Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eſebedingungen. „1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr pfen 2. Lesepreis. Bei 5 ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 3 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nhchentlic 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: W— f. 1 M 2 W 1* Ausürtige abonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre Koſten und Gefahr ſetbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für be„verlörene und defeete Bücher(namentlich —,— b Camiſarde, Friedrich Seybold ein hiſtoriſcher Roman D er von Erſter Theil. „ e i Stuttgart, S — 1 8 offm n i 2 9. 1 Vorrede. — Jc übergebe hier dem Publikum meinen er⸗ ſten Verſuch in dieſer Gattung. Ich habe die Charaktere gezeichnet, wie ſie, nach meiner Anſicht, im Leben ſind. Der Menſch iſt jeder Tugend fähig und der Diener jedes Laſters. Er wird in der Regel, wozu ihn eben die Umſtände machen. Selbſt große Geiſter, die gleichſam dem Schickfal zu gebieten ſcheinen, bedürfen der Nachhülfe des Glücks. Sie ſind ſelten und vergehen wie ein Blitz, nachdem ſie einen Augenblick die allgemeine Nacht er⸗ hellt und den ſtinkenden Dunſtkreis der Menſch⸗ — heit gereinigt haben. Vollkommene Tugend⸗ ſpiegel und abſolute Scheuſale zu ſchildern, überlaſſe ich andern. Was die Kritik betrifft, ſo will ich ſie durch dieſe wenigen Worte we⸗ der beſtechen, noch herausfordern. Möge über mich ergehen, was Rechtens iſt. Berg, bei Stuttgart, im November 1828. öriedrich Seybold, vorm. königl. würtemberg. Hauptmann. Der Camiſarde. Der Camiſarde I. 1 —— Wenn man von dem Gebirge der Sevennen herabſteigt, kommt man in ein weites frucht⸗ bares Thal, la Vaunage genannt. Geht man das Thal hinab bis zu ſeinem Ausgang, ſo gelangt man in eine unüberſehbare Ebene, wel⸗ che öſtlich die Stadt Nismes, ſüdlich das Meer und weſtlich der Fluß Vidourles begränzt. Thal und Ebene bilden ein lachendes, blühen⸗ des Gefilde, das mit zahlreichen Dörfern, Schlöſſern und Landhäuſern mahleriſch beſäet iſt. Seine Lieblichkeit und Fruchtbarkeit zu be⸗ zeichnen, nennt man es ſeit Jahrhunderten das kleine Canaan. Etwa in der Mitte des Thals la Vaunage liegt das Dörfchen Vauvert. Auf ſeine freundlichen Häuſer hinab blicken — —.————— 4 von einer ſanft anſtrebenden Höhe die Trüm⸗ mer eines gothiſchen Schloſſes, noch gebietend in ihrem Verfalle. Um die Zeit, da Ludwig, der vierzehnte dieſes Namens, in ſeinem Alter ein Spielzeug ränkevoller Weiber und unduldſamer Prieſter, das Edikt von Nantes, welches den Prote⸗ ſtanten freie Uebung ihres Glaubens zuſich⸗ erte, zurückgenommen hatte, ſtunden noch unver⸗ ſehrt die Mauern und Thürme des Schloſ⸗ ſes von Vauvert, das ein begüterter Edelmann der Provinz, Nicolas de Saint⸗Comes, bewohnte. Er war im proteſtantiſchen Glau⸗ ben erzogen; als die Verfolgungen gegen die Proteſtanten ausbrachen, trat er zum Katho⸗ licismus uͤber. Sein Eifer für die neu an⸗ genommene Lehre, die er, wie Apoſtaten pfle⸗ gen, zur öffentlichen Schau trug, hatte ihm das Wohlwollen der Regierung erworben, und er bekleidete die angeſehene Stelle eines Obri⸗ ſten der Provinzialmilitz. Dieſes Amt, das ihn häufig in feindliche Berührung mit heim⸗ — — — 5 lichen und offenen Proteſtanten brachte„ und das er um ſo rückſichtsloſer übte, je mehr er nach dem Ruf eines ſtrengen Eiferers für den alleinſeligmachenden Glauben ſtrebte, hatte ihm den Haß aller Proteſtanten und ſelbſt die Abneigung der gutdenkenden Katholiken zuge⸗ zogen. So lebte er einſam in ſeiner Burg, gefürchtet von den Meiſten, geachtet von We⸗ nigen und geliebt vielleicht nur von ſeiner einzigen Tochter, einem reizenden Mädchen von achtzehn Jahren, die ihrem Vateralle Opfer brachte, welche kindlicher Gehorſam und Liebe der Eltern auflegen,— nur ihren Glauben nicht. Mehrere hundert Schritte vom Dorfe Vau⸗ vert abgelegen, ſtund einſam zwiſchen Bäu⸗ men eine freundliche Hütte— als wäre ſie abſichtlich zum Sitze ſtiller Verborgenheit er⸗ koren. Es war an einem der erſten Früh⸗ lingstage des Jahres 1702, daß zween Wan⸗ derer, querfeldein kommend, auf ſie zuſchrit⸗ ten. Sie trugen Beide die Tracht der Land⸗ leute der Provinz und unterſchieden ſich im Aeußerlichen durch nichts von einander; beide waren hoch gewachſene kräftige Männer, inder Blüthe und Kraft des Alters zwiſchen fünf und zwanzig und dreißig Jahren. Von Zeit zu Zeit ſtunden ſie ſtille und ſahenſich vorſichtig um, als hätten ſie irgend eine Gefahr zu beſorgen. Die Nacht war eben eingebrochen, und wenn je und je an dem etwas umzogenen Himmel der Mond aus den Wolken trat, beſchien er mit ſeinen milden Strahlen das niedere Dach der Huͤtte. In einer Entfernung von etwa hundert Schrit⸗ ten barg ſich der eine der Wanderer im Schat⸗ ten der Bäume, während der andere, vor⸗ ſichtig und ſtets das Licht des Mondes ver⸗ meidend, der Hütte zuſchlich. Als er an das niedere Fenſter gekommen war, bückte er ſich, ſchlüpfte an der Mauer hin und hob nur von Zeit zu Zeit den Kopf, um zu erlauſchen, was im Innern des Zimmers vorgehe. Seine Forſchungen ſchienen ihn zu befriedigen, denn plötzlich hob er die Hand und klopfte mit einem Finger dreimal ſachte an die Scheibe. Nachdem das Zeichen dreimal wiederholt war, öffnete ſich das Fenſter und ein ehrwürdiges Haupt, deſſen Haare das Alter und vielleicht Leiden gebleicht hatten, winkte bejahend. Ein ſtummes Zeichen der Hand rief den lauſchen⸗ den Gefährten und beide ſchlüpften behend in die geöffnete Thüre der Hütte. Wie ſteht es, mein Sohn, mit unſern Brüdern, fragte der Greis den Einen der Eintretenden?— Haben Sie, ſiel, ohne die Antwort abzuwarten, ein langer hagerer Mann von etwa ſechszig Jahren, deſſen ſchwarze Haa⸗ re, die anſiengen grau zu werden, ſchlicht über ſeinen Nacken herabhingen, dem Fragenden in die Rede, haben ſie für ihren Glauben ge⸗ zeugt und die Märtyrerkrone errungen, wie Paulus, das Wort des Herrn im Leben und Tode bekräftigend?— Sie ſind durch Leiden eingegangen zur ewigen Freude, erwiederte der Gefragte mit düſter zur Erde geſchlagenen Blicken.— Eine kurze Pauſe erfolgte; eine alte Frau in ländlicher Kleidung, die auf einem niedern Stuhle ſaß, und ein junges Mädchen, das in einer Ecke des Zimmers ſtund, fingen laut an zu ſchluchzen; die übrigen verharrten in lautloſem männlichem Schmerze. Der lange hagere Mann nahm die kleine ſchwarze Mütze ab, die ſein Haupt bedeckte und faltete die Hände zum Gebet. Als die andern ſeinem Beiſpiele gefolgt waren, ſprach er mit lauter, volltönender Stimme mit den Worten des Pſalmiſten:„Gott, mein Gott, warum verſtößeſt du uns ſo gar und biſt ſo zornig über die Schafe deiner Weide? Ge⸗ denke an deine Gemeinde, die du von Alters her erworben und dir zum Erbtheil erlöſet haſt. Warum trittſt du auf ſie mit Füſſen und ſtoßeſt ſie gar zu Boden? Der Feind hat Alles verderbet im Heiligthum. Deine Widerwär⸗ tigen brüllen in deinen Häuſern und ſetzen ihre Götzen darein. Sie verbrennen dein Hei⸗ ligthum, ſie entweihen die Wohnung deines Namens. Unſere Zeichen ſehen wir nicht, und kein Prophet predigt mehr und kein Lehrer lehret 0 uns. Gedenke doch, v Gott, an deinen Bund, denn das Land iſt allenthalben jämmerlich ver⸗ heeret. Laß den Geringen nicht mit Schan⸗ den davon gehen, denn die Armen und Elen⸗ den rühmen deinen Namen. Herr, ſie zer⸗ ſchlagen dein Volk und plagen dein Erbe. Sie erwürgen die Wittwen und tödten die Wai⸗ ſen und ſprechen, der Herr ſiehet es nicht und der Gott Jakobs achtet es nicht. Aber der das Ohr gepflanzt hat, ſollte der nicht hören? der das Auge gemacht hat, ſollte der nicht ſehen? du kennſt, v Herr, die Gedan⸗ ken der Menſchen und weißt, daß ſie eitel ſind. Wohl dem, den du züchtigeſt und lehreſt ihn durch dein Geſetz, daß er Geduld habe, wenn es ihm übel gehet, bis dem Gottloſen die Grube bereitet werde. Denn der Herr wird ſein Volk nicht verſtoßen, noch ſein Erbe verlaſſen; denn das Recht muß doch Recht bleiben, und dem werden alle frommen Her⸗ zen zufallen.“—„Amen!“— Amen! ſprachen alle Zuhörer nach. Die alte Fran und das jun⸗ 10 ge Mädchen fingen laut an zu ſchluchzen. Weine nicht, Margot, ſprach der Eine der Fremden, der, den der Greis als ſeinen Sohn angeredet hatte, und trat ihr tröſtend näher, weine nicht, der Herr wird die Seinen nicht verlaſſen, und vielleicht, fügte er, ihre Hand faſſend hinzu, ſind uns noch glückliche Tage bereitet, nicht an uns und unſere Zu⸗ kunft dachte ich, Antoin e, erwiederte das Mädchen ſchluchzend, ſondern an das Blut der Gerechten, das die Gottloſen vergoſſen haben wie Waſſer.— Wohl ihnen, ſprach mit tiefer faſt tonloſer Stimme der hagere Mann, ſie haben die Palme des Friedens er⸗ rungen. Aber, fuhr er zu Antoine gewen⸗ det fort, erzähle uns das Ende dieſer Ge⸗ rechten, auf daß unſer Glaube erſtarke an ih⸗ rem Beiſpiel, damit auch wir angethan ſeyen mit dem Harniſche chriſtlicher Geduld und Ergebung, wenn Gott uns fordert, für ſeinen Namen zu zengen in Marter und blutigem Tode. 11 Ehrwürdiger Herr, erwiederte Antoine, erlaßt meiner Zunge, die Greuel zu beſchrei⸗ ben, die meine Augen geſehen. Genug ſey euch zu wiſſen, daß unſere Brüder in dem Herrn den letzten Kampf gekämpft und die Krone der Märtyrer empfangen haben. — Nicht alſo, mein Sohn, entgegnete ihm der Geiſtliche. Wir, die wir berufen ſind, Verfolgung zu leiden um des Glaubens wil⸗ len, dürfen unſer Herz nicht einwiegen in ſchlaffe Weichlichkeit, ſondern ſollen uns ver⸗ traut machen mit dem Gedanken an einen ge⸗ waltſamen Tod, denn heute oder morgen kann uns der Herr berufen, das letzte Zeugniß ab⸗ zulegen für ſeine Gemeinde. Darum erzähle friſch, was du geſehen, damit der glorreiche Heimgang der Helden des Glaubens uns ein Sporn werde, ihnen zu folgen im Leben und im Tode.— Die Opfer der Tirannei zu ret⸗ ten, ging ich aus mit zwölf andern, die ih⸗ res Lebens nicht achteten— wir konnten nur Zeugen ihres Todes ſeyn. Als wir nach 12 Montpellier kamen, führte man ſie eben den letzten Gang. Es waren ihrer acht, an de⸗ ren Spitze der greiſe Vallier, der wür⸗ dige Genoſſe Eures heiligen Amtes, gieng. Seine Silberlocken flatterten im Winde und von ſeinem Angeſicht leuchtete die Ruhe und Heiterkeit der Engel. Keiner verläugnete ſei⸗ nen Gott, als der Abt Chaila, dieſer wü⸗ theriſche Prieſter, ſie zum Widerruf ihrer Irrlehre aufforderte. Alle ſtarben eines freu⸗ digen Todes. Manches Herz hat ihr glor⸗ reiches Ende im wahren Glauben befeſtigt und manches, das bisher verhärtet war, für die reine Lehre gewonnen.— Sprich, mein Sohn, was iſt aus den übrigen Duldern geworden, welche die Schergen der Gewalt aus unſerer letzten Verſammlung in den Höh⸗ len des Gebirgs gefangen weggeführt haben?— Der ungerechte Richter hat dieſe Opfer des Glaubens lebenslänglich auf die Galeeren ge⸗ ſchmiedet; ich ſah ſie an einer Kette, als ſie nach Marſeille abgeführt wurden.— Hat kei⸗ — 13 ner von ihnen, gleich Petrus, um der Men⸗ ſchen willen ſeinen Heiland verläugnet?— Kei⸗ ner, ehrwürdiger Vater.— Gelobt ſeyſt du, o Gott, der du ſtark biſt in den Schwachen, rief begeiſtert der Diener des göttlichen Worts; deine Kirche iſt auf einen Fels gebaut und keine Gewalt der Menſchen wird ſie zertrümmern. — Alle falteten ihre Hände zu ſtillem Gebet. Nachdem die Gemüther ſich in etwas be⸗ ruhigt hatten, richtete ſich die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit auf den Fremden, der mit An⸗ toine gekommen war. Man betrachtete ihn mit einiger Neugierde, doch ohne nach ſei⸗ nem Namen und Stande zu forſchen. Ob⸗ wohl ſeine Kleidung auf einen Landmann deutete, ſo lag doch in ſeinem ganzen Beneh⸗ men eine Würde und Gewandtheit, die einen höhern Stand anzukuͤndigen ſchien. In den damaligen Zeiten der Verfolgung war es nichts Seltenes, daß angeſehene Proteſtanten in allerlei Verkleidungen der Nachforſchung zu entgehen ſuchten. 44 Jean Perier, Antoine's Vater, war Pächter des Herrn von Saint⸗Comes gewe⸗ ſen; er wurde von ſeiner Pacht entfernt, weiler ſeinem Glauben treu blieb. Seit einigen Jah⸗ ren nun wohnte er mit ſeiner Frau, Maria⸗ ne, und einer Waiſe, Margot, die bei ihm aufgewachſen war, in der abgelegenen Hütte und nährte ſich ziemlich kärglich von dem Ertrage eines kleinen Gütchens. Margot war die Verlobte des jungen Antvine. Bei⸗ de hatten ſich von Jugend an geliebt, und die Eltern legten ihrer Liebe kein Hinderniß in den Weg. Antvine war ein eifriger Proteſtant und wohnte öfters den heimlichen Verſammlungen der Gläubigen im Gebirge bei. Margot theilte die religiöſen Meinun⸗ gen ihres Geliebten, und was bei dem kräf⸗ tigen jungen Manne wohluberlegter und ſtand⸗ hafter Eifer für ſeine Religion war, gieng bei dem ſchwächern Geſchöpfe in eine Art frommer Schwärmerei üßer. Handeln konnte ſie nicht für ihren Gleuben, aber für ihn zu 45 dulden, war ſie jeden Augenblick bereit. Von Zeit zu Zeit begleitete ſie den Geliebten durch heimliche Pfade in das Gebirge, um den frommen Zuſammenkünften der Brüder, welche, gleich den erſten Chriſten, ihren Gottesdienſt in abgelegenen Wäldern und Höhlen feierten, beizuwohnen. Der alte hagere Mann war Benjamin Brouſſon, ein proteſtantiſcher Geiſtlicher, der in dieſen Zeiten der Bedräng⸗ niß ſich heimlich von Ort zu Ort und von Haus zu Haus ſtahl, um mit Gefahr ſeines Lebens ſeinen Glaubensbrüdern das Wort der reinen Lehre zu verkündigen, und ſie, wie er ſich ſelbſt ausdrückte, wach zu erhalten, bis der Bräutigam kommen würde. Viele ſeiner Amtsbrüder waren in die Schweiz geflohen; der gute alte Mann wollte nicht von ſeinem heiligen Poſten weichen und ſprach mit ruhi⸗ ger Wuͤrde:„ich bin ein Hirte geſetzt über die Heerde, ſie zu weiden, und will nicht von ihr weichen mein Lebenlang.“„So zog er nun, in 16 ſteter Todesgefahr, raſtlos von Ort zu Ort und tröſtete ſeine Glaubensbrüder durch Lehre und Beiſpiel.„Ueber meinem grauen Haupte, ſprach er oft in ihren Verſammlungen, ſchwebt ſtündlich das Beil des Henkers und oft verſa⸗ gen mir meine müden Glieder den Dienſt, wenn ich den Stricken der Verfolger zu ent⸗ gehen ſuche. Mein Bett iſt der kalte Stein und die Wurzeln des Waldes meine Nahrung, aber ich will arbeiten in dem Weinberge des Herrn, bis mein Herr und Meiſter mich zu ſich ruft.“ Viele erhielt dieſer würdige Prie⸗ ſter ſtandhaft in ihrem Glauben. Darum hatte ihn die Regierung geächtet und auf ſeinen Kopf war ein Preis geſetzt. Aber keiner ſei⸗ ner Glaubensgenoſſen verrieth ihn, um den Blutſchilling zu empfangen; und wenn er ver⸗ folgt wurde, führten ihn ſeine Getreuen durch die unwegſamen Gebirgspfade in die verbor⸗ genſten Höhlen der Sevennen, die je und je den bedrängten Proteſtanten zum Zufluchtsorte dienten. Nachdem das einfache Abendmahl einge⸗ nommen und durch den Geiſtlichen das Abend⸗ gebet geſprochen war, ſuchte jeder ſein Lager. Antvine gab Margot einen bedeutſamen Wink. Etwa eine Stunde darauf klopfte es leiſe an ihre Kammerthüre; ſie öffnete und ſank in die Arme ihres Geliebten. Die Liebe — ſelbſt die reinſte, deren Thun tauſend Au⸗ gen bewachen dürften— iſt gerne ohne Zeu⸗ gen.„Wann, o wann, mein Antvine, ſprach innig das Mädchen, wird die Stunde unſeres Glückes ſchlagen?— Wann, erwiederte ernſt der Gefragte, wann die Stunde der Erlöſung unſerer Brüder ſchlägt.— O, mein Geliebter, bedenkſt du auch, welchen Gefahren du dein Haupt blosſtellſt?— Mit Gottes Hülfe hoffe ich ſie zu beſiegen. Und winkt mir nicht am Ziele ein doppelter Preis— der Segen mei⸗ ner Brüder und der Lohn deiner Hand?— Und wie willſt du obſiegen mit dieſer furcht⸗ ſamen und wehrloſen Heerde gegen die ganze Macht eines großen Königreichs— PBer n— 18 Herr der Heerſchaaren, der den ſtarken Go⸗ liath fällte durch die Hand eines ſchwachen Hirtenknaben, kann auch unſere Feinde in unſere Hände geben.— O, täuſche dich nicht, die Zeit der Wunder iſt vorüber.— Iſt das der Glaube meiner Margot, den ein Hauch verweht?— Ach, mein Antoine, wenn ich dein theures Haupt in Gefahr weiß, bin ich nur ein ſchwaches Mädchen, bange Ahnun⸗ gen ergreifen meine Seele, aber ich gelobe dir, dein Schickſal zu theilen und dir zu fol⸗ gen in Noth und Tod.— Gott iſt allmächtig, er wird alles wohl machen. Sollte er uns aber verlaſſen, ſo iſt ein freier Tod beſſer, als ein Leben in Ketten. Die Mittel ſind bereit, der Schlag muß geſchehen; falle das Loos, wie es will. Morgen gehe ich zu Roland vom Gebirge.— Wer iſt dieſer furchtbare Geheimnißvolle, der dich zu ſo kühner That begeiſtert hat?— Was fragſt du nach ſeinem Namen? Und kenne ich ihn denn ſelbſt, ob⸗ wohl ich ſeit Jahren auf die Worte ſeiner 19 Weisheit höre? Esuiſt rin höherer Geiſt, der mich vom Baume der Erkenntniß eſſen ließ und mir mein Inneres aufgeſchloſſen hat, das mir verborgen war. Ich bin ſeiner Jünger einer und bereit zu jeder That, zu der Gott mich rufen wird durch den Mund meines Meiſters. Mag er mir gebieten, Vater und Mutter zu verlaſſen, und ſelbſt meiner Liebe zu entſagen, ſo will ich mein Kreuz auf mich nehmen und ihm nachfolgen.— Ja, rief Margot, von dem Eifer ihres Geliebten be⸗ feuert, ſchwärmeriſch aus, ja, er iſt ein be⸗ geiſterter Seher Gottes, und wir wollen ihm blind vertrauen.“ Sie reichten ſich die Hän⸗ de zum Zeichen des feſten Entſchluſſes und ewigen Bundes. Stumm ſanken ſie ſich in die Arme und ſchieden tief bewegt von einan⸗ der. Der Fremde hatte die Nacht in einem Zimmer zugebracht, deſſen kleinere Hälfte von . ———* der größeren durch einen hölzernen Verſchlag getrennt war, und, nach der Ermüdung des Tages, bald den Schlaf gefunden. Flüſternde Stimmen weckten ihn mit der Morgendäm⸗ merung; er richtete ſich auf von ſeinem La⸗ ger, auf dem er nur halb entkleidet gelegen war.— Eilt, ehrwürdiger Herr, ſprach eine halblaute Stimme, die Antoine Perier anzugehören ſchien, eilt, ſie kommen, und ſind dem Dorfe ſchon nahe. Haſt du auch recht geſehen, Chretien?— Sie ziehen das Thal herauf, erwiederte die Stimme eines Knaben, der eben zum Jüngling heranreift, es ſind wohl zwanzig Dragoner, die keine Viertel⸗ ſtunde mehr entfernt ſind; ich ſah ſie vom Felſen hinter dem Garten.— So führe den ehrwürdigen Herrn durch die bekannten Pfade, bis du zu der Höhle im Gebirge komnſt. Sey vorſichtig, daß Niemand deine Spur ent⸗ decke.— Der Fremde, der ſich ſchnell ange⸗ kleidet hatte, trat hinzu; die übrigen Hausge⸗ noſſen eilten ebenfalls herbei, während der 2⁴ Geiſtliche ſich zur Reiſe fertig machte. Chretien, ein Knabe von ſechszehn bis ſiebenzehn Jahren, deſſen blaſſem und faſt mädchenhaftem Geſichte ein Paar feurige ſchwarze Augen einen Anſchein von Kühnheit gaben, der mit ſeiner ſchmächtigen Geſtalt und ſeinem übrigen Weſen einen ſeltſa⸗ men Contraſt bildete, hatte bereits den Ge⸗ virgsſtock zur Hand genommen und die Jagd⸗ taſche umgehängt; in ſeinem Buſen barg er eine kleine Piſtole und einen Dolch.— Wozu dieſe Waffen, mein Sohn, fragte ängſtlich die alte Mutter?— Zu unſerer Vertheidigung, wenn es Noth thut, antwortete ſtolz der Kna⸗ be.— O! mein Sohn, wer das Schwert führt, wird durch das Schwert umkommen.— Doch nicht ungerächt, erwiederte der Knabe mit einem finſtern Ernſt, der uͤber ſeine Jahre gieng.— Wehmuͤthig ſchüttelte die Mutter den Kopf, der alte Vater betrachtete den ju⸗ gendlichen Sohn— ſeinen Benjamin— mit kummervollen Blicken; Antoine ſchien an der Freudigkeit des muthigen Knaben Gefal⸗ 5 ⸗ len zu finden; der Geiſtliche verharrte eine Mi⸗ nute lang ſchweigend und kehrte ſeine Bli⸗ cke, wie in tiefem Sinnen, den Wolken zu; dann hob er ſeine Hände und legte ſie ſegnend auf die braunen Locken des Knaben, der ſeine Augen niederſchlug und ſein Haupt in Demuth zur Erde beugte.„Laßt ihn, ſprach er mit feier⸗ lichem Ernſt und faſt im Tone eines Prophe⸗ ten, laßt ihn thun, wie ihm der Geiſt gebie⸗ tet. Durch den Knaben Iſai hat der Herr ſein Volk errettet aus der Hand der Philiſter, und ſo er will, kann er wiederum Wunder thun durch den Arm der Unmündigen und Schwachen. Ihr aber lebet wohl und ver⸗ harret treu in eurem Glauben; um mich ſeyd unbeſorgt, denn der Herr wird mich ſicher führen durch die rauhen Pfade des Gebirgs und meine Feinde mit Blindheit ſchlagen, denn ich leide um ſeines Namens willen.— Segnend erhob er ſeine Hände und wendete ſich ſchweigend zur Thüre, gleichmüthig im Sturme der Gefahr wie im Hafen der Ruhe, 23 gleich bereit zum Leben und Wirken wie zum Leiden und Sterben, denn ſeine Rechnung war abgeſchloſſen mit dem Himmel und der Erde. Als der Knabe ſein Haupt erhob, ihm zu fol⸗ gen, ſtrahlten ſeine Augen von einem überir⸗ diſchen Glanze; er warf ſeine Blicke rings umher und gieng ohne ein Wort des Abſchieds. Inzwiſchen ſchlugen an das Ohr der An⸗ weſenden ferne Töne; ſie klangen wie wildes Jauchzen, das einzelne Klagetöne in ſich ver⸗ ſchlang, die nur bei einer Pauſe der brüllen⸗ den Stimmen hie und da hörbar wurden, wie der klagende Ruf der Unke ſich im Stur⸗ me der Nacht verliert, der durch die Wipfel der Eichen braußt. Angeſtrengt horchten ſie den immer näher kommenden Tönen, um dadurch die Richtung des Zugs zu errathen; allgemach ſchienen ſie ſich wieder etwas zu entfernen. Es geht dem Schloſſe zu, ſprach Antvoine, ich will ſehen, was es bedeutet; er gab dem Fremden einen Wink; er folgte ihm durch die Thüre. Beide eilten durch die Gärten einen nähern Weg zum Schloſſe, um dem Zuge voranzukommen. Sie miſchten ſich unter die ſtumm zuſchauenden Landleute, die meiſtens heimliche oder offene Proteſtanten waren. An der Spitze des Zugs ritt ein Wachtmeiſter der Dragoner mit acht Mann.— Wir haben den Vogel, rief er ſchon von ferne höhnend der Gruppe der Bauern zu. Was ſteht ihr da, ſprach er, näher kommend, wie die ſtummen Oelgötzen; thut eure Mäuler auf und ruft: Es lebe der König!— Alles blieb lautlos.— Soll ich euch die Zunge löſen? rief er barſch und theilte auf die Rücken der Zunächſtſtehen⸗ den einige Hiebe mit der flachen Klinge aus. Die Geſchlagenen wichen ſtumm unter den Haufen zurück, begleitet von dem Gelächter der Soldaten. Wartet, wir wollen euch das Erucifir zu küſſen geben, ihr proteſtantiſchen Hunde! rief ihnen der Anführer nach. Das Geſicht des Fremden flammte; er wollte. ſich vordrängen. Antoine warf ihm einen be⸗ deutenden Blick zu und riß ihn am Arme mit ————— 25 ſich weg. Sie hoben die Köpfe, um über die andern wegzuſehen. In der Mitte von etwa zwölf Douaniers giengen ſechs Gefangene, die Hände mit Stricken auf den Rücken ge⸗ bunden; acht Dragoner ſchloßen den Zug. Einer der Gefangenen, ein großer ſtark gebau⸗ ter Mann von etlichen vierzig Jahren, gieng aufrecht, in ſtolzer Haltung, in der Mitte des Zugs und warf die kühnen Blicke rings um⸗ her. Es iſt Esprit Segujer, flüſterte An⸗ toine ſeinem Begleiter erſchrocken zu.— Das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm, erwiederte dieſer halblaut. Beide folgten dem Zuge, der dem Schloßthore zugieng. Auf dem Schloßhofe marſchierte die Be⸗ deckung auf. Die Dragoner ſtiegen ab und der Wachtmeiſter trat zu den Gefangenen: Nun, Herr Esprit Seguier, du Prophet der wahren Gläubigen und König der Gauner, was ſagſt du dazu, daß der Herr dich verlaſ⸗ ſen und in die Hände deiner Feinde, der Zöll⸗ ner und Sünder, gegeben hat?— Der Ge⸗ Der Camiſarde. I. 2 — Ach! Habe ich das Mittel gefunden, dir 26 fangene maß ihn mit einem Blicke der Ver⸗ achtung und ſchwieg.— Es wird wohl Mit⸗ tel geben, dein Schweigen zu brechen, fuhr der andere fort. Was meinſt du, wenn Mei⸗ ſter Hämmerlein mit ſeiner handgreiflichen Rhetorik dir den Mund öffnen wird?— Keine Antwort.— Nun, ihr Schufte, wen⸗ dete ſich der Soldat zu den übrigen Gefan⸗ genen, wenn euer Herr und Meiſter nicht re⸗ den will, ſo kann ich vielleicht euch die Zun⸗ ge löſen. Baſtian, bringe einmal die Daum⸗ ſchrauben her; wir wollen ſie zur Probe ei⸗ nem dieſer ſtummen Herrn anlegen, ob ſie uns dann vielleicht einer Antwort würdigen.— Ei⸗ ner der Dragoner näherte ſich mit dem ver⸗ langten Werkzenge und der Wachtmeiſter traf Anſtalten, das Eyperiment zu machen. Da brach Esprit Segujer ſein hartnäckiges Schweigen. Laß dieſe, ſprach er, und übe deinen grauſamen Muthwillen an mir, wenn die Geſetze dieſes Landes dir ſolches geſtatten. 27 Rede abzugewinnen? Achteſt du mich zu ge⸗ ring, um mir Antwort auf meine Fragen zu geben, da dn doch in meiner Hand biſt— Ich bin überall in Gottes Hand, und nicht in der der Menſchen.— Mag ſeyn, es wird aber lange dauern, bis dich dein Gott aus der unſrigen erlöst.— Vielleicht bald durch den Tod, erwiederte Jener mit Ruhe.— Sage mir doch, fragte der Soldat ſpottend, wie ſich die Würde eines Propheten mit dem Ge⸗ werbe eines Schleichhändlers verträgt— was hat Chriſtus mit Belial zu ſchaffen?— Und ſage du mir doch, du Knecht der Tirannei, welches Recht hat dein König, die freie Ue⸗ bung des Glaubens und den freien Verkehr unter den Provinzen dieſes großen Reichs zu hindern?— Er hat den König geläſtert, riefen zwanzig Stimmen zumal und zwanzig Hände griffen drohend nach dem Schwerte.— Laßt ſtecken, lachte der Wachtmeiſter, das Alles macht ein einziger Strick wett, und die ganze Rechnung geht auf das Kerbholz. 28 Der Fürſt der Schmuggler und der Prophet der Auserwählten wird an dem gleichen Stricke baumeln. Leute, die gleichſam ſchon am Gal⸗ gen hängen, haben ein Wort frei, und des Königs Thron wird um keinen Zoll kürzer, wenn ein Galgenſchwengel Seine Majeſtät läſtert. Freie Uebung deines Glaubens und freien Ver⸗ kehr wirſt du im Lande der Seligen finden. Darum bereite dich zum Heimgang, denn hie⸗ nieden iſt nichts für dich und deinesgleichen zu ſchaffen.— Wohl aber für dich und dei⸗ nesgleichen, antwortete der Gefangene mit bitterem Spott. Platz für den Herrn Obriſten! rief eine Stimme aus dem Haufen, der die Gefange⸗ nen umſtund. Ein Mann von etwa 60 Jah⸗ ren, in der Uniform der Milizen, trat aus dem Portal des Schloſſes. Ein Zug von Aengſtlichkeit ſchien anfangs auf ſeinem Ge⸗ ſichte zu liegen, der aber, ſo wie er näher kam, in Härte und kalten Spott übergieng. Tref⸗ fen wir uns endlich hier, ſprach er zu Es⸗ 29 prit Segujer, ich habe lange vergeblich nach dir geſucht.— Wäreſt du in die Ver⸗ ſammlungen der Gläubigen gekommen, ſtatt in die Tempel der Vaalspfaffen, ſo hätteſt du mich finden können, antwortete der Ge⸗ fangene.— Ja, oder auf die Schleifwege in den Bergen, wo du, zur Ehre Gottes, mit deinen Spiesgeſellen den Schleichhandel treibſt. — Jeder geht ſeinem Gewerbe nach; ich hand⸗ le mit Waaren, die ich um die Hälfte wohl⸗ feiler gebe, als die Finanzpächter und Blut⸗ ſauger deines Königs, du verkaufſt um Ju⸗ daslohn die armen Seelen deiner Glaubens⸗ genoſſen an die Phariſäer der römiſchen Kirche, welche ſich die alleinſeligmachende nennt.— Wie viel glaubſt dn denn wohl, daß deine arme Seele werth ſey?— Wahrſcheinlich wird ſie dir mehr als dreißig Silberlinge eintragen, denn ſeit unſer Herr und Heiland verkauft wurde, ſind die Seelen im Werthe geſtiegen. — Seht da, wie beſcheiden, er taxirt ſich höher, als ſelbſt Chriſtus!— Nicht doch, 30 mein Freund, dich tarire ich höher, als Ju⸗ das; ein vornehmer Schelm wird immer beſ⸗ ſer bezahlt, als ein gemeiner Schuft.— Es ſcheint mir, du anticipirſt auf die Freiheit, welche, als letzte Recreation, den Candidaten des Galgens zuſteht.— Ich kenne eure Juſtiz zu gut, um etwas anderes zu erwarten, als den Tod; aber wiſſe, daß ich lieber zehnmal ſterben, als mein Leben, könnte ich es auch mit einem einzigen Worte, von eurer Gnade erkaufen wollte.— Du ſcheinſt großes Ge⸗ wicht auf ein Wort deines Mundes zu legen, aber ſey ruhig, ſo wohlfeil kommt dein Leben nicht. Bei einem ſo verhärteten Böſewicht, wie du biſt, wäre die Gnade übel angebracht. — Ein verhärteter Böſewicht biſt du, der ſei⸗ nen Glauben abgeſchworen hat und ſeine Brüder hetzt, wie die Thiere des Waldes; aber noch lebt ein Rächer im Himmel, über deinem Haupte flammt ſchon das Schwert des Todesengels und deine Tage ſind gezählt. — Bei dieſen Worten wendete ſich Herr 34 von Saint⸗Comes erbleichend ab, um ſeine innere Angſt zu verbergen. Als er ſein blaſ⸗ ſes Geſicht einem der andern Gefangenen, einem alten Manne mit weiſſen Haaren, zu⸗ kehrte, ſprach dieſer mit tönender Stimme, dte wie ein Verdammungsurtheil klang, die Worte des Pſalm: Ich habe geſehen einen Gottloſen, der war trotzig und breitete ſich aus, und grünte wie ein Lorbeerbaum. Da man vorüber gieng, ſiehe, da war er dahin; ich fragte nach ihm, da ward er nirgend ge⸗ funden.— Todesbläſſe bedeckte das Geſicht des Obriſten und allgemeines Schweigen herrſchte durch die Verſammlung. Hinter dem Obriſten war ein Mädchen aus dem Portal getreten und neugierig in den hinterſten Reihen ſtehen geblieben. An⸗ zug und Haltung waren die einer Zofe. An⸗ noine drückte dem Fremden den Arm, um ihn auf dieſe Erſcheinung aufmerkſam zu ma⸗ chen. Er blickte nach der Richtung, in welcher das Mädchen ſtund, wurde roth und ſchob 32 ſich unmerklich nach jener Seite. Als er in ihre Nähe gekommen war, machte er ſie durch einen leiſen Druk der Hand auf ſein Daſeyn aufmerkſam. Sie warf ihr Stuznäschen in die Höhe und ſetzte ſich eben in Poſitur, den plumpen Bauernbengel mit aller Würde einer vornehmen Kammerjungfer abzuweiſen. Ein Blick, den ſie auf ihn warf, hemmte aber den Strom ihrer Rede, der eben losbrechen woll⸗ te; ſie faßte ſich, gab ihm einen bedeutenden Wink und gieng langſam in das Portal zu⸗ rück. Der Fremde folgte ihr unbemerkt, wäh⸗ rend die Scene zwiſchen dem Obriſten und den Gefangenen die Aufmerkſamkeit aller Zu⸗ ſchauer feſſelte. Als beide im Gange des Schloſſes waren, wendete ſich das Mädchen um und ſagte halblaut: Um Gottes willen, Herr von Martignac, was führt Sie hie⸗ her?— Die Liebe, wie du weißt, erwiederte ſcherzend der Fremde.— Und in dieſer Ver⸗ kleidung?— Wenn der Edelmann vornen ab⸗ gewieſen wird, ſchleicht der Baner hinten her⸗ 33 ein. Muß ich nicht den Argusaugen des Herrn Papa zu entgehen ſuchen? Führe mich ſchnell zu deinem Fräulein.— So ſchnell wird das wohl nicht gehen. Sie wiſſen, daß das Fräulein ihrem Vater verſprochen hat, Sie nimmer zu ſehen.— Und wenn ſie ſie⸗ ben Eide darauf abgelegt hätte, ſo muͤßte ich doch zu ihr.— Nur nicht ſo ungeſtüm, Herr Ritter; Sie brauchen meine Vermittlung, und ein freundliches Wort wird dieſe doch wohl werth ſeyn.— Tauſend, wenn du willſt, theure Liſette; du biſt die Edelſte und Schönſte dei⸗ nes Geſchlechts, und viel ſchöner noch, als du dich ſelbſt im Spiegel findeſt.— Das Compliment mag paſſiren, was die Schönheit anbelangt; aber mein Edelmuth wird mich wenig helfen, ſo lange ich nicht von Adel bin. — Vortrefflichſte der Zofen, ich trete dir acht von meinen ſechszehn Ahnen ab, wenn du mich nur gleich zu deinem Fräulein führſt. — Und die andern acht geben Sie mir, wenn ich Sie glücklich wieder fortbringe, 34 ohne daß der hochadeliche und erzkatholiſche Herr von Saint⸗Comes etwas von Ihnen gewahr wird.— Du kannſt ſie in Gottes Na⸗ men Alle haben, denn ſeit ſie proteſtantiſch geworden ſind, nützen ſie mich doch bei Hy⸗ fe nichts mehr.— Es hängt ja nur von Ihnen ab, ſie wieder zu katholiciren. Nehmen Sie ein Beiſpiel an dem Herrn Schwieger⸗ vater in Spe, der ſeine Ahnen wieder in Cre⸗ dit gebracht hat.— Scherz bei Seite, liebes Kind, ich habe ein Gewiſſen, ob ich gleich ein Edelmann bin.— Und ich auch, beſter Herr von Martignac, vob ich gleich nur ein Kammermädchen bin. Warten Sie hier ei⸗ nen Augenblick; ich werde Sie gleich abho⸗ len. Kurz darauf öffnete ſich die Thüre und Liſette winkte bejahend. Als der Fremde in das Zimmer trat, kam ihm das Fränlein entgegen. Angſt und Freude ſtritten ſich auf ihrem Geſicht, das mit einer ſchönen Röthe übergoſſen war, um die Oberherrſchaft. Then⸗ 35 rer Herr von Martignac, rief ſie dem Eintretenden entgegen, welcher böſe Genius führt Sie hierher zurück, während ich Sie ſchon in weiter Ferne, jenſeits der Gränzen dieſes unglücklichen Landes, glaubte?— Was mich zurückführt, Louiſon? die Liebe, die Liebe zu dir. Ueberall hin verfolgt mich dein Bild. Soll ich mein einſames Daſeyn in fremde Länder ſchleppen? Hier will ich bleiben, hier in deiner Nähe, und ſollte es mich Freiheit und Leben koſten.— O, bedenke doch, mein Louis, welche Qualen du mir bereiteſt, wenn ich beſtändig für deine Sicherheit zittern muß. Haſt du mir nicht verſprochen, meiner ewigen Angſt ein Ende zu machen, und in den glück⸗ lichen Auen der freien Schweiz die Entſchei⸗ dung unſeres Schickſals abzuwarten?— Soll ich leiden und dulden, wo ich handeln kann? Wahrlich, ich wäre unwürdig deiner Liebe und deines Beſitzes!— Und wird deine Ge⸗ genwart, die dich nur Gefahren ausſetzt, die Lage der Dinge ändern?— Vielleicht, es 36 gilt nur einen kühnen Verſuch.— O, Louis, du erſchreckſt mich. Ueber welchen finſtern Planen brüteſt du?— Iſt denn der Menſch ein Wurm, der ſich ewig in den Staub tre— ten laſſen ſoll?— Was vermag der Einzelne gegen die Gewalt?— Viel; wenn er feſten Willen hat, ſo wird er Helfer finden.— Eine Verſchwörung alſo gegen die Ruhe und das Glück deines Vaterlandes?— Eine Verſchwörung nennt man es, wenn der Unterdrückte, den die Gewalt im Kothe ſchleift, ſein gutes Recht ſucht! Vaterland! ich habe keines. Iſt das mein Vaterland, wo die Nichtswürdigkekt auf dem Schemel der Macht ſitzt und Recht und Ge⸗ rechtigkeit mit Füßen tritt, wo Millionen hun⸗ gern müßen, damit einige Tauſende ſich in Wollüſten erſäufen können„wo ſelbſt die Frei⸗ heit des Gedankens ein Verbrechen iſt und das Volk mit Hunden in die Meſſe gehetzt wird? Ruhe! die Ruhe eines Verſcheidenden, dem die Kraft der Bewegung fehlt! Glück! wo iſt es zu finden in dieſem Lande? Selbſt 37 bei denen nicht, die von dem Schweiße des miß handelten Volkes ſchwelgen!— O, mein theurer Freund, ein finſterer Geiſt hat dich ergriffen. Komm zu dir ſelbſt. Blicke um dich und frage dich ſelbſt, ob dieſes entwürdigte Volk, das ſeit Jahrhunderten ſeinen Nacken geduldig un⸗ ter das Joch beugt, der Selbſthülfe fähig ſey, und ob ſie ihm nicht noch ſchlimmere Tage bereiten werde, als ſeine jetzigen ſind? Du wollteſt es ſeyn, der die Fackel des Auf⸗ ruhrs in die friedlichen Hütten dieſes Landes ſchleudert? Leideſt du Unrecht, ſo trage es ſtill, wie ächte Chriſten thun. Erhalte dein Herz und dein Gewiſſen rein, denn durch ge⸗ waltſame Hülfe ſtellſt du dich auf die nämli⸗ che Stufe mit denen, die jetzt Gewalt üben; ſie vergießen unſchuldiges Blut, um ſich ihre Macht zu erhalten; du wirſt unſchuldiges Blut vergießen müſſen„ um ſie zu ſtürzen. Und wird die kühne That gelingen? Wird nicht dieſes Blut nutzlos vergoſſen ſeyn 2 Greiſe nicht verwegen in das Rad des Schickſals, 38 ſondern begnüge dich mit dem Bewußtſehn, deine Pflichten als Menſch und Chriſt erfüllt zu haben. Zu ſpät möchte die Reue deinem zarten Gewiſſen ihre Qualen bereiten. Glau⸗ be nur, die Erbitterung täuſcht ſich, und der Name Vaterland iſt doch kein leeres Wort, wenn auch die beſtehende Ordnung der Dinge dem Ideale nicht entſpricht, das wir im Buſen tragen. Dieſes Frankreich iſt doch das Land deiner Heimath, die Wiege deiner Kind⸗ heit— und du wollteſt ſie in frechem Ueber⸗ muth zertrümmern!— Sie ergriff zärtlich ſeine Hand und ſchmiegte ſich innig an ihn.— O, meine Louiſon, ſagte bewegt der Jüng⸗ ling, vielleicht ſpricht mein guter Genius durch dich zu mir; aber wollte ich auch, ich kann nicht zurück, ich bin gebunden.— O, mein theurer Louis, nichts ſoll den Mann binden gegen ſeine beſſere Ueberzeugung. Folge mir, folge der erwachten Stimme deines Gewiſ⸗ ſens.— Ein Kopf, der Liſettens, ſteckte ſich durch die Thüre: Schnell fort, der Herr 39 von Saint⸗Comes! Der Jüngling eilte in das Cabinet und Louiſon ließ die Vorhänge uͤber die Glasthuͤre herab. Bleich und ſichtbar abgeſpannt trat Loui⸗ ſons Vater in das Zimmer; er ſetzte ſich er⸗ mattet auf einen Seſſel. Theilnehmend trat die Tochter zu ihm: Was iſt Ihnen, mein theurer Vater?— O, der Aerger, den ich einnehmen mußte, antwortete er, tief aufath⸗ mend.— O, wären Sie doch geblieben, wie ich Ihnen gerathen habe. Ueberlaſſen Sie dieſe traurigen Geſchäfte ihren Untergebenen; nichts verpflichtet Sie zu deren perſönlicher Verrichtung.— Ach, meine Tochter, das ver⸗ ſtehſt du nicht; es iſt nicht blos um des Dien⸗ ſtes, ſondern hauptſächlich um der Reputation eines guten katholiſchen Chriſten willen, daß ich ſolchen Eifer an den Tag lege.— O, über dieſe unſelige Schwäche, mein Vater! iſt es Ihnen denn nicht möglich, ſich über dieſel⸗ be zu erheben?— Ach, gute Louiſon, die Umſtände ſind kritiſch; man muß ſein Mög⸗ 40 lichſtes, und leider faſt das Unmögliche chier ſeufzte er tief) thun, um ſich in Credit zu erhalten; ich bin ein Neophyte, ich habe Neider, ich werde bewacht.— Gerechter Himmel, ſo lohnt es ſich denn der Mühe, ſei⸗ nem Glauben zu entſagen, um dem einen Theile verhaßt und dem andern verdächtig zu werden!— AQch, liebes Kind, auch deine Hartnäckigkeit vermehrt den Verdacht gegen mich; wenn du nur den Schritt thun woll⸗ teſt; nur mir und meiner Ruhe zu lieb; du könnteſt ja doch im Stillen glauben, was du woll⸗ teſt, die Ceremonien, ſo die äußeren Gebräu⸗ che, koͤnnteſt du ja um meinetwillen mitmachen; wir ſind doch Alle Chriſten.— Unglücklicher Mann, Sie werden darum doch keine Ruhe finden; aber wäre es auch, ich kann nicht heucheln.— Gott behüte, du wirſt doch nicht glauben, daß ich ein Heuchler ſey, daß ich nicht der alleinſeligmachenden römiſch katho⸗ liſchen Religion mit wahrem Eifer, ja mit Inbrunſt anhůnge und alle Irrthümer der — 41 Ketzerei, in denen ich lleider lange Jah⸗ re gewandelt, aufrichtig verabſcheue? Du wirſt doch nicht etwa ſo unvorſichtig geweſen ſeyn, etwas dieſer Art vor menſchlichen Oh⸗ ren zu äuſſern, oder auch nur im Stillen zu denken? Das wären ja ſtrafbare verbotene Gedanken; du könnteſt dadurch deinen armen Vater hier zeitlich und dort ewig unglücklich machen. Ich fordere dich zum Zeugniß auf, daß ich täglich die Gebete unſerer heiligen Kirche vorſchriftmäßig pünktlich herſage; ich ſage dir, ich geſtehe nichts; ich ſtrafe dich Lü⸗ gen; du haſt nichts gehört, du kannſt nichts gehört haben; ich ſage nichts, ich thue nichts, ich denke nichts, was ich nicht dem hochwürdi⸗ gen Herrn Abt Chaila, meinem frommen Beichtvater, dem Herrn Biſchoff von Alais, dem Herrn Erzbiſchoff von Nismes Eminenz, ja Sr. Heiligkeit dem Pabſte ſelbſt(wenn je mir Unwürdigen dieſe Gnade zu Theil werden ſollte) täglich und ſtündlich beichten könnte. Ach du gerechter Heiland und ihr Heiligen v 42 alle, mein eigenes Kind, mein Fleiſch und Blut, will mich unglücklich machen.— O, mein armer, armer Vater, rief ſchluchzend die Jungfrau und warf ſich weinend zu den Fü⸗ ßen des unglücklichen ſchwachen Mannes, ſelbſt deinem eigenen Kinde mißtraueſt du?— Ach, nein, nein! du kannſt es nicht, du wirſt es nicht thun; du wirſt mich nicht verrathen; du biſt ja mein gutes Kind; ich habe dich ja immer lieb gehabt und auf meinen Händen getragen; du biſt ja mein einziges Kind, das Ebenbild deiner ſeligen Mutter, die ſo gut war.— Gerechter Gott im Himmel, du biſt allgätig und allbarmherzig, aber dieſer Jam⸗ mer einer Tochter um ihren Vater, um ein geſunkenes und gepeinigtes Geſchöpf deiner Hand„dieſen Hohn, den man mit der ſchwa⸗ chen Menſchheit treibt, wirſt du nicht unge⸗ rächt laſſen, rief die Jungfrau mit Jammer⸗ tönen aus und benetzte die Hände ihres Va⸗ ters mit Thränen.— Wie iſt mir, gute Toch⸗ ter, ſprach der alte Mann mit matter Stim⸗ 43 0 me, ich habe dich, glaube ich, beleidigt, durch ſchweren Verdacht gekränkt. Vergib mir, es iſt mir oft ſo öde im Kopf; ich ſoll hart ſeyn vor der Welt, und es iſt mir nicht gegeben; Furcht und Haß meiner alten Glaubensgenoſ⸗ ſen, der Verdacht der neuen, auch Zweifel, Gewiſſensbiſſe, aber ſage es ja Niemand, la⸗ ſten ſchwer auf mir und verwirren meinen Geiſt. Im Grabe iſt Ruhe, aber es graut mir vor dem Tode; nein, nein, ich will nicht ſterben, noch nicht, noch lange nicht.— Um Gottes willen, faſſen Sie ſich, mein Vater. Kommen Sie zu ſich, hören Sie zum letztenmal meinen Rath, befolgen ſie ihn. Ermannen Sie ſich, entfliehen Sie dieſem unglückſeligen Lande; laſſen Sie uns in der Schweiz Ruhe und Si⸗ cherheit ſuchen.— Ach, du haſt Recht, meine Tochter, Ruhe und Sicherheit; dieſe Gäter ſind doch die erſten auf der Welt.— Gelobt ſey Gott, ſo erhören Sie endlich meine Bitte. — Erhören, ach ja, aber nein, ich habe ja hier Güter, Vermögen, Ehrenämter— wie ſoll — ich denn das Alles zurücklaſſen!— Werfen Sie alles hin, um dadurch Ruhe zu erkaufen. — Ruhe kaufen, ja, Ruhe iſt etwas werth, Raber Noch einmal beſchwöre ich Sie hier auf meinen Knieen, rief weinend die Tochter und ſank zu den Füßen ihres Vaters. plötzlich öffnete ſich die Thüre des Cabi⸗ nets und Louis, mit aufgehobenen Händen, ſtürzte neben die Flehende nieder. Entſetzt fuhr der Greis in die Höhe: Ich bin verrathen, verkauft, die Späher dringen bis in das In⸗ nerſte meines Hauſes. Laß mich, ich habe nichts geſagt; ich bin ein guter Chriſt, ein treuer Diener meines Königs; ich will es zeigen, ich will es beweiſen; die Kezer ſollen hän⸗ gen, Alle hängen, ſamt und ſonders; ich will Niemand verſchonen, ſelbſt meine eigene.. Ich ſage dir, Mädchen, du ſollſt und mußt den wahren Glauben annehmen; ich befehle, ich gebiete es dir; ich verſtoße dich. Gewiß und wahrhaftig, ich bin ein ächter Katholik. — Erſchöpft ſank der Greis auf den Seſel zurück.— Beſinnen Sie ſich doch, faſſen Sie ſich, rief ihm die Tochter zu, es iſt ja Louis de Martignac, der Sohn Ihres ſeligen Freundes.— Ach, du Gott, fliehe, betritt mir die Schwelle nicht; du bringſt mich in ſchwe⸗ ren Verdacht; ich habe Pflichten, ſchwere Pflichten; ich bin Obriſt der Miliz, ich muß dich verhaften, ausliefern; fliehe ſchnell, ehe ich dich ſehe, wahrnehme, es iſt mir ſo dunkel vor den Augenz ich kenne dich nicht, ich glau⸗ be nicht, daß du es biſt, ich will es nicht glauben; fort, fort, ſonſt treibt mich die Angſt, zu einer That, die mich ewig reuen möchte. — Louis ſtreckte flehend ſeine Hände gegen ihn empor.— Fort, fort, aus meinen Au⸗ gen, jammerte der alte Mann immer angſt⸗ voller.— Lvuiſon riß den Geliebten in die Höhe und eilte mit ihm hinaus. Als die Tochter zurückkam, fand ſie den Vater tief athmend, und dicke Schweißtropfen ſtunden auf ſeiner Stirne. Sie ſetzte ſich ſtill, mit Thränen in den Augen, an ſeine 46 Seite und trocknete ihm den Schweiß ab.— Hat ihn Niemand geſehen, Niemand erkannt, fragte er beklemmt?— Niemand, als Liſet⸗ te, fuͤr deren Treue ich ſtehe.— Ach mein Kind, man kann Niemand trauen, fuͤr Nie⸗ mand ſtehen. Laße ſie doch einen Eid ſchwö⸗ ren, daß ſie das Geheimniß bewahren will; aber, lieber Gott, wer ſteht dafür, daß ſie den Eid hält.— Hier in Ihrer Gegenwart ſoll ſie betheuern...— Nein, nein, nichts, nichts, ich darf von Nichts wiſſen; es geht ge⸗ gen mein Amt, gegen meine Pflichten, gegen mein Gewiſſen; es ſind keine Zeugen gegen mich, daß ich ihn mit Augen geſehen; der Schuldhafte gilt nicht als Zeuge; die Tochter kann nicht gegen den Vater zeugen; ich läug⸗ ne es, ich kann es längnen. Aber, liebes Kind, laſſe ſie keinen Eid ſchwören, verſpre⸗ che ihr lieber Geld, viel Geld, dann wird ſie vielleicht ſchweigen.— Beruhigen Sie ſich doch, mein Vater, ſie wird gewiß reinen Mund halten. 47 Eben trat Liſette in die Thüre. Herr von Saint⸗Comes wurde roth und huſtete verlegen. Mechaniſch griff er in die Taſche, zog ein paar Goldſtücke hervor und winkte ſie zu ſich: Hier mein liebes Kind, eine Kleinigkeit um deiner treuen Dienſte willen, aber nur da⸗ rum, aus keinem andern Grunde. Ja, was wollte ich ſagen! Sieh, meine Tochter, ein Dienſtbote muß getren und verſchwiegen ſeyn! ja verſchwie⸗ gen, muß ſehen und nicht ſehen, wiewohl, Gott ſey Dank, in meinem Hauſe nichts zu ſehen iſt, was nicht die ganze Welt wiſſen dürfte; aber es iſt nur um der Täuſchungen, um der Irrungen willen, die oft unnützes Gerede machen oder gar, Gott ſey uns gnä⸗ dig, ſchweren Verdacht erwecken. Ja, ja, man kann ſich oſt gewaltig irren, einen für den an⸗ dern anſehen; man darf heutzutage ſeinen eigenen Augen nicht mehr trauen. So, ſo, gehe mit Gott, mein Kind; die Kleinigkeit behalte fuͤr deine Verſchwiegenheit, um dei⸗ ner treuen Dienſte willen, wollte ich ſagen. 48 — Ja, gnädiger Herr, ſagte das Mädchen ſchalkhaft, auf meine Verſchwiegenheit, auf meine treuen Dienſte, wollte ich ſagen, kön⸗ nen Sie bauen. Und was ich noch ſagen woll⸗ te, faſt hätte ich es über Ihrer Guͤte vergeſ⸗ ſen: der hochwürdige Herr Abt Chaila fährt ſo eben den Berg herauf.— Ach, du gerech⸗ ter Himmel, Liſette, wie ſehe ich denn aus? Nicht wahr, ſehr ergriffen, ſehr vergnügt, woll⸗ te ich ſagen, über die glückliche Beifahung des Erzketzers Esprit Segujer und ſeiner Spiesgeſellen? Reiche mir doch geſchwind mei⸗ nen Roſenkranz, ich habe vor lauter Dienſt⸗ geſchäften noch gar nicht zu meiner Andacht kommen können. Gebe mir auch das Gebet⸗ buch für wahre römiſch katholiſche Chriſten, das dort auf dem Geſimſe liegt. So, jetzt geht meine Kinder, daß ihr mich nicht in mei⸗ nen frommen Betrachtungen ſtört. Wenn der hochwürdige Herr ſich nach meinem Befin⸗ den erkundigt, ſo berichte ihm, wie ich hier in der Stille und Einſamkeit meinen chriſtli⸗ 49 chen Pflichten obliege.— Als der Geiſtliche ein⸗ trat, bemerkte Herr von Saint⸗Comes wohl eine Minute lang ſeine Gegenwart nicht, ſo tief war er bereits in ſeine Meditationen ver⸗ ſunken. Wo ſich das Thal la Vaunage gegen die Sevennen erhebt, folgten zwei Wanderer, auf⸗ wärts zu den Bergen, dem Laufe eines Wald⸗ baches. Immer enger wurde das Thal, im⸗ mer ſchmaler der Pfad, immer brauſender der Bach. Keine Dörfer mehr erblickte man, wo die Wohnungen der Menſchen freundlich bei⸗ ſammen ſtehen— nur hier auf grüner Matte ein Haus und dort auf ſchroffem Abhang eine einſame Hütte. Rüſtigen Schrittes, aber ſchweigend, ſchritten die Wanderer aufwärts. Jetzt verloren ſich auch die einzelnen Hütten. Die Reiſenden bogen um einen Felſenvor⸗ ſprung, der über einen Abgrund hervorhieng. Sie ſchritten raſch vorwärts, wie Leute, die Der Camiſarde I. 3 50 des Weges ganz kundig ſind. Immer ſchrof⸗ fer wurden die Felſen; von allen Seiten und unter allen Geſtalten ſtuͤrzten ſich wilde Wald⸗ waſſer dem Thale zu. Bald brachen ſie aus zerriſſenen Regenbetten hervor, bald kamen ſie aus tiefem Schatten gefloſſen. Eine Reihe von Sägemühlen zügelte ihren Ungeſtüm, fieng wechſelsweiſe ihre pfeilſchnell dahin eilen⸗ den Waſſer auf, nützte ihren Fall und gab ſie erſt dann der Natur zurück, nachdem ſie dem Willen des Menſchen gedient hatten. Sinnend blieb der eine der Wanderer ſtehen, betrachtete das anziehende Schauſpiel und ſprach dann bitter zu ſeinem Gefährten: Wer enträthſelt mir den Menſchen; er zähmt die Natur, zwingt ſie ihm zu dienen, und ernie⸗ drigt ſich ſelbſt zum Sclaven von Seinesgleichen. — Beſter Herr, entgegnete ihm dieſer, löſet doch erſt das Räthſel, das euer eigener Bu⸗ ſen birgt, ehe ihr das der Menſchheit löſen wollt. Ihr klagt über den Selavenſinn der Menſchen und wollt ſie frei haben, aber die 51 Mittel, es zu bewirken, verſchmäht ihr. Eine einzige Weiberthräne wirft eure feſteſten Vor⸗ ſätze über den Haufen; ſelbſtſächtig wollt ihr eure Tage, die dem Gluͤcke der Menſch⸗ heit gewidmet ſeyn ſollten, in freiwilliger Ver⸗ borgenheit begraben und durch feige Flucht erkaufen, was ihr Ruhe und Sicherheit nennt. — Du haſt recht, Antvine, die Federkraft meines Geiſtes iſt erlahmt, aber nur für ei⸗ nen Aungenblick, hoffe ich. Vorwärts in die friſche Luft des freien Gebirges! Jetzt zog ſich der Pfad ſeitwärts jähe Ab⸗ hänge hinan, denn das Bett des Waldbaches, dem die Wandere folgten, wurde in enge Fel⸗ ſen gezwängt. Als ſie die Höhe erreicht hat⸗ ten, folgten ſie mit den Augen dem Laufe des Baches; er eilte einem Felſen zu, über den er ſich herabſtürzte; als er dem Falle näher kam, verdoppelte ſich ſeine Schnelle; er ſchoß von Bogen zu Bogen des Geſteins und ver⸗ ſchwand dann, gleich einem Blitze, ohne Wel⸗ len und ohne Schaum, in Srih von 52 Felſen, uͤber die ſich ein dickes und regungs⸗ loſes Grün wölbte.— Ferne Glocken künde⸗ ten eine nahende Heerde an. Voran gieng, als Führer, ein junger Schäfer und rief die Schafe, die ſchüchtern ihm folgten, und die Ziegen, die unabläßig ſich vom Haufen entfernten, mit der Stimme und der Glocke zuſammen. Hin⸗ ter den Schafen kamen die Kühe, die ſchen über jeden neuen Gegenſtand ſtutzten; dann die Stuten mit ihren muntern Füllen; zuletzt der Patriarch der Heerde und ſein Weib zn Pferd, hinten auf die kleinen Kinder, der Säugling in den Armen ſeiner Mutter in ei⸗ nen Zipfel ihres rothen Mantels gewickelt; die erwachſene Tochter zu Pferd ſpinnend, der Knabe zu Fuß, den Milchkeſſel über den Kopf geſtülpt, der Jüngling mit der Jagdflinte auf dem Rücken, und der älteſte Sohn, dem das Vertrauen der Familie die Oberaufſicht über das vieh anvertraut hatte, den Salzſack, mit einem rothen Kreuze geziert, über die Schul⸗ ter gehängt.— Einfaches Bild des Menſchen, 53 ſprach Lonis Martignac, wie in Gedanken verloren, zu ſich ſelbſt, der den erſten Ver⸗ trag ſeines Geſchlechts mit der Erde erfüllt, lieb⸗ liches Bild des Hirten aller Berge der Welt— keinem Jahrhundert und keiner Zone fremd! An welches Zeitalter des Schäferlebens, an wel⸗ che von Heerden geliebte Auen erinnerſt du nicht? So wanderte ſchon vor dreitauſend Jah⸗ ren der Schäfer, den Moſes uns mahlt; ſo war die Regierung der Heerden der Wüſte von ural⸗ ten Zeiten her, ſo iſt ſie noch auf den Bergen aller Länder. Ein ſüßes und ländliches Gemälde, deſ⸗ ſen Colorit die einfache Natur iſt, vereinigt ſie, wie dieſe, den Stempel des Alterthums mit den Reizen einer unverwelklichen Ingend, und verjüngt ſich mit jedem Fraͤhling, wie die Blätter der Bäume und wie das Gras der Wieſen. Abwärts zog die Heerde, aufwärts ſtie⸗ gen die beiden Wanderer. Auf einem vor⸗ ſpringenden Felſen ſchlug ein Hund an, und bald trat ein Manu um eine Ecke deſſelbenz 54 er hatte eine Flinte umhängen und ſtieg mit be⸗ wunderungswürdiger Behendigkeit und Kühn⸗ heit die abſchuͤſſigen Pfade hinab. Sobald er die Fremden wahrnahm, blieb er ſtehen und ließ die Flinte in den rechten Arm fallen. Ein Blick ſagte ihm, daß ſie nicht bewaffnet ſeyen; nun ſtieg er vorſichtig hinab, ſuchte aber immer den Vor⸗ theil der Höhe zu behalten. Als er näher gekommen war, ſchien er die Wanderer zu erkennen, denn er beflügelte ſeine Schritte und gieng ſorglos auf ſie zu. Dieſer Menſch hatte ein eigenthuͤmliches und ungewöhnliches An⸗ ſehen. Seine Figur war von mittlerer Größe und ſtarkem Knochenbau; ein dicker und ſtrup⸗ pigter Bart floß mit ſeinen rabenſchwarzen krauſen Haaren zuſammen; ſeine breite Bruſt war entblöst und ſeine nervigten Beine nackt; als Fuß bekleidung hatte er ein Stück Kuh⸗ haut, das Rauhe auswärts gekehrt.— Sieh' da, Antvine, rief er von ferne, willſt du ſehen, was Roland vom Gebirge macht? bringſt du gute Kunde?— Gut und ſchlimm, Damien, wie man es nimmt, antwortete der Geſragte. Führe uns in die Felſen.— Beide, fragte der Bergbewohner mit einem zweifelhaf⸗ ten Blicke auf Louis?— Ja, beide, ſagte mit Sicherheit Antvine, er gehört zu den Geweihten. Voran gieng der Führer; bald rechts, bald links wand er ſich durch die Krümmun⸗ gen der Felſen. Niemand, wer nicht genan bekannt war, hätte hier einen Weg weder vorwärts noch rückwärts finden können. Plötz⸗ lich trat Damien in ein furchtbar ſteiles Re⸗ genbette hinab, das in dem nackten und zerriſ⸗ ſenen Felſen ausgehöhlt war. Der Weg, den jetzt die Wanderer giengen, ſtieg kleine, von der Abſtufung der Schieferblätter gebildete Stiegen hinauf; kaum fand der Fuß einige Ouerſpalten, ſich anzuklammern, und die Hand irgend einen Vorſprung, ſich daran zu halten. Bald kletterten die Wanderer den Felſen ge⸗ rade empor, wie man eine Leiter hinaufſteigt; bald krochen ſie mit eingezogenem Leibe am 56 Saum eines Abgrundes hin und beſchrieben im Profil ein Zikzak; dann ſchritten ſie über einen Waſſerſturz, von deſſen hohen Sprün⸗ gen man auf die Steilheit des Abhangs ſchlie⸗ ßen konnte. Jezt kletterten ſie über ſteile Abhänge von einem Felſen zum andern, deren einige mit Felsbrocken, die unter dem Fuße wegrollten, bedeckt, andere mit einem trockenen Raſen bekleidet waren, auf deſſen glatten und liegenden Halmen man ausgliſchte, wie auf dem Eisſpiegel eines Sees. In einem Irr⸗ gange ſteil aufſtrebender Felſen, aus dem kein Ausweg zu finden ſchien, ſtund der Führer ſtille. Rings um herrſchte Schweigen des Todes. Hier ſchien die Arbeit der Natur, wie das Treiben der Menſchen, ſeine Gränze ge⸗ funden zu haben. Die grauen Felſen, die ein⸗ zigen Zeugen dieſer Abgeſchiedenheit, ſtreckten ihre wunderbar geſtalteten Häupter zu den Wol⸗ ken empor. Der Führer, der ſich hier in ſei⸗ nem Elemente zu befinden ſchien, ſetzte ſich behaglich auf ein bemoostes Felsſtück und „ 57 kramte den Inhalt ſeiner Jagdtaſche aus, die Gefährten zu einem freundlichen Mahle ladend. Der Hunger würzte ihnen die grobe Koſt des Bergbewohners. Meinet ihr, Freunde, ſprach Damien, daß wir hier vor den Spürhunden, die im Thal ihr Weſen treiben, ſicher ſeyen?— Wie in Abrahams Schooße, erwiederte Antoine lachend; ich könnte mir den Spaß machen ein Dutzend von ihnen hinter mir her zu hetzen,, um ſie hier zwiſchen den Felſen verhungern zu laſſcn.— Das würden ſie, ehe ſie den Ausgang fänden, ſagte Damien; aber ſie ſind keine Narren, daß ſie ſich bis in die Re⸗ gion wagen, wo der Adler des Gebirgs hor⸗ ſtet, bereit, ſie mit ſeinen mächtigen Fittigen vom ſteilen Felſen hinabzuſtürzen. Wir ſind unſer wenige, aber in unſerm Luftrevier neh⸗ men wir es mit Tauſenden auf.— Er that einen leichten Schlag auf ſeine Flinte, die er, wie einen Freund, von dem man ſich niemals trennt, zwiſchen den Beinen hielt, und fügte 58 mit vertrauensvollem Lächeln hinzu: Dieſe hat noch niemals gefehlt und ihr Blei bringt ſichern Tod; und über hundert ſolche Flinten und über hundert Arme, unter denen der mei⸗ nige der ſchlechteſte iſt(er hielt die nervigte Rechte geballt empord gebietet Roland vom Gebirge.— Antvine warf einen bedeu⸗ tenden Blick auf Martignac.— Horch! rief dieſer, indem er erſtaunt aufſprang, was iſt das?— Ernſte und traurige Töne, wie die eines langſamen und feierlichen Geſangs, klangen aus der Tiefe des Felſen. Louis ſuchte einen Eingang in den Felſen und fand keinen. Was iſt das, fragte er raſch, was bedentet dieſer Geſang? Welche fremdartige wunderſame Töne, wie Stimmen aus der Geiſterwelt, wie der Schwanengeſang eines Verſcheidenden, wie der irre Geſang eines Wahnwitzigen!— Laßt das, ſprach Damien trocken, ihr werdet noch mehr hören, wenn ihr länger in dieſen Bergen haußt. Es iſt hier Manches anders, als bei den Menſchen⸗ 59 kindern des Thals.— Während deſſen ver⸗ hallten die Töne, welche ſich in die Tiefe zu ziehen ſchienen, als wären ſie im Mittelpunkte des Berges erſtorben.— Antoine hatte ihnen ruhig und ſchweigend gehorcht, wie einer, dem ſolche Laute nicht fremd ſind. Jezt laßt uns gehen, ſagte er aufſtehend. Nachdem die Wanderer eine gute Strecke durch ein Labyrinth von Felſen fortgeſchritten waren, kamen ſie auf einen ziemlich großen freien Platz, auf dem etliche zwanzig Hütten ſtunden. Sie waren aus großen, auf einan⸗ der gelegten Steinen erbaut und die Spalten mit Moos verſtopft. In der Mitte des Pla⸗ tzes war die gemeinſchaftliche Feuerſtelle, um welche ähnliche Geſtalten, wie Damien, theils lagen, theils ſaßen, theils mit der Zube⸗ reitung von Speiſen beſchäftigt waren. Meh⸗ rere Hunde von der größten Gattung umla⸗ gerten die Gruppe und gaben ihr ein mah⸗ leriſches Anſehen. Als ſie die Fremden ge⸗ wahr wurden, erhoben ſie ſich vom Boden 60 und gaben einen Laut; ein Mann, der in tiefem Sinnen, wie es ſchien, ſeitwärts auf einem Felsſtücke ſaß, hob das Haupt nach der Seite der Kommenden, betrachtete ſie einen Augenblick und ſtund dann ſchnell auf, ihnen entgegen zu gehen. Als er ſich aufrichtete, zeigte er eine hohe kräftige Geſtalt und eine edle Haltung; ſchwarze krauſe Haare beſchat⸗ teten eine hohe Stirne, an welche ſich eine mäßig gebogene ſchön geformte Naſe ſchloß; der ganze Ausdruck ſeines Geſichts war kühn und gebietend, und deutete auf einen jener ſtarken Geiſter, die ihren eigenen Leidenſchaf⸗ ten zu gebieten und ſich den Willen anderer unterwürfig zu machen wiſſen; ein Paar ſchwar⸗ ze feurige Angen gaben ſeinen Zügen eine re⸗ ge Lebendigkeit. Sein ganzes Weſen war von jener Art, die Vertrauen einflößt und zu⸗ gleich Achtung gebietet. Seine Kleidung war einfach aber ſorgfältig; er trug eine grüne Jacke, wie die eines Bergjägers, weite lange Hoſen und Stiefel; ſein Haupt war mit ei⸗ 61 nem breitrandigen Filzhute bedeckt, über die Schultern trug er ein Bandelier, in dem ein Hirſchfänger hieng; zwei Piſtolen ſteckten in dem Gürtel, den er um den Leib trug. Mit jenem Anſtand, der auf eine gute Erziehung und feine Sitten deutete, gieng er auf Lodis zu, und bot ihm die Hand mit den Worten: Willkommen, Herr von Martignac, im Gebiete meiner Felſen! Sie haben meinen Wünſchen entſprochen, und ihre Ankunft ſcheint mir den feſten Entſchluß zu verkündigen, einer edlen Sache Gut und Leben zu weihen.— Sichtbar betroffen ſtund einen Angenblick der Angeredete und konnte keine Worte zur Er⸗ wiederung finden. Die Geſtalt und Stimme des Mannes, den er hier zum erſtenmal ſah, weckten dunkle Erinnerungen aus den Tagen ſeiner Kindheit in ſeiner Bruſt, von denen er ſich keine Rechenſchaft abzulegen und worin er keinen Zuſammenhang zu finden wußte. In welcher Beziehung konnte er, in gebilde⸗ ten Zirkeln aufgewachſen, je mit dieſem Man⸗ 62 ne geſtanden haben, der ſeit Jahren als das gefürchtete Haupt einer geächteten Bande im wilden Gebirge haußte? Zwar berichtete von ihm der Ruf, neben ſeinen kühnen Thaten, Züge einer feineren Bildung und eines höhe⸗ ren Edelmuths, als gewöhnlich in Menſchen niederer Herkunft und ſchlechter Erziehung zu finden ſind— aber in welcher Verbindung konnten ſie mit den Erinnerungen aus ſeinem Jugendleben ſtehen? Er ſuchte in ſich mit ſchnellem Blicke den Schluͤſſel zu dieſem Räth⸗ ſel und fand ihn nicht.— Es ſcheint, Herr von Martignac, fuhr der Andere mit fei⸗ ner Menſchenkenntniß fort, daß etwas in Ih⸗ nen vorgehe, worüber Sie mit ſich ſelbſt nicht einig werden können?— Sie haben es erra⸗ then, Herr Roland vom Gebirge,(Oen Namen Roland de la montagne hatten ihm die Landleute beigelegt und er war allgemein geworden,) Ihr Anblick weckt in mir dunkle Erinnerungen aus meiner Jugendzeit, die ſo ferne liegen, daß ich mir keine Rechenſchaft 63 davon ablegen kann.— Es gibt oft Täu⸗ ſchungen im Leben, die uns Wirklichkeiten ſchei⸗ nen. Laſſen Sie uns Ihre Erinnerungen aus der Vergangenheit als ein gutes Vorzeichen für die Zukunft anſehen, das auf eine Ver⸗ wandſchaft unſerer Geſinnungen deutet und uns zu einem Bunde gleicher Handlungen vereint.— Noch ſind hierinnen ſo mauche Zweifel zu löſen. Noch bin ich weder über die Rechtlichkeit unſerer Entwürfe, noch über die Mittel zu Ihrer Durchführung mit mir im Reinen.— Ueber beides ſoll Ihnen Licht werden; es iſt nöthig, daß der Mann mit voller Ueberzeugung handle. Noch hier, und jeden Augenblick, ſind Sie frei und Herr Ih⸗ rer Handlungen. Wir haben Zeit, dieſe Ge⸗ genſtände mit Muße zu erörtern. Inzwiſchen will ich als Hausherr für Ihre leiblichen Be⸗ dürfniſſe ſorgen.— Er führte ihn mit dem Anſtand eines Edelmanns, der in ſeinem Schloſ⸗ ſe die Honneurs macht, in eine der Hütten. 64 In der Nähe des Dorfes Cavagnac lag eine, dem heiligen Benedikt geweihte Kapelle, zu der die Gläubigen des Landes häufig wall⸗ fahreten. Die heiligen Väter des Ordens ver⸗ ſäumten nichts, dieſe frommen Wallfahrten für das Landvolk ſo anziehend, als möglich, zu machen. Nachdem einer der Väter in ei⸗ ner erbaulichen Predigt die Wunder, welche der heilige Benedikt durch Austreibung der Teufel, Heilung armer Kranken u. ſ. w. ver⸗ richtet, gebührend gerühmt hatte, wurde der uͤbrige Theil des Tages in Luſtbarkeiten zu⸗ gebracht. Auf einer benachbarten Wieſe hatte ſich eine Menge Volks verſammelt, das, nach vollendetem Gottesdienſt, ſich den wilden Aus⸗ brüchen ſeiner Luſtigkeit überließ. Hier wurde nach den Tönen der Schalmey, la cheyre ge⸗ nannt, weil ſie aus einem Ziegenfelle gemacht iſt, die bourrée montagnarde getanzt; dort beln⸗ ſtigten ſich Männer und Jünglinge mit Ringen und Bogenſchießen; hier wurden Roſenkränze und Amulete feilgeboten; dort zechte man an 65 langen Tafeln. Prieſter, Soldaten, Landleute, Männer, Weiber und Kinder— Alles trieb ſich fröhlich in buntem Gewimmel umher. An einem der Tiſche ging es ziemlich laut her; der häuſig genoſſene Wein ſchien bereits ſeine Wirkung zu thun.— Bruder Jacob vonder Klauſt, ſprach einer der hier ſitzenden Drago⸗ ner zu ſeinem Nachbar, allen Reſpekt vor den Wundern des heiligen Benedikt und der andern lieben Heiligen, ſo wie vor deiner heili⸗ gen Kutte und deinem Waldbruderſtricke, aber es will mich doch bedünken, daß die Wunder, die unſere guten Klingen thun Cer ſchlug au ſeinen Säbel, daß er klirrte) nicht wenig zur Bekehrung der Ketzer und Ausbreitung des alleinſeligmachenden Glaubens beitragen.— Bruder Baptiſte von den geſtiefelten Miſſionärs, antwortete der Eremit! die heilige Kirche muß ſich freilich je und je des weltlichen Arms bedienen, um hartnäckige Ketzer zur Erkenntniß ihrer Irrthümer 3u bringen und verlorene Schafe in de⸗ Stall der wahren Kirche zurückzuführen; ſie thut es aber immer nur mit blutendem Herzen, wenn alle Mittel der Sanftmuth und Ueberredung vergeblich waren. So rühme dich denn nicht deſſen, was du für die Verbreitung des wahren Glaubens gethan haben magſt, denn du biſt nur die verächtliche Zuchtruthe in der Hand der höhern Weisheit.— Ho, ho, Bruder Ja⸗ cob, fiel einer der Dragoner lallend ein, wie viele Ketzer hat denn eure geiſtliche Ueberre⸗ dungsgabe ſchon bekehrt, daß ihr ſo verächt⸗ lich auf die weltlichen Zuchtruthen herabſeht? — Ja, ja, Bruder Braunrockvon der Klauſe, rief der Wachtmeiſter und hob das Glas in die Höhe, die geſtiefelten Miſſionärs und der weltliche Arm ſollen leben, denn nimmermehr würdeſt du durch deine geiſtlichen Mittel den ver⸗ dammten Eſprit Segujer und ſeine Spies⸗ geſellen gefangen und an deinem heiligen Stricke in den Thurm des Schloſſes von Vau⸗ vert geführt haben.— Haſt du ihn gefan⸗ gen w in die Bande der weltlichen Macht 67 geliefert, ruhmrediger Goliath derHäſcher und Strickreiter, erwiederte der Klausner erbittert, ſo iſt mir vielleicht das größere Verdienſt vor⸗ behalten, dieſen hartnäckigen Ketzer und Irr⸗ gläubigen den Klauen des Satans zu ent⸗ reißen und als ein wiedergefundenes Schaf der Heerde der Gläubigen zuzuführen, bevor er ſeine Strafe erleidet.— Ja, ja, lachte der Wachtmeiſter, der Anblick von Galgen und Rad macht oft ſolche verſtockte Sünder mürbe und gibt eurer geiſtlichen Suada einen abfonder⸗ lichen Nachdruck; aber glaubſt du wohl, das er freiwillig gekommen wäre, um ſich von dir bekehren zu laſſen, wenn ich ihn nicht gefan⸗ gen hätte?— Es ſteht mir nicht an, mich meines Thuns zu rühmen, denn ich bin nur das unwürdige Werkzeng einer höhern Macht und der geringſten Diener einer unſerer heili⸗ gen Kirche; aber doch hat es ſchon oft dem Allmächtigen gefallen, meinen Worten Kraft zu verleihen, daß ſie fielen auf ein fruchtba⸗ res Land und Früchte trugen hundertfältig.— 68 Wenn euer geiſtlicher Zuſpruch ſo kräftig wäre, ſo könntet ihr der weltlichen Hülfe entbehren; aber es ſcheint mir faſt, daß ihr ohne den Beiſtand unſerer Schwerter in der Wüſte pre⸗ digen würdet. Ein gewaltiges Getümmel, das ſich in der Mitte der Wieſe erhob, machte dieſem Rangſtreit der geiſtlichen und weltlichen Be⸗ kehrer ein ſchnelles Ende. Schlagt ihn todt, den Ketzer! Nieder mit dem Camiſarden! brüll⸗ ten viele Stimmen durcheinander. Auf, Bru⸗ der Klausner, rief Baptiſte, der Wachtmeiſter, dem Eremiten zu, da gibt es was zu be⸗ kehren. Laß ſehen, was deine heilige Rhetv⸗ rik vermag.— Mit Gottes und der heiligen Jungfran Hülfe, lallte der Waldbruder und erhob ſich taumelnd, will ich zum Werke ſchreiten.— Ich trage die Hülfe der lieben Heiligen ſtets an meiner Seite, ſprach der Wachtmeiſter und ſchlug an die Scheide ſei⸗ nes Säbels.— Die ganze Zechgeſellſchaft erhob ſich und ging oder wankte dem Schau⸗ 69 platze des Gedränges zu. Der Wachtmeiſter ließ ſeinen Säbel auf dem Boden raſſeln und machte ſich Platz durch die Menge. Von Land⸗ leuten umringt ſtund ein Mann, der eine Jacke von grobem kaſtanienbraunem Tuche trug; ſein Haupt war mit einem kleinen ſchwarzen Filzhut ohne Kopf bedeckt; über den Rücken hing eine Art von Mantel, courbertie genannt, der vornen offen iſt, einem Weiberrocke gleicht und zum Schutze gegen den Regen dient.— Spiele den Ein⸗ fältigen, wie du willſt, rief eben hitzig einer der Bauern, ich kenne dich doch, du biſt der ſchwarze Clement und gehörſt zu der ver⸗ ruchten Rotte der Camiſarden.— Helft mir doch um der Wunden Jeſu Chriſti willen aus den Händen dieſer Wüthenden, Herr Soldat, ſchrie der Fremde den Wachtmeiſter an; ich bin ein armer Auvergnate der die Berge ſeiner Heimath verlaſſen hat, um hier Arbeit und Brod zu ſuchen.— Nein, rief der Bauer da⸗ zwiſchen, er lügt, ich kenne ihn wohl, es iſt 70 der ſchwarze Elementz ich habe ihn ſchon oft mit der Flinte durch die Felſen ſtreichen ſehen, wenn ich die Heerde auf die Berge trieb.— Wie kannſt du mich doch mit der Flinte geſehen haben, guter Mann! du irrſt dich, ich habe in meinem Leben keine in der Hand gehabt, bin ein Fremdling in dieſem Lande und habe erſt vor wenigen Wochen meine Heimath verlaſſen.— Stille da, ihr Alle, rief herriſch der Soldat, es ſoll alles in der Ordnung unterſucht werden. Bruder Ja⸗ kob, wendete er ſich ſpöttiſch zu dem Klaus⸗ ner, ich laſſe deiner Heiligkeit den Vorrang; hier kannſt du deinen geiſtlichen Scharfſinn uͤben und den weltlichen Arm zu ſchanden machen. Frage doch den Geiſt in dir, der nie fehlt, ob du da einen rechtgläubigen katholi⸗ ſchen Chriſten oder einen ketzeriſchen Schuft und Camiſarden vor dir haſt?— Ouaeritur, ſprach der Eremit, der ſich zu ſammeln ſuch⸗ te und ſich das Anſehen eines Grosinquiſitors gab ob der hier zugegen ſtehende Inquiſit — ½ 1 an die Unfehlbarkeit unſers allerheiligſten Va⸗ ters zu Rom glaubt oder nicht? Wo ferne, ſo erkläre ich ihn für einen ächten römiſch⸗ katholiſchen Chriſten, wo nicht, ſo verdamme ich ihn als einen Erzketzer, Lutheraner, Zwing⸗ lianer oder Calvinianer in den unterſten Pfuhl der Hölle, wo iſt Heulen und Zähneklappern. — Wohl geſprochen, heiliges Orakel der un⸗ fehlbaren Kirche, rief ſpottend der Soldat, wo ferne und wo nicht; du haſt den Nagel auf den Kopf getroffen; jetzt ſind wir ſo klug, als zuvor.— Die Unmſtehenden lachten dem ſoldatiſchen Witze Beifall.— Bruder Bap⸗ tiſte, ſprach der Einſiedler, ohne ſich irren zu laſſen, man ſieht wohl, daß du zu den ge⸗ ſtiefelten Miſſionärs gehörſt, die den Knoten gleich mit dem Schwerte zerhauen wollen, wie der heldniſche König, Alerander magnus, den der heilige Benedikt bekehrte, Gott ha⸗ be ihn ſelig. Du haſt keine Methode in In⸗ quiſitionsſachen. Quaeritur ergo: ob Inqui⸗ ſit glaube, daß der heilige Vater in Rom un⸗ 2 fehlbar ſey? Antworte hierauf frei und un⸗ umwunden.— Unfehlbar, erwiederte der Ge⸗ fragte, iſt der heilige Vater in Rom.— Wenn er nicht etwa verreißt iſt, lachte der Wacht⸗ meiſter. Weiſt du das gewiß, Schurke?— Ge⸗ wiß kann ich es nicht wiſſen, Herr Soldat, antwortete der Gefragte mit der Miene der Einfalt, ich bin nicht unfehlbar, wie der hei⸗ lige Vater.— Der Caſus iſt kitzlich, ſagte der Waldbruder mit einer tiefgelehrten Miene, indem Inquiſit geſteht, daß er nicht unfehlbar ſey, wie der heilige Vater, gibt er mittelbar die Unfehlbarkeit des heiligen Vaters zu. Sprich, verſtehſt dn darunter eine beſtimmte Bejahung meiner Frage?— Ach, lieber Herr, ich bin ein einfältiger Mann und verſtehe nichts.— Dummer Teufel, ſpottete der Dra⸗ goner, du ſollſt auch nichts verſtehen, ſondern glauben. Glaubſt du an die Unfehlbarkeit des hier zugegen ſtehenden Herrn Grosinquiſitors, des hochwürdigen Bruders Jakob von der Klauſe?— Alles, was ihr wollt, beſter 73 Herr Soldat; ich glaube, daß der hochwürdi⸗ ge Bruder Jakob eben ſo unfehlbar ſey, als der heilige Vater zu Rom.— Verdammter Hund, rief lachend der Wachtmeiſter, du biſt nicht ſo dumm, als du ausſiehſt.— Ich danke euch, lieber Herr, für eure gute Mienung von mei⸗ nem Verſtande, erwiederte der Inquiſit, der bei dieſem Examen eine auffallende Unbefan⸗ genheit behielt, mit verbiſſenem Lachen.— Kerl, fuhr ihn der Wachtmeiſter an, ich glaube gar du willſt auch mit mir deinen Spaß trei⸗ ben; aber du ſollſt bald erfahren, daß ich an⸗ dere Waffen führe, als der Bruder Jakob. Warte, Purſche, jetzt wollen wir ein Wort mit einander ſbrechen.— Ach, das ſoll mir ſehr lieb ſeyn, Herr Soldat, erwiederte der Inguiſit mit verſtellter Einfalt, wenn wir nã⸗ her mit einander bekannt werden.— Nur ruhig, Freund, bei mir kommſt du mit deinen Späſſen nicht durch; ich will dich einmal zur Probe deiner Rechtgläubigkeit das Crucifix kuſſen laſſen. He da, Dragoner!— Alle Cer Camiſarde l. 4 74 Zuſchauer drängten ſich neugierig dichter um die Gruppe zuſammen. Zwei Dragoner tra⸗ ten vor, zogen ihre Säbel und bildeten mit den Klingen die Geſtalt eines Kreuzes.— Küſſe dieſes heilige Zeichen, Hallunke, kniee nieder und ſage dein Credo her, ſprach mit barſchem Tone der Wachtmeiſter.— Der Gefan⸗ gene ſah über die Köpfe der Zuſchauer weg, als ob er Beiſtand ſuche, und rührte ſich nicht von der Stelle.— Freund, ſagte der Wachtmei⸗ ſter kalt, ich habe ſchon hartnäckigere Ketzer bekehrt, als du biſt; ich gebe dir drei Minu⸗ ten Bedenkzeit, dann biſt du ein Kind des Todes. Er zog langſam ſeinen Säbel.— Haltet ihr mich denn wirklich für einen Ke⸗ tzer, Herr Soldat, fragte der Gefangene mit einem Tone, der mehr ſpöttiſch als furchtſam klang?— Allerdings, wie igura zeiget, er⸗ wiederte dieſer trocken.— Nun, ſo werdet ihr mich doch nicht ſo in meinen Sünden da⸗ hin fahren laſſen, ſondern mir billige Friſt zur Buße und Bekehrung geſtatten. Legt doch 75 ein gutes Wort für mich ein, hochwürdiger Herr!— Der heilige Auguſtinus, der heilige Chryſoſtomus und die heiligen Kirchenväter alle, ſo wie die Satzungen unſerer heiligen Kirche und die Statuten ſämmtlicher heiligen Orden, nahm der Eremit gravitätiſch das Wort, verordnen und gebieten, daß ein Sün⸗ der und Ketzer, der reuig in den Schoos der alleinſeligmachenden Kirche zurückkehrt, nicht verworfen, ſondern zu Gnaden aufgenommen werde. Iſt es dir ein aufrichtiger Ernſt mit deiner Bekehrung, mein Sohn, und willſt du allen Irrthümern abſchwören, die unſer hei⸗ liger Glaube verdammt?— Wenn es nicht anders ſeyn kann, werde ich es wohl thun müſſen.— Nicht alſo, mein Sohn, das iſt keine wahre Bekehrung. Freiwillig und un⸗ gezwungen mußt du zur wahren Lehre zurück⸗ tehren.— Ihr ſeht ja ſelbſt, hochwürdiger Herr, wie es mit meiner Freiwilligkeit ſteht, ſprach ſpottend der Gefangene und deutete auf die bloßen Säbel der— Dieſe — 76 weltlichen Waffen, mein Sohn, ſollen entfernt werden, wenn du mir verſprichſt, meinen geiſt⸗ lichen Gründen Gehör zu geben.— Es ſey denn, Hochwürdiger Herr, wenn ihr mich über⸗ zeugt, daß ich im Irrthum bin, ſo will ich zu dem Glauben zurückkehren, den ihr den wahren nennt.— Du mußt aber auch ver⸗ ſprechen, daß du dich überzeugen laſſen willſt. — Das wird auf die Gewichtigkeit eurer Gründe ankommen, hochwürdiger Herr Bru⸗ der Jakob von der Klauſe, erwiederte der Gefangene mit offenem Spott.— Einfäl⸗ tiger Pfaffe, fuhr der Wachtmeiſter dazwiſchen, merkſt du denn nicht, daß dieſer Erzgauner ſeinen Spaß mit dir und uns allen treibt! Ich frage dich noch einmal, du Schuft, ob du dieſes Kreuz hier küſſen willſt, und zwar au⸗ genblicklich und ohne weiteres Bedenken, denn die Zeit iſt verfloſſen.— Alſo nein, Herr Sol⸗ dat, wenn ihr es doch ſo beſtimmt wiſſen wollt, erwiederte mit unbegreiflicher Seelen⸗ ruhe der Gefangene.— Menſch, bedenke, was 77 du thuſt; deine Minuten ſind gezählt.— Die deinigen nicht minder, lieber Freund, antwor⸗ tete ſpottend der Gefangene.— Menſch oder Teufel, was du auch ſeyſt, wiſſe, daß ich der Mann bin, Wort zu halten.— Das wollen wir hoffen, ſpottete der Gefangene, ein rech⸗ ter Mann hält Wort.— Wüthend holte der Wachtmeiſter zum Hiebe aus. Kaltblütig und behend ergrif der Ge⸗ fangene ein Paar der zunächſtſtehenden Bau⸗ ern bei den Köpfen, ſchob ſie vor und barg ſich hinter ihnen. Zugleich tönte eine don⸗ nernde Stimme durch den Haufen: Haltet, Freunde, hier gibt es noch mehr Ketzer zu be⸗ kehren!— Mit Entſetzen wendeten ſich die Zuſchauer um. Beſtürzt ließ der Wachtmeiſter den gehobenen Arm ſinken und rief mit Er⸗ ſtaunen, doch ohne Angſt: Das iſt Eſprit Segnjer oder der Teufel!— Es iſt Eſ⸗ prit Segujer und der Teufel, der dich ho⸗ len will, rief die Stimme, und ein hoher Mann, in der linken Hand eine Piſtole, in 78 der rechten ein kurzes Schwert, arbeitete ſich kräftig durch den Haufen, um welchen, in der eben eingetretenen Dämmerung, rings Ge⸗ wehre blinkten.— Aufgeſchloſſen, Dragoner! commandirte mit Ruhe der Wachtmeiſter; es gilt ſich ein Loch zu brechen.— Mit gezogenen Säbeln(Karabiner und Piſtolen hatten ſie, als keines Angriffes gewärtig, abgelegt drängten ſich die Soldaten um ihren Anführer. — Rechts um kehrt, dem Dorfe zu, zu un⸗ ſern Roſſen.— Macht lieber links um kehrt, ſpottete der rieſenhafte Fuͤhrer der Camiſar⸗ den, der ſich mächtig Bahn machte durch die Menge, für eure Roſſe iſt ſchon geſorgt.— Teufel, das Dorf iſt beſetzt, rief der Wachtmei⸗ ſter; aufgerückt, Dragoner, wir werden uns platz machen.— Als die rings um zerſtie⸗ pende Menge das abziehende Häuflein der Soldaten entblößt hatte, begrüßten es die auf der Wieſe zerſtreuten Camiſarden mit ihren Schüſſen; mehrere Dragoner fielen. Ihr Schritt verdoppelte ſich, das Feuer der Fein⸗ 79 de dauerte fort, der kleine Haufe wurde lich⸗ ter.— Muth, Kameraden, rief der Wachtmei⸗ ſter, wenn wir nur dort die Hecke gewinnen.— Glickiche Reiſe, pottete der Führer der Ca⸗ miſarden ihnen nach und drückte ſein Gewehr gegen die Dragoner ab, deren Rückzug in ei⸗ ne Flucht auszuarten begann. Als ſie, kaum noch zuſammen gehalten, die Hecke erreicht hatten, fielen auch aus dieſer mehrere Schüſſe. Sauve, qui peut, rief jetzt der Anführer, ſchwang ſich raſch über die Hecke und eilte in vollem Laufe dem Walde zu; nur wenige Dragoner, die unverletzt waren, folgten; meh⸗ rere waren an der Hecke gefangen worden. Der Schall des Horns rief die verfolgen⸗ den Camiſarden auf die Wahlſtatt zurück. Die Gefangenen wurden in Reihe aufgeſtellt; es waren ihrer etwa ein Dutzend; der Wald⸗ bruder befand ſich unter ihnen. Du haſt dei⸗ ne Rolle brav geſpielt, Clement⸗ ſprach Eſ⸗ prit Segujer. Der Bekehrungseifer hatte ſe ſo gefeſſelt, daß ſie unſere Annäherung nicht 80 gewahr wurden.— Nun, ſo habe ich wohl auch eine Belohnung verdient.— Allerdings, Freund, fordere nur.— So leſe ich mir denn hier aus den Gefangenen den frommen Bru⸗ der Jakob von der Klauſe zu meinem Ei⸗ genthum aus.— Nehme ihn hin und ſchalte mit ihm nach Gefallen.— Trete hervor, ſprach Clement mit komiſchem Pathos, trete her⸗ zu, Barnabé du desert, der du predigſt in der Wüſte, und gieße die Schaalen des gött⸗ lichen Zorns aus über das Haupt dieſes ver⸗ ſtockten Anhängers der großen babyloniſchen Hure, die da ſitzet auf den ſieben Bergen.— Ein langer hagerer Mann, mit blaſſem Ge⸗ ſicht und tiefliegenden Augen, aus denen ein irres Feuer ſprühte, trat dem Waldbruder gegenüber, heftete ſeine brennenden Blicke auf ihn und begann mit tiefer hohler Stimme: Ich ſah einen Engel niederfahren vom Himmel, der ſprach zu mir: komm, ich will dir zeigen das Urtheil der großen Hure, mit welcher ge⸗ huret haben die Könige auf Erden. Und er 8¹ brachte mich im Geiſt in die Wüſte und ich ſah das Weib ſitzen anf einem roſinfarbenen Thier, das war voll Namen der Läſterung, und an ihrer Stirn ſtund geſchrieben: die große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden. Und ich ſah das Weib trunken von dem Blute der Heiligen und von dem Blute der Zeugen Jeſu.— Was ſagſt du, fiel Element lachend ein, zu dieſem Portrait des heiligen Vaters zu Rom, hoch⸗ würdiger Bruder Jakob?— Heiliger Be⸗ nedikt, betete der Klauſner in der Angſt ſeines Herzens, verſchließe meine Ohren, daß ſie nicht hören die Gräuel der Läſterung, und errette mich aus der Hand dieſer Heiden. — Euer heiliger Benedikt hat ſich heute als ein ſchlechter Schutzpatron bewieſen, ſpot⸗ tete Clement.— Darnach ſahe ich, fuhr der fanatiſche Barnabé fort, darnach ſahe ich einen andern Engel niederfahren vom Him⸗ mel, der hatte eine große Macht und die Erde ward erleuchtet von ſeiner Klarheit. Und ſchrie aus Macht mit großer Stimme und ſprach: Sie iſt gefallen, ſie iſt gefallen, Ba⸗ bylon die große, und eine Behauſung der Teufel geworden und ein Behältniß aller unreinen Geiſter. Denn vom Weine des Zor⸗ nes ihrer Hurerei haben alle Heiden getrunken und die Könige auf Erden haben mit ihr Hu⸗ rerei getrieben.— Hörſt du, Bruder Jakob von der Clauſe, rief Clement ſcherzend, das deutet auf die Erzketzer Luther und Calvin, deren Lehre den Thron deines hei⸗ ligen Vaters ſtürzen wird.— Der Einſiedler begann zu allen Heiligen zu beten, um ſie zur Rache für ſolche Läſterung aufzufordern.— Mit erhöheter Stimme fuhr der Fanatiker fort: Und ich hörete eine andere Stimme vom Him⸗ mel, die ſprach: Gehet aus von ihr, mein Volk, daß ihr nicht theilhaftig werdet ihrer Sünden, denn ihre Suͤnden reichen bis in den Himmel und Gott denkt an ihren Frevel. Bezahlet ihr, wie ſie euch bezahlet hat, und macht es ihr zwiefältig nach ihren Werken, 83 und mit welchem Kelch ſie euch eingeſchenket hat, ſchenket ihr zwiefältig ein.— O weh, Bruder Jakob, du wirſt wohl daran thun, dich von der Unfehlbarkeit des heiligen Vaters zu bekehren, wenn du anders dem Zorngerichte entgehen willſt, das unſer Barnabé du de- sert deiner Kirche und allen ihren Anhängern droht.— Die heilige Maria und alle lieben Heiligen werden ihren Diener ſchützen, ſprach der Eremit ziemlich kleinlaut.— Mit wildem Feuer fuhr der Fanatiker fort: Ihre Plagen werden kommen auf Einen Tag— Tod, Leid und Hunger. Mit Feuer wird ſie ver⸗ brannt werden, denn ſtark iſt Gott der Herr, der ſie richten wird. Und es werden über ſie weinen die Könige auf Erden, die mit ihr gehuret und Muthwillen getrieben haben, wenn ſie ſehen werden 6n Rauch von ihrem Brande.— Hochwürdigſter Bruder Jakob, fragte Clement den Einſiedler mit komiſcher Feierlichkeit, willſt du abſagen der großeu „Hure von Babel, die da ſitzet auf den ſieben 84 Bergen?— Halte ein mit deinen Läſterungen gegen die heilige Kirche und ihr Oberhaupt; ich lege mein Schickſal in die Hände der lie⸗ ben Heiligen.— Wenn du dich nicht bekeh⸗ ren willſt, ſo vernehme, was dir bevorſteht. Barnabé, wie ſpricht der Herr?— Bezahlet ihr, wie ſie euch bezahlet hat, und macht es ihr zwiefältig nach ihren Werken, ſprach die⸗ ſer feierlich.— Macht's kurz, ſiel Esprit Segujer ein, und hängt den Pfaffen an den nächſten Baum.— Da können wir noch den Strick erſparen, riefen ſcherzend einige der Camiſarden, wenn wir den nehmen, welchen der hochwürdige Bruder um den Leib trägt. — Mache dich fertig, Pfaffe, zur letzten Reiſe, denn wir haben Eile, ſprach der Anführer.— Todtblaß ſtund der arme Waldbruder; die übrigen Gefangenen erbleichten— Halt, ſiel Clement ein, ihr habt den Gefangenen mir geſchenkt.— Er iſt dein, erwiederte Esprit Segujer, es bleibt bei meinem Worte.— Fort, geiſtliches Vieh, rief Clement lachend 85 und gab ihm einen Schlag mit dem Stricke, der ihm bereits abgelöst war; mache dich ſchnell aus dem Staube und hüte dich, wie⸗ der in unſere Hände zu fallen, denn ſonſt möchteſt du nimmer ſo gut wegkommen.— Der Waldbruder machte ſich ſchnell auf die Beine, ohne Abſchied zu nehmen.— Bar⸗ nabs ſchüttelte mißbilligend den Kopf.— Dieſe gehören mir an, ſprach bedeutungsvoll Eſprit Segujer, indem er auf die übrigen Gefangenen wies. Bindet ſie, und daß keiner entwiſche.— Im Scheine des Mondlichtes ging der Zug dem Gebirge zu. An den ufern eines Bergſees, deſſen Ge⸗ wäſſer durch aufgehäufte Schiefer entſchlüpf⸗ ten und bald dem Auge entſchwanden, um erſt weit von da, unter der Geſtalt eines Gießbaches, der ins Thal herabſtürzt, wieder zu erſcheinen, ſtiegen vier rüſtige Wanderer abwärts den Thälern zu. Die nackten Felſen „ umher bildeten eine der traurigſten Landſchaf⸗ ten, die man ſich denken kann.— Seht, Mar⸗ 86 1 tignac, bis in dieſe Einsden müſſen ſich unſere Glaubensbrüder verkriechen, um der Verfolgung herrſchender Prieſter zu entgehen, und ihr könnt noch an der Rechtmäßigkeit der Nothwehr gegen unſere Tirannen zweifeln!— Schwer iſt die Verantwortung derer, die ein Volk zum Aufſtand bringen; d'rum laßt uns zuvor gewiſſenhaft erwägen, ob für uns keine andere Hoffnung übrig ſey, als in den Waffen. Bedenkt, Roland, daß wir dem Him⸗ mel Rechenſchaft ſchuldig ſind für das Blut, das fließen wird.— Glaubt mir, junger Mann, daß ich mich wohl geprüft habe, ehe ich den letzten unwiderruflichen Entſchluß faß⸗ te; oder ſeht ihr einen andern Ausweg für uns, als Gewalt mit Gewalt zu vertreiben? — Kaum iſt zu hoffen, daß der König beſſern Rathgebern ſein Ohr leihen werde, als ſei⸗ ne jetzigen ſind.— Nun denn, und wenn auch dieſes nach Jahren der Fall wäre— ſollen inzwiſchen unſere Glaubensbrüder zu Grunde gehen?— Ihr habt Recht, ſelbſt der Weg 87 der Auswandernng— dieſes letzte friedliche Mittel, dem Drucke zu entgehen— iſt ihnen verſchloſſen.— Welche Wahl bleibt ihnen alſo: der Tod durch Henkershand, Verläug⸗ nung ihres Glaubens oder Rettung durch die Waffen?— Dieſe traurige Nothwendigkeit, die ich fühle und begreife, liegt ſchwer auf meiner Seele.— Seid ein Mann, Marti⸗ gnac, wenn die Menſchheit in ihren heilig⸗ ſten Rechten verletzt iſt, müſſen alle ſanfteren Gefühle ſchweigen.— Laßt mir Zeit, Ro⸗ land, mich zu ſammeln. Am Tage der Ge⸗ fahr werdet ihr den Mann in mir finden. Schweigend zogen die Wanderer weiter. Plötzlich bedeckte ein dichter Nebel die Ufer des Sees und huͤllte ihren Pfad in furchtba⸗ res Dunkel. Ein ſteiler Abhang, der zur Rech⸗ ten in den See auslief, ein Abgrund, der ſich zur Linken in tiefe Thäler ſenkte„machte das Eilen gefahrvoll, währen die Finſterniß, die ſich bei jedem Schritte verdoppelte, das Zögern noch ſchrecklicher machte. Ruhig 88 und ſo ſicher, als im hellen Sonnenlichte, ſchritt Roland an der Spitze des Zugs und lerbte ihn mit ſeiner Stimme. Marti⸗ gnac, Antoine und Damien folgten. Als ſie aus den Felſen auf eine tieferliegende Wai⸗ de herabgeſtiegen waren, blieb der Nebel über ihren Häuptern hängen.— Achtet Ihr, ſprach Roland lächelnd zu Martignac, die Hin⸗ derniſſe, die uns Menſchen in den Weg legen, für unbeſiegbarer, als die Schwierigkeiten der Natur? Glaubt mir, ein unverzagter Muth und ein ſicherer Gang überwindet beide. So wird uns einſt das Licht des freien Glaubens ſtrahlen und der Nebel des Fanatismus hoch über unſern Häuptern hängen!— Das gebe Gottl erwiederte Martignac.— Und unſer Arm, fügte Roland bedeutungsvoll hinzu. Die Wanderer folgten dem Laufe eines Waldſtroms, der ſich, prachtvolle Katarakten bildend, von Höhe zu Höhe hinabſtürzte und in ein weites Becken ergoß, das ſeine ſtürmi⸗ ſchen Gewäſſer aufnahm und in dem glatten 89 Spiegel eines Sees ausbreitete. An dem Ufer des Teichs lagerten ſich die Reiſenden, um die Erfriſchungen zu nehmen, die der Inhalt ihrer Jagdtaſchen ihnen bot.— Laßt uns ei⸗ len, ſprach Damien, ich ſehe den Sturm kommen.— Bei dieſem heitern Himmel, fragte verwundert Martignac? Es iſt die Ruhe vor dem Sturm, erwiederte Roland lächelnd; lernt erſt die Region der Berge beſ⸗ ſer kennen.— Plötzlich erhob ſich ein Süd⸗ wind, der ſich ſtoßweiſe über die Oberffäche des Sees wälzte, daß ſich ſeine empörten Wogen krachend an den Felſen brachen. Durch den Dunſtkreis herrſchte eine Unruhe, die Waſſer und Erde zu empfinden ſchienen. Sie wirkte nicht bloß auf das zitternde Laubwerk und auf das wogende Gras, das die Ufer des Sees bekleidete, ſondern ſogar die unbe⸗ wegliche Einfaſſung der Wildniß ſchien zu erbeben. Ein entfärbtes Licht beleuchtete die Berge, die über die geheime Empörung der Natur zu zittern und einen nahenden 90⁰ Sturm zu ahnen ſchienen.— Welches iſt die nächſte menſchliche Wohnung in dieſem Um⸗ kreiſe, Da mien, fragte Roland?— Die Hütte der Cagots, die ſich in dieſen Bergen angeſiedelt haben.— Führe uns; ich kenne dieſen Weg nicht ſo genau. Sie ſtiegen aufwärts über Felſen, deren Bruch gangbare Stiegen bildete. Bald holte der eilende Sturm die Wanderer ein. Fürch⸗ terlich braußte der Wind und der Regen ſtürzte in Strömen herab. Einer half dem andern trenlich auf dem abſchüſſigen Pfade, den der Regen noch ſchlüpfriger machte, bis ſie unter einem Felsdache Schutz fanden.— Wir haben das Sprichwort zu Schanden ge⸗ macht, ſagte Roland lächelnd und ſchüttelte ſeine durchnäſſten Kleider.— Und wie lautet es, fragte Martignac?—„Wenn der wü⸗ thende Orkan durch die Schlünde des Gebirges braußt, wartet der Vater nicht auf ſeinen Sohn und der Sohn nicht auf ſeinen Vater.“ Aber die Bande des Glaubens, im Feuer 9¹ der Trübſal gehärtet, ſind ſtärker, als die Bande der Natur. Von der Felsplatte ſtiegen die Wanderer in den Grund eines Beckens hinab, den vier kleine Teiche einnahmen. Am Fuße eines ke⸗ gelförmigen Felſen lag eine ärmliche Hütte. Dieſe Einöde, von der ganzen übrigen Welt gleichſam abgeriſſen, ſchien zum Sitze des Elends und der Verborgenheit geſchaffen. Ziem⸗ lich unſanft klopfte Damien an ſdie Thüre und rief: Oeffne, Colas!— Als, keine Ant⸗ wort erſolgte, rief er barſch: Wo ſteckſt du denn, Cagot, Colibert, Cretin, du ausſätziges Thier?— Zugleich rüttelte er mit Macht an der Thüre, daß ſie auffuhr. Ein ſchwaches Licht, das durch eine Oeffnung ein ärmliches Strohlager beleuchtete, ließ auf demſelben zwei ſonderbare Figuren wahrneh⸗ men, welche ſich mit allen Zeichen der Furcht ſitzend in die Höhe gerichtet hatten. Sie hat⸗ ren eine glänzende und verbrannte Geſichts⸗ farbe, große Kroͤpfe, eine unfoͤrmliche Bil⸗ 92 dung und ein ſinnloſes Anſehen.— Nun, du ſchäbiges Vieh, warum öffneſt du denn nicht, fuhr ſie Damien an?— Stotternd und in ſchlecht artikulirten Tönen entſchuldigten ſie ſich, daß ſie die Stimme des Beſuchers nicht er⸗ kannt, und von Fremden Mißhandlung gefürch⸗ tet hätten.— Laß doch dieſe Unglücklichen, ſprach Roland begütigend zu Damien.— Was Unglückliche! Tölpel(Cretins) ſind es, erwiederte dieſer etwas ungeſchliffen.— Mit Staunen, in das ſich ein unwillkührlicher Ekel miſchte, betrachtete Martignac, dem dieſe Menſchengattung fremd ſchien, die beiden ſelt⸗ ſamen Weſen.— Ihr ſtaunt, Martignac, über dieſe Herabwürdigung menſchlicher Ge⸗ ſchöpfe, ſprach Roland; Ihr ſeht hier, ſetzte er bitter hinzu, den Triumph des Prieſter⸗ thums über die Menſchheit.— Wie ſollte die Religion auf den Zuſtand dieſer elenden We⸗ ſen, die wohl kaum den geringſten Begriff von der Natur Gottes zu faſſen vermögen, einen Einfluß geübt haben?— Die Religion nicht, 93 aber ihre Prieſter. Welchem Volke glaubt ihr wohl, daß dieſer verdorbene Stamm ange⸗ höre?— Welchem Volke 7 Es iſtder Auswurf aller Völker.— Bewegt ergriff Roland Martignacs Hand, fuͤhrte ihn zu dem ärm⸗ lichen Strohlager dieſer Unglücklichen und ſprach mit Tönen, deren tiefe Rührung un⸗ verkennbar war und in dem Munde dieſes kräf⸗ tigen Mannes doppelte Wirkung hervorbrach⸗ te: Betrachtet dieſe Geſchöpfe, in denen mit den letzten Spuren menſchlicher Geſtalt faſt die letzten Zeichen menſchlichen Verſtandes ver⸗ ſchwunden ſind— ſie ſind Nachkommen jener Gothen, die das römiſche Reich ſtürzten. Sie ſelbſt kennen ihren Urſprung nicht, denn mit den Rechten und der Wuͤrde des Menſchen ſind bei ihnen auch die Traditionen der Geſchichte ver⸗ ſchwunden, und ſie ſind für den Beobachter nur noch das ſtumme Denkmal von dem Elend eines Zeitalters, das blos verabſcheuungs⸗ werthe oder beweinenswürdige Spuren auf uns übergetragen hat. Als die Franken in 94 Gallien den Thron der Gothen und mit ihm den Arianismus ſtürzten, ſuchten Stämme dieſes Volkes Zuflucht in den Einöden des Gebirgs. Unmenſchlich rächte an ihnen die orthodore Kirche die Demüthigung früherer Zeiten. Die Verweigerung der Kirchenſakra⸗ mente und eines chriſtlichen Begräbniſſes war die natürliche Folge der Erbitterung der lange von ihnen gedemüthigten Prieſter. Man ſchloß ſie als Ketzer von den Gemeinden aus, und ſie flohen in Einöden, in unwirthbare Moräſte und Sümpfe, ihr ärmliches Daſeyn zn retten. Hier ſuchten ſie der Ausſatz und alle Plagen der Menſchheit heim; ſie wurden erblich, weil ſie ſich mit keinem andern Stam⸗ me vermiſchen durften. Krankheit des Leibes erzeugte Blödſinn des Geiſtes. So verewigte ſich das Geſchlecht der elenden Weſen, die Ihr hier vor euch ſeht. Sie hörten auf Arianer und Ketzer zu ſeyn, weil ſie nimmer zu den⸗ ken vermochten; ſie hörten auf ausſätzig zu ſeyn, aber ſie blieben noch allen den Uebeln 95⁵ unterworfen, welche die Fäulniß des Geblüts erzeugt. Seit Jahrhunderten büſſen ſie, was Prieſter die Ketzereien ihrer Vorfahren nen⸗ nen, und noch ſcheint die Rache der Hierarchie nicht geſättigt. Sollte ſie nicht endlich an der Erbärmlichkeit ihrer Opfer erlahmen? Und dieß iſt das Loos, das jene Kirche, welche ſich die unfehlbare nennt, unſern Glaubensbrü⸗ dern bereitet!— Zerſchmettert ſtunden die Hö⸗ rer. Stumpfſinnig blickten die beiden Cagots von ihrem Lager auf, denn der Sinn der Rede ging über ihre Faſſungskraft.— Mit begeiſterter Stimme fuhr Roland fort:„Dieß iſt das Schickſal einer Nation, die Reiche zer⸗ ſtörte und gründete. Dieſer verworfene Stamm iſt Alles, was von ihr übrig geblieben, und dieſes verdorbene Geblüt iſt der einzige un⸗ vermiſchte Reſt des edlen Bluts der gothi⸗ ſchen Helden. Unter Zügen, die tauſendjäh⸗ riges Elend entſtellt hat, ſind die letzten Reſte des gothiſchen Stolzes begraben. Nur an einer gleiſſenden Geſichtsfarbe, an Unförm⸗ 96 lichkeiten, an Krankheiten, durch das erbliche Verderbniß der Säfte erzeugt, ſind die Nach⸗ kommen jenes Heldenvolks noch kenntlich. Und das, du gerechter Gott im Himmel, das iſt das Werk deiner Prieſter!— Durch Thränen, welche unwillkuͤhrlich die Augen der Zuhörer befeuchteten, flammte das Funkeln des Zornes auf. Der Redner ſenkte ſeine Stimme und ſprach mit den leiſen Tönen eines tiefen Jam⸗ mers.“ Erkennet mit Schaudern in der halben Vernichtung dieſer Weſen unſerer Art die Macht, die der Menſch über das Daſeyn des Menſchen ͤbt; dieß iſt der enge Kreis, in den er die Kenntniſſe und das Wohl ſeiner Vrü⸗ der einzuſchließen vermag. Seht hier, wie Prieſter und Geſetzgeber mit der Freiheit und dem Daſeyn des Menſchen ihr Spiel treiben! Und wenn noch ein Funke von Gefühl für die Leiden der Menſchheit in euch lebt, ſo ſchwört hier bei der Herabwürdigung dieſer entarte⸗ ten Geſchöpfe, für die Freiheit und den Glauben eurer Brüder Gut und Blut zu wa⸗ 97 gen!— Roland, der die Stimme nach und nach wieder bis zur Begeiſterung erho⸗ ben hatte, blickte erwartend auf ſeine Gefähr⸗ ten. Ein edler Zorn flammte aus ihren Bli⸗ cken und ihre Hände hoben ſich zum Schwur. In einem Zimmer des Schloßes Pont de Montvert, deſſen Ameublement mit einem be⸗ ſcheidenen Aeuſſeren eine Bequemlichkeit, die bis zur Weichlichkeit ging, vereinigte, ſaß in einfacher ſchwarzer Kleidung, mehr einem Weltmann als einem Prieſter ähnlich, der Abt Chaila.— Ihr habt alſo ſichere Nach⸗ richt, Pater Felir, ſprach er, nachläßig mit dem Kreuze ſpielend, das an einer goldenen Kette über ſeine Bruſt hing, zu einem vor ihm ſtehenden Franciscaner, über Zeit und Ort, wo die Abtrünnigen ihre ketzeriſche Ver⸗ ſammlung halten werden?— So zuverläßige Kunde, erwiederte der Mönch, als ob ich ſelbſt einer ihrer Prädikanten wäre. Ihr wißt, Der Camſarde 1. 5 98 hochwüediger Herr, daß mir zwei gute Ka⸗ tholiken, welche zum Nutzen und Frommen nnſerer heiligen Kirche die Rolle eifriger Pro⸗ teſtanten ſpielen, als treue Kundſchafter die⸗ nen.— In majorem Dei gloriam ſind alle Rollen erlaubt, antwortete leicht hin der Prälat. Der Zweck heiligt die Mittel. Und kennt ihr ungefähr die Namen der Hauptke⸗ tzer, welche dieſer gottloſen Verſammlung bei⸗ wohnen werden?— Benjamin Bronſſon nebſt einigen andern Predigern der Abtrün⸗ nigen und der wüthende Barnabé du desert. — Wenn dieſer erſcheint, ſo iſt der verdammte Esprit Segujer mit ſeiner raſenden Ban⸗ de auch nicht weit; es wird alſo erforderlich ſeyn, eine bedeutende Macht zuſammenzu⸗ bringen, um die Rotte der Ketzer ganz zu umzingeln und aufzuheben. Iſt doch das Ge⸗ heimniß wohl bewahrt?— Nur zwei Seelen — meine beiden Vertrauten— wiſſen darum, und dieſe ſind verſchwiegen wie das Grab.— In meiner Ketzerliſte, ſprach der Prälat, in⸗ 99 dem er in einem vor ihm liegenden Folianten blätterte, ohne von dem Papier aufzuſehen, iſt eine gewiſſe Familie Perier von Vau⸗ vert doppelt unterſtrichen, um ſie als hart⸗ näckige Irrgläubige und Erzketzer zu bezeich⸗ nen. Kennt Ihr, durch das Mittel Eurer Kundſchafter, dieſe Leute genauer?— Aller⸗ dings, hochwürdiger Herr, ſie verdienten drei⸗ fach unterſtrichen zu werden, ſo verhärtet ſind ſie in ihrem ihrem Unglauben.— Die Familie beſteht?— Aus Vater, Mutter und zwei Söhnen.— Richtig, ſprach der Prälat, indem er auf die betreffende Stelle in ſeinem Folianten mit dem Finger deutete; ich finde hier noch eine Dirne, Namens Margot, ver⸗ zeichnet; gehört dieſelbe nicht der Familie Pe⸗ rier an?— Sie iſt eine Waiſe, bei dem alten Perier erzogen.— Ebenfalls in dem ketzeriſchen Unglauben befangen, wie aus der Note erhellt?— Allerdings, hochwürdiger Herr, und noch überdieß die Verlobte des Erz⸗ „ketzers Antvine Perier, xiedert der 100 Mönch mit einem ſatyriſchen Lächeln, das er nicht zu verbergen ſuchte, da der Prälat das Haupt über den Folianten gebeugt hatte und ganz in ſeine Akten vertieft ſchien.— Ihr werdet die Anordnung treffen, daß man ſich ſämmtlicher Glieder dieſer ketzeriſchen Familie insbeſondere zu bemächtigen ſuche, vefahl der Abt, ohne ſeine Blicke von dem Papier zu erheben.— Ganz wohl, hochwürdiger Herr, erwiederte der Mönch, deſſen Züge ſich im⸗ mer faunenartiger geſtalteten, während ſeine Stimme die demüthige Monotonie beibehielt, die ſeinem geiſtlichen Oberen gegenüber ſchick⸗ lich war; es ſteht nur zu befürchten, daß die Familie dießmal die Verſammlung der Ketzer nicht beſuchen möchte; wenigſtens iſt meinen Kundſchaftern nicht bekannt, ob ſie erſcheinen wird.— Wie ich aus der beigefügten Note erſehe, haben ſämmtliche Glieder derſelben die Verſammlungen der Irrgläubigen ſchon mehr⸗ mals beſucht; das Verbrechen gegen die geiſt⸗ lichen und weltlichen Geſetze iſt alſo bereits ⸗ 101 begangen und nur noch erforderlich, daß die Verbrecher auf der That ertappt und, als über⸗ wieſen, zur gebührenden Strafe gezogen wer⸗ den. Die heilige Kirche geſtattet, daß dieſer Be⸗ weis durch künſtliche Mittel herbeigeführt werde, wenn er ſich nicht auf natürlichem Wege ergeben will. Ihr verſteht mich, mein lieber Pater Felix?— Vollkommen, hoch⸗ würdiger Herr. Einer meiner Kundſchafter hat ſich in den Ruf eines ſo eifrigen Prote⸗ ſtanten zu ſetzen gewußt, daß er das ganze Vertrauen der Familie genießt. Durch deſſen Ueberredung könnte— Schon gut, mein lieber Pater, ich uͤberlaſſe Alles Eurem Eifer für unſern heiligen Glauben, den ich ken⸗ ne und zu belohnen wiſſen werde.— Ach, hoch⸗ wuͤrdiger Herr, erwiederte der Mönch mit Salbung, ich bin nur ein geringes Werkzeug des Herrn und zufrieden, wenn ich unſerer heiligen Kirche in der Perſon ihrer Vorge⸗ ſetzten wohl dienen kann.— Nein, Nein! Euer Eifer verdient zum Beſten unſerer Kir⸗ 102 che ſelbſt einen größeren Wirkungskreis.— Ich ergebe mich in Demuth in Alle, wozu mich der Herr berufen mag, und hoffe, daß er meine Einfalt erleuchten werde zur Ver⸗ herrlichung ſeines Namens, antwortete mit löblicher Reſignation der Mönch. Eure Mei⸗ nung, hochwürdiger Herr, fügte er liſtig for⸗ ſchend hinzu, wenn ich ſie recht verſtanden habe, iſt alſo, daß dieſe erzketzeriſche Familie lebendig oder todt in Euere Hände geliefert werde?— Gott behüte, erwiederte der Prä⸗ lat und fuhr mit ſeltſamem Schrecken vom Papiere auf, über das er ſich bisher gebengt hatte. Als er die Augen auf den Mönch warf, verſchwand eben der letzte ſatyriſche Zug auf deſſen Geſichte, das ſich wieder in die üblichen frommen Falten legte.„Unſere Abſicht iſt, fügte der Abt plötzlich beſonnen hinzu, dieſe ketzeriſche Familie lebendig in unſere Gewalt zu bekommen, um an ihr zur Warnung fuͤr andere Irrgläubige ein abſchreckendes Erem⸗ pel zu ſtatuiren. Ich befehle Euch demnach, — 103 bei Euern obhabenden Pflichten, dafür Sorge zu tragen und alle Mittel, welche es auch ſeyen, anzuwenden, um die gedachte Familie lebendig in unſere und der heiligen Kirche Gewahrſam zu bringen. Ihr ſteht mit Eue⸗ rem Leben für das ihrige. Ich erwarte von Euch und Euerem Eifer, daß ihr ſämmtliche Glieder derſelben wohlbehalten in die Mauern dieſes Schloßes liefert, hört Ihr, Pater, ſämmliche Glieder. Jetzt geht und handelt klug und ergeben, wenn Euch an meiner Gnade gelegen iſt.— Demuthsvoll neigle ſich der Mönch und ſchritt der Thüre zu.— Noch eins, rief der Prälat dem Abgehenden mit freundlicher Stimme nach. Liegt nicht der Superior Eures Kloſters in den letzten Zü⸗ gen? fragte er den Umkehrenden.— Ja, hochwürdiger Herr, erwiederte demüthig der Mönch.— Gut, mein Sohn, wir werden an Euch denken. Macht Eure Sachen wohl, und wer Euch dabei hülfreiche Hand leiſtet, ſoll ſich, „neben unſerem Segen, auch zeitlicher Belohnung 104 zu gewärtigen haben.— Das Weſen unſerer heiligen Kirche erfordert, ſprach der Prälat, nachdem der Mönch abgegangen war, zu ſich ſelbſt, den Schein zu retten gegen Jeder⸗ mann. Die Herren von Baville und Broglio! meldete ein eintretender Diener. Der Abht nickte bejahend mit dem Haupte.„Wie nun, Herr von Broglio, rief er dem Einen der Eintretenden, einem wohlbeleibten Manne von etwa vierzig Jahren, der Generalsuni⸗ form trug, aufſtehend und ſich verbeugend, entgegen, wie nun, halten Sie nach den neu⸗ eſten Vorfällen noch immer dafür, daß die Mil⸗ de gegen dieſe Ketzer und Aufrührer an ih⸗ rem Platze ſey?— Und wenn ſie es nicht mehr iſt, wer trägt die Schuld davon, erwie⸗ derte der Gefragte mit ziemlicher Bitterkeit, indem er auf eine ſtumme Einladung Platz nahm?— Sonderbar, fiel Herr von Baville ein, indem er unwillig über die goldgeſtickte Uniform wiſchte und den Hofdegen zwiſchen 105 die Füße nahm, ſonderbar, ſind etwa wir es, die das Schloß des Herrn von Saint⸗Co⸗ mes lgeſtürmt, den fanatiſchen Smuggler⸗ Hauptmann Eſprit Segujer befreit und zu Cavagnac die Dragoner des Königs über⸗ fallen und niedergemacht haben?— Unduld⸗ ſamkeit und Druck reizen und zwingen das Volk zum Aufſtande, den ich faſt gerechte Nothwehr nennen möchte, und nun wird ihm zum Verbrechen angerechnet, wozu man es gleichſam herausgefordert hat! Oder, mein Herr Intendant, iſt etwa der Aufruhr den Bekehrungen der geſtiefelten und ungeſtiefelten Miſſionärs, den Dragonaden, den Fuſilladen, Noyaden, den Hinrichtungen durch Strang, Schwert und Feuer vorangegangen oder iſt er ihnen gefolgt?— Allerliebſt! ſpottete Herr von Baville, ein General des Königs, deſ⸗ ſen Pflicht es iſt, die Rechte der Krone mit gewaffneter Hand aufrecht zu erhalten, ſpricht dem Aufſtande der Unterthanen gegen ihre rechtmäßige Obrigkeit das Wort und nennt 106 ihn gerechte Nothwehr! Haben Sie etwa gar Luſt, mein Herr Graf, die Sache, welche Ihnen die gerechte dünkt, mit Ihren Truppen gegen die Ungerechtigkeit der Regierung in Schutz zu nehmen?— Darauf ſoll Ihnen mein Degen antworten, wenn Sie ein franzöſiſcher Edelmann ſind, entgegnete erhitzt der General, indem er zornig aufſtund und den Griff ſei⸗ nes Degens faßte. Wenn ich glaube, das Recht zu haben, die Schritte der Regierung oder vielmehr ihrer Werkzeuge in dieſer ent⸗ fernten Provinz zu mißbilligen, ſo kenne ich doch eben ſo gut meine Pflichten gegen das Oberhaupt des Staats und werde ſie, wenn gleich mit widerſtrebendem Gefühle, zu erfül⸗ len wiſſen. Ihre Anzüglichkeit, mein Herr Intendant, geht zu weit und erfordert eine Genugthuung, wie ein Mann von Ehre ſie gibt.— Wenn Sie durchaus darauf beſtehen, meine Worte in ihrem ſchlimmſten Sinne aus⸗ zulegen, ſo werde ich Ihnen die verlangte Genugthuung nicht verweigern, erwiederte der 107 Intendant.— Mein Gott, meine Herren, fiel der Prälat beguͤtigend ein, wie mögen Sie ſich um Reden erhitzen, die gewiß von kei⸗ nem Theile böſe gemeint waren? Und da ich durch meine ſcherzhafte Frage die erſte Ver⸗ anlaßung zu dieſer kleinen Mißhelligkeit gege⸗ ben habe, ſo müßte ja wahrlich ich, ein Mann des Friedens, die Blutſchuld tragen, welche daraus entſpringen könnte. Wir ſind hier zu⸗ ſammengekommen, um über wichtige Angele⸗ genheiten zu verhandeln, welche die Wohl⸗ fahrt und den Ruhm des Staats betreffen. Verſchwenden Sie doch, ich bitte Sie drin⸗ gend, die Zeit, welche öffentlichen Geſchäften gewidmet iſt, nicht mit verderblichem Privat⸗ zwiſt! Wie, Herr von Baville, Sie ſind offenbar etwas zu weit gegangen. Geſtehen Sie mit der Offenherzigkeit eines franzöſi i⸗ ſchen Edelmanns, an deſſen Muthe Niemand zweifelt, daß Sie die Gränzen eines erlaub⸗ ten Scherzes ein klein wenig überſchritten haben. Und Sie, Herr von Broglio, 108 bekennen Sie, daß die franzöſche Reizbarkeit, die den Herren Militärs doppelt eigen iſt, Sie zu einer, allerdings ſehr verzeihlichen, patriotiſchen Aufwallung verführt hat. Geben Sie ſich die Hände, meine Herren, ich bin Zeuge Ihrer Verſöhnung. Zwei ſo vortreff⸗ liche Cavaliers und achtungswerthe Staats⸗ diener verdienen ewige Freunde zu ſeyn.— Herr von Broglio! ſprach, durch dieſe Er⸗ hortation des geiſtlichen Herren gerührt, Herr von Baville einladend zu dem General.— Herr von Baville! erwiederte dieſer mit entſprechender Miene.— Für immer! ſpra⸗ chen Beide und ſchüttelten ſich ſehr zärtlich die Hände.— Möchte es mir doch eben ſo leicht gelingen, den Frieden dieſes Landes wie⸗ der herzuſtellen! ſeufzte andächtig der Prälat. — Hätten Sie ſo gelinde Mittel angewendet, die ſtreitenden Partheien zu verſöhnen, ſo wäre es Ihnen vielleicht ſchon gelungen, erwiederte lachend Herr von Broglio.— Stille doch, lächelte der Abt, daß wir nicht wieder auf 109 das alte Kapitel kommen, das wir eben ſo glücklich überſchlagen haben! Die Sachen ſte⸗ hen nun wie ſie ſtehen; ändern können wir ſie nimmer, ſo wollen wir uns gegenſeitig die Vorwürfe erſparen. Darüber werden wir hoffentlich einig ſeyn, daß unter den jetzigen Umſtänden ſtrenge Maßregeln erforderlich ſind⸗ Iſt es Ihnen gefällig, meine Herren, in dem Saale hieneben, wo Alles zur förmlichen Si⸗ tzung bereit iſt, die Beſchlüſſe, welche wir faſ, ſen werden zu Papier bringen zu laſſen? — Der Prälat zog an der Gloke, deutete, als der Kammerdiener eintrat, auf die Flü⸗ gelthüren, die auf ein Zeichen deſſelben durch zwei Lakaien von innen geöffnet wurden, und die Herren traten complimentirend hinein.— Daß die Tafel zur Stunde ſervirt iſt, rief der Abt, der zuletzt eintrat, zurück!— Der Kam⸗ merdiener machte eine ſtumme Verbeugung. Die Unterhaltung über Tafel war ziemlich einſilbig und roulirte, in abgebrochenen Phra⸗ ſen, über allgemeine Gegenſtände. Nachdem ab⸗ 1¹⁰ geſpeist und vor den Platz des Hausherrn, nach franzöſiſcher Sitte, ein Halbzirkel feiner Liqueur⸗Flaſchen geſtellt war, trat die Diener⸗ ſchaft ab. Das Geſpräch der Tiſchgenoſſen, die bereits ziemlich rothe Köpfe hatten, wur⸗ de nun lebendiger und freier.— Was ſpricht denn Ihre Excellenz zu Nismes über die neue⸗ ſten Vorfülle in dieſer guten Provinz? fragte der Abt den General.— Der Marſchall? Nichts. Se. Excellenz hat Wichtigeres zu thun, als ſich mit ſolchen Kleinigkeiten zu be⸗ faſſen, erwiederte lachend der General.— Was wäre denn dem Herrn von Montre⸗ vel wichtiger, als das Wohl und die Ruhe der ſeiner Leitung anvertrauten Provinz, ent⸗ gegnete ſpöttiſch der Prälat?— Es iſt eben die große Frage zu entſcheiden, ob auf dem nächſten Balle die Damen in caca du Pau- Phin oder in pet en Tair de Maintenon er⸗ ſcheinen ſollen.— Zur Löſung derſelbem ſagte trocken Herr von Baville, indem er eine Priſe nahm, ſind freilich alle Geiſteskräfte 14 des hochbegabten Marſchalls erforderlich, und es wird ihm keine Zeit übrig bleiben, an die Ketzer und Aufrührer dieſer Provinz zu den⸗ ken.— Schwerlich, ſiel der General ein, denn der Fall iſt äußerſt ſchwierig und die beiden Partheien bekämpfen ſich mit einer Heftigkeit, welche der Größe des Gegenſtandes angemeſ⸗ ſen iſt. Das caca du Pauphin iſt gleichſam eine königliche Hausfarbe und deſſen Vereh⸗ rer machen dieſen Grund nicht wenig geltend; dagegen legen die Liebhaber des pet en lair de Maintenon vieles Gewicht darauf, daß man durch deſſen Annahme Sr. Majeſtät dem Hönig und der Dame ſeines Herzens ein ſehr feines und ſchmeichelhaftes Compliment machen werde. Der Marſchall ſchwankt noch unentſchieden und diejenigen, welche ſeine Po⸗ litik näher zu kennen glauben, verſichern, daß er ſich im ſeiner Weisheit für eine Vermi⸗ ſchung der beiden Farben erklären werde. Was mich betrifft, ſo bin ich allzubeſcheiden, um nir in einer ſo verwick en und folgenreichen 112 Frage ein Urtheil anzumaßen.— Ihre Vor⸗ ſicht, mein weiſer Graf, iſt lobenswerth, rief lachend der Prälat, denn in kritiſchen Augen⸗ blicken zieht ſich ein kluger Mann zurück und ſpielt den Unpartheiiſchen, bis er ſich mit Si⸗ cherheit zu der ſiegenden Parthei ſchlagen kann.— Allerdings, ſpottete Herr von, Ba⸗ ville, und um ſo mehr, da es unſerm Freunde ſo ziemlich gleichgultig ſeyn wird, ob er der Fahne eaca oder der Fahne pet en Tair folgt. — Mein Gott, erwiederte mit Lachen der Ge⸗ neral, Sie werden doch nicht meinen Patriotis⸗ mus verdächtig machen wollen. Solche Dinge konnen und dürfen mir nicht gleichgültig ſeyn, aber ich beſitze eine gewiſſe politiſche Reſigna⸗ tion, die mich immer den Sieg einer Parthei als eine Art Gottesurtheil anſehen läßt.— Mit dieſem Glauben können Sie es weit brin⸗ gen, ſagte der Intendant, und ich verehre be⸗ reits, fügte er mit einer Verbeugung hinzu, einen künftigen Marſchall von Frankreich in Ihnen.— Nur nicht zu vorſchnell, Herr von Ba⸗ 113 ville, fiel der Abt lachend ein, unſer Freund ſcheint mir über das Niveau der zu einem Marſchall erforderlichen Eigenſchaften um ei⸗ nen ganzen Schuh erhaben, und Sie wiſſen, daß man bei großen Staatsämtern, die mit der höchſten Perſon in Berührung kommen, eher das zu Wenig als das zu Viel verzeiht.— Schönen Dank für das Compliment, er⸗ wiederte der General, und ſomit werde ich ſchwerlich jemals in Ihnen einen Erzbiſchof zu veneriren haben.— Wer weiß, ſagte der Prälat, ich übe mich gegenwärtig in der geiſt⸗ lichen Kunſt, mein Licht unter den Scheffel zu ſetzen; und wenn es mir noch gelingt, Hir⸗ tenbriefe zu verfertigen, welche den Beifall meines erleuchteten Oberhirten zu Nismes erlangen, ſo könnte mir doch vielleicht eine Bi⸗ ſchoffsmütze beſchieden ſeyn.— Se. Eminenz ela⸗ boriren gegenwärtig, wie verlautet, ein ſolches Aktenſtück, mittelſt deſſen Sie die ganze ſchis⸗ matiſche Chriſtenheit in den Schafſtall des hei⸗ ligen Petrus zurückzuführen hoffen ſiel der 114 Intendant ſpöttiſch ein.— Allerdings, ſagte der Abt und zog ein Papier aus der Taſche, ich bin ſo glücklich, Ihnen einen Entwurf die⸗ ſes Hirtenbriefs mittheilen zu können. Er iſt in einem hohen Styl abgefaßt und wird Wun⸗ der wirken auf die Abtruͤnnigen im Lande. Hören Sie doch einmal:„Meine theuerſten „Brüder in Chriſto! Der Sturm des Unglaubens „brauſt auf den Gebirgen; der Hauch des „böſen Dämon vergiftet die Seelen, und der „Geiſt Gottes iſt von ſeiner Heerde gewichen. „Die Kirchen des wahren Glaubens ſtehen „verlaſſen, das Licht der Religion iſt erloſchen „und die Heerde der Gläubigen klein gewor⸗ „den im Lande. Verſchwunden iſt der alte gute „Glaube an dieſe Kanzeln der wahren Lehre, „von denen herab die evangeliſchen Wahr⸗ „heiten gepredigt werden, an dieſe heiligen „Altäre, an denen das Opfer des unbefleck⸗ „ten Lammes geſpendet wird, an dieſe hei⸗ „ligen Meßgewänder, die das heilige Zion „zieren am Tage ſeiner Feſte, an dieſe Bil⸗ 115 „der der Heiligen, deren Anblick ſo nothig iſt, „um ihren Beiſtand anzurufen oder ihrem „Beiſpiel zu folgen. Der Dämon der Ver⸗ „nunft— Mein Gott, hochwür⸗ diger Herr, halten Sie ein, rief lachend Herr von Baville, es wird mir ganz bange. Se. Eminenz haben eine unglaubliche Suada, und wenn erſt dieſer Hirtenbrief erſchie⸗ nen iſt, ſo wird, wie durch ein Wunder, das ganze Land zur alten Ordnung zurück⸗ kehren und unſere geſtiefelten Miſſionärs wer⸗ den fortan überflüſſig ſeyn, Sie haben doch be⸗ reits Sr. Eminenz zu dieſem vortrefflichen Opus gebührend gratulirt?— Allerdings habe ich der geiſtlichen Beredſamkeit des Herrn Erzbiſchvffs das gebührende Lob geſpendet und dabei zu bemerken nicht ermangelt, daß die Ketzer keiner weitern Nachſicht würdig ſeyn würden, wo⸗ ferne ſie, gegen alles Verhoffen, trotz dieſer rührenden Ermahnung, ihre Herzen noch fer⸗ ner verhärten und in ihrem bisherigen Un⸗ glauben verharren ſollten.— Wohl gethan, 116 rief Herr von Bavilbe luſtig aus; die ge⸗ kränkte Eigenliebe wird den guten alten Herrn in unſere Hände geben und uns einen Frei⸗ brief auswirken, gegen die Rotte Korah, die das Wort des Herrn nicht hören will, nach Gutdünken zu verfahren.— Ja ſwohl, ſeufzte der Prälat, in ſeine geiſtliche Rolle zu⸗ rückfallend, ja wohl wird die heilige Kirche, wenn ſie alle Mittel der Milde verſchmähet ſieht, endlich, obgleich mit Widerſtreben, zur Ergreifung des weltlichen Arms gezwungen ſeyn. — Thun Sie ſich keinen Zwang an in unſe⸗ rer Mitte, Hochwürdiger, ſpottete der Inten⸗ dantz es iſt ihnen doch eben ſo lieb, als mir, wenn wir Carta blanca gegen die Ketzer er⸗ halten.— Zur Verherrlichung Gottes und ſei⸗ ner heiligen Kirche, erwiederte der Prieſter mit einer Miene, welche die Mitte zwiſchen Heuchelei und Ironie hielt.— Ja wahrlich, bemerkte ſpöttiſch der General, lihr beiden Herren ſcheint es wohl zufrieden, daß des Marſchalls Excellenz durch den caca du Pau⸗ 417 phin und den pet en Tair de Mainkenon und des Erzbiſchoffs Eminenz durch ſeine Hirten⸗ briefe ganz in Anſpruch genommen ſind und die wirkliche Macht in dieſer Provinz in Eu⸗ re Hände legen.— Je nun, General, ſagte der Intendant, Ihnen fällt ja auch der mi⸗ litäriſche Theil davon zu, der in dieſen Zei⸗ ten nicht zu verachten iſt.— Ich könnte, erwie⸗ derte dieſer, allenfalls darauf Verzicht leiſten; aber was iſt zu thun, wenn man unter den Wölfen iſt, muß man mit ihnen heulen.— Allons! das heiße ich eine löbliche Reſig⸗ nation, ſprach der Intendant. Da es inzwi⸗ ſchen ſchon ſpät iſt, ſo wolken wir uns bei unſerm geiſtlichen Mitregenten beurlauben. Es lebe das Triumvirat der Provinz Languedoc! — Schallend ſtießen ſie die Gläſer zuſammen, und die beiden Göſte begaben ſich in ihre Zimmer. Sinnend blieb der Prälat ſitzen und ſprach zu ſich ſelbſt: Das Weſen unſerer hei⸗ ligen Kirche erfordert, den Schein zu retten gegen Jedermann. Ich glaube, der gährende 118 Champagner hat heute ein Loch in dieſe heil⸗ ſame Marime gemacht. Nun was thut es! Vor Leuten von Stande darf man ſich ja eher zeigen, wie man iſt. Nur vor dem Pöbel, ja vor dem Pöbel muß der Nimbus ſorgfältig erhalten werden. In einem Hinterſtübchen war für das Kleeblatt der Kammerdiener des Triumvirats ein elegantes Tiſchchen gedeckt, das nicht min⸗ der koſtbar bedient wurde, als die Tafel der Herren im Salon. Nachdem der Nachtiſch aufgetragen war, gab der Kammerdiener des Prälaten, mit einem Anſtand, der ins Komi⸗ ſche fiel, die würdevolle Haltung ſeines Herrn nachahmend, der Dienerſchaft, welche ehrfurchtsvoll ſervirt hatte, ein ſtummes Zei⸗ chen, ſich zu entfernen.— Was hältſt du von dieſen Zeitläufen, Freund Broglio, fragte er den Kammerdiener des Generals, den er mit dem Namen ſeines Herrn anredete? Wir werden wohl bald, wie mein Hochwurdiger meint, Eures weltlichen Arms bedürfen?— 1¹9 Verflucht ſeyſt du mit deinem ganzen Pfaffen⸗ geſchmeiße, polterte dieſer heraus, denn Ihr allein ſeyd Schuld an allem dieſem Unheil, wie mein Herr ſagt. Die Menſchenrechte ſind verletzt, wie mein Herr ſagt, und wie in den Büchern ſteht, die er lieſt. Und bei Hofe, ſagt mein Herr, glauben ſie auch nichts, und glauben, was ſie wollen, und die vor⸗ nehmen Pfaffen glauben ſelbſt nicht, was ſie ſagen, ſagt mein Herr. Und kurzum, der Menſch iſt doch ein Menſch, ſo zu ſagen, und kann glauben, was er will, hat mein Herr geſagt; und die Glaubensfreiheit ſey ein Menſchenrecht, ſtehe in den Büchern, ſagt mein Herr.— Und das iſt Alles nicht wahr, was in den Büchern ſteht, ſiel der Kammer⸗ diener des Intendanten ein, ſagt mein Herr, und der König hat die Bücher verboten, und der heilige Vater hat befohlen, daß ſie ver⸗ brannt werden, ſagt mein Herr, und dein Herr ſey ein Büchernarr, der ſich durch die einfältigen Bücherwürmer, welche die Bücher 120. ſchreiben, den Kopf verrücken laſſe und nicht wiſſe, was er wolle, hat mein Herr geſagt. — Und dein Herr, ſagt mein Herr, iſt ein alter Eſel, der keinen Buchſtaben von der neuen Phi— Phiſophie verſteht und keinen Phi— Phiſophen geleſen hat.— Und mein Herr iſt kein Eſel, ſondern Intendant und von gutem Adel; das verbitte ich mir.— Und mein Herr iſt kein Narr, ſondern Graf und General; das verbitte ich mir auch.— Nur nicht ſo hitzig, theuerſte Freunde, ſprach der Kammerdiener des Prälaten mit vieler Würde und gab ſich ein tiefgelehrtes Anſehen. Der Gegenſtand eines Streits muß immer approfundirt werden, wie mein Hochwuͤrdi⸗ ger ſagt. Dein Herr, lieber Broglio, iſt ein Freund der Philoſophie und ließt die Phi⸗ loſophen; er ſpricht mithin von Menſchenrech⸗ ten und Glaubensfreiheit; er bleibt aber dem⸗ ungeachtet General des Königs und wird kei⸗ nen Anſtand nehmen, gegen die nemlichen Ketzer zu fechten, denen er das Recht ein⸗ 12¹ räumt, zu glauben, was ſie wollen. Er iſt kein wirklicher Narr, ſondern blos ein Bu⸗ chernarr, und ſeine Grundſätze haben keinen Einfluß auf ſeine Handlungen. Solche Leute ſind brauchbar zu dem, wozu man ſie braucht, ſagt mein Herr, und man kann ſie mithin denken und reden laſſen, was ſie wollen. Dein Herr, beſter Baville, iſt kein wirk⸗ licher Eſel, das heißt kein Eſel im praktiſchen Leben, denn er weiß wohl, was zu ſeinem Vortheile dient; Herr von Broglio hat das Wort Eſel blos figürlich gebraucht und woll⸗ te dadurch nur einen Ignoranten bezeichnen, der ſich mit den Wiſſenſchaften nicht befaßt. Was aber Euch Beide betrifft, ſo kann es Euch ganz gleichgültig ſeyn, ob Ihr einen Eſel oder Narren bedient, wenn Ihr Euch nur wohl dabei befindet. Glaubt nur, unſere Herren halten ſich an den nämlichen Grund⸗ ſatz, und thun wohl daran. Reicht Euch alſo die Hände zur Verſöhnung und kümmert Euch, als vernünftige Diener, nichts um den Ver⸗ Der Camiſarde. I. 6 122 ſtand oder Unverſtand Eurer Herren.— Nun, Broglio, ſagte der Kammerdiener Bavil⸗ le mit Verſöhnlichkeit, meinetwegen mögen unſere Herren Eſel oder Narren ſeyn, wenn nur wir keine ſind.— Mein Seel! erwiederte dieſer treuherzig, ich bin ein wenig von der Phi— Phiſophie meines Herrn angeſteckt und erhitze mich leicht, aber es iſt nicht ſo ernſtlich gemeint. Schlag ein, Bruderherz! du biſt mir lieber, als mein Herr und alle Phi — Phiſophen der Welt.— Schön, meine theuerſten Brüder in Chriſto, ſprach der Kam⸗ merdiener des Prälaten mit komiſcher Würde, ein wahrer Chriſt muß, wie mein Hochwür⸗ diger ſagt, immer zur Verſöhnung bereit ſeyn; und es iſt der edle Beruf unſerer heiligen Kirche, ſagt mein Hochwürdiger, den Hader zu ſchlichten und Frieden zu predigen in aller Welt. Empfangt meinen geiſtlichen Segen, fügte er mit komiſch verdrehten Augen hinzu, indem er die Hände auf ihre Häupter legte. — Wie kommſt du denn zu ſolcher Gelahrt⸗ 123 heit, Herr Bruder, fragte der Kammerdiener Baville lachend?— Wir haben noch eini⸗ gen Schulſack, erwiederte dieſer gravitätiſch, und finden hie und da Gelegenheit, von der Gelehrſamkeit unſeres Hochwürdigen etwas zu profitiren.— So gut wird es mir nicht, lachte dieſer, ich bin ein ungelehrter Eſel, wie mein Intendant.— Tröſte dich, mein Freund, du biſt gelehrt genug, um den Herrn von Baville zu bedienen, und was den Eſel anbelangt, ſo biſt du es eben ſo wenig in deinen Sack, als dein Intendant in den ſeinigen; und das, liebe Collegen, iſt doch die Hauptſache in der Welt; ſtoßt an, meine Herren, unſer heiliges Kleeblatt ſoll leben! In der Küche verzehrte die niedere Die⸗ nerſchaft die übrigen Brocken, die von der Tafel der Herren Kammerdiener abgetragen wurden.— Ich möchte doch, beim Teufel, wiſſen, ſprach ein unzufriedener Lakai, was dieſe Großhannſen da innen mehr ſind, als wir, daß ſie, wie Furſten, an Fafel ſitzen⸗ 124 während wir hier ſtehend alte Beine abna⸗ gen?— Narr, erwiederte ihm ein Witzling der Küche, das iſt die Stufenleiter der Die⸗ nerſchaft, krieche eine Stufe hinauf, und ſehe zu, ob du einen herunterwerfen kannſt, um ſeine Stelle einzunehmen. Wenn du einmal Kammerdiener biſt, kannſt du es noch weit brin⸗ gen in der Welt. Inzwiſchen aber begnüge dich mit den abgetragenen Brocken; es iſt doch beſſer als gar nichts.— Pour l'amour de Pieu, rief eine demuͤthige Stimme und unter der Thüre zeigte ſich das abgezehrte Geſicht eines zerlumpten Bettlers. Einen Biſſen, mei⸗ ne gnädigen Herren!— Man kann doch keinen Biſſen ruhig eſſen vor dem Volk, brummte ein Lakai und warf ihm einige Knochen zu. Iſt Liſette zurück und hat ſie gute Nach⸗ richt gebracht, liebe Loniſon, fragte mit ängſt⸗ licher Miene Herr von Saint⸗Comes die eintretende Tochter?— Noch nicht, aber die 125⁵ Nachrichten, die ich durch Landleute erhalten habe, lauten nicht ſehr tröſtlich, erwiederte dieſe mit Achſelzucken.— Ach, wäre ich doch geblieben am Orte der Sicherheit! feufzte der alte Mann. Der Angriff, den dieſe ver⸗ wegene Bande auf mein Schloß machte, um ihren Anführer zu befreien, und dem ich durch meine Abweſenheit glücklich entging, hätte mich warnen ſollen. Ach, meine Tochter, iſt denn keine Rettung aus den Händen dieſer Rotte 2 Ich bin ein alter Mann und möchte die Tage, die mir noch übrig ſind, gerne im Frieden verleben. Nimmer will ich das ſichere Nismes verlaſſen, wenn mich dießmal die heili⸗ ge Jungfrau noch aus den Händen der Ketzer errettet. Sprich, ſind denn altle Wege nach der Stadt beſetzt, und iſt keine Möglichkeit da, zu entkommen? Ach, heiliger Francis⸗ cus, heiliger Auguſtinus, und Ihr lieben Heiligen alle, laßt mich doch nicht in die Hän⸗ de dieſer Heiden fallen! Ich will ein Meßge⸗ wand ſtiften, ich will eine Kapelle bauen, ich 126 will den heiligen Altar neu bekleiden— ach, Herr, gehe nicht mit mir ins Gericht, denn wir ſind allzumal Sünder! Bete, Tochter, bete zu der Mutter Gottes und ihrem Sohne, bete, bete für deinen alten Vater, bete, bete, daß der Herr mich erlöſe aus dieſer großen Noth und Angſt!— Faſſen Sie ſich doch, theurer Vater, und verzweifeln Sie noch nicht an unſerer Rettung, denn Gottes Güte iſt groß, erwiederte die Tochter mit Thränen.— Faſ⸗ ſen, ja ich will mich faſſen, rief der alte Mann mit bebender Stimme aus und dicke Schweißtropfen der Angſt ſtunden auf ſeiner Stirne. Aber wie ſoll ich mich denn faſſen? Ich kann mich ja nicht faſſen. Lehre mich doch, meine Tochter, wie ich mich faſſen ſoll.— Vertrauen Sie auf den, der Alles wohl macht im Leben und im Tode. O, Gott, un⸗ glücklicher Mann, iſt denn alles Vertrauen zu der göttlichen Allmacht von dir gewichen, fügte die Tochter mit lautem Schluchzen hin⸗ zu?— Im Leben und im Tode, wiederholte 127 der Greis mit leiſer, ſeltſamer Stimme und irren Blicken, im Tode, ſprach er bebend und ergriff krampfhaft die Hand ſeiner Tochter, ja, ich bin verloren, Thränen in deinen Au⸗ gen, du weinſt um mich, es iſt keine Rettung, fügte er mit kläglicher Stimme hinzu.— O, Gott, deine Hand liegt ſchwer auf mir, ſprach mit matten Tönen die Jungfrau und warf einen Blick der Klage und des Vorwurfs gen Himmel. Ermannen Sie ſich, Vater, fügte ſie zu dem Greiſe gewendet hinzu, ihr Leben wenigſtens iſt nicht in Gefahr; ſie beſitzen Mittel, ſich aus den Händen der Bande zu löſen.— Meinſt du, beſte Tochter, fragte der Greis mit einer Haſtigkeit, die halb Hoff⸗ nung, halb Ungewißheit ausſprach, meinſt du, daß ſie Geld nehmen und mir das— das Leben laſſen werden, fügte er zitternd hinzu? Ja, ja, ſagte er, ſchnell ſich ſelbſt tröſtend, Geld geht dieſen Leuten doch über Alles, und ich habe ja Geld, und ich will es ihnen ja ge⸗ ben; wir müſſen doch ſagen, ich ſei ein ar⸗ 128 mer Mann, habe viel Verluſt erlitten, wollte gerne Alles geben, beſitze aber nicht viel. Ach, du lieber Gott, und das Meßgewand, das ich den lieben Heiligen gelobt habe, muß ich ja auch beſtreiten, oder eine Kapelle bauen oder den Altar neu bekleiden, denn eines oder das andere dieſer Gelübde habe ich gethan, nicht alle drei zumak, ſondern bloß dieſes oder jenes. Du haſt mit eigenen Ohren ge⸗ hört, Loniſon, du biſt mein Zenge vor den lieben Heiligen und den hochwürdigen Kir⸗ chenvätern, deren Namen ich angerufen. Ja, ja, Geld wird es koſten, Geld freilich, aber das Leben iſt ſicher, du weißt es ja ganz ge⸗ wiß, Louiſon, du haſt michs ja verſichert, beſte Tochter; du biſt ja vernünftig, du mußt doch deine Gründe dazu gehabt haben„triftige Gründe; du wirſt doch deinen alten Vater nicht belügen, ſprich doch, ſprich um Gottes Barm⸗ herzigkeit willen, fügte der Greis mwit wieder⸗ kehrender Angſt hinzu.— So wahr ich ſelbſt 129 zu leben hoffe, erwiederte die Tochter aus⸗ weichend, halte ich Ihr Leben für ſicher. Ermattet ſetzte ſich der Greis auf einen Stuhl, keiner Antwort und faſt keines Gedan⸗ kens fähig. Mit einem Geſichte, auf dem kei⸗ ne Spur ihres gewöhnlichen leichten Sinnes mehr zu erkennen war, trat Liſette in das Zimmer. Louiſon erbleichte, nachdem ſie einen forſchenden Blick auf die Eintretende ge⸗ worfen hatte.— Du bringſt gute Botſchaft, fuhr Herr von Saint⸗Comes haſtig auf ſie ein, du lächelſt, Mädchen. Nein, du ſtellſt dich ernſthaft, um uns zu erſchrecken. Kannſt du denn ſelbſt in dieſem— dieſem Augenblicke deine Schalkheit nicht laſſen, böfes Kind? Aber ich will dirs verzeihen, ich will dirs ja verzeihen, lache mich nur aus, lache nur, daß du uns ſo in Angſt geſetzt haſt. So lache, lache doch, treibe den Scherz nicht länger, la⸗ che ins Teufels Namen, um Gottes willen tache.— O, Gott, gnädiger Herr, rief die „Beüngſtigte, hier iſt nichts zu lachen.— Bos⸗ 130 haftes Geſchöpf, fuhr ſie Herr von Saint⸗ Comes mit ängſtlichem Ingrimm an, ich bitte dich, lache, ich befehle dir, lache. Thue mirs zu Gefallen, Liſette, ſetzte er weinend hin⸗ zu; ich bin ja dein guter Herr, und an mei⸗ nem nächſten Geburtstage will ich deiner ge⸗ denken; er iſt bald, da wollen wir recht fröh⸗ lich ſeyn. Nicht wahr, Liſette? fragte der alte Mann, nach Luft ſchnappend.— O, mein Gott, platzte das Mädchen heraus, wenn wir ihn erleben.— Louiſon ward blaß wie der Tod.— Erleben! lallte der Greis, erleben! und fiel mit ſtarren Augen und regungslos auf den Seſſel zurück. Seine Lippen beweg⸗ ten ſich krampfhaft, ohne einen Ton von ſich zu geben. Zur Bildſäule erſtarrt ſtand die Tochter und große Thränentropfen rollten langſam über ihre Wangen; mühſam erhob ſie die Hand und deutete auf ihren Vater, dem ſie ſelbſt nicht zu helfen fähig war. Li⸗ ſette eilte, ihm die Schläfe mit geiſtigem Waſſer zu reiben.— Ach, das war ein böſer 131 Traum, ſagte der alte Mann mit leiſer Stim⸗ me, als er wieder zu ſich gebracht war. Mir träumte, ich ſey auf meinem Schloſſe in Ge⸗ fahr, und wir ſind doch in Nismes, in der Stadt, in Sicherheit.— Ermattet ſchloß er die Augen wieder. Laßt mich, ich muß hinein, rief eine Stim⸗ me im Vorzimmer⸗ Raſch öffnete ſich die Thüre und herein trat ein Mann in ländlicher Kleidung. Er war hochgewachſen, von kräf⸗ tiger Geſtalt, dunkelbraunen Geſichts und trug eine ſchwarze Binde über das linke Auge. — Eilt, ſprach er im Patvis der Provinz wenn Ihr euch retten wollt; es iſt keine Zeit zu verlieren.— Retten⸗ ja retten, wiederholte Herr von Saint⸗Comes mit matter Stim⸗ me und machte einen vergeblichen Verſuch, ſich vom Seſſel zu erheben.— Wer ſeyd Ihr, fragte das Fräulein, einen forſchenden Blick auf den Fremden werfend?— Ein Freund, erwiederte dieſer ruhig, der euch retten will „und kann.— Wie vermögt Ihr das, ſiel Li⸗ 132 ſette haſtig ein, alle Wege nach der Stadt ſind beſetzt?— Die nach dem Gebirge ſind offen, antwortete der Fremde.— Nach dem Gebirge, fragte befremdet das Fräulein? Wollt Ihr uns in die Höhlen der Räuber bringen?— In die Stadt will ich euch brin⸗ gen, aber nur durch einen Umweg können wir dahin gelangen, da die geraden Straßen von den Camiſarden beſetzt ſind.— Herr von Saint⸗Comes ſtarrte den Fremden an und ſchien ſeine Worte zu verſchlingen.— Ja, retten, brachte er jetzt mühſam hervor und erhob ſich vom Seſſel, führt uns guter Mann, ich will euch fürſtlich belohnen.— Wer bürgt uns für ſeine Reblichkeit, Vater, ſiel die Tochter ängſtlich ein und heftete ein forſchendes Auge auf den Fremden?— Die⸗ ſes Geſicht, erwiederte der Landmann, ergriff raſch eine Hand des Fräuleins, zog ſie in die Ecke des Zimmers und nahm einen Augen⸗ blick die ſchwarze Binde ab.— Ach, Ihr ſchrie überraſcht das Fräulein auf.— Stille, 133 ſprach der Mann mit Ruhe, die Augenblicke ſind koſtbar.— Gelobt ſey Gott, rief Liſet⸗ te jubelnd aus, mit dem Leichtſinn einer Zofe von der tiefſten Betrübniß fchnell zur lauteſten Freude übergehend, gelobt ſey Gott, meine Ahnung hat mich nicht getäuſcht. Dieſer rettet uns gewiß.— Wer iſt es, Tochter, fragte beſorgt der Greis, in ſein altes Miß⸗ trauen zurückfallend; ich muß den Mann ken⸗ nen, dem ich mein Leben anvertrane.— Va⸗ ter, ihr könnt auf ihn bauen, wie auf mich ſelbſt, antwortete mit Zuverſicht die Tochter. — Aber bedenke, liebes Kind, wendete der Vater ein, bedenke... Wollt Ihr Eſ⸗ prit Segujers Bande hier erwarten, fragte raſch der Fremde? Eilt, die Angenblicke ſind gezählt; er hat Euren Tod geſchworen und Euer Leben hängt an einem Faden.— Fort, fort, rief mit ängſtlicher Haſt Herr von Saint⸗ Comes, ich vertraue euch, lieber Mann, zürnt nur nicht; führt uns, rettet uns um Gottes willenz ich will euch fürſtlich belohnen. 134 — Fürſtlich, wiederholte mit Bitterkeit der Fremde; ich diene nicht um Lohn.— Schnell verließen Alle das Gemach. Der Mond beſchien mit ſeinem hellen Lichte ein einſames Thal der Sevennen, rings von waldigen Hoͤhen eingeſchloſſen, auf dem das tiefe Schweigen der Nacht ruhte An einer klaren Quelle ſaßen drei Wanderer, von den Beſchwerden der Reiſe, wie es ſchien, ſich erholend.— Wir werden wohl einen Ruhe— platz im Gebüſche oder eine verborgene Hütte aufſuchen müſſen, Margot, denn deine Kräfte ſcheinen erſchöpft zu ſeyn, ſprach Chre⸗ tien Perier mit ſanfter Stimme zu ſeiner neben ihm ſitzenden Schweſter, denn ſo nannte er die Verlobte ſeines Bruders.— Der Geiſt iſt freudig, aber der Körper bedarf einiger Erholung, erwiederte dieſe. Gleichviel, wo wir ſie finden. Der Herr iſt uͤberall.— Ja, deine Kinder ſind in die Wüſte geſtoßen, o Herr Zebaoth, fiel mit widrig heulender Stimme der dritte Wanderer, ein kurzer unterſetzter Mann von mitleren Jahren, ein; ſie ſuchen Schutz in der Wildniß und Zuflucht in den Höhlen der Berge; aber der Herr wird nicht ſäumen und wird ſein Angeſicht zu ih⸗ nen wenden gnädiglich. Siehe, die Zeit iſt nicht ferne, da der Herr heimſuchen wird mit ſeinem harten, großen und ſtarken Schwert, beides den Leviathan, der eine ſchlechte Schlan⸗ ge, und den Leviathan, der eine krumme Schlange iſt, und wird die Drachen im Meer erwürgen. Darum fürchtet euch nicht vor der Gottloſen Trotz, denn ihre Herrlichkeit iſt Koth und Würmer. Heute ſchwebt der Gottloſe empor, morgen liegt er darnieder, und iſt nichts mehr, und iſt wieder zur Erde gewor⸗ den, und ſein Vornehmen iſt zu nichte gewor⸗ den. Deshalb, liebe Kinder, ſeyd unerſchrock⸗ en und haltet veſt ob dem Geſetz, ſo wird euch Gott wiederum herrlich machen.— Das „gebe Gott, Vater Enoch, ſprach mit frommer 136 Ergebung das Mädchen; aber ich fürchte, die Zeit ſey noch ferne, wo der wahre Glaube ſiegen wird, denn die Gottloſen herſchen ge⸗ waltig im Lande.— Ihr Fall iſt nahe, er⸗ wiederte Enoch, und erhob ſeine Stimme bis zum Krächzen, denn der Herr hat zu mir ge⸗ redet mit den Worten Amos, der unter den Hirten war zu Thekoa zur Zeit Uſia, des Königs Juda, und Jerobeam, des Sohnes Jvas, des Königs in Iſrael, und alſo ſpricht der Herr: Höret dies Wort, ihr fetten Kühe, die ihr auf dem Berge Samaria ſeyd, und den Dürftigen Unrecht thut, und unterdrückt die Armen, und ſprechet zu eurem Herrn: bringt her und laßt uns ſaufen. Der Herr hat geſchworen bei ſeiner Heiligkeit: Siehe, es kommt die Zeit über euch, daß man euch wird heraus rücken mit Angeln und eure Nach⸗ kommen mit Fiſchhäklein. Und werdet zu den Luͤcken hinaus gehen, eine jegliche vor ſich hin, und gen Harmon weggeworfen werden, ſpricht der Herr.— Wollte Gott, dieſe Zeit käme 137 bald, ſprach mit Frendigkeit der Jüngling, ſie wird mich munter finden im Dienſte des Herrn. — Ja, wir wollen ſtreiten für den wahren Glauben, wie Judas Maccabäus und ſeine Brüder, rief der kleine Prophet in Extaſe aus. Plötzlich ſing es mächtig an zu rauſchen in dem nahen Geholze.— Was iſt das, rief der Jüngling entſchloſſen und legte mechaniſch die Hand an den Dolch in ſeinem Buſen?— Heilige Maria, Mutter Gottes be⸗ gann Enoch zu beten. Da brach ein gewal⸗ tiger Hirſch aus dem Niederholze und flog an den aufgeſchreckten Wanderern vorüber.— Es ſcheint mir, Vater Enoch, ſagte der Jüngling ironiſch, daß es mit eurem Helden⸗ muthe nicht allzuwohl beſtellt ſey.— Der plötz⸗ liche Schrecken pflegt meine Nerven anzugrei⸗ fen, erwiederte entſchuldigend der Prophet, aber.... Und, fiel Margot ein, wie tommt Ihr denn zu der abergläubiſchen An⸗ rufung der Heiligen?— Es iſt noch ein An⸗ 138 hängſel von dem alten Sauerteige des Pabſt⸗ thums, eine ſündige Gewohnheit aus den Zei⸗ ten, da ich noch vor Baals Altären kniete, antwortete ſichtbar betroffen der Gefragte.— Ey! Ihr treibt den Teufel aus in Andern und könnt nicht Herr werden des unſaubern Geiſtes in eurem eigenen Leibe, ſprach mit dem Tone des Vorwurfs der Jüngling.— Mein Sohn, erwiederte mit Salbung der Prophet, läſtere nicht die Aelteſten und die Lehrer im Volke, auf daß.. Dumpfe Tritte, die aus dem Walde hallten, hinderten ihn, die be⸗ gonnene Predigt zu vollenden.— Wollen wir uns nicht in das Dickicht verbergen, fragte er mit ziemlicher Aengſtlichkeit?— Die Schritte nähern ſich, ſagte der Jüngling, der ſein Ohr ſchnell an den Boden gelegt hatte, mit Ruhe; wir werden wohl daran thun, ſeit⸗ wärts in das Gebüſche zu treten, um zu ſe⸗ hen, was es gibt.— Sie verbargen ſich ſchnell im nahen Niederholze. Am Saume des Waldes zeigten ſich dun⸗ 139 le Geſtalten. Als ſie dem Fußpfade, der zur Quelle führte, folgend, aus dem Schatten des Gehölzes traten, konnte manſie deutlicher erken⸗ nen.— Sie ſind unbewaffnet, flüſterte Chre⸗ tien, der durch die Zweige lauſchte, ſeinem tiefer verſteckten Gefährten zu, ſo weit ich erkennen kann. Es ſind Landleute, fügte er ſpäter hinzu; zwei junge Leute füͤhren einen alten Mann; zwei Mädchen folgen. Es iſt nichts zu beſorgen, wie ich glaube.— Bleibt, erwiederte leiſe der furchtſame Prophet, wir wollen es abwarten. Vielleicht ſteckt noch et⸗ was im Hinterhalt. Mühſam ſchwankte der Alte, von den beiden Landleuten geführt, zum Raſen an der Quelle und ließ ſich ermattet nieder.— Ich kann nicht weiter, ſprach er erſchöpft, und wenn es mein Leben gälte.— Fürs erſte, erwiederte in tiefem Tone einer der Führer, werdet ihr in Sicherheit ſeyn. Eine Nacht im Freien müßt Ihr euch ſchon gefallen laſſen.— Alles, was über mich verhängt iſt, antwortete der Greis 14⁰ im Tone gänzlicher Ermattung und ſeufzte aus tiefer Bruſt.— Stärken Sie ſich durch Speiſe und Trank, mein theuerſter Vater, ſprach eines der Mädchen in einem Tone, der über ihren Stand ging, um neue Kraft und neuen Muth zu gewinnen.— Jean, rief die andere einem der Landleute zu, reiche dem gnädigen Herrn einen Biſſen und einen Schluck aus dei⸗ nem Vorrath.— Der aufgeforderte Landmann präſentirte mit der Fertigkeit eines gewand⸗ ten Bedienten. Der alte Mann nahm von der dargereichten Speiſe und ſagte mit Rüh⸗ rung: Guter Jean, ich werde dir niemals vergeſſen, daß du der freiwillige Gefährte meines Unglücks geworden biſt.— Beſter Herr, erwiederte dieſer treuherzig, könnte ich denn vergeſſen, daß Sie der treue Pfleger meiner verwaisten Kindheit waren?— Ach, ſagte der Greis mit Herzlichkeit, du gedenkſt vergangener Wohlthaten und vergiſſeſt die neu⸗ ern Drangſale, die ich dir um deines Glau⸗ bens willen angethan, guter Menſch!— Da⸗ 141 von wußte Ihr Herz nichts, lieber gnädiger Herr, und ich habe es als eine Prüfung mei⸗ nes Glaubens angeſehen, die ich mit Hülfe des Allmächtigen beſtanden.— O, gerechter Himmel, rief der Greis mit weinenden Tönen, gib mir den einfachen Sinn dieſes unverdor⸗ benen Kindes der Natur, oder nimm mich hinweg zu dir aus dieſer Pein und Qual des Erdenlebens, denn ich bin matt zum To⸗ de; aber ich bin ein alter Mann, ſetzte er nach einer Pauſe ſchmerzvoll hinzu, und kann nicht mehr auders.— Erweichen Sie ſich doch nicht alſo, mein lieber Vater, bat das eine der Mädchen; ſie rauben ſich dadurch die nöthi⸗ gen Kräfte zur Rettung.— Und habt Ihr ſichere Hoffnung, uns zu retten, fragte der Greis mit rückkehrender Aengſtlichkeit den Landmann, welcher der Führer der Geſell⸗ ſchaft ſchien?— Mit Gottes Hülfe, erwie⸗ derte dieſer getroſt. Wir bedürfen noch eini⸗ ge Stunden der Anſtrengung, um außer n Bereich der Verfolger zu ſeyn; dann gewi 142 nen wir die gerade Straße nach Rismes und ſind außer aller Gefahr.— Nur eine einzige Stunde Raſt, flehte der Greis, meine Füße tragen mich nicht weiter.— Wenn es durchaus nöthig iſt, entgegnete mit ſichtbarer Beſorgniß der Fuͤhrer, ſo muß ich mich wohl darein fügen.— Schont die ſinkenden Kräfte meines guten Vaters, ſagte das eine der Mädchen und warf ihm einen bittenden Blick zu.— Gerne, aber die Augenblicke ſind koſt⸗ bar.— Und wer ſeyd Ihr denn, guter Menſch, fragte dringend der Greis, der ſo vieles thut, uns zu retten.— Am Namen iſt nichts gele⸗ gen, erwiederte der Führerz ſeyd Ihr gerettet, ſo danket Gott und gedenket in Eurem Her⸗ zen, wie bitter es iſt, Verfolgung zu leiden. — Der Greis ſeufzte tief auf, ohne ein Wort zu entgegnen. Die Tochter warf ihm einen Blick des Mitleids und dem Führer einen Blick des Vorwurfs zu. Stumm ſetzte ſich die Geſellſchaft um die Quelle und nahm eini⸗ ges von dem ſparſamen Vorrathe zu ſich. 143 Horch, fuhr plötzlich der Führer auf, und die ganze Geſellſchaft verharrte in ängſtlichem Schweigen. Der ferne Hufſchlag mehrerer Pferde tönte deutlich durch die Stille der Nacht.— Ach, die Dragoner, rief eines der Mädchen freudig aus, wir ſind gerettet!— Möchteſt du doch dießmal wahr reden, Liſet⸗ te, ſprach der alte Mann mit ſichtbarem Ver⸗ gnügen.— Schwerlich, fiel der Fuͤhrer ein, und ſchüttelte bedächtig den Kopf, werden ſich die Dragoner des Königs zur Nachtzeit in dieſe Wälder wagen; im übrigen, fügte er hinzu, möchte ich ihnen eben auch hier nicht begegnen.— Ihr würdet nichts von ihnen zu beſorgen haben, wenn Ihr in meiner Geſellſchaft getroffen werdet, verſi⸗ cherte der Greis.— Darauf möchte ich ge⸗ rade nicht ſchwören, erwiederte jener lächelnd. Doch möchten ſie es, ſo gewiß ſeyn, als ich weiß, daß ſie es nicht ſind, die Pfade des Waldes bieten mir Sicherheit. Das Geräuſch nähert ſich, ſügte er hinzu, wir haben keine Zeit zu verlieren. Im Dunkel des Waldes können wir den Vorüberzug der Kommenden abwarten.— Sie erhoben ſich ſchnell und eilten in das Gebuͤſche. Immer näher kam der Hufſchlag und am Saume des Waldes zeigten ſich dunkle Rei⸗ tergeſtalten. Der Anführer ſprengte zur Quelle und ſprang vom Pferde. Dieſer Platz, ſprach er trocken, iſt tauglich zu unſerem Geſchäfte. Koppelt die Pferde und ſtellt die Wachen aus.— Schnell wurde der Befehl befolgt.— Gebe das Zeichen, Clement, rief er einem der Reiter zu, und dieſer gab auf einer ſil⸗ bernen Pfeife drei gellende Laute. Dreimal erſchallte durch die Stille der Nacht der ant⸗ wortende Ton einer ähnlichen Pfeife zurück. Dumpfe Fußtritte, einen ſtarken Haufen ver⸗ kündend, näherten ſich. Der Anführer, auf ſein langes Feuerrohr gelehnt, harrte des kommen⸗ den Zugs. Ein heller Lichtſchein drang durch die Zweige des Waldes und rauhe Kehlen rie⸗ fen ein ſchallendes Ho! Ho!— Hier! Hier! Hier! antwortete mit lauter Stimme einer der Rei⸗ ter. Jetzt leuchteten einige Fackeln am Saume 145 des Waldes auf und warfen ihr ungewiſſes Licht auf den nahenden Haufen. Voran ſchrit⸗ ten etliche wohlbewaffnete Bergbewohner; ihnen folgten andere, ebenfalls bewaffnet, die über ihre Bauernkleider weiße Hemden trugen; ſo wechſelte der Zug, und Gebirgs⸗ leute in ihrer gewöhnlichen Tracht gingen untermiſcht mit Leuten, welche weiße Hemden übergeworfen und ihre Geſichter mit Ruß ge⸗ ſchwärzt hatten. Der Haufen war wenigſtens vierzig Mann ſtark und führte in ſeiner Mitte gefangene Soldaten, denen die Hände auf den Rücken gebunden waren; der Schein der Fa⸗ ckeln, die den Zug umgaben, warf ſein röth⸗ liches Licht auf die bleichen Geſichter der Ge⸗ fangenen.— Alle dieſe Handlanger der Will⸗ kühr, ſprach, während der Zug aufmarſchirte, der Anführer der Vande, auf die Gefangenen deutend, zu einem der Reiter, wollte ich mit Freuden laufen laſſen, könnte ich dafür den ſchurkiſchen Saint-Comes in meine Ge⸗ walt bekommen. Abermals iſt mir der Schuft Der Camiſarde I. 7 146 entwiſcht, und ich begreife kaum, wie er durch meine Poſten kommen konnte, ohne ſich un⸗ ſichtbar zu machen. Aber Geduld, er wird dem Stricke nicht entgehen, der für ihn be⸗ ſtimmt iſt. Einſtweilen ſoll mir das gemeine Vieh zappeln, bis wir an die Größeren kom⸗ men. Hätteſt du den ſchäbigen Pfaffen nicht laufen laſſen, Clement, ſo wäre doch we⸗ igſtens dieſem bigotten Geſindel der Troſt geblieben, vor der ſeligen Heimfahrt noch Beichte ſagen zu können, fügte er lachend hin⸗ zu.— Ich denke, der Teufel wird ſie mit und ohne Beichte holen, fiel einer der Reiter ein.— Was hätten wir uns an dem geiſtlichen Vieh vergreifen ſollen, das Niemand Schaden thut, erwiederte Clement? Im übrigen haben wir ja unſern Barnabé du desert, der ſich ein Vergnügen daraus machen wird, die Patienten vor ihrem Hintritt noch recht erbaulich anzupre⸗ digen, im Falle ſie vor ihrem ſeligen Ende noch nach geiſtlicher Koſt verlangen.— Ja, das will ich, ſprach hinter den Beiden eine tiefe Stimme, . 147 trotz des argen Spottes dieſes Heiden, der von Gott nichts weiß. Wen aber meine Rede be⸗ kehrt von ſeinem Unglauben, der lebe und werde aufgenommen unter die Zahl der Gläu⸗ bigen.— Du haſt Recht, alter Narr, ſpottete Eſprit Segujer, da könnten wir gleich eine gute Anzahl Neophyten bekommen, die unſere Schlupfwinkel ausſpähen und bei näch⸗ ſter Gelegenheit hingehen würden, uns zu ver⸗ rathen und in die Hände der Philiſter zu lie⸗ fern.— Der Herr will nicht den Tod des Sünders, ſondern daß er lebe und ſich bekeh⸗ re, murrte der Prediger in der Wüſte.— Sagt mir einmal, ihr Purſche, ſprach der Hauptmann der Camiſarden, indem er auf die gefangenen Dragoner zutrat, ohne weiter den murrenden Barnabe einer Rede zu würdi⸗ gen, ſagt mir doch, welcher von euch, die ihr gemiethete Henkersknechte ſeyd, will an ſei⸗ nen Kameraden den Dienſt des Henkers ver⸗ richten und dadurch ſein Leben retten, denn eure Stunde iſt gekommen ndlet Gott und 148 kein Teufel wird euch aus meiner Hand be⸗ freien.— Keine Stimme der Antwort ließ ſich vernehmen und auf den Geſichtern der Gefange⸗ nen mahlte ſich die bleiche Furcht des Todes. — Nun, Freunde rief der Hauptmann ſpot⸗ tend, ihr ſeyd doch ſonſt nicht ſo delikat, wenn es etwas zu verdienen gibt, und aus der Höhle des Löwen ſein Leben davon zu tragen, dünkt„ mich, ſey doch auch keine Kleinigkeit. Wie, Baſtian, wendete er ſich an einen der Drago⸗ ner, da du die Daumſchrauben ſo gut zu hand⸗ haben weißt, ſo wirſt du wohl auch mit dem Stricke umzugehen wiſſen?— Und wer bürgt mir dafür, antwortete der Gefragte nach eini⸗ gem Bedenken, daß mir nach verrichteter Ar⸗ beit der Lohn richtig werde?— Ach, du zwei⸗ felſt an meinem Worte! Du haſt Recht; man hat Beiſpiele, daß Könige ihr heilig gegebenes Wort zurücknehmen, und ich bin nur ein Räu⸗* berhauptmann, wie ihr mich nennt. Nun, gleichviel, es wird mir nicht an einem Henker fehlen, obwohl ich kein König bin, und wenn 149 du nicht henken willſt, ſo ſollſt du gehenkt werden. Tritt herzu, Colin le bourreau, und thue, was deines Amtes iſt; ich ſehe dir oh⸗ nedieß an, daß dein Ehrgefühl verwundet iſt, weil ich einen Layen in dein Amt pfuſchen laſſen wollte.— Ein kurzer ſtämmiger Kerl, mit einem grinſenden Affengeſichte, aus dem kleine feurige Augen blitzten, und das durch den Ruß, womit er ſich das Geſicht geſchwärzt hatte, noch ſcheußlicher wurde, näherte ſich mit ſataniſcher Freundlichkeit, zog mit einer Ruhe, die den erprobten Henker verkündete, einen Strick aus dem Bündel, das er über die Schul⸗ ter hängen hatte, und harrte, vhne ein Wort zu ſprechen, mit ſichtbarem Vergnügen des Winkes, ſein Amt zu verrichten.— Nun, Freund Ba⸗ ſtian Daumenſchrauber, ich laſſe dir zum letztenmal die Wahl: zu henken oder gehenkt zu werden. Entſchließe dich ſchnell, denn mei⸗ ne Zeit iſt edel.— Aber, lieber Herr, erwie⸗ „derte Baſtian zähneklappernd, wenn ihr auch mir Wort haltet und mich entlaßt, ſo werden 15⁰ ſie mich, wenn ich zurückkomme, drüben henken für den Liebesdienſt, den ich meinen Kamera⸗ den gethan.— Da ſehe du zu, erwiederte la⸗ chend der Hauptmann, wie du dem Stricke entgehſt, der dir freilich von allen Seiten droht. Aber wie wäre es, wenn du nach voll⸗ brachter That Einer der Unſern würdeſt; ſie wäre mir ein Unterpfand für deine Treue.— Der Vorſchlag läßt ſich hören, entgegnete freudig der Purſche. Topp! ich bin der Eure. — Siehe, Barnabas, rief ſpottend Eſprit Segujer aus, die prompteſte Art, zu bekeh⸗ ren. Du kannſt dann gleich den Katechumenen in die Schule nehmen, um den päbſtlichen Sauerteig in ihm auszufegen.— Gott behüte mich, antwortete Barnabé mit Ab⸗ ſcheu, vor einer ſolchen Bekehrung. Und du, fügte er in prophetiſchem Tone hinzu, der du ſo frechen Spott treibſt mit dem Heiligen, 1 wirſt eines Tages deine heidniſchen Greuel theuer bezahlen müſſen.— Nun, was iſt es denn? Ich bekehre ja nur ad modum der al⸗ — 15¹ leinſeligmachenden Kirche. Und du, Baſtian, theurer Neophyte, willſt du das Werk ver⸗ richten und mir dadurch ein Unterpfand geben deiner Aufrichtigkeit und Trene?— Man erkauft ſein Leben, wie man kann, erwiedert frech der Purſchez ich bin bereit.— Sage mir doch, Freund, iſt Einer unter dieſem Du⸗ zend, dem du mit vorzüglicher Liebe zugethan biſt?— Hier, mein Schlafkamerad, antwor⸗ tete der Gefragte; wollt ihr ihn etwa frei ge⸗ ben um meinetwillen?— Nicht doch, entges⸗ nete der Hauptmann mit unmenſchlicher Här⸗ te, an ihm ſollſt du dein Probeſtück machen. — Baſtian erblaßte und die Zähne des Br⸗ zeichneten klapperten in Todesangſt.— Ja, Freund, wer mir dienen will, muß alle Ban⸗ de, die ihn an Andere knüpfen, zerreißen. Hier gilt, wie bei deiner heiligen Kirche, nur blinder Gehorſam.— Baſtian ſchwankte ſichtbar zwiſchen der entſetzlichen That und „der Furcht des Todes.— Mann des Entſe⸗ tzens, rief plötzlich eine kräftige Stimme und 152 ein ſchöner Jüngling trat muthig aus der Mitte der Gefangenen, verſuche Gott nicht. Willſt du und mußt du ein Opfer haben, dei⸗ nen Blutdurſt zu ſtillen, ſo nimm ein freiwil⸗ liges hin; ich weihe mich dem Tode, aber laß dieſe Unſchuldigen, die nichts verbrochen ha⸗ ben.— Dieſe Unſchuldigen! ſpottete der Haupt⸗ mann. Sind ſie nicht die feilen Werkzeuge„ der Tirannei?— Die willenloſen Werkzeuge und die Opfer der Pflicht, die ſie dem König, ihrem Herrn, ſchuldig ſind.— Das eben iſt es, erwiederte Eſprit Segujer mit Bitter⸗ keit, dieſe Willenloſigkeit! Der Deſpotismus be⸗ ſteht nur durch dieſe willenloſen Werkzeu⸗ ge, die ihm dienen. Dieſen König, dieſe Miniſter, dieſe Marſchälle, dieſe Prieſter wür⸗ den wir nicht fürchten, wenn nicht Tauſende willenloſer Weſen ihnen zu Gebote ſtünden. Und ſprich, was wäre unſer Loos geweſen, wenn wir in eure Hände gefallen wären?— Willſt du mich und meine Kameraden für die Handlungen unſerer Obern verantwortlich 153 machen, fragte mit Achſelzucken der Jüngling?— Laßt Ihr euch von ihnen gebrauchen, ſo wer⸗ det Ihr ihrer Schuld theilhaftig. Mit dem Maße, da ihr meſſet, ſoll euch wieder gemeſ⸗ ſen werden.— Ihr nennt euern Glauben ei⸗ ne Lehre der Liebe und Duldung und wollt ihn alſo Lügen ſtrafen durch eure Handlungen!— Ey! wie erbaulich ihr nicht predigen könnt, ihr Katholiſchen, wenn ihr in Noth ſeyd und es zu eurem Nutzen und Frommen dient! Eine förmliche Appellation an den Glauben eines Ketzers! Doch hier handelt es ſich nicht um eine theologiſche Disputation. Ich frage dich auf dein Gewiſſen, denn du ſcheinſt eines zu haben, was wäre unſer Aller Schickſal, wenn wir ſo gebunden in euern Händen wären, wie ihr in den unſrigen ſeyd?— Der Tod, er⸗ wiederte, nach einigem Zaudern, mit Feſtig⸗ keit der Jüngling.— Nun denn, du haſt euer ei⸗ genes Urtheil geſprochen.— Eiſerner Mann, „biſt du denn ein Gott, der hoch über allen Ver⸗ hältniſſen des menſchlichen Lebens ſieht, daß 154 du keines anerkennen und ehren willſt? Höre, ich bin der zweite Sohn einer Wittwe, die von dem ſparſamen Ertrag eines kleinen Gu⸗ tes lebt, das mein älterer Bruder bewirthſchaf⸗ tet. Ich war für die Wiſſenſchaften beſtimmt; meine Mutter entzog ſich faſt das Nöthige, um mich etwas lernen zu laſſen; ich hatte bereits einen guten Grund gelegt, da läßt ſich mein älterer Bruder im Trunke anwerben; ich trat freiwillig für ihn ein, damit der alten Mutter der Ernährer nicht fehle. Nun zertrete mich, Mann, denn ich bin ein willenloſes Werkzeug der Tirannei und in deine rächende Hand ge⸗ fallen. O, Gott, meine arme alte Mutter! ſeufzte der Jüngling und hielt gewaltſam die rinnenden Thränen zurück.— Glaube mir, antwortete der Hauptmann nicht ohne Rüh⸗ rung, ich ehre die Tugend, wo ich ſie finde; aber ein eiſernes Geſchick hat mein Herz ge⸗. ſtählt und der Mild veerſchloſſen. Nimm dein Leben hin als ein Geſchenk um deines Edel⸗ muths und deiner Tugend willen; die andern 15⁵ aber müſſen ſterben.— Sey barmherzig, flehte der Jüngling, und verſchließe dein Herz nicht dem beſſern Geiſte, der in es eingezogen iſt. Nicht für mich habe ich geſprochen, ſondern für die Gefährten meines Unglücks.— Eben darum habe ich dir dein Leben geſchenkt; mehr aber fordere nicht, erwiederte der Hauptmann mit wiederkehrender Härte. Schließt den Kreis, Camiſarden, herrſchte er ſeiner Bande zu, und dieſen ſtellt auf die Seite. Was iſt denn dir, guter Hund? ſprach C l'e⸗ ment zu einer Dogge, die heulend an ihm hin⸗ aufſprang und ihn am Kleide faßte. Hier muß es nicht geheuer ſey, wendete er ſich zu Eſprit Segujer.— Der Hund wedelte mit der Ruthe und lief langſam dem Gebüſche zu.— Folge ihm mit einigen Leuten, Cle⸗ ment, befahl der Hauptmann.— Ein hal⸗ bes Dutzend Camiſarden lößte ſich von dem Haufen ab und verſchwand im Schatten des „Waldes, nach dem Alle neugierig die Blicke wendeten. Plötzlich erſcholl Hundegebell und 156 der Klang mehrerer Stimmen, und bald kehr⸗ ten die Ausgeſendeten zurück, einige Perſo⸗ nen in ihrer Mitte führend.— Fackeln! rief der Hauptmann, daß wir unſern Fang beſehen können. Vielleicht hat uns das Glück zugeführt, was wir ſuchten. Zum Teufel, fügte er mit dem Verdruße getäuſchter Hoffnung hinzu, Eno ch, du alte Betſchweſter, was brauchſt du dich denn in den Wald zu verkriechen, wenn Freunde um den Weg ſind, und zog den Einen der Eingebrachten an der Bruſt aus dem Kreiſe. — Wußten wir denn, daß es Freunde ſeyen, als wir das Pferdegetrappel hörten, und konn⸗ ten es nicht eben ſo gut die Dragoner ſeyn, erwiederte Enoch verdruͤßlich?— Du haſt Recht, alter Narr, ſprach der Hauptmann, Dra⸗ gonerpferde wenigſtens ſind es, deren Hufſchlag du hörteſt. Aber da haſt du ja ein Weib bei dir, und das iſt vielleicht der zweite Grund deines Ver⸗ ſteckens?— Eine Schweſter in Chriſto, antwor⸗ tete Enoch mit Salbung.— Der Titel iſt weit, und kann Vieles bedecken, ſpottete 157 Epſprit Segujer.— Erlaubt, Haupt⸗ mann, ſprach ein junger Menſch, kühn vor⸗ ſchreitend, es iſt Margot, die Verlobte mei⸗ nes Bruders.— Ah, du biſt es, kleiner Chre⸗ tien, Reſpect vor deinem Worte. Auf wel⸗ chem nächtlichen Zuge ſeyd Ihr denn begrif⸗ fen?— Wir gehen ins Gebirge zur Verſamm⸗ lung der Gläubigen, antwortete der Gefrag⸗ te.— Dieweil wir hungern und dürſten nach dem Worte Gottes und der Speiſe des heili⸗ gen Evangeliums, heulte Enoch darein.— Und was hätteſt du gethan, kleiner Held, wendete ſich Eſprit Segujer wohlwollend zu dem Knaben, ohne Enoch eines Blicks zu würdigen, wenn ihr auf die Dragoner geſtoßen wäret?— Schweigend entblöste der Jüng⸗ ling den Griff des Dolchs und den Schaft der Piſtole, die er im Buſen trug.— Brav, * mein Sohn, aber das hätte ſchwerlich aus⸗ geholfen und von deinem tapfern Begleiter wäreſt du höchſtens durch ein Stoßgebet unterſtützt wor⸗ den, ſprach der Hauptmann, auf Enoch 158 einen Blick der Verachtung werfend. Darum thut ihr beſſer, mit mir zu ziehen, wenn ich zuvor, fügte er, einen furchtbaren Blick auf die Gefangenen werfend, hinzu, hier werde Gericht gehalten haben. Rüſte dich, Colin le bourreau, dut wirſt zu thun bekommen.— Dienſtfertig eilte Colin herbei und ſprach Zäh⸗ nefletſchend: Befehlt nur, Herr, mit welchem ich den Tanz beginnen ſoll. Der Aſt dieſer Erle iſt, meine ich, gerade hoch und ſtark ge⸗ nug, um den Strick, und was daran hängt, zu tragen.— Wie, Hauptmann, fragte C hre⸗ tien kopfſchüttelnd, ihr wollt dieſe Unglücklichen hinrichten laſſen?— Mit deiner Erlaubniß, klei⸗ ner David, erwiederte der Gefragte ſpottend, oder verbieteſt du es etwa?— Zu gebieten oder zu verbieten habe ich hier nichts, und weiß mich zu be⸗ ſcheiden, antwortete der Jüngling mit dem Ernſt eines gereiften Mannes, aber etwas zu billigen oder zu mißbilligen, ſteht mir frei, und dieſe Handlung einer unnützen Grauſamkeit, die üͤber⸗ diß dem Geiſte unſeres Glaubens widerſtreitet, * 1⁵9 vermag ich nicht zu billigen, fügte er mit ei⸗ ner Feſtigkeit hinzu, die ihm ſelbſt Eſprit Segujers Achtung erzwang.— Knabe, das haſt du nicht aus dir ſelbſt geſchöpft; aus dir redet Benjamin Brouſſon, der zu den Lauen gehört in der Gemeinde der Gläubi⸗ gen.— Läſtere nicht dieſen Mann Gottes, deſſen ganzes Leben nur der Liebe des Näch⸗ ſten und der Selbſtverläugnung geweiht iſt. Ja, ich bin ſtolz darauf, Eſprit Segu⸗ jer, ſein Schüler zu ſeyn und in ſeinem Geiſte zu handeln, ſo weit meine ſchwachen Kräfte vermögen.— Handle du in ſeinem Geiſt und in dem deinigen, Knabe, ich werde in dem meinigen handeln.— Es fragt ſich nur, ob es ein guter oder böfer Geiſt iſt, der dich zu deinem Handeln treibt?— Gut oder böſe; ich frage nur den Geiſt in meinem Innern und nehme keine andere Richtſchnur an.— Dann wehe dir, der Geiſt der Wahr⸗ heit wird von dir weichen und der Geiſt der Lüge einziehen in das verlaſſene Haus, 160 dir ſelbſt und andern zum Verderben.— Wehe! Wehe! Wehe! rief Barnabé du desert da⸗ zwiſchen in halb wahnſinnigen Tönen, es iſt die Schlange, die dich verſucht, damit du dich Gott gleich achteſt.— Wie, auch du, Bar⸗ nabas, rief der Hauptmann erſtaunt aus, der ſonſt nicht ſchonte des Blutes der Gottlo⸗ ſen!— Ein Seher iſt erſtanden, erwiederte dieſer in Verzückung, der Mund des Herrn ſpricht aus dem Knaben; darum müſſen ihm alle Herzen zufallen. Wahrlich, wahrlich, ich ſage euch, der Herr wird Großes vollbringen durch den Arm der Unmündigen und Schwa⸗ chen.— Sichtbare Theilnahme, mit abergläubi⸗ ſcher Furcht vermiſcht, ſprach aus den Mienen der umſtehenden Camiſarden. Der Anführer warf ſeine forſchenden Blicke rings umher und der Eindruck, den die Worte des Knaben und die Wahrſagungen des Fanatikers gemacht hat⸗ ten, entgieng ihm nicht.— Wohlan, Knabe, der du dich ſo vor ſchnell aufwirſt zum Richter uber die Thaten ergrauter Männer„ ſprach er 161 mit furchtbarem Ernſt und ließ die herriſchen Blicke über den lautloſen Haufen ſchweifen, ich will dir eine Geſchichte erzählen: Es war ein Mann, begann er in tiefem klangloſem Tone, der lebte ruhig im Lande, in der Mitte ſeines Weibes und ſeiner Kinder, wohlhabend und glücklich; ſtill und treu hielt er an dem Glau⸗ ben ſeiner Väter; doch war er duldſam, wie ſein göttlicher Meiſter, und übte die ſanften Pflichten des Chriſtenthums und der Menſch⸗ lichkeit auch gegen die, die andern Glaubens waren. Da erhob ſich der Sturm der Verfol⸗ gung; man trieb ihn aus, im Namen der Re⸗ ligion, aus dem Erbe ſeiner Väter; arm und heimathlos durchzog er das Land, ein wehrlo⸗ ſes Opfer ſeiner Treiber; ſein Weib und ſeine Tochter raffte das ungewohnte Elend hinweg und er ſprach mit der Ergebung Hiobs: der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genömmen, der Name des Herrn ſey gelobet! Ein einziger Sohn war ihm übrig geblieben„ein Jüngling, funft und trotzig, wie du, Knabe; dieſen um⸗ 162 faßte er mit der ganzen Kraft ſeines Herzens, denn er hatte ſonſt nichts mehr auf der Welt. Da ſpähte, um ſchnöden Lohnes willen, ein Ab⸗ trünniger aus der Gemeinde die Schritte des Jünglings aus, überraſchte ihn in einer Ver⸗ ſammlung der Gläubigen, nahm ihn gefangen und ſein Haupt fiel unter dem Beile des Hen⸗ kers. Von dieſem Tage an verkehrte ſich der ſanfte Sinn des Vaters in die Wuth des Ti⸗ gers, der nach Blut dürſtend durch die Wäl⸗ der eilt; er fand Gefährten, Waffen, und durch⸗ zog rächend das Land, ein Helfer der Be⸗. drängten und ein Schrecken der Tirannen. Und dieſer Mann, Knabe, bin ich.— Keine Thräne entfiel dem Erzähler, als er geendet hatte, keine Wimper zuckte; keine Bewegung war ſichtbar auf den wie in Erz gegoſſenen Zügen; aber die Herzen der Hörer durchbebte ein un⸗ willkührlicher Schauder. Tiefes Schweigen herrſchte rings umher. Spute dich, Colin, befahl nach langer Pau⸗ ſe, die kein Laut unterbrochen hatte, in ſeinem 163 gewöhnlichen feſten Tone der Hauptmann, ſpute dich, daß wir ein Ende machen mit die⸗ ſen armen Sündern, denn wir haben Eile.— Halt, Eſprit Segujer, ſiel Chretien unerſchrocken ein, warum ſollen Unſchuldige bü⸗ ßen, was nur einer gefrevelt hat?— Biſt du noch nicht fertig, Knabe, ich ſage dir, ich will dieſes ganze Geſchlecht vertilgen.— Und haſt du denn mehr gelitten, als die Tauſende deiner Brüder und vermiſſeſt du dich, der ein⸗ zige Unglückliche zu ſeyn in dieſem Lande des Jammers? erwiederte feſt der Jüngling. Und willſt du den Frevel, der gegen dich, einen ſündigen Menſchen, begangen wurde, gleich dem unfehlbaren Gott, rächen an ganzen Geſchlech⸗ tern?— Wehe, wehe, wehe dir! rief Barna- bé du desert dazwiſchen, er redete mit Zun⸗ gen der Engel.— Eher magſt du das Rad der Zeit aufhalten in ſeinem Laufe, ehe du meiner Rache Einhalt thuſt, unmündiger Knabe, rief Eſprit Segujer entſchloſſen aus.— Höre, ſprach der Jüngling ſanft, aber feſt, ich will 164 dir auch eine Geſchichte erzählen: Ein Knabe und ein Mädchen, begann er mit zu Boden ge⸗ ſchlagenen Blicken waren mit einander aufge⸗ wachſen von Kindheit anz ihre Eltern waren Nachbarn und ſie liebten ſich wie zwei Ge⸗ ſchwiſter; ein Sinn und ein Wille belebte die Beiden. Eines Tages geht die Mutter mit der Tochter, die kaum vierzehn Jahre zählte, ins Gebirge, um Lebensmittel zu verkaufen; Sol⸗ daten des Königs ergreifen ſie; man beſchul⸗ digt ſie, daß ſie die Abſicht gehabt hätten, den aufrühreriſchen Bergbewohnern Lebensmittel zu⸗ zutragen, und der Unmenſch, der die Solda⸗ ten befehligt, läßt das blutige Geſetz der Ti⸗ rannei an beiden unſchuldigen Opfern vollzie⸗ hen. Der Knabe grämte ſich in den Tod, und iſt nur zu neuem Leben erwacht, um Rache zu nehmen für die Unthat. Aber wiſſe, Eſprit Segujer, nicht auf Unſchuldige will er ſeine Rache ausdehnen, ſondern nur das ſchuldige Haupt ſoll ſie treffen zur wohlver⸗ dienten Vergeltung. Dieſer Knabe bin ich— 165 und das Unglück hat mich zum Manne gereift in jungen Jahren.— Komm, Jüngling, das Unglück hat uns verſchwiſtert, rief der Haupt⸗ mann mit ſeltſamer Bewegung aus. Laß uns das Geſchäft der Rache zuſammen üben an allen, allen dieſen Ungeheuern.— Nicht alſo, ſey ein Menſch, und nicht ein Thier des Waldes, nur den Schuldigen treffe die Rache. — O, hätte ich ihn, gäbe ihn ein Gott in meine Hände, rief der Hauptmann mit ſchmerz⸗ lichen Tönen aus, wie gerne ließe ich alle die⸗ ſe ziehen im Frieden! Der gellende Ton einer Pfeife ſchallte, in geringer Entfernung, aus dem Walde. Ei⸗ nige Camiſarden waren mit dem Hunde zu⸗ rückgeblieben, um das Gehölze zu durchſuchen. — Was haben ſie denn da noch für Wild auf⸗ geſpürt, rief Clement lachend, beantwortete mit ſeiner Pfeife das Zeichen und eilte mit einigen Bewaffneten der Gegend zu, aus der der Schall gekommen war.— Hätte der Him⸗ mlel mein Flehen erhört? murmelte Eſprit 166 Segujer düſter vor ſich hin.— Alle Blicke waren nach dem Walde gekehrt.— Noch eini⸗ ge Vögel gefangen, rief Clement, der allein zurückkehrte, aus der Ferne; aber in der Dun⸗ kelheit laſſen ſich ihre Farben nicht erkennen; wir müßen ſie beim Lichte beſehen.— Bald folgten die Bewaffneten. In ihrer Mitte gin⸗ gen zwei Landleute, die einen dritten führten, der ſich mühſam fortzuſchleppen ſchien; dann folgten ſcheu, Hand in Hand, zwei Mädchen in ländlicher Tracht.— Der Wald iſt heute in dieſer nächtlichen Stunde ſehr belebt; ich glaube, alle Geiſterbanner und Schatzgräber ſind ausgezogen, ſagte Clement.— Ihrer fünf, ſo lautet der Bericht, ſprach der Haupt⸗ mann vor ſich hin und warf durchbohrende Blicke auf die Kommenden. Es iſt ſo, fügte er ingrimmig hinzu; ſie führen ihn, der alte Sünder bricht unter der Laſt ſeiner Verbrechen zuſammen. Gelobt ſey Gott, ſie iſt gekommen, die Stunde der Rache! Wer ſeyd Ihr, fragte er rauh die Gefangenen, als der Zug vor ihm hielt.— Arme Landleute, geſtrenger Herr, die ſich verirrt haben im Walde, erwiederte einer derſelben mit zitternden Tönen.— Ah! Pe⸗ tit⸗Jean! ſprach eine Stimme hinter dem Gefangenen, wie kommſt denn du in Bauern⸗ cacht? und Clement klopfte ihm ſachte auf die Achſel. Erſchrocken ſah ſich der Gefange⸗ ne um und fuhr zurück, als er in das Geſicht des Fragenden blickte.— Die Mummerei iſt zu Ende, ſiel der Hauptmann mit ſchneidendem Tone ein, ſpielt die Comödie nicht länger. Erhebe den Blick, Saint⸗Comes, kennſt du mich?— Keine Antwort erfolgte, die Ge⸗ ſtalt des Gefragten brach ſichtbar zuſammen. Tiefe ſchauerliche Stille rings umher. Da trat plötzlich ein alter Mann aus der Mitte der Camiſarden, ſtellte ſich dicht vor den Ge⸗ fangenen hin und ſprach in tiefem, hohlem To⸗ ne die Worte des Pſalmiſten: Ich habe geſe⸗ hen einen Gottloſen, der war trotzig und breitete ſich aus, und grünte wie ein Lorbeer⸗ baum. Da man vorüberging, ſiehe, da war 168 er dahin; ich fragte nach ihm, da ward er nirgends gefunden. Kennſt du den Propheten aus dem Schloßhofe zu Vauvert? ſetzte er mit Nachdruck hinzu und barg ſich wieder un⸗ ter die Menge.— Das Entſetzen dieſes furcht⸗ baren Augenblicks durchdrang jede Bruſt.— Der Herr hat ſeine Lippen verſchloſſen und er iſt verſtummt unter dem Gewichte ſeiner Sünden, rief Barnabé du desert in ſchauerli⸗ chen Tönen. Wahrlich, dir wäre beſſer, ein Mühlſtein hinge an deinem Halſe und du lä⸗ geſt im Meer, wo es am tiefſten iſt.— Stille, ihr krächzenden Raben, ſprach der Hauptmann mit einer Stimme, die wie ein zweiſchneidi⸗ ges Schwert klang, ſtille, mit dieſem habe ich zu thun. Saint⸗Comes de Vauvert! du biſt abgefallen von dem Glauben deiner Väter und ein Verräther geworden an Gott und an den Menſchen.— Er hielt einen Au⸗ genblick inne. Die Stille des Todes herrſchte rings umher, nur von dem Säuſeln des Win⸗ des unterbrochen, der durch die Wipfel der 3 169 Bäume fuhr, und von dem Kniſtern der Fa⸗ ckeln, die ihren röthlichen Schein auf viele bleiche Geſichter warfen.— Saint⸗Comes de Vauvert! fuhr der Hauptmann in glei⸗ chem Tone fort, du haſt deine Glaubensbrü⸗ der verfolgt und ſie gehetzt, wie die Thiere des Waldes; du haſt ſie getrieben aus ihrem Erbe, du haſt ihnen nicht gelaſſen, wo ſie ihr Haupt hinlegen konnten, du haſt ſie hinaus⸗ geſtoßen in die Wildniß, du haſt ſie gefangen und dem Beile des Henkers überliefert.— Kein Laut ließ ſich vernehmen.— Sprich, Saint⸗Comes de Vauvert! öffne dei⸗ nen Mund, habe ich wahr geredet?— Der alte Mann, der bisher ſich mühſam auf den Beinen gehalten hatte, ſank vollends in die Kniee und ſtreckte ſeine Hände jlehend zu dem furchtbaren Manne empor. An ſeine Seite knieeten weinend die beiden Mädchen und ſein Diener. Nur der Führer mit der ſchwarzen Binde blieb aufrecht, aber lautlos, ſtehen.— Gnade, Gnade für meinen armen Der Camiſarde. I. 8 170 Vater! flehte Louiſon mit ſchmerzlichen Tö⸗ nen.— Gnade! rief der Hauptmann bitter, er hat ſie nie gekannt; er erwarte ſie nicht von Andern. Ich will hier hegen ein offenes freies Gericht, wie es Sitte iſt unter den Bruͤdern des Waldes. Ihr habt die Ankla⸗ ge gehört, Camiſarden, ihr ſeht den Schuld⸗ bewußten, hier knieet er zernichtet. Sprecht, was hat er verdient nach den Geſetzen unſeres Bundes?— Eine ängſtliche Stille ſchwebte über der Verſammlung, nur von dem lauten Schluchzen der Mädchen unterbrochen.— Was hat er verdient, Barnabé du desert, ich frage dich?— Den Tod, erwiederte die⸗ ſer ohne Bedenken, nach göttlichen und menſch⸗ lichen Geſetzen.— Was hat er verdient, Ca⸗ miſarden, fragte der Hauptmann mit auffor⸗ dernder Stimme?— Den Tod, wiedertönte vus Aller Munde.— O, muß ich leben, um Zenge zu ſehn dieſes Jammers! rief Loni⸗ ſon in Verzweiflung aus. Iſt denn keine Hülfe bei Gott und den Menſchen, fügte ſie —— ſchmerzvoll hinzu und faßte krampfhaft den Arm des immer noch ſchweigenden Führers. — Gnade, Gnade! rief Margot bittend und warf ſich zu den Füßen des Hauptmanns.— Mädchen, erwiederte dieſer, du weißt nicht, was du begehrſt. Soll ich den gefangenen Wolf entlaſſen, daß er auf's neue in die Schaf⸗ hürden bricht?— O, nein, nein, rief Loui⸗ ſon dazwiſchen, ich ſchwöre euch bei dem all⸗ mächtigen Gott, wir wollen in ferne Gegenden fliehen aus dieſem Lande des Jammersz mein Vater wird euch nimmer, nimmer verfolgen. — Bejahend nickte der knieende Greis mit dem Haupte, denn er war keiner Rede mäch⸗ tig.— Halt ein, Eſprit Segujer, ſprach Chretien vortretend, überlaß die Rache Gott. Hat er auch an unſern Brüdern gefre⸗ velt, ſie werden ihm verzeihen, denn ſie ſind Chriſten. Dir hat er ja kein Leid zugefügt. — Meinſt du, Knabe, was du nicht alles weißt! erwiederte bitter der Hauptmann. Den „ Tod hat er verdient; er iſt ſchn verurcheit; 172 aber haßt mich vollerden. Saint⸗C omes de Vauvert! Kennſt du mich? fragte er den Knieenden ſcharf, indem er in ſtolzer Hal⸗ tung ihm einen Schritt näher trat. Saint⸗ Comes de Vauvert! du haſt mich aus meinem Erbe getrieben, du haſt mein Weib und meine Tochter in Noth und Tod geſtoßen. Saint⸗Comes de Vauvert! duſhaſt mei⸗ nen Sohn, mein einziges liebes Kind, unter das Beil des Henkers gebracht, fügte er furcht⸗ bar hinzu.— Ein Laut des Entſetzens ent⸗ fuhr dem Munde der Hörer und erbleichend trat Chretien unter die Menge zurück.— Das Maaß ſeiner Sünden iſt über voll, ſprach feierlich Barnabé du desert.— Und die Strafe inicht ferne, fügte Eſprit Se⸗ gujer hinzu. Da trat plötzlich der Führer vor undꝰ riß die ſchwarze Binde vom Haupt.— Kennt Ihr mich, Eſprit Segnjer? fragte er den Haupt⸗ mann.— Wie ſollte ich nicht? erwiederte dieſer gelaſſen. Ihr ſeyd der Herr von Mar⸗ - 173 tignac.— Der bin ich, und befehle Euch im Namen der Obern des Bundes, den Ge⸗ fangenen loszugeben.— Mit nichten, Herr, er iſt zum Tode verurtheilt durch offenes Ge⸗ richt.— Ueber allen freien Gerichten der Brü⸗ der ſteht die Entſcheidung der Oberen des Bun⸗ des.— Habt ihr Brief und Siegel?— Hier, erwiederte der Gefragte und entfaltete ein off⸗ nes Papier.— Und allen Oberen und allen Teufeln zum Trotz will ich Rache nehmen, brach der Hauptmann furchtbar los. Hier bin ich Herr. Zu mir Camiſarden!— Wer wagt es, rief Martignac donnernd, zu wider⸗ ſtreben den Geboten des Bundes?— Keine Ader rührte ſich und unbeweglich ſtunden die Bewaffneten, auf ihre Flinten gelehnt.— Gebt euch, Hauptmann, ermahnte Element, Ihr zieht hier den Kürzeren.— So nimm dieß, rief dieſer wüthend, zog eine Piſtole aus dem Gürtel und feuerte ſie auf den knieenden Greis ab. Chretien, der inzwiſchen an ſei⸗ ne Seite getreten war, wendete den Lauf ſeit⸗ 174 wärts und die Kugel fuhr unſchädlich in den Boden. Mit einem Jammergeſchrei ſank der knieende Greis zu Boden und ſeine Tochter, die ihn getroffen glaubte, ſtürzte ſich ſchreiend über ihn. Ein Murren der Mißbilligung flog durch die Verſammlung.— Dafür wirſt du mir Rede ſtehen vor dem Bunde, rief Mar⸗ tignac dem Hauptmann zu.— Das werde ich, erwiederte dieſer. Der Himmel hat es nicht gewollt. Seine Stunde iſt noch nicht ge⸗ kommen; aber ich werde ihn wiederfinden und kein Gott ſoll ihn aus meiner Hand erretten. Folgt mir, Freunde.* Schnell ſetzte ſich der Zug, die Gefange⸗ nen in der Mitte, in Bewegung und ver⸗ ſchwand in den Schatten des Waldes. Der Mond beſchien die Gruppe, die beſchäftigt war, den ohnmächtigen Greis ins Leben zu⸗ rückzurufen. 175 Auf einem rings von Wald eingeſchloſſenen freien Platze von ziemlichem Umfang, der auf der einen Seite eine ſanft aufſteigende Höhe bildete, hatten ſich die verfolgten Proteſtanten verſammelt, um in der Einſamkeit Gott in ihrer Weiſe zu verehren. Es war eben um die Mittagsſtunde, und die Anweſenden, deren Zahl auf mehr als tauſend Perſonen jedes Al⸗ ters und beiderlei Geſchlechts ſteigen mochte, hatten ſich in Gruppen gelagert, um die mit⸗ gebrachten, größentheils ſpärlichen Vorräthe zu verzehren. Zwiſchen den lagernden Grup⸗ pen ſah man Einzelne auf und abgehen, die Bekannte und Verwandte ſuchten und den Ge⸗ fundenen traulich die Hände ſchüttelten. Es war ein reges Leben, in welchem ſich die gan⸗ ze Lebendigkeit dieſer Sübfranzoſen entfaltete, und wer den Zweck der Verſammlung nicht ge⸗ kannt hätte, konnte ſie für ein fröhliches Volks⸗ feſt halten, dem keine Störung von irgend ei⸗ ner Seite drohte. Unter der ganzen Ver⸗ ſammlung waren nur etwa dreißig Bewaffnete⸗ —8 deren Tracht und kräftige Haltung ſie als Ge⸗ birgsbewohner bezeichnete; der größere Theil aber beſtund aus Thalleuten, die unter dem Drucke der königlichen Truppen ſtunden und nur von Zeit zu Zeit ſich durch abgelegene Waldpfade ſtahlen, um den Verſammlungen der Gläubi⸗ gen beizuwvhnen. Auf ein gegebenes Zeichen begann der Gottesdienſt durch Abſingung ei⸗ nes Pſalmes. Nach deſſen Beendigung trat Benjamin Bronſſon, in geiſtlicher Klei⸗ dung, auf einen Erdaufwurf„wo er von al⸗ lem Volke geſehen werden konnte, um ſeine Rede zu beginnen. Zum Text ſeiner Predigt nahm er die Worte des Pſalmes:„Was betrübſt du dich, meine Seele, und biſt ſo unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, daß er meines Angeſichts Hülfe und mein Gott iſt.“ Der Prediger ermahnte die Anweſenden, feſt an ihrem Glauben zu halten und im Vertrauen auf die Hülfe des Allmächtigen beſſere Zeiten zu erwarten. Ge⸗ duld im Unglück und Gehorſam gegen die Ge⸗ ———————————— 177 bote der Obrigkeit gehören unter die erſten Tugenden ächter Chriſten, darum ſollen ſich die bedrängten Gläubigen faſſen in Geduld und auf beſſere Zeiten hoffen. Aufruhr und Empörung ſey nicht angenehm vor Gott, und der Herr könne den Sinn des Königs, der jetzt ſein Ohr böſen Rathgebern leihe, zum Beſſeren wenden. Er brachte in Erinnerung, daß die Bewohner der Sevennen dem König, ihrem Herrn immer treu geblieben ſeyen, ob⸗ wohl mehrmals die aufrühreriſchen Großen, namentlich Montmorency und Condé, ſie zur Emporung hätten verleiten wollen. Frei⸗ lich hätten ſie bisher viele Verfolgung und mancherlei Drangſale erleiden müſſen, aber der wahre Glaube werde gehärtet im Feuer der Trübſal. Wenn die Noth am höchſten, ſey der Herr mit ſeiner Hülfe am nächſten. Der Prediger ſchloß ſeine Rede mit den Wor⸗ ten des Pſalmiſten!„Du Hirte Iſraels, höre, der du Joſeph hüteſt wie der Schafe; erſchei⸗ ne, der du ſitzeſt über Cherubim. Erwecke 178 deine Gewalt, der du vor Ephraim, Benja⸗ min und Manaſſe biſt, und komm uns zu Hül⸗ fe. Gott, tröſte uns und laß leuchten dein Antlitz, ſo geneſen wir. Ach, daß die Hülfe aus Zion über Iſrael käme und der Herr ſein gefangen Volk erlöſete! So würde Jakob fröhlich ſeyn und Iſrael ſich freuen.“ Nachdem der Prediger geendet hatte, ſang alles Volk in langſamer und feierlicher Weiſe: Der Herr, ein Erretter, aus Zion Fupt⸗ Sein gefangen Volk zu erlöſen, Und Jakob wird preiſen des Himmels Rath, Und Iſrael ſpotten der Böſen. Hierauf betrat Barnabé du desert den Auf⸗ wurf. Er war in ſeiner gewöhnlichen Klei⸗ dung und hatte ſelbſt die Waffen nicht abge⸗ legt, die er zu tragen pflegte. Seine Augen, von fanatiſchem Feuer glühend, blickten kühn auf die Verſammlung hin; er machte keine Eintheilung in ſeiner Rede, ſondern ließ ſeine erhitzte Phantaſie zügellos walten.„Wie lan⸗ ge noch, rief er mit einer Donnerſtimme, die „ 179 den ſchlafenden Groll der Hörer weckte, wie lan⸗ ge noch wollen wir uns wehrlos hingeben der Schmach der Verfolgung und der Gewalt⸗ that der Gottloſen? Stehe auf, Herr, in dei⸗ nem Zorn und erhebe dich in deinem Grimm, du ſtarker Gott, denn die Hand der Verfolger liegt ſchwer auf deinem Volke. Auf, Herr, und hilf uns, ſchlage unſere Feinde auf den Backen und zerſchmettere der Gottloſen Zähne. Deine Hand wird finden alle deine Feinde, deine Rechte wird finden, die dich haſſen, du wirſt ſie machen wie einen Feuerofen, wenn du darein ſehen wirſt; der Herr wird ſie verſchlingen in ſeinem Zorn; Feuer wird ſie freſſen. Ihre Frucht wirſt du umbringen vom Erdboden und ihren Saa⸗ men von den Menſchenkindern.“ Einen Angenblick hielt der Redner inne, um die Wirkung ſeiner Rede zu beobachten. Die Thränen der Rührung, die bisher aus vielen Angen milde gefloßen waren, begannen ſich hie und da in Flammen des Zorns und der Erbitterung zu verwandeln. Ein dumpfes 180 Eemurmel lief durch die Verſammlung hin. Welche Früchte, fuhr er in dumpf klagenden Tönen fort, hat uns unſere, Jahrhunderte, lang rein bewahrte Treue gegen dieſe Könige, ge⸗ tragen? Eine ſtets wachſende Verfolgung. Wir haben das Unſägliche erduldet und ge⸗ litten, aber wenn der Bogen zu ſtraff geſpannt wird, bricht er. Der Druck unſerer Wider⸗ ſacher iſt bis zum Unerträglichen geſtiegen und fortan kein Heil für uns, als im Schwerte. Wollt ihr wehrlos euch ſchlachten laſſen, wie die Gläubigen aus Israel, die vor Antiochi Zorn geflohen waren in die Wüſte und keinen Stein herauswarfen aus der Höhle gegen ih⸗ re Verfolger, ſondern lieber umkamen mit Weib und Kind, als daß ſie ſich wehrten am Sabbath. Oder wollt ihr nicht vielmehr thun, wie Matathias und ſeine tapfern Freunde, die ſtritten gegen ihre Tirannen und erſchlu⸗ gen viele Gottloſe in ihrem Eifer und Zorn und jagten die übrigen in die Flucht.“ Nachdem der Redner die Nothwendigkeit 181 und Rechtmäßigkeit der Nothwehr gegen die Verfolger der Gläubigen mit noch mehreren Stellen der heiligen Schrift belegt hatte, ſchloß er mit den Worten Davids:„Gott rü⸗ ſtet mich mit Kraft und ich will meinen Fein⸗ den nachjagen, und ſie ergreifen, und nicht umkehren, bis ich ſie umgebracht habe. Ich will ſie zerſchmeiſſen, und ſollen mir nicht wi⸗ derſtehen, und ſie müſſen unter meinen Füſ⸗ ſen fallen. Du kannſt mich rüſten mit Stärke zum Streit; du kennſt unter mich werfen, die ſich wider mich ſetzen. Ich will meine Feinde zerſtoßen, wie Staub vor dem Winde, ich will ſie wegräumen, wie den Koth auf der Gaſſe.“ Nachdem der Redner geendiget hatte, er⸗ hob ſich unter der Menge ein Gemurmel, gleich dem Rollen des fernen Donners, das, immer höher und höher ſteigend, bald in ein lautes Geſchrei der Rache und der Verwünſchung der Verfolger der Gläubigen ausbrach. Da begann Barnabé du desert mit mächtiger Stimme zu ſin en und die Gemeinde fiel donnerndein: . Der Herr, ein Rächer, vom Schlaf erwacht, Und ſchlägt die Feinde mit Schrecken, Sein Blitz durchzuckt das Dunkel der Nacht, Sein Volk zur Rache zu wecken. Die Verſammlung, von einem wilden Feuer ergriffen, lößte ſich in einzelne Grup⸗ pen auf, die ſich hier und dort um einen be⸗ geiſterten Redner ſammelten. In der Mitte einer ſolchen Gruppe ſtund Enoch, mit Chre⸗ tien und Margot. Unbeweglich ſtund Enoch und blickte mit ſtarren Augen hinaus in die weite Ferne; plötzlich ſing ſein ganzer Körper an zu erzittern, wie vom Fieberfroſt geſchüttelt: ſeine Augen begannen zu rollen, gleich feurigen Rädern; immer heftiger wurde das Zittern, immer ſchauerlicher das Rollen der Augen; ein weißer Schaum trat auf ſei⸗ ne Lippen. Erwartungsvoll und ſchweigend blickten Alle auf den Beſeſſenen, und nur leiſe flüſterten einige Stimmen:„der Geiſt iſt äber ihn gekommen!“ Da lerhob er ſeine Stimme, erſt leiſe und wie aus tiefer Bruſt, 183 bis ſie immer ſtärker wurde und endlich in ein tobendes Geſchrei ausartete:„Und des Herrn Wort geſchah zu mir und ſprach: Du Menſchenkind, richte dein Angeſicht gegen den Südwind zu, und träufe gegen den Mittag, und weiſſage wider den Wald im Felde ge⸗ gen Mittag. Und ſprich zum Walde gegen Mittag: Höre des Herrn Wort, ſo ſpricht der Herr Herr: Siehe, ich will in dir ein Feuer anzünden, das ſoll beides, grüne und dürre Bäume verzehren, daß man ſeine Flam⸗ men nicht wird löſchen können, ſondern es ſoll verbrannt werden Alles, was von Mit⸗ tag gegen Mitternacht ſtehet. Und alles Fleiſch ſoll ſehen, daß Ich es, der Herr, angezündet habe und Niemand löſchen möge.“ Einen Augenblick hielt der Seher erſchöpft inne und athmete aus tiefer Bruſt. Ringsum herrſchte die Stille des Todes und die Gruppe um“ ihn her wurde immer zahlreicher. Dann fuhr er plötzlich mit wilder Begeiſterung in die Höhe, rollte die Augen lin furchtbarem In⸗ 184 grimm und rief mit mächtig tönender Stim⸗ me:„Mein Schwert wird fahren aus der Scheide über alles Fleiſch, vom Mittag her bis gegen Mitternacht. Und ſoll alles Fleiſch erfahren, daß Ich, der Herr, mein Schwert habe aus ſeiner Scheide gezogen, und ſoll nicht wieder eingeſteckt werden. Und du, Men⸗ ſchenkind, ſollſt ſeufzen, bis dir die Lenden wehe thun; ja bitterlich ſollſt du ſeufzen, daß ſie es ſehen. Und wenn ſie zu dir ſagzn werden: Warum ſeufzeſt du? Sollſt du ſpre⸗ chen: Um des Geſchrei's willen, das da kommt, vor welchem alle Herzen verzagen, und alle Hände ſinken, und aller Muth fal⸗ len, und alle Kniee wie Waſſer gehen wer— den. Siehe, es kommt und wird geſchehen, ſpricht der Herr.“ Die Augen des Beſeſſenen ſchloſſen ſich; das Zittern ſeiner Glieder hörte auf; regungslos ſtund der ganze Körper, und aus Lippen, deren Bewegung kaum bemerk⸗ bar war, kamen in hohlem ſchauerlichem Tone die Worte:„Das Schwert, ja das Schwert 185 iſt geſchärft und gefegt. Es iſt geſchärft, daß es ſchlachten ſoll; es iſt gefegt, daß es blin⸗ ken ſoll. Der Herr hat ein Schwert zu fe⸗ gen gegeben, daß man es faſſen ſoll; es iſt geſchärft und gefegt, daß man es dem Todt⸗ ſchläger in die Hand gebe.“ Plötzlich fuhr er wieder in wilder Begeiſterung auf und rief mit laut tönender Stimme:„Zweifach ja dreifach wird es kommen, das Schwert, ein Würgeſchwert, ein Schwert großer Schlacht; und es wird ſie treffen in den Kammern, da ſie hinfliehen. Ich will das Schwert laſſen klingen, daß die Herzen ver⸗ zagen, und viele ſollen fallen an ihren Tho⸗ ren. Ach wie glänzet das Schwert und hauet daher zur Schlacht! Haue darein, beide zur Rechten und Linken, was vor dir iſt““ Kaum hatte der Beſeſſene dieſe Worte geredet, ſo ſank er leblos zu Boden und keine Ader rühr⸗ te ſich an ihm. Nachdem er mehrere Minuten ſo gelegen hatte, öffnete er die matten Au⸗ gen und ſchien aus einem tiefen. Traume zu 186 erwachen. Das Volk drängte ſich um ihn und etrachtete ihn mit der ſcheuen Ehrfurcht, die man einem gottbegeiſterten Seher und Pro⸗ pheten zollt. Die Prophetin! die Prophetin! riefen plötzlich halblaute Stimmen, wie durch ſcheue Ehrfurcht gemäßigt. Die wogende Men⸗ ge zertheilte ſich und durch ihre Mitte trat, in ſtolz abgemeſſenem Schritte, eine hohe Frau in ſchwarzer Kleidung; ein ſchwarzer Schleier bedeckte, nach hinten und vornen, ihr Haupt, und über ihren Rücken hing ein kurzer, phan⸗ taſtiſch zugeſchnittener Mantel. So wie ſie durch die Reihen ſchritt, neigten ſich links und rechts alle Häupter vor ihr, aber ſie erwie⸗ derte keinen Gruß, und ſchien, wie in tiefes Sinnen verloren, der Menge nicht zu achten. Sie beſtieg den Erdaufwurf, warf den Schleier zurück und zeigte ein Geſicht, das trotz der tie⸗ fen Furchen, welche Zeit und Leiden in es ge⸗ graben hatten, noch Spuren großer Schönheit aufwies. Sie ſtund regungslos und hob ihre 187 Augen, in denen das wilde Feuer eines ſtillen Wahnſinns glühte, empor zu den Wolken. Ueber der Menge rings umher lag eine tiefe, erwartungsvolle Stille. Eine lange Weile ſtund die Seherin bewegungslos und ſtarrte gen Him⸗ mel; dann warf ſie ihre Augen auf die Ver⸗ ſamnilung und begann mit tiefer, faſt tonloſer Stimme:„Wehe den Hirten Iſraels, die ſich ſelbſt weiden. Sollen nicht die Hirten die Heerde weiden? Sie aber freſſen das Fette, und kleiden ſich mit der Wolle, und ſchlach⸗ ten das Gemäſtete; aber die Schafe wollen ſie nicht weiden. Der Schwachen warten ſie nicht, und die Kranken heilen ſie nicht, und die Verwundeten verbinden ſie nicht, und die Verlornen ſuchen ſie nicht; ſondern ſtreng und hart herrſchen ſie über die Heerde. Und meine Schafe, ſpricht der Herr, ſind zer⸗ ſtreuet, als die keinen Hirten haben, und zur Speiſe geworden den Thieren des Waldes. AUnd gehen irre hin und wieder auf den Ber⸗ „gen und auf den hohen Hügeln, und ſind zer⸗ 188 ſtreut im Lande, und iſt Niemand, der nach ihnen frage. Darum hört, lihr Hirten, das Wort des Herrn. So wahr ich lebe, ſpricht der Herr Herr, weil ihr meine Schafe laſ⸗ ſet zum Raube und meine Heerde allen wilden Thieren zur Speiſe werden, weil ſie keinen Hirten haben, und meine Hirten nach ihrer Heerde nicht fragen, ſondern ſind ſolche Hirten, die ſich ſelbſt weiden, aber meine Schafe wollen ſie nicht weiden. Darum, ihr Hirten, höret das Wort des Herrn. So ſpricht der Herr Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Heerde von ih⸗ ren Händen fordern, und will es mit ih⸗ nen ein Ende machen, daß ſie nicht mehr ſollen Hirten ſeyn, und ſollen ſich nicht mehr ſelbſt weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Maul, daß ſie ſie forthin nicht mehr freſſen ſollen. Denn ſo ſpricht der Herr Herr: Siehe, ich will mich meiner Heerde ſelbſt annehmen und ſie ſu⸗ chen, wie ein Hirte ſeine Schafe ſu⸗ —, 189 chet, wenn ſie von ſeiner Heerde ver⸗ irret ſind.“ Höher hob ſich die Stimmme der Seherin; ſie ſchüttelte in wilder Begejſte⸗ rung das Haupt, daß die feſſelloſen ſchwar⸗ zen Haare im Winde flatterten und auf Bruſt und Schultern fielen. Gläubig faßte die Men⸗ ge die Worte von ihrem Munde auf und ſah zu ihr empor mit Ehrfurcht und Furcht.„Siehe, rief ſie aus, ich will an dich, Gog, der du der oberſte Fürſt biſt in Meſach und Thubal. Siehe, ich will dich locken aus den Enden von Mitternacht und auf die Berge Iſrael kom⸗ men laſſen. Und will dir den Bogen aus deiner linken Hand ſchlagen, und deine Pfeile aus deiner rechten Hand werfen. Auf den Bergen Iſrael ſollſt du niedergelegt werden, du mit allem deinem Heer und dem Volk, das bei dir iſt. Ich will dich den Vögeln, woher ſie fliegen, und den Thieren auf dem Felde zu freſſen geben.“ Schwerer athmete die Seherin, ſie warf ihre Arme hoch in die Luft, ihre Augen ſprühten Fenuer, und mit 190 den Tönen des Wahnſinns rief ſie über die Verſammlung hin:„Sammlet euch, und kom⸗ met her, ich will euch ſchlachten ein großes Schlachtopfer auf den Bergen Iſrael. Kommt, ſammlet euch um mich her, und ihr ſollt Fleiſch freſſen und Blut ſaufen. Fleiſch der Star⸗ ken ſollt ihr freſſen, und Blut der Fürſten auf Erden ſollt ihr ſaufen, bis ihr trunken wer⸗ det von dem Schlachtopfer, das ich euch ſchlachte.“ Einige Augenblicke ſtand die Sehe⸗ rin, wie erſtarrt, Augen und Hände gen Himmel erhoben; dann begann ſie in wilder ſchauerlicher Weiſe zu ſingen, und die Menge ſiel brauſend ein: Und ein Heer von Roſſen und Reitern kam Auf Iſraels Berge gezogen, Und in die Fauſt das Schwert der Starke nahm Und es ſpannte der Held den Bogen. Da ergrimmt der Herr, und im Wetterſtrahl Fährt ſein Zorn herab auf die Stolzen. Und das Feuer verzehrt ſie allzumal, Da hilft weder Lanze noch Bolzen. ———— —————— — 191 unb gelobt ſey der Herr, der Schwachen Hort, Der von Sinai für uns kämpfet, und die Feinde zerſchellet hier und dort, Und den Stolz der Mächtigen dämpfet. Kaum war die letzte Strophe zwiſchen den Höhen verklungen, ſo hörte man im nahen Walde Flintenſchuͤſſe fallen. Hier fiel ein Schuß, dort ein Schuß, und bald krachten die Gewehre von allen Seiten. Die ausge⸗ ſtellten Wachen zogen ſich fechtend zurück, und durch das Dunkel der Gebüſche glänzten die blanken Waffen der anrückenden Soldaten. Die wogende Menge lief verwirrt und ſchrei⸗ end dnrcheinander, wie eine wehrloſe Heerde. „Auf Iſrael, rief die Seherin begeiſtert von der Höhe, gürte deine Lenden und ſtreite wi⸗ der die Philiſter, denn der Herr hat ſie in deine Hände gegeben.“— Auf, Iſrael! wiederhol⸗ ten die Kühnſten unter der Menge, aber das waffenloſe Volk ſtiebte auseinander wie Spreu, als die wohlgeordneten Schaaren der Krieger „näher kamen. Die bewaffneten Bergbewoh⸗ 192 ner— ein kleiner Haufe— zogen ſich in einen Klumpen zuſammen, der regelmäßig feuernd, langſam die Höhe hinanſtieg. Rettet die Pro⸗ phetin! rief ihnen Barnabé du Desert zu, und in einem Augenblicke hatten ſie ſich um die Seherin geſchaart. Mit dem Blicke des Adlers ſah ſich ihr Führer um, und erſpähte den ſchwächſten Punkt des Feindes; erſt lang⸗ ſam, dann ſchneller und zuletzt in vollem Laufe warf er ſich auf ihn und durchbrach den feind⸗ lichen Haufen. Die Seherin in ihrer Mitte führend, verſchwand die tapfere Schaar im Dunkel des Waldes. Unter der übrigen Menge herrſchte Verwirrung und wilde Flucht.„Mar⸗ got! Margot! rief Chretien, der ſeine Schweſter im Gedränge verloren hatte, ver⸗ zweifelnd aus und machte ſi ich Bahn durch die Flüchtigen.„Fliehe, mein Sohn, fliehe, rief ihm eine Stimme zu; er wendete ſich raſch um und erblickte den ehrwuͤrdigen Brouſ⸗ ſon in ſeiner prieſterlichen Kleidung, den eben einige nacheilende Soldaten beinahe erreicht ————,——————— 193 hatten.„Nicht ohne euch, rief der muthige Jüngling und ſprang mit geſpannter Piſtole an ſeine Seite.“ Ergib dich, Knabe, rief ihm ein bärtiger Grenadier zu und riß ihn von hinten nieder, während ein anderer Soldat den Geiſtlichen anfaßte und zu Boden warf. Im Getümmel der Fliehenden und Nachſetzen⸗ den verlor ſich die Gruppe. Du haſt dich der beſonderen Gunſt des hochwürdigen Herrn Abts zu erfreuen, meine Tochter, ſprach der Pater Felir zu der wei⸗ nenden Margot, und ich hoffe, daß du dich durch dein Benehmen derſelben immer würdiger machen werdeſt.— Iſt das eine beſondere Gunſt, erwiederte Margot nicht ohne Bitterkeit, daß man mich hier in dieſem Schloße gefangen hält?— Ey, meine Tochter, verſündige dich nicht an der unverdienten Gnade, womit dich dein hoher Gönner beehrt. Blicke doch um dich. Gleicht denn etwa dieſes einem Der Camiſarde I., 194 Gefängniß? Wohnſt du hier nicht prächtiger und bequemer, als ſelbſt im Hauſe deiner El⸗ tern?— Ich frage nichts nach dieſer irdi⸗ ſchen Pracht, und lieber würde ich in unſerer niedern Hütte Noth und Kummer mit meinen armen Eltern theilen, als hier in Pracht und Ueberfluß leben.— Das wird ſich finden, lächelte der Mönch, wir haben ſchon mehr ſolche Vögel zahm gemacht. Kennteſt du die unter⸗ irdiſchen Kerker dieſes Schloſſes„ſo würdeſt du dein Loos ſegnen.— Ich danke euch nicht für dieſen Vorzug, wodurch Ihr mich auf Ab⸗ wege zu locken und zur Annahme eurer Irr⸗ thümer zu verführen ſucht, rief entrüſtet das Mädchen. Laßt mich das Loos meiner Glanbensgenoſſen theilen, werft mich in euern finſterſten Kerker. Warum macht Ihr mit mir allein eine Ausnahme?— Weil der hochwürdige Herr ſich deiner Jugend erbarmt, erwiederte mit liſtiger Miene der Mönch, und hofft, dich durch Milde zurückzuführen zum wahren Glanben und in den Schoos— der alleinſe⸗ — —— ————— 195 ligmachenden Kirche, fügte er ſatyriſch hinzu. — Das hofft nun und nimmermehr, antwor⸗ tete mit Feſtigkeit die Jungfrau; lieber will ich des bittern Todes ſterben, als meinen Glauben verläugnen. Warum, wenn Ihr ſo mitleidig ſeyd, habt ihr nicht Erbarmen mit den armen Greiſen, die gefangen in euren Kerkern ſeufzen, und welche das Elend der Gefangenſchaft weniger zu ertragen vermö⸗ gen, als ein junges Mädchen? ₰ Kind, er⸗ wiederte der Mönch mit einem Faunenblicke, das verſtehſt du nicht. Jugend und Schönheit haben immer und überall Vorrechte, und ge⸗ ben mehr Anſpruͤche auf das Milleid hoher Gönner, als das ehrwürdigſte Haupt des äl⸗ teſten Mannes. Doch dieſes Alles wirſt du beſſer aus dem Munde des hochwürdigen Herrn ſelbſt vernehmen, denn er hat dich vor Allen gewürdigt, dich in eigener Perſon zu bekehren und auf den Weg des wahren Heils zu führen. Dieſe Gnade wirſt du, wie ich hoffe, zu erkennen wiſſen und ſa heiligen 196 Eifer auf halbem Wege entgegenkommen, fügte er mit leiſem Spotte hinzu. Ja, rief er in plötzlich verändertem Tone, mit dem Feuer⸗ eifer eines Zeloten, und ſtellte ſich, als ob er den eben eintretenden Abt nicht bemerke, ja der Herr hat Großes gethan an dir, ſeiner unwürdigen Magd, denn ein geſegneter Verkündiger ſeines Worts, ein Fürſt unſerer heiligen Kirche, deſſen Rede ſüßer iſt wie Honigſeim, will ſich ſelbſt des verirrten Schafes erbarmen nd 5. Schon gut, lieber Pater Felir, unterbrach der Abt die ſalbungsvolle Predigt, ich will an dieſem durch die Irrlehre der falſchen Propheten verführten Kinde das Werk der Bekehrung zu vollenden ſuchen, das euer frommer Eifer begonnen hat, und du, meine Tochter, wendete er ſich mit heiliger Miene zu Margot, wirſt dem Unglauben abſagen und dem wahren Glauben huldigen, denn ich hoffe, daß der Herr mich würdigen werde, durch den Mund ſeines unwürdigen Dieners das Licht der Erkenntniß in dein irregeleite⸗ 197 tes, aber gewiß nicht verſtocktes Herz zu brin⸗ gen. Geht, lieber Pater, und verſucht die Wirkung des Wortes an den übrigen Verirr⸗ ten, die der Herr zu ihrem eigenen Heil in unſere Hände gegeben hat, auf daß ſein Name verherrlichet werde vor aller Welt und alles Volk erkennen möge, daß der heilige römiſch apoſtoliſche Stuhl ewig und unver⸗ gänglich iſt, wie der Thron des Lammes, das der Welt Sünde trägt.. Es würde meinem väterlichen Herzen wehe thun, meine Tochter, ſprach der Abt, nachdem der Pater abgetreten war, mit ſanfter Stim⸗ me zu Margot, in dir eine vorſätzlich Schuld⸗“ hafte zu finden und die ganze Strenge der Geſe⸗ tze gegen dich anwenden zu müſſen. Gewiß war dir die Verordnung unbekannt, welche die Ver⸗ ſammlungen der Ketzer verbietet?— Nein, Herr, ich kannte ſie, erwiederte das Mäd⸗ chen mit beſcheidener Feſtigkeit.— Ei, Ei⸗ mein Kind! noch ſo jung und ſchon alſo den „Geboten der Obrigkeit zu trotzen, die von Gott 193 eingeſetzt iſt!— Wir ſind der Obrigkeit un⸗ terthan in Allem, was nicht unſern Glauben betrifft.— Der Gehorſam gegen die Obrig⸗ keit läßt keine Ausnahme zu, meine Toch⸗ ter, und der König, der ein geliebter Sohn iſt der heiligen Kirche, hat die Uebung des Gottesdienſtes der Irrgläubigen, welche ſich Proteſtanten nennen, verboten. Du wirſt alſo einſehen, daß du durch den Beſuch dieſer ver⸗ botenen Verſammlung der Ketzer eine ſchwere Sünde gegen die geiſtliche und weltliche Obrig⸗ keit begangen haſt?— Du ſollſt Gott mehr gehorchen, als den Menſchen, antwortete mit einfachem Sinne die Jungfrau.— Aber eben die Gebote Gottes haſt du ja verletzt, indem du dem Verbote des heiligen Vaters zu Rom un⸗ gehorſam warſt?— Ich erkenne die Ge⸗ walt des Pabſtes nicht an, denn ſonſt würde ich keine Proteſtantin ſeyn.— O, der unſeligen Verblendung! ſeufzte der Prieſter und ver⸗ drehte fromm die Augen. Doch du biſt eine Verführte, die ſich ſelbſt über ihre Irrthümer —— 199 keine Rechenſchaft ablegen kann, fügte er mild hinzu, und es wird einem Diener der heiligen Kirche wohl anſtehen, dich durch ſanfte Ue⸗ verredung in ihren Schoos zurückzuführen. Ge⸗ wiß biſt du durch deine Angehörigen überredet oder gar gezwungen worden, der Verſamm⸗ lung der Ketzer anzuwohnen?— Nein, Herr, es war mein freier Wille.— Weißt du auch, Unglückliche, welche Strafen du durch dieſes Geſtändniß auf dein Haupt herabrufſt?— Ich weiß es, Herr, und will leiden um des Namens desjenigen willen, der für der Welt Sünden unſchuldig gelitten hat und geſtorben iſt.— Es gibt einen Weg, den ſtrafenden Arm der Kirche zurückzuhalten: wahre Reue und Buße. Gehe in dich, Jungfrau, bedenke dein zeitliches und ewiges Heil, ſchwöre ab die Irrthuͤmer der falſchen Lehre, die ein Greuel iſt vor dem Herrn, und kehre zurück in die Arme der alleinſeligmachenden Kirche, die dir offen ſtehen.— Ich will mit des Allmäch⸗ „tigen Hülfe verharren in dem Glauben, den 200 ich für den wahren halte, und flehe den Herrn um Beiſtand an, daß er mich ausrüſte mit der Geduld der Zeugen ſeines Worts, die für ihn gelitten haben, und mir ſchenke die Palme der Märtyrer, die geſtorben ſind um ſeines Namens willen, ſprach, mit frommer Erge⸗ bung und zum Himmel gewendeten Blicken, die Jungfrau.— So jung und ſo ſchön, und ſo ſollteſt du enden! ſagte der Prieſter ſanft und betrachtete die Jungfrau mit einer Mi⸗ ſchung geiſtiger Rührung und ſinnlicher Luſt. Bedenke, Mädchen, welch' ein langes, freu⸗ denvolles Leben noch vor dir liegt, und du wollteſt es hingeben um leere Meinungen, um Täuſchungen, die in reiferem Alter von ſelbſt verſchwinden werden! Glaube mir, ich bin ein erfahrner Mann und nicht ſo ſchlimm, als deine Glaubensgenoſſen mich ſchildern; ſchon manchen Mann, der ſich ſeines Muths rühmte und nach der Märtyrerkrone geizte, ſah ich erbleichen und die Züge bitterer Reue auf ſeinem Angeſichte, als nun der Augenblick der — — — 201 Buße und Gnade unwiederbringlich verloren war, und er, ſeine Schuld zu bezahlen, den letzten ſauern Gang ging, von dem ihn jetzt keine Rückkehr und keine Fürbitte mehr befreien konnte. Und du biſt nur ein Mädchen, ein ſchwaches Geſchöpf, ein zerbrechliches Gefäß! fügte er gutmüthig warnend hinzu. Wahrlich, mich jammert dein, und ich möchte dich gerne er⸗ retten von dem bittern Tode und dir den Kelch des Leidens erſparen, der deiner wartet.— Sichtbar erbleichte bei dieſen Worten die Jung⸗ frau und ihr Buſen fing ängſtlich an zu wo⸗ gen.— Gehe in dich, Mädchen, rief der Prieſter, als er ihre Beängſtigung wahrnahm, dringender und ergriff zärtlich ihre Hand, gehe in dich und erwäge wohl die Folgen deiner Handlung, ſo lange es noch Zeit iſt. Unſere heilige Kirche iſt eine zärtliche Mutter und wird für dich weit aufthun die Pforten ihrer Barmherzigkeit. Nicht nur für dein ewiges Heil, ſondern auch für dein zeitliches Glück „ſoll geſorgt werden, ſo daß du dein Leben hin⸗ 202 bringen mögeſt in Zufriedenheit und Wohl⸗ ſtand. Vertraue mir, mein Kind, ich ſelbſt will mich deiner annehmen, und es ſoll dir fortan an nichts fehlen, was zur Gemächlich⸗ keit und Luſt des Lebens gehören mag.— Ach, lieber Herr, rief die Jungfrau in furcht⸗ barer Angſt, ich verlange ja nicht nach Wohl⸗ leben und Weltglück, befreiet mich nur aus dieſem Gefängniß, entlaſſet mich ungekränkt zu den Meinigen, ich will euch mit einem theuren Eide verſprechen, keiner Verſammlung. mehr anzuwohnen.— Alſo willſt du deinen Irrthümern feierlich abſagen und in den Schooß der wahren Kirche zurückkehren?— Ach, nein, nein, das habe ich nicht verſprochen, rief das Mädchen in halber Geiſtesverwirrung aus. Aber helft mir doch aus dieſer Angſt und Noth; ich will euch ja ehren und lieben mein Lebenlang.— Lieben willſt du mich? ſprach der Prieſter freundlich und drückte zärtlich die Hand der Jungfrau. Nun freilich, um dieſen Preis kannſt du Alles von mir erlangen. Durch 203 dieſe Liebe zu mir wirſt du nach und nach ſelbſt zur Erkenntniß deiner Irrthümer kommen, und wir wollen deine gänzliche Bekehrung ge⸗ troſt der Zeit überlaſſen. Dieſes Haus ſoll dir von nun an kein Gefängniß mehr, ſondern ein Aufenthalt des Glucks und der Freude ſeyn. — Nein, Nein, rief Margot angſtvoll und riß ſich los, hier bleiben will ich nicht; ich könnte ja nicht leben ohne Antvine— und meine Pflegeltern, ſetzte ſie verſchämt hinzu. — Ach, mein Kind, ſprach mit ſteigender Zärtlich⸗ keit der Abt, du wirſt dich ſchon daran gewöh⸗ nen; wenn du erſt die Bequemlichkeiten und Genüſſe unſeres Lebens verſchmeckt haſt, wirſt du bald deinen Antoine und ſeine Bauer⸗ hütte vergeſſen haben.— Der Prieſter machte Miene, ſie in ſeine Arme zu ziehen; ſie ſtieß ihn mit Abſchen von ſich und rief: Nimmer bleibe ich hier, nimmer vergeſſe ich meinen Antvinez er iſt mein Verlobter, mein Bräu⸗ tigam; ich will nichts von eurem Wohlleben, von euern Genüſſen; geht, Herr, und laßt 204 mich in Ruhe.— Das wird ſich Alles finden, erwiederte der Prieſter lächelnd und warf ei⸗ nen begehrenden Blick auf die Jungfrau, deren Schönheit in der Röthe des Zorns und der Angſt doppelt ſtrahlte; denke an die Wahl, welche du zu treffen haſt, mein Kind, und es wird dir leicht werden, den beſſern Theil zu wählen. Du weißt jetzt, von welchem Werthe dir meine Freundſchaft iſt; du wirſt ſie nicht verſchmähen.— Noch einen durchdringenden. Blick warf der Prieſter auf die Jungfrau, die wechſelsweiſe erroͤthete und erbleichte, und ver⸗ ließ das Zimmer. Das Mädchen warf ſich in frommer Inbrunſt auf die Kniee und fleh⸗ te in ſtillem Gebet den Himmel um Stär⸗ kung an. — 205 In einem wilden Thale der Sevennen, rings von hohen Felſen umgeben, lagerte eine Schaar Camiſarden, die über hundert Mann betragen mochte. Auf allen hohen Punkten, von denen man die Gegend über⸗ ſchauen konnte, erblickte man einzelne Wachen, zur Sicherheit des großen Haufens ausge⸗ ſtellt. An einem überhängenden Felſen im Vordergrunde ſtund Roland vom Gebir⸗ ge, auf eine kurze Kugelbüchſe gelehnt, vor ihm ein hoher ſtarker Mann von etwa drei⸗ ßig Jahren, mit dickem ſchwarzem Bart und dichtgelocktem Haupthaar, ein langes gezoge⸗ nes Rohr nachläßig im rechten Arme haltend, ein kurzes breites Schwert in einem ſchwarz⸗ ledernen Bandelier an der Seite, zwei große Piſtolen im Gürtel; er trug weite Matro⸗ ſenhoſen von grauer Leinwand und eine blaue Jacke; ein breitrandiger Hut, den eine hohe rothe Feder zierte, beſchattete ſeine kräftigen Züge und die blitzenden Augen, aus denen „ein wildes Feuer ſtrahlte, das den kühnen, ja 206 unbändigen Muth des coloſſalen Mannes zu verkündigen ſchien; hätte man ihm Achilbs eherne Rüſtung oder Tankred's ritterliche Waffen angelegt, ſo wäre er eines Herven der Ilias oder eines jener Helden der Krenzfahrer nicht unwürdig erſchienen.— Wie ſtark waren die Truppen des Königs, Hoder vielmehr die Schergen des Paters La⸗ chaiſe? fragte Roland, indem er die kräfti⸗ ge Geſtalt, die vor ihm ſtund, mit Wohlge⸗ fallen betrachtete.— Wenigſtens ſechshundert Mann, antwortete die tiefe Baßſtimme des Gefragten.— Da freilich mußtet Ihr Ferſen⸗* geld geben, Freund Catinat, ſ ſprach R land lächelnd.— Ferſengeld? wiederholte Catinat. Wir haben ihnen erſt das Weißs im Buge gezeigt, wie tapfere Männer thun,. und uns dann zurückgezogen, wie kluge Leute. vor zu großer Uebermacht pflegen. Sie wa ren vernünftig genug, uns nicht ßu weit zu verfolgen, denn ſie haben die Kugeln aus un⸗ 1 ſern Büchſen ſchon mehr gekoſtet. Nachdem . 207 — ich mich auf einem Felſen aufgeſtellt hatte, die Höhen des Gebirgs im Rücken, blieben ſie weislich zurück.— Wie viel Mann verlo⸗ ren?— Zwei Todte, die liegen geblieben ſind, und vier Verwundete, die wir mit uns ge⸗ führt haben. Dieſe Gliedermänner in ihren bunten Jacken ſchießen wie alte Weiber und keuchen die Felſen herauf, als ob ſie keinen Athem in der Bruſt hätten.— Ein ſcharfer Blick, eine ſichere Hand, ein feſter Tritt und ein muthiges Herz ſind Vortheile im Gebirgs⸗ kriege, die weder durch Zahl noch Tactik auf⸗ gewogen werden. Wir werden, hoffe ich, dieſen Paradeſoldaten noch genug zu ſchaffen machen, erwiederte mit Selbſtvertrauen der Anführer. Wie hoch ſchätzt Ihr den Verluſt des Feindes, fügte er fragend hinzu?— Wir haben unſer Pulver geſpart. Wenn ich aber verechne, daß nicht leicht einer unſerer Schüſſe verloren geht, ſo mögen wir wohl vierzig bis fünfzig Philiſter ins Gras geſtreckt haben.— Die Lection iſt hinreichend, und ſie werden 7 208 „ ſich dießmal nicht bis in unſer Revier verir⸗ ren. Haben ſie viele von den Thalleuten ge⸗ fangen weggeführt?— Das weiß ich nicht ge⸗ nau; die wehrloſe Heerde iſt auseinander ge⸗ ſtoben, wie Spreu vor dem Winde; ſie wer⸗ den wohl aufgeleſen haben, was ſie konnten⸗ Hätte ich nur etwa hundert muntere Purſche, halbwegs bewaffnet, gehabt, ſo würde ich mit dieſen Schergen des Pabſtes und ſeiner Pfaffen ein anderes Wort geſprochen haben.— Noth und Verzweiflung allein vermögen dieſes Volk in Waffen zu bringen, ſprach Roland halb für ſich und wie in Gedanken verloren.— Und wollen Sie nichts zur Rettung dieſer Un⸗ glücklichen thun, fragte Martignac, der auf der linken Seite des Anführers ſtund?— Das wird ſich finden, junger Freund, erwiederte dieſer kurz. Verloren iſt, wer ſich nicht ſelbſt zu retten weiß, fügte er nach einer Pauſe, wie in tiefem Nachdenken, hinzu. Halt, wer da? rief plötzlich eine Wache, die auf einem nahen Vorſprung ſtund. Wie 209 ein Blitz fuhren die Lagernden vom Boden auf und lehnten ſich erwartungsvoll, aber ru⸗ hig, auf ihre Waffen. Unbeweglich ſtunden die Fuhrer und blickten mit der kalten Ruhe geübter Hauptleute nach dem Punkt, von dem der Anruf gekommen war.— Alles wohl! rief die Wache, gegen den Haufen umgewen⸗ det, und zog das angeſchlagene Gewehr zu⸗ rück. Lautlos, wie ſie ſich erhoben hatte, la⸗ gerte ſich die Truppe wieder. Die Geſtalt eines Mannes zeigte ſich, der pfeilſchnell den. Felſen heraufflog.— Du ſcheinſt Eile zu ha⸗ ben, Antoine, rief ihm Catinat lachend entgegen. Philiſter über dir, Simſon? fügte er in komiſchem Tone fragend hinzu.— Ret⸗ tet, helft, rief Antoine athemlos aus, ſie ſind gefangen und nach Pont de Montvert geführt.— Wir wiſſen es bereits, erwiederte Roland mit Ruhe.— Auch Margot und Chretien ſind gefangen und in die Höhle des prieſterlichen Tigers gebracht.— Auch Benjamin Brouſſon und viele andere 2¹0 unſerer Glaubensgenoſſen, fügte Roland faſt gleichgültig hinzu; wir wiſſen Alles.— Und Ihr ſteht da, unthätig, und Ihr eilt nicht, zu helfen und zu retten!— Es iſt nicht das er⸗ ſtemal, antwortete Roland mit Ruhe, daß die Verſammlungen der Gläubigen überfallen und unſere Brüder in Ketten geworfen wor⸗ den ſind.— Aber ſie ſind verloren, wenn ſie nicht gerettet werden; Ihr kennt ja die blut⸗ dürſtigen Geſetze dieſer unerbittlichen Prieſter. — So rette ſie.— Ich, Hauptmann, ohne cure Hülfe, ich allein mit dieſen beiden Ar⸗ men?— Suche dir Helfer, verdopple, ver⸗ dreifache, verhundertfache die rettenden Arme. — Helfer? Wo ſoll ich ſie finden in dieſer Noth, in dieſer Angſt, in dieſer Eiles— Sind nicht Hunderte mit dir in gleicher Lage? Haben nicht Hunderte ihre nächſten Angehö⸗ rigen zu retten oder zu rächen? Sammle ſie um dich, wage den Verſuch, ſiege oder ſterbe!— Wie gerne würde ich mein Le⸗ ben hingeben für das meiner Lieben; ich achte —— — 211 es für nichts; aber jede Minute Verzug bringt den Gefangenen Gefahr, ja den Tod. Unſere Glaubensgenoſſen ſind zerſtreut, niedergeſchla⸗ gen; wie ſoll ich in ſolcher Eile ihrer eine hin⸗ reichende Zahl zuſammbringen.— Liebe, Angſt, Verzweiflung haben Flügel. Du wrillſt die Deinigen retten, du mußt ſie retten— gebe keinem andern Gedanken Raum, und du wirſt ſie retten.— Wie ſoll ich, wie kann ich in ſo kurzer Zeit, als zu ihrer Rettung erforderlich iſt, die nöthige Mannſchaft zuſammen bringen? — Verſuche es. Kannſt du zehn gewinnen, dieſe zehn gewinnen hundert andere. Einen Tag und eine Nacht wirſt du Zeit haben; in vier und zwanzig Stunden kann ein entſchloſ⸗ ſener Mann viel ausrichten. Deine Angſt hat dich mit Windeseile hieher getrieben; eile eben ſo ſchnell mit dem Muthe der Verzweiflung von dannen, und wenn die Sonne zum zwei⸗ tenmal aufgegangen iſt, wird ſie dich als Sie⸗ ger oder ehrenvoll Beſiegten erblicken.— Aber wo Waffen nehmen, um dieſe Hunderte, wenn ich ſie aufbringe, zu bewaffnen?— Waffen? Jedes Werkzeng des Todes iſt eine Waffe in der Hand tapferer Männer. Gehe hin und ſuche muthige Herzen auf; die Hände werden Waffen finden. Das Werkzeug, das Je⸗ der am beſten zu führen weiß, ergreife er. Wun⸗ den und Tod werden von kühnen Armen ausge⸗ theilt, nicht von der Schärfe des Schwerts.— Aber, Hauptmann, Ihr habt hier einen ſchlag⸗ fertigen Haufen, der hinreicht zur ſchnellen Befreiung der Gefangenen. Warum wollt ihr nicht mit eurer Schaar zur Hilfe und Ret⸗ tung eilen?— Iſt etwa einer der Meinigen gefangen? fragte mit ſtolzem Tone der Haupt⸗ mann.— Nein! Eure Leute haben ſich durch⸗ geſchlagen mit den Waffen in der Hand, aber ..„Durchgeſchlagen mit den Waffen in der Hand! rief faſt ſpottend der Hauptmann aus. Nun ſo nehmt euch auch Waffen und ſchlagt euch durch; ihr ſeht jetzt, wozu die Waffen gut ſind.— O, Gott, rief Antvine, halb wehmüthig halb entrüſtet, aus, ich komme hie⸗ 21¹3 her, Hülfe ſuchend, Hülfe erwartend von dem Einzigen, der ſie leiſten könnte— und gehe hülflos von dannen! Du weißt es, o Herr, daß ich mein Leben für nichts achte, wenn es die Rettung gilt deiner Gläubigen; ich will das Letzte verſuchen; ich will ſie retten oder mit ihnen umkommen.— Ich kenne euch nicht mehr, Roland, rief Martignae in bitterem Unmuth aus. Wie könnt ihr einen Glaubensgenoſſen, ein Mitglied des Bundes, alſo troſtlos entlaſſen, da es in eurer Hand ſteht, ihm Hülfe und Rettung zu bringen? — Meint ihr, erwiederte mit leiſem Spotte der Hauptmann. Hülfe und Rettung muß der Mann im eigenen Arme finden. Wer ſich nicht ſelbſt zu retten vermag, ſey verloren.— Antvine warf einen bittern Blick auf Roland und wendete ſich, zu gehen.— Halt! rief ihm Martignac zu; ich theile dein Lvos. Wer von euch, wendete er ſich an die Camiſarden, welche ſich um die handelnde Gruppe gedrängt hatten⸗ will uns folgen?— Ein freundlich 214 entſprechendes Lächeln uberflog die meiſten Ge⸗ ſichter der Schaar, aber unbeweglich blieben die Aufgeforderten auf ihre Waffen gelehnt und harrten des Winks ihres Führers.— Recht ſo, Knabe, ſpottete der Hauptmann, erſt handelſt du ſelbſt gegen den ſchuldigen Ge⸗ horſam und dann willſt du auch die Andern ihrer Pflicht ungetren machen! Erfüllſt du ſo den Eid, den du geſchworen haſt?— Ich thne, erwiederte ſtolz der Jüngling, was Pflicht und Menſchlichkeit mir gebieten.— Pflichten der Menſchlichkeit! das ſind die großen Worte, mit denen die freche Ingend ſpielt. Pflichten, beſtimmte Pflichten, haſt du erſt vor wenigen Tagen gegen mich, deinen An⸗ führer, übernommen, und heute ſchon willſt du ſie brechen im Namen der Menſchlichkeit. Lerne, Jüngling, von dieſen geprüften Män⸗ nern deinem Anführer vertrauen und ihm ge⸗ horchen, wie ſehr auch die Selbſtſucht in dei⸗ nem Innern, welche du Pflicht der Menſch⸗ lichkeit nennſt, dem Gebote widerſtreben mag. 215 Du ſiehſt aus ihren Augen die Begierde leuch⸗ ten, ihren Glaubensbrüdern zu Hülfe zu flie⸗ gen, aber ſie bezähmen den eigenen Willen, weil ſie wiſſen, daß zum Heil des Ganzen die Glieder unterthan ſeyn müſſen dem Haup⸗ te.— Beſchämt und unentſchloſſen, blickte der Jüngling ſchweigend zu Boden.— Und du, Antoine, fuhr der Hauptmann zu dieſem gewendet fort, mißtrauſt du ſo leicht Jahre lang erprobter Freundſchaft? Zur Rettung der Gläubigen, ſagſt du, ſeyſt du jeden Augen⸗ blick bereit, dein Leben zu wagen. Du wirſſt den Mantel des Glaubens um, deine Selbſt⸗ ſucht damit zu bedecken. Nicht die Gläubigen willſt du retten, ſondern die Deinigen— deine Geliebte, deinen Bruder. Ja, der Menſch iſt ein träges Thier; man muß ihn mit Hun⸗ den hetzen und Feuer werfen in ſeinen Bau, um ihn aufzujagen. Hülfe begehrt ihr von mir? Ich könnte helfen, aber ich will nicht; denn jetzt iſt der Augenblick da, der euch aus S Schlafſucht aufrütteln wird, oder er kommt nimmermehr. Ihr ſeht, wozu Waffen denen dienen, welche ſie zu führen wiſſen. Auf, eilt zu Verwandten, Freunden und Be⸗ kannten, ruht nicht, raſtet nicht, mahlt ihnen die Leiden, die ihrer Angehörigen warten, mit den glühendſten Farben, entflammt ihren Zorn bis zur Wuth, laßt ſie das nächſte, beſte Werkzeug ergreifen; zieht von Ort zu Ort„vergrößert euren Haufen; ſeyd ihr fünfzig, ſo werden euch Hunderte zulaufen; mit der Zahl wächſt das Vertrauen, mit dem Vertrauen die Helfer. Ich werde mit meiner Schaar euch langſam nachrücken; aber nur dann werde ich euch helfen, wenn ich ſehe, daß ihr durch eigene Kraft der Hülfe würdig ſeyd. Einige meiner Leute mögen euch gleich folgen, um mit euch die rettende Schaar auf die Beine zu brin⸗ gen. Fort, vertraut auf euch ſelbſt, ſo wird euch der Himmel nicht verlaſſen.— Antoine und Martignac wollten ſprechen; der Hauptmann winkte ihnen gebietend Stillſchwei⸗ gen zu, und ſie eilten mit Windesſchnelle da⸗ 217 von. Damien folgte ihnen, auf Rolands Wink, mit einem Dutzend Bewaffneter. Catinat lächelte zufrieden. Roland blickte den Enteilenden lange ſchweigend nach; dann ſprach er, wie zu ſich felbſt: Wie ſchwer iſt es doch, dieſe träge Maſſe in Bewegung zu ſetzen! Schwachheit und Selbſtſucht ſind das Gängelband, an dem man auch die Beſſern unter ihnen führen muß. Das Licht einiger Pechfackeln warf einen ungewiſſen und düſtern Schein über den Schloßhof von Pont de Montvert. Auf einer Eſtrade, unten an der großen Treppe, ſtund ein mit ſchwarzem Tuche behängter Tiſch, der mit vier ſilbernen Armleuchtern beſetzt war. Ringsumher, im Hintergrunde, blitzten die Gewehre Bewaffneter, in deren Mitte etwa hundert Gefangene, beiderlei Geſchlechts und jeden Alters, ſtunden.— Du dauerſt mich, Knabe, ſprach ein wachhabender rugoner zu Der Camiſarde. I. 218 einem jungen Menſchen von kleiner Geſtalt, der vor ihm ſtund. Du biſt noch jung; du kannſt widerrufen, und man wird dir kein Haar krümmen.— Langſam blickte der Jüng⸗ ling auf und ſchüttelte ſchweigend das Haupt. — Ja, du haſt Recht, Baptiſte, das junge Blut zu bedauern, ſprach ein daneben ſtehender Grenadier; ich pflege immer den Mann nach ſeinem Muthe zu ſchätzen, und wahrlich, die⸗ ſer Knabe, ſo ſchwach er ſcheint, hat mir für zwei zu ſchaffen gemacht; als er ſchon am Boden lag, wollte er mir den Dolch noch zwi⸗ ſchen die Rippen ſtoßen. Darum habe ich ihn auch lieb gewonnen, wie es einem bra⸗ ven Soldaten ziemt. Ergib dich doch, lieber Junge, ich bitte dich inſtändig bei allen Hei⸗ ligen und bei dem großen Conde„laſſe die Narrenpoſſen fahren; was geht uns der Pabſt und der Teufel oder Luther, wie ſie ihn hei⸗ ßen, an? Wirf doch das Gebetbuch zu al⸗ len Teufeln, greife nach Säbel und Flinte und werde ein wackerer Soldat. Zu meiner Compagnie ſollſt du kommen; du ſollſt gehal⸗ 2¹9 ten werden wie ein Prinz, und wer dich nur ſcheel anſieht, der hat es mit mir zu thun, ſo wahr ich Feldwebel bin.— Der Angeredete ſchwieg, aber ein Lächeln, das Beifall oder ge⸗ ſchmeichelte Eigenliebe ausdrücken konnte, flog über ſein Geſicht.— Ja, beim Henker, wa⸗ ckerer Junge, fiel der Wachtmeiſter Bapti⸗ ſte ermunternd ein, hier kannſt du in Got⸗ tes Naimnen Ja ſagen zu Allem, was dich die Pfaffen fragen werden, und wenn du einmal beim Regiment biſt, kannſt du doch glauben, was du willſt, denn dort kümmert ſich kein Teufel um deinen Catechismus. Und ſieh, wenn du nicht zur Infanterie willſt, kannſt du zur Cavallerie kommen, zum Exempel zu uns Dragonern, denn zum Grenadier biſt du doch zu klein.— Wird ſchon wachſen, Bruder Dragoner, entgegnete unwillig der Feldwebel, und bei einem wackern Kerl ſieht man nicht auf einige Zoll; das kann man der Grena⸗ diermütze beilegen; und überhaupt, das muß ich mir verbitten, daß man„ einen tüchti⸗ 220 gen Rekruten wegzuſchnappen ſucht.— Rur nicht ſo unwirſch, Herr Collega, erwiederte der Wachtmeiſter, man wird doch auch ein Wort reden dürfen; ich habe ja dem guten Freunde nur die Wahl gelaſſen, und er kann immer noch thun, was er will. Das Herz lacht mir immer im Leibe, wenn ich von einem wackern Purſchen höre, denn man hat ohnedieß immer mehr Memmen bei der Compagnie, als einem ehrlichen Kerl lieb iſt.— Ja, das weiß Gott, klagte der Feldwebel; iſt nicht die Hand⸗ voll Galgenſchwengel da oben im Gebirge mitten durch unſere Compagnie gebrochen und hat ſie auseinander geſprengt, als vb es Sei⸗ fenblaſen wären? Habe ich nicht geſchrieen und getobt, wie ein Beſeſſener: Feuer, haltet Stand, rückt den Hunden auf den Leib! Alles umſonſt. Ein Paar tüchtige Purſche, die an⸗ beißen wollten, hatten im Nu den Reſt unter den breiten Klingen der Spitzbuben, und der übrige Janhagel nahm Reißaus. Hätte ich doch in meinem Leben nicht geglaubt, daß ſol⸗ 10 21 ches Lumpengeſindel ſo fechten könnte. Die Kerls ſehen ja aus wie Waldteufel und ha⸗ ben nur ungegerbtes Leder an den Füßen; aber ihre Büchſen treffen auf ein Haar, und den Kolben und das Schwert führen ſie, daß es eine Luſt iſt.— Nur nicht für den, auf dem ſie beide tanzen laſſen, fiel der Wacht⸗ meiſter lachend ein. Ja, Bruder Feldwebel, ihr werdet ſchon noch beſſere Bekanntſchaft mit ihnen machen; und wemn ihr ihnen mit fünf⸗ zig Mann auf den Leib rückt, und ſie haben nur zehn, ſo rathe ich euch auf den Rückzug zu denken.— Ho, Ho, Herr Dragoner, ſo arg wird es doch nicht ſeyn. Wißt ihr, daß wir unter die beſten Grenadiermützen von Frank⸗ reich gehören?— Die Kugeln der Cami⸗ ſarden kümmern ſich den Teufel um eure Grenadiermützen; ſie verſchießen nicht viel Pul⸗ ver umſonſt.— Ja, beim Henker, das haben wir bei der erſten Probe gefunden; jede Ku⸗ gel, welche die Schurken uns zuſchickten, faſſte richtig ihren Mann; ich glaube nicht, daß 2 ein Dutzend ihrer Schüſſe verloren ging, wäh⸗ rend unſere Hundsfötter mit geſchloſſenen Au⸗ gen in die Luft pufften. Wahrheit muß man ſagen und ſelbſt den Feind loben, wenn er es verdient; und im Grunde ſind die wackern Purſche ja auch Franzoſen, ſo gut als wir, wenn ſie gleich an den Pabſt in Rom nicht glauben wollen. Aber ſagt mir doch, Herr Bruder, warum nennt man ſie denn Cami⸗ ſarden?— Da kann ich euch dienen, Herr Collega. Der Name kommt von den weißen Hemden, welche ſie auf ihren Streifzü⸗ gen über ihre Kleider zu werfen pflegen, und die in der Landesſprache camise heißen.— Aber die Kerls, mit denen wir zu thun hat⸗ ten, erwiederte der Feldwebel, trugen ja kei⸗ ne ſolcher Hemden über ihrer Kleidung?— Das waren lauter Bergbewohner, die Geſicht und Geſtalt offen zeigen, weil ſie in ewiger Fehde mit uns leben und nach jedem Zuge ſich wieder in die Felſen und Höhlen zurück⸗ ziehen. Nur die Bewohner der niederen Ber⸗ 23 ge oder die Thalleute pflegen ihr Geſicht zu ſchwärzen und weiße Hemden überzuwerfen, um ſich dadurch unkenntlich zu machen, weil ſie nach jedem Zuge wieder in ihre Wohnun⸗ gen zurückkehren.— Warum nimmt man denn das Neſt in den Gebirgen nicht aus, um die ganze Rotte auf einmal zu vertilgen?— Ver⸗ ſucht es einmal, Camerad, wenn euch der Kitzel ſo ſticht. Sie werden euch Wochen lang hetzen, daß ihr nimmer auf den Beinen ſtehen könnt, und wenn ihr ſie endlich findet, ſo wird es an einem Orte ſeyn, von dem ihr euch in kurzer Zeit Meilen weit wegwünſchen werdet. Aber ſtill, da kommt der Pfaffz jetzt werden die armen Teufel ins Eramen kom⸗ men, daß ihnen alle Rippen knacken. Wenn's nicht ums liebe Brod wäre, das nicht zu ver⸗ achten iſt, ſo müßte ſich ein ehrlicher Soldat ſchämen, daß er ſich zum Henkersknecht dieſer verfluchten Kaputzen hergeben muß. Knabe, ſprach der Soldat nochmals gutmüthig zu dem neben ihm ſtehenden Jüngling, bedenke 224 guten Rath und handle vernünftig. Weiß Gott, du dauerſt mich, du junges Blut.— Vernünftig werde ich handeln, erwiederte der Jüngling zweideutig und drückte verſichernd die Hand eines neben ihm ſtehenden langen hageren Mannes, welcher dem Geſpräche der Beiden mitleidig lächelnd zugehört hatte. Der Abt, mit allen Zeichen ſeiner Würde bekleidet, trat in abgemeſſenen Schritten aus dem Portal und nahm Platz oben an der Ta⸗ fel; zu ſeinen beiden Seiten ließen ſich zwei beigeordnete Miſſionäre nieder; unter dieſe ſetzte ſich ein Mönch, der Sekretärsdienſte ver⸗ richtete und ſeine Akten entfaltete. Tiefes Schweigen lag auf der ganzen Verſammlung, nur von dem Kniſtern der Pechfackeln unter⸗ brochen, die ihr trauriges Licht auf die laut⸗ loſe Menge warfen. Nach einer ſchauerlichen Pauſe erhob ſich der Sekretär und rief mit vernehmlicher Stimme: Wer von den hier zu⸗ gegen ſtehenden Irrgläubigen und Ketzern, welche der durch die Kirchengeſetze und könig⸗ 22⁵5 lichen Verordnungen verpönten Verſammlung auf dem ſogenannten Prophetenfelde beige⸗ wohnt haben und daſelbſt auf friſcher That ertappt und in die Gefängniſſe dieſes Schloſ⸗ ſes Pont de Montvert gebracht worden ſind, die Irrthümer und Ketzereien, welche er ge⸗ gen unſere heilige und alleinſeligmachende römiſch apoſtoliſche Kirche begangen, freiwillig abzuſchwören gedenkt, der trete herbei und bringe die Gründe vor, welche ihn der Ver⸗ zeihung oder Milderung ſeiner Strafe des zur Gnade und Barmherzigkeit ſtets geneigten heiligen Richteramts würdig machen!— Kein Laut ließ ſich vernehmen, und nur tiefere Athemzüge aus mancher angſtvollen Bruſt zeigten an, daß noch Leben in der Verſamm⸗ lung ſey. Zum zweiten und dritten Mal wie⸗ derholte der Sekretär mit lauter feierlicher Stimme den nämlichen Aufruf ohne andern Erfolg. Eine kurze Berathung mit flüſternder Stimme fand unter den Richtern ſtatt, und äuf einen Wink des Präſidenten erhob ſich 26 der Sekretär abermals und verkündete laut: „Da keiner der hier zugegen ſtehenden Irr⸗ gläubigen und Ketzer dem allgemeinen Auf⸗ ruf zur Reue und Buße und freiwilliger Rück⸗ kehr in den Schvos der alleinſeligmachenden Kirche entſprochen hat, ſondern vielmehr Alle und jeder derſelben in ihrer Verblendung und ihrem Unglauben beharren zu wollen ſcheinen, alſo hat ein heiliges Richteramt beſchloſſen, gegen Alle und jeden Einzelnen das förmliche Verfahren einzuleiten und ſomit zum nament⸗ lichen Aufruf ſchreiten zu laſſen.“— Der Sekretär ſetzte ſich wieder, blätterte in den Akten und rief dann mit lauter Stimme: Chretien Perier, Sohn des Jean Perier, aus dem Dorfe Vauvert im Thale la Vaunage!— Der oben er⸗ wähnte Jüngling ſetzte ſich in Bewegung und ſchritt langſam, doch feſten Schrittes, der Eſtra⸗ de zu.— Armer Junge, kommſt du zuerſt zum Tanz, rief ihm der Wachtmeiſter, der ihn bei dem allgemeinen Aufruf vergeblich 227 leiſe angeſtoßen hatte, mitleidig nach; aber noch iſt es Zeit; bedenke wohl, was du thuſt. — Mit Gott, mein Sohn, ſprach zu gleicher Zeit Benjamin Brouſſon, der neben dem Jüngling ſtund, zu dem Weggehenden, und zeuge getroſt für deinen Glauben.— Alter Narr, ſiel der Feldwebel unwillig ein, was faſelſt du! Sein Zeugniß kann ihn den Kopf koſten oder ihm wenigſtens die Galeeren ein⸗ tragen.— Selig ſind, die da ſterben in dem Herrn! erwiederte mit ruhiger Würde der Geiſtliche. Muthig ſchritt der Jüngling der Eſtrade zu und ſtellte ſich, auf einen Wink des Se⸗ kretärs, unten an den Tiſch. Nach den üb⸗ lichen Eingangsfragen, die er mit Feſtigkeit beantwortete, fuhr der Sekretär zu fragen fort: Habt ihr der Verſammlung der ſich ſo nennenden Gläubigen auf dem ſogenannten Prophetenfelde angewohnt?— Ja!— Habt ihr ſolches freiwillig und aus eigenem Antrie⸗ be'gethan, oder ſeyd ihr etwa dazu überredet 228 oder gar gezwungen worden?— Rein! ich that es freiwillig und aus eigener innerer Ue⸗ berzeugung.— Kennt ihr die geiſtlichen und weltlichen Verbote, welche dieſe Verſammlungen der ſich ſo nennenden Gläubigen verbieten und verpönen?— Ja, ich kenne ſie.— Ihr habt ſie alſo wiſſentlich und wohlbedächtlich über⸗ treten?— Ja, denn ich erkenne keinen Rich⸗ ter über meinen Glauben und mein Gewiſſen. — Sind euch die Strafen bekannt, welche die gedachten Verordnungen und Verbote den⸗ jenigen androhen, welche ihnen zuwider han⸗ deln?— Ich kenne ſie.— Ihr erkennt alſo ſelbſt an, daß ihr euch der angedrohten Strafen ſchuldig gemacht, indem ihr die dießfalſigen Verordnungen und Verbote freiwillig und mit Vorbedacht übertreten habt?— Ich bin der Obrigkeit un erthan in weltlichen Dingen, in geiſtlichen aber erkenne ich nur das Wort Gottes an, welches der Herr in den Büch⸗ ern der heiligen Schrift niedergelegt hat.— Kennt ihr einen oder etliche derjenigen Irr⸗ ————— —.—— 229 glänbigen und Ketzer, welche der gedachten Verſammlung auf dem ſogenannten Prophe⸗ tenfelde angewohnt haben und unter den hier eingebrachten Gefangenen nicht begriffen ſind? — Nach einigem Bedenken erwiederte der Jüngling mit feſter Stimme ein lautes: Ja! — Nennet dieſelben dem heiligen Richteramte. — Dazu fühle ich mich nicht verpflichtet.— Da dem heiligen Richteramte daran liegen muß, die Schuldhaften zur verdienten Strafe zu bringen, ſo werdet ihr nochmals aufgefor⸗ dert, die Namen derjenigen, ſo euch bewußt ſind, getreulich und ohne Rückhalt anzugeben. — Eben deßwegen verſchweige ich ſie, um ſie nicht in gleiches Unglück zu bringen.— Wißt ihr, daß dieſes heilige Richteramt die Gewalt und Befugniß hat, euch die Namen der euch, wie ihr ſelbſt geſteht, bewußten Perſonen mittelſt der peinlichen Frage zu ent⸗ reißen?— Ich weiß, daß ich wehrlos in eurer Gewalt bin, aber der Herr hat jedes Haär gezählt auf meinem Haupte.— Be⸗ 230 harrt ihr bei dieſer Antwort, ich warne euch nochmals.— Ich beharre feſt und ewig.— Tragt ihr nicht Leid und Reue über euern Abfall vom wahren Glauben der alleinſelig⸗ machenden römiſch-apoſtoliſchen Kirche, und ſeyd ihr nicht geſinnt und gewillet, aufrich⸗ tig und reumüthig in ihren Schvos zurückzu⸗ kehren?— Nein, ſo wahr ich meinen Glau— ben für den wahren halte, rief der Jüngling mit einer Stimme aus, die kräftig über die ganze Verſammlung hin tönte.— Von dem äußerſten Ende her erwiederte eine ſtarke Stimme: Gelobt ſey der Herr in der Höhe! du haſt wohl gezengt, mein Sohn, vor der Gemeinde!— Gerührt ſah der Jüngling rückwärts und erblickte den geliebten Lehrer ſeiner Jugend, wie er dankend die Hände gen Himmel erhob.— Stille da! rief der Sekretär laut, hier hat niemand zu ſprechen, als wer gefragt wird. Die Wache thue ihre Schuldigkeit! —.———— 231 Nach einander wurden nun die Einzelnen mit Namen aufgerufen und ungefähr in glei⸗ cher Weiſe verhört. Die Antworten waren mehr oder minder beſtimmt oder ausweichend, je nach der Feſtigkeit und Schwäche des In⸗ dividuums, das verhört wurde. Darin je⸗ doch blieben ſich Alle gleich, daß Keiner einen der noch unbekannten Theilnehmer an der Verſammlung der Gläubigen mit Namen nannte, oder ſich zum Abfall von ſeinem Glauben wil⸗ lig zeigte. Nachdem etliche zwanzig Perſonen mit gleich ſchlechtem Erfolge vernommen wa⸗ ren, wendete ſich einer der geiſtlichen Beiſitzer des Gerichts mit den Worten an den Prä⸗ ſidenten deſſelben: Permittas, quaeso, reveren- dissime Pomine, in terlocutionem separatam sancti hujus officii in salutem sanctae nostrae ecclesiae, quam puto compromissa.— Der Abt blickte den Opponenten ſcharf an, beſann ſich einige Augenblicke und neigte dann bewil⸗ ligend das Haupt mit den Worten: Consen- tib, mi frater!— 232 Das geiſtliche Gericht erhob ſich und trat in ein Seitenzimmer des untern Stocks.— Ich habe bereits, begann hier der Opponent, vor Eröffnung dieſes Gerichts meine Einwen⸗ dung gegen das öffentliche und ſummariſche Verfahren deſſelben gemacht, welches allen bis⸗ her befolgten Regeln widerſtreitet. Der Er⸗ folg ſcheint meine Oppoſition zu rechtfertigen. Weder dem allgemeinen Aufruf hat irgend ei⸗ ner der Inquiſiten entſprochen, noch hat ir⸗ gend einer der bis jetzt Verhörten in einem Hauptpunkt die erwartete Nachgiebigkeit be⸗ wieſen. Ihr wißt ſelbſt, hochwürdiger Herr, daß im einzelnen und geheimen Verhör der Erfolg immer anders und verhältnißmäßig ungleich beſſer war. Die Anweſenheit einer großen Anzahl ſeiner Glaubensgenoſſen, wel⸗ che ſeine Auſſagen hören und gleichſam contro⸗ liren, beſtärkt einerſeits den Inquiſiten in ſeiner Hartnäckigkeit und ermuthigt ihn, in ſeinem Irrglauben zu beharren, indem ihm dieſe Beharrlichkeit eine Art öffentlichen Tri⸗ ——,— 233 umphs verſchafft, und auf der andern Seite bindet ſie das Richteramt, das allzuviele Zeu⸗ gen hat, zu ſehr an die vorgeſchriebenen For⸗ men und hindert es die Macht der Ueberredung gehörig anzuwenden. Mein unmaßgeblicher Vorſchlag wäre demnach, zur alten Norm des einzelnen und geheimen Verhörs zurückzukeh⸗ ren, da dieſe neueſte Erfahrung deſſen Vor⸗ züge vor dem öffentlichen und ſummariſchen Verhör bewieſen zu haben ſcheint. Im übrigen unterwerfe ich mich in Allem der beſſern Ein⸗ ſicht und den triftigeren Gründen, welche viel⸗ leicht meinen Herren Collegen wider dieſe meine Anſicht vorzubringen gefallen wird. Dixi.— Nachdem der Redner mit einer Verbeugung gegen den Abt und ſeinen Collegen ge⸗ ſchloſſen hatte, ſah der erſtere den letzteren ſcharf an und ſchien ſeine Aeußerung über den gemachten Vortrag zu erwarten. Dieſer, in ſichtbarer Verlegenheit, ſuchte ſich zu ſam⸗ meln, machte eine Verbeugung gegen den „Abt, räuſperte ſich, verbengte ſich gegen ſeinen 234 Collegen, begann ſtotternd, horte auf, ſtot⸗ terte wieder, und brachte endlich nach langer Mühe folgende Worte zum Vorſchein: Aller⸗ dings ſehr ſchätzbar und beſonders berückſich⸗ tigenswerth iſt jede der nicht genug zu ſchätzen⸗ den Anſichten meiner beiden wertheſten Herren Collegen ich meine, eine jegliche im Einzelnen.. da aber. da jedoch die Meinung meines wertheſten Herrn Collegen, welcher...., welcher nicht Prä⸗ ſident.„dieſes. dieſes heiligen Gerichts iſt, dem alten.. alten Her⸗ kommen gemäß iſt, welches..... welches nicht genug zu beachten, ſo.. ſo con⸗ formire ich mich mit demſelben, indem ich zwar„zwar den hohen Ein- und An⸗ ſichten des höchſt venerirten Herrn Präſiden⸗ ten alle„gebührende und.. erdenkliche Gerechtigkeit, als welche ſie be⸗ ſtens verdienen, widerfahren laſſe. Dix... Dixi.— Der Abt wendete ſich unwillig ab und murmslte vor ſich hin: Altes Herkommen, ——— 235⁵ alter Dummkopf! Können denn nicht drei in ei⸗ nem Collegium ſitzen, ohne daß ein Eſel da⸗ bei iſt!— Der höchſt venerirliche Herr Prä⸗ ſident, ſtotterte der Verlegene, ſcheinen.. ſcheinen gegen mein unmaßgebliches Votum ei⸗ nige Einwendungen vor. vorbringen zu wollen, welche ich im Voraus, bei der hohen, mir bekannten Erleuchtung.. Nicht doch, wertheſter Herr Collega, ſiel der Abt mit leichtem Spott ein, ich ſagte nur, daß mich ihre Gründe vom alten Herkommen vollkom⸗ men überzeugt und beſiegt haben.— Sehr ſchmeichelhaft, lächelte der Getröſtete, daß derv hohe Einſichten.— Meine Herrn Collegen, begann der Abt, als ich von dem ublichen Verfahren abging, that ich es, wie Sie ſich ſelbſt denken können, nicht ohne Grund. Die Bemerkung des Herrn Oppo⸗ nenten, daß durch die Oeffentlichkeit des Ver⸗ hörs die Hartnäckigkeit der Irrgläubigen ver⸗ ſtärkt werde, indem die Anweſenheit Aller den „Einzelnen ermuntert, auf ſeinem Unglauben 236 zu beharren, indem er ſich theils ſcheut, einen öffentlichen Abfall zu begehen, theils in ſeiner Beharrlichkeit eine Art Triumph findet, iſt vollkommen richtig. Eben ſo unläugbar iſt es, wie ich ſelbſt weiß, daß durch das einzelne und geheime Verfahren mehrere dieſer Ketzer bekehrt und in den Schvos der alleinſeligma⸗ chenden Kirche zurückgeführt werden könnten. So wünſchenswerth dieſe Bekehrung und Rück⸗ kehr einzelner irrgläubigen Individuen zum wahren Glauben an und für ſich iſt, ſo ſind doch Fälle denkbar, wo ſie dem wahren und wohlverſtandenen Intereſſe unſerer heiligen Kirche zum Nachtheil gereichen kann und dem⸗ nach höhern Rückſichten untergeordnet wer⸗ den muß. Ein ſolcher Fall iſt nun in dieſem Augenblicke eingetreten: Sie wiſſen, meine Herren, daß der König, obwohl Se. Maje⸗ ſtät ein getreuer und gehorſamer Sohn der heiligen Kirche iſt, doch bisweilen Anfälle von Zweifeln hat, welche ihn zur Milde gegen die Irrgläubigen und Ketzer geneigt machen; ——— 237 eben ſo bekannt iſt es Ihnen, daß der Un⸗ glaube in dieſer Provinz, bei ſeiner ſo hoch geſtiegenen Frechheit, nur durch Maßregeln der äuſſerſten Strenge ausgerottet werden kann. Um nun den König für dieſe Maßre⸗ geln empfänglich zu machen, iſt es erforder⸗ lich, Sr. Majeſtät ein frappantes Beiſpiel der gränzenloſen Hartnäckigkeit dieſer Ketzer und Irrgläubigen vor Augen zu ſtellen. Welches frappantere Beiſpiel könnten wir ihm aber ge⸗ ben, als den urkundlichen Beleg, daß von hun⸗ dert auf einmal eingebrachten Ketzern auch nicht ein Einziger vermocht werden konnte, zur wahren Lehre unſerer heiligen Kirche zu⸗ rückzukehren? Dieſen Erfolg nun wollte ich durch die Oeffentlichkeit des Verhörs ſelbſt herbeifuͤhren. Das Doloſe, was in dieſem Verfahren zu liegen ſcheint, wird durch den heiligen Zweck hinreichend gerechtfertigt, und aus dieſem Schreiben werden Sie ſich über⸗ zeugen, daß bedeutende Perſonen der nämli⸗ chen Anſicht ſind.— Der Abt reichte dem —.—— 238 Dpponenten einen Brief hin, den er aus ſei⸗ ner Taſche zog; dieſer überlas ihn flüchtig und ſagte dann, gänzlich umgeſtimmt: Ach! Von dem Pater Lachaiſe! das ändert die Sache gänzlich; ich ſtimme vollkommen über⸗ ein mit Ihrem ganzen Verfahren, Herr Prä⸗ ſident.— Der Abt verbeugte ſich und fragte, nicht ohne einen Anflug von Spott, den zwei⸗ ten Beiſitzer: Und Sie, Herr Collega?— Die Weisheit und und hohen.. tiefen Einſichten des höchſt verehrlichen Herrn Präſidenten und und des nicht genug zu preiſenden... hochwürdigen Pater La⸗ chaiſe haben.... haben mich vollkommen überzeugt und...— Wir ſind alſo ei⸗ nig, meine Herren, fiel der Abt ein. Wenn es Ihnen gefällig iſt, kehren wir zur Procedur zurück, und Sie werden nun ſelbſt ermeſſen, daß wir nicht wohl daran thun würden, durch dem Verhör beigefügte Ermahnungen die In⸗ quiſiten zum Abfall zu bewegen. Das pein⸗ liche Verhör wird bei einigen der Irrgläubi⸗ 239 gen nöthig ſeyn, um dadurch den Eindruck zu verſtärken, welche ihre Hartnäckigkeit auf des Königs Majeſtät machen muß; aber ich habe bereits dem Vollzieher deſſelben zu verſtehen gegeben, daß meine Menſchlichkeit ſich gegen dieſe Martern empöre und daß er demnach nur die leichteſten Grade, und zwar mit größ⸗ ter Mäßigung, anwenden möge; ich hoffe daher, daß die Ketzer, gegen welche die Fol⸗ ter angewendet wird, ſelbſt in dieſer Probe Stand halten werden; überdieß habe ich Sor⸗ ge getragen, die Standhafteſten und Hart⸗ näckigſten aus dem Haufen auszuleſen, um die veinliche Frage blos an dieſen vollziehen zu laſſen. Jetzt laſſen Sie uns zu unſerem heiligen Werke zurückkehren. Nachdem die Richter auf ihren Sitzen wie⸗ der Platz genommen hatten, erhob ſich der Abt und ſprach mit lauter feierlicher Stimme: Da durch das bisher angeſtellte gütliche Ver⸗ hor ſich die Hartnäckigkeit der Inquiſiten er⸗ wieſen hat, ſo beſchließt ein heiliges Richter⸗ 240⁰ amt, die ihm zuſtehenden Mittel der Strenge zu ergreifen und gegen die Frechſten unter den bis jetzt Vernommenen die peinliche Fra⸗ ge anzuwenden.— Ser Sekretär forderte, auf ein Zeichen des Präſidenten, einen derſelben mit Namen auf. Der Aufgerufene, ein ſtar⸗ ker Mann von mittleren Jahren, mit einem entſchloſſenen Geſichte, trat vor. Der Sekre⸗ tär las die betreffende Stelle des Protokolls ab und fügte dann hinzu: Beharrt ihr noch⸗ mals auf allen euern Antworten und Ausſa⸗ gen?— Ja! erwiederte der Gefragte feſt und ohne Zaudern.— Habt ihr vernommen, daß auf Befehl dieſes heiligen Richteramts gegen die hartnäckig in ihrem Irrglauben be⸗ harrenden Individuen die peinliche Frage an⸗ gewendet werden ſolle?— Ja!— Wißt ihr, was unter der peinlichen Frage verſtanden wird?— Ihr habt unſere Glaubensgenoſſen hinlänglich damit vertraut gemacht, antwortete der Inquiſit mit bitterem Trotz; ich weiß, daß ich Pein leiden ſoll um meines Glanbens wil⸗ ——————— Al len, und will ſie leiden, auf daß der Name des Herrn, meines Gottes, verherrlicht werde vor ſeiner Gemeinde.— Auf einen Wink des Sekretärs trat der Henker mit ſeinen Mar⸗ terinſtrumenten vor. Scheu wichen die Zu⸗ nächſtehenden zurück und ein Laut des Entſe⸗ tzens drang durch die Verſammlung. Unbe⸗ wegt ſtund der zur Folter Verurtheilte und blickte mit Gleichgültigkeit, faſt mit Hohn, auf die Werkzeuge der Marter, welche der Henker und ſeine Knechte in ihren Händen trugen. Jedes einzelne wurde ihm vorgewie⸗ ſen und deſſen Anwendung und die darauf folgenden Schmerzen durch den Henker deut⸗ lich und umſtändlich erklärt. Der Verurtheilte hörte dieſe peinliche Auseinanderſetzung an, ohne eine Miene zu verzucken.— Beharrt ihr nun⸗ mehr, fragte feierlich der Sekretär, nachdem ihr mit den Martern und Schmerzen, die eurer harren, bekannt gemacht ſeyd, annoch auf euern bisherigen Antworten und Ausſa⸗ gen?— Ich beharre und werde beharren, Der Camiſarde I. 11 242 ſo mir Gott helfe in der Stunde meines Todes! erwiederte feſt der Gefragte.— Auf einen Wink des Abts wurde er zur nahen Marterkammer abgeführt; der Sekretär und ein Beiſitzer, nebſt einem anweſenden Arzte, folgten. Ein Schweigen des Todes herrſchte über der ganzen Verſammlung. Nach einer ge⸗ raumen Zeit hörte man aus der Marterkam⸗ mer einen dumpfen Schrei erſchallen, auf den wieder tiefe Stille folgte. Der Schrei tönte in den Herzen der Verſammelten nach und gab ſich durch einen Laut der Angſt aus vielen Lippen kund. Einige Individuen wurden auf gleiche Weiſe verhört und bei gleicher Beharr⸗ lichkeit ebenfalls zur Marterkammer geſchleppt. Nachdem die Tortur an ihnen vollzogen war, kehrten die beiden richterlichen Perſonen zur weitern Verhandlung zurück. Nach einigem Fläſtern der Richter rief der Sekretär: Benjamin Brouſſon, ge⸗ weſener Prediger zu Oleron!— Der Anfgerufene trat an den Liſch und beantwor⸗ . —————————.— 243 tete mit beſcheidener Feſtigkeit die an ihn ge⸗ richteten Fragen, welche mit den obigen etwa gleich lauteten.— Gelobt ſey Gott! ſprach nach geendigtem Verhör der Abt mit unverhoh⸗ lener Freude, der endlich dieſe Brandfackel des Irrglaubens, welche ihre verzehrenden Flam⸗ men in die Gebäude unſerer heiligen Kirche geſchleudert, in unſere rächende Hand gegeben hat!— Ja, gelobt ſey Gott! erwiederte mit chriſtlicher Sanftmuth und ohne alle Bitterkeit der alte Mann, der mich würdigt für meinen Glauben zu zeugen vor allem Volke!— Dieſe, fuhr der Abt auf den großen Haufen deutend fort, ſind größtentheils blos Verführte und Verirrte, du aber biſt das Fluchbeladene Rüſt⸗ zeug, deſſen ſich der Satan bedient hat, den Saamen der Zwietracht in den Schvos unſe⸗ rer heiligen Kirche zu werfen.— Der Saa⸗ me der Zwietracht iſt ausgeſtreut worden durch eure eigene Thorheit; durch die Ver⸗ kehrtheit eures Herzens und durch die Schaam⸗ loſigkeit, womit ihr eure ſech Laſter zur 244 Schau trugt vor allem Volke. Darum ſind die Reformatoren aufgeſtanden, die Kirche zu reinigen von ihrem Schlamm und Unrath und ſie zurückzuführen zu der Reinheit der erſten Jahrhunderte des Chriſtenthums; ich aber preiſe den Herrn, daß er mich ge⸗ würdigt hat mein Senftkorn hinzuzufügen zu dem Saamen, den die ruhmwürdigen Verbeſ⸗ ſerer der chriſtlichen Kirche ausgeſtreut haben unter den Völkern des Erdbodens.— Freue dich, frecher Läſterer, fuhr ihn der Abt zornig an, der Saamen iſt aufgegangen, aber dir wird er blutige Früchte tragen.— Mein Le⸗ ben liegt in der Hand des Herrn, erwieder⸗ te ruhig der würdige Diener der Kirche; mein Heiland komme, wann er will; ſein Knecht iſt ſtets bereit, ihm zu folgen.— Genug dieſer Läſterungen! herrſchte ihm der Abt zu. Ihr, als das Haupt dieſer Ketzer, müßt alle oder die meiſten der Individuen kennen, welche eurer Verſammlung angewohnt haben. Wollt ihr ſie nennen?— Nein! erwiederte einfach 24⁴5 und ruhig der Gefragte.— Auf einen Wink des Abts, den der Sekretär wiedecholte, näh⸗ erte ſich der Henker.— Nehmt dieſen Men⸗ ſchen in Empfang, rief ihm der Abt, mit höh⸗ nenden Augen den Gefangenen meſſend, ent⸗ gegen, und ſeht zu, ob euere Kunſt nicht ver⸗ möge, ſeinen frechen Sinn zu beugen!— Ein widerliches Lächeln flog über die Züge des Henkers und er beugte bejahend das Haupt. — Mein Herr und Heiland, betete mit lau⸗ ter inbrünſtiger Stimme und zum Himmel gewandten Blicken der ehrwürdige Greis, ſtärke mich mit deiner Kraft von oben, daß mein irrdiſcher Theil nicht erliege unter die⸗ ſek Prüfung meines Glaubens, die ich gedul⸗ dig hinnehme von der väterlichen Hand mei⸗ nes Gottes.— Er wendete ſich, den Hen⸗ kern zu folgen. Halt! rief Chretien mit ſtarker Stimme und trat entſchloſſen vor die Richter hin. Ich flehe euch bei der Barmher⸗ zigkeit des Himmels an, erlaßt dieſem alten Manne die Marter, die ſein geſchwächter Kör⸗ 246 ver nicht auszudauern vermag.— Kümmere dich um dich ſelbſt, vorlauter Knabe, erwie⸗ derte ihm der Abt, und danke es unſerem Mitleid mit deiner Jugend, daß du nicht ſelbſt die Strafe erfahren haſt, welche deine Frech⸗ heit wohl verdient hätte.— So laßt mich ſtatt ſeiner die Pein erdulden; nehmt mich hin, zerreißt meinen Leib mit glühenden Zan⸗ gen; der Schmerz ſoll mir nicht einen Laut des Jammers auspreſſen, und ich will mei⸗ nen Heiland ſegnen, daß er mich leiden läßt für dieſen Gerechten.— Hörſt du den Wet⸗ terjungen, ſagte der Felbwebel halblaut zu dem Wachtmeiſter; ich möchte ihn freſſen vor Liebe; der Teufel hole die verfluchten — Nicht alſo, mein Sohn, ſprach der Greis mit Rührung zu dem Jüngling; ſpare deine Jugend für beſſere Zeiten; an dem Fünkchen Leben, das noch in mir glimmt, liegt nichts. Mein Tagewerk iſt gethan, das deinige beginnt erſt.— Macht dieſem Auftritt ein Ende, be⸗ fahl mit Etrenge der Abt; es bleibt bei unſe⸗ 247 rem Ausſpruch.— Rauh faßte der Henker den Greis an der Bruſt, um ihn fortzuſchleppen. Mit blitzenden Augen ſprang Chretien auf ihn ein und ſtieß ihn vor die Bruſt, daß er zuruͤcktaumelte. In einem Augenblicke hatte er ſchnell einem der Bewaffneten das Schwert entriſſen, ſchwang es hoch durch die Luft und ſtellte ſich ſchützend vor den Greis.— Nie⸗ mand nahe ſich, rief er mit vor Wuth fun⸗ kelnden Augen, wem ſein Leben lieb iſt!— — Greift dieſen Tollkühnen und bindet ihn! befahl der Abt.— Die Bewaffneten nahten ſich; der Jüngling hob das Schwert zum Schlage.— Zurück da! commandirte der Feld⸗ webel und trat allein auf den Jüngling zu. Ergib dich doch, lieber Junge, redete er ihn wohlwollend an; plagt dich denn der Teufel, daß du es allein mit einem halben Hundert 3 aufnehmen willſt? Das Unmögliche muß man nicht verſuchen, das iſt Tollkühnheit.— Stre⸗ „cke das Gewehr, guter Purſche, ermahnte der Wachtmeiſter, es wuͤrde uns leid thun, wenn 248 wir gegen dich Gewalt brauchen müßten.— Greift ihn, befahl nochmals, entruͤſtet, der Abt, wozu ſo viele Umſtände!— So ſey doch vernünftig, rief ihm der Feldwebel halb unwillig zu, du hörſt ja, daß wir unſere Schul⸗ digkeit thun müſſen. Strecke das Gewehr und ergib dich!— Nicht, erwiederte feſt der Jüng⸗ ling, ſo lange ich athmen kann!— Teufels⸗ junge, du wirſt doch nicht auf mich einhauen, rief der Wachtmeiſter und rückte ihm mit blo⸗ ſer Klinge auf den Leib.— Des Jünglings Schwert blitzte durch die Luft und der Sol⸗ dat parirte den Hieb, der mit Kraft auf ſei⸗ ne Klinge traf.— Der Purſche macht, beim Teufel, Ernſt, ſagte der Feldwebel lachend und betrachtete den kühnen Jüngling mit Wohl⸗ gefallen. He da! Sechs Mann von allen Sei⸗ ten zugleich, aber hütet euch, dem wackern Jun⸗ gen Schaden zu thun!— Sechs Mann rück⸗ ten zumal an; der Feldwebel fing des Jüng⸗ lings Schwerthieb auf; die übrigen packten ihn und entriſſen ihm die Waffe.— Bindet 249 ihn, befahl der Abt, und zur Strafe für ſei⸗ ne Frechheit ſoll er Zeuge der Tortur des al⸗ ten Böſewichts ſeyn.— Der Befehl wurde vollſtreckt und der Henker nahm die Beiden in die Mitte, um ſie wegzuführen. Möge Feuer vom Himmel fallen und dieſe verfluchte Rotte verzehren! rief der ſich ſträu⸗ bende Jüngling im Abfuͤhren wüthend gegen die Richter zuruͤck.— Da ertonte plötzlich von Außen der dumpfe, aber mächtige Schall ei⸗ nes Schlachthorns. Alle fuhren auf und horch⸗ ten verwundert dem unerwarteten Tone. Als das Horn ſchwieg, erklang in ſchmetternden, auffordernden, drohenden Tönen eine Trom⸗ pete. Einen Augenblick tiefe Stille. Dann er⸗ hob ſich eine tiefe, gewaltige Stimme und ſang langſam und feierlich: Der Herr, ein Erretter, aus Zion naht, Sein gefangen Volk zu erlöſen, Und Fakob wird preiſen des Himmels Rath, Und Iſrael ſpotten der Böſen. Ein Chor mächtiger Stimmen wiederholte 250 die letzte Strophe. Abermals tiefe, ſchauerliche Stille.— Der Teufel iſt los, Bruder, flü⸗ ſterte der Wachtmeiſter dem Feldwebel zu, das ſind die Camiſarden!— Zum zweitenmal tönte das Horn, zum zweitenmal ſchmetterte die Trompete und die nämliche Stimme ſang in wilder Weiſe: Der Herr:, ein Rächer, vom Schlaf erwacht, Und ſchlägt die Feinde mit Schrecken, Sein Blitz durchzuckt das Dunkel der Nacht, * Sein Volk zur Rache zu wecken. Abermals wiederholte der Chor die letzte Strophe. Mit bleichen Geſichtern ſaßen die Richter auf ihren Sitzen; ein Strahl der Hoffnung belebte die Züge der Gefangenen. Und zum drittenmal tönte der dumpfe Schall des Horns durch die Stille der Nacht, zum drittenmal ſchmetterte die Trompete, und die⸗ ſelbe Stimme ſang mit jauchzenden Tönen: Und gelobt ſey der Herr, der Schwachen Hort, Der von Sinai für uns kämpfet, und die Feinde zerſchellet hier und dort, Und den Stolz der Mächtigen dämpfet. —.————— 251 Abermals wiederholte der Chor die letzte Strophe; dannn folgte wieder tiefe, ſchauer⸗ liche Stille.— Das iſt der Todtenruf des wüthenden Barnabe, rief der Wachtmeiſter laut aus; ich kenne ſeine Stimme. Jetzt gilt es zu fechten, wenn wir nicht Alle verloren ſeyn wollen.— Glaubt ihr, daß wir uns halten können? fragte der Abt, deſſen An⸗ geſicht weiß war wie der Tod und hielt ängſtlich dieſen Strahl der Hoffnung feſt.— Die Mauern ſind hoch, die Thore feſt und wir haben fünfzig Mann, welche die Waffen tragen, erwiederte mit der Ruhe eines alten Soldaten der Wachtmeiſter. Wir wollen als wackere Leute unſer Möglichſtes thun. Fuͤhrt die Gefangenen in die Gefängniſſe und ſtellt Wachen davor, befahl er kurz; die übrigen auf die Mauer. Der Aelteſte von uns, wen⸗ dete er ſich höflich gegen den Feldwebel, über⸗ nimmt das Commando. Wie viele Dienſt⸗ „jahre zählt ihr, Herr Bruder?— Ich über⸗ laſſe euch freiwillig den Oberbefehl, erwie⸗ 252 derte dieſer, weil ihr die Lokalitäten und die Art und Weiſe des Feindes beſſer kennt„als ich.— Gut, ich übernehme das Commando. Wachen, rief er auf die Mauer, ſeht ihr die Truppe des Feindes— Die Haupttruppe la⸗ gert auf Flintenſchuß, erwiederte von oben ein Soldat; vorgerückte Poſten ſtehen nahe an den Mauern.— Ueberſeht ihr die ganze Gegend? — Vollkommen, der Mond beginnt ziemlich klar zu ſcheinen.— Wie ſtark ſchätzt ihr den Feind?— Wohl über zweihundert Mann.— Vollſtändig bewaffnet?— So weit ich urthei⸗ len kann, nicht die Hälfte mit Gewehren; die übrigen führen Senſen, Aexte und an⸗ dere Werkzeuge.— So iſt Hoffnung da, uns zu halten.— Meint ihr? fragte wiederauflebend der Abt, der bisher ängſtlich geſchwiegen hatte. Haltet euch nur vierundzwanzig Stun⸗ den, liebſter Freund, dann iſt uns Hülfe ge⸗ wiß, und euer Lohn ſoll groß ſeyn.— Ich werde meine Schuldigkeit thun, erwiederte mit einer Art Verachtung der Soldat. —— 25⁵3 Drei raſche Trompetenſtoͤße ließen ſich, ſchnell nacheinander, dicht vor dem Thore ver⸗ nehmen.— Ein Parlamentär! rief eine Wa⸗ che von der Mauer.— Ich komme, erwiederte der Wachtmeiſter und eilte hinauf. Was iſt euer Begehr? rief er hinunter.— Wir ver⸗ langen, antwortete eine tiefe Baßſtimme, daß ihr die Thore dieſes Schloſſes öffnet und die in demſelben befindlichen Gefangenen frei⸗ gebt.— Wer ſendet euch und inweſſen Namen handelt ihr?— Thut die Augen auf, ſo wer⸗ det ihr den Haufen erblicken, deſſen Anfüh⸗ rer mich abgeſchickt hat.— Iſt das euer Hau⸗ fen dort, das Bauernpack mit den Senſen und Dreſchpflegeln? erwiederte höhniſch der Wacht⸗ meiſter. Wo ſind denn die Kanonen, mit de⸗ nen ihr unſere Mauern zu beſchießen ge⸗ denkt?— Sie werden fallen, wie die Mau⸗ ern des gottloſen Jericho, vor dem Schalle unſerer Poſaunen, ſprach laut und feierlich der Abgeordnete.— So blaßt einmal, Herr Barnabé du Desert, antwortete lachend der 2 Wachtmeiſter, denn ihr ſeyd es doch, ich kenne euch an der Stimme. Blaſt einmal, und wir wollen ſehen, ob Gott ein Wunder thut!— Ja, ich bin Barnabé du Desert, das ſollſt du zu Deinem Schrecken erfahren. Du verweigerſt alſo die Uebergabe?— Ja, das unterſtehe ich mich, Herr Barnabas.— Zum letzten⸗ mal frage ich dich, ob du das Schloß über⸗ geben willſt? Die Beſatzung ſoll freien und ungekränkten Abzug haben.— Zum letztenmal ſage ich dir, daß ich es nicht übergeben wer⸗ de, und wenn auch anderes Volk davor ſtände, als euer Lumpenpack.— Auf deinen Kopf alſo das Blut, das fließen wird!— Wahret nur eure Köpfe vor unſern Kugeln, und macht, daß ihr davon kommt, denn ich habe bereits ge⸗ nug mit euch geſaalbadert, und die Luſt könnte mich anwandeln, euch auf Abſchlag eine Ku⸗ gel herabzuſchicken.— Achteſt du ſo das Recht eines Parlamentärs?— Von rebelliſchen Hun⸗ den, wie ihr ſeyd, nimmt man keine Parla⸗ mentärs an.— Nicht! höhnte Barnabs hinauf. 255 Nun ſo wollen wir ſehen, was unſere Waf⸗ fen vermögen, die du ſo ſehr verachteſt. Wiſſe, du Belialskind, daß noch mehr Leute hinter dem Berge ſind, wenn dir der Haufe, den du mit Augen ſiehſt, zu klein ſcheint. Kennſt du Roland vom Gebirge und ſeine tap⸗ fere Schaar? Gott befohlen!— Mit ſtolzem Schritte wendete ſich der Abgeordnete zurück und ging zu ſeinem Haufen.— Ich küm⸗ mere mich den Teufel um deinen Roland, rief ihm der Wachtmeiſter laut nach. Gnade uns Gott, ſprach er leiſe zu dem Feldwebel, der neben ihn getreten war, wenn der Kerl wahr geredet hat; gegen dieſe Waldteufel kön⸗ nen wir das Schloß nicht halten; die Pur⸗ ſche klettern an der Mauer herauf, wie Katzen; und ihre Schützen werden den Wall ſo rein fegen, als eine friſch gekehrte Scheuertener. Eine tiefe, furchtbare Stille folgte; alle ſtunden erwartungsvoll auf ihren Poſten.— Amand, ſagte der Wachtmeiſter zu einem der Dragoner, du haſt Augen wie ein Luchs, 256 trete doch in das Eckthürmchen da und luge ins Land hinaus, um uns von allen Bewe⸗ gungen des Feindes Kunde zu geben. Was nimmſt du wahr? fügte er nach einer Weile hinzu.— Noch lagert der Feind ruhig; einige Anführer des großen Haufens gehen dem rück⸗ kehrenden Parlamentär entgegen.. Sie ſcheinen eifrig mit einander zu ſprechen.— Das Signal eines Horns tönte aus der Ferne. — Was gibt es, Amand? fragte der Wacht⸗ meiſter.— Das Zeichen zum Antreten. Die Lagernden erheben ſich vom Boden.— Hal⸗ ten ſie Reihe und Glied?— Die Führer ordnen ſie in zwei Glieder.— Wiſſen ſie ſich zu reihen?— So ziemlich; ſie ſcheinen ge⸗ wandte Anführer zu haben.— Haben ſie viele Feuergewehre?— Das erſte Glied iſt faſt ganz damit verſehen... Zwei Zuͤge, der erſte und letzte, ſchwenken rechts und links ab. — Gib genau acht, welche Richtung ſie neh— men.— In Schußweite umgehen ſie auf bei⸗ den Seiten das Schloß.— Herr Bruder, 257 wendete ſich der Wachtmeiſter zu dem Feld⸗ webel, ich übergebe euch das Commando auf den beiden Flügeln und der Rückſeite des Platzes, während ich das Hauptthor hüte; nehmt noch einige Dragoner mit euch, die das Lokal kennen.— Der Feldwebel ging.— Siehſt du die beiden Abtheilungen noch?— Sie werden ſich bald ſeitwärts aus dem Ge⸗ ſichte verlieren.— Bleibt das Hauptcorps in Stellung?— Noch ſteht es...... Jetzt rückt es langſam vor.— Haltet euch fertig, Purſche! rief der Wachtmeiſter den Soldaten zu. Sind ſie in Schußnähe? fragte er die Hochwache.— Kaum, ich denke, wir können das Pulver noch ſparen.— Ruhig hier, ſprach der Wachtmeiſter zu einigen vorlauten Sol⸗ daten, die bereits den Hahn ſpannten, kein Schuß ohne Commando!— Die Hahne knack⸗ ten zurück in Ruhe und kein Athemzug ließ ſich vernehmen.— Die Haupttruppe macht Halt, rief die Wache... Ein Führer, mit dinem Trompeter und einem Bewaffneten, 258 der ein weißes Tuch auf der Pike trägt, kommt vorwärts.— Daß ſich Keiner rührt, befahl der Wachtmeiſter; wir wollen hören, was ſie begehren.— Halt! rief die Wache, als die Kommenden noch etwa fünfzig Schritte von dem Thor entfernt waren. Ein Trom⸗ vetenſtoß ertönte, und der Anführer rief her⸗ auf: Wer befehligt in dieſem Schloſſe?— Der Hauptmann Collet, der es mit ſeiner Grenadiercompagnie beſetzt hält, rief der Wachtmeiſter nunter.— Befindet er ſich hier auf der Mauer?— Er ſitzt im Schloſſe an der Tafel.— Laßt ihn holen; ich muß ihn ſprechen,— Glaubt ihr denn, daß ſich der Herr Hauptmann wegen euch da herauf emühen werde? Sagt immerhin mir, was ihr zu ſagen habt.— Wer ſeyd ihr?— Der Wachtmeiſter Baptiſte von den Dragonern des Königs, und der wird vornehm genug ſeyn, mit euch Bauernpack zu verhandeln.— Ja wohl, beſonders wenn der Herr Haupt⸗ mann Coller an dex Taſel ſitzt, während S S—— 3— ———— 259 der Platz, den er mit ſeiner Grenadiercom⸗ pagnie beſetzt hält, eingeſchloſſen iſt, erwie⸗ derte die Stimme von unten ſpöttiſch.— Meint ihr denn, daß ein Offizier des Königs euch die Ehre anthun werde, perſönlich gegen euch zu commandiren? Eure Blokade verſchlägt ihm den Appetit nicht, und wenn ihr noch dreimal ſo ſtark wäret. Aber wer ſeyd denn ihr, der das Schloß ſo verwegen auffordert? — Ich bin Antvine Perier, Anführer des bewaffneten Landvolks, das einen Eid gelei⸗ ſtet hat, ſeine Angehörigen, die in dieſen Mauern gefangen liegen, mit Güte oder Ge⸗ walt zu befreien.— Aha! Antoine Perier, Sohn des Jean Perier aus dem Dorfe Vauvert, im Thale la Vaunage, von Gottes Gnaden Generaliſſimus von zweihundert Lum⸗ penkerlen, von denen kaum die Hälfte mit roſtigen Flinten bewaffnet iſt, ſpottete der Wachtmeiſter hinab.— So iſt es, Herr Je an Baptiſte, von Gottes Gnaden Wacht⸗ meiſter der geſtiefelten Miſſionärs, welche ſich 260 königliche Dragoner nennen, und Befehlsha⸗ ber von fünfzig Mann, welche hundert Ge⸗ fangene hüten und zugleich die Mauern die⸗ ſes Schloſſes bewachen ſollen, das zehn Schuhe vom Boden zwanzig Luftlöcher hat, die ein Schulknabe ohne Leiter erſteigen kann, rief Antvine ſpöttiſch zurück. Was aber die zweihundert Lumpenkerls betrifft, ſo blickt doch einmal dort nach dem Walde, wenn ihr Au⸗ gen habt, und ihr werdet die Reſerve ſehen, welche zur Unterſtützung dieſer zweihundert Lumpenkerls für den Nothfall, da Gott für ſey, bereit ſteht. Was ſagt ihr dazu, Herr Commandant des feſten Schloſſes Pont de Montvert?— Ein ſtarker Haufe, ganz mit Feuergewehr bewaffnet, bricht aus dem Ge⸗ hölze, meldete die Wache und zu gleicher Zeit ertönten die Hörner der beiden Corps, die ſich luſtig begrüßten.— Wollt ihr das Schloß übergeben? fragte Antoine. Wir verſprechen der Beſatzung freien Abzug.— Nein, beim Teufel, das will ich nicht, trotz der Hunde 261 von Camiſarden, die euch zu Hülfe ziehen, rief der Wachtmeiſter entſchloſſen hinab.— Zu gleicher Zeit ließen ſich auf der Hinterſeite des Gebäudes Schüſſe vernehmen.— Wie? rief der Wachtmeiſter unwillig; ihr greift an, während ihr parlamentirt. Feuer auf die Verräther! commandirte er.— Mehrere Schüſſe fielen; der Mann, der die weiße Fah⸗ ne trug, ſtürzte.— Das iſt ohne meinen Willen geſchehen! rief Antvine herauf und eilte mit dem Trompeter davon, während bei⸗ den noch mehrere Kugeln nachpfiffen. Das Kleeblatt der geiſtlichen Richter war trübſelig im Hofe ſitzen geblieben. Auf dem Geſichte des Abts wechſelte die Röthe des Zorns mit der Bläße der Angſt, während die reiden andern Prieſter dumpf vor ſich hinbrü⸗ tern. Als ſie die Trompetenſtöße vernahmen und Barnabé du desert das Schloß auffor⸗ dern hirten, richtete ſich der erſte Beiſitzer des heiligen Ferichts raſch auf und fragte, zu dem „Abt gewewet: Was meint Ihr, hochwürdi⸗ 252 ger Herr, wenn wir das Schloß gegen frei⸗ en und ungehinderten Abzug übergäben? Man muß ſich in die Zeit ſchicken, und beſſer iſt es doch, wir geben die Gefangenen los, als daß wir Leib und Leben in Gefahr bringen. — Ihr habt ganz Recht, erwiederte eintonig der Abt, wenn nicht zu befürchten ſtünde, daß ſie unſeren Satz: Haereticis non est servanda üdes! umwendeten und gegen uns kehrten. — Glaubt ihr denn, hoch.. hochwürdiger Herr, ſtotterte der zweite Beiſitzer in halber Todesangſt, daß dieſe ein... einfültigen Bauern ſolcher Sub. Subtilitäten fähig ſeyen?— So gar viel Scharfſinn gehört da⸗ zu eben nicht, erwiederte der Abt trotz ſeiner Angſt faſt lächelnd, und überhaupt haben dieſe Leute den Satz:„mit dem Maaße, da ihe meſſet, ſoll euch wieder gemeſſen werden,“ gar wohl inne, und leider, fügte er ſüſter ſinnend hinzu, iſt unſer Kerbholz ziemlih voll. — Von neuem trat eine tiefe Stille ein, die nur durch das Kniſtern der Pechränze und —— — —— — 263 das leiſe Flüſtern einiger von ferne ſtehenden Diener unterbrochen wurde. Der Stoß der Trompete, welche den zweiten Parlamentär ankündigte, weckte die Träumenden aus ihrem Sinnen und ſie horchten geſpannt der Ver⸗ handlung auf der Mauer.— Sollte man nicht, meinte der erſte Beiſitzer, den Benja⸗ min Bronſſon, den dieſe Ketzer als ih⸗ ren geiſtlichen Hirten verehren, aus ſeinem Gefängniß holen und auf die Mauer bringen, damit er die Seinigen zum Frieden und Ab⸗ zug ermahnte?— Bei dieſer Rede warf der Abt den Kopf in die Höhe, als ob ihm ein neuer Gedanke käme, ließ ihn aber gleich wie⸗ der ſinken, ohne eine Antwort zu geben, und ſchien in tiefes Nachdenken verloren. Die erſten Schüſſe, die kurz darauf ſielen, weckten ihn plötzlich aus ſeiner anſcheinenden Betäu⸗ bung; er ſprang raſch auf, winkte einigen Dienern denen er bedeutete, ihm mit etlichen Fackeln zu folgen. Benjamin Brounſſon war, mit Chre⸗ 264 tien und etlichen dreißig ſeiner Glaubensge⸗ noſſen, in ein großes feſtes Gewolbe zurück⸗ gebracht worden, das mit einer ſtarken Thüre verſchloſſen war, vor welcher zwei Sol⸗ daten Wache hielten. Tiefes Dunkel herrſchte in dem Gewölbe, und der alte Mann ſetzte ſich erſchoͤpft auf einen Steinhaufen nieder, der aus der Mauer herabgefallen war, und den er nach langem Tappen endlich wieder gefunden hatte.— Wo biſt du mein Sohn Chretien? fragte er nach einer Pauſe der Erholung.— Hier, mein ehrwürdiger Vater, antwortete der Jüngling und trat neben den Greis.— Wahrlich, auf dir ruht der Geiſt Gottes, mein Sohn, begann der alte Mann, anf deſſen Einbildungskraft die Ereigniſſe die⸗ ſer Nacht wunderbar gewirkt zu haben ſchie⸗ nen, faſt ſchwärmeriſch; kaum hatteſt du den Fluch ausgeſprochen über dieſe Rotte Kohrah, ſo ertönte das rettende Horn und erſchallte der Klang der helfenden Trompete. Geprie⸗ ſen ſey der Allmächtige, der nahe iſt mit ſei⸗ 265 ner Hülfe, wenn alle Herzen verzagen! Laſ⸗ ſet uns ein Loblied anſtimmen zur Ehre des Herrn: Du, o Gott, biſt der Herr, der du Jakob Hülfe verheißeſt! Durch dich wollen wir unſere Feinde zerſtoßen; in deinem Na⸗ men wollen wir untertreten, die ſich wider uns ſetzen. Denn ich verlaſſe mich nicht auf meinen Bogen, und mein Schwert kann mir nicht helfen; ſondern du hilfſt uns von unſern Feinden und machſt zu Schanden, die uns haſ⸗ ſen. Wir wollen täglich ruͤhmen von Gott und deinem Namen danken ewiglich. Sela! — Nach dieſer Ergießung ſeines frommen Herzens ſtimmte der Greis leiſe und feierlich den Vers an:„Der Herr, ein Erretter, aus Zion naht ꝛc. c.“ und Alle fielen mit ge⸗ dämpftem Tone in die Melodie ein. Hierauf folgte eine lange, tiefe Stille.— Kniee nie⸗ der, mein Sohn, rief plötzlich, wie begeiſtert der Greis, und empfange den Segen eines alten Mannes, den der Herr bald abrufen wird, Rechenſchaft abzulegen vor ſeinem An⸗ Der Camiſarde I. 12 266 geſicht, vor dem Niemand beſtehen mag.— Voll kindlichen Sinnes knieete der Jüngling nieder zu den Füßen des Greiſes. Dieſer er⸗ hob ſich langſam, legte feierlich die Hand auf des Knaben Haupt und ſprach in propheti⸗ ſchem Tone: Wahrlich, wahrlich, ich ſage euch, die Zeit wird kommen und iſt nahe, wo der Herr ſein Volk erretten wird aus der Hand der Midianiter und Amalekiter, die heraufzo⸗ gen aus dem Morgenlande und beſudelten das Heiligthum, und trieben aus die Gläubigen von der heiligen Stätte und die Prieſter des Herrn von den Altären des lebendigen Got⸗ tes, und verderbten das Gewächs auf dem Felde, und ließen nichts übrig von Nahrung in Iſrael. Und gleichwie der Engel des Herrn ſprach zu Gideon, dem Sohne Jvas, des Va⸗ ters der Esriter:„Gehe hin in deiner Kraft, du ſollſt Iſrael erlöſen aus der Hand der Mi⸗ dianiter“ alſo wird wiederum des Herren Wort geſchehen zu der geringſten einem in Manaſſe und der der kleinſte iſt in ſeines Va⸗ 267 ters Hauſe. Stehe auf, du auserwähltes Rüſt⸗ zeug des Herrn! Tiefe Stille herrſchte in dem dunkeln Ge⸗ wölbe, und ein Blitz der Ahnung durchzuckte die Herzen der Hörer. Da raſſelten plötzlich die Schlöſſer der Thüre, die Riegel klirrten, und ein heller Fackelſchein beleuchtete das Ge⸗ wölbe. Herein traten der Abt und die Wachen, von etlichen Fackelträgern begleitet.— Ben⸗ jamin Brouſſon, ſprach er in mildem To⸗ ne, der Augenblick iſt da, wo Ihr euch und euern Glaubensgenoſſen wohl dienen könnt. Ein kleiner Haufen eurer Brüder, von einigen verwegenen Leuten geführt, hat ſich vor die⸗ ſes feſte Schloß gelagert. Obgleich daſſelbe von dieſen ſchlechtbewaffneten Menſchen nichts zu fuͤrchten hat, ſo jammert mich doch das unſchuldige Blut, das fließen könnte. Begebt euch daher auf die Mauer und ermahnt dieſe tollkühnen Leute, von ihrem verwegenen und fruchtloſen Beginnen abzuſtehen. Ihr werdet dadurch das heilige Milde ge⸗ 268 gen euch und eure gefangenen Brüder geneigt machen und euch ein beſſeres Lvos bereiten, als Ihr je hoffen konntet. Kommt und folgt mir.— Du haſt Blut geſäet und wirſt Blut ernten, rief feierlich der Greis. Nicht ich will dem Schwerte Halt gebieten, das meine Hand nicht aufgehoben hat, denn ich bin ein Mann des Friedens. Wo aber Gottes Fin⸗ ger ſichtbarlich waltet, da enthalte ſich der Erdenwurm freventlich einzugreifen, denn er iſt Staub vom Staube— wie ſollte er den Rathſchluß des allmächtigen Gottes zu faſſen vermögen!— Menſch, rief der Prieſter er⸗ bittert, bringe mich nicht aufs Aeußerſte, denn du weißt nicht, weſſen ich fähig bin in mei⸗ rem Zorn!— Der Gottloſe drohet dem Ge⸗ echten, erwiederte der Greis mit den Wor⸗ ten des Pſalmiſten, und beißet ſeine Zähne zuſammen über ihn; aer der Herr lachet ſein, denn er ſighet, daß ſein Tag kommt.— Noch⸗ mals frage ich dich, ſchrie der Abt faſt wü⸗ 269 thend, ob du mir freiwillig folgen willſt; wo nicht, ſo laſſe ich dich auf die Mauer ſchlep⸗ pen, den Scharfrichter hinter dich treten, und wenn die Schurken ſtürmen, ſo werfe ich ih⸗ nen dein Haupt hinab.— Chretien, der bisher hinter dem alten Manne geſtanden hatte, verlor ſich plötzlich, machte ſich Bahn durch das Gedränge ſeiner Mitgefangenen, ſtieß ſie links und rechts leiſe an und deutete auf den Steinhaufen; dann trat er wieder vor.— Grauſamer Mann, erwiederte eben der Greis, wird dann dein Kopf ſicherer ſeyn, wenn der meinige gefallen iſt?— Wenigſtens werde ich nicht ungerächt umkommen. Entſchließe dich ſthnell, willſt du folgen?— Nun und nimmer⸗ mehr, erwiederte feſt der Prediger.— Greift ihn, befahl der Abt, und ſchleppt ihn auf die Mauer!— Ehe aber die Wache Hand an⸗ legen konnte, hatte Chretien, ſchnell wie der Blitz, den Greis ſeitwärts geriſſen, und aus dem Hintergrunde des Gewölbes kam ein Steinhagel, der den Abt, die Fackelträger und 270 die Soldaten bedeckte, während zugleich eini⸗ ge der Gefangenen von der Seite vordran⸗ gen, um die Thüre zu gewinnen.— Ver⸗ dammte Hunde! rief der Abt wüthend. Fort! befahl er den Wachen, ſonſt brechen ſie vol⸗ lends aus.— Nicht ohne Maͤhe gelang es ihnen, die Thüre zu ſchließen, welche ſchon einige Hände gefaßt hatten, um ſie offen zu halten. Als der Abt auf den Hofraum zurückkam, krachten die Gewehre bereits von allen Sei⸗ ten; furchtbar tönte das Geſchrei der Stür⸗ menden, das Winſeln der Verwundeten und Sterbenden in ſein Ohr. Der Schloßhof war menſchenkeer; düſter brannten die Fackeln, und an das Hofthor donnerten wiederholte, mächtige Stöße, wie die eines Mauerbrechers. — Bin ich denn von Gott und den Menſchen verlaſſen! rief der Prieſter verzweiflungsvoll und ſchlug ſich vor die Stirne. Einen Augen⸗ blick ſtand er ſinnend; Entſetzen und Furcht des Todes lag auf allen ſeinen Zügen. Plötzlich 5 W fuhr er faſt krampſhaft in die Höhe, blickte wild um ſich, ergriff einen Säbel, der auf dem Boden lag und einem der Soldaten entfal⸗ len ſeyn mochte, und eilte die Treppe hinan, mit dem Ausruf: den letzten Weg zur Ret⸗ tung, dann ſind alle verſchloſſen! Athemlos kam Antvine bei ſeiner Trup⸗ pe an. Eben wollten einige aus dem Haufen, da man das Schießen hörte, losbrechen und auf das Schloß Sturm laufen.— Halt! rief ihnen Antoine gebietend zu; ihr habt mir ſtrengen Gehorſam gelobt; keiner handle ohne Befehl!— Alle ſtunden ruhig wie eine Mauer. — Nochmals frage ich euch, fuhr Antvine fort, ob ihr feſt entſchloſſen ſeyd, für euern Glauben und die Befreiung eurer Angehöri⸗ gen Leib und Leben zu wagen?— Ein allge⸗ meines Ja! ſchallte ihm entgegen.— Roch iſt es Zeit, wer nicht den feſten Muth in ſich fühlt, mit ſeinen Brüdern zu leben und zu 272 ſterben, der trete aus; er kann ungehindert weggehen.— Keiner aus dem Haufen rührte ſich.— Nun denn, Brüder, rief Antvine begeiſtert, mit Gott zu Kampf und Sieg!— Auf der Rückſeite und auf beiden Flügeln des Schloßes war inzwiſchen das Feuer immer ſtärker geworden.— Herr von Martignac, befahl Antoine, nehmt ſämmtliche Schützen, nähert euch, unter Benützung des Bodens, dem Schloße und laßt Jeden aufs Korn neh⸗ men, der ſich auf der Mauer zeigt!— Der Befehl wurde ſchnell befolgt. Als nach einer Weile von allen Seiten das heftigſte Feuer im Gange war, ließ Antoine ſeine Truppe langſam vorrücken. In der Mitte derſelben gin⸗ gen acht ſtarke Männer, welche einen langen dicken Floßbalken, in Stricken hängend, welche durch eiſerne, an ihm befeſtigte Ringe gezogen waren, mit den Schultern trugen; je zwiſchen einem der Träger ging, auf jeder Seite, ein Mann, der einen Strick in der Hand hielt, welcher ebenfalls in einem eiſernen Ringe an 273 dem Balken befeſtigt war; wenn die Träger ſtunden, ſo konnten die andern acht Männer mittelſt ihrer Stricke den Balken in Schwing⸗ ung bringen, daß er ſtatt eines Mauerbre⸗ chers diente. Mehrere unter den Stürmenden trugen lange Leitern; die übrigen verſchiedene Werkzeuge des Landbaues, da es ihnen, wie es ſchien, an regelmäßigen Waffen fehlte. Je näher die Truppe dem Thore kam, um ſo ſchneller wurde der Schritt; die Soldaten auf der Mauer waren durch die Schützen ſo in Anſpruch genommen, daß im Anfang nur we⸗ nige Schuͤſſe auf den großen Haufen fielen. Plötzlich hörte das Feuer von der Mauer ganz auf.— Eilt, eilt, rief Antvine treibend, daß wir ſchnell unter den Vorſprung des Thors kommen; ſie verdoppelten den Schritt, ſo gut es das Gewicht der Maſchine verſtat⸗ ten wollte; als ſie noch etwa dreißig Schritte vom Thor entfernt waren, tauchten plötzlich viele Köpfe auf der Mauer auf und eine all⸗ gemeine Salve wurde auf die Anrückenden 274 gegeben; mehrere von ihnen ſtürzten, zum Glücke aber war nur einer der Lräger ge⸗ troffen, den ſchnell ein anderer erſetzte, ſo daß der Transport des Mauerbrechers keinen Aufenthalt machte. Athemlos kamen ſie unter dem Vorſprung des Thors an. Sogleich be⸗ gann die Maſchine gegen das Thor zu arbei⸗ ten, und weit umher hallten ihre dumpfen Schläge, während andere auf Leitern die Mauer zu erſteigen ſuchten und die Schuͤtzen ijedem der Vertheidiger, der den Leib über die Mauer erhob, eine Kugel zuſchickten. Auf den andern Seiten des Schloſſes wurde das Feuer immer heftiger. Als Antoine mit ſeiner Truppe zum Sturme marſchirte, rückte der Haufe, der am Waldſaume ſtund, langſam nach und ſtell⸗ te ſich in Schußweite von der Mauer auf. Es war eine Schaar von etwa hundert wohl⸗ bewaffneten Männern, die in ſtrenger Ord⸗ nung, aber ohne allen Aufwand von Parade, einherzogen. Als Halt gemacht war, trät der 275 Führer etwa dreißig Schritte vor die Fronte, lehnte ſich nachläßig auf ſeine Büchſe und ſah ſcharf, aber ruhig, dem Fortgange des Ge⸗ fechts zu. Nach einer Weile trat ein anderer Anführer zu ihm und ſagte: Sollte man nicht dieſen guten Purſchen ein paar Dutzend unſen rer Schützen zu Hülfe ſchicken? Sie dauern mich, denn ſie halten ſich ſo wacker und ver⸗ lieren ziemlich Leute.— Nein, Catinat! er⸗ wiederte Roland kurz. Erſt ſollen ſie den eignen Muth erproben.— Langſam ging Catinat zu dem Haufen znrück, ohne ein Wort zu erwiedern. Wieder eine Wrile ſtund Roland ſinnend, und ſchien faſt das Gefecht aus dem Auge zu verlieren. Als er aus ſei⸗ nen Sinnen erwachte und ſeitwärts blickte, ſtund wenige Schritte von ihm ein Weib von hoher Geſtalt, in ſchwarzem Kleide und ſchwar⸗ zem Schleier.— Was ſuchſt du hier, Weib, fragte er ſie, und warum verläßeſt du deine ſichere Stätte, um durch das Dunkel der Nacht „zu ſtreichen, wie eine Wahnwitzige?— Das 276 Volk nennt mich eine Prophetin, erwiederte das Weib mit leiſem ſeltſamem Tone, aber ich glaube manchmal ſelbſt, daß ich wahnſinnig bin. Dir will ich es geſtehen, Adalbert, aber ſage es Niemand.— Weib, ſprach fin⸗ ſter der Angeredete, nicht dieſen Namen! Adal⸗ bert liegt im Grabe mit allen ſeinen Wün⸗ ſchen und Hoffnungen, und nur Roland iſt übrig geblieben, nicht für ſich, ſondern für andere, zu leben. Was führt dich hierher in dieſer Nacht des Schreckens? Du weißt, daß ich deinen Anblick nicht ſuche.— Was mich hierher fübrt, Roland vom Gebirge? Der einzige, letzte Genuß, der meinem traurigen Daſeyn noch vorbehalten iſt— die Rache, ant⸗ wortete das Weib feierlich und richtete ſtolz ihre hohe Geſtalt empor. Zuſchauen will ich, fügte ſie mit furchtbarem Ingrimm hinzu, wie das Feuer vom Himmel die Höhle des Tigers verzehrt, wie er ſelbſt brüllend ſich wälzt in ſeinem ſchwarzen Blute, und das Hohngelächter der Hölle will ich hören, wenn 7 die böſen Geiſter des Abgrunds ſeine verdamm⸗ te Seele mit ſich hinunter führen in die Tiefe. — Weib, du biſt fürchterlich in deinem Grimm. Biſt denn du ſchuldlos, daß du ſo trotzig die Rache des Himmels hrabrufſt auf ſein ſchul⸗ diges Haupt? fragte Roland in zermalmen⸗ dem Tone.— Da ſank die hoch aufgerichte⸗ te Geſtalt plötzlich zuſammen und ein tiefer Seufzer entſtieg ihrer Bruſt. Demüthig beug⸗ te das Weib ihr Haupt zur Erde und kein antwortender Laut entfuhr ihrem Munde. Mitleidig blickte Roland auf ſie herab und ſprach dann ſanfter: Du haſt gefehlt und ſchwer gebüßt, darum verzeihen dir die Menſchen und der Himmel wird dir gnädig ſeyn. Jenen Mann oaber ereilt ſein Geſchick mitten im Ue⸗ bermuth ſeines Herzens— er iſt der Neme⸗ ſis verfallen. Doch nicht von deiner ſchul⸗ digen Hand ſoll ihn die Rache treffen— ſein Schickſal ſteht über den Sternen geſchrieben. Mein iſt die Rache, ſpricht der Herr. Weib, laß den Himmel walten, wie ich ſelbſt thne. 278 — O, du Reinſter unter den Reinen, ſchwer beleidigter, tief gekränkter Mann, rief das Weib in herzzerreißenden Tönen und ſtürzte zu Rolands Füßen nieder, lege deine reine Hand auf mich, mich zu ſegnen, daß ich ge⸗ heiligt aufſtehe aus dem Staube.— Möge dir der Himmel verzeihen, wie ich dir ver⸗ ziehen habe! ſprach Roland gerührt und legte die Hand auf das Haupt der Knieen⸗ den.— Schluchzend blieb das Weib am Bo⸗ den liegen. Roland ging langſam zum Haufen zurück. Seht doch, ſprach Catinat munter zu ihm, wie tapfer ſich die wackern Purſche hal⸗ ten] Das Ding da, das unſer gelehrter Herr vo. Martignac einen Mauerbrecher oder oder wie nannte er es ſonſt? — Aries, fiel Roland lächelnd ein.— Rich⸗ tig, dieſer aries— Mauerbrecher, wollte ich ſagen, donnert nicht übel gegen das Thor und wird bald ein Loch machen, und da der Vor⸗ ſprung die Stürmenden gegen das feindliche . 279 Feuer ſchützt, ſo können ſie gar wohl des Sturmdachs entbehren, das bei den Alten zu jedem Mauerbrecher gehörte, wie uns un⸗ ſer Freund, der bei aller Gelehrſamkeit doch ein brauchbarer Kerl iſt im Felde, umſtänd⸗ lich erklärt hat. Wäre er nicht geweſen, ſo hätten wir uns lange die Köpfe zerbrechen können, bis wir ſo eine Art aries oder Mau⸗ erbrecher in der Geſchwindigkeit herausgebracht hätten. Nun, die gelehrten Leute ſollen leben! — Von Herzen, ſtimmte Roland, durch Catinats treuherziges Weſen etwas aufge⸗ heitert, ein, wenn ihr Wiſſen kein todter Hund iſt, ſondern wirkſam eingreift in das Leben, ſonſt mag die Gelehrſamkeit mehr ſchäd⸗ lich, als nützlich ſeyn.— Sie ſind etwas lau geworden auf dem Walle, ſagte Cati⸗ nat, nachdem er eine Weile ſcharf nach dem Schloſſe geblickt hatte, während doch der Mauerbrecher luſtig an das Thor donnert. Gebt Acht, ſie brüten etwas Neues aus; ſpnſt würde ihr Feuer lebhafter ſeyn.— Kaum 280 hatte er geendigt, ſo flog ein Hagel von Handgrauaten die auf allen Seiten platzten un⸗ ter die Stürmenden. Beſtürzt ließen die Trä⸗ ger den Mauerbrecher fallen und eilten ſchnell rückwärts; als ſie hier in den Strich dos Gewehrfeuers kamen, beſchleunigten ſie ihre Schritte; andere folgten, und nur mit Muͤhe hielten die Führer die Entſchloſſeneren zurück. Catinat blickte fragend auf Roland, und als dieſer bejahend winkte, wendete er ſich zum Haufen und rief: Vorwärts, erſter Zug! In vollem Laufe flogen die Camiſarden, Catinat an der Spitze, über das Feld. Et⸗ wa die Hälfte barg ſich in einem nahen Gra⸗ ben und begann von hier ein ſo wirkſames Feuer, daß ſich kein Kopf mehr über der Mau⸗ er zu zeigen wagte; die andere Hälfte eilte gerade auf das Thor zu, riß die Flüchtigen wieder mit ſich vorwärts und belebte die Stür⸗ menden mit neuem Muthe. Bald donnerte der Mauerbrecher wieder in verdoppelten Schlä⸗ gen gegen das Thor, und verwegene Stürmer 281 drängten ſich zu den Leitern, um den Wall zu erſteigen. Seht, wie die Hunde laufen! rief der Wachtmeiſter frohlockend von der Mauer, als er die Wirkung der Granaten bemerkt hatte. Jetzt, Cameraden, ſchickt ihnen eine volle La⸗ dung nach, damit ſie das Umkehren vergeſſen. Schnell zwölf Mann mit mir an das Thor, daß wir die verdammte Maſchine hereinziehen, ehe ihnen der Kamm wieder wächst. Der Teufel muß es dem Pack eingegeben haben, daß es auf den Gedanken kam, eine ſolche verfluchte Höllenmaſchine zu machen! Vorwärts, Freunde, und raſch das Thor auf!— Ei, ſeht doch! ſagte ein Soldat, was raſchelt denn da über das Feld, wie eine Windsbraut? Die Kerle haben den Teufel in den Füſſen.— Halt! bleibt! rief der Wachtmeiſter plötzlich. Nun die⸗ ſe dort auch anbeißen, wollen wir das Thor weislich zulaſſen.— Im nämlichen Augenbli⸗ cke ſchlugen mehrere Kugeln auf den Wall und ein Soldat ſank, in den Kopf getroffen, ohne einen Laut nieder.— Ah! das ſind die Bergſchützen, ich kenne ſie an der ſichern Hand, ſagte der Wachtmeiſter, ohne die Entſchloſſen⸗ heit zu verlieren; duckt euch, Kameraden, jetzt kann unſer Feuer eine Weile ruhen.— Er rief einige Dragoner herbei, die, nachdem er leiſe mit ihnen geſprochen hatte, ſchnell in den Hof eilten.— Bald ließen ſich die Schläge des Mauerbrechers mit verdoppelter Wuth wieder hören und ringsum krachte das Feuer ſtärker, als je zuvor. Der Wachtmeiſter blickte vorſichtig durch eine Schießſcharte, gieng dann ein paar Schritte ſeitwärts und winkte einige Soldaten zu ſich. Kaum ſtunden ſie hier eine Minute, durch die Mauer gedeckt, ſo zeigte ſich von außen ein Kopf über der Bruſtwehr. Kaltblütig hielt ihm der Wachtmeiſter die Piſtole auf die Stirne und drückte ab. Der Menſch ſiel hinab, ohne einen Laut von ſich zu geben. Im Nu ſprangen die drei auf die Manuer, faßten mit ſtarker Hand die Leiter und warfen ſie um.— Dieſe werden nicht ſo bald —— 283 wieder kommen! rief der Wachtmeiſter triumphi⸗ rend aus, während er ſchnell von der Bruſtwehr herabſprang; aber ſchon ſauſten mehrere Kugeln um ſeine Ohren und einer der Soldaten, wel⸗ che die Leiter umgeworfen hatten, ſank getrof⸗ fen auf den Wall.— Die Purſchen da un⸗ ten verſtehen keinen Spaß, brummte der Wacht⸗ meiſter; das Experiment, zum zweitenmal ver⸗ ſucht, könnte uns uͤbel bekommen! Wie ſtehts auf euren Poſten? fragte der Wachtmeiſter einen Grenadier, der eilig gelau⸗ fen kam.— Schlecht, erwiederte dieſer, den Fragenden auf die Seite nehmend, unſer Be⸗ fehlshaber läßt euch melden, daß er die An⸗ greifenden, die zu allen Luftlöchern einzudringen ſuchen, nicht länger aufhalten könne.— Sagt ihm, er ſolle ſeine Leute allmählig aus dem Gefechte ziehen und im Schloßhofe ſammeln; ich werde gleich ſelbſt dort ſeyn.— Schnell ließ er je und je an die Mauer Spieße leh⸗ nen, deren Spitzen über dieſelbe wegragten, ſo daß ſie dem Feinde ſichtbar waren.— Ha⸗ ben Alle geladen? fragte er nun.— Auf die bejahende Antwort gab er ein Zeichen; Alle erhoben ſich zumal, ſchoſſen ihre Gewehre ab und ſuchten ſogleich wieder Schutz hinter der eauer.— Jetzt nicht länger gezaudert, folgt mir! rief er und ſtürzte in den Hof hinab. Hier waren die Pferde vorgeführt und der Ueberreſt der Beſatzung, mit Ausnahme einiger verlornen Poſten, geſammelt. Furchtbar don⸗ nerte der Mauerbrecher gegen das Thor, das eben aus ſeinen Fugen zu weichen begann. Der Wachtmeiſter ordnete die Mannſchaft zum Ausfall; auf ein Zeichen von ihm wurden die Thorflügel ſchnell aufgeriſſen, und die Schaar, die Hälfte der Reiter an der Spitze, die an⸗ dere ſchließend, ſtürmte hinaus. Im erſten Anlauf wurden die Stürmenden über den Hau⸗ fen geworfen; ſie ſammelten ſich aber bald wieder auf den beiden Seiten und in der Fronte der abziehenden Beſatzung und begrüßten ſie mit einem mörderiſchen Feuer. Eine Zeitlang hielt ſie Stand und rückte vor, ſo ſchnell ſie 285 konnte; als aber immer mehr Leute fielen entſchaarte ſie ſich im Felde und die Reiter flohen mit verhängtem Zügel davon.— Folgt dieſen Martignac, rief Antvine, und leſt von ihnen auf, was ihr könntz ich will in das leere Neſt einziehen. Bruder Chretien, wo iſt Margot? fragte Antvine dringend, nachdem er die Geliebte vergebens unter den befreiten Gefan⸗ genen geſucht hatte. Margot! erwiederte die⸗ ſer erſtaunt, iſt ſie denn auch gefangen wor⸗ den?— Wie, du weißt nichts von ihr, du haſt ſie nicht geſehen?— Mit keinem Auge, antwortete der Gefragte; ich glaubte ſie ge⸗ rettet.— Nach Margot fragt ihr? ſagte ein alter Mann, der aus dem Haufen hervor⸗ trat; ſie wurde an meiner Seite ergriffen, und von einigen Soldaten weggeführt, ſeitdem aber habe ich ſie nicht mehr geſehen.— Erſtarrt ſtund Antvine, ſeine Bruſt arbeitete gewaltig, und der furchtbare Ernſt, der uͤber ſeine Züge flog, ſchien auf einen heftigen Kampf in ſeinem 286 Innern zu deuten. Eben ſchleppte man einen der gefangenen Miſſionärs in den Schloßhof. — Wo iſt Margot? ſchrie der Erzürnte ihn an.— Mar.. Margot! entgeg⸗ nete verwundert der Prieſter, ich kenne keine Mar... Margot.— Du kennſt ſie nicht, verfluchter Pfaffe! ſchrie Antoine ingrimmig und packte ihn an der Bruſt. Habt ihr ſie nicht gefangen? Antworte oder ich erdroßle dich. Ich ich„ſtotterte der Ge⸗ ängſtigte, weiß. weiß von nichts; ich ken⸗ ne keine Mar Margot.— Margot kennſt du nicht! Meine Geliebte, meine ver⸗ lobte Braut! Du mußt ſie kennen. Wo habt ihr ſie verborgen? Du mußt darum wiſſen. Sprich, ſo lieb dir dein Leben iſt.— Heiliger Chryſoſtomus! betete der Prieſter in ſeiner Her⸗ zensangſt, errette.. Kein Heiliger und kein Teufel ſoll dich aus meiner Hand erlöſen ſchrie Antoine grimmig und ſchüttelte den Pater. Bekenne, oder du biſt des Todes.— Ach, lieber Herr, ſtöhnte der Prieſter, ich weiß — es ja nicht; ich ſchwöre rs euch bei den Wun⸗ dern... Läſtere den Namen des Herrn nicht, es geht keine Wahrheit aus eurem Munde, und wenn ſie durch ſieben Schware beſiegelt wäre. Geſtehe oder fahre zum Teu⸗ fel in deinen Sünden!— Er zückte den Dolch⸗ — Ach du lieber Heiland, ich weiß es ja nicht, flehte der Pater, vielleicht, daß der hoch... hochwürdige Herr Abt.. Wo iſt der Pfaffe? rief Antvine ſchnell.— Hier, er⸗ wiederte jener eilig, hier in dieſem Schloſſe verborgen.. er muß noch da ſeyn. — So gehe zum Teufell rief Antoine, ſtieß den Prieſter von ſich und ſtürmte die Treppe hinauf. Einige aus dem Haufen folgten ihm. — Vergebens ſchallte der Name Margot durch alle Gemächer. Von Thüre zu Thüre ſtürmte Antvie, die Geliebte zu ſuchen. In des Abts Schlafzimmer raſchelte es hinter dem Vorhang, man zog einen unter der Bett⸗ lade verſteckten Menſchen hervor.— Wer biſt du, Schurke? fuhr ihn Antvine heftig an. 288 — Der Kammerdiener, geſtrenger Herr, des Hochwürdigen.. Ah! tobte Antvine, der Hanblanger der Lüſte des geilen Pfaf⸗ fen. Da haben wir den rechten Mann. Auf der Stelle zeige mir den Ort, wo der Satan, den du deinen Herrn nennſt, das Mädchen verborgen hat.— Das Mädchen, welches Mädchen? erwiederte der Gefragte mit der Miene der Einfalt.— Welches Mädchen! Hallunke! Wart, ich will dir die Zunge löſen! — Kaltblütig zog er den Dolch und ſetzte ihn auf die Bruſt des Bedienten. Eine Minute Zeit haſt du, mir den Namen zu nennen; wo nicht, ſo wirſt du ſechs Zoll kaltes Eiſen im Leibe haben.— Ah! ich beſinne mich, geſtren⸗ ger Herr. Ihr werdet die kleine Margot meinen aus Ja! Schurke, die meine ich. Führe uns ſchnell und⸗ſicher, wenn dir an deinem Leben gelegen iſt.— Ich werde kein Narr ſeyn und mein Leben aufs Spiel ſetzen, erwiederte der Diener, den Antoine nicht losließ, und wendete ſich gegen die Seiten⸗ 289 wand.— Da hinaus geht es, Hans Haſenfuß, rief ihm Antoine zu und kehrte ihn gegen die Thüre, ich glaube, die Angſt hat dir den Kopf verwirrt.— Herr, wenn ihr den Weg beſſer wißt, erwiederte Jener ſtörriſch, ſo geht nur immerhin voran.— Menſch, ich will dir den Willen laſſen, aber wenn du uns narrſt. Ich bin ja in eurer Hand, und werde mich wohl hüten, meinen Spaß mit euch zu trei⸗ ben, erwiederte der Diener und drückte an einer in der Wand verborgenen Feder. Eine geheime Tapetenthüre ſprang anf, hinter welcher eine Treppe aufwärts führte. Sie ſtiegen hinauf, gingen durch mehrere enge Gänge und ſtun⸗ den auf ein Zeichen des Dieners vor einer verſchloſſenen Thüre ſtill. Margot! rief Antoine mit lauter Stimme.— Antvine, Antoine! erwiederte eine ängſtliche Stimme von innen den Ruf.— öffne, Margot, öffne!— Kein Laut ließ ſich weiter verneh⸗ men. Oeffne, Heffne! rief Antoine dringen⸗ der. Keine Antwort. Verzweifelnd rannte er Der Camiſarde. I. 13 290 gegen die Thüre und ſie brach unter ſeinen wiederholten Fußtritten zuſammen.— Zurück! rief dem Eintretenden eine drohende Stimme entgegen, und im Hintergrunde des Zimmers zeigte ſich der Abt, mit bloßem Schwerte vor der zitternden Margot ſtehend. Zurück! wie⸗ derholte er, oder im nächſten Augenblick iſt ſie eine Leiche.— Verſteinert ſtunden Alle.— Soll ich dem Hund eine Kugel durch den Kopf jagen? wendete ſich einer der Camiſar⸗ den fragend zu Antoine.— So viele Kraft wird mir noch übrig bleiben, ihr den Säbel durch den Leib zu ſtoßen, erwiederte in ent⸗ ſchloſſenem Tone der Abt und hob das Schwert. — Halt! gebot Antoine. Willſt du mir die Jungfrau ausliefern? rief er dem Abt zu. — Wenn du mir mit deinem Worte mein Le⸗ ben verbürgſt, erwiederte dieſer.— Gibſt du mir eine reine und unbefleckte Jungfran zurück? fragte Antoine bitter.— So wahr Gott lebt, verſicherte der Abt.— O, An⸗ toine, wie kannſt du zweifeln? fiel die Jung⸗ ———— 291 frau mit dem Tone des Vorwurfs ein.— Dein Leben iſt geſichert, ich verſpreche es Dir.— Schwöre, ſo laſſe ich das Mädchen fahren.— Schwören? rief Antvine beleidigt. Kein Camiſarde ſchwört; dir genüge an meinem Wort.— Es ſey, erwiederte nach einigem Bedenken der Abt, was würde mir auch ein Schwur helfen, wenn du ihn nicht halten willſt.— Er ließ den Säbel fallen und die beiden Liebenden ſanken ſich e in die Arme. „Thut die Thore auf, daß ez das gerechte Volk, das den Glanben bewahrt“ rief triumphirend Barnabé du desert, als er an der Spitze einer begeiſterten Schaar in das Schloß zog. Kampf und Sieg hatten ſeinem Fanatismus einen doppelten Aufſchwung ge⸗ geben, ſeine Augen ſtrahlten in wahnwitziger Glut, und die ringsumherfahrenden ſtechenden Blicke ſchienen nach Opfern der Rache zu ſpä⸗ hen. Die befreiten Gefangenen drängten ſich um den Haufen und rgeiüt fröhlich Ver⸗ 292 wandte und Freunde. Mitten unter dem Hau⸗ fen ſtund Barnabas und rief mit tönender Stimme:„Die Gefangenen ſollen dem Rieſen genommen und der Raub des Starken los werden. Und ich will helfen meinen Kindern, und will hadern mit ihren Haderern, und will ihre Schinder ſpeiſen mit ihrem eigenen Fleiſch, und ſollen trunken werden von ihrem eigenen Blut, wie von ſüßem Weine.“— Ja, Rache, Rache an den Henkern! rief eine kräftige Stimme; ein ſtarker Mann von mittleren Jahren trat in die Mitte der Schaar und hob ſeine von der Folter zerquetſchten Hände in die Höhe.— Rache, Rache! rief der ganze Haufen ihm nach. Die Gemarterten entblöß⸗ ten die Glieder, an denen ſie gefoltert worden waren, ſtießen Verwünſchungen gegen ihre Peiniger aus und ſchürten das Feuer zu wil⸗ der Glut.— Platz! Platz! riefen plötzlich Stimmen von hinten. Langſam und ſchwei⸗ gend ſchritten ſechs Camiſarden durch die Menge, die ſich vor ihnen öffnete; ſie trugen 4— ————— 293 auf ihren Gewehren ein menſchliches Weſen, das ſie mitten im Kreiſe ſachte niederſetzten. Es war ein alter Mann mit langem weißem Bart und Haupthaar; aus tief liegenden Höh⸗ len und einem abgezehrten Geſichte ſtarrten ein Paar halb erloſchene Augen; halb ver⸗ faulte Kleider, die in Lumpen um den abge⸗ mergelten Körper hingen, deckten ſparſam ſeine Blöße. Von zwei Perſonen unterſtützt, richtete er mit Mühe ſich ſitzed empor und ſtarrte mit halbgeſchloſſenen Augen umher, vor die er von Zeit zu Zeit, vom Glanze der Fackeln geblendet, beide Hände hielt. Alle Zuſchauer verharrten, voll geſpannter Er⸗ wartung, in furchtbarem Schweigen.„Wo bin ich, begann der Greis mit hohler, matter Stimme, wer hat mich der Nacht meines Gra⸗ bes entriſſen? Kommſt du endlich, o Tod, du Erlöſer von langen, langen Leiden? Wollt ihr mich endlich tödten aus Barmherzigkeit? Der Himmel wird euch dafür ſegnen. Macht meinem langen Elend ein kurzes Ende. Mar⸗ 24 tert mich nicht, laßt mich nicht lange dulden, denn ich habe nur noch einen Hauch des Le⸗ bens in mir, den ich euch hingebe mit Freu⸗ den.“— Du biſt frei, du biſt frei! riefen ihm hundert Stimmen zumal zu.— Frei! ſtöhnte der alte Mann aus tiefer Bruſt, frei! wieder⸗ holte er und ſchuͤttelte ungläubig das Haupt. Keiner kehrt wieder aus der Höhle des Tie⸗ gers, fügte er hinzu und verſank in dumpfes Hinbrüten.— Das Schloß iſt genommen, rie⸗ fen mehrere Stimmen zumal, die Kerker ſind geöffnet.— Das Schloß genommen! wieder⸗ holte der Greis und gab ſich Mühe, ſeine Ge⸗ danken zu ſammeln. Iſt denn Krieg in dieſem Lande?— Die Proteſtanten, die Proteſtanten haben es genommen.— Proteſtanten! ſprach der Alte mechaniſch nach. Sind ſie denn unter den Waffen?— Ja! rief Barnabas ſiegtrun⸗ ken, und der Herr hat ihre Feinde in ihre Hände gegeben.— Ein matter Strahl der Freude leuchtete aus den Augen des alten Mannes; er faltete ſeine Hände zu ſtillem Ge⸗ —— ——— 295 bet.— Wer biſt du? fragte ihn nach einer Pauſe Barnabe.— Wer ich bin? Einſt war ich ein gluͤcklicher Gatte und Vater, aber es iſt ſchon lange, lange her. Sie ſind wohl alle geſtorben und begraben, die mir ange⸗ hörten. Es war eine lange, lange dunkle Nacht, die ich da unten lebendig im Grabe ſaß. Als ſie mich hinunterſtießen, waren mei⸗ ne Haare ſchwarz; ſeht zu, ob ſie inzwiſchen weiß geworden ſind, denn ſeitdem habe ich kein Licht wieder erblickt.— Ein Schrei des Entſetzens durchflog die ganze Verſammlung und da und dort vernahm man lautes Schluch⸗ zen.— Bin ich denn wirklich ſo alt gewor⸗ den? fragte der Greis mit Schreckenz aber es muß wohl ſeyn, fügte er ſeufzend hinzu, denn es däucht mich eine Ewigkeit, ſeit ich das Licht der Sonne zum letztenmal erblickte.— ziber wie heißt du denn? fragte ihn einer der Anweſenden.— Faſt habe ich den Namen ver⸗ geſſen, den ich führte, als ich noch unter Menſchen wohnte. Pierre Rivand nann⸗ 296 ten ſie mich in meinem Dorfe, ſetzte er nach einigem Beſinnen hinzu!— Pierre Rivaud! rief mit freudigem Schrecken eine Stimme und ein kräftiger Mann drängte ſich durch den Haufen. Pierre Rivaud aus Saint⸗ Privat? wiederholte er dringend und trat vor den Greis.— So iſt es, wiederholte faſt tonlos der alte Mann. Kennſt du den Na⸗ men?— Mein Vater! rief dieſer und ſtürzte ſich zu ſeinen Füßen nieder. Ohnmächtig ſank der Greis in die Arme des Sohns und Alle umſtanden gerührt die Gruppe.— Wer iſt der Teufel, der euch lebendig begraben hat? rief der Sohn aufflammend, nachdem ſein Vater durch ſtärkende Mittel wieder zu ſich gebracht war.— Mein Sohn, erwiederte dieſer, es iſt gefährlich, ein Geheimniß zu kennen, das einen Mächtigen verderben kann. — Darum alſo verſchwandet Ihr plötzlich auf ſo unbegreifliche Weiſe aus der Mitte der Eurigen.— Meine Zunge wurde durch die Nacht und Einſamkeit des Kerkers gebunden. 297 — Aber wer, wer war der Teufel? fragte dringend der Sohn.— Der Abt Chaila, antwortete der Vater. Iſt er noch unter den Lebendigen? Gefunden, Gefangen! riefen plötzlich laute Stimmen von der Treppe. Von Be⸗ waffneten umgeben, erſchien der Abt am Ein⸗ gange des Portals und ſtarrte mit verwirrten Blicken auf die wogende Menſchenmaſſe im Schloßhof. Nieder mit dem Tieger! nie⸗ der mit demScheuſal! riefen hundert Stim⸗ men zumal, und die Bläſſe des Todes überzog das Angeſicht des Prieſters.— Dich trägt dein Fuß zum Tode! ſprach in dumpfem Tone ein hoher Mann, der, in einen Mantel gehuͤllt, am Eingange des Portals im Schatten eines Pfeilers ſtund.— Wehe, wehe dir! die Stun⸗ de des Gerichts iſt da! ſagte langſam und feierlich ein ſchwarzgekleidetes Weib, das ne⸗ ben dem Manne ſtund. Einen Blick des Entſe⸗ tzens warf der Abt auf die Beiden. Sie ſtun⸗ den regungslos wie Bildſänlen.— Nieder, 298 nieder mit dem Scheuſal! tönte es wie⸗ der furchtbar aus dem Haufen. Wie vernich⸗ tet ſtund der Prieſter vor den Schrecken, die von allen Seiten auf ihn eindrangen.— Auf, zum Gerichte! rief Barnabé du desert mit mächtig tönender Stimme. Langſam und feier⸗ lich ſchritt er durch den Haufen; ihm nach fluthete die Menge. Dicht vor dem Abt blieb er ſtehen und heftete ſchweigend ſeine durch⸗ bohrenden Blicke auf ihn.— Kennſt du dieſe? fragte er nach einer furchtbaren Pauſe mit dumpfem Tone den Prieſter, und vor ihn tra⸗ ten die Gefolterten und hoben ſchweigend ihre zerquetſchten Arme empor, und entblößten die gemarterten Glieder. Der Abt verſtummte und ſchlug ſeine Blicke zu Boden.— Dir wäre beſſer, du wäreſt nie geboren! ſprach langſam und feierlich Barnabé du desert.— Der Kreis öffnete ſich. Tiefe, ſchauerliche Stille herrſchte rings umher; vier Männer trugen die Leichengeſtalt des Greiſes durch den Haufen und ſetzten ſie ſchweigend zu den 299 Füßen des Prieſters nieder. Einen durchdrin⸗ genden Schrei ſtieß dieſer aus und verhüllte das Geſicht in die Falten ſeines prieſterlichen Kleides.— Kennſt du dieſen? fragte Barna- bé du desert mit zermalmendem Tone.— Kein Laut ließ ſich vernehmen, und ein tiefes Schweigen herrſchte über der Menge. Nach einer langen Pauſe begann Barnabé du de⸗ sert mit einer Stimme, die einem fernher rol⸗ lenden Donner glich:„Verflucht ſeyſt du und die Stunde deiner Geburt! Der Tag müſſe verloren ſeyn, da du geboren wardſt, und die Nacht, da man ſprach: Es iſt ein Männlein empfangen. Finſter ſey dieſer Tag, und Gott von oben herab frage nicht nach ihm, und kein Glanz müſſe über ihm ſcheinen. Finſter⸗ niß und Dunkel müſſen ihn überwältigen, dicke Wolken müſſen über ihm bleiben, und der Dampf am Tage mache ihn gräßlich. Die Nacht müſſe ein Dunkel einnehmen, und müſſe ſich nicht freuen unter den Tagen des Jahrs, nöch in die Zahl der Monde kommen. Siehe, 300 die Nacht ſey einſam, und kein Jauchzen da⸗ rinnen. Es verfluchen ſie die Verflucher des Tags, und die da bereit ſind zu erwecken den Leviathan. Ihre Sterne müſſen finſter ſeyn in ihrer Dämmerung; ſie hoffe auf das Licht und es komme nicht, und müſſe nicht ſehen die Au⸗ genbraunen der Morgenröthe.“ Dieſer Fluch, langſam und feierlich ausgeſprochen, erfüllte die Hörer mit Entſetzen. Unbeweglich ſtund der Prieſter.— Tödtet ihn! Tödtet ihn! rief nach einer Pauſe eine Stimme aus dem Haufen. Tödtet ihn! Tödtet ihn! hall⸗ ten hundert Stimmen nach. Gezogene Schwer⸗ ter und gehobene Spieße blinkten im Scheine der Fackeln.— Zurück! rief mit kräftiger Stimme Barnabé du desert aus. Keine Hand berjhre jhn! Unrein würde das Schwert, das ſein Blut trinkt. Er ſoll geſteiniget werden vor allem Volke. Steiniget ihn! Stei⸗ niget ihn! wiederholten hundert Stimmen und hundert Hände griffen nach dieſem Werk⸗ zeuge des Todes. Eine ſtarke Fauſt ſtieß von 301 hinten den Prieſter vorwärts gegen den Haufen. Da erwachten zum letztenmal alle Lebensgei⸗ ſter in dem Geängſteten; Huͤlfe ſuchend irrte ſein Blick durch die Menge.— Rette mich! Rette mich! rief er in Verzweiflung aus und ſtürzte zu den Füßen des hohen Mannes nieder, der noch immer, in ſeinen Mantel gehüllt, unbe⸗ weglich am Pfeiler ſtund.— Bei mir, erwie⸗ derte dieſer kalt und ruhig, ſuchſt du Hülfe in deiner letzten Noth? Kennſt du mich? fügte er hinzu und ſchlug den Hut, der tief über ſein Geſicht hing, in die Höhe. Und kennſt du dieſe? ſprach er bitter und führte das Weib vor den Knieenden. Sie ſchlug den Schleier zurück. Einen Augenblick ſtarrte der Prieſter in ihre bleichen Züge, dann ſchrie er in herzzerreißendem Tone auf: Wehe! Wehe! ich bin verloren, die Gräber geben ihre Tod⸗ ten wieder. Ihr Berge fallet über mich und ihr Huͤgel decket mich!— Nicht verderben wollte ich dich; ich will dich auch nicht retten; du fällſt ein Opfer deines eigenen Frevels, da⸗ 302 mit die Gottloſen inne werden, daß noch ein Rächer im Himmel lebt, ſprach Roland und wendete ſich von dem Knieenden.— Da flog der erſte Stein aus ſtarker Fauſt. Einen gel⸗ lenden Schrei ſtieß das Schlachtopfer aus, und bald war er mit einem Berge von Stei⸗ nen bedeckt. In einem reichmeublirten Zimmer ſaß Ju⸗ lie Martignac, emſig, wie es ſchien, mit einer Stickerei beſchäftigt. Bald war ſie in tiefes Sinnen verloren und leichte Kummer⸗ wölkchen flogen über die reizende, von brau⸗ nen Locken beſchattete Stirne; bald trällerte ſie wieder, mit der ihrem Geſchlecht und dem ſüd⸗ lichen Himmel, unter dem ſie lebte, eigenen Beweglichkeit, ein munteres Liedchen, und ſchlug mit den kleinen niedlichen Fingern den Takt dazu auf ihrem Stickrahmen; dann er⸗ hob ſie ſich, flog tanzend durch das Zimmer, erblickte ihr ſchönes Bild in einem Wandſpie⸗ 303 gel, tanzte davor hin, drehte ſich, wendete ſich beſah ſich von hinten und vornen, ordnete die Locken und betrachtete ihre Geſtalt mit Wohl⸗ gefallen.— Mein Gott, Julie, was muß ich wieder hören! ſagte eine ältliche Dame, die unbemerkt ins Zimmer getreten war, halb ſcherzend halb verweiſend, und klopfte das Mäd⸗ chen leicht auf die Achſel.— Und was denn, liebe Tante? fragte Julie leicht und drehte ſich ohne Verlegenheit um.— Wie haſt du geſtern in der Soiree des Herrn von Saint⸗ Comes dich gegen den Marſchall wieder be⸗ nommen?— Wie, Tantchen? erwiederte mit Lachen das Fräulein. Nun, wie man ſich gegen einen Gecken benimmt.— Dieſer Geck, mein Kind, iſt Marſchall von Frankreich. Das ſollteſt du niemals vergeſſen.— Mein Gott! ich gebe mir ja alle Mühe, und wäre es auch nur Ihnen zu lieb, da Sie es wünſchen; aber ſo oft ich ihn ſehe und höre, vergeſſe ich es wieder. Es ſcheint mir immer, eine Spindel in der Hand würde ihm beſſer ſtehen, als der 304 Marſchallsſtab von Frankreich, mit dem er ſich im großen Coſtüm hat mahlen laſſen.— Aber, lieber Himmel, du weißt ja, daß wir ihn brau⸗ chen. Mäßige doch nur ein klein wenig deine Laune.— Sie, Tante? ich brauche ihn nicht. — Aber ich deſto mehr, ungezogenes Kind. — Sie, Tante? Sie brauchen ihn noch we⸗ niger. Wir wollen durch ſeinen Einfluß einen Prozeß gewinnen, um noch reicher zu werden, als ſie ſchon ſind, und durch ſeine Verwen⸗ dung eine Stelle am Hof erlangen, um ihre Unabhängigkeit zu verlieren. Beides wäre ein großes Unglück für Sie. Sie klagen über die vielen Geſchäfte, die Ihnen die Verwaltung Ihres Vermögens macht— und wollen noch mehr; Sie beſchweren ſich über den Zwang der Etikette in dieſer Provinzialſtadt— und wollen die Feſſeln des Hofceremoniels tragen. Bleiben Sie Köͤni⸗ gin in Ihrem Hauſe und auf Ihren Gütern, und laſſen Sie andere am Hofe des großen Königs dienen.— Dienen, Julie! brauche doch andere Ausdrücke, wenn du von hohen Hof⸗ 305 chargen ſprichſt.— Dienen, Tante! Wie ſoll ich denn anders ſagen? Der Ausdruck mag nicht fein ſeyn, aber er iſt bezeichnend.— Man dient nicht bei Hofe, ſondern bekleidet dieſes oder jenes Hofamt.— Wie Sie befehlen, Tan⸗ te, erwiederte das Fräulein komiſch, Sie wol⸗ len alſo ein Hofamt bekleiden?— Man ſagt in einem ſolchen Falle nicht: wollen, ſondern wünſchen.— Sie wünſchen alſo ein Hofamt zu bekleiden?— Freilich! J! um der Ehre willen.— Und hoffen daſſelbe durch den Ein⸗ fluß Sr. Excellenz, des Herrn Barons von Montrevel, Marſchalls von Frankreich, zu erlangen?— Allerdings, der Marſchall hat Connexionen.— Und ich ſoll dazu beitragen, daß der Marſchall bei guter Laune bleibt und in Athem erhalten wird?— So iſt es, Julie! Das könnteſt du mir wohl zu Gefallen thun, Herzenskind.— Nun, Topp! ich will mir Mü⸗ he geben, Ihnen zu lieb, beſte Tante. Herr von Montrevel Ercellenz! rief ein Bedienter herein und öffnete die Thüre. * „ 306 Der Marſchall trat ein.— Was ſehe ich, rief er ſchon von ferne, meine ſchöne Fein⸗ din, bereits in voller Rüſtung, mich zu em⸗ pfangen! Die Kunſt hat viel gethan, aber ſie blieb hinter der Natur zurück.— Er tanzte auf ſie zu, um ihren Anzug zu muſtern.— Und Sie überſehen den Succurs, den ich aus Furcht vor meinem gefährlichen Feinde zu Hülfe gerufen! erwiederte lächelnd das Fräu⸗ lein. Die Gräfin Aubeterre! Der Ba⸗ ron von Montrevel! ſagte ſie, ſich ver⸗ neigend„mit komiſchem Ernſt und präſentirte die Beiden einander.— Mein Gott, Fräulein, liſpelte der Marſchall, Sie rufen fremde Reize zu Hülfe, da ich kaum ihren eigenen, Stand zu halten vermag, und küßte die Hand der Gräfin.— Man kann nicht vorſichtig genug ſeyn, erwiederte das Fräulein mit leiſem Spott; Montrevel iſt den Damen ſo gefähr⸗ lich, als der Marſchall den Feinden des Königs.— Seht da, wie fein! rief die Grä⸗ fin dazwiſchen. Das nenne ich ein Compli⸗ 307 ment, Baron.— Wenn ich Sie beſiegt habe, ſchöne Feindin, ſagte der Marſchall galant, ſo will ich meinen Schild im Tempel des Mars aufhängen.— Was würden aber dek Pater Lachaiſe, die Frau von Maintenon und der allerchriſtlichſte König zu dieſem heidniſchen Opfer ſagen?— Wiſſen Sie nicht, kleine Ab⸗ trünnige, daß der Proteſtantismus ein grö⸗ ßerer Greuel iſt vor dem Herrn, als ſelbſt das blinde Heidenthum?— Ei nun! ſo be⸗ kehren Sie mich, Herr Marſchall.— Rechnen Sie mich denn unter die geſtiefelten Miſſio⸗ närs?— Sie ſind ja ihr Generaliſſimus.— Sie wollen ſich alſo von mir bekehren laſſen?— Lieber von Ihnen als von einem ungeſtiefel⸗ ten Miſſionär, wenn es doch ſehn muß. Laſ⸗ ſen Sie mich nur nicht in die Hände des hochwürdigen Abt Chaila fallen, ſetzte das Fräulein ſchäkernd hinzu und hob ſcherzhaft flehend ihre Hände gegen den Marſchall auf. — Der bekehrt Niemand mehr, erwiederte der Marſchall und lachte unmäßig.— Hat 808 er ſich endlich zur Ruhe geſetzt? fragte das Fräulein, in des Marſchalls ſcherzhaften Ton einfallend, mit Lachen.— Ja, zur ewigen Ruhe, lachte dieſer.— Iſt er geſtorben? Gott habe ihn ſelig!— Die. wie hei⸗ ßen doch die Lumpenkerls? die Cami⸗ ſarden haben ihn zur ewigen Ruhe befördert. — Ermordet alſo? fragten haſtig beide Da⸗ men.— Geſteinigt, wie der heilige Paulus, entgegnete der Marſchall mit großer Ruhe. — O, du lieber Himmel, welches Ungluͤck! ſchrieen die beiden Damen zumal.— Ja freilich iſt es ein Unglück für mich, ſagte ſcherzend der Marſchall, denn es fällt mir eben ein, daß ich den Grafen Broglio beſtellt habe, um mit ihm»Maßregeln gegen die Aufrührer zu verabreden, und alſo die reizende Nähe der Damen verlaſſen muß, um meine Zeit, die doch ſo edel iſt, verhaßten Dienſtgeſchäf⸗ ten zu widmen. Zuvor aber möchte ich hier noch einen Sieg erfechten, der mir näher am Herzen liegt, fügte er hinzu und griff ſcher⸗ 309 zend nach der Hand des Fräuleins.— Ihr bloßer Anblick, großer Feldherr, ſchlägt mich in die Flucht, erwiederte dieſe lachend und drehte ſich, die Hände auf dem Rücken, in ſchnellen Kreiſen um ihn herum.— Der Mar⸗ ſchall ſuchte ſie zu haſchen.— Furchtbarer Mars, rief ſie ſcherzend, Daphne flieht. Hülfe, Hülfe ihr Götter!— Sie werden doch nicht in einen Lorbeerbaum verwandelt werden wol⸗ len? ſcherzte der Marſchall und tanzte ihr nach.— Es war, glaube ich, Apollo, und nicht Mars, bemerkte pedantiſch die Gräfin. — Hier iſt Mars und Apoll in einer Perſon! rief das Fräulein lachend und entfloh durch die nächſte Thüre.— Das leichtfertige Ding! ſagte die Gräfin.— Ein wahrer Engel an liebenswürdiger Bosheit! rief der Marſchall der Verſchwundenen entzückt nach. Der Graf Broglio, mit einigen Offizie⸗ ren, wünſchen.... meldete ein eintretender Diener.— Das ſcheint preſſant, murrte der Marſchall, daß man mich gar hier aufſucht! 310 — Mein Haus ſteht zu Ihrer Verfügung, Baron, ſagte die Gräfin galant. Erlauben Sie, daß ich mich entferne.— Ey nicht doch, Gräfin! Bleiben Sie. Des Königs Majeſtät verhandelt ja auch Staatsgeſchäfte in Gegen⸗ wart der Frau von Maintenon.— Ich möchte denn doch nicht, erwiederte die Gräfin verlegen, ſo äſtimabel im uͤbrigen die Perſon der Frau von Maintenon iſt, in gewiſſer Be⸗ ziehung mit ihr verglichen werden.— Ei! Was das anbelangt, ſo beruhigen Sie ſich. Sie iſt dem König heimlich angetraut.— Wiſſen Sie das zuverläßig, fragte die Gräfin dringend; ich hätte ſchon lange gern Gewiß⸗ heit darüber gehabt. Erzählen Sie doch, be⸗ ſter Baron.— Ein andermal, unter uns, ent⸗ gegnete dieſer ausweichend; ich habe es von guter Hand.— Nun, wenn Sie es gewiß wiſſen, ſo bleibe ich.— Der Marſchall zog die Glocke und winkte dem wieder eintreten⸗ den Bedienten bejahend. Der Graf Broglio, mit einem Gefolge ——— 311 von Offizieren, trat ein.— Sie ſind alſo noch immer der Meinung, lieber Graf, redete ihn der Marſchall an und ging ihm höflich entge⸗ gen, daß eine ſo bedeutende Macht gegen die⸗ ſes aufrühreriſche Bauernvolk zu verwenden ſey?— Die Vorſicht, erwiederte dieſer, ſcheint es wenigſtens zu erfordern. Allerdings glau⸗ be ich, daß die Hälfte der Mannſchaft hinrei⸗ chend wäre, ſie zu Paaren zu treiben; aber man muß ſich nicht einmal der Möglichkeit einer Niederlage ausſetzen und mit einem großen Schlage ſchnell den Aufruhr in der Geburt erſticken.— Sie haben Recht, von dieſer Seite betrachtet; und ich genehmige Ihren garzen Plan, ſagte der Marſchall nach einigem Be⸗ ſinnen. Nur will ich den Oberbefehl dem Oberſten Saint⸗Julien übergeben, da ich dieſe Rebellen der Ehre nicht wuͤrdig achte, einen königlichen General gegen ſie zu ſchicken. — Setzen Eure Ercellenz etwa kein Vertrauen in mich? fragte etwas empfindlich der Gene⸗ ral.— Richt doch, lieber Graf, was denken 342 Sie! Aber ich fürchte, daß man bei Hof die Sache für ernſtlicher halten möchte, als ſie iſt, wenn ich einen General gegen die Aufrüh⸗ rer ſchicke. Sie werben dieſen Grund billigen. — Ich muß wohl, erwiederte der General, und füge mich Eurer Ercellenz höheren Ein⸗ ſichten, ſetzte er milder hinzu.— Obriſt Saint⸗ Julien! ſagte der Marſchall zu einem der anweſenden Offiziere.— Eurer Excellenz! erwie⸗ derte dieſer und trat vor.— Sie nehmen ſechs Compagnien Ihres Regiments und vier Schwa⸗ dronen Dragoner und marſchiren mit dieſen Truppen gegen die Rebellen. Sobald Sie ie ſpöttiſches Geſicht zeig⸗ te ſich unter der halbgeffneten Thüre, und ſie ſang mit komiſchem Mienenſpiele: Mon- trevel s'en vat en guerre.— Der Marſchall ſah ſich lachend um und fiel ſummend ein: Miron deron— donderon— daine.— Mit lautem Lachen ſchlug das muthwillige Mädchen Sie Thüre zu und überhörte das mißbilligende: „Pfui doch, Julie!“ der ernſtern Tante. Die 31⁸ Offiziere kicherten und mußten ſich Zwang anthun, den lauten Ausbruch ihrer Luſtig⸗ keit zurückzuhalten.— Sobald Sie, fuhr der Marſchall mit verbißenem Lachen fort, die Aufrührer zu Geſicht bekommen.. Aber⸗ mals öffnete ſich die Thüre, und das Fräu⸗ lein ſang: U s'en va, on ne sait, quand il reviendra.— Lachend ſummte der Marſchall nach: Pralala— lalala lalala— la! Der General Graf Broglio wird Ihnen die näheren Inſtruktionen erthei⸗ len, ſagte der Marſchall, ſich gegen die Offi⸗ ziere zum Abſchied verbengend, indem er ge⸗ waltſam das Lachen zurückhielt.— Als ſie an der Thüre waren, rief er ſchnell, wie einer, der etwas vergeſſen hat, nach: Obriſt Saint⸗Jnlien!— Ihre Ercellenz!— Statt der Compagnie des Hauptmanns Collet, laſſen Sie den Hauptmann von Villiers marſchiren und ſchicken Sie ihn gleich hierher. — Sehr wohl! erwiederte der Siß und verbeugte ſich. Der Camiſarde I. 14 Der göttliche Mars legt alſo die goldene Rüſtung an? fragte das Fräulein, ins Zim⸗ mer hüpfend.— Nicht Mars in eigener Per⸗ ſon, erwiederte der Marſchall lachend. Dieſer Feind wäre unwerth ſeiner ehernen Lanze, und überdieß, fügte er verbindlich hinzu, ſind gefährlichere Feinde im eigenen Lager, gegen welche der Schlachtengott ſeine Waffen zu⸗ erſt kehren muß.— Rücken Sie immerhin ins Feld, tapferer Marſchall. Wir wollen einen Waffenſtillſtand abſchließen, bis der auswär⸗ tige Feind bezwungen iſt.— So wenig al⸗ ſo zittern Sie für das Leben Ihres Paladin, daß Sie ihn ſelbſt in Kampf und Tod ſchicken? — Noch ſo wuͤrdig der Liebe edler Frauen iſt der ruhmgekrönte Held, der ſiegreich zu⸗ rückkehrt aus Kampf und Streit.— Wirk⸗ lich! ſpottete der Marſchall, das nenne ich hochherzig! Aber kommt da nicht Philipp Villiers? ſetzte er, durch die Scheiben ſehend, hinzu. Der ſtürmt ja einher, als ob das Wohl des Königreichs an ſeinen Ferſen —r—— genblattes ſagt unter Anderm darüber:„Ohne Zwei⸗ fel liegt dieſem Unternehmem eine ſehr glückliche Idee zum Grundes Dur Gedanke die gar zu weit⸗ ſchweifigen Romnnendes Rulandes zweckmäßig abzu⸗ kürzen, iſt gewig ſehr zu loben Vorliegende Samm⸗ lung läßt die Romane in ihre urſprünglichen Ge⸗ ſtalt, und ſchneidet nur das Langweilige) das ſich in wenig Zeilen zuſammendrängen läßt, heraus: eine Mühe, die ohnehin unſer Gedachtnis ibernehmen muß, wenn wir die Hriginale ſelbſt geleſen haben; denn wer möchte Alhes behalten oder behalten wollen, waß dem Romapenſchreiber zu ſagen beliebt, um nur aus einem Bande drei zu machem Die Inhaltsan⸗ zeige der erſten Bände kann beweiſen, daß die Aus⸗ wahl der aufzunehmenden Romane glücklich im Ge⸗ ſchmack des Publicums getroffen iſt. Der erſte Band enthält: Nicolaus Klims unterirdiſche Reiſe, nach Polberg. Das Maal von Henriette Hanke. Derbraune Erich, nach Ingemann. Alevis und Natalie, nach Ka⸗ ramſin. Der Bräutigam aus dem Grabe, nach Was⸗ hington Irving. Der zweite Band: Oleſia nach Miß Clärke. Die Protectionen von C. Spindler. Bug Jar⸗ gal, nach Victor Hugo. Laura's Pilla, nach Lope de Vega. Pflicht und Liebe nach Bertollotti. Da die auslandiſchen Artikel dieſer Sammlung ſchon mehr oder weniger hekannt ſind, heben wir unter den deutſchen Hriginalien nur insbeſondere die Protec⸗ tionen von Spindler als eine äußerſt liebenswürdige und ſinnreiche humoriſtiſche Erzählung hervor.“ Neuer Judenſpieg el, oder Apologie der Kinder Iſraels. Von H artwig Hundt⸗ Radowsky.(Mit dem Motto) Welche Religion ich bekenne?— Keine von allen, die du mir nennſt!— Und warum keine?— Aus Re⸗ ligion.“ 8. br. 1 fl. 30 kr. oder 1 Thlr. Rebau, Heinrich. Das Geſammtgebiet der Naturgeſchichte in lithographirten Ab⸗ bildungen. Nach der Ratur und den beſten Hilfsmitteln entworfen und mit einem kurzen er⸗ klärenden Texte, ſo wie einem ſyſtematiſch geord⸗ neten Vamensverzeichniſſe in lateiniſcher und deut⸗ ſcher Sprache. Für Haus und Schule und jedes Lehrbuch der Naturgeſchichte. 1 Abtheilung: das Thierreich, in 6 Lieferungen zu 43 Tafeln. 8 fl. oder 5 Rthlr. Bei den meiſten, für den Schul⸗ und Hausge⸗ brauch beſtimmten Lehrbuchern der Naturgeſchichte ſind die Abbildungen am wenisſten, iſt die Beſchreibung der Gegenſtände am meiſten berückſichtigt. Der Her⸗ ausgeber ſchlug einen andern Weg ein. Er gibt eine roße Anzahl von Abbildungen und die nothwendigen Vemerkungen und Erläuterungen in der gedrängte⸗ ſten Kürze, mit einem Worte bloß das Charakteriſti⸗ ſche. Das Werk erſcheint in 6 Abtheilungen, die zu⸗ ſammen 1164 Abbildungen auf 48 großen Tafeln in ſmperia! Quart enthalten werden. Jede Abtheilung ildet ein Ganzes für ſich. Das Pflanzenreich er⸗ ſcheint als zweite Abtheilung. Poppe, J. H. M. Die Fuhrwerke, ihre ver⸗ ſchiedenen Arten, ihr Bau nach den beſten Grundſätzen und neueſten Erfindungen, nebſt mancherlei Einrichtungen derſelben zur Kraft⸗ erſparniß, Sicherheit und Bequemlichkeit. 8. br. 1. fl. 30 kr. oder 21 gr. Dieſe neue Schrift des geſchätzten Verfaſſers wird vielen Wünſchen entgegenkommen, da ſie, außer dem auf dem Titel Angedeuteten, noch manchen andern wichtigen Gegenſtand, wie die Errichtung von Eiſen⸗ bahnen, Dampfwagen u. a. m. faßlich darſtellt. Sie darf daher jedem Beſitzer von Fuhrwerken aller Art empfohlen wenden. ———— — —— — ——— S.—— ———„.—— m 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 . 9 † — 8 l — 3 1 — — 8 6* — 3 —