4. Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oilmann in Gießen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Aeſebedingungen 1. Ofrensein der Ribliothek. Die Bibliother ſteht zur Em. p angnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens offen. 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr 2. Lesepreis. Bei ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent gennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprecheng de Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. w 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 8 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: N8 auf 1 Monat: 1 M. Ff. 1 Mr. 50 Ff. 2 NM. P. 15. Auswärtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der 5 Padenpreis herei mheentlich9 Iſt vir zerriſſene, deſch tzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. „ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 eh feſtgeſetzt und wird — 2A 3 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da den Bücher nicht ſtattfinden darf, indem elbe das Weiterverleihen i teitnigen, welche die⸗ i von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 3 4⁴ Adel und Nat ur. National⸗Roman. Adel und Natur. National⸗Roman von Sengebuſch. Hamburg, bei Johann Philipp Erie. 1828, * Won Deinen Bauern, die, wie ich weiß, Dir Alle zugethan ſind, wie Du es verdienſt,— oder auch aus der Nachbarſchaft, bieteſt Du ein halbes Dutzend entſchloſ⸗ ſener junger Burſche auf⸗ Dir zu einer Unternehmung zu folgen, welche Dir ſehr am Herzen liege,— es be⸗ darf aber ihrer ſo viel nicht, denn Dein Reitknecht und der große Jaͤger Gruͤnewald, den Du in Waldheim bey Dir hatteſt, ſind ſchon ganz allein die Leute dazu, Du ſagſt ihnen aber nicht, den Jaͤger ausgenommen, wohin es geht, bis ſie an Ort und Stelle ſind. d Damit es nun raſcher ſich foͤrdert, ſo laß zwey leichte Wagen, jeden mit vier Pferden ruͤſten und ſetze Dich mit den Leuten darauf, einige uͤberfluͤſſige Hand⸗ pferde laufen ledig nebenbey, beſonders fuͤr mich ein großes, ſicheres, ſchulgerechtes, und ſehr ſchnelles Pferd, Sattel und Zeug und Waffen lege auf die Wagen. Es wird Dir an Credit nicht fehlen, indeſſen lege ich zum Ueberfluſſe meine Diamanten hier bey, die genu⸗ gen werden. II. 1 beginnt ein groſſer Wald und ungefaͤhr dreyßig Schritte Nun zur Ausfuͤhrung in Ruͤckſicht auf die Loca⸗ litaͤt. Wenn Du uͤber Heidelderg und Stuttgard auf hier reiſeſt, ſo iſt es unmoͤglich den Weg zu verfehlen, den Du halten mußt, weil Duͤren auf einer Donauinſel liegt, Du alſo erſt uͤber den Fluß muͤßteſt, um von der unrechten Seite anzulangen. Heute ſchreiben wir den 2ten Junius, am é6ten d. hoͤchſtens, haſt Du dieſen par estatette an Dich ab⸗ zuſendenden Brief, zur Vorbereitung auf die Reiſe brauchſt Du vier Tage, am 11ten reiſeſt Du, am 18ten, hoͤch⸗ ſtens am 19ten Abends, biſt Du in*** eine Meile von Duͤren, wo Du mit Deinen Leuten uͤbernachteſt. Am andern Morgen mit Tagesanbruch, nimmſt Du Deinen Poſten ein, wovon nachher.— Sollteſt Du aber,— man kann das ja nicht wiſſen,— bey Tage anlangen, ſo ſtellſt Du Dich eine Stunde vor Sonnenuntergang auf die Lauer, welches gar nicht auf⸗ fallen kann, da*** eine Stunde von der Graͤnze der Grafſchaft entfernt iſt und Du ſo ausfahren kannſt, daß Du ungefaͤhr zur beſtimmten Zeit eintriffſt. Soll⸗ teſt Du etwas fruͤher ankommen, ſo laß ein Rad von einem Wagen ziehen, laß fuͤr die Paſſirenden Raum und thu als ob Schaden geſchehen ſey. Ungefaͤhr zwanzig Schritte diesſeits von der Graͤnze . — 3— weiter, alſo im Holze, biegt die Straße rechts um eine Waldecke und fuͤhrt dann in grader Linie auf die Bruͤcke zu, bis wohin wohl von der Graͤnze, eine halbe Meile ſeyn mag. 1 Hinter dieſer Waldekke laß die Deinigen halten, Du Selbſt aber waͤhle Deinen Platz weiter vorwaͤrts im Holze, ſo, daß Du den ganzen Weg uͤberſehen kannſt. Dies Alles kann mit großer Sicherheit geſchehen, da dieſer ganze Theil des Waldes aus jungem Holze beſteht⸗ welches, ſehr dicht bewachſen und belaubt, Dich und die Deinigen vollkommen verſtekken wird. Komme ich dann, die beyden Cuiraſſiere und der Reitknecht hinter mir, ſo ſchikke einen Kerl zu Fuße⸗ mit dem fuͤr mich beſtimmten, guten Pferde, mir ent⸗ gegen, ſo, daß er ungeſaͤhr funfzig Schritte von der Graͤnze, alſo ungefaͤhr hundert Schritte von der Wald⸗ ekke, mir begegnen muß. Ich werde ihn fragen:„wo⸗ 8 hin er mit dem Pferde will?« und er wird antwortent »nach Schloß Duͤren, zum jungen Herrn Baron von Freyburg!—„und von wem?⸗„vom alten Herrn zu Dorſten!«⸗ dabey wird er einen Brief an mich aus der Taſche ziehen, der uͤbrigens nur Form, Siegel und Aufſchrift zu haben braucht. Ich nehme ihm das Pferd ab, gebe ihm Geld und er kehrt auf der Stelle zu Dir zuruͤck, um Dir nicht zu fehlen und nicht uͤbergeritten zu werden. 1* — 4— Denn nun gebe ich mein bisheriges Pferd an den Reitknecht, ſetze mich auf das neue, es zu verſuchen, reite hin und wieder, naͤhere mich der Graͤnze immer mehr, und ſobald ich den Moment erſehe, ſprenge ich der Waldekke zu und nun kommt die Hauptſache. Sobald du ſiehſt, daß ich wieder zu Pferde bin, ſetzeſt Du Dich auch in den Sattel und haͤltſt mit dem zuverlaͤſſigſten Deiner Leute, wird wohl der groſſe Jaͤger ſeyn, vorne an, und ſo wie Du meine Carriere ganz nahe hoͤrſt, nicht fruͤher, ſprengſt Du mit ihm vor, grade auf den alten Joſeph zu, den ihr in die Mitte nehmen und ſchlechterdings vom Pferde ſtoſſen oder reiſſen muͤßt, der Reitknecht iſt unbewaffnet, alſo nicht zu beachten, aber der gemeine Cuiraſſier folgt dem Joſeph ſicher auf dem Fuße, iſt alſo Joſeph expedirt, dann grade auf den Andern zu und dieſen auch vom Pferde! Trauſt Du Dir aber nicht gewiß, ihn ſo zu faſſen, daß er faͤllt, ſo gieb ihm eine gute Seitenterz in den Nacken und halt Dich auf jeden Fall links, damit Du die rechte Seite gegen ihn haſt, denn der Hieb hat mehr Effect und trifft auch ſicherer. Liegen ſie, ſo koͤnnen Deine Leute das Urbrige thun, raſch zuſpringen und ſie binden. 1 Du merkſt nehmlich wohl, wo ich hinaus will! Ich will, wenn es moͤglich iſt und ohne irgend eine Gefahr fuͤr Dich abgehen kann, Blutvergießen vermei⸗ — 89— den, beſonders auf Duͤrenſchem Teritorio. Darum laß den Joſeph nur erſt uͤber die Graͤnze kommen, ehe Du los brichſt und ſetze die Pferde nicht in Carriere, ein guter Galopp iſt ſicherer, er dagegen kommt gewiß Car⸗ riere hinter mir drein, und ſo haſt Du den Vortheil. Da ich uͤbrigens fuͤrchte, daß er ſchießt,— und er hat einen gewaltigen Schuß weg,— ſo werde ich mir bey Zeiten ein Loch erleſen, wodurch ich rechts oder links ab ins Holz hinein ſetzen kann.— Wundere Dich auch nicht, daß ich ſo ſorgſam bin, mein ganzes Bischen Daſeyn iſt verpfaͤndet und gehoͤrt dem Herrn Grafen!— und nun noch eine, die letzte Bitte! Wenn Du bey einer ſo elenden Gelegenheit, von ſolcher Hand— auch nur Schaden naͤhmeſt,— Du ſtehſt ein, welches die Folgen ſeyn wuͤrden! Du ſiehſt ein, wie ungluͤcklich ich ſeyn, was ich leiden, wie ver⸗ haßt ich Deinem Vater werden wuͤrde! Du biſt des alten Mannes einziger Sohn,— bedenke was das ſa⸗ gen will und ſchone Dich! nnd bedenke: welch ein Epitaphium ich Dir ſetzen wuͤrde!!— Fragſt Du mich, wie Gefahr bey ſolcher Gelegen⸗ heit vermieden werden ſoll? ſo vernimm was ich ſage!— Ich habe oft von Dir gehoͤrt, daß zu Dorſten eine ganze alte Ruͤſtkammer vorhanden iſt. Daraus nimm Dir fuͤr Dich und Deinen Nebenmann, Helm, Bruſt⸗ harniſch, Bein⸗ und Armſchienen und laß ſie ruhig auf dem Wagen, bis ihr mich nahen ſeht und der Kerl mit dem loſen Pferde ſich mir entgegen in Be⸗ wegung ſetzt, denn dann iſt's noch Zeit genug, die Ruͤ⸗ ſtung anzulegen, nur muß vorher genau nachgeſehen werden, ob auch die Riemen und Schnallen alle gut und brauchbar ſind, ob auch uͤberhaupt die Ruͤſtung paßt und nun werde ich ſehen, ob Du mich liebſt, in⸗ dem Du mir darin meinen Willen thuſt und an mich und an Deinen alten Vater denkſt,— Du biſt der lezte Deines Stammes!— vergiß das nicht und laß den alten Mann nicht mit Herzeleid in die Grube fahren! — Zudem rechne ich bei der ganzen Sache nur auf Dich und den Jaͤger, denn nach Allem was ich hoͤre und ſehe, bin ich uͤberzeugt, daß der alte Joſeph und ſo einer wie der andere Reuter, ein ganzes Regiment Bauern in die Flucht ſchlagen. Hier iſt ein alter Mann der mit ihm diente, auch ſo ein Goliath, der ihn oft geſehen hat, wo es heiß hergegangen iſt; dieſer ſagt, er vergaͤſſe das nie, wie der alte Graf und dieſer Joſeph mit einer Handvoll Leuten bey Molwitz gewuͤthet haͤtten, als ſie Deinen Vater ranzioniren wollen und auch richtig herausgehohlt haͤtten, Freund und Feind waͤre daruͤber erſtaunt, und doch waͤren die Beiden damals nur blutjunge Leute geweſen. Sieh, darum iſt mir der alte Kerl ordentlich lied „— und ich wollte ungerne, daß ihm ein Leid geſchaͤhe⸗ obgleich er die Kugel vor den Kopf verdiente! Iſt es aber nicht anders,— nun,— ſo muß er dran,— warum laͤßt er ſich zu Meuchelmord brauchen!— das wirſt Du nun am Beſten einſehen! Und nun noch Eins: laß Einem der Leute einen uͤbrigen Saͤbel fuͤr mich bereit halten, und mir hinrei⸗ chen, ſo wie ich angeſetzt komme, am liebſten eine Klinge wie die ſaͤchſiſchen ſchweren Reuter ſie fuͤhren (Du haſt ja nicht weit nach Solingen!) ſchmal und dick und in der ganzen Schwaͤche ein wenig geſichelt, es ſind doch die einzigen Reuterklingen die was taugen, alle andern fledern, fallen flach, oder nehmen zu groſſe Kraft in Anſpruch, wenn ſie ſcharf fallen ſollen und haben immer den Effect nicht.— Bringe mir auch Deine beiden groſſen Pakker mit! Bin ich erſt frey, dann denken wir daran, dem Herrn Grafen mein Wort zu loͤſen,— ich kann Dir ſagen, es peinigt mich ordentlich das Verlangen an ihn zu kommen! er ſoll ſich verwundern, der lange La⸗ ban!— Du aber mein Freund, mein Retter, mein Gott, ſey vorſichtig, das iſt die Hauptſache!— wie ſehne ich mich Dir an die Bruſt zu ſtuͤrzen!— Dein Carl. Als er dieſen Brief geſchrieben und couvertirt hatte, sing er zum alten Grafen und ſagte:„mein Vater — 8— fragt mich in ſeinem lezten Briefe ob es nicht vor⸗ theilhaft waͤre, den Waldheimer Forſt zu verkaufen, wozu er jetzt gute Gelegenheit haͤtte und das Revier urbar zu machen? I Nun aber iſt Waldheim mein liebſtes von allen Guͤtern, ungleich lieber mir als Dorſten und beſonders der herrliche Wald!— Der Brief iſt lange unterwe⸗ ges geweſen, ich fuͤrchte er verkauft mir das Holz, darum will ich ihm dieſen Brief par estafette ſenden und da habe ich eine ſehr gewagte Bitte,— wenn ich auf guͤtige Verzeihung rechnen duͤrfte!— „Ohne alle Bedingung, ſagen Sie nur, was wird es ſeyn!“ rief der alte Mann. Die Poſten und beſonders dies Poſtamt ſcheinen mir ſehr unzuverlaͤſſig;— ich wünſchte,— ich moͤgte bitten,— aber ich wage kaum es auszuſprechen— daß Sie die Gnade haͤtten mich mit ſich auf das Poſtamt zu nehmen, und nicht nur dieſen Brief, ſondern alle folgende nachdruͤcklich zu empfehlen. „Waͤre es nicht ſo ſchoͤnes Wetter und wuͤßte ich nicht, daß Sie ohnehin immer gegen Abend ſpazieren fahren, ſo wuͤrde iche⸗— „Wohin wir fahren,“ untergrach ihn der Graf, wiſt ganz einerley. Dazu, Sie haben recht, der Poſt⸗ meiſter iſt nachlaͤſſig⸗ dieſer Brief aber ſoll in Ihrar Gegenwart expedirt werden⸗ 47 1. 1 Bald war angeſpannt und vorgefahren, der junge Graf aber fand Gelegenheit ſeinem Gegner, obgleich dieſer dem alten Manne nicht von der Seite ging, zu ſagen⸗„Sie ſcheinen nicht Wort zu halten, deſto beſſer halte ich es, denn das Blendwerk mit dem Brieſe kaͤuſcht mich nicht!« worauf dieſer erwiederte:„Ihre Verblendung iſt groß, denn ich merke, Sie kennen mich noch immer nicht, aber Sie ſollen mich kennen lernen!“— und als ſie nun einſteigen wollten, bat ein Jaͤger um gnaͤdige Erlaubniß mit zur Stadt fah⸗ ren zu duͤrfen, erhielt ſie vom alten Herrn ohne Arg und ſetzte ſich mit der Buͤchſe neben den Bedienten. Auf dem Poſthauſe ward die Eſtafette ſogleich be⸗ ſtellt und unterdeſſen ging der alte Graf mit unſerm Freunde in eben jenes Oberſtuͤbchen, wo dieſer den Sohn vor Kurzem zuerſt geſehen und geſprochen hatte; er ſaß an eben dem Fenſter, an welchem er zuerſt die Stimme des jungen Grafen vernommen hatte und man kann denken, welche Gedanken und Empfindungen ihn beſtuͤrmten und wie ungleich mehr ſie ihn geguaͤlt haben wuͤrden, haͤtte nicht des alten Mannes Gegenwart und Unterhaltung ihnen eine wohlthaͤtige Inerubsochung gegeben! Bald war der Reuter da, der Brief ward expedirt und unſer Freund mit ſeinem Poſtſcheine in der Taſche zoͤgerte noch, um dem Briefe einigen Vorſprung zu ver⸗ — 10— ſchaffen, in unnoͤthiger Sorge, ſo lange moͤglich, mit der Ruͤckreiſe, welche ihn daher erſt ziemlich ſpit: wieder heim brachte. Der Bruder, den das Mißverhaͤltniß zu der gelieb⸗ ten Schweſter ſchmerzlich druͤckte, hatte unterdeſſen wie⸗ der Gelegenheit gewonnen ſich ihr zu nahen, um we⸗ nigſtens ihr Rede abzugewinnen, doch nur nachdem er alles Vorgefallene ſelbſt ihr mitgetheilt und ſie darin die volle Beſtaͤtigung der Erzaͤhlung ihres wilden Freundes gefunden hatte, ohne dagegen irgend etwas ihm zu ent⸗ dekken, weil ſie davon die verderblichſten Folgen voraus⸗ ſehen mußte. Es war ihr nun leicht, ihn das Unbillige und das Unedle, ja, das ganz Raſende eines ſolchen Verfahrens erkennen zu machen, in ſo ferne auf ſolchem Wege Ehre nicht gerettet, ſondern nur verlohren werden koͤnne und ſo gelang es ihr den Bruder zu beſtimmen, die Hand zum Frieden, als der Beleidiger, zu bieten und es in die Wahl des Fremden zu ſtellen, ob er die Ankunft des Barons erwarten, oder ſofort ſcheiden wolle, wenn gleich, wie ſie voraus ſah, Jener allemal auf den Kampf beſtehen werde. Da ſie aber der Ueberzeugung ſich nicht erwehren konnte, von ihm geliebt zu ſeyn und nur von ihm mißverſtanden zu werden, ſo konnte ſie unmoͤglich die Hoffnung aufgeben, es werde ihr gelingen, we⸗ nigſtens ſpaͤter, wenn die Ruhe wieder bey ihm ein⸗ — 1— gekehrt ſeyn moͤgte, auf ihn zu wuͤrken und ihn ein⸗ zuſtimmen. Der Reſt des Tages ward minder peinlich ver⸗ bracht als deſſen vergangene groͤſſere Haͤlfte, da Bar⸗ nekow mit groſſer Unbefangenheit, obgleich nur mit den Aeltern, ſich unterhielt, denen indeſſen die zwiſchen ihm und dem Sohne eingetretene Spannung nicht entging, und alle dieſe wahrhaft guten, ſehr unnthig gequaͤlten Menſchen ſchieden, einen Einzigen ausgenommen, von einander nicht ohne groſſe Sorge, aber ohne groſſe Hoffnung. Dieſe eine Ausnahme machte unſer, aus einem negativen zu einem poſitiven und darauf nun wieder, aber mit großem Mißbehagen, zu einem negativen Ja⸗ ſon gewordene Freund, in ſo ferne er das goldene Vlies, welches abzuwehren, nicht zu holen, er gekommen war, darauf aber gar gerne ſich geholt haͤtte, nun wieder mit ſehr feindlichen Augen betrachtete, ohne in ſeiner Verſtokkung zu bemerken, daß grade dieſer Ingrimm, mit welchem er es betrachtete, das ſi ſicherſte Zeichen eines großen Verlangens ſey, und nicht konnte er, gleich jenem Kundigen, ſich ſagen: Manco P'antico ardore E' son tranquillo a segno, Che in me non trova sdegno, Per mascherarsi„ amor! 1) — 12— An Hoffnungsloſigkeit aber war bey ihm nun wei⸗ ter nicht zu denken, denn er hatte ja ſeinen Poſtſchein uͤber den richtigen Abgang ſeiner Depeche in Haͤnden, und auf ſeinen Freund konnte er bauen. Weiter hinaus aber dachte er gar nicht, ſondern hatte Nichts vor Augen als ſeine Freiheit vor allen Dingen wieder zu gewinnen, worauf ſich dann die Rache ſchon finden ſolle, und moͤgte ſie auch erſt nach Jahren moͤglich werden wollen, waͤhrend er den Verrath der Schweſter zugleich im Bruder beſtrafen zu koͤnnen mit wildem Vergnuͤgen erwog,— fuͤr jetzt nur bedacht, jedem Argwohne, jeder ſtrengeren Haft vorzubeugen, eben daher aber entſchloſſen, mit der erdenklichſten Maͤſ⸗ 4 ſigung aufzutreten, die Lebensweiſe anzunehmen, welche 1 die Ausfuͤhrung ſeines Planes erforderte und welche, taͤglich erneut, jeden Argwohn entfernen mußte. Er beſtellte daher, um allen Anſchein einer beab⸗ ſichtigten Ueberraſchung zu vermeiden, noch an demſel⸗ ben Abende ſpaͤt ſich ein Pferd auf den anderen Mor⸗ gen, ohne daß gleichwohl der junge Graf es erfuhr, da zer ſonſt zuverlaͤſſig die angeordnete Begleitung abbeſtolle haben wuͤrde. Waͤhrend daher unſer Barnekow vor dem Schloſſe aufſaß und, den Reitknecht hinter ſich, raſch davon ritt, 1 ſah Jener mit Verdruß von ſeinem Fenſter aus, daß Joſeph und ſein Nizky, ſo hieß der andere Reuter, aus 9 *½ 3—=— dem belaubten Wege, der vom Stalle ab in den Haupk⸗ weg einbog, raſch hervorbrachen und Jenem folgten, welches zu hindern es nun allerdings zu ſpaͤt war,— waͤhrend unſern Freund am Meiſten verdroß, daß Jo⸗ ſeph nun das treffliche Pferd ritt, welches ihm bis jetzt immer vorgefuͤhrt worden war. Barnekow ritt auf dem Wege, auf welchem ihm Rettung kommen ſollte, bis an die wohlbekannte Wald⸗ ekke, er ſah bald einen Schlupfwinkel rechts im Holze, 4 hielt ſich aber immer mitten auf der Straſſe, ſo, daß gar kein Verdacht entſtehen konnte und uͤberzeugte ſich mit groſſer Frende, ſeine Dispoſition aus dem Gedaͤcht⸗ niſſe ſehr ortgemaͤß gemacht zu haben, einer nachtraͤg⸗ lichen Verbeſſerung alſo nicht zu beduͤrfen, waͤhrend ſeine Begleiter, ihrer Inſtruction eingedenk und ihren treffli⸗ chen Pferden vertrauend in großer Entfernung hinter ihm blieben, um Aufſehen moͤglichſt zu vermeiden. Schlaf und Ruhe, das truͤbe Bild der geliebten, ſichtbar leidenden und, wie es ſchien, ſogar verſchmaͤh⸗ ten Schweſter, die dadurch wachſende Ueberzeugung, daß es gar nicht auf ſie bey dieſem Beſuche abgeſehen, ſie alſo gar nicht gefaͤhrdet geweſen ſey, der Gedanke an den unerſchuͤtterlichen Muth des ganz allein daſtehenden Fremden, der Gedanke an ſeine Wehrloſigkeit,— alles dies konnte bey einem edeln Manne, wie der junge Graf es war, nicht ohne Wuͤrkung bleiben, es mußte ihn — 14— entwaffnen, und nun gar dieſe Bewachung, durch welche das ganze Schloß zwar nicht in das Geheim⸗ niß eingeweiht war, welche aber den jungen Mann wie die Familie zum Gegenſtande der Geſpraͤche aller Hausgenoſſen und Nachbarn machen mußten, ein Reſultat, welches durch eine verdoppelte Aufmerkſamkeit und Ehrfurcht, in Folge ſeines ernſten Befehles, nicht gehemmt werden konnte!!— Man denke ſich vollends ſeinen Schmerz, als der alte Joſeph auf ſeine Frage: was die Leute von dieſer Be⸗ wachung des Fremden redeten? in ſeiner Mundart ihm antwortete:„Schauen's, Ihr Gnaden, was die Leute reden, taugt halt nicht viel! Sie ſagen, der Herr Oberſt und der Herr Oberſtwachtmeiſter haͤtten die Sache ſo fuͤr ihren Kopf abgemacht, nun aber wollte die Braut dem jungen Herrn nicht gefallen, da ſollt' er denn mit Gewalt heran und weil Sie bange waͤren, daß er ent⸗ wiſchte, ſo muͤßte ich nun mitreiten!⸗— 8 In dieſer Stimmung fand die Schweſter ihn denn zu jeder denkbaren Ausgleichung und Hingebung bereit und ſie beſchloſſen, ihren beleidigten Gaſt aufzuſuchen um uͤber die Suͤhne mit ihm zu reden. Gleichwohl konnte das verſtaͤndige, bedaͤchtige Maͤdchen ſich nicht erwehren zu ſagen:„Du erwarteſt gewiß ſo wenig als ich ihn fuͤgſam und nachgiebig zu ſinden,— wirſt du auch im Stande ſeyn, den Ausbruch ſeiner Leiden⸗ — 15— ſchaft zu tragen?— verſprich mir das! mir und Dir!⸗— G Der Graf verhieß es— ſie gingen und fanden ihn unter jener Eiche, wo er die„Nichtswuͤrdige, Ver⸗ worfene,“ zum erſtenmale ohne Zeugen, wo er ſie nur zu liebenswuͤrdig geſehen, wo er ſo liebe, hartgetaͤuſchte Hoffnungen zu naͤhren begonnen hatte,— wo er am liebſten verweilte, wohin auch Mathilde, wenn ſie ihn abweſend wußte, mit ihrer Arbeit und ihrem Grame fluͤchtete, der Bruͤkke zugewandt, uͤber die er ruͤkkehren mußte, und ſchnell ſich entfernend wenn ſie ihn mit ſcharfem Auge ſchon in weiter Ferne erblickte.— Er ſah ſie kommen, aber ſo wenig der grimme Hagene vor der Chrimehilde, ſo wenig wollte er vor denen aufſtehen, die er nun einmal als ſeine aͤrgſten Feinde betrachtete und ſo, die Haͤnde auf die Kniee ge⸗ ſtuͤzt und dem Grafen hoͤchſt ruhig in die Augen blik⸗ kend, erwartete er ſie. Dem Grafen erſtarb das Wort des Friedens auf der Zunge und ſichtbar beleidigt ſagte er:„Mathilde ſetze Dich le⸗ „Ich kenne meinen Platz!« erwiederte, ſanft, wie der Friede, das liebe Maͤdchen und dachte ſich dabey: „den Platz der dehmuͤthig flehenden Gattin vor dem erzuͤrnten Gemale!⸗— denn das war er ihr ja,— wenn auch nur vor Gott!— er aber uͤberſezte es ſich: — 16— 1 „den Platz der Reichsgraͤfin, dem Rotuͤrier gegenuͤber!— und ſein Grimm ſtieg und ſitzen blieb er!— der grobe, desperate Hamburger!)— Mathilde, die ſehr geaͤnderte Stimmung des Bru⸗ g ders wohl bemerkend, nahm daher raſch das Wort und ſagte mit einer, an ihr nie gekannten Weichheit:„wir ſind zu Ihnen gekommen, um, wenn es moͤglich waͤre, den ſchlimmen Eindruck zu tilgen, welchen meines Bru⸗ ders— Liebe zu mir geſtern ihn verleitete bei Ihnen zuruͤckzulaſſen, wuͤrden Sie uns das nicht erlauben? wuͤrden Sie uns nicht ein guͤtiges Gehoͤr ſchenken?« „Unſer Barnekow aber, der unterdeſſen denn doch aufgeſtanden war, erwiederte:„meine gnaͤdige Graͤfin, die Sache iſt nicht der Rede werth und es iſt in der That beſſer, wir beruͤhren Sie nicht weiter le⸗ „Ich habe nicht vergeſſen,“ ſagte der Graf,„wie ernſt und verſtaͤndig Sie mich Geſtern vor einer Ueber⸗ eilung warnten, ich bereue ſehr dem Rathe nicht gefolgt zu ſeyn, aber erlauben Sie mir⸗Sie zu bitten, nun heute meinen Fehler beſſer zu vermeiden, als ich Geſtern dazu im Srande war!«— „Sie ſehen mich,“ antwortete Jener,„ſehr gefaßt und ruhig,— ganz anders wie Sie Geſtern es zu ſeyn beliebten,— ſo, wie es dem Gefangenen, der nur eben erſt von ſeinen Haͤſchern begleitet und immerwaͤhrend 2 von ihnen beobachtet wird, geziemt.“— Hier wies — 17— er auf einen, in der Ferne ſich zeigenden, bewaffneten Jaͤger. „Haͤtte ich,⸗ erwiederte der Graf, eine Ahndung gehabt, daß Sie heute ſo fruͤh reiten wuͤrden, ſo wuͤrde, ich, das glauben Sie mir auf mein Wort, Alles zuruͤckgenommen und mich nicht geſchaͤmt haben ein Mißverſtaͤndniß, eine Uebereilung gegen die Beauf⸗ tragten zu bekennen, aber ich muß geſtehen, ich habe nicht erwartet Sie wuͤrden unter ſolchen Umſtaͤnden aus⸗ reiten moͤgen! Uebrigens glauben Sie, bin ich durch die Folgen die das gehabt hat mehr beſtraft, als Sie viel⸗ leicht denken, ich, wie meine— ganze Familie ſe⸗ 4 „Ich weiß in der That nicht, was ich zu alle dem ſagen ſoll und thue wohl beſſer dazu zu ſchwei⸗ gen!“«— erwiederte Barnekow. »„Wenn Sie ſo billig ſeyn wollten, ſich an meine Stelle zu denken, wenn Sie gehoͤrt haͤtten, was der Fremde mir ſagte, wie verletzend er auf ein heimliches Verſtaͤndniß zwiſchen Ihnen und meiner Schweſter hin⸗ deutete, ohne daß ich ihn deshalb haͤtte zur Rede ſtellen koͤnnen, Sie wuͤrden meine große Uebereilung nachſich⸗ tiger beurtheilen, obgleich Sie Sich erinnern werden, daß ich Ihren perſoͤnlichen Vorzuͤgen, Ihrem Muthe und Ihrem Character volle Anerkennung bewies le⸗ „Herr Graf, mir ſcheint, es giebt zweyerley Be⸗ leidigungen, die eine in der Leidenſchaft, in der Auf⸗ II. 2 — 18——. wallung, die andere mit Bedacht und Ueberlegung, planmaͤßig, dem Andern zugefuͤgt. Haͤtten Sie mich in der Uebereilung Geſtern auf den Tod verwundet, mich zum Kruͤppel gemacht und Alles waͤre ſonſt wie es ſeyn ſollte,“— hier ließ er wie von ungefaͤhr einen Blick auf Mathilde fallen,— es wuͤrde mir gar nicht ſchwer werden zu verzeihen und zu vergeſſen! Nun aber, fuͤhlen Sie wohl, iſt hier ein kleiner Unterſchied! Sie erinnern Sich, wie oft ich bat und ausweichend ant⸗ wortete,— und, als der Bediente kam, Sie zu Ihrem Herrn Vater zu rufen, wie ich Sie beſchwor dem Rufe zu folgen! wie ich Ihnen zurief: der Bote da, es iſt Ihr guter Engel und der meine!e „Und dieſen Ruf haͤtte mein Bruder überhoͤrt de rief Mathilde, dem Grafen in die Augen ſtarrend.— „Sehn Sie,“ fiel Barnekow ein,„ſogar die gnaͤ⸗ dige Graͤfin fuͤhlen das!“ Die arme Mathilde begann verzagend zu erkennen, daß ihre Gegenwart hier nicht vortheilhaft wuͤrke und dennoch wagte ſie nicht die beyden Maͤnner ſich ſelbſt zu uͤberlaſſen!— Des Grafen Unmuth aber ward ſichtbar geſteigert durch dieſen ſeiner Schweſter bewieſenen Hohn, waͤhrend er an dem Verhaͤltniſſe des Unbekannten zu ihr immer mehr irre werden, immer aber die ſchleunige Ent⸗ fernung deſſelben fuͤr das wuͤnſchenswehrteſte halten mußte. . „Ich habe Sie aufgeſucht, ſagte er indeſſen mit aller denkbaren Artigkeit obgleich nicht ohne ſichtbaren Zwang,“ um zu erfahren auf welche Weiſe ich etwa die Kraͤnkung gut machen koͤnnte, die ich Ihnen zu berei⸗ ten hingeriſſen ward. Sie wuͤrden mich ſehr verbinden, wenn Sie mir die Moglichkeit dazu zeigen wollten!« Jener, dieſe Stimmung ſeines Feindes wohl be⸗ merkend, erwiederte:„mir muß dieſe Frage ſehr auf⸗ fallen, uͤbrigens ſind mir Wahrheit und Offenheit in ſo hohem Grade Beduͤrfniß, daß ich ihnen auch jetzt nur zu gerne huldigte, wuͤßte ich nur, daß ſie ihnen eben ſo angenehm ſeyn wuͤrden le⸗ Nathilde ſah mit ſteigender Sorge das Geſpraͤch dieſe Wendung nehmen und der Graf, das Aergſte nicht ahndend, ſagte: vich bitte darum le⸗ Nun denn, erwiederte Jener, Sie haben mich ei⸗ nen Abentheurer, einen Beutelſchneider genannt, zu ſchlecht fuͤr einen ehrlichen Zweykampf, Sie haben mir geſagt, ich koͤnne nichts Beſſeres thun als auf dem Anger mir eine Kugel durch den Kopf jagen. Sollten Sie nun nicht vorziehen mich, ſobald es nur thun⸗ lich werden will, durch einen Ihrer Schergen meucheln zu laſſen, ſo gebe ich Ihnen jenen Rath wohlmeinend zuruͤck, denn ſo lange ich lebe, koͤnnen Sie ſicher ſeyn, daß nur Mordgedanken mich fuͤllen und daß ich nicht eher ruhen werde, biß ich die, ſchonungslos von Ihnen 2* — 20— unter die Fuͤſſe getretene Menſchheit an Ihnen geraͤcht, bis ich in Ihrem Blute mich gebadet habe, bis ich ſo Sie habe ſterben ſehen, wie Sie es mir gedroht ha⸗ ben,— Sie,— den Bruder der Dame dort, die gerade ſo denkt und fuͤhlt wie Sie!e „Boͤſewicht,“ rief der Graf,„Du ſollſt Deinen Willen haben!«. Jener aber erwiederte:„ſo iſt es recht das iſt die wahre Geſtalt!“ und damit ſtand er auf und wandte Beyden den Ruͤkken, dem Park voll Trotz zugehend und zwar grade dahin, wo er fruͤher den Jaͤger erblickt hatte. Mathilde aber, kaum noch ihrer Sinne maͤchtig, rief:„ſo haͤliſt Du mir Dein Wort?⸗— und uͤber⸗ waͤltigt von Gram, barg ſie ſich in Einſamkeit, wo ſie in Gebet und Thraͤnen eine Linderung ihres Kum⸗ mers ſuchte, waͤhrend der Graf bey dem ſich nun zum Zorne auch noch Verachtung und Haß geſellten, ſchlech⸗ terdings weiter keinen Schritt thun, noch die gewaͤhl⸗ ten Maaßregeln zuruͤcknehmen wollte, ohne gleichwohl ganz vor eignen Vorwuͤrfen ſich bewahren, ohne die ſichtbare Kaͤlte, die unverkennbaren, ſtillen Leiden der Schweſter anders als mit tiefem Schmerze taͤglich wach⸗ ſen ſehen zu koͤnnen. 1 f Spo waren drey boͤſe Tage vergangen, als Ma⸗ thilde ſpaͤt entſchlafen, durch einen wohlthaͤtigen Traum ſich wunderbar getroͤſtet und geſtaͤrkt fand. Sie ſah ſich unter ihrer lieben Eiche kummervoll allein, als ein ſchoͤnes, bluͤhendes Maͤdchen langſam ihr nahend, ſie umarmte, mit vielen Thraͤnen ſie kuͤßte, und immer rief:„ach, die boͤſen Bruͤder! die boͤſen Maͤnner!e⸗ Sehr begluͤckt durch dieſen Erguß der Liebe, fand ſie ſich unangenehm darin geſtoͤrt, als ein anderes, jun⸗ ges Maͤdchen, in welchem ſie ſich ſelbſt zu erkennen glaubte, jene von ihr riß und ſagte: das ſind Perlen die doch nicht nach ihrem Werthe bezahlt werden! ich will dir einen Diamant bringen, der uͤberall gilt!«— zu⸗ gleich Jene mit ſich fort zog bald aber zuruͤckkehrend, einen bejahrten, ſehr wohlgebildeten und einnehmenden Mann zu ihr fuͤhrte, der nun neben ihr Platz nahm, waͤhrend Jene verſchwand. Deiſer Mann trocknete ihr die Thraͤnen und ſagte freundlich:„ſo klage doch mir Dein Leid, liebes Toͤch⸗ terchen! vielleicht kann ich helfen le⸗ Als ob es das Wort eines Engels geweſen waͤre, ſo fuͤhlte ſie jedes Kummers ſich entladen und wollte nun durch eine ausfuͤhrliche Mittheilung aller ihrer Lei⸗ den dem gequaͤlten Herzen Luft machen, als der Mann, den Kopf ſchuͤttelnd ſagte:„Du mußt ſehr laut ſprechen, denn ich hoͤre ſehr ſchwer le⸗ welches ſie nur zu ſehr beſtaͤtigt fand, da er, wie ſie ſich auch anſtren⸗ gen mogte, immer nur die obigen Worte wiederhohlte — 22— und unter dieſen Anſtrengungen erwachte ſie, mit ſehr unheimlichen Empfindungen. „Wo iſt er geblieben!“ rief ſie,„der liebe, freund⸗ liche Mann? wie laut muß ich denn reden, daß er mich hoͤre?“ da fiel ihr das ſchoͤne, weinende Maͤdchen wie⸗ der ein und ihre Worte:„die boͤſen Maͤnner! die boͤ⸗ fen Bruͤder!e⸗— Ein Schrekken durchzuckte ſie, bald durch eine ſehr angenehme Empfingung verdraͤngt, der des Traumes aͤhnlich!— Dann aber, ſagte ſie:„meine Stimme iſt zu ſchwach ſo weit zu reichen! Er hatte wohl recht, der liebe Mann denn, ach, er iſt taub zu meinen Kla⸗ gen und rede ich ſo laut, daß er es hoͤren muß, was koͤnnte er thun hier zu retten und zu helfen! und haͤtte er helfen und retten koͤnnen, es iſt zu ſpaͤt, duͤrfen und muͤſſen wir doch den Freyherrn taͤglich erwarten!«— In dieſer truͤben Stimmung ging ſie hinunter und fand die Geſellſchaft ſchon beyſammen. Es waren Briefe von Dorſten angelangt, die Barnekow der Familie mit⸗ getheilt hatte, des Hauptinhaltes, der Baron werde, in Ruͤckſicht auf die Vorkehrungen zur Hochzeit, nur erſt einige Tage vorher eintreffen,— eine Nachricht die ſie mit neuer Hoffnung belebte, da ſie nun wagen durfte noch das Letzte wenigſtens zu verſuchen, ohne ſich die Unmoͤglichkeit des Erfolges vorher ſagen zu muͤſſen. Ein Brief Louiſens und Lottens an ſie und an — 23— den Bruder in welchem Bezug auf das genommen war, was dieſer von Dorſten aus an ſie geſchrieben habe, machte den jungen Grafen ſehr ſtutzig, gab aber Ma⸗ thilden, die da wußte, daß nur Planund Liſt dem zum Grunde liegen koͤnne, ein widriges, ihrem Freunde nicht vortheilhaftes Gefuͤhl. 3 Kaum aber hatte ſie ſich losreiſſen koͤnnen, ſo eilte ſie, ohne ihrer lieben Eiche fuͤr heute zu gedenken, in ihr Zimmer, unter dem Vorwande: die Briefe von Dor⸗ ſten beantworten zu muͤſſen. Aber welch eine Aufgabe war es, der ſie da zu ge⸗ nuͤgen hatte, dem fremden Manne, dem liebenden Vater ſollte ſie die Gefahr des einzigen Sohnes und ſolche Gefahr entdekken! Indeſſen,— die Entſcheidung draͤngte, ſollte noch Rettung kommen, ſo durfte ſie nicht ſaͤumen einzutreten, mußte ohne Verzug vorbereitet werden!— Es war der erſte Schritt dieſer Art in ihrem Leben,— das Herz ſchlug ihr maͤchtig und—„die boͤſen Maͤnner! die boͤſen Bruͤder!„ſeufzte ſie— dachte noch einmal des lieben, freundlichen Mannes und ging dann muthig an das Werk. Sie erzaͤhlte ihm genau Alles was ſich ereignet hatte, geſtand ihre gaͤnzliche Abneigung gegen Freyburg, entſchuldigte das Wageſtuͤck ihres Freundes, welchen in des Vaters Augen zu heben und ſo gleichſam dieſen mit ihm zu verſoͤhnen, ſie fuͤr Pflicht hielt, tadelte ihren — 24— 1 Bruder ſehr, ohne kaum mehr als die Denkbarkeit der Anſichten die ihn geleitet hatten, zu ſeinem Beßten geltend werden zu laſſen und ſagte dann: ſie wuͤrde fuͤrchten, den Fluch der bevorſtehenden ſchrecklichen Kataſtrophe zu theilen, haͤtte ſie nicht noch dies Lezte verſuchen wollen, endlich ſagte ſie:„ohne eine Entſcheidung ſich anzumaaſſen, ſcheine ihr ſchriftlich hier Nichts bewuͤrkt werden zu koͤnnen, da ſie feſt uͤberzeugt ſey, daß nur Seine perſoͤn⸗ liche Anweſenheit irgend Etwas wirken koͤnne, wenn, wegen Kuͤrze der Zeit und wegen des unſeligen, von ihr in ſeiner ganzen Nichtigkeit und Verderblichkeit er⸗ kannten Unterſchiedes der Staͤnde, nicht auch dies un⸗ moͤglich oder erfolglos ſeyn duͤrfte.⸗⸗ Das ſchrieb ſie am 5ten Junius und der Brief ging an eben dem Tage, von heiſſen Thraͤnen und Ge⸗ beten des guten Maͤdchens, wie von unſeren beßten Wuͤnſchen begleitet, nach Hamburg ab. An eben dieſem Tage Abends langte die recom⸗ mandirte Eſtafette in dem Verſtekke unſers guten Frey⸗ burg zu Waldheim an.— Der erſte Gedanke der ihm kam, war der unverzuͤglich Alles was ihm folgen wolle oder muͤſſe aufzubieten, mit Extrapferden ſich und ſeine Helfer nach Duͤren zu ſchaffen und mit der Schaͤrfe des Schwerdtes dort biß zum Herzen des jungen Grafen ſich den Weg zu bahnen und auf der Stelle ward ſeim treuer Jaͤger herbeſchieden. 4 „Gruͤnewald,e ſagte er:(es war⸗ nebenbey bemerkt, der juͤngſte Sohn des alten, wohlbekannten, Goͤkingſchen Gruͤnewald, und war mit dem Vater nach Siam ge⸗ weſen) ³)—„ich glaube Du biſt ein ehrlicher Kerl,— ein tuͤchtiger Kerl biſt Du, das weiß ich,— wirſt Du mir treu ſeyn? mich nicht verlaſſen? es gilt mein Alles, mein Leben und mehr als das,— meine Ehre und meinen beſten Freund! „Der hier war?“ ſagte Gruͤnewald,„das ſollte mir leid thun, es war ein charmanter Herr! „Ja, Gruͤnewald er ſitzt feſt und wir muͤſſen ihn heraus hauen! wirſt Du mir redlich helfen? ich gebe dir fuͤr Dein ganzes Leben Haus und Hof und was zum Leben gehoͤrt, wenn Du mir den Freund retten hilfſt „Wenn ich nur erſt ein wenig beſſer von der Sache Beſcheid wuͤßte, ſo wuͤrde ſich Alles wohl machen laſ⸗ ſen,— aber, daß ich's ſagen darf, der Herr Baron ſind gar zu ſehr alterirt,— wenn Sie es ſo beſchlieſſen und wir redeten Morgen daruͤber! „Hier iſt kein Saͤumen, Gruͤnewald,— erzaͤhlen kann ich nicht,— da iſt der ganze Brief, lies und lies laut, ich habe ohnehin nur die Haͤlfte geleſen und Du weißt ja mit der Feder beſcheid. Gruͤnewald las und als er vollendet hatte, ſagte er: „wenn der Herr Baron mir den Brief auf eine halbe — 26— Stunde erlauben wollen, ſo leſe ich ihn fuͤr mich noch einige Male durch und ſage dann meine Meinung.“— Nach einer halben Stunde ſtand Gruͤnewald wieder vor ſeinem Herrn.— Herr Baron ſagte er: ich habe alles verſtanden und Alles iſt ſchoͤn und gut ausgedacht, aber Eines iſt unrichtig! „Und das waͤre?—. „Mit den Bauern iſt's Nichts! So ein Burſche hackt wakker darauf zu, das iſt wahr, allein er muß doch immer einige Dreſſur haben. So ein Paar Leute aber, wie der Joſeph und der Nizky, da haben der Herr Barnekow ganz recht, die werfen ein ganzes Re⸗ giment Bauern aus einander. Auf uns Beyde kommt Alles an nun ſind ſie aber auch ihrer Zwey und wie, wenn durch Zufall noch Andre von den Jaͤgern, oder der Herr Major ſelbſt dazu kaͤmen? und, was das Schlimmſte iſt,— Blut ſoll nicht vergoſſen werden!— dazu, der Herr Baron halten zu Gnaden, Sie ſi ind das Fechten zu Pferde nicht gewohnt und⸗— „Sehr gut, ſehr gut, ſey ohne Sorge! ich und mein Freund haben das von Grund aus gelernt!« „Das iſt ſchoͤn, aber es iſt nicht genug,— das heißt, wenn kein Blut vergoſſen werden ſoll! denn wenn ich freye Hand habe und ſo geharniſcht bin, wie der Herr Barnekow ſchreiben, da werde ich mit Beyden fer⸗ tig, wenn ich ein gutes Pferd unter mir habe, weil — 27— ſie keine Bein und Armbedekkung tragen. Sollen ſie aber lebendig gegriffen und gebunden werden, da muͤſſen wir tuͤchtige Leute hinter uns haben.⸗ „Haſt Du gedient?⸗ „Der Herr Baron werden mich beym alten Herrn nicht verrathen,— ja, auch bey den Cuiraſſieren, aber nicht in des Herrn Grafen Regiment.⸗ „Und Du biſt deſertirt?⸗ Herr Baron halten zu Gnaden, ich bin ein treuer Kerl und wofuͤr ich mich ausgebe, das bin ich, aber ich habe einen großen Fehler von meinem Vater geerbt,— ich kann mich nicht ſchlecht behandeln laſſen. Der Herr Premier Lieutenant bey der Escadron wollten mich fuchteln, und das aus purer Dummheit, da gab ich ihm Eins zwiſchen die Hoͤrner, ſetzte mich auf und ritt davon,— Pferd und Sattel und Zeug aber und Waffen hab ich Alles zuruͤckgeſchickt, ſobald ich uͤber die Graͤnze war.“ „Du weißt alſo was dazu gehoͤrt, wie meinſt Du denn, daß wir es einrichten?“ „Herr Baron, der Krieg iſt vor der Thuͤre, hier herum iſt jetzt Alles Preußiſch geſonnen, es giebt ohne⸗ hin Volk genug, das fuͤr Geld allenthalben eintritt,— Sie muͤſſen ein Freycorps werben, fuͤr den alten Fritzen!« „Wo denkſt Du hin! Dazu gehoͤrt Erlaubniß von Oben her l!⸗ — 28— „Die ſchlaͤgt der naͤchſte preußiſche Gouverneu oder General nicht ab und wenn er auch ſagt, er muß erſt berichten, wer will uns wehren unterdeſſen heimlich zu werben?— auch braucht's ja nicht auf Ihren Namen zu gehen! und wenn Sie ſagen, es koſtet den Koͤnig Nichts, es geht aus Ihrer Taſche, ſo fehlt die Erlaub⸗ niß gar nicht und ehe ſie ankommt, haben wir ſo viel Volk zuſammen als wir brauchen, die Sache iſt gemacht und wir ſchicken die Leute mit Reiſegeld zur Armee oder in die weite Welt,— doch, Geld wirds koſten!“ „Gleichviell aber woher in der kurzen Zeit ſo viele Leute nehmen? es iſt heut der 5te— am(9ten ſollen wir dort ſeyn,— es ſind ſechszig Meilen!e— „Zeit haben wir nicht uͤbrig, das iſt wahr, wenn wir uns aber theilen, der Herr Baron gehen nach Coͤlln, ich nach Duͤſſeldorf, ſo haben wir in ein Paar Tagen Jeder ein zwanzig tuͤchtige Kerle beyſammen, ſo von den alten, verſuchten Schnurbaͤrten,— mit den Bauer⸗ burſchen, das glauben der Herr Baron, iſt's Nichts, ein Nachtmarſch, ein Bischen Hunger und Durſt, etwas kalt Waſſer auf den Leib und der Kerl iſt fertig!— Mann bleibt Mann! Du denkſt wohl nicht daran, daß ich auch nur erſt drey und zwanzig Jahr alt bin. Halten zu Gnaden, o, ja! Aber das iſt ein ganz ander Ding. Vornehmer Leute Kinder werden gut genaͤhrt und — 29— gepflegt von Jugend auf und haben auch ganz andre Schulen,— denn am Ende macht der Kopf den Kerl,— da iſt ſo ein junger Herr, wenn er ſich ſonſt nur ein Bischen getummelt hat, im Zwei und zwanzigſten mehr, als der Bauer von Dreißig!e«— „Aber die Reiſe nach Coͤlln hin und zuruͤck und dann noch ſechszig Meilen!⸗— „Gehn wirds ſo eben, eben,— aber wie ich ſchou geſagt habe, Geld wirds koſten! Es muß Alles mit der Extrapoſt abgemacht werden!e⸗ 4 „Aber die Pferde!⸗— „Das iſt ein boͤſer Umſtand!e«— Ich will Dir ſagen: ich ſende Scharnweber und Schwarz voraus, im Wuͤrtenbergiſchen Pferde zu kaufen, ſie roßkaͤmmern Beyde, verſtehn es und haben hier Haus und Hof und Weib und Kind, ſind alſo ſichere Leute!«— „Aber das wird unmenſchliches Geld koſten!“— „Und wenn ganz Waldheim und ich dazu drauf gehen, wenn wir nur durchhohlen!⸗— „Nun, dann haben wir auch noch Zeit uͤbrig le⸗ „Gruͤnewald, wenn wir ſo ein Paar Tage vorher eintreffen koͤnnten!— Ich habe nicht Nacht noch Tag Ruhe und wer weiß, was da paſſiren kann le⸗ „Herr Baron, lieber ein wenig laͤnger verzogen, nur rechte tuͤchtige, dreiſte Kerle!— Die muͤſſen aber von Nichts wiſſen, als biß wir auf dem Platze ſind — 30— und da hab' ich mir's ſo ausgedacht, ich werde ſagen: „Leute, unſer Oberſt, der Herr Baron von Barnekow,⸗— „Was iſt das? „Ja, Herr Baron, einen großen Namen muß das Ding haben,— der ein Freicorps errichten will, iſt von den Oeſterreichern gefangen und ſoll transportirt werden, ſeyd ihr nun brave Preuſſen, ſo ranzioniren wir unſern Herrn Oberſten, der Herr Major,— das ſind der Herr Baron— und ich, wir reiten voran!«⸗ So geht's, Sie ſollen Ihre Freude haben!— Der Herr Barnekow ſchreiben: der groſſe Jaͤger wird dazu taugen, aber ich denke ich will ſein Wort in Ehren halten!— Nun aber erlauben der Herr Ba ron, daß ich gleich nach den beyden Bauern ſende, die muͤſſen uͤber Nacht noch mit Extrapoſt vorwaͤrts, wenn nur ſchon Geld da iſt!e „Der Paͤchter will die ganzjaͤhrige, prolongirte Pacht Morgen nach Dorſten ſenden, die erhebe ich, ſo brauche ich nicht erſt zur Stadt und es bleibt fuͤr Dich, zur Reiſe und zu Handgeld fuͤr die Leute uͤbrig, ich will ſchon fuͤr mich ſelbſt ſorgen! Sind die Bauern zu Wagen, dann wollen wir gleich hinterdrein und meine Schweſtern koͤnnen mir die alten Harniſche ſchikken, Johann kann ſie in den groſſen Reiſekoffer pakken und auf uns unterweges damit war⸗ ten, denn hier wollte ich nicht gerne wieder her, Du — 31— gehſt mit Deinen Leuten gleich geradesweges auf Frank⸗ furt und ich mit den meinigen auch!«— „Wollten der Herr Baron erlauben, moͤgte ich noch wohl Etwas ſagen: wenn wir ein zwanzig zu Pferde haben, ſo iſt es genug, zwanzig gute Pferde werden ſo ſchon ein Paar tauſend Thaler koſten, beſonders da ſo ein rechten Kern⸗Gaul darunter ſeyn ſoll! Wenn Sie aber einige tuͤchtige Leute finden, die nicht reiten koͤnnen, ſo ſind uns die ſehr nuͤtzlich, ſonſt muͤſſen die, welche den Joſeph greifen ſollen, erſt abſitzen und das giebt Unordnung. Die Infanteriſten legen wir in den Gra⸗ ben, der das Holz einhegt, auf den Bauch, und ſo wie die Reuter liegen, ſpringen ſie zu, mißlingt's und ſie bleiben im Sattel, ſo nehmen der Herr Baron den Einen, ich nehme den Andern auf mich und ſie muͤſſen herunter gehauen werden, da kann nun Nichts helfen! der Herr Barnekow haben ganz recht, warum laͤßt er ſich zu dergleichen brauchen! Dazu hat ihm ſein Kayſer den Pallaſch nicht gegeben! und ſchießt der Kerl, ſo iſt er geliefert!e⸗ „Du ſollſt ihn ſchonen, nach Moͤglichkeit und nicht vergeſſen, daß er meinem Vater das Leben hat retten helfen, daß mein Vater viel auf ihn haͤlt!« „Wenn aber der Kerl keine Raiſon annehmen will!— und ehe der Herr Baron und der Herr Barnekow in Gefahr kaͤmen⸗— — 32— „Du haſt Nichts mit ihm zu ſchaffen! Du machſt Dich an Nitzkyle⸗ „Herr Baron,— der Menſch denkt's, Gott lenkt's,— man kann nicht wiſſen, wie das kommen kann! Die Großmuth hat ſchon Manchem Kopf und Kragen ge⸗ koſtet! So lange mein Feind noch eine Wehr in der Hand hat, weiß ich Nichts von Großmuth, weil ich nicht wiſſen kann, wie viel er davon haͤlt und wie die Sache ſich dreht!“ „Schaff nun nur die Leute her! Alles Uebrige un⸗ terweges— Die Bauern kamen, wurden ausgeruͤſtet, angewieſen und reiſeten zur Stelle dem Mayne, bald hinter ihnen unſer Freyburg und ſein Gruͤnewald, dem Rheine zu, wo ſie, unter fremden Namen werbend, unter einer Menge von Galgenvoͤgeln, die glorwuͤrdige, aber nichts deſto weniger ſchwierige, Auswahl hatten. Wir uͤberlaſſen ſie ihren Sternen und wenden uns einmal wieder,— zum letzten Male,— nach unſerem lieben Hamburg. Man ſchrieb hier grade den 14ten Junius 1778 und unſer wakkere Senator Barnekow ſaß vor ſeinem Hauptbuche, erwog die zunehmende Laſt der Jahre, er⸗ wog wie ganz und gar nicht ſein lieber Sohn zur kauf⸗ maͤnniſchen Geſchaͤftsfuͤhrung ſich eigne und wie er ſicht⸗ bar, aller ſeiner guten Eigenſchaften ungeachtet, nur ge⸗ — 38— ſchaffen oder gediehen ſey, der Sohn eines reichen Man⸗ nes und ſelbſt ein reicher Mann zu ſeyn,— waͤhrend er dennoch nicht zweifelte, er werde ſich in ſchlimmen La⸗ gen zu helfen wiſſen,— uͤberſah ſeinen Vermoͤgensſtand, entſchloſſen, die Handlung, nebſt einem angemeſſenen Capitale, ſeinem Wieling und einem nicht unbemittelten jungen Kaufmanne, den er kannte, zu uͤbergeben das Uebrige aber in Land⸗Guͤter anzulegen und ſich und den Sohn dort zur Ruhe zu bringen,— als, nebſt an⸗ dern Briefen, ihm auch der, unſerer lieben Mathilde uͤberbracht ward, welchen er, als ſichtbar nicht kaufmaͤn⸗ niſch, zuletzt erbrach und las.— Gluͤcklicherweiſe hatte dieſer treffliche Mann, neben andern Gaben, auch die, ſich ſchnell zu faſſen und eine große Herrſchaft uͤber ſich zu behalten und nie in ſeinem ganzen Leben wurden dieſe ſeltenen Eigenſchaften mehr in Anſpruch genommen, als hier, wo das Vaterherz ſo ſchwer ſich bedraͤngt fand, wo er gar nicht einmal die Moͤglichkeit einer Rettung ſah! Denn, geſetzt er eilte auch ſofort nach Duͤren und er kam auch zur rechten Zeit dort an, ſo war das Hoͤchſte was er erreichen konnte,— wenn ihm das gelang,— ſeinen Sohn von Schande zu retten und ihm einen Zweykampf auf Leben und Tod zu erringen, dann aber ihn als Moͤrder, oder als Leiche, oder als Beydes zum letzten Male in ſeine Arme zu ſchlieſſen!— Nun aber II. 3 — 34— hatten der Graf und ſein Sohn einander ſchmaͤhlichen Mord geſchworen!— Beyde waren graͤnzenlos belei⸗ digt und erbittert!— Was ihn am Meiſten druͤckte, war die Nothwen⸗ digkeit, ſeiner Frau und Paulinen dies Alles mitzu⸗ theilen, wie ſehr er auch auf Sophiens Beyſtand dabey rechnen mogte! Denn, mißlich war die Sache immer!— Wer konnte wiſſen, was auch ihm begegnen mogte!— und das Alles ſollten dann Frau und Tochter unvor⸗ bereitet von Fremden erfahren?— Er wollte die Sache mit einem Freunde berathen,— er wußte nicht den rechten Mann zu finden!— Da flog ſeine Sophie in das Zimmer und brachte einen, an die Mutter adreſſirt geweſenen, Brief ihres Bruders, deſſen Inhalt man nur bedenklich finden konnte, wenn man den Brief Mathildens geleſen hatte und der gleichwohl ihr, wie Paulinen aufgefallen war! „Mein Toͤchterchen,“ ſagte er, du haſt Dich immer geſetzt und verſtaͤndig, uͤber Deine o Jahre hinaus, bewieſen, jetzt gilt es mehr wie je!— ich habe boͤſe Nachrichten von Deinem Bruder!— Hier lies!e Ohne Mine und Farbe zu aͤndern, nur bisweilen den Kopf unmerklich ſchuͤttelnd, vollendete ſie und blickte dem Vater ſchweigend eine Weile in die Augen, dann aber ſagte ſie:„mein Herzensvaͤterchen, was halten Sie von der Sache? und was wollen Sie thun? — 35— „Noch, liebes Kind, habe ich zu keinem Entſchluſſe kommen koͤnnen, daß ich voller Sorgen bin, kannſt Du dir denken!“ »Und ich habe ganz und gar keine! Es iſt ja mit Haͤnden zu greifen, daß die Mathilde ſich in Carl verliebt hat und die wird ſchon wachen und ſorgen!⸗⸗ „»Ein ſchwaches Maͤdchen, unter ſolchen Umſtaͤnden!— was kann die hindern le „Sagen Sie das nicht! dem Briefe nach ſcheint es ein gewaltiges Frauenzimmer zu ſeyn le— „Kind, das kennſt Du nicht! Wenn einmal Zorn, oder point d' honneur zwey Maͤnner zum Kampfe ru⸗ fen, da haͤlt Nichts als Ketten!e⸗ „Nun, wenn der Graf durchaus nicht anders will, ſo ſticht Carl ihn todt und damit iſt die Sache abge⸗ macht lee „Das iſt ſie nicht! und woher weißt Du, daß er Sieger bleibt?⸗ Wenn ich ſo gewiß fuͤnf mal hundert tauſend Thaler haͤtte!— „Wollte Gott das Eine waͤre ſo gewiß wie das Andre!— wenn es doch einmal gefochten ſeyn muͤßte!— aber ſein Gewiſſen ſein innerer Friede!⸗ Vaͤterchen ſie ſcherzen!— Menſchen ſind wir Alle und koͤnnen fehlen und wenn da nun Jemand mich todt treten laſſen will, weil ich einen dummen Streich ge⸗ 3* — 36— macht habe und ich muß, um das abzuwenden, ihn um⸗ bringen, ſo ſollt ich mir darum ein graues Haar wach⸗ ſen laſſen?— Wie Viele gehn freywillig in einen ſehr ungerechten Krieg, bringen Hundert und Tauſend Men⸗ ſchen um, beſonders ſo ein General oder dergleichen und werden dick und fett dabey, und legen ſich ruhig auf ihr Kopfkiſſen und ſterben! Und nun die Fuͤrſten!— Wie Viele davon haben ungerechte Kriege angefangen und wo hat man je erlebt, daß Einer ſich todt gegraͤmt haͤtte!— Nein, Papa, da heißt es: ich oder Du! und wenn ich ein Mann waͤre,— ich wuͤrde mich in Acht nehmen, aber— wenn Jemand mich todt treten woll⸗ — ich glaube, ich koͤnnte ihn in den Abſatz beiſſen le⸗ „Allein,“ ſagte der Vater,„in Deutſchland wuͤrde er nicht bleiben koͤnnen!— es iſt ein gar zu groſſes Haus le⸗ „Nun, ſo geht er nach England oder Frankreich und wir folgen!e⸗ „Wird aber der Graf ſich in einen Zweykampf mit ihm einlaſſen?“ „Das iſt ſo ein Discours in der Bosheit! auch hat er ja ſchon ordentliche Schlacht, oder wie es heißt, angeboten! hat erklaͤrt, er ſey zu weit gegangen l“ „Das hat aber Carl ausgeſchlagen!“ „Gleichviel, wie koͤnnte er ihn heimlich umbringen te⸗ laſſen! wie waͤre das moͤglich! und offenbar?— das — 37— waͤre noch aͤrger!— Nein, das einzige Ungluͤck iſt, daß wir nicht von Adel ſind, wie die Mathilde auch ſchreibt, dann koͤnnte Carl ſie heurathen, der hochnaſige Bruder muͤßte froh ſeyn die Schweſter ſo gut anzubrin⸗ gen und er muͤßte noch obendrein um Verzeihung bittenle „So ſanguiniſch ſind meine Hoffnungen freylich nicht, was indeſſen den Adel betrift, da koͤnnte geholfen werden!e⸗ Es gehoͤrte nehmlich Herr Barnekow zu einer alt⸗ adelichen Familie dieſes Namens, in Pommern, ſein Großvater aber hatte durch manche Unfaͤlle ſein Ver⸗ moͤgen verlohren und ſich mit den Truͤmmern deſſelben, als Buͤrgerlicher, in Hamburg angeſiedelt, nichts deſto weniger aber hatte zufaͤllig, in Folge verwandſchaftlicher Verhaͤltniſſe ſein Sohn, der Vater des Senators, ein adeliches Fraͤulein zur Frau genommen und eben das war mit ihm ſelbſt auch der Fall geweſen, ſo, daß unſer Carl mehr Ahnen als noͤthig war, rechts und links hinauf probiren konnte. Nun aber hatte der Vater fuͤr gut gefunden nicht nur ſeinen Adel renoviren zu laſſen, ſondern auch den Freyherrlichen Rang anzunehmen, womit Kayſer Franz der Erſte ihn vorlaͤngſt begnadiget, wel⸗ chen aber auf unbeſtimmte Zeit zuruͤck⸗ und geheimhal⸗ ten zu duͤrfen, unſerm Senator zugeſtanden war, in Folge vielfaͤltigen Geldverkehres welchen dieſer Monarch, der an kaufmaͤnniſchen Speculationen bekannt⸗ lich groſſes Vergnuͤgen fand, mit ihm unterhalten hatte, waͤhrend die Motive des Senators nicht nur aus den ſichtbaren Vorzuͤgen oder Vorrechten der hoͤhern Staͤnde, ſondern auch aus der Erwaͤgung ſich herſchrieben, daß viele der groͤſſeſten und ſchoͤnſten Guͤter nur von Edel⸗ leuten beſeſſen werden konnten. Dies theilte er nun der Tochter mit und dieſe rief:„ich bin alſo nun eine Baroneſſe?⸗ „Allerdings!“⸗ „Mein gnaͤdigſter Papa, warum haben Sie mir das geſagt! nun thue ich keinem Menſchen mehr gut, gehe Niemandem aus dem Wege und ſpreche Nichts als franzoͤſiſch!⸗⸗ „Kind, Kind, und Du kannſt noch ſcherzen?e⸗ Mein allergnaͤdigſt Vaͤterchen, nun hat ja alle Noth ein Ende! Dem Grafen praͤſentirt man das Diplom und den Stammbuſch, die Mathilde, welche ſich nicht ent⸗ ſchlieſſen konnte, Madame Barnekow zu heiſſen, kriegt ihren Willen, muß ſich gefallen laſſen, baroniſirt zu werden und baͤndigt uns den Carl,— Freyburg heurathet Pauline,⸗— „Was iſt das? „Mein beſter Papa, das haben Sie doch mit Haͤn⸗ den greifen koͤnnen, daß Carl ſich nicht ſo ganz ohne Noth in den offenen Hoͤllenrachen geſtuͤrzt haben wird! Wenn Sie mich aber verrathen, erzaͤhle ich Ihnen nie wieder Etwas!“ — 39— „Nun, nun, ich weiß Vertrauen zu ehren! aber ſage mir, ſind ſie einig mit einander? „inig und gluͤcklich,— aber nur wenn Sie und Ehre und Pflicht es erlauben, ſonſt— erkennen ſie es fuͤr eine angenehme Schuldigkeit ſich todt zu graͤmen!— „Seht mir das Maͤdchen an!— Nun aber ſage mir, wirſt Du es auch einmal ſo machen?⸗ „Nie im ganzen Leben!“ erwiederte ſie, halb empfind⸗ lich,„was denken Sie von mir!⸗ Der Vater aber ſchloß ſie an das Herz und rief:„Du gutes Kind lec waͤhrend ſie mit affectirter Verſchaͤmtheit ihm ins Ohr fluͤſterte: ves moͤgte denn die Verſuchung gar zu maͤchtig ſeyn!— Car— la plus sage est toujours celle, Qui se veille en son lien, Sans oser jurer de rien!—. „Nun aber,“ rief ſie in ihrem gewoͤhnlichen Tone, „Papa, muͤſſen wir eilen Rath zu halten, wie wir es Mama und Paulinen anbringen le⸗ „Das mußt Du mir abnehmen!e „Bey Paulinen recht gerne, aber bey Mama— dafuͤr danke ich le⸗ „Wie ſo? „Beſter Vater, ſie denkt wieder es ſind Phantaſien, wie ſie es nennt, und ich habe ein Paar Aeanlſchalle weg, wie das kalte Fieber!e⸗ „Nun, ich daͤchte, das haͤtte ein Ende l⸗⸗ — 46— „Ich mag es doch nicht darauf wagen! Aber Ihnen zu Huͤlfe kommen will ich redlich! Sie muͤſſen nur ja den Brief nicht zeigen, muͤſſen die ganze Sache wie Scherz behandeln und als wenn ſie ſich freuten, den Carl ein wenig buͤſſen zu ſehen. Merkt ſie, daß Sie ruhig ſind, wird ſie es am Ende auch, nur muß Pau⸗ line vorher Beſcheid wiſſen und das uͤbernehme ich!⸗ „Ich ſoll es alſo ungefaͤhr ſo mit ihr machen, wie Du es jetzt mit mir machſt!«— ſagte der Vater und ſah ihr forſchend in die Augen— und beyder Arme breiteten ſich gegen einander aus und das Maͤdchen lag an der Bruſt des Vaters und fragte:„Zuͤrnen Sie mir?2 Er aber erwiederte:»ich ſegne Dich, mein Kind, und danke Gott der Dich mir gegeben hat und wauͤnſche je⸗ dem Vater in bangen Stunden ſo eine Tochter le⸗ Und wie ſie es verabredet hatten, ſo geſchah es denn auch, und Pauline, bald von dem guten Muthe der Schweſter erfuͤllt, fand dieſen noch mehr in der Gewißheit: eine berechtigte, gefuͤrchtete Nebenbuhlerin verlohren zu haben, nicht mehr ihre Liebe ſtraͤflich nen⸗ nen zu duͤrfen und wenigſtens hoffen zu koͤnnen. Nun kam der Vater und ſagte mit laͤchelnder Nine:„der Carl iſt und bleibt doch ein Schalk! da hat er mir etwas Sauberes eingebrockt! was meinſt Du wohl wo er iſt, Muͤtterchen?« 1 „Nun, wo wird er ſeyn! mach mir nur nicht bange!⸗ — 41— „Wenn Du gleich ſo anfangen willſt, erzaͤhle ich Nichts!“ „Mama,“ rief Sophie,„er hat dummes Zeug an⸗ gegeben und ſitzt in Priſon le⸗ „So arg iſts nun wohl nicht, aber er kann doch nicht vom Flekke!“ fiel der Vater ein.“ „Hat er Schulden gemacht?« fragte die Mutter? „Ja, ſo ungefaͤhr,“ erwiederte der Vater,„aber Ehrenſchulden, er wird ſich da wohl wieder ſchlagen muͤſſen!⸗ „Damit,“ rief Sophie, wie der Blitz einfallend,“ weiß er fertig zu werden, das haben wir ſchon geſehen! und wenn ſie dann eine Zeitlang ſich angeſtellt haben, als wollten ſie einander freſſen, ſo ſagt Carl, eben wie in Pyrmont, mein Herr— ſo und ſo— und Sie verſtehn mich ſchon und Sie ſind ein aͤuſſerſt tapferer Mann und ich auch und dann umarmen ſie ſich und trinken eine Taſſe Thee mit einander, oder Chocolate⸗ oder was ſie ſonſt haben und ſtoßen an und fertig ſind ſie! Dazu, bedenken Sie, Mama,— gnaͤdigſte Mama, wollte ich ſagen, der Andre, mit dem er zu khun hat, der iſt was Groſſes, ein Graf oder ſo und hat eine ſchoͤne Schweſter,— eben die, die der Freyburg mit Gewalt heuratchen ſollte, die hat ſich aber in unſern Carl verliebt und die wird Carl heurathen! — 42— und das Beſte kommt noch: ich bin nobel gemacht, ich bin,— und nun ſetzte ſie ihre vernehme Mine auf,— eine Baroneſſe von Dudelſtaͤdten!— oder behalten wir unſern alten Namen, Papa?— eine Parthie von fuͤnfmal hundert tauſend Thalern!— Kao⸗ Courant oder Banco, gnaͤdigſt Vaͤterchen? „Wer hat Dir das geſagt!“ rief der Vater? Verzeihen Sie, mein gnaͤdigſter Papa, ich glaubte ſo verſtanden zu haben, allein ich kann irren! und, was mir eben einfaͤllt, nun, da Pauline auch eine Ba⸗ roneſſe iſt, nun daͤchte ich, es waͤre am Beßten, daß ſie ſich uͤber den Freyburg erbarmte und heurathete den,„— Pauline ward blutroth,—“ ſie mag ihn zwar nicht leiden, aber es iſt doch ſo ein guter Menſch und iſt doch unſeres Gleichen und ein huͤbſcher Menſch und Carls Freund und— helfen Sie mir doch bitten, Papa und Mama!— und, hoͤre, entſchließ dich kurz, ſonſt laſſe ich“— und nun ward das Coquetten Regiſter an- gezogen—„die Blikke der Verfuͤhrung ſpielen, mache Dir ihn abtruͤnnig und heurathe ihn ſelbſt,— der ganzen Nobleſſe zum Trotz und toͤdtlichen Aerger und zum Erſtaunen der ganzen Hamburger Boͤrſe!“ „Die iſt einmal wieder verruͤckt geworden! rief die Mutter,“ ſchon von Angſt zu Zorn uͤbergehend,„was bedeutet das Alles? wirſt Du die Guͤte haben, mein lieber Mann⸗— 55 — 43— „Fi donc, Maman!— Mon cher Baron; muͤſſen Sie ſagen!⸗ „Wenn Du nun nicht ſchweigſt, ſo ſtopfe ich Dir den Mund, daß Du dich verwundern ſollſt!“ 8) „Was hab' ich geſagt mein gnaͤdigſt Vaͤterchen?⸗— „Höre, mein Kind, kſef der Vater wenn Du wuͤß⸗ teſt wie groſſes Unrecht Du jetzt wieder Deiner Sophie thuſt, es wuͤrde Dich ſchmerzen!— Laß doch nun end⸗ lich ein fuͤr allemal dies— ich mag es nicht ausſpre⸗ chen,— kaum denken!— „Beſonders da wir nun alle genobelt ſind!« fiel die kleine Hexe wieder ein. „Und findeſt Du,“ fuhr der Vater fort,„daß ſie mehr ſpricht als ſie ſollte,— ſo werden ein Blick, ein freundliches Wort«— Sophie legte beyde Haͤnde auf den Mund—„genuͤgen, ſie zu bedeuten.“ „Werde ich denn aber nun erfahren, was da ei⸗ gentlich im Werke iſt?— wenn ich auch die Letzte ſeyn ſoll!e rief die Frau. „Muͤtterchen, ich habe es eben ſelbſt erſt erfahren und ſie war grade im Zimmer.— Carl ſchreibt mir,— den Brief habe ich gleich zu unſerm guten Reſidenten geſchickt, Du kannſt ihn nachher leſen,,— daß er Haͤn⸗ del hat und ich wollte doch nicht gerne, daß ſie zum Ausbruche kaͤmen und moͤgte wohl geſchwinde mich auf die Reiſe machen, um Frieden zu ſtiften, wenn es gehen wollte.⸗ — 44— Mich nehmen Sie mit, Papa!„rief Sophie,“ nicht wahr?e 5 Nun, erwiederte der Vater, deine Geſellſchaft wuͤrde mir ſehr willkommen ſeyn, ader es geht Tag und Nacht— wirſt Du das aushalten?“ „Gott im Himmel, wohin geht es denn?„rief die Mutter,“ und wo iſt er?e „An der ſchwaͤbiſchen Graͤnze, oder da herum, lie⸗ bes Kind, es kann wohl ein funſzig Meilen ſeyn⸗ oder ſo ungefaͤhr!“ „Gott ſey mir gnaͤdig!— Hoͤre,“ ſetzte ſie hingn, „richtig iſt es nicht! denn eure Trihlichtei iſt lauter Verſtellung!“ „Ich ſchwoͤre Ihnen, Mama,“ rief Sophie,„ich bin recht von Herzen vergnuͤgt!“ „Ja, Du lachteſt wohl, wenn auch das Haus brennte!“ „Immer beſſer als weinen, Muͤtterchen“ rief der Vater,„man behaͤlt mehr Beſinnung dabey und taugt beſſer zum Loͤſchen.“ „Wirſt Du mir endlich die Wahrheit ſagen?⸗⸗ „Meine Herzensfrau, ich betheure Dir, daß Sophie Dir bereits Alles geſagt hat, was ich ſelbſt weiß⸗ ob⸗ gleich ich allerdings die Sache ernſthafter anſehe als ſie und daher auch ſchon Morgen reiſen will!e „Heute noch, Papa!“ rief Sophie ernſthaft,„ich kann ſo lange nicht warten!e — 45— „Mein lieber, guter Mann, wenn Du reiſeſt, er⸗ barme Dich und nimm mich mit, ich bin des Todes vor Angſt, wenn ich hier allein bleibe! mein Kind, mein einziger Sohn iſt in Gefahr, ich weiß, ich ſehe Alles, Du wuͤrdeſt ohne groſſe Noth nicht ſo ploͤtzlich eine ſolche Reiſe machen!⸗⸗ „Der gute Mann aber erwiederte:„in Gottes Na⸗ men, wenn Du die Reiſe nur aushaͤltſt!⸗ „Ich? fuͤr meinen Sohn? ich laufe zu Fuß, biß an der Welt Ende!“ und Thraͤnen erleichterten das gequaͤlte Mutterherz und die Toͤchter eilten ſie zu troͤ⸗ ſten.—. „Dann aber muß Pauline, auch mit!e⸗ rief Sophie, um etwas Neues auf die Bahn zu bringen. „Allerdings!« erwiederte der Vater. „Da muͤſſen wir aber zwey Wagen haben,“ fuhr ſie fort,„damit wir ſtandesmaͤßig vor unſeres Gleichen auftreten!« „Was redet Die da immer von hohen Dingen? was iſt das?« rief die Mutter. Muͤtterchen, ich habe meine alten Familienrechte wieder geltend gemacht und der Kayſer hat die Gnade gehabt, mich unverdienterweiſe zu baroniſiren. Du wirſt einſehen, daß dies, um Carl aus der Verlegenheit zu ziehen, uns ſehr zu Huͤlfe kommt le⸗ „Mein beſter Vater, das Alles wollen wir der Mutter unterweges erzaͤhlen, nun aber,— wage ich zu bitten,— zu Wagen! und je eher je lieber!« „Um Gotteswillen, iſt die Noth denn ſo groß?⸗⸗ „Ja,“ rief Sophie, mit ſchneller Beſonnenheit, „damit er ſeine Braut bekommt! Da iſt ein Anderer, der will ſie auch haben, wenn aber Papa recht ſchnell dort iſt und ſagt, hier bin ich, der Baron Barnekow und hier ſind Moſes und die Propheten, ſo iſt die Sache gut und geſchieht das nicht zur rechten Zeit, ſo ſticht er Alles todt, denn Sie wiſſen wohl, er iſt wuͤthend les „Nun, Kinder, ſo packt in Gottes Namen! rief der Vater,„zwey Koffer, zwey Bokladen, zwey Maga⸗ zine, eine Waſche und vier Wagenladen werden ja wohl genug ſeyn fuͤr Euch und mich!“. „Du lieber Gott! auf ſolche weite Reiſe! wie waͤre das moͤglich! wo denkſt Du hin!e „Nun, ſo werden noch einige Bagagewagen ange⸗ ſchirrt!« rief der geduldige Mann. Pauline aber, die Vielbewegte, Gedankenvolle, kuͤßte dem Vater die Hand und ſagte:„wir werden ſchon auskommen!“ Der Vater wollte gehen, da rief Sophie:„aber, ſuͤßes Vaͤterchen, wo wollen wir denn eigentlich hin?“ „Wie Du fragen kannſt! Nach Duͤren!“ „Papa,— das geht nicht!e⸗ „Wie ſo 2— — — 47— „Beſter Vater, haben Sie wohl an die Geſichter gedacht, wenn wir da ankommen und ſagen— dies und das— und— 4 „Allerdings, mein Kind, und mit groſſen Sorgen lee „Papa, das geht nicht und hilft auch nicht, denn dann,— der Einzige der Alles machen kann, das iſt der alte Freyburg. Denn wenn der nun ſieht, daß die beyden Menſchen ſich ein fuͤr allemal nicht haben wollen und wenn da denn gleich eine andere reiche Braut zur Hand iſt,— hier hilft kein Sperren und Weigern, Pauline,«— fuhr ſie mit angenommener Heftigkeit fort,—„Du biſt meine Schweſter und ich habe dich herzlich lieb, aber den Bruder zu retten mußt Du ſchlech⸗ terdings dich zum Opfer bringen und dich entſchlieſſen Freyburg zu nehmen! Es wuͤrde kleinlich und unwuͤrdig von Dir gedacht ſeyn, wenn Du auch nur durch eine Widerrede uns betruͤben wollteſt,“— Pauline ward wieder feuerroth,— der Vater trat an das Fenſter und unterdruͤckte ein herzliches Lachen,— die Mutter aber rief:„Sieh, die alte Comoͤdiantin! Glaubſt Du, daß ich ſo dumm bin, nicht zu wiſſen, was rechts und links iſt? Komm her, Paulinchen, komm mein Kind, ſchaͤme Dich nicht und wenn Du ihn leiden magſt und ſein Vater wills erlauben, in Gottes Namen! Pauline weinte eine dankbare Thraͤne am Herzen der Mutter und der Vater ſagte:„aber das wird ein groſſer Umweg ſeyn!e — 48— „Vaͤterchen, ich weiß es nicht anders auszugruͤbeln, es mag nun ſo weit ſeyn wie es wolle!e „Dein Gruͤbeln kannſt Du ſparen,“ rief die Mut⸗ ter,“ dafuͤr iſt Dein Vater der Mann le „Herzens Frau,“ rief dieſer,„ſtopfe ihr nicht den Mund! ſie hat da eben einen Gedanken gehabt, der gar nicht mit Geld zu bezahlen iſt!“ 3 „Ja, fiel Sophie ein“ und was die Hauptſache iſt, wenn man nun dem alten Freyburg aufs Collet ruͤckt und zeigt ihm Mathildens Brief und ſagt: ſehn Sie hier, Herr, und was wollen Sie! da ſtehts Schwarz auf Weiß, daß Sie Ihren Sohn nicht mag und Sie werden doch nicht des Teufels ſeyn und dem Maͤdchen 1 Gewalt anthun, beſonders da ſie ſchon einen Andern hat und zwar den Bruder von eben der, die ihr Sohn unn eiumal par force haben will, ſo wird ihn ja der Satan niche plagen.“—. „Was iſt das fuͤr eine Sprache!“ ſiel die Mutter ein, wo haſt Du dergleichen gelernt.?⸗⸗ All von meinem lieben Bruder und aus guten Buͤchern! „Aus guten Buͤchern? ſagte der Vater⸗ und wo⸗ her nahmſt Du ſolche Buͤcher?“ „Ja, da ich nun doch einmal eine Baroneſſe bin und mein ganzes voriges Leben wie abgeſtreift hinter mit liegen muß,⸗ ſo will ich es nur bekennen:— wenn Sie — 49— des Abends in Geſellſchaft waren und ich allein zu Hauſe bleiben mußte, da hat mich der alte Wieling immer mit Buͤchern verſehen, er brachte mir ein Verzeichniß der Titel und danach waͤhlte ich.⸗ „Nun, ich werde ihm meine Meinung ſagen, daß er ſich verwundern ſoll!⸗ rief die Mutter, der Vater aber kuͤßte ſeiner Frau mit einer tiefen Verbeugung ſchweigend die Hand. „Uebrigens,“ ſagte er,„hat ſie ganz recht!«— aber, zu Sophien gewandt,„der alte Freyburg kennt mich nicht le „Doch mehr als Duͤrens! der Sohn wird ja von der Familie ſeines beſten Freundes oft nach Hauſe ge⸗ ſchrieben haben le⸗ „Nun, ſagte der Vater nach einigem Sinnen, ich werde um meines lieben Sohnes willen noch wieder zum Schulknaben werden und mich mit Teſtimonien verſehen muͤſſen, mich zu legitimiren!e 88 „Schilt mir auch nicht den Sohn!“ bat die Mut⸗ ter ſehr weich. „Mit dem Bedinge, daß Du mir das Maͤdchen da fortan nicht mehr ſchiltſt! Grade ſo lieb wie Du ſie haſt, werde ich ihn haben!« „Nun, komm herl!ee rief, die Mutter— als ob die Liebe durch Careſſen ſich kund gebe,— und Sophie flog, ſetzte ſich ihr auf den Schooß, kuͤßte ſie und ſagte: II. 3 4 — 50— „herze, ſuͤße Mutter, kann ich nun Alles ſagen was mich geluͤſtet?“ „Nun, ja, aber mit Anſtand, nicht fluchen und Alles ſo grade heraus ſagen! biſt Du nun einmal eine Baroneſſe, ſo nimm dich auch danach!“ „Mama, ich will Ihnen ſolche Mine anziehen, ſolche Reden halten und ſolche Reverencen herunter⸗ reiſſen, daß Sie erſtaunen ſollen!— Papa, ich ſinge mein altes Lied: wann reiſen wir?⸗ „Nun, mein Kind, Mathilde ſchreibt:— „Wer iſt die Mathilde?“ fragte die Mutter und Sophie ſagte, mit einem tiefen Knix:„Ihre kuͤnftige Schwiegertochter, eine Graͤfin, aber mit einem Anhange, ſo eine Patent⸗ oder Extra⸗Graͤfin le⸗ „Eine Reichsgraͤfin,“ ſagte der Vater,—„die ſchreibt: der alte Freyburg werde erſt einige Tage vor der Hochzeit in Duͤren eintreffen, das heißt alſo, den 25ſten oder 26ſten, heute iſt der 11te, am Lsſten ſoll die Hochzeit ſeyn,— „Mein ſuͤßes Vaͤterchen,“ fiel Sophie ein,„wenn er am 25ſten dort ſeyn will, muß er doch wenigſtens ſchon am 18ten reiſen, da er nicht, wie wir, Courier fahren wird und— kommt es denn darauf an zur Hochzeit dort zu ſeyn? oder, ſobald irgend in der Welt moͤglich, um dieſe beyden— thoͤrigten Menſchen zu trennen?— und nun der Umweg uͤber Dorſten!”— „Maͤdchen, Maͤdchen, welch ein Junge iſt in Dir untergegangen!“ rief der Vater. „Suͤſſer Vater, ich waͤre grade ſo ein Kraut ge⸗ worden, wie der Carl und haͤtten nicht die vielen, von meiner lieben Mutter mir ertheilten, guten⸗— hier machte ſie eine Pantomime—„Rathſchlaͤge es gethan, Sie erlebten keine Freude an mir!« Der Vater kuͤßte ſie und weinte Freudenthraͤnen, feſt uͤberzeugt und zwar mit groſſem Rechte, daß dieſe ſogenannten„Rathſchlaͤge« zwar zu gutem Gluͤkke keinen Schaden aber wahrlich, auch keinen Seegen, ſondern vielmehr groſſe Gefahren bereitet haͤtten! „Daß wir aber reiſen iſt nicht genug, fuhr das Naͤdchen fort,„wir muͤſſen Einen vorausſenden, einen avant coureur, der uns uͤberall auf den Stationen die Pferde beſtellt, ein Laufzettel iſt unſicher!e⸗ „Aber, Kind, wie biſt Du in ſolchen Sachen ſo bewandert!e⸗ „Suͤſſer Papa, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe! Dies letztere beſonders aber aus einem aͤuſſerſt lehrreichen Buche, betitelt: die Entfuͤhrung, oder allzu ſcharf macht ſchartig.“ „Und der Inhalt? Ja, da war eine Tochter, die verliebte ſich ſo ein Bischen auf ihre eigne Hand und da die Parthie aͤuſſerſt gut war, beharrte ſie feſt dabey. Die Aeltern aber hat⸗ V 4* ten ganz andere Anſichten und ſagten: der junge Menſch ſey ein Windbeutel und ein Hanswurſt und ſey arm und ſie wollten einen reichen Schwiegerſohn haben, weil ſie ſelbſt auch reich waͤren. Der Vater wuͤrde ſich wohl gegeben haben, aber die Mutter platterdings nicht. Da lief ſie mit ihm davon und da machten ſie es ſo mit dem avant coureur. Es ſtand Alles genau beſchrieben, wie man es ma⸗ chen muß, um davon zu laufen, mit Nachſchluͤſſel und Leiter und Alles, o, ich wollte es gleich nachmachen, wenn es darauf ankaͤme, ſo genau habe ich es behalten k⸗ „Und dann? „Ja, der Vater, ein ſehr verſtaͤndiger Mann, wollte einwilligen und verzeihen, die Mutter aber, eine ganz erſchrecklich heftſa⸗ Frau, wollte ſchlechterdings nicht Naiſon annehmen.“ „Das war eine e vernunfttge rechtſchaffene Frau! rief die Mutter. „Nun, Muͤtterchen, Raiſon, daͤchte ich, haͤtte ſie immer annehmen muͤſſen!“ ſagte der Vater.. „Was? Raiſon annehmen? Wenn Ehre und Al⸗ les auf dem Spiele ſteht? Und Du beſtaͤrkſt ſie noch gar?* „Und endlich?“ fragte der Vater. „Ja, endlich— da kam die Tochter in die Wo⸗ chen und da nahm der Großvater ſeinen kleinen Enkel — 33.— auf den Arm und brachte ihn ſeiner Frau und da wein⸗ ten ſie Beyde Freudenthraͤnen und Alles war gut!⸗— Ach, es war auſſerſt ruͤhrend zu leſen!⸗⸗ 4 „Und das Buch nennſt Du lehrreich 2ec— „Ganz gewiß! denn zuerſt hatte ich wohl Luſt es auch ſo zu machen, nachher aber gefiel es mir doch nicht und da dachte ich: ſieh dich vor, daß dir's nicht eben ſo geht! und wenn Du merkſt, daß dir Einer gefaͤllt, ſo ſey auf Deiner Huth und geh zu Papa und frage den und wenn Einer ſagt: mein Engel! und Abgott meiner Seele! und ſo und ſo— ſo ſprich: reden Sie mit meinem Vater!— und ſo hab ich es immer redlich gehalten! „Iſt Dir denn das ſchon begegnet?« fragte der Vater beſtuͤrzt. „Mein ſuͤßer Papa,“ erwiederte ſie mit einer révé- rence respectueuse,„man iſt nicht ungeſtraft funfzehn Jahr,— liebenswuͤrdig und— Ihre Tochter!— Wenn Sie erlauben, ſo erzaͤhle ich Ihnen auf der Reiſe alle meine Abentheuer!— Es iſt hohe Zeit,„ſagte ſie 3 mit der tragicomiſchen Mine— daß ich aus Hamburg komme, die jungen Herren wuͤrden alle verruͤckt gewor⸗ den ſeyn! „Haſt Du noch mehr dergleichen Buͤcher geleſen?« fragte der Vater. Die ich geleſen habe, weiß ich noch alle zu nennen, 1 — 54— viele find es nicht, denn wenn ich ſo ein Buch hatte⸗ hielt ich es feſt und las es immer wieder von vorne!“ „Fuͤrtreflich!“ rief der Vater,„und die waren?⸗ „Zuerſt und das war ein goͤttliches Buch! das weiß ich auswendig!— der, im Irrgarten der Liebe umher⸗ taumelnde Cavalier,— dann: Siegwart eine Kloſter⸗ geſchichte,— dann, Leben und Thaten des Ritters Schnauz von Schnauzenfels; dann,⸗ der Moͤnch und die Nonne,— und das ſind ſie alle!— abgerechnet die lettres de Ninon de Lenclos, welche dig Duͤpaty mir geliehen hat⸗ „Aber,“ ſagte die Mutter,„ven Wieling iſt das doch unverantwortlich!“ „Beßte Mutter, tadeln Sie ihn nicht, er hat redlich gekaͤmpft, aber er konnte nicht widerſtehen! So un⸗ gluͤcklich war ich, und ſo ſeufzte ich und ſolche Blikke warf ich ihm zu, wenn er einmal nicht wollte! Und wenn er nun ein Buch brachte, welcher ſchoͤne Lohn wartete ſeiner! Welche révérences wurden ihm! Ich ſage Ihnen; der alte Mann hat oft wie ein Kind geweint!“ „Der gute, ehrliche Alte!“ rief der Vater. „Ey,“ ſagte die Mutter,„das iſt aber dummes Zeug und haͤtte uͤble Folgen haben koͤnnen!“ Der Vater aber erwiederte:„nun Muͤtterchen, wenns wieder ſo kommt, wollen wir uns beſſer vorſehn und es ihm ernſtlich verbieten, und lieber dey den Kindern zu Hauſe bleiben!— So vertaͤndelte das wunderliebliche Geſchoͤpf den Aeltern und der Schweſter ſehr druͤkkende Sorgen und wußte, ohne im Geringſten banger Gedanken ſich erwehren zu koͤnnen, durch dieſen Anſchein guten Mu⸗ thes, eine Ruhe und ein Vertrauen ihnen einzufloͤßen, die, wenn auch am Ende nicht gerechtfertiget, doch fuͤr jetzt ſehr ſegensreich und fuͤr den Zweck ſchlechthin noth⸗ wendig waren. Der Vater beſorgte nun vom Kayſerlichen und vom Preuſſiſchen Reſidenten die noͤthigen Certificate, nur um ſich als den im Auslande zu legitimiren, fuͤr den er ſich ausgab, das heißt: fuͤr einen Baron Barnekow und ſand⸗ te, wie er es ſehr angemeſſen fand, einen zuverlaͤſſigen Mann nach Dorſten voraus, nicht nur um biß dahin uͤberall Pferde zu beſtellen, ſondern auch, um einen Brief an den alten Baron zu uͤberbringen, enthaltend die Anzeige der Ver⸗ anlaſſung ſeines Beſuches nebſt der Bitte um Erlaubniß dazu, wodurch er eine muͤndliche Geſchichtserzaͤhlung ſich erſparte. In dieſem Briefe war dem Freyherrn Nichts ver⸗ ſchwiegen, auch nicht die beſtimmte Weigerung Mathil⸗ dens, ſeinem Sohne ihre Hand zu geben, ſo wenig als die Liebe deſſelben zu ſeiner Tochter und die Liebe der Graͤfin zu ſeinem Sohne, in ſo fern dieſe leztere mehr als wahrſcheinlich war, worauf er den Schluß baute, daß, da keinen guten Aeltern, am Wenigſten ſo ehren⸗ werthen Familienhaͤuptern, wie hier zu entſcheiden haͤt⸗ 56— 3 ten, irgend Etwas wuͤnſchenswerther ſeyn koͤnne, als ihre Kinder anſtaͤndig und gluͤcklich vermaͤhlt zu ſehen und dies hier zutreffe⸗ es nur auf ihre Uebereinſtimmung ankommen werde, ein ſolches Reſultat herbeyzufuͤhren und ſehr ſchlimmen Folgen vorzubeugen, beſonders da er feſt uͤberzeugt ſey, baß der junge Freyburg ſeinen n Freund— nicht ungeahndet morden oder gar proſtituiren laſſen wer⸗ de, ſo wenig als er,(der alte Barnekow) ſelbſt.— Die Mitgift anlangend, ſey er freylich entſchloſſen ge⸗ weſen, bey ſeinem Leben nur die Zinſen davon, alſo 25000 Rthlr. jaͤhrlich, der Tochter zu geben, wuͤrde aber gerne bey einer ſo ehrenvollen Gelegenheit davon abge⸗ hen und ſich zur Capitalzahlung erbieten, wenn er nicht wuͤßte, daß er,(der alte Freyburg) weder geneigt noch genoͤthiget ſey darauf zu achten.— Endlich legitimire er ſich durch die Anſchluͤſſe als den, fuͤr den er ſich aus⸗ gebe.— Gezeichnet: C. 5 F. Barnekow. Der Vorlaͤufer mit dieſem Briefe ging am 14ten Nachmittags vier Uhr aus Hamburg. Um zehn Uhr Abends folgte die Familie, zu Wagen und aus Hamburg getrieben, von unſrer kleinen Sophie, wie das erſte aller Paare von dem Engel mit dem Schwerdte. Zu Duͤren hatte unterdeſſen unſere Koͤnigliche Ma⸗ thilde Sophiens Worte nach Vermoͤgen gerechtfertigt⸗ indem ſie, und nicht ganz ohne Erfolg, auf ihren wil⸗ den Freund, beſonders aber, obgleich langſam und mit groſſer Muͤhe, auf ihren, nur durch angeſtammte, ein⸗ gebuͤrgerte Grundſaͤtze und durch Leidenſchaft des Mo⸗ mentes fortgeriſſenen, trefflichen Bruder beguͤtigend wuͤrkte, ſo, daß dieſer endlich der Schweſter ſein heiliges Wort verpſaͤndete: ſchlechthin Nichts ohne ihren Rath und ohne ihre Genehmigung weiter in der Sache zu thun, in ſo ferne er doch unbedingt gut zu machen habe, wel⸗ ches auch die Schuld des Fremdem ſeyn moͤge. Schon vorher hatte ſie, obgleich vergebens, ver⸗ ſucht den alten Joſeph zu bewegen, ihrem Freunde die Flucht moͤglich zu machen, allein mit mehrerem Erfolge hatte ſie eben dies von dem Oberjaͤgermeiſter gefodert, welcher unſerm Barnekow dazu ſich anbot, aber ſich ſtolz verſchmaͤht fand, ungeachtet er ihm betheuerte, daß die junge Graͤfin ihn dazu vermogt habe, indem Jener ihm antwortete:„ſagen Sie nur der gnaͤdigen Graͤfin, ich verzichte auf ihre Huͤlfe und werde mir ſelbſt zu hel⸗ fen wiſſen!— wenn etwa das Erbieten nicht gar ein Fallſtrick ſeyn ſollte!“— Von tauſend Wunden blutete ihr armes Herz bey dieſer neuen Kraͤnkung, das ganz in dem Maaſſe ſich mehr zu ihm hinneigte, als er von ihr ſich adzuwenden ſchien, und da er, wie ſie wußte, nicht der Sohn des Freiherrn war, da er dennoch dieſen mit ſo unglaubli⸗ chem Trotze erwartete, da ſie ſeinen wilden rachedur⸗ ſtigen Sinn zu kennen glaubte, da ſie ihm eine Erwaͤgung — 58—. 1 der Kraͤfte, die er zu bekaͤmpfen hatte, wohl zu trauen durfte,— was mußte ſie fuͤrchten! welchen ſchrecklichen, von ihm zu waͤhlenden Maaßregeln mußte ſie taͤglich entgegenſehen! 1 In dieſer Stimmung fand ſie, ſpaͤt am Nachmit⸗ tage, den Bruder, nach langem Suchen, hinten am See im Kuͤchengarten und erhielt die feyerliche Zuſicherung, deren wir oben erwaͤhnten, indem er ſagte:„ich werde alle die Maaßregeln, die ſeine Flucht hindern ſollten, zuruͤcknehmen, ich werde ihm mit der groͤßten Artigkeit begegnen, da mag er thun was er will, bleiben oder gehen, und immer werde ich bedenken— was ich ja nicht laͤnger uͤberſehen kann,— daß dein Leben an dem ſeinigen haͤngt,— moͤgte es ihm doch eben ſo theuer ſeyn!⸗ Er ward noch von dieſem und Jenem aufgehalten, ſie aber eilte durch den Park ihrer lieben Eiche zu, als ploͤtzlich, in einem ſchmalen Steige, wo dieſen ein an⸗ derer kreuzte, ihr Freund vor ihr ſtand, allein, uͤber⸗ raſcht, wie ſie, mit einer froſtigen Verbeugung voruͤber eilte!— Dies, grade jetzt, da ſie kaum eine ewige Tren⸗ nung vorbereitet hatte, war ihrem Herzen zu viel und mit einem Tone,— dem er Gezur geben mußte,— rief ſie:„Carl e Er ſtand, ſie aber ging auf ihn zu, blickte ihm in die Augen, mit aller Innigkeit einer uͤbermaͤchtigen Liebe, mit dem ganzen Ausdrucke des Grames und der Trauer, faßte ſeine Hand und ſagte:„wenn ich Ihnen nicht angehoͤren darf, muͤſſen Sie mich deswegen haſſen? wollte Gott ich waͤre eine Koͤnigin, und ohne allen Zwang, ich wuͤrde Ihnen beweiſen wie ſehr ſie mir Unrecht thun!« „Den Beweis der Liebe,“ ſagte Barnekow, ſeine Hand zuruͤcknehmend,„kann man in allen Verhaͤltniſſen und Lagen fuͤhren und Sie wuͤrden bey mir durch eine ſolche Beweisfuͤhrung Nichts verloren oder gewagt haben le⸗ Ich habe Sie ſchon fruͤher darauf zuruͤckgefuͤhrt, wie viel ſeegensvoller es geweſen ſeyn wuͤrde, wenn Sie Sich haͤtten uͤberwinden koͤnnen, dieſen ſchoͤnen Beweis auf menſchliche Weiſe zu fuͤhren! Sie haͤtten das auch begreifen muͤſſen, aber— es iſt in der That nicht gut daß wir daruͤber reden!— es fuͤhrt zu Nichts! unſre Grundſaͤtze und Anſichten ſind zu verſchieden! Mir iſt Nichts hoͤher und heiliger als Natur, bey Ihnen aber ſteht das Grafenthum viel hoͤher⸗— „Die kindliche Liebe!« rief Mathilde. „Die kindliche Liebe, welche der Natur ſich gegen⸗ uͤberſtellt, iſt nicht eben ehrenwerth!— Gnaͤdige Graͤfin, ſeyn auch Sie nicht ungerecht! Halten Sie mich fuͤr keinen Barbaren, fuͤr keinen liebloſen Egoiſten! Ich habe ein Herz, offen jedem guten und ſchoͤnen Gefuͤhle, ein —— — — 60— Ohr, offen jeder Wahrheit! Ein Auge fuͤr das ſeltene, das ſchoͤne Bild, das Natur in Ihnen,— nur leyder, nicht fuͤr mich! hat ſchaffen wollen und mehr als das, ein Herz, das dieſem Bilde huldigt wie noch keinem!— Doch, taͤuſchen Sie Sich nicht!— Was Sie fuͤr mich empfinden iſt nicht Liebe! Was Liebe iſt und will— vermoͤgen Sie nicht zu begreifen, nicht zu ahnden!— Die Liebe aber, welche ſich beherrſchen, regeln, modeln kann, das iſt nicht Liebe! Die Liebe der Natur, der Wahrheit,— die kennt keinen Zwang und keine Graͤn⸗ zen und eine ſolche Liebe heiligt denn die alte, treue Mutter auch und freut ſich ihrer, giebt ihr Schutz und Seegen!— Was aber Sie fuͤr mich empfinden iſt— die Liebe einer Graͤfin!— Sie ſehen mich gewiß zum⸗— feſt druͤckte er ihre Hand an ſeine Lippen, ließ dann raſch ſie fahren und entfernte ſich ſchnell! Es iſt moͤglich daß es Maͤdchen giebt, die nun noch laͤnger wuͤrden haben wiederſtehen koͤnnen, wir aber glau⸗ ben es zur Ehre des Geſchlechtes nicht,— Mathilde wenigſtens, die wir doch eine Heldin zu nennen wagen, vermogte es nicht. Weder ihre Vernunft noch ihn Herz konnten dem, was er ihr geſagt hatte irgend etwas entgegen ſetzen als verworrene Begriffe und unberichtigte Gefuͤhle und ſo hatte ſie ihn noch nie geſehen! ſo ru⸗ hig, ſo ernſt und doch ſo ſanft, ſo weich!— 3 Als er ging, ſtand ſie, ſtarr wie eine Bildſaͤule, — 61— unvermoͤgend ein Wort zu reden. Es war ihr als ob ſie vom Leben ſchiede!— Dann dachte ſie ſeiner letzten, unvollendet gelaſſenen Worte,— und ploͤtzlich war es ihr Gewißheit er werde fliehen! Ohne irgend einem Gedanken an die Zukunft ſich hin zu geben hatte ihre Bruſt nur Raum fuͤr zwey Empfindungen:— Freude, dieſer taͤglichen groſſen Angſt entledigt zu ſeyn— und Gram hoffnungsloſer Liebe,— namenloſer Schmerz der Trennung!— „Noch einmal,“ dachte ſie,„mußt Du ihn ſehen! noch einmal! zum letzten Male!e und ſo flog ſie mit Win⸗ des Schnelle durch den Park ihrer lieben Eiche zu, denn taͤglich um dieſe Stunde pflegte er zu reiten. Der hochliegende Punkt worauf die Eiche ſtand, war gleichſam die Baſis des Triangels, deſſen Schenkel die beyden Wege bildeten, welche von Auſſen und von Innen auf die noͤrdliche Bruͤkke zufuͤhrten und von wo aus man einer weiten Ausſicht, auch auf die ſuͤdliche Bruͤkke hin, genoß. Hier angelangt, kam ihr die Sorge, ob auch wohl der Bruder ſchon die noͤthigen Befehle ertheilt haben moͤgte, welche allein die Flucht des Geliebten gefahrlos machen konnten?— Jezt erſchien er, in einer Entfer⸗ nung von einigen hundert Schritten, zu Pferde, nur von dem Reitknechte gefolgt und wie er langſam ſich naͤherte, unverwandt den Blick auf ſie gerichtet, zog er — 62— den Huth.— Sie ſah, daß er dem Reitknechte Etwas auftrug,(nur um ihn zu entfernen) in Folge deſſen die⸗ ſer vorauseilte, daß ihr Freund, das Geſicht ihr wieder zuwendend, die Hand auf die Lippen und dann auf das Herz legte, nun dem Pferde die Sporen gab und der Bruͤkke zuſprengte. 3 Sie hatte den ſchoͤnen, ach, den lezten Gruß— mit welcher Empſindung!— eben ſo erwiedert, die Hand ruhte noch auf dem lieben, treuen Herzen, das Auge, in Thraͤnen ſchwimmend, blickte wie durch einen Nebel dem geliebten Manne nach,— da wurden dieſe Thraͤnen auf eine boͤſe, grauſame Weiſe getrocknet, denn in demſelben Augenbikke ſah ſie die beyden Reuter aus dem Nebenwege hervorbrechen der von den Staͤllen in den Hauptweg zur Bruͤkke fuͤhrte und in wilder Haſt ihm nacheilen! So hatte der Bruder doch ſeines Wortes vergeſ ſen?—„Joſeph!« rief ſie mit ganzer Kraft,„Joſeph um Gotteswillen!“— nicht gehoͤrt,— oder vielmehr aͤberhoͤrt!— und ach, ihre Ahndung trog ſie nicht!— es war der 18te Junius und der Bruder war verhin⸗ dert worden, ſo ſchnell als es grade noͤthig war, zum Schloſſe zuruͤck zu kehren und ſeine Befehle zu geben und der Unterſchied einer Viertelſtunde entſchied. Von einer unendlichen Angſt getrieben, dennoch nur anf Rettung bedacht, eilte ſie der, ungefaͤhr tau⸗ — — — 66-— ſend Schritte von ihr entfernten Bruͤkke zu, um den dort wohnenden Jaͤger, der, wie ſie wußte, beritten war, nachzuſenden und der Bruder, welcher dies in einiger Entfernung ſah, folgte ihr, hoͤchſt unmuthig uͤber die, obgleich unfreywillige, Verſaͤumniß und nun verbunden, ſich deswegen bey der Schweſter zu rechtfertigen.— Unterdeſſen hatte ſich zu Dorſten Alles auf eine wunderliche Weiſe geſtaltet. Unſeres Freyburg Abreiſe nach Coͤlln, war weder zu Waldheim, noch ſonſt irgendwo aufgefallen, da Niemand den Zweck derſelben kannte und da auch die Bauern, nur beauftragt Pferde auf⸗ zukaufen und damit auf die ſich legitimirenden Abneh, mer an einem beſtimmten Orte zu warten, in Folge der Ihnen gewordenen Befehle und Verheiſſungen, ſelbſt gegen ihre Frauen das ſtrengſte Schweigen beobachtet hatten. Auch die Schweſtern ſchwiegen redlich, obgleich in groſſen Aengſten, allein da Freyburg in Coͤlln perſoͤnlich bekannt, des Werbegeſchaͤftes aber gar nicht kundig war, alſo nothwendig ſich Jemandem anvertrauen mußte, ſo ſprach ſich das bald aus, und ein Mitglied des, ſehr kayſerlich geſinnten Capitels, ein Freund des alten Frey⸗ burg, uͤbernahm es an ihn zu ſchreiben und ihm, als einem alten, treuen, kayſerlichen Diener Gegenvorſtel⸗ lungen zu machen,— der Brief aber, der dies enthielt, traf zu einer Zeit in Dorſten bey ihm ein, wo der — 64— Sohn grade im Begriffe war mit einigen zwanzig Aus⸗ erwaͤhlten ſeinem bedraͤngten Freunde zu Huͤlfe zu eilen. Seinen vielgetreuen Gruͤnewald traf er mit dreiſſig ungleich beſſeren, das heißt nicht eben moraliſch beſſeren, aber zweckmaͤßiger gewaͤhlten Leuten, und dreiſſig, je ſechs in Kiſten gepackten, guten Gewehren, ſchon am beſtimmten Orte auch drey und zwanzig tuͤchtige Pferde, und darunter ein in der That auserleſenes, fuͤr ſeinen Freund, fand er wo er ſie zu finden hoffte, wenigſtens zeitig genug, um ſchon am 17ten Junius an Ort und Stelle zu ſeyn. Da er indeſſen abſichtlich den beyden Bauern nicht hatte auftragen wollen: auch noch zwey beſonders große Pferde zu kaufen, um keinerley Muth⸗ maſſungen bey ihnen zu erregen, in ſo ferne ſeine und Gruͤnewalds Groͤſſe auffallend war, ſo tauſchte er deren I zwey ſehr tuͤchtige, ihnen voͤllig gerechte, ein und nun ging es ohne Weiteres auf Duͤren, und die Wald⸗ ekke zu. 3 Der Liebesbrief des Capitularen traf daher in die⸗ ſer Hinſicht zu ſpaͤt bey dem Freyherrn ein und waͤre doch beynahe zu fruͤh angekommen, nemlich am 12ten Junius Abends. 3 1 Dieſer Brief benachrichtigte ihn zugleich: ſein Sohn, durch welchen er werben laſſe, ſey nur wenige Tage dort geweſen und bereits wieder abgereiſet, welches auch gegruͤndet war, da Freyburg der ſich erkannt und bemerkt kannt ſah, einem von ihm angeworbenen, gewandten Manne das Weitere uͤberlaſſen hatte, mit Abrede: daß er nach einigen Tagen in der Nacht wiederkehren, das bedungene Handgeld an die Angeworbenen auszahlen und ſofort mit ihnen abgehen wolle, welches auch ge⸗ ſchah. Der alte Baron ſchloß hieraus zweyerley, zuerſt, daß ſein Sohn, aus Verzweiflung uͤber die, wider Wil⸗ len zu ſchließende Ehe⸗ in den Krieg gehen wolle, wel⸗ ches ihm denn aus vielen Gruͤnden groſſen Aerger ver⸗ urſachte und dann, daß ſein Sohn, bis zu ſeiner An⸗ kunft in Coͤlln, nothwendig in der Umgegend, oder we⸗ nigſtens nicht ſehr weit davon, vielleicht in Waldheim, geweſen ſeyn muͤſſe— wenn uͤberhaupt die ganze Sache nicht auf einem Irrthum beruhen ſollte, da bereits mehrere Briefe des Sohnes aus Duͤren in Dorſten eingetroffen waren, die, begreiflich, dieſer ſeinem Freunde mitgegeben hatte, um ſie von Zeit zu Zeit abgehen zu laſſen. Indeſſen gaben doch des Sohnes ihm bekannter Widerwillen gegen die Verbindung und der officielle Charakter des Briefes aus Coͤlln der Sache zu viel Wahrſcheinlichkeit, weshalb er gleich am ſelbigen Abende nach Coͤlln und, als er den Sohn hier nicht fand, nach Waldheim reiſete, wo er erfuhr, daß und wie lange ſein Sohn dort geweſen ſey. II. 5 — 66 ⸗ Da nun in dem Brieſe des Domherrn von der 4 KErriichtung eines bedeutenden Corps, obgleich unter dem Namen eines Baron Barnekow die Rede war, ſo boffe eer, unter den Papieren ſeines Sohnes etwas Naͤheres 4 daruͤber zu finden, beſonders da in fruͤheren Briefen h 6 deſſelben dieſer Name oft vorgekommen war, erbrach ſeinen Schreibeſchrank und fand hier, unter andern, ihn nicht intereſſirenden, auch den Brief unſeres Bar⸗ nekow, der ihm nun plͤtzlich uͤber Alles Aufſchluß gab. Mit Erſtaunen ſah er hier und mit Unwillen die Verwegenheit des, ihm nur dem Namen nach bekannten Freundes ſeines Sohnes, aber die Art wie dieſer des Vaters ſeines Freundes darin gedacht hatte, entwaffnete ihn und nahm ihn fuͤr den jungen Mann ſehr eein, beſonders da dieſer ausdruͤcklich Menſchenblut und be⸗ ſonders das Leben ſeines alten Joſeph um ſeinetwillen geſchont wiſſen wollte und nur ſeine eigne Rettung be abſichtigte, welches ihm denn billigerweiſe nicht zu ver⸗ denken war, obgleich er dem jungen Grafen auch nicht ganz Unrecht geben konnte. Uebrigens gab ihm dieſer Brief mehr als eine groſt Beruhigung Denn, nicht nur ſah er daraus, daß ſein Sohn keineswegs ein Freicorps und gar gegen das hohe Er haus, anwerben und anfuͤhren wolle, ſondern er uͤberzeugte 1 B ſich auch, daß es ihm leicht ſeyn werde ſeinen Sohn noch dies⸗ G ſeits Duͤren einzuholen und ſo allem Ungluͤcke vorzubeugen⸗ — 67— Denn, ſagte er, ich weiß ja, ſie ſind am 12ten aus Coͤlln geritten, ſo koͤnnen ſie unmoͤglich vor dem iſten Abends in***, eine Meile von Duͤren ein⸗ treffen, am 19ten Abends aber, hoͤchſtens, bin ich in Duͤren. Er eilte nun, nach Dorſten zuruͤck um die durch ſeine Abweſenheit nothwendig werdenden Vorkehrungen zu treffen und langte hier am 19ten Morgens bei guter Zeit an, wo er den avant coureur unſerer Sophie, nebſt dem Briefe ihres Vaters vorfand, der eben erſt dort eingetroffen war. Neues enthielt dieſer Brief fuͤr ihn Nichts, nicht ein⸗ mal die Liebe ſeines Sohnes zu Paulinen und ſein einziges Unangenehme war die Beſtaͤtigung der gegenſeitigen Ab⸗ neigung der Verlobten ſo wie die Ueberzeugung, daß es ihm nicht ohne Aerger und Gewalt gelingen werde ſei⸗ nen Lieblingsplan nun noch durch zu ſetzen, obgleich Sophie allerdings darin Recht hatte, daß er vom Erbfeinde der Menſchheit nicht in dem Grade geplagt ward, auch jetzt noch ſchlechthin auf die Sache zu be⸗ ſtehen und dieſe ſehr anſtaͤndige, ſogar ſeltene Parthie unbedingt auszuſchlagen. Indeſſen fiel ihm der Name auf—„Barnekow n⸗ rief er,„den Namen habe ich noch nie gehoͤrt! Lott⸗ chen, hole das große Lexicon, den erſten Theil, A— C und ſchlage auf und lies mir vor le⸗ 5* — 48— Lottchen brachte einen Folio⸗Band: Neues ver⸗ mehrtes——— Lexicon, in welchem das Leben, die Thaten——— derer Patriarchen, Apoſtel, Vaͤter der erſten Leichen⸗ Paͤpſten——— beruͤhmten Maͤnnern, Kaͤnſtlern, ſogenannten Ketzern—— Kay⸗ ſer, Koͤnigen-—— ingleichen ausfuͤhrliche Nach⸗ richten von den anſehnlichſten— adelichen Familien, von Concilien ꝛc. ꝛc. Vol. I. A— C. Baſel 1729; ſchlug auf und las: „Barnekow, eine alte, adeliche Familie in Pom⸗ mern, welche ihre Guͤter in Ruͤgen beſitzet und ſich auch in Daͤnnemark und Norwegen ausgebreitet hat. Da⸗ reslav Barnekow fand ſich Anno 1372 an dem Hofe Bogislav V. Herzog in Pommern und Anno 1450 war Raban Barnekow Landvoigt auf Ruͤgen, welcher letztere zu Stralſund⸗ dahin ihn ſein Herzog dem Landtage bei⸗ zuwohnen geſchickt hatte, von einem aufruͤhriſchen Buͤr⸗ germeiſter umgebracht wurde, allein ſein Sohn Jaroslav raͤchte deſſen gewaltſamen Tod dermaſſen, daß es den Stralſundern uͤber eine Tonne Goldes koſtete. Dieſer jetzt gedachte Jaroslav Barnekow hat bey den Herzogen in Pommern in groſſem Anſehen geſtanden und ſein Geſchlecht fortgepflanzet.“— Von dieſer Seite alſo waͤre gegen die Sache Nichts einzuwenden geweſen, reich war die Braut auch, aber Wort und Abmachung, die einmal ausgeſprochene Ein⸗ — 69— willigung, dann Widerſezlichkeit und Wortbruch!— dies ging uͤber Alles!— daß ſein Sohn und die junge Graͤfin ſich nicht leiden konnten, ohne ſich auch nur von Perſon zu kennen galt ihm Nichts;„das ſind Poſſen und findet ſich nach der Hochzeit!“ dachte er⸗ und darin hatte er recht,— daß ſein Sohn eine Andere liebte, noch weniger, daß er einer Andern Rechte gege⸗ ben hatte, war ſchon ſchlimmer, indeſſen blieb er feſt — entſchloſſen an ſeinem Worte zu halten, biß ſein alter Freund ihm daſſelbe erlaſſen haben wuͤrde, um wenig⸗ ſtens der Treuloſigkeit ſeines Sohnes nicht theilhaftig zu werden. Der Senator hatte uͤbrigens geſchrieben, er werde dem Vorlaͤufer auf dem Fuße folgen. dieſer beſtaͤtigte das und ſo, da es ihm ohnehin auf einige Stunden nicht anzukommen ſchien, da jede ſchuldige Ruͤckſicht fo⸗ derte die unbekannten ehrenwerthen Gaͤſte zu erwarten, ſo befahl er Alles auf das Beſte zu ihrem Empfange zu bereiten und bald trafen dieſe ein. Nach allgemeinen, gewoͤhnlichen Bewillkommungen bemaͤchtigten ſich die lieben Toͤchter des Hauſes ſogleich ihrer reiſenden Schweſtern und Pauline ging wie ein Ball aus einem Arme in den andern, wo es denn an einem Thraͤnchen hier und da nicht fehite, Sophie aber, daruͤber ſich vergeſſen ſehend, ſagte:„nun, wenn ich ditten darf, mir auch ein Bischen!« und ſo kam auch 1 — 70— ſie an die Reihe und brachte Sonnenſtrahlen auf die Thauperlen.“ G 1 Ddie verſtaͤndige Louiſe, welche von dem Vorlaͤufer bereits uͤber die Gewaltreiſe unterrichtet worden war⸗ ſagte indeſſen: ich haͤtte wohl eine Bitte, meine gnaͤ⸗ dige Frau: Ihr Herr Gemahl und mein Vater reden gewiß noch lange mit einander, wir werden ſehr viel Zeit brauchen, den armen, laͤndlichen Tiſch zu bereiten, ſind aber doch in jedem Augenblikke damit aufzuwarten bereit, Sie haben in drey Naͤchten nicht die gewohnte Ruhe gehabt,— wenn Sie ſich entkleiden und ſich zu Bette legen wollten, ſo wuͤrde das gewiß ſehr wohlthaͤtigſeyn! Sie ſollen Zimmer bekommen nach dem Garten hinaus, wir ſetzen die Fenſter dicht zu und Nichts ſoll ſie ſtoͤren 4* Das ward dankbar angenommen. Eine kleine Ruhe, ungetruͤbt durch das weiſe verſchwiegene, neue Ereigniß, ein kleiner Spatziergang in den Garten, ein Glas Zuk⸗ kerwaſſer,— und ein Schlaf war vorbereitet, wie alle die drey Frauen nachher verſicherten ihn nie im Leben genoſſen zu haben und um vier Uhr ſaſſen Alle neube⸗ lebt zu Tiſche, mit nie empfundener Speiſeluſt, ohne Kopf⸗ und Ruͤkkenweh, Schwindel⸗ Herzklopfen oder Wallungen. Unterdeſſen hatte der Herr vom Hauſe ſeinen Gaſt in ein einſames Zimmer gefuͤhrt und dieſer be⸗ gann die Einleitung zu der, ihn ſehr druͤkkenden, Be⸗ redung zu machen, indem er ſagte: vich hoffe, Sie wer⸗ — 71— den den Beweis des Vertrauens und der Achtung nicht verkennen, den ich durch dieſe Annaͤherung Ihnen gehe, denn nur dieſe Hoffnung und die Ueberzeugung: daß durch Vernunft und Vorſicht noch Alles zu einem gu⸗ ten Ende gefuͤhrt werden kann, konnten mich beſtim⸗ men Ihnen, als einem mir voͤllig fremden Manne auf ſolche Weiſe mich zu naͤhren.“ „Mein verehrter Herr Senator“ erwiederte der Hausherr,„es freut mich recht ſehr die Ehre, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben und ich will ſie das auch ganz und gar nicht entgelten laſſen was da geſchehen und nicht geſchehen iſt! „Das wuͤrde auch,“ erwiederte unſer Senator, einer ſehr natuͤrlichen Aufwallung nachgebend,„ſehr unbillig und mehr ſeyn, als ich wuͤrde ertragen koͤnnen, denn ich bin auf jeden Fall ganz unſchuldig und will auch jetzt nur was Vernunft, Ehre und Sitte fordern.“ „Sehn Sie, mein hochgeſchaͤtzter Herr Senator,“ rief Jener,„da denken Sie gerade wie ich, allein wiſſen Sie auch ſchon Alles was da unterdeſſen paſſirt iſt?— und nun theilte er dem Senator mit, was er ſelbſt durch den Brief des jungen Barnekow erfahren hatte.“ Ich habe dergleichen gefuͤrchtet,“ ſagte dieſer,„denn an wen ſollte mein Sohn in ſeiner Bedraͤngniß ſich wenden, als an ſeinen Freund, um deſſen Willen er ſich ſehr unbeſonnen in Gefahr begeben hatte!e — 1— 22— Da,“ rief der Freyherr,„das war eine groſſe Unbeſonnenheit!e⸗ Die faͤllt nun, erwiederte der Senator,„den bey⸗ den jungen Leuten auf gleiche Weiſe zur Laſt, auch wuͤrde es gar Nichts frommen zu unterſuchen: welcher von Beyden der Schuldigere ſeyn moͤgte?« „Der Schuldigere iſt mein Sohn, das iſt gewiß les rief der Freyherr,„denn, ſich mit zwey honetten Maͤd⸗ chen zugleich einzulaſſen und dann den Bruder der Einen zu ſchicken, daß er ihn von der Andern los manoeuvriren ſoll, das iſt eine miſerable Conduite!“ „Mein werther Herr Baron, erwiederte der Se⸗ nator laͤchelnd,“ mein Sohn, ſo, wie ich ihn kenne, iſt ganz und gar nicht der Mann ſich ſchikken zu laſſen, vielmehr bin ich uͤberzeugt, daß Alles von ihm ausge⸗ gangen iſt und daß Jener, ſeine Verſchuldung fuͤhlend, ſanft und gut wie er iſt, nur in allen Stuͤcken nach⸗ gegeben hat!— Sie ſehen,„fuhr er fort,“ es fuͤhrt zu Nichts auf den Grund der Sache zu gehen, laſſen Sie uns lieber vor allen Dingen auf Rettungsmittel denken!“ „Was die Batallle betrifft,“ ſagte der Freiherr, „daraus ſoll Nichts werden, denn ich bin fruͤher in Duͤ⸗ ren als mein Sohn mit ſeinen Landſtreichern dort an⸗ kommen kann! Sehn Sie nur!⸗— und nun rechnete er ihm genau vor, was Cavallerie leiſten und wie viele Meilen deutſche Pferde in acht Tagen hinter einander 1 — 713— 3 machen koͤnnten, woraus er denn folgerte, daß ſein Sohn unmoͤglich vor dem 20ſten oder 24ſten in Duͤren ſeyn koͤnne,„und dann“, ſetzte er hinzu,„muͤſſen es Pferde ſeyn die dergleichen Touren gewohnt, an ſich dauerhaft und unter Kornmacht ſind, nun aber kann er doch mit ruinirten Pferden Nichts ausrichten und kaufen muß er ſie wie er ſie findet, das kennt er zu gut, nein, daruͤber ſeyn Sie ganz ruhig! Nachher aber muß Ihr Herr Sohn dann ſehen wie er mit dem Grafen Duͤren fertig wird!⸗ „Daß er mit ihm fertig müed mein Herr Boron, daran zweifle ich gar nicht, mein Sohn hat das viel⸗ faͤltig bewieſen und faͤllt er, ſo faͤllt er mit Ehren. Allein das mag nun ausfallen wie es wolle, ſo kann mir und uns Allen damit nicht gedient ſeyn, denn Beyde ſind die einzigen Soͤhne, die lezten ihres Stammes und Ihr wuͤrdiger Freund, der Graf Duͤren liebt ſeinen Sohn gewiß ſo ſehr wie ich den meinigen und wie Sie den Ihrigen, daß aber, wenn mein Sohn faͤllt, der Ihrige an ſeinen Platz tritt— Sie ſehen ein, das iſt eben ſo gewiß als nothwendig!— Ich muß ſagen, ich gebe die Hoffnung nicht auf, Alles guͤtlich zu endigen und darum erlauben Sie mir vor allen Dingen Ihnen den Brief mittheilen zu duͤrfen, den die junge Graſin mir geſchrieben hat.— „Aus dieſem Briefe, fuhr er nach geſchehener Mit⸗ theilung fort,“ ergiebt ſich, meiner Meinuug nach, zwey⸗ erley: fuͤrs Erſte kann ich nicht zweifeln, daß die junge Graͤfin und mein Sohn einander von Herzen lieb haben und daß nur der vermeinte Unterſchied des Standes oder das Mißverhaͤltniß zum Bruder, ſie⸗ bisher von Keinander entfernt gehalten hat, fuͤrs.“— „ Aber daß ich fragen darf, warum haben Sie Ih⸗ ren alten guten Adel ſo lange verleugnet?« unterbrach ihn der Freyherr? „Er gilt in Hamburg nicht, man kennt das dort nicht und liebt es nicht und ich verſichere Sie, daß man bey uns immer nur ſagen wuͤrde: Herr Muͤnchhauſen⸗ Herr Winterfeld, Herr Ziethen, auch wuͤrde ich, als Edel⸗ mann, verfaſſungsmaͤſſig⸗ die amtliche Wuͤrde nicht ha⸗⸗ ben bekleiden koͤnnen, der ich eben daher jetzt entſagen muß.— Fuͤrs Andre, wollte ich ſagen, ſcheint mir die Sache zwiſchen dem jungen Grafen und meinem Sohne gar nicht von der Art, daß ſie mit Waffen ab⸗ gemacht werden kann! Denn der Graf hat meinem Sohne einen ehrlichen Zweykampf geweigert, hat gedroht ihn von Knechten todt treten zu laſſen und wer mir das droht, dem laure ich irgendwo am Wege auf, oder breche geradezu ihm mit hinreichender Mannſchaft in das Haus und thue ihm ſo, wie er mir hat thun wol⸗ jen! Sie ſehen, wie leicht ein Paar hundert Wage⸗ haͤlſe zuſammen zu bringen ſind und ich erklaͤre es offen, —.— — 75— daß, wenn kein friedlicher Ausweg moͤglich iſt, wenn keine Verſchwaͤgerung den Vertrag bewuͤrkt und mein Sohn es von mir fodert, ihm mein lezter Thaler und. mein lezter Blutstropfen zu Gebote ſtehen und dann wird noch Raum bleiben die Graͤnze zu gewinnen und nach England uͤberzugehen! Stellen Sie Sich nur guͤtigſt an meinen Platz und ſagen Sie, was Sie empfinden wuͤrden, wenn man, einer jugendlichen Ueber⸗ eilung wegen, Ihren einzigen Sohn ſo haͤtte behan⸗ deln wollen! G Daß ich ungerne an ſo ein Extrem gehe, leugne ich gar nicht, und bin gerne zu Allem erboͤtig, was mit Anſtand und Ehre geſchehen kann, hoffe daher Sie wer⸗ den mir darin treu zur Seite ſtehen, denn es gilt die einzigen Soͤhne l⸗ Ganz in ſeiner gewoͤhnlichen ſanften und ruhigen Weiſe, obgleich mit groſſer Feſtigkeit, hatte unſer eh⸗ renwerthe Senator ſo ſich ausgeſprochen und der alte Freyherr, dem dieſe Sprache gar wohl gefiel, der ohnehin gegen dieſe Anſicht und fuͤr die Handlungsweiſe des Gra⸗ fen nicht viel ſagen konnte, verhieß zwar ſeine Mit⸗ wirkung, bedingte aber immer die ſtrenge Erfuͤllung ſei⸗ nes gegebenen Wortes, womit der Senator denn auch zufrieden war und zufrieden ſeyn mußte, eben daher aber des delieaten Punktes der Verſchwaͤgerung mit ihm —— E— — 76— fuͤglich nicht weiter gedenken konnte, inſoferne Jener ſich noch fuͤr gebunden hielt. „ Was nun,“ fuhr der Senator fort,„Ihre, aller⸗ dings nothwendige ſchnelle Reiſe nach Duͤren betrifft, ſo erlauben Sie mir die Bitte, Sie begleiten und mich durch Sie dem Herrn Grafen, Ihrem Freunde, vorſtel⸗ len laſſen zu duͤrfen, wo ſich dann hoffentlich Alles fin⸗ den wird. Der Herr Graf iſt noch von dem eigentlichen Zu⸗ ſammenhange der Sache gar nicht unterrichtet und ich erſpare ihm das auch gerne, meine Abſicht iſt nur, ſeinen Sohn und den meinigen zu ſprechen, um zu ſehen wie dieſe Beyden zu trennen oder zu vereini⸗ gen ſeyn moͤgten. Mir ſcheint es daher am Angemeſſenſten, wenn Sie die Guͤte haben zu ſagen, ich ſey Ihnen von Coͤlln oder Amſterdam, durch irgend einen Freund empfohlen, ich wuͤnſchte Guͤter in Schwaben zu kaufen und Sie empfoͤhlen mich ihm, wie Sie, mit gutem Gewiſſen koͤnnen, da ich allerdings Guͤter zu kaufen entſchloſſen bin und allenfalls, wenn ich ſie preiswuͤrdig finde, in Schwa⸗ ben, ſobald nicht unſere Angelegenheiten unverhofft eine ungluͤckliche Wendung nehmen ſollten.“ Der alte Freyherr genehmigte auch dies, man ward einig: den Frauen Nichts von dem wahren Zuſammen⸗ hange zu ſagen und ſie um einen Tag ſpaͤter nachfol⸗ . 4 7 1 — 77— gen zu laſſen, weil man nicht wiſſen koͤnne wie es in Duͤren ſtehe, doch mußte der Freyherr ſich wundern, als der Senator mit der juͤngſten Tochter eine Ausnahme machen zu duͤrfen bat, als von welcher er ſich nicht tren⸗ nen koͤnne!„Denn,“ ſagte er,„es iſt ein Maͤdchen wie ein Mann und die ganze Reiſe hierher iſt ihr Werk, ihre Erfindung. Ich wollte geradezu nach Duͤren reiſen, aber ſie ſagte:“ der Vater des jungen Baron Freyburg iſt der Einzige der helfen kann, zu dem muͤſſen wür, denn was der will geſchieht doch am Ende!— „So, fagte der alte Mann, ſehr geſchmeichelt, „hat ſie das geſagt!— ünd uͤberhaupt, mein werther Herr Senator, Kinder haben Sie, das muß ich beken⸗ nen, wie es ihrer nicht in vielen Haͤuſern giebt! dieſer junge Mann, wie er auch geirrt oder ſich uͤbereilt ha⸗ ben mag, das muß ein ganzer Kerl ſeyn, meiner iſt eine Nachtmuͤtze dagegen! So eine Dispoſition, ſolche Umſicht und ſo eine Entſchloſſenheit in ſeinen Jahren!— ich bin neugierig ihn kennen zu lernen!“⸗ Dceer Senator bemuͤhete ſich nun und mit noth⸗ wendigem Erfolge, den Vater auf alle die Trefflichkeiten des eigenen Sohnes und auf die wuͤrklichen Vorzuͤge aufmerkſam zu machen, die dieſer vor dem ſeinigen habe „und,“ ſagte er endlich,— die ſchwache Seite des alten Degens zu treffen bemuͤht,—„dieſes Unterneh⸗ — 8— 8 men ſeinen Freund zu retten, von welcher Bravour zeugt es nicht! „Ich moͤgte ihm doch nicht goͤnnen,“ rief der Frey⸗ herr,„daß er mit dem alten Joſeph zuſammen kaͤme!“ Der Senator aber verſicherte ihn, zu wiſſen, daß er bey mehreren Gelegenheiten, und zwar nie ſeiner ſelbſt⸗ ſondern immer ſeines wilden Freundes wegen, Haͤndel gehabt und eben ſo ſehr mit Ehre als mit Erfolg ſie ausgefochten habe, woraus er denn nicht nur in Hin⸗ ſicht ſeiner Sitten und ſeines Herzens, ſondern auch in Hinſicht ſeiner Bravour und Tuͤchtigkeit die vor⸗ theilhafteſten Schlaͤſſe zu ziehen nicht unterließ,— in Folge alles deſſen der eiſerne Alte ſichtbar weicher und fuͤgſamer zu werden begann, wozu denn,— was ſol⸗ len wir es leugnen,— das groſſe Vermoͤgen des Redners nicht wenig beytrug, ohne daß der Zuhoͤrer dies er⸗ kannte und es ſich geſtand. Nun kam aber auch dem alten Freyherrn der Ge⸗ danke an die Reiſe, welche ſein Gaſt kaum uͤberſtanden hatte, ſo wie an die bevorſtehende.„Sie muͤſſen ru⸗ hen, mein werther Herr Senator,“ rief er,„das geht ich, es ſoll Sie nicht gerellen und Ihnen einen ſanf⸗ nen und von Auſſen und dann zu Bette! Sie ſollen nicht! Wollen Sie meinem Beiſpiele folgen, ſo denke ten Schlaf vorbereiten! Tuͤchtig kalt Waſſer von In- ein ſchoͤnes, kuͤhles Jimmer haben! Der Senator folgte — —y—— — — 79— der heroiſchen Anweiſung und als eine der Toͤchter des Hauſes ihn durch die Zimmer der, bereits in tiefen Schlaf verſunkenen, Seinigen fuͤhrte, da konnte er doch vor dem Bette Sophiens nicht voruͤbergehen, ohne einige Augenblikke zu verweilen, ihre herabhaͤngende Hand an ſeine Lippen zu druͤkken und dadurch zugleich eine ſchmerz⸗ liche Sehnſucht in dem Herzen ſeiner Begleiterin zu er⸗ wekken, welche bey der Ruͤkkehr den Schweſtern weinend an die Bruſt ſank und immer rief:„welch ein Mann welch ein Vater!⸗— Der alte Freyherr ruhte auch, aber nur kurze Zeit. Er konnte den Schlaf nicht ſinden, der neuen Gegen⸗ ſtaͤnde und Gedanken kreuzten ſich zu viele in ſeinem Kopfe. Immer ernſter erſchien ihm die Sache und immer weniger konnte er ſich uͤberzeugen, das gewaͤhlte Mittel werde zu einem guten Ziele fuͤhren, aber einen andern Weg, einen beſſeren Nath fand er nicht. Er beſorgte nun noch das Noͤthige vor ſeiner Ab⸗ reiſe und daruͤber wurde einer ſeiner Gaͤſte nach dem andern munter, er ward gerufen, die ſchoͤnen Toͤchter des Hauſes welche den Frauen nicht zu entdekken wag⸗ ten was ſie wußten, hatten laͤngſt vollendet und man ging um ſehr Vieles beruhigter zu Tiſche, wo der alte Mann die unerwartete, ſonderbar ſcheinende Galanterie hatte, ſich das Vis à Vis der beyden fremden jungen . Damen zu erbitten. — 80— Der Wein erfreut des Menſchen Herz und, wie die kleine unartige Sophie zu ſagen pflegte,—„die erhabenen Herren der Schoͤpfung, wenn ſie vor Tiſche auch noch ſo ſaure Geſichter anziehen,— ein gutes Gericht und die edeln Stirnen ſind glatt!“— So ging es auch hier. Der alte rauhe Freyherr, welcher die Fal⸗ kenaugen immer von einem der beyden fremden Maͤd⸗ chen nach dem andern wechſeln ließ, fand immer weni⸗ ger Grund die Wahl ſeines Sohnes zu tadeln, beſon⸗ ders wenn er dieſe Blikke der kleinen Coquette, die es reccht eigentlich und ohne ein Wort zu ſprechen, auf ihn abgeſehen zu haben ſchien und dies in Dehmuth und Liebe ſchwimmende Auge Paulinens, ihre holde Scheu, mit dem ſteifen, ſeinem Ausdrukke nach, hoͤl⸗ zernen Weſen verglich, mit welchem die junge Graͤfin, aus bekannten Urſachen, bey ſeinen lezten Beſuchen in Duͤren, ſeine Adreſſen erwiedert hatte, ohne auch nur im Geringſten ihn aufzuſuchen, wogegen Paulinens ſeelenvolles Angeſicht in einer nur zu wohl verſtande⸗ nen Sprache immerdar zur ihm redete, waͤhrend die kloine Schlange, mit uſurpirter und dennoch ihr ganz eigen ſcheinender Wuͤrde jedes Wort das der alte Herr ſprach erſt zu pruͤfen und dann weisheitsvoll zu billigen und zu verehren ſchien. 1 Die Seelenangſt der Mutter, welche in jedem Au⸗ genblikke einem Ausbruche zitternd entgegenſah, erprobte ſich als nicht gerechtfertiget und ſobald die Tochter die Gelegenheit dazu fand, fuͤſterte ſie triumphirend ihr zu:„Mama, gnaͤdigſte Mama, ob ich das Maul hal⸗ ten kann? Gegen das Ende der Mahlzeit ſagte der alte Ba⸗ ron:„meine Herrſchaften, ich ſehe nicht ein, wozu wir uns quaͤlen ſollen! ich liefre uns, wenigſtens den Herrn Baron, die junge Dame dort⸗ und dabey wies er auf Sophie, welche mit groſſer Modeſtie die Augen ſenkte, und mich, zweymal vier und zwanzig Stunden ehe es noͤthig iſt, an Ort und Stelle, uͤberdies ſcheint es mir, daß wir vorher noch gar Vieles mit einander zu uͤber⸗ legen haben.⸗— Er ſchwieg und ſah im Kreiſe fragend umher und als Niemand Etwas erwiederte, ſagte er laͤchelnd, zu Sophien gewandt:„nun, meine gnaͤdige Baroneſſe, was ſagen Sie dazu?ee wogegen dieſe einen dehmuths⸗ vollen Blick auf ihre Mutter warf und bey ihrem Schwei⸗ gen beharrte! „»Nun, mein ſchoͤnes Kind?⸗— der Vater laͤchelte und ſchwieg gleichfalls, die Mutter aber rief:„nun, Sophie, wenn der Herr Baron befehlen, ſo antworte le⸗ und ſie oͤffnete die Roſenlippen und ſprach:„es ſcheint mir allerdings, daß noch die Hauptſache nicht beſpro⸗ chen iſt, allein ich daͤchte daß dies auch unterweges im Wagen geſchehen koͤnnte und daß wir gar nicht genus II.. 6 — 82— eilen koͤnnen. Wir haben geruhet, wir ſind alle wohl und ich ſehe kein Hinderniß!“ „Mein ſchoͤnes Fraͤulein,“ ſagte der Freyherr,„das iſt ein ſehr verſtaͤndiges Wort, aber es iſt das Wort einer verſtaͤndigen Dame! Ich pflege nicht eher zu laufen, als bis ich den Kerl ſehe und dann wills auch noch nicht ſo recht fort! Die jungen Herren ſollen nicht denken⸗ daß ihre Aeltern ſich um ihretwillen den Hals brechen wollen! Morgen fruͤh bey guter Zeit reiſen wir und am 19ten Abends ſind wir mit Bequemlichkeit in Duͤren, ohne unſere guten Nachtquartiere zu entbehren!— Wir wollen hier mit Ruhe die Sache uͤberlegen!— wenn es dem Herrn Senator und der gnaͤdigen Frau ſo gefaͤllig iſt?“— welche ihm aber hoͤflich beyſtimmten. Nach Tiſche lud der Freyherr ſeinen Gaſt zu einem Spaziergange ein und erbat ſich auch die Ge⸗ ſellſchaft Sophiens;„es iſt,“ ſagte er, zu Paulinen ſich wendend, nicht⸗ daß ich die Juͤngere der Aelteren vor⸗ zoͤge, ſondern, was wir zu reden haben, taugt nicht fuͤr Ihre Ohren, mein liebes Kind,“ und dabey ſtreichelte er ihr die Wange, waͤhrend ſie ſeine Hand ergriff und an ihre Lippen druͤckte, ohne daß der alte Mann ein ſichtbares Wohlgefallen zu verhehlen geſucht haͤtte und nun ging das Kleeblatt in den Garten, waͤhrend in dem lieben Herzen unſerer Pauline die erſten Strahlen einer neuen, goldenen Hoffnungsſonne zu daͤmmern begannen⸗ — 8— In einer ſtillen Laube ward die Berathung, nach⸗ dem man Sophieen Alles mitgetheilt hatte, von dem Freyherrn ſo eingeleitet.„Daß ich nach Duͤren gehe⸗ iſt nothwendig, ſo viel ſehe ich, allein ſo wie ich an⸗ komme, iſt auch die Entdekkung gemacht: daß der Fremde dort nicht mein Sohn, ſondern, der Ihrige iſt. Dann muß der Graf ſein Wort wahr machen und thut er das nicht,— ſo ſcheint Ihr Herr Sohn mir ganz der Mann dazu, denn ſolche Verwegenheit, das kann ich wohl ſagen, iſt mir noch nicht vorgekommen. Geſezt aber, wir beruhigen ſie Beyde, oder ſie ſchlagen ſich ehrenhalber, ſo— hat er doch immer in den Augen der Familie durch die Masquerade nicht eben gewonnen und mit welchen Augen,— Sie nehmen mir das nicht unguͤtig, mein wertheſter Herr Senator,— wird man Sie und die lieben Ihrigen dort anſehen! Ferner, wenn die jungen Leute ſich wuͤrklich lieb haben ſollten,— mir muͤßte es dann ſchon recht ſeyn!— ſo giebt der Graf dem Manne die Tochter nimmer⸗ mehr, der ihm ſo ſehr wehe that!— Endlich, der Graf wird nicht der erſte ſeyn, der ſagt: wir wollen die Sache aufgeben! ich aber auch nicht!— Ich muß ge⸗ ſtehen daß ich das Ding nicht zu handhaben weiß le⸗ Der Senator mußte, den letzten Punckt ausge⸗ nommen, dem Allen beypflichten, um aber eben dieſen, als den Hauptpunckt, vollkommen aufs Reine zu brin⸗ 6* * — 84— gen, bat er⸗ beyde ſehr ausfuͤhrliche Briefe der jungen Leute in Betreff deſſelben noch einmal durchgehen zu duͤrfen, woraus ſich ergab, daß die Aeltern widerholt der Tochter erklaͤrt hatten, und zwar in Gegenwart des vermeinten Schwiegerſohnes, daß ihr auch jetzt noch ſchlechterdings kein Zwang angethan werden ſolle, daß ſogar der alte Graf es fuͤr paſſender gefunden habe, wenn die Weigerung⸗ das Band unaufloͤslich zu knuͤp⸗ fen, nur von ſeiner Tochter ausgehe! Uebrigens fand allerdings auch der Senator ſein Erſcheinen dort ſehr druͤkkend, fuͤr ſich ſelbſt, wie fuͤr die Familie Duͤren,— allein ihm blieb keine Wahl! Der fluͤchtige Gedanke: den Freyherrn allein vor⸗ aufreiſen und durch ihn ſein Kommen vorbereiten zu laſ ſen, ſcheiterte an der Erwaͤgung, daß des Freyherrn bloſ⸗ ſes Auftreten an und fuͤr ſich ſchon entſcheidend und daß der junge Barnekow nur durch ſeinen Vater zu beruhigen, oder in Schranken zu halten ſeyn werde. Daß aber die, in ſeinem Namen geworbenen, Leute alle: wal nur ihm gehorchen wuͤrden, litt keinen Zweifel. „Nun, mein ſchoͤnes Fraͤulein,“ rief nach einigem Stillſchweigen der Freyherr,“— wenn Sie jezt einen gu⸗ ten Rath wuͤßten!— Der Vater blickte ſie freundlich an und ſie ſagte:„werden Sie, Herr Obriſtwachtmeiſter, mir guͤtig erlauben Alles auszuſprechen was ich denke?7 „Das iſt ja eben die Hauptſache!“ rief dieſer. ——— „So ſcheint es mir, daß vor allen Dingen das Verhaͤltniß Ihrer Familie zu der unſrigen berichtiget ſeyn muß, denn vorher iſt keine ordentliche Abrede zu nehmen, nachher aber, glaube ich, findet ſich Alles von ſelbſt. Denn, ſind Sie uns ein Fremder, ſo kann mein Vater allerdings nicht mit Ihnen in Duͤren auftreten, mein Bruder muß dann ſehen wie er ſich hilft nnd er wird ſich helfen, das iſt gewiß, oder auch Ihr Herr Sohn hilft ihm. „Denn,— Herr Obriſtwachtmeiſter, habe ich Ihr Wort daß ich frey reden kann?“— „Wort und Hand! Sie ſind ein liebes, verſtaͤndi⸗ ges Kind!“— „Denn,— Ihr Herr Sohn iſt ein guter, ſanfter, lieber Mann, ein gehorſamer Sohn, aber wenn Sie jeztrauftraͤten und befoͤhlen ihm: zuruͤckzukehren, ohne ſeinen Freund befreit zu haben, glauben Sie daß er ge⸗ horchen wuͤrde?— Nimmer und im Leben! und waͤre es ſein Tod auf der Stelle!— Fragen Sie ſich ſelbſt! Haben Sie Ihren Freund jemals im Stiche gelaſſen? Und wenn Ihr Freund gar aus Liebe zu Ihnen in Noth gekommen waͤre, wuͤrden Sie ihn im Stiche gelaſſen ha⸗ ben? Werden es Ihrem Herrn Sohne Freundſchaft und Ehre erlauben ſeinen Freund in Gefahr zu laſſen er⸗ mordet oder entehrt zu werden? — 86— Daß Sie alſo allein, ohne meinen Vater dahin reiſen, hilft zu gar Nichts! Sie koͤnnen Ihren Herrn Sohn umbringen, aber was werden ſeine Leute dann thun? Und wenn er gehorcht, ſo wird er ſagen:„Gruͤ⸗ newald, Du weißt Beſcheid, geh' hin und brich ein und rette meinen Freund! oder auch: thu ſo wie er geſchrieben hat! mein Freund wird Dir reichlich loh⸗ nen!— denn hoͤchſt wahrſcheinlich weiß Gruͤnewald um Alles. 4 Billigen Sie aber die Wahl Ihres Herrn Sohnes, ſind Sie der kuͤnftige Schwiegervater meiner Schweſter⸗ der Schwager meines Vaters, dann iſt das ganz eine andere Sache und dann findet ſich Alles von ſelbſt.« „Mein ſchoͤnes Fraͤulein,“ erwiederte der alte Herr, vich achte die Verbindung mit Ihrem lieben Hauſe fuͤr eine Ehre und bin uͤberzeugt, daß mein Sohn nicht gluͤcklicher haͤtte waͤhlen koͤnnen, aber ſagen Sie mir, bin ich denn frey, darf ich denn wie ich wohl moͤgte?⸗ „Haben Sie nur die Gnade zu erklaͤren, wenn das, was die Comteſſe hier ſchreibt Wahrheit iſt, wenn ihr Vuater wuͤrcklich das geſagt hat, wie ſteht es dann um Ihren Willen? Der Senator, welcher mit ſteigender Sorge zuge⸗ hoͤrt hatte, erſchrack— und ſegnete zugleich ſein Kind, ihm dieſe boͤſe Eroͤrterung abgenommen zu haben, der Freyherr aber ſagte:„wenn das Wahrheit iſt, ſo wuͤn⸗ — — 87— ſche ich mir keine beſſere Schwiegertochter als Ihre liebe Schweſter und keinen beſſern Schwager als Ihren Herrn Vater!“ Hier wollte er ſich zu dieſem wenden, aber wie der Blitz lag das Maͤdchen zu ſeinen Fuͤßen, bedeckte ſeine Haͤnde mit Kuͤſſen und ſagte:„dies fuͤr Pauline! und dies fuͤr mich!“ und ſo ſchloß ſie ihn in die Arme und kuͤßte ihn wie die beleſenſte aller Braͤute. „Mein theures Fraͤulein,“ rief der alte Mann, „Sie begehen einen Raub an Ihren Schweſter; Kin⸗ dern, wenn Sie ſo fortfahren und eine Suͤnde an mir, denn ich werde zum Thoren in meinen alten Tagen! „Wollte Gott,“ ſagte das allerliebſte Geſchoͤpf, „es waͤre mir nicht ſchlechter auf Erden beſchieden!— und der Freyherr rief:„warum ſind nun meine Maͤd⸗ chen nicht auch ſo!«— bey welcher Gelegenheit wir uns die Bemerkung nicht verſagen koͤnnen: daß gar viel ſchoͤne, oder wenigſtens leidliche Verhaͤltniſſe nur dadurch vergiftet werden, daß die Braͤute, oder die Frauen, oder die Toͤchter entweder zu wenig Muth oder zu wenig Dehmuth haben und vor einem rauhen Worte ſogleich zittern, oder ſogleich dagegen ſich empoͤren!— Beynahe der einzige Vorwurf der dem allerliebſten Volke gemacht werden kann! „Nun aber, liebes Kind, ſind wir da wo Sie uns haben wollten, was ſoll unn weiter werden?“ ſagte der Freyherr. — 88— „Ja, ſehen Sie, nun kann ich ſchon ganz anders mit Ihnen reden, nun muͤſſen Sie und mein Vater fuͤr eine Weile die Soͤhne gegen einander austauſchen und mein Bruder muß ſo lange als Ihr Sohn gelten, bis man gewiß weiß, ob er und die Comteſſe einig ſind oder nicht? Und iſt das der Fall, ſo wird es dem Gra⸗ fen einerley ſeyn, ob ſeine Tochter durch Ihren Sohn oder durch meinen Bruder degradirt! wirde— „Kind!“ rief der Vater. Der Freyherr aber lachte und ſagte:„wie manche viel Vornehmere moͤgte ſich gerne ſo degradiren laſſen!e⸗ —„»und iſt das nicht,„fuhr ſie fort,“ nun, ſo hat ja der Graf ſein Wort gegeben, daß er die Tochter nicht zwingen will und Carl kriegt wohl eine Frau und die Comteſſe kriegt wohl einen Mann und⸗— ſezte ſie mit wahrer Pietiſten⸗Mine hinzu:„iſt es denn noth⸗ wendig daß ſie heurathet? Kann ſie nicht mit mir in die kloͤſterliche Einſamkeit fluͤchten?⸗⸗ „Warte Du Schelm!“ rief der alte Mann, wie verjuͤngt„Pfuy, pfuy, daß ich nicht noch einen Sohn habe! Herr Bruder ich wuͤrde noch einmal wieder auf⸗ leben!“— Und damit ſchloß der rieſige alte Mann un⸗ ſern Senator recht von Grunde des Herzens an die Bruſt, waͤhrend Sophie, mit anſcheinender Aengſtlichkeit⸗ ihm zurief:„druͤkken Sie mir meinen Vater nicht todt!“s „Und ferner, fuhr ſie fort, wenn wir nun hin⸗ 5. 4 1 —— —— Mann und Frieden und Ehre zu ſchaffen!e«— Nun dieſer, in der behaglichſten Stimmung. miniren und auf den Bewohnern eine Quadrille tan⸗ — 89— reiſen, ſo laͤßt der Graf ſich bedeuten, das ſieht man aus Allem, denn er iſt nur ſo ſehr in Zorn gerathen weil er geglaubt hat einen,— wie ſteht doch da? einen Beutelſchneider und Abentheuerer vor ſich zu ſehen, nicht aber guter Leute Kind!— Mein Bruder aber, der laͤßt ſich nicht bedeuten, das ſollen Sie erleben und dann laſſen Sie mich nur machen! Denn dann gehe ich zu ihm, und wenn er noch ſo viele Conſtables und Gre⸗ nadiere um ſich hat,— denn Sie aͤrgern Sich zu ſehr dabey, mein Herzens⸗Vaͤterchen!— und ſage:„hoͤre, warum biſt Du hier? um Deinem Freunde eine Frau unb Frieden und Ehre und Deiner Schweſter einen aber ſagt der alte Frehburg— „Sophie, beſinne Dich lee rief der Vater „»Beßter Vater, ich muß es doch genau ſo erzaͤhlen, wie ich es ihm vortragen werde! denn⸗— „Nun, was ſagt denn der alte Freyburg?« fragte „Der ſagt: er will mit keiner Familie was zu ſchaffen haben, in welcher wuͤthende und unkluge Men⸗ ſchen ſind, und ihn ſolle der Teufel hohlen, wenn er ſeine Einwilligung zu der Ehe ſeines Sohnes mit Pau⸗ linen gaͤbe, ſo bald Du Duͤren mit Brandfakkeln illu⸗ zen wuͤrdeſt, denn dazu habe er die Duͤrens zu lieb!— — 99— Wenn Du aber wie ein vernuͤnftiger Menſch und nicht wie ein Gergeſener dich zeigen wollteſt, ſo moͤchteſt Du lieber die Schweſter heurathen, Duͤren mit Talglichtern illuminiren und auf der Hochzeit Deiner Schweſter mit Deinem Schwager eine Quadrille tanzen und nun ent⸗ ſchließ Dich kurz! Denn der alte Freyburg iſt auch ſchon ganz auſſer ſich, eben wie Du, und wiſl in den Wagen ſteigen!— und“— ſezte ſie mit ganz veraͤnderter Mine und Stimme hinzu, indem ſie eine révérence respec- tueuse gegen den alten Freyherrn machte,— ich daͤchte es waͤre Zeit daß wir das Wort wahr machten und nun auch in den Wagen ſtiegen! 1 „Vor allen Dingen.“ ſagte dieſer,„bedankt ſich der alte Freyburg verbindlichſt dafuͤr, daß Sie, mein allerliebſtes Kind, ihn ſo vernuͤnftig haben ſprechen laſ⸗ ſen und bleibt dafuͤr Ihr dankbarer Schuldner, denn beſſer kann es nicht ausgedacht werden und wenn der junge Herr wuͤrcklich kein Gergeſener iſt, ſo wird man auf dieſe Weiſe ihn allerdings baͤndigen! Was aber den erſten Punckt betrift, daß ich den jungen Mann fuͤr meinen Sohn ausgeben und meinen alten Freund beluͤ⸗ gen ſoll, daraus kann Nichts werden, denn dazu tauge ich nicht und wenn der Bruder auf ſolche Weiſe, wie Sie es eben vorſchlugen, zur Raiſon gebracht wird, ſo bedarf es ja deſſen nicht le⸗ „Wie,“ rief Sophic,„ſoll denn mein Bate dort 6 3 — ———— ———— — 91— auftreten, wenn der Graf ſogleich erfaͤhrt daß mein Bruder nicht Ihr Sohn iſt?— Wie ſoll dann die Schlacht vermieden werden?— Wie ſoll mein Bruder die Graͤfin bekommen?— Nein, die Verſoͤhnung iſt eine Sache fuͤr ſich und iſt nur moͤglich zwiſchen dem unaͤchten Baron Freyburg und dem jungen Gra⸗ fen Duͤren!— Und Sie wollten Ihren alten Freund nicht beluͤgen, wenn es zu ſeinem Frieden dient und ihm ei⸗ nen großen Schmerz erſpart? Wenn es ihn hindert einen unausloͤſchlichen Haß auf Ihren Sohn zu werfen, dem Rer es doch nie verzeihen wuͤrde, ſo ihn betrogen zu ha⸗ ben! Sie wollten zoͤgern das einzige Mittel zu ergreifen welches Mord und Todſchlag abwenden kann und wird und muß?⸗ „Kind, Kind, halten Sie auf, Sie ſind im Stande einem ehrlichen Manne Naſe und Ohren abzudisputi⸗ ren!⸗ 1 „Wenn ich,“ ſagte ſie,„nur im Stande waͤre Sie in den Wagen hinein zu disputiren!“ „Mein ſchoͤnes Kind, da laſſen Sie mich ſorgen, das iſt meine Sache! Denn was Cavallerie machen kann, das kann ich Gottlob beurtheilen!“ „Wenn ich Ihnen nun beweiſe, daß Sie Sich auch in dieſem Punckte ſehr irren koͤnnten⸗— „Sophie!“ rief der Vater. „Niin, ums Himmelwillen, Herr Bruder, kommen — — 92— Sie mir nicht in die Quere! denn nun kriege ich meine Satisfaction!“ „Wollen Sie dann einwilligen meinen Bruder fuͤr Ihren Sohn auszugeben, wenn ich Ihnen das beweiſe? „Mit vielem Vergnuͤgen!” „Nun denn, damit Sie ſehen wen Sie vor Sich haben, ich erlaſſe Ihnen Ihr Wort, denn Sie ſind viel zu gut und zu klug das meinige zu Schanden zu machen! Wiſſen Sie nehmlich, daß ich es war, die mei⸗ nen Vater beredete hierher zu reiſen, weil ich ſagte: Niemand kann helfen als der gute liebe, alte Baron Freyburg! wenn Sie alſo— „Ich weiß das und erkenne es dankbar, nun aber nur bey der Klinge geblieben und mir bewieſen daß ich in dieſem Punckte irre!“ „Irren kann! habe ich geſagt und der Beweis iſt hier. Am 5ten Abends, das wiſſen wir, iſt Ihr Herr Sohn von Waldheim gereiſet, am éten, allenfalls auch noch am 7ten, hat er die Pferde gekauft oder kaufen laſſen, am 8ten 9ten 10ten 11ten 12ten 13ten 14ten 15ten 16ten 17ten 18ten ſind dieſe ledig voraufgegangen und nun frage ich: ob ſie in eilf, oder gar in zwoͤlf Tagen, nach Allem was Sie Selbſt fruͤher geſagt haben, nicht bequem die Tour machen koͤnnen? „Sehr gut gerechnet! aber die Hauptſache iſt ver⸗ geſſen! 1 — — — 93— Herrmann iſt am 12ten Abends erſt aus Coͤlln gereiſet und kann doch nicht fliegen! „Und wenn er nun Extra nimmt, wie wir?e⸗ „Er? o jal aber alle die Leute?“ „Zwanzig oder Vierzig oder Funfzig Mann, hoͤch⸗ ſtens zehn Wagen?— warum nicht?“ „Die ganzjaͤhrige Waldheimer Pacht hat er raus erhoben!“ Die zahle ich mit Kuͤſſen!— Aber habe ich nun Recht oder Unrecht? Iſt, das nicht wenigſtens moͤg⸗ lich? Sollte Ihr Herr Sohn wohl am 12ten noch in Coͤlln geweſen ſeyn wenn er nicht gewiß gewußt haͤtte daß er zur rechten Zeit und vor der Zeit an Ort und Stelle ſeyn werde? Kurz, iſt das moͤglich was ich da hergerechnet habe oder nicht? „Moͤglich allerdings!“ „»Nun, dann iſt auch bewieſen daß Sie irren koͤn⸗ nen, dann habe ich gewonnen und dann— muͤſſen wir zu Wagen, denn ſo ein Irrthum koͤnnte boͤſe Folgen haben!— Was meinen Sie, wenn wir hier einen Tag ſpaͤter angekommen waͤren, und haͤtten Sie nicht mehr gefunden, Sie⸗— und hier kuͤßte ſie ihm die Hand, „den Helfer und Retter aus aller Noth le⸗ „Sie ſind eine Dame, mein Fraͤulein, wie es ihrer Wenige giebt und Sie ſollen auch in mir ſich nicht ge: errt haben, aber trauen Sie mir in dieſem Punckte „ — 94— und ich will Ihnen auch meinen Grund ſagen: haͤtte er Pferde in der Gegend, oder zwiſchen Coͤlln und Waldheim gekauft, ſo haͤtte ich es erfahren, denn ich war dort und habe mich genau danach erkundiget, dazu,— ich bin nun ſchon zwey Naͤchte nicht im Bette geweſen,— ich bin ein bejahrter Mann und⸗— „Davor ſchweigen alle Gruͤnde!“ rief Sophie und hing ſich an ſeinen Arm. Bey der Geſellſchaft angekommen, ſagte ſie feyer⸗ lich:„Mama, ich habe die Ehre Ihren Herrn Schwager Ihnen vorzuſtellen! und Du“— zu Paulinen gewandt,— „komm her, kuͤß mir die Hand! Beuge Dich, denn es haͤngt an einem Haare, ſo bin ich Deine Stiefmutter.“ Die hochbegluͤckte Pauline, waͤhrend Mama Bar⸗ nekow mit dem alten Herrn manveuvrirte, kuͤßte ihr Hand und Mund und ging dann, dem Vater ihres Ge⸗ liebten ihre Chrfurcht zu bezeugen. „Seyn Sie mir als Schwiegertochter von Herzen willkommen,“ ſagte der Freyherr,„Sie ſind, das ſehe ich, wie geſchaffen fuͤr meinen Sohn, ſanft und mild wie der Friede, wenn ich aber eine Frau haben ſollte oder koͤnnte, ſo muͤßte es die Baronin Schweſter ſeyn, denn Ihnen wuͤrde ich doch nur Verdruß machen.“ „Sie,“ rief Sophie,„machen keinem Menſchen Verdruß und wenn,“ ſezte ſie coquettirend hinzu,— „ſonſt keine Ruͤckſichten Sie hindern,“— und ſah da⸗ —— dey ſo ſchmelzend und ſchmachtend dem alten Manne in die Augen—“ und nun aͤnderte ſie ploͤtzlich Ton und Mine,—„das Haus und die großen Toͤchter da⸗ will ich in Ordnung und Reſpect halten, daß Alles zittern und beben ſoll!⸗ „Sehn Sie, meine gnaͤdige Frau⸗, rief der alte Mann,„ſo aͤngſtiget ſie mich nun ſchon ſeit einer Stunde!“«— Der Vater aber empfand— was nur der Vater einer ſolchen Tochter empfinden kann und was uͤber alle Schilderung hinaus iſt, waͤhrend die Mutter hoͤflich um guͤtige Nachſicht fuͤr die Tochter bat. „Meine Gnaͤdige!“ erwiederte er,„wollte Gott meine Toͤchter wuͤßten mich ſo zu faſſen! Pfeifen wie ein Stieglitz habe ich nicht gelernt und wenn ich dann einmal brumme und es will Alles gleich ins Matzſeltch kriechen, ſo werde ich immer aͤrgerlicher ee „Merken Sie Sich das, meine lieben Kinder!⸗⸗ ſagte Sophie mit vornehmer Miene zu den Toͤchtern, die gleich Paulinen, ganz Entzuͤkken und ganz in ihrem Anblick verlohren waren und ſie mit Liebkoſungen uͤber⸗ haͤuften. „Fuͤr meine Ruhe ſeyn Sie uͤbrigens unbeſorgt,“ fuhr der Freyherr fort,„ich werde zu kaͤmpfen und zu ſiegen wiſſen!e 4 »Auch bin ich ſchon verſagt! rief Sophie im ho⸗ hen Tone. * — 96— „Und an wen? wenn man fragen darf!ee „Das iſt zur Zeit ein Geheimniß, aber ich will es Ihnen ſchriftlich geben, das heißt verſiegelt, und an meinem Hochzeittage, wozu ich mir die Ehre,(und hier knixte ſie verſchaͤmt gegen die ganze Geſellſchaft) aus⸗ bitten will, da koͤnnen Sie es erbrechen, um zu ſehen daß ich immer die Wahrheit rede!— So vertaͤndelte das liebe Maͤdchen der Familie auch hier die Sorgen, deren von allen Uebrigen nur noch ſie ſelbſt und ihr Vater ſich nicht erwehrten. Denn die Mutter und Pauline kannten die Gefahr nicht, der Freyherr kannte keine Furcht und betrachtete das Ganze nur als eine aͤrgerliche Scene, die Toͤchter aber waren ruhig, weil ſie den Vater und dies allerliebſte, verſtaͤn⸗ dige Maͤdchen, welche ja mit den Alten Rath hehaiten hatte, froh und zufrieden ſahen. Die erſte gute Folge hiervon war, daß die Mutter und Pauline ohne Sorge und Widerrede es ſich gefal⸗ len lieſſen, einen Tag ſpaͤter abzureiſen als ſie und ihr Vater nebſt dem Freyherrn, mit denen ſie am andern Morgen ſehr fruͤh abreiſete, nach groſſem Kampfe um den Ruͤckſitz, welchen ſie gegen den, ſie vergoͤtternden alten Mann ſiegreich durchfuͤhrte, waͤhrend ſein Wagen mit ſeinem Bedienten und mit ſeinen Sachen, ihnen folgte. Unterweges kamen dem Freyherrn wieder allerley — 97— Gedanken und Sorgen uͤber den von ihm zu Hlenben Betrug. „Ich ſehe freylich nicht ein,“ ſagte er, wie das Schlimmſte auf andre Weiſe vermieden werden kann und ich muß und werde mein Wort halten,— wenn ich nur kann!— Ich tauge wahrhaftig nicht zum Luͤgen und Comoͤdie ſpielen und das gar vor meinem alten, lieben, ehrlichen Duͤren!«⸗ „Vor allen Dingen,“ rief Sophie, muͤſſen Sie nur recht feſt uͤberzeugt ſeyn, daß Alles was Sie thun gut und nothwendig iſt, dann findet ſich die Ausfuͤh⸗ rung von ſelbſt! Denn, wenn Niemand dem ſich unter⸗ ziehen wollte, was zwar nothwendig, aber nicht ange⸗ nehm iſt,— ſo muͤßten wir Alle im Paradieſe leben, wenn es gut gehen ſollte! Ferner, iſt es denn noͤthig daß Sie ihn taͤuſchen? Sie koͤnnen Sich meinen Bruder ja— wie heißt es doch!— anheften, annageln— uſurpiren laſſen!“⸗ „Ihn adoptiren willſt Du ſagen!“ rief der Vater. „Richtig, ſo meine ich es le⸗ „Das iſt viel zu weitlaͤuftig, mein liebes Kind l⸗ „Aber,“ erwiederte ſie mit einer ernſten, bedenkli chen Mine,„wenn es Gewiſſensſachen gilt!— Das Gewiſſen iſt ein zartes Ding! „Iſt das nun Ernſt oder Hohn? Herr Bruder,⸗ rief der Freyherr zu ſeinem Nachbar gewandt und die⸗ II. 7 — 98— ſer, welcher weder ihn verleten⸗ noch ſeine Tochter in Schatten ſtellen wollte, erwiederte:„Sie muͤſſen, Herr Bruder, nun ſchon allein ſuchen mit ihr fertig zu wer⸗ den, denn ein Maͤdchen das ſich ohne Wiſſen des Va⸗ ters verlobt und dies gradezu oͤffentlich erklaͤrt, iſt aller Zucht entwachſen und der arme Vater“— aber da hinderten ihn die zaͤrtlichen Liebkoſungen der Tochter zu vollenden, die ſie mit allem Ausdrukke groſſer Zu⸗ friedenheit erwiedert fand und nun fuhr ſie in ihrer gewoͤhnlichen Weiſe fort. „Ich ſehe aber gar nicht ein woher es noͤthig wer⸗ den ſollte,— wie Sie es zu nennen belieben,— Ih⸗ ren Freund, den Herrn Grafen, zu beluͤgen!— Wir wollen es uns ganz lebhaft denken!— Sie kommen an, umarmen Ihren Freund, reden mit einander, Carl mag nun gegenwaͤrtig ſeyn oder nicht, gleich viel! End⸗ lich ſagt der Graf: Lieber Herr Bruder, die jungen Leute moͤgen ſich nicht leiden!— oder er ſagt: die jungen Leute ſind, Gottlob! einig geworden!— oder er ſagt:— ich kann noch nicht recht klug daraus werden!— ſo antworten Sie: lieber Herr Bruder, was geht uns die junge Welt an! Die wird ſchon ſehen wie ſie durchkommt, dafuͤr iſt mir gar nicht bange!— Wir wollen von ſchoͤnen, alten Zeiten reden, von Bel⸗ grad und Peterwardein und wollen ein Glas Ungar⸗ wein trinken und die ungariſchen Maͤdchen hoch leben laſſen!— und damit iſt die Sache fertig, von mir aber ſollen Sie eine Stunde nach unſerer Ankunft er⸗ fahren, wie die Glocken laͤuten! „Sie werden mir aber erlauben,“ ſagte der Frey⸗ herr mit hoͤchſt liebenswuͤrdiger, ihm ganz ungewoͤhnlicher Galanterie,„daß ich Statt der ungariſchen Maͤdchen Geſundheit, die Ihrige trinke, denn Ihresgleichen iſt mir doch in der That in Ungarn nicht vorgekommen und— die Wahrheit zu reden, auch ſonſt eben nicht le⸗ „Die Maͤnner— ſo habe ich in aͤuſſerſt gu⸗ ten Buͤchern geleſen,— meinen doch ſonſt immer, daß die Auslaͤnderinnen den Vorzug haben!⸗ „Wenn das auch der Fall ſeyn ſollte, mein ſchoͤnes Fraͤulein, ſo wuͤrde es Ihnen gegenuͤber doch ſelbſt dem Verſtockteſten unmoͤglich werden!⸗ „Papa,“ rief ſie,„ich verſprach Ihnen, nicht ohne Ihr Wiſſen mich mit Maͤnnern einzulaſſen,— haben Sie nun ein Auge auf ihr Kind!⸗«— „Und immer beſſer und froͤhlicher ward die Stim⸗ mung.— Biß zum vorllezten Reiſetage blieb ſie im Steigen, dann aber begann ſich der ſchoͤne, heitere Ho⸗ rizont, erhellt durch Sophiens glaͤnzende Sonnen, doch ein wenig zu truͤben, weil man, einige Stationen jen⸗ ſeits Frankfurt wuͤrcklich,— zwar zu ihrem groſſen Triumphe, aber zum groſſen Schrekken Aller, erfuhr, daß der junge Freyburg ganz ſo raſch und energiſch ver⸗ . 7* — 100— fahren war, wie ſie es ihm zugetraut, ja, daß er noch mehr geleiſtet und fuͤr voͤllig friſche Pferde geſorgt hatte. Denn bis dahin waren aus Vorſicht und um kein Auf⸗ ſehen zu machen, die Leute, je fuͤnfe auf einem Wagen, getrennt transportirt worden, und zwar ohne Waffen, als Rekruten, die dem Regimente nachgeſandt wurden. Sehr begreiflich war es daher, daß auf die, haͤufig vom Freyherrn wiederhohlte Frage: ob nicht ein Zug oder eine Escadron Reuter durchmarſchirt ſey? nur immer eine verneinnende Antwort erfolgte, obgleich es ihm ſchon ſeit Frankfurt, unerklaͤrlich geweſen war, auch auf die Frage nach einem Zuge, oder einer Koppel Pferden ohne Nachweiſung zu bleiben. Als aber nun, in Folge mancher Unordnungen, Freyburg noͤthig gefunden hatte, die Leute alle unter Augen zu behalten, weil ſogar ein ganzer Tag ihm da⸗ durch verlohren gegangen war, ohne welches Hinderniß er bereits am 17ten vor Duͤren eingetroffen ſeyn wuͤrde, da wurde dem Freyherrn, grade hier, wo die Exceſſe Statt gehabt hatten, ein Detail, das ihn gar nicht mehr an der Identitaͤt der Perſonen zweifeln ließ, be⸗ ſonders da die Beſchreibung der Figur ſeines Sohnes und Gruͤnewalds jede Ungewißheit ſchwinden und ihn erkennen machte, daß ſie und ihre Leute eine ſtarke Ta gereiſe voraus hatten. Erv uͤberzeugte ſich daher, ſein Sohn habe darauf * — 1⁰1— derzichtet die Leute beritten zu machen, habe ſich be⸗ gnaͤgt in der Naͤhe von Duͤren fuͤr ſich, Barnekow und Gruͤnewald drey tuͤchtige Pferde, die ja immer leicht zu haben waren, anzukaufen und habe damit ſich an die Unternehmung gewagt. Nun war denn an Saͤumen weiter nicht zu denken und wuͤrklich, haͤtte der Sohn die ihm vom Vater un⸗ tergelegte Idee gehabt, ſo haͤtte dieſer in jedem Falle zu ſpaͤt ankommen muͤſſen, wogegen nun die Unmoͤg⸗ lichkeit die Pferde ſchnell genug an einem Orte zu ſam⸗ meln, ohne Opfer zu bringen die auſſer dem Auftrage und den Mitteln der Kaͤufer lagen, ihm abermals einige Zoͤgerung verurſachte. Daher ging es, in Folge einer Zuſage groſſer Be⸗ lohnung, immer was die Pferde traben konnten. Allein es war groſſe Hitze, die Speichen loͤſ'ten ſich in den Felgen und Naben, die Raͤder mußten gekeilt und end⸗ lich ſogar nachgebunden werden.— Dies gab einen be⸗ deutenden Aufenthalt, welchen indeſſen der Freyherr anwandte, ſich in volle Uniform zu werfen, worauf er mit Helm, Cuiraß und Pallaſch ſich wieder in den Wa⸗ gen ſetzte, ohne daß ſeine Begleiter in ihrem Herzen weder es zu billigen, noch es zu tadeln vermogt haͤtten.— Um den Pferden die groſſe Arbeit zu erleichtern und die Reiſe zu foͤrdern, mußten die beyden Bedienten mit dem ſchwereren Reiſewagen des Freyherrn und allen — 102— entbehrlichen Sachen langſamer nachfolgen und nun ging es mit immer friſchen Pferden wieder vorwaͤrts was das Zeug halten wollte.— Ein ſanfter, aber an⸗ haltender Regen kuͤhlte die Luft, daͤmpfte den Staub und erleichterte den Pferden die Muͤhe.— Die Nacht ward zu Huͤlfe genommen.— Die Nachrichten von dem Durchzuge der Leute ſeines Sohnes blieben immer dieſelben und immer naͤ⸗ her kam man ihnen und immer nicht nahe genug!— Wenige Stunden vor Duͤren erfuhr man gar, daß ihrer einige Zwanzig beritten ſeyen! Die Unruhe, die Ungeduld ſtiegen,— ſelbſt Sophiens Scherze ſtock⸗ ten und nach einer langen Pauſe ſagte ſie ſehr ernſt: „duͤrfte ich reden, ſo moͤgte ich mir die Bemerkung er⸗ lauben, daß uns jezt weiter Nichts uͤbrig bleibt, als auf das Alleraͤrgſte gefaßt zu ſeyn und dafuͤr im Vor⸗ aus Maaßregeln zu waͤhlen!“ „Was nennen Sie das Alleraͤrgſte? fragte der Freyherr,. „Wenn noch Nichts geſchehen iſt,— ſo iſt auch noch Nichts verlohren!“ antwortete ſie.„Allein, wenn Carl ſchon gerettet iſt und ſteht an der Spitze ſeiner Leute und wir kommen nicht zeitig genug an, ſo— erwarten Sie Alles,— Sie finden Duͤren nicht wieder wie Sie es verlaſſen haben, ich kenne meinen Bruder!— Eben das wuͤrde der Fall ſeyn, wenn — 103— er ungluͤcklich geweſen waͤre,— ſein Freund wuͤrde raſen!— Allein ich denke mir noch viel etwas Aerge⸗ res 8*— „Um Gotteswillen, mein Kind,“ rief der Vater, „was kann es denn noch Aergeres geben t und der Freyherr ſah' ihr ſtarr in die Augen. „Das, welches zu hindern wir immer zu ſpaͤt kommen muͤſſen! Daß Freyburg, ohne dieſes gewagte Entfliehen zu erwarten, ohne ſich lange auf die Lauer zu legen, gradezu die Bruͤkke uͤberrumpelt hat, in Duͤren eingebrochen iſt und dem jungen Grafen gethan hat wie er ſeinem Freunde drohte, Alles unter die Fuͤße tretend, was ſich ihm widerſezte!— So wenigſtens wuͤrde ich als Mann und Freund gehandelt haben— und ganz ſo beurtheile ich Freyburg!«— Und allerdings war dies Freyburgs erſter, ihm oft wiederkehrender, nur von dem bedaͤchtigeren Gruͤnewald ihm muͤhſam ausgeredeter Ge⸗ danke geweſen, weil Gruͤnewald, der Kriegsartikel ein⸗ gedenk, ſich nicht vorſtellen konnte, ein alter Soldat, wie Joſeph, werde ſeine Waffe ſo ſchrecklich mißbrauchen. Darin wuͤrde er denn auch keinen Fehlſchluß ge⸗ macht haben, waͤre nicht der Raſemuth, der ungeheure Grimm unſeres wilden Republikaners geweſen, welcher, Menſchenthum und Buͤrgerthum in ſich gemißhandelt glaubend, ſich immer als den Raͤcher beyder betrachtete,— Empfindungen, die der Schmerz hoffnungsloſer Liebe, — 104= wie er bey Leuten ſeiner Art zu operiren pflegt, auf die hoͤchſte Hoͤhe treiben mußte. So wie er daher den holden Gruß der Erwiederung ſeines— wie ſehr!— geliebten Maͤdchens empfangen hatte, uͤbernahm ihn die Summe der maͤchtigſten Lei⸗ denſchaften und fort eilte er, der Bruͤkke zu, wo er den Reitknecht vorfand, und uͤber ſie hinweg, von ihm gefolgt. Da hoͤrte er den Doppelgaloppſchlag der bey⸗ den Reuter hinter ſich und eine gluͤhende, ungeheure Mordluſt erfuͤllte ihn! Er ſezte ſein Pferd in Schritt, Jene nahten und blieben, wie gewoͤhnlich, in ehrer⸗ bietiger Entfernung hinter ihm. Was haͤtte er in dieſem Augenblikke, ohne Ruͤck⸗ ſicht auf die Ueberlegenheit ſeiner Waͤchter, um einen gleichgeſinnten Geſellen gegeben! Muͤhſam den Gedanken ertragend: ſich durch Andre befreien laſſen zu muͤſſen, wuͤrde er mit den Faͤuſten den naͤchſten jener Reuter angefallen haben, ſo aber machte er ſich mit Worten Luft, um nur Geduld zu gewinnen. Denn, obgleich er die Rettung nur erſt am folgenden Tage mit Gewiß⸗ heit erwarten durfte, ſo hatte er doch ſich uͤberzeugen muͤſſen, ſein Freund koͤnne fruͤher zur Stelle ſeyn und werde das Moͤgliche zuverlaͤſſig leiſten. „Es iſt doch eine ſchoͤne Sache nm die Reuterey le rief er, zus den Cuiraſſieren gewandt und ihnen nahe bleibend, vich moͤgte wohl mit darunter ſeyn!« ——py — 105— „Ja,“ antwortete Joſeph, vich moͤgte den Herrn Baron wohl vor einer Escadron ungariſcher Huſaren ſehen!“. „Alſo zum Rittmeiſter halten Sie mich doch gut genug, mein lieber Joſeph, ich danke Ihnen! Dann aber muͤßte ich ſo einen klugen und weiſen General haben wie Sie, der aus großer Weisheit bey Molwitz davon lief!’e „Halten zu Gnaden, da haben wir uns ehrlich durchgeſchlagen!e⸗ „Richtig, um dann vorrſſichtig davon zu laufen, denn die Preuſſen, das iſt wahr, die waren mit Hand und Fuß hinter drein und der brave General Roͤmer ſagte ſterbend, von ſeinen Leuten ſchaͤndlich verlaſſen: hinten ein Cuiraß und vorne ein Cuiraß und in der Mitte ein Baͤrenhaͤuter!«— und dabey maß er den Joſeph von Unten bis Oben mit veraͤchtlichen Blikken uͤber Achſel. Man denke ſich den Aerger, die Schaam, die Wuth welche ſolche Reden in der Bruſt ſo eines alten, braven Soldaten erzeugen muſten, beſonders, da er nach Wuͤr⸗ den und Neigung nicht erwiedern durfte!—„Nein, mein lieber Joſeph,⸗fuhr Jener fort,„wenn ich diene, gehe ich unter die Preuſſen, das iſt doch eine andere Sache, denn das weiß ja die ganze Weltz, daß immer drey Oeſterrei⸗ cher auf einen Preuſſen gerechnet werden! Wir haben das — 106— bey Leuthen, bey Collin und bey jeder Gelegenheit geſehen! „Nun,“ ſagte Joſeph, zraunot im Geſichte, „bey Collin meine ich, haͤtten wir ſie ordentlich gepfef⸗ fert!. „Das iſt es eben, da waren drey gegen Einen und was da geſchehen iſt, haben die braven ſaͤchſiſchen Reu⸗ ter gethan, oder vielmehr die dummen Streiche eines preuſſiſchen Generals. Der ganze oͤſterreichiſche rechte Fluͤgel war in voͤlliger Flucht und zwey Escadron Truchſeß warfen die ganze ſiegreiche Kaiſerliche Caval⸗ jerie uͤber den Haufen!“ „Ja,ze ſagte Joſeph,„ſie wurde von ihnen in die Flanke gefaßt und wenn Cavallerie“— 55 Gleichviel!„unterbrach ihn unſer raſende Roland, ee die Preuſſen werden ihnen das nun ſchon zeigen! Ich glaube auch daß der Herr Graf ſo Etwas merken, ſonſt wuͤrden Sie ja laͤngſt bey der Armee ſeyn!⸗— Die Sonne ſenkte ſich— und hin ließ er ſein Pferd tan⸗ zen,— ſein Muͤthchen war gekuͤhlt! Der alte treue Kerl war auſſer ſich und unwill⸗ kuͤhrlich fuͤhlte er nach dem Piſtol zu ſeiner Rechten im Holfter. Daruͤber waren ſie der Graͤnze nahe ge⸗ kommen.— Barnekows ſcharfes Auge erſpaͤhte eine, dem Ungewarnten unmerkliche, oder unverdaͤchtige Bewegung im Buſche,— dann ſah er Nichts.— Noch einige — 107— hundert Schritte und er ſah einen Menſchen mit einem Handpferde um die Waldſpitze ſich bewegen,— ſein Herz ſchwoll von Wonne und von dem Vorgefuͤhle be⸗ friedigten Rachedurſtes. Ungefaͤhr funfzig Schritte von der Graͤnze, begeg⸗ nete er dem Pferde, gefuͤhrt von einem Kerl, wie man ihrer Mehrere im hohlen Wege, einſam, eben nicht gerne erblickt. „Wo will er mit dem Pferde hin, mein Freund? rief ihn Barnekow an und hielt, und die Andern mit ihm. „Nach Schloß Duͤren!“— erwiederte der Kerl. „Und wo kommt er her? und wer ſoll das Pferd haben?“ „Ich komme von Dorſten, vom alten Herrn Ba⸗ ron, der ſchickt es dem jungen Herrn le⸗ „Nun, der bin ich, liefre er es nur an den Reit⸗ knecht ab!— Er hat doch einen Brief? „O, ja hier iſt er!« Barnekow nahm den Brief und ſagte:„wird mein Vater bald kommen?“ „Das wird wohl im Briefe ſtehen!“ ſagte der Kerl,— auf dieſe Frage nicht inſtruirt. Barnekow gab ihm Geld und hieß ihn zuruͤckkehren, indem er ſagte:„er hat da reichlich Reiſegeld, er braucht den Leuten hier nicht laͤſtig zu werden!— Gruͤß er, — 108— wo erhin kommt!— Der Kerl aber ging zu den Seini⸗ gen und ſagte:„das iſt ein Herr accurat wie Belling?) fuͤr den geh' ich in die Hoͤlle lee Joſeph, dem ſein Herr im erſten Zorne geſagt hatte: dies ſey nicht der Baron Freyburg, ſondern ein Betruͤger, ward einen Augenblick ſtutzig, als er den Brief und das Pferd ſahe, allein er blieb auf dem ſchmalen Wege der Pflicht, oder deſſen was er dafuͤr hielt und dachte, mein lieber Herr mag Alles verant⸗ worten! oder vielmehr, es hatte ein ſehr begreiflicher Grimm gegen dieſen Laͤſterer ſeiner ſich bemaͤchtiget und er fand nun Nichts vernuͤnftiger als ihn bey erſter Ge⸗ legenheit, laut Ordre, zu maſſacriren. „Das ſcheint ein gutes Pferd zu ſeyn!“« ſagte Barnekow,„ich will es doch einmal probiren le⸗ So ſaß er ab und ſtieg auf, abſichtlich noch im⸗ mer den Brief in der rechten Hand haltend und der Reitknecht nahm ſein bisheriges Pferd an ſich. Im Sattel ſitzend, ritt er an Joſeph, als den Naͤchſten, hinan und ſagte freundlich,„ach, mein lieber Joſeph ſeyn Sie ſo gut und halten Sie den Brief einen Augenblick!“— Joſeph nahm den Brief in die rechte Hand, den Zuͤgel in der Linken behaltend, immer nur die Augen auf das ſchoͤne Pferd gerichtet, wie je⸗ der alte Reuter gethan haben wuͤrde. Barnekow ſetzte es in Schritt, zuerſt heimwaͤrts, — 109— dann dem Walde zu, wandte ſchnell und kehrte wieder,— ließ es traverſiren, und kehrte eben ſo wieder⸗ 2 ſetzte es in Trab und kehrte wieder,— immer auf groͤßere Distancen.— 1 Be Dann ſetzte er es in Galopp, ließ es changiren und ritt in halben Wolten uͤber die Breite t des Weges hin, der Graͤnze ſich nahend. Er war ungefaͤhr vierzig Schritte von ſeinen Waͤchtern, da ſagte Nizky,„Joſeph, der Kerl kneift aus!“ und Joſeph warf den Brief weg und zog das Piſtol. Der Reitknecht aber, eingedenk der Deſchles der jungen Graͤfin, rief:„wo ihn der Satan nicht plagt! laß er daß Piſtol ſtekken!“«— in dem Augenblick wandte Barnekow und Joſeph ſteckte geſchwinde das 6* wieder ein. Barnekow nahte ſich und ſagte: es ſcheint ein ſicheres Pferd zu ſeyn, aber ſchwer, ſchwer!⸗— wie es doch nicht war!— Dann ſezte er es wieder in Galopp, immer von einer Seite der Straße zur an⸗ dern hin changirend wie zuvor. Er blickte ſcharf in den Buſch hinein, der Kopf einer der im Graben Lauernden, denen es zu lange waͤhrte, ward ſichtbar,— er war nur erſt ungefaͤhr zwanzig Schritte von ſeinen Waͤchtern,— aber in nur zu gerechter Beſorgniß, daß auch ſie geſehen haben moͤgten was er ſah', gab er — 110— dem Pferde die Sporen, ließ den Zuͤgel ſchießen und hin, wie der Sturm⸗„Wind, ſauſ'te das herrliche Roß und ſein verwegener Reuter, hoͤhnend und herausfo⸗ dernd, winkte noch einen Abſchiedsgruß mit der Rech⸗ ten ſeitwaͤrts und konnte ſich nicht uͤberwinden, auf den Sattelknopf geneigt, die Gefahr zu mindern, ſondern ſtolz und trotzig flog er davon⸗ hoffend, ſeine Oeffnung im Buſche zeitiger zu erreichen, als Joſeph fertig wer⸗ den wuͤrde. Nizky aber hatte den Kopf bemerkt, der da aus dem Graben ſich hob und rief mit lauter, noch von Barnekow vernommener Stimme:„Joſeph, es iſt im Buſche nicht richtig!“ In demſelben Augenblikke ſah Joſeph ſeinen Arreſtanten in Carriere fallen, gab auch ſeinem, nicht minder guten Pferde die Sporen, zog das Piſtol, zielte— und ſein ſicherer Schuß maß die grade Linie der Straße und traf————— Nur von den Verheißungen und dem Treiben des Freyherrn ward die Stille unterbrochen die um ihn her herrſchte. „Pfui,“ rief er,„ich alter, verſuchter Soldat, muß da bey einem Kinde in die Schule gehen!“ „Mein beßter Herr Obriſtwachtmeiſter,“ erwiederte Sophie:„wer konnte auch dergleichen ſich denken!⸗ „Wer?— Sie konnten es! und ich nicht!— ich haͤtte meinem Sohne das nimmer zugetraut! Aber⸗ — 111— geht dies gluͤcklich ab, ſo ſoll Ihr Wort, mein Kind⸗ mir ein Propheten⸗Wort ſeyn!“— und ſie kuͤßte ihm deh⸗ muͤthig die Hand, wiederhohlt bittend: fuͤr jeden denk⸗ baren Fall einen Beſchluß zu faſſen!— Dies geſchah denn auch, aber, wie es zu gehen pflegt, der Fall der wirklich eintrat, kam nicht in Erwaͤgung, ohne daß dies denn auch weiter haͤtte ſchaden oder nutzen koͤnnen! Einige hundert Schritte von der Waldekkt rief er er: „nun ſind wir dicht an der Graͤnze, vorwaͤrts, Kinder, in Gottes Namen!— Da bog ſich der Weg, die Waldſpitze lag dicht vor ihnen und diesſeits ſah er den ganzen Trupp zu Pferde, zwey in alte roſtige Ruͤſtun⸗ gen gehuͤllte, große Leute auf gewaltigen Pferden an der Spitze, in denen er ſofort ſeinen Sohn und Gruͤ⸗. newald erkennen mußte, Alle das Gewehr aufgenommen. „Gottlob!« rief er, aber in eben dem Augen⸗ blikke ſetzten die Reuter ſich raſch und ſtuͤrmiſch in Bewegung.—„Halt! rief er, halt, zum Donner⸗ wetter!e mit einer Stimme, daß Berg und Thal wie⸗ derhallten und daß ſeine Begleiter erbehten. Sie ſchlug an das Ohr des Sohnes und aller ſeiner Leute, dieſe furchtbare Stimme!— „Der alte Herr le rief Gruͤnewald,. Freyburg aber hatte ſeines Freundes Carriere ge⸗ hoͤrt und eine Welt wuͤrde ihn nicht gehalten haben! — 112— —„Vorwaͤrts, in Gottes Namen!“ rief er, ſchon im vollen Jagen, und:„Vorwaͤrts, in Gottes Namen le⸗ donnerte der Freyherr auf den Kutſcher hinein uud was die ſehr guten Pferde ausgreifen konnten, ging es hin⸗ ter den Reutern her. Alles dies war die Sache von fuͤnf Secunden und dicht hinter dem letzten Reuter erreichte der Wa⸗ gen die Waldſpitze, waͤhrend der Freyherr, aufrecht ſtehend, immerwaͤhrend antrieb. Auch der Sena⸗ tor ſtand im Wagen, Sophie kniete auf dem Nuͤckſitze, gleichfalls den Blick vorausſendend und ſich feſt an die Ruͤcklehnung haltend, waͤhrend der Freyherr ohne zu wiſſen was er that, herzhaft ihre Schulter faßte und ſich darauf ſtuͤtzte. „Links gehalten!“ rief er, um nicht hinter dem Haufen der Reuter zu bleiben und der ſehr tuͤchtige Kutſcher ſchwenckte wie er befahl, um die Waldſpitze, wo er halten ließ. Denn, in eben dem Augenblikke ſah' er deutlich einen Reuter pfeilſchnell ſeitab in das Holz fliegen, er ſah' die beyden Cuiraſſiere in Carriere nachfolgen, ſah, wie der Vordere, in welchem er ſo⸗ fort ſeinen alten Joſeph erkannte, ſchon angelegt hatte, losbrannte und hoͤrte deutlich die Kugel pfeiſen und anſchlagen, ohne weiter darauf zu achten, indem er zugleich die Unmoͤglichkeit erkannte, hier auf irgend eine Weiſe hindernd einzuwuͤrken. e 188— Da die Reuter auf einander zu ſprengten, ſo wa ren ſie auch gleich an einander und er, als Mann vom Handwerke, der ohnehin die ganze Dispoſition kannte, ſah um deſto genauer auch das Geringſte. Freyburg und ſein Gruͤnewald hatten ſtrenge an die Vorſchrift Barnekows gehalten, in Erwaͤgung, daß dieſer darauf rechnen und danach ſeine Maaßregeln neh⸗ men werde. Sie eilten, aber nur in Galopp, um die Waldſpitze, Gruͤnewald rechts, Freyburg links, ſie ſahen Barnekow neben ſich in das Holz biegen, ſie hoͤrten den Schuß fallen, aber Zeit zum Umſchauen war nicht und vorwaͤrts ging es. Gruͤnewald, um Joſephs Hieb auf ſich zu lenken, rief ihn laut bruͤllend, mit geſchwungenem Degen, an, waͤhrend Freyburg lautlos vorwaͤrts eilte. Jezt waren Sie an ihm und Joſeph fuͤhrte einen un⸗ erwidert bleibenden, furchtbaren Hieb auf Gruͤnewald,— der jedem Andern genuͤgt haben wuͤrde auszuſcheiden, der aber auf das Eiſen guter alter Zeit nicht wuͤrkte, waͤhrend Freyburg, mit quer vorgehaltenem Degengriffe⸗ und einem Arme, ſtaͤrker als der beßte Lanzenſchaft, ihn wie einen Ball, unterſt zu oberſt, vom Pferde ſtuͤrzte, worauf die Fußgaͤnger uͤber den Liegenden herfielen und die Reuter das Pferd griffen. Nizky, welcher hinter dem alten Joſeph gehalten hatte, alſo auch hinter ihm geblieben war, ſah das, noch ungefaͤhr zehn Schritte weiter zuruͤck, und ſchwenkte, II.— 8 aͤhnlichem Schickſale zu entgehen, in ſchneller Beſon⸗ nenheit links ab, uͤber den Graben, auf feinen ebe⸗ nen gruͤnen Plan, waͤhrend Jene, die zwar reitbaͤn⸗ dige, aber keine ſchulgerechte Pferde ritten, die ihrigen, ſo ſchnell als ſie gewuͤnſcht haͤtten, nicht pariren und uͤber den Graben folgen konnten. Freyburg war indeſſen zuerſt jenſeits, aber Nizky, der laͤngſt ſein Pferd herumgeworfen hatte, empfing ihn mit einem tuͤchtigen Gruße, obgleich ohne ihm zu ſchaden, waͤhrend er dem Gegengruße durch die Bewe⸗ gung des Pferdes auswich,— mit dem Zuͤgel parirte,— und nicht beſſer gluͤckte es dem guten Gruͤnewald mit ſeinem tuͤchtigen, aber ungelenken Pferde. Barnekow, der, im Holze angekommen, ſofort ſein Pferd parirt und die ihm laut Abrede dargebotene Waffe ergriffen hatte, ſtuͤrzte nun auf ſeinem auserleſenen Gaule, die blanke Klinge entzuͤckt an Bruſt und Lippen druͤk⸗ kend, hinaus auf den Plan, wo jene Drey ſich tummel⸗ ten. Grade auf den Reuter zu lenkte er das Pferd, parirte, links vorbeyreitend, des Gegners Hieb mit der Klinge, warf nun das Pferd mit Blitzesſchnelle hinter ihm herum, gewann ihm ſo die linke Seite ab und traf, noch etwas beſſer als Joſeph, den Helm des armen Kerls dergeſtalt, daß dieſer betaͤubt im Sattel wankte, den Zuͤgel, wie das in ſolchen Faͤllen zu geſchehen pflegt, zu ſtarck annahm, das Pferd baͤumen machte, — 115— dadurch aber vollends das Gleichgewicht verlohr und⸗ zwar mit geſpaltenem Helme, doch ohne ſchwere Wunde, zu Boden ſtuͤrzte, nun eben ſo behandelt wie ſein Wacht⸗ meiſter. Ohne auf den, ihm unſehlbar ſcheinenden, Erſolg ſeines Hiebes zu achten, ſprengte unſer Barnekow nun den Reitknecht an. Dieſer ehrliche Kerl hatte ſowohl auf den Joſeph als auf den Nizky hinein geſchrieen: abzulaſſen, aber vergebens und dennoch ſolire e er nun den ſchlimmſten Lohn erben! Denn Barnekow, ohne dies zu wiſſen und ohne zu ahnden auf welch ein Herz ſeine Schlaͤge fallen wuͤr⸗ den, hieb unbarmherzig mit dem Ruͤkken der Klinge ihn mehrere Male uͤber Kopf und Schultern und rief ihm zu:„ſage nun, du Hund, deinem Herrn, ich bin hier, er ſoll nun kommen und ſoll alle ſeine Haͤſcher mit⸗ bringen, oder ich komme und ſuche ihn mir le⸗ Vor Schreck und Schmerz ließ der arme Menſch den Zuͤgel des Handpferdes fahren, worauf Barnekow von Duͤren ausgeritten war und dies eilte nun herrenlos der Heimath zu, waͤhrend Jener ſ ſchnell es chi moͤglich war, folgte. Der Freyherr hatte mit wechſelnden Empfindungen dieſen ſehr kurzen Kaͤmpfen zugeſehen. Sein fortwaͤh⸗ rendes, furchtbares Rufen hatte zwar gedient die Schrek⸗ ken des Momentes zu mehren, nicht aber den ſinyf 8* — 116— ſelbſt zu hemmen. Er ſah ſeinen alten, treuen Joſeph ſtuͤrzen,— aber es war ſein Sohn der ihn ſtuͤrzte— und— Joſeph war nicht auf rechten Wegen!— Er ſah' ihn nun in Raͤuberhaͤnden, ſah' ihn binden und ſein Herz ſchwoll,— ein Pferd, und er wuͤrde unfehlbar eingebrochen ſeyn!— Der andere, ernſtere Kampf zog ſein Auge an, er bewunderte die Gewandt⸗ heit des Reuters, er ſah den verwegenen Hamburger, zwar bewaffnet, aber ohne Harniſch und Helm, dem mißlichen Kampfe zu eilen, er ſorgte— und was er konnte rief er ſein donnerndes: Halt! da⸗ zwiſchen aber vergebens und ehe noch ſein Sohn oder Gruͤnewald zu Huͤlfe kommen konnten, war die Ent⸗ ſcheidung ſchon gefallen!— Der brave Kerl, den er fuͤr tod hielt, dauerte ihn, aber er hatte es ſo haben wollen! Wenn uͤbrigens die Reuter ihrem Herrn nicht zu Hauͤlfe eilten, ſo ruͤhrte dies daher, daß Freyburg ihnen verboten hatte: ohne Noth, oder ohne ſeinen ausdruͤck⸗ lichen Befehl mit Hand anzulegen. Unterdeſſen hatte das anhaltende Rufen des alten Freyherrn die Aufmerkſamkeit der Leute auf ſich gezogen und bald hieß es:„der iſt von eben dem Regimente! Der gehoͤrt auch dazu! Da iſt beſſere Beute! Wagen und Jungfer und Alles iſt unſer!«— und er, der, ſo wie Nizky gefallen war, mit gezogenem Pallaſche ſeinem Joſeph zu Kuͤlfe eilte, dabey aber Ranzion anbot, er⸗: — 117— hielt zur Autwort:„Herr Obriſt, ranzioniren Sie ſich nur ſelbſt erſt! Sie ſind kriegsgefangen und her mit dem Degen!⸗ Dieſer aber, gluͤhend vor Zorn, hieb fuͤrch⸗ terlich um ſich, traf und verwundete mehrere Pferde, dieſe ſprangen zuruͤck und es gab Verwirrung.— Dar⸗ uͤber kehrten Gruͤnewald und der junge Freyburg wie⸗ der, waͤhrend Barnekow noch erſt den Reitknecht expedirte. „Zuruͤck da,“ rief der junge Freyburg,„oder ihr ſeyd des Todes!“ Dieſe Leute aber, der Auswurf der Menſchheit, die zu keiner Fahne geſchworen hatten, die ſich nicht unter Kriegsrecht wußten, riefen tobend: „uns iſt Beute verſprochen und Der gehoͤrt auch zu den Hunden, die unſern Herrn Obriſten weggeſchnappt haben und er giebt auf der Stelle den Pallaſch ab, oder wir reiten ihn in den Erdboden hinein!⸗ Barnekow, nach Abfertigung des Reitknechtes, ſprengte der Gruppe zu, aus welcher ihm lauter Schall ent⸗ gegen drang und kam grade in dieſem Augenblikke hier an. Die drohenden Stellungen und Mienen gewahrend, rief er mit gewaltiger Stimme:„was iſt das hier! Ruhe da!⸗ „Herr Obriſt,“ erwiederte Gruͤnewald,„in ehrfurchts⸗ voller, ſoldatiſcher Haltung, die Leute wollen den Herrn Obriſtwachtmeiſter dort, als Kriegsgefangenen betrachten und er ſoll ſich ergeben und ranzioniren, oder ſie wollen ihn niederreiten! — 118— „Von der Ranzion, rief Barnekow, ſchnell das ganze Verhaͤltniß ermeſſend,„reden wir nachher, die zahle ich, blank und baar, vor allen Dingen aber gebt den braven Soldaten ihre Degen und ihre Pferde wie⸗ der, es beſchimpft das ganze Corps wenn wir die der Hand haſt(es war Joſephs Pferd und eben das, zu Fuße laſſen! Bringe mir das Pferd das du da an welches er ſelbſt an jenem erſten Morgen zu Duͤren ge⸗ ritten hatte) und du da und du⸗ ſitzt ab und gebt den Cuiraſſieren eure Pferde, ich wills verguͤten!“ — Joſeph und Nizky ſaßen wieder auf und nun ritt er durch den Haufen, nahte ſich dem Freyherrn, ſtieg ab und ſagte,„darf ich bitten, Herr Obriſtwachtmeiſter!“— und dieſer verſicherte nachher: nie im Leben ein Pferd mit ſolchem Vergnuͤgen beſtiegen zu haben, denn nun fuͤhlte er ſich dieſem Volke gegenuͤber unuͤberwindlich und man kann denken wie lieb unſer Carl ſchon jezt dem alten Herrn geworden war!— er ſelbſt aber beſtieg das ihm nachgefuͤhrte ledige Pferd· „Wenn ich bitten darf!« rief er ihm zu und der Freyherr ritt mit ihm durch den Haufen zuruͤck. Hier wandte er und ſagte:„Nun von der Nanzion! Da⸗ fuͤr, daß ihr eure Schuldigkeit gethan habt, ſoll Euch der Lohn nicht fehlen, wer aber ſich unterſteht dieſen Herrn hier fuͤr kriegsgefangen zu erklaͤren, der gar nicht mehr im Dienſte iſt, wer nur ein Wort gegen⸗ redet, der iſt auf der Stelle des Todes 465 — 119— „Ja, wenns ſo hergehn ſoll!“ rief einer der Va⸗ gabunden— und Barnekow ſprengte auf ihn ein und hob den Arm zum Hiebe, waͤhrend Jener, der den Tod nahen ſah, keine andere Rettung fand, als ſich auf die entgegengeſezte Seite vom Pferde zu werfen und ſo ſiel der Hieb auf den Sattel, der wie von einer Axt geſpalten ward.— „Gruͤnewald,“ rief er,„Joſeph, Nizky, ſo wie ihr ſeht daß ich noch einmal einhaue, nur alles niederge⸗ macht, was einen Laut von ſich giebt.“ Gegen ſolche Entſchloſſenheit und gegen ſechs Reuter, von denen fuͤnfe geharniſcht und trefflich be⸗ ritten waren, wagte Niemand ſich aufzulehnen und nach einer kurzen Beredung ward Gruͤnewald mit ihnen nach dem naͤchſten Orte zuruͤckgeſandt, bis auf weitere, Morgen zu ertheilende Ordre. Sophie aber hatte unterdeſſen ihren, mit ihr im Wagen zuruͤck gebliebenen Vater unaufhoͤrlich gebeten, zur Reiſe nach Duͤren anzutreiben, ſobald er nur werde zu Worte kommen koͤnnen.„Denn,“ ſagte ſie, wenn der Graf von dem Reitknechte erfaͤhrt, was hier vorgefallen iſt, ſo haben wir neue Bataillen!“ demgemaͤß dieſer auch in den wilden Haufen ſich gedraͤngt hatte und zwar mit allem nothwendigen Erfolge. Dann rief er ſeinen Sohn und den jungen Freyburg bey Seite und unterrichtete ſie von Allem, waͤhrend der — 120— Freyherr dem ſcheidenden Haufen noch ein kurzes Geleite gab und dem verſtaͤndigen Gruͤnewald einige Anweiſun⸗ gen ertheilte. „Es iſt beſſer⸗ ſagte unſer Senator in gefluͤgelten Wor⸗ ten, zu dem jungen Freyburg! daß Sie jezt noch nicht mit nach Duͤren gehen. Reiſen Sie zuruͤck, meiner Frau und Paulinen entgegen, Ihr Herr Vater und ich haben Nichts dawider und kommen Sie als mein Sohn Morgen oder Uebermorgen mit ihnen uns nach. Noch kennt man Sie nicht, denn Sie haben das Viſir bis jezt noch geſenkt gehalten und dabey bleiben Sie, bis Sie den beyden Reutern aus den Augen ſind. Gruͤßen Sie meine Frau und Tochter von uns Allen, erzaͤhlen Sie ihnen aber bloß, daß Carl auſſer Gefahr iſt und nun,“ ſezte er hinzu:„lezt euer Herz an einan⸗ der!— Man denkt ſich gewiß die nun folgende Scene beſſer und lieber und wir verſuchen nicht ſie zu ſchil⸗ dern!— Sophie ward freundlich von Freyburg begruͤßt und erwiederte mit einer kurzen Lobrede auf ſeine aͤuſſerſt ele⸗ gante Draperie,— wie ſie ſich ausdruͤckte. Der alte Freyherr, nachdem er Gruͤnewald und den Troß expe⸗ dirt hatte, kam an den Wagen, der Sohn ſprang vom Pferde und der Vater, gar nicht zum Zorne geſtimmt, ſondern froh, ſeinen Jrrthum ſo leidlich beſtraft zu ſehen, verſagte ihm die Hand nicht, die jener, um das Viſir nicht zu heben, nur an den Harniſch druͤkken konnto. — 121— Als aber Alle ſich in Bewegung ſetzen wollten, erhob Sophiechen ihre kraͤftige Stimme und ſprach, auf Nizky deutend:„der Mann dort hat ein tuͤchtiges Loch in dem Keſſel da auf dem Kopfe, es wird doch nicht in den Kopf gegangen ſeyn? er blutet ja, ſoll er nicht verbunden werden? „Etwas Weniges Ihr Gnaden,“ antwortete die⸗ ſer,„aber es haͤtte nicht tieſer kommen duͤrfen. Ver⸗ band brauchts nicht!“⸗ „So? Dann iſt er eben ſo gluͤcklich als ich lee Damit nahm ſie ihren Sonnenhut ab und ließ, zum Erſtaunen Aller, aber zum bleichen Entſetzen des alten Joſeph, die Bahn ſchauen, welche ſeine Kugel durch ihn hin „dicht uͤber ihrem Kopfe weg genommen hatte. Der Vater und der alte Freyburg ſchwiegen, tief bewegt, Barnekow aber ritt an Joſeph hinan und ſagte:„er alter Ochſenkopf, was verdiente er nun? hat ihm ſein Kayſer dazu die Waffen gegeben? Steht das in den Kriegsartikeln? Verdiente er nicht daß ich ihn wie einen Straſſenraͤuber behandelte und ſchickte Ihn gebunden ins Hauptquartier? Wenn ich das nicht thue, geſchieht es aus Reſpect vor meinem Vater!— Joſeph aber rief mehreremale:„es iſt mein Tod! es iſt mein Tod!⸗ „ Ich hoͤrte auch die Kugel anſchlagen,„ſagte der alte Freyherr,„aber an dem Strohhute kann ſie doch . nicht ſo geknallt haben! Man ſah im Wagen nach und — 122— es fanden ſich das Magazin im Fonds und eine Korb⸗ flaſche zerſchmettert. „Das muͤſſen die Kuchenreiter ſeyn,“ fuhr er fort, die ich dem Grafen vor manchen Jahren einmal zu ſeinem Geburtstage ſchenkte, ſonſt iſt's nicht moͤglich, es ſind doch beynahe hundert Schritt! Aber, Joſeph, ich glaube du biſt kindiſch auf deinen alten Tagen ge⸗ worden! Mein Sohn hat ganz recht, darauf gehoͤrte die Kugel! Nun, daruͤber reden wir Morgen. Aber, mein Sohn,“ ſagte er zu dem jungen Barnekow,„du haſt deinem Vater noch nicht einmal die Hand gege⸗ ben“ und Barnekow ſprang vom Pferde und kuͤßte ſie ihm in kindlicher Ehrfurcht. Sophiechen ſtimmte ihr altes Reiſelied an und vorauf ritten der Freyherr und Barnekow, in friſchem Galopp, hinter ihnen die beyden, gar ſehr conſternir⸗ ten Reuter und dann folgten der Senator und ſeine Sophie— und wenige Minuten waren ſeit dem Au⸗ genblikke verfloſſen, wo der Wagen um die Waldſpitze bog und unſer Sophiechen die erſte,— hoffentlich auch die lezte,— Kugel in ſo bedenklicher Naͤhe pfeifen hoͤrte. Der Freyherr fragte unterweges nur:„wie ſtehn Sie mit der Comteſſe?« und Barnekow antwortete: „wir ſind einig, wenn wir nur einig ſeyn duͤrfen!e— Wir haben die arme Mathilde verlaſſen, wie ſie, — 123— von großer Angſt getrieben, der Bruͤkke zueilte, wo ſie grade in dem Augenblikke ankam, als ihr wilder Freund, nicht mehr ihrer gedenkend, ſondern nur auf Rettung und Rache geſtellt, der Waldekke, und der ſehr ernſten Entſcheidung in ſtuͤrmiſcher Eile ſich nahte. Sie gab dem Jaͤger die noͤthigen Befehle, dieſer eilte zu ſatteln, aber dennoch waͤhrte es ihrer Unge⸗ duld zu lange! Ihr ahndendes Herz ſagte ihr wohl die Gefahr, aber kein freundlicher Daͤmon wollte ihr Muth und Hoffnung zufluͤſtern.— Der Jaͤger war eben im Begriffe zu reiten, als auch der junge Graf auf der Bruͤkke ankam. Allein, die Augen nur immer dem Walde zu gerichtet, ſah ſie ihn erſt als er ihr nahe war; ſie wandte ſich zu ihm und rief:„Bruder was haſt Du gethan!— Was haſt Du unterlaſſen!⸗ und, der Gegenwart der Jaͤger gedenkend, ſezte ſie hinzu:„il vient de me dire ses derniers adieux!— ich habe dem Jaͤger befohlen nachzureiten!⸗ 3 „Nun,“ ſagte der Graf, im hoͤchſten Grade be⸗ ſtuͤrzt,„ſo reit nur und ſuche Joſeph und Nizky, bis du ſie findeſt und ſage ihnen: ſie ſollten auf der Stelle zuruͤck kehren!— obgleich feſt uͤberzeugt, daß er auf jeden Fall zu ſpaͤt kommen werde. Der Mann that wie ihm befohlen war und, um freyer mit der Schweſter ſich unterhalten zu koͤnnen, — 124— auch ſelbſt voller Ungeduld, befahl er dem Zuruͤckblei⸗ benden auf den Boden des Jaͤgerhauſes zu ſteigen, und zu berichten, ſobald er irgend Etwas bemerken werde. — Er erfuhr nun von der Schweſter, wie veraͤndert ſie ihren Freund gefunden, was er ſcheidend geſagt, wie er ſich ſelbſt zulezt unterbrochen hatte und er, der nicht mit den Augen der Liebe ſah, der Jenen nicht im letzten Augenblikke geſehen hatte, fand darin eine große Beruhigung und ſuchte dieſe auch der Schweſter einzufloͤßen, nur gequaͤlt von der niederſchlagenden Ue⸗ berzeugung, daß in ihrer Bruſt eine tiefe, unvertilgbare Liebe zu jenem Manne Wurzel geſchlagen habe, die er auf keine Weiſe durch Hoffnungen zu naͤhren ſich im Stande fuͤhlte! „Was ſoll ich es jezt noch verleugnen,“ rief ſie end⸗ lich, ihrem Herzen nicht mehr gebietend:„iſt doch alle Hoffnung verlohren!— Habe ich doch nie Hoffnungen genaͤhrt! Habe ich doch den unnatuͤrlichſten, furchtbar⸗ ſten aller Kaͤmpfe beſtanden und darf ich nun wenigſtens bekennen was ich verlohr, worauf ich verzichtete!— Und wenn ich ihn nur gerettet, nur ferne wuͤßte! Aber in eben dieſem Augenblikke morden ihn vielleicht Deine Schergen!— Und wie, wenn er geſiegt haͤtte! Wenn er Mittel oder Huͤlfe fand, die wir nicht kennen, uns nicht denken koͤnnen und er kaͤme nun Rache zu neh⸗ men!— Er ſprach immev mit ſo groſſer Sicherheit!“ 4— 125— „Er hat Muth,“ ſagte der Graf,„und wollte in Gefahr ſich nicht kleinmuͤthig zeigen. Sage mir nur, du kannſt es ja jezt,— alle Ruͤckſichten fallen ja weg,— wer iſt er eigentlich?— was fuͤhrte ihn hierher?— warum kommt der junge Freyburg nicht, den er vorſtellt?— weiß dieſer um die Sache?— „Noch,“ erwiederte ſie,„iſt es wenigſtens nicht gewiß, daß er nicht wiederkehrt! Uebrigens— was aͤn⸗ dert ein Name? Hebt oder mindert er die Vorzuͤge eines Menſchen und das, was Du in ihm haſt verkennen wollen? was Dir haͤtte ſagen muͤſſen: er ſey, wel⸗ chen Namen er auch fuͤhren moͤge, zu gut, unter den Haͤnden deiner Knechte ſeinen ſtarken, ſeinen wahrhaft adelichen Geiſt auszuhauchen?“ Der gute, liebe Mann litt Hoͤllenqualen, welche durch die ſichtbaren Leiden denen das Herz der Schwe⸗ ſter erlag, nur geſteigert werden konnten. Er hatte keinen Troſt fuͤr die arme gebeugte Schweſter, er hatte kei⸗ nen fuͤr ſich ſelbſt, er bat ſie nur, an ſeinem treuen., redlichen Herzen nicht zu verzweifeln, er ſagte ihr, wodurch er aufgehalten worden ſey und ſie erwiderte: „ich kann mir keinen Begriff davon machen, daß man etwas Wichtigeres haben koͤnne als dem Schrecklichſten vorzubeugen, das man ſelbſt vorbereitet hat!“ In dieſem Augenblikke rief der Jaͤger: Gnaͤdi⸗ ger Herr, es kommt ein loſes Pferd!«— Es war ..— 126— Barnekows Schimmel und der reitende Jaͤger, der ihm begegnete, hatte ſich nicht aufhalten wollen ihn zu grei⸗ fen, welches auf den erſten Verſuch nicht gelungen war. „Was fuͤr ein Pferd iſt es?“ fragte der Graf. „Ich kann es noch nicht recht ſehen!«— bald aber rief er,„es iſt ein Schimmel!e „Gott erbarme ſich!“ rief Mathilde, die dungen und Haͤnde empor gerichtet. Der Bruder, beynahe ſelbſt verzweifelnd, wollte ſie in ſeine Arme ſchließen, aber ſie wies ihn zuruͤck, und bald ſah auch ſie das wohlbe⸗ kannte Thier, welches ſo oft den geliebten Mann ge⸗ tragen hatte.— Es eilte der Bruͤkke zu und ſie rief: „halte es auf! ich bitte, ich beſchwoͤre Dich!— Er griff es.— Sie ſorſchte, ob es auch Spuren von Blut an ſich trage,— ſie fand keine. „Aber,“ rief ſie,„der Sattel iſt leer, er hat ihn lebend nicht verlaſſen! Er iſt gemordet, er iſt hin!e⸗— Sie ſtuͤrzte an dem Pferde nieder, ergriff den Steigbuͤgel und kuͤßte ihn und wuſch die Schwelle mit ihren Thraͤ⸗ nen, die ſein Fuß zuletzt betreten hatte.— Der Bruder bat, flehte, beſchwor,— ſie hoͤrte nicht,— da rief der Jaͤzer:„es kommt ein Reuter!⸗— es iſt Friedrich, ich kenne ihn an dem Schekken!“ „Iſt er allein?“ „Ja les „Komm geſchwinde herab und halte das Pferd!e 7 Der Jaͤger kam, der Graf rief dem Kommenden enrgegegen:„Wo iſt der Baron?⸗ „Der wird gewiß bald hier ſeyn!* ſagte der Menſch, todtenblaß. „Lebt er? iſt er geſund?e „Ja, das habe ich gemerkt!“— Die Graͤfin zitterte wie ein Laub, immer noch neben dem Buͤgel knieend. „Was ſoll das heiſſen! Wie ſiehſt Du aus? Du biſt ja voll Blut le⸗ Ja, das habe ich dem Ochſen, dem Joſeph, zu danken! und der Nizky war noch aͤrger, von dem kommt es eigentlich Alles her!“ „Und wo ſind ſie?e „Ja, wo ſind ſie? wo ſie hingehoͤren! Gott ſey mir gnaͤdig, die hat der Teufel gehohlt l⸗ 2 „Gott ſey Lob und Dank!« ſagte der Jaͤger halb laut.. „Wofuͤr?e rief der Graf, nicht ohne Aufwallung. „Herr Graf halten zu Gnaden! Wenn wir Alle ihn baten und ſagten: Joſeph, denk er, daß ein Gott im Himmel iſt und vergreif er ſich nicht an dem Leben des jungen Herrn, da ſagte er: ich ſchieß ihn, hohl mich der Teufel! nieder, wie er nur einen Seitenſprung macht! und da haben wir's ihm Alle nicht beſſer gegoͤnnt und Groß und Klein wird ſich freuen!e⸗ — 128— Immer noch kniete Mathilde lautlos an dem Pferde, den Buͤgel, wie den lezten Anker ihrer Hoffnung um⸗ klammernd,— der Graf ſenkte den Blick, und ſagte, ſchon ſanfter:„gieb mir Nachricht und genau und ſchnell! Vor allen Dingen: lebt der Baron? und wo iſt er 7 „ Ach! Gnaͤdiger Herr, aus Liebe zu Ihnen habe ich mich hergequaͤlt Ihnen Nachricht zu bringen! Er muß gleich hier ſeyn und hat fuͤrchterlich Volk bey ſi ich! Gehn Sie hinein, um Sortäzwilene und laſſen Sie die Bruͤkke aufziehen!“ „Die bewache ich!« rief die Grauͤfin und richtete ſich empor wie aus dem Grabe erſtehend,„und nun erzaͤhle, Friedrich, erzaͤhle genau, wie war es!⸗ „Ja, wir ritten hier ſchon weit dieſſeits der Bruͤkke und ich glaubte das Wachten haͤtte nun auf⸗ gehoͤrt und freute mich ſchon, da fuͤhrt der boͤſe Feind die Beyden— nun, ſie haben ihren Lohn weg,— hinter uns drein. Aber der Herr Baron war als wenn ihn eine Bremſe geſtochen haͤtte und machte den Joſeph auch ſo miſerabel, daß mir angſt und bange wurde und ſagte: er waͤre in der Bataille davon ge⸗ laufen wie ein Baͤrenhaͤuter und noch viel mehr, denn er war ſchon in der Wuth und wußte ſchon was es gaͤbe, und wie wir ſo gegen das Holz reiten, da kommt ein Kerl mit einem Briefe von Dorſten, und —— 129— mit einem Pferde, man kann nichts Schoͤneres ſehen⸗ aber der Kerl, der mag ſonſt woher geweſen ſeyn als von Dorſten. Da ſezte der Herr Baron ſich auf das Pferd und ſagte: er wollts probiren und gab mir den Schimmel an die Hand⸗— Mathildens Bruſt hob ſich, wie einer Centnerlaſt entladen,—„und ritt hin und wieder. Der Nizky mogte wohl nichts Gutes merken und hezte den Joſeph an, ich brachte ihn aber noch wieder zur Ruhe, aber mit einemmale jagte der Herr Baron in das Holz und die Beyden hinter drein und der Kerl, der Joſeph, zielte und ſchoß, traf aber nicht. Aber nun kam ein Volk aus dem Holze her⸗ aus— nein, Ihr Gnaden,— es war als wenn die Hoͤlle plazte! Zweye vorauf, gar nichts Menſchliches war daran zu ſehen, lauter Eiſen und Eiſen und fuͤrch⸗ terliche Kerle und ein Gebruͤlle,— es war mit tauſend Schrekken! ich ritt hinterdrein und rief: Joſeph, Nizky! aber das muß wahr ſeyn, fuͤrchten thaten ſich die Kerle gar nicht und grade drauf, zuerſt der Joſeph und dann der Nizky und der Joſeph gab dem zur Linken ⁶) Eins, ich dachte er muͤßte gleich herunter, aber der wakkelte auch nicht und unterdeſſen ſtieß ihn der Andre vom Pferde wie einen Rettig und ſo das uͤbrige Ge⸗ ſindel uͤber ihn her und gab ihm den Reſt. Der Nizky haͤtte wohl entwiſchen koͤnnen und ich rief ihm auch genug zu, aber er ſagte:„reit er zum II. 9 — 130— Teufel, wo der Joſeph bleibt da bleib ich auch!“ und ſo auf den Anger, uͤber den Graben hinuͤber und die beyden eiſernen Kerle hinter ihm drein, konnten ihm aber Nichts anhaben! Aber da kam der Herr Baron aus dem Holze, auf dem fremden Pferde, mit einem Pallaſch, der funkelte ſo recht und an den Nizky heran, der haute tapfer drauf, aber nur auf den Pallaſch und da warf der Herr Baron das Pferd herum und hieb dem Kerl den Helm mitten durch und ſo auch gleich zu Gott's Erdboden! Nun dachte ich waͤr's vor⸗ bey, denn ich hatt ein gut Gewiſſen und hielt, aber da kam das Beßte! Denn nun in der Furie auf mich los und immer auf Kopf und Schultern zu gehauen, aber nicht ſcharf, ſonſt waͤr ich fertig geweſen und da rief er: nun geh', du Hund, und ſage deinem Herrn— „Das behaͤltſt Du fuͤr Dich!“ unterbrach ihn die Graͤfin. „Ich bitte Dich, laß es ihn agsſprechen te ſagte der Graf ſehr weich,„wenn ich jezt noch nicht gelernt haͤtte mich beherrſchen!— ſags nur grade heraus, Friedrich!⸗⸗ —„ſage Deinem Herrn“ fuhr Friedrich fort,„ich bin nun hier, er ſoll nun heraus kommen und alle ſeine Haͤſcher mitbringen, oder ich komme und ſuche ihn mir!⸗— Eins habe ich noch vergeſſen, da hinten im Holze hielt ein Wagen und da ſaſſen Leute drin, auch Frau: — 131— ensleute und ein Offizier, ich wollte ſchwoͤren, es waͤre der Herr Obriſtwachtmeiſter geweſen, der rief und don⸗ nerwettorte, ich dachte ſie haͤtten es hier hoͤren muͤſſen, aber da half kein Bitten und kein Beten, ſo waren ſie Alle in der Wuth und weiter weiß ich Nichts, der Schimmel lief mir davon und ich hinter her, ſo gut ich konnte. „Da kommen ſie ja Alle mit einander!“— rief der Jaͤger— und die weiſſen Colletter und die blanken Helme und Cuiraſſe leuchteten in groſſer Ferne, aber der abgeſchickte Jaͤger langte fruͤher an und berichtete: er habe ſich nicht hinan gewagt aus Beſorgniß an ſchneller Ruͤkkehr gehindert zu werden, habe aber den Herrn Baron zu Pferde geſehen und ſie muͤßten gleich Alle hier ſeyn, er, die Cuiraſſiere und noch ein Dritter, ein Officier. 3 „Mein Bruder, mein lieber Bruder, geh' hinein le⸗ rief die Graͤfin.— Man erkannte jezt deutlich den Frey⸗ herr, Barnekow, der unbewaſfnet war, neben ihm, die Reuter in einiger Entfernung hinter ihnen. Sie ſezten die Pferde in Schritt und Mathilde bat noch einmal:„Bruder, um Gottes willen, geh' hinein, wer weiß wie das zuſammen haͤngt les „Ich,“ rief der Graf mit funkelnden Augen,„anf eigenem Boden weichen? vor wem? und wenn eine Welt gegen mich kaͤme!⸗ . 5* 1 — 132— „Der Freyherr und Barnekow ritten naͤher, der Graf ging ihnen entgegen!“ „Ich habe kaum den Muth gehabt, Herr Graf,“ ſagte der Freyherr„und wenn Sie beſehlen, ſo komme ich auch nur eine Abſchiedsviſite zu machen.“ Der Graf wollte antworten, aber Barnekow ſagte, ihm zuvorkommend, raſch, mit hoͤflich freundlicher Miene: „Sie haben mich vergebens warten laſſen? Aber ich habe warten gelernt!“⸗ Allein der Graf erwiederte ſehr ſanft und ruhig:„die ganze Armee weiß daß ich nie auf mich warten laſſe, als wenn es mir Pflicht iſt und die glaubte ich hier zu erkennen!“ Der Freyherr, welcher unterdeſſen die Graͤfin be⸗ gruͤßt hatte, vief:„mein Sohn, ſitz ab und gieb dem Herrn Grafen dein Pferd, mit dem will ich vorauf⸗ reiten, Du kommſt wohl zu Fuſſe mit Deiner Braut mir nach!— Man denke ſich den Schreck, das Erſtaunen Aller, ſelbſt Mathildens! Allein man war ſo ſehr gewohnt dem alten Herrn zu glauben und zu gehorchen, daß auch nicht einmal eine Verwunderung ſichtbar ward. Barnekow raͤumte den Sattel, der Graf nahm ihn ein und fort flogen die beyden Reuter, gefolgt von Jo⸗ ſeph und Nizky, und der Freyherr ſagte nach einigem Stillſchweigen:„ich daͤchte doch, es waͤre mit dem jun⸗ gen Manne da fertig zu werden, wie uͤberhaupt mit — 133— der ganzen Welt, wenn man nur nicht Alles gleich auf die Spitze ſtellt,— wie ich in jungen Jahren auch wohl einmal gethan habe!“— und der Graf, ganz und gar irre werdend an Allem was er ſah und hoͤrte, ſchwieg lieber dazu, um der altgewohnten Ehrfurcht nicht zu nahe zu treten, oder, ohne es zu wiſſen, ver⸗ kehrt zu antworten. Dann fragte der Freyherr:„haben die beyden Leute ihren Abſchied?“ der Graf antwortete verneinend und Jener ſagte:„ich glaubte Sie waͤren verabſchiedet und in Ihre Dienſte getreten!— Sie haben da auf der Graͤnze, oder vielmehr auf fremdem Territorio, große Exceſſe veruͤbt und beynahe die Tochter des Baron Barnekow neben mir im Wagen erſchoſſen, die Kugel iſt ihr durch den Huth gegangen.— Der Vater iſt mein Freund, er will hier Guͤter in Schwaben kaufen und hat mich um Rath und Beyſtand gebeten, da hoffte ich denn, Sie wuͤrden ihm und den Seinigen um mei⸗ netwillen erlauben, mit mir ſo lange bey Ihnen zu bleiben als ich ſelbſt hier bin, damit ich von hier aus ihn uͤberall hin begleiten kann, wo abzuſtehende Guͤter ſind. Aber freylich die erſte Begruͤßung an der Graͤnze war arg! Indeſſen der Territorialherr iſt, wie ich weiß⸗ Ihr Freund, und da hat das nichts zu bedeuten!e Sie waren daruͤber angelangt und der Graf, ohne⸗ — 134— hin um eine Antwort ſehr in Verlegenheit, ſah ſich derſelben nicht eben ungerne uͤberhoben. An Mathildens Ohr ſchlugen die Worte:„mein Sohn!— deine Braut!“— und der ganze Park und Haus und Reuter und Bruͤkke tanzten vor ihren Au⸗ gen, als Barnekow, langſam auf ſie zu gehend, ihre Hand an ſeine Lippen druͤckte und ſagte: zweifeln Sie noch daß ich der Sohn des Herrn von Freyburg bin? Sie ſchwieg— und wahrlich, nicht aus Abſicht!— die Gedanken ſchienen zu ſuchen und das unſtaͤte Auge verrieth dies. „Iſt es Ihnen recht,“ ſagte er halblaut und lang⸗ ſam,„ſo erwarten wir hier jenen Waßen h und fahren nach Hauſe.⸗ Es ſind Gaͤſte darin, fuͤr die der alka Freyherr jezt, als fuͤr ſeine beſten Freunde, um guͤtige Aufnahme bittet;— ein Senator, Baron Barnekow, aus Ham⸗ burg, von echtem, guten, alten Adel, und ſeine Tochter, bas heißt die juͤngere,— die aͤltere,— Ihre aͤrgſte Feindin, die Ihnen das ſchoͤnſte Gut geraubt hat, den lieben Braͤutigam,— und die Mutter— und eben jener Brautigam,— die kommen Morgen,— wenn ſie duͤrfen!“— Da kehrten alle die verſtoͤrten Lebensgeiſter wieder in ihre ſchoͤne Heimath, es ſtanden Park und Haus und Bruͤkke und oben drauf das Maͤdchen ſelbſt und — 135— auch der vielgeliebte Mann, dem ſie vor einer Stunde mit gebrochnem Herden den lezten Gruß der Liebe ver⸗ zagend nachgeſandt, den als verloren ſie beweint, als todt betrauert hatte und den ſie nun⸗ als Braut, um⸗ armen durfte,— ſollte!— Der Wagen rollte heran und hielt. Barnekow fuͤhrte ſeine Dame hinzu noch ehe der Vater ausſteigen konnte und ſagte zu ihm und zu Sophien: ich habe Sie beyde ſchon genannt⸗ dies aber iſt die junge Graͤfin Duͤren, die Fee, welche hier in dieſen Zaubergaͤrten ge⸗ bietet. Der Baron Freyburg, mein Vater, nannte ſie ſo eben meine Braut, aber es ſcheint daß er in großem Irrthume iſt, denn noch habe ich nicht einmal einen Blick, vielweniger ein freundliches Geſicht bekommen und ſie weiß doch aus Erfahrung wie groſſen Werth das fuͤr mich hat! Ich will daher auch ſchon Morgen wieder reiſen, heute Nacht aber noch ein wenig in ihrem Zau⸗ berſchloſſe ſchlafen und darum goͤnnen Sie ihr und mir die Stelle neben Sich unb ſo hob er die Graͤfin in den Wagen der Sophie Platz machte und ſezte ſich zu dieſer auf die Ruͤckbank, ohne auf die peinliche Ver⸗ legenheit dieſer ihm ſo theuern Menſchen waͤhrend ſei⸗ ner langen Tirade zu achten und nur erſt als der Wagen fortrollte, konnten die Uebrigen zu Worte kommen. Mit welcher Empfindung ſah Mathilde ſich ploͤtz⸗ 1 — — 136— lich in dieſe ihr ganz neue Welt verſezt! wie draͤngte es ſie, die Haͤnde des lieben alten Mannes, deraſuf den erſten Blick ihr Herz gewonnen hatte, mit tauſend Kuͤſſen zu bedekken, dem wunderlieblichen Geſchoͤpſe an die Bruſt zu ſinken, beſonders, da ſie in Beyden jene troͤſtenden Traumgeſtalten zu erkennen glaubte, aber ſie wagte es nicht! Da erhob die kleine, ihr grade gegenuͤber ſitzende Sophie, welche ſie bisher ſchweigend mit leuchtenden Blikken betrachtet hatte, ihre Stimme und ſagte mit jener unwiderſtehlichen, muthwillig laͤchelnden Mine: „meine gnaͤdige Graͤfin, irre ich nicht ſehr, ſo haben Sie einen Wunſch, dem Sie aus uͤbergroßer Beſchei⸗ denheit keine Sprache geben moͤgen,— ich glaube, Sie moͤgten mir gerne einen Kuß geben und— les beaux esprits se rencontrent!— und ſo oͤffneten ſich beyder Arme und ſchloſſen ſich um die ſchwer errun⸗ gene Beute. Der, lange und feindlich geſtoͤrte Friede kehrte wieder ein in Mathildens Bruſt, Furcht und Sorge wichen und liebe Bilder nahmen nach einander, ſchuͤchtern und verſchaͤmt, den Raum der ſchoͤnen Hallen in Beſitz, die ſproͤde allen andern ſich verſchloſſen hatten und nun ſich ihres neuen, langerſehnten Schmukkes ſtolz erfreuten.“—. „Werden aber auch Ihre lieben Aeltern eben ſo 1 — — 137— guͤtig ſeyn wie Sie? meine ſchoͤne Geäßi? ſagte der Senator. „Wenn auch der Freyherr nicht waͤre, deſſen Stimme hier allmaͤchtig iſt⸗“ erwiederte Mathilde,„Sie fuͤhren die Gewißheit mit ſich, uͤberall willkommen zu ſeyn,— aber freylich Niemandem mehr als mir!’— und der liebe Mann druͤckte einen Kuß auf ihre Hand. Der Wagen hielt, der Empfang war der, alter Freunde. Carl Barnekow war in der beßten Laune⸗ ganz ein anderer Menſch und nur der junge Graf blieb befangen oder ſinnend, waͤhrend auch ſeine Schweſter nicht ganz und unbedingt der Frende ſich hingeben zu koͤnnen ſchien. Der Freyherr, welcher ſein fruͤheres, unerwartetes Eintreffen durch den beabſichtigten Guͤterkauf ſeines neuen Freundes motivirt und dieſen zugleich angemel⸗ det hatte, ſaß wie ein Gott unter allen dieſen ſehr verſchiedenartig geſtimmten Menſchen und aller Augen waren auf ihn, wie auf den Centralpunckt gerichtet⸗ vooon welchem aus einem Jeden die Entſcheidung der Frage kommen ſollte, die ihm fuͤr jetzt die wichtigſte war. Der alte Graf, wie gewoͤhnlich, ganz in dem An⸗ blicke ſeines Freundes verlohren, theilte nun ſeine Auf⸗ merkſamkeit zwiſchen ihm und ſeinem vermeinten Sohne und ſeine Augen ruhten abwechſelnd auf Beyden, leuch⸗ — 138— tend und wonnetrunken, beſonders da er, gleich der Graͤfin, ſehr bald ſich uͤberzeugte, daß die Ankunft des Vaters auf eine wunderbare Weiſe die jungen Leute umgeſtimmt und vereiniget habe. Sophie, welche der Graͤfin Mutter ſehr bald ſich nahe zu bringen verſtand und der ihr groſſer Verehrer, der Freyherr, durch ein ihm ungewoͤhnliches, preiſen⸗ des Wort ſchon vor ihrer Ankunft die Wege gebahnt hatte, waͤhrend er keine Gelegenheit vorbeygehen ließ, ſeine Geſinnungen gegen ſie ehrend kund zu geben, erkaͤmpfte auch hier ſchon am erſten Abende in aller Herzen ſich den Platz, auf den der Stern, welcher bey ihrem Werden leuchtete, ſie nun einmal fuͤr das ganze Le⸗ ben angewieſen hatte. Aber auch der junge Graf, ihr Nach⸗ bar, welcher begreiſlich von allen Uebrigen ſich ſehr ver⸗ nachlaͤſſiget ſinden mußte, da Abneigung, oder maͤch⸗ tigere Intereſſen jedem Einzelnen eine andre Richtung gaben, fand in der verſtaͤndigen Unterhaltung mit ihr reichen Erſatz fuͤr das was er entbehren mußte und ſie, die jene, uͤbrigens ſehr natuͤrliche, Vernachlaͤſſigung eben ſo ſchnell bemerkte als begriff, war um deſto mehr bemuͤht ihn das nicht empfinden oder wenigſtens nicht vermiſſen zu machen. Der Freyherr, der Ruhe beduͤrfend, draͤngte zum Aufbruche, aber noch hatte er ſein Bette nicht einge⸗ — 139— nommen, als ihm ein Bedienter ein verſiegeltes Billet folgenden Inhaltes brachte:. Die Conſpiranten haben gewiß Manches auf dem Herzen das ſie druͤckt, auch iſt noch Dies und Jenes zu bereden, ehe Mama, Pauline und ihr Amadis anlangen. Am Tage werden ſie nicht Alle zugleich ſich der Geſellſchaft entziehen koͤnnen, ich bitte alſo unterthaͤnigſt: Eure ſehr matinenſe Freyherrliche Gna⸗ den wollen Morgen fruͤhe ſehs Uhr in meinen Apar⸗ tements den Caffee bey mir einnehmen und damit Hochdieſelben ſich uͤberzeugen, wie heilig Ihre Ruhe und Ihre Tugend mir ſind, ſo habe ich meinen gu⸗ ten Vater, ſeinen hoffnungsvollen Sohn und noch ſonſt Jemand zu bewegen gewußt, Sie bey mir zu erwarten, die mit Vergnuͤgen und Ehrfurcht ſich ——õ— nennt Ihre Duͤren, ſchlaftrunkene den 18. Junius 1778. Sophie. N. S. Es gehoͤrt bekanntlich zu jedem Briefe weiblichen Geſchlechtes ein Poſtſcript, und dieſer Nothwendigkeit huldige ich durch die nachtraͤgliche Bemerkung: daß die Conference gewiß etwas lange dauern wird und daß die Conſpiranten nirgends als bey mir vor Morgenbeſuchen und ſtoͤrenden Beſchik⸗ kungen ſicher ſeyn werden, da ich ſonſt den Weg zu dem Zimmer eines Mannes nicht verfehlen wuͤrde — 140— zu ſuchen, zu deſſen Herzen ich das Gluͤck und die Ehre hatte ihn zu finden. 1 Noch aͤrger als oben, Etwas ſpaͤter. Sophie. „Noch einen Buben moͤgte ich haben!« rief der alte Mann,„um des Maͤdchens willen! Der Duͤren iſt ein Stock, wenn er ſich die nehmen laͤßt!“— Und ſo uͤberlisß er ſich, mit dem Tagewerke ſehr zufrieden, der Ruhe.— Sophie, von ihrer neuen Freundin begleitet, bat dieſe, Morgen noch eine halbe Stunde fruͤher bey ihr ſeyn zu wollen als alle Uebrigen und ſchied dann, ent⸗ zuͤckt wie entzuͤkkend, von ihr, um ſie eben ſo am an⸗ dern Morgen zur beſtimmten Zeit zu empfangen. „Der Freyherr,“ ſagte ſie,„mein Vater und mein Bruder werden bald hier ſeyn und vorher,— werden „Sie es tadeln?— wuͤnſchte ich zu wiſſen, in welchem Verhaͤltniſſe Sie zu dem liebenswuͤrdigen Taugenichts ſtehen, der da Geſtern nehen mir im Wagen ſaß? Er nannte Sie ſeine Braut und Sie widerſprachen nicht!— Das Laͤcheln eines Engels, halb freundlich und halb ſchmerzlich, uͤberzog das holde Geſicht Mathildens und ſie erwiederte:„als ich Geſtern an Ihre Bruſt ſank, da, daͤchte ich, haͤtten Sie erkennen muͤſſen was ich fuͤr ihn empfinde!e⸗ „Das iſt es nicht was ich zu wiſſen wuͤnſchte!— — 141— Wer iſt er? Iſt er wuͤrklich Ihr Verlobter? und der Sohn des Freyherrn? und wenn er der nicht iſt, wird und darf er dennoch Ihnen angehoͤren?— Sie fuͤhlen, dieſe Ungewißheit iſt aͤngſtlich und druͤkkend fuͤr uns Alle! Es iſt nicht genug, daß Sie und er zufrieden ſcheinen, wir muͤſſen es Alle ſeyn!“ „Wer er auch ſeyn, wie er auch heiſſen mag, er⸗ wiederte die Graͤfin, der Freyherr hat ihn oͤffentllch ſeinen Sohn und mich ſeine Braut genannt, der Frey⸗ herr iſt unfaͤhig irgend ein unbedachtes Wort zu reden und obgleich ich noch nicht im Stande bin Alle dieſe Raͤthſel zu loͤſen, ſo beunruhigt mich das gar nicht, denn der Freyherr wird die Verlobung, die er da ankuͤndigte, zu rechtfertigen wiſſen.“ „Haben Sie ſo Sich gegen Ihren Freund ausge⸗ ſprochen? „Es hat mir an Gelegenheit gefehlt, aber es braucht das nicht, denn das Nothwendige kann ihm nicht zweifelhaft ſeyn!“ „Aber weiß er, daß Sie ihn lieben? „Es moͤgte denn im ganzen Hauſe der einzige Verblendete ſeyn!— „Wenn er aber denoch Zweifel haͤtte?“— „Unmoͤglich!« „Ich fuͤrchte ſehr! Waͤre es nicht beſſer daruͤber ihn zu beruhigen?“— — 142— „Es waͤre recht ſchlimm, wenn es deſſen beduͤrfen koͤnnte!— „Man hoͤrt dergleichen Verſicherungen— habe ich in aͤuſſerſt guten Buͤchern geleſen,— gar zu gerne, wuͤrden Sie ihm verſagen was er wuͤnſcht?“ „Wenn ihn das gluͤcklich macht,— wie gerne!“ „Ich kenne Sie in der That noch nicht lange ge⸗ nug um zu wiſſen, ob Sie auch Ihr Wort zu halten pflegen und— ob Sie auch den Muth haben der dazu gehoͤrt,“ ſagte die Kleine, mit ſichtbarem Muthwillen, „beruhigen Sie mich daruͤber!”— und die Graͤfin, nicht verkennend, daß ſie irgend etwas noch Unverſtan⸗ denes ſagen wolle, erwiederte:„Muth ſollte mir fehlen einem geliebten Mann zu ſagen, daß ich ihn liebe?— obgleich allerdings dieſer Mann ſchon mehr als eininaͤl mich zittern machte!“ „Wenn ich Sie auf die Probe ſtellte!“ „Immerhin!“ 3. „Sie werden nicht erbeben? nicht wanken?“ „Aber Sie machen mir wahrlich bange lee rief Mathilde und blickte unwillkuͤhrlich um ſich her und ſah— hinter ſich, in der geoͤffneten Thuͤre eines Sei⸗ tenzimmers, ihren completen, directen, poſitiven Jaſon, knieend und beyde Arme nach ihr ausſtrekkend und— mußte nun doch nach der Hand Sophiens greifen und von ihr geleitet bringen und gewaͤhren, was ſchwei⸗ — 143— gend, aber unwiderſtehlich, da gebeten ward und was wir jedem liebenden Paare, nur zu minder theuren Preiſen, von Herzen goͤnnen. Bald kamen die beyden Barone und Sophie ſagte in ihrer grandioſen Art:„vom Schickſale erleſen allen Menſchen die Schwiegerſohne und Schwiegertoͤchter zu⸗ zufuͤhren, erfuͤlle ich meine hohe Beſtimmung, geliebter Pater, indem ich Sie bitte hier dieſes Paar zu ſeeg⸗ nen!« und Beyde ſanken vor ihm nieder, aber bevor der Vater gewahren konnte was ſie bat, rief der Sohn und umfaßte ſeine Kniee:„ich habe Sie ſehr betruͤben muͤſſen, werden Sie mir verzeihen?“ der Vater aber antwortete:„wenn Deine Braut hier nach zehn Jah⸗ ren noch einmal und mit dir, ſo mich bittet, mag es darum ſeyn! Gott gebe euch ſeinen Seegen dazu und nun verdient ihn Euch!⸗ So zog er die Tochter an ſein Herz und ſagte, auf den Freyherrn deutend:„hier aber ſteht der eigent⸗ liche Brautvater, an den wendet euch mit euren Wuͤn⸗ ſchen und Bitten, denn wenn er das Werk und die Braut nicht kroͤnt,— meine Macht reicht hier nicht aus! „Der muß wohl!“ rief Sophie.„Er hat: A! geſagt, er muß auch: Bl ſagen, er hat mir ſein Wort gegeben und das ſoll er halten, oder er ſoll ſehen wen er vor ſich hat le⸗ — 14— „Worauf haͤtte ich denn mein Wort gegeben? e ſagte der Freyherr und Sophie rief im hohen Pathos: „Sie haben geſagt“— und nun ſuchte ſie ſeinen Baß nachzuahmen—:„Sie ſind ein liebes, charmantes, verſtaͤndiges Kind und eine Dame wie es ihrer Wenige giebt und Sie ſollen auch in mir ſich nicht betrogen haben!— Koͤnnen Sie das leugnen? „Das habe ich allerdings geſagt und denke auch ich habe Wort gehalten.“ 3 „Und ſind gar nicht der Mann eine Sache halb zu thun und muͤſſen Alles thun was ich won Ihnen erwartet habe, wie unmenſchlich und uͤbernatuͤrlich meine Erwartungen nun auch immer ſeyn moͤgen,— denn ſonſt wuͤrde ich mich ja doch in Ihnen betrogen haben!“ „Herr Bruder,“ rief der Freyhetr⸗„Sie haben da eine Tochter bey der ich lerne, was ich noch nie lernte: zittern und beben!“— Der Caffee kam, man lagerte ſich in die Runde und Sophie begann ſchon dem Bruder Eintrag zu thun und die wonnetrunkenen Blikke Mathildens, eben wie die ihrer Schweſter und der Schweſtern Freyburgs, auf ſich zu ziehen, der Freyherr aber, dies bemerkend, ſagte:„Ja, meine gnaͤdige Graͤfin, ſehn Sie Sich die junge Dame nur recht an, es iſt die Zauberin die uns Alle hier her verſetzte und groſſes Verdienſt um .— 145— ans Alle hat!⸗— und nun folgten Mittheilungen und Eroͤrterungen aller Art. Die ganzen lezten ſtuͤrmiſchen Wochen wurden durchgegangen und Alle legten nachein⸗ ander die Empfindungen offen dar, welche jeder einzelne Moment ihnen gegeben hatte und Alle, auch die Ab⸗ weſenden, empfingen nach der Reihe ihre wohl ver⸗ diente Anerkennung, wobey denn Sophie, begreiflich⸗ die reichſte Aerndte machte, ob auch die ſeltene Charac⸗ terſtaͤrke und die großartige Haltung Mathildens in ſo vielen bangen, ſchrecklichen Stunden in ihrem Ganzen Umfange gewuͤrdiget wurden. Der Bruder aber, der immerwaͤhrend die Augen auf Sophie gerichtet hatte, rief:„ich haͤtte ſie nicht wieder erkannt, ſie iſt einen halben Kopf in den Paar Monaten gewachſen und ſieht ganz leidlich und menſch⸗ lich aus und wenn ſie ſo mit in der Reihe ſitzt, prae⸗ ſentirt ſie ſich wie die completeſte Dame, ich war beym erſten Wiederſehn ganz erſtaunt und entzuͤckt zugleich le .„Ja,« antwortete Sophie, verſtaunt war ich auch beym erſten Wiederſehn, da an der ſcharfen Ekke, aber bedauern muß ich, wenn ich Deine uͤbrigen ſchoͤnen Empfindungen nicht erwiedern konnte, denn vom Leide lichen und Menſchlichen war da nicht viel an Dir ſichtbar.“: „Daruͤber“ rief der Freyherr, aſind nun die Anſ ſchten und der Geſchmack ſehr verſchieden, mein ſchoͤnes Kind⸗ fl. 10 mir kam er da Geſtern ganz leidlich vor und geſiel mir gar nicht uͤbel! Nun aber ſagen Sie mir gefaͤlligſt: merkten Sie, als Sie den Schuß bekamen!“ „Gewiß! es pfiff mir tuͤchtig in die Ohren und das Band unter dem Kinne zuckte recht herzhaft!“ „ Aber Sie lieſſen Sich Nichts merken! lee „Ja, ich dachte, biſt Du nun todt, ſo wird ſich das zeitig genug ſinden und dann wird Dich die ſanfte Stimme Deines hochverehrten Nachbarn ſchon wieder erwekken!— Sagen Sie, liebe Mathilde, haben Sie dies Rufen nicht in Duͤren gehoͤrt?“— „Bey Nacht,“ ſagte der Freiherr⸗„haͤtten Sie es wohl hoͤren ſollen!— Allein was half es! Niemand kehrte ſich daran und das war denn auch recht gut!— Nun aber haͤtte ich wohl eine Bitte an die Herrſchaf⸗ ten!— Wenn ich Jemanden vierzig Jahre lang kenne, da mag ich mich ungerne in ihm betrogen haben und daher moͤgte ich meine Rechnung mit dem alten Jo⸗ ſeph abſchlieſſen! Ich kann mir nicht einbilden, daß er ganz und gar ohne Vernunft und Anlaß gehandelt haben ſollte und denke, es muß der Sache irgend Et⸗ was zum Grunde liegen, denn es iſt ein Mann, glau⸗ ben Sie mir, tauſend und aber tauſend Junker reichen nicht an ihn! Ich will Ihnen nur einen Zug von ihm erzaͤhlen und danach moͤgen Sie ihn beurtheilen. Seit 1738 — 147— bin ich in achtzehn blutigen Kriegesſahren haͤufig mit ihm in Freundes und Feindes Landen geweſen und haͤufig hatte er arme Wirthe, da gab er ab ſo lange er zu geben hatte und wo nicht, ſe war er mit einem Stukke Brod zufrieden. Der Graf und ich, die wir viel auf ihn hielten und es reichlich hatten, hieſſen ihn in allen Faͤllen bey uns ſich ſatt eſſen, aber nie iſt er gekommen und als wir ihm bey einer ſolchen Gelegenheit Vorwuͤrfe mach⸗ ten, ſagte er: hier hungern und dort eſſen kann ein Jeder, wenn ich eine Freude haben und armen Lenten abgeben ſoll, muß es auf eigene Koſten geſchehen! Wir boten ihm Zuſchuß an, er lehnte es ab. Wir⸗ beſonders ich, damals etwas raſch und heftig, nahmen das uͤbel und er mußte es annehmen, aber wir erfuh⸗ ren, daß er daß Geld an arme Wirthsleute verſchenkt hatte. Da ſteckten wir uns hinter den Regimentschef, daß der es als eine Zulage fuͤr bewieſenes Wohlver⸗ halten ihm nebſt der Gage auszahlen ließ und das empfangt er noch heute, ohne zu wiſſen, daß wir es geben. Er war ein Muſter in Krieg und Frieden und nie iſt er beſtraft worden. Das will nun zwar in vie⸗ len Regimentern Nichts ſagen, aber bey uns war das ein Anderes!— Er haͤtte laͤngſt Offizier ſeyn koͤnnen, aber er ſagt: meine Manieren ſind nicht danach, ich paſſe nicht zu vornehmen Leuten, aber unter den Wacht⸗ 10* — 148— meiſtern, da bin ich der erſte!— Erlauben Sie, daß ich ihn rufen laſſe, ich muß wiſſen, woran ich mit ihm bin le⸗ Er ward gerufen und kam, in voͤlliger Ruͤſtung, denn anders zeigte er ſich nie. „Joſeph,“ ſagte der Freyherr, ich bin ſehr Inu. frieden mit Dir! Ich kenne Dich nun ſeit ſo vielen Jahren, aber ſo ſchlecht habe ich Dich noch nicht ſchieſſen ſehen als Geſtern!— Du fehlteſt!— Wie kam das?— Du haſt gewiß mit Fleiß vorbey gehalten!“— „Herr Oberſtwachtmeiſter, luͤgen kann ich nicht, hingehalten hab ich ehrlich genug und die Kugel muß dem jungen Herrn dichte vorbey gefahren ſeyn!“ „Ganz gewiß, ſie gruͤßte mich ſehr vernehmlich le⸗ rief Barnekow. „Aber in dem Augenblikke wo ich abdruͤckte, wandte der junge Herr rechts ab und das wie der Blitz und da habe ich denn, Gott ſey Lob und Danck, vorbey⸗ geſchoſſen!“ „So!— Aber Joſeph, was ſagen die Kriegs⸗ artikel dazu? Oder, wie kannſt Du ſelbſt das kachxſer tigen 7⸗ „Herr Oberſtwachtmeiſter, wenn ich nur ſo ganz mein Herz ausſchuͤtten duͤrfte, 4) wollt' es Ihnen wohl begreiflich machen!“ „Das darfſt Du, Joſeph, denn dazu biſt Du ge⸗ rufen!⸗. — 149— „Herr Oberſtwachtmeiſter, der junge Herr da ge⸗ fielen mir gleich ganz gewaltig und ich dachte:“ der muͤßte zu den Huſaren!„Da kamen der Herr Graf, mein lieber, junger Herr, und ſagten: es waͤre„ mit Reſpect, nicht Ihr Sohn, ſondern ein Landſtreicher und wenn er entwiſchen wollte, ſollt ich ihn todſchieſſen auf ſeine Gefahr!— Da ſchwieg ich und dachte: das Ding mußt Du Dir erſt uͤberlegen, denn widerſprechen wollt ich ungerne und gehorchen auch nicht gerne! Da ſah ich mir den jungen Herrn an und dachte: es iſt der leibhaftige Vater und es iſt nicht wahr und iſt kein Landſtreicher!“ Der Wuchs und die Augen, das wollte wohl ſo recht nicht paſſen, aber, dachte ich, das mag er wohl von den Großeltern haben, denn das wiſſen der Herr Oberſtwachtmeiſter, danach artet der Menſch oft! Nun hatte ich laͤngſt gemerkt, was die Glokke geſchlagen hatte,— aber, darf ich auch reden, Herr Oberſtwachtmeiſter?⸗ 8 „Allerdings! ich hab's Dir ja ſchon einmal geſagt!e „— und, dachte ich dann: ſi ſeh, die gnaͤdige Comteſſe die moͤgen ihn gewaltig gerne leiden, aber er will nicht, er muß mit Blindheit geſchlagen ſeyn, aber er ſoll und muß heran! Und das wird ſich denn auch ſchon geben, wenn er nur erſt etwas bekannter mit ihr iſt und ihm die Augen aufgehn und damit er nun nicht entwiſchen — 150— ſollte, ſo machte ich ein barbariſch Geſichte und drohte und fluchte immer gegen alle Leute, beſonders gegen ſeinen Bedienten, ich wollt ihn umbringen wie Nichts, wenn er nur den geringſten Abſprung machen wuͤrde, ſo, daß mir das Volk alle recht gram geworden iſt und wenn ſie mir nun begegnen muß ich die ſchnoͤde⸗ ſten Reden hoͤren, denn ſie moͤgen ihn Alle gerne. Ich aber dachte, ein barſch Wort haͤlt den Kerl von der Thuͤre, er bleibt und heurathet die gnaͤdige Com⸗ teſſe und dankt Dir's am Ende noch— und es ſieht mir ganz ſo aus als wenn ich recht gehabt haͤtte!“— „„Aber, Joſeph, junge Leute ſind tollkuͤhn, dachteſt Du nicht daran wie es werden ſollte, wenn er nun doch einmal verſuchen wuͤrde davon zu kommen?⸗ Gauben denn der Herr Oberſtwachtmeiſter ich haͤtte mich an Ihrem Sohne vergreifen koͤnnen? Das glauben Sie gewiß nicht!— Ich haͤtte zweymal vorbeygeſchoſſen und haͤtte dann geſagt, ich haͤtte gefehlt und haͤtte ihn reiten laſſen, aber das zu hindern ſtellt ich mich ſo barbariſch an. „Aber,“ ſagte die Graͤfin,„Joſeph, ſo haͤtte Er mir doch ſeine Geſinnungen nicht verhehlen ſollen, als ich ihn bat und er mir erklaͤrte, er wuͤrde ihn umbrin⸗ gen! Halten zu Gnadenn ich dachte: was die gnaͤdige Graͤſin wiſſen, das erfaͤhrt der junge Herr auch gleich⸗ ———— — 151— denn er hat Sie viel zu ſehr in Stritken und Sie wuͤrden gewiß geſagt haben:„der Joſeph iſt gewonnen und reiten Sie nur! und wenn Sie auch hinter⸗ her ſich haͤtten todt graͤmen ſollen!— Lange Pauſe. die man ſich lieber ſelbſt ausfuͤllen wird.— „Aber, Joſeph, nun haſt Du doch geſchoſſen und recht auf den Treffer!e— rief endlich der Freyherr. „Ja, das iſt ein boͤſer Umſtand und kam wunder⸗ lich, wenn ich nur reden duͤrfte, das heißt wenn's der junge Herr mir nur erlauben wollte, ſo— „Reden Sie nur, mein zalieber Joſeph, reden Sie!“ rief Barnekow. „Sehn Sie, Herr Oberſtmachenelſer, als wir ge⸗ ſtern an ihn kamen, ich und der Nizky, da ſingen der junge Herr von der Cavallerie zu reden an und ſagten: ich waͤre bei Molwitz davon gelaufen und das ſo ſchnoͤde und ſpitzig, daß es mir durch Mark und Bein ging. Der Freyherr zog die Augenbrauen zuſammen, wie er pflegte wenn er zornig war und Allen, auſſer dem Angeklagten, ward unheimlich zu Muthe und Sophie ſah den Bruder mit einem vernichtenden Blikke an, der aber an ſeinen muthwillgen Laͤcheln machtlos abprallte. „Aber Joſeph,“ ſagte der Freyherr, nach einer kleinen Weile,„wahr iſt es doch, wir mußten ja davon laufen!” — 152— 5„Ia, aber nachhru wir uns ehrlich 0auaaiuan hatten! hu Gleichviel, wir nusten doch— geben¹ Die braven Leute abgerechnet, die da auf dem Platze blieben,— wenn er weiter Nichts geſagt hat!⸗— „Ja, und bei Collin haͤtten zwey Escadrons Truch⸗ ſeß die ganze oͤſterreichiſche Cavallerie geworfen!“⸗ „Nun, die da war, allesbiaps⸗ das iſt 2ach auch nicht zu laͤugnen!e „Ja, und die ganze Weit zechneten immer drey Oeſterreicher auf einen Preuſſen!— „Nun, Joſeph, wenn wir ehrlich rechnen und Oeſterreicher, Franzoſen, Reichsarmee, Ruſſen und Schweden in einen Topf werfen wollen, werden wohl ſo ziemlich Drey gegen Einen heraus kommen, das iſt doch Alles noch nicht, um einen Menſchen todtzuſchieſ⸗ ſen und gar von hinten! „ Ja, und wir haͤtten unſern General Röͤmer bey Molwitz ſchaͤndlich im Stiche gelaſſen und wie der in der Gefangenſchaft geſtorben waͤre, haͤtte er geſagt: hinten ein Cuiraß und vorne ein Cuiraß und in der Mittt' ein Baͤrenhaͤuter!— und da dacht ich: nein, es iſt doch nicht der Sohn meines Herrn Oberſtwachtmei⸗ ſters und hat keinen Tropfen Blut von ihm im Leibe! Denn wo ich geweſen bin, iſt der Vater auch geweſen und den kann er ſo beſchimpfen? Nein, das iſt ſein — 153— Sohn nicht und es iſt ein Landſtreicher! Und mein junger Herr hat Recht, der beſchimpft die hohe Fa⸗ milie und der ſoll die Graͤfin nicht haben und er muß dran glauben! Und da hielt ich hin was ich konnte und die Kugel iſt auch grade in der Linie geblieben und wenn der junge Herr nicht zum Gluͤkke ausgewichen waͤre, ſo waͤre es geſchehen geweſen!— So dacht ich geſtern in meiner Dummheit, heute aber weiß ich beſſes wie ich haͤtte denken ſollen! „Nun Joſeph, und wie haͤtteſt du denn denken ſollen?« „Ich haͤtte denken ſollen: ſieh, du alter Ochſen⸗ kopf, denn das bin ich, da hat der junge Herr ganz recht! Der junge Herr ſind hier bewacht und belauert wie ein Spitzbube, da uͤbernimmt ihn nun die Bosheit und er ſucht Haͤndel, obgleich er Nichts in der Hand hat, Einer gegen Zwey und da haͤtt' ich weinen ſollen wie ein Kind und haͤtt' ſagen ſollen: Herr Baron, es kommt Ihnen doch nicht von Herzen und reiten Sie nur in Gottes Namen, wenn Sie doch einmal nicht bleiben wollen!— Und nun, da ich weiß, daß ſeine Leute da im Buſche lagen und daß er wußte, es werde losgehen, nun kann ich's Alles wohl begreifen! Das iſt eben als wenn wir zum Einhauen kommen ſollten, da waren wir auch oft ſo boshaft, daß wir mit den Zaͤhnen knirſchten.“ — 4154— „Sieh, Joſeph, grade ſo denke ich auch,“ ſagte der Freyherr„und wer weiß ob ich im zwey und zwan⸗ zigſten Jahre, ſo lange an mich gehalten haben wütde, was meinſt du? „Ja, der Herr Oberſtwachtmeiſter waren damals ein gewaltiger Herr und wie Donner und Blitz le— Aller Augen hingen mit Liebe und Bewunderung an dem alten wuͤrdigen Reuter, waͤhrend ſie vor der Groͤſſe des Freyherrn ſich in Dehmuth beugten. Denn offenbar bewies er hier, daß er auf einer ſeltenen und ungeahndeten Hoͤhe ſtehe, indem er, in groſſer Selbſt⸗ verleugnung, ſichtbar nur darauf ausgieng, das ganze Herz des jungen Mannes ſo zu gewinnen, daß dieſer unfaͤhig werden mußte, ihm irgend Etwas zu verſagen! Barnekow aber ſprang auf und rief:„mein lieber Joſeph, in den Ochſenkopf wollen wir uns ehrlich thei⸗ len! Sieben Achtel will ich mir davon ausbitten, das achte ſollen Sie haben und nun geben Sie mir die Hand und glauben Sie nur, daß ich recht gut weiß, daß Sie ein Ehrenmann ſind! Sie koͤnnten es mir leid machen, daß ich kein Reuter ward und nicht mit Ihnen vor den Feind kommen kann?“ „Und daß er es ſo meint, Joſeph, wie er ſagt, beweiſe ich dir durch dieſen Brief, den er an ſeinen Freund ſchreibt, an einen von den geharniſchten Reu⸗ tern,“— und nun theilte er ihm, Alles ihn Betreſ⸗ —— — 155— fende des Briefes mit, veiches denn vollends ihn ſess erlittene Kraͤnkung vergeſſen machte. „Wenn ich aber fragen darf, war es der, welcher mich aus dem Sattel warf, an den der Brief gerichtet iſt?⸗ 6 Ja, Joſeph, das ſoll aber Niemand wiſſen als Du. der Sohn dieſes Herrn— en „und mein Bruder!“ fiel Sophie ein, abet ſagen Sie mir, mein lieber Joſeph, haben Sie eine Frau?e⸗ „ Nein, Ihro Gnaden!« „Auch nie eine gehabt?“ „Nein, Ihro Gnaden!⸗ „Wie geht das zu? moͤgen Sie das Smnanin⸗ mer nicht leiden!“ „Halten zu Gnaden, als ich ſo ein junger Kerl war und Wachtmeiſter ward, da haͤtt ich wohl gerne geheurathet, aber die mir ſo in den Wurf kamen mogt ich nicht und die ich mogte, waren mir Alle ein Bis⸗ chen zu hoch Oben! Wenn wir da ſo in eine Stadt einritten und ich ſah aus den groſſen, praͤchtigen Haͤu⸗ ſern die ſchoͤnen Geſichter herausgukken und auch wohl mit Tuͤchern wehen und Blumen herabwerfen, da ward mirs oft wunderlich ums Herz, aber ich dachte: ſieh, die ſchauen doch Alle nur nach deinen beyden lieben Herren hin und dahin wollteſt du den Blick heben? Und da biß ich die Zaͤhne zuſammen und habe nachher gar nicht mehr hinaufgeſchaut, ſondern immer nur nach — 156— meinen beyden lieben Herren und als die heuratheten, da dachte ich: haben doch die Kinder! Wenn du nur die groß wachſen ſehn koͤnnteſt! Und als wir Anno 48 nach Hauſe kehrten, da nahm der Herr Graf mich im⸗ mer mit auf Urlaub hierher und heurathete zuerſt und da blieb ich bey dem und nachher ging der ſiebenjaͤh⸗ rige Krieg an und da habe ich noch die Freude gehabt eine Campagne mit meinem lieben jungen Herrn zu machen, es war aber auch eine groſſe Angſt und nun geht die Angſt von Neuem wieder an e „Mein lieber Joſeph, ich haͤtte wohl ein Geſchenk fuͤr Sie,“ rief Sophie,„das Sie mir nicht verſchmaͤ⸗ hen muͤſſen!— Es iſt die Kugel, mit der Sie mich geſtern wider Willen begruͤßt haben, ſie hat ſich im Magazin gefunden, die behalten Sie zu meinem An⸗ denken und noch heute ſange ich eine Arbeit fuͤr Sie an, Sie ſollen Etwas von meiner Hand tragen und ich werde mir das fuͤr eine Ehre rechnen!“ „Gnaͤdiges Fraͤulein,“ rief der alte Mann,„ich weiß ſchon daß ſie ſich gefunden hat und nun lebe ich wieder auf, denn haͤtten Sie die Kugel in Haͤnden be⸗ halten, ich haͤtte keine Ruhe gehabt, aber wenn ich einmal todt bin, ſo nehmen Sie ſie wieder zu ſich und laſſen ſie in der Familie bleiben, zum Andenken,— nicht an mich ſondern an eine Dame die nicht in Ohn⸗ macht faͤllt, wenn's auch recht arg hergeht! Denn als ————— — 157— ich Ihro Gnaden geſtern ſah, da mitten unter all. dem wilden Volke und nun die Kugel dazu und ein Geſicht dabey als wenns zur Hochzeit ginge, ſo dachte ich: das iſt eine ganz erſchreckliche Dame und das waͤre eine Frau fuͤr deinen jungen Herrn und wenn Gott dir die Freude noch geben wollte, ſeinen aͤlteſten Sohn einmal auf dem Arme zu tragen!⸗— — und ſiehe da, Sophiechens Stunde hatte auch geſchlagen, denn ein merkliches Roth fiog in die ſchoͤ⸗ nen Wangen und waͤhrend Mathilde beſcheiden den Blick ſenkte, rief der unbarmherzige Bruder:„kann ſie wahr⸗ haftig auch roth werden!“ Sie aber ſagte zu Joſeph gewandt, ohne das zu beachten:„hoͤren Sie, Joſeph, Sie haben Sich als einen vernuͤnftigen Mann gezeigt, nun bleiben Sie auch da⸗ bey und machen Sie kein dummes Zeug und ſetzen Ih⸗ rem Herrn keine Dinge in den Kopf woraus doch Nichts werden kann, denn ich bin verſagt und hier,⸗— auf den Freyherrn zeigend,— ſitzt mein Braͤutigam! 1« Joſeph ſchwieg. „Nun, Joſeph, was ſagſt du dazu? Gratulirſt du mir nicht einmal?“ rief der Freyherr mit ſehr ern⸗ ſter Miene. „Wenn ich nur reden duͤrftele⸗ „ Nun ſo rede doch! Seit wann denn verbiete ich dir den Mund!« — 158— „Ja, aber die gnaͤdigen Herrſchaften dort!e— „Die hoͤren dich eben ſo gerne wie ich, fange du nur an zu gratuliren!e „Wenn ich das glauben ſollte, da muͤßte ich mei⸗ nen Herrn Oberſtwachtmeiſter ſchlecht kennen und da muͤßten Ihro Gnaden Sich nicht ſo angeſteckt haben, als ich von meinem lieben, jungen Herrn redete und— „Joſeph,“ fiel der Freyherr ein,“ wie iſt es mit Nizky und dem Reitknechte? Sie ſind beyde nicht gut weggekommen!⸗ „Ein Wundſieberchen, Her Oberſtwachtmeiſter, ſonſt Nichts! Sie reden ſchon davon, wie ſie auf der Hochzeit tanzen wollen, denn das hat mein junger Herr ihnen verſprochen!— Wenn's bey einer alen bleiben ſollte!“ „Nun, Joſeph, geh' in Gottes Namen,“ ſagte der Freyherr,„und glaube nur was der junge Herr dir ge⸗ ſagt hat, wir wiſſen Alle, daß du ein ganzer Kerl 6 und ein guter, ehrlicher Kerl!’— Und ſo gieng Joſeph, getroͤſtet, ſtolz und voll fte her Hoffnungen,— Gefuͤhle, wie ſie wohl Wenigen zu genuͤgen im Stande ſeyn duͤrften um die Entbeh⸗ rungen aufzuwiegen, gegen die er ſie, befriedigt, aus; tauſchte, und berichtete treulich auf der Stelle Alles was er gehoͤrt hatte, ſeinem lieben, jungen Herrn, in: dem er, ohne auf das Verbot unſerer Sophie zu ach⸗ — 159— ten, ihn verſicherte, daß es in der ganzen Armee keine beſſere Frau Majorin und Generalin geben koͤnne!— Und, ſetzte er hinzu:„es iſt doch mit der Kugel nicht gut anders zu repariren! Denn von Ihro Gnaden kommt es doch her, das Schieſſen!— Der Freyherr, hocherfreut ſeinen alten treuen Waf⸗ fengefaͤhrten, wo nicht gerechtfertiget, doch mit den Glie⸗ dern der Familie ausgeſoͤhnt zu ſehen, ſagte in der beß⸗ ten Laune:„Nun, wie gefaͤllt Ihnen mein Joſeph! und,“ zu Barnekow gewandt,„hat er nicht wenigſtens darinn Recht gehabt, daß Sie mein Sohn nicht wa⸗ ren? Ich tadle Sie nicht, ich wuͤrde es gewiß nicht anders gemacht haben,“— und dies ſprach er wider Ueberzeugung,—„allein wuͤrden Sie, als mein Sohn, ſelbſt in der hoͤchſten Leidenſchaft, Das ihm haben ſagen koͤnnen? Denn, wie Sie uͤber mich denken, wie heilig Ihnen die Pflichten des guten Sohnes ſind, das hat mir dieſer Brief bewieſen, von dem Sie nicht ahnden konnten, er werde in meine Haͤnde fallen und als ich den Brief las, da waren Kriegserklaͤrung und Friedens⸗ ſchluß zwiſchen Ihnen und mir ein Act, nur konnte ich freylich nicht denken, daß ich das Inſtrument auf dem Schlachtfelde mit Ihnen zeichnen wuͤrde, wie wir geſtern da an der Waldſpitze gethan haben und wobey wir es laſſen wollen!“ Und ſo reichte er ihm die Hand, die Jener als Gabe, wie ein Sohn zu ehren wußte. — 160— „Aber Sie, meine ſchoͤne Braut,“ ſagte er zu Sophien,„hat der alte Joſeph nicht einen eignen Wahrſager⸗Geiſt und einen Blick“— „Ich daͤchte,“ ſiel Sophie ein,„es waͤre die hoͤchſte Zeit endlich auch an die Familie zu denken und uns zu ruͤſten le⸗ Der Freyherr bewuͤrkte nun die Entfernung Ma⸗ thildens und Carls, indem er ſagte:„dieſe beyden Conſpiranten haben gewiß noch ein Complott gegen ihre deyderſeitige Freyheit anzuzetteln, wir wollen ihnen groß⸗ muͤthig erlauben ein wenig in den Park und in ihr Verderben auf eigne Hand zu rennen!“— welches dankbar angenommen wurde und man darf, auch ohne authentiſche Nachrichten⸗ mit Zuverſicht annehmen, daß es hinter gruͤnen Gardinen weder an einer Strafpre⸗ digt, noch an Buſſe und Abſolution gefehlt haben werde.— Der Freyherr aber ſagte, als er ſich mit Sophien und ihrem Vater allein ſah:„Mein ſchoͤnes Kind, die geſtrige Bataille iſt zwar uͤber Verdienſt und Erwarten gnaͤdig abgelaufen, allein unſern Plan hat ſie doch verruͤckt, da Ihr Bruder weiß, daß ich in meines Sohnes Ver⸗ bindung mit Ihrer lieben Schweſter gewilliget habe, auch iſt er, wie ich merke, gar nicht der Mann, durch Drohungen geleitet zu werden, wir wollen ihn loſe und leiſe beruͤhren, damit wir nicht das Uebel aͤrger machen⸗ Vor Scenen bin ich ſicher, denn der Graf traͤgt ſchwer an ſeinen Schulden und unſer Roland hat zu viele Ruͤckſichten die ihn abhalten hier Aufſehen zu ma⸗ chen, aber damit iſt der Schaden nicht geheilt. Wenn es Ihnen meine Gnaͤdige,“ fuhr er, ihr ſcharf in die Augen blikkend, fort,„gelingen ſollte, Ihrem Herrn Bruder eine groſſe Neigung zu ſeiner Schweſter und dem Herrn Grafen eine groſſe Abneigung gegen— ein unzu⸗ friedenes Geſicht von— ſeiner Zukuͤnftigen eiuzufloͤßen, ſo wuͤrden Sie Ihren Verdienſten die Krone auf und ſich mit groſſen Ehren auf die ſchwaͤbiſche Reichs⸗ Grafenbank niederſetzen! Ich aber habe meinen Alten nun endlich ſo weit, daß er mir freye Haͤnde laͤßt und ich will Ihnen die Bank polſtern, daß ſie ſtrotzen ſoll, wie der Wollſack des Londner Unterhauſes.— Sie haben A! geſagt Sie muͤſſen auch B! ſagen und alle meine ſehr„menſchlichene“ und„natuͤrlichen“ Er⸗ wartungen rechtfertigen, da ich ſogar Ihren unmenſch⸗ lichen und uͤbernatuͤrlichen Erwartungen entſprechen ſoll!«— Redensarten, zu denen Sophie fuͤr gut fand mit einem Geſichte zu ſchweigen, aus welchem ſich weder Schwarz noch Weiß ent nehmen ließ! Sehr Vieles traf zuſammen dem Freyherrn dieſe gluͤckliche Simmung zu geben und ihn in einem Lichte erſcheinen zu machen, wie nur ſein alter Freund und deſſen Frau vor manchem Jahre ihn geſehen hatten. Von Natur froh, aber heftig und oft mehr im I.. 11 X — 162— Aeuſſern und dem Scheine nach, als wuͤrklich in Leiden⸗ ſchaft, welches Geſtalt, Miene und Stimme allerdings nicht ſelten zweifelhaft werden lieſſen, hatte er nicht das Gluͤck gehabt, eine Lebensgefaͤhrtin zu finden, geeignet fuͤr einen ſolchen Mann, der,— nach ſeinem Ausdrukke,— nun einmal nicht pfeifen konnte wie ein Stieglitz. Kraͤmpfe und Ohnmachten gab es damals freylich noch nicht, an Thraͤnen aber nnd an ſtillem Grame hat es nie und nirgend gefehlt, und den letzteren uͤber⸗ trug die treffliche Frau, in ſtarken Doſen auf den Mann, der unter einem rauhen Aeuſſern ein ſehr biegſames, weiches Gemuͤth verbarg, das aber dann, mißverſtanden und verlezt, jene rauhe Auſſenſeite ſchuf, die Alles vor ihm zittern machte.. Die Aehnlichkeit der Kinder mit der Mutter mehrte ſeinen Unmuth, denn Niemand der Seinigen verſtand ihn, Niemand wußte ihn zu nehmen und wie dieſe lieben Kinder ihn nicht erfreuten, ſo konnte er ſie nur ſchrekken und galt, wo er bekannt war, fuͤr einen recht⸗ lichen, verſtaͤndigen, aber unlenkſamen, heftigen Mann, dem man ungerne nahte. Der Tod der Frau, deren Werth er uͤbrigens nicht verkannte, der ſanfte Character des Sohnes, der aus Grundſatz, einem ſolchen Vater gegenuͤber, ſaſt immer ſchwieg, uͤberdies die auf den ſichtbaren Untergang ſei⸗ nes Freundes hinausgehende, verkehrte Wirthſchaft deſ⸗ — 163— ſelben,— Alles dies vereint mehrte ſeine Ungeduld und ſeinen Unmuth und die armen Kinder erfreuten ſich keiner frohen Tage, beſonders, da ſie den Vater in dem Grade mißverſtanden, oft ſogar ſeine Scherze unrichtig zu deuten. Nun ploͤtzlich traf er auf Menſchen die, ohne ſein rauhes Aeuſſere, das groͤßtentheils nur Manier war, zu beachten, ihre Rechte herzhaft geltend zu machen wußten und ihm weder Furcht noch Abneigung bewieſen, Menſchen, die er achten und lieben mußte,— er fand ſich, wo er ſich nie gefunden hatte, unter ſeines Glei⸗ chen, und die eingeborne Natur behauptete ihrs Rechte. Nach einander kamen die frohen Ereigniſſe, die wohlthaͤtigen Erſcheinungen: die ungeahndete Charac⸗ terſtaͤrke und Beſonnenheit ſeines Sohnes, der ſeltene Heroismus des jungen Barnekow, deſſen Vater er gar gerne geweſen waͤre, die Verbindung mit einer Familie, welche ihn verſtand und zu nehmen wußte, beſonders dies allerliebſte Maͤdchen, die ihm als Ideal eines Wei⸗ bes erſchien und die denn auch, wagen wir zu glauben, nicht eben geeignet war eine Geſellſchaft oder eine Ehe zu verderben;— dazu hatte er endlich ſeinen alten Freund bey Gelegenheit der Verbindung ihrer Kinder zu bewegen gewußt, ihm die Reorganiſation ſeiner An⸗ gelegenheiten zu uͤbertragen, endlich gewaͤhrtedieſe Verbin⸗ dung mit der Barnekowſchen Familie ihm Ausſichten welche, 11* — 164— einer ſehr unangenehmen Alternative ausweichen zu koͤnnen, ihm mehr als wahrſcheinlich machten, und ſein urſpruͤnglicher Frohſinn kehrte wieder. Denn, die Verwikkelungen des Grafen waren ſo arg, ſein Credit war ſo geſunken, daß nur eine groſſe Einſchraͤnkung und ein, dadurch und durch Verbeſ⸗ ſerung der Guͤter zu erzwekkender, ſinkender Fonds die Abtragung der Schulden moͤglich machten, waͤhrend bey irgend einigem Credit letztere dazu genuͤgt haben wuͤrden. Nun durfte er ſich geſtehen, der Barnekowſchen Fa⸗ milie ein von ihr erbetenes Opfer gebracht zu haben, obgleich er, in Hinſicht auf zeitliche Guͤter, dieſe Verbin⸗ dung weit uͤber jene altere ſtellen mußte.— Er zweifelte nicht, daß der Senator einen anſehnlichen Theil ſeines groſſen, disponibeln Vermoͤgens gegen volle Sicherheit auf Zinſen geben werde und er durfte ſich ſagen, daß ſeine Buͤrgſchaft, bey irgend einem Zweifel, die Wahl eines, ihm ſo nahe verwandten, ſeinem In⸗ tereſſe ſo eng verbundenen Mannes entſcheiden werde und ſo durfte er auch die frohe Ausſicht naͤhren, ſeinem Freunde eine ihm ſchmerzhafte Einſchraͤnkung zu erſpa⸗ ren, ohne dadurch in ſeinem ordnenden und heilenden Wuͤrken geſtoͤrt zu werden. Die feſte Ueberzeugung die er hatte, auch den jun⸗ gen Grafen und ſeinen Liebling zu einem Paare ver⸗ einigt zu ſehen, hob ſeine Hoffnung und ſeine Zufrie⸗ — 165— denheit zu der Hoͤhe, welche ihn Allen ganz veraͤndert erſcheinen machte und ſeinen alten Freund und deſſen Frau einmal uͤber das andere ausrufen ließ:„nun iſt er wieder wie vor dreyſſig Jahren! Nun lebt er wieder auf le⸗ Es kam alſo nun nur darauf an, das beſtehende unſelige Verhaͤltniß zu aͤndern und durch einen Frieden das Reifen aller dieſer ſchinen Hoffnungen moͤglich zu machen, zu ſichern. Sein heller Verſtand, ſeine Erfahrung und ſeine Menſchenkenntniß hinderten ihn zwar, das Widerſinnige und ganz Verkehrte zu thun und den Weg zu betreten, welchen gewoͤhnlich Friedensſtifter und Vermittler ſehr weiſe zu waͤhlen meinen, indem ſie jedem der beyden Theile moͤglichſt viel Unrecht geben und ihnen von ih⸗ rem Rechte ſo viel ſie nur koͤnnen, abdisputiren, inſo⸗ ferne daraus nur Erbitterung und Mißtrauen gegen den Friedensſtifter zu keimen pflegen, aber ſie lieſſen ihn auch ganz die Schwiesihezit des ihm zukommenden Amtes erkennen. Er hielt nach reifer Ueberlegung alſo fuͤr das Beßte, vorher von der Zeit das eben angedeutete Er⸗ eigniß zu erwarten, das ihm unfehlbar ſchien, entſchloſ⸗ ſen, dann erſt die Stimme der Vernunft in dieſen durch allerley Leidenſchaften verduͤſterten Hallen ertoͤnen zu laſſen. — 166— Dies Ereigniß, die Vereinigung Sophiens mit dem Grafen, das er als nothwendig voraus ſah, finden wir uns gezwungen, als nicht minder gewiß vorauszu⸗ ſetzen, ſollte es nur keimen und gedeihen koͤnnen, ehe der junge Graf erfahren moͤgte, weſſen Schweſter hier zu gewinnen war. Denn, daß ein junger geſunder Mann Neigung zu einem Maͤdchen faßt, welches, alle koͤrperlichen und geiſtigen Vorzuͤge vereinigend, in jeder Hinſicht ihm als gute, als groſſe Parthie gelten muß, um das er, ohne Hinderniſſe und Widerſpruch zu fuͤrchten werben darf, welches er den ganzen Tag ungeſtoͤrt ſehen und ſprechen kann, iſt ſehr natuͤrlich und darf als nothwendig betrachtet werden und daß ein geſundes, kluges, gebildetes Maͤd⸗ chen die Neigung eines, ihm in jeder Hinſicht voͤllig gleich ſtehenden Mannes erwiedert, oder gar, ohne einem Menſchen ein Wort davon zu ſagen, ihr ganz heimlich zuvorkommt, duͤrfte durch nicht minder ſtarke Beyſpiele zu rechtfertigen ſeyn und wir fuͤhlen uns eben ſo wenig in Verlegenheit den beyden unverſorgten jungen Leuten einzufloͤßen, was ihnen Niemand zum Verbrechen zu machen geneigt ſcheint, als wir in Sorgen ſind, eine ge⸗ genſeitige Neigung, ſollte ſie ſichtbar werden, zu rechtfer⸗ tigen,— ohne Furcht, dem Tadel unſerer Leſer zu begegnen. 7/ Der Freyherr, in der ihm eigenthuͤmlichen Wahr⸗ heit, verhehlte ſeinem neuen Freunde ſeine Anſichten⸗ — 167— Hoffnungen und Wuͤnſche nicht und fand fuͤr jeden Theil derſelben ein offenes Ohr, ein willfaͤhriges Entgegen⸗ kommen, ſo, daß er ſchon an jenem erſten Tage und noch ehe die erwarteten Nachzuͤgler eintrafen, ſeinen alten Freund mit der Nachricht erfreuen konnte: daß Jener bereit ſey eine groſſe Summe auf ſinkenden Fonds in die Guͤter des Grafen zu geben und daß er ſich dadurch in den Stand geſeßt finde, dieſen, auch ohne alle Einſchraͤnkungen, zu erſchaffen. Er verhehlte ihm dabey nicht, wie ſehr wuͤnſchens⸗ werth ihm eine Verbindung zwiſchen dem jungen Grafen und der Tochter jenes Mannes erſcheine, worauf der alte Graf mit Freuden einging und man kann den⸗ ken, welchen Geiſt allgemeiner Zufriedenheit dies ver⸗ breitete, beſonders da der Freyherr eine Beredung der Hauptperſonen uͤber das beabſichtigte Geldgeſchaͤft ſo⸗ fort veranlaßte, welches beyde Theile, in ehrendem, ſehr motivirten Vertrauen, ganz und unbedingt in ſeine Haͤnde legten.— Der Fremde ſteht dem Fremden kalt, mißtrauiſch, feindlich gegenuͤber, er pruͤft und waͤgt und mißt, zweifelt und verſagt,— die Natur behauptet ihre Rechte,— der Mann ſinkt an den Buſen des Weibes,— die Intereſſen zerſchmelzen in einander und alle ſcheidenden Abgruͤnde fuͤllen und die Huͤlfen begegnen ſich, ohne Opfer und Gefahr!— Aber noch eine Sorge hatte der Freyherr und auch — 168— 7 die muͤſſen wir, arger Beyſpiele wegen, mit ihm thei⸗ len,— daß die ſchoͤne Pauline, welche der junge Graf fuͤr ſrey halten und mit der Schweſter voͤllig gleich ſtellen durfte, nicht etwa, auch ohne es zu wollen, un⸗ ſerer Sophie, eine ſehr ſtoͤrende Diverſion machen moͤgte!— Iſt doch der Geſchmack gar ſehr verſchieden und nehmen doch die Neigungen und Wuͤnſche der Menſchenkinder oft einen wunderlichen Gang!— und aͤrger noch im wirklichen Leben als in Romanen! Denn, man glaube nur erfahrnen Leuten und dem alten, guten Sprichworte: es kann ſo arg nicht ausgedacht werden, als es alle Tage im Leben begegnet! Nur,— daß das Alleraͤrgſte Niemand erfaͤhrt!— Daß unſer Carl die Geſellſchaft ſeines Schwagers nicht eben ſuchte, daß er mit ſeiner Mathilde das Ver⸗ ſaͤumte ehrlich nachzuhohlen bemuͤht war, daß beſonders die liebe Eiche fleißig von ihnen beſucht ward, iſt be⸗ greiflich, daß aber weder Mathilde, noch die liebens⸗ wuͤrdige, ſchmiegſame Schweſter etwas Anderes als eine ernſte Bitte von ihm erzwingen konnten, ihn mit jeder Eroͤrterung eines gehaͤſſigen Gegenſtandes ſchlechthin zu verſchonen, erklaͤrt ſich nur durch eine Erwaͤgung der ganzen Eigenthuͤmlichkeit des Mannes und der Freyherr bat und rieth, darinn ihm ſeinen Willen zu thun. Unter ſolchen Umſtaͤnden fand ſich denn der junge Graf auf die Geſellſchaft Sophiens ausſchließlich ange⸗ — 169— wieſen, ſie, begreiflich, mied ihn eben nicht und ſehr bald waren Beyde mit ſich ſelbſt vollkommen daruͤber einig, daß, ungeachtet der merklichen Verſchiedenheit materieller Formen, eine etwanige Verbindung zwiſchen ihnen— eben keine Mesalliance genannt werden koͤnne. Der Tag verging allen, gar angenehm mit ſich ſelbſt und Andern beſchaͤftigten, Gliedern der Familie wie ein Paradieſestag, der Abend kam, nicht aber die erwarteten Gaͤſte, und, genau gerechnet, ließ ſich das ſehr gut erklaͤren, da die beyden Barone waͤhrend der letzten ſechs und dreyſſig Stunden ihrer Reiſe ſehr geeilt und die Nacht zu Huͤlfe genommen hatten, da eben die Urſachen, welche ihnen einen Aufenthalt berei⸗ teten, auch Jenen hinderlich geworden ſeyn konnten, und da der junge Freyburg, welcher nun auf unbe⸗ ſtimmte Zeit aus einem zaͤrtlichen Liebhaber in einen liebenden Bruder ſich umwandeln ſollte, wohl eben nicht ſehr geeilt haben mogte, ein ſolches, immer pein⸗ liches Heucheln und Verleugnen fruͤher, als grade noth⸗ wendig war, herbeyzufuͤhren. Da nun uͤberdies Niemand um die Kommenden in Verlegenheit war, weil man ſie gut aufgehoben wußte, ſo erwartete man mit groſſer Ruhe den zwanzigſten Junius welcher unfehlbar ſie bringen mußte, und uͤber⸗ dies ſo gefaͤllig war, noch etwas Anderes zu bringen,— — 170—. ein Handſchreiben Kayſer Joſephs, des woͤrtlichen In⸗ haltes: 4 Mein lieber Graf Duͤren! Ich habe mich bewogen gefunden, den bisherigen Commandeur des Regimentes mit vollem Gehalte in den Ruheſtand zu verſetzen und Sie an ſeinen Platz zu ſtellen. Ich, das Regiment und die Armee warten Ihrer mit Ungeduld, den wir Alle beduͤrfen vieler Helfer wie Sie. Ich will indeſſen mein Wort nicht zuruͤcknehmen und will nur mit dem ſechsten Julius Ihrer Ankunft entgegenſehen. Ihr wohlaffectionirter Joſeph. Nan denke ſich den Jubel des Hauſes, beſonders des alten Joſeph!— Barnekow ſelbſt gewann es uͤber ſich, in die Gluͤckwuͤnſchungen Aller hoͤflich einzuſtimmen, als er an Mathildens Seite Jenem begegnete, worauf aber der Graf erwiederte:„Das dies, an ſich gluͤckliche, Ereigniß ihn nicht froh machen koͤnne, da er ungleich liebere Wuͤnſche habe;“— welches indeſſen Jener un⸗ beachtet ließ. 4 Nur Sophie konnte oder wollte die allgemeine Freude nicht theilen und als ſie ſich am Nachmittage nach althergebrachter, vielgewohnter Weiſe— das heißt: ſo, wie heute fruͤh und geſtern,— auf einem 1 = 19= Spatziergange mit dem jungen Grafen allein fand, ſagte ſie:„Herr Graf, ich muß mich bey Ihnen recht⸗ fertigen, daß ich nicht, wie es meine Schuldigkeit zu ſeyn ſcheint, Ihnen meine Freude uͤber Ihre Stan⸗ deserhoͤhung ausgedruͤckt habe, allein ich bin unvermoͤ⸗ gend Empfindungen zu heucheln, die ich nicht habe und daher berge ich nicht, daß ich mich uͤber dieſe, an ſich ehrenvolle, Auszeichnung die Ihnen ward, ganz und gar nicht freuen kann, wie denn keine aͤchte Hamburgerin wohl irgend einen Werth darauf legen wuͤrde.“ Den Augenblick, deſſen der Graf bedurfte eine paſſende Antwort auf dieſe ſonderbare Aeuſſerung zu finden, benutzen wir zu verrathen, daß er, wie doch am Ende nicht verheimlicht bleiben darf, bereits mehrere anſtaͤndige Einleitungen zu einer Annaͤherung gemacht hatte, daß aber dieſelben von dieſer infernaliſchen kleinen Creatur, vermoͤge der ihr eigenen, verdammlichen Prin⸗ eipien und Manieren, alle miteinander ſchon im Wer⸗ den ſich erſtickt finden mußten, indem ihr, ſo wie wir ſie kennen, eine ausweichende oder ableitende Gegenrede immer zu Gebote ſtand und beſonders einem Manne gegenuͤber, der die Pflichten der Galanterie ſtrenge zu uͤben hatte, dem ſie heilig waren und der Die, welche ſie forderte, mit vielem Vergnuͤgen als ſeine Koͤnigin gelten ließ.. Der Graf, aber hatte unterdeſſen Zeit gewonnen — 172— zu erwaͤgen, daß auf eine unverſtaͤndliche Rede eine verſtaͤndige Frage gehoͤre, ſagte:„der Vorzug der mir ward, iſt allerdings geringe, denn ich theile ihn mit Vielen, allein Sie haben gewiß noch einen beſonderen Grund da zu trauern, wo Alle ſich freuen?⸗ „Keinen andern als den, welchen der Eindruck er⸗ zeugt, den das gehaͤſſigſte, das unwuͤrdigſte aller Ge⸗ werbe, das Kriegeshandwerck, immer bey mir zuruͤck ließ⸗ wenn ich ſeiner gedachte!⸗ 4 „Ich ſollte meinen, es ſey eine groſſe Beſtimmung, als Schirmer wehrloſer Buͤrger, ihrer Frauen und Kin⸗ der, an den Graͤnzen kaͤmpfend, zu ſiegen oder zu fallen!“ Hunnen, oder Tuͤrken, oder Franzoſen gilt, aber nach der Laune, oder nach der verkehrten Anſicht eines Dritten mich und die Zufriedenheit der Meinigen op⸗ fern, das kann ich nicht groß finden. Zum Beyſpiel⸗ hier, dieſer Krieg, koͤnnen Sie den loben? Koͤnnen Sie mit leichtem Herzen in einen Krieg gehen wie dieſer, der jetzt vor Ihnen ſteht? Koͤnnen Sie mit leichtem Herzen Menſchen morden und morden helfen, die fuͤr eine gute, ehrliche, gerechte Sache kaͤmpfen?— Sie ſind unvermaͤhlt, aber wenn Sie einſt Vater ſeyn wer⸗ den, mit welchem Herzen koͤnnen Sie ihr Kind an die Bruſt druͤkken, wenn Sie Sich ſagen muͤſſen, wie man⸗ „O, ja, wenn es die Abwehr eines Angriffes von — 173— ches Haus haſt Du, fuͤr eine ſchlechte Sache kaͤmpfend⸗ verwayſet!— Ich geſtehe, ich waͤre lieber die Frau eines Tageloͤhners, als die eines Generals und glauben Sie mir, jedes Maͤdchen, jede Frau denkt ſo,— nur frey⸗ lich ſind bey Allen die Grundſaͤtze nicht ſtaͤrker als die Gefuͤhle!“— Dabey bekam der arme Graf einen Blick,— meduſenartig, beſinnungraubend, herzbethoͤ⸗ rend— wie ihn der alte Wieling nur jemals mit einer Schachtel Bonbons und einem aͤuſſerſt lehr⸗ reichen guten Buche in der Hand bekommen hatte le⸗ „Sie wuͤrden ungleich von mir denken, meine Gnaͤdige, wenn ich dieſen Krieg vertheidigen wollte, aber, wie gerne ich auch dem Kampfe mich entziehen moͤgte, ich kann mit Ehre jetzt, gerade jetzt, nicht zuruͤcktreten!⸗ „Das ſind die Folgen, wenn man unbedacht Ver⸗ haͤltniſſe anknuͤpft, die man nicht immer nach Willen und Wahl wieder loͤſen kann! Wie ganz anders waͤre es jetzt, Sie lebten als freyer Mann hier in den idea⸗ liſchen Verhaͤltniſſen, die Ihnen ein uͤberguͤtiges Schick⸗ ſal erſchuf, oder fuͤr welche es Sie werden ließ, der Vater, der Gott Ihrer Unterthanen und immer Geld auf Geld erwerbend!— Sie ſehen, ich ſpreche wie eine echte Hamburger Kaufmannstoch⸗ ter,— um die Wunden heilen zu koͤn⸗ nen, die der boͤſe Krieg Andern ſchlagen mußte, ſo weit die Kraͤfte reichen,— und haͤt⸗ — 141— ten Selbſt hier Frau und Kinder um ſich, geliebt, angebetet im Leben und ſcheidend einſt beweint und beklagt!— Es kann aber auch ſeyn, daß ich darin ſehr irre!— 3„Es iſt unmoͤglich,“ erwiederte der Graf,„dem Etwas entgegen zu ſetzen, auch verſichere ich Sie, daß es lange meine Abſicht war, aus dieſem Leben zu ſchei⸗ den, daß beſonders dieſer Krieg mein Gefuͤhl ſehr ver⸗ letzt und daß ich feſt entſchloſſen bin, ſobald er geendet ſeyn wird, der Gefahr mich zu entziehen, einen zwey⸗ ten aͤhnlicher Art mitkaͤmpfen zu muͤſſen! „ Iſt das Ihr Ernſt, oder nur Gaimterie; 2¹. „Mein voller Ernſt!«. „Koͤnnten Sie Sich wohl entſceſn Ihrer Fa⸗ milie das feyerlich zu verheiſſen und die Verheiſſung, in meine Haͤnde niederzulegen? e „Sie wuͤrden mich ſehr begluͤkken, wenn Sie ſe ie entgegen nehmen wollten! „Sind Sie aber auch ein Mann von Wort?— Ihre Schweſter hat mir allerley Zweifel eingefloͤßt⸗ „Meine Schwoſter hat Urſache uͤber mich zu kla⸗ gen, aber ich bin nicht ohne Entſchuldigung— eine uͤbermaͤchtige Leidenſchaft”— 3 „Wenn die einmal als Ereſchuldiguns dienen darf, muß ſie das gewoͤhnlich immer!— Sie muͤſſen Sich gar nicht wundern, daß ich den Krieg und Alles was dazu gehoͤrt ſo ſehr haſſe, da ich durch Ihre guͤ⸗ tige Vermittelung vorgeſtern ihn ſo recht in der Naͤhe kennen gelernt habe!⸗ „Sie dehmuͤthigen mich, mein Fraͤulein, ganz nach Verdienſt und ich fuͤhle, wie viel ich bey Ihnen gut zu machen habe, ohne Ausſicht⸗— „Im Gegentheile, ich bin Ihnen Dank ſchuldig, denn bisher kannte ich den Krieg nur aus poetiſchen Schilderungen, nun aber ſteht er ganz vor mir wie er iſt und nur dadurch konnte ich das Intereſſe gewin⸗ nen, Sie zu einem Verſprechen zu bewegen, das ich Ihnen nicht erlaſſe. Ich fuͤhle uͤbrigens die angenehme Verbindlichkeit durch ein Andenken, durch ein Geſchenk, die Wahrheit meiner Empfindungen zu beweiſen,— werden Sie es mir verſchmaͤhen?— Die Ritter alter, guter Zeiten, die immer nur nach ihrer eignen Ueberzeugung den De⸗ gen zogen, wenn dieſe dann auch oft eben ſo irrig war als die, ſpaͤterer Gewalthaber, pflegten an ihre Schaͤrpe, oder wo es ſonſt ſeyn mogte, ſo ein Andenken zu be⸗ feſtigen,— wuͤrden Sie wohl,— in dieſem Kiege,— deſſen Ende⸗— und immer weicher ward ihr Ton— „ja Niemand vorherſehen kann,— dies Andenken auch, — an Ihre Fahne,— an Ihre Schaͤrpe,— an Ihren Degengriff,— oder wo es ſonſt moͤglich iſt, be— feſtiget, mit ſich tragen?⸗— In groſſer Bewegung ſagte der Graf:„mein — 176— Fraͤulein, Sie begluͤkken mich unerwartet wie unverdient, und nicht im Tode werde ich davon mich trennen!s „Wohlan denn!— und nun bekam der arme Mann wieder einen Blick!— einen unausſprechlichen * . Blick!—„es iſt— der durchloͤcherte Huth, den ich nun doch nicht mehr tragen kann! Ihr Joſeph hat die Kugel, Sie haben den Huth und ſind Sie nun Beyde von Morden ſatt, ſo halten Sie den Huth, Joſeph laͤßt die Kugel durch beyde Loͤcher ſinken und Sie ſagen mit einem unnachahmlichen Tone:„Joſeph!“ und er ſagt:„Halter, Ihr Gnaden, gnaͤdiger Herr! Joſeph ſeufzt,— Sie ſeufzen,— er kuͤßt die Ku⸗ gel,— Sie kuͤſſen den Huth und ſo geht es in friſcher Erbitterung wieder auf die armen Preuſſen los!“s „Ich muß, rief der Graf,“ in Dehmuth tragen, was Sie mir auflegen und kuͤſſe die Hand die mich ſtraft!— und ſo druͤckte er die ſchoͤne Hand an ſeine Lippen, ſie aber rief:„erlauben Sie, biß jetzt habe ich noch keine Hand gegen ſie erhoben, ſondern nur geſprochen!“— Das Natuͤrlichſte wuͤrde nun geweſen ſeyn, den frevelhaften Lippen das zu thun, wozu ſie recht eigentlich die Anweiſung zu geben ſchienen und ein Sacripant, ein Mandricard, oder unſer Materialiſt, Carl Barnekow, Hamburg, groſſen Burſtah No. 522, wuͤrden zuverlaͤſſig nicht lange in der Wahl geſchwebt haben, welches auch die, gewiß ſchauderhaften Folgen — 177— davon geweſen ſeyn moͤgten, unſer beſcheidene, zart⸗ fuͤhlende Graf aber begnuͤgte ſich, mit einem Blikke, mit einem Tone, die ſo ziemlich das Vergeltungsrecht uͤbten, ihr zu ſagen:„mißbrauchen Sie nicht die groſſe Gewalt, die Sie uͤber mich wie uͤber Alle haben, von denen Sie gekannt ſind!“— und wir wiſſen nicht was ſie bewog, raſch ſich umwendend, ganz und gar abwegig, darauf zu erwiedern:„es kommt mir hier er⸗ ſchrecklich heiß vor, gehen wir doch in das Schloß, in den groſſen Saal, er liegt gegen Norden,— wie wir in Hamburg zu ſagen pflegen,— hier wird es Mit⸗ ternacht heiſſen!— und ſo fuͤhrte ſie ihren Gefange⸗ nen in den, allerdings ſehr luftigen und kuͤhlen, Saal. Unterweges aber hatte unſer Graf einen neuen Muth ſich geſchoͤpft und um dem Faſſe, oder vielmehr dem Kelche den er leeren mußte, mit einem Male den Boden auszuſchlagen, ſagte er:„mein Fraͤulein, Sie wuͤrden nimmermehr mit einem Ihnen fremden und gleichguͤltigen Manne ſo grauſam umgehen, wie mit mir, ich irre gewiß nicht, wenn ich glaube, daß ich Ihnen nicht gleichguͤltig bin, begluͤkken Sie mich, in⸗ dem Sie es mir deutſch und ehrlich ſagen, die Bitte kommt aus einem treuen, Ihnen ganz ergebenen Her⸗ zen!— „Das iſt,“ erwiederte Sophie,„eine Liebeserklaͤ⸗ rung mit der Piſtole in der Hand und heißt zu II. 12 — 178— deutſch: mein Fraͤulein, ich beweiſe Ihnen hiemit daß Sie mich lieben und irre ich, ſo ſind Sie eine Unwuͤr⸗ dige!⸗ Ich aber habe aus aͤuſſerſt guten und lehrreichen Buͤchern gelernt, daß dergleichen Liebeserklaͤrungen jedes tugendhafte Frauenzimmer graͤn⸗ zenlos empoͤren und erbittern muͤſſen, ſo bin ich denn hiemit auch im hoͤchſten Grade erbittert und empoͤrt und wuͤnſchte wuͤrcklich recht von Herzen dieſer wider⸗ waͤrtigen Empfindungen ledig zu werden!e „Mein theures, mein liebes Fraͤulein, quaͤlen Sie mich nicht!— Aber, Sie haben Recht, ich muß zwei⸗ feln daß Sie mich lieben, Sie koͤnnten ſonſt nicht.⸗— „Meine Erbitterung faͤngt an merklich nach zu laſſen, und ſchoͤnere Gefuͤhle der Verſoͤhnlichkeit treten an ihre Stelle!«— Hier reichte ſie ihm die Hand zum Kuſſe, grandios, wie eine Kayſerin einem uͤbergluͤcklichen Vaſallen. „Sollte es denn nicht moͤglich ſeyn noch ſchoͤnere Gefuͤhle Ihnen einzufloͤſeen und werden Sie ein lie⸗ bendes Herz verſchmaͤhen, das⸗— „Herr Graf, ich werde mich gezwungen ſehen um Huͤlfe zu tufen!e „Moͤgte doch die ganze Welt Zeuge ſeyn von dem⸗ was ich Ihnen ſage und verheiſſe: Liebe und Treue fuͤr das ganze Leben!“ „Sie wollen alſo durchaus, daß ich darauf ant⸗ worten ſoll?“ „Ich bitte darum le „Solche Bitten, lieber Graf, ſind furchtbare Be⸗ fehle, wenigſtens finden keine puͤnktlicheren Gehorſam,— oder, gnaͤdigere Gewaͤhrung,— wie Sie wollen.- „Wollte Gott!⸗— „Aber Sie muͤſſen mich nicht dabey anſehen le⸗ „Wenn Sie befehlen?“ „Denn Ihren Anblick ertragen, waͤhrend ich Ih⸗ nen einen ganz erſchrecklichen Korb flechte, das kann ich nicht!“ „Sie verſchmaͤhen alſo den Ausdruck der Dank⸗ barkeit und des hoͤchſten Entzuͤkkens?⸗ „Ich verliere gewiß viel, aber ich kann mir nicht helfen, Sie muͤſſen Sich ganz grade wie ein Soldat hinſtellen, ſo, wie Joſeph geſtern vor mir ſtand, als ich ihm die Kugel ſchenkte und als er allerley unverſtaͤndige Reden fuͤhrte! Sie muͤſſen die Augen ſchließen und mir Ihr heiliges Wort geben ſie nicht zu oͤffnen, kein Wort zu reden und kein Glied zu ruͤhren, biß ich es Ihnen erlaube!es „Nun, ich gebe mein Wort!“ „Bedenken Sie was Sie verſprechen lee „Ich bedenke es le „Das Schloß koͤnnte zu grennet anfangen le⸗ 12* — 180— „Gleichviel les 3 3 8 1 „Der Hinmmel koͤnnte einfallen!“ „Immerhin!e⸗ „Nun, ſo thun Sie wie ich es verlangte und harren Sie redlich, aber waffnen Sie Sich, ich ſage es Ihnen vorher, ich erſchwere Ihnen das Worthalten! „Ich ſtehe die Probe!“ „Und nun keine Beweguung, keinen Laut weiter!— Biß ich es ausdruͤcklich erlaube!“— Der Graf ſtand.— Sie aber flog in das Zim⸗ mer wo ſie die alten Herren verſammelt wußte und, mit einem Schemel in der Hand, den ſie unterweges aufgerafft hatte, trat ſie hinein und ſagte hoͤchſt ru⸗ hig:»Papa, hier iſt wieder Gefahr, retten Sie Ihr Kind!— Herr Oberſtwachtmeiſter, kaͤmpfen Sie fuͤr Ihre Braut!— Herr Graf, mir geſchieht Gewalt von Ihrem Herrn Sohne! Und wollen Sie das ſehen, ſo folgen Sie mir! Aber es zu hindern kommen Sie zu ſpaͤtle So flog Sie davon und die alten Herren eilten in behaglicher Erwartung ihr nach und als ſie nun in den Saal traten, da ſtand der Schemel neben dem Grafen⸗ das Maͤdchen oben darauf, ihre Arme feſt um ſeinen Nakken geſchlungen, er, wie eine Statue und Kuß auf Kuß empfing das ſteinerne Bild,— man denke ſich: unter welchen Qualen und Wonnen!— — 181— „Halten Sie Wort,“ fuuͤſterte ſie ihm in das Shen woder ich glaube Ihnen nie wieder!“ „Hercules und Omphale!“ rief der Zrepherr „Sophie,“ rief der Senator„das ſieht ja ganz aus wie Gewalt von Deiner Seite!“ „Er hat mich biß aufs Aeußerſte gebracht, er hat — mich dazu gezwungen! Er hat es nicht beſſer haben wollen. „Aber, Ferdinand, rief der Graf, thu doch die Augen auf! wie kommſt Du denn zu dieſer Poſitur!e⸗ „Wenn er ſich unterſteht!“ rief das Maͤdchen— „doch,“ ſezte ſie hinzu,„mache ich es zu arg, ſo laͤßt er nachher es mich entgelten, wenn er mich erſt in ſei⸗ ner Gewalt hat!« Nun trat ſie herab, loͤſete den Bann, den ſie zu⸗ gleich erklaͤrte, fuͤhrte ihren Freund zu den Vaͤtern und ſagte, mit affectirter Demuth:„Herr Graf, der Herr Oberſtwachtmeiſter iſt an allem Schuld, er hat mich dazu verfuͤhrt:— und gnen Sie es wenn Sie koͤnnen!“ „Ich habe die Ehre, meine Gnaͤdige, je m'en vante!« rief der alte Freyherr, Gott ſey Lob und Dank! Und nun laß mir die Pauline nur kommen lee— und das Maͤdchen ging aus einem Arme in den andern und die Alten wurden wieder wie in ihren beſſeren Tagen,— wie denn auch dergleichen Tage, als Re⸗ 8 — 182— ſultate aller fruͤheren, wohl, zu den beſſeren unter ihren Bruͤdern gehoͤren duͤrften.— Man ſuchte die Mutter und nie ward eine Schwie⸗ gertochter herzlicher und liebevoller begruͤßt, nie ward ein Band ſorgenloſer geknuͤpft und Nichts glich der freudigen Ueberraſchung der nun eintreffenden Reiſen⸗ den! Der Bruder aber, als er es erfuhr, ſagte, zu ihr gewandt, obgleich ohne daß es, auſſer M athilden, Je⸗ mand vernahm:„ich ſterbe wenn ich es nicht vorge: ſtern ſchon dachte, daß ſie ihn beſtrikken wuͤrde!“— Sie aber erwiederte in ſcheinbarer Heſtigkeit:„was willſt Du reden! Ich bin ja dazu beordert worden! Und weißt Du was ich nun bin? Eine Creatur bin ich, der kein Menſch den Kopf abhauen kann und wenn ich auch allen meinen Leuten das Fell uͤber die Ohren ziehe! und weißt Du worauf ich mich freue? Auf die revérénces de Madame welche ich leuchten laſſen werde, wenn die hohe Nobleſſe aus der Voi⸗ ſinage angeglitten kommt, ihren Chagrin zu cachiren! Und mit welcher Suͦfſiſante werde ich ſagen:„mein Brnder, der Baron Barnrkow!« Und wenn dann aller Augen auf den wunderſchoͤnen Coridon ſich richten und es heißt dann;„que de graces! quelle noble fierté! quel maintien héroique!Ü— dann werde ich denken: „ja, ihr alten Hexen, ihr haͤttet ihn nur da an der 1 ——-—-——— —— — 183— ſcharfen Ekke geſehen haben ſollen!“ Und werde ſagen, wie Mutter, wenn fremde Leute meine wundervolle Ge⸗ ſtalt ruͤhmten und meine Groͤſſe und meinen herculiſchen Wuchs:„o, ja, groß genug, wenn er nur artig waͤre!e Und damit gab ſie ihm die Hand zum Kuſſe, umſchlang ihn dann, kuͤßte ihn mit aller Innigkeit ſchweſterlicher Liebe und fluͤſterte ihm in die Ohren:„mache die arme Schweſter nicht vor der Zeit zur Wittwe!“ zerdruͤckte eine Thraͤne und wandte ſich ab, ohne eines maͤchtigen Eindrukkes auf das Herz des Bruders verfehlt zu haben! Mathilde aber, welche die lezten Worte nicht ge⸗ hoͤrt hatte, ſagte:„waͤre ich ein Mann geweſen, ſie wuͤrde mich beſiegt haben, wie nun, da ich Gottlob! ein Maͤdchen bin, der boͤſe liebe Bruder!e Die Freude mehrte ſich ganz in dem Verhaͤltniſſe in welchem die Ruhe Allen wiederkehrte und in welchem eine reifere Erwaͤgung alles Geſchehenen die Herzen, Augen und Lippen Aller unſerer Sophie mehr und mehr zinsbar machte, waͤhrend die Mutter immer nicht be⸗ greifen konnte, wie dem Maͤdchen dieſer auſſerordent⸗ liche Beyfall von allen Seiten kommen koͤnne! Der Freyherr nahm indeſſen Gelegenheit, aber nur wie zufaͤllig und beylaͤufig, uͤber die boͤſen Haͤndel⸗ die da noch bevorſtanden, mit unſerm Carl zu reden. „Es ſind,“ ſagte er,„zwar keine foͤrmliche Be⸗ leidigungen vorgefallen, denn was der Graf geſagt hat, — 184— hat er nicht Ihnen, ſondern einem vermeinten Aben⸗ theurer und Landſtreicher geſagt, indeſſen erlaube ich mir kein Wort daruͤber, ich begreife Sie ganz und was Sie etwa thun moͤgten, muͤſſen Frau und Schweſtern und Aeltern dankbar als eine Gabe, als ein Opfer an⸗ ſehen/ welches Sie ihnen bringen!e „Und den Gefuͤhlen der Liebe und Hochachtung die Sie mir eingefloͤßt haben, Herr Baron,“ fiel Je⸗ ner ein„und unwuͤrdig muͤßte ich Ihnen eines ſolchen Freundes und ſolcher Verwandten erſcheinen, wenn ich anſtehen wollte mich fuͤr uͤberwunden zu erklaͤren!, Der Freyherr ſchloß ihn an ſeine Bruſt und rief: mir iſt geworden was ich bat! Mir iſt ein Sohn geboren!“ „Doch,« fuhr Barnekow fort,„Eines muß dch bedingen! Dem Bruder meiner Frau, dem Gemal mei⸗ ner Schweſter kann ich verzeihen, aber nie kann ich vergeſſen, was er an mir gethan hat, nie ſein Freund werden! Er hat die Menſchheit in mir mit Fuͤßen ge⸗ treten! Ich will ihn ignoriren, er thue mir desgleichen,— nur keine Verſoͤhnungsſcene! Seine Wege und die meinigen liegen weit aus einander, es iſt nicht noͤthig daß ſie je ſich kreuzen!e 1 „Auch darin muß ich Ihnen recht geben!e erwie⸗ derte der Freyherr,„denn, ſollen oder wollen ein Paar Menſchen ſich finden, ſo beduͤrfen ſie keiner Wegweiſer — 185— bazu! Dieſe Foͤrmlichkeiten bey reinen Sachen des Ge⸗ ſchmakkes, oder des Herzens, haben mich von jeher ver⸗ lezt!«— Und ſo war denn endlich erreicht, woran der Freyherr ſelbſt mitunter verzweifeln wollte und was noch uͤbrig blieb, das, dachte er, werden die Zeit, die Frauen oder die Kinder ſchon ins Gleiche bringen! 3 Als nun auf ſolche Weiſe endlich jede Sorge uͤber⸗ wunden war und alle Stirnen ſich geglaͤttet hatten, da ging der Freyherr ſofort an das Hauptwerk, aus Sorge, irgend ein boͤfer Zufall moͤgte ihm zuvorkom⸗ men und als er ſeine beyden Freunde, nach Sophiens Verordnung, bey einem Glaſe guten Ungar in alte Zeiten zuruͤckgefuͤhrt hatte und Belgrad und Peterwar⸗ dein und Chotuſiz?) und Kroska und alle huͤbſchen un⸗ gariſchen Maͤdchen, die Muſterung paſſirt waren und der alte Graf ſagte:„Herr Bruder, es moͤgte denn ſeyn, ich waͤre kindiſch geworden, ſonſt kommt mir doch Alles was ich je an Weibern geſehen habe nur ſchwach gegen das vor, was hier um uns herum iſt, deine eigenen Fuͤnfe in Dorſten nicht zu vergeſſen!“ Und als ſich an dem ſchoͤnen Begriffe der Vergangenheit, der Gegenwart und der nahen Zukunft die alten treuen Herzen ſo recht von Grund aus erwaͤrmt hatten, da ſagte der Freyherr:„biſt du, alter Degen, denn nun wuͤrklich zufrieden und recht durch und durch? Sage mir's einmal in guten, alten Treuen! Und beſonders — 186— ſage mir, wie gefaͤllt dir mein Sohn? Reut dich's auch daß er deiner Tochter Mann werden ſoll?— Ich muß dir ſagen, ich kann mich nicht ſo recht zu ihm finden und da fuͤrchte ich denn, es moͤgte dir eben ſo mit ihm ſeyn und du lieſſeſt ihn Dir nur gefallen um des Vaters Willen, der Dein alter Freund iſt!— Sage mir, wie ſtehts darum?,, „Mein beßter, lieber Freyburg, wie pprichſt Du doch! Du ſiehſt ja ſelbſt in ihn hinein, wie in einen verguͤldeten Kelch! Ich ſoll wohl anfangen ihn zu lo⸗ ben und das ſoll mir denn auch nicht ſchwer werden!“ „Du wuͤrdeſt ihn alſo lieb haben, auch wenn er nicht mein Sohn waͤre, wuͤrdeſt auch ohne Ruͤckſicht auf mich ihm die Tochter von Herzen goͤnnen?“ „Laß doch dergleichen Gedanken fahren!“ rief Je⸗ ner.„Gieb nur Acht wenn die Nachbarn ankommen und horch zu was die ſagen!“ „Das iſt Alles recht ſchoͤn und gut und es kommt mir bisweilen ſelbſt ſo vor, aber es iſt doch ein Um⸗ ſtand, den ich ſelbſt erſt vor wenigen Tagen erfahren habe,— du mußt aber nicht glauben daß der Ungar aus mir redet, ſondern es iſt buchſtaͤblich wahr was ich ſage:— es iſt nicht mein Sohn, es iſt ein Fuͤnd⸗ ling, zwar auch von ſehr guter, achtbarer Familie, und wenigſtens eben ſo beguͤtert als ich, aber doch immer nicht mein Sohn!— Glaubſt du daß ich ſcherze, ſo — frage hier unſern Freund, den Herrn Senator, er wird es dir beſtaͤtigen!— Dieſer beſtaͤtigte mit ernſter Miene und Freyburg fuhr fort: Du biſt an dein Wort gar nicht gebunden, denn Du haſt Deine Tochter dem Baron Freyburg zugeſagt, mich dauern aber freylich die jungen Leute und die Familie wird ſichs auch ſehr zu Herzen nehmen!“ „Wer iſt denn ſeine Familie?— aber, wenn ich dich nicht kennte,— in der That,— ich bin ſonſt um Worte nicht verlegen, aber hier weiß ich ſie doch nicht recht zu finden!— Wie iſt denn das moͤglich und wie haͤngt das zuſammen? „Lieber Bruder, da ich wohl merke, daß der junge Mann das Maͤdchen doch nicht haben ſoll, ſo iſt es beſſer er geht ſtill ab und du erfaͤhrſt den Namen nicht, es giebt nur widerwaͤrtige Empfindungen! „Aber, Freyburg,“ rief der Graf,„was denkſt Du von mir! Wenn er wuͤrklich von guter Familie iſt, ſo waͤre ich ja raſend, wenn ich die jungen Leute nun von einander reißen wollte! Sage mir nur wer er iſt?⸗ „Herr Bruder, wenn ich mit dem Namen noch einen Augenblick zuruͤckhalte, ſo wirſt Du es ſpaͤter ſelbſt loben, wiederhohlſt Du mir aber noch einmal, daß er Dein Schwiegerſohn werden ſoll, wenn Alles das wahr iſt was ich Dir ſagte, ſo ſollſt Du den Namen gleich — 188— erfahren und ſollſt, wills Götko Dich oben drein herz⸗ lich freuen!“ 5 „Nun,“ ſagte der Graf mit unglaͤubiger Miene, „darauf bin ich neugierig und hier haſt Du mein Wort!e⸗ „Wohlan,“ erwiederte der Freyherr,„und hier haſt Du den Vater!« „Es iſt nicht Anders! Mein terther Herr Graf,“ ſagte der Senator.„Die unartigen Soͤhne haben uns einen Strich durch die Rechnung gemacht, wir beyden Alten ſind unſchuldig und wenn Sie erſt wiſſen wie Alles einander gefolgt iſt, werden Sie uns nicht ta⸗ deln, indeſſen bin ich weit entfernt das Wort, das Sie meinem Freunde gaben, fuͤr mich geltend zu ma⸗ chen, mißfaͤllt Ihnen die Verbindung, ſo trete ich be⸗ ſcheiden zuruͤck und mein Sohn wird ſich troͤſten muͤſ⸗ ſen, ſo gut er kann. Vor allen Dingen aber und ehe ich irgend eine Antwort darauf erwarten kann, iſt es mir Pfiicht Sie mit wenigen Worten außzuklaͤren. Der Sohn meines Freundes und die Graͤfin Toch⸗ ter konnten ſich nicht zu einander finden, am Wenig⸗ ſten da er meine aͤlteſte Tochter, eben wie die Graͤfin meinen Sohn, lieb gewonnen hatte, obgleich, ohne ſich gegen einander zu erklaͤren: da reiſet mein Sohn— und,— wie Sie gewiß uͤberzeugt ſind⸗ ohne unſer Wiſſen,— als Baron Freyburg hierher und ſchiebt ſich in jeder Hinſicht an ſeines Freundes Stelle. Wir wuͤrden⸗ von dem Augenblikke an wo wir es erfuhren, nie ein Geheimniß vor Ihnen daraus gemacht haben, allein Ihr Herr Sohn hatte den meinigen erkannt und mit großer Muͤhe haben wir argen Scenen vorgebeugt, der Art,— um Ihnen nur einen Begriff davon zu geben,— daß der alte Joſeph, in einem foͤrmlichen Scharmuͤtzel, meine juͤngſte Tochter, Ihre kuͤnftige Schwie⸗ gertochter, beinahe zwiſchen uns im Wagen erſchoſſen haͤtte,— nun aber, da der Friede hergeſtellt iſt, ſind wir Ihnen Wahrheit ſchuldig und ich denke Sie dan⸗ ken es uns, daß wir bis dahin ſchwiegen und Ihre Nuhe nicht truͤbten.“— Man denkt ſich leicht das Erſtaunen des Grafen, indeſſen rief er, ſchnell ſich faſſend:„wie dem auch ſey, der Bruder meiner Schwiegertochter, der Sohn eines ſolchen Mannes, iſt mir der willkommenſte Schwiegerſohn, beſonders wenn— aber Freyburg, wo iſt denn dein Sohn? Habt Ihr Herren etwa getauſcht? „Allerdings!— und nun laß dir das Alles genau erzaͤhlen!“ 4 Dies geſchah und der Graf, von Herzen froh, in ſeiner gluͤcklichen Unwiſſenheit gelebt zu haben und ſei⸗ nen Freunden wie den Kindern, die ihm bewieſene Scho⸗ nung Dank wiſſend, ſagte:„ich habe da recht eigentlich wie auf einem Vulcane gelebt, ohne es zu wiſſen, Gott⸗ — 190— lob, daß er ausgetobt hat!— Aber, ſehr natuͤrlich daß ich davon Nichts merkte! Den Dienſtboten hat mein Sohn ganz gewiß Schweigen aufgelegt, ich wohne auf der Mittagsſeite, die Fronte des Schloſſes liegt gegen Abend, den Bruͤkken zu, mein Spatzieren beſchraͤnkt ſich auf die Terraſſe und wenn ich einmal, zufaͤllig, aus der Ferne, eine Cavalcade geſehen habe, ſo konnte mir das nicht auffallen und grade ſo iſts mit meiner lieben Alten.“ Nun wurden ale Conſpiranten citirt und die erſte eintraͤchtige groſſe Familienverſammlung ward gehalten, ohne Heimlichkeit und Complott,— es waͤre denn, man wollte eine jede Familie die es treu mit einander meint als einen, gegen die liebloſe, gehaͤſſige Auſſenwelt geſchloſſenen, complottirenden, wenn auch in der De⸗ fenſive ſich haltenden, Verein anſehen, welche Auſſen⸗ welt denn doch auch wieder aus lauter ſolchen Verei⸗ nen zuſammengeſezt iſt!— 4 Der groſſe Gegenſtand der Berathung war hier das:„qu'en dira-t-on?e und wie man die Sache drehen und wenden mogte, man mußte immer wieder darauf zuruͤckkommen: daß unſer Carl hier unter dem Namen Freiburg bekannt geworden und daß er nun auf keine ſchickliche Weiſe, unter keinem glaublichen Vorwande, wieder als er ſelbſt und als Schwiegerſohn des Hauſes aufzufuͤhren war, beſonders da die ganze — 191— umgegend die ſeit ſo lange beſtehende Verabredung, oder die Verlobung des jungen Freyburg mit der Tochter des Hauſes, kannte.— Denn, in Hinſicht der Bewachung mußte man nun ſchon die Leute reden laſſen,— es blieb in ihren Augen ein Zank, ein Mißverſtaͤndniß, die jetzt beſeitiget waren, die ein gedoppeltes, ehrenvol⸗ les Band als nichtig erſcheinen machte, die jedem Drit⸗ ten, in Hinſicht auf ihre Entſtehung und auf ihren Character, ein ewiges Naͤthſel bleiben mußte, ſelbſt wenn er uͤberhaupt an ihren jemaligen Beſtand glau⸗ ben wollte.. „»Meine Goͤttin,“ ſagte endlich der Freyhetr⸗ „wird wohl, wieder am Ende Recht behalten und ich werde den jungen Herrn, mit ſeiner und der lieben Aeltern guͤtiger Erlaubniß, denn doch wohl mir,— wie ſagte ſie nur?— mir anheften, anmnageln— uſurpiren muͤſſen!— Denn dann weiß allerdings Nie⸗ mand welchen meiner beyden Soͤhne wir gemeint haben und ſollte Jemand fruͤher von einem einzigen Sohne haben reden hoͤren, ſo iſt das Schlimmſte was die Leute ſagen koͤnnen, entweder: man hat uns fruͤher abſichtlich die Wahrheit verhehlt,— oder,— die Nei⸗ gungen der jungen Leute haben anders entſchirben. als die Aeltern beabſichtigt hatten!e Eben das wuͤrde man freilich, wenn die Sache ſo bliebe, auch ſagen, nur mit dem Unterſchiede, daß dann — 192— kein Unterſchieben, kein Einſchleichen, keine Taͤuſchung der eignen Aeltern zur Sprache kommt, ſondern daß es hoͤchſtens heiſſen kann:„Die Duͤrens muͤſſen einen beſondern Grund gehabt haben, den Schwiegerſohn nicht ſofort als Adoptiv⸗Sohn des alten Freyburg,— wie meine Goͤttin mich zu nennen beliebt,— aufzufuͤhren! „Da haſt du deine Lection, mein Kind!„rief der Vater.— „Wie wenig kennen Sie ihn!« erwiederte ſie, „nun moͤgte er gerne, daß ich geruͤhrt, erſchuͤttert, zer⸗ knickt waͤre, verlegen, leutſelig und hingebend und daß ich um Verzeihung baͤte, allein daran iſt nun bey mir nicht zu denken, wenn man es ſo anfaͤngt! Aber wir kommen von der Hauptſache ab, we⸗ gen der Schickſale die da uͤber meinen Bruder verhaͤngt ſind!— Es lieſſe ſich noch wohl ein anderer Ausweg finden, aber es waͤre Suͤnde dem guten Freyherrn die Freude zu verderben, meinen unnachahmlichen lieben Bruder ſeinen Sohn nennen zu koͤnnen!— Ich wuͤrde ihm das ſonſt ſtillſchweigend gegoͤnnt haben, Nun aber rüͤhre ich ihm Bitteres darunter und rede! Und das iſt fuͤr den:„alten Freyburg⸗ und fuͤr den Verweis den mir das zugezogen hat, und unverdient! Denn,“ ſezte ſie, mit affectirter Sentimentalitaͤt hinzu:„nie war ich liebenswuͤrdiger als da ich, kindlich unbefangen, mein eigenes Innerſtes dort in der Laube ausſprach i* — 193— Die Geſellſchaft fragte und der alte Herr erzaͤhlte: wie ſie in ſeiner Gegenwart von dem„alten Frey⸗ burg“ geredet und ihn redend eingefuͤhrt habe. Man lachte herzlich— und nun,« rief er:„das Bittre! Den kuͤrzeren Ausweg, wenn ich bitten darf! Ich bin doch neugierig le⸗ „Es wuͤrde zu grauſam ſeyn Ihnen die Freude zu verderben! Ich will es nicht weiter treiben, aber reitzen Sie micht nicht!«— und durch Nichts war ſie zur Sprache zu bringen— und die Adoption ward bey der competirenden Behoͤrde des Freyherrn nach Gebuͤhr auf der Stelle eingeleitet. Man fuͤhlte wohl, daß der Zank und die Haͤndel im Walde dadurch nicht beſchoͤniget oder zugedeckt wur⸗ den, da ſo Viele darum wußten, und man mogte in Gegenwart des jungen Grafen nicht davon reden, in⸗ deſſen hatte dieſer mit großer Beſonnenheit ſowohl den Reitknecht als die beyden Jaͤger und die Cuiraſ⸗ ſiere auf der Stelle zu einem vollkommenen Schwei⸗ gen uͤber den ganzen Vorgang beſtimmt und zu gu⸗ tem Gluͤkke waren alle dieſe Mitwiſſenden Leute, auf deren Treue er feſt bauen durfte. Ueberdies hatten ſie ihre ganze, ſehr angenehme Exiſtenz dem Grafen zu dan⸗ ken, ſie waren eingeboren und ihm ſeit je bekannt und da er das Gute zum Guten fuͤgte, unter der Bedingung, daß Niemand von der Sache erfahre und mit der Hin⸗ II. 13 t deutung auf die Unmoͤglichkeit daß, wenn ſie ſchwiegen irgend Jemand das Geringſte erfahren werde, ſo war nicht zu befuͤrchten daß davon haͤtte geredet werden koͤn⸗ nen, beſonders, da waͤhrend der kurzen Dauer der Kata⸗ ſtrophe zufaͤllig kein Dritter Zeuge des Auftrittes ge⸗ worden war, und da der Poſtillion jezt vom Grafen die, bereits vorlaͤngſt erbetene Anſtellung als reitender Jaͤger, unter gleicher Bedingung ſtrenger Verſchwiegen⸗ heit, erhalten hatte. Dies theilte der Graf der Familie mit, indem er zugleich, mit edler, liebenswuͤrdiger Beſcheidenheit, dieſer nothwendigen Maaßregeln, welche, nur im erſten Au⸗ genblikke der Ruͤckkehr angewandt, wuͤrkſam ſeyn konnten, als der nothwendigen Folgen ſeiner ſchweren Verſchul⸗ dungen erwaͤhnte, um zu beweiſen, daß er Nichts ver⸗ ſaͤume ſie nach Vermoͤgen auszugleichen;— eine Vorſicht und Wahl, welche ihm zwar die Familie, nicht aber ſein Gegner, in Rechnung brachte, der lieber in Schran⸗ ken und vor ganz Deutſchland mit ihm gekaͤmpft haͤtte. „Ueberhaupt aber“ ſagte der Freyherr,„wenn wir unter einander einig ſind, moͤgen doch dann die Leute reden was ſie wollen! Einigkeit in Familien, meine Herr⸗ ſchaften, iſt eine groſſe, eine unſchaͤzbare Sache!“— Das Hauptreſultat der Beredung aber war der Beſchluß: alle drey Hochzeiten an einem Tage zu feyern.« * — 195— Gruͤnewald war uͤbrigens mit ſeiner, ſehr gut be⸗ zahlten, voͤllig befriedigten Heldenſchaar, durch Bgyern, Franken und Sachſen zur preuſſiſchen Armee gegangen, wo er ſeine Funfzig ablieferte und ihren weiteren, zweckmaͤſſigeren Verbrauch Anderen uͤberließ. Das war freylich nicht ohne abermalige groſſe Ko⸗ ſten abgegangen⸗ allein der Freyherr beſorgte nicht ohne Grund, daß dieſe Genies nicht ſogleich auseinanderge⸗ hen, ſondern vorher mit vereinten Kraͤften verſuchen wuͤrden, durch einige kleine Will kuͤhrlichkeiten ſich hin und wieder laͤſtig zu machen,— unſchuldige Leute im Schlafe zu erſchrekken und andern M uthwillen zu trei⸗ ben, der am Ende das von Barnekowſche Freicorps in eine Barnekowſche Bande haͤtte umwandeln und allerhand Subſidial⸗ und⸗ Requiſitorialſchreiben haͤtte veranlaſſen koͤnnen, ohne uͤbrigens auch nur im Ge⸗ ringſten von Gewiſſensbiſſen gefoltert zu werden, eine ſolche Elite von Truppen dem Erbfeinde des hohen Erz⸗ hauſes zugeſandt zu haben, waͤhrend Gruͤnewald, aus bekannten Gruͤnden, ohnehin nicht zu bewegen geweſen ſeyn wuͤrde, ſich mit der Kayſerlichen Armee in irgend eine Beruͤhrung zu ſetzen, dennoch aber der Einzige war, den die Truppe kannte und der ſie zu behandeln wußte, dem ſie freywillig folgte⸗ das heißt: zur preuſſiſchen Armee. Indeſſen beahahs⸗ er die Vorſicht durch eine kleine 13* — 196— Correspondenz Alles einzuleiten und an einem ſchoͤnen Morgen erſchien eine Escadron Huſaren, welche unſre Funfzig in Empfang nahm und ſo kehrte, nach etwa vier Wochen, Gruͤnewald mit einer completen Namen⸗ liſte ſeiner Leute, unter welcher die richtige Ablieferung quitirt war, wieder zuruͤck in ſeine Heimath, wo unter⸗ deſſen ſeine alte Herrſchaft, ſammt der neuen, bereits eingetroffen und angeſiedelt war, das heißt, nach Wald⸗ heim, wo ihm redlich Wort gehalten ward. Wir aber kehren nach dem ſchoͤnen Duͤren zuruͤck, wo wir alle unſre Lieben noch verſammelt wiſſen und wo es nun nicht nur an ein Vorbereiten zur Hochzeit, oder vielmehr zu den:„Hochgezeiten“ ſondern auch an ein Revidiren, Calculiren, Reformiren und Reguliren ging, weiches taͤglich erfreulichere Reſultate gab, deren haupt⸗ ſaͤchlichere wir hier heraus heben. Ein ungeheurer Wald, in einer ſehr holzreichen Gegend uͤberfluͤſſig, und nur eines groſſen Wildſtandes wegen erhalten, ward zur Fallung beſtimmt und auf einen tuͤchtigen Thiergarten reducirt, groß genug den Bedarf an Wildpret Bau: und Brennmaterial in Ue⸗ berfluß zu dekken. Obgleich nun die Verkaufsbedingung war: das Holz, wenigſtens groͤßtentheils, nicht zu ſtaͤmmen, ſon⸗ dern zu reden, ſo war der Ertrag dennoch mehr als hinreichend, einige anſehnliche Meyerhoͤfe zu erbauen, — 197— ddie einen jaͤhrlichen, ſehr groſſen, Pachtzins abwarfen, wodurch uͤberdies die Aemter des Oberforſtmeiſters und des Oberfoͤrſters uͤberfluͤſig und groſſe Gehalte er⸗ ſpart wurden. Der ungeheure Parck haͤtte, mit kaum zu berech⸗ nendem Vortheile, wenigſtens benutzt werden koͤnnen: die ſehr groſſen Boulingreens mit Klee und anderen Futterkraͤutern fuͤr die Heuwerbung zu beſaͤen, Statt daß die Graͤſerchen nun immer unter der Scheere gehalten wurden und keinerley Genuß gewaͤhrten, allein er war des alten Grafen Spielpuppe und ſo blieb er unver⸗ aͤndert. Ein See, oder vielmehr eine Stagnation, von groſſem Umfange, melche die Donau durch Uebertreten von Zeit zu Zeit erſchuf und erhielt, ward in das treff⸗ 8 lichſte Akkerland verwandelt, indem man vor dem nie⸗ drigen Theile des Donauufers, wo die Ueberſchwem⸗ mung geſchah, einen Damm, oder Wall(Deich) von Hundert Ellen Laͤnge aufwarf und abermals mehrere groſſe Meyerhoͤfe gewann,— welches, vereint, an und fuͤr ſich ſchon mehr als hinreichend war das ganze Be⸗ duͤrfniß zu dekken. Den groſſen See haͤtte man rings um fuͤglich auf mehrere hundert Ruthen Breite ablaſſen und die Muͤhlen aus oberſchlaͤchtigen zu unterſchlaͤchtigen machen koͤnnen, allein auch dieſer war Theil des Parks und — 198— als ſolcher unſerm wuͤrdigen Freyherrn heilig, der dieſe und andere uͤbrig bleibenden Verbeſſerungen den kommen⸗ den Tagen des Sohnes ſeines Freundes uͤberließ. Endlich waren alle Wieſen und alles Kornfeld die⸗ ſer groſſen Beſitzungen mit kleinen, zerſtreut daſtehenden Gebuͤſchen wie beſaͤet, um die Vermehrung der Reb⸗ huͤhner und der Haaſen dadurch zu foͤrdern und das Vergnuͤgen wie die Bequemlichkeit dieſer Art der re⸗ ſervirten Jagd zu erhoͤhen, obgleich zur groſſen Plage der Landleute, die aber allerdings bei Schlieſſung der Contracte, den damit unzertrennlich verbundenen Scha⸗ den ſehr in Anſchlag gebracht hatten. Der Freyherr verzichtete nun, Namens des Grafen, in einem foͤrmlichen Vereine auf dieſe Jagd, mit Aus⸗ nahme einer, dem Parke naheligenden Feldmarck, ge⸗ ſtattete das Roden der Buͤſche und erhielt dagegen eine ſehr anſehnliche Pachterhoͤhung, waͤhrend die Paͤchter uͤberdies ſich zur Lieferung von einer Quantitaͤt Reb⸗ uͤhnern und Hagaſen anheiſchig machten, groß genug das Schloß und alle Freunde in der Stadt reichlich damit zu verſehen. Eben ſo ging es im Innern. Der Haushofmei⸗ ſter war geſtorben und Sophie wußte es durchzuſetzen⸗ daß dies Amt erledigt blieb und dem Caſtellan mit uͤbertragen ward.. Ein gleiches Sahicſa erging auch uͤber die Aemn — 190— ter des Obergaͤrtners, des Kellermeiſters und des Kü⸗ chenmeiſters, deren Inhaber, eben wie der Oberforſt⸗ meiſter und der Oberfoͤrſter, mit vollem Gehalte ent⸗ laſſen wurden.„Denn,“ ſagte ſie,„Obergaͤrtner, im kleinen wie im groſſen Garten, iſt mein Gemal, der . Graf, und Oberkuͤchenmeiſter bin ich! Wir verſtehen zwar Beyde Nichts davon, aber in drey Monaten ver⸗ ſtehen wir Alles und unterdeſſen werden der Gaͤrtner und der Koch ſchon ſorgen zu beweiſen, daß ſie keiner Chefs beduͤrfen und die Hochzeitsſchmauͤſe ſollen dar⸗ unter nicht leiden. Es waͤre doch,“ ſetzte ſie hinzu: „erſchrecklich, wenn ich meinem lieben Manne keine an⸗ dre Mitgift zutruͤge, als meines Vaters Geld und mein kuͤmmerliches Herz, woran er ſich ohnehin bald ſatt gefreut haben wird, denn ſo machen es die Maͤnner, wie ich in aͤuſſerſt guten und lehrreichen Buͤchern geleſen habe.“ Uebrigens hatten alle drey Maͤdchen einſtimmig gebeten, ſie mit einem ſogenannten Hochzeitsfeſte zu verſchonen und, wenn es nicht anders ſeyn koͤnne, ſie damit am Tage nach der Hochzeit zu begnadigen, wel⸗ ches ſie denn auch, aber nicht ohne Muͤhe, errangen,— und hier koͤnnten wir den Vorhang fallen laſſen, denn⸗ ſagt das alte Lied, wenn die Partheyen erſt Hochzeit gemacht hat alle Maͤhr ein Ende,— koͤnnten wir es uͤber uns gewinnen, ſo ſchnell von unſern Lieben zu — 200— ſcheiden und ſie als bloſſe Phantaſiegebilde zu betrachten und zu behandeln.— Am Hochzeitstage ſagte der Freyherr zu ſeinem Sohne und der Braut:„Kinderchen, ihr ſeyd brav und gut, ich wuͤßte Nichts an Euch zu tadeln, aber eine Bitte haͤtte ich wohl!l—— Wenn ich poltere, oder einmal laut oder haſtig rede, denkt nicht gleich es gehe nun auf Morden und Umbringen, ſondern habt Geduld mit eurem alten Vater und verzagt nicht und werdet nicht empfindlich! Seht, ich will euch ein Bey⸗ ſpiel geben! Waͤreſt Du, Herrmann, nicht gleich em⸗ pfindlich oder furchtſam geworden, als ich Dir den Brief ſchrieb, der doch Nichts enthielt als eine ernſte Mahnung an Wort und Pflicht und Du haͤtteſt mir Vertrauen geſchenckt, oder Dich geradezu, etwa durch mich, an Deine damalige Braut gewandt, ſo wuͤrde uns Allen gar viel Verdruß, Gefahr und Sorge er⸗ ſpart worden ſeyn. Denn ſo wenig ich eine bloſſe Ca⸗ price billigen konnte, wofuͤr ich es doch halten mußte, wenn ein junger Mann ein Maͤdchen wie die Graͤfin verſchmaͤht, ſo wenig wuͤrde ich— anders gehandelt haben, als ich nun wirklich gehandelt habe und mit der Manier eines alten Mannes, der Euch herzlich lieb hat,— verfahret gnaͤdig!«— Unſer Senator aber zog ſeinen Sohn auf die Seite und ſagte:„wenn Du, mein lieber⸗ trefflicher, hochbegnadigter Sohn, wie ich — 201— beynahe fuͤrchte, die Trauungsformel als einen Freye brief der Zuͤgelloſigkeit anſiehſt, ſo irreſt Du ſehr und mordeſt den Frieden deiner kommenden Tage. Die gdoſſe Gefahr die Dir droht, iſt, daß Du verſucht werden wirſt von der Erde mehr zu fordern als ſie leiſten kann und ſoll!— Du biſt unterrichtet genug ihre Graͤnzen zu ermeſſen, ich habe Dich nur auf die Spur leiten wollen.“. Dann ſuchte er ſeine Sophie auf und ſagte:„ich werde, mein liebes, verſtaͤndiges Kind, ſchon ein Ue⸗ briges thun und Mutterſtelle bei Dir vertreten muͤſſen, obgleich ich beynahe uͤberzeugt bin, daß Du deſſen ent⸗ behren kannſt, allein ich glaube die Pflicht zu haben Deiner Schweſter und beſonders der Frau Deines Bruders eine Mutter zu geben und dazu habe ich Dich erleſen!“ und nun ſagte er ihr— was keine Braut wiſſen— und entbehren kann, was jede Mutter der Tochter ſagen ſollte, die ſie dem Altare zufuͤhrt, wenn uͤberhaupt ſie ſelbſt es wuͤßte und was dennoch unter Millionen kaum Einer geſagt wird— und treu⸗ lich verwaltete Sophie ihr ſchoͤnes Amt und rechtfer⸗ tigte auch hier, wie uͤberall, die groſſen Erwartungen des Vaters.— Am andern Morgen, bey guter Fruͤhe, auf ihren Befehl leiſe geweckt, entſchluͤpfte ſie wie ein Geiſt ihrem braͤutlichen Lager, rettete ſich in ein Nebenzimmer und d — 2092— trat bald, in ein, eben nicht abſchrekkendes, aber, nach muͤtterlicher Verordnung, mit Bruͤſſeler Spitzen uͤber⸗ ladenes Negligee veihüllte in die Ehüre des Schlaf⸗ zimmers. —„Herr Graf,“ rief ſie,„ Hochgehoenen, Unmnitret barer, Gemal, Gatte, Papa, Vaͤterchen!”“— und immer lauter, ſo, daß der arme, zwiefach verletzte Mann endlich erwachen mußte. „Kannſt Du das verantworten?“ rief er. „Glaubſt Du,“ antwortete ſie, vich werde mir von den Andern den erſten Seegen der Eltern weg⸗ ſchnappen laſſen?— Sie wachen ſchon laͤngſt und ru⸗ hen nur noch, wie alte Leute pflegen und nun nur raſch aufgeſtanden! Der Keſſel ſingt ſchon und wartet auf ſeinen jungen Herrn und ich brenne vor Verlangen mich zum erſten Male mit Dir in traulicher, ehelicher Einſamkeit am Kaffeetiſche zu ſehen!— Wird doch eine Zeit kommen, wo der alte Graf, Ferdinand Duͤren⸗ Morgens, in groſſer Ruhe, einſam ſeinen Kaffee trinkt, den ihm ſein Kammerdiener bringt, und wo die alte Graͤfin Sophie, ſeine Gemalin, einſam in ihrem Zim⸗ mer ihren Kaffee von einer Tochter oder Enkelin ſich bereiten laͤßt, ohne von ihrem Manne das ſchoͤne Wort zu hoͤren: kannſt Du das verantworten!— Und nun komm nur und eile! Fuͤnf Minuten Zeit haſt Du, mehr nicht! Herr und Frau muͤſſen immer die Erſten — 203— und die Letzten auf dem Platze ſeyn!«— und ſo ver⸗ ließ ſie das Zimmer. Der gute, beſcheidene Mann fuͤgte ſich dem Willen ſeiner jungen Frau und folgte ihr auf dem Fuße. Ohne Kuß und Umarmung, mit einem bloſſen Haͤndedrukke, aber mit einem Angeſichte empfingen, das ihm unendlich reichere Gaben entgegentrug, nahm er neben ihr am Tiſche Platz und— welch ein Beyſam⸗ menſeyn!— Welche Einſamkeit!— Welcher Friede!— Moͤgten doch alle dieſe Genußmenſchen begreifen oder ahnden koͤnnen, moͤgten ſie nur erfahren wollen, welch ein Genuß in freywilliger Entbehrung liegt und mit welchem Rechte unſer vergeſſene, nichtverſtandene Kant ſie predigt und preiſet!— Dann fuͤhrte die junge Frau ihn vor das Bette des Bruders und ſagte:„endlich will ich Frieden im Hauſe haben!⸗— Er und Mathilde ſchliefen noch, dieſe ward zuerſt leiſe geweckt, dann nahm der Graf an ihrer Seite Platz, ſie an des Bruders Seite und weckte auch den.. „Hier ſind,“ ſagte ſie, vein Paar Menſchen, die Dich ſehr lieb haben, die Dir einen ſchoͤnen guten Mor⸗ gen ſagen und auch Dir Gluͤck wuͤnſchen wollen!„Wirſt Du ſie nicht verjagen? Nicht verſchmaͤhen?«— Der Bruder machte ein ſehr ernſthaftes Geſicht, ohne es auf irgend Jemand zu richten.— Kannſt Du es — 204— 4 äber das Herz bringen? Es iſt der Mann Deiner Schweſter, die ſo treu fuͤr Dich gekaͤmpft hat! Der Bruder einer Frau, die ſoe viel um Dich litt, die Dich ſo ſehr liebt le⸗ „Koͤnnte ich Euch doch verſoͤhnen!“ rief die herr⸗ liche Mathilde, mit einem wie verklaͤrten Geſichte, pund moͤgte ich es mit meinem Blute erkaufen koͤnnen!⸗— Und mit einem hoͤchſt verbindlichen Laͤcheln kuͤßte der Raufbold ſeiner jungen Frau die Hand und ſagte: „ſolche Opfer ſind zu koſtbar um verſchmaͤht zu werden und hier, lieber Bruder, uͤber dieſer ſchoͤnen Leiche wollen wir uns die Haͤnde zum bruͤderlichen Vereine geben und noch oft mit lachendem Munde alter thoͤrig⸗ ten Zeiten gedenken!“— Neue Freude, neuer Jubel, hier, wie in der ganzen Familie, die ſich ſchnell verſammelte.— Bald aber trieb die junge Hausfrau die jungen Ehemaͤnner zu Pferde, die Alten zu Wagen.„Du kannſt,“ ſagte ſie zu ihrem Bruder,„nach Deinem Holze Dich umſehen und Dich wie⸗ der ein wenig von Papa Oberſtwachtmeiſter in die Schule nehmen laſſen!“— Denn ihr Vater hatte, nach dem Anſchlage des Freyherrn, den Wald, lauter Dunkel⸗ ſchlag und groͤßtentheils Eichen, gekauft und ließ das Holz nun auf der Donau verfloͤſſen; Das aber, was zum Schiffban taugte, verwandte er, Donauſchiffe (Kellhammer) daraus zimmern zu laſſen und es fand ſich, als Alles beendigt war, noch ein groſſer Ge⸗ winn.—„Wenn Ihr zuruͤckkehrt,“ ſagte ſie,„will ich bitten, Euch ſauber zu machen und zum Tanze zu bereiten, ich muß mit Dir, Carl, allein und auch mit den beyden Rieſen da eine Allemande tanzen! und dabey ein Déjeuner à la Fourchette!— und dann ruͤſten wir uns, die hohen Gaͤſte zu empfangen, und dann zu Tiſche und dann,— o, Schreckniß!— Converſation und Charten! Und dann— ihr meine lieben, langentbehr⸗ ten: Cotillon und Perigordine!, biß in die ſinkende Nacht le⸗ Ihr Wille geſchah und waͤhrend die Maͤnner ab⸗ weſend waren, verſah unſere Sophie, die bereits ſich von Allem hatte unterrichten und alle Schluͤſſel ſich hatte uͤbergeben laſſen, Haushofmeiſters Dienſte, in ſo ferne ſie nicht dem Caſtellan uͤbertragen waren, und immer waren ihr die Schweſtern zur Seite und immer trippelten die lieben Muͤtter dazwiſchen und immer mußte die Graͤfin Mutter vernehmen, wie man dies oder Jenes in Hamburg zu halten pflege. Die Maͤnner kamen und von den Pferden ging es an den Tanz und redlich mußte das Mittageſſen verdient werden.— Dann ward die Haupttoilette gemacht und eine uͤbertriebene Pracht ward ſichtbar. Denn Mama Barnekow hatte, ſo wie ihr lieber Mann zu groſſem Vermoͤgen gelangt war, nach und nach ihren — 2906— ganzen, anſehnlichen Brautſchatz in Juwelen umgeſetzt und der gute Mann hatte bey allen Gelegenheiten noch reichlich hinzugethan, ſo, daß allerdings jeder kundige Beſchauende in Erſtaunen geſetzt ward und daß Nie⸗ mand eine ſo aͤuſſerſt verſtaͤndige und anſtaͤndige Alli⸗ ance des hohen Hauſes mißbilligen konnte. Nun das Bischen Ausſteuer dazu, was Mutter Natur reichlich geſpendet hatte und die ganze hohe Nachbarſchaft ge⸗ ſtand, daß man noch nie drey ſchoͤnere junge Paare an einem Tage zugleich geſehen habe. Am Abende begann der Tanz, es fand ſich ein vier⸗ tes Paar zur Francaiſe, welche die Barnekows der gun ten Duͤpaty zu danken hatten und welche, damals in Deutſchland wenig bekannt, Mathilde und die beyden Maͤnner zu lernen ſich hatten bequemen muͤſſen und alle Converſation ſtockte und alle Charten wurden nie⸗ ddeergelegt. Das fremde Paar war ein Gegenſtuͤck zu Carl, 1 der mit Sophien tanzte, Freyburg aber und der Graf nebſt Mathilden und Paulinen bildeten wechſelſeitig das andere Gegenſtuͤck und es iſt wahr, man konnte nichts Schoͤneres ſehen, beſonders waren Sophie und ihr Bruder immer mehr in Luͤften wie auf der Erde und mit einer Sicherheit und Grazie die Nichts zu wuͤn⸗ ſchen uͤbrig lieſen. Denn, Vater Goethens Hauptbedin⸗ gung war dabey redlich erfuͤllt: es ward den Taͤnzern nicht ſauer und man d. gelvahrte nicht, daß ihnen bes Tanz Muͤhe ſey. Als das aber nun ſo fort und dort ging, da raunte eine kundige, liebe Nachbarin der gleichgeſinnten, nicht minder erſtaunten, Freundin zu:„fant avouer que de mes jours je n'ai vu lendemain aussi peu languissant!— Die Gaͤſte ſchieden endlich, Alles ward ruhig und noch einen Tanz mußten die armen Maͤnner nach der Reihe der Nimmerſatten gewaͤhren und noch einen forderte ſie ganz heimlich von dem Gemal, der ihr aber eben ſo geſtand, daß er einen Erlaß dankbar werde er⸗ kennen muͤſſen! 8 „Du haſt ganz recht,“ erwiederte ſie,„mein Her⸗ zensmann, es wird zu viel, ich ſelbſt bin herzlich muͤde und moͤgte Dich bitten mir heute mein ſchoͤnes, einſa⸗ mes Lager zu goͤnnen! Man ſchlaͤft doch wirklich beſſer und Uebermorgen mußt Du ohnehin ſcheiden und haͤtte ich mich dann an Dich gewoͤhnt, wie wuͤrde es mir werden! Soldaten, wenn ſie in den Krieg gehen, und Jaͤger, wenn ſie jagen wollen, muͤſſen allein ſchlafen, ſonſt haben ſie Ungluͤck!— So habe ich in aͤuſſerſt guten und lehrreichen Buͤchern ge⸗ leſen!— Der Krieg dauerte nicht lange, denck an mich! Und wenn Du wiederkehrſt, bin ich abermals einen halben Kopf gewachſen, komme Dir friſch und jugendlich, — 208— wie eine Braut entgegen und wir begehen dann noch einmal unſer Hochzeitfeſt!“ Der Graf willigte in unbegreiflicher Großmuth ein, ſagte aber laut:„meine Sophie ſpricht hier von goldenen Dingen, ſie prophezeihet dem Kriege ein baldiges Ende, ich aber fuͤrchte ſehr das Gegen⸗ theil.“ Man fragte nach ihren Gruͤnden und ſie ſagte: „der alte Koͤnig liebt das Blutvergieſſen nicht und will nur Frieden, eben ſo denckt die Kayſerin Mutter, der Kayſer iſt kein Feldherr und fuͤrchtet den alten Koͤnig, dazu fuͤhlt er, daß er Unrecht hat und die ganze Welt iſt gegen ihn und greift er den Koͤnig an, wird er tuͤchtig geſchlagen und macht Frieden!⸗ „Sophie,“ rief die Mutter,„wie kannſt Du nun vor Kayſerlichen Unterthanen ſo ſprechen!“ Die alte Graͤfin aber erwiederte:„halten Frau Schweſter zu Gnaden, nicht Unterthanen, wir ſind reichsfrey und unmittelbar, eine Familie, ſo gut wie die Wit⸗ telsbach, Hohenzollern und Lothringen, aber mein Sohn, freylich, iſt Kayſerlicher Obriſter, eine Charge, die ja auch Prinzen nicht verſchmaͤhen!« „So wenig aber,“ rief Sophie,„ein Hohenzollern Kayſerlicher Obriſter wird ſeyn wollen, ſo wenig will mein Mann das auch, da er als Graf Duͤren unendlich hoͤher ſteht, als wenn er ſelbſt Kayſerlicher Feldmarſchall — 2609— waͤre! Denn hier iſt er was er dort nicht ſeyn kann, ein freyer Mann!— So denken wir in Hamburg!— Man ging zur Ruhe— und noch einmal, und dann ſchlug die boͤſe Scheideſtunde! Sophie hielt ſich wakker,— als aber der geliebte Mann ihr aus den Augen war, rief ſie:„ſchreckliches Loos eines Solda⸗ ten Frau zu ſeyn!e⸗ Der Krieg waͤhrte, wie bekannt iſt, nicht lange und nach zehn Monaten kehrte der Mann zuruͤck und fand, mit welcher Freude! wie ſchoͤn ſie Wort gehalten hatte, denn allerdings bluͤhte ſie braͤutlich friſch und allerdings war ſie wieder einen halben Kopf gewachſen. Ihr verſtaͤndiger Vater hatte ſich in der Gegend von Frankfurt am Mayn, ſo ungefaͤhr zwiſchen ſeinen Schwaͤgern in der Mitte, angeſiedelt und in allen drey Haͤuſern war und ward die Freude einheimiſch. Das neuerſtandene Waldheim, das, in der wieder⸗ gebornen guten Laune des Freyherrn neubelebte Dor⸗ ſten wurden gaſtlich und geſucht und, was Wunder, wenn die Schwiegerſoͤhne hinzuſtroͤmten!— unter denen der alte Herr nun eine allerdings etwas ſchwere Aus⸗ wahl treffen mußte und immer nur durch viele Bitten zur Einwilligung bewogen werden konnte. Denn immer legte er einen Maaßſtab an dieſe Schwiegerſoͤhne, deſſen Gebrauch die arme Menſchheit, ſo wie ſie nun einmal da ſteht, unterſagt!— Das heißt, er verglich die neuen II.— 14 — 219— Ankoͤmmlinge mit den Dreyen, welche er da zu Duͤ⸗ ren am 29ſten Junius 1778 hatte reiten und tanzen fehen. Daruͤber wurden die Haͤuſer voller und immer voller, ſo daß nach zehn Jahren nur noch in Duͤren Platz war, wenn alle die Alten und acht junge Paare mit ihren lebendigen Hoffnungen einkehrten, wie denn das alljaͤhrlich, auf ausdruͤckliches Verlangen der guten Alten, geſchehen mußte. Endlich fingen dieſe an Platz zu machen und nun ging es an ein bitteres Scheiden!— Zuerſt begruben ſie den guten, alten Grafen,— dann die Graͤfin, dann unſern lieben, freundlichen Vater Barnekow und bald folgte ihm ſeine Hausfrau.— Nicht lange uͤber⸗ lebte der Freyherr ſeine Freunde, ſeit deren Tode er merk⸗ lich ſtiller und verſchloſſener ward.— Er ſtarb in Duͤren, unfaͤhig von ſeinem Lieblinge, von ſeiner Sophie, ſich zu trennen und nicht von ſeinem Sterbelager war ſie gewichen und als ſie nun auch ihn, den letzten der lieben Alten bey⸗ geeſetzt hatten, da war es als wenn die Grabesſchauer der Vergaͤnglichkeit ſie Alle anwehten,— ſie ſanken einander mit ſtillen Thraͤnen an die Bruſt und So⸗ phie rief:„Kinder, wir wollen uns lieb haben, recht lieb! Es iſt doch das Einzige in dieſem kurzen, ar⸗ men Erdenleben, deſſen man nicht ſatt und muͤde wird!⸗— Die Kinder wuchſen heran, es gab Sorgen man⸗ — 211— cher Art, die laute Freude war einem ſtillen Ernſte laͤngſt gewichen,— die Kinder wurden groß, die Ael⸗ tern wurden alt,— auch ſie begannen den Platz zu raͤumen!— Zuerſt— der Graf, dann— unſre him⸗ melfreundliche Pauline,— dann ihr Freyburg, der nur in ihr lebte,— dann— unſer Carl— und nun le⸗ ben noch— Mathilde und Sophie, in unzertrennlicher Gemeinſchaft, zu Duͤren, geliebt, angebetet, in der Mitte der Kinder, der Enkel und der Urenkel.— Aber immer noch lebt die Erinnerung voriger Tage in ihnen und immer noch bluten die Wunden die der Verluſt ihrer Lieben ihnen ſchlug und immer friſch und neu erſtehen die Bilder jedes lieben Tages, jeder ſchoͤnen Stunde vor ihren Augen und immer noch werden die liebe, liebe, den Jahrhunderten trotzende Eiche, die Bruͤkke und manches andere unvergeßliche, ſchoͤne Plaͤtzchen beſucht.— Die Kraft beginnt zu ſinken, aber kraͤftig und jugend⸗ lich ſchlagen die Herzen und nur das Eine fuͤrchten ſie: es moͤgten ihnen dieſe Herzen und dieſe Kraft der Er⸗ innerung ſterben, ehe auch ſie von dem lieben Schau⸗ platze ſo groſſer,— ach,— ſo kurzer Erdenwonnen ſcheiden muͤſſen. Anmerkungen. 1) Daß ich von meiner Liebe geheilt bin, erkenne ich an der tiefen Ruhe, womit ich Deiner gedenke, weil Zorn immer nur Liebe zu hehlen pflegt.— Zuͤrnen wir einer ungetreuen Geliebten nicht mehr, ſo lieben wir ſie auch nicht mehr. 2) In alten Zeiten waren die, mehr iſolirten, Hamburger, gleich Inſulanern, mitunter etwas rauh und altdeutſch, jezt aber iſt bey ihnen uͤberall Athen und Paris. *⁸) Sollte dieſe Bezugnahme Verzeihung finden?— Denn, wer kennt jetzt noch einen verſchollenen Goking, einen Pfeffel, einen Gellert! Der Geiſ dieſer Tage heiſcht gar andere Nahrung! 4) In damaligen, kraͤftigeren Zeiten galt der ſpartaniſche Grundſatz:„Kinder werden ohne Schläge nicht groß!“ und mit Recht, denn die Jugend war zu kraͤftig um ſo fein zuͤchtiglich, wie die heurige, nach Worten und Mienen ſich zu regeln, weshalb denn auch das Spruͤchwort: guter Wein gaͤhrt ſtark! bereits verſchollen iſt. In vorigen Zeiten ſaſſen daher die Manlſchellen c. p. ſehr lokker an den Zweigen der Haͤuslichkeit und ich kannte eine ſehr liebenswuͤrdige Jungfran, erſten Standes, die, von der hochachtbaren Mutter, einen Apoſtrophum der Art, als Braut und im 18ten Jahre und kurz vor der Hoch⸗ zeit mit einem hochgeachteten Manne, davon krug, weil ſie, ohne Arg, die Mutter um einen Huth oder Aufſatz ut. der doch fuͤr ſie zu jugendlich ſey. ³) Ein beruͤhmter preuſſiſcher Huſarengeneral, deſſen Thaten Friedrich denen der Helden der Fabelzeit an die Seite ſtellr— und dennoch hatte dieſer General, gleich allen den unſterblichen, zahlreichen Helden Friedrichs, zum groſſen Theile nur Leute unter ſich, gleich denen des Herrn Obriſten, Baron von Barnekow. ⁴) Sachkundige, fuͤr welche allein die Richtigkeit des Details Intereſſe haben kann, werden bey den Bezeichnungen: links nnd rechts, immer den Standpunkt der Redenden oder Handelnden im Ange behalten.. 2) Eine, der öſterreichiſchen Cavallerie ſehr ehrenvolle, ob⸗ gleich nicht mit Erfolg gekroͤnte Schlacht, eben wie die, bey Kroska, oder Kruzka, und Molwit, in denen die uͤberaus herrlichen ſchweren Reuter, die wuͤrdigen, wahr⸗ haft großartigen Nachfolger und Repraͤſentauten der al⸗ ten Pappenheimer, faſt gaͤnzlich ihren Untergang fanden.— Friedrich der Groſſe nennt ſie: les piliers de l'empire. — 3 — ——, — . d Die groſſe Menge der Druckfehler faͤllt nicht dem Verfaſſer zur Laſt, die aͤrgſten derſelben finden ſich hier verzeichnet. 4 a) zum 1. Theile: P. 81, Z. 2 v. u. lies: zu meinem Herrn, Statt: zu meinen Herrn. ⸗ ⸗* 3 v. u. lies: un muͤndig, Statt: unwuͤrdig. P. 97, Z. 10 v. o. lies: opima spolia. P. 151, Z. 10 v. o. lies: Meine Pflicht, Statt: eine — Pflicht. Haͤufig ſteht auch Mine Statt Miene. Endlich iſt die Note 6, P. 52, ganz vergeſſen, wahr⸗ ſcheinlich ans Galanterie des Setzers, der die Hindentung zuruͤckhielt: daß Anno 1778 ein jedes ehrliche Maͤdchen des erſten Buͤrgerſtandes eine Demoiſelle, nicht aber ein Fraͤunlein hieß. Der Autor dagegen, welcher vor Anachronismen und hiſtoriſcher Untreue eine natuͤrliche Averſion hat, und z. B. um keinen Preis die Helden des dreyſſigjaͤhrigen Krieges von Franklinſchen Blitzableitern reden laſſen wuͤrde, zwingt ihn, ſeiner Köonigin nachtraͤglich mißfallen zu muͤſſen. b) zum 2. Theile:. . 65 muß die erſte Sylbe: kannt, wegfallen. 67, 3. 8 v. o. lies: am 14ten, Statt: am 19ten. . 196, Z. 2 v. u. lies: roden, Statt: reden. . 203, Z. 6 v. o. lies: empfangen, Statt: empfingen. . 207, 3. 3 v. u. lies: dauert, Statt: dauerte. 8 Gedruckt bei S. W. Woͤrmer Wittwe. — ————— 85 *⁴ 4 ſnſnnſnſſſinſnſnſſnnpmnmſmſnſninſſſſtſſin 9 11 12 13 14 15 16 17 18 3 3 J 1GGn 1ululul 5 8 3 3 8 5 8 „ 1 d⸗