ivt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 2. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und J beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat:* Mt. Pf 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verkorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — N o pe — von Fr. Seybold. —— „ Der Vendeer. Der Renegat. Rache bis in den Lod. Der Kampf um die Hirtenbraut. Die Antipoden. — Aarau, 1833. Heinrich Remigius Sauerländer. V d ſe1 Dieſe Blätter ſind aus der geder eines Gefangenen gefloſſen. Warum gefangen? Weil es gefährlich iſt, ſich der nächſten Vergangenheit zu erinnern, und weil viel⸗ leicht meine Erinnerungen zu lebendig, meine Theilnahme an der großen Bewegung der Zeit zu innig war. In weniger als zehn Jahren werde ich ohne Gefahr Memvi⸗ ren ſchreiben können. So lange der Kampf der Partheien noch neu und friſch iſt, ſind ſie meiſt unverſöhnlich, oft ungerecht. Das iſt der Lauf der Dinge— wer wollte ſch darüber beklagen! Wer keine Opfer zu bringen weiß, miſche ſich nicht in den Kampf der Partheien. Doch wann die Kriſis ein⸗ IV getreten iſt, zieht ſich der Arzt zurück„und überläßt den Erfolg den Wirkungen der Natur. Leſer und Kritiker bitte ich, dieſe Blät⸗ ter mit Nachſicht aufzunehmen, da ein Ge⸗ fangener, von den Seinigen getrennt und aus den gewohnten Verhältniſſen ſeines Le⸗ bens herausgeriſſen, ſich nicht immer jener völligen Freiheit des Geiſtes erfreut, die ſo nöthig iſt, um Produkte zu liefern, welche den gerechten Anforderungen des Publikums nach Möglichkeit entſprechen. Hohenaſperg, 10. April 4833. Friedrich Seybold. „ „ — — 0 — — — — Der Auf einem mäßigen Hügel, zu deſſen Füßen der Flecken Aigrefeuille liegt, ſtund ein Mann von mittlern Jahren, nicht ſehr hohen Wuchſes, aber von kräftigem Körperban; er trug einen einfachen blauen Ueberrock und runden Hut; ſeine ſchlicht gekämmten Haare beſchatteten in etwas dünnen Locken die tief gefurchte Stirn eines Denkers; ſein Geſicht war bleich, und die Züge wie von nagendem Grame verfallen, aber ſeine Augen brannten in dunkler Gluth, und die kühn gebogene Naſe gab ſeinem Ge⸗ ſichte einen gebieteriſchen Ausdruck. Als er in das Thal hinabblickte und mit ſeinen Augen dem Laufe des Flüßchens Maine folgte, das ſeine ſtillen Waſſer unterhalb la Haye in die Savre ergießt, als er auf den freundlichen Hü⸗ gel ſchaute, von dem herab das alterthümliche Schloß des Herrn von Charny den Schatten 4 ſeiner Mauern und Thürme in das Thal warf, und alle die grünen Auen und das herrliche Gelände umher ſah, ſchienen ſich ſeine düſtern Züge auf einen Augenblick zu erhellen, und ein Rückblick in die Vergangenheit ſchien den nagenden Gram einer bittern Gegenwart zu verſcheuchen.„Glücklich, ſeufzte er, wer nach den Stürmen des Lebens in das ſtille Thal ſeiner Heimath zurückkehrt, ſeine Tage zu en⸗ den in Frieden; glücklicher noch, wer es nie verließ, und in frommer Einfalt und einfacher Sitte die Unſchuld eines Kindes bewahrte von der Wiege bis zum Grab! Den geſchlängelten Pfad herauf wandelten ein Jüngling und eine Jungfrau Hand in Hand; hinter ihnen ging, in einiger Entfernung, ein Mann mit der Jagdflinte über der Schulter. Sie kamen näher. Der Jüngling war von hy⸗ hem, ſchlankem Wuchſe, und ſein Körperbau vom ſchönſten Ebenmaß; Schönheit und Kraft ſchienen ſich in ihm miteinander zu verſchmelzen; aber ſein Geſicht trug noch die heitere Unſchuld und Unbefangenheit eines Knaben an ſich. Das ——— —,—. 5 Mädchen, das er, vertraulich plaudernd, an der Hand führte, war nicht über fünfzehn Jahr alt— in jugendlicher Fülle und Unſchuld das reizende Bild einer Hebe. Der Jäger, der ihnen folgte, war ein Mann von etlichen vierzig Jahren, von gedrungenem Wuchs und. herkuliſchen Schultern. Als die Beiden vor⸗ uͤber gingen, grüßten ſie den Fremden, freund⸗ lich mit dem Kopfe nickend. Der Jäger blieb ſtehen, ſetzte ſeine Flinte auf den Boden und ſprach:„Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!—„In Ewigkeit!“ antwortete der Fremde in üblicher Weiſe.„Ein ſchönes, ſtilles Thal!“ fügte er binzu.—„Still! verſetzte der Jäger und ſchüt⸗ telte traurig den Kopf; das war es, lieber Herr, in den vierzig Jahren, die ich hier lebe; aber jetzt ſind die Zeiten ſchlimm, und ſie wol⸗ len uns ſelbſt in unſerer Einſamkeit nimmer in Ryhe laſſen.“—„Die Republik, ſagte der Fremde, will ja das Volk nur glücklich machen.“ —„Wir waren glücklich in unſerer Art und wünſchten uns nichts Beſſeres. Warum will man uns zwingen, die Weiſe unſerer Väter zu verlaſſen?—„Geht Ihr auf die Jagd?„ fragte der Fremde, der Erörterung dieſes Ge⸗ genſtandes ſichtlich ausweichend.—„RNein, ich begleite meinen jungen Herrn zu St. Marcials heiliger Eiche. Seit ſie unſere Prieſter vertrie⸗ ben haben, müſſen wir den Troſt des lautern Wortes, gleich den erſten Chriſten, in der Wild⸗ niß ſuchen.“— Mit dieſen Worten nahm er ſeine Flinte auf und ging. Der Fremde ſah ihm ſchweigend nach, und in ſeinem Innern ſchienen widerſprechende Gefühle zu kämpfen. Auf dem rechten Ufer der Ranteſiſchen Sa⸗ vre, zwiſchen Cliſſon und Bruſſaye, erſtreckt ſich Meilen weit ein dicker dunkler Wald. Im geheimnißvollen Schatten dieſer weithin geſtreck⸗ ten Gehölze verſammelten ſich zur Zeit der Heiden die erſten Chriſten Aquitaniens, um aus dem Munde des heiligen Marcial die Lehren des göttlichen Erlöſers zu vernehmen. Zur Bekräftigung derſelben, weil die Herzen der Menſchen verſtockt ſind, hatte ihm der hei⸗ lige Petrus die Gabe der Wunder verliehen: einen geſegneten Stab, durch deſſen Berührung —— — 7 er die heilige Auſtriclinia von den Todten erweckte, und die fünf Brode und die zwei Fiſche unſers Herrn und Heilandes, womit er das hungernde Volk in der Wildniß ſpeiſete. Von dieſer Zeit an war das Gehölz, längs deſſen Saume hin die Savre ihre ſtillen Flu⸗ then wälzt, ein heiliger Hain, in deſſen nächt⸗ lichen Schatten die Jungfrau Maria und an⸗ dere liebe Heilige herabſtiegen, das Auge der Gläubigen durch die Strahlen ihres himmliſchen Glanzes und das Ohr der Getreuen durch den Lobgeſang der heiligen Engelein zu erquicken. In der Mitte dieſes Waldes ſtund eine alte Eiche mit mächtigem Stamm und weitverbrei⸗ teten Zweigen, in deren Schatten, wie die Legende erzählt, zur Zeit des böſen Kaiſers Nero, St. Marcial ſaß, und um ihn her in der Wildniß die verfolgten Chriſten, das göttliche Wort aus dem Munde des heiligen Mannes zu vernehmen. Von da an nannte das Volk dieſen Baum die Wundereiche, und von Mund zu Mund, von Geſchlecht zu Ge⸗ ſchlecht, pflanzten ſich Sagen fort von mannig⸗ faltigen Wundern, die im Schatten ihrer Zweige geſchehen, und die Frommen im Lande glaub⸗ ten daran. Wenn Krieg, Peſtilenz und Hun⸗ gersnoth im Lande herrſchte, und dann das chriſtliche Gemüth in frommer Zuverſicht ſich zu ſeinem Schöpfer wandte, zogen die Schaa⸗ ren der Gläubigen aus in den heiligen Hain, Troſt und Hilfe ſuchend bei der Mutter Got⸗ tes und dem Jeſusknaben. Im weiten Kreiſe lagen ſie auf den Knien um die Wundereiche, aber kein Fuß betrat den geweihten Boden, als allein die Prieſter und Kinder, die ſich im Stande der Gnade befanden, nach dem Worte des Herrn:„Laſſet die Kindlein zu mir kom⸗ men, denn ihnen iſt das Himmelreich. Und wenn der heilige Geſang der Prieſter unter dem Gewölbe der Eiche erſchallte, erhoben die Gläu⸗ bigen ihr Haupt von der Erde und ihre Augen ſahen ein überirdiſches Licht aus den Zweigen des Baumes ſtrahlen, und die Gebenedeite des Himmels mit dem Jeſuskindlein ſchaute ihnen in mildem Glanze entgegen, und die Prieſter ſtimmten das Angelus an, und das erſtaunte 9 Volk ſah jedes Korn des Roſenkranzes fallen, den die heilige Jungfrau in ihrer Hand hielt. In ſolcher Einfalt übte das Volk auf bei⸗ den Ufern der Loire die Religion in der Wüſte, wie es ſie von ſeinen Vätern empfangen; die Prieſter waren ihm die ſichtbaren Boten der Gottheit auf Erden und die Vermittler zwi⸗ ſchen ihm und dem Himmel, und was ein Prie⸗ ſter ſprach, glaubte der einfache Landmann in der Einfalt ſeines Herzens. Der Adel des Landes war geachtet, nicht gefüchtet, noch ge⸗ haßt, denn er lebte auf ſeinem Gute, in der Mitte ſeiner Pächter, ohne allen Glanz und in großer Einfachheit der Sitten. Sein ein⸗ ziger Lurus war eine keichlich beſetzte Tafel, ſein einziges Vergnügen die Jagd. Beide Nei⸗ gungen wurden leicht und wohlfeil befriedigt, denn das Land iſt fruchtbar und reich an Wild. Herren und Frauen reiſeten, wie in den alten Zeiten, zu Pferd oder in Sänften, vder auf gewöhnlichen Wagen, mit Ochſen beſpannt, denn die Wege des Landes geſtatteten kein anderes Fuhrwerk. Zwiſchen dem adelichen Guts⸗ 10 beſitzer und Landmann herrſchte eine Art Eini⸗ gung, die man im übrigen Frankreich nicht kannte. Der Grundherr gab ſelten ſeine Gü⸗ ter um Pachtzins hin, ſondern theilte deren Ertrag mit dem Meier. Durch dieſes gemein⸗ ſchaftliche Intereſſe verknüpft und durch den faſt täglichen Umgang, den es herbeiführte, noch enger an einander gebunden, faßte die gegen⸗ ſeitige Anhänglichkeit tiefe Wurzel. Der Edel⸗ mann beſuchte die Meiereien, die rund um ſein Schloß lagen, beſprach ſich mit den Meiern über die gemeinſchaftlichen Angelegenheiten, hörte ihre Meinung, gab guten Rath, nahm Theil an Freud und Leid, fand ſich bei den Jagden des flüchtigen Wolfes und des wilden Ebers ein, und trank bei Hochzeiten und Kind⸗ taufen ſein Glas Wein mit dem Landmann. Am Sonntag tanzte man im Schloßhofe, und die Edeldamen hielten ſich nicht zu hoch, mit den Landleuten in die Reihe zu treten. So lebte dieſes Volk in ruhigem Lebensgenuß, gleich entfernt von Ueberfluß und Mangel, von Müßiggang und übermäßiger Arbeit, un⸗ — 14 bekannt mit dem Treiben der Welt in glück⸗ licher Abgeſchiedenheit, und war ſanft, gottes⸗ fürchtig, barmherzig, voll Frohſinn und Muth, redlich und von reinen Sitten. Faſt nie hörte man in dieſem Lande von einem Verbrechen, nur ſelten von einem Rechtsſtreite. Gewöhn⸗ lich vermittelte der Grundherr, dem die Land⸗ leute mit achtungsvoller Vertraulichkeit anhin⸗ gen, ihre Streitigkeiten ohne Zuziehung der Gerichte. In ſolcher Einfalt der Sitten und Gewohnheiten fand die franzöſiſche Staatsum⸗ wälzung die Bewohner der Vendée und der an⸗ grenzenden Landſtriche. Der Fremde, von der Höhe in das Thal hinabblickend und mit der Theilnahme des Freun⸗ des der Ratur das liebliche Gelände über⸗ ſchauend, ſchien ähnliche Betrachtungen über das Land angeſtellt zu haben, wovon er einen Theil überſah, denn er brach in die Worte aus:„Ihr habt Recht in der Einfalt eures Herzens, denn was bieten ſie euch für euer einfaches Glück! Theorien der Freiheit, glän⸗ zende Redensarten, den Deſpotismus der Anar⸗ 12 chie, die Herrſchaft verſchmitzter Heuchler und raſender Thoren, unter der Zügelloſigkeit der Menge verſteckt! Bittere Gefühle ſchie⸗ nen in ſeiner Seele aufzuſteigen, und er ging langſam den Hügel hinab. *** * Das alte Schloß im Thale bewohnte Herr Gottfried von Charny, wie ſeine Vor⸗ fahren ſeit Jahrhunderten vor ihm. Er lebte in der Weiſe ſeiner Väter, beſuchte regel⸗ mäßig die Kirche, wohnte der Wolfsjagd an, wenn ſie der Pfarrer von der Kanzel verkün⸗ dete, fand ſich bei den Hochzeiten und Kind⸗ taufen der Londleute nachbarlich ein, und ge⸗ währte in Mißjahren ſeinen Zinsleuten reich⸗ lichen Nachlaß an Zehnten, Gülten und Pacht⸗ früchten. Der Pfarrer des Orts hatte ihn im Leſen, Schreiben und Rechnen unterrichtet, und ihm ziemlich dürftige Begriffe von der Erd⸗ beſchreibung und der allgemeinen Weltgeſchichte beigebracht. Was bedurfte er deſſen auch? Seine Welt war das Land ſeiner Geburt, und — —— —— ———— — ſeine Lieblingslektüre die Annalen Aquitaniens, und in dieſer insbeſondere die Geſchichte von Anjou und Poitvu. Ohne ſtolz zu ſein, legte er doch großen Werth auf das Alter ſeines Geſchlechts, und benutzte ſeine Kenntniß der Geſchichte des Landes, um, mit Hülfe des Pfarrers, die Lücken in ſeinem Stammbaum zu ergänzen. Er heirathete aus wahrer Zuneigung ein Fräulein aus dem alten Geſchlechte der Maumont; aber er geſtand ſich ſeine Rei⸗ gung kaum ſelbſt, und ſuchte ſich zu überreden, daß er ihr bloß deswegen ſeine Hand gereicht habe, weil Johann von Maumont, einer ihrer Vorfahren, zugleich mit Wilhelm von Charny, der in der unglücklichen Schlacht von Poitiers die Oriflamme trug, in dieſem Treffen den Tod gefunden hatte. Nach dieſem, dem berühmteſten ſeiner Vor⸗ fahren, nannte er ſeinen einzigen Sohn Wil⸗ helm, der jetzt 19 Jahre zählte. Der Jüng⸗ ling war ohne eigentliche ſyſtematiſche Erziehung aufgewachſen. Jeder der Hausgenoſſen trug abgeſondert zu ſeiner Erziehung bei, und be⸗ 14 folgte ſein eigenes Syſtem, oder vielmehr gar keines. Sein Vater trug ihm in ſeiner Weiſe die Geſchichte des Landes vor, immer mit be⸗ ſonderer Beziehung auf die ritterlichen Thaten ſeiner Vorfahren vder anderer Edlen von Poi⸗ ton und Frankreichs überhaupt. Dieſe Erzäh⸗ lungen erfüllten das empfängliche Gemüth des Knaben mit einem romantiſchen Schwunge, den er aber tief in ſeinem Innern verbarg. In der Einſamkeit, unter irgend einem dunkeln Gebüſche, ließ er dieſe großartigen Bilder, wie einzelne Scenen, an ſeiner Seele vor⸗ übergehen. Dann erſchien ihm Agathyrſes, wie er im grauen Alterthum mit ſeinen Scy⸗ then in das noch wüſte Land von Poiton ein⸗ wandert, dann die alten Könige Groſſarius und Leoſadius, ſofort die Thaten der Viſi⸗ gothen unter Theodorich, Fritiger und Athanulphus, und der Franken unter Clod⸗ wig, die Kriege Karl Martels und Karls des Großen. Vor allem zog ihn Rolands Heldentod im Thale von Ronceval an, und er las wiederholt mit tieſer Rührung den treu⸗ 45 herzigen Bericht der alten Chronik von Aqui⸗ tanien über ſein unglückliches Ende:„Und da die Franken matt waren und todtmüde, da fiel das zweite Treffen der Sarazenen auf ſie, dreißigtauſend an der Zahl; viele kamen um, andere flohen, alſo daß Roland, der tapfere Held, allein blieb auf der Wahlſtatt mit ſei⸗ nem Schildträger, und blutete aus mancher Wunde. Und ſchaute um ſich und ſah, daß er allein war und ohne Hülfe, und ſah ſein Ende nahen, denn ſein Blut floß aus zehen Wun⸗ den, lehnte ſich an einen Baum, hob ſein gu⸗ tes Schwert Durande, es auf einem Steine zu zerſchmettern, auf daß es nicht in die Hände der Feinde fiele, und zerſpaltete den Stein in der Mitte und das Schwert blieb ganz, und fiel von der Gewalt des Hiebes, denn er war matt, blickte ſchmerzlich auf ſein Schwert Du⸗ rande und auf die nahenden Feinde, befahl Gott ſeine Seele und gab den Geiſt auf. Da fiel auch ſein Schildträger in ſein Schwert, denn er wollte den Tod des guten Ritters nicht überleben.“— Der ehrwürdige Herr Adrian 16 Sarrin, Pfarrer des Kirchſpiels, ertheilte dem Knaben Unterricht in der Religion und in der Kirchengeſchichte, die des alten Mannes Lieblingsſtudium war, und die er im Geiſte und Geſchmacke ſeines Glaubens und geiſtlichen Berufes trieb. In dieſem Sinne bildete er das Gemüth des Knaben zur Religioſität aus. Seine Lehre faßte um ſo tiefere Wurzel, da er ſie mit voller Ueberzeugung vortrug. Die katholiſche Religivn iſt, ſo wenig ſie die kri⸗ tiſche Beleuchtung eines geſunden, durch Kennt⸗ niſſe aufgeklärten Verſtandes zu ertragen ver⸗ mag, dennoch, wie eine berühmte Frau ſagt, ſehr geeignet, die Einbildungskraft zu feſſeln, welche ſie durch das Erhabene und Schauer⸗ volle anzieht, während ſie zugleich durch ge⸗ heimnißvolle, abwechſelnd heitere und düſtere Zeremvnien die Sinne gefangen nimmt. Die Ewigkeit, dem Geiſte ihrer Bekenner ſtets gegenwärtig, fordert ſie zur Contenſation auf, und lehrt ſie mit ernſtem Sinne das Gute und das Böſe abwägen, während die täglichen Uebun⸗ gen eines impoſanten Ritus die Aufmerkſamkeit * feſthalten und leichte Mittel darbieten, immer gegen das vorgeſteckte Ziel fortzurücken. So wurde die Kirchengeſchichte dem jungen Gemü⸗ ethe des Knaben eine Welt der Wunder, und ihre Heiligen und Märtyrer gingen gleichen Schrittes mit ſeinen ritterlichen Helden. Mit kindlichem Glauben las er die Legenden der * Heiligen ſeines Landes und die Wunder, welche ſie auf dem geſegneten Boden von Poiton ver⸗ richtet:„Wie der heilige Marcial den Sohn des Grafen Archibald, der in der Vienne ertrunken war, von den Todten wieder auf⸗ erweckte, und wie hiedurch die Einwohner von Poitiers zum chriſtlichen Glauben bekehrt wur⸗ den, denn— ſagt die Chronik— die Leute im Lande Poitou waren leichter zu bekehren und zur heiligen Taufe zu bringen, als alle andern Völker Aquitaniens.“— Thränen ent⸗ lockte ihm die Geſchichte der heiligen Valeria, die ſich lieber enthaupten ließ, als daß ſie einen heidniſchen König heirathete.„Und, heißt es in der Legende, nachdem der Henker das Haupt der heiligen Jungfrau abgeſchlagen, bückte ſich, 18 nach göttlichem Rathſchluß, der Körper zur Erde, faßte das blutige Haupt mit beiden Händen, und trug es in die Stadt Limoges zu den Füßen des heiligen Marcial, der Körper aber ſank todt zur Erde nieder, und die Seele ward emporgetragen ins Paradies auf den Fittigen der heiligen Engelein, deren Hallelujah das ganze Volk hörte mit ſeinen Ohren.“— Die Geſchichte der Ketzer berühtte der vorſichtige Lehrer nur leicht, um nicht die Zweifelſucht in der Seele des Knaben zu wecken, und wenn er ihm von der abſcheulichen Ketzerei des verfluchten Arius erzählte, der Verwir⸗ rung in die Lehre von der Dreieinigkeit ge⸗ bracht, und einen Unterſchied zwiſchen Vater, Sohn und Geiſt gemacht habe, ließ er ihn ſo⸗ gleich zur Stärkung ſeines Glaubens den Vers beten: BGiloire à toi soit o Dieu pdre et seigneur, Gloire à toi soit o Jesus fils unique, Gloire à toi soit des vertus l'enseigneur O saint esprit fontamne vivilique! ** * „ 19 Im Schatten der Nacht hatten ſich die Gläu⸗ bigen vieler Gemeinden um St. Marcials heilige Eiche verſammelt. Hier, in der Mitte des Waldes, hielten die eidſcheuen Prieſter ihren Gottesdienſt, und das Volk glaubte ihnen allein, weil ſie ſeines Stammes waren, weil ſie mit ihm die Sprache ſeines Landes redeten, und weil es ihren Wandel geſehen hatte von Jugend auf. Die Wundereiche war mit feſt⸗ lichen Kränzen behängt, und an ihrem Fuße ein Altar errichtet; das Kruzifir aber war mit einem ſchwarzen Flor umhüllt, zum Zeichen der Trauer, weil die guten Hirten ausgeſtoßen waren in die Wildniß, und Miethlinge die Heerde des Herrn weideten. Als die heilige Meſſe begann, lag das Volk umher auf den Knieen. Hohe Andacht und felſenfeſter Glaube ſtund auf den ernſten Geſichtern der Zuhörer geſchrieben. Ein neues Heidenthum, in dem chriſtlichen Frankreich entſtanden, hatte ſie ge⸗ zwungen, die Freiheit ihres Gewiſſens in das nächtliche Dunkel einſamer Wälder zu retten. Die Verfolgungen irdiſcher Gewalr aber läutern und 20 ſtärken den himmliſchen Glauben. Als nun der Prieſter ſich zum Altar wendete, und die Nähe des allgegenwärtigen Gottes verkündete, erhob das Volk ſeine Augen, und ſiehe, in ſtrahlen⸗ dem Himmelsglanze ſchaute die Mutter Gottes mit dem Jeſusknaben aus den Zweigen der heiligen Eiche herab, wendete das leuchtende Antlitz links und rechts, und grüßte in hehrer Majeſtät die Gläubigen umher, die in frommer Einfalt und ehrfurchtsvoller Stille die erſtaunten Blicke auf das himmliſche Bild warfen. Tiefe Stille herrſchte rings umher; die Prie⸗ ſter beteten am Altare. Da ließ ſich plötzlich im Rücken der Knieenden eine rauhe Stimme hören:„Im Namen des Geſetzes!„ Erſchrocken ſprangen die Betenden vom Boden auf— ein Gemeindebeamter ſtund vor ihnen, die dreifarbige Schärpe als Zeichen ſeiner Amts⸗ würde und der Unverletzlichkeit ſeiner Perſon um den Leib geſchlungen. Hinter ihm glänzten im Scheine der Fackeln die Gewehre der Na⸗ tivnalgarde.„Im Namen der Republik! wiederholte dieſelbe eintönige und gebietende Stimme. Die Nationalgarde rückte vor, und von allen Seiten ſah man Gewehre blitzen. Die Verſammlung war in der Stille umſchloſ⸗ ſen worden, denn die ausgeſtellten Wachen hat⸗ ten nach ihrer Gewohnheit die Poſten verlaſſen, um den heiligen Gottesdienſt nicht zu verſäu⸗ men, und der Erſcheinung der heiligen Jung⸗ frau anzuwohnen. Beſtürzt und lautlos ſtund das Volk umher. Als aber der Gemeindebeamte mit der bewaff⸗ neten Macht in den geweihten Kreis einſchritt, um Handſan die Prieſter zu legen, erhob ſich ein Gemurmel, und einzelne Stimmen riefen laut und kläglich:„Schützet den Altar und ſeine Diener! Alsbald drängte ſich die Maſſe des Volks dem Altare zu, ihn und die Prie⸗ ſter nach allen Seiten deckend. Da trat der Gemeindebeamte vor, Fackeln ihm zur Seite, und rief laut und ſchrecklich:„Im Namen der einen und untheilbaren Repu⸗ blik, Kraft dem Geſetze! Der furcht⸗ bare Name der Republik und ihrer blutigen Geſetze hallten wie ein Donner in die Ohren 22 des Volks. Mannigfaltige, verſchiedenartige Töne erhoben ſich in der verwirrten Menge. Man hörte die Stimmen der Prieſter, wie ſie das Volk ermahnten, ſich geduldig unter das Joch der Gewaltigen dieſer Erde zu beugen, nach dem Gebote des Gekreuzigten:„Seid unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat. Dazwiſchen tönte das Wehklagen der Weiber und zürnende Männerſtimmen, die ihre geliebten Seelſorger den bluttriefenden Händen ihrer Verfolger nicht ausliefern wollten. Und abermals erhob ſich die furchtbare Stimme des Gemeindebeamten:„Kraft dem Geſetze im Namen der Republik!⸗ Ein hef⸗ ttiges Weinen der Weiber ließ ſich in der Menge vernehmen, und das Volk hob troſtlos und jlehend ſeine Augen zu den Zweigen der heiligen Eiche, aber die gnadenreiche Mutter Gottes war verſchwunden. Jetzt erhob, laut und eindringlich, der ehrwürdige Adrian Sarrin, Pfarrer von Aigrefeuille, ſeine Stimme. Seit einem halben Jahrhundert pre⸗ digte er das reine Wort nach der Weiſe der 23 Väter, und das Volk ehrte ihn um ſeines frommen Wandels willen. Jetzt ſtund er da, ein Ausgeſtoßener, im Dunkel der Nacht in der Mitte der Wildniß, und der Wind ſpielte mit den weißen Locken, die ſparſam um ſein entblößtes Haupt hingen. Er ſchaute um ſich mit feſtem;, ſchwerem Blicke, wie in den ruhigen Tagen ſeines Gottesdienſtes, und da er ſah, daß Alles ſtill war, ſeiner Rede zu horchen, erhob er ſeine Stimme und ſprach:„Beuget euch unter die Hand des Geſetzes, die ſchwer auf uns liegt, wie unſer Herr und Meiſter that, da er ſein eigen Kreuz trug auf Golga⸗ tha, auf daß die heilige Stätte nicht mit Blut befleckt werde um ſündiger Menſchen willen. Gleichwie Daniel unverſehrt hervorgegangen nus der Löwengrube, ſo werden auch wir, die getreuen Prieſter des Herrn, den Händen un⸗ ſerer Verfolger entrinnen, wenn es alſo be⸗ ſchloſſen iſt im Rathſchluſſe des Allmächtigen. So es aber der Wille iſt unſers Vaters im Himmel, daß wir zeugen ſollen mit unſerm Blute für den wahren Glauben, ſo wollen wir mit Freuden unſer irdiſch Theil hingeben, die ewige Krone des Märtyrers zu gewinnen. Seht, die heilige Mutter Gottes mit dem Jeſusknaben iſt verſchwunden, und das ſoll euch„ ein Zeichen ſein, daß ſie kein Gefallen hat an dem Zwieſpalt der Menſchenkinder und an ver⸗ goſſenem Brüderblut; denn wir Alle ſind Söhne des nämlichen Landes. Tief erſchüttert ſchwie⸗ gen Alle, keine Stimme des Zorns ließ ſich mehr hören, und nur leiſe Töne des Weinens ſtiegen aus der Menge gen Himmel. Der Gemeindebeamte gebot der Verſamm⸗ lung auseinander zu gehen, und eine Abtheilung Nationalgarde nahm die Prieſter in ihre Mitte, um ſie gefangen wegzuführen. Das Volk ſeufzte und ſchwieg. Da trat ein alter Mann hinzu, das graue Haar hing ihm verwirrt über Bruſt und Nacken herab, und bedeckte theilweiſe ein blaſſes, entſtelltes Geſicht, aus dem ein Paar tiefliegende Augen mit irrem Feuer aus ihren Höhlen glänzten. Er trug eine Senſe in der Hand, und murmelte im Gehen vor ſich hin: „Abraham! Abraham! der Herr will ein Opfer —— haben!“ Alſo ſprechend drängte er ſich hinzu, hob mit grimmigem, wahnwitzigem Blick die Senſe, und ſchlug ſie mit der ganzen Kraft ſeiner Arme in den Leib des Gemeindebeamten, daß er taumelte und ſank. Dabei rief er mit ſchrecklicher Stimme:„Erhebe dich, du Löwe Juda, dein Volk zu retten! Der Gottloſe iſt geſchlagen, und liegt in ſeinem Blute; hinweg über ihn, ihr Reiter und Wagen Israels! So ſchrie er laut, und hieb gewaltig um ſich mit ſeiner Senſe. Die Nationalgarden dran⸗ gen auf ihn ein; Schüſſe fielen; ein allgemeiner Kampf entbrannte; die Fackeln erloſchen und man ſtritt in furchtbarer Verwirrung im Dun⸗ kel der Racht. Das Geſchrei der Streitenden und der Angſtruf der wehrloſen Weiber über⸗ tönte die hohle, furchtbare Stimme des wahn⸗ ſinnigen Alten:„Gebt mir meinen Gott wie⸗ der! Gebt mir meinen Gott wieder!“ *„ Die Nachricht von dem Treffen unter St. Marcials Eiche erregte große Beſtür⸗ 2 * 26 zung im Schloſſe von Aigrefeuille. Der Sohn des Hauſes, der Pfarrer Adrian Sarrin und ſeine junge Verwandte, ein Mädchen von fünfzehn Jahren, das mit Wilhelm von Charny zum nächtlichen Gottesdienſte gegan⸗ gen war, wurden, mit vielen andern, ergrif⸗ fen und nach Cliſſon abgeführt. Der herrſchaft⸗ liche Waldſchütze, Georg Girard, war ent⸗ kommen, und brachte die Kunde des Unglucks. Die Mutter des Jünglings zerfloß in Thränen; Herr Gottfried von Charny aber, ob⸗ wohl im Herzen tief betrübt, achtete jede un⸗ männliche Klage des hohen Namens ſeiner Vor⸗ fahren und ſeines eigenen ritterlichen Gemüths unwürdig. Er ſchwieg einige Minuten, ſeinen heftigen Schmerz zu bezwingen, dann ſtund er gefaßt auf, trat vor den Waldſchützen hin und fragte:„Hat Herr Wilhelm von Eharny tapfer gefochten?“—„Trotz ſeinem Ahnherrn in der Schlacht bei Poitiers, erwiederte der Jäger; er riß einem Nativnalgardiſten die Flinte aus der Hand, und wehrte ſich wie ein Löwe.“—„O Gott, ſeufzte die Mutter, er 27 iſt doch nicht verwundet?—„Nein, die Ueberzahl war zu groß, das Gefecht war kurz, denn wir wurden bald übermannt.“—„Iſt der ehrwürdige Herr Adrian Sarrin und Klara unverletzt?“ fragte Herr Gottfried. —„Beide; wir deckten ſie mit unſern Lei⸗ bern.—„Und du, Georg Girard, warum haſt du nicht das Schickſal meines Soh⸗ nes, deines jungen Herrn getheilt?⸗—„Und wer hätte ihn denn dann wieder befreien ſollen, wenn ich mich auch hätte fangen laſſen?“ ent⸗ gegnete der Waidmann trocken, und ſchlug auf ſeine Flinte, die er nachläſſig im Arme hielt. —„Du! Was vermagſt du allein?— „Allein? Ich werde bald mehr als ein Paar Dutzend muntere Purſche um mich haben, von denen keiner ſeinen Mann fehlt. Wer je der Kuppel hinter dem Wolfe gefolgt iſt, oder dem Keuler den Fangſpies entgegengehalten hat, wird aufſtehen für Herrn Wilhelm von Charny.“ —„Ruhe, Georg Girard, ich gehe ſelbſt nach Cliſſon,« ſagte Herr Gottfried.— „Und auch ich, fügte die Mutter weinend hinzu, 28 ich will mich den Gemeindebeamten zu Füßen werfen, und ſie um die Loslaſſung meines ein⸗ zigen geliebten Kindes anflehen.“—„Das wird das Weib Gottfrieds von Charny nicht thun, und ſollte darüber der letzte meines alten Stammes zu Grunde gehen,“ ſprach der Edelmann ſtolz und mit feſter Stimme.— Frau Johanna ſchwieg und weinte ſtill. Der Waldſchütze brummte vor ſich hin:„Am Ende wird der Georg Girard bei der Sache das Beſte thun.“ Mit würdigem Anſtand verließ Herr Gottfried das Gemach, und ging in ſein Zimmer. Hier ſchloß er ſorgfältig die Thür hinter ſich zu, der finſtere Ernſt verſchwand aus ſeinen Zügen, ſie wurden immer weicher und Thräne an Thräne rann über die Wangen des alten Mannes herab. Kein fremdes Auge ſollte ſehen, wie er der Natur den ſchuldigen Zoll bezahlte, weinend um den einzigen lieben Sohn, den ein grauſames Geſchick in der Blüthe ſeines Alters durch gewaltſamen Tod dahinzu⸗ raffen drohte. Die Racht der Verzweiflung umlagerte ſeine Seele, da er ſich im Geiſte 29 einſam und verlaſſen ſah am Ende ſeiner Tage, ſeinen Sohn und Erben im frühen Grab und ſeinen Namen ausgeſtorben, der durch ſo viele Menſchenalter geblüht und herrlich hervorgeleuch⸗ tet unter den edeln Geſchlechtern des Landes Poitvu. Herr Gottfried von Charny ſtund vor dem Thore des Gefängnißhauſes zu Cliſſon; der Aufſeher verweigerte ihm den Eingang, der nur auf einen Erlaubnißſchein des Vor⸗ ſtehers der Gemeinde geſtattet ſei. Eben näherte ſich der Maire der Stadt, und der Edelmann trug ihm ſeine Bitte vor. Der Beamte er⸗ wiederte, die Kommunikation mit den Gefan⸗ genen könne erſt nach vorläufiger Erhebung der Thatſachen geſtattet werden. Herr Gottfried bot Bürgſchaft an; der Beamte entgegnete düſter, es handle ſich hier um ein todeswür⸗ diges Verbrechen: der bewaffneten Macht ſei Widerſtand geleiſtet und ein Gemeindebeamter in Ausübung ſeiner Amtspflicht ermordet wor⸗ den; in einem ſolchen Falle ſei keine Loslaſſung gegen Bürgſchaft ſtatthaft. Traurig ſchwieg 30 der alte Mann, denn er war zu ſtolz, ſich zu fernern Bitten zu erniedrigen; als er ſich um⸗ wandte zu gehen, fielen ſeine Blicke auf einen Mann, der, unbeweglich an der Mauer des Gefängniſſes lehnend, dem Geſpräche zugehört hatte, und ihn mitleidig betrachtete. Es war der Unbekannte, den wir im Anfang dieſer Geſchichte in das Thal von Aigrefeuille herab⸗ ſteigen ſahen. Er winkte dem Edelmanne zu bleiben, und ſagte zu dem Maire:„Bürger! Es ſcheint mir, daß in dem vorliegenden Falle dem Vater der Zutritt zu ſeinem Sohne nicht verweigert werden könne.“—„Wenn Ihr dieſer Meinung ſeid, Bürger, verſetzte der Beamte ſpöttiſch, ſo könnt Ihr nichts Beſſeres thun, als die Erlaubniß dazu zu ertheilen.“— „In der That, Ihr habt Recht, Bürger, er⸗ wiederte jener ironiſch, das will ich auch.“ Mit dieſen Worten richtete er ſich auf, und ſagte zu dem Gefängnißaufſeher in befehlendem Tone:„Oeffnet das Thor, Bürger!“ Dieſer ſah ihn befremdet an, und blieb verlegen ſtehen, denn in dem Weſen des Unbekannten lag etwas 31 Gebietendes. Der Maire lächelte ſpottiſch. Herr Gottfried ſah verwundert dem Auf⸗ tritt zu.„Oeffnet das Thor, Bürger!“ wie⸗ derholte der Fremde noch gebieteriſcher. Der Schließer zauderte und ſtund unſchlüſſig.„Bür⸗ ger Maire! fuhr der Unbekannte fort, befehlt dem Gefängnißaufſeher, das Thor zu öffnen.“ —„Und wer hat das Recht, mir dieſen Be⸗ fehl zu ertheilen?«—„Ich,“ ſagte der Fremde ſtolz, trat auf den Beamten zu und flüſterte ihm einige Worte in die Ohren. Beſtürzt trat der Maire zurück, zog ehrerbietig den Hut, winkte dem Schließer zu bffnen, und die Rie⸗ gel des Gefängniſſes fielen. Als ſie in das Zimmer der Gefangenen tra⸗ ten, flog der Jüngiing in die Arme ſeines Vaters, der kaum ſeine tiefe Rührung zu be⸗ zwingen vermochte; er faßte ſich mit aller Kraft ſeines Geiſtes, wand ſich aus ſeines Sohnes Armen los, ſchüttelte die Hand des ehrwür⸗ digen Geiſtlichen und ſtreichelte die Wangen des erröthenden Mädchens. Der Unbekannte ſah der Szene theilnehmend zu, und ſeine 32 Blicke ſchienen mit beſonderm Wohlwollen auf der Geſtalt der Jungfrau zu verweilen. Eine Thräne ſtahl ſich in ſein Auge; er trat auf Klara zu, ergriff ihre Hand und rief mit innigem Tone aus:„Mein Kind! Mein Kind! So finde ich dich wieder!⸗ Beſtürzt und mit ungewiſſen Blicken ſah ihn das Mädchen an, erfreuet betrachteten ihn die andern, und der alte Geiſtliche rief:„Ja, es iſt dein Vater!⸗ Da lag die Jungfrau in den Armen des Fremden. In einem abgeſonderten Zimmer des Ge⸗ fängniſſes ſaß der alte Prieſter in einem Lehn⸗ ſtuhle; er blickte ruhig auf den Unbekannten, der mit großen Schritten auf und ab ging, und in deſſen Zügen ſichtbarer Unmuth lag. Endlich blieb er vor dem Greiſe ſtehen, und ſprach in bitterm Tone:„So alſo gebt Ihr mir mein Kind zurück, im Wahn des Pöbels groß gezogen, und an den Brüſten des Aber⸗ glaubens aufgewachſen! Und Ihr ſelbſt, ein Mann von beſſerer Einſicht, ſchämt Euch nicht, den Irrwahn dieſer blinden Menge durch prie⸗ ſterliche Taſchenſpielerkünſte und falſche Wun⸗ der zu begünſtigen und zu befördern! Wer hätte das von Adrian Sarrin erwartet!“ — Mit ruhiger Würde erwiederte der Greis: „Ich habe fünfzig Jahre lang das Wort des Herrn gelehrt in meiner Gemeinde; mein Haupthaar iſt weiß vor Alter, und bald werde ich vor Gottes Throne ſtehen, Rechnung ab⸗ zulegen von meinem Thun in dieſem Leben; aber ich zage nicht vor dieſer letzten Rechen⸗ ſchaft, denn mein Wille war redlich. Ich habe die Tugend in die Herzen der mir anvertrau⸗ ten Heerde gepflanzt, und habe ihnen die Nah⸗ rung gereicht, die ihrer Bildung und ihren Be⸗ griffen angemeſſen war. Nicht mit eitelm Wiſ⸗ ſen habe ich geprahlt, ſondern Gutes gewirkt auf dem Wege, der mir geöffnet war, und faſt zwei Geſchlechter tugendhafter Menſchen habe ich auferzogen in einfältigem Glauben und tugendhaftem Wandel. Nicht Großes habe ich gewirkt in meinem ſtillen Kreiſe, aber vieles Gute. Du aber gingſt auf den Fittigen des Sturmes durch das Leben; du haſt für den Sieg deiner Ideen gekämpft in beiden Welten, und mit hohem Geiſte willſt du die Herrſchaft deiner Meinungen bis an die entfernteſten Pole tragen, und wer ihrem ſiegreichen Laufe. im Wege ſteht, wirfſt du mit kühner Vermeſſen⸗ heit vor dir nieder. Doch ſiehe zu, daß du einſt eben ſo fröhlich ſcheiden mögeſt, wenn deine Haare weiß werden, und der Tod an⸗ pocht an die Pforte deiner Wohnung. Deine Tochter aber gebe ich dir zuruͤck rein und tugend⸗ haft, wie die erſte Mutter der Menſchen im Paradieſe.“— Der Fremde ſchwieg einige Augenblicke, dann erwiederte er mit bitterm Lächeln:„Du haſt Recht, raſtlos bin ich durch das Leben gegangen, und der Hafen der Ruhe liegt mir noch ferne.—„Du wirſt ihn nie finden, verſetzte der Greis, denn du biſt jener kühnen Geiſter einer, die der Himmel erweckt, die Menſchheit zu reinigen von dem Schlamm und der Peſtilenz ihrer Verderbniß, wie er ſeine Sturmwinde ausſendet über Meer und 35 Land, die Erde zu ſäubern, und ſie fahren unaufhaltſam dahin, bis ihr Toben verweht an den fernſten Polen. So gehſt du durch das Leben, Schutt und Trümmer auf deiner Spur, der Gegenwart ein Mann des Schreckens, doch kommenden Jahrhunderten ein Segen. Darum hadere nicht mit mir, noch mit deinem Schick⸗ ſal; wir haben beide die Beſtimmung erfüllt, die uns der Himmel angewieſen.— Der Unbekannte entgegnete mit düſter umwölkter Stirne:„So laß uns ſcheiden, denn unſere Wege führen nicht zuſammen, und meine Toch⸗ ter nehme ich mit mir, ein Troſt in den ſpar⸗ ſamen Augenblicken meiner Ruhe.“—„Wohl, mein Sohn, ſagte der Greis mit Ergebung, nach deinem Gefallen; und kannſt du nichts thun für dieſen gefangenen Jüngling? Es liegt in deiner Hand, ihn zu retten von Kerker und Tod, denn du biſt ein Mann der Macht.“— „Ich bin ein Unterthan des Geſetzes, wie alle Bürger dieſes Landes. Und von dir ſchweigſt du, mein Vater?—„Was liegt an der Spanne Zeit, die mir noch übrig iſt! Dieſer 36 Jüngling aber hat ein Leben vor ſich, reich an unſchuldigem Genuß und Uebung der Tu⸗ gend, die in ſein Herz gepflanzt iſt.“—„Ich werde zu euer Beider Rettung thun, was die Geſetze erlauben.“—„Rede mir nicht von euern Geſetzen, die ſind grauſam und mit Blut geſchrieben; ſo ſei du barmherzig. Ich bin kein Reuling in der Welt, und weiß, daß der Mächtige zu allen Zeiten kann, was er will.⸗ — Der Unbekannte drückte ihm mit ſtummer Bejahung die Hand. Die Trennung von Klara hatte dem Jüng⸗ ling die ihm ſelbſt noch unbekannten Tiefen ſeines Herzens auſgeſchloſſen, und ſeine Seele mit Kummer erfüllt. Da er ein Knabe von ſieben bis acht Jahren war, hatte ein Fremder in blühendem Mannesalter das etwa dreijährige Kind in das Haus des Pfarrers gebracht; die Kinder wuchſen zuſammen auf, und liebten ſich wie ein Geſchwiſterpaar. Nie hatte der Pfarrer den Namen des Mannes genannt; nur das erinnerte ſich der Knabe noch, daß der Freinde beim Abſchied die kleine Klara zu ſich emporgehoben, ſie geküßt und mit Thränen in den Augen geſagt hatte:„So lebe wohl, mein Kind, bald wird uns das Weltmeer tren⸗ nen!« Das liebliche kleine Weſen ſchmiegte ſich an den mannhaften Knaben, und wuchs mit dem Jüngling zur Jungfrau auf. Eine innige, nie geſtörte Zuneigung hatte ſich Bei⸗ der Herzen bemächtigt; ſie liebten ſich, ohne es zu wiſſen. Erſt die Bitterkeit der Tren⸗ nung ſchloß ihnen das Geheimniß ihrer Seele auf. Beim Abſchied ſprachen ſich ihre Gefühle mit aller jener Offenheit aus, die der Unſchuld eigen iſt. Der Fremde betrachtete mit wohl⸗ wollenden Blicken das blühende Paar, drückte dem Prieſter die Hand und ſagte mit Rührung: „Mein Kind wenigſtens ſoll glücklich werden; für mich iſt des Lehens Reiz dahin.“ ℳ Der Theil des alten Poiton und Anjou, den man le pays de Bocage nennt, und ſeit der Revolution unter dem allgemeinen Namen der Vendée begreift, iſt aus größtentheils niedrigen 38 Hügeln gebildet, die mit keiner der größeren Gebirgsketten zuſammenhängen; die Thäler ſind enge und von geringer Tiefe. Durch dieſelben ſchlängeln ſich in verſchiedenen Richtungen win⸗ zige Bäche, die theils gegen die Loire, theils gegen den Ocean ihren Lauf nehmen, theils ſich dem flachen Lande zuwenden und kleine Flüſſe bilden. Dieſes Land, ohne Gebirgszug, ohne Fluß, ohne ein weites Thal, bildet eine Art Labyrinth, in dem ſich kaum der Einhei⸗ miſche auf wenige Stunden zurechtfindet, und aus dem kein Fremder den Faden zu finden weiß. Das Land iſt mit Bäumen bedeckt, und jedes Ackerfeld und jede Wieſe mit einer leben⸗ digen Hecke umſchloſſen, die ſich auf unregel⸗ mäßig gepflanzte, aber nahe an einander ſtehende Bäume ſtützt. Dieſe umſchloſſenen Felder ſind 3 von nur mäßigem Umfange; ſie bleiben oft lange unbebaut liegen, und bedecken ſich dann mit Ginſter und Stachydrivnen von üppigem Wuchſe. Von einer Anhöhe betrachtet erſcheint die Gegend umher ganz grün, und blos zur Erndtezeit, wann die Früchte reifen, erblickt 39 man da und dort zwiſchen den Hecken gelbe Vierecke. Dazwiſchen erſcheint, halb von Bäu⸗ men verſteckt, hier das rothe Ziegeldach einer ländlichen Wohnung, und dort die Spitze eines Kirchthums, der über die Zweige hervorragt. Eine einzige Landſtraße, die von Nantes nach Rochelle, führt durch dieſes Land. Zwiſchen dieſer und der Straße, die von Tours nach Vordeaux läuft, iſt ein Swiſchenraum von mehr als dreißig Stunden, wo man blos Feldwege und Fußſteige findet. Die Wege ſind alle gleich⸗ ſam ausgehöhlt zwiſchen zwei Hecken; ſie ſind ganz enge, und gleichen hie und da, wenn die Bäume ihre Aeſte in einander ſchlingen, einer länglichen Laube oder einem Bogengange. Oef⸗ ters, wenn ſie am Abhang eines Hügels hin⸗ laufen, bilden ſie zugleich das Bett eines Baches; an andern Orten ſind ſie in Felſen gehauen, und man muß die Höhe auf unregelmäßigen Stufen erklimmen. In einem ſolchen Hohlwege fuhr ein mit Ochſen beſpannter Wagen, auf welchem zwei Gefangene ſaßen; voraus ritten drei Gendar⸗ 40 men und drei andere deckten von hinten den Wagen. Am Eingange des Hohlweges geſellte ſich ein Landmann zu ihnen, der, nach der Weiſe des Landes, zur Wehr gegen die Wölfe einen mit einem ſpitzen Eiſen beſchlagenen Knv⸗ tenſtock trug; er ging neben dem Pferde des erſten Gendarmen her, die wegen der Enge des Weges hintereinander reiten mußten.„Sa⸗ tanswege habt ihr in dieſem verfluchten Lande!“ rief ihm einer der Gendarmen zu. Barſch er⸗ wiederte der Bauer:„Wir gehen in Gottes Namen darauf, wer ſie in des Teufels Namen bereitet, kann meinetwegen den Hals darauf brechen.“—„Nur nicht ſo ſpitzig, entgegnete der Gendarm, ſonſt ſetzen wir dich auf den Wagen zu dieſen beiden Vögeln, und das Re⸗ volutionstribunal in Rantes wird kurzen Pro⸗ zeß mit dir machen.“—„Ei! da müßtet ihr doch auch einen Grund dazu haben.“—„Grund genug, daß ihr Alle hier zu Lande verdammte Royaliſten ſeyd.“—„Iſt denn das verboten?“ fragte der Bauer mit verſtellter Einfalt.— „Freilich iſt es verboten; ihr ſollt die Republik 4¹ lieben.“—„Unſer König hat Ludwig XKVI geheißen, und unter dieſem Namen haben wir ihn geliebt. Wie heißt denn die Republik, die wir lieben ſollen?—„Wie wird ſie heißen! Republik heißt ſie, das iſt genug.“—„Ei was! Wenn eure Republik keinen Namen hat, können wir ſie auch nicht lieben; meinetwegen kann ſie mir geſtohlen werden, die Republik!⸗ verſetzte kalt der Landmann.—„Hallunke! rief der Gendarm drohend, und zog den Säbel halb aus der Scheide, willſt du gleich rufen: Es lebe die Republik!— Der Bauer packte den Reiter am Bein, und warf ihn wie einen Federball vom Pferde; dann machte er einen Sprung ſeitwärts auf ein hervorragen⸗ des Felſenſtück, griff in das Gebüſch und brachte eine Flinte hervor. Kaltblätig ſpannte er den Hahn, und rief mit lauter Stimme: Es lebe der König! Hierauf pfiff er auf zwei Fin⸗ gern, daß es mächtig durch die hohle Gaſſe hallte, und in demſelben Augenblicke tauchten auf beiden Seiten des Hohlwegs, wie durch einen Zauberſchlag, Bewaffnete auf, und die 42 dunkeln Mündungen ihrer Jagdflinten ſtanden den Reitern entgegen. Ein donnerndes: Es lebe der König! ertönte aus zwanzig rau⸗ hen Kehlen. Die Gendarmen rührten ſich nicht von der Stelle, bleiche Todesfurcht in ihren Geſichtern. Der Wagen hielt ſtill. Mehrere der Bewaffneten traten hinzu, und hoben einen Greis herunter, den ihre kräftigen Arme mit Leichtigkeit die ſchmale Felſentreppe hinauf tru⸗ gen, während der neben ihm ſitzende Jüngling rüſtig herabſprang und ihnen folgte.„Herab mit den drei Farben! rief der Landmann von der Felſenplatte den Reitern gebietend zu; ſie gehorchten, und riſſen die Kokarden ab.„ Ruft: Es lebe der König!“ gebot er weiter, indem er ſein Gewehr bald auf dieſen, bald auf jenen anlegte. Die Gendarmen riefen zit⸗ ternd.„Jetzt gehabt euch wohl, fuhr der Landmann fort, und grüßt die Konventskom⸗ miſſivn zu Nantes und dos Revoluttonstribu⸗ nal eurer ſaubern Republik von Georg Girard, dem Waldſchützen des Herrn von Charny zu Aigrefeuille! Er pfiff abermals laut und gellend, und wie ein Gedanke waren ſie Alle verſchwunden. *— * Auf den Steinen der Einfriedigung eines Ackerfeldes ſaß ein Herr und eine Dame in einfacher Reiſekleidung; vor ihnen ſtund ein Bedienter, wie es aus ſeinem Benehmen ſchien, denn er trug keine Livree; in einiger Entfer⸗ nung kauerte auf dem Boden ein Landmann, der von Zeit zu Zeit ein mächtiges Stück Brod nebſt Käſe in den Mund ſchob.„Wie befin⸗ den ſich die Fräulein Schweſter, ſragte ſpöt⸗ tiſch der junge Mann die Dame, in dieſem gelobten Lande des Königthums, in dieſem Paläſtina der Ariſtokratie, wo Schafkäſe wie Manna vom Himmel fällt und ſaurer Cyder wie ſüßer Honig in Strömen fließt? Fran⸗ ovis, fuhr er ſchalkhaft zu dem Diener ge⸗ wendet fort, ſervire das gnädige Fräulein, packe die kalte Küche aus.— Frangvis verbengte ſich höflich, und brachte zierlich auf einem grünen Blatte ein Stückchen Käſe und 44 ſchwarzes Brod.—„Iſt das dein ganzer Vor⸗ rath, mein getreuer Haus- und Hofmeiſter, Stollmeiſter, Kammerdiener, Mundkoch, Leib⸗ kutſcher und Leiblakat Alles in Einer Per⸗ ſon? fragte der junge Mann in munterer Lanne.—„Dem Herrn Marquis zu dienen, erwiederte der Bediente etwas verlegen, ich werde aber in der nächſten Stadt unſere Vor⸗ räthe wieder ergänzen.“—„Lieber Freund! hier zu Lande gibt es keine Städte.“—„Keine Städte! fragte der Bediente verwundert. In⸗ zwiſchen, mein Fräulein, fuhr er zu der Dame gewendet fort, iſt der Käſe von Poiton be⸗ rühmt, und ächter, als dieſer iſt, würde man ihn ſelbſt in Paris nicht finden, und von ſo einem grünen Blatte ſchmeckt es im Felde vor⸗ trefflich; ich habe nach der ſiegreichen Schlacht von Bergen, wo wir die ganze preuſſiſche Ar⸗ mee gefangen nahmen, den alten gnädigen Herrn auf die nämliche Weiſe ſervirt, und dazu hat er aus der Feldflaſche blos klares Waſſer ge⸗ trunken, weil wir nichts anders hatten, wie dies im Felde öfters zu geſchehen pflegt; hier 4⁵ aber habe ich die Ehre, Ihnen einen vortreff⸗ lichen Cyder anzubieten.“—„Her damit, ſchenke ein!“ rief der junge Mann luſtig.— Der Diener bückte ſich, huſtete verlegen und ſtotterte:„Ich weiß nicht.„„ die Gläſer. die Pokale. es iſt kein Waſſer hier, ſie zu reinigen.. Inzwiſchen haben der gnädige Herr Vater auf Ihren Feldzügen öfters ſelbſt aus der Flaſche getrunken.... Ja, der alte Herr Marquis pflegten häufig zu betheuern, daß es Ihnen ſo am beſten ſchmecke.. Wenn nun in Ermangelung..„—„Guter Fran⸗ gois, ſagte die Dame ſanft, thue dir keinen Zwang an, wir haben keine Gläſer mehr.4 —„Da ſei Gott für, mein edles Fräulein, ſprach der treue Diener, was reden Sie denn hier.„Der gute Mann da, der Wegweiſer, könnte ja ſo etwas glauben.. Bedenken Sie doch, daß in unſerm Hotel in der Straße St. Honoré. und auf unſern Gütern in Bur⸗ gund in der Champagne in der Norman⸗ die„—„Ja, fiel der junge Marquis lachend ein, und in dem goldenen Palaſt des ſeligen Kai⸗ 46 ſers Nero und des Kalifen von Bagdad befanden ſich ohne Zweifel auch viele ſchöne Sachen, wenn wir ſie nur da hätten.. Guter, treuer Menſch, was nützt es, uns und andern unſere Armuth zu verhehlen. fahre wohl, irdiſche Habe, iſt uns doch unſer friſcher Muth geblieben und eine treue Seele, wie du biſt, im Unglück!“ —„Ach, meine gütige Herrſchaft, ſagte der ehr⸗ liche Diener halb ſchluchzend, reden Sie doch nicht ſo, das bricht mir alten Mann das Herz.... Wer hätte das gedacht, als die ſelige Frau Marquiſe.. Vierzig Jahre diene ich in die⸗ ſem Hauſe und muß das erleben!...„— Die Thränen ſtunden dem redlichen Greiſe in den Augen. Die Dame ſtund auf und drückte ihm gerührt die Hand; er machte eine tiefe Ver⸗ beugung und wiſchte ſich in die Augen. „Da kommen die Blauen!“ ſagte der Bauer ruhig, erhob ſich gemächlich vom Boden, nahm ſeine Flinte zur Hand, ſah nach dem Pulver auf der Zündpfanne und ließ den Hahn einigemal knacken. Darauf warf er einen ſchnel⸗ len Blick in der Gegend umher, und da er 47— keinen andern Zufluchtsort in der Nähe ſah, ſtieg er über die Einfriedigung des Ackerfeldes und winkte den Flüchtlingen, ihm zu folgen. Drei Reiter kamen langſam über das Feld her geritten; als eben die Dame mit Hilfe des jungen Mannes ſich über die Mauer ſchwang, gewahrten ſie die Fliehenden und näherten ſich, vorſichtig umſchauend, im kurzen Trabe. Als der Landmann ſah, daß ſie entdeckt waren, flüſterte er den Flüchtlingen zu, ſich im hohen Korne zu verſtecken, zog ſeine Holzſchuhe ab und gab ſie dem Bedienten, ſprang dann be⸗ hend auf die Mauer, ſchwang drohend ſein Gewehr gegen die Reiter, und verſchwand ſchnell wieder hinter der Einfriedigung, hinter welcher hervor er nur die Spitze ſeines Hutes erblicken ließ. Die Reiter ſtutzten und blieben in abgemeſſener Entfernung halten. Jetzt winkte der Bauer den Bedienten zu ſich, ließ ihn hinter die Mauer knien und ſetzte ihm ſeinen Hut auf; er ſelbſt bewegte ſich längs der Ein⸗ friedigung hin, bald geduckt laufend, bald auf den Knien rutſchend; als er ihr Ende gegen 48 die Seite hin, wo die Reiter hielten, erreicht hatte, kroch er in eine Furche, erweiterte die Oeffnung in der Mauer, durch die das Waſſer abfloß, indem er einige der locker aufgelegten Steine ſachte hereinzog, kroch dann der Länge nach vorſichtig hinaus, bis er ein mit Ginſter bedecktes Brachfeld erreicht hatte. Kurz darauf fiel aus demſelben ein Schuß, und einer der Reiter ſtürzte; die beiden andern ritten im ſcharfen Trabe weg. Gleich darauf erblickte man den Schützen, mit Kopf und Bruſt aus dem hohen Ginſter hervorragend, den er in mächtigen Sätzen, gleich einem fliehenden Wolfe, durchſchnitt. Am Rande der Einfriedigung her rennend, rief er den Flüchtigen zu, ihm zu folgen; ſie ſprangen über die Mauer weg, und eilten im ſchnellen Laufe über das freie Feld hin, hinter ihrem Führer her. Kaum waren ſie athemlos in einen Hohlweg gelangt, ſo hör⸗ ten ſie das Wirbeln der Trommel und den ſchmetternden Ton der Trompete.„Mein Schuß hat ſie aufgejagt!“ ſagte der Führer, zufrieden lächelnd, und nahm ſeine Holzſchuhe 4⁴9 und ſeinen Hut aus der Hand des keuchenden alten Dieners. Jetzt gingen ſie raſch in dem Hohlweg fort, deſſen ſteilen Rand auf kaum merkbaren Stufen der Bauer, leichten und ſichern Schrittes, von Zeit zu Zeit erſtieg, um in der Gegend umherzuſpähen. Plötzlich hörten ſie eine Trommel vor ſich, von der Seite her, nach welcher ſie gingen. Der Führer blieb einen Augenblick ſtehen und horchte dem Ton. Dann ging er noch einige Schritte vorwärts, bog die dicht verwachſenen Zweige einer Hecke auseinander, ſchlüpfte durch und winkte den andern, ihm zu folgen. Sie kamen an das“ Ufer eines Baches und ſtiegen in deſſen Bett hinab; jetzt hörten ſie hinter ſich das Schmet⸗ tern einer Trompete und vor ſich das Wirbeln der Trommeln; ſie wateten bis an die Knien im Waſſer, und der treue Frangvis warf mitleidige Blicke auf die zarte Geſtalt ſeiner jungen Gebieterin, während er ſich ſelbſt den Schweiß von der Stirne trocknete, der in großen Tropfen über ſeine gefurchten Wangen herab⸗ lief. Schweigend und mit Anſtrengung aller 3 50 ihrer Kräfte eilten ſie weiter. An einen Punkt gelangt, wo der Bach eine Wendung machte, ſtiegen ſie ans Ufer und gingen durch dichtes Geſtrüppe, das wild verwachſen war, und in dem ſich ſelbſt der Führer nur mit Mühe eine Vahn zu brechen wußte. Die junge Dame blieb ermattet ſtehen, und ihre Kniee wankten unter der Laſt des Körpers. Der Landmann deutete auf die Lichtung des Gehölzes, denn ſie waren dem Ausgang nahe. Da ließ ſich die Trommel wieder hören; die Töne ſchienen aus ganz geringer Entfernung zu kommen. Die Flüchtlinge rafften ſich auf und gelangten an den Saum des Wäldchens. Hier ruhten ſie einen Angenblick, während der Führer auf Händen und Füßen über das freie Feld hin⸗ kroch, um Kundſchaft einzuziehen. „So nahe am Ufer ſollten wir noch ſchei⸗ tern, das wäre hart!“ ſagte der Marquis. Die Dame holte tief Athem, der Schweiß rann von ihrer Stirne und ihr Gewand triefte von Waſſer. Der alte Diener warf ſchmerzliche Blicke auf ſie, und die Thränen floſſen unauf⸗ 5¹ haltſam aus ſeinen Augen.„Weine nicht, guter Fransvis! ſprach ſie tröſtend zu ihm, der Himmel wird uns ſchützen, und wo nicht, ſo theilen wir Ein Schickſal. Der Ton der Trommel kam immer näher. Ungewiß blickten die Flüchtlinge nach allen Seiten. Der Führer war nirgends ſichtbar. Aengſtlich harrten ſie ſeiner Ankunft. Hinter ihnen ließen ſich Stim⸗ men hören, und das Rauſchen der Zweige ver⸗ kündigte die Ankunft der Verfolger. Plötzlich erhob ſich die Geſtalt des Landmanns von dem flachen Boden vor ihnen; er eilte in vollem Laufe dem Saume des Waldes zu; dort an⸗ gekommen, deutete er auf eine Gruppe von Bäumen, die ihnen gegenüber lag, und ließ ſie dort auf ihn warten; er ſelbſt kroch in das Gehölz, und während ſie über den freien Raum wegflohen, hörten ſie ſeine Büchſe knallen. Kaum waren ſie bei den Bäumen angelangt, ſo ſa⸗ hen ſie ihn mit der Schnelligkeit eines Fuchſes das flache Feld durchſchneiden, und als er bei ihnen ankam, hörte man kaum den Athem aus ſeiner breiten Bruſt aus⸗ und eingehen, ſo ſehr ſchien er zu Anſtrengungen dieſer Art ab⸗ gehärtet. Schnell hatte er ſeine Flinte wieder geladen, und ſchon zeigten ſich die Verfolger am Saume des jenſeitigen Gehölzes. Der Landmann führte ſie in einen Hohlweg, und deutete ihnen die Richtung an, welche ſie ein⸗ zuſchlagen hätten; dann kehrte er um, und bald hörten ſie ſeine Stimme, wie er den Verfol⸗ gern höhnend zurief:„Es lebe der König! Zum Teufel mit der Republik!“ Da er ſich ſo vffen und herausfordernd zeigte, zau⸗ derten die Verfolger und hielten im Nachſetzen inne, weil ſie in einen Hinterhalt zu fallen fürchteten. Schnell hatte der Führer die Flüch⸗ tigen wieder erreicht. Sie gingen eilig in dem Hohlweg fort, als ihnen plötzlich vom Ausgang deſſelben Tritte entgegenſchallten. Der Führer bückte ſich, ſchlich vorwärts, und wo der Hohl⸗ weg eine kleine Biegung nach ſeinem Ausgange machte, drückte er ſein Gewehr ab. Eilends kehrte er zu den Fliehenden zuruͤck, zog ſie über einen ſteilen Abhang hinauf und ermahnte ſie zur Eile. Als ſie in die Lichtung des Ge⸗ ſträuches traten, ſahen ſie ein weites, mit bo⸗ hem Ginſter bedecktes Feld in einer Entfernung von einigen hundert Schritten vor ſich. Der Führer hielt an, und ließ die Flüchtlinge einen Augenblick verſchnaufen; dann traten ſie auf das freie Feld, und eilten in vollem Laufe der mit Ginſter bewachſenen Heide zu. Links und rechts jagten Reiter mit lautem Geſchrei auf ſie zu und feuerten ihre Piſtolen ab. Von tödtlichem Schrecken ergriffen, fiel die Dame zu Boden; Frangvis ſtieß einen lauten Angſt⸗ ruf aus; der junge Mann raffte ſie auf und trug ſie einige Schritte, erlag aber bald un⸗ ter der Laſt. Da faßte ſie der Landmann mit nervigen Armen und trug ſie mit ſolcher Schnelle davon, daß die Geſchwindigkeit ſeines Laufes kaum merklich dadurch gemindert erſchien. Die Reiter umkreisten in weiten Bogen das Ginſter⸗ feld, das die Flüchtlinge aufgenommen hatte, und in ſeinem grünen Schvoße barg. Der Landmann führte ſie ſchweigend eine Strecke weit in das Feld, und hieß ſie ſtille zwiſchen dem hohen Ginſter niederſitzen. Die 54 Dame war einer Ohnmacht nahe, der alte Die⸗ ner bleich vor Schrecken, mehr aus Beſorgniß für ſeine Herrſchaft, als um ſeiner eigenen Gefahr willen.„Solche Abenteuer, ſagte der junge Marquis, den ſein leichter Sinn nie verließ, ſcherzend, habe ich weder in dem Fau⸗ bourg St. Germain, noch am Hofe zu Koblenz erlebt. Was ſagſt du dazu, Francois?⸗ —„Seit der verdammten Affaire bei Roßbach, wo uns die verfluchte Reichsarmee im Stiche ließ, da wir bereits den Sieg halb erfochten hatten, und der Marquis de Brandebourg ſchon ſo gut als gefangen war, bin ich nimmer ſo ſehr außer Athem gekommen, als heute. Doch iſt Ehre dabei, denn wir haben es mit Fran⸗ zoſen zu thun, ob ſie gleich verdammte Repu⸗ blikaner und Königsmörder ſind. Ach Gott, daß ich das erleben mußte! Wer hätte an ein ſo trauriges Ereigniß gedacht, da ich in mei⸗ ner neuen Livree hinten auf ſtund, als der alte gnädige Herr in ſeinem prächtigen Staats⸗ wagen bei der Königskrönung zu Rheims auf. fuhr!«—„Ja, fiel der junge Marquis ſcher⸗ 55 zend ein, und als er an dem Schlafgemache des Königs anpochte, um ihn zur Krönung zu verlangen, und von innen geantwortet wurde: „Der König ſchläft!“—„Ja wohl, ja wohl! ſeufzte der treuherzige Diener, der Herr Mar⸗ quis haben hohe Aemter und Würden bei Hofe bekleidet.“ Hier wurden ſie durch ein Geſchrei unter⸗ brochen, das wie Eulenruf klang. Sie ſahen ſich nach ihrem Führer um, er war verfchwun⸗ den. Abermals ertönte der mißlautende und klägliche Eulenruf.„Schwärmen denn hier, ſagte der Marquis lachend, die Nachtvögel am hellen Tage! Es fehlt nicht viel, daß ich glaube, wir befinden uns unter dem Einfluſſe eines mächtigen Nigromanten und ſeien ſämmt⸗ lich bezaubert..—„Ach! ſagte Frangvis, der allen Aberglauben ſeines Dorfes beibehal⸗ ten hatte, der Eulenruf bedeutet nichts Gu⸗ tes, und vollends am hellen Tage, das ver⸗ kündet ein großes Unglück.— Zum dritten⸗ mal ſchallte, kläglich und mißtönend, der Ruf der Eule durch die Luft.„Ich möchte nur wiſſen, ſprach der Marquis, ſich umſehend, wo ſich der Unglücksvogel befindet„ denn hier iſt weder Baum, noch altes Gemäuer.“— Das geht nicht mit rechten Dingen zu“, ſagte der alte Diener leiſe und ein Schauer überlief ihn. Die Dame war zu ermattet und abge⸗ ſpannt, um an dem Auftritte lebhaften Antheil zu nehmen. In dieſem Augenblick kam der Führer zu⸗ rück, ſetzte ſich auf den Boden, lachte ſtill vor ſich hin und ſagte:„Die habe ich angeführt; ein halbes Dutzend der Hallunken war abge⸗ ſeſſen, um zu Fuß auf das Feld einzudringen, aber mein Eulenruf hat ſie zurückgeſchreckt.⸗ —„So waret alſo Ihr der Unglücksvogel, der ſich hören ließ?„ fragte der Marquis ver⸗ wundert.—„Freilich, wer anders z es ſind ja ſonſt keine von unſern Leuten da, erwie⸗ derte der Bauer, der dieſe Frage nicht begrei⸗ fen konnte, mit Befremdung.—„Ich muß mich wundern, fiel Frangvis in ſeiner Ein⸗ falt ein, daß dieſe Gvttesläugner ſo viele Re⸗ ligion haben, um an das Eulengeſchrei zu glau⸗ 57 ben.—„Da iſt nichts zu wundern, verſetzte der Bauer, immer noch höchſt befremdet, denn auf jeden Eulenruf folgt ein Flintenſchuß, und die Eulen wiſſen zu treffen.“—„Da ſtehen wir ja ſichtbarlich unter Gottes Hand, ſagte Frangvis in ſeinem einfältigen Glauben ge⸗ tröſtet, wenn er die Vögel des Waldes für uns bewaffnet..—„Ja, entgegnete der Bauer, wenn nur noch mehr Eulen da wären, aber ſie können nicht weit ſein.—„Wenn die an⸗ dern Eulen ſo gute Schützen ſind, wie Ihr, ſagte der Marquis, der nun zu begreifen an⸗ fing, ſo können wir es wohl mit einer doppel⸗ ten Zahl der Blauen aufnehmen.“—„Kein ächter Chouan fehlt ſeinen Mann“, ſprach der Führer mit Selbſtgefühl, ſchlug auf ſeine Flinte und erhob ſich vom Boden. Die Flüchtigen ſchritten eilig fort durch den hohen Ginſter; ihr Führer bog bald rechts, bald links aus, und ließ von verſchiedenen Seiten den Eulenruf hören, aber kein ähnlicher Ruf antwortete darauf, während auf beiden Seiten des Feldes die Trommeln der Feinde 58 wirbelten und ihre Trompeten erſchallten. Jetzt ſchien der Führer ſelbſt einige Beſorgniß zu ha⸗ ben, denn er ermahnte dringend zur Eile. Schweigend und in ſteigender Angſt, mit An⸗ ſtrengung aller ihrer Kräfte, ſchritten die Flücht⸗ linge weiter. Plötzlich blieb der Führer lau⸗ ſchend ſtehen; etwa hundert Schritte vor ihnen ſah man den Ginſter ſich wellenförmig bewe⸗ gen; der Führer ließ einen gedämpften Eulen⸗ ruf hören, aber es erfolgte keine Antwort. Schnell beſonnen, deutete er den Flüchtigen mit der Hand die ſchräge Richtung an, welche ſie zu nehmen hätten; er ſelbſt kroch in dem hohen Ginſter fort, und die Flüchtlinge hörten hinter ſich, bald hier, bald dort, den Ruf der Eule. Kurz darauf fiel ein Schuß, und tief aufathmend, wie ein gejagter Wolf, kam ihr Führer, in mächtigen Sprüngen durch den Gin⸗ ſter ſetzend, zu ihnen, hinter ihm her die Ver⸗ folger.„Jetzt, rief er den Fliehenden mit unterdrückter Stimme zu, können uns nur noch unſere Füße retten, denn ſo dumm ſie auch ſind, ſo müſſen ſie doch nun wiſſen, daß nur 59 Eine Flinte da iſt.. Die Todesfurcht verlieh den Flüchtlingen neue Kräfte, und ſie eilten, kein Hinderniß achtend, mit beflügelten Schrit⸗ ten uͤber das Feld hin; aber eben ſo raſch folgten ihnen die Feinde, die nun ſahen, daß ſie nur mit Wenigen zu thun hatten. Etwa eine halbe Viertelſtunde mochte die⸗ ſer Wettlauf gedauert haben, als das Fräulein erſchöpft niederſank; ſie verſuchte aufzuſtehen, vermochte es aber nicht. Mit matter Stimme und gebrochenen Augen ſagte ſie:„Ich kann nicht mehr, rettet euch und laßt mich hier ſter⸗ ben! Raſch und ohne einen Augenblick zu verlieren, hob ſie der Landmann mit mächtigen Armen auf ſeine breiten Schultern, und lief mit ihr durch das hohe Ginſterfeld einher, wie ein Raubthier, das ſeine Beute zur Höhle trägt; aber nach und nach wurde der Lauf der Fliehenden matter, und immer näher kamen die Stimmen und Fußtritte ihrer Verfolger. Der Landmann drehte ſich um, maß den Raum, der ſie noch von ihnen trennte, mit den Augen, legte ſchnell die Laſt von ſeinen Schultern auf 60 den Boden, athmete einige Sekunden tief auf, ſetzte die geballten Fäuſte in ſeine Weichen, und ließ dann einen mächtigen Eulenruf er⸗ ſchallen, der ſo laut und kläglich durch das Feld hin ertönte, daß die Feinde, gleichſam erſtaunt, einen Augenblick in ihrer Verfolgung inne hielten. Während deſſen ſtund der Land⸗ mann unbeweglich, wie eine Bildſäule, und horchte mit einer Anſtrengung ſeiner Gehörs⸗ nerven in die Ferne, die zeigte, daß Leben und Tod an der Erwiederung des Rufes hänge. Einige Sekunden vergingen, da ließ ſich ant⸗ wortend ein ſchwacher Eulenruf, aus weiter Ferne kommend, hören. Renu geſtärkt, lud der Führer ſeine Laſt wieder auf, und rannte mit unverminderter Kraft mit ihr davvn. Bald er⸗ tönte der antwortende Eulenruf der Chonans von allen Seiten immer häufiger und vernehm⸗ barer. Die Feinde ſtutzten und hielten in ih⸗ rer Verfolgung inne. Jetzt nahm der Führer die Dame von ſeinen Schultern, und ſetzte ſie 3 gemächlich auf den Boden nieder; ſie war bleich und ſah mit verwirrtem Blicke die Umſtehenden 61 an.„Erhole dich, theure Cecilie, ſagte ihr Bruder, indem er ihr theilnehmend die Wan⸗ gen ſtreichelte, wir ſind gerettet.. Der alte Diener, tief athmend, kniete neben ſeiner Ge⸗ bieterin nieder, und ſeine Hand zuckte ſchon, die ihrige zu faſſen, aber der altgewohnte Reſpekt ſiegte ſelbſt in dieſer Minute der über⸗ ſtandenen Todesgefahr, er küßte nur den Saum ihres Kleides, ſeine innige Theilnahme zu be⸗ zeugen. Mit tiefer Rührung blickte das lieb⸗ liche Weſen auf den alten treuen Diener, und reichte ihm, ſo matt ſie war, die Hand, die er ehrerbietig an ſeine Lippen drückte, wäh⸗ rend eine Thräne aus ſeinen Augen darauf fiel. Jetzt ließ der Führer einen lauten gellenden Ruf erſchallen, der munter von allen Seiten beantwortet ward. Bald ſah man den Ginſter in allen Richtungen wanken, und durch ihn her kamen, bald erſcheinend, bald verſchwin⸗ dend, dunkle Geſtalten gelaufen, die ſich mit hellem herausforderndem Geſchrei auf die Feinde warfen, welche nun in eiliger Flucht das Feld verließeh. 62 Als die Flüchtlinge aus dem Ginſterfelde traten, ſahen ſie eine mäßige Fläche vor ſich, auf der die Reiterei der Vendeéer mit der re⸗ publikaniſchen plänkelte. Es war ein anziehen⸗ des Schauſpiel voll Leben und Bewegung: da und dort fiel ein Schuß, bald näherten ſich die Reiter einander, bald entfernten ſie ſich wie⸗ der; hinter den Plänklern erblickte man dicht geſchloſſene Haufen, die bald ruhig hielten, bald vor⸗ bald rückwärts zogen, wie die Linie der Plänkler ſich bewegte. Dieſe Reiterhaufen boten einen verſchiedenartigen Anblick dar: die republikaniſchen Reiter waren gleichförmig ge⸗ kleidet, lange Roßſchweife wallten hinten über ihre Helme hinab, von denen blutrothe Feder⸗ büſche wehten, und über ihren Häuptern flat⸗ terte die dreifarbige Fahne; in den Reihen der Royaliſten erblickte man Uniformen aller Art, mit bürgerlicher Kleidung untermiſcht; die Rei⸗ terei der Vendeer beſtund aus Ueberläufern, Pächtern und Dienerſchaft des Adels; von den Hüten der Offiziere wehten große weiße Feder⸗ büſche, und fie ritten meiſt köſtliche und glän⸗ 63 zend auſgeſchirrte Pferde; eine weiße Fahne, mit Lilien beſäet, war ihr Panner. Die Flüchtlinge zogen hinter den royaliſtiſchen Reiterhaufen weg, und erſtiegen einen vor ih⸗ nen liegenden Hügel. Als ſie die Spitze deſ⸗ ſelben erreicht hatten, ſahen ſie das weite Thal vor ſich, in dem die Stadt Saumur liegt, und erblickten das republikaniſche Heer in Schlacht⸗ ordnung, den Angriff der Royaliſten erwar⸗ tend. Die Heerhaufen der Royaliſten ſtunden auf den Höhen von Bournan, auf den Stra⸗ ßen von Doué und Montreuil, und auf den ſteilen Hügeln, wo der Weg von Chaintre und Vorrains zuſammenläuft, in ihrem Mittel⸗ punkt die Stadt Saumur mit ihren Thürmen und der Zitadelle. Die Vorhut beider Theile ſchlug ſich bereits in einzelnen Gefechten in der Ebene. Von dem Hügel, der ſeitwärts der Linie lag, konnte man das ganze Schlacht⸗ feld überblicken. Die republikaniſchen Plänkler ſtunden in zerriſſener, aber regelmäßiger Linie, ihre Reſerven hinter ſich. Von den Plänklern der Royaliſten ließen ſich nur wenige blicken; 64 aber aus jedem Buſch, aus jedem Graben, hinter jeder Mauer hervor blitzten unaufhör⸗ lich ihre wohlgezielten Schüſſe, und ſelten ſah man etwas anderes von dem Schützen, als die Kopfbedeckung und den dunkeln Lauf ſeiner Doppelflinte. Der Führer hatte ſich auf den Boden geſetzt, und ſah der Szene gemächlich zu. Die trefflichen Schützen der Royaliſten, die meiſt aus Schleichhändlern und geübten Jägern beſtunden, richteten eine große Ver⸗ wüſtung in den Reihen der Republikaner an.. Um die Lücken der Plänkler zu ergänzen, rückte je und je ein Theil der Reſerve unter dem wilden ermuthigenden Geſchrei:„Es lebe die Republik!“ vor. Dabei ſpielte abwechſelnd die Feldmuſik und raſſelten die Trommeln; ein⸗ zelne Kanonenſchüſſe fielen dazwiſchen. Als das Feuer der Royaliſten den Republikanern immer läſtiger wurde, gaben die Trommeln das Zeichen zum Vorrücken; ihr Feuer ſchwieg, und die ganze Linie ſetzte ſich in Bewegung, erſt langſam, dann mit ſteigender Schnelligkeit und zuletzt in vollem Laufe, unter dem tau⸗ 65 ſendſtimmigen Geſchrei:„Vorwärts! Vor⸗ wärts! Es lebe die Republik! Die Reſerven folgten der Bewegung. Jetzt zum erſtenmal erblickte man die Plänkler der Rvya⸗ liſten; ſie tauchten aus den Gräben, hinter den Hecken und Mauern auf, und liefen mit der Schnelligkeit eines gejagten Wildes über das Feld weg. Ein ſtarker Reiterhaufe brach zwiſchen der Linie der Republikaner durch, und verfolgte ſie. Die Zuſchauer auf dem Hügel blickten mit geſpannter Erwartung in das Thal hinab. Der Landmann ſtund auf, nahm ſein Gewehr zu ſich und ſchien im Begriff, ſich in das Treffen zu ſtürzen. Da ſah man plötzlich auf der andern Seite mächtigen Staub auß⸗ wirbeln, und erblickte eine royaliſtiſche Reiter⸗ ſchaar, die den Republikanern entgegen flog. „Brav, wackerer Dommaigneél⸗ rief der Führer, und ſetzte ſich ruhig wieder nieder. Als die beiden Geſchwader zuſammenſtießen, wiedertönte das Raſſeln ihrer Choc bis auf den Hügel; eine Wolke von Staub ſtieg über ihren Häuptern empor; als ſie aufflog, ſah 66 man die Linie in einzelne Gefechte gebrochen. Der Anführer der Royaliſten, von ſeinen tapfer⸗ ſten Reitern umgeben, drang tief in die feind⸗ lichen Haufen. Der Schlachtruf der Streiten⸗ den hallte furchtbar durch die Lüfte; rothe und weiße Federbüſche wogten in bunter Verwir⸗ rung durcheinander, Säbel und Helme blitzten in der Sonne; bald verhüllte der aufſteigende Staub die Kämpfer, bald zeigten ſie ſich den Augen wieder, wenn ihn ein Windſtoß weg⸗ nahm.„Brav, wackerer Dommaigneé! wiederholte eintönig der Landmann, als der tapfere Anführer der Royaliſten bis zur repu⸗ blikaniſchen Standarte vorgedrungen war. Um ſie her erhob ſich ein wüthender Kampf, die Luft ertönte von dem Geſchrei: Es lebe die Republik! und: Es lebe der König! die beiden Führer trafen aufeinander. Mit ſtarren Blicken ſahen die Zuſchauer auf dem Hügel in das Thal hinab. Einen lauten Schrei ſtieß der Landmann aus, als der Anführer der Royaliſten, von einem mächtigen Hiebe ſeines Gegners getroffen, tanmelte und auf die Cronpe 67 ſeines Pferdes zuruck ſank; aber ſterbend ſam⸗ melte er ſeine letzte Kraft, und warf durch den Schuß ſeiner Piſtole den Gegner, tödtlich verwundet, zur Erde nieder; dann entſank Waffe und Zügel ſeiner matten Hand, und die Seinigen fingen den Sterbenden in ihren Ar⸗ men auf. Ungewiß ſchwankte das Gefecht, da plötzlich ſchallte Trommelwirbel und Hörnerklang, und das Thal herauf zog eine dichte, dunkle Ko⸗ lonne Fußvolk. Jubelnd rief der Landmann aus:„Da kommen die Tapfern! So nannte man diejenigen unter den Landleuten, die am meiſten im Gebrauche der Waffen un⸗ terrichtet waren, und den entſchloſſenſten Muth zeigten. Die Kolonne zog nicht regelrecht, aber in guter Ordnung einher; ſie war durchgängig mit Schießgewehr bewaffnet, aber nicht gleich⸗ förmig gekleidet. Nur ein Haufe von drei bis vier hundert Mann, der den Mittelpunkt bil⸗ dete, und nach dem die beiden Flügel ihren Marſch richteten, war uniformirt. Ihr An⸗ führer war ein Mann von rieſenmäßiger Sta⸗ 68 tur.„Das iſt der Hauptmann Keller mit ſeinen tapfern Deutſchen,“ ſagte der Führer, und blickte wohlgefällig auf die blitzenden Ge⸗ wehre der Schaar. Als die feindliche Reiterei die Kolonne der Tapfern im Anmarſch ſah, zog ſie ſich auf ihre Linie zurück. Sogleich folgte ihr eine Wolke royaliſtiſcher Plänkler auf dem Fuße, und übergoß die republikaniſchen Reihen mit einem Hagel von Kugeln. Von Hecke zu Hecke, von Graben zu Graben liefen ſie mit lautem Geſchrei, und keinen Augenblick ruhte ihr Feuer. So weit das Ange reichte, in der Fronte, auf den beiden Flügeln und ſelbſt im Rücken des Feindes, ſah man dieſe Schwärme von Schützen. Der furchtbare Schlachtruf, von allen Seiten wiederholt, dieſe Maſſe Bewaff⸗ neter, die man von Hecke zu Hecke, von Gra⸗ ben zu Graben laufen ſah, die wie ein Blitz erſchien und verſchwand, ihr unaufhörliches Feuer, das Tod und Verderben in die feind⸗ lichen Reihen trug, konnte auch die Muthig⸗ ſten erſchüttern. Furchtbar wüthete jetzt das — Treffen auf allen Seiten, und Berg und Ebene waren mit Feuer und Rauch erfüllt, mit Staub und Blut bedeckt. Mit grauenvoller Luſt blick⸗ ten die Zuſchauer vom Hügel in das Feld des Todes hinab. Jetzt erſchien der Generalſtab des royaliſti⸗ ſchen Heeres auf einem nahe gelegenen Hügel, um den Gang der Schlacht zu beobachten. Die weißen Federbüſche wehten weit in die Ferne. Adjutanten flogen hin und her, kamen und gingen. Auf einem jenſeitigen Hügel erblickte man den Generalſtab der Republikaner, und wenn die feindlichen Generale ihre Fernrohre auf einander richteten, konnten ſie ſich Mann für Mann erkennen: hier Elbée, Bon⸗ champs, Lescure, Larochejacquelin, Stafflet, dort Menon, Berthier, Santerre, Conſtand und die Kommiſſäre des Konvents. In der Ferne ſah man die große Heermaſſe der Royaliſten langſam an⸗ rücken; ſie war größtentheils ſchlecht bewaffnet, mit Senſen, Gabeln, Spieſen vder auch nur mit Stöcken, die mit einem ſpitzigen Eiſen be⸗ ſchlagen waren, und bildete eine verwirrte Maſſe um die Kanonen. Immer heftiger wüthete das Treffen, die Generale hielten unbeweglich auf dem Hügel. Plötzlich flogen Adjutanten nach allen Seiten. Kurz darauf fielen drei Signalſchüſſe. Kaum war ihr Donner verhallt, ſo erhob die ganze Maſſe des royaliſtiſchen Heeres ein furchtbares Geſchrei, von dem Luft und Erde erbebten; die Plänkler ſetzten ſich in Lauf, ihnen folgten die Tapfern in Maſſe, und dieſen der ver⸗ wirrte Heerhaufen, der ſich um die Kanonen gedrängt hatte.„Jetzt gilt es, rief der Land⸗ mann auf dem Hügel, da darf Georg Gi⸗ rard nicht fehlen,„und Philipp von Marigny auch nicht,“ rief der junge Mann dazwiſchen. Beide ſtürzten den Hügel hinab in das Getümmel der Schlacht. Frangois, in dem ſich der Muth des alten Soldaten regte, wollte ihnen folgen; ſchon hatte er einige Schritte vorwärts gemacht, aber ſein Pflichtgefühl hielt ihn zurück, er kehrte lang⸗ ſam um zu ſeiner Gebieterin. 74 Als die Beiden auf dem Schlachtfelde an⸗ kamen, war die Linie der Republikaner ſchon gebrochen. Grauſe Verwirrung herrſchte rings umher, viele flohen, andere kämpften mit dem Muthe der Verzweiflung, Generale und Offi⸗ ziere ſprengten hin und her, ſchalten die Fei⸗ gen und ermunterten die Tapfern. Bald hatte ſich der Waldſchütze zu ſeinem Herrn gefunden, der an der Spitze ſeiner Schützen zu Fuß focht; der junge Philipp von Marigny hatte ein weggeworfenes Gewehr ergriffen, und ſtund ihnen tapfer fechtend zur Seite.„Vorwärts! Vorwärts! rief auf einmal Wilhelm von Charny mit Ungeſtüm, ſeht dort den Königs⸗ mörder! In geringer Entfernung von ihnen zeigte ſich ein Konventskommiſſär hoch zu Roß, und ſtolz wehten die dreifarbigen Federn von ſeinem Hute; er ritt von Haufen zu Haufen, und feuerte die Krieger der Republik zum Kampfe an. Wild drängte ſich der Jüngling in ſeine Nähe, den Verhaßten zu tödten. Da ſtürzte das Pferd des Konventskommiſſärs, von einer Kugel getroffen; in vollem Laufe eilte — 72 Wilhelm auf ihn zu, und ſchon war ſein Schwert gehoben, da blickte er ihm ins Auge, und erkannte den Vater ſeiner Geliebten. Kraftlos ſank ſeine Hand, Jener wurde von den Seinigen aus dem Getümmel geriſſen. ℳ Herr Philipp von Marigny gehörte zu der vor der Revolution in Frankreich ziemlich zahlreichen Klaſſe des Adels, welche man die liberale Ariſtokratie nennen könnte. Sie hatte ſich aus den Schriften der Philoſophen ihres Volks und Zeitalters eine meiſt nur oberfläch⸗ liche Bildung erworben, der amerikaniſche Krieg hatte ſie für die Freiheit begeiſtert— ſie wa⸗ ren liberale Thevretiker, welche der ganzen Welt die Freiheit gönnten, wenn es nur nicht auf Koſten ihrer Vorrechte geſchah. Sie lach⸗ ten und ſpotteten über die Thorheiten des Ho⸗ fes und Adels, machten ſie aber doch alle ſelbſt mit, theils aus Gewohnheit, theils weil ſie ihnen im Herzen mehr anhingen, als ſie ſich ſelbſt geſtehen mochten, und weil ſie ſie blos verſpotteten, weil es die Mode des Tages von denjenigen forderte, welche als ſchöne Gei⸗ ſter gelten wollten. Im übrigen leuchtete Phi⸗ lipp von Marigny in dieſer Klaſſe ſeiner Standesgenoſſen durch einen ſcharfen Verſtand und mehr als gewöhnliche Bildung hervor. Er hatte ſich, als ein Freund des Vaterlandes und einer vernünftigen Freiheit nicht abhold, erſt ſpät durch den Strudel der Emigration hinreißen laſſen, und war, wie alle dieſe ſaumſeligen Auswanderer, am Hofe des Prin⸗ zen zu Koblenz als ein Lauer empfangen worden. Das thhrichte Verfahren dieſes Hofes und der Emigranten wurde ihm bald klar; er gab die Sache der Emigrativn verloren, und hätte ſie geſiegt, ſo mochte er ihren Sieg nicht theilen. In Worms hatte er d'»Elbée ken⸗ nen lernen, der ſpäter als Obergeneral de' königlich⸗katholiſchen Armee in der Vendee eine Rolle ſpielte. Durch dieſen erhielt er Rach⸗ richt von dem Aufſtande, und wurde einge⸗ laden, daran theilzunehmen; er kehrte nach Frankreich zurück, holte ſeine Schweſter auf 4 74 einem ihrer Güter ab, wo ſie nimmer ſicher war, und ſo trafen ſie nach vielen Gefahren an den Grenzen der Vendée ein. Hier mel⸗ deten ſie aus einem ſichern Verſteck ihre An⸗ kunft an Herrn von Roſay, den Bräutigam der jungen Margquiſe, der in der royaliſtiſchen Armee diente, und ein Freund Wilhelms von Charny war. Dieſer ſendete ihnen ſeinen Waldſchützen Georg Girard, der alle Wege des Landes kennte, um ſie auf abgelegenen Pfaden durch die Linie der Republikaner zu führen. Die republikaniſche Armee, auf allen Punk⸗ ten geſchlagen, war unaufhaltſam und in größ⸗ ter Unordnung durch Saumur geflohen, und die Vendeer zogen unter dem tauſ endfach wieder⸗ holten Rufe ein: Es lebe der König! Es lebe die katholiſche Religion! Statt die Flüchtigen zu verfolgen oder zu plün⸗ dern, ſtrömten dieſe einfachen Leute in die Kirchen, um dem Hochamte anzuwohnen und Gott für den errungenen Sieg zu danken. Nach vollendetem Gottesdienſte ſetzten ſi ſich die „ 7 5 kriegeriſchen Landleute auf den Straßen nieder, zogen das Brod und die einfachen Nahrungs⸗ mittel, welche ſie von Hauſe mitgebracht hat⸗ ten, aus der Taſche und hielten ihr kärgliches Mahl. Als Philipp von Marigny, der dieſes ihm ganz fremde Schauſpiel mit Ver⸗ wunderung betrachtete, die nämlichen Männer, die er eben ſo ungeſtüm in der Schlacht ge⸗ ſehen, ſo gottesfürchtig und von ſo einfachen Sitten fand, ſchöpfte er gute Hoffnung für den Erfolg der königlichen Sache. Der junge Marquis brachte die Nacht im näm⸗ lichen Hauſe mit den Herren vvn Charny und Roſay zu. Als er am andern Morgen einen Gang durch die Stadt machte, fand er ſie zu ſeinem Erſtaunen von Truppen faſt ganz ent⸗ blößt; alle Landleute waren verſchwunden, und die Wachen waren von den deutſchen Truppen und der Reiterei nur ſpärlich beſetzt. Da er glaubte, daß irgend ein Unfall auf einem an⸗ dern Punkte einen Rückzug herbeigeführt habe, eilte er nach Hauſe, um ſeinen Freunden die Nachricht von der ſo unerwarteten Entblößung 76 der Stadt mitzutheilen. Dieſe, welche das Weſen des Vendéekrieges beſſer kannten, er⸗ theilten ihm darüber die nöthige Aufklärung. Die Vendéearmee war kein ſtehendes Heer, ſondern nur ein momentanes Aufgebot eines Theils oder ſämmtlicher ſtreitbarer Männer des Landes. Wenn die Anführer ein Heer zuſam⸗ menziehen wollten, erließen ſie ihre Befehle, welche durch immer bereite Eilboten in größter Schnelligkeit von Gemeinde zu Gemeinde ge⸗ tragen wurden. Dann ließ der Pfarrer die Sturmglocke läuten, verſammelte ſeine Beicht⸗ kinder in der Kirche, theilte ihnen den Befehl mit, zeigte ihnen die Zahl der erforderlichen Mannſchaft, den Tag und Ort der allgemeinen Sammlung, und die Zeit der Dauer der Ex⸗ vedition an, welche ſich ſelten über ein bis fünf Tage erſtreckte. Die aufgebotene Mann⸗ ſchaft trat zuſammen, die Prieſter laſen Meſſe, entflammten durch ihre Predigten die Gemüther und ertheilten die Abſolution. Jetzt nahm der Landmann ſeine Waffen zur Hand, ſteckte für drei bis vier Tage Brod zu ſich, hing einen 77 Roſenkranz, ein Kreuz, ein heiliges Herz Jeſu, oder das Bild irgend eines Heiligen um und zog getroſt in den Kampf. So ging er muthig allen Gefahren entgegen, und der Tod ſchien ihm nur ein leichtes Opfer, denn die Freuden des Paradieſes warteten ſeiner. Wie auch der Ausgang der Schlacht war, der Landmann, ob ſiegreich oder beſiegt, kehrte an ſeinen Herd zuruͤck, und es gab keine Vendéearmee mehr. Dann blieb nur der Generalſtab übrig nebſt der Reiterei und dem wenigen regelmäßigen Fußvolke; dieſes beſetzte die Wachen, während jene in einem Umkreiſe von fünf bis ſechs Stunden unaufhörlich Patrvuillen machte. Zeigte ſich ein feindliches Korps, ſo wurde die Ar⸗ mee oder ein Theil derſelben wieder aufgebo⸗ ten: zuerſt die Schützen, die aus den Jägern und Waldſchützen des Adels, aus Schleichhänd⸗ lern und andern der Feuergewehre kundigen Leuten beſtunden, lauter treffliche Schützen, die meiſtens mit Doppelgewehren und Piſtolen be⸗ waffnet waren; ſie brauchten keine Offiziere, denn ſie wußten ſich ſelbſt zu leiten; ſie ver⸗ 78 breiteten ſich auf den Fluͤgeln und ſelbſt bis in den Rücken des Feindes, und wußten jeden Vortheil des Bodens beſtens zu nützen; ſie ſchoſſen nie anders, als auf Schußnähe, und fehlten ſelten. Das zweite Aufgebot beſtund aus den entſchloſſenſten und geübteſten Land⸗ leuten, welche man die Tapfern nannte; ſie wußten in leidlicher Ordnung Kolonnen und Linien zu bilden, und fochten in der Schlacht mit ſeltener Unerſchrockenheit und Kühnheit. Das dritte Aufgebot beſtund aus den Land⸗ leuten in Maſſe, die größtentheils ſchlecht be⸗ waffnet waren und eine verwirrte Maſſe um die Kanonen und Pulverwagen bildeten. Philipp von Marigny's ſcharfem Bevobachtungsgeiſte entgingen die Nachtheile einer ſolchen Heeresorganiſation nicht, welche jeden Sieg unnütz machte, weil er ſich nicht benützen und verfolgen ließ; er ſah ein, daß wiederholte, unaufhörlich fortgeſetzte Angriffe dieſes reine Defenſivſyſtem am Ende abnutzen müßten, und daß die Vertheidiger des Landes zuletzt an Erſchöpfung zu Grunde gehen müß⸗ 79 ten. Als er vollends die Anfuͤhrer näher ken⸗ nen lernte, und die Unfähigkeit der einen, den Ehrgeiz der andern, der das allgemeine Beſte unbedenklich ſeiner Selbſtſucht opferte, wahr nahm, verzweifelte er an einem glücklichen Er⸗ folge. Wilhelm von Charny war ſichtbar von Gram verzehrt ſeit dem Tage von Sau⸗ mur, da er in dem Vollſtrecker der blutigen Geſetze des Konvents, in dem Königsmörder den Vater ſeiner Geliebten erkannt hatte. Jede Ausſicht auf eine glückliche Vereinigung war nun verſchwunden, und mit ihr jede Luſt des Lebens. Beide Jünglinge ſuchten den Tod, aber er ſchien ſie mitten in dem Getümmel der blutigen Schlacht zu fliehen. Rach dem ver⸗ geblichen Angriff der Vendéer auf Nantes, nach dem verlorenen Treffen von Lugon, nach der Ankunft der krieggewohnten Mainzer Gar⸗ niſon ging der Glücksſtern der royaliſtiſchen Armee unter. Verzweiflungsvoll wagten ſie die Schlacht von Chollet und wurden geſchla⸗ gen. DElbée und Bonchamp wurden tödt⸗ lich verwundet vom Schlachtfeld getragen, Les⸗ 80 rure ſterbend über die Loire gebracht. Mehr als 80,000 Menſchen, Männer, Weiber, Kin⸗ der und Greiſe drängten ſich an den Ufern der Loire, ihre Heimath zu verlaſſen, denn ſie hatten nur die Wahl zwiſchen Tod und Ver⸗ bannung. Mit den Trümmern des Heeres ſetzten die beiden Jünglinge über den Strom. Heimathlos zogen die Ueberreſte des roya⸗ liſtiſchen Heeres von Punkt zu Punkt, bald ſiegreich bald beſiegt, in ihrem Untergang noch furchtbar. Hunger und Kälte, mehr als das Schwert des Feindes, lichteten ihre Reihen, bis ſie in der Schlacht von Savenay vbllig untergingen. Nur wenige kehrten, einzeln flie⸗ hend, auf das linke Ufer der Loire zurück. Tief im Gehölze, in einer einſamen Hütte ver⸗ borgen, lebte der alte Herr Gottfried von Charny mit dem ehrwürdigen Adrian Sar⸗ rin, und die guten Landleute trugen ihnen heimlich Nahrung zu. Je und je verirrte ſich ein rückkehrender Flüchtling, der Verborgenheit ſuchte, in dieſe geheime Freiſtätte, aber keiner 8¹ brachte ihm Kunde von dem Leben vder Tode ſeines Sohnes. ** * Still und einſam lebten die beiden Alten in der Waldhütte; ein einziger treuer Diener war ihnen geblieben; im Dunkel der Nacht tru⸗ gen ihnen vertraute Landleute Nahrung zu. Während rings umher Gräuel der Verwüſtung herrſchte, war hier tiefer Friede, denn die ein⸗ ſame Freiſtätte lag in ungangbaren Gehölzen, deren faſt unbetretene Fußpfade nur wenige Landleute kannten, deren Wohnungen an die Wildniß ſtießen. Endlich war ihnen Kunde von den Verlvrenen gekommen; ſie hatten eine Zuflucht im Marais gefunden, wo noch immer einzelne Haufen, von der Natur des Landes begünſtigt, den Krieg gegen die Republik un⸗ terhielten. Aus Wilhelms Brief an ſeinen Vater leuchtete tiefer, an Verzweiflung gren⸗ zender Kummer hervor, und er gab nicht un⸗ deutlich zu verſtehen, daß er den Tod wünſche und ſuche. Ein beigelegtes Schreiben Phi⸗ 82 lipps von Marigny an Herrn Gottfried von Charny entdeckte dieſem, in welchem Zuſtande der Troſtloſigkeit ſich ſein unglück⸗ licher Sohn befinde, ſeit er in der Schlacht von Saumur die Entdeckung gemacht, wer der Vater ſeiner Geliebten ſei. Kummervoll ſaß nun der alte Mann ſtundenlang da, und ſtarrte bald auf den Boden, bald an die Decke; dann ſchüttelte er ſein graues Haupt, und ſprach traurig vor ſich hin:„Das Haus der Charny iſt alt, und ſchon in der Schlacht von Poitiers hat ein Charny die Oriflamme getragen, aber doch doch hätte ich meine Einwilligung gegeben.. Ja, ja, mein armer Sohn, du hätteſt ſollen glücklich werden, vbwohl noch nie⸗ mals ein Charny Chier ſeufzte er tief auf und fuhr dann heftig fort). aber nein, nein! Die Tochter eines Königmörders das iſt unmöglich. das kann nicht ſein!“— Der ehrwürdige Prieſter ſah ihn ernſt an, und ſprach mit Nachdruck:„Der Herr der Welt vergab ſeinen Mördern am Kreuze.“—„Rein, nein! fuhr der alte Edelmann heftiger fort, 83 verlange nicht mehr von mir, als ein Menſch zu leiſten vermag. Rie, nie ſoll ſich das Blut der Charny mit dem eines Königmörders vermiſchen, und eher. Chier brach ſeine Stimme) eher möge mein einziger Sohn in das Grab ſteigen und das alte Haus der Charny erlöſchen!“—„Erinnert Ihr euch, fragte ſanft und unbefangen der Greis, des Jacques Goupilleau, den Ihr als Knabe und angehenden Jüngling in meinem Hauſe kanntet?%—„Wohl erinnere ich mich ſeiner, erwiederte ſchnell mit frohem Rückblick Herr Gottfried, keiner der Jünglinge war mun⸗ terer auf der Jagd, muthiger in Gefahren, und dabei ſanft und fromm wie ein Lamm, und ſo barmherzig, daß er ſeinen letzten Biſſen mit der Armuth theilte. Ihr habt mir nie wieder von ihm geſagt, was iſt aus ihm ge⸗ worden?—„Ein Königsmörder, erwiederte ernſt der Greis, er iſt eine und dieſelbe Per⸗ ſon mit Jacgues Goupilleau, dem Kom⸗ miſſär des Konvents.“— Der alte Edelmann ſchauderte zurück, und ſeufzte aus tiefer Bruſt. 84 —„Gottfried von Charny! fuhr der ehrwürdige Prieſter feierlich fort, die Herzen der Sterblichen und die Schickſale der Men⸗ ſchen liegen in des Himmels Hand, Niemand werfe den erſten Stein auf ſeinen Bruder. Wer vermag die Tiefen des menſchlichen Her⸗ zens zu erforſchen! Der Menſch iſt ſich ſelbſt ein unergründliches Räthſel, er ſchreitet fort von Irrthum zu Irrthum, von Verbrechen zu Verbrechen, aber Keinem iſt die Thür der Gnade verſchloſſen, denn Gott im Himmel iſt barmherzig. Darum richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!“ Eine feierliche Stille herrſchte unb der Decke der niedern Hütte; da öffnete ſich plötz⸗ lich die Thür, und unter ihr zeigte ſich ein Mann in der Uniform der Nationalgarde. Die Beiden ſprangen auf von ihren Sitzen, der Nativnalgardiſt warf den Hut zurück, und Wilhelm von Charny lag in den Armen ſeines Vaters. Ihm folgte Philipp von Marigny, und der treue Georg Girard, ebenfalls in der Uniform der Nationalgarde. 85⁵ Ueber Charelle's Ehrgeiz und Grauſamkeit empört, hatten ſie ſein Heer verlaſſen. An der Muͤndung der Loire lag das Schiff eines Schleichhändlers, das ſie erwartete, um ſie nach England überzuführen. In dieſer Ver⸗ kleidung waren ſie mit Gefahr ihres Lebens gekommen, um die beiden Alten abzuholen. Das Unternehmen war nicht leicht, denn ſie hatten einen beſchwerlichen Weg von mehr als zwanzig Stunden vor ſich, um an die Küſte zu gelangen, und mußten viele feindliche Poſten paſſiren vder umgehen. Die Anſtalten zur Reiſe waren bald getroffen; ſie nahmen die nöthigen Lebensmittel mit ſich, und brachen mit Anbruch der Nacht auf; ein vertrauter Landmann, der des Weges vollkommen kundig war, führte ſie auf abgelegenen Pfaden. Den Tag uͤber mach⸗ ten ſie Halt, und ruhten in einer verborgenen Schlucht des Waldes. In der zweiten Nacht wurde ihr Führer ängſtlich und ungewiß, denn ſie waren jetzt in Gegenden gekommen, wo er des Weges nimmer kundig war. Die Lebens⸗ mittel gingen auf die Reige, und ſie hatten 86 etwa noch zehn Stunden zuröckzulegen, um an den Punkt der Küſte zu gelangen, wo ſie das Schiff in einer abgelegenen Bucht erwartete. Sie beſchloſſen daher, auch den Tag über ihren Marſch fortzuſetzen. Um dies mit einiger Si⸗ cherheit zu können, entließen ſie ihren Führer und nahmen die beiden Alten mit dem Diener in die Mitte, als ob ſie Gefangene transportir⸗ ten. So traten ſie keck ihren Marſch an. Nach⸗ dem ſie einige Stunden zurückgelegt hatten, ſahen ſie auf einem Querwege zwei Gendar⸗ men hergeritten kommen; das Herz pochte ih⸗ nen bei dieſem Anblick, aber ſie durften ihren Gang nicht beſchleunigen, um keinen Verdacht zu erregen. Die Reiter lenkten in den näm⸗ lichen Weg ein und hatten ſie bald eingeholt. „Was führt Ihr da für Vögel?“ fragte einer der Reiter ſcherzend.—„Vögel? erwiederte Georg Girard, in den rohen Scherz ein⸗ gehend, ſiehſt du nicht, Kamerad, daß es Fiſche ſind, die es nach dem Waſſer der Loire ge⸗ lüſtet!“—„Ah! ſiel der andere Gendarm ein, ſie haben Luſt, aus der großen 87 Schale zu trinken. Nur zu, die Loire hat noch Waſſer genug, um alle Ariſtokraten darin zu erſäufen.“—„Gott ſei Dank! ſagte Girard, es iſt ein breiter, wohlgeſinnter Strom, der gerne das Waſſer zu den repu⸗ blikaniſchen Hochzeiten liefert.—„Da habt ihr aber drei alte Hochzeiter, lachte der Gendarm und blickte frech auf die Gefangenen, über die ſich die Bräute nicht ſehr freuen wer⸗ den. Wißt ihr was, Kameraden, Ihr könnt Euch die Mühe erſparen, gebt uns die Pa⸗ piere, ſo wollen wir ſie abliefern.“—„Schö⸗ nen Dank, Freund! erwiederte der Waldſchutze, ſchnell beſonnen, wir hoffen für die Ausliefe⸗ rung dieſer Vögel mehr zu bekommen, als einen bloßen Empfangſchein; es ſind keine gemeine Rebellen, ſondern Hauptſchurken von der Re⸗ bellenarmee.—„Schurke du ſelbſt!“ fiel ihm Herr Gottfried, ſich vergeſſend, ins Wort.—„Da hört Ihr's, fuhr der Wald⸗ ſchütze fort, indem er ſeinem Herrn mit den Augen ſchelmiſch zuwinkte, der thut, als ob er noch an der Spitze ſeiner Räuber ſtünde; 88 es iſt der alte Charny, wenn wir nur den jungen auch hätten! Ihr habt doch wohl von den Beiden gehört?—„ Ei freilich! ver⸗ ſetzte der Reiter, ſie haben ihre Namen be⸗ rühmt genug gemacht. Schade für jeden tapfern Mann, der den Feinden der Republick dient! Lebt wohl, Kameraden!“ Mit dieſen Worten gab er ſeinem Pferde die Sporen, und bald waren Beide aus dem Geſichte verſchwunden. „Schurke! rief Herr Gottfried, halb zor⸗ nig, halb lachend, ſeinem Diener zu, du haſt ganz den Ton dieſer Hallunken angenommen.“ —„Ei was! erwiederte der muntere Schütze, wenn man unter den Wölfen iſt, muß man mit ihnen heulen.“ Sie zogen weiter und ſahen ein Dorf vor ſich liegen, das ſie nicht umgehen durften, ohne Verdacht zu erregen. Dreiſt zogen ſie mitten durch. Da und dort traten die Einwohner unter die Hausthüren; die meiſten ſahen die anſcheinenden Gefangenen mitleidig, nur we⸗ nige mit roher Schadenfreude an. Schon hat⸗ ten ſie den Ausgang des Dorfes erreicht, als — 89 ihnen eine Stimme aus dem Fenſter eines Hauſes zurief:„Halt! So kommt Ihr mir nicht weg!« Beſtürzt blickten ſie auf, und ſahen den einen der Gendarmen unter dem Fenſter ſtehen. Georg Girard ſaßte ſich ſchnell und verſetzte;„Wir haben Eile, Ka⸗ merad, wollt Ihr mit uns?—„Ei! So ſehr wird es nicht preſſiren, entgegnete Jener, Ihr kommt mir nicht von der Stelle, bis Ihr von Euerm Fanggeld einige Flaſchen bezahlt habt.—„Wir haben es ja noch nicht.“— „Thut nichts, ein braver Soldat vertrinkt Alles zum voraus.“ Mit dieſen Worten warf der Reiter das Fenſter zu, und Beide kamen mit der Flaſche und Gläſern in der Hand auf die Straße. Mehrere Flaſchen folgten, man trank auf das Wohl der Republik und den Untergang aller Ariſtokraten; die Gefangenen mußten mittrinken, was ſie gerne thaten, da ihnen der Wein eine nöthige Stärkung ge⸗ währte. Beim Abſchied ſchüttelten die Sol⸗ daten dem alten Charny die Hand, denn ein tapferer Mann, ſagten ſie, ſei geehrt bei Freund 90 —— und Feind. Für die beiden andern, meinten ſie, ſei es kein Schade. Am dritten Tage befanden ſich die Flücht⸗ linge dem Ziel ihrer Reiſe nahe; aber hier waren noch die meiſten Schwierigkeiten zu über⸗ winden. Sie mußten zwiſchen dem Flecken St. Pere und dem Hafen von Paimbveuf durch⸗ paſſiren, um an den Ort ihrer Einſchiffung zu gelangen, und dieſe Linie war mit Wachpoſten und Streifwachen ganz beſäet, um die Ver⸗ bindung der Royaliſten mit der See abzuſchnei⸗ den. Sie beſchloſſen, auf der Straße zu blei⸗ ben, weil ſie da weniger Verdacht erregten, als wenn ſie auf Nebenwegen gingen. Unge⸗ hindert kamen ſie durch mehrere Orte. Jetzt lag der große Flecken St. Pere vor ihnen; es wurden eben die Trommeln gerührt, und als ſie in den Ort kamen, trat die RNationalgarde unter die Waffen. Sie ſchritten keck durch die Hauptſtraße, die Gefangenen in ihrer Mitte. Neugierige Blicke fielen von allen Seiten auf ſie, aber Niemand fragte ſie, weil der Trans⸗ port von Gefangenen, als etwas Alltägliches, 9¹ Jedem ein gewohnter Anblick war. Schyn ſa⸗ hen ſie den Ausgang des Fleckens vor ſich, als ſie von dem Poſten der Hauptwache angehalten wurden. Die Schildwache rief den Komman⸗ danten des Poſtens heraus; mit ihm zugleich traten mehrere Nativnalgardiſten auf die Straße; einer derſelben blickte Wilhelm von Charny unverwandt und forſchend an; der Jüngling wendete ſich ab, um ſich ſeinen Blicken zu ent⸗ ziehen.„Wen führt Ihr hier?“ fragte der Befehlshaber der Wache.—„Gefangene Ro⸗ yaliſten.“—„Wohin?—„Nach Paim⸗ bveuf.“—„Eure Papiere!“ fuhr der Kom⸗ mandant des Poſtens fort.— Sie waren wie vom Donner gerührt, doch faßte ſich Georg Girard ſchnell und ſagte gleichgültig zu ſei⸗ nen Reiſegefährten:„Marſchirt einſtweilen vvraus; ich werde euch bald einholen.“ Er zauderte und ließ ſich, um Zeit zu gewinnen, mit den Nationalgardiſten in ein Geſpräch ein. „Wißt Ihr auch, welchen Fang wir da ge⸗ macht haben, ſagte er in vertraulichem Tone, es ſind zwei Hauptrebellen: der alte Charny und der Erzpfaffe Adrian Sarrin.“— „Wo habt Ihr denn die aufgefangen?“ fragte ein Nativnalgardiſt.—„Im Walde von Mache⸗ coul“, erwiederte Georg Girard, begann zu plaudern und eine lange Fabel zu erzählen. Die Nationalgardiſten drängten ſich neugierig um ihn. Endlich warf er ſeine Augen vor⸗ wärts auf den Weg, rief, als ob er ſich im Geſpräche vergeſſen hätte:„Der Teufel, die haben ſchon einen großen Vorſprung, ich werde zu thun haben, bis ich ſie einhole. Nun, lebt wohl, Kameraden! Mit dieſen Worten wollte er ſich eilig auf die Beine machen, als ihn der Kommandant des Poſtens an einem Rockknopfe faßte und erinnernd ſagte:„Ihr vergeßt, Kamerad, eure Papiere!«—„Ja ſo, erwie⸗ derte der Waldſchütze etwas verblüfft, das hätte ich faſt vergeſſen!« Er ſuchte emſig in beiden Rocktaſchen, dann in der Bruſttaſche, griff ſofort mechaniſch in die Hoſentaſche und rief endlich ärgerlich aus:„Verdammt! da habe ich meine Brieftaſche in dem Torniſter, den der Bediente der Gefangenen trägt.“— 93 Der Befehlshaber der Wache ſchien einiges Miß⸗ trauen zu ſchöpfen und gab Befehl, daß eine Patronille den Transport zuruͤckbringen ſollte, um die Papiere zu unterſuchen. Da trat der Nationalgardiſt, welcher Wilhelm von Char⸗ ny ſo aufmerkſam betrachtet hatte, vor und erbot ſich, dem Transport zu folgen, um die Papiere einzuſehen. Auf die erlangte Billigung des Kommandanten eilte er mit dem Wald⸗ ſchützen der Truppe nach. Dieſer ſann unter⸗ wegs darauf, wie er ſich aus der Schlinge ziehen könne, und war entſchloſſen, ſich und ſeine Begleiter zu befreien, wenn ſelbſt eine gewaltſame Handlung dazu erforderlich wäre; er maß im Gehen den Nationalgardiſten mit den Augen, um aus ſeinem Körperbau auf das Maaß des Widerſtandes, den er leiſten könnte, zu ſchließen, und als er die offenen, redlichen Züge des Mannes betrachtete, dauerte ihn das Blut, das er zu ihrer Selbſterhaltung zu vergießen gezwungen ſein möchte. Etwa eine Viertelſtunde vom Ort erreichten ſie die Vorangegangen, die auf ihren Zuruf ſtille ſtun⸗ 94 den. Als ſie bei ihnen angekommen waren, ſtemmte der Waldſchütze ruhig ſein Gewehr auf den Boden, faßte den Nationalgardiſten ſcharf ins Auge, und ſagte mit feſter Stimme: „Freund! Wir haben keine Papiere. Laßt uns im Frieden ziehen, denn hier hondelt es ſich um Leben und Tod, wo nicht, ſo möge mir Gott verzeihen, wenn ich Menſchenblut vergieße, um der eigenen Rettung willen.“— Kalt erwiederte der Nationalgardiſt:„Ich bin nicht hieher gekommen, um nach Euern Papie⸗ ren zu ſehen, ſondern eine Schuld der Dank⸗ barkeit zu bezahlen.“ Hierauf trat er auf Wilhelm zu, und fragte mit Innigkeit im Blick und Ton:„Kennt Ihr mich nicht mehr, Herr von Charny? Erinnert Ihr Euch noch des Nationalgardiſten, den Ihr aus den Händen der Wüthenden befreitet, die bei dem Rückzug über die Loire alle gefangenen Republikaner ermorden wollten? Der Himmel ſei geprieſen, daß ich euch heute meine Schuld bezahlen kann! Reiſet mit Gott und laßt den Hafen von Paimbveuf möglichſt weit rechts liegen, denn es konzentrirt ſich dort ein Truppenkorps, um einen Streifzug in das Marais zu machen, weil Charette ſich dem Meere zu nähern ſucht, um mit den Engländern in Verbindung zu kommen. Lebt wohl! Möge euch der Him⸗ mel ſchützen! Mir dieſen Worten ſchüttelte der Nationalgardiſt dem Jüngling die Hand, und eilte zurück, vhne eine Antwort abzuwar⸗ ten. Der ehrwuͤrdige Prieſter legte ſeine Hand auf Wilhelms Haupt und ſprach feierlich: „Gott ſegne dich, mein Sohn, das iſt die Frucht guter Thaten!“ Nur noch wenige Stunden waren die Flücht⸗ linge von der Küſte entfernt, als ſie auf eine ſtarke Streifwache der Republikaner ſtießen, die einen Offizier an ihrer Spitze hatte; ſie zog in einer Entfernung von 4 bis 500 Schrit⸗ ten in einem Seitenweg her.„Hier iſt keine Rettung, als in Flucht und Widerſtand, flü⸗ ſterte der Waldſchütze ſeinen Gefährten zu, wir ſind auf dem Weg nach der Küſte, man würde uns unfehlbar verhaften. Verdoppelt nach und nach unmerklich eure Schritte; wenn wir eine 96 —— gute Viertelſtunde aushalten, erreichen wir ein Marais, wo ich im Schilf einen Nachen ver⸗ borgen habe.“ Die Fluchtigen beſchleunigten ihre Schritte, ſo viel ſie vermochten, ohne daß ihr Marſch einer Flucht glich. Von der Streif⸗ wache ſchallte der Ruf herüber:„Ho! Ho! Steht!“ Sie ſtellten ſich, als ob ſie nichts hörten, und ſetzten ihren Weg mit unvermin⸗ derter Schnelle fort. Abermals ſchallte derſelbe Ruf, lauter und gebietender, in ihre Ohren, aber er trieb ſie nur zu größerer Eile an. Der Waldſchütze bückte ſich auf den Boden, um einen ſchnellen Blick auf die Feinde zu werfen, ohne durch Umſehen größern Verdacht zu erregen; er ſah, daß links und rechts ein halbes Dutzend Plänkler abſielen, um einen Bogen um die Flüchtigen zu ziehen, während das Hauptkorps mit beflügelten Schritten ge⸗ rade auf ſie anrückte. Wiederholter Anruf und keine Antwort. Jetzt ſetzten ſich die Plänkler links und rechts in Lauf; die Lage der Flücht⸗ linge war höchſt gefährlich und faſt troſtlos, denn ſie waren nur drei Bewaffnete, obwohl 97 mit Doppelgewehren verſehen und treffliche Schützen. In der Ferne ſchimmerte der trübe Spiegel des Marais hervor, das ſie zu er⸗ reichen hatten; der Waldſchütze deutete darauf hin, und ermahnte die Unbewaffneten zur Eile; ſie beſchleunigten ihren Schritt, ſo weit die Kräfte des alten Pfarrers es geſtatteten; die drei Bewaffneten aber wendeten plötzlich das Geſicht gegen ihre Verfolger und hoben das Gewehr. Die Plänkler auf beiden Seiten wa⸗ ren jetzt in einer Entfernung von etwa 300 Schritten; der Waldſchütze flüſterte ſeinen Waf⸗ fengefährten zu:„Keinen Schuß, der nicht ſeinen Mann zu Boden ſtreckt!; Die Feinde ſtutzten und zanderten; inzwiſchen hatten die drei Unbewaffneten einen ziemlichen Vorſprung gewonnen; die Bewaffneten ſetzten ſich in vol⸗ len Lauf und hatten ſie bald wieder eingeholt. Jetzt blieben ſie abermals ſtehen, das Geſicht den Verfolgern zugewendet, während die An⸗ dern ihren Marſch fortſetzten.„Vorwärts! Vorwärts!“ ertönte es aus den Reihen der Feinde, und einige verlorne Schüſſe fielen; 98 die Verfolgten ſparten ihr Feuer, denn ſie hatten keinen Schuß zu verlieren. Die Feinde rückten unter lautem Geſchrei näher, da gab der Waldſchütze ſeinen Gefährten ein ſtilles Zeichen, ſie hoben zumal ihre Gewehre, legten an, zielten mit Ruhe und Bedacht, und drei Feinde ſtürzten zu Boden. Kein Schuß hatte gefehlt, die Verfolger ſtutzten und ſtunden. In ſchnellem Laufe eilten nun die Verfolgten über das Feld hinweg, ihnen nach mit lautem Ge⸗ ſchrei die Feinde. Schuß ſiel auf Schuß, aber keiner traf um der weiten Entfernung und der Haſt der Verfolger willen. Wieder ſtunden die Verfolgten und boten die Stirn; ein hef⸗ tiges Feuer entſpann ſich, aber die wohlgeziel⸗ ten Schüſſe der drei Schützen hielten den Feind in gemeſſener Entfernung. Jetzt ſah der Wald⸗ ſchütze, daß die Fliehenden das Marais beinahe erreicht hatten; er gab das Zeichen, und die drei flogen mit der Schnelle des Hirſches über das Feld weg. Am Ufer angelangt, zogen ſie den Rachen aus dem Schilfe, und als ihre Verfolger athemlos ankamen, waren ſie ſchon, d 99 kräftig rudernd, mehrere hundert Schritte vom Ufer; verlorene Schüſſe fielen, aber bald wa⸗ ren ſie aus dem Bereiche der feindlichen Ge⸗ wehre. Inzwiſchen waren durch das heftige Schieſ⸗ ſen, ſo weit es gehört werden konnte, ſämmt⸗ liche Streifwachen der Feinde auf dieſen Punkt gezogen worden. Von allen Seiten ließen ſich Trommeln hören. Die Flüchtlinge ruderten mit aller Kraft ihrer Arme dem jenſeitigen Ufer zu, aber bald zeigten ſich auch hier feind⸗ liche Schaaren, die beim Anblick des Nachens ein lautes Geſchrei erhoben. Georg Gi⸗ rard ließ das Ruder ſinken und ſchaute ru⸗ higen Blickes rings umher, wie ein Mann, der die Gefahren kennt und ihnen ſchon oft entgangen iſt. Nach kurzem Beſinnen lenkte er ſeinen Nachen einem dichten Schilfe zu, in dem er ſich bald aus den Augen der Verfolger verlor. Der Weg durch das verwachſene Rohr wurde immer beſchwerlicher, das Fahrwaſſer immer ſeichter; ſie ſprangen aus dem Nachen und ſtunden bis an den Gürtel im Waſſer 100 und Schlamm; jetzt luden ſie den leichten Kahn auf ihre Schultern und trugen ihn, bis ſie wieder Fahrwaſſer fanden. So gelangten ſie an eine Erhöhung, eine Art Inſel, die ſich, rings vom Schilfe verſteckt, über das Waſſer erhob. Hier ließ der Waldſchütze ſeine Ge⸗ fährten niederſitzen, er ſelbſt, unermüdlich und von ſtählernen Nerven, warf ſich in den Kahn, um die Stellung der Feinde zu erforſchen, und hoffte, daß ſie an dieſem verborgenen Orte den Abend abwarten und dann im Dunkel der Nacht entwiſchen könnten. Etwa eine Stunde mochten ſie hier zugebracht haben, als er zu⸗ rückkehrte und zu ſchnellem Aufbruch mahnte, denn die Feinde hatten mehrere Nachen, wo⸗ mit ſie das Schilf durchſuchten. Mit friſcher Kraft ruderten ſie einem Punkte des Ufers zu, den der Waldſchütze bei ſeiner Rekognoszirung unbeſetzt gefunden hatte. Sie erreichten es, zogen den Rachen an das Land und trugen ihn auf ihren Schultern fort. Bald wurden die Fliehenden von ihren Verfolgern erblickt; zwei feindliche Rachen ſtießen ans Ufer, und ———.— ein Dutzend Bewaffnete ſprangen ans Land. Unter lautem Geſchrei folgten ſie den Flücht⸗ lingen nach und waren nur noch 3 bis 400 Schritte von ihnen entfernt; ſchon fielen ein⸗ zelne Schüſſe.„Laſſen wir den Nachen, ſagte Philipp von Marigny, er hindert uns an der Flucht, und die Feinde folgen uns dop⸗ pelt ſo ſchnell.“—„Und womit dann über⸗ ſetzen, wenn wir an das nächſte Marais kom⸗ men? fragte trocken der Waldſchütze, dieſer Kahn iſt unſere einzige Rettung; doch wollen wir dieſen vorlauten Purſchen eine kleine Lek⸗ tion geben, daß ſie in ihrer Hitze etwas nach⸗ laſſen.. Sie ſetzten den Nachen auf den Bo⸗ den und bargen ſich hinter demſelben, und als die Verfolger auf Schußweite gekommen wa⸗ ren, fielen drei wohlgezielte Schüſſe, deren jeder ſeinen Mann niederſtreckte. Jene ſtutz⸗ ten, und ſchnell hoben die Fliehenden ihren Nachen wieder auf, und zogen rüſtigen Schrit⸗ tes weiter. Am nächſten Marais ſetzten ſie ihn in das Waſſer und ſtießen ab; mit lautem Geſchrei ſtürzten die Feinde dem Ufer zu, aber 402 ſie konnten ihnen nicht folgen, weil ſie ihre Fahrzenge zurückgelaſſen hatten. Neue Gefahren erwarteten die Fliehenden am jenſeitigen Ufer. Die Zahl ihrer Verfolger war zu groß, ein Theil derſelben hatte bereits das Marais umgangen; ſie waren von allen Seiten eingeſchloſſen, nirgends ein Ausgang, wohin ſie auch ihre Blicke wendeten. Der Waldſchütze ruderte in die Mitte des Waſſers zurück, um außer Schußweite zu ſein, ließ das Ruder fallen und blickte rathlos um ſich. Jetzt zum erſtenmal fing ſein Muth an zu ſinken; die andern laſen in ſeinen Blicken und gaben ſich verloren.„Iſt keine Hoffnung mehr?“ fragte nach einer ernſten Pauſe Philipp von Marigny.—„Ich ſehe keine, erwiederte mit finſterm Gleichmuth der Waidmann, denn Flügel haben wir nicht, die Ufer ſind beſetzt, und wenn ſie ihre Nachen bringen, was bald geſchehen wird, ſo ſind wir verloren.“— „So laßt uns als Männer ſterben, ſagte Wilhelm von Charny entſchloſſen, wir wol⸗ len den Angriff ſtandhaft erwarten; und man⸗ 103 cher unſerer Feinde ſoll uns im Tode voran⸗ gehen.— Die Beſchwerden der verfloſſenen Tage hatten die Kräfte des alten Geiſtlichen völlig erſchöpft, aber nie hatte man den Hauch einer Klage aus ſeinem Munde vernommen. Jetzt ſaß er ruhig und wie leblos im Nachen — ein Bild gänzlicher Ermattung. Mit Mühe öffnete er den Mund, denn die Zunge klebte an ſeinem trockenen Gaumen, und fragte: „Iſt hier Rettung durch Widerſtand möglich, Georg Girard?⸗—„Keine, ehrwürdi⸗ ger Herr!“ erwiederte der Waldſchütze mit der Ergebung eines Mannes, der alle Mittel der Rettung vergebens erſchöpft hat. Jetzt erhob der Prieſter, ſo ſchwach er war, ſeine Stimme und ſprach in feierlichem, erhebendem Tone: „Nun, ſo gebiete ich euch im Namen des Got⸗ tes des Friedens, nicht ferner unnütz Menſchen⸗ blut zu vergießen, ſondern euch als Chriſten zu ergeben in euer Schickſal, denn Riemand vermag wider den Willen Gottes zu ſtreiten.“ Da ließen Alle die Arme ſinken und erwarte⸗ ten in dumpfer Ruhe die Ankunft ihrer Ver⸗ 104 2 folger; die Züge des Greiſes verklärten ſich, und er ſchien ſtumme Gebete an den Himmel zu richten. Ein wildes Jauchzen von beiden Uſern weckte ſie aus ihrem Hinbrüten, ſie blickten und ſahen, daß eben ihre Verfolger die Nachen in das Waſſer ſetzten. Fernher ertönte ihr unheilverkündender Ruderſchlag, und jeder Faden Waſſers, den ſie hinter ſich ließen, ſtrich eine Spanne Zeit aus dem Leben der Verfolgten. Als ſie in die Schußnähe kamen, hob der Waldſchütze ſein Gewehr; ein ernſter Blick des greiſen Prieſters traf ihn, und er ließ es ſeufzend wieder ſinken. Da fielen plötz⸗ lich Schüſſe am jenſeitigen Ufer; ſie blickten auf und ſahen eine zerſtreute Schaar laufend über Sumpf und Gräben herkommen; ſie führten lange Stangen in der Hand, mit de⸗ nen ſie über die breiteſten Gräben ſetzten, und ein Jagdgewehr hing am Riemen auf ihrer Schulter; während die einen ſchoſſen, eilten die andern im Fluge an ihnen vorüber zum nächſten Graben; ſo wechſelten ſie ab in be⸗ ſtändigem Vorrücken, nie war ihr Feuer un⸗ 105 terbrochen, nie ihr Lauf gehemmt.„Da kom⸗ men die Fröſche des Marais, die wackern Sumpfbewohner!“ rief der Waldſchütze freudig und nahm friſch ſein Gewehr zur Hand. Eine Salve auf die feindlichen Nachen hielt dieſe zurück, und munter ruderten ſie dem Ufer zu, das durch die anrückende Schaar der Royaliſten ſchnell vom Feinde geſäubert ward. Als eben die Sonne aus dem Spiegel der See auftauchte, ſtunden die Flüchtlinge an der Küſte des Weltmeers. Auf einen Kanonen⸗ ſchuß vor ihnen lag das Schiff des Schleich⸗ händlers, auf dem ſie Frankreich verlaſſen woll⸗ ten. Sie gaben das verabredete Zeichen, und ein Boot ſtieß vom Schiffe ab. Sie ſtiegen ein und hatten ſich bereits auf einen halben Kanonenſchuß dem Schiffe genähert, als ihr Unſtern eines der großen Wachtbvote, die man Penicher nennt, in dieſe verborgene Bucht führte; es kam mit vollem Winde daher, und machte ſogleich Jagd auf den Rachen. Hier war kein anderes Heil, als in der Flucht; die Ruderer arbeiteten mit Anſtrengung aller ihrer 106 Kräfte; aber der Zwiſchenraum zwiſchen dem Nachen und dem mit allen Segeln daherſchießen⸗ den Fahrzeuge wurde immer geringer. Jetzt hallte der tiefe Ton des Sprachrohrs über die Wellen daher:„Ho! Ho! Bvot! Halt! Halt!“ Um ſo emſiger brauchten ſie ihre Ruder, doch ſchien keine Möglichkeit zu entfliehen; das Wachtboot wendete eben, um ſie vom Schiffe abzuſchneiden. Da hüllte ſich plötzlich eine der Stückpforten des Schleichhändlers in Rauch, der dumpfe Schall des Geſchützes fuhr über die Gewäſſer her, und die Kugel ſchlug einen Faden von dem Wachtboote ein. Sogleich ſtrich dieſes die Segel, um ſich nicht einem zweiten Schuß auszuſetzen.„Wehe uns! rief der Bootsmann des Schleichhändlers, der ſich am Bord der Schaluppe befand, wer hat das gethan? Jetzt ſind wir verloren!“—„Ver⸗ loren? ſragte Philipp von Marigny be⸗ fremdet, der Schuß hat uns ja gerettet.“— „Auf wie lange? Er wird uns alle Kanbnier⸗ ſchaluppen der Küſte auf den Hals ziehen. Schiff, Ladung und Mannſchaft ſind hin.— 107 Als die Flüchtlinge an Bord kamen, fanden ſie ihren Freund Roſay, der die Kanone ge⸗ löst hatte, als er den Nachen in Gefahr ſah, in einem heftigen Streit mit dem Schiffskapi⸗ tän verwickelt. Sie vermittelten ihn, und man beſchloß, alle Segel aufzuſetzen, um aus der Bucht zu entkommen, ehe ein feindlicher Kreuzer, durch den Schall des Geſchützes her⸗ beigezogen, ihnen den Ausgang ſperre. Eine halbe Stunde ungefähr mochten ſie unter Se⸗ gel ſein, als ſie eine republikaniſche Kanonier⸗ ſchaluppe erblickten, die eben das Kap umſe⸗ gelte, in deſſen Nähe ſie zu paſſiren hatten. Sie löste eine Kanone, zum Zeichen, daß das Schiff Segel einziehen und ſeine Papiere an Bord des Kriegsſchiffes bringen ſolle.„Setzt alle Segel bei, ermahnte der Waldſchütze den Kapitän, ſo können wir ihm entkommen.“ Der Kapitän ſchüttelte den Kopf, denn das Kriegs⸗ ſchiff komme im Winde daher, und habe den Vortheil vor ihm.„Nun, ſo laßt uns fech⸗ ten! riefen die Flüchtlinge mit Einer Stimme. —„Wir ſind zu ſchwach, uns mit dem Feinde 108 zu meſſen, denn dieſe Küſtenſchiffe ſind ſtark bemannt, erklärte der Kapitän in beſtimmtem Tone. Ueberdies werden wir es bald mit meh⸗ reren zu thun haben, fügte er hinzu, und den⸗ tete auf ein fernes Segel. Uebergeben wir das Schiff, ſo können wir wenigſtens hoffen, mit dem Leben davon zu kommen.“—„Wir nicht, wie Ihr wißt!“ verſetzte heftig Wil⸗ helm von Charny. Der Kapitän zuckte die Achſeln. Ein Streit entſpann ſich, die Flücht⸗ linge wollten durchaus den Kapitän zur Ver⸗ theidigung des Schiffes zwingen. Dieſer gab ſeinen Matroſen einen Wink, und ſie ließen die Segel fallen. Zur nämlichen Zeit ſtießen zwei ſtark bemannte Bovte von dem Kriegs⸗ ſchiff ab. Verzweiflung bemächtigte ſich der Flüchtlinge, ſie griffen zu den Waffen, um ihr Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen. Da erhob der ehrwürdige Prieſter ſeine Stimme, und ermahnte ſie zu ruhiger Ergebung in ihr Schickſal, wie es Chriſten zieme. In dumpfer Ruhe erwarteten ſie, ſeinem Worte gehorchend, die Ankunft der Feinde, und ließen ſich vhne Widerſtand auf das Kriegsſchiff abführen. —— W — —— 109 Zu jener Zeit herrſchte zu Nantes im Na⸗ men des Konvents der unmenſchliche Car⸗ rier. Greuel aller Art wurden unter ihm im Namen der Freiheit mit kaltem Blute, ſelbſt mit einer Art Wohlbehagen, verübt, und der Wahnſinn des Parteigeiſtes ging ſo weit, daß der Witz ſeinen Stoff in dem Elend der Menſchheit ſuchte. Die Loire, in welcher man die Unglücklichen, die eine andere Meinung hatten, als die des Tages war, zu Hunderten erſäufte, erhielt den Namen des Revolu⸗ tionsbades.„Aus der großen Schale trank“, wer erſäuft wurde. Männer und Weiber wurden zuſammengebunden in das Waſ⸗ ſer geworfen, und dies nannte man„repu⸗ blikaniſche Hochzeiten.“ Keiner entging dem Tode, der in Carriers Hände fiel, und in die Kerker dieſes Unmenſchen waren die Flüchtlinge gebracht worden. Vor das Revolutionstribunal geführt und des Todes gewiß, wollten ſie ſich durch keine Vertheidigung entehren; ſie erbaten ſich als einzige Wohlthat, miteinander zu ſterben. Dieſe 140 Bitte wurde ihnen gewährt. Der folgende Morgen wurde zu ihrer Hinrichtung beſtimmt. Um Mitternacht öffneten ſich plötzlich die Rie⸗ gel ihres Kerkers. Ein Mann, in einen wei⸗ ten Mantel gehüllt, ſtund ſchweigend unter der Thür. Der Schließer gebot den Gefan⸗ genen, ſich ſchnell fertig zu machen. Erſtaunt und ungewiß, was ihr Schickſal ſein werde, gehorchten ſie. Der Mann im Mantel winkte ihnen, ihm zu folgen, und ungehindert gingen ſie durch alle Wachen. Am Ufer der Lvire ſtiegen ſie in eine Gondel, von der ſtolz eine dreifarbige Flagge wehte; kein Wachtſchiff hielt ſie an, ſo bald es nahe genug kam, Fahrzeug und Flagge zu erkennen. Im Vordertheile des Schiffes ſaß, in tiefem Schweigen, der Mann, der, wie es ſchien, ihr Retter war, neben einer hohen weiblichen Geſtalt, die ſich dicht in ihren Mantel gehüllt hatte. Mit Anbruch des Tages ſahen ſie ein ſegelfertiges Schiff vor ſich liegen, an deſſen Bord ſie ſtiegen⸗ Auf dem Verdeck des Fahrzeuges ſchlug ihr Retter den Mantel auseinander— es war der 14⁴ Konventskommiſſär Jacues Goupilleau. Alle blickten mit Staunen auf ihn. Naoch einer langen Pauſe, worin er ſich zu ſammeln ſchien, ſchaute er ruhig um ſich und ſprach mit feſter Stimme:„Ihr ſeid gerettet. Nehmt das Ge⸗ ſchenk des Lebens aus der Hand eines Man⸗ nes, den eure Grundſätze ench haſſen lehren. Wehe, wehe den Menſchen, ſo lange ſie ſich um Meinungen verfolgen!“ Er ſchwieg einen Augenblick, und ſeine Seele ſchien einen har⸗ ten Kampf zu beſtehen; dann richtete er ſeine kräftige Geſtalt hoch auf, ergriff die Hand des verhüllten weiblichen Weſens und ſprach mit Hoheit:„Das letzte Opfer muß vollbracht ſein!“ Seine Hand ſchlug ihren Mantel zu⸗ rück, und ſeine Tochter Klara ſtand vor ih⸗ nen— aufgeblüht zur vollendeten Jungfrau, in der vollen Blüthe ihrer weiblichen Reize. Mit einem lauten Schrei der Ueberraſchung flog Wilhelm auf ſie zu und faßte ſie in ſeine Arme; erröthend duldete und erwiederte die Jungfrau ſeine Umarmung. Als der Va⸗ ter auf die beiden Liebenden blickte, erheiterten 142 ſich ſeine düſtern Züge; er legte die Hände in einander und ſagte ſanft:„Du wenigſtens, mein einziges Kind, ſollſt glücklich ſein! Wil⸗ helm von Charny, fuhr er mit erhöhter Stimme fort, ein Vater gibt dir Alles, was ihm theuer iſt auf Erden, ſei deſſen eingedenk, ſonſt folge mein Fluch dir auf allen deinen Pfaden!“ Er blickte mit ſichtbarer Bewegung um ſich, und bedeckte einen Augenblick die Hand mit den Augen, dann drückte er ſeine Tochter feſt in ſeine Arme, trat dann zurück, und betrachtete ſie mit Blicken, als wollte er ſich ihr Bild für Zeit und Ewigkeit in die Seele prägen. Mit zitternder Stimme ſagte er: „Sp lebe wohl, mein Kind! Lebt Alle wohl!“ Er wendete ſich zu gehen, aber ſeine Tochter umfaßte ihn mit einem Angſtſchrei und rief ſchluchzend:„Willſt du uns denn nicht folgen, mein Vater?“— Er ſchwieg, und nachdem er alle ſeine Kraft geſammelt hatte, erwiederte er mit feſtem Tone:„Nein, mein Kind! Mein Leben gehört dem gemeinen Weſen. Sie ſauk kraftlos an ſeiner Seite nieder/ bleich wie 143 der Tod und mit geſchloſſenen Augen. Da warf der Vater den letzten Blick auf ſein einziges Kind, und Thränen traten in ſein Auge. Sei⸗ nen tiefen Schmerz männlich bezwingend, wandte er ſich mit den Worten:„Bald iſt ja Alles vorüber! Da trat der greiſe Prieſter auf ihn zu, und fragte mit einer ſchrecklichen Ah⸗ nung:„Mann, um welchen Preis haſt du uns gerettet?“—„Um einen Preis, erwie⸗ derte Jener bitter lächelnd, der keinen Werth mehr für mich hat, ſeit ich den Boden meines Vaterlandes im Namen der Freiheit Blut ge⸗ düngt und aus ſeinem Schvoße die Saat des Deſpotismus aufkeimen ſehe.“ Feſten Schrit⸗ tes ging er über das Verdeck hin und ver⸗ ſchwand auf der Seite des Schiffes, wo die Leiter hing. Als nach Jahren erſt ſeine Toch⸗ ter, eine glückliche Gattin und Mutter, in ihre Heimath zurückkehrte, fand ſie nur das Grab ihres Vaters. 1 — — — — — — — S Von den Bergen der Sierra Morena ſtieg, durch den Engpaß Puerte del Rey⸗ ein rüſtiger Wanderer in Mancha's freund⸗ liche Thäler hinab. Trotz der Schwüle des Tages förderte er munter ſeine Schritte, und der Schweiß perlte ihm in dicken Tropfen über die hohe Stirne und die braunen Wangen herab, die dunkeln Locken, die ſein Geſicht umſchatte⸗ ten, befeuchtend. Der Reiſende war von ho⸗ her ſtarker Statur, und ſchien ein Mann von höchſtens dreißig Jahren zu ſein. Seine Klei⸗ dung, über der er einen ſchwarzen Mantel trug, deutete auf einen Hidalgo; an der Seite führte er einen langen ſpaniſchen Degen, und über ſeine linke Bruſt hing an goldener Kette ein mit edeln Steinen beſetzter Dolch herab. Sein Geſicht war von der Sonne verbrannt, die Züge regelmäßig und faſt ſchön, aber etwas zurückſtoßend durch den finſtern Ernſt, der in ihnen lag, und der durch ein bald wild aufflam⸗ 118 mendes, bald düſter zur Erde ſtarrendes Auge noch vermehrt wurde. Ein Diener, zwei Maul⸗ thiere am Zügel führend, folgte ihm. Als der Wanderer um einen Felſen bog und tief unter ſich den großen Flecken el Viſo 3 3 erblickte, ſchränkte er die Arme übereinander und blieb ſinnend ſtehen. Sein Diener hielt die Thiere an, und ſchaute mit leuchtenden Blicken, in denen ſich inniges Behagen mit ho⸗ bem Selbſtgefühl paarte, in die lachenden Ge⸗ filde der Mancha hinab.„Richt wahr, Sen⸗ nor, begann er ſchmunzelnd, das nenne ich mir ein Land, wie auf dem weiten Erdenrunde keines mehr zu finden iſt?, Da er keine Ant⸗ wort bekam, fuhr er redſelig fort, die Gegen⸗ ſtände mit ausgeſtrecktem Finger bezeichnend: „Hier zur rechten: Villanueva, Villa⸗ hernoſa, Alhambra, Alcuzos; links: la Calzada del Rey, Almagro, Cin⸗ dad⸗Real; vor uns el Viſo, Torre⸗ nueva, Valdegenos, der dreimal geſeg⸗ nete Ort, deſſen rother Rebenſaft dem König, unſerm Herrn, unter allen Weinen der ſpani⸗ 119 ſchen Königreiche am beſten mundet; weiter hin die Stadt Manzanares und der Flecken Queſada.„„Von welchem, fiel der Reiſende ſpottend ein, die Krone und Blume der ſpaniſchen Ritterſchaft, verrückten Anden⸗ kens, ausging. Höre, Freund Sancho, ich glaube, du haſt das Aufſchneiden von deinem ſpaßhaften Namensvetter gelernt; es gibt in der Welt noch ſchönere Länder, als deine Mancha und unſer Spanien ſind.,—„Wo denkt Ihr hin, Don Lodovico, erwiederte der Knappe, und ſchüttelte mit dem Ausdruck ungläubigen Staunens den Kopf. Da der Teufel unſern lieben Herrn verſuchte, und ihm alle Reiche der Welt zeigte, war zum guten Glücke unſer geſegnetes Spanien durch die Höhe der Pyre⸗ näen verdeckt, ſonſt würde es vielleicht um unſere Erlöſung ſchlecht geſtanden haben. Das iſt gewiß und wahrhaftig, denn der Pater Cyrillo hat es mir ſelbſt geſagt.—„Das iſt ein anderes, verſetzte Don Lodovicv mit gelaſſener Ironie, wenn es dir der Pater Cy⸗ rillo ſelbſt geſagt hat, ſo kann es freilich 120 nicht fehlen. Aber ſage mir doch, was iſt das für ein hohes Gebäude in dem Flecken, der zu unſern Füßen liegt?«—„Das iſt das Frauenkloſter zur heiligen Klara, antwortete der Diener und ſchlug ein Kreuz, in dem fromme Schweſtern wohnen.“— Don Lodo⸗ vicv verſank in den alten Ernſt zurück, ſchlug die Arme über einander, ſchaute düſter zur Erde, hob dann trotzig das Haupt, warf einen flammenden Blick auf das dunkle Gemäuer des Kloſtergebäudes und ballte, unwillkührlich dro⸗ hend, beide Fäuſte.—„Gott ſtehe uns bei, murmelte Sancho für ſich und machte das Zeichen des Kreuzes, er iſt vom Teufel beſeſſen beim Anblick der heiligen Mauern. Es ſchien mir doch gleich vom Anfang nicht recht mit ſei⸗ nem Glauben zu ſtehen. Wenn er mich nicht gut und pünktlich bezahlte, wäre ich nicht ſo lange bei ihm geblieben; aber da ich jetzt in meine Heimath komme, will ich mich nach einem andern Herrn umſehen.“ Schweigend ſtieg der Ritter in das Thal hinab; der Knappe folgte ihm mit den Saumthie⸗ 124 ———— ren, von Zeit zu Zeit bedenklich den Kopf ſchüttelnd, und vor ſich hin murmelnd. Die Sonne begann zu ſinken, und die Schatten verlängerten ſich, als ſie das Dorf el Viſo betraten, aus dem ihnen die muntern Töne der Guitarre entgegen ſchallten. Auf einem freien Platze unter Kaſtanienbäumen waren die Einwohner, jung und alt, verſammelt. In der Mitte des Kreiſes ſtunden ein Zitter ſpieler und ein Segundilla⸗Sänger. Sie ſangen von der Liebe Freuden und Schmerzen, Lieder aus dem Stegreife gedichtet und in eine natürliche und angenehme Melodie gebracht. Die Augen der Zuhörer, beiderlei Geſchlechts, leuchteten vor Mitgefühl. Der Ritter drängte ſich durch die Menge, und höflich machte man dem Frem⸗ den Platz. Jetzt traten einige Blinde mit bla⸗ ſenden Inſtrumenten auf. Ein junger flinker Purſche, wie Sanchv gekleidet, mit einem breiten ledernen Gurt um den Leib, ſtellte ſich zum Solotanzen, und führte nach den Tönen der Muſik alle Bewegungen mit bewunders⸗ würdiger Anmuth und Genauigkeit aus. Der 6 Diener des Ritters, der ihm gefolgt war, ſtieß ihn mit ſelbſtzufriedener Miene an, und deutete auf den Tanzenden. Ehe Don Lodo⸗ vico noch antworten konnte, traten drei rei⸗ zende Manchanerinnen in den Kreis, legten die Basquina ab und begannen den Me⸗ nev. Der Diener des Ritters verfolgte alle ihre ſanfte, ſchnelle, ſchmachtende, reizende Bewegungen und mannigfaltige Biegungen mit triumphirenden Blicken, die er bald auf ſeinen Herrn, bald auf die Tänzerinnen warf. Als der Tanz geendigt war, flüſterte er ihm freude⸗ trunken zu:„Nun, Sennor, was ſagt Ihr zu unſerer Mancha?“ Der Ritter lächelte über ſeines Dieners Provinzialſtolz, und horchte dem Segundilla⸗Sänger, der eben, unter Be⸗ gleitung der Guitarre, eine Romanze über Don Quichotte's Waffenwache in der Venta Que ſada begann. Jetzt ließen ſich wieder die Inſtrumente der Blinden hören, und ein ländlicher Tanz fing an. Ein junger Landmann führte dem Ritter, als einem Fremden, ein reizendes Mädchen , ——,——— 123 von etwa fünfzehn Jahren zu. Sie lächelte ihm in vertrauensvoller Unſchuld entgegen, als er ihre kleine runde Hand ergriff, und ſchwebte leicht dahin an der Seite des kräftigen Man⸗ nes— ein einfaches Kind der Natur, mit lieb⸗ lich gerundetem Angeſicht, lichtbraunem auf der Stirn geſcheiteltem Haar und ſchwarzen Augen, in ſittſamem Glanze ſtrahlend. Ihr kleiner Mund lächelte voll natürlicher Grazie, und die eng anſchließende bunte Kleidung, über der die ſchwarze Basquina flatterte, verbarg keine der unſchuldig üppigen Bewegungen der ſchön⸗ geformten Glieder. Als die Dämmerung eingetreten war, hatte ſich der Fremde aus dem muntern Kreiſe der Tanzenden verloren. Er ſtund mit verſchränk⸗ ten Armen vor der hohen Kloſterpforte, und ſchaute mit finſtern Blicken an den dunkeln Mauern hinauf, deren gigantiſche Umriſſe weit⸗ hin ihren ſchwarzen Schatten warfen. Ein leichter Schlag auf die Schulter weckte ihn aus ſeinen Träumen. Raſch drehte er ſich um, in⸗ dem zugleich die rechte Fauſt den Griff des 124 Dolches faßte. Vor ihm ſtund ein Mann, in einen ſchwarzen Mantel gehüllt.„Laßt ſtecken, Sennor, rief er dem Ritter freundlich zu, der Andaluſier iſt von Natur friedſelig, aber wenn er gereizt wird„„Ah! erwiederte Don Lodovico ſcherzend, und zog die Hand vom Dolche zurück, du biſt ein Andaluſier; ich werde mich wohl hüten, die andaluſiſche Tapferkeit herauszufordern, denn die iſt weltbekannt, und Keiner, der nicht ſelbſt Andaluſier iſt, vermag ihr zu widerſtehen.“—„Davon will ich euch gleich eine Probe geben, verſetzte Jener lachend, und ſchlug den Mantel zurück. Ah! fügte er, einen verdrießlichen Ton affektirend, hinzu, ich habe leider meinen Degen zu Hauſe gelaſſen, ſonſt„„Sonſt, fiel der Ritter ſpottend ein, wäre ich bereits mauſetodt. Es iſt ein wahres Glück für mich, daß die Andaluſier neben andern Tugenden auch die der Vergeß⸗ lichkeit beſitzen. Wie heißen denn Ihrv Gna⸗ den?“ ſetzte er fragend hinzu, indem er einen ſchalkhaft muſternden Blick auf ſeinen Anzug warf.—„Pedrillo Euſebiv Athana⸗ 125 ſiv Auguſtino di Quintona Coſtera Coronada di Linares, Euer Gnaden zu dienen,“ antwortete der Gefragte, in den muntern Ton einſtimmend.—„Ohne Zweifel Hidalgo?—„Meine Vorfahren, in Gott ruhend, waren allerdings von gutem Adel und alte Chriſten; ihre Nachkommen machen aber ſeit geraumer Zeit von erſterm keinen Gebrauch mehr, und haben ſich aus Patriotismus frei⸗ willig der Quinta unterzogen.“—„Potz tauſend! rief der Ritter ſcherzend aus, das nenne ich reine Vaterlandsliebe! Euer Edeln dienen alſo dem König, unſerm Herrn?⸗— „Vor der Hand, erwiederte Jener lachend, ſtehen wir blos in Dienſten des berühmteſten, älteſten und reichſten Edelmanns des großen Königreichs Andaluſien.—„Und wie heißt denn dieſer berühmteſte, älteſte und reichſte Grande, der das Glück hat, einen ſo vor⸗ trefflichen Hid algo in ſeinen Dienſten zu be⸗ ſitzen, welcher von ſeinem Adel keinen Gebrauch mehr macht?—„Don Pedro Antonio Guilielmo Ginſeppe di Marcellos 126 di Conniecullo di Garbo, Euer Gnaden aufzuwarten. Was iſt euch, Sennor? fragte er Don Lodvoyico, der die Farbe gewechſelt hatte, und plötzlich in tiefen Ernſt gefallen war. Nicht wahr, der Reſpekt vor dieſem be⸗ rühmten Namen lähmt eure Zunge? fügte er ſcherzend hinzu.—„Du kannſt Recht haben, erwiederte der Ritter, der ſich vergebens be⸗ mühte, die frühere muntere Laune wieder zu gewinnen. Und was thut dein Herr hier in dem Flecken el Viſo?“—„Sr. Gnaden Fräu⸗ lein Schweſter, Donna Maria Emegilina Francisca Genvveva di Marcellos di Connicullo di Garbo, ſollen über⸗ morgen, als am Tage der heiligen Klara, in dieſem Kloſter eingekleidet werden, welcher Zeremonie anzuwohnen, mein gnädiger Herr ſich hieher verfügt hat.— Don Lodovico ſchlug haſtig den Mantel übereinander, und entfernte ſich mit ſchnellen Schritten, ohne ein Wort zu erwiedern. Jener blickte ihm ver⸗ wundert nach, und ſagte mit Kopfſchütteln: Wenn er nicht ſo ritterlich und chriſtlich aus⸗ — 127 ſähe, würde ich ihn für einen heimlichen Inden oder Mauren halten, deren es leider in dieſem rechtgläubigen Spanien noch viele gibt. Deo Gratias, ave Maria! ſprach eine wohl⸗ lautende Stimme, und ſchůchtern zeigte ſich ein Engelsköpfchen unter der Thür der Zelle, in welcher Donna Maria vor einem Kruzifixe betend auf den Knieen lag. Sie erhob ſich langſam, und erwiederte in ſchwermüthigem Tone:„Die ohne Sünde empfangen hat. Gott erhalte dich, Marcellina! fügte ſie hinzu; willſt du noch einmal Donna Maria ſehen, ehe ſie Schweſter Angelika iſt?—„Das Mädchen trat in die Zelle, und ſchloß vorſich⸗ tig die Thür hinter ſich zu. In ihren Mienen und in ihrem ganzen Weſen war eine ſonder⸗ bare Verlegenheit ſichtbar. Sie hob die rechte Hand zum Mieder, das ihren Buſen eng um⸗ ſchloß, ließ ſie unentſchloſſen wieder ſinken, trippelte mit den Füßen und warf einen ängſt⸗ lichen Blick auf das Kruziſix.—„Was iſt dir, Marcellina?“ fragte Donna Maria, ſie ver⸗ 128 wundert betrachtend.—„Ach, heilige Jung⸗ frau, Königin des Himmels! ſeufzte das Mäd⸗ chen in komiſcher Angſt, ich kann es doch nicht thun. es iſt eine Sünde. er hat mich freilich ſo ſehr gebeten. er dauert mich, der arme Menſch„ Sie hob abermals die Hand zum Mieder hinauf, und ließ ſie ängſtlich wie⸗ der ſinken, als ſie einen Blick auf das Kruzi⸗ ſir warf.—„Was iſt dir, mein gutes Kind? fragte Donna Maria theilnehmend, und er⸗ griff die Hand des Mädchens. Schütte dein Herz aus. Hat vielleicht dein Antoniv?.„ „Ach nein! verſetzte Marcellina raſch, er hat mir ſelbſt zugeſprochen, es zu thun.„ „Und was denn?—„Seht nur, Donna Maria, fuhr das Mädchen redſelig fort, ge⸗ ſtern Abends kommt ein Fremder, da wir eben unter den Kaſtanien tanzen, und mein Anto⸗ nio führt mich ihm zu, und ich tanze mit ihm.„„Nun, das iſt doch keine Sünde,⸗ ſiel Donna Maria, faſt wider Willen lächelnd, ein.—„Nein, das nicht, aber der Fremde verliert ſich aus dem Kreiſe der Tonzenden, 129 und da es Nacht iſt, und wir ſchon zu Hauſe ſind, kommt er plötzlich in die Poſada mei⸗ nes Vaters, und iſt ſo bleich, und ſetzt ſich in eine Ecke und redet gar nichts, und ich habe großes Mitleiden mit ihm, ob ich gleich nicht weiß, was ihm fehlt.„„Das iſt auch keine Sünde,„ ſagte Donna Mariga lächelnd, und ſtrich wohlwollend über das runde unſchul⸗ dige Geſicht des fünfzehnjährigen Mädchens.— „Aber er hat mir einen Brief gegeben, den ich beſtellen ſoll, fuhr die Kleine ſtotternd fort, und brachte die Hand wieder zum Mieder hin⸗ auf, und das iſt eine Sünde, denn Ihr ſeid ja eine Verlobte des Himmels.“—„An mich? rief Donna Maria mit funkelnden Augen, und ſtreckte die Hand aus, den Brief zu em⸗ pfangen, den nun Marcellina haſtig aus dem Buſen zog. Sie erbrach das Siegel und überflog den Inhalt. Ihre Wangen färbten ſich hochroth, ein wildes Feuer ſtrahlte aus ihren ſchwarzen Augen; hoch empor hob ſie die beiden Arme, und rief mit jubelnden Tönen: Du lebſt, Lodovieo! ich bin dein; noch 130⁰ habe ich das bindende Gelübde nicht ausge⸗ ſprochen.⸗ Morgen wirſt du es ausſprechen, ſo wahr ich das Haupt der Familie Cpnnicullodi Garbo bin,“ ſagte eine tiefe Stimme, und unter der vffenen Thür ſtund ein ſchwarzgeklei⸗ deter Mann von hohem ſtarkem Körperbau, in deſſen ſcharfen Zügen finſterer Ernſt und eiſerne Entſchloſſenheit lagen. Donna Maria blickte auf; ihre Wangen färbten ſich röther, ihre Augen flammten wilder; ihr Mund bebte und bffnete ſich zu ſtürmiſchem Ausbruch, aber ſie bezwang die gewaltige Leidenſchaft, und ſagte im Tone gelaſſener Verachtung:„Lüg⸗ ner, Lodovicv lebt!—„Ich wußte es, erwiederte Jener mit unveränderter Miene. Dank mir's, daß ich dir den Zwang erſparen wollte, denn nie wird ſich das Blut eines ge⸗ meinen Infanzone mit dem der Conni⸗ cullo di Garbo vermiſchen, die ſeit Fer⸗ dinand und Iſabella blos Ricos Hom⸗ bres in ihrem Geſchlechte zählen.“—„Durch eine Lüge wollteſt du dem Himmel eine Braut werben!“ rief Donna Maria im Tone der Erbitterung aus.—„Und unſerer Familie eine Schande erſparen,“ fügte Jener mit un⸗ erſchütterlicher Kaltblütigkeit hinzu.— Gewalt⸗ ſam arbeitete Maria's Bruſt, Bläſſe und Röthe jagten ſich auf ihren Wangen, der Zorn funkelte aus ihren Augen und die Leidenſchaft ſchien die Oberhand zu gewinnen; aber ſchnell ſammelte ſie ſich, und ſprach gelaſſen mit tief⸗ verwundendem Spott:„Und zugleich wollte Don Pedry, mein tapferer Bruder, eine Schmach rächen, denn ganz Sevilla ſah es mit an, wie der Dolch des gemeinen Hidalgo den Stier fällte, unter deſſen Hörnern der er⸗ habene Grande eben zu verbluten im Be⸗ griff war. Große Geſchlechter ſtehen zu hoch, um ſich mit der Tugend der Dankbarkeit zu befaſſen; ſie haben blos Gedächtniß für einge⸗ bildete Erniedrigung.⸗— Don Pedrv's Stirn furchte ſich, und in ſeine Augen trat ein dü⸗ ſteres Feuer, aber ſchnell ſeine Aufwallung be⸗ zwingend, erwiederte er mit verbiſſenem Aer⸗ ger:„Zufall und Glück verleihen bisweilen 132 — die Palme des Sieges, und die Schuld der Dankbarkeit iſt abgetragen.⸗—„Freilich, fiel Donna Maria ſpottend ein, der edle Grande konnte den Retter ſeines Lebens, als er geächtet war, der heiligen Herman⸗ dad überliefern— und that es nicht!— Don Pedro ſah mit ſtillem Grimme zu Bo⸗ den, und biß die Lippen übereinander; als er die Augen wieder hob, erblickte er die zitternde Marcellina.„Fort, Maädchen!“ rief er ihr gebietend zu, und ſie flog mit ſcheuen Blicken zur Thür hinaus. Er verbeugte ſich kalt gegen ſeine Schweſter, und ſagte mit Ruhe:„Morgen, am Tage der heiligen Klara, wird Donna Maria das Gelübde ablegen.—„Rein!“ erwiederte ſie entſchloſ⸗ ſen, und kehrte ihm verachtend den Rücken. In der alten Stadt Sevilla, in der Nähe des Alcazar, wohnte in ſeinem alterthüm⸗ lichen Hauſe Don Athanaſio Baptiſta Bonifaciv di Marcellos di Conni⸗ 133 cullo di Garbo. Er hielt die Genealogie für die erſte und nothwendigſte Wiſſenſchaft, und ſetzte ſich zur Aufgabe ſeines Lebens, den Stammbaum der Familie Connicullo di Garbo bis zum Kaſten Nvah, oder, wo möglich, ſelbſt bis zum Paradieſe hinaufzuführen⸗ Leider aber erreichte ihn der Tod ſchon in der Mitte ſeines edeln Strebens, als er ihn erſt bis zu den Zeiten Herkules, des Gründers des alten Hiſpalis, gebracht hatte. Er ſah ſich ungern dem Kreiſe ſeiner Forſchungen entriſſen, und warf von ſeinem Krankenlager ſchmerzliche Blicke auf den nur halb vollendeten Stammbaum, der ihm gegenüber an der hohen Wand hing. Den Tröſtungen der heiligen Kirche lieh er nur ein halbes Ohr, obgleich er ein alter und guter Chriſt war, bis im Laufe ſeiner Ermahnungen der ihm zuſprechende Pa⸗ ter Anſelmo auf das Kapitel kam, daß jen⸗ ſeits, wo ſich der Schleier hebe, der Chriſt über Alles Auskunft erhalten werde. Er ſah nun im Geiſte das ganze Regiſter ſeiner Vor⸗ fahren ſchon offen vor ſich liegen, und ſtarb 134 mit einer Frendigkeit, die allen Anweſenden zu nicht geringer Erbauung und der geiſtlichen Rhetorik des Paters Anſelmo zum höchſten Ruhme gereichte. Der Verſtorbene hinterließ einen Sohn und eine Tochter. Donna Maria wurde aus dem Kloſter geholt, in welchem ſie erzogen worden war, um am Grabe ihres Vaters zu weinen. Sie war ſiebenzehn Jahre alt, und in der vollen Blüthe ihrer Reize. Sie war ein ein⸗ faches Raturkind, und alle ihre Fähigkeiten und Leidenſchaften, welche die in ſpaniſchen Klöſtern übliche Erziehung nicht wecken konnte, ſchlummerten noch tief in ihrem Innern. Die ſpaniſchen Sitten bieten wenige Ge⸗ legenheit zu vertraulicherem Umgange beider Geſchlechter dar. Donna Maria wohnte einigen Refrescos bei, deren ſteife Pracht ſie langeweilte, und beinahe eine Sehnſucht nach der klöſterlichen Einſamkeit in ihr weckte. Man ſprach allgemein von einem glänzenden Stiergefechte, das in den nächſten Tagen ge⸗ halten werden ſollte, und ſie bat ihren Bruder Don Pedro, ſie dahin zu führen. Als ſie in die Loge trat, ergriff ſie der An⸗ blick des unermeßlichen Zirkus, den zwanzig⸗ tauſend Menſchen füllten. Die Trompeten ſchmetterten, und die Alguazils traten ein. Ehrerbietig neigten ſie ſich vor der Loge des Corregidors, und riefen dann mit lauter Stimme:„Im Namen des Königs! Niemand trete in die Schranken und ſtöre dieſen Kampf bei Strafe der Geißelung! Wieder ſchmet⸗ terten die Trompeten, und drei Reiter ritten ein, blinkende Lanzen in der Fauſt und auf muthigen Roſſen. Jubelnder Zuruf begrüßte die Kämpfer. Sie neigten ihre Speere vor der Loge des Corregidors; er erhob ſich dankend, und in dem nämlichen Augenblicke warf ein Alguazil den Schlüſſel zum Behäl⸗ ter der wilden Stiere herab in die Schranken. Raſch wendeten die Ritter ihre Roſſe, und nahmen in kurzem Paradegalopp ihre Plätze ein, die Spitze der Lanze vorhaltend. Tiefe erwartungsvolle Stille herrſchte über der un⸗ 136 ermeßlichen Menge. Abermals ſchmetterten die Trompeten, und ein wilder Stier ſtürzte aus der geöffneten Thür, mit einem Sprunge ſich auf den erſten Reiter werfend, den er erblickte. Muthig hielt ihm dieſer die Lanze entgegen, und blieb feſt in den Bügeln. Ein allgemeiner Beifallruf ſchallte durch die Lüfte. Schnaubend wendete ſich der Stier, ſtampfte die Erde mit den Füßen und warf ſich in einem kurzen aber gewaltigen Anlauf auf den zweiten. Reiter. Dieſer wankte im Sattel und verlor die Bü⸗ gel. Schnell kehrte der Stier zum Angriff zu⸗ rück; das Roß, jetzt unvertheidigt, machte einige ſchreckenvolle Sprünge, und warf den Reiter ab. Ein tauſendfacher Angſtſchrei ſtieg gen Himmel.„Um der heiligen Jungfrau wil⸗ len, helft meinem Bruder! rief eine jam⸗ mernde Stimme— es war die Donna Ma⸗ rias. Don Pedro, vom Falle betäubt, lag hilflos auf dem Boden. Schnaubend warf ſich der Stier auf ſein Opfer, es mit den Hörnern zu faſſen, und in die Luft zu ſchleu⸗ dern. Da ſprengte der erſte Reiter heran, 137 und ſtieß ihm mit gewaltiger Kraft den Speer in die Seite, daß er ſtecken blieb. Das Blut rann in Strömen herab, und der Schmerz entlockte dem Thier ein Brüllen der Wuth, das furchtbar von einem Ende des Zirkus zum andern erklang. Lauter Jubelruf erſchallte, der aber faſt in demſelben Augenblicke wieder in banger Stille erloſch, denn mit einem mäch⸗ tigen Satze warf ſich der gereizte Stier auf Roß und Reiter, und bohrte ſeine Hörner tief in die Eingeweide des Pferdes. Das edle Thier bäumte ſich, und ſtürzte zur Erde, den Reiter in ſeinen Fall mit ſich ziehend. Eine Wolke von Sand und Staub entzog für eine Mi⸗ nute den Zuſchauern die Szene des Schreckens. Als der Staub emporgewirbelt war, erblickte man den Ritter aufrechtſtehend, in der linken Hand den flatternden Mantel, und in der rech⸗ ten einen blitzenden Dolch haltend. Der Stier, der vom Roſſe abgelaſſen hatte, näherte ſich mit vorwärts zur Erde gebeugtem Kopf, bald mit ſeinen Hörnern den Boden aufwüh⸗ lend, bald mit ſeinen Füßen die Erde ſtam⸗ 138 pfend, langſam dem Gegner, indem er von Zeit zu Zeit ein dumpfes Gebrülle ausſtieß. Ruhig ſtund dieſer, und zuckte keine Ader. Die Zuſchauer hielten voll Theilnahme und banger Erwartung den Athem an ſich. Jetzt, als das wüthende Thier noch etwa ſechs Schritte von ſeinem Feinde entfernt war, ſtand es, warf ſprühende Blicke um ſich, brüllte furcht⸗ bar auf und nahm mit geſenktem Kopfe den letzten Anlauf. Durch einen gewandten Sprung ſeitwärts vermied der Ritter das tödtliche Horn, und im nämlichen Augenblick warf er dem Thier den Mantel über die Augen. Ein donnernder Beifallruf belohnte die kecke That, und ehe er noch verhallt war, ſteckte des Käm⸗ pfers langer Dolch bis ans Heft zwiſchen den Hörnern des Stiers. Ein Blutſtrahl entſprang der klaffenden Wunde, das Thier taumelte und wälzte ſich, mit letzter Kraft ein furcht⸗ bares Gebrüll ausſtoßend, im Staube. Da ſchmetterten die Trompeten, die Tücher wehten in der Luft, und ein donnerndes: Viva el Campendor! belohnte den Sieger. 139 Von dieſem Tage an hatte Don Lodovico del Carmv Zutritt in dem Hauſe Conni⸗ cullo di Garbv. Der äuſſere Anſtand nöthigte Don Pedro, dem Retter ſeines Le⸗ bens dieſen Beweis ſeiner Dankbarkeit zu ge⸗ ben, obwohl er deſſen Stand als bloßer Hi⸗ dalgv tief unter dem ſeinigen fand, und in ſeinem ſelbſtſüchtigen Gemüthe der geheime Neid über den hochbelobten Sieger beinahe das Gefühl der Dankbarkeit aufwog. Daneben waren die Beiden in Sitten und Geſinnungen gänzlich unter ſich verſchieden. Don Pedro, der nie ſeine Heimath verlaſſen hatte, war in Tugenden und Laſtern der ächte Repräſentant ſeines Vaterlandes. Don Lodvyvico hatte auf ſeinen Reiſen in das Ausland die Fehler und Vorurtheile ſeiner Landsleute abgeſchliffen, und ſah mit geheimem Verdruß, den er nicht immer hinteichend zu verbergen wußte, auf die niedrige Stufe der Kultur herab, auf welcher ſein Volk noch ſtund. Donna Maria's von Ratur ſcharfer Verſtand bildete ſich in ſeinem Umgange aus, ohne daß ſie jedoch die urſprüng⸗ 140 lichen Eindrücke ihrer erſten Erziehung ganz ab⸗ legte. Seine gluͤckliche Geſichtsbildung, ſeine männliche Geſtalt, die Feinheit ſeiner Sitten, die Schärfe ſeines Verſtandes und die Feſtig⸗ keit ſeines Karakters thaten das ubrige. Bald waren Beider Herzen nicht mehr frei, und unter der glühenden Sonne des Süden zau⸗ dern Liebende nicht lange mit dem Geſtändniſſe gegenſeitiger Neigung. Don Pedro verweigerte rund und kalt dem Retter ſeines Lebens die Hand der Schweſter, und wies ihn aus dem Hauſe. Die Liebenden ſahen ſich heimlich trotz der Wachſamkeit des Bruders. Es gab ſtürmiſche Auftritte zwiſchen ihm und der Schweſter. Seine Härte ſchei⸗ terte an ihrer Beharrlichkeit. Von nun an ſchwieg er in finſterm Groll. Plötzlich verſchwand Don Lodovicv aus Sevilla. Das Gerücht ging, daß er wegen ketzeriſchen Aeuſſerungen vor das Gericht der heiligen Inquiſition gefordert worden ſei, und ſich ſeiner Verurtheilung durch die Flucht ent⸗ zogen habe. Ein Jahr verging, und keine 141 Kunde war von dem Entflohenen gekommen. Gleichwohl blieb Maria ihrer erſten Liebe treu, und ſchlug ſtandhaft die glänzendſten Hei⸗ rathsanträge aus, die ihr unter Begünſtigung ihres Bruders gemacht wurden. Eines Tages trat Don Pedro mit be⸗ trübter Miene in das Zimmer ſeiner Schwe⸗ ſter. Rie, ſeit deſſen Flucht, hatte ſie ein Wort mit ihm von Don Lodovico geſprochen. Stolz und Mißtrauen hielten ſie ſtets ab, den geliebten Namen in ſeiner Gegenwart zu nen⸗ nen. Heute nannte ihn Don Pedro ſelbſt. Mißtrauiſch forſchend ſah ihn die Schweſter an, um in ſeinen Blicken zu leſen. Unbefan⸗ gen begegnete er ihrem Auge, ohne den trau⸗ rigen Ernſt in ſeinen Mienen zu mildern. „Hältſt du mich für ſo ganz theilnahmlos an deinem Schickſal?“ fragte der Bruder nicht ohne Rührung.—„Du liebteſt Lodovico nie, die Schuld der Dankbarkeit laſtete ſchwer auf deinem ſtolzen Herzen, erwiederte Maria ruhig, und vielleicht ſagt dir dein Gewiſſen noch mehr„ Sie hielt inne und heftete 142 einen forſchenden Blick auf ihn.—„Du thuſt mir wahrlich Unrecht, verſetzte er im Tone der Wahrheit. Unedel handelt Keiner aus un⸗ ſerm Geſchlecht.—„Ich hoffe es, entgeg⸗ nete die Jungfrau, aber ich kann es nicht glauben.⸗ —„So glaube deinen eigenen Augen“, ant⸗ wortete Don Pedro und hielt ihr einen vffe⸗ nen zerknitterten Brief hin. Sie entfaltete ihn, und als ſie Lodovico's Hand erkannte, zitterten ihre Kniee.—„Du ſiehſt, fuhr der Bruder fort, nachdem Marie die wenigen Zei⸗ len geleſen hatte, daß ich die Schuld der Dank⸗ barkeit zu bezahlen wußte. Ohne meine War⸗ nung würde Lodovico in den Kerkern der Inquiſitivn ſchmachten.“—„Und wohin iſt der Unglückliche geflohen? fragte Marie mit beklemmter Stimme. Gewiß, er war ein Ketzer“, fügte ſie ſeufzend hinzu.—„Bis heute, erwiederte Don Pedro, wußte ich nichts von ſeinem Schickſal.„„Und nun, nun. unterbrach ihn Maria zitternd. —„Das ſollſt du aus anderm Munde erfah⸗ ren, als aus dem deines Bruders, verſetzte 143 Don Pedro, drückte Mariens Hand und eilte ſchnell aus dem Zimmer, als ob er nicht län⸗ ger Herr ſeiner Rührung wäre, während zu gleicher Zeit durch eine andere Thür ein ehr⸗ würdiger Franziskaner mit einem befreiten Ga⸗ leerenſklaven eintrat, in welchem ſogleich Ma⸗ ria Lodovico's Diener erkannte. Vor der Thür blieb Don Pedro horchend ſtehen. Alle Leidenſchaften ſpielten abwechſelnd auf ſeinem Geſichte. Als er innen einen lauten Schrei hörte, flog ein raſcher Strahl des Mitleids über ſeine Züge; ſchon faßte ſeine Hand nach der Thürſchnalle, aber er zog ſie langſam zu⸗ rück und ſagte leiſe:„Es iſt zu ihrem eige⸗ nen Beſten und wird vorübergehen.“ Am andern Tage verbreitete ſich das Ge⸗ rücht in der Stadt, daß Donna Maria in eine ſchwere Krankheit gefallen ſei, weil ſie durch Lodovico's Diener, den ein Mönch aus der Sklaverei der Mauern losgekauft, ſichere Nachricht von deſſen Tode erhalten habe. Niemand in Sovilla erblickte ſie von da an wieder, denn einige Monate darauf, nachdem 144 ihre ſtarke Natur der Krankheit obgeſiegt hatte, war ſie nach el Viſo abgereiſet, um im Klo⸗ ſter der heiligen Klara, wo eine Verwandte von ihr Aebtiſſin war, den Schleier zu nehmen. Auf der Spitze eines der gegen die Thäler der Mancha vorſpringenden Berge der Sier⸗ ra⸗Morena, die er eben in der brennenden Mittagsſonne mühſam erſtiegen hatte, ſaß Don Lodovico im Schatten einer Stechpalme. Er überſah in weiter Ausdehnung einen großen Theil der vor ihm liegenden ſchwarzen Gebirgs⸗ kette der Sierra⸗Morena, die damals noch eine öde Wildniß war. Vor ihm ſtund Antoniv, und ſagte, mit dem Finger auf ein einſames Gebäude in einer wilden Schlucht deutend:„Hier, Sennor, ſeht Ihr die Venta Miranda vor Euch liegen. Dort ſeid Ihr ſicher wie in Abrahams Schvoße, denn kein Reiter der heiligen Hermandad wird ſich in die Berge wagen, wo Pigne⸗ ros Bande hauſet.—„NRun ſei bedankt, 145 mein Freund, und kehre zurück, ich kann den Weg nicht mehr verfehlen⸗, erwiederte Don Lodovico, und reichte ihm ein Goldſtück dar.—„Gottes Lohn für die reiche Gabe! verſetzte der Landmann, indem er das Gold in die Taſche ſteckte, aber ich muß Euch bis an Ort und Stelle begleiten, denn ich habe es meiner Marcellina verſprochen.— „Fürchteſt du die Räuber nicht? fragte Don Lodovicd.—„Warum ſollte ich ſie fürch⸗ ten? entgegnete Antonio verwundert; ſie ſind gute Chriſten, und ein ſchlichter Bauer hat nichts von ihnen zu beſorgen. Aber ſagt mir doch, warum iſt Euch denn die heilige Hermandad auf den Ferſen? Habt Ihr etwa einen Mord begangen?—„Und wenn es wäre?“ fragte der Ritter.—„Nun, ſo würde es mich freuen, einem ehrlichen Manne aus den Klauen der Juſtiz geholfen zu haben⸗, antwortete Antonio unbefangen.—„Einen Mord habe ich nicht begangen, ſondern.„ —„Nun, wenn es auch zwei bis drei oder noch mehr ſind; das hat nichts zu ſagen, wenn 7 146 Ihr nur dabei ein guter Chriſt ſeid“, ſagte leichthin der junge Bauer.—„Das eben, fuhr Don Lodovico lächelnd fort, will man in Zweifel ziehen, denn die heilige Inquiſition verfolgt mich als Ketzer.“—„Als Ketzer! ſchrie Antonio laut auf, und das Entſetzen malte ſich in allen ſeinen Zügen. Ein Ketzer! wiederholte er und warf einen Blick der Furcht und des Abſcheues auf den Ritter. Heilige Maria, Mutter Gottes, verzeihe mir meine Sünde! betete er mit gen Himmel gewende⸗ tem Blicke, ergriff mit ſpitzen Fingern das Goldſtück, als ob es von hölliſchem Feuer brennte, warf es zu Don Lodovico's Füßen, und ſtürzte den Berg hinab, ohne ſich nur einmal umzuſehen.—„Thor, der ich bin! ſagte der Ritter für ſich. Konnte ich denn in den wenigen Jahren meiner Abweſenheit den Geiſt meiner Landsleute ſo ganz vergeſſen! Seiner Hilfe bedarf ich zwar nicht mehr, aber der arme Schelm dauert mich, daß er das Gpoldſtück von ſich geworſen hat, das ihm ſo wohl zu Statten gekommen wäre. Großer 147 Gott! fügte er nach einer Pauſe düſtern Rach⸗ denkens hinzu, das iſt die Religion deiner Prieſter!“ „Laßt den Narren laufen, Sennor!“ ſagte eine tiefe Stimme dicht hinter dem Ritter, und eine breite Fauſt legte ſich leicht auf ſeine Achſel. Gelaſſen wendete Don Lodovico den Kopf, und ſah einen ſchlanken, aber kräf⸗ tig gebauten Mann vor ſich ſtehen, der ein kurzes breites Schwert an der Seite, einen Dolch über der linken Bruſt und zwei Piſtolen im Gürtel führte und eine lange Flinte in der Hand trug. Eine ſchwarze Dogge von der größten Gattung ſtund an ſeiner Seite und heftete die feurigen Augen auf den Fremden, ohne jedoch die geringſte Bewegung zu machen. Der Ritter blieb ruhig ſitzen, und beſchaute den Mann mit gleichgöltigen Blicken von un⸗ ten bis oben.—„Und fürchtet Ihr nichts in meiner Nähe?“ fragte Jener etwas befremdet. —„Richts, da Ihr, wie ich ſehe, nicht zur heiligen Hermandad gehört“, erwiederte Don Lodovicv unbefangen.—„So ſeid 148 Ihr mein Mann, entgegnete der Fremde ver⸗ traulich und ſetzte ſich neben ihn. Wer die heilige Hermandad fürchtet, iſt bei Pig⸗ nero willkommen. Was kann ich Euch die⸗ nen?—„Nichts, antwortete der Ritter trocken, denn du biſt ein Spanier und ein Chriſt.—„Ho! Ho! lachte Pignero laut auf, mit Beidem iſt es nicht ganz richtig. Ihr könntet mit eben ſo vielem Rechte behaupten, ich ſei ein Maure und ein Muhamedaner.“ —„Wie! rief Don Lodovico aus und fuhr betroffen in die Höhe. Habe ich recht gehört? Dann wäreſt du mein Mann.“— „Ich bin der Mann zu Allem, erwiederte Pig⸗ nerv und legte bedeutungsvoll die Hand auf den Dolch, denn ich habe es mir mit meiner Religion bequem gemacht. Mein Dolch bebt weder vor dem Herzen eines chriſtlichen Mönchs, noch vor dem eines mauriſchen Santon zurück, denn in Spanien bin ich Muhamedaner und in Afrika Chriſt, und ſo iſt es ja, nach der Weiſe der Prieſterreligion, Gott wohlgefällig, wenn ich hier und dort die Ungläubigen ver⸗ 149 tilge.—„Und die Religion deines Innern verbietet dir es nicht?⸗ fragte der Ritter in einem Tone, der deutlich ſeinen Abſcheu vor der Verworfenheit dieſer Grundſätze ausſprach. —„Die Religion des Innern! wiederholte der Räuber ſpottend. Die habe ich nie ge⸗ kannt. Ich ging vom Aberglauben zum Un⸗ glauben über, und befand mich bei beiden gleich wohl. Die Abſolution, die mir ſonſt ein Prie⸗ ſter ertheilte, gebe ich mir jetzt ſelbſt. Wilſſt du in Kurzem meine Geſchichte hören? Ich ermordete in Spanien einen chriſtlichen Prie⸗ ſter..„—„Unmenſch! Und aus welchem Grunde?„ fiel Don Lodovico ein.—„Der Grund war allerdings ſehr geringfügig, ver⸗ ſetzte der Räuberhauptmann in bitterm Tone und biß die Lippen übereinander. Ich war ein junger Mann und ein rechtgläubiger Chriſt; ich liebte ein Mädchen mit der ganzen Glut meines Landes und wurde geliebt. Der Tag zu unſerer Vereinigung war erſchienen. Als wir die Kirchthür betraten, ſtößt ihr ein Mönch, deſſen geile Glut meine Braut mit Ekel zu⸗ E rückgewieſen, aus Eiferſucht und Rache den Dolch in die Bruſt, daß ſie todt zu meinen Füßen ſinkt. Er blieb ungeſtraft, denn ein Prieſter iſt ein geweihtes Weſen, über das der weltliche Arm keine Macht hat. Ich über⸗ nahm die Rache des Himmels für die Frevel⸗ that und ſtach ihn nieder.— Der Räuber hielt inne und ſeine Blicke ſprühten Feuer.— „Unglücklicher!“ rief der Ritter im Tone des Mitleids aus.—„Noch bin ich nicht zu Ende, fuhr Pignero mit unveränderter Stimme und Miene fort. Ich floh nach Afrika und wurde Muhamedaner. Die Zeit linderte meinen Kum⸗ mer; ich fügte mich den Gebräuchen des Lan⸗ des und nahm mehrere Weiber. Sara Duja war unter ihnen der Liebling meines Herzens. Ein heuchleriſcher Marabut findet Gefallen an ihr und ſchändet ſie. Der Aberglaube des Volks ſchützt den Betrüger; er fällt unter meinem Dolche. Ich kehrte nach Spanien zu⸗ rück. Hier und dort geächtet, warf ich mich in die Wildniſſe der Sierra⸗Morena, und wurde das Haupt einer gefürchteten Bande. 151 Biſt du mit den Geſetzen dieſes Landes zer⸗ fallen, ſo ſei mir willkommen. Dein furcht⸗ oſes Weſen gefällt mir.“—„Vorerſt, er⸗ viederte Don Lodovico verlange ich nur einen Dienſt von dir.“—„Sprich!“ ſagte der Räuber, und lehnte ſich in der Stellung eines Horchenden auf ſein langes Gewehr.— „Dort unten in den Mauern eines Kloſters, fahr der Ritter, mit dem Finger auf den Flecken el Viſo deutend, fort, ſchmachtet meine Geliebte. Morgen ſoll ſie eingekleidet werden.“—„Eine Fehde mit der Geiſtlich⸗ keit! ſiel Pignero lächelnd ein und ſtrich ſich den Bart. Das wird ſeine Schwierigkeiten haben.“—„Haſt du nicht einen Mönch und einen Marabut ermordet?“ fuhr Lodovico be⸗ fremdet auf.—„Was mich betrifft, ſo kenne ich keine Bedenklichkeiten dieſer Art, aber meine Leute ſind gute Chriſten. Willſt du des Königs Schatzkammer beſtehlen, einen Grande um Mitternacht aus ſeinem Bett holen laſſen, ſo werden wir bei der Hand ſein. Allenfalls ein Kloſter ein wenig brandſchatzen, oder von 152 einem gefangenen Prieſter, neben der Abſolu⸗ tion, ein Löſegeld erpreſſen, das verträgt ſich noch mit ihrem zarten Gewiſſen; aber ein Gott geweihte Braut aus heiligen Mauern ent⸗ führen, das hieße von guten römiſch⸗katholiſchen Chriſten zu viel verlangt!⸗—„Alſo auch bei Räubern und Mördern keine Hilfe!“ ſagte der Ritter mit Bitterkeit, und reichte Pignero die Hand zum Abſchiede.—„Nicht zu raſch, mein Freund! verſetzte dieſer und verweigerte ſeine Hand. Einen zuverläſſigen Genoſſen hoſt du an mir. Komm, laß uns das Uebrige le⸗ ſprechen.«— Sie verloren ſich ſeitwãrts im Gebüſche. —— Die Kloſterkirche zur heiligen Klara war feſtlich geſchmückt, die Braut des Himmels zu empfangen. Einzelne Männer und Weiber la⸗ gen vor verſchiedenen Heiligenbildern betend auf den Knieen. Unter der offenen Kirchthür ſtunden Antoniv und Sancho, der Diener Lodovico's.„Ich ſage dir, ſprach der 153 erſtere zu dem letztern eifrig, du kannſt die Maulthiere und das Gepäcke behalten, denn dein Herr iſt ein Ketzer; ich weiß es aus ſei⸗ nem eigenen Munde.“—„ Aber, Bruder Antoniv, wenn ſie behext wären? Man weiß ja, daß dieſe gottloſen Ketzer— Gott erhalte unſere heilige Kirche!—(In Ewig⸗ keit, antwortete Antonio ſich bekreuzend) Zauberei und Teufelsſpuk treiben..—„Bru⸗ der, da iſt der Pater Ignatio, der verſteht den Teufel auszutreiben. Er beſprengt ſie mit heiligem Weihwaſſer ein⸗, zwei⸗, dreimal, und ſpricht dazu: In nomine Dei patris et Rilii et spiritus saneti— und da fährt der böſe Feind aus und kann ſich nicht länger halten„ „Und läßt einen Geſtank zurück, fiel Sanchv ein, der für chriſtliche Naſen unerträglich iſt. Aber alles Geld und Gut der Ketzer iſt ja der heiligen Kirche verfallen, und da begehe ich eine Todſunde, wenn ich es für mich be⸗ halte.“—„Narr, mußt du denn wiſſen, daß dein Herr ein Ketzer iſt?“—„Du haſt mir's ja ſelbſt geſagt.“—„Iſt denn Alles wahr, 154 was ich ſage? Du brauchſt's nur nicht zu glauben, ſo iſt dein Gewiſſen frei.“—„Nun, ſo will ich's nicht glauben, daß mein Herr ein Ketzer iſt. Aber dann kann ich ja auch die Maulthiere und die übrigen Sachen nicht be⸗ halten.“—„Das iſt auch wieder wahr, ver⸗ ſetzte Antonio und kratzte ſich hinter den Ohren. Da ſtehen die Ochſen am Berge. Glaubſt du nicht, daß dein Herr ein Ketzer ſei, ſo kannſt du die Sachen nicht behalten, glaubſt du es aber, ſo gehören ſie der heiligen Kirche an. Siehe da! fuhr er nach einer Pauſe fruchtloſen Nachdenkens aufblickend fort, hier kommt der Pater Ignatio, wir wollen ihn um Rath fragen.“— Sie trugen ihm den Fall vor. Der ehrwürdige Vater legte ſein Geſicht in ſromme Falten, ließ den Roſenkranz ruhig durch die Finger laufen, und ſchwieg eine lange Zeit, während welcher die Beiden mit jener Ehrfurcht und Erwartung da ſtanden, mit der man dem Ausſpruche eines unfehlbaren Orakels entgegenſieht.„Der Fall iſt ſchwie⸗ rig, begann er endlich, aber der Herr von F 155 oben herab hat ſeinen Knecht erleuchtet. Dis- tinguendum est: Sancho's Herr iſt ein Ketzer, denn er hat es ſelbſt geſagt. Sancho glanbt es aber nicht, und Niemand, am we⸗ nigſten aber ein Ketzer, kann fordern, daß man ſeinen Worten unbedingten Glauben bei⸗ meſſe. Nun behält er die Maulthiere und die übrigen Sachen, weil ſein Herr ein Ketzer iſt, fuͤr ſich und gibt ſie der heiligen Kirche nicht ab, weil er nicht glaubt, daß ſein Herr ein Ketzer ſei. Jedoch ſoll er für die Bekehrung ſeines Herrn in der Kirche unſers heiligen Ordens ſo viele Meſſen lefen laſſen, als der Werth eines Maulthiers beträgt. Dominns vobiscum!“ „Et cum spiritu suo 14 fiel eine Stimme ein.„Sie wendeten ſich um, und ein Mann von hoher kräftiger Geſtalt in Pilgertracht ſtund vor ihnen.„Ihr habt da einen ſehr weiſen Spruch gethan, hochwürdiger Vater, fuhr der Pilger fort, und ſelbſt der Patriarch am hei⸗ ligen Grabe zu Jeruſalem, von wo ich durch Gottes und der Jungfran Maria Gnade glück⸗ 156 lich zurückgekommen bin, hätte die Sache nicht beſſer entſcheiden können.“—„Mon nobis, non nobis, sed nomini tuo! Nicht mein ſchwacher Verſtand that es, ſondern die Er⸗ leuchtung von vben“, erwiederte der Mönch im Tone der Demuth.—„Was wird denn hier für ein Feſt gefeiert?“ fragte ein zweiter Pilger von etwas kleinerer Statur, deſſen weißer Bart und gebückter Gang auf ein ſehr vorgerücktes Alter deuteten.—„Das Feſt der heiligen Klara, der Schutzpatronin dieſes Klo⸗ ſters, und zugleich die Einkleidung einer Schwe⸗ ſter«, antwortete der Mönch, ſich bekreuzi⸗ gend. In dieſem Augenblick drängte ſich das Volk in die Kirche, und ein noch etwas ferner Ge⸗ ſang, der durch die hohen Kreuzgänge hallte, kündigte die Annäherung des feſtlichen Zuges an. Die beiden Pilger traten in die Nähe des Hochaltars, und das Volk, ihren gehei⸗ ligten Charakter ehrend, machten ihnen willig Platz. Als der Zug, in deſſen Mitte Donna Maria mit bleichem Geſicht, aber mit ſtol⸗ 157 zer Haltung und entſchloſſener Miene, einher⸗ ſchritt, vorüberzog, lief ein Murmeln der Be⸗ wunderung ihrer Schönheit durch die Reihen. Der Prieſter trat an den Altar und begann die heilige Meſſe. Es war ein alter Mann von ehrwürdigem Anſehen. Seine Stimme zit⸗ terte, wenn er je und je die Augen auf die auserwählte Braut des Himmels warf, und nur mit Anſtrengung ſchien er den heiligen Dienſt zu verrichten. Bei dem Offertorium entfiel die Monſtranz ſeinen zitternden Hän⸗ den. Das Murmeln und Flüſtern des Volks unter ſich ſchien dieſen Umſtand als ein Zeichen böſer Vorbedeutung auszulegen. Bei der Sum⸗ tion verſchüttete der Prieſter einige Tropfen des geweihten Weines, und das Volk ſchrie laut auf vor Entſetzen. „Mirakel! Mirakel!“ rief der eine der Pilger mit gemãßigter, halb unterdrückter Stimme. „Mirakel! Mirakel!“ murmelten die Zunächſt⸗ ſtehenden nach, und bald lief das Wort von Mund zu Mund durch die ganze Kirche. Der Prieſter am Altar zitterte immer heftiger, die 158 Bläſſe des Todes lag auf ſeinen Zügen; als er den Segen ertheilte, ſchien ſeine Stimme erlöſchen zu wollen, und kaum blieb ihm Kraft genug übrig, die Arme zu erheben. Als er geendigt hatte, ſank er in die Kniee und blieb erſchöpft auf den Stufen des Altars liegen. „Zeichen und Wunder! ſchrie jetzt der Pilger laut auf. Der Himmel verſchmäht ſeine Braut. Sie iſt nicht reif zum kanoniſchen Le⸗ ben! Der größte Theil des Volks ſtimmte ihm bei. Ein faſt allgemeines Murren ſchlug an die hohe Wölbung der Kirche, und Aller Blicke richteten ſich auf Maria. Sie war aufgeſtanden, Bläſſe und Röthe wechſelten auf ihren Wangen, ihre Lippen bebten krampfhaft; ſie verſuchte zu ſprechen und vermochte es nicht. —„Der Himmel will ſein Opfer haben. Prie⸗ ſter, thut Eure Pflicht!/ rief jetzt eine mäch⸗ tige Stimme— es war die Don Pedro's. —„Mein! Nein! rief Marie, alle ihre Kräfte ſammelnd, dazwiſchen. Man thut mir Gewalt an. Irdiſche Liebe erfüllt mein Herz, und ich will das Gelübde nicht ablegen.“— 169 „Wehe! Wehe! ſchrie der Pilger. Das Hei⸗ ligthum iſt entweiht.“— Hundert Stimmen hallten es nach. Immer noch lag der Prieſter aaf den Stufen des Altars, ohne Kraft, ſich zu erheben.—„Schleppet ſie mit Gewalt zum Altare, ſie iſt dem Himmel verlobt⸗, rief Don Pedro's zürnende Stimme. Der Tunult ſtieg, und ein allgemeines Geſchrei er⸗ fuͤllte das Gotteshaus. Da erhob ſich der Prieſter, wunderbar ge⸗ ſtärkt, vom Boden, ergriff das Kruzifir, hielt es hoch empor über ſeinem Haupte, und rief mit Ehrfurcht gebietendem Weſen:„Friede im Namen Gottes und ſeiner heiligen Kirche!“— Scheu blickten Alle auf das Zeichen des Kreu⸗ zes und auf den Prieſter, der, gleich einem flammenden Cherub, am Altare ſtand, und das Workt erſtarb auf ihren Lippen. Tiefe Stille herrſchte rings umher. Der Prieſter erhob ſeine Stimme mit Macht und, wie von einem yöhern Geiſte beſeelt, ſprach er die feierlichen Worte:„Der Himmel fordert kein gezwunge⸗ nes Opfer. Die ſich ſeinem Dienſte weihen⸗ 160 müſſen getrieben ſein vom Geiſte, der in ihnen wohnt. Sprich, Maria, iſt es dein freier ungezwungener Wille, abzuſagen allem Irdi⸗ ſchen, und eine reine unbefleckte Braut zu wer⸗ den des lebendigen Gottes?„— Das Schwet⸗ gen des Todes lag über der Verſammlung, und alle Blicke hefteten ſich auf die Befragte, deren Geſicht eine hohe Röthe überflog. Ihr Buſen arbeitete gewaltſam, und nur mit An⸗ ſtrengung ſtieß ſie aus leiſer Bruſt die Worte aus:„Nein! Nein! Nein!—„Wehe! Wehe! ſchrien klagende Stimmen, das Heilig⸗ thum iſt entweiht!—„In den tiefſten Ker⸗ ker mit der Verruchten!“ donnerte Don Pe⸗ drv.—„Pönitenz! Pönitenz! rief der Chor der Nonnen. Die meiſten Prieſter und ein Theil des Volks ſtimmten mit ein. Maria ſank vhnmächtig zuſammen.—„Fort mit ihr!“ ſchrie Don Pedro, und einige Schweſtern er⸗ griffen die Bewußtloſe. Ein donnerndes Halt! ſchlug an die ge⸗ wölbte Decke, und mit der Gewalt eines Ra⸗ ſenden machte ſich der eine der Pilger Platz 161 durch die Menge. Mit kräftiger Fauſt ſtieß er die Schweſtern zuruͤck und faßte die Ohnmäch⸗ tige in ſeine Arme.„Wehe! Wehe! das Hei⸗ ligthum iſt entweiht!“ ſchrien klagende Stim⸗ men.—„BGreift den Schänder des Gottes⸗ hauſes, wenn ihr gute Chriſten ſeid,⸗ herrſchte Don Pedro dem Volke zu. Die Menge drängte ſich auf den Pilger los, ihn zu grei⸗ fen.—„Zurück!“ rief dieſer entſchloſſen, und ein bloßer Dolch blitzte in ſeiner Rechten.„Wer mir naht, iſt ein Kind des Todes.⸗—„Wehe! Wehe! das Heiligthum iſt entweiht!“ klang es kläglich dazwiſchen.—„Greift den Verruch⸗ ten!“ donnerte Don Pedro. Wüthend ſtürmte das Volk auf den Pilger ein; ein kräftiger Landmann hielt ihm den Arm von hinten, wäh⸗ rend Andere ihm den Dolch entwanden. Einer der Kůmnpfenden faßte ihn an dem greiſen Barte; er blieb ihm in der Hand, und zum allgemei⸗ nen Staunen erblickte man jetzt das Geſicht eines jungen Mannes.—„Ha! der Verrä⸗ ther Lodovico! ſchrie Don Pedro laut auf. Knebelt ihn, fügte er hinzu; er ſteht als Ketzer unter dem Bann der Kirche.⸗ 162 — Inzwiſchen hatte ſich der andere Pilger langſam und ruhig dem tobenden Haufen ge⸗ nähert.„Laßt ihn los!⸗ gebot er im Tone eines Mannes, der an Gehorſam gewöhnt iſt. Die Menge ſtarrte ihn befremdet an, und ſchien unſchlüſſig, was ſie thun ſollte.„Laßt ihn los!“ wiederholte der Pilger mit derſelben Ruhe.—„Greift ihn ſelbſt! fiel Don Pedro zornig ein, er iſt ſein Mitſchuldiger.“— „Stille Du! erwiederte der Pilger, mit einem verächtlichen Lächeln Don Pedrv meſſend; die Reihe wird ſchon an dich kommen. Laßt ihn los! donnerte er zum drittenmal den un⸗ ſchlüſſigen Haufen an. Der Herr der ſchwar⸗ zen Berge befiehlt es⸗— und im Nu fſiel vas Pilgerkleid und der falſche Bart, und der gefürchtete Räuber Pignero ſtund vor der zitternden Menge.—„ Greift ihn!“ tobte Don Pedro.—„Greift mich doch!“ wieder⸗ holte der Räuber ſpottend, und blickte furcht⸗ los umher. Das Volk wich ſcheu zurück, und Lodovico, nicht länger mehr gehalten, trat an Pignero's Seite.—„Männer! rief 163 0 Don Pedro ſchnaubend, fürchtet ihr einen einzelnen Mann?.— Die Menge blieb regungslos, und einige Stimmen murmelten kaum hoͤrbar: Der Herr der ſchwarzen Berge kommt nie allein. „Nimm deine Braut, ſprach der Rauber ruhig zu Lodovico, indem er mit dem Fin⸗ ger auf die ohnmächtige Maria deutete, und laß uns gehen! Da ſprang ein Mönch vor, hob das Kruzifir hoch in die Höhe und ſchrie im Tone des höchſten Fanatismus:„Chriſten! Auf für Gott und die heilige Jungfrau! Ewiger Ablaß allen, die in dieſem Kampfe den Arm erheben!“ Ein Murmeln erhob ſich, das von Sekunde zu Sekunde ſtieg, bis es nach und nach in ein Geſchrei der Wuth überging.„Für Gott und die heilige Jungfrau!“ tönte es durch die Kirche. Die Entſchloſſenſten ergriffen Stühle, und ſchwangen ſie drohend über ihren Häup⸗ tern. Der Räuber lehnte ſich gelaſſen an einen Pfeiler, und überſah lächelnd die tobende Menge. Als die Vorderſten, durch die Hin⸗ 164 teren gedrängt, ſich ihm langſam und ſchen näherten, zog er mit der rechten Hand eine Piſtole aus dem Gürtel, ergriff mit der lin⸗ ken eine Pfeiſe, die an ſilberner Kette über ſeine Schulter hing, und ſtieß dreimal einen lauten gellenden Ton aus, der augenblicklich in gleicher Weiſe von auſſen beantwortet wurde. Das Blut in den Adern der Menge ſchien zu erſtarren; kein Laut mehr ließ ſich hören, die Arme der Streitluſtigen ſanken wie gelähmt herab, und ein Geiſt des Schreckens ſchien durch die Verſammlung zu gehen.„Nimm deine Braut und laß uns gehen!“ wiederholte eintönig der gefürchtete Mann. „Platz!“ rief der Räuber der Menge ge⸗ bietend zu, und ſchüchtern wich ſie auf beiden Seiten zurück. Ungehindert ergriff Lodovicv die ohnmächtige Geliebte, und folgte dem Vor⸗ angehenden durch die offene Gaſſe. Unter der Thür zeigten ſich einzelne dunkle Geſtalten, die, das lange Gewehr im Arm, unbeweglich ſtun⸗ den, und ſich durch nichts von Statuen unter⸗ ſchieden, als durch das Strahlen ihrer ſchwar⸗ 165 zen Augen, welche ſie feſt auf den Führer ge⸗ richtet hielten, jedes ſeiner Winke gewärtig. Entſchloſſen, das Kruzifir in der Hand, folgte der Mönch den Beiden. Als ſie den freien Platz vor der Kirche betraten, ſahen ſie ihn mit Bewaffneten erfüllt. Der Prieſter trat muthig mitten unter ſie; ſcheu blieb das Volk in der Ferne ſtehen.„Chriſten! begann der Mönch mit gewaltiger Stimme, und hob das Kruzifix, demüthigt euch vor dem Heiland der Welt! Die Räuber fielen auf die Knie nieder und bekreuzten ſich. Pignervo warf zweifelhafte Blicke auf ſeine Bande.„Dort, fuhr der Prieſter fort, auf die noch immer vhn⸗ mächtige Maria deutend, iſt eine Braut des Himmels, die dieſer Frevler dem Hauſe Got⸗ tes entführen will. Im Namen der heiligen Kirche ſpreche ich den Bann aus, und ewige Verdammniß gegen Alle, die Theil nahmen an dieſer Frevelthat. Wollt ihr Theil daran ha⸗ ben? ich frage euch im Namen des dreieinigen Gottes!«„Rein! Rein!« riefen Alle zumal, 166 wie mit Einer Stimme.„So nehmt die Ab⸗ ſolution und den Segen der heiligen Kirche hin, als ihre getrenen Söhne und gute Chri⸗ ſten!“ rief der Mönch mit erhöhter Stimme und hoch erhobener Hand.„Thue ab deine unreinen Hände von der Verlobten des Herrn, du Scheuſal der Ketzerei und des Jerglaubens! wendete er ſich gegen Don Lodovicv, und verlaß dieſe heilige Stätte, mit dem Fluch der Kirche belaſtet. Schweigend zog Lodovico den Dolch, und blickte erwartungsvoll auf den Hauptmann der Räuber. Dieſer trat nahe zu ihm und ſagte halblaut:„Hier iſt die Grenze meiner Gewalt. Sei klug und laß uns gehen!“ Unſchlüſſig, im Gefühle ſeiner Ohn⸗ macht, ſtund Lodovicv.„Gehe nur, du Verdammter, aus dem Heiligthum des Herrn!“ rief ihm der Mönch gebietend zu. Verzweif⸗ lungsvoll warf Lodovicv, Hilfe ſuchend, die Blicke rings umher; überall blickten ihm finſtere Geſichter entgegen. Da ließ er die Ohnmächtige ſanft auf den Boden gleiten, 167 drückte den letzten Kuß auf ihre blaſſen Lippen und ging langſam von dannen. Pignero folgte ihm mit ſeiner Bande. Auf dem Vorderdeck einer Galeere, von deren Hauptmaſt die ſpaniſche Flagge wehte, ſtund Don Pedro im Geſpräch mit dem Ka⸗ pitän des Schiffes. Das Fahrzeug ſteuerte auf offener See mit vollem Winde.„Meint Ihr, Sennor, fragte Don Pedro, daß wir die Inſel bald zu Geſicht bekommen?“— „Wenn meine Berechnung richtig iſt, erwie⸗ derte der Kapitän, ſo muß in einer Stunde der Gipfel des Monte Toro aus den Wel⸗ len ſteigen, vorausgeſetzt, daß wir den gleichen Wind behalten., Er warf zu gleicher Zeit die Logleine aus, um nach ihr die Geſchwin⸗ digkeit des Laufs zu berechnen. Don Pedro nahm die Uhr zur Hand, um die abgelaufene Zeit mit den abgelaufenen Faden der Logleine zu vergleichen. Auf dem Hinterdeck deſſelben Schiffes ſaß 168 ein alter ehrwürdiger Prieſter neben einer jun⸗ gen Dame.„Bald, ſagte er, in der Rich⸗ tung nach Südweſt blickend, werden wir den Ort unſerer Beſtimmung erreicht haben. Der Hafen von Mahon kann nimmer fern ſein.“— —„Und wenn wir auf Minorca den Fuß ans Land ſetzen, wird man euch unter die ſtrenge Klauſur der Auguſtiner auf dem Monte Toro ſtellen. Ihr ſprecht ſo ruhig von dem Kerker, der Euch bereitet iſt, ehrwürdiger Vater,⸗ antwortete ſeufzend die Dame.— „Sollte ich in einem langen Leben nicht ge⸗ lernt haben, mich in den Willen des Himmels zu fügen? ſprach der Prieſter, und neigte in Demuth das greiſe Haupt. Mag auch der Abend meiner Tage bitter ſein, der Tod, der Erlöſer von allem Uebel, iſt nicht mehr fern. Aber Ihr, meine Tochter, dauert mich im In⸗ nerſten meines Herzens, denn von Allem ge⸗ trennt, was euch theuer iſt, ſeht Ihr einem freudeloſen Leben entgegen.“—„Die Hand der rohen Gewalt liegt ſchwer auf mir, er⸗ wiederte Donna Maria ſeufzend. Von der 169 Welt abgeſchieden und auf ewig von meinem Geliebten getrennt, werde ich meine Tage in Trauer verbringen, aber die erhabenen Lehren der Religion, die mir Euer Mund geoffenbart, werden meinen Muth aufrechthalten, bis ſich mein Leben zum Ende neigt. Wenn nur Ihr nicht leiden müßtet für die Hilfe, die Ihr einer armen Verlaſſenen erwieſen habt.—„Das Gefühl treuer Pflichterfüllung erhebt mich über jeden Wechſel dieſes Erdenlebens. Als wahrer Prieſter unſerer heiligen Kirche war ich ver⸗ bunden, meine Stimme laut zu erheben gegen den Zwang, den man einem Mitgliede der Gemeinde anthun wollte. Heilige Gelübde, ſo fordert es das Geſetz der Kirche, ſollen blos aus freier Reigung abgelegt werden. Der Troſt eines guten Gewiſſens folgt mir in die Verbannung.“ „Ho! Ho!“ rief die Wache im Maſtkorb, zum Zeichen, daß ſie eine Rachricht zu geben habe.—„Land?“ fragte der Kapitän mit lauter rufender Stimme.—„ Nein, ein Segel aus Oſten.“— Der Kapitän nahm das Fern⸗ rohr zur Hand, und blickte in der angezeigten Richtung. Das fremde Schiff erſchien als ein ſchwarzer Punkt in weiter Ferne.—„Könnt Ihr etwas unterſcheiden, Sennor?“ fragte Don Pedrv.—„Nichts, als daß das Schiff mit dem gleichen Winde in unſerm Fahrwaſſer ſteuert.“—„Ein Kauffahrer?“—„Schwer⸗ lich, ſonſt würde es uns im Laufe nicht über⸗ bieten, und die heilige Genvveva ſegelt gut,“ verſetzte der Kapitän, und blickte mit geſpannter Aufmerkſamkeit durch das Fernrohr. —„Der Hauptmaſt ſteigt aus dem Waſſer, ich ſehe bereits die obern Raen,“ meldete die Wache im Maſtkorb.—„Dos iſt ein ſtarker Segler,“ ſagte der Kapitän, indem er das Fern⸗ rohr abſetzte und den Kopf ſchüttelte. Immer höher ſtieg das fremde Fahrzeug am Horizont herauf; bald ſah man, daß es mit allen Se⸗ geln bedeckt war.—„ Land im Weſten!“ rief die Wache.—„Gut, ſagte der Kapitän, wir können die Rhede von Mahon erreichen⸗ ehe die Sonne ſinkt.“ Der Kiel der Galeere mit vol⸗ 6 174 lem Winde und allen Segeln das Gewäſſer; dennoch erſchienen die Umriſſe des fremden Schiffes immer größer und deutlicher. Der Kapitän beobachtete es unausgeſetzt mit dem Fernrohr.—„Freund oder Feind?⸗ fragte ihn Don Pedrv.—„Roch kann ich nichts genau unterſcheiden, aber eher das letztere, denn ſo ſegelt kaum ein anderer, als ein Bar⸗ bareske.—„Syp laßt uns die Segel ein⸗ ziehen und dem ungläubigen Hund die Stirn bieten,„ erwiederte Don Pedrv.„Ich führe Depeſchen an Bord„und habe gemeſſenen Befehl, jedes Gefecht zu vermeiden.“— „Bah! wir werden wenige Zeit verlieren, den Barbaren zu nehmen.— Der Kapitän ſchüt⸗ telte den Kopf, und hielt mit vollen Segeln die Richtung nach dem Lande. Der Monte Toro ſtand bereits zur Hälfte aus dem Waſ⸗ ſer, aber der Körper des fremden Schiffes war ſchon ganz auf deſſen Oberfläche hervorgetreten. „Es iſt ein Korſar, flüſterte der Kapitän Don Pedro zu; wir werden ihm ſchwerlich entkommen.“—„Deſto beſſer,“ verſetzte die⸗ 6 172 ſer trocken.— In dem nämlichen Augenblicke bedeckte ſich das Vordertheil des Korſaren mit Rauch, der Donner hallte nach und die Kugel ſchlug in geringer Entfernung von der Ga⸗ leere ins Waſſer.—„Sennor, ſagte Don Pedro ernſt, wenn Ihr jetzt nicht beilegt, ſo ſeid ihr kein Spanier.“—„ Ich halte mich an meine Inſtruktion, erwiederte ruhig der Kapitän. Noch iſt die Möglichkeit da, unter die Kanonen von Mahvn zu kommen. Ein zweiter Schuß des Korſaren fiel. Die Kugel ſchlug an das Hintertheil der Galeere. Die Mannſchaft hatte ſich erwartungsvoll auf dem Hinterdeck geſammelt.—„ Steuermann, fragte der Kapitän, iſt Hoffnung, das Gefecht zu vermeiden?“— Der Steuermann blickte vorwärts nach dem Monte Toro, der jetzt ganz aus dem Waſſer getreten war, dann rück⸗ wärts nach dem Korſaren, deſſen Segel ſich im Winde blähten, und ſchüttelte den Kopf. Da griff der Kapitän entſchloſſen nach dem Sprach⸗ rohr und rief donnernd über das Verdeck hin: „Beigelegt!“ Alle eilten auf ihre Poſten, 3 die Matroſen kletterten auf die Maſtbäume und im Nu raſſelten die Raen nieder.— „Gott ſei Dank!“ rief Don Pedro in freu⸗ diger Kampfluſt aus. Erſchrocken ſtürzten Donna Maria und der Prieſter auf das Vorderdeck. —„In den Raum, was die Waffen nicht führen kaun!/ befahl der Kapitän, und zögernd gingen die Beiden in die Kajütte. Im näm⸗ lichen Augenblicke raſſelten die Trommeln, die Lücken öffneten ſich, die Kanoniere traten mit brennender Lunte an ihre Stücke„die Netze wurden aufgezogen, breite Säbel und geladene Piſtolen in haſtiger Eile auf das Verdeck ge⸗ ſchleppt. Der Kapitän, das Sprachrohr in der Hand, trat auf die Erhöhung des Hinterdecks. Auf ſein Kommandowort füllte ſich ein Theil der Segel wieder, der Steuermann wendete das Steuerruder und die Galeere bot dem Feind die Seite zu.„Jetzt eine volle Lage über die Länge des Verdecks hin,„ flüſterte ein Kanv⸗ nier und rieb ſich freudig die Hände; aber bereits hatte auch der Korſar das Schiff ge⸗ 174 wendet, und der Galeere die Seite zugekehrt. „Der ungläubige Hund iſt nicht dumm,“ ſagte ärgerlich ein Matroſe. Das Feuer eröffnete ſich faſt zugleich von beiden Seiten durch eine volle Lage. So oft die Schiffe ſich wendeten, um eine neue Lage zu geben, kamen ſie ſich gegenſeitig näher. Als ſie ſich einander bis auf einen Flintenſchluß genähert hatten, kamen plötzlich links und rechts hinter dem feindlichen Schiffe zwei ſtarkbemannte Schaluppen vor.„Was gibts hier?⸗ fragte Don Pedro den Kapi⸗ tän.—„Sie wollen entern, erwiederte die⸗ ſer, jetzt kommt die Reihe an Euch.“— Don Pedro ergriff mit der linken Hand eine der auf dem Verdeck liegenden Piſtolan, und zog mit der rechten Hand ſeinen langen Degen.— „Steckt ein, edler Herr, rief ihm ein Ma⸗ troſe halblächelnd zu, dieſe lange Waffe taugt hier nichts. Nehmt ein kurzes Schwert oder ein Beil, das iſt beſſer, um den Heraufklet⸗ ternden die Hände abzuhauen.“— Auf Be⸗ fehl des Kapitäns begann jetzt das Feuer des 175 kleinen Gewehrs, das ſich mit dem Donner der Kanonen miſchte, und von den beiden Schalup⸗ pen und dem feindlichen Schiffe erwiedert wurde. „Sie ſind ſtark, flüſterte ein Matroſe dem andern zu, ich zähle gegen dreißig Köpfe in jeder Schaluppe, und doch iſt das feindliche Verdeck noch wohl mit Turbans beſetzt.“ Die Schaluppen umfuhren die Galeere, und griffen ſie am entgegengeſetzten Bord an, während der Korſar ſich ihr immer mehr näherte. Von Minute zu Minute wurde das Gewehrfeuer aus dem Schiffe und den Schaluppen heftiger; als die letzteren unter den Kanonen der Ga⸗ leere waren, ſprangen aus jeder etwa zwölf Mann mit bloſem Säbel in das Waſſer, und ſchwammen der Galeere zu. Zu gleicher Zeit machte der Korſar eine Wendung, die ihn dicht an die andere Seite der Galeere brachte, und warf die Enterhaken aus. Beide Schiffe ga⸗ ben Bord an Bord die letzte Lage, und jetzt begann der Kampf mit den blauken Waffen. Der Feind, um mehr als die Hälfte ſtärker, 176 erſtieg von allen Seiten die Galeere. Die Beſatzung ſammelte ſich auf dem Hinterdeck um ibre Führer, und machte in Maſſe einen letzten verzweifelten Angriff. Don Pedro ſtürzte auf einen Türken los, deſſen ſcharlachrothe mit reichen Stickereien beſetzte Weſte und glänzende Waffen ihn als den Kapitän des feindlichen Schiffes zu bezeichnen ſchienen. Als er ihn näher ins Auge faßte, fuhr er, unwill⸗ kührlich betroffen, zurück, faßte ſich aber ſchnell wieder, und drang mit erneuerter Wuth auf ihn ein. Jener rief den Seinigen in türkiſcher Sprache einige Worte zu; ein halbes Dutzend von ihnen ließ vom Kampfe ab, und warf ſich zumal auf Don Pedro; er wurde von hinten niedergeriſſen und entwaffnet. Die Mannſchaft der Galeere, des fruchtloſen Widerſtands müde, ſtreckte das Gewehr. Inzwiſchen hatte Donna Maria in der Kajütte, zwiſchen Furcht und Hoffnung, eine ſchreckliche Stunde verlebt. Der greiſe Prie⸗ ſter ſuchte durch die Troſtgründe der Religion ihren ſinkenden Muth zu beleben. Plötzlich 177 ſchwieg das Getümmel des Kampfs über ihren Häuptern, die Thür der Kajütte jlog ſtürmiſch auf und ein reichgekleideter Türke ſtürzte zu Maria's Füßen.„Lodovico! rief ſie und ſtreckte die Arme nach ihm aus; aber im näm⸗ lichen Augenblick, ihre Augen auf ſeine Klei⸗ dung werfend, ſchanderte ſie zurück und ſchrie ſchmerzlich auf: Unglücklicher, du haſt deinen Glauben verrathen! ⸗ Zehn Jahre nach dieſem Auftritt waren verfloſſen. Don Pedro, mit der Mannſchaft der Galeere auf der Küſte von Minorca aus⸗ geſetzt, war nach Spanien zuruͤckgekehrt. Sein Ehrgeiz, durch Reichthum unterſtützt, hatte ihn in das Spiel der Hofintriguen verwebt. Man iſt in der Wahl der Mittel, um die höchſten Stufen der Macht zu erſteigen, nicht bedenklich. Werden dieſe Mittel durch den Erfolg gekrönt, ſo ſind ſie durch den Sieg ge⸗ heiligt; dem Unterliegenden aber gereichen ſie zum Verderben. Don Pedro, ſeiner Güter beraubt und geächtet, rettete ſein Leben durch Flucht auf die Küſte von Afrika. Als er über 178 den Atlas ſtieg, um am Hoſe von Marveco ein ungewiſſes Glück zu ſuchen, lagerte er ſich ermattet in einem Orangenwalde, und blickte, in trübem Nachdenken über ſein Geſchick, auf ein reizendes Thal hinab, das zu ſeinen Füßen lag. Plötzlich hörte er in ſeinem Rücken die Sprache ſeines Landes— ſüße heimathliche Töne in der Fremde. Verwundert blickte er um ſich. Etwa zwanzig Schritte von ihm ſtund ein hohes ſchönes Weib in mauriſcher Tracht, und ſprach zu einem Mädchen von etwa acht Jahren:„Gehe hin, Zaide, und lade den Fremden in unſere Wohnung ein.“ Der Ton der Stimme ſchien ihm bekannt; er ſprang auf und kehrte dem Weibe das Geſicht zu. Sie that einen lauten Schrei, flog auf ihn zu— und er lag in Maria's Armen. Lodovico hatte hier, in einem Winkel des Atlas, in der Mitte der kriegeriſchen aber gutmüthigen Barbaren, ein ruhiges und ſicheres Eigenthum geſucht und gefunden. Dieſes tapfere Gebirgsvolk, nur dem Namen nach Marveco unterthan, weiß nichts vom Drucke deſpotiſcher 479 Willkühr und prieſterlichen Fanatismus. Ma⸗ ria, durch das Beiſpiel dieſer einfachen Ratur⸗ kinder belehrt, legte ihre religiöſen Vorurtheile ab und wurde Lodovico's glückliche Gattin. Der alte Prieſter, der ihnen gefolgt war, ſchien ſich in der reinen Luft dieſer lachenden Thäler gleichſam zu verjüngen, und pflegte oft ſcherzend zu ſagen:„Die wahre Religivn und die wahre Freiheit hat zu allen Zeiten auf den Höhen der Welt gelebt, während man ſich in ihren Tiefen um Dogmen und den Schein der Macht und Freiheit ſtreitet. Gewiß der Herr der Welt ſieht mit Wohlgefallen auf unſern chriſtlichen Wandel herab, obwohl wir uns dem Namen nach zu keiner Kirche beken⸗ nen. So, wie wir, lebten die erſten Beken⸗ ner des Chriſtenthums allein im Geiſte des Heilands, denn es gab noch keine Satzungen der Kirche. Hier herrſcht Duldung, wie der Sohn Gottes ſie lehrte, der mit Zöllnern und Sündern zu Tiſche ſaß und den Heiden, wie den Inden, predigte.⸗ 6 160 Don Pedro, durch das Unglück belehrt und geheilt, fand in dieſem Thale ein ſtilles Glück, und in der Befolgung der ſittlichen Vorſchriften der chriſtlichen Religion jene be⸗ ſeligende Ruhe, die er im Treiben der Welt vergeblich geſucht hatte. — — 2 — — — = — — — — — » Auf der Terraſſe eines Landhauſes, das vor den Thoren der Stadt Nymwegen, hart am Ufer der Waal, lag, ſtund eine junge Dame von etwa achtzehn Jahren. Die blendend weiße Haut, das kaſtanienbraune Haar und die runde faſt etwas übervolle Geſtalt denteten auf nieder⸗ ländiſchen Urſprung, während die feurigen ſchwarzen Augen und die Raſchheit ihrer Be⸗ wegungen, wenn ſie haſtig auf und ab ging, dieſer Vermuthung widerſprachen. Gedanken⸗ voll heftete ſie ihre Blicke bald auf den Rand des Horizonts, als ob ſie in weiter Ferne etwas ſuche, bald auf die nahen Ufer des Stroms mit peinlicher Ungeduld, als ſollten ihr bereits ſeine blauen Fluthen den Gegen⸗ ſtand ihrer Sehnſucht zuführen. Wohl gleitete mancher Kahn vorüber, aber ſie würdigte die Kaufmannsgüter, die er führte, oder die Land⸗ leute mit ihren Marktwaaren, die er trug, kaum eines eiligen Blickes. Der Ueberdruß getäuſchter Erwartung malte ſich in den Zügen der Jungfrau, ihre Schritte wurden langſamer, der Blick nachdenklich; ſie ſetzte ſich in den Schatten einer hinter Oran⸗ gen verſteckten Bank, zog einen zerknitterten Brief aus dem Buſen, las einige Zeilen, ließ die Hand ſinken, ſchien tief nachzuſinnen, las wieder und verlor ſich abermals in Nachden⸗ ken.„Zweideutiges, trügeriſches Geſchlecht, brach ſie plötzlich in Tönen des Unmuths aus, und ihre ſchönen Lippen umflog ein bitteres Lächeln, die Qual eines liebenden Herzens iſt dir nur ein Spiel deiner Eitelkeit, ein Triumph deiner Selbſtſucht, die du Liebe nennſt!⸗ Sie hob die Hand und warf einen zornigen Blick in den Brief:„Ich habe die Ufer der Seine verlaſſen, ich bin dir nahe, jeder Tag, jede Stunde führt mich dem Ziel meiner Wünſche näher.„ Sie ſcheinen eben keine beſon⸗ dere Eile zu haben, Herr Ludwig von Ver⸗ gennes, fuhr ſie kommentirend fort, der Brief iſt drei Wochen alt, und noch habe ich nichts von Ihnen geſehen. Wo haben Sie ———— 185 ſich denn damals befunden? Wer kann das wiſſen, da Sie nicht für nöthig hielten, Ihren Aufenthaltsort zu bezeichnen? Sie waren mir damals ſchon nahe? Wo ſind Sie denn jetzt? Sie ſcheinen ſehr langſam zu reiſen. In der That, Herr Jan Schimmelpennink van Hoogſtraaten wäre in viſchen weiter ge⸗ kommen, ſo ein ſchläfriger Liebhaber er auch iſt. Wenn Sie noch länger ſäumen, ſo könnte es mir wohl zuletzt einfallen, die ſtummen Wünſche des edeln Patrons zu krönen, und, wie Herr Johannes Zebedäus Kinden⸗ hook blumenreich ſagt, die Million des Hau⸗ ſes Zacharias van Stäffart mit den zwei Millivnen Sr. Edeln Herrn Jan Schim⸗ melpenninks van Hoogſtraaten ehelich zuſammengeben. Oder haben ſich der Herr Ludwig van Vergennes inzwiſchen viel⸗ leicht gar in einem andern Hafen vor Anker gelegt? Es wäre wohl möglich, denn fran⸗ zöſiſche Treue und Redlichkeit iſt federleicht, dann aber, dann. O, Männer, Männer! rief ſie unmuthig aus, indem ſie abermals einen 186 Blick in den Brief warf, lauter Räthſel! ich bin dir nahe, ich komme täglich, ſtündlich.. Verräther, du kommſt ja nicht!. „Da kommt er ja,“ ſagte eine muthwillige Stimme hinter ihr, und deutete lachend auf die Geſtalt eines Mannes, der eben aus einem Nachen ſtieg. Ueberraſcht flog die Jungfrau auf, und blickte nach dem Ufer. Unmuthig drehte ſie ſich um, und rief mit drohend er⸗ hobenem Finger:„Mariette, dů mißbrauchſt die Vorrechte deines franzöſiſchen Leichtſinns.“ —„Nun wahrlich, entgegnete die verwöhnte Zofe, nach dem Inhalt Ihres Selbſtgeſprächs zu urtheilen, das ich belauſcht habe, ſcheint das niederländiſche Blut bei Ihnen auch nicht überwiegend zu ſein. Aber ſehen Sie nur die baroke Figur, die ſich nähert,“ fuhr Ma⸗ riette fort, und platzte in ein lautes Lachen aus, in das ihre Gebieterin, mit halbbekämpf⸗ tem Unmuth, einſtimmte. Der Mann, der langſamen, abgemeſſenen Schrittes auf die Terraſſe zuging, trug einen kleinen, dreieckigen bordirten Hut, unter dem 187 eine Stutzperücke, die ganze Stirn bedeckend, hervorſah, einen ſchwarzen langen Rock, auf beiden Seiten mit einer Reihe ſilberner Knö pfe beſetzt, hellblaue Weſte, ſchwarze kurze Hoſen, über welche ſchwarze Strümpfe bis über die Kniee heraufreichten, und Schuhe mit ſilbernen Schnallen. Von der Stirne herab über das linke Auge trug er ein ſchwarzes Pflaſter, das bis an das Kinn reichte, und die ganze Wange nebſt einem Theil der Naſe bedeckte. Vor der Terraſſe blieb er ſtehen, lüpfte das Treſſenhütchen ein wenig, und ſagte in langſamem, ſchleppendem Tone:„Verehr⸗ teſte Jungfrau erlaube mir um hochgeneigten Avis zu bitten, wo allhier das Haus Zacha⸗ rias van Stäffart et Comp. zu finden.“ — Die Zofe kicherte, ihre Gebieterin aber faßte ſich mit löblichem Ernſt und erwiederte ehrbar mit kaum merklicher Ironie:„ Hoch⸗ geehrteſtem Herrn ertheile hiemit auf Erfor⸗ dern Avis, daß ich die Tochter ſothanen Hau⸗ ſes bin; da ich jedoch der Prokura nicht er⸗ mächtiget und in ſolchem Gartenhauſe keine 188 Geſchäfte gemacht werden, ſo erlaube mir, geehrteſtem Herrn das Offert zu machen, ſol⸗ chen unter Gottes Geleit und durch un ſern Gärtner Thaddäus Puff auf das Komptoir des Hauſes Zacharias van Stäffart et Comp. franko ſpediren laſſen zu wollen, mir nach wohlbehaltener Ankunft unterzeichneten Rück⸗ ſchein richtiger Abgabe erbittende.“ Während Jener höflich dankend das Hütchen lüpfte, ſ chien ſich auf der unbedeckten Hälfte ſeines Geſichts ein kleiner Anflug des Lächelns zu zeigen; ſeine Züge legten ſich aber ſogleich wieder in die Falten ihrer, wie es ſchien, gewohnten Monvotonie, und er erwiederte mit zierlicher Galanterie:„Bedauernde, daß verehrteſte Jungfrau nicht mit der Prokura des Hauſes Zacharias van Stäffart et Comp. beauf⸗ tragt, anſonſten ich gerne Geſchäfte mit der⸗ ſelben gemacht und mich aller Billigkeit befliſſen, nehme dero hochgeneigtes Offert an, jedoch mir Koſten und Speſen der Fracht vorbehal⸗ tende.⸗ Hiemit lůpfte er abermals das Treſſen⸗ 189 hütchen und entfernte ſich langſam mit dem herbeigerufenen Gärtner. „Da kommt der Sancho Panſa des Ritters von der traurigen Geſtalt,⸗ rief Mariette, laut lachend, indem ſie auf einen Diener deutete, der ſeinen ſchweren Mantelſack vor der Terraſſe nfedergeſetzt hatte, um ein wenig zu verſchnaufen. Dieſer Menſch war ziemlich ſchildknappenartig gekleidet: er trug ein ledernes Koller, ein Barette und einen Flamberg an der Seite; ſein ganzes Ge⸗ ſicht war von einem ungeheuern Barte bedeckt, der etwas ins Graue ſpielte und ſeine Züge ganz verhüllte. Als er die laut genug geſpro⸗ chenen Worte der Zofe vernahm, ſtrich er ſich mit der Hand über den Bart, warf einen ſchelmiſchen Blick auf die Sprecherin und er⸗ wiederte:„Ihr habt ganz Recht, ehrwürdige Duenna, ich bin der Schildknappe jenes Rit⸗ ters von der traurigen Geſtalt, der ſich aber jetzt bald der Löwenritter nennen wird, denn die Entzauberung ſeiner geliebten Dulcinea iſt nahe, wenn der weiſe Merlin nicht ge⸗ 190 logen hat.“—„Duenna! Ehrwürdige Duenna! rief die Zofe erboßt, ſehe ich denn etwa ſo alt aus, daß Ihr mich für eine Duenna und gar für ehrwürdig haltet?“—„ Meiner Six! er⸗ wiederte der Knappe gelaſſen, ich weiß nicht, ob Ihr ehrwürdig ſeid, und will auch nicht be⸗ haupten, daß Ihr das Amt einer Duenna be⸗ kleidet; was aber das Alter anbelangt, ſo mögt Ihr wohl ein halbes Jahrhundert auf dem Rücken haben, oder meine Augen müßten mich ſehr täuſchen.“— Der empörten Zofe ſchoß alles Blut ins Geſicht, und ſie rief mit vor Zorn zitternder Stimme:„Ich weiß nicht, ob Ihr gute oder ſchlechte Augen habt, aber das weiß ich gewiß, daß ich noch nicht zwan⸗ zig Sommer zähle.“—„ So müßt Ihr nur verzaubert ſein, gleich der Prinzeſſin Dul⸗ cinea, entgegnete der ſarkaſtiſche Schildknappe, denn wie ich Euch ſo mit meinen leiblichen Au⸗ gen und ohne Brille betrachte, ſcheint Ihr mir wenigſtens fünfzig Herbſte zu zählen.— „Freund, verſetzte die Zofe mit halberſtickter Stimme, Ihr mögt wohl ſelbſt verzaubert ſein, 491 und wenn ich zu Eurer Entzauberung beitra⸗ gen kann, ſo will ich Euch gerne mit eigenen Händen die dreitauſend Hiebe geben, welche der weiſe Merlin Eurem Namensvetter, drolligen Andenkens, verordnet hat.“—„Schö⸗ nen Dank, Frau Rodri guez, rief der Knappe lachend aus, ſorgt nur für Eure eigene Ent⸗ zauberung, und ſagt mir lieber, wo ich den Gaſthof zum grauen Eſel finden kann.— „Geht nur gerade Eurer Naſe nach, antwor⸗ tete die aufs äuſſerſte erboßte Zofe, und wo Ihr Euer Portrait auf dem Schilde erblickt, da tretet ein.—„ Tauſend Dank, ehrwür⸗ dige Duenna, und der Himmel erhalte Euch Eure Runzeln, denn ich zweifle, ob es ſelbſt dem mächtigen Friſton gelingen würde, Euch wieder jung zu zaubern,⸗ verſetzte der Knappe mit unerſchütterlicher Ruhe, nahm ſeinen Man⸗ telſack auf, lüpfte das Barette und ging ſei⸗ nes Weges.— Mariette ſah ihm mit zorn⸗ erfüllten Blicken nach, während ihre Gebieterin ſich vor Lachen faſt ausſchüttete. N X 192 Der muntere Knappe ging, den Rath der erboßten Zofe befolgend, gerade ſeiner Naſe nach, und als er das Bild des grauen Eſels auf dem Schilde erblickte, trat er in den Hof des Gaſthauſes. Unter der Thür ſtund ein kurzer, dicker Mann, der, als er den Eintre⸗ tenden gewahrte, mit der rechten Hand ſeine Pfeife ein wenig aus dem Munde nahm und mit der linken ſein ſchwarzes Käppchen in et⸗ was lüftete, ohne ein Wort zu ſagen. Der Diener ſetzte ſeinen Mantelſack gemächlich auf den Boden, griff an ſein Barett und fragte: „Iſt in dieſem Gaſthofe Platz für meinen Herrn und mich?.— Der Wirth warf einen ſchnel⸗ len Blick auf den Mantelſack, und ſchien deſſen Schwere und Inhalt zu prüfen; dann nahm er die Pfeife etwas weiter aus dem Munde, zog das Käppchen ein wenig tiefer herab und deu⸗ tete auf den Eingang des Wirthszimmers. „Sind Zimmer zu haben?“ fragte der Knappe weiter.—„Der graue Eſel, verſetzte der Wirth, ohne ſich von der Stelle zu rühren, hat Zimmer zu allen Preiſen.“—„Nun, er⸗ 193 wiederte der Diener hochmüthig, der Sohn des Hauſes Chriſtoph David van Brook wird mit Euch um den Preis nicht feilſchen.⸗ —„Chriſtoph David van Brook von Gent?“ fragte der Wirth, deſſen Züge ſich ietzt belebten.—„Derſelbe⸗, jagte der Die⸗ ner.—„Ein gutes Haus“, murmelte der Wirth, deutete die Treppe hinauf und ſetzte ſich mit aller Lebendigkeit in Bewegung, die ſeiner ſchwerfälligen Perſon möglich war. Die nächſte Stunde fand den redſeligen Knappen in dem Wirthszimmer in der Mitte eines Dutzend ſchweigſamer Riederländer„ um deren ernſte, ruhige Geſichter der Rauch ihrer dampfenden Pfeifen wirbelte, und die der Er⸗ zählung des muntern Fremden mit allem An⸗ theile horchten, deren ihr glückliches Phlegma fähig war.„Alſo, fuhr der Knappe im Fluß ſeiner Rede fort, das iſt euch ein Teufelskerl, der Schenk, laßt euch einen Streich von ihm erzählen! Da iſt ein gewiſſer Ludwig Dran⸗ karet.„ Hier wendeten ſich plötzlich Aller Blicke auf einen Mann von breiten Schultern 9 194 und rieſenmäßigem Wuchſe, der, eine ſchwarze Kappe, tief auf den Racken herab gezogen, auf dem Haupte, ſtumm an einem Nebentiſche ſaß, und bei dieſen Worten einen Blick un⸗ ausſprechlichen Ingrimms auf den Sprecher warf. Dieſer ſchien die allgemeine Bewegung nicht zu merken und fuhr in ſeiner Rede fort: „Dieſer Ludwig Drankaret alſo hatte den Schenk einen Abenteurer und elenden Räuber⸗ hauptmann genannt und ſich öffentlich vermeſſen, ihn mit eigener Hand zu fahen und ihm, wie einem gemeinen Spitzbuben, mit der Schärfe ſeines Beiles die Ohren abzuhauen. Dieſes Beil führte der Drankaret, welcher ein ſtar⸗ ker Mann iſt, immer mit ſich, um bei der erſten Gelegenheit ſeinen Schwur zu halten. Was geſchieht? Eines Tages ſitzt der Dran⸗ karet, der ein Schlächter iſt, ſeinem Gewerbe nachgehend, in dem Wirthshauſe eines Dorfes und hat ſein blankes Beil neben ſich auf dem Tiſche liegen. Er denkt an nichts Arges, denn der Ort war von ſpaniſchen Soldaten beſetzt⸗ Da tritt plötzlich ein ſtarker, hochgewachſener 195 Mann in glänzendem Harniſch in das Zimmer, nahet ſich mit Anſtand dem Tiſche und ſpricht ruhig:„Ludwig Drankaret, hier iſt der Schenk und bringt dir ſeine Ohren.⸗ Da ſtehen die ſpaniſchen Soldaten auf, die am Tiſche ſitzen, und greifen nach ihren Schwer⸗ tern. Der Schenk aber deutet gelaſſen auf das Fenſter, vor dem die Hellebarden ſeiner Leute in der Sonne glänzen, und ſagt:„Ver⸗ haltet euch ſtill, denn heute habe ich es nur mit dieſem zu thun.“ Da ſteht der Dran⸗ karet auf, ohne Furcht noch Zagen, und ſpricht:„Schenk, ich bin ein einzelner Mann und eurer ſind viele. Iſt das ehrlich Spiel? So habe ich denn recht gethan, dich einen Räu⸗ ber zu ſchelten.“— Dem erwiedert der Schenk: „Nicht alſo, Ludwig Drankaret, denn ich will, Mann gegen Mann, mit gleichen Waffen mit dir kämpfen, und ſo du mich über⸗ windeſt, ſo thue mit mir nach deinem Gefallen; ſo ich aber obſiege, ſo ſollſt du in meine Hände gegeben ſein, und ich will dir mit deinem eige⸗ nen Beile die Ohren abhauen, wie du mir zu 196 thun derheißen.“— Deß war der Dranka⸗ ret wohl zufrieden, denn er war ein ſtarker Mann, muthig und der Waffen kundig. Und ſo traten ſie aus dem Hauſe auf den freien Platz, wo die Gewappneten einen Kreis ge⸗ ſchloſſen hatten, und die ſpaniſchen Kriegs⸗ knechte und die Bewohner des Orts traten ſchauend hinzu, denn der Schenk hatte mit ihnen einen Stillſtand geſchloſſen, daß die Waf⸗ fen ruhen ſollten bis zum Untergang der Sonne. Da ſie nun in der Mitte des Kreiſes waren, ſprach der Schenk:„Ludwig Dranka⸗ ret, du biſt der Rüſtung gewohnt und weißt das Schwert zu führen, wie das Beil. So blicke nun um dich und wähle dir einen Har⸗ niſch und Schwert aus allen meinen Gewapp⸗ neten, wie beide dir paſſen mögen, auf daß wir ehrlich und mit gleichen Waffen kämpfen.“ — Da warf der Drankaret ſeine Blicke auf alle die Krieger umher; aber vbwohl ſtattliche Leute, ſo war doch Keiner unter ihnen, der ihm an Höhe des Wuchſes und Breite der Schultern gleichgekommen wäre, und er ſchüt⸗ 197 ——— telte das Haupt und ſprach:„Hier iſt kein Harniſch, in dem ich meinen Leib rühren und freudig fechten könnte, auch iſt keines der Schwerter ſchwer genug für Ludwig Dran⸗ karets Fauſt. Hiebei reckte er ſeinen ſeh⸗ nigen Arm der Länge nach aus, und Alle ſchau⸗ ten verwundert auf den Mann, wie er da ſtand in der Fülle ſeiner Kraft. Der Schenk aber antwortete ritterlich:„So will ich mei⸗ nen Harniſch abthun, auf daß ich redlich und mit gleichen Waffen mit dir kämpfe. Und auf den Wink ihres Hauptmanns brachten die Kriegsknechte zween Schilde, zween Schwerter und zween Stahlhauben, und legten ſie in der Mitte des Kreiſes nieder. Da ſprach der Schenk abermals:„So wähle dir nun, Lud⸗ wig Drankaret, ans dieſen deine Waffen, ich aber will die andern nehmen.« Und der Drankaret wählte ſich eine Stahlhaube und einen Schild, das Schwert aber ließ er liegen. Der Schenk fragte ihn:„Wie magſt du fechten ohne Schwert?“ Jener aber ſchwang ſein blankes Beil und antwortete:„Mit die⸗ 195 ſem Beile will ich kämpfen und dir damit die Ohren abhauen, wie ich geſchworen, ſo mir Gott Sieg verleiht.“ Der Schenk aber ent⸗ gegnete ihm:„So du deine eigene Waffe führſt, ſo will ich auch mein eigen Schwert behalten. Biſt du das zufrieden?“ Und der Drankaret war das wohl zufrieden.“ „Da ſie nun alſo bewaffnet im Kreiſe ſtun⸗ den, theilten die Kampfrichter Wind und Sonne, und einer von ihnen war ein ſpaniſcher Haupt⸗ mann, der andere aber von des Schenk Haupt⸗ leuten einer, damit der Kampf ehrlich und red⸗ lich geführt werde. Hierauf ſtritten ſie gewal⸗ tig gegen einander, alſo daß Helm und Schild von den mächtigen Streichen des Schwertes und des Beiles widertönten, und die Männer umher blickten mit Freude und Verwunderung auf die rieſigen Kämpfer. Und nachdem ſie lange und gewaltig geſtritten hatten, unterlief der Drankaret mit vorgehaltenem Schilde den Schenk, indem er zugleich das Beil hob, ihm mit mächtigem Streiche das Haupt zu ſpalten. Jener aber ſprang behend auf die 199 Seite, hob ſein gutes Schwert und ſpaltete damit ſeines Gegners Schild, daß es in zween Hälften zu Boden fiel, und abermals hob er ſeine Waffe und ließ ſie mit ſolcher Gewalt auf ſeines Widerſachers Haupt fallen, daß er deſſen Helm in der Mitte zerſpaltete, und der Drankaret fiel der Länge nach zur Erde, und ſie erzitterte von dem Falle des rieſigen Kämpfers, und das rothe Blut ſchoß ihm über Stirne und Wangen herab. Da eilte der Schenk herbei, trat mit dem Fuß auf Dran⸗ karets Bruſt und ſenkte die Spitze ſeines Schwertes gegen das Herz des Gefallenen, zum Stoße bereit; doch des Drankarets Augen waren geſchloſſen und er lag betäubt am Boden. Da richteten ſie ihn auf und ſetz⸗ ten ihn mit dem Rücken gegen die Mauer eines Hauſes, und verbanden ſeine Wunde und be⸗ ſtrichen ſeine Schläfe mit ſtarkem Waſſer. Und als der Drankaret die Augen öffnete, ſah er den Schenk vor ſich ſtehen mit ſeinem Beile in der Hand, und er ſtieß einen tiefen Seuf⸗ zer aus, daß er überwunden war. Der Schenk 200 aber ſprach:„Ludwig Drankaret, du biſt in meiner Hand.«—„Das bin ich, antwor⸗ tete der Drankaret, ſo möge mir Gott helfen, denn mein Arm hat mich verlaſſen.“ — Und der Schenk ſprach abermals:„Lud⸗ wig Drankaret, du biſt hart verwundet, ſo ziehe hin und pflege deines Leibes, und wenn du geheilt biſt, ſo kehre zurück zu mir, daß ich mein Recht an dir übe, ſo ich ehrlich mit den Waffen gewonnen, denn jetzt könnte es dir den Tod bringen, und ich begehre nicht deines Le⸗ bens. So ſchwörs mir bei doinem Worte und dieſes Beil bleibe als Pfand in meiner Hand.„ — Da erhob ſich der Drankaret, ſo ſchwach er war, und ſtand aufrecht da in der Mitte ſeiner Feinde, und war ſchauerlich anzuſchauen, mit todtblaſſem Angeſicht, und Bart und Haupt⸗ haar mit Blut gefärbt, ſeine Augen aber brann⸗ ten in ihren Höhlen von fieberhafter Gluth, und blickte den Schenk an und ſprach zu ihm: „Du haſt geſiegt, und ich bin in deiner Hand, ſo übe nun dein Recht an mir, und gib mir mein Beil zurück und laß mich meines Weges W1 ziehen im Frieden.— Der Schenk antwor⸗ tete:„Ich habe es redlich mit dir gemeint, aber wie du willſt, ſo geſchehe dir, und Ihr Alle ſeid Zeugen, daß ich nicht mehr noch min⸗ der thue, als mir mein gutes Recht verleiht⸗, und ſchwang das Beil in ſeiner Hand, und hieb dem Dankaret beide Ohren ab, die ſie⸗ len zur Erde. Und der Dankaret bückte ſich und hob ſie auf, nahm das Beil, das ihm der Schenk darreichte, und ſprach:„Schenk, dieſe Ohren ſollſt du mir mit deinem Leben be⸗ zahlen, und ſo lange bleibe mein Blut an die⸗ ſem Beile kleben, bis es ſich mit dem deinigen miſcht“, wandte ſich und ging von dannen mit feſtem Schritte und erhobenem Haupte.⸗ Hier endete der Knappe ſeine Erzählung, da erhob ſich der finſtere Mann am Neben⸗ tiſche, und ſeine mächtige Geſtalt reichte bis an das obere Geſimſe des Fenſters, und er ballte ſeine rechte Fauſt und ſchlug damit auf das Tiſchblatt, daß es in zwei Hälften ſprang; dann ergriff er ein verroſtetes Beil, das neben ihm lag, warf einen ingrimmigen Blick auf den Knappen und verließ das Zimmer. Der Knappe ſprang auf und blickte ihm mit ſtarrem Stau⸗ nen nach. Die NRiederländer aber blieben re⸗ gungslos ſitzen, und Einer von ihnen nahm ſeine Pfeife ein wenig aus dem Munde und ſagte mit ungetrübter Ruhe:„Das iſt der Ludwig Drankaret.“ 5* 5 Inzwiſchen war der Sohn des Hauſes Chri⸗ ſtoph David van Brvok mit ſeinem Be⸗ gleiter langſamen Schrittes fortgewandert. Auf der Zugbrücke, welche in die Stadt führte, blieb er ſtehen, ſchaute an den Mauern hin⸗ auf, blickte in den Graben hinab, und ſchien eine Neugierde zu äuſſern, als ob er noch nie eine Feſtung geſehen hätte. Eben ſo langſam und bedächtig ſchritt er durch die Straßen, blieb von Zeit zu Zeit ſtehen und ſah ſich nach allen Seiten um.„Der Schöps muß auch zum erſtenmal aus ſeinem Stalle kommen,„ murmelte der Gärtner Thaddäus Puff vor ſich hin. In dem Hofe des Handelshauſes 203 Zacharias van Stäffart et Comp. herſchte eine rege Thätigkeit neben bewundernswerther Ordnung und Stille; der ganze Raum war mit Kiſten, Fäſſern und Ballen aller Art an⸗ gefüllt, aber die Packer arbeiteten ohne Lärm und Geſchrei, und ſchienen ſich mehr durch Zeichen als durch Worte zu verſtändigen. Der Sohn des Hauſes Chriſtoph David van Brvok, als ob er ſeinen kaufmänniſchen Ur⸗ ſprung gänzlich verläugnete, ſchritt mit großer Gleichgiltigkeit an den Schätzen der Handels⸗ welt vorüber, ohne ſie eines Blickes zu wür⸗ digen.„Der hat ſein Schäſchen ſchon im Trocknen, murmelte Thaddäus Puff in den Bart, aber wer nicht gewinnt, verliert, pflegt mein Herr zu ſagen, und der Handel darf nie ſtille ſtehen, ſonſt geht er rückwärts.“ Als ſie an das Komptoir kamen, öffnete der Gärtner mit der rechten Hand die Zimmerthür, zog mit der linken ſein Käppchen und deutete mit Pantominen hinein. Der Sohn des Hauſes Chriſtoph David van Brook, ſeines Verſprechens eingedenk, Koſten und Speſen 204 des Transports zu tragen, ließ ein Geldſtück in ſeine Kappe fallen und trat ein. Rachdem Thaddäus Puff die Thür hinter ihm ge⸗ ſchloſſen hatte, hielt er das Geld vor die Au⸗ gen, wog es dann in der Hand und ſprach zu⸗ frieden:„Ein blanker unbeſchnittener Lud⸗ wig; er iſt doch nicht ſo dumm, als er aus⸗ ſieht. Etwa ein halbes Dutzend Handlungsdiener ſchrieben, auf ihre Pulte niedergebückt, mit ſolcher Emſigkeit, daß ſie kaum einen verſtoh⸗ lenen Seitenblick auf den Eintretenden warfen. „Herr Zacharias van Stäffart?⸗ ſagte dieſer fragend. Einer der Diener erhob die Feder, und deutete damit auf die offene Thür des Rebenzimmers. Der Fremde trat ein, öffnete eine Brieftaſche, zog ein Schreiben her⸗ aus und ſchickte ſich an, es einem Manne zu überreichen, der in einem alten Uberrocke, mit ledernen Vorderärmeln, an einem Schreib⸗ pulte ſaß, von dem aus er das ganze Komptvir überſehen konnte. Dieſer warf einen Blick auf den Fremden, rückte ſein ſchwarzes Käppchen ein wenig und bedeutete ihn mit der Hand zu warten; daun wendete er ſich an den in ab⸗ gemeſſener Entfernung vor then ſtehenden Buch⸗ halter, und ſagte gravitätiſch:„Weiter in dem Preiskourant, Herr Johannes Zebedäus Kindenhvok! Geſchäfte werden nicht unter⸗ brochen, und wenn der Chef des Hauſes Wil⸗ helm Gottlob van Aarzuus von Amſter⸗ dam in eigener Perſon hereinträte, das doch ein reſpektables Haus iſt, dem ich heute für ſein Inventarium zehn Millivnen offerire, wo⸗ bei ich ein angenehmes Geſchäft vvn zwanzig Prvzent machen und zwei Millionen auf einen Schlag gewinnen würde. Dieſes Süße, wie ſteht es?—„ Angenehme Preiſe zum Ein⸗ kauf,„ antwortete monoton der Buchhalter, in die Preisliſte blickend.—„Wie viel auf dem Lager?%—„ Fünfhundert.“—„Markt überladen, Verbrauch groß, Zufuhr ſchwierig, murmelte der Chef vor ſih hin, können noch fünfhundert zum Ankauf notirt werden. Hier kratzte er ſich ein wenig hinter den Ohren, als ob er doch die Größe des Ankaufs trotz der 206 . günſtigen Konſtellation etwas bedenklich finde. „Dieſe Bohne?“ fuhr er fragend fort.— „Flau,“ erwiederte der Buchhalter.—„Wird nichts darin gethan. Dieſe Flocke?—„Preiſe ſchwanken.“—„ Hm! Hm! ſprach der Chef des Hauſes vor ſich hin, und ſtrich ſich einige⸗ mal über das Geſicht, Differenz des Ankaufs gegen den kurſirenden Preis nur zu ſechs Pro⸗ zent angenehm, aber freilich Vorrath groß, Preiſe ſchwankend, Vorſicht nöthig!⸗ Er be⸗ ſann ſich lange, rückte die Kappe hin und her, und ſagte endlich entſchloſſen, doch mit einem tiefen Seufzer:„Hälfte des Lagers loszuſchla⸗ gen, unangenehme Geſchäfte!“ Rachdem dieſe Verhandlungen noch einige Zeit auf die angezeigte Weiſe fortgedauert hat⸗ ten, und in gehöriger Ordnung beendigt wa⸗ ren, gab Herr Zacharias van Stäffart ſeinem Buchhalter den üblichen Wink, ſich zu entſernen, erhob ſich, nachdem er Geſtalt und Anzug des Fremden mit einem Blicke gemuſtert, ein wenig von ſeinem Sitze, lüpfte die Kappe und nahm den Brief entgegen, den ihm Jener 207 mit ausgeſtrecktem Arm hinhielt. Er beſah Aufſchrift und Siegel, erhob ſich noch einmal, zog die Kappe etwas tiefer, entfaltete das Schreiben und las halblaut:„Euer Edeln überſenden wir hiebet, unter Gottes Geleit und durch die Treekſchnyte der blinde Maulwurf, unſern Sohn Sebaſtian, als welcher unſer einziges Kind und Erbe... Hier erhob ſich der Chef des Hauſes Zacha⸗ rias van Stäffart ganz von ſeinem Sitze, legte ſeine Kappe neben ſich und ſetzte dem Fremden mit eigener Hand einen Stuhl, den dieſer ſchweigend einnahm. Hierauf fuhr er im Leſen fort:„Es iſt derſelbe unſerer Prokura ermächtiget, und hat Kommiſſion, die zwiſchen unſern Häuſern laufenden Geſchäfte mit Euer Edeln in Richtigkeit zu ſtellen.. Herr Za⸗ charias neigte ſich aufs verbindlichſte gegen den Fremden und las weiter:„ Da wir auch aus ſicherer Hand in Erfahrung gebracht, daß Euer Edeln eine wohlgeſtaltete Tochter auf dem Lager haben, welche zum Abſatz reif und preiswürdige Waare iſt, ſo könnte vielleicht un⸗ 208 ſer Sohn und Erbe, mit Euer Edeln Wohl⸗ nehmen, bei ſolcher Gelegenheit auf eigene Rechnung Geſchäfte machen, wozu wir ihm, als Chef des Hauſes und Vaker, hiemit den Konſens ertheilen, und, ſo unter göttlichem Beiſtand das Geſchäft vollzogen würde, die Valuta von einer halben Million, auf die Firma unſers Hauſes zu ziehen, entweder in Baarem, oder in preiswürdiger Waare, nach kurſirenden Preiſen zuſichern und verbürgen. Gent am„ Chriſtoph David van Brvok. Nunmehr erhob ſich Herr Zacharias van Stäffart, ſchüttelte dem Fremden die Hand und vfferirte ihm eine Pfeife. Der andlungs⸗ diener, der ſie ihm einhändigte, bückte ſich vor ihm bis auf den Boden, denn nur die aller⸗ ausgezeichnetſten, d. h. reichſten Leute, genvſſen das Vorrecht, in dem Heiligthum des Chefs des Hauſes zu rauchen. Hierauf lud er ihn ein, ſeine Magazine und Waarenlager zu be⸗ ſehen, ohne Zweifel in der geheimen Abſicht, durch dieſen Anblick ſein Herz für die Reize * — 209 ſeiner Tochter empfänglicher zu machen. Als Beide durch das Komptvir gingen, erhoben ſich die Schreiber von ihren Sitzen und neig⸗ ten ſich bis auf ihre Schreibpulte herab. Herr Jobannes Zebedäus Kindenhook aber lächelte verſtohlen, und warf ſeinem Herrn einen bedeutſamen Wink zu, denn er hatte durch die offene Thür, in deren Rähe ſein Schreibpult ſtund, den erfreulichen Inhalt des Briefes vernommen. Nach Verlauf einer kleinen Stunde kam Herr Zacharias ganz erhitzt zurück, ſchoß in ſeiner Art ſtürmiſch durch das Komptvir und warf ſo zornige Blicke um ſich, daß ſich alle ſeine Diener darob entſetzten und ihre Köpfe tiefer auf ihr Papier niederbückten; er winkte dem Buchhalter mit der Hand, der ihm in ſchweigender Beſtürzung in ſein Zimmer folgte, das ſich hinter ihnen ſchloß. Hier ſetzte ſich der Chef des Hanſes Zacharias van Stäf⸗ fart, gleichſam erſchöpft, nieder, athmete tief, zündete ſeine Pfeife an und blies dicke Wolken von ſich. Hert Johanues Zebe⸗ 2¹0 däus Kindenhook ſchwieg nach hergebrach⸗ ter Weiſe, denn es war nicht üblich, daß ein Diener des Hauſes in Gegenwart des Chefs zuerſt das Wort nahm. Nachdem Herr Za⸗ charias ſeine Pfeife ſo haſtig angezogen hatte, daß er in eine Wolke von Rauch gehüllt war, that er einen ſchweren Seufzer, und gab die Worte von ſich:„Ach! die Zeiten! die Zei⸗ ten! ſie werden immer ſchlechter. 4 Jetzt lößte ſich das Zungenband des Herrn Johan⸗ nes Zebedäus Kindenhook, und er fragte in einem Athem:„ Die Zuckerpreiſe ge⸗ fallen? Die Beſtellungen ſind noch nicht fort, kann redreſſirt werden... Kaffee geſtiegen? Da hätten wir freilich zuvor noch einen Ein⸗ kauf machen ſollen, z. B. tauſend Zentner zu.. Ach! Gott mein Herr, was nützt das Rechnen, wenn die Zeit verſäumt iſt, und die Waare nicht auf dem Lager liegt! Oder gar, Gott ſtehe uns bei! das gute Schiff, die Hoffnung, auf dem 4 Hier erſtarb vor Schrecken der Laut auf der Zunge des eifrigen Dieners.— Herr Zacharias blies 244 noch immer haſtig den Rauch von ſich, und murmelte in den Bart.:„Ja! Ja! dieſes Süße, dieſe Bohne, dieſe Flocke.. Ha! Ha! Ha!„ℳ Ueber dieſes unerhörte Lachen entſetzte ſich der getreue Buchhalter dermaßen, daß er faſt weinend fragte:„Haben wir denn in ſimmtlichen dieſen Artikeln falſch ſpekulirt? Das wäre ein harter Schlag, und eine Schande für das Haus Zacharias van Stäffart et Comp.“—„Weißt du denn nicht, fuhr Herr Zacharias, immer heftiger rauchend, fort, daß dieſes Süße Zucker, dieſe Bohne Kaffe und dieſe Flocke Baumwolle iſt, du Allerweltseſel du!«— Bei dieſen Worten erblaßte der Buchhalter, und eine bittere Em⸗ pfindlichkeit malte ſich auf ſeinen ehrlichen Zü⸗ gen; ſeine etwas gebückte Geſtalt richtete ſich auf, er ſtund feſt, obwohl ehrerbietig, vor dem Chef des Hauſes, und ſagte mit bewegter Stimme:„Herr Zacharias van Stäffart! Es ſind nun über dreißig Jahre, daß ich die⸗ ſen Hauſe treu und redlich diene, und habe deſſen Vortheil wahrgenommen mehr wie mei⸗ 212 nen eigenen, wie das einem ehrlichen Diener ziemt, und gedachte in den Geſchäften dieſes Hauſes abzuſterben, und mein Bißchen wohl⸗ erworbenes Eigenthum meines Herrn Patrons Tochter, Jungfrau Johanna, zu hinterlaſſen (hier konnte ſich der ehrliche Diener des Schluch⸗ zens nicht erwehren), da ich allein bin in der Welt, und keine nahe Verwandte habe. Da aber Euer Edeln, wie ich ſehe, mit den Dien⸗ ſten eines alten Mannes unzufrieden, und mir harte Worte geben, ſo ich nicht verdient und noch niemals erfahren, ſo will ich mit Euer Edeln Abrechnung pflegen, mein Weniges an mich nehmen und dieſes Haus verlaſſen ℳ Hier brach ihm das Herz, und er fügte mit zitternder Stimme hinzu:„Ach Gott! So hätte ich doch niemals geglaubt, daß ich alſo ſcheiden ſollte!“ Herr Zacharias nahm die Pfeife aus dem Munde, blickte ſeinen alten Diener verwun⸗ dert an und ſprach:„Ei! Herr Johannes Zebedäns Kindenhvok, was faſelt Ihr denn da? Was geht es denn Euch an, wenn 243 ich einen Eſel bei ſeinem Namen nenne? Was ſchwatzt Ihr denn da von„Haus verlaſſen,⸗ und meine Tochter zum Erben einzuſetzen? Ei! Ei! Wir werden nicht ſo lange zuſam⸗ men gearbeitet haben, um in unſern alten Ta⸗ gen von einander zu ſcheiden— das wären Rarrenſtreiche! Und was das Vermachen Eures hübſchen Vermögens betrifft, ſo Ihr Euer Weniges nennt, was ich aber beſſer weiß, da ich darüber Rechnung führe, und ſol⸗ ches in unſerm Hauſe ſteht, ſo behüte mich der Himmel, daß ich ſolches zu Gunſten meiner Tochter Euren Verwandten entziehen ſollte, ſeien es nahe voder entfernte. Der Zacha⸗ rias van Stäffart iſt ein genauer und vünktlicher Mann in Handel und Wandel, aber Riemand wird ſagen können, daß ſein Beutel dem Armen und Bedürftigen verſchloſſen ſei, oder daß ein Heller unrecht Gut auf ſeinem Vermögen laſte.—„So hätten aber auch Euer Edeln einem alten Diener nicht den Schimpf anthun ſollen, gegen ihn ein ſo har⸗ tes Wort zu brauchen, das einem kaum im 4 244 Zerne gegen einen Lehrjungen entfahren kann,“ entgegnete der Buchhalter mit noch zitternder Stimme.—„Ei! was denkt Ihr denn? ver⸗ ſetzte der Patron ruhig, und rauchte gemäch⸗ licher, da war ja gar nicht von Euch die Rede, ſondern von dem Ignoranten, dem Sohne des Hauſes Chriſtoph David van Bryok, der von Geſchäften weniger verſteht, als ein angehender Lehrpurſche, und nicht einmal weiß, daß dieſes Süße Zucker, dieſe Bohne Kaf⸗ fee und dieſe Flocke Baumwolle iſt. Ich glaubte, der Schlag müßte mich rühren, als ich ihm die Magazine zeigte, und ihn über ſeine Kenntniſſe ein Wenig aufs Korn nahm. haben, aber es iſt leichter durchgebracht, als erworben; kümmerte ſich gar nichts um die als ob ſie mit alten Lumpen verpackt wären. Leichthnn! Leichtſinn! Iſt, ſtatt ſich im Lager umzuſehen, fortgezogen, die Stadt zu ſchönen Waaren, ſtolperte über die Ballen hin, Richts weiß er, gar nichts. Ja, ja, die heu⸗ tige Jugend! So ein reiches Söhnchen will nichts lernen, glaubt für ſein Leben genug zu ————————————— 215 begaffen. Du kriegſt meine Tochter nicht, und wenn du noch einmal ſo viele Millivnen hät⸗ teſt! Hier begann Herr Zacharias wie⸗ der heftiger zu rauchen.—„ Nun, nun, ver⸗ ſetzte der wieder getröſtete Diener beſänftigend, und im alten Geſchäftstone, Jugend hat nicht Tugend, und der junge Mann kann unter Euer Edeln Anleitung noch ein tüchtiger Ge⸗ ſchäftsmann werden. Dieſes Haus hat ſchon viele brauchbare Leute geliefert. Bedenken Euer Edeln, daß der alte Chriſtoph Da⸗ vid van Brook mit wenigſtens fünf Milliv⸗ nen ins Gewicht fällt, und daß ſothaner junge WMenſch ſein einziger Sohn und Erbe. Wir önnen ihn zum Kompagnon annehmen, die i⸗ Million ins Geſchäft ziehen, und die Leitung wird, nach wie vor, ganz in Euer Edeln Händen bleiben. So wollen wir denn ein Auge zudrücken über ſeine Unwiſſenheit, zum Beſten des Hauſes. Ein halbe Million Zuſatz im Geſchäft kehrt ſich angenehm um. Ueberdies wird unſere Verwandtſchaft mit einem ſo angeſehenen Hauſe unſern Kredit noch an⸗ 246 ſehnlich vermehren, obwohl derſelbe bereits be⸗ ſtens begründet, und in den dreißig Jahren, die ich allhier ſervire, noch niemals ein Wech⸗ ſel mit Proteſt zurückgekommen.“— Ei! das wäre mir auch! fuhr Herr Zacharias auf, und nahm die Pfeife aus dem Munde, unſere Wechſel ſind, Gott ſei Dank, gut, und gelten auf dem Platze, wohin ſie redreſſirt, als baar Geld. Einen ſolchen Kaſus, als die Proteſtation eines von dem Hauſe Zacharias van Stäffart et Comp. ausgeſtellten Wech⸗ ſels, könnte ich ſchwer überleben. Und was nun das projektirte Heirathsgeſchäft anbelangt, ſo werden wir doch dem jungen Herrn, in Betracht ſeiner ernſtlichen Abſichten auf unſere Tochter und des ehrenwerthen Hauſes, dem er angehört, die Wohnung in unſerm Garten⸗ hauſe offeriren müſſen.“—„ Ja, freilich, ſiel der Diener ein, wird ſich das nicht anders ſchicken, und mit Euer Edeln Wohlnehmen will ich auch den jungen Jan Schimmel⸗ pennink van Hoogſtraaten in eigener Perſon zu Tiſche bitten. Euer Edeln wiſſen, 2¹7 daß er ein Auge auſ unſere Tochter geworfen, aber aus Blödigkeit nicht wagt, den Antrag zu ſtellen. Nun gedenke ich von des jungen Sebaſtian van Brook Abſichten auf die⸗ ſelbe Jungfrau im Geſpräch ein Wörtlein ein⸗ fließen zu laſſen, um ihn beſſer ziehen zu ma⸗ chen. So wird dann der eine den andern ein wenig antreiben, und das Geſchäft des Hei⸗ rathens in beſſern Zug kommen. Beide Ge⸗ ſchäfte ſind, nach ſchnellem Ueberſchlag, unge⸗ fähr gleich gut. Herr Jan Schimmelpen⸗ nink van Hookſtraaten bringt zwei Mil⸗ lionen, während Herr Sebaſtian van Brook deren fünf erſt in der Zukunft zu hoffen hat. Wenn man nun das Leben des alten Herrn Chriſtoph David van Brook, welcher ein ſtarker Fünfziger, noch zu.... und die Zin⸗ ſen aus den anderthalb Millionen, welche Herr Jan Schimmelpennink van Hpogſtraa⸗ ten in das Geſchäft ſogleich mehr einlegt, be⸗ rechnet... ſodann aber die fünfthalb Millio⸗ nen, welche uns bei dem ſeligen Ableben des Herrn Chriſtoph David van Brook noch 10 — zu gut kommen, vorausgeſetzt, daß der Sta⸗ tus des Vermögens derſelbe bleibt, welcher aber hoffentlich zunehmen wird, und deſſen Zunahme mithin nach Wahrſcheinlichkeit zu be⸗ rechnen.... Ich werde über alle dieſe Punkte eine genaue Berechnung anſtellen. Im übrigen ſind beide Geſchäfte gut. Euer Edeln em⸗ pfehle mich beſtens.“ Hiemit verbeugte ſich der eifrige Diener, und wollte ſchnell das Zim⸗ mer verlaſſen.— Herr Zacharias rief ihn zurück, blies nachdenklich den Rauch aus ſeiner Pfeiſe und ſagte:„Ein Punkt iſt noch zu er⸗ ledigen, ob nämlich der junge Sebaſtian van Brook durch die Ehrenthür einzuführen oder nicht. In Betracht ſeiner Unwiſſenheit möchte ich ihm ſolche Ehre gern verſagen, da ich mich ſchwer geärgert, jedoch aber in Betracht des großen Hauſes und Vermögens.„— Herr Jvhannes Zebedäus Kindenhook dachte lange und tief nach, und verſetzte dann niit ſichtlicher Zufriedenheit über ſeinen diplo⸗ matiſchen Geiſt:„Mit Euer Edeln Wohl⸗ nehmen will ich Herrn Jan Schimmelpen⸗ 249 nink van Hoogſtraaten anher bringen, worauf wir uns dann gemeinſchaftlich in Euer Edeln Gartenhaus begeben, und durch die ge⸗ öffnete Ehrenthür in daſſelbe verfügen werden, welche Ehrenbezeugung alsdann jeder der bei⸗ den Gäſte auf ſeine Rechnung ſchreiben kann.⸗ — Herr Zacharias nickte befriedigt mit dem Haupte, und blies nun den Rauch ſeiner Pfeife mit der alten Gemüthlichkeit von ſich. ** * Am frühen Morgen des andern Tages ſtund Herr Zachartas van Stäffart mit ſeinem getreuen Buchhalter auf der Terraſſe ſeines Landhauſes. Thaddäus Puff ſtund ſchwei⸗ gend vor ihnen. Herr Zachartas blies hef⸗ tig den Rauch aus ſeiner Pfeife, und ſprach in abgebrochenen Sätzen:„Enorme Preiſe!.. Unchriſtliche Forderungen! Man kann doch kein Vergnügen mehr haben auf dieſer Welt!. Freilich, herrliche Tulßen!... Eine wahre Pracht!. Geht denn nichts von dem Preiſe ab, Thaddäus, gar nichts?/— Der Gärtner ſchuttelte den Kopf.— Herr Zacharias nahm die Pfeife aus dem Mund, und kratzte ſich am Hinterhaupte; er öffnete einigemal den Mund, um zu ſprechen, und ſchloß ihn wie⸗ der; zuletzt glätteten ſich ſeine Züge, er rauchte im üblichen Tempo und ſagte ruhig, wiewohl nicht ohne einigen Verdruß:„Nein! Nein! Es wäre eine Schande für einen geordneten Mann, ſo viel Geld an ein eitles Vergnügen zu verſchwenden, das im Geſchäft beſſer ver⸗ wendet werden kann, oder das auch der Ar⸗ muth gut kommen würde. Ja! Ja! und damit man ſehe, daß es nicht aus Geiz ge⸗ ſchieht, ſo notiret fünfzig Dukaten weiter auf meinen jährlichen Beitrag für Arme und Hilfs⸗ bedürftige.“— Herr Johannes Zebe⸗ däus Kindenhook zog ſeine Schreibtafel, und notirte laut vor ſich hin ſprechend:„Herr Zacharias van Stäffart es cassa für eigene Rechnung fünfzig Dukaten Erhöhung ſei⸗ nes Armenbeitrags.“— Thaddäus Puff, der ein eben ſo großer Liebhaber der Tulpen war, als ſein Patron, zog ſich mit getäuſch⸗ 221 ter Erwartung verdrießlich zuruͤck. Der Buch⸗ halter warf ihm einen bedeutenden Wink zu, worauf er blieb, indem er ſich in der Nähe der Beiden etwas zu ſchaffen machte.* Herr Zacharias dampfte in bald ſtärkern, bald ſchwächern Wolken fort, während er von Zeit zu Zeit einen halben Seufzer und abge⸗ brochene Worte ausſtieß:„Verdammt theuer!... Unerhörte Preiſe!. aber wunderſchön! wun⸗ derſchön!“ Es fiel ihm ſichtbar ſchwer, ſich dieſes theure Vergnügen zu verſagen.— Herr Johannes Zebedäus Kindenhook rechnete inzwiſchen emſig in einem Papiere nach, das er aus ſeiner Schreibtafel genom⸗ men hatte. Rachdem er den Kalkul richtig er⸗ ſunden, nickte er zufrieden mit dem Kopfe und ſprach:„Euer Edeln kann nunmehr die Be⸗ rechnung in Betreff der beiden Heirathsbewer⸗ ber vorlegen; die Bilance iſt zu Gunſten des jungen Herrn Sebaſtian van Bropk.“— „Das iſt mir lieb, antwortete Herr Zacha⸗ rias, denn eben vorig habe ich ihn in den Garten hinabſteigen ſehen, allwo ſich meine 222 Tochter in einer Laube befindet.“—„Er wird vermuthlich alldorten das Geſchäft einzuleiten ſuchen,“ ſagte der Buchhalter mit ſo ruhiger Miene, als ob vom Abſatz einer Parthie Pfef⸗ fer die Rede geweſen wäre.—„Ja, ja! ſprach munter Herr Zacharias, der junge Herr iſt raſch in Geſchäften der Liebe, und da eignet ſich das halbe Dunkel einer Gartenlaube ganz vortrefflich dazu„ Hä! Hä! ich habe davon in meinen jungen Jahren auch einige Erfahrun⸗ gen gemacht.“—„Ich habe in dem Artikel Liebe niemalen etwas gethan,“ verſetzte der Diener trocken.—„Hm! Hm! fuhr Herr Zacharias fort, der junge Herr iſt aus ge⸗ miſchtem Blut, wie meine Tochter auch; ſeine Mutter war eine Franzöſin, wie meine ſelige Frau; der iſt feuriger, als Herr Jan Schim⸗ melpennink van Hopgſtraten.“—„Ich habe demſelben, ſagte der Buchhalter, liſtig lächelnd, einen Wink von der eingetretenen Konkurrenz gegeben, worauf er geſtern noch ein erſtes Offert an Jungfrau Johanna hat ab⸗ gehen laſſen, um ſeinem Rival in einem an⸗ —— — 223 nehmlichen Angebot zuvorzukommen; einer ſei⸗ ner Diener hat das Schreiben überbracht.— „Eine ſolche Konkurrenz in Geſchäften iſt heil⸗ ſam, erwiederte Herr Zachartas, doch wün⸗ ſche ich, daß meine Tochter nach Neigung wäh⸗ len möchte, wenn auch das eine Geſchäft we⸗ niger angenehm wäre, als das andere.— „Ich möchte nur wiſſen, fragte der Diener, warum der junge Herr Sebaſtian van Brook das ſchwarze Pflaſter trägt, welches ſein hal⸗ bes Geſicht bedeckt?.—„Er hat, wie er ſagt, einen Fall gethan, der ihm eine Wunde beigebracht. Wenn er nur nicht irgend ein Muttermal im Geſichte hat„ das ihn verun⸗ ſtaltet!,—„Wenn ſolches der Fall, und hiedurch der Artikel ſchadhaft, ſo müßte das Haus Chriſtvph David van Brook hie⸗ nach den Preis ſtellen, d. h. in gegenwärtigem Falle das Heirathsgut verhältnißmäßig ver⸗ mehren,“ verſetzte der Buchhalter trocken.— „NRun, ich denke, ſie wird ihn nicht nehmen, ohns zuvor ſein ganzes Geſicht geſehen zu ha⸗ 224 ben. Ich will doch ein wenig nachforſchen, wie weit die Geſchäfte gediehen.“ Nachdem ſich Herr Zacharias entfernt hatte, winkte der Buchhalter den Gärtner zu ſich, und fragte ihn:„Wie ſtellt ſich die Dif⸗ ferenz in dem Tulpenhandel heraus, welchen der edle Patron abzuſchließen geſonnen? 1 „Zu fünfhundert Gulden, antwortete Thäd⸗ däus betrübt; da wird wohl nichts daraus werden.“— Herr Johannes Zebedäus Kindenhvok kratzte ſich im Kopfe, und wie⸗ derholte mit ſtockender Zunge:„Fünf.... fünfhundert Gulden!.. das iſt eine runde Summe! Könnte denn da nicht die Hälfte abgehen, Thaddäus?„— Der Gärtner ſchüt⸗ telte den Kopf.—„Oder doch zweihundert Gulden?. Auch das nicht!.. Oder nur einhundert Gulden?. Ei! ſo ſchüttle du und der Teufel!... Nichts, gar nichts!... Nun denn in Gottes Namen, wenn es nicht anders ſein kann!.., Es iſt ſo ein gütiger Herr, und ich habe mir doch Alles in dieſem Hauſe erworben.... Es koſtet mich freilich „ mein gutes Geld, aber er ſoll die Freude ha⸗ ben. Schließe den Handel, ſage, der Ver⸗ käufer habe ſich anders beſonnen, ich will die.. die 500 zulegen.“— Der Gärtner nickte und entfernte ſich freudig. Mariette ſtand neben der Laube, in der ihre Gebieterin auf einer Bank ſaß, drehte ſich muthwillig herum und ſagte:„Nun, Fräu⸗ lein Johanna, wie lauten denn die Depeſchen, welche Herr Jan Schimmelpennink van Hoogſtraaten in ihre zarten Hände hat ab⸗ laufen laſſen?— Höchſt erfreulich, erwiederte Johanna lachend, der edle Patron legt Herz und Hand nebſt ſeinem Hauptbuche zu meinen Füßen nieder.—„Das muß ein zuckerſußer Liebesbrief ſein!,— Wenigſtens ein ſehr ſo⸗ lider, der nicht in luftigen Verſprechungen be⸗ ſteht, ſondern eine tüchtige Unterlage hat. Höre einmal, was Herr Jan Schimmelpennink van Hoogſtraaten verehrter Jungfrau mel⸗ det:„Sintemalen und alldieweilen Herz ein Artikel, der kein langes Lager verträgt, ſon⸗ dern bei Zeiten abzuſetzen, als offerire hiermit 226 verehrteſter Jungfrau ſämmtlichen meinen hier⸗ von beſitzenden Vorrath. Es ſteht derſelbe in dem zum Abſatze rechten Alter von dreißig Jahren, und fällt mit zwei Millionen ins Ge⸗ wicht. Ich halte ſolches billig und bin wohl geneigt, dasſelbe gegen den Vorrath, welchen verehrte Jungfrau liegen hat, ohne Aufwechſel abzulaſſen, wenn derſelbe auch um ein Merk⸗ liches geringer. Nicht zweifelnde, daß ſolches Geſchäfte verehrter Jungfrau angenehm, als bitte hieruber um geneigten Avis, um das Nöthige in dem Conto corrente vormerken laſſen zu können. Verbleibe n. ſ. w.“—„Das heiße ich nobel! lachte Mariette, Zug um Zug, ohne Berechnung der Differenz des Ge⸗ wichts; ich gratulire zu dem uneigennützigen Liebhaber. Und ſind Euer Edlen geneigt, die⸗ ſes Geſchäft zu machen?⸗— Ich will zuvor das Offert des Herrn Sebaſtian van Brook abwarten, ſodann die Berechnung durch Herrn Johannes Zebedäus Kindenhvok ge⸗ naueſtens ſtellen laſſen, ſofort mit dem Chef des Hauſes Zacharias van Stäffart 227 —— Rath pflegen, und nach dem Facit, das ſich ergibt, dasjenige Geſchäft machen, welches das angenehmſte, erwiederte Johanna in munte⸗ rer Laune.—„In der That, ſpottete Ma⸗ riette, ein der Tochter des Hauſes Zacha⸗ rias van Stäffartet Comp. höchſt wür⸗ diger Entſchluß! Was wird aber ein gewiſſer Herr Ludwig van Vergennes dazu ſa⸗ en Was er will. Warum iſt er ſo ſaum⸗ g, ſein Offert zu machen? Es ſcheint, er habe wenig Herz auf dem Lager liegen.— Lel⸗ der mehr als zu viel, ſagte eine Stimme, bei deren Klang Johanna mit freudiger Beſtür⸗ zung in die Höhe fuhr, aber mit zwei Millio⸗ nen fällt es freilich nicht ins Gewicht.— Mit dieſen Worten trat die Geſtalt des Herrn Se⸗ beſtian van Brook in die Laube.— In unbeſchreiblicher Verwirrung ſah ſich Johanna um, als ob ſie einen andern Gegenſtand ſuche, als dieſen. Jener aber riß das Pflaſter ab, nahm die Stutzperuͤcke vom Haupt und wen⸗ dete ſein Geſicht der Jungfrau zu, die einen halberſtickten Schrei ausſtieß.— Hier hin ich 228 überflüſſig, rief Mariette muthwillig aus, und ſprang mit den Worten aus der Laube: „Nun weiß ich doch auch, wer der Spitzbube iſt, der mich eine ehrwürdige Duenna genannt hat; er ſoll es ſchwer büßen.“— Nach einer Weile ſchaute Zacharias van Stäffart fürſichtig in die Laube und ſah die Geſtalt des Herr Sebaſtian van Brook vor ſeiner Tochter, die ſich zärtlich zu ihm herabbückte, auf den Knien liegen. Er ſchlich ſachte zurück, indem er vor ſich hin murmelte:„Ei! Ei! der macht ſchnelle Geſchäfte, und im Geſchäftseifer iſt ihm gar die Perücke abgefallen!“ Auf der Terraſſe fand Herr Zacharias ſeinen Buchhalter und rief ihm halblaut zu: „Unſere Tochter hat ſich für die fünf Millio⸗ nen, wovon eine halbe baar und vier und eine halbe inskünftige zu hoffen, entſchieden.— Wie! ſagte Herr Johannes Zebedäus Kindenhvok verwundert, haben ihr denn Euer Edlen die von mir angeſtellte Berechnung mitgetheilt?— Mit keiner Silbe, ich habe ſie gar nicht geſprochen.— Sonderbar! rief der 229 ehrliche Buchhalter aus, ſie kann doch nicht ſelbſt dieſe Berechnung ſie iſt gar zu ver⸗ wickelt. denn erſtens muß das muthmaßliche Lebensalter. dann der wahrſcheinliche Ertrag beider Funds weiter die Zinſen.— Ver⸗ muthlich hat hier Amor die Rechnung gemacht, ſprach Herr Zacharias lachend, denn ich ſah den jungen van Bryok vor dem Mädchen auf den Knien liegen, und, nach ihren funkelnden Augen zu urtheilen, hatte ſie gegen dieſe Hul⸗ digung nichts einzuwenden. Zum Glück find hier die Vermögensumſtände ſo beſchaffen, daß ein vernünftiger Vater bei einer Scene dieſer Art ſchon ein Auge zudrücken kann. Ueberdies iſt es mir lieb, daß ſie den franzöſiſchen Glücks⸗ ritter, den ſie bei ihrem Oheim in Lille ken⸗ nen lernte, ſo ſchnell vergeſſen hat. Der Se⸗ baſtian van Brook iſt doch ein Teufelskerl, obwohl freilich ſehr unwiſſend in Geſchäften, denn nicht zu wiſſen, daß dieſe Bohnen Run, Geld iſt da, und ich hoffe ihn ſchon noch einzuleiten.— Seltſam! murmelte Herr Jo⸗ hannes Zebedäus Kindenhook vor ſich 230 hin, ohne alle Berechnung das Offert ange⸗ nommen!... Vor ihr auf den Knien gelegen!... ich bin in meinem Leben nie vor etwas ande⸗ rem gekniet, als vor einem Waarenballen oder vor einer Kiſte, um ſolche zu öffnen. Inzwiſchen ſtand der Diener des Herrn Se⸗ baſtian van Brook an der Seite der Gar⸗ tenmauer, welche die Ausſicht auf den Fluß hatte, und blickte unverwandt den Strom auf⸗ wärts, auf welchem nur je und je einzelne kleine Barken herabgeſchwommen kamen.„Hm! murmelte er vor fich hin, wie einem doch die Zeit lang wird, wenn man auf etwas wartet, das Waſſer hat einen paſſabeln Fall und ſeine Wellen treiben raſch vorüber, aber doch nicht ſchnell genug für meine Ungeduld. Friſch auf, kühne Schiffer, daß ich fein Liebchen erfaſſe, und die Widerſtrebende mit ſanfter Gewalt in den tanzenden Nachen trage!“—„Ei der Tauſend! ſagte eine ſpottende Stimme hinter ihm, der Herr Sancho tragen ſich mit Liebes⸗ gedanken und ſcheinen es gar auf Entführung abgeſehen zu haben. Wer iſt denn die Glück⸗ liche, die ſich, neben ſeinem Magen weg, in das Herz des Statthalters der Semmelwürſtchen⸗ inſeln eingeſtohlen hat?„— Der Knappe drehte ſich um, erblickte Marietten und erwiederte ſcherzhaft:„ Verzeiht, ehrwürdige Duenna, gerne würde ich euch mein Herz vffenbaren, aber es ſchickt ſich nicht, die Ohren einer Dame von euerm Stand und Alter durch Mittheilung von Liebesangelegenheiten zu beleidigen..— „Sehr zartfühlend, Herr Statthalter, fuhr Mariette neckend fort, aber wir wollen Euch für diesmal der Ehrfurcht entbinden„die Euch unſer ehrwürdiger Stand und Alter gegen uns auferlegt, und erlauben Euch hiermit, uns Eure Angelegenheiten vorzutragen.“—„Ehr⸗ würdige Duenna, entgegnet der ſpaßhafte Schildknappe, da ich überzeng n, daß nicht eitle Neugierde, ſondern wahrhafte Theilnahme an meiner Perſon die Urſache Eures Forſchens iſt, ſo erſuche ich Euch höflichſt, noch etwa ein Stündchen zu warten, bis ſich dieſer verwickelte Liebesknoten ſelbſt löſen wird.—„Herr Sancho, rief die Zofe in komiſcher Entrüſtung 232 aus, ſo kommt Ihr mir nicht los, und da Ihr nicht freiwillig beichten wollt, ſo werde ich Euch hiermit in ſtrenges Verhör nehmen. Wer iſt der edle Ritter, in deſſen Dienſten Ihr in die⸗ ſes Hotel gefommen ſeid?“—„Je nun, das iſt mein gnädiger Herr, der edle Sebaſtian van Brook, Sohn und Erbe des Hauſes Chriſtoph Daniel van Brvok von Gent.“ —„So, ſeine Stutzperücke und ſein ſchwarzes Pfloſter ſtehen ihm allerliebſt. Und wie heißt denn des edlen Herrn Sebaſtian van Brook ehrenhafter Diener?“—„Habakuk Plum⸗ pert, Euch zu dienen, ehrwürdige Duenna,“ antwortete der Knappe mit verbiſſenem Lachen. —„So, und von wem hat denn Euer edler Herr das Empfehlungsſchreiben an Zacharias van Stäffart et Comp. allhier erhalten?“ —„Je nun„von Sr. Edlen dem Herrn Chri⸗ ſtoph David van Brvok zu Gent, ſeinem geſtrengen Herrn Vater.“—„So, und wem hat denn Euer edler Herr den langeèn ſchwarzen Roc ausgezogen, in dem er ausſieht, wie eine Vogel⸗ 233 ſcheuche?/—„Der iſt aus des edlen Herrn Chriſtoph David van Brook Garderobe, denn in dieſem Hauſe werden keine überflůſſi⸗ gen Kleider gemacht.“—„So, das iſt ſehr möglich, und vermuthlich iſt das Beglaubigungs⸗ ſchreiben ſchon in der Taſche geſteckt?,—„Das kann leicht ſein, wenn es mein Herr nicht erſt hineingeſteckt hat..—„So, und wer hat dir denn deinen falſchen Bart gemacht, du lügne⸗ riſcher Böſewicht?“ rief Mariette komiſch aus, griff mit ihren zarten Fingern in des Knappen Geſicht und riß ihm den Bart ab, den ſie lachend in ihrer Hand hielt.—„Wahr⸗ haftig, ſchöne Mariette, da haſt du mich auf einmal entzaubert, rief der Knappe, und lachte aus vollem Halſe mit, und da nach voll⸗ brachter Entzauberung die Liebe des Verzau⸗ berten gekrönt zu werden pflegt, ſo laß mich nun die Früchte..—„Halt! halt! So weit ſind wir noch nicht, unſer Verhör muß zuvor beendigt ſein, verſetzte die muthwillige Zofe, und wehrte ihn von ſich ab. Sprich, um wel⸗ cher verbrecheriſcher Abſichten willen habt Ihr 234 dieſe Masken angelegt?—„Die Liebe, Schönſte„—„Ihr werdet doch nicht ſo ver⸗ meſſen ſein, zu glauben, daß wir, mein Fräu⸗ lein und ich, uns von Euch entführen laſſen würden?“—„Warum denn nicht, vortreff⸗ lichſte.—„Da irrt Ihr Euch ſehr, nur Gewalt würde vermögen.—„Nun, wenn es nicht anders ſein könnte, ſo würden wir einige ſanfte Gewalt.—„Ich glaube gar, der Herr Jean Philibert, welcher ſich fälſchlich Habakuk Plumpert nennt, bildet ſich in allem Ernſte ein, daß er und ſein edler Herr unüberwindlich ſeien; aber, lieber Freund, du irrſt dich gewaltig; die Bootsknechte des Hauſes Zacharias van Stäffart et Comp.⸗ würden Eure Rücken nicht minder zerdreſchen, als die Yanqueſer den des edeln Ritters von Mancha und ſeines Schildknappen.“—„Hm! Es wäre leicht möglich, daß uns der weiſe Martin Succurs ſchickte.—„Menſch, rief Mariette erſchrocken aus, was führſt du im Schilde?„—„Hm! nichts, wenn aber z. B. der Prinz von Oranien zärtliche Ab⸗ ſichten auf die gute Stadt Nimwegen hätte, warum ſollten wir dieſen glůcklichen Umſtand nicht benützen, unſere eigenen Angelegenheiten zu fördern und Eure widerſpenſtigen Herzen mit einiger Gewalt...— Hier ſtieß Ma⸗ riette einen halblauten Schrei aus, Jean blickte auf und ſah wenige Schritte von ſich den Ludwig Drankaret ſtehen; er ſtand auſſerhalb der Mauer, ſeine hohe Geſtalt ragte über dieſelbe hervor, ſein langer Bart hing bis auf die Bruſt herab und er ſchaute ſtarren, unverwandten Blickes auf die Sprechenden; als ſie aufſahen, wendete er ſich langſam und ging. „Ich fürchte doch, ſagte der Knappe zu der Zofe, du haſt mich etwas zu früh entzaubert.“ Mit dieſen Worten legte er ſeinen falſchen Bart wieder an. Herr Sebaſtian van Brook trat ehrbar und langſamen Schrittes, mit Pflaſter und Perücke verſehen, auf die Terraſſe. Als Herr Zacharias ihn kommen ſah, ſtieß er ſeinen Buchhalter an und ſagte:„Der Spitzbube, wie er ſo langſam und bedächtig auftritt, als 236 ob er auf Eiern ginge! Wart, du Schelm, wenn du nicht der Sohn des Hauſes Chri⸗ ſtoph David van Brook wäreſt, hätte ich dich nicht auf ſolche Art in der Laube antref⸗ fen dürfen! Ein ſchöner Morgen, Herr Se⸗ baſtian van Brook! wendete er ſich zu dem ehrbar Heranſchreitenden.— Ein ſchöner Mor⸗ gen, Herr Zacharias van Stäffart! wiederholte dieſer mechaniſch.—„ Haben Sie ſich ein wenig im Garten umgeſehen?“— „Ich. ich habe die Tulpen... ſte ſind gar zu ſchön..— Ja, ja! verſetzte Herr Za⸗ charias mit verbiſſenem Lächeln, die Tulpen ſind recht ſchön. Haben Sie meine Tochter nicht im Garten geſehen?—“ Ich. ich habe einen kleinen Blick in die Laube geworfen und vermeinte die edle Jungfrau allda ſitzen zu ſehen, —— ſtotterte Herr Sebaſtian. Herr Zacharias lächelte und warf einen bedeutſamen Blick auf ſeinen Buchhalter, den aber dieſer nicht be⸗ merkte, da er ein Papier in der Hand hatte und in einer emſigen Berechnung begriffen ſchien⸗ In dieſem Augenblick trippelte Jvhanna, 237 mit zur Erde geſchlagenen Blicken und hoch⸗ rothen Wangen, auf die Terraſſe.—„Nun, Kind, fragte der alte Herr ſchelmiſch, was machen unſere Tulpen im Garten? Du haſt doch gewiß danach geſehen.“— Recht... recht ſchön erwiederte die Jungfrau erröthend. —„Du hätteſt doch unſern Gaſt im Garten herum führen ſollen. Haſt du ihn denn gar nicht geſehen?“— Er er ſaß in der Laube„ſo viel ich glaube. und da...—„Wollteſt du ihn nicht ſtören,/ ergänzte der Vater ſcherz⸗ haft und fuhr mit der Hand über die hoch⸗ rothen Wangen ſeiner Tochter.„Und Sie, junger Herr, wollten die edle Jungfrau auch nicht ſtören, als Sie dieſelbe in der Laube ſitzen zu ſehen vermeinten,“ ſagte er gutmüthig ſcher⸗ zend zu Herrn Sebaſtian van Brvok.— „Ich. ich wollte mir nicht erlauben.. ſtot⸗ terte dieſer und warf einen verlegenen Blick auf Johanna.— Nun, nun Kinder! ſprach Herr Zacharias, ſchelmiſch lächelnd, ihr wer⸗ det ſchon beſſer bekannt werden. Was macht denn Ihr da fragte er ſeinen Buchhalter, ſich 238 zu dieſem wendend.— Es iſt, erwiederte Herr Johannes Zebedäus Kindenhook⸗ die bewußte Rechnung, welche ich nun zum drittenmal nachgerechnet und abermals richtig erfunden habe. Euer Edlen können demnach ohne Anſtand Ihren väterlichen Conſens..— Stille, ſtille! ſagte Herr Zacharias, den Eifer ſeines Dieners beſchwichtigend, ſolches wird nicht im Freien und in Gegenwart der Intereſſenten verhandelt. Hier wurde Herr Zacharias in den Gar⸗ tenſaal abgerufen, wo er zu ſeiner nicht ge⸗ ringen Verwunderung einen Zivilbeamten fand, der ſich entſchuldigte, ihn beläſtigen zu müſſen, und ihn fragte: ob ſich nicht in ſeinem Hauſe ein junger Mann aufhalte, der ſich für den Sohn des Hauſes Chriſtoph David van Brook ausgebe.—„Ausgeben! fuhr Herr Zacharias, etwas hitzig, auf. Das Haus Zacharias van Stäffart nimmt keine Leute auf, welche es nicht kennt. Mein Gaſt iſt ſo gewiß der junge Sebaſtian van Brvok, als dies die Handſchrift ſeines Va⸗ 239 ters, des alten Herrn Chriſtoph David van Brook, iſt, die ich ſchon tauſendmal in Händen gehabt und ſo gut kenne, als meine eigene. Bei dieſen Worten zog er den erhal⸗ tenen Empfehlungsbrief aus ſeiner Brieftaſche und reichte ihn dem Beamten hin. Dieſer las ihn bedächtig durch und ſagte:„Dies ſcheint freilich ein unverwerfliches Zeugniß zu ſein, aber es gibt doch Beiſpiele„daß man ſich ſolche Dokumente auf eine widerrechtliche Weiſe ver⸗ ſchafft hat. Zudem iſt es auffellend, daß der junge Herr ein ſchwarzes Pflaſter trägt, das, wie wir hören, die eine Hälfte ſeines Geſichts ganz bedeckt..— Dahinter iſt nichts zu ſuchen, als daß er auf der Reiſe einen Fall gethan und ſich beſchädigt hat, verſetzte Herr Zacha⸗ rias.—„Ferner, fuhr der Beamte ruhig fort, trägt auch ſein Diener einen falſchen Bart und hat, wie zu unſerer Kunde gekom⸗ men iſt, ſehr verfängliche Reden fallen laſſen.⸗ — Einen falſchen Bart? fragte Herr Zacha⸗ rias verwundert.—„ Allerdings, ſagte der Beamte, und da dieſe Stadt ein feſter Platz 240 iſt, ſo kann man nicht vorſichtig genug ſein. Dieſe Nachrichten ſind dem Befehlshaber des Platzes von ſicherer Hand mitgetheilt worden, aber aus Rückſicht für das angeſehene Hans Zacharias van Stäffart hat er die Ein⸗ ziehung der nöthigen Erkundigungen der Zivil⸗ behörde überlaſſen. Es wird nun erforderlich ſein, einige Schritte in dieſer Beziehung zu thun.— Nach Ihrem Belieben, der Irrthum wird ſich wohl bald aufklären, verſetzte Herr Zacharias. Der Beamte trat auf die Terraſſe. Als ihn Herr Jo hannes Zebedäus Kindenhook erblickte, fragte er ſeinen Prinzipal halblaut: „Haben denn Euer Edlen bereits wegen des Heirathskontrakts... Es möchte doch zuvöderſt wegen der Mitgiſt des verehrten Brautpaars... —„Ach! erwiederte ſein Chef verdrießlich, hier von etwas Anderem, als vom Heirathen die Rede... Herr Sebaſtian van Brook⸗ wendete er ſich an dieſen, man will Ihnen Ihren ehrlichen Namen ſtreitig machen.“— Der Buchhalter erſtaunte hierüber höchlich und 24⁴ erwiederte ſchnell;„Kann nicht ſein, Inſiegel und Unterſchrift des Beglaubigungsſchreibens ſind vollkommen in Ordnung.— Der Beamte firirte Herrn Sebaſtian van Brook, wel⸗ cher verlegen ſchwieg. Johanna erblaßte. Herr Zacharias blickte mit einiger Ueberraſchung auf die beiden.—„Haben Sie Dokumente, ſagte der Beamte höflich, durch welche Ihr Namen und Charakter ausgewieſen wird?„— Ich habe ein Beglaubigungsſchreiben meines Hauſes, das ſich in den Händen des Herrn Zacharias van Stäffart befindet, ant⸗ wortete der Gefragte mit rückkehrender Faſſung. — An deſſen Aechtheit nicht zu zweifeln iſt, fiel Herr Zacharias ein.— Ich wollte mich darauf henken laſſen, daß Siegel und Unter⸗ ſchrift. fügte der alte Diener hinzu.— Der Beamte verbat ſich alle Zwiſchenreden und fuhr zu fragen fort:„Die von ehrenwerthen Männern verbürgte Aechtheit des Beglaubi⸗ gungsſchreibens ſpricht allerdings ſehr für Sie; doch ſind noch einige Bedenklichkeiten zu heben. Sie ſchienen von der erſten Anſchuldigung in 1¹ 242 Verlegenheit zu ſein?“— Wer ſollte nicht in einem ſolchen Falle...—„Ich begreife das. Sie tragen eine Perücke, da Sie doch ohne Zweifel noch Ihr eigenes Haar haben?— Die Mode....—„Gut, die entſchuldigt Alles; aber, ſo viel ich weiß, ſind die ſchwar⸗ zen Pflaſter nicht eben ſo in der Mode. Was bewegt Sie, ein ſolches zu tragen?“— Und was berechtigt Sie, mich darum zu fragen? erwiederte Jener.—„Mein Amt. 5— Wenn ich nun aber antworte: ich trage dieſes Pfla⸗ ſter, weil es mir ſo beliebt?—„Dann würde ich es nicht glauben, weil das kein vernünfti⸗ ger Grund iſt.— Und was wären die Fol⸗ gen Ihres Unglaubens?—„Ihre Verhaftung, bis Sie über die Identität Ihrer Perſon nä⸗ here Beweiſe beibringen.“—„Sie haben ja, Herr Sebaſtian van Brook, auf der Reiſe einen Fall gethan und eine Verwundung erhalten,“ fiel hier Herr Zacharias ver⸗ mittelnd ein.—„Wenn das der Fall iſt, ſagte der Beamte, ſo würde ein natürlicher Grund für das Tragen eines Pflaſters vorhan⸗ den ſein und dadurch dieſer Verdachtsgrund wegfallen. Dieſe Thatſache kann durch einen geſchworenen Arzt conſtatirt werden.— Herr Sebaſtian van Brvok ſchwieg; Johanna war, ſichtbar aufgeregt, auf die Seite getre⸗ ten; Herr Zacharias zeigte ſich unſchlüſſig und verlegen; der Buchhalter murmelte vor ſich hin:„Inſiegel und Handſchrift des Hauſes Chriſtoph David van Brook richtig— was braucht es da weiter Zeugniß, und wenn von Millivnen die Rede wäre, das Haus iſt gut!„ Der Beamte wendete ſich und winkte mit der Hand. Eine Wache trat aus dem Garten hervor, die Sebaſtians Diener in ihrer Mitte führte; Mariette folgte hinter ihr in ſtum⸗ mer Beſtürzung.— Wie heißt Ihr, fragte der Beamte, ſich zu dem Gefangenen wendend? — Habakuk Plumpert, Euer Edlen zu dienen, erwiederte dieſer mit vieler Zuverſicht. —„In weſſen Dienſten ſteht Ihr?“— Ich müßte mich ſehr irren, wenn das nicht mein Herr iſt, dem ich ſchon manches Jahr treulich 244 diene, verſetzte der Gefangene und deutete auf Sebaſtian van Brook.—„Wie heißt Euer Herr?“— Das wird er Ihnen ſelbſt am beſten ſagen können.—„Antwortet auf meine Frage.“ — Je nun, ich weiß nicht anders, als daß er von Kindesbeinen an Sebaſtian heißt, und des alten Herrn Chriſtoph Da vid van Brook zu Gent einziger eheleiblicher Sohn iſt.—„Aus welchem Grunde tragt Ihr einen falſchen Bart?“— Einen falſchen Bart? An dem iſt kein falſches Härchen.—„Wache, nehmt ihm ſeinen falſchen Bart ab!“— Ei! das kann ich ſelbſt thun, wenn es Euer Edlen ſo befehlen; die Herren hier brauchen ſich nicht damit zu bemühen, ſagte der muntere Knappe, nahm den Bart ab und zeigte ein recht hůb⸗ ſches freundliches Geſicht.—„Aus welchem Grunde habt Ihr dieſen falſchen Bart getra⸗ gen?— Muß man denn für Alles in der Welt Gründe haben, edler Herr?—„Ant⸗ wortet ohne Umſchweife!«— Je nun, ich habe mit einem artigen Mädchen ein wenig Verſteckens ſpielen wollen, antwortete der Knappe und warf einen muthwilligen Blick auf Marietten, deren Geſicht zwiſchen Weinen und Lachen mitten inne ſtand.—„Das iſt ein Grund, der einem artigen Mädchen genü⸗ gen kann, fuhr der Beamte lächelnd fort, für mich aber nicht hinreichend iſt. Doch weiter: Habt Ihr nicht mit einem gewiſſen artigen Mädchen an einem gewiſſen Orte von Entfüh⸗ rung geſprochen?“— Nun, man ſpricht mit Weibern von allerlei.—„Habt Ihr nicht mit gewaltſamer Entführung gedroht?/— Ich hoffe nicht, daß Gewalt nöthig ſein werde.—„Habt Ihr nicht von Abſichten des Prinzen von Ora⸗ nien auf die Stadt und Feſtung Nymwegen geredet?— Ich zweifle nicht, daß er Ab⸗ ſichten darauf habe.—„Iſt Euch von dem⸗ ſelben etwas Näheres bekannt?“— Ich bin nicht des Prinzen von Oranien geheimer Rath. „Sie ſehen, mein Herr, fuhr der Beamte, zu Sebaſtian van Brook gewendet, fort, daß Ihr eigenes Benehmen ſowohl, als die Vermummung und die Aeuſſerungen Ihres 246 Dieners, Sie in hohem Grade verdächtig ma⸗ Schen. Was können Sie nun ſagen oder thun, um dieſen Verdacht zu entkräften und die Iden⸗ tität Ihrer Perſon zu beweiſen?„— Der Be⸗ fragte richtete ſich ſtolz auf, ſeine Augen blitz⸗ ten und er ſprach mit edler Haltung in Ton und Stellung:„Was ich ſagen oder thun kann? Dieſe Maske ablegen, die mir nicht länger ziemt, und die ich wohl nie hätte annehmen ſollen. Nein, ich bin nicht der, für den ich mich ausgab; ich bin nicht Sebaſtian van Brook.“ Mit dieſen Worten warf er die Perücke auf die Erde und riß das Pflaſter ab. Sein natürliches braunes Haar fiel über ſeine Stirn herab und Alle blickten mit Verwunde⸗ rung und Wohlgefallen auf das edle und kühne Geſicht des Jünglings.—„Ach Gott! Es iſt nicht der junge van Brook, ſeufzte Herr Zacharias und fügte halblaut hinzu: Wie ſoll es nun mit meiner Tochter werden, da die Sache bereits ſo weit gediehen?“— Da können ſich Euer Edlen beruhigen, tröſtete ihn der Buchhalter. Da das Geſchäft unter einer falſchen Firma abgeſchloſſen worden, ſo kann die edle Jungfrau nicht verpflichtet werden, ſolches zu halten. Es ſind mir ſchon mehr Fälle ſol⸗ cher Art vorgekommen, da war z. B. das Haus..—„Ihr vergeßt, fiel Herr Zacha⸗ rias unwillig ein, daß hier von Liebesgeſchäf⸗ ten die Rede iſt.— Das iſt ganz einerlei, Geſchäfte ſind Geſchäfte, und da nun der eine der kontrahirenden Theile ſich einer falſchen Firma bedient und die Valuta, nämlich die halbe Million in Baarem und die vier und eine halbe Millionen in Spe, nicht vorhanden... Es iſt mir nur leid um die Berechnung, die ich mit ſo vielem Fleiße ausgearbeitet.—„Ach Gott! ſeufzte Herr Zacharias, bei dem die Geſchäfte des Vaters überwiegend waren, Ihr habt keine Tochter.“— Die Tochter und Erbin des Hauſes Zacharias van Stäffart, erwiederte trocken der Buchhalter, der von Liebe und gebrochenem Herzen nichts wußte, wird ein in Geſchäften der Ehe immer geſuchter Artikel ſein da iſt ja annoch Herr Jan Schim⸗ . 248 melpennink van Hoogſtraaten, und wenn auch. Der Jüngling ſtand inzwiſchen ſchweigend da, mit ſtolz emporgerichtetem Haupte, und in ſei⸗ nen edeln Zügen malte ſich Muth und Er⸗ gebung in ein unabänderliches Schickſal. Er warf je und je einen ermuthigenden Blick auf die Jungfrau, die mit todtblaſſem Geſicht und halberloſchenen Augen ſich an die Mauer lehnte, und einzelne Thränen, die über ihré Wangen rollten, nicht zurückzuhalten vermochte. Der Vater blickte mit ſchmerzlicher Angſt auf ſeine Tochter. Der Beamte fühlte, daß hier ein ungewöhnliches Verhältniß ſtatt finden muſſe, und war in peinlicher Verlegenheit, wie er die Pflichten ſeines Amtes mit der möglichen Scho⸗ nung vereinigen ſolle. Der Knappe allein ſtand ſorglos in der Mitte ſeiner Wache; er ſchien ſich an der allgemeinen Beſtürzung faſt zu wei⸗ den und warf von Zeit zu Zeit muthwillige Blicke auf Marietten, die daraus wenig⸗ ſtens ſo viel Troſt ſchöpfte, daß ihr natürli⸗ 249 cher leichter Sinn der Angſt des Augenblicks das Gleichgewicht halten konnte. Nach einer kurzen Pauſe nahm der Beamte das Wort und ſprach:„Sie geſtehen ſelbſt, daß Sie derjenige nicht ſind, für den Sie ſich ausgegeben haben. Wollen Sie nun Ihren wahren Namen entdecken?“— Der Jüngling ſchwieg.—„Sie werden ſelbſt einſehen, daß Sie ſich durch die Verſchweigung Ihres Na⸗ mens noch verdächtiger machen.“— Der junge Mann antwortete entſchloſſen: Hier, in Gegen⸗ wart dieſer Zeugen, werden Sie meinen wah⸗ ren Namen niemals erfahren.—„Wollen Sie ihn ſpäter der Behörde nennen?“— Ja!— „Wohl. Welche Abſichten haben Sie in dieſer Verkleidung und unter falſchem Namen in dieſe Stadt geführt?— Dieſen Umſtand muß ich ebenfalls verſchweigen; doch kann ich auf meine Ehre verſichern, daß ich keine Abſichten hegte, welche der Sicherheit dieſes Platzes gefährlich ſein konnten.—„Man hat Sie gleichwohl die Gräben und Wälle der Feſtung mit vieler Auf⸗ merkſamkeit betrachten ſehen.“— Mein Herr, 250 ich bin Soldat, und intereſſire mich fur alle Gegenſtände des Kriegsweſens..—„Auf welche Weiſe ſind Sie zu dem Beglaubigungsſchreiben gelangt, mittelſt deſſen Sie ſich für den jun⸗ gen Sebaſtian van Brook ausgegeben ha⸗ ben?„—„Auf keine Art, die mir Unehre brächte. Dies iſt Alles, was ich im Augen⸗ hlicke darüber ſagen kann.“—„Sind Sie nicht geneigt, weitere befriedigende Aufſchlüſſe zu geben?“—„Das kann ich hier nicht.“ Der Beamte ſchwieg eine Zeitlang nachdenk⸗ lich, dann wendete er ſich wieder an den Jüng⸗ ling und ſagte höflich, aber ernſt:„Sie wer⸗ den ſelbſt einſehen, mein Herr, daß unter den vorliegenden Umſtänden meine Pflicht mir ge⸗ bietet, Sie verhaften und ins Gefängniß brin⸗ gen zu laſſen.“— Bei dieſen Worten ſtieß Johanna einen lauten Schrei aus, und hielt ſich krampfhaft an der Mauer, um nicht zu ſinken. Der Jüngling flog auf ſie zu, und faßte zärtlich ihre Hand; ſie ſah ihn mit er⸗ löſchenden Augen an, und Thräne an Thräne perlte über ihre Wangen herab. Der Vater 251 blickte mit einer Miſchung von Aerger und Angſt auf die Gruppe, aber das Vaterherz ſiegte.— Raſch trat er auf den Beamten zu, und ſagte:„Sie ſehen ſelbſt, welche Bewandt⸗ niß dieſe Sache hat; die Wendung, welche ſie nimmt, iſt mir nicht angenehm, aber ich leiſte Bürgſchaft für den jungen Mann.“— Der Beamte beſann ſich eine Weile, und erwiederte dann:„So ehrenwerth Ihre Bürgſchaft iſt, ſo kann ich ſie doch nicht annehmen, denn alle vorliegenden Umſtände bilden den ſchweren Ver⸗ dacht der Spivnerie, der auf dem jungen Manne ruht, und Sie wiſſen ſelbſt, welche Strafe dieſes Verbrechen nach ſich zieht.“— „Den Strick⸗, ſagte der Buchhalter, der die ganze Szene nicht recht begreifen konnte, gleich⸗ ſam mechaniſch, ohne etwas Arges dabei zu denken. Johanna hatte inzwiſchen mit aller An⸗ ſtrengung ihres Geiſtes ihre Sinne aufrecht⸗ erhalten, um jeden Strahl einer Hoffnung auf⸗ zufangen. Als ſie die unſeligen Worte hörte, die der argloſe Buchhalter ausſtieß, that ſie 252 einen furchtbaren Schrei und ſtürzte vhnmäch⸗ tig zuſammen. Verzweiflungsvoll knieete der Jüngling an ihrer Seite. Mit Thränen in den Augen eilte der Vater hinzu, knieete nieder, ſtreichelte ihre kalten Wangen und rief mit vor Schluchzen halb erſtickter Stimme:„Tochter meines Herzens, mein einziges Kind! Du ſollſt ihn haben, ich gebe meine Einwilligung, ich will ihn loskaufen, und ſollte es mich mein halbes Vermögen„ ſollte es mich mein Alles koſten. Schlage doch die Augen auf, und be⸗ trübe deinen armen Vater nicht ſo ſehr.“ Als der alte Diener dieſen Jammer ſeines gelieb⸗ ten und geachteten Herrn ſah, und das lieb⸗ liche Weſen, das er von der Wiege an gekannt und geliebt hatte, mit geſchloſſenen Augen, todtenblaß und ohne Regung auf der Erde lie⸗ gend erblickte, ging ihm das Herz über, und er weinte laut; dann trocknete er ſich die Thrä⸗ nen mit dem Aermel ſeines Rockes, trat zu dem Beamten und ſprach ſchluchzend:„Ach, lieber Herr, gebt ihn doch frei; ich will Euch all mein Eigenthum dafür geben, mag er doch 253 ſein was er will; ich kann den Jammer nicht länger mit anſehen. Während dieſer Zeit hatte der Knappe, über die Gartenmauer weg, je und je einen Blick auf die Fläche des Stroms geworfen. Nur einzelne Barken gleiteten über die Gewäſſer berab, und in ſchnellem Zuge an der Terraſſe vvrüber. Sein bisher freier Blick umwölkte ſich nach und nach, wiewohl faſt unmerklich; ſeine Blicke wurden häufiger und ungeduldiger, und er ſchien die vorüberfliehenden Minuten zu zählen. Der Beamte, inzwiſchen Herr ſei⸗ ner Theilnahme geworden, und ſeiner Pflichten eingedenk, gab mit noch unſicherer Stimme den Befehl, die Gefangenen abzuführen. Der Jüngling hörte ihn nicht, denn er hatte ſich, neben dem Vater ſeiner Geliebten, auf die Jungfrau hinabgebeugt, ihre entflohenen Lebens⸗ geiſter zurückzurufen. Der Beamte zögerte nachſichtsvoll. Der Knappe blickte abermals mit geſpannter Aufmerkſamkeit, als wollte er den Rand des Horizonts durchdringen, den Lauf des Strvmes aufwärts; ſein Geſicht färbte 254 ſich plötzlich höher, die alte Heiterkeit kehrte zurück und ein muthwilliges Lächeln ſpielte um ſeine Lippen.„Laßt ihm doch Zeit, ſprach er zu dem Beamten, die edle Jungfrau ins Le⸗ ben zurückzurufen, und von ihr Abſchied zu nehmen; wir ſind ja in Eurer Gewalt, und können Euch nicht entgehen.“— Der Beamte zuckte die Achſeln und ſagte:„Wäre es nicht beſſer, mein Freund, wenn Ihr aufrichtig die Wahrheit ſagtet; das könnte vielleicht zur Mil⸗ derung Eures Schickſals beitragen.“—„Ach! lieber Herr! verſetzte der Knappe, wir ſind ſo unſchuldig, als ein neugebornes Kind, und hoffen in Kurzem wieder frei zu ſein.“— „Glaubt Ihr alſo Beweiſe von Eurer Unſchuld beibringen zu können?“—„Die beſten von der Welt, lieber Herr. Vielleicht iſt der Bote ſchon unterwegs.—„Wie ſoll ich das ver⸗ ſtehen?—„Nun, ſo, lieber Herr, daß der Schuldloſe niemals verzagen, ſondern immer das Beſte hoffen ſoll. Wenn die Gefahr am höchſten, iſt die Hilfe am nächſten.“—„Die můßte ſich aber bald zeigen, erwiederte der 255 Beamte lächelnd, denn eben jetzt bin ich im Begriff, Euch ins Gefängniß abführen zu laſ⸗ ſen.“—„Ach, eilt doch nicht ſo ſehr, geſtren⸗ ger Herr. Seht Ihr dort jene lange Reihe von Booten?“—„Wohl ſehe ich ſie, ant⸗ wortete der Beamte, einen Blick auf den Spie⸗ gel des Waſſers werfend; ſie ſind mit Segel⸗ tuch bedeckt; was mögen ſie wohl führen?— „Vielleicht, lieber Herr, iſt Jemand darin, der Zeugniß für unſere Unſchuld ablegen könnte.⸗ —„Das müßte ein Bote vom Himmel ſein, der ſo ungerufen käme; aber, Freund, es ge⸗ ſchehen keine Wunder mehr.“—„Doch bis⸗ weilen, geſtrenger Herr, ſagte der Knappe lächelnd. Seht, da legt eben das erſte Bvot an.“— Aller Blicke richteten ſich nach dem Ufer. Eine ganze Reihe von Booten, in guter Ordnung den Strom herabfahrend, näherten ſich jetzt dem Ufer; ſie waren ſämmtlich mit Zelten von Segeltuch überdeckt, und man er⸗ blickte nichts auf ihnen, als vorne und hinten die Ruderer. Eben legte das erſte Bvot an 256 das Land an. Plötzlich rief der Knappe mit lauter Stimme:„Da kommen unſere Bür⸗ gen!“ riß dem nächſten Soldaten der Wache die Lanze aus der Hand, ſtieß ihn mit dem Schafte zu Boden und ſprang über ihn weg. Im Nu hatte er ſeinen Herrn gefaßt und von der Erde aufgeriſſen; auf die Barken am Ufer deutend, ſchwang er ſich mit ihm über die Mauer hinweg. In demſelben Augenblicke fie⸗ len die Segeltücher, mit den unter ihnen kra⸗ chenden Stangen, herab, und in jedem der Boote zeigte ſich eine Schaar Bewaffneter, deren Helme und Lanzen im Strahl der Mor⸗ genſonne glänzten. Ein hoher Mann in ſchim⸗ mernder Rüſtung, das funkelnde Schwert in der Hand, ſprang zuerſt an das Ufer. Da ließ ſich plötzlich eine furchtbare Stimme hören: „Das iſt der Schenk!“ und Ludwig Dran⸗ karets Rieſengeſtalt zeigte ſich unter den Mauern. Bovt an Boot landete an, und die Gewapp⸗ neten, mit ſchwerem Fußtritt, ſprangen ans Ufer, wohl vierhundert an der Zahl. Der Drankaret aber eilte durch die Gaſſen mit lautem, ſchrecklichem Ruf:„Feinde hie! Feinde hie! Zu den Waffen! Zu den Waffen! Der Schenk! Der Schenk!“ Und Männer und Weiber und Krieger ſtrömten aus den Häu⸗ ſern, und ſtürzten den Thoren der Feſte zu, ſich hinter ihren ſchützenden Wällen zu bergen, und Niemand, ſelbſt der Waffenmänner keiner, dachte an Gegenwehr, denn des Schenks Name war furchtbar in ganz Riederland. Und der Drankaret ſtund allein, und ſah ſie fliehen nach allen Seiten. Da ging er in ſein Haus, ſeinen Harniſch anzulegen, und ſein Weib eilte ihn zu wappnen. Da vernahm er den Angſtruf der Flüchtigen, und hörte des Schenks gebietende Stimme, die über ſeinen Schaaren waltete, und hörte den Schall der Kriegshörner und das Geſchrei der Männer, und ergriff ſein Beil und ſtürzte hinaus auf die Gaſſe, halb bewappnet, wie er war, und 22 ohne Helm. Und als er hinauskam und ſchaute um ſich, war der Schenk hinter ihm mit den Vorderſten ſeiner Krieger. Da eilte der Dran⸗ karet raſchen Laufes der Brücke zu, und ſeine Rüſtung raſſelte um ihn her, und hängte ſich an die Kette und zog mit Macht, die ſchwere Brücke zu heben, und vermochte es nicht— ein einzelner Mann, und ſchrie laut um Hilfe, aber Niemand hörte auf ſeine Stimme und flohen davon, denn der Schenk war da mit ſeinen Schaaren, und der Schrecken ſeines Namens ging vor ihm her. Und der Dran⸗ karet ſchrie in Verzweiflung auf, da er ſah, daß ſein Mühen vergeblich und Keiner ihm ſeinen Arm lieh; der Schenk aber eilte der Brücke zu. Da richtete ſich der Drankaret hoch auf, machte einen mächtigen Satz und hängte ſich an die Kette, mit dem ganzen Ge⸗ wicht ſeines Körpers, und rief den Beiſtand des Himmels an, und da eben der Schenk ſeinen Fuß auf ſie geſetzt, hob ſich die Brücke und ſchlenderte ihn in die Reihen der Seinigen zurück, der Drankaret aber hing an der 259 Kette im Harniſch und mit bloſem Haupte, mit ſeinem langen Bart und ohne Ohren, und war ſchrecklich anzuſchauen. Die Brücke aber hob ſich langſam, und die draußen ſtunden hörten die Ketten raſſeln, und bald lag ein gähnen⸗ der Abgrund zwiſchen ihnen und der Mauer. Und der Drankaret erſchien alsbald unter der Schießſcharte, und rief hinaus:„Schenk! Heute iſt der Tag, da dich der Drankaret bezahlen will,„ und hob die brennende Lunte, welche die Wache weggeworfen hatte, da ſie floh, und das gehackte Bley fuhr aus der Mündung des Geſchützes, Tod und Verderben in die Reihen der Feinde tragend. Und der Drankaret, die Lunte in der Hand, lief von Stück zu Stück, und die Mauern erbeb⸗ ten vom Donner des Geſchützes, und rief mit lauter, mächtiger Stimme:„Auf, auf ihr Männer! Hie iſt der Feind, und hie iſt der Drankaret!⸗ und die Gewaffneten eilten ibm zu. Der Schenk aber draußen ordnete die Seinigen und ließ Leitern bringen, die Mauern zu erſteigen. 260 Inzwiſchen ſaß Herr Zacharias nachdenk⸗ lich in einem Armſtuhle im Gartenſaale ſeines Landhauſes; der Knappe ſtund vor ihm mit der Mütze in der Hand. Jener betrachtete ihn ernſt und ſprach:„Verſpreche mir die Wahr⸗ heit zu ſagen in Allem, was ich dich fragen werde, denn an deiner Rede hängt das Glück meines einziges Kindes!«— Der Knappe er⸗ wiederte:„Seht mich nicht an um meiner Schalklaun willen, edler Herr, denn mein Herz iſt edel und ohne Falſch.“—„Sage mir, wie konnte dein Herr auf ehrlichem Wege zu dem Begleitungsſchreiben gelangen, das er mir überbracht hat?—„Lieber Herr, das will ich Euch aufrichtig erzählen: Wir kamen von den Ufern der Seine, und als wir in die Riederlande gelangten, trafen wir auf des Schenks Schaaren. Ihr b gewaltiger Hauptmann und a ührer er iſt, und daß der Ruf ſeiner Thaten tapfere Männer aus allen Landen zu ihm führt. So fanden wir nun von unſern Landsleuten bei ihm, franzöſiſche Proteſtanten, und mein Herr 261 fand von ſeinen Freunden etliche unter ihnen. Ihr wißt, daß Ludwig von Vergennes Eure Tochter liebt und Gegenliebe findet.— „Leider weiß ich jetzt gewiß, was ich früher nur vermuthete.“—„Sprecht nicht alſo, edler Herr, mein Gebieter iſt ein Biedermann und von untadelhafter Abkunft. Er vertraute einem ſeiner Freunde, daß er ausgegangen ſei, ſeine Geliebte zu ſehen. Nun hatten des Schenks Leute eben den Sohn des Hauſes van Brook auf ſeiner Reiſe angehalten; ſie verſprachen ihn einige Tage in Haft zu neh⸗ men, ohne ihm Leides zu thun, während wel⸗ cher Zeit mein Herr ſeine Papiere benutzen könnte, um verkleidet in Euer Haus zu ge⸗ langen. Ihr wißt, was die Liebe eines jun⸗ gen Mannes Alles wagt, und werdet ihm ſol⸗ ches nicht verdenken.“—„Wußte dein Herr von dem Ueberfall, den der Schenk auf dieſe Stadt beabſichtigte?—„Richt eine Sylbe, ſo wahr ich lebe.“—„Aber du wußteſt doch darum?% fragte Herr Zacharias ſchnell, und ſah den Knappen ſtarr an.—„Warum ſollte ich es jetzt noch läugnen! Ja, ich wußte darum. Der Schenk hatte mich kommen laſ⸗ ſen, und nachdem er mich ausgeforſcht, mir aufgetragen, die Feſte zu erkunden und ihm Nachricht zu ertheilen.“—„Thateſt du das?“ —„Wohl that ich es, denn ich bin ein fran⸗ zöſiſcher Proteſtant, und haſſe den katholiſchen Spanier. In der letzten Nacht landete hier ein kleiner Nachen mit des Schenks Boten, und ich hielt Zwieſprach mit ihnen im Mantel der Dunkelheit.,—„Du warſt von ihrer Ankunft unterrichtet?—„Ja, Herr! doch erwartete ich ſie früher, als ſie kamen. Ihrer Ankunft aber war ich gewiß, denn der Schenk hatte dem Oranier bei ſeiner Ehre geſchwo⸗ ren, die Feſte zu nehmen oder ſein Leben zu laſſen.,— Der alte Mann winkte dem Die⸗ ner zu gehen; er ſelbſt blieb in tiefem Nach⸗ denken ſitzen, und widerſtreitende Gefühle ar⸗ beiteten ſichtbar in ihm; endlich richtete er den Blick zum Himmel, und ſprach mit Ergebung: „Ich hatte andere Pläne; aber was iſt der Wille des Menſchen im Kampfe mit dem Schick⸗ 263 ſal? Die Reigung meiner Tochter hat ent⸗ ſchieden, und iſt ſie nur auf einen redlichen Mann gefallen— was will ich denn mehr, als das Glück meines einzigen Kindes!/ Ruhig erhob er ſich von ſeinem Sitze; draußen aber tobte der Sturm der Waffen, und wiederhallte das Geſchrei der Streiter. Der Schenk wich langſam zurück, nachdem die Hälfte der Seinigen gefallen. So oft er den Rücken kehrte, drängten ihm die Verfol⸗ ger nach mit lautem Geſchrei; aber ſie wichen ſcheu zurück, wenn er ſich umwandte zum Streit, denn Keiner nahte ungeſtraft dem funkelnden Schwert in ſeiner mächtigen Fauſt. Dar Dran⸗ karet allein, mit ſeinem Beile bewehrt, das vom Blut der Erſchlagenen triefte, und einen glänzenden Helm auf dem Haupt, aus der Beute eines feindlichen Hauptmanns, den er mit ſeiner Hand getödtet, ließ nicht ab von ihm, und ſtund ihm kühnlich im Streite Mann gegen Mann. Der Schenk aber wich nicht aus der Reihe ſeiner Krieger, und links und rechts deckten ihn ihre Lanzen. Da rief ihm 264 der Drankaret zu:„Iſt das der Schenk, der ſich hinter Schild und Lanze birgt? Scheuſt du den Kampf mit dem Drankaret?— Stolz erwiederte Jener:„Deß ſind deine Oh⸗ ren Zeuge. Hier aber bin ich Feldhauptmann,“ und warf die Augen rechts und links, und wachte über die Ordnung. Der Drankaret aber erhob ſeine Stimme über das Getümmel der Schlacht, und feuerte die Seinen an zum Streite, und wich nicht von den Ferſen der Feinde. Und da ſie an das Ufer des Stry⸗ mes kamen, naheten ſich die Bvote, und die Krieger ſtiegen hinein mit Ordnung„ wie ſie auf das Gebot ihres Führers aus dem Streite gingen, und blieben ihrer nur noch wenige am Ufer, unter ihnen aber in der hinterſten Reihe der Schenk, und ſtritt mit ſeinem Arm, und gebot mit ſeiner Stimme. Da drängte ihn der Drankaret heftiger, und hieb auf ihn mit ſeinem Beile, er aber achtete der Streiche nicht, denn ſein Harniſch war gut. Und nach⸗ dem der letzte Mann in den letzten Nachen getreten, da warf ſich der Schenk auf den 265 Drankaret, und ſtieß ihm den Dolch in die Seite zwiſchen den Fugen ſeiner Rüſtung, wandte ſich ſchnell und gewann mit mächtigem Sprunge den Rand des Schiffleins; ihm nach der Drankaret, und der Dolch ſtak in ſei⸗ ner Seite, und erfaßte ihn mit gewaltiger Fauſt, und der Rachen ſchlug um von dem Gewichte der Männer, und ſchlang ſeine Arme um ihn, und ließ ihn nicht los, und die Wel⸗ len färbten ſich von ſeinem Blute, und ſo ſan⸗ ken ſie Beide hinab in den Abgrund. — S S — — — — — S ₰ — — — — — — S S — 6 Wen man von den Ufern des Luzerner See's dem Laufe bes Emmenfluſſes aufwärts folgt, dann die Thäler hinaufſteigt, aus denen ſich der Entlifluß in die Emme ergießt, gelangt man in eine Landſchaft fruchtbarer Thäler und Berge, das Entlibuch genannt. Hier wohnt, in ſchönen Dorfſchaften und Gehöften, ein un⸗ verdorbenes Geſchlecht, groß von Geſtalt, freu⸗ digen Gemüths, hochfahrenden Sinnes, kräftig zur Arbeit, ſtolz und muthig in den Waffen. Zur Zeit, da der ritterliche Ingelram, Herr von Cvuch und Graf zu Spiſſons, um das Mitgift ſeiner Mutter willen Fehde erhob wider Albrecht und L eopold, Herzoge von Oeſterreich, lebte zu Flühli„unweit der Quelle des Entlifluſſes, ein biederer Landmann, Tho⸗ mas zum Acker genannt. Er war Meiſter des Hofes, bei ihm ſtund der Stier, der Wid⸗ der und Eber, Pflug und Wagen für alle Hu⸗ ben umher; wenn der Meyer des Herzogs auf 270 den Hof kam, nahm er Platz an dem reichlich beſetzten Tiſche des Landmanns, und der Lan⸗ desherr ſelbſt verſchmähte ſeines Hubmeiſters reinliches Bett nicht, wenn er ſeine vobern Lande beſuchte. Wenn im Frühling und Spät⸗ jahr die freien offenen Gerichte nach altgerma⸗ niſcher Sitte zuſammentraten, ſaß Thomas zum Acker unter den zwölf Richtern im Schat⸗ ten des Lindenbaums, und wenn die Huber auszogen, Landwehr zu thun, ging er als Schöffe voran im weißen Wambs und den Spies in der Hand. Vor der Thür ſeines ſtattlichen Hauſes, das bunt bemalt und mit frommen Denkſprü⸗ chen geziert war, ſaß Thomas zum Acker, und neben ihm, auf der ſteinernen Bank, Lu⸗ kas Merian, der ehrwürdige Prieſter von Flühli, und Konrad Suter, der Mei⸗ ſterſänger, und ſie ſprachen von vergangener und jetziger Zeit, von guten und böſen Tagen und von den Zeichen und Wundern, die am Himmel und auf der Erde geſchehen, das Nahen großer Ereigniſſe anzuzeigen, damit die Guten 274 im Glauben feſter beharren und die Bbſen ſich bekehren mögen von ihrem gottloſen Wandel; der alten Huber etliche aber, die ihr Erbe ih⸗ ren Kindern übergeben hatten, das Ende eines arbeitvollen Lebens im ruhigen Stübchen zu beſchließen, horchten ihren Worten, und be⸗ ſtätigten ihre Reden aus dem Schatze ihrer langen Erfahrung. Da ſprachen ſie von der großen Peſt, die, aus dem fernſten Aſien über Europa hereinbrechend„viele tauſend Menſchen hinweggerafft hatte, und wie bald darauf die Mordnacht in Zürich wider Rudolph Brun, den Bürgermeiſter, losgebrochen, und von dem großen Erdbeben, das in wenigen Minuten die Stadt Baſel zerſtört, und wie dann der Schrecken der Rotten des Cervola durch viele Lande ergangen, und wie nun wiederum der Geiſt im Schloſſe Balb erſchienen, den Kriegszug des mächtigen Coucy anzukünden, der aus der fernen Pikardie hervorbrach, ein Feldherr berühmter Helden, denen viele tau⸗ ſend Helme und Lanzen folgten. Zu derſelben Zeit ruhte der Krieg zwiſchen England und Frankreich, und die Kriegsvölker aus dem fernen Britannien, und die Kriegs⸗ knechte aus allen Landen, die um Lohn dien⸗ ten, trugen nur unwillig die Ruhe des Frie⸗ dens; da warb ſie Herr Ingelram von Cvucy fuͤr ſeinen Krieg gegen die Herzoge von Oeſterreich, und bald hatte ſich ein mäch⸗ tiges Heer um ſeine Fahnen geſammelt, denn wo damals ein freudiger Kriegsheld ſein Pan⸗ uer aufpflanzte, ſtrömten ihm die Bewaffneten zu Tauſenden zu. An der Spitze von vierzig⸗ tauſend Streitern zug Herr Ingelram über die Zabernſteige herab in das Elſaß, er ſelbſt voran mit fünfzehnhundert Helmen. Ihm folgte Iwan vp Eynion op Griſſith, ein bri⸗ tiſcher Held, der tapfere Enkel der alten Kriegs⸗ fürſten, die, den Waffen der Angelſachſen wei⸗ chend, über den Craygian⸗Eryri in die Thä⸗ ler von Wales zogen, die Freiheit ihres Volks hinter ſchützenden Bergen zu retien; mit ihm zogen Iwan von Velcaib und der Feld⸗ hauptmann Frant, hochgeſinnte Führer tapfe⸗ rer Schaaren; ſie zogen einher an der Spitze 273 ſechstauſend wohlgerüſteter Britten, ſchimmernd in Erz, mit vergoldeten Helmen, wohl verwahrt mit Harniſch und Beinſchienen, auf muthigen Roſſen, und über der funkelnden Rüſtung wallte der reiche Mantel der ſtattlichen Krieger. Wo irgend ein rüſtiger Krieger war, dürſtend nach Ruhm oder Beute, der zog zu Herrn Ingel⸗ rams Heer: viele Edle aus der fernen Bre⸗ tagne und Normandie, von den Küſten des Ozeans, die Kriegsknechte des Cervola, und hundert Ritter vom deutſchen Reich mit man⸗ cher guten Lanze. So zogen ſie das Land her⸗ auf, unwiderſtehlich durch Tapferkeit und Ord⸗ sung, denn ſie hielten ſtrenges Kriegsrecht über den Troß des Heeres; ſie verwüſteten nichts, dem Bauer nahmen ſie nur Brot und Wein, und gaben ehrlich Geleite dem, der es bei ihnen ſuchte; von Mannszucht und Ordnung erwar⸗ teten ſie Sicherheit auf ihren Zügen, und Glück in offenem Treffen wider die feindliche Macht. Da der Herzog Leopold keinen Widerſtand ſah gegen Herrn Ingelrams überlegene und ruhmgekrönte Waffen, legte er das Land wüſte, 274 die Feinde durch Hunger auszutreiben, und floh verzweiflungsvoll. Da zog der Coucy um St. Katharinentag des dreizehnhundert fünf und ſiebenzigſten Jahres das Land hinauf gen Baſel, und die Buͤrger dieſer Stadt ſahen drei Tage lang von ihren Mauern den Zug ſeiner Macht. So ſprachen die Männer, ohne Furcht noch Zagen, von dieſen Kriegsläuften, von der Pracht und Herrlichkeit dieſer fremden Kriegs⸗ helden und von der Noth der untern Lande; ſie aber hielten ſich ſicher und geborgen in ihren Bergen. Deß verwarnte ſie Konrad Suter, der Meiſterſänger, ſprechend die Reime eines alten Liedes: Lond keine fremden Gäſt ins Land, Thut ihnen allen Widerſtand. Kommt fremdes Volk einmal ins Land, Dann geht es übel euerm Stand! Da ſchauten ſie den Weg hinab gen Eſch⸗ limatt und ſahen einen Begharden herauf⸗ ſteigen, barfuß und mit bloſem Haupt, und ſein durchlöchertes Gewand flog im Winde; der blieb hart vor ihnen ſtehen und blickte ſie ſtarr an, und ſeine Augen funkelten aus ihren Höhlen, halb bedeckt von Haupthaar und Bart, und ſprach aus tiefer Bruſt in hohlen Tönen: „Siehe, ein munterer Jüngling des Gebirgs iſt hinabgezogen, die Braut zu rauben an den Ufern des Surſee's, aber ſchon hat ein ſtahl⸗ bedeckter Held ſie weggeführt aus Kuttwyl, und der Bräutigam mag ſie ſuchen im fernen Wallis, an den Ufern der Saverne; ihr aber ſitzt hier müßig und habt kein Herz für die Noth eurer Brüder! So möge der eigene Unſtern euch aufſchrecken aus eurer trägen Ruhe!« Und der Begharde wandte ſich, ſchüttelte den Staub von ſeinen Füßen und ging. Sie aber fuhren auf und erſchracken ſehr, denn Ully, Thomas Sohn, war hinabgezogen gen Kuttwyl, Liſy Melchthal, ſeine ver⸗ lobte Braut, zu ſehen, und alle Jünglinge am Surſee neideten ihn um die Jungfrau, denn ſie war ſchön und lieblich anzuſchauen; die 276 Jünglinge von Fluͤhli aber waren ſtolz, daß es einem aus ihnen gelungen war, das Herz der ſchönen Maid zu gewinnen, und ſie von ihrem Gehöfte wegzuführen in die Berge; das nannten ſie„auf einander rauben, wenn ein munterer Jüngling ein Weib von einem andern Hof auf den ſeinigen brachte. Und während die Männer verwirrt waren, und des Beg⸗ harden geheimnißvolle Worte nicht zu deuten wußten, da kam Ully eilends den Berg her⸗ auf, mit ihm der Junker Willfried von Werdenſtein und etliche rüſtige Jünglinge des Gebirgs, und der Zorn funkelte aus ihren Angen, und riefen laut zu den Waffen. Der ehrwürdige Pfarrer aber wehrte ihnen, als die kein Recht hätten, die Gemeinde aufzubieten, denn die Weisheit und Erfahrung des Alters ſitze im Rath, nicht der Ungeſtüm der Jugend, und begehrte von ihnen Kunde der Sachen; die gaben ſie, denn ſie waren gewöhnt von Ju⸗ gend auf, das Alter zu ehren. Iwan Velcaib, der Britte, war mit dreitauſend Lanzen das Land heraufgezogen, — 277 von Baſel über die Aar, den Fluß herauf bis Williſau an der Emme. Und da er nach Kutt⸗ wyll kam, trat er in das Haus Kaſpar Melchthals, der war ein begüterter Mann und Meiſter des Hofs, und ſah dort die ſchöne Liſy, ſeine Tochter, und entbrannte gegen die Jungfrau, und vergaß der ritterlichen Sitte und ſeiner Heldenehre, und führte ſie weg aus dem Hauſe ihrer Eltern, und achtete nicht auf des Vaters Bitten, noch auf die Thränen ih⸗ rer Mutter. Deß bekam Ully, ihr Bräu⸗ tigam, Kunde auf dem Wege, da er hinabging nach Kuttwyl, eilte zürnend zurück zu dem von Werdenſtein, der auf verfallener Burg haußte am Emmenfluß, ein armer Junker, doch alten Geſchlechts und ein ritterlicher Held. Und da der Ully zu ihm eintrat in die Halle, war er der Zunge nicht mächtig vor Eile und Haſt; der Junker aber ſchüttelte ihm die Hand und ſprach:„So du ein ehrlich Begehr haſt, wird dir der Werdenſteiner nicht ent⸗ ſtehen mit Schwert noch Lanze.“ Da erzählte ihm der Ully ſein Unglück, und alsbald zogen 278 ſie aus, Freunde zu ſuchen in der Noth, und wo ihnen ein rüſtiger Jüngling begegnete, ge⸗ ſellte er ſich zu ihnen, denn alle Männer des Gebirgs kannten ihren frendigen Muth und die Freundlichkeit ihrer Sitten. So kamen ſie nach Flühli, ſchon ein kleiner Haufe, muthig und rüſtig zum Kampfe; die alten Männer der Gemeinde aber pflegten Raths, und mit ihnen Herr Lukas Merian, der Pfarrer, und Konrad Suter, der Meiſterſänger; deß harrten die Jünglinge in Geduld. Und nach⸗ dem die Alten reiflichen Rath gepflogen, tra⸗ ten ſie in die Mitte der Jugend, und der ehr⸗ würdige Pfarrer that den Mund auf und ſprach alſo:„Es iſt Herr Ingelram von Coucy, der Kriegsherr des feindlichen Heeres, ein edler ritterlicher Held, der Gerechtigkeit übt gegen Freund und Feind, Iwan Velcaib, einer ſeiner Feldhauptleute, aber hat eine böſe That gethan. So laſſet uns nun unſer Recht ſuchen, wo es zu finden; und wenn wir es nicht erlangen mit Frieden, ſo wird der Herr unſere Waffen ſegnen im ehrlichen Streit.“ 279 Deß war alles Volk wohl zufrieden, und Tho⸗ mas zum Acker gürtete ſeine Lenden, und zog hinab gen Kuttwyl, mit ihm ſechs alte Männer des Raths, ohne Waffen und allein mit ihren Stäben in der Hand, denn ſie wa⸗ ren Boten des Friedens; die Jünglinge aber theilten ſich und gingen über den Kant in das Land Unterwalden und hinab an den Luzerner See, und über unwegſame Berge gen Thun und in das Berner Gebiet, Hilfe tapferer Arme zu ſuchen für den Fall der Noth, da Gott für ſei. Da nun die Boten des Friedens hinabkamen an den Emmenfluß, ſahen ſie das ganze Thal erglänzen von dem funkelnden Stahl der Har⸗ niſche und Helme, welche die Sonne beſchien, denn eben hielt Jwan Velcaib Heerſchan über ſeine Schaaren; und ihre Augen erblin⸗ deten faſt vor dem Glanz und Schimmer, und ſtaunten über die Unzahl der Krieger und über die Pracht ihrer Waffen und über ihre muthigen Roſſe, denn ſie waren einfache Hirten des Gebirgs, in ſchlichter Sitte aufgewachſen, und 280 nie hatten ſie Aehnliches geſehen. Die Reiſigen aber waren in zwei Schaaren getheilt, die trie⸗ ben Waffenſpiel und kriegeriſche Uebung, bald einzeln gegen einander fechtend mit Schwert und Lanze, bald in Haufen, alſo daß der Erdboden unter den Hufen ihrer Roſſe er⸗ dröhnte. Darob erſtaunten die Landleute, doch fürchteten ſie ſich nicht. Da nun das Waffen⸗ ſpiel zu Ende ging, traten ſie vor Jwan Velcaib, den Feldhauptmann; der ſaß auf ſeinem hohen Streitroſſe, das in die goldenen Zügel ſchäumte, und ſtolze Federn nickten von ſeinem glänzenden Helm, und ein purpurner Mantel floß über die reiche Rüſtung hinab, und um ihn her harrten Ritter und Edelknechte, und der Troß der Diener ſeines Winks; ſie aber traten vor ihn, im einfachen Kleide, ſie⸗ ben ſchlichte Männer des Gebirgs, ehrerbietig, wie ſich ziemte, doch voll edeln Selbſtgefühls. Und Thomas zum Acker nahm das Wort und ſprach alſo feſt und beſcheiden:„Edler Herr! Ihr ſeid heraufgezogen in dieſes Land um gerechter Sache willen mit einem ſtreit⸗ 281 baren Heer, und der Ruf Eurer Thaten iſt vor Euch hergegangen, und es iſt uns Kunde geworden, daß Ihr, ſo ſurchtbar den Feinden, der Wehrloſen und Friedſeligen ſchont. So kommen wir denn zu Euch voll Vertrauen und ohne Waffen, als zu ſolchen, die kein Unrecht thun wollen wiſſentlich, und Jeglichem Rede ſtehen, der ſie um das Recht mahnt. So wiſ⸗ ſet denn, edler Herr, daß Liſy Melchthal, die Jungfrau, die Ihr aus ihres Vaters Hauſe entnommen, die verlobte Braut iſt Ully's von Flühli; ich aber bin ſein Vater, Tho⸗ mas zum Acker genannt. So hoffen wir denn, da Ihr nun folches wiſſet, daß Ihr die Jungfrau frei und ledig geben werdet, denn ſie iſt eine verlobte Braut.“— Herr Jwan Velcaib vernahm Ihre Worte und ſah ſie verwundert an, um ihrer ſchlichten Sitte und einfachen Rede willen, und ſie harrten ruhig ſeiner Antwort. Da that er den Mund auf und ſprach:„Ihr Männer, liebe Freunde! Meine Heimath iſt im fernen Wallis, und ich habe das Meer durchſchifft, und bin durch viele 282 Lande gezogen, und habe vieler Frauen Schön⸗ heit geſehen, aber keine hat mein Herz gerührt, wie dieſe Jungfrau; und ich habe ſie mit mei⸗ nem guten Schwerte gewonnen, denn dem Mächtigen gehören Land und Leute, und ich will ſie behalten und mit mir führen in die Berge meiner Heimath.“— Da gegenredete Thomas zum Acker:„Richt alſo, edler Herr, denn Ihr ſeid ein chriſtlicher Held, und werdet nicht wiſſentlich Unrecht thun dem Schwachen und Geringen, auf daß Ihr ein reines Gewiſſen bewahren möget, und der Herr Sieg verleihe Euern Waffen. Doch wollen wir Euch ein Löſegeld geben für die Jungfrau nach der Schatzung biederer Männer.“— Da funkelten Herrn JIwan Velcaibs Augen in dunkler Zornesgluth, und ſeine mächtige Don⸗ nerſtimme ertönte in folgenden Worten:„Nicht um Gold und Silber zieht Jwan Velcaib ſein Schwert, der Enkel vieler Fürſten; die Schönheit aber hat ſein Herz beſiegt. Der Sieger führt die Beute heim, die er mit ſei⸗ nem guten Schwert gewonnen; hier aber ſehet —— 283 ihr dreitauſend Lanzen in der Sonne glänzen, und ſo ihr ſie beſiegt, mögt ihr die Braut entführen.. Da blickten die biedern Männer auf, und da ſie das zahlloſe Kriegsvolk ſahen, von dem das ganze Thal erfüllt war, und die muthigen Blicke der Männer unter dem fun⸗ kelnden Helmſtutz, und da ſie das Raſſeln der ehernen Rüſtungen und das Wiehern der feu⸗ rigen Roſſe hörten, umwölkte ſich ihr Antlitz, und verzweifelten faſt ihrer gerechten Sache. Thomas zum Acker aber ſchwieg lange, ſein Gemüth zu ſammeln; dann hob er ſeine Augen zu Iwan Velcaib, dem Feldhaupt⸗ mann, und entgegnete beſcheiden:„Richt übermüthigen Herzens ſind wir ausgegangen, zu hadern mit einem mächtigen Kriegsfürſten, ſondern als Männer, die ihr Recht in Demuth ſuchen. Wohl glänzet das Feld umher von dem Schimmer der Waffen kriegeriſcher Schaa⸗ ren, und wir ſind nur arme Hirten des Ge⸗ birgs; der Herr im Himmel aber kann den Sieg verleihen, wem er will. Und ſie neig⸗ ten ſich, ehrerbietig grüßend, und gingen ſtill voo dannen. Herr Iwan Velraib aber ſchaute ihnen nach, und wollte ihn faſt gereuen ſeiner That, da er ſie alſo hinziehen ſah, in der Demuth ihres Herzens, und voll Ver⸗ trauen auf die Gerechtigkeit des Himmels, denn er war ein edler Held. Jene aber zogen das Land hinab, über Zo⸗ fingen und Aarburg, in die Stadt Aarau, Recht zu ſuchen bei Herrn Ingelram von Coucy, dem Fürſten des Heeres; und kamen durch viele Schaaren des Kriegsvolks, und die Kriegsknechte ſpotteten ihrer ſchlichten Weiſe und einfachen Kleidung; ſie aber gingen ſchwei⸗ gend vorüber. Und Herr Ingelram war ein edler Held und hochgeſinnter Fürſt, der die Gerechtigkeit liebte, und hörte die Klagen des Volks; da traten auch die ſieben Aelteſten aus Entlibuch vor ihn, und erzählten das Unrecht, ſo ihnen geſchehen, und ſuchten ihr Recht bei ihm, als dem Fürſten des Heeres. Da ver⸗ finſterte ſich Herrn Ingelrams Angeſicht, denn Jwan Velcaib war ein mächtiger Feldhauptmann in ſeinem Heer, und ſeine ———— 285 Schaaren waren ihm unterthan, und dienten nicht um Lohn, und mochte ſie führen, wohin er wollte; doch jammerte ihn der armen Hir⸗ ten, denn er war edlen Gemüths, und ver⸗ tröſtete ſie mit freundlichen Worten und be⸗ ſchied ſie auf den dritten Tag. Da ſie nun vor ihn traten zur Stunde, wie er ihnen ge⸗ boten, blickte er ſie mitleidig an und ſprach: „Mich jammert euer, biedere Männer, denn ihr habt gerechte Sache, doch kann ich euch nicht helfen, denn Iwan Velcaib hat ſein Herz verſtockt gegen meine Bitte und Ermah⸗ nung. So ziehet denn heim in Frieden, ich aber waſche meine Hände in Unſchuld.“ Ihm entgegnete Thomas zum Acker:„Edler Herr! Seid Ihr nicht ein Fürſt dieſer Schaa⸗ ren? Warum ſchützet Ihr nicht den Schwachen gegen das Uurecht, ſo ſie ihm thun?⸗ Da ſprach zu ihm der Coucy:„Guter Mann, du biſt aufgewachſen in der einfachen Weiſe deiner Väter, und kennſt nicht den Preis, um den Fürſten Krone und Zepter tragen. Du ſiehſt mich hier ſitzen in der Fülle meiner 286 Macht, der dir gern helfen möchte, und mein Herz blutet, und vermag es doch nicht, denn das iſt das ſchwere Loos der Fürſten, daß ſie des Einzelnen nicht achten können um des Gan⸗ zen willen. Gerne möchte ich meinen Zepter vertauſchen mit deinem Hirtenſtabe, aber der Herr hat mir eine Krone auf das Haupt ge⸗ ſetzt, und ich muß ſie tragen. Da hob Thomas zum Acker ſeine Blicke in die Wolken, und ſprach mit Ergebung in den Willen des Himmels:„So keine Hilfe zu finden iſt bei den Menſchen, ſo müſſen wir ſie bei dem ſuchen, der oben über den Sternen waltet.“ Und die Hirten neigten ſich ehrer⸗ bietig vor dem Fürſten, und zogen ihres Wegs in das Gebirge. Da nun die Kunde ihrer Rückkehr vor ihnen herging, zog ihnen viel Volks entgegen, als ſie die Ufer des Entlifluſſes heraufſtiegen; ſie aber ſetzten ihren Stab weiter und ſchwiegen, und das Volk war ſtill und fragte ſie nicht, weil es die Alten in der Gemeinde ehrte. Und da ſie nach Flühli kamen, gingen die ſieben 287 Männer ein Jeglicher in ſein Haus und aßen, und Keiner aus ihrem Hauſe fragte ſie um ihre Botſchaft, denn alſo ehrte man zu jener Zeit die Häupter der Familie. Hierauf riefen ſie die Aelteſten zuſammen unter den Baum des Gerichts. Das Volk aber ſtund von ferne, und harrte geduldig ihres Raths. Da nun die Boten ihre Botſchaft verkündet hatten, riefen die Aelteſten die Gemeinde zuſammen; Thomas zum Acker aber und alle Angehö⸗ rigen ſeines Hauſes traten auſſerhalb des Rin⸗ ges, als die nicht in eigener Sache berathen wollten. Und einer der Boten verkündete die Botſchaft, und wie ſie kein Recht zu erwarten hätten im Wege des Friedens; da ſchwieg alles Volk; etliche der Jünglinge aber ſchauten um ſich, und ſahen Ully, Thomas Sohn, auſſer⸗ halb des Ringes ſtehen, und ſeine Augen ſtarr⸗ ten aus ihren Höhlen, und ſein Angeſicht war entſtellt, als eines Mannes, der ſeinen Schmerz bezwingt, der ſein Herz zerſprengen will, er⸗ barmten ſich ſeiner und riefen laut zu den Waffen; da ſtimmte alles Volk mit ihnen ein, 288 und war ein großes Geſchrei vieler Männer⸗ ſtimmen, das in den Bergen wiederhallte. Da trat Thomas zum Acker in den Ring, und Alle ſchwiegen und horchten auf die Worte des alten Mannes; der ſprach mit lauter und ver⸗ nehmlicher Stimme:„Da ſei Gott für, bie⸗ dere Männer, daß ich um eines der Meinigen willen den Frieden dieſer Thäler und Berge ſtören ſollte. Darum bedenket wohl, was ihr thut, denn der Feinde Zahl iſt groß, und ſind tüchtige Kriegsleute mit Schwert und Lanze und eherner Rüſtung, unſer aber ſind wenige mit unbedeckter Bruſt, und alle unſere Hoff⸗ nung ſteht allein auf dem muthigen Sinn und der Kraft unſerer Arme. Da ſchwieg alles Volk, und ein muthiger Mann trat mitten in den Ring und rief mit lauter Stimme:„Sind wir nicht ein Körper und eine Seele, und wer eines unferer Glieder verletzt, iſt unſer Aller Feind!/ hob ſeine Hand auf und ſtimmte für die Landwehr; dem folgten alle Hände der Männer und Jünglinge umher, und jauchzten laut und riefen zu den Waffen. 289 Am andern Morgen früh, da die Sonne aufging, eilten flinke Jünglinge über das Ge⸗ birg, die Fehde anzuſagen wider den Ueber⸗ muth fremder Söldner; ſie gingen freudigen Muthes und ſicheren Schrittes am ſchauervollen Rande finſterer Tiefen hin, auf zerriſſenen Pfaden, wo kaum der Fuß des Menſchen wan⸗ deln kann, über den Kander nach Unterwal⸗ den, und in das Mühlithal, und an die Quel⸗ len der Aar, und folgten ihrem Laufe bis wo ſie ihre ſtürmiſchen Waſſer in die See'n von Brienz und Thun ergießt, und überall fanden ſie tapfere Herzen und hilfreiche Arme, und alle Haufen zogen über die Berge herab an den Emmenfluß, da wählten ſie Willfried von Werdenſtein zu ihrem Feldhauptmann. Ully aber ſaß am Ufer der Emme, einſam auf einem Geſtein, und gedachte des Räubers ſeiner Verlobten, und ſein Zorn entbrannte und freuete ſich des nahenden Kampfes, und um⸗ faßte mit kräftiger Fauſt das mächtige Schlacht⸗ ſchwert und drückte ſeine Stahlhaube tiefer auf das Haupt; und gedachte wiederum der Hold⸗ 13 290 ſeligkeit der ſchönen Liſy, ſeiner Braut, und ihrer Beider Liebe und der frohen Stunden, die ſie zuſammen in Unſchuld verlebt, und wie es nun anders war, und wie er nun um ſie kämpfen ſollte in hartem Streit, und konnte umkommen in der Schlacht und ihr Angeſicht nie wieder ſehen, da ließ er den Griff ſeines Schwertes los, faltete die Hände und blickte ſtumm in die Fluthen des Waſſers, und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen, und ließ ſie rinnen und ſchämte ſich ihrer nicht, denn ein Held mag ſich weichen Gefühlen hingeben, weil er weiß, daß ihm die Kraft nie fehlt in der Stunde der Gefahr. Da plötzlich erhob ſich der Jüngling raſch vom Boden, warf den Schild auf den Rücken und ging eilenden Schrit⸗ tes, dem Lauf der Emme ſolgend, hinab des Wegs gen Williſanu, und ward nicht müde und kam durch viele Schaaren der fremden Krieger, und achtete ihrer kaum, denn ſeine Seele litt Pein und hatte nur Einen Gedanken; ſie aber blickten ihm verwundert nach, denn er war ein ſtattlicher Mann, von hohem Wuchs und brei⸗ 294 ten Schultern, und ſchritt kriegeriſch einher in ſeiner einfachen Rüſtung. Und da Ull y in das Thor der Stadt kam, fragte er nach Jwan Velcaib, dem Hauptmann der Britten, und einer der Krieger brachte ihn vor ihn. Iwan Velcaib aber trat eben unter die Thür ſei⸗ nes Hauſes, ſein Schlachtroß zu beſteigen, und ſeine Rüſtung glänzte von Gold und Silber, und war ein ſtattlicher Held; da richtete ſich Ully hoch auf, ihm entgegen zu treten, und war eines halben Kopfes höher denn Jener, ſtützte ſich auf ſein langes Schwert, blickte kühn in des Feindes Auge und ſprach:„Biſt du Jwan Velcaib, der Britten Feldhaupt⸗ mann?—„Ich bin's; was willſt du von mir, Jüngling? entgegnete Herr Iwan, und be⸗ trachtete mit Wohlgefallen die hohe und trotzige Geſtalt des Hirten. Dieſer antwortete ihm: „Höre mich, Iwan Velcaib, ich bin Ully, Thomas zum Acker Sohn, aus Flühlt im Gebirge, du aber biſt der Räuber meiner ver⸗ lobten Braut; und ſechshundert biedere Män⸗ ner aus Entlibuch und von jenſeits der Berge 292 ſind mit mir ausgezogen, ſie wieder zu gewin⸗ nen, die ſtehen an den Ufern der Emme. So ziehe du nun hinauf von Williſau, und wir wollen herabziehen bis zum Büllisholz, uns zu begegnen in ehrlichem Streit.“— Ihm erwiederte Herr Iwan:„Deß bin ich wohl zufrieden, und ſo du mich tödteſt, haſt du die Braut wieder gewonnen mit der Schärfe dei⸗ nes Schwertes, und magſt ſie heimführen.“ Da blickte der Jüngling gen Himmel und ſprach: „Dazu möge mir der gerechte Gott helfen und mein gutes Schwert! Nun aber, ſo du ein edler Ritter ſein willſt, laſſe mich das An⸗ geſicht meiner verlobten Braut ſehen, auf daß ſich mein Herz an ihrem Anblick ſtärke, bevor ich ausziehe zum Kampf auf Leben und Tod.“ Ihm erwiederte der ritterliche Held:„Nie hat Jwan Velcaib eine gerechte Bitte ver⸗ ſagt,“ trat zurück in die Halle und winkte der Diener einem. Da ſchritt die Jungfrau in die Halle, und der Glanz ihrer Schönheit war zwiefach erhöht durch den Flor der Schwermuth⸗ womit ihr trauerndes Herz ihn umzogen, und 293 da ſie Ully erblickte, that ſie einen lauten Schrei, flog ihm entgegen, blieb ſcheu ſtehen in der Mitte des Weges, blickte hoch erröthend umher, und ihre Augen füllten ſich mit Thrä⸗ nen. Ihr entgegen trat der Jüngling, faßte ihre Hand, blickte ihr ins Auge, ſchwieg lange und bezwang ſeinen Schmerz, und ſprach mit feſter Stimme:„Sei getroſt, Liſy, und hoffe auf den Beiſtand des Himmels, denn wir ſind ausgezogen, dich zu erretten aus der Hand des Unrechts; ſo aber der Herr nicht mit uns iſt, ſo will ich ſterben in gerechtem Streit.. Da weinte die Jungfrau laut, ſcheute nicht den Blick der Männer umher und umſchlang den Jüngling mit beiden Ar⸗ men. Da erglimmte in Herrn Jwan Vel⸗ caibs Augen die dunkle Gluth der Eiferſucht, doch die Uebung ritterlicher Tugenden hatte ihn gelehrt, ſeine Leidenſchaften zu bezähmen, auf daß der Ruhm ſeines Namens unbefleckt bleibe vor den Augen der Welt, trat auf ſie zu und ſprach:„Scheidet, und dem Sieger ſei die Beute! Du aber, Ully, betrachte 294 mich wohl, daß du mich kennen mögeſt in der Schlacht, und ſuche mich in den vorderſten Reihen.—„Da wirſt du mich ſinden, ent⸗ gegnete der Jüngling, und dieſes Band auf meiner Stahlhaube ſei dir ein Zeichen, daß ich's bin,„ ſprach's und nahm das bunte Band, das von dem Mieder der Jungfrau flat⸗ terte, wandte ſich und ging. Ihm nach ſchaute Jwan Velcaib, und da er ſeine Augen wegwandte von dem trotzigen Jüngling, und ſah die Thränen der Jungfrau fließen und ihre Wangen von Kummer gebleicht, gedachte er in ſeinem Herzen des Unrechts, ſo er gethan; ſeine Zuͤge aber wurden heiter und herriſcher ſein Blick, denn der Stolz verhärtet das menſch⸗ liche Herz, und Unrecht erwächst zur Sünde, wo chriſtliche Demuth fehlt. Do Ully zu den Seinen zurückkam, lager⸗ ten ſie vor Herrn Peters von Dorren⸗ berg feſter Burg, deren Mauern und Thürme trotzig herabſchauten in das Thal, und die Brücke war aufgezogen und die Pförtlein wohl verſchloſſen, denn der Adel barg ſich in ſeinen Schlöſſern und die Buͤrger hinter den Mauern ihrer Städte vor den gewaltigen Maſſen des fremden Volks; die Hirten des Gebirgs aber konnten ihnen nichts entgegenſetzen, als ihren unbezwungenen Muth und die nackte Bruſt. Unverwandt blickte der von Werdenſtein hinauf zu den Zinnen der Burg, da ſah er ein buntes Tüchlein vom hohen Söller wehen in ſchneeweißer Hand, es war Ida, Herrn Pe⸗ ters Tochter, die ihm winkte zum ſchmerzli⸗ chen Abſchied. Da eilte der Jüngling mit behenden Füßen und ſicherm Tritt die ſteilen Felſen hinauf, und da er den Vorſprung er⸗ reicht hatte und aufwärts blickte, war das Tüchlein verſchwunden und die ſchneeweiße Hand, aus der es geweht, und auf dem Sbller ſtand Herrn Peters von Dorrenberg lange Ge⸗ ſtalt im ledernen Koller und blickte finſter herab in das Thal, und da er den von Werden⸗ ſtein gewahrte, rief er ihm ſpottend zu:„Die Mauern von Dorrenberg ſind zu hoch für den Hauptmann der Bauern, ſuche dir eine Braut unter den Dirnen deiner Hirten.“ Da ſchwieg 296 der Jüngling verwirrt, eine mächtige Stimme aber erſchallte an ſeiner Seite:„Peter von Dorrenberg, höre auf mich und merke auf meine Worte! Du ſchlieſſeſt dich ein in die Mauern deiner Burg und haſt kein Herz für die Noth deines Landes, wir aber ziehen aus den Feind zu ſchlagen, und ſo uns der Herr Sieg verleiht, ſo wollen wir umkehren zu der⸗ ſelben Stunde und deine Burg brechen, und den Stolz deines Herzens demüthigen, auf daß du die Hirten des Gebirgs kennen lerneſt.⸗ Alſo ſprach Ully. Herr Peter aber lachte und rief:„Deß bin ich wohl geborgen, denn Iwan Velcaibs Lanzen werden Euch die Mühe erſparen, und nach der Schlacht will ich hinab ziehen, die Stätte zu ſehen, da ihr be⸗ graben lieget.“ Als die muntern Jünglinge des Gebirges den Hohn hörten, liefen ſie die Felſen hinauf, alsbald die Mauern zu brechen. Ully aber wehrte ihnen, wandte ſich zum Dorrenberger und ſprach:„Wenn die fremden Söldner erſchlagen ſind, will ich dir den Hübel zeigen, unter dem ſie begraben lie⸗ 297 gen, denn der Herr wird den Uebermuth dei⸗ nes Herzens ſtrafen, der du ein Feind deines Landes biſt!« Da wandte ſich die Schaar, zog die Emme hinauf und kam vor die Mauern der Stadt Luzern, und die Thore waren geſchloſſen, von den Thürmen und Wällen aber blickten die Bürger herab und ſahen den Zug der Hirten und klagten laut, daß ihrer ſo wenige waren gegen die Macht des Feindes, und durften ihnen nicht helfen, denn der Rath der Ge⸗ meinde hatte es verboten, und ſollten allein die Mauern der Stadt wahren. Da nun die Hirten vorüber zogen, Herr Lucas Merian, der Pfarrer, voran mit dem Kreuz, und waren ſo freudig zum Streit und lieſſen das Schlacht⸗ horn ertönen; da erſcholl von den Mauern der Stadt ein lautes Wehklagen um die biedern Männer, und konnten ihr Herz nicht bezwin⸗ gen, und achteten nicht ferner des Gebots der Gemeinde, und viele muthige Jünglinge ſpran⸗ gen über die Mauern herab, folgten dem Zug und wurden als Brüder empfangen. Da die Sonne aufging, fanden ihre erſten 298 Strahlen die Männer von Entlibuch gelagert auf einer waldbewachſenen Höhe, das Büttis⸗ holz genannt, und zu ihren Füßen lagen die hellgrünen Waſſer des Surſee, und ſie ſchauten links hinab gen Williſau und ſahen die erſten Lanzen der Feinde in der Morgenſonne glänzen. Da pochten ihre Herzen, denn es war eine ernſte Stunde und die Würfel lagen zu Leben und Tod. Herr Lucas Merian aber erhob das Kreuz in ſeiner Hand und ſprach mit lau⸗ ter Stimme, daß Alle ſie hörten:„In dieſem Zeichen wirſt du ſiegen! Der Herr kann Viele ſchlagen durch Weniger Hand, ſo er will; wir aber ſtreiten in einer gerechten Sache, ſo wird der Himmel mit uns ſein. So demüthiget euch denn im Staube vor dem, der Sieg verleiht!“ Da knieten die Männer rings umher nieder und beteten ſtill und inbrünſtig zu dem Gott der Heerſchaaren, der ehrwürdige Prieſter aber rief laut mit den Worten Davids des Pſal⸗ miſten:„Jene verlaſſen ſich auf Wagen und Roſſe, wir aber denken an den Namen des Herrn unſers Gottes. Da kamen die vorder⸗ 299 ſten Schaaren des Feindes an den Fuß des Hügels, und einzelne der Reiter ſprengten vor, ſchwenkten ihre Lanzen, tummelten die Roſſe, höhnten mit lauter Stimme das arme Häuflein der Hirten, und ſie entbrannten in Zorn, woll⸗ ten ſtraks hinablaufen gegen den Feind, aber der Werdenſtein, ihr Feldhauptmann, wehrte ihnen und ſie gehorchten ſeiner Stimme, wie ſie geſchworen. Und einer der Ritter, im glänzenden Harniſch und auf muthigem Streit⸗ roß, ſprengte den Hügel herauf, ſchmähte die Männer des Gebirgs, rief herüber:„Wo iſt nun euer Muth, da ihr den Feind ſehet? Zie⸗ het herab und zeigt, daß ihr Männer ſeid!⸗ Die Hirten aber ſchwiegen und hielten ſich ſtill, wie ihnen ihr Hauptmann geboten. Da ſpreng⸗ ten der Feinde mehrere heran, tummelten ihre Roſſe, ſchrieen mit Hohn:„Die Weiber von Entlibuch ſind ausgezogen, haben die Männer daheim gelaſſen an der Spindel.⸗ Da vermochte kaum der Führer Mahnung, den Zorn der Hirten zu ſtillen, daß ſie nicht hinab fielen auf den Feind. Es war aber unter ihnen ein großer ſtarker Mann, Hans im Wald ge⸗ nannt, mit dem Zunamen der Bär, denn er wohnte hoch oben im Gebirge, wo man hinab⸗ ſteigt gegen den Sarnenſee, und hatte einen wilden Bären bezwungen allein mit der Kraft ſeiner Arme, der über ihn fiel, da er ohne Waffen war; der trat vor, ſchrie mit mächti⸗ ger Stimme:„Iſt Einer unter Euch, ſo mit mir kämpfen will, der ſoll zur Stunde erfah⸗ ren, vb ich ein Weib bin!⸗ Da ſprengte ein tapferer Reiter heran, ſtieg vom Roſſe, ſtand da geharniſcht vom Kopf bis zum Fuße und glänzte in ſeiner Rüſtung; ihm entgegen trat Hans im Wald, einen Morgenſtern in ſei⸗ ner Hand, ein Brettlein als Schild um den linken Arm gebunden und mit unbedecktem Haupt. Jener aber ſah ihn an mit Verach⸗ tung und ſprach:„Wie magſt du mit mir kämpfen alſo waffenlos, wie du biſt!, Ihm„ erwiederte der Hirte:„Mit Gott will ich dich wohl beſtehen! Da begannen ſie den Kampf, die Andern aber hielten ſich ſtille auf beiden Seiten und harrten des Ausgangs. Und der 30¹ Geharniſchte ließ jein glänzendes Schwert durch die Luft ſauſen, der Hirte aber wich den Strei⸗ chen aus mit behenden Füßen, und da Jener ermüdet war, überlief er ihn, umſchlang ihn mit ſeinen gewaltigen Armen, alſo daß er ſich nicht rühren konnte, trug ihn herüber zu den Seinen, warf ihn mitten unter ſie, daß die Erde von dem Gewicht der Rüſtung und des Mannes erzitterte. Da jauchzten die Hirten laut, und ihr Geſchrei wiederhallte in Berg und Thal. Zur ſelben Stunde aber zog der Gewalthaufe des Feindes heran, und man hörte das Wiehern ihrer Roſſe, und ſah den Glanz ihrer Rüſtungen im Strahl der Sonne, und die Hirten blieben ruhig und lagerten auf dem Boden. Herr Jwan Velcaib aber durch⸗ ritt ſeine Schaaren und ordnete ſie im Blach⸗ feld zur Schlacht, blieb halten und harrte des Angriffs. Da er nun ſah, daß der Feind ſtille ſei, ließ er ſie zurückziehen, ihn hinab zu locken in die Ebene; die Hirten aber rührten ſich nicht. Da ſchmetterten die Trompetten, und die Ritter ſaßen ab und gaben ihre Roſſe den S2 Troßknechten, und Herr Jwan ordnete den Kern ſeines Heeres zum Angriff. Dieſes ſahen die Hauptleute des Hirtenvolks, gingen ſtill durch ihre Haufen, ermahnten die Ungeduldi⸗ gen, das Zeichen abzuwarten zum Streit. Da zogen die Britten die Höhe herauf in dichter feſter Ordnung, Mann an Mann, mit vorge⸗ haltenem Schild, und die Spitzen ihrer Lanzen ragten hervor bis vom vierten Glied; der Glanz ihrer Waffen keuchtete im Strahl der Sonne und die Erde erbebte von ihrem gehar⸗ niſchten Fußtritt. Die Hirten auf der Höhe aber lagen betend auf ihren Knieen. Da plötz⸗ lich ertönte ihr Schlachthorn mit mächtigem Schalle, und ſie fielen hinab auf den Feind, ein jeglicher Haufen in ſpitziger Ordnung, und in vollem Laufe kamen ſie an den Feind. Da brach ſich ihr Ungeſtüm an der undurchdring⸗ lichen Mauer der feindlichen Speere, wie die Brandung des empörten Meeres vergebens an⸗ ſchlägt an die Felſen. Um ſo zorniger aber ſtritten ſie, ſich Bahn zu brechen in den Feind, gleich dem Waldſtrom ihres Gebirgs, der un⸗ 303 widerſtehlich hinabbrauſſt in die Tiefe, ſchlugen mit ihren Schwertern und Streitärten auf die Lanzen der Feinde mit mächtiger Fauſt, ach⸗ teten nicht Tod und Wunden, und die Hin⸗ terſten drängten nach, feuerten die Streiter an mit ihrer Stimme. Da ſtarben viele freudig und gaben ihr Leben hin für den Sieg ihres Volkes, zerriſſen mit Gewalt die feindliche Ordnung, brachen die Reihen und ſchlugen den Feind. Da herrſchte grauſe Verwirrung, und war rings umher ein Feld des Todes, und die Männer ſtritten einzeln, und war keine Ordnung mehr, und viele der Geharniſchten ſtürzten zu Boden unter dem Gewicht ihrer Rüſtung und konnten ſich nimmer erheben; die Hirten aber, leicht bewaffnet, drangen weiter, und da die Troßknechte dieſes ſahen, flohen ſie davon mit den Roſſen. Da hörte Ully Herrn Iwan Velcaibs Stimme, wie er die Seinigen mahnte zum Streit, brach ſich Bahn und ſtand ihm gegenüber, und des Britten Schwert fuhr ziſchend durch die Luft und ſpal⸗ tete den Schild des Hirten; der faßte ſein 304 Schwert mit beiden Fäuſten, rief den Gott der Heerſchaaren an, gedachte ſeiner verlobten Braut und ſeines Schwurs, ſie zu retten, ſchwang ſeine mächtige Waffe, führte den Streich auf Herrn Jwans behelmtes Haupt mit ſol⸗ cher Kraft, daß er taumelte und ſank. Die Schaar der Tapfern aber ſammlte ſich um ihren gefallenen Führer, wehrte den Feind ab und trug ihn aus der Schlacht. Da lief ein Ge⸗ murmel durch die Reihen der Britten, daß der Feldhauptmann gefallen ſei, und Viele wende⸗ ten ſich zur Flucht, die andern aber wurden erſchlagen. Die Hirten aber zogen ſiegreich das Thal hinab gen Williſau und nahmen die Harniſche der Gefallenen und ihre Roſſe, denn der Troß drängte ſich an den Ufern der Emme und konnten nicht alle entfliehen. Die Sonne ſtand hoch, da ſie gen Williſau herab zogen, und fanden die Mauern bewacht und die Thore verſchloſſen, und ordneten ſich zum Sturm. Da trat ein Herold auf die Mauer mit weißer Fahne zum Zeichen des Frie⸗ dens, und ließ in die Trompete ſtoßen, und 305⁵ rief mit lauter Stinune:„Herr Jwan Vel⸗ caib, der Britten Feldhauptmann, bietet Friede den tapfern Männern des Gebirgs. Da traten die Hauptleute des Hirtenvolks nahe an die Mauer, und der Herold fragte ſie:„Iſt hier unter euch Ully, Thomas zum Acker Sohn?„ Der erwiederte ihm:„Hier bin ich, und was willſt du mit mir?“ Ihm antwortete der Herold:„Du haſt die Braut gewonnen mit dem Schwerte, ſo komm und hole ſie; denn nie hat Jwan Velcaib ſein Wort gebrochen.“ Und Ully ging in die Thore der Stadt vertrauensvoll, und keiner der Seinigen folgte ihm, denn zu jener Zeit galt das Wort eines Mannes; und da er vor den Feldhaupt⸗ mann der fremden Kriegsleute trat, fand er ihn ſitzend, ohne Waffen und mit verbundenem Haupte, denn der Schwertſchlag, von der tüch⸗ tigen Fauſt des Hirten geführt, hatte ihn ſchwer verletzt. Herr Jwan Velcaib aber ſprach zu Ully:„Jüngling, recke deinen Arm aus, damit ich die Fauſt ſehe, die mich gefällt; denn ich ſage dir, ich war in zwanzig Schlach⸗ 306 ten und habe mit manchem guten Ritter ge⸗ fochten, und kein Schwert hat meinem Helm eine Beule geſchlagen; ſo nimm ihn nun hin und hänge ihn auf bei deinen Waffen, und deine Kinder und Enkel mögen ſagen:„Das iſt Jwan Velcaibs Helm, des Britten, der vom fernen Wallis kam und unbeſiegt ging durch viele Lande, bis er am Ufer der Emmen, am Fuße der hohen Alpen, gefällt ward von der Hand eines Hirten. Die Jungfrau aber iſt dein, denn du haſt ſie mit deinem Schwerte erkämpft, und nicht ohne Morgengabe ſoll ſie von mir gehen, denn Jwan Velcaib hat eine offene Hand fuͤr die, ſo ſein Herz liebt.⸗ Und der Kriegsfürſt winkte ſeinen Dienern, da öffneten ſich die Thüren, und Liſy Melch⸗ thal trat herein an der Hand ihrer Aeltern, und hinter ihr trugen Diener Beutel mit Gold und Silber und koſtbares Geſchmeide zu ihrem Brautſchatz. Der Jüngling aber trat vor Herrn Jwan Velcaib und ſprach be⸗ ſcheidentlich:„Da du, ein Kriegsheld und un⸗ beſiegt in vielen Schlachten, durch eines armen 307 Hirten Fauſt erlegen, ſo geſchah ſolches nicht durch meine Kraft, ſondern durch den Willen des Himmels, dich deines Unrechts zu mahnen, der du gefehlt nach langer Tugendübung. So nehm' ich denn die Braut aus deiner Hand zurück, doch dein Gold behalte, und ſo du willſt, verwende es zu frommen Zwecken, den Himmel zu verſöhnen. Der Stolz hat dich verführt zu ungerechter That, und ſo gedenke fortan, wo du ſeiſt, daß Gott der Herr oft Großes wirket durch den Arm des Schwachen. Leb' wohl, ich ſcheide, und dieſer Helm, den ich aus deiner Hand empfange, ſoll meinen En⸗ keln dienen als ein Zeichen, ihr gutes Recht zu wahren gegen alle Macht der Erde. So ſprach der Hirt und führte ſeine Braut von dannen. Herr Iwan aber ſchaute ihm nach und ſprach:„Fahre hin, du Stolz auf Helden⸗ muth und ritterliche Sitte, ſie können vor dem Falle nicht bewahren; einfache Tugend wohnt nur im einfachen Gemüth, und heut' hat dieſer Jüngling mich gelehrt ſie üben.⸗ 308 Da nun die Hirten das Land hinaufzogen, prangten ſie in den Rüſtungen der Erſchla⸗ genen, und ritten ſtolz einher auf erbeuteten Roſſen. Da öffneten die Luzerner die Thore ihrer Stadt, und gingen ihnen entgegen mit Geſang und luſtigen Schallmeyen, und freuten ſich ihres Sieges, und alle Lande umher faß⸗ ten friſchen Muth und fürchteten ſich nicht mehr vor den Waffen der fremden Krieger. Da ſie nun vor die Burg Herrn Peters don Dor⸗ renberg kamen, ſchaute er herab von ſeinem Siller und ſah ihren Zug, und die vergoldeten. Harniſche, in denen ſie glänzten, und die Streitroſſe, auf denen ſie einhereilten, ſeufzte aus tiefer Bruſt und ſprach: O, edler Herr von edelm Blut, Daß ein Bauer deine Rüſtung tragen thut. Da riefen der Jünglinge etliche ſpottend hinauf: Junkerblut und Pferdeblut, Die floſſen heut' zuſammen gut! 309 ully aber trat auf den Vorſprung des Felſen und ſprach:„So will ich dir heute thun, wie ich geſchworen, und deine ſtolzen Mauern brechen.“ Da jauchzten die Jünglinge, und liefen mit der Axt gegen die Thore und legten Leitern an die Mauer. Der Werden⸗ ſtein aber eilte herzu ihnen zu wehren, doch ſie gehorchten ſeiner Stimme nicht, denn der Zug war vorüber, für den ſie ihm Gehorſam gelobt. Die Knechte des Dorrenberg aber wehrten die Stürmenden nicht, denn ſie kann⸗ ten ihren tapfern Muth und fürchteten ihre Rache. Alſo erſtiegen ſie die Mauern und nahmen die Veſte, führten den Dorrenberg gefangen heraus mit ſeinen Knechten, und Ida, ſeine Tochter, folgte ihrem Vater. Da trat der von Werdenſtein auf ſie zu; ſie aber wandte ihm den Rücken, und er ſprach: „So mir Gott helfe, das iſt geſchehen wider meinen Willen.“ Da ſchaute ihn der Dor⸗ renberg finſter an und fragte:„Biſt du nicht der Hauptmann dieſer Männer? Er aber erwiederte ihm:„So der Zug vorüber, 340 ſind ſie ihrer Pflicht ledig. Da nun die Jünglinge ſich fertig machten, die Mauern ein⸗ zureißen und das Schloß mit Feuer zu ver⸗ brennen, trat der von Werdenſtein da⸗ zwiſchen und ſprach zu ihnen:„So ich euch wacker geführt als euer Hauptmann, ſo laſſet mir dieſes Schloß, denn meine alte Veſte fällt in Trümmer.“ Da lachte Herr Peter von Dorrenberg bitter auf, und Fräulein Ida ſah verachtend auf den Junker von Werden⸗ ſtein; die Jünglinge aber antworteten ihm freudig:„Es ſei dein, denn wir haben es mit unſerm Schwerte genommen!“ Und der von Werdenſtein trat zu Herrn Peter von Dorrenberg und ſprach:„So lege ich dein Eigenthum zurück in deine Hände.“ Da leuchteten die Augen des edeln Fräuleins von innerer Freude. Herr Peter aber fragte ihn:„Gibſt du mir mein Erbe zurück frei und vhne allen Beding? Dem entgegnete der Werdenſteiner:„Schalte damit nach deinem Gefallen; ich aber ziehe zur Stunde von dannen.“ Da ſprach der Dorrenber⸗ u ger:„Du haſt mich beſiegt durch den Edel⸗ muth deines Herzens; nimm hin die Jungſrau, ſie ſei die Deine,⸗ und führte ihm Fräulein Ida zu an ſeiner Hand. Die neigte ſich hoch⸗ erröthend, und die alten Mauern der Burg und die Berge umher erbebten von dem Jauch⸗ zen der Männer. —— * — — — — — — — — —= Die In Spätjahr 1813 ſaß auf einer deutſchen Univerſität, deren Namen nichts zur Sache thut, eine fröhliche Geſellſchaft Studioſen bei⸗ ſammen; ſie feierten bei vollen Gläſern den Abſchied von zween Altburſchen, die abſolvirt hatten und die hohe Schule verließen. Da wurde viel getrunken und Brüderſchaft gemacht oder erneuert. Die beiden Abreiſenden waren, phyſiſch und moraliſch, wahre Antitheſen: Ru⸗ dolph, ein hochgewachſener Jüngling voll Leben und Feuer, blühend in männlicher Fülle und Kraft, und von edeln Geſichtszügen, voetiſchen Gemüths, empfänglich für das Er⸗ habene und Ungewöhnliche, den gemeinen Gang der Welt verachtend und in Idealen lebend; Gottlieb, eine ſchlotternde zuſammen⸗ geſchrumpfte Figur, mehr ſchleichend als gehend, das Geſicht eine ſchlaff herabhängende Froſch⸗ haut, die Augen glanzlos, das Gemeine und Alltägliche ſuchend und verfolgend im Leben 346 wie in der Wiſſenſchaft. Beide Jünglinge hat⸗ ten die nämliche Schule ihrer Vaterſtadt be⸗ ſucht, zugleich die Univerſität bezogen, beide ſich der Rechtswiſſenſchaft gewidmet und beide jetzt zuſammen abſolvirt. Gottlieb, immer des künftigen Erwerbs eingedenk, war auf der gemeinen Heerſtraße der Jurisprudenz fortge⸗ ſchritten, und hatte Alles beſeitigt, was ſich nicht unmittelbar auf das Examen und die dereinſtige Praxis bezog; auf dieſe Art hatte er einen Wuſt von Geſetzen und Autoritäten in ſeinem Kopfe gehäuft. Rudolphs Geiſt war zu hochfliegend für ein ſo handwerksmäßiges Betreiben der Wiſſenſchaft; die Mängel und Fehler der römiſch⸗deutſchen Jurisprudenz ent⸗ gingen ihm nicht; er vergleich ſie mit andern Geſetzgebungen, was ihm reichlichen Stoff zu kritiſchen Bemerkungen lieh; er ſtudirte den Geiſt, nicht den Buchſtaben der Geſetze. Als die beiden Jünglinge das Examen beſtanden⸗ kamen die gelehrten Examinatoren nach reif⸗ licher Erwägung der Dinge zu dem ſublima Schluſſe, daß Rudolph mehr Kopf, Gott⸗ 317 lieb aber mehr poſitives Wiſſen habe, weß⸗ wegen(1) dem letzteren ein beſſeres Zeugniß auszuſtellen ſei. Auch in den niedern Schulen war Gottlieb immer unter den Erſten ge⸗ weſen, wegen ſeines Fleißes, wie die Lehrer ſagten, weil er ſeinem Exercitium ſtets einen Schwall lateiniſcher Herameter und Pentameter beifügte, in welchen die Regeln des gradus ad Parnassum ſehr gewiſſenhaft beobachtet waren, während Rudolph nur bisweilen einige Verſe machte, die zwar pvetiſchen Schwung hatten, aber vielfach gegen die Re⸗ geln des Gradus anſtießen. Auf der Schule und Univerſität hatten die beiden Jünglinge den Umgang der Gewohnheit, und lebten auf gutem Fuße zuſammen. Gott⸗ lieb liebte Niemand als ſich ſelbſt, aber er beleidigte und haßte auch keine Seele, und man nannte ihn eine gute Haut; Rudolph war raſch und feurig, aber verſöhnlichen Gemüths. Auf ſolche Art beſtund eine Art Freundſchaſt zwiſchen den Beiden, aus der Gewohnheit des Umgangs hervorgegangen. Ein⸗ 318 mal wären ſie beinahe ernſtlich zerfallen wegen einer Jungfrau, die Bertha hieß und ein ſchoͤnes Mädchen war. Rudolph erblickte in ihr ſein Ideal, eine Göttin, ein himmliſches Weſen, und liebte ſie mit der ganzen Kraft eines jungen und unverdorbenen Gemüths; er kannte nichts Höheres, als ihren Beſitz, und hätte ſein Leben für ſie hingegeben. Gott⸗ lieb war empfänglich für die Schönheit, aber eben ſo ſehr auch für das anſehnliche Vermögen, das ſie zu hoffen hatte; ſie machten ihr Beide, wie man zu ſagen pflegt, den Hof. Rudolph kochte vor Eiferſucht, wenn ein Anderer ſeine Geliebte nur anſah, und verlangte geradezu und unumwunden, daß Gottlieb alle Hoff⸗ nungen auf ſie aufgeben ſollte. Gottlieb ſtellte ihm ſo kaltblütig als vernünftig vor, daß allein dem Mädchen und deren Aeltern das Recht zuſtehe, ihre Hand zu vergeben, und wenn Rudolph den Vorzug erhalte, ſo ſei er auch zufrieden, denn es gebe noch mehr Mädchen. Hiegegen ließ er ſich nichts Gegrün⸗ detes einwenden, und als die reizende Ber⸗ 349 tha, wie zu erwarten war, die Bewerbungen des männlich ſchoͤnen Rudolphs begünſtigte, beruhigte ſich Gottlieb darüber mit loblichem Gleichmuth, und lebte, nach wie vor, in der⸗ ſelben Freundſchaft mit ſeinem Kameraden. Nachdem das neunundzwanzigſte Bulletin der großen franzöſiſchen Armee erſchienen war, er⸗ griff der Geiſt der Politik ganz Deutſchland und vorzüglich die Univerſitäten; man hoffte die Koſacken im Galopp ankommen zu ſehen, und Alles wurde ruſſiſch. Rudolph faßte abentheuerliche Pläne; er wollte ſich mit einigen feurigen Jünglingen, die gleich ihm begeiſtert waren, zur ruſſiſch⸗preuſſiſchen Armee durch⸗ ſchleichen, um an ihren Lorbern Antheil zu nehmen; Gottlieb ſagte:„Ihr könnt ja warten, bis ſie kommen.“ Nach der Schlacht von Leipzig ließ ſich Rudolph nimmer hal⸗ ten; der Kaiſer Alexander, der König von Preuſſen, Blücher und Schwarzenberg waren ſeine Ideale, die Herven der neuen Zeit, Deutſchlands Befreiung von dem ſchmäh⸗ lichen Joche der Franzoſen ſein einziger Ge⸗ 320 danke. Gottlieb meinte, Deutſchland werde ſchon ohne ihn frei werden, und wo nicht, ſo ſei es nicht ſeine Schuld. Rudolph aber faßte den feſten Entſchluß, ſogleich nach vollen⸗ detem Examen das Schwert zu ergreifen und zur Armee abzugehen; Gottlieb hingegen ſchickte ſich an, in ſeine Vaterſtadt abzureiſen und daſelbſt unter den Auſpizien ſeines Herrn Vaters, welcher regierender Bürgermeiſter war, eine einträgliche Praris zu gründen. Wir ha⸗ ben Beide oben beim Abſchieds ſchmauſe geſehen: Rudolph wurde von ſeinen begeiſterten Freun⸗ den hochgeprieſen, Gottlieb eine alte Schlaf⸗ haube genannt, welches er geduldig hinnahm und ruhig erwiederte, daß es beſſer ſei, in ſeiner Karriere zu bleiben, als von einer Lauf⸗ bahn zur andern überzuſpringen. Bertha weinte viele Thränen, als ihr Geliebter vvn ihr Abſchied nahm, pries ſeine hochſinnige Vaterlandsliebe, beſchwor ihn, ſein Leben un ihretwillen zu ſchonen, verhieß ihm ewige Liebe und Treue und leitete einen Briefwechſel mit ihm ein. Als Gottlieb ſich verabſchiedete, 324 rümpfte ſie die Naſe und ließ ihn deutlich ihre Verachtung merken, woraus er ſich nichts machte. Als die beiden Jünglinge ſich trenn⸗ ten, ſagte Rudolph zu Gottlieb:„Lebe wohl und grüße mir deinen Vater, den alten Philiſter.“ Gottlieb dankte, wünſchte ihm Glück auf die Reiſe und erbat ſich von ihm Notizen über das öffentliche Verfahren und die Geſchwornengerichte in Frankreich, hinter denen, wie er glaube, nichts Solides ſei. Voll Begeiſterung eilte Rudolph zu dem Heer der Verbündeten, das zahlreich und muthig dem Rhein zu zog; er entwarf ſich ein wahr⸗ haft ideales Bild von dieſen Kriegern, und glaubte ſie alle gleich begeiſtert von der großen Sache, für welche ſie fochten. Kaum konnte er es erwarten, bis er die erſten Koſacken ſah, die er für die Freiheitsapoſtel Deutſchlands hielt; als er auf den erſten ihrer Pulks traf, fand er ihn ziemlich nomadiſch gelagert; die langen Bärte der alten Koſacken hatten was Patriarchaliſches, das ihn anſprach. In einiger Entfernung ſah er einen großen Haufen ſtehen, 322 ging darauf zu und fand einen Koſacken an einen Pfahl gebunden, der eben die Knute be⸗ kam; die Umſtehenden ſahen lautlos zu, ohne die Miene zu verzucken, und nachdem der Pa⸗ tient abgefertigt war, warf er ſeine Jacke wie⸗ der über, als ob nichts geſchehen ſei, und küßte dem Offizier, der die Exekution kom⸗ mandirt hatte, demüthig den Zipfel ſeiner Uni⸗ form. Rudolph konnte ſeine Verwunderung über eine ſolche entehrende Strafe, an einem Verfechter der europäiſchen Freiheit verübt, nicht bergen; der Offizier, der ein feiner Mann war und franzöſiſch ſprach, erwiederte ihm, daß ohne die Knute dieſe Halbwilden nicht zu bän⸗ digen wären; der Beſtrafte habe geplündert, in der Meinung, ſchon in Frankreich zu ſein, und man habe ein Exempel ſtatuiren müſſen, ſonſt würden ſelbſt im Lande der Altirten weder Perſonen noch Eigenthum ſicher ſein. Später ſah er einen ruſſiſchen Popen mit der Knute züchtigen, nachdem ihm der Profos zuvor ehr⸗ erbietig den prieſterlichen Ornat abgenommen und denſelben zum Zeichen ſeiner Verehrung 323 geküßt hatte; nachdem der Geiſtliche die Knute empfangen, und ſeine Amtskleidung wieder angelegt hatte, ertheilte er ſeinem Zuchtmeiſter den Segen; das fanden die Ruſſen ganz in der Ordnung. Er kam zu den Oeſterreichern, fand eine Legion Weiber mit ihnen ziehen, un⸗ endlichen Troſt, Fuhrweſen ohne Zahl, und ſah ſie fünfundzwanzig bis hundert Prügel em⸗ pfangen, worauf ſie ſich für die gnädige Strafe bedanken mußten. Bei den Preuſſen fand er viele Junker, die ſich von den Gemeinen ihre Pferde ſtriegeln ließen, ſtatt es ſelbſt zu thun, über die Franzoſen ſchimpften, von der preuſſi⸗ ſchen Tapferkeit ſchwadronirten, vom Vater Blücher ſprachen, alle andern Völker ver⸗ achteten und verſicherten, daß ein einziges preuſſiſches Armeekorps hinreichend ſein würde, Frankreich und Paris zu erobern. Die fran⸗ zöſiſchen Generale und Offiziere, meinten ſie, ſeien blos emporgekommene Bauern, und nicht würdig, die Uniform zu tragen; aber man werde ſchon mit ihnen fertig werden und die alte gute Ordnung in Frankreich wieder ein⸗ 324 führen. Prügel bekamen die Preuſſen nicht, ſondern blos Fuchteln. Alle die Dinge ſtörten die Freiheitsträume unſers Helden nicht wenig, aber er bedachte, daß der Geiſt von den Füh⸗ rern ausgehe, und ſich nur nach und nach in die Maſſen überpflanzen laſſe; und war äuſſerſt begierig, die großen Monarchen und die be⸗ rühmten Feldherrn der aliirten Armee zu ſehen. Dieſer billige Wunſch ging in Erfüllung. Un⸗ ſer Held war dem Generalſtab eines Armee⸗ korps beigegeben, da er die Feder gut zu füh⸗ ren wußte und des Franzöſiſchen mächtig war. Als vor der Schlacht von Brienne die ver⸗ bündeten Heere ſich konzentrirten, wurde er mit einer Depeſche an den Feldmarſchall Blü⸗ cher abgeſchickt; er freute ſich unendlich, den greiſen Helden zu ſehen, und glaubte ihn in tieſem Studium vor einer Menge aufgeſchla⸗ gener Landkarten zu finden; er fand ihn aber bei Spielkarten, luſtig und guter Dinge bei den Offizieren ſeines Generalſtabs; im übrigen hatte der alte Feldmarſchall ein recht ehrliches Geſicht, war gut Kamerad mit Offizier und Soldaten, und hatte die Liebe ſeiner Unter⸗ gebenen; nur mußte der Jüngling in ſeinem Herzen dem Kaiſer Napoleon Recht geben, der unhöflich genug geweſen war, in einem ſeiner Bulletins den Feldmarſchall Blücher einen alten Wachtmeiſter zu nennen. Den Kaiſer Alexander ſah unſer Held zum erſten⸗ mal nach der Schlacht von Brienne in Troyes; er wohnte der Wachtparade an, und nach der⸗ ſelben ſetzte ſich Alexander zu Fuß an die Spitze eines Bataillons, und zog mit ihm un⸗ ter Muſik in der halben Stadt herum, und alle Fenſter flogen auf und alle Damen bewun⸗ derten ihn in ſeiner einfachen Schönheit. Dies war der erſte Kaiſer, den unſer Held ſah; den zweiten ſah er in Fontainebleau, als Na⸗ poleon von ſeiner alten Garde Abſchied nahm; er hat ſich nie darüber geäuſſert, ob er den einen nach dem Aufzug in Troyes noch bewunderte, und den andern nach der Abſchieds⸗ ſzene in Fontainebleau noch haßte. Den Für⸗ ſten Schwarzenberg ſah er in Troyes, und fand ihn ſo dick, daß er ſich zu der Vermuthung 326 berechtigt hielt, dieſer Feldmarſchall widme einen guten Theil ſeiner Zeit etwas ganz An⸗ derm, als der Strategie. Nun ſuchte er die Intelligenz der Armee in den Chefs des großen Generalſtabes, und verehrte die Herren von Gneiſenau und von Langenau. Als aber bald darauf ein allgemeines militäriſches Treib⸗ jagen auf Paris angeſtellt, die Armeekorps auf eine in der Kriegsgeſchichte beiſpielloſe Weiſe iſolirt und von Napolevn einzeln geſchlagen wurden, wußte er nimmer, was er ſagen und wo er die leitenden Köpfe des Heeres ſuchen follte. Zufällig traf er auf einen Subaltern⸗ offizier irgend eines Generalſtabes, der ihm das Verſtändniß löste.„Im Anfang dieſes Jahrhunderts, ſagte dieſer zu ihm, war in der preuſſiſchen Armee ein Lieutenant Namens Bü⸗ low, ein trefflicher militäriſcher Kopf, der vorzügliche Werke in ſeinem Fache lieferte und die Niederlage der preuſſiſchen Armee im erſten Kriege mit den Franzoſen Jahre lang voraus⸗ ſagte; man verfolgte ihn deßhalb, und er ſtarb zu Riga im Elend. Jetzt befolgen die Chefs 327 der altirten Armee die von ihm vorgeſchriebenen Grundſätze der Strategie, aber mit ſo wenig Kopf, daß ſie ſich ſtlaviſch an die vorgezeich⸗ nete Figur einer guten Operationsbaſis halten, ſtatt den Geiſt ſeiner Werke zu ſtudiren, und nach den jedesmaligen Umſtänden zu handeln. Die Siege, welche ſie erfochten haben, danken ſie einzig der Apathie des franzöſiſchen Volks, das ſeinen Beherrſcher fallen läßt, der theil⸗ weiſen Begeiſterung und dem allgemeinen Rativ⸗ nalhaſſe, die in ihrer eigenen Armee herrſchen.“ Das hieß auf einmal viel kaltes Waſſer auf das Feuer der begeiſterten Phantaſie unſers Helden gießen, und er kehrte ziemlich abgekühlt nach beendigtem Feldzug in die Friedensquar⸗ tiere zurück. Der mechaniſche Garniſonsdienſt war nicht geeignet, die erloſchene Glut wieder anzufachen, und ſchon dachte er darauf, den Militärdienſt zu verlaſſen, als der zweite fran⸗ zöſiſche Krieg ausbrach. In dieſem lernte er auch den großen Wellington kennen, aber er war ſchon ſo mißtrauiſch gegen den Ruf der Helden des Tages, daß er den Sieg bei Wa⸗ 328 ——— terlov eher allem andern zuſchrieb, als den Feldherrntalenten des brittiſchen Heerführers. Kaum konnte er das Ende des Feldzuges er⸗ warten, um ſeinen Abſchied zu nehmen. In den erſten Monaten ſeiner Entfernung war Rudolphs Briefwechſel mit ſeiner ge⸗ liebten Bertha raſch und fenrig von Stat⸗ ten gegangen. Die Briefe flogen hin und her, und jeder war ein Pfeil, der die Liebeswunde in Beider Herzen noch tiefer machte. Nach und nach wurden die Briefe etwas ſeltener und etwas lauer— man erſchöpft ſich in Phra⸗ ſen. Kurz vor Eröffnung des zweiten Feld⸗ zugs hatte Rudolph einen Brief ſeiner Ge⸗ liebten empfangen, der ihm ziemlich ſeltſam klang: ſie ſprach zuerſt viel von ihrer unwan⸗ delbaren Liebe zu ihm, dann ging ſie auf die Pflichten der Kinder gegen ihre Eltern über, redete in dunkeln Worten von harten Opfern, die man im menſchlichen Leben bringen müſſe, und verſicherte ihn zuletzt ihrer ewigen Zunei⸗ gung. So auffallend ihm der Ton dieſes Brie⸗ fes im erſten Augenblicke war, ſo beruhigte er 329 ſich doch bald, betheuerte der Geliebten ſeine ewige Liebe und Treue, und ging getroſt den Gefahren des Feldzugs entgegen. Dies war der letzte Brief, den er von Bertha erhielt, aber er legte darauf kein großes Gewicht, denn im Felde gehen Briefe leicht verloren. Die ſroheſte Ausſicht in die Zukunft lag vor ſeinen Blicken: er hatte einen ehrenvollen Abſchied, durfte hoffen, durch ſeine militäriſchen Dienſt⸗ leiſtungen eine Zivilanſtellung vor andern gleich Befähigten zu verdienen, heirathete dann ſeine Geliebte und wurde ein glücklicher Gatte und Vater. Von ſolchen ſüßen Hoffnungen erfüllt eilte unſer Held der Heimath zu. Als er in ſeiner Vaterſtadt ankam, erfuhr er nicht ohne Befremden, daß ſeine Bertha, ſein Engel, ſeine Gattin, ſeinen Schulkameraden Gott⸗ lieb geheirathet habe, und ihm vor acht Ta⸗ gen angetraut worden ſei. Nun verfluchte Rudolph das ganze weibliche Geſchlecht, und ſchwur ihm ewigen Haß, welchen Schwur er aber nicht hielt. Der lahme Gottlieb, wie man ihn auf der Univerſität nannte, machte 330 keine Seitenſprünge, ging Schritt vor Schritt ſeines Wegs, ſchaute weder rechts noch links und kam ans Ziel. Er hatte ſich unter der Protektion ſeines Vaters eine recht gute Pra⸗ ris gegründet, dachte nur an ſeinen Rutzen, während Rudolph für Deutſchlands Freiheit kämpfte, und als er ſich ein reichliches Ein⸗ kommen geſichert, gedachte er in den Stand der heiligen Ehe zu treten. Da nun in der Perſon der ſchönen Bertha ſeine Wünſche mit ſeinem zeitlichen Vortheil übereinſtimmten, legte er ihr, wie kluge Leute pflegen, nicht ſein Herz, ſondern ſeinen Geldſack zu Füßen, und fand Gnade vor ihren Augen. Nachdem zuvor berechnet worden war, daß ſich mit Gottliebs Einkommen und dem beiderſei⸗ tigen Vermögen ein gutes Haus machen laſſe, wurde der Bund der Liebe geſchloſſen, und Gottlieb lief in den Hafen der heiligen Ehe ein. In den erſten Tagen ſeiner Verzweiflung wollte Rudolph nach Oſt⸗ und Weſtindien reiſen, ſich in Amerika's Urwälder und Ara⸗ 334 biens Sandwuͤſten flüchten, an den Nord⸗ und Südpol fliehen, und lieber unter Seehunden und Eisbären leben, als unter dem verfluchten Geſchlechte der Menſchen; nach vierzehn Tagen aber entſchloß er ſich, ſeiner Treuloſen den Gefallen nicht zu thun, ſondern ihr zum Aer⸗ ger in ſeiner Vaterſtadt zu bleiben und ſich um ein Amt zu bewerben. Das war ſehr vernünftig von ihm; aber mit der Vernunft kommt man in der Welt nicht weit. Er ging zu allen Miniſtern, Staatsräthen und Präſiden⸗ ten, machte ſeine dem Vaterlande geleiſteten Dienſte geltend, wurde ſehr höflich ewpfangen, füͤr ſeinen Patriotismus belobt und ſein Recht auf eine baldige Anſtellung anerkannt; ſo oft aber eine Stelle aufging, wurde er auf die nächſte vertröſtet. Mit der Praxis ging es auch nicht, da diejenigen, welche weislich zu Hauſe geblieben waren, ſie ſchon weggefiſcht batten; er mußte demnach von ſeinem nicht ſehr bedeutenden Vermögen zehren. Um dieſe Zeit war in Deutſchland ein gro⸗ ßes Geſchrei nach Verfaſſungen, und ſo wurde denn im Staatsrathe des Fürſten, zu deſſen getreuen Unterthanen unſer Held gehörte, man weiß nicht warum, beliebt, dem Lande eine Konſtitution zu geben. Daruͤber war ein gro⸗ ßer Jubel. Rudolphs Patriotismus erwachte aufs neue; er wollte dem Vaterland, wie im Felde, ſo im Rathe dienen; einige Patrioten empfahlen ihn einigen andern Patrioten, dieſe den Wählern eines Bezirks, und ſo wurde er zum Deputirten ernannt. Gottlieb wurde durch den allmähligen Einfluß ſeines Vaters, des Bürgermeiſters, gleichfalls Deputirter. Ru⸗ dolph bildete hochfliegende Pläne ſeiner par⸗ lamentariſchen Wirkſamkeit, die öffentliche Wohl⸗ fahrt war das Ziel ſeines Strebens; ſo hoch verſtieg ſich Gottlieb nicht, ſondern trachtete blos nach der Stelle eines Mitglieds des ſtän⸗ diſchen Ausſchuſſes, welche eine gut bezahlte Sinekure war. Man ſuchte die Deputirten für die Regierung zu gewinnen, Rudolph erhielt Auſſichten auf eine einträgliche Stelle, wenn er mit den Miniſtern ſtimmen wollte; er verwarf dieſe Anträge mit Verachtung; 333 nicht alſo der kluge Gottlieb, er ſpielte den Spröden, ſteigerte den Preis ſeiner Stimme, und erſt als er ſah, daß die Regierung die Majorität haben werde, verkaufte er ſie um den Poſten eines ſtändiſchen Ausſchußmitglieds, wodurch er ſein Einkommen um einige tauſend Gulden vermehrte. Das Publikum ſchimpfte über ihn; er kümmerte ſich aber nicht darum, und ſtrich gelaſſen ſein Geld ein; Rudolph wurde von der öffentlichen Meinung belobt, insgeheim dachte aber Jeder, Gottlieb ſei doch geſcheider geweſen, und die Meiſten wür⸗ den es eben ſo gemacht haben, wie dieſer. Als Rudolph ſah, daß dieſes Konſtitutivnsweſen kleiner Staaten blos ein kleinliches Spiel ſei, und daß nur einige Patrioten nutzloſe Worte verloren, gab er ſeinen Poſten auf und trat aus der Kammer. Nun nannte man ihn einen Strudelkopf, der überall anſtoße, und die Phi⸗ liſter ſeiner Vaterſtadt meinten, er hätte doch ſeine Stelle behalten ſollen, und wenn es auch nur wegen der Diäten geweſen wäre. Kurz darauf brachen die Revolutionen in 334 Spanien, Italien und Portugal aus. Unſer Held wurde davon begeiſtert und hoffte große Dinge von den Kortes. Als er Reapel von einem Angriffe der Oeſterreicher bedroht ſah, eilte er in die Hauptſtadt dieſes Landes, um an dem großen Freiheitskampfe Theil zu neh⸗ men. Alle junge Herren trugen daſelbſt glän⸗ zende Uniformen, die Deputirten hielten ſchöne Reden, die Gallerien klatſchten ihnen Beifall, und es herrſchte eine allgemeine Begeiſterung. Selbſt das ſchöne Geſchlecht zeigte einen glü⸗ henden Patriotismus; unſer Held war entzückt und meinte, bei ſolcher Freiheitsliebe könne die Verfaſſung nicht untergehen, und die Abruz⸗ zen müßten das Grab jeder fremden Armee werden. Die Uniform der konſtitutivnellen Freiwilligen ſtund dem hochgewachſenen jungen Manne gut, er geſiel den welſchen Weibern und Mädchen, und ſie nannten ihn den ſchö⸗ nen Deutſchen. Hier lernte er das Geſchlecht wieder lieben, dem er ewigen Haß geſchworen, und ſtatt der deutſchen Bertha nahm eine Laura Beſitz von ſeinem Herzen. Welche Wonne— von einer reizenden Südländerin mit dem ganzen Feuer ihres Himmels geliebt zu werden! Was war dagegen die krankhafte Romanenliebe der deutſchen Bertha! Hier fühlte Rudolph zum erſtenmal den Taumel einer Alles überwältigenden Reigung, die keine Grenzen kennt, die ſich nicht in den Mantel mühſam erzwungener Tugendhaftigkeit hüllt, ſondern Liebe um Liebe tauſcht in ſchranken⸗ loſer Hingebung. So ſchwanden Wochen da⸗ hin in ſüßer Vertraulichkeit; Vergangenheit und Zukunft waren den Blicken der Liebenden entſchwunden, ſie lebten nur der Gegenwart. Laura hieß ſeine Geliebte; tauſendmal flüſterte er ihr dieſen Namen zu im ſüßen Minneſpiel, was brauchte er weiter zu wiſſen! Rein, dieſe Laura, dieſes göttliche Weſen, nie hätte ſie ihn um einen lahmen Gottlieb hingegeben! Der Feind näherte ſich der Grenze, die uniformirte Jugend der Hauptſtadt machte keine Anſtalt, ſich zur Armee zu begeben. Richt alſo unſer Held; er nahm Abſchied von ſeiner Geliebten, und jetzt zum erſtenmal faßte er die — 336 Zukunft ins Auge.„Wann der Feind ge⸗ ſchlagen und die Freiheit gerettet iſt, dann, ge⸗ liebte Laura, rief er begeiſtert aus, dann wird die ſelige Stunde ſchlagen, die uns auf ewig vereint!“ Sie ſah ihn verwundert an, und ſchien ihn nicht zu verſtehen.„Ja, fügte er erklärend hinzu, dann werde ich um deine Hand werben und dich als Gattin heimführen.⸗ Gleichgültig verſetzte ſie:„Das kann nicht ſein, mein Lieber.“—„Und warum nicht, leben deine Eltern noch, werden ſie mir deine Hand verſagen?—„Mein Mann lebt ja noch, er iſt auf unſerer Villa..— Betäubt fuhr der Jüngling auf, weg waren die ſüßen Träume ewiger Liebe, er ſah nur noch ein ſinnliches Weib vor ſich. Das war zu viel für ſein deutſches Herz; er ſtürzte fort und ſah ſeine Laura nie wieder. Die Italienerin begriff ihn nicht, und blickte ihm verwundert nach. Zerknirſcht kam unſer Held in den Abruz⸗ zen an, er dachte nur an Kampf und Tod, der Freiheit allein wollte er leben oder ſter⸗ ben. Mit Verachtung ſah er auf die heran⸗ 337 —— rückenden Kriegsknechte des Deſpotismus, und ging begeiſtert in das Treffen von Rieti; da ſah er die feigen Neapolitaner links und rechts fliehen, ſah den Feldherrn verzweiflungsvoll durch die Reihen reiten, umſonſt, ſie ſtanden nicht. In die allgemeine wilde Flucht ver⸗ wickelt fluchte er ſeinem Schickſal, das ihm nicht einmal erlaube, einen ehrenvollen Tod zu finden. Roch hoffte er auf den andern Theil des Heeres, der aus den Linientruppen beſtand; als er nach Capua kam, hatten ſie die Freiheit verrathen, und die Revolution endigte wie eine Poſſe. Voll Verachtung ſchiffte er ſich ein und kehrte nach Deutſchland zurück. „Zu Hauſe fand unſer Held den lahmen Gottlieb in recht behaglicher Ruhe lebend; er hatte das Sprichwort bedacht:„Bleibe im Lande und nähre dich redlich.⸗ Sich red⸗ lich nähren, heißt im Lexikon der Philiſter: ſich des Raubens und Stehlens enthalten; alle andern Erwerbsmittel ſind redlich. Unſer Freund Gottlie b hatte ſich unter ſeines Va⸗ 16 338 ters Protektivn eine ſo ſtarke Praxis gegrün⸗ det, daß er mehrere brodloſe Advokaten unter ſeiner Firma beſchäftigen konnte, denen er den dritten Theil am Verdienſte, höchſtens die Hälfte, abgab— das war ſehr redlich; er hatte um die Stelle eines Ausſchußmitglieds ſich der Regierung verkauft, und ſanktionirte durch ſeine Stimme die ſchweren Laſten des Volks, welches ihn zu ſeinem Vertreter ge⸗ wählt hatte, um ſie zu erleichtern— das war ſehr redlich. Das Publikum ſchimpfte über ihn, darum bekümmerte ſich der lahme Gottlieb nicht, ging ſeinen Gang fort und wurde immer⸗ reicher; es wurden neue Deputirtenwahlen vor⸗ genvmmen, die Wähler ſeines Bezirks erklär⸗ ten, daß ſie dieſen pflichtvergeſſenen Menſchen nimmer wählen würden; dabei blieb der lahme Gottlieb ganz ruhig, ſchämte ſich nicht, intriguirte, kabalirte, wurde in einem andern Bezirke gewählt und kam wieder in den Aus⸗ ſchuß. Hiemit hatte er ſeinen Zweck erreicht, und weiter wollte er nicht. Die öffentlichen Blätter ſchmähten und verſpotteten ihn, der 339 lahme Gottlieb antwortete ihnen nicht, ſon⸗ dern verklagte die Herausgeber, und die Ge⸗ richte, ſtets der Regierung wohlgefällig, be⸗ ſtraften ſie. Dadurch bekam der lahme Gott⸗ lieb Ruhe und war zufrieden. Die Spies⸗ bürger meinten, er ſei zwar ein Erzſchurke, aber doch ein pfiffiger Kerl, vor dem man Re⸗ ſpekt haben müſſe. Unſern Helden hingegen hielten ſie für eine Art Rarren, der ſich mit Dingen befaſſe, die ihn nichts angehen. Als er nach Reapel abreiste, hatten ſie eine hohe Meinung von ihm, und prophezeiheten, daß er im neapolitaniſchen Kriege eine große Rolle ſpielen werde; ſie ſahen ihn bereits im Geiſte als Feldmarſchall an der Spitze der ſiegreichen Neapolitaner in ſeine Vaterſtadt einziehen. Da er als ein Flüchtling zurückkam, ſpotteten ſie über ſeine Thorheit, hatten den ganzen Atis⸗ gang der Revolution längſt vorausgeſehen, be⸗ wieſen, daß die Italiener zur Freiheit noch nicht reif ſeien, und freueten ſich, daß ſie klii⸗ ger geweſen und zu Hauſe geblieben waren. Um dieſe Zeit erhoben deutſche Philantropen 8 340 ein großes Geſchrei für die Griechen, wollten ſie durchaus von dem türkiſchen Joche befreien, zogen Humanität und Chriſtenthum in ihren Bund, lamentirten in allen Zeitungen, rühr⸗ ten chriſtliche Herzen und bekamen viel Geld, womit ſie allerlei Abentheurer nach Griechen⸗ land ſchickten, deren Jeder ſich zum griechiſchen Obergeneral geſchickt und berufen glaubte, und welche die dortige Verwirrung noch größer machten. Unſer Held fühlte ſich gleichermaßen für die griechiſche Sache begeiſtert, und dachte an nichts mehr, als an die Wiederherſtellung des alten Vaterlandes der Weltweiſen und Helden. Colocotroni erſchien ihm als ein anderer Miltiades, Rikitas als ein neuer Achill, und der verſchlagene Colatti als ein zweiter Odyſſeus. Auf den Flügeln chriſtlicher Humanität eilte er nach Griechen⸗ land. Die Griechen belagerten eben eine Stadt, und unſer Held glaubte ſich bei dem Anblicke dieſer Belagerung in den trojaniſchen Krieg verſetzt; der Ort war ſicherlich nicht beſſer be⸗ feſtigt, als König Priamus Hauptſtadt, und 341 die neuen Griechen eben ſo ungeſchickte Bela⸗ gerer, als ihre Ahnherren, die unter dem Völkerhirten Agamemnon vor Troja's Mauern lagen. An Schimpfreden herüber und hinüber fehlte es, gleichwie bei den alten Grie⸗ chen, nicht, aber kein Achill begegnete unter den Mauern einem türkiſchen Hektor. Aus Hinterhalten ſchoſſen die Griechen auf die Mauern, die Türken hinter den Mauern her⸗ vor, das war der ganze Aufwand von Kunſt und Muth. Die Belagerung würde vielleicht heute noch dauern, wenn nicht den Türken die Lebensmittel ausgegangen wären. Sie kapitu⸗ lirten deßhalb auf freien Abzug, der ihnen zu⸗ geſichert wurde. Als ſie aber aus den Thoren gezogen waren, fielen die Griechen über ſie her und fingen an ſie zu ermorden und zu berau⸗ ben. Unſer Held, voll Unwillen, ſtürzte ſich mitten unter die Unglücklichen, um dem Blut⸗ bade Einhalt zu thun. Vergebens, die los⸗ gelaſſene Mörderbande würgte fort. In der Mitte dieſes Feldes, wo der Tod ſeine Erndte hielt, ſtund ein Türke, ein ehrwürdiger Greis 343 mit weißem Bart und Haupthaar, ruhig ſtund er, im Glauben an ein unabänderliches Fatum, Rettung oder den tödtlichen Streich erwartend. Auf dieſen lief Rudolph zu, deckte ihn mit ſeinem Körper und riß ihn mit Gefahr ſeines Lebens aus dem Getümmel. Rachdem er den Greis in Sicherheit gebracht hatte, ſuchte er Colvcotroni auf und machte ihm Vorwürfe über den Bruch der Kapitulation. Der Kleph⸗ tenführer erwiederte lachend:„Die Türken machen es eben ſo. Unſer Held warf ihm einen verachtenden Blick zu und kehrte zu ſei⸗ nem Gefangenen zurück; er fand ihn im Gebet auf den Knieen, das Geſicht nach dem Grabe des Propheten gewendet. Der Greis erhob ſich, nachdem er ſein Gebet voklendet, und er⸗ wartete ergebungsvoll ſein Schickſal.„Du biſt frei, rief ihm Rudolph zu, ich will dich in Sicherheit bringen.. Mit gleich unbewegten Zügen erwiederte der Gefangene:„Allahs Wille geſchehe! Meine Weiber und Kinder ſind ermordet, und ich ſtehe allein in der Welt. Gerne würde ich ſterben, aber Allah = 343 will, daß ich lebe.“ Als Rudolph von ihm Abſchied nahm, druͤckte ihn Jener gerührt an ſeine Bruſt und ſprach:„Jüngling, du biſt gut, bete den Propheten an und werde mein Sohn, daß ich nicht einſam ſterbe! Unſer Held ſchuttelte den Kopf, und der Türke ſprach: „Allahs Wille geſchehe!; So trennten ſie ſich— zwei gute Menſchen, und das Auge des Gottes aller Völker blickte mit Wohlgefal⸗ len auf ſie herab. Voll bittern Wermuths ſchuͤttete unſer Held ſeine Klagen über die Barbarei der Griechen in den Schvos eines griechiſchen Prieſters aus, der ſich durch Kenntniſſe und edeln Charakter über ſeine Landsleute erhob.„Was verlangſt du von Menſchen, entgegnete ihm dieſer, die nach tauſendjähriger Sklaverei ihre Ketten ſchüt⸗ teln? Sie ſind, wozu die Tirannei ihrer Treiber ſie gemacht hat: feig und kriechend un⸗ ter dem Joche, übermüthig und grauſam im Sieg. Unwiſſenheit iſt die Handhebe des Deſpotismus und die Mutter der Sklaverei; die ſie pflegen, die Schmach der Völker zu 344 verewigen, mögen ſich nicht beſchweren, da nun ihre Saat aufgeht ihnen ſelbſt zum Ver⸗ derben.—„Du haſt Recht, erwiederte Ru⸗ dolph mit Wehmuth, das iſt der Gang der Geſchichte; wer Blut ſäet, wird Blut erndten. Doch mich ekelt dieſer Kampf von Sklaven um eine Freiheit an, den erſt die Uebung der Tu⸗ genden eines freien Volks in Jahrhunderten ſie würdig machen wird. Lebe wohl, ich habe genug geſehen und ſcheide.⸗ Nach einer Reiſe durch den Archipel ni unſer Held in ſein Vaterland zurückkehren. Er war eben zu Chias, als die türkiſche Flotte landete. Hier traf die Wiedervergeltung der Barbaren meiſt unſchuldige Griechen. Das Schwert der Türken wüthete unbarmherzig, ohne Unterſchied des Geſchlechts noch Alters. Rudolph floh in das Innere der Inſel, denn ſelbſt die Franken waren nicht ſicher. Die Mör⸗ der folgten der Spur der Flüchtlinge. In einer verborgenen Höhle ſuchte unſer Held Schutz vor den Dolchen der Barbaren; er fand in ihr ein griechiſches Mädchen: eine Hebe, eine Göttin 345 der Jugend und Schönheit. Wie ſüß war die weiche Sprache der Griechen in ihrem Munde, wenn ſie die Korallenlippen öffnete und die blendendweißen Zähne zeigte! Rudolph machte ſich ihr durch Zeichen und einzelne 1 Worte verſtändlich. Acht Tage verſtrichen ihm in der Höhle wie ein Augenblick; Nachts gin⸗ gen ſie heraus und ſuchten Früchte zu ihrer Rahrung. Ohne Ziererei, in vertrauensvoller Unſchuld, ſtreckte ſich die Jungfrau neben ihm auf das Moos; er betrachtete, in dem Halb⸗ dunkel der Grotte, die ſchöne Schlafende, und glaubte Venus auf Paphos ſchlummernd zu er⸗ blicken. Da pochte ſein Herz und drohte ſeine Bruſt zu ſprengen— welcher Sterbliche wäre hier nicht unterlegen! Arglos gab ſich ihm das Griechenmädchen hin, und er ſchwur in ſeinem redlichen deutſchen Herzen, daß ſie ſein Weib ſein ſollte. Als man die beiden Flücht⸗ linge in ihrer Grotte entdeckte, war die erſte Mordluſt der Türken bereits geſättigt, und ſie wurden vor den Paſcha geführt. Unſer Held wies ſich als Franke aus, und wurde unter 346 den Schutz des brittiſchen Konſuls genommen. Für die Griechin bot er ein Löſegeld an. Man ſtellte ein Verhör mit ihr an: Wie heißeſt du, Mädchen?— Zos nennen mich die Geſpie⸗ linnen meines Volks.— Wer ſind deine El⸗ tern?— Ich habe ſie nie gekannt, denn ich wurde in früher Ingend geraubt.— Wo leb⸗ teſt du bisher?— In dem Harem des Aga Mahmud, den die Samioten bei der Ein⸗ nahme der Inſel ermordet und mich befreit haben.— Chriſt, fällte der Paſcha den Spruch, du kannſt die Sklavin behalten, denn ſie hat keinen Herrn mehr.— Unſer Held war wie aus den Wolken gefallen: Alſo eine Sklavin, die Konkubine eines Türken war dieſe argloſe Unſchuld, die er zu ſeinem Weibe machen wollte! Ihn ſchauderte und ſeine Blicke irrten ungewiß umher. Auf einen Wink des Paſcha führte er das Mädchen weg. Sie hatte keine Ahnung von den bittern Empfindungen, die ſeine Bruſt durchzogen, denn ſie war von Ju⸗ gend auf gewohnt, eine Sache, das willenloſe Eigenthum eines Mannes zu ſein. Was ſollte — — 347 er mit ihr anfangen? Verlaſſen konnte er das hilfloſe Geſchöpf nicht; er brachte ſie in einer anſtändigen griechiſchen Familie unter, und ſorgte für ihr Fortkommen; als er Abſchied von dem Mädchen nahm, ſank ſie weinend in ſeine Arme, liebkoste ihn und ſagte mit Thrä⸗ nen in den Augen:„Warum behältſt du mich nicht? Ich möchte lieber deine Sklavin ſein, als irgend eines andern. Widerſtrebend trennte er ſich von dem ſüßen Weſen, denn ſein europäiſches Vorurtheil war ſtärker als ſeine Neigung. Als unſer Held in ſeine Het⸗ math zuruͤckkam, ſchilderte er den Zuſtand Griechenlands mit den Farben der Wahrhaftig⸗ keit; man glaubte ihm nicht, denn die Sache der Griechen war eben in der Mode, und durch ſie ließ ſich ohne Gefahr der Ruf der Liberalität gewinnen. Vernünftige Regierun⸗ gen betrachteten ſie als ein ungefährliches Spiel⸗ zeug der Philantropen, und der lahme Gott⸗ lieb hatte als Präſident des griechiſchen Ko⸗ mitée ſeiner Vaterſtadt einen liberalen Namen erlangt, weil er ſich eifrig für die griechiſche Sache verwendete, und von dem, was er mit der einen Hand aus dem Beutel des Landes nahm, mit vielem Geräuſch mit der andern ei⸗ nige Batzen für die Griechen ſtenerte. Als man zu ihm von der Rückkehr ſeines Schulka⸗ maraden ſprach, ſagte er mit Achſelzucken:„Er iſt immer ein unruhiger Kopf geweſen, der ſich nirgends in der Welt vertragen kann.“ Die Philiſter glaubten ihm, die Wahrheit wurde entſtellt, und bald ging in der ganzen Stadt das Gerücht:„Rudolph habe ſich mit dem edlen Colocotroni entzweit, hierauf die Griechen an einen türkiſchen Paſcha verrathen wollen, ſei mit genauer Noth dem Stricke ent⸗ gangen und ſchimpfe nun über die Griechen.“ Die pyrenäiſche Halbinſel war der letzte Zu⸗ fluchtsort europäiſcher Freiheit geblieben; feu⸗ rige Worte ertönten von den Rednerbühnen der Cortes. Unſern Helden ekelte die deutſche Halbheit an, er ging nach Spanien. Er fand Viele, die da redeten, aber Riemand, der handelte; es wurden glänzende Reden gehalten, die man auf den Gallerien der Cortes beklatſchte, ——— 349 fulminante Dekrete erlaſſen, die man nicht be⸗ folgte. Nirgends eine durchgreifende Reform, die wirkliche Gewalt blieb in den Händen der geheimen Feinde der Freiheit; in kraftloſer Humanität ging die Freiheit unter; ein paar Blutstropfen ihrer Feinde wurden geſpart, und ſpäter floß das Blut der Patrioten in Strö⸗ men. Die Freunde des Volks unter ſich in Zwieſpalt, die ſich an die Spitze geſchwungen hatten, ohne Kraft zu entſcheidenden Schritten, das Volk unwiſſend und in den Händen der Prieſter, die Gegenrevolution in vffenem Kampfe mit der Verfaſſung, die Patrioten entmuthigt, das Heer abſichtlich von der vollziehenden Ge⸗ walt desorganiſirt, eine fremde Armee an den Grenzen— dies war Spaniens Zuſtand. Wie anders erſcheinen die Dinge in der Nähe, die man von ferne angeſtaunt hat! So wurde unſerm Helden die Lage der Halbinſel von trauernden Vaterlandsfreunden geſchildert, ſo lernte er ſie ſelbſt kennen. Er wollte nun in den Reihen der ſpaniſchen Krieger in hofſnungs⸗ loſem Kampfe für die Freiheit ſterben, da er 350 ihr nicht leben konnte. In dieſer Stimmung ging er zum Heer, der Menſchen und des Lebens überdrüſſig. Er focht mit jener rück⸗ ſichtsloſen Kühnheit, welche die Verachtung des Lebens einflößt; er fiel verwundet in die Hände der Glaubensſoldaten und wurde in einen Ker⸗ ker geworfen. In dem Garten, an den ſein Gefängniß ſtieß, ſah er häufig eine verſchleierte Dame luſtwandeln; wenn ſie allein war, hob ſie den Schleier ein wenig und ließ unter dem⸗ ſelben ein reizendes Geſicht erblicken; ſie ſchien an dem Kummer des armen Gefangenen An⸗ theil zu nehmen. Eines Abends flog ein Stein durch die Gitter, an dem ein Zettel befeſtigt war, worauf die Worte ſtanden:„Fremdling, bereite dich zur Flucht, Iſabelle will dich retten.“ Um Mitternacht öffnete der beſtochene Kerkermeiſter ſein Gefängniß und floh mit ihm; in einiger Entfernung fanden ſie Maulthiere, und die Unbekannte, die ihrer harrte; ſie war engelſchön, die Dankbarkeit that das Uebrige, und bald hatte ihr unſer Held ewige Liebe ge⸗ geſchworen. Durch tauſend Gefahren, über 354 hohe Gebirge, auf einſamen Pfaden, kamen ſie nach Frankreich. Unermůdet war die Sorgfalt der Spanierin fuͤr ihren Geliebten, ſie lebte nur in ihm, ihre Liebe und Hingebung war ſchwaͤrmeriſch. In einer Stunde ſüßen Entzückens zog ſie einen Dolch aus ihrem Buſen, ihre Augen funkelten, und mit dem ganzen Feuer ihres ſüdlichen Gemüths ſprach ſie die ernſten Worte:„Du biſt der erſte und einzige Mann, den ich liebe; Alles habe ich dir geopfert, Aeltern, Verwandte, Vaterland; darum ſchwöre mir Treue bis in den Tod, ſonſt endigt dieſes Eiſen unſer Beider Leben.“ Entzückt leiſtete Rudolph den Schwur, Wil⸗ lens, ihn zu halten; da öffnete ſich der Spa⸗ nierin Herz in überſtrömender Seligkeit— ſo war er noch nie geliebt worden. In der erſten franzöſiſchen Stadt mahnte ihn Iſabelle voll Ungeduld, ihre Bande unauflöslich zu knüpfen. „Mit Freuden, erwiederte er ihr, wenn ein Prieſter meines Glaubens hier iſt. Erſtaunt fuhr die Spanierin zuruͤck und rief mit Tönen des Schreckens:„Wie, biſt du kein Chriſt?⸗ 352 — Ein Chriſt bin ich, aber nicht von der katholiſchen Kirche.—„Ein Ketzer!“ ſchrie Iſabelle mit Entſetzen auf, warf einen un⸗ ausſprechlichen Blick auf ihn, in dem ſich Liebe und Abſchen zugleich malten, und verſchwand in ein Nebenzimmer. Er beſchwor ſie bei ihrer gegenſeitigen Liebe, und bat ſie auf ſeinen Knien, ihm zu öffnen— umſonſt, die Thüre blieb verriegelt und nicht ein Laut der Antwort ließ ſich hören. Erſchöpft legte er ſich nieder, hoffend auf die heilende Hand der Zeit. Am folgenden Morgen erhielt er einen von Thrä⸗ nen befeuchteten Zettel, auf dem die wenigen Worte ſtanden:„Ich liebe dich mit der ganzen Kraft meiner Seele, und der ganzen Welt hätte ich getrotzt, dich zu beſitzen, aber das ewige Heil kann ich nicht für dich hingeben. Unter tauſend Thränen verlaſſe ich dich; in den Mauern eines Kloſters will ich meine Liebe und meinen Schmerz begraben. Lebe wohl auf ewig!⸗ Raſend fuhr Rudolph auf und ſuchte die Entflohene; er durchſtreifte die ganze Gegend, wagte ſich ſelbſt auf das ſpaniſche Gebiet— 353 umſonſt, Iſabella war ſpurlos verſchwunden. Voll tiefen Grams und Menſchenhaſſes kehrte er in ſein Vaterland zurück; er verzweifelte an der Menſchheit, und je feuriger früher ſein Herz für ſie geſchlagen hatte, um ſo mehr ver⸗ achtete er ſie jetzt. In ſeiner Vaterſtad“ er⸗ fuhr man kaum ſeine Ankunft, ſo einſam lebte er; fern von den Menſchen, in irgend einem verborgenen Winkel des Landes wollte er ſein Leben ſchließen. Nicht alſo der lahme Gott⸗ lieb, er war inzwiſchen Präſident der Depu⸗ tirtenkammer geworden und leitete dieſelbe ganz im Sinne der Regierung; dafür wurde er in die Zirkel des Hofes gezogen und mit einem Orden behängt; die Miniſter und Geſandten beſuchten ihn und ſeine kleinliche Eitelkeit er⸗ hielt reichliche Nahrung. Im Publikum war er verachtet, nahm aber keine Rotiz davon. Un⸗ ſer Held bekümmerte ſich um alle dieſe Erbärm⸗ lichkeiten nicht, ſondern zog ſich auf ein klei⸗ nes Landgut zurück, das er in einer angeneh⸗ men Gegend gekauft hatte. Rudolph gab ſich nun ganz dem Landbaue 354 hin, widmete ſeine Mußeſtunden den Wiſſen⸗ ſchaften und ſuchte keinen Umgang mit ſeinen Nachbarn, die nun ſeine Zurückgezogenheit für Hochmuth hielten und ihn den Menſchenſeind nannten. Unter dieſem Ramen wurde er in der aanzen Gegend bekannt und man erzählte ſich von ihm in vertrautem Zirkel ſeltſame Ge⸗ ſchichten: er hatte ſeine verlobte Braut ſitzen laſſen und war in den Krieg gegangen; in Italien hatte er eine Frau verführt und ihren Mann im Duell erſtochen, worauf er fluchtig werden mußte; in der Türkei ein Harem ge⸗ halten und in Spanien eine Nonne aus dem Kloſter entführt; nun ſei der größte Theil ſei⸗ nes Vermögens verſchwendet und von deſſen Ueberreſten habe er ſein kleines Gut gekauft. Väter und Mütter warnten ihre Söhne und Töchter vor dieſem gefährlichen Menſchen. Da er ſich mit phyſikaliſchen Experimenten beſchäf⸗ tigte und ſelbſt eine Elektriſirmaſchine gebaut hatte, deren Wirkungen ſeine Hausgenoſſen bis⸗ weilen ſahen, ſo hielten ihn die Landleute für eine Art Hexenmeiſter, zogen ſchon auf dreißig 355 Schritte die Kappe vor ibm ab und gingen ihm ſcheu aus dem Wege. Selbſt ſeine eigenen Leute blieben nur bei ihm, weil er anſehn⸗ lichen Lohn und gute Koſt gab. Unſerm Hel⸗ den konnte dies Alles nicht entgehen; er lä⸗ chelte darüber und hielt nicht für nöthig, ſich den Thorheiten der Menſchen zu bequemen, da er keinen Umgang mit ihnen ſuchte. So lebte er mehrere Jahre und ſein kleines Gut gedieh ſichtbar unter ſeiner verſtändigen und aufmerk⸗ ſamen Leitung; die Bauern ſahen mit Neid auf ſeine ſchönen Felder und ſchrieben ihr Ge⸗ deihen ſeinen Kenntniſſen in der ſchwarzen Kunſt zu. Nach und nach ſchwand die Bitterkeit ſei⸗ ner Gefühle unter der friedlichen Beſchäftigung des Landbaues und ſein Herz öffnete ſich wie⸗ der ſanfteren Gefühlen. In einer ſtürmiſchen Nacht brach in dem Dorfe Feuer aus, das ſchnell um ſich griff. Rudolph eilte mit ſeinen Hausgenoſſen auf den Platz und zeigte ſich als einen der thätig⸗ ſten und geſchickteſten Arbeiter. Die Landleute faßten in ihrer Noth Vertrauen zu ihm, da 356 ſie ſeine Anordnungen zweckmäßig fanden, und hauptſächlich ſeinen Bemühungen war es zu danken, daß die Hälfte des Orts von der Zer⸗ ſtörung des Elements gerettet wurde. Als er hierauf die Bedürftigen mit Früchten und Le⸗ bensmitteln unterſtützte und ihnen Bauholz aus der ihm zugehörigen Waldung abgab, ſahen ihn die Leute mit ganz andern Augen an, als bis⸗ her, und er gewann ihre Liebe. Dies war Balſam auf die offene Wunde ſeines Menſchen⸗ haſſes, er dachte ernſter über die Beſtimmung der Menſchheit, den Gang der Geſchichte und die Pflichten des Menſchenfreundes nach, und gelobte ſich ſelbſt, fürderhin Nachſicht mit den Fehlern und Gebrechen der Menſchheit zu haben, ſtatt unfruchtbaren Haſſes. Der jugendliche Enthuſiasmus war verſchwunden, aber eine ſanfte und beſonnene Liebe der Menſchheit er⸗ wärmte unſers Helden Herz. In dieſer Ge⸗ müthsſtimmung lernte er die Tochter eines be⸗ nachbarten Geiſtlichen kennen, die in einfach frommer Sitte im Hauſe ihres Vaters aufge⸗ wachſen war— nicht ohne Bildung, nicht ver⸗ 357 bildet, ehrbar, fleißig, züchtig und von himm⸗ liſcher Herzensgüte— ſie erröthete, als er ihr Herz und Hand anbot, warf einen Blick auf ihn, der ihn an ihrer ſtillen Liebe nicht zwei⸗ feln ließ, und wies ihn an ihre Aeltern. Erſt da ſie als verlobte Braut in ſeinen Armen lag, ſchloß ſich die fromme Einfalt ihres Herzens ihm ganz auf, und er wurde der glüchlichſte Gatte und Vater. *— . Neue Verlagsartikel von H. N. Sauerländer in Aarau. Jubilatemeſſe 1833. Bronner, Frz. X., Luſtfahrten ins Idyllen⸗ land. Gemüthliche Erzählungen und neue Fi⸗ ſchergedichte. 2 Bändchen in gr. 12. In far⸗ bigem Umſchlag broſchirt. 3 fl. 46 kr. oder 2 thlr. 12 gr. —— Anleitung zur Beſorgung von Archiven und Regiſtraturen. 8. 46 kr. oder 12 gr. Fries, M. G., Profeſſor zu Paris, volſtän⸗ dige Anleitung zur franzöſiſchen und deutſchen Unterhaltungsſprache. gr. 8 broſchirt S 1 fl. 20 kr. oder 20 gr. Götzinger, M. W., deutſche Sprachlehre für Schulen. Dritte umgearbeitete und verbeſſerte Ausgabe.(Befindet ſich unter der Preſſe.) Hirzel, Caſpar, praktiſche franzöſiſche Gram⸗ matit. Achte verbeſſerte Ausgabe von C. von Orell. S4 kr. oder 1 gr. —— Neues franzöſiſches Leſebuch. Vervollſtan⸗ digt von C. von Orell. Dritte verbeſſerte Ausgabe. 46 kr. oder 12 gr. — Diectionnaire, nouveau, frangais et alle- mand, à l'usage des écoliers. Dritte ver⸗ mehrte Auflage. gr. 8. broſchirt 1 fl. 30 kr. oder 20 gr. Maltens Bibliothek der neueſten Weltkunde. Jahrgang 1833. 12 Theile. S. broſch. 12 fl. oder 8 thlr. Seybold, F., Novellen. Ein Bändchen in 12. In farbigem Umſchlag broſchirt 2 fl. oder Uthlr. 8 gr. Stunden der Andacht. Sechszehnte voll⸗ ſtändige Originalausgabe in engem Druck, in Einem Bande. 3 fl. 46 kr. od. 2 thlr. 12 gr. —— Siebenzehnte vollſtändige Originalausgabe. Acht Bände in gr. 8. auf ſchönem weißem Druckpapier(unter der Preſſe). Zſchokke, H., das Goldmacherdorf; fünfte verbeſſerte Auflage. 8. 24 kr. oder 6 gr. —— Promerheus. Für Licht und Recht. Drit⸗ ter Theil. gr. 8. broſch. 3 fl. oder 2 thlr. (Der erſte und zweite Band, jeder zu 3 fl. oder 2 thlr., erſchienen letztes Jahr.) a Bei Anlaß einer neuen Ausgabe von Schillers ſämmtlichen Schriften in einem Band diene zur Nachricht, daß von Zſchokkes Rovellen, die in ganz Deutſchland eine all⸗ gemeine günſtige Aufnahme dermalen finden, ebenfalls eine Ausgabe in einem Band er⸗ ſchienen iſt, und zwar zu dem äuſſerſt billigen Preiſe von 7 fl. 30 kr. oder 5 thlr. auf halb⸗ weißem Papier, und 11 fl. oder 7 thlr. 8 gr. auf weißem Papier. Die Ausgabe in gefälligem Taſchenformat, gleich wie Göthe's Schriften, iſt in zehn Theilen erſchienen, und koſtet auf halbweißem Papier 10 ff. oder 6 thlr. 16 gr., und auf weißem Papier 44 fl. 30 kr. oder 9 thlr. 16 gr. Beide Ausgaben ſind in meinem Verlage erſchienen, und können durch alle gute Buch⸗ handlungen um dieſe Preiſe bezogen werden. H. R. Sauerländer in Aaran. —— 5— 15 1 1 . 6 7 18 . 9 10 11 12 13 14 0 8 y S il 2 1