89 04939 6235 Leihbibliothek deutscher, englischer und französischer Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgasse Lit. A. Nr. 256. Leih- und Lesebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek steht zur Gmpfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages ist zu 24 Stunden angenommen. 3. Caution. Unbekannte Personen müssen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe desselben entsprechende Summe hinterlegen, welche bei dessen Zurückgabe von mir zurückerstattet wird. 4. Abonnement. Dasselbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: 3 " " 6 Bücher: 2 Bücher: 4 Bücher: 1 uit. 2 Pf. 1 war. 50 f. B 2 Wt. 4 Pf. 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin- und Zurücksendung der Bücher auf ihre eigenen Kosten und Gefahr selbst zu sorgen. 6. Schadenersatz. Für beschmußte, zerrissene, verlorene und defecte Bücher( namentlich bei solchen mit Kupfern 2c.) muß der Ladenpreis erseßt werden. Ist das zerriffene, beschmutzte, verlorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, so ist der Leser zum Ersaz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieselbe ist auf 14 Tage festgesetzt und wird besonders darauf aufmerksam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht stattfinden darf, indem Diejenigen, welche dieselben von mir geliehen, auch.dafür zu stehen haben. Ebbe und Fluth. Roman aus der Gegenwart von I. F. Smith. Aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb. Dritter Band. Stuttgart. Franckh'sche Verlagshandlung. 1860. Universitāls 100 Bibliothek GIESSEN 10 Druck der K. Hofbuchbruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. 19? manis in load. dnu dejad ol Einunddreißigstes Kapitel. Es ist nun Zeit, nach St. Faith mit seinen einfachen Bewohnern zurückzukehren, damit unsere Leser nicht die freundliche Theilnahme, welche sie mit ihrem gewöhnlichen Wohlwollen ohne Zweifel bereits für den armen Weber Simon Gee und sein rühriges Weibchen Esther fühlen, ganz aus dem Auge verlieren. Hätte der gutmüthige alte Mann dem Drang seines Herzens nachgegeben, so wäre er unmittelbar nach Lillians Verschwinden aufgebrochen, um sie zu suchen; aber seine Freunde stellten ihm vor, daß ja gar keine Spur vorhanden sei, die ihn leiten könne, und daß Mr. Thornton bereits die Polizei des Bezirks in Kenntniß gesezt habe, kurz, daß er wahrscheinlich seine Nichte früher wieder sehen werde, wenn er zu Hause bleibe, als wenn er ohne Compaß eine hoffnungslose Entdeckungsreise antrete. Esther, deren Ansicht natürlich bei der Entscheidung bedeutendes Gewicht hatte, war der gleichen Meinung, obschon sie den Verlust des Kindes nicht minder bedauerte als ihr Mann. Simon wartete daher Tag für Tag, bis ihm die Hoffnung nachgerade entschwand und er den Zustand der Spannung und der Ungewißheit nicht länger ertragen konnte. 1* 4 Wenn Esther nach ihren kurzen Ausgängen wieder in das Häuschen zurückkehrte, so traf sie den armen Mann mehr als einmal an seinem Webstuhl, wie er mit zum Schuß ausgeholtem Schifflein regungslos dasaß und dermaßen in seinen Kummer sich vertieft hatte, daß nicht einmal ihr Eintreten ihn zu stören vermochte. Es war klar, daß dieser Zustand nicht so fortdauern konnte oder durfte, wenn ihm das Herz nicht brechen sollte. Jede Veränderung war besser, selbst wenn sie nur mit getäuschter Hoffnung endete. Esther war nicht die einzige Person im Dorf, welche unter der Schwermuth litt, die ihres Mannes Webstuhl müssig machte; denn mehr als ein Bauernweib wartete darauf, daß das Garn, welches sie gesponnen, ihr als gute starke Leinwand zurückgegeben werde; es war in der That ein allgemeiner Nothstand und die Hausmütter von St. Faith steckten ihre Köpfe zusammen, um zu erwägen, wie ihm am besten ein Ende gemacht werden könne. Es wurde beschlossen, daß Simon Gee für einige Wochen die Heimath verlassen solle, um Lillian aufzusuchen. Alle, die dazu riethen, glaubten zwar nicht an den Erfolg dieser Sendung, aber doch an den günstigen Einfluß einer Ortsveränderung, und schossen deßhalb, um Esther günstiger zu stimmen, die Reisetosten zusammen. Nicht ohne Bangen sah Esther ihren Mann die Reise antreten. Sie hatte zwar bisher eine ziemlich hohe Meinung von seinem Verstand gehegt und ihn nicht halb für so einfach gehalten, wie er den Nachbarn erschien; aber je näher die Zeit der Abreise 5 herankam, desto mehr schrumpfte ihr Vertrauen zusammen und sie traf eine Vorsichtsmaßregel, die wohl recht ungewöhnlich sein mochte, aber, wie sie wähnte, ihm vielleicht recht gut zu Statten fam. Sie ließ nämlich den Küster Simons Namen und Adresse nebst dem Ersuchen auf ein Stück Pergament schreiben, daß man den Inhaber, im Fall er sich verirren oder ihm sonst etwas zustoßen sollte, gegen Ersag aller Unkosten nach Hause schicken möge. Diese Karte nähte sie ihm sorgfältig auf den Rückentheil seiner Weste und schärfte ihm ein, sie ja nicht abzulösen. Der alte Mann versprach dies und Esthers. Gemüth wurde etwas ruhiger. Sein Urlaub lautete auf einen Monat. Die Zeit war bereits abgelaufen. Dem langgehegten Plan früherer Jahre zufolge hatte der Weber Lincoln besucht und den großen Tom gehört, sogar wegen des berühmten Mancroftgeläutes in St. Peter sich bis nach Norwich begeben und die Bekanntschaft der Läuter gemacht, die ihm zu lieb einen Triplebobmajor mit dreitausend sechshundert und fünfundfiebenzig Variationen ausführten. Dies war die größte Ehre, die Simon je widerfahren, und er pflegte sich ihrer in spätern Jahren noch oft zu rühmen, wie er denn auch, wenn es bei Ausübung seines Amtes in seinem Heimathorte zwischen ihm und seinen Kameraden zu strittigen Fragen kam, sich stets mit Entschiedenheit auf die Autorität der Norwicher Läuter berief. Esther hatte seit seiner Abreise nur zwei Briefe von ihm erhalten und dieselben pflichtlich zur gebüh= renden Besprechung ihren Nachbarn und guten Freun 6 den vorgelesen. Troß seiner Bemühungen und angestrengten Nachforschungen war es ihm nicht gelungen, Kunde von Lilly zu erhalten; aber das Mittel hatte angeschlagen, indem sein Geist wieder die gehörige Fassung gewonnen zu haben schien. Seinem Versprechen getreu traf der Reisende mit dem letzten Tage seines Urlaubs im Dorf wieder ein, und wir brauchen nicht zu bemerken, daß er von den einfachen Bewohnern, die mit erhöhter Achtung zu ihm aufblidten, seit er fremde Plätze gesehen hatte, mit aller Wärme bewillkommt wurde. Sie fonnten es nicht satt werden, seinen Erzählungen von London, von der großmächtigen St. Paulskirche, von dem Straßenverkehr und der Menge der Fuhrwerke zuzuhören. Freilich deutete auch mehr als einer schlau an, daß Simon wohl von dem Privilegium der Reisenden Gebrauch mache, wenn er versicherte, die bemeldete Kirche habe so viel Steine, daß man davon sechs solche Herrenhäuser, als das des Sir Norman Boothroyd, oder eine Mauer um den ganzen Meldownpart bauen tönnte. Es fiel in die Augen, daß die Reise Simon Gee trefflich bekommen war. Sie hatte ihn aus jenem stillbrütenden Grame gewedt, der, weil nachhaltiger, weit mehr Gefahr drohte, als eine fräftige Aufregung oder eine wilde Verzweiflung, und nachdem der alte Mann sich zwei oder drei Tage über seine Reiseerlebnisse ausgeplaudert, lenkte er wieder in den ruhigen Gang des gewöhnlichen Lebens ein und der Webstuhl that aufs Neue seine Schuldigkeit. Mit andern Worten, der Weber suchte die verlorene Zeit wieder einzubringen, indem er den ganzen Tag un ry ermüdlich arbeitete, und seine erwerbsame Ehehälfte, welcher die Verkürzung ihrer Haustasse ein schweres Leid gewesen, begann einzusehen, daß am Ende die fünf Pfunde doch nicht übel angelegt waren. Hätte sich ein zweiter Weber im Ort befunden, so wäre das Ergebniß wohl anders ausgefallen. Seit vielen Jahren war Simon Gee daran gewöhnt, nach des Tages Last und Mühe ein Stündchen in der mit Sand bestreuten reinlichen Gaststube des Boothroydwappens" zuzubringen. Früher hatte er blos den Zuhörer gemacht; durch seine Reisen aber wurde er zur Würde eines Redners in der Gesellschaft erhoben. d Die ländliche Abendgesellschaft war wie gewöhnlich versammelt. Sie bestand aus Mr. Minter, dem Küster Absalon Myers, Simon, dem Wirth und noch etlichen Farmern, Freisaßen und Söldnern; denn in St. Faith gab es nur einen geringen Rangesunterschied. Es ging das Gerücht, Sir Norman habe die Halle auf drei Jahre an einen Freund von Mr. Thornton, einen ungemein reichen Citykaufmann, vermiethet und man besprach sich eben die Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten dieses Falles. Die Neuigkeit ist viel zu gut, als daß sie wahr sein könnte," bemerkte Giner. ,, Vielleicht ist's auch so ein tyrannischer, beutelstolzer Pilz, wie er selber," sagte ein Anderer. - Ein Dritter meinte, von einem Freund des Mr. Thornton lasse sich dies nicht annehmen eine Bemerkung, über die sich Alle einverstanden erklärten; denn die gedachte Magistratsperson war seit dem ver 8 hängnißvollen Neujahrsabend in der guten Meinung des Volkes sehr gestiegen und man sprach sogar davon, ihn als Vertreter der Grafschaft in's Parlament zu wählen, sobald wieder eine allgemeine Wahl stattfände Alles dies nur dem Grundherrn zum Possen. ,, Vielleicht ist's nur ein Gerücht," sagte Mr. Minter. Ich halte Sir Norman für viel zu stolz, um ihm zuzutrauen, er werde die Halle an irgend Jemand, der nicht ein Lord ist, vermiethen." Der Küster schüttelte schlau den Kopf. ,, Was soll das bedeuten, Absalon?" fragten mehrere. ,, Daß Farmer Minter ganz und gar auf dem Holzwege ist." ,, Hum, das kömmt nicht oft vor," bemerkte Simon Gee. Die Anderen theilten diese Ansicht, baten aber den Küster, sich eines Weiteren zu erflären. Ohne Zweifel hatte er etwas von dem Pfarrer gehört, der, wenn in Beziehung auf Bewohnung der Halle ein Wechsel bevorstand, wohl zuerst davon erfahren mußte. ,, Soviel ist Thatsache," versetzte Absalon, selbstgefällig sich in die Brust werfend ,,, daß Meldownpark vermiethet ist." Ist dies gewiß- und an wen?" ,, An einen sehr reichen Cityherrn, Namens Bently," antwortete der Auskunftgeber. ,, Er hätte schon tönnen Lordmayor von London werden, wenn er gewollt hätte ich hörte mit an, wie Mr. Thornton dies Doctor Poundtert erzählte." Lordmayor von London! Dies war ein staunen 9 erregendes Wort; denn in den Ohren seiner Zuhörer gab es nach der Krone keine höhere Würde auf Erden; ja es fragte sich sogar, ob sie in Beziehung auf die Stadt London nicht sogar die allerhöchste sei eine Vorstellung, die, wie wir glauben, sehr allge= mein von denen getheilt wird, welche die Ehre haben, im Bereich des Bowgeläutes geboren zu sein. " Ich bin begierig, ob der Gentleman wohl das Gut mit gemiethet hat," bemerkte Mr. Minter. Das war ein Punkt, über den der Küster, der heute Abend so recht im Zug war, seine Zuhörer gleichfalls zufrieden stellen konnte. Dies war Anfangs die Absicht, die aber an der Weigerung des Steward, das Gut abzugeben, scheiterte. ,, Weigerung?" wiederholte Simon Gee erstaunt. , Es ist doch nicht sein Eigenthum und Sir Norman. hat es nie an ihn verpachtet. Wie kann nun Siley die Abgabe verweigern?" ,, Darüber müßt Ihr Diejenigen fragen, welche wissen, warum ihn sein Herr so viele Jahre als Steward beibehielt, nachdem er schon nicht mehr im Stande war, das Gut zu bewirthschaften," antwor tete Absalon schlau.„ Es ist eine allbekannte Sache, daß der alte Mann den Baron um den Finger wickeln fann." So ist's," ließ sich der Wirth vernehmen. ,, Sir Norman und die gnädige Frau, beide hatten meinem Vetter, der Fletchers Tochter heirathete, das Haus und die paar Acker Landes versprochen, die zwischen dem südlichen Jägerhäuschen und der Gemeinwaide liegen. Der Advocat Marshall sollte die Verleihungs 10 urfunde aufseßen ich weiß dies aus seinem eigenen Mund aber Mr. Silex trat dazwischen und vergab das Anwesen an Heinz Turner, der ihm für sein Vorwort die Hand geschmiert hatte." Die ganze Gesellschaft drückte ihren Unwillen aus und man erging sich in allerlei Vermuthungen über die wahrscheinlichen Ursachen, warum der alte Mann einen so unbegrenzten Einfluß auf einen von Natur so eigensinnigen und gewaltthätigen Geist übte, wie der ihres Grundherrn war. Man rieth auf Dieses und Jenes; doch waren Alle darin einverstanden, daß nichts Gutes dahinter stecken könne und daß der Steward über seinen Herrn eine Gewalt besige, welcher der Letztere nicht zu trozen wage. ,, Er ist ein schlimmer Mann," rief Einer aus der Gesellschaft, sein Aleglas an die Lippen führend. " Ich trinke auf den Untergang des Steward Mr. Siler." Der Trintspruch fand lauten Beifall und es wurde unter allgemeinem Gelächter darauf angestoßen. Der Lärm hatte sich noch nicht gelegt, als die Thüre des Gaststübchens aufging, und ein in einen großen Ueberrock gehüllter Mann eintrat, welcher mit dem Gegenstand ihrer Unterhaltung eine so sprechende Aehnlichkeit hatte, daß man ihn Anfangs für den Steward selbst hielt. Wenn man von dem Teufel spricht und so weiter," flüsterte der Wirth, der am spätesten seinen Irrthum einsah. " 1 Er ist's nicht.". ,, Sieht ihm nur sehr ähnlich." So lauteten die Bemerkungen seiner Freunde. 11 Inzwischen hatte der Fremde, der Niemand an ders als des Stewards Zwillingsbruder, der zurückgefehrte Deportirte war, seinen Rock auseinander geschlagen, seinen Hut an einen Nagel gehängt und sich einen zufällig dem Feuer am nächsten stehenden Siz genommen. Eine verlegene Pause folgte seinem Eintritt, die Gäste waren zu einfache Leute, als daß sie ihre Verwirrung hätten verbergen können. ,, Eine talte Nacht," bemerkte Mite. ,, Sehr," versetzte der Wirth. " Ich habe bei der Wirthin eine Nachtherberge bestellt. Doch laßt euch nicht stören, ihr Herren. Ich will nur ein einziges Glas zu mir nehmen und mich ein wenig am Feuer wärmen, eh' ich auf mein Zimmer gehe." Die ganze in der Gaststube versammelte Gesellschaft versicherte, daß seine Gegenwart sie nicht im geringsten störe; die Gaststube sei ein öffentliches Lokal, an das er so gut ein Recht habe wie sie, und sie hätten nur vom Wetter und von örtlichen Angelegenheiten gesprochen. Der Fremde lächelte und ließ sich ein Glas Grog geben; er wußte, was von dergleichen Versicherungen zu halten war, denn er hatte eine Weile vor der Thüre gestanden und einen Theil ihres Gesprächs mit angehört. Die Aehnlichkeit zwischen Mike und dem Steward war zu auffallend, um der Beachtung zu entgehen. Dieselbe lange hagere Gestalt, die dünnen Beine und der kleine Kopf. Nur die Zähne waren anders; das Haifischgebiß des Steward fehlte. Mike bemerkte, daß jedes Auge auf ihm haftete, 12 und daß, so oft er den Kopf umwandte oder bei Seite schaute, wechselseitige Beichen des Verständnisses ausgetauscht wurden. Dies war ihm anfangs etwas lästig, da er sich den Grund von dem auffallenden Benehmen der Gesellschaft nicht denken konnte. " Ihr seht hier wohl nicht viele Fremde?" sagte er brummend. ,, Nein; warum?" Weil ihr sie so angloßt," versetzte Mike.„ Ich bin viel in England und in den Colonien herumgetommen," fügte er bei, habe aber nie in einem Wirthshaus eine solche Aufnahme gefunden wie hier. Na, vielleicht ist's in Devonshire so Mode," sagte er spöttisch. Ich habe immer gehört, man sei in diesem Landestheil um hundert Jahre hinter der übrigen Welt zurück, und finde jezt, daß ich der Wahrheit gemäß berichtet worden bin. Eure Gesundheit, ihr Herren, und möget ihr bessere Manieren lernen." So seltsam es erscheinen mag, fand diese Anrede, die unter anderen Umständen eine sehr mißliebige Erwiderung hätte nach sich ziehen können, eine sehr gute Aufnahme. Sie brach den Zwang der Zurückhaltung und erregte ein Gelächter, an dem Jeder lustig sich betheiligte. Wie konnten sie auch böse werden, da Jeder sich selbst sagen mußte, der Fremde habe Ursache, sich über das eigenthümliche Benehmen zu beklagen, das man bei seinem Eintreten an den Tag gelegt hatte? 11 " Ihr habt Recht ganz Recht," versetzte Farmer Minter. Aber weder der Wirth noch irgend Jemand aus der Gesellschaft hat euch beleidigen wollen. Die Sache verhält sich so: wir unterhielten uns, als Ihr 13 eintratet, eben von einer Person, die uns Allen wohl bekannt ist." Was hat dies mit mir zu schaffen?" fragte Mike. " Nur so viel, daß Ihr derselben gleicht wie ein Ei dem andern," entgegnete Mr. Minter. Wir haben Euch sogar im Anfang mit ihr verwechselt nicht so?" - ist's Eine allgemeine Zustimmung bekräftigte diese Angabe. , Darf ich mich nach dem Namen des Gentleman erkundigen? " " Mr. Siler." Was ist er?" ,, Steward bei Sir Norman Boothroyd, dem Herrn des Guts und dem Eigenthümer von Meldownpark und dessen Umgebung." ,, Ah, mag sein," rief Mike; aber ich erinnere mich nicht, je von ihm oder seinem Herrn gehört zu haben. Indeß möchte ich wohl den Mann sehen, dem ich so gar gleichen soll. Ohne Zweifel ist er ein rechtlicher, ehrenhafter Charakter." Es folgte ein allgemeines Schweigen. Mike wiederholte seine Bemerkung mit dem gleichen Resultat. ,, Ei, vor was fürchtet ihr euch denn?" fügte er bei. Dieser Zusatz hatte den gewünschten Erfolg und löste den Bauern die Zunge. " Fürchten?" riefen mehrere. ,, Von Furcht ist keine Rede. Wenn in dem alten Andrew Siler etwas Gutes steckt, so muß es erst aufgefunden werden." Was ihr da sagt!" 14 Die Sache ist nämlich die, Sir," erklärte Mr. Minter in der Meinung, daß sich Mike durch die Vergleichung beleidigt fühle, die fragliche Person steht unter uns nicht in dem besten Ruf, und nachdem dies gesagt ist, lassen wir lieber den Gegenstand ganz fallen. Ihr habt kein Recht, Euch beleidigt zu fühlen, denn die Aehnlichkeit, die wir an Euch bemerkten, betrifft ja nur das Aeußere.", ,, Beleidigt fühlen?" wiederholte der Deportirte fichernd. Oh nein. Im Gegentheil, es macht mir Spaß. Ich weiß, daß ich keine Schönheit bin; aber das Reisen in fremden Ländern bringt den Menschen kläglich herunter. Und dieser Mr. Siler ich denke, so habt ihr ihn genannt ist wohl ein rechter Ausbundspizbube, nicht wahr?" ,, Ja wohl." - ,, Ein Geizhals vielleicht?" " 1 - Er schindet die Laus um den Balg," riefen Mehrere von der Gesellschaft. In zwanzig Jahren hat er sich kein Stück Gewand auf den Leib angeschafft und stets nur die alten Kleider seines verstorbenen Herrn getragen." " Ist er reich?" " Sehr reich." ,, Und bösartig?" 11 Listig wie ein Dachs, von dem er auch die Zähne hat," antwortete der Küster, der bei seiner unabhängigen Stellung als ein aus der Wahl der Gemeinde hervorgegangener Bediensteter keinen Anstand nahm, seine Meinung auszusprechen. Ich glaube, er würde seinen eigenen Bruder berauben, wenn er Gelegenheit dazu hätte." 15 Mike grinste. Er war längst zu derselben Ansicht gekommen. ,, Nun," sagte er, ich gedenke ein paar Tage hier zu bleiben. Ich reise wegen meiner Gesundheit. Sehr wahrscheinlich werde ich Gelegenheit haben, die von Euch beschriebene Person zu sehen. Ich bin ein Liebhaber von seltenen Charaktern und studire sie gerne." 11 Wirth. Ein paar Tage hier bleiben?" wiederholte der " Ja." ,, Woher kommen Sie?" ,, Von London. Devonshire soll eine sehr gesunde Gegend sein, und sie kömmt mir auch so vor. Vielleicht ist's Einbildung, aber ich fühle mich schon besser." nur Als Simon Gee hörte, daß der Gentleman von London kam, so berief er sich in Betracht des Umstandes, daß der Küster durch Zweifel in seine Wahrheitsliebe wiederholt sein Selbstgefühl ein wenig gefränft hatte, an diesen Fremden um Bestätigung einiger seiner Angaben, namentlich über die Größe der St. Paulskirche, des Straßenverkehrs u. s. w. Mike entsprach diesem Wunsche, und nun kam der Weber natürlich auf die Ursache seines Besuchs in der Hauptstadt und dessen Fruchtlosigkeit zu sprechen. ,, Ein Kind verloren?" rief der erstaunte Mike. ,, Wie hieß es?" ,, Lillian," verseßte der Weber. Immer besser, dachte Mike. Alles erfahren, was ich so gerne Ich werde hier wissen möchte. 16 3wei Fliegen auf einen Schlag. So gescheidt auch Andrew zu sein meint, wird er doch finden, daß ich ihn überlistet habe." Und der Halunke ficherte vor Vergnügen. Mr. Minter war der Meinung, der Fremde treibe seine Neugierde weiter, als durch die Kürze der Bekanntschaft gerechtfertigt sei; er drängte daher zum Aufbruch. Bald nachher zog sich auch der Fremde auf sein Zimmer zurück, nachdem er zuvor den Wirth angewiesen hatte, ihn am andern Morgen früh zu wecken. Auf dem Heimwege besprachen Minter und Simon die außerordentliche Aehnlichkeit des Steward Mr. Siler mit dem Gast im Boothroydwappen. Der arglose Weber sah darin nur eine Zufälligkeit, ein Naturspiel; der Farmer aber war anderer Meinung. ,, Ich weiß nicht, was ich denken soll," sagte er; ,, aber Blut ist dicker als Wasser, und wenn Andrew Silex je einen Bruder hatte" Wenn" unterbrach ihn der Weber. ,, Ei, wißt Ihr denn nicht, daß der Steward wirklich einen Bruder hatte?" ,, Das ist das erste Wort, das ich davon höre," versetzte der Farmer erstaunt. Ja, so ist's. Aber Ihr wart noch ein Knabe, als Mr. Siler in die Gegend tam, sonst müßtet Ihr Euch des Streites zwischen ihm und Sanders, der bei dem verstorbenen Baron den Stall unter sich hatte, erinnern. Dieser warf ihm vor, daß sein Bruder deportirt worden sei." ,, So ist es denn kein anderer als dieser," rief 17 der Farmer ,,, ich dachte gleich, daß eine solche Aehnlichkeit kein Zufall sein könne." ,, Aber der Gentleman sagte ja, er habe nie zuvor den Namen gehört," entgegnete Simon. ,, Bah!" erwiderte der erfahrene Farmer ,,, eine sage tostet ja nichts. Meine Neugierde ist geweckt. Ich will ein Auge auf ihn haben. Denkt an mich, wir werden bald von diesem Besuch auf dem Gut hören." Die Beiden trennten sich. Zweinnddreißigstes Kapitel. Mr. Andrew Siler saß in dem kleinen, mit Eichenholz getäfelten Zimmer des Dekonomiegebäudes, das ihm als Geschäftsstube diente. Auf dem Tisch vor ihm lagen das Rentenbuch, Abschriften von Bachtverträgen, Quittungen und Rechnungen, kurz alle die verschiedenen Schriften, welche zu einem großen Grundbesitz und dessen Verwaltung gehören. Das Möbelwerk war wie der Bewohner ungemein altmodisch: ein halb Dußend Sessel mit hohen Lehnen und Ueberzügen von verschossenem Brokat, der vielleicht zur Zeit der Königin Anna oder Georgs I. seinen frischen Glanz gezeigt hatte, ein paar Kästchen mit Schubfächern und eine große eiserne Geldkiste von so massivem Bau, daß faum sechs Mann sie von der Stelle zu rücken vermocht hätten. Der Deckel des legtgenannten Möbels, wenn man es so nennen konnte, stand offen und ließ allerlei Werthgegenstände Smith, Ebbe u. Fluth. III. 2 - 18 erblicken sorgfältig versiegelte Geldsäcke, mit Schilden versehene Attenfascitel und aus Mangel an Gebrauch fleckig gewordenes Silbergeschirr. Oben auf lag ein sorgfälig zusammengelegtes Pergament welches ganz das Aussehen eines Testaments hatt. Der alte Mann nahm es zur Hand und las e mehrmal durch, ohne sich dabei irgend eine Bemerkung zu erlauben. Während er in dieser Weise beschäftigt war, trat sein Bruder so verstohlen und taßenhaft leise in's Zimmer, daß der ganz und gar von seiner Lecture in Anspruch genommene Mann die Anwesenheit einer zweiten Person nicht gewahr wurde. Mite nahm fich einen Sitz und betrachtete den Andern aufmerksam; der Sessel knarrte zwar ein wenig, aber auch dieses vermochte nicht die Aufmerksamkeit des Steward auf sich zu ziehen. ,, Noch zwölf Jahre," murmelte der alte Mann vernehmlich ,,, und Alans Kind ist volljährig." Der Deportirte merkte sich jedes Wort. ,, Nach Sir Normans Tod hat es ein Anrecht an die Hälfte des Besißthums. Ich sehe nicht ein, warum ich mich mit weniger begnügen soll." ,, Jch auch nicht," dachte der Eindringling. ,, Und ich werd' es auch nicht. Ich hab' es durch mein Schweigen während der langen Jahre, die ich auf den Genuß warten muß, verdient. Was kann Sir Norman oder seine Lady dagegen thun- über was sich beklagen? Alice wird reich sein, zu reich für ein Mädchen, und ich erspare ihnen den Schimpf einer Bloßstellung, durch welche sie der Verachtung der Welt und wahrscheinlich auch dem Arm der Ge 19 rechtigkeit preisgegeben würden. Nein, nein; ich nehme keinen Benny weniger; das ist mein fester Entschluß." ,, Und ich finde ihn ganz billig," rief Mike laut. Der Steward ließ das Pergament hastig in die eiserne Truhe fallen und schloß den Deckel, eh' er sich umwandte, um zu sehen, wer es gewagt hatte, in sein Heiligthum einzudringen; denn man wußte auf dem Gut allgemein, daß Niemand dem Ver= walter nahen durfte, wenn er sich in dem getäfelten Zimmer befand. ,, Mike!" ,, Andrew!" Mit diesen Ausrufen begrüßten sich die beiden Brüder, die eine Weile stumm einander gegenüber standen. In dem Gesicht des Stewards drückte sich Wuth und Aerger darüber aus, daß er also in seinem Bau beschlichen worden war, während dagegen in den Zügen des Deportirten ein Gefühl hohen Triumphes zu sehen war. Du hier?" rief der Steward nach einer Pause. Ja. Ich sagte Dir, daß ich Dich ausfindig machen werde, und ich habe Wort gehalten." ,, Ich finde dies," erwiderte der Bruder bitter. ,, Die Sache ist so, Andrew," sagte der Besuch. ,, Nach dem Verlust des lieben Kindes, der mir so nah ging, als hätte er ein eigenes betroffen, fühlte ich mich so einsam an dem alten Play in der Belvederestraße; es war so still und öde, namentlich Nachts, wenn der Wind um die Schornsteine und die Giebel heulte, daß es just so stöhnte, wie sie zu thun pflegte. Das konnte ich nicht länger ertragen. 2* J 20 Ich verkaufte daher meinen Hausrath, der mir frei lich nicht viel einbrachte, und machte mich auf den Weg, Dich zu besuchen." ,, Und was erwartest Du hier zu finden?" ,, Einen Willkomm," versetzte der Deportirte keck, ,, wie ich ihn Dir geboten haben würde, wenn Du zu mir gekommen wärest. Auch bin ich es satt, es allein zu leben," fügte er bei. ,, Wir sind Brüder laß uns fortan auch Gefährten und gute Kumpane sein." ,, Dann bist Du sehr im Jrthum," sagte Mr. Andrew Siler, indem er mit geballten Händen auf den Tisch schlug. Dieses Haus gehört nicht mir. Ich besige keine Heimath, die ich mit Dir theilen könnte, und selbst wenn es der Fall wäre-" " , So möchtest Du es nicht?" ,, Ganz richtig." Das ist nur so ein Gedanke von Dir," erwiderte Mife in hoffendem Ton ,,, weiter nichts als ein Gedanke. Dein Herz ist besser, viel besser, als Du merten lassen willst. Denn wenn's nicht so wäre, so würde ich vergessen, daß wir Zwillingsbrüder sind, und zu dem nächsten besten Friedensrichter gehen, um ihm die eidliche Anzeige zu machen, Andrew Si ler, der Steward des Sir Norman Boothroyd, sei an einem gewissen Tage zu mir gekommen und mit mir eins geworden, daß ich Alan Boothroyds gestorbenes Kind, die Miterbin der Boothroyd'schen Güter, bei mir aufnehme; Lady Boothroyd habe mir das Mädchen gebracht und mir fünfzig Pfund jährlich für seinen Unterhalt, fünfhundert Pfund aber für den Fall, daß es mit Tod abgehe, zugesagt." 21 ,, Alan Boothroyds Kind?" wiederholte der Steward und wurde leichenblaß. Mike nickte bejahend. Miterbin der Boothroyd'schen Güter?" So sagtest Du selbst. Du siehst ein, dies muß zu einer Untersuchung führen, aus der weder Du noch Deine Gebieterin mit sauberen Händen hervor gehen würde. Kinder stehlen ist eine ernste Sache und dem Reichen ebenso gut wie dem Armen verboten." ,, Und woher erfuhrst Du diese saubere romanenhafte Geschichte?" fragte der Steward, der eine unbekümmerte Miene anzunehmen versuchte. " Bum Theil von Simon Gee." ,, Du hast ihn gesehen?" ,, Und gesprochen," sagte Mike ,,, und zum Theil von Deinen eigenen Lippen." ,, Und Du fürchtest nichts?" 11 ,, Was hab' ich zu fürchten? Die Beglaubigungspapiere sind in der Ordnung; über sie hinaus kannst Du mir nichts anhaben. Das Kind starb eines natürlichen Todes; was die Leute denken und sagen mögen, ist etwas ganz Anderes und geht mich nichts an. Ich habe keine Reputation zu verlieren, da man mich nie respektirt hat." ,, Wenn's Dir um Geld zu thun ist," rief der Steward ungeduldig, so nenn' die Summe, und obschon ich nur ein armer Mann bin, will ich doch wo möglich Dich zufrieden stellen. Aber ein für allemal, hier kannst Du nicht bleiben." ,, Und ich sage Dir ein für allemal, ich bin entschlossen, zu bleiben," antwortete der Deportirte mit 22 herausfordernder Ruhe.„ Ich bin's müde allein zu leben, namentlich seit Jack mich verlassen hat. In London will Niemand mit mir verkehren, denn alle Nachbarn wissen, daß ich ein zurückgekehrter Depor tirter bin, und das Umziehen hilft mich nichts, weil die Polizei es gleich den Leuten in's Ohr flüstert. Wenn ich aber hier auf dem Lande bei Dir wohne, und als Dein Bruder anerkannt vin wer wird es dann wagen, etwas der Art zu vermuthen, oder wenn's geschieht, darüber nur zu athmen? Giltst Du nicht eben so viel, wie der Gutsherr selbst?" - ,, Du thätest besser, auf mein Anerbieten einzugehen," entgegnete Mr. Siler. Ich sage Dir, ich will nicht.' 3 ist mir um eine Heimath zu thun. Ich will wieder achtbar werden, und das geht auf keine andere Weise. Du kennst die Folgen, wenn Du mich zurückweisest." Das Gesicht des Steward, das sich während der Verhandlung hoch geröthet hatte, wurde jest wieder ungemein blaß, und er wischte sich einigemal mit dem Rücken seiner langen knöchernen Hand den Schweiß von der Stirne. ,, Es ist vergeblich, gegen sein Schicksal anzufämpfen," sagte er. ,, Sei es darum." ,, Ich kann also hier bleiben?" - ,, Da es Deine Wahl ist freilich eine schlimme für uns Beide, wie ich fürchte." Der Ton, in welchem die Zustimmung gegeben, und die Bemerkung, welche daran geknüpft wurde, entging der Beachtung Mike's nicht; er gedachte dabei der Warnung, welche ihm Jack an dem Abend 23 ertheilt hatte, der seiner gewaltsamen Entführung auf die See voranging. ,, Hab' Acht, Bruder," rief er.„ Ehrlich Spiel." ,, Was meinst. Du damit?" ,, Daß man nicht so schlau mit mir umgehen kann, wie ,, Du mit Lillian umgingst," unterbrach ihn der Steward. ,, Willst Du es sagen, Narr? Wenn ich einen solchen Wunsch, solche Absicht hegte, so hätte ich Dir nicht ein Unterkommen unter meinem Dach verweigert, sondern im Gegentheil willkommen ge= heißen. Ich bin eher der Mann, der zu fürchten hat. Was war's doch, was der Knabe Jack vom Vergiften sprach?" 11 Jezt kam an Mite die Reihe, verwirrt auszusehen. Die Warnung ist nicht an mir verloren gegangen, und aus ihr quoll auch mein Widerwille gegen Dein Hierbleiben. ischen uptsächlich - tann kein Vertrauen, sondern nur Argwohn und Schrecken bestehen. Besinn' Dich daher lieber noch einmal, eh' Du Dich entscheidest." ,, Ich habe mich besonnen." " Und entschieden?" „ Ja." Der Steward zog die Klingel; sie rief eine Frauensperson von mittlerem Alter und, wie es schien, sehr entschlossenem Wesen herbei. Ihr graues, über eine Wulst gelegtes Haar ließ die ganze Breite einer hohen, runzeligen Stirne wahrnehmen. Ihre Augen saßen tief in den Höhlen: aber in ihrem Mund war der Charakter der Entschiedenheit besonders merklich, ja fast an Wildheit grenzend, ausgedrückt. 24 ,, Margareth," sagte der Hausherr ,,, mein Bruder ist angekommen." Das Weib betrachtete Mike lang und neugierig. Ihr werdet die Stube über dem nördlichen Portal für ihn herrichten. Mein Bruder liebt die Zurückgezogenheit, und da er einige Zeit hier zu bleiben gedenkt, so kann man gleich jetzt für seine volle Bequemlichkeit sorgen." Das Weib entfernte sich mit unzufriedener Miene. Wie es auch ihrem Gebieter sein mochte, so viel war klar, daß sie sich kein großes Vergnügen von der Anwesenheit eines weitern Bewohners des Deconomiegebäudes versprach. Hum!" murmelte Mike, als Margareth sich entfernte, das ist eine wunderliche Haushälterin für die Wirthschaft eines Junggesellen. Ich hätte eine jüngere vorgezogen." ,, Sie paßt zu mir," versette der Bruder. ,, Und eine freundlichere." ,, Sie ist dienstwillig genug. Doch kümmere Dich nicht um mein Hauswesen; Du mußt es nehmen wie es ist. Ich bin zu alt und zu sehr daran gewöhnt, um eine Aenderung eintreten zu lassen, selbst nicht dem Vergnügen Deiner Gesellschaft zu lieb. Du wirst Dich nicht lang über ihre Manieren beschweren man gewöhnt sich an so etwas bald." Es lag ein gewisser Hohn in der letzteren Bemerkung, so daß Mike innerlich die Frage an sich stellte, ob nicht etwa gar eine Drohung dahinter stede. In Wirklichkeit begann er zu besorgen, daß ihm von der Haushälterin mehr Gefahr drohen 25 dürfte, als von dem Hausherrn, weßhalb er denn auch beschloß, vor Beiden auf der Hut zu sein. ,, Hast Du Gepäck?" fragte Andrew Siler. Mike murmelte etwas von einem Bündel, das er im Dorfwirthshaus gelassen habe. Der Steward schickte Jemand hin, der es holen und zugleich die Rechnung bezahlen, aber auf keine Fragen Rede stehen sollte. " Ich wünsche und rathe Dir," sagte er zu seinem unwillkommenen Gast, ,, daß Du während Deines Hierseins das Wirthshaus so wenig als möglich besuchest und überhaupt keine Bekanntschaften unter den Dorfbewohnern anknüpfest." ,, Du fürchtest wohl, ich könnte erfahren, wie reich Du bist," versette Mike grinsend. Ich fürchte, man möchte Dir den deportirten Verbrecher in's Gesicht werfen," entgegnete sein Bruder ruhig. Du bist im Irrthum, wenn Du wähnst, daß dieser Umstand hier unbekannt sei. Ein Diener des verstorbenen Barons machte mir einmal im Herrenhof vor allen Pächtern den Vorwurf, daß ich einen Dieb zum Bruder habe." ,, Und was thatest Du daraufschicktest ihn fort?" Der Steward lächelte und schüttelte verneinend den Kopf. ,, Das wäre keine Rache gewesen." ,, Du hast Recht. Was ist aus ihm geworden?" , Er hat sich selbst zu Grunde gerichtet." " Wie so?" ,, Er wurde ein Dieb. Es verschwand ziemlich viel Silbergeschirr aus der Halle. Dies geschah ein Jahr oder zwei nach dem Auftritt im Herrenhofe. 26 Man meinte anfangs, es sei eingebrochen worden, und verschrieb Späher von London. Sie kamen bald dahinter, daß sich's um einen Hausdiebstahl handelte, und empfahlen eine Durchsuchung der Koffer des gesammten Dienstpersonals." ,, Geschah dies?" „ Ja." ,, Und das Silber?" ,, Fand sich in der Truhe desselben Mannes versteckt, der mir vorgeworfen hatte, daß mein Bruder ein Dieb sei," antwortete Mr. Siler ruhig. ,, Der arme Tropf! Ich vergesse nie, wie er sich mit Betheuerungen seiner Unschuld ereiferte. Mein Herr und ich, wir thaten was wir konnten, um ihn zu retten, aber es half nichts. Die Geseze waren sehr streng in jenen Tagen, und so wurde er gehangen, Mike, wegen Vertrauensbruch." Der Deportirte stieß ein dumpfes Kichern aus. Der Steward betrachtete ihn mit so gut gespielter Ueberraschung, daß Mike nur noch heiterer wurde und sich in einem so unbändigen Lachen erging, bis ihm die Thränen über die Wangen liefen. ,, Capital!" rief er, so bald er Athem zum Sprechen gewann. ,, Was ist Capital?" fragte sein Bruder mit verwunderter Miene, als hätte er die einfachste Ge= schichte von der Welt erzählt. He, natürlich - daß Du den Kerl an den Galgen brachtest," lautete die Antwort. ,, Das that ich nicht." ,, Versteht. sich, nicht mit eigenen Händen," bemerkte Mile; ,, das wäre gar zu plump gewesen. 27 Aber Du legtest ihm den Strick so gut zurecht, als hättest Du ihm eigenhändig das Halsband umgethan. Das Silber in die Truhe des Schwäßers praktizirt, he?" ,, Nichts der Art," antwortete der Steward ruhig. Ich war gar nicht in Meldown, als die Geschichte vorfiel schon einige Zeit in Geschäften für den Herrn abwesend und kam erst ein paar Tage nach der Entdeckung zurück. Ich trug dem unglücklichen Mann nichts nach warum auch? Sprach er ja nur die Wahrheit, Mike, und die hab' ich immer in Ehren gehalten. Du machst ein ungläubiges Gesicht," fügte er bei ,,, aber ich fann Dir einen Beweis liefern, daß ich keinen Groll gegen ihn hegte, nicht nur in der Mühe, die ich mir gab, ihn zu retten, sondern auch in meinem Benehmen gegen seine Wittwe, die seitdem immer bei mir geblieben ist." Sein Bruder pfiff ein gedehntes ,, Hui" vor sich hin, wie er zu thun pflegte, wenn ihm irgend etwas in einem neuen Lichte erschien, oder in einer Sache ihm plöglich das Verständniß aufging. „ Na, das wäre gütig, ungemein gütig," sagte er. Ich hätte Dir nicht so viel Wohlwollen zugetraut. Die Wittwe ist also immer bei Dir geblieben - und in welcher Eigenschaft?" " Als meine Haushälterin." Die Frauensperson, die ich eben gesehen habe?" ,, Dieselbe," verseßte der Steward. Der eigenthümliche Ton wiederholte sich. Mike sah oder was bei ihm auf das Gleiche hinauslief glaubte den Schlüssel zu der ganzen Geschichte zu sehen. Es war ihm kein Zweifel mehr, 28 daß sein Bruder das Weib verleitet hatte, das Silbergeschirr in die Truhe ihres Mannes zu stecken und ihn an den Galgen zu liefern. Nachgerade meinte er doch, daß es unklug sei, sich in die Hände von zwei so entschiedenen Personen zu geben. So viel war klar, daß sie sich kein so großes Bedenken daraus machten, irgend Jemand, der ihr Interesse oder ihre Sicherheit bedrohte, aus dem Weg zu räumen. Vielleicht hatte er Recht. Die Zeit wird lehren, ob es der Fall war oder nicht. Unsere Leser fragen ohne Zweifel, was Mr. Andrew Siler zu einer so außerordentlichen Vertraulichkeit veranlassen mochte, die, wie er sich selbst sagen mußte, nur den Argwohn seines Bruders zu wecken geeignet war. Ein wenig Nachdenken wird ihnen seine Gründe klar machen. Mike war von Natur ein böswilliger, spöttischer Bursche, von dem sich erwarten ließ, daß er sich allerlei spizige und mißliebige Anspielungen auf die Haushälterin erlauben und Winke hinwerfen werde, die natürlich Gefühle von Haß und von Unruhe nach sich ziehen, folglich sie auch geneigt machen mußten, in jedem Plan gegen den brüderlichen Gast ihn zu unterstüßen, denn Margareth vergab selten eine Be: leidigung. Er hatte nicht Unrecht in seiner Berechnung. Als Andrew zum ersten Mal ihr seine Absichten auf Mike andeutete, wollte sie durchaus nichts mit der Sache zu schaffen haben, die sie, wie sie sagte, nichts anging. Der Mann habe ihr nie etwas zu Leide gethan. Siler lächelte. Die Sache sollte bald 29 anders kommen. Eines Morgens suchte ihn die Haushälterin in dem getäferten Zimmer auf, das von allen Dienstboten sie allein zu betreten sich erlauben durfte. Ihre Züge waren ungewöhnlich bleich, aber die tiefliegenden schwarzen Augen loderten von einer wilden, unheimlichen Glut. ,, Was gibt's, Margareth?" fragte der Steward. " Ich bin beschimpft worden," versetzte das Weib. Mr. Siler zuckte die Achseln. " Von Eurem Bruder." Der Gentleman hatte sich dies gedacht. Und Ihr seid Schuld daran." " Ich?" entgegnete Andrew. Ihr seid nicht bei Trost. Welches Interesse hätte ich dabei, Mike gegen Euch zu verheßen?" ,, Wer anders könnte ihm meine Geschichte erzählt haben?" fragte die Haushälterin, ihre flammenden Augen auf ihn heftend. ,, Der nächste beste Dorfbewohner, den er darum befragte," antwortete der Steward. ,, Eure wüthende Eifersucht gegen Euren Mann und Eure Racheandrohungen sind wohl bekannt. Von den alten Dienern auf dem Gut ist jeder des festen Glaubens, Ihr habet die Beweise eines Verbrechens, das nicht begangen wurde, an die Stelle gelegt, wo die Gerichtsdiener sie fanden. Daß man allgemein diese Meinung von Euch hegt, müßt Ihr aus der Art bemerkt haben, wie Euch die Bewohner von St. Faith aus dem Weg gehen." Das Weib rang die Hände und ächzte bei der Erinnerung an ihre Rolle bei dem schrecklichen Drama. n 30 Wissen Sie auch, wer mich dazu verlei tete?" erwiderte sie endlich. Vielleicht nicht; aber man argwöhnt es. Ich bin bei den Leuten kaum mehr beliebt als Ihr," antwortete Mr. Siler. Aber mich fürchtet man, während man Euch nur haßt. Ich kann ihnen entweder nüßen oder schaden; Ihr nicht. Deßhalb verhalten sie sich in Beziehung auf mich stumm, während sie sich feck über Euch aussprechen." ,, Sei dem wie ihm wolle," rief das Weib in entschiedenem Tone, Euer Bruder darf nicht hier bleiben." " 1 Wie wäre dies zu bewerkstelligen?" Ihr schickt ihn fort." Mr. Silex ließ sein eigenthümliches Lachen erschallen. " Ihr vergeßt, daß er mein Bruder ist." " 1 Und Ihr vergeßt, daß der Mann, den ich Eurer Rache opferte, mein Gatte war." ,, Ein treuloser." ,, Wohl wahr." 11 Ihr hattet Beweise davon." Hätte Die zureichendsten," rief Margareth. noch ein Zweifel obwalten können, so wäre ich lieber gestorben, eh' ich ihm ein Haar auf dem Haupte hätte frümmen lassen. Um desselben Mike willen hattet Ihr ihm zuerst den Untergang geschworen. Schon die Anwesenheit dieses Menschen war ein stummer Vorwurf für mich; seine Worte aber, seine Winke, seine höhnischen Reden schneiden mir beschimpfend in die Seele. Jch wiederhole, er muß fort von dem Gut." 31 ,, Und ich wiederhole Euch, daß ich es nicht wage, ihm den Abschied zu geben," versetzte der Steward. " Seid Jhr in seiner Gewalt?" fragte das Weib. ,, Gewissermaßen." ,, Und es wäre Euch lieb, wenn Ihr ihn vom Hals hättet?" Sicherlich. Aber Ihr habt mir Euren Beistand verweigert bei der einzigen Art, die für seine Beseitigung räthlich erscheint." hr sollt ihn jezt haben," entgegnete Margareth in ruhigem, entschiedenem Tone. Ihr geht morgen auf den Tivertoner Markt. Nehmt Euren Bruder mit." Der Steward nickte zustimmend. ,, Nehmt Euer Mittagessen bei Zeit ein," fuhr die Wirthschafterin fort ,,, und kehrt ohne Nachtessen nach Haus zurück. Der Vielfraß wird dann natürlich etwas verlangen und er soll es hergerichtet finden." Ihr wißt, wie argwöhnisch er ist," bemerkte der Steward. Er ißt nie etwas, ohne daß wir zuerst davon gegessen hätten." " , Dies soll mich nicht hindern. Wir beide essen fecklich in seiner Gegenwart." ,, Wir beide?" wiederholte Andrew, seine Augen auf sie heftend. Ich so gut als Ihr," antwortete die Haushälterin. „ Ich will Eurem Bruder geschmorte Pilze kochen, auf die er wie ein Narr hinein ist; und Ihr eßt nur diejenigen, die ich Euch vorlege." Ich verstehe euch." Am andern Tag lud der Steward seinen Bruder 32 ein, ihn auf den Kornmarkt von Tiverton zu begleiten, und Mite sagte zu. Als sie sich zum Wegfahren anschickten, kam Margareth mit einem kleinen Korb am Arm aus dem Hause. In's Dorf?" fragte ihr Gebieter nachlässig. ,, Nur in den Garten," versetzte sie. ,, Der Thau ist stark gefallen; es wird ein treffliches Gericht Pilze zu sammeln geben." Mike schnalzte bei dem Wort mit den Lippen und das Gig fuhr ab. Margareth sah ihnen mit einem bitteren Lächeln nach. Dreiunddreißigstes Kapitel. Manohr Als Carus Kearn von dem Schauplatz des versuchten Verbrechens, das er vollbracht zu haben glaubte, fich flüchtete, folgte ihm, wie die Leser sich erinnern, Styles, den es verdrossen hatte, daß er nicht bei dieser Gelegenheit verwendet worden war. Die Sache erschien ihm in dem Licht eines Vertrauensbruchs. Von den Schrecken des Schuldbewußtseins gejagt, eilte der unwürdige Neffe dahin, bis er einen der zahlreichen schmalen Gräben erreichte, welche die Wasserströmungen in dem Gebirg ausgehöhlt hatten und die mit üppigem Gebüsch überschattet waren. Er warf sich daselbst nieder, war aber noch nicht völlig zu Athem gekommen, als sein Verfolger, der durch das verstricte Strauchwert brach, vor ihm stand. Carus erkannte in der Verkleidung seinen Verbündeten nicht und zog eine Pistole aus seinem Gürtel. Gra 33 ,, Halt!" rief Styles. ,, Kennen Sie mich denn nicht?" ,, Sie hier?" ,, Freilich. Schlecht ausgefallen, Mr. Carus. Es wäre gescheidter gewesen, Sie hätten sich mir anvertraut. Klug im Kleinen und thöricht im Großen." Der Zuhörer begann auch so zu denten, sprach sich indeß laut nur dahin aus, daß er nie geglaubt hätte, sein Onkel werde die Insel schon so bald wieder besuchen, und fügte bei, daß ,, die Karten sich schlecht spielten". ,, Weil Sie schlecht ausgegeben hatten," lautete die Antwort. o ,, Er kann mich nicht erkannt haben." Sein vertrauter Freund drückte sich nicht ganz so zuversichtlich über diesen Punkt aus. Der Meuchelmörder war nicht blos von Styles gesehen worden. Durch Mr. Bently's Freigebigkeit und durch den natürlichen Abscheu gegen das Verbrechen angespornt, hatten sich mehrere Fischer zu seiner Verfolgung aufgemacht, und man hörte sie jezt einander zurufen, während sie wie die Treiber auf einer Jagd das Gebüsch durchsuchten. Mit Ihnen ist's aus," rief Styles. ,, Sie hätten besser gethan, mir zu trauen." Carus war nicht blos stark im Entwerfen von Planen, sondern auch rasch im Handeln. Er hatte nur eine Aussicht, sich zu retten. ,, Geben Sie mir Ihren Hut und Ihre Blouse," rief er, während er zugleich hastig seine Verkleidung abwarf. Smith, Ebbe u. Fluth. III. 3 34 Das bisher so bereitwillige Werkzeug seiner Schurtereien hatte wenig Lust, zu gehorchen, da ihm nicht einleuchtete, warum er das Verbrechen eines Andern auf sich nehmen sollte; doch der falte Pistolenlauf, den ihm Mr. Kearn an den Kopf drückte, und der wilde Ausdruck seiner wilden Augen entschied über ihn. Mit Widerstreben gab er das Verlangte ab. Carus hatte sich kaum umgekleidet, als er sich gegen Styles wandte und seine Pistole auf ihn abfeuerte. Styles fiel auf sein Gesicht nieder und nun ergriff der Elende, der seinen Zweck erreicht zu haben. glaubte, die Flucht. Also im Lauf von einer Stunde schon der zweite Versuch, einem Nebenmenschen das Leben zu nehmen, obschon auch hier wieder erfolglos. Der Kerl war nicht einmal verwundet, da die Kugel ihren Weg zwischen Arm und Körper hindurch ge= nommen hatte. ,, Sorgft Du so für Deine Freunde?" murmelte Styles. ,, Schon gut, Mr. Carus Kearn; jezt kennen wir einander." Der Knall der Pistole hatte die Fischer nach der Stelle geführt und sie bemächtigten sich jetzt des Menschen, den sie fanden, ohne auf seine Unschuldsbetheurungen zu achten. Wie hätten sie auch an seiner Schuld zweifeln sollen, da sie die militärische Halbuniform und die Müße, die sie so deutlich er= fannten, neben ihm liegen sahen. Styles brachte die Nacht im Gefängniß von St. Heliers zu und der Kaufmann erhielt alsbald Nachricht, daß man den Uebelthäter eingefangen habe. Ich muß den Schurken allein sehen," sagte der alte Mann. Ich will mich in meinem Urtheil blos t 35 der Leitung des ruhigen Verstandes unterwerfen und darf deßhalb nicht die Leidenschaft an meine Seite treten lassen, die seine Entscheidungen bestimmen oder beeinflussen könnte." ,, Aber vielleicht wirkt das Vorurtheil in derselben Weise," bemerkte Richard dreist. Jezt nicht mehr," verseßte der Großvater. ,, Früher wäre es vielleicht zu besorgen gewesen, aber ich bin anders geworden. So demüthigend auch in einem Sinne die Ueberführung für mich werden müßte, so könnte mir doch wahrlich nichts eine größere Freude machen, als der Beweis, daß ich mich in der Ansicht über Deinen Vater täuschte, und daß im spätern Leben der Sohn keine Ursache haben wird, ob dem Urheber seines Daseins zu erröthen. Schwäche, Leis denschaft, Thorheit, Ausschweifung- Alles kann verziehen werden, nur das Verbrechen nicht. Dieses allein läßt sich durch nichts wieder gut machen." ,, Als durch die Reue," bemerkte der bei diesem Gespräch anwesende Geistliche mild. Ich spreche von dieser Welt, nicht von der zufünftigen," erläuterte der Kaufmann. Durch die Verwendung seines Begleiters, der bei den Behörden der Insel in gutem Ansehen stand, erhielt Mr. Bently die Erlaubniß, Styles zu be suchen, der in nicht sehr trostreicher Stimmung den Gefängnißhof auf und ab schritt. Der Gefangene fühlte das Bedenkliche seiner Lage. Seinen Unschuldsbetheurungen wurde natürlich kein Glauben geschenkt und die Anzeigen sprachen furchtbar gegen ihn. Bitterlich fluchte er dem Versucher, der ihn zuerst zum Verbrechen verleitet hatte. 3* 36 Ein Strahl der Hoffnung, wenn auch ein schwacher, ging ihm auf, als er seinen früheren Dienstherrn in den Gefängnißhof treten sah. Er kannte die Festigkeit des alten Gentleman, wenn er sich einmal für die Verfolgung eines Zieles entschieden hatte, seinen Reichthum, seinen Einfluß, und wußte, wie viel er zu opfern bereit war, wenn es die Erreichung seines 3wedes galt. Nur war es augenscheinlich, daß Mr. Bently das Interesse, das er an seinem Enkel ge= nommen hatte, geheim zu halten wünschte, und dies konnte er nicht mehr thun, sobald Styles in Anklagestand versetzt wurde, da dann Alles vor die Deffentlichkeit fam. , So weit habt Ihr's also gebracht mit Eurer müssigen, ausschweifenden Lebensweise," sagte der Kaufmann, ihn finster in's Auge fassend ,, bis zum Capitalverbrecher. Hab' ich Euch nicht prophezeit, es werde dahin kommen, als ich Euch aus meinem Comptoir entließ?" Ja," murmelte der Elende verstockt. ,, Das Ende war, daß Ihr zum Mörder wurdet!" rief der alte Gentleman feierlich. ,, Das ist nicht wahr," antwortete der Gefangene keck ,,, denn der Knabe ist nicht todt"( er hatte dies von einem der Schließer erfahren), und wenn's auch der Fall wäre, so ginge es mich nichts an. Carus war es, der den Mordversuch machte." Mr. Bently erwiderte diese Anschuldigung mit einem Blick, in welchem sich Unglaube mit Verachtung mischte so höchst unwahrscheinlich klang die Behauptung. ,, Sie mögen immerhin die Augen aufsperren und 37 sich ungläubig stellen," fuhr Styles fort. ,, Es ist doch so. Welches Interesse könnte ich haben an dem Tod des Knaben? Lassen Sie sich von Ihrem Enkel den Mann beschreiben, der ihm über die Felsen hinunterhalf und dann das Seil zerschnitt. Stellt ihn mir gegenüber. Ich verlange weiter nichts, als was billig ist." " Elender!" ächzte der alte Mann, der zu argwöhnen begann, daß Styles doch Recht haben könnte. Womit hätte der Sohn von Georg Markham ihn je beleidigt, daß er seinen Untergang suchen sollte?" ,, Und was hat sein Vater Ihnen zu Leide gethan," fragte Styles dreist ,,, daß Sie ihn verstießen und dem Hungertode preisgaben? Daß er Ihre Tochter ohne Ihre Zustimmung heirathete? Pah! Er ist von so guter Herkunft wie Sie, und hat obendrein die Einwilligung ihrer Mutter. Aber Sie hörten nur auf die Einflüsterungen des Stolzes und der Rachsucht, und versprachen Ihrem Neffen, ihn zu Ihrem Erben zu machen. Jetzt haben Sie, wie es scheint, Ihren Sinn geändert; Sie bereuten Ihre Ungerechtigkeit gegen Georg, und als Sie erfuhren, daß der Verlust des Knaben der Mutter fast das Herz brach, wollten Sie an Ihrem Enkel durch Liebe Alles wieder gut machen." In dem rohen aber treffenden Vorwurf des Gefangenen lag eine Wahrheit, welche die Wangen des reichen Kaufmanns erblassen machte. Einen Tag, nur einen einzigen Tag früher, und er würde dem Sprecher mit entrüstetem Schweigen den Rücken zugewandt haben; jezt aber ließ er sich herab, sich gegen ihn zu rechtfertigen. 38 ,, Georg war ein Trinker," versetzte er. " Er war es nicht, als Sie ihn aus Ihrem Comptoir verstießen," erwiderte der Gefangene. " 1 Aber er wurde es." ,, Nachdem er sich wie Wenige abgekämpft hatte, um eine Stellung in der Welt zu behaupten. Er erlag, weil ihm keine freundliche Hand Hülfe bot. So wurde er erdrückt zu Grunde gerichtet." ,, Nicht durch mich," sagte Mr. Bently hastig. " Ja, durch Sie. Es ist nußlos, es abzuläugnen. Sie haben es allerdings nicht unmittelbar herbeigeführt, aber er war bekannt als der Schwiegersohn eines der reichsten Citykaufleute. Man wunderte sich natürlich, warum Sie ihm nie unter die Arme griffen. Haben Sie je eine Erklärung über die Ursache abgegeben? Nein. Wenn man Sie über ihn befragte, so lautete Ihre Antwort: Ich hab' ihn verstoßen und will nichts mehr von ihm hören. Dies mußte Zweifel gegen ihn erregen, und Sie wissen, was dieses Wort in der Handelswelt besagen will. Endlich kam eine Panic; manche Firma fiel, die nicht halb so ehrenhaft war, wie die von Georg Markham. Ein Zeichen von Ihnen, und er wäre gerettet ge= wesen; aber Sie blieben stumm, unbeweglich wie Ihr Stolz, und auch er fallirte. Damals war es," fügte der Sprecher mit Nachdruck bei, als er zum Trinker gemacht wurde." ,, Gemacht wurde?" wiederholte sein Zuhörer. Wie hab' ich dies zu verstehen?" Der Gefangene lächelte schlau. Es war ihm gelungen, die Neugierde des alten Mannes zu wecken; weiter hatte er nicht gewünscht. 39 ,, Auf was spielt Ihr an?" " Oh, auf Nichts;" rief der Schurke.„ Es wird vor Gericht schon zur Sprache kommen, wenn ich vor Gericht gestellt werde. Ich werde dann deutlich genug reden. Das gibt eine Waide für die Zeitungsschreiber. Wie werden die großen Cityhäuser in's Fäustchen lachen bei der Schmach ihres großen Nebenbuhlers im Geschäft! Ganz Lombartstreet wird davon wiederhallen." 11 Was meint Ihr denn?" ,, Wenn man erfährt, daß Carus Kearn, einer der Associé's der Firma Bently und Compagnie ah, gut! Es ist schon recht so." - " So redet doch, Mensch," rief der Kaufmann entrüstet, wenn Ihr je auf Vergebung des Himmels hofft." Der Gefangene unterbrach ihn mit einem Laute, der halb wie ein Richern, halb wie ein Pfeifen Klang, um ihm damit anzudeuten, wie wenig diese Rücksicht bei ihm in Anschlag kam. Oder auf meine Nachsicht," fügte der Sprecher bei. Die zweite Bemerkung that dem cynischen Lächeln auf den Lippen des Schurken Einhalt. Mr. Bent ly's Nachsicht war etwas faßbarer und führte auf den Punkt, auf den er hinauswollte auf sein Entkommen aus den Händen der Gerechtigkeit. " Ich werde schweigen bis zu der Gerichtsverhandlung," verseßte er in achtungsvollerem Tone. Wozu auch früher reden? Ich sehe nicht, was es nüßen soll." Die letzten Worte begleitete er mit einem Blick, 40 der deutlich anzeigte, daß der Preis der Mittheilung, welche ihm zu Gebote stand, nichts Geringeres sei, als seine persönliche Sicherheit; es war augenscheinlich, daß er sich zu Allem verstehen wollte, wenn man ihm diese verbürgte. Mr. Bently besann sich einige Minuten, während welcher die Klugheit mit dem Grolle kämpfte. ,, Nehmen wir aber an, Ihr würdet nicht vor Gericht gestellt?" sagte er endlich. In diesem Falle," rief Styles hastig ,,, will ich Alles bekennen." Auch was Ihr mit den Worten meintet:, bamals wurde Georg Markham zum Trinker gemacht?" ,, Auch dies," versette Mr. Kearns Agent.. ,, Und die Andeutung in Beziehung auf meinen Neffen?" ,, Dies gedenke ich als Geheimniß zu bewahren, bis die saubere Geschichte hier abgemacht ist," entgegnete der Kerl mit der Miene wieder auflebender Zuversicht; denn er fühlte, daß die Umstände sich für ihn günstiger gestalteten. Ich muß eine Sicher heit dafür haben, daß Sie mir Wort halten." - - - Ihr habt mein Wort, genügt Euch das nicht?" „ Für zehn für zwanzig für fünfzigtausend Pfund, ja," antwortete der Ercommis, weil die Zahlung von Ihrem Willen abhängt; aber im gegenwärtigen Fall dürfte der gute Wille nicht ausreichen." ,, Sei es darum," sagte der Kaufmann. ,, Wenn Ihr mich täuscht, so seid Ihr ja noch immer in meiner Gewalt, denn Ihr könnet die Insel nicht verlassen ohne mein Vorwissen. Es kostet nur die Angabe Eures Namens an den Sheriff, um dies zu 41 verhindern. Wie erhielt mein Neffe Kunde von meinen Besuchen auf Jersey?" ,, Er ließ Sie beobachten. Ihre zweimalige Abwesenheit aus der City, ohne daß Sie sogar für Peter Mangles Ihre Adresse zurückließen, weckte zuerst seinen Argwohn. Nachdem er wußte, daß Sie die Schule besuchten, konnte er das Uebrige leicht errathen." 11 Der Elende!" murmelte Mr. Bently. Styles zuckte die Achseln, um anzudeuten, daß ihm dieses Prädikat am passenden Orte angewendet erscheine. " Der undankbare Schurke!" fuhr Mr. Bently fort.„ Noch dazu meiner Schwester Sohn, den ich zu meinem Nachfolger in der Firma bestimmt und wie mein eigenes Kind behandelt hatte- was sag' ich? oh, besser viel besser," fügte er bei. " Sie dürfen wohl so sagen," bemerkte der Gefangene. Aber sein Haß gegen Georg?" ,, Pah! Georg war ihm im Weg, und Sie sehen, Carus macht sich kein Gewissen daraus, einen Menschen zu beseitigen, den Glück oder Zufall zum Widerpart seiner Interessen gemacht hat. Kaum war der Bankrutt Ihres Schwiegersohnes erklärt, als Ihr Neffe, auf dessen Rechnung er das Fehlschlagen mehrerer seiner Spekulationen schreiben durfte, mich aufsuchte und mir Beschäftigung versprach." In welcher Weise?" Ich sollte das Verderben des gehaßten Mannes vollenden helfen. Er versah mich mit Mitteln, daß ich Georg Markham in die Schenke führen und zum 42 Säufer machen konnte, und wies mich an, den Trunkenen durch eine Straße, in welcher wir entweder Ihnen oder Peter Mangles begegnen mußten, nach Haus zu führen. Sein Triumph wäre nicht vollständig gewesen, wenn Sie es nicht mit ange= sehen hätten. Außerdem stand ja immer zu besorgen, Ihr Herz möchte sich gegen ihn erweichen, er hielt es daher für's Beste, das Mitleid und die Versöhnlichkeit in Ihrer Brust dadurch zu ersticken, daß er das Laster und die Versunkenheit Ihres Schwiegersohnes öffentlich zur Schau stellte." ,, Das war fein angelegt," bemerkte Mr. Bently. ,, Und wurde gut ausgeführt," fügte Styles bei. Ich that meine Schuldigkeit und leistete preiswür dige Arbeit für mein Geld." ,, Schrecklich!" rief sein Zuhörer. ,, Die Geschichte, die Ihr mir erzählt, hat mir die wahre Natur der Schlange enthüllt, die ich in meinem Busen hegte." ,, Oh, Sie wissen noch nicht halb, was Sie ihm Alles zu danken haben, sollen es aber erfahren, wenn Sie Wort halten und mir aus dieser Klemme helfen, in die nur ein Narr fallen konnte." ,, Oder ein Schurke," rief der Kaufmann unwillig aus. ,, Wahr," versetzte Styles; aber er kann sich nüßlich erweisen." Der Gentleman war derselben Ansicht und enthielt sich, ihn weiter mit Fragen zu bedrängen, so lange er noch in Haft war. Die Freilassung ließ sich durch das Zeugniß unseres Helden leicht bewir ken, da er einfach beschwor, Styles sei nicht die 43 Person, welche ihm über die Felsen hinuntergeholfen und nachher das Seil abgeschnitten habe. Vor der Abreise von der Insel hielt Mr. Bently noch eine Besprechung mit Styles. Sie fand in der Bibliothek des ehrwürdigen Onias Brown und auf die Bitte des schuldigen Mannes unter vier Augen statt. ,, Nun," sagte der Kaufmann, als Styles sich ihm vorstellte, ich habe jetzt mein Versprechen gehalten und es ist nun an Euch, das Gleiche zu thun. Aber spielt nicht mit mir. Die Hand der Gerech tigkeit ist nun gelöst; ein Wort von mir und ihr eiserner Griff umfaßt Euch auf's Neue. Erinnert Euch, daß Ihr, wenn Ihr den Versuch auch nicht selbst machtet, doch ein mittelbarer Mitschuldiger seid und teine Hoffnung für Euch vorhanden ist, von dieser Insel zu entkommen." Wohlan. Sie argwöhnen, Georg Markham habe, als Sie in Indien waren, Werthpapiere im Betrage bis zu zehntausend Pfunden entwendet, und dieselben, so lange er noch im Geschäft war, umgesetzt. Dies ist ein ungerechter Verdacht. Ich glaube, daß er von dieser Sache so wenig weiß als sein Sohn, der zur Zeit, als der Diebstahl begangen wurde, noch gar nicht geboren war." Wen habt Ihr im Verdacht?" fragte Mr. Bently hastig. " 1 Von zwei Personen muß es eine gethan haben," versezte Styles zögernd; Peter Mangles". ,, Halt!" rief der Gentleman unwillig. Mann, den Ihr da nennt, ist die Ehrenhaftigkeit, Rechtlichkeit und Wahrheitsliebe selbst. Mehr als Der 44 ein Dugendmal hat er mein Anerbieten, ja meine dringliche Bitte zurückgewiesen, an der Firma den Antheil zu übernehmen, den er durch seinen Eifer und seine Geschäftstüchtigkeit längst verdient hat." Ich sagte, von zwei Personen eine," bemerkte der Ercomptoirist unterwürfig. ,, Richtig. Die andere " Ist Ihr Neffe Carus Kearn." ,, Eben so unwahrscheinlich," verseßte der Kaufmann, obschon in minder zuversichtlichem Tone.„ Er hatte nie den Schlüssel zu der Kasse." " ,, Gab es nur einen einzigen, Sir?" erwiderte Styles. Doch dies ist eine Frage, die ich vielleicht nicht stellen sollte. Sie wissen am besten, ob sie sachgemäß ist oder nicht. So viel weiß ich jedoch, daß zur Zeit, als die Werthpapiere abhanden famen, Carus tief in Eisenbahnspekulationen verwickelt war." , Er spekulirt nie," unterbrach ihn der erstaunte Kaufmann. Tom Styles lächelte bedeutsam. " In den Associationsartikeln steht die Bedingung, daß er sich ohne Erlaubniß des Chefs der Firma nie in Privatspekulationen einlassen dürfe." ,, Daß er spekulirt hat, weiß ich gewiß," entgeg nete Styles mit Bestimmtheit ,,, und er verlor dabei bedeutende Summen. Es ist mir ferner bekannt, daß Ihre Frau dahinter kam und ihm Vorstellungen darüber machte. Was sie sonst noch entdeckte, kann ich nicht sagen. Sie starb vor Ihrer Rückfehr." Mr. Bently vertiefte sich in Gedanken. Plötzlich sehr plöglich." 45 Sein Zuhörer fuhr zusammen, als zucke ihm ein Stich durch's Herz, denn es lag ein merkwürdiger, fast feierlicher Nachdruck in dem Ton, mit welchem diese Worte gesprochen wurden. " Ein Brief, den sie an Sie hinterließ, war nir: gends aufzufinden. Wer konnte ein Interesse dabei haben, ihn zu unterschlagen? Georg Markham sicherlich nicht und ebenso wenig Ihre Tochter, denn auf dieses Schreiben bauten sie ihre Hoffnung, daß Sie ihnen die übereilte Heirath verzeihen werden." „ Fahrt fort," murmelte oder stöhnte vielmehr Mr. Bently, dem der Schweiß in großen Tropfen auf die Stirne trat. ,, Unmittelbar nach Ihrer Ankunft in England gaben Sie Ihrem Schwiegersohn den Abschied und verstießen Ihre Tochter aus dem Hause?" ,, Wahr, wahr." ,, Wer gewann dadurch? Carus; denn seine Aussicht, Ihren Reichthum zu erben, wurde befestigt. Mit jedem Tag stieg er mehr in Ihrer Gunst. Sie erhöhten seine Dividende an dem Geschäft und ver trauten ihm Alles. Wollen Sie nun so gut sein, Sir," fügte der Sprecher bei ,,, mir auf eine einzige Frage zu antworten?" „ Gewiß." ,, Wer wählte den Comptoiristen, den Sie nach Indien schickten, damit er Ihren Correspondenten in Führung des englischen Zweigs Ihres Geschäfts unterſtüße?" Mein Neffe." Und Sie sandten ihn gegen den Rath von Peter Mangles?" 46 " Ich glaubte, seine Einwendungen seien blos eine Frucht der Eifersucht auf den Einfluß, den ich meinem Neffen gestattete. Peter sprach sich nie darüber aus." ,, Weil er zu ehrenhaft war, um einem blosen Verdacht Ausdruck zu geben. Auch ich habe hierüber nur Vermuthungen; aber wenn ich von einem Menschen weiß, daß er schon einen Schurkenstreich verübt hat, so nehme ich keinen Anstand, ihn auch eines. zweiten für fähig zu halten." Mr. Bently betrachtete ihn wie ein Mann, der von einem schweren Schlage halb betäubt ist. Er hatte jedes Wort des Sprechers beachtet und vollkommen verstanden; aber noch etwas Anderes, das nicht laut geworden etwas viel Schrecklicheres schien seinen Geist zu beschäftigen und sein ganzes Wesen in Anspruch zu nehmen. " 1 ,, Noch eine Frage, und ich bin fertig," fuhr Styles fort. Waren zur Zeit, als Sie den von Carus empfohlenen Geschäftsmann nach Indien schickten, die Werthpapiere schon umgesetzt?" 11 Nein." ,, Aber seitdem ist es geschehen?" " Ja." " Ich bin zu Ende, Sir," sagte Styles ruhig. Ste wissen jetzt Alles, was mir bekannt war, und noch außerdem Alles, was ich argwöhne." " ,, Alles?" wiederholte der Kaufmann mit Nachdruck und heftete seine durchbohrenden grauen Augen auf den Sprecher, als ob er in dessen Seele lesen wollte. Styles schwieg. Entweder hatte er nichts mehr 47 zu enthüllen oder war entschlossen, den Rest der schwarzen Geschichte in seinem tiefsten Herzen zu be wahren. „ Ich glaube, daß Ihr endlich ehrlich gehandelt habt," sagte Mr. Bently, sich wie ein Mann aufraffend, der gegen eine plögliche Betäubung ankämpft. Seid Ihr an den Menschen( ich will ihn nicht mehr Neffen nennen), welcher Euch bisher gebraucht hat, auch durch andere Bande geknüpft, als die des Interesses?" " ,, Durchaus nicht." " Ihr habt ihn nicht zu fürchten?" ,, Nicht mehr als Sie, Sir," versette Styles; ,, und doch habe ich keine Lust, mich wieder in seine Nähe zu wagen. Lieber wollte ich verhungern." Aus Reue, hoffe ich?" " ,, Nein," entgegnete der Kerl derb, sondern die Klugheit heißt mich ihn meiden. Er hat bereits, um sich zu schirmen, einen Versuch auf mein Leben ge= macht, und nun ich Ihnen seinen Charakter enthüllte, könnte er wohl Mittel finden, mir dafür seinen Dank abzustatten. Ich kenne ihn!" " In diesem Fall hättet Ihr wohl nichts da= gegen," sagte Mr. Bently, in meinen Dienst zu treten?" ,, Nicht das Mindeste, Sir." " 1 Dann benüßt Ihr das erste Paketboot nach London," fuhr Mr. Bently fort, indem er ihm Geld gab, und haltet Euch, wenn Ihr klug seid, von Euren gewöhnlichen Tummelpläßen fern. Nach acht Tagen sucht Ihr mich in meiner Privatwohnung auf, um Eure weiteren Weisungen einzuholen. Seid treu - 48 - es liegt in Eurem eigenen Interesse und Ihr werdet finden, daß ich, obschon ich Euch für kein zweideutiges Geschäft brauche, so freigebig sein kann, wie Diejenigen, welche Euch zu ihren Schurkenstreichen verwendeten." ,, Und Sheriff Godfroy, Sir?" sagte der Mann, indem er das Geld in die Tasche steckte. Diese Anspielung bezog sich auf den Auftrag, welcher diesem Beamten gegeben worden war, ihn nicht von der Insel fortzulassen. " 1 Die Beschränkung wird aufgehoben werden." " Ach, Sir," sagte Styles, ihn erregt ansehend, ich fange an zu fühlen, daß die Lehre, welche mir der alte Peter Mangles in meinen Knabenjahren einzuprägen suchte, eine gute war. Ehrlichkeit ist am Ende doch für uns Alle der beste Weg. Hätte ich seinem Rathe gefolgt, so wäre ich jeßt, statt eines heimathlosen, verachteten Landstreichers, der sich zu Jedermanns schmuziger Arbeit hergeben muß, ein achtbarer Comptoirgehülfe mit einem jährlichen Gehalt von drei bis vierhundert Pfunden. Wie ich höre, bezieht jetzt Sharples, der doch zwei Jahre nach mir in's Comptoir kam, diese Summe." " 1 , Es ist so," versezte der Kaufmann.„ Bevor wir übrigens uns trennen, müssen wir uns gegenseitig wohl verstehen. Obgleich ich Euch für die Dienste, die ich von Euch verlange, gut bezahle, setze ich doch nicht das geringste Vertrauen in Euch." „ Ich kann mir dies wohl denken. Ich bin ein zu großer Schurke gewesen, aber, Gott sei Dank, kein Mörder." In dem Ton, mit welchem diese Worte gesprochen 49 wurden, lag ein Ausdruck so bitteren Leides, daß Bently davon betroffen wurde. ,, Reue kann viel thun," sagte er, als er ihn endlich verabschiedete, nicht jene Maste, welche das übersättigte Laster von der Heuchelei borgt, sondern die ächte Reue, die aus der Erkenntniß des früheren Unwerthes entspringt. Geht," fügte er bei ,,, und betet, daß Euer Alter besser sein möge, als es Eure Jugend- und Mannesjahre waren." Mit niedergeschlagener Miene verließ Tom Styles das Zimmer. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er die bittere Herabwürdigung, die aus dem Bewußtsein quillt, ein schlechter Mensch gewesen zu sein. Kaum war Mr. Bently allein, als die Ruhe, die er so lange aufrecht zu erhalten sich bemüht hatte, entschwand und einem Ausbruch leidenschaftlichen Schmerzes Plaß machte. " Ich muß Gewißheit haben," murmelte er ,,, und müßte ich das Geheimniß aus dem Grabe holen. Doch nein, der Gedanke ist zu entseßlich. Bei aller Herzlosigkeit und Schlechtigkeit kann doch Carus kein solches Ungeheuer von Undank sein; auch seine Verbrechen müssen eine Grenze haben. Und selbst wenn er schuldig ist," fügte er nach einer Pause bei, kann ich ihn anklagen, den Sohn meiner Schwester- und Schande bringen über mein graues Haupt, über Alle, welche sein Blut theilen oder mit ihm verwandt sind? Besser, ich verschließe den Argwohn für immer in meinem Herzen." 11 Aber der Argwohn, der, wie wir unsern Lesern kaum zu bemerken nöthig haben, sich auf die Art Smith, Ebbe u. Fluth, III. 4 50 des Todes seiner Gattin bezog, wollte sich nicht einschließen lassen. Er verfolgte den Kaufmann sogar noch beharrlicher als sein Schatten, der im Dunkel der Nacht unsichtbar wird, und trat gerade in den Stunden schlaflosen Umherwälzens auf dem Lager mit besonderer Lebhaftigkeit hervor. Auch seine Träume blieben nicht frei davon. Vor der Abreise von Jersey wies Mr. Bently den Lehrer seines Enfels an, das Hindostanische recht eifrig mit dem Knaben zu betreiben. Dies ist mir jezt von doppelter Wichtigkeit geworden," fügte er bei. Richard ruft seine Bestimmung nach Indien und deßhalb wünsche ich, daß er sich in der Sprache des Ostens vervollkommne." ,, Nach Indien?" rief der Geistliche überrascht. Sie könnten sich von ihm trennen?" ,, Es ist nothwendig wegen der Ehre seines Vaters." Ich verstehe," versezte Mr. Brown. ,, Ich bin überzeugt, daß dies der stärkste Sporn für ihn sein wird. Aber die jüngste Gefahr macht mich für seine Sicherheit besorgt." Es soll vorgebaut werden," rief der Kaufmann. Ich werde Wächter über ihn sehen, die kein Feind bestechen soll. Vertrauen Sie der Liebe und der Klugheit seines Großvaters." Als Mr. Bently sich von seinem Enkel verab= schiedete, theilte er ihm Manches mit, worüber der Knabe bisher im Ungewissen erhalten worden war. Dies reichte aus. Richard erfuhr, daß ihm die Bestimmung oblag, den Namen seines Vaters wieder zu Ehren zu bringen und er bedurfte keines anderen Anregungsmittels, um alle seine Kräfte aufzubieten. た n r e t 51 ,, Eh' noch ein Jahr um ist," rief er, als er seinem Verwandten Lebewohl sagte, sollen Sie mich vorbereitet finden, die Reise nach Indien anzutreten." Vierunddreißigstes Kapitel. Das Gespräch mit Tom Styles und die von diesem Ehrenmann hingeworfenen dunklen Winke machten einen peinlichen Eindruck auf Mr. Bently's franthaft aufgeregtes Gemüth. Die Welt hatte für ihn all' ihren Glanz verloren, da sein Vertrauen zum Nebenmenschen so schwer erschüttert worden war. Seine Tochter hatte ihn hintergangen und seine Hoffnungen vereitelt; jezt benahm sich sein Neffe sound der letzte Schlag war wo möglich noch weit schmerzlicher als der erste. ,, Unser Glaube ruht auf Sand," murmelte ber alte Mann, als er nach seiner Ankunft in London eines Morgens in der verschwenderisch ausgestatteten Bibliothek seiner Privatwohnung beim Frühstück saß. Ich wollte, ich könnte das Vertrauen des alten Peter Mangles zu seinem Nebenmenschen theilen; aber bei mir ist es auf immer zerstört. Und dieser Knabe, dem ich gestattete, sich um mein Herz zu winden und darin den leeren Plaß seiner Mutter einzunehmen ohne Zweifel wird auch er eines Tages sich gegen mich kehren und durch irgend einen Aft schändlichen Undanks mich auf den Tod vermunden. ,, Nein, nein, ich thue ihm Unrecht," fügte er nach iner Pause bei; bisher habe ich ihn wahr und 4* 52 aufrichtig gefunden. Ich muß Morton aufsuchen; sein schlauer Verstand und seine Weltfenntniß findet vielleicht einen Balsam für mein frankes Herz. Ich brauche einen Arzt, aber einen für die Seele, nicht für die Leiden und Gebrechen des Leibes." Mit diesem Entschluß brach er auf und fuhr nach der Wohnung des freundlichen Rechtsgelehrten, den er glücklicher Weise in seinem Bureau antraf. ,, Was ist vorgefallen, mein theurer Sir?" fragte Mr. Morton, der dem Gesicht seines Clienten den innern Sturm anjah. ,, Ich bin herzkrant," versezte der Besuch. ,, Der Glaube an meine Nebenmenschen fängt an mich zu verlassen." ,, Beurtheilen Sie alle nach Einem?" ,, Ach, alle scheinen sich gegen mein Glück verschworen zu haben," antwortete der alte Mann traurig. ,, Zuerst mein Kind, dann mein Neffe und zuletzt ohne Zweifel auch mein Entel." ,, Das ist Thorheit," rief der Advokat; ,, halten Sie mir das Wort zu gut, denn es ist nicht der Rechtsgelehrte, sondern der Freund, der so spricht. Sie haben bei Ihrem lezten Besuch selbst gehört, was mein Sohn sagte. Und seit er wieder hier ist, vergeht kaum ein Tag, ohne daß er auf das nämliche Thema zurückkömmt. Der Junge ist nicht von der Art, daß er so leicht Freundschaften schließt und Sie haben sich selbst überzeugt, wie begeistert er von Richard spricht." 11 , Er fönnte sich getäuscht haben." In solchen Dingen täuscht sich die Jugend nich leicht. Aber Sie sind in Jersey gewesen. In de 53 That, ich hatte Sie noch dort gesucht. Was hat Sie so bald wieder zurückgeführt?" ,, Es ist ein Versuch auf das Leben meines Enfels gemacht worden," rief Mr. Bently in großer Aufregung. ,, Auf sein Leben? Von wem?" ,, Von einem Menschen, der als Waise viele Jahre mein Brod gegessen hat," antwortete der Kaufmann; ,, und an dem ich Vaterstelle vertrat von meinem Neffen Carus Kearn. Wundern Sie sich nun noch, daß ich mich so elend fühle?" ,, Entseßlich!" rief Mr. Morton. - ,, Das ist noch nicht das Schlimmste," fügte Mr. Bently bei. Er begann nun so gefaßt, als es ihm bei seiner Aufregung möglich war, nicht nur die Art, wie der Mordversuch ausgeführt wurde, zu beschreiben, sondern berichtete auch über sein Gespräch mit Tom Styles, welcher in Beziehung auf den Tod seiner Gattin ihm so schreckliche Zweifel eingeflößt hatte. ,, Stehen Sie mir beirathen Sie mir," sagte er, als er seine traurige Erzählung schloß ,,, denn ich bin wie ein Kind, schwach und unfähig, einen Entschluß zu fassen." ,, Zuvörderst muß auf die Sicherheit Ihres Enkels Bedacht genommen werden," versezte der Advokat, ,, selbst auf die Gefahr einer Bloßstellung hin. Ich fühle für diesen Punkt ein so lebhaftes Interesse, daß ich die nöthige Vorsorge auf mich nehmen wollte, wenn ich Sie für fähig hielte, hierin Ihre Pflicht zu vernachlässigen." Ich danke Ihnen," murmelte der Client, ihm " 1 54 die Hand drückend. Sie sind der Freund, dessen ich bedarf. Ja, ja, die Sicherheit des armen Knaben geht vor Allem." ,, Wie löblich auch der Beweggrund war," fuhr Mr. Morton fort, so habe ich doch Ihr Recht, Richard von seiner Mutter zu trennen, stets als sehr zweifelhaft betrachtet. Doch wir haben keine Zeit, uns darüber zu streiten. Seine Sicherheit müssen wir zunächst in's Auge fassen. Sie können einmal das Zeugniß dieses Styles benüßen und Ihren Neffen vor Gericht stellen." ,, Und damit der Welt kund thun, ich habe meinen Entel adoptirt und er lebe unter der Obhut des Geistlichen, dem ich ihn übergeben habe? Sein Vater wird ihn dann von mir zurückfordern, denn mein Recht verschwindet vor dem seinigen! Lieber jedes Opfer, als dies!" ,, Sie können doch Ihre Tochter nicht für immer ihres Sohnes berauben wollen?" ,, Nein, nur bis ihr Mann vollkommen gebessert ist," antwortete der Kaufmann. ,, Hätte Georg Markham seinen Sohn wieder, so wären seine Besserungsvorsäge bald vergessen." ,, Vielleicht auch nicht." Ich will es nicht darauf ankommen lassen." In diesem Fall brauchen wir einen verständigen, entschlossenen Mann, der auf der Insel seinen Wohnfiz nimmt und über Richards Sicherheit wacht," sagte der Rechtsgelehrte. Ich kenne bereits einen, der passen würde. Aber die Sache ist kostspielig, denn man muß ihn so stellen, daß seine Treue nicht in Versuchung geführt wird." 55 ,, Sparen Sie das Gold nicht," versezte der Kaufmann. Ich leide bereits nur zu viel unter dem Fluch dieses gelben Tandes. Wann wollen Sie nach ihm sehen?" Schon heute." ,, Recht; je bälder er abreist, desto besser ist's," drängte der Client; ,, denn ich kann nicht schlafen, so lang meinem armen Knaben Gefahr droht. Hätten Sie ihn wie ich auf dem Felsenvorsprung unten im fürchterlichen Abgrund gesehen, in welchen der Schurke ihn hinabstürzte, so würden Sie sich nicht wundern, wenn mein Verstand irre geworden wäre." ,, Es muß ein schrecklicher Augenblick gewesen sein," bemerkte sein Zuhörer. Doch ich will jetzt die Person, die ich im Sinn habe, aufsuchen.' s iſt ein abgedankter Offizier, welcher im Aerger über das herrschende Begünstigungssystem, der das Verdienst in der Dunkelheit verkommen läßt und Beförderungen nur an hohe Familien oder politischen Einfluß verleiht, aus dem Dienst trat. Er ist von wohlwollendem Charakter und wird sich, wie ich überzeugt bin, eine Freude daraus machen, für die Sicherheit Ihres Enkels und Erben Sorge zu tragen." ,, Nur meines Enkels," verseßte der Kaufmann. Der Advokat lächelte. ,, Sparen Sie keine Kosten," fuhr Mr. Bently fort. Ich kann nicht ruhen, bis ich Richard unter einer sichern Hut weiß. Ist erst dies besorgt, so überlasse ich es Ihrer Klugheit und Freundschaft, die nöthigen Schritte zu thun, um zu ermitteln, ob der Verdacht eines Verbrechens bei dem Tod meiner Frau begründet ist oder nicht." 56 ,, Das ist eine verfängliche Aufgabe," sagte der Rechtsgelehrte gedankenvoll ,,, und es wird schwer sein, sie zu lösen, obschon es mir nicht unmöglich scheint. Aber wenn sich Ihre Befürchtungen verwirklichen sollten, wie wollen Sie dann handeln?" ,, Den Mörder vor Gericht stellen," rief der alte Mann leidenschaftlich ,,, und wenn die Scham und die Schande mir das Herz bräche." ,, Sie haben Recht," versezte der Advokat. ,, Ein Mörder verdient keine Rücksicht. Aber wir müssen vorsichtig zu Werke gehen, damit Ihr Neffe nichts merke, und ich rathe, ihn wie gewöhnlich zu behandeln. Auch müssen wir uns hüten, bei Ihren Dienstleuten Argwohn zu wecken, unter denen sich ohne 3weifel einige befinden, welche Zeuge von dem Tod ihrer Gebieterin waren." ,, Mehrere." ,, Suchen Sie von ihnen alle Einzelnheiten herauszulocken; es ist nicht schwer, solche Leute zum Schwaßen zu bringen. Was Sie erfahren, zeichnen Sie auf, um es mir zuzusenden." Mr. Bently versprach dies und verabschiedete sich. Noch am nämlichen Tag hatte Mr. Morton mit Lieutenant Marsh, dem Offizier, auf den er angespielt hatte, eine lange Besprechung. Sie hatten sich gegenseitig von Jugend auf gekannt und waren ver traute Freunde geblieben. Der Offizier nahm keinen Anstand, sich dem ihm angebotenen Dienst unverweilt zu unterziehen. " Ich werde über ihn wachen wie über ein eigenes Kind," sagte der wadere Offizier, eh' er mit den betreffenden Beglaubigungen nach Jersey aufbrach. t 9 : 57 ,, Die Gefahr, die ihn trifft, muß zuerst durch mein Herz gehen." Der Kaufmann und der Rechtsgelehrte drückten ihm die Hand zum Abschied. Inzwischen waren auch die Weisungen des Advokaten an Mr. Bently in Beziehung auf die Dienerschaft nicht verabsäumt geblieben. Er hatte von der Haushälterin alles Einzelne über die Krank heitserscheinungen erfahren, die dem Tod seiner Gattin vorangingen und von der guten Frau für die Symptome eines Gallenfiebers gehalten wurden. Nachdem er seine Notizen eingesiegelt hatte, übermachte er sie durch einen sichern Boten dem Rechtsgelehrten. Ein paar Tage nach der Abreise von Richards Hüter saß Mr. Morton beim Frühstück, dem Anscheine nach in der besten Gesundheit. Die Morgenzeitungen lagen auf dem Tisch. Er hatte sich in die Spalten eines der Journale vertieft, als ihm plößlich ein Ausruf der Ueberraschung entfuhr.ff ,, Seltsam!" murmelte er. ,, Was ist seltsam?" fragte seine Frau. 11 - Ein Bericht über einen Mord, meine Liebe aber einen vermeintlichen wenigstens. Ein Fall von Vergiftung mit sehr ungewöhnlichen Symptomen." Und er verließ das Frühstückzimmer, um sich nach seinem Privatbureau zu begeben, von wo aus er ein Billet an den berühmtesten Arzt des Tages, den Doctor Billington, mit dem Ersuchen absandte, er möchte ihn sobald als möglich besuchen. Es war dies derselbe Gentleman, welcher Mrs. Bently in ihrer legten Krankheit behandelt hatte. Einige Stunden später stellte sich der Doctor ein. 58 ,, Hypochondrie, mein theurer Sir, weiter nichts," sagte der Aesculapsjünger, nachdem er die Aufzäh lung der Krankheitssymptome angehört hatte, welche der Advokat als den Grund, warum er den Arzt berufen, angab. ,, Sie sind an Körper und Geist so gesund wie ich. Ein paar Tage Luftveränderung und es wird Alles im Reinen sein." " Ich freue mich dies zu hören," verseßte der Advokat, denn ich seße großes Vertrauen in Ihre Ansicht. Und doch haben schon die gescheidtesten Aerzte geirrt." Doctor Billington lächelte. ,, Da haben wir zum Beispiel einen muthmaßlichen Vergiftungsfall," fuhr der Rechtsgelehrte fort, das Zeitungsblatt aussuchend. Darf ich ihn Ihnen vorlesen?" sid ,, Gewiß." " Die Verschiedene erkrankte plöglich, nachdem sie sich zu Bett gelegt hatte. Der herbeigerufene Arzt behandelte sie auf ein Gallenfieber, da die Symp tome ganz dieselben waren." ,, Worin bestanden diese Symptome? " Uebligkeit, große geistige Niedergeschlagenheit, Schmerzen in der Oberbauchgegend, aussehender Herzkrampf." ,, Der Lettere ist ungewöhnlich," bemerkte der Arzt. ,, Injektionsröthe des Auges statt gelber Färbung." ,, Das ist noch merkwürdiger." " ,, Und doch hat einer unserer ersten Aerzte ihren Zustand als Gallenfieber behandelt. Ein zweiter, der früher in Indien prakticirt, wurde beigezogen und dieser erklärte, die Kranke sei vergiftet." ,, Abgeschmackt!" 59 ,, Und doch, Doctor, erwies die Section, daß er Recht hatte; denn im Magen und in den Eingeweiden der Verstorbenen fand sich ein stark gesättigter Absud von Lignea Luneasferia, einer Pflanze, die in den höheren Regionen des Himelaya wächst und dieser wurde als die zweifellose Ursache ihres Todes anerkannt. Der erstere Arzt hatte von der gefährlichen Drogue wohl gehört, aber sie nie gesehen." ,, So wird es den meisten Aerzten ergehen," versette Doctor Billington ,,, denn sie wird in England nicht zu medicinischen Zwecken gebraucht und dürfte höchstens in der Sammlung irgend eines enthusiastischen Botanikers zu finden sein." ,, Glauben Sie, daß die Gegenwart des Giftes in einer Leiche entdeckt werden könne?" fragte Mr. Morton. ,, Allerdings." ,, Wie lange nach dem Tode?" " Vielleicht noch nach Jahren," erwiderte der Arzt. " Doch Sie führen bei alle dem etwas Besonderes im Schild, mein theurer Sir; ihr Advokaten habt immer etwas im Hinterhalt. Ich sehe schon, Ihre angeb= liche Krankheit ist nur ein Vorwand gewesen, der unserer gegenwärtigen Unterhaltung zur Folie dient. Aber ist dies auch ein ehrliches Verfahren gegen mich, Morton? Wir kennen doch einander lange genug, daß es einer solchen Mummerei nicht bedarf. Sprechen Sie frei heraus." Mrs. Bently, die Sie in ihrer Krankheit behandelten, ist sehr schnell erkrankt?" 60 „ Plötzlich." Nun bitte ich, mir auf die Frage zu antworten, ob die Symptome, die ihrem Tod vorangingen, Aehnlichkeit hatten mit den vorhin angegebenen?" " Ich kann mir nicht denken, was Sie zu dieser außerordentlichen Frage veranlaßt," entgegnete der Arzt; aber die Sache ist zu ernst für eine Spielerei. Sie hatten in der That Aehnlichkeit." ,, Und Sie beargwohnten kein böses Spiel?" ,, Nein; sonst würde ich meine Schuldigkeit ge than haben." - ,, Davon bin ich überzeugt," rief der Rechtsgelehrte, ihm die Hand hinbietend; dann fügte er feierlich bei: Ich muß jetzt das meinige thun. Sie sagen," fuhr er nach einer Pause fort ,,, die gedachte Drogue sei in Europa nicht allgemein bekannt und nur in den Sammlungen der Liebhaber von Rari täten zu finden?" " Ja." Wissen Sie gewiß, daß sie in London nicht für Geld zu haben ist?" „ Ja, das heißt, im gewöhnlichen Handel," antwortete der Arzt. Die Gesellschaft der Apotheker hat sie; aber ich bin überzeugt, daß sie da nicht verkauft wird. Halt!" fügte er plöglich sich erinnernd bei ,, es gibt hier einen alten Mann, der Ihnen vielleicht schon durch seinen wallenden Bart und seine orientalische Tracht in der City aufgefallen ist einen indischen Kaufmann, Namens Murad. Es ist recht wohl möglich, daß er sie hat." Ich muß den Mann sehen," rief Mr. Morton. ,, Das geht leicht; er wohnt in Clerkenwell," 61 versetzte der Arzt. Ich bin persönlich mit ihm befannt und will Sie begleiten. Mein Wagen steht vor der Thüre." In weniger als einer Stunde hatten sie die Wohnung Murads erreicht, der offen mit türkischer Rhabarber und anderen Heilpflanzen handelte, ob= schon man sich zuflüsterte, daß er bisweilen auch in anderen Waaren von zweideutigerer Natur Geschäft mache. Murad rauchte eben aus einer langen ägyptischen Pfeife, als die beiden Gentlemen bei ihm eintraten. Das einzige Zeichen, daß er ihre Anwesenheit bemerkt hatte, bestand in einem leichten Aufwärtsziehen der Augbrauen. ,, Buh!" rief der Arzt, als er die fast erstickende Luft des Plages einathmete; Opium!" ,, Der Hatim ist willkommen," sagte der alte Mann, seine Pfeife niederlegend. Womit können wir ihm dienen?" Ich möchte eine Drogue haben," versezte der Arzt ,,, die ich mir auf dem gewöhnlichen Weg vergeblich zu verschaffen suchte. Sie ist hier zu Lande äußerst selten." ,, Murad hat viele seltene Droguen," entgegnete der Händler. ,, Ich möchte etwas Weniges von der Luneasferia," sagte der Arzt. Bei Nennung dieses Namens hätte ein sorgfältiger Beobachter an dem Händler ein leichtes Senten der Augenlider wahrnehmen können, als wollte er schärfer sehen bei einem Asiaten ein sicheres Zeichen, daß er auf der Hut ist. - 89 62 ,, Der Hakim kennt ihre Eigenschaften?" bemerkte der Händler. ,, Gewiß; sie ist ein feines Gift und wird im Orient auch arzneilich gebraucht; nicht so in Europa, weil ihre Anwendung die größte Behutsamkeit fordert. Habt Ihr sie?" Früher habe ich davon gehabt," antwortete der Händler ausweichend ,,, aber die Waare wird so selten verlangt, daß es nicht der Mühe lohnt, sie zu führen." Ihr habt also schon verkauft," rief Mr. Morton unvorsichtig. ,, Das habe ich nicht gesagt," entgegnete Murad scharf. Seid offen gegen uns," sagte der Advokat: ,, wir zahlen Euch dafür." Bei dem Worte zahlen" glänzten die Augen des alten Mannes. Er sah zuerst Doctor Billington bedeutsam an, blickte dann auf den Rechtsgelehrten und von diesem auf die Thüre. ,, Sie müssen uns jeßt verlassen," flüsterte der Arzt: ,, denn er wird nicht in Gegenwart eines Zeugen sprechen." Mr. Morton faßte den Wink und verließ den Laden. Nach einer halben Stunde schloß sich der Arzt ihm wieder an. It's Ihnen gelungen?" fragte der Advokat, als sie mit einander in den Wagen stiegen. ,, Theilweise." Sein Freund war mit diesem Troste schlecht zufrieden. " Ich habe eine kleine Portion der Drogue er 63 halten und gedenke damit Versuche anzustellen. Der alte Spizbube war zu sehr auf der Hut, um mir die Reagentien zu nennen, vermittelst deren sich die Anwesenheit des Gifts erkennen läßt; doch werde ich sie mit Geduld und Zeit wohl ermitteln. Daß er sie kennt, ist mir nicht zweifelhaft." " Hat er gestanden, an wen er schon von dem höllischen Stoff verkauft hat?" fragte Morton. ,, Nein; über diesen Punkt blieb er stumm. Und doch bot ich ihm einen schönen Preis hundert Pfund." In Gold?" ,, Nein; in Noten." ,, Versuchen Sie's mit Gold," sagte sein Freund. Ich habe gehört, daß die Orientalen auf das Metall weit mehr erpicht sind als die Europäer. Dem Anblick seines Abgotts wird er kaum widerstehen. Der Mensch, der schon einmal sein Gewissen verschachert hat, muß zu kaufen sein." " Diese Folgerung ist eines Old Bailey- Advokaten würdig," rief der Arzt lachend. Bei meinem näch= sten Besuch will ich sehen, ob Ihr Rath verfängt. " 1 Fünfunddreißigstes Kapitel. Es war ein kalter Abend, als Andrew Silex und sein Bruder vom Tivertoner Markte nach dem Herrschaftsgute zurückkehrten. Erfroren und hungrig wie sie waren, erfüllte sie die lodernde Flamme auf dem Herd und der gut besetzte Tisch mit großem Wohlbehagen. 64 Schön!" rief Mike, nachdem er sich seines Ueberrocks und des dicken wollenen Trösters, den er in zahlreichen Falten um seinen Hals geschlungen, entledigt hatte, das sieht einladend aus. Wir hatten kein so gutes Nachtessen, ehe wir den Heimmeg antraten. Ich meinte, Du wollest gar nicht zu Ende kommen mit Deinen verhenterten Schafen, die Dir einen schönen Preis eingetragen haben." " " Ich mußte auf das Interesse der Herrschaft Bedacht nehmen," versetzte ruhig sein liebenswürdiger Zwillingsbruder. Sir Norman seßt, was den Ankauf und Verkauf des Viehs betrifft, volles Vertrauen in mich, und ich muß deßhalb besonders sorglich sein." Ohne Zweifel hat er einen trefflichen Verwal ter," erwiderte Mike trocken, und ich denke, Du bist eben so zufrieden mit Deinem Play." Der Sprecher begleitete diese Bemerkung mit einem pfiffigen Blinzeln und steckte dabei die Zunge in den Backen eine Vertraulichkeit, die unter obwaltenden Umständen der aufrichtige und gewissenhafte Mr. Siler nicht zu ahnden sich berufen fühlte. - ,, Du hast ein unsinniges Geld eingenommen," fuhr der Deportirte mit Bezugnahme auf die Schafe fort. " 1 So ziemlich." Und Alles blank ausbezahlt erhalten?" " Ich gebe selten Kredit." " Es wundert mich nur," sagte Mike gedankenvoll, daß Du Dich nicht fürchtetest, mit so vielem baaren Geld in der Dunkelheit auf dem abgelegenen Weg heimzukehren. In manchem Landestheil, in dem 65 ich mich aufgehalten habe, wäre dies gefährlich gewesen." aber " Ohne Zweifel," brummte der Steward, in unserer Gegend gibt es keine Straßenräuber. Außerdem weiß man, daß ich nie ohne Waffen reise. Auch diente mir Deine Begleitung zum Schuß. Spitzbuben wagen es felten, zwei so entschlossene Männer, wie wir sind, anzugreifen." ,, Natürlich nicht," versezte Mite. Zwei sind. ein Schug. Gleichwohl hätte etwas passiren können." " Möglich." Und der Steward stellte innerlich die Frage an sich, ob der angedeutete Schuß in Wirklichkeit nicht eine Gefahr gewesen war, da sein Bruder es mit dem Mein und Dein nicht so genau zu nehmen pflegte. ,, Wenn ihr mit euren Räubern und dergleichen Unsinn fertig seid," rief Margareth scharf, so sett ihr euch vielleicht zu eurem Nachtessen nieder. Ich habe lange genug auf euch gewartet und bin wohl eine Thörin gewesen, daß ich mir so viel Mühe gab, wenn keiner von euch einen Appetit mitgebracht hat." Mr. Siler rückte schweigend seinen Stuhl an den Tisch. ,, Ob ich nicht Appetit mitbringe!" sagte Mike, dem Beispiele seines Bruders folgend. Das sollt Ihr bald sehen. Richtig, Pilze, mein Leibessen." Die Haushälterin schickte sich schweigend an, ihnen vorzulegen. Der Steward bemerkte, daß sie dabei diejenigen, welche für seinen Bruder bestimmt waren, sorgfältig von der rechten Seite der Schüssel wegschöpfte. Der Umstand, daß die eßbaren und giftigen Pilze auf derselben Platte aufgetragen worden, Smith, Ebbe u. Fluth. III. 5 66 hatte allerdings etwas Beängstigendes; aber Andrew schenkte ihrem Taft volles Vertrauen. ,, Delilat!" rief Mike, kräftig zulangend. ,, Sie sind nicht übel," bemerkte der Bruder, der nur sehr spärlich davon genoß. Ihr scheint nicht mithalten zu wollen," sagte Mike zu der Haushälterin.' s ist wohl tein Lieblingsgericht von Euch?" „ Im Gegentheil, ich esse sie sehr gerne," versette das Weib. ,, Dann erlaubt mir, Euch zu schöpfen." Ohne eine Antwort abzuwarten, langte der Er deportirte nach dem Löffel, rührte den Inhalt wohl durcheinander und füllte ungeachtet der Versicherungen seines Bruders und der Haushälterin, daß sie sich bereits genug geholt hätten, beiden die Teller. Das war keine geringe Verlegenheit für das mit Mordgedanken erfüllte Paar; denn wenn sie nicht aßen, mußten sie Argwohn erregen. Voll Entsegen warf Mr. Siler einen ängstlichen Blick auf seine Verbündete, die übrigens in ihren Zügen keine Veränderung bemerken ließ, da sie eine Person war, welche selten ihre Geistesgegenwart verlor. ,, Du meine Güte," rief sie in einem Tone, als falle ihr plöglich etwas ein, wie einfältig von mir. Ich habe die Branntweinflasche auf dem Küchentisch stehen lassen, und das faule, genußsüchtige Gesinde Der Steward ließ ein unzufriedenes Hum vernehmen. Laßt's Euch nicht anfechten," sagte Mike, dessen Wolfshunger einigermaßen beschwichtigt war; ich 10 er te -6= ste hl en ch -d= 1, rf n: e= Er, 13 r. ch r= en # 8 ch 67 will sie für Euch holen. Bleibt nur sißen und laßt Euch im Essen nicht stören." Mit diesen Worten verschwand er. Sobald sie allein waren, stürzte das Weib nach dem Wandschrant, holte eine Flasche mit Florentineröl heraus und leerte den Inhalt zu gleichen Theilen in zwei Gläser. ,, Trinken Sie," sagte sie, eines derselben Mr. Silex darbietend, und leerte, ohne eine Antwort abzuwarten, selbst das andere. Ich bin vergiftet," flüsterte der Steward. ,, Trinken Sie, wie ich gethan habe, und Sie fönnen ohne Schaden essen," erwiderte die Haushälterin. Mein Vater, der einer der ersten Pflanzentenner weit und breit war, hat mir dies hundertmal gesagt. Ich selbst bin Zeuge gewesen, wie er wenigstens einem Dußend Menschen, die durch Pilze vergiftet worden waren, durch dieses einzige Mittel rettete. Sie kommen mit der Angst und ein Paar Stunden Uebelsein davon." Der Steward machte ein bitteres Gesicht, denn der Trank wollte ihm nicht behagen, obschon er ihn bis auf den letzten Tropfen leerte. Dann gab er ihr das Glas zurück. Sie hatte die Gläser kaum wieder in den Seitenschrank eingeschlossen, als der Erdeportirte mit dem Branntwein aus der Küche zurückfam. Erstaunt sah er die Beiden an und rief: , Ei der Tausend, warum siehst Du so bleich aus?" Und in der That zeigte Andrew eine wahre Leichenphysiognomie. ,, Es ist ihm nicht wohl," versezte das Weib. 5* 68 ,, Er fastet zu lange. Ich hab' es ihm schon hundertmal gesagt, aber er läßt sich nicht rathen. Lieber setzt er seine Gesundheit auf's Spiel, als daß er einen Schilling ausgibt." ,, Ich muß meine Pflicht gegen meine Herrschaft erfüllen," entgegnete der Steward. ,, Na, von euch Beiden sieht keines besonders gut aus," sagte sein Bruder. ,, Denke wohl, wir frischen uns mit it einem Fingerhut voll an.' s wird Dir gut thun," fügte er gegen seinen Zwillingsbruder bei. Der Vorschlag wurde angenommen und alle Drei genossen ein Glas Branntwein, der wenigstens eine gute Wirkung übte: er unterdrückte den durch das Del erzeugten Ekel und brachte wieder Farbe auf des Stewards Wangen. ,, Nun, hab' ich's nicht gesagt?" bemerkte der Deportirte. ,, Ja, er hat mir gut gethan," sagte die Haus: hälterin, welche zugab, daß es auch ihr vom langen Warten auf das Nachtessen magenschwach geworden sei. ,, Mein Appetit ist wieder ganz hergestellt. Noch ein paar Löffel voll, wenn's beliebt?" Mite langte träftig zu. Ich will auch Euch vorlegen, Mr. Siler," fuhr die Haushälterin fort. Ohne auf den zornigen Blick zu achten, den ihr der Steward zuschoß, schöpfte sie ihm gleichfalls heraus und begann selbst herzhaft zu essen, um ihm Muth einzuflößen. Es war komisch, die Gesichtsver zerrungen mit anzusehen, unter denen der alte Mann in der Ungewißheit, ob das Mittel auch wirksam sei, ihrem Beispiel folgte. C t t t i 69 69 ,, Na," murmelte Mike mit einem Seufzer der Uebersättigung ,,, ich denke, jetzt habe ich genug." Der Steward schob seinen Teller von sich; er war derselben Ansicht, und nur die Haushälterin verzehrte mit einem Vertrauen, das sich durch nichts beugen ließ, den ganzen Inhalt des ihrigen. Andrew Siler machte jetzt den Vorschlag, zu Bette zu gehen, da er am andern Morgen früh aufstehen und einige Wirthschaftsgeschäfte besorgen müsse; aber sein Bruder wollte nichts davon wissen. Er tönne nie einschlafen, erklärte er, ohne seine Nachtkappe, unter der er freilich keine wollene oder baumwollene, wie etwa der einfache Leser glauben könnte, sondern unterschiedliche Gläser Grog verstand. ,, Gewohnheit ist die zweite Natur," bemerkte er philosophisch, als er sich das erste mischte. Der Steward saß auf Nadeln, während Mike rauchte und trant. Nie waren ihm die Minuten so träg entschwunden. Nachdem endlich die gewohnte Gläserzahl versorgt war, klopfte der Deportirte die Asche aus seiner Pfeife und räumte ein, daß es nun wirklich Zeit sei, zu Bett zu gehen. Ehe er aufbrach, drückte er noch Andrew und der Haushälterin die Hand; dann nahm er das Licht vom Tisch und entfernte sich. Er mochte etwas über eine Stunde geschlafen haben, als er durch hestige Kolikschmerzen, die unter dem Einfluß des genossenen vielen Branntweins so lange geschwiegen hatten, geweckt wurde. Anfangs konnte er sich nicht entsinnen, wo er war; denn er meinte, in der alten Hütte der Belvederestraße zu liegen, und begann Jack zu rufen. Die zunehmen 70 den Schmerzen brachten ihn jedoch bald zu voller Besinnung. " Bur Hölle mit diesen Pilzen," murmelte er. Zu viel davon gegessen. Wenn ich nur etwas Branntwein in der Stube hätte. Ich Narr, daß ich nicht die Flasche mit heraufnahm!" Er legte sich zuerst auf die eine, dann auf die andere Seite in der vergeblichen Hoffnung, dadurch den Schmerz zu unterdrücken und den Schlaf wieder zu finden; aber Ruhe und Schlaf schienen ihn zu fliehen. Sein Athem wurde immer schwerer und der Schmerz trieb ihm den Schweiß in großen Tropfen auf die Stirne. Plöglich sprang er aus dem Bett und machte sich Licht. " Ich muß sie wecken," ſtöhnte er. Ehe er dies that, betrachtete er sein Gesicht im Spiegel; es war eingefallen, und seine mit Blut unterronnenen Augen erschienen von dunklen Ringen umzogen, als seien sie durch einen schweren Schlag beschädigt worden. Was ihn aber am meisten er schreckte, war die grünliche Färbung seiner Lippen und der fast unwiderstehliche Drang, die Zunge hervorzureden. ,, Vergiftet!" stöhnte er.„ Vergiftet! und Andrew hat es gethan- der faltblütige, unnatürliche Schurke! -Dazu mein eigener Zwillingsbruder! Aber ich will nicht allein sterben!" Schrecken und Zorn verliehen ihm Kraft, sich theilweise anzufleiden. Er griff nach dem Licht und taumelte aus dem Zimmer, in der Absicht, das seines unnatürlichen Verwandten aufzusuchen. Er wollte wenigstens nicht ungerächt sterben. Als er sich der 71 Schlafzimmerthüre näherte, sah er durch die Ritzen und das Schlüsselloch Lichtschimmer hervordringen. ,, Ohne Zweifel noch wach," murmelte er. Ein schweres Aechzen schlug an sein Ohr. Was ist dies?" fragte er sich selbst. Es wiederholte sich und wurde von einem dumpfen, purzelnden Geräusch begleitet. Er stieß die Thüre mit dem Fuße auf und trat ein. Diesen Anblick hatte er nicht erwartet; denn Andrew Siler lag auf seinem Bett ausgestreckt und wälzte sich unter ähnlichen Schmerzen, die seinen Bruder quälten, während er sich zugleich heftig erbrach. Er schien sogar schwerer zu leiden als Mike, dessen Empfindlichkeit durch den vielen Branntwein abgeſtumpft war, obschon sich letterer in einem viel gefährlicheren Zustand befand. ,, Was ist Dir?" fragte er. " Vergiftet!" stöhnte der schuldbewußte Glende voll Entsetzen. ,, Die verwünschten Bilze!" - ,, Die sind Schuld daran!" rief der Deportirte, indem er nach dem Klingelzuge eilte und aus Leibesfräften schellte. Deine tostbare Haushälterin hat's uns Beiden gekocht." Die Dienstboten, die im Hause schliefen, kamen erschreckt und halb angekleidet herbeigelaufen. Ihr Herr konnte nur die Worte Doctor Phrase" her vorbringen. ,, Sagt ihm, daß wir vergiftet seien," brüllte Mike. ,, Der Narr," dachte die Haushälterin, die neben an lag und jedes Wort gehört hatte; so haben wir beide unsere Schmerzen umsonst durchgemacht." 72 Troß der Leiden, die sie selbst erduldet, hatte ihr Muth sie nie verlassen; denn ihr Vertrauen zu dem angewandten Mittel blieb unerschütterlich. Einer von den Knechten eilte in den Stall und sattelte das Pferd, um den Doctor Aesculap herbeizuholen, während ein anderer aus dem Wandschrank unten eine Branntweinflasche herbeibrachte, die Mite mit beiden Händen packte und ohne Säumen fast zur Hälfte austrank. Mittlerweile fuhr der Steward fort, in seinen Schmerzen auf dem Bett sich hin und her zu wälzen. Wollt Ihr nicht dem Meister auch etwas davon geben?" fragte der Knecht. ,, Gibt's nicht noch mehr im Haus?" entgegnete selbstsüchtig der liebevolle Zwillingsbruder, welchem das Getränk große Erleichterung verschafft hatte, da es für einen Augenblick die Wirkungen des Gifts hemmte. ,,' s ist noch viel unten." ,, So holt ihm davon. Ich gebe von dem meis nigen nichts her." Der Knecht verließ das Gemach, um der Aufforderung zu entsprechen, und Mike, der seinen Verdacht von dem Bruder auf die Haushälterin übertragen hatte, entfernte sich gleichfalls. Statt aber Margarethe, wie er erwartet hatte, wohl und in tiefem Schlaf zu finden, machte er zu seinem großen Erstaunen die Entdeckung, daß sie augenscheinlich noch weit übler daran war als ihr Herr, da grausame Krämpfe ihren Körper zusammenzogen, obschon sie seltsamer Weise dabei so viel Fassung und Selbstbeherrschung behauptete, daß bisher auch nicht ein 73 einziger Schmerzensausruf über ihre bleifarbigen Lippen gekommen war. Bulegt nur ein Zufall, vermuthe ich," dachte der Deportirte, und diese Rücksicht bewog ihn, dem Knecht zuzurufen, daß er auch für sie Branntwein bringe. Natürlich fiel ihm nicht ein, ihr etwas aus seiner Flasche anzubieten, da er diese als sein ausschließliches Eigenthum betrachtete. Indessen hatten sich auch bei Mike die Krämpfe und Kolitschmerzen wieder dermaßen gesteigert, daß er zu Bett gebracht werden mußte. Der Arzt war zum Voraus von der Ursache der Krankheit unterrichtet und konnte deßhalb die geeigneten Mittel mitbringen. Da ihm Mite's Zustand als der bedrohlichste erschien, so widmete er ihm zuerst seine Aufmerksamkeit zum großen Aerger des Steward, dessen unablässigen Hülferuf er zunächst unberücksichtigt ließ. " Der Meister ist am Sterben," rief der Mann, welcher ihn geholt hatte. Ihr solltet zuerst nach ihm sehen, Doctor, dann nach der Haushälterin, und zuletzt nach dem Fremden." ,, Nichts da," versetzte der Mann der Wissenschaft; ,, beide haben sich bereits erbrochen und sind beziehungsweise sicher." - denn - Unter dem Beistand von zwei Knechten das ganze Dienstpersonal des Hauses war wach brach der Arzt dem Kranken den Mund auf, und es gelang ihm, demselben einige Löffel voll von einem starken Brechmittel einzugießen, das übrigens nur mit Schwierigkeit verschluckt wurde. Weder die Haushälterin noch der Steward brauchte ein so gewaltsames Gegenmittel, wie ihr beabsichtigtes 74 Opfer; aber Doctor Phrase war nicht der Mann, der irgend eine auch noch so unbedeutende Gelegenheit verabsäumte, sein Talent und Ansehen im Vergrößerungsglas zu zeigen. Er erklärte den Zustand beider für höchst bedenklich und bestand darauf, daß sie denselben Trank verschluckten wie Mife, obschon dies, Dank sei es der Sorglichkeit des Weibes, kaum nöthig gewesen wäre. Am andern Morgen waren die gefährlichsten Symptome verschwunden, obschon noch alle drei Patienten sich sehr schwach fühlten. In seinem ganzen Leben hatte sich Mr. Siler nie so gegrämt, denn zum ersten Mal war ihm Kraft und Selbstvertrauen abhanden gekommen und er dadurch in seine eigene Schlinge gerathen. Wäre er fest geblieben, so würde wahrscheinlich die That gelungen sein. Vor Allem aber fürchtete er die bitteren, beißenden Vorwürfe der Genossin seines Ver brechens; und dann der Aufwand die Kosten für die Beerdigung seines Bruders Mite wären nichts dagegen gewesen. - Während der paar Tage, welche Mike das Bett hüten mußte, hatte er hinreichend Zeit, sich die ganze Geschichte zu erwägen. Er war von Natur aus ein argwöhnischer Mann, und obschon er seinen Bruder und die Haushälterin in dem Zustand gesehen hatte, in welchem er selbst sich befunden, wollte ihm doch der Gedanke nicht aus dem Kopf, daß die Sache nicht ganz zufällig gewesen sei; er nahm sich deßhalb vor, wo möglich über den Gegenstand in's Klare zu kommen. In dieser Absicht suchte er bei dem nächsten Besuch den Doctor auszuholen. 75 ,, Nicht wahr, Doctor, ich bin todtkrank gewesen," sagte er; ,, aber ich denke,' s ist jetzt Alles vorbei?" " Ja, mein theurer Sir, Alles im Reiren Dank sei es meiner Geistesgegenwart und meiner ärztlichen Geschicklichkeit. Ein höchst merkwürdiger Fall habe in meinem ganzen Leben nie drei Personen so nabe am Rande des Grabes gesehen." ,, Drei Personen?" wiederholte der Erdepor tirte, indem er seine grauen Augen spähend auf das Gesicht des Doctors heftete. Ich glaube, Sie sagten drei?" ,, Natürlich. Sie, Ihr Bruder und die Haushälterin," verseßte der Arzt mit einem geschmeidigen Lächeln. ,, Und alle gleich schlecht?" " Ja." Wie kommt's dann, daß Andrew vor mir auf ist?" Unterschied der Constitution, Sir. Die Ihrige ist, ohne daß ich Sie zu beunruhigen wünsche, bei weitem die zartere." ,, Ha, ich bin ziemlich zart," bemerkte der Patient selbstgefällig, namentlich des Morgens. Ich weiß nicht, wie es fömmt; aber Morgens kann ich nicht essen. Wie erklären Sie dies, Doctor?" Der Arzt deutete an, daß der fehlende Appetit wohl seinen Grund im zu vielen Trinken am Abend haben dürfte; aus dieser Gewohnheit erkläre er sich auch den Umstand, daß die giftigen Schwämme ihm viel länger und schwerer zu schaffen machten, als seinem Bruder, dessen werthvolles Leben zu erhalten der Doctor so glücklich gewesen war. ,, Na, mag sein, daß es werthvoll ist," bemerkte 76 Mike, der einen Werth nur nach Pfunden, Schillin gen und Pencen abzuschäßen wußte. Wie hoch schlagen Sie ihn an?- natürlich unter uns." " 1 Doctor Phrase war ein zu kluger Mann, um eine eigene Ansicht kund zu thun. Alles, was er wußte, beschränkte sich auf das Gerücht, daß der Steward reich, unermeßlich reich sei; sein früherer Herr habe ihm eine ansehnliche Summe hinterlassen, die mit jedem Jahr sich vermehrte; denn Sie ha ben ohne Zweifel selbst auch die Wahrnehmung ge= macht," fügte er bei, daß er fast nie was ausgibt." Mike wußte dies. Wenn er nicht etwa auf seine Familie etwas verwendet," fügte der Sprecher bei. " Das ist nicht viel," brummte der Erdeportirte. Er hat doch keine Kinder?" ,, Nein. Ich bin sein einziger Verwandter, sein Bruder, sein Zwillingsbruder, und galt dafür, daß ich ihm ungemein ähnlich sei." Der Arzt erkannte innerlich die sprechende Aehnlichkeit an. " ,, Es ist also kein Zweifel," fuhr Mike fort ,,, daß die Vergiftung durch Zufall herbeigeführt wurde?" ,, Natürlich. Wer konnte ein Interesse dabei ha ben, Ihnen und Ihren schäßbaren Verwandten nach dem Leben zu trachten?" fragte der erstaunte Zuhörer. ,, Leute, die fein Vermögen zu erben hoffen," flüsterte der Patient; seine Haushälterin zum Beispiel." ,, Aber sie war so übel daran als irgend einer von euch," entgegnete der Doctor. Glauben Sie C 1: 28 E er 1, 3 ryry mir, mein theurer Sir, daß Ihr Argwohn ungegründet ist." ,, Nun, ich will's annehmen," erwiderte Mike unmuthig, denn er hätte lieber etwas aus der Geschichte machen mögen. Sechsunddreißigstes Kapitel. Gleichwohl konnte Mike sich eines unbestimmten Argwohns, daß der Vergiftungsgeschichte ein Plan zu Grunde gelegen habe, nicht erwehren. Er wußte, wie mißliebig er auf der Farm nicht nur von seinem Bruder, sondern auch von der Haushälterin ange= sehen war, und beschloß daher nach reiflicher Erwägung, wieder nach London zurückzukehren. ,, Wer weiß," folgerte er ,,, ob nicht ein anderer Zufall vorkömmt, der keinen so günstigen Ausgang nimmt." Dies war jedoch nicht der einzige peinliche Eindruck, der auf ihm lastete. Er konnte die Abschiedswarnung seines Neffen Jack nicht vergessen, an den er immer mit einer gewissen Sorge denken mußte. Der Junge kehrte vielleicht wieder nach England zurück und dann ließ er sich wahrscheinlich durch nichts abhalten, seinen Onkel den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern, da er leider genug von demselben wußte, um dies mit Erfolg zu thun. ,, Wie konnte ich auch ein solcher Dummfopf sein," sagte er häufig zu sich selbst, wenn sich dieser unangenehme Gedanke ihm aufdrängte ,,, mit Fidl Dick über solche Dinge zu sprechen? Ich h 78 wissen sollen, daß Jack nach Art des Fuchses mit offenen Augen und Ohren schlief." Dann stellte er auch Betrachtungen darüber an, ob sein alter Kumpan sich wohl ein Urlaub billet auszuwirken vermöge, und ob es Bet gelungen sei, Lillian aufzufinden. Lettere hätte er gar gern wieder in seinen Händen gehabt, namentlich seit er die Ansicht seines Bruders kannte, daß sie eines Tags für ihn ihr Gewicht in Gold werth sein werde. Wenn dies der Fall war, so konnte sie vielleicht ihm ebensoviel einbringen. Offen gesprochen war seine Stellung in der Farm eine äußerst unbehagliche. Er hatte sich nie so ein sam gefühlt. Dem sämmtlichen Gesinde war es entschieden verboten worden, mit ihm zu verkehren, und die Bewohner von St. Faith, welche es ver droß, daß er sich für einen Fremden ausgegeben und sie über den Steward und den Grundherrn ausge holt hatte, vermieden ihn, wann immer er sich im Orte blicken ließ. Dies war eine sehr natürliche Vorsicht, denn sie hatten keine Lust, sich durch Aeuße rung ihrer Ansichten weiter bloßzustellen. Beim Essen beachtete Mite Alles mit argwöhni schen Blicken; er genoß nur von den allereinfachsten Nahrungsmitteln, und auch dies blos dann, wenn zuvor sein Bruder und die Haushälterin davon ge nommen hatten. Für diese Entbehrung pflegte er sich dann dadurch zu rächen, daß er Winke über die Nothwendigkeit der Vorsicht hinwarf, damit man nicht etwa durch einen Zufall zu Schaden komme. Wegen des fehlgeschlagenen Planes machte sich brew bittere Vorwürfe, obschon derselbe mehr durch mit an, llet jei, Der In: für nn en: m In: es 11, r: id e: m he e: i 11 er ce t 79 den Zufall als durch seine eigene Schwäche zu nichte gemacht worden war. Wie leicht hätte er unter irgend einem Vorwand das Gesinde aus dem Farmhaus entfernen können; aber hieran hatte weder er noch die Haushälterin gedacht. iDer Erdeportirte hatte seine sieben Sachen zusammengepackt und bereits alle nöthigen Erkundigungen über die Ankunft der nach Tiverton gehenden Diligence eingezogen, ehe er dem Steward seine Absicht ankündigte, das Herrschaftsgut zu verlassen. Andrew vernahm die Mittheilung mit Ueberraschung, obschon er innerlich sehr wohl damit zufrieden war. ,, Ja," sagte Mife ,,,' s ist besser, ich gehe. Es könnte hier bald wieder so eine Pilzjahreszeit eintreten, und man weiß dann nicht, was passirt, da ihr Beide, Du und Deine kostbare Haushälterin, so sehr auf dieses Gericht versessen seid." ,, Sei unbesorgt," versetzte der Steward, bei dieser Anspielung das Gesicht verziehend. ,, Mir kommen Pilze gewiß nie wieder auf den Tisch." ,, Und zwar mit Recht," entgegnete der Bruder, ,, namentlich wenn die nämliche Person sie wieder sammelt." ,, Wie konnte sie auch einen so schrecklichen Mißgriff machen?" sagte Andrew, sich wundernd. Ich will daran denken und wenn ich hundert Jahre alt werde." Ich auch," bemerkte Mike mit Nachdruck. " Ich bin seitdem nie wieder der alte Mensch gewesen," fuhr der Steward fort. Es thut mir leid, daß Du uns verlassen willst. Der Plaz war 88 80 vor Deinem Besuch langweilig genug und wenn Du fort bist, wird er es tausendmal mehr sein." ,, Kann nicht helfen; aber ich hab' mir's einmal in den Kopf geseßt, daß hier doch keine recht gesunde Luft ist, und Gesundheit geht über Alles. Wir können ja gleichwohl gute Freunde bleiben." ,, Gewiß," rief der Steward. Willst Du nicht etwas zu Dir nehmen, eh' Du gehst?" ,, Keinen Bissen," entgegnete der Bruder hastig. Andrew merkte aus dem Ton, noch mehr aber aus der Miene, mit welcher Mike dies sprach, recht wohl, was er damit sagen wollte, und sein Gewissen flüsterte ihm zu, daß es besser sei, wenn er nicht weiter in den Scheidenden dringe. ,, Wenn Du durchaus fort willst, so leb' wohl," sagte er, die Hand ihm bietend. ,, Es wird Zeit genug sein, Lebewohl zu sagen, wenn wir mit einander fertig sind," versetzte der Erdeportirte kalt. ,, Ueber was fertig?" Du weißt's wohl." Wie sollt' ich? Sprich!" - ,, Du willst, daß ich spreche gut. Sieh', Andrew obschon ich über die Vergiftungsgeschichte schweige, so habe ich doch meinen Argwohn. Ich will ihn ruhen lassen; aber Du weißt, daß ich Dir zu lieb einwilligte, mich von meinem Neffen Jack zu trennen." ,, Was weiter?" ,, Der Knabe ist mir sehr nützlich gewesen." ,, Als Dieb," rief Andrew Siler ungeduldig. ,, Das hat Nichts mit der Sache zu schaffen; ge= 81 nug, er war mir nur nüßlich. Der Junge hat mir oft bis zu fünf Goldvögel in der Woche heimgebracht, und wer besaß ein besseres Recht daran, als ich, der ich ihn von der Wiege an erzog, kleidete, verköstete und bildete." Bildete?" ,, Auf meine Art," fuhr der Strolch ruhig fort, denn er war entschlossen, sich seines Vortheils nicht dadurch zu begeben, daß er in Hiße gerieth. Wie gefagt, Dir zu Gefallen willigte ich ein, mich von ihm zu trennen, und dafür erwarte ich natürlich eine Entschädigung." ,, Reinen Benny, keinen Fahrting!" rief der alte Mann leidenschaftlich. Ich lasse mich nicht meines sauren Erwerbs berauben nicht, daß er namhaft wäre, denn ich bin arm." - ,, Sehr arm," sagte Mike mit schlauem Blinzeln. Ist das der Dank, daß ich Dir zu fünfhundert Pfunden verholfen habe?" ,, Und wie viel ist in Deinen Händen geblieben?" ,, Kein Penny." Das Blinzeln wurde wiederholt. ,, Kein Fahrting," fuhr, der Sprecher fort ,,, und ich lasse mir Deine Erpressung nicht gefallen. Narr -Dummkopf, der ich war, daß ich mich je um Dich fümmerte." ,, Du vergissest, daß wir Zwillingsbrüder sind," bemerkte sein liebenswürdiger Bruder mild ,,, und Zwillinge sollten nicht mit einander streiten. Ich thu's nicht." ,, Aber etwas Schlimmeres." Smith, Ebbe u. Fluth. III. 6 82 ,, Wie so?" ,, Du drohst!" ,, Nein, ich drohe nicht," versezte der zartfühlende Verwandte. ,, Du drohst." ,, Ich?" rief Andrew erstaunt über die Unverschämtheit dieser Behauptung. Ja, Du," entgegnete sein Bruder. ,, Drohst Du mir nicht, mich um mein Recht zu verkürzen mich zu zwingen, daß ich zum nächsten Friedensrichter gehe Mr. Thornton heißt, glaube ich, der Gentleman, der nach Allem, was ich höre, ein sehr würdiger Herr ist und ihm Alles erzähle, was ich von Lady Boothroyd und Lillian weiß?" - - Du wagst es nicht, dies zu thun, denn Du weißt, daß Du sie gemordet hast," erwiderte sein Zuhörer. ,, Das Certificat, Andrew- Du vergissest das Certificat," versezte Mike gefaßt. Ich war fein solcher Narr, und habe weislich nach Deinem Plan gehandelt. Ihr könnt mir da nichts anhaben." ,, Niemand wird Dir glauben," bemerkte der Steward. ,, Du bist ein zurückgekehrter Deportirter." ,, Das gereicht mir nicht zur Schande, hoffe ich," entgegnete Mike. Und hast Jahre lang von Jacks Diebstählen gelebt." " 1 , Um dies zu beweisen, mußt Du vorher Jack beischaffen," sagte der Bruder. ,, Doch wozu dies Geschwätz, während Du so gut weißt, als ich, daß Du endlich daran glauben mußt. Ich will raisonnabel gegen Dich sein." ,, Raisonnabel?" 83 ,, Ich verlange nur hundert Pfund jährlich. Dies fannst Du wohl erschwingen." ,, Kann ich?" murmelte sein Verwandter blaß vor Wuth, denn Mike's Ruhe brachte ihn wo möglich noch mehr auf, als der Gedanke, Geld hergeben zu müssen. Bedent' Dir die Sache," fuhr der Sprecher fort. ,, Wär's mir behaglich und hätte ich einen Platz gefunden, der meiner Gesundheit zusagte, so würde ich natürlich nichts verlangt haben, aus dem guten Grunde, weil ich nichts gebraucht hätte. Wie es aber jezt steht, kann ich mich nicht mit weniger begnügen. Schreib' es auf Rechnung Deiner Herrschaft. Hundert Pfund mehr oder weniger im Jahr machen der Gnädigen nichts aus, sind aber für mich von großer Wichtigkeit." In dieser Auffassung lag eine so augenfällige Wahrheit, daß sie auch Andrew einleuchtete, obschon er in der Regel, wenn sich's um sein eigenes Geld handelte, ungemein schwer begriff. Er wußte, daß Lady Boothroyd, wie geizig sie auch sein mochte, lieber sogar noch größere Summen opferte, als die Geschichte laut werden ließ. Ich will's überlegen," sagte der Steward. ,, Recht so, Ich gebe Dir fünf Minuten Bedentzeit," versetzte Mike, indem er seine Uhr herauszog. Ich brauche so viel Tage." ,, Und meinst Du," fragte sein Bruder, ich sei einfältig genug, nach der besonders liebevollen Beschaffenheit unserer gegenwärtigen Unterhaltung hier Deine Antwort abzuwarten? Nein, nein." ,, Ich will sie Dir in Deine Wohnung nach Lon6* 84 don bringen. Ich muß mit Lady Boothroyd sprechen. Es war eine schlimme Stunde, als ich Dir vertraute. Ich kann Dir Geld schaffen und will es, aber nicht aus meinen eigenen Mitteln. Lieber will ich im Gefängniß verfaulen oder Hunger leiden, als daß ich mich in solcher Weise ausziehen lasse." ,, Hunger leiden?" wiederholte Mike in spöttischem Ton. ,, Hast Du das schon versucht?" Nein." ,, Aber ich, und ich kann Dir sagen, daß es durchaus nichts Angenehmes ist. Eben deßhalb möchte ich mich für die Zukunft dessen erwehren, und es ist höchst unnatürlich von Dir, daß Du mir hierin entgegentreten willst. Gegen Deinen Besuch bei Lady Boothroyd habe ich nichts einzuwenden. Mir ist's ganz gleichgültig, woher das Geld kömmt, wenn ich es nur erhalte." ,, Du bist ein großer Spißbube." ,, Wir sind Zwillinge, Andrew," lautete die Erwiderung. - - Schließlich wurde zwischen den beiden Ehrenmännern abgemacht, daß der Steward nach Verfluß einer Woche in kürzerer Zeit glaubte er die Sache nicht bereinigen zu können Mike in London be= suchen und eine bestimmte Antwort bringen solle, aber nicht nach dem Häuschen in der Belvederestraße. Der Deportirte theilte ihm mit, daß er nicht mehr dort wohne, weil es ihm daselbst seit Jacks Entfernung und Lillians Tod so gar langweilig sei. Sie wollten sich in den Schlüsseln" unfern der. Münze wiederfinden. So schieden die Beiden Mike, um nach Lon 85 don zurückzukehren, denn er wollte durchaus keine Nacht mehr in dem Farmhaus bleiben. Als er in der Tivertoner Diligence saß, welche ihn der Eisenbahn zuführen sollte, wünschte er sich Glück zu seinem Erfolg, der ihn abgesehen von dem petuniären Vortheil doppelt freute, weil er damit einen Triumph über den beneideten Bruder davongetragen hatte. ,, Ich hatte Recht," dachte er, als er durch St. Faith fuhr; das Mädchen wird für mich so gut wie für Andrew ihr Gewicht in Gold werth sein. Ich möchte nur wissen, wie viel er sich daraus zu machen im Stande wäre, wenn er von Allem Kunde hätte, was ich ihm erzählen könnte. Aber so tölpelhaft bin ich nicht, daß ich ihm beichtete. Er verspräche wohl mit mir zu halbiren, betröge mich aber, wie schon früher, um meinen Antheil. Freut mich nur, daß ich ihn dießmal überholt habe." Und vor Vergnügen fichernd warf sich der liebenswürdige Mensch in den Wagen zurück. Seine behaglichen Phantasieen gingen bald in einen Schlummer über, in welchem er von seinem Neffen Jack träumte. Hätte Mike den dämonischen Blick sehen fönnen, mit welchem ihm der von Haß erfüllte Andrew nachschaute, so würde er sich wohl des Triumphes über seinen reichen Bruder mit keiner solchen Zuversicht erfreut haben. In Wirklichkeit war der Steward nie so gefährlich, als wenn er sich auf's Aeußerste getrieben sah und scheinbar eine Niederlage erlitten hatte. Bei solcher Gelegenheit raffte er seine ganze Thatkraft zusammen und ging mit vollem Muth und einer ihm eigenen Taktik an's Werk. 86 ,, Hundert Pfund jährlich!" murmelte er vor sich hin. Wie bescheiden, wie ungemein bescheiden. Es wundert mich, daß er nicht zwei verlangt hat. Da er einmal daran war, hätte er es eben so gut thun können. Er glaubt, mich geschreckt zu haben- mich geschreckt," wiederholte er mit leisem Kichern ,,, über Sem seit zwanzig Jahren die Hand der Gerechtigkeit und der Strick des Henkers schwebt! Wir wollen sehen wollen sehen!" - Dem Steward standen zwei Wege offen, um den unverantwortlichen Versuch seines Bruders, ihm einen Theil seines theuer errungenen Geldes abzuschweißen, zu vereiteln. Der erste gab sich, wenn er entdecken konnte, was Jack mit der Drohung sagen wollte, er werde ihn an den Galgen bringen, wenn er je wieder nach England zurückkomme. Er hatte weder dies, noch die Anspielung auf den Fidler Dick vergessen. Ich muß diesen Mann aufsuchen," sagte er. Der andere bestand darin, daß er sich unverweilt zu Lady Boothroyd begab und ihr die Schwierigkeit ihrer beiderseitigen Lage mittheilte. Sie konnte dann durch den Einfluß ihres Schwagers, welcher Staatssekretär im Ministerium des Innern war, vermitteln, daß Mike aus dem Wege geschafft wurde ver: steht sich gesetzlich, denn Andrew Siler liebte es, Alles auf geseßliche oder jedenfalls auf eine sichere Weise zu thun. Gleich seinem Bruder wollte er nichts mit den großen Gefahren zu schaffen haben, und nur die Pilzgeschichte machte eine Ausnahme in seinem System. Manchen dürfte eine Woche als eine gar furze 87 Frist für die Vollbringung von so Vielem erscheinen; aber Andrew war ein Mann von Genie. Wenn er einmal einen Entschluß gefaßt hatte, so tamen ihm keine Nachgedanken, keine Bedenklichkeiten mehr. Er brach schon mit der nächsten Eiltutsche nach London auf und lenkte, sobald er in der Hauptstadt angelangt war, seine Schritte sogleich nach einem Seit Jahren hatte er seiner alten Schlupfwinkel. sich nicht mehr dort blicken lassen, denn das Haus war eine Diebsherberge in der Gegend von Houndsditch. Hier gelang es durch mittelbare Fragen und die umsichtige Verwendung einiger Schillinge, die er in Bewirthung der Gäste aufgehen ließ, über den Aufenthalt des Fidler Dick Auskunft zu erhalten, der wegen des Taschendiebstahls zu Southampton zu vierjähriger Zwangsarbeit verurtheilt worden war. ,, Im Gefängniß also," sagte er zu sich selbst. ,, Um so besser. Solche eingesperrte Vöge! plaudern aus heller langer Weile." Er erfundigte sich sodann nach dem Schicksal von Dick's Weib. ,, Oh, sie ist bei Derter, seinem Compagnon," antwortete der Auskunftgeber. Ist nicht wahr," rief eine in der Nähe stehende Weibsperson. Derter wollte nichts mehr mit ihr zu thun haben, obschon sie selbander Dick an die Polizei verkauften." ,, Abscheulich!" bemerkte der Steward. Ueber einen Kumpan zu peßen." ,,' s war freilich nicht schön," versetzte der Mann; ,, aber Dick hatte ein schreckliches hißiges Temperament; es war ein Wort und ein Schlag. Oft kam 88 der Schlag zuerst, und Bet, wißt Ihr natürlich kennt Ihr die Bet?" ,, Ja, ja; fahrt nur fort." ,, Nun, Bet ist ein gar zartfühlendes Weib und wollte sich's nicht länger gefallen lassen. Das Geschäft gehörte ursprünglich ihr." ,, Welches Geschäft?" Die tanzenden Kinder." Dies war für Mr. Siler etwas Neues. ,, Der Fidler Dick hielt also tanzende Kinder? hum!" Das war merkwürdig, und er begann schlau zu argwöhnen, daß sich hier für ihn ein Schlüssel zu Lillians Schicksal finden dürfte; denn er konnte noch immer nicht an ihren Tod glauben. Als Siler das Haus verließ, sah ihm der Mann, an den er sich gewandt hatte, mehrere Minuten schweigend nach. Ich denke nicht, daß dies einer von den rechten ist," murmelte er halblaut vor sich hin. ,, Wen meint Jhr?" fragte der Wirth, ein triefäugiger Graufopf mit einem schuftigen Kupfergesicht. ,, Wer soll keiner von den rechten sein?" C Der Kaffer, der da eben fortgegangen ist." Aber er war es." ,, Kennt Ihr ihn?" Will's meinen!" versetzte der Wirth. Ich kenne jeden von der Profession, wie lang er auch zurückgetreten sein mag. Er ist freilich auch alt geworden, aber ich erinnere mich noch wohl der Zeit, als sein Haar so schwarz war wie das Eurige, und sein Arm eben so stark. Na, was die Kraft betrifft, so hat er sie vielleicht noch. " Wie heißt er?" 89 ,,' s ist besser, wenn Ihr nichts von ihm wißt," murmelte der Wirth. ,, Nur seinen Namen," verseßte der Mann, ihm sein Glas anbietend. Diese Verlockung war unwiderstehlich. Der Wirth that Bescheid und flüsterte dem Gast den Namen in's Ohr. ,, Was, Mike's Zwillingsbruder?" rief der Mann. ,, Von dem hab' ich schon tausendmal sprechen hören." Er nahm seinen Hut auf und verließ raschen Schrittes das Haus, bis er den achtbaren Mr. Andrew Siler eingeholt hatte. Er klopfte vertraulich dem Steward auf die Schulter, worauf dieser sich umwandte und entschlossen ihn betrachtete. " Was wollt Ihr von mir?" fragte er. " Ich bitt' um Verzeihung, Sir," versetzte der Mann; aber Ihr habt mich so viel über den Fidler Dick gefragt." ,, Was weiter? Ich belohnte Euch für die Ausfunft, die Ihr mir gabt." ,, Ordentlich, ich läugne es nicht," entgegnete der Mann.„ Aber wenn ich wüßte, warum Ihr frag= tet, so könnte ich Euch vielleicht noch zweckdienlicher antworten." „ Ich denke nicht." " Soll ich rathen?" fragte der Mann mit einem schlauen Lächeln. ,, Meinetwegen." Wohlan, Ihr wünscht etwas von Eurem Bruder zu erfahren, der vor den nämlichen Assisen mit Dick zur Deportation verurtheilt wurde. Ich erinnere 90 mich der Zeit noch wohl, denn das Unglück traf mich in demselben Jahr." ,, Das Unglück?" „ Ja," entgegnete der Dieb dreist.„ Auch ich wurde deportirt, aber nur für fünfzehn Jahre Mike lebenslänglich." - Ueber diesen Umstand hatte sein liebevoller Zwillingsbruder nie recht in's Klare fommen fönnen. Er lebte zwar unter dem Eindruck, daß es so sei, aber Mike hatte es stets abgeleugnet. 81 , Lebenslänglich?" wiederholte Andrew bedächtig. ,, Wißt Ihr dies gewiß?" Vollkommen." ,, Wie kömmt's dann, daß er zurück ist?" ,, Urlaubsbillet." ,, Also keine unbedingte Begnadigung?" rief der Steward hastig. ,, Nur Urlaubsbillet," wiederholte der Mann. " Das zurückgenommen werden kann," dachte Andrew fichernd, und zurückgenommen werden soll, wenn anders Lady Boothroyd etwas bei ihrem gnädigen Herrn Schwager vermag." Die Kunde, die er so unerwartet erhalten, machte ihn so vergnügt, daß er dem Mann ein Goldstück in die Hand drückte, eh' er seines Weges weiter ging. Nach Abfluß der Woche stellte sich Mike so pünktlich wie ein Mann, der durch seine Pünktlichkeit eine Jahresrente von hundert Pfunden zu verdienen hofft, in den Schlüsseln, einer verrufenen Diebsherberge auf dem Münzplaße, ein. In der Erwartung der baldigen Ankunft seines Bruders hatte er sich ein besonderes Zimmer geben lassen, da ein Geschäft, 91 wie das seinige, nicht wohl in der Gaststube besprochen werden konnte. Er machte sich eben behaglich über das zweite Glas Grog her, als Andrew Siler erschien. Auf seinem Gesicht lag ein ruhiges, halbzufriedenes Lächeln, welches die empfindsamen Ge fühle seines Zwillingsbruders etwas beunruhigte, da ihn dieser viel lieber finster und verbissen gesehen hätte. ,, Kömmst Du endlich?" sagte Mike.„ Ich habe lang auf Dich gewartet." " Ich bin so pünktlich als möglich gewesen," versetzte der Steward mild.„ Eine Angelegenheit wie die unsrige läßt sich nicht im Flug abmachen." ,, Das ist wahr." 11 Es gibt dabei viel zu bedenken." ,, Und das hast Du gethan?" fragte der Erdeportirte mit Nachdruck, denn in dem geschmeidigen Wesen des Sprechers lag etwas, was ihm nicht gefiel. Ein- oder zweimal dachte er an Lillian; aber er gab die Idee bald wieder auf. Von dieser Seite, meinte er, könne ihm feine Gefahr drohen. Das Certificat brachte Alles in Ordnung. ,, Natürlich, Mike," lautete die Antwort. ,, Und die gnädige Frau gesprochen?" " Die gnädige Frau gesprochen," wiederholte sein Verwandter mit einem schlechtverhehlten Richern. ,, Und was sagt sie? Ich lasse nicht mit mir spielen." ,, Das fällt ihr gar nicht ein," verseßte Andrew ernst. ,, Und zum Beweis hat sie mir zwei Personen. mitgegeben, die Dein Jahresgeld bereinigen sollen." Advokaten?" murmelte Mife. 92 ,, Nicht gerade Advokaten, aber auch Leute vom Gericht." Andrew Siler gab ein Zeichen und zwei wohlgekleidete Männer traten ein. Eh' sich's der Erdeportirte versah, hatte ihm einer derselben gewandt ein Paar Handschellen über die Gelenke gelegt. ,, Was soll das heißen?" rief der Strolch. ,, Zurückgekehrter Deportirter," versetzte der Gerichtsdiener. ,, Aber ich habe ein Urlaubsbillet." ,, Ist zurückgenommen." " Ja, Mike," sagte der Steward. Du hast einen schlechten Gebrauch von Deiner Freiheit gemacht, und um Dich von weiteren Verbrechen abzuhalten, wurde vom Staatssekretär Befehl gegeben, daß Du den Rest Deiner Strafzeit nachzuholen habest." ,, Den Rest?" versetzte sein Bruder. ,, Es war ja lebenslänglich." ,, Ich weiß es," entgegnete der liebevolle Zwilling, ,, und hoffe, daß Dir noch viele Jahre bleiben, um die Schmach zu bereuen, die Du über Deinen Namen und Deine Familie gebracht hast." ,, Lebenslänglich!" wiederholte der erstaunte Gefangene. ,, Dent' an dies!" Ich habe daran gedacht," sagte der Steward in mildem Tone ,,, und preise die Vorsehung, daß sie mich befähigte, Dir ein Mittel zur Sühne für Deine vergangenen Verbrechen zu verschaffen." ,, Heuchler!" rief Mike. Heuchler!" Kaltblütiger, schurkischer Andrew erhob die Augen himmelwärts, als entsegte er sich über den Umfang menschlicher Verdorbenheit. 93 ,, Er ist schlechter als ich," fuhr der Sprecher Es ist fort, sich an die Gerichtsdiener wendend. nicht viel über ein Jahr, als er ein Kind zu mir brachte, das ich morden sollte." ,, Und Du hast es wirklich gemordet?" fragte sein Bruder nachlässig. all Der Quälgeist der armen Lillian betrachtete ihn mit Blicken tödtlichen Hasses und unmächtiger Wuth, rief damit aber nur ein Lächeln auf dem Gesicht seines liebenswürdigen Zwillingsbruders hervor. ,, Du bist jetzt im Vortheil," bemertte der Depor tirte bitter; aber das Glück fann umschlagen." ,, Kaum, Mife, kaum," verseßte der Steward. ,, Das Spiel ist jetzt nahezu ausgespielt." Jad fann zurüdfehren." Diese Andeutung bereitete dem achtbaren Onkel ein gewisses Unruhegefühl; er entschlug sich jedoch desselben rasch wieder, da ihm eine solche Möglichkeit ziemlich unwahrscheinlich vorkam. Im Lauf der nächsten Woche wurde Mike nach den Holten von Woolwich abgeführt. Sein Entschluß, sich vor großer Gefahr in Acht zu neh= men, hatte ihn nicht bewahren können, da für einen Mann von anrüchigem Charakter schon eine sehr fleine ausreichte. Die erste bekannte Person, welche ihm begegnete, war sein früherer Kumpan, der Fidler Dick. Sie schüttelten sich mit wehmüthigem Schweigen die Hände. Der Gaukler ergriff zuerst das Wort. ,, Wie lange?" fragte er. ,, Auf Lebensdauer," stöhnte Mite. Und Du?" ,, Noch vier Jahre." 94 Er sprach dies mit funkelnden Augen, während zugleich seine Mundwinkel sich abwärts zogen. Ohne Zweifel dachte er an Bet. Siebenunddreißigstes Kapitel. Als Wellington Jahre nach dem berühmten Siege, welcher dem gequälten Europa den Frieden wieder gab, das Eton College besuchte, soll er ausgerufen haben: Hier ist Waterloo genommen worden." In dieser Aeußerung liegt etwas Wahres und, wenn wir den einfachen praktischen Geist des Mannes, der sie that, in's Auge fassen, etwas Poetisches; denn man kann nicht in Abrede ziehen, daß die physischen und geistigen Uebungen unserer öffentlichen Schulen nicht wenig dazu beitragen, um den Geist, die Ausdauer, die Thatkraft und den nie erlahmenden Muth, die unserer sächsischen Race eigen sind, zur Entwicklung zu bringen. England verdankt dem Ballspiel und dem Ruder= boot mehr, als die meisten seiner Söhne ahnen, sofern männliche Belustigungen nicht nur die Muskeln stählen, sondern auch das Gehirn träftigen. Der Staatsmann in seinem Cabinet, der Rechtsgelehrte in seinem Bureau, der Mann der Wissenschaft in seiner Studierstube oder auf dem endlosen Felde der Naturbeobachtung verdankt die Kraft zu anhaltender geistiger Arbeit großentheils den gesunden Uebungen seiner Jugend. Die Jugend ist der Lenz der Zukunft und sollte nur in Beziehung auf das wirklich Schlechte mit 95 3wang belegt werden. Biege das junge Reis, so wird der Baum frumm. Ein Uebelstand herrscht übrigens an unseren öffentlichen Schulen, gegen den wir ernstliche Rüge erheben müssen: wir meinen das unnatürliche System des Schlagens, welches den Schwachen der Gnade des Starken preisgibt und die Rohheit zu Recht bestehen läßt. Seine Vertheidiger( und es sind darunter wissenschaftliche und politische Größen) behaupten allerdings, es ermuthige unter den Knaben den Wetteifer und sporne sie zu fleißigem Studiren, damit sie in eine höhere Klasse vorrücken und der Demüthigung entgehen. Wir jedoch sagen, das System des Schlagens kann nur den Wetteifer des Gladiators zur Folge haben und nicht einmal dies, denn in der Arene sind alle Kämpfer gleich bewaffnet. Wie mag man aber von Gleichheit sprechen, wo die Vortheile des Alters und der Kraft auf der Seite des Unterdrückers sind und das Opfer zur Unterwerfung verpflichtet ist? - Erschrick nicht, zartfühlender Leser- wir haben nicht im Sinne, uns in Reminiscenzen an unsere Knabenzeit zu ergehen. So weit greifen wir nicht zurück, sondern nur auf einen Theil unserer Erzählung, als Wilhelm Thornton am Morgen nach Lillians Entführung sich von seiner geliebten Alice in Meldownpart verabschiedete. Er hatte sich vorgenommen, Freundschaft zu schließen mit ihrem Vetter, dem Viscount Jlston, um sich dadurch die Aussicht zu sichern, in dem Holm, dem Wohnsitz ihres Onkels, des Grafen von Carlington, wieder mit ihr zusammenzutreffen. Gleich 96 den meisten einzigen Söhnen war das junge Herrlein in hohem Grade verzärtelt und daher zu einem äußerst selbstsüchtigen Knaben geworden. Diese Eigenschaft in Verbindung mit einer schwächlichen Constitution und einem furchtsamen Charakter paßt wenig für eine öffentliche Schule, wo der Muth mehr gilt, als vornehme Abkunft, und die Anmaßung unnachsichtlich ein Gegenstand des Gespöttes wird. Die meisten Knaben wissen ihre Altersgenossen im Guten oder Schlimmen sehr richtig zu beurtheilen, und es ist deßhalb kein Wunder, daß der Viscount in Eton nichts weniger als beliebt war, weßhalb denn auch die Gräfin ihn schon nach zwei Monaten wieder wegnehmen wollte. Die gekränkte Mutter konnte nicht begreifen, warum ihr Sohn, der Erbe eines erlauchten Namens und eines Einfommens von weiß Gott wie viel Tausenden im Jahr, sich dem Geschlagenwerden unterwerfen und von rohen Plebejerknaben auf dem Fuße der Gleichheit behandeln lassen sollte, blos weil sie zufällig ein bischen mehr Latein und Griechisch verstanden und in einer höheren Klasse waren. Die Gnädige er= flärte dies für entseßlich, für revolutionär, und wo nicht für absolut unmoralisch, so mindestens für in hohem Grad unschicklich. Zu ihrem Aerger und Erstaunen aber lachte der Graf nur über ihr Ansinnen. Er war selbst in Eton erzogen worden, ebenso sein Vater und sein Großvater. Das Geschlagenwerden war freilich nicht angenehm; er hatte eher noch eine unbestimmte Vorstellung von dem Gegentheil, aber die größten Männer Englands hatten sich demselben unterworfen. Durch Eton war 97 er zum Staatsmann und Minister geworden; ohne Zweifel leistete es seinem Sohn denselben Dienst. - William Thornton war in Eton allgemein beliebt nicht gerade wegen seines Geistes, da er in dieser Beziehung von mehreren übertroffen wurde, sondern wegen des offenen, edelmüthigen Sinnes, der, während er unter den Jungen Freundschaft weckt, so viel für den künftigen Mann verspricht. Mit einem Worte, er war in demselben Verhältniß der Liebling der Anstalt, als der junge Viscount übel angesehen wurde. Es gibt Naturen, denen der Sinn für Dankbarteit vollkommen abgeht, und unter diese gehörte auch Juston. William half ihm bei seinen Aufgaben, balgte sich für ihn( wohlverstanden nur, wenn sein Schüßling geplagt wurde, oder in seinem Recht war), und doch haßte ihn das junge Herrlein von Herzen. Der Grund dazu lag in Williams Ueberlegenheit, in dem tränkenden Gefühl der Abhängigkeit und vor Allem in dem Umstand, daß es nicht einmal der Popularität seines Beschüßers gelungen war, das große Biel seines Ehrgeizes, seine Aufnahme in die Mannschaft der Meerfey durchzuseßen. Die Knaben hatten erklärt, daß sie ihn nicht haben wollten, und damit war die Sache abgethan. Viele von Williams Freunden wunderten sich über dessen Beweggründe, und einer meinte Anschmeichelung an das vornehme Herrlein darin finden zu können; aber obgleich die Beschuldigung mit einer Entschiedenheit zurückgewiesen wurde, daß der Anfläger sie nie wieder zu erneuern wagte, so billigte man doch keineswegs Williams Verhalten, und er Smith, Ebbe u. Fluth. III. 7 98 mußte gelegentlich manches unfreundliche Wort, manchen falten Blick dafür hinnehmen. Doch er ließ sich's gefallen um der Aussicht willen, seine fleine Spielgefährtin Alice wieder zu sehen. Der erste Mai war der Geburtstag des Grafen von Carlington, folglich ein hohes Fest in dem Holm. Die Pächter pflegten da eine Adresse zu überreichen, die der Steward vorlas, und die Kinder der Dorfschule sangen auf die nahe Feier ein Lied, welchem der gnädige Herr und seine hochadeligen Gäste in Galla von dem erhöhten Boden der großen Halle aus zuhörten. So war es seit Jahrhunderten in der Familie der Brauch gewesen, und das gegenwärtige Haupt hielt starr an der alten Sitte fest. Die Vergangenheit war nicht nur im öffentlichen, sondern auch im Privatleben seine Führerin. Bei dem eben erwähnten Anlaß durfte sein Sohn ein Halbdußend Schulkameraden einladen, um die stattliche Pracht in seiner väterlichen Heimath mit anzusehen und an den Festlichkeiten theilzunehmen. Natürlich erwartete Jedermann, daß unter den Auserlesenen William Thornton der erste sein werde, und wahrscheinlich hoffte dieser das Gleiche. Doch ein altes, aber wahres Sprichwort sagt, wenn Du Einem neunundneunzigmal einen Dienst leistest, und es gelingt Dir zum hundertstenmal nicht, so hast Du einen Feind für Lebenszeit. Jllston konnte es William nicht verzeihen, daß es ihm nicht geglückt sei, seine Wahl für die Meerfen zu erwirken. Die Sache wurmte ihn stets, und er legte dadurch Zeugniß ab von der Kleinlichkeit seines Geistes, daß 99 er die ganze Mannschaft des gedachten Bootes einlud, mit Ausnahme eines einzigen, der für seine Erwählung gewirkt, sich für ihn geschlagen und in jeder Weise ihm Freundschaftsdienste erwiesen hatte. Schulknaben sind im Allgemeinen sehr empfindDie Nichteingeladenen lich gegen Ungerechtigkeit. erklärten das Benehmen des Viscount für schäbig, die Geladenen waren insgeheim der gleichen Ansicht, und einer von ihnen, Alfred Wharton, Williams Stubenbursch, verweigerte geradezu die Annahme eines Donquixotestreich, für welchen Dawlish, der Primus der Schule, ihn einen Narren nannte. - der eben er= In Eton waren zwei Whartone wähnte und ein jüngerer Namens Friz, beide die Söhne eines ausgezeichneten Offiziers, der in Indien gefallen war. Alfred, der ältere, ein körperlich und geistig hochbegabter Junge, überhob sich nie gegen seinen Bruder, einen zarten, sinnigen, vierzehnjährigen Knaben von schüchterner, zurückhaltiger Gemüthsart, sondern pflegte im Gegentheil zu behaupten, Frizz besize höhere Talente als er, und sie bedürften nur der Zeit zu ihrer Entwicklung. Auch wachte er mit ebenso unermüdlicher als schöner Liebe über ihm und machte seinen Vertheidiger in allen seinen Schulknabenhändeln. Wenn man je Alfreds Stimme zor nig erschallen hörte, so konnten unter zehn Fällen neunmal die Zuhörer gewiß sein, daß irgend Jemand seinen Bruder beleidigt hatte; denn für die eigene Person war er der geduldigste Mensch von der Welt. So wußte man zuletzt in der Schule allgemein, daß ein Streit mit Frig so viel war, als eine Herausforderung an Alfred, und da Beide so 77* 100 beliebt waren, so kam es selten zu Händeln und Balgereien. ,, Es thut mir leid, sehr leid," sagte William Thornton zu seinem Freund auf einem Spaziergang, ,, daß Du um meinetwillen die Einladung in den Holm zurückgewiesen hast." " Ich that es, weil mich Jllstons Schäbigkeit verdroß," lautete die Antwort. Nach all' den Freundschaftsdiensten, die Du ihm geleistet hast! Es war nicht Deine Schuld, daß man ihn nicht in der Meerfey haben wollte. Du hast Dir Mühe genug gegeben, ihn hinein zu bringen." Mehr als ich mir je wieder für ihn machen werde," sagte William; denn sein Benehmen ist nach mildester Beurtheilung ein undankbares." " 1 ,, Es ist Dir sicherlich nicht um eine Einladung nach dem Holm zu thun gewesen," rief Alfred. Davon bin ich überzeugt, obschon Walters Dir Anschmeichelung zur Last legte." ,, Er hatte Recht," entgegnete William ruhig.0 Sein Kamerad sah ihn überrascht an. " Ich wünschte sehr angelegentlich, nach dem Holm eingeladen zu werden, aber nicht aus einem Grunde, wie Walters sich ihm denken mag," erwiderte William. ,, Davon bin ich überzeugt.' - " Ich hoffte, dort eine eine Freundin, eine liebe kleine Spielgefährtin zu treffen, Justons Cousine, die ich von Kindheit an gekannt habe." Alfred lächelte. ,, Sie ist das einzige Kind des Sir Norman und der Lady Boothroyd- schön wie eine Elfe- ich habe freilich noch keine gesehen offen, zutrau 101 lich und so liebevoll, wie Du selbst. Ich weiß nicht, wie es fömmt," fügte William bei, unsere Väter konnten sich nicht recht gut mit einander vertragen, und wenn sie zusammenkamen, lief es selten ohne Streit ab. Der Baron ist stolz auf seinen Namen und seine Abkunft, und denkt mehr an die Reinheit seines Wappens als an Eigenschaften des Herzens und des Geistes. Mein Vater dagegen ist stolz in seiner Art, und zwar mit besserem Recht, denn er hat selbst seinen Wohlstand gegründet und darf sich des Gebrauchs, den er von seinem Vermögen macht, nicht schämen." ,, Und wie heißt diese kleine Spielgefährtin?" ,, Alice," antwortete William mit leichtem Erröthen. ,, Ein recht hübscher Name," versetzte sein Freund, nachdem er denselben mehrmal wiederholt hatte. " Ich bin selbst halb in ihn verliebt." Ein Grund, warum ich sie zu sehen wünsche, besteht darin, daß ich ihr eine Kette mit einem Medaillon zurückgeben möchte." ,, Die sie Dir gegeben hat?" ,, Nein. Ich fand sie in Meldownpark. Hättest Du nicht die Einladung nach dem Holm abgelehnt, so würde ich Dich gebeten haben, sie ihr zu überbringen." ,, Da ich nicht mitmache, so bereut vielleicht Julston seine Ungerechtigkeit, und ladet Dich ein," be merkte Alfred. " Ich wünschte dies, um das Vergnügen zu ha ben, ihn zurückweisen zu können," rief der Knabe mit Heftigkeit. Nein, nicht einmal um der Freude 102 willen, Alice wieder zu sehen, könnte ich jetzt seine verspätete Höflichkeit annehmen. Ich habe ihn eigentlich nie leiden mögen, und es ist mir eine wahre Erleichterung, daß ich der Aufgabe, die ich auf mich genommen, ledig bin." Am nämlichen Abend theilte Alfred Wharton seinem Freunde mit, er habe dem Drängen des Viscount nachgegeben und eingewilligt, mit nach dem Holm zu gehen. Ich brauche nicht zu sagen," fügte er bei, daß ich es um Deinetwillen that. Pack also das Geschmeide zusammen, ich will es übergeben." William Thornton war damit einverstanden und versprach Alfred, so lange er fort sei, seinen Bruder zu beschüßen. Alice befand sich mit ihren Eltern schon eine Woche auf Besuch bei dem Grafen und der Gräsin von Carlington, als ihr Cousin mit seinen Schulkameraden anlangte. Sie hatte Jllston noch nie gesehen und erwartete seine Ankunft mit einer Ungeduld, welche ihrer Tante und ihrer Mutter nicht entging. Sie lächelten, nickten und machten wunderbar schlaue Gesichter. Hätten sie gewußt, welchen geringen Antheil der Cousin an der Unruhe des schönen Kindes hatte, so wären sie wohl nicht so sanguinisch in ihren Ahnungen gewesen. Alfred allein las den Ausdruck getäuschter Hoffnung in ihren Zügen, als der junge gnädige Herr seine Kameraden vorstellte. Er sehnte sich nach einer Gelegenheit, mit ihr zu sprechen und ihr das Paket auszuhändigen; aber weder im Salon noch im Speisezimmer ließ sich dies machen. Er beschloß daher, bis zum folgenden Tag zu warten, denn nach 103 der Bewirthung der Pächter und Dorfbewohner auf dem Rasen sollte für die vornehmen Gäste ein Ball stattfinden. Es ist erstaunlich, wie früh die Etoner Knaben sich jenes nil admirari" Gefühl aneignen, das in feiner andern Sprache durch zwei Worte so gut ausgedrückt wird. Mit Ausnahme von Dawlish ließ sich keiner von den geladenen Etonern herab, der Eitelkeit Justons, welcher sie von Ehrfurcht ergriffen zu sehen erwartete, den Gefallen zu erweisen, daß sie auch nur das mindeste Zeichen von Ueberraschung oder Bewunderung über die Pracht in dem Holm, die Menge der Livrédiener, das tostbare Silbergeräth, oder die vornehmen Namen der Gäste seines Vaters an den Tag legten. Knaben noch in den Zehnen stießen mit den vornehmsten Damen an, mischten sich in die Unterhaltung der Staatsmänner und schienen sich darin so heimisch zu fühlen, als seien sie ihr Leben lang mit Herzoginnen und Ministern umgegangen. Manche mögen diese frühreife, aber nicht anmuthlose Zuversichtlichkeit auf Rechnung der Männlichkeit ihrer Belustigungen oder der Nachbarschaft des Hofes schreiben; wir für unseren Theil suchen sie in einer ganz anderen Ursache- in ihren weißen Hals binden. Jeder Etonknabe hat eine weiße Cravatte, und wenn Fremde in der Nähe von Windsor einer solchen begegnen, so dürfen sie darauf zählen, daß der Träger derselben entweder ein Etonianer oder ein Kellner ist. Der Graf, der von dem esprit de corps seiner Schuljahre noch nichts verloren hatte, legte seine würdevolle Förmlichkeit bei Seite und machte dem 104 Knaben Complimente über den Erfolg ihrer letzten Ruderwette gegen Westminster; er hatte sich sogar den Namen des siegreichen Boots, der Meerfey, gemerkt. Jm Nu war Alice ganz Aufmerksamkeit; auch sie kannte denselben. Julston bemerkte, daß von seinen Kameraden alle zu der Meerfey gehörten. Ich sehe also die ganze Mannschaft vor mir?" sagte der Graf. ,, Der Vorruderer ist nicht hier," bemerkte Dawlish. ,, Den hättest Du einladen sollen," sagte der Peer zu seinem Sohn; aber vielleicht ist er keiner von Deinen Freunden?" Die Etonianer wechselten Blicke und der Viscount machte eine sehr verlegene Miene. ,, Oh, ja, doch," rief Alfred Wharton, der erfreut die Gelegenheit benüßte, von seiner Freundschaft Zeugniß abzulegen und die Gemeinheit des Viscount bloßzustellen, denn er nimmt sich bei jeder Gelegenheit Jllstons an. Es gibt keinen braveren oder besseren Kameraden in dem College, als William Thornton. „ Der Sohn des Fabrikanten, glaube ich," sagte Sir Norman im Ton der Verachtung. Ich denke, mein Neffe hat sehr wohl daran gethan, daß er ihn nicht einlud." ,, Sehr wohl," wiederholte seine Gattin, die sich wieder zu ihrer Echorolle herabließ.„ Ein roher, anmaßender, ungezogener Knabe. Ich kenne ihn." Alice's Augen füllten sich mit Thränen bei dieser 105 unedelmüthigen Bemerkung; aber die Achtung vor den Eltern hielt ihre Lippen geschlossen. - ,, Sie können unmöglich dieselbe Person meinen, Lady Boothroyd," bemerkte Alfred Wharton in entschiedenem aber doch so kalthöflichem Tone, daß sich Niemand dadurch verlegt fühlen konnte. Der William Thornton, den ich im Auge habe, ist von Natur aus ein Gentleman freundlich, höflich, bescheiden, anspruchslos, und an seinem Benehmen kann durchaus nichts getadelt werden. Wer ihn kennt, liebt ihn, und wenn sein Vater ein Geschäftsmann ist, so mögen dies manche Personen für ein Unglück ansehen; aber zum Vorwurf gereicht es ihm gewiß nicht." Die grundsazlose Frau fühlte die geistvolle Rüge um so tiefer, da sie in so höflicher Sprache vorgetragen wurde. Vergeblich suchte sie den Sprecher dadurch zum Schweigen zu bringen, daß sie die Augenbrauen in die Höhe zog und eine geringschäßige Miene annahm; wahre Freundschaft kömmt nicht so leicht aus der Fassung. ,, Ein sehr vorlauter Knabe," flüsterte sie ihrer Schwester, der Gräfin, zu. Alicen tam er nichts weniger als vorlaut vor. Ihrem kindlichen Urtheil nach hatte nie Jemand wahrer und offener gesprochen. Sie sehnte sich darnach, ihm zu danken, mit ihm von William, von der Meerfey zu sprechen, ihn über die Einzelnheiten der legten Ruderwette auszufragen, und nebenbei bedauerte sie, daß sie kein Knabe war und der Papa sie nicht auch nach Eton schicken konnte. Den ganzen Abend fand Alfred keine Gelegen 106 heit, den Auftrag seines Freundes auszurichten. ,, Morgen im Gewühl des Ballsaales werde ich glücklicher sein," dachte er. Der erste Mai war so schön und herrlich angebrochen, wie ihn nur ein Maler wünschen oder ein Naturdichter schildern kann, und die Sonne hatte bereits die vom Holm aus sichtbaren königlichen Thürme Windsors geküßt, als Williams Freund durch den Gesang, welcher von dem Rasen unter seinem Fenster her tönte, aus seinem Schlummer geweckt wurde. Während des Ankleidens hörte er dem Liede zu, welches die Schulkinder zu Ehren des Tages fangen. Als sie fertig waren, begab er sich nach dem Rasen hinunter. Nie zuvor war ihm der Anblick der Natur so schön vorgekommen. Die durch der Sonne ersten Kuß hervorgelockten zarten Blüthen, welche scheu unter dem schirmenden Laub des Mutterstamms hervorblickten die Frische der mit den Düften des beginnenden Frühlings beladenen Luft - das Morgenlied der Vögel aus hundert melodischen Kehlen Alles trug dazu bei, den Zauber der Landschaft zu erhöhen, bei deren Betrachtung er in ein süßes, waches Träumen versant. - Ein musikalisches, findliches Lachen brachte ihn wieder zu sich. Alice und ihre Gouvernante, Mademoiselle Joulain, kamen zu einem Morgenspaziergang über den Platz. Die kleine Here hatte den Freund Williams erkannt und ihm ihre Nähe anzeigen wollen. Jm Nu befand sich Alfred an ihrer Seite. Da war jetzt die ersehnte Gelegenheit. Anfangs sprachen sie von den Blumen, von dem schönen Morgen, turz von Allem, nur nicht von dem, was beider Gemüther 107 vornehmlich beschäftigte. Alice nannte zuerst den Namen, indem sie fragte, ob William bei der letzten Wettfahrt die Meerfey gesteuert habe. ,, Er führte das erste Ruder," antwortete Alfred, sehr ergößt über die Frage und den Ernst, mit welchem sie gestellt wurde. Aber woher tennen Sie den Namen unseres Boots?" " Ich habe es so oft beschreiben hören, daß ich es zeichnen wollte," verseßte das Mädchen in find licher Fröhlichkeit. ,, Und welche Farbe würden Sie ihm geben?" ,, Grün mit weißen Zidzadlinien." " Sie haben ein treffliches Gedächtniß," flüsterte Alfred; ist es wohl eben so gut in Beziehung auf Ihre Freunde?" " Ich vergesse nie diejenigen, welche ich liebe," versette Alice mit einem Lächeln. ,, Und eben so wenig sind Sie von Denen vergeffen, welche Sie lieben," sagte ihr Begleiter. Der arme William ist trostlos, daß er in dem Holm nicht mit Ihnen zusammentreffen kann. Es war sehr schäbig von Juston, ihn nicht einzuladen, nachdem er stets sich seiner angenommen hatte." Das schöne Kind schüttelte unwillig den Kopf. " Ich hoffe, er wird sich nicht mehr für ihn bal gen und ihm seine Aufgaben fertigen," bemerkte sie. Aber es ist wohl besser, wenn Sie mich jetzt verlassen, damit Mademoiselle keinen Zank erhält." ,, Wenn sie mir erlaubt, mich mit Ihnen zu unterhalten?" " Ja," entgegnete Alice unschuldig. Der Mama will es nicht gefallen, daß Sie so gut von William 108 sprechen. Adieu. Ich sehe Sie auf dem Ball wieder und werde mit Ihnen tanzen, wenn Sie mich dazu auffordern." Natürlich machte der junge Gentleman jetzt schon sein Anerbieten, und ehe sie sich trennten, gelang es ihm, ohne daß die Gouvernante es bemerkte, ihr das fleine Baket zuzustecken, das ihm sein Freund in der Meinung, daß sie in Meldownpart den Schmuck verloren, zur Besorgung mitgegeben hatte. Nie hatte die junge Erbin des Sir Norman Boothroyd der Beendigung eines Spaziergangs mit solcher Ungeduld entgegengesehen, wie heute. Die Melodie des Vogelgesangs ging an ihr verloren, und die ihr sonst so lieben Blumen konnten ihr nur einen flüchtigen Blick abgewinnen. Sie war begierig, zu sehen, was as ihr William schicken mochte und ob er ihr wohl geschrieben hätte. Und erst nach ihrer Rücktehr in den Holm konnte sie ihre Neugierde befriedigen. ,, Welch' eine schöne Kette!" rief sie, als sie die feinen Goldringelchen mit den Türkisherzen betrachtete. Es lag auch ein schön geschriebenes Billet bei, in welchem der Schreiber halb knabenhaft, halb männ lich sein Bedauern aussprach, daß es ihm nicht gestattet sei, sie zu sehen; er bat fie, seiner eingedenk zu bleiben, und schloß mit der Bemerkung, daß er ihr die Kette nicht früher zu übermachen Gelegenheit gefunden habe. Die junge Dame betrachtete nämlich die Sendung als ein Geschenk, denn der Finder enthielt sich aus Furcht, sein Schreiben möchte der Mutter in die Hand fallen, jeder Anspielung auf die Art, wie das Geschmeide in seinen Besitz gekommen war. 109 Von einem Tragen der Kette konnte keine Rede sein, da dies zu Fragen Anlaß gegeben hätte. Die Erbin nahm sie daher, nachdem sie sich hinreichend in dem neuen Schmuck bewundert hatte, mit Widerstreben wieder ab und schloß sie in ein Elfenbeinkästchen ein, in welchem sie ihre kleinen Schäße aufzubewahren pflegte. William Thornton hatte sich für vollkommen be rechtigt gehalten, an Alice zu schreiben, weil er ihr einen von ihr verlorenen Schmuck zurückzustellen vermeinte; aber ungeachtet ihrer jugendlichen Unerfahrenheit war sie doch ein viel zu gutes Mädchen, als daß sie ihm ohne die Erlaubniß ihrer Eltern geantwortet hätte, und sie wußte wohl, daß sie diese nie erhalten würde. Im Laufe des Morgens empfing der Graf von Carlington die Glückwünsche seiner Familie und Freunde, und hörte die Adresse seiner zahlreichen Pächter an, in welcher natürlich die stereotypen Phrasen freisinniger Grundherr"," Freund des Agriculturaufschwungs"," Einfluß in dem hohen Rath des Landes" u. s. w. nicht fehlten. Abends auf dem Balle, als Lady Boothroyd ihrer Tochter bereits bemerkt hatte, daß es Zeit zum Aufbrechen sei, beschenkte Alice ihren Tänzer Alfred Wharton mit zwei Blumen aus ihrem Bouqueteiner Camelia und einer halboffenen Rosentnospe; die Erstere behielt er für sich, die Lettere gab er am anderen Tage, als er wieder in Eton anlangte, seinem Freunde. Ohne Zweifel hatte er die Absicht der Geberin richtig gedeutet. 110 Achtunddreißigstes Kapitel. Julstons Politik, die gesammte Mannschaft der Meerfey, die nicht für ihn gestimmt, mit alleinigem Ausschluß dessen, der sich für ihn erklärt hatte, einzuladen, hatte, wie die meisten selbstsüchtigen Handlungen, nichts weniger als den erwarteten Erfolg. Seine Schultameraden erklärten sein Benehmen für gemein, und Alle, mit Ausnahme von Dawlish, be= handelten ihn tälter als je. Die Freundschaft des Letzteren, der ungeachtet seiner Jugend recht wohl seinen Vortheil zu berechnen wußte, entschädigte ihn einigermaßen für den Verlust von Williams Schutz; aber er mußte einen schweren Preis dafür bezahlen. Dawlish war der Tyrann der Schule, launenhaft in seinen Gunstbezeugungen und, wie die meisten Tyrannen, unedel und begehrlich. Die Pracht, die er im Holm mit angesehen, hatte eben so gut seinen Neid als seine Bewunderung geweckt; aber ungeachtet des Bewußtseins, daß ihm der Viscount eines Tages nüßlich zu werden vermochte, konnte er doch nicht immer dem Gelüste widerstehen, einen Lord durchzuwichsen. Einige Zeit nach dem Fest in dem Holm bean= tragte der neue Freund in Folge gegebenen Ver= sprechens auf's Neue die Wahl Jllstons unter die Mannschaft der Meerfey. Alfred Wharton erhob ungestüme Einsprache, und Alle traten auf seine Seite, William Thornton ausgenommen, welcher sich der Abstimmung enthielt. Von diesem Tage an wurde Dawlish, der Alles durch seine Gewaltthätigkeit durch 111 zusetzen gewöhnt war, Alfreds Feind. Persönlich fonnte er seinen Groll nicht an ihm auslassen, da sie in derselben Klasse waren; aber er fand Mittel, ihn an einer Seite zu verwunden, wo er am empfindlichsten war in seinem jüngeren Bruder. - - Einige Tage nach der Partie im Holm machte der Graf von Carlington mit seinen Gästen einen Ausflug nach Windsor, um ein Wettrudern Eton gegen Westminster- mit anzusehen. Alice und ihre Mutter befanden sich auch unter der Gesellschaft; es war einer der glücklichsten Tage in dem Leben des Mädchens. Sie sollte die Meerfey sehen, von der sie so viel gehört hatte sie mit eigenen Augen sehen und sich von ihren Leistungen überzeugen; und vielleicht fand sich auch Gelegenheit, ein paar Worte mit William zu wechseln. " 1 - Da da kömmt sie," rief Alice, als das Boot, von den jungen, kräftigen Armen getrieben, wie ein Pfeil auf dem Wasser einherschoß. " Wer kömmt?" fragte Lady Boothroyd. Die Meerfey, Mama." " Ich kann den Namen nicht sehen," sagte die Gräfin, ihr Glas auf den Fluß richtend. 11 Das grüne Fahrzeug mit dem weißen Zickzack," versetzte Alice, die in ihrer Hast, von dem Wettkampf nichts zu verlieren, im Wagen aufgestanden war. William führt das erste Ruder, Dawlish und Alfred Wharton das zweite und dritte, und Murray steuert. Sehen Sie sehen Sie, Mama, wie regelmäßig die Ruder in's Wasser tauchentein Getlatsch, keine Sprüh. Oh, wie schön! Ich bin überzeugt, daß die Meerfey den Sieg davon tragen muß." 112 Der Kampf war scharf und das eine Boot dem anderen kaum um seine halbe Länge voraus. In ihrer Aufregung winkte Alice mit dem Taschentuch, und als endlich die Mannschaft der Meerfey mit einem höhnenden Hurrah unter der Flagge, die als Ziel diente, die Ruder aufhob, begrüßte sie ein glückliches silbernes Lachen. Die Gesellschaft von dem Holm war nicht die legte, welche der Mannschaft des gewinnenden Bootes zu ihrem Siege Glück wünschte. Der Graf legte wieder den Staatsmann bei Seite und nahm herzlichen Antheil an der aufregenden Lust, die ihn ohne Zweifel an seine eigenen Knabenjahre erinnerte. ,, Trefflich gerudert!" rief er." ,, Eton ist nicht aus der Art geschlagen und behauptet seine alte Ueberlegenheit. In meiner Zeit war der Monarch das Hauptboot, und ich führte das erste Ruder, als es die Zänkerin besiegte. Es gehörten einige jetzt bedeutende Männer zu der Ruderbande- zwei Bischöfe und ein Oberrichter." Die Knaben erinnerten sich eines schwerfälligen Rumpfs, der Monarch genannt, welcher seit Jahren mit aufwärts gekehrtem Kiel in Searle's Werfthof moderte, und lachten über den Gedanken, ihn mit. ihrem leichten, anmuthigen Schifflein zu vergleichen. In der Wonne der Erinnerung erbat sich der gnädige Herr die Ehre, mit den Siegern Händedrücke zu wechseln, und da er ein alter Etonianer, dabei auch einer von Ihrer Majestät Ministern war, so hatte natürlich Niemand etwas dagegen einzuwenden. ,, Wer ist dieser junge Gentleman?" fragte er seinen Sohn, als das einzige Mitglied der Mannschaft, 113 das nicht nach dem Holm eingeladen worden war, sich, glühend von Gesundheit und Anstrengung, dem Wagen näherte. Der Viscount zauderte, den Namen zu nennen. ,, Es ist William Thornton," rief Alice, ihm die Hand hinreichend. Mama, Mama, wollen Sie ihn nicht anreden?" " Wie unbequem der Lady Boothroyd auch die Freimüthigkeit ihrer Tochter kommen mochte, besaß sie doch zu viel Takt, um nicht ihren Aerger zu verbergen und den Sohn ihres Nachbars gnädig zu empfangen. Sie trieb ihre Heuchelei sogar so weit, daß sie sich nach der Gesundheit seines Vaters erfundigte. " Ich danke Ihnen," versezte der Knabe, ohne sein Auge von dem strahlenden Gesicht seiner früheren Spielgefährtin zu verwenden, er war ganz wohl, als ich das Leytemal von ihm hörte. Und Sie haben die Meerfey erkannt, Alice?" fügte er gegen das schöne Kind bei. - Im Augenblick," lautete die Antwort. Ich habe es nicht vergessen grün mit weißem Zidzad." Für einen kurzen Augenblick hatten sich ihre Hände gefunden. Sir Norman begann unmuthig zu werden über die hartnädige Zuneigung seiner Tochter zu dem Sohne des Fabrikanten. In der That, Lady Boothroyd," rief er ,,, Sie müssen Mademoiselle Joulain entlassen; sie ist keine passende Person, die Obhut zu führen über meine Tochter. Alice's Manieren sind ja ganz bäurisch feine Zurückhaltung, keine Würde." ,, Nicht im geringsten," pflichtete die Mutter bei. Smith, Ebbe u. Fluth. III. 8 114 Die Augen der kleinen Verbrecherin füllten sich mit Thränen ob diesem Tadel in einem solchen Augenblick; aber sie las in Williams theilnehmender Miene, daß er sich die Ursache zu deuten wußte und ihr dankte für die Schmach, welche ihr um seinetwillen zu Theil wurde. Um die Verstimmung des Barons und seiner Lady nicht zu erhöhen, verabschiedete er sich. Ein leichtes Lächeln flog über die Züge des jungen Pärchens, als es sich Lebewohl sagte. Jahre sollten vergehen, eh' sie sich wieder sahen; aber die Erinnerung an dieses Lächeln wirkte auf die Beiden stets wie ein Sonnenstrahl. Den Rest des Nachmittags widmeten die Knaben dem Ballspiel. Sie waren eben im größten Eifer, als Dawlish, welcher Kugel geschoben hatte, in zornigem Tone Frizz Wharton zurief, er solle die Kugel zurückrollen, die neben ihm liegen geblieben sei. Der Knabe begann sich darnach umzusehen. " Fauler Hund!" brummte der Tyrann ungeduldig und fügte unmittelbar darauf bei:„ Such!" " Ich kann sie nicht finden," versetzte Friz, der sich ängstlich nach ihr umgesehen hatte, da er den brutalen Sprecher im Guten zu erhalten wünschte. Dawlish's Antwort zieh ihn der Lüge. Sogleich gab der sanfte, ruhige Knabe sein Suchen auf, und seine blassen Wangen rötheten sich bei der Beschuldigung. Ungeachtet seiner Jugend fühlte er sich doch als Gentleman und gab den Schimpf verächtlich wieder zurück. Das Spiel wurde ausgesetzt. ,, Hast Du mich gemeint?" fragte Dawlish, auf Friz zugehend. " Ohne Zweifel." 115 " Du bist ein unverschämter kleiner Schurke," rief Dawlish, ihn am Arm fassend, und ich bin entschlossen, Dich zu züchtigen. Jace herunter!" Der Knabe weigerte sich, obschon er wußte, daß er den Gewaltthätigen dadurch nur noch mehr aufbrachte. Er war viel jünger als sein Angreifer, verschmähte es aber doch, um Gnade zu bitten oder ein Zeichen von Furcht blicken zu lassen; im Gegentheil blißten seine sonst so ruhigen, träumerischen Augen dem Feinde Trozz und Verachtung zu. Dawlish hatte sein Opfer am Handgelenk ergriffen und dasselbe so verdreht, daß kein Widerstand möglich war. Er holte eben mit seinem Rohr zum Zuschlagen aus, als sich Alfred, dessen Aufmerksamkeit in einer andern Richtung des Feldes beschäftigt gewesen war, sich dazwischen warf. Hat er Dich geschlagen, Friz?" fragte er. „ Noch nicht." " Zurück, Alfred, oder ich treffe Dich," sagte der aus der sechsten Klasse höhnisch. " Ich lasse mich lieber umbringen," versetzte der edelmüthige Knabe, eh' ich dulde, daß Du Hand an meinen Bruder legest. Ich habe schon einige Tage ein Aug' auf Dich; Du hast diese Gelegenheit ge sucht absichtlich herbeigeführt. Frag' die ganze Schule, und Du wirst Niemand finden, der Frizz etwas Uebles nachsagt." Was braucht's da Zeugnisse?" versette Dawlish. ,, Du kennst den Hausbrauch so gut als ich und weißt, daß ich das Recht habe, ihn zu wichsen." Aber nicht ihn zu quälen." 8* 116 ,, Laß ihn machen," flüsterte Frizz seinem Bruder in's Ohr. Ich kann's schon " Ich kann's schon ,, Von Quälen ist feine aushalten." erwiderte Dawlish, ,, aber eine fleine Büchtigung wird ihm gut thun. Geh' bei Seite, oder ich treffe Dich, obgleich Du in der sechsten Klasse bist." Er trat vorwärts, augenscheinlich in der Absicht, Frizen's Arm zum zweiten Mal zu ergreifen; aber ein Schlag von der Hand des entrüsteten älteren Bruders machte, daß er taumelnd wieder zurückwich. ,, Ein Gefecht also," bemerkte Dawlish falt. 11 Weil Du es durchaus haben willst, ja." 3 Alfred Wharton war zwar groß für sein Alter, aber von sehr zarter Constitution und dem Aeußern nach wenig geeignet, es mit einem Burschen wie Dawlish aufzunehmen, der zwei Jahre weiter zählte, einen kräftigen Körperbau besaß und die Borkunst wissenschaftlich erlernt hatte. Der Gegensatz wurde noch auffallender, nachdem sie für den Kampf die Jacken abgelegt hatten. - ,, Um meinetwillen nicht," rief Frizz, sich an seinen Bruder anklammernd nicht um meinetwillen. Halt; ich ich will Dawlish um Verzeihung bitten mich von ihm wichsen lassen, wenn er damit zufrieden ist." - -- Ihn wird nichts mehr zufrieden stellen," versezte Alfred. Doch Du hast Dir nichts vorzuwerfen er suchte den Streit." Obgleich wir in unseren Knabentagen manches derartige Gefecht angesehen und leider auch mitge macht haben, so fällt es uns doch nicht ein, die Ge= fühle und den guten Geschmack der Mehrzahl unserer 117 Leser durch eine wissenschaftliche Beschreibung des Kampfes zwischen Dawlish und Alfred zu beleidigen. Den einen leitete rohe Leidenschaftlichkeit und ein herrschsüchtiger Geist, den andern das schöne männ liche Gefühl brüderlicher Liebe. Eine Zeit lang schien es zweifelhaft, wie der Kampf enden würde, denn beiderseits fielen träftige Streiche. Dawlish bemerkte jedoch, daß Wharton, so oft er dessen Brust traf, die Farbe wechselte, und von diesem Augenblick an war er des Sieges gewiß. Er zielte jetzt nur noch nach diesem Körpertheil, und nach einigen Gängen zeigte sich die furchtbare Wirkung dieser Taktik. Friz, der leichenblaß daneben stand, und dessen sprechendes Auge den innern Schmerz ausdrückte, konnte den Anblick nicht länger ertragen. PT Er wird ihn umbringen!" rief er. " Bah! pah! warum nicht gar!" riefen mehrere Knaben, aufgeregt von dem ungewöhnlichen Ereigniß eines Kampfes zwischen zwei Knaben der sechsten Klasse. Alfreds Sekundant sah, daß sein Freund bald erliegen mußte, und Dawlish seinen Sieg mit einem Durchwichsen des jüngeren Bruders Angesichts des älteren feiern würde. " f Bring' etwas Cognac herbei," flüsterte er einem Kameraden zu. Dies wird ihn aufrecht erhalten." Nach dem Ende des nächsten Gangs langte das feurige Reizmittel an, und Alfred trank davon zu Stärkung nicht seines Muthes, sondern seiner Kräfte. ,, Reine Thräne," flüsterte er, seinen Bruder liebevoll umarmend. Er soll Dich nicht schlagen, so lang ich lebe." 118 Der heldenmüthige Knabe hielt Wort. Der Kampf währte wohl eine halbe Stunde, und die Umstehenden gaben ihm mehrmals Branntwein zu trinken, ohne zu ahnen, welchen verhängnißvollen Ausgang sie durch ihr unüberlegtes Verfahren herbeiführten. Dawlish wurde zuletzt unruhig ob der Blässe seines Gegners und fragte ihn, ob er sich für besiegt erkläre. ,, Und ich soll meinen Bruder schlagen sehen?" versette Alfred, die mit Blut unterronnenen Augen auf seinen Feind heftend. ,, Natürlich." 11 Nimmermehr." " Oh, ganz gut; es wird mir nur wenig Mühe mehr machen, die Sache zu Ende zu bringen. Der Muth ist gut genug, aber am Urstoff fehlt's. Ich warne Dich es wird der letzte Gang sein." - Er hatte Recht. Mit ungemindertem Muth wantte der tapfere Knabe es war kein Treten mehr auf ihn zu. Es fielen noch einige Streiche; dann stürzte Alfred. Die Bewunderer und Anhänger von Dawlish stießen ein schwaches Bravo aus; es wurde aber erstickt durch das unwillige Murren von Seiten der Freunde des Gefallenen. " ,, Er ist ohnmächtig," sagte William Thornton, der vergeblich den Kampf zu hindern gesucht hatte. Ich weiß, was ihn wieder zum Leben bringen wird," verseßte der Sieger, das Rohr über seinem Kopfe schwingend und auf Frizz zugehend, der von Schmerz und Schrecken überwältigt an der Seite des Sterbenden kniete. Ein Schrei, so laut und durchbohrend, daß Alle 119 erschraden, die ihn hörten, hemmten den Schritt des brutalen Siegers. Alfred schlang den Arm um den Hals seines Bruders, als wolle er ihn noch immer beschützen. Er that es auch wirklich, aber mit der Umarmung des Todes. ,, Keinen Schritt weiter keinen Streich!" rief William Thornton, bis zur äußersten Wuth aufge= bracht. Nein, nein!" riefen die Etonianer. Dawlish erkünstelte ein Lächeln und trat gleichwohl näher, als William, der sich gegen seinen Freund gewendet hatte, ihm mit dem Ausruf zurückwinkte: Sie haben ihn gemordet! Achtung vor den Todten." Die Worte waren leider nur zu wahr. Der tapfere Knabe hatte den Geist aufgegeben ein so reines Opfer, wie nur je eines auf dem Altar der Menschenliebe niedergelegt wurde. Wir fürchten, einige unserer Leser werden uns beschuldigen, daß wir übertreiben und zu grelle Farben aufgetragen haben. Diesen zur Nachricht, daß der Vorfall mit Ausnahme der Namen buchstäblich wahr ist. Der geopferte Knabe war der Sohn eines durch seine Stellung im Oberhaus ausgezeichneten Edelmanns, und wir würden den Namen nennen, wenn wir nicht fürchteten, damit eine Wunde aufzu= reißen, welche die Zeit vielleicht schon geheilt hat. Der Tod Alfred Whartons machte in Eton großes Aufsehen. Natürlich verließ sein Gegner - denn alsbald es würde wahrscheinlich als Lästerung angesehen, wenn wir ihn Mörder nennen wollten die Schule, und seine angesehene Familie verschaffte - 120 ihm ein Offizierpatent in einem nach Indien bestimmten Regiment, in demselben, welches der Gatte der Lady Bell kommandirte. Der Schmerz des armen Frizz war so maßlos, daß sein Vormund monatelang es nicht für räthlich hielt, ihn nach dem College zurückkehren zu lassen. Wir brauchen kaum zu bemerken, daß er daselbst mit der größten Liebe und Theilnahme bewillkommt wurde; aber in seinem Charakter hatte eine mert würdige Veränderung stattgefunden. Er, der sonst jeden fleinen Aft des Wohlwollens mit findlicher Dankbarkeit entgegengenommen, war jetzt gleichgültig gegen Alles, vermied den Verkehr mit seinen früheren Kameraden, selbst William nicht ausgenommen, und verbrachte seine Mußestunden damit, daß er einsam am Ufer hin oder in den Wald von Windsor spazieren ging. Man glaubte eine Zeitlang, dieses sonderbare Wesen werde sich geben; aber es schien eher zuzunehmen, und seine Schulfameraden wunderten sich natürlich darüber, was er wohl auf seinen einsamen Wegen treibe. William, der vergeblich gesucht hatte, das alte trauliche Verhältniß wieder herzustellen, beschloß endlich, ihm nachzugehen, und war ihm be= reits nach einer der abgelegensten Stellen des großen Parts gefolgt; da verlor er auf einmal jede Spur von ihm. Er wollte schon den Versuch aufgeben, als er durch den Knall einer Feuerwaffe erschreckt wurde. In demselben Augenblick kam einer der Parkpächter über den Weg. " Habt Ihr geschossen?" fragte der Knabe. ,, Nein, Sir." 121 William wurde todtenblaß. Ein furchtbarer Argwohn tauchte in ihm auf. " 1 Aber ich weiß, wer es that," fügte der Mann bei. Einer von Ihrem College; er kömmt häufig hieher, um sich in der Kiesgrube hier nebenan zu üben." ,, Könnt Ihr mich hinführen?" " Recht gerne," versetzte der Parkwächter.„ Da hin!" Nachdem sie sich etwa zwanzig Schritte weit durch dichtes Gestrüpp gearbeitet hatten, tamen sie an die Stelle, wo Friz Wharton seine Schießübungen an einer an einem Weißdornstumpf befestigten Karte vornahm. Wie sie näher kamen, hatte er eben wieder seine Hand erhoben und gab Feuer. ,, Kein übler Schuß," bemerkte der Parkwächter: ,, kaum einen Zoll vom Ziel." William drückte ihm eine halbe Krone in die Hand und bat ihn, sich zu entfernen. Eine Weile stand er allein und betrachtete seinen Freund, der seine Pistole wieder anlegte und zum dritten Mal schoß. Die Kugel traf die Karte. Der Schüße jauchzte wild auf, warf seine Waffe in die Luft und nannte den Namen Dawlish. William Thornton sprach ihn unwillkürlich nach. Frizz Wharton fuhr zusammen und bemerkte jetzt erst die Nähe eines Anderen. ,, Du bist mir nachgegangen," rief er in zornigem Tone. ,, Und habe ich nicht das Recht dazu?"' versezte William, auf ihn zutretend und liebevoll die Hand ihm auf die Schulter legend. 122 ,, Welches Recht?" entgegnete Wharton ungeduldig. Du bist noch nicht in der sechsten Klasse." Die Bitterkeit, mit welcher er diese Worte sprach, bekundete deutlich, welche Gefühle in seinem Innern die Oberhand hatten. " 1 Aber ich bin Dein Freund," bemerkte William. ,, Dein Bruder würde mir nicht so geantwortet haben. Er liebte mich und verstand mich besser." Zum ersten Mal seit der Rückkehr nach Eton stürzten Thränen aus den Augen des armen, verschlossenen Knaben, und er schluchzte krampfhaft. " Ich habe das gefürchtet," murmelte er, als er einigermaßen seine Fassung wieder gewonnen hatte. ,, Härte kann ich ertragen, denn dagegen bin ich gestählt; aber freundliche Worte und theilnehmende Blicke machen ein Kind aus mir. Wie mußt Du mich um meiner Schwäche willen verachten! Aber nicht wahr, Du verräthst mich nicht? Dawlish's Freunde würden nur über mich lachen." ,, Er hat keinen einzigen Freund in Eton," versetzte William. ,, Sogar Illston hat es aufgegeben, ihn zu vertheidigen." Als der beraubte Bruder den Namen des kleinen Wiscount nennen hörte, drückten seine Blicke tiefe Verachtung aus. Er erinnerte sich, wie der jämmerliche Mensch bei Alfreds Fall gejubelt hatte. ,, Du hast Dir eine sonderbare Unterhaltung gewählt," fuhr Thornton fort, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Meinst Du?" ,, Und wie gewandt Du darin geworden bist." " Ich treffe das Ziel besser, als im Anfang," 123 versette Friß. Die Thränen blenden mich nicht mehr." Wann hast Du angefangen?" " Eine Stunde nach Alfreds Leichenbe gängniß." William nahm die Pistolen auf unter dem Vorwand, sie zu betrachten, in der That aber, um seine Ueberraschung und das peinliche Gefühl zu verbergen, welches diese Antwort in ihm hervorgerufen hatte. Sie waren ausgesucht gearbeitet, ein Paar von Manton's besten, und hatten augenscheinlich schon gute Dienste geleistet. 11 , Sie gehörten meinem Vater," sagte der Befizer stolz. " Ich habe gehört, daß er ein tapferer Soldat war und im Dienste des Vaterlandes den Tod fand," bemerkte sein Freund. Der Name und die Waffen eines sochen Mannes sind ein heiliges Erbe," fügte er ernst bei. ,, Das ist wahr." " 1 " Du wirst ihnen nie Unehre machen?" ,, Ich hoffe nicht," rief Friz erröthend, denn er las in der Seele des Sprechers. 11 , Es war eine thörichte und unnöthige Bemerfung. Ich bitte, verzeih' mir. Aber ich meinte, ich habe Dich den Namen Dawlish nennen hören, als Du das leztemal feuertest." ,, Es ist so; aber was dann?" erwiderte der Knabe ruhig. Folgt daraus, daß ich an ihm zum Meuchelmörder werden will? Lerne mich besser kennen. So schwer er gegen mich gesündigt hat, werde ich mich doch nicht durch ein Verbrechen zu seiner Er 124 bärmlichkeit herabwürdigen. Aber wenn er mir je Gelegenheit gibt, ihn zur Rechenschaft zu ziehen Angesicht in Angesicht, die Waffe in der Hand- so soll er von mir so wenig Gnade erfahren, als er meinem armen gemordeten Bruder zu Theil werden ließ. Du wunderst Dich, den geduldigen nachgiebigen Knaben so sprechen zu hören; aber der Schmerz hat mich vor der Zeit zum Manne gemacht. Das Duell ist kein Mord," fügte er langsam bei. William war anderer Meinung, enthielt sich jedoch weislich, sie laut werden zu lassen. Bei dem aufgeregten Zustand seines Freundes hätte die Stimme der Vernunft doch kein Gehör gefunden. ,, Laß uns nach Eton zurückkehren," sagte er, Friz Whartons Arm nehmend. ,, Dawlish ist mit seinem Regiment nach Indien abgegangen. Es kann Jahre anstehen, bis ihr euch wieder begegnet." Der junge Schüße antwortete nur durch ein seltsames Lächeln. Neununddreißigstes Kapitel. Seit dem Versuch, den Carus Kearn auf das Leben unseres Helden gemacht hatte, waren zwei Jahre entschwunden. Mr. Bently verbrachte seine Zeit in häufigen Besuchen auf Jersey oder in tiefster Zurückgezogenheit auf dem Gut Meldownpark, das er, wie der Leser sich erinnert, von Sir Norman Boothroyd gepachtet hatte. In dem Charakter und der Gemüthsbeschaffenheit des alten Mannes machte sich jedoch ein großer Wechsel bemerklich. Er hatte 125 viel von seinem Vertrauen zur Menschennatur ver loren, und ein fürchterlicher Argwohn, daß sein Weib das Opfer eines bösen Spieles geworden und der schuldige Theil ein so naher Verwandter sei, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Wie leicht erschien ihm nun der Ungehorsam seiner Tochter und das Benehmen ihres Gatten in Vergleichung mit der Verworfenheit seines Neffen, obschon gegen denselben noch kein voller Beweis vorlag und noch ein Glied in der Kette fehlte, deren Lücke der Advokat bei aller Mühe nicht zu ergänzen vermochte. Wie groß und verlockend auch seine Anerbietungen waren, ließ sich doch der Droguenverkäufer nicht zu einem Bekenntniß bewegen, an wen er das seltene merkwürdige Gift verkauft habe. Mr. Bently würde ohne Weiteres mit seinem unwürdigen Associé gebrochen haben, wenn nicht eine Rücksicht ihn abgehalten hätte. Im ersten Zorn über die Heirath Rachels hatte er ihm mehr als einen Brief geschrieben und darin unverholen seine Ueberzeugung ausgedrückt, daß die indischen Papiere durch Georg Markham entwendet worden seien. Die Correspondenz mit den indischen Banfiers, durch welche sie negocirt worden waren, trug dazu bei, diese Annahme zu bekräftigen. Die Ehre seines Schwiegersohns war also in die Hände seines bittersten Feindes gegeben. Mehr als einmal hatte der grundsaßlose Schurke gedroht, diese Beweise zu veröffentlichen und den sich hebenden Ruf des gehaßten Mannes zu vernichten. Wenn Du mir diese Schande anthuſt," sagte 11 126 Mr. Bently, so werde ich Dich nicht nur enterben, sondern auch Deinen Namen aus der Firma streichen." Es war der letzte Pfeil in Mr. Kearns Köcher, und man wird sich nicht wundern, wenn er unter dem Einfluß einer solchen Drohung ihn zu entsenden zögerte. Peter Mangles saß eines Tages, in einige verwickelte Rechnungen vertieft, an seinem Pulte. Da das Geschäft dringend war, so hatte er gemessenen Befehl ertheilt, bis zu einer gewissen Stunde Niemand, wer es auch sei, zu ihm zu lassen, und er fühlte sich natürlich unangenehm überrascht, als er die Thüre aufgehen und Jemand in seine Höhle- wie die jüngeren Commis das Privatbureau des alten Mannes scherzhaft zu nennen pflegten- treten hörte. „ Ich habe doch Befehl ertheilt, mich nicht zu stören," brummte er ärgerlich vor sich hin. ,, Drei, acht, sechs, Null, drei, acht, neun, zwei. Nun, was gibt's?" fügte er bei. Da er keine Antwort erhielt, so erhob er seine Augen von der Zahlenreihe vor ihm und erkannte Mr. Bently, den er seit Monaten nicht gesehen hatte. Er ließ die Feder fallen, sprang von dem Schreibbock herunter und drückte seinem Principal mit Wärme die Hand. " ,, Es freut mich, daß Sie kommen, Richard," rief er. ,, Mein armer Kopf hätte es nicht viel länger aushalten können. Was denken Sie von der Burrow'schen Angelegenheit? Sollen wir Spoobell zum Agenten annehmen? Die Sicherheit ist ausreichend und 234 Procent werden einen schönen Nutzen bieten 127 Wie ist's mit der Arga- Bank, Buttach's Wechseln, Palgrave's letter Faktur? Natürlich geben Sie die Versicherung nicht aufschuftiger Versuch. Indigo steigend auf dem Markt; Caffee gedrückt und Seide noch schlimmer. Die letzten Angebote kamen eben zu rechter Zeit; hätte zwar 4 Procent mehr erzielen können, hielt es aber für's Beste zu realisiren." - Der Sprecher hielt inne nicht aus Mangel an Stoff, sondern an Athem. Er wollte eben wieder anfangen, als ihn der Kaufmann mit der Bemerkung unterbrach, daß er von allen diesen Dingen nur sehr wenig wisse. ,, Wie, haben Sie meine letzten Briefe nicht ge= lesen?" fragte Peter. ,, Jenen Theil derselben, welcher mich versicherte, daß Sie sich wohl befinden," antwortete der Brincipal. aus. Der alte Buchhalter stieß ein unzufriedenes ,, Hum" ,, Ich überlasse Alles Ihnen," fügte der Sprecher bei. ,, Aber ich will nicht, daß man mir Alles überlaffe," entgegnete Peter heftig. Die Verantwortlichkeit ist zu groß- mehr als ich tragen kann. Dieses ungeschäftsmäßige Benehmen muß schreckliche Folgen haben. Sie sind das Haupt der Firma und als solches verpflichtet, auf ihr Interesse Bedacht zu nehmen." Ich kann nicht," rief der Kaufmann in so troſtlosem Tone, daß Peter darüber erschrack und jetzt erst auf das blasse, bekümmerte Gesicht seines Prin 128 cipals aufmerksam wurde. ,, Es ist wohl am besten, wir schließen die Angelegenheiten des Hauses ab; wir Beide sind reich genug. Ich bin alt und - ,, Unsinn!" unterbrach ihn der Buchhalter ungestüm. ,, Die Angelegenheiten abschließen! Das wäre sündhaft positiv sündhaft, und würde obendrein Jahre wegnehmen: die erste Firma in der City. Sie find trant, Richard," fügte er bei. ,, Es ist Ihnen etwas begegnet. Kehren Sie sich nicht an mein Brummen. Es geht mir wie Ihrem alten Haushund Ponto mein Bellen ist schlimmer als mein Beißen. Ueberlassen Sie mir die Sache, so lang Sie wollen; für was bin ich denn da? Und was Ihr Alter betrifft paperlapap Sie sind ja erst zweiundsechzig. Im lezten Census las ich von drei Personen, die über hundert, und von mehreren, die über neunzig Jahre alt wurden." - - Ein mattes Lächeln überflog die Züge des Kaufmanns. , Es nimmt mich nicht Wunder, daß Sie unwohl find," fuhr der Sprecher fort. Sie sind zu lang aus dem Geschäft gewesen. Dies ist der Grund, mein Wort darauf. Es ist mir unbehaglich, wenn ich nur einen Tag wegbleiben muß. Folgen Sie meinem Rath; er ist besser als der von allen Doc= toren. Gehen Sie auf die Börse, zeigen Sie sich da. Hier sind Martineau's Wechsel, Thompson und Patterson's Hypotheken. Sie können gar nicht denfen, wie Sie dies wieder beleben wird." ,, Heute nicht, alter Freund," sagte der Kaufmann; ,, heute nicht. In einem Monat oder zweien 129 werde ich mich kräftiger fühlen. Zudem will ich morgen wieder nach Meldown zurück." " ,, Ah, da haben wir's," verseßte Peter traurig. Meldown das Land! Ich kann mir nicht denken, wie man da zu existiren vermag. Keine Börse, tein Preiscourant, feine Geschäfte. In einer Woche würde mich dies aufreiben. Verlassen Sie sich darauf, für die Gesundheit und für den Handel gibt es teinen Platz wie London. Blicken Sie auf das Gewühl in der City, wo man sieht, daß Jeder für einen 3wed lebt, Jeder etwas zu thun hat. Und dann die Aufregung auf der Börse zu beobachten," fügte er bei ,,, die Schwankungen des Markts, das Steigen und Fallen der Papiere so etwas habt ihr auf dem Lande draußen nicht." Es ist unmöglich, zu sagen, wie lange Peter Mangles in diesem Zuge fortgemacht haben würde, denn wenn er einmal sein Steckenpferd ritt, so war er, wie so mancher andere respectable alte Gentleman, nicht zu ermüden. Zum Glück für die Geduld un serer Leser wirfte das Eintreten des jüngeren Associe's als Dämpfer für seinen geschwätzigen Enthusiasmus und erinnerte ihn wieder an seine Rechnungen. Er bestieg seinen Schreibebock und ließ den Onkel und den Neffen allein sich unterhalten. Mr. Bently berührte kalt die ihm hingebotene Hand und ein achtsamer Beobachter hätte bemerken können, daß auch diese unbedeutende Höflichkeit ihn Ueberwindung foſtete. ,, Mein theurer Sir," begann der Heuchler und versuchte, eine erfreute Miene zu machen ,,, ich kann nicht aussprechen, wie glücklich ich mich fühle, Sie Smith, Ebbe u. Fluth. III. 9 130 wieder in London zu sehen. Ihr langes Schweigen und Ihre kurzen Briefe ließen mich befürchten, daß Sie unwohl seien, und mehr als einmal war ich auf dem Punkt, nach Meldownpark zu eilen." ,, Ich empfange keine Besuche," versetzte der Kaufmann trocken. In der Unterhaltung fand eine Verlegenheitspause Statt, während welcher das Krazen der Feder, mit welcher Peter Mangles die Zahlenreihen summirte, peinlich hörbar wurde. Ohne Zweifel werden Sie einige Zeit in der Stadt bleiben," bemerkte Carus. ,, Nur einen Tag." Das bedaure ich," entgegnete der Neffe, seiner üblen Stimmung Raum gebend; denn abgesehen von dem Vergnügen, das es mir gewähren würde, Sie täglich zu sehen, könnte Ihre Gegenwart meine Stellung in der Firma viel befriedigender machen." Ueber was hast Du Dich zu beklagen?" fragte der Onkel. Mr. Mangles blickte von seinem Bult auf; auch er war neugierig zu hören, über was sich Carus Kearn beschweren wollte. " Ich habe Ihr Vertrauen verloren," antwortete der junge Mann, und damit allen Einfluß auf die Angelegenheiten des Hauses. Ihr Buchhalter und Kassier zieht mich zwar der Form halber zu Rath, handelt aber stets nach eigenem Gutdünken." " Die Bilanz beweist, daß er Recht hat," versetzte Mr. Bently trocken. Als Geschäftsmann sehe ich auf den Erfolg." ,, Und zwar mit Recht," dachte der Buchhalter. 131 ,, Das erste vernünftige Wort, das ich seit langer Zeit von ihm höre." ,, Zudem ist er allein mit der Signatur der Firma betraut," fügte Carus bitter bei. ,, Es ist unnöthig, daß zwei sie haben, und könnte leicht Verwirrung veranlassen," entgegnete der Kaufmann. ,, Auch hat Peter sein ganzes Leben über sich als meinen treuen und zuverlässigen Freund erwiesen und könnte Theilhaber am Geschäft sein, wenn er es gewünscht hätte. Meine Procura ist seit Jahren in seinen Händen gewesen, und es wäre schweres Unrecht von mir, wenn ich sie ihm entziehen wollte." Die Entschiedenheit dieser Erklärung überzeugte Carus Kearn, daß jeder Versuch, den Entschluß seines Onkels zu erschüttern, vergeblich sein würde; er ließ daher den Gegenstand weislich fallen. Was Mangles betraf, der Alles mit angehört hatte, so schien ihn eine plößliche Augenschwäche anzuwandeln. Er rieb sie mehrmal mit dem Rodärmel- vielleicht schämte er sich, sein Taschentuch zu gebrauchen- und erklärte sich selbst innerlich für ein Ungeheuer von Undankbarkeit, daß er über ein bischen zugäbliche Arbeit und Verantwortlichkeit gebrummt hatte, während ihm doch jezt seine Schultern wie die des Atlas vorkamen. ,, Ach, Richard," rief er im Geiste, wenn Du nur so gerecht gegen den Mann Deiner Tochter gehandelt hättest, wie gegen Deinen alten Buchhalter, so würde es jetzt ganz anders in der Lombardstraße aussehen." Peter," sagte der Kaufmann, als sie wieder allein waren ,,, Sie übertreiben's mit dem Geschäft." 9* 132 Bah, übertreiben," versetzte der alte Mann ungeduldig.„ Aber arbeiten muß man; was würde sonst aus der City werden!" ,, Wir sind bereits reich genug." " st ,, Es ist nicht das Geld," entgegnete der Buchhalter, sondern das Vergnügen, es zu erwerben. Wie viele haben eine Freude an Hunden und Gewehren; sie stampfen durch feuchte Wälder und Ver haue, jagen über die Felder, bringen schreckliche Schnupfen mit heim und nennen dies eine Lust. Nun, das Geschäft ist auch meine Lust, mein Waidwerk, ohne das ich nicht leben könnte; und was die Mühe betrifft," fügte er bei, so kannte ich die Bedeutung dieses Wortes gar nicht, bis Sie aufhörten, sie mit mir zu theilen." Der Principal hätte ihn trotz seines Reichthums beneiden mögen. ,, Diese Wolke, oder wie Sie's nennen mögen, Richard," fuhr der Sprecher fort, wird bald vorüber sein, und wir haben Sie dann wieder in der Lombardstraße." u butnotbin nist ,, Vielleicht," murmelte Bently. - " Ich sage, ja! Machen Sie nur fein so trübes Gesicht, es erinnert mich an Bankrutt. Sie sollen keine Klagen mehr von mir hören; nur" der alte Mann zögerte ein wenig ,, wenn etwas unrecht gehen sollte, so vergessen Sie nicht, daß gar viel auf mir liegt und ich nicht Allem die nöthige Aufmerksamkeit schenken kann. Die Curse sind außerordentlich schwankend, Richard!" Wirklich?" entgegnete das Haupt der Firma mechanisch. Ich bin ihnen letzter Zeit nicht gefolgt." 133 Es fostete Peter eine schwere Anstrengung, ein Stöhnen zu unterdrücken; aber er bezwang sich. Der Gedanke, sein Principal fümmere sich nicht um die Fluctuationen auf dem Geldmarkt, wirkte peinlich erschütternd auf ihn. Was trieb er doch da draußen? Von der City fuhr Mr. Bently nach dem Hause seines Advokaten, um daselbst die Ankunft Richard Markhams abzuwarten, welcher an demselben Tage in London erwartet wurde. Unser Held hatte seine Studien beendigt und zweimal brieflich seinen Großvater an das Versprechen erinnert, ihn nach Indien zu senden, damit er die zur Ehrenrettung seines Vaters nöthigen Beweise sammeln könne. Aber gerade dieses Versprechen lastete jetzt schwer auf dem Herzen des Kaufmanns, und er beschloß, Richard wo möglich zu veranlassen, nicht auf der Erfüllung desselben zu bestehen. Die Liebe, die er zu dem Sohn seiner ungehorsamen Tochter hegte, glich in ihrem Wachsthum dem des an einer knorrigen Eiche gepflanzten Epheus, der Anfangs nur eine zarte Ranke ist; sie treibt dann ein feines, kaum bemerkliches Blättchen, wird allmälig kräftiger, und aus der Ranke bricht eine um die andere frisch hervor, bis endlich unter dem immergrünen Blattwerk sämmtliche Furchen und Risse, die das Alter in den Stamm gegraben, verborgen sind. Mit einem Wort, Mr. Bently lebte nur in seinem Enkel, und die Trennung von ihm erschien ihm schlimmer als der Tod. " Ist er hier?" fragte er hastig seinen Freund Morton, als dieser zum Gruß ihm die Hand entgegenstreckte.jso@ 134 Mit Mühe unterdrückte der Rechtsgelehrte ein Lächeln. " Noch nicht," antwortete er, auf seine Uhr sehend; ,, es fehlt noch eine volle Stunde bis zur Ankunft des Zugs." " ,, So viel," murmelte der alte Mann ungeduldig. Sie haben meinen lezten Brief erhalten?" " Ja." ,, Und der Gegenstand, über den ich schrieb " „ Ist ausführbar, namentlich da Sie bei der Regierung wohl angesehen sind," verseßte der Advokat. " Ich sehe nur eine Schwierigkeit die Zustimmung des jungen Menschen." ,, Er wird mein Anerbieten nicht zurückweisen," sagte der Kaufmann in einem Tone, der weniger Zuversichtlichkeit verrieth, als die Worte ausdrückten. ,, Sie glauben also noch immer an die Allgewalt des Reichthums?" bemerkte Mr. Morton sarkastisch. ,, Die Erfahrung liefert alle Stunden den Beweis," erwiderte Mr. Bently. In dem Worte Gold liegt ein Zauber, dem nur Wenige widerstehen können. Er blendet das Urtheil, verhärtet das Herz und erfüllt das Gehirn mit berauschenden Träumen. Gold ist der Göße, dem Alle Anbetung und Opfer zollen, der Verbrecher eben so gut wie der in Gesundheit und Glück Schwelgende." ,, Sie sprechen sehr gelehrt über diesen Gegenstand," bemerkte der Advokat mit einem Lächeln. Weil ich seinem Einfluß entronnen bin. Früher habe ich es auch für das höchste Gut des Daseins gehalten und mit wahnsinnigem Stolz auf die Haufen hingeblickt, die ich zusammenscharrte. Die Men 135 schen beugten sich davor, und ich Thor wähnte, die Huldigung gelte dem Besizer. Ich bin nicht der Erste," fügte er mit einem Seufzer bei ,,, dessen Herz sich dem Staub vermählt hätte." ,, Und doch wünschen Sie, daß Richard einer von diesen Gößendienern werden soll?" bemerkte der Rechtsgelehrte vorwurfsvoll. Ich möchte nicht sterben, wie ich gelebt habe- einsam!" rief Mr. Bently mit tiefer Erregung. ,, Soll die Hand von Miethlingen mir die Augen schließen und ihr letzter Blick nur falten, theilnahmlosen Gefichtern begegnen? Ich bin nicht ganz von Eisen und bebe vor dem Schrecken eines solchen Sterbebetts. Kein Wort mehr," fügte er bei ,,, Sie können meinen Entschluß nicht ändern." Ich will Ihnen meinen Rath nicht aufdrängen," versette Mr. Morton. ,, Und doch kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß Sie Ihrem Entel eine schwere Prüfung auferlegen." ,, Er wird nachgeben," entgegnete der ufmann. ,, Oder aus der Ordalie wie Gold aus dem Feuer nur um so reiner hervorgehen. Doch sprechen wir von etwas Anderem." ,, Recht gerne. Haben Sie die Erkundigungen über meinen Neffen eingezogen?" Mr. Bently's Rechtsfreund öffnete sein Privat pult und holte ein Notizenbuch heraus, welches er rasch durchblätterte, bis er zu einer engbeschriebenen Seite gelangte. ,, Hier ist's," sagte er. ,, Und das Ergebniß?" ,, Hören Sie. Carus Kearn hat seit vielen Jah 136 ren auf eigene Rechnung im Großen speculirt und dabei schwere Verluste erlitten, so daß das Vermögen seiner Frau, oder vielmehr jener Theil desselben, der ihm zugänglich war, darauf gegangen ist." , Der Thor," murmelte sein Onkel bitter. ,, Von Indien aus wurden häufig Wechsel auf ihn gezogen." Ist das gewiß?" fragte der Kaufmann hastig. ,, Curry und Compagnie präsentirten sie." Mr. Bently machte eine Notiz in sein Taschenbuch. ,, Und das Gift -- das" Ich verstehe Sie," unterbrach ihn der Rechtsgelehrte, welcher seinem Clienten den Schmerz erspa= ren wollte, näher auf den peinlichen Gegenstand einzugehen. Die verlockendsten Anerbieten waren nicht im Stande, die Entschlossenheit des alten Droguenhändlers zu erschüttern. Die Furcht war mächtiger als die Habsucht. Er erklärt, daß er sich weder des Namens noch der Persönlichkeit des Mannes erinnere, welchem er den todbringenden Stoff verkauft hat. Indeß hoffe ich dennoch, der Sache auf den Grund zu kommen. Die Person, die Sie mir zur Verwendung geschickt haben, wohnt in der Nachbarschaft und ist auf gutem Wege, sich allmälig in sein Vertrauen einzuschleichen. Ertappe ich ihn einmal auf einem fahlen Rosse-" Die Unterhaltung wurde durch das Geräusch eines anfahrenden Wagens unterbrochen, und in der nächsten Minute hatte Mr. Bently die Freude, seinen Enkel zu umarmen. Mr. Morton konnte in dem glühenden Gesicht, dem wohlgebildeten Gliederbau und in der männ 137 lichen Haltung des Jünglings kaum den bleichen, zitternden Knaben wieder erkennen, welchen sein Client an jenem denkwürdigen Neujahrsabend als Gefangenen zu ihm in's Haus gebracht hatte. Aber der theilnahmvollen Richard erinnerte sich seiner, Güte, die er ihm erwiesen, und der traurigen Umstände, unter denen er hergekommen, noch lebhaft, und ein leichtes Roth überflog sein Antlitz, als er ihm die Hand hinbot. Der Rechtsgelehrte drückte sie herzlich zum Willkomm. Unser Held erkundigte sich nach seinem alten Schulkameraden, der ein Jahr vor ihm Jersey verlassen hatte, um Cambridge zu beziehen. ,, Er ist gestern Abend in die Vakanz gekommen," versezte der Vater ,,, und freut sich sehr, Sie wieder zu sehen. Er weiß Alles von Ihnen, was er überhaupt zu erfahren braucht," fügte er bei ,,, daß Sie nämlich der Enkel meines geschäßten Clienten sind. Diese Verwandtschaft muß freilich vor der Hand für die Welt ein Geheimniß bleiben; aber er wird es nicht verrathen." Er zog dann zweimal die Klingel, zum Zeichen, daß sein Sohn kommen möge. Wer die Wärme und den Zauber früher Freundschaft noch nicht vergessen hat, kann sich die Wonne dieses Wiedersehens denten. Heinrich!" ,, Richard!" waren die einzigen Worte, die ihren Lippen entströmten, als sie sich gegenseitig bei der Hand faßten, und ihre Augen strahlten unter dem Einfluß der Erinnerungen, die uns bisweilen noch durch ihre Frische in Erstaunen sezen, wenn selbst das Haupt schon grau und das Herz von den getäuschten Hoff 138 nungen der Welt schwer zerrissen ist. Wir beklagen oder verachten sogar die falten, harten Naturen, welche die Gefühle und Eindrücke der Jugend zu verhöhnen vermögen; denn uns erscheinen sie in ihrer Unbeflecktheit von allem Weltlichen, in ihrer Wahrheit und Reinheit als Frühlingsblumen, welche zuerst den Pfad des Lebens zieren; wenn auch spätere schönere nachkommen, so zeigen sie doch nicht mehr dieselbe Frische. ,, Dein Freund wird uns nach Meldown begleiten," sagte Mr. Bently, der sich inzwischen mit Lieutenant Marsh, dem Gentleman, welchem er die Obhut über seinen Enkel vertraut, unterhalten hatte. Ich fürchte, Du könntest es auf dem Lande zu langweilig finden," fügte er mit einem Seufzer bei, wenn Du nur mich zur Gesellschaft hast, und habe deßhalb Morton überredet, Heinrich auf ein paar Wochen mit uns ziehen zu lassen." " Ich danke Ihnen, Sir," rief unser Held.„ Aber warum verkümmern Sie mir die Freude, die Sie mir gemacht haben, durch einen so herben Gedanken? Sie wissen, daß ich in Ihrer Gesellschaft nie müde werde." Der Rechtsgelehrte lächelte beifällig. Nicht die Worte, die von der Höflichkeit oder Klugheit eingegeben sein konnten, sondern der Ton, in welchem sie gesprochen wurden, und der Blick, mit welchem Richard sie begleitete, überzeugte das Herz des Großvaters von ihrer Aufrichtigkeit. " Ich glaube Dir, mein lieber Junge," sagte er; ,, ich glaube Dir." Auf der Reise nach St. Faith nahm sich Richard 139 sorgfältig in Acht, die Empfindlichkeit des alten Herrn, dessen Gefühle er errieth, nicht dadurch zu verlegen, daß er eine Vorliebe für Heinrichs Gesellschaft an den Tag legte. Wenn Mr. Bently in diesem Punkt eine Schwäche zeigte, so war es die Schwäche der Liebe, welche sein Enkel zu achten wußte. Als der Wagen mit der Gesellschaft, zu welcher auch der Lieutenant gehörte, vor der Halle anfuhr, kam ein prächtiger Neufundländer über den Rasen gesprungen und begann den Kaufmann zu liebkosen. Welch ein schönes Thier," bemerkten die beiden Jünglinge. ,, und eben so treu als verständig," bemerkte der Eigenthümer. Wochenlang habe ich oft keine andere Gesellschaft gehabt, als Nelson." Richard wiederholte den Namen. Der Hund sah ihn zweifelhaft an. Geh' zu ihm," sagte Mr. Bently. Der gehorsame Hund legte unserem Helden seine derben Vorderpfoten auf die Brust, sah ihm ernst Einer weiteren Vorstelin's Gesicht und winselte. lung bedurfte es nicht; von diesem Augenblick an waren sie Freunde. Wie die meisten alten Herrenlandsize, war auch das Haus in Meldownpark reich an interessanten Ueberresten aus der Vergangenheit, alten Waffen, die bis in die Zeiten der Kreuzfahrer hinaufreichten, alten Möbeln und Bildnissen der Boothroyd'schen Ahnen. Die Gemäldegallerie war ein Saal mit eichenem Getäfel, der die ganze Länge des nördlichen Flügels einnahm, der Lieblingsplaß unseres 140 Helden und seines Freundes Heinrich. Kaum ver ging ein Morgen, ohne daß die Haushälterin ihre wichtigeren Obliegenheiten verlassen mußte, um ihnen die Geschichte irgend eines der Familienglieder zu erzählen. Von den Portraits fesselte Richard's Aufmerksam. keit vornehmlich ein neues von Winterhalter, das erst kürzlich der Sammlung beigefügt worden, und mit der tiefen Wahrheit und dem lebenvollen Ausdruck gemalt war, welche die Bilder dieses großen Künstlers auszeichnen. Es stellte ein liebliches, kaum fünfzehnjähriges Mädchen dar mit schalkhaftem, zigeunerartigem Gesicht und einem so lieblichen und sonnigen Lächeln anf den halboffenen Lippen, wie man es nur die Träume der Jugend verklären sieht. Es war das Portrait Alicens. Mehr als einmal hatten Heinrich und Lieutenant Marsh unsern Helden, nachdem sie ihn vergeblich überall im Freien gesucht, träumerisch vor diesem Bilde stehend gefunden, und man kann sich denken, daß es dann nicht ohne Neckereien ablief. Morton beschuldigte ihn, daß er in ein Gemälde verliebt sei.sid ,, Es geht den meisten Menschen so," bemerkte der Lieutenant mit einem Lächeln. Wenige werden durch die wesentlicheren Eigenschaften gefesselt, aus dem einfachen Grunde, weil man sie so selten an's Licht treten läßt. Was mich betrifft," fügte er bei, ,, so scheint es mir gleichgültig, ob das Gemälde auf Leinwand oder auf Fleisch und Blut ausgeführt ist: im ersteren Falle ist es wenigstens minder trügerisch." ,, Cyniker!" rief Richard. 141 „ Ich möchte ihn lieber einen Philosophen nennen," sagte Heinrich. ,, Und doch wäret ihr Beide im gleichen Irrthum," versetzte der Soldat; ,, denn ich traue der Menschennatur noch zu viel Gutes zu, um die erstere Bezeichnung zu verdienen, während ich zu wenig analysire, um auf die letztere Anspruch machen zu können. Wie unser träumerischer Freund da freue ich mich des Angenehmen, ohne zu wissen warum, und fümmere mich nicht darum, woher es kömmt." 39Das Portrait macht allerdings einen angenehmen Eindruck auf mich," entgegnete Richard; ,, es liegt so viel Ungezwungenheit in dem Ausdruck. Ich möchte wohl wissen, ob es ähnlich ist." ,, Das ist sicherlich der Fall," bemerkte der Lieutenant. po ,, Dann hat nie ein Kind seinen Eltern weniger geglichen," rief Morton, auf die Bilder Sir Normans und seiner Gattin deutend, die derselbe Meister gemalt hatte. ,, Gleichwohl ist in dem Bild eine Familienähn lichkeit," nahm der Lieutenant wieder auf; ,, es gleicht ihrem Onkel Alan Boothroyd, den ich in Indien tennen lernte, wo er in meinem Regiment gedient hat. Der arme Alan!" fügte er mit einem Seufzer bei. ,, War er so unglücklich?" fragte Richard. Die Welt würde ihn ohne Zweifel dafür gehalten haben," antwortete Lieutenant Marsh ,,, aber Träumer, wie Sie, Richard, hätten wahrscheinlich anders geurtheilt. Er bahnte sich, da er als Gemeiner in den Dienst der Compagnie getreten war, nicht nur seinen Weg zur Offiziersauszeichnung mit 142 seinem Schwert, sondern gewann auch die Liebe eines der schönsten Mädchen Indiens und führte sie heim, troz der Schaar von Mitbewerbern. Ihr Glück war übrigens von kurzer Dauer, denn ein bösartiges Fieber raffte Beide nach einander binnen weniger Tage weg." ,, Der Bruder des Sir Norman Boothroyd ein gemeiner Soldat?" bemerkte unser Held überrascht. ,, Sie waren Brüder nach dem Blut, aber nicht nach dem Herzen. Vor seiner Vermählung war der Aeltere einfach eitel, unwissend und voll lächerlicher Ueberschätzung seiner Bedeutsamkeit. Es blieb dem bösartigen Weibe, mit dem er sich verband, vorbehalten, die Verderbtheit seines Herzens zu vollenden." Als sie miteinander die Gemäldegallerie verließen, machten sich die beiden Freunde Gedanken, wie es wohl fam, daß der Lieutenant so gut über die Privatgeschichte der Boothroyds Bescheid wußte. Vierzigstes Kapitel. Es waren schon mehrere Wochen vergangen, ohne daß weder Mr. Bently noch sein Enkel auf die Abreise des Letzteren nach Indien angespielt hätte. Unser Held kam einmal auf den Genuß, ein Gut wie Meldown zu besitzen, und auf das Glück zu sprechen, das der Besizer um sich her zu verbreiten vermöge. Der alte Mann lächelte. Die Hoffnung, Richard in England zu behalten, erstarkte. " Er wird der Verlockung, die ich ihm biete, nicht widerstehen können," dachte der Großvater. 143 Die beiden Verwandten gingen eines Abends miteinander im Part spazieren, als Mr. Bently auf ein prächtiges Jagdpferd deutete, das einer der Reittnechte tummelte. ,, Es gehört Dir," sagte er. Der Jüngling blieb still. Er hatte längst vermuthet, daß der alte Mann seines Versprechens gern entbunden gewesen wäre, und diese Worte bestätigten es ihm. " Meine Gabe scheint Dich nicht zu freuen," be merkte der Kaufmann empfindlich. Ich meinte, die meisten jungen Leute seien Liebhaber von Pferden." ,, Ich wäre in der That undankbar, wenn ich Ihre Güte nicht anerkennen wollte," versezte Richard, ,, und wenn ich Ihnen nicht gebührend dankte, so liegt der Grund in einem Umstand, den Eie, wie ich fürchte, vergessen haben." ,, Und der wäre?" Meine baldige Abreise nach Indien wird Ihr Geschenk nußlos machen." ,, Richard," sagte der Kaufmann, sich in den Schatten einer riesigen alten Eiche niederlassend ,,, es ist Zeit, daß wir uns gegenseitig verständigen. Höre mich geduldig an und nimm jedes Wort, das ich spreche, in reifliche Erwägung; denn die Zukunft, welche Dir noch lange Jahre des Glücks und, wie ich hoffe, der Achtung und Ehre vorbehalten hat, bietet nur noch einen letzten Sonnenblick diesseits des Grabes, und dieser hängt von Deiner Antwort ab. Ich bin reich," fuhr der alte Mann nach einer Pause fort. ,, Die Zeit, welche mir den Trost der Liebe einer Gattin und eines Kindes raubte, hat - 144 in meinen Truhen Schäße aufgehäuft, an denen selbst der Durst des Geizes sich erschöpfen könnte, sie werden Demjenigen, den ich zu meinem Erben ernenne, die Freuden, Huldigungen und Ehren der Welt zugänglich machen." Er hielt inne, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten; aber die Züge seines Zuhörers blieben unbewegt. Kein Blizen des Auges, kein Beben der Lippe zeigte an, daß er sich gelockt fühle durch den glänzenden Köder, der ihm geboten wurde. ,, Du weißt den Werth des Goldes nicht zu würdigen," fügte sein Großvater im Tone getäuschter Hoffnung bei. ,, Kann man Glück damit kaufen?" fragte Richard. ,, Die Welt wird Dir mit Ja antworten." " Warum sind dann Sie nicht glücklich?" Eine kühne Frage," versetzte Mr. Bently nach einer Pause; aber ich will sie der Wahrheit gemäß beantworten. Weil ich in dem Reichthum die Hauptsache, nicht die Zugabe sah. Als die Vorsehung, deren waltende Hand ich darin verehre, Dich unter meine Obhut brachte, war ich ein stolzer, strenger Mann stolz auf meine Stellung in der Handelswelt und unbeugsam streng in meinen Entschlüssen. - Erst durch Dich wurde das lange gelöste Band der Liebe wieder angeknüpft, vielleicht um so fester, weil es zerrissen gewesen. Ich kann Dich nicht fortlassen, Richard; der Trennungsschmerz wäre mein Tod." Es hätte ein härterer Charakter dazu gehört, als der seines Enkels war, um dieses Zugeständniß, 145 welches im Ton einer fast finderartigen Hülflosigkeit ausgesprochen wurde, unbewegt anzuhören. ,, Aber eine furze Frist, ein Jahr vielleicht, wird mich wieder zurückbringen," versetzte der Jüngling. ,, Dh, rede nicht so," rief der alte Mann schmerzlich. Ihr Versprechen?" ,, Du mußt mich dessen entbinden. Antworte mir nicht früher, bis ich Dir den Preis genannt habe, den ich dafür zahlen will." Bei den Worten Preis und zahlen richtete fich Richard Markham zu seiner vollen Höhe auf; sie machten einen herben Eindruck auf sein Gefühl. Ich habe bereits bei der Regierung Schritte gethan, um die Erlaubniß zu erwirken, daß Du mei nen Namen führest. Wenn auch Unehre auf Deinen Vater fällt, so wird Dich dies faum berühren, und mein Vermögen Alles, was ich besize soll unwiderruflich auf Dich übergehen." - - - - Großvater, Großvater!" rief der Jüngling ungeduldig ,,, für welch einen feilen, herzlosen Menschen müssen Sie mich halten! Seien Sie gerecht gegen sich und gegen mich; denn Jahre lang habe ich mir gefallen lassen Gott weiß welchen Schmerz es mich gekostet hat jeden Verkehrs mit meinen Eltern beraubt zu bleiben! Der Kuß der Mutter, die Liebe meiner Schwester waren mir nicht um das Gold feil, auf das Sie so stolz sind, sondern ich verzichtete auf sie in der Hoffnung, daß die Ungewißheit meines Schicksals einen wesentlichen Beitrag liefern werde zu der Besserung meines Vaters." - ,, Dieser Zweck ist erreicht," seufzte der Kaufmann, Smith, Ebbe u. Fluth. III. 10 146 ,, und ohne die Vergangenheit, die unerbittliche Vergangenheit würde ich ihn mit Freuden anerkennen." Ich glaube nicht, daß diese Vergangenheit so schlimm war," entgegnete Richard. ,, Mein Vater ist verrathen, verläumdet und zum Opfer eines schnöden Argwohns gemacht worden, zu dessen Widerlegung man ihm nie eine Gelegenheit bot. Wollte ich auf Ihr Anerbieten eingehen, so könnte ich ihm nie wieder in's Gesicht sehen, und er hätte das Recht, mich zu verachten. Mein Verfahren ist mir auf's Klarste vorgezeichnet," fuhr er fort. Ich muß nach Indien. Erst wenn die Vorsehung mein Unternehmen gesegnet und mich in den Stand gesetzt hat, den Namen meines Vaters zu reinigen, werde ich das Recht haben, mir für mein langes und grausames Schweigen seine Verzeihung zu erbitten." " 1 Seine Verzeihung!" wiederholte Mr. Bently ungeduldig. ,, Achtung vor dem Vater in Gegenwart des Sohnes, Sir. Ich habe so wenig ein Recht, ihn zu verurtheilen, als es Ihnen zusteht, mich an der Erfüllung meiner Pflicht zu hindern." ,, Bedenke, mein ganzes Vermögen-" ,, Wiegt meinem Entschluß gegenüber nicht halb so schwer, als Ihr Wunsch, Großvater. Wenn ich diesem widerstehe, so kommt alles Andere nicht in Betracht." Undankbarer!" rief der Kaufmann mit Bitterfeit. " Undankbar?" wiederholte der Jüngling tief erregt.„ Nehmen Sie dieses Wort zurück; es tam nicht aus Ihrem Herzen, sondern ist nur eine Einflüsterung Ihres Stolzes. Habe ich Sie wegen Ihres 147 Reichthums geliebt? Sie sehen, daß ich ihn zurückweisen kann. Machen Sie zu Ihrem Erben wen Sie wollen; ich habe kein Recht, über Ihre Entscheidung zu murren. Wenn die Stimme der Leidenschaft verstummt ist und die Vernunft das Scepter wieder aufgenommen hat, dann, Großvater, werden Sie den Knaben liebevoller beurtheilen, den Ihre Güte dem Verderben entriß. Sie werden gerechter sein gegen seine Dankbarkeit und seine Zuneigung zu Ihnen und es ihm nicht mehr zum Vorwurf machen, daß er seine Pflicht dem Golde vorzog." ,, Aber wie willst Du ohne meine Beihülfe nach Indien kommen?" murmelte Mr. Bently. ,, Sie vergessen, daß ich jung bin." 11 " 1 Du hast keinen Leitstern, der , Gott, der den Knaben beschüßte, wird den Mann nicht verlassen," erwiderte Richard Markham.„ Lassen Sie uns in Liebe scheiden und geben Sie mir Ihren Segen mit auf den Weg." - Er Der Kaufmann erhob sich langsam von seinem Siz unter der Eiche. Verschiedene Gefühle kämpften in seinem Innern Unwille, getäuschte Erwartung und auch edlere Regungen, welche endlich die Oberhand gewannen, als er die seelenvollen Züge des Sprechers betrachtete und die Thränen wahrnahm, die er vergeblich zu unterdrücken sich bemühte. warf sich ihm um den Hals und weinte bitterlich. ,, Du hast gesiegt," rief er, und vielleicht liebe ich Dich deßhalb nur um so mehr. Gönne mir nur noch einige Tage, daß ich mich von der Véreitelung meiner Wünsche erholen kann; ich will sie nicht mißbrauchen. Sei noch eine kurze Frist nachsichtig gegen 10* 148 das schwache Herz des alten Mannes, und es foll Alles geschehen, wie Du es verlangst. Ich will nicht weiter versuchen, Dich von dem gewählten Pfade abzubringen." Mr. Bently hielt Wort, und enthielt sich, seinem Enkel mit Vorstellungen zuzusetzen, von denen er wußte, daß sie vergeblich sein würden. Unter anderen Maßregeln zu Sicherung der Person unseres Helden und des von ihm angestrebten Erfolges wurde beschlossen, daß er den Namen eines entfernten Zweiges der Familie Tyrrell, annehmen, und daß Lieutenant Marsh, welcher in Jersey so sorgfältig über ihm gewacht hatte, ihn nicht in der Eigenschaft eines Beschüßers, sondern einfach als Freund begleiten sollte, der ihm durch seine Kenntniß des Landes und seinen Rath erforderlichen Falls nüßlich werden konnte. - Nach Ablauf eines Monats verließ die Gesellschaft Meldownpark, der Kaufmann freilich mit viel schwererem Herzen, als er daselbst angekommen war. Der Aufenthalt in London währte nur kurz, reichte aber doch aus, daß Richard sich noch portraitiren lassen konnte. Das Bild vertraute er seinem Freund Heinrich. ,, Für meine liebe Mutter," sagte er. Ich übertrage Dir freilich eine peinliche Aufgabe, denn Du wirst ihren Bitten und ihren noch beredteren Thränen Widerstand leisten müssen. Aber das Geheimniß meines Großvaters darf nicht verrathen werden; denn wenn sie darum wüßte und ich nicht wieder zurückkehren sollte, so könnte es ihr Herz gegen ihn verhärten. 149 Der Abschied zwischen Mr. Bently und seinem Entel fand an dem Gestade von Southampton Statt und wurde bis zum letzten Augenblick verzögert. Lieutenant Marsh war schon an Bord gegangen. Der alte Mann begleitete Richard vom Gasthof aus, um ihn in's Boot steigen zu sehen. Es war das letzte, und die Perseverance erwartete nur seine Ankunft, um die Anker zu lichten und unter Segel zu gehen. " ,, Nicht weiter, lieber Großvater," sagte unser Held, den die Blässe des alten Mannes erschreckte. „ Fürchte nichts für mich, Richard, ich will Deinen Schmerz nicht dadurch erhöhen, daß ich der Schwäche des Alters oder den Gefühlen meines Herzens nachgebe. Hiezu wird es Zeit genug sein, wenn Du fort bist; denn dann stehe ich wieder allein in der Welt. Ich glaube, es ist Alles genugsam vorbereitet, um Dir in Indien einen guten Erfolg zu sichern. Du brauchst meinen Credit nicht zu scho= nen, da Du damit nur einen Vorschuß auf Dein Erbe nimmst." ,, Es ist Alles geschehen, was die Liebe für mich thun kann," verseßte der junge Mann, ein es ausgenommen." Der Kaufmann betrachtete ihn ängstlich. ,, Sie zürnen mir doch nicht?" „ Ich hoffe, nein." Es ist meine letzte Bitte." ,, Dann wird sie sicherlich keine ungeeignete sein." ,, Sie haben ein Kind," sagte unser Held.„ Sie hat Sie freilich gekränkt, ist aber dennoch Ihr Kind 150 und Jahre der Kälte und Entfremdung vermochten in ihrem Herzen die Bande der Liebe nicht zu schwächen. Sollte mir etwas Menschliches begegnen- sollte ich nicht wieder zurückkehren Verzeihung, - aber versprechen Sie mir, daß Sie auch Ihr vergeben wollen." Mr. Bently fuhr mit der Hand langsam über die Stirne, als fühle er da einen plöglichen Schmerz. Sein Entel betrachtete ihn aufmerksam und seufzte. Wenn ich meinen Einfluß auf Sie überschäßt habe," fuhr er fort ,,, so müssen Sie es Ihrer eigenen Güte zur Last legen. Es würde mich so glücklich gemacht haben." ,, Unser Scheiden soll durch kein unfreundliches Wort verdüstert werden," sagte der alte Mann feierich. Ich verspreche es Dir." ,, Gottes Segen über Sie, Großvater," rief Richard Markham, sich auf die Kniee werfend und die Hand des alten Mannes küssend. ,, Sie haben meinem Herzen die letzte Laſt abgenommen, und ich folge nun wohlgemuth dem Ruf der Pflicht. Wenn ich zurückkehre und ich fühle, ich werde es so bringe ich die Rechtfertigung meines Vaters mit." ,, Gott gebe dies." - - - ,, Ihren Segen noch einmal Ihren Segen!" Der Kaufmann erfüllte sein Begehren, und die Worte wurden nichts desto weniger oben gehört, weil die Zunge des Sprechers stammelte. Richard fühlte, daß die Scene zu peinlich wurde, um eine Verlängerung zu gestatten. Mit einer Gewaltanstrengung riß er sich aus den Armen seines 151 betagten Verwandten los und eilte nach dem Boote, das inzwischen auf ihn gewartet hatte. ,, Allein!" murmelte der alte Mann, während er, die Hände schlaff niedersinken lassend, an dem Ufer stand. ,, Wieder allein!" Nelson, der große Neufundländerhund, der neben ihm saß, schaute zu ihm auf und winselte tläglich; dann eilte er an's Gestade hinab und bellte dem sich entfernenden Boote nach. Unser Held wintte mit seinem Taschentuch. Das Thier hielt dies für ein Signal, stürzte sich in die Brandung und schwamm ihm nach. ,, Sogar die unvernünftige Schöpfung liebt ihn," dachte der Kaufmann. ,, Kein Wunder, daß er sich um mein Herz geschlungen hat." Erst nachdem die Perseverance die Anker aufge zogen und die Segel gelichtet hatte, kehrte der alte Mann allein nach dem Gasthaus zurück; denn es war Nelson gelungen, das Boot zu erreichen, und er be= fand sich jetzt mit seinem jungen Herrn auf dem Weg nach Indien. Heinrich Morton hatte mit dem Versprechen, Rachel das Portrait seines Freundes zu überliefern und gleichwohl das Geheimniß des Großvaters zu bewahren, teine leichte Aufgabe übernommen. Sie zu besuchen, ohne ihr vorher seine Karte gesendet zu haben oder bei ihr eingeführt zu sein, ging nicht an, und in Gesellschaft sie zu treffen, durfte er nicht hoffen, da sie nur selten unter die Leute kam. In seiner Verlegenheit beschloß er, seine Mutter um Rath zu fragen, und zwar mit Recht, denn Frauen 152 wig löst oft mit einem Sprung eine Schwierigkeit, an welcher sich der des Mannes vergeblich abarbeitet. Mrs. Morton, welche um des Interesses willen, das sie für unsern Helden fühlte, seine Mutter nie aus dem Auge verlor, erinnerte sich zum Glück, daß Mrs. Markham nicht weit von einer ihrer Freun= dinnen wohnte, und daß sie dieselbe mit ihrer Tochter häufig innerhalb der Umfassung des Square hatte spazieren gehen sehen. Dies reichte aus für ihren Sohn, welcher sofort beschloß, sich auf die Lauer zu legen, bis er ihr begegnete. Er brauchte nicht lange zu warten. Rachel und Mary staunten nicht wenig über den durchdringenden Blick eines jungen Mannes, der mehrmal vor der Bant, auf welcher sie mit ihrer Handarbeit saßen, hin und her ging. ,, Wie ungezogen," sagte die Mutter halblaut vor sich hin. Die Tochter bemerkte nichts darauf, vielleicht weil ihr das Benehmen eher sonderbar als ungezogen vorfam. Endlich machte der Fremde eine Verbeugung und fragte mit tiefem Erröthen, ob er die Ehre habe, mit Mrs. Martham zu sprechen. Die Antwort war ein faltes Ja. " Ich fürchte, daß Ihnen mein Benehmen seltsam erscheint," sagte der junge Mann. Mary, deren blaue Augen von Scherz und Schalkhaftigkeit funkelten, fragte ihn, wie es ihm selbst vorkomme. ,, Vielleicht noch befremdlicher, als Sie es beur theilen," versette Heinrich. Wenn Sie übrigens 153 die Ursache meiner Verlegenheit tennten, würden Sie mir lieber daraus helfen, als sie noch vergrößern." ,, Die kennen wir freilich nicht," entgegnete die junge Dame gefeßt, ,, und ich enthalte mich deßhalb weislich, eine Ansicht auszusprechen." " Ich habe einen Auftrag an Ihre Mutter zu besorgen." ,, An mich?" sagte Rachel, welche zu fühlen begann, daß mit der Aufdringlichkeit des jungen Mannes jedenfalls Unverschämtheit nichts zu schaffen hatte. ,, Und eine Gabe," fuhr Heinrich fort, die Sie sicherlich mit Freuden entgegennehmen werden, da sie von einer Person kömmt, die Ihnen noch immer sehr theuer sein muß." Die Blässe, welche die Züge der Mrs. Markham überzog, erschreckte Mary, die jetzt mit Entschiedenheit dem jungen Mann befahl, sie zu verlassen. - ,, Nein nein, es ist vorbei," seufzte die befümmerte Frau, welche bereits ahnte, daß sie endlich Kunde von ihrem verlorenen Sohn erhalten sollte. " Ich bitte, fahren Sie fort. Ich fühle mich wieder kräftig ganz fräftig." - ,, Sie erinnern sich doch-" " Ich bin eine Mutter, Sir," rief Rachel in einem Ton, der in seiner schmerzlichen Ungeduld zeigte, daß die Worte sich aus ihrem innersten Herzen losrissen. ,, Treiben Sie kein Spiel mit mir. Ist mein Sohn todt?" Im Gegentheil: er lebt, befindet sich wohl und verdient die Liebe aller derer, die ihn kennen." Warum denn dieses Geheimniß? Wird es nie ein Ende nehmen?" 11 154 ,, Hierüber kann ich keine Auskunft geben; aber seien Sie versichert, daß Richard es schmerzlich be= flagt. Wir waren Schulkameraden, ich möchte fast sagen Brüder, wenn ich nicht fürchtete," er warf dabei einen Blick auf Mary,„ daß Sie es für eine Prahlerei halten könnten. In einer kurzen- ich hoffe, sehr kurzen Frist wird er Ihnen zurückgegeben sein. Inzwischen hat er mich beauftragt, dies an Sie zu besorgen." Er legte in die zitternden Hände der Frau das Portrait ihres Sohnes. ,, Richard! lieber Richard!" rief Mary in Thränen ausbrechend, während sie über die Schulter der Mutter das Bild betrachtete.„ Er ist nicht viel verändert- noch den gleichen liebevollen Ausdruck." Weder die Mutter noch die Tochter bemerkte im Uebermaß der Freude, daß der Bote sich aus dem Staube machte. Mary beachtete es zuerst und eilte ihm nach jetzt nicht mehr das schüchterne Kind, sondern entschlossen unter dem Einfluß der Geschwisterliebe. - Sie können nicht das Herz haben," rief sie, ihn am Arm fassend ,,, uns in dieser peinlichen Ungewißheit zu lassen. Sie haben eine Mutter?" " Eine theure, liebevolle Mutter," versetzte Heinrich Morton in großer Aufregung. ,, Und eine Schwester?" " Fast so schön wie Sie." ,, Dann werden Sie mir meine Bitte nicht versagen und mit mir umfehren, um uns Alles mitzutheilen, was Ihnen zu sagen gestattet ist. Sie werden doch Mama und mir nicht das Herz brechen wollen?" 155 Richards Bote hätte um die Welt sich keine so grausame Handlung zu Schulden kommen lassen mögen und gestattete, daß die Kleine ihn nach dem Sig zurückschleppte, auf welchem die Mutter unter den getheilten Empfindungen des Schmerzes und der Freude zurückgeblieben war. Hier ist er, Mama," rief das aufgeregte Mädchen. Wer die Scene aus einiger Entfernung mit ansah, mochte sich wohl höchlich wundern über die plögliche Vertraulichkeit der Mrs. Markham und ihrer Tochter mit einem Fremden, der mehr als eine Stunde in tiefer und, wie es schien, sehr interessanter Unterhaltung zwischen ihnen saß. Als Heinrich sich zum Abschied anschickte, blieben ihm nur noch zwei Geheimnisse im Rückhalt, sein eigener Name und der des wohlwollenden alten Gentleman, den er als den Beschützer seines Schulfameraden geschildert hatte. Er war sogar so weit gegangen, den Damen zu ver= sprechen, daß er wieder in dem Square mit ihnen zusammentreffen wolle. Einundvierzigstes Kapitel. Welche Aufgabe wäre es nicht, dem Umsichgreifen der Civilisation umständlich zu folgen. Wir würden in ihrer Wiege, Central- Indien, dem geheimnisvollen Land, in welches die Sage das irdische Paradies gesetzt hat, sie allmälig sich entwickeln und im Laufe der Jahrhunderte über den ganzen Erdball hinschreiten sehen. Langsam reckte das Riesenkind seine ungeheuren Glieder, und eine seiner ersten Anstrengungen 156 war, in einer fernen Weltecke, China, mit seinen Hieroglyphen, seiner Artillerie und seinen Druckereien einen rohen Umriß von den Wundern zu zeigen, die es mit der Zeit vollbringen sollte. Zunächst gründete sie im Osten die großen Reiche Assyrien, Persien und Chaldäa mit ihren wunderbaren Städten Babylon, Suez und Persepolis, die man jetzt kaum mehr ihrer Spur nach aufzufinden für würdig hält, obschon sie den vollen Glanz priesterlicher Civilisation verbreiteten, als die ganze übrige Menschheit noch in der Nacht der Barbarei versenkt lag. Der nächste große Schritt war die Colonisirung der Inseln und Küsten, wo der feldbauenden Bevölkerung ein Geschlecht von Fischern und Kaufleuten sich anschloß, die Väter der Phönizier, Phrygier und Tyrer, von deren prächtigen Städten und ausgedehntem Handel sogar die heiligen Schriften Zeugniß ablegen. Zulegt gründete Asien am Saume Afrikas das räthselhafte Aegypten mit seinem Volk von Priestern, Kaufleuten, Landbauern und Seeleuten ein Uebergang vom Priesterreich zur handeltreibenden Republik, von Babylon zu Karthago. Von Aegypten geht die nachmalige Civilisation Asiens, Afrikas und Europas aus; es ist der Schlußstein des Bogens, der die alte Welt mit der neuen verbindet. Aegypten schuf Griechenland, welches den größten Theil von Italien colonisirte, und fiel erst, als nach Vollbringung seiner Aufgabe seine Künste und Wissenschaften nach Rom übergepflanzt waren. Vergeblich versuchte der Despotismus, erschreckt durch die Fortschritte des Menschengeschlechts, die Hauptstadt der intellectuellen Welt dadurch zu vernichten, 157 daß er den Sitz der Herrschaft an die Ufer des Bosporus verlegte. Byzanz wurde Stambul, während Rom Rom blieb. Die Civilisation trat an die Stelle des Schwertes, und gleich den Fluten eines gewaltigen Flusses konnte ihr Strom nicht mehr zur Quelle zurückgeleitet werden. Es ist oft die Frage aufgeworfen worden, warum die in ihrer Jugend so lebensfrische Civilisation Indiens an ihrer Geburtsstätte sich nicht weiter entwidelt und feiner weiteren Entwicklung fähig zu sein scheine. Und doch liegt dem denkenden Geiste die Antwort so nahe. Der Mensch nahm in seinem Stolze den Carton für das Gemälde und erklärte ihn für. vollendet; der Aberglaube unterhielt diesen Wahn durch sein Kastenwesen, die Leidenschaft durch Abwerfen des Zügels, die Tyrannei durch Sklaverei, ohne zu ahnen, daß die wahre Losung des Menschengeschlechts in dem Rufe ,, Vorwärts, immer vorwärts" besteht,- daß das Stehenbleiben Schwund zur Folge hat, und daß Geist und Körper verkümmern muß, wo es ihnen an passender Nahrung gebricht. So wird es uns begreiflich, wie das Kind ein Kind bleiben konnte, obschon es der Vater eines Mannes wurde. Auch dieser war anfangs nur schwach, schritt schwankenden Fußes vorwärts und tastete sich unter jeweiligen Rückschritten durch die Nacht des Irrthums, bis ihm das Christenthum sein belebendes Blut in die Adern goß und seinen Leib kräftigte. So wurde der Knorpel zum Knochen und die Muskel erstarkte zur Manneskraft, während gleichwohl die Nerven ihre Empfindsamkeit bewahrten. In solchen oder ähnlichen Betrachtungen erging 158 sich Richard Tyrrell, wie wir ihn fortan nennen müssen, als die Perseverance unter der Führung einheimischer Lootsen langsam den Hooghli hinauffuhr, an dessen linkem Ufer die Hauptstadt des britischen Indiens liegt. Obgleich die Windungen des zu beiden Seiten wohlbewaldeten Flusses dem Auge des ungeduldigen Reisenden die Stadt der Paläste verbergen, bis sich das Schiff seinem Ankerplay auf weniger als eine ( englische) Meile genähert hat, standen doch unser Held und ein junger Offizier, mit dem er während der Ueberfahrt eine innige Freundschaft geschlossen, vom frühesten Morgen an den Bugen des Schiffs, des ersten Auftauchens der hohen Thürme und der stattlichen Ruppel des Gouvernementgebäudes harrend, mit denen sie durch Schilderungen und Bilder bereits vertraut geworden waren. ,, Da ist es!" rief plötzlich Frig Wharton, auf das gewölbte Riesendach deutend, das sich jetzt majestätisch vor ihren Blicken aufthat. ,, Sehnen Sie sich nicht, Tyrrell, wieder einmal festen Boden unter den Füßen zu haben?" ,, Sehr," versette Richard. Und doch scheide ich von unserem guten Schiffe nicht ohne Bedauern, da ich mich während unserer langen Fahrt gewöhnt habe, es fast als ein lebendes Wesen zu betrachten. Wenn ich in den Tropenstürmen, die wir durchmachten, sein Gebälk krachen hörte und das Tauwert sich wie die Sehnen eines kräftigen Mannes in Todesgefahr anspannen sah-wenn der schwergeladene Rumpf sich halb in den Furchen des alten Ocean begrub, dann wankend sich wieder auf den Kamm einer berghohen 159 Welle hob und mit Anstrengung seinen Weg weiter suchte, da fühlte ich für das edle Fahrzeug wie für einen leidenden Freund, und nun ich die Perseverance, die mir so gute Dienste geleistet hat, verlassen soll, kann ich begreifen, warum der Matrose sein Schiff so sehr liebt." ,, Sie werden in dem heißen Ringen des Geschäftslebens die Poesie Ihrer Seefahrt bald vergessen," entgegnete sein Gefährte mit einem Lächeln. „ Das Geschäftsleben ist nicht der einzige Beweggrund meiner Reise nach Indien," erwiderte unser Held, hielt aber plötzlich inne, da er einen warnenden Blick von Seiten des Lieutenants Marsh bemerkte, welcher während der Fahrt nur als ein Bekannter von ihm gegolten hatte. " Ihr Geist ist weit phantasiereicher als der meinige," fuhr Richard fort; denn ich sah Sie Nachts stundenlang auf dem Deck hin und her gehen, während Sie seltsame Worte gleichsam im Streit mit einem unsichtbaren Gegner sprachen, oder zu den Sternen aufschauten, als wollten Sie darin Ihre künftige triegerische Laufbahn lesen. Darf ich mir wohl die Gegenfrage erlauben, in wie weit sich ein solches träumerisches Wesen mit den Anstrengungen verträgt, die man machen muß, um sich emporzuschwingen und Rang und Ruhm zu erwerben?" " Ich muß darauf mtt Ihren eigenen Worten antworten," rief sein Freund, vielleicht nicht ganz erbaut Beobachtet davon, daß sein Thun und Treiben so genau worden war. Rang und Ruhm sind nicht die einzigen Beweggründe, die mich nach Indien führen." 160 Es fand eine Pause in der Unterhaltung Statt; denn Jeder fühlte, daß der Andere ein Geheimniß in seiner Brust verschlossen hielt. Plöglich wurde es auf dem Theil des Schiffes, wo die beiden Freunde standen, sehr lebhaft. ,, Mit Erlaubniß, meine Herren," sagte der zweite Mate, der mit einem Theil der Mannschaft die Vorbereitungen zum Antern zu treffen begann. Ein Dußend sehnige Arme segten sich mit Lüpfen und Anziehen in Bewegung; dann folgte ein Klatschen im Wasser und das rasche Ablaufen des Kabels, das wie eine ungeheure Schlange auf dem Deck aufgerollt gelegen hatte. Der Trianter ging nieder und die Reise war zu Ende. Es ist unbegreiflich, in wie furzer Zeit das Schiff von mit Eingeborenen gefüllten Booten umgeben war, von denen einige Beschäftigung suchten und die anderen Körbe aus Palmenblättern, die mit Früchten gefüllt waren, zum Verkauf anboten. Der Capitän der Perseverance war übrigens ein zu alter Seemann, um diese Personen an Bord kommen zu lassen, die sprüchwörtlich die größten Diebe in Indien sind. Der Verkehr wurde rasch durch niedergelassene Stricke vermittelt, an welche die Eingeborenen ihre Körbe befestigten, und nachdem diese aufgezogen waren ,. legten die Matrosen leere Sodawasserkolben( ein sehr gesuchter Artikel) und die Passagiere Geld hinein. Während der Verwirrung, des Geschreies und der Händel, ohne die ein derartiger Geschäftsbetrieb nicht ablaufen kann, stieß ein Boot mit einem Europäer im Stern vom Ufer ab und ruderte rasch an die Seite des Schiffs. Der Gentleman kam an Bord 161 und wurde von dem Capitän mit einem Händedruck begrüßt. Es ist kaum ein Monat," rief er ,,, seit wir unsere Briefe mit der Ueberlandpost erhalten haben. Wir erwarteten euch wenigstens um acht Tage später- eine kurze Fahrt. Freut mich, Sie zu sehen." Dante, Mr. Sanford," verseßte der Capitän. Obgleich Richard sich auf die Begegnung gefaßt gehalten hatte, fuhr er doch zusammen, als er diesen Namen hörte. Zum Glück wurde seine Bewegung nur von dem Lieutenant bemerkt, der den Ankömmling sorgfältig zu beobachten begann. Der erste Buchhalter des Hauses Chutnee und Compagnie mochte achtunddreißig oder vierzig Jahre zählen und hatte ein ziemlich gutes Aussehen. Hellgraue Beinkleider, augenscheinlich von europäischen Schnitt, schloßen sich tadellos den gut gemachten Stiefeln an, und selbst der wähligste Elegant hätte den Morgenfrack( natürlich schwarz) tragen können, der seine schmächtige, aber nicht unelegante Figur umschloß. Weste und Handschuhe waren von der= selben Farbe, wie die Pantalons. So nahm sich der äußere Mensch aus, dessen eigentliches Porträt wir nicht so leicht zu stizziren vermögen, wenn der Leser sich nicht eine farrikirte Vorstellung davon machen soll. Mr. Sanford's Züge waren zwar regelmäßig, entbehrten aber doch der feinen Harmonie, welche zum Typus eines Gentle= man gehört, obschon Niemand gewagt haben würde, sie gemein, sondern höchstens sinnlich oder den Bonvivant verrathend zu nennen. Der wahre Ausdruck seines Gesichts ließ sich nicht leicht fassen, da es Smith, Ebbe u. Fluth. III. 11 162 selten zur Ruhe kam. Auf den Lippen schwebte ein ewiges Lächeln und die kleinen blauen Augen rollten unruhig wie die eines frisch in den Käfig gesteckten Vogels im einen Moment sorglos funkelnd, im andern die Pupillen zu einem durchbohrenden Blick verengend, als wollten sie Einem in der Seele lesen. - Da einer der angedeuteten Briefe unsern Helden sehr nahe anging, so benüßen wir die Gelegenheit, unsern Lesern einen Auszug daraus mitzutheilen. Er war von dem Chef der großen indischen Firma Curry und Söhne an ihre Correspondenten in Calcutta, Chutnee und Compagnie, gerichtet und die Perseverance an leßtere confignirt. Nach einer ausführ lichen Vernehmlassung über Bilanzen, Commissionen, Indigoconsignationen und Acceptationen, auf welche Reihen von Zahlen folgten, die nur für das Ver= ständniß von Citymenschen paßten, fuhr der Correspondent folgendermaßen fort: " Ich sende Ihnen mit demselben Schiff meinen Mündel Richard Tyrrell, einen jungen Menschen, an dessen Wohlfahrt ich besonderes Interesse nehme. Die Bekanntschaft kann Ihnen für die Folge nützlich werden, da ihm ein unermeßliches Vermögen in Aussicht steht und er entschiedene Vorliebe für den Handel besitzt. Sie werden mich verbinden, wenn Sie ihm alle Aufmerksamkeit zu Theil werden lassen, ihm ein Pult in Ihrem Comptoir anweisen und ihn in's Geschäft einleiten. Wollen Sie ferner laut dieses Aviso briefs seine Tratten auf mich im Betrag bis zu zweitausend Pfund honoriren. Nicht daß ich irgendwie seinen Credit bloß auf die erwähnte Summe beschränken möchte- im Gegentheil, wenn er sie 163 zu überschreiten wünschen sollte, so dürfen Sie durchaus kein Bedenken tragen." Mr. Herbert Chutnee las den Brief seines ge= schätzten Correspondenten zweimal und prüfte sorgfältig die Unterschrift. Es lag etwas ungewöhnliches in dem Umstand, einen Handelslehrling, der über so ausgedehnte Privatmittel gebot, aus England fortzuschicken, und einige Minuten konnte er aus seiner Verwunderung und aus dem Aerger über das Ansinnen nicht herauskommen. Und Muß den Menschen in mein Haus bitten," brummte er. ,, Kann nicht weniger thun. doch Da die britischen Kaufleute in Indien gewöhn lich sehr gastfreundlich sind, so ist es wohl am Drt, den Grund von dem Bedenken des Mannes namhaft zu machen. Herbert Chutnee hatte, obschon er bereits im sechzigsten Lebensjahre stand, fürzlich ein junges, schönes Mädchen noch in den Zehnen, die Tochter mittelloser, englischer Eltern geheirathet. Gleich den meisten Männern, die im Alter so sehr von ihren Frauen verschieden sind, war der alte Herr nicht nur leidenschaftlich in sein Weibchen verliebt, sondern auch maßlos eifersüchtig. Ein Wort in dem Brief seines Correspondenten hatte ihn übrigens wieder beruhigt; er sprach nämlich von seinem Mündel als von einem jungen Menschen. Mr. Chutnee ertheilte daher Befehl, für den Ankömmling ein Zimmer herzurichten, und wies seinen ersten Buchhalter an, sobald die Perseverance eintreffe, an Bord zu gehen und den Knaben an's Land zu holen. 11* 164 ,, Beiläufig," sagte Mr. Sanford, sobald die ersten Bewillkommnungen vorüber waren ,,, Sie haben uns ein Bürschlein mitgebracht?" ,, Wie, was?" fragte der Commandant der Perseverance, nach unserem Helden hinsehend. ,, Einen Knaben, Namens Tyrrell, den uns der alte Curry consignirt hat." Schade, daß der Sprecher nicht das ruhige Lächeln bemerkte, welches die Lippen der so bezeichneten Person überflog. ,, Hier ist Mr. Tyrrell," sagte der Capitän, einen besondern Nachdruck auf das Wort„ Mr." legend. „ Ich freue mich, Sie mit ihm bekannt machen zu können." Die beiden Gentlemen gingen auf die Buge des Schiffes zu, wo Richard und Friz Wharton noch immer bei einander standen, und die Ceremonie der Vorstellung fand Statt. " Der ist nicht so gar jung," dachte Sanford, als er unserem Helden mit einem gewissen Grad von Herzlichkeit die Hand bot; denn auch er hatte den Brief des Chefs der großen londoner Firma gelesen und sich wahrscheinlich Gedanken darüber gemacht, wie wohl der Mündel des Correspondenten sein Einkommen verbrauchen werde ein Geschäft, bei dem er ihm zu helfen die beste Lust hatte. - Richard war um die Zeit seiner Ankunft in Indien, obschon erst achtzehn Jahre, ein hochgewachsener, sehr gut gebauter Jüngling, der in der schönen Rundung seiner Glieder und seiner breiten Bruſt mit der Zeit eine große Mannneskraft in Aussicht 165 stellte. Sein Geficht zeigte noch, wie sich von seinem Alter erwarten ließ, fast tnabenhafte Züge, dabei aber eine antinousartige Regelmäßigkeit und einen gewissen ernsten Ausdruck; nur wenn er eben lächelte oder entrüstet aufbrauste, sprach sich in seinem Antliy eine Heiterkeit oder ein Feuer aus, wie man dies in wenigen Gesichtern zu sehen bekam. Mr. Sanford gefiel seine neue Bekanntschaft nicht übel. Nur ein Umstand machte ihn betroffen die entschiedene Aehnlichkeit mit irgend Jemand, den er schon gesehen hatte, obschon er glücklicher Weise sich der Person nicht mehr erinnern konnte. Richard war ein treues Ebenbild seines Vaters. , Sie müssen mir erlauben," sagte der Hauptbuchhalter in seiner kurz angebundenen, unbefümmerten Weise ,,, Sie zu dem Alten zu fahren. Ich " meine, Mr. Chutnee, den Correspondenten Ihres Vormunds," fügte er bei, als er bemerkte, daß ihn unser Held nicht ganz verstand. ,, Hooter wird nach Ihrem Gepäck sehen und es uns nachsenden." ,, Mit Vergnügen," versezte der Capitän, indem er sich abwandte und einem der Mater die Besorgung dieses Geschäfts auftrug. Am Ufer harrte ein Tilbury mit einem feurigen Pferd, das durch den kleinen Kopf, die ausgedehnten Nüstern, welche begierig die duftige Luft einschnaub= ten, und die feingebauten Glieder seine arabische Abkunft verrieth. Das Thier war so ungeduldig ge= worden, daß der Syce oder eingeborene, Reitknecht es kaum zu halten vermochte. Nachdem Sanford und Tyrrell eingestiegen waren, flog der Tilbury rasselnd dahin, während der Syce gemächlich zu Fuß nachtrabte. 166 Der Morgen war höchst lieblich und mild, und unser Held freute sich der Fahrt, die auf eine beträchtliche Weite das Ufer des Hooghli entlang lief. Eine andere Welt that sich vor ihm auf mit einer unbekannten, in feenhafter Schönheit prangenden Vegetation; der Teppich der Erde war mit Tausenden von Blumen besäet, und darüber erhoben die verschiedenen Palmenarten mit königlicher Anmuth ihre duftenden Häupter. Sie fuhren von dem Flußufer in das Mehdaun oder in die Ebene ein, welche sich zwischen dem Strom und der Stadt ausbreitet. Hier zog Mr. Sanford den Zügel an, um seinem Begleiter Gelegenheit zu geben, eine kurze Weile die zurückweichenden Ufer zu betrachten, welche gelegentlich hohe, bis zum Gipfel mit Bäumen besetzte Vorgebirge bilden und dann wieder in anmuthigen Wellenlinien verlaufen. ,, Schön!" flüsterte unser Held. ,, Gewiß," entgegnete Mr. Sanford ,,, obschon ich die Landschaft schon so oft betrachtet habe, daß ich sie eigentlich kaum mehr sehe. Der Zauber einer Gegend kommt mir so ziemlich vor, wie der eines Weibes." ,, Ich verstehe Sie nicht," sagte Richard. ,, Wir hören bald auf, ihn zu schäßen," entgegnete der Andere trocken. ,, Roh," dachte der Jüngling. " Er ist zuletzt doch nur ein Knabe," sagte der erste Buchhalter zu sich selbst; denn er hatte erwar tet, seine Bemerkung werde mit einem herzlichen La chen aufgenommen werden. 167 Ihr Pferd ist wohl ein Araber?" fragte Richard. " Ja." ,, Wie schnell und anmuthig!" ,, So ziemlich wie die Weiber des Landes- auf die Schau." 11 Unsere Rennpferde würden, meine ich, nur we nig Aussicht in Indien haben," entgegnete unser Held, der auf solche Vergleichungen nicht eingehen mochte. ,, Sie sind da im Irrthum," versetzte sein Be gleiter, indem er dem Pferd den Zügel ließ.„ Die Ueberlegenheit der englischen Zucht ist so sehr anerkannt, daß wir sie bei keinem von unsern Wettrennen zulassen; denn gegen sie kann keine andere aufkommen. Sie scheinen ein Pferdeliebhaber zu sein?" ,, ja, sehr." ,, Und verstehen sich auf Pferde?" ,, Nur in so weit, als sie meinem Geschmack entsprechen." ,, Dann will ich Ihnen an die Hand gehen," erwiderte Mr. Sanford ,,, denn Sie müssen natürlich Pferde halten. Mit Ihren Mitteln wäre es lächerlich, wenn Sie einen Palankin miethen oder in einem Buggy ausfahren wollten. Dies paßt nur für jüngere Comptoirgehülfen oder für die Grünschnäbel." ,, Darf ich fragen, was Sie unter Grünschnäbel verstehen?" Wir nennen die neuangekommenen Cadetten so, welche uns dafür den Namen Pfeffersack beilegen. Ich werde mich glücklich schäßen, fügte Mr. San= ford bei ,,, wenn ich Ihnen irgendwie einen Dienst Als Kenner erbiete zu erwiesen im Stande bin. 168 ich mich namentlich, Ihnen beim Einkauf Ihrer Pferde behülflich zu sein; denn nirgends wird man leichter betrogen, als im Roßhandel. Männer, deren Wechsel auf der Börse für eine Million Rupien gut sind, machen sich nichts daraus, in diesem Geschäft den eigenen Bruder über's Ohr zu hauen. Wenn ich Ihnen gut zu Rath bin," fügte er bei ,,, so kaufen Sie nie einem Freund ein Pferd ab; kaufen Sie überhaupt keines, ohne zuvor einen Freund darüber zu hören." ,, Vorausgesetzt, daß er ein Kenner ist," bemerkte sein Begleiter höchlich ergött. ,, Natürlich." ,, Und zufälliger Weise ein wenig mehr Ehrlichkeit besigt, als der Verkäufer." ,, Hem! Ja, allerdings.". Inzwischen hatten die beiden Gentlemen die Wohnung des Kaufmanns, welche unmittelbar dem obersten indischen Gerichtshof gegenüber lag, erreicht, und Mr. Sanford begann zu zweifeln, ob der neue Antömmling wirklich so grün sei, als er vermuthet hatte. Mr. Chutnee fühlte sich nicht ganz behaglich, als er des erwarteten Gastes ansichtig wurde. Er wunderte sich im Geheim, was seinen alten Freund und hochgeschäßten Correspondenten Curry bewogen haben mochte, ihm denselben einfach als einen jungen Menschen anzukündigen; denn ihm kam er als ein Mann vor, wenn auch nicht an Jahren, und er begann bereits die Gastfreundschaft, die er ihm angeboten, zu bereuen. Wir müssen ihm übrigens die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu sagen, daß er 169 den Fremdling herzlich bewillkommte und seinen Kansuma oder Tafeldecker anwies, ihn nach seinem Gemach zu führen, wo bereits ein Bad für ihn hergerichtet war. Beim Lunch wurde unser Held der Dame des Hauses vorgestellt, die nach indischem Brauch erst in den späteren Tagesstunden ihr Privatzimmer verließ. Richard hatte dem Hausherrn nach zu schließen eine matronenhafte Dame im mittleren Alter zu sehen erwartet, und wurde daher nicht wenig durch den Anblick des jungen mädchenhaften Wesens überrascht, das unfern einer Verandah im Sopha zurücklehnte. Ein Hindumädchen, das zu ihren Füßen auf einem Bolster saß, war damit beschäftigt, Blumen zu ordnen, während eine Aiah in der malerischen Tracht ihres Landes zu ihren Häupten stand und mit lang= samer, anmuthiger Bewegung den Federfächer schwenkte. " Zamora," sagte Mr. Chutnee ,,, ich komme, um Ihnen unsern erwarteten Gast vorzustellen." Die Dame bot, ohne ihre Haltung zu verändern, dem Gast ruhig die Hand und hieß ihn mit sanfter, musikalischer Stimme willkommen. Nie war Richard Tyrrells Blicken so viel Liebenswürdigkeit begegnet; sie wurde noch erhöht durch das einfache Mousselingewand, das, etwa mit Ausnahme einer scharlachrothen Blüthenknospe in den über den Busen sich kreuzenden Falten, aller Verzierung entbehrte. Das Antlig der jungen, erst seit drei Monaten verheiratheten Frau war jenes vollkommene Oval, das Raphael so gerne malte, ein Schönheitstypus, den man außer Italien nur selten findet. Der 170 Ausdruckt ihrer Züge erschien in der Ruhe etwas falt, und bei der Gewohnheit der Dame, die Augen halb geschlossen zu halten, würde kaum Jemand die Welt von Leidenschaft und Empfindsamkeit, welche sich unter ihren Lidern barg, geahnt oder in ihren weich gemeiselten Lippen die Energie und Aufopfe= rungsfähigkeit gesucht haben, die noch träumend in ihrem Herzen schlummerten, aber vielleicht eines Tages durch einen Blick, ein Wort geweckt wurden. Wenn sich Zamora's Gesicht belebte, so glich es der Landschaft ihres sonnigen Clima's, so voll war es von Licht und Leben, so reich der Contrast der lachenden Augen und des pechschwarzen Haares, das in üppigen Locken auf die bleiche Wange niederfiel - nicht bleich in der Farbe der Krankheit, sondern von jener reinen, gesunden, geistvollen Blässe, welche die Dichter und Maler so gerne verherrlichen. Eine Eigenschaft und wohl wenige unserer männlichen Leser haben nicht ihren Zauber gefühlt besaß die Dame in höchster Vollkommenheit. Ihre Stimme war immer sanft und weich, sanft wie der Gesang des Vogels, der um das scheue Weibchen wirbt, oder wie das Gemurmel der Waldtaube ihren ungefiederten Jungen gegenüber. ,, Und was denken Sie von Indien?" fragte sie. Ich habe kaum Zeit gehabt, die Eindrücke zu analysiren;" versetzte der junge Mann. ,, Alles ist für mich noch so neu, so fremd." ,, Sie analysiren?" wiederholte die Dame, einen besondern Nachdruck auf das letztere Wort le= gend;„ das sieht euch Männern gleich. Warum analysiren? Alle angenehmen Gefühle sind kurz 171 dauernd, wie diese armen Blumen. und ihr Reiz ist dahin." Zerpflücke sie, ,, Der Duft der Blüthe währt nur eine Stunde," bemerkte Richard bescheiden. ,, Nun?" Die Augen der Sprecherin hefteten sich zum ersten Mal auf ihn und entsandten ihm einen Strom von Licht, der zündend auf seine Phantasie wirkte. Ich verlange von dem Angenehmen, daß es etwas zurücklasse, bet dem das Herz verweilen kann." Ein sanftes, musikalisches Lachen, fröhlich wie das eines verwöhnten Kindes, brach von den Lippen der schönen Zamora, ohne daß etwas Spottendes darin gelegen hätte. ,, Das Herz?" wiederholte sie. Was wissen die Männer von Herzen? Diese selbstsüchtigen Geschöpfe!" ,, Das sind hoffentlich nicht alle." ,, Alle," entgegnete die Dame mit Nachdruck. Der Kaufmann unterbrach jetzt das Gespräch mit der Bemerkung, daß Mr. Tyrrell Briefe zu übergeben habe, unter andern einen an Seine Ercellenz, den General- Gouverneur, und deutete damit an, daß es Zeit sei, sich zu verabschieden. Wahrscheinlich fand der sechzigjährige Ehemann keinen Gefallen an einer Erörterung über Herzen. ,, Briefe?" sagte seine Gattin, ungeduldig mit ihrer kleinen Hand abwehrend. Ja, ich verstehe -Feßen Papiere, auf denen Gimpel Eins irgend ein unglückliches Opfer den freundlichen Diensten Gimpels Zwei empfiehlt. Aber es freut mich, daß Sie ein Empfehlungsschreiben an den Gouverneur haben," fügte sie gegen unseren Helden bei. 172 ,, Schicken Sie es hin." ,, Verträgt sich dies mit dem Respect?" ,, Recht wohl; und was noch besser, es ist viel bequemer. Ich weiß, wie es bei dergleichen Dingen hergeht. Sie werden eine Einladung zu einem lang= weiligen Diner und zu einem angenehmen Ball erhalten. Beiläufig, einer ist am zehnten. Es wird mich freuen, Sie mit den Schönheiten von Calcutta bekannt machen zu können." ,, Ich glaubte, Sie hätten sich dafür entschieden, nicht zu gehen," bemerkte Mr. Chutnee. ,, Habe ich?" fragte Zamora nachlässig. ,, Gewiß." ,, Dann bin ich anderen Sinnes geworden," versette die verhätschelte Schöne. Jch höre von Lady Bell Fourreau, daß er der glänzendste der Saison sein werde." Ich meinte, der Glanz sei Ihnen zuwider?" ,, So ist's auch," verseßte die Gattin, sich im Zimmer umsehend: ,, er kostet so viel." Der Eheherr biß sich schweigend auf die Lippen. In diesem Augenblick trat ein Diener ein, um seinem Herrn zu melden, daß Besuche, darunter Sir Charles Fourreau, angekommen seien. ,, Ich werde sie wohl empfangen müssen." ,, Natürlich müssen Sie dies," versetzte Zamora. ,, Wahrscheinlich hat mir Sir Charles etwas von Lady Bell oder von Lillian auszurichten." Dies waren unserem Helden völlig unbekannte Namen. ,, Gehen Sie," fuhr die schöne Sprecherin fort und setzte, weil sie fürchtete, ihrem Gatten wehgethan 173 scherzzu haben, dessen größter Fehler darin bestand, daß er sie thörichter Weise nur all zusehr liebte haft bei: ,, und nehmen Sie Mr. Tyrrell mit." " Mr. Chutnee's Gesicht tlärte sich im Nu auf. ,, Man muß die gute Gelegenheit benüßen, ihn mit Sir Charles bekannt zu machen," sagte die Gebieterin des Hauses. Sie werden, Sie müssen ihn liebgewinnen, den prächtigen Militär, und es nimmt mich nicht Wunder, daß seine Gattin ihn der Schaar von Stutzern vorgezogen hat, welche sie mit ihrer Bewunderung quälten." Ihr Gatte meinte, sie habe nie so verständig gesprochen oder so liebenswürdig ausgesehen seit dem Tag, an welchem sie die Seinige geworden war. Unser Held berührte nochmal die ihm hingebotene zarte Hand und folgte seinem Wirth nach dem Salon, wo sie von Sir Charles und den andern Besuchen erwartet wurden. Mr. Chutnee war nämlich wegen seines Reichthums und seiner hohen Stellung in der Handelswelt sehr geachtet und empfing die beste Gesellschaft von Calcutta, obschon er nur ein Pfeffersack war. Zweinndvierzigstes Kapitel. ,, Sie haben jetzt meine Frau kennen gelernt," bemerkte der Kaufmann gegen seinen Gast, als sie mit einander das Zimmer verließen ,,, und scheinen Aussicht zu haben, sehr bei ihr in Gunst zu kommen." ,, Sie ist sehr gütig," versezte Richard. 174 ,, Und schön!" bemerkte der eifersüchtige Ehemann, seine Augen unruhig auf den Jüngling heftend. Sehr schön," rief Richard. In der That die lieblichste Dame, die mir je begegnet ist." Dann fügte er, über die kundgegebene Wärme erröthend, bei:„ Ich hätte mir vielleicht nicht erlauben sollen, eine solche Bemerkung zu machen." ,, Warum nicht?" fragte sein Wirth mit einer erkünstelten Heiterkeit, von der sein Innerstes nichts wußte. ,, Es könnte anmaßend erscheinen-" ,, Bescheidenheit oder Schlauheit, welches von beiden?" fragte sich innerlich Mr. Chutnee. " Ich bin doch fast noch ein Knabe," fügte der Sprecher bei. Diese Bemerkung verscheuchte für den Augenblick den ungünstigen Eindruck, und der Kaufmann begann zu vermuthen, daß der Mündel seines alten Freun des, des Correspondenten, sich kaum als einen sehr gefährlichen Hausinsassen erweisen dürfte, namentlich wenn er des weiblichen Taktes gedachte, mit welchem Zamora seinen Wünschen zuvorgekommen war und es vermieden hatte, mit dem neuen Ankömmling allein zu bleiben. Man schildert die Eifersucht gewöhnlich als luchsäugig. Sollte man sie nicht lieber als blind malen, da sie Träume für Wirklichkeit und den sonnenhellen Tag für Nacht nimmt? Die Gäste, welche aus dem Obersten, dem Major Plinlimmon und dem Capitän Dawlish bestanden, begrüßten unsern Helden mit ächt englischer Herzlichkeit. Nur Dawlish benahm sich zurückhaltend und 175 machte eine etwas steife Verbeugung, da er von seiner Freundschaft mit Wharton gehört hatte. , Ein junger Offizier, der kürzlich zu meinem Regiment gekommen ist," bemerkte Sir Charles, als er Richard mit Wärme die Hand drückte, spricht ganz begeistert von Ihnen, und ich hoffe das Vergnügen zu haben, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen." Major Plinlimmon, auf den das männliche Aussehen und das ungefünstelte Benehmen des neuen Ankömmlings einen guten Eindruck machte, lud ihn ein, am nächsten Tag ihren Offizierstisch zu theilen. ,, Es ist Schade, daß Sie nicht zum Dienst gehören," bemerkte Dawlish, welcher fühlte, daß er doch auch etwas sagen mußte. " Ja, wohl Schade," wiederholte der Major, die gutgebaute Gestalt und die breite Schulter des Jünglings wohlgefällig betrachtend. ,, Warum dies, Major?" , Es würde Ihnen das Haus des Gouverneurs geöffnet haben," versezte Dawlish, in einem so fein hochmüthigen Tone, daß die Anmaßung zwar fühlbar wurde, aber noch nicht geahndet werden konnte. ,, Mr. Tyrrell wird Seiner Excellenz Thüre nicht verschlossen finden, obschon er ein Civilist ist," sagte Mr. Chutnee, der Dawlish von Herzen verabscheute. ,, Wirklich?" ,, Mein junger Freund hat ausgezeichnete Empfehlungsschreiben mitgebracht." ,, Deren Werth natürlich Niemand besser beurtheilen kann, als Sie," versette Dawlish. ,, Es gibt nicht lauter Handelsschreiben," fuhr 176 der Kaufmann fort. Ich kenne Manchen, der sich glücklich schäßen würde, nach dreißigjähriger Dienstzeit mit nur halb so viel Einkommen aus Indien heimzukehren, als unser junger Freund schon im Beginn seiner Laufbahn zu verbrauchen hat. Seine Empfehlungen an den Genenal- Gouverneur rühren von dem Obercommandeur und dem Präsidenten der Compagnie her." Der Capitän biß sich auf die Lippen und begann bei sich zu erwägen, ob es nicht der Mühe werth sein dürfte, die Bekanntschaft unsers Helden zu cultiviren. Die Besuche verabschiedeten sich jetzt. " Ich brauche nicht zu fragen, welchen Eindruck die neuen Bekanntschaften auf Sie gemacht haben," bemerkte Mr. Chutnee, denn ich kann es auf Ihrem Gesicht lesen. Sir Charles gefällt Ihnen wohl?" ,, Er erscheint mir als das Musterbild eines englischen Gentleman," versetzte unser Held. ,, Und der Major?" ,, Als ein gutherziger Brausekopf." " 1 ,, Sie wissen sich schnell in Charaktere zu finden," sagte sein Wirth. Dann haben wir den Dritten." ,, Ueber diesen möcht ich mit meiner Ansicht noch an mich halten," entgegnete Richard gedankenvoll ein Beweis, daß sie nicht eben die günstigste war. Dawlish hatte mit einer gewissen Unruhe den Bruder von Alfred Wharton bei seinem Regiment eintreffen sehen und beobachtete ihn mehrere Tage auf's Sorgfältigste. Aber nichts konnte anspruchsloser sein, als das Benehmen des neuen Ankömmlings, und wenn der Dienst die Beiden gelegentlich 177 zusammenführte, so stand zwar Friß mit kalter Höflichkeit Rede, aber damit hatte der Verkehr ein Ende. Kein Wort, kein Blick von Seiten des überlebenden Bruders deutete auch nur entfernt auf die Vergangenheit. Ein undurchdringlicher Schleier schien seine Gefühle, die Erinnerung an die begangene schändliche That, welche an seinem Herzen zehrte, zu verhüllen. Dem Tyrannen seiner Schultage wäre es lieber gewesen, er hätte mehr Ungeduld kund gegegeben, in seiner Gegenwart sich unruhiger gezeigt und weniger Behutsamkeit in seinen Reden beobachtet. Die studirte Unzulänglichkeit seines früheren Opfers verdroß ihn. Zur Hölle mit ihm," murmelte er wiederholt vor sich hin. Seine Anwesenheit wird die alte Geschichte wieder aufwärmen und mir hundert Widerwärtigkeiten bereiten. Wenn er sich nur einmal frei und offen ausspräche, so wüßte ich doch, wie ich mit ihm daran wäre." Aber Frizz Wharton hielt absichtlich an sich, um seinen langgehegten Plan, den Tod seines Bruders zu rächen, zu vereiteln. Die Offiziere des Regiments würden die Sache für Knabenhändel, für einen unglücklichen Zufall erklärt und seinem früheren Unterbrücker Befugniß zugesprochen haben, einen Zweikampf auf eine solche Grundlage hin abzulehnen. Es war daher nothwendig, einen anderen Streitanlaß zu finden, in welchem sein eigenes Benehmen so unanfechtbar erschien, daß kein Vorwand den Mann, welcher in seinen Augen nichts viel besseres als ein Meuchelmörder war, schirmen konnte. Smith, Ebbe u. Fluth. III. 12 178 Dawlish begann endlich Whartons vorsichtiges Benehmen für Feigheit zu halten und gewann in dieser Voraussetzung seine Zuversichtlichkeit wieder. ,, Der Bursche hat gehört, daß ich einer der besten Schüßen im Regiment bin," folgerte er, und deßhalb sich weislich dafür entschieden, sich nicht durch eine Anspielung auf die Geschichte bloßzustellen. Ich brauche nicht weiter daran zu denken." Dies war jedoch leichter gesagt als gethan. Die ,, Geschichte,"" wie er sie herzlos nannte, wollte sich nicht vergessen lassen, sondern spuckte in seinen Träumen und unterdrückte nicht selten auch in wachen Stunden die Scherzreden, die auf seinen Lippen schwebten, namentlich wenn er bemerkte, daß Whartons ruhige, gedankenvolle Blicke auf ihn geheftet waren. Sie erinnerten ihn an die seines Bruders. Ungefähr eine Woche nach seiner Ankunft war Richard zu einem Besuch am Offizierstisch des tapferen Olsten eingeladen worden. Nach der Tafel machte einer der Offiziere den Vorschlag, in die Reitschule zu gehen, um daselbst Geschicklichkeitsproben im Scheibenschießen abzulegen. Dies war für Dawlish ein höchst erwünschter Anlaß, seine Fertigfeit zu zeigen und Friß einzuschüchtern, weßhalb er auch den Vorschlag eifrig unterstüßte. Man ging darauf ein, und der Major, der eine Freude an allen militärischen Uebungen hatte, be= gleitete die Gesellschaft. Die Scheibe war bald aufgestellt, und Mr. Plinlimmon machte den Anfang mit einem guten Schuß, der ihn äußerst heiter stimmte. Dann griff Dawlish ein Packet Karten auf, nahm ૧- n e e 1 t 179 das Herz Aß heraus und ließ es durch einen Soldaten in der Mitte der Scheibe befestigen. ,, Das werden Sie nicht treffen," bemerkte einer der Offiziere. Die Entfernung betrug dreißig Schritte. ,, Meinen Sie," verseßte der ruhmredige Schüße, während er langsam das Pistol erhob und dann Feuer gab. Ein unwillkürlicher Ausruf der Bewunderung entschlüpfte den Lippen Aller mit Ausnahme der beiden Freunde. Die Kugel hatte mitten in das Herz eingeschlagen. " ,, Gut getroffen, beim Zeus," rief der Major. Dawlish blickte mit triumphirender Miene umher, bis sein Auge dem von Friz Wharton begeg nete. Konnte er seinen Sinnen trauen? Wahrhaftig, ein Lächeln schwebte auf den Lippen- ein Lä cheln, das ihm bis in's Mark schnitt. - ,, Vielleicht," sagte er, auf eine ausgesucht gearbeitete Waffe, den Kameraden zu der ebenbenüßten, deutend, erweist uns Mr. Wharton den Gefallen, uns eine Probe seiner Geschicklichkeit zu zeigen." ,, Recht gerne," erwiderte der Jüngling, einen Revolver aufnehmend, wenn Sie es wünschen." ,, Nicht diesen," riefen mehrere der Offiziere. ,, Damit werden Sie das Ziel nie treffen." ,, Er wird schon recht für mich sein," lautete die Antwort. Der Sprecher feuerte sechsmal rasch auf einander. Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, erscholl ein allgemeines Gelächter. Die Karte zeigte nur eine einzige Kugelmarke. 12* 180 Mein lieber Junge," bemerkte Major Plinlimmon, ,, so schießt man nicht. Sie müssen Dawlish bitten, Ihnen Unterricht zu ertheilen." Der geschmeichelte Duellant verbeugte sich spöttisch, als wolle er dem Schüßen seine Bereitwilligfeit dazu ausdrücken. ,, Von ihm Unterricht zu nehmen, wollen Sie sagen," rief der älteste Capitain von der anderen Seite der Reitschule her., So etwas habe ich in meinem Leben nicht gesehen!" Mit größtem Staunen vernahmen jetzt die Anwesenden, daß jede von Whartons Kugeln die von Dawlish abgeschossene getroffen, somit also jedesmal in denselben Schußkanal eingeschlagen hatte. Dies schien so außerordentlich, daß Niemand daran glauben wollte, bis eine nähere Untersuchung die Richtigkeit der Aufgabe bestätigte. Der Major nahm Frizz bei der Hand und drückte sie mit Wärme, indem er ihm erklärte, daß er dem Regiment Ehre mache. ,, Sie müssen sich von Kindheit an geübt haben," sagte er. " Im Gegentheil," versezte der junge Mann. ,, Noch vor vier Jahren hatte ich nie einen Drücker berührt." Dawlish wurde ungemein blaß. Gerade vier Jahre waren seit Alfreds Tode verflossen, und er begann zu argwöhnen, daß er sich in dem Charakter des Sprechers geirrt habe. Von diesem Tag an beschloß er, doppelt gegen ihn auf der Hut zu sein. ,, Es waren in der That wundervolle Schüsse," " 181 sagte er. Mr. Wharton hat augenscheinlich meinen Unterricht nicht nöthig." ,, Es fömmt mir auch so vor," bemerkte der Major. Die Reihe der spöttischen Verbeugungen tam jezt an Friz. Bald nachher verließen die Offiziere die Reitschule, die jungen Männer in gedankenlosem Gelächter und Geplauder über die Unterhaltung des Morgens, die älteren mit ernsten Mienen; denn sie begannen zu ahnen, daß die Scene, welche vor ihnen spielte, einen ernsteren Sinn habe, zu welchem sie natürlich den Schlüssel suchten. In Richard faßte diese Vermuthung tiefere Wurzel, als bei irgend einem anderen der Zuschauer; aber er enthielt sich, eine Bemerkung darüber zu machen, bis er das Quartier seines Freundes erreicht hatte. ,, Es freut mich, daß Sie diesem Burschen Dawlish seinen Dünkel benommen haben," sagte er, nachdem der Burdar das Hutah vor ihnen aufgestellt hatte. Frizz antwortete mit einem matten Lächeln. " Ich möchte keine Händel mit Ihnen kriegen," fuhr unser Held fort. ,, Bei Ihnen hätte es keine Gefahr." Wie so?" Weil es nur einen Menschen in der Welt gibt, gegen den ich Anlaß finden könnte, von meiner mit so großem Zeitaufwand errungenen Geschicklichkeit Gebrauch zu machen," versetzte sein Freund. ,, Und dieses ist, wie ich vermuthe, Dawlish." Wharton gab teine Antwort. " Ich kann dies nicht begreifen," rief Richard, auf welchen dieses Schweigen einen schmerzlichen 182 Eindruck machte, ,, und ich muß meine Gedanken aussprechen auf die Gefahr hin, Ihre Freundschaft zu verscherzen. Sie haben sich doch nicht diese entsetzliche Fertigkeit in der Absicht angeeignet, einander Nein, nein, verzeihen Sie mir, wenn ich auch nur in Gedanken Ihnen Unrecht that." - ,, und in welcher Absicht hat wohl Ihrer Meinung nach Dawlish sich seine Geschicklichkeit erwor ben?" fragte Friz Wharton ruhig. " Seine Beweggründe können die Ihrigen nicht rechtfertigen," erwiderte unser Held. Friß, Ihr besseres Urtheil ist in einem unseligen Wahn befangen. In Ihrem Vorhaben liegt etwas so Schreckliches und Empörendes, daß Sie, ich bin überzeugt davon, nach reiferer Erwägung es aufgeben müssen. Hat er Ihnen Unrecht gethan, so überlassen Sie es jener Zukunft, der wir Alle verantwortlich sind. Warum wollen Sie Ihre Jugend mit Gewissensbissen belasten oder den Adel Ihres Herzens mit einem Verbrechen beflecken?" „ Ich habe noch nie einen Streit mit ihm ge= sucht," nahm der junge Soldat in tiefer Erregung wieder auf; aber ich bin darauf vorbereitet." Mit der Fertigkeit des Mörders," entgegnete sein Freund vorwurfsvoll. Wharton sprang von seinem Size auf und schritt in großer Aufregung durch das Zimmer. Ein fürchterlicher Kampf fand in seinem Innern Statt. ,, Sie wissen nicht, wie schwer ich gereizt wurde," versetzte er mit dumpfer Stimme, welche unheilbare Wunde mir dieser herzlose Mensch geschlagen hat. Ich hatte einen Bruder einen edlen, der - 183 höchsten Aufopferung fähigen Bruder. Dawlish mordete ihn." Mordete ihn?" wiederholte sein Zuhörer entsetzt. " Er tödtete ihn, weil er mich vertheidigte." " So überantworten Sie ihn der Gerechtigkeit." " Gerechtigkeit!" unterbrach ihn der aufgeregte Glauben Sie, es sei junge Mann leidenschaftlich. - - erlassen Sie er starb und Dawlish ein eine jener rohen, brutalen Handlungen gewesen, welche den Thäter in den Bereich der Geseze bringen? Nein, sie borten sich in der Schule. Alfred hatte Anlage zur Schwindsucht und mir die erschütternden Einzelnheiten ließ mich allein auf der Welt. Hätte Bedauern ausgedrückt über die That hätte er gefühlt, wie er sollte, wie jedes menschliche Wesen gefühlt haben würde, so hätte ich ja, ich glaube, ich hätte ihm vergeben können. Alfred that es, eh' er starb. I' " 1 - 11- Von diesem Tag an," fuhr der aufgeregte Jüng ling fort, begann ich auf die Erwerbung der Geschicklichkeit hinzuarbeiten, die Sie mir zum Vorwurf machen. Anfangs fühlte ich mich glücklich in dem Gedanken, dem Mörder vergelten zu können" ,, Und damit selbst zum Mörder zu werden, wie er." 11 Sie haben recht; es würde ein Mord sein," feuchte Wharton." Thor, der ich bin! Die Mittel, durch welche ich mir Vergeltung sichern wollte, haben mir die Möglichkeit, sie zu üben, genommen, da mein Feind nicht dieselbe Aussicht für sein Leben hätte. Ich versuchte mein Herz dieser Ueberzeugung zu ver schließen, aber vergeblich. Das Gewissen flüstert sie mir ohne Unterlaß zu und die Vernunft bestätigt sie." 184 ,, So geben Sie also Ihre Absicht auf?" sagte Richard, ihn bei der Hand nehmend. Gewiß, Sie thun es; denn ein Herz, wie das Ihrige, ist zu keinem Verbrechen geschaffen." " Ja," antwortete der Jüngling feierlich, und die talten Tropfen, die auf seiner Stirne hervortraten, legten Zeugniß ab von dem Kampfe, welchen der Entschluß ihn kostete; ,, wenn ich nicht durch ein so verlegendes Benehmen gereizt werde, daß ich auch in Ihrer Meinung gerechtfertigt erscheine, so ist Dawlish's Leben sicher." ,, Dem Himmel sei Dant," rief unser Held, daß die Vernunft den Sieg über die Leidenschaft davon getragen hat. Glauben Sie mir, ich fühle die wärmste Theilnahme für Alles, was Sie erlitten haben." " ,, Loben Sie mich nicht," murmelte Frig Wharton. ,, Dies ziemt mir nicht," versetzte sein Freund; sondern Ihrem guten Engel, welcher Zeuge des Kampfes war, steht das Recht zu, die Siegeshymne anzustimmen." Obgleich es, um bei Sanford allen Argwohn zu vermeiden, ausgemacht worden war, daß unser Held und Lieutenant Marsh öffentlich blos als Bekannte auftreten sollten, fanden sie sich doch regelmäßig zu sammen, um die verschiedenen nöthigen Schritte zu besprechen. Dies geschah vielleicht bei einem Ritt an den Ufern des Hooghli, oder im Klub, oder wenn sie sich in den Salons ihrer gemeinschaftlichen Freunde begegneten. Am Abend nach dem vorhin geschilderten Auftritte traf Richard, vorausgängiger Besprechung gemäß, auf einem Ausritt mit seinem Mentor an dem 185 Gat oder Landungsplatz zusammen, welcher unmittelbar einem verfallenen Tempel der Göttin Siwa gegenüber lag. Die Sonne ging in einer Fluth goldenen Lichtes hinter der Ruine unter, deren langer Schatten bis zu der an's Wasser hinüberführenden Marmortreppe reichte. Beide zogen zu gleicher Zeit ihre Zügel an und betrachteten mehrere Minuten die Landschaft, deren Baumschlag mit dem Niedergehen des feurigen Balles immer tiefere und reichere Tinten zeigte. " Haben Sie mir etwas mitzutheilen, Richard?" fragte der ehemalige Dragoner, nachdem er sich umgesehen hatte, um sich zu überzeugen, daß sie allein seien. Leider nein." ,, Und doch arbeiten Sie regelmäßig in Mr. Chutnee's Comptoir?" Es vergeht kein Tag, ohne daß ich mehrere Stunden dort zubringe," verseßte der junge Mann; ,, aber ich habe noch nichts entdeckt, was mir als Leitfaden hätte dienen können." Der Lieutenant machte eine verdrießliche Miene. , Sie halten mich doch nicht für gleichgültig?" fragte Richard. " - ,, Eben so gut fönnte ich Sie im Verdacht eines Verbrechens haben, mein theurer junger Freund," antwortete Mr. Marsh. Wenn ich unzufrieden und ungeduldig aussehe und ich muß gestehen, daß mein Aeußeres dann nur der Ausdruck meiner Gefühle ist so liegt der Grund in dem Zustande, in welchem ich dieses prächtige, aber seit langer Zeit schlecht regierte Land finde." - 186 Ich verstehe Sie nicht." 〃 " Indien steht eine Erschütterung bevor," fuhr der Soldat fort. Ein Sturm droht darüber hereinzubrechen, gegen welchen die Verheerungen des Samum nur wie das Wehen eines Frühlingslüftchens erscheinen. Die Regenten werden zwar täglich, ja fast stündlich gewarnt, aber doch wollen sie mit offenen Augen nicht sehen, oder verharren in leichtgläubiger Unthätigkeit. Sie bezweifeln meine Worte und lächeln über meine Prophezeihung," fügte er bei; ,, aber ich bin nicht der Erste, welcher die Rolle der Kassandra spielt. Gebe Gott, daß Ihr Geschäft zu Ende sein wird, ehe das Unwetter losbricht. - ,, Sie müssen sich mit Sanford bekannter machen," fuhr der Rathgeber fort, mehr, als Sie bisher Lust gehabt zu haben scheinen und auf seinen Vorschlag, das von ihm empfohlene Haus zu miethen, eingehen. Dies wird Sie mit dem Eigenthümer desselben, Al Murad, in Berührung bringen." ,, Recht gern," entgegnete Richard ,,, wenn Sie es mir rathen; aber ich sehe nicht ein, was mich ein Verkehr mit dem Hindutaufmann nüßen soll." - ,, Wenn eine Schurkerei vorgefallen ist, so besitt er den Schlüssel dazu," bemerkte Marsh. Ich habe natürlich mit aller Vorsicht- Erkundigungen über seinen Charakter eingezogen. Er ist, wie die meisten seiner Landsleute, ungemein habsüchtig und nur in so weit ehrlich, als das Gesetz ihn dazu zwingt. Kurz, er gehört unter die Blutegel, welche über die Unvorsichtigen und Unerfahrenen herfallen, die frisch im Lande ankommen. Mancher, dessen Haupt schon weiß geworden ist vom Alter und vom Dienst, muß 187 noch immer Strafe dafür zahlen, daß er Al Murads uneigennützigen Anerbietungen Vertrauen geschenkt hat." " ,, Ein solcher Mann ist wohl jeden Verbrechens fähig," bemerkte unser Held. " Mit den Winken, die ich Ihnen an die Hand gegeben habe, brauchen Sie ihn nicht zu fürchten," versetzte der Lieutenant. Bei dem Wort ,, fürchten" trat eine Gluth auf das Antlig seines Schüßlings. - ,, Verstehen Sie mich recht," fuhr der Sprecher fort ,,, ich meine jene Furcht, die ein ehrenhafter, reiner Sinn wohl fühlen darf, wenn er in Berührung kommt mit dem Geiz, der Selbstsucht und dem Laster den ahnungsvollen Abscheu, durch welchen die Tugend ihr Bild in den jugendlichen Herzen schützt. Doch jetzt wollen wir wieder nach Calcutta zurückkehren. Der Unterhaltungsgegenstand war kein angenehmer, und es ist Zeit, auf einen anderen überzugehen." Was kann die Macht Englands brechen?" fragte Tyrrell mit Beziehung auf die früheren Bemerkungen seines Freundes. Gewiß nicht der schwache, meibische Asiate. In einem Kampf würde er sich als Blei gegen Stahl erweisen." 11 Sie vergessen," bemerkte sein Freund, daß auch Blei zu einer furchtbaren Waffe wird, wenn es geschmolzen ist. Ich sprach übrigens, nur von Erschüttern, nicht von Brechen; denn ich habe noch immer ein gutes Vertrauen zu der sächsischen Race. Nicht das Ende, sondern die Leiden der Durchgangs 188 periode fürchte ich. Mir ist das Glück günstiger gewesen, als Ihnen." , Sie entdeckten ,, Einen Faden, ein Haar, denn ich wage kaum, es eine Leitschnur zu nennen," unterbrach ihn der Lieutenant. Vor unserer Abreise aus England theilte mir Ihr Großvater mit, daß die von seinem Haus in London erwarteten Papiere durch die indische Firma Mus, Hafis und Murad negociirt worden seien." " Ja." " Haben Sie in den Geschäftsbüchern von Chutnee und Compagnie diese Namen nicht gefunden?" " Nein." " Und Sie haben sich sorgfältig umgesehen?" " Auf's Sorgfältigste." ,, Von den drei Associé's, welche das Geschäft betrieben, ist nur noch einer am Leben, der Jüngere, Al Murad, und dieser steht auf sehr vertrautem Fuße zu Sanford." ,, Und das Haus dieses Kerls hat er mich zu miethen gequält!" rief Tyrrell. ,, Ich habe es übrigens noch gar nicht gesehen, und da, wo ich bin, gefällt es mir gut genug." ,, Ohne Zweifel," verseßte der Soldat trocken, ,, aber darum handelt sich's nicht. Der Rath, den ich Ihnen zu ertheilen habe, fordert buchstäblich Nachachtung, obschon ich mich nur höchst ungern dafür entscheiden konnte. Er wird Ihnen nicht zusagen, aber dem eisernen Joch der Nothwendigkeit müssen wir uns Alle unterwerfen." 189 ,, Was von Ihnen kömmt, mein theurer Sir, werde ich zu schäßen wissen." ,, Sie müssen Al Murad's Bekanntschaft machen und ihn auf's Sorgfältigste beobachten." ,, Es soll geschehen," erwiderte unser Held mit einem Seufzer. Dreiundvierzigstes Kapitel. Wie Mrs. Chutnee vorausgesehen hatte, erhielt unser Held nach Ueberlieferung seines Empfehlungsschreibens eine Einladung zu dem Ball des Generalgouverneurs. Es war sein erstes Auftreten in der Gesellschaft, welche er nicht glänzender hätte wünschen können. Ob sie auch die beste war, müssen wir dahin gestellt sein lassen; denn leider ist in Indien die Schule der Moral etwas mehr als frei- ein Vorwurf, welcher beide Geschlechter gleich trifft, obschon er keine allgemeine Anwendung findet. Viele von Englands Töchtern bewahren auch in diesem Treibhaus der Ueppigkeit und Sinnlichkeit ihren einfachen Charakter und die Tugenden, durch welche sie in der Heimat den häuslichen Herd beglücken. - - Es gab zwei Personen, welche seinen Eintritt in den höchsten Cirkel von Calcutta sehr ungern sahen, Sanford und Dawlish der erstere aus Eifersucht, weil es ihm noch nicht gelungen war, die Schranke der Kaste zu durchbrechen, die nicht blos eine Eigenthümlichkeit der Hindus ist, der andere aus einer Art von Widerwillen, welchen er gegen den jungen Fremden gefaßt hatte. Ein weiterer noch stärkerer 190 Grund, warum Dawlish eine Abneigung gegen ihn hegte, war seine Freundschaft zu Friz Wharton. Was Mr. Chutnee betrifft, so war er noch nicht mit sich einig, in welchem Licht er seinen Gast be= trachten sollte. Wenn der Mündel seines geachteten Correspondenten in der Gesellschaft Glück machte, so fürchtete er ernstliche Gefahr, und im entgegengesetzten Fall blieb ihm zu viele freie Zeit, während welcher er ihn in seinem Hause haben mußte; das Leztere aber hätte er besonders gerne vermieden. Die schöne Zamora war die einzige Person, welche der Heiterkeit des Anlasses einen reinen Geschmack abgewann. Sie fühlte bereits ein lebhaftes Interesse für Richard Tyrrell. Sein Benehmen war so anspruchslos, so ganz verschieden von der eitlen Selbstgefälligkeit der Stuter in Uniform, und seine Unterhaltung frei von den übertriebenen Complimenten, mit wel: chen die jungen Offiziere fast ohne Ausnahme sich ihr näherten. Wir möchten indeß nicht mißverstanden werden. Es war blos die Theilnahme, welche etwa eine Schwester für ihren Bruder empfindet die Sympathie der Gleichheit des Alters und des Geschmacks, ein Interesse frei von Leidenschaft, die nur zu oft der Freundschaft zwischen verschiedenen Geschlechtern sich beimischt und wie die Schlange des Paradieses unter den schönsten Blumen verborgen liegt. - In der Einfachheit und Reinheit ihres Herzens hatte sie eine Freude an den Eindrücken, welche er beim ersten Bekanntwerden mit der Welt empfing, und es gewährte ihr einen Genuß, ihm behülflich zu n t n 0 f e 191 sein bei Bildung seiner Ansichten, sie zu leiten und vielleicht auch sein Vertrauen zu theilen. " Ich muß Sie mit Lady Bell und mit Lillian bekannt machen," rief sie, als die Einladung zu dem Balle eintraf. ,, Darf ich fragen, wer Lady Bell ist?" fragte unser Held. ,, Das lieblichste Wesen von der Welt," antwor tete die junge Frau, und eben so gut als schön. Sie wird von Jedermann geliebt und ist die gefeiertſte Dame von Calcutta, mit der keine andere die Vergleichung aushält." Sie müssen mir erlauben, diese Behauptung in Zweifel zu ziehen," versezte der Jüngling mit einer Offenheit, ob welcher Mr. Chutnee höchst unruhig wurde, denn er bemerkte, daß bei dem beabsichtigten Compliment seine Gattin leicht erröthete. Er hatte dies früher bei weit entschiedeneren Artigkeiten, die ihr gesagt wurden, nie wahrgenommen. Es war allerdings für sie durchaus kein Grund vorhanden, zu erröthen, denn der Sprecher hatte die Bemerkung nur als eine nüchterne Wahrheit hingeworfen. Die Anmuth der Dame konnte ihm nicht entgehen, und er bewunderte sie, wie er etwa sein Wolgefallen an einem Edelstein oder an einer Blume ausgedrückt haben würde; aber das Bewußtsein, daß sie verehelicht war, ließ in seinem Innern kein wärmeres Gefühl aufkommen. ,, Sie haben Lady Bell geschildert," bemerkte der Gatte, welcher dem Gespräch eine andere Wendung zu geben wünschte, aber nicht gesagt, wer sie ist." " Daran sind Sie Schuld, Herbert," antwortete 192 die Hausfrau;„ Sie lassen mich immer so unbedacht fortmachen. Die Lady ist die Tochter des Grafen von Clayton und die Gemahlin des Sir Charles Fourreau, Commandeurs vom 01ſten. Des prächtigen Offiziers, dem mich Mr. Chutnee bereits vorgestellt hat?" ,, Desselben," verseßte der Kaufmann. " ,, Er hat keine Kinder. Die Lady adoptirte deßhalb ein sehr liebenswürdiges Mädchen, das unter eigenthümlichen Verhältnissen ihrem Schutz anheimfiel und von ihr wie ein eigenes Kind behandelt wird." „ Die Leute sagen, daß Lillian die Tochter ihres Gatten sei," bemerkte der Kaufmann. 11 " 1 , Lächerlich!" rief die Dame. Warum dies, meine Liebe?" Wenn es so wäre, könnte Lady Bell ihn nicht in solchem Grade achten und lieben." Mr. Chutnee war sehr erbaut von dem Glauben seiner Frau an die aufrichtige Liebe einer jungen und schönen Dame zu einem viel älteren Gatten. Sie können sich nicht vorstellen," fuhr die Sprecherin fort ,,, welches vollkommene Vertrauen zwischen beiden besteht. Um ihres Ranges, ihrer Liebenswürdigkeit und ihres Geistes willen ist ihre Gesellschaft allgemein gesucht. Wenn Sie ein Zimmer betreten, in welchem Lady Bell sich befindet, werden Sie stets die ausgezeichnetsten Männer um sie versammelt finden, welche auf ihre Worte lauschen und sich in den Strahlen ihrer Anmuth sonnen. Und fömmt Sir Charles dazu, so grüßt er sie mit einem heiteren Lächeln, winkt ihr vielleicht und geht weiter. Da ist kein Zwang, keine Eifersucht." 193 Ein erfahrenerer Zuhörer, als Richard war, würde ohne Zweifel den Nachdruck bemerkt haben, den sie auf die letzteren Worte legte; aber die Eifersuchtslosigkeit des Obersten erschien ihm nur als die natürliche Folge seines ehelichen Verhältnisses. Er fonnte wohl die Eifersucht eines Liebhabers, nicht aber die eines verheiratheten Mannes begreifen. " ,, Und ist Lillian so ungemein schön?" fragte er. " Oh ja," antwortete Zamora. Allerdings bescheiden und eingezogen, nicht die hinreißende Anmuth ihrer Beschüßerin, aber eine ruhige Liebenswürdigkeit, die sich in's Herz einstiehlt. Sie müssen das Jhrige in Acht nehmen," fuhr sie lachend fort, denn ich habe bereits Lady Bell geschrieben, daß ich ihren Pflegling zum ersten Tanz mit Ihnen engagirt haben wolle." " Ist dies Schlauheit oder Gleichgültigkeit?" dachte Mr. Chutnee. " Ich habe mir von einer anderen Tänzerin die Ehre in Aussicht genommen von Ihnen," entgeg= nete Richard. " Ich tanze nicht viel," erwiderte die Dame. ,, Nicht daß ich Sie abzuweisen wünsche, aber Sie werden im Lauf des Abends Zeit genug finden, mit mir eine Tour zu machen. Ich bin eine verheira= thete alte Frau," fuhr sie mit schelmischer Gesetztheit fort ,,, und Sie dürfen Ihren Glücksstern nicht dadurch verscherzen, daß Sie mit mir die erste Quadrille an= treten." Die liebliche Sprecherin lächelte bei diesen Wor ten und schüttelte die langen prächtigen Locken, die ihr über die Schultern niederhingen. Smith, Ebbe u. Fluth. III. 13 " 194 Der junge Mensch muß mir vom Halse," sagte Mr. Chutnee. Es ist unerträglich, unter dem glei chen Dach mit ihm zu leben." " Mr. Sanford, der Hauptbuchhalter, hegte dieselbe Meinung und zwar aus einem ähnlichen Grunde. Er war sterblich verliebt in die Gattin seines Principals, obschon diese seiner so wenig achtete, daß sie, wenn sie befragt worden wäre, von der Anwesenheit seiner bedeutenden Persönlichkeit in dem Comptoir ihres Gatten nichts gewußt haben würde. Der kalte, ränkevolle Lüstling fühlte sich daher sehr angefochten durch die Gegenwart eines jungen Mannes, der möglicher Weise zwischen denselben vier Wänden sein Nebenbuhler werden konnte, und vernahm es mit großem Vergnügen, als am nämlichen Tag sein Principal im Comptoir die Frage an ihn richtete, ob Mr. Tyrrell nie mit ihm von der Einrichtung eines eigenen Hauswesens gesprochen habe. ,, Nein, Sir," versetzte er.„ Auch glaube ich, daß er nicht entfernt den Wunsch dazu hat." Der Kaufmann biß sich in die Lippen. ,, Und doch wäre er reich genug dazu." ,, Ja wohl," verseßte der Buchhalter; allein er scheint sich hier überaus glücklich zu fühlen." Diese nicht ohne Absicht hingeworfene Bemerkung that die gewünschte Wirkung. Der alte Mann hätte vergehen mögen. ,, Natürlich kann ich ihm nicht unter die Nase reiben," sagte Mr. Chutnee ,,, daß es schicklich sei, seinen Aufenthalt bei mir nicht allzu lange zu machen, da ich dadurch bei meinem alten Freund und Correspon 195 benten Curry anstoßen würde. Aber Sie könnten ja einen derartigen Wink fallen lassen." ,, Allerdings, wenn Sie es verlangen." " Ja, ich verlange es," versetzte der Principal mit Nachdruck. Aber nur keine Anspielung auf mich." - ,, Versteht sich," entgegnete Mr. Sanford und fügte dann innerlich bei: ,, Der alte Narr! Eifersüchtig! eifersüchtig! aber bis jetzt ohne Ursache, obschon es wohl anders kommen dürfte, wenn dieser junge Bursch noch lange im Hause bleibt. Seine Frau ist empfänglich sie muß es sein, denn ich glaube in Ewigkeit nicht, daß Liebe die Grundlage ihrer übelpassenden Ehe war. Zwar zur Zeit ist sie noch rein, blos stolz und launenhaft, außerordentlich launenhaft. Wenn ich nur den Argwohn des alten Knaben wecken und ihn veranlassen könnte, ihr Vorwürfe zu machen. Der Zorn würde das Uebrige thun. Es wundert mich, warum er mich nicht im Verdacht hatte." In dem letzteren Gedanken verrieth sich der Dün kel und die untergeordnete Eitelkeit des Mannes, welche ihn zu einem Aufwand veranlaßte, den er nicht wohl erschwingen konnte. Auch waren diese Gefühle der Schlüssel zu seinem Charakter und seinen Planen, denn man kann unmöglich annehmen, daß je etwas wie Liebe Zugang gefunden hätte zu dem selbstsüchtigen Ding, das er sein Herz nannte. Aber was die Liebe nicht that, dazu drängte ihn die Begier und die Berechnung. Er wußte, daß der Kaufmann bei seiner Vermählung auf seine Braut einen ansehnlichen Theil seines Vermögens übertragen hatte, und zweifelte nicht, daß im Fall ihres Ueberlebens auch der Rest an sie kommen würde. Der Tod des 13* 196 Mannes oder die Schande des Weibes konnte also nur ihm zum Vortheil ausschlagen. In Folge der erhaltenen Winke begann er am andern Morgen Richard, als dieser im Comptoir erschien, durch die Frage auszuholen, wie ihm Calcutta und das Leben in Indien gefalle. Ich habe von beiden noch nicht viel gesehen," lautete die Antwort. ,, Und doch haben Sie an dem Offizierstisch des 01sten gespeist und sind zu dem Gouverneursball eingeladen worden," versezte der Buchhalter. ,, Der kömmt erst.' ,, Richtig," entgegnete Mr. Sanford schlau ,,, und wie Sie bemerken, haben Sie bis jetzt kaum Zeit und Gelegenheit gehabt, sich eine Ansicht zu bilden. Das wird übrigens kommen, sobald Sie sich häuslich eingerichtet haben." ,, Wie meinen Sie dies?" In einem eigenen Hause; denn natürlich können Sie ihre Junggesellenbekanntschaften nicht zu Mr. Chutnee einladen, und es geht doch nicht, eine Einladung anzunehmen, ohne sie zu erwidern." Unser Held machte sich Gedanken darüber, warum ihm Mr. Sanford schon zum zweiten Mal über diesen Bunft zusetzte. " Ich habe Ihnen schon früher für Ihre Einrichtung meine Dienste angeboten," fuhr der Sprecher fort. Erlauben Sie mir es wieder zu thun." " Ich danke Ihnen," sagte Richard; ,, aber ich fühle in der That kein Verlangen, meinen Aufenthalt zu wechseln, und was die Gesellschaft betrifft, von der Sie sprechen, so mache ich mir nicht viel aus ihr. 197 Ich möchte wissen, ob sich's nicht einleiten ließe, daß ich einer solchen Nothwendigkeit überhoben bliebe." and ,, Schwerlich," bemerkte der Buchhalter, den die vermeintliche vollendete Kälte des Jünglings ärgerte. Mr. Chutnee ist einer der reichsten Kaufleute in Indien und vermiethet keine Wohnungen." Diesen Wink muß er verstehen, dachte er. Richard erröthete bis über die Schläfe. Unge= achtet er nur wenig von der Welt wußte, war er doch nicht so blöde, um nicht anzunehmem, daß der Buchhalter nicht gewagt haben würde, sich ohne einen Wink von seinem Principal so unverholen gegen ihn auszulassen. Er fühlte sich betroffen, etwas verlegt vielleicht, daß man ein solches Verfahren gegen ihn für nöthig hielt, konnte aber doch nur sich selbst wegen seines Mangels an Takt und Weltkenntniß Vorwürfe machen. Sie sind sehr gütig," bemerkte er ,,, und ich nehme Ihr Erbieten an; denn ich weiß in der That nicht, wie dergleichen Dinge besorgt werden." ,, Nichts ist einfacher. Ein Haus in der Nähe der Artillerietaserne, zwei Salone, ein Speisezimmer, ein Badcabinet und Schlafgemächer- dann, wir wollen sagen fünf oder sechs Bediente" 1908,, So viele?" rief sein Zuhörer erstaunt. ,, Sie können selbst als Junggeselle in Indien. nicht mit weniger auskommen," entgegnete Mr. Sanford. ,, Sie brauchen zuerst einen Kansuma oder Tafeldecker mit ein paar Kelmugars zur Aufwartung bei Tisch, und einen dritten, der das Amt eines Kammerdieners versieht; einen Sirdar zu Besorgung der Beleuchtung, einen Bustie oder Wasserträger, 198 und für jedes Pferd einen Syce oder Reitknecht. Ferner einen Sircar zu Führung der Rechnungen" ,, Halt! halt!" rief unser Held lachend; ,, das kann ich selbst besorgen." ,, Der ist genau," dachte der Buchhalter und fügte dann laut bei: Wie bald?" " ,, So bald als möglich," entgegnete Richard. Ich gebe Ihnen charte blanche." Mr. Chutnee war entzückt über den Erfolg seines taktvollen Buchhalters und wünschte sich Glück, des Gastes, der ihm als gefährlicher Nebenbuhler erschien, ledig zu werden. Am Morgen vor dem Ball miethete Richard Tyrrell das Haus in der Nähe der Artilleriefaserne und drückte gegen den Kaufmann die Hoffnung aus, er werde ihm die Ehre erweisen, eine Einladung zu seinem ersten Diner anzunehmen. Zamora sah ihn unzufrieden an. " 1 Sie wollen uns also wirklich verlassen?" fragte sie. ,, Ich kann unmöglich länger Ihre Gastfreundschaft mißbrauchen," antwortete der Jüngling; ,, eine Gastfreundschaft, die eben so zart als wohlwollend war. Jch bleibe vielleicht Jahre in Indien und werde ohne Zweifel Bekanntschaften anknüpfen, die ich empfangen muß." ,, Könnte dies nicht hier geschehen?" ,, Ihre Güte überwältigt mich." Mr. Chutnee, der sich innerlich dieses Entschlusses höchlich freute, hielt es jetzt für Zeit, seine Ueberraschung und sein Bedauern auszudrücken; auch that er es so natürlich, daß Richard ihm Glauben schenkte 199 und seine Uebereiltheit zu bereuen begann. Mrs. Chutnee dagegen glaubte ihm nicht. ,, Ein paar Wochen länger hätten ja nichts ausgemacht," sagte der Kaufmann. Richard verbeugte sich. ,, Warum doch diese Eile?" fuhr der Sprecher fort. ,, Mr. Sanford hat mir geholfen." ad ,, und ohne Zweifel auch gerathen," bemerkte die Dame des Hauses, die ihrem Aerger unverholten Raum gab. Nach einer Pause fuhr sie fort: ,, Sie wollen also ein eigenes Hauswesen führen Ihr eigener Herr sein. Vielleicht haben Sie Recht. Unbeschränktheit im Handeln ist in jedem Alter angenehm, namentlich in dem Jhrigen." - - Die lettere Bemerkung begleitete sie mit einem Blick auf ihren Gatten, welcher bereits seinen Handstreich zu bereuen begann. Er hatte sie nie zuvor in so entschiedenem Tone sprechen hören. " ,, Sie werden wohl Pferde halten?" fragte sie, sich plötzlich an unsern Helden wendend. sip ,, Allerdings." ,, Das freut mich," rief Zamora. ,, Auch ich reite leidenschaftlich gerne und werde jegt dieser Liebhaberei nachgehen, nun ich einen Cavalier habe, der mich begleitet. Herbert," fügte sie bei ,,, Sie müssen sehen, ob Oberst Neville die Araberstute, die er Ihnen vor einigen Tagen für mich zum Kauf anbot, noch hat." Ich dachte, Sie hätten diese Jdee ganz aufge= geben, meine Liebe," versetzte ihr Gatte unterwürfig. ,, Ich gebe nie meine Idee auf," unterbrach ihn die Dame kalt ,,, sondern verschiebe nur ihre Ausführung." 200 Der Gentleman biß sich schweigend in die Lippe. ,, Adieu," sagte sie, Richard ihre schöne Hand hinbietend. Ich habe meine Toilette zu besorgen, ein Anliegen, das Ihrem Geschlecht verhältnißmäßig nichts zu schaffen macht." Tyrrell faßte diesen Wink auf und entfernte sich. Das schlecht zusammenpassende Paar schlecht zusammenpassend nicht nur wegen der Verschiedenheit des Alters, sondern namentlich des Charakters, saß eine Weile stumm sich gegenüber und betrachtete sich wechselseitig. Der Kaufmann unterbrach zuerst das Schweigen. ,, Sie sind mißvergnügt, Zamora," bemerkte er. Die Schöne zuckte leicht die Achseln. Sie vermuthen, ich habe Anlaß gegeben, daß dieser junge Mann mein Haus verlassen will. Ihr Argwohn ist ungerecht." Er erröthete entschieden unter dem Blick der paar funkelnden Augen, der zuerst entrüstet, dann mit dem Ausdruck der Verachtung ihm zublißte. ,, Nicht daß mir sein Auszug leid thäte," fügte der Sprecher mit ertünstelter Offenheit bei. Ein leises, musikalisches Lachen antwortete auf dieses Bekenntniß. ,, Er ist jung und ich bin alt." „ Ich wußte das, eh' ich Sie heirathete," versette das schöne junge Wesen, und willigte gleichwohl in unsere Verbindung. Aber ich wußte nicht, daß Sie so lächerlich eifersüchtig sind. Hätte ich dies ahnen können, so würde ich lieber gearbeitet, ge= bettelt, gehungert, als das unselige Ja ausgesprochen haben." ,, Unselig, Zamora?" 〃 201 Verdient es nicht diese Bezeichnung, da es meinen Frieden gemordet hat?" ,, Gnädige Vorsehung!" murmelte der alte Mann. So ist denn meine Vermuthung eine Wahrheit! Ist's möglich, daß Sie diesen jungen Menschen lieben?" " Ich kenne Niemand, der so geeignet wäre, ein weibliches Herz zu gewinnen," lautete die Erwiderung. mid Einen bloßen Knaben!" M ,, Und doch sind Sie eifersüchtig auf einen Knaben," entgegnete die Dame ungeduldig." Ihn lieben! Natürlich liebe ich ihn, wie Alles, was edel, offen, vertrauensvoll und wahr ist. Wie kann ich anders, als ihn lieben? Liebe ich nicht meine Blumen, meine Vögel?" Mehr, als Jhren Gatten, fürchte ich." Der schmerzliche Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden, rührte das Herz der zürnenden Schönheit. ,, Nicht mehr, als ich ihn liebte, eh' er mich zu argwöhnen begann. Herbert! Herbert," fügte sie lachend bei, was muß Richard Tyrrell denken? Daß ich eine von jenen Motten sei, welche die Flamme der Leidenschaft umflattern und ihr Licht für Liebe halten daß ich unter die leicht zu gewinnenden Geschöpfe gehöre. Sie haben mich sehr gedemüthigt." Der reuige Ehemann sant neben dem, Ruhebett, auf welchem wie gewöhnlich die schöne Hausfrau zurückgelehnt saß, auf die Kniee und bat angelegent= lich um Verzeihung. - 202 Rönnten Sie in mein Herz sehen," rief er, so würden Sie Mitleid mit mir haben. Meine Schwäche entspringt aus dem bitteren Bewußtsein, daß ich einer solchen Vollkommenheit nicht würdig bin, und daß unser Alter so verschieden ist. Ich liebe Sie, Zamora, nicht mit den knabenhaften Gefühlen einer unbeständigen Jugend, sondern mit der kräftigen Liebe der Mannheit. Das Leben hat für mich keine Hoffnung, von der Sie nicht den Mittelpunkt bilden. Sie sind der Gegenstand meiner Träume," fügte er bei ,,, mein höchstes Glück, und wie der Geizige bin ich eifersüchtig auf meinen Schatz." " Und wie der Geizige möchten Sie ohne Zweifel mich unter Schloß und Riegel halten," bemerkte ruhig die Dame, ohne sich durch seine Tiraden be= stechen zu lassen. ,, Nein, Herbert, so darf es nicht fortgehen. Wenn ich mir auch wenig aus der Freiheit mache, werde ich doch, sobald ich ihrer beraubt bin, mich danach sehnen wie nach frischer Luft. Meine Liebe kann nur durch offenes Vertrauen gewonnen werden; unter dem Hauch des Argwohns welkt sie dahin." Mr. Chutnee gelobte, dem Verdacht nie wieder die Oberhand zu lassen über sein besseres Urtheil, und ging sogar so weit, den Vorschlag zu machen, 101211 daß man Richard bitten solle, im Hause zu bleiben. Zamora hörte ihm mit wehmüthigem Lächeln zu und schüttelte ihren Kopf. Bu spät," sagte sie, zu spät. Das Uebel ist bereits geschehen. Unsere Bekannten werden sich über seinen Auszug wundern und einen Mangel an Gastlichkeit, wie er in Indien selten vorkommt, darin 203 sehen. Wir kommen in's Gerede, da die Lästerzungen sich in Alles mischen, und Richard wird Winke hören müssen, welche ihn vielleicht zuletzt auf den Glauben bringen können, daß er nur zu werben nöthig gehabt hätte, um mich zu gewinnen.". Die aufgeregte Frau glühte bei diesen Worten, und ihre sonst halbgeschlossenen träumerischen Augen funkelten mit einem Ausdruck, wie ihn ihr Gatte nie zuvor wahrgenommen hatte. " Er wagt keinen solchen Gedanken," rief er. ,, Sollte er dies mit einem Wort oder Blick verrathen, so werde ich trog meines Alters-" " 1 " 1 Pfui!" unterbrach ihn seine Gattin. Sie sind es, der Strafe verdient, und nicht Tyrrell. Was weiß er von der Welt?" ,, Nicht viel," versezte Mr. Chutnee mit einem Lächeln. „ Ich kann Ihre Gedanken lesen," entgegnete seine Gattin mit Wärme, als ob Sie ihnen Worte ge= liehen hätten. Und was weißt Du von der Welt? wollten Sie sagen; aber Sie haben Unrecht, Herbert, sehr Unrecht. Ein Augenblick reicht bisweilen zu, um das Mädchen zum Weib umzuwandeln, und ein solcher Wechsel hat eben jetzt in mir stattgefunden, herbeigeführt durch beleidigten Stolz." Der Schuldige bat wieder um Vergebung und führte seine Vertheidigung diesmal mit solcher Be redtsamkeit, daß die mit Recht zürnende Dame endlich nachgab. ,, Unter einer Bedingung," versezte sie. " Sprechen Sie, sprechen Sie, selbst wenn Sie 204 mir befehlen sollten, daß ich ihn bitte, unter meinem Dach zu bleiben." „ Es ist jetzt mein Wunsch, daß er ausziehe." Mr. Chutnee fühlte sich sehr erleichtert, und bat wieder um Namhaftmachung der Bedingung, unter welcher dem Hausfrieden das Siegel aufgedrückt werden sollte. ,, Daß Sie mich nicht auf den Ball begleiten." Er fuhr von seinen Knieen auf, als sei er von einer Schlange gestochen worden. Während Mr. Tyrrell mit Ihnen geht?" „ Ja." " Allein?" ,, Allein," wiederholte Mrs. Chutnee mit Nachdruck. ,, Nie!" rief ihr Gatte leidenschaftlich ,,, mein Herz verginge in seinen Gluten." In sehr unlauteren, fürchte ich," lautete die Entgegnung. ,, Seien Sie großmüthig," fuhr er fort, ohne auf die Bemerkung zu achten. Warum verlangen, was ich unmöglich gestatten kann?" Ich wußte, daß es unmöglich war," versetzte Zamora traurig ,,, denn ich forderte Vertrauen von Ihnen, und dies mir zu schenken verträgt sich nicht mit Ihrem Wesen. Ihre Weigerung hat mir meine Zukunft flar gemacht. Vergessen Sie nicht," fügte sie bei, daß Sie selbst Ihre Wahl getroffen haben." ,, Was würde die Welt sagen?" fragte ihr Gatte zögernd. ,, Sie haben ihr bereits Gelegenheit gegeben, lästernd von mir zu sprechen." 205 ,, Was müßte Tyrrell selbst denken?" " Auch ihm haben Sie das Recht gegeben, von mir zu denken, was er will." ,, Und was würden Sie selbst dazu sagen?" ,, Ich würde sagen," entgegnete sie ,,, mein Gatte ist ein Mann, der seine Verirrung edel wieder gut gemacht hat. Wenn auch die Leidenschaft für einen Augenblick seinen Verstand überwältigte, so ist er doch zuletzt Sieger geworden, und sollte je ein unwürdiger Gedanke Eingang in mein Herz finden, so würde ihn die Erinnerung an diesen moralischen Sieg für immer verscheuchen." ,, So gehen Sie allein auf den Ball," rief Mr. Chutnee, der Ueberzeugung von ihrer Aufrichtigkeit und Wahrheit Raum gebend. Thun Sie, was Sie wollen. Ich bin ein Thor, daß ich Zweifel in Sie setze." Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. Kaum war er verschwunden, als Zamora die Hände zusammenschlug und wie ein verhätscheltes Kind lachte. Und doch hatte sie teine Rolle, feinen studirten Auftritt gespielt, sondern jedes Wort war ein Ausdruck ihres reinen Herzens gewesen. Sie wünschte ihren Gatten lieben zu können, fühlte aber ungeachtet ihrer Jugend, daß dies unmöglich sein würde, wenn sie ihn nicht achten konnte; und so freute sie sich jetzt, wie der Vogel sich freut, wenn er seinem Käfig entronnen ist. 206 Vierundvierzigstes Kapitel. Ein Gouverneursball in Calcutta macht durch das Gepränge militärischer Uniformen und die Mischung des orientalischen und europäischen Costüms, der Schönheit der Frauen gar nicht zu gedenken, da sich dies von selbst versteht, auf einen jungen Mann, der frisch von dem College weg oder aus dem eintönigen Kasernenleben einer Landstadt herkömmt, einen hinreißenden Eindruck. Man gewöhnt sich jedoch bald daran, denn der Flitter gehört im Orient zur Tagesordnung, und eine kurze Beobachtung reicht hin, den Schlüssel zu den Zuständen einer Gesellschaft zu finden, in welchen während des letzten Jahrhunderts sich nichts geändert hat. Wir sehen hier zunächst den General- Gouverneur und seine Gemahlin, wenn er zufällig eine hat. In neun Fällen unter Zehnen ist dieser Würdenträger eine hochadelige Null, die seine Partei versorgen zu müssen glaubt, und die gnädige Frau eine ci- devant belle spirituelle, wie die meisten Weiber, in dem Verhältniß, in welchem sie mehr oder weniger passées find.goin - Dann kömmt der Schwarm der Beamten Adjutanten, Richter, Secretaire, Finanzmänner, da und dort mit einem entthronten Raja oder dem Sprößling eines eingeborenen Fürsten Pensionär der Compagnie, welcher ihnen die Mühe und Verantwortlichkeit abgenommen hat, über ihr Gebiet zu herrschen. - Ihre Hoheiten tanzen nie, tragen aber gern ihre 207 Diamanten zur Schau und drücken ihre Verachtung gegen die Ferengis dadurch aus, daß sie die unverschleierten Gesichter ihrer Weiber und Töchter begaffen. Am meisten dient übrigens dazu, dem Neuling den Zauber zu nehmen, welchen die Umgebung auf ihn übt, daß viele von den schönen Mädchen mit einem Teint so frisch wie ihre Toilette und so durchsichtig wie ihre Tarletanspißen von ihrem speculativen Müttern regelmäßig auf den indianischen Heirathsmartk facturirt worden sind. Ein bewunderndes Ah! begrüßte die schöne Frau des Kaufmanns, als sie auf Richard Tyrrell's Arm gestüzt in den Ballsaal trat. Die Gutmüthigen machten sich Gedanken darüber, wo wohl Mr. Chutnee, dessen Eifersucht bekannt war, geblieben sein mochte; einige zollten seinem Vertrauen Beifall, und andere bemitleideten ihn aus derselben Ursache. " Bah!" entgegnete Dawlish auf die Bemerkung eines seiner Kameraden, er ist nur ein Knabe." ,, Solche Knaben sind bisweilen gefährlich," lautete die Erwiderung. Nachdem Zamora dem Gouverneur ihr Compliment gemacht hatte, begab sie sich nach jenem Theil des Saales, wo Lady Bell wie gewöhnlich von einem Stuperkreis umgeben saß, und stellte ihren jungen Begleiter vor. ,, Sir Charles hat Sie mir so gelobt," sagte die Lady in Erwiderung auf das Compliment unseres Helden, daß es mich freut, Sie unter die Zahl meiner Freunde rechnen zu können. Wo ist Ihr Gatte, meine Liebe?" fügte sie gegen Zamora bei. " 208 Bei seinen Büchern und Rechnungen," versetzte die Kaufmannsfrau; wenigstens glaube ich so, denn er lehnte es ab, mich zu begleiten." Sie sprach indeß so laut, daß Jedermann es hören konnte. Lady Bell unterdrückte eine Neigung zum Lächeln, obschon sie schlau vermuthete, daß unter diesen Worten ein kleines Geheimniß verborgen sein müsse. In diesem Augenblick begann die Musik wieder, und sie bemerkte, daß es unartig von ihr sein würde, die Freundin vom Tanz abhalten zu wollen. Jch tanze heute Abend nicht," versetzte Zamora, ,, und wäre überhaupt gar nicht hergekommen, wenn ich mir nicht das Vergnügen hätte bereiten wollen, meinen jungen Freund, Mr. Tyrrel, in die Gesellschaft einzuführen. Sie haben mein Billet erhalten? Die Antwort?" ,, Muß Lillian geben. Hier kömmt sie." Unser Held wandte sich bei diesen Worten um und glaubte zu seinem großen Erstaunen das Urbild des Porträts, welches während seines kurzen Aufenthalts in Meldownpark ihn so sehr angesprochen hatte, in dem schönen Mädchen zu erkennen, das sich an dem Arme des auf seinen Pflegling stolzen Sir Charles Fourreau näherte. Die Waise stand jetzt in ihrem sechzehnten Lebensjahre, und schon die Knospe zeigte, in der halben Entfaltung der Blumenblätter, zu welcher vollkommenen Blüthe sie sich entwickeln würde. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte Richard den Zauber der Schönheit, und wir Alle wissen, welche süßen Gefühle sie einflößt. Lady Bell stellte ihn als den Gentleman vor, für den Mrs. Chutnee sich die erste Tour mit Lillian 209 erbeten hatte, und das Mädchen gab lächelnd ihre Einwilligung. Als Richard eben im Begriff war, sie in die Reihe der Tanzenden zu führen, kam Dawlish heran und erbat sich von ihr die Ehre für die nächste Tour. Ich bin bereits versagt," entgegnete fie talt. Der Gentleman machte eine ärgerliche Miene. Für die darauf folgende also?" fügte er bei. Lillian verbeugte sich zustimmend; aber es lag etwas in ihrem Wesen, was dem Werbenden sagen mußte, daß ihr der Tänzer nicht angenehm war. Bu spät," bemerkte einer von Dawlish's Kameraden, dem dessen Aerger Spaß machte.„, Engagirt." ,, Dazu an einen bloßen Knaben," meinte ein Anderer mit den Worten, welche Dawlish gebraucht hatte, als unser Held mit Mrs. Chutnee in den Tanzsaal trat. Held mit M ,, Solche Knaben sind bisweilen gefährlich." Zum zweiten Mal schon hörte Dawlish diese Bemerkung. Er wandte sich betroffen um und er= fannte in dem Sprecher Wharton. Im ersten Augenblick wollte er über die Anmaßung seines früheren Opfers zürnend aufbrausen; aber die Erinnerung an die Scene in der Reitschule und an die wundervollen Schüsse mit dem Revolver ließ ihm dieß ge= fährlich erscheinen. Er erfünstelte deßhalb ein Lächeln, als ob er ihn eben erst erkannt hätte. " Heuchler!" murmelte der Kornet vor sich hin, während er, getreu seinem Versprechen, jeden Anlaß zu Händeln zu vermeiden, sich abwandte.„ Bald wird an die Stelle des Hasses die Verachtung treten." Smith, Ebbe u. Fluth. III. 14 210 In dem Saal befanden sich zwei Personen, welche, obschon aus sehr verschiedenen Gefühlen, mit ihren Augen dem tanzenden Paare auf jedem Schritte folgten. Die eine war Lieutenant Marsh, dem gleichfalls die Aehnlichkeit mit dem Porträt auffiel, und der sich nicht genug wundern konnte, wie Sir Normans Tochter auf einen Ball von Calcutta tam, die andere war ein hochgewachsener, etwa dreißig Jahre zählender Hindu in einem Kaftan von prachtvollem Kaschmir, der seine sehnigte Gestalt eng umschloß. Ungleich den meisten seiner Landsleute hatte er nicht einmal den indischen Dolch in seinem Gürtel, und das einzige Juwel, das er trug, bestand in dem Rubinsolitär seines Turbans. Es war Al Murad, der reiche, indische Bantier. Seine Züge erschienen so unbeweglich, daß selbst der sorgfältigste Beobachter feines von dem in seinem Innern vorgehenden Gefühle darin gelesen haben würde. Troß aller unserer Civilisation übertrifft uns doch der Asiate weit in schlauer Beherrschung des Gesichtes, das häufig ein Lächeln zur Schau stellt, während im Herzen die heftigsten Leidenschaften wüthen. Am Ende des Tanzes trat unser Held, wiewohl mit Widerstreben, die Hand Lillian's an Dawlish ab, und bald befand sich der Lieutenant an seiner Seite. Wie sonderbar!" rief der Lettere.„ Hat sie Ihnen Aufklärung darüber gegeben, durch welches außerordentliche Ereigniß-" " Sie sind im Irrthum," unterbrach ihn der Jüngling mit einem Lächeln. Wie Sie war auch ich anfangs betroffen über ihre Aehnlichkeit mit dem I e 60 t h 211 Porträt von Alice Boothroyd; aber diese junge Dame heißt Lillian." Lieutenant Marsh sprach ihm den Namen langsam nach. ,, Auch hörte sie nie etwas von Meldownpark." " Ist es möglich!" „ Ich setze mein Leben zum Pfand, daß sie die Wahrheit spricht," bemerkte unser Held mit Wärme. Unsere Leser werden sich erinnern, daß die Waise zu der Zeit ihres kurzen Aufenthalts in St. Faith nur wenig Englisch verstand. ,, Sie ist der Mündel oder der Schüßling von Sir Charles und Lady Bell Fourreau," fügte Richard bei, und kam durch eigenthümliche Umstände unter ihre Obhut." ,, Woher wissen Sie dies?" 11 Von Mrs. Chutnee." ,, Hat sie sich näher darüber ausgesprochen?" Nein. Vielleicht sind ihr selbst die Verhältnisse unbekannt." ,, Darüber muß ich Aufschluß haben," murmelte der Lieutenant, als er weiter ging. Dieser Aehnlichkeit liegt mehr als ein Zufall zu Grunde." Richard Tyrrell hatte an jenem Abend mehrmal das Vergnügen, mit Lillian zu tanzen. Wenn schon ihre äußern Reize bezaubernd auf ihn wirkten, so fühlte er sich noch mehr durch die ihres Geistes gefesselt. Nie war ihm eine solche Reinheit der Gedanken und des Ausdrucks vorgekommen unzartes Wort, keine lieblose Bemerkung über irgend eine von den vielen Schönheiten im Ballsaal. Und 14* fein 212 von Sir Charles und Lady Bell sprach sie nur mit Gefühlen tiefen Dantes und inniger Anhänglichkeit. Als er ihre Hand zum letzten Mal losließ, geschah es mit Bedauern über den raschen Flug der Zeit, und er erbat sich von der gnädigen Frau die Erlaubniß, am andern Morgen bei ihr vorsprechen und sich nach ihrem Befinden erkundigen zu dürfen. Kommen Sie, wann Sie wollen," lautete die huldreiche Antwort. Es wird uns stets Vergnügen machen, Sie bei uns zu sehen." " Mrs. Chutnee, die ihrem Entschluß, nicht zu tanzen, treu geblieben war, nahm seinen Arm, und er begleitete sie nach ihrem Wagen. Sie hatte während des Tanzes Lady Bell erzählt, was in Bezie hung auf unsern Helden zwischen ihr und Mr. Chutnee vorgefallen war. " 1 ,, Sie haben recht daran gethan," versetzte ihre Freundin. Die Eifersucht ist ein Ungeheuer, das man in der Wiege erwürgen muß. Wenn es etwas gibt, um dessen willen ich Sir Charles vorzugsweise liebe, so ist es das unbegrenzte Vertrauen, das er in mich seßt. Ich weiß, daß die Männer in ihrer Selbstsucht die Eifersucht Liebe nennen; aber dieses ist ein Irrthum. Sie haben Ihren Gatten nach Gebühr gestraft." Als Zamora mit ihrem Cavalier zu Hause anlangte, wurde sie von Mr. Chutnee mit einem so ungewöhnlichen Vertrauensausbruch begrüßt, daß sie nicht wenig darüber erstaunte. ,, Dank, tausend Dank!" rief er.„ Ich bin von meiner Thorheit geheilt. Sie haben nicht ein einziges Mal getanzt." 213 Wie können Sie das wissen?" Der unglückliche Mann hatte einen Freund zum Aufpassen hingeschickt. „ Das war sehr unflug von Ihnen, Herbert," entgegnete die Dame, indem sie sich kalt nach ihrem Zimmer zurüdzog. Der Beweis des Vertrauens steht noch aus." 11 Der eifersüchtige Gatte wandte sich ab und verwünschte seine Thorheit. Eh' Richard Tyrrell den Ballsaal verließ, hatte er eine Einladung seines Freundes Wharton zum Frühstück angenommen. In Indien versteht man darunter nicht das einfache häusliche Mahl, wie es in England üblich ist, sondern mehr das Déjeûner à la fourchette der Franzosen, eine Art frühen Diners, bei welchem verschiedene scharfgewürzte Gerichte nebst Weinen und Scherbets servirt werden. jungen Männer unterhielten sich natürlich von dem Ball. Der Kornet war zu edel, um die Worte zu berühren, welche Dawlish über unsern Helden ge äußert hatte und beschränkte seine Bemerkungen auf die Damen. " Die ,, Sie ist in der That sehr lieblich," sagte er von Lillian, und ohne Zweifel auch eben so einnehmend, denn ich habe nie den reinen Sinn und die Offenheit so beredt aus einem menschlichen Antlig sprechen sehen vielleicht ein einziges ausgenommen." - ,, Ohne Zweifel irgend eine Schönheit' in England?" versette Richard. ,, Nein; ich meine eine Dame von Calcutta." ,, Wirklich?“ 214 ,, Sie konnten sie gestern Abend auf dem Ball sehen." Ich entsinne mich nicht." ,, Undankbarer!" rief Wharton ,,, ich meine Mrs. Chutnee. Waren Sie taub, daß Sie nicht das Geflüster der Bewunderung hörten, welches sie beim Eintritt in den Saal begrüßte- blind, daß Sie die Blicke nicht sahen, welche ihr folgten?" Unser Held hatte in seiner Bewunderung für Lillian ihrer nicht mehr gedacht und erröthete jezt ob seinem Undank. ,, Richtig," versetzte er; ,, aber Mrs. Chutnee ist verheirathet." ,, Mit einem alten Mann." Richards Züge zeigten bei dem Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden, eine peinliche Ueberraschung, und er sah seinem Freund fragend in's Gesicht. ,, Sie brauchen mich nicht so ernst anzusehen," rief der junge Offizier; ,, ich sprach nur so, um Sie auf die Probe zu stellen. Gestern Abend fielen allerlei Bemerkungen über die Abwesenheit ihres Mannes, dessen Eifersucht weltbekannt ist Bemerkungen, die ich nicht nachsagen, möchte." ,, Ueber Mrs. Chutnee?" Friz nickte bejahend. ,, Und mich?" " „ Ja.". ,, Das hätt' ich hören sollen," sagte unser Held nach einer Pause. ,, Sie können sich nicht denken, wie verdrießlich mir diese Mittheilung ist; denn es gibt kein unschuldigeres Wesen als diese Frau. Oh, 215 Welt, Welt!" fügte er bei ,,, was habe ich nicht Alles in ihr noch zu erwarten, wenn mich solche Bosheit schon an ihrer Schwelle begrüßt!" ,, Vielleicht liegt der Grund eben in dem Umstand, daß Sie erst an der Schwelle stehen," bemerkte sein Freund. Die Lästersucht gleicht dem Kettenhund; ist man einmal im Haus, so hat man ihn nicht mehr zu fürchten." Die jungen Männer hielten sich nicht lange bei den Genüssen der Tafel auf, sondern machten sich bald auf den Weg zu dem Morgenbesuch der Lady Bell, welche sie mit ihrer gewohnten ungefünstelten Herzlichkeit empfing. Lillian war anwesend und erröthete leicht, als ihr Tänzer vom vorigen Abend sich nach ihrem Befinden erkundigte. Es ist erstaunlich, wie schnell uns die Zeit in Gesellschaft interessanter Personen entschwindet. Es verging fast eine Stunde, eh' die jungen Männer an ein Aufbrechen dachten, und sie wurden erst daran gemahnt, als Sir Charles mit Major Plinlimmon und mehreren anderen Offizieren, unter denen sich auch Dawlish befand, eintrat. ,, Nun Sie gekommen sind, um meine Gäfte zu unterhalten, kann ich mich wohl entfernen," bemerkte die Gebieterin des Hauses ,,, denn wir beide, Lillian und ich, haben uns noch nicht von unserer Ermüdung erholt." Mit einem Nicken gegen ihren Gatten und einer leichten Verbeugung gegen Dawlish verließ sie das Zimmer. Sir Charles schlug seinen Gästen eine Billardpartie vor, die aber nicht zu Stande kam, weil Wharton und unser Held das Spiel nicht tonn 216 ten. Dann wurden Schach und Cigarren beantragtzum Glück für unsere Freunde, welche gerne fort gewesen wären; denn der Major haßte das Schachspielen. Ich schlafe immer darüber ein," sagte er. ,, Wohlan, meine Herren," rief der Hausherr scherzend ,,, ich habe mein Bestes gethan. Thut jezt selbst, was ihr wollt; meine Erfindungsgabe ist erschöpft." Richard bat um die Erlaubniß, sich entfernen zu dürfen, da er mit Sanford das von ihm gemiethete Haus zu besichtigen habe, und Friz Wharton erbot fich, ihn zu begleiten. ,, So macht, daß ihr fortkommt," sagte Sir Char les.„ Ich sehe wohl, daß wir von euch keinen Beistand zu erwarten haben, sondern unsere Morgen verbrauchen müssen, wie es der Zufall will oder wie in dem Gewirr der Meinungen jeder nach seiner Laune sich entscheidet. Was sagen Sie zu einem Spiel Ecarté, Blinlimmon?" fügte er bei. Die Herausforderung wurde angenommen, denn der Major war bei seiner Beleibtheit kein Freund vom Reiten oder Gehen, wenn es nicht der Dienst forderte. Die beiden Freunde entfernten sich, und von der übrigen Gesellschaft gingen die Einen nach dem Billardzimmer, die Anderen nach dem Garten oder nach der Bibliothek, je nachdem die Liebhaberei für Bücher oder für Cigarren und das köstliche Nargileh vorherrschte. Da es sehr heiß war, so ließen sich die beiden Freunde in einem Balantin nach dem neugemietheten Hause tragen. Mr. Sanford war bereits dort, um sie einzuführen. ,, Erlauben Sie mir," rief er mit gut gespielter 217 Herzlichkeit ,,, Sie in Ihrer neuen Wohnung zu bewillkommnen. Ich hoffe, Sie werden viel vergnügte Stunden darin erleben und mir freundschaftlich ge= statten, an einigen davon theilnehmen zu dürfen." Unser Held lächelte über das Compliment, da ihn ein Lächeln zu nichts verpflichtete. in londo ,, Wie gefällt Ihnen die Einrichtung?" fuhr der Sprecher fort. ,, Ich müßte in der That sehr schwer zu befriedigen sein, wenn ich sie nicht für vollkommen erklären sollte, versezte der junge Mann, sich umschauend. ,, Was sagen Sie, Wharton?" " Ich tausche gern mein Quartier mit Ihnen," antwortete der Cornet lachend, so bald Sie Ihres Bungalo's, wie man's hier zu Land nennt, überdrüssig sind." Mr. Sanford belehrte ihn, daß man unter Bungalo eigentlich ein Landhaus, ein Gebäude von leichter Struktur, verstehe. Frizz dankte ihm und fuhr dann gegen Richard fort: Wer ist Ihr Hausherr?" ,, Al Murad, ein geborener Bantier, glaube ich.". Der Offizier zuckte die Achseln. ,, Kennen Sie ihn?" ,, Nur vom Sehen," versette Wharton. ,, Aber ich habe nichts Gutes von ihm gehört; er ist in Calcutta verrufen." ,, Entschuldigen Sie," bemerkte der Buchhalter, , Sie müssen falsch berichtet sein. Es gibt keinen ehrenhafteren Mann in der Stadt, und seine Unterschrift ist auf der Börse für ein Lat Rupien gut." Ich sprach nicht von seiner Stellung in der 218 Handelswelt, sondern von seinem moralischen Charakter. Wenn das wahr ist, was ich von seiner Grausamkeit gegen ein armes Nautschmädchen hörte, die er aus einem der Tempel lockte-" ,, Wir sprechen in Indien nie von dem moralischen Charafter," unterbrach ihn Sanford, welcher augen scheinlich der Erzählung der Geschichte vorbeugen wollte. Der junge Mann betrachtete ihn mit einem Staunen, welchem sich ein Gefühl von Verachtung beimischte. Es lag etwas Empörendes in seinem Cynismus. ,, Das heißt, wenn von den Eingeborenen die Rede ist," fügte er bei, als er den Irrthum, den er begangen, bemerkte. Man darf sie nicht nach unserem Maßstab beurtheilen, wie wir nicht nach dem ihrigen zu schäßen sind." " 1 國際 Hoffentlich nicht!" riefen die beiden Freunde, mit Nachdruck. Ein hagerer, orientalisch gekleideter Mann von etwa vierzig Jahren näherte sich jetzt und machte einen tiefen Salam vor unserem Helden. ,, Wer ist dieser Gentleman?" fragte der Lettere. ,, Es ist Ihr Gentleman, oder auch der eines jeden Anderen, der ihm monatlich fünfundzwanzig Rupien zahlt mit anderen Worten, Ihr Kansuma oder Tafeldecker." - Als der Mann seine Würde nennen hörte, verbeugte er sich noch ehrerbietiger. ,, Hum, eine ziemlich merkwürdig aussehende Person," sagte Richard, ihn aufmerksam betrachtend. ,, Wie heißt er?" 219 ,, Hassan." Richard wiederholte den Namen. nobil ,, Hassan," fuhr Sanford in der Hindusprache gegen den neuen Dienstmann fort ,,, Guer neuer Herr da gibt es eine Taube zu rupfen." ,, Ah, Sahib!" ,, Macht's gnädig mit ihm." ,, So sanft, als ob seine Federn die eines Paradiesvogels wären." Richard Tyrrell brach in ein lautes Lachen aus. Der Buchhalter und der Hindu machten eine erstaunte Miene, namentlich der Lettere, da eine solche Heiter keitskundgebung im Orient als würdelos angesehen ist. ,, Entschuldigen Sie mich, Sanford," sagte der Jüngling, aber ich dachte, welchen trefflichen beeidigten Dolmetscher Sie abgeben würden." Ist's möglich, daß Sie Hindostanisch verstehen?" fragte der Buchhalter. Ja wohl. Halten Sie mich denn für so einfältig, daß ich nach Indien reise, ohne zuvor seine Sprache gelernt zu haben?" Der Heuchler biß sich in die Lippen und beschloß, in Zukunft sich vor dem Knaben, für welchen er ihn bisher gehalten, besser in Acht zu nehmen. ,, Alle Europäer müssen bei ihrer Ankunft in dem Osten Haare lassen," bemerkte er. 11 " 10939110 So scheint's." ,, Es geht auch altangesessenen Leuten selten besser," fügte Mr. Sanford bei. ,, Doch nicht, wenn sie einen Freund haben einen uneigennützigen Freund, der ihnen mit seinem Rath beisteht?" entgegnete Richard. Und was ist's " 220 mit jener Geschichte von Al Murad?" fuhr er fort. Vielleicht kann Hassan darüber Auskunft geben. Ich denke, Sie sagten, er habe in seinem Dienst ge= standen?" ,, Ja, aber Sie werden nichts von ihm herauskriegen. Er ist die Treue selbst gegen Diejenigen, welchen er dient oder gedient hat." Der Hindu machte seinen Salam bei dem Compliment. ,, Ich sehe schon," sagte Richard ,,, daß ich mich mit dem Bericht meines Freundes Wharton begnügen muß. Doch die Neugierde darf mich nicht die Gastlichkeit vergessen lassen. Hassan, diese Gentlemen werden bei mir speisen. Thut Euer Bestes, um Eurem Herrn und der neuen Wirthschaft Ehre zu machen." ,, Der Sahib soll keinen Grund haben, sich über seinen Diener zu beklagen." Und mit diesem Versprechen entfernte sich der eingeborne Tafeldecker, um seine Vorbereitungen zu treffen. Fünfundvierzigstes Kapitel. Wir müssen nun unserem Leser auseinandersezen, wie es kam, daß Lillian bei Lady Bell Fourreau so in Gunst gelangte, daß der Oberst sie fast als Tochter behandelte und daß sie selbst zu dem Ball eines Generalgouverneurs von Indien Zutritt hatte. Es war Rosa gelungen, das gerettete Kind an 221 Bord des Schiffs zu bringen, welches das tapfere 01ste nach dem Osten führen sollte; aber sie fühlte, daß es unmöglich war, die Anwesenheit der Kleinen lang vor dem Obersten zu verbergen. Wenn die Sache plößlich entdeckt würde, so war nicht blos die Stellung ihres Gatten, der jetzt als Soldat unter militärischer Mannszucht stand, sondern auch auf ihrer Seite der Ruf der Offenheit und Wahrheitsliebe, auf den sie bisher mit Recht hatte stolz sein können, gefährdet. Sie beschloß daher, den Corporal Stoc um Rath zu fragen und wo möglich ihre neue Gebieterin sich zu befreunden. Indeß war sie nicht ohne Bangen und Zögern zu diesem Entschluß gekommen, an dessen Ausführung sie erst ging, nachdem Landsend umschifft und somit keine Möglichkeit mehr vorhanden war, den kleinen Eindringling wieder an's Land zu schaffen. Die ersten paar Tage zahlte die gnädige Frau dem Ocean den gewöhnlichen Erstlingszoll, indem sie seekrank wurde. Zum Glück hielt dieser Zustand nicht lange an, und Rosa verpflegte dabei die Leidende mit unermüdlicher Aufmerksamkeit, indem sie Tag und Nacht an ihrem Lager wachte und jedem ihrer Bedürfnisse zuvorkam. Die zärtlichste Mutter hätte ihrem tranten Kinde nicht mehr Opferwilligkeit beweisen können, und es war daher kein Wunder, daß ihre Gebieterin dankbar war und sich glücklich schätzte, eine so treffliche Pflegerin gefunden zu haben. Endlich hatte sich die Lady so weit erholt, daß sie an dem Tisch der Damen und der Offiziere des Regiments mitspeisen konnte. Rosa hatte absichtlich die Entfernung des Obersten abgewartet, eh' sie in die 222 Cajüte der gnädigen Frau trat, um ihr das Haar zu ordnen. ; sic Ihr seid unwohl, fürchte ich," bemerkte ihre Gebieterin. , Es wird bald vorübergehen," versette das arme Geschöpf stockend. ,, Gewiß, es fehlt Euch etwas. Eure Hände zittern, und Eure Augen sind roth wie vom Weinen. Ihr habt Euch durch Eure Aufmerksamkeit gegen mich überarbeitet. Laßt nur mein Haar," fügte sie gutmüthig bei;„ ich will es selbst ordnen. Geht in Eure Cajüte; ich will den Doctor Burke zu Euch schicken." „ Ich bin nicht krant, gnädige Frau, gewiß nicht," versette Rosa; wenigstens nicht körperlich." Im Gemüth also. Ihr habt geweint; warum?" Rosa blieb stumm. Der Augenblick war gefommen; aber sie fand nicht den Muth, sich auszusprechen. Wie gut sie auch ihre Worte geordnet hatte, sie waren in ihrer Erinnerung wie ausgelöscht. Was wird sie von mir denken?" warf sie sich innerlich vor. Daß ich sie kläglich hintergangen habe." nd Euer Mann kann doch nicht unfreundlich gegen Euch gewesen sein, nachdem Ihr so viel geduldet und gelitten habt?" rief Lady Bell, ihre Augen forschend auf das blasse Gesicht und die bebenden Lippen ihrer Dienerin hestend. Ich sehe, es ist so," fügte sie bei, denn nur dies kann Euch so trostlos machen. Oh, die Männer, die Männer! Sie behandeln unsere Herzen wie ein Spielzeug. Wie die Kinder seh 223 nen sie sich zuerst nach unserer Liebe, und wenn sie dieselbe gewonnen haben, vernachlässigen sie uns." Von allen verheiratheten Damen unserer Bekanntschaft könnte wohl die Lady am allerwenigsten aus eigener Erfahrung eine solche Bemerkung machen, denn ihr Gatte betete sie an, und sie hatte von seiner Seite nur zu befürchten, daß er sie durch allzu viele Nachsicht verwöhnte. Wie oder warum sie sich eine solche Meinung von unserem Geschlecht bildete, wissen wir nicht zu erklären; vielleicht war es eine von jenen unwillkürlichen Ahnungen, die den Frauen eigen sind. di dod ,, Nein, nein," schluchzte Rosa, die keinen falschen Verdacht gegen ihren Mann auffommen lassen wollte, Mart würde mir um die ganze Welt nicht wehe thun und hat es auch nie mit Absicht gethan." " 1 ,, Und frank seid Ihr auch nicht?" Nicht törperlich, gnädige Frau." ,, Also im Gemüth," wiederholte die Lady, sie ernst betraachtend. " Leider." " Und Jhr möchtet mir Euren Schmerz vertrauen?" Sie sind meine einzige Hoffnung," rief das aufgeregte Weib, denn wenn nicht Ihre Güte zwischen Sir Charles' Zorn und meinen Fehler tritt, so fürchte ich, seine gute Meinung für immer zu verlieren." Fehler? Das wurde ernst, und so sehr sich Lady Fourreau ihrer Dienerin für ihre Aufopferung verpflichtet fühlte, so nahm sie doch Anstand, sich durch eine unmittelbare Zusage bloß zu stellen. ,, Es kann nichts so gar Schlimmes sein, Rosamoralisch Schlimmes, meine ich. Ich glaube, dafür 224 bürgen zu können. Nun, so sprecht Euch aus; kann ich Euch nüßen, so soll es geschehen. Weiter darf ich nicht sagen. Seid offen und wahr." - So ermuthigt, theilte Rosa ihrer Gebieterin mit, wie sie und Mart das verwaiste Kind eines verstorbenen Freundes mitgebracht hätten; dasselbe sei von ihnen in vermeintlich gute Hände gegeben worden, aber sie hätten sich grausam getäuscht. „ Ist das Kind mit euch verwandt?" fragte Lady Bell. ,, Nein." Sonderbar, daß ihr euch dann damit belasten mochtet." Natürlich fonnte Rosa nicht sagen, warum sie Lillian mit sich genommen, da sie dadurch das Verbrechen ihres Mannes verrathen haben würde. ,, Der Vater war ein Jugendfreund von Mark," entgegnete se, und wir konnten aus vielen Gründen seine Waise nicht verlassen. Wir übergaben sie Leuten, welche sie zu schüßen versprachen; aber statt Wort zu halten, haben sie das Kind verkauft, herzlos verkauft an einen rohen Gaukler und ein teuflisches Weib, welche es auf's Grausamste behandelten. Ich wußte dies nicht gewiß, damals noch nicht, als ich in Ihre Dienste trat. Erst nachdem Sie das Hotel in Southampton verlassen hatten, fand ich die Kleine auf der Straße. Ich war mit Stock auf dem Wege, mich einzuschiffen. Als ich sie entdeckte, drängte mich Gefühl und Pflicht, sie ihrem fürchterlichen Loos zu entreißen. Ich versteckte sie unter meinem Mantel und brachte sie an Bord sie ist hier." - - " Hier?" wiederholte ihre Zuhörerin erstaunt. 225 ,, Eine Soldatenfrau hat sie unter ihre Obhut genommen." ,, Nun," rief Lady Bell mit einem wohlwollenden Lächeln ,,, es ist nur ein Mund mehr auf dem Schiffe, und ich freue mich, daß sich's um nichts Schlimmeres handelt. Ich glaube nicht, daß Sir Charles darüber sonderlich ungehalten sein wird; und wenn auch, so muß ich eben für Euch das Wort nehmen." In der Ueberfülle des Dankes wollte sich Rosa ihrer Gebieterin zu Füßen werfen. Pah, laßt das," sagte die Dame.„ Selbst die Besten von uns können nicht viel thun in dieser schlimmen Welt. Trocknet jetzt Gure Augen und flechtet mir das Haar. Wenn meine Toilette gemacht ist, fönnt Ihr mir Euren Schüßling vorführen. Wie alt ist sie?" ,, Ungefähr neun Jahre, gnädige Frau." „ Und hübsch?" " Schön wie ein junger Engel." 11 Wie heißt sie?" Lillian Gee." Etwa eine Stunde nach diesem Gespräch wurde Lillian heimlich in die Cajüte der Lady Fourreau gebracht, welche ungeachtet des elenden Röckleins nicht nur von der ungemeinen Schönheit der Kleinen, sondern auch von der Anmuth ihres Benehmens, die auch dem armen Weber und seiner Frau als etwas Vornehmes aufgefallen war, in hohem Grad angesprochen wurde. Sie ließ keine linkische Verlegenheit blicken, sondern sah lächelnd zu Lady Bell auf, ging, als sie in ihrem Antlig einen Ausdruck von gütiger Smith, Ebbe u. Fluth. III. 15 226 Theilnahme bemerkte, auf sie zu und legte ihr Händchen in die ihrige. , Lilly!" rief Rosa, Du darfst Dir keine solche Freiheit nehmen. Ich bitte, gnädige Frau, entschuldigen Sie, das Kind weiß nicht, daß Sie-" ,, Laßt jezt die gnädige Frau aus dem Spiel," unterbrach sie die wohlwollende Dame. Was weiß die Kleine von solchen Unterschieden? Ihr habt nicht übertrieben; sie ist allerliebst. Ich habe nie eine edlere Haltung gesehen. Ich will nicht zu neugierig sein und Ihr braucht mir nicht zu antworten, wenn Ihr es nicht für passend haltet. Wer war ihr Bater?" 11 Barny Gee, gnädige Frau." Was war er?" ,, Er ist Soldat gewesen. Ihre Mutter habe ich nie getannt." Wir Alle wissen, daß die Natur sich bisweilen in wunderlichen Spielen ergeht. Lady Bell war keine von den Frauen, welche Schönheit für ein ausschließliches Vorrecht hoher Geburt halten. Die Schönheit der Waise überraschte sie daher nicht, wohl aber das Feine und Ungezwungene in ihrem Benehmen. ,, Es ist wohl am besten," sagte sie ,,, Ihr gebt fie für einige Tage der Frau zurück, welche sie in ihre Obhut genommen hat, daß wir sie vorstellbar machen können. Dann kommt wieder und wir wollen die Sache einleiten. Adieu," fügte sie bei, indem sie dem kleinen Gegenstand ihres Wohlwollens die Hand hinhielt. Lillian nahm sie und erhob ihr Gesichtchen, es zum Kusse bietend. In dieser Geberde lag etwas so 227 Natürliches und Zutrauliches, daß das Herz ihrer Beschüßerin sich gerührt fühlte. Mit ächt weiblicher Güte drückte sie ihre Lippen auf die Wange des Kindes. " Sei ein gutes Mädchen," sagte sie ,,, und Du darfst wieder zu mir kommen." Ich bin immer gut gegen Diejenigen, welche ich liebe," versetzte die Kleine ,,, und ich weiß gewiß, daß ich Sie lieben werde. Ich höre Sie so gerne sprechen, und es ist mir, als ob ich Ihre Stimme schon früher gehört hätte." ,, Meinst Du?" ,, Es muß im Traum geschehen sein, denn Ihres Gesichts kann ich mich nicht erinnern- oh ja," fügte sie bei; jezt weiß ich es. Sie klingt wie die Stimme meiner lieben Mama, die mich so gern hatte und mir vorsang; aber das ist lange her eh' ich über das Meer kam." Lady Bell sah Rosa fragend an. , Sie kam auf die Welt, als ihr Vater im Ausland diente, gnädige Frau," bemerkte lettere. ,, Der arme Mensch starb unmittelbar nach seiner Ankunft in der Heimath, und wir Alle glaubten, ihre Mutter müsse eine Ausländerin gewesen sein." ,, Sehr möglich," dachte ihre Gebieterin; ,, dies dürfte den eigenthümlichen Styl ihrer Schönheit und die Anmuth ihres Benehmens erklären." Lady Bell küßte die Kleine nochmal und Rosa führte sie wieder zu der Korporalsfrau zurück. Dem armen Geschöpf war es jetzt viel leichter um's Herz. Sie meinte, die Hälfte der Schuld, welche sie und ihr Mann durch die Entführung Lillians aus St. 15* 228 Faith begangen, sei ihnen abgenommen, seit sie für das Kind eine Beschüßerin wie Sir Charles Fourreau's Gattin gefunden hatte. Lady Bell war eines von jenen edlen Wesen, die nie eine Sache nur halb thun. Viele in ihrer Stellung würden schon ungemein großmüthig zu handeln geglaubt haben, wenn sie Rosa die Einschmuggelung des Kindes auf das Schiff verziehen hätten; aber sie that noch mehr. Sie beschloß die Kleine zu beschüzen, und begann schon am nämlichen Tag unter dem Beistand ihrer Dienerin für sie eine kleine Garderobe anzufertigen, indem sie einige von ihren Kleidern zertrennte, um sie für Lillian zurecht zu machen. Nachdem dieses Geschäft beendigt war, wurde das Kind wieder beschieden. Die Lady freute sich schon zum Voraus über das Entzücken, das die Kleine äußern würde, wenn sie zum ersten Mal, wie sie meinte, sich in einem seidenen Kleidchen sähe; aber zu ihrem Erstaunen zeigte Lillian nicht die mindeste Ueberraschung. Sie füßte die gnädige Frau und dankte ihr, äußerte aber weder Verwunderung noch Freude über ihren neuen Anzug. 11 Man sollte meinen, sie sei ihr ganzes Leben über an seidene Kleider gewöhnt gewesen," dachte Lady Bell. ,, Freust Du Dich nicht über Dein neues Kleidchen?" fügte sie laut bei. Ich freue mich, daß ich wieder bei Ihnen bin," lautete die Antwort. ,, Kann dies Schlauheit sein," dachte die Geberin, ,, oder hat sie's Jemand eingelernt?" Rosa las den Zweifel in der Seele ihrer Gebie 229 terin und ärgerte sich, daß Lilly so wenig Freude an den Tag legte. ,, Und Du dankst der gütigen Dame nicht für ihr schönes Geschenk?" fragte sie. ,, Ich habe ihr schon gedankt." ,, Das habe ich nicht gehört." ,, Ich dankte ihr, wie ich vor langer Zeit meiner Mama dankte, wenn sie mir ein neues Kleid gab, oder frische Blumen brachte, oder mir vorsang. Ich dankte ihr mit einem Kuß." ,, Und gab Dir Deine Mama oft Kleider?" ,, Sehr oft, wenn ich gut war und meine Aufgaben gelernt hatte." Und was lerntest Du?" Lillian deutete auf das offenstehende Pianoforte. In dem Umstand, daß ein gemeiner Soldat sein junges Kind Klavierspielen lernen ließ, lag etwas so Außerordentliches, daß Lady Bell zu argwöhnen be gann, Rosa habe ihr in Beziehung auf die wirkliche Geschichte und Herkunft der Kleinen etwas aufge= bunden. Sie wollte auch ihrem Zweifel gegen sie Ausdruck geben, sah aber jetzt ihrem Gesicht an, daß die gute Frau eben so, wo nicht noch mehr erstaunt war, wie sie selbst. " Du kannst also spielen?" sagte sie zu ihrem Schüßling. Lillian lächelte, ging auf das Instrument zu und spielte eines von Cruvelli's Anfangsstücken, allerdings nicht ohne einige Schwierigkeit, da wohl zwei Jahre verflossen sein mochten, seit sie keine Taste mehr berührt hatte. Ihre Wohlthäterin vermuthete Anfangs, sie spiele nach dem Gehör; als sie ihr aber über die 230 Schultern sah, bemerkte sie, daß sie einen ganz correcten Fingersaß hatte. " Das ist auffallend," flüsterte sie. Rosa konnte es eben so wenig begreifen. ,, Ah, ich hab' es," rief die Lady. „ Ohne Zweifel war ihr Vater ein Musiker bei einer Regimentsmusik." Sie sah ihre Dienerin an, als erwarte sie von ihr eine Bestätigung dieser Vermuthung; aber ob schon die ehrliche Frau sich dadurch aus einem unangenehmen Verdacht ziehen konnte, verschmähte sie es doch, sich wenn auch nur durch eine mittelbare Unwahrheit einer Verlegenheit zu erwehren. " Ich habe nie gehört, daß er Musik verstand, gnädige Frau." " 1 , Und doch kanntet Ihr ihn gut?" ,, Von Kindheit auf." ,, Das ist seltsam." " Ja, wohl seltsam," verseßte Rosa; aber viel< leicht ist er Musiker geworden, nachdem er sich anwerben ließ. Sein Bruder gilt als der erste Glockenläuter in St. Faith." Diese Vermuthung hatte etwas für sich; gleichwohl überzeugte oder befriedigte sie die Lady nicht und gab namentlich keine Aufklärung über die seidenen Kleider, die für Lillian etwas so Gewöhnliches gewesen sein sollten. Rosa," rief sie, zwar nicht zürnend, aber doch mit gekränkter Miene, ich glaube, ich habe es ver dient, daß Ihr nicht mit Schwänken gegen mich umgeht. Es thäte mir in der That sehr leid, wenn ich meine gute Meinung von Euch ändern müßte." - 231 ,, Ach, gnädige Frau, Alles, was ich Ihnen gesagt habe, ist die reinste Wahrheit. Ich habe ihren Vater von Kindheit auf gekannt. Wir sind im gleichen Ort geboren. Er war von eben so geringer Familie, wie ich im Auge der Welt vielleicht von einer noch geringeren, und führte ein leichtsinniges, müßiges Leben, obschon man ihm nichts eigentlich Schlechtes nachsagen konnte. Der Müßiggang ist freilich aller Laster Anfang. Er wurde ein Wilderer, und um sich der Strafe zu entziehen, mit welcher der Grundherr ihn belegen lassen wollte, ging er unter die Soldaten. Ich war damals noch ein Mädchen, erinnere mich aber an Alles, als wenn es erst gestern ge= schehen wäre." ,, Er kam dann in's Ausland, sagt Ihr?" " Ja, gnädige Frau. Am legten Neujahrsabend tehrte er unerwartet wieder zurück und brachte Lillian mit. Und da starb er," fügte Rosa stockend bei, denn sie fühlte, daß sie einen gefährlichen Boden betrat. „ Plötzlich?" " 1 ,, Sehr plöglich, gnädige Frau." ,, Gines natürlichen Todes?" " Rosa wurde leichenblaß; aber die gewohnte Wahrheitsliebe trug den Sieg davon. ,, Er wurde in einem Streit mit den Wildhütern des Grundherrn erschossen," murmelte sie. ,, Und Euer Mann?" 11 War bei ihm," schluchzte das geängstigte Weib. Und nun kennen Sie das Band, das mich an das verwaiste Kind fesselt. Ach," rief sie, indem sie auf die Kniee sant, verrathen Sie ihn nicht- 232 um der göttlichen Barmherzigkeit willen, verrathen Sie ihn nicht!" Es gibt eine Betonung, über deren Aechtheit man nicht in Irrthum gerathen kann wir meinen die, welche sich so zu sagen vom Herzen losreißt. Was in dieser Geschichte auch unerklärlich sein mochte, Lady Bell fühlte, daß ihre Dienerin die Wahrheit gesprochen hatte. Das Uebrige mußte der Zeit, der großen Löserin aller Geheimnisse, anheimgegeben werden. Obgleich sie vor ihrer Vermählung nur wenig in die Welt gekommen war, hatte sie doch genug von ihr gesehen, um zu wissen, daß bisweilen sehr ungleiche Ehebündnisse und wohl auch Beziehungen von unheiligerer Beschaffenheit eingegangen werden; einem derartigen Verhältniß glaubte sie die Geburt ihres Schüßlings zuschreiben zu müssen. Ich sehe ein, Rosa, daß ich Euch in einem fal: schen Verdacht hatte," sagte sie ,,, und ich werde nicht so leicht wieder in denselben Irrthum verfallen. Wenn die Pflanze des Vertrauens auch nur langsam wächst, so besißt sie dafür eine um so größere Lebenstraft. Es ist wohl am besten, Ihr laßt Lillian bei mir. Ich erwarte Sir Charles in wenigen Minuten; er kömmt gewöhnlich eine halbe Stunde vor dem Doctor, der uns Unterricht in der Hindusprache ertheilt." Die noch immer ängstliche und zitternde Frau raffte die alten Kleider zusammen, welche Lillian bisher getragen hatte, und entfernte sich. Vergeblich fragte jetzt die Lady Lillian über ihren Namen und ihre Herkunft aus. Die Kleine wußte nur, daß sie Lilly heiße und daß ihr Vater einen rothen 233 Rock mit goldenen Dingern auf den Schultern ge= tragen, deren Namen sie vergessen hatte. ,, Gin Offizier," dachte Lady Bell. Dann aber entsann sie sich, daß in der Cavallerie auch die gemeinen Soldaten Messingpanzer trugen, die ein Kind von so zarten Jahren leicht für Epauletten nehmen konnte. Die Kleine erzählte nun, sie habe ihre Mama verloren und eine weite Reise über das Meer ge= macht; aber sie könne sich weder auf den Namen des Landes, in welchem sie gewesen, noch auf den des Schiffes besinnen, in welchem sie gefahren. Lady Bell wußte nicht, was sie von alledem denken sollte. Die guten Zeugnisse ihrer Dienerin und ihr gutes Verhalten, seit sie dieselbe um sich hatte, ließ den Verdacht, sie dürfte bei einem Verbrechen betheiligt sein, nicht auffommen. Anders dagegen verhielt sich's mit ihrem Mann, und mit ächt weiblichem Justinkt fam die Dame zu dem Schluß, wenn etwas Unrechtes stattgefunden hätte, könne nur Mark der Uebelihäter gewesen sein, obschon vielleicht sein Weib eine unfreiwillige Zeugin war und ihr treues Herz. ihr verbot, etwas davon über ihre Lippen fommen zu lassen. Der Umstand, daß Lillian an Gaukler verkauft worden war und in den Straßen tanzen mußte, ließ sich nicht bezweifeln, denn als Lady Bell darauf anspielte, wurde das Gesicht der Kleinen todtenblas, und sie schauderte bei der Erinnerung an das Entsetzliche, das sie durchgemacht hatte. Bet und die Peitsche, Fidler Dick und sein schreckliches Schielen traten wieder lebhaft vor ihre Seele. 234 ,, Hast Du's da sehr schlimm gehabt?" fragte die Lady. Die Waise erzählte mit Schaudern, wie sie geschlagen worden sei. ,, Und wer hat Dich an diese Leute verkauft?" Lillian wußte den Namen nicht, aber Jack habe ihn Onkel Mite genannt." ,, Also nicht Rosa's Mann?" Oh nein; er brachte mich von den andern Leuten fort, die mich in ihre Obhut genommen hatien." Das Verhör wurde jetzt durch den Eintritt von Sir Charles unterbrochen, der seine Gattin mit einem Kuß begrüßte und dann die Bemerkung hinwarf, er sehe, daß sie eine Gesellschafterin gefunden habe. ,, Und ist es nicht eine allerliebste?" versetzte Lady Bell. Der alte Soldat, von Natur ein Kinderfreund, hielt der Kleinen die Hand hin. Lillian, die seit seinem Eintritt fein Auge von ihm gewendet hatte, eilte auf ihn zu, legte ihr Köpfchen auf seine Schulter und schluchzte bitterlich. Wir brauchen kaum zu sagen, daß das würdige Ehepaar höchlich darüber staunte; aber die Ursache ihrer Aufregung erklärte sich bald. Sir Charles war in Uniform, und ihr Papa pflegtee eben einen solchen Rock und eine solche Mütze zu tragen. " Ist sie eine Waise?" fragte der Oberst, nachdem er sie beruhigt und ihr die Thränen weggefüßt hatte. „ Ja." ,, Und will zu Verwandten in Indien?" ,, Sie befindet sich unter der Obhut einer Person, die dahin geht," versetzte die Lady ausweichend, 235 denn sie wünschte, ihrem Gatten zuvor Interesse für ihren Schüßling einzuflößen, eh' sie ihm dessen Geschichte mittheilte. Auch erwartete sie eben die Antunft des Doctor Burke, des Regimentsarztes, der viele Jahre in Indien gelebt hatte und ihr sowohl als ihrem Gatten regelmäßigen Unterricht im Hindostanischen ertheilte. Der gelehrte Gentleman ließ nicht lange auf sich warten. Lillian wurde angewiesen, sich einſtweilen mit dem Album zu unterhalten, und der Unterricht begann. Der Lehrer eröffnete seine Lection damit, daß er Einiges aus Kellart's Uebungsbuch vorlas und seine Zöglinge aufforderte, ihm die Worte nachzusprechen. Als Lillian die Sprachlaute ihrer Kindheit hörte, die ersten, in welchen sie ihre kleinen Bedürfnisse und Sorgen auszudrücken gelernt hatte und die ihr weit geläufiger waren, als das Englische, traten ihr Thränen in die Augen. Mit athemloser Theilnahme lauschte sie auf die Vorlesung, ohne sie zu unterbrechen. Nach dem Vorlesen, kam das Abhören der gelernten Wörter. Sir Charles sagte seine Aufgabe fast ohne Fehler her, die Aussprache etwa ausge= nommen; nicht so Lady Bell, die letzter Zeit so beschäftigt gewesen war, daß sie sich fast keines Wortes mehr erinnerte. Der Tag ist äußerst lieblich," sagte der Doctor englisch. , Bohoti kubsurot," versetzte die Dame hindostanisch. " Ich freue mich, Sie zu sehen," fuhr er fort. ,, Ep bohoti meherban ho," sagte Lady Bell. ,, Danke für Ihre Höflichkeit," erwiderte der Lehrer. 236 Wie heißt das erste Wort?" entgegnete die Dame; nur das erste." ,, Epte," flüsterte Lillian, die an sie herangeschlichen war. Ihre Wohlthäterin sprach es mechanisch nach. Plöglich aber erinnerte sie sich, von wem die Einflüsterung ausgegangen war. Die Ueberraschung verdrängte jedes andere Gefühl, und die Kleine an sich ziehend, rief sie aus: ,, Ei, Lillian, Du kannst hindostanisch?" Doctor Burke und Sir Charles nahmen sie so= fort in's Verhör. Nachdem der Erstere sie eine Weile aufmerksam betrachtet hatte, erklärte er, daß er sie schon früher gesehen haben müsse, denn jeder Zug ihres Gesichtes komme ihm so bekannt vor. " In England?" sagte die gnädige Frau. ,, Nein, es muß in Indien gewesen sein," versezte der Gentleman ,,, und wenn ich mich nicht sehr täusche, so war ich der Erste, welcher sie in diese etwas mühselige Welt einführte. Wie heißt sie?" ,, Lillian Gee." 11° Eine Dame dieses Namens habe ich nie behandelt," bemerkte der Doctor. Hum! Merkwürdig, daß ich mich ihrer Eltern nicht entsinnen kann; aber ohne Zweifel kömmt mir etwas vor, was mir sie wieder in Erinnerung bringt." Nachdem der Arzt sich entfernt hatte, erzählte Lady Bell ihrem Gatten Rosa's Geschichte, indem sie nur jenen Theil derselben für sich behielt, welcher von Mark's Wilddieberei und von dem Tode des vermeintlichen Vaters handelte; denn sie wußte, daß der Oberst bei allen seinen trefflichen Eigen 237 schaften das Vorurtheil des Adels gegen unbefugte Jagdliebhaber theilte. Auch war ihr jene Verirrung im Vertrauen mitgetheilt worden, und sie dachte viel zu ehrenhaft, um es zu verrathen. ,, Sie sind mir doch nicht böse?" fragte sie, nachdem sie ihre merkwürdige und etwas romantische Erzählung zu Ende gebracht hatte. ,, Böse?" versetzte der Oberst. ,, Warum sollte ich? Weil Sie dem Drang Ihres edlen Herzens folgten? In der Lage, in der ihr euch befandet, sehe ich überhaupt nicht ein, wie ihr Beide, Sie oder Rosa, anders zu handeln vermochtet. Man konnte das Kind doch nicht wieder zurückschicken?" ,, Und Sie erlauben, daß es bei mir bleiben darf?" ,, Wenn es Ihnen Freude macht, warum micht?" ,, Oh, Tausend Dant, Charles!" rief die Lady im Tone des Entzückens. Sie können sich nicht vorstellen, wie glücklich Sie mich gemacht haben." Sie umschlang Lillian mit den Armen und forderte sie dann auf, Sir Charles für seine Güte zu danken. ,, Bell," sagte ihr Gatte ,,, ich will mir nur eine Bemerkung erlauben. Wenn Sie die Sorge für dieses Kind auf sich nehmen, so ist es nöthig, daß Sie ein für allemal und unwiderruflich sich darüber entscheiden, welche Stellung Sie ihm in den Augen der Welt anweisen wollen.- ob eine dienstlich untergeordnete, oder die eines Pflegekindes." ,, Eine dienstliche? Nein." In diesem Fall werden Sie gut daran thun," fuhr der Oberst fort ,,, wenn Sie nach der Ankunft unseres Schiffes in Calcutta für ihre Erziehung sorgen. Sie verspricht schön zu werden; aber eben 238 dieser Umstand könnte verhängnißvoll für ihr Glück ausfallen, wenn ihr nicht eine gediegene Grundlage gegeben wird." - ,, Haben Sie feine Sorge," versezte die Dame. ,, Mein guter Wille soll es an nichts fehlen lassen." ,, Davon bin ich überzeugt; aber der gute Wille reicht nicht aus es muß auch mit Weisheit geschehen. Zunächst haben die Personen, welche sie an Bord brachten sie sind ja teine Verwandte, sonst würde ich ein solches Opfer nicht verlangen aller Autorität über sie zu begeben." - - fich ,, Ich bin überzeugt, daß sie darauf mit Freuden eingehen." " 1 Dann muß die Geschichte zwischen uns und Doctor Burke ein Geheimniß bleiben." ,, Sorgen Sie für Burke's Verschwiegenheit; für Rosa, ihren Mann und mich will ich einstehen." ,, Unter diesen Bedingungen mag Lillian fortan Ihr Pflegling sein." Ende des dritten Bandes. prada rodo itsdeur 7 8 9 10 11 11 12 13 14 15 16 L 9 S t Oth