—-== 8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Deih- und Ceſebedingungen. „1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe kinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. .. X 6 . = 8 — 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 ———— — ————— Der 1. Eamiſarde, ein hiſtoriſcher Roman . von Friedrich Seybold. 4 Zweiter Theil. 3 3 Stuttgart, 5 hei Earsl Hoffman n. Der Camiſarde. Der Camiſarde II. 84 In der Schenke zu Vauvert ſaßen etliche Dutzend Dragoner; einige ſpielten mit Kar⸗ ten, andere im Brett; die meiſten ſaßen, ze⸗ chend und plaudernd, am Tiſche. Der Wirth, ein kurzer ſtämmiger Mann, mit einem liſti⸗ gen Geſichte, ging ab und zu und bediente die Gäſte.— Noch eine Flaſche, Denis le Neophyte! rief ihm ein halbbetrunkener Dra⸗ goner zu. Hier, André le Capucin erwie⸗ derte der Wirth und ſtellte die Flaſche auf den Tiſch. Es ſcheint, ihr wollt euch Muth trinken, ehe der Strauß beginnt, fügte er ſpottend hinzu.— Muth, du neubekehrter Schuft? murrte der Soldat. Dieſes ketzeri⸗ ſche Lumpenvolk wird vor dem Hufſizlag un⸗ 4 ſerer Roſſe davon fliehen. Trinken will ich, aber nicht um Muth zu bekommen, ſondern auf's Wohl unſers allerchriſtlichſten Königs und unſerer heiligen römiſch⸗ katholiſchen Re⸗ ligion. Stoß' an, du neuer Chriſt, auf's Ver⸗ derben und den Untergang aller Ketzer und Irrgläubigen!— Dazu habe ich eben keine Luſt, entgegnete ſtörriſch der Wirth.— Wie, Schurke, du willſt nicht auf den Untergang der Ketzer trinken? fragte der Dragoner und erhob ſich drohend von ſeinem Sitze.— Nein, ſage ich euch, Herr André le Capucin, ant⸗ wortete trocken der Wirth, das will ich nicht. — Ja, ſage ich euch, Herr Denis le Neo- Phyte, das müßt ihr.— Und wer wird mich dazu zwingen? fragte entſchloſſen der Wirth.— Ich, du heimlicher Ketzer, mit meinem guten Säbel, der ſchon mehr Irrgläubigez in den Schoos der alleinſeligmachenden Kirche zu⸗ rückgeführt hat, erwiederte barſch der Sol⸗ dat.— Du, André le Capueinl ſagte verächt⸗ lich der Wirth. Gegen die Irrgläubigen magſt 5 du wüthen, wie es dir gefällt, aber wage es einmal, einen katholiſchen Chriſten anzutaſten, wie ich bin; ich habe meinen Beichtzettel und bin des Königs getreuer Unterthan.— Ein heimlicher Ketzer biſt du, riefen mehrere Dragoner dazwiſchen; warum willſt du nicht auf den Untergang der Irrgläubigen trinken? — Weil ich nicht mag, und mich Niemand dazu zwingen kann.— Wir, wir, könnnen dich zwingen, riefen die Soldaten.— Seyd Ihr etwa meine Obrigkeit, fragte der Wirth?— Wir ſind der rechte Arm der Obrigkeit, nahm André le Capucin für die uͤbrigen das Wort; und ohne unſere guten Klingen wäre es bald aus mit dem Anſehen und der Herrſchaft der Obrigkeit. Wir ſind in dieſe Provinz geſchickt, damit die Ketzer zu unſerer heiligen Kirche bekehrt und die Neubekehrten bewacht und in der wahren Lehre erhalten werden. Nun, Denis le Neophyte, will ich deinen Glauben prüfen. Nimm dieſes Glas hier und thue, wie ich. Es lebe der allerchriſtlichſte König und —— 6 unſere heilige römiſch⸗ katholiſche Religion! ſprach der Dragoner langſam und nachdrück⸗ lich, während er das Glas in die Höhe hob. — Darauf kann ich euch ſchon Beſcheid thun, ſagte trocken der Wirth und brachte das Glas zum Munde. Bin ich jetzt ein guter katholi⸗ ſcher Chriſt?— Halt, die Probe iſt noch nicht vorüber. Auf den Tod und Untergang aller Irrgläubigen und Ketzer!— Raſch ergriff der Wirth das Glas und rief mit lauter Stimme: Alle Irrgläubigen ſollen keben.... Greift ihn, den Ketzer! ſchrie André le Capucin.— Greift ihn, greift ihn! riefen die Soldaten nach.— Nun, warum ſoll man mich denn grei⸗ fen, und warum bin ich denn ein Ketzer? fragte der Wirth und blieb mit großer Seelenruhe in der Mitte der lärmenden Soldaten ſtehen. — Haſt du nicht aufs Wohl der Ketzer ge⸗ trunken? riefen mehrere Stimmen zumal.— Nein, ihr Herren, verſicherte der Wirth mit vielem Phlegma.— Wie, du willſt läugnen, Schurke, fuhr ihn André le Capucin an, was 7 was wir mit eigenen Ohren gehört haben?— Was habt ihr denn gehört, Herr André le Capucin?— Haſt du nicht geſagt:„Alle Irr⸗ gläubigen ſollen leben!“— Ja, das habe ich geſagt, Herr André le Capucin.— Greift ihn, greift ihn, riefen die Dragoner und drängten ſich um ihn; er hat es ſelbſt geſtanden.— Hört mich zuerſt, ihr Herren, ehe ihr handelt, ſprach ruhig der Wirth und wehrte die Sol⸗ daten von ſich; ein Chriſtenmenſch und Unter⸗ than des Königs wird ſich doch verantwor⸗ ten dürfen.— Rede, rede, riefen mehrere Stimmen.— Ihr Herren, ſagte der Wirth, hier ſeht ihr das Glas noch voll ſtehen, und ehe es leer iſt, gilt der Trinkſpruch nicht.— Wohl, du Schuft, erwiederte André le Ca- pucin, ſo will ich dir alſo nochmals den Trink⸗ ſpruch deutlich und vernehmlich vorſagen: Auf den Tod und Untergang aller Irrgläubigen und Ketzer!— Der Wirth ergriff ſein Glas, hob es in die Höhe und ſprach: Alle Irrgläu⸗ bigen ſollen leben. Greift ihn, ſchlagt ihn nieder, den Ketzer, riefen die Soldaten wüthend.— Habe ich denn das Glas ſchon ausgetrunken? fragte phlegmatiſch der Wirth. Könnt ihr denn nicht ſo lange warten?— Ruhig, Kameraden, ermahnte André le Ca- pucin, laßt ihn vollenden; er entgeht uns nicht. — Alle Irrgläubigen, begann der Wirth auf's Neue, ſollen leben und(hier verneigte er ſich ſpoͤttiſch) ſich bekehren, wie ich.— Die Sol⸗ daten brachen in ein ſchallendes Gelächter aus, und André le Capucin ſagte hämiſch: Dießmal biſt du mir entwiſcht, glatte Schlange; aber ich packe dich ein andermal, denn du biſt doch ein heimlicher Ketzer! Warum denn ſo böſe, Bruderherz Andre le Capucin? fragte einer der Dragoner.— Wie magſt du doch fragen, Bruder? ſtel ein anderer ein. Muß es denn nicht einem guten rö⸗ miſch⸗ katholiſchen Chriſten in der Seele wehe thun, wenn er ſich plötzlich die faſt gewiſſe Hoffnung entzogen ſieht, einen Relaps am Galgen hängen zu ſehen?— Du haſt Recht, 9 Bruderherz, begann ein dritter, in den näm⸗ lichen ſcherzhaften Ton einfallend; ein ſolcher in ſeinen Hoffnungen getäuſchter Chriſt iſt al⸗ lerdings des Troſtes ſehr beduͤrftig. Aber wir haben ja das Glück, hier unter uns einen tiefgelehrten Mann zu beſitzen, deſſen Rede⸗ kunſt nichts zu widerſtehen vermag. Erhebe dich, Charlot le Savant, Exprofeſſor der ſie⸗ ben freien Künſte, und gieße den Balſam deiner Rhetorik in das ſchwer verwundete Herz unſeres betrübten Bruders in Chriſto!— Ein ziemlich ſchmächtiger Mann von etwa dreißig Jahren, deſſen blaſſem Geſichte jugendliche Ausſchweifungen tiefe Spuren aufgedrückt hat⸗ ten, trat vor den Patienten hin und begann mit angenommener Salbung:„Meine gelieb⸗ ten Brüder in dem Herrn! Gleichwie in den Gleichniſſen der heiligen Schrift„von dem wiedergefundenen verirrten Schafe und dem rückkehrenden verlornen Sohne“, die Lehre ent⸗ halten iſt, daß der Schoos der heiligen Kir⸗ che jedem Verirrten und mit wahrhafter Reue 10 zu ihr Zurückkehrenden ſtets offen ſtehen ſolle, alſo verhängt auch die römiſch⸗ katholiſche Kir⸗ che, gleich andern Religionen, die härteſten Strafen gegen einen Relaps oder Rückfälli⸗ gen, als welcher ſich durch ſeinen Relapſus oder Rückfall ihrer Milde und Barmherzig⸗ keit unwürdig gemacht hat. Wenn nun unſer geliebter Bruder Andreas, den wir um ſei⸗ nes heiligen Bekehrungseifers willen den Ka⸗ puziner nennen, ſchmerzlich darüber betrübt iſt, daß der hier gegenwärtige Dionyſius der Neube kehrte nicht in flagranti delicto ertappt und um ſeines ſodann unleugbaren Relapſus willen zur gebührenden Strafe des Strangs, Schwerts oder Feuers gezogen wor⸗ den, ſo beurkundet derſelbe hierdurch auf's Neue ſeinen heiligen Eifer für den alleinſeligmachen⸗ den Glauben unſerer heiligen römiſch⸗ katholi⸗ ſchen Kirche und zeigt ſich abermals als einen der würdigſten geſtiefelten Miſſionärs, welche die Weltkinder in ihrer Verblendung königliche Dragoner nennen. Da nun unſer geliebter — — 11 Bruder André le Capucin alle irdiſchen Güter verſchmäht, um einzig und allein ſeinem heili⸗ gen Berufe zu leben, und da nichts ſeinen gerechten Kummer zu lindern vermögen wird, als die Errettung einer armen Seele aus den Stricken des Satans und den Schlingen des ketzeriſchen Unglaubens, ſo laſſet uns darauf ſinnen, geliebte Zuhörer, wie wir alsbald ein ſolches verlorenes Schaf in ſeine heiligen Hän⸗ de liefern mögen, damit er es zurückführe in den ſtets offen ſtehenden Schafſtall St.! Petri und in den Schoos der alleinſeligmachenden Kirche, denn unſer geliebter Freund achtet je⸗ den Tag für verloren, an dem es ihm nicht gelungen iſt, eine arme Seele zu bekehren, und ruft am Abend deſſelben mit dem heidni⸗ ſchen Kaiſer Titus ſchmerzlich aus: O, a- nici, diem perdidi.— Ja, liefert ihm eine arme Seele! liefert ihm eine arme Seele! riefen die Dragoner lachend.— Nenne uns eine arme Seele, die des geiſtlichen Zuſpruchs un⸗ ſeres würdigen Andréle Capucin bedarf, wer⸗ theſter Denis le Neophyte, ſprach Charlot zu dieſem gewendet, denn du biſt ohnehin ver⸗ pflichtet, für dich einen Erſatzmann zu ſtellen.— So viel ich weiß, erwiederte dieſer ſpottend, habe ich nicht die Ehre, das heilige Amt ei⸗ nes Seelenlieferanten der heiligen römiſch⸗katho⸗ liſchen Kirche und ihrer geſtiefelten Miſſionärs zu bekleiden.— Was brauchen wir dem Schuft lange gute Worte zu geben! ſiel André le Ca- puein, wie aus tiefem Sinnen erwachend, ein, wohnt denn nicht hier der Vater des ver⸗ fluchten Rebellenhaupts Antoine Perier, der das Schloß Pont de Montvert erſtürmt und den hochwürdigen Abt Chaila er⸗ mordet hat?— Recht ſo, recht ſo, André le Capuein! rief der Haufe tumultuariſch durcheinander. Zeige uns die Wohnung des Ketzers, ſprach einer der Dragoner zu dem Wirth und faßte ihn am Kragen.— Ich bin nicht euer verpflichteter Wegweiſer, erwiederte dieſer trotzig und riß ſich los.— Kommt, Kameraden, rief André le Capucin, wir brau⸗ — —;;;:n—— 13 chen dieſes ſtoͤrriſche Vieh nicht, um das Haus des Ketzers zu finden, und ſetzte ſich an die Spitze des Zugs.— Nachdem die Soldaten das Zimmer verlaſſen hatten, ſah ſich der Wirth erſt vorſichtig überall um, murmelte dann einen derben Fluch zwiſchen den Zäh⸗ nen, öffnete eine Thüre, die in das In⸗ nere des Hauſes führte und rief mit gedämpf⸗ ter Stimme: Albin!— Ein Knabe von et⸗ wa zwölf Jahren, mit einem klugen Geſichte und lebhaften Augen, erſchien auf den Ruf. Der Wirth redete leiſe mit ihm; der Knabe nickte bejahend mit dem Kopfe und eilte hin⸗ aus.— Denis le Neophyte nennt ihr mich, ihr Schurken, brummte er vor ſich hin; ihr ſollt den Neubekehrten kennen lernen! In ſeiner einſamen Wohnung ſaß der alte Jean Perier mit ſeinem betagten Weibe. Er hatte eine Bibel vor ſich liegen, in wel⸗ cher er eifrig las. Sein Weib ſaß auf ei⸗ nem niedrigen Schemel in ſchweigendem Kum⸗ mer.— O, wehe uns und unſerm Hauſe, 14 begann ſie nach einer langen Pauſe in kla⸗ gendem Tone; ich habe Söhne geboren mit Schmerzen, damit das Schwert ſie freſſe, oder daß ſie eines ſchmählichen Todes ſter⸗ ben durch die Hand des Nachrichters! Dieſer Aufruhr wird bitteres Leid über uns bringen, denn die heilige Schrift ſagt: Seyd unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat.— Der alte Mann warf ihr einen Blick des Vorwurfs zu und las mit lauter kräftiger Stimme:„Es war ein Prieſter, Matathi⸗ as, der Sohn Johannis, des Sohnes Si⸗ meon, aus dem Geſchlechte Jvarims, von Jeruſalem, der wohnte auf dem Berge Mo⸗ din. Und hatte fünf Söhne: Johannes, mit dem Zunamen Gadis, Simon, mit dem Zunamen Thaſt, Juda, mit dem Zu⸗ namen Maccabäus, Eleazar, mit dem Zu⸗ namen Aaron, und Jonathan, mit dem Zunamen Apphus. Dieſe jammerte ſehr das große Elend in Juda und Jeruſalem. Und Matathias klagte: Ach, daß ich dazu gebo⸗ 15 ren bin, daß ich meines Volks und der hei⸗ ligen Stadt Zerſtörung ſehen muß, und da⸗ zu ſtille ſitzen, und die Feinde ihren Muth⸗ willen treiben laſſen! Die Fremden haben das Heiligthum innen und der Tempel Gottes iſt wie ein verdammter Menſch. Seinen Schmuck hat man weggeführt; die Alten ſind auf den Gaſſen erſchlagen, und die junge Mannſchaft iſt von Fremden erſtochen. Das Reich iſt al⸗ len Heiden zu Theil geworden, die es plün⸗ dern. Alle ſeine Herrlichkeit iſt weg. Es war eine Königin, nun iſt es eine Magd. Siehe, unſer Heiligthum, und unſer Ruhm und Preis iſt weg; die Heiden haben es verwuͤſtet. Wen ſollte noch gelüſten zu leben?— Ach, nicht um mein Leben iſt es, daß ich klage, ſeufz⸗ te das Weib! Wie gerne würde ich es hin⸗ geben, meine Kinder zu retten, denen ihr Aufruhr gegen die Macht des Königs ſiche⸗ res Verderben bereiten muß!— Der alte Mann, ohne eine Antwort zu geben, las wei⸗ ker:“ Und als Antiochi's Hauptleute kamen —— 1 16 in die Stadt Modin, da ſielen Viele vom Volk Iſrael zu ihnen. Aber Matathias und ſeine Söhne blieben beſtändig im Glau⸗ ben ihrer Väter. Und die Hauptleute Antio⸗ chi ſprachen zu Matathia: Siehe, du biſt der Vornehmſte und Gewaltigſte in dieſer Stadt, und haſt viele Söhne und eine große Freundſchaft. Darum tritt erſtlich dahin und thue, was der König geboten hat, wie alle Länder gethan haben, und die Leute Juda, ſo noch in Jeruſalem ſind; ſo wirſt du und deine Söhne einen gnädigen König haben, und begabet werden mit Gold und Silber und großen Gaben. Da ſprach Matathias frei heraus:„Wenn auch alle Länder Antiochi gehorſam wären, und jedermann abſiele von ſeiner Väter Geſetz, und willigten in des Kö⸗ nigs Gebot, ſo wollen doch ich, und meine Söhne und Brüder, nicht vom Geſetz unſerer Väter abfallen. Da ſey Gott für! das wäre uns nicht gut, daß wir von Gottes Wort und Gottes Geſetz abſielen.“ Da er nun alſo 17 ausgeredet hatte, ging ein Jude hin vor ihrer Aller Angen und opferte dem Götzen auf dem Altar zu Modin, wie der König ge⸗ boten hatte. Das ſahe Matathias und gieng ihm durch's Herz, und ſein Eifer ent⸗ brannte um das Geſetz. Und lief hinzu und tödtete bei dem Altar den Juden und den Hauptmann des Koͤnigs, und warf den Al⸗ tar um. Und eiferte um das Geſetz, wie Pinehas„that dem Zamri, dem Sohne Sa⸗ lomi. Und Matathias ſchrie laut durch die ganze Stadt:„Wer um das Geſetz eifert und den Bund halten will, der ziehe mit mir aus der Stadt.“ Alſo flohen er und ſeine Söhne auf das Gebirge, und verließen Alles, das ſie hatten in der Stadt. Und viele fromme Leute zogen hinaus in die Wüſte, und hiel⸗ ten ſich da mit Weib und Kind und ihrem Vieh, denn die Tirannei war allzugroß ge⸗ worden.— Ach, meine armen Kinder, ſo müßt ihr elend und hülflos in der Wüſte irren, und nimmer werden euch meine Augen ſſehen, 18 denn ich bin alt und wohlbetagt! jammerte das Weib und bittere Thränen benetzten ihre Wangen.— Einen faſt zornigen Blick warf ihr der alte Mann zu und las mit lerhöhter Stimme:„Und es ſammelte ſich zu Hauf eine große Menge der Frommen, die alle be⸗ ſtändig blieben im Geſetz; und kamen zu ihnen alle die, ſo vor der Tirannei flohen. Darum rüſteten ſie lſich und erſchlugen viele Gottlo⸗ ſe und Abtrünnige in ihrem Eifer und Zorn! die übrigen aber gaben die Flucht und entran⸗ nen zu den Heiden. Darnach zog Mata⸗ thias und ſeine Freunde getroſt umher im Lande Iſrael und riß die Altäre der Götzen nieder. Und griffen die Gottloſen an und es hat ihnen gelungen. Und erhielten das Geſetz wider alle Macht der Heiden und Kö⸗ nige, daß die Gottloſen nicht uͤber ſie Herren wurden.“ Hier wohnt der alte Sünder! riefen plötz⸗ lich laute Stimmen auf der Straße und mäch⸗ tige Fäuſte pochten an die verſchloſſene Thüre 49 des Hauſes.— Wer ſtört hier unſere Ein⸗ ſamkeit? rief zder alte Mann hinaus.— Auf, alter Sünder, öffne die Thüre! erwie⸗ derten die Stimmen, und wiederholte kräfti⸗ ge Schläge beurkundeten die Ungeduld der Einlaß Begehrenden.— Wer ſeyd ihr, die ihr in meine friedliche Hütte einbrecht gleich Räubern in der Nacht?— Friedliche Hütte! lachten die draußen; es iſt die Höhle des al⸗ ten Raubthiers, in welcher die Jungen groß gezogen wurden, die jetzt das Land verwü⸗ ſten. Oeffne, alter Schurke, öffne, oder wir ſchlagen die Thüre ein! Dieſe Drohung wur⸗ de durch einige ſtarke Schläge bekräftigt, von denen das ganze Zimmer erzitterte.— Ich nehme Gott und die Menſchen zu Zeugen, rief der Greis, daß mir Gewalt geſchieht in mei⸗ nem Hauſe! und öffnete die Thüre.— Der wüſte Haufe ſtürmte herein, und furchtſam zog ſich das Weib in einen Winkel zurück, während der alte Mann furchtlos und in ruhi⸗ ger Ergebung ſtehen blieb— Das alſo iſt 4 — . — — ———— 20 die Mördergrube, von der die Verruchten ausgegangen ſind, die ihre Hände in heiliges Blut getaucht haben?— rief einer der Drago⸗ ner.— Sprich, alter Sünder, fragte Charlot le Savant, wo iſt dein Sohn Antoine?— Recht ſo, gelehrtes Carlchen, rief in anderer Dragoner dazwiſchen, du biſt der ge⸗ eignete Mann, das Verhör dieſes verſtockten Böſewichts in der Ordnung vorzunehmen.— Ihr ernennt mich alſo zu euerem Generalan⸗ wald? fragte Charlot lachend.— Ja, Ja, ſchrie der ganze Haufen, mit unbeſchränkter Vollmacht.— So wollen wir demnach, in Kraft unſeres hohen Amts, in aller Form verfahren. Wie heißt ihr, fragte Charlot mit komiſcher Gravität den alten Mann?— Wer gibt euch das Recht mich zu verhören? erwiederte dieſer mit Ruhe.— Nach meinem Rechte fragſt du? Hier iſt es, entgegnete der Soldat und ſchlug an ſeinen Säbel. Nicht wahr, Kameraden?— Hier iſt es, hier iſt es, ſchrieen durcheinander die Dragoner und 8 4 21 ließen ihre Säbel klirren.— Frage: Ob Ju⸗ quiſit dieſes Recht anerkenne? fuhr Charlot mit angenommener Würde fort.— Unſchlüſ⸗ ſig ſchwieg der Gefragte. Charlot zog, mit einer ausdruksvollen Pantomime den Säbel halb aus der Scheide und warf dabei einen auffordenden Blick auf ſeine Kameraden, die nun das Gleiche thaten.— Um Gottes wil⸗ len, mein Freund! rief angſtvoll das Weib aus der Eke und warf ihrem Manne einen flehenden Blick zu.— Frage: Ob Inauiſit dieſes Recht anerkenne? wiederholte der Dra⸗ goner mit Nachdruck.— Jean Perier! Jean Perier! rief das Weib bittend.— Ich weiche der Gewalt, erwiederte dieſer nach einigem Bedenken, und will euch antworten.— Auf Charlot's Wink klirrten die Säbel in die Scheiden zurück und er begann zu fragen: Wie heißt ihr?— Jean Perier.— Wie viele Kinder habt ihr?— Zwei Söhne.— Wie heißen ſie?— Antoine und Chretien. — Wo ſind ſie?— Ich weiß es nicht.— 22 Wann habt ihr ſie zum letztenmal geſehen? Es mögen wohl acht Tage ſeyn.— Wohin giengen ſie, als ſie ſich von eurem Hauſe ent⸗ fernten?— Ins Gebirge, ſo wiel ich weiß. — Zu welchem Zwecke?— Der Gefragte ſchwieg zweifelhaft.— Zu welchem Zwecke? wiederholte der Fragende dringender.— Um einer Verſammlung unſerer Brüder beizuwoh⸗ nen, wenn ihr es denn doch wiſſen müßt, erwie⸗ derte der Gefragte mit entſchloſſenem Trotz. — Ihr wußtet alſo von dieſer Verſammlung? Ja!— Und habt eure Angehörigen nicht da⸗ von zurückgehalten?— Nein.— Kennt ihr die königlichen Verordnungen und Verbote?— Jal — Ihr ſeyd der Strafe verfallen.— Das weiß ich.— Habt ihr eure Söhne ſeitdem nicht wieder geſehen?— Nein!— Wißt ihr nichts von ihrem bisherigen Aufenthalt?— Nein! — Wißt ihr überhaupt nichts von ihnen?— Nichts, als was mir durch das Gerücht zu Ohren gekommen iſt?— Wißt ihr, daß euer Sohn Antoine an der Spitze der Aufrüh⸗ 23 rer ſteht, die das Schloß Pont de Mont⸗ vert mit Sturm genommen und den hoch⸗ würdigen Abt Chaila ermordet haben?— So habe ich gehört, weiß aber nicht, ob es wahr iſt.— Wußtet ihr etwas von dieſem Unternehmen, ehe es ausgeführt wurde?— Nein!— Haltet ihr daſſelbe für unerlaubt und verbrecheriſch?— Ich kann es nicht bil⸗ ligen. Mache dem langen Proceß ein kurzes En⸗ de, Charlot le savant, rief ungeduldig einer der Dragoner, daß wir zur Hauptſache kom⸗ men.— Zur Hauptſache, zur Hauptſache! ſchrieen andere Dragoner drein.— Ihr habt Recht, Kameraden, erwiederte Charlot lach⸗ end; es iſt ohnehin ein langweiliges Ding um eine Inquiſition! Sprich, alter Sünder, willſt du dich bekehren von deinem Irrglauben?— Nein, erwiederte feſt der Gefragte, ich will beharren in meinem Glauben, den ich für den wahren halte.— Bleibſt du bei dieſer Ant⸗ wort?— Ja, mit des Allmächtigen Hülfe. 24 — Nun, ſo überantworte ich dich hiemit in die Hände des größen Bekehrers und fromm⸗ ſten Kapuziners, den je die Sonne von Lan⸗ guedoc beſchienen hat. Herein, André le Ca- pucin!— Herein, André le Capucin! wie⸗ derholten lärmend die Soldaten. Die Thüre öffnete ſich und ein langer ha⸗ gerer Mann, in Dragoneruniform, aus deſ⸗ ſen eingefallenen Zügen ein Paar ſtechende Aus gen blitzten, trat in das Zimmer.— Hier bin ich, ſagte er, nicht unähnlich dem Satan, der auf die Zauberformeln eines Beſchwörers erſcheint, mit düſterer Miene, was begehrt ihr von mir?— Daß du dieſen Ketzer be⸗ kehreſt zum wahren Glauben der alleinſelig⸗ machenden romiſch⸗katholiſchen Kirche, oder ſo er beharret in ſeinem Unglauben, ſeinen ir⸗ diſchen Theil tödteſt mit dem Schwerte und ſeine verlorene Seele hinabſendeſt in den Pfuhl der Hölle, wo ſeyn wird Heulen und Zähne⸗ klappern, erwiederte Charlor mit angenom⸗ menem Ernſt.— Andächtig hob der Bekehrer 2⁵ ſeine Augen gen Himmel, zog langſam den Säbel und ſprach ruhig und eintönig:„Groß⸗ er Gott, das iſt das fünfzigſte Opfer, das ich heute ſchlachte zur Verherrlichung deines Namens!“— Schreiend flog das Weib aus dem Winkel und umklammerte ihren Mann, ihn mit ihrem Körper deckend.— Willſt du dich bekehren, Jean Periers fragte Char⸗ lot feierlich.— Nein! Nein! rief dieſer ent⸗ ſchloſſen.— Reißt ihn los von dem Weibe, befahl Charlot, daß er ſeine Strafe em⸗ pfange!— Hülfe, Hüͤlfe, laßt ihn! rief dieſe kreiſchend.— Unbeweglich, mit gezogenem Schwerte, ſtund der Bekehrer, ruhig, wie es ſchien, die Ueberantwortung ſeines Opfers erwartend.— Einige Dragoner riſſen das ſich ſträubende Weib los.— Haltet ſie feſt, rief Charlot, die Execution kann da auſ⸗ ſen geſchehen!— Der ganze Haufe, den al⸗ ten Mann in der Mitte, ſtrömte auf die Straße. Langſam folgte der Bekehrer, ohne ein Wort zu ſprechen.—— Kniee nieder, Der Camiſarde II.— 2 26 Jean Perier, ſprach hier Charlot und verrichte dein letztes Gebet!— Entſchloſſen knieete der alte Mann auf den Boden und hob Augen und Hände gen Himmel, wäh⸗ rend aus dem Zimmer das Jammergeſchrei ſeines Weibes ertönte. Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geiſt! betete der Greis, während der finſtere Bekehrer mit bloßem Schwert. hinter ihm ſtund; da ertönte plötzlich vom Felſen hinter der Hütte der Klang eines Horns. Alle horch⸗ ten geſpannt, und lachend rief Charlot: Da könnte uns die Comödie verſalzen werden!— Ein Schuß ſiel und die Kugel pfiff uͤber den Köpfen der Soldaten weg.— Zu den Waffen, Kameraden, rief Charlot, hier iſt es nicht geheuer!— Im gleichen Augenblicke kam athemlos ein Knabe vom Felſen herab gerannt und rief ſchon von ferne: die Camiſarden! die Camiſarden!— André le Capucin, rief Charlot lachend, es ſcheint Zeit, daß wir den Spaß aufgeben und auf unſere eige⸗ 27 ne Sicherheit denken.— In wilder Verwir⸗ rung trieb ſich der Haufen der Soldaten herum, während der alte Mann noch immer, des Todes gewärtig, am Boden knieete. Da erſcholl von der andern Seite ſchmet⸗ ternder Trompetenklang und entfernter Huf⸗ ſchlag kündigte ein nahendes Reitergeſchwa⸗ der an.— Alle Teufel! rief Charlot, die Escadron rückt ſchon ein, und wir ſind noch nicht marſchfertig. Da wird es was ſetzen; aber immerhin, zum Succurs gegen dieſe ketzeriſchen Hunde kommt ſie gerade recht. Seht, da ſprengt ſchon der Wachtmeiſter an. — Ihr Schlafhauben und Tagdiebe, ſchalt der heranſprengende Wachtmeiſter, was ſteht ihr da müßig, ſtatt fertig zu ſeyn zum Ab⸗ marſch?— Mit Gunſt, geſtrenger Herr Wachtmeiſter, erwiederte Charlot in komi⸗ ſcher Weiſe; unſerheiliger André le Capucin hatte hier zuvor noch ein kleines Bekehrungs⸗ werk zu verrichten, und da haben wir uns in unſrem frommen Eifer verſpeter. Faſt hat⸗ 28 ten uns aber die ſchuftigen Rebellen in unſ⸗ rem heiligen Werke geſtört, denn eben ertön⸗ te aus dem Walde auf dem Felſen ihr Horn und eine Kugel pfiff bereits uͤber unſere Köpfe hin.— Camiſarden hier in der Nähe? frag⸗ te dringend der Wachtmeiſter.— So ſcheint es, erwiederte Charlot, obwohl wir blos gehört und noch nichts geſehen haben.— Schnell ſprengte der Wachtmeiſter mit dieſer Meldung zum Anführer der Escadron zurück. Dieſer ließ die Hälfte derſelben abſitzen und die äußerſten Häuſer beſetzen, während die andere Hälfte ſeitwärts vom Dorfe, im freien Felde, aufmarſchirte. Kein Laut ließ ſich jedoch weiter vernehmen; kein Horn er⸗ tönte mehr und kein Gewehr krachte.— Es ſcheint ein blinder Lärm, ſprach der Rittmei⸗ ſter zu den übrigen Offizieren, mit denen er hinter einem der erſten Häuſer ſtund, des feindlichen Angriffs gewärtig.— Habt ihr auch recht gehört, Schufte? fragte der Wacht⸗ meiſter Charlot und ſeine Kameraden.— 29 Sie beharrten bei ihrer Ausſage.— Sollte man nicht durch eine Abtheilung zu Fuß den Wald durchſuchen laſſen? fragte der Anführer. Was meint ihr, Wachtmeiſter?— Es könnte Leute koſten, erwiederte dieſer achſelzuckend, denn dieſe Purſche führen ein gutes Rohr. Wenn der Wald Feinde birgt, müſſen ſie bald zurückgehen, wenn ſie nicht durch un⸗ ſere andern Colonnen abgeſchnitten werden wollen.— Ihr habt Recht, Wachtmeiſter, ſprach der Anführer; lieber warten wir noch eine Stunde, als daß wir unnütz Leute opfern. Aber warum, fügte er fragend hinzu, ſind dieſe Träumer hier noch nicht marſchfertig 2 — Die Schufte haben mit einem armen Bauer Comödie geſpielt und ihn zum Spaß in To⸗ desangſt verſetzt, erwiederte der Wachtmei⸗ ſter.— Wißt ihr nicht, fuhr der Rittmeiſter die Verlegenen an, daß ſolche Bekehrungen auf eigene Fauſt verboten ſind? Wer wa⸗ ren die Urheber dieſes unerlaubten Scherzes? — Alle ſchwiegen.— Sicherlich, ſiel der Wacht⸗ meiſter ein, hat! wieder der Spaßmacher Charlot le savant die Hand im Spiele ge⸗ habt und bei ſeinem Faſching den dämiſchen André le Capucin als natürliche Maske ge⸗ braucht. Sprich, Exmagiſter der ſieben freien Künſte, und gebe Gott und der Wahrheit die Ehre.— Der Bekehrungseifer unſeres heili⸗ gen Andreas, erwiederte dieſer, in komiſcher Entſchuldigung, war ſo brennend, daß ich ihm einige Nahrung geben zu müſſen glaubte, da⸗ mit er ſich nicht ſelbſt verzehre.— Ihr braucht nicht auf andere hinein zu ſündigen, Herr Charlot le savant, ſprach der Rittmeiſter mit verbißenem Lachen, ihr wißt, daß ihr ſelbſt noch viele Sünden auf dem eigenen Kerbholze habt. Wo iſt der Mann, den ihr geängſtigt habt? fügte er fragend hinzu.— Hier, mein Herr! entgegnete Charlot ziem⸗ lich kleinlaut und wies auf Jean Perier, der inzwiſchen wieder aufgeſtanden war und ſich geſammelt hatte.— Gehe hin in Frie⸗ den, mein Freund, rief ihm der Anführer 31 zu; du biſt frei.— Aber, nahm André le Ca- pucin das Wort, es iſt ja der alte Jean Perier, der Vater des Antoine Perier, der die Rebellen anführt.— Halt! rief der Rittmeiſter, das ändert die Sache. Biſt du Jean Perier?— Ja, Herr, antwortete ruhig der alte Mann.— Wer iſt dieſes Weib? — Das meinige.— Ihr werdet dafür ſorgen, wendete ſich der Anführer zu dem Wachtmei⸗ meiſter, daß dieſe beiden Leute unter Bede⸗ ckung nach Nismes zur Verfügung des Gene⸗ rals gebracht werden, ohne daß ihnen jedoch ein Leid geſchehe.— Auf einen Wink des Wachtmeiſters wurden ſie von vier Mann in die Mitte genommen. Zugleich rief er Char⸗ lot und ſeinen Kameraden zu: Fort, Purſche, und aufgeſeſſen! Nach einer halben Stunde ungefähr hörte man auf der Höhe Trommeln und ſah eine Colonne Fußvolk über die Felſen weg dem Walde zuziehen.— So, ſagte der Rittmeiſter, dieſe werden uns den Weg bahnen, wenn ein 32 Feind im Gehölze ſteckt. Ohnehin, fuͤgte er halb ſpöttiſch mit der den verſchiedenen Waf⸗ fengattungen eigenen Eiferſucht hinzu, eignet ſich dieſes Terrain beſſer für Infanterie. Ein andermal, wenn wir ein freies Feld zum Ein⸗ hauen haben, wollen wir die Avantgarde neh⸗ men.— Wenn uns nur auch das Lumpen⸗ volk im freien Felde Stand hält, äußerte be⸗ ſorgt ein milchbärtiger Offizier.— Ihr wer⸗ detwohl noch Gelegenheit finden, eure Spornen zu verdienen, junger Herr, fiel ein ſchnurr⸗ bärtiger Parvenu mißmuthig ein.— Ach, ſagte das Mutterſöhnchen vornehm, bei ſolchem Volke iſt keine Ehre aufzuheben.— Aber deſto mehr Wunden und Beulen, brummte der Wachtmeiſter halblaut vor ſich hin.— Lang⸗ ſam ſetzte ſich die Escadron in Marſch und verlor ſich bald in den Windungen des Berg⸗ pfades, den ſie hinaufzog. Nachdem der Platz leer war, kam Denis le Neophyte vorſichtig um eine Ecke geſchli⸗ chen. Er huſtete mit Bedeutung, und der 33 Knabe ſteckte ſeinen Kopf um eine andere Ecke.— Alles rein, Albinl fragte er ihn leiſe.— Ja, Vater! antwortete der Knabe. — Du haſt deine Sachen brav gemacht, Junge, und mußt mit der Zeit ein brauchbarer Kerl werden. Haſt du doch das Horn und die Flinte wieder wohl verſteckt? Wir werden beide, hoffe ich, ſonſt noch brauchen können. — Sie liegen an einem Orte, erwiederte der Kmabe mit Selbſtgefühl, wo ſie der beſte Spürhund dieſer katholiſchen Meute nicht auf⸗ finden wird.— Du haſt ſie tuͤchtig in Angſt geſetzt, dieſe Großſprecher, die nur Helden ſind gegen Wehrloſe; und wäre nicht eben dieſe verdammte Schwadron eingeritten, ſo hätten ſie Ferſengeld gegeben und unſern alten Perier, der nun leider auf dem Wege nach Nismes iſt, laufen laſſen.— Mich reut es nur, Vater, ſagte der Knabe, daß ich nicht tiefer angelegt und einen dieſer Schufte nie⸗ dergeſchoſſen habe.— Hätte auch nichts ge⸗ ſchadet, Albin, erwiederte gleichgültig der 34 Vater. Jetzt aber eile durch die geheimen Pfade und ſage unſern Brüdern im Gebirge den Anmarſch des Feindes an. Spute dich und nimm ein Vogelnetz mit dir, zur Ausrede, wenn du je auf Streifwachen der Truppen des Königs ſtoßen ſollteſt. Eine Weile muß ich ſchon noch den Neubekehrten ſpielen, aber bald hoffe ich die Maske ablegen zu können. Vielleicht diene ich ſo meinen Brüdern beſſer, als auf andere Art, und kann denn doa, in meinem Eigenthum bleiben.— Beide verlo⸗ ren ſich im Weggehen zwiſchen den Häuſern. Etwa eine Stunde hinter dem Dorfe Car⸗ noulé liegt ein Gehölze, das, von hinten durch ſchwer zugängliche Felſen, auf beiden Seiten durch Schluchten und reiſſende Waldbäche ge⸗ deckt, von der Natur ſelbſt befeſtigt und, wenn es von einer entſchloſſenen, der Gegend kun⸗ digen Schaar vertheidigt wird, faſt unein⸗ nehmbar iſt. Hierher hatte ſich nach der Ein⸗ 35 nahme von Pont de Montvert Roland vom Gebirge zurückgezogen. In den Dörfern umher ertönte der Schall der Sturmglocke, der die proteſtantiſchen Einwohner zu den Waffen rief, und von allen Seiten ſtrömten bewaffnete Schaaren dem Lagerplatze der Ca⸗ miſarden zu. Dieſe Bewaffneten gewährten ei⸗ nen bunten und von der Einförmigkeit regelmäſ⸗ ſiger Truppen gänzlich abweichenden Anblick. Einige von Ihnen führten Flinten, einige blos Piſtolen, andere Säbel oder alte Degen, die zum Theil an die Zeiten des Ritterthums erinnerten; viele waren mit Senſen oder Spießen bewaffnet; die meiſten trugen, ne⸗ ben ihren andern Waffen, in einem Gürtel eine Art oder Beil— ein in der nervigten Fauſt kräftiger Landleute furchtbares Werkzeug des Todes. Blos die Gebirgsbewohner, die unter Rolands unmittelbarem Befehle ſtun⸗ den, waren regelmäßig gerüſtet mit Flinten, Piſtolen und einem kurzen breiten Schwert. Die Zahl dieſer bunten Haufen, die ſich in 36 4 dem Gehölze ſammelten, mochte auf vier bis fünfhundert Mann ſteigen. Nachdem ſich die Schaaren unter ihren Führern, geordnet hatten, ſo gut ſie es ver⸗ mochten, ließ ſie Roland einen Halbkreis— ſchließen, beſtieg ein Felſenſtück und redete ſie mit lauter, vernehmlicher Stimme auf folgende Art an:„Ihr Männer, liebe Brüder! Ein König hat ſein Wort gebrochen und mit einem Federzug durch die Zeit geheiligte Verträge vernichtet. Seit Jahren ſchmachten wir unter dem Drucke unſerer Verfolger und leben unter der Ruthe unſerer Treiber. Un⸗ ſere Tempel ſind geſchloßen, die Diener un⸗ ſeres heiligen Glaubens vertrieben und geäch⸗ tet, die Gläubigen hinausgeſtoßen in die Wü⸗ ſte. Hunderte unſerer Brüder ſind unter dem Beile des Henkers gefallen; hunderte ſchmach⸗ ten in den Kerkern unſerer Tirannen; alle, die feſt halten an ihrem Glauben, müſſen Schutz ſuchen in der Fremde als heimathloſe Bettler, oder irren geächtet umher im Lande ih⸗ 37 rer Väter, oder ſind die wehrloſe Beute ihrer Peiniger geworden. Jahre lang haben wir geduldet und getragen ohne Widerſtand, und faſt ohne Murren, aber die Tirannei iſt im⸗ mer größer geworden im Lande. Keine Wahl, kein Heil, keine Rettung blieb uns weiter üͤbrig, als unſer gutes Recht zu verfechten mit unſerm guten Schwerte. Es iſt gezogen, es iſt geſchwungen, es hat geſiegt. Sprecht, ihr Männer, liebe Brüder! Iſt einer unter euch, der es wieder einſtecken will und auf's Neue ſeinen Nacken dem Joche unſerer Tiran⸗ nen darbieten 2“— Einen Augenblick hielt der Redner erwartungsvoll inne. Ein Gemur⸗ mel lief durch den Haufen; erſt erhoben ſich einzelne Stimmen; dann ſchallte es einmüthig durch die ganze Schaar: Keiner! Keiner! Gut und Blut für unſern Glauben!—„Im feſten Willen liegt der Sieg, fuhr der Red⸗ ner fort. Wer entſchloſſen iſt zu ſterben, wird uͤberwinden. Ihr ſeyd freie Männer, vereint, für die Freiheit unſeres Glaubens zu fechten. 38 Einigkeit thut Noth; aber ohne Einheit wer⸗ det ihr nicht das Ziel erreichen. Wählt euch einen Anführer, der eure Schaaren zu einem Ganzen ordne und an eurer Spitze ausziehe in den Streit.“— Ein neues Gemurmel lief durch die Menge, und bald ertönte der allge⸗ meine Ruf: Du ſollſt unſer Anfuͤhrer ſeyn! Roland vom Gebirge ſey unſer Haupt! — Ihr Männer, liebe Brüder! begann Ro⸗ land aufs Neue, ich nehme die Würde eu⸗ res Anführers an, die ihr mir freiwillig über⸗ tragen wollt, aber nur unter der Bedingung eines unbedingten Gehorſams von eurer Seite. Schwere Verantwortung— den Sieg unſe⸗ rer gerechten Sache— legt ihr auf mein einziges Haupt. Einheit des Plans und der Ausführung iſt erforderlich, das Zutrauen zu rechtfertigen, das ihr mir geſchenkt habt. Sprecht, ihr Männer, liebe Brüder, wollt ihr mir freien und unbedingten Gehorſam ſchwö⸗ ren?⸗— Wir geloben es, wir geloben es! antwortete die ganze Schaar mit Einer Stim⸗ 39 me.— Mehr bedarf es nicht, ſuhr Roland fort, als das freie Wort der Gläubigen, das feſter bindet, als jeder Schwur der Gottloſen; ich gelobe euch dagegen unverbrüchliche Treue und feſten Muth im Leben und im Tode. Von ſeinem erhöhten Platze ſtieg Roland herab und berief die Fuͤhrer der verſchiede⸗ nen Schaaren zu ſich.— Ihr, Catinat, ſprach er zu dieſem, übernehmt den unmittel⸗ baren Befehl über die Schaar, an deren Spitze ich bis jetzt ſtund. Meine Leute kennen und vertrauen euch. Du, Antoine, führſt den Haufen an, der unter deiner Leitung Pont de Montvert erſtuͤrmt hat. Ihr, Martignac, tretet an die Spitze der neuen Schaaren, um ſie nach ihren verſchiedenen Waffen zu ord⸗ nen und zu einiger Regelmäßigkeit zu brin⸗ gen; ihr werdet die geübteſten Leute unter ihnen auswählen, um die Unterabtheilungen zu führen. An Muth fehlt es allen dieſen Haufen nicht; die Hauptaufgabe iſt, ihn zu zuͤgein und zweckmäßig zu Einem Ziele zu lei⸗ ————— 40 ten. Die Anführer werden, wie ich hoffe, das erſte Beiſpiel des ſtrengſten Gehorſams geben und nichts auf eigene Fauſt wagen, ſo lockend auch die Gelegenheit ſeyn mag.— Der Anführer warf einen Blick über die Um⸗ ſtehenden und bemerkte Chretien, der be⸗ ſcheiden in der hinterſten Reihe ſtund. Er winkte den Juͤngling zu ſich und redete ihn wohlwol⸗ lend an:„Und du Chretien, junger Held, von deſſen Muth mir ſo vieles erzählt wor⸗ den iſt, in welchem Haufen willſt denn du als Freiwilliger dienen, denn zum Anführer biſt du noch zu jung?— Ich habe euch, mit den andern, Gehorſam gelobt und erwarte eure Befehle, erwiederte beſcheiden der Jüngling. — Brav, mein Sohn, ſprach Roland, wer einmal befehlen will, muß erſt gehorchen ler⸗ nen. Doch ich laſſe dir die Wahl. Willſt du etwa unter deinem Bruder Antoine fechten? — Halt rief Barnabé du desert mit lauter Stimme und drängte ſich vor.— Nun, Bar⸗ nabé, fragte Roland lächelnd, was haſt du 41 hier einzureden?— Höre mich, Ro⸗ land, ſprach dieſer feierlich, wir ſind unſe zweimal zwolf, lauter ſtarke und wohlbewaff nete Männer, die ihr Haupt dem Tode ge weiht haben und ſich keiner Schaar anſchlieſ ſen können, denn vereint wollen wir ſtürzen in die feindlichen Reihen, wo ſie am dickſten ſind. Setze uns dieſen gottbegeiſterten Jüng⸗ ling zum Führer; ich will werden ſein Schild⸗ träger und wachen über ſeine Tage.— Be⸗ denke, Barnabé, was du forderſt! Willſt di das Leben dieſes zarten Knaben ausſetzen in der Mitte eurer raſenden Schaar, die ſich dem Tode geweiht hat?— Er iſt ein Seher und Prophet des Herrn, erwiederte Barnabé lang⸗ ſam und feierlich; er wird nicht des Todes ſterben, denn der Engel des Herrn geht vor ihm her mit ſeinem feurigen Schwerte.— Ja, ich bin euer Anfuͤhrer, rief plötzlich, wie begeiſtert, der Jüngling, und der Herr, der Allmächtige, wird uns Sieg ſchenken durch die Kraft unſerer Aeme.— Einen Augenblick —— 42 ſchwieg Roland nachdenkend, dann ſprach er entſchloſſen:„Es geſchehe, wie du wünſcheſt, Knabe, denn ein Gott redet aus deinem Munde!“— Hierher, Barnabiten, rief Barnabé mit lauter Stimme; ſeht hier den Führer, den euch der Herr geſetzt hat!— Tumultuariſch umringten die kräftigen Männer den Jüngling und führten ihn triumphirend hinweg in ihrer Mitte. Ein munterer Marſch von Hörnern ließ ſich in der Ferne hören.— Was iſt das? fragte Roland, aufmerkſam horchend. Fehlt denn noch einer unſerer Haufen, oder ziehen uns Freiwillige zu, von denen wir nichts wiſſen?— Was wir in der Gegend zuſam⸗ menbringen konnten, iſt hier verſammelt, ant⸗ wortete Antoine, und ich kann nicht begrei⸗ fen, von wo uns noch ein Haufenazuziehen ſollte.— Feinde ſind es nicht, ſagte Roland nach einigem Beſinnen; die königlichen Trup⸗ pen führen keine Hörner; und wollten ſie uns auch durch den Hörnerſchall täuſchen, ſo ſind doch 34 unſere Poſten zu gut ausgeſtellt, als daß ſie unbemerkt in ſolche Nähe hätten kommen kön⸗ nen. Wir wollen erwarten, was da kommen wird.— Nach einer Weile rückte die Spitze des nahenden Haufens aus dem Gehölze auf den freien Platz; voran ging ein ſtarker hochgewachſener Mann; ihm folgten etwa ſechszig, größtentheils wohlbewaffnete Män⸗ ner.— Es iſt Esprit Segujer, rief An⸗ toine, ich erkenne ihn an ſeiner Rieſenge⸗ ſtalt.— Die Schaar marſchirte in einiger Entfernung auf, und der Anführer kam lang⸗ ſam, aber feſten Schrittes, auf die Gruppe zugeſchritten. Keck, aber nicht trotzig, trat er vor Roland hin und ſprach ruhig und geſetzt: „Hier, Hauptmann, führe ich euch ein hal⸗ bes Hundert muthige Herzen zu, die mit mir unter euch fechten wollen; denn Esprit Se⸗ gujer will nicht fehlen in der Stunde der Gefahr.“— Esprit Segujerl erwieder⸗ te Roland langſam und feierlich, du biſt vorgeladen vor das Gericht des Bundes, dich zu verantworten über das Verbrechen des Un⸗ gehorſams gegen die Gebote deiner Obern, deſſen du angeklagt biſt.— Ich erkenne die Gewalt des Bundes an und bin gekommen, mich vor Gericht zu ſtellen, entgegnete Es⸗ prit Segujer mit beſcheidener Feſtigkeit. — So laſſet uns hegen ein freies und offenes Gericht nach der Weiſe der Brüder des Bun⸗ des, ſprach Roland feierlich. „Zwölf waren die Stämme Iſraels, rief Roland mit lauter Stimme; zwolf Aelteſte zählt der Bund der Brüder des Waldes. Tre⸗ tet herzu nach den Namen der Söhne Ja⸗ kobs: Ruben, Simeon, Levi, Juda, Iſaſchar, Sebulon, Dan, Naphthali Gad, Aſſer, Joſeph, und Benjamin.“ — Die zwoͤlf Aelteſten traten in Eine Reihe. —„Angeklagter! fuhr der Hauptmann fort; hier ſtehen die zwölf Aelteſten des Bundes, geordnet nach den zwölf Stämmen Iſraels; wähle dir einen aus ihnen, der das Gericht ordne und leite.“— Ich wähle Sebulon, erwiederte der Angeklagte.— Barnabé du desert, der Vertreter dieſes Stammes, trat vor.— Sebulon iſt erwählt und erkieſet zum Richter in Iſrael, fuhr Roland fort. Willſt du richten ohne Haß noch Gunſt, ohne Feindſchaft noch Freundſchaft, nach den Ge⸗ ſetzen der Brüder des Bundes?— Ich will! antwortete feierlich Barnabé du desert.— Verſpreche es mit Wort und Handſchlag, denn die Brüder des Bundes ſchwören keinen Eid.— Ich verſpreche es! ſprach Barnabé und legte ſeine Hand in die des Hauptmanns. — Sebulon iſt heute Richter in Iſrael, und kein anderer, rief Roland feierlich. Nie⸗ mand ſtöre dieſes freie und offene Gericht! Zwölf Richter waren in Iſrael, zwölf Richter richten die Brüder des Bundes! rief mit lauter feierlicher Stimme Barnabé du de- sert. Blind iſt die Gerechtigkeit, fuhr er fort, ſie richtet ohne Anſehen der Perſon mit Wage und Schwert. Verbindet die Augen des Angeklag⸗ ten. Blind erkieſe er die Richter, die über ihn rich⸗ 46 ten ſollen nach den Geſetzen des Bundes.— Dem Angeklagten wurden die Augen verbun⸗ den, und acht und vierzig Männer ſtellten ſich in eine Reihe.— Hier ſtehen viermal zwölf gerechte Männer, zu richten nach der Weiſe und den Geſetzen der Brüder des Bundes, ſprach Barnabé. Angeklagter! Wähle dir aus ihnen zwölf Richter nach den zwölf Stäm⸗ men Iſraels.— Der Angeklagte wurde an dem Glied hinabgeführt und wählte mit verbunde⸗ nen Augen zwölf Männer aus. Sie ordneten ſich in eine Reihe, und dem Angeklagten wurde die Binde wieder abgenommen.— Er⸗ kennſt du dieſe zwölf Richter, fragte ihn Bar⸗ nabé du desert, als ein freies und offenes Gericht, eingeſetzt nach der Weiſe der Bruͤder des Bundes?— Ja, ich erkenne ſie!— Willſt du dich ihrem Urtheil unterwerfen ohne Wi⸗ derſtand noch Murren?— Ja, ich will!— Barnabé trat hinter einen Baumſtamm, auf dem eine offene Bibel lag. Ihm gegenuber, das Geſicht dem Stamme zugekehrt, reiheten 47 ſich die zwoͤlf Richter.— Wollt ihr richten nach der Weiſe und den Geſetzen der Brüder des Bundes, ohne Gunſt noch Haß, ohne Freundſchaft noch Feindſchaft, wie gerechte Richter, die eingedenk ſind der zRechenſchaft, welche ſie abzulegen haben vor dem Throne des Allmächtigen am Tage des jüngſten Ge⸗ richts? fragte Barnabé mit feierlicher Stim⸗ me.— Wir wollen.— Tretet herzu, küßet das heilige Buch und verſprecht es mit Mund und Handſchlag!— Einer nach dem andern trat vor den Baumſtamm, küßte die Bibel und verſprach mit Wort und Handſchlag, recht zu richten, ſo ihm Gott helfen möge in der Stunde ſeines Todes.— Ordnet euch, rief Barnabé du desert, je ſechs, zu meiner Rech⸗ ten und Linken. Iſt dieſes ein rechtes, freies und offenes Gericht, eingeſetzt nach der Weiſe der Brü⸗ der des Bundes? rief Barnabé du desert mit lauter Stimme.— Ja! Ja! riefen viele Stimmen.— Wer reden will, der rede jetzt 48 und ſchweige hernach! ſetzte er auffordernd hinzu.— Als keine Stimme ſich erhob, fuhr Barnabé fort: Angeklagter! tritt vor deine Richter!— Eſprit Segujer trat dem Ge⸗ richt gegenuͤber.— Hier ſteht der Angeklagte, rief Barnabé laut, wer zu klagen hat, klage! — Louis Martignac trat vor und ſprach laut und feſt: Ich klage wider Eſprit Se⸗ gujer, und klage ihn an des Ungehorſams gegen die Gebote der Obern des Bundes!— Klage! Das Gericht iſt offen! erwiederte fei⸗ erlich der Vorſitzer.— Eſprit Segujer, fuhr der Kläger fort, hat einem offenen Briefe der Oberen des Bundes den Gehorſam ver⸗ weigert, und wider deſſen ausdrücklichen In⸗ halt, der ihm die Schonung und Freilaſſung des Obriſten Saint⸗Comes von Vauvert ge⸗ bot, denſelben zu ermorden verſucht.— An⸗ geklagter! fragte der Oberrichter, biſt du die⸗ ſes Verbrechens geſtändig?— Ja, erwiederte dieſer feſt, ich wollte den Mörder meines Weibes und meiner Kinder tödten, und will 49 es noch, wo ich ihn finde.— Weißt du, daß du hierin gegen die Geſetze des Bundes ge⸗ handelt haſt?— Ich weiß es.— Eine Pauſe trat ein.— Wer zu klagen hat, klage! rief nochmals Barnabé, feierlich auffordernd.— Antoine trat vor: ich klage wider Eſprit Segujer, und klage ihn an der Ermordung gefangener Soldaten wider die Geſetze des Bundes.— Angeklagter! fragte der Richter, biſt du dieſes Verbrechens geſtändig?— Ich habe die Gefangenen, die ich unſerm gemein⸗ ſchaftlichen Feinde in offener Fehde abnahm, hinrichten laſſen, bis auf Einen, wie ſie mit den Unſern thun, die in ihre Hände fallen, erwiederte der Angeklagte offen und ohne Rück⸗ halt.— Weißt du, daß dieſes die Geſetze des Bundes verbieten?— Ich weiß es. Kläger! Kläger! Kläger! klaget, klaget, klaget, dieweil dieſes Gericht offen iſt! rief nach einer Pauſe Barnabé mit lauter Stim⸗ me.— Als kein weiterer Kläger erſchien, fuhr Barnabé fort:„Dieſes offene Gericht iſt Der Camiſarde II. 3 50 geſchloſſen! Ihr Richter, die ihr richtet uͤber die Brüder des Bundes unter freiem Himmel, vor dem Auge Gottes und der Menſchen, thut euern Mund auf und ſprecht Recht, ohne Gunſt noch Haß, und ohne Furcht der Men⸗ ſchen: Iſt der Angeklagte ſchuldig des Unge⸗ horſams wider die Geſetze und Verbote des Bundes?— Schuldig! tönte es aus Aller Munde.— So ſey er ausgeſtoßen aus dem Bunde der Brüder, denn ſo lautet das Ge⸗ ſetz! rief Barnabé du desert mit lauter Stim⸗ me.— Angeklagter! wendete er ſich zu die⸗ ſem, biſt du recht gerichtet?— Ich bin recht gerichtet, erwiederte gleichmuͤthig Eſprit Segujer.— So weiche von dannen, rief Barnabé, denn alſo lautet der Spruch, und der Herr leite deine Schritte, ſetzte er mit Rührung hinzu; ich habe dich gerichtet, aber ich zürne dir nicht.— Hoͤrt mich, Brüder des Bundes! rief Eſprit Segujer aus. Der Feind iſt nahe, und ihr ſteht gerüſtet zur Schlacht. Laßt mich mitkämpfen für unſere 51 gerechte Sache, und moͤge dieſer Tag mein letzter ſeyn, denn ich bin lebensmüde und matt bis zum Tode!— Nicht alſo, erwiederte Barnabé, denn der Herr könnte uns verder⸗ ben um Eines Ungerechten willen.— Ro⸗ landl rief Esprit Segujer, willſt du ein halbes Hundert tapfere Arme verſchmähen in der Stunde der Gefahr?— Tapferkeit iſt gut, Gehorſam aber beſſer, antwortete Roland gelaſſen. Dein Urtheil iſt geſprochen.— Ei⸗ nen Augenblick ſtund Esprit Segujer un⸗ beweglich; dann hob er die finſteren Blicke vom Boden, ballte drohend beide Fäuſte und rief mit Ingrimm aus:„So bin ich denn verworfen! Ich will es ſeyn. Ein Geſpenſt der Nacht, Schwert und Fackel in der Hand, will ich das Land durchziehen. Vor mir ſoll Blut fließen und hinter mir Rauch aufſteigen. Ich will mich baden im Blute der Starken und meine Hände waſchen in den Thränen der Wittwen und Waiſen. Folgt mir, Freun⸗ de! rief er ſeinem Haufen zu.— Etliche 0 52 zwanzig Männer, deren düſtere Miene einen gleich ſinſtern Fanatismus verkündete, reihten ſich um ihn; die andern blieben ſtehen.— Feierlich ſchritt Benjamin Brouſſon auf die Schaar zu und rief warnend:, Eſprit Segujer! Demüthige dich unter die Hand des Herrn und trage ſtill, was du verſchul⸗ det haſt! Lege ab deinen Trotz, denn der Herr liebet die Sanftmuͤthigen, und die von Herzen demüthig ſind! Der Hochmuth führt zum Falle, und deß freuen ſich und frohlocken die verdammten Geiſter des Abgrunds!— Eſprit Segujer!l höre auf die Stimme deines guten Engels! rief Clement, und ſtreckte flehend die Hände gegen ihn aus.— Finſter blickte Esprit Segujer auf ihn und erwiederte kalt: Auch du willſt mich ver⸗ laſſen? Suche keinen Vorwand; es iſt nicht das erſtemal, daß ich der Welt Undank er⸗ fahre. Esprit Segujer kann Alles ent⸗ behren, was ihn noch an das Leben binden möchte. Wer mir folgt, der weihe ſein Haupt 53 dem Tode!— Mit ernſtem Schweigen ſchaar⸗ ten ſich ſeine düſtern Gefährten dichter um ihn, dadurch gleichſam ihren feſten Entſchluß anzeigend, ſein Loos mit ihm zu theilen.— Undank will der Himmel nicht, rief Cle⸗ ment mit weicher Stimme und trat zu der abziehenden Schaar. Nicht im Leben und nicht im Tode will ich den Pfleger meiner hülfloſen Kindheit verlaſſen!— Gehe mit Gott, mein Sohn, rief ihm Benjamin Brouſſon ſegnend nach, damit noch ein guter Engel an der Seite des Verlaſſenen ſtehe!— Tiefe Stille herrſchte unter den Zurückgebliebenen, bis ſich der kleine Haufen unter den Bäumen des Waldes aus dem Geſichte verloren hatte. Etwa in der Mitte des Monats Mai im Jahre 1702, in der Fruͤhe, zogen die königlichen Truppen unter den Befehlen des Obriſt Saint⸗Julien in dem Dorfe Kar⸗ 54 noulé ein. Ihr Anführer hatte durch ſeine Spione Nachrichten über die Stellung der Cami⸗ ſarden erhalten und beſchloſſen, ſie zu recog⸗ nosciren, ehe er einen entſcheidenden Angriff wagte. Er nahm daher mit dem Hauptcorps Stellung im Dorfe und ſchob ſeine äußerſten Poſten in verſchiedenen Richtungen etwa eine Viertelſtunde vor daſſelbe hinaus. Alle ſeine Anordnungen ſchienen darauf zu deuten, daß er in dieſer Poſition die Nacht zubringen woll⸗ te, um, entweder durch Spione oder aus⸗ geſendete Abtheilungen, nähere Aufklärung über die Stärke und Stellung des Feindes zu erhalten. Auf einer Anhöhe, von der man ein Thal überſehen konnte, das ein ziemlich breiter, meiſt mit Bäumen und Geſträuch bewachſener Bach ungefähr in der Mitte durchſchnitt, la⸗ gerte der Hauptmann Villiers mit ſeiner Compagnie und einer Abtheilung Reiterei. Seine vorgeſchobenen Poſten ſtunden am diſ⸗ ſeitigen Ufer des Bachs und hielten eine ſtei⸗ 55 nerne Brücke beſetzt, uͤber die ein fahrbarer Weg führte, und deren Beſitz zum Defiliren der Truppen bei einem Marſche gegen den Feind nöthig war. Die Offiziere ſaßen auf Trommeln, oder Feldſtühlen, oder auf dem Boden umher, aßen und tranken, oder plau⸗ derten.— Der Obriſt, ſagte vorlaut ein junger Cavallerieoffizier, wird ſo lange zau⸗ dern, bis uns die Gelegenheit entgeht. Sol⸗ chem Lumpenvolk ſollte man nicht die Ehre eines regelmäßigen Angriffs erweiſen, ſondern es aufſuchen und ſchlagen, wo man es fin⸗ det.— Preſſirt es denn ſo, Herr Camerad? erwiederte ſpoöͤttiſch ein bärtiger Veterane, der von den untern Graden in einer langen Reihe von Jahren bis zum Lieutenant vorge⸗ rückt war. Dieſes Lumpenvolk führt gute Büchſen und wird euch vielleicht noch warm machen, wenn Ihr einmal ſeine Kugeln um eure Ohren pfeifen hört.— Pahl antworte⸗ te jener mit geringſchätzigem Lachen, ein ein⸗ ziger Reiterangriff wirft das ganze Geſindel 56 über den Haufen, und wenn es einmal ins Laufen kommt, werden wir die Spornen nicht ſparen dürfen, um es nur einzuholen.— Ach, daß Gott erbarm! rief Philipp Villiers ſpottend, da kommt ja die Infanterie gar nicht zum Handkuß, wenn Ihr den Feind allein ſchlagt!— Da ſeht Ihr zu, prahlte der milchbärtige Held, der den Stich nicht fühlte; Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte; wir haben vier Füße und werden nicht warten, bis die zweibeinige Infanterie nachkommt!— Aber mich werdet ihr doch mitnehmen, jun⸗ ger Herr, ſpottete der alte Parvenu; ich ge⸗ höre ja auch zur Reiterei.— Wenn ihr nach⸗ kommt, entgegnete ſelbſtgenügſam das Mut⸗ terſöhnchen; mein Normann koſtet meinen Va⸗ ter hundert Louis, und zwei ſolche Pferde werden nicht in der Escadron ſeyn.— Ein gutes Pferd iſt ſchon oft dem Reiter zu Stat⸗ ten gekommen, ſiel Villiers ſpöttiſch ein; und des Herrn Papa Vorſicht iſt lobenswerth, denn es gibt öfters Fälle, wo die Herren von 57 der Cavallerie ein gutes Pferd brauchen kön⸗ nen.— Ja, rief das Herrchen ſeelenvergnügt aus, ich habe es unter einem ganzen Dutzend herausſuchen dürfen.— Das muß ein Capi⸗ talpferd ſeyn, ſagte der Hauptmann mit ver⸗ biſſenem Lachen; ich wette darauf, daß es der beſte Renner in der Armee des allerchriſtlich⸗ ſten Königs iſt.— Vielleicht werden wir bald Gelegenheit haben, es zu ſehen, ſetzte der Parvenu trocken hinzu und ſtrich ſich den Schnurrbart.— Im Regiment wenigſtens, verſicherte der junge Herr bei Ehre und Se⸗ ligkeit, gibt es keinen beſſeren Renner.— Scha⸗ de, ſprach der Hauptmann, daß wir nicht gleich eine Probe davon ſehen können!— Ei, da kann ich euch dienen, ſagte der Milch⸗ bart gefällig.— Der Boden iſt hier gar zu uneben und unterbrochen; das beſte Pferd kann nicht ausholen und in rechten Lauf kom⸗ men, bemerkte der alte Cavalleriſt mit der Miene des Kenners.— Da unten von der Brücke aus, erwiederte Jener, könnte ich den 58 Zügel ſchießen laſſen bis zum jenſeitigen Hü⸗ gel.— Das Terrain ſcheint mir von Gräben durchſchnitten und Stellenweiſe ſumpfig, ſagte der Schnurrbart und warf einen prüfenden Blick auf die Gegend.— Kein Graben iſt meinem Normann zu breit, prahlte der Milch⸗ bart.— Auch iſt in Erwägung zu ziehen, bemerkte der Hauptmann, daß das Ziel über den Vorpoſten liegt, und leicht einen verſteck⸗ ten Feind bergen könnte.— Um ſo beſſer, entgegnete Jener; dann kann ich gleich meine Sporne verdienen.— Es könnte mir aber Verantwortung machen, ſagte bedenklich der Hauptmann.— Nun, ſo gefährlich wird es nicht ſeyn, ſiel der Schnurrbart ein; wenn der junge Herr Unrath merkt, ſo hat er ja ein raſches Pferd und gute Sporne.— Nun, in Gottes Namen! ſprach der Hauptmann; man muß ſich doch auf den Vorpoſten mit Etwas die Zeit vertreiben.— Jeanl rief der junge Mann vergnaͤgt, führe die Lieſe vor.— Eil wir können ja an die Brücke 59 hinabſpazieren, um näher bei der Hand zu ſeyn, ſagte Villiers und ging voran; die übrigen folgten. Der Normann greift gut aus, ſagte der Schnurrbart, dem abreitenden Milchbart von der Bruͤcke aus nachſchauend; das iſt ein wackeres Roß. Das haben dieſe Mutterſöhn⸗ chen vor einem alten Soldaten voraus, der nicht weiß, wie er ſeinen Sold ſparſam ge⸗ nug eintheilen ſoll, um das liebe lange Jahr damit auszureichen, brummte er vor ſich hin. — Seht dal! rief der Wachtmeiſter Bap⸗ tiſte, der mit an die Brücke getreten war, das war ein Satz; der Graben muß wenig⸗ ſtens zehn Schuh haben.— Ho, hol fiel der alte Parvenu dazwiſchen, wie die Lieſe auf⸗ zieht und einſinkt; das muß ein ſumpfiger Bo⸗ den ſeyn; aber doch, ſetzte er befriedigt hinzu, hält das gute Thier ſeinen Galopp.— Jetzt hat er das Ziel erreicht, rief der Wachtmei⸗ ſter; er hält unten am Hügel und läßt ſein Pferd verſchnaufen. Er winkt mit dem Taſchen⸗ 60 tuche.— Gutreitet er übrigens, ſprach der Parve- nu, das muß man ſagen, und in ſo ferne iſt ihm der Normann wohlzu gönnen, obwohl ich, fügte er murrend hinzu, eine alte Fauſt kenne, die ihn noch beſſer herumwerfen würde. Jetzt kommt er langſam zurück.— Was taucht denn dort aus dem Graben auf? rief plötzlich der Hauptmann und blickte ſcharf auf Einen Punkt. — Wo? Seht Ihr was? fragte phlegmatiſch der Schnurrbart.— Ja, beim Teufel, ſiel der Wacht⸗ meiſter raſch ein, ein Menſchenkopf mit einem runden Hut.— Was iſt denn das Rothe auf dem Hut, das in der Luft weht? fragte der Hauptmann.— Das muß eine rothe Feder oder ein rothes Band ſeyn, erwiederte der Wachtmeiſter. Sollte man nicht Jagd auf den Purſchen machen? Vielleicht iſt es ein Kundſchafter, der ſich bis in unſere Nähe ge⸗ ſchlichen hat.— Wo einer iſt, können meh⸗ rere ſeyn, entgegnete bedenklich der Schnurr⸗ bart; und der Boden iſt fuͤr die Reiterei nicht der beſte, wie wir eben geſehen haben.— 6¹1 Jetzt ſieht man den halben Leib, rief der Hauptmann, der Kerl führt eine tüchtige Buͤch⸗ ſe und Piſtolen im Gürtel. Sollte man nicht dem Lieutenant ein paar Mann zu Hllfe ſchi⸗ cken; der Purſche verrennt ihm den Weg? — Ein Reiter im freien Felde nimmt es im⸗ mer mit einem Fußgänger auf, erwiederte empfindlich der alte Parvenu; er reitet gut und wird ihm den Schuß abzulocken wiſſen. — Nun, wie Ihr wollt, ſagte trocken der Hauptmann; der junge Herr ſteht zunächſt unter euern Befehlen.— Jetzt zeigt er den ganzen Koörper offen, rief der Wachtmeiſter; das iſt ein tüchtiger Kerl.— Ein wahrer Goliath, bemerkte der Schnurrbart mit großer Ruhe; an dem kann der junge Herr ſeine Sporne ritterlich verdienen. Jetzt erblickt ihn der Lieutenant..... Brav, brav, junger Mann! Recht ſo! Er reitet in kurzen Kreiſen um ihn herum...... Nur nicht ſo oft auf der nämlichen Stelle gewendet, denn der Purſche liegt feſt im Schuß..... Sein 62 Rohr folgt mit ſicherer Hand allen Bewe⸗ gungen des Pferds...... Mir iſt bange für den jungen Springinsfeld, denn er hält ſich wacker und würde mich dauern, wenn er ein's auf den Pelz bekäme.... Der Gaul iſt wie ein Vogel und immer mit den Füßen in der Luft.... der Kerl wird doch noch einen verlorenen Schuß thun!— Im gleichen Augenblicke ſiel der Schuß; alle ſtarr⸗ ten begierig auf die Stelle, wo der Rauch emporwirbelte.— Victoria! rief der Wacht⸗ meiſter triumphirend, er hat gefehlt!.... Der Lieutenant iſt bereits an ihm und wird kurzen Prozeß machen.— Der Teufelskerl ſteht wie eine Mauer, ſiel der Schnurrbart ein; wenn er nur nicht die Piſtolen in der Nähe braucht! Er parirt die Hiebe mit ſei⸗ nem langen Flintenlauf; er führt wahrhaftig das Gewehr mit einer Hand, als ob es ein Federkiel wäre..... Gebt acht, die andere Hand greift inzwiſchen nach der Piſtole.— Er ſinkt zuſammen, er iſt getroffen! rief der 63 Wachtmeiſter frohlockend. Alle gute Cavalle⸗ riſten ſollen leben!— Wo iſt denn euer Lien⸗ tenant! rief der Hauptmann dazwiſchen; ich ſehe ja keinen Reiter mehr auf dem Pferde. — Beim Henker! der verfluchte Purſche ſteht wieder aufrecht und hält das ledige Pferd am Zügel. Wo ſteckt denn unſer Lieutenant? ſagte der Wachtmeiſter verwundert.— Dort richtet er ſich mühſam vom Boden auf, fiel Villiers ein; er wird verwundet ſeyn.— Schnell etliche Mann zu Hülfe, um ihn los⸗ zumachen! befahl der Schnurrbart.— Eini⸗ ge Dragoner von den Vorpoſten ſetzten ſich in Galopp. Kaum waren ſie etwa hundert Schritte vorgeritten, ſo tauchte ein Dutzend Köpfe aus dem Graben auf und eben ſo viele Flintenläufe blinkten im Scheine der Sonne. Die Dragoner hielten ihre Pferde an.— Da iſt nichts zu machen! murrte der alte Parvenu und ließ die Reiter durch die Trompete zu⸗ rückrufen.— Seht, rief der Wachtmeiſter, der Spitzbube ſitzt hoch zu Roß und der Lieu⸗ 64 tenant hinkt neben ihm her.— Es ſcheint nicht, daß er verwundet ſey, ſagte der Haupt⸗ mann. Nun, ſetzte er ſpottend hinzu, ein Rei⸗ ter im freien Felde nimmt es immer mit einem Fußgänger auf.— Mit euern Fußgängern wohl, Herr Camerad, erwiederte mürriſch der Schnurrbart; aber dieſe Kerls da hat der le⸗ bendige Satan gemacht. Ein Horn ertöͤnte und etwa fünzig Bewaff⸗ nete erhoben ſich aus dem Graben und zeig⸗ ten offen den ganzen Körper.— Lauter flinke und wohlbewaffnete Leute! bemerkte der Haupt⸗ mann.— Und führen ein gutes Rohr, ſetzte der Wachtmeiſter hinzu.— Habt ihr es ſchon kennen lernen? fragte der Hauptmann.— Mehr als einmal, und es gelüſtet mich eben nicht, die Bekanntſchaft zu erneuern.— Ohold unſere Grenadiermützen werden ihnen ſchon Ant⸗ wort geben.— Es wird ſich zeigen. Unſere Grenadiere ſind wackere Purſche, aber dieſer Feind iſt auch nicht zu verachten.— Die Rei⸗ terei wird euch doch vielleicht wohl zu Statten 65 kommen, Herr Kamerad, fiel der Schnurrbart ſpottend ein.— Mag ſeyn, erwiederte der Hauptmann kurz; jede Waffe iſt gut auf dem Terrain, wo man ſie brauchen kann; das Fußvolk aber iſt auf jedem Boden zu gebrau⸗ chen. Doch jetzt, fügte er hinzu, muß ich durch eine Ordonnanz Meldung an den Obriſt machen laſſen.— Die Purſche ſtehen ruhig wie alte Soldaten, bemerkte der Wachtmeiſter, und thun keinen unnützen Schuß.— Wie ſie nur ſo unbemerkt in den Graben gekommen ſeyn mögen? fragte der Schnurrbart. Habt ihr denn keine Augen im Kopfe, fuhr er die Wachen an, daß ihr nichts geſehen habt?— Die Wachen verſicherten einſtimmig, daß ſie ihre Schuldigkeit gethan aber nichts bemerkt hätten.— Sie müſſen von Graben zu Gra⸗ ben geſchlichen ſeyn, ſagte der Wachtmeiſter; dieſe Menſchen wiſſen ſich auf dem Boden hin zu winden, wie ein Aal. Aufgeſchaut! ſetzte er hinzu; eine Abtheilung rückt vor.— Macht euch fertig! commandirte der Hauptmann, — 66 der inzwiſchen die Ordonnanz abgeſchickt hatte. — Sie machen Halt, ſagte der alte Parvenu ruhig; ich müßte mich doch wundern, wenn ſie uns hier angreifen wollten.— Drei Mann fallen ab und kommen vorwärts, rief der Wachtmeiſter. Führen ſie nicht den Lieute⸗ nant mit ſich.— Richtig, ſiel der Haupt⸗ mann ein, und ein Horniſt iſt auch dabei; ſie werden parlamentiren wollen. Ruhig rückte die kleine Abtheilung vor. Von Zeit zu Zeit machte ſie Halt, und der Horniſt ſtieß in das Horn zum Zeichen ihrer friedlichen Abſichten.— Steht! rief die Wa⸗ che, als ſie noch etwa fünfzig Schritte ent⸗ fernt waren.— Was iſt euer Begehr? fragte der Hauptmann.— Unſer Anführer, erwie⸗ dert einer von ihnen, ſchickt euch den Gefange⸗ nen zurück. Wir ſahen wohl, daß der junge Mann nicht in feindlicher Abſicht kam; deß⸗ wegen gibt ihn unſer Hauptmann frei und will nur das Pferd behalten zum Andenken an dieſen ſonderbaren Zweikampf.— Wie 4 67 heißt euer Anführer?— Catinat nennt er ſich, Rolands vom Gebirge erſter Lieu⸗ tenant.— Catinat ſelbſt alſo war es, rief der Wachtmeiſter aus; da wundere ich mich nimmer, daß der junge Herr den kürzeren gezogen hat; das iſt ein Simſon an Stärke und Muth.— Iſt euch nicht, rief der Haupt⸗ mann hinuͤber, die Proclamation des Marſchalls zu Geſicht gekommen, der im Namen des Kö⸗ nigs in dieſer Provinz befehligt?— Wir ha⸗ ben nichts geſehen, erwiederte jener.— Sie ſichert allen denen, welche ſogleich die Waf⸗ fen ablegen und in ihre Wohnung zurückkeh⸗ ren, volle Verzeihung zu. Hier könnt ihr ſelbſt leſen, fügte der Hauptmann hinzu und hielt ein Papier in die Höhe.— Wir können nicht leſen, rief der Camiſarde hinüber.— So will ich euch vorleſen, antwortete der Hauptmann, entfaltete das Papier und las:„Im Namen des Königs! Wir Charles von Montrevel, Marſchall von Frankreich ꝛc. ꝛc. bewilligen hiermit, aus reiner Gnade und Barmherzig⸗ 68 keit, einen allgemeinen und unbedingten Par⸗ don allen denjenigen, welche, entweder mittel⸗ bar oder unmittelbar, in den Mord des Abts Chaila und die darauf gefolgten Verge⸗ hen und Verbrechen verflochten ſind, unter der Bedingung, daß die Schuldigen alsbald ihre Waffen niederlegen und ſich ruhig in ihre Wohnungen zurückziehen; wo nicht, ſo ſollen ſie als Aufrührer erklärt und als ſolche ver⸗ folgt und beſtraft werden.“ Benützt nun dieſe Gnadenfriſt, ehe ſie verſtreicht, fügte der Hauptmann waenend hinzu.— Wir ſtehen unter den Befehlen unſerers Anführers, rief der Abgeordnete; und können nichts für uns thun. — So bringt ihm die Proclamation! er⸗ wiederte der Hauptmann und gab ein Pa⸗ ket ab, das von Hand zu Hand ging und von der äußerſten Schildwache hinübergewor⸗ fen wurde. Die Abgeordneten wendeten ſich rückwärts und lie ßen den Lieutenantfrei. Der Ritt iſt euch ſchlecht bekommen, Herr Camerad! redete Villiers den Wiederkeh⸗ 69 renden ſpottend an.— Wäret ihr an meiner Stelle geweſen, erwiederte dieſer verdrüßlich, ſo würdet Ihr den nämlichen Sprung gemacht haben. Der Rieſe ergriff mich mit der lin⸗ ken Hand am Beine, während er mit der Rechten meine Hiebe parirte, und warf mich ſo kräftig herunter, daß mir Hören und Sehen verging.— Ihr habt euch brav gehalten, jun⸗ ger Mann, fiel der Schnurrbart ein; das muß ich ſelbſt bezeugen.— Ja, ſagte der Wachtmeiſter, und von dieſem Catinat überwunden zu werden, iſt ſelbſt für den wack⸗ erſten Mann keine Schande; ich getraute mir ſelbſt nicht es mit ihm aufzunehmen, und ich führe doch auch eine gute Klinge.— Nun, ſagte der Jüngling getröſtet; es iſt noch ſo ziemlich gut abgelaufen; außer ein paar Rip⸗ pen, die mir wehe thun, ſpuͤre ich keine Ver⸗ letzung. Die gute Lieſe iſt freilich zum Teu⸗ fel.— Nun, der Herr Papa kann ja einen andern anſchaffen, ſprach der Parvenu mit halbem Spotte. Und überdieß, fügte er hin⸗ 70 zu, gonne ich das Roß dem tapfern Purſchen, denn ſeht nur, er reitet wie eine Puppe trotz ſeiner Rieſengeſtalt.— Er reitet dem Parla⸗ mentär entgegen, rief der Wachtmeiſter. Laßt ſehen, wie es unſerer Proclamation ergeht! ....Er lieſt ſie..... er ſtreicht ſich den Schnurrbart..... er zerrreißt ſie ... er hebt wieder etwas vom Boden auf. Vielleicht hat er ſich anders beſonnen.... er ladet ſeine Flinte..... und braucht die im Namen Sr. allerchriſtlichſten Majeſtät erlaſ⸗ ſene Proclamation als Propf.— Man denke doch! fiel der Hauptmann ſcherzend ein; das iſt ein grober Menſch. Aber horch! Wird nicht im Dorfe Marſch geſchlagen? Ja, wahrhaftig, da kommt der Obriſt ſchon angeſprengt.— Der wird den ungezogenen Bengel, der ſich unterſteht, königliche Proclamationen zu zer⸗ reißen, ſchon Mores lehren, ergänzte der alte Parvenu und ſtrich ſich, ein Lächeln verber⸗ gend, den Schnurrbart. Sind die Ratzen aus ihren Löchern gekro⸗ 71 chen? rief der anſprengende Anführer und warf einen Blick auf den kleinen Haufen der Camiſarden, der in einzelnen Abtheilungen, ſorglos als ob kein Feind in der Nähe wäre, im Angeſicht der königlichen Truppen lagerte. — Ja, die Katze kann jetzt mauſen, ſagte halblaut, wie fuͤr ſich, der alte Parvenu.— Sie erſparen uns die Mühe, ſie aufzuſuchen, fuhr der Obriſt fort. Iſt das Alles, was bis jetzt der Feind an Mannſchaft gezeigt hat? fragte er den Hauptmann.— Alles, was wir bis jetzt geſehen haben, erwiederte dieſer. Da wir Befehl hatten, unter allen Umſtänden hier ſtehen zu bleiben, ſo konnten wir den Feind zu keiner Demonſtration bringen.— Dafür wird jetzt geſorgt werden, ſagte der Obriſt; das ganze Corps iſt im Anmarſch. Unſer Zö⸗ gern hat, wie es ſcheint, den Muth dieſer Rebellen gehoben; aber ſie ſollen uns bald kennen lernen und ihr kühnes Vorrücken be⸗ reuen.— Wenn nur nichts dahinter ſteckt, brummte der Wachtmeiſter für ſich hin. 72 Die Truppen rückten an und ſtellten ſich in Colonnen hinter der Brücke auf. Die Stabs⸗ ofſiziere ritten gegen die Brücke vor und be⸗ obachteten, zum Theil mit Ferngläſern, den Feind.— Sie können unſern Aufmarſch ſe⸗ hen und bleiben ruhig ſtehen, ſagte der Obriſt und ſchüttelte den Kopf.— Von der Höhe dort, auf der ſich einige Poſten blicken laſſen, bemerkte ein Stabsofizier, können ſie uns je⸗ den Mann zählen.— Sie müſſen auf einen Hinterhalt rechnen, ſagte nach einer Pauſe der Obriſt. Wahrſcheinlich ſteht ihr Haupt⸗ corps hinter jenem Hügel, auf dem ſich ein⸗ zelne Poſten zeigen. Wenn wir die Vorhut abſchneiden könnten, wäre ſchon etwas gewon⸗ nen. Wenigſtens würde dieſe Schlappe unter dem ungeregelten Haufen der Rebellen einen heilſamen Schrecken verbreiten. Wie viel Zeit brauchen Sie, Herr Obriſtlieutenant, um mit einer Escadron den Fuß jenes Hügels zu er⸗ reichen? wendete er ſich an den Anführer der Reiterei.— Etwa vier Minuten, erwiederte 73 der Angeredete, indem er den zu durchmeſſen⸗ den Raum flüchtig mit dem Auge prüfte, wenn der Boden nicht mehr Schwierigkeiten darbie⸗ tet, als ich von hier aus beurtheilen kann.— Einen Augenblick ſann der Obriſt nach und ritt dann zur Colonne zurück, um ſeine An⸗ ordnungen zum Angriff zu treffen. Eine Compagnie rückte unter Trommel⸗ ſchlag über die Brücke und marſchirte rechts, in der entgegengeſetzten Richtung von dem be⸗ zeichneten Hügel. In einem Zwiſchenraume folgten zwei Züge Reiterei. Sobald die Feinde dieſen Marſch der königlichen Truppen er⸗ blickten, ließ ihr Anführer durch das Horn ein Signal geben; die Hälfte ſeines Hau⸗ fens folgte der Bewegung des Feindes außer Schußweite; die andere Hälfte blieb ſtehen, um, wie es ſchien, die Verbindung mit der hinter ihr liegenden Anhöhe zu decken.— Sie ſcheinen Werth auf ihre Communication mit jenem Hügel zu legen, flüſterte der Obriſt einem Stabsoffizier zu, dieß heſtärki mich in Der Camiſarde II. 74 meiner Vermuthung. Wir muͤſſen ihre ganze Aufmerkſamkeit auf einen andern Punkt zu feſſeln ſuchen.— Er winkte einen Adjutanten zu ſich und ſprach leiſe mit ihm. Der Offi⸗ zier ſetzte ſein Pferd in Galopp und jagte der abmarſchirten Abtheilung nach. So wie er ſie eingeholt hatte, rückte die Hälfte des Fußvolks gerade dem Feinde auf den Leib und begann das Feuer, während die andere Hälfte, mit der Reiterei, ſich fortwährend rechts zog. Der Feind hatte ſich hinter einem Graben geſetzt und erwiederte regelmäßig das Feuer des kö⸗ niglichen Fußvolks.— Seht doch, wie das verdammte Lumpenpack ſchießt! ſagte der junge Offizier zu dem Wachtmeiſter. Faſt auf jeden Schuß verſchwindet ein Hut aus den Gliedern der Füſiliere, die im Feuer ſind. In meinem Leben hätte ich nicht geglaubt, daß ſolche un⸗ regelmäßige Leute ſolche Haltung im Feuer hätten.— Sie tragen keine Uniformen, lachte der Wachtmeiſter, aber ſie führen ein gutes Rohr; ich kenne ſie wohl; es ſind Rolands 7 75 Bergſchützen, die es mit den beſten Truppen aufnehmen. Gebt Acht, Herr Lieutenant, un⸗ ſere guten Füſiliere werden es nimmer lange aushalten; ich bemerke ſchon ein Schwanken in ihren Gliedern.— Kaum waren dieſe Worte geſprochen, ſo raſſelten die Trommeln, und die Truppen, die im Feuer ſtunden, rückten im Sturmmarſch gegen den Graben vor. Je nä⸗ her ſie kamen, um ſo leichter wurden ihre Reihen. Der Feind blieb beherzt ſtehen und feuerte fort. Einige kecke Purſche, die hin⸗ überſprangen, wurden mit dem Flintenkolben empfangen; die übrigen flohen in Unord⸗ nung zurück. Die andere Hälfte der Cami⸗ ſarden war mit keinem Fuße aus ihrer Stel⸗ lung gewichen und hatte die Leute, die im Feuer waren, ihrem eigenen Muthe über⸗ laſſen.— Brav! rief der Wachtmeiſter aus, als er den Sturmmarſch ſchlagen hörte; da commandirt ein wackerer Offizier. Lieber vorwärts als rückwärts, iſt auch mein Wahl⸗ ſpruch, wenn einmal die Lime wankt... 76 die Kerls halten, hol' mich der Teufel, Stand, ſetzte er nach einer Pauſe hinzu..... Eine Handvoll Leute gegen eine halbe Compagnie! .. daß heiße ich Muthh... Hoh Hol ſeht doch, Herr Lieutenant, die Reihen werden immer dünker..... da liegt es ja wie geſäet mit Füſilierhüten....Recht ſo, brav, Purſche, hinüber über den Graben, Mann gegen Mann!. O, weh! ſie werden ſchlecht empfangen.... Alle Teufel! es geht falſch, ſie fangen an zu laufen.— Schande! rief der Obriſt ergrimmt aus; königliche Trup⸗ pen weichen vor ſolchem Geſindel. Noch eine Compagnie und eine halbe Escadron zum Angriff!— Unter Trommelſchlag und Trom⸗ petenſchall zogen die befehligten Truppen über die Brücke. Als ſie auf dem Kampfplatze an⸗ kamen, hatten ſich eben die geworfenen Trup⸗ pen unter dem Schutze ihrer Reſerve wieder geſammelt.— Die Truppen, die im Feuer geweſen wa⸗ ren, ſtellten ſich in Reſerve auf, und die neue 77 Compagnie rückte zumal gegen den Graben vor, den der Feind beſetzt hielt, während die Reiterei an ihm hinabzog, um eine taugliche Stelle zum Uebergang zu ſuchen. Die königli⸗ chen Truppen, auf ihre Uehermacht vertrauend, rückten im Feuern immer vor. Der Feind hielt muthig Stand. Als ſie aber dem Gra⸗ ben immer näher kamen und Einzelne bereits hinüber ſprangen, ſetzte ſich die Reſerve der Camiſarden in vollem Laufe in Bewegung, warf die Füſtliere, die bereits über dem Graben waren, zurück, und ſtellte das Gefecht wieder her.— Die Kerls ſtehen wie Mauern! rief der Wachtmeiſter aus, es iſt eine wahre Freude, ſie zu ſehen. Wenn wir nicht mehr Leute ins Treffen bringen, werden wir nicht mit ih⸗ nen fertig.— Im nämlichen Augenblicke raf⸗ ſelte eine Escadron im Trabe über die Brü⸗ cke, ſetzte ſich drüben, mit links um, Zugweiſe in Galopp und ſtürmte der Anhöhe zu. Kaum nahm der Feind dieſe Bewegung wahr, ſo ſtellte er plötzlich das Feuer ein und ſuchte 78 in vollem Rennen den Hügel zu gewinnen. Das Fußvolk ſetzte über den Graben und folgte den Fliehenden, hinter denen es jedoch weit zurückblieb.— Das iſt eine tüchtige Hetze, frohlockte der alte Parvenu; ſeht, wie ſie Fer⸗ . ſengeld geben!— Die Purſche ſind flüchtig, wie ein Reh im Walde; ſie laufen faſt gleich mit unſern Reitern, bemerkte der Wachtmei⸗ ſter.— Abgeſchnitten! jubelte der Milchbart. Die Escadron iſt am Fuße des Berges.— Was werden ſie jetzt anfangen? fragte der Schnurrbart. Seht, ſetzte er nach einer Weile hinzu, ſie halten ſich zuſammen wie wackere Leute nnd ſtellen ſich hinter einem Graben auf.— Unſer Fußvolk kommt ihnen auf den Nacken, rief der Wachtmeiſter aus; ſie ziehen ſich in vollem Rennen links.... ſie laufen an dem Graben hinab in gleicher Linie mit unſerer Reiterei vom rechten Flügel..... unſere Reiter ſetzen über..... Die Feinde löſen ſich auf und fliehen einzeln einem Hohl⸗ wege rechts zu.— Sie entwiſchen, ſetzte nach einer Pauſe der alte Parvenu mit Verdruß 79 hinzu; der Boden iſt der Cavallerie zu un⸗ günſtig, und unſer Fußvolk iſt zu lahm gegen dieſe flinken Purſche.— Doch ſind ſie abge⸗ ſchnitten, tröſtete der Wachtmeiſter.— Im gleichen Augenblicke wurde zum Aufbruch ge⸗ blaſen und das ganze Corps ſetzte ſich im Ge⸗ ſchwindſchritt in Marſch. Die Feinde flohen in einen Hohlweg, der ſich verloren aufwärts zog und auf beiden Seiten mit dickem Gebuͤſche bedeckt war. Siegtrunken folgten ihnen die königlichen Truppen, Fußvolk und Reiterei untermiſcht, wie ſie eben auf dem Kampfplatze anlangten. Unaufhaltſam flohen die Camiſarden aufwärts. Vorwärts, vorwärts! riefen die Vorderſten der nachſetzenden Soldaten; laßt ſie nicht ent⸗ wiſchen! Die hintern drückten nach, und in großer Eile, aber eben ſo großer Unordnung, ſuchte der vermiſchte Haufen die Spitze zu gewinnen. Da ertönte plötzlich von oben der Schall mehrerer Hörner; die fliehenden Camiſarden wendeten ſich um gegen ihre Ver⸗ 80⁰ folger und gaben ihnen eine volle Ladung in verderblicher Nähe. Roß und Mann ſtüͤrzten zuſammen, und der Marſch ſtockte. Vorwärts, vorwärts! riefen die Offiziere, und die Vor⸗ derſten ſtiegen über die Leichname der vor ih⸗ nen liegenden Menſchen und Pferde hinweg. Da nochmals, von oben und auf beiden Sei⸗ ten, ſchallten die Horner, und ein furchtbares Feuer von dieſen drei Punkten ſchleuderte den Tod in die Reihen der königlichen Truppen, die auf einander gepreßt ſtunden, und von denen kaum Einzelne zum Feuern kommen konnten. Eine Minute ſtunden ſie wie ver⸗ ſteinert. Dann riefen plötzlich mehrere Stim⸗ me: Zurück! Zurück! Verloren! Verloren! Was noch auf den Beinen war, ſtuͤrzte ſich dem Ausgange des Hohlweges zu. Nicht die Hälfte erreichte ihn. Eben als die Flüchtlinge in Verwirrung zurückſtürzten, langte das Hauptcorps am Eingange des Hohlwegs an. Seine erſten Züge wurden mit in die allgemeine Flucht 81 verwickelt. Sie ſetzten ſich aber bald wie⸗ der, und die Fliehenden ſammelten ſich hin⸗ ter der Colonne.— Hier gilt kein Säumen! rief wild der anſprengende Obriſt, und traf auf der Stelle ſeine Anordnung zum Angriff, Schande dem franzöſiſchen Soldaten, der vor ſolchem Geſindel flieht! ſetzte er hinzu.— Zwei Compagnien ſtiegen, links und rechts, die ſteilen Abhänge des Hohlwegs hinan, wäh⸗ rend das übrige Fußvolk, Philipp Villiers mit ſeiner Grenadiercompagnie an der Spitze, im Sturmmarſch in den Weg ſelbſt eindrang. Die Reiterei ſtellte ſich auf, um der Bewegung zu folgen. Die beiden Compagnien hatten beinahe den Gipfel des Abhangs erreicht, ohne daß ſich ein Feind zeigte. Als ſie aber noch etwa zwanzig Schritte von dem Gebüſche entfernt waren, das ihn bekränzte, wurden ſie auf einmal mit einem furchtbaren Feuer begrüßt; ſie wankten, gin⸗ gen etwa fuͤnfzig Schritte zurück und bilde⸗ ten ſich, angefeuert von ihren Offizieren, wie⸗ 82 der. Kein Feind zeigte ſich außerhalb des Ge⸗ hölzes. Kaum aber marſchirten ſie wieder vor, ſo erfolgte eine neue mörderiſche Ladung. Zu gleicher Zeit ertönte der dumpfe Klang eini⸗ ger Schlachthörner, und mit einem furchtbaren Geſchrei ſtuͤrzten aus dem Gebüſche bewaff⸗ nete Haufen auf die zerriſſenen Glieder der Soldaten ein. Die Senſen und Aexte, in der nervigten Fauſt dieſer kräftigen Landleu⸗ te, theilten Wunden und Tod aus, und bald ſtürzten ſich die aufgelöſten Reihen der Trup⸗ pen in wilder Flucht den Abhang hinab. Jauch⸗ zend und in Unordnung folgten die Verfolger, ſetzten einzeln den Fliehenden nach und ent⸗ ſchaarten ſich, vermiſcht mit dieſen, im Ge⸗ filde. Dieſen Augenblick nahm der beſonnene Anführer der königlichen Truppen wahr und ließ die Reiterei anſprengen. Die hinterſten der Landleute zogen ſich auf den Abhang zu⸗ rück; die übrigen bildeten, in der Mitte der Reiterei, Klumpen und wehrten ſich wie Ver⸗ zweifelte; einzelne wurden niedergehauen. 83 Ploͤtzlich brach eine neue Schaar aus dem Walde. Die Flinten über den Rücken gewor⸗ fen, Spieße oder Beile in ihren Händen, in wilden Tönen einen Pſalm ſingend, zog ſie im Sturmſchritt einher und ſtuͤrzte den Ab⸗ hang hinab, gerade auf den Feind los, ohne einen Schuß zu thun. Hier Gideon und Schwert des Herrnv! rief ihr Anführer mit lauter, mächtiger Stimme. Hier Gideon und Schwert des Herrn! jauchzten alle Haufen nach, ſchloßen ſich an die begeiſterte Schaar und ſtürzten mit ihr auf den Feind. Die Barnabitenlriefen die Eingeſchloſſenen und drangen mit friſchem Muthe auf die Reiter ein. Hundert Werkzeuge des Todes, von ra⸗ ſenden Händen geführt, arbeiteten zumal in den beſtürzten Reihen der Soldaten, die noch niemals ſolche Wuth der Kämpfenden geſe⸗ hen hatten; jeder Schlag und jeder Stoß brachte tiefe Wunden und Tod. Wenige Mi⸗ nuten nur hielten die Reiter aus; dann wen⸗ deten ſie ſich zu ſchreckenvoller Flucht und rißen 84 Alles mit ſich fort, was noch Stand halten wollte. Inzwiſchen hatte Philipp Villiers mit ſeiner Compagnie im Sturmſchritt die Hälfte des Hohlwegs erſtiegen. Das furcht⸗ bare Feuer der Feinde, das von allen Sei⸗ ten in tödtlicher Nähe traf, brachte ſeine Sol⸗ daten zum Wanken. Vorwärts!] rief er laut und feuerte ihren ſinkenden Muth an. Mit einem kleinen Haufen erreichte er den Gipfel. Als er rückwärts blickte, war hinter ihm Alles in wilder Verwirrung und Flucht. So laßt uns hier ſterben wie brave Solda⸗ ten! rief er entſchloſſen ſeinen Leuten zu. Sie drängten ſich feſter um ihn, denn ſie liebten ihren Anführer und waren die Muthigſten ſeiner Compagnie. Bald war der kleine Hau⸗ en umringt.— Ergebt euch! rief dem Haupt⸗ mann ein Anführer der Camiſarden zu, hier iſt kein Raum weder zum Fechten noch zum Fliehen!— Die Antwort war ein kräftiger Hieb, den der Camiſarde parirte und erwie⸗ „ 8⁵ derte. Die Grenadiermütze entſtel dem ge⸗ troffenen Haupte.— Philippl! rief beſtürzt der feindliche Anführer, biſt du es?— Louis Martignacl du hier? entgegnete verwun⸗ dert der Hauptmann und ließ den Säbel ſin⸗ ken. Im gleichen Augenblicke ſtürzte ſich die Maſſe der Feinde auf die kleine Schaar und entwaffnete ſie. 3 Als die fliehenden Truppen, unter dem mörderiſchen Feuer des Feindes, dem Aus⸗ gang des Hohlwegs zuſtüͤrzten, fanden ſie ihn beſetzt. Ihr Muth war gebrochen, und faſt ohne Gegenwehr fanden ſie den Tod unter den Senſen und Beilen der wüthenden Land⸗ leute, die erſt dann Gefangene machten, als ihre Arme des Mordens müde waren. Ro⸗ land und Antoine, welche die Bewegungen der verſchiedenen Haufen geleitet hatten, war⸗ fen ſich zwiſchen die Raſenden und ihre Schlacht⸗ opfer und thaten dem nutzloſen Würgen Ein⸗ halt.— Als die allgemeine Flucht begann, jagte 80. der Anführer der königlichen Truppen mit einem Reiterzug an die Brücke, um hier die Fliehenden aufzuhalten. Seine Bemühungen waren vergeblich, denn der Schrecken walte⸗ te ſinnlos unter den aufgelößten Schaaren. Einige machten ſich mit Gewalt Bahn über die Brücke; andere ſprangen von den Pferden und gewannen zu Fuß das jenſeitige Ufer. Auf erbeuteten Roſſen ſtürmte eine Schaar Camiſarden heran, würgte unter den Fliehen⸗ den und beſchleunigte ihre Flucht.— Rettet euch, Obriſt Saint⸗Julien! rief laut ein Offizier.— Saint⸗Julien! wiederholte eine durchdringende Stimme aus dem Hau⸗ fen der verfolgenden Feinde, und ein Jüng⸗ ling, hoch zu Roß, machte ſich Bahn durch die umgebenden Reiter.— Deckt den Seher, Barnabitenl rief ein ſtarker Mann, der auf einem kräftigen Pferde ſaß, dazwiſchen, und ſprengte an die Seite des Jünglings; die uͤbrigen folgten und drangen gewaltig ge⸗ gen die Mitte des Haufens, der den könig⸗ 87 lichen Anführer umgab.— Saint⸗Julienn wiederholte die Stimme des Jünglings, der mit gehobenem Schwerte auf den Obriſt ein⸗ drang.— Zurück, Knabe! rief ihm dieſer zu und fuͤhrte einen Hieb nach ſeinem Kopfe.— Barnabé du desert fing ihn auf. Zu gleicher Zeit fiel Chretiens Schwert mit zermal⸗ mender Kraft auf ſein Haupt, und tödtlich getroffen ſank er vom Pferde.— Fahre hin, du Morder meiner Liebe und meines Lebens! rief der Jüngling in furchtbarem Tone.— Entſetzt wendeten die Nächſten ihre Roſſe und flohen mit verhängtem Zügel davon⸗ Hinter ihnen würgten die Verfolger, was ihr Schwert erreichen konnte. Herr von Saint⸗Comes gab eine Abend⸗ geſellſchaft, bei der ſich ein großer Theil der großen Welt der Stadt Nismes einfand. Es gibt bekanntlich einen Ton, den man den gu⸗ ten nennt; ſeine Formen wechſeln immer, 88 aber ſein Weſen bleibt ewig daſſelbe; er iſt noch heute, wie er vor hundert Jahren war. Hier herrſchte er in ſeiner höchſten Vollkommen⸗ heit, denn das Haus des Herrn von Saint⸗ Comes war in der Mode, weil er erſtens von gutem Adel, zweitens reich und drittens gaſtfrei war. Der Hausherr machte die Hon⸗ neurs mit dem Anſtand und der Gewandtheit eines franzöſiſchen Edelmanns, und wer ihn hier ſah, hätte glauben können, daß ihn in ſeinem ganzen Leben kein anderer Gedanke und keine andere Sorge beſchäftigt hätten, als die Honneurs zu machen, comme il faut. Von dem Herrn von Saint⸗Comes, der im Schloßhofe von Vauvert die Gefangenen höhnte, und von jenem, der in Todesangſt zu den Füßen eines geächteten Bandenführers knieete, war keine Spur zu erkennen— nichts zeigte ſich hier, als der vollkommene Cavalier nach der Sitte der Zeit. Charakter in ſol⸗ chen Zirkeln iſt nicht nur entbehrlich, ſondern ſogar ein Fehler; höchſtens rpligte Origi⸗ 89 nalität, wenn ſie nicht zu weit geht, kann ver⸗ ziehen werden. Herr von Montrevel bewegte ſich hier in ſeinem Element; er gehörte ganz dem Au⸗ genblicke an. Alle Sorgen waren abgeſchüt⸗ telt, oder vielmehr er hatte niemals Sorgen, denn er beſchäftigte ſich blos mit Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten. Mit keinem Gedanken dachte er an den Aufruhr in der ihm anver⸗ trauten Provinz, oder an das Loos der gegen die Rebellen ausgeſchickten Truppen. Die Be⸗ wunderung oder wenigſtens die Aufmerkſam⸗ keit des glänzenden Zirkels auf ſich zu ziehen, war ſein einziges Dichten und Trachten, und es gelang ihm nicht übel damit, denn er war von hohem Range und nicht ohne natürlichen Verſtand, der freilich in den Erbärmlichkeiten, in denen er ſich von Jugend an herumtrieb, faſt untergegangen war— aber man kennt ja den lauten Beifall, den die faden Köpfe, welche überall die große Mehrzahl bilden, dem ſchaalſten Witze zollen, wenn er auch eben 90⁰ nicht aus vornehmem oder geltendem Munde kommt, denn er ſpricht immer ihre verwandte Natur gefällig an. Louiſon war ernſt wie immer. Sorge und Kummer um ihren Geliebten, von dem ſie ſeit geraumer Zeit nichts wußte, beſchäf⸗ tigte ihr zur Schwermuth geneigtes Gemüth. Sie that ihren Gefühlen Zwang an in der Geſellſchaft, wie wohlgezogene Leute pflegen. Julie war nicht minder bekuͤmmert um das Loos ihres Philipp; ſie liebte eben ſo zärt⸗ lich; aber ihre Jovialität, wenn ſie in Anſpruch genommen wurde, entrückte ihr öfters auf Minuten den Gegenſtand ihres Kummers, und gab ihr die ganze Lebendigkeit, welche ſie in den Tagen ungetrübten Gluͤcks zu haben pflegte. Eben war Julie in einiges Träumen ver⸗ ſunken und leichte Kummerwölkchen trübten ihre Stirne. Der Marſchall ſchlich hinter ih⸗ ren Stuhl und ſagte halblaut: Schwierigkei⸗ ten und Gefahren ſind die Würze der Liebe. Das Glück hat Sie verwöhnt, ſchönes Fräu⸗ 94 lein. Eine gefällige Tante machte den Liebhaber von vier Wochen gleich zum Bräutigam, und ohne dieſe Epiſode wäre er wahrhaftig zum Gatten geworden, ohne daß irgend ein Aben⸗ teuer den Roman Ihrer Liebe verſchöner hätte. Man muß nicht gleich mit der Hei⸗ rath anfangen.— Die Heirath iſt eine hei⸗ lige Sache, antworte ich Ihnen mit den Wor⸗ ten des ehrlichen Gorgibus, erwiederte Ju⸗ lie, die ſchnell ihre heitere Laune wieder ge⸗ wann, und Ehrenleute pflegen damit zu be⸗ ginnen.— Wenn Sie Molisére citiren, ſo muß ich zu den nämlichen Waffen greifen, und entgegne Ihnen mit dem hochgebildeten Lenchen, dem Muſter aller Romanheldin⸗ uen: Mein Gott! Wenn Jedermann Ihnen gliche, wäre ein Roman bald zu Ende. Was den Roman Ihrer Liebe betrifft, ſo hat er ſchon gar nicht in der Ordnung angefangen. Schon die Einleitung muß in der gehörigen Form geſchehen. Ein Liebhaber muß die Dame ſei⸗ nes Herzeus zum erſtenmal in der Kirche, oder 92 in einem Luſtwäldchen oder auf einem Balle erblicken, und von da ganz melancholiſch und träumend nach Hauſe kommen. Lange ver⸗ birgt er ſeine Leidenſchaft dem Gegenſtande ſei⸗ ner Zärtlichkeit— endlich erſcheint der Tag der Erklärung. Sie muß in der Regel in ir⸗ gend einer Allee irgend eines Gartens erfol⸗ gen, während die übrige Geſellſchaft ſich ein wenig entfernt hat. Die Geliebte erröthet, wird zornig und verbannt den Kuͤhnen aus dem Umkreis ihrer Blicke. Mit der Zeit ſin⸗ det er jedoch Mittel, ihren Zorn zu befänf⸗ tigen und ihr Zartgefühl nach und nach an die Sprache der Liebe zu gewöhnen. Hierauf kommen erſt die Abenteuer: Nebenbuhler, welche die Eiferſucht auf den Begünſtigten ra⸗ ſend macht, Verfolgungen der Eltern und Verwandten, Eiferſucht des Geliebten, auf falſchen Schein gegründet, Klagen, Verzwei⸗ flung, Entfuͤhrung— und was darauf folgt. Auf ſolche Art, mein Fräulein, muß der Ro⸗ man der Liebe eingeleitet und durchgeführt wer⸗ 93 den. Ihn mit der Verlobung und Heirath beginnen wollen, hieße ihn von hinten anfangen.— Es iſt nicht Jedermann gege⸗ ben, ſo poetiſch zu ſeyn, wie Sie, tapferer Marſchall und unüberwindlicher Bezwinger der Herzen. Sie überbieten ſogar noch die Forderungen der Poeſie, denn von allen Ro⸗ manen, welche Sie geſpielt haben, iſt noch keiner durch die Heirath zum Schluße gekom⸗ men; und ich weiß nicht, ob nicht die Damen Ihres Herzens beſſer gethan hätten, den Ro⸗ man ihrer Liebe von hinten anzufangen.— Iſt Ihnen eine Priſe gefällig, beſter Baron? fragte ſpöttiſch Herr von Saint⸗Comes und bot dem Marſchall die goldene Tabacks⸗ doſe dar.— Laſſen Sie doch, ſtel das Fräu⸗ lein lachend ein, unſere modernen Helden er⸗ röthen nicht, wenn ſie das Lob ihrer Thaten hören.— Ein einziger Sieg fehlt noch, meine Triumphe zu krönen, erwiederte der Mar⸗ ſchall ohne Verlegenheit, und dieſe einzige Hand könnte mir Hymens Feſſeln zu ſüßen 94 Banden machen— aber ach! ſie iſt verſagt! rief er in komiſcher Verzweiflung aus.— Da habe ich ja den raſenden Nebenbuhler, der zum Roman meiner Liebe erforderlich iſ, ſpot⸗ tete das Fräulein. Ziehen Sie in den Krieg, Marſchall, und laſſen Sie ſich todtſchießen, denn ich bin unerbittlich.— Nur von Ihrer Hand möchte ich fallen, und von keiner an⸗ dern! rief der Marſchall lachend und wendete ſich, halb tanzend, zu einer andern Dame. Wiſſen Sie auch die Geſchichte vom Ba— ron Dubois redete die Gräfin Aubeterre ihre Nachbarin an.— Von dem alten Nar⸗ ren, fragte dieſe, der bis ins fünfzigſte Jahr ledig blieb, aus Furcht...... Gekrönt zu werden, ergänzte Herr von Saint⸗Co⸗ mes, der hinter dem Seſſel der Damen ſtund; der nämliche, meine gnädigen, der, wie Arnulph in der Weiberſchule, in jedem Ehe⸗ mann einen Hörnerträger erblickte.— Gott Lob, daß es nicht viele ſolche Narren gibt! ſagte die Gräfin.— Ja wohl, ſiel der Mar⸗ 95 ſchall, der in der Geſellſchaft allgegenwärtig zu ſeyn ſchien, lachend ein, ſonſt möchte es den guten Damen, die der mißtrauiſche Arnulph mahlt, übel ergehen. Hören Sie doch dieſe anziehenden Schilderungen: Dieſer Ehemann ſammelt Schätze, die ſeine Frau an diejeni⸗ gen vergeudet, welche ſich bemühen, ihm Hör⸗ ner aufzuſetzen; Jener ſieht täglich reiche Ge⸗ ſchenke zu den Füßen ſeiner Frau zuſammen⸗ fließen und iſt ganz ruhig dabei, denn er weiß von ihr, daß es bloſe Anerkennungen ihrer Tugend ſind; dieſer macht viel Lärm, der ihm zu nichts hilft, Jener iſt ſanft wie ein Lamm, und wenn der Liebhaber kommt, greift er nach Hut und Stock.— Vergeſſen Sie nicht, Baron, daß hier der Dichter einen eiferſüchtigen Tollhäusler mahlt, erwiederte die Gräfin. Dieſe Portraits beſtehen blos in ſeiner Einbildungskraft, und nicht in der wirklichen Welt.— Das verſteht ſich von ſelbſt, entgegvete der Marſall ironiſch; wer ſollte ſolche weibliche Weſen in der wirklichen 96 Welt ſuchen?— Sie am wenigſten, Baron, ſiel Herr von Saint⸗Comes ſpottend ein, da Sie die weibliche Tugend aus Erfahrung kennen.— Fahren Sie doch fort in Ihrer Geſchichte, liebe Gräfin, ermahnte die Nach⸗ barin.— Der Baron, fuhr die Gräfin fort, hat, wie Sie wiſſen, ein einfältiges Land⸗ mädchen geheirathet, in welcher er, um ihrer Einfalt willen, eine perſonificirte Unſchuld und Tugend zu beſitzen glaubte.— Ja, fiel der Marſchall lachend ein, und dann gab er ſeiner Agnes Eheſtandslehren: O, Agnes, prüf' dein Herz, Der Eh'ſtand iſt kein Scherz. Das Weib zum Gehorchen geboren, Der Mann zum Herrſchen erkoren, Das iſt des Mannes Art, Denn allmächtig iſt der Bart. Und wie der Soldat dem Offtzier, Mußt du fortan gehorchen mir, Und meinem Winke folgen blind, Wie des Vaters Gebot das Kind. Und die tugendhafte Agnes hat ihren Horace 97 gefunden und den guten alten Baron in aller Unſchuld gekrönt? Habe ich errathen?— Rich⸗ tig, Herr Marſchall; Sie haben eine feine Naſe in ſolchen Dingen.— Man ſollte meinen, Sie wären ſelbſt dabei geweſen, ſo gut wiſſen Sie zu errathen, bemerkte ſcherzend Herr von Saint⸗Comes.— Ueberall kann man doch nicht ſeyn, ſpottete Julie; das wäre zu viel gefordert, ſelbſt von dem tapferſten Helden. — Ungerecht wäre es allerdings, ſiel Herr von Saint⸗Comes ſatyriſch ein, aber der Mar⸗ ſchall leiſtet ſo viel, daß man ſelbſt das Un⸗ mögliche von ihm erwartet.— Wären Sie nicht Wittwer, ſagte eine Dame ſcherzend, ſo wür⸗ den Sie ſich hüten, ihn auf ſolche Art her⸗ auszufordern.— Jeder Feind hat mehr als eine verwundbare Seite, rief muthwillig In⸗ lie. Sitzt nicht hier des Herrn von Saint⸗ Comes ſchöne Tochter?— Allerdings eine Feſtung, die zur Belagerung anlockt, ſchmun⸗ zelte ein alter Herr. Friſch, Marſchall, er⸗ öffnen Sie die Laufgräben.— Leider, erwie⸗ Der Camiſarde II. 5 98 derte dieſer, ſtehe ich bereits vor einem un⸗ überwindlichen Platze, der alle meine Angriffe abſchlägt.— Ein Marſchall von Frankreich, lachte Julie, wird doch zwei Plätze zumal belagern können.— Gewöhnliche Plätze wohl, entgegnete galant der Marſchall, aber nicht Feſtungen vom erſten Range.— Danke doch für das Compliment, Louiſonl rief Julie dieſer zu.— Es iſt abgenöthigt, antwortete dieſe beſcheiden, und zudem war offenbar die größere Hälfte dir beſtimmt. Was iſt geſtern gegeben worden? fragte, halb gähnend, eine alte Dame, als eine Pauſe eintrat.— Der Geizhals, erwiederte die Gräfin.— Wie finden Sie den neuen Schau⸗ ſpieler, der die Rolle des Harpagon ge⸗ geben hat?— Ganz vortrefflich; er iſt ja unmittelbar von Paris gekommen.— Welche Scene ſpricht Sie am meiſten ans fragte ein junges Fräulein.— Die Entwicklung, meine Damen, iſt das Schönſte, ſiel der Marſchall ſpottend ein: Zwei Heirathen werden auf ein⸗ 99 mal gefeiert und der alte Harpagon bekommt ſein verlorenes Geld wieder.— Eben wollte man ſich in das Kapitel der Schauſpiele ver⸗ tiefen, und viele, die bisher weislich geſchwie⸗ gen hatten, hielten ſich fertig, dieſen in der großen und kleinen Welt ſo ergiebigen Stoff gehörig verarbeiten zu helfen, als der Mar⸗ ſchall plötzlich, mit einer Art ängſtlicher Eile, abgerufen wurde. Auf der Straße wurde es lebendig; Men⸗ ſchen ſtrömten unter den Fenſtern des Hauſes zuſammen; man hörte Reiter hin und her ſprengen. Der Marſchall erſchien nicht wie⸗ der. Die Damen ſteckten die Köpfe zuſammen; einige Herren traten an die Fenſter. Auf dem Gange und in dem Vorzimmer hörte man die Dienerſchaft durcheinander laufen und halb⸗ laut reden. Herr von Saint⸗Comes ging hinaus.— Mein Gott, was gibt es denn? rief ängſtlich eine Dame.— Um Gottes wil⸗ len, was iſt geſchehen? ſchrieen andere da⸗ zwiſchen und fuhren von lhren Sitzen auf. 100 Allgemeine Verwirrung herſchte im Saal. Mit bleichem Geſicht trat Herr von Saint⸗Comes herein.— Was gibt es? Wo iſt der Marſchall? Was iſt geſchehen? Ein Unglück! ſtürmten Alle, von allen Seiten, fragend auf ihn ein. — Die königlichen Truppen.... die Rebel⸗ len.... ein Treffen.... ſtotterte die⸗ ſer verlegen.— Die königlichen Truppen ha⸗ ben die Rebellen geſchlagen? fragte ein alter Herr.— Das nicht.. nein... ſon⸗ dern..— Alſo haben die Rebellen die königlichen Truppen geſchlagen? fragte ein anderer.— Das eben nicht... das will ich nicht ſagen.... es iſt.....— Ein Treffen geſchehen? ergänzte ein dritter.— Ja ..... ſo gleichſam.... ein Zuſammentref⸗ fen..— der königlichen Truppen mit den Aufrührern? fiel ein vierter ein.— Ach Gott! ſeufzten einige Damen.— Ei was! rief ein junger Offizier, mit ſolchem Volke darf man kein Mitleid haben, und wenn ſie auch alle zuſammen gehauen worden ſind.— 101 Es ſind doch auch Menſchen! ſagte mitleidig eine Dame.— Aber Ketzer und Aufruͤhrer, er⸗ wiederte barſch der Officier, für die es nicht Schade iſt, wenn ſie Alle ins Gras gebißen haben.— Eben dieſes ſcheint zweifelhaft, fiel Herr von S aint⸗ Comes ein, der ſich in⸗ zwiſchen in etwas erholt hatte. Es will näm⸗ lich verlauten..— Doch nicht etwa, daß unſere Truppen geſchlagen ſeyen? fragte beleidigt der junge Held.— Das gerade nicht, antwortete Jener ausweichend, aber.... aber... ſo gleichſam ein unentſchiedenes Treffen, das... Wo iſt der Marſchall? rief unter der Thüre eine kräftige Stimme, und ein mit Blut und Staub bedeckter Offizier ſtürzte in das Zimmer. Alle drängten ſich um ihn. Um Gottes willen, wie ſteht es? Reden Sie! riefen zwanzig Stimmen zumal.— Geſchla⸗ gen und faſt vernichtet! erwiederte er mit Ach⸗ ſelzucken.— Wer? Wer?— Wir? Wir— die königlichen Truppen!— Iſt es möglich?— 102 Es iſt wirklich.— Wo iſt der Obriſt Saint⸗ Juliens ſagte mit ſichtbarer Angſt eine Dame. — Todt! erwiederte der Offtzier eintönig. — Alle Anweſenden erſtarrten vor Schrecken. Die Bläſſe des Todes auf dem ſchönen Ge⸗ ſicht trat Julie vor den Offizier und brachte aus tief athmender Bruſt mühſam die Worte hervor: der Hauptmann Villiers?— Ver⸗ mißt! war die Antwort.— Todt alſo, todt! jammerte ſie und ſank leichenblaß in Loui⸗ ſons Arme.— Nicht todt, tröſtete der Of⸗ fizier; man weiß nichts von ihm. Aber bereits hatte die Geängſtigte das Bewußtſeyn verlaſ⸗ ſen. Man brachte ſie in Louiſons Zimmer, um ihre Lebensgeiſter zurückzurufen. Die ganze Geſellſchaft lief in Beſtürzung auseinander. Einſam fand die Mitternacht die beiden Freundinnen. Julie ſaß halb entkleidet auf Louiſons Bett. Ihr Geſicht war weiß wie der Schnee; gedankenlos und faſt krampfhaft ſpielten ihre Finger auf der Decke; die mat⸗ ten Augen, ſonſt voll Leben und Feuer, ſtarr⸗ 103 ten bald die Decke, bald die Wand, bald den Fußboden an. Keine Thräne entſiel ihren Augen, kein Laut der Klage entfloh ihren Lip⸗ pen.— O, um Gottes willen, Julie, flehte Louiſon, nicht dieſen ſtummen Schmerz, der dir das Herz zuſammenpreßt und dein ganzes Weſen vernichtet! Erleichtere die beängſtigte Bruſt durch den milden Thau der Thränen, hauche deinen Kummer in Worten aus.— Julie machte einen Verſuch zu ſprechen, aber die Worte erſtarben auf ihren Lippen.— Faſſe dich, rief ihr Louiſon zu, komm zu dir ſelbſt; es iſt ja noch keine Gewißheit da, es iſt noch nicht Alles verloren. Gieb der Hoff⸗ nung Raum; es kann noch Alles gut werden. — Hoffnungl ſeufzte Iulie leiſe und mit gewaltſamer Anſtrengung. Hoffen! fuhr ſie mit matten rührenden Tönen fort; ich hoffe auf den Tod; er wird mich auf ewig mit ihm verei⸗ nigen. Siehſt du ihn, fuhr ſie plötzlich mit halb irren Blicken und unheimlicher Stimme auf, ſiebſt du ihn, auf der Wahlſtatt liegen, blu⸗ 104 tig und entſtellt; während ich hier im Saal der Freude ſaß unter fröhlichen Scherzen, floß das edelſte Blut aus tiefen Todeswunden. — Er iſt ja nicht todt, nur vermißt, man weiß nichts von ihm, tröſtete Louiſon.— Vermißt! man weiß nichts von ihm! wieder⸗ holte Julie leiſe, wie fuͤr ſich. Nicht einmal ſeinen Leichnam haben ſie gefunden, rief ſie plötzlich ſchreiend auf; unkenntlich, mit den Erſchlagenen vermengt, zertreten von den Hu⸗ fen der Roſſe, liegt der Körper, den erſt noch der edelſte Geiſt belebte!— Sie legte die beiden Hände auf die pochende Bruſt, die der un⸗ bändige Schmerz zu zerſprengen drohte. Eine Minute blieb ſie ſo; dann trat eine Thräne aus dem ſtarren Auge; bald rann Thräne auf Thräne über die blaſſen Wangen, und die ge⸗ ängſtigte Bruſt ward erleichtert.— Gott ſey Dank! rief Louiſon aus und zog die Freun⸗ din an ihr Herz, die, gleichſam Troſt an ihrem Buſen ſuchend, ſich innig an ſie ſchmiegte. In dieſem Augenblicke ſtürmten raſche und 105 kräftige Fußtritte durch das Vorzimmer. Die Thüre flog auf und eine männliche Stimme rief: Wo iſt ſie?— Philippl rief Julie und fuhr in freudigem Schrecken in die Höhe. — Juliel rief der Mann, ließ den Mantel, in den er gehüllt war, fallen und eilte in ihre Arme. Ein zerſprengter Haufen von etwa zwanzig Mann, Fußvolk und Reiter untermiſcht, nur wenige noch beritten, hatte in einem dichten Gehölze Halt gemacht, um auszuruhen.— Hier ſitzen wir warm, Herr Bruder, ſagte der Wachtmeiſter, deſſen Entſchloſſenheit ſich nie verläugnete, mit ziemlich heiterer Laune zu dem Feldwebel; ich kaue eben an der letzten Brod⸗ rinde, meinem Pferde fehlen zwei Eiſen, rings⸗ um läutet die Sturmglocke, das verfluchte Volk greift nach Art und Senſe, und überall ſind die Päße verrennt.— Da iſt freilich gu⸗ ter Rath theuer, erwiederte gleichmüthig der 106 Feldwebel, aber der Soldat muß ſich in Al⸗ les zu ſchicken wiſſen. Die Waffen, Gottlob, ſind uns noch geblieben, und ſo können wir uns entweder durchſchlagen oder ehrenvoll um⸗ kommen, wie es tapfern Männern ziemt und wohl anſteht.— Das Umkommen, antwortete der Wachtmeiſter mit Laune, ſteht mir, ich muß es bekennen, noch nicht ſonderlich an, denn ich hoffte, ſo noch zwei bis drei Dutzend Jahre in der Welt vergnügt zu leben; und was das Durchſchlagen betrifft, ſo bekomme ich immer weniger Vertrauen dazu, je mehr ich unſern lamentabeln Haufen betrachte. Das Durchſchleichen ſcheint auch nicht glücken zu wollen, denn ich höre in allen Dörfern in der Runde Sturm ſchlagen, und ſo wie wir die Naſe aus dem Walde ſtecken, wird uns das ungehobelte Bauernpack mit den Senſen, die nns leider noch in allzufriſchem Andenken ſind, auf dem Halſe ſeyn.— Die Wahl iſt nicht groß, entgegnete phlegmatiſch ver Feldwebel, und zu irgend etwas müſſen wir uns ent⸗ 107 ſchließen. Es wird nöthig ſeyn, allhier einen förmlichen Kriegsrath zu halten, und ich will euch die Fälle vortragen, Herr Bruder, wenn es euch gefällig iſt, mich anzuhören: Erſtens die Berge und Waldungen nicht verlaſſen und allda verhungern?— Das müſſen wir, lachte der Wachtmeiſter, wenn nicht etwa der Engel des Herrn irgend einen Propheten, der ſei⸗ nen Haferbrei den Schnittern auf das Feld trägt, am Schopfe nimmt und zu uns führt, uns durch ihn ſpeiſen zu laſſen in der Wüſte. — Meint ihr, daß wir im Himmel ſo gut empfohlen ſeyen? bemerkte Charlot le Sa- vant ſpöttiſch. Doch vielleicht könnten wir Erbarmen finden um Eines Gerechten willen, der in der Mitte der Gottloſen wandelt, fügte er launig hinzu und klopfte André le Capu- cin, der mürriſch neben ihm am Boden ſaß, auf die Achſel.— Die Zeit ſcheint jetzt nicht zum ſcherzen geeignet zu ſeyn, ſiel der Feld⸗ webel pedantiſch ein, ſondern die Frage iſt, durch welche Mittel wir uns aus dieſer ſchlim 108 men Lage zu reißen gedenken, worein uns das verlorne Treffen von Karnoulé, das gleich⸗ ſam eine Niederlage zu nennen iſt, verſetzt hat? Der erſte Fall, den ich aufgeſtellt habe, ſcheint alſo nach der allgemeinen Anſicht ver⸗ werflich, da in demſelben der gefährlichſte und bitterſte Feind des Soldaten, der Hunger, zu bekämpfen wäre.— Ja, um dieſem Feinde zu entgehen, antwotrete vorlaut Charlot, der ſich durch den ihm ertheilten Verweis nicht irren ließ, habe ich den Doktorhut abgelegt und die Dragoneruniform angezogen. Senſen und Piken, Beilen und Aexten, Feuer, Schwert und Strang will ich trotzen wenn es ſeyn muß, aber vor dem Hunger habe ich Reſpekt bekom⸗ men, ſo lange ich ein Gelehrter war.— Man ſollte keinen Gelehrten zu den Fahnen zulaſſen, fiel der Feldwebel verdrüßlich ein, denn wo einer von ihnen iſt, kommt man vor lauter Schwatzen nicht zum Handeln. Ich ſetze nun den zweiten Fall: Durchſchleichen, welches für einen geſprengten Haufen, wie wir ſind, ———— 8 109 keine Schande iſt, da es unklug wäre, ſich mit allzuungleichen Streitkräften zu meſſen.— Beſonders, bemerkte Charlot ſpottend, da wir ſo eben von einem Feinde geſchlagen wor⸗ den ſind, dem wir um das Doppelte überle⸗ gen waren.— Es wäre beſſer, hier einen vernünftigen Rath zu ertheilen, als mit übel angebrachtem Witze um ſich zu werfen, ſagte der Feldwebel, dem die Galle überlief.— Ihr habt Recht, Herr Bruder, ſiel der Wacht⸗ meiſter launig ein, aber dieſe gelehrten Herrn pflegen immer ihren Witz, wenn er ihnen je gelingt, am unrechten Ort anzubringen. Helft uns lieber durch eine Kriegsliſt aus der Klemme, Herr Charlot le Savant, denn Ihr habt doch ohne Zweifel in der Schule die Feldzüge aller großen Feldherrn des Alter⸗ thums geleſen.— In der Schule, meine Her⸗ ren, muß ich Ihnen ſagen, entgegnete Char⸗ lot mit angenommener Gravität, liest man die Alten nicht, ſondern man exponirt ſie. Was ich daher von ihnen behalten habe, ſind 110⁰ blos Worte und Phraſen, die uns ſchwer⸗ lich aus der Verlegenheit helfen werden, wo⸗ rin wir uns leider befinden. Die einzige Kriegsliſt, welche ich in dieſem Augenblicke in meinem gelehrten Schatzkäſtlein aufzufinden weiß, iſt die von dem großen Hannibal gegen einen römiſchen Feldherrn, wenn ich nicht irre gegen Fabius den Zauderer, an⸗ gewendete. Als er nämlich auf einem Berge eingeſchloſſen war, ließ er zur Nachtzeit ein paar tauſend Ochſen brennende Reiſigbuͤſchel zwiſchen die Hörner binden und ſetzte dadurch die römiſchen Legionen ſo ſehr in Schrecken, daß ſie ihm ein Loch öffneten, durch das er eilig entwiſchte. Da es aber gegenwärtig heller Tag iſt, auch keine Ochſen und Reiſig⸗ büſchel vorhanden ſind, ſo können wir dieſe Kriegsliſt, welche ohnediß ziemlich veraltet iſt und kaum noch das Staunen alter Schul⸗ füchſe erregt, hier nicht in Anwendung brin⸗ gen. Dixi.— Wie mögt Ihr euch doch mit dem gelehrten Eſel einlaſſen, Herr Bruder? 111 ſagte der Feldwebel ärgerlich; die Zeit iſt edel, und wir müſſen ſie beſſer benützen.— Auf einen ſchlechten Markt gehört ein guter Muth, erwiederte der Wachtmeiſter lachend, und da wir ohnedieß neue Kräfte ſammeln müſſen, ſo dient ein munteres Geſpräch zugleich zur Erheiterung des Geiſtes. Uebrigens thut Ihr unſerm Charlot Unrecht, wenn Ihr ihn für gelehrt und für einen Eſel haltet; er iſt viel⸗ mehr ein zweiter Eulenſpiegel ſpaßhaften An⸗ denkens, der weder ein Gelehrter noch ein Eſel war.— Nun man kann den Leuten Un⸗ recht thun, brummte der Feldwebel, aber er ſoll jetzt die gelehrten Poſſen laſſen und vernünf⸗ tig reden, wie andere Menſchenkinder.— Kurz gefaßt, rief der Wachtmeiſter, die Zeit ver⸗ ſtreicht und Etwas muß geſchehen. Wir muͤſ⸗ ſen uns durchſchleichen, und gelingt es nicht, uns durchſchlagen. Für beide Fälle iſt eine Recognoscirung erforderlich. Wer bietet ſich freiwillig dazu an?— Alle ſchwiegen.— Ich bin, wie ihr wißt, begann Charlot achſel⸗ 1¹²⁸ zuckend, ſtets zu allen Dienſten bereit, aber um dieſe Recognoscirung iſt es eine eigene Sa⸗ che. Wer ſich in Uniform außerhalb des Wal⸗ des blicken läßt, wird vermuthlich gleich todt geſchlagen; zieht er die Uniform aus, ſo wird er als Spion gehenkt, wenn man ihn erkennt. Beide Fälle gehören nicht zu den angenehm⸗ ſten, und es iſt kaum der Mühe werth, un⸗ ter ihnen zu wählen. Wie wäre es, ſetzte er ſcherzend hinzu, wenn unſer André le Capu- ein dieſe Miſſion übernähme?— Wenn es eine Bekehrung wäre, könnte man die heilige Larve brauchen, erwiederte der Wachtmeiſter halb ſpöttiſch halb verächtlich, aber bei einer Sendung, die Verſtand erfordert, halte ich mich an das Weltkind Charlot le Savant, fügte er verbindlich hinzu.— Das Compli⸗ ment, rief dieſer luſtig, iſt wohl einen Gang werth; aber für ein Dutzend Poſſen und Lum⸗ penſtreiche erbitte ich mir im Voraus Ablaß, ſonſt thue ich keinen Schritt.— In Gottes Na⸗ men ertheile ich ihn dir, mein Sohn, ſo weit 113 nämlics meine Wachtmeiſterliche Machtvoll⸗ kommenheit geht; und nimm meinen Segen mit auf den Weg.— Deſſen war ich ſehr benöthigt, rief Charlot, der ſich ſchon ei⸗ nige Schritte entfernt hatte, lachend zurück, denn Segen iſt das Einzige, was ich ſeit die⸗ ſem Morgen genoſſen habe. Als die erſten Haufen der Flüchtigen, die noch ziemliche Maſſen darboten, durch das Dorf Vauvert zurückſtrömten, hielten ſich die Einwohner in ihren Häuſern verſchloſſen und guckten nur vorſichtig aus irgend einer Lücke, um den Zug zu beobachten. Als ſofort nur noch einzelne kleine Haufen nachfolgten, tra⸗ ten ſie keck auf die Straße, ſchnitten ſich Ge⸗ ſichter zu und wußten kaum ihre Schadenfreude zu verbergen. Die erſten Haufen pochten an der Thüre der Schenke; Denis le Neophyte trat mit der Muͤtze in der Hand heraus, reichte das verlangte Getränke und forderte dafür die gewöhnliche Bezahlung, welche Alle, die etwas genoſſen, willig leiſteten. Als einzeln 114 die kleinern Haufen nachfolgten, ſetzte er trotzig die Mütze auf und forderte das Doppelte des üblichen Preiſes; die meiſten zahlten ohne Wi⸗ derrede und eilten weiter; einigen die Einwen⸗ dungen machten, erwiederte er barſch:„Seit dieſem Morgen hat der Wein aufgeſchlagen, und wer ihn nicht trinken will, kann ihn ſte⸗ hen laſſen“; er blickte bei dieſen Worten auf die Landleute, welche ſich ſchon in großen Haufen um die Schenke geſammelt hatten und ſich keine Mühe mehr gaben, ihren Hohn zu verbergen, begierig, wie es ſchien, auf eine Gele⸗ genheit wartend, gegen die Flüchtlinge, wel⸗ che ſie nun nicht länger fürchteten, loszubre⸗ chen. Ein verwundeter Offizier, den Arm in der Schlinge, ritt mit einigen Dragonern vor⸗ über, ohne anzuhalten.„Es iſt heute ein heißer Tag, Herr Offizier!“ rief ihm der Wirth ſpöttiſch zu.— Wie meinſt du das, Schurke? erwiederte dieſer hitzig und hielt ſein Pferd an.— Wie ich es meine? fragte De⸗ nis phlegmatiſch. Nun, ich meine eben, es ſey 115 heute ein heißer Tag.— Haue den Hund zu⸗ ſammen! rief der Offizier einem Dragoner zu; mein Arm iſt lahm.— Iſt er lahm? ſpot⸗ tete der Wirth; wohl bekomm es euch!— Niederreiten kann ich die Beſtie noch, ſchrie der Offizier ergrimmt und ſprengte ſein Pferd auf ihn an. Zieht, ins Teufels Namen, Dragoner! ſetzte er fluchend hinzu.— Hol ho! erwiederte Denis und griff kaltblütig nach einer Axt, die am Eingang des Hauſes lag, ho! ho! um dieſe Zeit iſt es nimmer! Jetzt reden wir aus einem andern Tone.— Ho! ho! wiederholten die Bauern tumultuariſch, jetzt reden wir aus einem andern Tone!— Kommt, rief einer der Dragoner, unſere Herrſchaft iſt zu Ende!l ergriff das Pferd des Offiziers am Zügel und jagte mit ihm davon; die übrigen folgten unter dem Hohngelächter der Bauern; die Beherzteſten warfen ihnen einige Steine nach.— Was ſtehen wir hier und haben Maulaffen feil? rief, nach dieſem erſten Tri⸗ umphe, plötzlich Einer aus dem Haufen. Laßt 1¹6 uns nach Hauſe gehen und zu den Waffen greifen!— Zu den Waffen! zu den Waffen! ſchrie der ganze Haufe nach.— Laßt Sturm läuten! rief eine andere Stimme.— Sturm läuten! Sturm läuten! brüllten Alle nach.— Und laßt keinen von dieſen Henkersknechten mehr entwiſchen! ſchrie ein dritter. Schlagt alle todt! ſchlagt alle todt! jauchzte die Menge.— Sammelt euch wieder hier auf dieſem Platze! rief Denis le Neophyte.— Hier auf dem Platze! Hier auf dem Platze! wiederholte der Haufe und ſtürmte auseinander.— Komm Albin, ſagte der Wirth zu ſeinem Knaben, wir wollen ein Fäßchen Wein herauswälzen; das giebt Le⸗ ben unter die Leute. Unſer Karl'chen bleibt lange aus, ſagte der Wachtmeiſter, wenn ſie ihn nur nicht am Kragen gefaßt haben.— Es wäre kein Scha⸗ de um den Spötter und Verächter der Hei⸗ ligen! brummte André le Capucin.— Du biſt ja ſehr übel gelaunt, heiliger Andreas von der Kapuze! ſpottete der Wachtmeiſter. 117 Aber ſage mir doch, wo waren denn die lie⸗ ben Heiligen, als wir von dieſen Ketzern ge⸗ ſchlagen wurden, und warum haben ſie ihre Verehrer ſo unverantwortlich im Stiche ge laſſen und dieſen Irrgläubigen den Sieg ge⸗ ſchenkt?— Wir ſind in die Hände der Gott⸗ loſen gegeben worden um unſerer Sünden willen, erwiederte André le Capucin.— Ey! da müſſen wir nus ja beſſern, wenn wir künftig ſiegen wollen! Aber wie iſt es denn dir ergangen in dieſer Schlacht, der du ein frommer römiſch⸗katholiſcher Chriſt biſt? Es ſcheint mir doch, daß du ſelbſt nicht dich der beſondern Protektion der lieben Heiligen zu erfreuen hatteſt, denn du haſt kein Pferd mehr und deine Uniform ſieht aus, als ob du durch ſieben Pfützen gezogen worden wäreſt.— Mich hat die heilige Jungfrau gerettet aus den Händen der Abtrünnigen.— Alſo ein Wun⸗ der? fragte der Wachtmeiſter ſpöttiſch; erzähle uns doch.— Wir hatten einen Haufen der Ketzer umringt und waren eben im Begriff, 118 ihn zu durchbrechen, als die ſingende Rotte aus dem Walde brach und wie raſend auf uns eindrang; ich ſchlug ein Kreuz, rief die heilige Jungfrau um Schutz an, empfahl mich in ihre gnädige Obhut, und gab meinem Pferde die Sporne, Willens, mitten unter die Feinde zu ſprengen. Siehe, da bäumte ſich plötzlich mein Roß, das doch ſonſt ein from⸗ mes Thier iſt, und wollte nicht von der Stel⸗ le weichen.— Haſt du nicht etwa in deinem heiligen Eifer den Zügel zu ſtark angezogen? fragte lachend der Wachtmeiſter.— Und ſiehe, fuhr André fort, ohne dieſe Frage zu be⸗ antworten, die Mutter Gottes öffnete mei⸗ ne Augen, und ich ſah, daß der lebendige Satan einherzog an der Spitze der Gott⸗ loſen, ſeine Augen ſprühten Funken und ich erblickte die Hörner auf ſeinem Haupte; da ſchlug ich ein Kreuz, dankte der heiligen Jungfrau und ließ meinem Pferd den Zügel; es wendete ſelbſt um und trug mich pfeilſchnell aus der furchtbaren Nähe der hölliſchen Er⸗ 149 ſcheinung.— Das war ein geſcheidtes Thier, rief der Wachtmeiſter lachend, und wird an Klug⸗ heit Bileams berühmtem Eſel wenig nachgeben! Aber wie iſt es dir denn weiter ergangen, tapferer Andreas?— Hierauf kam ich an einen breiten Graben und nahm einen An⸗ lauf, um hinüber zu ſetzen.— Weigerte ſich dießmal dein Pferd nicht und verſagte oir den Gehorſam?— Nein, im geringſten nicht; ſo wie es mich aus der Nähe der furchtbaren Erſcheinung getragen hatte, war es wieder ſo fromm und gehorſam, als zuvor immer. — Darinn eben liegt freilich das Wunder, ſagte der Wachtmeiſter mit angenommenem Ernſt.— Allerdings, es iſt ganz klar, ſtimm⸗ te André ein; als ich nun über den Graben ſetzte, fuhr er fort, ſiel ich mitten hinein.— Vielleicht war dein Pferd noch nicht von ſei⸗ nem Schrecken uͤber die hölliſche Erſcheinung zurückgekommen, bemerkte trocken der Wacht⸗ meiſter.— Es muß ſo ſeyn, erwiederte An⸗ dré treuherzig. Kurz, ich lag im Graben 120 und da der Sattelgurt geſprungen war und mein Pferd einen vordern Fuß beſchädigt hat⸗ te, ſo ſah ich dieß als einen Wink des Him⸗ mels an, zu Fuß weiter zu gehen; ich that dieß, ſo ſchnell ich konnte, und bin auf ſolche Art durch den beſonderen Beiſtand der heili⸗ gen Jungfrau glücklich entkommen.— Das iſt wirklich hochſt wunderbar, ſagte der Wacht⸗ meiſter mit verbiſſenem Lachen. Ohne Zwei⸗ fel, fügte er hinzu, ſind heute noch mehr ähnliche Wunder geſchehen, von denen wir nichts wiſſen. Man muß geſtehen, frommer Andreas, daß du ein beſonderer Günſtling der heiligen Jungfrau biſt.— Was der Menſch werth iſt, widerfährt ihm, ſprach der Feld⸗ webel mit trockenem Scherze. Wie iſt es denn euch ergangen in dieſem ver⸗ dammten Treffen von Karnoulé? fragte der Wachtmeiſter den Feldwebel.— Herr Bruder, begann dieſer mit großer Ruhe, ich bin ein alter Soldat und an den Wechſel des Glücks gewöhnt. Heute mir, morgen dir, ſagt das 121 Sprichwort. Wer heute ſiegt, wird morgen geſchlagen; das iſt ſo der Welt Lauf. Nun habe ich für des großen Königs und der fran⸗ zöſiſchen Nation Ruhm gegen Engländer, Hol⸗ länder, Deutſche und Italiener gefochten und manchen heißen Tag erlebt; aber ſolche Wuth der Kämpfenden habe ich noch niemals ge⸗ ſehen. Als wir gegen den Ausgang des Hohl⸗ wegs retirirten oder, um gerade bei der Wahr⸗ heit zu bleiben, flohen, hatten ihn die ver⸗ dammten Purſche bereits beſetzt, und ein Halb⸗ zirkel von Senſen, Aexten und andern Werk⸗ zeugen, der ſich immer enger ſchloß, ſtarrte uns entgegen, während zu gleicher Zeit von beiden Seiten die Schüſſe hageldicht auf un⸗ ſere gedrängten Maſſen regneten. Ich gehöre, ohne mich zu rühmen, eben nicht zu den Fei⸗ gen, das weiß das ganze Regiment, und wenn nur Alles in der Ordnung zugeht, ſo halte ich aus bis auf den letzten Mann; aber in dieſem mörderiſchen Gemenge, wo der Tod von allen Seiten brohte⸗ hätte ich Der Camiſarde II. 122 doch beinahe die militäriſche Contenance ver⸗ loren, welches für einen Mann, der im Range ſteht und den Untergebenen mit gutem Beiſpiel vorangehen ſoll, eine doppelte Schande ge⸗ weſen wäre. Was hilft aber alles Zureden, wenn der Soldat einmal den Muth verloren hat? Unſere Leute ließen ſich ſchlachten wie Lämmer, denn dieſe verfluchten Hallunken gaben keinen Pardon. Unſer Haufen wurde im⸗ mer kleiner, und ich ergab mich bereits in mein Schickſal; nur das ärgerte mich, daß ich nicht durch ein ordentliches Gewehr, wie re⸗ gelmäßige Soldaten es haben, ſondern durch ſolche unregelmäßige Werkzeuge, die in ei⸗ nem ordentlichen Kriege gar nicht geführt werden, umkommen ſollte. Ich hatte das Gewehr umgekehrt und hielt mich fertig, dem erſten, der mir nahe genug kommen würde, den Kolben auf dem Hirnſchädel tanzen zu laſſen, denn einen wenigſtens wollte ich in die andere Welt vorausſchicken, als plötzlich ein kräftiger hochgewachſener Mann auf dem 423 Abhang erſchien und der mordgierigen Bande mit ſtarker Stimme zurief:„Laßt ſie; es ſind Franzoſen, eure Brüder!“ Viele leiſteten dem Befehle Folge; andere kehrten ſich im Augen⸗ blicke nicht daran; es entſtand ein Schwanken in ihren Reihen. Dieſen Augenblick benützte ich ſchnell, wie ein entſchloſſener Vorgeſetzter laut der Dienſtinſtruktion thun ſoll, raffte ein Paar Dutzend beherzte Purſche zuſammen, ließ das Gewehr fällen und brach nun ein Loch durch. So bin ich mit heiler Haut entkommen und hoffe unſerm großen König noch man⸗ ches Jahr zu dienen, bis mich der Todesengel zur himmliſchen Muſterung abruft.— Es ſcheint mir, bemerkte der Wachtmeiſter mit ſatyriſcher Beziehung, in eurer ſonderbaren Rettung auch ein halbes Wunder zu liegen. Erblicktet ihr nicht etwa an dem feindlichen Anführer, der auf der Anhöhe erſchien, Engelsflügel und Pausbacken, wie unſer heiliger Andreas an dem Befehlshaber jener ſingenden Schaar Hörner und Bocksfüße wahfnähin— Es iſt 124 wohl möglich, erwiederte der Feldwebel in den Scherz eingehend, daß etwas Wunderba⸗ res im Spiele war, aber leider hatte die hei⸗ lige Jungfrau meine Augen nicht ſo geſchärft, wie die unſeres frommen André, dem ſie beſonders gewogen ſcheint.— Ja, unſer An⸗ dreas iſt ein hübſcher Purſche, bemerkte der Wachtmeiſter ironiſch, und es wundert mich nicht, wenn er bei dem weiblichen Theile der lieben Heiligen einen Stein im Brette hat. Und Ihr, Herr Bruder, fragte der Feld⸗ webel den Wachtmeiſter, ſeyd Ihr auch auf eine wunderbare Weiſe entkommen oder habt Ihr eure Rettung auf gewoͤhnlichem Wege ge⸗ funden.— Ich bin leider ein Alltagsmenſch, erwiederte lachend der Wachtmeiſter, dem in ſeinem ganzen Leben noch nichts Wunderbares begegnet iſt. Die Wunder ſcheinen ſolchen Sonntagskindern und Geiſterſehern vorbehal⸗ ten zu ſeyn, wie wir in unſerm heiligen An⸗ dreas einen zu beſitzen das Glück haben.— Ja, nur ſeine Auserwählten ſind es, die der 125 Herr eines Wunders würdigt! ſprach eine ſal⸗ bungsvolle Stimme hinter dem Rücken des Wachtmeiſters.— Biſt du es, Karlchenſe rief dieſer und ſprang raſch vom Boden auf. Du ſchleichſt ja ſo leiſe wie eine Katze.— Ei! erwiederte dieſer, ihr wart ja auch ſo im Ei⸗ fer des Geſprächs, daß man euch mit Mann und Maus hätte aufheben können.— Wir handelten da eben das Kapitel von den Wun⸗ dern ab, und....— Zeichen und Wunder müſſen allerdings geſchehen, ſtel Charlot ein, wenn wir uns durchſtehlen oder durch⸗ ſchlagen wollen.— Wie ſteht es denn, Karl⸗ chen? fragte der Wachtmeiſter dringend. Er⸗ zähle doch.— Das kann ja auf dem Wege geſchehen, entgegnete dieſer, denn Eile thut vor Allem Noth. Vor der Schenke von Vauvert hatten ſich über hundert Landleute verſammelt; wenige von ihnen waren mit Feuergewehren bewaff⸗ net, die ſie aus ihrem Verſtecke hervorgeholt hatten; die meiſten führten Werkzeuge des 126 Landbaus, wie ſie ihnen gerade in die Hände gefallen waren. Denis le Neophyte hatte eine Flinte in der Hand und in einem Gürtel um den Leib ein Beil ſtecken; ſein Knabe hatte ein Horn um die Schultern hängen, das er von Zeit zu Zeit zum Blaſen anſetzte. Der Wein des Wirths wurde nicht geſpart, und die Köpfe waren vom Trinken ſchon ziemlich erhitzt. Mehrere Nachzuͤgler der königlichen Truppen waren bereits aufgehoben, mißhan⸗ delt, ihrer Waffen beraubt und in eine Scheune geſperrt worden, vor deren offener Thüre zwei bäuriſche Schildwachen, geladene Gewehre in der Hand, mit linkiſcher Gravität auf und ab ſpazierten. Denis le Neophyte war mit einigen Landleuten ſeitwärts getreten und ſchien mit ihnen in eifrigem Geſpräche begrif⸗ fen. Nach einer Weile gingen ſie auseinan⸗ der und miſchten ſich unter den großen Hau⸗ fen. Der Wirth, bei dem nur noch ein ein⸗ ziger alter Landmann zurückgeblieben war, winkte ſeinen Knaben zu ſich. Als Albin 127 zu den Beiden trat, ſprach eben Denis zu dem Bauer:„Wie geſagt, Benoit, der Eſel iſt dein; ein beſſeres Thier findeſt du im gan⸗ zen Thale la Vaunage nicht.— Topl! erwie⸗ derte der Landmann, ich ſpreche für dich, De⸗ nis, und wenn ſie dich nicht wählen, ſo müßte ich nicht der alte Benoit ſeyn.— Albin, ſagte der Wirth zu dem Knaben, blaſe ein luſtiges Stückchen, daß ſich die Leute um dich. ſammeln.— Der Knabe that, wie ihm befoh⸗ ten war, und bald ſtund ein munterer Hau⸗ fen um ihn verſammelt.— Junge, ſprach ein Landmann zu ihm, nachdem das Stuͤckchen zu Ende war, du mußt Horniſt werden, wenn die Compagnie von Vauvert auszieht wider die Philiſter.— Oho! ſiel der alte Benoit ein; ihr fangt von hinten an; wenn ein Haufen auszieht, muß er vor allen Dingen einen An⸗ führer haben; an Horniſten, Trommelſchlä⸗ gern und Pfeifern wird es nicht fehlen.— Recht ſo, Benoit, rief ein anderer dazwi⸗ ſchen, einen Anführer müſſen wir haben.— 128 Ja, einen Anführer! wiederholte ein dritter. — Einen Anführer, einen Anführer müſſen wir haben! brüllte der ganze Haufen.— Recht, Freunde, rief der alte Benoit, ohne Haupt kann der Körper nicht ſeyn. Ihr müßt euch einen Anführer wählen.— Einen Anführer müſſen wir wählen! ſchrieen mehrere Stimmen. — Einen Anführer müſſen wir wählen! brüllte die Menge nach.— Was brauchen wir da lange zu wählen! rief eine Stimme. Be⸗ noit ſoll unſer Anführer ſeyn.— Benoit ſoll uns anführen! der alte Benoit! wie⸗ derholte der Haufen.— Der Gewählte ſchwieg einige Augenblicke und es kämpfte ſichtbar in ihm, ob er ſein gegebenes Wort halten oder die Wahl annehmen ſolle. Denis le Neophyte, der neben ihm ſtund und alle ſeine Bewegun⸗ gen ſorgfältig bewachte, raunte ihm ſchnell ins Ohr:„Der Eſel iſt dein, und die alte Rechnung ſtreiche ich.“ Da ſiegte das Ver⸗ langen nach dem Beſitze des Eſels über den Ehrgeiz des alten Benoit; er öffnete den 129 Mund, ſchloß ihn wieder und brachte zuletzt, nicht ohne ſichtbare Anſtrengung, die Worte hervor:„Ich danke euch, Freunde, für euer Zutrauen; aber.... aber ich bin zu alt für dieſe Stelle, die einen raſchen Mann er⸗ fordert. Wenn ihr jedoch meinen Rath an⸗ nehmen wollt, ſo will ich euch einen andern Anführer vorſchlagen.“— Rede! Rede! riefen mehrere Stimmen.— Wählt Denis, den Wirth, zu eurem Haupte; er ſcheint mir der tauglichſte zu dieſer Stelle.— Es iſt ein Neu⸗ bekehrter! wendete eine Stimme ein.— Es iſt ein Neubekehrter! riefen viele nach.— De⸗ nis wurde bald roth, bald blaß, und zupfte den alten Benoit heimlich am Rocke.— Dieſer ſann einen Augenblick nach, räuſperte ſich und rief dann in zuverſichtlichem Tone uͤber die Menge hin: Er hat bloß den Neu⸗ bekehrten geſpielt, um dem wahren Glauben beſſer dienen und deſſen Feinden mehr Scha⸗ den zufügen zu können. Sagt ſelbſt: Hat er nicht manchen Bruder heimlich beherbergt und 130 ihn vor den Spürhunden dieſer Prieſter ver⸗ borgen?— Das iſt wahr! rief eine Stim⸗ me.— Das iſt wahr! ſchrieen mehrere nach. — Hütte er dieſes thun können, wenn man ihm nicht als einem Neubekehrten mehr Ver⸗ trauen geſchenkt hätte, als den andern?— Nein wahrhaftig, Benoit hat Recht! ſchriee ein Einzelner.— Der alte Benoit hat Recht! wiederholte die Menge.— Hat er nicht das Geld der verruchten Soldaten, die bei ihm zechten, an ſich zu bringen gewußt und ih⸗ nen den Beutel rein gefegt, um mit dem Blut⸗ ſchilling dieſer Henkersknechte arme wandernde Brüder zu erquicken?— Das iſt wahr! Benoit hat Recht! rief der Haufen.— Und zudem taugt er am beſten zu unſerm Anführer, weil er feſt an uns halten muß, da er als Neube⸗ kehrter, der zurücktritt, keine Gnade zu hof⸗ fen hat.— Benoit hat Recht! Denis ſoll unſer Anführer ſeyn! rief eine Stimme. — Denis ſey unſer Anführer! rief der ganze Haufen nach. 131 Ich nehme die Wahl an, rief Den is laut, und danke euch, für euer Vertrauen, Freunde, ich will es zu verdienen ſuchen. Ihr ſeyd heute⸗ Alle meine Gäſte, und mein Keller ſteht⸗ euch offen.— Unſer Anführer Denis ſoll leben! riefen mehrere Stimmen.— Unſer An⸗ füͤhrer Denis ſoll leben! brüllte der ganze Haufen nach.— Seyd bedankt, meine Freun⸗ de, rief der Wirth im jungen Hochgefühle ſeiner Majeſtät, und gebt mir Gelegenheit, euer Vertrauen zu rechtfertigen.— Ja, es muß Etwas geſchehen! ſchriee eine Stimme. — Es muß Etwas geſchehen! rief die Menge nach.— Eine Pauſe trat ein, denn Keiner wußte, was geſchehen ſollte.— Haben wir denn nicht die Gefangenen dal rief eine Stimme. — Die Gefangenenl die Gefangenen! wiederhol⸗ ten Alle.— Heraus mit ihnen! Schießt ſie nie⸗ der! ſchrieen Mehrere.— Schießt ſie nieder! Heraus mit ihnen! brüllten Viele nach. — Es ſcheint mir doch, daß es unklug wäre, begann der neue Anführer nach einigem 132 Zögern, weun wir durch die Ermordung die⸗ ſer Gefangenen..— Haſt du etwa Mitleid mit dieſen Schurken? fuhr ihn eine barſche Stimme an.— Das nicht, aber ich meine, daß wir beſſer thäten..— Ha⸗ ben wir dich etwa zu unſerem Anführer ge⸗ ſetzt, daß du uns befehlen ſollſt? rief eine andere trotzige Stimme.— Nein, brachen meh⸗ rere los, befehlen laſſen wir uns nicht!— Ich denke doch, daß die Vorſicht..— Hört den Neophyten! ſchriee ein dritter; er ſpricht von Vorſicht.— Nichts Vorſicht! Nichts Vorſicht! brüllte der Haufen.— So hört mich doch nur! rief Denis ungeduldig.— Nichts hören! Wir wollen nichts hören! Er iſt ein Lauer! Setzt ihn ab! Setzt ihn ab, den Neophyten!— Ich will ja nur..— Nichts! Nichts! Es muß Etwas geſchehen! Heraus mit den Gefangenen! brüllte die un⸗ bändige Menge. Eben ſchickte man ſich an, die Gefangenen herauszureißen, als ein Menſch in ländlicher 133 Tracht athemlos gelauſen kam.— Was gibt es? Was gibt es? riefen ihm viele Stimmen entge⸗ gen.— Er ſtund einen Augenblick, um zu ver⸗ ſchnaufen; dann rief er mühſam, mit unterbro⸗ chener Stimme:„Soldaten! königliche Trup⸗ pen! Im Walde! Ein ganzes Regiment! Die Vorhut iſt ſchon nahe!— Plötzlich trat unter dem tumultariſchen Haufen eine große Stille ein. Wo? Wo? fragten einige furchtſam; andere begannen bereits ſich wegzuſchleichen. — Im Walde habe ich ſie geſehen; ſie mar⸗ ſchiren auf das Dorf zu.— Seht, wie gut mein Rath war, die Gefangenen zu verſcho⸗ nen! rief De nis, der nicht wußte, was er in dieſem Augenblicke der Verlegenheit machen ſollte.— Ja, er hat Recht! ſchrieen Alle nach, das war auch unſere Meinung.— Wir wol⸗ len ſie nur gleich in Freiheit ſetzen! rief eine Stimme.— Ja, laßt ſie los! wiederholten die übrigen.— Ja, Kinder, ermahnte De⸗ nis, und geht ruhig und friedlich nach Hau⸗ ſe, und haltet euch daheim ſtill, wie ordent⸗ 134 liche Unterthanen pflegen.— Eben wollte ſich die Menge verlaufen, als Denis über das Geſicht des Landmanns, der die Kunde ge⸗ bracht hatte, ein ſarkaſtiſches Lächeln fliegen ſah. Er betrachtete ihn näher und rief plötz⸗ lich: Halt, Freunde!— Verwundert ſtunden Alle.— Wo haſt du denn dieſen Hut her, guter Freund? fragte er den Landmann und nahm ihm den Hut vom Kopfe.— Wo werde ich ihn her haben? erwiederte Jener trotzig. Wo man Hüte ums Geld kriegt— vom Hut⸗ macher.— Eyl! fuhr Denis fort. Und dieſe ſilberne Hutſchnalle da?— Nun, wer gibt euch das Recht, mich zu verhören? fuhr der Bauer auf. Gebt mir meinen Hut zurück.— Nur ruhig, lieber Freund; dein Eigenthum iſt in guter Hand. Seht doch her: ein C. R. auf der ſilbernen Schnalle— und es dünkt mich, ich hätte den Hut da, ſamt der Schnalle, ſchon oft auf dem Kopfe meines Nach⸗ bars Casimir Renaud geſehen.— Ja, wahr⸗ haftig, riefen die Umſtehenden und gaben den 135 Hut von Hand zu Hand.— Wie kommt denn dieſer Hut auf deinen Kopf, guter Freund? fuhr Denis ſpöttiſch fort.— Ey was! erwiederte der Gefragte nicht ohne Verle⸗ genheit; viele Hüte gleichen einander und die Anfangsbuchſtaben von vielen Namen auch.— Ja, da haſt du vollkommen Recht, antwortete Denis gelaſſen, C. R. könnte eben ſo gut Charlot Renard heiſſen, als Casimir Renaud, und dann würde die Schnalle ihren rechten Herrn haben. Nicht wahr, Herr Charlot le Savant, rief der Wirth triumphirend und lößte ihm kaltblütig die Halsbinde ab. Wenn man den Bauern ſpie⸗ len will, muß man nicht die militäriſche Halsbinde umbehalten, fügte er ſpottend hin⸗ zu.— Der Teufel hole den verfluchten Neo⸗ phyten! polterte Charlot, die Maske auf⸗ gebend, heraus; ohne ſeine feine Naſe wäre der Streich gelungen.— Wo habt ihr denn in der Eile das Roth herbekommen, mit dem Ihr eure blaſſen Backen geſchminkt habt, Herr 436 Charlote fragte Denis mit kaltem Spotte. — Vom Teufel und ſeiner Großmutter, du ſchleichende Katze! fuhr ihn Charlot zornig an.— Ja! Jal fuhr Denis, ohne ſich er⸗ hitzen zu laſſen, mit der nämlichen Kälte fort: Ihr ſeyd ja einmal Profeſſor und Schau⸗ ſpieler geweſen, und ſolche Leute fuͤhren im⸗ mer ein wenig Schminke mit ſich.— Dein braungelbes Schelmengeſicht könnte wohl auch einen Anſtrich brauchen, brummte Char⸗ lot halb für ſich.— Iſt nicht vonnöthen, erwiederte Denis ruhig. Aber ſagt mir doch, Herr Erdragoner, wie ſeyd Ihr denn in mei⸗ nes Nachbars Kleider gekommen?— Dumm⸗ kopf! Mit dem Leibe, wie du ſieheſt, ent⸗ gegnete Charlot barſch.— Das ſehe ich wohl, aber ich meine, ob ihr nicht etwa den guten Mann ein klein wenig— Ihr verſteht mich ſchon— um zu ſeinen Kleidern zu ge⸗ langen?— Narr! ich werde wohl einen ar⸗ men Bauer um ſeinen Kittel todtſchlagen! Geknebelt habe ich ihn blos ein wenig; im 137 Walde liegt er.— So, nun, wir werden ihn ſchon finden. Aber wie ſteht es denn mit dem Regiment, das im Anmarſch begriffen iſt?— Es braucht kein Regiment, um einen Haufen ſolcher Bauernkerls auseinander zu treiben, erwiederte Charlot verdrüßlich.— Nein, ſo viel braucht es nicht, wiederholte Denis phlegmatiſch. Aber doch wenigſtens eine Compagnie oder Escadron?— Ein ein⸗ ziger Zug iſt hinreichend dazu, entgegnete Charlot beleidigt.— Kann ſeyn; es iſt mir aber nicht bewußt, daß aus dem Treffen von Karnoulé, in welchem die elenden Bauern⸗ kerls die vortrefflichen Truppen des Königs geſchlagen haben, auch nur Ein ganzer Zug zurückgekommen wäre. Was hier durchpaſ⸗ irt iſt, wertheſter Herr Charlot le Savant, war in ziemlich aufgelößtem Zuſtande, und wahrſcheinlich befinden ſich die Zurückgeblie⸗ benen, deren Geſandten oder quaſi Spion ich hier vor mir zu ſehen die Ehre habe, in kei⸗ ner beſſern Verfaſſung, und haben gehofft, 138 mittelſt einer kleinen unſchuldigen Kriegsliſt, welche aber nun durch die Ungeſchicklichkeit ihres Herrn Deputirten mißglückt iſt, ſich durchzuſtehlen. Errathen?— Rathe du, ſo lange du willſt; ich weiß es gewiß.— Wir möchten es aber auch wiſſen, und es iſt uns von einiger Wichtigkeit, der Sache auf den Grund zu kommen. Wollen der Heer Char⸗ lot nicht beichten?— Du biſt mir der rechte Beichtvater, lachte ihm Charlot ins Geſicht — geſtern Denis le Neophyte, heute Denis le Relaps, morgen— wie ſich gerade der Wind dreht.— Die umſtehenden Bauern lach⸗ ten.— Heute ſiehſt du den wahren Denis, erwiederte dieſer mit größter Ruhe, der ewig derſelbe bleiben wird; die Maske des Neo⸗ phyten nahm ich vor, um meinem Glauben beſſer zu dienen.— So, entgegnete Char⸗ lot trocken. Wenn von jeher alle Chriſten ihrem Glauben auf deine Art gedient hätten, ſo gäbe es keine Märtyrer in der Kirchenge⸗ ſchichte und wahrſcheinlich keine Chriſten mehr.— 139 Die Bauern lachten wieder.— Jeder dient ſeinem Glauben auf ſeine Art, ſagte De⸗ nis mit unerſchütterlichem Phlegma. Jetzt aber, fügte er hinzu, möchte ich erfahren, welches die Zahl der Perſonen iſt, die den weiſen Charlot zu ihrem Abgeordneten ge⸗ wählt haben.— Ja, erwiederte Charlot launig, was das erſte betrifft, ſo muß ich dir ſelbſt beiſtimmen; nicht Jedermann fühlt Beruf zum Märtyrerthum in ſich, wie ich von mir ſelbſt bekennen muß, wenn ich mein Innerſtes prüfe; den zweiten Punkt anbelangend, ſo kannſt Du meine Herrn Committenten ſelbſt zählen, wenn du dich in den Wald da hinaus bemühen willſt.— Der Herr Charlot ſün⸗ digen, wie es ſcheint, auf unſere alte gute Bekanntſchaft hinein, aber die Zeiten haben ſich geändert; ich bin jetzt der Anführer die⸗ ſer tapfern Einwohner von Vauvert, und es könnte leicht die Nothwendigkeit eintreten, daß wir unſern alten Freund mit dem Stricke um den Hals zur Ablegung eines kleinen Ge⸗ 140 ſtändniſſes einladen muͤßten.— Ey! rief Charlot mit komiſchem Schrecken, ſo weit werdet ihr doch den Spaß nicht treiben. Es würde euch ja ſelbſt Schaden daraus erwach⸗ ſen, tapferer Generaliſſimus der tapfern Ein⸗ wohner von Vauvert, da ihr mich bekanntlich noch mit einem nahmhaften Poſten auf der Kreire habt, deſſen Ihr durch meinen ſchnel⸗ len Tod verluſtig gehen würdet.— Ihr wer⸗ det es nicht ſo weit kommen laſſen, Herr Charlot, eutgegnete ſpöttiſch der Wirth, denn ihr geſteht ja ſelhſt, daß ihr keinen Be⸗ ruf zum Märtyrer in euch verſpürt.— Trotz ſey dir geboten, Tyrann! rief Charlot, ſeine ſcherzhafte Rolle behauptend, mit komiſchem Pathos aus, was fuͤrchtet der, der den Tod nicht fürchtet? Einige ausgeſtellte Schildwachen eilten herbei und meldeten keuchend: Eine ſtarke be⸗ waffnete Schaar bricht aus dem Walde.— Wie ſtark iſt ſie? fragte Denis.— Zwan⸗ zig bis dreißig Mann, erwiederte einer der 141 Bauern.— Vierzig bis fünfzig, rief ein zwei⸗ ter.— Wo habt ihr die Augen? ſiel Charlot ein. Hundert Mann ſind es wenigſtens; ich muß es ja am beſten wiſſen.— Ja, hun⸗ dert Mann wenigſtens; ſchriee ein dritter, ſo viel ich in der Eile zäͤhlen konnte.— Du haſt es getroffen, Freund, bekräftigte Charlot; es ſind über hundert Mann.— Unter der be⸗ waffneten Menge erhob ſich ein Flüſtern, und eine ſichtbare Muthloſigkeit begann ſich zu zei⸗ gen.— Führt dieſen Schwätzer, rief Denis entſchloſſen, in die Scheune zu den übrigen Gefangenen; und ihr, fuhr er die Wachen an, thut ein andermal eure Augen beſſer auf; es ſind höchſtens zwanzig Mann, wovon nur die Hälfte bewaffnet iſt, das weis ich gewiß; und mit dieſer Handvoll werden wir wohl fer⸗ tig werden, beſonders da ihnen unſere Glau⸗ bensbrüder, die Camiſarden, auf der Ferſe ſind, fügte er zuverſichtlich hinzu.— Die Bauern ſchöpften neuen Muth und ermunterten ſich tumultuariſch untereinander. Denis traf 142 in der Eile zweckmäßige Anſtalten: er ließ die nächſten Häuſer durch Schuützen beſetzen, hin⸗ ter jedes Haus eine Anzahl Bewaffneter tre⸗ ten und die Straße, welche zur Brücke, dem einzigen Uebergangspunkt, führte, durch um⸗ geſtürzte Wagen ſperren; hinter den Wagen ſtellte er ſich mit den beherzteſten Landleuten, den Feind erwartend, auf. Als der anrückende Haufen der Soldaten, an deſſen Spitze der Wachtmeiſter und der Feldwebel waren, dieſe Anſtalten wahrnahm, ſtutzte er und machte unſchlüſſig Halt.— Ergebt euch, das Dorf iſt beſetzt! rief ihnen Denis entſchloſſen zu, und die Bauern ſchlu⸗ gen ihre Waffen zuſammen, theils um den Feind zu ſchrecken, theils um ſich ſelbſt unter einander Muth zu machen.— Oeffnet den Truppen des Königs den Weg, wenn ihr nicht als Rebellen behandelt ſeyn wollt, ſchriee der Wachtmeiſter den Landleuten in befehlen⸗ dem Tone zu. Wir ſind die Vorhut eines ſtarken Commando, das uns auf den Ferſen 143 folgt.— Die Bauern ſchwankten aus altge⸗ wohntem Reſpekt und der Anführer der Sol⸗ daten, den Augenblick nützend, rückte vor und wollte eben Hand anlegen laſſen, um die Wagen auseinander zu ziehen.— Halt, Herr Jean Baptiſte, rief ihm Denis ſpottend zu, oder ich laſſe Feuer geben. Wir wiſſen Alles. Charlot le Savant, euer kluger Spion, iſt in unſerer Hand, und es iſt uns nicht unbewußt, daß wir in dieſen zwanzig Mann hier Vorhut, Hauptcorps und Nach⸗ hut erblicken. Seyd daher ſo vernuͤnftig und ergebt euch auf Gnade und Ungnade.— An wen? fragte der Wachtmeiſter verächtlich. Doch nicht an dich, Herr Denis le Neophyte? Magſt du wiſſen, was dn willſt; ich weiß, daß wir gewiß mit euch fertig werden, und wenn wir auch nur unſer zwanzig ſind, wie ihr uns hier ſeht. Oeffne den Paß, ſo wol⸗ len wir friedlich durchziehen, ohne euch Scha⸗ den zuzufügen.— Ey! wie zahm ſeyd Ihr auf einmal geworden, Herr Jean Bapti⸗ 144 ſte? ſtpottete Denis. Das iſt ja außeror⸗ dentlich viel Gnade, daß Ihr uns keinen Schaden zufügen wollt! Treibt aber Euere Großmuth nicht water und legt vor allen Dingen die Waffen ab.— Vor dir, du Schuft, ſollen wir das Gewehr ſtrecken? rief der Wachtmeiſter zornig. Lieber wollte ich zehnmal umkommen. Wenn ihr nicht weicht, ſo rucken wir über euren Leib weg.— Zum letztenmal warne ich euch, ſchriee ihm Denis zu; ich laſſe Feuer geben, und wenn ihr meint, ihr hättet es mit mir allein zu thun, ſo irrt ihr euch; es ſind noch mehr Leute um den Weg. Kennt ihr das Horn der Camiſarden? Denis gab ſeinem Knaben, der hinter einem Hauſe ſtund, einen Wink, und dieſer ſtieß in das Horn.— Vorwärts, Cameraden, rief der Wachtmeiſter, und wenn der Teufel vor uns ſtünde!— Keinen Schritt weiter, oder ich laſſe Feuer geben! ſchriee Denis entſchloſſen.— Da toͤnte plötzlich im Rücken ein Horn. Erſchrocken ſahen die Soldaten 145 zurück und erblickten eine wohlbewaffnete Schaar, die eben mit raſchen Schritten in das Dorf rückte. Auf das Zeichen des Horns ſtob ſie ſchnell auseinander, barg ſich hinter den Häuſern, und um jede Ecke ſtarrten die Mündungen einiger Gewehre, die auf den kleinen Haufen der Soldaten gerichtet waren. Mit ſchneller Beſonnenheit benützte Denis dieſen unerwarteten Succurs zu wiederholter Aufforderung des Feindes: Zum letztenmal! rief er, ſtreckt das Gewehr oder ich laſſe Feuer geben!— Vorwärts, Cameraden! ſchrieen der Wachtmeiſter und der Feldwebel und ſetz⸗ ten ſich an die Spitze des Haufens, aber un⸗ entſchloſſen blieben die Soldaten ſtehen, wie feſtgebannt durch die Mündungen der Gewehre, die ihnen von allen Seiten den Tod drohten. — Streckt das Gewehr! rief eine ſtarke, gebie⸗ tende Stimme und ein hoher Mann ſprang hinter einem Hauſe hervor mitten in die Straf⸗ ſe.— Eſprit Segujer! rief der Wacht⸗ meiſter erſtaunt.— Eſprit Segujerz. Eſ⸗ Der Camiſarde II. 146 prit Segujerl jubelten die Landleute.— Streckt das Gewehr! wiederholte Eſprit Segujer.— Wollen wir unterhandeln? fragte der Wachtmeiſter den Feldwebel halb⸗ leiſe.— In Betracht der großen Uebermacht des Feindes und der Abſpannung unſerer Leu⸗ te, welche man faſt Muthloſigkeit nennen möchte, können wir uns in Unterhandlung, freien Abzug oder derlei betreffend, nach mei⸗ ner unmaasgeblichen Anſicht wohl einlaſſen, ohne unſerer Ehre dadurch etwas zu verge⸗ ben.— Gewährt Ihr uns freien Abzug? fragte der Wachtmeiſter laut.— Ihr ſeyd bereits gefangen, erwiederte Eſprit Segu⸗ jer kurz.— Noch nicht, verſicherte der Wacht⸗ meiſter; ſo lange wir die Waffen in den Hän⸗ den haben, koͤnnen wir uns durchſchlagen.— Verſucht es.— Eine Pauſe trat ein, und keine Bewegung erfolgte.— Wollt Ihr uns halten als ehrliche Gefangene nach Kriegs⸗ gebrauch? fragte der Wachtmeiſter wieder.— Ihr ergebt euch auf Gnade und Ungnade! war die Antwort.— Ha, Bluthund! rief der Wachtmeiſter entſchloſſen aus; lieber will ich mit den Waffen in der Hand umkommen, als eines ſchmählichen Todes ſterben! Vor⸗ wärts auf Leben und Tod!— Der Wacht⸗ meiſter feuerte ſeine Piſtolen gegen den vor ihm ſtehenden Haufen ab und drang mit dem Säbel in der Fauſt vorwärts; nur wenige folgten ihm muthig; die übrigen blieben un⸗ ſchlüſſig ſtehen. Mit Blitzesſchnelle brachen Eſprit Segujers Leute vor, ſtürmten auf den muthloſen Haufen ein und hatten ihm in einem Augenblicke die Waffen entriſſen. In dem allgemeinen Gemenge war kein Raum mehr zum Fechten; der Wachtmeiſter wurde vom Pferde geriſſen, der Feldwebel von hin⸗ ten ergriffen und niedergeworfen. Das Blatt hat ſich gewendet, Herr Jean Baptiſtel ſagte Eſprit Segujer zu dem gefangenen Wachtmeiſter. Du biſt jetzt in meiner Hand.— Das ſehe ich, erwiederte dieſer gleichmüthig; ich bin ſchon zu lange 7 ⁸ 148 Soldat, als daß ich mich nicht in den Wech⸗ ſel des Schickſals finden ſollte; Ihr habt ge⸗ ſiegt, und wir ſind geſchlagen.— Nicht ich habe geſiegt, entgegnete Eſprit Segujer düſter; ich ſchwebe nur wie ein Rabe über dem Schlachtfeld. Sie bedürfen meines Arms nicht, fügte er in finſterer Erinnerung hinzu; ſie haben mich ausgeſtoßen aus ihrer Mitte. — Dich? Ausgeſtoßen! Nun ſo trete zu uns über!— Elender Sklave! ſagte Eſprit Segujer verächtlich. Meinſt du, ich diene um Lohn? Hier bin ich geächtet, dort ver⸗ bannt; aber mitten durch Beide gehe ich mei⸗ nen eigenen Weg bis zum Ziele. Der Herr hat das Racheſchwert in meine Hand gelegt, und ich will es fuͤhren ſonder Erbarmen. Mit dreifachem Erz ſey meine Bruſt gepan⸗ zert, und unzugänglich jeder menſchlichen Rührung. Bereitet euch zum Tode!— Ihr wollt uns morden laſſen? fragte der Wacht⸗ meiſter mit kalter Ruhe.— Das will ich, antwortete iener lakoniſch.— Welchen Zweck 149 ſoll dieſe nutzloſe Grauſamkeit haben?— Zweck? Keinen. Ich führe das Schwert der Wiedervergeltung, und wie ihr an uns thut, ſo widerfähret euch durch mich.— Du thuſt nicht wohl daran, ſiel Denis le Neophyte ein....— Hebe dich weg von mir, ſtin⸗ kender Neophyte! Was habe ich mit dir zu ſchaffen! unterbrach ihn Eſprit Segujer mit einem Blicke der Verachtung.— Wiſſe, erwiederte Denis, ſich aufblähend, daß mich die Männer von Vauvert zu ihrem Anführer gewählt haben.— Das haben ſie klug ge⸗ macht, entgegnete Eſprit Segujer ſpot⸗ tend; du wirſt ſie bei nächſter Gelegenheit verlaſſen und verrathen.— Wenigſteus, rief Denis trotzig, nehme ich die Hälfte der Ge⸗ fangenen als meinen Antheil in Anſpruch.— Danke Gott, ſagte jener kalt und gelaſſen, wenn ich dich nicht mit ihnen henken laſſe.— Dagegen würde es wohl Mittel geben, poch⸗ te Denis und warf einen auffordernden Blick auf die Bauern von Vauvert.— Meinſt du? 150 erwiederte Eſprit Segujer höhniſch. Greift ihn! befahl er mit ſtarker Stimme, legte die Hand an das kurze Schwert, das an ſeiner Seite hing, und warf einen blitzenden, dro⸗ henden Blick über die Menge.— Keine Ader rührte ſich und Denis wurde ohne Wider⸗ ſtand ergriffen.— Kennſt du jetzt meine Macht und die deinige? fragte ihn Eſprit Segujer im Tone der Verachtung. Beſchei⸗ de dich fortan, du abtrünniges Thier! Die nächſte Einrede, welche du wagſt, koſtet dich den Kopf.— Denis ſchwieg mit ſchlecht verhehltem Grolle.— Ruhig wiederholte Eſ⸗ prit Segujer, gegen die Gefangenen ge⸗ wendet, die Worte: bereitet euch zum Tode! — Schone ihrer, ſey ein Menſch! rief ihm Clement, der an ſeiner Seite ſtund, war⸗ nend zu.— Vor mir ſoll Blut fließen und hinter mir Rauch aufgehen, erwiederte Eſ⸗ prit Segujer eintönig. Eine einfache Kutſche, von Maulthieren gezogen, rollte in das Dorf. Auf dem Bocke 151 ſaßen ein Kutſcher und ein Bedienter; zu bei⸗ den Seiten des Wagens ſchritten Bewaffnete einher. Die Kutſche hielt vor Eſprit Se⸗ gujer.— Was bringt ihr, Colin? fragte dieſer einen der Bewaffneten. Statt aller Antwort öffnete der Gefragte den Schlag, und ein katholiſcher Prieſter, in einfacher geiſt⸗ licher Kleidung, ſtieg heraus; ihm folgte ein Möͤnch in der Ordenstracht. Finſter betrach⸗ tete Eſprit Segujer die Beiden und ſagte dann, wie fuͤr ſich: Noch mehr der Opfer ſendeſt du mir, o Herr! Prüfe den Gehor⸗ ſam deines Knechts, ob er beſtehe vor deinem Angeſicht. Siehe, er wird deren Keinen übrig laſſen, die du in ſeine Hände gegeben haſt, wie Saul that mit Agag, dem Könige der Amalekiter, am Tage, da er ſie ſchlug von Hevila bis gen Sur, und darum verworfen ward von dem Herrn durch den Mund Sa⸗ muel, ſeines Propheten!— Ruhig, gleich ei⸗ nem Apoſtel und Märtyrer in den ſchönen Tagen der jungen Chriſtenheit, ſtund der 152 Prieſter in der Mitte der finſtern Schaar; die weißen Locken des ehrwürdigen Haupts flatterten im Winde; aus allen ſeinen Zügen ſtrahlte jene ungetrübte Heiterkeit eines Gott geweihten Lebens, die ſich gleich bleibt in jedem Wechſel des Schickſals und hoch ſteht über allen Verhängniſſen dieſes Erdenlebens. — Biſt du der Führer der Bewaffneten, die mich gefangen haben? fragte er Eſprit Se⸗ gujer in einem Tone, der gleich entfernt war von Furcht wie von Trotz.— Ich bins, erwiederte dieſer; und als er einen Blick auf das ehrwürdige Haupt des Prieſters warf, das er dem Tode geweiht hatte, mahlte ſich in ſeinen harten Zügen eine Art ehrerbietiger Scheu, die er vergebens zu bekämpfen ſtreb⸗ te.— Geſchah es auf dein Geheiß, daß ich gefangen wurde? fragte der Prieſter weiter. — Nein! erwiederte Eſprit Segujer kurz. — So laß mich meine Straße ziehen im Frie⸗ den.— Im Frieden ſoll ich dich ziehen laſ⸗ ſen! ſprach Eſprit Segujer finſter. Weißt 153 du nicht, daß Krieg im Lande iſt?— Ich weiß, antwortete ruhig der Prieſter, daß ein unſeliger Zwiſt waltet unter den Kindern ei⸗ nes Landes und unter den Unterthanen des nämlichen Königs. Greuelthaten ſindgeſchehen, der Aufruhr hat ſein furchtbares Haupt er⸗ hoben und das Schwert iſt gezogen, blutig zu entſcheiden zwiſchen denen, die ſich lieben ſollten als Brüder.— Es hat entſchieden, frohlockte Eſprit Segujer; der Herr hat der gerechten Sache Sieg gegeben.— Wel⸗ che Sache nennſt du die gerechte? fragte der Prieſter.— Die Sache der Unterdruͤckten, entgegnete Eſprit Segujer und erhob trotzig das Haupt.— Das ſind die blutigen Fruchte der Gewaltthat, ſprach der Prieſter für ſich, wie in wehmuͤthiger Erinnerung, und hob den Blick gen Himmel. Sie haben die Rathſchläge der Klugheit und der Mäſfſi⸗ gung verſchmäht; nun ſpricht der Herr zu ihnen mit der Donnerſtimme des Aufruhrs und Bürgerkriegs.— Er hat geſprochen, ſiel 154 Eſprit Segujer triumphirend ein, und der Boden hat ſich geröthet vom Blute der Gottloſen.— Gott ſchuf den Menſchen ihm zum Bilde, aber Gewalt und Wahn ernie⸗ drigen ihn tief in den Staub, daß er ſich ſelbſt der Menſchheit entkleidet und an grim⸗ miger Mordluſt über den Raubthieren des Waldes ſteht! ſprach der Prieſter mit gerühr⸗ ter Stimme und eine Thräne der Wehmuth trat in ſein Auge.— Dem Schwachen iſt auch ſein Stachel gegeben, und wer Gewalt übt, muß Gewalt leiden, ſagte Eſprit Se⸗ gujer. Das Schwert der Wiedervergeltung iſt gezogen, und es wird trinken das Blut der Gottloſen, und nicht eingeſteckt werden in die Scheide, bis es ſiebenfach vergolten hat, was der Gerechte leiden mußte unter der Hand ſeiner Treiber.— O, Menſchl rief der Prieſter mit Wehmuth aus, das Blut, das du vergießeſt, wird wieder Blut fordern — und wo ſoll das Geſchäft der Rache en⸗ den? Das iſt der Fluch der böſen That, daß 155 ſie den Keim zu tauſend andern in ihrem Schooſe trägt.— Prieſter! ſprach mit furcht⸗ bar finſterem Tone und düſteren Blicken Eſ⸗ prit Segujer, wer hat den Keim ausge⸗ ſtreut der böſen That? Wer hat ſein Spiel getrieben mit Recht und Gerechtigkeit, wer hat die Unſchuld mit Fuͤßen getreten und mit ſchaamloſer Willkühr geherrſcht auf dem Stuh⸗ le der Gewalt? Ihr war't es, Prieſter, du und deine Genoſſen.— Wehe meinem heiligen Amte, daß du Recht haſt, erwiederte der Prieſter gelaſſen. Ich aber war es nicht. Ich bin ein Diener der Religion der Liebe und Sanftmuth, und übe nicht Gewalt noch Unrecht. Treu dem Glauben meiner Väter, der mir der wahre iſt, möchte ich ihm gerne alle Seelen gewinnen durch Lehre und Wan⸗ del nach dem Beiſpiele meines göttlichen Mei⸗ ſters, ſo weit meine ſchwache Kraft vermag⸗ Gewalt und Unrecht habe ich verabſcheut und gemieden mein Lebenlang.— Trug und Heuch⸗ elſchein ſind die Götzen der Prieſter deiner 156 Kirche; ihr lügt ſelbſt dem Gott, an deſſen Altären ihr anbetet, ſprach Eſprit Segu⸗ jer kalt und hart. Wer bürgt mir dafür, daß die Sprache der Wahrheit, die in dei⸗ nen Worten und Blicken liegt, nicht die Mas⸗ ke der vollendeten Heuchelei iſt?— Wehe dir, unglücklicher Mann, du haſt den Glau⸗ ben an die Menſchheit verloren! erwiederte der Prieſter ſanft.— Unglücklich nennſt du mich— ich bin elend, ſagte Eſprit Segu⸗ jer faſt wehmüthig. Die Tage meines Glückes liegen weit, weit hinter mir; nur wie ein Traum lebt die Vergangenheit noch in mei⸗ ner Erinnerung. Du aber, fuhr er nach ei⸗ ner Pauſe trüben Sinnens drohend auf, ſollteſt mich nicht an mein Elend mahnen, denn es iſt das Werk von Deinesgleichen. — Täuſche dich nicht, antwortete der Prie⸗ ſter mit der Ruhe des Weiſen; des Menſchen Wille iſt frei zu guter und zu böſer That. Der Keim deines Elends liegt in dem Ueber⸗ muth deines eigenen Herzens. Recht handelt 157 der Chriſt und duldet in ſtiller Ergebung. Du aber, in deiner blinden Vermeſſenheit, willſt das Racheſchwert des Himmels führen, und greifſt mit frecher Hand nach dem Scep⸗ ter des Unfehlbaren, der über den Sternen waltet. Siehe zu, daß ſich das Schwert nicht um⸗ wende in deinem ſchwachen Arm, und ſeine Spitze gegen dich ſelbſt kehre!— Mag es doch — ich kenne keine Furcht des Todes, erwie⸗ derte Eſprit Segujer mit furchtbarem Ernſt. Das Schwert will ich führen; der Herr hat es in meine Hände gelegt; ich will es fuͤhren, und zuletzt umkommen durch das Schwert.— Armer Mann! ſagte der Prie⸗ ſter mitleidig. Werden die Wunden dei⸗ nes Herzens heilen durch die Wunden, die du Andern ſchlägſt?— Andern zum bittern Leid, mir nicht zur Freude, führe ich das Schwert der Rache, das der Herr in meine Hände gelegt hat. Löſen will ich meinen Schwur, und will es fuͤhren, bis mein Schick⸗ ſal vollendet iſt, rief Eſprit Segujenr 158 entſchloſſen aus. Keine Schonung will ich kennen, kein Erbarmen fühle meine Bruſt Wer in meine Hand gefallen iſt, bereite ſich zum Tode! Auch du mußt ſterben.— Mein Herz iſt rein von vorſätzlicher Sünde; mein Haupt iſt weiß geworden in der Uebung mei⸗ ner Pflichten; nur wenige ſind der Tage, die mir noch übrig ſind. Mein Meiſter rufe, wann er will; ich bin bereit, ihm zu folgen! ſprach der Prieſter mit der Ruhe und Ergebung ei⸗ nes vollendeten Chriſten. Ein furchtbarer Ernſt lag über der Ver⸗ ſammlung. Die Wahrheit in den Worten des Prieſters und die fromme Ergebung in ſein Schickſal hatten viele Herzen ergriffen; ſelbſt Eſprit Segujer ſchien in ſeinem Entſchluße zu wanken, oder doch vor der Ausführung der blutigen That unwillkuͤhrlich zurückzubeben. Da ſprengte plötzlich eine Schaar berittener b Camiſarden auf erbeuteten Dragonerpferden in das Dorf. Lob und Preis den Sie⸗ gern von Karnoulé] riefen die Landleu⸗ 159 te, ſie begruͤßend.— Lob und Preis dem Allmächtigen, der unſern Waffen Sieg geſchenkt hat erwiederte beſcheiden der Jüngling, der an ihrer Spitze ritt.— Wo⸗ her dieſe Gefangenen? fragte er.— Wir haben ihnen den Weg verlegt und ſie gefangen ge⸗ nommen, antwortete Denis mit Selbſtge⸗ fühl. Biſt du es, Chretiens? fügte er hinzu und betrachtete verwundert den Anführer der Reiter.— Er iſts, entgegnete ſinſter ein ſtar⸗ ker Mann, der an der Seite des Jünglings hielt— ein Fels im Glauben, jung an Jah⸗ ren, aber leuchtend unter den Gläubigen durch den Geiſt Gottes, der auf ihm ruht!— Fuͤhrt die Gefangenen ab! befahl Chretien mit der Kürze eines alten Hauptmanns.— Einige der Reiter ſetzten ſich in Bewegung, den Befehl zu vollziehen.— Halt! trat Eſprit Se⸗ gujer dazwiſchen, ſie ſind mein durch das Recht der Waffen.— Sie ſind meine Frucht des Sieges von Karnoulé und gehören un⸗ ſer, erwiede rte ruhig der Jungling.— Wer 160 will mir ſie ſtreitig machen? fragte Eſprit Segujer mit gerunzelter Stirne.— Ich, entgegnete kurz der Jüngling.— Du, Knabe? — Ich! wiederholte feſt der Jüngling„eein Hauptmann in der Heerſchaar der bewaffne⸗ ten Gläubigen!— Wage es! wage es! fuhr Eſprit Segujer trotzig auf.— Barnabé du Desert, ſagte der Jüngling gelaſſen, du kennſt meinen Willen, vollziehe ihn!— Laß ab, Eſprit Segujerl rief dieſer entſchloſ⸗ ſen, denn der Herr hat geſprochen durch den Mund ſeines Sehers.— Einen auffordern⸗ den Blick warf Eſprit Segujer auf ſei⸗ ne Bewaffneten, und der fanatiſche Haufen ſchaarte ſich mit finſtern Blicken dicht um ſei⸗ nen Anführer.— Wehe! Wehe! rief Cle⸗, ment mit durchdringender Stimme, ſoll heute Bruͤderblut fließen durch Eſprit Segujers Arm?— Nein, ſprach Eſprit Segujer nach einer furchtbaren Pauſe innern Kampfes, nein! Eher möge. dieſer Arm erlahmen. Noch ſchwebt mein guter Engel über mir und hält 161 meine Hände rein vom Blute meiner Brüder. Eſprit Segujers Stern iſt untergegangen; ſeine Stimme muß verſtummen vor dem Ge⸗ bote eines unmündigen Knaben; aber feſt, wie ein Fels im Meere, ſteht ſein Entſchluß, und nim⸗ mer wankend wird er fortſchreiten auf ſeiner blu⸗ tigen Bahn bis zum Ziele.— Das iſt der Fin⸗ ger Gottes, der den Trotz deines Herzens brechen will, und dich zurückführen zu menſch⸗ lichen Gefühlen. O, höre, höre zum letzten⸗ mal auf die Stimme deines guten Engels! rief ihm der Prieſter warnend zu.— Einen fin⸗ ſtern Blick warf Eſprit Segujer auf den Prieſter.„Feſt ſteht der Eid des Mannes: Vor mir ſoll Blut fließen und hinter mir Rauch aufgehen!“ rief er dann entſchloſſen aus und ging düſter ſchweigend von dannen. Langſam folgte ihm ſeine fanatiſche Schaar. Der Sieg von Karnoulé, der die Prote⸗ ſtauten mit Enthuſiasmus erfüllte und die 162 Katholiken in Schrecken verſetzte, brachte die ganze Provinz in Bewegung. Die proteſtan⸗ tiſchen Einwohner griffen zu den Waffen, um ſich für die Mißhandlungen zu rächen, wel⸗ che ſie bis jetzt hatten erdulden muͤſſen, und mit dem Schwert in der Hand freie Uebung ihres Glaubens zu erzwingen. Die Verfolgun⸗ gen, welche über die Proteſtanten ergingen, waren in der That furchtbar geweſen: Es gab für ſie keine Sicherheit des Lebens und Eigenthums mehr. Bei Tag und bei Nacht waren ſie ſelbſt in ihren Wohnungen der Pluͤn⸗ derung und Mißhandlung der Soldaten aus⸗ geſetzt. Unerhört waren die Greuel aller Art, welche man an dieſen Unglücklichen verübte, wenn ſie nicht von ihrem Glauben abfielen. Man hing ſie an den Füßen im Kamine auf, bis der Rauch ſie faſt erſtickte; man ließ ſie an langen Stricken in tiefe Brun⸗ nen und rief ihnen von oben zu:„Wenn ihr nicht abſchwört, läßt man euch fallen!“ Man ließ ſie fünf bis ſechsmal vier und zwanzig 163 Stunden nicht ſchlafen, ſo daß mehrere davon wahnſinnig wurden; man ſchändete Weiber und Mädchen im Angeſichte ihrer Gatten und Väter; man riß einigen die Nägel ab und an⸗ dere ſpickte man mit Nadeln vom Kopf bis zu den Füßen. Die Feder wird muͤde, alle die Greuel niederzuſchreiben, welche man an dieſen unglücklichen Menſchen verübte. Die Kirchen der Proteſtanten wurden niedergeriſſen; ſie verſammelten ſich im Wald und Feld, um ihrem Gott in ihrer Weiſe zu dienen; hier wurden ſie überfallen, niedergemacht oder in den Ker⸗ ker und auf das Blutgerüſte geſchleppt. Selbſt ihren Leichen gönnte man kein Grab; man warf ſie auf die Landſtraße oder auf das Feld, den Vögeln aus der Luft und den Thieren des Waldes zur Speiſe. Die Tempel waren niedergeriſſen und die Prediger verjagt, jede Uebung des proteſtantiſchen Glaubens war bei Todesſtrafe unterſagt; da ſuchten die Gläu⸗ bigen Schutz und Sicherheit zwiſchen den Fel⸗ ſen und in den Höhlen der Gebirge; Leute 164 ohne wiſſenſchaftliche Bildung, aber bewandert in der heiligen Schrift, erſetzten die Stelle der Geiſtlichen, die größtentheils geflohen wa⸗ ren; der Gottesdienſt beſtund in einfachen chriſt⸗ lichen Ermahnungen und im Geſange der Pſal⸗ men, und die Gefahr, die täglich und ſtünd⸗ lich über ihnen ſchwebte, erhöhte die Inbrunſt der Gläubigen. Nach dem Treffen von Karnoulé erhob ſich rings umher das ganze Land, und Tauſende ſtrömten dem Haufen der Camiſarden zu. Ro⸗ land wählte nur die rüſtigſten unter ihnen aus, um ſie ſeinem Corps einzuverleiben, das nun eine regelmäßige Geſtalt annahm. Die Art ſeiner Eintheilung war der römiſchen Le⸗ gion nachgeformt; das ganze Corps war je in Compagnien von hundert Mann eingetheilt; jede derſelben befehligte ein Centurio oder Haupt⸗ mann, unter welchem ein Lieutenant und vier Unteroffiziere dienten. Die Truppen wurden in den weſentlichen Bewegungen und dem Gebrauche der Waffen geübt und erlangten 165 in kurzer Zeit darin eine Fertigkeit, welche ſie den beſten Soldaten Europas wenigſtens gleichſtellte. Ihre Bewaffnung bot keinen re⸗ gelmäßigen Anblick dar; ihre Gewehre wa⸗ ren ungleich; ſie führten Piſtolen im Guͤrtel und waren mit Lanzen, Säbeln, Aexten, Sen⸗ ſen und anderen mörderiſchen Werkzeugen bewaffnet. Ehen ſo wenig war ihre Klei⸗ dung einförmig; einige trugen die erbeuteten Uniformen der Soldaten, andere ihre länd⸗ liche Kleidung; aber eben dieſe bizarre Ver⸗ ſchiedenheit der Kleidung und Bewaffnung gab den Camiſarden ein gewiſſes finſteres Anſehen, das ſie noch furchtbarer machte. Das auf ſolche Art gebildete Corps ſtieg in kurzer Zeit auf etwa 2000 Mann; die übrigen entließ Roland nach Hauſe, und bot ſie nur von Zeit zu Zeit, je nach Umſtänden, als eine Art Landſturm auf. Aus den erbeuteten Dra⸗ gonerpferden und den tauglichen Pferden, die man bei den Landleuten fand, wurde eine Escadron von hundert Mann gebildet und 166 unter Catinat's Befehle geſtellt, unter dem Chretien als Lieutenant diente. Roland, dem ſeine Waffenbrüder den Titel eines Generals mit unumſchränkter Ge⸗ walt beilegten, hatte aus ſeinem Corps drei Abtheilungen gebildet: die eine, unter An⸗ toine, beſetzte die Berge von Boittires, die andere, unter Martignac, die Hochgebirge von Auſerre; Roland, an der Spitze der dritten und ſtärkſten Abtheilung, ſtellte ſich in gleicher Entfernung von den beiden Corps auf, um das eine oder das andere zu un⸗ terſtützen; die drei Hauptcorps erhielten die Verbindung unter ſich durch fliegende Abthei⸗ lungen und bildeten einen Dreiangel von ſie⸗ ben bis acht Stunden im Umfang. Das Terrain, welches Roland beſetzt hielt, war mehrere Meilen in der Runde mit Häuſern gleichſam überſäet, die größtentheils von Pro⸗ teſtanten bewohnt waren, durch welche der Anführer ſein Corps im Nothfall bis auf 4000 Mann und mehr verſtärken konnte. Die Stel⸗ 167 lung hatte drei Zwecke: die königlichen Trup⸗ pen auf mehreren Punkten zu beſchäftigen, das Treffen zu vermeiden, wenn der Feind den einen oder den andern Punkt mit Uebermacht angriff, und mit Vortheil ſelbſt anzugreifen, ſo oft ſich die Gelegenheit dazu darbot. Die hohen Gebirge dienten den Camiſar⸗ den zu einer natürlichen Feſtung, welche die königlichen Truppen nicht anzugreifen wagten. Hier hatten ſie ihre Magazine angelegt. In einer großen Höhle wurden die Waffen, in einer andern die Lebensmittel aufbewahrt; in einer dritten waren die Kleidungsſtücke und übriges Geräthe; eine vierte wurde als Spi⸗ tal für die Kranken und Verwundeten be⸗ nützt. Die Stellungen der Camiſarden wurden durch Streifwachen, die Tag und Nacht auf den Beinen waren, und durch ausgeſtellte Poſten ſo wohl bewacht, daß es faſt unmög⸗ lich war, von ihren Bewegungen ſichere Kun⸗ de einzuziehen. Jedes unbekannte oder ver⸗ dächtige Individuum, das ſich innerhalb ih⸗ 168 rer Linien betreten ließ, wurde ohne Gnade erſchoſſen. Rolands Befehle in dieſer Be⸗ ziehung waren ſo beſtimmt und ſtreng, und wurden ſo unerbittlich vollzogen, daß kein Spion mehr ſich ihren Stellungen zu nähern wagte, und daß ihre Bewegungen höchſtens von weitem, von hohen Bäumen oder Hü⸗ geln, unvollſtändig beobachtet werden konn⸗ ten. Der Krieg, in welchen damals Frankreich verwickelt war, hatte in der Provinz wenige Truppen zur Verfügung übrig gelaſſen. Die Zuſammenziehung derſelben, die Recognosci⸗ rungen, die Nothwendigkeit, die Proteſtanten in den zunächſtgelegenen Provinzen im Zaume zu halten, gaben den Camiſarden die erforder⸗ liche Zeit zu ihrer vollſtändigen Organiſation. Roland, theils um ſeine Truppen zu üben, theils um den Feind in Athem zu halten, ſchickte einzelne Abtheilungen aus, die bis vor die Thore der Städte ſtreiften und in allen Gefechten ,welche ſie den königlichen Truppen 169 lieferten, ſiegreich blieben. Hundert Reiter und hundert Fußgänger, lauter flinke mun⸗ tere Jünglinge, die bald neben den Pferden herliefen, bald hinten aufſprangen, marſchir⸗ ten, unter Catinat und Chretien, vor die Thore von Nismes. Ihr Erſcheinen brachte die Beſatzung in Allarm; ein Dragonerregi⸗ ment machte ſich fertig zum Ausmarſch und ſchickte eine Escadron voraus, um den Feind zu recognosciren. Catinat zeigt ſich an der Spitze von zwanzig bis dreißig Mann; als er die Truppen erblickt, wendet er ſich zur Flucht; in ſtürmiſcher Eile folgen ihm die Reiter; er lockt ſie in ein kleines Thal, wo ſein Hinterhalt liegt; hier werden ſie mit ei⸗ nem mörderiſchen Feuer empfangen und zu gleicher Zeit von der Reiterei der Camiſarden angegriffen; ſie werfen ſich in Verwirrung auf das eben anrückende Regiment zuruͤck. Dieſes dringt raſch vor und wirft ſeinerſeits die ver⸗ folgenden feindlichen Reiter. Der Ungeſtům des königlichen Anführers verwickelt ihn in ein Der Camiſarde II. 8 170 ungünſtiges Terrain; er rückt in einem engen Thale vor, deſſen beide Seiten mit Weinber⸗ gen eingefaßt ſind, in denen das feindliche Fuß⸗ volk verſteckt liegt, während ſich am Ausgang des Thals die Reiterei der Camiſarden auf einem feſten Boden aufgeſtellt hat. Als das ganze Regiment in dem Paße verwickelt iſt, beginnt auf einmal von allen Seiten ein furcht⸗ bares Feuer; die Spitze des Regiments, die zu debouſchiren ſucht, wird von den Reitern der Camiſarden in den Paß zurückgeworfen. In dem Paße ſtuͤrzen Roß und Mann über einander; ein Theil der Reiterei, der in die Weinberge dringt, verwickelt ſich in den Re⸗ ben und wird einzeln niedergemacht. Um die Niederlage vollſtändig zu machen, bricht Ca⸗ tinat, an der Spitze des Fußvolks, mit den blanken Waffen in den Feind, während Chre⸗ tien ihn mit ſeinen Reitern in den Paß zu⸗ rückwirft. Zwei Drittheile des Regiments blie⸗ ben auf dem Platze; die übrigen flohen ſchreck⸗ envoll in die Stadt zuruͤck. Die erbeuteten 171 Pferde, Waffen und Kkeidungen wurden ſo⸗ gleich in die Gebirge geſchickt, während die Abtheilung der Camiſarden noch ſechs Tage, gleichſam herausfordernd, vor Nismes ſtehen blieb, ohne daß ſich der Feind außerhalb der Mauern zeigte. Längs der Rhone, von Beaucaire bis Cette, liegt ein ſumpfiges Land, la Camargue genannt, das vortreffliche Pferde zieht, die zwar klein aber voll Feuer, leicht wie Hir⸗ ſche und unermüdlich ſind. Eine Abtheilung unter Catinat wurde dahin geſchickt, um Pferde zu holen; mittelſt derſelben und der von der königlichen Reiterei erbeuteten ward die Cavallerie der Camiſarden in kurzer Zeit auf mehr als dreihundert Mann gebracht. Man theilte ſie in zwei Abtheilungen, deren jeder etwa vierhundert, Mann Fußvolk beigegeben wur⸗ den, und ſetzte ſie unter Catinats und Chretiens Befehle. Ihre Beſtimmung war, unaufhörlich die Ebene zu darchſtreifen und die königlichen Truppen in Athen zu erhal⸗ ten. Mehr als zwei Monate vergingen mit Rüſtungen von beiden Seiten. Der königliche Marſchall, der in der Provinz befehligte, wollte nicht eher einen entſcheidenden Schlag wagen, bis er eine ſolche Maſſe von Streit⸗ kräften zuſammengebracht hätte, die den end⸗ lichen Erfolg faſt unzweifelhaft machte. Ge⸗ gen Anfang des Auguſt 1702 rückte er mit etwa ſechstauſend Mann ins Feld, um die Aufrührer, wo er ſie finden würde, auzugrei⸗ fen und zu vernichten. In dem Dorfe Luſſan ſtund der Bruder Jacob von der Klauſe auf einer Tonne und hielt von derſelben herab eine Stand⸗ rede an einen Haufen Soldaten und Land⸗ leute, die ihn umringten.„Iſt denn keine Salbe in Gilead, oder iſt kein Arzt da? ſchriee der Eremit im Tone eines Beſeſſenen. Wa⸗ rum iſt denn die Tochter meines Volks nicht geheilet? Die Abtrünnigen im Lande erheben ihr Haupt, und frech ſchreiten einher, die den 173 falſchen Göͤtzen dienen. Der Herr hat ihnen Sieg verliehen, denn er zuͤrnet ſeinem auser⸗ wählten Volke, dieweil es lau geworden iſt in ſeinem Glauben. Ach, daß ich Waſſer ge⸗ nug hätte in meinem Haupt, und meine Au⸗ gen Thränenquellen wären, daß ich Tag und Nacht beweinen mögte die Erſchlagenen in mei⸗ nem Volke! Erhebet euch, ihr Gläubigen, und ſtreitet für die wahre Kirche gegen die Ab⸗ trünnigen und Ketzer! Sammelt euch, ihr Kin⸗ der Benjamin, aus Jeruſalem, und bla⸗ ſet die Trompeten auf der Warte Thekoag, und werfet auf ein Panier auf der Warte Beth⸗Cherem! Rüſtet euch zum Kriege wi⸗ der ſie! Wohlauf, laßt uns hinaus ziehen, weil es noch hoch Tag iſt! Ey! es will Abend werden, und die Schatten werden groß!“ — Es iſt noch ziemlich frühe am Morgen, ehrwürdiger Herr, ſagte trocken ein Drago⸗ ner, der neben der Tonne ſtund.— Wahr⸗ lich, wahrlich, ich ſage dir, du Kleingläubi⸗ ger, erwiederte in heiligem Eifer der Einſied⸗ 174 ler; bevor es Abend wird, werden Wunder geſchehen, und der Herr wird die Abtrünnigen und Ketzer in unſere Hände geben.— Hetze doch dieſen Pfaffen ein wenig, Charlot! ſprach der Wachtmeiſter zu dem Dragoner; mit mir läßt er ſich nicht ein, weil er mich zu gut kennt.— Ehrwürdiger Vater! begann Charlot mit ſcheinheiliger Miene und in frömmelndem Tone; es ſcheint immer der Be⸗ ruf heiliger Einſiedler und frommer Ere⸗ miten geweſen zu ſeyn, für die Erhaltung des reinen Glaubens der alleinſeligmachenden Kirche zu wachen und das Kreuz zu predi⸗ gen gegen die Ungläubigen. So war es, wenn ich mich aus der Geſchichte recht erin⸗ nere, hauptſächlich der heilige Peter der Ein⸗ ſiedler, Kukupeter genannt, der die Chriſten⸗ heit zu den Kreuzzügen und der Einnahme des heiligen Landes entflammte.— Du haſt Recht, mein Sohn, erwiederte der geſchmeichelte Ere⸗ mit, und ich will mich beſtreben, meinem hei⸗ ligen Vorgänger immer gleicher zu werden.— 173 An Fülle der geiſtlichen Beredſamkeit gebt Ihr ihm nichts nach, ehrwürdiger Vater, ent⸗ gegnete Charlot mit leiſem Spotte; aber, ſetzte er ſchalkhaft hinzu, in einem andern Stuͤcke werdet Ihr ihn hoffentlich nicht zum Muſter nehmen; Ihr wißt, daß er vor An⸗ tiochia von einer etwas unheiligen Kleinmü⸗ thigkeit befallen worden iſt und bei Nacht und Nebel den Reißaus genommen hat.— Wer den tapfern Bruder Jacob von der Klauſe kennt, wird nicht von ihm erwarten, daß er in den nämlichen Fehler falle, rief der Wacht⸗ meiſter mit offenem Spotte aus, und die um⸗ herſtehenden Soldaten erhoben ein ſchallendes Gelächter.— Menge dich nicht unter die Gott⸗ loſen und ſitze nicht, wo die Spötter ſitzen! ſchriee der Waldbruder mit lauter Stimme, ſchlug das Zeichen des Kreuzes und warf ei⸗ nen zürnenden Blick auf die Soldaten. Voller Ablaß, ſetzte er auffodernd hinzu, iſt allen de⸗ nen zugeſagt, welche die Waffen gegen die 176 Ketzer ergreifen werden, und wer einen von ihnen tödtet oder lebend einliefert, ſoll theil⸗ haftig werden der himmliſchen Freuden des Paradieſes. Auf, zu den Waffen! katholiſche Chriſten, auf zu den Waffen! Die verheiſſenen Wunder gehen bereits in Erfüllung, rief Charlot le Savant ſcherzend; da bringen ſie ſchon die halbe Armee der Ketzer gefangen ein.— Etliche gefangene Camiſarden wurden unter der Bedeckung eini⸗ ger Soldaten in den Ort geführt.— Nieder mit den Ketzern! Schlagt ſie todt, die Irr⸗ gläubigen! brüllte ihnen die Menge entgegen. — Surgite et venite ad judicium! predigte ſie Bruder Jakob von der Klauſe an. Ketzeriſche Ungeheuer, die ihr das falſche Ba⸗ bel erbaut mit dem unreinen Schlamme eu⸗ rer verkehrten Lehre und Nebucadnezars heid⸗ niſche Bildſäule aufgerichtet— surgite! Schlaue Füchſe, kriechende Schlangen, die ihr euch eingeſchlichen in den Weinberg des Herrn, ihn zu vergiften mit den Irrthümern eurer 177 Ketzerei— surgite! Gefäſſe des Hochmuths, Gott und den Menſchen ein Abſchen— sur⸗ gite et venite ad judicium! Hier erwarten euch zeitliche und dort ewige Strafen. Zit⸗ tert vor dem Angeſichte des Herrn, der im Wetter einherfährt am Tage des jüngſten Gerichts. Nunc est judicium mundi, nunc princeps huius mundi ejicietur foras. Kaum hatte der Eremit dieſe Worte ge⸗ ſprochen, ſo ſchmetterten die Trompeten.— Alle Wetter! rief Charlot launig, ich glau⸗ be, das jüngſte Gericht beginnt ſchon.— Nicht geſcherzt, Herr Charlot le Savant, erwieder⸗ te der Wachtmeiſter; wenn die Ketzer dabei präſidiren, wie es den Anſchein hat, ſo könn⸗ ten wir leicht unter die Böcke geworfen wer⸗ den.— Aufgeſeſſen! Aufgeſeſſen! riefen meh⸗ rere Stimmen, der Feind iſt im Anmarſch! — 3u gleicher Zeit wirbelten die Trommeln, und das im Orte liegende Fußvolk ſtellte ſich ſchnell in den Straßen auf. Die Reiter ſprengten einzeln zum Dorfe hinaus auf den 178 vor demſelben angewieſenen Sammelplatz. Als Charlot vor dem Einſiedler, welcher ganz verdutzt da ſtund, vorüberritt, hielt er ſein Pferd an und rief ihm lachend zu: Sur⸗ gite et venite ad judicium!— Hebe dich weg von mir, Satan! erwiederte ihm Ja⸗ kob von der Klauſe, halb beſtürzt halb ärgerlich, denn um eurer Gottloſigkeit willen iſt es, daß der Herr mit uns ins Gericht geht.— Nunc est judicium mundi, nunc princeps huius mundi ejicietur foras, ant⸗ wortete Charlot lachend und gab ſeinem Pferde die Spornen. Das Gefecht war kurz und der Erfolg voll⸗ ſtändig. Die königliche Reiterei wurde im erſten Anlauf von der der Camiſarden über den Haufen geworfen und in die Flucht gejagt. Die blosgeſtellte Infanterie leiſtete nur kurze Gegenwehr und ergab ſich an das ſchnell nach⸗ ruͤckende Fußvolk der Camiſarden, das ihr auf dieſem Punkt um das Doppelte überlegen war. Die katholiſchen Einwohner ſchlichen 179 ſich ſtill in ihre Häuſer. Bruder Jakob wurde ergriffen und gefangen weggeführt. In dem Schloſſe Fan, das nahe bei Luſ⸗ ſan liegt, machten die Camiſarden Halt, und Catinat, der dieſe Abtheilung befehligte, rief einem ſeiner Offtziere luſtig zu: Caſt a⸗ net, wir wollen doch einmal die Ladung der vier Maulthiere beſehen, die unſere Reiter genommen haben! Vielleicht iſt etwas darun⸗ ter, das uns hier zu Statten kommt.— Die Körbe wurden gebracht und geöffnet.— Packe doch aus, Damien, ſagte Catinat; du kannſt damit umgehen.— Gebratene Hüh⸗ ner— eins, zwei, drei, vier, ꝛc. zwei Dutzend! rief Damien mit der Stimme eines Auc⸗ tionators.— Sollen uns ſchmecken, wenn ſie gleich nicht für uns gebraten ſind, ſagte ſchmunzelnd ein junger munterer Offizier und ſtrich ſich den Schnurrbart.— Welſche Hah⸗ nen— ein halbes Dutzend! fuhr der Auc⸗ tionator fort.— Wir wollen ſchon damit fertig werden, ſprach ein anderer Offtzier. 480 — Hühner, Kapaunen, Spanferkel, Schin⸗ ken, Wildprett u. ſ. w. rief Damien nach einander aus.— Wo zu eſſen iſt, muß auch zu trinken ſeyn, ſagte Catinat trocken. Oeffne die andern Körbe.— Burgunder, Bordeaux, Champagner, Lunel u. ſ. w. fuhr der Auc⸗ tionator fort.— Soll auf die Geſundheit des Herrn Marſchalls Baron von Montre⸗ vel getrunken werden, rief. Caſtanet mun⸗ ter.— Feine Hemden, goldbordirte Unifor⸗ men, geſtickte Weſten, ſeidene Strümpfe, Schlafröcke, Puder, Pomade, Zahnpulver u. ſ. w. rief der Auctionator aus.— Wol⸗ len wir uns nicht in königliche Marſchälle, Generale, Obriſten ꝛc. traveſtiren? ſchlug ei⸗ ner der Offtziere in luſtiger Laune vor.— Der Vorſchlag fand Beifall, und bald ſaßen die Anführer der Camiſarden in ihrer Ver⸗ kleidung an der Tafel. Die Speiſen und koſt⸗ baren Weine wurden nicht geſpart, und rings um dieſelbe herſchte Scherz und heitere Lau⸗ ne.— Was fangen wir denn mit dem Pfaf⸗ 181 fen an? fragte einer der Offiziere, nachdem der Rebenſaft die Fröhlichkeit der Gäſte ge⸗ ſteigert hatte. Sollte man nicht einmal ein Exempel ſtatuiren und das geiſtliche Unge⸗ thuͤm aufknüpfen zur Warnung für die an⸗ dern Zeloten, die den katholiſchen Janhagel gegen uns aufhetzen?— Eine Execution die⸗ ſer Art, meinte ein finſterer Schnurrbart, wäre allerdings ein gemüthlicher Schluß des heutigen Gaſtmahls.— Oder wollen wir den geiſtlichen Schöps in ein Wolfsfell nähen und durch die Hunde hetzen laſſen? fragte Caſtanet.— Wenigſtens müſſen ihm Naſe und Ohren abgeſchnitten werden, fiel ein anderer ein.— Halt! rief Catinat, der inzwiſchen ſtille da geſeſen war. Man laſſe den geiſtlichen Herrn hereinführen. Mit komiſchem Erſtaunen überblickte der Waldbruder die Tiſchgeſellſchaft in ihrer Ver⸗ kleidung, als er unter die Thüre trat, und blieb befremdet ſtehen.— Nur näher, ehr⸗ würdiger Vater, rief ihm Catinat launig 182 zu; Ihr findet hier lauter Freunde. Die Macht eurer geiſtlichen Beredtſamkeit, von der das Land voll iſt, hat uns bekehrt von unſerm Irrglauben und zurückgeführt in den Schoos der alleinſeligmachenden Kirche. Zu Urkunde deſſen haben wir bereits die könig⸗ liche Uniform angezogen und wollen fortan getreue katholiſche Unterthanen ſeyn. Nehmt Platz, hochwürdiger Herr, und laßt es euch ſchmecken.— Verdutzt blieb der Eremit ſtehen und wußte nicht, was er thun oder reden ſoll⸗ te.— Nehmt Platz, heiliger Jakob von der Klauſe, nehmt Platz! riefen ihm die Offtziere lachend zu.— Zögernd näherte ſich der Waldbruder der Tafel, rückte einen Stuhl und ſetzte ſich ſo weit möglich von dem Ti⸗ ſche.— Auf Catinats Wink wurde ihm ein gefülltes Spanferkel vorgeſetzt. Man ſer⸗ virte ihm zugleich ein ungeheures Tranſchir⸗ beſteck und Catinat rief ihm freundlich zu: Laßt es euch belieben, ehrwürdiger Vater. Schneidet euch das Stuͤck herab, das euch am 183 beſten ſchmeckt.— Bruder Jakob griff nach Meſſer und Gabel und ſchickte ſich an, der Einladung Folge zu leiſten.— Noch ei⸗ nen kleinen Augenblick, hochwürdiger Herr, wenn es euch gefällig iſt, fuhr Catinat fort. Zuvor muß ich euch in Kenntniß ſetzen, daß man euch an eurem Leibe thun wird, wie Ihr mit dem Spanferkel thut.— Be⸗ ſtürzt ließ der Eremit Meſſer und Gabel fal⸗ len. Ein wieherndes Gelächter der Offiziere ſchallte durch den Saal.— Bravo! Wohl gethan! riefen ſie durch einander.— Eßt doch, ehrwürdiger Vater, laßt es euch ſchmecken! ſagte Catinat ermunternd.— Eßt doch, heiliger Jakob von der Klauſe, eßt doch! ſchrieen die Offiziere nach.— Stotternd ver⸗ ſicherte der Patient, daß er durchaus keinen Appetit habe.— So iſt es nicht gemeint, erwiederte Catinat und runzelte die Stirne; es muß gegeſſen werden.— Friſch gegeſſen! Friſch angeſchnitten! hochwürdiger Herr! rie⸗ fen die andern lachend.— Der Waldbruder 184 rückte ängſtlich auf dem Stuhle hin und her und betrachtete wechſelsweiſe Meſſer und Ga⸗ bel und das Spanferkel mit Entſetzen.— Angeſchnitten, hochwürdiger Herr! Da hilft kein Zaudern und Zögern, oder in fünf Mi⸗ nuten hängt Ihr in eurer Kutte am hoͤchſten Baume! rief ihm Catinat mit furchtbarer Stimme zu.— Der Eremit verdrehte in der Todesangſt die Augen und warf ſie bald auf die Gäſte, bald auf das Spanferkel, und es war ihm zu Muthe, ob er als ein Stuͤck ſei⸗ nes eigenen Fleiſches abſchneiden und verzeh⸗ ren ſollte.— Angeſchnitten! donnerten ihn einige Stimmen an, und erbleichend griff er nach Meſſer und Gabel.— Hier den Vor⸗ derfuß, ehrwürdiger Vater, rieth ihm einer der Offiziere freundſchaftlich; das gilt für einen Arm.— Entſetzt ließ Bruder Jakob Meſſer und Gabel fallen.— Oder hier den Hinterſchenkel, wenn Ihr lieber wollt, mein⸗ te ein anderer; das gilt für einen Fuß.— Mit ſtarren Augen blickte der Klausner auf den Teller, und ſeine Züge entſtellte die To⸗ desangſt.— Es iſt doch beſſer, als der Strick um den Hals! tröſtete ihn einer der Offtziere. — Ein anderer drehte langſam den Teller vor ihm herum, damit er unter den verſchie⸗ denen Stücken wählen könne.— Friſch, hoch⸗ würdiger Herr! rief ihm ein dritter zu; es iſt nur um einen herzhaften Schnitt zu thun. — Gegeſſen muß ſeyn! Gegeſſen muß ſeyn! ſchrieen andere dazwiſchen, und einer von ih⸗ nen bot ihm höflich das Meſſer dar.— Hei⸗ lige Jungfrau! ſeufzte der Waldbruder mit einem jammervollen Blicke, und, wie plötz⸗ lich erleuchtet, ergriff er das Spanferkel mit beiden Händen, brachte ſeinen Mund an den Ort, durch welchen die kunſtreiche Hand der Köche die Fülle in den Körper zu bringen pflegt, und ſaugte mit ſo kräftigem Erfolg, daß der ganze Inhalt auf das Teller platzte und von ihm mit groſſer Behaglichkeit ver⸗ zehrt wurde, ohne daß er Meſſer und Gabel brauchte.— Ein Wunder, ein Wunder! rief 186 einer der Gäſte lachend aus, und Alle ſtimm⸗ ten ſchallend ein.— Mit vieler Ruhe trockne⸗ te der Eremit, dem nun die Angſt vergangen war, Mund und Hände ab, ſeufzte zum zwei⸗ tenmal und fragte, in den ſcherzhaften Ton eingehend: Habe ich Sie nun befriedigt, mei⸗ ne Herren?— Vollkommen! erwiederte Ca⸗ tinat und zerplatzte faſt vor Lachen.— Der Bruder Jakob ſoll leben! rief einer der Offiziere luſtig aus.— Der Bruder Jakob ſoll leben! fielen die andern munter ein.— Die Gläſer klingten zuſammen, und bald hat⸗ te der Eremit die ausgeſtandene Angſt in ei⸗ nem ſeligen Rauſche vergeſſen. Die unſelige Stunde hat geſchlagen, rief der Marſchall tragiſch aus und trat mit ra⸗ ſchen Schritten in das Empfangzimmer der Gräfin Aubeterre; ich komme von Ihnen Abſchied zu nehmen, meine Damen.— Doch nicht für immer? fragte Julie ſpottend.— 187 In zweimal vier und zwanzig Stunden liege ich als Sieger zu Ihren Füßen und empfan⸗ ge aus Ihren ſchönen Händen den Lorbeer⸗ kranz, erwiederte der Marſchall zuverſichtlich. — So ſchnell gedenken Sie den Feind zu ſchlagen? fragte die Gräfin.— Wenn ein großer Feldherr ſich in den Wagen ſetzt, um zur Armee abzureiſen, ſiel Julie muthwillig ein, iſt der Feind bereits geſchlagen. Die Dispo⸗ ſition iſt gemacht; die Truppen haben die angewieſenen Stellungen eingenommen; ſie brennen vor Begierde, ſich zu ſchlagen, aber noch fehlt die Seele des Ganzen. Der Po⸗ ſtillon bläſt, der Feldherr ſteigt aus ſeinem Wagen, einen einzigen Blick wirft er auf das Terrain, und ſchon hat es ſein Adler⸗ auge erkundet; die Truppen ſetzen ſich in Marſch, ſie deſiliren an dem großen Heer⸗ führer vorbei, ſie ſchreien Vivat hochl ſie ſind unüberwindlich, denn der Niebeſiegte ſteht an ihrer Spitze— er iſt gekommen, er ſieht den Feind und ſchlägt ihn.— Vortrefflich, 188 rief der Marſchall lachend; jeder Tag ent⸗ hüllt mir neue Eigenſchaften in Ihnen, ſchöne Julie. Wollen Sie nicht mein Privatſekre⸗ tär werden? Sie beſitzen, wie ich ſehe, alle Talente, die zur Abfaſſung eines Armeebe⸗ richts erforderlich ſind.— Leider, entgegnete Julie ſpottend, fühle ich mich zu ſchwach und weiblich, um die Beſchwerden und Ge⸗ fahren eines zweitägigen Feldzugs zu tragen, denn dazu gehört die ganze Kraft und der volle Heldenmuth eines Marſchalls von Frank⸗ reich. Inzwiſchen, o großer Feldherr, will ich Ihnen das Bulletin im Voraus machen und einſtweilen drucken laſſen.— Sie wer⸗ den mich dadurch ſehr verbinden, ſchöne Ju⸗ lie, denn Sie ſind in der That ein mili⸗ täriſches Genie und verdienten an der Spitze einer Armee von Amazonen zu ſtehen. Laſſen Sie doch hören, wie Ihr Bulletin lautet? — Am 5. dieſes, begann Julie mit officieller Gravität, ſind Se. Excellenz der Herr Ba⸗ ron von Montrevel, Marſchall von Frank⸗ 189 reich, im Hauptquartier eingetroffen. Da Se. Excellenz im Voraus alle Diſpoſitionen ent⸗ worfen hatten, ſo ſetzten ſich die Truppen ſogleich in Marſch. Die gegebenen Befehle wurden mit ſolchem Eifer befolgt und die anbefohlenen Bewegungen mit ſolcher Präciſion ausgeführt, daß der Feind auf allen Punkten geworfen wurde und die Schlacht bereits ge⸗ wonnen war, als zum Unglück, ſdurch die Hin⸗ derniſſe des Terrain aufgehalten, der General N. N. mit ſeinem Corps um drei Minuten zu ſpät eintraf, wodurch uns der ſchon erfochtene Sieg wieder aus den Händen geriſſen wurde, denn da die Diſpoſition nicht blos zur Beſiegung, ſondern zur gänzlichen Vernichtung des Fein⸗ des entworfen war, ſo waren die Berechnun⸗ gen ſo genau gemacht, daß eine einzige Mi⸗ nute zu frühen oder zu ſpäten Eintreffens ei⸗ nes oder des andern Corps entſcheidend wer⸗ den mußte. In Folge deſſen ſahen ſich Se. Excel⸗ lenz zu einer retrograden Bewegung veranlaßt und haben eine Stellung rückwärts eingenom⸗ 190 men, welche alle nur zu wünſchenden Vor⸗ theile zur Wiederergreifung der Offenfive, die ungeſäumt erfolgen wird, in ſich vereinigt. Im übrigen iſt der Verluſt des Feindes weit brträchtlicher, als der unſrige. Se. Excellenz ſind nach Nismes zurückgereiſt, um allda die nöthigen Einleitungen zur Wieder⸗ ergreifung der Offenſive zu treffen.— O weh! rief der Marſchall mit komiſchem Schrecken aus; da geht mir ja der Siegerkranz ver⸗ loren, den ich aus Ihrer Hand empfangen wollte. Sie gehören doch nicht etwa zu den großen und kleinen Propheten, von denen jetzt das Land wimmelt?— Ich habe Ihnen ja zwei Muſter von Bulletins gegeben; es ſteht jetzt in Ihrer Hand, das eine oder das andere wahr zu machen. Kehren Sie zurück — ein neuer Aleibiades, gleich furchtbar im Krieg wie in der Liebe!— Was nützen mich alle Siege, wenn mir einer entgeht! ſeufzte der Marſchall in komiſchem Schmerz. Wäre ich der Beglückte, wie gerne würde ich 191 allem Ruhm entſagen!— Ich bin zu beſchei⸗ den, tapferer Held, um nach dem Beſitze ei⸗ nes ſo hohen Hauptes zu verlangen, nach dem ſo viele ſtreben, und begnüge mich gerne in meiner Niedrigkeit mit einem geringern Manne, der mir weniger beneidet und beſtritten wird. — Der Glückliche! rief der Marſchall pathe⸗ tiſch aus; er darf im Sonnenſtrahle Ihrer Augen weilen, während ich.... Während Sie neue Lorbeern in den Kranz Ihrer alten flechten, ergänzte Julie ironiſch.— Bleibt es denn dabei, fragte der Marſchall dazwi⸗ ſchen, daß Villiers den Degen für immer ablegen will?— Er hat ſein Wort gegeben, nimmer gegen die Rebellen, wie man ſie nennt, zu fechten. Auf dieſe Bedingung wurde er frei gelaſſen, und er muß ſie erfüllen.— Und ich, rief der Marſchall, gebe mein Wort, in⸗ nerhalb zwei Tagen dieſe Fanatiker auf ſol⸗ che Weiſe zu ſchlagen, daß ich auf ewig Ruhe vor ihnen haben werde.— Schwören Sie nicht zu hoch, tapferer Feldherr, ſpottete Julie; 192 dieſe Fanatiker ſind mehr zu fürchten, als mancher glauben mag.— Der Marſchall ſchwieg eine Minute, wie in tiefem Sinnen.— Was träumen Sie denn, Baron? fragte Julie. Ich glaube gar, Sie ändern in der Geſchwin⸗ digkeit etwas an Ihrer Diſpoſition, um den Feind deſto ſicherer zu ſchlagen.— Nicht doch, ſchönſtes Fräulein; ich ſinne eben auf ein In⸗ promptu. Jetzt habe ich es. Hören Sie doch: Les Fanatiques, que je crains, sont vos beaux yeux, Silvie etc. begann der Mar⸗ ſchall zu trällern. Jetzt, fügte er hinzu, eile ich in das Feld, den Feind zu ſchlagen.— Er küßte den Damen die Hände und tanzte zum Zimmer hinaus. Reiſen Sie mit Gott, edler Held! rief ihm Julie lachend nach. Die königlichen Truppen, ſechs bis ſieben⸗ tauſend Mann ſtark, waren concentrirt und ſtunden den Camiſarden, die ebenfalls alle ihre Streitkräfte zuſammengezogen hatten, 193 ſchlagfertig gegenüber. Man erwartete nur die Ankunft des Marſchalls, um die Of⸗ fenſive zu ergreifen und dem Aufruhr durch einen entſcheidenden Schlag ein Ende zu ma⸗ chen. Die beiderſeitigen Vorpoſten, nur durch ei⸗ nen ziemlich breiten und tiefen Bach getrennt, ſtunden einander gegenüber. Um ein Wacht⸗ feuer lagerten mehrere Offiziere.— Morgen trifft der Marſchall ein, ſagte ein junger Mann, und dann wird der Tanz beginnen; ich freue mich ſchon darauf.— Es iſt eben keine Freude, bemerkte grämlich ein alter Offizier, ſich ge⸗ gen Leute zu ſchlagen, die im voraus zu Galgen und Rad verurtheilt ſind und gleich⸗ ſam mit dem Stricke um den Hals fechten. Sie ſind durch ihre Meinung begeiſtert und durch ihre Lage zur Verzweiflung getrieben — und was haben wir ihnen entgegenzuſetzen? — Die Ehre des franzöſiſchen Soldaten, er⸗ wiederte halb beleidigt ein Dritter.— Es iſt ein ſchönes Ding um die Ehre, entgegnete Jener, und ich laſſe ſie in ihrem vollen Wer⸗ Der Camiſarde II. 9 194 the gelten, wo ihr wieder nur die Ehre an⸗ derer Truppen gegenüber ſteht. Die Ehre gibt den kalten Muth des Soldaten; ein anderes aber iſt es, gegen die Wuth der Verzweiflung zu fechten, die im Siege das Leben rettet.— Ihr werdet doch nicht glauben, fiel ein vier⸗ ter ein, daß die Aufrührer dießmal gegen un⸗ ſere vereinigte Macht beſtehen können? Wenn ſie auch in einzelnen Gefechten geſiegt haben, ſo müſſen ſie doch nothwendig in einem geord⸗ neten Treffen unſerer Taktik und Disciplin unterliegen.— Mein Glaube, junger Mann, erwiederte gelaſſen der alte Offtzier, gehört mir an. Meine Pflicht iſt, den Soldaten mit Zuverſicht zu erfüllen, wenn ich ſie auch ſelbſt nicht hätte; und dieſe Pflicht habe ich in mei⸗ nem Leben allzuoft geübt, um ſie hier und heute zu vergeſſen. Im übrigen fehlt es un⸗ ſern Gegnern weder an Muth, denn ſie find Franzoſen, wie wir, noch an kriegeriſcher Ue⸗ bung und Mannszucht. Werft doch einmal einen Blick da hinüber, wenn es euch gefällig iſt. Eben man öuvrirte am jenſeitigen Ufer eine Abtheilung Camiſarden im Angeſicht des kö⸗ niglichen Lagers, gleichſam herausfordernd und um den feindlichen Soldaten ihre Ge⸗ ſchicklichkeit zu zeigen. Es waren zwei Züge leichter Reiterei mit einer gleichen Zahl Fuß⸗ gänger— lauter rüſtige junge Männer und ſämtlich in erbeutete Uniformen gekleidet. Die Reiter regierten die wilden Pferde der Camar⸗ gue mit Leichtigkeit und Kraft, flogen pfeil⸗ ſchnell auseinander, ſammelten ſich auf den Ruf der Trompete, ſchwenkten und machten alle Uebungen, wie alte Soldaten; neben ih⸗ nen her liefen, wie fluͤchtige Rehe, die Jüng⸗ linge zu Fuß, zerſtreuten ſich bald, ſammel⸗ ten ſich wieder auf das Zeichen des Horns, ſetzten ſich bald vor, bald hinter der Reiterei, und ſchienen mit den ſchnellen Roſſen der Reiter an Behendigkeit zu wetteifern. Ein Haufen königlicher Soldaten lief am diſſei⸗ tigen Ufer zuſammen und ſah dieſen Uebun⸗ gen mit einem Gemiſche von Vergnügen und ahnungsvoller Bangigkeit zu. 5 Die Purſche 196 machen ihre Sachen nicht übel, ſagte der alte Feldwebel mit beifälliger Miene; aber freilich fehlt es ihnen noch an der militäriſchen Pünkt⸗ lichkeit und Präciſion, die man nur unter re⸗ gulären Fahnen gewinnen und von Leuten er⸗ lernen kann, welche ihr ganzes Leben der Dreſ⸗ ſur junger Soldaten gewidmet haben, fügte er hinzu und ſtrich ſich ſelbſtgefällig den Schnurrbart.— Ihr habt Recht, Herr Col⸗ lega, erwiederte der Wachtmeiſter ſpottend; dieſe Leute machen ihre Sachen brav, recht brav, aber viel zu natürlich; ſie haben durch⸗ aus nichts Ordonnanzmäßges, welche Eigen⸗ ſchaft doch einem Soldaten unentbehrlich iſt, der auf gute Dreſſur Anſprüche machen will. — Daran fehlt es ihnen allerdings noch, ſprach der Feldwebel gravitätiſch, und es iſt wirklich Schade, daß dieſe Leute, deren Tour⸗ nure zu ſo vielen Erwartungen berechtigt, nicht in die Hände eines geübten Inſtruktors gefal⸗ len ſind.— Ja wohl, ſiel Charlot le Savant lachend ein, um ihre Gewandtheit ſo lange, * 197 zu inſtruiren und zu tourniren, bis ſie ſo bocksſteif geworden wäre, wie ein alter Gre⸗ nadier in ledernen Gamaſchen.— Was Ihr Bocksſteifheit zu nennen beliebt, Herr Char⸗ lot Naſeweis, iſt die jedem wohlgeübten Soldaten unentbehrliche Präciſion und Ge⸗ nauigkeit, fuhr der Feldwebel auf; aber frei⸗ lich habt Ihr euch in vielen Fächern verſucht und keines derſelben approfundirt.— Wenn nur die ganze Welt ſo eben wäre, wie ein Exercierplatz, dann könntet Ihr weit kommen mit eurer Präciſion, erwiederte Charlot ſpöttiſch; aber leider bleibt ſie in jedem Gra⸗ ben ſtecken, der ihr im Wege liegt.— Nicht ſo vorlaut, Charlot, ſagte der Wachtmei⸗ ſter, ſeine Schalkheit hinter einer ernſthaften Miene verbergend; die Pflicht jedes Inſtruk⸗ tors iſt es, nach der Vollkommenheit zu ſtre⸗ ben; aber leider hält die Praxis nicht immer glei⸗ chen Schritt mit der Theorie, und das iſt nun auch die Schattenſeite der militäriſchen Exercier⸗ kunſt.— Das heiße ich vernünftig ſprechen, 198 Herr Bruder, und wie es einem alten Sol⸗ daten, der im Range ſteht, geziemt, verſetzte der Feldwebel getröſtet.— Man hat aber doch Beiſpiele, und zwar ſehr neue, ſiel Char⸗ lot ein, wo die unregelmäßige Natur über die regelrechteſte Kunſt im Felde den Sieg davon getragen hat.— Das ſind Ausnahmen von der Regel, entgegnete der Wachtmeiſter mit angenommener Pedanterie und winkte Charlot verſtohlen mit den Augen, die nichts beweiſen.— Ja, ſprach der Feldwebel, dadurch ermuntert, treuherzig, und ich weiß nicht, ob ich nicht lieber nach allen Regeln geſchlagen werden, als auf eine unregelmäßige Art ſiegen wollte.— Da habt ihr vollkommen Recht, Herr Bruder; ſo muß ein alter Sol⸗ dat denken, erwiederte der Wachtmeiſter und räuſperte ſich gewaltſam, um das aufſte gen⸗ de Lachen zu unterdruͤcken. Inzwiſchen war es Nacht geworden, und die Soldaten drängten ſich um die Wachtfeu⸗ er.— Habt ihr auch gehört, was dem lan⸗ 199 gen Simon auf dem Poſten begegnet iſt? flüſterte einer von ihnen ſeinen Kameraden zu.— Hat es wieder was gegeben? frag⸗ ten einige Stimmen furchtſam. Erzähle doch, Paul, ſetzten andere hinzu.— Alſo, fing Paul an, der lange Simon ſteht auf dem Nachtpoſten, dort drüben an der finſtern Kluft.— Da iſt es nicht geheuer, ſiel einer der Zuhörer ein; nicht um einen Louis würde ich dort die Wache fuͤr einen andern überneh⸗ men.— Narr, wenn du aber ſelbſt comman⸗ dirt wirſt, mußt du den Dienſt doch thunz, ſagte ein Zweiter.— Das iſt ein Anderes, erwiederte ein Dritter, wenn ich den Dienſt für mich thue, bin ich in meinem Beruf und der Teufel kann mir nichts anhaben.— So ſeyd doch ſtille, riefen andere dazwiſchen, und⸗ laßt fortmachen.— Alſo, fuhr Paul fort, der lange Simon ſteht da, wo ich geſagt habe. Auf einmal raſchelt es drüben in den Zweigen und ſchüttelt die Bäume, und dem langen Simon läuft es eiskalt den Rücken 200 hinauf, und er ſchlägt ein Kreuz und denkt: das iſt kein natürlicher Wind. Er macht die Augen zu und denkt: ich will nichts ſehen— und ſieht eine ſchwarze Katze mit großen feu⸗ rigen Augen, wie Pflugräder ſo groß.— Das war eine Hexe, ſagten einige Stimmen halblaut, von der Furcht gedämpft.— Nein! fuhr Paul fort, die Hexe kommt erſt. Und wie nun der lange Simon die Augen ge⸗ ſchloſſen hat und die ſchwarze Katze ſieht, ſo wird es ihm angſt, und er ſchlägt ein Kreuz, und betet: Alle gute Geiſter loben Gott den Herrn! und macht die Augen wieder auf und ſieht nichts mehr.— Ja, das hilft allemal, ſagte andächtig einer der Soldaten, da muß der Teufel weichen.— Das Aergſte kommt noch, erwiederte Paul, und die Zuhörer drängten ſich dichter zuſammen. Wie alſo der lange Simon ſo daſteht, und weiß nicht, ob er die Augen offen laſſen oder zumachen ſoll— was geſchieht?— Was geſchieht? wiederholten mehrere Stimmen im Tone der 201 Furcht und Neugier.— Ja, was geſchieht? fuhr Paul mit wichtiger Miene fort. Es raſchelt wieder im Walde.— Es raſchelt wieder! riefen einige Stimmen erſtaunt aus. — Es raſchelt alſo wieder— und der lan⸗ ge Simon faßt ſich ein Herz und läßt die Augen offen.— Läßt die Augen offen! wie⸗ derholten einige Zuhörer.— Läßt ſie offen in Gottes Namen und denkt bei ſich: Sehen mußt du doch, ob du die Augen offen oder zu haſt, ſo willſt du ſie in Gottes Namen offen laſſen.— Da hatte der lauge Si⸗ mon Recht, bemerkte einer der Soldaten.— Ich weiß doch nicht, ob ich ſie nicht lieber zugemacht hätte, ſagte ein anderer.— Narr, wenn du ſehen mußt, ob du die Augen offen oder zu haſt, ſo kannſt du ſie ja offen laſſen ins Teufels Namen, ſiel ein Dritter ein.— In Gottes Namen, verbeſſerte ein Vierter und ſchlug ein Kreuz, vom Teufel iſt nicht gut reden um dieſe Zeit.— Eyl ſo laßt doch den Paull fortmachen ins Teufels⸗— in Got⸗ 202 tes Namen! rief ungeduldig ein Fünfter.— Wo bin ich denn ſtehen geblieben, fragte Paul nachſinnend.— Wo es wieder gera⸗ ſchelt und wo der lange Simon die Au⸗ gen offen gelaſſen hat, half ihm ein Sechs⸗ ter ein.— Richtig, fuhr Paul fort; alſo es raſchelt wieder, und der lange Simon läßt die Augen offen in Gottes Namen, und ſieht— und ſieht nichts.— Und ſieht nichts! riefen mehrere Stimmen verwundert.— Und ſieht nichts, das iſt wunderbar! fielen andere ein.— Und ſieht alſo nichts, wie er die Au⸗ gen offen hat, ſagte Paul.— Und die ſchwar⸗ ze Katze? fragte einer der Zuhörer.— Iſt fort, erwiederte Paul.— Und ſieht nichts? fragten getäuſcht andere Stimmen.— So wartet doch nur, das Aergſte kommt ja noch! fielen andere unwillig dazwiſchen.— Ja, das Aergſte kommt noch, ſagte Paul.— Fahre fort, Paul, fahre fort, Paul! riefen mehrere Stimmen mit Ungeudld.— Wie alſo der lange Simon die Augen offen hat, und ——————— V V V V 203 ſieht— und ſieht nichts, da ſieht er auf ein⸗ mal. Da ſieht er auf einmal, wieder⸗ holten mehrere Stimmen in geſpannter Er⸗ wartung.— Da ſieht er alſo auf einmal— etwas Schwarzes zwiſchen den Zweigen.— Die ſchwarze Katze? fragten einige neugierig. — Nein, antwortete Paul, ſondern etwas Schwarzes... Was war denn das Schwar⸗ ze? fragten andere ungeduldig.— Das wußte der lange Simon ſelbſt noch nicht, ant⸗ wortete Paul phlegmatiſch.— Etwas muß es doch geweſen ſeyn, das Schwarze, das der lange Simon geſehen hat, ſagten einige Zuhörer.— Wartet nur, fuhr Paul fort, es wird ſchon kommen. Wie alſo der lange Simon hin ſieht, und ſieht das Schwarze, ſo wird es ihm angſt, und macht die Augen zu, und ſieht, und das Schwarze, das er geſehen hat, wird immer größer und größer, und endlich ſo groß wie ein Baum, und zu⸗ letzt ſo groß wie ein Berg, und zu allerletzt ſo groß, daß es mit den Füßen auf dem Bo⸗ 204 den und mit dem Kopf in den Wolken ſteht. — Eyl das iſt ſchrecklich groß! riefen einige entſetzt.— Was war es denn, das Schwar⸗ ze? fragten andere neugierig.— Wie kann das der lange Simon wiſſen! ſagte Char⸗ lot, der ſich herbeigeſchlichen hatte, mit lau⸗ tem Lachen; er hat ja die Augen zu.— Nur Geduld, erwiederte Paul, er macht ſie wie⸗ der auf. Wie alſo der lange Simon die Augen zu hat, und ſieht das Schwarze, und es wird immer größer, ſo groß wie ein Baum, und wie ein Berg, und bis in die Wolken, da wird es ihm noch mehr angſt, weil er die Augen zu hat, und macht ſie in der Angſt wieder auf.... Macht ſie wieder auf: rie⸗ fen einige erſtaunt aus.— Macht ſie wieder auf, fuhr Paul fort, und ſieht.... Das große Schwarze? fragten mehrere. Sieht etwas Schwarzes, das aber nimmer ſo groß iſt, ſondern nur ſo groß wie ein Menſch, iſt aber ein Weibsbild, und hat ein ſchwarzes Kleid an, und ſchwarze Haare herabhängen, und einen ſchwarzen Schleyer auf dem Kopf. — Das iſt die Hexe! riefen Alle zumal, und die meiſten ſchlugen ein Kreuz.— Richtig, erwiederte Paul, das denkt der lange Si⸗ mon auch, und ſchlägt ein Kreuz und be⸗ tet: Alle gute Geiſter loben Gott den Herrn! und Fort iſt die Hexel! fielen meh⸗ rere ein.— Nein, antwortete Paul, ſon⸗ dern ſie bleibt ſtehen, und der lange Si⸗ mon faßt ſich ein Herz und läßt die Augen offen, und ſieht hin, und ſieht die Hexe auf dem Felſen ſtehen.— Auf dem Felſen ſtehen! riefen mehrere Stimmen ſtaunend.— Leib⸗ haftig auf dem Felſen ſtehen, wie ein ande⸗ res Menſchenkind auch; und reibt ſich die Augen, und ſieht wieder hin, und ſieht fle immer noch da ſtehen ,„ und faßt ſich wieder ein Herz, läßt die Augen offen, ſchlägt ein Kreuz und denkt: du ſtehſt mir wohl! Und wie er nun ſo denkt, und da ſteht, und die Hexe ſteht auch da, wird es ihm doch wie⸗ der angſt und fängt an mit lauter Stimme 206 ein Ave Maria zu beten.— Und weg war die Hexe? fragten ſchnell mehrere Stimmen. — Nein, erwiederte Paul, ſondern ſie ſieht herüber und ſieht den langen Simon und droht ihm mit der Fauſt, nnd der lange Simon betet immer eifriger und lauter, und die Hexe droht ihm wieder, und ſie wird im⸗ mer größer, und ihre Augen drehen ſich in ihrem Kopfe, wie feurige Räder, und der lange Simon macht ſeine Augen wieder zu, und wo er ſie zu hat, wird es ihm noch mehr angſt, und macht ſie wieder auf, und ſieht hin und ſieht.... Und ſieht? riefen viele Stimmen begierig.— Und ſieht nichts mehr, erwiederte Paul.— Sieht nichts mehr, ſagten mehrere im Tone getäuſchter Erwartung.— Das kam vom Beten her, erklärten einige.— Ja, ſielen andere ein, da muß der Teufel weichen.— Wenn er will, ſagte Charlot le Savant trocken. Ihr Dummköpfe, fuhr er fort, das war das alte verruͤckte Weib, das die Narren da druͤben als 207 eine Prophetin verehren, und das ihr Eſel für eine Hexe haltet.— Eine Herxe iſt es auch, verſicherten einige mit Beſtimmtheit; da mag man dagegen ſagen, was man will. — Eine Herxe iſt es, ſchrieen andere, das laſſen wir uns nicht nehmen.— Und über⸗ haupt, ſagte einer, geht es da drüben nicht mit rechten Dingen zu. Wie ſollten denn ſonſt dieſe Bauern die beſten Truppen des Königs überall ſchlagen und in allen Gefechten ſie⸗ gen?— Nein, es geht nicht mit rechten Din⸗ gen zu, ſprach ein Zweiter; der Teufel, dem ſie ſich verſchrieben haben, iſt im Spiele und hilft ihnen, daß ſie uns immer uͤberwinden können.— Dummrköpfe, rief Charlot er⸗ boßt, wehrt euch.— Hilft mchts, erwiederte ein Dritter, gegen des Satans Macht und Gewalt läßt ſich mit irdiſchen Waffen nichts ausrichten,— Ja, es iſt eitel Zauberei und Teufelei, ſagte ein Vierter.— Die Hexe, die Hexe! riefen plötzlich mehrere Stimmen zumal und Aller Blicke wendeten ſich nach 208 dem jenſeitigen Ufer. Ein hohes Weib, in ſchwarzer Kleidung, eine Fackel in der Hand, ſtieg langſam die Felſen hinauf. Nachdem ſie die Höhe erreicht hatte, blieb ſie ſtehen, ſchwang dreimal die Fackel um ihr Haupt, daß es in düſterem Scheine erglühte, ſchritt dann vorwärts und verlor ſich bald unter den Bäumen des Waldes. So lange noch ein Schein ihrer Fackel ſichtbar war, ſtarr⸗ ten ihr die Soldaten in furchtſamem Schwei⸗ gen nach; dann drängten ſie ſich dichter um das Feuer und ſprachen mit flaͤſternden Stim⸗ men über das ſchauerliche Geſicht, bis einer nach dem andern ſich niederlegte und in Schlaf verſiel. In Kurzem herrſchte tiefe Stille über dem Lager, nur von dem eintoͤnigen Nufe der Wachen unterbrochen, und die müden Glieder der Krieger ſammelten neue Kraft zur blutigen Arbeit des morgenden Tages. — — 209 Der Heerhaufen der Camiſarden hatte ſich auf einem Abhange der Sevennen aufgeſtellt, hinter ſich das Gebirg, auf beiden Seiten tiefe Schluchten und vor ſich einen ziemlich breiten Waldbach. In erſter Linie ſtund ihr regelmäßiges Fußvolk, etwa zweitauſend Mann ſtark und vollſtändig bewaffnet— lauter auserleſene kräftige Männer und Jüng⸗ linge. Sie waren ſämtlich mit Feuergewehr verſehen, führten Piſtolen im Gürtel und kurze Schwerter oder Beile, die auf der lin⸗ ken Seite ebenfalls im Gürtel ſteckten und im Handgemenge eine furchtbare Waffe waren; ihre Kleidung war nicht gleichförmig; einige trugen erbeutete Uniformen, andere ihre länd⸗ lichen Kleider. In zweiter Linie ſtunden ungefähr zweitauſend Mann, die eine Art Landſturm und verſchiedenartig bewaff⸗ net waren; ſie fuührten Flinten, Schwer⸗ ter, Lanzen, Senſen, Aexte und andere Werkzeuge, wie ſie jeder beſaß oder dazu ge⸗ kangen konnte; doch waren ſie in regel⸗ 210 mäßige Haufen eingetheilt lund ihre Bewegun⸗ gen wurden von bewährten Führern geleitet. Die über vierhundert Mann ſtarke Reiterei der Camiſarden war in zwei Corps getheilt, deren eines Chretien und das andere Ca⸗ tinat befehligte, und ſtund auf den beiden Fluͤgeln; ſie war trefflich beritten und wohl geübt. Von einer Erhöhung herab, um wel⸗ che ein Theil der Truppen in geſchloſſenen Colonnen ſtund, ermahnte Benjamin Brouſ⸗ ſon mit lauter, eindringender Stimme zur Tapferkeit und zum Vertrauen auf Gott, den Geber des Siegs; er ſchloß eben ſeine Rede mit einem Beiſpiel aus der Geſchichte der Maccabäer:„Judas erlangre dem Volk große Ehre; er zog in ſeinem Harniſch wie ein Held, und ſchuͤtzte ſein Heer mit ſeinem Schwert. Er war freudig wie ein Löwe, kühn wie ein junger brüllender Löwe, ſo er etwas jaget. Er ſuchte die Abtrünnigen und ie Gottloſen, die das Volk drangen vom Geſetze abzufallen, und ſtrafte und verbannte ſie, daß allenthalben 211 ſeine Feinde vor ihm erſchracken und flohen, und die Abtrünnigen wurden gedämpft, und er hatte Glück und Sieg. Er zog durch die Städte Juda„ und vertilgte darinnen die Gottloſen, daß er den Zorn von Iſrael wen⸗ dete. Und er war allenthalben berühmt im Lande, daß alle Unterdrückten zu ihm liefen. Und da Seron, der Hauptmann in Syrien, höͤrte, daß die Frommen ſich zu Inda hielten, und daß ein groß Volk bei einander war, ſprach er: Ich will Ehre einlegen, daß ich im ganzen Königreich geprieſen werde, und will Judam und ſeinen Haufen, der des Kö⸗ nigs Gebot verachtet, ſchlagen. Darum rüſtete er ſich und zog mit ihm eine große Macht, daß ſie ſich an Iſrael rächeten und kamen bis gen Beth⸗Horon. Da zog Judas gegen ihn mit einem kleinen Haufen. Als ſie aber die Feinde ſahen, ſprachen ſie: Un⸗ ſerer iſt weuig, dazu ſind wir matt von Faſten; wie ſollen wir uns mit einem ſolchen großen und ſtarken Haufen ſchlagen? Aber Judas 21² ſprach: Es kann wohl geſchehen, daß wenige einen großen Haufen überwinden, denn Gott kann eben ſo wohl durch wenige Sieg ge⸗ ben als durch viele. Denn der Sieg kommt vom Himmel, und wird nicht durch große Menge erlangt. Sie trotzen auf ihre große Macht, und wollen uns, unſer Weib und Kind, ermorden und berauben. Wir aber müſſen uns wehren und für unſer Leben und Geſetz ſtreiten. Darum wird ſie Gott vor unſern Augen vertilgen; ihr ſollt ſie nicht fürchten. Da er alſo ausgeredet hatte, griff er die Feinde an, ehe ſie ſichs verſahen, und ſchlug den Seron und ſein Volk in die Flucht, und jagte ſie von Beth⸗Horon herunter ins Blachfeld und ſchlug achthundert zu todt; die übrigen flohen in der Philiſter Land.“ Kaum waren dieſe Worte beendigt, ſo hörte man die erſten Schüße fallen, und er⸗ blickte, von der Anhöhe herab, die vorderſten Colonnen des königlichen Heers, die unter dem Schutze einer am jenſeitigen Ufer aufgepflanz⸗ 213 ten Batterie auf mehrern Punkten zugleich über den Bach gingen. Auf einen Wink des Anführers der Camiſarden ſchmetterten zumal alle Trompeten und wirbelten alle Trommeln. Alles Volk fiel auf die Kniee nieder und ſang mit lauter Stimme: Nicht achten wir der Feinde Zahl, Denn vor uns zieht im Wetterſtrahl Der Herr, ein mächt'ger Streiter, Sein Wink des Feindes Reihen bricht, Erſchreckt, vor ſeinem Angeſicht Flieh'n beide, Roß und Reiter.*) *) Que Dieu se montre seulement, Et Pon verra dans le moment Abandonner la place. Le camp des ennemis épars, Epouvanté de toutes parts, Fuira devant sa face. Dieß war der Schlachtgeſang der Camiſarden und ein gleichzeitiger Hiſtoriker berichtet: Ein Of⸗ fizier, der gegen die Camiſarden gedient hatte, erzählte mir:„Wenn dieſe Teufel ihren ver⸗ dammten Geſang anſtimmten, konnten wir un⸗ ſere Leute nimmer halten; ſie liefen davon, als ob ihnen die ganze Hölle auf dem Nacken ware.“ 214 Die ausgeſtellten Poſten der Camiſarden zogen ſich fechtend auf die Maſſen zurück. Nach⸗ dem die feindlichen Colonnen die Hälfte der Anhöhe erſtiegen hatten, auf deren Kamm die Camiſarden ſtunden, gab ihre erſte Linie Feuer, ſtürzte dann mit den blanken Waffen geſchloſ⸗ ſen in den Feind und warf ihn in wüthendem Anlauf den Berg hinab. Neue Colonnen des königlichen Heers rückten nach und ſtellten das Treffen wieder her; abermals wurde der Berg zur Hälfte erſtiegen, und zum zweitenmal muß⸗ ten die Truppen dem verzweiflungsvollen Muthe der Camiſarden weichen. Fünf An⸗ griffe, immer durch neue Truppen unterſtützt, erfolgten nach einander und wurden auf glei⸗ che Weiſe abgeſchlagen. Roland, der mit ſeiner Umgebung hin⸗ ter der erſten Linie hielt und die Bewegungen leitete, war eben im Begriff, die Reſerve vorrücken zu laſſen, um das Treffen zur Ent⸗ ſcheidung zu bringen, als er auf ſeinem rech⸗ ten Flügel und in ſeinem Rücken ein Gewehr⸗ 215 feuer hörte. Ein Reiter mit verhängtem Zü⸗ gel kam geſprengt und meldete, daß eine Ab⸗ theilung der königlichen Truppen durch die faſt ungangbaren Schluchten auf dieſer Seite vorrücke und im Begriff ſtehe, den ſchwachen Haufen der Camiſarden, der dieſe Päſſe hütete, zu werfen. Mit ſchneller Beſonnenheit entſendete der Anführer zweihundert Mann ſeiner beſten Truppen nach dieſer Seite, und da er wahr⸗ nahm, daß zu gleicher Zeit, durch dieſe Diver⸗ ſion belebt, der Angriff des Feindes in der Fronte heftiger wurde, ließ er die zweite Linie ins Feuer führen. Unter dem Schalle der Hörner und dem Wirbeln der Trommeln, den Kriegs⸗ geſang anſtimmend, rückte dieſe begeiſterte Schaar gegen den Feind. Ohne einen Schuß zu thun, ſtuͤrzte ſie ſich in ſeine Reihen, brach ſie und verwandelte das allgemeine Treffen in eine Anzahl einzelner mörderiſcher Gefechte mit den blanken Waffen, in welchen Muth und Verzweiflung um den Sieg rangen. Die kö⸗ niglichen Truppen, von ihren Offizieren ange⸗ 246 feuert und durch die Wuth der Feinde gereizt, wehrten ſich wie Raſende und machten lange Zeit das Feld ſtreitig. Da brach plötzlich ſeit⸗ wärts aus dem Walde eine neue Schaar, an deren Spitze eine Frau, in ſchwarzem Kleide, mit wehendem Schleyer einherzog. Die Pro⸗ phetin! die Prophetin! hallte es durch die Reihen der Camiſarden und donnernd ſtimm⸗ ten ſie den Schlachtgeſang an. Die Hexe! die Hexe! riefen entmuthigt die Soldaten und wendeten ſich ſchreckenvoll zur Flucht. Nach drängten die Sieger und riſſen ihre Reihen immer weiter auseinander, bis zuletzt das weite Feld nur noch eine zerſtreute Maſſe von Flüchtlingen darbot. Viele wurden erſchla⸗ gen oder gefangen; die übrigen ſetzten ſich jenſeits des Baches hinter ihrer Reiterei und der Reſerve ihres Fußvolks. Roland, deſſen Auge über dem Schlachtfeld ſchwebte, zuͤgelte die Hitze der Verfolger, ordnete die Schaaren, ließ die Reiterei vorrücken und ging über den Bach. In einem einzigen Angriff wurden die 217 entmuthigten königlichen Truppen vollends ge⸗ worfen und durch die Reiterei der Camiſar⸗ den welche Wunder der Tapferkeit that, ver⸗ folgt. Das königliche Heer ließ über zwei⸗ tauſend Todte, Verwundete und Gefangene auf dem Platz, während der Verluſt der Ca⸗ miſarden nur etliche hundert Mann betrug. Nachdem der Sieg erfochten war, eilte Roland mit einem ſtarken Haufen zuruͤck nach ſeinem rechten Flügel, um hier dem Feinde die Spitze zu bieten, wenn es nöthig ſeyn ſollte. Als er auf dieſem Punkt ankam, hatte bereits das Feuer aufgehört, und eine kleine Abtheilung zog ihm entgegen, die einen Gefangenen in ihrer Mitte führte. Eſprit Segujer! rief Roland erſtaunt, als ihr Anführer vor ihn trat.— Ich bin's, erwie⸗ derte dieſer ruhig, und übergebe dir hier ei⸗ nen Verräther, mit ihm zu thun nach deinem Wohlgefallen.— Enochl rief noch erſtaun⸗ ter Roland, als man den Gefangenen vor ihn führte.— Er iſts, ſagte gelaſſen Eſprit Der Eamiſarde II 218 Segujer. Lerne nun deine Freunde und Feinde beſſer kennen. Dieſer, dem du dein Vertrauen geſchenkt, wollte dich an den Feind verrathen und zeigte den Truppen die einſa⸗ men Pfade durch das Gebirg; ich, den du von dir geſtoßen, habe dir den Rücken ge⸗ deckt mit meiner Schaar, bis Hülfe kam, und den Verräther gefangen. Lebe wohl.— Halt, rief Roland dem Weggehenden nach, du wurdeſt verbannt um Deines Ungehorſams willen; dieſe That erwirbt dir unſere Verzei⸗ hung Kehre zurück zu uns und gehorche for⸗ tan dem Geſetz.— Mein Weg iſt nicht der deinige, entgegnete Eſprit Segujer ruhig; gehe du deine Bahn, ich wandle die meinige. Feinde ſind wir nicht, aber Freunde können wir auch nicht ſeyn. Gott mit dir, mein Bru⸗ der!— O, Mann mit der ſtählernen Bruſt, rief Roland und ſchloß ihn gerührt in ſeine Arme, vermag denn nichts deinen Willen un⸗ ter das Geſetz zu beugen?— Mein Wille iſt eiſern, wie mein Schickſal, erwiederte Eſ⸗ 219 prit Segujer eintönig, ſchüttelte ihm die Hand und ging ſchweigend von dannen.— Ungerne verliere ich dich, du kräftiger Geiſt! ſprach Roland für ſich und ſah dem Weg⸗ gehenden mit trübem Sinnen nach; aber ſelbſt die ſtarke Natur beugt ſich unter ewige Ge⸗ ſetze, und des Menſchen Eigenwille iſt ſein ſchlimmſter Feind. Dieſen, fügte er, auf den Gefangenen deutend, hinzu, führt zum Tode! Nach dem Treffen von Bouquairan, wie man es von einem nahe dabei gelegenen Maierhof nannte, griffen alle Proteſtanten der Provinz zu den Waffen und zogen Hau⸗ fenweiſe den Camiſarden zu. Roland hätte mit leichter Mühe eine Armee von vierzig Tauſend Mann zuſammenbringen können, aber theils fehlte es ihm an Mitteln zur Bewaff⸗ nung und Unterhaltung einer ſo großen Macht, theils war die Revolution noch nicht zu ihrer vollſtändigen Reife gelangt. Der Obergeneral 10* 220 der Proteſtanten beſchloß daher den Zeitpunkt abzuwarten, wo die Reformirten im benach⸗ barten Rouerge und Vivares in Aufſtand ge⸗ ſetzt werden könnten, und wo die engliſche Re⸗ gierung, mit welcher er ingeheimer Unterhand⸗ lung ſtund, eine hinreichende Macht ans Land ſetzen würde, um ihre Operationen mit denen der proteſtantiſchen Einwohner des ſüdlichen Frankreichs zu combiniren. Bis zu dieſer Pe⸗ riode wollte er ſich, wie bisher, auf den kleinen Krieg beſchränken. Er organiſirte zu dieſem Ende zwei fliegende Corps, jedes etwa drei hundert Reiter und neun hundert bis tau⸗ ſend Mann Fußvolk ſtark, und ſtellte ſie un⸗ ter Chretiens und Catinats Befehle; er ſelbſt zog ſich mit einigen tauſend Mann in die Gebirge zurück, um von hier aus uͤber die Bewegungen zu wachen, Hülfe zu leiſten, wo es nöthig war, die Einverſtändniße mit den übrigen Proteſtanten in Frankreich zu unterhalten und die Unterhandlungen mit den auswärtigen Mächten zu leiten. Die übrigen 221 Schaaren, die ihm zugezogen waren, entließ er in ihre Heimath, mit der Weiſung, auf den erſten Aufruf ſich bereit zu halten. Die königlichen Truppen hatten ſich in die Städte und befeſtigten Orte zurückgezo⸗ gen, und die Camiſarden waren Meiſter im Felde. Durch die Schnelligkeit ihrer Bewe⸗ gungen gaben ſie ſich den Schein einer größ⸗ ern Macht, als ſie wirklich hatten, und tru⸗ gen den Schrecken ihrer Waffen durch die ganze Provinz. Chretien hatte in dem Walde von Benazet, zwei Stunden von Anduze, Sellung genommen. Von hier aus ſchickte er vier Abtheilungen ab mit dem Be⸗ fehl, ſich am nämlichen Tage und ungefähr zur nämlichen Stunde, die erſte vor Saint⸗ Hippolite, die zweite vor Sommieres, die dritte vor Nismes und die vierte vor Uſes zu zeigen; er ſelbſt theilte ſein Corps in mehrere Haufen und zeigte ſich auf verſchiedenen Punk⸗ ten. Auf ſolche Art hielt er die königlichen Truppen uͤberall im Schach; theilten ſie ſich 222 ebenfalls, ſo zog er ſein Corps ſchnell zuſam⸗ men und fiel über ihre einzelnen Abtheilungen her; blieben ſie concentrirt, ſo neckte er ſie auf allen Seiten. Das Glück begleitete ihn in allen ſeinen Unternehmungen, und ſein Name wurde ſo gefürchtet im Lande und ſo beruͤhmt bei ſeinen Glaubensgenoſſen, daß ſie nur unter ſeinen Befehlen dienen wollten. Catinat wurde ihm daher untergeordnet und Chretien befehligte die beiden fliegen⸗ den Corps, die das platte Land in Allarm hielten. Wenn hie und da das Schickſal den Muth des jugendlichen Anführers auf die Probe ſtellte, bewährte er ihn ritterlich. Die Camiſarden pflegten den Oſtertag, wo ſie ſich auch befinden mochten, feierlich zu begehen. Sie lagerten eben bei einem Maierhofe, zwei Stunden von Alais, als das Oſterfeſt eintrat. Chretien hatte nur etwa vier hundert Mann ſeines Corps bei ſich, um damit die zahlreiche Verſammlung der Proteſtanten zu decken, die ſich von allen Seiten eingefunden hatten, den —— — — 223 heiligen Tag zu begehen. Die Beſatzung von 1 Alais, eilf bis zwölf hundert Mann ſtark, en welche ſich die katholiſchen Einwohner, auf⸗ gereizt von ihren Prieſtern, anſchloſſen, faß⸗ te den Entſchluß, die Verſammlung zu über⸗ fallen und niederzumachen; gegen ein tauſend acht hundert Bewaffnete zogen aus der Stadt gegen ſie aus und verſprachen ſich ſicheren Sieg. Die vier hundert Camiſarden erwar⸗ ten den Feind hinter einer alten Mauer, ſie bergen ſich hinter dieſelbe ſo zu rechter Zeit, daß ſie durch die erſte Salve der königlichen Truppen nicht einen einzigen Mann verlieren; dann ſtürzen ſie ſingend hervor, ſparen ihr Feuer, bis ſie dem Feind dicht auf dem Lei⸗ be ſind, fallen mit den blanken Waffen uͤber ihn her, zerreißen in einem Augenblicke ſeine Reihen und werfen ihn in die Stadt zurück. Trotz des Feuers von den Wällen und der Citadelle ſetzen ſie ſich in der Vorſtadt feſt und trotzen der ganzen Garniſon, die es nim⸗ mer wagte ſie anzugreifen. 224 Der Gouverneur von Anduze ſchickte ei⸗ nen Transport unter einer Bedeckung von zweihundert Mann nach Saint⸗Hippolite ab. Chretien erhielt Kunde davon, ließ ihn angreifen, die Bedeckung niedermachen und nahm ihn weg. Dieſer Transport beſtund in Munition, Flinten und Montirungsſtücken; die Camiſarden nahmen davon für ſich, was ſie brauchten, und ſchickten den Ueberreſt in das allgemeine Magazin in die Gebirge. 3 b e denn, e eine Waffenthat, welche alle he zuzählen, zu er⸗ müdend ſeyn würde. Im Gebirge, wo Ro⸗ land und die andern Häuptlinge ſtunden, war übrigens gleichwohl der Hauptfeuerheerd dieſes beginnenden Bürgerkriegs und die Seele des Ganzen. Von hier aus hielt Roland die königlichen Truppen und alle Katholiken der Provinz in Furcht; er war gleichſam der Beherrſcher des ganzen Landes umher; er ließ die proteſtantiſche Religion öffentlich üben; er hatte eine Art Arſenal, ein Hoſpital, 225 Pulvermühlen, Waffenſchmiede und andere Handwerksleute, und überhaupt Alles, was für einen langen Krieg erforderlich iſt. In dem Kriegsrathe, den Roland von Zeit zu Zeit hielt, wurden die Plane entworfen und von ſeinem Lager im Gebirge giengen alle Befehle aus. Der Marſchall, überall im Felde geſchla⸗ gen, ſuchte dem Krieg durch Terrorismus ein Ende zu machen; er ließ die proteſtantiſchen Dörfer, die den Camiſarden Quartier gaben oder Lebensmittel lieferten, niederbrennen. Roland ſchrieb an den Marſchall, daß er für jedes reformirte Dorf, das der Marſchall anzünde, zwei katholiſche Dörfer in Brand ſtecken laſſen werde, und hielt jedesmal pünkt⸗ lich Wort. Dieſen nutzloſen Grauſamkeiten ſetzte ein Befehl der Regierung, durch die Vorſtellungen der Stände von Languedoc ver⸗ anlaßt, ein Ziel. Ein berühmter Partheigänger, Namens Poul, der in den Thälern von Piemont ge⸗ 226 gen die Waldenſer gedient hatte, wurde in die Sevennen berufen, um gegen die Cami⸗ ſarden gebraucht zu werden. Er ruͤhmte ſich, ſie auf Einen Schlag zu vernichten, und er⸗ hielt zu dieſem Ende von dem Marſchall ein Infanterie⸗Regiment und ein Cavallerie⸗Regi⸗ ment. Mit dieſen Truppen marſchirte er aus Nismes. Chretien legte ſich in einem Eng⸗ paſſe, auf deſſen beiden Seiten Weinberge hinliefen, in Hinterhalt, ſiel unverſehens über das königliche Fußvolk her, das an der Spitze marſchirte, und richtete ein furchtbares Blut⸗ bad unter ihm an. Poul gab ſich alle Mühe, ſeine Infanterie zu ſammeln, aber vergebens; der Schrecken war zu groß, was dem Tode entgangen war, lief auseinander. Die Reiterei der Camiſarden, die in der Nähe harrte, richtete ein furchtbares Blutbad un⸗ ter den Flüchtlingen an. Poul, voll Schaam und Verzweiflung, wirft ſich an der Spitze ſeiner Reiter in die Weinberge; die meiſten verwickeln ſich in die Reben und ſtürzen. Der Anführer dringt wüthend vor und haut auf Chretien ein. Ein Piſtolenſchuß ſtürzt ihn vom Pferde, ein Säbelhieb ſpaltet ihm den Kopf; er bleibt todt auf dem Platze und ſeine Reiter fliehen. Hinter den Dragonern fliegt die Reiterei der Camiſarden auf den wilden Pferden der Camargue und ſäbelt ſie größ⸗ tentheils nieder. Der Sieg war ſchnell er⸗ fochten und vollſtändig. Faſt das ganze In⸗ fanterie⸗Regiment lag auf der Wahlſtatt; die Dragoner hatten weniger verloren, weil ſie ſchneller entfliehen konnten. Nach dieſem Gefechte ſpielten die Cami⸗ ſarden überall den Meiſter. Einer ihrer Haupt⸗ leute, Fromental, rückte mit fünfzig bis ſechszig entſchloſſenen Leuten zur Nachtzeit vor Nismes, brach mit großem Geräuſch und Schießen in die Vorſtadt ein, und ſetzte alle Po⸗ ſten in Allarm. Die viertauſend Mann ſtarke Beſatzung trat unter die Waffen, wagte aber keinen Ausfall, aus Furcht, in einen Hinter⸗ halt zu fallen. Mit der nämlichen Handvoll 228 Leute ſetzte Fromental die Beſatzungen von Uſes, Saint⸗Eſprit, Rauquemaure, Blaſſac und Daubeſſargues in Allarm, während Ca⸗ tinat die Truppen zu Montpellier, Sauve, Anduſe, Sommieres und Caſtrette in Athem hielt. Der Marſchall, der von allen Seiten Nachrichten von dem Erſcheinen der Camiſar⸗ den erhielt, rief in ſeinem Verdruße darüber aus:„Sind denn ganze Legionen dieſer Teu⸗ fel aus der Hölle geſtiegen? Roland benützte inzwiſchen die Zeit zu Un⸗ terhandlungen mit auswärtigen Mächten. Die Königin Anna von England ließ durch den Mar⸗ quis von Miremont, einen proteſtantiſchen Emigranten, an ihn ſchreiben, ermahnte ihn zu tapferm Aushalten und verſprach ihm bal⸗ dige Hülfe. Zu gleicher Zeit ſchickten die Pro⸗ teſtanten von Rouerge und Vivares Abge⸗ ordnete ins Gebirge, um ſich mit Roland wegen des Ausbruchs ihres Aufſtands zu be⸗ ſprechen. Der Marſchall, der von Hofe die ſtreng⸗ 229 ſten Befehle erhalten hatte, wüthete gegen die proteſtantiſchen Einwohner mit Feuer und Schwert. Kein Camiſarde wurde verſchont, der in ſeine Hände ſiel. Roland, der bis⸗ her ſich immer menſchlich bewieſen und die Gefangenen gütig behandelt hatte, beſchloß Repreſſalien zu brauchen. Er überſiel zur Nachtzeit die Beſatzung von Ginouillae, die aus zweihundert Soldaten beſtund, und ließ ſie bis auf den letzten Mann niederhauen. Roland und Chretien ermüdeten die kö⸗ niglichen Truppen auf ihren beſtändigen Streif⸗ zuͤgen. Wie ein Blitz brach dieſer aus ſeinen Wäldern und jener von ſeinen Bergen herab, und der Schlag war geſchehen, ehe ſich der Feind beſinnen und ihm begegnen konnte⸗ Es wäre ermüdend, alle dieſe einzelnen Thaten zu erzählen, welche ſich ſo ziemlich unter ein⸗ einander gleichen. Nur die vorzüglichſten ver⸗ dienen ausgehoben und zur Charakteriſirung dieſes Bürgerkriegs mitgetheilt zu werden. Ehretien hatte ſich in einem Gehoͤlze gela⸗ 230 gert und da er ſich durch mehrere ausgeſchickte Streifpartheien geſichert glaubte, hatte er ei⸗ nen Gottesdienſt angeordnet, zu welchem ſich über tauſend Einwohner der Umgegend, Män⸗ ner, Weiber und Kinder, einfanden. Plötzlich melden die ausgeſtellten Schildwachen, daß ein großes Truppencorps im Anzuge ſey. Ue⸗ ber zweitauſend Mann, Fußvolk und Reiterei, rückten an; die Camiſarden hatten ihnen höch⸗ ſtens fünfhundert entgegegen zu ſtellen. Die Zeit zur Berathung war kurz. In einem ge⸗ wöhnlichen Falle wäre ein ſchneller Rückzug das Beſte geweſen; hier aber hätte man das wehrloſe Landvolk, das ſich zum Gebet einge⸗ funden hatte, der Unmenſchlichkeit der könig⸗ lichen Soldaten preis geben muͤſſen. Chre⸗ tien ſtellte ſeine Leute zwiſchen zwei Oliven⸗ wäldchen auf, deren äußerſte Punkte einen vorſpringenden Halbzirkel bildeten. Hinter das Centrum wurden die Weiber, Greiſe und Kinder geſtellt. Hierauf beſteigt der Anführer eines ſeiner beſten Pferde und reitet ohne alle Be⸗ 231 deckung, wie er häufig that, zur Recognos⸗ cirung des Feindes aus. Ein Cornet der Dra⸗ goner, der in dieſer Gegend zu Hauſe iſt, erkennt ihn, und legt ſich mit zwei beherzten Reitern in einem Hohlwege in Hinterhalt. Als der Anführer der Camiſarden ſorglos durch dieſen Weg zu den Seinigen zuruͤckkehrt, ſchlagt der Cornet plötzlich auf ihn an und ruft ihm zu, ſich zu ergeben. Ohne ein Wort zu erwiedern, zieht Chretien kaltblütig die Piſtole und zerſchmettert ihm das Gehirn; die beiden Dragoner ſchießen auf ihn und feh⸗ len; er tödtet durch einen zweiten Piſtolen⸗ ſchuß den einen von ihnen; der dritte ent⸗ flieht und der kuͤhne Fuͤhrer kehrt unverletzt zu den Seinigen zurück. Unerſchrocken erwartet er den Feind. Dem erſten Feuer des feindlichen Fußvolks entgehen die Camiſarden, indem ſie ſich zur Erde werfen; dann erheben ſie ſich und ſtürzen mit eben ſo viel Ordnung als Schnelligkeit auf den Feind. Vor ihrem Schlacht⸗ geſang, den tauſend durchdringende Stimmen 232 von Weibern und Kindern verſtärken, erbebt die Erde; ſie ſtürmen gerade auf die feindli⸗ che Reiterei los und geben ihr in tödtlicher Nähe eine ſo mörderiſche Lage, daß Roß und Mann zuſammen ſtürzen. Die Pferde, durch das furchtbare Geſchrei ſcheu gemacht, brin⸗ gen Verwirrung in das Geſchwader; die Wei⸗ ber, von Wuth ergriffen, laſſen einen Hagel von Steinen auf die Soldaten regnen; ſie fliehen; die Reiterei wirſt ſich auf das Fuß⸗ volk und reißt es mit ſich fort in der all⸗ gemeinen Flucht. Hinter einer Mauer ſetzt ſich der Feind; die Camiſarden folgen ihm auf dem Fuße; die wüthenden Weiber ſtürzen wie Raſende gegen die Mauer; ein Mädchen von ſiebenzehn Jahren erſteigt ſie zuerſt mit dem Säbel in der Hand; die tapferſten Camiſar⸗ den umringen die Heldin und dienen ihr als Schild. Ein paniſcher Schrecken ergreift die Truppen, ſie fliehen und laſſen ſich ohne Wi⸗ derſtand würgen. Chretien ſtund mit etwa drei hundert 233 Mann, worunter nur fünfzig Reiter waren, in der Nähe von Uſes. Der Gouverneur dieſer Stadt ließ das Marine⸗Regiment, da⸗ mals eines der beſten, in Frankreich, gegen ihn ausrücken und gab ihm einige Reiterei zur Unterſtuͤtzung bei. Chretien zieht ſich auf faſt ungangbaren Waldpfaden zurück; die königlichen Truppen folgen ſeiner Spur, welche ſie um ſo leichter erkennen, da es den ganzen Tag über geregnet hatte. Gegen Abend trafen ſie zu Mouſſac ein, wo Chretien Halt gemacht hatte, um auszuruhen. Beide ſetzen ſich wieder in Bewegung und marſchi⸗ ren die ganze Nacht durch. Die ermüdeten Truppen holen ihn in dem Dorfe Lascours ein, das auf einer Anhöhe am Gardon liegt. Die Camiſarden, unermüdete Fußgänger, ſetzen ihren Marſch fort, die Truppen folgen. ihnen, nachdem ſie das Dorf geplündert und die zurückgebliebenen Einwohner ermordet ha⸗ ben. Was dem Blutbade entkam, floh zu Chretien. Dieſe Leute, die ihn für unüber⸗ 234 windlich hielten, beſchworen ihn, die ihrigen zu rächen. Er ſetzt ſeinen Marſch fort, um die königlichen Truppen noch mehr zu ermü⸗ den.— Neue Flüchtlinge treffen ein; Väter und Mütter weinen um ihre getödteten Kin⸗ der, Kinder um ihre ermordeten Eltern. Die Camiſarden zittern vor Wuth über dieſe Greuel. Plötzlich läßt ihr Anführen Halt ma⸗ chen und ſtellt ſich hinter einem Bache auf. Jenſeits deſſelben verſteckt er ſeine Reiterei in einem Wäldchen und auf der entgegenge⸗ ſetzten Seite legt er etwa ſechzig, mit Sen⸗ ſen bewaffnete Landleute, die ſich unterwegs an ihn angeſchloſſen hatten, in Hinterhalte. Die königlichen Truppen eröffnen das Gefecht mit einer allgemeinen Salve, durch welche blos etliche Camiſarden verwundet werden. Ihr Anführer läßt den Schlachtgeſang anſtim⸗ men, ſetzt über den Bach, beide Hinterhalte fallen den Truppen in die Seite, die Sen⸗ ſen, die Beile, die Schwerter wüthen in ih⸗ ren Reihen unter dem tauſendſtimmigen Ge⸗ 235 ſange der Camiſarden, der nach und nach in ein verwirrtes Geſchrei der Wuth und Rache ausartet. Von dem ganzen Regiment entkom⸗ men kaum hundert fünfzig Mann, die auf den Ferſen verfolgt werden und größtentheils im Gardon den Tod finden. Zehn Offiziere allein leiſten auf dem Schlachtfelde noch Wi⸗ derſtand, Rücken an Rücken ſtehen ſie und bieten von beiden Seiten dem Feind die Spi⸗ tze ihrer Spontons dar. Der Anführer der Camiſarden, der die Tapferkeit achtet, bietet ihnen Pardon an; ſie verſchmähen ihn und werden niedergemacht. Faſt zu gleicher Zeit erfocht Roland ei⸗ nen ähnlichen Sieg über den General La⸗ lande, der gegen ihn marſchirte. Er hatte ſich an der Brücke von Salindres, in einer gebirgigten Gegend, aufgeſtellt und einen Paß beſetzt, in welchem hundert Mann mit leichter Mühe Tauſend aufhalten konnten. Auf der einen Seite des Paſſes erhob ſich ein ſteiler Berg, auf der andern war ein 236 furchtbarer Abgrund, der ſich im Gardon verlor, welcher hier ſehr reiſſend und voll Felſen iſt. Roland hatte auf der Spitze des Berges große Steine aufhäufen laſſen und ihn mit dreiſſig der ſtärkſten Männer beſetzt; die Hälfte ſeines Haufens, der etwa vier hundert Mann betrug, legte er dießſeits und den andern jenſeits des Paſſes in Hin⸗ terhalt. Die königlichen Truppen rücken in den Paß, werden zu gleicher Zeit von hin⸗ ten und vornen angegriffen, und ein Hagel großer Felsſtücke rollt vom Berge auf ſie herab. Von etwa ein tauſend Mann entkam nur der Anführer mit wenigen Leuten. Zwei Jahre dauerte dieſer Krieg auf die nämliche Weiſe, und obwohl die Camiſarden theilweiſe Niederlagen erlitten, ſo ergänzten ſie doch ſogleich ihre Verluſte wieder und blie⸗ ben immer gleich unbezwungen und furchtbar im Felde. Der Hof rief den Marſchall Mon⸗ trevel zurück und ſchickte den berühmten Villars mit 20,000 Mann in die Provinz. 237 Eine ſo große Macht und ein ſo berühmter Feldherr waren in dieſem Augenblicke um ſo nöthiger, da England im Begrifſe ſtund, die ſchon lange vorbereitete Landung an der fran⸗ zöſiſchen Küſte zu bewerkſtelligen und mit den Proteſtanten gemeinſchaftliche Sache zu machen. Zu gleicher Zeit erſchien ein könig⸗ liches Manifeſt, das in den mildeſten Aus⸗ druͤcken abgefaßt war und vollkommene Am⸗ neſtie, ohne irgend eine Ausnahme, verſprach. Die Ausdrücke„Aufruhr und Aufrührer“ wa⸗ ren darin gänzlich vermieden, und man ſprach blos von„den Reformirten der Seven⸗ nen und ganz Languedoe, welche um der Religion willen die Waffen ergriffen hätten.“ Der Marſchall entließ mehrere Gefangene auf das einfache Verſprechen hin, daß ſie künftig getreuer ſeyn wollten, bereiſte die Provinz, ſprach von den gnädigen Geſinnun⸗ gen des Monarchen und ſuchte überall die Gemüther zur Verſöhnlichkeit zu ſtimmen. Der Marſchall bot den Proteſtanten auf fol⸗ 238 gende Bedingungen den Frieden an: Erſtens: Gewiſſensfreiheit in der ganzen Provinz und Erlaubniß, überall auſſerhalb der Städte und mit Mauern umgebenen Orte Gottesdienſt zu halten, jedoch unter der Bedingung, keine Kirchen zu bauen. Zweitens: Innerhalb ſechs Wochen ſollen alle diejenigen, die um ihres Glaubens willen gefangen ſind, freigegeben werden. Drittens: Alle diejenigen, welche der Religion wegen das Königreich verlaſſen haben, dürfen mit voller Sicherheit zurück⸗ kehren und ſollen in alle ihre Güter und Rechte wieder eingeſetzt werden. Viertens: Alle Einwohner der Sevennen, deren Häuſer während dieſes Kriegs verbrannt oder zer⸗ ſtört worden ſind, ſollen auf ſieben Jahre von allen Abgaben frei ſeyn. Fünftens: Er⸗ laubniß zur Auswanderung für diejenigen, welche das Koͤnigreich verlaſſen wollen. Einige Anführer der Camiſarden ſchwank⸗ ten, ob ſie nicht dieſe Bedingungen anneh⸗ men ſollten. Roland, Chretien und die 239 meiſten blieben feſt, und erklärten, daß ſie die Waffen nicht eher niederlegen würden, bis man ihnen volle und uneingeſchränkte Gewiſ⸗ ſensfreiheit, öffentliche Uebung ihrer Re⸗ ligion und die Wiedereinſetzung in alle ihre Vorrechte bewilligt haben werde. In dieſem Zeitpunkt nun traten zwei Ereigniſſe ein, welche der Sache eine andere Wendung gaben. Die königlichen Truppen hatten das plat⸗ te Land beſetzt; in jedem Dorfe lag eine ihrer Abtheilungen, und man konnte in der Nähe von Nismes mit Sicherheit reiſen. Herr von Saint⸗Comes ging oft von der Stadt auf ſein Gut und von da zurück. Eines Abends wird ſein Wagen von einem Haufen Bewaffneter angehalten. Eine rauhe Stimme befiehlt ihm auszuſteigen; er gehorcht zitternd. Kennſt du mich? fragt ihn einer der Bewaffneten und tritt vor ihn hin. Er wirft 240 einen Blick des Entſetzens auf den Mann, und ſeine Stimme verſagt ihm zur Antwort. — Erbleiche, Verruchter! rief ihm der Mann in furchtbarem Tone zu. Deine Stunde iſt gekommen! Ich bin Eſprit Segujer. Heute, in dieſer Minute noch, wirſt du den Lohn deiner Schandthaten empfangen.— Die Befehle des Königs..... ſtammelte zit⸗ ternd der alte Mann.— Die Befehle des Kö⸗ nigs! wiederholte langſam und nachdrücklich Eſprit Segujer. Du gedenkſt der Befehle eines irdiſchen Fürſten, und die Gebote dei⸗ nes Gottes haſt du vergeſſen! Dieſer König iſt dein Gott, dem du gehorchſt; ich will dich zu einem andern Herrn ſenden.— Mit dieſen Worten zog Eſprit Segujer ſein breites Schwert und ſchlug mit einem Streiche dem Unglücklichen das Haupt ab. Hoch hob er das blutige Werkzeug der Rache und ſagte mit mattem Tone: Meine letzte Arbeit iſt gethan!— Sie iſt es? ſprach eine Stimme hinter ihm. Er blickte um ſich und ſah ſeine 241 kleine Schaar von allen Seiten umringt.— Wir ſind zu ſpät gekommen, wiederholte die nämliche Stimme und zeigte auf den blutigen Leichnam.— Du biſt es, ſtinkender Neophy⸗ te, rief Eſprit Segujer wie raſend. Stirb, doppelter Verräther! fügte er hinzu und ſtieß ihm das Schwert in die Bruſt. Denis le Neophyte ſtieß einen tiefen Seufzer aus und gab den Geiſt auf.— Meine letzte Arbeit iſt gethan! wiederholte Eſprit Segujer und wendete ſich gegen die Soldaten, die gleichſam erſtarrt da ſtunden und die gräßliche Scene betrachteten. Mich wollt ihr fangen; ihr ſucht mich ſchon lange. Hier habt ihr mein Schwert; ich bin des Lebens müde; aber entlaßt dieſe.— Der Anführer der Truppen zauderte mit der Antwort und ſchien ſich zu beſinnen.— Noch ſind wir nicht gefangen, rief Eſprit Segujer und ſchwang ſein Schwert.— Der Offtzier, einen Kampf der Verzweiflung ſcheuend, willigte in die Be⸗ ding. g, und Eſprit Seßujer äbergab ihm Ir Camiſarde II. 242 ſein Schwert. Unentſchloſſen ſtunden ſeine Ge⸗ fährten. Ich entlaſſe euch eures Eids, rief er ihnen zu; die Früchte der geſättigten Rache ſind bitter. Geht, mein Geſchick iſt erfüllt. — Ich theile es mit dir, ſagte eine weiche Stimme und Clement trat vor.— Gehe, mein Sohn, und folge fortan den milden Ein⸗ gebungen deines guten Herzens, erwiederte Eſprit Segujer gerührt; deiner Pflichten gegen mich biſt du ledig. Gehe, rief er dem Zaudernden befehlend zu, ich kann allein ſterben. Schweigend hüllte er ſein Haupt in ſeinen Mantel und ging umringt von den Bewaff⸗ neten. In ihrem Gemache ſaß Louiſon in tie⸗ fer Trauer.— Beruhige dich, theure Freun⸗ din, ſprach Julie zu ihr; das unabwend⸗ bare Schickſal läßt ſich nicht ändern. Dir bleibt zu deinem Troſte das Bewußtſeyn treu erfüllter Pflichten.— Ach, nicht ſein Todeiſt „ 243 es, was mich ſſo tief ergreift, erwiederte Louiſon weinend; er war in dem Alter, wo der Menſch der Natur ſeine Schuld be⸗ zahlt; aber daß er ſo, auf eine ſo furchtbare Weiſe enden mußte, daß iſts, was mir das Herz zerreißt.— Iſt nicht dem, der hinüber geht, ein kleiner Augenblick tödtlichen Schreckens beſ⸗ ſer, als die Schmerzen eines Jahre langen Kran⸗ kenlagers? troͤſtete Philipp Villiers.— Doch hätte er den Troſt treuer kindlicher Pflege genoſſen und ich hätte ihm die muͤden Augen zudrücken können! ſeufzte Louifon und ihre Thränen rannen aufs neue.— Du haſt dei⸗ nem Vater Alles, ſelbſt deine Liebe, zum Op⸗ fer gebracht, ſprach Julie tröſtend; über das Geſchick kannſt du nicht gebieten.— Wie ſtarb der Mörder? fragte Louiſon mit aufwal⸗ lendem Zorne.— Mit der Ruhe und Stand⸗ haftigkeit eines Helden, entgegnete Villiers. — Ach, das iſt es eben, ſagte Louiſon nach einer Pauſe, daß ich dieſen Mann nicht ganz verdammen kann. Die Schuld neinos unglück⸗ 244 lichen Vaters hatte ſeine Rache herausgefor⸗ dert; ſein Leben war ihm zum nagenden Krebſe geworden.— Die Wege der Vorſehung ſind unergründlich; vielleicht wollte ihn der Him⸗ mel hier noch ſeine Schuld abbüßen laſſen, da⸗ mit er gereinigt vor Gottes Throne trete, er⸗ wiederte Villiers.— Liſette trat in die Thüre und winkte mit aufgehobenem Finger Stillſchweigen. Hinter ihr folgte in einem Mantel ein Mann, der den Hut tief über die Augen gedrückt hatte. Als er den Mantel und Hut abwarf, ſtand Louis Martignac vor der erſtaun⸗ ten Gruppe.— Theurer Louis! Lieber Bruder! Beſter Freund!l riefen Alle drei zumal. Um Gottes willen! fügte Louiſon beängſtigt hinzu; du wagſt es in dieſe Man— ern zu kommen?— Um dich zu ſehen und zu tröſten, erwiederte er und ſchloß ſie in ſeine Arme. Wie lange habe ich dieſen Genuß ent⸗ behrt! ſagte er innig, und betrachtete mit Wohlgefallen die ſchöne Geſtalt, und küßte die erröthenden Wangen.— Und die Fräu⸗ 245 lein Schweſter uͤberſehen der Herr Bruder ganz? fragte Julie ſchäckernd und trat dicht vor ihren Bruder hin.— Immer noch gleich muthwillig, wie ich merke! erwie⸗ derte er und umarmte ſie. Er ſchüttelte Vil⸗ liers Hand, und nachdem der erſte Sturm des Wiederſehens vorüber war, wurde von der Vergangenheit und über die Zukunft ge⸗ ſprochen.— Du biſt jetzt frei, ſagte Louis, nachdem dieſe Gegenſtände eine lange Zeit erörtert worden waren, keine andern Pflich⸗ ten binden dich mehr, und nichts hin⸗ dert dich, die meinige zu werden.— Ich bin frei und dein, erwiederte das Mädchen; aber ſoll ich mit dir in die Gebirge ziehen und in den Höhlen des Waldes leben? Ach, dieſer unſelige Bürgerkrieg vernichtet alle unſere Hoffnungen.— Auch uns, ſiel Villiers ein, hindert hier die Religion an unſerer Verbin⸗ dung. Laßt uns Alle in die freie Schweiz ziehen, wo unſerm Glücke nichts im Wege ſteht!— Warum nehmt ihr die milden Be⸗ 246 dingungen der Regierung nicht an? fragte Julie.— Viele unter uns ſind dazu geneigt, entgegnete Louis mit Achſelzucken, aber Ro⸗ land und Chretien bleiben unbeweglich und fordern unbedingte Gewiſſensfreiheit, und dieſen hängen die meiſten Führer an.— Trennt euch von ihnen, ermahnte Julie; ihr habt genug geleiſtet und erkämpft; größere Nachgiebigkeit könnt ihr von der Regierung nicht erwarten, und zuletzt werdet ihr doch unterliegen müſſen.— Soll ich den Saamen der Zwietracht ſäen in den Reihen meiner Brüder? fragte Louis aufwallend.— Fort, fort! rief Liſette, ängſtlich in das Zimmer ſtürzend. Soldaten rücken gegen das Haus und beſetzen es.— Fort! um Gottes willen! riefen ſchreckenvoll die beiden Mädchen.— Fort! ſagte Philipp, hängte dem Freunde den Mantel um und drückte ihm den Hut tief in die Augen. Fort, zur Hinterthüre hin⸗ aus! fügte er hinzu. Als Martigna die Treppe hinabeilen wollte, hörte er bereits 247 den Tritt der Soldaten in der Hausflur; ſchnell kehrte er um, lief eine Hintertreppe hinab und gewann die Thüre, die in den Hof führte; er eilte durch denſelben, öffnete die kleine Hofthüre und trat ins Freie. Halt! rief ihm eine ſtarke Stimme entgegen und zwei Bayonette kreuzten ſich auf ſeiner Bruſt. Ihr ſeyd unſer Gefangener; ſagte ein Offizier, vortretend. Im Namen des Kö⸗ nigs, folgt mir! Die Wache führte den Gefangenen durch mehrere Straßen; dann trat ſie mit ihm in den Hof eines großen Pallaſtes. Der Offi⸗ zier eilte die hellerleuchtete Treppe hinauf; nach einer kleinen Weile kehrte er zurück und winkte dem Gefangenen, ihm zu folgen; zwei Mann von der Wache begleiteten ihn. In einem Vorzimmer blieben ſie ſtehen; kurz darauf kam ein Stabsofftzier aus den innern Gemächern, nahm den Gefangenen an der Hand und führte ihn durch eine Reihe von Zimmern; in dem letzten blieb er mit ihm 248 ſtehen, legte die Hand auf den Mund und deutete auf einen Mann in prachtvoller Uni⸗ form, der am Schreibtiſche ſaß und die Ein⸗ tretenden nicht zu bemerken ſchien. Nach einer ziemlich langen Pauſe ſtund der vornehme Offizier auf, warf einen Blick auf die Bei⸗ den und fragte nachläßig: Dieſer.?— Ja, Ihro Excellenz, erwiederte der Stabsoffizier mit einer tiefen Verbeugung, und trat auf einen Wink, den Jener gab, ab. Ihr ſeyd einer der Anfuhrer der Prote⸗ ſtanten? begann der Offizier.— Ich habe die Ehre, vor dem berühmten Marſchall Villars zu ſtehen, ſagte Martignac in einem fragenden Tone.— So iſt es, erwie⸗ derte der Marſchall. Meine Frage? fügte er erwartend hinzu.— Ich will nicht läug⸗ nen, was Eure Erzellenz bereits zu wiſſen ſcheinen, antwortete Martignac beſcheiden und ruhig.— Euer Name?— Abdias Morel.— So heißt Ihr unter den Cami⸗ ſarden, das weiß ich, entgegnete der Mar⸗ 249 ſchall lächelnd. Aber ich möͤchte doch wiſſen, was dieſer Abdias Morel mit einer Fräu⸗ lein Saint⸗Comes, einer Fräulein Mar⸗ tignac und einem gewiſſen Philipp Vil⸗ liers, die ſämtlich von guter Familie ſind, zu verkehren hätte, daß er ſich zur Nachtzeit bei ihnen einſchleicht?— Verlegen ſtund Louis und wußte in der Eile keine Antwort zu fin⸗ den.— So reden Sie doch, Herr von Martignac, ſagte der Marſchall ſpöttiſch. Sie verſtummen ja auf einmal.— Louis wurd bald roth, bald blaß, und ſuchte ver⸗ gebens nach Worten.— Beruhigen Sie ſich, fuhr der Marſchall wohlwollend fort. Sie werden doch nicht glauben, daß ich, ſelbſt ein franzöſiſcher Edelmann, ein verliebtes Abentheuer, das Sie beſtehen, dazu benützen werde, Sie zum Gefangenen zu machen. Sie ſind frei.— Dieſer Edelmuth, Ihre Exeel⸗ lenz..... ſtotterte der Verlegene.— Iſt nicht ſo frei von Eigennutz, als Sie viel⸗ leicht glauben, erwiederte der Marſchall. Ich 250 möchte Sie zum Vermittler brauchen, um dieſem unſeligen Bürgerkrieg ein Ende⸗ zu machen, und darum habe ich das Haus des Herrn von Saint⸗Comes bewachen laſſen, weil ich vermuthete, daß die Nachricht von ſeinem Tode Sie zu einem Beſuche veranlaſ⸗ ſen werde. Sie ſehen, beſter Baron, daß mir alle Ihre Verhältniſſe bekannt ſind.— Euer Excellenz, entgegnete Martignac, ſcheinen eine zu große Meinung von meinem Einfluß auf meine Glaubensbrüder zu haben; wenn dem ſo wäre, ſo würde bereits. 33* Ich ſuche, fiel der Marſchall ein, blos einen Mann von Bildung, dem ich mich anver⸗ trauen kann. Sie werden ſelbſt einſehen, daß ich mit der Macht, die unter meinen Befeh⸗ len ſteht, ohne meiner Perſönlichkeit zu ge⸗ denken.... Eurer Ercellenz Name iſt ſo berühmt, daß.... begann Martignac. — Keine Schmeicheleien, unterbrach ihn der Marſchall, der jedoch ein ſelbſtgefälliges Läch⸗ eln nicht unterdrücken konnte. Sie ſehen alſo 251 ein, daß es in meiner Macht ſteht, die be⸗ waffneten Proteſtanten zu vernichten und dem Aufruhr durch die Gewalt der Waffen ein Ende zu machen; aber ich ziehe den Weg der Milde vor.— Aber, erwiederte Mar⸗ tignac zögernd, wer— Eure Excellenz werden verzeihen— bürgt uns für die rich⸗ tige Erfüllung der Bedingungen?— Wer? fuhr der Marſchall auf. Der Name des Kö⸗ nigs— und mein Wort, fügte er hinzu.— Eure Excellenz halten zu Gnaden, dieſe Bürgſchaften ſind groß, unverwerflich, aber ... allein.... man hat doch Beiſpiele ..... Ich kann Ihnen nicht ganz Unrecht geben, fuhr der Marſchall nach einer Pauſe ruhigen Nachſinnens fort. Ich will offen ge⸗ gen Sie ſeyn. Werfen Sie einen Blick auf die Lage des Königreichs: es iſt vom Bür⸗ gerkriege, der immer weiter um ſich greifen kann, zerriſſen, während ganz Europa, in Waffen, ſeinen Untergang geſchworen zu ha⸗ ten ſcheint. Erwägen Sie dieß reiflich, und 2⁵² Sie werden an die aufrichtigen Geſinnungen des Hofs glauben. Im übrigen will ich Ih⸗ nen noch nähere Notizen geben. Folgen Sie mir in mein Cabinet. Chretien ſtund mit etwa 800 Mann Fußvolk in einem großen, mit Mauern um⸗ gebenen Maierhofe, der Thurm von Belot genannt. Seine Reiterei hatte er unter Ca⸗ tinat auf einen Streifzug entſendet. Es war eine finſtere Regennacht, und der großte Theil der Camiſarden hatte Schutz in den Gebäuden geſucht. Nachts zwiſchen ein Uhr und zwei Uhr entdecken die ausgeſtellten Wachen ein ſtarkes königliches Truppencorps, das, von einem Verräther geführt, ſich in tiefſter Stille dem Maierhofe nähert. Im Augenblicke wird Allarm geſchlagen, und die Camiſarden eilen zu den Waffen. Schon iſt der Maierhof von allen Seiten umringt. Chretien ſetzt ſich an die Spitze der Seini⸗ 253 gen und bricht unaufhaltſam aus dem Haupt⸗ thor, gerade auf den Feind los. Ein furcht⸗ bares Handgemenge entſpinnt ſich. Die Ca⸗ miſarden werfen Alles vor ſich nieder; die königlichen Truppen fechten mit gleicher Wuth. In der Finſterniß fallen die Streiche ohne Unterſchied auf Freund und Feind. Das Geſchrei der Kämpfenden, das Geräuſch der Waffen, das Winſeln der Verwundeten und Sterbenden vermehren die Schrecken dieſes nächtlichen Treffens. Blut fließt wie Waſ⸗ ſer. Die Offiziere beider Theile rufen mit lauter Stimme ihre Namen und ſammeln, ſo gut ſie vermögen, ihre Leute um ſich. Et⸗ wa 600 Camiſarden ſchlagen ſich durch; die übrigen werden in den Maierhof zurückge⸗ worfen. Chretien ſammelt um ſich, was von den Seinigen nicht auf dem Platze geblieben iſt; ſeine Reiterei ſtoͤßt zu ihm. Er kehrt mit ihr um und erneuert den Angriff. Ein fri⸗ ſches Truppencorps von mehr als 2000 Mann 254 rückt ihm entgegen und wirft ihn zurück. Nun fallen die königlichen Truppen mit ganzer Macht auf den Thurm von Belot. Die da⸗ rinn eingeſchloſſenen Camiſarden leiſten ver⸗ zweifelte Gegenwehr; als ſie auf dem Punkt ſtehen, übermannt zu werden, zünden ſie die Gebäude an und kommen Alle in den Flam⸗ men um. Chretien zieht ſich fechtend zurück, aber von allen Seiten fallen neue Truppencorps über ihn her, denn der Marſchall hatte in aller Stille ſeine ganze Macht in Bewegung gefetzt, um dem Feinde eine entſcheidende Nie⸗ derlage beizubringen. Stets verfolgt und ſich ſchlagend, erreicht er das Dorf Nage. Hin⸗ ter ſich den Feind, vor ſich alle Anhöhen be⸗ ſetzt, glaubt er ſich ohne Rettung verloren. „Brüder! ruft er aus, unſer Weg geht über die Leichname unſerer Feinde weg, ein an⸗ derer ſteht uns nicht mehr offen.“ Die Ca⸗ miſarden drängen ſich zuſammen und fallen mit furchtbarer Wuth auf den Feind. Die 2⁵⁵ Truppen ergreift gleiche Wuth, man ſicht Mann an Mann, reißt ſich bei den Haaren nieder, und ſchrecklich wüthet der Tod auf allen Seiten. Chretien wird von einem Haufen Soldaten umringt und ergriffen. Bar⸗ nabé du desert bricht ſich Bahn zu ihm und befreit ihn. Endlich brechen die Camiſarden durch den vierfach überlegenen Feind, ſam⸗ meln ſich in einiger Entfernung wieder und ſetzen, ſtets in der Nähe verfolgt, ihren Rück⸗ zug fort. Sie erreichen den Gardon und fin⸗ den die Brücke, die über ihn führt, beſetzt. Da ſinkt dem Tapferſten der Muth; ſie er— geben ſich in ihr Schickſal und beſchließen mit den Waffen in der Hand zu ſterben. Plöͤtz⸗ lich ertönen jenſeits des Fluſſes Hörner und Trommeln. Ein ſtarker Haufen, ein ſchwarz⸗ gekleidetes Weib an der Spitze, bricht aus dem Walde. Chretien, durch dieſe Hülfe ermuthigt, ſtürzt ſich mit Wuth auf den Feind, der ſich tapfer vertheidigt. Bald erſcheint Roland mit neuen Schaaren; die Truppen 2⁵56 weichen, und der Ueberreſt von Chretiens Corps iſt gexettet. In einer einſamen Hütte der Sevennen lag die Prophetin auf einem ärmlichen Lager; ſie war in dem letzten Treffen ſchwer ver⸗ wundet worden. Ihr Geſicht war bleich wie der Tod, und ihre Augen, aus deuen das irre Feuer des Wahnſinns gewichen war, blick⸗ ten ſanft und ruhig auf die Umſtehenden. Sie winkte Roland zu ſich und ſprach eine Zeit⸗ lang leiſe mit ihm. Thränen der Rührung glänzten in Beider Augen, und über die Wan⸗ gen des kräftigen Mannes rollten milde Zäh⸗ ren, die er nicht zu verbergen ſuchte. Er nickte bejahend mit dem Haupte, trat auf die Gruppe zu, die in einiger Entfernung von dem Bette ſtund und ſprach zu Benjamin Brouſſon: Ich bitte euch, mein Bruder, mich mit dieſem Weibe zu trauen.— Ver⸗ wundert blickten Alle zu ihm empor und ſchie⸗ 257 nen kaum ihren Ohren zu trauen.— Fragt nicht, ſagte Roland ruhig; die Zeit iſt da, das Geheimniß zu löſen; und es ſoll geſche⸗ hen, ſobald die heilige Handlung vollzogen iſt.— Martignac, Chretien, Antoine und Margot traten als Zeugen an das Kran⸗ kenlager und der Geiſtliche vollzog die Trau⸗ ung. Nachdem ſie vorüber war, knieete Ro⸗ land am Bette nieder; die Kranke beugte ſich zu ihm herab und ſprach im Tone des reinſten Entzückens: So iſt mein letzter Wunſch erfüllt, und glücklicher, als ich verdiene, be⸗ ſitze ich den im Tode, deſſen ich im Leben nicht würdig war! Sie winkte mit der Hand und hüllte ſich in ihre Kiſſen. Roland er⸗ hob ſich, betrachtete einige Augenblicke ſchwei⸗ gend die Dulderin und fragte ſie dann mit ſanfter Stimme: Und willſt du deinen Sohn nicht ſegnen?— Langſam erhob ſie das Haupt; auf ihrem Geſichte mahlte ſich eine Miſchung von Schaam und Entzücken; ihre Augen ſchweif⸗ ten über die Umſtehenden und blieben mit dem 258 Ausdruck der Mutterliebe auf Chretien haf⸗ ten.„Der Tod macht rein von jeder Schuld! rief ſie, das Gefühl der Schaam beſtegend. O, mein Sohn! mein Sohn! fügte ſie hinzu und ſtreckte die Arme gegen ihn aus.— Zögernd, mit ungewiſſen Blicken, bald die Kranke, bald die Umſtehenden betrachtend, ſtund der Jüng⸗ ling da.— Sie iſt deine Mutter! ſagte Ro⸗ land verſichernd zu ihm. Da ſtuͤrzte er in ihre Arme. Befremdet, doch mit Theilnahme, blickten die Uebrigen auf die Gruppe. Als der Jüngling ſich den Mutterarmen entwand, ſah er Roland fragend an und ſagte: Und du biſt mein Vater?— Bei dieſen Worten hüllte die Kranke ihr Geſicht in die Kiſſen. Roland's Stirne wurde finſter, er zog den Jüngling an ſeine Bruſt und ſprach tief be wegt: Frage nicht nach deinem Vater; du haſt keinen mehr.— Deine Augen ſahen ihn ſterben! rief das Weib, mit wiederkehrendem Wahnſinn, im Tone der Verzweiflung.— Wie? Wos? fragte ungeſtuͤm der Jüngling. 259 — Weib, rief Roland warnend.— Im Schloßhofe von Pont de Montvert, antwor, tete die Kranke und ſank faſt leblos zurück. — Der Abt Chailal riefen die andern, und das Entſetzen mahlte ſich auf ihren Zügen. Vernichtet ſtund der Jüngling. Ich heiße Adalbert von Vermont, ſagte Roland zu der Gruppe, die vor der Hütte erwartungsvoll um ihn ſtund.— Mein Oheim, meiner Mutter Bruder? rief Mar⸗ tignac erſtaunt.— Der bin ich, erwiederte Roland ruhig.— O, meine Ahnung! darum waren mir dieſe Züge ſo bekannt und! vertraut. Aber man ſagte Sie todt?— Hört! Ich liebte Adele von Mirecourt mit der glühen⸗ den Leidenſchaſt der Jugend. Die Zeit unſe⸗ rer Verbindung war nahe. Als ich von ei⸗ ner Reiſe nach England zurückkam, ſand ich ſte ungetreu, verführt von einem Prieſter.— Dem Abt Chailas fragte unbeſonnen Mar⸗ 160. tignac.— Chretien erbleichte und Ro⸗ land, in peinigender Erinnerung, runzelte fin⸗ ſter die Stirne. Nach einer Pauſe fuhr er fort. Der Geyer nagte an dem Herzen der Un⸗ glücklichen; als die Zeit ihrer Entbindung kam, ergriff ſie ein wilder Wahnſinn, ſie floh in das Gebirge und hinterließ in einem Schrei⸗ ben, daß ſie ſich und ihre Schande in dem tiefſten Abgrunde der Sevennen begraben wer⸗ de. Von dieſem Tage an wurde ſie nimmer geſehen und man hielt ſie für todt. Nach ei⸗ ner Reihe von Jahren, in denen ich mich in dem Wirbel des Lebens herumgetrieben hatte, kam ich in die Sevennen zurück, entſchloſſen, mein freudenloſes Daſeyn ganz der Rettung meiner verfolgten Glaubensbrüder zu weihen. In der Wahnſinnigen, die in einer Höhle des Gebirgs lebte und von dem Volke als eine Prophetin verehrt wurde, fand ich Adelen wieder. Die Zeit hatte meine Leidenſchaft und meinen Zorn abgeſtumpft und ſie diente durch ihre wilde Begeiſterung meinen höhern 161 Zwecken. Tief im Gebirge, in einer abgele⸗ genen Hütte, war ſie entbunden worden. Die Frucht ihrer unglücklichen Leidenſchaft warſt du, Jüngling, ſprach Roland zu Chretien! deine Pflegeltern, zu denen du gebracht wur⸗ deſt, erzogen dich als ihr eigenes Kind, und Niemand, als ſie, wußte um deine Abkunft. Mich hielt man für todt, denn ein Schiff, auf dem ich mich befand, war geſcheitert, und nur ich, mit wenigen andern, hatte mich an's Ufer gerettet. Meinen Namen kannte Nie⸗ mand. Das Landvolk nannte mich Roland vom Gebirge. Das Schickſal, fuhr Roland nach einer Pauſe ſchwermüthig fort, ſcheint unſere größe⸗ ren Plane, für den Augenblick wenigſtens, nicht zu begünſtigen. Die milden Bewilligun⸗ gen, die man uns liſtig bietet, haben einen Theil der Unſrigen gelockt, einen anderen Theil hat unſer letzter Unfall wankend gemacht. Ihr, die ihr noch in der Blüthe der Jugend und Hoffnung lebt, ſucht euch eine Zuflucht im 262 fremden Lande; ich, der nichts mehr im Le⸗ ben ſucht und hofft, bleibe hier im Gebirge mit meinen Getreuen, um meinen Glaubens⸗ brüdern helfend nahe zu ſeyn, wenn die Ver⸗ folgung, wie ich fürchte, aufs Neue ausbricht. — Ich bleibe bei dir, ſprach Chretien fin⸗ ſter.— Wie, Jüngling? fragte Roland er⸗ ſtaunt; noch blüht dir der friſche Kranz des Lebens und viele Tage des Glücks liegen noch vor dir.— Die meine Seele liebte, erwie⸗ derte eintönig der Jüngling, ſah ich zum To⸗ de führen; ihren Mörder habe ich erſchlagen an der Brücke von Karnagt den, der mir das Leben gab, ſah ich ſtei igen im Schloß⸗ hofe von Pont de Montvert, und meine Mut⸗ ter liegt in den letzten Zügen. Kein heiterer Stern leuchtete über der Stunde meiner Ge⸗ burt; einſam und verlaſſen muß ich leben und ſterben, wie ich geboren ward.— Ich alter Mann, ſagte Benjamin Brouſſon, will bei euch ausharren in der Uebung mei⸗ 8 —= —.—— 263 ner Pflichten, bis mich mein Herr und Mei⸗ ſter, Gott gebe bald! zu ſich abruft. An den freundlichen Ufern des Genfer Sees ſtund ein Mann in ländlicher Tracht vor einem einfachen, aber geſchmackvollen Land⸗ hauſe. Er ſchien fremd in der Gegend, denn er betrachtete das Haus aufmerkſam und ſagte für ſich:„Hier muß es ſeyn, nach der Be⸗ ſchreibung.“ Ein kräftiger Mann, in der an⸗ ſtändigen Kleidung eines kleinen Gutbeſitzers, trat unter das Portal.„Wohnt nicht hier ..... began Fremde zu fragen?— Damien? rief Jener freudig beſtürzt aus, biſt du es?— Wie du ſiehſt, Antoine, erwie⸗ derte Damien trocken. Schnell zog ihn An⸗ toine in das Haus und in den Kreis ſeiner Familie. Seit ſechs Jahren lebten Antoine und Margot, Martignac und Louiſon, Villiers und Julie an dem Genfer See, 264 wo ſie ſich angekauft hatten, in ungetrübter Ruhe und im Schooße des häuslichen Glücks. Ihre Landhäuſer lagen nicht weit von einan⸗ der entfernt, und Antoine lebte mit beiden auf dem Fuße der vertrauten Freundſchaft, denn ſie hatten im Laufe ihres Lebens die Standesvorurtheile verachten lernen.— Und du biſt doch gekommen, um bei uns zu blei⸗ ben, Damiene? fragte Antoine.— Ro⸗ land iſt todt, erwiederte Damien finſter, und ſo will ich denn meine übrigen Tage bei heuch zubringen.— Todt? fragte Antoine beſtürzt.— Todt! antwortete Damian ein⸗ tönig. Wenn Ihr Alle beiſammen ſeyd, ſollt Ihr die traurige Geſchichte hören. Die Freunde wurden beſchieden und eilten ſchnell herbei; auch Antoine's alte Eltern, die bei ihrem Sohne lebten, fanden ſich ein. „Wir blieben, begann Damien, wie ihr wißt, bei eurer Abreiſe im Hochgebirge un⸗ ter den Waffen, und man ließ uns ungeſtört, da man den Wiederausbruch des Aufſtandes 265 fürchtete. Die Verfolgungen hörten auf, denn wir wachten über die Vollziehung des ſtill⸗ ſchweigenden Vertrags, den man mit den Einwohnern der Ebene abgeſchloſſen hatte. Wäre er gebrochen worden, ſo waren wir bereit, unſere Glaubensbrüder zu rächen und die Flamme des Kriegs neu zu entzünden. So lebten wir Jahre lang faſt in gänzlicher Sicherheit. Unter der Hand ſpürte man Ro⸗ lands Schritten nach, denn ihn vor Allen fürch⸗ tete man. Eines Tages reitet er ganz allein, wie er oft pflegte, in das Schloß Caſtelnau; er kehrt zur Nachtzeit in das Gebirge zurück;“ ein Haufen Dragoner verfolgt ihn; er flieht auf ſchnellem Roſſe; von allen Seiten zeigen ſich neue Feinde. Man gibt Feuer auf ihn; ſein Pferd wird verwundet, er ſtellt ſich mit dem Rücken an einen Oelbaum; die Feinde dringen auf ihn ein; viele ſtreckt er in den Staub, bis er zuletzt unter der Zahl erliegt. „Dieß war alſo das Ende des edelſten und kräftigſten Mannes, dem nur ein Thron fehlte, um einer der beſten Regenten, und ein Heer, um einer der größten Feldherrn zu wer⸗ den! ſagte Martignac ſeufzend und eine Thräne enſiel ſeinem Auge. Der Camiſarde II. 12 266 Chretien, unter ihm Catinat und Barnabé du desert, blieb an der Spitze der Camiſarden, die in ihren Bergen unüberwind⸗ lich waren. Der Zeitpunkt ſeines Todes iſt nicht bekannt. Seine Gewalt ſcheint aber auf Nachfolger übergegangen zu ſeyn, denn bis auf die neueſten Zeiten waren die Pro⸗ teſtanten der Sevennen zum Widerſtande organiſirt, und als bei der Reſtauration der Bourbons der Fanatismus ſein Haupt in den ſüdlichen Departementen Frankreichs wieder erhob, als Treſtaillon und ſeine Spiesgeſel⸗ len ihr Unweſen trieben, ſtunden in einem Augenblicke dreiſſig tauſend Proteſtanten der Sevennen unter den Waffen, bereit, ihren verfolgten Brüdern zu Huͤlfe zu ziehen, wenn nicht eine verſtändigere Politik den rohen Ausbrüchen des katholiſchen Pöbels ſchnell ein Ende gemacht hätte. Ende. ¹ 1 1 Belletriſtiſche und andere Verlagswerke von Carl Hoffmann in Stuttgart die in allen Buchhandlungen zu haben ſind. Béranger, P. I. de, Chansons. 12. br. 1 fl. 12 kr. oder 20 gr. Dieſe Ausgahe der Geſange des berühmten Volks⸗ dichters iſt die einzige in Deutſchland erſchienene, und zeichnet ſich durch correcten Druck und Wohlfeilheit aus. Campan, Madame, Mémoires sur la vie privée de Marie Antoinette. 3 Vol. 12. 3 fl. 36 kr. oder 2 Rthlr. 12 gr. Die Memoiren der geiſtreichen Madame Cam⸗ pan feſſeln durch Intereſſe des Inhalts und eine leichte gefällige Diction. Sie läßt den aufmerkſa⸗ men Leſer tiefe Blicke in das Triebwerk der fran⸗ zoͤſiſchen Staatsumwälzung thun, ohne je die ge⸗ bildete, gefühlvolle Frau zu verläugnen. Daru, P., histoire de la République de Vénise, 9 Vol. 12. 8 fl. 24 kr. oder 5 Rhlr. 20 gr. Ein Geſchichtswerk, das an Tiefe der Forſch⸗ ung ſeines Gleichen in der franzöſiſchen Literatur wenige hat. Vorſtehende Ausgabe koſtet kaum den dritten Theil des Originals; ein neuer Grund zu ſeiner Empfehlung. Délavigne, thédtre, Messéniennes et poé- sies diverses. 2 Vol. 12. 1 fll 48 kr. oder 1 Rthlr. 8 gr. Der Name des Dichters der Meſſeniennes, der Vernunftheirath und ſo mancher andrer aus⸗ gezeichneter Dichtungen, iſt hochgeehrt in Frankreich, und ſeine Werke ſind zum tudium der franzöſiſchen Sprache unerläͤßig. 1 Gourgaud, Napoléon et la grande armée en Russie, ou examen critique de T'ou- vrage de Msr. le comte de Ségur. 2 . Vol. 12. 1 fl. 48 kr. oder 1 Rthlr. 6 gr. Jouy, de, lhèérmite de la Chaussée d'Antin, ou observations sur les moeurs et les usages français au commencement du XIX sièécle. 3 Vol. 12. 3 fl. 36 kr. oder 2 Rthlr. 12 gr. —— Thermite en province, ou observations sur les moeurs et les usages français au commencement du XIX. siècle 3 Vol. 12. 3 fl. 18 kr. oder 2 Rhlr. 9 gr. Es gibt der Werke wenige, die wie Jouy's Sittengemälde, alle Eigenheiten der Geiſtesrichtung der Franzoſen entfalten. Er macht unter heitern Scherzen den Leſer zum Zeugen des geſammten Volkslebens in ſeinem Vaterlande. Sein Styl iſt glanzend und lebhaft und beide obige Werke dürfen auch weiblichen Leſerinnen empfohlen werden. The literary treasures of England, a com- plete collection of the poetical master- pieces of the most celebrated english oets. Published by Dr. Ch. Weil. 8. br. Subſcriptionspreis 36 kr. oder 9 gr. der Band.. Die beſten poetiſchen Werke aller brittiſchen Dichter, von Spencer und Shakeſpeare an bis her⸗ ab auf Byron, Scott und Moore, erſcheinen in dieſer Sammlung, die ein ſehr billiger Preis, Ele⸗ anz und Correctheit jedem Freunde der engliſchen iteratur empfehlen. Vol. I. und II. ſind verſendet und können in allen Buchhandlungen angeſehen wer⸗ den. — 3————— fſſſſiſinnſſſisſ nn n nnhh- TMInnunm V 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 4. 9 85 dull 1 v 8 EEEEE — 5“— 1 A. „ — * — 8 ö“ „ 5*. 5 2 4 4 1