſo: du haſt verredt, verhoͤrt; Beſinne dich, ſag den Bericht noch'mal. Es kann nicht ſeyn; du ſagſt nur, daß es iſt: Ich traue drauf, daß nicht zu traun dir ſteht, Dein Wort iſt eines Menſchen eitler Odem. Ja, glaube, daß ich dir nicht glaube, Mann, Ich hab' dawider eines Koͤnigs Eid. Man ſoll dich ſtrafen, daß du mich erſchreckt: Denn ich bin krank, empfaͤnglich fuͤr die Furcht, Von Leid bedrängt, und alſo voller Furcht, Bin Wittwe, gattenlos, ein Raub der Furcht, Ein Weib, geboren von Natur zur Furcht; Und ob du nun bekennſt, du ſcherzteſt nur, Kommt doch kein Fried' in die verſtorten Geiſter, Daß ſie nicht bebten dieſen ganzen Tag. Was meinſt du mit dem Schuͤtteln deines Kopfes? Was blickſt du ſo betruͤbt auf meinen Srn? Was meint die Hand auf dieſer deiner 2 euſt? Was hält dein Auge dieſe Thraͤnenflut, Gleich einem Strom, der ſtolz dem Bete' entſchwillt? Sind dieſe Zeichen deines Worts Betheurer? So ſprich! Nicht ganz die vorige Erzählung, Dieß Wort nur: ob ſie wahr ſey oder nicht? Sal. So wahr, wie ihr gewiß fuͤr falſch die haltet, Die Schuld ſind, daß ihr wahr mein Wort erfindet. Conſt. O, lehrſt du mich, zu glauben dieſes Leid, So lehr' du dieſes Leid, mich umzubringen, Laß Glauben ſich und Leben ſo begegnen, Wie zwey verzweiflungsvoller Menſchen Wuth, Die, wie ſie ſich nur treffen, fall'n und ſterben.— Louis vermaͤhlt mit Blanca? Kind, wo bleibſt du? 28 A. III. Frankreich mit England Freund? Was wird aus mir? Fort, Menſch! dein Anblick iſt mir grauenvoll; Wie häßlich hat die Zeitung dich gemacht! Sal. Was that ich denn fuͤr Harm euch, gute Fuͤrſtin, Als daß ich ſprach von Harm, den Andre thun? Conſt. Der Harm iſt ſo gehaͤſſig in ſich ſelbſt, Daß, wer davon nur ſpricht, nicht harmlos bleibt. Arth. Beruhigt euch, ich bitte, liebe Mutter. Conſt. Waͤrſt du, der mich beruhigt wuͤnſcht, abſchenlich, Haͤßlich und ſchaͤndend für der Mutter Schooß, Voll widerwaͤrt'ger Flecke, garſt'ger Makeln, Lahm, albern, bucklicht, mißgebören, ſchwarz, Mit ekelhaften Maͤlern ganz bedeckt; Dann fragt ich nichts danach, dann waͤr' ich ruhig, Dann wuͤrd' ich dich nicht lieben, nein, und du Waͤrſt nicht des großen Stamms, der Krone werth. Doch du biſt ſchoͤn, dich ſchmuͤckten, lieber Knabe, Patur und Gluͤck vereint bey der Geburt. Von Gaben der Natur prangſt du mit Lilien Und jungen Roſen; doch Fortuna— o! Sie iſt verfuͤhrt, verwandelt, dir entwandt. Sie buhlt mit deinem Oheim ſtuͤndlich, hat Mit goldner Hand Frankreich herbeygeriſſen, Der Herrſchaft Huldigung in Grund zu treten, Daß ſeine Majeſtät ihr Kuppler wird. Er iſt Fortuna's Kuppler und Johanns, Der Bühlerin mit ihm, dem Kronenräuber.— Sag mir, du Mann, iſt Frankreich nicht meineidig? Vergift' ihn mir mit Worten, oder geh, Und laß dieß Weh allein, das ich allen Zu tragen bin beſtimmt. . Sal. Verzeiht mir, Fuͤrſtin, Ich darf ohn' euch nicht zu den Koͤn'gen gehn. Conſt. Du darfſt, du ſollſt, ich will nicht mit dir gehn. Ich will mein Leiden lehren ſtolz zu ſeyn; Denn Gram iſt ſtolz, er bengt den Eigner tief, Um mich und meines großen Grames Staat Laßt Koͤn'ge ſich verſammeln; denn ſo groß Iſt er, daß nur die weite, feſte Erde Ihn ſtuͤtzen kann; den Thron will ich beſteigen, Ich und mein Leid; hier laßt ſich Koͤn'ge neigen. (Sie wirft ſich auf den Boden.) Sz. 1. Johann. 29 (König Johann, Koͤnig Philipp, Louis, Blanca, Eleonora, der Baſtard, Heſterreich und Gefolge treten auf.) R. Ph. Ja, holde Tochter: dieſen Segenstag Soll man in Frankreich feſtlich ſtets begehn. Um dieſen Tag zu feyern, hemmt den Lauf Die hehre Sonn', und ſpielt den Alchimiſten, Berwandelnd mit des koſtbarn Auges Glanz Die magre leim'ge Erd' in blinkend Gold. Der Jahres⸗Umlauf, der ihn wiederbringt, Soll ihn nicht anders ſehn, als Feyertag.— Conſt.(aufſtehend.) Ein Suͤndentag und nicht ein Fey⸗ ertag!— Was hat der Tag verdient und was gethan, Daß er mit goldnen Lettern im Kalender Als eins der hohen Feſte ſollte ſtehn? Nein, ſtoßt ihn aus der Woche lieber aus, Den Tag der Schmach, Bedruͤckung und des Meineids, Und bleibt er ſtehn, laßt ſchwangre Weiber beten, Nicht auf den Tag der Buͤrde frey zu werden, Daß keine Mißgeburt die Hoffnung taͤuſche; Der Seemann fuͤrcht' an keinem ſonſt den Schifföruch, Kein Handel brech', als der an ihm geſchloſſen; Was dieſer Tag beginnt, ſchlag' uͤbel aus, Ja, Treue ſelbſt verkehr' in Falſchheit ſich! B. ph. Beym Himmel, Fuͤrſtin, ihr habt keinen Grund, Dem ſchoͤnen Vorgang dieſes Tags zu fluchen. Setzt' ich euch nicht die Majeſtät zum Pfand? Conſt. Ihr troget mich mit einem Afterbild, Das glich der Maͤfeſtaͤt; allein beruͤhrt, gepruͤft, Zeigt es ſich ohne Werth; ihr ſeyd meineidig, Ihr wolltet meiner Feinde Blut vergießen, Und nun vermiſcht ihr eures mit dem ihren. Die Ringer-Kraft, das wilde Drohn des Krieges, Kuͤhlt ſich in Freundſchaft und geſchminktem Frieden Und unſre Unterdruͤckung ſchloß den Bund. Straf, Himmel, ſtraf die eidvergeßnen Koͤnge! Hoͤr' eine Wittwe, ſey mir Gatte, Himmel! Laß nicht die Stunden dieſes ſuͤnd'gen Tags In Frieden hingehn; eh die Sonne ſinkt, Entzweye dieſe eidvergeßnen Kön'ge! Hoͤr' mich, o hoͤr' mich! Geſt. Frau Conſtanze, Friede! 30 Koͤnig A. III. Conſt. Krieg! Krieg! kein Friede! Fried' iſt mir ein Krieg, O Oeſtreich! o Limoges! du beſchaͤmſt Den blut'gen Raub: du Knecht, du Schalk, du Memme! Du klein an Thaten, groß an Buͤberey! Du immer ſtark nur auf der ſtaͤrkern Seite! Fortuna's Ritter, der nie ſicht, als wenn Die launenhafte Dame bei ihm ſteht Und fuͤr ihn ſorgt! Auch du biſt eidvergeſſen,— Und dienſt der Groͤße. Welch ein Narr biſt du, Geſpreizter Narr, zu prahlen, ſtampfen, ſchwoͤren Fuͤr meine Sache! Du kaltbluͤt'ger Stlav, Haſt du fuͤr mich wie Donner nicht geredet? Mir Schutz geſchworen? mich vertrauen heißen Auf dein Geſtirn, dein Gluͤck und deine Kraft? Und faͤllſt du nun zu meinen Feinden ab? Du in der Haut des Loͤwen! Weg damit, Und haͤng' ein Kalbsfell um die ſchnoͤden Glieder! Oeſt. O daß ein Mann zu mir die Worte ſpraͤche! Baſt. Und haͤng' ein Kalbsfell um die ſchnoͤden Glieder. Oeſt. Ja, unterſteh dich das zu ſagen, Schurk'. Baſt. Und haͤng' ein Kalbsfell um die ſchnoͤden Glieder. R. Joh. Wir moͤgen dieß nicht, du vergißt dich ſelbſt. (Pandulpho tritt auf.) R. ph. Hier kommt der heil'ge Legat des Pabſtes. pand. Heil euch, geſalbte Stellvertreter Gottes! Koͤnig Johann, dir gilt die heil'ge Botſchaft. Ich Pandulph', Cardinal des ſchönen Mailand, Und von Pabſt Innocenz Legat allhier, Frag' auf Gewiſſen dich in ſeinem Namen, Warum du un'ſte heil'ge Mutter Kirche So ſtörrig niedertrittſt, und Stephan Langton, Erwählten Erzbiſchoff von Canterbury, Gewaltſam abhaͤltſt von dem heil'gen Stuhl? In des genannten heil'gen Vaters Namen, abſt Innocenz, befrag' ich dich hierum! R. Joh. Welch ird'ſcher Name kann wohl zum Verhoͤr Geweihter Koͤn'ge freyen Odem zwingen? Kein Nam' iſt zu erſinnen, Cardinal, So leer, unwuͤrdig und ſo laͤcherlich, Mir Antwort abzufordern, als der Pabſt. Sag den Bericht ihm, und aus Englands Mund E 5.1. Johann. 31 Fuͤg dieß hinzu noch: daß kein welſcher Prieſter In unſerm Reich verzehnten ſoll und zinſen, Wie naͤchſt dem Himmel wir das hoͤchſte Haupt, So wollen wir auch dieſe Oberhoheit Rächſt ihm allein verwalten, wo wir herrſchen, Ohn' allen Beyſtand einer ird'ſchen Hand. Das ſagt dem Pabſt, die Scheu bey Seit geſetzt Vor ihm und ſeinem angemaßten Anſehn. R. ph. Bruder von England, damit laͤſtert ihr. R. Joh. Ob alle Koͤnige der Chriſtenheit Der ſchlaue Pfaff ſo groͤblich irre fuͤhrt, Daß ihr den Fluch, den Geld kann loͤſen, ſcheut, Und um den Preis von ſchnoͤdem Gold, Koth, Staub, Verfalſchten Ablaß kauft von einem Mann, Der mit dem Handel ihn fuͤr ſich verſcherzt; Ob ihr und alle, groͤblich mißgeleitet, Die heil'ge Gauncrey mit Pfruͤnden hegt, Will ich allein, allein, den Pabſt nicht kennen, Und ſeine Freunde meine Feinde nennen. pand. Dann durch die Macht, die mir das Recht ertheilt, Biſt du verflucht und in den Bann gethan. Geſegnet ſoll der ſeyn, der los ſich ſagt Von ſeiner Treue gegen einen Ketzer; Und jede Hand ſoll man verdienſtlich heißen, Kanoniſiren und gleich Heil'gen ehren, Die durch geheime Mittel aus dem Weg Dein feindlich Leben raͤumt. Conſt. O ſey's erlaubt, Daß ich mit Rom mag eine Weile fluchen! Ruf Amen, guter Vater Cardinal, Zu meinem Fluch; denn ohne meine Kraͤnkung Hat keine Zunge Kraft, ihm recht zu fluchen. pand. Mein Fluch gilt durch Geſetz und Vollmacht, Fuͤrſtin. Conſt. Und meiner auch: ſchafft das Geſetz kein Recht, So ſey's geſetzlich, nicht dem Unrecht wehren. Mein Kind erlangt ſein Reich nicht vom Geſetz, Denn, der ſein Reich hat, bindet das Geſetz. Weil das Geſetz denn hoͤchſtes Unrecht iſt, Verbiet' es meiner Zunge nicht zu fluchen. pand. Philipp von Frankreich, auf Gefahr des Fluchs Laß fahren dieſes argen Ketzers Hand, ſeh S Und Frankreichs Macht entbiete wider ihn, Wenn er nicht ſelber Rom ſich unterwirft. 32 Koͤnig A. III. El. Wirſt du blaß, Frankreich? Zieh die Hand nicht weg. Conſt. Gieb, Teufel, Acht, daß Frankreich nicht bereut! Der Haͤnde Trennung raubt dir eine Seele. Oeſt. Hoͤrt auf den Cardinal, erlauchter Philipp. Baſt. Haͤngt ihm ein Kalbsfell um die ſchnoden Glieder. Gut, Schurk', ich muß dieß in die Taſche ſtecken, Baſt. Eure Hoſen weit genug dazu. R. Joh. Philipp, was ſprichſt du zu dem Cardinalt Conſt. Wie ſpräch' er anders, als der Cardinal? Louis. Bedenkt euch, Vater, denn der Unterſchied Iſt, hier Gewinn des ſchweren Fluchs von Rom, Dort' nur Verluſt von Englands leichter Freundſchaft. Wagt das Geringre denn. Bl. Das iſt Roms Fluch. Conſt. O Louis, ſteh! Der Teufel lockt dich hier Im Bildniß einer unberuͤhrten Braut. Bl. Conſtanze ſpricht nach Treu und Glauben nicht, Sie ſpricht nach ihrer Noth. S Conſt. Giebſt du die Noth mir zu, Die einzig lebt, weil Treu' und Glauben ſtarb, So muß die Noth nothwendig dieß erweiſen, Daß Tren' und Glauben auflebt, wenn ſie ſtirbt. Tritt nieder meine Noth, und Treue ſteigt; Halt aufrecht ſie, und Treue wird zertreten. R. Joh. Der Koͤnig ſteht betreten, ohne Antwort. Conſt. O tritt zuruͤck von ihm! antworte gut! Oeſt. Thu's, Koͤnig Philipp, häng nach dem weifel. Baſt. Haͤng um ein Kalbsfell, ſchoͤnſter, dummer Teufel. R. ph. Ich bin verwirrt, und weiß nicht, was zu ſagen. Pand. Was du auch ſagſt, es wird dich mehr werwirren, Wenn du verflucht wirſt und in Bann gethan. R. ph. Setzt euch an meine Stell, ehrwuͤrd ger Vater, Und ſagt mir, wie ihr euch betragen wuͤrdet. Die koͤnigliche Hand und meine hier Sind neu verknuͤpft, die innerſten Gemuͤther Vermaͤhlt zum Bund, verſchlungen und umkettet Von aller frommen Kraft geweihter Schwuͤre. Der letzte Hauch, der Ton den Worten gab, 1 G 8 S. Sz. 1. Johann. War feſtgeſchworne Treue, Fried' und Freundſchaft Fuͤr unſer Beyder Reich und hohes Selbſt. Und eben vor dem Stillſtand, kurz zuvor,— So lang', daß wir die Haͤnde waſchen konnten, Um auf den Friedenshandel einzuſchlagen,— Der Himmel weiß es, waren ſie betuͤncht Von des Gemetzels Pinſel, wo die Rache Den furchtbarn Zwiſt erzuͤrnter Koͤn'ge mahlte; Und dieſe Haͤnde, kaum von Blut gereinigt, In Liebe neu vereint, in beydem ſtark, Sie ſollen loͤſen Druck und Freundes⸗Gruß? Die Tren verſpielen? mit dem Himmel ſcherzen? So wankelmuͤth'ge Kinder aus uns machen, Nun wiederum zu reißen Hand aus Hand, Uns loszuſchwoͤren von geſchworner Treu, Und auf des holden Friedens Ehebett Mit blut'gem Heer zu treten, einen Aufruhr Zu ſtiften auf der ebnen milden Stirn Der graden Offenheit? O heil'ger Herr! Ehrwuͤrd'ger Vater! laßt es ſo nicht ſeyn. In eurer Huld erſinnt, beſchließt, verhaͤngt Gelindre Anordnung, ſo wollen wir Euch froh zu Willen ſeyn und Freunde bleiben. pand. Unordentlich iſt jede Anordnung, Die gegen Englands Liebe nicht gekehrt. Drum zu den Waffen! ſey der Kirche Streiter! Sonſt werfe ihren Fluch die Mutter Kirche, Der Mutter Fluch, auf den empoͤrten Sohn. Frankreich, du kannſt die Schlange bey der Zunge, Den Leu'n im Kaͤfig bey der furchtbarn Tatze, Beym Zohn den gier'gen Tiger ſichrer halten, Als dieſe Hand in Frieden, die du haͤltſt. R. Pph. Ich kann die Hand, doch nicht die Treue loͤſen. pand. So machſt du Treu zum Feinde deiner Treu. Du ſtellſt, wie Buͤrgerkrieg, Eid gegen Eid, Und deine Zunge gegen deine Zunge. O daß dein Schwur, dem Himmel erſt gethan, Dem Himmel auch zuerſt geleiſtet werde! Er lautet: Streiter unſrer Kirche ſeyn. Was du ſeitdem beſchworſt, iſt wider dich, Und kann nicht von dir ſelbſt geleiſtet werden. Wenn du verkehrt zu thun geſchworen haſt, Iſts nicht verkehrt, wenn du das Rechte thuſt, I. 34 Koͤnig A. I1. Und wo das Thun zum Uebel zielt, da wird Durch Nichtthun Recht am beſten ausgeuͤbt. Das beſte Mittel bey verfehltem Vorſatz Iſt ihn verfehlen: iſt das ungerade, So wird dadurch doch Ungerades grade, Und Falſchheit heilet Falſchheit, wie das Feuer In den verſengten Adern Feuer kuͤhlt. Zeligion iſt's, was den Eid macht halten, Doch du ſchworſt gegen die Religion: Wobey du ſchwoͤrſt, dawider ſchwoͤreſt du. So machſt du Eid zum Zeugen wider Eid Für deine Treu, da Treue, die nicht ſicher Des Schwures iſt, nur ſchwoͤrt nicht falſch zu ſchwoͤren— Welch ein Geſpoͤtte waͤre Schwoͤren ſonſt? Du aber ſchwoͤrſt, meineidig nur zu ſeyn, Meineidig, wenn du haͤltſt, was du beſchworſt. Die ſpätèérn Eide gegen deine fruͤhern Sind drum in dir Empoͤrung wider dich; Und keinen beſſern Sieg kannſt du erlangen, Als wenn du dein ſtandhaftes edles Theil Bewaffneſt wider dieſe loſe Lockung; Fuͤr welches Beßre wir Gebete thun, Wenn du ſie wuͤrdig haͤltſt: wo nicht, ſo wiſſe, Daß unſrer Fluͤche Drohn dich trifft, ſo ſchwer, Daß du ſie nie ſollſt von dir ſchuͤttelnz nein, Verzweifelnd ſterben unter ſchwarzer Laſt. Oeſt. Empoͤrung! ja Empoͤrung! Baſt. Immer noch? Wird denn kein Kalbsfell deinen Mund dir ſtopfen? Louis. Auf, Vater! Krieg! Bl. An deinem Hochzeittag, Und gegen das mit dir vermählte Blut? Wie? ſollen unſer Feſt Erſchlagne feyern? Soll ſchmetternde Trompet' und laute Trommel, Der Hoͤlle Laͤrm, begleiten unſern Zug? O Gatte, hoͤr' mich!— ach, wie neu iſt Gatte In meinem Munde!— um des Namens willen, Den meine Zunge niemals ſprach bis jetzt, Bitt' ich auf meinen Knie'n, ergreif die Waffen Nicht gegen meinen Oheim. . Conſt. O, auf meinen Knie'n, Vom Knieen abgehaͤrtet, bitt' ich dich, 6 — Sz. 1. Johann. Du tugendhafter Dauphin, dre nicht Den Ausſpruch, den der Himmel hat verhaͤngt. Bl. Nun werd' ich deine Liebe ſehn: was kann Dich ſtärker ruͤhren, als der Name Weib? Conſt. Was deine Stutze ſtuͤtzet: ſeine Ehre. O deine Ehre, Louis, deine Ehre! Louis. Wie ſcheint doch eure Majeſtät ſo kalt, Da ſie ſo hohe Ruͤckſicht treibt zu handeln? pand. Ich will den Fluch verkuͤnden auf ſein Haupt. R. ph. Du brauchſt nicht.— England, ich verlaſſe dich⸗ Conſt. O ſchoͤne Ruͤckkehr aͤchter Fuͤrſtlichkeit! zl. O ſchnoͤder Abfall fraͤnk'ſcher Fluchtigkeit! R. Joh. Frankreich, dich reut die Stund', eh ſie vorbey. Baſt. Der alte Gloͤckner Zeit, der kahle Kuͤſter, Beliebt es ihm! Gut denn, ſo reut es Frankreich. Bl. Die Sonn' iſt blutig: ſchoͤner Tag fahr hin! Mit welcher der Parteyen ſoll ich gehn? Mit beyden; jedes Heer hat eine Hand, Und ihre Wuth, da ich ſie beyde halte, Reißt auseinander und zerſtuͤckelt mich. Gemahl, ich kann nicht flehn, daß du gewinnſt; Oheim, ich muß wohl flehn, daß du verlierſt; Vater, ich kann nicht wuͤnſchen fuͤr dein Gluͤck; Großmutter, deine Wuͤnſche wuͤnſch' ich nicht: Wer auch gewinnt, ich hobe ſtets Verluſt, Er iſt mir ſicher, eh das Spiel beginnt. Louis. Bey mir, Prinzeſſin, iſt dein Gluͤck und Hort. Bl. Wenn hier mein Gluͤck lebt, ſtirbt mein Leben dort. R. Joh. Geht, Vetter, zieht zuſammen unſte Macht.— 2(Baſtard ab.) Frankreich, mein Inn'res zehrt entbrannter Zorn, Ein Wuͤthen, deſſen Hitze ſolcher Art, Daß nichts vermag zu ſtillen, nichts als Blut, Das Blut, das koſtbarſte, das Frankreich hegt. R. Ph. Die Wuth ſoll dich verzehren, und du wirſt Zu Aſch', eh' unſer Blut das Feuer loͤſcht. Sieh' nun dich vor! Ich mache dir zu ſchaffen.— R. Joh. Und ich dem Droher auch.— Fort zu den Waffen! (Alle ab.) 3* 36 Kn i8 A. III. 3 e S en Ebene bey Angers. (Getuͤmmel, Angriffe. Der Baſtard tritt auf mit Oeſter⸗ reichs Kopf.) Baſt. Bei meinem Leben, dieſer Tag wird heiß. Ein boͤſer Luftgeiſt ſchwebt am Firmament, Und ſchleudert Unheil. Leſtreichs Kopf, lieg da, Derweil noch Philipp athmet. (Koͤnig Johann, Arthur und Hubert treten auf.) R. Joh. Hubert, bewahr' den Knaben.— Philipp, auf! Denn meine Mutter wird im Zelt beſtuͤrmt. Baſt. Ich befreite ſie. Sie iſt in Sicherheit, befuͤrchtet nichts. Doch immer zu, mein Füͤrſt! denn kleine Muͤh Bringt dieſes Werk nun zum begluͤckten Schluß. (Alle ab.) St (Getuͤmmel, Angriffe, ein Ruͤckzug. Koͤnig Johann, Eleo⸗ nora, Arthur, der Baſtard, Hubert und Edelleute.) R. Joh.(zu Eleonora.) So ſey es: Eure Hoheit bleibt zuruͤck, So ſtark beſchuͤtzt.— Sieh doch nicht traurig, Vetter; Großmutter liebt dich, und dein Oheim wird So werth dich halten, als dein Vatet that. Arth. O dieſer Gram wird meine Mutter toͤdten! R. Joh.(zum Baſtard.) Ihr, Vetter, fort nach Eng⸗ land! eilt voran, Und eh' wir kommen, ſchuͤttle du die Säcke Aufhaͤufender Praͤlaten? ſetz' in Freyheit Gefangne Engel; denn die fetten Rippen Des Friedens muͤſſen jetzt den Hunger ſpeiſen. Ich geb' hiezu dir unbeſchraͤnkte Vollmacht. Baſt. Buch, Glock' und Kerze ſollen mich nicht ſchrecken, Wenn Gold und Silber mit zu kommen winkt. Ich laſſe Eure Hohcit;— ich will beten, Großmutter, wenn mir's einfällt, fromm zu ſeyn, Fuͤr Euer werthes Heil: ſo kuͤß ich euch die Hand. El. Lebt wohl, mein lieber Vetter. R. Joh. Lebe wohl. (Baſtard ab.) — S 53. Jh 37 El. Komm' zu mir, kleiner Enkel! hor' ein Wort! (Sie nimmt Arthur beyſeit.) R. Joh. Komm' zu mir, Hubert.— O mein beſter 3 Hubert! Wir ſind in deiner Schuld; dieß Haus von Fleiſch Hegt eine Secle, die dich Glaͤub'ger achtet, Und deine Liebe will mit Wucher zahlen. Und dein freywill'ger Eid, mein guter Hubert, Lebt ſorgſamlich gepflegt in dieſer Bruſt. Gieb mir die Hand. Ich haͤtte was zu ſagen, Allein ich ſpar's auf eine beß're Zeit. Beym Himmel, Hubert, faſt muß ich mich ſchaͤmen, Zu ſagen, wie du lieb und werth mir biſt. Zub. Gar ſehr verzflichtet Eurer Majeſtät. R. Joh. Noch, Freund, haſt du nicht Urſach, das zu ſagen, Doch du bekömmſt ſie; wie die Zeit auch ſchleicht, So koͤmmt ſie doch fuͤr mich, dir wohlzuthun. Ich hatte was zu ſagen,— doch es ſey: Die Sonn' iſt droben, und der ſtolze Tag, Umringt von den Ergötzungen der Welt, Iſt allzuuͤppig und zu bunt geputzt, ſim mir Gehoͤr zu geben.— Wenn die Glocke Der Mitternacht mit ihrer ehrnen Zunge Der Nacht zum traͤgen Laufe vorwaͤrts rief'; Wenn dieß ein Kirchhof waͤre, wo wir ſtehn, Und du von tanſend Kraͤnkungen bedruͤckt; Und wenn der duͤſtre Geiſt, Melancholie, Dein Blut gedoͤrrt, es ſchwer und dick gemacht, Das ſonſt mit Kitzeln durch die Adern laͤuft, Und treibt dem Geck Gelaͤchter in die Augen, Daß eitle Luſtigkeit die Wangen ſpannt,— Ein Trieb, der meinem Thun verhaßt iſt;— oder Wenn du mich koͤnnteſt ohne Augen ſehn, Mich hoͤren ohne Ohren, und erwiedern Ohn' eine Zunge, mit Gedanken bloß, Ohn' Auge, Ohr und läſt'gen Schall der Worte: Dann wollt' ich, trotz dem lauernd wachen Tag, In deinen Buſen ſchuͤtten, wgs ich denke. Doch ach! ich will nicht.— Doch bin ich dir gut, Und glaub' auf Ehre auch, du biſt mir gut. ub. So ſehr, daß, was ihr mich vollbringen heißt, 38 Koͤnig A. III. Waͤr' auch der Tod an meine That gcknuͤpft, Ich thaͤt's beym Himmel doch. R. Joh. Weiß ich das nicht? Mein guter Hubert! Hubert! wirf den Blick Auf jenen jungen Knaben; hoͤr', mein Freund, Er iſt'ne rechte Schlang' in meinem Weg, Und wo mein Fuß nur irgend niedertritt, Da lieat er vor mir: du verſtehſt mich doch? Du biſt ſein Huter. ub. Und will ſo ihn huͤten, Daß Eure Mazjeſtaͤt nichts fürchten darf. R. Joh Tod ub. Mein Fuͤrſt? B. Joh. Ein Grab. ub. Er ſoll nicht leben. R. Joh. Genug. Nun koͤnnt' ich luſtig ſeyn; Hubert, ich lieb' dich, Ich will nicht ſagen, was ich dir beſtimme. Gedenke dran!— Lebt wohl denn, gnaͤd'ge Frau, Ich ſende Eurer Majeſtaͤt die Truppen. El. Mein Segen ſey mit dir. R. Joh. Komm, Vetter! mit nach England Hubert ſoll dein Gefaͤhrt' ſeyn, dich bedienen Mit aller Treu' und Pflicht.— Fort, nach Calais! (Alle ab.) Pierte Szene Zelt des Koͤnigs von Frankreich. (Koͤnig Philipp, Louis, Pandulpho und Gefolge tre⸗ ten auf.) V. Ph. So wird von lauten Stuͤrmen auf der Flut Ein ganz Geſchwader von beſtuͤrzten Segeln Zerſtreut, und die Genoſſenſchaft getrennt. Pand. Habt Muth und Troſt! Es geht noch alles gut. . Ph. Was kann noch gut gehn nach ſo ſchlimmen Fall? Iſt nicht das Heer geſchlagen, Angers fort? Arthur gefangen? werthe Freunde todt? Und Enoland blutig heimackehrt nach England, Frankreich zum Trotz durch alle Damme brechend? Louis. Was er erobert hat er auch befeſtigt. Sz. 4. Johann⸗ 39 So raſche Eil, ſo mit Bedacht gelenkt, So weiſe Ordnung bey ſo kuͤhnem Lauf, Iſt ohne Beyſpiel.— Wer vernahm und las Von irgend einer Schlacht, die dieſer glich? R. Ph. Ich koͤnnte England dieſen Ruhm wohl goͤnnen, Wuͤßt ich fuͤr unſre Schmach ein Vorbild nur. (Conſtanze tritt auf.) Seht, wer da kommt? Ein Grab fuͤr eine Seele, Das wider Willen haͤlt den ew'gen Geiſt Im ſchnoͤden Kerker des bedrängten Odems.— Ich bitte, Fuͤrſtin, kommt hinweg mit mir. Conſt. Da ſeht nun, ſeht den Ausgang eures Friedens! R. ph. Geduld, Conſtanze! muthig, werthe Fuͤrſtin! Conſt. Nein, allen Troſt verſchmaͤh' ich, alles Heil, Bis auf des Troſtes End' und wahres Heil, Tod! Tod!— O liebenswuͤrd'ger holder Tod! Balfamiſcher Geſtank! geſunde Faͤulniß! Steig' auf aus deinem Lager ew'ger Nacht, Du Haß und Schrecken der Zufriedenheit, So will ich kuͤſſen dein verhaßt Gebein, In deiner Augen Hoͤhlung meine ſtecken, Um meine Finger deine Wuͤrmer ringeln, Mit eklem Staub dieß Thor des Odems ſtopfen, Und will ein grauſer Leichnam ſeyn, wie du. Komm, grinſ' mich an! ich denke dann, du laͤchelſt, Und herze dich als Weib. Des Elends Buhle, O komm zu mir! k. ph. O holde Trůͤbſal, ſtil! Conſt. Nein, nein, ich will nicht, weil ich Odem habe. O waͤre meine Zung' im Mund des Donners! Erſchuͤttern wollt' ich dann die Welt mit Weh, Und aus dem Schlafe ruͤtteln das Geripp, Das eines Weibes matten Laut nicht hoͤrt, Und eine⸗ſchwache Anrufung verſchmaͤht. pand. Fuͤrſtin, ihr redet Tollheit und nicht Gram. Conſt. O! du biſt fromm, daß du mich ſo beluͤgſt. Ich bin nicht toll: dieß Haar, das ich zerrauf', iſt mein; Tonſtanze heiß' ich; ich war Gottfrieds Weib; Mein Sohn iſt Arthur, und er iſt dahin. Ich bin nicht toll,— o wollte Gott, ich waͤr's! Denn ich vergäße dann vielleicht mich ſelbſt, 40 Koͤnig A. III. Und koͤnnt' ichs, welchen Gram vergaͤß' ich nicht!— Ja pred'ge Weisheit, um mich toll zu machen, Und du ſollſt Heil'zer werden, Cardinal. Da ich nicht toll bin, und fuͤr Gram empfindlich, Giebt mein vernuͤnftig Theil mir Mittel an, Wie ich von dieſem Leid mich kann befreyn, Und lehrt mich, mich zu wuͤrgen oder haͤngen. Ja waͤr' ich toll, vergaͤß' ich meinen Sohn, Saͤh' ihn wohl gar in einer Lumpenpuppe. Ich bin nicht toll: zu wohl, zu wohl nur fuͤhl ich Von jedem Ungluͤck die verſchiedne Qual. V. Pph. Bind't dieſe Flechten auf.— O welche Liebe Seh' ich in ihres Haares ſchoͤner Fuͤlle!. Wo nur etwa ein Silbertropfe faͤllt, Da haͤngen tauſend freundſchaftliche Faͤden Sich an den Tropfen in geſell'gem Gram, Wie treue unzertrennliche Gemuͤther, Die feſt im Mißgeſchick zuſammenhalten. Conſt. Nach England, wenn ihr wollt! R. Ph. Bind't euer Haar auf. Conſt. Das will ich, ja: und warum will ichs thun? Ich riß ſie aus den Banden, und rief laut: „O loͤßten dieſe Haͤnde meinen Sohn, Wie ſie in Freyheit dieſes Haar geſetzt!“ Doch nun beneid' ich ihre Freyheit ihnen, Und will ſie wieder in die Banden ſchlagen, Weil in Gefangenſchaft mein armes Kind.— Ich hoͤrt' euch ſagen, Vater Cardinal, Wir ſehn und kennen unſre Freund' im Himmel; Iſt das, ſo ſeh' ich meinen Knaben wieder; Denn ſeit des Erſtgebornen Kain Zeit, Bis auf das Kind, das erſt ſeit geſtern athmet, Kam kein ſo heiliges Geſchoͤpf zur Welt. Allein nun nagt der Sorgen Wurm mein Knoͤspchen, Und ſcheucht den friſchen Reiz von ſeinen Wangen, Daß er ſo hohl wird ausſehn, wie ein Geiſt, So bleich und mager, wie ein Fieberſchauer, Und wird ſo ſterben; und ſo auferſtanden, Wenn ich ihn treffe in des Himmels Saal, Erkenn' ich ihn nicht mehr: drum werd' ich nie, Nie meinen zarten Arthur wiederſehn. Pand. Ihr uͤbertreibt des Grames Bitterkeit. Sz. 4. Johann. 41 Conſt. Der ſpricht zu mir, der keinen Sohn je hatte. R. Ph. Ihr liebt den Gram, ſo ſehr als euer Kind⸗ Conſt. Gram fuͤllt die Stelle des entfernten Kindes, Leat in ſein Bett ſich, geht mit mir umher, Nimmt ſeine allerliebſten Blicke an, Spricht ſeine Worte nach, erinnert mich An alle ſeine holden Gaben, fuͤllt Die leeren Kleider aus mit ſeiner Bildung; Drum hab' ich Urſach meinen Gram zu lieben. Gehabt euch wohl! Waͤr' euch geſchehn, was mir, Ich wollt' euch beſſer troſten, als ihr mich. (Sie reißt ihren Kopfputz ab.) Ich will die Zier nicht auf dem. Haupt behalten, Da mein Gemuͤth ſo wild zerruͤttet iſt. D Gott, mein Kind! mein holder Sohn! mein Arthur! Mein Leben! meine Luſt! mein Alles du! Mein Wittwentroſt und meines Kummers Heil! ab. k. ph. Ich furcht' ein Aeußerſtes und will ihr ſh (ab.) Louis. Es giebt nichts in der Welt, was michkann freun; Das Leben iſt ſo ſchaal, wie'n altes Maͤhrchen, Dem Schläͤfrigen in's dumpfe Ohr geleyertz Und Schmach verdarb des ſuͤßen Worts Geſchmack, Daß es nur Schmach und Bitterkeit gewaͤhrt. pand. Vor der Geneſung einer heft'gen Krankheit, Im Augenblick der Kraft und Beßrung, iſt Im heftigſten der Ausfall; jedes Uebel, Das Abſchied nimmt, erſcheint am uͤbelſten. Was buͤßt ihr ein durch dieſes Tags Verluſt? Louis. Des Ruhmes, Heils und Gluͤcks geſanmte Tage. pand. Gewißlich, wenn ihr ihn gewonnen haͤttet. Nein, wenn das Gluͤck den Menſchen wohlthun will, So blickt es ſie mit droh'ndn Augen an. Unglaublich iſts, wie viel Johann verliert Durch das, was er fuͤr rein gewonnen achtet. Thut dirs nicht leid, daß Arthur ſein Gefangner? Louis. So herzlich, wie er froh iſt, ihn zu haben. pand. Eu'r Sinn iſt jugendlich, wie euer Blut. Nun hoͤrt mich reden mit prophet'ſchem Geiſt; Denn ſelbſt der Hauch deß, was ich ſprechen will, 42 A. 111. Wird jeden Staub und Halm, den kleinſten Anſtoß Wegblaſen aus dem Pfad, der deinen Fuß Zu Englands Thron ſoll fuͤhren: drum gieb Acht. Johann hat Arthurn jetzt in der Gewalt, Und, weil noch warmes Leben in den Adern Des Kindes ſpielt, kann, ſeinem Platze fremd, Johann unmöglich eine Stunde, ja Rur einen Odemzug der Ruh genießen. Ein Szepter mit unaͤchter Hand ergriffen, Wird im Wirwarr behauptet, wie erlangt; Und wer auf einer glatten Stelle ſteht, Verſchmaͤht den ſchnodſten Halt zur Stuͤtze nicht. Auf daß Johann mag ſteh'n, muß Arthur fallen: So ſey es, denn es kann nicht anders ſeyn. Louis Doch was werd ich durch Arthurs Fall gewinnen? pand. Ihr, kraft des Rechtes eurer Gattin Blanca, Habt jeden Anſpruch dann, den Arthur machte. Lonis. Und buße alles ein, wie's Arthur machte. pand. Wie neu ihr ſeyd in dieſer alten Welt! Johann macht Bahn, die Zeit beguͤnſtigt euch; Denn wer ſein Heil in aͤchtes Blut getaucht, Der findet nur ein blutig, unaͤcht Heil. Der Frevel wird die Herzen ſeines Volks Erkaͤlten, und den Eifer frieren machen; Daß, wenn ſich nur der kleinſte Vortheil regt, Sein Reich zu ſturzen, ſie ihn gern ergreifen: Am Himmel kein natuͤrlich Dunſtgebild, Kein Spielwerk der Natur, kein truͤber Tag, Fein blut'ger Vorfall, kein gemeiner Wind, Die ſie nicht ihrem wahren Grund entreißen, Und nennen werden Meteore, Wunder, Vorzeichen, Mißgeburten, Himmelsſtimmen, Die den Johann mit Rache laut bedrohn. Louis. Vielleicht beruͤhrt er Arthurs Leben nicht, Uund hält durch ſein Gefaͤngniß ſich geſichert. Pand. O Herr, wenn er von eurer Ankunft hoͤrt, Iſt dann der junge Arthur noch nicht hin, So ſtirbt er auf die Nachricht; und alsdann Wird all ſein Volk die Herzen von ihm wenden, Des unbekannten Wechſels Lippen kuͤſſen, Und Antrieb aus den blut'gen Fingerſpitzen Johanns zur Wuth und zur Empoͤrung ziehn. Sz4. Fohamn. 43 Mich duͤnkt, ich ſeh den Wirwarr ſchon im Gang, Und o, was bruͤten noch fuͤr beßre Dinge, Als ich genannt! Der Baſtard Faulconbridge Iſt jetzt in England, pluͤndert Kirchen aus, Und höhnt die Froͤmmigkeit: waͤr nur ein Dutzend Von euren Landesleuten dort in Waffen, Sie waͤren wie Lockvogel, die zehntauſend Englaͤnder zu ſich uͤber wuͤrden ziehn; Oder wie wenig Schnee, umhergewälzt, Sogleich zum Berge wird. O edler Dauphin, Kommt mit zum Koͤnig! Es iſt wundervoll, Was ſich aus ihrem Unmuth ſchaffen laͤßt. Nun die Gemuther uͤbervoll von Haß, Nach England auf! Ich will den Koͤnig treiben. Louis. Ja, ſtarke Gruͤnde machen ſeltſam Wagen: Kommt! ſagt ihr ja er wird nicht nein euch ſagen. (Beyde ab.) 44 Vierter Aufzug. Err ſte Szene. Northampton, Ein Zimmer in der Burg. (Hubert und zwey Aufwaͤrter treten auf.) ub. Gluͤh mir die Eiſen heiß, und ſtell du dann Dich hinter die Tapete; wenn mein Fuß Der Erde Buſen ſtampft, ſo ſtuͤrzt hervor, Und bind't den Knaben, den ihr bey mir trefft, Feſt an den Stuhl. Seyd achtſam! fort und lauſcht! 1. Aufw. Ich hoff', ihr habt die Vollmacht zu der That. ub. Unſaubre Zweifel! Fuͤrchtet nichts, paßt auf! (Aufwaͤrter ab.) Kommt, junger Burſch', ich hab' euch was zu ſagen. (Arthur tritt auf.) Arth. Guten Morgen, Hubert. Zub. Guten Morgen, kleiner Prinz. Arth. So kleiner Prinz, mit ſolchem großen Anſpruch, Mehr Prinz zu ſeyn, als moͤglich. Ihr ſeyd traurig. mZub. Fuͤrwahr, ich war ſchon luſt'ger. Arth. Liebe Zeit! Mich duͤnkt, kein Menſch kann traurig ſeyn, als ich: Doch weiß ich noch, als ich in Frankreich war, Gabs junge Herrn, ſo traurig, wie die Nacht, Zum Spaße blos. Bey meinem Chriſtenthum! Waͤr' ich nur frey und huͤtete die Schafe, So lang der Tag iſt, wollt' ich luſtig ſeyn. Und das wollt' ich auch hier, beſorgt' ich nicht, Daß mir mein Oheim noch mehr Leid will thun. Er fuͤrchtet ſich vor mir und ich vor ihm; Iſts meine Schuld denn, daß ich Gottfrieds Sohn? Nein, wahrlich nicht: und, Hubert, wollte Gott Ich waͤr' eu'r Sohn, wenn ihr mich lieben wolltet. ub.(beyſeit.) Red' ich mit ihm, ſo wird ſein ſchuld⸗ los Plandern Mein Mitleid wecken, das erſtorben liegt: Drum will ich raſch ſeyn und ein Ende machen. Arth. Seyd krank ihr, Hubert? Ihr ſeht heute blaß: Im Ernſt, ich wollt', ihr waͤrt ein wenig krank, 1 A. IV. Sz. 1. Koͤnig Johann. 45 Daß ich die Nacht aufſaͤß und bey euch wachte. Gewiß, ich lieb' euch mehr, als ihr mich liebt.— Zub. Sein Reden nimmt Beſitz von meinem Buſen.— Lies, junger Arthur!(eigt ihm ein Papier⸗ Beyſeit.) Nun, du thoͤricht Waſſer? Du treibſt die unbarmherz'ge Marter aus? Ich muß nur kurz ſeyn, daß Entſchließung nicht Dem Aug' entfalk in weichen Weibesthränen.— Koͤnnt ihrs nicht leſen? iſts nicht gut geſchrieben? Arth. Zu gut zu ſolcher ſchlimmen Abſicht, Hubert. Muͤßt ihr mir ausgluͤh'n meine beyden Augen Mit heißem Eiſen? Zub. Junger Knab', ich muß. Arth. Und wollt ihr? ub. Und ich will⸗ Arth. Habt ihr das Herz? Als euch der Kopf nur ſchmerzte, So band ich euch mein Schnupftuch um die Stirn, Mein beſtes, eine Fuͤrſtin ſtickt' es mir, Und niemals fordert' ichs euch wieder ab; Hielt mit der Hand den Kopf euch Mitternachts, Und wie der Stunde wachſame Minuten, Ermuntert' ich die traͤge Zeit beſtandig, Frug bald: was fehlt euch! und: wo ſitzt der Schmerz? Und bald: was kann ich euch fuͤr Liebes thun?! Manch' armen Mannes Sohn haͤtte ſtill gelegen, Und nicht ein freundlich Wort zu euch geſagt; Doch euer Krankenwaͤrter war ein Prinz. Ihr denkt vielleicht: das war nur ſchlaue Liebe, Und nennt es Liſt? Thut's, wenn ihr wollt; gefaͤllt's Dem Himmel, daß ihr mich mißhandeln muͤßt, So mäßt ihr.— Wollt ihr mir die Augen blenden? Die Augen, die kein einzig Mal euch ſcheel Anſahn, noch anſehn werden? 6 .„Zub. Ich hab's geſchworen, Und ausglüh'n muß ich ſie mit heißem Eiſen. Arth. Ach! niemand thät' es, waͤr' die Zeit nicht eiſern. Das Eiſen ſelbſt, obſchon in rother Glut, Tränk' meine Thraͤnen, dieſen Augen nahend, Und löſchte ſeine feurige Entruͤſtung In dem Erzeugniß meiner Unſchuld ſelbſtz Ja, es verzehrte ſich nachher in Roſt, 46 Konig A. 1V. Bloß weil ſein Feuer mir das Aug' verletzt. Seyd ihr denn härter, als gehämmert Eiſen? Und haͤtte auch ein Engel mich beſucht, Und mir geſagt, mich werde Hubert blenden, Ich haͤtt' ihm nicht geglaubt: niemand als Hubert. Fub.(ſtampft.) Herbey! (Aufwärter kommen mit Eiſen, Stricken u. ſ. w.) Thut, wie ich euch befahl. Arth. O helft mir, Hubert! helft mir! Meine Augen Sind aus ſchon von der blut'gen Männer Blicken. ZZub. Gebt mir das Eiſen, ſag' ich, bindet ihn. Arth. Was braucht ihr, ach! ſo ſtuͤrmiſch rauh zu ſeyn 2 Ich will nicht ſtraͤuben, ich will ſtockſtill halten⸗ Ums Himmels willen, Hubert! Nur nicht binden! Nein, hoͤrt mich, Hubert, jagt die Maͤnner weg, Und ich will ruhig ſitzen, wie ein Lamm; Will mich nicht ruͤhren, nicht ein Woͤrtchen ſagen, Noch will ich zornig auf das Eiſen ſehn. Treibt nur die Maͤnner weg, und ich vergeb' euch, Was ihr mir auch fuͤr Qualen anthun moͤgt. ub. Geht! tretet ab, laßt mich allein mit ihm! r. Aufw. Ich bin am liebſten fern von ſolcher That. (Aufwaͤrter ab.) Arth. O weh! ſo ſchalt ich meinen Freund hinweg, Sein Blick iſt finſter, doch ſein Herz iſt mild.— Ruft ihn zuruͤck, damit ſein Mitleid eures Beleben mag. „ub. Komm, Knabe, mach dich fertig. Arth. So hilft denn nichts! „zub. Nichts, als dich blenden laſſen. Arth. O Himmel! ſaͤß' euch was im Auge nur, Ein Korn, ein Staͤubchen, eine Muͤck', ein Haar, Irgend ein Anſtoß in dem koſtbar'n Sinn! Dann fuͤhltet ihr, wie da das kleinſte tobt, Müßt' euch die ſchnöde Abſicht graͤulich ſcheinen. zub. Verſpracht ihr das! Still! haltet euren Mund! Arth. Hubert, der Vortrag mehr als Eines Mundes Kann nicht genugſam fuͤr zwey Augen ſprechen. Laßt mich den Mund nicht halten, Hubert, nein! Und wollt ihr, ſchneidet mir die Zunge aus, d! Sz. 1. Johann. 54½7 Wenn ich die Augen nur behalten darf. O ſchonet meine Augen! ſollt' ich auch Sie nie gebrauchen, als euch anzuſchau'n. Seht, auf mein Wort! das Werkzeug iſt ſchon kalt, Und wuͤrde mir kein Leid thun, Zub. Ich kanns gluͤhen, Knabe. Arth. Nein, wahrlich nicht: das Feuer ſtarb vor Gram, Daß es, zum Troſt geſchaffen, dienen ſoll Zu unverdienten Qualen. Seht nur ſelbſt! Kein Arges iſt in dieſer gluͤh'nden Kohle, Des Himmels Odem blies den Geiſt ihr aus, Und ſtreu'te reu'ge Aſchen auf ihr Haupt. Zub. Mein Odem kann ſie neu beleben, Knabe. Arth. Wenn ihr das thut, macht ihr ſie nur errothen, Und uͤber eu'r Verfahren gluͤh'n vor Scham. Ja, ſie wuͤrd' euch vielleicht ins Auge ſpruͤhn, ſins wie ein Hund, den man zum Streite zwingt, Nach ſeinem Meiſter ſchnappen, der ihn hetzt. Was ihr gebrauchen wollt, mir weh zu thun, Verſagt den Dienſt; nur euch gebricht das Mitleid, Das wildes Feu'r und Eiſen hegt, Geſchoͤpfe Zu unbarmherz'gen Zwecken auserſehn. ZZub. Gut, leb' ich will dein Auge nicht beruͤhren Fuͤr alle Schaͤtze, die dein Oheim hat. Doch ſchwur ich drauf, und war entſchloſſen, Knabe, Mit dieſem Eiſen hier ſie auszubrennen. Arth. Nun ſeht ihr aus wie Hubert! All' die Zeit War't ihr verkleidet. SZub. Still! nichts mehr! Lebt wohl! Eu'r Oheim darf nicht wiſſen, daß ihr lebt; Ich will die Spuͤrer mit Geruͤchten ſpeiſen, ünd, holdes Kind, ſchlaf ſorgenlos und ſicher, Daß Hubert für den Reichthum aller Welt Kein Leid dir thun will. Arth. O Himmel! Dank euch Hubert! ZZub. Nichts weiter! Still hinein begleite mich! In viel Gefahr begeb' ich mich fuͤr dich. (Beyde ab.) 48 Koͤnig A.W 8 w ey te S z e n Ebendaſelbſt. Ein Staatszimmer im Palaſte. (Koͤnig Johann, gekroͤnt; Pembroke, Salisbury und an⸗ dre Herren treten auf. Der Koͤnig ſetzt ſich auf den Thron.) k. Joh. Hier nochmals ſitzen wir, nochmals gekroͤnt, Und angeblickt, hoff' ich, mit freud'gen Augen. pembr. Dieß Nochmals, haͤtt's Eu'r Hoheit nicht beliebt, War Einmal uͤbrig. Ihr wart ſchon gekroͤnt, Und nie ward euch die hohe Wuͤrd' entriſſen, Der Menſchen Treu mit Aufruhr nicht befieckt; Es irrte friſche Hoffnung nicht das Land Auf frohen Wechſel oder beſſ'res Gluͤck. Sal. Drum, ſich umgeben mit zwiefachem Prunk, Ein Recht verbraͤmen, das ſchon reich zuvor, Verguͤlden feines Gold, die Lilie malen, Auf die Viole Wohlgeruͤche ſtreun, Eis glaͤtten, eine neue Farbe leihn Dem Regenbogen, und mit Kerzenlicht Das ſchoͤne Aug' des Himmels ſchmuͤcken wollen, Iſt laͤcherlich und unnuͤtz Uebermaß. Pembr. Muͤßt' euer hoher Wille nicht geſchehn, So waͤr' die Handlung, wie ein altes Maͤhrchen, Das, neu erzaͤhlt, beym Wiederholen laͤſtig, Weil man zu ungelegner Zeit es bringt. Sal. Hiedurch wird das bekannte, wuͤrd'ge Anſehn Der ſchlichten alten Weiſe ſehr entſtellt; Und, wie der umgeſetzte Wind ein Segel, So kehrt es der Gedanken Richtung um; Daß die Erwaͤgung ſcheu und ſtutzig wird, Geſunde Meynung krank, Wahrheit verdaͤchtig, Weil ſie erſcheint in ſo neumod'ger Tracht. Pembr. Der Handwerksmann, der's allzugut will machen, Verdirbt mit Habſucht die Geſchicklichkeit, Und oͤfters, wenn man einen Fehl entſchuldigt, Macht ihn noch ſchlimmer die Entſchuldiaung; Wie Flicken, die man ſetzt auf kleine Riſſe, Da ſie den Fehl verbergen, mehr entſtellen, Als ſelbſt der Fehl, eh man ihn ſo geflickt. Sal. Auf dieſes Ziel, bevor ihr neugekroͤnt, Ging unſer Rath: doch es gefiel Eu'r Hoheit Sz2. Johann. 49 Ihn nicht zu achten, und wir ſind zufrieden⸗ Peil all und jedes Theil von unſerm Wollen Vor Eurer Hoheit Willen ſtille ſteht. R. Joh. Verſchiedne Gruͤnde dieſer zweyten Kroͤnung Trug ich euch vor, und halte ſie fur ſtark; Und ſtaͤrk're noch, wenn meine Furcht geringer, Vertran' ich euch: indeſſen fordert nur Was ihr verbeſſert wuͤnſcht, das uͤbel ſteht, Und merken ſollt ihr bald, wie willig ich Geſuche hören und gewaͤhren will. pembr. Ich dann,— als der die Zunge dieſer hier, um aller Herzen Wuͤnſche kund zu thun,— Sowohl fur mich, als ſie,(allein vor allem Fär eure Sicherheit, wofür ſie ſaͤmmtlich Ihr beſt Bemuͤhn verwenden) bitte herzlich üm die Befreyung Arthurs, deß Gefaͤngniß Des Mißvergnuͤgens murr'nde Lippen reizt, In dieſen Schluß bedenklich auszubrechen: Habt ihr mit Recht, was ihr in Ruh beſitzt, Warum ſollt' eure Furcht,— die, wie man ſagt, Des Unrechts Schritt begleitet,— euch bewegen So einzuſperren euren zarten Vetter, In ungeſchliffner Einfalt ſeine Tage Zu dämpfen, ſeiner Jugend zu verweigern. Der guten Uebung koͤſtlichen Gewinn? Damit der Zeiten Feinde dieß zum Vorwand Nicht brauchen koͤnnen, laßt uns euch erſuchen, Daß ihr uns ſeine Freyheit bitten heißt, Wobey wir nichts zu unſerm Beſten bitten, Als nur, weil unſer Wohl, auf euch beruhend, Fuͤr euer Wohl es haͤlt, ihn frey zu geben⸗ R. Joh. So ſey es; ich vertraue eurer Leitung Den Juͤngling an. (Hubert tritt auf.) 6 Hubert, was giebt es neues? pembr. Der iſt's, der ſollte thun die blut'ge That: Er wies die Vollmacht einem Freund von mir. Es lebt das Bild von boͤſer arger Schuld In ſeinem Auge; dieß verſchloßne Anſehn Zeigt Regung einer ſehr beklommnen Bruſt: Und fuͤrchtend glaub' ich, ſchon geſchah, wozu Wir ſo gefuͤrchtet, daß er Auftrag hatte. E 4 50 Koͤnig A. IV. Sal. Des Koͤnigs Farbe kommt und geht: ſein Anſchlag Und ſein Gewiſſen ſchickt ſie hin und her, So wie Herolde zwiſchen furchtbarn Heeren. Die Leidenſchaft iſt reif, bald bricht ſie auf. pembr. Und wenn ſie aufbricht, fuͤrcht' ich, kommt der Eiter Von eines holden Kindes Tod heraus. R. Joh. Wir halten nicht des Todes ſtarken Arm. Lebt ſchon mein Will' zu geben, edle Herrn, So iſt doch eu'r Geſuch dahin und todt. Er ſagt, daß Arthur dieſe Nacht verſchied. Sal. Wir fuͤrchteten, ſein Uebel ſey unheilbar. pembr. Wir hoͤrten, wie ſo nah dem Tod' er war, Eh noch das Kind ſich ſelber krank gefuͤhlt. Dieß fordert Rechenſchaft hier oder ſonſt. R. Joh. Was richtet ihr auf mich ſo ernſte Stirnen? Denkt ihr, daß ich des Schickſals Scheere halte! Hab' ich dem Lebenspulſe zu gebieten? Sal. Ein offenbar betruͤglich Spiel! und Schande, Daß St es ſo groͤblich treiben darft— Viel Gluͤck zu eurem Spiel, und ſo lebt wohl! pembr. Noch bleib, Lord Salisbury; ich geh' mit dir, Und finde dieſes armen Kindes Erbe, Sein kleines Reich des aufgezwungnen Grabes. Das Blut, dem all dieß Eiland war beſtellt, Beſitzt drey Fuß davon: o ſchlimme Welt! Dieß iſt nicht ſo zu dulden; was uns kraͤnkt Bricht alles los, und ſchleunig, eh man's denkt. (Die Herren ab.) R. Joh. Sie brennen in Entruͤſtung; mich gereut's, Es wird mit Blut kein feſter Grund gelegt, Kein ſichres Leben ſchafft uns Andrer Tod. (Ein Bote kommt.) Ein ſchreckend Aug' haſt du: wo iſt das Blut, Das ich in dieſen Wangen wohnen ſah? Solch truͤben Himmel klaͤrt ein Sturm nur auf. Schutt' aus dein Wetter!— Wie geht in Frankreich alles? Bote. Von Frankreich her nach England. Niemals ward Zu einer fremden Heerfahrt ſolche Macht In eines Landes Umfang ausgehoben. Sie lernten eurer Eile Nachahmung, Sz. 2. Johann. 8 51 Denn da ihr hoͤren ſolltet, daß ſie ruͤſten, Kommt Zeitung, daß ſie alle angelangt. R. Joh. O, wo war unſte Kundſchaft denn berauſcht? Wo ſchlief ſie? wo iſt meiner Mutter Sorge, Daß Frankreich ſo ein Heer vereinen konnte, Und ſie es nicht gehoͤrt? Bote. Mein Fuͤrſt, ihr Ohr Verſtopfte Staub: am Erſten des April Starb eure edle Mutter, und ich hoͤre, Daß Frau Conſtanz' in Raſerey geſtorben Drey Tage fruͤher; doch dieß hörk' ich fluchtig Vom Mund des Rufs, und weiß nicht, ob es wahr. R. Joh. Halt inne, furchtbare Gelegenheit! Schließ einen Bund mit mir, bis ich beſänftigt Die mißvergnuͤgten Pairs!— Wie! Mutter todt? Wie wild gehn meine Sachen dann in Frankreich!— Mit welcher Fuͤhrung kam das Heer von Frankreich, Das, wie du ausſagſt, hier gelandet iſt? Bote. Unter dem Dauphin. 8 (Der Baſtard und Peter von Pomfret treten auf.) R. Joh. Schwindlicht machſt du mich Mit deiner Botſchaft.— Nun, was ſagt die Welt Zu eurem Thun? Stopft nicht in meinen Kopf Mehr uͤble Reuigkeiten; er ilt voll. Baſt. Doch ſcheut ihr euch, das ſchlimmſte anzuhoͤren, So laßt es ungehoͤrt aufs Haupt euch fallen. R. Joh. Ertragt mich, Vetter, denn ich war betaͤubt Unter der Flut; allein nun athm' ich wieder Hoch uͤber'm Strom, und kann jedweder Zunge Gehör verleihn, ſie ſpreche, was ſie will. Baſt. Wie mirs gelungen bei der Geiſtlichkeit, Das werden die geſchafften Summen zeigen. Doch da ich reiſte durch das Land hieher, Fand ich die Leute wunderlich gelaunt, Beſeſſen vom Geruͤcht, voll eitler Traͤume. Richt wiſſend, was ſie fuͤrchten, doch voll Furcht; Und hier iſt ein Prophet, den ich mit mir Aus Pomfrets Straßen brachte, den ich fand, Wie Hunderte ihm auf der Ferſe folgten, Derweil er ſang in ungeſchlachten Reimen, Es werd' auf naͤchſte Himmelfahrt vor Mittags Eu'r Hoheit ihre Krone niederlegen. S 4* 52 Koͤnig A. W. k. Joh. Du eitler Traͤumer, warum ſprachſt du ſo? Pet. Vorwiſſend, daß es alſo wird geſchehn. R. Joh. Fort mit ihm, Hubert, wirf ihn ins Gefaͤngniß, Und auf den Tag zu Mittag, wo er ſagt Daß ich die Kron' abtrete, laß ihn haͤngen; Gieb in Verwahrung ihn, und komm zuruͤck; Ich hab' dich noͤthig.— (Hubert mit Peter ab.) . O mein beſter Vetter, Weißt du die Nachricht ſchon, wer angelangt? Baſt. Die Franken, Herr; es iſt in aller Munde. Dann traf ich auch Lord Bigot und Lord Salisbury, Mit Augen, roth wie neugeſchuͤrtes Feuer, Und andre mehr: ſie ſuchten Arthurs Grab, Der, ſagten ſie, die Nacht getodtet ſey Auf euren Antrieb. R. Joh. Liebſter Vetter, geh, Miſch dich in ihren Kreis; ich hab' ein Mittel, Mir ihre Liebe wieder zu gewinnen. Bring ſie zu mir. Baſt. Ich geh, ſie aufzuſuchen. R. Joh. Ja, aber eilt! Es jag' ein Fuß den andern, O, keine feindlichen Vaſallen nur, Da fremde Gegner meine Staͤdte ſchrecken Mit eines kuͤhnen Einbruchs furchtbar'm Pomp! Sey du Merkur, nimm Fluͤgel an die Ferſen, Und fliege wie Gedanken wieder her.. Baſt. Der Geiſt der Zeiten ſoll mich Eile lehren. (ab.) B. Joh. Geſprochen wie ein wackrer Edelmann! Geh, folg' ihm, denn ihm iſt vielleicht vonnothen Ein Bote zwiſchen mir und jenen Pairs; Und der ſey du. Bote. Von Herzen gern, mein Fuͤrſt. (ab.) R. Joh. Und meine Mutter todt! (Hubert tritt auf.) zub. Mein Fuͤrſt, es heißt, man ſah die Nacht fuͤnf konde Vier ſtehend, und der funfte kreiſ'te rund Um jene vier in wunderbarer Schwingung. c Sz. 2. Johann. 53 k. Joh. Fuͤnf Monde? zub. In den Straßſen prophezeyn Bedenklich alte Frau'n und Maͤnner druͤber. Von Mund zu Munde geht Prinz Arthurs Tod, Und wenn ſie von ihm reden, ſchuͤtteln ſie Die Koͤpfe, flͤſtern ſich einander zu, Und der, der ſpricht, ergreift des Hoͤrers Hand, Weil der, der hoͤrt, der Furcht Gebehrden macht, Die Stirne runzelt, winkt und Augen rollt. Ich ſah'nen Schmid mit ſeinem Hammer, ſo, Indeß ſein Eiſen auf dem Ambos kaͤhlte, Mit offnem Mund verſchlingen den Bericht Von einem Schneider, der mit Scheer' und Maß In Händen, auf Pantoffeln, ſo die Eil Verkehrt geworfen an die falſchen Fuͤße, Erzählte von viel tauſend Fraͤnk'ſchen Kriegern, Die ſtunden ſchon in Schlachtordnung in Kent. Ein andrer hag'rer, ſchmutz'ger Handwerksmann Fällt ihm ins Wort, und ſpricht von Arthurs Tod. R. Joh Was ſuchſt du dieſe Furcht mir einzujagen, Und rügſt ſo oft des jungen Arthurs Tod! Dein Arm ermordet' ihn; ich hatte mächt'gen Grund Ihn todt zu wuͤnſchen, doch du hattelt keinen Ihn umzubringen! Fub. Keinen, gnaͤd'ger Herr? Wie, habt ihr nicht dazu mich aufgefordert? k. Joh. Es iſt der Koͤn'ge Fluch, bedient von Sklaven Zu ſeyn, die Vollmacht ſehn in ihren Launen, Zu brechen in des Lebens blut'ges Haus, Und nach dem Wink des Anſehns ein Geſetz Zu deuten, zu errathen die Geſinnung Der droh'nden Majeſtat, wenn ſie vielleicht Tus Laune mehr als Ueberlegung zuͤrnt. ub. Hier euer Brief und Siegel fuͤr die That. R. Joh. O, wenn die Rechnung zwiſchen Erd' und Himmel Wird abgeſchloſſen, dann wird wider uns Der Brief und Siegel zur Verdammniß zeugen! Wie oft macht nicht der Anblick von den Mitteln Ju boͤſen Thaten, Thaten boͤslich thun; Wenn du nicht da geweſen wärſt, ein Menſch Gezeichnet von den Haͤnden der Natur, Und auserſehn zu einer That der Schmach, G — 54 Koͤnig V So kam mir dieſer Mord nicht in den Sinn. Doch da ich Acht gab auf dein ſcheußlich Anſehn, Geſchickt zu blut'ger Schurkerey dich fand, Und faͤhig in Gefahr dich zu gebrauchen, So deutet' ich von fern auf Arthurs Tod: Und du, um einem Konig werth zu ſeyn, Trugſt kein Bedenken, einen Prinz zu morden. zub. Mein Koͤnig— R. Joh. Haͤtt'ſt du den Kopf geſchuͤttelt, nur geſtutzt, Da ich von meinem Anſchlag dunkel ſprach; Ein Aug des Zweifels auf mich hingewandt, Und mich mit klaren Worten reden heißen: Ich waͤr' verſtummt vor Scham, haͤtt' abgebrochen, Und deine Scheu bewirkte Scheu in mir. Doch du verſtand'ſt aus meinen Zeichen mich, Und pflogſt durch Zeichen mit der Suͤnde Rath, Ja ohne Anſtand gab dein Herz ſich drein, Und dem zufolge deine rohe Hand, Die That zu thun, die wir nicht nennen durften.— Aus meinen Augen fort! nie ſieh mich wieder! Der Adel laͤßt mich, meinem Staate trotzen Vor meinen Thoren fremder Maͤchte Reihn; Ja ſelbſt in dieſem fleiſchlichen Gebiet, Dem Reich hier, dem Bezirk von Blut und Odem, Herrſcht Feindlichkeit und Buͤrgerzwiſt, erregt Durch mein Gewiſſen und des Neffen Tod. Zub. Bewehrt euch gegen eure andern Feinde, Ich gebe Frieden eurer Seel' und euch: Prinz Arthur lebt, und dieſe Hand hier iſt Noch eine jungfraͤuliche reine Hand, Gefaͤrbt von keines Blutes Purpurflecken. In dieſen Buſen draͤngte nie ſich noch Die grauſe Regung moͤrdriſcher Gedanken, Ihr ſchmähtet die Natur in meiner Bildung, Die, wie ſie äußerlich auch roh erſcheint, Doch Huͤlle eines edleren Gemuͤths, Als Henker eines armen Kinds zu werden. k. Joh. Lebt Arthur noch? O eile zu den Pairs, Gieß den Bericht auf die entbrannte Wuth, Und zaͤhme zur Ergebenheit ſie wieder! Vergieb, was meine Leidenſchaft gedeutet Aus deinen Zuͤgen: meine Wuth war blind, Und ein verwildert ſchnödes Aug des Blutes Sz. 3. Johann. 35 Wies dich mir fuͤrchterlicher, als du biſt. O ſprich nicht! eilends die erzuͤrnten Großen. In mein Gemach zu bringen, mach dich auf! Langſam beſchwoͤr' ich, ſchneller ſey dein Lauf! (Beyde ab.) Dritte Szene⸗ Ebendaſelbſt. Vor der Burg.⸗ (rthur erſcheint auf den Mauerh.) Arth. Die Mau'r iſt hoch, ich ſpringe doch hinab: Sey milde, guter Boden, ſchone mich!— Faſt Niemand kennt mich; thaͤten ſie es auch, Die Schifferjungen-Tracht verſtellt mich ganz⸗ Ich fuͤrchte mich, und doch will ich es wagen⸗ Komm' ich hinab, und breche nicht den Hals, So weiß ich, wie ich Raum zur Flucht erwerbe: So gut, ich ſterb und geh', als bleib' und ſterbe, (Er ſpringt hinunter.) Weh! meines Oheims Geiſt iſt in dem Stein,— Nimm, Gott, die Seel'“, und England mein Gebein. (Er ſtirbt.) (Pembroke, Salisbury und Bigok treten auf.) Sal. Ihr Herrn, ich treff' ihn zu Sankt Edmunds⸗Bury⸗ Es ſtellt uns ſicher, und man muß ergreifen Den Freundes⸗Antrag der bedraͤngten Zeit. pembr. Wer brachte dieſen Brief vom Cardinal? Sal. Der Graf Melun, ein edler Herr von Frankreich, Deß muͤndlich Zeugniß von des Dauphins Liebe Viel weiter geht, als dieſe Zeilen ſagen. Big. So laßt uns alſo morgen fruͤh ihn treffen. Sal. Nein, auf den Weg uns machen; denn es ſind Zwey ſtarke Tagereiſen bis zu ihm. (Der Baſtard tritt auf.) Baſt. Noch Einmal heut gegruͤßt, erzuͤrnte Herrn! Der König laͤßt durch mich euch zu ſich laden. Sal. Der Koͤnig hat ſich unſer ſelbſt beraubt. Wir wollen ſeinen duͤnnen, ſchmuß'gen Mantel Mit unſern reinen Ehren nicht verbraͤmen, Noch folgen ſeinem Fuß, der Stapfen Bluts 56 Konig A. 1V. Wo er nur wandelt, nachlaͤßt; kehrt zuruͤck Und ſagt ihm das! wir wiſſen ſchon das ſchlimmſte. Baſt. Wie ſchlimm ihr denkt, denkt doch auf gute Worte. Sal. Der Gram, und nicht die Sitte ſpricht aus uns. Baſt. Doch eurem Grame fehlt es an Vernunft, Drum waͤr's vernuͤnftig, daß ihr Sitte haͤttet. Ppembr. Herr, Herr! hat Ungeduld ihr Vorrecht doch. Baſt. Ja, ihrem Herrn zu ſchaden, keinem ſonſt. Sal.(indem er Arthur erblickt.. Dieß iſt der Kerker; wer iſts, der hier liegt? Pembr O Tod! auf reine Füͤrſtenſchoͤnheit ſtolz! Die Erde hat kein Loch, die That zu bergen. Sal. Der Mord, als haßt er, was er ſelbſt gethan, Legt's offen dar, die Rache aufzufordern. Big. Oder, dem Grabe dieſe Schoͤnheit weihend, Fand er zu fuͤrſtlich reich ſie fuͤr ein Grab. Sal. Sir Richard, was denkt ihr? Saht ihr wohl je, Laſ't, oder hoͤrtet, oder konntet denken, Ja, denket ihr faſt jetzt, wiewohl ihr's ſeht, Das, was ihr ſeht? Konnt' ohne dieſen Anblick Ihn ſchaffen der Gedank“? Dieß iſt die Spitze, Hoͤh, Gipfel, ja vom Gipfel noch der Gipfel Von Mords Gewalt; die blutigſte Verruchtheit, Die wild'ſte Barbarey, der ſchnoͤd'ſte Streich, Den je felsaͤugige, ſtarrſeh'nde Wuth Des ſanften Mitleids Thraͤnen dargeboten. Pembr. Kein Mord geſchah, den dieſer nicht entſchuldigt; Und dieſer hier, ſo einzig unerreichbar, Wird eine Heiligkeit und Reinheit leih'n Der neugebornen Suͤnde kuͤnft'ger Zeiten; Ein toͤdtlich Blutvergießen wird zum Scherz, Hat es zum Vorbild dieß verhaßte Schauſpiel. Baſt. Es iſt ein blutig und verdammtes Werk, Ein frech Beginnen einer ſchweren Hand, Wenn es das Werk von irgend einer Hand. Sal. Wenn es das Werk von irgend einer Hand? Wir hatten eine Spur, was folgen wuͤrde: Es iſt das ſchnöde Werk von Huberts Hand, Der Anſchlag und die Eingebung vom Koͤnig,— Aus deſſen Pflicht ich meine Seel' entziehe, Vor dieſen Truͤmmern ſuͤßen Lebens knieend, Si. 3. Johann. 57 und athmend ſeiner athemloſen Trefflichkeit Den Weihrauch eines heiligen Geluͤbdes: Niemals zu koſten Freuden dieſer Welt, Nie angeſteckt zu werden vom Genuß, Mich nie auf Muß' und Traͤgheit einzulaſſen, Bis ich mit Ruhm verherrlicht dieſe Hand, Indem ich ihr den Schmuck der Rache gebe. pembr. u. Big. Inbruͤnſtig ſtimmen ünſre Seelen bey. (Hubert tritt auf. zub. Herrn, ich bin heiß vor Eil', euch aufzuſuchen; Prinz Arthur lebt, der Koͤnig ſchickt nach euch. Sal. H, er iſt frech, der Tod beſchaͤmt ihn nicht! Fort, du verhaßter Schurke! heb' dich weg! „ub. Ich bin kein Schurke. Sal.(den Degen ziehend.) Muß ich die Beute den Ge⸗ richten rauben? Baſt. Eu'r Schwert iſt blank, Herr, ſteckt es wieder ein. Sal. Wenn ich's in eines Moͤrders Leib geſtoßen. Zub. Zuruͤck, Lord Salisbury! zuruͤck, ſag, ich! Mein Schwert, beym Himmel, iſt ſo ſcharf als eures, Ich mochte nicht, daß ihr euch ſelbſt vergäßt, Und meiner Gegenwehr Gefahr erprobtet; Ich moͤchte ſonſt, auf eure Wuth nur merkend, Vergeſſen euren Werth und Rang und Adel. Big. Was, Koth, du trotzeſt einem Edelmann? Zub. Nicht um mein Leben; doch vertheid'gen darf ich Mein ſchuldlos Leben gegen einen Kaiſer. Sal. Du biſt ein Moͤrder, Sub. Macht mich nicht dazu, Noch bin ichs nicht. Weß Zunge faͤlſchlich ſpricht, Der ſpricht nicht wahr, und wer nicht wahr ſpricht, luͤgt. pembr. Haut ihn in Stuͤcke. Baſt. Haltet Frieden, ſag' ich. Sal. Bey Seit' ſonſt werd' ich ſchlagen, Faulconbridge. Baſt. Schlag du den Teufel lieber, Salisbury! Sieh mich nur finſter an, ruͤhr' deinen Fuß, Lehr deinem raſchen Zorn mir Schmach zu thun, So biſt du todt. Steck' ein das Schwert bey Zeiten, Sonſt blaͤu' ich dich und deinen Bratſpieß ſo, Daß ihr den Teufel auf dem Halſ' euch glaubt. 58 Konig A. W. Big. Was willſt du thun, beruͤhmter Faulconbridge? Beyſtehen einem Schuft und einem Moͤrder? Fzub. Lord Bigot, ich bin keiner. Big. Wer ſchlug dieſen Prinzen“ zub. Geſund verließ ich ihn vor einer Stunde, Ich ehrte ihn, ich liebt ihn, und verweine Mein Leben um des ſeinigen Verluſt. Sal. Traut nicht den ſchlauen Waſſern ſeiner Augen, Denn Booheit iſt nicht ohne ſolches Naß; Und der, der ausgelernt iſt, laͤßt wie Baͤche Des Mitleids und der Unſchuld ſie erſcheinen. Hinweg mit mir, ihr alle, deren Seelen Den eklen Dunſt von einem Schlachthaus fliehn! Denn mich erſtickt hier der Geruch der Suͤnde. Big. Hinweg! nach Bury, zu dem Dauphin dort! pembr. Dort, ſagt dem Koͤnig, kann er uns erfragen. (Die Edelleute ab.) aſt Nun das geht ſchoͤn!— Weißt du um dieſes 3 Stuͤckchen? So endlos weit die Gnade reichen mag, Die That des Todes, wenn du ſie gethan, Verdamint dich, Hubert. Zub. Hoͤrt mich doch nur, Herr. Baſt. Ha, laß mich dir was ſagen. Du biſt verdammt, ſo ſchwarz, es giebt nichts ſchwaͤrz'res: Verdammt noch tiefer als Fuͤrſt Lucifer; So ſcheußlich giebts noch keinen Geiſt der Holle, Als du wirſt ſeyn, wenn du dieß Kind erſchlugſt. wzub. Bey meiner Seele, Baſt. Stimmteſt du nur ein Zu dieſer Graͤuelthat, o ſo verzweifle! Fehlt dir ein Strick, ſo reicht der duͤnnſte Faden, Den eine Spinn' aus ihrem Leibe zog, Dich zu erdroſſeln hin; ein Strohhalm wird zum Balken, Dich dran zu haͤngen; willſt du dich ertraͤnken, Thu' etwas Waſſer nur in einen Loͤffel, Und es wird ſeyn ſo wie der Ocean, Genug, um ſolchen Schurken zu erſticken.— Ich habe ſchweren Argwohn gegen dich. wub. Wenn ich durch That, durch Beyfall, ja Gedanken, Am Raub des ſuͤßen Odems ſchuldig bin, Sz. 3. Johann. 59 Den dieſe ſchoͤne Staubhuͤll in ſich hielt, So mag's fuͤr mich der Hoͤll' an Martern fehlen. Geſund verließ ich ihn. Baſt. So geh und trag' ihn weg auf deinen Armen.— Ich bin wie außer mir; mein Weg verliert ſich In Dornen und Gefahren dieſer Welt.— Wie leicht nimmſt du das ganze England auf! Aus dieſem Stuͤckchen todten Koͤnigthums Floh dieſes Reiches Leben, Recht und Treu' Zum Himmel auf, und bleibt fur England nichts, Als Balgen, Zerren, mit den Zaͤhnen packen Das herrenloſe Vorrecht ſtolzer Hoheit. Nnn ſtraͤubet um den abgenagten Knochen Der Majeſtaͤt, der Krieg den zorn'gen Kamm, Und fletſcht dem Frieden in die milden Augen. Run treffen fremde Macht und heimſcher Unmuth Auf Einen Punkt, und die Verheerung wartet, So wie der Rab' auf ein erkranktes Vieh, Luf nahen Fall des abgerungnen Prunks. Nun iſt der gluͤcklich, deſſen Gurt und Mantel Dieß Wetter aushalt. Trag' dassKind hinweg, Und folge mir mit Eil; ich will zum Koͤnig: Denn viele tauſend Sorgen ſind zur Hand, Der Himmel ſelbſt blickt draͤuend auf das Land. S(ab.) 60 e F uͤnfter Anufzug. Erſte Szene. Ebendaſelbſt. Ein Zimmer im palaſtr. (Koͤnig Johann, Pandulpho mit der Krone, und Gefolge treten auf.) k. Joh. So uͤbergab ich denn in eure Hand Den Zirkel meiner Wuͤrde. Pand.(indem er dem Koͤnige die Krone giebt.) Nehmt zuruͤck Aus dieſer meiner Hand, als Lehn des Pabſtes, Die koͤnigliche Hoheit und Gewalt. k. Joh. Vollfuͤhrt eu'r heilig Wort nun: trefft die Franken, Braucht eure ganze Macht vom heil'gen Vater, Sie aufzuhalten, eh in Brand wir ſtehn. Die mißvergnuͤgten Gauen fallen ab, In Zwietracht iſt das Volk mit ſeiner Pflicht, Ergebenheit und Herzensliebe ſchwoͤrend Ausländ'ſchem Blut und fremdem Koͤnigthum. Und dieſe Ueberſchwemmung boͤſer Saͤfte Kann nur von euch allein beſaͤnftigt werden. Drum zoͤgert nicht: die Zeiten ſind ſo krank, Daß, wenn man nicht ſogleich Arznei verordnet, Unheilbares Verderben folgen muß⸗ Ppand. Mein Odem war's, der dieſen Sturm erregt, Auf euer ſtarr Verfahren mit dem Pabſt. Doch weil ihr nun ein friedlicher Bekehrter, So ſoll mein Mund den Sturm des Krieges ſtillen, Und dem durchtobten Land ſchoͤn Wetter geben. Auf dieſen Himmelfahrtstag, merkt es wohl, Nach eurem Schwur dem Pabſt zu dienen, mach' ich Die Franken ihre Waffen niederlegen.(ab.) R. Joh. Iſt Himmelfahrtstag? Sprach nicht der Prophet, Vor Himmelfahrt zu Mittag wuͤrde ich Der Krone mich begeben? Ja, ich thats; Ich glaubte da, es ſollt' aus Zwang geſchehn, Doch, Gott ſey Dank, es iſt freywillig nur. (Der Baſtard tritt auf.) Baſt. Ganz Kent hat ſich ergeben, nichts hält dort A. V. Sz. 1. Koͤnig Johann. 61 Als Dover⸗Schloß; den Dauphin und ſein Heer Hat London wie ein guͤt'ger Wirth empfangen; Cu'r Adel will nicht hoͤren, und iſt fort Uim eurem Feinde Dienſte anzubieten, Und wildeſte Beſtuͤrzung jagt umher Die kleine Zahl der zweifelhaften Freunde. R. Joh. Und wollten nicht zuruͤck die Edlen kommen, Als ſie gehört, Prinz Arthur lebe noch? Baſt. Sie fanden todt ihn auf der Straße liegen, Ein leeres Faͤſtchen, wo des Lebens Kleinod Von einer Frevlerhand geſtohlen war. R. Joh. Der Schurke Hubert ſagte mir, er lebe. Baſt. Bey meiner Seel, er wußt' es auch nicht anders. Doch was ſenkt ihr das Haupt? was ſeht ihr traurig? Seyd groß in Thaten, wie ihrs wart im Sinn, Laßt nicht die Welt von Furcht und truͤbem Mißtraun Beherrſcht ein koͤnigliches Auge ſehn; Seyd ruͤhrig wie die Zeit, Feu'r gegen Feuer, Bedroht den Droher, uͤbertrotzt die Stirn Verwegnen Schreckens: ſo werden niedre Augen, Die ihr Betragen von den Großen leihn, Durch euer Vorbild groß, und ſie erfuͤllt Der kuͤhne Geiſt der Unerſchrockenheit. Hinweg! und glaͤnzet wie der Gott des Kriegs, Wenn er geſonnen iſt, das Feld zu zieren; Zeigt Kuͤhnheit und erhebendes Vertraun. Soll man den Leu'n in ſeiner Hoͤhle ſuchen? Und da ihn ſchrecken? da ihn zittern machen? O, daß man das nicht ſage!— Macht euch auf, Und trefft das Unheil weiter weg vom Haus, Und packt es an, eh es ſo nahe kommt. R. Joh. Es war hier bey mir der Legat des Pabſtes Mit dem ich glucklich einen Frieden ſchloß; Und er verſprach, die Heersmacht wegzuſenden, Die mit dem Dauphin kommt. Baſt. O ſchmaͤhlich Buͤndniß! So ſollen wir, auf eignem Sin 4 Weich' Wort' nur ſenden, uns verbindlich machen, Bittſtellung und Geſpraͤch und feigen Stillſtand Auf Kriegeseinbruch? Soll ein glatter Knabe, Ein ſeidnes Buͤbchen trotzen unſern Au'n, Und ſeinen Muth auf ſtreitbar'm Boden weiden, 62 Konig 1.w Die Luft mit eitel weh'nden Fahnen hoͤhnend? Und nichts ihn hemmén? Koͤnig, zu den Waffen! Dem Cardinal gelingt wohl nicht der Friede, Und wenn auch, mindſtens ſage man von uns, Daß ſie zur Gegenwehr bereit uns ſahn. RB. Joh. Die Anordnung der jet'gen Zeit ſey dein. Baſt. Fort denn, mit gutem Muth! und ihr ſollt ſehn, Wir koͤnnten einen ſtolzern Feind beſtehn⸗ (ab. Sweyte Sene Eine Ebene bey Sankt Edmunds⸗Bury. (Louis, Salisbury, Melun, Pembroke, Bigot, kommen in Waffen, mit Soldaten.) Louis. Graf Melun, laßt dieß hier in Abſchrift nehmen, Und die bewahrt zum Angedenken uns; Die Urſchrift gebt ihr dieſen Herrn zuruͤck, Damit, wenn unſte Ordnung aufgezeichnet, Wir, dieſe Schrift durchleſend, wiſſen moͤgen, Worauf wir jetzt das Sakrament genommen, Und feſt und unverletzt die Treue halten. Sal. Wir werden unſterſeits ſie nimmer brechen. Und, edler Dauphin, ſchwoͤren wir euch ſchon Wilffaͤhr'gen Eifer, ungezwungne Treu' Zu eurem Fortſchritt; dennoch glaubt mir, Prinz, Ich bin nicht froh, daß ſolch Geſchwuͤr der Zeit Ein Pflaſter in verſchmaͤhtem Aufruhr ſucht, Und einer Wunde eingefteßnen Schaden Durch viele heilet: oles quaͤlt mein Herz, Daß ich dieß Erz muß von der Seite ziehn Und Witwen machen;— o! und eben da, Wo ehrenvolle Gegenwehr und Rettung Lautmahnend ruft den Namen Salisbury. Allein, ſo groß iſt der Verderb der Zeit, Daß wir zur Pfleg' und Heilung unſers Rechts Zu Werk nicht koͤnnen gehn, als mit der Hand Des harten Unrechts und verwirrten Uebels.— Und iſt's nicht Jammer, o bedraͤngte Freunde! Daß wir, die Soͤhn' und Kinder dieſes Eilands, Solch eine truͤbe Stund' erleben mußten, Wo wir auf ihren milden Buſen treten Nach fremdem Marſch, und ihrer Feinde Reihn Sz. 2. Johann. 63 Ausfuͤllen,(ich muß abgewandt beweinen Die Schande dieſer nothgedrungnen Wahl) Den Adel eines fernen Lands zu zieren, Zu folgen unbekannten Fahnen hier? Wie, hier?— O Volk, daß du von hinnen koͤnnteſt! Daß dich Neptun, deß Arme dich umfaſſen, Wegtruͤge von der Kenntniß deiner ſelbſt, Und wuͤrfe dich auf einen Heidenſtrand, Wo dieſe Chriſtenheere leiten koͤnnten Der Feindſchaft Blut in eine Bundesader, Und nicht es ſo unnachbarlich vergießen. Louis. Ein edles Weſen zeigeſt du hierin: Aus großen Trieben, dir im Buſen ringend, Bricht ein Erdbeben aus von Edelmuth. H welchen edlen Zweykampf haſt du nicht Gefochten zwiſchen Noth und biedrer Ruckſicht! Laß trocknen mich den ehrenvollen Thau, Der ſilbern uͤber deine Wangen ſchleicht: Es ſchmolz mein Herz bey Frauenthraͤnen wohl, Die doch gemeine Ueberſchwemmung ſind; Doch dieſer Tropfen maͤnnliche Ergießung, Dieß Schauer, von der Seele Sturm erregt, Entſetzt mein Aug' und macht beſtuͤrzter mich, Als ſaͤh' ich das gewoͤlbte Dach des Himmels Mit gluͤhnden Meteoren ganz geſtreift. Erheb die Stirn, beruͤhmter Salisbury, Und dräng' den Sturm mit großem Herzen weg: Laß dieſe Waſſer jenen Säͤuglings⸗Augen, Die nie die Rieſenwelt in Wuth geſehn, Roch anders als beym Feſt das Gluͤck getroffen, Von Blute warm, von Luſt und Bruͤderſchaft. Komm, komm! denn du ſollſt deine Hand ſo tief In des Erfolges reichen Beutel ſtecken, Als Louis ſelbſt;— das, Edle, ſollt ihr alle, Die ihrer Sehnen Kraft an meine knuͤpft. Gandulpho tritt auf mit Gefolge.) Und eben jetzt duͤnkt mich, ein Engel ſprach: Seht dort den heiligen Legat ſich nahn, Himmels Hand zu geben, nſerm Thun zu leihn des Rechtes Nal Durch heil'ges Woit. pand. Heil, edler Prinz von Frankreich! Dieß folgt demnaͤchſt: verſoͤhnt en 4 Nm 64 2. V. Koͤnig Johann; ſein Sinn hat ſich gewandt, Der ſo der heil'gen Kirche widerſtrebte, Der groͤßten Hauptſtadt und dem Stuhl von Rom. Drum rolle nun die drohnden Fahnen auf, Und zaͤhm' den wuͤſten Geiſt des wilden Krieges, Daß, wie ein Loͤwe nach der Hand gezogen, Er ruhig liege zu des Friedens Fuß, Und nur dem Anſehn nach gefaͤhrlich ſey. Louis. Verzeiht, Hochwuͤrden, ich will nicht zuruͤck: Ich bin zu hochgeborn, ein Eigenthum Und Huͤlfe, wie man eben ſie beſtellt, Nutzbarer Knecht und Werkzeug nur zu ſeyn Auch fuͤr die großte Macht der ganzen Welt. Eu'r Odem ſchuͤrte erſt die todten Kohlen Des Krieges zwiſchen dieſem Reich und mir: Ihr ſchafftet Stoff herbey, die Gluth zu naͤhren, Nun iſt ſie viel zu ſtark, ſie auszublaſen Mit jenem ſchwachen Wind, der ſie entflammt. Ihr lehrtet mich des Rechtes Antlitz kennen, Ihr zeigtet mir Anſpruͤche auf dieß Land, Fa warft dieß Unternehmen in mein Herz⸗ Und kommt ihr nun und ſagt mir, daß Johann Mit Rom den Frieden ſchloß? Was kuͤmmert's mich? Ich, kraft der Wuͤrde meines Ehebetts, Begehr' als mein dieß Land nach Arthurs Abgang; Und nun ichs halb erobert, muß ich weichen, Bloß weil Johann mit Rom den Frieden ſchloß? Bin ich Roms Sklav? Wo ſchaffte Rom denn Gelder, Wo warb es Truppen, ſandte Kriegsgerath, Dieß Werk zu unterſtuͤtzen? bin ichs nicht, Der dieſe Buͤrde traͤgt? wer ſonſt als ich Und die, ſo, meinem Anſpruch pflichtig, ſchwitzen In dieſem Handel, und beſtehn den Krieg? Hoͤrt' ich nicht dieſer Inſel Buͤrger jauchzen: Vive le roi! als ihre Staͤdt' ich grußte? Hab' ich die beßten Karten nicht zum Sieg In dieſem leichten Spiel um eine Krone? Und gaͤb' ich nun den Schatz, der mein ſchon, auf? Nein, nein! auf Ehre, nie ſoll man das ſagen. pand. Ihr ſeht die Sache nur von außen an⸗ Louis. Von außen oder innen, ich beharre, Bis mein Verſuch ſo weit verherrlicht iſt, Als meiner hohen Hoffnung ward verſprochen, Sz. 2. Johann. 65 Eh ich dieß wackre Kriegsheer aufgebracht, Und dieſe feur'gen Geiſter auserkoren, Den Sieg zu überfliegen, Ruhm zu ſuchen Selbſt in dem Schlund des Tods und der Gefahr.— (Trompetenſtoß.) Welch muthige Trompete mahnet uns? (Der Baſtard mit Gefolge tritt auf.) Baſt. Der Hoͤflichkeits⸗Gebuͤhr der Welt gemäß Gebt mir Gehoͤr: ich bin geſandt zu reden.— Vom Koͤnig komm' ich, heilger Herr von Mailand, Zu hoͤren, wie ihr euch fuͤr ihn verwandt; ünd, wie ihr Antwort gebt, weiß ich die Graͤnze Und Vollmacht, meiner Zunge vorgezeichnet. pand. Der Dauphin iſt zu widerſetzlich ſtarr, Und will ſich nicht auf mein Geſuch bequemen. Er ſagt: er lege nicht die Waffen nieder. Baſt. Bey allem Blut, das je die Wuth gehaucht, Der junge Mann thut wohl.— Hoͤrt Englands Koͤnig nun, Denn ſo ſpricht ſeine Majeſtaͤt durch mich. Er iſt geruͤſtet, und das ziemt ſich auch: Denn euer äffiſch ungezognes Kommen, Geharn'ſchte Mummerey und tolle Poſſe, Unbaͤrt'ge Keckheit, knabenhafte Truppen, Belacht der Koͤnig, und iſt wohl geruͤſtet, Die Zwerges⸗Waffen, den Pygmäen Krieg Aus ſeiner Laͤnder Kreiſe wegzupeitſchen. Die Hand, die Kraft beſaß, vor euren Thuͤren Euch abzupruͤgeln, daß ihr ſprangt ins Haus, Wie Eimer in verborgne Brunnen tauchtet, In eurer Stallverſchlage Lager krocht, Wie Pfaͤnder euch in Kiſten ſchloßt und Kaſten, Bey Säuen ſtalltet, ſuͤße Sicherheit In Gruft und Kerker ſuchtet, und erbebtet Selbſt vor dem Schreyn von eures Volkes Hahn, Als waͤr die Stimm' ein Engliſcher Soldat;— Soll hier die Siegerhand entkraftet ſeyn, Die euch gezuͤchtigt hat in euren Kammern? Rein! wißt, der tapfre Fuͤrſt iſt in den Waffen, Und ſchwebt als Adler uͤber ſeiner Brut, Herabzuſchießen, wenn dem Neſt was naht⸗ Und ihr abtruͤnn'ge, undankbare Art, Ihr blut'gen Nero's, die den Leib zerfleiſchen Der Mutter England, werdet roth vor Scham! I. 5 66 Koͤnig AW Denn eure eignen Frau'n und blaſſen Maͤdchen, Wie Amazonen, trippeln nach der Trommel, Aus Fingerhuͤten Waffenhandſchuh machend, Aus Nadeln Lanzen, und das ſanfte Herz Zu blutiger und wilder Regung kehrend. Louis. Dein Pochen ende hier, und ſcheid' in Frieden. Wir gebens zu, du kannſt uns uͤberſchelten: Leb wohl! wir achten unſre Zeit zu hoch, Um ſie mit ſolchem Prahler zu verſchwenden. Pand. Erlaubt zu reden mir. Baſt. Nein, ich will reden. Louis. Wir wollen keinen hoͤren. Ruͤhrt die Trommel Des Krieges Zunge fuͤhre nun das Wort Fuͤr unſern Anſpruch und fuͤr unſer Hierſeyn. Baſt. Ja, ſchlagt die Trommeln und ſie werden ſchreyn; Ihr auch, wenn wir euch ſchlagen. Wecke nur Ein Echo auf mit deiner Trommel Laͤrm, Und eine Trommel iſt bereit zur Hand, Die laut, wie deine, wiederſchallen ſoll; Ruͤhr' eine andre, und die andre ſoll So laut wie dein' ans Ohr des Himmels ſchmettern, Des tiefen Donners ſpottend: denn ſchon naht, Nicht trauend dieſem hinkenden Legaten, Den er aus Spaß vielmehr als Noth gebraucht, Der kriegriſche Johann; und auf der Stirn Sitzt ihm ein nackter Tod, deß Amt es iſt, An Tauſenden der Franken heut zu ſchwelgen. Louis. Ruͤhrt unſte Trommeln, ſucht denn die Gefahr. Baſt. Du wirſt ſie finden, Dauphin, das bleibt wahr. (Alle ab.) D r e S z en Ebendaſelbſt. Ein Schlachtfeld. (Getuͤmmel. König Johann und Hubert treten auf.) B. Joh. Wie geht der Tag fuͤr uns? O ſag mir, Hubert! wub. Schlecht, fuͤrcht' ich; was macht Eure Majeſtaͤt? R. Joh. Dieß Fieber, das ſo lange mich geplagt, Liegt ſchwer auf mir: o, ich bin herzlich krank! (Ein Bote tritt auf.) Bote. Mein Fuͤrſt, eu'r tapfrer Vetter, Faulconbridge Sz. 3. 4. Johann 67 Mahnt Eure Majeſtaͤt, das Feld zu raͤumen; Geruht zu melden ihm, wohin ihr geht. R. Joh. Sagt ihm, nach Swinſtead, dort in die Abtey. Bote. Seyd gutes Muthes, denn die große Huͤlfsmacht, Die von dem Dauphin hier erwartet wurde, Iſt vorgeſtern auf Goodwin⸗Sand geſcheitert. Die Nachricht kam bei Richard eben an, Die Franken weichen, im Gefecht ermattet. R. Joh. Weh mirl dieß Fieber brennt mich grauſam auf, Und läßt mich nicht die Zeitung froh begruͤßen⸗ Fort denn nach Swinſtead! gleich zu meiner Saͤnfte! Schwachheit bewaͤltigt mich, und ich bin matt. e Ein andrer Theil des Schlachtfeldes. (Salisbury, Pembroke, Bigot und Andre treten auf.) Sal. Ich hielt den Koͤnig nicht ſo reich an Freunden. pembr. Noch einmal auf! Floͤßt Muth den Franken ein; Mißgluͤckt es ihnen, ſo mißgluͤckt es uns.⸗ Sal. Der mißgeborne Teufel, Faulconbridge, Trotz allem Trotz, haͤlt er die Schlacht allein. pembr. Es heißt, der Koͤnig raͤumte krank das Feld. (Melun kommt, verwundet und von Soldaten gefuͤhrt.) mel. Fuͤhrt mich zu den Rebellen Englands hier. Sal. In unſerm Gluͤck gab man uns andre Namen. pembr. Es iſt Graf Melun. Sal. Auf den Tod verwundet. mel. Flieht, edle Engliſche, ihr ſeyd verkauft; Entfaͤdelt der Empoͤrung rauhes Hehr, Und neu bewillkommt die entlaßne Treu. Sucht euren Koͤnig auf,, fallt ihm zu Fuͤßen: Denn ſind die Franken Herrn des heißen Tags, So denkt et euch genommne Muͤh zu lohnen, Indem er euch enthauptetz er beſchwors, Und ich mit ihm, und viele mehr mit mir Auf dem Altare zu Sankt Edmuͤnds⸗Bury, Auf eben dem Altar, wo theure Freundſchaft Und ew'ge Liebe wir euch zugeſchworen. Sal. O waͤr' das moͤglich! ſollt' es Wahrheit ſeyn! 5* 68 Konig A. V. mel. Hab' ich nicht grauſen Tod im Angeſicht? Und heg' in mir nur etwas Leben noch, Das weg mir blutet, wie ein waͤchſern Bild, Am Feuer ſchmelzend, die Geſtalt verliert? Was in der Welt kann jetzt mich truͤgen machen, Da alles Trugs Gewinn fuͤr mich verloren? Warum denn ſollt' ich falſch ſeyn, da es wahr, Daß ich hier ſterb' und dort durch Wahrheit lebe? Ich ſag' es noch: Iſt Lonis Sieger heut, So ſchwur er falſch, wenn dieſe eu're Augen Je einen andern Tag anbrechen ſehn. Poch dieſe Nacht, die ſchwarzen, gift'gen Hauch Schon um den gluͤhnden Hauptſchmuck dampfen laͤßt Der alten, ſchwachen, lebensmuͤden Sonne,— Noch dieſe boͤſe Nacht ſollt ihr verſcheiden, Zur Buße fuͤr bedungenen Verrath, Verraͤtheriſch gebußt um euer Leben, Wenn Louis unter eurem Beyſtand ſiegt. Empfehlt mich einem Hubert, der beym König; Freundſchaft fuͤr ihn, und uͤberdieß die Ruͤckſicht, Daß mein Großvater Engliſcher Geburt, Weckt mein Gewiſſen auf, dieß zu bekennen. Dafuͤr, ich bitt' euch, tragt von hinnen mich, Aus dem Getoͤſ' und Larm des Feldes weg, Wo ich in Frieden der Gedanken Reſt Ausdenken kann, und Leib und Seele trennen In der Betrachtung und in frommen Wüͤnſchen.“ Sal. Wir glauben dir,— und ſtrafe mich der Himmel Gefüllt mir nicht die Mien' und die Geſtalt S Von dieſer freundlichen Gelegenheit, Den Weg verdammter Flucht zuruckzumeſſen. Wir wollen uns, geſunknen Fluthen gleich, Die Ausſchweifung und irre Bahn verlaſſend, Den Schranken neigen, die wir uͤberſtroͤmt, Und in Gehorſam ruhig gleiten hin Zu unſerm Meer, zu unſerm großen Koͤnig.— Mein Arm ſoll helfen, dich hier wegzubringen, Denn ſchon ſeh' ich die bitt're Todesangſt In deinem Blick.— Fort, Freunde! neue Flucht! Neuheit iſt Gluͤck, wenn altes Recht die Frucht. (le ab. Melun wird weggefuhrt.) Sz. 5. 6. J ohann 69 Fuͤnfte Szene. Das franzoͤſiſche Lager. Gouis kommt mit ſeinem Zuge.) Louis. Die Sonne wollte, ſchien's, nicht untergehn; Sie blieb, und machte rings den Weſt erroͤthen, Als Englands Heer den eignen Grund zuruͤckmaß Mit mattem Zug; o, brav beſchloſſen wir, Als wir mit uͤberfluͤß'ger Schuͤſſe Ladung Nach blut'gem Tagwerk boten gute Nacht, Und rollten die zerrißnen Fahnen auf, Zuletzt im Feld, und Herrn beynah davon.— (Ein Bote kommt.) Bote. Wo iſt mein Prinz, der Dauphin? Louis. Hier; was giebts? Bote. Graf Melun fiel, die Engliſchen Barone Sind auf ſein Dringen wieder abgefallen; Und die Verſtaͤrkung, die ihr lang gewuͤnſcht, Auf Goodwin⸗Sand geſcheitert und geſunken. Louis. Ach, ſchlimme Zeitung! ſey verwuͤnſcht bafuͤr! Ich dachte nicht ſo traurig dieſen Abend Zu ſeyn, als ſie mich macht.— Wer wars, der ſagte, Der Koͤnig ſey geflohn, nur ein paar Stunden, Eh tappend Dunkel unſre Heere ſchied? Bote. Wer es auch ſagte, es iſt wahr, mein Fuͤrſt. Louis. Wohl, haltet gut Quartier zur Nacht, und Wache: Der Tag ſoll nicht ſo bald aufſeyn, wie ich, Des Gluͤckes Gunſt auf morgen zu verſuchen. (Alle ab.) Sechste Szene. Ein offner Platz in der Nachbarſchaft der Abtey Swinſtead. (Der Baſtard und Hubert begegnen einander.) Zub. Wer da! he, ſprecht! und hurtig oder ich ſchießel Baſt. Gut Freund. Wer biſt du? ſbt Zub. Engliſcher Partey. Baſt. Und wohin gehſt du? wzub. Was gehts dich an? Kann ich nach deinen Sachen Dich nicht ſo gut, wie du nach meinen, fragen? 70 Koͤnig Baſt. Ich denke Hubert. Zub. Dein Gedank iſt richtig, Ich will auf jegliche Gefahr hin glauben, Du ſeyſt mein Freund, der meinen Ton ſo kennt. Wer biſt du? Baſt. Wer du willſt; beliebt es dir, So kannſt du mir die Liebe thun, zu denken Ich komm' etwa von den Plantagenets. Zub. O kraͤnkend Wort— Du und die blinde Nacht Habt mich beſchaͤmt; verzeih mir, tapfrer Krieger, Daß Laute, die von deiner Zunge kamen, Entſchluͤpft ſind der Bekanntſchaft meines Ohrs. Baſt. Kommt, ohne Foͤrmlichkeit: was giebt es neues? ub. Hier wandr' ich, in den ſchwarzen Brau'n der Nacht Nach euch umher. Baſt. Kurz denn: was iſt die Zeitung? ub. O, beſter Herr! Zeitung, der Nacht gemaͤß, Schwarz, troſtlos, fuͤrchterlich und grauſenvoll. Baſt. Zeigt mir den wundſten Fleck der Zeitung nur, Ich bin kein Weib, ich falle nicht in Ohnmacht. mzub. Den Koͤnig, fuͤrcht' ich, hat ein Moͤnch vergiftet. Ich ließ ihn ſprachlos faſt, und ſtürzte fort, Dieß Uebel euch zu melden, daß ihr beſſer Euch waffnen moͤchtet auf den ſchnellen Fall, Als wenn ihr es bey Weil' erfahren haͤttet. Baſt. Wie nahm er es! Wer koſtete vor ihm? Zub. Ein Moͤnch, ſo ſag' ich, ein entſchloßner Schurk, Deß Eingeweide ploͤtzlich barſt; der Koͤnig Spricht noch, und kann vielleicht davon geneſen. Baſt. Wer blieb zur Pflege ſeiner Majeſtaͤt? zub. Ey, wißt ihrs nicht! Die Herrn ſind wieder da, Und haben den Prinz Heinrich mitgebracht, Auf deß Geſuch der Koͤnig ſie begnadigt, Und ſie ſind all' um ſeine Majeſtät. Baſt. Beſaͤnft'ge die Entruͤſtung, großer Himmel, Verſuche nicht uns uͤber unſte Kraͤfte!— Hoͤr' an, mein halbes Heer iſt dieſe Nacht, Die Furth durchwatend, von der Flut ereilt, Die Lachen Lincolns haben ſie verſchlungen, Ich ſelbſt bin wohlberitten kaum entwiſcht.. Sz. 7. Johann. 71 Fort! mir voran! fuͤhr mich zum König hin: Ich fuͤrchte, er iſt todt, noch eh' ich komme. (Beyde ab.) Siebente Szen Der Garten der Abtey Swinſtead⸗ (Prinz Heinrich, Salisbury, Bigodk und Andre treten auf.) pr. weinr. Es iſt zu ſpaͤt, das Leben ſeines Bluts Iſt tödtiich angeſieckt, und ſein Gehirn, Der Seele zartes Wohnhaus, wie ſie lehren, Sagt uns durch ſeine eitlen Gruͤbeleyn Das Ende ſeiner Sterblichkeit vorher. (Pembroke tritt auf.) pembr. Der Koͤnig ſpricht noch, under hegt den Glauben, Daß, wenn man an die freye Luft ihn braͤchte, So lindert' es die brennende Gewalt Des ſcharfen Giſtes, welches ihn beſtuͤrmt. Pr. Zeinr. So laßt ihn bringen in den, Bigot ab. Raſ't er noch immer?. pembr. Er iſt ruhiger, Als da ihr ihn verließt; jetzt eben ſang er. pr. Zeinr. O Wahn der Krankheit! wildeſte Zerruͤttung, Wenn ſie beharret, fuhlt ſich ſelbſt nicht mehr. Der Tod, wenn er die äußern Theil erbeutet, Verlaͤßt ſie unſichtbar; ſein Sitz iſt nun 6 Nach dem Gemuͤth zu, das er ſticht und quaͤlt Mit Legionen ſeltner Fantaſeyen, Die ſich im Drang um dieſen letzten Halt Verwirren. Seltſam, daß der Tod noch ſingt!— Ich bin das Schwaͤnlein dieſes bleichen Schwans, Der Klage, Hymnen toͤnt dem eignen Tod, Und aus der Orgelpfeife ſeiner Schwaͤche Zu ew'ger Ruhe Leib und Seele ſingt. Sal. Seyd gutes Muthes, Prinz; ihr ſeyd geboren⸗ um Bildung dem verworrnen Stoff 36 ee Den er ſo roh und ſo geſtaltlos ließ. (Bigot kommt zuruͤck mit Begleitern, die den König Jo⸗ hann auf einem Stuhle hereintragen) 72 Koͤnig A J. Joh. Ah, nun ſchöpft meine Seele freye Luft, Sie wollt' aus Thuͤr noch Fenſter nicht hinaus, So heißer Sommer iſt in meinem Buſen, Daß er mein Eingeweid' in Staub zermalmt. Ich bin ein hingekritzelt Bild, gezeichnet Auf einem Pergament; vor dieſem Feuer Verſchrumpf' ich. Pr. Zeinr. Was machen Eure Majeſtaͤt? R. Joh. Gift,— übel,— todt, verlaſſen, ausgeſtoßen; Und keiner will den Winter kommen heißen, Die eiſ'ge Hand mir in den Leib zu ſtecken, Noch mir die Stroͤme meines Reiches leiten In den verbrannten Buſen, noch den Nord Bewegen, daß er ſeine ſcharfen Winde Mir kuͤſſen laſſe die geſprungnen Lippen, Und mich mit Kaͤlte labe;— wenig bitt' ich, Nur kalten Troſt; und doch ſeyd ihr ſo karg Und undankbar, daß ihr mir das verſagt. pr. veinr. D waͤr' doch eine Kraft in meinen Thraͤnen, Die euch erquickte! B. Joh. Das Salz in ihnen brennt. In mir iſt eine Hölle, und das Gift Iſt eingeſperrt da, wie ein boͤſer Feind, Um rettungslos verdammtes Blut zu qualen. (Der Baſtard kommt.) Baſt. O, ich bin ſiedend von dem haſt'gen Lauf Und Eilen, Eure Majeſtaͤt zu ſehn. s. Joh. O Vetter, du kommſt her, mein Aug' zu ſchließen! Verbrannt iſt meines Herzens Takelwerk, Und alle Tau' an meines Lebens Segeln Sind nur ein Faden, nur ein duͤnnes Haar; Mein Herz haͤngt noch an Einer armen Schnur, Die kaum wird halten waͤhrend deiner Zeitung; Dann iſt, was du hier ſiehſt, nichts als ein Erdkloſi, Und Abbild des zerſtorten Koͤnigthums. Baſt. Der Dauphin ruͤſtet ſich zum Zug hieher, Wo wir ihn, Gott weiß wie, empfangen werden, Denn meiner Truppen beſte Haͤlfte ward, Als ich zurück mich Vortheils halber zog, Sz. 7. Johann. 73 In einer Nacht, ganz ploͤtzlich, in den Lachen Verſchlungen von der unverſehnen Flut. (Der Koͤnig ſtirbt.) Sal. Ihr ſagt die todte Nachricht todten Ohren.— Mein Fuͤrſt! mein Herr!— Kaum Koͤnig noch,— nun ſol pr. Zeinr. So muß auch meine S ſeyn, ſo mein e iel. Wo iſt denn auf die Welt Verlaß und Glaube, Wenn, was ein Koͤnig war, ſo wird zu Staube! Baſt. Biſt du dahin! Ich bleibe nur zuruck, Für dich den Dienſt der Rache zu verrichten, Dann ſoll dir meine Seel' im Himmel folgen, Wie ſie auf Erden immer dir gedient.— Run, Sterne, die ihr rollt in eignen Sphaͤren, Wo iſt eu'r Einfluß? Zeigt nun beßre Treu, Und augenblicklich kehrt mit mir zuruͤck, Zerſtoͤrung und beſtaͤnd'ge Schmach zu ſtoßen Aus des erſchlafften Landes ſchwachem Thor. Stracks laßt uns ſuchen, daß man uns nicht ſucht, Der Dauphin wuͤthet ſchon an unſern Ferſen. Sal. So ſcheint es, ihr wißt weniger, als wir, Der Cardinal Pandulpho raſtet drinnen, Er kam vom Dauphin vor der halben Stunde, Und bringt von ihm Vorſchlaͤge zu dem Frieden, Die wir mit Ehr' und Anſtand eingehn duͤrfen, Mit Abſicht, gleich von dieſem Krieg zu laſſen. Baſt. Er thut es um ſo eher, wenn er ſieht, Daß wir zur Gegenwehr uns wohl geſtaͤrkt. Sal. Ja, ein'germaßen iſt es ſchon gethan, Denn viele Wagen hat er weggeſandt Zur Kuͤſte hin, und ſeinen Zwiſt und Handel Des Cardinals Verwaltung uͤberlaſſen; Mit welchem ihr, ich und die andern Herrn, Wenn es euch gut duͤnkt, dieſen Nachmittag Zu des Geſchäfts Vollendung reiſen wollen. Baſt. So mag es ſeyn, und ihr, mein edler Prinz, Mit andern Prinzen, welche dort nicht noͤthig, Beſorget das Begaͤngniß eures Vaters. pr. Zeinr. Zu Worceſter muß ſein Leib beerdigt werden, Denn ſo verlangt' ers. Baſt. Dahin ſoll er denn. 74 Koͤnig Johann. A. V. Sz. 7. Und glucklich lege euer holdes Selbſt Des Lands ererbten Staat und Hoheit an, Dem ich in aller Demuth, auf den Knie'n, Zu eigen gebe meinen treuen Dienſt Und Unterwuͤrfigkeit fuͤr ew'ge Zeiten. Sal. Wir thun ein gleich Erbieten unſrer Liebe, Daß imwerdar ſie ohne Flecken ſey. Pr. Zeinr. Ich hab' ein freundlich Herz, das gern euch dankte, Und es nicht weiß zu thun, als nur mit Thraͤnen.“ Baſt. Laßt uns der Zeit das noͤth'ge Weh nur zahlen, Weil ſie vorausgeeilt iſt unſerm Gram.— Dieß England lag noch nie und wird auch nie Zu eines Siegers ſtolzen Fußen liegen, Als wenn es erſt ſich ſelbſt verwunden half. Nun dieſe ſeine Prinzen heimgekommen, So komme nur die ganze Welt in Waffen, Wir trotzen ihr: nichts bringt uns Noth und Reu, Bleibt England nur ſich ſelber immer treu. 9 (Alle ab.) ——————— 2 —— — Koͤnig Richard der Zweyte. Perſonen: Koͤnig Richard der Zweyte. 8 Stiin von Herzog von York. Sohann von Gaunt, Dheime des Koͤnigs. Herzog von Lancaſter. Heinrich, mit dem Zunamen Bolingbroke, Herzog von Hereford, Sohn Johanns von Gaunt, nachmali⸗ ger Koͤnig Heinrich IV. Herzog von Aumerle, Sohn des Herzogs von York. Mowbray, Herzog von Norfolk. Herzog von Surrey. Graf von Salisbury. Graf Berkley. Buihy, Bagot, Kreaturen Koͤnig Richards. Green, Graf von Northumberland. Heinrich Percy, ſein Sohn. Lord Roß. Lord Willoughby. Lord Fitzwater. Biſchof von Carlisle. Abt von Weſtminſter. Der Lord Marſchall, und ein andrer Lord. Sir Pierre von Exton. Sir Stephen Scroop. Der Hauptmann einer Schaar von Walliſern. Die Königin, Gemahlin Koͤnig Richards. Herzogin von Gloſter. Herzogin von York. Ein Hoffraͤulein der Koͤnigin. Herren von Adel, Herolde, Offiziere, Soldaten, zwey Gaͤrtner, Gefangenwaͤrter, Bote, Stallknecht und anderes Gefolge. Die Szene iſt an verſchiednen Orten in England und Wales. . Ein ew'ges Recht zu eurer Krone fuͤgt! Erſter Aufzug. Erſte Szene. London. Ein Zimmer im Palaſte. — (Koͤnig Richard tritt auf mit Gefolge: Johann von Gaunt, und andre Edle mit ihm.) R. Rich. Johann von Gaunt, ehrwuͤrd'ger Lancaſter, Haſt du nach Schwur und Pfand hieher gebracht Den Heinrich Heereford, deinen kuͤhnen Sohn, Von juͤngſt die heft'ge Klage zu bewaͤhren, Die unſte Muß' uns da nicht hoͤren ließ, Wider den Herzog Norfolks, Thomas Mowbray? Gaunt. Ja, gnaͤd'ger Herr. R. Rich. So ſag mir ferner, haſt du ihn gepruͤft, Ob er aus aitem Groll den Herzog anklagt, Ob wuͤrdiglich, als guter Unterthan, Nach einer Kenntniß des Verraths in ihm? Gaunt. So weit ich ihn erforſchen konnte in dem Stuͤck, um augenſcheinliche Gefahr, gerichtet Auf Eure Hoheit, nicht aus altem Groll. R. Rich. So ruft ſie vor: denn Antliz gegen Antliz Und draͤunde Stirn an Stirne, wollen wir Frey reden hoͤren Klaͤger und Beklagten. (Einige aus dem Gefolge ab.) Hoch fahrend ſind ſie beyd und in der Wuth Taub wie die See, raſch wie des Feuers Glut. (Die vom Gefolge kommen zuruͤck mit Bolingbroke und Norfolk. Bol. Manch Jahr begluckter Tage moͤg' erleben Mein gnaͤd'ger Koͤnig, mein huldreicher Herr! Worf. Ein Tag erhoͤhe ſtets des andern Gluͤck, Bis einſt der Himmel, neidiſch auf die Erde, R. Rich⸗ Habt beyde Dank: doch einer ſchmeichelt nur, 6 Koͤnig Richard A. 1. Wie durch den Grund, warum ihr kommt, ſich zeigt, Einander naͤmlich Hochverraths zu zeihn. Vetter von Hereford, ſag, was wirfſt du vor Dem Herzog da von Norfolk, Thomas Mowbray? Bol. Erſt— ſey der Himmel Zeuge meiner Rede!— Aus eines Unterthans ergebner Pflicht, Fuͤr meines Fuͤrſten koſtbar Heil beſorgt, Und frey von anderm mißerzeugten Haß, Komm' ich als Klaͤger vor dieß fuͤrſtlich Haupt.— Nun, Thomas Molobray, wend' ich mich zu dir, Und acht' auf meinen Gruß: denn was ich ſage, Das ſoll mein Leib auf Erden hier bewaͤhren, Wo nicht, die Seel im Himmel Rede ſtehn. Du biſt ein Abgefallner und Verraͤther, Zu gut um es zu ſeyn, zu ſchlecht zu leben: Denn je kryſtallner ſonſt der Himmel gluͤht, Je truͤber ſcheint Gewoͤlk, das ihn durchzleht. Noch einmal, um die Schmach mehr einzupraͤgen, Werf' ich das Wort Verraͤther dir entgegen. Beweiſen moͤge, wenns mein Fuͤrſt gewaͤhrt, Was meine Zunge ſpricht, mein wackres Schwerdt. Norf. Laßt meine kalten Worte meinen Eifer Hier nicht verklagen! nicht ein Weiberkrieg, Das bittre Schelten zweh erboſter Zungen, Kann dieſe Frage zwiſchen uns entſcheiden; Das Blut iſt heiß, das hierum kalt muß werden. Doch ruͤhm' ich mich ſo zahmer Duldung nicht, Daß ich nichts ſagen, und verſtummen ſollte. Erſt haͤlt mich Scheu vor Eurer Hoheit ab, Der freyen Rede Zaum und Sporn zu geben, Die ſonſt wohl liefe, bis ſie den Verrath Ihm doppelt in den Hals zuruͤckgeſchleudert. Die Hoheit ſeines Bluts bey Seit geſetzt. Nehmt an, er ſey nicht meines Lehnsherrn Vetter, So fordr' ich ihn heraus, und ſpeh' ihn an, Nenn' ihn verlaͤumderiſche Memm' und Schurke. Dieß zu behaupten, raͤumt' ich Vortheil ein, Und traͤf' ihn, muͤßt' ich laufen auch zu Fuß Bis auf der Alpen eingefrorne Zacken, Ja jeden andern unbewohnbarn Boden, Wo je ein Engliſcher ſich hingewagt. Zum Schutze meiner Treu indeß genuͤgt: So wahr ich ſelig werden will! er lugt. Sz. 1. der Zweyte. 79 Bol. Da, bleiche Memme! werf' ich hin mein Pfand, Entſagend der Verwandtſchaft eines Koͤnigs, Und lege ab die Hoheit meines Bluts, So deine Furcht, nicht Ehrerbietung vorſchutzt. Wenn ſchuld'ge Angſt dir ſo viel Staͤrke laͤßt, Mein Ehrenpfand zu nehmen, buͤcke dich; Bey dem, und jedem Brauch des Ritterthums, Will ich, Arm gegen Arm, dir, was ich ſprach Und was du ſchlimmres denken kannſt, bewaͤhren. worf. Ich nehm' es auf, und ſchwöre bey dem Schwerdt, Das ſanft mein Ritterthum mir aufgelegt, Ich ſtehe dir nach jeglicher Gebuͤhr, Nach jeder Weiſe ritterlicher Pruͤfung: Und ſteig' ich auf, nie ſteig' ich lebend ab, Wenn mein Verrath zur Klage Recht dir gab! R. Rich. Was giebt dem Mowbray unſer Vettet Schuld? Groß muß es ſeyn, was nur mit dem Gedanken Von Uebel in ihm uns befreunden ſoll. Bol. Seht, was ich ſpreche, dafuͤr ſteht mein Leben!— Daß er achttanſend Nobel hat empfangen, Als Borg fuͤr euer Hoheit Kriegesvolk, Die er behalten hat zu ſchlechten Zwecken, Als ein Verraͤther und ein buͤb'ſcher Schurke. Dann ſag' ich, und ich wills im Kampf beweiſen, Hier oder ſonſt wo, bis zum fernſten Rand, Den je ein Engliſch Auge hat erblickt, Daß jeglicher Verrath ſeit achtzehn Jahren In dieſem Land' erdacht und angeſtiftet, Vom falſchen Mowbray Quell und Urſprung hatte. Ich ſage ferner, und will ferner noch Dieß alles darthun auf ſein ſchnoͤdes Leben, Daß er des Herzog Gloſters Tod betrieben, Mißleitet ſeine allzuglaͤub'gen Gegner, Und ſeig verraͤthriſch die ſchuldloſe Seele Dadurch ihm ausgeſchwemmt in Stroͤmen Bluts, Das wie das Blut des Opfer-weihnden Abel Selbſt aus der Erde ſtummen Hoͤhlen ſchreyt Zu mir, um Recht und ſtrenge Zuͤchtigung. Und bey der Ahnen Ruhm, den ich ererbt, Mein Arm vollbringts, ſonſt ſey mein Leib verderbt. R. Rich. Wie hohen Flugs ſich ſein Entſchluß erſchwingt! Thomas von erhehe was ſagt ihr Worf. O, wende mein Monarch ſein Antlitz weg, 80⁰ Koͤnig Richard A h Und heiße taub ſein Ohr ein Weilchen ſeyn, Bis ich die Schmach von ſeinem Blut erzahlt, Wie Gott und Biedre ſolchen Luͤgner haſſen. 3 k. Rich. Mowbray, mein Aug' und Ohr iſt unpartheylich: Waͤr' er mein Bruder, ja des Reiches Erbe, Wie er nur meines Vaters Brudern Sohn; Bey meines Szepters Wuͤrde ſchwoͤr' ich doch, Die Nachbarſchaft mit unſerm heil'gen Blut Sollt' ihn nicht ſchuͤtzen, noch partheylich machen Den ſtaͤten Willen meiner graden Seele. Er iſt uns unterthan, Mowbray, wie du; Furchtloſe Red' erkenn' ich frey dir zu. Worf. Dann, Bolingbroke, durch deinen falſchen Hals Bis tief hinunter in dein Herz: du luͤgſt! Drey Vierthel von dem Vorſchuß ſuͤr Calais Zahlt' ich dem Kriegsvolk ſeiner Hoheit richtig, Den Reſt behielt ich auf Verwilligung, Weil mein Monarch in meiner Schuld noch war, Von wegen Ruͤckſtands einer großen Rechnung, Seit ich aus Frankreich ſein Gemahl geholt. Nun ſchling die Luͤg' hinab.— Was Gloſters Tod betrifft, Ich ſchlug ihn nicht, allein, zu eigner Schmach, Ließ von der Pflicht, die ich geſchworen, nach.— Was euch gilt, edler Herr von Lancaſter, Der ehrenwerthe Vater meines Feindes, Einſt ſtellt' ich heimlich eurem Leben nach, Ein Fehl, der meine bange Seele kränkt: Doch eh ich letzt das Sakrament empfing, Bekannt' ich es, und bat um euer Gnaden Verzeihung foͤrmlich; und ich hoff', ihr gabt ſie. So weit geht meine Schuld; der Reſt der Klage Kommt her aus Tuͤcken eines Boͤſewichts, Abtruͤnn'gen und entarteten Verraͤthers, Was an mir ſelbſt ich kuͤhnlich will beſtehn; Und wechſelſeitig ſchleudr' ich hin mein Pfand Auf dieſes trotzigen Verraͤthers Fuß, Um mich als biedern Ritter zu bewaͤhren Im beſten Blut, das ihm im Buſen wohnt. Dieß zu beſchleun'gen bitt' ich um die Gnade, Daß eu'r Gebot auf einen Tag uns lade. R. Rich. Ihr wuthentflammten Herrn, folgt meinem at Vertreibt die Galle, ohne Blut zu laſſen; Sz. 1. der Zweyte. 81 So ſprechen wir, zwar nicht arzneygelehrt, Weil tiefe Bosheit allzutief verſehrt. Vergebt, vergeßt, ſeyd einig und gelaſſen! Der Doktor ſagt, jetzt frommt kein Aderlaſſen.— Mein guter Ohm, dieß ende, wie⸗s begonn: Ich ſaͤnftige den Herzog, ihr den Sohn. Gaunt. Das Friedeſtiften ziemt des Greiſen Sinn. Wirf, Sohn, das Pfand des Herzogs Norfolk hin. R. Rich. Und, Norfolk, ſeines ihr. Gaunt. Nun, Heinrich? nun? Gehorſam will, du ſollſt es willig thun. R. Rich. Norfolk, wirf hin! Wir wollen's, und es muß. wWorf. Mich ſelbſt, mein Herrſcher, werf' ich dir zu Fuß. Gebeut mein Leben, nur nicht meine Scham: Das bin ich ſchuldig; doch mein reiner Nam', Der trotz dem Tode lebt auf meinem Grabe, Soll dein nicht ſeyn, der finſtern Schmach zur Habe. Entehrt, verklagt, ſteh' ich hier voll Beſchwer; Durchbohrt hat mich der Laͤſtrung gift'ger Speer, Kein Balſam als ſein Herzblut kann dieß daͤmpfen, Aus dem das Gift kam. R. Rich. Wuth muß man bekämpfen, Gieb her! der Loͤw' macht Leoparden zahm. Worf. Doch faͤrbt er ſie nicht um; nehmt meine Scham, Und willig geb' ich auch mein Pfand dann auf. Der reinſte Schatz in dieſem ird'ſchen Lauf, Mein theurer Fürſt, iſt unbefleckte Ehre, Ohn' die der Menſch bemalter Leim nur waͤre, Ein kuͤhner Geiſt im treuen Buſen iſt Ein Kleinod in zehnfach verſchloßner Kiſt'. Ehr' iſt mein Leben, beyd' in eins verbunden; Nehmt Ehre, und mein Leben iſt verſchwunden. Drum, theurer Fuͤrſt, laßt mich um Ehre werben, Ich leb' in ihr, und will fuͤr ſie auch ſterben. R. Rich. Vetter, werft hin das Pfand! beginnet ihr! Bol. O ſolche Suͤnde wende Gott von mir! Soll ich erniedrigt vor dem Vater ſtehn? Mit blaſſer Bettlerfurcht die Hoheit ſchmähn Vor dem gehoͤhnten Knecht? Eh' ich ſo ſchnoͤde Mit eigner Zunge meine Ehre toͤdte Durch feigen Antrag: eh' zerreißt mein Zahn ſt 6 82 Koͤnig Richard A.I. Das Werkzeug bangen Widerrufs fortan, Und blutend ſpey' ich ſie, zu hoͤchſtem Hohn, In Mowbray's Angeſicht, der Schande Thron. (Gaunt ab.) R. Rich. Uns ziemet, ſtatt zu bitten, zu befehlen, Was wir nicht koͤnnen, um euch auszuſoͤhnen. Drum ſtellt euch ein, wofuͤr eu'r Leben buͤrge, Zu Coventry auf Sankt Lambertus Tag. Da ſoll entſcheiden eure Lanz' und Schwert Den Zwiſt des Haſſes, den ihr ſteigend naͤhrt. Weil wir euch nicht verſoͤhnt, bewaͤhr' das Recht Die Ritterſchaft des Siegers im Gefecht.. Lord Marſchall, laßt das Heroldsamt der Waffen, Die Fuͤhrung dieſer innern Unruh ſchaffen. (Ano ab.) 8 weyte Szene. Ebendaſelbſt. Ein Zimmer im Palaſte des Herzogs (Gaunt und die Herzogin von Gloſter treten auf.) Gaunt. Ach, mein ſo naher Theil an Gloſters Blut Treibt mehr mich an als euer Schreyen, mich Zu ruͤhren gegen ſeines Lebens Schlaͤchter. Doch weil Beſtrafung in den Haͤnden liegt, Die das gethan, was wir nicht ſtrafen koͤnnen, Befehlen wir dem Himmel unſre Klage, Der, wenn er teif die Stund' auf Erden ſieht, Aufs Haupt der Suͤnder heiße Rache regnet. erz. v. Gloſt. So iſt die Bruͤderſchaft kein ſchaͤrf'rer Sporn? Und ſchuͤrt die Lieb' in deinem alten Blut Kein lebend Feuer? Eduards ſieben Soͤhne, Wovon du ſelber einer biſt, ſie waren Wie ſieben Flaſchen ſeines heil'gen Bluts, Wie ſieben Zweig' aus Einer Wurzel ſproſſend. Ein Theil iſt nun natuͤrlich eingetrocknet, Ein Theil der Zweige vom Geſchick gefaͤllt; Doch Thomas, mein Gemahl, mein Heil, mein Gloſter, Von Eduards heil'gem Blute Eine Flaſche, Ein bluͤh'nder Zweig der koͤniglichen Wurzel, Iſt eingeſchlagen und der Trank verſchuͤttet, Iſt umgehau'n und all ſein Laub verwelkt, Sz. 2. der Zweyte. 8⁵ Durch Neides Hand und Mordes blut'ge Axt.. Ach, Gaunt! ſein Blut war deins; das Bett, der Schooß, Der Lebensgeiſt, die Form, die dich geſtaltet, Macht' ihn zum Mann; und lebſt du ſchon und athmeſt, Biſt du in ihm erſchlagen: du ſtimmſt ein In großem Maß zu deines Vaters Tod, Da du den armen Bruder ſterben ſiehſt, Der Abdruck war von deines Vaters Leben. Renns nicht Geduld, es iſt Verzweiflung, Gaunt! Indem du ſo den Bruder laͤßſt erſchlagen, Zeigſt du den offnen Pfad zu deinem Leben, ünd lehrſt dem finſtern Morde, dich zu ſchlachten. Was wir an Niedern ruͤhmen als Geduld, Iſt blaſſe Feigheit in der edeln Bruſt. Was red' ich viel? Du ſchirmſt dein eignes Leben Am beſten, raͤchſt du meines Gloſters Tod. Gaunt. Der Streit iſt Gottes, denn ſein Stellvertreter, Sein Bot', in ſeinem Angeſicht geſalbt, Hat ſeinen Tod verurſacht; wenn mit Unrecht, Mag Gott es raͤchen: ich erhebe nie Den Arm im Zorne gegen ſeinen Diener. Ferz. v. Gloſt. Wo denn, ach! ſoll ich meine Klage fuͤhren? Gaunt. Beym Himmel, der der Witwen Schutz und Streiter. werz. v. Gloſt. Nun gut, das will ich. Alter Gaunt, leb' wohl! Du gehſt nach Coventry, den grimmen Mowbray Mit Vetter Hereford fechten da zu ſehn. H, Gloſters Unrecht ſit auf Herefords Speer, Auf daß er dring' in Schlaͤchter Mowbray's Bruſt! Und ſchlaͤgt dem Ungluͤck fehl das erſte Rennen, So ſchwer ſey Mowbrays Suͤnd, in ſeinem Buſen, Daß ſie des ſchaͤum'gen Roſſes Ruͤcken bricht, Und wirft den Ritter häuptlings in die Schranken, Auf Gnad' und Ungnad' meinem Vetter Hereford! Leb wohl, Gaunt! Deines weiland Bruders Weib Verzehrt in Grams Geſellſchaft ihren Leib. Gaunt. Schweſter, leb' wohl! Nach Coventry muß ich: Heil bleibe bey dir und begleite et ui werz. v. Gloſt. Ein Wort noch!— Gram ſpringt, wo er faͤllt, zuruͤck, 6* 84 Kooͤnig Richard A. I. Durch ſein Gewicht, nicht durch die hohle Leerheit. Ich nehme Abſchied, eh ich noch begann; Leid endet nicht, wann es ſcheint abgethan. Empfiehl mich meinem Bruder, Edmund York. Sieh, dieß iſt alles:— doch warum ſo eilen? Iſt dieß ſchon alles, mußt du doch noch weilen; Mir faͤllt wohl mehr noch ein. Heiß' ihn— o was? Zu mir nach Plaſhy unverzuͤglich gehn. Ach, und was wird der alte York da ſehn, Als leere Wohnungen und nackte Mauern, Samt oͤden Hallen, unbetretnen Steinen? Was zum Willkommen hören, als mein Weinen? Darum empfiehl mich: laß ihn dort das Leid Picht ſuchen, denn es wohnt ja weit und breit. Troſtlos, troſtlos geh' ich, um zu verſcheiden: Mein weinend Auge ſagt das letzte Scheiden. 65 ab. Dritte Szene. Gosford⸗Aue bey Coventry. Der Lord Marſchall und Aumerle treten auf.) L. marſch. Mylord Aumerle, iſt Heinrich Hereford ruſtig? Aum. In voller Wehr, begehrend einzutreten. L. marſch. Der Herzh rfolls⸗ wohlgemuth und Harrt nur auf die Trompete ſeines Klaͤgers. Aum. So ſind die Kaͤmpfer denn bereit, und warten Auf nichts als Seiner Majeſtät Erſcheinung. Trompetenſtoß. Koͤnig Richard tritt auf und ſetzt ſich auf ſeinen Thron; Gaunt und verſchiedne Edle nehmen gleich⸗ falls ihre Plaͤtze. Eine Trompete wird geblaſen und von einer andern Frompete draußen erwiedert. Alsdann erſcheint Norfolk in voller Ruͤſtung mit einem Herold vor ihm her. R. Rich. Marſchall, erfraget von dem Kaͤmpfer dort Die Urſach ſeiner Ankunft hier in Waffen; Auch ſeinen Namen, und verfahrt mit Ordnung, Den Eid ihm abzunehmen auf ſein Recht. Marſch. In Gottes Namen und des Königs, ſprich, Wer biſt du, und weswegen kommſt du her, So ritterlich mit Waffen angethan? N Sz. 3. der Zweyte. 85⁵ Und wider wen kommſt du, und was dein Zwiſt? Sprich wahrhaft, auf dein Ritterthum und Eid, So ſchuͤtze dich der Himmel und dein Muth! Norf. Mein Nam' iſt Thomas Mowbray, Norfolks erzog; Ich komme her, durch einen Eid gebunden, Verhuͤte Gott, daß den ein Ritter braͤche) Um zu vertheid'gen meine Pflicht und Treu, Gott, meinem Koͤnig und Nachkommenſchaft, Wider den Herzog Hereford, der mich anklagt: Und will, durch Gottes Gnad' und meinen Arm Mich wehrend, ihn erweiſen als Verraͤther An Gott, an meinem Koͤnig und an mir. So ſchuͤtze Gott mich, wie ich wahrhaft fechte! (Er nimmt ſeinen Sitz ein.) Eine Trompete wird geblaſen. Bolingbroke erſcheint in voller Ruͤſtung mit einem Herold vor ihm her. R. Rich. Marſchall, befragt den Ritter dort in Waffen, Erſt wer er iſt, und dann warum er komme, Mit kriegeriſchem Zeuge ſo geſtaͤhlt; Und foͤrmlich, unſerem Geſetz geinaͤß, Vernehmt ihn auf das Recht in ſeiner Sache. L. arſch. Wie iſt dein Nam', und warum kommſt du er Vor Koͤnig Richard in die hohen Schranken? Und wider wen kommſt du, und was dein Zwiſt? So ſchutz' dich Gott, ſprich als wahrhafter Ritter— Bol. Heinrich von Hereford, Lancaſter und Derby Bin ich, der hier bereit in Waffen ſteht, Durch Gottes Gnad⸗ und meines Leibes Kraft Hier in den Schranken gegen Thomas Mowbray, Herzog von Norfolk, darzuthun, er ſey Ein ſchnoͤder und gefaͤhrlicher Verraͤther An Gott, an Koͤnig Richard und an mir; Und ſchutze Gott mich, wie ich wahrhaft fechte! L. marſch. Bey Todesſtrafe ſey kein Menſch ſo kuͤhn, Daß er die Schranken anzuruͤhren wage, Den Marſchall ausgenommen und Beamten, Die dieß Geſchaͤft gebuͤhrend ordnen ſollen. Bol. Lord Marſchall, laßt des Fuͤrſten Hand mich kuͤſſen, Und niederknie'n vor Seiner Majeſtät. Denn ich und Mowbray ſind zwey Männern gleich, 86 Koͤnig Richard Ae Die lange, ſchwere Pilgerfahrt gelobt. Laßt uns denn feyerlichen Abſchied nehmen, Und Lebewohl von beyderſeit'gen Freunden. L. Marſch. Der Klaͤger gruͤßt Eu'r Hoheit ehrerbietigſt, Und wuͤnſcht zum Abſchied eure Hand zu kuͤſſen. R. Rich. Ihn zu umarmen ſteigen wir herab.— Vetter 9 Hereford, wie dein Handel recht, So ſey dein Gluͤck im fuͤrſtlichen Gefecht. Leb' wohl, mein Blut! Mußt du es heut verſtroͤmen, Darf ich's beklagen, doch nicht Rache nehmen. Bol. Kein edles Aug' muͤſſ' eine Thraͤn' um mich Entweihn, wenn ich von Mowbray's Lanz' erblich; So zuverſichtlich, wie des Falken Fliegen Den Vogel trifft, werd' ich mit Mowbray kriegen. (Zum Lord Marſchall.) Mein guͤt'ger Herr, ich nehme von euch Abſchied,— Von euch, mein edler Vetter, Lord Aumerle: Nicht krank, hab' ich zu ſchaffen gleich mit Tod, Nein, luſtig Athem holend, friſch und roth.— Seht, wie beym Mahl, das Ende zu verſüßen, Will ich zuletzt das Auserwaͤhlt'ſte gruͤßen:— (Zu Gaunt.) D du, der ird'ſche Schoͤpfer meines Bluts, Deß jugendlicher Geiſt, in mir erneuert, Mit doppelter Gewalt empor mich hebt, Den Sieg zu greifen uber meinem Haupt! Mach meine Ruſtung feſt durch dein Gebet, . Durch deinen Segen ſtahle meine Lanze: Daß ſie in Mowbray's Panzerhemde dringe, Und glänze neu der Nam' Johann von Gaunt Im muthigen Betragen ſeines Sohns. Gaunt. Gott geb' dir Gluͤck bey deiner guten Sache! Schnell, wie der Blitz, ſey in der Ausfuͤhrung, Und laß, zwiefach verdoppelt, deine Streiche Betaͤubend, wie den Donner, auf den Helm Des toͤdtlichen, feindſel'gen Gegners fallen. Reg' auf dein junges Blut, ſey brav und lebe! Bol. Mein Recht und Sankt Georg mir Beyſtand gebe! (Er nimmt ſeinen Sitz.) Worf.(aufſtehend.. Wie Himmel oder Gluͤck mein Loos auch wirft, Sz 3. der Zweyte. 87 So lebt und ſtirbt, treu Koͤnig Richards Throne, Ein redlicher und biedrer Edelmann. Rie warf mit froherm Herzen ein Gefangner Der Knechtſchaft Feſſeln ab, und hieß willkommen Die goldne, ungebundne Loslaſſung Als wie mein tanzendes Gemuͤth dieß Feſt Des Kampfes wider meinen Gegner feyert. Großmaͤcht'ger Fuͤrſt, und meines Rangs Gefahrten, Daß meine Wuͤnſch' euch frohe Zeit beſcheerten, Ich geh zum Kampfe, munter, wie zur Luſt, Denn Ruhe wohnt in einer treuen Bruſt. R. Rich. Gehabt euch wohl: ich kann genau erſpaͤhn, Wie Muth und Tugend aus dem Aug' euch ſehn.— Befehlt den Zweykampf, Marſchall, und beginnt. (Der Koͤnig und die Herren kehren zu ihren Sitzen zuruͤck.) L. marſch. Heinrich von Hereford, Lancaſter und Derby, Empfang die Lanz' und ſchuͤtze Gott dein Recht! Bol.(aufſtehend.) Stark, wie ein Thurm, in Hoff⸗ nung ruf' ich Amen. L. marſch.(zu einem Beamten.) Bring dieſe Lanz'an Tho⸗ mas, Norfolks Herzog. 1. Zerold. Heinrich von Hereford, Lancaſter und Derby Steht hier fuͤr Gott, fur ſeinen Herrn und ſich, Bey Strafe, falſch und ehrlos zu erſcheinen, Um darzuthun, dem Thomas Mowbray, Herzog Von Norfolk, daß er ſchuldig des Verraths An Gott, an ſeinem Koͤnig und an ihm, Und fordert ihn zu dem Gefecht heraus. 2. Zerold. Hier ſteht Thomas„Norfolks erzog, Bey Strafe, falſch und ehrlos zu erſcheinen, Sich zu vertheidigen und darzuthun Heinrich von Hereford, Lancaſter und Derby Treulos an Gott, an ſeinem Herrn und ihm: Mit williger Begehr und wohlgemuth, Erwartend nur das Zeichen zum Beginn. L. marſch. Trompeten blaſ't! und Streiter macht euch auf! (Es wird zum Angriff geblaſen.) Doch halt! der Koͤnig wirft den Stab herunter. R. Rich. Laßt ſie beyſeit die Helm und Speere legen, Und beyde wiederkehren zu dem Sitz⸗ » König Richard 2. 1. Zuruͤck mit uns! und laßt Trompeten ſchallen, Weil den Partey'n wir unſern Schluß verkuͤnden. (Ein langer Trompetenſtoß.) (Zu den Streitern.) Heran! 3 Und horcht, was wir gethan mit unſerm Rath. Auf daß nicht unſers Reiches Boden werde Befleckt mit theurem Blut, das er genährt; Weil unſer Aüg' den grauſen Anblick ſcheut Von Wunden, aufgepfluͤgt durch Nachbarſchwerter; Und weil uns duͤnkt, der ſtolze Adlerflug Ehrſuͤcht'ger, himmelſtrebender Gedanken, Und Neid, der jeden Nebenbuhler haßt, Hab' euch gereizt, zu wecken unſern Frieden, Der in der Wiege unſers Landes ſchoͤpft Den ſüßen Kindes⸗Odem linden Schlafs: Der, aufgeruͤttelt von ſo laͤrm'gen Trommeln, Samt heiſerer Trompeten furchtbar'm Schmettern, Und dein Geklirr ergrimmter ehrner Wehr, Aus unſern ſtillen Graͤnzen ſchrecken moͤchte Den holden Frieden, und uns waten machen In unſter eignen Anverwandten Blut;— Drum bannen wir aus unſern Landen euch: Ihr, Vetter Hereford, ſollt bey Todesſtrafe, Bis unſre Au'n zehn Sommer neu geſchmuͤckt, Nicht wiedergruͤßen unſer ſchoͤn Gebiet, Und fremde Pfade der Verbannung treten. Bol. Geſcheh eu'r Wille! dieß muß Troſt mir ſeyn, Die Sonne, die hier waͤrmt, giebt dort auch Schein; Und dieſer goldne Strahl, euch hier geliehn, Wird auch um meinen Bann verguldend gluͤhn. R. Rich. Norfolk, dein wartet ein noch haͤrtrer Spruch, Den ich nicht ohne Widerwillen gebe. Der Stunden leiſe Flucht ſoll nicht beſtimmen Den graͤnzenloſen Zeitraum deines Banns; Das hoffnungsloſe Wort: nie wiederkehren,— Sprech ich hier wider dich bey Todesſtrafe. Worf. Ein harter Spruch, mein hoͤchſter Lehnsherr, Ganz unverſehn aus Eurer Hoheit Mund. 5 Willkommnern Lohn, nicht ſolche tiefe Schmach, Daß man mich ausſtoͤßt in die weite Welt, Hab' ich verdient von Seiten Eurer Hoheit. Die Sprache, die ich vierzig Mein muͤtterliches Engliſch, muß ich nun Sz. 3. der Zweyte. 89 Verlaſſen, und mir hilſt nun meine Zunge Richt mehr, als eine Harfe ohne Saiten, Ein käͤnſtlich Inſtrument, das eingeſchloſſen, Oder, aufgethan, in deſſen Haͤnde koͤmmt, Der keinen Griff kennt, ſeinen Ton zu ſtimmen. Ihr habt die Zung' in meinen Mund gekerkert, Der Zaͤhn' und Lippen doppelt Gatter vor; Und dumpfe, duͤrftige Unwiſſenheit Iſt mir zum Kerkermeiſter nun gegeben. Ich bin zu alt, der Amme liebzukoſen, Zu weit in Jahren, Zoͤgling noch zu ſeyn: Waos iſt dein Urtheil denn, als ſtummer Tod, Das eignen Hauch zu athmen mir verbot? R. Rich. Es hilft dir nicht, in Wehmuth zu verzagen, Nach unſerm Spruche kommt zu ſpät das Klagen. Norf. So wend' ich mich vom lichten Vaterland, In ernſte Schatten ew'ger Nacht gebannt. (Er entfernt ſich.) R. Rich. Komm wieder, nimm noch einen Eid mit dir. Legt auf dieß koͤnialiche Schwert die Haͤnde, Schwoͤrt bey der Pflicht, die ihr dem Himmel ſchuldig, Denn unſer Theil dran iſt mit euch verbannt) Den Eid zu halten, den wir auferlegen:— Rie ſollt ihr, ſo euch Gott und Wahrheit helfe! Mit Lieb' in der Verbannung euch begegnen, Noch einer in des andern Antlitz ſehn, Noch jemals ſchreiben, gruͤßen, noch beſäͤnft'gen Das Wetter eures heim erzeugten Haſſes, Noch euch mit uͤberlegtem Anſchlag treffen, Uum uͤbles auszuſinnen gegen uns Und unſre Unterthanen, Staat und Land. Bol. Ich ſchwoͤre. Worf. Und ich auch, all dieß zu halten. Bol. Norfolk, ſo weit ſichs ziemt mit meinem Feinde:— um dieſe Zeit, ließ es der Koͤnig zu, Irrt' in der Luft ſchon eine unſrer Seelen, Verbannt aus dem hinfaͤlllgen Grab des Fleiſches, Wie unſer Fleiſch verbannt nun aus dem Lande: Bekenne den Verrath, eh du entweichſt, Weil du ſo weit zu gehn haſt, nimm nicht mit Die ſchwere Buͤrde einer ſchuld'gen Seele. Korf Nein, Bolingbroke, war ich Verräther je, 90 Konig Richard So ſey mein Nam' getilgt vom Buch des Lebens Und ich verbannt vom Himmel, wie von hier. Doch wer du biſt, weiß Gott und du und ich. Und nur zu bald wird es den Koͤnig reun. Lebt wohl, mein Fuͤrſt!— Nicht fehlgehn kann ich jetzt, Die weite Welt iſt mir zum Ziel geſetzt. (ab. R. Rich. Oheim, ich ſeh' im Spiegel deiner Augen Dein tiefbekuͤmmert Herz; dein traur'ger Anblick Hat vier aus ſeiner Zahl verbannter Jahre Entruͤckt:—(Bu Bolingbroke.) Sobald ſechs froſt'ge Winter aus, Kehr du willkommen aus dem Bann nach Haus. Bol. Wie lange Zeit liegt in ſo kleinem Wort! Vier traͤge Winter und vier luſt'ge Mayen Beſchließt ein Wort, wenn Koͤn'ge Kraft ihm leihen. Gaunt. Dank meinem Fuͤrſten, daß er mir zu lieb Vier Jahre meines Sohns Verbannung kuͤrzt! Allein ich ernte wenig Frucht davon. Denn ehe die ſechs Jahr, ſo ihm beſtimmt, Die Monde wandeln und den Lauf vollenden, Erliſcht in ew'ger Nacht mein ſchwindend Licht. Die Lampe, der vor Alter Hel gebricht; Mit meinem Endchen Kerze iſts geſchehn, Und blinder Tod laͤßt mich den Sohn nicht ſehn. R. Rich. Ey, Oheim, du haſt manches Jahr zu leben. Gaunt Nicht'ne Minute, Herr, die du kannſt geben. Verkuͤrzen kannſt du meine Tag' in Sorgen, Mir Naͤchte rauben: leihn nicht einen Morgen; Du kannſt der Zeit wohl helfen Furchen ziehn; Doch ebnen keine Falt' in ihrem Fliehn: Dein Wort gilt ihr zu meinem Tod ſogleich, Doch, todt, ſchafft keinen Odem mir dein Reich. R. Rich. Dein Sohn iſt weiſem Rath gemaͤß verbannt, Wozu dein Mund ein Miturtheil gegeben: Nun ſcheinſt du finſter auf das Recht zu ſchaun? Gaunt. Was ſuͤß ſchmeckt, wird oft bitter beym Verdaun. Ihr ſetztet mich als Richter zum Berather: D, hießt ihr doch mich reden, wie ein Voter! Waͤr' er mir fremd geweſen, nicht mein Kind, So war ich milder ſeinem Fehl geſinnt. Partheyen⸗Leumund ſucht' ich abzuwenden, Und mußte ſo mein eignes Leben enden. S 3. der Zweyte. 91 Ach! ich ſchaut' um, ob keiner ſpraͤche nun, Ich ſey zu ſtreng, was mein, ſo wegzuthun; Doch der unwill gen Zung' habt ihr erlaubt, Daß ſie mich wider Willen ſo beraubt. R. Rich. Vetter, lebt wohl!— und, Oheim, ſorgt dafuͤr: Sechs Jahr' iſt er verbannt, und muß von hier. (Trompetenſtoß. Koͤnig Richard und Gefolge ab.) Aum. Vetter, lebt wohl! was Gegenwert verwehrt Zu ſagen, melde Schrift von da, wo ihr verkehrt. L. marſch. Kein Abſchied, gnaͤd'ger Herr! denn ich will reiten, So weit das Land verſtattet, euch zur Seiten. Gaunt. O. zu was Ende ſparſt du deine Worte, Daß du den Freunden keinen Gruß erwiederſt? Bol. Zu wen'ge hab' ich, um von euch zu ſcheiden, Da reichlich Dienſt die Zunge leiſten ſollte, Des Herzens vollen Jammer auszuathmen. Gaunt. Dein Gram iſt nur Entfernung fuͤr'ne Zeit. Bol. Luſt fern, Gram gegenwaͤrtig fuͤr die Zeit. Gaunt. Was ſind ſechs Winter? Sie ſind bald dahin. Bol. Im Gluͤck, doch Gram macht zehn aus einer Stunde. Gaunt. Nenns eine Reiſe, bloß zur Luſt gemacht. Bol. Mein Herz wird ſeufzen, wenn ich's ſo mißnenne, Und findet es gezwungne Pilgerſchaft. Gaunt. Den traur'gen Fortgang deiner muͤden Tritte Acht' einer Folie gleich, um drein zu ſetzen Das reiche Kleinod deiner Wiederkehr. Bol. Nein, eher wird mich jeder traͤge Schritt Erinnern, welch ein Stuͤck der Welt ich wandre Von den Kleinodien meiner Liebe weg. Muß ich nicht eine lange Lehrlingſchaft Auf fremden Bahnen dienen, und am Ende, Bin ich nun frey, mich doch nichts weiter ruͤhmen, Als daß ich ein Geſell des Grames war? Gaunt. Ein jeder Platz, beſucht vom Aug' des Himmels Iſt Gluͤckes⸗Hafen einem' weiſen M 3 Lehr deine Noth die Dinge ſo betrachten: Es kommt der Noth ja keine Tugend bey. Denk nicht, daß dich der Koͤnig hat verbannt, 92 Koͤnig Richard der Zweyte. A. I. Sz.3. Nein, du den Koͤnig; Leid ſitzt um ſo ſchwerer, Wo es bemerkt, daß man nur ſchwach es trägt. Geh, ſag, daß ich dich ausgeſandt nach Ehre, Nicht, daß der Fuͤrſt dich bannte; oder glaube, Verſchlingend haͤnge Peſt in unſter Luft, 3 Und du entfliehſt zu einem reinern Himmel. Was deine Seele werth haͤlt, ſtell dir vor Da, wo du hingehſt⸗ nicht, woher du kommſt. Die Singevoͤgel hait fuͤr Muſikanten, Das Gras fuͤr ein beſtreutes Prunkgemach, Für ſchoͤne Frau'n die Blumen, deine Tritte Fuͤr nichts, als einen angenehmen Tanz: Denn knirrſchend Leid hat minder Macht zu nagen Den, der es hoͤhnt, und nichts danach will fragen. 2 Bol. O, wer kann Feu'r dadurch in Haͤnden halten, Daß er den froſt'gen Kaukaſus ſich denkt? Und wer des Hungers gier'gen Stachel daͤmpfen Durch bloße Einbildung von einem Mahl? Wer nackend im Dezemberſchnee ſich waͤlzen,. Weil er fantaſt'ſche Sommerglut ſich denkt? O nein! die Vorſtellung des Guten giebt Nur deſto ſtaͤrkeres Gefühl des Schümmern; Nie zeugt des Leides grimmer Zahn mehr Gift, Als wenn er nagt, doch durch und durch nicht trifft. Gaunt. Komm, komm, mein Sohn, daß ich den We dir weiſe; So jung wie du, verſchoͤb' ich nicht die Reiſe. Bol. Leb wohl denn, Englands Boden! ſuße Erde, Du Mutter, Waͤrterin, die noch mich traͤgt! Wo ich auch wandre, bleibt der Ruhin mein Lohn: Obſchon verbannt, doch Englands ächter Sohnn 6 le ab.) 93 Zwehter Aufzug. Erſte Szene. Coventry. Ein Zimmer in des Koͤnigs Schloß. (Foͤnig Richard, Bagot, und Green treten auf; Au⸗ merle nach ihnen.) R. Rich. Wir merkten's wohl.— Vetter Aumerle, wie weit Habt ihr den hohen Hereford noch begleitet? Aum. Den hohen Hereford, wenn ihr ſo ihn nennt, Bracht' ich zur naͤchſten Straß', und ließ ihn da. R. Rich. Und wandtet ihr viel Abſchiedsthraͤnen auf? Aum. Ich keine, traun; wenn der Nordoſtwind nicht, Der eben ſchneidend ins Geſicht uns blies, Die Feuchtigkeit erregt', und ſo vielleicht Dem hohien Abſchied eine Thraͤne ſchenkte. R. Rich. Was ſagte unſer Vetter, als ihr ſchiedet? Aum. Leb wohl. Doch weil mein Herz verſchmaͤhte, daß die Zunge Dieß Wort ſo ſollt' entweihn, ſo lernt' ich ſchlan Von ſolchem Jammer mich belaſtet ſtellen, Daß meine Wort' in Leid begraben ſchienen. Hätt' ihm das Wort„Lebwohl“ verlaͤngt die Stunden, Und Jaähre zu dem kurzen Bann gefuͤgt, So hätt' er wohl ein Buch voll haben ſollen; Doch weil's dazu nicht half, gab ich ihm keins. R. Rich. Er iſt mein Vetter, Vetter; doch wir zweifeln, Wenn heim vom Bann die Zeit ihn rufen wird, Ob er bie Freunde dann zu ſehen kommt. Wir ſelbſt und Buſhy, Bagot hier und Green, Sahn ſein Bewerben beym geringen Volk, Wie er ſich wollt' in ihre Herzen tauchen WMit traulicher, demuͤth'ger Hoͤflichkeit; Was fuͤr Verehrung er an Knechte wegwarf, Handwerker mit des Laͤchelns Kunſt gewinnend, Und ruhigem Ertragen ſeines Looſes, Als wollt' er Neigung mit verbannen. Vor einem Auſternweib zieht er die Muͤtze, Ein Paar Karrnzieher gruͤßten:„Gott geleit' euch!“ Und ihnen ward des ſchmeid'gen Knie's Tribut, Rebſt:„Dank, Landsleute! meine guͤt'gen Freunde!“ 94 Koͤnig Richard A. II. Als haͤtt' er Anwartſchaft auf unſer England, Und waͤr der Unterthanen naͤchſte Hoffnung. Green. Gut, er iſt fort, und mit ihm dieſe Plane. Mun die Rebellen, die in Irland ſtehn!— Entſchloßne Fuͤhrung gilt es da, mein Fuͤrſt, Ch weitres Zoͤgern weit're Mittel ſchafft, Zu ihrem Vortheil und Eu'r Hoheit Schaden. R. Rich. Wir wollen in Perſon zu dieſem Krieg. Und weil die Kiſten, durch zu großen Hof Und freyes Spenden etwas leicht geworden, So ſind wir unſer koͤnigliches Reich Genoͤthigt zu verpachten; der Ertrag Soll unſer jetziges Geſchaͤft beſtreiten. Reicht das nicht hin, ſo ſollen die Verwalter Zu Hauſe leer gelaßne Briefe haben, Worein ſie, wen ſie ausgeſpuͤrt als reich, Mit großen Summen Gold einſchreiben ſollen, Fuͤr unſre Nothdurft ſie uns nachzuſenden, Denn unverzuͤglich wollen wir nach Irland. 3(Buſhy kommt.) Buſhy was giebts? Buſhy. Der alte Gaunt liegt ſchwer danieder, Herr, Ploͤtzlich erkrankt, und ſendet eiligſt her, Daß Eure Majeſtaͤt ihn doch beſuche. R. Rich. Wo liegt er? Buſhy. Zu Ely⸗Houſe. R. Rich. Gieb, Himmel, ſeinem Arzt nun in den Sinn, Ihm augenblicklich in ſein Grab zu helfen! Die Fuͤttrung ſeiner Koffer ſoll zu Roͤcken Der Truppen dienen im Irlaͤndſchen Krieg.— Kommt, Herrn! gehn alle wir, ihn zu beſuchen, Und gebe Gott, wir eilen ſchon zu ſpaͤt!(Alle ab.) 8 weyte Szene. London. Ein Zimmer in Ely⸗Houſe. (Gaunt auf einem Ruhbett; der Herzog von York und An⸗ dre um ihn her ſtehend.) Gaunt. Sagt, kommt der Koͤnig! daß mein letzter Hauch Heilſamer Rath der fluͤcht'gen Jugend ſey. Sz. 1. der Zweyte. 95 Pork. Quaält euch nicht ſelbſt, noch greift den Odem an, Denn ganz umſonſt kommt Rath zu ſeinem Ohr. Gaunt. O ſagt man doch, daß Zungen Sterbender Wie tiefe Harmonie Gehoͤr erzwingen; Wo Worte ſelten, haben ſie Gewicht: Denn Wahrheit athmet, wer ſchwer athmend ſpricht, Nicht der, aus welchem Luſt und Jugend ſchwatzt. Der wird gehoͤrt, der bald nun ſchweigen muß; Beachtet wird das Leben mehr zuletzt: Der Sonne Scheiden, und Muſik am Schluß, Bleibt, wie der letzte Schmack von Suͤßigkeiten, Mehr im Gedaͤchtniß, als die fruͤhern Zeiten: Wenn Richard meines Lebens Rath verlor, Des Todes Warnung trifft vielleicht ſein Ohr. Pork. Nein das verſtopfen andre Schmeicheltoͤne: Als Ruͤhmen ſeines Prunks; dann hoͤrt er ſingen Verbuhlte Weiſen, deren gift'gem Klingen Das offne Ohr der Jugend immer lauſcht; Bericht von Moden aus dem ſtolzen Weiſchland, Deß Sitten unſer bloͤdes Volk, wie Affen, Stets nachhinkt, jenen gleich ſich umzuſchaffen. Wo treibt die Welt'ne Eitelkeit ans Licht, (Sey ſie nur neu' ſo fragt man nicht wie ſchlecht) Die ihm nicht ſchleunig wuͤrd' ins Ohr geſummt? Zu ſpät kommt alſo Rath, daß man ihn hoͤret, Wo ſich der Wille dem Verſtand emporet. Den leite nicht, der ſeinen Weg ſich waͤhlt, Denn du verſchwendeſt Odem, der dir fehlt. Gaunt. Ich bin ein neu begeiſterter Prophet, Und ſo weißſag' ich uͤber ihn, verſcheidend: Sein wildes, wuͤſtes Brauſen kann nicht dauern, Denn heft'ge Feuer brennen bald ſich aus; Ein ſanfter Schau'r haͤlt an, ein Wetter nicht, Wer fruͤhe ſpornt, ermuͤdet fruͤh ſein Pferd, Und Speiſ erſtickt den, der zu haſtig ſpeiſt. Die Eitelkeit, der nimmerſatte Geyer, Faͤllt nach verzehrtem Vorrath ſelbſt ſich an. Der Koͤnigsthron hier, dieß gekroͤnte Eiland, Dieß Land der Majeſtaͤt, der Sitz des Mars, Dieß zweyte Eden, halbe Paradies, Dieß Bollwerk, das Natur fuͤr ſich erbaut, Der Anſteckung und Hand des Kriegs zu trotzen, Dieß Volk des Segens, dieſe kleine Welt, 96 Koͤnig Richard 2. I. Dieß Kleinod, in die Silberſee gefaßt, Die ihr den Dienſt von einer Mauer leiſtet, Von einem Graben, der das Haus vertheidigt, Vor weniger begluͤckter Laͤnder Neid; Der ſegensvolle Fleck, dieß Reich, dieß England, Die Amm' und ſchwangre Schooß von Koͤnigen, Furchtbar durch ihr Geſchlecht, hoch von Geburt, So weit vom Haus beruͤhmt fuͤr ihre Thaten, Fuͤr Chriſten-Dienſt und ächte Ritterſchaft, Als fern im ſtarren Judenthum das Grab Des Weltheilandes liegt, der Jungfrau Sohn: Dieß theure, theure Land ſo theurer Seelen, Durch ſeinen Ruf in aller Welt ſo theuer, Iſt nun in Pacht,— ich ſterbe, da ichs ſage,— Gleich einem Landgut oder Meyerhof. Ja, England, ins glorreiche Meer gefaßt, Deß Felſenſtrand die neidiſche Belagrung Des waͤſſ'rigen Neptunus ſchlaͤgt zuruͤck, Iſt nun in Schmach gefaßt, mit Dintenflecken Und Schriften auf verfaultem Pergament. England, das andern obzuſiegen pflegte, Hat ſchmaͤhlich uͤber ſich nun Sieg erlangt. O, wich das Aergerniß mit meinem Leben, Wie gluͤcklich waͤre dann mein naher Tod! (Koͤnig Richard, die Koͤnigin, Aumerle, Buſhy, Green, Bagot, Roß und Willoughby kommen.) Nork, Da koͤmmt der Koͤnig; geht mit ſeiner Jugend Nur glimpflich um: denn junge hitz'ge Fuͤllen, Tobt man mit ihnen, toben um ſo mehr. Rönigin. Was macht mein edler Oheim Lancaſter? R. Rich. Nun, Freund, wohlauf? was macht der alte Gaunt? Gaunt. O, wie der Name meinem Zuſtand ziemt Wohl Gaunt, der Tod wird meinen Leib verganten; Und alter Gaunt, der laͤngſt den Gant erwartet. In Sorg' um England zehrt' ich mein Vermoͤgen, Mein beſtes nahmſt du mit dem Sohn mir weg: Nun machen boͤſe Glaub'ger, Krankheit, Alter, Am alten Gaunt ihr altes Gantrecht guͤltig, Da wird er in ſein Ganthaus Grab gebracht, Wo nichts von ihm zuruͤckbleibt, als Gebein. R. Rich. Und ſpielen Kranke ſo mit ihren Namen? —— Sz. 2. der Zweyte. 97 Gaunt. Nein, Elend liebt es, uͤber ſich zu ſpotten⸗ Weil du den Namen toͤdten willſt mit mir, Schmeichl' ich, ſein ſpottend, großer Koͤnig, dir. R. Rich. So ſchmeichelt der, der ſtirbt, dem, der am Leben? Gaunt. Nein, der am Leben, ſchmeichelt dem, der ſtirbt. R. Rich. Du, jetzt im Sterben, ſagſt, du ſchmeichelſt mir⸗ Gaunt. O nein, du ſtirbſt, bin ich ſchon kraͤnker hier. k. Rich. Ich bin geſund, ich athm', ich ſeh dich ſchlimm. Gaunt. Der dich erſchaffen, weiß, ich ſeh dich ſchlimm; Schlimm, da ich ſelbſt mich ſeh', und auch dich ſehend, ſchlimm. Dein Todtbett iſt nicht kleiner, als dein Land, Worin du liegſt, in dem Geruͤchte krank; Und du, ſorgloſer Kranker, wie du biſt, Vertraueſt den geſalbten Leib der Pflege Derſelben Aerzte, die dich erſt verwundet. In deiner Krone ſitzen tauſend Schmeichler, Da ihr Bezirk nicht weiter, als dein Haupt. Und doch, geniſtet in ſo engem Raum, Verpraßten ſie nicht minder, als dein Land. O, daß dein Vorfahr mit prophetſchem Auge Geſehen haͤtte, wie ſein Sohnes-Sohn Vernichten wuͤrde ſeine Soͤhn“, er haäͤtte Dir deine Schande aus dem Weg geraͤumt, Dich abgeſetzt vor deiner Einſetzung, Der eingeſetzt nun, ſelbſt ſich abzuſetzen. Ey, Vetter, waͤrſt du auch Regent der Welt, So waͤr' es Schande, dieſes Land verpachten; Doch, um die Welt! da du dieß Land nur haſt, Iſt es nicht mehr als Schand', es ſo zu ſchänden? Landwirth von England biſt du nun, nicht Koͤnig; F Macht dient knechtiſch dem Geſetz, . R. Rich. Du, ein bloͤder und mondſuͤcht'ger Narr, Auf eines Fiebers Vorrecht dich verlaſſend, Darfſt uns mit deinen froſt'gen Warnungen Die Wangen bleichen, unſer fuͤrſtlich Blut Vor Zorn aus ſeinem Aufenthalt verjagend? Bey meines Thrones hoher Majeſtaͤt! Waͤrſt du nicht Bruder von des großen Eduard Sohn, 1 7 98 Koͤnig Richard A. II. Die Zunge, die ſo wild im Kopf dir wirbelt, Trieb“ dir den Kopf von den verwegnen Schultern. Gaunt. O ſchone mein nicht, Bruder Eduards Sohn, Weil ich ein Sohn von ſeinem Vater Eduard. Du haſt das Blut ja, wie der Pelikan, Schon abgezapft und trunken ausgezecht. Mein Bruder Gloſter, ſchlichte biedre Seele, Dem's wohl im Himmel unter Sel'gen geh! Kann uns ein Vorbild ſeyn und guter Zenge, Daß ohne Scheu du Eduards Blut vergießeſt. Mach du mit meiner Krankheit einen Bund. Dein harter Sinn ſey wie gekruͤmmtes Alter, Und maͤhe raſch die laͤngſt verwelkte Blume. Leb' in der Schmach! Schmach ſterbe nicht mit dir! Einſt ſey dein Quaͤler diefes Wort von mir! Bringt mich ins Bett, dann ſollt ihr mich begraben: Laßt leben bie, ſo Lieb' und Ehre haben. .(Er wird von den Bedienken weggetragen.) . Rich. Und ſterben die, ſo Laun' und Alter habenz Denn beydes haſt du, beydes ſey begraben. Nork. Ich bitt' Eur Majeſtaͤt, ſchreibt ſeine Worte er muͤrrſchen Krankheit und dem Alter zu, Er liebt und haͤlt euch werth, auf meine Ehre! Wie Heinrich Hereford, wenn er hier noch waͤre. R. Rich. Recht! Herefords Liebe kommt die ſeine bey, Der ihren mein“, und alles ſey wie's ſey. Northumberland kommt.) Worth. Der alte Gaunt empfiehlt ſich Eurer Maſeſtät. R. Rich. Was ſagt er? Korth. Gar nichts; alles iſt geſagt: Die Zung' iſt ein entſaitet Inſtrument, ſt geſig Welt, Leben, alles hat fuͤr ihn ein End'. Pork. Sey York der naͤchſte, dem es ſo ergeh! Iſt Tod ſchon arm, er endigt tödtlich Weh. R. Rich. Er fiel wie reife Fruͤchte; ſeine Bahn Iſt aus, doch unſre Wallfahrt hebt erſt an. So viel hievon.— Nun von dem Krieg in Irland! Man muß die rauhen Strudelkoͤpfe zaͤhmen, Pie ſo wie Gift gedeihn, wo ſonſt kein Gift, Als ſie allein, das Vorrecht hat zu leben. Und weil dieß große Werk nun Aufwand fordert, — Sz. 2. der Zweyte. 99 So ziehen wir zu unſerm Beyſtand ein Das Silberzeug, Geld, Renten und Geräth, Was unſer Dheim Gaunt beſeſſen hat. work. Wie lang bin ich geduldig? Ach wie lang Wird zarte Pflicht ertragen ſolchen Zwang? Nicht Gloſters Tod, noch die Verbannung Herefords, Gaunts Kraͤnkungen, Englands beſondre Klagen, Die Hinderung des armen Bolingbroke Bey ſeiner Heirath, meine eigne Schmach, Ließ je die Wangen mich verziehn, noch Runzeln Hinwenden auf das Antlitz meines Fuͤrſten. Ich bin des edlen Eduards Soͤhne letzter, Wovon dein Vater, Prinz von Wales, der erſiez Im Krieg war kein ergrimmter Leu je kuͤhner, Im Frieden war kein ſanftes Lamm je milder, Als dieſer junge, prinzlich edle Herr. Du haſt ſein Angeſicht, ſo ſah er aus, Als er die Anzahl deiner Tag' erfuͤllt; Doch wenn er finſter ſah, war's gegen Franken, Nicht gegen Freunde; ſeine edle Hand Gewann, was er hinweggab, gab nicht weg, Was des glorreichen Vaters Hand gewonnen. Er war nicht ſchuldig an Verwandten Blut. Nur blutig gegen Feinde ſeines Stamms. O Richard! York iſt allzutief im Kummer, Sonſt ſtellt' er nimmer die Vergleichung an. k. Rich. Nun, Oheim! was bedeutets? Pork. O mein Fuͤrſt, Verzeiht mir, wenn es euch gefaͤllt; wo nicht, Nun, ſo gefaͤllt mir's, daß ihr nicht verzeiht. Wollt ihr in Anſpruch nehmen, an euch reißen Die Lehn' und Rechte des verbannten Hereford? Iſt Gaunt nicht todt, und lebt nicht Hereford noch? War Gaunt nicht redlich? iſt nicht Heinrich treu? Verdiente nicht der eine einen Erben? 5 Iſt nicht ſein Erb' ein wohlverdienter Sohn? Nimm Herefords Rechte weg, und nimm der Zeit Die Privilegien und gewohnten Rechte; Laß Morgen denn auf heute nicht mehr folgen; Sey nicht du ſelbſt, denn wie biſt du ein Koͤnig, Als durch geſetzte Folg' und Erblichkeit? Nun denn, bey Gott!— wenn ihr, was Gott verhuͤte!— Gewaltſam euch der Rechte Herefords anmaßt, 6 100 Koͤnig Richard A. Il. Die Gnadenbriefe einzieht, die er hat, Um mittelſt ſeiner Anwald' anzuhalten, Daß ihm das Lehn von neuem werd' ertheilt; Und die erbotne Huldigung verweigert: So zieht ihr tauſend Sorgen auf eu'r Haupt, Buͤßt tauſend wohlgeſinnte Herzen ein, Und reizt mein zaͤrtlich Dulden zu Gedanken, Die Ehr' und ſchuld'ge Treu nicht denken darf. R. Rich. Denkt, was ihr nt doch faͤllt in meine . Hand Sein Silberzeug, ſein Geld, ſein Gut und Land. Pork. Lebt wohl, mein Färſt! Ich will es nicht mit ſehn, Weiß niemand doch, was hieraus kann entſtehn. Doch zu begreifen iſts bei boͤſen Wegen, Daß ſie am Ende nie gedeihn zum Segen. (ab.) k. Rich. Geh, Buſhy, geh zum Graf von Wiltſhire gleich Heiß ihn nach Eiy⸗Honſe ſich her verfuͤgen ſ Und dieß Geſchaft verſehn. Auf naͤchſten Morgen Gehn wir nach Irland, und fuͤrwahrl's iſt Zeit; Und wir ernennen unſern Oheim York In unſerm Abſeyn zum Regenten Englands, Denn er iſt redlich, und uns zugethan.— Kommt, mein Gemahl! wir muͤſſen morgen ſcheiden, Die Zeit iſt kurz, genießt ſie noch in Freuden. (Trompetenſtoß. Koͤnig, Koͤniginn, Aumerle, Bu⸗ ſbi, Green und Bagot ab.) Korth. Nun, Herrn! der Herzog Lancaſter iſt todt. Roß. Und lebend auch: nun iſt ſein Sohn der Herzog. will. Doch bloß dem Titel, nicht den Renten nach. Worth. Nach beyden reichlich, haͤtte Recht das ſeine. Roß. Mein Herz iſt voll, doch muß es ſchweigend brechen, Eh' es die freye Zung' entlaſten darf. Worth. Ey, ſprich dich aus, und ſpreche der nie wieder, Der dir zum Schaden deine Worte nachſpricht. will. Gilt, was du ſagen willſt, den Herzog Hereford? Wenn dem ſo iſt, nur keck heraus damit? eef Schnell iſt mein Ohr, was gut fuͤr ihn, zu hören. Roß. Nichts gutes, das ich könnte thun fuͤr ihn, Wenn ihr nicht gut es nennet, ihn bedauern, Der ſeines Erbtheils ledig und beraubt. Sz. 2. der Zweyte⸗ 101¹ North. Beym Himmel! es iſt Schru⸗ ſolch rinrecht dulden An einem Prinzen von Geblut, an Andern Aus edlem Stamm in dem geſunknen Land. Der Koͤnig iſt nicht mehr er ſelbſt, verfuͤhrt Von Schmeichlern, und was dieſe blos aus Haß Angeben wider einen von uns allen, Das ſetzt der Koͤnig ſtrenge gegen uns Und unſer Leben, Kinder, Erben durch. Roß. Das Volk hat er geſchatzt mit ſchweren Steuern, und ganz ihr Herz entfremdet; gebuͤßt die Edlen Um alten Zwiſt, und ganz ihr Herz entfremdet. will. Und neue Preſſungen erſinnt man taͤglich, Als Anleihn, freye Gaben, und ich weiß nicht was; Und was, um Gottes Willen, wird daraus? worth. Der Krieg verzehrt' es nicht, er fuͤhrte keinen, Er gab ja durch Vertraͤge ſchmaͤhlich auf, Was ſeine Ahnen mit dem Schwert erworben. Er bräucht im Frieden mehr, als ſie im Krieg. Roß. Der Graf von Wiltſhire hat das Reich in Pacht. will. Der Koͤnig iſt zum Bankrottirer worden⸗ North. Beſchaͤmung und Verderben haͤnget uͤber ihm. Roß. Er hat kein Geld fuͤr dieſe Krieg' in Irland, Der druͤckenden Beſtenrung ungeachtet, Wird der verbannte Herzog nicht beraubt. North. Sein edler Vetter,— mißgerathner Koͤnig! Doch, Herrn, wir hoͤren dieſes Wetter pfeifen, Und ſuchen keinen Schutz, ihm zu entgehn; Wir ſehn den Wind hart in die Segel draͤngen, Und ſtreichen doch nicht, gehen ſorglos unter. Roß. Wir ſehn den Schiffbruch, den wir leiden müſſen, Und unvermeidlich iſt nun die Gefahr, Weil wir die Urſach unſers Schiffbruchs leiden. Worth. Nein, blickend aus des Todes hohlen Augen, Erſpaͤh' ich Leben, doch ich darf nicht ſagen, Wie nah die Zeitung unſers Troſtes iſt. will. Theil mit uns, was du denkſt, wie wir mit dir Roß. Sprich unbedenklich doch, Northumberland, Wir drey ſind nur du ſelbſt, und deine Worte Sind hier nur wie Gedanken: drum ſey kuͤhn! Worth. Dann lautets ſo: es wird aus Port le Blanc, 102 Koͤnig Richard Dem Hafen in Bretagne, mir gemeldet, Daß Heinrich Hereford, Reginald Lord Cobham, Der Sohn des Grafen Richard Arundel, Der juͤngſt vom Herzog Exeter geftuͤchtet, Sein Bruder, Erzbiſchof ſonſt von Canterbury, Sir Thomas Erpingham, Sir Johann Ramſton, Sir John Norbery, Sir Robert und Franeis Uoint— Daß alle die, vom Herzog von Bretagne Wohl ausgeruͤſtet mit acht großen Schiffen Und mit dreytauſend Mann, in groͤßter Eil Hieher ſind unterwegs, und kurzlich hoffen Im Norden unſte Kuͤſte zu berühren; Sie haͤttens ſchon gethan, ſie warten nur Des Koͤnigs Ueberfahrt nach Irland ab. Und ſollen wir das Joch denn von uns ſchuͤtteln, Des Lands zerbrochnen Fluͤgel neu befiedern, Die Kron' aus makelnder Verpfändung loͤſen, Den Staub abwiſchen von des Szepters Goid, Dat hohe Majeſtaͤt ſich ſelber gleiche: Dann, mit mir fort, in Eil nach Ravenſpurg. Doch ſolltet ihr's zu thun zu furchtſam ſeyn, Bleibt und verſchweigt nur, nud ich geh' allein. Roß. Zu Pferd! zu Pferd! Mit allen Zweifeln fort! will. Hält nur mein Pferd, bin ich der erſte dort, Qlie ab.) Dritte Szene. London. Ein gimmer im Palaſte. ie Königin, Buſhy und Bagot treten auf.) Buſhy. Allzu betruͤbt iſt Eure Majeſtat. Verſpracht ihr nicht dem König, als er ſchied, Die haͤrmende Betruͤbniß abzulegen, Und einen frohen Muth euch zu erhalten? Bön. Zu lieb dem Koͤnig that ich's; mir zu lieb Kann ich's nicht thun; doch hab' ich keinen Grund, Warum ich Gram als Gaſt willkommen hieße, Als daß ich einem ſuͤßen Gaſt, wie Richard, Das Lebewohl geſagt: dann denk' ich wieder, Ein ungebornes Leiden, reif im Schvoß Des Gluͤckes, naht mir, und mein Innerſtes Sz. 3. der Zweyte. 103 Erbebt vor Nichts, und grämt ſich über was, Das mehr als Trennung iſt von meinem Koͤnig. Buſhy. Das Weſen jedes Leids hat zwanzig Schatten, Die ausſehn wie das Leid, doch es nicht ſind: Das Aug' des Kummers, uͤberglaſ't von Thraͤnen, Zertheilt Ein Ding in viele Gegenſtaͤnde. Wie ein gefurchtes Bild, grad angeſehn, Richts als Verwirrung zeigt, doch, ſchräg betrachtet, Geſtalt läßt unterſcheiden: ſo entdeckt Eu'r holde Majeſtaͤt, da ſie die Trennung Von dem Gemahl ſchraͤg anſieht, auch Geſtalten Des Grams, mehr zu bejammern, als er ſelbſt, Die, grade angeſehn, nichts ſind als Schatten Deß, was er nicht iſt. Drum, Gebieterin! Beweint die Trennung, ſeht nichts mehr darin, Was nur des Grams verfaͤlſchtem Aug' erſcheint, Das eingebildetes als wahr beweint. Bon. Es mag ſo ſeyn; doch uͤberredet mich Mein Innres, daß es anders iſt; wie dem auch ſey, Ich müß betruͤbt ſeyn, und ſo ſchwer betruͤbt, Daß ich, denk' ich ſchon nichts, wenn ich's bedenke, Um banges Nichts verzage und mich kraͤnke. Buſhy. Es ſind nur Grillen, theure gnaͤd'ge Frau. Ron. Nichts weniger; denn Grillen ſtammen immer Von einem Vater Gram; nicht ſo bey mir: Denn nichts erzeugte meinen Gram mir, oder Etwas das Nichts, woruͤber ich mich grame. Rur in der Anwartſchaft beſitz' ich noch, Doch was es iſt, kann ich nicht nennen, eh Als es erſcheint:*s iſt namenloſes Weh. (Green kommt.) Green. Heil Eurer Majeſtat!— und wohlgetroffen, Herrn! Der Koͤnig, hoff⸗ ich, iſt nach Irland noch Nicht eingeſchifft? kön. Weswegen hoffſt du das? Es iſt ja beßre Hoffnung, daß er's iſt, Denn Eil verlangt ſein Werk, die Eile Hoffnung. Was hoffſt du denn, er ſey nicht eingeſchifft? Green. Damit er, unſre Hoffnung, ſeine Macht Zuruͤckzieh', und des Feindes Hoffnung ſchlage, Der ſtark in dieſem Lande Fuß gefaßt. 104 Koͤnig Richard. A. l Zuruͤck vom Bann ruft Bolingbroke ſich ſelbſt, Und iſt mit drohnden Waffen angelangt Zu Ravenſpurg. Rön. Verhuͤt' es Gott im Himmel! Green. O, es iſt allzuwahr! und, was noch ſchlimmer, Der Lord Northumberland, Perey, ſein junger Sohn, Die Lords von Roß, Beaumond und Willoughby, Sammt maͤcht'gem Anhang, ſind zu ihm geflohn. Buſby. Warum erklaͤrtet ihr Northumberland, Und der empoͤrten Rotte ganzen Reſt, Nicht fuͤr Verraͤther? Green. Wir thaten es, worauf der Graf von Worceſter Den Stab gebrochen, ſein Hofmeiſterthum Hat aufgegeben, und das Hofgeſinde Saͤmmtlich mit ihm zum Bolingbroke entflohn. Bön. So, Green, du biſt Wehmutter meines Wehs, Und Bolingbroke iſt meines Kummers Sohn. Nun iſt der Seele Mißgeburt erſchienen, Mir keuchenden und neu entbundnen Mutter Iſt Weh auf Weh, und Leid auf Leid gehaͤuft. Buſhy. Fuͤrſtin, verzweifelt nicht. Rön. Wer will mir's wehren? Ich will verzweifeln, und will Feindſchaft halten Mit falſcher Hoffnung, dieſer Schmeichlerin, Schmarotzerin, Ruͤckhalterin des Todes, Der ſanft des Lebens Bande loͤſen moͤchte, Das Hoffnung hinhalt in der hochſten Noth. (York tritt auf.) Green. Da kommt der Herzog York. kon. Mit Kriegeszeichen um den alten Nacken. O voll Geſchaͤft' und Sorgen iſt ſein Blick!— Dheim, um Gottes willen, ſprecht Troſtesworte! Nork. Thaͤt' ich es, ſo beloͤg' ich die Gedanken. Troſt wohnt im Himmel, und wir ſind auf Erden, Wo nichts als Kreuz, als Sorg' und Kummer lebt. Eur Gatt' iſt fort, zu retten in der Ferne, a Andre ihn zu Haus zu Grunde richten. Das Land zu ſtützen, blieb ich hier zuruͤck, Der ich, vor Alter ſchwach, mich ſelbſt kaum halte, Nun kommt nach dem Gelag die kranke Stunde, Run pruf' er ſeine Freund', die hn hofirten. Ein Bedienter kommk.) Sz. 3. der Zweyte. 105 Bed. Herr, euer Sohn war fort ſchon eh ich kam. Pork. War er?— Nun ja!— Geh alles, wie es will! Die Edlen die ſind fort, die Buͤrger die ſind kalt, Und werden, fuͤrcht' ich, ſich zu Hereford ſchlagen.— He, Burſch! Nach Plaſhy auf, zu meiner Schweſter Gloſter! Heiß unverzuͤglich tauſend Pfund ſie ſchicken. Da hier, nimm meinen Ring. Bed. Hert, ich vergaß Eur Gnaden es zu ſagen: Heut', als ich da vorbeh kam, ſprach ich vor,— Allein ich kraͤnk' euch, wenn ich weiter melde. Pork. Was iſt es, Bube? Bed. Die Herzogin war todt ſeit einer Stunde. Pork. Gott ſey uns gnaͤdig! Welche Flut des Wehs Bricht auf dieß wehevolle Land herein! Ich weiß nicht, was ich thun ſoll.— Wollte Gott (Wo ich durch Untreu nur ihn nicht gereizt) Der Koͤnig hätte mir, wie meinem Bruder, Das Haupt abſchlagen laſſen!— Wie, ſind noch Keine Eilboten abgeſchickt nach Irland?— Wie ſchaffen wir zu dieſen Kriegen Geld?— Kommt, Schweſter!— Nichte, wollt' ich ſagen,— o ver⸗ zeiht! 1 (Zu dem Bedienten.) Geh, Burſch! mach dich nach Haus, beſorge Wagen, Und fuͤhr' die Waffen weg, die dort noch ſind. (Bedienter ab.) Ihr Herrn, wollt ihr Leute muſtern gehn?— Wenn ich Wie, auf was Art, ich dieſe Dinge ordne, So unordentlich in meine Hand geworfen, So glaubt mir nie mehr.— Beyde ſind meine Vettern, Der eine mein Oberherr, den mich mein Eid Und Pflicht vertheid'gen heißt; der andre wieder Mein Vetter, den der Koͤnig hat gekraͤnkt, Den Freundſchaft und Gewiſſen heißt vertreten. Wohl! etwas muß geſchehn.— Kommt, Nichte! ich Will fuͤr euch ſorgen.— Ihr Herrn, geht, muſtert eure Leute, Und trefft mich dann ſogleich auf Berkley⸗Schloß. Pach Plaſhy ſollt' ich auch:— Die Zeit erlaubt es nicht; an allem Mangel, Und jedes Ding ſchwebt zwiſchen Thuͤr und Angel⸗ (York und die Koͤnigin ab.) 106 Koͤnig Richard A. 1 Buſhy. Der Wind befoͤrdert Zeitungen nach Irland, Doch keine kommt zuruͤck. Hier Truppen werben, Verhaͤltnißmaͤßig mit dem Feinde, iſt Fuͤr uns durchaus unmoͤglich. Green. Außerdem Iſt unſre Naͤhe bey des Koͤnigs Liebe Dem Haſſe derer nah, die ihn nicht lieben. Bagot. Das iſt das wandelbare Volk, deß Lieb In ſeinen Beuteln liegt; wer dieſe leert, Erfuͤllt ihr Herz gleich ſehr mit bitterm Haß. Buſhp. Weshalb der Koͤnig allgemein verdammt wird. Bagot. Und wenn ſie Urtheil haben, wir mit ihm, Weil wir dem Koͤnig immer nahe waren. Green. Gut, ich will gleich nach Sl⸗ Schloß mich hen, Der Graf von Wiltſhire iſt ja dort bereits.*. Buſhy. Dahin will ich mit euch; denn wenig Dienſt Iſt zu erwarten vom erbosten Volk, Als daß ſie uns, wie Hund' in Stuͤcken reißen. Wollt ihr uns hin begleiten? Bagot. Nein, lebt wohl! Ich will zu ſeiner Majeſtaͤt in Irland. Wenn Ahndungen des Herzens mich nicht aͤffen, So ſcheiden drey hier, nie ſich mehr zu treffen. Buſhy. Wie's York gelingt, Bolingbroke fortzuſchlagen. Green. Der Arm“ Er unternimmt, den Sand zu zaͤhlen, Das Meer zu trinken; er kann kaum gewinnen: Einen zur Huͤlf', wenn tauſend ihm entrinnen. Buſhy. Lebt wohl mit eins! Fuͤr einmal und fuͤr immer! Green. Wir ſehn uns wieder wohl. Bagot. Ich fuͤrchte, nimmer. (Alle ab.) P Die Wildniß in Gloſterſhire. (Bolingbroke und Northumberland treten auf mit Truppen.) 83 Bol. Wie weit, Herr, haben wir bis Berkley noch? Worth. Glaubt mir, mein edler Herr, Ich bin ein Fremdling hier in Gloſterſhire. * Sz. 4. der Zweyte. 107 Die rauhen Weg' und hohen wilden Huͤgel Ziehn unſre Meilen muͤhſam in die Laͤnge; Doch, euer ſchoͤn Geſpraͤch macht, wie ein Zucker, Den ſchweren Weg ſuͤß und vergnuͤglich mir. Doch ich bedenke, wie ſo lang der Weg Von Ravenſpurg bis Cotſwold duͤnken wird Dem Roß und iät die euer Beyſeyn miſſen, Das, ich betheur' es, die Verdrießlichkeit Und Dauer meiner Reiſe ſehr getaͤuſcht. Zwar ihre wird verſuͤßet durch die Hoffnung Auf dieſen Vorzug, deß ich theilhaft bin; Und Hoffnung auf Genuß iſt faſt ſo viel, Als ſchon genoßne Hoffnung; dadurch werden Die muͤden Herrn verkuͤrzen ihren Weg, So wie ich meinen durch den Anblick deſſen, Was mein iſt, enre edle Uuterhaltung. Bol. Viel minder werch iſt meine Unterhaltung. Als eure guten Worte. Doch wer kommt? (Geinrich Percy kommt.) Worth. Mein Sohn iſt's, Heinrich Percy, abgeſchickt, Woher es ſey, von meinem Bruder Worceſter.— Heinrich, was macht eu'r Oheim? percy. Ich dachte, Herr, von euch es zu erfahren. Worth. Ey, iſt er denn nicht bey der Koͤnigin? perey. Nein, beſter Herr, er hat den Hof verlaſſen, Des Amtes Stab t⸗ipieſit Des Koͤnigs Hausgeſinde. Worth. Was bewog ihn? Das war nicht ſein Entſchluß, als wir zuletzt uns ſprachen. Percy. Weil man Eu'r Gnaden als Verraͤther ausrief. Er iſt nach Ravenſpurg gegangen, Herr, Dem Herzog Hereford Dienſte anzubieten, Und ſandte mich nach Berkley, n entdecken, Was Herzog York für Truppen aufgebracht, Dann mit Befehl, nach Ravenſpurg zu kommen. Worth. Vergaßeſt du den Herzog Hereford Knabe? Percy. Nein, beſter Herr, denn das wird nicht vergeſſen, Was niemals im Gedaͤchtniß war: ich ſah, * So viel ich weiß, ihn nie in meinem Leben. North. So lern' ihn kennen jetzt: dieß iſt der Herzog. percy. Mein gnaͤd'ger Herr, ich biet euch meinen Dienſt, 108 Koͤnig Richard A. 1I. So wie er iſt, da ich noch roh und jung, Bis aͤltre Tage ihn zur Reife bringen, Und zu bewaͤhrterem Verdienſt erhoͤhn. Bol. Ich bank' dir, lieber Percy; ſey gewiß, Daß ich mich ſelbſt in nichts ſo glücklich ſchaͤtze, Als eines Herzens, das der Freunde denkt, Und wie mein Gluͤck mit deiner Liebe reift, So ſtets der treuen Liebe Lohn. Dieß Buͤndniß ſchließt mein Herz, die Hand beſiegelt's. Worth. Wie weit iſt Berkley, und wie ruͤhrt ſich dort Der gute alte York mit ſeinem Kriegsvolk? Perepy. Dort ſteht die Burg bey jenem Haufen Baͤume, Bemannt, ſo hoͤrt' ich, mit dreyhundert Mann. Und drinnen ſind die Lords von York, Berkley und Seymour, Sonſt keine von Geburt und hohem Rang. (Roß und Willoughby kommen.) Worth. Da ſind die Lords von Roß und Willoughby, Vom Spornen blutig, feurig roth vor Eil. Bol. Willkommen, Herrn! Ich weiß es, eure Liebe Folgt dem Verbannten und Verraͤther nach. Mein ganzer Schatz beſteht nur noch in Dank, Der nicht geſpuͤrt wird, aber, mehr bereichert, Belohnung eurer Lieb' und Treu ſoll ſeyn. Roß. Eur Beyſeyn macht uns reich, mein edler Herr. will. Und uͤberſteigt die Muͤh', es zu erreichen. Bol. Nur immer Dank, des Armen Kaſſe, die Bis mein unmuͤndig Gluͤck zu Jahren kommt, Fur meine Guͤte buͤrgt. Doch wer kommt da? (Berkley tritt auf.) North. Es iſt Lord Berkley, wie mich duͤnkt. Berk. An euch iſt meine Botſchaft, Herr von Hereford. Bol. Herr, meine Antwort iſt: an Lancaſter, Und dieſen Namen ſuch' ich jetzt in England, Und muß in eurem Mund den Titel finden, Eh' ich, auf was ihr ſagt, erwiedern kann. Berk. Herr, mißverſteht mich nicht; ich meine gar nicht Zu ſchmaͤlern Einen Titel eurer Ehre. Zu euch, Herr, komm' ich, Herr von was ihr wollt) Vom ruͤhmlichen Regenten dieſes Landes, Dem Herzog York, zu wiſſen, was euch treibt, ———— Sz. 4. der Zweyte. 109 Von der verlaßnen Zeit Gewinn zu ziehn, Des Lands Ruh ſchreckt mit eigenmaͤchtgen Waffen. York tritt auf mit Gefolge.) Bol. Ich brauch' euch nicht zum Herold meiner Worte: Hier kommt er in Perſon.— Mein edler Oheim! (Er knieet vor ihm.) Pork. Zeig mir dein Herz demuͤthig, nicht dein Knie, Deß Ehrbezeigung falſch und truͤglich iſt. Bol. Mein gnaͤd'ger Oheim! Pork. Pah! pah! Nichts da von Gnade, und von Oheim nichts! Ich bin's nicht dem Verraͤther; das Wort Gnade In einem ſuͤnd'gen Mund iſt nur Entweihung. Warum hat dein verbannter Fuß gewagt Den Staub von Englands Erde zu berühren? Noch mehr Warum: warum ſo viele Meilen Gewagt zu ziehn auf ihrem milden Buſen, Die bleichen Doͤrfer ſchreckend ſo mit Krieg, Und mit dem Prunk geringgeſchaͤtzter Waffen? Kommſt du, weil der geſalbte Koͤnig fort? Ey, junger Thor, der Koͤnig blieb zuruͤck: In meiner treuen Bruſt liegt ſeine Macht. Waͤr' ich nur jetzt ſo heißer Jugend voll, Als da dein wackrer Vater Gaunt und ich Den ſchwarzen Prinzen, dieſen jungen Mars, Aus vieler tauſend Franken Reihn gerettet: O dann, wie ſchleunig ſollte dieſer Arm, Der jetzt der Gicht Gefangner, dich beſtrafen, Und deinem Fehler Zuͤchtigung ertheilen! Bol. Mein gnaͤd'ger Oheim, lehrt mich meinen Fehler: In welchem Namen liegt er, und worin? Nork. In einem Namen von der ſchlimmſten Art: In grobem Aufruhr, ſchaͤndlichem Verrath. Du biſt verbannt und biſt hieher gekommen, Eh die geſetzte Zeit verſtrichen iſt, In Waffen trotzend deinem Oberherrn.. Bol. Da ich verbannt ward, galt es mir als Hereford; Nun, da ich komme, iſt's um bttaſte eſtib Und, edler Oheim, ich erſuch' Eur Gnaden, Seht unpartheylich meine Kraͤnkung an. Ihr ſeyd mein Vater, denn mich duͤnkt, in euch Lebt noch der alte Gaunt: O dann, mein Vater! 110 Knig Richard A. II. Wollt ihr geſtatten, daß ich ſey verdammt Als irrer Fluͤchtling, meine Recht' und Lehn Mir mit Gewalt entriſſen, hingegeben Hochmuͤth'gen Knechten?— Wozu ward ich geboren? Sobald mein Vetter Englands Koͤnig iſt, So folgt auch, daß ich Herzog bin von Lancaſter. Euch ward ein Sohn, Aumerle, mein edler Vetter: Starbt ihr zuerſt, und trat man ihn ſo nieder, Sein Oheim Gaunt waͤr' Vater ihm geworden, Der ſeine Kraͤnkungen zu Paaren triebe. Man weigert mir die Muthung meiner Lehn, Die meine Gnadenbriefe mir geſtatten; Mein Erb' wird eingezogen und verkauft, Und dieß und alles uͤbel angewandt. Was ſoll ich thun? Ich bin ein Unterthan, Und fodre Recht; Anwalte wehrt man mir, Und darum ſprech' ich in Perſon hier an Mein Erbtheil, durch Geburt mir zugefallen. Worth. Der edle Herzog ward zu ſehr mißhandelt. Roß. Eur Gnaden kommt es zu, ihm Recht zu ſchaffen⸗ will. Mit ſeinen Gaben macht man Schurken groß. Nork. Ihr Lords von England ſiut mich dieß euch agen: Ich fuͤhlte meines Vetters Kraͤnkung wohl, Und ſtrebte, was ich konnt', ihm Recht zu ſchaffen; Doch ſo in drohnden Waffen herzukommen, ſich zu greifen, ſeinen Weg ſich haun, ach Recht mit Unrecht gehn, es darf nicht ſeyn, Und ihr, die bey der Art ihr ihn beſtaͤrkt, Hegt Rebellion, und ſeyd zumal Rebellen. Worth. Der edle Herzog ſchwor, er komme bloß Um das, was ſein; und bey dem Recht dazu Ihn zu beſchuͤtzen, ſchworen wir ihm theuer, Und wer das bricht, dem geh' es nimmer wohl⸗ Pork. Gut! gut! ich ſehe dieſer Waffen Ziel, Ich kann's nicht ändern, wie ich muß bekennen: Denn meine Macht iſt ſchwach, und nichts in Ordnung⸗ Doch koͤnnt' ich es, bey Dem, der mich erſchaffen! Ich naͤhm' euch alle feſt, und beugt' euch nieder Der unumſchraͤnkten Gnade unſers Herrn. Doch da ich's nicht vermag, ſo ſey euch kund, Ich nehme nicht Parthey. Somit lebt wohl! Sz. 4. der Zweyte. 11¹ Wenn es euch nicht beliebt, ins Schloß zu kommen, Und da fuͤr dieſe Nacht euch auszuruhn. Bol. Wir nehmen, Oheim, dieß Erbieten an. Wir muͤſſen euch gewinnen, mitzugehn Nach Briſtol⸗Schloß, das, wie man ſagt, beſeßt Von Buſhy, Bagot und den Mitgenoſſen, Dem gift'gen Wurmfraß des gemeinen Weſens, Den ich geſchworen habe auszurotten. Nork. S iſt moͤglich, daß ich mit euch geh'— allein noch halt! Denn ungern thu' ich dem Geſetz Gewalt. Als Freund, als Feind, ſeyd ihr mir nicht willkommen; Wo nichts mehr hilft, bin ich der Sorg' entnommen. Dri e n Erſte Szene. Ein Lager in Wales. (Salisbury und ein Hauptmann treken auf.) Zauptm. Lord Salisbury, wir warteten zehn Tage, Und hielten unſer Volk mit Muͤh beyſammen, Doch hoͤren wir vom Koͤnig keine Zeitung, Drum wollen wir uns nun zerſtreun. Lebt wohl! Sal. Bleib einen Tag noch, redlicher Walliſer, Der Koͤnig ſetzet alle ſein Vertraun auf dich. Zauptm. Man glaubt den Koͤnig todt, wir warten nicht. Die Lorbeerbaͤum' im Lande ſind verdorrt, Und Meteore drohn den feſten Sternen, Der blaſſe Mond ſcheint blutig auf die Erde, Hohlaͤugig fläſtern Seher furchtbarn Wechſel; Der Reiche bangt, Geſindel tanzt und ſpringt, Der, in der Furcht, was er genießt zu miſſen, Dieß, zu genießen durch Gewalt und Krieg. Tod oder Fall von Koͤn'gen deutet das. Lebt wohl! Auf und davon ſind unſre Schaaren, Weil fuͤr gewiß ſie Richards Tod erfahren.(ab.) Sal. Ach, Richard! mit den Augen bangen Muths Seh' ich, wie einen Sternſchuß, deinen Ruhm 112 Koͤnig Richard A. III. WVom Firmament zur niedern Erde fallen. Es ſenkt ſich weinend deine Sonn' im Weſt, Die nichts als Sturm, Weh, Unruh hinterlaͤßt. Zu deinen Feinden ſind die Freund' entflohn, Und widrig Gluͤck ſpricht jeder Muͤhe Hohn.(ab.) 8 weyte Szene. Volingbroke's Lager zu Briſtol. (Bolingbroke, York, Northumberland, Percy, Willoughby, Roß; im Hintergrunde Gerichtsbediente mit Buſhy und Green als Gefangnen.) Bol. Fuͤhrt dieſe Maͤnner vor.— Buſhy und Green, ich will nicht eure Seelen, Weil ſie ſogleich vom Leibe ſcheiden muͤſſen, Durch Ruͤgung eures Frevlerlebens plagen: Denn nicht barmherzig waͤr's; doch um von meiner Hand Eur Blut zu waſchen, will ich oͤffentlich Hier ein'ge Gruͤnde eures Tods enthuͤllen. Ihr habt mißleitet einen edlen Fuͤrſten, In Blut und Zuͤgen gluͤcklich ausgeſtattet, Durch euch verungluͤckt und entſtaltet ganz: Mit euren ſuͤnd'gen Stunden ſchiedet ihr Gewiſſermaßen ihn und ſein Gemahl: Ihr bracht die Treu der koͤniglichen Ehe, Und truͤbtet einer holden Fuͤrſtin Wange Mit Thraͤnen, die eu'r Unrecht ihr entlockte. Ich ſelbſt, ein Prinz durch Rechte der Geburt, Dem Koͤnig nah' im Blut und nah' in Liebe, Bis ihr gemacht, daß er mich mißgedeutet, Mnßt' eurem Unrecht meinen Nacken bengen, In fremde Wolken meinen Odem ſeufzen, Und eſſen der Verbannung bittres Brod; Indeſſen ihr geſchwelgt auf meinen Guͤtern, Mir die Geheg' enthegt, gefaͤllt die Forſte, Mein Wappen von den Fenſtern mir geriſſen, Den Wahlſpruch mir verloͤſcht, kein Zeichen laſſend, Als Andrer Meynung und mein lebend Blut, Der Welt als Edelmann mich darzuthun. Dieß und vielmehr, viel mehr als zweymal dieß, Verdammt zum Tod' euch: laßt ſie uͤberliefern Der Hand des Todes und der Hinrichtung. Sz. 3. der Zweyte. 113 Buſhy. Willkommner iſt der Streich des Todes mir, Als Bolingbroke dem Reiche.— Lords lebt wohl! Green. Mein Troſt iſt, unſre Seelen gehn zum Himmel, Der mit der Hoͤlle Pein das Unrecht ſtraft. Bol. Mylord Northumberland, ſchafft ſie zum Tod. (Northumberland und Andre mit den Gefangnen ab.) In eurem Hauſe iſt die Koͤn'gin, Ohm? Um's Himmelswillen, laßt ihr gut begegnen, Sagt ihr, daß ich mich beſtens ihr empfehle; Tragt Sorge, meinen Gruß ihr zu beſtellen. Pork. Ich ſandte einen meiner Edelleute Mit Briefen, die ihr eure Liebe ſchildern. Bol. Dank, lieber Oheim.— Kommt, ihr Herrn! hinweg! Mit Glendower und ſeiner Schaar zu fechten. Ein Weilchen noch an's Werk: dann 5 e ab. Die Kuͤſte von Wales. Ein Schloß im Proſpekt. (Trompetenſtoß und Kriegsmuſik. Koͤnig Richard, der Bi⸗ ſchof von Carlisle und Aumerle treten auf, mit Truppen.) B. Rich. Barkloughly⸗Schloß nennt ihr das dort zur Hand? Aum. Ja, gnaͤd'ger Herr; wie duͤnket euch die Luft Nach eurem Schwanken auf der hohlen See? R. Rich. Wohl muß ſie gut mir duͤnken: vor Freude wein' ich, Noch'mal auf meinem Koͤnigreich zu ſtehn.— Ich gruͤße wit der Hand dich, theure Erde, Verwunden ſchon mit Pferdhuf dich Rebellen: Wie eine Mutter, lang getrennt vom Kinde, Mit Thraͤnen ſpielt und Laͤcheln, ſieht ſie's wieder: So weinend, laͤchelnd, gruͤß' ich dich, mein Land, Und ſchmeichle dir mit koͤniglichen Haͤnden. Paͤhr' deines Herren Feind nicht, lebe Erde, Dein Suͤßes lab⸗ ihm nicht den Raͤuberſinn. Nein, laß ſich Spinnen, die dein Gift einſaugen, Und traͤge Kroͤten in den Weg ihm legen, Zu plagen die verrätheriſchen Fuße, I. 114 Koͤnig Richard A. III. Die dich mit unrechtmaͤß'gen Tritten ſtampfen. Beut ſcharfe Neſſeln meinen Feinden dar, Und, pfluͤcken ſie von deinem Buſen Blumen, Laß, bitt' ich, Nattern lauernd ſie bewahren, Die mit der Doppelzunge gift'gem Stich Den Tod auf deines Herren Feinde ſchießen.— Lacht nicht der unempfundenen Beſchwoͤrung! Die Erde fuͤhlt, und dieſe Steine werden Bewehrte Krieger, eh' ihr aͤchter Koͤnig Des Aufruhrs ſchnoͤden Waffen unterliegt. Carl. Herr, fuͤrchtet nicht! Der euch zum Koͤnig ſetzte, Hat Macht, dabey trotz allem euch zu ſchuͤtzen. 3 Des Himmels Beyſtand muß ergriffen werden, Und nicht verſaͤumt; ſonſt, wenn der Himmel will, Und wir nicht wollen, ſo verweigern wir Sein Anerbieten, Huͤlf' und Herſtellung. Aum. Er meynt, mein Fuͤrſt, daß wir zu laͤſſig ſind Da Bolingbroke durch unſte Sicherheit ig lilſs Stark wird und groß an Mitteln und an Freunden⸗ R. Rich. Du troſtesloſer Vetter! weißt du nicht, Wenn hinter'm Erdball ſich das ſpaͤhnde Auge Des Himmels birgt, der untern Welt zu leuchten, Dann ſchwärmen Dieb' und Raͤuber ungeſehn, In Mord und Froveln blutig hier umher: Doch wenn er, um den ird'ſchen Ball hervor, Im Oſt der Fichten ſtolze Wipfel gluht, 1 Und ſchießt ſein Licht durch jeden ſchuld'gen Winkel, Dann ſtehen Mord, Verrath und grauſe Suͤnden, Der Nacht Gewand geriſſen von den Schultern, Bloß da und nackend, zitternd vor ſich ſelbſt. So, wenn der Dieb, der Meuter Bolingbroke, Der all die Zelang in der Nacht geſchlemmt, Indeß wir bey den Antipoden weilten, Uns auf ſieht ſteigen in des Oſtens Thron, Wird ſein Verrath im Antlitz ihm erroͤthen, Er wird des Tages Anblick nicht ertragen, Und ſelbſterſchreckt, vor ſeiner Suͤnde zittern. Nicht alle Flut im wuͤſten Meere kann Den Balſam vom geſalbten Koͤnig waſchen; Der Odem ird'ſcher Maͤnner kann des Herrn Geweihten Stellvertreter nicht entſetzen. Fäͤr jeden Mann, den Bolingbroke gepreßt, Den Stahl zu richten auf die goldne Krone, Sz. 3. der Zweyte. 1¹⁵ Hat Gott fuͤr ſeinen Richard einen Engel In Himmelsſold: mit Engeln im Gefecht Beſteht kein Menſch; der Himmel ſchuͤtzt das Recht⸗ (Salisbury kommt.) Willkommen, Lord! Wie weit liegt eure Macht! Sal. Noch nah, noch weiter weg, mein gnäͤd'ger Herr, Als dieſer ſchwache Arm: Noth lenkt die Zunge, Und heißt von nichts ſie reden als Verzweiflung. Ein Tag zu ſpaͤt, fuͤrcht' ich, mein edler Herr, Bewoͤlkt all deine frohen Tag' auf Erden. O, rufe Geſtern wieder, laß die Zeit Umkehren, und du haſt zwoͤlftauſend Streiter! Heut, heut, nur dieſer Ungluͤckstag zu ſpaͤt Stuͤrzt deine Freuden, Freunde, Gluͤck und Staat, Denn all die Waͤlſchen, todt dich waͤhnend ſchon, Sind hin zu Bolingbroke, zerſtreut, entflohn. Aum. Getroſt, mein Fuͤrſt, was ſeht ihr doch ſo bleich? B. Rich. Noch eben prangt' in meinem Angeſicht Das Blut von zwanzigtauſend; ſie ſind fort. Hab' ich denn Urſach zu erbleichen nicht, Bis ſo viel Blut zuruͤckgekehrt iſt dort? Wer ſicher ſeyn will, flieh von meiner Seit', Denn meinen Stolz gezeichnet hat die Zeit. Aum. Getroſt, mein Fuͤrſt! bedenket wer ihr ſeyd. R. Rich. Ja, ich vergaß mich ſelbſt: bin ich nicht Konig? Erwache, feige Majeſtaͤt! du ſchlaͤfſt. Des Koͤnigs Nan' iſt vierzigtauſend Namen. Auf, auf, mein Nam'! Ein kleiner Unterthan Droht deiner Herrlichkeit.— Senkt nicht den Blick Ihr Koͤnigs⸗Guͤnſtlinge! Sind wir nicht hoch? Laßt hoch uns denken!— Oheim York, ich weiß, Hat Macht genug zu unſerm Dienſt. Doch wer Kommt da? .(Seroop tritt auf.) Seroop. Mehr Heil und Gluͤck begegne meinem Herrn, Als meine Noth⸗geſtimmte Zung' ihm bringt! R. Rich. Mein Ohr iſt offen, und mein Herz bereit: Du kannſt nur weltlichen Verluſt mir melden⸗ Sag', iſt mein Reich hin? War's doch meine Sorge; Welch ein Verluſt denn, ſorgenfrey zu ſeyn? Strebt Bolingbroke ſo groß zu ſeyn, als wir? Er wird nicht groͤßer ſeyn, wenn er Gott dient. 8* 116 Koͤnig Richard A. In. Ich dien' ihm auch, und werde ſo ihm gleich. Empoͤrt mein Volk ſich? Das kann ich nicht aͤndern, Sie brechen Gott ihr Wort ſo gut, wie mir. Auf Weh, Zerſtoͤrung, Fall! Der ärgſte Schlag Iſt doch nur Tod, und Tod will ſeinen Tag. Scroop. Froh bin ich, daß Eur' Hoheit ſo geruͤſtet, Des Mißgeſchickes Zeitung zu ertragen. Gleich einem unwirthbaren, ſtuͤrm'ſchen Tag, Der Silberbäch' ihr Ufer macht ertraͤnken, Als wär' die Welt in Thränen aufgeloͤſ't: So uͤber alle Schranken ſchwillt die Wuth Des Bolingbroke, eu'r banges Land bedeckend Mit hartem Stahl und mit noch härtern Herzen⸗ Graubaͤrte haben ihre kahlen Schaͤdel Bewaffnet wider deine Majeſtaͤt; Und weiberſtimm'ge Knaben muͤhn ſich, rauh Zu ſprechen, ſtecken ihre zarten Glieder In ſteife Ruͤſtung wider deinen Thron; Selbſt deine Pater lernen ihre Bogen Von Eiben, doppelt toͤdtlich, auf dich ſpannen. Und Kunkelweiber fuͤhren roſt'ge Piken Zum Streit mit dir; empoͤrt iſt Kind und Greis, ünd ſchlimmer geht's, als ich zu ſagen weiß. 6 R. Rich. Zu gut, zu gut ſagſt du ſo ſchlimme Dinge! Wo iſt der Graf von Wiltſhire? wo iſt Bagot? Was iſt aus Buſhy worden! wo iſt Green? Daß ſie durchmeſſen unſre Grenzen ließen Den drohnden Feind ſo ungeſtoͤrten Trittes? Gewinnen wir, ſo ſoll ihr Kopf es buͤßen. Was gilt's, ſie ſchloſſen Frieden mit dem Bolingbroke? Seroop. Ja, Herr, ſie machten wirklich mit ihm Frieden. R. Rich. O Schelme, Vipern, rettungslos verdammt! O Hunde, willig, jedem Herrn zu ſchmeicheln! Ihr Schlangen, vom Herzblut We ſe Herz nun echend! Drei Judas; dreimal ſchlimm'rer Judas jeder! Sie Frieden ſchließen? Grauſe Hölle kriege Um dieß Vergehn mit ihren ſchwarzen Seelen! Seroop. Ich ſeh, wenn ſuͤße Liebe laͤßt von Art, Wird ſie zum toͤdtlichſten und herbſten Haß. Nehmt euren Fluch zuruͤck, es ſchloß den Frieden Ihr Kopf, nicht ihre Hand; die ihr verflucht, Sz. 3. der Zwehte. 117 Traf ſchon der grimme Streich der Todeswunde; Sie liegen eingeſcharrt im hohlen Grunde. Aum. Iſt Buſhy, Green, der Graf von Wiltſhire todt? Scroop. Ja, alle ſind zu Briſtol ſie enthauptet. Aum. Wo iſt mein Vater York mit ſeiner Macht? R. Rich. Das iſt Fleichviel; von Troſte rede niemand, Von Gräbern ſprecht, von Wuͤrmern, Leichenſteinen! Macht zum Papier den Staub, und auf den Buſen Der Erde ſchreib' ein regnicht Auge Jammer. Vollzieher wählt, und ſprecht vom letzten Willen;. Nein, doch nicht:— denn was konnen wir vermachen, Als unſern abgelegten Leib dem Boden? Hat Bolingbroke doch unſer Land und Leben, Und nichts kann unſer heißen, als der Tod, Und jenes kleine Maß von duͤrrer Erde, Die dem Gebein zur Rind' und Decke dient. Um's Himmelswillen, laßt uns niederſitzen Zu Trauermaͤhren von der Koͤn'ge Tod:— VWie die entſetzt ſind, die im Krieg erſchlagen, Die von entthronten Geiſtern heimgeſucht, Im Schlaf erwuͤrgt, von ihren Fraun vergiftet, Ermordet alle, denn im hohlen Zirkel, Der eines Koͤnigs ſterblich Haupt umgiebt, Haͤlt ſeinen Hof der Tod? da ſitzt der Schalksnarr, Hohnt ſeinen Staat; und grinſet in ſeinem Pomp, Läßt ihn ein Weilchen, einen kleinen Auftritt Den Herrſcher ſpielen, drohn, mit Blicken toͤdten; Floͤßt einen eitlen Selbſtbetrug ihm ein, Als waͤr' dieß Fleiſch, das unſer Leben einſchanzt, Unuͤberwindlich Erz; und, ſo gelaunt, Kommt er zuletzt, und bohrt mit kleiner Nadel Die Burgmau'r an, und— Koͤnig, gute Nacht! Bedeckt die Haͤupter, hoͤhnt nicht Fleiſch und Blut Mit Ehrbezeugung; werft die Achtung ab, Gebräuche, Sitt' und aͤußerlichen Dienſt. Ihr irrtet euch die ganze Zeit in mir: Von Brod leb' ich, wie ihr, ich fuͤhle Mangel, Ich ſchmecke Kummer unb bedarf der Freunde. So unterworfen nun, Wie könnt ihr ſagen, daß ich⸗Koͤnig bin? Carl. Herr, Weiſe jammern nie vorhandnes Weh⸗ Sie ſchneiden gleich des Jammers Wege ube ilt 118 Kbnig Richard A. III. Den Feind zu ſcheun, da Furcht die Stärke hemmt, Das giebt dem Feinde Stärk' in eurer Schwaͤche, Und ſo ficht eure Thorheit wider euch. Furcht bringt uns um, nichts ſchlimmres droht beym Fechten. Tod wider Tod iſt ſterben im Gefecht, Doch fuͤrchtend ſterben, iſt des Todes Knecht. Aum. Erkundigt euch nach meines Vaters Macht, Und lernt, wie man ein Glied zum Koͤrper macht. R. Rich. Wohl ſchiltſt du;— ſtolzer Bolingbroke, ich eile, Daß Streich um Streich uns unſer Loos ertheile. Dieß Fieberſchau'r der Furcht flog ſchon von hinnen, Wie leichte Muͤh, mein eignes zu gewinnen! Sag, Scroop, wo mit der Macht mein Oheim blieb? Sprich heiter, ſind ſchon deine Blicke truͤb. Scroop. Man ſchließet aus des Himmels Farb' und Schein, Zu welchem Stand ſich neigen wird der Tag: So kann mein truͤbes Aug' euch Zeichen ſeyn, Daß ich nur truͤbe Dinge ſagen mag. Den Foltrer ſpiel' ich, daß ich in die Laͤnge Das aͤrgſte dehne, was geſagt muß werden. Eu's Oheim iſt mit Bolingbroke vereint, Im Norden eure Burgen all' ergeben, Im Suͤden euer Adel all' in Waffen Auf ſeiner Seite. k. Rich. Schon genug geſagt.— Verwuͤnſcht ſey, Vetter, der mich abgelenkt Von meinem ſuͤßen Wege zur Verzweiflung. Was ſagt ihr nun? was haben wir fuͤr Troſt? Bey Gott, den will ich haſſen immerdar, Der irgend Troſt mich ferner hegen heißt. Kommt, hin nach Flint⸗Burg! Dort will ich mich graͤmen, Des hohen Knechts darf ſich das Weh nicht ſchämen. Dankt meine Schaaren ab, und heißt ſie gehen, Wo Hoffnung noch zum Wachsthum, Land zu ſaͤen; Bei mir iſt keine,— rede keiner mehr, Dieß abzuaͤndern; aller Rath iſt leer. Aum. Mein Fuͤrſt, Ein Wort! 5 R. Rich. Der kraͤnkt mich doppelt jetzt, Der mit der Zunge Schmeicheln mich verletzt. Entlaßt mein Volk! Hinweg, wie ich euch ſage, Von Richards Nacht zu Herefords lichtem Tage.(Alle ab.) — G der Zweyte. 412 Vierte Szene⸗ N Wales. Vor Flint⸗Burg⸗ (Truppen nt klingendem Spiel und fliegenden Fahnen. Bolingbroke, York, Northumberland und Andre treten auf.) 3 Bol. Durch dieſe Kundſchaft lernen wir alſo, Die Wäaͤlſchen ſind zerſtreut, und Salisbury Iſt hin zum Koͤnig, der an dieſer Küſte Mit werigen Vertrauten juͤnsſt gelandet⸗ Korth. Die Zeitung iſt erwuͤnſcht und gut, mein Prinz, Richard verbarg ſein Haupt nicht weit von hier. Vork. Es ziemte wohl dem Lord Northumberland, Zu ſagen: Koͤnig Richard.— O der Zeiten, Wo ſolch ein heil'ger Fuͤrſt ſein Haupt muß bergen! Worth. Ihr mißverſteht mich: nur um kurz zu ſeyn, Ließ ich den Titel aus. Pork. Es gab'ne Zeit, Wo er, wenn ihr ſo kurz mit ihm verfuhrt, So kurz mit euch verfuhr, euch abzukuͤrzen Um euren Kopf, auf dem ihr ſo beſtanden⸗ Bol. Mißnehmt nicht, Oheim, da, wo ihr nicht ſintet. Pork. Nehmt nicht, mein Vetter, da, wo ihr nicht ſolltet, Damit ihr nicht mißnehmt: der Himmel waltet. Bol. Ich weiß es, Oheim, und ich ſetze mich Nicht gegen ſeinen Willen.— Doch wer kommt da! (Percy tritt auf.) Willkommen, Heinrich! Wie, die Burg haͤlt Stand? perey. Die Burg iſt koͤniglich bemannt, mein Prinz⸗ Und wehrt den Eintritt. Bol. Koͤniglich? nun, ſie faßt doch keinen Koͤnig? Percy. Ja, mein beſter Herr, Wohl faßt ſie einen: Koͤnig Richard liegt In dem Bezirk von jenem Leim und Steincn, ſind mit ihm ſind der Lord Aumerle, Lord Salisbury, Sir Stephen Scroop; dann noch ein Geiſtlicher Von wuͤrd'gem Anſehn; wer, das weiß ich nicht⸗ North. Es iſt vielleicht der Biſchof von Carlisle. Bol.(zu Northumberland.) Edler Herr, Geht zu den Rippen jener alten Burg, 120 Konig Richard Aus der Trompete ſendet Hauch des Friedens In ihr zerfallnes Ohr, und meldet ſo: Heinrich Bolingbroke Kuͤßt Koͤnig Richards Hand auf beyden Knie'n, Und ſendet Lehenspflicht und aͤchte Treu Dem koͤniglichen Herrn; hieher gekommen, Zu ſeinen Fuͤßen Wehr und Macht zu legen, Vorausgeſetzt, daß Widerruf des Banns Und meine Guͤter mir bewilligt werden; Wo nicht, ſo nuͤtz' ich meine Uebermacht, Und loͤſch' den Sommerſtaub in Schauern Bluts Aus Wunden der Ekſchlagnen Engliſchen. Wie weit dieß ſonſt von Bolingbroke's Gemuͤth, Daß ſolch ein Purpurwetter ſollte traͤnken Den gruͤnen Schvoß von Koͤnig Richards Land, Soll meine Ehrfurcht demuthsvoll bezeugen. Geht, deutet ihm das an, indeß wir hier Auf dieſer Ebne Raſenteppich ziehn. (Northumberland naͤhert ſich der Burg mit einem Trompeter.) Laßt ohne drohnder Trommeln Laͤrm uns ziehn, Damit man auf der Burg verfallnen Zinnen Den bill'gen Antrag wohl vernehmen moͤge. Mich duͤnkt, ich und der Koͤnig ſollten uns So ſchreckbar treffen, wie die Elemente Von Feu'r und Waſſer, wenn ihr lauter Stoß Des Himmels wolk'ge Wangen jaͤh zerreißt. Sey er das Feu'r, ich das geſchmeid'ge Waſſer, Sein ſey die Wuth, derweil ich meine Fluten Zur Erde niederregne, nicht auf ihn. Ruͤckt vor, und merkt auf Koͤnig Richards Blick. (Aufforderung mit der Frompete, die von innen beantwor⸗ tet wird. Trompetenſtoß. Auf den Mauern erſcheinen Koͤnig Richard, der Biſchof von Carlisle, Aumerle, Servop und Salisbury. Pork. Seht, ſeht den Koͤnig Richard ſelbſt erſchei⸗ nen, ergnuͤgt, So wie die Sonn', erroͤthend, mißv Aus feurigem Portal des Oſtes tritt, Wenn ſie bemerkt, daß neid'ſche Wolken ſtreben Zu truͤben ihren Glanz, den lichten Pfad Zum Occident hinuͤber zu beflecken. Doch ſieht er wie ein Koͤnig; ſeht, ſein Auge 65 So leuchtend, wie des Adlers, ſchießt hervor Sz 4. der Zweyte. 121 Gewalt'ge Majeſtaͤt: ach, ach der Pein, Daß Harm verdunkeln ſoll ſo holden Schein! R. Rich. Wir ſind erſtaunt: ſo lange ſtanden wir, Die ſcheue Beugung eures Knie's erwartend, Weil wir fuͤr dein rechtmaßig Haupt uns hielten; Und ſind wir das, wie duͤrfen deine Glieder Der ehrerbiet'gen Pflicht vor uns vergeſſen? Sind wir es nicht, ſo zeig' uns Gottes Hand, Die uns entlaſſen der Verwalterſchaft; Wir wiſſen, keine Hand von Fleiſch und Blut Kann unſers Zepters heil'gen Griff eyfaſſen, Als durch Entweihung, Raub und Anmaßung. Und denkt ihr ſchon, daß alle, ſo wie ihr, Den Sinn verkehrt, da ſie von mir ihn kehrten, Und daß wir bloß ſind und der Freunde ledig, So wißt doch, der allmaͤcht'ge Gott, mein Herr, Haͤlt in den Wolken Muſterung von Schaaren Der Peſtilenz, uns beyzuſtehn; die werden Noch ungeborne Kinder derer treffen, Die an mein Haupt Vaſallenhaͤnd' erheben, Und meiner Krone koſtbarn Schmuck bedrohn. Sagt Bolinabroke,(dort iſt er, wie mich duͤnkt) Daß jeder Schritt, auf meinem Land gethan, Gefährlicher Verrath; er kommt, zu oͤffnen Des blut'gen Krieges purpurn Teſtament. Doch eh' die Kron“ um die er wirbt, in Frieden Die Schlaͤf' ihm deckt, ſo werden blutge Schlaͤfen Von zehentauſend Mutterſoͤhnen uͤbel Dem blühnden Antlitz Englands ſtehn, verwandeln Die Farbe ihres Maͤoͤchen⸗blaſſen Friedens In ſcharlachne Entrüſtung, und bethaun Der Auen Gras mit Englands eignem Blut. Worth. Des Himmels Heer verhuͤte, daß der Koͤnie So von unbuͤrgerlichen Le e 2 Beſtuͤrmt ſoll ſeyn! Dein dreyfach edler Vetter, Heinrich Bolingbroke, kuͤßt deine Hand in Demuth, Und ſchwoͤret bey dem ehrenwerthen Grab, Das die Gebeine deines koͤniglichen Großvaters deckt, und bey dem Fuͤrſtenadel Von euer beyden Blut, verwandten Stroͤmen, Aus einem hoͤchſterlauchten Quell entſprungen, Bey des mannhaften Gaunt begrabner Hand, Und ſeinem eignen Werth und ſeiner Ehre, 122 Konig Richard A. II. Was alle Schwuͤr' und Reden in ſich faßt: Daß er hieher kommt, hat kein weitres Ziel, Als ſeiner Ahnen Rechte, und zu bitten Befreyung ohne Zoͤgern auf den Knie'n. Haſt du die koͤniglicher Seits gewaͤhrt, So will er ſeine ſchimmerreichen Waffen Dem Roſte, die mit Stahl belegten Roſſe Den Staͤllen uͤbergeben, und ſein Herz Dem treuen Dienſte Eurer Majeſtät. Er ſchwoͤrt, ſo wahr er Prinz iſt, dieß ſey billig, Und ich, ſo wahr ich adlich, ſtimm' ihm bey. R. Rich. Northumberland, ſag', olſo ſpricht der Koͤnig: Sein edler Vetter iſt willkommen hier, Und ſeiner bill'gen Forderungen Zahl Soll ohne Widerſpruch bewilligt werden. Mit dem holdſel'gen Weſen, das du haſt, Bringt guͤt'ge Gruͤße an ſein freundlich Ohr. (Zu Aumerle.) Wir ſetzen uns herab, Vetter, nicht wahr, Daß wir ſo aͤrmlich ſehn, ſo milde ſprechen? Soll ich Northumberland noch wieder rufen, Trotz bieten dem Verraͤther, und ſo ſterben? Aum. Nein, Herr! laßt ſanfte Wort' uns Waffen ſeyn, Bis Zeit uns Freunde, dieſe Schwerter leihn⸗ R. Rich. O Gott! o Gott! daß jemals dieſe Zunge, Die der Verbannung furchtbarn Spruch gelegt Auf jenen ſtolzen Mann, ihn weg muß nehmen Mit mildem Glimpf! O, daß ich meinem Gram Doch gleich wär', oder kleiner als mein Name! Daß ich vergeſſen koͤnnte, was ich war, Oder nicht gedenken, was ich nun muß ſeyn! Schwillſt, ſtolzes Herz? Zu ſchlagen ſteh dir frey, Weil Feinden frey ſteht, dich und mich zu ſchlagen. Aum. Da kommt Northumberland vom Bolingbroke. R. Rich. Was muß der Koͤnig nun? ſich unterwerfen? Der Koͤnig wird es thun. Muß er entſetzt ſeyn? Der König giebt ſich drein. Den Namen Koͤnig Einbuͤßen 7 Nun, er geh' in Gottes Namen.— Ich gebe mein Geſchmeid fuͤr Betkorallen, Den praͤchtigen Pallaſt fuͤr eine Klauſe, Die bunte Tracht fuͤr eines Bettlers Mantel, Mein reich Geſchirr fuͤr einen holzern Becher, Sz. 4. der Zweyte. 123 Mein Zepter fuͤr'nes Pilgers Wanderſtab, Mein Volk fur ein paar ausgeſchnitzte Heil'ge, Mein weites Reich fuͤr eine kleine Gruft, Ganz kleine, kleine, unbekannte Gruft; Oder auf des Koͤnigs Heerweg ſcharrt mich ein, Wo viel Verkehr, und wo des Volkes Fuͤße Das Haupt des Fuͤrſten ſtuͤndlich treten koͤnnen; Sie treten ja mein Herz, jetzt da ich lebe: Warum nicht auch mein Haupt, wenn ich begraben? Aumerle, du weinſt, mein weichgeherzter Vetter!— Laßt ſchlechtes Wetter mit verſchmähten Thraͤnen Uns machen, ſie und unſre Seufzer ſollen Zu Boden legen alles Sommerkorn, ünd im empoͤrten Lande Theurung ſchaffen. Wie, oder ſollen wir mit unſerm Leid Muthwillen treiben, eine art'ge Wette Anſtellen mit Vergießung unſter Thraͤnen! Zum Beyſpiel ſo: auf einen Platz ſie traͤufeln, Bis ſie ein Paar von Graͤbern ausgehoͤhlt; Zur Inſchrift:„Vetter waren die Entſeelten, Die ſich ihr Grab mit eignen Augen hoͤhlten?“ Thät' nicht dieß Uebel gur?— Gut, ich ſeh ein, Ich rede thoͤricht und ihr ſpottet mein.— Erlauchter Prinz, Mylord Northumberland, Vermeidet, was ſagt Koͤnig Bolingbroke? Will Seine Majeſtaͤt Erlaubniß geben, Daß Richard lebe, bis ſein Ende da? Ihr ſcharrt den Fuß, und Bolingbroke ſagt Ja. North. Herr, er erwartet euch im niedern Hof; Waͤr's euch gefaͤllig nicht, herabzukommen? R. Rich. Herab, herab, komm' ich, wie Phaeton, Der Lenkung falſcher Maͤhren nicht gewachſen⸗ (Northumberland kehrt zum Bolingbroke zuruͤck.) Im niedern Hof? wo Koͤn'ge niedrig werden, Verraͤthern horchen, und ſich hold gebehrden. Im niedern Hof? Herab, Hof! Koͤnig, niederl Denn Eulen ſchreyn ſtatt froher Lerchen Lieder. (Alle von oben ab.) Bol. Was ſagte Seine Majeſtaͤt? Worth. Das Herzeleid Macht ihn verwirrt, wie ein Verruͤckter, reden. Jedoch iſt er gekommen. (Koͤnig Richard und ſeine Begleiter erſcheinen unten.) 124 Koͤnig Richard A. IHI. Bol. Steht beyſeit, Zeigt Ehrerbietung Seiner Majeſtaͤt. Mein gnaͤd'ger Herr,— Eknieend.) R. Rich. Mein Vetter, ihr entehrt eu'r prinzlich Knie, Da ihr die Eide ſtolz macht, es zu kuͤſſen. Ich moͤchte lieber eure Lieb' empfinden, Als unerfreut eu'r hoͤflich Werben ſehn. Auf, Vetter! auf! So hoch zum mindſten ſteigt, (Indem er ſein eignes Haupt beruͤhrt.) Weiß ich, cur Herz, wie auch das Knie ſich beugt. Bol. Mein gnaͤd'ger Herr, ich will nur, was mein eigen. R. Rich. Eu'r Eigenthum iſt eu'r, und ich und alles. Bol. So weit ſeyd mein, erhabner Fuͤrſt, als ich Durch Dienſte eure Liebe kann verdienen⸗ R. Rich. Ja wohl verdient ihr— der verdient zu haben Der kuͤhn und ſicher zu erlangen weiß.— Oheim, gebt mir die Hand! Nein, keine Zaͤhren, Die Liebe zeigen, aber Troſt entbehren.— Vetter, ich bin zu jung zu eurem Vater, Doch ihr ſeyd alt genug zu meinem Erben. Was ihr verlangt, das geb' ich euch, und willig; Denn der Gewalt ergeben wir uns billig. Nach London gehn wir: ſoll es nicht ſo ſeyhn? Bol. Ja, beſter Herr. R. Rich. Ich darf nicht ſagen, nein. (Trompetenſtoß. Alle ab.) Fuͤnfte Szene. Langley. Garten des Herzogs von York. (Die Koͤnigin und zwey Fraͤulein treten auf.) Rön. Welch Spiel erſinnen wir in dieſem Garten, Der Sorge truͤbes Sinnen zu verſcheuchen? . Fräuf. Wir wollen Kugeln auf dem Raſen rollen. Ron. Da werd' ich denken, daß die Welt voll Anſtoß, Und daß mein Gluͤck dem Hang entgegen rollt.; 1. Fräul. Wir wollen tanzen, gnaͤd'ge Frau. Ron. Mein Fuß kann nicht zur Luſt ein Zeitmaß halten, Indeß mein Herz kein Maß im Grame hält. Drum, Madchen, keinen Tanz, ein ander Spiel! r. Fräul. So wollen wir Geſchichten euch erzaͤhlen. Sz. 5. der Zweyte. 125 kön. Von Freude oder Leid? 1. Fräul. Von beydem, gnaͤd'ge Frau. Rön. Von keinem, Mädchen. Denn wäͤr's von Freude, welche ganz mir fehlt, So wuͤrd' es mich ſo ſehr an Sorg' erinnern; Und wär's von Kummer, welcher ganz mich druͤckt, So mehrt's mit Leid noch meinen Freudenmangel. Ich darf nicht wiederholen, was ich habe, Es hilft nicht zu beklagen, was mir fehlt. 1. Fräul. So will ich ſingen. Ron. Gut, wenn du es magſt, Doch du gefallſt mir beſſer, wenn du weinſt. 1. Fräul. Ich koͤnnte weinen, wenn es euch was huͤlfe. kön. Ich koͤnnte weinen, wenn es mir was huͤlfe, Und dürftè keine Thrane von dir leihn. Doch ſtill! die Gaͤrtner kommen dort: Laßt uns in dieſer Baͤume Schatten treten. (Ein Gaärtner kommt mit zwey Geſellen.) Mein Elend wett' ich um ein Dutzend Nadeln, Daß ſie vom Staat ſich unterhalten werden. Vor einem Wechſel thut das jedermann, Dem Ungluͤck geht Bekuͤmmerniß voran. (Die Koͤnigin und ihr Fraͤulein treten zuruͤck.) Gärt. Geh, binde du die ſchwanken Aprikoſen, Die, widerſpaͤnſt'gen Kindern gleich, den Vater Mit ihrer üpp'gen Buͤrde niederdruͤcken; Gieb eine Stutze den gebognen Zweigen. Geh du, und hau' als Diener des Gerichts Zu ſchnell gewachſ'ner Sproſſen Haͤupter ab, Die allzu hoch ſtehn im gemeinen Weſen: In unſerm Staat muß alles eben ſeyn.— Nehmt ihr das vor, ich geh' und jat' indeß Das Unkraut aus, das den geſunden Blumen Die Kraft des Bodens ohne Nutzen wegſaugt. 1. Geſ. Was ſollen wir, im umfang eines Zauns, Geſetz und Form und recht Verhaͤltniß halten, Als Vorbild zeigend unſern feſten Staat? Da unſer Land, der See⸗ umzaͤunte Garten, Voll Unkraut iſt; erſtickt die ſchoͤnſten Blumen, Die Fruchtbaͤum' unbeſchnitten, duͤrr die Hecken, Verwühlt die Beet', und die geſunden Kraͤuter Von Ungeziefer wimmelnd. 54 125 Konig Richard A. II. Sp5. Gärt. Schweige ſtill! Der dieſen ausgelaßnen Fruͤhling litt, Hat ſelbſt nunmehr der Blaͤtter Fall erlebt. Das Unkraut, das ſein breites Laub beſchirmte, Das, da es ihn verzehrt', ihn ſchien zu ſtuͤtzen, Iſt ausgerauft, vertilgt vom Bolingbroke; Der Graf von Wiltſhire meyn' ich, Buſhy, Green. r. Geſ. Wie? ſind ſie todt? Gärt. Ja wohl, und Bolingbroke Hat unſers uͤpp'gen Koͤnigs ſich bemeiſtert. OH, welch ein Jammer iſt es, daß er nicht Sein Land ſo eingerichtet und gepflegt, Wie wir den Garten!— Um die Jahreszeit Verwunden wir des Fruchtbaums Haut, die Rinde, Daß er nicht uͤberſtolz vor Saft und Blut Mit ſeinem eignen Reichthum ſich verzehre. Haͤtt' er erhoͤhten Großen das gethan, So konnten ſie des Dienſtes Frucht noch bringen, Und er ſie koſten. Ueberfluͤß'ge Aeſte Haun wir hinweg, damit der Fruchtzweig lebe. That er's, ſo konnt' er ſelbſt die Krone tragen, Die eitler Zeitverderb nun ganz zerſchlagen. 1. Geſ. Wie? denkt ihr denn, der Koͤnig werd' entſett? Gärt. Beſett hat man bereits ihn, und entſetzt Wird er vermuthlich. Briefe ſind gekommen Verwichne Nacht an einen nahen Freund Des guten Herzogs York, voll ſchwarzer Zeitung. Ron. O, ich bin todt gedruͤckt, mach' ich mir nicht Mit Reden Luft!—(Sie kommt hervor.) Du, Adams Ebenbild, Geſetzt zum Pfleger dieſes Gartens, ſprich, Wie darf mir deine harte, rauhe Zunge Die unwillkommne Neuigkeit verkuͤnden? Welch eine Schlang' und Eva gab dir ein Den zweyten Fall des fluchbeladnen Menſchen? Was ſagſt du, König Richard ſey entſetzt? Darfſt du, ein wenig beßres Ding, als Erde, Errathen ſeinen Sturz! Wo, wann und wie Kam dieſe Nachricht dir? Elender ſprich! Gärt. Verzeiht mir, gnaͤd'ge Frau: es freut mich wenig, Zu melden dieß, doch was ich ſag', iſt wahr. Der Koͤnig Richard iſt in Bolingbroke's A. IV. Sz. 1. der Zweyte. 17 Gewalt'ger Hand; gewogen wird ihr Gluͤck: In eures Gatten Schaal' iſt nichts, als er, Und Eitelkeiten, die ihn leichter machen; Doch in der Schaal' des großen Bolingbroke Sind, außer ihm, die Pairs von England alle, Und mit dem Vortheil wiegt er Richard auf. Reiſ't nur nach London, und erfahrt: ſo ſey's; Ich ſage nichts, was nicht ein jeder weiß. Ron. Behendes Mißgeſchick, ſo leicht von Fuͤßen! Geht deine Botſchaft mich nicht an, und ich Muß ſie zuletzt erfahren! O du willſt Zuletzt mir nahn, daß ich dein Leid am laͤngſten Im Buſen trage.— Fraͤuleins, kommt! wir gehn, Zu London Londons Fuͤrſt in Noth zu ſehn. War ich dazu beſtimmt? mit truͤben Blicken Des großen Bolingbroke Triumph zu ſchmuͤcken? Gaͤrtner, weil du berichtet dieſes Weh, Gedeih' kein Baum dir, den du impfeſt, je. (Koͤnigin und die Fraͤulein abe) Gärt. Ach, arme Fuͤrſtin! geht's nur dir nicht ſchlimmer, So treffe mein Gewerb' der Fluch nur immcr. Hier fiel ihr eine Thraͤn“, wo die gethaut, a ſetz' ich Raute, bittres Weihekraut. Reumuͤthig wird die Raute bald erſcheinen, Und Thränen einer Koͤnigin beweinen.(Ab.) Vierter Aufzug⸗ Sr ſte Szene Weſtminſter⸗Halle⸗ 2 (Die geiſtlichen Lords zur Rechten des Throns, die weltlichen Lords zur Linken, die Gemeinen unterhalb⸗ Bolingbroke, Aumerle, Surrey, Northumberland, Percy, Fitzwater, ein andrer Lord, Biſchof von Carlisle, Abt von Weſtminſter und Gefolge. Im Hintergrunde Gerichtsbediente mit Bagot. Bol. Ruft Bagot vor.— Nun, Bagot, rede frey heraus, Was du vom Tod des edien Gloſter weißt⸗ Wer trieb den Koͤnig an, und wer vollbrachte Den blut'gen Dienſt zu ſeinem fruͤhen Ende? 128 Koͤnig Richard A. IV. Bagot. So ſtellt mir vor's Geſicht den Lord Aumerlc. Bol. Vetter, kommt wvor, und ſchaut auf dieſen Mann. Bagot. Mylord Aumerle, ich weiß, eu'r kuͤhner Mund Verſchmäht zu laͤugnen, was er einſt erklaͤrt. Zur ſtillen Zeit, da Gloſters Tod im Werk, Hoͤrt ich euch ſagen:„Iſt mein Arm nicht lang, Der von dem ruh'gen Hofe Englands reicht Bis nach Calais zu meines Oheims Haupt?“ Zur ſelben Zeit, nebſt vielen andern Reden, Hoͤrt' ich euch ſagen, daß ihr nicht dafuͤr An hunderttauſend Kronen nehmen wolltet, Daß Bolingbroke nach England wiederkaͤme. Auch ruͤhmtet ihr, wie glucklich fuͤr dieß Land Seyn würde dieſes eures Vetters Tod. Aum. Prinzen und edle Herrn, Wie ſoll ich dieſem ſchlechten Mann erwiedern? Soll ich ſo ſehr entehren mein Geſtirn, Auf gleichen Fuß ihm Zuͤchtigung zu geben? Ich muß entieder, oder meine Ehre Bleibt mir befleckt vom Leumund ſeiner Lippen.— Da liegt mein Pfand, des Todes Handpetſchier, Das zeichnet dich zur Hoͤll; ich ſag', du luͤgſt, Und will behaupten, was du ſagſt, ſey falſch, In deinem Herzblut, iſt es ſchon zu ſchlecht, Der ritterlichen Klinge Stahl zu truͤben. Bol. Bagot, halt' ein, du ſollſt das Pfand nicht nehmen. Aum. Auf Einen nach, wollt' ich, der waͤr' der erſte In dieſem Kreiſe, der mich ſo gereizt. Fitzw. Wofern dein Muth auf Gleichheit denn beſteht, Da liegt mein Pfand, Aumerle, zum Pfand fuͤr deins. Beym Strahl der Sonne, welcher dich mir zeigt, Ich hoͤrt' dich ſagen, und du ſprachſt es ruͤhmend, Du habſt des edlen Gloſters Tod bewirkt. Wenn du es laͤugneſt, luͤgſt du zwanzigmal, Und deine Falſchheit kehr' ich in dein Herz, Das ſie erſann, mit meines Degens Spitze. Aum. Du wagſt den Tag nicht zu erleben, Feiger. Fitzw. Bey Gott, ich wollt' es waͤr noch dieſe Stunde. Aum. Fitzwater, dieß verdammt zur Hoͤlle dich. perey. Du luͤgſt, Aumerle; ſo rein iſt ſeine Ehre In dieſer Klage, wie du ſchuldig biſt; Sz. 1. der Zweyte. 129 Und daß du's biſt, werf' ich mein Pfand hier hin, Und will's bis zu des Lebens letztem Hauch An dir beweiſen: nimm es, wenn du darfſt. Aum. Und thu' ich's nicht, ſo faule meine Hand, Und ſchwinge nie den raͤcheriſchen Stahl Auf meines Feindes hellgeſchliffnen H Ein Lord. Zu gleichem Werk' biet' ich die Erde auf, Meineidiger Aumerle, und ſporne dich Mit ſo viel Luͤgen, als man nur von Sonne Zu Sonn' in das verrätheriſche Ohr Dir donnern kann; hier iſt mein Ehrenpfand, Bewahr' es auf den Zweykampf, wenn du darfſt. Aum. Wer fordert noch! Bey Gott, ich trotze allen! In Einem Buſen hab' ich tauſend Geiſter, Um zwanzigtauſenden, wie euch, zu ſtehn. Sur. Mylord Fitzwater, wohl erinnr' ich mich Derſelben Zeit, da mit Aumerle ihr ſpracht. Fitzw. Ganz recht, ihr wart auch damals gegenwaͤrtig, Und ihr koͤnnt mit mir zeugen, dieß ſey wahr. Sur. So falſch, bey Gott, als Gott die Wahrheit iſt. Fitzw. Surrey, du luͤgſt. 3. Sur. Du ehrvergeßner Knabe! Schwer ſoll die Luͤg' auf meinem Schwerte liegen, Das es vergelten, raͤchen ſoll, bis du, Der Luͤgenſtrafer, ſammt der Luͤge, ſtill Im Boden liegſt, wie deines Vaters Schädel. Deß zum Beweiß iſt hier mein Ehrenpfand, Bewahr' es auf den Zweykaimpf, wenn du darfſt. Fitzw. Wie thoͤricht ſpornſt du doch ein raſches Pferd! Darf ich nur eſſen, trinken, athmen, leben⸗ So darf ich Surrey in der Wuſte treffen, Und auf ihn ſpeyn, indem ich ſag“, er luͤgt, Und lugt und lugt; hier iſt mein Band der Treu, An meine mächt'ge Strafe dich zu feſſeln.— So geh' mir's wohl in dieſer neuen Welt, Aumerie iſt meiner wahren Klage ſchuldig. Auch hört' ich den verbannten Norfolk ſagen, 6 Daß du, Aumerle, zwey deiner Leute ſandteſt, Den edlen Herzog von Calais zu morden. 1it Aum. Vertrau' ein wackrer Chriſt mir doch ein Pfand, Daß Norfolk lüͤgt: hier werf' ich nieder dieß, Wenn er heimkehren darf zur Ehrenprobe. 130 Koͤnig Richard. A. IV. Bol. All dieſe Zwiſte bleiben unterm Pfand, Bis Norfolk heimberufen; denn das wird er, Und, ob er ſchon mein Feind iſt, hergeſtellt In ſeine Land' und Herrlichkeiten; iſt er da, So geh' ſein Zweykampf vor ſich mit Aumerle. Carl. Nie werden wir den Tag der Ehre ſehn. Gar manches Mal focht der verbannte Norfolk Fuͤr Jeſus Chriſtus, im glorreichen Feld Des Kreuzes chriſtliches Panier entrollend Auf ſchwarze Heiden, Tuͤrken, Sarazenen. Und matt von Kriegeswerken, zog er ſich Zuruͤck nach Welſchland: gab da zu Venedig Des ſchoͤnen Landes Boden ſeinen Leib, Die reine Seele ſeinem Hauptmann Chriſtus, Deß Fahnen er ſo lang' im Kampf gefolgt. Bol. Wie, Biſchof? iſt Norfolk todt? Carl. So wahr ich lebe, Herr. Bol. Geleite ſuͤßer Friede ſeine Seele Zum Schooß des guten alten Abraham! Ihr Herren Klaͤger, eure Zwiſte ſollen All' unterm Pfande bleiben, bis wir euch Auf euren Tag des Zweykampfs herbeſcheiden. Gork tritt auf mit Gefolge.) Pork. Ich komme, großer Lancaſter, zu dir Vom zierberaubten Richard, der dich willig Zum Erben nimmt, und giebt das hohe Zepter In deiner koͤniglichen Hand Beſitz. Beſteig' den Thron, dazu berechtigt nun: Lang lebe Heinrich, vierter dieſes Namens! Bol. In Gottes Namen, ich beſteig' den Thron. Carl. Ey, das verhuͤte Gott! Schlecht red' ich vor ſo hoher Gegenwart, Doch ziemt es mir am beſten, wahr zu reden. O wollte Gott, in dieſem edlen Kreis Waͤr' einer edel genug, gerecht zu richten Den edlen Richard: aͤchter Adel wuͤrde Von ſolchem Frevel ihn Enthaltung lehren. Kann je ein Unterthan den Koͤnig richten? Und wer iſt hier nicht Richards Unterthan? Man richtet Diebe nur, wenn ſie dabeh, Sieht man gleich offenbare Schuld an ihnen; Und ſoll das Bild von Gottes Majeſtaͤt, Sz. 1. der Zweyte. 131 Sein Hauptmann, Stellvertreter, Abgeſandter, Geſalbt, gekroͤnt, gepflanzt ſeit ſo viel Jahren, Durch Unterthanen⸗Wort gerichtet werden, Und er nicht gegenwaͤrtig? O, verhuͤt' es Gott, Daß feine Seelen in der Chriſtenheit So ſchwarze ſchnoͤde That veruͤben ſollten! Ich red', ein Unterthan, zu Unterthanen, Vom Himmel kuͤhn etweckt fuͤr meinen Koͤnig. Der Herr von Hereford, den ihr Koͤnig nennt, Verraͤth des ſtolzen Herefords Koͤnig ſchaͤndlich, Und, kroͤnt ihr ihn, ſo laßt mich prophezeyn:— Das Blut der Buͤrger wird den Boden duͤngen, Und ferne Zukunft ſtoͤhnen um den Greul. Der Friede wird bey Tuͤrk' und Heiden ſchlummern, Und hier im Sitz des Friedens wilder Krieg Mit Blute Blut, und Stamm mit Stamm verwirren⸗ Zerruͤttung, Grauſen, Furcht und Meuterey Wird wohnen hier, und heißen wird dieß Land Das Feld von Golgatha und Schädelſtaͤtte. O, richtet ihr dieß Haus auf dieſes Haus, Es wird die klaͤglichſte Entzweyung ſeyn, Die je auf die verfluchte Erde fiel: Verhuͤtet, hemmt ſie, laßt es nicht ſo ſeyn, Daß Kind und Kindeskind Weh uͤber euch nicht ſchreyn. Korth. Ihr rechtet buͤndig, Herr, und fuͤr die Muͤh Verhaften wir euch hier um Hochverrath.— Herr Abt von Weſtminſter, ſorgt ihr dafuͤr, Ihn zum Gerichtstag ſicher zu bewahren.— Bewäͤhrt ihr, Lords, die Bitte der Gemeinen? Bol. Holt Richard her, daß er vor aller Augen Sein Reich abtrete; ſo verfahren wir Frey von Verdacht. Nork. Ich will ſein Fuͤhrer ſeyn. Gb.) Bol. Ihr Lords, die ihr gerichtlich unter Haft, Stellt eure Buͤrgſchaft auf den Tag des Urtheils. (Su Carlisle.) Gar wenig ſind wir eurer Liebe ſchuldig, Und wenig Gut's verſahn wir uns zu euch. York kommt zuruͤck mit Koͤnig Richard und Beamten, welche die Reichskleinodien tragen.) R. Rich. Ach, warum ruft man mich vor einen Koͤnig, Eh ich des Fuͤrſtenſinns mich abgethan, 132 Koͤnig Richard A. IV Womit ich herrſchte? Kaum hab' ich gelernt Zu ſchmeicheln, mich zu ſchmiegen, Knie zu beugen; Laßt Leid noch eine Weile mich erziehn Zur Unterwerfung. Dieſer Maͤnner Zuge Sind wohl im Sinne mir: waren ſie nicht mein? Und riefen ſie nicht manchmal: Heil! mir zu? Das that auch Judas Chriſto: aber der Fand in der Zahl von zwoͤlfen alle treu, Auf Einen nach; ich von zwoͤlftauſend keinen. Gott ſchuͤtz' den Koͤnig!— Sagt hier niemand Amen? Bin ich ſo Pfaff, als Kuͤſter? Gut denn, Amen! Gott ſchutz den Koͤnig! wenn ich's gleich nicht bin; Und Amen! doch, bin ich's nach Gottes Sinn.— Zu welchem Dienſte bin ich hergeholt? Pork. Zu einer Handlung eignen freyen Willens, So muͤde Majeſtät dich hieß erbieten: Die Uebergebung deiner Kron“' und Macht An Heinrich Bolingbroke. R. Rich. Gebt mir die Kron',— hier, Vetter, greif 516 die Krone, An dieſer Seite meine Hand, die deine dort. Nun iſt die goldne Kron' ein tiefer Brunn Mit zweyen Eimern, die einander fuͤllen; Der leere immer tanzend in der Luft, Der andre unten, ungeſehn, voll Waſſer; Der Eimer unten, thränenvoll, bin ich; Mein Leiden trink' ich, und erhoͤhe dich. Bol. Ich glaubt', ihr waͤrt gewillt, euch zu entkleiden? R. Kich. Der Krone, ja; doch mein ſind meine Leiden. Nehmt meine Herrlichkeit und meine Wuͤrde hin, Die Leiden nicht, wovon ich Koͤnig bin. Bol. Ihr gebt mir mit der Kron' ein Theil derSorgen. R. Rich. Durch eure Sorg' iſt meine nicht geborgen. Die mein iſt, daß mir alte Sorg' entronnen, Die eure, daß ihr neue habt gewonnen. Die Sorge, die ich gebe, hab' ich noch: Sie folgt der Kron' und bleibet bey mir doch. Bol. Seyd ihr gewillt, die Krone abzutreten? R. Rich. Ja, nein;— nein, ja; mein Will' iſt nicht i mehr mein, So gilt mein Nein ja nicht, Ja muß es ſeyn. Merkt auf, wie ich mich nun vernichten will! Sz. 1. der Zweyte. 133 Die ſchwere Laſt geb' ich von meinem Haupt, Das unbeholfne Zepter aus der Hand, Den Stolz der Herrſchaft aus dem Herzen weg. Mit eignen Thraͤnen waſch' ich ab den Balſam, Mit eignen Händen geb' ich weg die Krone, Mit eignem Mund laͤugn' ich mein heil'ges Recht, Mit eignem Odem loͤſ' ich Pflicht und Eid. Ab ſchwör' ich alle Pracht und Majeſtaͤt, Ich gebe Guͤter, Zins und Renten auf, Verordnungen und Schlüͤſſen ſag' ich ab. Verzeih' Gott jeden Schwur, ſo mir gebrochen! Bewahr' Gott jeden Eid, ſo dir geſprochen! Mich, der nichts hat, mach' er um nichts betruͤbt; Dich freue alles, dem er alles giebt. Lang lebe du, auf Richards Sitz zu thronen; Und bald mag Richard in der Grube wohnen. Gott ſchuͤtze König Heinrich! alſo ſpricht Entfurſtet Richard, geb' ihm Heil und Licht!— Was iſt noch uͤbrig? North.(uͤberreicht ihm ein Papier.) Nichts, als daß ihr hier Die Anklagspunkte leſ't und die Verbrechen, Die ihr durch eure Diener, oder in Perſon Begangen wider dieſes Landes Wohl; Daß, wenn ihr ſie bekennt, der Menſchen Seelen Ermeſſen, ihr ſey't wuͤrdiglich entſetzt. R. Rich. Muß ich das thun? entſtricken das Gewebe Verworrner Thorheit! Lieber Northumberland, Wenn deine Fehler aufgezeichnet ſtaͤnden, Wuͤrd' es dich nicht beſchaͤmen, ſo vor Leuten Die Vorleſung zu halten! Wollteſt du's, Da wuͤrdſt du finden einen boͤſen Punkt, Enthaltend eines Koͤnigs Abſetzung, Und Bruch der mächtigen Gewaͤhr des Eids, Schwarz angemerkt, verdammt im Buch des Himmels. Ihr alle, die ihr ſteht und auf mich ſchaut, Weil mich mein Elend hetzt, wiewohl zum Theil Ihr wie Pilatus eure Haͤnde waſcht, Und aͤußres Mitleid zeigt: doch, ihr Pilate, Habt ihr mich meinem Kreuz hier uberliefert, Und Waſſer waͤſcht die Suͤnde nicht von euch. worth. Herr, macht ein Ende, leſet die Artikel. R. Rich. Ich kann nicht ſehn, die Augen ſind voll Thraͤnen, 134 Koͤnig Richard A. IV. Doch blendet ſie Salzwaſſer nicht ſo ſehr, Daß ſie nicht hier'ne Schaar Verraͤther ſaͤhn. Ja, wend' ich meine Augen auf mich ſelbſt, So find' ich mich Verräther, wie die Andern. Denn meine Seele hat hier eingewilligt, Den Schmuck von eines Konigs Leib zu ſtreifen; Zu machen Hoheit niedrig, Herrſchaft ſklaviſch,. Dienend die Majeſtaͤt, zum Knecht die Wuͤrde. North. Herr,— R. Rich. Kein Herr von dir, du Stolzer, der mich hoͤhnt, Poch jemands Herr; ich habe keinen Namen Noch Titel, ja bis auf den Namen ſelbſt, Der an dem Taufſtein mir gegeben ward, Der recht mir zukaͤm'; o, der ſchlimmen Zeit, Daß ich ſo viele Winter durchgelebt, Und nun nicht weiß, wie ich mich nennen ſoll! Waͤr' ich ein Poſſenkönig doch aus Schnee, Und ſtuͤnde vor der Sonne Bolingbroke's, Um mich in Waſſertropfen wegzuſchmelzen! Du guter Koͤnig! hoher Koͤnig!— Doch Nicht hoͤchlich gut,— gilt noch mein Wort in England, So laß es ſtracks herſchaffen einen Spiegel, Daß er mir zeige, welch Geſicht ich habe, Seit es verarmt an ſeiner Majeſtät. Bol. Geh wer von euch, und hole einen Spiegel. (Einer aus dem Gefolge ab.) Worth. Leſ't dieß Papier, derweil der Spiegel koͤmmt. R. Rich. Du plagſt mich, boͤſer Feind, noch vor der Hoͤlle. Bol. Draͤngt ihn nicht weiter, Lord Northumberland. worth. So werden die Gemeinen nicht befriedigt. R. Rich. Ja doch, ſie ſollen werden: leſen will ich Genug, wenn ich das rechte Buch erſt ſehe, Wo meine Suͤnden ſtehn, und das— bin ich. (Der Bediente kommt zuruͤck mit einem Spiegel.) Gieb mir den Spiegel, darin will ich leſen.— Noch keine tiefern Runzeln? hat der Gram So manchen Streich auf mein Geſicht gefuͤhrt, Und tiefer nicht verwundet? Schmeichelnd Glas, Wie die Genoſſen meines guͤnſt'gen Glucks Bethoͤrſt du mich!— War dieſes das Geſicht, Das taglich unter ſeines Hauſes Dach Zehntauſend Menſchen hielt? Dieß das Geſicht, Sz. 1. der Zweyte. 135 Das, wie die Sonne, Augen blinzen machte? Dieß das Geſicht, das ſo viel Thorheit ſah⸗ Bis endlich Bolingbroke es uͤberſehn? Hinfaͤll'ger Glanz erleuchtet dieß Geſicht, Hinfaͤllig wie der Glanz iſt das Geſicht,— (Er ſchmeißt den Spiegel gegen den Boden.) Da liegt's, zerſchmettert in viel hundert Scherben! Merk, ſchweigender Monarch, des Spiegels Lehre, Wie bald mein Kummer mein Geſicht zerſtort. Bol. Der Schatten eures Kummers hat zerſtoͤrt Den Schatten des Geſichts. R. Rich. Sag das noch'mal. Der Schatten meines Kummers! Ha! laß ſehn: Es iſt ſehr wahr, mein Gram wohnt innen ganz, Und dieſe aͤußern Weiſen der Betruͤbniß Sind Schatten bloß vom ungeſehnen Gram, Der ſchweigend in gequaͤlter Seele ſchwillt. Da liegt ſein Weſen; und ich dank' dir, Koͤnig, Fuͤr deine große Guͤte, die nicht bloß Mir Grund zum Klagen giebt, nein, auch mich lehrt, Wie dieſen Grund bejammern. Eins nur bitt' ich, Dann will ich gehn, und euch nicht weiter ſtoͤren. Soll ich's erlangen? Bol. Nennt es, wackrer Vetter. R. Rich. Wackrer Vetter! Ja, ich bin mehr, als Koͤnig, Denn, da ich Koͤnig, waren meine Schmeichler Rur Unterthanen; jetzt, ein Unterthan, Hab' ich zum Schmeichler einen Koͤnig hier. Da ich ſo groß bin, brauch' ich nicht zu bitten. Bol. So fordert doch. R. Rich. Soll ich es haben? Bol. Ja. R. Rich. Erlaubt mir denn zu gehn. Bol. Wohin? R. Rich. Gleichviel wohin, muß ich nur euch nicht ſehn. Bol. Gehn eurer ein'ge, nehmt ihn mit zum Thurm. R. Rich. Mitnehmen? gut! Mitnehmer ſeyd ihr alle, Die ihr ſo ſteigt bey eines Koͤnigs Falle. 5 (Koͤnig Richard, einige Lords und Wache ab.) 136 Koͤnig Richard A. IV. Bol. Auf naͤchſten Mittwoch ſetzen wir die Feyer Der Kroͤnung an: ihr Lords, bereitet euch. (Alle ab, außer dem Abt, dem Biſchof von Carlisle und Aumerle.) Abt. Ein klaͤglich Schauſpiel haben wir geſehn. Larl. Die Klage kommt erſt: die noch Ungebornen Wird dieſer Tag einſt ſtechen, ſcharf wie Dornen. Aum. Ehrwuͤrd'ge Herren, wißt ihr keinen Plan, Wie dieſe Schmach des Reichs wird abgethan? Abt. Eh' ich hierüber rede frey heraus, Sollt ihr das Sakrament nicht bloß empfangen, Zu hehlen meine Zwecke, ſondern auch, Was ich nur mag erſinnen, zu vollbringen. Ich ſeh' voll Mißvergnuͤgen eure Stirn, Eur Herz voll Gram, eur Auge voller Thränen, Kommt mit zur Abendmahlzeit, und ich ſage Euch einen Plan, der ſchafft uns frohe Tage.(ab.) ey London. Eine Straße, die zum Thurm füͤhrt. (Die Koͤnigin und ihre Fraͤulein treten auf.) ön. Pier kommt der Koͤnig her, dieß iſt der Weg Zu Julins Caͤſars mißerbautem Thurm, In deſſen Kieſelbuſen mein Gemahl Gekerkert wird vom ſtolzen Bolingbroke. Hier laßt uns ruhn, wenn dieß empoͤrte Land Ruh hat fuͤr ſeines ächten Koͤnigs Weib. Goͤnig Richard tritt auf mit der Wache.) Doch ſtill, doch ſeht,— nein, lieber ſehet nicht Verwelken meine Roſe; doch ſchaut auf! Seht hin! daß ihr vor Mitieid ſchmelzt in Thau, Und friſch ihn wieder waſcht mit Liebesthraͤnen. Ah du, das Denkmal, wo einſt Troja ſtand! Der Ehre Muſter! Koͤnig Richards Grab! Nicht Koͤnig Richard! Schoͤnſter Gaſthof du, Warum beherbergſt du den finſtern Gram, Indeß Triumph zum Bierhaus⸗Gaſt geworden? R. Rich. Vereine nicht mit Gram dich, holdes Weib, Zu meinem ſchnellen Ende; thu' es nicht! Lern“, gute Seele, unſern vor'gen Stand 2 Sz. 2. der Zweyte. 137 Wie einen frohen Traum dir vorzuſtellen. Davon erwacht, zeigt uns nur dieß die Warheit Deß, was wir ſind; ich bin geſchworner Bruder Der grimmen Noth, Geliebte; ſie und ich Sind bis zum Tod verbuͤndet. Eil⸗ nach Frankreich, Und da verſchließ dich in ein geiſtlich Haus. Denn Heiligkeit gewinnt die Kron' im Himmel, Die hier zerſchlagen eitles Weltgetuͤmmel. Ron. Wiel iſt mein Richard an Geſtalt und Sinn Verwandelt und geſchwächt! hat Bolingbroke Dir den Verſtand entſetzt? iſt dir in's Herz gedrungen? Der Löwe ſtreckt die Klaue ſterbend aus, Zerreißt noch, wenn ſonſt nichts, die Erd' aus Wuth⸗ Daß er beſiegt iſt: und du willſt, wie Kinder, Die Strafe mild empfahn, die Ruthe kuͤſſen, Und kriechen vor der Wuth mit ſchnöder Demuth, Da du ein Loͤw' biſt und der Thiere Furſt? R. Rich. Der Thiere Fuͤrſt, ja! waͤren ſie was beſſers, So wär' ich noch ein froher Fuͤrſt der Menſchen. Doch gute, weiland Koͤnigin, bereite Rach Frankreich dich zu gehn: denk' ich ſey todt, Und daß du, wie an meinem Todtbett, hier Mein ſcheidend letztes Lebewohl empfangſt. In langen Winternaͤchten ſitz' am Feuer Bey guten alten Leuten, laß ſie dir Geſchichten von bedraͤngten Zeiten ſagen, Vorlaͤngſt begegnet; und eh gute Nacht Du bieteſt, ihren Jammer zu erwiedern, Erzaͤhl' du meinen klagenswerthen Fall, Und ſchick' die Hoͤrer weinend in ihr Bett. Ja, die fuͤhlloſen Braͤnde werden ſtimmen Zum dumpfen Tone der betruͤbten Zunge; Sie weinen mitleidsvoll das Feuer aus,— Und trauren theils in Aſche, theils kohlſchwarz, Um die Entſetzung eines aͤchten Koͤnigs. (Northumberland und Andre kommen.) North. Herr, Bolingbroke hat ſeinen Sinn geaͤndert, Ihr muͤßt nach Pomfret nun, nicht in den Thurm. Fär euch iſt auch Befehl da, gnaͤd'ge Frau, Ihr muͤßt in aller Eil nach Frankreich fort. R. Rich. Northumberland, du Leiter, mittelſt deren Der kuͤhne Bolingbroke den Thron beſteigt, Die Zeit wird nicht viel Stunden aͤlter ſeyn, 138 Koͤnig Richard„A. IV. Sz. 2. Als ſie nun iſt, eh' arge Suͤnde, reifend, Ausbrechen wird in Faͤulniß; du wirſt denken, Wenn er das Reich auch theilt und halb dir giebt, Zu wenig ſey's, da du ihm alles ſchaffteſt; Und er wird denken, du, der Wege weiß, Um unrechtmaͤß'ge Koͤnige zu pflanzen, Wirſt Wege wiſſen, bey dem kleinſten Reiz Ihn von dem angemaßten Thron zu ſtuͤrzen. Die Liebe boͤſer Feinde wird zur Furcht, Die Furcht zum Haß, und einem oder beyden Bringt Haß Gefahren und verdienten Tod. Worth. Die Schuld anf meinen Kopf, und damit aus! Nehmt Abſchied, trennt euch, denn das muͤſit ihr gleich. R. Rich. Doppelt geſchieden?— Frevler, ihr verletzt Zwiefache Ehe: zwiſchen meiner Krone Und mir, und zwiſchen mir und meinem Weib.— Laß mich den Eid entkuͤſſen zwiſchen uns: Doch nein, es hat ein Kuß ihn ja bekraͤftigt.— Trenn' uns, Northumberland? ich hin zum Norden, Wo kalter Schau't und Siechthum druͤckt die Luft; Mein Weib nach Frankreich, von woher in Pomp Sie ankam, wie der holde May geſchmuͤckt, Gleich einem Wintertag nun heimgeſchickt. Rön. So ſcheiden muͤſſen wir? uns ewig miſſen? B. Rich. Ja, Hand von Hand, und Herz von Herz geriſſen. Rön. Verbannt uns beyd', und ſchickt mit mir den Koͤnig. North. Das waͤre Liebe, doch von Klugheit wenig. Rön. Wohin er geht, erlaubt denn, daß ich geh. R. Rich. So zwey, zuſammen weinend, ſind Ein Weh. Wein dort um mich, hier wird um dich geweint; Beſſer weit weg, als nah, doch nie vereint. Zaͤhl' deinen Weg mit Seufzern, ich mit Stoͤhnen. Bön. So wird der laͤngre Weg das Weh mehr dehnen. R. Rich. Bey jedem Tritt will ich denn zweymal ſtoͤhnen, Den kurzen Weg verlaͤngre truͤbes Sehnen. Komm, laß nur raſch uns werben um das Leid; Vermaͤhlt mit uns, bleibt es uns lange Zeit. Ein Kuß verſchließe unſrer Lippen Schmerz: So nehm' ich deins, und gebe ſo mein Herz. (Er kuͤßt ſie.) So manches gier'ge Aug von jung und alt A. V. Sz. 1. der Sweyte. 139 Rön.(kußt ihn wieder.) Gieb mein's zuruͤck, es waͤr' ein arger Scherz, Bewahrt' ich erſt, und toͤdtete dein Herz. Run gehl da du mir meins zuruͤckgegeben, Will ich mit Stoͤhnen es zu brechen ſtreben. R. Rich. Dieß Zoͤgern macht das Weh nur ausgelaſſen. Leb wohl! das andre mas dein Kummer faſſen. (Alle ab.) Fünfter Aufzug⸗ Erſte Szene. London. Ein Zimmer im Palaſte des Herzogs von York. (York und die Herzogin von York treten auf.) erz. Ihr wolltet, mein Gemahl, den Reſt erzaͤhlen, Als ihr vor Weinen die Geſchichte abbracht, Von unſrer Vetter Einzug hier in London. Nork. Wo blieb ich ſtehn? werz. Bey der betruͤbten Stelle, Daß ungerathne Haͤnde aus den Fenſtern Auf Koͤnig Richard Staub und Kehricht warfen. Pork. Wie ich geſagt, der große Bolingbroke Auf einem feurigen und muth'gen Roß, Das ſeinen ſtolzen Reiter ſchien zu kennen, Ritt fort, in ſtattlichem, gemeßnem Schritt, Weil alles rief:„Gott ſchutz' dich, Bolingbroke!“ Es war, als wenn die Fenſter ſelber ſpraͤchen, Schoß durch die Fluͤgel ſehnſuchtsvolle Blicke Juf ſein Geſicht; als haͤtten alle Waͤnde, Behaͤngt mit Schildereyn, mit eins geſagt: „Chriſt ſegne dich! willkommen Bolingbroke!“ Er aber, ſich nach beyden Seiten wendend, Baarhaͤuptig, tiefer, als des Gaules Nacken, Sprach ſo ſie an:„Ich dank Euch, Landesleute!“ Und ſo ſtets thuend, zog er ſo entlang. „erz. Ach, armer Richardl wo ritt er indeß? Pork. Wie im Theater wohl der Menſchen Augen, 140 Koͤnig Richard A. V. Wenn ein beliebter Spieler abgetreten, Auf den, der nach ihm kommt, ſich läſſig wenden, Und ſein Geſchwaͤtz langweilig ihnen duͤnkt: Ganz ſo, und mit viel mehr Verachtung blickten Sie ſcheel auf Richard; niemand rief: Gott ſchuͤtz' ihn! Kein froher Mund bewillkommt ihn zu Haus. Man warf ihm Staub auf ſein geweihtes Haupt, Den ſchuͤttelt' er ſo mild im Gram ſich ab, Im Antlitz rangen Thraͤnen ihm, und Lächeln, Die Zeugen ſeiner Leiden und Geduld: Daß, haͤtte Gott zu hohen Zwecken nicht Der Menſchen Herz geſtaͤhlt, ſie mußten ſchmelzen, Und Mirleid fuͤhlen ſelbſt die Barbarcy. Doch dieſe Dinge lenkt die Hand des Herrn; Und ſeinem Willen fuͤgt ſich unſter gern. Wir ſchwuren Bolingbroke uns unterthan, Sein Reich erkenn' ich nun fuͤr immer an. (ALumerle tritt auf.) Serz. Da kommt mein Sohn Aumerle. Nork. Aumerle vordem, Doch weil er Richards Freund war, iſt das hin, Ihr muͤßt nun, Herzogin, ihn Rutland nennen. Ich bürg' im Parlament für ſeine Treu Und Lehnspflicht gegen unſern neuen König. Herz. Willkommen Sohn! Wer ſind die Veilchen nun, Gehegt im grünen Schooß des neuen Fruͤhlings? Aum. Ich weiß nicht, gnaͤd'ge Frau, mich kuͤmmert's wenig. Gott weiß, ich bin ſo gerne keins als eins. Nork. Wohl! thut, wie's 5 ſent der Zeit ſich ſchickt, Damit man euch nicht vor der Blure pfluͤckt. Was giebt's in Orford? waͤhrt das Stechen noch Und die Gepraͤnge?. Aum. Ja, ſo viel ich weiß. Pork. Ich weiß, ihr wollt dahin. Aum. Wenn Gott es nicht verwehrt, ich bin es Willens. Nork. Was fuͤr ein Siegel haͤngt dir aus dem Buſen? Ha, du erblaſſeſt? laß die Schrift mich ſehn! um Herrt, es iſt nichts. Nork. Dann darf es jeder ſehn. —— Sz. 1. der Zweyte⸗ 141 Ich bitte euer Gnaden, zu verzeihn, S iſt eine Sache, die nicht viel bedeutet, Die ich aus Gruͤnden nicht geſehn will haben- Pork. Und die ich, Herr, aus Gruͤnden ſehen will. Ich furcht', ich fuͤrchte,— Zerz. Was doch furchtet ihr? S iſt nichts, als ein Vertrag, den er hat eingegangen, Zu bunter Tracht auf des Gepraͤnges Tag. vork. Wie! mit ſich ſelbſt? Was ſoll ihm ein Vertrag, Der ihn verpflichtet! Du biſt naͤrriſch, Weib. Sohn, laß die Schrift mich ſehn. Aum. Ich bitt' euch ſehr, verzeiht; ich darf's nicht zeigen. Pork. Ich will befriedigt ſeyn: gieb her, ſag' ich! (Er reißt das Papier weg und lieſt.) Verrath! Verbrechen!— Schelm! Verraͤther! Knecht! FZerz. Was iſt es, mein Gemahl? Pork. Hel iſt denn niemand drinn?(Ein Bedienter kommt.) Sattelt mein Pferd. Erbarm' es Gott, was fuͤr Verraͤtherey! FZerz. Nun, mein Gemahl, was iſt's? Pork. Die Stiefeln her, ſag' ich! ſattelt mein Pferd!— Nun auf mein Wort, auf Ehre und auf Leben, Ich geb' den Schurken an.(Bedienter ab.)* Zerz. Was iſt die Sache! Pork. Still, thöricht Weib! „erz. Ich will nicht ſtill ſeyn.— Sohn, was iſt die Sachek Aum. Seyd ruhig, gute Mutter;*s iſt nur etwas, Wofuͤr mein armes Leben einſtehen muß. Ferz. Dein Leben einſtehn? (Der Bediente kommt zuruͤck mit Stiefeln.) Vork. Bringt mir die Stiefeln; ich will hin zum Koͤnig. FZerz. Schlag' ihn, Aumerle! du ſtarrſt ganz, armer Junge. (Zu dem Bedienten) Fort, Schurke! komm mir nie mehr vor's Geſicht. Nork. Die Stiefeln her, ſag' ich⸗ Ferz. Ey, York, was willſt du thun? Willſt du der Deinen Fehltritt nicht verbergen? Haſt du mehr Soͤhne! oder mehr zu hoffen! 142 Koͤnig Richard A Iſt des Gebaͤhrens Zeit mir nicht verſiegt? Und willſt mir nun den holden Sohn entreißen? Mir einer Mutter frohen Namen rauben?— Gleicht er dir nicht! iſt er dein eigen nicht? Pork. Du thoͤricht, unklug Weib! Willſt dieſe naͤchtliche Verſchwoͤrung hehlen? Ein Dutzend ihrer hat das Sakrament genommen, Und wechſelſeitig Handſchrift ausgeſtellt, Zu Opford unſern Koͤnig umzubringen. erz. Er ſoll nicht drunter ſeyn; wir halten ihn Bey uns zuruͤck: was geht es ihn denn an? Nork. Fort, thoͤricht Weib! und waͤr' er zwanzigmal Mein Sohn, ich gaͤb' ihn an. Herz. Haͤtt'ſt du um ihn geaͤchzt, Wie ich, du wuͤrdeſt mitleidvoller ſeyn. Nun weiß ich deinen Sinn: du hegſt Verdacht, Als waͤr' ich treulos deinem Bett geweſen, Und dieſer waͤr' ein Baſtard, nicht dein Sohn. Mein Gatte, ſuͤßer York, ſey nicht des Sinns, Er gleicht dir ſo, wie irgend jemand kann, Mir gleicht er nicht, noch wem, der mir verwandt, Und dennoch lieb' ich ihn. Nork. Mach Platz, unbaͤndig Weib!(ab.) werz. Aumerle, ihm nach! Beſteige du ſein Pferd, Jag', ſporn', komm' vor ihm bey dem Koͤnig an, Und bitt' um Gnade, eh er dich verklagt hat. Ich folg' in kurzem dir: bin ich ſchon alt, So hoff' ich doch ſo ſchnell wie York zu reiten, Und niemals ſteh' ich wieder auf vom Boden Bevor dir Bolingbroke verziehn. Hinweg! Mach' fortt Cabe) 8 weyte Szene. Windſor. Ein g8immer im Schloße. (Bolingbroke als Koͤnig, Percy und andre Lords tre⸗ ten auf.) Bol. Weiß wer von meinem ungerathnen Sohn? Drey volle Monat ſind's, ſeit ich ihn ſah: Wenn irgend eine Plag' uns droht, iſt's er, Ich wollte, Lords, zu Gott, man koͤnnt' ihn finden; Fragt nach in London, um die Schenken dort, Sz. 2. der Zweyte. 143 Da, ſagt man, geht er taͤglich aus und ein, Mit ungebundnen lockern Spießgeſellen, Wie ſie, ſo ſagt man, ſtehn auf engen Wegen, Die Wache ſchlagen, Reiſende berauben; Indeß er, ein muthwillig weibiſch Buͤbchen, Es ſich zur Ehre rechnet, zu beſchutzen So ausgelaßnes Volk. perey. Vor ein paar Tagen, Herr, ſah ich den Prinzen, Und ſagte ihm von dem Gepraͤng' in Oyford. Bol. Was ſagte drauf der Wildfang! percy. Die Antwort war, er woll' ins Badhaus gehn, Der feiiſten Dirne einen Handſchuh nehmen, Um ihn als Pfand zu tragen, und mit dem Den bravſten Streiter aus dem Sattel heben. Bol. Soo liederlich wie tollkuͤhn! Doch durch beyde Seh' ich noch Funken einer beſſern Hoffnung, Die aͤltre Tage gluͤcklich reifen koͤnnen. Doch wer kommt da? (Lumerle tritt haſtig auf.) Aum. Wo iſt der Koͤnig! Bol. Was iſt unſerm Vetter, Daß er ſo ſtarrt, und blickt ſo wild umher? Aum. Gott ſchutz Eur Gnadenl ich erſuch' Eu'r Majeſtaͤt um ein Geſpraͤch, allein mit Euer Gnaden. Bol. Entfernet euch, und laßt uns hier allein. (Percy und die Lords ab.) Was giebt es denn mit unſerm Vetter nun? (Lumerle knieend.) Fuͤr immer ſoll mein Knie am Boden wurzeln, Die Zung' in meinem Mund am Gaumen kleben, Wenn ich aufſteh' und red', eh ihr verzeiht. Bol. War dieß Vergehen Vorſab oder That? Wenn jenes nur, wie heillos dein Beginnen, Verzeih' ich dir, dich kuͤnftig zu gewinnen. Aum. Erlaubt mir denn den Schluͤſſel umzudrehn, Daß niemand kommt, bis mein Bericht zu Ende. ol. Thu dein Begehren. (Aumerle ſchließt die Thuͤr ab.) Pork(draußen.) Mein Fuͤrſt, gieb Achtung! ſieh dich vor! Du haſt da einen Hochverraͤther bey dir. 144 Koͤnig Richard A. v. Bol. Ich will dich ſichern, Schurk'. Aum. Halt ein die Rächerhand, Du haſt nicht Grund zu fuͤrchten. Pork.(draußen.) Mach' auf die Thuͤr, tollkuͤhner ſichrer Koͤnig! Muß ich aus Liebe dich in's Antlitz ſchmaͤhn? Die Thuͤr auf, oder ich erbreche ſie! (Bolingbroke ſchließt die Thuͤr auf.) WWork tritt ein.) Bol. Was giebt es Oheim, ſprecht! Schoͤpft Odem, ſagt, wie nah uns die Gefahr, Daß wir uns waffnen koͤnnen wider ſie. Pork. Lies dieſe Schrift, ſey vom Verrath belehrt, Den meine Eil mir zu berichten wehrt. Aum. Bedenke, wenn du lieſt, was du verſprachſt! Lies hier nicht meinen Namen, ich bereue, Mein Herz iſt nicht mit meiner Hand im Bund. Pork. Das wares, Schelm eh deine Hand ihn ſchrieb. Ich riß dieß aus dem Buſen des Verräthers, Furcht und nicht Liebe zeugt in ihm die Reu. Goͤnn ihm kein Mitleid, daß dein Mitleid nicht Zur Schlange werde, die in's Herz dir ſteche. Bol. O, arge, kuͤhne, maͤchtige Verſchwoͤrung! O biedrer Vater eines falſchen Sohns! Du klarer, unbefleckter Silberquell, Aus welchem dieſer Strom durch koth'ge Wege Den Lauf genommen und ſich ſelbſt beſchmutzt. Dein uͤberſtroͤmend Gutes wird zum Uebel, Doch deiner Guͤte Ueberfluß entſchuldigt Dieß toͤdtliche Vergehn des irren Sohns. Pork. So wird die Tugend Kupplerin des Laſters, Und ſeine Schmach verſchwendet meine Ehre, Wie Soͤhne, praſſend karger Vaͤter Gold. Mein' Ehre lebt, wenn ſeihe Schande ſtirbt, In der mein Leben ſchnoͤde ſonſt verdirbt. Sein Leben toͤdtet mich: dem Frevler Leben, Dem Biedern Tod, wird deine Gnade geben. Zerz.(draußen.) Mein Fuͤrſt! um Gottes willen, laßt mich ein! Bol. Wer mag ſo gellend ſeine Bitten ſchreyn? verz. Ein Weib, und deine Muhme, großer Koͤnigl Sz. 2. der Zweyte⸗ 145 Sprich, habe Mitleid, thu mir auf das Thor, Der Bettlerin, die niemals bat zuvor. Bol. Das Schauſpiel aͤndert ſich; ſein Ernſt iſt hin: Man ſpielt„den Koͤnig und die Bettlerin.“ Mein ſchlimmer Vetter, laßt die Mutter ein; Es wird fuͤr eure Schuid zu bitten ſehn. Nork. Wenn du verzeiheſt, wer auch bitten mag, Verzeihung bringt mehr Suͤnden an den Tag. Dieß faule Glied weg, bleibt der Reſt geſund; Doch dieß verſchont, geht alles mit zu Grund. (Herzogin tritt ein.) werz. O Fuͤrſt, glaub' nicht dem harteherzten Mann, Der ſich nicht liebt, noch andre licben kann⸗ work. Verruͤcktes Weib, was iſt hier dein Begehren? Soll deine Bruſt noch mal den Buben naͤhren? Zerz. Sey ruhig, lieber York! Mein Koͤnig, hore! (Sie knieet.) Bol. Auf, gute Muhme! er Noch nicht, ich beſchwore! Denn immer will ich auf den Knicen flehn, Und nimmer Tage der Begluͤckten ſehn, Bis du mich wieder heißeſt Freude haben, Rutland verzeihend, meinem ſchuld'gen Knaben. Aum. Ich werfe zu der Mutter Flehn mich nieder. Pork, Und wider beyde beug' ich treue Glieder. Gewaͤhrſt du Gnade, ſo gedeih' dir's ſchlecht. zerz. Meynt er's im Ernſt! Sieh ins Geſicht ihm recht: Sein Auge thränet nicht, ſein Bitten iſt nur Scherz, Der Mund nur ſpricht bey ihm, bey uss das Herz. Er bittet ſchwach, und wuͤnſcht nichts zu gewi nen, Wir bitten mit Gemuͤth und Herz und Sinnen. Gern ſtuͤnd' er auf, die matten Knie ſind wund; Wir knie'n, bis unſte wurzeln in dem Grund. Sein Flehn iſt Heucheln und voll Truͤzlichkeit, Voll Eifer unſres, biedre Redlichkeit. Es uͤberbitten unſre Bitten ſeine; Gnad' iſt der Bitten Lohn: gewaͤhr' uns deine! Bol. Steht auf doch, Muhme. 6256 Ferz. Nein, ſag' nicht: Steht aufl Verzeihung! erſt, und hintennach: Steht auf! Und ſollt' ich dich als Amme lehren lallen, * 10 146 Koͤnig Richard A. V. Verzeihung waͤr' das erſte Wort von allen. So ſehnt' ich mich, ein Wort zu hoͤren, nie: Verzeihung, ſprich; dich lehre Mitleid, wie; Das Wort iſt kurz, doch nicht ſo kurz als ſuß, Kein Wort ziemt eines Koͤnigs Mund, wie dieß. Nork. So ſprich Franzoſiſch; ſag: pardonnez— moi. Ferz. Lehrſt du Verzeihung, wie ſie nicht verzeih'? Ach, herber, hartgeherzter Gatte du! Du ſetzeſt mit dem Wort dem Worte zu. Verzeihung ſprich, wie man zu Land hier ſpricht, Das fraͤnk'ſche Kauderwelſch verſtehn wir nicht. Dein Auge redt ſchon, laß es Zunge ſeyn; Dein Ohr nimm ins mitleid'ge Herz hinein, Daß es, durchbohrt von Bitten und von Klagen, Dich dringen mag, Verzeihung anzuſagen. Bol. Steht auf doch, Muhme. werz. Ich bitte nicht um Stehn, Verzeihung iſt allhier mein einzig Flehn. Bol. Verzeihung ihm, wie Gott mir mag verzeihn. erz. O eines knie'nden Kniees ſchoöͤn Gedeihn! Noch bin ich krank vor Furcht: o, ſag's zum zweyten, Zweymal geſagt, ſoll's ja nicht mehr bedeuten, Bekraͤftigt eines nur. Bol. Verziehen werde Von Herzen ihm. Zerz. Du biſt ein Gott der Erde. Bol. Was unſern biedern Schwager angeht, und den Abt, Und all die andern der verbundnen Rotte, Stracks ſey Verderben ihnen auf der Ferſe. elft, guter Oheim, Truppen abzuſenden Nach Orford, oder wo ſie liegen ſonſt. Ich ſchwoͤr's, ſie ſollen ſchleunig aus der Welt; Weiß ich erſt wo, ſo ſind ſie bald gefällt. Oheim, lebt wohl! und Veteer, bleibt mir treu! Wohl bat die Mutter vor; ſo hegt nun Scheu. Ferz. Komm, alter Sohn, und mache Gott dich neu! (Alle ab.) Dritte Szene. (Erton und ein Bedienter treten auf.) Eyton. Gabſt du nicht Achtung, was der Koͤnig ſagte? Sz. 3. 4. der Zweyte. 147 „Hab' ich denn keinen Freund, der mich erloͤſ't Von der lebend'gen Furcht?“— War es nicht ſo? Bed. Das waren ſeine Worte. Eyton.„Hab' ich denn keinen Freund?“ ſo ſast' er zweymal, Und wiederholt' es dringend. That er's nicht? Bed. Er that's. Epton. Und wie er's ſprach, ſah er auf mich bedeutend, Als wollt' er ſagen: warſt du doͤch der Mann, Der dieſe Angſt von meinem Herzen ſchiede! Zu Pomfret naͤmlich den entſetzten Koͤnig. Konim, laß uns gehn: ich bin des Koͤnigs Freund, Und will erloͤſen ihn von ſeinem Feind.(ab.) Vierte Szene. Pomfret. Das Gefaͤngniß in der Vurs. (Koͤnig Richard tritt auf.) R. Rich. Ich habe nachgedacht, wie ich der Welt Den Kerker, wo ich lebe, mag vergleichen; Und, ſintemal die Welt ſo volkreich iſt, Und hier iſt keine Kreatur, als ich, So kann ich's nicht,— doch gruͤbl' ich es heraus. Mein Hirn ſoll meines Geiſtes Weibchen ſeyn, Mein Geiſt der Vater: dieſe zwey erzeugen Dann ein Geſchlecht ſtets bruͤtender Gedanken, Und die bevoͤlkern dieſe kleine Welt Voll Launen, wie die Leute dieſer Welt: Denn keiner iſt zufrieden. Die beßre Art, Als geiſtliche Gedanken, ſind vermengt Mit Zweifeln, und ſie ſetzen ſelbſt die Schrift Der Schrift entgegen. Als:„Laßt die Kindlein kommen!“ und dann wieder: „In Gottes Reich zu kommen, iſt ſo ſchwer, Als ein Kameel geht durch ein Nadeloͤhr.“ Die, ſo auf Ehrgeiz zielen, ſinnen aus Unglaubliches: mit dieſen ſchwachen Naͤgeln Sich Bahn zu brechen durch die Kieſelrippen Der harten Welt hier, dieſer Kerkerwaͤnde; Und weil's unmoͤglich, haͤrmt ihr Stolz ſie todt. Die auf Gemuͤthsruh zielen, ſchmeicheln ſich Daß ſie des Gluͤckes erſte Sklaven nicht, Noch auch die letzten; wie einfaͤlt'ge Bettler, 10* 1 148 Koͤnig Rich ard A. V Die, in den Stock gelegt, der Schmach entgehn, Weil Vielen das geſchah und noch geſchehn wird. In dem Gedanken finden ſie dann Troſt, Ihr eignes Ungluͤck tragend auf dem Ruͤcken Von Andern, die zuvor das Gleiche traf. So ſpiel' ich viel Perſonen ganz allein, Zufrieden keine; manchmal bin ich Koͤnig,. Dann macht Verrath mich wuͤnſchen, ich waͤr' Bettler, Dann werd' ich's, dann beredet Duͤrftigkeit Mich druͤckend, daß mir beſſer war als Koͤnig. Dann werd' ich wieder Koͤnig, aber bald Denk ich, daß Bolingbroke mich hat entthront, Und bin ſtracks wieder nichts: doch wer ich ſey, So mir als jedem ſonſt, der Menſch nur iſt, Kann nichts genuͤgen, bis er kommt zur Ruh, Indem er Nichts wird.—(Muſik.) Hoͤr' ich da Muſik? Ha, haltet Zeitmaß!— Wie ſo ſauer wird Muſik, ſo ſuͤß ſonſt, wenn die Zeit verletzt, Und das Verhaͤltniß nicht geachtet wird! So iſt's mit der Muſik des Menſchenlebens: Hier tadl' ich nun mit zaͤrtlichem Gehoͤr Verletzte Zeit an einer irren Saite, Doch fuͤr die Eintracht meiner Wuͤrd' und Zeit Hatt' ich kein Ohr, verletztes Maß zu hoͤren. Die Zeit verdarb ich, nun verderbt ſie mich, Denn ihre Uhr hat ſie aus mir gemacht; Gedanken ſind Minuten, und ſie picken Mit Seufzern ihre Zahlen an das Zifferblatt Der Augen, wo mein Fi ger wie ein Zeiger Stets hinweiſ't, ſie von Thraͤnen reinigend. Der Ton nun, welcher ſagt, was an der Uhr, Iſt lautes Stoͤhnen, ſchlagend auf die Glocke, Mein Herz; ſo zeigen Seufzer, Thraͤnen, Stöhnen, Minute, Stund' und Zeit;— doch meine Zeit Jagt zu im ſtolzen Jubel Bolingbroke's, Und ich ſteh' faſelnd hier, ſein Glockenhaus.— Wenn die Muſik doch ſchwieg', ſie macht mich toll! Denn hat ſie Tollen ſchon zum Witz geholfen, In mir, ſo ſcheint's, macht ſie den Weiſen toll. Und doch, geſegnet ſey, wer mir ſie bringt! Denn ſie beweiſt ja Lieb', und die fuͤr Richard Iſt fremder Schmuck in dieſer Haſſer-Welt. (Ein Stallknecht tritt auf.) ————— —————— Sz. 4. der Zweyte. 149 Stallkn. Heil, königlicher Fuͤrſt! . Rich. Heil, edler Pair! Wer uͤbertheuert nun den andern mehr? Wer biſt du? und wie biſt hichergekommen, Wo niemand hinkommt, als der finſtre Hund, Der Speiſe bringt, das Mißgeſchick zu friſten? Stallkn. Ich war ein armer Knecht vom Marſtall, Koͤnig,. Als du warſt Koͤnig; auf dem Weg nach York Ward mir nach vieler Muͤh gewaͤhrt, zu ſchau'n Das Antlitz meines weiland gnaͤd'gen Herrn. O, wie das Herz mir weh that, anzuſehn In Londons Straßen jenen Kroͤnungstag, Als Bolingbroke den Barberſchimmel ritt, Das Pferd, das du ſo oft geritten haſt! Das Pferd, das ich ſo ſorgſamlich gepflegt! R. Rich. Ritt er den Barber! Sag' mir, lieber Freund, Wie ging er unter ihm? Stallkn. So ſtolz, als waͤr' die Erd' ihm zu gering. R. Rich. So ſtolz, daß Bolingbroke ſein Reiter war! Die Maͤhr' aß Brod aus koͤniglicher Hand, Die Hand hier machte ſie mit Klatſchen ſtolz. Und ſtrauchelt' er denn nicht, fiel er nicht nieder, (Stolz kommt ja vor dem Fall) und brach den Hals Des ſtolzen Manns, der ſeinen Ruͤcken einnahm? Verzeihung, Pferd! was ſchelt' ich dorh auf dich, Da du, dem Menſchen unterthan, geboren Zum Tragen biſt? Ich war kein Pferd erſchaffen, Doch trag' ich eine Buͤrde, wie ein Eſel, Gejagt und wund geſpornt von Bolingbroke. (Gefangenwaͤrter kommt mit einer Schuͤſſek.) Gefangenw.(Su dem Stallknechte.) Mach' Platz, Geſell! du darſſt nicht laͤnger weilen. k. Rich. Wenn du mich liebſt, mußt du hinweg nun etlen. Stallkn. Was nicht mein Mund ſagt, ſoll mein Herz doch theilen.(Ab.) Gefangenw. Herr, iſt's gefaͤllig, zuzugreifen? R. Rich. So koſte erſt, wie du gewohnt zu thun. Gefangenw. Ich darf nicht, Herr; Sir Pierre von Exton, der Kurzlich vom Koͤnig kam, befiehlt das Gegentheil. 15⁵⁰ Koͤnig Richard A. V. B. Rich. Der Teufel hole Heinrich Lancaſter, und dich! Geduld iſt ſchaal, und ich hab's nun genug. (Er ſchlaͤgt den Gefangenwäͤrter.) Gefangenw. Huͤlfe! Huͤlfe! Huͤlfe! (Exton und Bediente kommen bewaffnet.) Was will der Tod mit dieſem Ueberfall? Schelm, deine Hand beut deines Todes Werkzeug. (Er reißt einem das Gewehr weg, und erlegt ihn.) Geh du, fuͤll' einen Platz noch in der Hoͤlle! (Er erlegt noch einen, dann ſtoͤßt ihn Exton nieder.) Die Hand ſoll nie verloͤſchend Feuer foltern, Die ſo mich ſtuͤrzet. Deine freche Hand Befleckt mit Koͤnigs Blut des Koͤnigs Land. Auf, auf, mein Geiſt, den hohen Sitz zu erben, Indeß mein Fleiſch hier niederſinkt, zu ſterben. (Er ſtirbt.) epton. Voll Muth, ſo wie voll koͤniglichem Blut. Beydes vergoß ich: waͤr die That nur gut! Nun fläſtert mir der Teufel, der's gerathen, Sie ſteh' verzeichnet bey der Hoͤlle Thaten. Den todten Koͤnig bring' ich, Koͤnig, dir; Tragt fort die Andern, und begrabt ſie hier.(Ab.) F nfte S ene. Windſor. Ein Zimmer im Schloß. (Trompetenſtoß. Bolingbroke und York mit andern Lords und Gefolge treten auf.) Bol. Mein Oheim York, das neuſte was wir hoͤren Iſt dieß: daß Ciceſter in Gloſterſhire Von den Rebellen eingeaſchert iſt, Ob ſie gefangen, ob geſchlagen worden, Das hoͤren wir noch nicht. (Northumberland tritt auf.) Willkommen, Herr! was bringt ihr Neues mit? Worth. Erſt, deinem heil'gen Reich ſey alles Gluͤck gewuͤnſcht! Das Neue iſt, daß ich nach London ſend' Den Kopf von Salisbury, Spencer, Blunt und Kent. S der Zweyte. 151¹ Die Art, wie ſie gefangen, moͤge dir Tusführiich hier berichten dieß Papier. (Er uͤberreicht ihm eine Schrift.) Bol. Wir danken, lieber Perey, deinen Muͤhn, Und wuͤrdiglich ſoll deine Wuͤrde bluͤhn. Fitzwater tritt auf.) Fitzw. Mein Fuͤrſt, ich ſandt aus Oxford hin nach London Den Kopf des Brokas und Sir Bennet Seely, Zwey der gefährlichen verſchwornen Rotte, Die dir zu Oyford graͤulich nachgeſtellt. Bol. Fitzwater, deine Muͤh wird nie vergeſſen; Wie hoch dein Werth ſey, hab' ich laͤngſt ermeſſen. Gercy tritt auf mit dem Biſchof von Carlisle.) percy. Der Hauptverſchwoͤrer, Abt von Weſtminſter, Hat vor Gewiſſens⸗Druck und duͤſtrer Schwermuth Den Grabe hingegeben ſeinen Leib; Doch hier ſteht Carlisle lebend vor dem Thron, Den Spruch erwartend, ſeines Stolzes Lohn. Bol. Carlisle, dieß iſt dein Urtheil: waͤhl' dir aus Zum ſtillen Aufenthalt ein geiſtlich Haus, Mehr als du haſt; da labe deinen Sinn, Und, lebſt du friedlich, ſcheid' auch friedlich hin. Denn hegteſt du ſchon immer Feindesmuth, Ich ſah in dir der Ehre reine Glut. (Exton tritt auf mit Dienern, die einen Sarg tragen.) Eyton. In dieſem Sarg bring' ich dir, großer Koͤnig, Begraben deine Furcht: hier liegt entſeelt Der Feinde maͤchtigſter, die du gezaͤhlt, Richard von Bourdeaux, her durch mich gebracht. Bol. Exton, ich dank' dir nicht; du haſt vollbracht Ein Werk der Schande, mit verruchter Hand, Auf unſer Haupt und dieß beruͤhmte Land. Eyton. Aus eurem Mund, Herr, that ich dieſe That. Bol. Der liebt das Gift nicht, der es noͤthig hat. So ich dich: ob ſein Tod erwuͤnſcht mir ſchien, Den Moͤrder haſſ' ich, lieb' erwordet ihn. Nimm fuͤr die Muͤhe des Gewiſſens Schuld, Doch weder mein gut Wort noch hohe Huld. Mit Kain wandre ewig nun im Dunkeln, Rie muſſ' ein Sonnenſtrahl um's Haupt dir funkein.— Lords, ich betheur' es, meiner Seel' iſt weh, 152 Koͤnig Richard der Zweyte. A. V. Sz. 5 Daß ich mein Gluͤck beſpritzt mit Blute ſeh. Kommt und betrauert mit, was ich beklage; Daß duͤſter Schwarz ſofort ein jeder trage! Ich will die Fahrt thun in das heil'ge Land, Dieß Blut zu waſchen von der ſchuld'gen Hand. Zieht ernſt mir nach, und keine Thraͤnen ſpare, Wer meine Trauer ehrt, an dieſer fruͤhen Bahre. (Alle ab.) — — — — S — —— — S — — — — S — S — S — 5 e i 8 ſt Perſonen: Koͤnig Lne der Vierte. Heinrich, Prinz von Wales S Prinz Joh'ann von Lancaſter, Sohne des Königs. Graf von Weſtmoreland S Freunde des Koͤnigs. Graf von Worceſter. Graf von Northumberland. Heinrich Percy, mit dem i Heißſporn, ſein ohn. Edmund Mortimer, Graf von March. Scroop, Erzbiſchof von York. Archibald, Graf von Douglas. HOwen Glendower. Sir Richard Vernon⸗. Sir John Falſtaff. Poins.* Gadshill. Peto. Bardolph.. Lady Percy, Gemahlin des jungen Percy, und Mortimers Schweſter. Lady Mortimer, Glendowers Fochter und Mortimers Gemahlin. Frau Hurtig, Wirthin einer Schenke zu Eaſtcheap. Herren von Adel, Beamte, Sheriff, Kellner, Hausknecht, Kuͤfer, zwey Kaͤrner, Reiſende, Gefolge u. ſ. w. 6ð —.———— ——— ——— Erſter Aufzug⸗ —.——————— Erſte S London. Ein Zimmer im Palaſt. (Foͤnig Heinrich, Weſtmoreland, Sir Walter Blunt und Andre treten auf.) R. Feinr. Geruͤttelt zwar und ſorgenbleich, erſehn Wir Zeit doch, daß erſchreckter Fried verſchnaufe, Und töne ſchnelle Laute neuen Kampfs, Der nun beginnen ſoll am fernen Strand. Richt mehr ſoll dieſes Bodens durſt'ge Furie Mit eigner Kinder Blut die Lippen faͤrben; Nicht Krieg mehr ihre Felder ſchneidend furchen, Noch ihre Blumen mit bewehrten Hufen Des Feinds zermalmen; die entbrannten Augen, Die, eines truͤben Himmels Meteore, Von Einer Art, erzeugt aus Einem Weſen, Noch juͤngſt ſich trafen in dem innern Sturm* Und wildem Drang der Buͤrger-Mekelei: Sie werden nun, gepaart in ſchoͤnen Reihn, Den gleichen Weg ziehn, und nicht mehr entgegen Bcekannten ſtehn, Blutsfreunden, Bundsgenoſſen. Der KFrieg wird, wie ein ſchlecht verwahrtes Meſſer, Richt ſeinen Herrn mehr ſchneiden. Darum, Freunde, So weit hin bis zur Grabesſtätte Chriſts, Deß Krieger nun, mit deſſen heil'gen Kreuz PWir ſind gezeichnet und zum Streit verpflichtet, Woll'n wir ein Heer von Engliſchen ſofort Erheben, deren Arm im Mutterſchvoß Geformt ſchon ward, zu jagen jene Heiden Im heil'gen Lande, uͤber deſſen Hufen Die ſegensreichen Fuͤße ſind gewandert, Die uns zum Heil vor vierzehnhundert Jahren Genagelt wurden an das biktre Kreuz. Doch dieſer unſer Plan iſt jährig ſchon, Es frommt zu ſagen nicht: wir wollen gehn; 156 Kdoͤnig Heinrich W.* I. Deshalb ſind wir nicht hier.— Drum laßt mich hoͤren Von euch, mein theurer Vetter Weſtmoreland, Was geſtern Abend unſer Rath beſchloß Zu Foͤrdrung dieſes theuren Unternehmens. Weſt. Mein Koͤnig, dieſe Eil ward heiß erwogen, Und mancher Koſtenanſchlag aufgeſetzt Noch geſtern Abend, als der Quere ganz Eine Poſt aus Wales voll ſchwerer Zeitung kam: Die ſchlimmſte, daß der edle Mortimer, Das Volk von Herfordſhire zum Kampfe fuͤhrend, Wider den wilden ſtuͤrmiſchen Glendower, Von dieſes Waͤl'ſchen roher Hand gefangen, Und ein tauſend ſeiner Leut' ermordet wurden,„ An deren Leichen ſolche Mißhandlung, So ſchamlos viehiſche Entſtellung ward Von Wäl'ſchen Fraun verubt, daß ohne Scham Man es nicht ſagen noch erzaͤhlen kann. R. Zeinr. So ſcheint es denn, die Zeitung dieſes Zwiſtes Brach das Geſchaͤft zum heil'gen Lande ab. Weſt. Ja, dieß gepaart mit andern, gnaͤdger Herr. Denn ſni und unwillkommner kam. Bericht vom Norden, und er lautet ſo: Am Tag des Kreuzes traf der wackre Heißſporn, Der junge Perey, ſich mit Archibald, Dem immer tapfern und geprieſnen Schotten, Zu Holmedon, S Wo's eine harte, blut'ge Stunde gab, Wie man nach ihrer Loͤſung des Geſchuͤtzes Und anderm Schein die Neuigkeit erzaͤhlt; Denn, der ſie brachte, ſtieg recht in der Hitze Und hoͤchſten Kraft des Handgemengs zu Pſerd, Noch irgend eines Ausgangs nicht gewiß. B. Heinr. Hier iſt ein theurer, wahrhaft thaͤt'ger Freund, Sir Walter Blunt, vom Pferd erſt abgeſtiegen, Beſpritzt mit jedes Bodens Unterſchied, So zwiſchen Holmedon liegt und unſerm Sitz, Und der bringt ſchoͤne und willkommne Zeitung: Der Graf von Douglas iſt auf's Haupt geſchiagen; Zehntauſend Schotten, zwey und zwanzig Ritter In eignem Blut geſchichtet, ſah Sir Watter Auf Holmedons Plan: gefangen machte Heißſporn Mordake, den Graf von Fife, und ältſten Sohn Des uͤberwundnen Douglas; dann die Grafen —— — Sz. 1. 2. Erſter Theil. 157 Von Athol, Murray, Angus und Menteith. Und iſt dieß ehrenvolle Beute nicht? Ein hoher Preis? Sagt, Vetter, iſt es nicht! weſt. Fuͤrwahr, es iſt ein Sieg, deß wohl ein Prinz Sich ruͤhmen koͤnnte. R. Zeinr. Ja, da betruͤbſt du mich und machſt mich ſuͤnd'gen Durch Neid, daß Lord Northumberland der Vater Solch eines wohlgerathnen Sohnes iſt: Ein Sohn, den Ehre ſtets im Munde fuͤhrt, Der Stämme gradeſter im ganzen Wald, Des holden Gluͤckes Liebling und ſein Stolz; Indeß ich, durch Beſchauung ſeines Ruhms, Wuͤſtheit und Schande meinem jungen Heinrich Seh' auf die Stirn gedruͤckt. O, ließe ſich's Erweiſen, das ein Elfe, naͤchtlich ſpuͤkend, In Windeln unſre Kinder ausgetauſcht, Meins Percy, ſeins Plantagenet genannt, Dann haͤtt' ich ſeinen Heinrich und er meinen. Doch weg aus meinem Sinn!— Was meynt ihr, Vetter, Vom Stolz des jungen Percy? Die Gefangnen, Die er bey dieſem Treffen hat gemacht, Behaͤlt er fur ſich ſelbſt, und giebt Beſcheid, Mordake, den Graf von Fife nur ſoll ich haben. Wweſt. Das lehret ihm ſein Oheim, das iſt Worccſter, Euch feindlich unter jeglichem Aſpekt; Dieß macht, daß er ſich bruͤſtet, und den Kamm Der Jugend gegen eure Wuͤrde ſtraͤubt. R. Zeinr. Auch hab' ich ihn zur Rechenſchaft berufen, Weshalb auf eine muß ſchak Der heil'ge Vorſatz nach Jeruſalem. Vetter, auf naͤchſten Mittwoch woll'n wir Rath Zu Windſor halten, meldet das den Lords. Doch kommt ihr ſelbſt mit Eil zu uns zuruͤck, Denn mehr noch iſt zu ſagen und zu thun, Als ich vor Zorne vorzubringen weiß. weſt. Ich will's, mein Fuͤrſt.(Alle ab.) S wehte S ene Ein anderes Zimmer im Palaſt. Wrinz Heinrich von Wales und Falſtaff treten auf.) Falſt. Nu, Heinz! welche Zeit am Tage iſt es, Junge? pr. Zeinr. Dein Witz iſt ſo feiſt geworden, durch Sekt⸗ 158 Koͤnig Heinrich A. I. trihken, Weſtenaufknoͤpfen, nach Tiſch und Nachmittags auf Baͤnken ſchlafen, daß du vergeſſen haſt, das eigent⸗ lich zu fragen, was du eigentlich wiſſen moͤchteſt. Was Teufel haſt du mit der Zeit am Tage zu ſchaffen? Die Stunden muͤßten denn Glaͤſer Sekt ſeyn, und Minuten Kapaunen, und Glocken die Zungen der Kupplerinnen, und Zifferblaͤtter die Schilder von liederlichen Haͤuſern, und Gottes Sonne ſelbſt eine ſchoͤne hitzige Dirne in feuerfarb⸗ nem Taft; ſonſt ſehe ich nicht ein, warum du etwas ſo uͤberflaͤſſiges thuſt, wie nach der Zeit am Tage zu fragen. Falſt. Wahrlich! da triffſt du es, Heinz. Denn wir, die wir Geldbeutel wegnehmen, gehn nach dem Mond und dem Siebengeſtirn umher, und nicht nach Phoͤbus,— „Ihm, den Ritter ſchoͤn umirr'nd.“ Und ich bitte dich, Herzensjunge, wenn du Koͤnig biſt,— wie du, Gott er⸗ halte deine Gnaden!— Majeſtät ſollte ich ſagen, denn Gnade wird dir nicht zu Theil werden.— Pr. Zeinr. Was! keine Gnade? Falſt. Nein, meiner Treu! Nicht ſo viel, um dir ein geroͤſtet Ey damit züu geſegnen. Pr. Heinr. Nun, was weiter? Rund heraus mit der Sprache! Falſt. Nun gut denn 3 Herzensjunge, wenn du Koͤnig. biſt, ſo laß uns, die wir Ritter vom Orden der Nacht ſind, nicht Diebe unter den Horden des Tages heißen: laß uns Dianens Foͤrſter ſeyn, Kavaliere vom Schatten, Schooßkinder des Mondes; und laß die Leute ſagen, daß wir eute von gutem Wandel ſind, denn wir wandeln, wie die See, mit dem Monde, unſrer edlen und keuſchen Gebieterin, unter deren Beguͤnſtigung wir ſtehlen. Pr. Zeinr. Gut geſprochen, und es paßt auch gut, denn unſer Gluͤck, die wir Leute des Mondes ſind, hat ſeine Ebbe und Flut, wie die See, da es, wie die See, uuter dem Monde ſteht. Als zum Beiſpiel: ein Beutel mit Gold, der Montag Nachts auf das herzhafteſte er⸗ ſchnappt iſt, wird Dienſtag Morgens auf das ſcherzhaf⸗ teſte durchgebracht; gekriegt mit Fluchen: leg ab! und verzehrt mit Schreyen: bring her! Jetzt ſo niedrige Ebbe, wie der Fuß der Leiter, und gleich darauf ſo hohe Flut, wie der Gipfel des Galgen. Falſt. Beym Himmel, du redeſt wahr, Junge. Und iſt nicht unſre Frau Wirthin von der Schenke eine recht ſuͤße Kreatur? ————————— * „ * Sz. 2. der Vierte. 159 Pr. Zeinr. Wie der Honig von Hybla, mein alter Ei⸗ ſenfreſſer. Und iſt nicht ein Buͤffewams ein recht ſuͤ⸗ ßes Stuͤck zum Strapaziren? Falſt. Nu, nu, toller Junge! Haſt du einmal wieder deine Faren und Auinten im Kopfe? Was zum Kucknt habe ich mit einem Buffelwams zu ſchaffen? pr. Zeinr. Ey, was zum Henker habe ich mit unſrer Frau Wirthin von der Schenke zu ſchaffen? Falſt. Nun, du haſt manches liebe Mal eine Rech⸗ nung mit ihr abgemacht. Pr. Zeinr. Rief ich dich je dazu, dein Theil zu bezahlen? Falſt. Nein, ich laſſe dir Gerechtigkeit widerfahren: du haſt da immer alles bezahlt. Pr. Zeinr. Ja, und anderswo auch, ſo weit mein baares Geld reichte, und, wo es mir ausging, habe ich meinen Kredit gebraucht. Falſt. Ja, und ihn ſo verbraucht, daß wenn du nicht vermuthlicher Thronerbe waͤrſt, ſo wuͤrde vermuthlich— Aber ſage mir, Herzensjunge, ſoll ein Galgen in England ſtehen bleiben, wenn du Koͤnig biſt? Soll die Tapferkeit von dem roſtigen Gebiß deß alten Schalksnarren Geſetz gefoppt werden, wie jetzt? Haͤng' du keinen Dieb, wenn du Koͤnig biſt. pr. Zeinr. Nein, du ſollſt es thun. Falſt. Ich? O herrlich! Beym Himmel, ich werde ein wackrer Urtheilſprecher ſeyn⸗ pr. Zeinr. Du ſprichſt ſchon ein falſches: ich meyne, du ſollſt die Diebe zu haͤngen haben, und ein trefflicher Henker werden. Falſt. Gut, Heinz, gut! Auf gewiſſe Weiſe paßt es auch zu meiner Gemuthsart, ſo gut wie bey Hofe auf⸗ warten, das ſage ich dir. Pr. Zeinr. Um befoͤrdert zu werden. Falſt. Ja, um befoͤrdert zu werden, was der Henker nicht nöthig hach weil er ſelbſt befördert. Blitz, ich bin ſo melan⸗ choliſch, wie ein Brummkater, oder wie ein zerzauſ'ter Baͤr. Pr. Zeinr. Oder ein alter Löͤwe, oder die Laute eines Verliebten. Falſt. Ja, oder das Geſchnarr eines Lincolner Dudelſacks. Pr. Seinr. Was meynſt du zu einem Haaſen? oder ſo melancholiſch, wie ein fauler Sumpf? 160 Koͤnig Heinrich W. A. I. Falſt. Du haſt die abſchmeckendſten Gleichniſſe von der Welt, und biſt wahrhaftig der vergleichſamſte, ſpitzbuͤbiſchſte, niedlichſte junge Prinz.— Aber, Heinz, ich bitte dich, ſuche mich nicht mehr mit Eitelkeiten heim. Ich wollte, du und ich wir wuͤßten, wo ein Vorrath von guten Namen zu kaufen waͤre. Ein alter Herr vom Rathe ſchalt mich neulich auf der Gaſſe euretwegen aus, junger Herr, aber ich merkte nicht auf ihn; und doch redete er ſehr weislich, aber ich achtete nicht auf ihn; und doch redete er weislich, und obendrein auf der Gaſſe. Pr. Heinr. Du thateſt wohl daran: denn die Weisheit läßt ſich hoͤren auf der Gaſſen, und niemand achtet ihrer. Falſt. O, du haſt verruchte Nutzanwendungen im Kopf, und biſt wahrhaftig im Stande einen Heiligen zu verfuͤh⸗ ren. Du haſt viel an mir verſchuldet, Heinz, Gott vergebe es dir! Eh ich dich kannte, Heinz, wußte ich von gar nichts, und nun bin ich, die rechte Wahrheit zu ſagen, nicht viel beſſer, als einer von den Gottloſen. Ich muß dieß Leben aufaeben, und ich will's auch aufgeben. Bey Gott, ich bin ein Schuft, wenn ich's nicht thue; ich will für keinen Koͤnigsſohn in der Chriſtenheit zur Hoͤlle fahren. Pr. Zeinr. Wo ſollen wir morgen einen Beutel er⸗ ſchnappen, Hans! 3 Falſt. Wo du willſt, Junge, ich bin dabey; wo ich's nicht thue, ſo nennt mich einen Schuft, und foppt mich nach Herzensluſt. Pr. Zeinr. Ich werde eine ſchoͤne Bekehrung an dir gewahr; vom Beten faͤllſt du auf's Beutelſchneiden. Falſt. Je, Heinz!'s iſt mein Beruf, Heinz;*s iſt einem Menſchen nicht zu verargen, daß er in ſeinem Be— ruf arbeitet. Poins tritt auf.. Poins! Nun werden wir hoͤren, ob Gadshill was ausgeſpuͤrt hat. O, wenn die Menſchen durch Verdienſt ſelig wuͤrden, welcher Win⸗ kel in der Hoͤlle waͤre heiß genug fuͤr ihn? Dieß iſt der aller ausbundigſte Spitzbube, der je einem ehrlichen Manne: Halt! zurief! Pr. Heinr. Guten Morgen, Eduard⸗ Poins. Guten Morgen, lieber Heinz.— Was ſagt Monſieur Gewiſſensbiß? Was ſagt Sir Sohn Zuckerſekt? Sag, Hans, wie vertraͤgt ſich der Teufel und du um deine Seele, die du ihm am letzten Charfreytage um ein Glas Madera und eine Kapaunenkeule verkauft haſt? Sz. 2. Erſter Theil. 161 or. Zeinr. Sir John haͤlt ſein Wort, der Teufel bekömmt' ſeine Waare: er hat noch nie ein Sprichwort gebrochen; er giebt dem Teufel, was des Teufels iſt. poins. Alſo biſt du verdammt, weil du dem Teufel dein Wort hältſt. Pr. Zeinr. Sonſt wuͤrde er verdammt, weil er den Teufel hinter's Licht gefuͤhrt haͤtte. poins. Aber, Jungen! Jungen! morgen fruͤh um vier Uhr nach Gadshill. Es gehen Pilgrime nach Canterbury mit reichen Gaben, es reiten Kaufleute nach London mit geſpickten Beuteln; ich habe Masken fuͤr euch alle, ihr habt ſelbſt Pferde; Gadshill liegt heute Nacht zu Roche⸗ ſter, ich habe auf morgen Abend in Eaſtcheap Eſſen be⸗ ſtellt, wir koͤnnen es ſo ſicher thun, wie ſchlafen. Wollt ihr mitgehn, ſo will ich eure Geldbeutel voll Kronen ſtop⸗ fen; wollt ihr nicht, ſo bleibt zu Haus und laßt euch haͤngen. Falſt. Hoͤr' an, Eduard: wenn ich zu Hauſe bleibe und nicht mitgehe, ſo laſſe ich euch haͤngen, weil ihr mitgeht. poins. So, Maulaffe! Falſt. Willſt du dabey ſeyn, Heinz? pr. Zeinr. Wer? ich ein Raͤuber? ich ein Dieb? Ich nicht, meiner Treu. Falſt. Es iſt keine Redlichkeit in dir, keine Mann⸗ haftigkeit, keine ächte Bruͤderſchaft; du ſtammſt auch nicht aus koͤniglichem Blut, wenn du nicht das Herz haſt, nach ein paar Kronen zu greifen. Pr. Zeinr. Nun gut, einmal in meinem Leben will ich einen tollen Streich machen. Falſt. Nun, das iſt brav! pr. Zeinr. Ey, es mag daraus werden, was will, ich bleibe zu Haus.. Falſt. Bey Gott, ſo werde ich ein Hochverraͤther, wenn du Koͤnig biſt. Pr. Zeinr. Meinetwegen. poins. Sir John, ich bitte dich, laß den Prinzen und mich allein, ich will ihm ſolche Gruͤnde fuͤr dieß Un⸗ ternehmen vorlegen, daß er mitgehen ſoll. Falſt. Gut, mogeſt du den Geiſt der Ueberredung, und er die Ohren der Lehrbegierde haben, damit das, was du ſagſt, fruchten, und das, was er hoͤrt, Glauben finden möge, auf daß der wahrhafte Prinz, der Erluſti⸗ . 11 162 Koͤnig Heinrich IW. A. I. gung wegen, ein falſcher Dieb werde; denn die armen unterdruͤckten Zeitlaͤufe beduͤrfen Unterſtuͤtzung. Lebt wohl, ihr findet mich in Eaſtcheap. Pr. FZeinr. Leb wohl, du Spaͤtfruͤhling! du alter Jungfern⸗Sommer. (Falſtaff ab.) poins. Nun, mein beſter Zuckerprinz, reitet mor⸗ gen mit uns; ich habe einen Spaß vor, den ich nicht allein ausfuͤhren kann. Falſtaff, Bardolph, Peto und Gadshill ſollen dieſe Leute berauben, denen wir ſchon aufpaſſen laſ⸗ ſen; ihr und ich, wir wollen nicht dabey ſeyn; und haben ſie nun die Beute, ihr ſollt mir den Kopf von den Schul⸗ tern ſchlagen, wenn wir beyde ſie ihnen nicht abnehmen. Pr. Zeinr. Aber wie ſollen wir uns beym Aufbruch von ihnen los machen? Poins. Wir wollen fruͤher oder ſpaͤter aufbrechen, und ihnen einen Platz der Zuſammenkunft beſtimmen, wo es bey uns ſteht, nicht einzutreffen; dann werden ſie ſich ohne uns in das Abentheuer wagen, und ſobald ſie es vollbracht, machen wir uns an ſie. Pr. Zeinr. Ja, doch es iſt zu vermuthen, daß ſie uns an unſern Pferden, an unſern Kleidern, und hun⸗ dert andern Dingen, erkennen werden. poins. Pah! unſrte Pferde ſollen ſie nicht ſehen, die will ich im Walde feſtbinden; die Masken wollen wir wechſeln, wenn wir ſie verlaſſen haben, und hoͤr' du! ich habe Ueberzuͤge von Steifleinen bey der Hand, um unſre gewohnte aͤußre Tracht zu verlarven. Pr. Zeinr. Aber ich fuͤrchte, ſie werden uns zu ſtark ſeyn. Poins. Ey, zwey von ihnen kenne ich als die ausge⸗ machteſten Memmen, die je Ferſengeld bezahlt haben; und was den dritten betrifft, wenn der laͤnger ſicht, als rathſa'n iſt, ſo will ich die Waffen abſchwoͤren. Der Hauptſpaß dabey werden die unbegreiflichen Luͤgen ſeyn, die uns dieſer feiſte Schlingel erzaͤhlen wird, wenn wir zum Abendeſſen zuſammen kommen: wie er zum wenig⸗ ſten mit dreyßigen gefochten, was er fuͤr Ausfaͤlle, fuͤr Stoͤße, för Lebensgefahren beſtanden; und daß er damit zu Schanden wird, iſt eben der Spaß⸗ Pr. Zeinr. Gut, ich will mit dir gehen, ſorge fuͤr alles Noͤthige, und triff mich morgen Abend in Eaſtcheap, da will ich zu Nacht eſſen. Leb wohl! poins. Lebt wohl, mein Prinz.(ab.) z. 3. Erſter Theil. 163 Pr. Heinr. Ich kenn'euch all, und unterſtutz'ein Weilchen Das wilde Weſen eures Mußiggangs. Doch darin thu' ich es der Sonne nach, Die niederm, ſchaͤdlichem Gewoͤlk erlaubt, Zu daͤmpfen ihre Schoͤnheit vor der Welt, Damit, wenn's ihr beliebt ſie ſelbſt zu ſeyn, Weil ſie vermißt ward, man ſie mehr bewundre, Wenn ſie durch boͤſe, garſt'ge Uebel bricht Von Duͤnſten, die ſie zu erſticken ſchienen. Beſtuͤnd' das ganze Jahr aus Feyertagen, So wuͤrde Spiel wie Arbeit laͤſtig ſeyn; Doch wenn ſie ſelten, kommen ſie erwuͤnſcht, Und nichts erfreut wie unverſehne Dinge. So, wenn ich ab dieß loſe Weſen werſe, Und Schulden zahle, die ich nie verſprach, Um ſo viel mehr truͤg' ich der Menſchen Hoffnung; Um ſo viel beſſer als mein Wort ich bin; Und, wie ein hell Metall auf dunkelm Grund, Wird meine Beßrung, Fehler uͤberglaͤnzend, Sich ſchoͤner zeigen und mehr Augen anziehn, Als was durch keine Folie wird erhoͤht. So lent' ich mein Vergehn mit klugem Sinnen, Und will die Zeit, wenn's keiner denkt, gewinnen.(ab.) G Dritte Sene — Ein andres Zimmer im Palaſt. (Koͤnig Heinrich, Northumberland, Worceſter, Percy, Sir Walter Blunt und Andre.) R. Zeinr. Zu kalt und zu gemaͤßigt war mein Blut, Unfaͤhig bey den Freveln aufzuwallen, Und ihr habt mich erkannt; denn demnach tretet Ihr meine Duldung nieder; aber glaubt Ich will hinfuͤhro mehr ich ſelber ſeyn, Maͤchtig und furchtbar mehr als meine Art, Die glatt wie Hel und weich wie Flaum geweſen, Und der Verehrung Anſpruch drum verlören, Die Stolzen nur die ſtolze Seele zahlt. Worc. Mein Lehnsherr, unſer Haus verdient gar wenig, Daß ſich darauf der Hoheit Geißel kehre, Und jener Hoheit zwar, die unſre Haͤnde So ſtattlich machen halfen. North. Gnaͤd'ger Herr,— 11* 164 Koͤnig Heinrich W. A. 1. B. Zeinr. Worceſter, mach' dich fort, ich ſehe dir Gefahr und Ungehorſam in den Augen. O, eure Gegenwart iſt allzu dreiſt und herriſch, Und niemals duldete noch Majeſtot Das finſtre Trotzen einer Dienerſtirn. Ihr ſeyd entlaſſen: wenn wir euren Rath Und Huͤlfe brauchen, woll'n wir nach euch ſenden.— (Worceſter ab.) (Zu Northumberland.) Ihr wolltet eben reden. North. Ja, mein Fuͤrſt. Die Kriegsgefangnen, in Eu'r Hoheit Namen Gefordert, welche Heinrich Percy hier Zu Holmedon machte, wurden, wie er ſagt, Auf ſo entſchiedne Weiſe nicht verweigert, Als Eure Majeſtaͤt berichtet ward. Neid alſo oder Mißverſtändniß iſt An dieſem Fehler Schuld, und nicht mein Sohn. Percy. Mein Fuͤrſt, ich ſchlug nicht die Gefangnen ab Doch ich erinnre mich, nach dem Gefecht, Als ich, von Wuth und Anſtrengung erhitzt, Matt, athemlos, mich lehnte auf mein Schwert, Kam ein gewiſſer Herr, nett, ſchoͤn geputzt, Friſch wie ein Braͤut'gam; ſein gemaͤhtes Kinn Sah Stoppelfeldern nach der Erute gleich. Er war bebalſamt wie ein Modekraͤmer, Und zwiſchen ſeinem Daum und Finger hielt er Ein Biſam⸗Buͤchschen, das er ein um's andre Der Naſe reichte, und hinweg dann zog, Die, zornig druͤber, wenn ſich's wieder nahte, In's Schnauben kam; ſtets laͤchelt' er und ſchwatzte, Und wie das Kriegsvolk Todte trug vorbey, Nannt' er ſie ungezogne, grobe Buben, Daß ſie'ne liederliche, garſt'ge Leiche Zwiſchen den Wind und ſeinen Adel truͤgen. Mit vielen Feyertags- und Fraͤuleins⸗Worten Befragt' er mich, und fordert' unter anderm Fuͤr Eure Majeſtaͤt die Kriegsgefangnen. Ich, den die kalt gewordnen Wunden ſchmerzten, Nun ſo geneckt von einem Papagey, In dem Verdruß und in der Ungeduld Antwortete ſo hin, ich weiß nicht was: Er ſollte oder nicht,— mich macht' es toll, Sz. 3. Erſter Theil. 165 Daß er ſo blank ausſah und roch ſo ſuͤß, Und wie ein Kammerfräulein von Kanonen, Von Trommeln ſchwatzt' und Wunden(Gotterbarms!) Und ſagte mir, fuͤr innre Schaͤden komme Richts auf der Welt dem Spermaceti bey; Und großer Jammer ſey es, ja fuͤrwahr, Daß man den buͤbiſchen Salpeter grabe Aus der harmloſen Erde Eingeweiden, Der manchen wackern, ſchlanken Kerl ſo feige Gefaͤllt; und nur die garſtigen Kanonen, Sonſt waͤr' er ſelber ein Soldat geworden. Auf dieß ſein kahl, gelenklos Schwatzen, Herr, Antwortet' ich nur läſſig, wie geſagt. Und ich erſuch' euch, daß nicht ſein Bericht Als guͤlt'ge Klage zwiſchen meine Liebe Und eure hohe Majeſtaͤt ſich draͤnge. Blunt. Erwaͤgen wir die Lage, beſter Herr, So kann, was Heinrich Percy auch geſagt, Zu ſolcherley Perſon, an ſolchem Ort, Zu ſolcher Zeit, ſamt allem ſonſt erzaͤhlten Gar fuͤglich ſterben, und nie auferſtehn, Um ihn zu druͤcken oder zu verklagen, Wenn er nun wiederruft, was er geſagt. R. weinr. Er giebt ja die Gefangnen noch nicht her, Als nur mit Klauſeln und bedingungsweiſe, Daß wir auf eigne Koſten ſeinen Schwager, Den albern Mortimer, ausloͤſen ſollen; Der doch, bey meiner Seel, mit Fleiß verrieth Das Leben derer, die zum Kampf er fuͤhrte Mit dem verruchten Zauberer Glendower, Deß Tochter, ſagt man, juͤngſt der Graf von March Zur Eh genommen. Sollen unſre Kiſten Geleert ſeyn, um Vevraͤther einzuloͤſen! Soll'n wir Verrath erſtehn! Verträge ſchließen Mit Furcht, die durch ſich ſelbſt verluſtig ging? Nein, auf den kahlen Hoͤhn laßt ihn verſchmachten, Denn niemals halt' ich den fuͤr meinen Freund, Deß Mund mich nur um einen Pfennig anſpricht Zur Loͤſung des abtruͤnn'gen Mortimer. Percy. Abtruͤnn'gen Mortimer! Nie fiel er ab von euch, mein Oberherr, Als durch des Krieges Gluͤck.— Dieß zu beweiſen, Braucht's Eine Zunge nur für all die Wunden, 166 Konig Heinrich W. 4. 1. Wie Munde offen, die er kühn empfina, Als an des ſchoͤnen Severn binſ'gem Ufer, Arm gegen Arm, er in beſondrer Fehde Verbrachte einer Stunde beſtes Theil, Trotz wechſelnd mit dem großen Glendower. Drehmal verſchnauften ſie, und tranken dreymal Nach Uebereinkunft aus des Severn Flut, Der dann, voll Furcht vor ihren blut'gen Blicken, Sein bebend Schilf entlang erſchrocken lief, Und barg ſein krauſes Haupt im hohlen Ufer, Von den beherzten Kaͤmpfern blutbefleckt. Nie faͤrbte nackte, faule Politik Das, was ſie ſchaffte, mit ſo herben Wunden; Auch haͤtte nie der edle Mortimer So viel' empfangen und ſie alle willig. So werd' er denn mit Abfall nicht verlaumdet. R. Zeinr. O, du beluͤgſt ihn, Percy, du belugſt ihn! Er hat im Kampf Glendower nie beſtanden. Ich ſage dir, Er traͤf' ſo gern ſich mit dem Teufel allein, Als Owen Glendower feindlich zu begegnen. Schaͤmſt du dich nicht? Aber daß ich kuͤnftig Nicht mehr von Mortimer euch reden hoͤre. Schickt die Gefangnen mir auf's ſchleunigſte, Sonſt ſollt ihr ſolchermaßen von mir hoͤren, Daß es euch nicht behagt.— Mylord Northumberland, Ihr ſeyd von uns ſammt eurem Sohn beurfaubt,— Schickt die Gefangnen, ſonſt ſollt ihr's noch hoͤren. (oͤnig Heinrich, Blunt und Gefolge ab.) Percy. Und wenn der Teufel kommt und bruͤllt nach ihnen. Schick' ich ſie nicht;— ich will gleich hinterdrein Und ihm das ſagen, ſo mein Herz erleichtern, Und waͤr's auch mit Gofahr fuͤr meinen Kopf. Worth. Wie! was! Berauſcht von Galle? wart' ein Weilchen; Da kommt dein Oheim. (Worceſter kommt zuruͤck.) Percy. Nicht von Mortimer? Blitz! ich will von ihm reden, und ich will Nicht ſelig werden, halt' ich's nicht mit ihm; Ja, alle dieſe Adern will ich leeren, Mein Herzblut tropfenweiſ' im Staub verſchuͤtten, Um den zertretnen Mortimer zu heben — Sz. 3. Erſter Theil. So hoch, wie dieſen undankbaren Koͤnig, Den undankbaren gift'gen Bolingbroke. North. Der Koͤnig machte euren Neffen toll. wore. Wer ſchlug dieß Feuer auf, nachdem ich ging? percy. Er will, ey denkt doch! alle die Gefangnen. Und als ich wieder auf die Loͤſung drang Von meines Weibes Bruder, wurd' er blaß, Und wandt' auf mein Geſicht ein Aug' des Todes, Beym bloßen Namen Mortimer ſchon zitternd. wore. Ich tadl' ihn nicht; hat der verſtorbne Richard Ihn fuͤr den naͤchſten Erben nicht erklaͤrt? worth. Das hat er; die Erklärung hort' ich ſelbſt, Und zwar geſchah ſie als der arme Könia,— An dem uns unſer Unrecht Gott verzeih'!— Zu dem Irländſchen Zug ſich wegbegab, Wovon er, abgerufen, wiederkam, Entthront und drauf ermordet bald zn werden. worc. um deſſen Tod im Mund der weiten Welt Man uns entehrt und unſern Namen ſchmaͤht. perey. Ich bitt' euch, ſtill! Erklaͤrte Koͤnig Richard Denn meinen Bruder Edmund Mortimer Fuͤr Erben ſeines Throns? Forth. Er that's, ich hort' es ſelbſt. percy. Dann iſt ſein Vetter freylich nicht zu tadeln, Der ihn auf kahlen Hoͤhn verſchmachtet wuͤnſchte. Doch ſoll es ſeyn, daß ihr, die ihr die Krone Auf des vergeßnen Mannes Haupt geſetzt, Und ſeinethalb den boͤſen Schandfeck tragt Von Anſtiftung zum Morde,— ſoll es ſeyn, Daß ihr euch zuzieht eine Welt von Fluchen, Als Helfershelfer, ſchnoͤdes Werkzeug nur, Die Stricke, Leitern oder gar der Henker? Verzeiht, daß ich ſo tief hinab muß gehn, Das Fach zu zeigen und die Rangordnung, Worin ihr ſteht bey dieſem ſchlauen Koͤnig,— Soll man, o Schmach! in dieſen Zeiten ſagen, Und Chroniken damit in Zukunft fuͤllen, Daß Maͤnner ſich von eurer Macht und Adel Verpflichtet einer ungerechten Sache, Wie beyde ihr, verzeih es Gott! gethan) Richard, die ſuße Roſe, auszureißen, Und dieſen Dornſtrauch, Bolingbroke zu pflanzen?* 168 Koͤnig Heinrich IV. A. 1 Und ſoll zu groͤßrer Schmach man ferner ſagen, Ihr ſeyd gehoͤhnt, entlaſſen, abgeſchuͤttelt, Von ihm, für den ihr dieſe Schmach ertrugt? Nein, es iſt Zeit noch, die verbannte Ehre Zuruͤckzuloͤſen, und euch vor der Welt In ihrer guten Meynung herzuſtellen; Das ſtolze hoöhniſche Verſchmaͤhn zu raͤchen An dieſem Koͤnig, welcher Tag und Nacht Drauf ſinnt, die ganze Schuld bey euch zu tilgen, Waͤr's auch mit eures Todes blut'ger Zahlung. Drum ſag' ich— Wwore. Stille, Vetter! ſagt nichts mehr, Und nun will ich ein heimlich Buch euch öffnen, Und eurem ſchnell begreifenden Verdruß Gefaͤhrliche und tiefe Dinge leſen, So voll Gefahr und Unternehmungsgeiſt, Als uͤber einen Strom, der tobend bruͤllt, Auf eines Speeres ſchwankem Halte ſchreiten. Percy. Faällt er hinein, gut' W— ſchwimm oder ink!— Schickt nur Gefahr von Oſten bis zum Weſt, Wenn Ehre ſie von Nord nach Suͤden kreuzt, Und laßt ſie ringen: o, das Blut wallt mehr Beym Loͤwenhetzen, als beym Haſenjagen! Worth. Die Einbildung von großen Thaten reißt Jenſeit der Schranken der Geduld ihn hin. Percy. Bey Gott! mich duͤnkt, es waͤr ein leichter Sprung Vom blaſſen Mond die lichte Ehre reißen, Oder ſich tauchen in der Tiefe Grund, Wo nie das Senkbley bis zum Boden reichte, Und die ertraͤnkte Ehre bey den Locken Heraufziehn, duͤrft' ihr Retter ihre Wuͤrden Dann alle tragen, ohne Nebenbuhlen, Doch pfui der aͤrmlichen Genoſſenſchaft! Wore. Er ſtellt ſich eine⸗Welt von Bildern vor, Doch nicht die Form deß, was er merken ſollte. Gebt, Vetter, auf ein Weilchen mir Gehoͤr. Percy. Habt Nachſicht mit mir. Worc. Jene edlen Schotten, Die ihr gefangen,— Perey. Die behalt' ich alle, Bey Gott! er ſoll nicht Einen Schotten haben. 8 Erſter Theil. 169 Ja, huͤlf' ein Schott' ihm in den Himmel, doch nicht; Bey dieſer Rechten! ich behalte ſie. worc. Ihr fahrt ſo auf, und leiht kein Ohr dem Votſchlag; Ihr ſollt ja die Gefangnen auch behalten. percy. Ich will's auch, kurz und gut. Er ſprach, nicht loͤſen woll' er Mortimer, Verbot zu reden mir von Mortimer, Allein ich find' ihn, wo er ſchlafend liegt, Und ruf' ihm in die Ohren: Mortimer! Ja, einen Staar ſchaff ich, der nichts ſoll lernen Zu ſchreyn, als Mortimer, und geb' ihm den, Um ſeinen Zorn ſtets rege zu erhalten. wore. Hoͤrt, Vetter, nur ein Wort! percy. Hier ſag' ich foͤrmlich jedem Streben ab, Als dieſen Bolingbroke recht wund zu kneifen; Und jenen Schwadronirer, Prinz von Wales, Daͤcht' ich nicht, daß ſein Vater ihn nicht liebt, Und gerne ſah, menn er ein Ungluͤck naͤhme, Ich wollt' ihn mit nem Kruge Bier vergiften. worc. Vetter, lebt denn wohl! Ich will euch ſprechen, Wenn ihr zum Hoͤren aufgelegter ſeyd. worth. Ey, welch ein bremsgeſtochner, jaͤher Thor Biſt du, in dieſe Weiberwuth zu fallen, Dein Ohr nur deiner eignen Zunge feſſelnd? perey. Ja ſeht, mich peitſcht's mit Ruthen, brennt wie Neſſeln, Und ſticht wie Ameishaufen, hör' ich nur Von dieſer ſchnoͤden Staatskunſt Bolingbroke's. Zu Richards Zeit,— wie nennt ihr doch den Ort? Der Teufel hol's!— er liegt in Gloſterſhire, Wo der verruͤckte Herzog lag, ſein Oheim, Sein Oheim York; wo ich zuerſt mein Knie Dem Fuͤrſt des Laͤchelns bog, dem Bolingbroke, Als ihr und er von Ravenspurg zuruͤckkamt. Worth. Zu Berkley⸗Schloß. Perey. Ja, ihr habt Recht. Ey, welchen Haufen Zucker Arihteit hr5 Bot mir der ſchmeichleriſche Windhund da! „Wenn ſein unmuͤndig Gluͤck zu Jahren kaͤme,“— Und:„lieber Heinrich Percy“ und:„beſter Vetter,“— D, zum Teufel ſolche Betruͤger!— Gott verzeih mir!— Sagt, Oheim, was ihr wollt, denn ich bin fertig. 170 Koͤnig Heinrich IV. A. I. Sz. 3. worc. Nein, wenn ihr's noch nicht ſeyd, fangt wieder an; Wir warten eurer. 2 Percy. Ich bin wahrlich fertig. wore. Dann wieder zu den Schottiſchen Gefangnen. Gebt ohne Löſegeld ſie gleich zuruͤck. Und macht des Douglas Sohn zu eurem Mittel In Schottland Volk zu werben, was aus Gruͤnden, Die ich euch ſchriftlich geben will, gewiß. d Euch leicht bewilligt wird.— Ihr, Mylord, ſollt Indeß eu'r Sohn in Schottland ſo beſchaͤftigt, Euch insgeheim dem wuͤrdigen Prälaten, Der ſo beliebt iſt, in den Buſen ſchleichen, Dem Erzbiſchof. Perey. Von York, nicht wahr? Worc. Ja, der empfindet hart Des Bruders Tod zu Briſtol, des Lord Scroop. Ich rede dieß nicht aus Vermuthungen, Was etwa moͤchte ſeyn, nein, was ich weiß, Daß angelegt, erwogen und beſtimmt: Und blos drauf wartet der Gelegenheit Geſicht zu ſehen, die an's Licht es bringt. Percy. Ich wittre ſchon: es geht, bey meinem Leben! Worth. Du laͤßt den Hund los, eh das Wild ſich ruͤhrt⸗ Percy. Der Anſchlag kann nicht anders ſeyn, als ſchoͤn. Und dann die Macht von Schottland und von York,— Mit Mortimer vereint. Ha! ſi wore. Das ſoll geſchehn. Percy. Fuͤhrwahr, das iſt vortrefflich ausgedacht. Wworc. Und was uns eilen heißt, iſt nichts geringes: Durch einen Hauptſtreich unſer Haupt zu retten. Denn, moͤgen wir uns noch ſo ſtill betragen, Der Koͤnig glaubt ſich ſtets in unſrer Schuld, Und glaubt, daß wir uns nicht befriedigt glauben, Bis er die Zeit erſehn, uns recht zu zahlen. Ihr ſeht ja, wie er ſchon den Anfang macht, Uns ſeiner Liebe Blicken zu entfremden. Perey. Das thut er, ja, man muß ſich an ihm raͤchen. wore. Vetter, lebt wohl! Nicht weiter geht hierin, Als ich durch Briefe euch den Weg will zeigen. Wenn reif die Zeit iſt, und das wird ſie bald, Schleich' ich zu Glendower und Lord Mortimer, A. II. Sz. 1. Erſter Theil. 171 Wo ihr und Douglas, und die ganze Macht Durch mein Bemuͤhn ſich glücklich treffen ſollen, Um unſer Gluͤck in eignem ſtarken Arm Zu faſſen, das wir jeßt ſo ſchwankend halten. North. Lebt wohl, mein Bruder! Es gelingt, ſo hoff ich. percy. Oheim, adieu! Koͤnnt' ich die Stunden kuͤrzen, Bis Feid und Streich und Weh das Spiel uns ab.) Zwehter Aufzug.⸗ Er ſ en Rocheſter. Ein Hof in der Herberge. (Ein Kaͤrner kommt gaͤhnend mit einer Laterne in der Hande) kärn. A⸗a⸗h! Wenn's nicht ſchon um viere iſt, will ich mich haͤngen laſſen. Der Wagen da droben ſteht ſchon über dem neuen Schornſtein, und unſer Pferd iſt noch nicht ge ackt. He, Stallknecht! Stallkn.(drinnen.) Gleich! Gleich! Rärn. Hoͤrſt du, Thomas, ſchlag' mir Hanſens Sattel zurecht, ſteck' ein bischen Werg unter den Knopf. Das arme Vieh hat ſich am Widerriß gedruckt, wie nichts gutes. 3(Ein anderer Kaͤrner kommt.) 2. Rärn. Erbſen und Bohnen ſind hier ſo mulſtrig, wie die Schwerenoth, und das iſt das rechte Mittel, daß ſo'n armes Luder die Wuͤrmer kriegt. Das Haus iſt um und um gekehrt, ſeit der alte Fritz todt iſt. 1. Rärn. Der arme Kerl! Er kam nicht wieder zu⸗ rechte, ſeit der Hafer aufſchlug: es war ſein Tod. 2. Rärn. Ich glaube, es giebt kein ſo niederträchtig Haus auf der ganzen Londner Straße mit Floͤhen. Ich bin ſo bunt geſtochen, wie'ne Schleye. 1. kärn. Wie'ne Schleye? Sapperment, kein Koͤnig in der Chriſtenheit kann's beſſer verlangen, als ich ge⸗ biſſen bin, ſeit der Hahn zum erſtenmal gekraͤht hat. 2. Rärn. Ja, ſie wollen uns niemals einen Nachttopf geben, und da ſchlagen wir's in den Kamin ab, und die Kammerlauge, die heckt euch Floͤhe, wie ein Froſchlaich. 172 Koͤnig Heinrich IV. A. II. 1. Rärn. He, Stallknecht, komm heraus und geh' an den Galgen! komm heraus! 2 Kärn. Ich habe eine Speckſeite und zwey Packen Ingwer, die ſoll ich bis Charing-Croß mitnehmen. 1. Rärn. Gotts Blitz! die Truthaͤhne in meinem Korbe ſind ganz ausgehungert.— He, Stallknecht!— Daß dich die Schwerenoth! Haſt keine Augen im Kopfe? kannſt nicht hoͤren? Wenn es nicht eben ſo gut waͤre, wie ein⸗ mal zu trinken, dir den Kopf einzuſchmeißen, ſo will ich ein Hundsfott ſeyn.— Komm an den Galgen! biſt ganz des Teufels? — (Gadshill kommt.) Gad. Guten Morgen, Schwager! Was iſt die Glocke? 1. Rärn. Ich denke, es iſt zwey. Gab. Sey ſo gut und leih' mir deine Laterne, daß ich nach meinem Wallach im Stalle ſehen kann.. . Bärn. Ey, ſieh da! ſchoͤnen Dank! Ich weiß euch Pfiffe, die noch mal ſo gut ſind, mein Seck! Gad. Sey ſo gut und leih mir deine. 2. Kärn. Alſo? wirklich?—„Leih mir deine Laterne;“ ſo?— Ey ja doch, ich will dich erſt am Galgen ſehen. Gad. He, Kaͤrner! um welche Zeit denkt ihr in Lon⸗ don zu ſeyn? . Rärn. Zeit genug, um bey Licht zu Bette zu gehn, dafuͤr ſtehe ich dir.— Kommt, Nachbar, wir wollen die Herren wecken; ſie wollen mit Geſellſchaft fort, denn ſie haben groß Gepaͤck bey ſich. Gaͤrner ab.) Gad. Heda, Hausknecht! Hauskn.(drinnen.) Ja, ja! Bey der Hand, ſagt der Beutelſchneider. Gad. Das paßt ſo gut, als: bey der Hand, ſagt der Hausknecht. Du biſt vom Brutelſchneider nicht mehr verſchieden, als Anweiſung geben vom Arbeiten. Du machlt die Anſchläge. (Der Hausknecht kommt.) auskn. Guten Morgen, Meiſter Gadshill! Es bleibt dabey, was ich euch geſtern Abend ſagte: es iſt hier ein Gutsherr aus der Kentſchen Wildniß, der fuͤhrt dreyhun⸗ dert Mark in Golde bey ſich Ich hört's ihn geſtern Abend zu einem aus der Geſellſchaft ſagen, einer Art von Kam⸗ merreviſor, einem, der auch eine Laſt Gepaͤck bey ſich hat, —————————— — ——— ——————— Sz. 1. Erſter Theil. 173 Gott weiß was. Sie ſind ſchon auf, und verlangen ge⸗ roͤſtete Eyer, ſie wollen gleich fort. Gad. Hoͤr' du, wenn ſie nicht Sankt Niklas ſeine Geſellen antreffen, ſo laß ich dir meinen Hals. Zauskn. Ne, ich mag ihn nicht, der gehoͤrt fuͤr den Schinder, denn ich weiß, du bedienſt Sankt Niklas ſo ehrlich, als ein falſcher Kerl nur immer kann. Gad. Was ſprichſt du mir vom Schinder! Wenn ich haͤnge, ſo mache ich ein paar Galgen fett, denn wenn ich haͤnge, ſo muß der alte Sir John mithangen, und du weißt, der iſt kein Hungerleider. Pah! es giebt noch andre Tro⸗ janer, wovon dü dir nichts traͤumen laͤßit, die Spaßes hal⸗ ber ſich gefallen laſſen, dem Gewerbe eine Ehre anzuthun, die, wenn man uns ein bischen auf die Finger guckte, ihres eignen Kredits wegen alles wuͤrden ins Gleiche bringen. Ich halte es mit keinen Fuß⸗Landſtreichern, keinen Langſtaͤ⸗ den, und Buſchkleppern; nicht mit ſolchen tollen, ſchnurr⸗ baͤrtigen, kupferfaͤrbigen Bierluͤmmein: ſondern mit Herr⸗ ſchaften und Baarſchaften; mit Buͤrgermeiſtern und großen Kapitalmaͤnnern; Leuten, die es an ſich kommen laſſen: Leu⸗ ten, die lieber ſchlagen, als ſprechen, lieber ſprechen, als trinken, und lieber trinken, als beten. Doch das iſt gelogen: denn ſie beten beſtaͤndig zu ihrem Heiligen, dem gemeinen Weſen, oder vielmehr, ſie nehmen es ins Gebet; denn ſie gerben ihm das Leder und machen ſich Stiefeln draus. ZZauskn. Was! Stiefeln aus dem gemeinen Weſen! Sind ſie waſſerdicht in ſchlimmen Wegen? Gad. Ja wohl, ja wohl, die Gerichte haben ſie ſelbſt geſchmiert. Wir ſtehlen, wie in einer Feſtung, ſchußfrey; wir haben das Recept vom Farrnſamen, wir gehen unſichtbar umher. Zauskn. Nu, meiner Treu, ich denke, ihr habt es mehr der Nacht, als dem Farrnſamen zu danken, wenn ihr unſichtbar herumgeht. Gad. Topp! ſchlag' ein! Du ſollſt dein Theil an dem Erwerb haben, ſo gewiß ich ein ehrlicher Mann bin. Zauskn. Verſprich mir's lieber, ſo gewiß du ein fal⸗ ſcher Dieb biſt. Gad. Laß gut ſeyn! Homo iſt ein Name, der allen Menſchen gemein iſt.— Sag dem Pferdeknecht, daß er meinen Wallach aus dem Stalle bringt.— Leb wohl, du Dreckluͤmmel.(Beyde abe) 174 Koͤnig Heinrich IV. A. II. 3 weyte Szene. Die Straße bey Gadshill. (Prinz Heinrich und Poins treten auf; Bardolph und Peto in Entfernung. Poins. Komm tritt unter! tritt unter! Ich habe Fal⸗ ſtaffs Pferd bey Seite geſchafft, und er knarrt, wie ge⸗ ſteifter Sammt. Pr. Zeinr. Verſteck' dich. GFalſtaff tritt auf.) Falſt. Poins! Poins und die Schwerenoth! Poins! Pr. HZeinr. Still, du gemaͤſteter Schuft! was ver⸗ fuͤhrſt du fuͤr ein Geſchrey? Falſt. Heinz, wo iſt Poins? Pr. Zeinr. Er iſt oben auf den Hugel hinaufgegangen, ich will ihn ſuchen.(Stellt ſich, als wenn er Poins ſuchte.) Falſt. Ich bin behert, daß ich in Geſeliſchaft mit dem Diebe rauben muß: der Schurke hat mein Pferd wegge⸗ ſchafft uud feſtgebunden, ich weiß nicht wo. Wenn ich nur vier gemeßne Fuß weiter zu Fuß gehe, ſo muß ich platzen. Nun, ich hoffe bey alle dem noch eines ordentlichen Todes zu ſterben, wenn ich nicht gehaͤngt werde, weit ich den Schuft umbringe. Ich habe ſeine Geſellſchaft dieſe zwey und zwanzig Jahre her ſtuͤndlich verſchworen, und doch bin ich mit des Schuftes ſeiner Geſellſchaft behert. Wenn der Schurke mir nicht Traͤnke gegeben hat, daß ich ihn lieb ha⸗ ben muß, ſo will ich gehaͤngt ſeyn; es kann nicht anders ſeyn, ich habe einen Trank gekriegt.— Poins!— Heinz! Daß euch die Peſt!— Bardolphi Peto!— Ich will ver⸗ hungern, eh ich einen Schritt weiter raube. Wenn es nicht eine ſo gute That waͤre, wie zu trinken, ein ehrlicher Kerl zu werden, und dieſe Schufte zu verlaſſen, ſo bin ich der aͤrgſte Lumpenhund, der je mit Zaͤhnen gekaut hat. Acht Ellen unebner Boden ſind fuͤr mich zu Fuß ſo gut, wie ein Dutzend Meilen, und das wiſſen die hartherzigen Boͤſe⸗ wichter recht gut. Hol's der Henker, wenn Diebe nicht ehr⸗ lich gegen einander ſeyn koͤnnen.(Sie pfeifen.) Pfut! Hol' euch alle der Henker! Gebt mir mein Pferd, ihr Schelme! Gebt mir mein Pferd und geht an den Galgen! „ Pr. einr. Still, du Dickwanſt! Leg dich nieder, leg dein Ohr dicht an die Erde, und horch, ob du keine Tritte von Reiſenden hoͤrſt. Sz. 2. Erſter Theil. 17⁵ Falſt. Habt ihr Hebebäume, mich wieder aufzurichten, wenn ich einmal liege? Blitz, ich will mein Fleiſch nicht wieder ſo weit zu Fuß ſchleppen, fuͤr alles Geld, was in deines Vaters Schatzkammer iſt. Was zum Henker fällt euch ein, daß ihr mich ſo pferdemaͤßig arbeiten laßt? Pr. veinr. Du luͤgſt, nicht pferdemaͤßig, ſondern pferdelos. Falſt. Ich bitte dich; lieber Prinz Heinz! Hilf mir an mein Pferd, guter Koͤnigsſohn! Pr. Zeinr. Schaͤme dich, du Schuft! Soll ich dein Stallknecht ſeyn? Falſt. Geh, haͤnge dich in deinem kronprinzlichen Ho⸗ ſenbande auf! Wenn ſie mich kriegen, ſo will ich euch dafuͤr anklagen. Wo ich euch nicht alle in Gaſſenlieder bringe, und laſſe ſie auf niedertraͤchtige Melodien abſingen, ſo will ich an einem Glaſe Sekt umkommen. Weun ein Spaß ſo weit geht, und obendrein zu Fuß,— das haſſe ich in den Tod. .(Gadshill kommt.) Gad. Steh! Falſt. Ich muß wohl, ich mag wollen oder nicht! poins. O, das iſt unſer Spuͤrhund, ich kenn' ihn an der Stimme. Bard. Was giebt es neues? Gad. Die Geſichter zu! die Masken heraus! Es kommt Geld fuͤr den Koͤnig den Hügel herunter, es geht in des Koͤnigs Schatzkammer. Falſt. Du luͤgſt, Schuft, es geht in des Koͤnigs Schenke. Gad. Es iſt genug, uns allen zu helfen.. Falſt. An den Galgen. Pr. Heinr. Leute, ihr viere ſollt euch in dem engen Hohlwege an ſie machen; Poins und ich, wir wollen weiter hinuntergehn, wenn ſie eurem Aufall entwiſchen, ſo fallen ſie uns in die Haͤnde⸗ 63 peto. Wie viel ſind ihrer denn? Gad. Ein Stuͤcker acht bis zehn. 1 Falſt. Vetter! werden ſie uns nicht ausplündern? pr. Zeinr. Was? eine Memme, Sir John Wanſt? Falſt. Furwahr, ich bin nicht euer Grosvater Johann von Gaunt, aber doch keine Memme, Heinz. pr. Zeinr. Gut, das ſoll auf die Probe ankommen 176 Koͤnig Heinrich IV. A. I. Poins. Hoͤr' du, Hans, dein Pferd ſteht hinter der Hecke; wenn du es noͤthig haſt, da kannſt du es finden. Leb wohl und halt dich gut. Falſt. Nun kann ich ihn doch nicht pruͤgeln, und wenn's mir an's Leben ginge. Pr. Heinr. Eduard, wo ſind unſte Verkleidungen? Poins. Hier, dicht bey an; verſteckt euch. Wrinz Heinrich und Poins ab.) Falſt. Nun, meine Freunde! Wer das Gluͤck hat fuͤhrt die Braut heim; jeder thue das ſeinige. (Reiſende kommen.) 1. Reiſ. Kommt, Nachbar, der Junge ſoll unſte Pferde den Berg hinunter führen: wir wollen ein Weilchen gehn, und uns die Fuͤße vertreten. Die Räuber. Halt! Die Reiſenden. Ach, Herr Jeſus! Falſt. Schlagt zu! macht ſie nieder! Brecht den Bu⸗ ben die Haͤlſe! Ey, das unnuͤtze Schmarotzer⸗Pack! die Speckfreſſer! Sie haſſen uns junges Volk. Nieder mit ihnen! rupft ſie. r. Reiſ. O wir ſind ruinirte Leute! ruinirt mit Kind und Kindeskind! 5 Falſt. An den Galgen, ihr dickbaͤuchigen Schufte! Seyd ihr ruinirt? Nein, ihr fetten Schnauzen! Hättet ihr nur das Eurige bey euch! Fort, ihr Schweinebraten, fort! Was Hundsfoͤtter? Junge Leute muͤſſen auch leben. Ihr ſeyd Obergeſchworne, nicht wahr! Wir wollen euch unterſchwoͤren, meiner Treu!. GFalſtaff und die uͤbrigen ab, indem ſie die Reiſenden vor ſich hertreiben. Prinz Heinrich und Poins kommen verkleidet zuruͤck.) Pr. Zeinr. Die Diebe haben die ehrlichen Leute ge⸗ bunden: wenn wir beyden nun die Diebe berauben koͤnn⸗ ten und uns luſtig nach London aufmachen, es waͤre eine Komoͤdie auf eine Woche, was zu lachen auf einen Mo⸗ nat, und ein guter Spaß auf immer. Poins. Tretet beyſeit', ich hoͤre ſie kommen. (Die Raͤuber kommen zuruͤck.) Falſt. Nun, meine Freunde, laßt uns theilen, und dann zu Pferde, ehe es Tag wird. Und wenn der Prinz und Poins nicht zwey ausgemachte Memmen ſind, ſo iſt Saie Sz. 3. Erſter Theil. 177 keine Gerechtigkeit auf Erden mehr. Der Poins hat nicht mehr Herz im Leibe als eine wilde Ente. Pr. Zeinr.(hervorſtuͤrzend.. Euer Geld! poins. Spitzbuben! (Waͤhrend ſie im Theilen begriffen ſind, fallen der Prinz und Poins uͤber ſie her. Nach einigen Stoͤßen laufen Fal⸗ ſtaff und die uͤbrigen davon, und laſſen ihre Beute zuruͤck.) Pr. Zeinr. Mit leichter Muͤh erobert! Nun zu Pferd! Die Diebe ſind zerſtreut, und ſo beſeſſen Von Furcht, daß ſie ſich nicht zu treffen wagen: Ein jeder haͤlt den Freund für einen Häſcher⸗ Fort, lieber Eduard! Falſtaff ſchwitzt ſich todt, Und ſpickt die magre Erde, wo er geht; Wär's nicht zum Lachen, ich bedauert' ihn. poins. Wie der Schuft bruͤllte.(ab.) Dritte Szene. Warkworth. Ein gimmer in der Burg. Percy kommt mit einem Brief in der Hand.) percy.—„Allein was mich ſelbſt betrifft, ich koͤnnte es wohl zufrieden ſeyn, mich dabey zu finden, in Be⸗ tracht der Liebe, die ich zu eurem Hauſe trage.“ Er könnte es zufrieden ſeyn; warum iſt er es denn nicht? In Betracht der Liebe, die er zu unſerm Hauſe traͤgt,— er zeigt dadurch, daß er ſeine eigne Scheure lieber hat, als unſer Haus. Laßt mich weiter ſehn.„Das Unter⸗ nehmen, das ihr vorhabt, iſt gefaͤhrlich.“— Ja, das iſt gewiß:'s iſt gefährlich, den Schnupfen zu kriegen, zu ſchlafen, zu trinken; aber ich ſage euch, Mylord Narr, aus der Neſſel Gefahr pfluͤcken wir die Blume Sicher⸗ heit.„Das Unternehmen, das ihr vorhabt, iſt gefaͤhrlich; „die Freunde, die ihr genannt, ungewiß; die Zeit ſelbſt „unpaßlich; und euer ganzer Anſchlag zu leicht für das „Gegengewicht eines ſo großen Widerſtandes.“ Meynt ihr? meynt ihr! ſo meyne ich wiederum, ihr ſeyd ein einfaͤlti⸗ ger feiger Knecht und ihr luͤgt. Welch ein Einfaltspinſel! Bey Gott, unſer Anſchlag iſt ſo gut, als je einer gemacht ward; unſre Freunde treu und ſtandhaft; ein guter An⸗ ſchlag, gute Freunde und die beſte Etwartung; ein treff⸗ licher Anſchlag, ſehr gute Freunde! Was iſt das fuͤr ein froſtig geſinnter Burſch? Lobt doch Mylord von York 12 178 Konig Heinrich W. A. I. unſern Anſchlag und die ganze Anordnung des Unterneh⸗ mens. Blitz! wenn ich jetzt bey dem Schurken wäre, ſo koͤnnte ich ihm mit ſeiner Frauen Fächer den Kopf einſchla⸗ gen. Iſt nicht mein Vater, mein Oheim und ich ſelbſt da⸗ bey? Lord Edmund Mortimer, Mylord von York und Owen Glendower! Iſt nicht endlich der Douglas dabey! Habe ich nicht Briefe von allen, daß ſie mich am neunten des nächſten Monats bewaffnet treffen wollen? Und ſind nicht einige von ihnen ſchon ausgeruͤckt? Was iſt das fuͤr ein unglaͤubiger Schurke? Ein Heide! Ha, ihr ſollt nun ſehen, aus wahrer aufrichtiger Furcht und Engherzigkeit wird er zum Koͤnige gehn, und ihm alle unſre Anſtalten vorlegen. D, ich koͤnnte mich zertheilen, und mir Maulſchellen geben, daß ich einen ſolchen Milchbrey zu einer ſo ehrenvollen Unternehmung habe bewegen wollen. Zum Henker mit ihm! Er mag's dem Koͤnige ſagen; wir ſind geruͤſtet. Ich will noch dieſe Nacht aufbrechen.(Lady Percy tritt anf.) Kaͤthchen? Ich muß euch in zwey Stunden ver⸗ aſſen⸗ Lady Percy. O mein Gemahl, was ſeyd ihr ſo allein? Fuͤr welchen Fehl war ich ſeit vierzehn Tagen Ein Weib, verbannt aus meines Heinrichs Bett? Sag, ſüßer Gatte, was beraubt dich ſo Der Eßluſt, Freude und des goldnen Schlafs? Was hefteſt du die Augen auf die Erde, Und fährſt ſo oft, wenn du allein biſt, auf? Warum verlorſt du deiner Wangen Friſche? Gabſt meine Schaͤtze und mein Recht an dich Starrſehndem Grubeln und verhaßter Schwermuth! Ich habe dich bewacht in leichtem Schlummer, Und dich vom ehrnen Kriege murmeln hoͤren, Dein baͤumend Roß mit Reiterworten lenken, Und rufen: Friſch ins Feld! Dann ſpracheſt du Von Ausfall und von Ruͤckzug, von Gezeiten, Laufgräben, Palliſaden, Parapetten, Feldſchlangen, Baſtlisken und Kanonen, Gefangner Loſung und erſchlagnen Kriegern, Und jedem Vorfall einer heißen Schlacht. Dein Geiſt in dir iſt ſo in Krieg geweſen, Und hat im Schlafe ſo dich aufgeregt, Daß Perlen Schweißes auf der Stirn dir ſtanden, Wie Blaſen in dem erſt getruͤbten Strom; Und im Geſicht erſchien gewalt'ge Regung, Wie wenn ein Menſch den Odem an ſich haͤlt S3. Erſter Theil. 179 In großer ſchneller Eil. O, was ſind dieß fuͤr Zeichen? Ein ſchwer Geſchaͤft hat mein Gemahl in Händen, Und wiſſen muß ich's, oder er liebt mich nicht. Percy. Heda! iſt Wilhelm fort mit dem Packet? (Ein Bedienter kommt.) Bed. Ja, gnaͤd'ger Herr, vor einer Stunde. Percy. Iſt Butler mit den Pferden da vom Sheriff? Bed. Ein Pferd, Herr, hat er eben jetzt gebracht. percy. Was fur ein Pferd, ein Scheck', ein Stutzohr nicht? Bed. Ja, gnaͤd'ger Herr. Percy. Der Schecke ſey mein Thron. Gut, ich beſteig' ihn gieich.— O Espérance!— Laßt Butler in den Park hinaus ihn fuͤhren. Lady Percy. So hoͤrt doch, mein Gemahl. perey. Was ſagſt du, meine Gemahlin? Lady Percy. Was reißt dich ſo von mir hinweg? perey. Ey, mein Pferd Mein Kind, mein Pferd! Lady Percy. O du tollkoͤpf'ger Affe! Ein Wieſ l hat ſo viele Grillen nicht, Als die dich plagen. Traun, Ich will's erfahren, Heinrich, ja durchaus. Ich fuͤrchte, daß mein Bruder Mortimer Sein Recht betreibt, und hat zu euch geſandt Um Vorſchub fuͤr ſein Werk; doch, gehet ihr— percy. So weit zu Fuß, ſo werd' ich muͤde, Kind. Lady Perey. Komm, komm, du Papagey! antworte mir Gerade zu auf das, was ich dich frage. Ich breche dir den kleinen Finger, Heinrich, Willſt du mir nicht die ganze Wahrheit ſagen.! Percy. Fort, fort, Du Taͤndlerin!— Lieben?— Ich lieb' dich nicht, Ich frage nicht nach dir. Iſt dieß'ne Weit Zum Puppenſpielen, und mit Lippen fechten? Nein, jetzo muß es blut'ge Naſen geben, Zerbrochne Kronen, die wir doch im Handel Fuͤr voll anbringen.— Alle Welt, mein Pferd! Was ſagſt du, Kaͤthchen? wollteſt du mir was? Lady Percy. Ihr liebt mich nicht? ihr liebt mich wirklich nicht? 180 Koͤnig Heinrich W. A. II. Gut, laßt es nur; denn, weil ihr mich nicht liebt, Leb' ich mich ſelbſt nicht mehr. Ihr liebt mich nicht? Nein, ſagt mir, ob das Scherz iſt oder Ernſt? Percy. Komm, willſt mich reiten ſehn? Wenn ich zu Pferde bin, ſo will ich ſchwoͤren, Ich liebe dich unendlich. Doch höre, Kaͤthchen: Du mußt mich ferner nicht mit Fragen qualen, Wohin ich geh', noch rathen, was es ſoll. Wohin ich muß, muß ich? und kurz zu ſeyn, Heut' Abend muß ich von dir, liebes Kaͤthchen. Ich kenne dich als weiſe, doch nicht weiſer, Als Heinrich Percy's Frau; ſtandhaft biſt du, Jedoch ein Weib, und an Verſchwiegenheit Iſt keine beſſer: denn ich glaube ſicher, Du wirſt nicht ſagen, was du ſelbſt nicht weißt, Und ſo weit, liebes Kaͤthchen, trau' ich dir. Lady Percy. Wie? ſo weit? Percy. Nicht einen Zollbreit weiter. Doch hoͤre Kaͤthchen: Wohin ich gehe, dahin ſollſt du auch: Ich reiſe heute, du ſollſt morgen reiſen. Biſt du zufrieden nun? Lady Percy. Ich muß ja wohl.(ab.) Vierte Szene. Eaſtcheap. Eine Stube in der Schenke zum wilden Schweinskopf. (Prinz Heinrich und Poins treten auf.) Pr. Zeinr. Ich bitte dich, Poins, komm' aus der fetten Stube, und ſteh mir ein bischen mit Lachen bey. Poins. Wo biſt du geweſen, Heinz? Pr. Zeinr. Mit drey bis vier Ochſenkoͤpfen zwiſchen drey⸗ ßig bis vierzig Oxhoͤften. Ich habe den allertiefſten Ton der Leutſeligkeit angegeben. Ja, Menſch, ich habe mit einer Rotte von Kuͤfern Buͤderſchaft gemacht, und kann ſie alle bey ihren Taufnamen nennen, als: Thomas, Fritz und Franz. Sie ſetzen ſchon ihre Seligkeit daran, daß ich, obſchon nur Prinz von Wales, der Koͤnig der Hoͤflichkeit bin, und ſagen mir gerade heraus, ich ſey kein ſtolzer Hans, wie Falſtaff, ſondern ein Korinthier, ein luſtiger Burſch, ein guter Junge,— wahrhaftig, ſo nennen ſie mich; und wenn ich Koͤnig von England bin, ſo ſollen alle wackre Bur⸗ ſche in Eaſtcheap mir zu Befehl ſtehn. Tuͤchtig trinken heißt —— ——— S 5 Sz. 4. Erſter Theil. 181 bey ihnen ſich roth ſchminken, und wenn ihr beym Schluk⸗ ken Athem holt, ſo ruſen ſie: friſch! und ermahnen euch, keine Umſtaͤnde zu machen. Kurz, ich habe es in einer Viertelſtunde ſo weit gebracht, daß ich lebenslang mit jedem Keſſelflicker in ſeiner eignen Sprache trinken kann. Ich ſage dir, Eduard, du haſt viel Ehre eingebuͤßt, daß du nicht mit mir in dieſer Aktion geweſen biſt. Aber, ſuͤßer Eduard,— und, um dieſen Namen zu verfuͤßen, geb' ich dir dieß Pfen⸗ nigsduͤtchen voll Zucker, das mir eben ein Unterkellner in die Hand druͤckte; einer, der in ſeinem Leben kein andres Engliſch geſprochen hat, als:„acht Schilling und ſechs Pfennige;“ und:„Ihr ſeyd willkommen:“ mit dem gel⸗ lenden Zuſatze:„Gleich, Herr! gleich! Eine Flaſche Mus⸗ kat im halben Monde angekreidet!“ oder dergleichen.— Aber, Eduard, um die Zeit hinzubringen, bis Falſtaff kommt, geh, bitt' ich dich, in eine Nebenſtube, waͤhrend ich meinen kleinen Kuͤfer befrage, zu welchem Ende er mir den Zucker gegeben hat, und laß die ganze Zeit nicht ab, Franz zu rufen, damit er nichts, als„Hleich!“ vorbringen kann. Tritt beyſeit, und ich will dir den Hergang zeigen. poins. Franz! Pr. Zeinr. Meiſterhaft! poins. Franz!(ab.) (Franz koͤmmt.) Franz. Gleich, Herr! gleich! Sieh zu, was ſie im Granatapfel wollen, Ralf. pr. Zeinr. Komm her, Franz. Franz. Gnaͤdiger Herr. pr. Zeinr. Wie lange mußt du noch dienen, Franz? Franz. Meiner Treu, fuͤnf Jahre, und ſo lange, bis— Ppoins.(prinnen.) Franz! Franz. Gleich, Herr! gleich! pr. Heinr. Fuͤnf Jahre?! Wahrhaftig, eine lange Miethszeit, um mit zinnernen Kannen zu klimpern. Aber, hätteſt du wohl das Herz, gegen deinen Kontrakt die Memme zu ſpielen, die Beine auf die Schultern zu nehmen, und ihm durchzugehen! Franz. Du meine Zeit, Herr! Ich will auf alle Buͤcher in England ſchwoͤren, ich koͤnnte es uͤber's Herz bringen— Poins.(drinnen.) Franz! Franz. Gleich, Herr! gleich! 182 Koͤnig Heinrich IV. A. 11. pr. Zeinr. Wie alt biſt du, Fronz? Franz. Laßt mich ſehen. Auf nächſten Michaelis werde ich— Poins.(drinnen.) Franz! Franz. Gleich, Herr!— Ich bitte euch, wartet ein bischen, gnaͤdiger Herr. Pr. Seinr. Aber hore nur, Franz: der Zucker, den du mir gabſt— es war fuͤr einen Pfennig, nicht wahr? Franz. Lieber Herr, ich wollte, es waͤre fuͤr zweye geweſen. Pr. Heinr. Ich will dir tauſend Pfund dafuͤr geben, fordre, wann du willſt, und du ſollſt ſie haben. Poins.(drinnen.) Franz! Franz. Gleich, gleich! Pr. Zeinr. Gleich, Franz? Nein, Franz; aber mor⸗ gen, Franz: oder auf den Donnerſtag, Franz, oder wahr⸗ haftig, Franz; wann du willſt. Aber, Franz— Franz. Gnaͤdiger Herr!— Pr. Zeinr. Beſtöhleſt du mir wohl den mit dem je⸗ dernen Wams, kryſtallnen Knöpfen, geſtutztem Kopf, agatnen Ringen, ſchwarzen Struͤmpfen, zwirnenen Strumpf⸗ baͤndern, Spaniſchem Tabaksbeutel— Franz. Lieber Gott, Herr, wen meynt ihr? Pr. Zeinr. Nun, ſo geht euch kein Getrank uͤber den braunen Muskat; denn ſeht, Franz, euer weißes lei⸗ nenes Kamiſol wird ſchmutzig werden: in der Barbarey, mein Freund, kann es nicht ſo weit kommen? Franz. Wie, Herr? Poins.(drinnen.) Franz. Pr. Seinr. Fort, du Schurke! Horſt du ſie nicht rufen? (Pier rufen ihn beyde, der Kuͤfer ſteht verwirrt, und weiß nicht, wohin er gehen ſoll. Der Kellner kommt.) Relln. Was!? ſtehſt du ſtill und hoͤrſt ſolch ein Ru⸗ fen! Sieh nach den Gaͤſten drinnen.(Franz ab.) Gnaͤ⸗ diger Herr, der alte Sir John, und noch ein halb Dutzend Andre ſind vor der Thuͤr: ſoll ich ſie her⸗ einlaſſen? Pr. Zeinr. Laß ſie ein Weilchen ſtehn, und dann mach die Thuͤr auf. Poins! poins. Gleich, Herr! gleich! Sz. 4. Erſter Theil. 183 pr. Heinr. Hoͤre: Falſtaff und die uͤbrizen Diebe ſind vor der Thuͤr. Sollen wir uns luſtig machen? poins. So luſtig wie Heimchen, mein Junge. Aber wie geſchickt habt ihr die Partie Spaß mit dem Kuͤfer geſpielt! Aber was ſoll nun geſchehn? pr. Zeinr. Ich bin jetzt zu allen Humoren aufgelegt, die ſich ſeit den alten Tagen des Biedermanns Adam bis zu dem unmuͤndigen Alter der gegenwaͤrtigen Mitternacht als Humore gezeigt haben. (Franz kommt zuruͤck mit Wein.) Was iſt die Uhr, Franz? Franz. Gleich, Herr! gleich! pr. Zeinr. Wie nur der Geſelle weniger Worte haben kann, als ein Papagey, und doch iſt er eines Weibes Sohn! Seine Geſchaͤftigkeit iſt trepp auf und ab, ſeine Beredtſamkeit ein Stuͤck Rechnung.— Ich bin noch nicht in Percy's Stimmung, dem Heißſporn des Nordens, der euch ſechs bis ſieben Dutzend Schotten zum Fruͤhſtuͤck umbringt, ſich die Haͤnde wäſcht, und zu ſeiner Frau ſagt: „Pfui, über dieß ſtille Leben! Ich muß zu thun ha⸗ ben.“—„O mein Herzens-Heinrich,“ ſagt ſie,„wie viele haſt du heute umgebracht?“—„Gebt meinem Schek⸗ ken zu ſaufen,“ ſagt er, und eine Stunde darauf antwor⸗ tet er:„Ein Stuͤcker vierzehn; Bagatell! Bagatell!“— Ruf doch Falſtaff herein, ich will den Percy ſpielen, und das dicke Vieh ſoll Dame Mortimer ſein Weib vorſtellen. Rivo! ſchreyt der Trunkenbold. Ruft mir das Rippen⸗ ſtuͤck, ruft mir den Talgklumpen. (Falſtaff, Gadshill, Bardolph und Peto kommen.) poins. Willkommen, Hans. Wo biſt du geweſen? Falſt. Hol die Peſt alle feigen Memmen, und das Wetter obendrein! Ja und Amen!— Gieb mir ein Glas Sekt, Junge.— Lieber als dieß Leben lange fuͤhren, will ich Struͤmpfe ſtricken, und ſie ſtopfen, und ſie neu ver⸗ ſohlen. Hol die Peſt alle feigen Memmen!— Gieb mir ein Glas Sekt, Schurke!— Iſt keine Tugend mehr auf Erden? (Er trinkt.) pr. Zeinr. Sahſt du niemals den Titan einen Tel⸗ ler voll Butter küſſen? Den weichherzigen Titan, der bey einer ſuͤßen Erzaͤhlung ſeines Sohnes ſchmolz? Wenn du es thateſt, ſo betrachte dieſe Maſſe⸗ hm Falſt. Du Schurke, in dem Glaſe Sekt iſt auch Kalk; * 184 Koͤnig Heinrich IV. A. Il. nichts als Schurkerey iſt unter dei ſuͤndhaften Menſchen⸗ volk zu finden. Aber eine Memme iſt doch noch ärger, als ein Glas Sekt mit Kalk drin; ſo'ne ſchaͤndliche Memme! — Geh deiner Wege, alter Hans! ſtirb wann du willſt! Wenn Mannhaſftigkeit, edle Mannhaftigkeit nicht vom An⸗ geſicht der Erde verſchwunden iſt, ſo bin ich ein ausge⸗ nommener Hering. Nicht drey wackre Leute leben ungehan⸗ gen in England, und der eine von ihnen iſt feſt und wird alt. Gott helf uns! Eine ſchlechte Welt, ſag' ich! Ich wollte ich wär' ein Weber, ſo konnt' ich doch allerlei Lieder ſingen. Hol' die Peſt alle feigen Memmen! ſag' ich nochmals. Pr. Zeinr. Nun, du Wollſack, was murmelſt du? Falſt. Ein Koͤnigsſohn! Wenn ich dich nicht mit einer hoͤlzernen Pritſche aus deinem Koͤnigreich hinausſchlage, und alle deine Unterthanen wie eine Heerde wilder Gaͤnſe vor dir hertreibe, ſo will ich mein Lebenlang kein Haar mehr im Geſichte tragen. Ihr ein Prinz von Wales! Pr. Zeinr. Nun, du gemaͤſteter Schlingel, was ſoll's7 Falſt. Seyd ihr nicht eine Memme? darauf antwor⸗ tet mir: und der Poins da? Poins. Sapperment, du fetter Wanſt, wenn du mich eine Memme nennſt, ſo erſtech' ich dich. Falſt. Ich dich eine Memme nennen? Ich will dich verdammt ſehen, ehe ich das thue; aber ich wollte tau⸗ ſend Pfund darum geben, daß ich ſo gut laufen koͤnnte, wie du. Ihr ſeyd ziemlich gerade gewachſen, ihr fragt nicht darnach, ob jemand euren Ruͤcken ſieht; nennt ihr das ein Ruͤckenhalt ſeiner Freunde ſeyn! Hol die Peſt ſolches Ruͤckenhalten! Schafft mir Leute, die mir ins Geſicht ſehn.— Ein Glas Sekt! Ich bin ein Schelm, wenn ich heute was getrunken habe. Pr. Zeinr. O Spitzbube; du haſt dir kaum die Lip⸗ pen vom Trinken abgewiſcht. Falſt. Es kommt alles auf eins heraus. Hol die Peſt alle Memmen! ſage ich nochmals. Er trinkt.) Pr. Heinr. Was ſoll's? Falſt. Was ſoll's? Viere unter uns, die wir hier ſind, haben heute Morgen tauſend Pfund erbeutet. Pr. Zeinr. Wo ſind ſie, Hans? wo ſind ſie? Falſt. Wo ſind ſie? Uns abgenommen ſind ſie. An die Hundert gegen uns armſelige Viere! Sz. 4. 1 Erſter Th eil⸗ 185 Ppr. Feinr. Was ſagſt du, Freund? an die Hundert? Falſt. Ich will ein Schuft ſeyn, wenn ich nicht ein paar Stunden lang mit einem Dutzend von ihnen handgemein geweſen bin. Ich bin durch ein Wunder davon gekommen. Ich habe acht Stoͤße durch das Wams gekriegt, viere durch die Beinkleider, mein Schild iſt durch und durch gehauen, mein Degen zerhackt wie eine Handſäge; ecce signum! Zeit meines Lebens habe ich mich nicht beſſer gehalten, es half alles nichts. Hol die Peſt alle Memmen!— Laßt die da reden; wenn ſie mehr oder weniger, als die Wahrheit ſagen, ſo ſind ſie Spitzbuben und Kinder der Finſterniß. pr. Zeinr Redet, Leute! wie war's? Gad. Wir viere fielen ein Dutzend an,— Falſt. Sechszehn wenigſtens. Gad. Und banden ſie. peto. Nein, nein, gebunden wurden ſie nicht. Falſt. Ja, du Schelm, ſie wurden gebunden alie, bis auf den letzten Mann, ſonſt will ich ein Jude ſeyn, ein rechter Erzjude. Gad. Wie wir dabey waren, zu theilen, fielen uns ſechs bis ſieben friſche Leute an,— Falſt. Und banden die andern los, und dann kamen die Uebrigen. pr. Zeinr. Was! fochtet ihr mit allen? Falſt. Alle? Ich weiß nicht, was ihr alle nennt, aber wenn ich nicht mit ein funfzigen gefochten habe, ſo will ich ein Buͤndel Radieſer ſeyn. Wenn ihrer nicht zwey bis drey und funfzig uͤber den armen alten Hans her waren, ſo bin ich keine zweybeinige Kreatur. poins. Gott gebe, daß ihr keinen davon ermordet habt. Falſt. Ja, da hilft nun kein Beten mehr. Ich habe zweyen die Freude verſalzen; zweyen, das weiß ich, habe ich ihr Theil gegeben; zwey Schelmen in ſteifleinenen Kleidern. Ich will dir was ſagen, Heinz,— wenn ich dir eine Luͤge ſage, ſo ſpey' mir ins Geſicht, nenne mich ein Pferd. Du kennſt meine alte Parade! ſo lag ich, und ſo fuͤhrte ich meine Klinge. Nun dringen vier Schelme in Steifleinen auf mich ein,— Pr. Zeinr. Was, viere? Eben jetzt ſagteſt du ja nur zwey. Falſt. Viere, Heinz, ich ſage viere. 6 186 Koͤnig Heinrich 1V. A. JI. Poins. Ja, ja, er hat viere geſagt. Falſt. Dieſe viere kamen alle in einer Reihe, und thaten zuſammen einen Ausfall auf mich. Ich machte nicht viel Umſtaͤnde, ſondern fing ihre ſieben Spitzen mit meinem Schilde auf— ſo. Pr. Heinr. Sieben? So eben waren ihrer ja nur vier. Falſt. In Steifleinen. Poins. Ja, viere in ſteifleinenen Kleidern. Falſt. Sieben, bey dieſem Degengriff, oder ich will ein Schelm ſeyn. Pr. Heinr. Ich bitte dich, laß ihn nur, wir werden ihrer gleich noch mehr kriegen. Falſt. Hoͤrſt du auch, Heinz? Pr Feinr. Ja, ich merke mir's auch, Hans. Falſt. Das thu' nur; es iſt des Aufhorchens ſchon werth. Dieſe neun in Steifleinen, wovon ich dir ſagte,— Pr. Seinr. Alſo wieder zwey mehr. Falſt. Da ich ſie in der Mitte auseinander geſprengt atte— Poins. So fielen ihnen die Hoſen herunter. Falſt. So fingen ſie an zu weichen. Ich war aber dicht hinter ihnen drein, mit Hand und Fuß, und wie der Wind gab ich ſieben von den eilfen ihr Theil. Pr. Zeinr. Oentſetzlich! Eilf ſteifeinene Kerle aus zweyen! Falſt. Wie ich dabey war, fuͤhrte der Teufel drey abſcheuliche Spitzbuben in hellgruͤnen Röcken her, die mich von hinten anfielen;— denn es war ſo dunkel, daß man nicht die Hand vor Augen ſehen konnte. Pr. Zeinr. Dieſe Luͤgen ſind wie der Vater, der ſie erzeugt, groß und breit, wie Berge, offenbar, handgreif⸗ lich. Ey, du gruͤtzköpfiger Wanſt! du vernagelter Tropf! du verwetterter, ſchmutziger, fettiger Talgklumpen,— Falſt. Run, biſt du toll? biſt du toll? Was wahr iſt, iſt doch wahr. Pr. Zeinr. Ey, wie konnteſt du die Kerle in hellgruͤ⸗ nen Roͤcken erkennen, wenn es ſo dunkel war, daß man die Hand nicht vor Angen ſehen konnte! Komm, gieb uns deine Gruͤnde an: wie erklaͤrſt du das? Poins. Eure Gruͤnde, Hans, eure Gruͤnde. Falſt. Was? mit Gewalt? Waͤr ich auch auf der Wippe cSz. 4. Erſter Theil. 187 oder allen Foltern in der Welt, ſo ließe ich mir's nicht mit Gewalt abnoͤthigen. Mit Gewalt Gruͤnde angeben! Wenn Gruͤnde ſo gemein waͤren, wie Brombeeren, ſo ſollte mir doch keiner mit Gewalt einen Grund abnoͤthigen, nein! Pr. Zeinr. Ich will dieſer Suͤnde nicht laͤnger ſchul⸗ dig ſeyn. Dieſe vollbluͤtige Memme, dieſer Bettdruͤcker, dieſer Pferderuͤckenbrecher, dieſer Fleiſchberg,— Falſt. Fort mit dir, du Hungerbild, du Aalhaut, du getrocknete Rinderzunge, du Ochſenziemer, du Stockfiſch, — o haͤtt' ich nur Odem, zu nennen, was dir gleicht!— du Schneiderelle, du Degenfutteral, du erbaͤrmliches Rapier,— Pr. Zeinr. Gut, hol' ein Weilchen Odem, und dann geh wieder dran, und wenn du dich in ſchlechten Ver⸗ gleichungen erſchoͤpft haſt, ſo hoͤre nur dieß. poins. Merk' auf, Hans. Pr. Zeinr. Wir zweye ſahen euch viere uͤber viere ber⸗ fallen; ihr bandet ſie, und machtet euch ihres Gutes Meiſter. — Nun merkt auf, wie eine ganz ſimple Geſchichte euch zu nichte macht.— Wir zwey fielen hierauf euch viere an, und trotzten euch, mit Einem Worte, die Beute ab, und haben ſie, ja und koͤnnen ſie euch hier im Hauſe zeigen; und ihr, Falſtaff, fchlepptet euren Wanſt ſo hurtig davon, mit ſo behender Geſchicklichkeit, und brulltet um Gnade, und lieft und bruͤlltet in Einem fort, wie ich je ein Bullenkalb habe bruͤllen hoͤren. Was biſt du fuͤr ein Suͤnder, deinen Degen zu zerhacken, wie du gethan haſt, und dann zu ſagen, es ſey im Gefecht geſchehn! Welchen Kniff, welchen Vor⸗ wand, welchen Schlupfwinkel kannſt du nun ausſinnen, um dich vor dieſer offenbaren Schande zu verbergen? poins. Komm, laß uns hoͤren, Hans: was haſt du nun fuͤr einen Kniff? Falſt. Beym Himmel, ich kannte euch ſo gut, wie der, der euch gemacht hat. Laßt euch ſagen, meine Freunder kam es mir zu, den Thronerben umzubringen? Sollte ich mich gegen den aͤchten Prinzen auflehnen! Du weißt wohl, ich bin ſo tapfer, wie Herkules: aber denke an den In⸗ ſtinkt: Der Löwe ruͤhrt den aͤchten Prinzen nicht an. In⸗ ſtinkt iſt eine große Sache, ich war eine Memme aus Inſtinkt. Ich werde Lebenslang von dir und mir deſto deſſer denken: von mir als einem tapfern Loͤwen, von dir als einem aͤchten Prinzen. Aber beym Himmel, Burſche, ich bin froh, daß ihr das Geld habt.— Wirthin, die 188 Kbnig Heinrich 1V. A. 11. Thuͤren zu! Heut Nacht gewacht, morgen gebetet!— Brave, Jungen, Goldherzen! alle Titel guter Kamerad⸗ ſchaft ſeyn euch gegoͤnnt! He, ſollen wir luſtig ſeyn? ſol⸗ len wir eine Komoͤdie extemporiren? Pr. Heinr. Zugeſtanden! und ſie ſoll von deinem Da⸗ vonlaufen handeln. Falſt. Ach, davon nichts weiter, Heinz, wenn du mich lieb haſt. (Die Wirthin kommt.) Wwirth. Gnaͤdiger Herr Prinz,— Pr. Heinr. Sieh da, Frau Wirthin! Was haſt du mir zu ſagen? wirth. Ey, Herr, da iſt ein angeſehener Herr vom Hofe vor der Thuͤr, der euch ſprechen will; er ſagt, er kommt von eurem Vater. Pr. Zeinr. Mach' ihn zum ungeſehenen Herrn, und ſchicke ihn wieder zu meiner Mutter. Falſt. Was fuͤr eine Art von Mann iſt es? wirth. Ein alter Mann. Falſt. Wos hat die Gravitaͤt um Mitternacht außer dem Bett zu thun!— Soll ich ihm ſeinen Beſcheid geben? Pr. Zeinr. Ja, thu das, Hans. Falſt. Mein' Treu, ich will ihn ſchon heimleuchten.(ab.) Pr. Zeinr. Nun, ihr Herren: Beym Himmel, ihr habt ſchoͤn gefochten, ihr, Peto, und ihr, Bardolph,— ihr ſeyd auch Loͤwen, ihr lieft aus Inſtinkt weg, ihr wolltet den aͤchten Prinzen nicht anruͤhren, bey Leibe nicht. O pfui! Bard. Meiner Treu, ich lief, wie ich die andern laufen ſah. pr. Zeinr. Sagt mir nur im Ernſt, wie wurde Fal⸗ ſtaffs Degen ſo ſchartig? peto. Nun, er zerhackte ihn mit ſeinem Dolche, und ſagte: er wolle Stein und Bein ſchwoͤren, um euch glau⸗ ben zu machen, es waͤre im Gefecht geſchehen, und er uͤberredete uns, das Gleiche zu thun. Bard. Ja, und unſte Naſen mit ſcharfem Graſe zu kizzeln, um ſie bluten zu machen, und dann unſte Kleider damit zu beſchmieren, und zu ſchwoͤren, es ſey das Blut von ehrlichen Leuten Ich that etwas, was ich dieſe ſie⸗ ben Jahre nicht gethan habe, ich wurde roth uͤber ſeine abſcheulichen Einfaͤlle. ———————— Sz 4. Erſter Theil. 189 pr. Zeinr. O Spitzbube, du ſtahlſt vor achtzehn Jahren ein Glas Sekt, und wurdeſt auf der That er⸗ tappt, und ſeitdem wirſt du immerfort ex tempPore roth. Du hatteſt Feuer und Schwert an deiner Seite, und doch liefſt du davon; welch ein Inſtinkt bewog dich dazu? Bard. Gnädiger Herr, ſeht ihr hier dieſe Meteore? Bemerkt ihr dieſe Feuerduͤnſte? pr. Heinr. Ja. Bard. Was denkt ihr, daß ſie bedeuten! pr. Zeinr. Heiße Lebern und kalte Beutel. Bard. Galle, Herr, wenn man's recht nimmt. pr. Zeinr. Nein, wenn man's recht nimmt Galgen? (Falſtaff kommt zuruͤck.) Da kommt der magre Hans, da kommt das Beingerippe. Nun, meine allerliebſte Wulſt⸗ puppe? Wie lange iſt es her, Hans, daß du dein eig⸗ nes Knie nicht geſehn haſt?. Falſt. Mein eignes Knie? Als ich in deinen Jahren war, Heinz, war ich um den Leib nicht ſo dick, als eine Adlersklaue, ich hätte durch eines Aldermanns Daumen⸗ ring kriechen koͤnnen. Hol die Peſt Kummer und Seuf⸗ zen! Es blaͤſt einen Menſchen auf, wie einen Schlauch.— Da ſind hundsfoͤttiſche Neuigkeiten los: Sir John Brach war hier von eures Vaters wegen, ihr muͤßt morgen fruͤh an den Hof. Der bewußte tolle Kerl aus Norden, Percy, und der aus Wales, der den Amaimon auspruͤ⸗ gelte, und Lucifer zum Hahnrey machte, und den Teu⸗ fel auf das Kreuz einer Waͤlſchen Streitart den Vaſal⸗ leneid leiſten hieß,— wie zum Henker heißt er doch? poins. O, Glendower. Falſt. Owen, Owen, eben der; und ſein Schwieger⸗ ſohn Mortimer, und der alte Northumberland, und der muthige Schott der Schotten, Douglas, der zu Pferde einen Berg ſteilrecht hinanrennt. pr. Zeinr. Der in vollem Gallop reitet, und dabey mit der Piſtole einen Sperling im Fluge ſchießt. Falſt. Ihr habt es getroffen. pr. Zeinr. Er aber niemals den Sperling. Falſt. Nun, der Schuft hat Herz im Leibe, der läuft nicht. Pr. Zeinr. Ey, was biſt du denn fuͤr ein Schuft, daß du ihn um ſein Laufen ruͤhmſt? 190 Koͤnig Heinrich 1V. A II. Falſt. Zu Pferde, du Finke! zu Fuß weicht er keinen Fuß breit. Pr. Zeinr. Doch, Hans, aus Inſtinkt. Falſt. Das gebe ich zu, aus Inſtinkt. Gut, der iſt auch da; und ein gewiſſer Mordake, und ſonſt noch an die tauſend Blaumuͤtzen. Worceſter hat ſich bey Nacht weggeſtohlen; deines Vaters Bart iſt vor Schrecken über die Nachricht weiß geworden. Land iſt nun ſo wohlfeil zu kaufen, wie ſtinkende Makrelen. Pr. Zeinr. Nun, wenn ein heißer Junius kommt, und dieſe einheimiſche Balgerey fortdauert, ſo ſieht es darnach aus, daß man Jungferſchaften ſchockweiſe kaufen wird, wie Hufnaͤgel. Falſt. Beym Sakrament, Junge, du haſt Recht: es kann ſeyn, daß wir in dem Punkte guten Handel haben werden.— Aber ſage mir, Heinz, fuͤrchteſt du dich nicht entſetzlich! Da du Thronerbe biſt, koͤnnte die Welt dir wohl noch drey ſolche Gegner ausleſen, als den Erzfeind Douglas, den Kobolt Percy und den Teufel Glendower? Fuͤrchteſt du dich nicht entſetzlich: Rieſelt's dir nicht in den Adern? Pr. Zeinr. Nicht im geringſten, meiner Treuz ich brauche etwas von deinem Inſtinkt. Falſt. Nun, du wirſt morgen entſetzlich ausgeſchmaͤlt werden, wenn du zu deinem Vater kommſt; wenn du mich lieb haſt, ſo ſinne eine Antwort aus. Pr. Zeinr. Stelle du meinen Vater vor, und befrage mich uͤber meinen Lebenswandel. Falſt. Soll ich, topp!— Dieſer Stuhl ſoll mein Thron ſeyn, dieſer Dolch mein Zepter, und dieß Kiſſen meine Krone. Pr. HZeinr. Dein Thron iſt alſo der Schemel hier, dein goldnes Zepter der bleyerne Dolch, und deine koſt⸗ bare reiche Krone dieſe armſelige kahle Krone! Falſt. Gut, wenn das Feuer der Gnade nicht ganz in dir erloſchen iſt, ſo ſollſt du nun geruͤhrt werden.— Gebt mir ein Glas Sekt, damit meine Augen roth aus⸗ ſehen; man muß denken, daß ich geweint habe, denn ich muß es mit bewegtem Gemuͤth ſprechen, und ich will es in des Koͤnigs Kambyſes Weiſe thun. Pr. Zeinr. Gut, ſo mache ich meine Reverenz. —— —— Sz. 4. Erſter Theil. 191 Falſt. Und ſo halte ich meine Rede.— Tretet bey⸗ ſeit, ihr Großen. wirth. Das iſt ein praͤchtiger Spaß, mein' Seel! Falſt. Weint, Fuͤrſten, nicht Vergeblich traͤufeln Thraͤnen. wirth. O Jemine, was er ſich fuͤr ein Anſehen giebt! Falſt. O Gott, Herrn! bringt mein bang Gemahl hinaus, Denn Thraͤnen ſtopfen ihrer Augen Schleuſen. wirth. O praͤchtig! Er macht es den Lumpen⸗Komoͤ⸗ dianten ſo natuͤrlich nach, wie man was ſehen kann. Falſt. Still, gute Bierkanne! ſtill, Frau Schnapps— Heinrich, ich wundre mich nicht bloß daruͤber, wie du deine Zeit hinbringeſt, ſondern auch in welcher Geſellſchaft du le⸗ beſt; denn wiewohl die Kamille, jemehr ſie getreten wird, um ſo ſchneller waͤchſt, ſo wird doch die Jugend je mehr man ſie verſchwendet, um ſo ſchneller abgenutzt. Daß du mein Sohn biſt, dafuͤr habe ich theils deiner Mutter Wort, theils meine eigne Meynung; hauptſaͤchlich aber einen ver⸗ wuͤnſchten Zug in deinem Auge und ein albernes Hängen deiner Unterlippe, das mir Gewaͤhr dafuͤr leiſtet. Wofern du denn mein Sohn biſt— dahin zielt dieß eigentlich— warum, da du mein Sohn biſt, wirſt du das Ziel!des Ge⸗ ſpoͤttes? Soll die glorreiche Sonne des Himmels ein Schul⸗ ſchwaͤnzer werden, und Brombeeren naſchen? Eine nicht aufzuwerfende Frage. Soll der Sohn Englands ein Dieb werden, und Beutel ſchneiden? Eine wohl aufzuwerfende Frage. Es giebt ein Ding, Heinrich, wovon du oftmals gehoͤrt haſt, und das vielen in unſerm Lande unter dem Namen Pech bekannt iſt; dieſes Pech, wie alte Schrift⸗ ſteller ausſagen, pflegt zu beſudeln, ſo auch die Geſellſchaft, die du haͤltſt. Denn, Heinrich, jetzt rede ich nicht im Trunke zu dir, ſondern in Thränen, nicht im Scherz, ſondern von Herzen, nicht bloß in Worten, ſondern auch in Sorgen.— Und doch giebt es einen tugendhaften Mann, den ich oft in deiner Geſellſchaft bemerkt habe, aber ich weiß ſeinen Namen nicht. Pr. Zeinr. Was fuͤr eine Art von Mann, wenn es Euer Majeſtaͤt gefaͤllig iſt? Falſt. Ein wackrer ſtattlicher Mann, in der That, und wohlbeleibt! er hat einen heitern Blick, einnehmende Augen und ein ſehr edles Weſen, und ich denke, er iſt ſo in den funfzigen, oder wenn's hoch kommt, gegen ſechzig; und jetzt faͤllt es mir ein: ſein Name iſt Falſtaff. Sollte der 192 Koͤnig Heinrich IV. A. II. Mann ausſchweifend ſeyn, ſo hintergeht er mich; denn, Heinrich, ich ſehe Tugend in ſeinen Blicken. Wenn denn der Baum an den Fruͤchten erkannt wird, wie die Frucht an dem Baume, ſo muß— das behaupte ich zuverſichtlich— Tugend in dieſem Falſtaff ſeyn. Zu ihm halte dich, die andern verbanne. Und nun ſage mir, du ungezogner Schlingel, ſage, wo haſt du dieſen Monat geſteckt? Pr. Zeinr. Sprichſt du wie ein Koͤnig? Nimm du meinen Platz ein, und ich will meinen Vater vorſtellen. Falſt. Mich abſetzen? Wenn du es halb ſo gravitaͤ⸗ tiſch und majeſtaͤtiſch machſt in Worten und Werken, ſo ſollſt du mich bey den Beinen aufhaͤngen, wie ein Kanien⸗ chen oder einen Haſen beym Wildhaͤndler. Pr. Zeinr. Gut, hier ſitz' ich. Falſt. Und hier ſteh' ich: nun urtheilt meine Herren- pr. Zeinr. Nun, Heinrich? von woher kommt ihr? Falſt. Von Eaſicheay, mein gnaͤdiger Herr. Pr. meinr. Es werden arge Beſchwerden uber dich gefuͤhrt. Falſt. Alle Wetter, Herr, ſie ſind falſch!— Ja, ich will euch den jungen Prinzen ſchon eintraͤnken, meiner Treu. pr. Heinr. Flucheſt du, ruchloſer Knabe? Hinfort komm' mir nicht mehr vor die Augen. Du wirſt der Gnade gewaltſam abwendig gemacht; ein Teufel ſucht dich heim in Geſtalt eines fetten alten Mannes; eine Tonne von einem Mann iſt deine Geſellſchaft. Warum verkehrſt du mit dem Kaſten voll Humore, dem Beuteltrog der Beſtialitaͤt, dem aufgedunſenen Ballen Waſſerſucht, dem ungeheuren Faſſe Sekt, dem vollgeſtopften Kaldaunenſack, dem gebratnen Kroͤnungs⸗Ochſen mit dem Pudding im Bauche, dem ehrwuͤrdigen Laſter, der grauen Ruchloſig⸗ keit, dem Vater Kuppler, der Eitelkeit bey Jahren? Wo⸗ rin iſt er gut, als im Sekt koſten und trinken? Worin ſauber und reinlich, als im Kapaunen vorlegen und eſſen? Worin geſchickt, als in Schlauigkeit? Worin ſchlau, als in Spitzbüberey? Worin ſpitzbuͤbiſch, als in allen Din⸗ gen? Worin loblich, als in gar nichts? Falſt. Ich wollte, Euer Gnaden machten ſich verſtaͤnd⸗ lich. Wie meynen Euer Gnaden? pr. weinr. Den ſvitzbuͤbiſchen abſcheulichen Verfuͤh⸗ rer der Jugend, Falſtaff, den alten weißbaͤrtiaen Satan. Falſt. Gnaͤdiger Herr, den Mann kenne ich. pr. Zeinr. Ich weiß, daß du ihn kennſt. Sz. 4. Erſter Theil. 193 Falſt. Aber wenn ich ſagte, ich wuͤßte mehr ſchlim⸗ mes von ihm, als von mir ſelbſt, das hieße mehr ſagen, als ich weiß. Daß er leider Gottes alt iſt, das bezeugen ſeine weißen Haare; aber daß er, mit Reſpekt zu vermelden, ein Hurenjäger iſt, das laͤugne ich ganz und gar. Wenn Sekt und Zucker ein Fehler iſt, ſo helfe Gott den La⸗ ſterbaften! Wenn alt und luſtig ſeyn eine Suͤnde iſt, ſo muß mancher alte Schenkwirth, den ich kenne, verdammt werden. Wenn es Haß verdient, daß man fett iſt, ſo moͤſſen Pharao's magre Kuͤhe geliebt werden. Nein, theuerſter Herr Vater, verbannt Peto, verbannt Bardolph, verbannt Poins; aber den lieben Hans Falſtaff, den guten Hans Fal⸗ ſtaff, den biedern Hans Falſtaff, den tapfern Hans Falſtaff, um ſo tapfrer, da er der alte Hans Falſtaff iſt: den ver⸗ banne nicht aus deines Heinrichs Geſellſchaft— den ver⸗ banne nicht aus deines Heinrichs Geſellſchaft; den dicken Hans verbannen, heißt alle Welt verbannen. Pr. Zeinr. Das thu' ich, das will ich. (Man hoͤrt klopfen. Die Wirthin, Franz und Bardolph ab. Bardolph kommt zuruͤck gelaufen.). Bard. O gnaͤdiger Herr! gnaͤdiger Herr! der Sheriff iſt mit einer entſetzlichen Wache vor der Thuͤr. Falſt. Fort, du Schuft! Das Stuͤck zu Ende geſpielt⸗ Ich habe viel zu Gunſten des Falſtaff zu ſagen. (Die Wirthin kommt eilig zuruͤck.) wirth. O Jeſus! gnadiger Herr!— gnaͤdiger Herr! Falſt. Holla! he! Iſt denn der Teufel los? Was giebt's! wirth. Der Sheriff und die ganze Wache ſind vor der Thuͤr, ſie kommen, um Hausſuchung zu halten: ſoll ich ſie herein laſſen? Falſt. Hoͤrſt du, Heinz? Nenne doch ein ächtes Goldſtuͤck niemals eine falſche Muͤnze; du biſt in Wahr⸗ heit falſch, ohne es zu ſcheinen.. pr. Zeinr. Und du eine natuͤrliche Memme, ohne Inſtinkt. Falſt. Ich laugne dir den Maior ab; willſt du mich dem Sheriff ablaͤugnen, gut; wo nicht, ſo laß ihn herein⸗ Wenn ich mich auf einem Karrn nicht eben ſo gut aus⸗ nehme, als ein andrer, ſo hol' der Teufel meine Erzie⸗ hung. Ich hoffe, daß ich eben ſo geſchwind, als ein andrer mit einem Strick zu erdroſſeln bin— 28 40 I. 13 194 Koͤnig Heinrich IV. A. II. Sz. 4. Pr. HZeinr. Geh, verſteck' dich hinter die Tapete,— die uͤbrigen muͤſſen hinaufgehn. Nun, meine Herrn, ein redlich Geſicht und ein gut Gewiſſen. Falſt. Beydes habe ich gehabt, aber damit iſt es ans und darum verſtecke ich mich. Pr. Zeinr. Ruft den Sheriff herein. (Alle ab, außer dem Prinzen und Poins. Der Sheriff und ein Kaͤrner kommen.) Nun, Meiſter Sheriff, was iſt eu'r Begehren? Sh. Zuerſt Verzeihung, Herr. Ein Auflauf hat Gewiſſe Leut' in dieſes Haus verfolgt. Pr. Heinr. Was ſind's fuͤr Leute? Sh. Der ein' iſt wohlbekannt, mein gnaͤd'ger Herr, Ein ſtarker fetter Mann⸗ Rärn. So fett wie Butter. Ppr. Zeinr. Der Mann, ihr koͤnnt mir glauben, iſt nicht hier, Ich brauche ſelbſt ihn eben in Geſchaften. Und, Sheriff, ich verpfaͤnde dir mein Wort, Daß ich ihn Morgen Mittag ſchicken will, Dir Rechenſchaft zu geben oder jedem, Fuͤr alles, was man ihm zur Laſt gelegt; Und, wenn ich bitten darf, verlaßt das Haus. Sh, Das will ich, gnäd'ger Herr. Zwey Herrn verloren Bey dieſer Raͤuberey dreyhundert Mark. Pr. Zeinr. Es kann wohl ſeyn; hat er die zwey beraubt, So ſoll er Rede ſtehn; und ſo, lebt wohl! Sh. Gute Nacht, mein gnaͤd'ger Herr. Pr. Zeinr. Ich denk', es iſt ſchon guten Morgen: nicht? Sh. Ja, gnaͤd'ger Herr; ich glaub' es iſt zwey Uhr. *(ab.) pr. Zeinr. Der oͤlichte Schlingel iſt ſo bekannt wie die Paulskirche.— Geh, ruf ihn heraus.. Poins. Falſtaff!— Feſt eingeſchlafen hinter der Ta⸗ pete, und ſchnarcht wie ein Pferd. Pr. Heinr. Hoͤr' nur, wie ſchwer er Athem holt. Su⸗ che ſeine Taſchen durch.(Poins ſucht.) Was haſt du gefunden? Poins. Nichts als Papiere, gnaͤdiger Herr. Pr. Zeinr. Laßt uns ſehen, was es iſt, lies ſie. A. III. Sz. 1. Erſter Theil. 195 „Item, ein Kapaun 2 Schilling 2 Pfennig. „Item, Bruͤhe——— 4 Pf. „Iteim, Sekt, zwey Maaß Sch. 8 Pf. „Item, Sardellen und Sekt nach dem Abendeſſen 2 Sch. 6 Pf. „Item, Brot———— Pf. pPr. Zeinr. O, ungehe er! Nur fur einen halben Pfen⸗ nig Brod zu dieſer unbilligen Menge Sekt!— Was du ſonſt noch gefunden haſt, bewahre auf, wir wollen es bey beßrer Weile leſen. Laß ihn da ſchlafen bis es Tag wird. Ich will fruͤh morgens an den Hof; wir muͤſſen alle in den Krieg, und du ſollſt einen ehrenvollen Platz haben. Dieſem fetten Schlingel ſchaffe ich eine Stelle zu Fuß, und ich weiß, ein Marſch von ein hundert Fußi wird ſein Tod ſeyn. Das Geld ſoll reichlich wieder erſtattet wer⸗ den. Triff mich morgen bey Zeiten; und ſomit guten Morgen, Poin Poins. Guten Morgen, beſter Herr.(ab.) Dritter Aufzug. Erſte Szene. 8 i mmer 5 u Bangor. (Percy, Worceſter, Mortimer und Glendower tre⸗ ten auf.) mort. Die Freunde ſind gewiß, ſchoͤn die Verſprechen, Und unſer Anfang guͤnſt'ger Hoffnung voll. Pperey. Lord Mortimer und Vetter Glendower, Wollt ihr euch ſetzen? Und Oheim Worceſter— der Henker hol's Ich habe die Kart' vergeſſen. 4 Glend. Nein, hier iſt ſie. Sitzt, Vetter Percy,— ſitzt lieber Vetter Heißſporn; Denn jedesmal, daß Lancaſter euch nennt Bey dieſem Namen wird er bleich, und mit Verhaltnem Seußzer wuͤnſcht er euch im Himmel. Percy. Und in der Hoͤlle euch, ſo oft er hoͤrt Von Owen Glendower ſprechen. Glend. Ich kann's nicht tadeln; als ich zur Welt kam, war Des Himmels Stirn voll feuriger Geſtalten, 13 196 Koͤnig Heinrich IV. A. 10). Voll gluͤhnder Fackeln, und als ich geboren, Erzitterte der Erde Bau und Gruͤndung Wie eine Memme. Percy. Ey, ſie haͤtt's auch gethan Zur ſelben Zeit, haͤtt' eurer Mutter Katze Nur gekitzt, wenn ihr auch nie geboren waͤrt. Glend. Die Erde, ſag' ich, bebt', als ich zur Welt kam. Percy. Und ich ſag', die Erde dachte nicht wie ich, Wofern ihr denkt, ſie bebt' aus Furcht vor euch. Glend. Der Himmel ſtand in Feu'r, die Erde wankte. Percy. O, dann hat ſie geſchwankt, weil ſie den Himmel In Feuer ſah, nicht bang vor der Geburt. Die krankende Natur bricht oftmals aus In fremde Gaͤhrungen; die ſchwangre Erde Iſ mit'ner Art von Kolik oft geplagt, Durch Einſchließung des ungeſtuͤmen Windes In ihrem Schooß, der, nach Befreyung ſtrebend, Altmutter Erde ſchuͤttelt, und ſtuͤrzt um Kirchthuͤrm' und moſ'ge Burgen. Zu der Zeit Hat unſre Mutter Erde, davon leidend, Krankhaft gebebt. Glend. Vetter, nicht viele duͤrften So durch den Sinn mir fahren. Laßt mich euch Noch einmal ſagen; als ich zur Welt kam, war Des Himmels Stirn voll feuriger Geſtalten. Von Bergen rannten Gemſen, und die Heerden Schrien ſeltſam ins erſchrockne Feld hinein, Dieß hat mich außerordentlich verkuͤndet;. Und meines Lebens ganzer Hergang zeigt, Ich ſey nicht von der Zahl gemeiner Menſchen. Wo lebt der Menſch wohl, von der See umfaßt, Die zuͤrnend tobt um England, Schottland, Wales, Der mich belehrt und mich darf Schuͤler nennen? Und bringt mir einen, den ein Weib gebar, Der in der Kunſt muͤhſamer Bahn mir folgt, Und Schritt mir haͤlt in tiefer Nachforſchung. Percy. Ich denke, niemand ſpricht wohl beſſer Waͤlſch. Ich will zur Mahlzeit. Mort. Still, Vetter Percy, denn ihr macht ihn toll. Glend. Ich rufe Geiſter aus der wuͤſten Tiefe. Perey. Ey ja, das kann ich auch, das kann ein jeder. Doch kommen ſie, wenn ihr nach ihnen ruft? Sz. 1. Erſter Theil. 197 Glend. Ich kann euch lehren, Vetter, ſelbſt den Teufel Zu meiſtern. perey. Und ich, Freund, kann euch lehren, ſein zu ſpotten Durch Wahrheit; redet wahr und lacht des Teufels. Habt ihr ihn Macht, zu rufen, bringt ihn her, Ich ſchwör', ich habe Macht, ihn wegzuſpotten. D, lebenslang ſprecht wahr und lacht des Teufels! mort. Kommt! kommt! Nicht mehr dieß unerſprießliche Geſchwaͤtz. Glend. Dreymal maß Heinrich Bolingbroke ſich ſchon Mit meiner Macht; dreymal vom Rand des Wyr Und kieſ'gen Severn ſandt' ich ſo ihn heim, Daß unbemaͤntelt ſeine Niederlage. percy. Was? ohne Mantel lag er auf der Erde? Ins Teufels Namen, und er krießt kein Fieber? Glend. Seht hier die Karte: ſoll'n wir unſer Recht Nun dreyfach theilen, unſerm Bund gemaͤß? mort. Der Erzdechant hat ſchon es eingetheilt In drey Quarticre, völlig gleich gemeſſen. England, vom Trent und Severn bis hieher Im Suͤd und Oſt, iſt mir zum Theil beſtimmt. Was weſtlich, Wales jenſeit des Severn ufer, Und all' das reiche Land in dem Bezirk Fuͤr Owen Glendower; euch, mein lieber Vetter, Der Ueberreſt, was nordwärts liegt vom Trent. Auch der Vertrag iſt dreyfach aufgeſetzt, Und wenn wir wechſelſeitig ihn beſiegelt, Was dieſe Nacht ſich noch verrichten laͤßt, So ziehn wir, Vetter Percy, ihr und ich, Und unſer Lord von Worceſter morgen aus, Um euren Vater und die Schott'ſche Macht, Wie abgeredt, zu Shrewsbury zu treffen. Mein Bater Glendower iſt noch nicht bereit, Auch haben wir die naͤchſten vierzehn Tage Nicht ſeine Huͤlfe noͤthig;— Gu Glendower.) in der Zeit Koͤnnt ihr zuſammen ſchon berufen haben Vaſallen, Freund' und Herrn der Nachbarſchaft. Glend. Ein kuͤrzrer Zeitraum bringt mich zu euch, Herrn, Und dann geleit' ich eure Frau'n zu euch. Jetzt muͤßt ihr ohne Abſchied fort euch ſchleichen, Denn eine Suͤndflut giebt's von Thraͤnen ſonſt, Wenn ihr und eure Weiber ſcheiden ſollt. 198 Koͤnig Heinrich IV. A. III. Perey. Mich duͤnkt, mein Antheil nördlich hier von Burton Iſ euren beyden nicht an Größe gleich. Seht, wie der Fluß mir da herein ſich ſchlaͤngelt, Und ſchneidet mir von meinem beſten Lande Ein Stück aus, einen großen halben Mond. Ich will ſein Bett an dieſem Platz verdämmen, Und hier ſoll dann der ſilberklare Trent Im neuen Bette ſchoͤn und ruhig fließen. Er ſoll ſich da ſo ſcharfgezackt nicht winden, Und eines reichen Landſtrichs mich berauben. Glend. Nicht winden? Doch er ſoll; ihr ſeht er thut's. Mort. Ja, doch bemerkt, Wie er den Lauf nimmt, und ſich hier hinauf Mit gleichem Vortheil kehrt zur andern Seite, Das Land da druͤben um ſo viel beſchneidend, Als er euch an der andern Seite nimmt. Worc. Mit wenig Koſten graͤbt man hier ihn durch. Und ſchlaͤgt die Spitze Land dem Norden Dann laͤuft er grad' und eben. Percy. Ich wills, mit wenig Koſten iſt's geſchehn. Glend. Ich will es nicht veraͤndert wiſſen. Perey. Nicht? Glend. Nein, und ihr ſollt nicht. 5 Percy. Wer will Nein mir ſagen? Glend. Ey, das will ich. Percy. So macht, daß ich euch nicht verſteh; Sagt es auf Wälſch. 5 Glend. Ich ſpreche Engliſch, Herr, ſo gut wie ihr, Ich wurde ja an Englands Hof erzogen, Wo ich in meiner Jugend zu der Harfe Manch Engliſch Liedlein lieblich fein geſetzt, Und ſo der Zunge reiche Zier geliehn; Und ſolche Gabe ſah man nie an euch. Percy. Traun, und ich bin deß froh von ganzem Herzen. Ich waͤr' ein Kitzlein lieber, und ſchrie Miau, Als einer von den Vers⸗Balladen-Kraͤmern. Ich hoͤr''nen ehrnen Leuchter lieber drehn, Oder ein trocknes Rad die Achſe kratzen; Das wuͤrde mir die Zähne gar nicht ſtumpfen, So ſehr nicht, als gezierte Poeſie. S iſt wie der Paßgang eines ſteifen Gauls. Sz. 1. Erſter Theil. 199 Glend. Nun gut, wir leiten euch den Trent zur Seite. percy. Es gilt mir gleich: wohl dreymal ſo viel Land Gäb' ich dem wohlverdienten Freund; 50 5. Doch, wo's auf Handel ankomint, merkt ihr wohl, Da zank' ich um ein Neuntel eines Haars. Sind die Vertraͤge fertig! Soll'n wir gehn! Glend. Der Mond ſcheint hell, ihr koͤnnt zu Nacht noch fort, Ich will den Schreiber mahnen, und zugleich Auf eure Abfahrt eure Fraun bereiten. Ich fuͤrchte, meine Tochter kommt von Sinnen, So zärtlich liebt ſie ihren Mortimer.(ab.) mort. Pfui, Vetter, wie ihr durch den Sinn ihm fahrt! percy. Ich kann's nicht laſſen; oft erzuͤrnt er mich, Wenn er erzählt von Ameiſ' und von Maulwurf, Vom Traͤumer Merlin, was der prophezeyt, Vom Drachen, und vom Fiſche ohne Floſſen, Berupftem Greif und Raben in der Mauſe, Vom ruh'nden Loͤwen und der Katz' im Sprung, Und ſolch'nen Haufen kunterbuntes Zeug, Daß mich's zum Heiden macht. Denk, geſtern Abend Hielt er mich wenigſtens neun Stunden auf, Mit Aufzählung von all den Teufel Namen, So ſeine Diener; ich rief:Hm!“ und:„Gut,nur weiter!“ Doch hört' ich nicht ein Wort. O, er iſt läſtig, Wie ein muͤdes Pferd, ein ſcheltend Weib; Roch ärger, als ein rauchicht Haus. Viel lieber Lebt' ich bey Kaͤß und Knoblauch in der Muͤhle, Als daß ich ſchmauſt' und hoͤrt' mit mir reden Im beſten Luſtſchloß in der Chriſtenheit. mort. Bey meiner Treu, er iſt ein wuͤrd'ger Herr, Ganz ungemein beleſen, und erfahren In ſeltnen Heimlichkeiten; tapfer wie ein Loͤw', Leutſelig ohne Maß, und frey im Geben, Wie Minen Indiens. Darf ich ſagen, Vetter? Er hält in hohen Ehren eu'r Gemuͤth⸗ Und thut ſich uͤber die Natur Gewalt, Wenn ihr ihm durch den Sinn fahrt: ja, füͤrwahr, Ich ſchwoͤr' es euch, der Mann lebt nicht auf Erden, Der ſo, wie ihr gethan, ihn reizen durfte, 363 Und nicht Gefahr erproben und Verweis. Doch thut es nicht zu oft, laßt mich euch bitten. worc. Fuͤrwahr, Mylord, ihr ſeyd zu tadelſuͤchtig, 200 Koͤnig Heinrich IV. A. III. Und ſeit ihr hier ſeyd, thatet ihr genug, Um voͤllig aus der Faſſüng ihn zu bringen. Ihr muͤßt durchaus den Fehl verbeſſern lernen; Zeigt es ſchon manchmal Groͤße, Muth und Blut, Was doch die hoͤchſte Zier, die es gewahrt) 6 o offenbart es oftmals rauhen Zorn, An Sitten Mangel und an Mäßigung, Stolz, Hochmuth, Meynung von ſich ſelbſt und Hohn, Wovon, an einem Edelmanne haftend, Das kleinſte ihm der Menſchen Herz verliert, Und einen Fleck an aller Gaben Schoͤnheit Zurucklaͤßt, ſie betruͤgend um ihr Lob. Percy. Gut, meiſtert mich; Gott ſegn' euch feine Sitten! Hier kommen unſte Frau'n, nun laßt uns ſcheiden. Glendower kommt zuruͤck mit Lady Percy und Lady Mortimer.) Mort. Das iſt fuͤr mich der tödtlichſte Verdruß, Mein Weib verſteht kein Engliſch, ich kein Waͤlſch. Glend. Die Tochter weint, ſie will nicht von euch ſcheiden: Sie will Soldat ſeyn, will mit in den Krieg. mort. Mein Vater, ſagt ihr, daß ſie und Tante Percy In eurer Leitung ſchleunig foigen ſollen. Glendower ſpricht auf Waͤlſch zu ſeiner Tochter, und ſie antwortet ihm in derfelben Sprache.) „Glend. Sie jſt außer ſich, die ſtorr'ge, eigenwill'ge Dirne An der die Ueberredung nichts vermag. Cady Mortimer ſpricht auf Waͤlſch zu Mortimer.) Mort. Ich ich verſteh' den Blick; das holde Waͤl ſch, Das du von dieſen ſchwell'nden Himmeln gießeſt, It zu bekannt mir; und, ſchämt' ich mich nicht, So wollt' ich dir in dem Geſpräch erwiedern. Snsöt Cady Mortimer ſpricht.) Verſteh ich deinen Kuß doch, und du meinen, Und das iſt ein gefühltes Unterreden. Doch bis ich, Liebe, deine Sprach' erlernt, Will ich nie muͤßig gehn: denn deine Zunge Macht Wäl'ſch ſo ſuͤß, wie hoher Lieder Weiſen, Die eine ſchoͤne Koͤnigin entzuckend Zu ihrer Laut' in Sommerlauben ſingt. Glend. Ja, wenn ihr hinſchmelzt, wird ſie gar verruckt. . Cady Mortimer ſpricht wieder.) N Sz.1. eErſter Theil. 201 mort. O, hierin bin ich ganz Unwiſſenheit! Glend. Sie will, ihr ſollt Euch niederlegen auf die leichten Binſen, Und ſanft en't Haupt an ihrem Schooße ruhn, So ſinat ſie euch das Lied, das euch gefaͤllt, Und kroͤnt den Gott des Schlafs auf euren Wimpern, Eu'r Blut mit ſuͤßer Muͤdigkeit bezaubernd, So Scheidung machend zwiſchen Schlaf und Wachen, Als wie die Scheidung zwiſchen Tag und Nacht, Die Stunde, eh' das himmliſche Geſpann Im Oſten ſeinen goldnen Zug beginnt. mort. Gern will ich ſitzen und ſie ſingen hoͤren; Indeß wird unſre Schrift wohl fertig ſeyn. Glend. Thut das. Die Muſikanten, die euch ſpielen ſollen, Sind tauſend Meilen weit von hier in Luͤften, Und ſollen flugs doch hier ſeyn. Sitzt und horcht! percy. Komm, Käthchen, du verſtehſt dich auf's Nie⸗ derliegen; komm, geſchwind! geſchwind! daß ich meinen Kopf in deinen Schooß lege. L. perey. Geh' mir, du wilde Gans. (Glendower ſpricht einige Waͤl ſche Worte, und dann ſpielt die Muſik.) percy. Nun merk' ich, daß der Teufel Wäl'ſch verſteht, und's iſt kein Wunder, daß er lauuiſch iſt. Mein Seel', er iſt ein guter Muſikant. L. perey. Dann ſolltet ihr ganz und gar muſſkaliſch ſeyn, denn ihr werdet ganz von Launen regiert. Lieg ſtille, du Schelm, und hoͤre die Dame Waͤl'ſch ſingen. percy. Ich moͤchte lieber Dame, meine Dogge, Ir⸗ laͤndiſch heulen hoͤren. L. Percy. Moͤchteſt du gern ein Loch im Kopfe haben? Percy. Nein. b33 3 Sn L. verey. So liege ſtill. percy. Auch nicht, das iſt ein Weiberfehler. L. perey. Nun, Gott helfe dir! Perey. Zu der Wäl'ſchen Dame Bett. i L. Perey. Was ſoll das? Percy. Still! ſie ſingt.(Ein Waͤl'ſches Lied von Lady Mortimer geſungen.. Kommt, Kaͤthchen, ihr muͤßt mir auch ein Lied ſingen. 202 Koͤnig Heinrich 1V. A. III. L. Perey. Ich nicht, gewiß und wahrhaftig. Percy. Ihr nicht, gewiß und wahrhaftig! Herzchen, ihr ſchwoͤrt Pen eine Konditors-Frau. Ihr nicht, ge⸗ wiß und wahrhaftig! und: ſo wahr ich lebe! und? wo mir Gott gnaͤdig ſeh! und: ſo gewiß der Tag ſcheint! Und giebſt ſo taft'ne Buͤrgſchaft deiner Schwaͤre, Als waͤrſt du weiter nie, als Finsbury ſpaziert. Nimm als'ne Dame, Käthchen, deinen Mund Mit derben Schwuͤren voll; und laß fuͤrwahr Und ſolche Pfeffermuß⸗Betheurungen. Den Sammet⸗Borten und den Sonntagsbuͤrgern. Komm, ſing! L. Percy. Ich will nicht ſingen. Percy. Es fuͤhrt auch gerade Weges dazu, Schnei⸗ der zu werden oder Rothkehlchen abzurichten. Wenn die Kontrakte aufgeſetzt ſind, ſo will ich in den naͤchſten zwey Stunden fort; alſo kommt mir nach, wenn ihr wollt.(ab.) Glend. Kommt, kommt, Lord Mortimer! Ihr ſeyd ſoträge, Als gluͤhend heiß Lord Perey iſt zu gehn. Die Schrift wird fertig ſeyn: wir woll'n nur ſiegeln, Und dann ſogleich zu Pferd. Mort. Von ganzem Herzen.(Alle ab.) 8 w London. Ein Zimmer im Palaſt. (Koͤnig Heinrich, Prinz von Wales und Lords treten auf.) k. Heinr. Laßt uns, ihr Lords, der Prinz von Wa⸗ les und ich, Wir muͤſſen uns geheim beſprechen; doch Seyd nah zur Hand, wir werden euch beduͤrfen.(Lords ab.) Ich weiß nicht, ob es Gott ſo haben will Fuͤr mißgefäll'ge Dienſte, die ich that, Daß ſein verborgner Rath aus meinem Blut Mir Zuͤchtigung und eine Geißel zeugt. och du, in deinen Lebensbahnen, machſt Mich glauben, daß du nur gezeichnet biſt Zur heißen Rach' und zu des Himmels Ruthe Fuͤr meine Uebertretung. Sag' mir ſonſt, Wie koͤnnten ſolche niedrige Geluͤſte, Solch armes, nacktes, liederliches Thun, So ſeichte Freuden, ein ſo roher Kreis, Als der, womit du dich verbruͤdert haſt, Sz. 2. Erſter Theil. 2 Sich zu der Hoheit deines Bluts geſellen, Und ſich erheben an dein fuͤrſtlich Herz? Pr. Zeinr. Beliebt's Eur Majeſtaͤt, ich wollt', ich könnte Von jedem Fehl ſo voͤllig los mich ſagen, Als ich mich ohne Zweifel reinzen kann Von vielen, die mir Schuld gegeben werden. Doch ſo viel Milderung laßt mich erbitten, Daß, nach erlogner Maͤhrchen Widerlegung, Die oft das Ohr der Hoheit hoͤren muß Von Liebedienern und gemeinen Klaͤtſchern, Mir etwas wahres, wo mich meine Jugend Verkehrt geleitet und unregelmaͤßig, Auf wahre Unterwerfung ſey verziehn. R. HZeinr. Verzeih dir Gott!— Doch muß mich's wundern, Heinrich, Daß deine Neigung ſo die Schwingen richtet, Ganz abgelenkt von deiner Ahnen Flug. Dein Platz im Rath ward groͤblich eingebuͤßt, Den nun dein juͤngrer Bruder eingenommen; Du biſt beynah ein Fremdling in den Herzen Des ganzen Hofs, der Prinzen vom Gebluͤt. Die Hoffnung und Erwartung deiner Zeit Iſt ganz dahin, und jedes Menſchen Seele Sagt ſich prophetiſch deinen Fall voraus. Haͤtt' ich ſo meine Gegenwart vergeudet, So mich den Augen Aller ausgeboten, So dem gemeinen Umgang gaͤng' und feil! So waͤr' die Meynung, die zum Thron mir half, Stets dem Beſitze unterthan geblieben, Und haͤtt' in ſchmaͤhlicher Verbannung mich Als einen, der nichts iſt, noch gilt, gelaſſen. Doch, ſelten nur geſehn, ging ich nun aus, So ward ich angeſtaunt, wie ein Komet, Daß ſie den Kindern ſagten:„Das iſt er;“ Und andre:„Welcher? wo iſt Bolingbroke?“ Dann ſtahl ich alle Freundlichkeit vom Himmel, Und kleidete in ſolche Demuth mich, Daß ich Ergebenheit aus aller Herzen, Ans ihrem Munde Gruß und Jauchzen zog, Selbſt in dem Beyſeyn des gekroͤnten Koͤnigs. So hielt ich die Perſon mir friſch und neu, Mein Beyſeyn, wie ein Hoheprieſterkleid, Ward ſtaunend nur geſehn, und ſo erſchien 204 Koͤnig Heinrich IV. A. III. Selten, doch koſtbar, wie ein Feſt, mein Aufzug; Das unaewohnte gab ihm Fey'rlichkeit. Der flinke Koͤnig huͤpfte auf und ab Mit ſeichten Spaßern und mit ſtroh'rnen Koͤpfen Leicht lodernd, leicht verbrannt; vergab die Wuͤrde, Vermengt' ſein Koͤnigthum mit Poſſenreiſſern, Ließ ihren Spott entweihen ſeinen Namen, Und lieh ſein Anſehn wider ſeinen Ruf, Schalksbuben zu belachen, jedem Ausfall Unbaͤrt'ger, eitler Necker bloß zu ſtehn; Ward ein Geſell der oͤffentlichen Gaſſen, Gab der Gemeinheit ſelber ſich zu Lehn; Daß, da die Augen taͤglich in ihm ſchwelgten, Von Honig uͤberſättigt, ſie zu ekeln Der ſuͤße Schmack begann, wovon ein wenig Mehr als ein wenig viel zu viel ſchon iſt. Wenn dann der Anlaß kam, geſehn zu werden, War er ſo wie der Kuckuck nur im Juni, Gehoͤrt, doch nicht bemerkt; geſehn mit Augen, Die, matt und ſtumpf von der Gewöhnlichkeit, Kein außerordentlich Betrachten kennen, Wie's ſonnengleiche Majeſtaͤt umgiebt, Strahlt ſie nur ſelten den erſtaunten Augen; Sie ſchläferten, die Augenlieder haͤngend, Ihm in's Geſicht vielmehr, und gaben Blicke, Wie ein umwoͤlkter Mann dem Gegner pflegt, Von ſeinem Beyſeyn uͤberfuͤllt und ſatt. Und in demſelben Rang, Heinrich, ſtehſt du, Da du dein fuͤrſtlich Vorrecht eingebuͤßt Durch niedrigen Verkehr; kein Aug', dem nicht Dein ſo gemeiner Anblick laͤſtig waͤre, Als meins, das mehr begehrt hat dich zu ſehn, Das nun ſu was ich gern ihm wehren moͤchte, Und blind ſich macht aus thoͤr'ger Zärtlichkeit. Pr. Zeinr. Ich werd' hinfort, mein gnaͤdigſter Gebieter, Mehr ſehn, was mir geziemt R. Zeinr. Um alle Welt, Was du zu dieſer Zeit, war Richard damals, Als ich aus Frankreich kam nach Ravenspurg, Und grade, was ich war, iſt Percy jetzt. Bey meinem Zepter nun, und meiner Seele! Er hat viel hoͤhern Anſpruch an den Staat Als du, der Schatten nur der Erblichkeit. Sz. 2. Erſter Theil. 205 Denn, ohne Recht noch Anſchein eines Rechts, Fuͤllt er mit Kriegszeug in dem Reich das Feld, Beut dem bewehrten Schlund des Leu'n die Stirn, Und führt, nicht mehr, als du, dem Alter ſchuldig, Bejahrte Lords und wuͤrd'ge Biſchoͤf' an Zu blut'gen Schlachten und Geklirr der Waffen. Welch nie verblüh'nden Ruhm erwarb er nicht An dem geprieſ'nen Douglas, deſſen Thaten, Deß heiße Zuͤge, großer Nam' in Waffen, Die Oberſtelle ſämmtlichen Soldaten Und hoͤchſte kriegeriſche Wuͤrd' entzieht, In allen Reichen, welche Chriſt erkennen. reymal ſchlug dieſer Heißſporn, Mars in Windeln, Dieß Heldenkind, in ſeinen Unternehmen Den großen Douglas: nahm Einmal ihn gefangen, Gab dann ihn los, und macht' ihn ſich zum Freund, Den Schlund der tiefen Fehde auszufullen, Und zu erſchuͤttern unſers Thrones Frieden. Und was ſagt ihr hiezu? Percy, Northumberland, Der Erzbiſchof von York, Douglas, Mortimer, Sind wider uns verbuͤndet und in Wehr⸗ Doch warum ſag' ich dieſe Zeitung dir“ Was ſag' ich, Heinrich, dir von unſern Feinden, Da du mein naͤchſt- und ſchlimmſter Gegner biſt, Der, allem Anſchein nach, aus knechtſcher Furcht, Aus einem ſchnoͤden Hang und jähen Launen In Percy's Solde wider nich wird fechten, Ihm nachziehn und vor ſeinen Runzeln kriechen, Zu zeigen, wie du ausgeartet biſt. pr. Zeinr. Nein, denkt das nicht, ihr ſollt es nicht ſo finden. Verzeih' Gott denen, die mir ſo entwandt Die gute Meynung Eurer Majeſtaͤt. Ich will auf Perey's Haupt dieß alles loͤſen, ünd einſt, an des glorreichſten Tages Schluß Euch kuͤhnlich ſagen, ich ſey euer Sohn, Wann ich ein Kleid, von Blut ganz, tragen werde, Und mein Geſicht mit blut'ger Larve faͤrben, Die, weggewaſchen, mit ſich nimmt die Schaam, Das ſoll der Tag ſeyn, wann er auch mag ſcheinen, Daß dieſes Kind der Ehren und des Ruhms, Der wackre Heißſporn, der geprieſ'ne Ritter, Und eu'r vergeß'ner Heinrich ſich begegnen. Daß jede Ehr' auf ſeinem Helme ſitend Doch Legion waͤr', und auf meinem Haupt 206 Koͤnig Heinrich W. 1.M. Die Schmach verdoppelt! denn es kommt die Zeit, Da dieſer nord'ſche Jungling ſeinen Ruhm Mir tauſchen muß für meine Schmaͤhlichkeiten. Percy iſt mein Verwalter, beſter Herr, Der glorreich handelt zum Erwerb fuͤr mich, Ich will ſo ſtreng zur Rechenſchaft ihn ziehn, Daß er mir jeden Ruhm heraus ſoll geben⸗ Selbſt den geringſten Vorrang ſeiner Jahre, Sonſt reiß' ich ihm die Rechnung aus dem Herzen. Dieß ſag' ich hier im Namen Gottes zu, Was, wenn es ihm beliebt, daß ich's vollbringe, Bitt' ich Eu'r Majeſtaͤt, den alten Schaden Von meinen Ausſchweifungen heilen mag; Wo nicht, ſo tilget alle Schuld der Tod, Und hunderttauſend Tode will ich ſterben, Eh' ich von dieſem Schwur das kleinſte breche. k. Heinr. Dieß toͤdtet hundert Tauſende Rebellen; Du ſollſt hiebey Befehl und Vollmacht haben. (Blunt tritt auf.) Nun, guter Blunt? Dein Blick iſt voller Eil. Blunt. So das Geſchaͤft, wovon ich reden muß. Lord Mortimer von Schottland meldet uns, Daß Douglas und die Engliſchen Rebellen Am eilften dieſes Monats ſich vereint. Zu Shrewsbury; ein ſo gewaltig Heer, Wenn allerſeits man die Verſprechen haͤlt, Als je in einem Staat Verwirrung ſchaffte. R. Heinr. Der Graf von Weſtmoreland zog heute aus, Mit ihm mein Sohn, Johann von Lancaſter, Denn dieſe Botſchaft iſt fünf Tage alt. Auf naͤchſten Mittwoch, Heinrich, brecht ihr auf, Wir ſetzen ſelbſt uns Donnerſtags in Marſch. Bridgnorth iſt unſer Ziel; und Heinrich, ihr Marſchirt auf Gloſterſhire, auf dieſe Art Wird, wie ich rechne, etwa in zwoͤlf Tagen Die ganze Macht zu Bridghorth ſich verſammeln. Es giebt vollauf zu thun; ſo laßt uns eilen, Denn Feindes Uebermacht naͤhrt ſich durch Weilen.(ab.) Dritte Szene. Eaſtcheap. Ein Zimmer in der Schenke zum wilden Schweinskopf. Galſtaff und Bardolph kommen.) Falſt. Bardolph, bin ich ſeit der letzten Affaire nicht Sz. 3. Erſter Theil. 207 ſchmaͤhlich abgefallen? verzehr'ich mich nicht? ſchrumpfe ich nicht ein? Wahrhaftig, meine Haut haͤngt um mich herum, wie das loſe Kieid einer alten Dame; ich bin ſo welk, wie ein gebratner Apfel. Gut, ich will mich bekehren, und das geſchwind, ſo lange ich noch einigermaßen bey Fleiſche bin; bald werde ich ganz hartherzig ſeyn, und dann habe ich keine Kraͤfte mehr zur Bekehrung. Wo ich nicht vergeſſen habe, wie das Inwendige einer Kirche ausſieht, ſo bin ich ein Brauerpferd.— Das Inwendige einer Kirche! Geſellſchaft, abſcheuliche Geſellſchaft hat mich zu Grunde gerichtet. Bard. Sir John, ihr ſeyd ſo ingrimmig, ihr koͤnnt nicht lange leben. Falſt. Ja, da haben wir's:— komm, ſing mir ein Zotenlied, mache mich luſtig. Ich war ſo tugendhaft ge⸗ woͤhnt, als ein Mann von Stande zu ſeyn braucht— tugendhaft genug; ich fluchte wenig, wuͤrfeite nicht uͤber ſiebenmal in der Woche, in ſchlechte Haͤuſer ging ich nicht uͤber einmal in einem Viertel— einer Stunde; Geld, das ich geborgt, bezahlt' ich wieder, drey bis viermal; ich lebte gut und in gehorigen Schranken: und nun lebe ich außer aller Ordnung, außer allen Schranken. Bard. Ey, ihr ſeyd ſo fett, Sir John, daß ihr wohl außer allen Schranken ſeyn muͤßt, außer allen erdenklichen Schranken, Sir John. Falſt. Beßre du dein Geſicht, ſo will ich mein Leben beſſern. Du biſt unſer Admiral, du traͤgſt die Laterne am Hintertheil; aber ſie ſteckt dir in der Naſe, du biſt der Ritter von der brennenden Lampe. Bard. Ey, Sir John, mein Geſicht thut euch nichts zu Leide. Falſt. Nein, darauf will ich ſchwoͤren. Ich mache ſo guten Gebrauch davon, als mancher von einem Todtenkopf oder einem memento mori. Ich ſehe dein Geſicht niemals, ohne an das hoͤlliſche Feuer zu denken, und an den reichen Mann, der in Purpurkleidern lebte; denn da ſitzt er in ſeiner Tracht und brennt und brennt. Waͤrſt du einigermaßen der Tugend ergeben, ſo wollt' ich bey deinem Geſicht ſchwoͤ⸗ ren; mein Schwur ſollte ſeyn: bei dieſer Feuerflamme! Aber du liegſt ganz im Argen, und wenn's nicht das Licht in deinem Geſichte thäte, waͤrſt du gaͤnzlich ein Kind der Finſterniß. Als du in der Nacht Gadshill hinaufliefeſt⸗ um mein Pferd zu fangen, wenn ich nicht dachte, du warſt ein ignis fatuus, oder ein Klumpen wildes Feuer geweſen, 208 Koͤnig Heinrich IV. A. IM. ſo iſt fuͤr Geld nichts mehr zu haben. O, du biſt ein be⸗ ſtaͤndiger Triumph, ein unausloſchliches Freudenfeuer! Du haſt mir an die tauſend Mark für Kerzen und Fackeln er— ſpart, wenn ich mit dir Nachts von Schenke zu Schenke wanderte, aber fuͤr den Sckt, den du mir getrunken haſt, haͤtte ich bey dem theuerſten Lichtzieher in Europa eben ſo wohlfeil Lichter haben koͤnnen. Seit zwey und dreyßig Jahren nunmehr habe ich dieſen euren Salamander mit Feuer unterhalten: der Himmel lohne es mir! Bard. Blitz! ich wollte, mein Geſicht ſaͤße euch im Bauche. Falſt. Gott ſteh mir bey! da muͤßte ich ſicher vor Sodbrennen umkommen.(Die Wirthin kommt.) Nun, Frau Kratzefuß die Henne! Habt ihr's noch nicht heraus, wer meine Taſchen ausgeleert hat? wirth. Ey, Sir John! was denkt ihr, Sir John? Denkt ihr, ich halte Diebe in meinem Hauſe? Ich habe geſucht, ich habe gefragt, mein Mann hat es auch, Mann fuͤr Mann, Jungen fuͤr Jungen, Bedienten fuͤr Bedien⸗ ten. Es iſt ſonſt niemals eine Haarſpitze in meinem Hauſe weggekommen. Falſt. Ihr luͤgt, Wirthin; Bardolph iſt hier raſſirt und hat gar manches Haar eingebuͤßt, und ich will drauf ſchwoͤren, mir iſt die Taſche ausgeleert. Geht mir, ihr ſehd ein Weibsbild, geht. wirth. Wer! ich? Das unterſteh' dich. So hat mich noch niemand in meinem eignen Hauſe geheißen. Falſt. Geht mir, ich kenne euch wohl. wirth. Nein, Sir John! ihr kennt mich nicht, Sir John, ich kenne euch, Sir John, ihr ſeyd mir Geld ſchuldig, Sir John, und nun zettelt ihr einen Zank an, um mich darum zu betruͤgen; ich habe euch ein Dutzend Hemden auf den Leib gekauft. Falſt. Sackleinewand! garſtige Sackleinewand! Ich habe ſie an Beckerfrauen weggeben, die haben Siebbeutel daraus gemacht. n ee Wirth. Nun, ſo wahr ich eine ehrliche Frau bin, Hollaͤndiſche Leinewand fuͤr acht Schillinge die Elle. Ihr ſeyd hier auch noch Geld fuͤr eure Zehrung ſchuldig, Sir John, fuͤr Getraͤnk und vorgeſchoßnes Geld, an vier und zwanzig Pfund. 5 5 Falſt. Der hat auch ſein Theil daran gehabt, laßt ihn bezahlen. Sz. 3. Crſter Ph eiln 3 209 wirth. Der? Ach Gott, der iſt arm, der hat nichts. Falſt. Was!? arm? ſeht nur ſein Geſicht an! Was nennt ihr reich? Laßt ihn ſeine Naſe ausmuͤnzen, ſeine Backen ausmuͤnzen, ich zahle keinen Heller. Was, wollt ihr mich als einen Neuling zum Beſten haben? Soll ich keine Ruhe in meiner Herberge genießen koͤnnen, ohne daß mir die Taſchen ausgeleert werden? Ich bin um einen Siegelring von meinem Großvater gekommen, der vierzig Mark werth war. wirth. O Jemine, ich weiß nicht, wie oft ich den Prinzen habe ſagen horen, der Ring waͤre von Kupfer. Falſt. Ey was, der Prinz iſt ein Sineut⸗ ein Schlukker; und wenn er hier waͤre, ſo wollte ich ihn hun⸗ d mäßig pruͤgeln, wenn er das ſagte. (Der Prinz und Poins kommen herein marſchirt; Fal⸗ ſtaff geht dem Prinzen entgegen, der auf ſeinem Komman⸗ doſtabe, wie auf einer Querpfeife ſpielt.) Falſt. Was giebt's, Burſch? Blaͤſt der Wind aus der Ecke, wahrhaftig? Muͤſſen wir alle marſchiren? Bard. Ja, zwey je zwey, wie die Gefangnen nach Newgate. wirth. Gnaͤdiger Herr, ich bitte euch, hoͤrt mich. Pr. Zeinr. Was ſagſt du, Frau Hurtig? was macht dein Mann! Ich mag ihn wohl leiden, es iſt ein ehr⸗ licher Mann. wirth. Beſter Herr, hoͤrt mich⸗ Falſt. Bitte, laß ſie gehn, und hoͤre auf mich⸗ pr. Zeinr. Was ſagſt du, Hans? Falſt. Neulich Abend fiel ich hier hinter der Tapete in Schlaf, und da ſind mir die Taſchen ausgeleert. Dieß iſt ein ſchlechtes Haus geworden, ſie leeren die Taſchen aus. Pr. Zeinr. Was haſt du verloren, Hans?„ Falſt. Wirſt du mir's glauben, Heinz? Drey bis vier Aſſignationen, jede von vierzig Pfund, und einen Sie⸗ gelring von meinem Großvater. Sn pr. einr. Ein Bagatell, fuͤr acht Pfennige Waare. wirth. Das ſagte ich ihm auch, gnädiger Herr, und ich ſagte, ich haͤtte es Euer Gnaden ſagen hoͤren; und er ſpricht recht niedertraͤchtig von euch, ſo ein laͤſterlicher Menſch wie es iſt; und er ſagte, er wollte euch prügeln⸗ Pr. Zeinr. Was! ich will nicht hoffen? 4 . 14 2¹0 Koͤnig Heinrich IV. A. III. wirth. Wenn's nicht wahr iſt, ſo iſt keine Treue, keine Redlichkeit, keine Frauenſchaft in mir zu finden. Falſt. Du haſt nicht mehr Treue, als gekochte Pflau⸗ men; nicht mehr Redlichkeit, als ein abgehetzter Fuchs; und was Frauenſchaft betrifft, ſo koͤnnte Jungfer Mari⸗ ane die Mohrentänzerin gegen dich die Frau des Aufſehers vom Quartiere ſeyn. Geh, du Ding, du. wirth. Sag, was fuͤr ein Ding! was fuͤr ein Ding? Falſt. Was fuͤr ein Ding? Ey nun, ein Ding, wo⸗ fuͤr man Gotteslohn ſagt. wirth. Ich bin kein Ding, wofuͤr man Gottes Lohn ſagt, das ſollſt du wiſſen. Ich bin eines ehrlichen Man⸗ nes Frau, und deine Ritterſchaft aus dem Spiel, du biſt ein Schuft, daß du mich ſo nennſt. Falſt. Und deine Frauenſchaft aus dem Spiel, du biſt eine Beſtie, daß du es anders ſagſt. wirth. Was fuͤr eine Beſtie? Sag, du Schuft du! Falſt. Was fuͤr eine Beſtie? Nun eine Otter? Pr. Heinr. Eine Otter, Sir John! warum eine Otter? Falſt. Warum? Sie iſt weder Fiſch noch Fleiſch, man weiß nicht, wo ſie zu haben iſt. wirth. Du biſt ein unbilliger Menſch, daß du däs ſagſt; du und jedermann weiß, wo ich zu haben bin, du Schelm, du. Pr. Zeinr. Du ſagſt die Wahrheit, Wirthin, und er verlaͤumdet dich auf's groͤblichſte. Wirth. Ja, euch auch, gnaͤdiger Herr, und er ſagte neulich, ihr waͤrt ihm tauſend Pfund ſchuldig? Pr. Heinr. Was? bin ich euch tauſend Pfund ſchuldig? Falſt. Tauſend Pfund, Heinz? Eine Million! Deine Liebe iſt eine Million werth, du biſt mir deine Liebe ſchuldig. wirth. Ja! gnaͤdiger⸗Herr, er nannte euch Hans⸗ wurſt, und ſagte, er wollte euch pruͤgeln. Falſt. Sagt' ich das, Bardolph? Bard. In der That, Sir John, ihr habt es geſagt. Falſt. Ja, wenn erſagte, mein Ring waͤre von Kupfer. pPr. Heinr. Ich ſage, er iſt von Kupfer; unterſtehſt du dich nun dein Wort zu halten? Falſt. Je, Heinz, du weißt, ſofern du nur ein Mann Sz. 4. Erſter Theil. 21¹ biſt, unterſteh' ich mich's; aber ſo fern du ein Prinz biſt, fuͤrchte ich dich, wie das Bruͤllen der jungen Löwenbrut. pr. Zeinr. Warum nicht wie den Loͤwen? Falſt. Den Koͤnig ſelbſt muß man wie den Lowen fuͤrch⸗ ten. Denkſt du, ich will dich fuͤrchten wie deinen Vater? Wenn ich das thue, ſo ſoll mir der Guͤrtel platzen. pr. Zeinr. O, wenn das geſchaͤhe, wie wuͤrde dir der Wanſt um die Kniee ſchlottern! Aber zum Henker, es iſt kein Platz fuͤr Glauben, Treu und Redlichkeit in dem Leibe da: er iſt ganz mit Daͤrmen und Netzhaut ausgeſtopft. Ein ehrliches Weib zu beſchuldigen, ſie habe dir die Taſchen ausgelcert! Ey, du liederlicher, unver⸗ ſchaͤmter, aufgetriebner Schuft! Wenn irgend was in deiner Taſche war, als Schenkenrechnungen, Tagebuͤcher aus ſchlechten Haͤuſern, und fuͤr einen armſeligen Pfennig Zuckerkandi, dir die Kehle geſchmeidig zu machen; wenn deine Taſche mit andrer Ungebuͤhr als dieſer ausgeſtattet war, ſo will ich ein Schurke ſeyn. Und doch prahlſt du; doch willſt du nichts einſtecken. Schaͤmſt du dich nicht? Falſt. Hoͤrſt du, Heinz! Im Stande der Unſchuld, weißt du, iſt Adam gefallen; und was ſoll der arme Hans Falſtaff in den Tagen der Verderbniß thun! Du. ſiehſt, ich habe mehr Fleiſch, als andre Menſchen, und alſo auch mehr Schwachheit.— Ihr bekennt alſo, daß ihr mir die Taſchen ausgeleert habt? Pr. Zeinr. Die Geſchichte kommt ſo heraus. Falſt. Wirthin, ich vergebe dir. Geh, mach das Fruͤhſtuͤck fertig, liebe deinen Mann, achte auf dein Ge⸗ ſinde, pflege deine Gäſte; du ſollſt mich bey allen vernuͤnf⸗ tigen Forderungen billig finden; du ſiehſt, ich bin beſaͤnf⸗ tigt.— Noch was! Nein, geh nur, ich bitte dich.(Wir⸗ thin ab.) Nun, Heinz, zu den Neuigkeiten vom Hofe. der Räuberey, Junge, wie iſt das ins Gleiche gebracht?. Pr. Zeinr. O, mein ſchoͤnſter Rinderbraten, ich muß immer dein guter Engel ſeyn. Das Geld iſt zuruͤckgezahlt. Falſt. Ich mag das Zuruͤckzahlen nicht, es iſt dop⸗ pelte Arbeit.* pr. Zeinr. Ich bin gut Freund mit meinem Vater, und kann alles thun. Falſt. So pluͤndre mir vor allen Dingen die Schatz⸗ kammer, und das zwar mit ungewaſchnen Haͤnden. 14* 212 Koͤnig Heinrich W. A. IV. Bard. Thut das, gnaͤdiger Herr. 66 Heinr. Ich habe dir eine Stelle zu Fuß geſchafft, Hans. Falſt. Ich wollte, es waͤre eine zu Pferde. Wo werde ich einen finden, der gut ſtehlen kann? O, einen huͤbſchen Dieb von zwey und zwanzigen oder ſo ungefaähr! Ich bin entſetzlich auf dem Trocknen. Nun, Gott ſey gedankt fuͤr dieſe Rebellen! Sie thun niemanden was als ehrlichen Leuten; ich lobe ſie, ich preiſe ſie. Pr. Zeinr. Bardolph,— Bard. Gnaͤdiger Herr? Pr. Zeinr. Bring dieſen Brief an Lord Johann von Lancaſter, An meinen Bruder; den an Mylord Weſtmoreland. Geh, Poins! zu Pferd! zu Pferd! denn du und ich Wir reiten dreyßig Meilen noch vor Tiſch.— Hans, triff mich morgen in dem Tempelfaal Um zwey Uhr Nachmittags; Da wirſt du angeſtellt, und da empfaͤngſt du Geld und Befehl zur Ausruͤſtung des Bolks. Es brennt das Land, Perey iſt hoch geſtiegen: Wir muͤſſen, oder ſie nun unterliegen. (Der Prinz, Poins und Bardolph ab.). Falſt. Schoͤn Reden! wackre Welt! Wirthin, mein Fruͤhſtuͤck her! O, daß die Schenke meine Trommel waͤr“!(ab.) Vierter Aufzug. Gir ſte Shenel Das Lager der Rebellen bey Shrewsbury. Wercy, Worceſter⸗und Douglas treten auf.) Percy. Brav! Ihr, mein edler Schotte! Wenn nicht Wahrheit In dieſer feinen Welt fuͤr Schmeicheln goͤlte, So kaͤm' dem Douglas ſolches Zeugniß zu, Daß vom Gepraͤge dieſer Zeit kein Krieger So gangbar ſollte ſeyn in aller Welt. Bey Gott, ich kann nicht ſchmeicheln; glatte Zungen Verſchmaͤh' ich: aber einen beſſern Platz Sz. 1. Erſter Theil. 2¹3 In meiner Liebe hat kein Menſch, als ihr, Ja, haltet mich beym Wort, erpruͤft mich, Herr. Doug. Du biſt der Ehre Koͤnig. Auf Erden lebt kein ſo gewalt'ger Mann, Dem ich nicht trotzte. percy. das, und's iſt gut. Ein Bote kommt mit Briefen.) Was bringſt du da!— Nur danken kann ich euch. Bote. Von eurem Vater kommen dieſe Briefe. percy. Briefe von ihm? Warum kommt er nicht ſelbſt? Bote. Er kann nicht, gnaͤd'ger Herr, er iſt ſchwer krank. percy. Blitz! wie hat er die Muße, krank zu ſeyn In ſo geſchaͤft'ger Zeit! Wer fuͤhrt ſein Volk? In weſſen Leitung ruͤcken ſie heran? Bote. Sein Brief, nicht ich, kann euch das ſagen, Herr. worc. Ich bitt' dich, ſag' mir, huͤtet er das Bett? Bote. Ja, gnäd'ger Herr, vier Tage eh ich reiſ'te, Und zu der Zeit, als ich dort Abſchied nahm, Ward von den Aerzten ſehr um ihn geſorgt! wore. Ich wollt', es waͤr zuvor die Zeit geneſen, Eh ihn die Krankheit haͤtte heimgeſucht. Rie galt Geſundheit ihm ſo viel, als jetzt. perecy. Nun krank! nun mattl Die Krankheit hier verpeſtet Das Herzblut recht von unſerm Unternehmen, Sie ſteckt uns an ſelbſt hier in unſerm Lager. Er ſchreibt mir da,— daß innerliche Krankheit,— Daß ſeine Freunde nicht die Botſchaft konnte So ſchnell berufen; noch haͤlt er's genehm, Ein Werk von ſo gefaͤhrlich theurer Art Wem anders, als ſich ſelber, zu vertraun. Er giebt uns dennoch kuͤhne Anmahnung, Mit unſerm ſchwachen Bunde vorzudringen, Zu ſehn, wie gegen uns das Gluͤck geſinnt. Denn, wie er ſchreibt, ſo gilt kein Zagen jetzt, Weil ſicherlich der Koͤnig unterrichtet Von unſern Planen.— Was ſagt ihr dazu? worc. Des Vaters Krankheit iſt uns eine Laͤhmung. perey. Ein blut'ger Streich, ein abgehannes Glied. Uund doch in Wahrheit nicht! Sein Fehlen jetzt Scheint wichteger, als ſich's zeigen wird.— Waͤr's gut, Die hoͤchſte Summe unſter ganzen Habe 21¹4 Koͤnig Heinrich 1V. A. W. Auf einen Wurf zu ſetzen! ſolchen Schatz Auf einer zweifelhaften Stunde Gluͤck? Es waͤr' nicht aut: denn darin laͤſen wir Die ganze Tief' und Seele unſrer Hoffnung, Die Graͤnzen und das wahrhaft Aeußerſte Von unſer aller Gluͤck. Doug. Das thaͤten wir, Da nun noch ſchoͤne Anwartſchaft uns bleibt. Wir duͤrfen kuͤhn verthun, in Hoffnung deſſen, Was einkommt; Dieß haͤlt den Troſt auf einen Ruͤckzug rege. Percy. Auf eine Heimath, einen Sammelplatz, Wofern der Teufel und das Unheil ſcheel Anſehen unſrer Sachen Etſtlingſchaft. worc. Doch wollt' ich, euer Vater wäre hier. Die Eigenſchaft und Farbe unſter That Geſtattet keine Theilung: man wird denken, Wo man nicht weiß, weswegen er nicht koͤmmt, Daß Weisheit, Treu' und bloße Abneigung Von unſern Schritten fern den Grafen hält. Und denkt, wie eine ſolche Wahrnehmung Der furchtſamen Parteyung Flut kann wenden, Und Zweifel zeugen uͤber unſre Sache. Ihr wißt, wir auf der ruͤſt'gen Seite muͤſſen Uns fern von ſcharfer Unterſuchung halten, Und jede Oeffnung, jeden Spalt verſtopfen, Wodurch das Auge der Vernunft kann ſpaͤhn. Dieß Abſeyn eures Vaters hebt den Vorhang, Und zeigt Unkund'gen eine Art von Furcht, Wovon man nicht getraͤumt. Percy. Ihr geht zu weit. Sein Abſeyn ſoll vielmehr 0 dazu zi Es leihet Glanz und eine hoͤh're Meynung, Ein kuͤhner's Wagen unſerin Unternehmen, Als wenn der Graf hier waͤr'; denn man muß denken, Wenn ohne ſeine Huͤlfe wir dem Reich Die Spitze bieten koͤnnen, ſtürzen wir Mit ſeiner Hulf' es uber Kopf und Hals.— Noch geht's ja wohl, noch ſind die Glieder feſt. Dogn Wie ſich's das Herze wuͤnſcht. Kein ſolches Wort Hoͤrt man in Schottland, als den Namen Furcht. 6(Sir Richard Vernon tritt auf.) Sz. 1. Erſter Theil. 2¹5 perey. Mein Vetter Vernon! auf mein Wort, willkommen! ver. Geb Gott, die Botſchaft ſey den Willkomm werth! Der Graf von Weſtmoreland, ſieben tauſend ſtark, Marſchirt hieherwärts, mit ihm Prinz Johann. percy. Kein Arg: was mehr? ver. Und ferner ward mir kund, Daß in Perſon der Koͤnig ansgezogen, Und ſich hieherwärts ſchleunig hat gewandt Mit mächtiger und ſtarker Zuruͤſtung. percy. Er ſoll willkommen ſeyn. Wo iſt ſein Sohn, Der ſchnellgefuͤßte tolle Prinz von Wales! Und ſein Gelichter, die die Welt fortſtießen, Wohin ſie will? ver. Ganz ruͤſtig, ganz in Waffen; Befiedert ganz wie Strauße, Winde ſchlagend; Geſpreizt wie Adler, die vom Baden kommen; Glaͤnzend in goldner Tracht, wie Heil'genbilder; So voller Leben, wie der Monat May, Und herrlich, wie die Sonn' in Sommers Mitte; Wie Geißen munter, wild, wie junge Stiere. Ich ſah den jungen Heinrich, Sturmhut auf, Die Schienen an den Schenkeln, ſtolz gewaffnet, Wie der befluͤgelte Merkur, vom Boden So leicht gewandt in ſeinen Sitz ſich ſchwingen, Iis ſchwebt' ein Engel nieder aus den Wolken, Den feur'gen Pegaſus zu tummeln, und die Welt Mit edlen Reiterkunſten zu bezaubern. 3 percy. Genug, genug! Mehr, wie Sonn' im Maͤtz, Nährt dieſes Preiſen Fieber. Laßt ſie kommen! Wie Opfer kommen ſie in ihrem Putz, Wir wollen ſie der glutgeaugten Jungfrau Des dampf'gen Krieges heiß und blutend bringen: Der ehrne Mars ſoll auf dem Altar ſitzen Bis an den Hals in Blut. Ich bin entbrannt, Zu hoͤren, daß ſo nah die reiche Beute⸗ Und noch nicht unſer.— Kommt, gebt mir mein Pferd! Das ſoll mich tragen, wie ein Donnerkeil, Dem Prinz von Wales gerad' an ſeine Bruſt. Heinrich an Heinrich, Roß an Roß gerennt, Soll kaͤmpfen, bis des Einen Tod ſie trennt. S, wär' doch Glendower da! ver. Es giebt mehr Neues: 216 Koͤnig Heinrich IV. A. IV. Ich hoͤrt' in Woreeſter unterwegs, er kann In vierzehn Tagen ſeine Macht nicht ſammeln. Doug. Das iſt die ſchlimmſte Zeitung noch von allen. Worec. Ja, meiner Treu, das hat'nen froſt'gen Klang. Percy. Wie hoch mag ſich des Koͤnigs Macht belaufen? ver. Auf dreyßigtauſend. 5 Percy. Laßt es vierzig ſeyn. Iſt ſchon mein Vater und Gſendower fern, Gnuͤgt unſre Macht ſo großem Tage gern. Kommt, ſtellen wir die Muſtrung ſchleunig an; Der juͤngſte Tag iſt nah: ſterbt luſtig, Mann fuͤr Mann! Doug. Sprecht nicht von Sterben; für dieß halbe Jahr Kenn'ich nicht Furcht vor Tod und Todsgefahr.(Ae ab.) 8 weyte Szene. Eine Heerſtraße bey Coventry. GFalſtaff und Bardolph kommen.) Falſt. Bardolph, mach dich voraus nach Coventry, fulle mir eine Flaſche mit Sekt. Unſre Soldaten ſollen durch⸗ marſchiren, wir wollen heute Abend nach Sutton⸗Colfield. Bard. Wollt ihr mir Geld geben, Kapitän? Falſt. Leg' aus, leg' aus. Bard. Dieſe Flaſche macht einen Engel. Falſt. Nun, wenn ſie das thut, nimm ihn fuͤr deine Mühe; und wenn ſie zwanzig macht, nimm ſie alle, ich ſtehe fuͤr das Gepraͤge. Sage meinem Lieutenant Peto, er ſoll mich am Ende der Stadt treffen. Bard. Das will ich, Kapitaͤn; lebt wohl!(ab.) Falſt. Wenn ich mich nicht meiner Soldaten ſchame, ſo bin ich ein Stockfiſch. Ich habe den koͤniglichen Aus⸗ hebungsbefehl ſchändlich gemißbraucht. Anſtatt hundert und funfzig Soldaten habe ich dreyhundert und etliche Pfund zuſammengebracht. Ich hebe keine aus, als gute Landwirthe, Paͤchtersſoͤhne, erfrage mir verſprochne Jung⸗ geſellen, die ſchon zweymal aufgeboten ſind; ſolche Waare von Ofenhockern, die eben ſo gern den Teufel hoͤren, als eine Trommel; die den Knall einer Buͤchſe aärger fuͤrchten, als ein einmal getroffnes Feldhuhn oder eine angeſchoſſene wilde Ente. Ich hob keine aus, als ſoſche Butterbemmen, mit Herzen im Leibe, nicht dicker, als Stecknadelkoͤpfe: Sz. 2. Erſter Theil. 2¹7 die haben ſich vom Dienſte losgekauft, und nun beſteht meine ganze Truppe aus Faͤhndrichen, Korporalen, Lieu⸗ tenants, Dienſitgefreyten, Kerlen, die ſo zerlumpt ſind, wie Lazarus auf gemalten Tapeten, wo die Hunde des reichen Mannes ihm die Schwaͤren lecken, und die in ihrem Leben nicht Soldaten geweſen ſind, ſondern abge⸗ dankte, nichtsnutzige Bedienten, juͤngere Soͤhne von juͤn⸗ geren Bruͤdern, kebelliſche Kuͤfer und bankerotte Schenk⸗ wirthe: das Ungeziefer einer ruhigen Welt und eines lan⸗ gen Friedens, zehnmal ſchmäͤhlicher zerlumpt, als eine alte geflickte Standarte. Und ſolche Kerle hab' ich nun an der Stelle derer, die ſich vom Dienſte losgekauft haben, daß man denken ſollte, ich haͤtte hundert und funfzig ab⸗ gelumpte verlorne Soͤhne, die eben vom Schweinehuͤten und Trebernfreſſen kaͤmen. Ein toller Kerl begegnete mir unterwegs, und ſagte mir, ich haͤtte alle Galgen abgela⸗ den, und die todten Leichname géworben. Kein menſchlich Auge hat ſolche Vogelſcheuchen geſehn. Ich will nicht mit ihnen durch Coventty marſchiren, das iſt klar,— je, und die Schurken marſchiren auch ſo mit geſperrten Beinen, als wenn ſie Fußeiſen anhätten; denn freylich kriegt' ich die meiſten darunter aus dem Gefaͤngniß. Nur andert⸗ halb Hemden giebt es in meiner ganzen Kompagnie; und das halbe beſteht aus zwey zuſammengenaͤhten Servietten, die uͤber die Schultern geworfen ſind, wie ein Herolds⸗ mantel ohne Aermel; und das Hemde iſt, die Wahrheit zu ſagen, dem Wirthe zu St. Albans geſtohlen, oder dem rothnaſigen Bierſchenken zu Daintry. Doch das macht nichts; Linnen werden ſie genug auf allen Zaͤnnen finden. Mrinz Heinrich und Wſtmoreland treten auf.) Pr. veinr. Wie geht's, dicker Hans? wie geht's, Wulſt? Falſt. Sieh da, Heinz? Wie geht's, du toller Junge? Was Teufel machſt du hier in Watwickſhire!— Mein be⸗ ſter Lord Weſtmoreland, ich bitte um Verzeihung! ich glaubte, Euer Gnaden waͤren ſchon zu Shrewsbury. weſt. Wahrlich, Sir John,'s iſt hochſte Zeit, daß ich da waͤre, und ihr auch; aber meine Truppen ſind ſchon dort. Der Koͤnig, das kann ich euch ſagen, ſieht nach allen aus; wir muͤſſen alle zu Nacht fort. Falſt. Pah! ſeyd um mich nicht bange; ich bin ſo lauerſam, wie eine Katze, Rahm zu mauſen. pr. Zeinr. Freylich wohl, Rahm zu mauſen; denn vor lauter Stehlen biſt du ſchon ganz zu Butter geworden. 218 Koͤnig Heinrich W. A. 1V. Aber ſage mir, Hans, weſſen Leute ſind das, die hinter uns drein kommen? Falſt. Meine, Heinz, meine. Pr. Zeinr. Zeitlebens ſah ich keine ſo erbaͤrmliche Schufte. Falſt. Pah! pah, gut genug zum Aufſpießen; Futter fuͤr Pulver, Futter fuͤr Pulver; ſie fullen eine Grube, ſo gut, wie beſſere; hm, Freund! ſterbliche Menſchen! ſterbliche Menſchen. Weſt. Aber mich duͤnkt doch, Sir John, ſie ſind un⸗ gemein arm und vermagert, gar zu bettelhaft. Falſt. Mein Treu, was ihre Armuth betrifft, ich weiß nicht, woher ſie die haben; und das Abmagern,— ich bin gewiß, das haben ſie nicht von mir gelernt. Pr. Zeinr. Nein, das will ich beſchwoͤren; man muͤßte denn drey Finger dick auf den Rippen mager nennen. Aber beym Wetter, eilt euch: Percy iſt ſchon im Felde. Falſt. Wie! ſteht der Koͤnig im Lager? weſt. Ja wohl, Sir John; ich fuͤrchte, wir halten uns zu lange auf. Falſt. Gut! 8, Beym Gefecht gegen's Ende, und zum Anfang beym Feſte, Ziemt traͤge Streiter und hungrige Gaͤſte.(Alle ab.) Dritte Szene. Das Lager der Rebellen bey Shrewsbury. GPercy, Worceſter, Douglas und Vernon treten auf.) Perey. Wir greifen Nachts ihn an, 6 wore. Es darf nicht ſeyn. Doug. Ihr gebt ihm Vortheil dann. Wer. Im mind'ſten nicht. Percy. Wie ſprecht ihr ſo? Hofft er nicht auf Verſtäͤrkung? er. Wir auch. Percy. Die ſein' iſt ſicher, unſre zweifelhaft. Worc. Nehmt Rath an, Vetter; ruͤhrt euch nicht zu Nacht. Ver. Herr, thut es nicht. Doug. Ihr gebt nicht guten Rath, Ihr redet ſo aus Furcht und mattem Herzen. er. Douglas verlaͤumdet nicht! Bey meinem Leben, Und mit dem Leben will ich es behaupten, Sz. 3. Erſter Theil. 2¹9 Wenn wohlverſtandne Ehre fort mich zieht, Pfleg' ich ſo wenig Rath mit ſchwacher Furcht, Als ihr, Herr, oder irgend ſonſt ein Schott' am Leben. Laßt morgen in der Schlacht uns ſehen, wer Sich fuͤrchtet. Doug. Oder noch zu Nacht. ver. Es ſey. percy. Zu Nacht, ſag' ich. 3 ver. Geht! geht! es darf nicht ſeyn⸗ Ich wundre mich, daß ſolche große Fuͤhrer Nicht einſehn, welche Hinderniſſe ruͤckwärts Die Unternehmung ziehn. Eine Anzahl Pferde Von meinem Vetter Vernon kam noch nicht; Die meines Oheims Worceſter heute erſt, Und nun iſt all' ihr Feuer eingeſchlafen, Ihr Muth von härter Arbeit trag' und zahm, Daß keins nur halb die Haͤlſte von ſich gilt. percy. So ſind des Feindes Pferd' im ganzen auch Vom Reiſen abgemattet und herunter; Der unſern beßres Theil hat ausgeruht. worc. Des Koͤnigs Anzahl uͤbertrifft die unfre: Um Gottes willen! Erwarten wir erſt alle. (Trompeten, die eine unterhandlung ankuͤndigen. Sir Walter Blunt tritt auf.) Blunt. Vom Koͤnig bring' ich gnaͤd'ge Anerbieten, Wenn ihr Gehoͤr und Achtung mir gewaͤhrt. percy. Sir Walter Blunt, willkommen! Wollte Gott! Daß ihr von unſerer Entſchließung waͤrt! Hier will euch mancher wohl, und dieſe ſelbſt Beneiden eu'r Verdienſt und guten Namen⸗ Weil ihr von unſerer Parthey nicht ſeyd, Und wider uns vielmehr als Gegner ſteht, Blunt. Verhuͤte Gott, daß ich je anders ſtuͤnde, So lang' ihr, außer Schranken und Geſetz, S wider die geſalbte Majeſtat. Doch, mein Geſchaͤft!— Der Koͤnig ſchickt mich, eurer Beſchwerden Art zu forſchen: weshalb ihr So kuͤhne Feindſchaft aus des Friedens Buſen Herauf beſchwoͤrt, und lehrt dein trenen Lande Verwegne Grauſamkeit? wofern der Koͤnig Jemals vergeſſen eure guten Dienſte, Die mannichfaltig ſind, wie er bekennt; 220 Koͤnig Heinrich 1V. A. 1V. So nennt nur die Beſchwerden, und ihr ſollt, Was ihr verlangt, mit Zinſen ſchleunigſt haben, Auch gaͤnzliche Verzeihung für euch ſelbſt Und die, ſo eure Eingebung mißleitet. Percy. Der Koͤnig iſt gar guͤtig, und wir wiſſen, Er weiß, wann zu verſprechen, wann zu zahlen. Mein Vater und mein Oheim und ich ſelbſt, Wir gaben ihm das Zepter, das er fuͤhrt, Und als er keine dreyßig ſtark noch war, Krank in der Menſchen Achtung, klein und elend, Ein unbemerkt heimſchleichender Verbannter, Bewillkommt ihn mein Vater an dem Strand; Und als er ihn hey Gott geloben hoͤrte, Er komm' als Herzog nur von Lancaſter Zur Muthung ſeiner Lehn', und Friede ſuchend Mit Eifers Worten und der Unſchuld Thränen: So ſchwor mein Vater ihm aus gutem Herzen Und Mitleid Beyſtand zu, und hielt es auch. Nun, als die Lords und Reichsbarone merkten, Daß ſich Northumberland zu ihm geneigt, a kamen groß und klein mit Reverenz, Begruͤßten ihn in Flecken, Städten, Doͤrfern, Erwarteten an Bruͤcken ihn und Päͤſſen, Erboten ihre Schwuͤre, brachten Gaben, Und ſtellten Erben vor; wie Pagen folgten Sie an den Ferſen ihm in goldner Schaar. Er alſobald, wie Größe ſelbſt ſich kennt, Schritt auch ein wenig hoͤher, als ſein Schwur, Den er, ein armes Ding noch, meinem Vater Am nackten Strand zu Ravenspurg gethan. Und nun, ey denkt! vermißt er ſich, zu beſſern Gewiſſe Ordnungen und ſtrenge Schluͤſſe, Die dem gemeinen Weſen allzudruͤckend; Schreyt uͤber Mißbrauch, ſcheinet zu beweinen Die Schmach des Landes, und mit dem Geſicht, Der ſcheinbar'n Stirn der Billigkeit, gewann Er jedes Herz, wonach er angelte; Ging weiter, ſchlug die Haͤupter ſämmtlich ab Der Guͤnſtlinge, die der entfernte Koͤnig Zur Stellvertretung hier zuruͤckgelaſſen, Als er perſoͤnlich war im Ir'ſchen Krieg. Blunt. Ich kam nicht, dieß zu hoͤren. Perey. Dann zur Sache.— Sz. 4. Erſter Theil. 21 In kurzer Zeit ſetzt' er den Koͤnig ab, ſnd bald darauf beraubt' er ihn des Lebens; Gleich hinterdrein ſchatzt' er den ganzen Staat; Roch ſchlimmer nun: ließ ſeinen Vetter March (Der doch, wenn jeder haͤtte, was er ſollte, Sein ächter Koͤnig iſt) in Wales verſtrickt, Dort huͤlflos ohne Löſegeld zu liegen; Beſchimpfte mich in meinem Siegesgluck, Und war bemuht, durch Kundſchaft mich zu fangen; Schalt meinen Oheim weg vom Sitz im Rath, Entließ im Zorn vom Hofe meinen Vater; Brach Eid auf Eid, that Unrecht uͤber Unrecht, Und trieb uns ſchließlich, unſre Sicherheit In dieſem Bund zu ſuchen, und zugleich Zu ſpaͤhn nach ſeinem Anſpruch, welchen wir Richt guͤltig g'nug fuͤr lange Dauer finden. Blunt. Soll ich dem Koͤnig dieſe Antwort bringen? percy. Nicht doch, Sir Walter; wir berathen uns. Geht hin zum Koͤnig, laßt uns eine Buͤrgſchaft Verpfaͤndet ſeyn zu ſichrer Wiederkehr, Und fruͤh am Morgen ſoll mein Oheim ihm Vorſchlaͤge von uns bringen; ſo, lebt wohl! Blunt. Ich wollt', ihr naͤhmet Lieb' und Gnade an. percy. S iſt moͤglich, daß wir's thun. Blunt. Das gebe Gott. (Aue ab.) Vierte Szene⸗ York. Ein Zimmer im Hauſe des Erzbiſchofs. (Der Erzbiſchof von York und ein Edelmann treten auf.) erzb. Hurtig, Sir Michael! Mit beſchwingter Eil Bringt den petſchirten Brief hier zum Lord Marſchall, Den meinem Vetter Seroop, und all' die andern An wen ſie ſind gerichtet; wuͤßtet ihr, Wie viel an ihnen liegt, ihr wuͤrdet eilen. Edelm. Mein gnaͤd'ger Herr, Ich rathe ihren Inhalt. Erzb. Das mag ſeyn. Guter Sir Michael, morgen iſt ein Tag, An dem das Glück von zehentauſend Mann Die Probe ſtehn muß; denn zu Shrewsbury, 222 Koͤnig Heinrich IW. A W. Sz. 4. Wie ich gewiß vernehme, trifft der Koͤnig Rit maͤchtigem und ſchnell erhobnem Heer Lord Heinrich; und, Sir Michael, ich fürchte,— Theils wegen Krankheit des Northumberland, Deß Macht in ihrem erſten Anſchlag war, Theils wegen Owen Glendowers Entfernung, Der auch von ihnen ein berechnet Glied, Und nun nicht kommt, beherrſcht von Weiſſagungen,— Ich fuͤrchte, Perey's Macht iſt allzuſchwach, Gleich mit dem König den Verſuch zu wagen. Edelm. Ey, gnäd'ger Herr, ſeyd unbeſorgt: Douglas iſt dort ja und Lord Mortimer. Erzb. Nein, Mortimer iſt nicht da. Edelm. Doch dort iſt Mordake, Vernon, Lord Hein⸗ rich Percy, Dort auch Mylord von Worceſter; und ein Heer Von tapfern Kriegern, wackern Edelleuten. Erzb. Das iſt wohl ſo, allein der Koͤnig hat Des Landes ganze Stärk' an ſich gezogen: Den Prinz von Wales, Johann von Lancaſter, Den edlen Weſtmoreland, den tapfern Blunt, Und ſonſt viel Mitgenoſſen, und von Ruf Und Fuͤhrung in den Waffen theure Maͤnner.. Edelm. Herr, zweifelt nicht, man wird ſchon widerſtehn. Erzb. Ich hoff es auch, doch noͤthig iſt's zu fuͤrchten, Und um dem Schlimmſten vorzubeugen, eilt. Denn, ſiegt Lord Perch nicht, ſo denkt der Koͤnig, Eh' er ſein Heer entlaͤßt, uns heimzuſuchen, Er hat gehoͤrt von unſerm Einverſtaͤndniß, Und's iſt nur Klugheit, wider ihn ſich ruͤſten. Deswegen eilt, ich muß an andre Freunde Noch ſchreiben gehn, und ſo lebt wohl, Sir Michgel. (Won verſchiednen Seiten abe) ð A. V. Sz. 1. Erſter Theil. 223 Fuͤnfter Aufzug⸗ Erſte Szene. Des Koͤnigs Lager bey Shrewsbury. (Foͤnig Heinrich, Prinz Heinrich, Prinz Johann, Sir Walter Blunt und Falſtaff treten auf.) R. Feinr. Wie blutig uͤber jenen buſch'gen Huͤgel Die Sonn' anfaͤngt zu ſchaun! Der Tag ſieht bleich Ob ihrem kranken Schein. pPr. Zeinr. Der Wind aus Suͤden Verkuͤndigt als Trompete ihren Willen, Und ſagt, durch hohles Pfeifen in den Blaͤttern, Uns Sturm vorher und einen rauhen Tag. R. Zeinr. So ſtimm' er dann in der Verlierer Sinn, Denn nichts ſcheint denen truͤbe, die gewinnen. (Trompete. Worceſter und Vernon kommen.) Wie nun, Mylord von Worceſter? s iſt nicht gut, Daß ihr und ich auf ſolchem Fuß uns treffen⸗ Als jetzt geſchieht: ihr taͤuſchtet unſer Zutraun, Und zwangt mir ſtatt der weichen Friedenskleider, Die alten Glieder in unglimpflich Erz. Das iſt nicht gut, Mylord, das iſt nicht gut. Was ſagt ihr! wollt ihr wiederum entſchuͤrzen Den Knoten dieſes allverhaßten Kriegs? Und euch im unterwuͤrf'gen Kreis bewegen, Wo ihr ein ſchoͤn natuͤrlich Licht verlieht? Und nicht mehr ſeyn ein dunſtig Meteor, Ein Schreckenszeichen, eine Vorbedeutung Von Unheil, ungebornen Zeiten drohend? wore. Hoͤrt mich, mein Fuͤrſt. Was mich betrifft, ich wär' es wohl zufrieden, Die Neige meines Lebens zu verpflegen Mit ruh'gen Stunden; denn ich kann betheuern, Nie hab' ich dieſes Tages Bruch geſucht. R. Zeinr. Ihr habt ihn nicht geſucht! wie kommt erdenn? Falſt. Die Rebellion lag ihm vor den Fuͤßen, und da nahm er ſie auf. pr. Heinr. Still! Fricaſſee! ſtill! wore. Eu'r Majeſtaͤt beliebt' es, eure Blicke Der Gunſt von uns und unſerm Haus zu wenden; Und dennoch muß ich euch erinnern, Herr, 224 Koͤnig Heinrich W. A. V. Wir waren euch die erſten naͤchſten Freunde; Um euch zerbrach ich meines Amtes Stab Zu Richards Zeit, und reißte Tag und Nacht Euch zu begegnen, eure Hand zu kuͤſſen, Als ihr an Rang und Wuͤrdigkeit noch laͤngſt So ſtark und ſo beglückt nicht war't, als ich. Ich war es, und mein Bruder und ſein Sohn, Die heim euch brachten, und der Zeit Gefahren Mit kuͤhnem Muth getrotzt. Ihr ſchworet uns,— Und dieſen Eid ſchwort ihr zu oncaſter, Ihr haͤttet keinen Anſchlag auf den Staat, Poch Anſpruch, als eu'r heimgefall'nes Recht, Den Sitz von Gaunt, das Herzogthum von Lancaſter, Wozu wir Huͤlf euch ſchworen. Doch in kurzem Ergoß ſich euch auf's Haupt ein Gluͤckesregen, Und ſolche Flut von Hoheit fiel auf euch,— Durch unſern Beyſtand theils, des Koͤnigs Ferne, Das Unrecht einer ausgelaßnen Zeit, Die ſcheinbar'n Leiden, ſo ihr ausgeſtanden, Und widerwärt'ge Winde, die den Koͤnig So lang' in ſeinen Irſchen Kriegen hielten, Daß ihn in England alle todt geglaubt;— Von dieſem Schwarme Luͤnſt'ger Dinge nahmt ihr Die ſchnell zu werbende Gelegenheit, In eure Hand das Regiment zu faſſen: Vergaßt, was ihr zu Doncaſter geſchworen, Und thatet, da wir euch gepflegt, an uns, Wie die unholde Brut, des Kuckucks Junges, Dem Sperling thut; bedrücktet unſer Neſt, Wuchſt ſo gewaltig an durch unſre Pflege, Daß unſre Lieb' euch nicht zu nahen wagte, Daß wir mußten aus Furcht vor dem Verſchlingen, Um Sicherheit mit ſchnellem Fittig fliehn Aus eurem Blick, und dieſe Macht hier werben, Womit wir Gegner euch durch Mittel ſind, Wie ihr ſie ſelbſt geſchmiedet wider euch urch kraͤnkendes Verfahren, drohende Mienen Und aller Treu Verletzung, die ihr uns In eures Unternehmens Jugend ſchwurt. R. Heinr. Dieß habt ihr freylich ſiuͤckweis hergezaͤhlt, Auf Maͤrkten ausgerufen, in den Kirchen Verleſen, um das Kleid der Rebellion Mit einer ſchoͤnen Farbe zu verbraͤmen, Sz. 1. Erſter Theil. 225⁵ Die Wankelmuͤth'gen in die Augen ſticht, Und armen Mißvergnügten, welche gaffen lind die Ellbogen reiben, auf die Nachricht Von Neuerung, die drauf und drunter geht: Und niemals fehlten ſolche Waſſerfarben Dem Aufruhr, ſeine Sache zu bemalen, Roch ſolche finſtre Bettler, die nach Zeiten Des blinden Mords und der Verwirrung ſchmachten. pr. veinr. In beyden Heeren giebt es manche Seele, Die theuer dieſen Zwiſt bezahlen wird, Wenn's zur Entſcheidung kommt. Sagt eurem Neffen, Der Prinz von Wales ſtimmt' ein mit aller Welt In Heinrich Percy's Lob; bey meiner Hoffnung! Das jetz'ge Unternehmen abgerechnet, ⸗ Glaub' ich nicht, daß ſolch wackrer Edelmann, So ruͤſtig tapfer, tapfer jugendlich, So kuͤhn und muthig außer ihm noch lebt, Mit eblen Thaten unſre Zeit zu ſchmuͤcken. Was mich betrifft, ich ſag's zu meiner Scham, Ich war im Ritterthum ein Muͤſſiggaͤnger, Und dafuͤr, hor' ich, ſieht er auch mich an. Doch dieß vor meines Vaters Majeſtaͤt: Ich bin's zufrieden, daß er mir voraus Den großen Ruf und Namen haben mag, Und will, auf beyden Seiten Blut zu ſparen, Mein Gluͤck im einzeln Kampf mit ihm verſuchen. R. einr. Und, Prinz von Wales, ſo wagen wir dich dran, Obſchon unendlich viel Erwaͤgungen Dawider ſind.— Nein, guter Woreceſter, nein, Wir lieben unſer Volk; wir lieben ſelbſt Die, ſo mißleitet eurem Vetter folgen; Und, wenn ſie unſrer Gnad' Erbieten nehmen, Soll er und ſie und ihr und jedermann Mein Freund von neuem ſeyn, und ich der ſeine: Sagt eurem Vetter das, und meldet mir, Was er beſchließt.— Doch will er uns nicht weichen, So ſteht Gewalt und Zuͤchtigung uns bey, 623 Die ſollen ihren Dienſt thun.— Somit geht⸗ Behelligt jetzt uns mit Erwiedern nicht, Nehmt weislich auf was unſre Milde ſpricht. (Worceſter und Vernon ab.) Pr. Zeinr. Sie nehmen es nicht an, bey meinem Leben; 15 5 226 Koͤnig Heinrich IW. A. E Der Douglas und der Heißſporn mit einander, Sie bieten einer Welt in Waffen Trotz. R. Zeinr. Drum fort, zu ſeiner Schaar ein jeder Fuͤhrer! Auf ihre Antwort greifen wir ſie an, Und Gott beſchirme die gerechte Sache! Goͤnig Heinrich, Blunt und Peinz Johann ab.) Falſt. Heinz, wenn du mich in der Schlacht am Bo⸗ den ſiehſt, ſo komm und ſtelle dich ſchrittlings uͤber mich, ſo:— es iſt eine Freundespflicht. Pr. Zeinr. Niemand als ein Koloſſus kann dir dieſe Freundſchaft erweiſen. Sag' dein Gebet her, und leb wohl. Falſt. Ich wollte, es waͤre Schlafenszeit, Heinz, und alles gut. Pr. Zeinr. Ey, du biſt Gott einen Tod ſchuldig.(ab.) Falſt. Er iſt noch nicht verfallen, ich möchte ihn nicht gern vor ſeinem Termin bezahlen. Was brauche ich ſo bey der Hand zu ſeyn, wenn er mich nicht ruft? Gut, es mag ſeyn: Chre beſeelt mich vorzudringen. Wenn aber Ehre mich beym Vordringen entſeelt? wie dann? Kann Ehre ein Bein anſetzen? Nein. Oder einen Arm? Nein. Oder den Schmerz einer Wunde ſtillen? Nein. Ehre ver: ſteht ſich alſo nicht auf die Chirurgie? Nein. Was iſt Ehre? Ein Wort. Was ſteckt in dem Wort Ehre? Was iſt dieſe Ehre? Luft. Eine feine Rechnung!— Wer hat ſie? Er, der vergangene Mittwoch ſtarb. Fuͤhlt er ſie? Nein. Hoͤrt er ſie? Nein. Iſt ſie alſo nicht fuͤhlbar? Fuͤr die Todten nicht. Aber lebt ſie nicht etwa mit den Lebenden? Rein. Warum nicht? Die Verlaumdung giebt es nicht zu. Ich mag ſie alſo nicht.— Ehre iſt ein bloßer Leichenſtein, und ſo endigt mein Katechismus.(ab.) 3 weyte Szene. Das Lager der Rebellen. 3(Worceſter und Vernon treten auf.) Worc. O nein, Sir Richard! ja nicht darf mein Neffe Des Koͤnigs gutiges Erbieten wiſſen. Ver. Er ſollt' es doch. worc. Dann iſt's um uns geſchehn. Es iſt durchaus unmoͤglch, kann nicht ſeyn, ——— ——— —————————————— 8 Sz. 2. Erſter Theil. 227 Daß uns der Konig Wort im Lieben hielte: Er wird uns mißtraun, und die Zeit erſehn, In andern Fehlern dieß Vergehn zu ſtrafen. Zeit unſers Lebens wird Verdacht voll Augen ſtecken, Denn dem Verrath traut man nur wie dem Fuchs, Der, noch ſo zahm, gehegt und eingeſperrt, Nicht ablaͤßt von den Tuͤcken ſeiner Ahnen.. Seht, wie ihr wollt, ernſt oder luſtig, aus, Die Auslegung wird euren Blick mißdeuten, Und leben werden wir, wie Vieh im Stall, Je mehr gepflegt, je näher ſtets dem Tode. Des Neffen Fehltritt kann vergeſſen werden, Denn hitig Blut entſchuldigt ihn und Jugend, Und ein als Vorrecht beygelegter Name: Ein ſchwindelköpf'ger Heißſporn, jaͤhen Muth's. All' ſeine Suͤnden fallen auf mein Haupt, Und ſeines Vaters; wir erzogen ihn, Und da von uns ihm die Verderbniß kam, So buͤßen wir, als Quell von allem, alles. Drum, lieber Vetter, Heinrich wiſſe nie In keinem Fall des Koͤnigs Anerbieten. ver. Beſtellt dann, was ihr wollt, ich will's bejahn, Da kommt der Vetter. (Percy und Douglas kommen, Offiziere und Soldaten hinter ihnen.) percy. Mein Oheim iſt zuruͤck,— nun liefert aus Den Lord von Weſtmoreland.— Oheim, was bringt ihr? Wore. Der Koͤnig wird ſogleich die Schlacht euch bieten. Doug. So fordert ihn durch Lord von Weſtmoreland. perey. Lord Douglas, gehet ihr, und ſagt ihm das. Doug. Fuͤrwahr, das will ich, und von Herzen gern. (ab.) wore. Der Koͤnig zeigt von Gnade keinen Schein. perey. Und batet ihr ihn drum?— Verhuͤt' es Gott! worc. Ich ſagt' ihm ſanft von unſeren Beſchwerden und ſeinem Meineid;— dieß boſchoͤnt er nun, Indem er abſchwur, daß er falſch geſchworen⸗ Febellen, Meuter ſind wir; ſtolze Waffen Sollen den ſchnoͤden Namen in uns geißeln. (Douglas kommt zuruͤck.) 15* 2²8 Koͤnig Heinrich W. A. V. „Doug. Auf, Ritter! zu den Waffen! Kecken Trotz Hab' ich in König Heinrichs Hals geſchlendert, Und Weſtmoreland, der Geiße war, beſtellt ihn; Unfehlbar treibt es ſchleunig ihn heran. worc. Der Prinz von Wales trat dey dem Koͤnig auf, Und, Neffe, fordert' euch zum einzeln Kampf. Percy. O, läg' der Zwiſt auf unſern Haͤuptern doch. Und niemand ſonſt käm“ heute außer Athem, Als ich und Heinrich Moͤnmouth! Sagt mir, ſagt mir, Wie klang ſein Antrag! ſchien er voll Verachtung? Ver. Nein, auf mein Wort! Ich hoͤrt' in meinem Leben Nie eine Ausford'rung beſcheidner thun, Es muͤßt' ein Bruder denn den Brüder mahnen Zur Waffenprob' und Uebungen des Friedens. Er gab euch alle Pflichten eines Mann's, Staffirt' eu'r Lob mit furſtlich reicher Zunge, Zaͤhlt' eu'r Verdienſt wie eine Chronik auf, Euch immer beſſer machend als ſein Lob, Durch Tadeln dieſes Lobs, mit euch verglichen; Und, was ihm ganz wie einem Prinzen ſtand, Er that erroͤthende Erwaͤhnung ſeiner, Und ſchalt mit Anmuth ſeine traͤge Jugend, Als waͤr⸗ er da zwiefachen Geiſtes Herr, Zu lehren und zu lernen auf einmal. Da hielt er inn: doch laßt der Welt mich ſagen, Wenn er dem Neide dieſes Tags entgeht, Veſaß noch England nie ſo ſuße Hoffnung, So ſehr in ihrem Muthwill'n mißgedeutet. Percy. Es ſcheint ja, Vetter, du biſt ganz verliebt In ſeine Thorheit; niemals hoͤrt' ich noch Von einem Prinzen ſolche wilde Freyheit. Doch ſey es, wie es will, einmal vor Nachts Will ich ihn mit Soldatenarm umfaſſen, Daß er zuſammenſchrumpft in meinem Gruß.— Aufl waffnet euch!— und, Krieger, Freunde, Bruder, Erwaͤget beſſer, was ihr habt zu thun, Als ich, der nicht der Zunge Gabe hat, Eu'r Blut durch Ueberredung kann erhitzen. (Ein Bote kommt.) Bote. Herr, da ſind Briefe fuͤr euch. Percy. Ich kann ſie jetzt nicht leſen.— O„ edle Heren, des Lebens Zeit iſt kurz: ————— Sz. 3. Erſter Theil. 229 Die Kuͤrze ſchlecht verbringen, waͤr' zu lang, Hing' Leben auch am Weiſer einer Uhr, Und endigte, wie eine Stunde koͤmmt. Wir treten Koͤn'ge nieder, wenn wir leben; Wenn ſierben: wackrer Tod, mit Fuͤrſten ſterben! Run, was Gewiſſen gilt:— gut ſind die Waffen, Iſt nur die Abſicht, die ſie fuͤhrt, gerecht. (Ein andrer Bote kommt.) Bote. Herr, raͤſtet euch, der Koͤnig naht in Eil. percy. Ich dank es ihm, daß er mich unterbricht, Denn Reden iſt mein Fach nicht.— Nur noch dieß: Thu' jeder, was er kann; und hier zieh' ich Ein Schwert, deß Stahl ich mit dem beſten Blut Beflecken will, dem ich begegnen kann Im Abentheuer dieſes furchtbarn Tags. Run: Fspérance! Perch! und hinan! Töoͤnt all die hohen Krieges⸗Inſteumente, Und laßt umarmen uns bey der Muſik: Denn, Himmel gegen Erde! mancher wird Rie mehr erweiſen ſolche Freundlichkeit. Trompeten. Sie umarmen ſich, und gehen ab.) Dritte Szene. Ebene bey Shrewsbury. (Angriffe und fechtende Parteyen. Feldgeſchrey. Dann kom⸗ men Douglas und Blunt von verſchiedenen Seiten.) Blunt. Wie iſt dein Name, daß du in der Schlacht Mich ſo mußt kreuzen? Welche Ehre ſuchſt du Auf meinem Haupt! Doug. Mein Namiſt Douglas, wiſſe, Und ich verfolge ſo dich in der Schlacht, Weil man mir ſagt, daß du ein König biſt⸗ Blunt. Man ſagt dir wahr. bi. 8 Dong. Dem Lord von Stafford kam die Aehnlichkeit Mit dir ſchon hoch; ſtatt deiner, Koͤnig Heinrich, Hat ihn dieß Schwert erlegt; das ſoll's auch dich, Wenn du dich nicht gefangen mir ergiebſt. Blunt. Das iſt nicht meine Art, du ſtolzer Schotte! 230 Koͤnig Heinrich W. A. F. Hier find'ſt du einen Koͤnig, der den Tod Lord Staffords racht. Sie fechten und Blunt faͤllt. Percy kommt.) Perey. O Douglas, wenn du ſo zu Holmedon fochteſt, Nie triumphirt“ ich uͤber einen Schotten. Doug, Gewonnen! Sieh! Hier liegt entſeelt der Koͤnig. perey. Wo? Doug. Hier. Percy. Der, Dogulas? Rein, ich kenne dieß Geſicht. Ein wackrer Ritter war's, ſein Name Blunt, In gleicher Ruͤſtung, wie der Koͤnig ſelbſt. Doug. Ein Narr mit deiner Seel,, wohin ſie geht! Zu hoch erkauft iſt dein erborgter Titel. Weswegen ſagteſt du, du ſeyſt ein König? Percy. Es ſtreiten viele in des Koͤnigs Roͤcken, Doug. Bey dieſem Schwert, ich toͤdt' all ſeine Roͤcke. Ich mord' ihm die Gardrobe, Stuck fuͤr Stuͤck, Bis ich den Koͤnig treffe. Percy. Auf, und hin! Es ſteht auf's beſte für des Tags Gewinn. (Beyde ab. Neues Getuͤmmel. Falſtaff koͤmmt.) Falſt. Zu London kriegt' ich nicht leicht einen Hieb, aber hier fuͤrchte ich mich davvr. Hier kreiden ſie die Zeche nicht anders an, als gleich auf den Kopf.— Sacht! wer biſt du da? Sir Walter Blunt.— Ihr habt euer Theil Ehre weg; das iſt nun keine Eitelkeit.— Ich bin ſo heiß, wie geſchmolznes Bley, und ſo ſchwer ebenfalls; Gott halte mir Bley als dem Leibe! Ich brauche nicht mehr Laſt, als meine eignen Eingeweide.— Ich habe mein Lumpenpack hingefuͤhrt, wo ſie eingepoͤkelt ſind: nur drey von meinen hundert und funfzigen ſind noch am Le⸗ ben; und die ſind gut fuͤr die Stadtthore, ihr Lebenlang zu betteln. Aber wer kommtda? Wrinz Heinrich kommt.) Pr. Zeinr. Was ſtehſt du muͤßig hier? Leih mir dein o. ert. 6 hw Schon mancher Ebelmann liegt ſtarr und ſteif Unter den Hufen prahleriſcher Feinde In ungerochnein Tod; bitt dich, leih mir dein Schwert. Falſt. O Heinz, ich bitte dich, laß mich ein Weilchen Sz. 4. Erſter Theil. 231 Athem ſchöpfen. Der Tuͤrke Gregor hat nie ſolche Kriegs⸗ thaten vollbracht, als ich an dieſem Tage. Dem Percy habe ich ſein Theil gegeben, der iſt in Sicherheit. pr. Zeinr. Das iſt er auch, und lebt, dich umzubringen. Ich bitte dich, leih mir dein Schwert. Falſt. Nein, bei Gott, Heinz, wenn Percy noch am Leden iſt, ſo kriegſt du mein Schwert nicht; aber nimm mein Piſtol, wenn du willſt. pr. Zeinr. Gieb es mir. Wie? ſteckt es im Futteral? Falſt. Ja, Heinz*s iſt heiß!'*s iſt heiß! Das wird den aufruͤhreriſchen Sektengeiſt zu Paaren treiben. (Der Prinz zieht eine Flaſche Sekt heraus.) pr. Zeinr. Was iſt dieß eine Zeit zu Späßen und Poſſen? (Wirft ihm die Flaſche zu und geht ab.) Falſt. Gut, wenn Percy noch lebt, ſo will ich ihn pir⸗ ſchen.— Kommt er mir in den Weg, je nun; thut er's nicht, und ich komme ihm freywillig in den ſeinen, ſo ſoll er eine Karbonade aus mir machen. Ich mag nicht ſolche grinſende Ehre, als Sir Walter hat. Laßt mir das Leben! Kann ich's davon bringen, gut; wo nicht, ſo kommt die (ab. Chre ungebeten, und damit aus. WViienrt e S zene⸗ (Getuͤmmel. Angriffe. Hierauf kommen der Koͤnig, Prinz Heinrich, Prinz Johann und Beſtmoreland.) R. Feinr. Ich bitt', entfern' dich, Heinrich; du blu⸗ 3 teſt allzuſehr.— Geht mit ihm, Lord Johann von Lancaſter. pr. Joh. Ich nicht, mein Fürſt, ich muͤßte ſelbſt denn bluten. pr. Feinr. Ich bitte Eure Majeſtaͤt, brecht auf, Daß euer Abſeyn nicht die Freunde ſchrecke. R. Heinr. Das will ich auch, Mylord von Weſtmoreland, fuͤhrt ihn in ſein Zelt. weſt. Kommt, Prinz, ich will in euer Zelt euch führend noi pr. Zeinr. Mich ſuͤhren, Herr? i brauche keine Und Gott verhuͤte, daß ein leichter Ritz Koͤnig Heinrich IV. A. V⸗ Den Prinz von Wales vertrieb' aus einem Feld, Wo der befleckte Idel liegt im Staub, Und die Rebell'n im Blutbad triumphiren. Pr. Joh. Wir ruhn zu lang:— kommt, Vetter Weſt⸗ moreland! Dort ruft uns Pflicht; um Gotteswillen! kommt! Wrinz Johann und Weſtmoreland ab.) Pr. Heinr. Beym Himmel, Snſe du taͤuſchteſt mich; Ich glaubte nicht dich Meiſter ſolches Muths, Zuvor liebt' ich als Bruder dich, Johann, Doch nun verehr' ich dich wie meine Seele. R. Heinr. Ich ſah ihn Percy von der Bruſt ſich wehren, Und ruſt'ger Stand ihm halten, als ſich ließ Erwarten von ſo unerwachſnem Krieger. Pr. Zeinr. O dieſer Knabe leiht uns allen Feuer.(ab.) (Getuͤmmel. Douglas tritt auf.) Doug. Ein König noch!— Wie Hydra⸗Koͤpf' entſtehn ſie. Ich bin der Douglas, allen denen todtlich, Die dieſe Farbe tlagen.— Wer biſt du, Der nachahmt eines Koͤniges Perſon? R. Heinr. Der Koͤnig ſelbſt, dem's herzlich leid iſt, 2 uglas, Daß du ſo viele ſeiner Schatten trafſt, 191 Und nicht den Koͤnig ſelbſt. Zwey Soͤhne hab' ich, Die ſuchen dich und Perch rings im Feld; Doch da du dich ſo gluͤcklich dargeboten, Nehm' ich es auf mit dir; vertheid'ge dich! Doug. Ich furcht, auch du biſt nur ein Afterbild, Und doch, mein Treu, gehabſt du dich als Koͤnig. Doch mein biſt du gewiß, wer du auch ſeyſt, Und ſo beſieg' ich dich. (Sie fechten; da der Koͤnig in Gefahr iſt, kommt Prinz Heinrich dazu.) 2 Pr. Zeinr. Das Haupt auf, ſchnöder Schotte, oder nie Haͤltſt du es wiederum empor! Die Geiſter Des tapfern Shirley, Stafford, Blunt, ſind all' in mir. Es iſt der Prinz von Wales, der dich bedroht, Der nie vetheißt, wo er nicht zahlen will. Sie fechten, Douglas flieht.) Wohlaüf, mein Fuͤrſt! wie geht's Eu'r Gnaden? Sz. 4. Erſter Theil. 233 Sir Nicholas Gawſey hat geſandt um Huͤlfe, Und Clifton auch; ich will zum Clifton gleich⸗ R. Zeinr. Halt, ruh ein Weilchen, Du haſt geloͤſet die verlorne Meynung, Und dargethan, du halteſt werth mein Leben, Da du ſo edle Rettung mir gebracht. pr. Zeinr. O Himmel, wie mir die zu nahe thaten, Die ſtets geſagt, ich laur' auf euren Tod! Waͤr' das, ſo konnt' ich ja gewaͤhren laſſen. Die freche Hand des Douglas uͤber euch, Die euch ſo ſchleunig haͤtte weggerafft, Als alle gift'gen Tränke in der Welt, Und eurem Sohn Verraͤther⸗Muͤh erſpart. B. Zeinr. Brich auf zum Clifton: ich zu Nicholas Gawſey. (Koͤnig Heinrich ab. Perey tritt auf.) pevey. Irr ich mich nicht, ſo biſt du Heinrich Mon⸗ mouth⸗ Pr. Zeinr. Du ſprichſt, als wollt' ich meinen Na⸗ men laͤugnen. percy. Mein Nam' iſt Heinrich Percy. Pr. HZeinr. Gut, ſo ſeh' ich Den tapferſten Rebellen dieſes Namens. Ich bin der Prinz von Waies, und denk nicht, Perey⸗ Im Ruhm mit mir zu theilen fernerhin. Zwey Sterne kreiſen nicht in einer Sphäre; So duldet England auch kein doppelt Reich Von Heinrich Percy und dem Prinz von Wales. percy. Auch ſoll's nicht, Heinrich, denn die Stund“ iſt kommen, Wo einer von uns endet; wollte Gott, Dein Nam' in Waffen waͤr' ſo groß, als meiner! pr. Zeinr. Ich mach' ihn groͤßer, eh ich von dir ſcheide, Und alle Ehren, auf dem Helm dir ſprießend, 48 Will ich zum Kranze pflucken fuͤr mein Haupt. he percy. Ich kann nicht laͤnger dich ſo prahlen horen. 6 (eie fechten. Falſtaff tritt auf. Falſt. Recht ſo! Heinz! dran, Heinz!— Nein, hier giebt's kein Kinderſpiel, das koͤnnt ihr glauben. 234 Koͤnig Heinrich 1V. A. V. (Douglas kommt und ſficht mit Falſtaff, der niederfaͤllt, als wenn er todt waͤre. Hierauf Douglas ab. Percy wird verwundet und faͤllt.) Percy. O Heinrich, du beraubſt mich meiner Jugend! Mich kraͤnkt nicht der Verluſt des flͤcht'gen Lebens, Wie dein an mir erſiegter ſtolzer Ruhm; Der trifft den Sinn, mehr als mein Fleiſch. Doch Sinn iſt Sklav des Lebens, Leben Narr der Zeit, Und Zeit, die uͤberſchaut die ganze Welt, Muß enden. O, ich könnte prophezeyn, Nur daß die kalte erd'ge Hand des Todes Den Mund mir ſchließt.— Nein, Perch, du biſt Staub, Und Speiſe fuͤr—(ſtirbt.) Pr. Heinr. Fuͤr Wuͤrmer, wackrer Perch! großes Herz, leb wohl! Wie eingeſchwunden, ſchlecht gewebter Ehrgeiz! Als dieſer Koͤrper einen Geiſt enthielt, War ihm ein Koͤnigreich zu enge Schranke; Nun ſind zwey Schritte der gemeinſten Erde Ihm Raum genug.— Der Grund, der todt dich traͤgt,. Traͤgt nicht lebendig ſolchen wackern Ritter. Wenn du gefuͤhlig wärſt fuͤr Freundlichkeit, So wuͤrd' ich nicht ſo warmen Eifer zeigen. Doch laß mich dein verſtellt Geſicht verhullen Mit meinem Schmuck; und ſelbſt in deinem Namen Dank' ich mir dieſe holden Liebesdienſte. Leb wohl, und nimm dein Lob mit dir zum Himmel, Es ſchlaf' im Grabe deine Schmach mit dir, Und ſey in deiner Grabſchrift nicht erwaͤhnt. Er ſieht Falſtaff am Boden liegen.) Wie, alter Freund! Konnt' all dieß Fleiſch denn nicht Ein bischen Leben halten? Armer Hans, jeb⸗ wohl! Ich koͤnnte beſſer einen Beſſern miſſen. O bitter wuͤrde dein Verluſt mich ſchmerzen, Wenn Eitelkeit mir laͤge ſehr am Herzen. Der Tod hat heut'“ kein ſtaͤrbres Wild erlegt, Obſchon er ſelbſt die Stäͤrkſten niederſchlaͤgt, o lange, bis ich eingeſargt dich ſehe, Lieg hier im Blut, in edlen Percy's Nähe.(ab.) Sz. 4. Erſter Theil. 235 Falſt.(langſam aufſtehend.) Eingeſargt! Wenn du mich heute einſargſt, ſo gebe ich dir Erlaubniß, mich morgen einzupoͤkeln, und zu eſſen obendrein. Blitz, es war Zeit, eine Maske anzunehmen, ſonſt haͤtte mich der hitzige Brau⸗ ſekopf von Schotten gar zum Schatten gemacht. Eine Maske! Ich luͤge, ich bin keine Maske; ſterben heißt eine Maske ſeyn, denn der iſt nur die Maske eines Men⸗ ſchen, der nicht das Leben eines Menſchen hat; aber die Maske des Todes annehmen, wenn man dadurch ſein Leben erhaͤlt, heißt das wahre und vollkommne Bild des Lebens ſeyn. Das beſſere Theil der Tapferkeit iſt Vorſicht, und mittelſt dieſes beſſeren Theils habe ich mein Leben gerettet. Wetter, ich fuͤrchte mich vor dem Schießpulver Percy, ob er ſchon todt iſt; wenn er auch eine Maske angenommen haͤtte und ſtuͤnde auf. Ich fuͤrchte, er wuͤrde ſeine Maske beſſer ſpielen. Darum will ich ihn in Si⸗ cherheit bringen, ja und will ſchwoͤren, daß ich ihn umge⸗ bracht habe. Warum koͤnnte er nicht eben ſo gut aufſtehen wie ich? Nichts kann mich widerlegen als Augen, und hier ſieht mich niemand.(Er ſticht nach ihm.) Alſo kommt, Burſch! mit einer neuen Wunde im Schenkel muͤßt ihr mit mir fort. 6 (Nimmt Percy auf den Ruͤcken. Prinz Heinrich kommt mit Prinz Johann.) Pr. Zeinr. Komm, Bruder, wacker haſt du dein jung⸗ fräulich Schwert Mit Fleiſch geſpeiſt. pr. Joh. Doch ſtill! was giebt es hier? Spracht ihr nicht, dieſer feſte Mann ſey todt? pr. Heinr. Ich that's; ich ſah todt, athemlos und blutend Ihn auf dem Boden.— Sag, lebſt du, oder iſt es Fantaſie, Die das Geſicht uns blendet! Bitte, ſprich! Wir trau'n nicht unſerm Aug ohn' unſer Ohr, Du biſt nicht, was du ſcheinſt. Falſt. Ja, das iſt gewiß, denn ich bin kein doppelter Menſch, aber wenn ich nicht Hans Falſtaff bin, ſo bin ich ein Hanswurſt. Da habt ihr den Perch;(wirft den Leichnam nieder.) will euer Vater mir etwas Ehre erzei⸗ gen, gut; wo nicht, ſo laßt ihn den naͤchſten Perey ſeibſt umbringen. Ich erwarte Graf oder Herzog zu werden, das kann ich euch verſichern. p 236 Koͤnig Heinrich IV. A. V. Pr. Zeinr. Ey, den Percy brachte ich ſelbſt um, und ſah dich todt. Falſt. So, wirklich? Ach, großer Gott, wie die Welt den Luͤgen ergeben iſt!— Ich gebe euch zu, ich war am Boden und außer Athem; das war er auch; aber wir ſtanden beyde in einem Augenblicke auf, und fochten eine gute Stunde nach der Gtocke von Shrewsbury. Will man mir glauben, gut; wo nicht, ſo faͤllt die Suͤnde auf deren Haupt, die die Tapferkeit belohnen ſollten. Ich ſterbe darauf, daß ich ihm dieſe Schenkelwunde verſetzt habe; lebte der Mann noch und wollte es laͤugnen, ſo ſollte er ein Stuͤck von meinem Degen aufeſſen. Pr. Joh. Dieß iſt die ſeltſamſte e, die ich orte. Pr. Seinr. Dieß iſt der ſeltſamſte Geſell, mein ruder.— Komm, trag die Buͤrde ſtattlich auf dem Ruͤcken; Fuͤr mein Theil, ſchafft dir eine Läge Gunſt, Vergold' ich ſie mit meinen ſchoͤnſten Worten. (Trompeken.) Man blaͤſet zum Ruͤckzug, unſer iſt der Tag. Kommt, Bruder, laßt uns auf des Feldes Hoͤhe, Und ſehn, wer lebt, wer todt iſt von den Freunden, (Beyde ab.) Falſt. Ich will hinterdrein nach Lohn gehn. Wer mich belohnt, dem lohne es Gott! Sbn ich zunehme, ſo will ich abnehmen, denn ich will purgiren, und den Sekt laſſen, und ſäuberlich leben, wie ſichs fuͤr einen Edelmann ſchickt. (Geht ab mit der Leiche.) Fuͤnfte Szene. (Trompeten. Koͤnig Heinrich, Prinz Heinrich, Prinz Jo⸗ hann, Weſtmoreland und Andre, mit Worceſter und Vernon als Gefangnen.) R. Zeinr. So fand Rebellion ſtets ihre Strafe.— Argmuͤth'ger Worceſter! ſandten wir nicht Gnade, Verzeihung, freundlichen Vergleich euch allen? Sz. 5. Erſter Theil. 237 und durfteſt du verkehren dieß Erbieten? Mißbrauchen deines Neffen ganz Vertrauen? Drey Ritter, heute unſerſeits geblieben, Ein edler Graf, und manche Kreatur Wär' noch zur Stund' am Leben, Hättſt du wahrhaftig als ein Chriſt beſtellt Wahrhafte Botſchaft zwiſchen unſern Heeren. worc. Was ich gethan hieß Sicherheit mich thun! Und ich empfange dieſes Loos geduldig, Weil es ſo unvermeidlich auf mich fallt. R. Zeinr. Fuͤhrt Worceſter hin zum Tod, und Ver⸗ non auch; Mit andern Schuld'gen wollen wir's erwaͤgen. (Worceſter und Vernon werden mit Wache abgefuͤhrt.) Wie geht's im Felde? pr. Zeinr. Der edle Schott', Lord Douglas, als er ſah⸗ Daß ſich des Tages Gluͤck ganz abgewandt, Der edle Perch todt und ſeine Leute Auf flücht'gen Fuͤßen, floh er mit dem Reſt, Und fiel, am Abhang ſtuͤrzend, ſich ſo wund, Daß man ihn eingeholt. In meinem Zelt Iſt nun der Douglas, und ich bitt' Eu'r Gnaden, Gebt ihn in meine Macht. R. HZeinr. Von Herzen gern. pr. weinr. Dann, Prinz Johann mein ₰ ruder Sey euch dieß ehrenvolle Werk ertheilt:. Geht zu dem Douglas, ſetzt in Freyheit ihn, Wohin er gehn will, ohne Löſegeld. Sein Muth, an unſern Helmen heut bewieſen, Hat uns gelehret, wie man hohe Thaten Selbſt in der Gegner Buſen ehren muß. R. Heinr. Dann bleibt noch dieß, daß unſre Macht wir theilen. Ihr, Sohn Johann und Vetter Weſtmoreland, Sollt euch näch York in ſchnellſter Eile wenden, Wider Northumberland und den Praͤlaten Servop, Die, heißt es, eifrig in den. Waffen ſind. 238 Koͤnig Heinrich IV. Erſter Theil. A. V. Sz. 5. Wir, mein Sohn Heinrich, wollen hin nach Wales, Mit Glendower und den Grafen March zu ſtreiten. Rebellivn wird hier im Land gedaͤmpft, Wenn ſolch ein zweyter Tag ſie niederkaͤmpft; Und weil ſo glucklich das Geſchäft begonnen, Laßt uns nicht ruhn, bis alles iſt gewonnen. (Alle ab.) Koͤnig Heinrich der Vierte. 2 8 T — 5 6 i l. Perſonen: Koͤnig Heinrich der Vierte. Prinz Hei S ch von Wales, Thomas, Herzog von Clarence k§ Prinz S oh ann von Lancaſter, Sohne des Konigs. Prinz Humphrey von Gloſter, Graf von Warwick, S Weſtmoreland, von des Koͤnigs Partey. Harcourt, Der Oberrichter von der koͤniglichen Bank. Ein Unterbeamter im Gefolge des Oberrichters. Graf von Northumberlan d Scrvop, Erzbiſchof von York, 0 Ste. Feinde des Koͤnigs. Lord Bardolph, Sir John Colevile, Travers und Morton„Bediente Northumberlands. Falſt aff. Bardolph. Piſtol. Ein Page. Poins und Peto, Begleiter Prinz Heinrichs. Schaal und Stille, Friedensrichter auf dem Lande. David, Schaals Bedienter. 5. Schimmelig, Schatte, Warze, Schwaͤchlich und Bullenkalb, Rekruten. Klaue und Schlinge, Gerichtsdiener. Ein Pfoöͤrtner.. Lady Northumberland. Lady Perey Frau Hurtig, Wirthin. Dortchen Lakenveißer⸗ Lords, und anderes Gefolge, Offizire, Soldaten, Bote, Kuͤfer, Buͤttel, Kammerdiener u. f. w. Die Szene iſt in England. 241 P Warkworth. Vor Northumberlands Burg, Geruͤcht, ganz mit Zungen bemahlt, tritt ein. Gerücht. Die Ohren auf! Denn wer von euch verſtopft Des Horens Thor, wenn laut Geruͤchte ſpricht? Ich, von dem Oſten bis zum muͤden Weſt Raſch auf dem Winde reitend, mache kund, Was auf dem Erdenball begonnen wird. Beſtaͤnd'ger Leumund ſchwebt auf meinen Zungen, Den ich in jeder Sprache bringe vor, Der Menſchen Ohr mit falſcher Zeitung ſtopfend⸗ Von Frieden red“ ich, waͤhrend, unterm Lächeln Der Ruh, verſteckter Groll die Welt verwundet; Und wer als nur Geruͤcht, als ich allein, Schafft droh'nde Muſt'rung, wache Gegenwehr, Indeß das Jahr, geſchwellt von anderm Leid, Fuͤr ſchwanger gilt von dem Thrannen Krieg, Was doch nicht iſt? Geruͤcht iſt eine Pfeife, Die Arzwohn, Eiferſucht, Vermuthung bläͤſt, Und von ſo leichtem Griffe, daß ſogar Das Ungeheuer mit zahlloſen Koͤpfen, Die immer ſtreit'ge wandelbare Menge Drauf ſpielen kann. Allein wozu zergliedre 5. Ich meinen wohlbekannten Koͤrper ſo Vor meinem Hausſtand? Was will hier Geruͤcht? Vor Koͤnig Heinrichs Siege lauf' ich her, Der in dem blut'gen Feld bey Shrewsbury Den jungen Heißſporn und ſein Heer geſchlagen, Löſchend die Flamme kuͤhner Rebellion In der Rebellen Blut.— Was faͤllt mir ein, Sogleich ſo wahr zu reden? Auszuſprengen Iſt mein Geſchaft, daß Heinrich Monmouth fiel Unter des edlen Heißſporn grimm'gem Schwert, Und daß der Konig vor des Douglas Wuth Zum Tode ſein geſalbtes Haupt gebeugt. Dieß hab' ich durch die Landſtaͤdt' ausgebreitet, L. 16 * 242 Koͤnig Heinrich W.. Vom koͤniglichen Feld zu Shrewsbury Bis hier zu dieſer wurmbenagten Veſte Von rauhem Stein, wo Heißſporns alter Vater Northumberland ſchwer krank darnieder liegt. Die Boten kommen nun ermuͤdet an, Und keiner meldet, als was ich gelehrt. Schlimmer als wahres Uebel iſt erklungen Falſch ſuͤße Troͤſtung von Gerüchtes Zungen. (ab. Erſter Aufzug. Erſte Szene. Ebendaſelbſt. (Der Pförtner am Thor. Lord Bardolph tritt auf.) L. Bard. Wer wacht am Thor da? He!— Wo iſt der Graf? Pfört. Wer ſag' ich, daß ihr ſeyd? pnnc L. Bard. Sag du dem Grafen, Es warte der Lord Bardolph hier auf ihn. Pfört. Der gnäd'ge Herr iſt draußen in dem Garten, Beliebt's Eiur Edlen, klopft nur an dem Thor, So giebt er ſelbſt euch Antwort. L. Bard. Da kommt der Graf. (Northumberland tritt auf.) orth. Was giebts, Lord Bardolph? Jegliche Minute Muß jetzt die Mutter einer Kriegsthat ſeyn. Wild ſind die Zeiten; Hader, wie ein Pferd Voll Uebermuths, das toll ſich losgeriſſen, Rennt alles vor ſich nieder. L. Bard. Edler Graf, Von Shrewsbury bring' ich gewiſſe Zeitung. Worth. So Gott will, gute. L. Bard. Gut, nach Herzenswunſch. Der Koͤnig iſt zum Tode faſt verwundet, Durch eures Sohnes Gluͤck iſt auf der Stelle Prinz Heinrich umgebracht, und beyde Blunts Von Douglas Hand getodtet; Prinz Johann Und Weſtmoreland und Stafford ſind gefluͤchtet, Sz. 1. Zweyter Theil. 96 Und Heinrich Monmouth's feiſtes Schwein, Sir John, Geſangner eures Sohns; o, ſolch ein Tag, So ſchoͤn erfochten, durchgeſetzt, gewonnen, Erſchien nicht zu Verherrlichung der Zeiten Seit Caͤſars Gluͤck! worth. Doch woher ſchreibt ſich dieß? Saht ihr das Feld! kamt ihr von Shrewsbury? L. Bard. Ich ſprach mit einem, Herr, der dorther kam, Mit einem Mann von Stand und gutem Namen, Der dieſe Nachricht dreiſt als wahr mir gab. North. Da kommt mein Diener Travers, den ich Dienſtags Um Neuigkeiten auszuhorchen ſandte. L. Bard. Herr, unterwegs ritt ich an ihm vorbey, Er iſt mit mehr Gewißheit nicht verſehn, Als was er etwa mir kann nacherzählen. (Travers kommt.) North. Nun, Travers, was fur gute Nachricht bringſt du? Trav. Mylord, Sir John Umfrevile ſandte mich Mit froher Zeitung heim, und kam mir, beſſer Beritten, vor. Nach ihm kam haſtig ſpornend Ein Edelmann, von Eile faſt erſchopft, Der bey mir hielt, und ließ ſein Pferd verſchnaufen. Er frug den Weg nach Cheſter, und von ihm Erfuhr ich, was es gab zu Shrewsbury. Er ſagte, Rebellion hab' uͤbles Gluck, Des jungen Heinrich Percy Sporn ſey kalt; 2 Damit ließ er dem raſchen Pferd die Zuͤgel⸗ Und ſtieß, vorlehnend, die bewehrten Ferſen In ſeiner armen Maͤhr' erhitzte Weichen Bis an des Rädleins Knopf: ſo ſchoß er fort, Und ſchien den Weg im Laufe zu verſchlingen, Nicht weiter Frage ſtehend. Worth. Ha! noch'mal! Sagt' er, des jungen Percy Sporn ſey kalt? Aus Heißſporn Kaltſporn! Und Rebellion Hab' uͤbles Gluͤck?— L. Bard. Mylord, hoͤrt mich nur an: Wenn euer Sohn nicht Herr des Tages iſt, So geb' ich meine Baronie, auf Ehre, Fuͤr eine ſeidne Schnur; ſprecht nicht davon. ſah Worth. Weswegen haͤtte denn der Edelmann, 244 Koͤnig Heinrich 1V. A.. Der hinter Travers herkam, den Verluſt Mit ſolchen Punkten angegeben?. L. Bard. Der? Das war ein Vagabunde, der ſein Pferd Geſtohlen hatte, und bey meinem Leben Sprach auf's Gerathewohl. Sieh da, mehr Zeitung! (Morton kommt.) Worth. Ja, dieſes Manns Stirn, wie ein Titelblatt, Verkuͤndigt eines trag ſchen Buches Art. So ſieht der Strand aus, wo die ſtolze Flut Ein Zeugniß angemaßter Herrſchaft ließ.— Sag, Morton, kommſt du her von Shrewsbury? Mort. Ich lief von Shrewsbury, mein edler Herr, o grauſer Tod die aͤrgſte Larve nahm, Die unſrigen zu ſchrecken. Korth. Was macht mein Sohn und Bruder? Du zitterſt und die Blaͤſſe deiner Wange Sagt deine Botſchaft beſſer als dein Mund. Ganz ſolch ein Mann, ſo matt, ſo athemlos, So truͤb', ſo todt im Blick, ſo hin vor Weh, Zog Priams Vorhang auf in tiefſter Nacht, Und wollt' ihm ſagen, halb ſein Troja brenne; Doch Priam fand das Feu'r, eh er die Zunge, Ich meines Percy Tod, eh du ihn meldeſt. Du wollteſt ſagen: eu'r Sohn that das und das; Eu'r Bruder, das; ſo focht der edle Douglas, Mein gierig Ohr mit ihren Thaten ſtopfend; Allein am Ende, recht mein Ohr zu ſtopfen, Wehſt du dieß Lob mit einem Seufzer weg, Und endeſt: Bruder, Sohn, und alle todt. mort. Der Douglas lebt und euer Bruder noch, Doch euer edler Sohn— Worth. Ja, der iſt todt. Seht, welche fertge Zunge Argwohn hat! Der, welcher fuͤrchtet, was eèr wiſſen will, Hat durch Inſtinkt aus Andrer Augen Kenntniß, Geſchehn ſey, was er fuͤrchtet. Sprich nur, Morton; Sag deinem Grafen, ſeine Ahndung luͤgt, Ich will fuͤr einen ſuͤßen Schimpf es halten, Und reich dich machen, weil du ſo mich kraͤnkſt. „ mort. Ihr ſeyd zu groß fuͤr meinen Widerſpruch, Eu'r Sinn iſt wahrhaft, eure Furcht gewiß. 6 Sz. 1. Zweyter Theil. 245 North. Trotz alle dem, ſag nicht, daß Percy todt. Ein wunderlich Bekenntniß nehm' ich wahr In deinem Aug; du ſchuͤttelſt deinen Kopf, Und achteſt fuͤr Gefahr es, oder Suͤnde, Die Wahrheit reden. Sags, wenn er erſchlagen; Die Zung' iſt ſchuldlos, die ihn todt berichtet, Und Suͤnde iſts, die Todten zu belügen, Richt wenn man ſagt, der Todte lebe nicht, Allein der Bringer unwillkommner Zeitung Hat ein nachtheilig Amt, und ſeine Zunge Klingt ſtets nachher wie eine dumpfe Glocke, Die einſt dem abgeſchiednen Freund gelaͤutet. L. Bard. Ich kanns nicht denken, euer Sohn ſey todt. miort. Mich ſchmerzt, daß ich euch noth gen ſoll zu glauben, Was, wollte Gott, ich hätt' es nie geſehn⸗ Doch dieſe meine Augen ſahen ihn, In blutgem Stande, matt und athemlos, Dhnmaͤchtige Vergeltung nur erwiedernd Dem Heinrich Monmouth, deſſen raſcher Grimm Den nie verzagten Percy ſchlug zu Boden, Von wo er nie lebendig ſprang empor. Und kurz, ſein Tod(deß Seele Feuer lieh Dem trägſten Knechte ſelbſt in ſeinem Lager) Sobald er ruchtbar, raubte Feur und Hitze Dem beſtbewährten Muth in ſeinem Heer. Denn ſein Metall nur ſtaͤhlte di⸗ Partey; Da es in ihm erweicht war, kehrten alle In ſich zuruͤck wie ſtumpfes ſchweres Bley. ſnd wie ein Ding, das ſchwer iſt an ſich ſelbſt, Auf Noͤthigung mit ſchnellſter Eile fliegt: So liehen unſte Leute, ſchwer gedruͤckt Bon dem Verluſte Heißſporns, dem Gewicht Durch ihre Furcht ſolch eine Leichtigkeit, Daß Pfeile nie zum Ziele ſchneller flogen, Als unſre Krieger, zielend auf ihr Heil, Vom Felde flohn; da ward der edle Worceſter Zu bald gefangen, und der wilde Schotte, Der blut'ge Douglas, deſſen eifernd Schwert Dreymal den Anſchein eines Koͤnigs ſchlug, Fing an entherzt zu werden, und beſchoͤnte Die Schande derer, die den Ruͤcken wandten; Und da er in dem Fliehn aus Furcht geſtrauchelt, Ward er gefaßt. Die Summ' von allem it: Der Koͤnig hat gewonnen, und er ſendet . 246 Koͤnig Heinrich W. A. I. Ein ſchleunig Heer, euch zu begegnen, Herr, Unter des jungen Lancaſter Befehl, Und Weſtmorelands; da habt ihr den Bericht. Worth. Ich werde Zeit genug zum Trauern haben. Im Gift iſt Arzeney, und dieſe Zeitung, Die, wär' ich wohl, mich hätte krank gemacht, Macht, da ich krank bin, mich beynah geſund, Und wie der Arme, fieberſchwach von Gliedern, Die wie gelaͤhmte Angeln von der Laſt Des Lebens niederhaͤngen, ungeduldig Des Anfalls, wie ein Feuer aus den Armen Der Wächter bricht; ſo ſind auch meine Glieder Geſchwaͤcht vom Leid, und wuͤthend nun vor Leid, Dreymal ſie ſelbſt; drum fort, du zarte Krucke! Ein ſchupp'ger Handſchuh muß mit Stahlgelenken Mir decken dieſe Hand; fort, kranke Binde! Du biſt ein allzu uͤpp'ger Schutz dem Haupt, Wonach, gereizt von Siegen, Fürſten zielen. Bind't meine Stirn mit Eiſen! und nun nahe Die rauhſte Stund', die Zeit und Trotz kann bringen, Dem wuͤthenden Northumberland zu draun! Kuͤſſ' Erde ſich und Himmel, ihren Schranken Entweiche wild die Flut! die Ordnung ſterbe! Und dieſe Welt ſey länger keine Buͤhne, Die Hader nährt in zoͤgernder Verwicklung; Es herrſch' Ein Geiſt des erſthebornen Kain In allen Buſen, daß, wenn jedes Herz Auf Blut geſtellt, die rohe Szene ſchließe, Und Finſterniß die Todten ſenk' ins Grab! Trav. Die Heftigkeit thut euch zu nah, Mylord. L. Bard. Trennt Weisheit nicht von Ehre, beſter Graf. Mort. Das Leben eurer liebenden Genoſſen Haͤngt an dem euren, das, ergebt ihr euch Der ſtuͤrm'ſchen Leidenſchaft, nothwendig leidet. Ihr habt den Krieg berechnet, edler Herr, Des Zufalls Summ gezogen, ch ihr ſpracht: Laßt uns entgegen ſtehn. Iho habt vermuthet, Im Drang der Streiche koͤnn' eur Sohn auch fallen. Ihr wußtet, daß er auf Gefahren wandle, Am Abgrund, wo es minder glaublich war, Er komm' hinuͤber, als er fall hinein. Euch war bekannt, es ſey ſein Fleiſch empfaͤnglich Fuͤr Wund und Narben, und ſein kuhner Geiſt Sz. 1. Zweyter Theil. 247 Werd' ins Gewuͤhle der Gefahr ihn reißen; Doch ſagtet ihr: Zieh“ aus! U'd nichts hievon, Auch noch ſo ſtark befuͤrchtet, konnte hemmen Den ſtarren Schluß. Was iſt denn nun geſchehn, Was brachte dieſes kuͤhne Unternehmen, Als, daß nun iſt, was zu vermuthen war! L. Bard. Wir alle, die in den Verluſt verſtrickt, Wir kannten dieſe See als ſo gefaͤhrlich, Daß unſte Rettung zehn waͤr gegen eins; Doch wagten wirs, um den gehofften Lohn, Richt achtend allen Anſchein von Gefahr; Und, umgeſtuͤrzt nun, wagen wirs noch'mal. Konimt! alles dran geſetzt: Leib, Gut und Blut! mort. Es iſt die hoͤchſte Zeit, und, edler Herr, Ich hoͤr' als ſicher, und ich rede wahr,— Der wackre Erzbiſchof von Pork iſt rege Mit wohlverſeh'ner Macht; er iſt ein Mann, Der ſeine Leute bind't mit doppelter Gewaͤhr. Es hatt' eu'r edler Sohn die Koͤrper bloß, Schein und Geſtalt von Maͤnnern nur, zum Kampf; Denn dieſes Wort, Rebellion, ſchied ganz Die Handlung ihrer Leiber von den Seelen. So fochten ſie mit Ekel und gezwungen, Wie man Arzney nimmt; nur die Waffen ſchienen Auf unſrer Seite; die Gemuͤther hatte Dieß Wort, Rebellion, ſo eingefroren, Wie Fiſch' in einem Teich. Doch nun verwandelt Der Biſchof Aufruhr in Religion; Man achtet ihn aufricht'gen, heil'gen Sinns, Drum folgen ſie mit Leib ihm und Gemuͤth. Er nährt den Aufſtand mit des theuren Richard Von Pomfrets Steinen abzekrattem Blut; So macht er ſeine zu des Himmels Sache; Sagt ihnen, er beſchreit' ein blutend Land, Das unter Bolingbroke nach Leben aͤchzt, Und groß und klein draͤngt ſich, ihm nachzufolgen. Borth. Ich wußte dieß zuvor; doch wahr zu reden, Das jetz ge Leid verwiſcht es meinem Sinn. Kommt mit herein, und jedermann berathe Den beſten Weg zur Sicherheit und Rache. Werbt Freunde, ſendet ſchnelles Aufgebot: Rie waren ſie ſo ſelten, nie ſo noth. ab. 248 Koͤnig Heinrich IV. A. 1. Si womnsnih ut enn S z nengn. London. Eine Straße. (Falſtaff tritt auf mit einem Pagen, der ſeinen Degen und Schild traͤgt.) S Falſt. He, du Rieſe! was ſagt der Doktor zu meinem Waſſer? Page. Er ſagte, Herr, das Waſſer an ſich ſelbſt waͤre ein gütes geſundes Waſſer, aber die Perſon, der es zuge⸗ hoͤrte, moͤchte mehr Krankheiten haben, als ſie wuͤßte. Falſt. Menſchen von aller Art bilden ſich was darauf ein, mich zu necken. Das Gehirn dieſes närriſch zuſam⸗ mengekneteten Thones, der Menſch heißt, iſt nicht im tande mehr zu erfinden, das zum Lachen dient, als was ich erfinde, oder was uͤber mich erfunden wird. Ich bin nicht bloß ſelbſt witzig, ſondern auch Urſache, daß Andre Witz haben. Ich gehe hier vor dir her, wie eine Sau, die ihren ganzen Wurf aufgefreſſen hat, bis auf eins. Wenn der Prinz dich aus irgend einer andern Urſache bei mir in Dienſt gegeben hat, als um gegen mich abzuſtechen, ſo habe ich keinen Menſchenverſtand. Du verwuͤnſchtes Alraͤunchen, ich ſollte dich eher auf meine Mutze ſtecken, als daß du meinen Ferſen folgſt. Noch niemals, bis jetzt, hat mir ein Agat aufgewartet: aber ich will euch weder in Gold noch Silber faſſen, ſondern in ſchlechte Kleider, und euch wieder zu eurem Herrn zuruͤckſenden als ein Juwel, zu dem Juvenil, dem Prinzen, eurem Herrn, deſſen Kinn noch nicht fluͤrke iſt. Mir wird eher ein Bart in der flachen Hand wachſen, als er einen auf der Backe kriegt, und doch trägt er kein Bedenken zu ſagen, ſein Geſicht ſey ein Kro⸗ nengeſicht. Gott kann es fertig machen, wenn er will, noch iſt kein Haar daran verdorben; er kann es beſtaͤndig als ein Kronengeſicht behalten, denn kein Barbier wird ein paar atzen daran verdienen; und doch macht er ſich mauſig, als wenn er fuͤr einen Mann gegolten haͤtte, ſeit ſein Vater ein Junggeſelle war. Er mag ſeine Gnade fuͤr ſich behal⸗ ten, er iſt beynah aus der meinigen gefallen, das kann ich ihm verſichern.— Was ſagte Meiſter Dumbleton wegen des Atlaſſes zu meinem kurzen Mantel und Pluderhoſen? Page. Er ſagte, Herr, ihr ſolltet ihm beſſere Buͤrgſchaft ſtellen, als Bardolph ſeine; er wollte ſeine Handſchrift und eure nicht annehmen; die Sicherheit gefiele ihm nicht. 8 Falſt. Daß er verdammt waͤre, wie der reiche Mann! Sz. 2. Zweyter Theil. 249 daß ihm die Zunge noch aͤrger am Gaumen klebte!— So'n verwetterter Ahitophel! ein ſchuftiger Mit⸗Verlaub⸗ ans! Hat einen Edelmann unter Haͤnden und beſteht noch auf Sicherheit!— Die verwetterten Glattkoͤpfe gehen jetzt nicht anders als mit hohen Schuhen und einem Bund Schluͤſſel am Guͤrtel, und wenn ſich nun einer auf red⸗ liches Borgen mit ihnen einlaͤßt, da beſtehen ſie noch gar auf Sicherheit. Ich ließe mir eben ſo gern Rattenpulver ins Maul ſtecken, als daß ſie mirs wollen ſtopfen mit Sicherheit. Ich dachte, er ſollte mir zwey und zwanzig Eilen Atlas ſchicken, ſo wahr ich ein Ritter bin, und er ſchickt mir Sicherheit. Gut, er mag in Sicherheit ſchla⸗ fen; er hat das Horn des Ueberfluſſes, und ſeiner Frauen Leichtfertigkeit leuchtet hindurch; und doch kann er nicht ſehen, ob er ſchon ſeine eigne Laterne hat, ihm zu leuch⸗ ten.— Wo iſt Bardolph? page. Er iſt nach Smithfield gegangen, um Euer Edlen ein Pferd zu kaufen. Falſt. Ich kaufte ihn in der Paulskirche, und er will mir ein Pferd zu Smithfield kaufen. Koͤnnte ich nur ein Weib im Bordell kriegen, ſo waͤre ich bedient, berit⸗ ten und beweibt. (Der Oberrichter kommt mit einem unterbeamten.) page. Herr, da kommt der Lord, der den Prinzen verhaftete, weil er ihn Bardolphs wegen ſchlug. Falſt. Halt dich ſtill, ich will ihn nicht ſehen. oberr. Wer iſt das, der dort geht? Unterb. Falſtaff, zu Euer Gnaden Befehl. oberr. Der wegen des Straßenraubs in Unterſuch⸗ ung war? Unterb. Derſelbe, gnädiger Herr; aber er hat ſeitdem zu Shrewsbury gute Dienſie geleiſtet, und geht nun, wie ich höre, mit einem Auftrage zum Prinzen Johann von Lancaſter. oberr. Wie, nach York! Ruft ihn zuruͤck. Unterb. Sir John Falſtaff! Bie Falſt. Junge, ſag' ihm, daß ich taub bin. n6i Page. Ihr muͤßt lauter ſprechen, mein Herr iſt taub. oberr. Ja das glaub' ich, wenn er irgend etwas gu⸗ tes horen ſol.— Geht, zupft ihn am Ellbogen, ich muß mit ihm ſprechen. 55 Unterb. Sir John,— 250 Koͤnig Heinrich Iv. A. I. Falſt. Was? ein ſo junger Burſch und betteln? Giebts keine Kriege! giebt es keinen Dienſt? braucht der Koͤnig keine Unterthanen? haben die Rebellen keine Soldaten noͤ⸗ thig? Ob es wohl eine Schande iſt, anderswo als auf der einen Seite zu ſeyn, ſo iſt es doch noch aͤrgere Schande zu betteln, als auf der aͤrgſten Seite zu ſeyn, ware ſie auch noch ärger, als der Name Rebellion es ausdruͤcken kann⸗ Unterb. Ihr irrt euch in mir, Herr. alſt. Ey, Herr, ſagte ich, ihr waͤrt ein ehrlicher Mann? Mein Ritterthum und meine Soldatenſchaft bei Seite geſetzt, hätte ich in meinem Hals hinein gelogen, wenn ich das geſagt hätte. Unterb. Dann bitte ich euch, Herr, ſetzt euer Ritter⸗ thum und eure Soldatenſchaft bey Seite, und gebt mir Verlaub, euch zu ſagen, daß ihr es in euren Hals hin⸗ ein luͤgt, wenn ihr fagt, es ſey was anders, als ein ehr⸗ licher Mann. Falſt. Ich dir Verlaub geben, mir das zu ſagen? Ich bey Seite ſetzen, was mir anhaͤngt? wenn du von mir Verlaub bekoͤmmſt, ſo haͤng' mich auf; wenn du dir Ver⸗ laub nimmſt, ſo ſollteſt du gehängt werden. Du Maͤu⸗ ſefanger, fort! heb' dich weg! Unterb. Der Lord will mit euch ſprechen. Pberr. Sir John Falſtaff, auf ein Wort. Falſt. Mein beſter Herr!— Gott erhalte Euer Gna⸗ den in gutem Wohlſeyn! Es freut mich Euer Gnaden außer Hauſe zu ſehn; ich hoͤrte, Euer Gnaden waͤren krank; ich hoffe, Euer Gnaden gehen nicht ohne Erlaub⸗ niß aus. Euer Gnaden ſind zwar noch nicht ganz uͤber die Jugend weg, aber ſie haben doch ſchon einen kleinen Beyſchmack vom Alter, eine Wuͤrzung vom Salze der Zeit, und ich erſuche Euer Gnaden unterthaͤnig, mit aller Sorgfalt uͤber dero Geſundheit zu wachen. oberr. Sir John, ich habe vor eurem Abmarſch nach Shrewsbury nach euch geſchickt. Falſt. Mit Euer Gnaden Erlaubniß, ich hoͤre, daß ſeine Majeſtät mit einigem Ungemach von Wales zuruck⸗ gekommen iſt. Oberr. Ich rede nicht von ſeiner Majeſtaͤt.— Ihr wolltet nicht kommen, da ich nach euch ſchickte. Falſt. Und ich hoͤre außerdem, daß ſeine Hoheit von der alten verwuͤnſchten Apoplexie befallen iſt. —— Sz. 2. Zweyter Theil. 251 oberr. Nun, der Himmel laſſe ihn geneſen! Ich bitte, laßt mich mit euch ſprechen. Falſt. Dieſe Apoplerie iſt meines Beduͤnkens eine Art von Lethargie, wenn euer Gnaden erlauben; eine Art von Schlafen im Blut, ein verwettertes Kitzeln. Oberr. Wie gehoͤrt das hieher? Es ſey was es wolle,— Falſt. Es hat ſeinen Urſprung von vielem Kummer; vom Studiren und Zerruͤttungen des Gehirns. Ich habe die Urſache ſeiner Wirkungen beym Galenus geleſen: es iſt eine Art von Taubheit. oberr. So ſcheints, ihr ſeyd von dem Uebel befallen, denn ihr hoͤrt nicht, was ich euch ſage. Falſt. O ſehr gut, gnaͤdiger Herr, ſehr gut! es iſt vielmehr, wenns euch beliebt, das Uebel des Nicht⸗Auf⸗ horchens, die Krankheit des Richt⸗Achtgebens, womit ich behaftet bin. oberr. Euch an den Fuͤßen zu ſtrafen, wuͤrde die Auf⸗ merkſamkeit eurer Ohren verbeſſern, und es kommt mir nicht darauf an, einmal euer Arzt zu ſeyn. Falſt. Ich bin ſo arm wie Hiob, gnaͤdiger Herr, aber nicht ſo geduldig. Euer Gnaden koͤnnen mir den Trank der Verhaftung anbefehlen, in Betracht meiner Armuth; ob ich aber geduldig ſeyn wuͤrde, eure Vorſchriften zu befolgen, daran kann der Weiſe einen Gran von einem Skrupel, ja wohl gar einen ganzen Skrupel hegen. oberv. Ich ſchickte nach euch, als Dinge wider ceuch auf Leib und Leben vorgebracht wurden, um mit mir daruͤber zu ſprechen. Falſt. Wie mir damals mein in den Geſetzen des Landdienſtes erfahrner Sachwalter rieth, kam ich nicht. oberr. Nun die Wahrheit iſt, Sir John, ihr lebt in großer Schande. Falſt. Wer meinen Guͤrtel umſchnallt, kann nicht in geringerer leben. Oberr. Eure Mittel ſind ſchmal, und ihr lebt auf einem großen Fuß. Falſt. Umgekehrt: um die Mitte bin ich breit, die Fuͤße ſind zu ſchwach, ſie zu tragen. oberr. Ihr habt den jungen Prinzen mißleitet. Falſt. Der junge Prinz hat mich mißleitet; ich bin der Mann mit dem dicken Bauche, und er iſt mein Hund. 252 Koͤnig Heinrich IV. A. l. Oberr. Nun, ich will nicht gern eine neu geheilte Wunde aufreißen; eure Dienſte am Tage bey Shrews⸗ bury haben eure Heldenthaten bey Nacht zu Gadshill ein wenig uͤberguͤldet; ihr habt den unruhigen Zeiten zu danken, daß ihr uͤber dieſe Klage ſo ruhig hinuͤbergekommen ſeyd. Falſt. Gnaͤdiger Herr? Oberr. Doch da nun alles aut iſt, ſo erhaltet es da⸗ bey; weckt den ſchlafenden Wolf nicht auf. Falſt. Einen Wolf aufwecken iſt eben ſo ſchlimm, als einen Fuchs riechen. Oberr. Ey, ihr ſeyd wie ein Licht, das beſte Theil heruntergebrannt. Falſt. Leider, gnaͤdiger Herr, beſteh' ich ganz aus Talg; ich kann mich auch mit einem Wachslicht vergleichen, weil ich immer noch in die Breite wachſe. Oberr. Jedes weiße Haar auf eurem Geſicht ſollte Zeugniß ablegen fuͤr eure Wuͤrde. Falſt. Buͤrde, Buͤrde, Buͤrde! Oberr. Ihr geht mit dem jungen Prinzen aus und ein, wie ſein boͤſer Engel. Falſt. Nicht doch, gnaͤdiger Herr; ſo ein boͤſer Engel iſt allzu leicht, aber ich hoffe, wer mich anſieht, wird mich ohne Goldwage fuͤr voll annehmen; und doch, das muß ich geſtehn, auf gewiſſe Weiſe bin ich nicht in Umlauf zu bringen. Ich weiß nicht, aber die Tugend wird in dieſen Apfelkraͤmer⸗Zeiten ſo wenig geachtet, daß ächte Tapferkeit zum Bärenfuͤhrer geworden iſt; Scharfſinn iſt zum Bier⸗ ſchenken gemacht, und verſchwendet ſeinen behenden Witz in Rechnungen; alle andern Gaben, die zum Menſchen ge⸗ ſind keine Johannisbeere werth, wie die Tuͤcke des eitalters ſie ummodelt. Ihr, die ihr alt ſeyd, bedenkt nicht, was uns, die wit jung ſind, moͤglich iſt. Ihr meßt die Hitze unſrer Leber nach der Bitterkeit eurer Galle ab, und wir, die wir noch im Vortrab der Ju⸗ gend ſtehen; ſind freylich auch durchtriebne Schelme. Obert. Setzt ihr euren Namen auf die Liſte der Ju⸗ gend, da ihr mit allen Merkzeichen des Alters eingeſchtie⸗ ben ſeyd? Habt ihr nicht ein feuchtes Auge, eine trockne Hand, eine gelbe Wange, einen weißen Bart, ein ab⸗ nehmendes Bein, einen zunehmenden Bauch? Iſt nicht eute Stimme ſchwach? euer Athem kurz! euer Kinn dop⸗ pelt! euer Witz einfach? und alles um und an euch vom ———— Sz. 2. Zweyter Theil. 253 Alter verderbt? und doch wollt ihr euch noch jung nennen? Pfui, pfui, pfui, Sir John! Falſt. Gnaͤdiger Herr, ich wurde um drey Uhr Nach⸗ mittags geboren, mit einem weißen Kopf und einem gleich⸗ ſam runden Bauch. Was meine Stimme betrifft, die habe ich mit lautem Chorſingen verdorben. Meine Jugend fer⸗ ner darthun, das will ich nicht; die Wahrheit iſt, daß ich bloß alt an Urtheil und Verſtande bin, und wer mit mir fuͤr tauſend Mark um die Wette Kapriolen ſchneiden will, der mag mir das Geld leihen und ſich vorſehn. Was die Ohrfeige betrifft, die euch der Prinz gab, ſo gab er ſie wie ein roher Prinz, und ihr nahmt ſie wie ein feinſin⸗ niger Lord. Ich habe es ihm verwieſen, und der junge Löwe thut Buße, freylich nicht im Sack und in der Aſche, ſondern in altem Sekt und neuer Seide. oberr. Nun, der Himmel ſende dem Prinzen einen beſſern Geſellſchafter! Falſt. Der Himmel ſende dem Geſellſchafter einen beſſern Prinzen! Ich kann ihn nicht los werden. oberr. Nun, der Koͤnig hat euch und Prinz Heinrich getrennt; ich hoͤre, ihr zieht mit Prinz Johann von Lan⸗ caſter gegen den Erzbiſchof und den Grafen Northumberland. Falſt. Ja, das habe ich eurem allerliebſten feinen Witze zu danken. Aber betet nur ja, ihr alle, die ihr Madam Ruhe zu Hauſe kuͤßt, daß unſre Armeen ſich nicht an einem heißen Tage treffen; denn bei Gott, ich nehme nur zwey Hemden mit, und ich denke nicht außerordentlich zu ſchwi⸗ tzen; wenn es ein heißer Tag iſt, und ich ſchwinge etwas anderes, als meine Flaſche, ſo will ich niemals wieder weiß ausſpucken. Es kann keine gefaͤhrliche Affaͤre aufducken, ſo werde ich gleich daran geſetzt. Nun, ich kann nicht immer vorhslten; aber es iſt beſtaͤndig der Tick unſrer Engliſchen Nation geweſen, wenn ſie was gutes haben, es zu gemein zu machen. Wenn ihr denn durchaus behauptet, ich ſey ein alter Mann, ſo ſolltet ihr mir Ruhe goͤnnen. Wollte Gott, mein Name wäre dem Feind nicht ſo ſchrecklich, als er iſt. Es ware beſſer, daß mich der Roſt verzehrte, als daß ich durch beſtändige Bewegung zu Tode geſcheuert werde. oberr. Nun ſeyd redlich! ſeyd redlich! und Gott ſegne eure Unternehmung! Falſt. Wollen Euer Gnaden mir zu meiner Ausruͤſt⸗ ung tauſend Pfund leihen? S ſl Ooberr. Nicht einen Pfennig— Nicht einen Pfennig; 254 Koͤnig Heinrich IV. A. I. ihr ſeyd nicht geduldig genug, um Kreuzer zu tragen. Lebt wohl und empfehlt mich meinem Vetter Weſtmoreland. (Oberrichter und Untérbeamter ab.) Falſt. Wenn ich das thue, ſo gebt mir mit einer Ramme Naſenſtuͤber.— Ein Menſch kann eben ſo wenig Alter und Filzigkeit, als junge Gliedmaßen und Liederlich⸗ keit trennen; aber das Podagra plagt jenes, und die Franzoſen zwicken dieſe, und ſo kommen beyde Lebensſtu⸗ fen meinen Fluͤchen zuvor.— Burſch! Page. Herr? Falſt. Wie viel Geld iſt in meinem Beutel? Page. Sieben Batzen und zwey Pfennige. Falſt. Ich weiß kein Mittel gegen dieſe Auszehrung des Geldbeutels; Borgen zieht es bloß in die Laͤnge, aber die Krankheit iſt unheilbar.— Geh, bring dieſen Brief an Moylord von Lancaſter, dieſen dem Prinzen, dieſen dem Grafen von Weſtmoreland, und dieſen der alten Frau Urſula, der ich woͤchentlich geſchworen habe, ſie zu heyrathen, ſeit ich das erſte weiße Haar an meinem Kinn merkte. Friſch zu! ihr wißt, wo ihr mich findet.(Der Page ab.) Daß die Franzoſen in dieß Podagra fuͤhren! oder das Podagra in dieſe Franzoſen, denn eins von beyden macht ſich mit mei⸗ nem großen Zehen luſtig. Es macht nichts aus, ob ich hinke; ich habe den Krieg zum Vorwande, und meine Pen⸗ ſion wird im ſo billiger ſcheinen. Ein guter Kopf weiß alles zu benutzen; ich will Krankheiten zum Vortheil Fhei ab. Dritte Szene York. Ein Zimmer im Palaſte des Erzbiſchofs. (Der Erzbiſchof von York, die Lords Haſtings, Mow⸗ bray und Bardolph treten auf.) Erzb. Ihr kennt nun unſre Sach' und unſre Mittel, Und, edle Freund', ich bitt' euch alleſammt, Sagt frey von unſern Hoffnungen die Meynung. Zuerſt, Lord Marſchall, was ſagt ihr dazu“ mowb. Den Anlaß unſrer Fehde geb' ich zu, Allein ich waͤre beſſer gern befriedigt, Wie wir's, bey unſern Mitteln, machen ſollen, Mit einer Stirne, keck und ſtark genug, Der Macht des Koͤnigs ins Geſicht zu ſehn. Haſt. Die jetz'gen Muſterrollen ſteigen ſchon St Sz. 3. Zweyter Theil. 2 Auf auserleſ'ne zwanzig tauſend Mann; Und reichlich lebt die Hoffnung auf Verſtaͤrkung Im maͤchtigen Northumberland, deß Buſen Vom ungeſtuͤmen Feu'r der Kraͤnkung brennt. L. Bard. Demnach, Lord Haſtings, ſteht die Frage ſo: Ob mit den jetz'gen fuͤnf und zwanzig tauſend Wir ohne ihn die Spitze bieten koͤnnen? Zaſt. Mit ihm gewiß. L. Bard. Nun ja, da liegt es eben. Doch finden wir uns ohne ihn zu ſchwach,„ So denk' ich, ſollten wir ſo weit nicht gehn, Bis wir zur Hand erſt ſeinen Beyſtand haben. Denn bey Entwuͤrfen von ſo blut'gem Antlitz, Da darf Erwartung, Anſchein, Muthmaßung Unſichrer Huͤlfe nicht in Anſchlag kommen. Erzb. Sehr wahr, Lord Bardolphl denn gewiß, dieß war Des jungen Heißſporns Fall zu Shrewsbury⸗ L. Bard. Ja, gnaͤd'ger Herr; er ſpeiſtte ſich mit Hoffnung, Verſchlang die Luft auf zugeſagten Beyſtand, Sich ſchmeichelnd mit der Ausſicht einer Macht, Die kleiner ausfiel, als ſein kleinſter Traum. So fuͤhrt' er, voll von großen Einbildungen, Dem Wahnwitz eigen, ſeine Macht zum Tod, Und ſtuͤrzte blindlings ſich in das Verderben. Zaſt. Allein verzeiht, es hat noch nie geſchadet, Wahrſcheinlichkeit und Hoffnung zu erwaͤgen. L. Bard. Ja, wenn die jetz'ge Eigenſchaft des Kriegs Sogleich zu handeln trieb'; ein Werk im Gang Lebt ſo auf Hoffnung, wie im fruͤhen Lenz Wir Knospen ſehn erſcheinen, denen Hoffnung So viel Gewaͤhr nicht giebt, einſt Frucht zu werden, Als gaͤnzliche Verzagung, daß ſie Floͤſte Ertoͤdten werden. Wenn wir bauen wollen, Beſchaun wir erſt den Platz, ziehn einen Riß; Und ſehn wir die Geſtalt des Hauſes nun, Dann muͤſſen wir des Baues Aufwand ſchaͤtzen. Ergiebt ſichs, daß er uͤber unſre Kraͤfte, Was thun wir, als den Riß von neuem ziehn Mit wenigern Gemaͤchern, oder ganz Abſtehn vom Bau! vielmehr noch ſollten wir Bey dieſem großen Werk, das faſt ein Reich Danieder reißen heißt, und eins errichten, 256 Koͤnig Heinrich 1V.. Des Platzes Lage, und den Riß beſchaun, Zu einer ſichern Gruͤndung einig werden, Baumeiſter fragen, unſre Mittel kennen, Wie faͤhig, ſich dem Werk zu unterziehn, Den Gegner aufzuwiegen; ſonſt verſtärten Wir uns auf dem Papier, und in Figuren Und ſeßen, ſtatt der Menſchen, Namen bloß, Wie, wer den Riß von einem Hauſe macht, Dos uͤber ſein Vermögen; der halb fertig Es aufgiebt, und ſein halb erſchaffnes Gut Als nackten Knecht den truͤben Wolken laͤßt, Und Raub fuͤr ſchnoͤden Winters Tyranney. Zaſt. Geſetzt, die Hoffnung, die ſo viel verſpricht, Kaͤm todt zur Welt, und wir beſaͤßen ſchon Den letzten Mann, der zu erwarten iſt; Doch denk' ich, unſer Heer iſt ſtark genug, Es, wie wir ſind, dem Koͤnig gleich zu thun. L. Bard. Wiel hat er denn nur fuͤnf und zwanzig tauſend? Zaſt. Fuͤr uns nicht mehr, nein, nicht ſo viel, Lord Bardolph. Denn ſeine Theilung, wie die Zeiten toben, Iſt dreyfach: Ein Heer wider die Franzoſen, Eins wider den Glendower, und ein drittes Muß uns beſtehn; ſo iſt der ſchwache Koͤnig In drey zertheilt, und ſeine Koffer klingen Vor Leerheit und vor hohler Duͤrftigkeit. Eerzb. Daß er zuſammen ſeine Truppen zoͤge, Und ruͤckte gegen uns mit ganzer Macht, Braucht man nicht zu befuͤrchten. Haſt. Thut er das, So läßt er ſeinen Ruͤcken unbewehrt. Die Waͤlſchen und Franzoſen bellen dann Ihm an den Ferſen. Das beſorgt nur nicht. L. Bard. Wer, glaubt ihr, wird ſein Heer hieher L28n wohi fuͤhren? Faſt. Der Prinz von Lancaſter und Weſtmoreland; Er ſelbſt und Heinrich Monmvuth wider Wales; Wer wider die Franzoſen ihn vertritt, Bin ich nicht unterrichtet. 1r Erzb. Laßt uns fort, Und thun wir unſrer Fehde Anlaß kund. Es krankt der Staat an ſeiner eignen Wahl, * Sz. 3. Zweyter Theil. 257 Die gier'ge Liebe hat ſich uͤberfuͤllt. Ein ſchwindlicht und unzuverläſſſig Haus Hat der, ſo auf das Herz des Volkes baut⸗ H bloͤde Menge! mit wie lautem Jubel RL Drang nicht dein Segen Bolingbroke's zum Himmel, Eh du, wozu du wollteſt, ihn gemacht! Und da er nun nach deiner Luſt geſchmuͤcket, Biſt du ſo ſatt ihn, viehiſcher Verſchlinger, Daß du ihn auszuſpeyn dich ſelber reizeſt. So, du gemeiner Hund, entludeſt du Die Schlemmer-Bruſt vom koͤniglichen Richard; Nun moͤchteſt du dein Weggebrochnes freſſen, Und heulſt darnach. Worauf iſt jetzt Verlaß? Die Richards Tod begehrten, als er lebte, Sind nun verliebt geworden in ſein Grab. Du, die ihm Staub warf auf ſein nacktes Haupt, Als durch das ſtolze London ſeufzend er An Bolingbroke's gefey'rten Ferſen kam, Jufſt nun:„O Erde, gieb uns jenen Koͤnig Zuruͤck, nimm dieſen hier! Verkehrtes Trachten, Vergangnes, kuͤnft'ges hoch, nie jetz'ges achten! mowb. So muſtern wir das Volk und ruͤcken an? Haſt. Die Zeit befiehlt's, hier ſind wir unterthan.(ab) Zwehter Aufzug. Erſte Szene. London. Eine Straße. (Die Wirthin mit Klaue, und Schlinge hinter ihnen.) wirth. Meiſter Klaue, habt ihr die Klage eingeſchrieben? Rlaue. Sie iſt eingeſchrieben. wirth. Wo iſt euer Diener? Iſt es ein tuͤchtiger Diener? Steht er ſeinen Mann?. Rlaue. Heda, wo iſt Schlinge? u ſöi wirth. O Jemine! Der gute Meiſter Schlinge. Schlinge. Hier, hier! 16 318 Rlaue. Schlinge, wir müſſen Sir John Falſtaff verhaften. wirth. Ja, lieber Meiſter Schlinge, ich habe ihn verklagt, und alles miteinander. 18 n 32 F 17 258 König Heinrich IV. A. 1l. Schlinge. Das koͤnnte leicht ein paaren von uns das Leben koſten, er wird nach uns ſtechen. wirth. Ach, du meine Zeit! ſeht euch ja vor. Er hat nach mir in meinem eignen Hauſe geſtochen, und das recht viehiſcher Weiſe. Er fragt gar nicht darnach, was er fuͤr Unheil anrichtet, wenn er einmal blank gezogen hat, er ſtoͤßt wie der Teufel, und ſchont weder Mann, Weib noch Kind. Rlaue. Kann ich handgemein mit ihm werden, ſo frage ich nichts nach ſeinen Stoͤßen. Wirth. Ich auch nicht; ich will euch zur Hand ſeyn. Rlaue. Wenn ich ihn nur einmal packen kann, wenn er mir nur vor die Fauſt koͤmmt,— 5 wirth. Ich bin ruinirt, wenn er weggeht; ich ver⸗ ſichre euch, er ſteht innorm hoch in meinein Buch. Lieber Meiſter Klaue, packt ihn feſt! lieber Meiſter Schlinge, laßt ihn nicht entwiſchen! Er kommt kontinuirlich an die Paſteten⸗Ecke, mit Euer Mannhaften Verlaub, um einen Sattel zu kaufen; und er iſt im Lcoparden⸗Kopf in der Lombard⸗Straße bey Meiſter Glatt dem Seidenhaͤndler zum Eſſen irritirt. Ich bitte euch, da mein Purrzeß eingeleitet und meine Geſchichte ſo offenbar vor aller Welt bekannt iſt, ſo bringt ihn zur Verantwortung. Hundert Mark borgen, wenn man ſich ſelbſt kaum zu bergen weiß, das iſt viel für eine arme verlaſſene Frau; ich habe aus⸗ gehalten, und ausgehalten, und ausgehalten, und bin gefoppt, und gefoppt, und gefoppt, von einem Tage zum andern Tage, daß es eine Schande iſt, wenn man daran denkt. Das iſt kein ehrlicher Handel, wenn eine Frau nicht gar ein Eſel ſeyn ſoll, und ein Vieh, jedes Schel⸗ men ſein Unrecht zu tragen.— GFalſtaff, der Page, und Bardolph kommen.) Da kommt er, und mit ihm der Erzſchelm mit der Bur⸗ gunder⸗Naſe, Bardolph. Thut eure Dienſte, thut eure Dienſte, Meiſter Klaue und Meiſter Schlinge; ihr muͤßt mich, und ihr muͤht mich bedienen. Falſt. Nun, weſſen Gaul iſt todt? was giebts? Rlaue. Sir John, ich verhafte euch auf die Klage der Frau Hurtig. Falſt. Fort, ihr Schlingel!— Zieh, Bardolph! Hau mir des Schurken ſeinen Kopf herunter, wirf das Menſch in die Goſſe⸗ X Sz. 1. Zweyter Theil. 259 wirth. Mich in die Goſſe werfen? Wart, ich will dich in die Goſſe werfen. Das willſt du? das willſt du, unehr⸗ licher Schelm!— Mord! Mord! O, du bandhuͤteriſcher Spitzbube! Willſt du Gottes und des Koͤnigs ſeine Beam⸗ ten umbringen? O, du Schelm von Bandhuͤter! Du biſt ein Bandhaͤter, ein Todtſchlaͤger, und ein Frauenſchlaͤger. Falſt. Halt ſie ab, Bardolph! Blaue. Huͤlfe! Huͤlfe! wirth. Lieben Leute, ſchafft doch eine Huͤlfe her, oder ein paar.— Sieh! ſieh doch! das willſt du? Ich will dich! Nur zu, du Schelm! Nur zu, du Bandhuͤter! page. Fort, du Wiſchhader! du Bagage! du Schlam⸗ palie! Ich will dir das Oberſtuͤbchen fegen ⸗ (Der Oberrichter kommt mit Gefolge.) oberr. Was giebts? Haltet Frieden hier! he! wirth. Beſter Herr, ſorgt fuͤr mein Beſtes! Ich flehe euch an, ſteht mir bey! oberr. Ey ey, Sir John?! Was? ſo hier im Gezaͤnk? Ziemt eurer Stelle, Zeit, Geſchaͤften das? Ihr ſolltet auf dem Weg nach York ſchon ſeyn.— Weg da, Geſell! was haͤngſt du ſo an ihm? wirth. O, mein hochwuͤrdigſter Lord, mit Euer Gna⸗ den Erlaubniß, ich bin eine arme Witwe aus Eaſccheap, und er wird auf meine Klage verhaftet. oberr. Fuͤr was fuͤr eine Summe! wirth. Nichts von Summen! es iſt alles zuſammen, alles, was ich habe. Er hat mich mit Haus und Hof auf⸗ gefreſſen, und mein ganz Vermoͤgen in ſeinen fetten Bauch da geſteckt,— aber ich will was davon wieder heraus haben, oder ich will dich des Nachts drucken wie der Alp⸗ Falſt. Ich denke, ich koͤnnte eben ſo gut den Alp druͤcken, wenn des Orts Gelegenheit es giebt, daß ich aufkommen kann. oberr. Wie kommt das, Sir John! Pfui, welcher rechtliche Mann moͤchte einen ſolchen Sturm von Ausru⸗ fungen uͤber ſich ergehen laſſen! Schaͤmt ihr euch nicht, daß ihr eine arme Witwe zu ſo harten Mitteln zwingt, an das Ihrige zu kommen? 14 Falſt. Was iſt denn die große Summe, die ich dir ſchuldig bin? wirth. Mein Seel, wenn du ein ehrlicher Kerl waͤrſt, 17* 260 Koͤnig Heinrich IV. A.II. dich ſelbſt und das Geld dazu. Du ſchwurſt mir auf einen vergoldeten Becher, in meiner Delphinkammer, an dem runden Tiſch, bey einem Steinkohlenfener, am Mitt⸗ woch in der Pfingſtwoche, als dir der Prinz ein Loch in den Kopf ſchlug, weil du ſeinen Vater mit einem Kantor von Windſor verglichſt— da ſchwurſt du mir, wie ich dir die Wunde auswuſch, du wollteſt mich heirathen, und mich zu deiner Frau Gemahlin machen. Kannſt du es laͤngnen? Kam nicht eben Mutter Unſchlitt, des Schlaͤchters Frau, herein, und nannte mich Gevatterin Hurtig! Undkam ſie nicht um einen Napf Eſſig zu borgen, und ſagte uns, ſie hätte eine gute Schüͤſſel Krabben, worauf du Appetit kriegteſt, welche zu eſſen; worauf ich dir ſagte, ſie waͤren nicht gut bey einer friſchen Wunde? Und befahlſt du mir nicht an, wie ſie die Treppe hinunter war, ich ſollte mit ſo geringen Leuten nicht mehr ſo familiär thun! und ſag⸗ teſt, in kurzem ſollten ſie mich Ihr Gnaden nennen? Und kußteſt du mich nicht, und hießeſt mich, dir dreyßig Schil⸗ linge holen? Ich ſchiebe dir nun den Eid in dein Ge⸗ wiſſen; laͤugn' es, wenn du kannſt. Falſt. Gnaͤdiger Herr, ſie iſt eine arme unkluge Seele, und ſie ſagt aller Orten in der Stadt, ihr älteſter Sohn ſähe euch aͤhnlich; ſie iſt im Wohlſtande geweſen, und die Wahrheit iſt, Armuth hat ſie verrückt gemacht. Was⸗ dieſe albernen Gerichtsdiener betrifft, ſo bitte ich euch, verſchafft mir Genugthuung gegen ſie. Oberr. Sir John, Sir John! ich bin wohl bekannt mit eurer Weiſe, eine gerechte Sache zu verdrehen. Keine zuverſichtliche Miene noch einen Haufen Worte, die ihr mit mehr als unverſchamter Frechheit herausſtoßt, koͤnnen mich von einer billigen Erwaͤgung wegtteiben. Ihr habt, wie es mir klar iſt, dem nachgiebigen Gemuth dieſer Frau zugeſetzt, und ſie dahin gebracht, euch ſowohl mit ihrem Beutel als ihrer Perſon zu dienen. wirth. Ja fuͤrwahr, Mylord!— Oberr. Ich bitte dich, ſchweig!— Zahlt ihr die Schuld aus, die ſie an euch zu fordern hat, und nehmt die Schande zuruck, die ihr mit ihr veruͤbt habt; das eine koͤnnt ihr mit baarem Gelde, das andre mit äͤchter Reue. Falſt. Gnaͤdiger Herr, ich will dieſen Ausputzer nicht ohne Antwort hinnehmen. Ihr nennt edle Kuͤhnheit un⸗ verſchaͤmte Frechheit; wenn ſemand Bucklinge macht, und gar nichts ſagt, dann iſt er tugendhaft. Nein, gnadiger Herr, bey allem unterthaͤnigen Reſpekt vor euch, will Sz. 1. Zweyter Theil. 261 ich euch nicht den Hof machen. Ich ſage euch, ich ver⸗ lange Befreyung von dieſen Gerichtsdienern, da ich in eiligen Geſchäften fuͤr den Koͤnig bin. oberr. Ihr redet wie einer, der Macht hat Uebles zu thun, aber entſprecht eurem Rufe durch die That, und befriedigt die arme Frau.. Falſt. Kommt her, Wirthin.(Er zieht ſie beyſeit.) Gower kommt.) oberr. Nun, Herr Gower, was giebts? Gow. Mylord, der Koͤnig und der Prinz von Wales Sind nah' zur Hand, das Weit're ſagt dieß Blatt. Falſt. So wahr ich ein Edelmann bin,— wirth. Ja, das habt ihr ſonſt auch ſchon geſagt. Falſt. So wahr ich cin Edelmann bin,— kommt, kein Wort weiter. wirth. Bey dieſem himmliſchen Boden, worauf ich trete, ich muß gern mein Silbergeſchirr und die Tape⸗ ten in meinen Eßzimmern verſetzen. Falſt. Du haſt ja Glaͤſer; es geht nichts uͤber Glaͤſer zum Trinken! Und was deine Wände betrifft, da iſt ir⸗ gend eine artige kleine Schnurre, die Geſchichte vom ver⸗ lornen Sohn, oder eine Deutſche Jagd in Waſſerfarben, mehr werth, als tauſend ſolche Bettvorhänge und motten⸗ zerfreßne Tapeten. Laß es zehn Pfund ausmachen, wenn du kannſt. Komm, komm, wenn nicht deine Launen wä⸗ ren, ſo gaͤbe es kein beſſeres Weibsbild in England; waſch dein Geſicht und nimm deine Klage zuruͤck. Komm, du mußt keine ſolchen Launen gegen mich annehmen! kennſt du mich denn nicht? Konm, komm, ich weiß, daß du hiezu aufgehetzt biſt. wirth. Bitte, Sir John, koͤnnen es nicht zwanzig Nobel thun? Wahrhaftig, ich thue es nicht gerne, daß ich mein Silberzeug verſetze, in allem Ernſt. Falſt. Laß es bleiben, ich will es ſchon ſonſt kriegen; ihr werdet doch immer eine Naͤrrin bleiben. wirth. Gut, ihr ſollt es haben, muͤßte ich auch mei⸗ nen Rock verſetzen. Ich hoffe, ihr kommt zum Abend⸗ eſſen. Wollt ihr mir alles zuſammen bezahlen? Falſt. Will ich das Leben behalten!—(zu Bardolph.) Geh mit ihr! geh mit ihr! Haͤng dich an! haͤng dich an! wirth. Soll ich euch Dortchen Lakenreißer zum Abendeſſen bitten? 326 262 Koͤnig Heinrich 1V. A. Il. Falſt. Keine Worte weiter! Laß ſie kommen. . Wirthin, Bardolph und Gerichtsdiener ab.) Oberr. Ich habe beſſere Neuigkeit gehoͤrt. Falſt. Wie lauten die Neuigkeiten, beſter gnädiger Herr? oberr. Wo lag der Koͤnig letzte Nacht? Gow. Zu Baſingſtoke, Mylord! Pberr. Kommt ſeine ganze Macht zuruͤck? Gow. Nein! funfzehnhundert Mann, fuͤnfhundert Pferde Sind ausgeruͤckt zum Prinz von Lancaſter, 3 Northumberland entgegen und dem Erzbiſchof. Falſt. Kommt der Koͤnig von Wales zuruͤck, mein edler Herr? Oberr. Ich will euch unverzuͤglich Briefe geben. Kommt, ſeyd ſo gut und geht mit mir, Herr Gower. Falſt. Gnaädiger Herr! Oberr. Was giebts?. Falſt. Herr Gower, darf ich euch auf den Mittag zum Eſſen bitten? Gow. Ich muß meinem gnaͤdigen Herrn hier aufwar⸗ ten, ich danke euch, lieber Sir John. Oberr. Sir John, ihr zaudert hier zu lange, da ihr in den Grafſchaften, wo ihr durchkommt, Soldaten aus⸗ heben ſollt. Falſt. Wollt ihr mit mir zu Abend eſſen, Herr Gower? Ober. Welcher alberne Lehrmeiſter hat euch dieſe Sitten gelehrt? Falſt. Herr Gower, wenn ſie mir nicht gut ſtehen, ſo war der ein Narr, der ſie mir gelehrt hat. Dieß iſt der wahre Fechter⸗Anſtand, gnadiger Herr: Tick füͤr Tack, und ſomit friedlich auseinander.. Oberr. Nun, der Herr erleuchte dich! du biſt ein großer Narr. 23(Alle ab) 3 weyte S 5 Eine andere Straße in London. Prinz Heinrich und Poins treten auf.) Pr. Jeinr. Glaube mir, ich bin ungemein muͤde. Poins. Iſt es dahin gekommen? Ich hätte nicht gedacht, daß Muͤdigkeit ſich an einen von ſo hohem Blut machen duͤrfte. H 3.L. Zweyter Theil. 263 pr. Heinr. Mein Treu, ſie macht ſich an mich, ob meine Hoheit gleich erroͤthen muß, es anzuerkennen. Nimmt es ſich nicht gemein an mir aus, Verlangen nach Duͤnnbier zu haben? poins. Ein Prinz ſollte nicht ſo obenhin ſtudirt haben, daß ihm eine ſo matte Kompoſition nur in den Sinn kaͤme. Pr. Heinr. Vielleicht war dann mein Appetit nicht prinzlich erzeugt, denn fuͤrwahr, jetzt kommt mir die arme Kreatur Duͤnnbier in den Sinn⸗ Aber gewiß, dieſe demuthigen Ruͤckſichten machen mir meine Groͤße ganz zuwider. Welche Schmach iſt es mir, mich deines Namens zu erinnern! oder dein Geſicht morgen zu kennen? oder mir zu merken, wie viel Paar ſeidne Struͤmpfe du haſt? naͤmlich dieſe da, und die weiland pfirſichbluͤthfarbnen; oder das Regiſier deiner Hemden zu fuͤhren, als eins zum Ue⸗ berfluß, und eins zum Gebrauch?— Aber das weiß der Wirth im Ballhauſe beſſer als ich, denn es iſt niedrige Ebbe in deiner Waͤſche, wenn du dort nicht das Raket fuͤhrſt. Du haſt es nun eine lange Zeit her nicht gethan, weil der Reſt deiner Niederlande deine Hollaͤndiſche Beſitzun⸗ gen zu verſchlingen geſucht hat; und Gott weiß, ob die, weiche aus den Truͤmmern deiner Leinewand herausquaͤken, ſein Reich erben werden. Aber die Hebammen ſagen, die Kinder koͤnnen nicht dafuͤr; die Welt wird dadurch bevoͤl⸗ kert, und die Verwandtſchaften gewaltig verſtaͤrkt. poins. Wie ſchlecht paßt ſich's, daß ihr ſo muͤſſige Re⸗ den fuͤhrt, nachdem ihr ſo ſchwer gearbeitet habt! Sagt mir, wie viel junge Prinzen wuͤrden das wohl thun, de⸗ ren Vaͤter ſo krank waren, als eurer gegenwaͤrtig iſt? pr. Zeinr. Soll ich dir etwas ſagen, Poins? poins. Ja, und daß es nur etwas vortreffliches iſt. pr. Zeinr. Es reicht hin fuͤr witzige Kopfe, die nicht vornehmer ſind, als du. poins. Nur zu, ich bin ſchon auf das Etwas geruͤſtet, das ihr ſagen wollt. pr. Zeinr. Gut, ich ſage dir alſo, es ſchickt ſich nicht fuͤr mich, traurig zu ſehn, da mein Vater krank iſt; wie⸗ wohl ich dir ſagen kann:— als einem, den es mir in Ermanglung eines beſſern beliebt, Freund zu nennen,— ich konnte traurig ſeyn, und recht im Ernſt traurig. poins. Schwerlich bey einer ſolchen Veranlaſſung⸗ pr. Zeinr. Bey dieſer Rechten! du denkſt, ich ſtuͤnde eben 264 Koͤnig Heinrich W. A. II. ſo ſtark in des Teufels Buch, als du und Falſtaff, wegen Halsſtarrigkeit und Verſtocktheit. Das Ende wirds aus⸗ weiſen. Ich ſage dir aber, mein Herz blutet innerlich, daß mein Vater ſo krank iſt; und daß ich ſo ſchlechten Um⸗ gang halte, wie du biſt, hat mich mit gutem Grunde aller aͤußern Bezeugung des Kummers verluſtig gemacht. Poins. Aus welchem Grunde? Pr. Zeinr. Was wuͤrdeſt du von mir denken, wenn ich weinte? Poins. Ich wuͤrde denken, du ſeyeſt der fuͤrſtlichſte Heuchler. Pr. Heinr. Das wuͤrde jedermanns Gedanke ſeyn, und du biſt ein geſegneter Burſch, daß du denkſt, wie je⸗ dermann denkt; keines Menſchen Gedanken auf der Welt halten ſich mehr auf der Heerſtraße, als deine: wirklich würde jedermann denken, ich ſey ein Heuchler. Und was bewegt eure hochgeehrteſten Gedanken, ſo zu denken? Poins. Nun, weil ihr ſo liederlich und ſo ſehr mit Falſtaff verſtrickt geweſen ſeyd. Pr. Seinr. Und mit dir. Poins. Beym Sonnenlicht, von mir ſpricht man gut, ich kann es mit meinen eignen Ohren hoͤren. Das ſchlimmſte, was ſie von mir ſagen koͤnnen, iſt, daß ich ein juͤngerer Bruder bin, und ein tuͤchtiger Geſelle auf meine eigne Hand, und ich geſtehe, dieſe beyden Dinge kann ich nicht aͤndern. Ey der Tauſend! da kommt Bardolph. Pr. Zeinr. Und der Junge, den ich dem Falſtaff gab. Er hat ihn von mir als einen Chriſten bekommen, und ſieh nur, ob der fette Schlingel nicht einen Affen aus ihm gemacht hat. (Bardo lph und der Page kommen.) Bard. Gott erhalte Eure Gnaden! Pr. Zeinr. Und Eure auch, mein ſehr edler Bardolph. Bard.(zum Pagen.) Komm, du tugendhafter Eſel, du perſchaͤmter Narr! Mußt du roth werden? Warunt wirſt du roth? Welch ein juͤngferlicher Soldat biſt du geworden! Iſt es ſo eine große Sache, die Jungferſchaft eines Vier⸗Roͤſel⸗Krugs zu erobern? Page. Jetzt eben, gnaädiger Herr, tief er mir durch ein rothes Gitterfenſter, und ich konnte gar nichts von ſeinem Geſicht vom Fenſter unterſcheiden; zuletzt wurde ich ſeine G . 2. Zweyter Theil. 265 Augen gewahr, und ich dachte, er haͤtte zwey Loͤcher in der Bierſchenkin ihren neuen Rock gemacht und guckte da durch. Pr. Zeinr. Hat der Junge nicht zugelernt? Bard. Fort, du Blitz⸗ Kaninchen auf zwey Beinen, fort! page. Fort, du Schelm von Althea's Traum, fort! Pr. HZeinr. Erklaͤre uns das, Junge: was fuͤr ein Traum? page. Ey, gnädiger Herr, Althea traͤumte, ſie kaͤme mit einem Feuerbrande nieder, und darum nenne ich ihn ihren Traum. Pr. Heinr. Eine Thalers werth gute Auslegung, und da haſt du ihn, Junge. Giebt ihm Geld.) page. O, daß ich dieſe ſchoͤne Bluͤte vor dem Wurm bewahren koͤnnte!— Nun, da iſt ein Batzen, um dich zu huͤten. 6 Bard. Wenn ihr nicht ſorgt, daß ihr ihn unter euch aufhaͤngt, ſo geſchieht dem Galgen zu nah. pr. Heinr. Und wie gehts deinem Herrn, Bardolph? Bard. Gut, gnaͤdiger Herr. Er hoͤrte, daß Euer Gnaden nach London kaͤmen, da iſt ein Brief an euch. Pr. Zeinr. Mit gutem Anſtande beſteht.— Und was macht der Martinstag, euer Herr? Bard. Geſunden Leibes, Herr. poins. Freylich, ſein unſterbliches Theil braucht einen Arzt, aber das kuͤmmert ihn nicht; iſt das ſchon krank, ſo ſtirbt es doch nicht. pr. veinr. Ich erlaube dem Kropf, ſo vertraut mit mir zu thun, wie mein Hund, und er behauptet ſeinen Platz; denn ſeht nur, wie er ſchreibt. poins.(lieſt.)„John Falſtaff, Ritter,“— jeder⸗ mann muß das wiſſen, ſo oft er Gelegenheit hat, ſich zu nennen. Gerade wie die Leute, die mit dem Koͤnig ver⸗ wandt ſind, denn ſie ſtechen ſich niemals in den Finger, ohne zu ſagen: da wird etwas von des Koͤnigs Blut ver⸗ goſſen. Wie geht das zu? ſagt einer, der ſich heraus⸗ nimmt, nicht zu begreifen, und die Antwort iſt ſo geſchwind bey der Hand, wie eine geborgte Muͤtze: Ich bin des Koͤnigs armer Vetter, mein Herr. pr. Zeinr. Ja, ſie wollen mit uns verwandt ſeyn, und wenn ſie es vom Japhet ableiten ſollten. Aber den Brief! poins.„Sir John Falſtaff, Ritter, dem Sohne des 266 Koͤnig Heinrich W. A. II. „Koͤnigs, der ſeinem Vater am nächſten, Heinrich, Prin⸗ „zen von Wales, Gruß.“— Ey, das iſt ein Atteſtat. Pr. Zeinr. Still! Poins.„Ich will dem ruhmwuͤrdigen Roͤmer in der „Kuͤrze nachahmen:“— er meynt gewiß in der Kuͤrze des Athems.—„Ich empfehle mich dir, ich empfehle dich „und ich verlaſſe dich. Sey ſnicht zu vertraulich mit Poins, „er mißbraucht deine Gunſt ſo ſehr, daß er ſchwoͤrt, „du muͤſſeſt ſeine Schweſter Lene heyrathen. Thue „Buße in muͤſſigen Stunden, wie du kannſt, und ſomit „gehab dich wohl. „Der Deinige bey Ja und Nein,(das will „ſagen, je nachdem du ihm begegneſt) Hans „Falſtaff fuͤr meine vertrauten Freunde, „John fuͤr meine Bruͤder und Schweſtern, „und Sir John fuͤr ganz Europa. Mein Prinz, ich will dieſen Brief in Sekt tauchen, und ihn zwingen, ihn zu eſſen. Pr. Feinr. Das hieße ihn zwingen, ſeine eignen Worte hinunter zu ſchlucken. Aber geht ihr ſo mit mir um, Eduard? Muß ich eure Schweſter heyrathen? Poins. Waͤre der Dirne nur nichts geringeres be⸗ ſcheert! Aber geſagt habe ich es nie. Pr. HZeinr. So treiben wir Poſſen mit der Zeit, und die Geiſter der Weiſen ſitzen in den Wolken und ſpotten unſer.— Iſt euer Herr hier in London? Bard. Ja, gnaädiger Herr! Pr. HZeinr. Wo ißt er zu Abend?— Maͤſtet ſich der alte Eber noch auf dem alten Koben? Bard. An dem alten Platze, gnäͤdiger Herr; zu Eaſicheap. Pr. Seinr. Was hat er für Geſellſchaft? pPage. Epheſier, gnädiger Herr; von der alten Kirche. Pr. Heinr. Eſſen Weiber mit ihm? Page. Keine, gnädiger Herr, als die alte Frau Hurtig und Jungfer Dortchen Lakenreißer. Pr. Heinr. Was mag das fuͤr eine Heidin ſeyn? Page. Eine artige Mamſell, Herr, und eine Ver⸗ wandte meines Herrn. Pr. Heinr. Gerade ſo verwandt, wie die Gemeinde⸗ Kuͤhe dem Stadtbullen.— Sollen wir ſie beim Abend⸗ eſſen beſchleichen, Eduard? poins. Ich bin euer Schatten, gnadiger Herr, ich folge euch. Sz.3. Zweyter Theil. 267 pr. Zeinr. He! du, Burſch,— und ihr, Bardolph!— ſagt eurem Herrn kein Wort, daß ich ſchon in die Stadt gekommen bin. Da habt ihr was fuͤr euer Schweigen. Bard. Ich habe keine Zunge, Herr. page. Und was meine betrifft, Herr, ich will ſie regieren. pr. veinr. Lebt denn wohl; geht.(Bardolph und Page ab.) Dieſe Dortchen Lakenreißer muß irgend eine Heer⸗ ſtraße ſeyn. poins. Das verſich re ich euch, ſo gemein, wie der Weg von London nach St. Albans. pr. Heinr. Wie könnten wir den Falſtaff heute Abend in ſeinen wahren Farben ſehen, ohne ſelbſt geſehen zu werden 7 poins. Stecken wir uns in zwei lederne Waͤmſer und Schuͤrzen, und warten ihm bei Tiſche auf, wie Kuͤfer. Pr. Zeinr. Von einem Gott zu einem Stier? Eine ſchwere Herabſetzung! Sie war Jupiters Fall. Aus einem Prinzen in einen Kellerjungen? Eine niedrige Verwand⸗ lung! Sie ſoll die meinige ſeyn, denn in jedem Dinge muß die Abſicht mit der Thorheit auf die Wagſchale ge⸗ legt werden. Folge mir, Eduard.(ab.) Warkworth. Vor der Burg⸗ (Northumberland, Lady Northumberland und Lady Percy treten auf.) North. Ich bitt' euch, liebend Weib und werthe Tochter, Gebt meinen rauhen Haͤndeln ebnen Weg, Legt ihr nicht auch der Zeiten Miene an, Und ſeyd, wie ſie dem Percy, zur Beſchwer. L. Worth. Ich gab es auf, ich will nicht weiter reden; Thut, was ihr wollt, es leit' euch eure Weisheit. North. Ach, liebes Weib! die Ehre ſteht zum Pfand; und außer meinem Gehn kann nichts ſie loͤſen. L. Percy. Um Gottes willen, nicht in dieſen Krieg! Einſt habt ihr, Vater, euer Wort gebrochen, Da ihr ihm mehr verbunden wart, als jetzt; Als euer Percy, mein herzlieber Percy Den Blick oft nordwaͤrts wandt', ob nicht ſein Vater Zu Huͤlfe zoͤge, doch er harrt' umſonſt. Wer uͤberredt' euch da, zu Haus zu bleiben? Zwey Ehren fielen da, des Sohn's und eure. 268 Koͤnig Heinrich IV. A. II. Die eure moͤge Himmelsglanz erleuchten! Die ſeine ſtand ihm ſchoͤn, ſo wie die Sonne Am blauen Firmament, und durch ihr Licht Bewog ſie alle Ritterſchaft von England Zu wackern Thaten; ja, er war der Spiegel, Wovor die edle Jugend ſich geſchmuͤckt. Wer ſeinen Gang nicht annahm, war gelähmt; Und Stottern, was ein Fehler der Natur Bey ihm, ward der Accent der Tapfern nun; Denn die, ſo leiſ' und ruhig ſprechen konnten, Verkehrten ihren Vorzug in Gebrechen, Ihdm gleich zu ſeyn, ſo daß in Sprach', in Gang, In Lebensart, in Neigungen der Luſt, In Kriegskunſt, und in Launen des Gebluͤts, Er Ziel und Spiegel, Buch und Vorſchrift war, Der Andre forimt“ Und ihn!— den Herrlichen! Dieß Wunderwerk von Mann!— verließet ihr, Der keinem wich, von dem wicht ihr zuruͤck, Daß er den grauſen Gott des Krieges mußte Im Nachtheil ſchauen, und ein Feld behaupten, Wo nichts, als nur der Klang von Heißſporns Namen, Poch wehrbar ſchien; ſo ganz verließt ihr ihn. Drum nie, o nie! thut ſeinem Geiſt die Schmach, Daß ihr auf eure Ehre ſtrenger haltet Mit Andern, als mit ihm: laßt ſie fuͤr ſich. Der Marſchall und der Erzbiſchof ſind ſtark; Wenn mein Geliebter halb die Zahl nur hatte, So koͤnnt' ich heut, an Heißſporns Nacken haͤngend, Von Monmouth's Grabe reden. Worth. Holde Tochter, Verzeih' euch Gott! ihr raubt mir allen Muth, Indem ihr akte Fehler neu bejammert. Doch ich muß gehn, und die Gefahr da treffen, Sonſt ſucht ſie andrer Orten mich und findet Mich ſchlechter noch geruͤſtet. 2 8 L. Worth. O, flieht nach Schottland, Bis erſt die Edlen und das Volk in Waffen Mit ihrer Macht ein wenig ſich verſucht. L. Percy. Wenn ſie dem Koͤnig Boden abgewinnen, So ſchließt euch an, wie eine Ribb' aus Stahl, Die Stärke mehr zu ſtaͤrken; aber erſt, Um unſer aller Liebe willen, laßt Sie ſich verſuchen. Das that euer Sohn, Sz. 4. Zweyter Theil. 269 Das gab man zu bey ihm, ſo ward ich Witwe, Und nie wird lang genüg mein Leben dauern, Erinnrung mit den Augen zu bethaun, Daß ſie erwachſ' und ſproſſe bis zum Himmel Zum Angedenken meines edlen Gatten. North. Kommt, geht hinein mit mir, denn mein Gemuͤth Iſt wie die Flut, zu ihrer Hoͤh' geſchwellt, Die Stillſtand macht, nach keinet Seite fließend. Gern moͤcht' ich gehn, zum Erzbiſchof zu ſtoßen, Doch tauſend Gründe halten mich zuruck. Ich wende mich nach Schottland, dort zu weilen, Bis Zeit und Vortheil andern Rath ertheilen.(Alle ab.) Vierte Szene. London. Eine Stube in der Schenke zum wilden Schweinskopf in Eaſtcheap. (Zwey Kuͤfer kommen.) 1. küf. Was Teufel haſt du da gebracht? arme Ritter? Du weißt, Sir John kann keine armen Ritter leiden. 2. Rüf. Wetter, du haſt Recht. Der Prinz ſetzte ihm einmal eine Schuͤſſel mit armen Rittern vor, und ſagte ihm, da wären noch fuͤnf andre Sir John's; hierauf nahm er ſeinen Hut ab, und ſagte: Ich empfehle mich dieſen ſechs altbacknen, kraftloſen, aufgequollnen armen Rittern. Es aͤrgerte ihn von ganzer Seele, aber das hat er nun vergeſſen⸗ 1. küf. Nun ſo decke, und ſetze ſie hin? und ſich, ob du Schleichers Bande antreffen kannſt; Jungfer Laken⸗ reißer moͤchte gern ein bischen Muſik haben. Mach fort! Die Stube, wo ſie gegeſſen haben, iſt zu heiß, ſie wer⸗ den gleich kommen. . Rüf. Hör' du, der Prinz wird bald hier ſeyn und Herr Poins, und ſie wollen zwey Waͤmſer und Schür⸗ en von uns anthun, und Sir John darf nichts davon wiſſen; Bardolph hat es beſtellt. 1. Rüf. Potz Wetter, hier wird der Teufel los ſeyn⸗ Das wird einen herrlichen Spaß geben. 2. Rüf. Ich will ſehen, ob ich Schleicher lab. (Wirthin und Dortchen Lakenreißer kommen.)) wirth. Wahrhaftig, Herzchen, mich duͤnkt, jetzt ſeyd ihr in einer vortrefflichen Tempramentur; euer Puͤlschen ſchlagt ſo ungemein, wie man ſich's nur wuͤnſchen kann, 270 Koͤnig Heinrich W. A. II. und von Farbe— ihr koͤnnt mirs glauben— ſeht ihr ſo friſch aus, wie eine Roſe. Aber wahrhaftig, ihr habt zu viel Kanarienſekt getrunken, und das iſt ein verzweifelt durchſchlagender Wein; der wuͤrzt euch das Blut, ehe man eine Hand umdreht.— Wie geht's euch nun? Dortch. Beſſer als vorhin. Hm.— Wirth. Nun, das macht ihr ſchoͤn, wenn das Herz nur gut iſt. Seht, da kommt Sir John. (Falſtaff kommt ſingend.) Falſt. Als Arthur erſt am Hof— Bringt den Nachttopf aus. Und war ein wuͤrd'ger Herr.(Fuͤfer ab.) Was macht ihr nun, Jungfer Dortchen? Wirth. Ihr iſt uͤbel, es fehlt ihr an Beaͤngſtigungen; ja meiner Seel. Falſt. So ſind alle Weibsbilder: wenn man ſie nicht immer beaͤngſtigt, ſo wird ihnen übel. Dortch. Ihr ſchmutziger Balg, iſt das aller Troſt, den ich von euch habe? Falſt. Ihr macht aufgedunſne Baͤlge, Jungfer Dortchen. Dortch. Ich mache ſie? Freſſerey und Krankheiten machen ſie, ich nicht. helft ihr die Krankheiten machen, Dortchen. Wir krie⸗ gen von euch ab, Dortchen, wir kriegen von euch ab; gieb das zu, liebe Seele, gieb das zu. Dortch. Ja wohl, unſre Ketten und Juwelen. Falſt.„Rubinen, Perlen und Karfunkeln!“ Denn ihr wißt, wer tapfer dient, kommt hinkend aus dem Felde; der kommt aus der Breſche, ſeine Pike tap⸗ fer eingelegt und tapfer zum Chirurgus; der geht tapfer auf geladne Feldkatzen los. Dortch. Laßt euch haͤngen, garſtiger Schweinigel, laßt euch haͤngen!* „wirth. Meiner Treu, das iſt die alte Weiſe; ihr beyden kommt niemals zuſammen, ohne daß ihr in Zank gerathet. Gewiß und wahrhaftig, ihr ſeyd ſo widerhaa⸗ rig, wie zwey geroͤſtete Semmelſcheiben ohne Butter; ihr koͤnnt einer des andern Commoditaͤten nicht tragen. Du meine Zeit! einer muß tragen, und das muͤßt ihr ſeyn (zu Dortchen.); ihr ſeyd das ſchwaͤchere Gefaͤß, wie man zu ſagen pflegt, das ledige Gefäß. Falſt. Wenn der Koch die Freſſerey machen hilft, ſo— Sz. 4. Zweyter Theil. 271 Dortch. Kann ein ſchwaches, lediges Gefaͤß ſolch ein ungeheures volles Orhoft tragen? Er hat eine ganze La⸗ dung von Bordeauxſchem Zeuge im Leibe, ich habe nie⸗ mals einen Schiffsraum beſſer ausgeſtopft geſehen.— Komm, ich will gut Freund mit dir ſeyn, Hans; du gehſt jetzt in den Krieg, und ob ich dich jemals wieder ſehen ſoll oder nicht, da fragt kein Menſch darnach⸗ (Ein Kuͤfer kommt.) Rüf. Herr, unten iſt Fähndrich Piſtol, und will mit euch ſprechen. Dortch. An den Galgen mit dem Schelm von Re⸗ nommiſten; laßt ihn nicht hereinkommen, es giebt kein loſeres Maul in ganz England. wirth. Wenn er renommirt, ſo laßt ihn nicht herein⸗ kommen; nein, meiner Seele, ich muß mit meinen Nachbarn leben; ich will keine Renommiſten, ich bin in guter Renommee bei den allerbeſten Leuten.— Schließt die Thuͤr zu, wir laſſen hier keine Renommiſten herein; ich habe es nicht ſo weit in der Welt gebracht, um nun hier renommiren zu laſſen; ſchließt die Thuͤr zu, ich bitte euch. Falſt. Hoͤrſt du, Wirthin! wirth. Ich bitte, beruhigt euch, Sir John, wir laſſen hier keine Renommiſten herein. Falſt. Hoͤrſt du? es iſt mein Fähndrich. wirth. Wiſchewaſche, Sir John, ſagt mir da nicht von; euer Renommiſten⸗Faͤhndrich ſoll nicht in meine vier Waͤnde kommen. Ich wurde letzthin bei Herrn Zeh⸗ rung, dem Kommiſſar, vorgefordert, und wie er mir ſagte,— es iſt nicht länger her als letzten Mittwoch,—„Nach⸗ barin Hurtig,“ ſagte er, Meiſter Stumm, unſer Pfarrer, war auch dabey;„Nachbarin Hurtig,“ ſagte er,„nehmt bloß ordentliche Leute auf; denn“ ſagte er,„ihr ſeyd in uͤblem Rufe“— und ich weiß auch, warum er das ſagte, „denn“ ſagte er,„ihr ſeyd eine ehrliche Frau und man denkt gut von euch; darum ſeht euch vor, was fuͤr Gaͤſte ihr aufnehmt: nehmt keine renommirenden Geſellen auf“ ſagte er.— Ich laſſe keine herein, ihr wuͤrdet euch kreuzigen und ſegnen, wenn ihr gehoͤrt haͤttet, was er ſagte. Nein, ich will keine Renommiſten! 6 Falſt. Er iſt kein Renommiſt, Wirthin, ein zahmer Lok⸗ ker iſt er; er läßt ſich ſo geduldig von euch ſtreichein wie ein Windſpiel, er renommirt nicht gegen eine Truthenne, wenn 272 Koͤnig Heinrich W. A. M. ſich ihre Federn irgend ſtraͤuben, um Widerſtand zu dro⸗ hen.— Ruf ihn herauf, Kuͤfer. wirth. Loeker nennt ihr ihn? nun, ich will keinem ehrlichen Mann das Haus verſchließen, und keinem lockern auch nicht. Aber das Renommiren mag ich nicht leiden; meiner Treu mir wird ſchlimm, wenn einer ſagt: Renom⸗ miſt. Fuͤhlt nur an, liebe Herren, wie ich zittre; ſeht, ihr koͤnnt mirs glauben.. Dortch. Das thut ihr auch, Wirthin. Wirth. Thu' ichs nicht? Ja wahrhaftig thu' ichs, wie ein Espenlaub, ich kann die Renommiſten nicht ausſtehn. Wiſtol, Bardolph und Page kommen.) Piſt. Gott gruͤß' euch, Sir John. Falſt. Willkommen, Fihndrich Piſtol! Hier, Piſtol, ich lade dich mit einem Glaſe Sekt, gieb du dann der Frau Wirthin die Ladung. Piſt. Ich will ihr die Ladung geben, Sir John, mit zwey Kugeln. Falſt. Sie iſt Piſtolenfeſt, ihr werdet ihr ſchwerlich ein Leid zufuͤgen. wirth. Geht, ich habe nichts mit euren Piſtolen und Kugeln zu ſchaffen; ich trinke nicht mehr als mir gut be⸗ koͤmmt, keinem Menſchen zu Lieb. Piſt. Dann zu euch, Jungfer Dorothee: ich will euch die Ladung geben. Dortch. Mir die Ladung geben? Ja, kommt mir, Lau⸗ ſekerl! Was, ſo'n armer Schelm von Betruͤger, der kein heiles Hemd auf dem Leibe hat! Packt euch, ihr abge⸗ ſtandener Schuft! fort! Ich bin ein Biſſen fuͤr euren Herrn. Piſt. Ich kenne euch, Jungfer Dorothee. Dortch. Packt euch, ihr Schurke von Beutelſchneider! ihr garſtiger Taſchendieb, fort! Bey dem Wein hier, ich fahre euch mit meinem Meſſer zwiſchen die ſchimmlichten Kinnbacken, wenn ihr euch bey mir mauſig machen wollt. Packt euch, ihr Bierſchlingel! ihr lahmer Fechtboden⸗ Springer ihr!— Seit wann, Herr, ich bitte euch? Ey, zwey Schnüre auf der Schulter! der Tauſend! Piſt. Dafuͤr will ich euern Kragen ermorden. Falſt. Nicht weiter, Piſtol, ich moͤchte nicht, daß du hier losgingeſt. Druͤcke dich aus unſerer Geſellſchaft ab, Piſtol. p Und hohl geſtopfte Maͤhren A Sz. 4. Zweyter Theil. 23 wirth. Nein, beſter Hauptmann Piſtol! nicht hier, ſchoͤnſter Hauptmann! Dortch. Hauptmann! du abſcheulicher verdammter Ber truͤger, ſchaͤmſt du dich nicht, Hauptmann zu heißen? Wenn Hauptleute ſo geſinnt wären wie ich, ſo pruͤgelten ſie dich hinaus, weil du ihre Namen annimmſt, ehe dü ſie ver⸗ dient haſt. Ihr ein Hauptmann, ihr Lump! wofuͤr! Weil ihr einer armen Hure in einem Bordell den Kragen zer⸗ riſſen habt! Er ein Hauptmann? an den Galgen mit ihm! Er lebt von verſchimmelten geſottnen Pflaumen, und altbacknem Kuchen. Ein Hauptmann! Solche Spitz⸗ buben werden das Wort Hauptmann noch ganz verhaßt machen, drum ſollten Haupttrute ein Einſehn haben. Bard. Ich bitte dich, geh hinunter, beſter Faͤhndrich. Falſt. Pſt! auf ein Wort, Jungfer Dortchen. piſt. Ich nicht. Ich will dir was ſagen, Korporal Bardolph;— ich koͤnnte ſie zerreißen,— ich will ge⸗ rochen ſeyn. Page. Ich bitte dich, geh hinunter. piſt. Sie ſey verdammt erſt,— zu Pluto's grauſem See, zur hoͤll ſchen Tiefe, mit Erebus und ſchnoͤden Gualen auch. Holt Lein' und Angel, ſag' ich. Fort, Hunde! fort, Geſindel!(auf den Degen ſchlagend.) Iſt Durindan' nicht hier? wirth. Lieber Hauptmann Peſel, ſeyd ruhig! Es iſt wahrhaftig ſchon ſehr ſpaͤt, ich bitte euch, forcirt euren Zorn. iſt. Das waͤren mir Humore! Soll'n Packpferde, iens, Die dreißig Meilen nur des Tages laufen, Mit Cäſarn ſich und Kannibalen meſſen, Und griech'ſchen Troern? Eh verdammt ſie mit Fuͤrſt Cerberus, und bruͤll das Firmament! Entzweyn wir uns um Tand? 106 0 wirth. Meiner Seel, Hauptmann, das ſind recht harte Reden. 135 Bard. Geht, guter Faͤhndrich, ſonſt wird noch eine Pruͤgeley daraus⸗ nn piſt. Wie Hunde ſterben Menſchen; Kronen gebt Wie Nadeln weg; iſt Durindan' nicht hier? 1 wirth. Auf mein Wort, Hauptmann, ſo eine iſt gar nicht hier. Ey du liebe Zeit! denkt ihr, ich wollte ſie euch verläͤugnen? Um Gotteswillen, ſeyd ruhig. aeb . 18 274 Koͤnig Heinrich W.. A. II. piſt. So iß und ſey fett, ſchoͤnſte Calipolis! Kommt, gebt uns Sekt! Si fortuna me tormenta, Sperato me contenta; Scheun Salven wir? Rein, feuer' der boͤſe Feind! Gebt mir was Sekt, und, Herzchen, lieg du da! (Indem er den Degen ablegt.) Sind wir am Schlußpunkt ſchon, und kein et cetera giebts? Falſt. Piſtol, ich waͤre gern in Ruhe. piſt. Ich kuͤſſe deine Pfote, holder Ritter. Was? ſahn wir nicht das Siebengeſtirn? Dortch. Werft ihn die Treppe hinunter! ich kann ſo einen aufgeſtelzten Schuft nicht ausſtehn. piſt. Wirft ihn die Treppe hinunter? Wir kennen Klepper ja! Faſt. Schleudre ihn hinunter, Bardolph, wie einen eilkenſtein! Wenn er nichts thut, als nichts ſprechen, ſo ſoll er hier auch nichts vorſtellen. Bard. Kommt, macht euch die Treppe hinunter. piſt. So muß man Einſchnitt machen? muß beſudeln? 2(Greift ſeinen Degen auf.) Dann wiez mich, Tod, in Schlaf! Verbirg die Jammertage! Dann ſey'n durch ſchwere, grauſe, offne Wunden Die Schweſtern drey geloͤſt! Komm, ſag' ich, Atropos! Wirth. Das ſind mir herrliche Streiche? Falſt. Gieb mir meinen Degen, Burſch. Bortch. Ich bitte dich, Hans, ich bitte dich, zieh nicht. Falſt. Packt ench die Treppe hinunter. (Er zieht und jagt Piſtol hinaus.) wirth. Das iſt mir ein herrlicher Laͤrm! Ich will das Wirthſchafthalten lieber abſchwoͤren, als daß ich ſo einen Schreck und Terrör haben will. Nu, das giebt Mord, glaubt mir's!— Ach Je! Ach Je! ſteckt eure bloßen Gewehre ein! ſteckt eure bloßen Gewehre ein! 156(Piſtol und Bardolph ab.) Dortch. Ich bitte dich, Hans, ſey ruhig! der Schuft iſt fort. Ach, du kleiner tapfrer Blitzſchelm du! wirth. Seyd ihr nicht in der Weiche verwundet? Mich duͤnkt, er that einen gefaͤhrlichen Stoß nach eurem Bauche. (Bardolph kommt zuruͤck.) Falſt. Habt ihr ihn zur Thuͤr hinaus geworfen? Sz. 4. weyter Theil⸗ 275 Bard. Ja, Herr. Der Schuft iſt beſoffen, ihr habt ihn in die Schulter verwundet. Falſt. So ein Schurke! mir zu trotzen! Dortch. Ach, du allerliebſter kleiner Schelm du! Ach, armer Affe! wie du ſchwitzeſt! Komm, laß mich dein Ge⸗ ſicht abwiſchen,— komm doch her⸗ du naͤrriſche Schnauze! — Ach, Schelm! mein Seei, ich liebe dich. Du biſt ſo tapfer, wie der Trojaniſche Hektor, fuͤnf Agamemnons werth, und zehnmal beſſer, als die neun Helden.— Ein Spitzbube! Falſt. Ein niedertraͤchtiger Schurke! Ich will den Schelm auf einer Bettdecke prellen. Dortch. Ja, thu's, wenn du das Herz haſt, wenn du's thuſt, ſo will ich dich zwiſchen zwey Laken vorkriegen. (Muſikanten kommen.) Page. Die Muſikanten ſind da, Herr. Falſt. Laß ſie ſpiclen.— Spirlt, Leute!— Dortchen, ſetz dich auf meinen Schooß. Ein elender Großprahler! Der Schurke lief vor mir davon, wie Queckſilber. Dortch. Wahrhaftig, und du warſt wie ein Kirchthurm hinter ihm drein. Du verwettertes, kleines, zuckergeback⸗ nes Weihnachts⸗Schweinchen, wenn wirſt du das Fechten bey Tage und das Raufen bey Nacht laſſen, und an⸗ fangen, deinen alten Leib fuͤr den Himmel zurecht zu flicken? (Im Hintergrunde erſcheinen Prinz Heinrich und Poins, als Kuͤfer verkleidet.) Falſt. Still, liebes Dortchen! Sprich nicht wie ein Todtenkopf, erinnre mich nicht an mein Ende. Dortch. Hoͤr doch, von was fuͤr einem Humor iſt denn der Prinz? Falſt. Ein guter, einfaͤltiger junger Menſch. Er haͤtte einen guten Brodmeiſter abgegeben, er wuͤrde das Brod gut vorſchneiden. 303b Dortch. Aber Poins ſoll einen feinen Witz haben. Falſt. Der einen feinen Witz? Zum Henker mit dem Maulaffen! Sein Witz iſt ſo dick, wie Senf von Teks⸗ vury; er hat nicht mehr Verſtand, als ein Hammer. Dortch. Weswegen hat ihn denn der Prinz ſo gern? Falſt. Weil der eine ſo duͤnne Beine hat, wie der andre, und weil er gute Peilke ſpielt, und ißt Meeraal und Fenchel, und ſchluckt brennende Kerzen⸗Endchen im 415 276 Konig Heinrich IV. A. Wein hinunter, und traͤgt ſich Huckepack mit den Jungen, und ſpringt uͤber Schemmel, und flucht mit gutem An⸗ ſtande, und traͤgt ſeine Stiefeln glatt an, wie an einem ausgehaͤngten Bein auf einem Schilde, und ſtiftet keinen Zank durch Ausplandern von feinen Geſchichten, und mehr dergleichen Springergaben hat er, die einen ſchwa⸗ chen Geiſt und einen geſchickten Koͤrper beweiſen, weswe⸗ gen ihn der Prinz um ſich leidet; denn der Prinz iſt ſelbſt eben ſo ein Geſell; das Gewicht eines Haars wird zwiſchen ihnen der einen Schaale den Ausſchlag geben. Pr. Zeinr. Sollte man dieſer Nabe von einem Rade nicht die Ohren abſchneiden? poins. Laßt uns ihn vor den Augen ſeiner Hure pruͤgeln. Pr. Zeinr. Seht doch, laßt ſich der welke Alte nicht den Kopf krauen, wie ein Papagey! Poins. Iſt es nicht wunderbar, daß die Begierde das Vermoͤgen um ſo viele Jahre uͤberlebt? Falſt. Kuͤſſe mich, Dortchen. Pr. Heinr. Saturn und Venus heuer in Konjunk⸗ tion! Was ſagt der Calender dazu? Poins. Seht nur, fluͤſtert nicht auch ſein Kerl, der feurige Triangel, mit dem alten Regiſter ſeines Herrn, ſeiner Schreibtaſel, ſeinem Denkbuche! Falſt. Du giebſt mir angenehme Schmaͤtzchen. Dortch. Ja wahrhaftig, ich kuͤſſe dich mit einem recht beſtaͤndigen Herzen. Falſt. Ich bin alt, ich bin alt⸗ Dortch. Ich habe dich lieber, als alle die jungen Gelbſchnaͤbel miteinander. Falſt. Aus was fuͤr Zeug willſt du einen Leibrock haben! Auf den Donnerſtag kriege ich Geld, du ſollſt morgen eine Muͤtze haben. Komm, ein luſtiges Lied! Es wird ſpät, wir wollen zu Bett. Wenn ich weg bin, wirit du mich vergeſſen. Dortch. Meiner Treu, du wirſt mich zum Weinen brin⸗ gen, wenn du das ſagſt; ſieh zu, ob ich mich jemals huͤbſch kleide, bis du wieder zuruͤck biſt. Nun warte das Ende ab. Falſt. Was Sekt, Franz! Pr. Zeinr. u. Poins.(hervortretend.) Gleich, Herr! gleich Falſt. Ha! ein Baſtard⸗Sohn des Koͤnigs. Und biſt du nicht Poins, ſein Bruder? . Sz. 4. Zweyter Theil. 277 Pu. Heinr. Ey, du Erdball von ſuͤndlichen Laͤndern, was fuͤr ein Leben fuͤhrſt du? Falſt. Ein beſſeres als du, ich bin ein Mann von Stande, du ziehſt Bier ab. pr. Zeinr. Ganz richtig, Herr, und darum komme ich, euch das Fell abzuzichn. wirth. O, der Herr erhalte deine wackre Gnaden! Meiner Treu, willtommen in London!— Nun, der Herr ſegne dieß dein holdes Angeſicht! O Jeſus, ſeyd ihr aus Wales zuruͤckgekommen? Falſt.(indem er die Hand auf Dortchen legt.) Du ver⸗ wettertes tolles Stuͤck Majeſtat, bei dieſem leichsfertigen Fleiſch und verderbtem Blut, du biſt willkommen. Dortch. Was, ihr gemaͤſteter Narr? Ich frage nichts nach euch. poins. Gnadiger Herr, er wird euch aus eurer Rache heraustreiben, und alles in einen Spaß verwandeln, wenn ihr ihm nicht in der erſten Hitze zuſetzt. Pr. Zeinr. Du verfluchte Talggrube, wie niedertraͤch⸗ tig ſprachſt du jetzt eben von mir vor dieſem ehrbaren, tugendhaften, artigen Frauenzimmer? 4 wirth. Gott ſegne euer gutes Herz! das iſt ſie auch, gewiß und wahrhaftig. Falſt. Haſt du es angehoͤrt? r. Zeinr. Ja, und ihr kanntet mich, wie damals, da ihr bey Gadshill davon lieft; ihr wußtet, daß ich hin⸗ ter euch ſtand, und thatet es mit Fleiß, um meine Ge⸗ duld auf die Probe zu ſtellen. Falſt. Nein, nein, nein, das nicht; ich glaubte nicht, daß du mich hoͤren koͤnnteſt. pr. veinr. So muͤßt ihr mir die vorſätzliche Beſchimpfung eingeſtehn, und dann weiß ich, wie ich euch handhaben ſoll. Falſt. Keine Beſchimpfung, Heinz, auf meine Ehre! keine Beſchimpfung! pr. Zeinr. Nicht! Mich herunter zu machen, und mich Brodmeiſter und Brodſchneider, und ich weiß nicht was, zu nennen! Falſt. Keine Beſchimpſung, Heinz! poins. Keine Beſchimpfung? Falſt. Nein, Eduard, keine Beſchimpfung auf der Weltz 278 Koͤnig Heinrich 1V. A. II. nicht die geringſte, mein ehrlicher Eduard. Ich machte ihn herunter vor den Gottloſen, damit die Gottloſen ſich nicht in ihn verlieben moͤchten; darin habe ich die Pflicht eines beſorgten Freundes und eines redlichen Unterthans ausgeubt, und dein Vater hat mir dafüt zu danken. Keine Beſchimpfung, Heinz! nicht die geringſte, Eduard!— nein, Kinder, nicht die geringſte! Pr. HZeinr. Nun ſieh einmal, bringt dich nicht bloße Furcht und ausgemachte Feigheit dahin, dieſem tugend⸗ haften Frauenzimmer zu nahe zu thun, um dich mit uns auszuſöhnen? Iſt ſie von den Gottloſen? iſt unſte Frau Wirthin da von den Gottloſen? oder iſt der Burſch von den Gottloſen? oder der ehrliche Bardolph, deſſen An⸗ dacht in ſeiner Naſe brennt, von den Gottloſen? Poins. Antworte, du abgeſtorbene Ruͤſter! antworte! Falſt. Den Bardolph hat der boͤſe Feind ohne Ret⸗ tung gezeichnet, und ſein Geſicht iſt Luzifers Leibkuͤche, wo er nichts thut als Malzwürmer roſten. Was den Knaben betrifft, ſo iſt ein guter Engel um ihn, aber der Teufel uͤberbietet ihn auch. Pr. Feinr, Was die Weiber betrifft,— Falſt. Die eine von ihnen,— die iſt ſchon in der 6 Hoͤlle und brennt, die arme Seele! Was die andre be⸗— trifft,— ich bin ihr Geld ſchuldig, und ob ſie dafuͤr ver⸗ dammt iſt, weiß ich nicht, wirth. Rein, das will ich euch verſichern. Falſt. Ja, ich denke es auch nicht: ich denke, deſſen biſt du guitt. Es giebt aber noch eine andre Klage wider dich, daß du gegen die Verordnung in deinem Hauſe Fleiſch eſſen laͤſſeſt; dafuͤr wirſt du, denke ich, noch einmal heulen. „ Wirth. Das thun alle Speiſewirthe. Was will eine Schoͤpskeule oder ein Paar in der ganzen Faſtenzeit ſagen? Pr. Zeinr. Ihr, Frauenzimmer— Dortch. Was ſagen Euer Gnaden? Falſt. Seine Gnade ſagt etwas, wogegen ſich ſein Fleiſch auflehnt. Wirth. Wer klopft ſo laut an die Thuͤre? Sieh nach der Thuͤre, Franz. (Peto kommk.) Pr. Zeinr. Peto, was giebts? Was bringſt du neues? Peto. Der Koͤnig, euer Vater, iſt zu Weſtminſter, Sz. 4. Zweyter Theil 279 und zwanzia muͤde und erſchoͤpfte Boten Sind aus dem Norden da; und wie ich herkam, Traf ich, und holt' ein Dutzend Hauptleut' ein, Baarkoͤpfig, ſchwitzend an die Schenken klopfend, Und alle fragten ſie nach Sir John Falſtaff. Pr. Zeinr. Beym Himmel, Poins, ich fuͤhl mich tadelnswerth, So muͤßig zu entweihn die edle Zeit, Wenn Wetter der Empoͤrung wie der Suͤd Von ſchwarzem Dunſt getragen, ſchmelzen will, Und träͤuft auf unſer unbewehrtes F Gieb Degen mir und Mantel— Falſtaff, gute Nacht! (Prinz Heinrich, Poins, Peto und Bardolph ab.) Falſt. Nun kommt der leckerſte Biſſen der Nacht, und wir muͤſſen fort und ihn ungenoſſen laſſen.(Man hort klopfen.) Wieder an der Thuͤr geklopft!(Bardolph kommt zuruͤck.) Nun? was giebts? Bard. Ihr muͤßt gleich fort an den Hofz ein Dutzend Hauptleute warten an der Thoͤr' auf euch. Falſt.(zum Pagen.) Bezahle die Muſikanten, Burſch.— Leb wohl, Wirthin,— leb wohl, Dortchen.— Ihr ſeht⸗ meine guten Weibsbilder, wie Maͤnner von Verdienſt ge⸗ ſucht werden; der Unverdiente kann ſchlafen, waͤhrend der tuͤchtige Mann aufgerufen wird. Lebt wohl, meine guten Weibsbilder,— wenn ich nicht ſchleunig weggeſandt werde, ſo will ich euch noch wieder beſuchen, eh ich gehe⸗ Ich kann nicht ſprechen,— wenn mir das Herz nicht brechen ſoll.— Nun, herzliebſter Hans, trage Sorge fuͤr dich ſelbſt. Falſt. Lebt wohl, lebt wohll Galſtaff und Bardolph ab.) wirth. Nun, ſo lebe wohl! Neun und zwanzig Jahre ſinds nun, daß ich dich gekannt habe, wenn die grünen Erbſen wieder kommen; aber einen ehrlicheren Mann und ein treueres Gemuͤth,— Nun ſo lebs wohl! Bard.(draußen.) Jungſer Lakenreißer! wirth. Was giebts? Bard.(draußen.) Heißt Jungfer Lakenreißer zů mei⸗ nem Herrn kommen. wirth. O lauf Dortchen, lauf! Lauf! liebes Dortchen! (Beyde ab.) 280 Konig Heinrich Iv. A. III. Dritter Aufzug. Erſte Szene. Ein 3immer im Palaſt. (Koͤnig Heinrich kommt im Nachtkleide mit einem Pagen.) R. Heinr. Geh, ruf die Grafen Surrey her, und Warwick, Doch heiß zuvor ſie dieſe Briefe leſen, Und reiflich ſie erwaͤgen; thu's mit Eil. MWage ab.) Wie viel der ärmſten Unterthanen ſind Um dieſe Stund' im Schlaf!—O Schlaf! o holder Schlaf! Du Pfleger der Natur, wie ſchreckt' ich dich, Daß du nicht mehr zudrucken willſt die Augen Und meine Sinne tauchen in Vergeſſen? Was liegſt du lieber, Schlaf, in rauch'gen Huͤtten, Auf unbequemer Streue hingeſtreckt, Von ſummenden Nachtfliegen eingewiegt, Als in der Großen duftenden Palaͤſten, Unter den Baldachinen reicher Pracht, Und eingelullt von ſuͤßen Melodie'n? O bloder Gott, was liegſt du bei den Niedern Auf ecklem Bett, und läß'ſt des Koͤnigs Lager Ein Schilderhaus und Sturmesglocke ſeyn? Verſiegelſt du auf ſchwindelnd hohem Maſi Des Schifferjungen Aug“, und wiegſt ſein Hirn In rauher ungeſtuͤmer Wellen Wiege, Und in der Winde Andrang, die beym Gipfel Die tollen Wogen packen, krauſen ihnen Das ungeheure Haupt, und haͤngen ſie Mit tobendem Geſchrey ins Klatte Tauwerk, Daß vom Getuͤmmel ſelbſt der Tod erwacht? Giebſt du, o Schlaf, partheyiſch deine Ruh Dem Schifferjungen in ſo rauher Stunde, Und weigerſt in der ruhig ſtillſten Nacht Bey jeder Foͤrderung ſie einem»Koͤnig? So legt, ihr Niedern, nieder euch begluͤckt; Schwer ruht das Haupt, das eine Krone druͤckt. (Warwick und Surrey treten auf. Warw. Den ſchoͤnſten Morgen Eurer Majeſtaͤt! R. Zeinr. Iſt es ſchon Morgen, Lords? Warw. Es iſt Ein Uhr, und druͤber. R. Zeinr. So habt denn guten Morgen. Lieben Lords, Laſ't ihr die Briefe, die ich euch geſandt? —— Sz. 1. Zweyter Theil. 281 warw. Ja, gnaͤd'ger Herr. R. weinr. So kennt ihr nun den Koͤrper unſers Reichs, Wie angeſteckt er iſt, wie ſchlimme Uebel, Dem Herzen nah, gefaͤhrlich in ihm gähren. Warw. Noch iſt es nur wie Unordnung im Koͤrper, Den guter Rath und wen'ge Arzeney Zu ſeiner vor'gen Staͤrke bringen kann.— Myilord Northumberland iſt bald geküͤhlt. R. Zeinr. O Himmel, könnte man im Buch des Schickſals Doch jeſen, und der Zeiten Umwälzung Die Berge ebnen und das feſte Land, Der Dichte uͤberdruͤſſig, in die See Wegſchmelzen ſehn! und ſehn des Oceans Umguͤrtend Ufer fuͤr Neptunus' Huͤften Ein andermal zu weit! Wie Zufall ſpielt, Und Wechſel der Veraͤndrung Schale fuͤllt Mit mancherley Getraͤnk! O, ſaͤh man das, Der frohſte Juͤngling, dieſen Fortgang ſchauend, Wie hier Gefahr gedroht, dort Leiden nahn, Er ſchloͤß' das Buch, und ſetzte ſich und ſtuͤrbe. Es ſind noch nicht zehn Jahr, Seit Richard und Northumberland als Freunde Zuſammen ſchmauſ'ten, und zwey Jahr nachher Gabs zwiſchen ihnen Krieg: acht Jahr nur, ſeit Der Perey meinem Herzen war der naächſte, Der wie ein Bruder ſich erſchoͤpft fuͤr mich, Und Lieb' und Leben mir,zu Fuͤßen leate, Ja, meinetwillen, ſelbſt in Richards Antliz Ihm Trotz bot. Doch wer war dabey von euch(zu Warwick.) Ihr Vetter Nevil, wie ich mich erinnre), Ns Richard, ganz von Thraͤnen uͤberfließend, Damals geſcholten vom Northumberland, Die Worte ſprach, die Prophezeyung wurden? „Northumberland, du Leiter, mittelſt deren „Mein Vetter Bolingbroke den Thron beſteigt;“— Was da, Gott weiß, nicht in den Sinn mir kam, Wenn nicht Nothwendiakeit den Staat ſo bog, Daß ich und Größ' einander kuͤſſen mußten; „Es kommt die Zeit,“ dieß ſetzt' er dann hinzu, „Es kommt die Zeit, daß arge Suͤnde, reifend, „Ausbrechen wird in Faͤulniß!“ fuhr ſo fort, Und ſagte dieſer Zeiten ganze Lage Und unſtrer Freundſchaft Trennung uns vorher. 282 Koͤnig Heinrich W. A. III. Warw. Ein Hergang iſt in aller Menſchen Leben, Abbildend der verſtorbnen Zeiten Art; Wer den beachtet, kann, zum Ziele treffend, Der Dinge Lauf im Ganzen prophezeyn, Die, ungeboren noch, in ihrem Samen Und ſchwachem Anfang eingeſchachtelt liegen; Dergleichen wird der Zeiten Brut und Zucht. Auf die nothwend'ge Form hievon vermochte Richard die ſichre Muthmaßung zu baun, Der maͤchtige Northumberland, ihm falſch, Werd' aus der Saat, zu großrer Falſchheit wachſen, Die keinen Boden, drein zu wurzeln, faͤnde, Als nur an euch. R. Heinr. Sind dies Nothwendigkeiten? Beſtehn wir auch ſie wie Nothwendigkeiten; Dieß ſelbe Wort ruft eben jetzt uns auf.— Man ſagt, der Biſchof und Northumberland Sind funfzigtauſend ſtark. Warw. Es kann nicht ſeyn, mein Fuͤrſt. Geruͤcht verdoppelt, ſo wie Stimm' und Echo, Die Zahl Gefuͤrchteter.— Beliebt Eur Hoheit Zu Bett zu gehn; bey meinem Leben, Herr, Die Macht, die ihr ſchon ausgeſendet habt, Wird leichtlich dieſe Beute bringen heim. Euch mehr zu troͤſten, ſo empfing ich jetzt Gewiſſe Nachricht von Glendowers Tod⸗ Eur Majeſtaͤt war krank ſeit vierzehn Tagen, Und dieſe unbequemen Stunden muͤſſen Das Uebel mehren. R. Heinr. Ich folge eurem Rath. Und laͤßt der innre Krieg uns freye Hand, So ziehn wir, werthe Lords, in's heil'ge Land.(ab.) 8 weyte Szene. Hof vor dem Hauſe des Friedensrichters Schaal in Gloceſterſhire. Schaal und Stille, kommen von verſchiednen Seiten; Schimmelig, Schatte, Warze, Schwaͤchlich, Bul⸗ lenkalb und Bediente im Hintergrunde.) Schaal. Sieh da, ſieh da, ſieh da! Gebt mir die Hand, Herr! gebt mir die Hand, Herr! Fruͤh bey Wege, meiner Sir! Nun, was macht denn mein guter Vetter Stille? Stille. Guten Morgen, guter Vetter Schaal. Sz. 2. Zweyter Theil⸗ 283 Schaal. Und was macht meine Muhme, eure Ehe⸗ haͤlfte! Und euer allerliebſtes Toͤchterchen, und meins, mein Pathchen Lene? Stille. Ach, das iſt eine ſchwarze Amſel, Vetter Schaal. Schasl. Bey Ja und Nein, Herr, ich will darauf wetten, mein Vetter Wilhelm iſt ein guter Lateiner gewor⸗ den. Er iſt noch zu Opford, nicht wahr? Stille. Ja freylich, es koſtet mir auch⸗ Schaal. Da muß er bald in die Rechtshoͤfe. Ich war auch einmal in Clemens⸗Hof, wo ſie, denke ich, noch von dem tollen Schaal ſprechen werden. Stille. Ihr hießt damals der muntre Schaal, Vetter. Schaal. Beym Element, ich hieß, wie man wollte, und ich haͤtte auch gethan, was man wollte, ja wahrhaftig, und das friſch weg. Da war ich und der kleine Johann Deut aus Staffordſhire, und der ſchwarze Georg Kahl, und Franz Nagebein, und Wilhelm Quaake, einer aus Cots⸗ wold,— es gab ſeitdem keine vier ſolchen Haudegen in allen den Rechtshoͤfen zuſammen, und ich kann's euch wohl ſa⸗ gen, wir wußten, wo loſe Waare zu haben war, und hat⸗ ten immer die beſte zu unſerm Beſehl. Damals war Hans Falſtaff, jetzt Sir John, ein junger Burſch, und Page bey Thomas Mowbray, Herzog von Norfolk. Stille. Derſelbe Sir John, Vetter, der heut' der Sol⸗ daten wegen herkommt? Schaal. Derſelbe Sir John, eben derſelbe. Ich habe ihn am Thor des Kollegiums dem Skogan ein Loch in den Kopf ſchlagen ſehn, da er ein Knirps, nicht ſo hoch, war; grade den ſelben Tag ſchlug ich mich mit einem ge⸗ wiſſen Simſon Stockfiſch, einem Obſthändler, hinter Grah's Hof. O, die tollen Tage, die ich hingebracht habe! und wenn ich nun ſehe, daß ſo viele von meinen alten Be⸗ kannten todt ſind! Stille. Wir werden alle nachfolgen, Vetter. Schaal. Gewiß, ja das iſt gewiß. Sehr ſicher! ſehr ſicher! Der Tod, wie der Pſalmiſt ſagt, iſt allen gewiß, alle muͤſſen ſterben. Was gilt ein gutes Paar Ochſen auf dem Markt zu Stamford? Stille. Wahrhaftig, Vetter, ich bin nicht da geweſen. Schaal. Der Tod iſt gewiß.— Iſt der alte Doppel⸗ euer Landsmann, noch am Leben? 284 Koͤnig Heinrich W. A. III. Stille. Todt, Herr. Schaal. Todt!— Sieh! ſieh!— er fuͤhrte ſeinen guten Bogen— und iſt todt!— er ſchoß ſeinen tuͤchtigen Schuß; Johann von Gaunt hatte ihn gern, und wettete viel Geld auf ſeinen Kopf. Todt!— Auf zweyhundert und vier⸗ zig Schritt traf er ins Weiße, und trieb euch einen leich⸗ ten Bolzen auf zweyhundert und achtzig, auch neunzig Schritt, daß einem das Herz im Leibe lachen mußte.— Wie viel gilt die Mandel Schaafe jetzt? Stille. Nachdem ſie ſind; eine Mandel gute Schaafe kann wohl zehn Pfund werth ſeyn. Schaal. Und iſt der alte Doppel todt! (Bardolph kommt, und einer mit ihm.) Stille. Hier kommen, denk' ich, zwey von Sir John Falſtaffs Leuten. Bard. Guten Morgen, wackre Herrn! Ich bitte euch, wer von euch iſt der Friedensrichter Schaal? Schaal. Ich bin Robert Schaal, Herr; ein armer Gutsbeſitzer aus der Grafſchaft, und einer von des Koͤ⸗ nigs Friedensrichtern. Was ſteht zu eurem Befehl? Bard. Mein Hauptmann, Herr, empfiehlt ſich euch; mein John Falſtaff, ein tuͤchtiger Ka⸗ valier, beym Himmel, und ein ſehr beherzter Anfuͤhrer. Schaal. Ich danke fuͤr ſeinen Gruß. Ich habe ihn als einen guten Fechter gekannt. Was macht der gute Ritter? Darf ich fragen, was ſeine Frau Gemahlin macht? Bard. Um Verzeihung, Herr, ein Soldat iſt beſſer akkommodirt ohne Frau. Schaal. Es iſt gut geſagt, meiner Treu, Herr; in der That, recht gut geſagt. Beſſer akkommodirt! Es iſt gut, ja in allem Ernſt, gute Phraſen ſind und waren von jeher ſehr zu rekommandiren. Akkommodirt! es kommt von acoommodo; ſehr gut! eine Phraſe. Bard. Verzeiht mir, Herr, ich habe das Wort ſo gehort. Phraſe nennt ihr es? beym Element, die Phraſe kenne ich nicht, aber das Wort will ich mit meinem Degen behaup⸗ ten, daß es ein ſoldatenmaͤßiges Wort iſt, und womit man erſtaunlich viel ausrichten kann. Akkommodirt: das heißt, wenn ein Menſch, wie ſie ſagen, akkommodirt iſt; oder wenn ein Menſch das iſt— was maßen— wodurch man ihn fuͤr akkommodirt halten kann; was ein herrliche Sache iſt. GFalſtaff kommt.) Sz. 2. Zweyter Theil. 285 Schaal. Sehr richtig!— Seht, da kommt der gute Sir John— gebt mir eure liebe Hand, gebt mir Euer Edeln liebe Hand; auf mein Wort, ihr ſeht wohl aus, und tragt eure Jahre ſehr wohl. Willkommen, beſter Sir John! Falſt. Ich bin erfreut, euch wohl zu ſehen, guter Herr Robert Schaal;— Herr Gutſpiel, wo mir recht iſt? Schaal. Nein, Sir John; es iſt mein Vetter Stille, und mein Kollege im Amte. Falſt. Guter Herr Stille, es ſchickt ſich gut fuͤr euch, daß ihr zum Friedensamte gehoͤrt. Stille. Euer Edlen iſt willkommen. Falſt. Daß dich, das iſt heiße Witterung.— Meine Her⸗ ren, habt ihr mir ein halb Dutzend tuchtige Leute geſchafft? Schaal. Freylich haben wir das, Herr. Wollt ihr euch nicht ſetzen? 1 Falſt. Laßt mich ſie ſehn, ich bitte euch. Schaal. Wo iſt die Liſte? wo iſt die Liſte! wo iſt di⸗ Liſte?— Laßt ſehn! laßt ſehn! laßt ſehn! So, ſo, ſo, ſo,— ja, was wollt' ich ſagen, Herr:— Ralf Schim⸗ melig,— daß ſie vortreten, ſo wie ich ſie aufrufe; daß ſie mirs ja thun, daß ſie mirs ja thun.— Laßt ſehn! wo iſt Schimmelig? Schim. Hier, mit Verlaub. Schaal. Was meynt ihr, Sir John! Ein wohlge⸗ wachsner Kerl, jung, ſtark, und aus einer guten Familie. Falſt. Dein Name iſt Schimmelig? Schim. Ja, mit Verlaub. Falſt. Deſto mehr iſt es Zeit, daß du gebraucht wirſt. Schaal. Ha ha ha! ganz vortrefflich, wahrhaftig! Dinge, die ſchimmelig ſind, muͤſſen gebraucht werden. Ganz ungemein gut!— Wahrhaſtig, gut geſagt, Sir John, ſehr gut! Falſt.(zu Schaal.) Streicht ihn an. Schim. Damit macht ihr mir einen Strich durch die Rechnung, ihr haͤttet mich koͤnnen gehen laſſen. Meine alte Hausfrau hat nun niemand in der Gotteswelt, der ihre Wirthſchaft und ihre Plackerey verrichtet. Ihr haͤt⸗ tet mich nicht anzuſtreichen brauchen, es giebt andre die geſchickter ſind zu marſchiren, als ich. Falſt. Seht mir! Ruhig, Schimmelig, ihr muͤßt mit. Schimmelig, es iſt Zeit, daß ihr verbraucht werdet. 286 Koͤnig Heinrich W. A. III. Schim. Verbraucht? Schaal. Ruhig, Kerl, ruhig! Tretet beyſeit! Wißt ihr auch, wo ihr ſeyd?— Nun zu den andern, Sir John! Laßt ſehn: Siinon Schatte. Falſt. Ey ja, den gebt mir um darunter zu ſitzen! er wird vermuthlich ein kähler Soldat ſeyn. Schaal. Wo iſt Schatte? Schat. Hier, Herr. Falſt. Schatte, weſſen Sohn biſt du? Schat. Meiner Mutter Sohn, Herr. Falſt. Deiner Mutter Sohn! das mag wohl ſeyn, und deines Vaters Schatte; auf die Art iſt der Sohn des Weibes der Schatte des Mannes; es iſt oft ſo, in der That, aber nicht viel von des Vaters Subſtanz. Schaal. Gefällt er euch, Sir John? Falſt. Schatte iſt gut auf den Sommer,— ſtreicht ihn an, denn wir haben eine Menge von Schatten, um die Muſterrolle anzufuͤllen. Schaal. Thomas Warze. Falſt. Wo iſt er? Warze. Hier, Herr. Falſt. Iſt dein Name Warze? Warze. Ja, Herr, Falſt. Du biſt eine ſehr ruppige Warze. Schaal. Soll ich ihn anſtreichen, Sir John? Falſt. Es wäre üͤberfläßig,— ſein Buͤndel iſt ihm auf den Ruͤcken gebaut, und die Beine, worauf die ganze Figur ſteht, ſind ſelbſt nur ein paar Striche; alſo keinen Strich weiter! Schagl. Ha ha ha! ihr verſteht es, Herr, ihr verſteht es. Das muß man ruͤhmen.— Franz Schwaͤchlich! Schwäch. Hier, Herr.„ Salſt. Was fur ein Gewerbe treibſt du, Schwaͤchlich? Schwäch. Ich bin ein Frauenſchneider, Herr. Schaal. Soll ich ihm einen Strich anfuͤgen? Falſt. Das thut nurz wenn er aber ein Mannsſchnei⸗ der waͤre, ſo könnte er euch einen Strich anfuͤgen.— Willſt du ſo viel Löcher in die feindliche Schlachtordnung bohren, als du in einen Weiberrock gemacht haſt? Sz. 2. Zweyter Theil. 287 Schwäch. Ich will nach beſten Kraͤften thun, Herr, ihr koͤnnt nicht mehr verlangen. Falſt. Wohlgeſprochen, guter Frauenſchneider! Wohl⸗ geſprochen, beherzter Schwächlich! Du wirſt ſo tapfer ſeyn, wie die ergrimmte Taube, oder allergroßmuͤthigſte Raus.— Gebt dem Frauenſchneider einen guten Strich, Herr Schaal; tuͤchtig, Herr Schaal. Schwäch. Ich wollte, Warze waͤre mitgegangen, Herr. Falſt. Ich wollte, du waͤrſt ein Mannsſchneider, damit du ihn flicken, und geſchickt machen koͤnnteſt mit zu gehn. Ich kann den nicht zum gemeinen Soldaten machen, der der Anfuͤhrer von ſo vielen Tauſenden iſt. Laß dir das genuͤgen, allergewaltigſter Schwaͤchlich. Schwäch. Ich laſſe es mir genuͤgen, Herr Falſt. Ich bin dir ſehr verbunden, ehrwuͤrdiger Schwaͤchlich.— Wer kommt zunaͤchſt? Schaal. Peter Bullenkalb von der Wieſe. Falſt. Ey ja, laßt uns Bullenkalb ſehen. Bullenk. Hier, Herr. Falſt. Weiß Gott, ein anſehnlicher Kerl!— Kommt, ſtreicht mir Bullenkalb, bis er noch einmal bruͤllt. Bullenk. O Jeſus! beſter Herr Kapitaͤn,— Salſt. Was! brullſt du, eh du geſtrichen wirſt? Bullenk. O Jeſus, Herr, ich bin ein kranker Menſch. Falſt. Was fuͤr eine Krankheit haſt du? Bullenk. Einen verfluchten Schnupfen, Herr; einen Huſten, Herr; ich habe ihn vom Glockenläuten in des Koͤnigs Geſchaͤften gekriegt, an ſeinem Kroͤnungstage, Herr⸗ Falſt. Komm nur, du ſollſt in einem Schlafrock zu Felde ziehn, wir wollen deinen Schnupfen verzreiben, und ich will es ſo einrichten, daß deine Freunde fuͤr dich laͤu⸗ ten ſollen.— Sind das alle? Schaal. Es ſind ſchon zwey uͤber die Zahl aufgerufen; ihr bekommt hier nur viere, Herr; und ſomit bitte ich euch, bleibt bey mir zum Eſſen. Falſt. Wohlan, ich will mit euch eins trinken, aber die Mahlzeit kann ich nicht abwarten. Ich bin erfreut euch zu ſehn, auf mein Wort, Herr Schaal. Schaal. O Sir John, erinnert ihr euch noch, wie wir die ganze Nacht in der Windmuͤhle auf St. Georgenfeld zubrachten? 288 Koͤnig Heinrich V. A. III. Falſt. Nichts weiter davon, lieber Herr Schaal, nichts weiter davon! Schaal. Ha, das war eine luſtige Nacht. Und lebt Hanne Nachtruͤſtig noch? Falſt. Ja, ſie lebt, Herr Schaal. Schaal. Sie konnte niemals mit mir auskommen. Falſt. Niemals, niemals; ſie pflegte immer zu ſagen, ſie koͤnnte Herrn Schaal nicht ausſtehn.( Schaal. Weiß der Himmel, ich konnte ſie bis aufs Blut ärgern. Sie war damals loſe Waare. Haͤlt ſie ſich noch gut? Falſt. Alt, alt, Herr Schaal. Schaal. Freylich, ſie muß alt ſeyn, ſie kann nicht anders als alt ſeyn; alt iſt ſie ganz gewiß; ſie hatte ſchon den Ruprecht Nachtruͤſtig vom alten Nachtruͤſtig, eh ich nach Clements Hof kam. Stille. Das iſt fuͤnf und funfzig Jahre her. Schaal. Ach, Vetter Stille, wenn du das geſehen haͤtteſt, was dieſer Ritter und ich geſehen haben! He, Sir John, hab' ich Recht? Falſt. Wir haben die Glocken um Mitternacht ſpielen hoͤren, Herr Schaal. Schaal. Ja, das haben wir, das haben wir, das haben wir; meiner Treu, Sir John, das haben wir! Unſre Parole war: He, Burſche! Kommt, laßt uns zu Tiſch gehn, laßt uns zu Tiſch gehn. O, uͤber die Tage, die wir geſehen haben! Kommt, kommt! (Falſtaff, Schaal und Stille ab.) Bullenk. Lieber Herr Korperad Bardolph, legt ein gut Wort fuͤr mich ein, und hier ſind auch vier Zehnſchil⸗ lingsſtuͤcke in franzoͤſiſchen Kronen fuͤr euch. In rechtem Ernſt, Herr! ich ließe mich eben ſo gern haͤngen, als daß ich mitgehe; zwar für meine Perſon frag' ich nichts dar⸗ nach, ſondern vielmehr, weil ich keine Luſt habe, und fuͤr meine Perſon ein Verlangen trage bey meinen Freunden zu bleiben; ſonſt, Herr, wollte ich fuͤr meine Perſon nicht ſo viel darnach fragen. Bard. Gut, tretet beyſeit. Schim. Und, lieber Herr Korporal Kapitaͤn, meiner alten Hausfrauen wegen, legt ein gut Wort fuͤr mich ein. Sie hat niemanden, der ihr was verrichten kann, wenn Sz. 2. SBweyter Theil. 289 ich weg bin, und ſie iſt alt, und kann ſich ſelbſt nicht helfen; ihr ſollt auch vierzig Schillinge haben, Herr. Bard. Gut, tretet beyſeit. Schwäch. Meiner Treu, ich frage nichts darnach; ein Menſch kann nur einmal ſterben; wir ſind Gott einen Tod ſchuldig, ich will mich nicht ſchlecht halten,— iſt es mein Schickſal, gut; wo nicht, auch gut; kein Menſch iſt zu gut, ſeinem Fuͤrſten zu dienen, und es mag gehen, wie es will; wer dieß Jahr ſtirbt, iſt fuͤr das nachſte quitt. Bard. Brav, du biſt ein tuͤchtiger Kerl Schwäch. Mein Seel, ich will mich nicht ſchlecht halten. Falſtaff kommt zuruͤck mit Schaal und Stille.) Falſt. Kommt, Herr, was ſoll ich fuͤr Leute haben? Schaal. Viere, was fuͤr welche ihr wollt. Bard. Herr, auf ein Wort! Ich habe drey Pfund von Schimmlich und Bullenkalb, um ſie frey zu laſſen⸗ Schaal. Wohlan, Sir John, welche viere wollt ihr? Falſt. Waͤhlt ihr fuͤr mich. Schaal. Nun dann: Schimmlich, Bullenkalb, Schwäͤchlich und Schatte. Falſt. Schimmlich und Bullenkalb! Ihr, Schimmlich, bleibt zu Hauſe, bis ihr nicht mehr zum Dienſte taugt;— und was euch betrifft, Bullenkalb, wachſt heran, bis ihr tuͤchtig ſeyd; ich mag euch nicht. Schaal. Sir John, Sir John, ihr thut euch ſelber Schaben; es ſind eure anſehnlichſten Leute, und ich moͤchte euch mit den beſten aufwarten. Falſt. Wollt ihr mich meine Leute auswählen lehren, Herr Schaal! Frage ich nach den Gliedmaßen, dem Fleiſch, der Statur, dem großen und ſtarken Anſehn eines Men⸗ ſchen? Auf den Geiſt kommt es an, Herr Schaal. Da habt ihr Warze,— ihr ſeht, was es fur eine ruppige Figur iſt; der ladet und ſchießt euch ſo flink, wie ein Zinngießer haͤm⸗ mert; läuft auf und ab, geſchwinder wie einer, der des Brauers Eimer am Schwengel traͤgt. Und der Geſelle da mit dem Halbgeſicht, Schatte,— gebt mir den Menſchent Er giebt dem Feinde keine Flaͤche zum treffen; der Feind kann eben ſo gut auf die Schneide eines Federmeſſers zie⸗ len; und gehts zum Ruͤckzuge:— wie geſchwind wird dieſer Schwaͤchlich, der Frauenſchneider, davon laufen! O⸗ 1. 19 290 Koͤnig Heinrich W. A. UIM. Sz. 2. gebt mir die manſehnlichen Leute, ſo will ich die großen gar nicht anſehn.— Gieb dem Warze eine Muskete in die Hand, Bardolph. Bard. Da, Warze, marſchire: ſo, ſo, ſo! Falſt. Komm her, handhabe mir einmal deine Muskete. So— recht gut!— nur zu!— ſehr gut, außerordentlich gut! O, ich lobe mir ſo einen kleinen magern, alten, geſtutz⸗ ten, kahlen Schützen!— Brav, Warze, meiner Treu! du biſt ein guter Schelm; nimm, da haſt du einen Sechſer. Schaal. Er iſt noch nicht Meiſter im Handwerk, er verſteht es nicht recht. Ich erinnere mich, als ich in Cle⸗ ments Hof war, auf der Mile⸗end⸗Wieſe,— ich war damals Sir Dasonet in dem Spiel vom Arthur— da war ein kleiner flinker Kerl, der regierte euch ſein Gewehr ſo! und dann drehte er ſich um und um, und dann kam er da, und dann kam er da; piff! paff! ſagte er; bautz! ſagte er; und dann ging er wieder weg, und dann kam er wieder her— in meinem Leben ſeh' ich ſo'nen Kerl nicht wieder. Falſt. Dieſe Leute ſind ſchon zu gebrauchen, Herr Schaal. Gott erhalte euch, Herr Stille! ich will nicht viel Worte mit euch machen.— Lebt beyde wohl, ihr Her⸗ ren! ich danke euch, ich muß heute Abend noch zwölf Meilen reiten.— Bardolph, gieb den Soldaten Roͤcke. Schaal. Sir John, der Himmel ſegne euch, und gebe euren Sachen guten Fortgang, und ſende uns Frie⸗ den! wenn ihr zuruͤckkommt, beſucht mein Haus, laßt uns die alte Bekanntſchaft erneuern; vielleicht gehe ich mit euch an den Hof.. Falſt. Ich wollte, ihr thaͤtets, Herr Schaal. Schaal. Laßt mich machen! Ich habe es geſagt; ein Wort, ein Mann! Lebt wohl!(Schaal und Stille ab.) Falſt. Lebt wohl, ihr herrlichen Herrn! Weiter, Bar⸗ dolph, fͤhv die Leute weg.(Bardolph mit den Rekruten ab.) Wenn ich zuruckkomme, will ich dieſe Friedensrichter herum⸗ holen. Den Frirdensrichter Schaal habe ich ſchon ausge⸗ koſtet. Lieber Gott, was wir alten Leute dem Laſter des Luͤgens ergeben ſind! Dieſer ſchmaͤchtige Friedensrichter hat mir in Einem fort von der Wildheit ſeiner Jugend vorgeſchwatzt, und von den Thaten, die er in Turnbull⸗ ſtraße ausgefuͤhrt hat; und ums dritte Wort eine Luͤge dem Zuhoͤrer richtiger ausgezahlt, als der Tribut des Groß⸗ tuͤrken. Ich erinnere mich ſeiner in Clements⸗Hof, da warer ——— Sie— ——— Sie— A. IV. Sz. 1. Zweyter Theil. W1 wie ein Maͤnnchen, nach dem Eſſen aus einer Käſerinde verfertigt; wenn er nackt war, ſah er natuͤrlich aus, wie ein geſpaltner Rettig, an dem man ein laͤcherliches Geſicht mit dem Meſſer ausgeſchnitzt hat; er war ſo ſchmächtig, daß ein ſtumpfes Geſicht gar keine Breite und Dicke an ihm wahrnehmen konnte. Der wahre Genius des Hungers; dabey ſo geil, wie ein Affe, und die Huren nannten ihn Alraͤunchen. Er war immer im Nachtrabe der Mode, und ſang ſchmierigen Weibsbildern die Melodien vor, die er von Fuhrleuten hatte pfeifen hoͤren, und ſchwor darauf, es waͤren ſeine eigne Einfaͤlle oder Staͤndchen. Und nun iſt dieſe Narrenpritſche ein Gutsbeſitzer geworden, und ſpricht ſo vertraulich von Johann von Gaunt, als wenn er ſein Dutzbruder geweſen wäre, und ich will darauf ſchwoͤ⸗ ren, er hat ihn nur ein einziges Mal geſehen, im Tur⸗ nierplatz; und da ſchlug er ihm ein Loch in den Kopf, weil er ſich zwiſchen des Marſchalls Leute draͤngte. Ich ſah es, und ſagte zu Johann von Gaunt: ſein Stock pruͤgelte einen andern. Denn man hätte ihn und ſeine ganze Beſcherung in eine Aalhaut packen können; ein Hoboen⸗Futteral war eine Behauſung fuͤr ihn, ein Hof; und nun hat er Vieh und Landereyen. Gut, ich will mich mit ihm bekannt machen, wenn ich zuruͤckkomme, und es muͤßte ſchlimm zugehen, wenn ich nicht einen doppelten Stein der Weiſen aus ihm mache. Wenn der junge Gruͤndling ein Koͤder fuͤr den alten Hecht iſt, ſo ſehe ich nach dem Naturrecht kei⸗ nen Grund, warum ich nicht nach ihm ſchnappen ſollte. Kommt Zeit, kommt Rath, und damit gut⸗(ab.) Vierter Aufzug. Erſte Szene. Ein Wald in Yorkſhire. (Der Erzbiſchof von York, Mowbray, Haſtings und Andre treten auf.) 2 Erzb. Wie heißt hier dieſer Wald? 23 Zaſt. S iſt Gualtree⸗Wald, mit Eurer Gnaden Gunſt. Erzb. Hier haltet, Lords, und ſendet Spaͤher aus, 6 Die Anzahl unſrer Feinde zu erfahren. Zaſt. Wir ſandten ſchon ſie aus. 292 Koͤnig Heinrich W. A. 1IV. Erzb. S iſt wohl gethan, Ihr Freund' und Bruͤder bey dem großen Werẽ, Ich muß euch melden, daß ich friſche Briefe Empfangen habe von Northumberland; Ihr kalter Sinn und Juhalt lautet ſo: Er wuͤnſchet ſich, hier in Perſon zu ſeyn Mit einer Macht, die ſeinem Rang gemaͤß; Die konnt er nicht verſammeln, zog hierauf, Sein wachſend Gluͤck zu reifen, ſich zuruck Nach Schottland; und er ſchließt, Gott herzlich bittend, Daß euer Anſchlag die Gefahr beſtehe Und furchtbar Stoßen auf den Gegentheil. Mowb. So fällt, was wir von ihm gehofft, zu Boden, Und ſchmettert ſich in Stuͤcke. (Ein Bote kommt.) Faſt. Nun, was giebts? Bote. Weſtlich vom Wald, kaum eine Meile weit, Ruͤckt im geſchloßnen Zug der Feind heran, Und nach dem Boben, den er einnimint, ſchaͤtz' ich Ihn drehßigtauſend oder nah daran.. mowb. Genan die Anzahl, wie wir ſie vermuthet, Ziehn wir denn fort, und treffen ſie im Feld. (Weſtmoreland tritt auf.) Erzb. Welch wohlbewahrter Fuͤhrer naht ſich da? mowb. Ich denk', es iſt der Lord von Weſtmoreland. Weſt. Habt Heil und Gruß von unſerm General, Dem Prinz Johann, Herzog von Lancaſter. Erzb. Sprecht friedlich weiter, Lord von Weſtmoreland. Worauf zielt euer Kommen? Weſt. Wohl, Mylord, So wend' ich ganz den Inhalt meiner Rede An Euer Gnaden. Kaͤme Rebellion, Sich ſelber gleich, in niedern, ſchnoͤden Haufen, Mit Wuth verbramt, gefuͤhrr von blut'ger Jugend, Von Betteley und Buben unterſtuͤtzt: Ich ſag', erſchien verdammter Aufruhr ſo In angeborner eigenſter Geſtalt, So waͤret ihr nicht hier, ehrwuͤrd'ger Vater, Noch dieſe edlen Lords, die ekle Bildung Der blutigen Empoͤrung zu bekleiden Mit euern Ehren. Ihr, Herr Erzbiſchof, Deß Stuhl durch Buͤrgerfrieden wird beſchützt, Sz. 1. Zweyter Theil⸗ Deß Bart des Friedens Silberhand beruͤhrt, Deß Wiſſen und Gelahrtheit Fried' erzogen, Deß weiße Kleidungen auf Unſchuld deuten, Des Friedens Taub' und aͤchten Segensgeiſt: Was öberſetzt ihr ſelber euch ſo uͤbel Aus dieſer Friedensſprache voller Huld In die geraͤuſch'ge rauhe Zung' des Kriegs2 Verkehrt in Beinharniſche enre Buͤcher, Die Dint' in Blüt, in Lanzen eure Federn, Und eurer Zunge geiſtliche Belehrung In ſchmetternde Trompet' und Kriegsgeton? zerzb. Weßwegen ich dieß thu?— So ſteht die Frage. Zu dieſem Ende;— wir ſind alle krank, Und unſer ſchwelgendes und wuͤſtes Leben Hat in ein hitzig Fieber uns gebracht, Wofuͤr wir bluten muͤſſen; an dem Uebel Starb unſer Koͤnig Richard, angeſteckt. Rllein, mein edler Lord von Weſtmoreland, Ich gebe hier fuͤr keinen Arzt mich aus, Roch ſchaar' ich wie ein Feind des Friedens mich In das Gedraͤnge kriegeriſcher Maͤnner; Bielmehr erſchein' ich wie der Krieg Auf eine Zeitiang, uͤppige Gemuͤther Zu heilen, die an eignem Gluͤcke kranken, Zu rein'gen die Verſtopfung, welche ſchon Die Lebensadern hemmt. Hoͤrt mich beſtimmtet: Ich hab' in gleicher Wage recht gewogen Das Leid, das unſer Krieg ſchafft, das wir dulden, Und was uns druͤckt, wiegt ſchwerer, als der Fehl. Wir ſahn, wohin der Lauf der Zeiten geht, Und werden aus der ſtillen Ruh geriſſen Von der Gelegenheit gewalt'gem Strom; Auch ſetzten wir all unſre Klagen auf, Zu rechter Zeit Artikel vorzuweiſen, Die wir ſchon laͤngſt dem Koͤnig dargeboten, Allein durch kein Geſuch Gehoͤr erlangt; Gzeſchieht zu nah uns, und wir wollen klagen, So weigern die den Zutritt uns zu ihm, Die ſelbſt am meiſten uns zu nah gethan. Theils die Gefahren erſt vergangner Tage, Die ihr Gedaͤchtniß mit noch ſichtbar'm Blut Der Erde eingeſchrieben; dann die Faͤlle, 1 Die jegliche Minute jetzt noch liefert, Sie guͤrteten die uͤbelſteh'nden Waffen⸗ 204 Koͤnig Heinrich W. A. v. Zum Bruch noch zur Verletzung nur des Friedens, Vein, einen Frieden wirklich hier zu ſtiften, Der es der Art nach wie dem Namen ſey. Wett. Wann ward euch jemals ſchon Gehoͤr verſagt? Worin ſeyd ihr vom Koͤnig wohl gekränkt? Was fuͤr ein Pair ward wider euch verhetzt, Daß ihr auf dieß geſetzlos blut'ge Buch Der Rebellion ein gottlich Siegel druͤckt, Und heiliget des Aufruhrs ſcharfe Schneide? Erzb. Den allgemeinen Bruder, unſern Staat, Macht haͤuslich Unrecht am gebornen Bruder Zu meinem Zwiſt noch insbeſondre mir⸗ Weſt. Es braucht hier keiner ſolchen Herſtellung, Und waͤr' es auch, ſo kommt ſie euch nicht zu. mowb. Warum nicht ihm zum Theil, und ſaͤmmlich uns, Die wir die Schaͤden vor'ger Tage fuͤhlen, Und leiden, daß der Zuſtand dieſer Zeiten Mit einer ſchweren und ungleichen Hand Auf unſre Ehre druͤckt? Weſt. O, mein Lord Mowbray, Nach ihrer Nothdurft legt die Zeiten aus, Und ſagen werdet ihr, es ſey die Zeit, Und nicht der Koͤnig, der euch Unrecht thut. Allein was euch betrifft, ſo ſcheint mirs nicht, Daß ihr ein Zollbreit eines Grundes haͤttet, Vom Koͤnige ſo wenig, wie der Zeit, Um Klagen drauf zu haun; ſeyd ihr nicht hergeſtellt In alle Herrlichkeiten eures Vaters, Herzogs von Norfolk, edlen Angedenkens? niowb. Was bußt' an Ehre denn mein Vater cin, Das neu in mir belebt zu werden brauchte? Der Koͤnig liebt' ihn, doch ſo ſtand der Staat, Daß er gezwungen ward, ihn zu verbannen; Und da, als Heinrich Bolingbroke und er— Im Sattel beyde feſtgezwungen nun, Ihr wiehernd Streitroß reizend mit dem Sporn, Die Stangen eingelegt, Viſiere nieder, Die Augen ſpruͤhend durch des Stahles Gitter, Und die Trompete ſie zuſammenblaſend; Da, da, als nichts vermochte meinen Vater Vom Buſen Bolingbroke's zuruͤckzuhalten, O, als der Koͤnig ſeinen Stab herabwarf, Da hing ſein eignes Leben an dem Stab; —— ———— 8 Sz- 1 Zweyter Theil. 5 Da warf er ſich herab und aller Leben, Die durch Verklagung und Gewalt des Schwerts Seitdem verungluͤckt unter Bolingbroke. weſt. Ihr ſprecht, Lord Mowbray, nun, ihr wißt nicht was: Der Graf von Hereford galt zu jener Zeit In England fuͤr den bravſten Edelmann: Wer weiß, wem da das Gluͤck gelaͤchelt haͤtte! Doch waͤr' eur Vater Sieger dort geweſen, Nie haͤtt' ers fortgebracht aus Coventry. Denn wie mit Einer Stimme ſchrie das Land Haß wider ihn; all' ihr Gebet und Liebe Wandt' auf den Hereford ſich, der ward vergoͤttert, Geſegnet und geehrt mehr als der Koͤnig. Doch dieß iſt Abſchweifung von meinem Zweck— Ich komme hier vom Prinzen, unſerm Feldherrn, Zu hoͤren was ihr klagt, und euch zu melden, Daß er Gehor euch leihn will, und worin Sich eure Forderungen billig zeigen, Solit ihr euch ihrer freuenz ganz beſeitigt, Was irgend nur als Feind' guch achten laͤßt. mowb. Er zwang uns, dieß Erbieten abzudringen, Und Politik nicht Liebe gab es ein. 1r weſt. Mowbray, ihr blendet euch, wenn ihrs ſo nehmt, Von Gnade, nicht von Furcht kommt dieß Erbieten; Denn ſeht! im Angeſicht liegt unſer Heer, Auf meine Ehre, zu voll Zuverſicht, Von Furcht nur den Gedanken zuzulaſſen. Mehr Namen ſind in unſter Schlachtordnung, Geuͤbter unſre Männer in den Waffen, Gleich ſtark die Ruͤſtung, unſte Sache beſſer; Drum heißt Vernunft auch gleich beherzt uns ſeyn. Rennt das Erbieten dann nicht abgedrungen. mowb. Gut, gehts nach mir, ſo gilt kein Unterhandeln. weſt. Damit beweiſtt ihr nur des Fehltritts Schande; Ein fauler Schade leidet kein Betaſten. 26 „aſt. Hat denn der Prinz Johann vollſtaͤnd'gen Auftrag Aus ſeines Vaters Machtvollkommenheit, 6 Um anzuhoren, ſchließlich zu entſcheiden, Was fuͤr Bedingungen man uns verſpricht? weſt. Das liegt ja in des Feldherrn Namen ſchon, Ich wundre mich, daß ihr ſo eitel fragt. 296 Koͤnig Heinrich W. 4. IV. Erzb, Dann, Lord von Weſtmoreland, nehmt dieſen Zettel, Denn er enthaͤlt die ſaͤmmtlichen Beſchwerden. Wenn jeder Puntt hierin verbeſſert iſt, All' unſre Mitgenoſſen, hier und ſonſt, Die dieſer Handlung angeſpannt, Nach aͤchter guͤlt'ger Weiſe losgeſprochen, Und ſchnelle Ausführung von unſerm Willen Uns zugeſichert iſt, von unſerm Zweck, So treten wir in unſter Demuth Schranken, Und feſſeln unſre Macht im Arm des Friedens. Weſt. Ich wills dem Feldherrn zeigen. Laßt uns, Lords, Im Angeſicht der beiden Heer' uns treffen,. Daß wirs in Frieden enden, wie Gott gebe, Wo nicht, zum Ort des Streits die Schwerter rufen, Die es entſcheiden můſſen. Erzb. Ja, Mylord.(Weſtmoreland ab.) mowb. In meiner Bruſt lebt etwas, das mir ſagt, Daß kein Vertrag des Friedens kann beſtehn. „Haſt. Das fuͤrchtet nicht; wenn wir ihn ſchließen können Auf ſo entſchieden ausgedehnte Rechte, 5 Wie unſern Forderungen es gemaͤß, So wird der Friede ſtehn wie Felſenberge. Wowb. Ja, doch wir werden ſo geachtet werden, Daß jede leichte falſch gewandte Urſach', Ja, jeder eitle und ſpitzfind'ge Grund, Dem Koͤnig ſchmecken wird nach dieſer That; Daß wuͤrd' auch unſre Treu zur Märterin, Man wird uns worfeln mit ſo rauhem Wind, Daß unſer Korn ſ wie Spren erſcheint, Und Gut' und Böſes keine Scheidung findet. Erzb. Nein, nein, Mylord! bedenkt, der Koͤnig iſt So ekler, laͤppiſcher Beſchwerden ſatt. Er fand, durch Tod den einen Zweifel enden, Das weckt zwey größre in des debens Erben. Und darum wird er rein die Tofeln wiſchen, Und keinen Klätſcher dem Gedächtniß halten, Der den Verluſt zu ſtetiger Erinn'rung Ihm wiederhole; denn er weiß gar wohl, Saß er ſein Land nicht ſo genau kann jaͤten, Als ihm ſein immer Anlaß giebt. o eng verwachſen ſind ihm Freund und Feind, Daß, wenn er reißt, den Gegner zu entwurzeln, Er einen Freund auch lof und wankend macht; Sz. 2. Zweyter Theil. 297 So daß dieß Land, ganz wie ein trotzend Weib, Das ihn erzuͤrnt, mit Streichen ihr zu drohn, Wie er nun ſchlaͤgt, ſein Kind entgegen hält, Und ſchweben macht entſchloßne Zuͤchtigung Im Arm, der ſchon zur Ausfuͤhrung erhoben. waſt. Auch hat der Koͤnig alle ſeine Ruthen An vor'gen Uebertretern aufgebraucht, Ihm fehlen nun Werkzeuge ſelbſt zum ſtrafen, Daß ſeine Macht, ein klauenloſer Loͤwe, Drohn, doch nicht faſſen kann. Erzb. Das iſt ſehr wahr, Und darum glaubt nur, wertheſter Lord Marſchall, Wird jetzt die Ausſoͤhnung zu Stand gebracht, So wird, wie ein geheiltes Bein, der Friede Nur ſtaͤrker durch den Bruch. mowb. Es mag dann ſeyn. Da kommt der Lord von Weſtmoreland zuruͤck. (Weſtmoreland kommt zuruͤck.) weſt. Der Prinz iſt in der Näh; gefaͤllts Eu'r Edlen, In gleichem Abſtand zwiſchen unſern Heeren Den gnäd'gen Herrn zu treffen? mowb. Eu'r Hochwuͤrden Von YPork, ſo brecht in Gottes Namen auf. 6 Erzb, Bringt unſern Gruß zuvor; Mylord, wir kommen. (Alle ab.) 8 we 9 te 6S z e nnt⸗ Ein anderer Theil des Waldes. (Von einer Seite treten auf Mowbray, der Erzbiſchof, Haſtings und Andrez von der andern Prinz Johann von Lancaſter, Weſtmoreland, Offiziere und Gefolge.) pr. Joh. Ihr ſeyd willkommen hier, mein Vetter Mowbray;— F Habt guten Tag, lieber Herr Erzbiſchof, Und ihr, Lord Haſtings, alle insgeſammt. Mylord von York, es ſtand euch beſſer an, Wie eure Heerd', auf eurer Glocke Ruf, Euch rings umgab, mit Ehrfurcht anzuhoͤren Vom higen Texte eure Auslegung, 6 Als daß ihr hier erſcheint, ein ehr'ner Mann, Mit eurer Trommel Meutervolk ermunternd, Die Lehr' in Wehr, in Tod das Leben wandelnd. 298 Koͤnig Heinrich IV. A. IV. Der Mann, der dem Monarchen thront im Herzen Und reift im Sonnenſcheine ſeiner Gunſt, Wenn er des Koͤnigs Schuß mißbrauchen wollte, Ach, welches Unheil ſtiften koͤnnt' er nicht Im Schatten ſolcher Hoheit! Mit euch, Herr Biſchof, Iſts eben ſo, wer hat nicht ſagen hoͤren, Wie tief ihr in den Buͤchern Gottes ſeyd? Uns ſeyd ihr Sprecher ſeines Parlaments, Uns die geglaubte Stimme Gottes ſelbſt, Der wahre Offenbarer und Vermittier Zwiſchen der Gnad' und Heiligkeit des Himmels Und unſerm bloͤden Thun; wer wird nicht glauben, Daß ihr die Wuͤrde des Berufs mißbraucht, Des Himmels Schutz und Gnade ſo verwendet, Wie falſche Juͤnglinge der Fuͤrſten Namen, Zu ehrenloſen Thaten? Ihr verhetzt Durch einen vorgegebnen Eifer Gottes Das Volk dem Koͤnig, ſeinem Stellvertreter, Treibt, ſeinem und des Himmels Frieden trotzend, Sie hier zuſammen. Erzb. Werther Prinz von Laneaſter, Nicht wider eures Vaters Frieden komm' ich, Wie ich dem Lord von Weſtmoreland geſagt. Der Zeit Verwirrung, nach gemeinem Sinn, Zwaͤngt uns in dieſe mißgeſchaffne Form, Zu unſter Sicherheit. Ich ſandt' Eu'r Gnaden Die Theile und Artikel unſrer Klage, Die man mit Hohn vom Hofe weggeſchoben, Was dieſen Hydra⸗Sohn, den Krieg, erzeugt, Deß drohend Aug' in Schlaf ſich zaubern laͤßt Durch die Gewaͤhrung ſo gerechter Wuͤnſche; So daß Gehorſam, dieſes Wahnſinns frey, Der Majeſtät ſich zahm zu Fuͤßen legt. mowb. Wo nicht, ſo wagen wirs mit unſerm Gluck Bis auf den letzten Mann. Zaſt. Und fallen wir ſchon hier Wir haben Huͤlfsmacht, uns zu unterſtutzens Schlaͤgts dieſer fehl, ſo ſtuͤtzt die ihre ſie: So wird von Unheil eine Reih geboren; Und Erb' auf Erb' erhaͤlt den Zwiſt im Gang, So lang als England noch Geſchlechter hat. Pr. Joh. Ihr ſeyd zu ſeicht, Lord Haſtings, viel zu ſeicht, Der Folgezeiten Boden zu ergruͤnden. Sz. 2. Zweyter Theil. 299 weſt. Beliebts Eu'r Gnaden, ihnen zu erklaͤren, Wie weit ihr die Artikel billiget? pr. Joh. Ich bill'ge alle und genehm'ge ſie, Und ſchwoͤre hier bey meines Blutes Ehre, Der Wille meines Vaters iſt mißdeutet, Und Ein'ge um ihn haben allzufrey Mit ſeiner Meynung und Gewalt geſchaltet,— Mylord, die Klagen werden abgeſtellt, Sie werdens auf mein Wort. Genuͤgt euch das, Entlaßt eu'r Volk, zu ſeiner Grafſchaft jedes, Wie unſres wir; hier zwiſchen beyden Heeren Laßt einen Trunk uns thun und uns umarmen, Daß aller Augen heim die Zeichen tragen Von hergeſtellter Lieb' und Einigkeit. Erzb. Ich nehm eu'r prinzlich Wort der Abſtellung. pr. Joh. Ich geb'es euch und will mein Wort behaupten, Und hierauf trink' ich Euer Gnaden zu. Zaſt.(zu einem Offizier.. Geht, Hauptmann, uͤber⸗ 3 bringt dem Heer die Zeitung Des Friedens, laßt ſie Sold und Abſchied haben; Ich weiß, ſie werden froh ſeyn; eil dich, Hauptmann. (der Offizier ab.) Erzb. Eu'r Wohlſeyn, edler Lord von Weſtmoreland. weſt. Ich thu Beſcheid Eu'r Gnaden; wuͤßtet ihr, Mit welcher Muͤh ich dieſen Frieden ſchaffte, So traͤnkt ihr frey; doch meine Lieb zu euch Soll offenbarer ſich hernach beweiſen. erzb. Ich zweifle nicht an euch. Weſt. Das freut mich ſehr. Geſundheit meinem edlen Vetter Mowbray! mowb. Ihr wuͤnſcht Geſundheit zu gelegner Zeit, Denn ploͤtzlich fuͤhl' ich mich ein wenig ſchlimm. Erzb. Vor einem Unfall iſt man immer froh, Doch Schwermuth meldet gluͤcklichen Erfolg. weſt. Seyd, Vetter, alſo froh, weil plotzlich Sorgen Nur ſagen will: es koͤmmt was gutes morgen. Erzb. Glaubt mir, ich bin erſtaunlich leichten Muths. mowb. Wann eure Regel wahr iſt, um ſo ſchlimmer. (Jubelgeſchrey hinter der Szene.) pr. Joh. Des Friedens Wort hallt wieder; hoͤrt, wie ſie jauchzen! 300 Koͤnig Heinrich IV. A. IV. Mowb. Dieß wür' erfreulich nach dem Sieg geweſen. Erzb. Ein Fried' iſt ſeiner Art nach wie Erobrung, Wo beyde Theile ruͤhmlich ſind beſiegt, Und keiner etwas eingebuͤßt. Pr. Joh. Geht, Mylord, Und laßt auch unſer Heer den Abſchied haben— (Weſtmoreland ab.) Und werther Herr, laßt unſte Truppen doch Vorbeyziehn, daß wir ſo die kennen lernen, Womit uns Kampf bevorſtand. Erzb. Geht, Lord Haſtings, Und eh man ſie entlaͤßt, laßt ſie vorbeyziehn.(Haftings ab.) Pr. Joh. Ich hoffe, Lords, wir ſind heut Nacht beyſammen? .(Weſtmoreland kommt zuvuͤck.) Nun, Vetter, warum ſteht denn unſer Heer? Weſt. Die Fuͤhrer, weil ihr ſie zu ſtehn beſehligt Gehn— ſie euer Wle iehige⸗ Pr. Joh. Sie kennen ihre Pflicht. (Haſtings kommt zuruͤck.) aſt. Herr, unſer Heer iſt allbereits zerſtreut e5 ſehw wie Stiere, 6 Ql, Weſt, Suͤd, Nord, entlaßnen Schuͤlern gleich, Stuͤrzt jeder ſich zum Spielplatz und nach Haus. Weſt. Lord Haſtings, gute Zeitung!— und zum Lohn Verhaſt' ich dich um Hochverrath, Verräther;— Und euch, Herr Erzbiſchof,— und euch, Lord Mowbray, Um peinlichen Verrath greif' ich euch beyde. mowb. Iſt dieß Verfahren ehrlich und gerecht? Weſt. Iſts euer Bund etwa? Erzb. So brecht ihr euer Wort? Pr. Joh. Ich gab euch keins; Verſprach nur der Beſchwerden Abſtellung Woruͤber ihr geklagt; was ich, auf Ehre, Mit chriſtlichermm Gewiſſen will vollziehn. Doch ihr, Rebellen, hofft den Sold zu koſten, Den Rebellion und ſoſches Thun verdient. Einfaͤltig wart ihr, als ihr Krieg begannt, Dumm hergelockt und thöricht fortgeſandt,— Rührt unſre Trommeln, folgt der Fluͤcht'gen Tritten. Nicht wir, der Himmel hat fuͤr uns geſtritten⸗ Sz. 3. Zweyter Theil. 304 Bewahrt dem Blocke der Verraͤther Haupt, Dem wuͤrd'gen Bett, das ſchnell den Odem raubt.(Ae ab.) Dritte Sene (Getuͤrnmel. Angriffe. Falſtaff und Colevile kommen von verſchiedenen Sciten.) Falſt. Wie iſt euer Name, Herr? von welchem Stande ſeyd ihr, und von welchem Orte, wenns euch beliebt? Col. Ich bin ein Ritter, Herr, und mein Name iſt Colevile vom Thal. Falſt. Nun gut, Colevile iſt euer Name, ein Ritter iſt euer Rang und euer Ort das Thal; Colevile ſoll auch ferner euer Name ſeyn, ein Verräther euer Rang, und der Kerker euer Wohnort,— ein Ort, der tief genng liegt; ſo werdet ihr immer noch Colevile vom Thal ſeyn. Col. Seyd ihr nicht Sir John Falſtaff? Falſt. Ein eben ſo wackrer Herr als er, Herr, wer ich auch ſeyn mag. Ergebt ihr euch, Herr, oder muß ich euretwegen ſchwitzen? Wenn ich ſchwiße, ſo werden es die Tropfen deiner Freunde ſeyn, die um deinen Tod wei⸗ nen; deswegen erwecke Furcht und Zittern in dir, und huldige meiner Gnade. Col. Ich glaube, ihr ſeyd Sir John Falſtaff, und in dieſem Grunde ergebe ich mich. Falſt. Ich habe eine ganze Schule von Zungen in dieſen meinem Bauch, und keine einzige von allen ſpricht ein ander Wort als meinen Namen. Hatte ich nur einen einigermaßen leidlichen Bauch, ſo waͤre ich ſchlechtweg der ruͤſtigſte Kerl in Europa; mein Wanſt, mein Wanſt, mein Wanſt ruinirt mich!— Da kommt unſer General⸗ Grinz Johann von Lancaſter, Weſtmoreland und Andre treten auf.) Pr. Joh. Die Hitze iſt vorbey, verfolgt nicht weiter:— Ruft, Vetter Weſtmoreland, das Volk zuruͤck. (Weſtmoreland ab.) Nun, Falſtaff, wo wart ihr die ganze Zeit? Wenn alles ſchon vorbey, dann kommt ihr an. Die traͤgen Streiche brechen noch einmal, Bey meinem Leben, eines Galgens Ruͤcken. Falſt. Es ſollte mir Leid thun, gnaͤdiger Herr, wenn das nicht geſchaͤhe; ich wußte es nie anders, als daß Tade 302 Koͤnig Heinrich IV. A. IV. und Vorwuͤrfe der Lohn der Tapferkeit waren. Haltet ihr mich fuͤr eine Schwalbe, ginen Pfeil oder eine Kanonen⸗ kugel? Habe ich bei meinem kuͤmmerlichen und alten Fortkommen die Schnelligkeit des Gedankens? Mit dem alleraͤußerſten Zollbreit der Moglichkeit bin ich hieher geeilt; ich habe hundert und achtzig und etliche Poſtpferde zu Schanden geritten, und hier, erſchöpft von Reiſen, wie ich bin, habe ich in meiner reinen und unbefleckten Tap⸗ ferkeit Sir John Colevile vom Thal zum Gefangnen gemacht, einen wuͤthenden Ritter und tapfern Feind. Doch was will das ſagen? Er ſah mich und ergab ſich, ſo daß ich mit Recht wie der krummnaſige Kerl von Rom ſagen kann: ich kam, ſah und ſiegte.„ Pr. Joh. Es war mehr Höoͤflichkeit von ihm, als euer Verdienſt. Falſt. Ich weiß nicht, hier iſt er und hier uͤberliefere ich ihn; und ich erſuche Euer Gnaden, laßt es mit den uͤbrigen Thaten des heutigen Tages aufzeichnen, oder bey Gott, ich will mir ſonſt eine beſondere Ballade darauf ſchaffen, mit meinem eigenen Bildniß oben daruͤber, dem Colevile die Fuͤße kuͤſſen ſoll. Wenn ich zu dieſer Maß⸗ regel genöthigt werde, und ihr nehmt euch alle nicht wie ver⸗ goldete Zweyhellerſtuͤcke gegen mich aus, und ich uͤberſcheine euch nicht am lichten Himmel des Ruhms, ſo ſehr, wie der Vollmond die glimmenden Funken des Firmaments, die ſich wie Nadelknoͤpfe gegen ihn ausnehmen, ſo glaubt keinem Edelmann mehr auf ſein Wort. Darum gebt mir mein Recht, und das Verdienſt ſteige. Pr. Joh. Deines iſt zu ſchwer zum Steigen. Falſt. So laßt es leuchten. Pr. Joh. Deines iſt zu dick, um zu leuchten. Falſt. So laßt es irgend was thun, gnaͤdigſter Herr, was zu meinem Beſten gereicht, und nennt es wie ihr wollt. Pr. Joh. Dein Nam' iſt Colevile? Col. Ja, gnaͤd'ger Herr. Pr. Joh. Ein kuͤnd'ger Meuter biſt du, Colevile. Falſt. Und ein kuͤndiger treuer Unterthan nahm ihn gefangen. Col. Ich bin nur, Herr, was meine Obern ſind, Die mich hieher gefuͤhrt; wenn ſie mir folgten, So haͤttet ihr viel theurer ſie gewonnen. Sz. 3. Zweyter Theil. 303 Falſt. Ich weiß nicht, um welchen Preis ſie ſich ver⸗ kauft haben, aber du haſt dich wie ein guter Menſch um⸗ ſonſt weggegeben, und ich danke dir fuͤr dich. (Weſtmoreland kommt zuruͤck.) Pr. Joh. Nun, habt ihr nachzuſetzen aufgehoͤrt? weſt. Der Ruͤckzug iſt geſchehn und Halt gemacht. Pr. Joh. Schickt Colevile ſammt ſeinen Mitverſchwornen Nach York, zu ihrer ſchleun'gen Hinrichtung. Blunt, fuͤhrt ihn weg, bewahrt mir ſicher ihn. EEinige mit Colevile ab.) Mun laßt zum Hof uns eilen, werthe Lords. Mein Vater, wie ich hoͤre, iſt ſchwer krank; Die Zeitung geh voraus zu ſeiner Majeſtaͤt, Ihr, Vetter, ſollt ſie bringen, ihn zu troͤſten, Wir folgen euch mit maͤß'ger Eile nach. Falſt. Gnaͤdiger Herr, erlaubt mir durch Gloſterſhire zu gehen, und wenn ihr an den Hof kommt, ſo ſeyd doch mein gewogner Herr mit einem guͤnſtigen Bericht. Pr. Joh. Lebt wohl denn, Falſtaff, ich an meiner Stelle Will beſſer von euch reden, als ihrs werth ſeyd. (Prinz Johann mit Gefolge ab.) Falſt. Ich wollte, ihr hättet nur den Witz dazu, das waͤre beſſer, als euer Herzogthum.— Meiner Treu, die⸗ ſer junge Knabe von nuͤchternem Geblut liebt mich nicht, auch kann ihn kein Menſch zum Lachen bringen, aber das iſt kein Wunder, er trinkt keinen Wein. Es wird niemals aus dieſem bedächtigen Burſchen was rechtes; denn das duͤnne Getraͤnk und die vielen Fiſch⸗Mahlzeiten kuͤhlen ihr Blut ſo ubermaͤßig, daß ſie in eine Art von maͤnnlicher Bleichſucht verfallen, und wenn ſie dann heyrathen, zeugen ſie nichts wie Dirnen; ſie ſind gemeiniglich Narren und feige Memmen,— was einige von uns auch ſeyn wuͤrden, wenn es nicht die Erhitzung thäte. Ein guter ſpaniſcher Sekt hat eine zwiefache Wirkung an ſich. Er ſteigt cuch in das Gehirn, zertheilt da alle die albernen und rohen Duͤnſte, die es umgeben, macht es ſinnig, ſchnell und erfin⸗ deriſch, voll von behenden, feurigen und ergoͤtzlichen Bil⸗ dern; wenn dieſe dann der Stimme, der Zunge uͤberliefert werden, was ihre Geburt iſt, ſo wird vortrefflicher Witz daraus. Die zweyte Eigenſchaft unſers vortrefflichen Sekts iſt die Erwaͤrmung des Bluts, welches zuvor kalt und ohne Bewegung, die Leber weiß und bleich laͤßt, was das 30 ½ Konig Heinrich W. A. 1V. Kennzeichen der Kleinmuͤthigkeit und Feigheit iſt; aber der Sekt erwaͤrmt es, und bringt es von den innern bis zu den aͤußerſten Theilen in Umlauf. Er erleuchtet das Antlitz, welches, wie ein Wachfeuer, das ganze kleine Kö⸗ nigreich, Menſch genannt, zu den Waffen ruft, und dann ſtellen ſich alle die Inſaſſen des Leibes und die kleinen Le⸗ bensgeiſter aus den Provinzen ihrem Hauptmann, dem Her⸗ zen, welches, durch dieß Gefolge groß und aufgeſchwellt, jegliche That des Muthes verrichtet. Und dieſe Tapferkeit kommt vom Sekt, ſo daß Geſchicklichkeit in den Waffen nichts iſt ohne Sekt; denn der ſetzt ſie in Thätigkeit; und Ge⸗ lahrtheit iſt ein bloßer Haufe Goldes von einem Teufel ver⸗ wahrt, bis Sckt ſie promovirt und in Gang und Gebrauch ſetzt. Daher kommt es, daß Prinz Heinrich tapfer iſt, denn das kalte Blut, das er natuͤrlicher Weiſe von ſeinem Vater erben mußte, hat er wie magres, unfruchtbares und dürres Land geduͤngt, gepfluͤgt und beackert, mit ungemeiner Be⸗ muͤhung wackren Trinkens und gutem Vorrath von frucht⸗ barem Sekt, ſo daß er ſehr hitzig und tapfer geworden iſt. Wenn ich tauſend Soͤhne ſatz, den ich ihnen lehren wollte, ſollte ſeyn, duͤnnes Getraͤnk abzuſchwoͤren, und ſich dem Sekt zu ergeben.(Bardolph kommt.) Wie ſtehts, Bardolph? Bard. Die ganze Armee iſt entlaſſen und auseinander gegangen. Falſt. Laß ſie gehn. Ich will durch Gloſterſhire, und da will ich Herrn Robert Schaal Eſquire beſuchen; er wird mir ſchon weich zwiſchen dem Finger und Daumen, und bald will ich mit ihm ſiegeln. Kommt mit.(Beyde ab.) P ie rte S z ene⸗ Weſtminſter. Ein Zimmer im Pallaſt. Goͤnig Heinrich, Clarence, Prinz Humphrey, War⸗ wick und Andre treten auf.)* R. Zeinr. Nun, Lords, beendigt nur der Himmel gluͤcklich Den Zwiſt, der jetzt an unſerm Throne blutet, So fuͤhren wir in hoͤh'res Feld die Jugend, Und ziehn nur Schwerter, die geheiligt ſind. Die Flotte iſt bereit, die Macht verſammelt, Beſtallt im Abſehn unſre Stellvertreter, Und jedes Ding bequemt ſich unſerm Wunſch. Nur fehlt uns etwas koͤrperliche Kraft ätte, der erſte menſchliche Grund⸗ Sz. 3. Zweyter Theil. 305 Und hemmt uns, bis die jetzigen Rebellen Dem Joch des Regiments ſich unterziehn. Warw. Gewiß wird beydes Eure Majeſtät Gar bald erfreun. R. Zeinr. Humphrey mein Sohn von Gloſter Wo iſt der Prinz, eur Brnder?. Pr. zumph. Ich denk', er ging zur Jagd, mei Fuͤrſt, nach Windſor. 6 B. Heinr. Und wer begleitet' ihn? Pr. Zumph. Das weiß ich nicht, mein Fuͤrſt. R. Zeinr. Iſt nicht ſein Bruder, Thomas Clarenre, bey ihm? Pr. Zumph. Nein, gnaͤb'ger Herr, der iſt hier gegenwärtig. Clar. Was will mein Herr und Vater? R. Veinr. Nichts will ich, als dein Wohl, Thoma 3 von Clarence. Wie kommts, daß du nicht bey dem Prinzen biſt? Er liebt dich, aber du verſaumſt ihn, Thomas; Du haſt den beſten Platz in ſeinem Herzen Vor allen deinen Brüdern; heg' ihn, Kind, So mogen edle Dienſte der Vermittlung, Nachdem ich todt bin, zwiſchen ſeiner Hoheit Und deinen andern Brüdern dir gelingen. Darum verſaͤum' ihn nicht, ſtoß⸗ ihn nicht ab, Verliere nicht den Vortheil ſeiner Gunſt, Indem du kalt und achtlos um ihn ſcheinſt. Denn er iſt hold, bemuͤht man ich um ihn: Er hat des Mitleids Fi. und eine Hand, So offen, wie der Tag er weichen Milde; Jedoch, wenn er gereizt, iſt er von Stein, So launiſch, wie der Winter, und ſo plotzlich, Wie eiſ'ge Winde beym Beginn des Tags. Schilt ihn um Fehler, thu' es ehrerbietig, Siehſt du ſein Blut zur Froͤhlichkeit geneigt;„ Doch wenn er finſter, laß ihn frey gewaͤhren, Bis ſeine Leibenſchaften ſelber ſich, So wie ein Wallfiſch auf dem feſten Boden, Zernichten durch ihr Treiben. Lern das, Thomas, Und deinen Freunden wirſt du dann ein Schirm, Ein goldner Reif, der deine Bruͤder bindet, Daß eures Bluts gemelnſames Gefaͤß, Vermiſcht mit Gifte fremder Eingebung, 5 6 306 Konig Heinrich 1V. A. 1. Was doch durchaus die Zeit hinein wird gießen, Nie leck mag werden, wirkt es auch ſo ſtark, Als Aconitum oder raſches Pulver. Clar. Mit Sorg' und Liebe will ich auf ihn achten. R. Zeinr. Warnm biſt du nicht mit in Windſor, Thomas? Clar. Er iſt nicht dorten heut, er ſpeiſt in London. R. Zeinr. Und in was fuͤr Begleitung? Weißt du das? Clar. Mit Poins und Andern, die ihm immer folgen. R. Zeinr. Am meiſten Unkraut träͤgt der fett'ſte Boden, nd er, das edle Bildniß meiner Jugend, Iſt uͤberdeckt damit; darum erſtreckt Mein Gram ſich jenſeit meiner Todesſtunde. Mir weint das Blut vom Herzen, denk' ich mir In Einbildungen die verwirrten Tage, Die faulen Zeiten, die ihr werdet ſehn, Wenn ich entſchlafen bin bey meinen Ahnen, Wenn nichts mehr die unbaͤnd'ge Wuͤſtheit zugelt, Wenn Gier und heißes Blut ihm Raͤthe ſind, Wenn Mittel ſich und uͤpp'ge Sitten treffen, Mit welchen Schwingen wird ſein Hang dann fliegen In trotzende Gefahr und droh'nden Fall! warw. Mein gnaͤd'ger Koͤnig, ihr verkennt ihn ganz. Der Prinz ſtudirt nur ſeine Spießgeſellen, Wie eine fremde Sprache, der zu lieb Nothwendig man das unehrbarſte Wort Anſehn und lernen muß; einmal erlangt, Weiß Eure Hoheit, braucht man es nicht weiter, Als daß mans kennt und haßt. So wird der Prinz Bei reifrer Zeit, wie grobe Redensarten, Sich der Gefaͤhrten abthun; ihr Gedächtniß Wird nur als Muſter leben oder Maaß, Womit er Andrer Leben meſſen kann, Vormal'ges Uebel kehrend zum Gewinn. R. Heinr. Nicht leicht verlaͤßt die Biene ihren Waben Im todten Aas.— Wer kommt da? Weſtmoreland? (Weſtmoreland tritt auf.) Weſt. Heil meinem Oberherrn! und neues Gluͤck, Zu dem gefuͤgt, das ich berichten ſoll! Der Prinz Johann kuͤßt Euer Hoheit Hand: Mowbray, der Biſchof Scroop, Haſtings und Alle Sind unter des Geſetzes Zucht gebracht, Und kein Rebellen⸗Schwert iſt mehr entbloͤßt; ——— —,—— Sz. 3. Sweyter Theil. 307 Es ſproßt des Friedens Helzweig uͤberall. 8 Die Art, wie dieß Geſchaͤft vollführt iſt worden, Kann Euer Hoheit hier bey Muße leſen, Des Weiteen angezeigt, nach dem Verlauf⸗ R. Zeinr. O Weſtmoreland, du biſt ein Sommervogel, Der an des Winters Ferſen immerdar Des Tages Aufg ng ſingt. Seht, noch mehr Neues! (Harcourt tritt auſ.) Farc. Der Himmel ſchutz' Eur Majeſtät vor Feinden, Und wer da aufſteht wider euch, der falle, Wie die, wovon ich euch zu melden komme! Der Graf Northumberland und der Lord Bardolph, Mit großer Macht von Engliſchen und Schotten, Sind durch den Sheriff von Yorkſhire beſiegt. Die Weiſ' und wahre Ordnung des Gefechts Berichtet dieß Packet, wenns euch beliebt. R. Heinr. Und muß ſo gute Zeitung krank mich machen? Kommt nie das Gluͤck mit beyden Haͤnden voll? Schreibt ſeine ſchönſten Wort' in garſt'gen Zugen? Es giebt entweder Eßluß ohne Speiſe, Wie oft dem Armen; oder einen Schmaus, Und nimmt die Ehluſt weg: ſo iſt der Reiche, Der Fuͤlle hat, und ihrer nicht genießt. Ich ſollte mich der guten Zeitung freun, Und nun vergeht mir das Geſicht und ſchwindelts. O weh! kommt um mich, denn mir wird ſo ſchlimm. Er faͤllt in Ohnmacht.) Pr. Zumph. Der Himmel troͤſte Eure Majeſtät. Clar. O, mein koͤniglicher Vater! Weſt. Mein hoher Herr, ermuntert euch! blickt auf! Warw. Seyd ruhig, Prinzen, ſolch ein Anfall iſt Bey Seiner Hoheit, wißt ihr, ſehr gewoͤhnlich. Entfernt euch, gebt ihm Raum, gleich wird ihm beſſer. Clar. Nein, nein; er haͤlt nicht lang die AQualen aus; Die ew'ge Sorg' und Arbeit des Gemuͤths Hat ſo die Mau'r, die es umſchließt, vernutzt; Das Leben blickt ſchon durch und will heraus. Pr. Zumph. Das Volk erſchreckt mich; denn es redet wiel Von vaterloſen Erben, Mißgeburten, 3 Verwandelt iſt die Zeit, als ob das Jahr Monate ſchlafend fand und uͤberſprang. Clar. Dreymal ohn' Ebbe hat der Strom geflutet⸗ 308 Koͤnig Heinrich W. A. IV. Und alte Leute, kind'ſche Zeitregiſter Verſichern, dieß ſey kurz zuvor geſchehn, Ch unſer Aeltervater, Eduard, krankt' und ſtarb. Warw. Sprecht leiſer, Prinzen, er erhoit ſich wieder. Pr. Zumph. Gewiß wird dieſer Schlag ſein Ende ſeyn. k. Heinr. Ich bitt' euch, nehmt mich auf, und tragt mich fort In eine andre Kammer— ſanft, ich bitte. (Sie tragen den Koͤnig in einen innern Theil des Zimmers und legen ihn auf ein Bett.) Laßt keinen Laͤrm hier machen, lieben Freunde, Wenn eine dumpfe, guͤnſt'ge Hand nicht etwa Muſik will fluͤſtern meinem muͤden Geiſt. Warw. Ruft die Muſik her in das andre Zimmer. R. Zeinr. Legt mir die Krone auf mein Kiſſen hier. Clar. Sein Aug' iſt hohl, er hat ſich ſehr verwandelt. warw. O, ſtill doch! ſtill! Prinz Heinrich tritt auf.) Pr. Zeinr. Wer ſah den Herzog Clarence? Clar. Hier bin ich, Bruder, voller Traurigkeit. Pr. Zeinr. Wie nun? Im Hauſe regnets und nicht draußen? Was macht der Koͤnig? Pr. Zumph. Er iſt aͤußerſt ſchlecht. Pr. Zeinr. Hat er die gute Zeitung ſchon gehoͤrt? Sägt ſie ihm. Pr. Zumph. Wie er ſie hoͤrte, hat er ſich verwandelt. Pr. Seinr. Iſt er vor Freuden krank, So wird er ohn' Arzney ſchon beſſer werden. Warw. Nicht ſo viel Laͤrm, Mylords! ſprecht leiſe, d lieber Prinz! Der Koͤnig, euer Vater, wuͤnſcht zu ſchlafen. Clar. Ziehn wir ins andre Zimmer uns zuruͤck. Warw. Beliebt es Euer Gnaden, mitzugehn? Pr. Zeinr. Ich will hier ſitzen und beym Koͤnig wachen. b.(Alle ab, außer Prinz Heinrich.) Weswegen liegt die Kron auf ſeinem Kiſſen, Die ein ſo unruhvoller Bettgenoß? O, glaͤnzende Zerruͤttung! goldne Sorge! Die weit des Schlummers Pforten offen haͤlt Sz. 3. Sweyter Theil. 309 In mancher wachen Nacht!— nun damit ſchlafen! Doch ſo geſund nicht, noch ſo lieblich tief, Als der, deß Stirn mit grobem Tuch umwunden, Die naͤcht'ge Zeit verſchnarcht. O Maſeſtaͤt! Wenn du den Traͤger druͤckſt, ſo ſitzeſt du Wie reiche Waffen in des Tages Hitze, Die ſchuͤtzend ſengen. Bey des Odems Thoren Liegt ihm ein Federchen, bas ſich nicht ruͤhrt: Und athmet' er, der leichte, loſe Flaum Bewegte ſich.— Mein gnäd'ger Herr! mein Vater! Der Schlaf iſt wohl geſund; dieß iſt ein Schlaf, Der manchen Koͤnig Englands hat geſchieden Von dieſem goldnen Zirkel. Dein Recht an mich Sind Thraͤnen, tiefe Trauer deines Bluts, Was dir Natur und Lieb' und Kindesſinn, O theurer Vater, reichlich zahlen ſoll. Mein Recht an dich iſt dieſe Herrſcherkrone, Die, als dem naͤchſten deines Rangs und Bluts, Mir ſie vererben muß. Hier ſitzt ſie, ſeht! 6(Er ſetzt ſie auf ſein Haupk.) Der Himmel ſchuͤtze ſie! Nun legt die Staͤrke Der ganzen Welt in Einen Rieſenarm, Er ſoll mir dieſe angeſtammte Ehre Nicht mit Gewalt entreißen. Dieß von dir, Loß' ich den Meinen, wie du's ließeſt mir.(ab.) B. Zeinr. Warwick! Gloſter! Clarence! (Warwick kommt mit den übrigen zuruͤck.) Clar. Ruft der Koͤnig? Warw. Was wollt' Eur Majeſtaͤt? wie iſt Eur Gnaden? R. Zeinr. Weswegen ließt ihr ſo allein mich, Lords? Clar. Wir ließen hier den Prinzen, meinen Bruder, Der uͤbernommen, bey euch aufzuſitzen. k. HZeinr. Der Prinz von Wales? Wo iſt er? Laßt mich ſehn. Er iſt nicht hier. warw. Die Thuͤr iſt offen, dort iſt er hinaus. Clar. Er kam nicht durch das Zimmer, wo wir waren. R. Zeinr. Vo iſt die Krone? wer nahm ſie mir vom Kiſſen? Wwarw. Mein Fuͤrſt, beym Weggehn ließen wir ſie hier. k. Zeinr. Der Prinz nahm ſie mit weg.— Geht, ſucht ihn auf⸗ 310 Koͤnig Heinrich W. A. 1v. Iſt er ſo eilig, daß er glaubt, es ſey Mein Schlaf mein Tod? u Lord Warwick findet ihn, ſchmaͤhlt ihn hieher. (Warwick ab.) Dieß Thun von ihm vereint ſich mit dem Uebel Und hilft mich enden.— Seht, Sohne, was ihr ſeyd! Wie ſchleunig die Natur in Aufruhr fallt, Wird Gold ihr Gegenſtand! Und dafuͤr brachen thoͤricht bange Väter Mit Denken ihren Schlaf, den Kopf mit Sorge, Mit Arbeit ihr Gebein; Dafuͤr vermehrten ſie und thuͤrmten auf Die falſchen Haufen fremd erworbnen Goldes, Dafuͤr bedachten ſic, die Söhn' jn Kuͤnſten Und kriegeriſcher üebung einzuweihn; Denn, wie die Biene, jede Blume ſchatzend Um ihre ſuͤße Kraft, Die Schenkel voller Wachs, den Mund voll Honig, So bringen wirs zum Korb; und wie die Bienen Erwuͤrgt man uns zum Lohn, Der bittre Schmack Beut ſeine Laſt dem Vater, welcher ſcheidet. (Warwick kommt zuruͤck.) Nun, wo iſt der, der nicht ſo lang will warten, Bis ſein Freund Krankheit mir ein Ende macht? Warw. Ich fand den Prinzen, Herr, im naͤchſten Zimmer, Mit Thraͤnen mild die holden Wangen waſchend, In ſolchem tiefen Anſchein großer Trauer, Daß Tyranney, die immer Blut nur zecht Bey dieſem Anblick waſchen wuͤrd⸗ ihr Meſſer Mit milden Augentropfen. Er kommt her. B. Heinr. Allein warum nahm er die Krone weg? Grinz Heinrich kommt zuruͤck.) Da kommt er, ſeht.— Hieher komm zu mir, Heinrich!— Raumt ihr das Zimuer, laßt uns hier allein. (Clarence, Prinz Humphrey, Lords und nebrige ab.) Pr. Heinr. Ich dachte nicht, euch noch einmal zu hoͤren. V. Zeinr. Dein Wunſch war des Gedankens Vater, . Heinrich, Ich zogre dir zu lang, ermuͤde dich. So hungerſt du nach meinem led'gen Stuhl, Daß du dich mußt in meine Ehren kleiden, Eh noch die Stuhde reif? O bloͤder Juͤnglug! — — — Sz. 3. Zweyter Theil. 31¹ Die Groͤße, die du ſuchſt, wird dich erdruͤcken. Wart nur ein wenig; denn die Wolke meiner Wuͤrde Haͤlt ein ſo ſchwacher Wind vom Fallen ab, Daß ſie bald ſinken muß; mein Tag iſt trübe. Du ſtahlſt mir das, was nur nach wenig Stunden Dein ohne Schuld war, und bey meinem Tod Haſt du mir die Erwartung noch beſiegelt: Dein Leben zeigte, daß du mich nicht liebteſt, Und du willſt, daß ich deß verſichert ſterbe. In deinem Sinne birgſt du tauſend Dolche, Die du am Felſenherzen dir gewetzt, Ein Stuͤndchen meines Lebens zu ermorden. Wie? kannſt du nicht ein Stuͤndchen auf mich warten? So mach dich fort und grabe ſelbſt mein Grab, Heiß deinem Ohr die frohen Glocken toͤnen, aß du gekroͤnt wirſt, nicht daß ich geſtorben. Die Thränen, die den Sarg bethau'n mir ſollten, Laß Balſamtropfen ſeyn, dein Haupt zu weihen; Mich miſche nur mit dem vergeßnen Staub; Gicb das den Wuͤrmern, was dir Leben gab. Setz meine Diener ab, brich meine Schluͤſſe, Nun iſt die Zeit da, aller Form zu ſpotten Heinrich der Fuͤnfte herrſcht!— Auf, Eitelkeit! Sink, Koͤnigswuͤrde! Weiſe Räthe fort! Und nun verſammelt euch an Englands Hof Von jeder Gegend, Affen eitlen Tands! Nun, Graͤnznachbarn, ſchafft euren Abſchaum weg, Habt ihr'nen Wuſtling, welcher flucht, zecht, tanzt. Die Naͤchte ſchwaͤrmt, raubt, mordet und veruͤbt Die aͤltſten Suͤnden auf die neuſte Art, Seyd glucklich, er belaͤſtigt euch nicht mehr; England wird zwiefach ſeine Schuld vergolden, England wird Amt ihm geben, Ehre, Macht; Der fuͤnfte Heinrich nimmt gezaͤhinter Frechheit Des Zwanges Maulkorb, und das wilde Thier Wird ſeinen Zahn an jeder Unſchuld weiden. O, armes Reich du, krank von Buͤrgerſtreichen! Wenn deinen Unfug nicht mein Sorgen hemmte, Was wirſt du thun, wenn Unfug fuͤr dich ſorgt? O, du wirſt wieder eine Wildniß werden, Beſetzt von Woͤlfen, deinen alten Buͤrgern Pr. weinr. Enieend.) Mein Fuͤrſt, verzeiht mir! Wären nicht die Thränen Die feuchten Hinderniſſe meiner Rede, 3 3¹2 Koͤnig Heinrich W. A. IV. So haͤtt' ich vorgebaut der harten Ruge, Eh ihr mit Gram geredt, und ich ſo weit Den Lauf davon gehort. Hier iſt die Krone, Und er, der ſeine Kron' unſterblich traͤgt, Erhalte lang ſie euch! Wuͤnſch' ich ſie mehr, Als eure Ehre und als euren Ruhm, So moͤg' ich nie von dem Gehorſam aufſtehn, Den trenſter, innerlich ergebner Sinn Mich lehrt, der unterwuͤrf'gen aͤnßern Biegung! Der Himmel ſey mein Zeuge, wie ich kam, Und keinen Odem fand in Eurer Mafeſtät, Wie es mein Herz betroffen! Wenn ich heuchle, So moͤg' ich in der jetz'gen Wildheit ſterben, Und der unglaͤub'gen Welt den edlen Tauſch, Den ich mir vorgeſetzt, nie darthun konnen! Zu euch hier kommend, denkend ihr ſeyd todt, Und todt beinah, zu denken, daß wart, Sprach ich zur Kron“, als hätte ſie Gefuͤhl, Und ſchalt ſie ſo. Die Sorge, ſo dir anhaͤngt,„ Hat meines Vaters Körper aufgezehrt; Drum biſt du, beſtes Gold, von Gold das ſchlechtſte. Andres, das wen'ger fein, iſt koͤſtlicher, Vewahrt in trinkbarer Arzney das Leben; Doch du, das feinſte, ruhm⸗ und ehrenreichſte, S deinen Herrn. So, mein Gebieter, Verklagt' ich ſie, und ſetzte ſie aufs Haupt, Mit ihr als einem Feind, der meinen Vater Vor meinem Angeſicht ermordet hätte, Den Streit des ächten Erben auszumachen. Doch wenn ſie mir das Blut mit Luſt erhitzt, Geſchwellt zu ſtolzer Hoffahrt die Gedanken, Wenn irgend ein rebehh'ſcher eitler Geiſt n mir, mit des Willkommens kleinſter Regung, Der Macht derſelben gern entgegenkam: So halte Gott ſie ſtets vom Haupt mir fern,* Und mache mich zum niedrigſten Vaſallen, Der voller Schreck und Ehrfurcht vor ihr kniet! i. Zeinr. O mein Sohn! Der Himmel gab dir ein, ſie wegzunehmen, Daß du des Vaters Liebe mehr gewoͤnneſt, Da du ſo weiſe deine Sache fuͤhrſt. Komm her denn, Heinrich, ſetz dich an mein Bett, Und hoͤr den letzten Rathſchlag, wie ich glaube, Den ich je athmen mag. Gott weiß, mein Sohn, Si. 3. Zwehter Theil. 313 Durch welche Nebenſchlich' und krumme Wege Ich dieſe Kron' erlangt; ich ſelbſt weiß wohl, Wie läſtig ſie auf meinem Haupte ſaß⸗ Dir fällt ſie heim nunmehr mit beßrer Ruh, Mit beßrer Meinung, beſſerer Beſtät'gung; Denn jeder Flecken der Erlangung geht Mit mir ins Grab. An mir erſchien ſie nur Wie eine Ehr' erhaſcht mit heft'ger Hand; Und viele lebten noch, mir vorzurucken, Daß ich durch ihren Beyſtand ſie gewonnen; Was taͤglich Zwiſt und Blutvergießen ſchuf, Dem vorgegebnen Frieden Wunden ſchlagend. All dieſe dreiſten Schrecken, wie du ſiehſt, Hab' ich beſtanden mit Gefahr des Lebens: Denn all mein Regiment war nur ein Auftritt, Der dieſen Inhalt ſpielte; nun veraͤndert Mein Tod die Weiſe; denn was ich erjagt, Das fallt dir nun mit ſchoͤnerm Anſpruch heim, Da du durch Erblichkeit die Krone trägſt. Und, ſtehſt du ſichrer ſchon als ich es konnte, Du biſt nicht feſt genug, ſo lang die Klagen So friſch noch ſindz und allen meinen Freunden, Die du zu deinen Freunden machen mußt, Sind Zahn' und Stachel kurzlich nur entnommen, Die durch gewaltſam Thun mich erſt befordert, Und deren Macht wohl Furcht erregen konnte Vor neuer Abſetzung; was zu vermeiden Ich ſie verdarb, und nun des Sinnes war, Zum heil'gen Lande Viele fortzufuͤhren, Daß Ruh und Stilleliegen nicht zu nah Mein Reich ſie pruͤfen ieß. Darum, mein Heintich, Beſchaͤft'ge ſtets die ſchwindlichten Gemuͤther Mit fremdem Zwiſt, daß Wirken in der Fern Das Angedenken vor'ger Tage banne. Mehr wollt' ich, doch die Lung' iſt ſo erſchoͤpft, Daß kraͤft'ge Rede gaͤnzlich mir verſagt iſt. Wie ich zur Krone kam, o Gott vergebe! Daß ſie bey dir in wahrem Frie den lebe! Pr. Zeinr. Mein gnäd'ger Fuͤrſt, Ihr trugt, erwarbt, bewahrtet, gabt ſie mir; Klar iſt daher auch mein Beſitz an ihr Den wider alle Welt nach vollen Rechten Mit nicht gemeiner Müh' ich will verfechten. (Prinz Johann von Lancaſter, Warwick, Lords und Andre treten auf.) 314 Koͤnig Heinrich W. A. V. B. Zeinr. Seht, hter kommt mein Johann von Lancaſter. Pr. Joh. Geſundheit, Friede, Gluͤck mit meinem Vater! R. Heinr. Dü bringſt mir Gluͤck Frieden, Sohn Johann; Geſundheit, ach! die floh mit jungen Schwingen Den kahlen welken Stamm; bey deinem Anblick Stehn meine weltlichen Geſchaͤfte ſtill.— Wo iſt Mylord von Warwick? Pr. Zeinr. Mylord von Warwick? R. Zeinr. Kommt irgend ein beſondrer Name zu Dem Zimmer, wo ich erſt in Ohnmacht fiel? Warw. Es heißt Jeruſalem, mein edier Herr. B. Zeinr. Gelobt ſey Gott!— hier mußmein Leben enden. Vor vielen Jahren ward mirs prophezeit, Ich wuͤrde ſterben in Jeruſalem, Was faͤlſchlich ich vom heil'gen Lande nahm. Doch bringt mich zu der Kammer dort zu ruhn: In dem Jeruſalem ſtirbt Heinrich nun.(Alle ab.) Fuͤnfter Aufzug Erſte Szene. Gloſterſhire. Ein Zimmer in Schaals Hauſe. (Schaal, Falſtaff, Bardolph und Page treten auf.) Schaal. Der Tauſond noch einmal! Herr, ihr ſollt heute Nacht nicht weg.— He, David, ſag' ich! Falſt. Ihr muͤßt mich entſchuldigen, Herr Robert Schaal. Schaal. Ich will ench nicht entſchuldigen; ihr ſollt nicht entſchuldigt ſeyn;(Entſchuldigungen ſollen nicht zu⸗ gelaſſen werden; keine Entſchuldigung ſoll was gelten; ihr ſollt nicht entſchuldigt ſeyn.— Nun, David! (David kommt.) Dav. Hier, Herr! Schaal. David, David, David,— laß mich ſehn, Da⸗ vid, laß mich ſehn,— ja wahrhaftig: Wilhelm der Koch, den heiß mir herkommen.— Sir John, ihr ſollt nicht eutſchuldigt ſeyn. Dav. Ja, Herr, das wars: die Verhaftsbefehle hier — — ⁸ — —⁸ Sz. 1. Zweyter Theil 315 ſind nicht anzubringen; und dann, Herr:— ſollen wir das Auerland mit Waizen beſaͤen? Schaal. Mit rothem Waizen, David. Aber wegen Wilhelm dem Koch,— ſind keine jungen Tauben da? Dav. Ja, Herr!— Hier iſt nun des Schmidts Rechnung fuͤrs Beſchlagen und die Pflugeiſen. Schaal. Zieh die Summe und bezahl es.— Sir John, ihr ſollt nicht entſchuldigt ſeyn. 2 Dav. Ferner, Herr, wir muͤſſen durchaus eine neue Kette an dem Eimer haben;— und, Herr, denkt ihr, dem Wilhelm was von ſeinem Lohn abzuziehen, wegen des Sacks, den er letzthin auf dem Markte zu Hinkley ver⸗ loren hat? Schaal. Er nuß es erſetzen.— Einige Tauben, David, ein paar kurzbeinige Hennen, eine Schoͤpskeule und ſonſt ein allerliebſtes kleines Allerley; ſag das Wilhelm dem Koch. Dav. Bleibt der Kriegsmann den ganzen Abend hier, Herr? Schaal. Ja, David, ich will ihm gut begegnen; ein Freund am Hofe iſt beſſer als ein Pfennig im Beutel. Begegne ſeinen Leuten gut, David, denn es ſind ausge⸗ machte Schelme, und ſchwaͤrzen einen hinter den Ruͤcken an. Dav. Nicht aͤrger als ſie ſelbſt hinter dem Ruͤcken angeſchwaͤrzt ſind, Herr, denn ſie haben erſchrecklich ſchmutzige Waͤſche an.. Schaal. Ein ſchoͤner Einfall, David! An deine Ar⸗ beit, David. Dav. Ich bitte euch, Herr, Wilhelm Viſor von Won⸗ cot gegen Elemens Perkes vom Berge zu unterſtutzen. Schaal. Gegen den Viſor kommen viele Klagen ein, David; der Viſor iſt ein ausgemachter Schelm, ſo viel ich weiß. Dav. Ich geſtehe Euer Edlen zu, daß er ein Schelm iſt, Herr; aber da ſey Gott vor, Herr, daß ein Schelm nicht auf die Fuͤrſprache eines Freundes einige Unterſtuͤtz⸗ ung finden ſollte. Ein ehrlicher Mann, Herr, kann fuͤr ſich ſelbſt ſprechen, wenn ein Schelm es nicht kann. Ich habe Euer Edlen treulich ſeit acht Jahren gedient, Hebr; und wenn ich nicht ein oder ein paarmal in einem Vier⸗ reljahr einemn Schelm gegen einen ehrlichen Mann durch⸗ helfen kann, ſo habe ich auch gar zu wenig Kredit bey Euer Edlen. Der Schelm iſt mein ehrlicher Freund, Herr, bitte ich Euer Edlen, laßt ihm Unterſtuͤtzung an⸗ gedeihen. Schaal. Gich dich zufrieden, ich ſage, ihm ſoll nichts geſchehen. Sieh nach allem.(David ab.) 316 Koͤnig Heinrich IV. A. V. Wo ſeyd ihr, Sir John? Kommt, die Stiefeln abgelegt! Giebt mir die Hand, Meiſter Bardolph. Bard. Ich freue mich, Euer Edlen zu ſehn. Schaal. Ich danke dir von ganzem Herzen, mein lieber Meiſter Bardolph;—(zu dem Pagen) und willkommen, mein ſtarker Mann. Kommt, Sir John.(Schaal ab.) Falſt. Ich komme nach, lieber Herr Robert Schaal. Bardolph, 6 nach unſern Pferden.(Bardolph und Page ab.) Wenn ich in Portjonen geſägt wuͤrde, ſo könnte man vier Dutzend ſolcher baͤrtigen Klausnerſtöcke aus mir ma⸗ chen, wie Meiſter Schaal. Es iſt ein wunderliches Ding, den gegenſeitigen Zuſammenhang zwiſchen dem Geiſt ſei⸗ ner Leute und dem ſeinigen zu ſeznt ſie, indem ſie ihn beobachten, betragen ſich wie alberne Friedensrichter; er wird durch den Umgang mit ihnen in einen friedensrich⸗ terlichen Bedienten verwandelt; ihre Gemüther ſind durch den geſelligen Verkehr ſo mit einander vermaͤhlt, daß ſie ſich immer eintraͤchtig zuſammenhalten, wie ein Haufen wilder Gaͤnſe. Haͤtte ich ein Geſuch bey Meiſter Schaal, ſo wollte ich ſeine Leute damit guter Laune machen, daß ich ihnen Aehrletet mit ihrem Herrn zuſchriebe; bey ſeinen Leuten, ſo wollte ich Meiſter Schaal damit kitzeln, daß niemand ſeinen Bedienten beſſer zu befehlen wiſſe⸗ Es iſt gewiß, ſowohl weiſes Betragen als einfaͤltige Auf⸗ führung nimmt einer vom andern an, wie Krankheiten anſtecken; deswegen mag ſich jeder mit ſeiner Geſellſchaft vorſehen. Ich will aus dieſem Schaal Stoff genug ziehn, um Prinz Heinrich in beſtaͤndigem Gelächter zu erhalten, ſechs neue Moden hindurch, was ſo lange dauett als vier Gerichtstermine, oder zwey Schuldklagen, und er ſoll ohne Intervallum lachen. H, es iſt viel, daß eine Lüge mit einem leichten Schwur und ein Spaß mit einer ge⸗ runzelten Stirn bey einem Burſchen, der niemals Schul⸗ terweh gefuhlt hat, ihrer Sachen gewiß ſind! H, ihr ſollt ihn lachen ſehn, bis ſein Geſicht ausſieht wie ein naſſer, ſchlecht zuſammengefalteter Mantel! Schaal.(draußen.) Sir John! 2 Falſt. Ich komme, Herr Schaal! ich komme, Herr Cob. 8 wehte Szene. Weſtminſter. Ein Zimmer in Yalaſte. (Warwick und der Oberrichter meten auf.) Warw. Wie nun, Herr Oberrichter! wo hinaus? — —— —— Sz. 2. Zweyhter Theil. 317 oberr. Wie gehts dem Koͤnig? warw. Ausnehmend gut, ſein Sorgen hat ein Ende. oberr. Nicht todt, hoff' ich. Warw Er ging des Fleiſches Weg. Und, unſter Weiſe nach, lebt er nicht mehr. Oberr. Daß Seine Majeſtät mich mitgenommen haͤtte! Der Dienſt, den ich ihm treulich that im Leben,. Laͤßt jeder Kraͤnkung nun mich bloßgeſtellt. warw. Der junge Koͤnig, denk' ich, liebt euch nicht. Oberr. Ich weiß, daß ers nicht thut, und waffne mich, Der neuen Zeit Bewandtniß zu begruͤßen, Die ſcheußlicher auf mich nicht blicken kann, Als meine Phantaſey ſie vorgeſtellt. (Prinz Johann, Prinz Humphrey, Clarence, Weſtmoreland und Andre.) warw. Da kommt des todten Heinrichs trauriges in Geſchlecht⸗ O, häͤtte doch der Heinrich, welcher lebt, Die Sinnesart der ſchlechtſten der drey Herren! Wie manchem Edlen bliebe dann ſein Platz, Der niedern Geiſtern muß die Segel ſtreichen. oberr. Ach! alles, furcht' ich, wird zu Grunde gehn. Pr. Joh. Guten Morgen, Vetter Warwick. Pr. Zumph. und Clar. Guten Morgen, Vetter. Pr. Joh. Wir haben, ſcheints, die Sprache ganz vergeſſen. warw. Sie iſt uns noch im Sinn, doch unſer Vorwurf Iſt zu betruͤbt, viel Reden zu geſtatten. Pr. Joh. Wohl, Frieden ihm, der uns btruͤbt gemacht! Oberr. Uns Frieden, daß wir nicht betruͤbter werden! Pr. Zumph. Obeſter Lord, euch ſtarb ein Freund, fuͤrwahr: Ich ſchwoͤre drauf, ihr borgt nicht dieſe Miene Scheinbaren Leids; ſie iſt gewiß eur eigen. F Pr. Joh. Weiß keiner gleich, wie er in Gunſt wird ſtehn, Euch bleibt die kälteſte Erwartung doch. 3 Es thut mir Leid, ich wollt' es wäre anders. Clar. Ja wohl, nun muͤßt ihr Sir John Falſtaff ſchmeicheln, Und das ſchwimmt gegen eurer Wuͤrde Strom. 65 Oberr. In Ehren that ich alles, werthe Prinzen, Gelenkt von unparteyiſchem Gemuͤth, Und niemals ſollt ihr ſehen, daß ich bettle Um eitle ſchimpfliche Begnadigung.— Hilft Redlichkeit mir nicht und offne Unſchuld, So will ich meinem Herrn, dem Koͤnig, nach, Und will ihm melden, wer mich nachgeſandt. 318 Koͤnig Heinrich IV. A. warw. Da kommt der Prinz. (Koͤnig Heinrich der Fuͤnfte kritt auf.) Oberr. Guten Morgen! Gott erhalt' Euer Majeſtät. Bönig. Dieß neue praͤcht'ge Staatskleid, Majeſtät, Sitzt mir nicht ſo gemaͤchlich, wie ihr denkt. Bruͤder, ihr miſcht mit ein'ger Furcht die Trauer; Dieß iſt der Engliſche, nicht Tuͤrk'ſche Hof, Hier folgt nicht Amurath auf Amurath, Auf Heinrich, Heinrich. Doch trauert, lieben Bruͤder; Die Wahrheit zu geſtehn, es ziemt euch wohl; Das Leid erſcheint in euch ſo königlich, Daß ich der Sitte ganz mich will ergeben, Und ſie im Herzen tragen. Wohl denn, trauert, Doch ziehts nicht mehr euch an, geliebte Bruͤder, Als eine Laſt, uns allen auferleht. Was mich betrifft, beym Himmel, ſeyd verſichert, Ich will euch Vater und auch Bruder ſeyn. Gebt eure Lieb', ich nehme eure Sorgen; Doch weint, daß Heinrich todt iſt, ich wills auch. Doch Heinrich lebt, der alle dieſe Thränen In ſo viel Stunden Glücks verwandeln wird. Pr. Joh.(und die Uebrigen.) So hoffen wirs von Eurèer Majeſtät. Rönig. Ihr blickt auf mich befremdet; ihr am meiſten. (Sum Oberrichter.) Ich denk', ihr ſeyd gewiß, ich lieb' euch nicht. Oberr. Ich bin gewiß, wenn man gerecht mich mißt, Hat Eure ee zum Haß nicht Urſach. Rönig. icht? Wie konnt' ein Prinz von meiner 6 Anwartſchaft So großen zugefuͤgten Schimpf vergeſſen? Was? ſchelten, ſchmaͤhn und hart gefangen ſetzen Den naͤchſten Erben Englands! War das nichts? Laßt ſichs im Lethe waſchen und vergeſſen? Oberr. Da uͤbt' ich die Perſon von eurem Vater, Ich trug an mir das Abbild ſeiner Macht, Und da ich bey Verwaltung des Geſetzes Geſchaͤftig war fuͤr das gemeine Weſen, Gefiels Eur Hoheit, gaͤnzlich zu vergeſſen Mein Amt und des Geſetzes Majeſtät, Das Bild des Koͤnigs, welchen ich vertrat, Und ſchlugt mich, recht auf meinem Richterſitz, Worauf, als den Beieid'ger eures Vaters, Ich, kuͤhnlich meines Anſehns mich bedienend, „———— — „———— Sz. 2. Zweyter Theil. 3¹9 Euch in Verhaft nahm. War die Handlung ſchlecht, So wuͤnſcht euch, da ihr nun die Krone tragt, Auch einen Sohn, der eurer Schlüſſe ſpottet, Gerechtigkeit vom ernſten Sitze reißt, Den Lauf des Rechtes ſtuͤrzt, und ſtumpft das Schwert, Das eure Sicherheit und Frieden ſchirmt; Noch mehr, eur hohes Bild mit Fuͤßen tritt, Und hoͤhnt eur Werk in einem Stellvertreter. Fragt euren hohen Sinn, ſetzt euch den Fall; Seyd nun ein Vater, denkt euch einen Sohn, Hoͤrt eure eigne Wuͤrde ſo entweiht, 5 Die furchtbarſten Geſetze keck verachtet, Seht ſo euch ſelbſt von einem Sohn entwuͤrdigt; Dann ſtellt euch vor, ich fuͤhre eure Sache, Und ſänft'g' in eurer Vollmacht euren Sohn: So kuͤhl erwogen, faͤllt nun meinen Spruch. So wahr ihr Koͤnig, ſprecht nach eurer Wuͤrde: Was that ich wohl, das meinem Amt, Perſon Und Dienſtpflicht gegen meinen Herrn misziemte? Rönig. Ihr habt recht, Richter, und erwägt dieß wohl. Fuͤhrt denn hinfort die Wagſchaal“ und das Schwert; Und moͤgen eure Ehren immer wachſen, Bis ihrs erlebt, daß euch ein Sohn von mir Beleidigt und gehorchet, wie ich that. Dann werd' ich ineines Vaters Worte ſprechen: Begluͤckt bin ich, ſolch kuͤhnen Mann zu haben, Der Recht an meinem Sohn zu uͤben wagt; Begluͤckt nicht minder, daß ein Sohn mir ward, Der ſeiner Groͤße zu des Rechtes Handen Sich ſo entäußert.— Ihr habt mich gepfaͤndet, Darum verpfänd' ich nun in eure Hand a i Dieß reine Schwert, das ihr zu fuͤhren pflegtet, Mit dieſer Mahnung: daß ihr ſelbes braucht, So kuͤhn, gerecht und unpartey ſchen Sinns, Wie damals wider mich. Hier meine Hand, Ihr ſollt ein Vater meiner Jugend ſeyn, Was ihr mir einhaucht, ſoll mein Mund verkuͤnden, Und meinen Willen unterwerf ich gern So wohlerfahrnen weiſen Anleitungen. Und, all' ihr Prinzen, glaubt es mir ich bitt' euch: Wild iſt mein Vater in ſein Grab gegangen, 6 In ſeiner Gruft ruhn meine Leidenſchaften; zu Und in mir uͤberlebt ſein ernſter Geiſt, 2 Um die Erwartung aller Welt zu taͤuſchen, Propheten zu beſchämen, auszuloſchen 320 Koͤnig Heinrich IV. A. V. Die faule Meynung, die mich niederſchrieb Nach meinem Anſchein. Der Strom des Bluts in mir Hat ſtolz bis jetzt in Eitelkeit geflutet, Nun kehrt er um, und ebbt zuruͤck zur See, Wo er ſich mit der Fluten Haupt ſoll miſchen, In ernſter Majeſtät forthin zu fließen. Berufen wir den Hof des Parlaments Und ſolche Glieder fuͤr den edlen Rath, Daß unſers Staates großer Koͤrper ſteh An Wuͤrde gleich dem beſtregierten Volk, Daß Krieg und Frieden, oder beydes auch Zugleich, bekannt uns und gelaͤufig ſey; (Zum Oberrichter.) Wobey ihr, Vater, ſollt den Vorſitz fuͤhren. Nach unſrer Kroͤnung rufen wir zuſammen, Wie wir zuvor erwaͤhnt, den ganzen Staat; Und ſtimmt der Himmel meinem Willen bey, So ſoll noch Prinz, noch Pair, mit Grunde ſagen: Gott kuͤrze was an Heinrichs frohen Tagen.(Alle ab.) i Dritte Szene. Gloſterſhire. Der Garten bey Schaals Hauſe. (Falſtaff, Schaal, Stille, Bardolph, der Page und David kommen.) Schaal. Nein, ihr muͤßt meinen Baumgarten ſehn, da wollen wir uns in eine Laube ſetzen und einen Pippin vom vorigen Jahre eſſen, den ich ſelbſt gepfropft habe, nebſt einem Teller Konfekt und ſo weiter;— nun kommt, Vetter Stille, und dann zu Bett⸗ Falſt. Weiß Gott, ihr habt hier einen trefflichen rei⸗ chen Wohnſitz. Schaal. Mager, mager, mager! Alleſammt Bettler, alle⸗ ſammt Bettler, Sir John!— Ey nun, die Luft iſt gut⸗— Decke, David; decke, David; das machſt du gut, David Falſt. Der David leiſtet euch gute Dienſte; er iſt euer Aufwärter und euer Wirthſchafter. 13 Schaal. Ein guter Burſch, ein guter Burſch, ein ſehr guter Burſch, Sir John.— Beym Sakrament, ich habe beym Eſſen zu viel getrunken;— ein guter Burſch. Nun ſetzt euch nieder, ſetzt euch nieder! Kommt, Vetter. Stille. Ey der Tauſend, das mein' ich; wir wollen (Er ſingt.) Nichts thun, als eſſen, und keiner was ſpar', und preiſen den Himmel furs luſtige Jahr, Sz3. Zweyter Theil. 321 Wo wohlfeil das Fleiſch und die Maͤdel rar, Und munteres Voͤlklein hier ſchwaͤrmet und dar, So freudiglich, Und immerzu ſo freudiglich. Falſt. Das iſt mir ein froͤhliches Herz!— Lieber Herr Stille, dafuͤr will ich ſogleich eure Geſundheit trinken. Schaal. Gieb dem Herrn Bardolph Wein, David. Dav. Schoͤnſter Herr, ſetzt euch;(er ſetzt Bardolph und dem Pagen Stuͤhle an einem andern Tiſch.) ich bin gleich wie⸗ der bey euch— ſchoͤnſter Herr, ſetzt euch.— Herr Page, lieber Herr Page, ſetzt euch; Proſit! Was euch an Eſſen abgeht, wollen wir mit Trinken erſetzen. Aber ihr muͤßt vorlieb nehmen; der gute Wille iſt die Hauptſache.(ab.) Schaal. Seyd luſtig, Meiſter Bardolph,— und ihr da, mein kieiner Soldat, ſeyd luſtig. Stille.(ſingt.) Seyd luſtig, ſeyd luſtig, die Frau mag auch ſchreyn, Denn Weiber ſind Hexen, ſo große, wie klein, Wo Maͤnner allein, gehts drauf und drein; Und luſtige Faſtnacht willkommen! Seyd luſtig, ſeyd luſtig, u. ſ. w. Falſt. Ich haͤtte nicht gedacht, daß Herr Stille ein Mann von dem Feuer waͤre. Stille. Wer? Ich? Ich bin wohl ſchon ein oder ein paarmal in meinem Leben luſtig geweſen. Dav.(kommt zuruͤck.) Da iſt ein Teller voll Pelzäp⸗ fel fuͤr euch.(ſetzt ſie vor Bardolph hin.) Schaal. David! Dav. Euer Edlen!(zu Bardolph.) Ich will gleich bey euch ſcyn.— Ein Glaͤschen Wein, Herr? Stille.(ſingt.) Ein Glaͤschen Wein, der ſtark und rein, Und trink es zu der liebſten mein, Und ein froͤhliches Herz lebt am läͤngſten. Falſt. Brav! Herr Stille. Stille. Und wir wollen froͤhlich ſeyn; das Beſte von der Nacht geht nun erſt an. Falſt. Eure Geſundheit und langes Leben, Herr Stille! Stille.(ſingt.] Fuͤllt das Glas, ich trink' es leer, Und waͤrls eine Meil' auf den Boden. Schaal. Ehrlicher Bardolph, willkommen! Wenn dir irgend was fehlt und du forderſt nicht, ſo mach' es mit dir ſelber aus.—(Zu dem Pagen.) Willkommen, mein allerliebſter kleiner Schelm! ja wahrhaftig, recht ſehr will⸗ 21 —— 322 Koͤnig Heinrich IV. A Wi kommen!— Ich will zu Ehren Meiſter Bardolphs trin⸗ ken und aller Kavaliere in London. S Ich hoffe, London noch einmal vor meinem Tode zu ſehen. Z Wenn ich euch da ſehen koͤnnte, David,— Schaal. Beym Sakrament, ihr ſtaͤchet gewiß ein Quart mit einander aus. Ha! nicht wahr, Meiſter Bardolph? Bard. Ja, Herr, in einer Vier-Noͤſel-Kanne. Schaal. Ich danke dir. Der Schelm wird ſich an dich halten, das kann ich dich verſichern; der wankt und weicht nicht, es iſt ein treues Blut. Bard. Ich will mich auch an ihn halten, Herr. Schaal. Das heißt wie ein Koͤnig geſprochen. Laßt euch nichts abgehn, ſeyd luſtig.(Es wird draußen geklopft.) Seht, wer da an der Thuͤr iſt. He, wer klopft?(David ab.) Jalſt.(zu Stille, der ein geſtrichnes Glas austrinkt.) So, nun habt ihr mir Beſcheid gethan. Stille.(ſingt.) Beſcheid mir thu, Schlag mich Ritter dazu; Samingo. Iſt es nicht ſo? Falſt. Ja, ſo iſts. Stille. Iſt es ſo? Nun ſo ſagt, daß ein alter Mann auch was kann. 5 (David kommt zuruͤck.) Dav. Wenns Euer Edlen beliebt, da iſt ein Piſtol mit Neuigkeiten vom Hofe. Falſt. Vom Hofe? Laß ihn hereinkommen.(Piſtol tritt auf.) Wie ſtehts, Piſtol? piſtol. Gott erhalte euch, Sir John! Falſt. Welch ein Wind hat dich hergeblaſen, Piſtolſ piſtol. Der ſchlimme nicht, der keinem blaͤſt zum Heil.— Herzens-Ritter, du biſt nun einer der großten Leute im Koͤnigreich. Stille. Sapperment, das denke ich auch, außer Ge⸗ vatter Puff von Barſon. piſtol. Puff? Puff in die Zahne dir, hoͤchſtſchnöde Memme! Sir John, ich bin dein Freund und dein Piſtol, Und Holterpolter ritt ich her zu dir, Und Zeitung bring' ich und begluͤckte Luſt, Und goldne Zeit und Neuigkeit von Werth. Falſt. Ich bitte dich, melde ſie nun wie ein Menſch von dieſer Welt. Sp. 3. Zwehter Theil. 323 Piſt. Ein Pfifferling für Welt und Weltling ſchnöde! Von Afrika red' ich und goldner Luſt. Falſt. O, du Aſſyr'ſcher Wicht, was bringſt du Neues? Koͤnig Cophetua will die Wahrheit wiſſen. tille.(ſingt.) Und Robin Hood, Scharlach und Hans.— Piſtol. Soll Hundebrut den Helikonen trotzen? Und höhnt man gute Zeitung? So leg dein Haupt, Piſtol, in Furien⸗Schooß! Schaal. Mein ehrlicher Herr, ich kenne eure Lebens— art nicht. Piſtol. Nun, ſo wehklage drum! Schaal. Verzeiht mir, Herr; wenn ihr mit Neuigkei⸗ ten vom Hofe kommt, ſo gicbt es meines Beduͤnkens nur zwey Wege: entweder ihr bringt ſie vor, oder ihr behal⸗ tet ſie bey euch. Ich ſtehe unter dem Koͤnige, Herr, in einiger Autoritaͤt. Piſtol. Doch unter welchem Koͤnig, du Halunk? Sprich oder ſtirb! Schaal. Uiter Koͤnig Heinrich. Piſtol. Heinrich dem Vierten oder Fuͤnften? Schaal. Heinrich dem Vierten. Piſtol. Ein Pfifferling dann fuͤr dein ganzes Amt! Sir John, dein zartes Lamm iſt Koͤnig nun; Heinrich der Fuͤnfte heißts! Ich rede wahr; Thut dieß mir, luͤgt Piſtol: gebt mir die Feigen, So wie der ſtolze Spanier. Falſt. Was! iſt der alte Koͤnig todt? Piſtol. Wie Maus im Loch; das, was ich ſag', iſt richtig. Falſt. Fort, Bardolph, ſattle mein Pferd!— Herr Ro⸗ bert Schaal, wähle dir welches Amt im Lande du willſt, es iſt dein.— Piſtol, ich will dich doppelt mit Wuͤrden laden⸗ Bard. O freudiger Tag! Ich tauſche mein Gluͤck mit keinem Ritter. Piſtol. Was? bring' ich gute Zeitung? Falſt. Bringt Herrn Stille zu Bett.— Herr Schaal, Mylord Schaal, ſey was du willſt, ich bin des Gluckes Haushofmeiſter. Zieh deine Stiefein an, wir wollen die Nacht durch reiten.— O allerliebſter Piſtol!— Fort, Bal⸗ dolph!(Bardolph ab.) Komm, Piſtol, erzaͤhl' mir noch mehr, und denke zugleich auf etwas, das du gern haͤtteſt.— Stiefeln, Stiefeln, Herr Schaal! ich weiß, der junge Koͤnig iſt krank vor Sehnſucht nach mir. Laßt uns Pferde nehmen, weſſen ſie auch ſind; die Geſoetze Endlands ſtehen 21* 324 Koͤnig Heinrich IV. A. V. mir zu Gebote. Glucklich ſind die, welche meine Freunde waren, und wehe dem Herrn Oberrichter! piſtol. Laßt ſchnoͤde Gey'r die Lung' ihm freſſen ab! Wo iſt mein vorig Leben? ſagen ſie! Hier iſts; willkommen dieſe frohen Tage.(Alle ab.) London. Eine Straße. (Buͤttel, welche die Wirthin Hurtig und Dortchen Lakenreißer herbeyſchleppen.) wirth. Nein, du Erzſchelm! Ich wollte, ich ſtuͤrbe, damit du gehängt wuͤrdeſt. Du haſt mir die Schulter ganz aus dem Gelenke geriſſen. r. Büt. Die Gerichtsdiener haben ſie mir uͤberliefert, und ſie ſoll genug mit Peitſchen bewillkommnet werden, dafuͤr ſtehe ich ihr: es ſind ihretwegen ſeit kurzem ein oder ein paar Menſchen todtgeſchlagen. Dortch. Aepfelſtange, Aepfelſtange, du lugſt! Komm nur, ich will dir was ſagen, du verdammter Schuft mit dem Kaldaunengeſicht. Wenn das Kind, womit ich ſchwan⸗ ger gehe, zu Schaden kommt, ſo ware dir beſſer, du hätteſt deine Mutter geſchlagen, du Spitzbube von Papiergeſicht. wirth. O Jemine, daß Sir John doch zuruͤck ware! Ich weiß wohl, wem er einen blutigen Tag machen wuͤrde. IAber ich bitte Gott, daß die Frucht ihres Leibes zu Scha⸗ den kommen mag. 1. Büt. Wenn das geſchieht, ſo ſollt ihr ein Dutzend Kiſſen wieder haben; ihr habt jetzt nur noch elfe. Kommt, ihr muͤßt beyde mit mir gehn; der Mann iſt todt, den ihr und Piſtol beide unter euch gepruͤgelt habt. Dortch. Ich will dir was ſagen, du ausgedoͤrrter Knecht Ruprecht, dafuͤr ſollt ihr mir tuͤchtig ausgewalkt werden, ihr Schuft von Blaurock! ihr garſtiger hungriger Zuchtmeiſter! Wenn ihr nicht geprugelt werdet, ſo will ich keine halbe Leibroͤcke wieder tragen. 1. Büt. Kommt, kommt, ihr irrende Ritterin! kommt! wirth. O, daß Recht die Gewalt ſo unterdruͤcken muß! Nun, aus Leiden kommen Freuden⸗ Dortch. Kommt, ihr Schelm! kommt, bringt mich vor einen Friedensrichter. wirth. Ja, kommt, ihr ausgehungerter Bluthund. Dortch. Gevatter Todi Gevatter Beingerippe! wirth. Du Skerlett du! Sz. 5. Zweyter Theil. 325 Dortch. Kommt, ihr magres Ding! kommt, ihr ſpitzi⸗ ger Bube! r. Büt. Es iſt ſchon gut.(Alle ab.) Fuͤnfte Szene. Ein oͤffentlicher Platz bey der Weſtminſterabtey. (Zwey Kammerdiener, die Binſen ſtreuen.) . Kammerd. Mehr Binſen! mehr Binſen! 2. Kammerd. Die Trompeten haben ſchon zweymal geblaſen. r. Rammerd. Es wird zwey Uhr, ehe ſie von der Kroͤnung kommen. Mach zu! mach zu!(Beyde ab.) Falſtaff, Schaal, Piſtol, Bardolph und der Page kommen.) Falſt. Steht hier neben mir, Herr Robert Schaal, ich will machen, daß euch der Koͤnig Gnade erzeigt. Ich will ihn anblinzeln, wie er vorbey gehr, und merkt nur auf die Mienen, die er mir machen wird. Piſt. Gott ſegne deine Lunge, guter Ritter! Falſt. Komm her, Piſtol, ſtell dich hinter mich!(zu Schaal.) O, haͤtte ich nur die Zeit gehabt, neue Livrehen machen zu laſſen, ich haͤtte die von euch geliehnen tauſend Pfund daran verwandt. Aber es thut nichts; dieſer armſelige Aufzug iſt beſſer; es beweiſ't den Eifer, den ich hatte, ihn zu ſehn. Schaal. Das thuts. Falſt. Es zeigt die Herzlichkeit meiner Zuneigung. Schaal. Das thuts. Falſt. Meine Ergebenheit. Schaal. Das thuts, das thuts, das thuts. Falſt. So Tag und Nacht zu reiten; nicht zu uber⸗ legen, nicht zu denken, nicht die Geduld zu haben, mich anders anzuziehn. Schaal. Das iſt ſehr gewiß. Falſt. Schmutzig von der Reiſe dazuſtehn, ſchwitzend vor Begierde ihn zu ſehen, an nichts anders gedacht, alles andre der Vergeſſenheit uͤbergeben, als ob gar nichts anders zu thun waͤre, als ihn ſehen. Piſt. S iſt semper idem, denn absque hoo nihil est:'s iſt alles uͤberall. Schaal. Es iſt ſo, in der That. Piſt. Ich will dein' edle Bruſt entflammen, Ritter, Dich wäthen machen. Dein Dortchen, deines edlen Sinnes Helena, 326 Koͤnig Heinrich IV. A. V. Iſt in Verhaftung ſchnoͤd' und gift'gem Kerker; Hieher geſchleppt Von allerniedrigſter und ſchmutz'ger Hand. Weck' auf die Rach' aus ſchwarzer Kluft mit Schlang' Alektosgrimm, Denn Dortchen ſitzt: Piſtol ſpricht Wahrheit nur. Falſt. Ich will ſie befreyen.(Trompeten.) piſt. Da bruͤllt die See, und ſcholl Trompetenklang. (Der Koͤnig kommt mit ſeinem Zuge, darunter der berichte. Falſt. Heil, Koͤnig Heinz! mein koͤniglicher Heinz! piſt. Der Himmel huͤte dich, erhabner Ruhmesſproß! Falſt. Gott ſchuͤtz dich, Herzonsſunge! Ronig. Sprecht mit dem eitlen Mann, Herr Oöerrichter. oberr. Seyd ihr bey Sinnen? wißt ihr, was ihr ſagt?„ Falſt. Mein Fuͤrſt! mein Zeus! dich red'ich an, mein Herz! Bönig. Ich kenn dich, Alter, nicht; an dein Gebet! Wie ſchlecht ſteht einem Schalksnarrn weißes Haar! Ich traumte lang von einem ſolchen Mann, So aufgeſchwellt vom Schlemmen, alt und ruchlos; Doch, nun erwacht, veracht' ich meinen Traum⸗ Den Leib vermindre, mehre deine Gnade, Laß ab vom Schwelgen; wiſſe, daß das Grab Dir dreymal weiter gähnt als andern Menſchen. Erwiedre nicht mit einem Narrenſpaß, „Denk nicht, ich ſey das Ding noch, das ich war; Der Himmel weiß, und merken ſolls die Welt, Daß ich mein vor'ges Selbſt hinweggethan, Wie nun auch die, ſo mir Geſellſchaft hielten. Vernimmſt du, daß ich ſey wie ich geweſen. Dann komm', und du ſollſt ſeyn, was du mir warſt; Der Lehrer und der Pfleger meiner Luͤſte. Bis dahin bann' ich dich bey Todesſtrafe, Und all die Andern auch, die mich mißleitet, Zehn Meilen weit von unſerer Perſon. Was Unterhalt betrifft, den ſollt ihr haben, Daß Duͤrftigkeit euch nicht zum Boͤſen zwinge; Und, wie wir hoͤren, daß ihr ench bekehrt, So wollen wir nach eurer Kraft und Faͤhigkeit, Befoͤrdrung euch ertheilen. Sorgt, Mylord, Daß unſers Wortes Inhalt werd' erfuͤllt. (Der Koͤnig und ſein Zug ab.) Falſt Herr Schaal, ich bin euch tauſend Pfund ſchuldig. 8 Sz. 5. Zweyter N heil. 327 Schaal. Ja wahrhaftig, Sir John, ich bitte euch, ſie mir mit nach Hauſe zu geben. Falſt. Das kann ſchwerlich geſchehen, Herr Schaal. Bekuͤmmert euch hieruͤber nicht, man wird mich insgeheim zu ihm rufen; ſeht, er muß ſich vor der Welt dieß Anſehn geben. Fuͤrchtet nichts wegen eurer Befoͤrderung; ich bin immer noch der Mann, der euch groß machen kann. Schaal. Ich kann nicht begreifen, wie: ihr muͤßtet mir denn euer Wams geben und mich mit Stroh ausſtop⸗ ſen. Ich bitte euch, guter Sir John, gebt mir nur fuͤnfhundert von meinen tauſend. Falſt. Herr! ich will euch mein Wort noch halten; was ihr eben gehoͤrt habt, war nur eine angenommene Maske. Schaal. Aber eine Maske, fuͤrchte ich, worin ihr bis an euren Tod ſtecken werdet, Sir John. Falſt. Macht euch nichts aus ſo einer Maske, kommt mit mir zum Eſſen. Kommt, Lieutenant Piſtol! komm, Bardolph! Ich werde heute Abend bald gerufen werden. Prinz Johann, der Oberrichter, Offiziere u. ſ. w. kommen zuruͤck.) Oberr. Geht, bringt den Sir John Falſtaff ins Gefaͤngniß, Nehmt ſeine ganze Bruderſchaft mit fort. Falſt. Mylord, Mylord,— Oberr. Ich kann nicht jetzo, bald will ich euch hoͤren. Nehmt ſie mit weg, Piſt. Si fortuna me tormenta, spero me contenta. (Falſtaff, Schaal, Piſtol, Bardolph, Page und Offiziere ab.) Pr. Joh. Mir ſteht dieß edle Thun des Konigs an; Er will, daß ſeine vorigen Begleiter Verſorgt zum beſten alle ſollen ſeyn; Doch alle ſind verbannt, bis ſich ihr Umgang Beſcheidner zeigt und weiſer vor der Welt. Gberr. Das ſind ſie auch. Pr. Joh. Der Koͤnig hat ſein Parlament beruſen. Oberr. Das hat er. Pr. Joh. Was wettet ihr? wir tragen nun noch heuer Das Buͤrgerſchwert und angeborne Feuer Bis Frankreich hin; es ſang ein Vogel ſo, Deß Ton, ſo ſchiens, den Koͤnig machte froh. Kommt, wollt ihr mit?(Beyde ab.) 7 E p o g (Von einem Täaͤnzer geſprochen.) Zuerſt meine Furcht, dann meine Verbeugung, zuletzt meine Rede. Meine Furcht iſt euer Mißfallen; meine Verbeuzung meine Schuldigkeit, und meine Rede, Euch um Verzeihung zu bitten. Wenn Ihr eine gute Rede erwartet, ſo bin ich verloren. Denn was ich zu ſagen habe, iſt von mir erdacht, und was ich in der That ſagen ſollte, wird gewiß von mir verdorben werden. Aber zur Sache, und ſey es gewagt.— Wißt denn(wie Ihr es ſchon wißt), ich ſtand neulich am Schluß eines durchzefal⸗ lenen Stuͤckes hier, Euch um Nachſicht dafuͤr zu erſuchen und ein beſſeres zu verſprechen. Nun hatte ich im Sinne, Euch mit dieſem hier zu bezahlen; wenn es aber wie eine ungluͤckliche Spekulation fehlſchlaͤgt, ſo bin ich bankerott, und Ihr, meine edlen Glaͤubiger, habt den Verluſt. Hier, ſo verſprach ich Euch, wuͤrde ich wieder ſeyn, und hier uͤbergebe ich mich ſelbſt Eurer Gnade; laßt mir etwas nach, etwas bezahle ich Euch, und verſpreche Euch, wie die meiſten Schuldner thun, unendlich viel. Wenn meine Zunge Euch nicht bewegen kann, mich los⸗ zuſprechen, befehlt Ihr mir dann vielleicht, meine Beine zu brauchen? Und doch waͤre es nur eine leichte Zahlung, mich aus meiner Schuld herauszutanzen. Ein gutes Ge⸗ wiſſen aber wird jede moͤgliche Genugthuung geben, und das will ich auch. Alle Damen hier haben mir verziehen; thun es die Herren nicht, ſo harmoniren die Herren nicht mit den Damen, was bis jetzt in einer ſolchen Verſamm⸗ lung noch nie geſehen wurde.. Noch Ein Wort, mit Erlaubniß. Seyd Ihr nicht zu ſehr mit fetter Speiſe uͤberſaͤttigt, ſo wird unſer demuͤthi⸗ ger Verfaſſer die Geſchichte fortſetzen mit Sir John drin⸗ nen, und Euch durch die ſchoͤne Katharine von Frankreich beluſtigen, wo dann, ſo viel ich weiß, Falſtaff an einem Schweiße ſterben wird, wenn er nicht ſchon durch Euren Unwillen getoͤdtet iſt; denn Old-Caſtle ſtarb als ein Maͤr⸗ tyrer, und dieſer hier iſt nicht jener Mann. Meine Zunge iſt muͤde; wenn meine Beine es auch ſind, werde ich Euch gute Nacht ſagen, und ſo vor Euch knieen; in der That aber, um fuͤr die Koͤnigin zu beten. —— ———— —— 5 5 ſ ſ 6 8 9 10 11 13 14 8 16 17 . 2 †