Leihbibliothek Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 6 und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetkt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ eelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben 1. 66616 2,75,cs ie 6.. 3 . 4 Jigeiuter Dau futaittt. 5 60) 2 vadzeu S olene 1 H gth 2 18 Ln e. Oa. Erſtes Heft. Das erſte Kapitel. Fuͤr Weiber und Maͤdchen, eine Frage an 8 Herz. Patsſo hatte es ſeiner Anna verſpro eft. daß ſie bei ſchicklicher Gelegenheit durch des Prieſters Hand ſollten. Einſchlafen und die Feuer waren im Verlo⸗ ſchen. Es war eine ſternhelle Nacht, im Neumonde, der ſchoͤne Abendſtern mut ſei⸗ nem milden Lichte ſtand ihnen entgegen und beide freuten ſich ſeines wohlthaͤtigen Lichts Sie ſtiegen den Huͤgel hinan und ſetzten ſi als ob ſie ihn hier beſſer in ſeiner Schoͤn heit betrachten koͤnnten. 2 Arm in Arm, unter Kuß und zaͤrtli⸗ chem Haͤndedruck erinnerte jetzt Anna Patalg an das Verſprechen. Mit Heftigkeit druͤckt er ſie an ſeine Bruſt und— ein unterdruͤckter Seufhe ver⸗ draͤngte den aubern.- Anna.(Innig zäͤrtli 4) Du ſostig, Geliebter! 7— Pataſch. 0 daß Dir diefe Zeit, die Dir einen Vorſchmack des muͤhſeligſten Lehens im Weggeworfenheit gegeben haben muß, Haß gegen mich eingefloͤßt haͤtte!— aber: an⸗ ſtatt einmal endlich den geheimen Wunſch Herzen in Deinen Augen zu leſen, be⸗ m k ich eine ruhigere Ergebung in die Ge⸗ bohn 1 eit. Eleönore, was opferſt Du fuͤr ein kebensverhal ltniß auf!— Laß mich als lein durch die Folgen einer Leidenſchaft buͤßen, * die mich wahnſinnig gemacht hatte. Ich bin jeden Augenblick bereit— begieb Dich in ei⸗ nen unbekannten Ort, lebe Dir und Dei⸗ nem Herzen, welches Dir uͤberall unter Men⸗ ſchen Achtung verſchaffen wird, und— laß mich meinem Schickſale! Anna. O Ferdinand!— noch jer da Du mir ſelbſt das Zeugniß giebſt 3 ich mich in die Lebensweiſe immer meh gen lerne— da ich dem Drange meines Het⸗ zens folge und Dich bitte: daß ich durch prie⸗ ſterlichen Segen auf immer mit Dir verei⸗ nigt werde, willſt Du mich von Dir tren⸗ nen?— Ich wuͤrde Deinen Antrag fuͤr Pruͤfung meiner Beſtaͤndigkeit anſehen, wenn ich nicht uͤberzeugt waͤre, daß ſie Dir doch wohl nun nicht mehr zweifelhaft ſeyn koͤnn⸗ te— Oder iſt Dir wirklich noch die Feſtig⸗ keit des Weibes zweifelhaft?. Pataſch. Eben dies wuͤthet und tobt in meinem Herzen, daß ich es nicht bin!— Anna. Die wilde Stimmung hätte ich jetzt nicht erwartet;— ich wuͤrde noch ſaͤnger meine Bitte in mein Herz verſchloſſen ha⸗ ben— G Pataſch.(Umarmt) O warum mußte mich das Schickſal ſo mißhandeln! Doch nein! warum ließ ich mich meinen Ehrgeitz reitzen und blenden, mir einen Nahmen durch Herſtellung guter Ordnung unter Schurken zu erwerben! Ich, ich bin an dem Elende. allein ſchuld! Warnte mich nicht eine Engels Stimme?— ich achtete nicht darauf und— Auaua Woleen wir jeden ugenblick. welchen wir unſerm Selbſt leben koͤnnen, mit Klagen und Vorwuͤrfen verbi ttern? Ruhig, A 2 Fer⸗ 4 AA Ferdinand! ich nehme meine Bitte fuͤr jetzt zuruͤck! und will ſie nie erneuern bis mich Deine mildere Stimmung ſelbſt dazu auf⸗ ferdert. Pataſch. Meine mildere Stimmung ſo lange ich Dich in der Verworfenheit ſehe? Anna. Warum wollen wir uns ver⸗ worfen denken? Wer kennt uns in der Mas⸗ ke? Wir wollen ſuchen ſie uns zur Natur zu machen und des gluͤcklichen Augenblicks har⸗ ren, der uns auch vor den Augen der Welt rechtfertigt, wie wir uns ſelbſt rechtfertigen koͤnnen, da wir das Joch der Nothwendig⸗ keit zu zerbrechen nicht vermoͤgend ſind. Pataſch. Ich will dem Oberrichter morgen unſern Wunſch bekannt machen; nicht uͤberall finden wir die Gelegenheit, daß dieſe Handlung vollzogen werden kann. Aber — Eleonore!— iſt Dein Herz gleichguͤltig, wenn Du die Zigeunerinnen mit ihren klei⸗ nen Kindern beladen auf den beſchwerlichen Maͤrſchen erblickſt?— Haſt Du Deine Kraͤf⸗ tee abgewogen und daran gedacht, wie we⸗ nig Wartung, Pflege und Bequemlichkeit das Zigeuner Weib in der kritiſchten Periode ih⸗ res Lebens, wo ſie Mutter wird, finden kannz.—(Steigend) Hoß Du daran ge⸗ dach TAS 5 dacht: Mutter von Zigeunerkin dern zu ſeyn? — die edle Hamold Mutter von jungen Z1, geunern und Raͤubern?— Jch fuͤhle, wie ſehr Dir dieß das Herz ergreifen muß; aber — ich will in der Folge keinen Vorwurf in meinem Gewiſſen fnden, daß ich etwas un⸗ terlaſſen haͤtte, Dich vor einem unabſehba⸗ ren Elende zu warnen!— Anna.(Schlingt ihren Arm um ſeinen Hals; innig) Ich liebe den Geiſt des Mannes, nicht ſeinen Koͤrper! Giebt es nicht eine verfeinerte Liebe?— 1— Pataſch. Ware dieſe nicht Wahn? Anna.(Feurig Wahn? Wahn?— (in hoͤchſter Anſpannung) Ferdinand— baͤt⸗ ten Deine Feinde Dein Blut auf dem Blut⸗ geruͤſte vergießen wollen, ich haͤtte das mei⸗ nige mit Deinem vermiſcht. Sei mein Ferxr. dinand! Ich werde Dir nie verſagen, was Du als der Meinige von mir verlangſt; aber bei allen Heiligen! ich entſage allem, nur nicht Deiner kiebe im edlern Sinn Pataſch. Bei dem Weſen, welches die Myriaden Sternenlichter uͤber uns leuch⸗ ten ließ! Weib meiner Seele—. ich ver⸗ kannte Dich— Deine Liebe iſt Liebe einer doͤhern Sphaͤre: wie koͤnnte ſte mi ſonſt es 6 dies Opfer bringen, mich bis in die Verwor⸗ fenheit begleiten, und auch in dieſer ſo un⸗ erſchuͤtterlich feſt an mir hangen. Anna. Du haſt miv eine Tochter ger geben; in ihr laß uns das finden, was koͤr⸗ perliche Liebe uns geben koͤnnte! in ihr Herz jeden guten Gedanken deſſen wir uns bewußt ſind, wie einen zarten Saamen ſaͤen, und jeden Keim, welchen wir entſprießen ſehen, warten und pflegen und in ihm neue Rahrung unſrer geiſtigen Liebe finden; am Herzen wollen wir ihr das zu erſetzen ſuchen, was wir ihr am Stande rauben! Pataſch.(Umarmt ſie feurig) O Weib, wie weit erhaben erblick' ich Dich! — ich kann Dich nie erreichen! J In Zerbre⸗ chen, Zermalmen, Zerſtoͤren cpein ich bloß Erleichterung zu finden, und Du?— Du? Anna.(Sanft und zaͤrtlich) Zerſtoͤ⸗ ren?— wie kalt und doch bedeutend ſah⸗ ich Dich geſtern mit den Piſtolen ſpielen! Dieſe Aeußerung beſtaͤtigt meinen Arg⸗ wohn, Ferdinand. Pataſch. Sei aufeichtig, Weib; was hieteſt Du von einem Manne, der alles er⸗ trug?— wenn anders das Weſen ein Mann genannt werden kann, das alles ertraͤgt! Geſetzt, ein leichter Druch zerriſſe den Fa⸗ den eines ſolchen Lebens, welchen nur rei⸗ ne Liebe wie die Deinige an dies Verhaͤltniß knuͤpfen kan, wuͤrdeſt Du es ihm als ein Beebrechen anrechnen wollen Anna. Und deßwegen will mich mein Ferdinand ſo gern entfernen O das hat mir mein Herz ſchon oft geſagt! was be, weißt aber wohl mehr Muth: ein trauriges Leben mit Ergebung ertragen oder in Ver⸗ zweiflung endigen! Eine Piſtole kann ein Schwaͤchling loͤsdruͤcken. Schwaͤchlinge ge⸗ rathen eher in Verzweiſlung als Maͤnner. Unterdruͤckt von ſchwaͤchlichen Schurken, wel⸗ che die dhoͤchſte Autoritaͤt mißbrauchen, waͤrſt Du freilich dieſem Schickſale zuvor⸗ gekommen, welches Dich von Stufe zu Stufe in ein Verhaͤltniß verwickelte welches Dich uͤberſpannte Leidenſchaft nicht in ſeinem Ge⸗ halt wahrnehmen ließ. Der Schwaͤchling waͤre geſtorben vor Angſt oder aus⸗ Verzweiflung ſelbſtthaͤtig, gleichviel! Gewahrſt Du nun bei unbefangnem Gefuͤhl, in welches Labyrinth Dich Deine uͤberſpannte Leidenſchaft gefuͤhrt hat, ſo rufe alle Deine Maͤnnlichkeit auf, mache Dei⸗ nen Verſtand unbefangen, und Du wirſt ohne 8 i⸗ einen ariadneſchen Faden den Ausgang viel⸗ leicht unerwartet finden! Pataſch Wenn der Bogen zu ſtark gefpamnt wird, holde Tröſterin, ſo ſpringt er— und haͤtteſt Du ihn nicht nachgelaſſen, ſo waͤr' er bereits geſprungen.— Und was war an ihm verlohren, da man ihn als un⸗ brauchbar verwarf und ihm nicht einmal Meeiin Plaͤtzchen in der Ruͤſtkammer neben den unbrauchbarſten Truͤmmern alter Waffen goͤnnte? Anna. Man verwarf ihn nicht als un⸗ — brauchbar, ſondern weil er zu ſtark war und weil man nicht mit ihm nach ſeinen Abſichten umgehen konnte, wie Kinder mit ihrem Spielwerk. Pataſch. O Schande dem ſchwachen Doch ſieh, ſchon blaſſet der Glanz der Ster⸗ ne und in einer Stunde hoͤchſtens zeigt ſich der Tag mit ſeinem erſten Schimmer in HOſten— Unſere lieben Genoſſen erwachen mit dem fruͤhen Tage vom ruhigen Schlafe erquickt, und wir!— o Hamold! o Ha. mold! Anna.(Räßt ihn ſanft) Schließt ſich dis Piume der Hofnung mit der ſinkenden Menſchen, der mich zum Spiele hingab!— ———-ↄ-—————— Endſchluß gefaßt. SrAe, 9 Sonne, ſo eröͤfnet ſie ſich auch wieder mit ihrem Aufgange. Komm Ferdinand, zur Hor⸗ del! wenn ſie erwacht, fuͤhlen wir uns wohl eben ſo geſtaͤrkt wie ſie, und mit der Zeit wiegt uns Gewohnheit und Beduͤrfniß in eben ſo ſanften Schlummer. 4 Pataſch. unbegreifliches Weib!— Verſchließe nur mit Anſtrengung den Kummer in dein Herz, daß es um ſo eher bricht— Anna.(Druͤckt ihn feſt an ihre Bruſt) Dann bricht es in Ferdinands Armen, und die Scheideſtunde iſt ſuͤß— Pataſch. Heftig erwiedert er die Um⸗ armung und mit Nachdruck) Ich ſterbe mit Eleonoren!— „ Das zweite Kapitel. Eine harte Praͤfung. D. folgenden Tag ſprach Pataſch mit dem Oberrichter wegen ſeiner Copulation. Immer noch hatte er gehofft, Anna wuͤrde ſich abſchrecken laſſen und dann war ſein derte Pataſch; NA „Das wird unſern jungen keuten große Freude ſeyn.“ erwiederte der Oberrichter, „denn nichts feiern ſie lieber als eine Hoch⸗ zeit; aber einen Monat Geduld haben mußt Du noch, Andreas; um dieſe Zeit kommen wir in eine kleine Herrſchaft, wo wir volle SFreiheit haben, und wo unſere Ankunft al⸗ len Unterthanen ein Feſt iſt. Und noch eins: biſt Du mit unſrer Sitte bekannt?— ehe Deinem Liebchen Hochzeit halten Du mit kannſt, mußt Du mit ihr vor Gericht ſtehen, und die ganze Rotte muß ausſagen, daß Du Dich mit keinem andern Weibsbilde und daß Anna ſich mit keinem andern Purſchen 463:923 ben hat.— „Wie ihr es fäͤr gut findet,“ erwie⸗ lich, ich koͤnnte mich in aller Stille zum erſten beſten Prediger mit Annen begeben, und es waͤre ja wohl genug, wenn es denn der Rotte bekannt gemacht wuͤrde!“ „Das Feſt laſſen ſich die jungen geuta nicht nehmen,“ entgegnete Pataſch,“ und gnete vom Freiſpruch könnte Dich nur die ganze Rotte losſagen, und das wird ſie auch nicht. Erwapte die Zeit, und wir wollen ſe⸗ hen: ob Du damit unzufrieden ſeyn wirſt. Der Sreiir u nuß einige Zeit vorher gehalken „indeſſen wuͤnſchte ich frei⸗ 3 werden, und das kann Morgen geſchehen wenn wir zeitig unſer Nachtquartier errei⸗ chen. Ich will es heute bekannt machenz vielleicht findet ſich noch ein Paͤrchen.— Die Horde lagerte ſich zum Mittags⸗ brodt in einem Walde, und der größte Theit Keng an ſich zu zerſtreuen, Wurzeln und Kraͤu⸗ ter zuſammen zu ſuchen, indeß andere Feus er anzuͤndeten, andere Waſſer holten, und andre zuſahen: ob ſie ein Stuͤck Wild belau⸗ ſchen koͤnnten. Ein wiederholter Trompe⸗ kenſtoß gab das Zeichen, daß der Oberrich⸗ ker etwas porzutragen habe, und ſehr bald hatte ſich maͤnnlich und weiblich in einen Um⸗ kreis gelagerrt. Der Oberrichter ſtand auf und eine all⸗ gemeine Siille herrſchte in der ganzen Ver⸗ ſammlung. „Bruͤder und Schweſtern, ſagte er „Andreas und Anna verlangen den Frei⸗ ſpruch und ich habe Morgen dazu beſtimmt, kamen wir zeitig in's Lager; wir haben nur ei⸗ ne kleine Tagereiſe.„Gluͤck zu Andres!s rief die weibliche und„Gluͤck zu Anna!« die maͤnnliche Verſammlung. Haben wir noch ein Paar unter unse⸗ fuhr der Oberrichter fort,„ſo kann es ſich angeben und wir hal⸗ 4 r TN ten ten in Huſchelbuſchel doppelte Hochzeit; in Monarsfriſ gelangen wir zu unſern Frennn— den.* „Hurrahl Hurrah le ertonte ein lau⸗ tes Geſchrei. Kaum hatte ſich der Haufe an ſeine karge Mahtzeit gelagert, als zwei junge Zi⸗ geuner faſt athemlos anlangten: „ Halloh! halloh! Richter gebiethe den Aufbruch!“ rief der eine,„uns droht Ge⸗ fahr! Martin, Quas und Wendehals ſind in die Schlinge gefallen, man iſt und auf der Spur und wird Soldaten ausſchicken. uns aufzuheben!“ „»Moͤgen ſie am Galgen fuͤr ihre Dum⸗ heit buͤßen!« ſagte der Oberrichter kalt, „und kommen ſie wieder, ſollen ſie gerichtet werden, daß ſie die Rotte in Gefahr brach⸗ ten, da ſie wiſſen, wie man uns hier auf⸗ paßt gleich wilden Raubthieren. Der Hauptmann theilte darauf die Rot⸗* te in drei Haufen und gab jedem einen An⸗ 8 fuͤhrer, welcher mit den Schlupfwegen, be⸗ kannt war. „Gewalt gegen Gewalt zu ſetzen,“ ſag⸗ ke er zu Pataſch,„iſt hier nicht rathſam, weil wir nicht Gegengewalt genug in Haͤnden ha⸗ ben. — ———— „von.* Raſt wurde vergoͤnnt, weil man noch nicht theilen oder insgeſammt den Weg fortſetzen te und Weiber und Kinder wurden in die Mitte genommen, die Braven vertheilt, al⸗ 1 3 den, Hier zu Lande muͤſſen wie uns durch⸗ ſtehlen, und mit der magerſten Koſt behel⸗ fen; aber nur Geduld, Du wirſt es beſſer finden, und wo wir der Gewalt gewachſen ſind, ſchleichen wir nicht, wie feige Memmen da⸗ Zeitig langten die abgetheilten Haufen am folgenden Tage auf dem beſtimmten La⸗ gerplatze bald nach einander an, da man den groͤſten Theil der Nacht ununterbrochen fortmarſchirt war; allein nur eine kleine uͤber die Graͤnze war.— 1 Man hielt Rath: ob man ſich wiedes wollte. Das letztere wurde beſchloſſen; Al⸗ les bewaffnet, und voraus und ſeitwaͤrts gu⸗ te Laͤufer auf Kundſchaft ausgeſchickt, um ſogleich bei jeder drohenden Gefahr Nach⸗ richt zu ertheilen— In ſo artiger Geſellſchaft aufgehoben zu werden! der Gedanke war ein Feuerbrand in Loͤwenzahns Herzen Er war zum Vorz trap kommandier, Wenn er bei einem Ann 3 — 14 rsree 8 grif fallen ſollte, weiches Ssicat drohete Eleonoren! Die anhaltende Anſtrengung, der un⸗ uUnterbrochne beſchwerliche Marſch, die ſchlech⸗ te Nahrung, gaͤnzlicher Mangel an der ge⸗ ringſten Bequemlichkeit und Ruhe, hatten ſie ſchon voͤllig erſchoͤpft, und noch hatten ſie mehrere Stunden in die Nacht hinein zu marſchiren, und nicht die Genugthuung Fonnte er ſeinem Herzen verſchaffen, daß er uch ſeine letzten Kraͤfte hoͤtte aufbiethen und —. ſie unterſtuͤtzen koͤnnen. Aber auch das Aeußerſte ihrer neuen debensweiſe ſollte Anna erproben. Gegen Abend erhob ſich der Wind und auf einmal war der Himmel mit naͤchklichen Wolken wie in ein Zauberkleid gehuͤllt, welche feurige Blitze durchkreutzten; und pon der Ferne her wiederhallte kollender Donner durch den Sturm..8 Es war unmoͤglich weiter zu kommen;z der Blitz blendete die Augen, man ſtieß ſich an die Baͤume, ſtuͤrzte uͤber Steine; man mußte auf der Stelle bleiben und das Wet⸗ ter 4bwarken. Andreas bath den Oberrichter, daß er Annen aufſuchen koͤnnte, weil er faſ bes KS 1 3z ſorge, ſie habe zurücck bleiben muͤſſen, da ſie heute ſchon ganz erſchoͤpft geweſen ſei. „ Sorge nicht! erwiederte nund geſetzt die Schwäche h wohnheit uͤberwaͤltigt, ſo Begleitung, ſie mit ſich fortzubringen, und ich haͤtte Nachricht. Deinen Poſten zu ver⸗ laſſen!, kann ich Dir nicht erlauben; droht uns Gefahr, ſo trifft den der Tod, der ihn verlaͤßt und ich werde von der ganzen Rotte zur Rechenſchaft gezogen, wenn ich einem von ſeinem zugetheilten Poſten abzugehen er⸗ laube. Ich bin eben ſo ſtrengen Geſetzen. unterworfen, als der Geringſte von uns. Warum dieß noͤthig, wirſt Du Dir leicht eyklaͤren koͤnnen.«— Aadreas ſchlich kraurig wieder zu ſei⸗ nem Vortrap, der etwa zwanzig Schritte dorwaͤrts ſich unter ein dickes Gebufch ver⸗ krochen hatte. Als aber jeht der Regen ſtromweis aus den Wolken herab ſchoß, haͤt⸗ ke er faſt alle Strenge vergeſſen und nur der Gedanke, daß er ſie vor dem Regen noch weniger ſchuͤtzen koͤnne, als ver den Fotgen der Muͤdigkeit, hielt ihn zuruͤck, und ver⸗ zweiflungsvoll warf er ſich auf die Erde und — berwuͤnſchte ſein Geſchiick. dieſer, abe ſie aus Unge⸗ iſt es Pflicht ihrer u. . einer Stunde aus dem Walde kamen, da 16 AKen MNubig und zufrieden lagen ſeine Ge⸗ noſſen unter dem Gebuͤſche und ein plumper Wit jagte den andern uͤber das Bad womit ſie der Himmel ſo reichlich und unaufgefor⸗ dert beſchenke. Erſt mit anbrechendem Tage konnte der Marſch fortgeſetzt werden, welcher jetzt auf dem ſteinigten und mit Moos uͤberzoge⸗ nen Waldboden, durch die Naͤſſe noch un⸗ gleich muͤhſamer und beſchwerlicher war. Nichts bequemer war der Weg, als ſie nach 8s eine gute Strecke bergab und darauf durch einen ſtundenlangen Wieſengrund gieng. Endlich wurde durch einen Trompeten⸗ ſtoß das Signal gegeben, daß man auf fried⸗ lichem Grund und Boden ſei, ein lautes Hurrah der ganzen Rotte erfuͤllte die Luft und im wilden Gewuͤhl draͤngte ſich alles zſuſammen, was Gefahr und Ordnung ge⸗ drennt hatte. Andreas eilte wie wahnſinnig durch ders Gedraͤnge, und auf einmal fuͤhlte er ſich feſt gehalten Er ſah ſich um und— An⸗ 3 — E So ee nens ſuͤßer laͤchelnder Blich verſege ihn in e ſa uftes Grſtapnen. „Das dritte Mahl,« fagte ſie im ſchmel⸗ tenden Tone„konnte ich Dich unmoͤglich vor⸗ uͤber laſſen; zwei Mahl draͤngteſt Du Dich dicht an mir vorbei, und hoͤrteſt nicht auf meinen Ruf „9 rief Andreas und druͤckte ſie feſt an ſeine Bruſt, nich ſuchte Dig ent⸗ kraͤftet, gentſtellt mit dem Tode ringen!—. „Entkraͤftet war ich e erwiederte ſie, „und bin es noch; aber weniger fuͤhl' ich es, da ich Dich wieder habe. Ferdinand, † nf⸗ rig bleib' ich bei Die, weiche nicht von Det⸗ ner Seite und theile jede Gefahr mit Dir. Ich habe fuͤrchterlich gelitt n! Meine Fin⸗ bildungskraft hat mich ſchrecklich auf die Folter geſpannt und ungleich mehr ermat⸗ tet, als alle Ungemachlichkeit der Witterung „Auf einmal ertoͤnte die Trommel; ſie ſahen ſich um, und Jüͤnglinge und Maͤdchen „Dem Beiſpiele will ich folgen⸗ ſag⸗ e Pataſch, und zuſehen, ob ich im Dorfe etwas zur Erhohlung und Staͤrkung der Kraͤfte erhalzen kann. 2 8 5 Lan⸗ 7 18 A Lange hatte Loͤwenzahn nicht die Er⸗ quickung eines freudigen Gefuͤhls genoſſen. Er erkundigte ſich bei ſeinen Genoſſen, in welchem naͤchſten Dorfe wohl etwas zu haben waͤre; und man nannte ihm einen einzeln Gaſthof etwa eine halbe Stunde entfernt. Er nahm einen erwachſenen Knaben mit, der Beſcheid wußte, und kaufte den ganzen Vor⸗ rath zubereiteter Speiſen, eine Parthie ro⸗ hes Fleiſch, Brod, Wein und Brandwein, ließ es auf einem Schiebekarren ins Lager fahren, und gab alles bis auf einen kleinen Vorrath fuͤr ſich und die Seinigen, der Ge⸗ ſellſchaft Preis. Der Jubel war groß, als nach etlichen Stunden auch die Uebrigen aus den Doͤrfern zuruͤck kamen und ebenfalls einen anſehnlis chen Vorrath geraubter und gekaufter Nah⸗ rungzmittel herbei ſchleppten, und die Feld⸗ kuͤchen in volle Beſchaͤftigung ſetzten Es machte einen ſonderbaren Eindreuck auf unſre Neulingszigenner, als ſie Kinder und Erwachsne, dieſen in ein Stuͤck Brod, in ein Stück rohes Fleiſch mit freudiger Be⸗ 4 gierde beißen und dabei dbeſcäſnt fabn jenen in ein Stuͤck gekochtes, einen andern — ſonſt Handreichung thun; ein allgemeines Ver⸗ gnuͤgen belebte den ganzen Haufen, welches ſich auch ihnen unvermerkt wenigſtens in ei⸗ nem gewiſſen Grade mittheilte. Noch hatte aber Pataſch Goldchen nicht geſehen. Seine Anna, wider Hoffen und Erwarten ſo wohl zu finden, hatte ihn alles vergeſſen laſſen.— nehmend. 3 8* „ Wohl aufgehoben!« ſagte Anna laͤ⸗ chelnd— die ſchwarze Cather packte Goldchen zu ihrem kleinen Kinde in den Korb, ſobald ſie bemerkte, daß mir das Kind zu ſchwer ward, und jetzt ſpielt ſie unter andern Kin⸗ dern und iſt ſehr vergnuͤgt. Ihr weißes Kleidchen verlangte ſie und wollte ſich lange nicht anziehen laſſen, bis ſich die ſchwarze Cather in's Mittel legte.e „ Wollen wir wieder das Kind ſeinen Eltern zuſtellen?« fragte Andreas— „Fuͤr jetzt noch nicht, Ferdinand 1e er⸗ wiederte Anna zaͤrtlich;“ in der Folge, wenn „Wo iſt das Kind? fragte er theil⸗ wir der Mutter in ihr etwas geben koͤnnen, 8 was ſie nie aus dem Kinde bilden konnte— dieß ſei unſre Rache, die wir fuͤr die Unge⸗ dechtigkeit nehmen wollen— 82 „»Edfe 3 „Edle Seele!“ rief Pataſch und um⸗ armte ſie, moͤchteſt Du Deine ſchoͤne Abſicht erreichen, wenn ſie Dir auch mit Undank belohnt werden ſollte, wie leicht zu erwarten ſteht.* „So ſind⸗ ich den Dank in n mir ſelbſt ſagte Eleonore laͤchelnd. — Indem wurde mit der Trompete das Zeichen gegeben, daß die Mahlzeit in Be⸗ reitſchaft ſei; die ganze Horde lagerte ſich in einen großen Kreis und die Kinder hin⸗ ter ihren Eltern. Es war Ueberfluß an Speiſen vorhanden; aber eine ſo gute Eß⸗ luſt wie ſich hier bei der Mahlzeit einfand, machte bald die gruͤne wohl beſetzte Tafel leer, daß nichts als die zerſtreuten Kudchen uͤbrig blieben.— 3„Dieß iſt offne Tafel halten! ſagte Pataſch zu Annen im bedeutenden Tone. „ Meine Einbildungskraft,„ erwieder⸗ te Anna heiter,„verſetzt mich in die Zeit der Patriarchen, und ich glaube, ich werde mir am Ende in dieſer Lebensart gefallen.”w Indem wurde Pataſch gewahr, daß der beſchwerliche Marſch Annens Schuhe ganz Kttnichre hatte, und daß die hlohen Bühe. 4 3 pot⸗ TAS 221 oorragten!— Er erſchrack daruͤber und⸗ ſe laͤchelte.* „Siehſt Du nicht Weiber und Maͤt⸗ chen mit bloßen Fuͤßen? ſagte ſie; ſie werfen die Schuhe weg, weil ſie ſie Hinder⸗ lich finden.—. „Wird dieß der Fall auch ber Annen ſeyn? fragte er traurig. „Wenigſtens werde ich einen Berfich machen!“ antwortete ſie laͤchelnd.„Ich glaube, Nothwendig keit gewoͤhnt, an alles.⸗ Das dritte Kapitel. * Der Freiſpruch, Pataſh und Anna wurden zum Oberrichter gefordert. Maͤnnlich und weiblich hatte ſich in einen beſondern Kreis gelagert und den erſtern hohlten zwei Maͤdchen und die zwei junge Zigeuner, banden ihre Häͤnde Bl lumenketten und fuͤhrten ſ ſie in den Krei— Sogleich erſchien der Oberrichter im weiblichen Kreiſe und die beiden Maͤdchen fuͤhrten Pataſch'n vor ihn. Oberricht. Wen bringt ihr mir Maͤdchen, in Feſſeln der Liebe? Ein Maͤdchen. Einen Heiratbsluſti gen, Oberrichter— Oberricht. Will er euch beide zux gleich, daß ihr zwei mit ihm erſcheint. Ein Maͤdch. Es iſt Sitte, daß zwei mannbare Maͤdchen, die das Loos beſtimmt, jeden Heurathsluſtigen vor Dich bringen, daß Du unterſuchſt: ob er von allen weib⸗ lichen Anſpruͤchen ſich frei weiß, daß kr den Freiſpruch von Dir erhaͤlt. 3 Oberricht Was will der Freiſpruch ſagen, ihr Maͤdchen: 1 Ein Maͤdch. Daß der Luſtige es nur ellein mit ſeinem Liebchen gehalten hat, daß er nicht einer andern auch ſchon die Che ver⸗ ſprochen, und daß Weiber und Maͤdchen ihn freiſprechen, daß er keine zur Unzucht hat perfuͤhren wollen. Oberricht.(Zu Patſach) Du börſt was der Freiſpruch ſagen will, Andreas: kppricht Dich Dein Gewiſſen frei, ſo fordere die ganze Verſammlung auf, daß ſie ihre d A „ ſpruͤche angeben und Dich einer Lockung oder Verfuͤhrung beweiſen. Spricht Dich es nicht frei, ſo erwarte was D Dir unſre Sitte fuͤr Recht ſpricht. G Andreas war Iberkofgt er hatte von einer Verſammlung gehort, aber er hatte nicht gefragt zu welchem Behuf. und in wel⸗ cher Ab ſicht. „Ich fordre jede von Euch auf, Maͤd⸗ chen und Weiber, ſagte er nach einer kleinen Pauſe, nderen Tugend ich auf die mindeſte Weiſe in Gefahr geſetzt oder welcher ich ei⸗ nen Anſpruch auf mich gegeben habe, hier vor dem Oberrichter zu erſcheinen und mich anzuklagen? Alles ſchwieg. Er wiederholte ſeinen Aufruf zum zweiten und dritten Mahle, und ſchweigen blieb die Antwort. „Alles ſchweigt,« ſagte dann ein altes Zigennermuͤtterchen, welches krumgebuͤckt am Stabe vortrat,„ſo will ich reden. Ich bin Wittwe und noch einige Wittwen ſind unter uns— wollen wir Wittwen nicht das fuͤr Beleidigung halt ten, daß uns Andreas ver⸗ achtet?“ „»Wir wollen es!« riefen einige Stim⸗ men,„und ihn dafuͤr ſtrafen, wenn der Ober⸗ 1 r 23 richter abgetreten iſt, und ihn anſerm Ge⸗ richte übergeben hat!* „Junge Dirnen, ſo ſtattlich und ſchoͤn; flink wie Rehe und verliebt wie Turteltäub⸗ chen, e rief die Alte,„wollt ihr es nicht fuͤr Beleidigung halten, daß Undreas Euch ver⸗ cchtet und Annen„Euch vorzieht?* 44. „Wir wollen es 1 ⸗ riefen ſie unter Ge⸗ laͤchter und Haͤndeklatſchen, vund wollen es raͤchen und ſtrafen, wenn ihn die Wittwen unſerm Gerichte uͤbergeben haben!e— „Noch eins, Oberrichter, 64 fuhr die Alte fort,„kann Andreas nach unſrer Sit⸗ te beweiſen, daß er das geſetzmaͤßige Probe⸗ jahr Annen abgelegt hat, da er noch nicht ſo lange bei uns war?! „Deine Frage iſt gerecht und billig, verſetzte der Oberricher, vaber beantworten muß ſie Anna.« „So frage ich noch einmal,« fuhr die Alte fort,„hat Andreas ſein Liebchen die ganze Prodezeit treu und unwandelbar ge⸗ funden 2 ℳ „Rein wie Gold,“ eief Andreas, Aund treu wie das Licht dem Tage! 14 —„Hurrah! Hurrah!⸗&c erhob ſich ein Kreiſchendes Geſchrei, der Oberrichter ent⸗ kerm .9 A Ko 25 fernte ſich und die Witwen bemaͤchtigten ſich Pataſch's und banden ihn mit Stricken. 8* Ganz auf aͤhnliche Weiſe wurde dar⸗ auf Anna verhoͤrt und Frage auf Frage folg⸗ te wie hier, bloß mit der Ausnahme, daß ſich Wittwer und Junggeſellen nicht beleidigt kanden, daß ihnen Pataſch vorgezogen worden ſei. Sie ward mit Blumen bekraͤnzt und unter Abſingung folgender Strophe aus deng Kreiſe gefuhrt:“ Schoͤnes Bluͤmchen, Liebe, Wie ſchoͤn, wie ſchoͤn biſt Du! Wie gluͤcklich, wer dich üindet! Um deſſen Leben windet, Sich ſuͤße ſanfte Ruh: Schoͤnes Bluͤmchen, Liebe! . Unterdeſſen hatten die alren Zigeune⸗ rinnen allerlei Scherz mit Pataſch getrieben: Sie hielten ihn gefeſſelt und eine nach der andern trat vor ihm, erzaͤhlte ihre guten Ei⸗ genſchaften mit ſchneller Geſchwaͤtzigkeit und verlangte unter aller hand laͤcherlichen Ge⸗ behrdungen ſeine Rechtfertigung, warum ſie voß ihm hintenan geſett worden ſeitk 25 So wenig das Poſſenſpiel den enſtha kten Andreas beluſtigte, ſo drang ihm doch vieles ein unwillkuͤhrliches Laͤcheln ab; und bei dem Haufen erregte er durch ſein linkes Beneh⸗ men, da er der Zeremonie noch nie beige⸗ wohnt hatte, oft ein tobendes Gelaͤchter. Nach Willkuͤhr, nachdem er ſich mehr oder weniger gerechtfertigt hatte, erhielt er von jeder eine Anzahl Streiche mit dem ledernen Knieguͤrtel, und ward darauf den Maͤdchen uͤberliefert, welche wie ein Bienenſchwarm uͤber ihn her ſielen und ihn mit tauſend Recke⸗ 4 reien belegten. 1 Man waͤhlte eine Richterin, und. der 1 geſammte Haufe trug ihr das Verbrechen des Gefangnen vor und verlangte mit Unge⸗ ſtuͤm ſein Urtheil. Die Richterin fand die Sache wichtig, erwaͤhlte ſich einige Beiſitze rinnen, und nun ward die Sache in Ueberle⸗ 3 gung genommen. Das Urtheil wurde publizirt und der 4 Gefangne wurde zu zehnmahligem Gaſſen⸗ laufen verurtheilt. . Das Urtheil ward mit ggatem Zubel⸗ geſchrei beifaͤllig aufgenommen, und im Nu ſtanden die Maͤdchen in zwei Reihen,hatten ihre Halstuͤcher abgenommen, und zu Stricken ge⸗ 7 KSA N 22 dreht, erwarteten den Verurthellten, und Andreas= mußte ſich der Strafe unterwer⸗ fen. 3 8 Schon war er fuͤnf bis ſechs Mahl durch die Reihen, als die jungen Burſchen unter oben angefuͤhetem Geſange in aller Ord⸗ nung mit Annen angezogen kamen. Sie ſchienen verwundert, was da vor⸗ gieng, erkundigten ſich bei den Weibern, und kaum erfuhren ſie die Verurtheilung ihres Ge⸗ ſellen, ſo ſtuͤrzten ſie auf die Maͤdchen los, ſuchten ihnen die Tuͤcher zu entwinden, und das Getuͤmmel war allgemein. Hier ſiegte eine Parthie, dort unterlag die andere, hier ergrif eine die Flucht und da und dort zog lautes Gelaͤchter die Aufmerkſamkeit der Zu⸗ ſchauer bald hie bald dahin. Auf einmal erſcholl Trommel, Pfeifen, Triangel, Clarinetten, Hoͤrner und Trompe⸗ ten— und das wilde Getuͤmmel loͤſte ſich eben ſo ſchnell in mehreren Tanzparthien auf, und ein allgemeines Vergnuͤgen belebte die ganze Horde vom Greiſe bis zum klein⸗ ſten Kinde. Andreas ward vom Getuͤmmel fortge⸗ riſſen, er war der Koͤnig des Tages, und Weiber und Maͤdchen forderten ihn eine nach der der andern zum wilden Tanze, fo baß er am Ende ganz ermattet um Verſchonung bitten mußte und ſich unvermerkt forkſchlich. Eine geraume Zeit ſpaͤter kam Anng. Der Tanz hatte ihren Schuhen die Vollendung gegeben, ſie erſchien in bloßen Fuͤßen. „Ich bemerkte es wohl,“ rief ſie heiter, „wie Du Dich entfernteſt; allein noch konnt' ſch mich nicht losmachen, weil ich beſorgte, durch meine Weigerung die Freude zu ſtoͤhren. Etwas wild ſind hier die Aushruͤche der Freu⸗ 4 de; aber ich glaube faſt, der Genuß derſel⸗ ben iſt hier reiner, als in fuͤrſtlichen Prunk⸗ ſaͤlen.« „Wenigſtens,“ 65 erwiederte Andreas laͤchelnd,„iſt ſie mit einem Rauſche beglei⸗ tet, welcher anzuſtecken ſcheint. Der An⸗ blick ſo vieler von Freude berauſchter Geſich⸗ ter, ließ mich verſchiedne Mahl unſer Ver⸗ haͤltniß vergeſſen; aber Dein Anblick erin⸗ nert mich wieder um ſo ſchmerzhafter dar⸗ 3 an. 6 na, indem ſie ihren Arm um ſeinen Hals ſchlang,„und faſſe mit feſtem Blicke die Ge⸗ genwart, und ich denke wir wollen dann un⸗ ſerm Schickſale wünch Freude abgewinnen. „Vergiß die Vergangenheit,“ rief An⸗ eAAv 29 „Vergeſſen!« ſagte Andreas bedeu⸗ tend und druͤckte ſanft ihre Hand—„ver⸗ geſſen, daß Dein Herz das ſchoͤnſte Loos des Menſchen verdiente!“ „Find ich es nicht in Dir 2“ erwisder⸗ te ſie im ſchmelzenden Tone—„koͤnnen dieß Loos mir Glanz, Ehre, und alle Schaͤtze der Erde wohl geben?— Ich vergeſſe alles um mich her, ſehe nur Dich und fuhle mich gluͤcklich in Deinem Beſitz⸗ 1 „Die Reſignation iſt einzig,“ entgeg⸗ nete Pataſch—„ und ich muß bekennen, daß ich nicht Staͤrke der Seele genug beſitze, mich dem Verhaͤngniß ſo gleichmuͤthig hinzu⸗ geben.— ⸗ „Dafuͤr biſt Du Mann,“ ſagte Anna; „vom maͤnnlichen Karakter— was wuͤrdeman von ihm halten, wenn er die weibliche Bieg⸗ ſamkeit und Nachgiebigkeit beſaͤße?— Mei⸗ ne Liebe wird Dich unterſtützen, und liebſt Du mich wieder, ſo wird Deine Feſtigkeit in meiner Biegſamkeit eine ſanfte Milderung, und ich dadurch die füſſeſte Belohnung meis ner Liehs finden.“— 5 Das vierte Kapitel. Andreas der Nagelſchmid; Bes⸗ weis der Liebe; Warnung. Da folgenden Tag ſetzte die Horde ihren Zug forr bis nach einem Dorfe, welches nur gegen zwei Meil len entfernt war, und kehrte in der Schenke ein, welche eine gute Strecke jenſeits abgeſondert lag.. Der Wirth bewillkommte alte Bekann⸗ te, und war mit Frau und Geſinde uͤberaus geſchaͤftig ſeine Gaͤſte zu empfangen und zu bewirthen⸗ Scheune und Schuppen wurden ſogleich ge zfnet, wovon auch die Geſel ſchaft ſogleich Beſitz nahm. 4 MNMun reiſen wir etwas bequemer,“ fagte der Oberrichter zu Pataſch,„da wir uns nicht ſo durchſchleichen muͤſſen. Bei 44 unſerm Gevatter Wirth ſinden wir unſere Geräͤthſchaften und Zelte, unſere Karren, drei Pferde und zwei Eſel; das vierte hat er verkauft, um die Fuͤtterung zu beſtreiten, da wir dieſes Mahl etwas lange ausgeblie⸗ ben ſind; indeſſen ſollen es uns die Anger⸗ auen zehnfach erſetzen und uns auch fuͤr 1 A.n 31 beſchwerlichen Marſch entſchaͤdigen, welchen wir durch ihr Land gehabt haben.— Und hier Gevatter, mußt Du nun auch der Ge⸗ ſellſchaft nuͤtzlich werden, und es kommt auf Dich an, wie Du den Anfang machen willſt. Entweder Du ergreifſt ein Gewerbe; das heißt: Du flickſt Keſſel, oder handelſt altes Eiſen ein und ſchmiedeſt Raͤgel, oder trelbſt Handel mit unbedeutenden Waaren. Keſſel⸗ flicken und Naͤgel ſchmieden mußt Du erſt ler⸗ nen, der Handel lernt ſich von ſebſt. Dieß iſt der erſte Grad in welchen bei uns alle neue Mitglieder aufgenommen werden, die ſich in unſre Geſellſchaft begeben wollen und in welchen Alte wieder zuruͤcktretenzindeſſen mit dem Unterſchiede daß ſie an jeder Beute glei⸗ chen Antheil haben. Der Gewinn bei dieſen Ge⸗ werben iſt nicht betraͤchtlich; aber er wird anſehnlicher, wenn Du dabei fleißige und gu⸗ te Kundſchafſt bringſt, wo dieſer und jener ſehr fuͤglich von ſeinem Ueberfluſſe entbehren kann. Du wirſt mich leicht verſtehen. Der zweite Grad iſt, mit den Braven auszuflier gen, Wache ſtehen und ausſpioniren, daß ſie in Sicherheit Beute machen koͤnnen, und die Beute fortſchaffen. Du wirſt ſehen, daß dies ſchon etwas mehr ſagen will, und es bahnt 22 reSeen lohnt zum dritten Grade den Weg. Den erſten Grad kannſt Du uͤberſpringen; aber nicht den zweiten: in dieſem muſt Du erſt lernen mit unſern Werkzeugen umgehen, durch welche wit uns graden Weg zu den Spaur⸗ buͤcſen dahnen, und andere kleine unſtſtuͤk⸗ ke mehr, die eine binläͤngliche Uebu⸗ g erfor⸗ dern. Bis in die Nacht haſt D Du Bedenk⸗ zeit⸗ dann ſellſt Du Dich in der geheimen Verſamlung ein, erklaͤrſt Dich und wieder⸗ hohlſt Deinen Bundeseid.—6 „Wozu das letztere? 20 fragte Pataſch— „Huͤte Dich in Zukunft die Frage wie⸗ der aufzuwerſen,e antwortete der Oberrich⸗ ter—„ unter vier Augen kann ich ſie Dir noch als Neuling verzeihen⸗ aberi in der Folge — ͤͤ nicht mebhr: nie aber wird ſie Dir verzeihen, wenn Du ſie vor Deinen Mitbruͤdern fallen laͤßt. Du wirſt heute erfahren, daß es zu den erſten Pflichten gehoͤrt, es dem Oberrichter anzus zeigen, wenn iegend einer die Frage: wa⸗ 3 rum das? laut werden laͤßt. Stummer un⸗ 1 bedingter Gehorſam jſt die Grundlage unſes 1 rer Verbindung, und dieſe muß unerſchuͤtt. bewahrt werden. Das Uebrige dieſe Racht! 1 Nachdenkend kam Pataſch zu An n, und heines wie immer, wenn. auch ihr in eine Nebelwolke des Traurens gehaͤllt war, huͤpfte ſie ihm entgegen und rieb ihm mit der flachen Hand die Falten von der Stirne. „Komm Lieber,e ſagte ſie zaͤrtlich, vich will Dir nachdenken helfen, und dann auch Dir etwas mittheilen, woruͤber Du mir Deine Meinung ſagen kannſt.—« Sie giengen Arm in Arm in den klei⸗ nen Garten und ſetzten ſich unter einen Baum nieder. 33 „»Nun laß hoͤren!« forderte ſie ihn mit einem zaͤrtlichen Kuſſe auf.— „Eine unbedeutende Kleinigkeit,« ſag⸗ te Andreas;„der Oberrichter hat es mier angekuͤndigt, daß ich nun auch der reſpek⸗ kabeln Geſellſchaft nuͤtzlich werden muͤſſe, und hat es mir frei geſtellt: ob ich Keſſelflicker, Nagelſchmidt, Hemdeknoͤpfchenkraͤmer, oder Schildwaͤchter der Raͤuber werden will—« „Und was willſt Du? ⸗ fragte Anna zaͤrtlich—„ſoll ich fuͤr Dich waͤhlen?— ⸗ „Waͤhle!« ſagte Pataſch, umarmte ſie und erſtickte den Seufzer, der gepreßt in ſeiner Bruſt aufſtieg.— Sie zeigte auf den Hofplatz. „»Siehſt Du den alten RNimrod dort mit ſeiner Ante? &„G⸗⸗ 34 rA „Gefält Dir die Beſchaͤftigung? 84⁸ fras. te Pataſch geruͤhrt. „Nicht uͤbel!« antwortete ſie heiter— ich denke mir dabei eine angenehme Abſon⸗ derung. Ante ſchuͤrt die Kohlen, ſetzt ſie mit dem Blaſebalg in Gluth und Nimrod ſchmiedet ſich das gluͤhende Eiſen auf einem Steine zu und richtet dann auf den Nagel⸗ amboſen, die auf ſeinem Karpen Mit Fuͤßen pefeſtigt ſind, die Naͤgel zu.— „Er iſt ein abgelebter Jegner a er⸗ welederte Andreas,„und hat an jeder Beu⸗ te Antheil. Ich hingegen ziehe nur einen Theil des Erwerbs und was man mir zu: wirft, wenn ich verrathe, wen es ſich der Muͤhe verlohnen koͤnnte zu beſtehlen. K „ Haͤngt das letztre nicht von Dir ab! 2ℳ entgegnete Anna— nund ich ſtelle mir vor, man kann ſich leicht daran gewoͤhnen, die noͤthigſten Beduͤrfniſſe mit ſehr einfachen Mit⸗ teln zu befriedigen. Endlich— vergit Du, daß wir immer noch eine ganz anſebnliche Zubuße haben an dem, was uns Benedikt uͤberliefert hat, des Zehntens ungeachtet, welchen wir an die Gemeinkaſſe abgeltefert haben. K 8&⏑4 n 95 „O9— koͤnnte dieß Mittel werden, rief Pataſch leiſe und druͤckte ſie feſt an feine Bruſt,“ uns unſre Freiheit zu verſchaffen! ein Lichtſtral von Hofnung ſchießt blitzſchnell vor meinen Augen hin— ich werde Nagel⸗ ſchmidt! und will uns das Gluͤck wohl, ſo reicht eins dem andern die Hand, und— Die ſchwarze Cather kam mit Goldchen an der Hand und ihrem Kinde auf dem Ar⸗ me— „Goldchen verlangt nach Memmchen,“ ſagte ſie,„und lange wollt' ich euch nicht ſtoͤh⸗ ren, weil Ihr wohl die Hochzeit verabredet. Soll ich euch wahrſagen, Kinderchen? Andreas Du biſt ein ſtolzer Burſche und haſt großen Sinn. Huͤte Dich vor Die ſelbſt, Du biſt Dein gefaͤhrlichſter Feind. Du brichſt leicht in Zorn aus und bereueſt zu ſpaͤt: das zu Aſche verbrannte Hoſz kannſt Du durch keine Reue und Kunſt wieder in Holz verwandeln— „Ich danke Dir, gute Cather,“ un⸗ derbrach ſie Andreas lachend:„verſpare Deine Kunſt bis nach meiner Hochzeit, Du moͤch⸗ teſt mir ſonſt mein Liebchen abwendig machen; denn was Du eben ſagteſt iſt nicht ſo beſchaf⸗ fen, daß es mich belieht machen koͤnnte.—*⸗ C 2 Dann „Dann wuͤrde ſie Dich wohl nicht lieb haben,“ verſetzte Cather;„ich wußt es ja rocht gut, daß mein Amſchel ein Zankteufel iſt, wenn er nur zehn Mahl aus der Flaſche geſchluckt hat, und daß er eiferſuͤchtiger iſt, wie ein Brunſthirſch, und dennoch hatt' ich ihn lieb, und habe ihn noch lieb, wenn er auch mir bisweilen den Buckel voll blaͤuet: ich denke: weil er ſo eiferſuͤchtig iſt, muß er dich auch lieb haben, und dafuͤr kann ich ja auch wohl mit unter ein paar Schlaͤge aufhucken.“ „Bleibe bei dieſem Glauben, gute Cather,“ ſagte Andreas lachend,„ich ſtehe Dir dafuͤr, er wird Dir auch manche andre Muͤhſeligkeit erleichtern.“ „Ich glaub' es,“ ſagte ſie verkraut, und ſetzte ſich neben ſte;„aber, Kinderchen, ich will Euch auch etwas im Vertrauen ſagen, wenn ihr mich nicht verrathen wollt— wenn ihr euch ſo abſeits ſchleicht, ſo ſchneidet nicht ſo wunderliche Geſichter, beſonders Du An⸗ dras. Jetzt entſchuldigt man Dich wohl noch mit dem Braͤutigam, aber bald wird man Verdacht ſchoͤpfen, daß Du geheimer Unzu⸗ friedenheit nachhaͤngſt, man wird Mißtrauen in Dich ſetzen, und leicht kann Dich dann 3 dein ¹Sachzorn in verdauliche Haͤndel ver⸗ wickelh OrAsFAr 327 wickeln— Hul wie ihm ſchon der Kamm ſchwillt! willſt wohl gar mit mir daruͤber Lermen anfangen und mir meine gute Wei⸗ nung mit Verdruß belohnen?—* „Das will ich nicht!“ erwiederte An⸗ dreas feſt; vich danke Dir fuͤr die Warnung; aber— 8 Anna kuͤßte ihm das Aber vom Mun⸗ de und deangte es in's Herz zurüch. Das fünft Kapitel. einfict in die Oebenssertinbuns. D. weibliche gheit der Horde ſchlief ſchon groͤſtentheils in der Scheune auf Stroh hingeſtreckt, eine Bequemlichkeit, welche ſie eine geraume Zeit nicht genoſſen hatten; und ſo auch Kinder und Alte; nur die Braven und Mitglieder des zweiten Gra⸗ des und— Andreas wachten und erwartes ten den Wink zur geheimen Verſammlung. Der Wirth kam und rief ſie ab. Alle waren n hies bekannt wie zu Hauſe. Man 3 gieng 38 ALn in einen tiefen Keller und Andreas hoͤrte, daß der Wirth hinter ihnen zuſchloß. Nimns „Hier ſind die Voͤgel gefangen! dach⸗ te Pataſch wie er dieß hoͤrte—„nun darf der Wirth nur ins Dorf gehen, der wehr⸗ loſe Theil ſchlaͤft ruhig und wir find Wehelns gemacht!“ Durch eine Thuͤr in dieſem Keller ge⸗ langten ſie in einen zweiten, in welchem ein langer Tiſch ſtand mit Baͤnken und Stuͤhlen. Auf dem Tiſche brannten Lichter, die Waͤn⸗ de hingen voll Waffen und ringsum ſtanden Kiſten und Koffer von alerlei Geſtalt und Groͤße. mer auf den Tiſch, alle ſetzten ſich in bekann⸗ 8 Der Oberrichter klopfte mit einem Ham⸗ ter Ordnung und fuͤr Pataſch blieb kein Sitz uͤbrig. Auf ein zweites Zeichen des Oberrich⸗ zers herrſchte eine tiefe Stille und der Ober⸗ richter ſagte im feierlichen Tone. „Andreas Pataſch, Dein ungluͤckliches Schickſal hat Dich unter Menſchen gefuͤhrt, die zum Theit eben ſo ſehr, und zum Theil noch ſchlimmer vom Schickſal und von ihren Mitbruͤdern behandelt worden ſind. Die Zeit wird Dich naͤher mit ihnen bekannt ma⸗ 3 n ihn am St. Andreastage, an welchem ſich 39 machen, und magſt dann ſelbſt urtheilen, ob ſie zu entſchuldigen, ſind, daß unter ihnen eine Verbindung. beſteht, die ſie zur Geißel der Ungerechten, Habſuͤchtigen, Geitzigen, Reichen und aller Unterdruͤcker macht. We⸗ nigſtens glaub' ich, daß unſre Verbindung mehr. Nutzen ſtiftete als manche andere, die damit umgeht, dem. menſchlichen Verſtande Feſſeln anzulegen, und Dumheit und Aber⸗ glauben zu verbreiten, damit ſie um ſo un⸗ beſchraͤnkter herrſchen koͤnnen“ „Du ſiehſt, daß die Zigeuner nur Be⸗ bikel ſind. Einige Alte ausgenommen, ſind wirkliche Zigeuner, die Du hier vermiſſen wirſt; ſie taugen hloß zu kleinen Neckereien, ſind liſtig und verſchlagen, trefliche Kund⸗ ſchafter; aber ſie handeln ohne Plan und haben weder Feſtigkeit noch Muth Sie bleiben im erſten Grade unſrer Verbindung und unterſtuͤtzen den zweiten zuweilen, wenn er zu ſchwach iſt. Das Zeichen zur Flucht wiſſen ſie treflich zu geben; ſie wittern die Gefahr ſicherer als der beſte Spuͤrhund das Wild. Scheindar unterwerfen wir uns ihrem Koͤnige, einem Monarchen, wie es ſo viele gieht, und Du wirſt die Ehre haben f 40 eeee oft uͤber fuͤnfhundert Mann auf dem Andre⸗ asberge in—— zuſammen einfnden, und gemeinſchaftlich das Feſt unſers Schutzheili⸗ gen feiern, und dann ſich wieder in meh⸗ rern Abtheilungen zerſtreuen, Eine eigne Verbindung iſt die unſrige und vielleicht er⸗ reicht ſie mit der Zeit eine Staͤrke„Sdaß ſle etwas großes unternehmen kann. 31 a „Du haſt den Bundeseid bereits ab⸗ ne feierliche das Du allem unbedingt nachkommen willſt, was Du beſchworen haſt— Der Oberrichter entbloͤßte ein Schwerdt, ſtand auf und geboth ihm die drei Finger der rechten Hand drauf zu legen und ihm die Worte nachzuſprechen— die ganze Verſamm⸗ lung ſtand auf und hielt entblößte Dolche in die Hͤhe— „Jch bekraͤftige den abgelegten feierli⸗ Sid,“ ſagte ihm der Oberrichter vor,„auf Blut und Tod, und unterwerfe mich unbe⸗ dingt den Geſetzen der Verbindung, den Be⸗ fehlen des Oberhaupts und der Verſamm⸗ lung fofern) ſiemit unſern Geſetzen uͤberein 1 ſtimmen.“.. Amen! gelkegt: alſo bleibt hier nichts uͤbrig, als ei⸗ Verſicherung aufs Schwerdt, — 41 „Amen!e ſagte die gaie Verſommlüng. als Andreas nachgeſprochen hatte, jeder zuͤckte den Dolch in die Luft, und ſetzteſich wieder. Darauf uͤberreichte ihm der Oberrich⸗ ter eine kleine Papierrolle. 8 „Dieß, ſagte er,„ſind unſre Geſetze, wovon Du Dir eine Abſchrift nehmen wirſt— Warum dieſes und jenes ſo iſt, darf ich nicht fragen, ſie verlangen unbedingten Gehor⸗ ſam. Glaube aber auch nicht, daß Du hiet die ganze Verbindung vor Dir ſiehſt; bei drei Zigeunerhorden befindet ſich eine gleiche An⸗ zahl, welche den nehmlichen Geſetzen unter⸗ worfen iſt, und jede ihren Hauptmann hat. Je⸗ doch iſt jede Compagnie auf ihren Bezirk ange⸗ wieſen und bis jetzt noch getrennt, bis die Fol⸗ gezeit eine andere Verfuͤgung noͤthig macht.«⸗ „Und nun Deine Erklaͤrung, Andreas! — verlangſt Du in den zweiten Grad auf⸗ genommen zu werden, oder willſt Du eine Zeit, wie lange haͤngt von jedem ſelbſt ab, die Gewerbe des erſten Grades treiben:— „Ich will Naͤgel ſchmieden,« ſagte An⸗ dreas ungeduldig, und will bei dem alten Nimrod in die Lehre gehen.« „ Was Dir obliegt,“ ſagte der Ober⸗ richter gleichguͤltig, nfindeſt Du ſchriftlich— und und— kannſt nun abtreten—“ Er ward von zwei Nen pees durch einen ganz entgegengeſetzten Ausgang abge⸗ führt, und kam ganz zerſtöhrt zu ſeiner An⸗ na, die ihn ſehnſuchtsvoll erwartete. Sein Ehrgefuͤhl hatte eine harte Pruͤ⸗ kung ausgehalten: vor Menſchen dieſer Art, wie ein bittender Elient ſo lange ſtehen, und es gewiſſermaaßen als Gnade anſehen muͤſ⸗ ſen, daß man ihn in ihre Verbindung aufnaͤh⸗ me, hatte ſein Blut in Wallung gebracht, und bloß der Gedanke an Annens uͤberſchweng⸗ liche Liebe unterſtuͤtzte ſeine ſnkende deß ſung.= Das ſechste Kapitel. —— Andteas Heginnt ſeine 1erJe. 1* 9 Ar folgenden Worgen fand er die maͤnn⸗ liche Geſellſchaft ſehr vermindert und aͤußer⸗ te daruͤber ſeine Verwunderung gegen den Pbereichter, als er den Befehl ertheilte, 3368 Ane 4 daß die Rotte in einer Stunde aufbrehas ſollte. „Du wuͤrdeſe Dich nicht wundern,s er⸗ wiederte der Oberrichter,„wenn Du dieſe Nacht bei uns geblieben waͤreſt; Du haͤ teſt dann geſehen, wie ſie das Loos traf— es hoͤtte auch Dich treffen koͤnnen, wenn Dg Dich, wie alle Braven erwartet hatten, in den zweiten Grad aufnehmen ließeſt. Ich habe Dir ſchon geſagt, die Angerauer muͤß⸗ ſen uns entſchaͤdigen; und nun habe nur ei⸗ nige Tage Geduld, und Du wirſt ſebeg waß unſre Leute zuſammentragen werden, und wo nur immer moͤglich, befreien ſie auch ih⸗ re drei Kamraden Martin, Quas und Wen⸗ dehals, die man ertappt hat. Gelingt ih⸗ nen das; ſo wirſt Du noch eine Gewohnheit unter uns fennen lernen: dieſe Drei muͤſſen ſich rechtfertigen, daß ſie ergriffen worden die ganze Verſammlung entſcheidet, und föllt ihnen Unporſichtigkeit zur Laſt, ſo wer⸗ den ſie nach vorgeſchriebnen Geſetzen geſtraft, die erſt in der Folge zu deiner Kenntniz kommen.—& Jetzt gewann der Zug der Horde ein etwas anderes Anſehen. Das Gevaͤcke kam auf zwei Karren, und die Eſel hatten ihre Hen Herren. Der Oberrichter ritt und fuͤhrte den Zug an, und wie man das nachſte Dorf ins Geſicht bekam, ſo wurde mit abwech⸗ felnden Pauſen ein Marſch geblaſen und mit der Trommel begleitet. In dieſem Dorfe wurde mitten auf dem Dorfplatze unter zwei großen Linden Halt genlacht, und nicht lauge, ſo wurden von den Einwohnern und Einwohne⸗ rinnen Milch und andere Lebensmittel, theils zum Verkauf gebracht, theils hatte man be⸗ ſondre Anliegen, wegen welcher man die al⸗ ten Zigeunermuͤtter um Rath und Huͤlfe an⸗ gieng und ſie dafuͤr beſchenkte. 32 Hier begann Andreas bei dem altem Nimrod ſeine Lehrzeit; aber auch ſchon am folgenden Tage war dieſe beendigt, da er ſei⸗ nen Nagel eben ſo geſchickt wie ſein Meiſter und nach etlichen Tagen Uebung unglaich ſchneller verfertigte. Amm⸗ geſtel ſich ſelbſti in itram Geſcaf⸗ Ta aicete den Bann aam mit t werüglicher Geſchicklichkeit, und machte auch wohl Ver⸗ ſuche mit Hammer und Zange; und Gold⸗ chen— ſpielte unterdeſſen mit Blumen auf dem Raſen. 4 eLS 45 Andreags felbſt fand Zerſtreuung in an⸗ haltender Arbeit und lieferte ſo viel als Nim⸗ rod und noch ein zweiter. Indeſſen war bei allem Fleiße nur aͤußerſt wenig Gewinn, da Anna mehr mit dem Geben als mit dem Handeln Beſcheid wußte, und die auferlegte Taxe an die Gemeinkaſſe mußte immer aus eignen Mitteln beſtritten werden. Um Annen alle moͤgliche Erleichterung zu verſchaffen, kaufte Andreas ein Pferd und einen Karren mir zwei Raͤdern, auf welchen er ein Verdeck und einen zweiſitzigen Sitz aufſehen ließ. Dieſer Staatswagen hatte freilich viel Aehnlichkeit mit einer Karren⸗ huͤtte der Schaͤfer, indeſſen ſchuͤtzte er doch vor uͤbler Witterung und war fuͤr Goldchen vor⸗ treflich. I18 Die dritte Nacht langten ſchon zwei von den abweſenden Gehuͤlfen an, welche mit anſehnlicher Beute vorausgeſchickt worden waren und brachten die Nachricht, daß Mar⸗ tin und Quas ohne weiteres Verhoͤr auf die Feſtung geſchickt und an Karren geſchmzedet worden, und Wendehals gluͤcklich entſprun gen und gluͤcklicher Weiſe unterwegens zu 4 ſeinen Freunden gekommen ſei, welchen er ei nen ſehr hedeutenden Anſchlag mitgetheilt 3 hahe, 46 1 babe, weßwegen ſie wohl etwas ſpater an⸗ kommen wuͤrden. 1149 * „ Das ſiebente Kapitet. Ankunft in Huſchelbuſchel ze. „ Beunahe drei Wochen langte die Horde in der Herrſchaft Huſchelbuſchel ſpaͤter an, ais man geglaubt hatte, weil un weges ſo mancherlei vorfiel„ was die Reiſe verzöger⸗ te, da man von Zeit zu Zeit betraͤchtliche Beute einbrachte. Hierher war wieder die ganze Rotte beſchieden, um nach Recht und Oednung zu theilen und ferner Beſchluͤffe zu faſſen; und hier ſollte auch Pakaſchs Hochzeit gehalten werden.. In Doͤrfern und Staͤdtchen, in welche man duürchzog, erhielt die ſchoͤne Zigeunerin ungemein vielen Beifall, unb hie und da ſega te ſie auch einige Proben ihrer diromanti⸗ ſchen Kunſt unter dem Beiſtande der ſchwar⸗ zen Cather zum Erſtaunen ihrer Meiſterin ab, 8 * und uͤberbrachte Pataſch'n ſcherzend den ver⸗ dienten Lohn. Unter dieſem ſorgloſen Voͤlklein herrſch⸗ te ein immerwaͤhrendes Vergnuͤgen und eine unerſchuͤtterliche Geſundbeit. Der abgehoͤr⸗ tete Koͤrper tretzte jeder Witterung, und man fand es ſonderbar, als Pataſch und Anna einige Mahl kraͤnklich waren Indeſſen all⸗ maͤblig gewoͤhnte ſich auch ihr Körper an die Abwechſelung der Witterung und alle andere Unbequemlichkeiten dieſer Lebensart. Allein— damit war nur nicht die Haupt⸗ ſache gewonnen. Nie bemerkte freilich Pa⸗ taſch den geheimen Kummer der in Annens Herzen wuͤhlte, da ſie immer heiter vor ihm erſchien, und wenn er bisweilen ſich Luft zu machen ſuchte und faſt ſchon auf ihren kip⸗ den ſchwebte, ſo nahm ſie ihre Zuflucht zu ibrer Einbildungskraft, und ſchuf ſich ſuͤße Bilder der Hoffaung fuͤr die Zukunft, die ſich ihr um ſo moͤglicher darſtellten, je mehr ſie mit den Wuͤnſchen ihres Herzen im ſchönſten Verein ſtanden. D die Gutet— ſie hatte das Schich ſal faſt alte Gutgeſinnten— daß ihre ſchoͤn, ſen Wuͤnſche getaͤuſcht wurden. und— Andreas der Ragelſchmiedt, wie man ihm in algemeinen nannte, fuͤhlte ſich allerdings durch die ſanfte Ergebung ſeiner Gehuͤlfin aufgerichtet; allein zu em⸗ pfindlich druͤckte ihn des Schick ſals Schwere und zu ſehr ſchmerzten ihn die Wunden, die es ihm geſchlagen hatte, als daß er nicht un⸗ willkuͤhrlich von ſeinen Gefuͤhlen haͤtte uͤber⸗ raſcht werden und ſeine Faſſung verlieren ſollen. Staͤrker fielen dann ſeine Hammer⸗ ſchlaͤge und platteten das Eiſen, das vier⸗ eckig werden ſollte, oder zerſchlugen es ganz;z und war er dann bei ſolchen Ueberwaͤltigun⸗ gen allein, ſo warf er. Hammerund Zangen hin, ſtuͤrzte auf die Erde nieder und uͤber⸗ ließ ſich der Verzweiflung, bis ſein liebe⸗ voller Engel kam und ihn durch milde ſanf⸗ te Troͤſtung die Funke Hoſinung in ſeinem Herzen wieder belebte. Und dennoch mußten die beiden Leiden⸗ den, ſo erforderte es die Klugheit, an den Vergnuͤgungen des immer froͤhlichen Voͤlk⸗ chens Theil nehmen, um nicht Mehttauen au erregen. Einige Tage danerte: es, ehe ſic die Bra⸗ den alle in Huſchelbuſchel einfanden, Es war ein Flecken in einer uͤberaus romantiſchen Oe 8 rA 49 Gegend, ringsum mit Bergen umgeben, faſt zirkelrund, und keine zwei Stunden im Um⸗ fange. Durch daß keſſelfoͤrmige Thal, wel⸗ ches zwei ſchmale Eingaͤnge hatte, ſchlaͤngel⸗ te ſich ein maͤßiger Fluß, und uͤberall hatte die Goͤttin der Fruchtbarkeit ihre Wohltha⸗ ten im Ueberfluß ausgeſtreut. Auf einem Berge gegen oſten lag das Schloß des Beſitzers der Herrſchaft; ein Denkmal alter Bauart und alter Befeſtigung, eine feſte Burg mit ho⸗ hen Mauern und Wachtthuͤrmen umgeben, die Jahrhunderte dem Alles zernagenden Zahne der Zeit getrotzt hatte, Hier hatte der Beſitzer, ein Herr von Habelſchwerdt, die Ueberſicht ſeiner ganzen Beſitzung, zwei Walddoͤrfer ausgenommen, die wie ein fruchtbarer Garten vor ihm ausgebreitet lag, und der den Hauptort und drei nicht unbe⸗ traͤchtliche Dorfer enthielt.— Von undenklichen Zeiten her war ei⸗ ne Inſel, welche ein Arm des Fluſſes, nahe am Orte machte, ein Lagerplatz der Zigeu⸗ ner geweſen, und hatte auch davon den Rah⸗ men Zigeunerinſel. Das Burgarchiv verwahr⸗ te einem Kontrakt, welcher mehrmals erneu⸗ ert war, zufolge welchem der Grundhere ſich anheiſchig machte, die Inſel den Zigeu⸗ ge 4ALN nern bei ihrer jedesmohligen Ankunft, frei und ungehindert auf ſechs bis acht Wochen zu uͤberlaſſen, wofuͤr ſich der Anfuͤhrer und die aͤlteſten anheiſchig machten, daß die ganze Herrſchaft mit irgend einer Pluͤnderung und Raub verſchont, und jeder Unfug vermieden werden ſollte. Im Fall indeſſen ſich von dem Zigeunervolke doch jemand im Stehlen betre⸗ ten ließe, auch das kleinſte nicht ausgenom⸗ men, ſo ſolle der Beſitzer dreifachen Erſatz haben und der KThater remplariſch beſtraft werden. 4 Der jetzige Beſtter hatte dieſen Kon⸗ trakt nicht erneuern wollen, ungeachtet ihm der geſammte Rath den Nutzen vorſtellte, welchen der Flecken nicht nur, ſondern die ganze Herrſchaft von dieſer Allianz zoge, da man in der Landeschronik auch nicht einen Diebſtahl angezeigt faͤnde. Allein die Zi⸗ geuner beriefen ſich auf ihre uralte Gerecht⸗ ſame, gaben ihm unwiderſprechliche Bewei⸗ ſe, daß ihnen ſeine Burg weder zu hoch noch zu feſt ſei, hohlten ihm ſeine Schatulle und Kleinodien drei Mahl, ſchickten ſie ihm un⸗ verſehrt wieder, und ließen ſich nicht undeut⸗ lich vernehmen, daß ſie auch noch auf andre Art ihre gekraͤnkte Gerechtſame zu raͤch — — —2 AAn 51 wiſſen wuͤrden, ſo daß er es alſo fuͤr kluͤg lich hielt die Sache bei'm Alten zu laſſen, und die Gaͤſte, auch fernerhin alle zwei oder drei Jahr aufzunehmen, wenn ſie ſich ruhig ver⸗ hielten und ihn und ſeine Unterthanen unge⸗. I n 2 ⸗ zehndet ließen. Das achte Kapiten Eine Deputation. Den iſt angefuͤhrt, daß der Oberrichter zu Pataſch ſaste: es ſei den Unterthanen ein Feſt, wenn ſie ankaͤmen, und dieß fand der letztre auch wirklich. Der Zug gieng mitten durch den Flecken mit voller Muſik, und Fenſter und Gaſſen waren mit Menſchen an⸗ gefuͤllt,, welche die Gaͤſte mit lautem Jubel geſchrei bewillkommten, und uͤherall ſahe man Haͤndereichen und Umarmungen, und alle Aeußerungen des frohen Wiederſehens. Der groͤßte Theil der Einwohner folgte dem Zu⸗ ge auf die Inſel; alles beſtrebte ſich bei den Abpacken der Karren, Eſel und Buckel auf d23 die 32 die freundſchaftlichſte Art huͤlfreiche Hand⸗ reichung zu leiſten, und in kurzer Zeit wa⸗ ven die Zelte aufgeſchlagen und mehrere Huͤt⸗ ten von Erlengebuͤſchen errichtet, welche haͤu⸗ fig am Ufer ſtanden. 4 e Der Oberrichter ſchickte darauf eine De⸗ putation von Dreien, worunter ſich auch An⸗ dreas der Nagelſchmidt befand, an den Lan⸗ deshern, ließ ihn hergebrachter Maaßen be⸗* gruͤßen und ihm ſeine Ankunft melden und verſichern, daß er mit ſeinen Leuten, wie jedes Mahl, ſtrenge die Verbindlichkeiten des Traktats erfuͤllen und ſeine perſoͤnliche * Aufwartung machen werde, ſobald er Er⸗ 3 laubniß dazu erhielte. 2 Andreas war zum Redner erwaͤhlt wor⸗ den und zog die Aufmerkſamkeit des Frei⸗ herrn auf ſich. „Du warſt noch nicht hier,“ ſagte er, nachdem er die Begruͤßung mit geziemender Wuͤrde beantwortet hatte.“ Andr. Nein!— Freih. Wie heißt Du? ⸗ Andr. Andreas der Nagelſchmidt. Freih. Hat die Horde noch mehr ſo ſattliche Maͤnner bekommen; 9(nde 4. 3 85 NxR N felei aufs Aeußerſte zu bringen. Der Bu⸗ rA 53 Andr. Sie wuͤrde nichts gewonnen haben, wenn ſie mir glichen. Freih. Dein Geſicht, Deine Zuͤge, Deine Geſtalt, Dein Anſtand verſpricht ſehr viel, und das beſtaͤtigt Deine beſcheidne Ant⸗ wort. Koͤnnt' ich mir einen moͤglichen Zu⸗ ſammenhang denken, ſo wuͤrde ich glauben, Dich in ganz andern Verhaͤltniſſen ehedem ge⸗ geſehen zu haben. Gruͤße Deinen Oberrich⸗ ter— Er nickte der Deputation mit dem Kopfe ihre Entlaſſung zu und entfernte ſich. „Verſchone mich mit anderweitigen Auftraͤgen an dieſen kleinen Monarchen,“ ſag⸗ te Andreas zum Oberrichter,„als er die Antwort uͤberbracht, und die andern ſich ent⸗ fernt hatten,„dieß iſt der Freiherr von Ha⸗ belſchwerdt, mit welchem ich vorzeiten einen artigen Strauß gehabt habe, und wirklich erinnerte ihn auch meine Geſtalt an mich; aber er meinte, er koͤnne ſich keinen moͤgli⸗ chen Zuſammenhang denken. Er wuͤrde ihn vielleicht finden; wenn der Schurke Schlim⸗ mer die Bedingung erfuͤllt haͤtte: in oͤffent⸗ lichen Blaͤttern das Bekenntniß abzulegen, daß es ihm gelungen ſei mich durch ſeine Teu⸗ be be lebe nur noch, bis wir wiede in die ⸗ gend kommen!e⸗ „Andreas, e erwiederte der Oberrich⸗ ter,*Du ſtellſt Dich wie ein trotziges Kind, ſchimpfſt und ſchmaͤhſt, fobald Du auf den einzigen Schurken kommſt, der Dich aus dem Reſte warf. Solcher Schurken giebt es ſa uͤberall: warum beſchraͤnkt ſich Dein Grimm bloß auf den Einen?— Haſt Du nicht aus den Geſetzen unſers Bundes, wovon Du frei⸗ lich nur die erſten Linien kennſt, aus Ab ſich⸗ ten, die ich Dich bloß ahnen laſſen muß bemerkt, daß wir allen Schurkereien Zuͤch⸗ 4 tigung und Strafe zum Endzweck ſetzen? 4 Laß uns doch immer von den wenigen Red⸗ lichen verkannt werden! wenn wir uns nur nicht verkennen, die wir Kraft und Muth fuͤhlen uns zur Geißel der Buben einzuwei⸗ hen. Jene koͤnnen nichts aͤndeen und beſſern, weil ſie unter dem Drucke ſind; wohtan! ſo laß es ſuns thun! Ausfuͤhrlicher darf ich nur alsdann mit Dir ſprechen, wenn Du in ei⸗ nen hoͤhern Grad tritſt, wozu ich Dir als Freund eathe, aus ſehr triftigen Gruͤn⸗ den!— „Aus ſehr triftigen Gruͤnden? 24 Kogre Andreas mit verzognem Laͤcheln. „ Spötte „.„Spoͤttle nicht dartber, ſagte der Oberrichter mit Ernſt;„Du und Deine Anna —=˙= Ihr vergeßt in Euern Schwaͤrmereien Euer Verhaltniß— vergeßt, daß Ihr userall mit Spaͤhern umgeben ſeyd— vergeßt, daß es Eu⸗ re erſte Pflicht iſt, auf altes aufzupaſſen, was dem Orden Nachtheit’ der Vor! eil bringen koͤnne, und es miy und dem Aus⸗ ſchuß der Alten insgeheim anzuzeigen. 8 1 Fühlſt Du bald wasich fuͤr Gruͤnde habe?— „Es kommt doch wohl ue verſetzte Pa⸗ taſch,„auf Beweiſe an⸗ dhe n man n uns ver⸗ dammt!“* 1 „Allerdings!“ antwortete der Ober⸗ richter,„und traun! wenn es mir mei⸗ ne Pflicht erlaubte, ich koͤnnte Dir einiges ſagen, was Du felbſt für Beieis anſchen würdeſt.s enne „Das darf fſe Pu iat, as Freund ean 1 fragte Pataſch. 2 ¼ 9 „Nein!“ antwortete der Oberrichter feſt,„wuͤrde, es angezeigt, ſo ſchuͤtzt mich mein Amt nicht; ich werde von der ganzen Verſammlung gerichtet, und erklaͤrte man es der Verbindung nachtheilig, was ich Dir anvertraute, ſo heißt es Verrath und das Ur⸗ 4 56— Urtheil lautet:— vem Felſen geſtuͤrzt zu werden!“. „Sürchterlichenenſchen!« ſagte Pa⸗ taſch ſchaudernd. 135: Ae „Entreiße Dich Deiner Schlafſucht,« erwiederte der Oberr ichter laͤchlnd,„und verbrauſe Deinen Unmuth nicht in Hammer⸗ ſchläͤgen. Mit Deinen Naͤgeln kannſt Du keinen Schurken in Furcht ſetzen, wohl aber mit Deiner Unerſchrockenheit und Deinem Unternehmungsgeiſt. Es wird ſich Gelegen⸗ beit finden, daß die Braven ihre Abentheu⸗ er in ruhigen Stunden erzaͤhlen werden; merke auf, wie ſie Dich erbauen werden und ſieh zu ob du Dich mit ihnen verglei⸗ chen kannſt. Die Angerauer ſind ganz ar⸗ tig in Contribution geſetzt worden; ſie haben uns zwei Leute aufgefangen; ſorge aber nicht, fie ſtellen ſich gewiß wieder ein.— Geh, ſei meiner Warnung eingedenk!— KSe 1es, Das neunte Kapitel. Keine Freude ungetruͤbt. Di Warnung machte auf Pataſch'n ſehr tiefen Eindruck, da ſie ihm die Hoffnung einer gelegentlichen Befreiung nicht bloß be⸗ nahm, ſondern es ihm, wenn er ſich und ſeine Geliebte in Sicherheit ſtellen wollte, auch zur Nothwendigkeit machte, ſich mit⸗ einer Verbindung enger zu vereinigen und an Handlungen Theil zu nehmen, die er ver⸗ abſchete. R 25 6 Was baͤtte wohl in ſeinem Innern vor⸗ gehen koͤnnen, das Anna nicht bemerft hoͤt⸗ te! und unter ſanften Küuͤſſen lockte ſie ihm die Unterhaltung mit dem Oberrichter ab. „Das habe ich vorausgeſehen! ſagte ſie ruhig,„man hat ſich pon Deiner Maͤnna. lichkeit viel verſprochen und will ſich nun nicht getaͤuſcht ſehen.“ 8 1— „Aber was zu thun?⸗ fragte Pataſch⸗ aͤußerſt bewegt—„ in Sicherheit wuͤßte, waͤre mein Endſchluß⸗ leicht gefaßt.⸗““ N ) 2 84 Der, Eleonore, wenn ich Dich „Bergiſtt Du, Ferdinand;“ erwie⸗ derte Anna zaͤrtlich, awas wir uns ſo feierlich gelobt haben? eſch folge unzertrennlich Dei⸗ em Schickſale; gieb der Nothwendigkeit nach, und ich weiche nicht von Deiner Seite. — Wie haͤtte es mir entgehen koͤnnen, da uns die ſchwarze Eather⸗ warnte, daß man uns mit mißtrauiſchem Auge beobachtet? ich wollte Dlch es sber. ſelbſ wahrnehmen laſ⸗ ſent Sess hat mich mein Verhaͤngniß ohne Retuns zum Raͤuber verdammt!“ rief An⸗ eeas mit empoͤrtem Gefuͤhhe. „Um uns vielleicht um ſo eher aus ei⸗ ner Verbindung zu retten,“ fiel Anna unter herzlicher Umarmung ein;„ich koͤnnte Dir mehr als eine Moͤglichkeit aufſtellen, wie es geſchehen kannz aber Wie koͤnnten behorcht werden. Ermanne Dich, Ferdinand; hier feiern wir ja unſere Hochzeit! o ich konnte mit dem Obereichter zanken, daß er Die. Deine gute Laune zu dieſem Feſte verdorben hat, auf welches ich mich ſo ſehe gefreute habe.«. n* ⸗ Icht bin ein ſcwache Kind, 6 fäp K. Dieſer Ausruf ſchmer ezte Annen tief, da ſie ihn auf ſich anwandte; ſie ſchwieg und ihr niedergeſenkter. Blick ſollte die Thraͤ⸗ nen zuruͤck halten, die ſich ihr mit Gewalt in die Augen draͤngten, und jetzt wie Perlen an den Augenttwfmpern hiengen und einzeln über die Wangen hinrollten. Heftig fehloß er ſie an feine Bruſt: uhd eiß aͤußerſt bewegt.„ Ich fuͤhl es, wie Du das deuten kannſt— ich hatte aber meine Leidenſchaft im Sinn; laß ich mich nicht von ihr gaͤngeln und keiten? handle ich nicht immer leidend? Wo⸗ zeig' ich Verſtand und Kraft? ſie hat mich ſchwachſinnig gemacht und furchtſam— Gut dann! ich werde der Nothwendigkeit nachg⸗ ben und wilt einen Ver⸗ ſuch machen, wie ich mich: dts argehender Raͤuber beftnde!—. 3 een Die geſammte Rokte batte ſbon viel von Annens Hochzeit geſprochen. und Anna hatte ſchon diefe und jene Zütetituügen ber den Maͤdchen bemerkt, die ſich, wie ſie glaubte und ſich auch nicht irrte, darauf bezogen, und hatte ſich innig daruͤber ges freut; und nun— war ihre Freude ver⸗ bittert.— Das A. vierten Morgen as Anna aus ihren Haͤtte trat, ward ſie auf eine angenehme Art uͤberraſcht. Die Huͤtte war uͤber und uͤber mit Blumenkraͤnzen behangen, der freie Platz vor dem Lager war mit großen Bogen von gruͤnen Reiſern eingefaßt und der Weg von ihrer Huͤtte dahin war mit Blumen und grüs nen Zweigen beſtreut.. 84 Es war noch fruͤh; kein Laut im gan⸗ zen kager, eine tiefe Stille herrſchte uͤber die ganze Gegend, welche bloß durch das einzelne abgebrochne Saͤuſeln einer ſich bre⸗ chenden Welle und in der Ferne durch den lieblichen Geſang der Lerche unterbrochen wurde. Unwillkaͤhrlich ſaͤrzte ſe auf die Aufe⸗ breitete ihre Arme aus und blickte mit ſehn ſuchtsvollem Wehmuthsgefuͤhl gen Himmel Ihre Gefuͤhle waren zu gemiſcht, ſich zu wideeſprechend als daß ſie haͤtten in Wor⸗ 8 ,S 61 Worte uͤbergehen koͤnnen: die wonnige Freu⸗ de, die ſich bei dem Gedanken, daß ſie mit ihrem Ferdinand auf eine feſtliche Art verei⸗ nigt werden ſollte, aus ihrem Herzen ergoß, wurde zu ſehr durch den andern erſchuͤttert, daß ſie mit ihm aus der bisherigen einfa⸗ chen Lebensart gedraͤngt, und daß er an un⸗ rechtmaͤßigen Handlungen Theil zu nehmen sezwungen werden ſollte. 4 Andreas aͤberraſchte ſie noch in der Stet⸗ lung, unerachtet er eine gute Zeit ſpaͤter ſich don ſeinem Kummerlager erhob, weſches ihm erſt tief in der Nacht in einen ruhigen Schlum⸗ mer eingewiegt hatte. Er ſah, was dieſe Nacht vorgegangen war und errieth die Abſicct. „Man uͤberraſcht uns auf eine ange⸗ nehme Art,„ſagte er, indem er Annen auf⸗ hob und umarmte— und welch' ein Ge⸗ nuß wuͤrde es ſeyn, wenn unſre Herzen zur Freude geſtimmt ſeyn koͤnnten.“ »„Ich habe gebethet, ſagte Anne ſanft, und eine freudege Thraͤne zitterte in ihren ruhigen Auge—„und— ich fuͤh⸗ le mein Herz zu ſuͤßer Hoffnung geſtaͤrkt.— Laß uns unſer Vereinigungsfeſt mit getroſtem Derzen feiern! laß uns an der allgemeinen „. 63 NA Freude Theil nehmen, welche unſer ganzes Voͤlkchen beherrſchen wird, auf eine Weiſe, die ihnen Zufriedenheit mit unſerm Verhaͤl t⸗ niſſe beweiſen, und in ihnen den Argwohn ausloͤſchen kann, welchen bloß unſere Abſon⸗ derung erregt hat.“. Jetzt ſahen ſie die alte Ante konmen Rimrods Frau. „Gluͤck auf Kinderchen! le ſagte ſte ver⸗ guuͤgt—„was habt ihr fuͤr ein Feſt, daß eure Huͤtte mit Blumen beerazt und der Weg mit Blumen beſreut iſt? ſagt es mir, daß ich Euch gut Gluͤck ſagen kann!— er „Ich bin uͤberraſcht, gute Ante,“ er⸗ wiederte Anna,„und nur zum Schein ſtellſt Ou Dich wohl ſo fremd?— „Ihr wißt unſere Gebraͤuche nicht,«⸗ verſetzte ſie,„drum ſagt' ich zum alten Nim⸗ rod, wie ich euch vor der Huͤtte erblickte 2 ich will zu ihnen und ihnen dieß und jenes ſa⸗ gen.“ 4 „Fuͤr Deine Aufmerkſambeit,“ ſagte Andreas,„will ich dankbar ſeyn, und Du wirſt ſie doppelt verdienen, wenn Du uns von allem Unterricht giebſt, was wir zu thun haben.ce „Das willi ich,« Kinderchen,„ſetzt Euch! ich will mein Pfeifchen nur anbrennen, und wenn — See 6G wenn ihr etwas habt, ſo gebt ihr mir ein Fruͤhſtuͤck.⸗ 85 „Was willſt Du Mutter Ante?° fragte Anna,„foll ich Dir Kaffee kochen oder eine Milchſuppe? Ich habe noch etwas Kaffee; aber nur noch ſelten trinken wir ihn: wir ha⸗ ben uns ſchon ziemlich an Eure Lebensweiſe gewoͤhnt.“ „Kinderchen,« erwiederte die Alte, „ich ſag' immer, man genieße alles, was man haben kann, lerne aber auch alles ent⸗ behren, was man nicht haben kann; dadurch erhaͤlt alles einen hoͤhern Werth, was man wieder einmal genießen kann, wenn man es lange entbehren mußte. Schafft euch nur Zufriedenheit ins Herz und ihr werdet, glaubt der alten Ante, recht froh und vergnuͤgt le⸗ ben. Koch mir ein bischen Kaffee, Goldtoͤch⸗ terchen: ich trinke ihn gern!“ Andreas machte ſogleich Feuer an und Anna hohlte Waſſer und ſetzte alles in Bereit⸗ ſchfat. 1 „Kinderchen,“ hub dann Ante an, als ſie ſich an's Feuer geſetzt hatten,„mir iſt's auch nicht an der Wiege geſungen worden, was mir alles begegnet iſt; aber davon ein ander Mahl und jetzt von Eurer Hochzeit. 8 Ich 6 ½. Ich freue mich immer, wenn es eine Hoch⸗ zeit giebt, und Ihr werdet ſehen, wie herzlich und ungekuͤnſtelt die ganze Horde an Eurem Freudenfeſte Theil nehmen wird. Es iſt fuͤr die Eheleute eine angenehme Erinnerung und fuͤr die jungen Leute eine ſuͤſſe Ahndung, und alles uͤberlaͤßt ſich der Freude auf eigne Art. Hier leben wir, wie in einem Vaterlande, und darum werden die Hochzeiten immer aufgeſchoben, bis wir hieher oder auch an ei⸗ nige andere Orte kommen, die aber nicht beſ⸗ ſer ſind. 8* „Daß man uns aber nichts davon ge⸗ ſagt hat,“ unterbrach ſie Andreas— „Wenn Du Dich mehr um unſre Sit, ten bekuͤmmert haͤtteſt, Goldſohn,“ erwie⸗ derte die Alte laͤchelnd,« ſo wuͤrdeſt Du es laͤngſt erfahren haben. Du wußteſt doch, daß Deine Hochzeit hier gefeiert werden ſoll⸗ te; nun achten wir bei allem auf den Ein⸗ flus der Geſtirne, und Morgen ereignet ſich eine gluͤckliche Vereinigung und alle un⸗ ſere Leute ſetzen das voraus, daß Morgen Deine Hochzeit ſeyn wird, welches Dir auch der Oberrichter nun bald anſagen laſſen wird, wenn Du nicht ſelbſt zu ihm gehſt.— Nun merkt, was ihr zu thun habt. Heute iſt Vor⸗ hoch⸗ 5 1 hochzeit; alle unſre Leute erſcheinen geputzt mit Muſik und tanzend vor Eurer Huͤtte. Braut und Braͤutigam beſteigen jedes ein Pferd, welche man Euch mit Blumen und Baͤndern geſchmuͤckt vorfuͤhrt und Ihr ſtellt Euch vor den Zug. Unter abwechſelnder Muſik und Geſang fuͤhrt ihr den Zug vor des Ober⸗ richters Gezelt. Hier ſteigt Andreas ab, bittet den Oberrichter, daß er ihm erlauben moͤchte nach Sitte und Gebrauch ſeine Hoch⸗ zeit zu feiern und Freunde und Bekannte da⸗ zu einzuladen. Der Oberrichter antwortet Dir, daß er nichts dagegen habe, wenn Eu⸗ re Eltern eingewilligt haͤtten.— Nun habt Ihr keine Eltern; aber Kinderchen, Ihr muͤßt Euch ein Paar Alte auswaͤhlen, die Elteen Stelle vertreten. Dieſe antworten, daß ſie es laͤngſt gewuͤnſcht und nur auf die Erlaub⸗ niß des Oberrichters gewartet haͤtten.— „Ante und Nimrod,“ fiel Andreas ein, „werden wohl gern Eltern Stelle bei uns vertreten 1u— „Großen Dank!u anitvortete Ante freundlich„ das thut jedes gern, und man draͤngt ſich dazu; nur Geduld, bald werden ſich alle Alte melden, und ihr laßt das Loos entſcheiden, ſo hat keiner einen Vorzug.— Nun Nun ſchenk' ein, mein Pupchen, die Zunge iſt mir ganz ſtarr vom vielen ſprechen.— Mag's doch! ich ſpreche ja von Hochzeitma⸗ chen.—* Die Alte trank und fuhr fort: zum Schutzherrn, und wäͤhrend unſre jungen Leute einen beſondern Hochzeitstanz tanzen, der die ganze Sache in Mienen und Gebehr⸗ den vorſtellt, bitteſt Du, Andreas den Schutz⸗ herrn mit ſeiner Familie zur Hochzeit. Von der Burg gehts in das Staͤdchen, immer die Geiſtlichkeit und alle vornehme Buͤrger zur Hochzeit gebethen—« zu gehoͤrt Vorbereitung.—“ haſt Du nicht Sorge dafuͤr getragen!—« Pataſch ſah Annen bedenklich an— „Und auch auf die ungeladnen Gaͤſte mußt Du rechnen,“ fuhr die Alte lachend fort,„die leicht zahlreicher noch ſich finden koͤnnen.⸗« 31 — unter Muſik und Geſang, und abwechſelndem Tanz, und hier werden alle Rathsperſonen, „»Da liegt die Schuld an Dir, Gold⸗ 4 ſoͤhnchen,“ verſetzte die Alte lachend,„warum „Vom Oberrichter geht's auf die Burg „ pilft heiliger Andreas!« rief Pa⸗ „kaſch,„wie ſoll ich die Gaͤſte bewirthen? Da 8=KLA 6) „So will ich wenigſtens, fuͤr ſo viel Sor⸗ 1 ge tragen, als es mirrdie kurze Zeit erlaubt, ⸗ unterbrach ſie Andreas und ſtand auf. „Bleib nur Goldſoöhnchen!« erwieder⸗ die Alte und hielt ihn zuruͤck,„haſt Du nicht bemerkt, daß der Himmel uͤberall fuͤr uns ſorgt, wie fuͤr ſeine liebſten Kinder? iſt's auch nicht ſchefflich, ſo iſt's doch loͤfflich.— 3 Kommen wir heute im Lager wieder an: nun ſo bringen wir Euch in Eure Huͤtte, wuͤn⸗ ſchen Euch viel Gluͤck, eſſen, trinken was der Himmel beſcheret, und, tanzen, ſingen, er⸗ zaͤhlen Maͤrchen, und thun, was unſer Herz geluͤſtet.— e⸗ Andreas gieng nun zum Oberrichter, und wie er zuruͤck kam, fand er ſchon einen großen Theil der Horde in vollem Prunke um J ſeiner Huͤtte gelagert, die ihn mit lautem Inbelgeſchrei und Branntweinflaſchen in der Hand bewillkommten, und um Annen waren Naͤdchen und Weiber beſchaftigt, ſie hoch⸗ zeitlich zu ſchmuͤcken und zu putzen. Noch nie hatte Pataſch ſeine Mikgensſ⸗ ſen im Prunk geſehen, und der Anblick des 6 bunden fonderbaren Gemiſches veitzte ihn zum lachen. Hier ein hellrother Rock, dunkekro⸗ the Weſte, zerlumpte graue Leinwandhoſen 2 und R 1&E& mu au2 68 Srr n und bloße Fuͤße, dort ein gelber Rock uͤber ein erdgraues Hemde und lange Zwillighoſen: hier ein ſchwarzer Rock, dort ein bunter Man⸗ tel, hier eine mit goldnen Treſſen beſetzte Weſte ohne Kleid, dort ein großer Federhut; hier ein großes Schwerdt an der Seite, dort ein Paar Courierſtiefeln— alle Kleidungsar⸗ ten und Formen, bald dem Koͤrper uͤbrig groß, bald viel zu klein; ungleich mehr ſcheinende Farben als ſanfte, und immer in Widerſpruch; geoͤßtentheils kein voller Anzug, und iſt er es, ſo iſt er ſo ſonderbar zuſammengerafft, daß es ſcheint, als ob die Rotte ein Duzent Trô delbuden ausgepluͤndert und blindlings zuge⸗ griſfen und ſich angekleidet haͤtte; und dabei ſchritt jeder ſo ſelbſtgefaͤllig und ſtolz einher, als ſei er eine der wichtigſten Perfonen am Gal⸗ latage an Spaniens Hofe. Und welche Fe der koͤnnte die Gallakleidung der anweſenden Damen beſchreibe!“ Andreas hatte nicht Haͤnde genung den frohen Gluͤckwuͤnſchungen zu danken und käͤm ſo in's Gedraͤnge, daß er ſich nicht herau zu finden wußte. 1 rAARe 69 Marſch mit Clarinetten, Hoͤnern und Trom⸗ peten. Sogleich ſtellte ſich auch hier alles in Ordnung, und Trommel und Pfeiffen ſtimm⸗ ten in den Marſch. Hier waͤren die Feſtklei⸗ der ebenfalls bunt; indeſſen beleidigten die widerſprechenden Farben nicht ſo ſehr das Auge und alle waren doch wenigſtens be⸗ ſchuht, So wie ſich dieſer Trupy gelagert hat⸗ te, und die Brantweinflaſche zur Hand nahm, ſo hoͤrte manan der andern mondfoͤrmigen Spite des Lagers Zither Triangel und Tamburin. Dies kuͤndigte den Zug der jungen Weiber und Maͤdchen an. = Alles war in Bereitſchaft; zwei Pferde hielten vor der Huͤtte; s war faſt in Blumen verſteckt, und de Braͤutigam— hatte noch kein Feſtkleid. Kaum ward dies bekannt, ſo hatte wenigſtens die Haͤlfte von der erſten Abtheilung jeder ſein Staatskleid ausgezogen, hielt es ihm hin und er druͤckte ihn faſt im Gedraͤnge. 3 „Der Oberrichter machte indeſſen der aufdringenden Gutwilligkeit ein Ende; er hatte es vorausgeſehen und hatte ein ſchar⸗ lach ſammtnes Kleid bringen laffen. Frei⸗ lich mit Blumengehaͤngen und Kraͤnzen geſchm uͤckt, kleine Pfeiffen, 90 ASn lich platzte es uͤber die Schuldern als es Pa⸗ aaſch anzog, bis in den halben Ruͤcken; al⸗ lein dieß bedeckte ein Blumengehaͤnge und dem Mangel war abgeholfen. 1 r So buntſcheckig und disharmoniſch die Uniform dieſer Freibeuter war, ſo einfar⸗ big und harmoniſch ſtimmte die Freude alle Geſichter. Hier war kein kein Widerſpruch, keine freudenleere Miene, alles war Wetteifre und Anſtrengung.. iC nn r So begann der Zug, Braut und Braͤu⸗ tigam an der Spitze unter Muſik und lautem Jubel durch das Menſchengedraͤnge, welches⸗ ſich aus dem Flecken und Doͤrfern eingefun⸗ den hatte, nach der Burg. Der Oherrich⸗ ter ritt an der Seite und war bald hier bald. dort, um Unordnung zu verhinderrn.. ö““ Das eilfte Kapitte. 44 e 5 1415 dogete. e; En per des Nachm ittags kamen ſſte wies der in’s Lager zuruͤck und ein allgemeinern Reihentans ſchloß die heutige Feierlichkeit. Andreas hegab ſich zum Oberrichte and * rNn 21 und meldete ihm, daß er ins Staͤdchen ge⸗ hen und zu Morgen wenigſtens fuͤr etwas Mundvorrath und vorzuͤglich fuͤr Getraͤnke ſorgen wolle. „Dafuͤr hat der Ausſchuß der Alten hinkaͤnglich geſorgt,“« antwortete ihm der Oberrichter und fuͤhrte ihn hinter das Zelt nach dem Waſſer zu; und hier fand er auf zwanzig Zigeuner in voller Beſchaͤftigung. Ein Ochſe und zwei Schweine waren bereits geſchlachtet, und das nehmliche Schickſal drohte noch zwei Schweinen und vier Ham⸗ meln.— 3 h „Dies wird aus der Gemeinkaſſe be⸗ ſtritten,“ fuhr der Oberrichter fort,„die fuͤr jedes allgemeine Feſt Sorge tragen muß, wozu wir auch die Hochzeiten zuͤhlen, um Braut und Braͤutigam aller Sorgen zu uͤber⸗ heben, daß ſie ungehindert die Freude des Tages genießen können. Willſt Du ein Uebriges thun, da Du Geld haſt, ſo ſieh zu: ob Du ein Faß Wein anſchaffen kannſt, fuͤr die Burg Familie und fuͤr die Vornehmſten der Stadt. Es duͤrfte Dir leicht erſetzt wer⸗ den; und allenfalls kannſt Du auch von mit einen Vorſchuß erhalten.... a8 „Aber Brod?—« fragte Andreas. 4 „Dafuͤr ſorgt jeder Hochzeitgaſt,“ antwor⸗ tete der Oberrichter,„wie auch fuͤr ſeine Mahſgeit— jeder bringt ſein eignes Ger richt— eher ſein eignes Gericht 24 erwiederte Pataſch,„und wozu ſo viel Schlachtvieh? „Fuͤr jeden,“ antwortete der Oberrich⸗ ter,„welcher Eßluſt hat. Der Ochſe iſt Koͤnig des Feſtes; dieſer und auch zwei Schwei⸗ ne und die vier Hammel werden ganz gebraten. Sie ſtehen an Spießen zum Schaueſſen bis zu einem Scherz, und kaum wird das Zeichen gegeben, ſo draͤngt ſich alles hinzu, ein Stuͤck⸗ chen vom Hochzeit Ochſen zu haben— er⸗ warte den Scherz!— Wir haben auch faſt die ganzen Einwohner der Herrſchaft zu Gaͤ⸗ ſten— doch erwarte lieber, wie das Feſt ablaufen wird, als daß Du Dir es erſt er⸗ zaͤhlen laͤßt.* „Aber wozu die bizare gleidung 76 lenkte Pataſch ab— „Sie iſt dem Voͤlkchen natuͤrlich,“ antwortete der Oberrichter lachend,„wel⸗ echem wir uns einverleibt haben, um es zu unſern Abſichten zu brauchen; und weniger 6 wuͤrden wir dieſe bei ihnen als auch im all⸗ gemeinen erreichen, wenn wir nicht ſolche Ar. * Atleautnaden ſpielten, wo wir gedulder wir⸗ den.— 14 Ganz in demſelben Prunk zog den fol⸗ genden Tag die ganze Horde, maͤnnlich und weiblich, in die Kirche, und die Trauungs⸗ handlung wurde bei einem Zulauf von Men⸗ ſchen vollzogen welche die kleine Ortskirche nicht faſſen konnte. 6 Anna ward aͤußerſt gerührt: eickießes Wehmuthsgefuͤhl uͤberwaͤltigte ſie und der Kampf ihre Faſſung zu behalten und ihre Thraͤnen zu unterdruͤcken erſchoͤpfte ihre Kraͤfte, ſie ſank leblos am Altare nieder ünde — erholte ſich erſt nach geraumer Zeit.— 4 Sie ſchob es auf die mit Menſchen überfuͤllte Kirche, und ſchien heiterer als vor⸗ her; allein— welches Weib von Gefuͤhl kann ſich in ihre Stelle verſetzen und ihr nachfuͤhlen, was ſie fuͤhlen mußte. 10. Dieſer Vorfall hatte uͤbrigens keinen Einfluß auf die allgemeine Freude. Unter lautem Jubel fuͤhrte man das neue Ehepaar ins Lager zuruͤck und begann in mehrern Ab⸗ theilungen zu tanzen, nachdem die neuen Eheleute den Anfang auf dem eingefaßten Platze gemacht hatten. Man hatte ſich rings⸗ um geſtellt, warf ſie mit Blumen, rief ih⸗ nen nen allerlei Gläckwünſche zu, und jauchzte bei jeder geſchickten Wendung laut. 1 Darauf fuͤrte Andreas Anna dem Ober⸗ richter zu, welcher aber dem Eigenthums⸗ herrn den Vorzug ließ, indeß Andreas die Frau von Habelſchwerdt. aufzeg. Dies war das Zeichen, daß ſich uͤberall Paar und. Paar zuſammen geſellte, und Zigeuner und Gaͤſte in buntem Gemiſche in wildem Wirbel, drehte. , Gegen vier Uhr machte man eine Paus⸗ ſe, und unbemerkt ſahe ſich Anna von einer Parthie junger Maͤnner und Pataſch von Weibern umgeben⸗ man bemaͤchtigte ſich der Blumenkraͤnze und Gehaͤnge, womit ſie ge⸗ ſchmuͤckt waren und behieng ſie mit Stroh⸗ kraͤnzen und Strohgehaͤngen. Es gab ein wildes Gedraͤnge. und eine Menge Rippenſtoͤ⸗ ßez alle wollten von den Blumen haben, und Jäͤnglinge und Maͤdchen, raubten ſie einan⸗ der, jagten ſie einander ab, und kaͤmpften mit einander wie um ein Kleinod. Dieſem Getuͤmmel machte ein Trom⸗ vetenftoh ein Ende und gab das Zeichen zu einem ungleich groͤßern. Die Hochzeitsbra⸗ ten waren auf den Platz geſchaft worden und fuͤrchterlich war. der Anblick wie Maͤnnlich und Weiblich mit großen enthloͤßten Meſſern 8 Sturm⸗ Sturm darauf lief. Unter tobenbem Ge⸗ laͤchter riß einer dem andern, der ſchon im Begrif war ſich eines fetten Biſſens zu be⸗ maͤchtigen, hinweg, und ein dritter lief mit⸗ noch ſtaͤrkerm Gelaͤchter mit dem geloͤſten Stuͤcke davon. araen Der Eigenthumsherr mit ſeiner Fami⸗ lie, die Vornehmern der Stadt, der Ober⸗ richter die jungen Eheleute und der geheime Ausſchuß hefanden ſich auf dem eingefaßten Platze, wo man eine große Tafel beſetzte, und ſahen dem Getuͤmmel zu. Man hatte fuͤr die vornehmern Gaͤſte eine ordentliche Mahlzeit heſorgt und ſie ſelbſt lieferten auch ihre Beitraͤge. Dazu brachten die jungen Burſche auf Schuͤſſeln und in Haͤnden vor⸗ zuͤgliche Stuͤcke vom Hochzeitsochſen und den andern Braten, die in kurzer Zeit bis auf die Knochengerippe abgeſchaͤlt waren. Es war ein eigner Anblick, eine ſo große Menge Menſchen aus deren, Geſichte die Freude im hoͤchſten Durchbruche ſich dar⸗ ſtellte, in bunten Gewirre zu ſehen, und faſt jeder eine Flaſche unterm Arm ein Stuͤck Fleiſch in der Hand, in welches er unter Lachen und Scherz mit der groͤßten Begier⸗ 58 8* ) 7 1 de biß, der mit ſeinem Nachbar zheilte, der von ihm liſtig beraubt wurde.— Nach aufgehobner Tafel fuͤhrte man das neue Ehepaar unter Muſik und Jubel vor ſeine Huͤtte, ſetzte es auf Stuͤhle und uͤberreichte ihm Hochzeitgeſchenke, eine Men⸗ ge Sachen allerlei Art, zum Gebrauch und zum Scherz, und thuͤrmte ſie in zwei Hau⸗ fen vor ihm auf. Der Eigenthumsherr, die Buͤrger und andere Gaͤſte und auch die Bra⸗ ven ſchenkten Geld, jeder nach Stand und Vermoͤgen, und ſo klein mitunter auch diee ſe Geſchenke ausfielen, ſo haͤuften ſie ſich doch durch die außerordentliche Menge Men⸗ ſchen, die ſich mit ungekuͤnſtelter Freude hin⸗ zudraͤngten⸗ zu einer ganz anſehnliches 3 Sume Die eintretende Ra machte endlich dem Freudenfeſte fuͤr heute ein Ende; alles eilte zur Ruthe, um den folgenden Tag er⸗ Foiat und, Beſtaͤrke das Nachfeſt ju ftiern. rAn Das zwoͤlfte Kapitel. Abmarſch. 7 Ucber einen Monath blieb die Horde auf der Inſel bei Schlupfthal, und Andreas ſetz⸗ te ſein Gewerbe mit allem Eifer fort. Wie uͤberall, ſo erregte aͤuch hier An⸗ ne, des Nagelſchmiedts Frau, Aufmerkſamkeit, und jederman, der etwas Menſchenkenntniß ſich erworben hatte, vergaß bei ihr die Zi⸗ geunerin, ſo getreu ſie ſie auch kopirte, und ſchuͤttelte bedenklich den Kopf: wie wohl Saul unter die Propheten kommen moͤchte? Ezie betete unaufhoͤrlich Wort fuͤr Wort die hall⸗ ſinnloſen Zigeunerſpruͤchlein in Ton und Ale⸗ centuation der ſchwarzen Cather nach, und dennoch erhielten ſie in ihrem Munde ein ganz andres Gewicht, und wer ihr ſeine Heind zur Erklärung der Zukunft hinreichte, gla ub⸗ te eine Seherin de orzeit zu hoͤren. Als endlich de kbruch angeſagt wur⸗ de ließ der Oberrichter auch Pataſch ru fen. Mehrere Alte waren zugegen. Andreas,« redet er ihn an,„Du fiehſt hier einige des geheimen Ausſchuſſes 8— un⸗ unſerer Verfaſſung bei mir, die ſaͤmmtlich Deine Freunde ſind. Wir haben dieſe Nacht geheime Verſammlung gehalten und man hat laute Klage uͤber Dein traͤges Leben gefuͤhrt; eeeinige wollen ſogar ſchließen, daß Du nur auf Gelegenheit warteſt, Deinen Eid zu bye⸗ chen. Dieſe Maͤnner waren Deine Verthei, diger, und haben ihr Wort gegeben, um ei⸗ ne weitere Unterſuchung abzuwarten, daß Du ſogleich den zweiten Grad annehmen wer⸗ deſt, ſobald man Dir den Verdacht mittheile, in welchen Dich die Unwahrheit Deines jetzi⸗ gen Verhaͤltniſſes geſetzt habe. Der Be⸗ ſchluß ſiel denn dahinn aus, daß ſie es uͤber⸗ nehmen koͤnnten mit Dir zu ſprechen— er⸗ klaͤre Dich nun: haben ſie zu viel fuͤr Dich verſprochen?—« Pataſch hatte dies vorausgeſehen, als man ihn rief, und es kam ihm nicht uner⸗ „Nein ler ſagte e hau zu viel von mir b. terwerfe mich m — KA 79 Pruͤfung und keinen Mord der Unſchuldi⸗ gen.— „»Du wirſt uns noͤher kennen lernen,* ſagte Nimrod und reichte ihm auch die Hand, —„uns hat gewiß kein mildres Schickſal als das Deinige in unſer Verhaͤttniß ver⸗ flochten, und doch bin ich ſo alt worden, oh⸗ ne auf dem Hochgericht zu ſterben.— Die Nacht darauf wurde Andreas in den hoͤhern Grad aufgenommen, erhielt ei⸗ nen Paß als wandernder Nagelſchmidt von den Huſchelbuſchelſchen Gerichten unterſchrie⸗ ben, und verließ mit noch einen Aufpaſſer und zwei Braven den folgenden Tag die Horde. Auch dieß ſuchte Anna zu ertragen, ſo ſchwer es ihr auch fiel.— Sie war ent⸗ ſchloſſen ihn in maͤnnlicher Kleidung zu be⸗ gleiten; allein dieß ward ihr abgeſchlagen. »„Andere,“ ſagte der Oberrichter freundlich,„wenn wir Dir auch Murß und Feſtigkeit zugeſtehen wuͤrden maͤnnlichen Un⸗ ternehmungen beizuwohnen und ſelbſt der Ge⸗ fahr zu trotzen, die Dir den ſich darauf berufen unternehmung hindern oder die Gefahr ver⸗ nicht gleichen, wuͤt⸗ „ und wuͤrden die groͤßern, Was wir einem Mitgliede zuge, 8— ſtes 7 ſtehen, darauf kann jedes andre Anſpruch machen, und was einem abgeſchlagen wird, wirſt Du keinem andern erlaubt ſehen: dieß iſt billig und gerecht. Rechne uͤbrigens auf die Unterſtuͤtzung eines jeden unter uns;— doch darf ich Dir das nicht ſagen, da Du weiſt, wie ſehr Dich alle meines Geſchlechts achten und Deines Geſchlechts lieben.— Stumm hieng Anna an Pataſchs Hal⸗ fe, als er ſeinen Reiſebuͤndel geſchnuͤrt und auf den Ruͤcken geworfen hatte. Sie hoͤtte ihm gern ſehr viel ſagen moͤgen; al⸗ lein— die Beklemmung ihrer Bruſt erſtreck⸗ te ſich auch auf ihre Sprachorgane. Pataſch druͤckte ſie feſt an ſeine Bruſt — in etlichen Tagen ſeh' ich Dich dies⸗ mahl ſchon wieder,“ ſagte er leiſe, ließ ſie ſchnell los und rjesn⸗ ſich= Ay 81 Das dreizehnte Kapitel. Die Leſer nehmen Abſchied von den Raͤubern. Aadreas den Nagelſchmidt auf ſeinen naͤchtli⸗ chen Ausfluͤgen mit ſeinen Geſellen begleiten? wuͤrden dieß wohl gefuͤhlvolle Leſer billigen?— Sie wiſſen, daß er ſich nicht bloß an das Lebensverhaͤltniß, in welches ihn ſein rauriges Schickſal verwickelte, gewoͤhnte, ſondern auch, daß er ſich unter ſeinen Ge⸗ noſſen ſo viel Anſehen und Vertrauen erwarb, daß ſie ihn durch Mehrheit der Stimmen zu ihrem Anfuͤhrer waͤhlten, und ſogar dazu angen. Sie beſchuldigten ihn der Treu⸗ loſigkeit, als er Vorſtellungen und Einwen⸗ dungen vorbrachte und der Verratherei des Vertrauens, welches die Braven in ihn ſetz⸗ ten— und ſie wuͤrden ihn vor das allgemei⸗ ne Gericht gezogen und ihn verurtheilt ha⸗ ben, wenn er ſich geweigert haͤtte. Er war in der Verzweiflung in den Strom geſprun⸗ gen und ward von der Fluth forkgeriſſen, oh⸗ nae daß er einmahl Gelegenheit fand, einen Stamm, ein Boet, oder einen eingeſunknen Baum zu erhaſchen und ſich zu retten. 8 Sich Sich allein von einer Verbindung los⸗ zureißen und die Feſeeln zu zerbrechen, wie haͤtte er die Gelegenheit nicht finden ſollen! Und was lag ihm an ſeinem Leben, wenn es dabei in Gefahr gerieth oder gar ein Opfer wurde?— O wenn das Schickſal ſo grau⸗ ſam am Faden des Lebens nagt, wer konnte vor dem Zerreiſſen zittern und zagen?— Allein wie konnte er Eleonoren ſich ſelbſt uͤber⸗ laſſen, die ihn mit einer beiſpielloſen Reſig⸗ nation in's Elend begleitet hatte und mit ſo reinem Herzen an ihm bianae 5 die ent⸗ ſchloſſen war ihn ſelbſt in den Tod zu folgen. „Laß uns leben,“ ſagte 5 einſt nach einer vertrauten Unterhaltung, als man ihn zum Naͤuber eingeweiht hatte, nſo lange wir uns die Rettung noch moͤglich denken können und— uͤberzeugen mir uns von der Unmoͤglichkeit ſo— laß uns ſterben!— „Und wenn wir uns ſchon jetzt von der Unmdoͤglichkeit uͤberzeugen koͤnnten!« ſiel er heftig ein und drülckte ihr krompfbaft die Hand— 1 „ Schon jett3 grogte ſiezzrtlich⸗ ich die Meglicheatien auizäͤhlen— 3 eAn 8⅔ flaͤgen, die mir die Verbindung zur Pflicht macht, gefangen, und——« 185 „Vollende nicht!« fiel ſie erſchuͤttert ein—„ dieß iſt entgegen geſetzte Möͤglich⸗ keit, die mir eben ſo lebendig vor der Seele ſchwebt; aber wenn ich ſte mir ſelbſt denke, ſchaudre ich nicht— und mein Endſchluß iſt gefaſt— darf ich den Deinigen wiſſen, wenn ſie Dich ereilte?—«* „O der iſt ſo feſt und unerſchuͤtterlich wie der Felſen auf welchem wir ſitzen!« er⸗ wiederte er—„ich habe doppelt dafuͤr ge⸗ ſorgt/— Mag man den todten Koͤrper miß⸗ handeln— Ich werde mein Leben im Ge⸗ draͤnge, um Deinetwillen theuer erkaufen; aber bindet mir die Unmoͤglichkeit die Häͤnde mich zu retten, ſo ſoll ſie mir doch gewiß nicht die Haͤnde binden, mich vor der Schan⸗ de zu ſichern; und waͤren mir die Haͤnde zu Schuß und Dolch gelaͤhmt, ſo— hat mich Claus der Nattenfaͤnger mit Gift verſe⸗ hen. Sie umklammerte ihn feſt mit den Ar⸗ men und ihre Thraͤnen ſtroͤhmten ihm uͤber das Geſicht hin. „Weißt Du einen andern Ausweg, Eleonore?“ fragte er ſanft.“ 3 S 2„Wenn „Wenn es auf's Teußerſte kommt,“ antwortete ſie zaͤrtlich,—-„keinen!—(Hef⸗ tig) Gieb mir auch Gift, Ferdinand, daß ich den nehmlichen Tod ſeerhen kann, den Du ſtirbſt!“ 3 „Eleonore!“ rief er außer ſich „Willſt Du mir meine Bitte gewaͤhr ven?“ fuhr ſie ſanft fort— „Ich will!“ ſagte er feſt; ſobald ich mich wieder entferne, theile ich mit Dir!= Daß dieſe ſchauderhafte Moͤglichkeit 44 nicht ereignete, iſt meinen Leſern be⸗ kannt; aber auch von den vielen Moͤglich⸗ keiten einer fuͤglichen Trennung, welſde Ele⸗ onorens lebendige Einbildungskraft ſch uf, ers eignete ſich keine; wohl aber eine uner⸗ wmartete, aber erſt, da ihre Lebenskraft er⸗ ſchoͤpft war!. Was Elronoreaus Goldchen zog, wiſſen die Leſer zum Theil ſchon und werden ſich hof⸗ fentlich ein ziemlich getreues Bild aus ihren Briefen darſtellen koͤnnen, welche in den fo 1 Banden Benren folgen. 3 —— — — gweites Heft. Goldchens Briefe an die Graͤfin Eulalie von Roſenſtern. I. Da machſt mir Vorwuͤrfe, holde Graͤ⸗ fin?— Wenn unſer Geiſt mit unſern Gedan⸗ ken, einen geliebten Gegenſtand umſchwebt, und wenn man dann den menſchlichen Geiſt ſchon ſehen koͤnnte: dann wuͤrdeſt Du den neinigen beſtaͤndig um Dich wahrgenommen haben; Du wuͤrdeſt bemerkt haben, wie er Dich, zur Ruhe begleitet, wie er Dir am fruͤhen Morgen ſchon wieder entgegen laͤchelt, Dich bei Deinem Luſtwandeln umſchwebt, und Dich ſelbſt in den glaͤnzenden Aſſembleen nicht verlaͤßt. Warum mag das aber nicht dem Men⸗ ſchen zu Theil worden ſeyn? Es waͤre doch wohl das einzige, wodurch wir fuͤr das Schmerzhafte einer unabaͤnderlichen Tret⸗ nung 86 2TRSSNESe 3 4 nung einigermaaßen entſchaͤdigt werden koͤnn⸗ ten. 8 Nenne mich nicht unbillig, da uns die Kunſt vom Himmel verliehen wurde, uns durch Schriftſprache unſere Gedanken mit⸗ zutheilen. Ich habe es oft gegen einander abgewogen, welches einen groͤgern Wert) fuͤr mein Herz haͤtte: ob, wenn Dich mein Geiſt umarmen koͤnnte ohne Dir ein lautes Wort zu ſagen, oder daß ich Dir meine Ge⸗ danken hinſchreiben kann! und ich fuͤhle bei dem erſtern ungleich mehr; denn wenn ich Dir auch alles aufſchreiben koͤnnte, was ich jeden Augenblick denke, ſo habe ich es ja im⸗ mer nur vor mir und Du haſt es nicht in dem nehmlichen Augenblicke, da ich es Dir ſagen moͤchte, ſondern bekommſt es erſt nach. geraumer Zeit auf dem kalten Papiere und findeſt keine Spur von der Waͤrme, in wel⸗ cher ich dachte und ſprach, und wie waͤre es wohl moͤglich, daß die Feder mit der Schnel ligkeit der Gedanken gleichen Schritt halten koͤnnte! zumahl bei einer Anfaͤngerin in der Schreibekunſt, wie ich bin.. Du wuͤrdeſt herzlich lachen, holde Gra fin, wenn ich Dir alle Papiere ſenden wollt auf welchen ich angefangen habe an D * nn 87 ſchreiben. Ueber eine Menge Dinge, die mir in meinem neuen Verhaͤltniſſe auffallen, moͤch⸗ te ich gern mit Jemand ſprechen, uͤber eine an⸗ dere Menge wuͤnſchte ich Belehrung, uͤber ſehr viele moͤchte ich gern Jemanden im Ver⸗ trauen meine Meinung ſuagen, und uͤber noch mehrere moͤcht' ich herzlich lachen. Von allen ſolchen Sachen habe ich ſchon eine Menge aufgeſchrieben, weil ich glaube, daß Du die einzige Perſon auf der Welt biſt, der ich mich vertrauen kann, ſeitdem ich meine gute Pflegemutter verlohren habe— Stille, daß dieß ja Niemand hoͤrt! Hol⸗ de Graͤſin, Du biſt Zeuge geweſen, wie ſehr ich von der ungluͤcklichen Hamold geliebt worden bin. Gleich die erſten Tage hier, nannt ich ſie in der Zerſtreuung auch meine Mutter, und es ward mir als ein Verbre⸗ chen erklaͤrt. Kann es das ſeyn, gute Graͤfin? Mein Herz widerſpricht laut, weil es ſich nur an das halten kann, was ich von dieſer Ungluͤck⸗ lichen, ſo lange, gegen mich jeden Augen⸗ blick meines Lebens erfahren habe, und was keine Zeit aus meinem Herzen wird aus⸗ iilgen koͤnnen, und wenn das wunderbare Schi⸗k⸗ Schickſal mich ſogar auf einen Koͤnigsthron erhoͤb. 3 Ich will Dir geſchwind dieſe wenigen Zeilen zuſammenpacken und zuſchicken, daß ich wenigſtens einen Verdacht, in welchen Du mich ſtellſt, ablehne. Noch ein Mahl, leſen darf ich es aber nicht, ſonſt verliehre ich Muth Dir meine ungeordnete Schrift⸗ ſprache in ſo verzerten Schriftzuͤgen vor⸗ zulegen. Das letztere zu verbeſſern habe ich gute Zuverſicht, und ich glaube ſogar, daß ich ſchon einen kleinen Anfang gemacht ha⸗ be; allein das erſtere— man hat mir Leh⸗ rer und Lehrerinnen gegeben und faſt alle, weelche ich ſpreche, werfen ſich zu Lehrer und ehrerinnen auf; indeſſen mir iſt es, als verwirrten ſich meine Gedanken immer mehr, und jemehr man ſich Muͤhe giebt mir Licht uͤber eine Sache zu geben, jemehr verliert ſie ſich meiſtens in Dunkelheit, daß ich ſie ungleich weniger als vorher erkennen kann. 5 n ich 2. G,. 3 Ich habe einen Bruder und zwei Schwe⸗ ſtern und liebe ſie herzlich. Aber was ich nicht begreifen kann: wenn ich Ihnen nach dem Drange meines Herzens meine Liebe beweiſen will, ſo findet man es gegen den Wohlſtand. Es iſt mir aͤrgerlich und zu⸗ gleich laͤcherlich.— Wir haben eine Oberhofmeiſterin. Ich glaube, holde Graͤſin, Du haſt mit ihr ge⸗ ſprochen: wie gefaͤllt ſie Dir? Frau von Funkerode heißt ſie. Im Vertrauen, mir gefaͤllt ſie nicht. d Ich habe dieß auch meiner Mutter der Fuͤrſtin geſagt, weil ich glaubte: lich koͤnnte ihr alles ſagen was ich daͤchte, weil ſie mei⸗ ne Mutter waͤre; aber ſie verwies mir meine Aeußerungen als eine unverzeihlige Voreilig⸗ keit auf eine Art— auf eine Art, wie mir Mutter Anna nie etwas verwieſen hat. HOih⸗ re Verweiſe waren ſo innig, ſo liebevoll, daß ſie mich immer noch mehr an ſie hinzo⸗ gen. 2 Werd' ich wohl in meinem jetzigen Ver⸗ haͤltniſſe gluͤcklicher ſeyn, helde Gräͤfin, als märe 96 ich es in meinem verigen war? Ich kann mich davon nicht uͤberzeugen. O, Du biſt„ ſo gut, ſo liebevoll, ſo herzlich, ſo innig— ſuche Du mich zu uͤberzengen; ich glaube zu⸗ verſichtlich, nur Du alein vermagſt es. 4 Wasd man mir hier ſagt, iſt alles ſo kalt; ſchon der Ton der Stimme ſtoͤßt zu⸗ 1 ruͤck; man fuͤhlt es ſchon bei den erſten drei Worten, daß ſie nicht aus dem Herzen kom⸗ men, und ſo koͤnnen ſie auch unmoͤglich den Eingang zum Herzen finden. Wahrlich! man kann von nichts uͤber zeugt ſeyn, was man ſpricht; man ſpricht nicht was man denkt, man glaubt nicht was man ſpricht. Ich gebe nun ſchon alle Hoffnung auf, auch nur eine menſchliche Seele hier zu ſin⸗ den, welche Dir nur einigevmaahen aynlich 8 K—— — 7 3. 5 3. Man betrachtet mich wie eine Wilde. emn alter Hofkaplan hat den Auftrag erhalten mnſch zu beheen, was der geſitete N nſch reA e 21 Ich verſichere Dich, bolde Graͤfin, kaum drei Mahl habe ich gelacht, ſeitdem ich hier bin, ein Mahl weil ein junger Cavalier einer jungen Dame gar zu poßierliche Sachen vor⸗ ſagte, von welchen ich bis dieſen Augenblick noch nicht ſagen kann, ob er ſie foppen woll⸗ te, oder ob er mit ihr Abrede genommen hatte, meinen Verſtand auf die Probe zu ſtellen. Das letztve wuͤrde ich auf alle Faͤlle glauben, wenn die Dame nicht durch mein Lachen beleidigt worden waͤre. Das zweite Mahl⸗ mußte ich lachen, als der Erbprinz von Sinzenach bei ſeiner Durchreiſe mit an der Tafel ſpeißte. Er zer⸗ riß wie ein Zigeuner alles Fleiſch mit den Fingern, ſtopfte den Mund ſo voll Speiſen, daß ſeine Backen wie Kugeln hervortraten, welche durch das ſchnelle Kauen in einer be⸗ ſeaͤndig zitternden Bewegung waren, und ſtaͤndig haͤlt, die vielerlei Saucen glaͤnzten in Punkten und Striefen um Kinn und Backen bis an Shren. Ich dachte an meinen Sittenlehrer den alten Hofkaplan und mußte lachen. Warum man mein Lachen fuͤr unan⸗ ſcheine ich zu begreifen. Man lacht hier, ohne den wahren Reitz zum La⸗ die 92 CrN chen zu fuͤhlen, ſo wie man ſehr oft ſpricht ohne zu wiſſen was man ſpricht. „Prinzeß,“ ſagte unſere Oberhofmei⸗ ſterin,„wenn ich nicht Ihrem Lachen eine Tournuͤre zu geben wußte, ſo wuͤrde ſich der Erbprinz von Singenach außerſt beleidigt gefunden haben.— 4 „Was haben Sie meinem Lachen geges ben!„fragt' ich neugierig. „3c nahm es uͤber mich,“ antwor⸗ tete ſie,„Eure Durchlaucht Veranlaſſung gegeben zu haben, daß Ihnen die kleine Un⸗ bedachtſambeit entwiſchte.—« „Und wie haben Sie das gemacht 2e⸗ fragt' ich noch neugieriger, weil ich nicht das geringſte bemerkt hatte. „Haben Sie nicht bemerkt, Prinzeß?e daß ich Sie mit einem zweideutigen Lüͤcheln anſah? „»Das habe ich eben ſo wenig geſehen,“ antwortete ich ſchnell, als je einen der ge⸗ meinſten Zigeuner ſo unreinlich eſſen, wie dieſen Prinzen. Vermuthlich aber hat er keinen alten Hof fkaplan zum Sittenkehrer* gehabte „Der Pater Merian iſt ein ſehr wuͤr diger frommer Mann,“ verſetzte ſie bar 1 d & A u 93 „Ich glaube Ihnen, Frau von Funke rode,“ erwiederte ich,„er weiß wenigſtens ſo gelehrt zu ſprechen, daß ich nichts ver⸗ ſtehe, als was ich aus ſeinen ſcharfen und unſteten Blicken errathe.“ „Seine religiöſen Vortraͤge,“ ſagte ſie, „ſind doch aͤußerſt populair. 3 „Was wllen ſie damit ſagen, Frau von Funkerode?“ fragte' ich. „Populair heißt— Sie ſchien keinen andern mir verſtaͤnd⸗ lichern Ausdruck ihres Gedankens zu ſinden. „Ich will Ihnen die Erklaͤrung erlaſ⸗ ſen,“ ſagt' ich dann,„weil ich ſie wahr⸗ ſcheinlich eben ſo wenig verſtehen wuͤrde, wie das ſehr oft der Fall iſt wenn man mir et⸗ was erklaͤrt; aber haben Sie nur Geduld mit mir, gute Frau von Funkerode, ich wer⸗ de ſchon noch die deutſche Sprache vollkom⸗ men lernen.—“ Wenn ich meine ehemalige Heiterkeit wie⸗ der erhalten ſollte, ſo werde ich ſehr oft mit mir zu kaͤmpfen haben, daß ich meinen Reitz zum Lachen unterdruͤcke. Man ſpricht von vie⸗ len Dingen mit ſo wichtiger Mine und be⸗ dient ſich Worte deren Bedeutung man mir nicht angeben kann, wenn ich darnach frage. Dies * Dies iſt ſchon oft der Fall bei meinem Sitten⸗ lehrer und bei meiner Oberhofmeiſterin ge⸗ weſen. 4. * Hoch bin eine Gefangne. Oder iſt das et⸗ wa nicht eben ſo viel, wenn ich nicht die Freiheit habe in den Garten zu gehen, wenn ich will und wenn es mir einfaͤllt? Ich habe die Zeit bis jetzt in einer aͤngſtlichen Muthloſigkeit verlebt und die ploͤtzliche Umwandlung meines Schickſals iſt mir ein geraͤuſchvoller Traum geweſen. Ich fange an zu erwachen und mich zu fuͤhlen, was ich ſelbſt bin, und handle wie⸗ der mehr mit bewuſtſeyn. Allein je mehr ich meiner bewuß zt werde, je mehr mache ich Entdeckungen. JIch ſoll nicht nach meiner gewohnten Weiſe ſo fruͤh mehr aufſtehen, und ſoll mich nicht mehr ſelbſt ankleiden. Ich habe ein Kammermaͤdchen, als ob ich noch ſ jele Geſchaͤfte haͤtte, und weiß doch au Lehrſtunden, welche ich abwarten muß, un die mir, ich laͤugne es nicht, groͤſtentheils ſehr laͤſtig werden, oft nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen ſoll. Iſt das nicht laͤ⸗ cherlich? Alle Lehrer und Lehrerinnen, die mich klug, vernuͤnftig und geſittet machen ſollen, lobpreiſen einſtimmig meine Talente und ſagen mir ſehr viel ſchoͤne Sachen uͤber die Fortſchritte, welche ich gemacht habe, und dennoch fuͤhl' ich mich um kein Haar kluͤger und geſchickter als ich vorher war. Iſ das nicht laͤcherlich, holde Graͤfin? „Die Fortſchritte in der Geſittetheit neh⸗ me ich aus, weil ich mich wirklich ſo etwas dran gewoͤhnt habe. Im Anfange, wenn ich die Kabinetsthuͤre meiner Mutter oder mei⸗ nes Vaters oͤffnete, war ich mit einem Sprun⸗ ge vor ihnen auf den Knien, hatte ihre Haͤn⸗ de ergriffen und kuͤßte ſie. Ich folgte dem Gefuͤhle meines Herzens und lief zu ihnen, wenn es mir einfiel, ohne Ruͤckſicht darauf zu nehmen, ob Jemand oder Niemand da ſei. War das erſtere, ſo entfernte ich mich eben ſo ſchnell, als ich gekommen war, um nicht zu ſtoͤhren. 3. 3 Mein Vater unterſagte mir es zuerſt: unangemeldet oder ungerufen zu ihm zu kom⸗ men, weil ich dadurch oft ſehr wichtige Ge⸗ ſchoͤf⸗ ſchaͤfte unterbreche, und verwies mich an meine Oberhofmeiſterin, die mir genautre Belehrung daruͤber geben werde. Meine Mutter wurde durch meine un⸗ erwartste Ankunft erſchreckt, und fragt⸗ fe⸗ des Mahl: ob keine Kammerfrau im Vor⸗ zimmer oder in der Garderobe geweſen ſei. Dieſe wollten mich freilich anmelden; allein ich lag immer ſchon vor meiner Mutter, ehe ſich die guten Frauen von ihrem Stuhte er⸗ hoben. Das drolligſte bei der Sache war in⸗ deſſen, daß man die erſten acht Tage unge⸗ fehr dieſem Betragen allgemeinen Beifall ſchenkte und in demſelben einen Beweis mei⸗ ner kindlichen Zaͤrtlichkeit inden wollte. Man bewunderte es, und ſuchte es auf verſchiedne Art zu erklaͤren, wie ſtark die kindliche Liebe dem menſchlichen Herzen eingepraͤgt ſei, daß ſie auch eine halbwilde Erziehung im Kinde, das ſeinen Eltern geraubt und ſo viele Jahre von ihnen entfernt worden, die auch die ge⸗ ringſte Spur des Andenkens in der Erinne⸗ 1 rung verwiſcht, nicht habe vertilgen koͤn⸗ hofmeiſterin lange Vorleſungen, wobei mich der Sahlaf anwandelt, uͤber anſtaͤndiges Be⸗ tra⸗. 8 —jy 3 nen.— Und auf einmahl haͤlt mir die Ober⸗ tragen gegen meine Eltern, und erklaͤrt das, was ich mich nach den Leyden meiner Pflege⸗ mutter Anna, als meinen Eltern ſchuldige Achtung verpflichtet fuͤhlte, fuͤr Unanſtaͤndig⸗ keit. Holde Graͤfin, loͤſe mir das Naͤthſel. Habe ich Unrecht, ſo wirſt Du mich gewiß daruͤber belehren koͤnnen; aber mir ſcheint es, daß man den Gefuͤhlen des Herzens Gewalt anthut wenn man ihnen vorſchreibt, wie ſie ſich aͤußern ſollen, und daß die Vor⸗ ſchrift am Ende zur bloßen Ziererei wird, weil ſie befolgt werden muß, auch ohne daß das Gefuͤhl dazu anregt. Ich glaube faſt, daß eben dieß Urfache iſt, daß ich durchge⸗ hends im Sprechen und Handeln uͤberall Ge⸗ fuͤhl und Ueberzeugung vermiſſe, weil man von Kindheit daran gewoͤhnt wird, vorſchrift⸗ maͤßig zu ſprechen und zu⸗ handeln Man draͤngte ſich ſonſt mich zu ſehen. Ich weiß nicht was man dielleicht in mir ver⸗ muthete, da ich unter Zigeunern groß gezo⸗ gen worden war; und irr’ ich mich nicht ſo fand man meiſtens ſeine Erwartung betro⸗ gen, da ich mit Jedem vernuͤnftig ſprechen, und Fragen beantworten und aufwerfen konn⸗ te. Die Traurigkeit hatte zu tief mit ſei⸗ G nem nen Dornen in mein Herz eingeſchlagen, und die Verwechslung meines Verhaͤltniſſes war zu groß, als daß ich nach meiner Unbe⸗ fangenheit des Herzens, mich haͤtte mit den neugierigen Gaffern auf eine Art beluſtigen koͤunen, wie ſie es verdienten; denn wirk⸗ lich, gute Graͤfin, ſehr viele, beſonders von unſerm Geſchlechte ſchienen unzufrieden dar⸗ uͤber zu ſeyn, daß ich nicht ſo unvernuͤnftig wie ein Waldthier war, mit welchem ſie ſich ei⸗ nige Augenblicke zu beluſtigen gedachten. Mutter Anna— immer werde ich die Verewigte im Herzen ſo nennen— ſagte mir bei jeder Gelegenheit:„durch freundliches Zuvorkommen verliehrſt du nie, gewinnſt du immer bei den Menſchen,“ und ſie ſagte mir es nicht bloß, ſondern ich ſah ſie es gegen die ganze Horde, gegen alle Menſchen ausuͤben, und die Liebe und Achtung, well che ſie ſich uͤberall erwarb, war mir die die 3 groͤßte Anreitzung ihr nachzuahmen. Ich betrug mich alſo auch gegen die neugierigen Gaffen wie gegen Jedermann, wie ich es gewohnt war, ohne es zu ahnden, 3 daß ich mich auch hier an der Wohlanſtaͤn⸗ digkeit verſuͤndigen koͤnnte. 8 6 Den „——+ d KSNn 99 Denke Dir alſo mein Erſtaunen„ holde Graͤfin, als mir, aber auch erſt nach etli⸗ chen Wochen, die Oberhofmeiſterin entdeckte, daß ich meinem Stande und meiner Ehre alles vergaͤbe, weil ich mich ſo betrage, als ſuche ich mir die Gunſt und Gewogenheit aller derer zu erwerben, die mir Achtung und Ehrfurcht ſchuldig waͤren. Jeder vor⸗ zuͤglichere Stand muͤſſe ſeinen Vorzug ge⸗ gen den niedrern behaupten, und da der fuͤrſtliche Stand uͤber alle erhaben ſei, ſo muͤſſe er auch jeden andern in einer weiten Entfernung von ſich halten, und nur dadurch koͤnnte er tiefe Ehrfurcht erwarten, wenn er ſich alles gemeinſchaftlichen Umgangs entzie⸗ he, und ſelbſt einen einzigen laͤchelnden Blick ſchon zur hohen Gnaden Erweiſung anrech⸗ ne. Ich glaube, gute Graͤfin, ich habe Dir den Inhalt einer ſehr langen und weit⸗ ſchweiſigen Belehrung ganz kurz angegeben. Ich wollte Dir unſere Unterredung aufſetzen; allein mein Herz litt zu viel dabei, und ich vernichtete den Anfang.— Bedaure mich, holde Graͤfin: der Wohlſtand entfernt mich von meinen Eltern und ſtellt zwiſchen ihnen und mir eine kalte 8 G 2 Eis⸗ 100 An Eiswand, durch welche ich ſie nur in der— Entfernung erblicken kann: und der Wohl⸗ ſtand macht mir es zum unverbruͤchlichen Geſetz mein Herz in einen Eisklumpen zu verwandeln, jedes fuͤhlende Herz von mir zu entfernen und mit kaltem Stolz zuruͤckzu⸗ ſtoßen. Spo ſchwer es mir fiel ſo habe ich mich doch nach den ſtrengen Regeln der Oberhof⸗ meiſterin bilden muͤſſen, weil ſie mir im Nas men meiner Eltern verſichert, daß nur in dieſem Falle mein Aufenthalt bei Hofe ſtatt finden koͤnne. 8 Wohin will man mich ſonſt ſenden? 7 fragt⸗ ich jedesmal auf die Wiederholung der elterlichen Bedeutung. Sie zuckte die Ach⸗ ſeln und entſchuldigte ſich mit Unwiſſenheit. Nur muͤndlich konnt' ich dir, holde Graͤ⸗ iin, die geheimen Gedanken meines Herzens offenbaren Man hat mich mißtrauiſch ges macht und das auf eine doppelte Art. Die alte Funkerode iſt wunderbar neugierig; ſie will alles ſehen, was ich leſe und ſchreibe, und immer finde ich in meinen Papieren eine kleine Veraͤnderung; von wem koͤnnte die⸗ ſe herruͤhren als von ihr? und dann bemerkt⸗ ich allemeines Mißtrauen bei allen die mich um⸗ — AN 101 umgeben, und keine Spur von Redlichkeit und Wohlwollen in threm Betragen gegen einander. Nach allem aber ſcheint mir aber dieß der Grad der Geſittetheit zu ſeyn, zu welchem ich gebildet werden ſoll. Ei Du ſollteſt es nur ſehen, holde Gräͤ⸗ fin, wie ſteif ich ſchon in meinem ſeidnen Kleide neben der alten Oberhofmeiſterin ſte⸗ he, wenn mir Jemand die Cour macht, oder in Aſſamblee oder Concert; denn ſie weicht mir nicht von der Seite und bewacht mich wie mein Schutzengel. Das Kompliment nach Standesgebuͤhr gnaͤdigſt zu erwiedern, kann ich freilich noch nicht das beſtimmte Maaß treffen; aber mit dem Kopfnicken, mit welchem ich den Gruß der buͤrgerlichen Raͤthe und Raͤthinnen erwiedern muß, bin ich auf's Reine. Auch das geht ſo ziemlich, wiewohl nicht ohne ein gewiſſes aͤngſtlich ſchmerzhaftes Gefuͤhl, daß ich mich mit gemeßnen Schrit⸗ ten und ernſthaft kaltem Geſicht meinen El⸗ tern naͤhere, wenn ich die gnaͤdigſte Erlaub⸗ niß erhalte meine unterthaͤnigſte Aufwartung zu machen, oder wenn ich im Tafelzimmer erſcheine. 1 Die⸗ Dieſen langen Brief, holde Grafin, ha⸗ be ich bis zu ſeiner Vollendung in der Taſche getragen. Auf dieſe Vorſicht waͤre ich von ſelbſt nicht gefallen, weil ich nie das Min⸗ deſte vor meiner Pflegemutter geheim gehal⸗ ten habe; allein meine Oberhofmeiſterin ſagt: Offenheit und Zutraulichkeit verrathe Einfalt und Schwaͤche, und um ihr die Freude zu machen, daß ihre Lehren nicht ganz frucht⸗ los bei mir angewendes ſind, will ich wenig⸗ ſtens vor ihr nicht einfaͤltig und ſchwach er⸗ . 5. 8. „Ich habe heute eine lange Urterredung mit meiner Mutter gehabt. Sie hat uͤber vie⸗ lerlei Dinge mit mir geſprochen undjärseiate okten und ihre Zufriedenheit uͤber meine Antw uͤber meine Urtheile. „ Bin ich der Frau von Funkerode oder dem Pater Marian mehr Dank ſchuldig?“ ſagte ſie dann mit einem milden Laͤcheln,„du haſt in der kurzen Zeit gute Vorſchritte ge⸗ macht.“ —— Ihre 2 8 —— N NXN XxEe eAAnn 103 Ihre Freundlichkeit und Zutraulichkeit oͤfneten mir das Herz; ich ſank vor ihr nieder, ergriff ihre beide Haͤnde und beneßte ſie mit meinen Thraͤnen. 1 „Woher die Wehmutgen fragte die Fuͤrſtin ſanft. „Durchlauchtigſte Mutter, e erwieders te ich,„ich glaube, alles, was ich dir geſagt habe, und woruͤber du mir deine Zufrieden⸗ heit mit ſo mildem herzlichem Blick geaͤußert haſt, verdank' ich der ungluͤcklichen Hamold, die ich ſo lange fuͤr meine Mutter gehalten habe.“ Die Fuͤrſtin ſah mich Rilſchweigend an, ergriff dann meine Hand, druͤckte ſie ſanft und fragte:„noch liebſt du wohl immer die Hamold?“— „Ob ich ſie liebe?« rief ich feurig— „ſie aufhoͤren zu lieben, ſcheint mir der ſchwaͤr⸗ zeſte Undank; und kein Laſter mahlte mir Mutter Anna mit ſo ſchwanzen Farben, als den Undank.«⸗ „Fuͤhlte ſie das? ⸗ verſetzte die Fuͤrſtin mit ernſthaftem Blick,„daß ſie an ihrer Fuͤr⸗ ſtin, von welcher ſie innig geliebt wurde, den ſchwaͤrzeſten Undank ausuͤbte, daß ſie ihr da⸗ mals ihr einziges Kind rauben ließ?— „Jch „Ich wage nicht zu urtheilen,« erwie⸗ derte ich,„da ich noch bis dieſen Augenblick in ganzlicher Unwiſſenheit mich befinde, auf welche Art die ungluͤckliche Hamold unter Zi⸗ geuner, und auf welche Art ich in ihre Haͤnde kam. Ich kann bloß urtheilen, nach dem waͤs ſie mir war⸗s 3es 5. „Sie hat alſo nie ihren vorigen Stond erwaͤhnt ½ fpagte die Fuͤrſtin. „Nie das Mindeſte,“ antwortete jch, „woraus ich nur einigen Verdacht haͤtte ſchoͤp⸗ fen koͤnnen. e,— 6 3 h „Forſche auch jetzt nicht weiter nach, ſagte darauf die Fuͤrſtin guͤtig; die Ungluͤck⸗ liche, ſis ſei Veranlaſſung zu deiner Entfuͤh⸗ rung oder nicht, hat lange genug dafuͤr ge⸗ buͤßt, und ich werde dich nicht tadeln, wenn Du dich ihr verpflichtet fuͤhlftt. Du wirſt aber wohlthun, wenn Du mit Niemand hier uͤber dieſe Angelegenheit ſprichſt.“ 133 Hoide Graͤfin, ich fuͤhle eine ganz eigne Bewegung in meinem Herzen. Warum ſieh es mir bis jetzt noch nie einzu fragen: wie kam wohl die Frau von Hamold unter die Zigeuner, und auf welche Weiſe kam die Prinzeſſin Clotilde in ihre Haͤnde, Meine ——— A Meine Faͤrſtin Mutter hat es mir un⸗ terſagt, hier mit Jemanden daruͤber zu ſpre⸗ chen; ich ſoll ſogar nicht darnach forſchen. Iſt es Unrecht, wenn ich auf dieſe Art ihren Befehl aͤbertrete, daß ich dich um eine Auf⸗ klaͤrung uͤber dieſen dunkeln Theil meiner Ge⸗ ſchichte bitte? Du wirſt mir gewiß die Wahr⸗ heit ſagen, und Du kannſt es auch wohl am beſten, da ich mich eben jetzt erinnere, daß Dir die ungluͤckliche Mutter Anna ein gan⸗ zes Kaͤſtchen voll Papiere uͤberliefert bat. DO, warum kann ich nicht an deinen Bu⸗ ſen fliegen, holde Graͤfin! warum kann ich nicht die lauten Schlaͤge deines Herzens be⸗ horchen, die mir, ach ſo kurze Zeit! die zu⸗ verlaͤſſigſte Verſicherung deiner Liebe noch ſuͤ⸗ her in's Ohr lispelten, als deine ſanfte En⸗ gelſtimmne. 12 6. HN u hat mir die Oberhofmeiſterin den Grafen Agathon vorgeſtellt. Er iſt faſt die ganze Zeit in Plettenburg geweſen, aber nur ſelten hat er die Einladung zur Tafel ange⸗ noramen. Von Dir, gute Graͤfin, will ich et — er fah⸗ 106-KNA erfahren: ob ich mich irre, daß er ſich gewiß nicht zu ſeinem Nachtheil veraͤndert hat. Warum er aber mit Clothilden in ei⸗ nem ſo ganz andern Tone ſpricht, wie mit Goldchen? Er behandelt mich auch nicht im Geringſten wie eine alte Bekannte, und ich moͤchte faſt ſagen eben ſo froſtig⸗ wie alle un; ſere Hofleute. Er gehe nach Portobelle, fagtat, und wuͤnſche, daß ich ihn mit Auftraͤgen an die Graͤfin Roſenſtern beehre. Was haͤtt' ich ihm nicht alles ſagen moͤgen, wenn ich nicht von meinem Schutzengel bewacht worden war re, der meine Blicke mit Falkenaugen beo⸗ bachtete. Indeſſen habe ich doch viel von dir mit ihm geſprochen, und nun kannſt du dir es von einem Augenzeugen erzaͤhlen laſ⸗ ſen, was das Ziegeunermaͤdchen fuͤr Fort⸗ ſchritte in den Hofmanieren gemacht hat. Ich mißgoͤnne dem Grafen das Gluͤck dich zu ſehen und zu ſprechen, und bin unzu⸗ frieden mit meinem Schickſale, daß ich nicht auch reiſen kann, wohin ich will, ſondern wie eine Gefangne eingeſebloſſen ſitzen und jeden meiner Schritte bewachen laſſen muß. Will ich auf die Terraſſe gehen und fri⸗ ſche Auft ſchoͤpfen, wenn von Tafel aufgeſtan⸗ den den wird, ſo huſcht mit langen Sohritten die alte Oberhofmeiſterin mir nach, und fluͤſtert mir in's Ohr: es ſei unſchicklich ohne Be⸗ gleitung zu gehen. Sind wir im Garten, welches jetzt aͤußerſt ſelten geſchieht und ich will mir durch einen raſchen Spatziergang ei⸗ ne Bewegung machen, ſo keucht mir die Ober⸗ hofmeiſterin nach, und erklaͤrt mir faſt athem⸗ los die Unſittlichkeit des ſchnellen Laufens. »„Gute Funkerode,«⸗ ſagt' ich neulich, „mir iſt ſo beklommen um die Bruſt; laſſen Sie mich nur immer einmal recht friſche Luft genießen! Setzen Sie ſich ruhig, und ich will der bei Ihnen ſeyn!«« „Prinzeſſin lee rief ſie in einem aͤngſtli⸗ den Garten durchſtreichen und ſehr bald wie⸗ chen Tone, als waͤre ich im Begriff ein Ver⸗ brechen zu begehen,„was wollen Sie unter⸗ nehmen?“—— Ich lachte freilich uͤber ibre Aengſtlich⸗ keit und fragte: ob denn Laufen ein Verbre⸗ chen waͤre? b Sie ſuchte mir es begreiflich zu machen, daß es die groͤßte Unanſtaͤndigkeit ſeyn wuͤrde, da ich leicht von Jemanden geſehen werden koͤnnte. * 8* Koͤnn „ Koͤnnte ich von Niemand geſehen wer⸗ den, fragt' ich ſchnell,„ſo koͤnnte ich eber einmal verſuchen: ob ich noch! laufen koͤnnte?* „»Im Garten werden Sie aber gewiß nfchra. Werwiederte ſie,„dn er nie leer iſt! ls „Ich bin gelehrt worden,&nentgegnete ich,„immer und üherall ſo zu handeln, als ob ich von allen Menſchen geſehen werden koͤnnte; und hier ſoll ich in Andrer Gegen⸗ wart ſo viel nicht thun, was ich thun kann, wenn ich mir allein uͤherlaſſen bin. Sagen Sie mir, gute Funkerode: ich ſollte glauben, dieß waͤre keine gute Sittenlehre; man be⸗ kleidet das Haͤuschen ſchoͤn von Außen und in⸗ wendig laͤßt man es ſchmutzig und unordent⸗ lich. Bedenke daß Gott auch deine Gedan⸗ ken abwaͤgen kann, ſagte die Zigeunermutter, und ſcheue dich in der groͤßten Einſamkeit auch das zu thun, was dir zweifelhaft ſcheint: oh es Recht oder Unrecht ſey! In einer franzoͤſiſchen Ausrufungsformel erklaͤrte ſie mir; daß ſie die erhabne Lehre un⸗ ter Zigeunern bewundere; allein, holde Graͤ⸗ fin, die Funkerode ſagte eine Unwahrheit; ſo wenig ich die Sprache verſtehe, ſo viel ſagte mir ihr Blick und ihr Minenſpiel, daß das nic betraf, was ſir ſagte. 6 Mein 8 GrAvAMIA 169 Mein Bruder hat mich mit einer ſcho⸗ nen Laute beſchenkt. Es iſt ein feines In⸗ ſtrument und ſehr kuͤnſtlich mit Elfenbein aus⸗ gelegt. Er hat ſie ſchoͤn zurſchten und bezie⸗ hen laſſen und brachte ſie mir ſelbſt mit einer Artigkeit, die mich entzuͤckte.— „Schieſter Clothilde,“ ſagte er,„in der alten Ruͤſtkammer, in welcher ich mir kuͤrzlich die Waffen unſrer Vorfahren zeigen ließ, bemerkt' ich dieſe Laute; eine Vort ah⸗ rin unſers Hauſes war eine italieniſche Fuͤr⸗ ſtin, und von ihr kommt dieſes Inſtrument her; ich freue mich, daß ich von meinem Vater die Erlaubniß erhielt, ſie fuͤr dich 4 Ordnung bringen zu laſſen.* Ich umarmte und kuͤßte meinen Bruder fuͤr dieſe Aufmerkſamkeit. „ Auf keinem andern Inſtrumente will ich kuͤnftig ſpielen,« rief ich entzuͤckt,„und oͤfter als bisher ſoll es geſchehen, um dir zu zeigen, wie ſehr mein Herz deine Auſmerk⸗ ſamkeit verehrt 3 „Spielſt du Noten, liebe Clotbilde,“ fragte er geruͤhrt—„ich will ſorgen, daß du welche bekommſt. Ich verneinte dieß und. er t entfernt bald darauf. Dieſes war die erſte reine Freude, weld che ich hier genoſſen habe; und kannſt Du es wohl glauben, holde Graͤfin: man fand s unbegreiflich, daß ich mich uͤber eine ſolche Kleinigkeit ſo ſehr freuen konnte? Was ver⸗ langt man deun hier fuͤr eine Veranlaſſung ſich zu freuen? 8 Sah' ich es denn nicht, daß Paver auch „durch meine Freude uͤberraſcht, daß er ge⸗ ruͤhrt wurde? Der gute Bruder war an ei⸗ nen froſtigen ceremoniſchen Dank gewoͤhnt; er fand in meiner Freude eine ſuͤße Belohnung fuͤr ſein Herz, und genoß eine Freude, die ihm unter ſo kalten Wohlſtandsmenſchen, die bei jeder Gelegenheit goͤttlich! himmliſch! vortreflich! aufſchreien, ohne das Mindeſte dabei zu fuͤhlen und ohne ſogar an den Sinn des Ausrufs zu denken, noch nicht vorgekom⸗ men war. Mein Bruder ließ ſein Wort nicht un⸗ vollendet. Er nahm Gelegenheit mit mei⸗ nem Vater zu ſprechen, und bath um die Er⸗ laubniß mir einen Muſikmeiſter zur Laute halten zu duͤrfen. Geſtern brachte er den Muſikmeiſter zu mir; einen alten drolligen Mann— ein Ge⸗ ſiicht, wie mir noch keins je vorkam. Er ſpielt 8 mit mit vieler Fertigkeit und ſingt auf eine ganz eigne Art; ich glaube zu känſtlich fuͤr mein Gehoͤr; und oft iſt ſein Geſang ein deutliches Sprechen. Ich werde allen Fleiß anwenden, um recht bald Noten ſpielen zu lernen. Noch ſcheint es mir freilich unbegreiflich, wie das geſchehen kann; allein Meiſter Siegfried haͤlt es fuͤr Kleinigkeit. Mein Bruder wuͤnſchte, daß ich dem drolligen Patrone auch etwas vorſpielen moͤch⸗ te. Was werd' ich von nun an je meinem Bruder abſchlagen koͤnnen? Ich ſpielte und ſang das Liedchen an die Hoffnung. Es war eins von den Lieblingsliedern der guten Mut⸗ ter Anna; auch du, holde Graͤfin fandeſt es artig: 1 Hoffnung, die die bange Sehnſucht naͤhrt; Zauberin, die uns ſo viel verſpricht, Grad ſo lang, wie Morgenroͤthe waͤhrt, Wie Johanniswuͤrmchen Licht. Hoffnung, ernſthaft unter allen Freuden, Linderin der Schmerzen— fuͤße Ausſicht, FSreundin in den groͤßten ſchwerſten Leiden, Simmliſche Troͤſterin, verlaß mich nicht! ETaͤu⸗ Taͤuſcherin, mit Ruhe ſchmeichle nur! Fuͤll mit Traͤumen meine Phantaſie! Gieb mir wieder Luſt an der Natur, Was du giebſt, das ſäͤttigt nie!l 0 Meiſter Siegfried lächelte mir Beifall zu und nickte bei jedem Ausdruck in der Me⸗ lodie; ließ ſich dann die erſte Strophe noch einmal vorſagen, nahm die Laute und ſpielte und ſang eine andre Melodie, die mich durch und durch erſchuͤtterte. „Sie ſpielen ſchön,“ fagt⸗ ich, Afingen aber noch ſchoͤner! Sie legen ihre Worte an's Herz— ich wuͤnſchte— Sie haͤtten meine Lehrerin ſpielen und ſingen gehoͤrt!“—f Ich wollte noch mehr ſagen; aber mei⸗ 4 ne Bruſt ward mir ſo aͤngſtlich beklommen, ich mußte mich wegwenden. Glaube mir, holde Graͤfin, ich fuͤrchte mich vor den Lehrſtunden des ſonderbaren. Alten. Ich werde zu lebhaft an die gute Mutter Anne erinnert werden. Jetzt kann J ich es mir wohl erklaͤren, warum ſie immer ſo traurige Lieder ſang und ſpielte. O ſie 3 muß ſich ſehr ungluͤcklich gefuͤhlt haben, da ſie vom Schickſale aus ihrem Lebenskreis un⸗ ter herumſtreifende Zigeuner geworfen wurde. — end 112 Jch wiederhohle meine Bitte, dolde 3 Gesin mich mit ihrem Schickſale bekannt zu. machen. UÜnd geſetzt, ſie bat mich ſelbſt mei⸗ ner Mutter geraubt, ſo hat ſie doch das Ver⸗ gehen an mir durch ihre muͤtterliche Sorgfalt tauſendfach ausgeſoͤhnt. Graf Agathon ſendet ſeinen Bedienten. BWerde ich bald wieder eine Antwort oon Dir erhalten, holde Graͤfin? 4 O koͤnnt' ich dich ſelbſt ſo gewiß erwade ten, als Deinen Brief! Ich danke Dir fuͤr Deine himmtiſche Guͤte, mit welcher Du mei⸗ ne Schreibereien beurtheilſt. Ich werdej jes den Deiner Winke ſehr genau befolgen, und allen Fleiß anwenden immer vollkommner zu werden. 4 Sar ich Dir, holde hede Rebenat von der Anwendung meiner Zeit ablegen 7— Ich habe es ſchon laͤngſt mir vorgeſetzt, und habe Dich bitten wollen, mir Deine Be⸗ merkungen mitzutheilen, wenn Du finden oll⸗ teſt, daß ich von jenen Stunden, in welchen chn mir ſelbſt uͤberlaſſen bin, einen beſſern Ge⸗ H rauc ½. . äA 1 14 42. vrauch machen koͤnnte. Verzeihe, wenn ich Dich mit ſo mancherlei belaͤſtige und Dir ſo viele Stunden raube, welche Du auf jeden Fall, ſchon ſelbſt durch Deine ſchoͤnen Gedan⸗ 8 ken beſſer anwenden koönnteſt. Frage Deinen Pater Sittenlehrer und Deine Oberhofmeiſterin, wirſt Du vielleicht ſagen; und Du haſt recht, da ich ihnen ein für allemal zur Leitung anvertraut t Worden bin. Zweifte nicht, daß ich mit einem und den andern daruͤber geſprochen habe; allein offenherzig bekenne ich, daß ich weder mit Eintheilung noch mit Sache zufrieden bin, und folglich meine Neigung und mein eignes Nachdenken mir zur Regel gemacht habe.. Der gute Hofkaplan hat mir einige fromme Buͤcher gebracht, die ſich zum Theil auf den frommen Unterricht beziehen, wel⸗ chen er mir ertheilt und woͤbei er jedesmal ſeine Beredſamkeit ſo erſchoͤpft, daß er das . einmal Geſagre oft drei und viermal wieder⸗ holen muß, um nur die Stunde auszufuͤllen. Daß Du lebſt, ſagte Mutter Anne, daß wir leben und alle Menſchen, welche Du je geſehen und noch fehen wirſt, iſt kein Ohnge⸗ fehr. Daß eine hangf Thiere leben, die .* hälſe 23 ar, Pa, 2e. theils den Menſchen ur Wkaßeung dienen, theils ihnen auf andre Weiſe nuͤtzlich ſind, iſt eben ſo wenig bloß von ungefehr Daß Du eine Menge Baͤume und Kraͤuter erblickſt, welche ſowohl den Menſchen als den Thieren tbeils zur Nahrung dienen theils auf eine un⸗ zaͤhlige Art angewendet werden, iſt auch kein bloßer Zufall; und eben ſo wenig, daß es Tag und Nacht wird, Sommer und Winter, daß die Sonne den Tag erleuchtet und daß die Nacht durch Mond und Sterne erhellet wird. Wenn Du von Vater und Mutter adles erhaͤltſt, deine Kleidung, deine Nahrung, Wartung, Pflege; wenn ſie ſorgen, daß es dir wohl gehe, und daß du vergnuͤgt ſeyn kannſt, worauf wird ſich das alles gruͤnden? Wenn dich deine Eltern nicht lieb häͤtten, wuͤr⸗ den ſie das alles fuͤr dich thun, was du von ihnen erfaͤhrſt?— Und wenn nun alle Menſchen, wenn alle Thiere auf der Erde alles finden, was zu ihrer Nahrung, Klei⸗ dung und was zu ihrem Vergnuͤgen gereicht, wenn alles zu einer beſtimmten Zeit und in der groͤßten Ordnung jedes Jahr und zu jeder Zeit erſcheint, worauf koͤnnen wir auch da § 2 mu 116 mit Zuverſicht ſchließen? Nicht auch auf ei⸗ ne überſchwensliche Liebe?— O dann umarmte mich Mutter, Anne mit Entzuͤcken und rief: ja liebes Khat ldch en! alles, was du um dich her erblickſt, nennt man die Schoͤpfung oder die Ratur, und dieſe hat ihr Daſeyn von einer unendlichen Liebe, deren Beweiſe du mit jedem Odenzuge, mit jedem Blicke, mit jedem Geruche und Ge⸗ ſchmacke, mit jedem Gefuͤhle erfaͤhrſt; aber das Weſen, welches ſich durch eine ſo uner⸗ ſchoͤpfliche immer wieder erneuernde Liebe of⸗ fenbart, kannſt du nicht ſehen; nur die Be⸗ weiſe ſeiner Liebe kannſt du ſehen und em⸗ pfinden. Wenn du nun deine Eltern wegen ihrer Liebe wieder liebſt, wirſt du nicht auch das Weſen lieben, welches dir ungleich groͤ⸗ ßere Beweiſe ſeiner Liebe giebt? ohne deſſen Liebe du deine Eltern nicht haͤtteſt und ohne deſſen Liebe alles und du ſelbſt nicte waͤ⸗ reſt?— Berzeihe, holde Graͤfin, daß ich mich nicht entbrechen konnte, Dir dieſe Gedanken aufzuſetzen, die mir in dem Augenblicke ſo licht und ſo laut vorſchwebten, als hoͤrt ich ſie eben jetzt von der guten Mutter Anna. der „ ReA 115 Der Pater Hofkaplan hat mir auch ſehr piel von Gott vorgeſagt; aber woher ruͤhrt das holde Graͤfin, daß nichts ſo tiefen Ein⸗ druck auf mein Herz gemacht hat, als dieſe Vorſtellungsart Annens? Kommt es vielleicht daher, weil er alles ſo kalt und ohne Theil⸗ nahme hinter einander herſagt, wie ich ehe⸗ dem meine Zigeunerformel, wenn ich den Leu⸗ ten gut Gluͤck wahrſagen wollte? Ich dachte am Endenuichts mehr dabei und auch er ſcheint nichts dabei zu denken, vermuthlich, weil er alles auch zu oft ſchon hergeſagt har. Aber in Eifer geraͤth er, daß ihm alles Blut in's Geſicht tritt und ſpricht ſo ſtark, daß das Zimmer bebt, wenn er von den Suͤn⸗ den und vom Zorne Gottes zund der Ver⸗ dammniß redet. Er beſchreibt das Fegefeuer und die Hoͤlle ſo graͤßlich, und die Quaalen der Verdammten ſo ſchrecklich grauſend, daß mir die Haare zu Berge treten, und alles mit einer Zuverſicht, als waͤre er ſelbſt da geweſen. Ich machte ihm einigemal die Einwen⸗ dung, daß ich mir dieß nicht von der alllie⸗ heuden Guͤte der Gottheit denken koͤnnte, daß ſie Gefallen an den Quaalen der ungluͤcklichen Menſchen finden koͤnne, und ſagte ihm, ich “ ſei ſei belehrt worden; wenn ich ruhig und gluͤck⸗ lich leben wolle, muͤſſe ich mich bemuͤhen gut zu denken, und gut zu handeln. Ich fuͤhle Anlage und Kraf in mir Boͤſes und Gutes zu thun: darum muͤſſe ich mich beſtreben Gu⸗ tes und Böſes und was Recht und Unrecht ſei zu unterſcheiden, um meinen Neigungen eine gute Richtung zu geben. Die Unruhe, die Unzufriedenheit, die Nengſtlichkeit, die ich füh⸗ le, wenn ich etwas Unrechtes begangen habe, ſei ein heiliges Gefuͤhl, welches mir die all⸗ liebende Gottheit ſelbſt in mein Herz gelegt und beſtimmt habe, daß ich durch dieſes ru⸗ hig und glücklich leben ſolle. Dieſes Gefuhl erinnere mich jederzeit, wann ich die allte⸗ bende Gottheit mit Undank belohnt habe, und ſtrafe mich mit Unzufriedenheit, Aengſtlichkes und Reue. Wenn ich daher ruhig und glück⸗ lich leben wolle muͤſte ich dieſes Gefuͤhl hei⸗ lig halten, bei jeder Gelegenheit als ein zu⸗ verlaͤſſiges Orakel um Rath fragen, und ſei⸗ ne ſanften Warnungey nie verachten, weil ich durch dieſes Gefuͤtzl allein mir Fertigkeit im Guten erwerben koͤnne. 4 „Das ſind gefaͤhrliche Feriehrem vief der Pater Hoefkaplan,„der in Suͤnden em⸗ Piangen und gebohrne und durch die Sände ver⸗ NE 8 7 19 verdammte Menſch vermag nichts zu thun und verdient nur Gottes Zorn und Strafe, wenn er nicht durch Gebet und Glauben, durch Zerknirſchung des Herzens und Vorſprache der Heiligen es dahin zu bringen ſucht, daß er zu Gnaden angenommen wird. Verlaſſen Sie, gnaͤdigſte Prinzeſſin, dieſen Unglauben; Ihre Seele iſt in Gefahr! Beten Sie des Tags ſiebenmal ſi ſieben Abe Maria und ſteben Vater unſer; ich will Eure? Durchlaucht ein eignes heiliges Gebet fuͤr dieſe Umſtaͤnde die Gnade haben zu uͤberbringen, welches von un⸗ ſrer heiligen Kirche vorgeſchrieben iſt, und empfehle Ihnen den heiligen Thomas und die heilige Kunigunde zu Ihren Schutzheiligen, an welche Sie Ihr frommes ſtuͤndliches Ge⸗ bet richten, das ſie bei Gott fuͤr die Rettung Ihrer Seele vorſprechen.“ Holde Graͤfn, der Mann hat mich in unbeſchreibliche Unruhe geſetzt. Mein Herz zieht mich zur allliebenden Gottheit hin; ich bin mir keiner unrechten That bewußt und ich fuͤhle mich von einer fanften Ruhe durchdrun⸗ gen, wenn ich mir die Gottheit wie eine zaͤrt⸗ che Vater und Mutterliebe denke. Leſe ich in dem Buche, welches mir der Pater em⸗ pfohlen hat, und bete ich die mir vorgeſchrieb⸗ nen 120 e nen Gebete, in welchen ich mich zum allerboͤ⸗ ſeſten Menſchen herabgeſetzt ſehe, ſo iſt mir dagegen, als ſagte ich der Gottheit eine of⸗ fenbare Unwahrheit vor, und anſtatt ein⸗ Beruhigung darauf zu fuͤhlen, werde ich un⸗ ruhiger⸗ weil ich ungewiß werde, woran ich mich halten ſoll; ob an das, wie mich Mut⸗ ter Anne belehrt hat, oder an das, was mir jetzt vom Pater Hofkaplan als goͤttliche ahahi⸗ heit angeprieſen wird.. O, gute Gröfin, ich lebte in meinem ehemaligen Zuſtande gluͤcklicher und zufried⸗ ner als jetzt. Ich will damit nicht ſagen, daß ich mich wieder in denſelben zuruͤck wuͤnſch⸗ te; aber ich lebte in einer gluͤcklichen Unwiſ⸗ ſenheit, die ich um ſo weniger fuͤhlte, weil ich durch meine ungluͤckliche Pfiegemustes lle uͤbrige an Kenntniſſe uͤbertraf, ſo beſchraͤnkt ich auch jetzt alles finde. Wenn wir uns nach langen Maͤrſchen lagerten oder in einer elen⸗ den Huͤtte einkehrten, und unſern Hunger oft mit halbrohen, oft halbfaulen Nahrungs⸗ mitteln geſtillt hatten, ſo belebte allgemeiner Frohſinn den ganzen Haufen, bis die Muͤ⸗ digkeit uns auf bloßer Erde, oder auf einem geringen Strohlager in den ſanfteſten Schlaf einwiegte. Die rohen Menſchen, die mir In jett immer roher erſcheigen, je mehr ſich mei⸗ ne Kenntniſſe erweitern, wie willfaͤhrig wa⸗ ren ſie nicht, einander durch kleine Dienſte und Gefaͤlligkeiten zuvorzukommen! welche Ehrerbietung erwieſen die juͤngern den aͤl⸗ tern, und wie allgemein bewieſen ſie ſich Auf⸗ richtigkeit und Redlichkeit gegen einander. Freilich verliert. dieß ſchoͤne Gemaͤhlde, wenn ich uͤberlege, wie ſie gegen andre han⸗ delten, die nicht zur Rotte gehoͤrten. Nur wenige von unſern Maͤnnern beſchaͤftigten ſich mit Keſſelflicken, Naͤgelſchmieden und noch wenigere trieben einen kleinen Handel, mit Schnallen, die ſie ſelbſt verfertigten und mit andern unbedeutenden Saͤchelchen, mehr⸗ zum Schein, als des Gewinnſtes wegen, da ſie gemeiniglich die Kundſchafter waren, welche Bericht erſtatteten, wo etwas zu hohlen ſei, und die ſtaͤrkern geſaͤndern Maͤnner trieben Raͤuberei zum Vortheil der ganzen Rotte. Auch unſere Weiber waren zum Theil trefli⸗ che Meiſterinnen im Stehlen; ſie kamen ſel⸗ ten ohne eine kleine Beute zuruͤck und waͤre es ein unbedeutendes Tuch oder gar ein elen⸗ der Lappen geweſen. Ihre Wahrſagerei gab ihnen trefliche Ge legenbeit dazu und mehrere zichneteg ſich in der Taſcheuſpi elerkunſt gan vor⸗ vorzuͤglich aus. Die Ringe waren unver⸗ merkt vom Finger gezogen, indem die Linien der Hand unterſucht wurden, und nichts von Werth hatte eine Perſon um ſich, was eine Zigeunerin bemerkte, deſſen ſie ſich nicht auch zu bemaͤchtigen gewußt haͤtte. Wie ſchaͤndlich, wie verachtungswuͤrdig, wie ſtrafbar erſcheint mir jetzt dieß Gewerbe! Man erzaͤhlte ſich in den Ruheſtunden die Kunſtgriffe, die Schlauheiten, mit welcher man die Einfalt und Klugheit uͤberliſtet bat⸗ te, und belachte und lobte jede That, mit je groͤßerer Liſt ſie ausgefuͤhrt worden war. Die Kinder hoͤren alles mit an, lernen es fuͤr Recht erkennen und machen bald ſelbſt Verſuche Jede Probe die ſie ablegen, wird belohnt und ſo wird der junge Raͤuber erzo⸗ gen, ohne daß es ihm je einfaͤllt, daß er Un⸗ recht und bdoͤſe handelt. Willſt Du, gute Graͤfin, wiſſen, wor⸗ auf mich mein Rachdenken geleitet hat, nach⸗ dem ich eine Vergleichung angeſtellt habe, wie in dem Verhaͤltniſfe die Kinder erzogen wer⸗ den, welches ich jetzt genauer kennen lerne? — wenn die Kinder ſo erzogen wuͤrden, daß fie nichts als Gutes reden hoͤrten, bloß gute Thaten ſͤhen und erzaͤhlen hoͤrten, ſo wuͤrden ſie 8 AVAARNAE 12 3 ſie eben ſo gut denken und handeln lernen, als die Zigeunerkinder gegen Nichtzigeuner unrecht denken und handeln lernen. Ich finde dieſe Bemerkung auch an mei⸗ ner Schweſter Egeria beſtaͤtigt. Sie iſt ganz das Abbild ihrer franzoͤſiſchen Erzieherin, ei⸗ ner Demoiſelle Cachettiere. Stolz und ſelbſt⸗ ſuͤchtig, plauderhaft, gefaͤllig im Aeußern, ſplitterrichtet alle Menſchen, und kennt kein wichtigeres Geſchaͤft als ihren Putz vor dem Spiegel zu verrichten; und dieſes gluͤcklich angefangne Werk ſucht die Oberhofmeiſterin zu einer hoͤhern Vollendung zu bringen, wel⸗ ches ihr auch allem Anſchein nach in einem hohen Grade gelingen wird. Egerie iſt ein Muſter von Verſtellung und hat es ganz in ihrer Gewalt jeden Augenblick ein anderes Geſicht anzunehmen. Sie hat jetzt gezankt und ihre Bedienung auf die unwuͤrdigſte Aut mißhandelt, und die Oberhofmeiſterin tritt herein und findet ihre Mine ſo ſanft und ru⸗ hig, als ob gar nichts vorgefallen waͤre; und kaum hat ſich die Oberhofmeiſterin entfernt, die ſie mit ausgezeichneter Achtung und Herz⸗ lichkeit anhoͤrte, ſo ſpottet ſie mit der groͤß⸗ ten Bitterkeit uͤber ſie, aͤft ihr Gang, Minen und Sprache vollkommen nach, und macht ſie ſte vor denen zum Gelaͤchter mit welchen ſte kurz vorher zankte und wohl in der maͤchſten Minute wieder zankt. inhs Wein Ich habe Dir, bholde⸗ Gröfin, Nechen⸗ ſchaft von der Eintheilung meiner⸗Zeit able⸗ gen wollen, und ſieh ich ha be ſehr viel auf⸗ geſchrieben, ohne wieder an meinen Vorſatz zu denken. So geht es mir jedesmal; wonn ich mich hinſetze und etwas aufſchreiben will, ſo verdraͤngt immer ein Gedanke den andern und ich komme von der Hanptſache ab, 25) ich es ſolbſt glaub be. Morgen iſt Hofball zur Grburtetogeneie meines Vaters. Ich liebe das Geraͤuſch nicht; aber die mancherlei Geſichter zurerfor⸗ ſchen, gewaͤhrt mir dennoch oft viel Unterhal⸗ tung. Ich bin neugierig ob ich wohl eine einzige Perſon werde kennen lernen, die aus ſic ſelbſt handelte und ſich darſelt wie ſie iſt. 6. D⸗ willſt mir, bolde CeJffm„ alle Seit ten ausliefern, welche Du von Mutter Annen erhalten haſt, nur jetzt noch nichte e Mit AA 125 Mit dieſem Verſprechen haſt Du mir eine Alabeeſtwenglide. Freude gemacht. Nur jetzt noch nicht! Ich kann n mir ei⸗ nen Grund wohl denken. Sie enthalten un⸗ ſtveitig vieles von gewiſſen Perſonen was mit nicht ganz angenehm ſeyn koͤnnte, wenn ich es wuͤßte, und noch beſitz ich wohl viel zu wenig Klugheit, gewiſſe Kenntniß von Sachen zu haben und doch zu ſcheinen, als waͤren ſie mis ein ganz verſchloßnes Geheimniß. Un⸗ ter den Zigeunern wurde ich freilich fuͤr das kluͤgſte Maͤdchen gehalten; aber die geſittete und beſonders die Hofklugheit iſt eine ganz andre Klugheit; hier kann man klug heißen, wenn man auch von Herzen wenig Verſtand bat 8 Dieß behalte ja bei Dir, holde Graͤftn; den wenn ich das laut ſagte, ſo wuͤrde man mich ganz unſtreitig fuͤr ſehr unklug halten. Aber habe nur Geduld: ich werde es endlich auch ſchon durch Angewoͤhnung dahin brin⸗ gen, daß ich nur alles das ſage, was alle ſa⸗ gen und daß ich alle Bemerkunge en, die aus meiner Handvoll Verſtand durch Bebbachtung und Vergleichung hervorgehen fuͤr mich und li dich hezaſte⸗ 126 rAAd Du biſt eine herrliche Seele! Du fuͤhlſt, daß mir die Verſagung der Papiere, weil ich mich nach einigem Aufſchluß uͤber das Schick⸗ ſal meiner guten Pflegemutter ſehne, nicht angenehm ſeyn werde, und verſprichſt mir wenigſtens eine kleine Ueberſicht ſelbſt aufzu⸗ ſetzen. O wie vielen herzlichen Dank wird Dir dafuͤr mein Herz ſchuldig ſeyn! Glaube mir, holde Graͤfin, je vertrauter ich mit dem hoͤhern Lebensverhaͤltniſſe werde, je unbe⸗ greiflicher erſcheint mir die ungluͤckliche Ha⸗ mold. Ich kann mir es nun freilich erkla⸗ ren, warum ich ſie bisweilen in tiefe Trauer verſenkt und mit Thraͤnen in den Augen uͤber⸗ raſchte. Allein nie hoͤrte ich eine laute Kla⸗ ge, und ich bewundere ihre Ergebung mit welcher ſie ihr Schickfal ertrug. Erſt ſo kur⸗ ze Zeit habe ich das weichliche, bequeme und wenn ich aufrichtig ſeyn ſoll, das uͤppige Le⸗ ben genoſſen; allein wenn ich jetzt wieder vom Schickſal in meine vorigen Waͤlder un⸗ ter die Zigeuner verſtoßen werden ſolltee— ich ſchaudre bei dem bloßen Gedanken zu⸗ ſammen!— ich wuͤrde die Kraft nicht haben dieſen Wechſel mit Geduld zu ertragen; und ſie, von Jugend an mit Gemaͤchlichkeiten des Lehens Serrkaut⸗ ſo ſanft, ſo gut wie ich mir eins eine Heilige denke!— Aber wie war es moͤglich bei einem ſo guten und ſanften Her⸗ zen, daß ſie in Gemeinſchaft mit den Zigeu⸗ nern kam? 4 Still! ich hoͤre die Oberhofmeiſterin . huſten und breche 45. Ich habe den ganzen Tag nicht wieder zum Schreiben gelangen koͤnnen. Fragſt Du, was ich gethan habe? ſo kann ich gar nichts — vorzeigen; aber doch eine Freude habe ich ge⸗ habt. 3 Meiſter Siegfried iſt ein ganz eigner Mann. Seine Zuͤge verrathen eine Abrech⸗ nung mit der Welt. Er ſcheint ganz bekannt mit ihr zu ſeyn; aber auch alle Anſpruͤche aufgegeben zu haben. In ſeinem Auge liegt ein verſtecktes Lächeln, das auch an ſei⸗ nem Munde zuckt. Er hat ein ſchoͤnes altes Geſicht, eine große krummgebogene Rafe, eine hohe freie Stirne und eisgraue lockige Haare. Sein Sprechen iſt Geſang. Ich habe ihn noch nie ohne ſeine Laute geſehen. Sei⸗ ne Stimme iſt ſtark und tief und dabei hell und rund; er hat ſie ſo in ſeiner Gewalt, wie ich es noch nie gehoͤrt habe. Sein Ton andert 128 EAANISh aadert 86 nach dem Jahalt feiner Rade. ei⸗ ſpricht leiſe und lispelt, ſagt er etwas ange⸗ nehmes, jedes Wort druͤckt ſich in Blick und Minen aus, und dazu begleitet er ſich unauf⸗ hoͤrlich auf ſeiner Laute. Seine Stimme er⸗ ſchuͤttert, ſpricht er ernſthaft; und ſchneidend iſt ſein Spott aͤber die Schwaͤchen der Men⸗ ſchen, jedoch mit ungleich wenigerer Erbitte⸗ rung wie bei Pataſch meinem Pflegevater. 3 Biſt Du nicht neugierig⸗ holde Graͤfin, einen ſo ſonderbaren? Mann kennen zu lernen? 2 Man hat ihn hier ſehr gerne, wie ich hoͤre, nd nennt. ihn allgemein den ſprechen⸗ den Saͤnger und Lautenſchlaͤger⸗Meiſter Sieg⸗ fried. Doch genug von ihm, und nun die Freu⸗ de, welche er mir gemacht hat. Durch ſein Spiel meldet er ſich i im Vor⸗ zimmer an. Ich mußte ihn warten laſſen, weit die Oberhofmeiſterin noch nicht zugegen war. Er ſpielte ein drolliges Liedchen; ich hoͤrte Jemand laut lachen, und gleich. darauf ſtuͤrz⸗ te mein Kammermaͤdchen mit lautem Lachen herein, und rief gnaͤdigſte Prinzeſſin—— Allein ſie konnte nicht ausreden: Meit ſter Siegfriedtrat an die Thuͤre, die das Maͤd⸗ chen offen gelaſſen hans, und ich erbiickte ein 8ro TKE 129 großen uͤberaus ſchon geſiederten Vogel auf ſeiner rechten Schulter, welcher mit ſeinem dicken Kopfe ihm die Backe ſteich. „Werzeihe dem Saͤnger, Prinzeſſin,« ſagte er zum Spiel ſeiner Laute,„daß er es wagt, ſich Dir zu naͤhern; ehe die Schuͤtzerin noch Dir zur Seite ſtebt. Sieh dieſen ſchmeichelnden Vogel! Zehn Jahre ſchon war er mein treuer Begleiter. Verſchmaͤhſt Du ihn, wenn ich zum Geſchenk ihn Dir biethe? — Oft wirſt Du zweifelyaft werden, bei ſeinem geſchwaͤtzigen Plaudern; ob menſchli⸗ cher Verſtaͤnd ihn nich beſeele. Prinzeſ⸗ ſin! „Prinzeſſin!e wiederboß! te der Vogel zu meinem Erſtaunen auf ſeiner Schulter.— „Wer gut iſt den liebt man« ſagte Meiſter Siegfried und eben ſo deutlich ſagte es ihm der Vogel nach und ſetzte noch hinzus „pfui! die boͤſen Menſchen, wer ſoll die lie⸗ ben?“ und lachte darauf, daß mir die Ohr ren geilten. Der Vogel war es alſo auch ge⸗ weſen den ich im Vorzimmer lachen gehoͤrt hatre.— Sehr ungern ſab ich jetzt die Oberhof⸗ 1 meiſterin kommen. Ich ſcheue mich außer⸗ ordentlich vor der guten Frau, und nehme J jedes⸗ ALAn jedesmal eine ganz andre Stellung und Mine an. Ich glaube in der That, daß ſie eben ſo wenig dafuͤr kann, daß ſie ſo iſt, als ein Zigeunermaͤdchen dafuͤr kann, daß es Mau⸗ ſerei treibt, weil es dazu angeleitet wird; und ich will auch nicht glauben, daß die Fun⸗ kerode boͤsartig iſt; allein ſie hat einmal mein Zutrauen verlohren, da ſie mir ſo man⸗ ches zur Pflicht macht, was dem natuͤrlichen Gefuͤhl meines Herzens gradezu widerſpricht, und noch mehr, da ſie ſich verſchiedentlich ehr bittre Anmerkungen uͤber die ungluͤckliche Hamold erlaubt hat. dDddite ſinſtre Mine, holde Graͤfin, haͤtteſt Du ſehen ſollen, wie ſie den ſonderbaren Mei⸗ nter Siegfried mit dem Vogel in meinem Haͤrte des Verweiſes, den ſie ihm geben woll⸗ te, nicht mit ſich einig zu ſeyn, wodurch er Lautenſpiel zuzulispeln, unterdeſſen ſich das Maͤdchen auf ihren drohenden Blick entfernte. des Vogels angekommen, welchen das Maͤd⸗ chen her inbrachte und hinſetzte. Sogleich flatterte der Vogel von Meiſter Siegfrieds . Schul⸗ 1 Zimmer erblickte. Sie ſchien mir wegen der Zeit gewann ihr einige Artigkeiten untem Mittlerweile war auch ein ſchoͤner Kaͤig — — Schulter, ſetzte ſich auf den Kaͤfig, ſchuͤttelte die Federn, ſtrich den Schnabel und ſagte: „Ich bleide hier! das iſt ſchoͤn!“— Die Oberhofmeiſterin laͤchelte, und Mei⸗ ſter Siegfried bath ſie nun in ſehr zierlichen Ausdruͤcken, die mich aͤngſtlich machten, weil ſie mir Spott ſchienen, daß ſie es erlauben moͤchte, daß ich kuͤnftig die Beſchuͤtzerin des treuen Thieres ſeyn duͤrfe.—— Indeſſen ſte nahm es nicht fuͤr Spott und erwiederte in einem mildern Tone als ge⸗ woͤhnlich.— „Wenn nur nicht die Delikateſſe Ihro „Durchlaucht der gnaͤdigſten Fuͤrſtin dadurch in Anſpruch genommen wird?— ich will je⸗ doch die Vermittelung uͤbernehmen. Spricht der Papagay viel?* „Ob er ſpricht?* antwortere der Saͤn⸗ ger ſchnell.—„Fragen Sie ihn nur ſelbſt, gnaͤdge Frau! Mir ſeinen Freunden ſpricht er gern, doch nicht mit ſeinen Feinden. Er trauert mit den Traurigen und mit den La⸗ chenden lacht er; doch iſt er rachſuͤchtig und vergißt Beleidigung nicht leicht.— 1 Die Oberbofmeiſterin trat naͤher hin, betrachtete den Vogel und lobte ihn. 13² G. 8. „Du biſt ein ſcharmantes Thierchen, 14 ſagte ſie und ſtreichelte ihm den Kopf⸗* „Wid⸗ 8 kommt!e ſagte der Vogel und ſchuͤttelte die Federn. „ Alſo nicht immer 2* fragte ſie lachend. „Nicht immer!“ wiederhoite der Vogel. Glaube mir holde Graͤfin, ein Thier vernehmliche Worte ſprechen⸗ hoͤren, machte auf mich einen ſs außerordentlichen Eindruck, daß ich faſt an Zauberei geglaubt haͤtte. Die Zigeuner ſteben in dem Ruf der Zauberei, und die gute Mutter Anne war in verſchied⸗ nen Gegenden, welche wir oͤftrer durchzogen, allgemein dafuͤr bekannt, Bezauberungen und Hepereien zu loͤſen. Sie belehrte mich, daß der Glaube an Zauberei eine Folge der Un⸗ wiſſenheit ſei, und machte mich mit allen Mit⸗ teln bekannt durch welche ſie ſich ihren Ruf erworben hatte, und die meiſtens aus einfa⸗ chen Kraͤutern und Wurzeln beſtanden, wel⸗ che ſie auf unſern Wanderungen ſammelte.— Als ſich Meiſter Siegfried entfernt hat⸗ te, nahm die Oberhofmeiſterin wieder eine ganz andere Mine an. Sie rief das Maͤd⸗ chen, und gab ihr einen aͤußerſt ſcharfen Ver. weis, daß ſie den Saͤnger zu mir in's Zim⸗ mer gelaſſen, wodurch ſie nicht bloß den Wohl⸗ ſtand, ſondern auch die ſchuldige Sbrerbie⸗ tung gegen mich verletzt habe, und dabei ſei ſie noch ſo aͤußerſt unbeſcheiden geweſen, und ſei hier geblieben wie ſie gekommen ſei Ob ſie nicht wiſſe, daß ſie in ihrem Beiſeyn, wenn ſie nicht gerufen wäͤre, uͤberall uͤberfluͤ⸗ ig ſei?— O warum wiederhohl' ich Dir das, hol⸗ de Gräſin? wenigſtens will ich Dich mit dem Uebrigen verſchonen, weſches das arme Maͤd⸗ chen ſo kraͤnkte, daß es heftig zu weinen an⸗ — fieng, und mich uͤber die Maaße dauerte. War denn die Neugierde des Maͤdchens einen Voge lzu beſehen, der ſprechen kann, ein ſo großes Verbrechen? Glauhe mir, gute Geafin, das iſt fuͤr mich eine der ſchwerſten Pflichten, welche mir die Oberhofmeiſterin auflegt: daß ich alles um und neben mich fuͤhlen laſſen ſoll, daß ich Prinzeſſin bin, und mich gebehrden ſoll, als waͤr' ich ein Weſen ungleich hoͤherer Art. Von Kindheit an gewoͤhnt, jeden Menſchen freundlich zu behandeln und durch liebreiches Betragen zu gewinnen und mir hold zu ma⸗ chen, wie ſoll ich das vermoͤgen mich umzu⸗ wandeln, und alles von mir abzuſtoßen? 85 ⁶ 8 „Ihr jetziges Verhaͤltniß, ſagt die Ober⸗ hofmeiſterin, iſt ein ganz andres: ehedem konnten ſie den Beiſtand anderer niccht ent⸗ behren, jetzt beduͤrfen ſie bloß die Unterſtuͤz⸗ zung ihrer Eltern, und um dieſer willen, muͤſſen ſich alle um ihren gnaͤdigen Blick be⸗ werben. Sollte ich nicht mehr gewinnen durch ein freundliches und liebreiches Betragen, auch in meinem jetzigen Verhaͤltniſſe, als durch kalten ahſchreckenden Stolz?. Lebt meine gute Mutter zufrieden und gluͤcklich?— Das Etiket, wie die Oberhof⸗ meiſterin das vorſchriftliche Betragen nennt, verſchließt ſie in ihr Kabinet, verurtheilt ſie zur Einſamkeit, und geſtattet ihr nur in ſtei⸗ fer Puppengeſellſchaft zu erſcheinen, an wel⸗ cher ſie ebenfalls nur in ſo fern Theil nehmen darf, daß ſie ſich als die vornehmſte und gläns zendſte Puppe zeigt. JIch glaube zuverſichtlich, nur daher ruͤhrt es, daß ſie beſtaͤndig uͤble La und kraͤnklich iſt, daß ſie von Verdruß gepei⸗ nigt und von der Langenweile gefoltert wird. Wenigſtens fuͤr mich iſt es die groͤßte Pein, daß ich mich Niemanden mittheilen ſoll, an den ich mich bingez n fühle, und daß 6An 135 ich mitten unter Menſchen, gezwungen wer⸗ de, mich von ihnen zu entfernen und mich in mich ſelbſt zuruͤck zu ziehen. 3 — Meiſter Siegfrieds Vogel ſoll mir tref⸗ lich zu ſtatten kommen. Ich will doch nicht befuͤrchten, daß man auch das gegen Etiket und Wchlſtand finden wird, wenn ich mit ihm plaudere? 1ahA. Gewiß nicht! denn ich habe ja ſchon bemerkt, daß man mit ſeinen Hunden freund⸗ licher und Rebreicher umgeht als mit Men⸗ ſchen; und ſo wird man auch gegen meinen Papagay nichts haben. Indeſſen gewöhne ich mich jetzt immer mehr daran, von allem, was ich denke und glaube, gerade das Gegentheil zu erwarten; denn mir iſt zu viel ſchon als Notbwendigkeit und Pflicht aufgedrungen worden, worauf mich mein ſchlichter Ver⸗ ſtand nie gefuͤhrt haͤtte und was mein Herz gegen das natuͤrlich menſchliche Gefuͤhl hielt. 9. Edüic, holde Graͤfin, will ich Dir wirklich von der Eintheizung meiner Zeit Rechenſchaft e* ablegen, ghteger was ich mir ſchon in einem meiner vorigen Bri efe vornam. Das Etiket ſchreibt mir vor, daß ch mich erſt gegen acht Uhr aus meinem weichen Bette erheben ſoll. Ich glaube aher faſt, daß dieß ein beſonderes Gebot von der Ober⸗ heofmeiſterin iſt, um ihrer Bequemlichkeit pfiegen zu koͤngen, da ſie es ſich zur Gewiſ⸗ ſensſache macht, mich beſtaͤndig unter Augen zu haben, bis ich von ihr den Bildungsgrad erreicht habem werde⸗ mich ſittlich und an⸗ ſtaͤndig zu betragen. Ich machte zanfanalich einwenducha dagegen, weil ich mit Anbruch des Tages er⸗ wache und wenn ich dann von neuem einſchla⸗ fe, eine Ermattung fuͤhle, die mich den gan⸗ zen Tag verdrießlich macht und mir alle Hei⸗ terkeit raubt; allein ich war uͤberſtimmt, wann auch nichtuͤberzeuat, daß ich mich nach dem Allgemeinen bequemen muͤſſe, und keine Ausnahme von der Regel machen koͤnne, um nicht die eingefuͤhrte Ordnung zu ſtoͤhren. Weißt Du nun, holde Graͤfin, wie ich's mache? Zc ſtehe jeden Morgen zweimal auf, und ich glaube wenigſtens, es iſt noch nicht bemerkt worden. So wir mich der Tag 3 weckt, ſpring ich heiter aup dem Bette, zieh 4 3 mich — 1 ziehen. n 137 mich ſchnell ⸗ an. ued. danke der Gottheit auf meinen Knien fuͤr ſeine vaͤterliche Einrichtung, daß ich die Nacht geſchlafen und meinen, Koͤr⸗ per erquickt und geſtaͤrkt fuͤhle, und wenn ich mein Kammermaͤdchen im Vorzimmer boͤre, ukleide ich mich ſchnell wieder aus, lege mich nieder und kungle nun, und laſſe mich an⸗ Dieſe Stunden, holde Gräͤfin, lebe i ganz Dir und mir ſelbſt, und ſie ſind die ru⸗ higſten, heiterſten und vergnuͤgteſten meines jetzigen Lebens. In dieſen, beiligen Stunden der Einfamkeit. denke ich mit tiefer Herzens⸗ ruͤhrung uͤber meine Schickſale nach, ſchreibe an dich, oder ſchreibe auch andere Gedanken auf, die mir uͤber mein Schickſal e nfallen; und in diefen Stunden lege ich mir auch Re⸗ ichenſchaft von dem vorigen Tage ab, weil alich des Abends gewoͤhnlich zu muͤde und ſchlaͤf⸗ rig bin, da ich mich nicht daran gewoͤhnen kann, ſo ſpaͤt aufzubleiben und bei'm Licht⸗ ſchimmer mich von langer Weile peinigen Au laſſen. 1 6 Der Anzug. und das Fruͤhſtuͤck muf eine ganze Stunde ausfüͤllen unerachtet ich eigent⸗ lich keine Viertelſtunde dazu noͤthig haͤtte. Meine Roſette erſtaunt uͤber meine Fertigkeit ünd 13 und Schnelligkeit mit welchet ich meine Toi⸗ lette ſelbſt mache; allein ſie wird angſtlich, wenn ich mich nicht ihrer langweiligen Be⸗ handlung ausſetzen will, weil ſie ſehr ſtrenge Anweiſung von der Oberhofmeiſterin hat. 8 4 Das arme Maͤdchen dauert mich dann, weil ſie ſich nicht dabei beruhigen kann, daß mir es die Funkerode anſehen koͤnne: ob ich mich ſetbſt angekleidet habe. 1 Roſette iſt ſchon ein altliches Maͤdchen, wenn ich ſie nicht gar alt nennen darf, und iſt auf eine ſonderbare Art fromm. Sie ſpricht fehr gern viel; aber glaubſt du, daß ich ſie ahin bringen koͤnnte, mit mir zu ſprechen? Ich habe ſie daruͤber zur Rede geſtellt, und ſie entſchuldigt ſich, daß es gegen die Ehr⸗ furcht ſei, mehr mit mir zu ſprechen, als meine Fragen beantwobten und was ihr Dienſt erfordere. Ich merk' es, daß es ihr die Oberhofmeiſterin verbothen hat. Haben wir das große Geſchaͤft der An⸗ 5* kteidung vollendet, ſo erſcheint mein Sitten⸗ und Religionslehrer der Pater Hofkaplan. Ich habe dir ſchon, holde Graͤfin das Wich⸗ tigſte uͤber ihn und von ihm geſagt. Seit eini⸗ 5 gen Tagen hat er immer Gelegenheit genoms men mir die Seligkeit des einſamen Kloſter⸗ lehens — 739 lebens zu ſchildern. Ich habe auf meinen ehemaligen Wanderungen die Kloͤſter auch einigermaßen kennen gelernt; aber Seligkeit in dieſen geſchloſſenen Mauern, von aller menſchlichen Geſellſchaft abgeſondert, habe ich mir nie gedacht. Sie ſind mir immer wie Gefaͤngniſſe vorgekommen, in welchen man Verbrechen abbuͤßen muͤßte, und als et⸗ was Abſchreckendes habe ich das angeſeben, daß mau nie wieder das kloͤtterliche d Leben aufge⸗ ben kann. Ach nun folgt erſt eine langweilige Stunde, welche mir von Tage zu Tage uner⸗ traäͤglicher wird. Die Oberhofmeiſterin un⸗ terrichtet mich in der Wohlanſtaͤndigkeit. Anfaͤnglich beluſtigte mich die Sache der Neu⸗ heit wegen. Sie ſtellt in jeder Stunde meh⸗ rere Perſonen vor; bald iſt ſie meine Mutter, bald mein Vater, bald eine Hofdame, bald ein Cavalter, bald ein Fremder, bald dieß bald das, ſpricht dann mit mir von verſchie⸗ denen Dingen und Angelegenheiten, wovon man gewoͤhnlich zu ſprechen pflegt, wenn man ſich hier verſammelt, und ich muß antworten. Sie muſtert dann meine Worte, meine Ge⸗ behrden, meine Stellung, meine Minen; nicht das Mindeſte habe ich beibehalten duͤr⸗ fen, N 140 OTNn fen. was aus mir ſelbſt und don mir ſelbſt kam, kein? Wort, keine Stellung, keine Be⸗ wegung.* „ Aber, liebe Funkerode, 8 ſagt⸗ ich, warum ſoll ich denn mich nun gar nicht zei⸗ gen wie ich bin, wie ich denke und wie ich es nzu ſprech en und zu handeln fuͤr gut finde. Ich bandle ja dann gar nicht mehr natuͤrlich, ſon⸗ dern komme mir vor, als ob ich uͤber und uͤber eine Larvenkleidung anziehen ſollte, daß man mich nicht erkenne.“ Kannſt du es glauben, gute Gräſin, daß ſie mir es klar bewies, daß alles Einfache und Naturliche roh und unſittlich ſei, ſobald es nicht die gehoͤrige Ausbildung erhalte. Iſt es nicht laͤcherlich, daß man das Auusbildung des Natuͤrlichen nennt, was das Nataͤrliche ausrottot, die Sprache; zum Schnick⸗ wie er grabe nicht iſt, das heißt unnatuͤrlich entßelt. Wann Du Sesſongß, gute Gec, will adned Jch habe es nun 0 oft feeet daß ich keine Sylbe verfehle und ganz genau weiß, wie eins auf das andre e folgt. Ich habe es fönach macht, und den Menſchen, ſo ausſtellt, der Funkerode auch nicht nur geſogt, ſondern auch auch bewieſen. Ich bath ſie, ſich ruhig auf's Sopbha zu ſetzen und nun machte ich ihr die ganze Geſchichte in Zeit von einer Viertel⸗ ſtunde von Anfang bis zu Ende vor. Ich hoffte Lob zu verdienen und dem laͤſtigen Un⸗ terrichte ein Ende zu machen; aber bewahre! ich muß mich taͤglich noch mit gedankenloſem Gewaͤſche peinigen laſſen. Indeſſen iſt doch alles Unannehmliche in der Welt wenigſtens zuweilen auch mit eini⸗ gen Annehmlichkeiten vermiſcht, und dieſe ſin⸗ de ich darinnen, daß meine Schweſtern Egerie und Emanuele zuweilen dem Unterrichte bei⸗ wohnen. Egerie iſt bereits vollkommen Mei⸗ ſterin, und ich weiß nicht wie ich das Gefuͤhl benennen ſoll, welches mich durchdringt, wenn ich das ſchuldloſe achtjaͤhrige Kind Emanuele die auswendig gelernte Komoͤdie vor mir ſpie⸗ len ſehe. Die Zigeuner faͤhrten unter ſich zuweilen Poſfenſpiele auf, wobei auch jeder ſein Theil zu lernen bekam, und Weiber und Kinder eben ſo gut, wie die Erwachsnen; allein es war doch einiger Sinn in den Poſſen und man wußte es, daß es eine bloße Vor⸗ ſtellung zu Scherz und Freude war; allein hier wied alles als Ernſt genommen und es iſt ein tweſenliches Erforderniß des Wohl⸗ ſtandes 1 42² 4AS ſtandes und der Geſittetheit, ſich etwas unter vorgeſchriebnen Gebehrden und Bewegungen, vorzuſagen, was oft keinen Sinn hat und wobei man wenigſtens nichts denkt. Auf dieſe traurige Vergeudung der Zeit folgt eine andere und faſt noch ſinnloſere: die Toilette zur Tafel, womit volle anderthalb Stunden in der Regel hingebracht werden muͤſſen. Bedenke ſelbſt, holde Graͤfin, wie mir zu Muthe ſeyn kann, nachdem meine Ge⸗ duld ſchon eine ſo harte Pruͤfung ausgehal⸗ ten hat. Ich werde einmal um's andre un⸗ geduldig, ſpringe vom Stuhle auf, laufe da und dorthin und unternehme allerhand drol⸗ liges und launiges Zwiſchenſpiel, um friſchen Athem zu ſchoͤpfen. Meine gute Roſette kann das gar nicht begreifen, und fuͤhrt mir eine Menge Damen an, welche die Zeit an ihrer Toilette fuͤr die ſchoͤnſte und vergnuͤgteſte halten, und oft drei und viermal ihren Putz abaͤndern, bis ſie ſich ſo finden, wie es mit ihren Wuͤnſchen uͤber⸗ einkommt. 1 Iſt das wohl moͤglich, holde Graͤfin? Ich putze mich wirklich recht gern, und ich geſtehe es Dir ganz aufrichtig, daß es mie 3 nicht gleichguͤltig iſt, wie ich angezogen bin. 143 Ich betrachte mich auch ganz gern im Spie⸗ gel und fuͤhle ſo etwas, als ob ich Jemanden gefallen moͤchte, unerachtet ich mir ſelbſt Nie⸗ manden anzugeben weiß; allein mir ſelbſt uͤber⸗ laſſen habe ich in ſehr kurzer Zeit meinen ganzen Putz vollendet, und ich fuͤhle jedesmal eine lebhafte Freude, daß man gewoͤhnlich dann, wenn ſich Roſette halb kod geängſtigt hat, daß ich keine drei vier Minuten an⸗ haltend ſitzen konnte, und am Ende ſelbſt Hand aulegen muß, um zur gehoͤrigen Zeit im Spei⸗ ſeſaale oder im Kabinet meiner Mutter zu erſcheinen, mich am artigſten, und ſelbſt kleine Nachlaͤſſigkeiten an mir ſchoͤn findet, die aber bloß eine Folge der Eile und nicht des Nachdenkens ſind, wie man allgemein glaubt— Wenn ich nun nicht die kleine Betruͤge⸗ rei mit dem Aufſtehen ſpielte, ſo haͤtte ich vom ganzen Vormittag kein ruhiges Stuͤnd⸗ chen, in welchem ich mir ſelbſt uͤberlaſſen waͤ⸗ re und mich nach meiner Neigung beſchaͤftigen koͤnnte Und nicht beſſer geht es mir mit dem Nachmittage. Du weißt es, holde Graͤfin, daß ich es mir nicht erklaͤren konnte, wie man darauf fiel, eine Menge Speiſen zu einer Mahktzeit auf⸗ 144. 8 auf zutragen, und zwei bis drei Stunden am Tiſche zu ſitzen und zu eſſen. Auch jetzt weiß ich mir noch keine andere Erklaͤrung zu ge⸗ ben, als daß die Menſchen ganz ohne alle Geſchaͤfte ſeyn und von der Langeweile auf eine ganz außerordentliche Art ge peinigt wer⸗ den mußten, und daß ſie gar nichts anzufan⸗ gen wußten. um ſich ſo lange an den Tiſch zu ſetzen, und ſo vielerlei Speiſen von ganz ver⸗ ſchiednem Geſchmack hinunter zu ſchlucken. Von dem bloßen Koſten fuͤhlte ich mich an⸗ faͤnglich jedesmal uͤbel, und noch jetzt kann ich mich nicht daran gewoͤhnen. Ein Freudenfeſt mit einem großen Mahle feiern, je nun, das inde ich nicht unerklaͤrlich, wiewohl es auch einem ſonderbar iſt, ſich auf Koſten ſeiner Geſundheit zu freuen; allein von dem ſchoͤn⸗ ſten Theil des Tages drei Stunden hinzuga⸗ ben, um einmal ſatt zu werden, das kommt mir nicht anders vor, als gar nichts nuͤtzli⸗ ches anzufangen wiſſen. Ich habe jedesmal ſchreckliche Langewei⸗. le, und im Anfange hielt ich nie laͤnger als ei⸗ ne Stunde aus; aber jetzt muß ich zeigen, daß ich an der Geſittetheit zugenommen habe, und muß drei Stunden zuͤchtig und ehrbar urn, und mich ſelbſt deinigen, wenn mir die „Ve⸗ rN 145 Beobachtung der Tiſchgenoſſen und ihrer wohl⸗ behaͤglichen Weidung nicht einige Zerſteeuung gewaͤhrt, welche ich in der ſteifen und ge⸗ kuͤnſtelten Unterhaltung nie finden kann. Ganz abgeſpannt und trage komme ich jedesmal auf mein Zimmer, und ehe ich nich erhoblen kann und die Prunkkleidung abge⸗ legt habe, iſt wieder eine S tunde verlohren. Aber ich bemerke, holde Graͤfin, daß mein Brief ſehr lang wird, und daß man auch uͤber die langweiligſten Dinge ſehr viel ſchreiben kann. Der Himmel verhuͤte indeſ⸗ ſen, daß ich dir damit Langeweile gemacht habe! Ich will aber nun auch ganz kurz ſeyn. Wweimal in der Woche fabre ich aus, ſelten indeſſen mit meiner Mutter. Alle Straßen waren anfaͤnglich voll Menſchen, um die Fuͤrſtentochter zu ſehen, die ſo lange eine Zigeunerin geweſen war. Angenehmer ſind mit die Stunden, welche wir an ſchoͤnen Ta⸗ zen im großen Garten zubringen. Ich ſu⸗ che mich dann gewoͤhnlich abzuſchleichen und begebe mich in die dichteſten Gebuͤſche. Ich ſchuͤrze denn auch wohl mein Schleppkleid auf und laufe nach einem Ziele. Bewahre, daß mich denn nicht die Oberhefmeiſterin be⸗ ſchleicht! Hab' ich indeſſen nur erſt einen Ne⸗ K ben⸗ 146 r4ARn dengang erreicht, denn werfe ich allen Zwäͤng von mir ab, und finde ſie zuverſichtlich eher wieder, als ſie mich. Viermal in der Woche kommt ein Tanz⸗ meiſter zu mir und lehrt mich gehen. Er iſt der Oberbofmeiſterin nicht ſtrenge genug, und begleitet ſeine Erinnerungen immet mit haͤu⸗ figen Nebenerinnerungen, welche indeſſe am lehrreichſten ausfallen, wenn wir auf die Ver⸗ beugungen kommen. Hierin zeigt ſie ein Au⸗ genmaaß, weiches ſelbſt den Tanzmeiſter in Erſtaunen ſetzt. Kuͤrzlich hatte ich den Ein⸗ fall, da ſie einmal bei ſehr guter Laune war ihr eine Probe abzulegen, daß ich auch tan⸗ zen gelernt habe, und ich weiß nicht, wie mich der Muthwille anwandelte, meine Fer⸗ tigkeit in den Spruͤngen zu zeigen Der Tanzmeiſter haͤtte mir gern ſeinen Beifall zugelaͤchelt, das ſah' ich; aber ſeine Augen forſchten unverwandt im Geſichte der Oberhofmeiſterin, und da ſich dieſes immer zu verlaͤngern ſchien, je hoͤher ich meine Kunſt zu treiben ſuchte, und Schrecken und Entſetzen, wie uͤber ein ſchauderhaftes Verbrechen, aus Blick und Minen ſtarrten, ſo wagte er es nicht, und machte eine tiefe Verbeugung, als ſie die Haͤnde rang und ein aͤngſtliches Um Got⸗ ⏑——————r ASNAe 147 Gottes Willen! aus der beklommenen Bruſt ſtieß, welches ich mich indeſſen nicht hindern ließ, meinen Tanz zu vollenden. Die Folge war, daß ſie den Tanzmeiſter ſogleich enrließ und mich eine Stunde lang uͤber die Unanſtaͤndigkeit meines Tanzes un⸗ terhielt und dabei etlichemal ſo in Eifer ge⸗ rieth, daß ſie meine Spruͤnge nachmachen wollte, wobei ich mich unmoͤglich nthalten Fonnte, herzlich zu lachen. Drei Stunden kommt auch Meiſter Sieg⸗ kried die Woche. Dieſe Stunden gehoͤren unter meine angenehmſten. Es iſt Kleinig⸗ keit mit den Roten, ſagte er; und wirklich weiß ich es ſelbſt nicht, wie er mir ſie bei⸗ gebracht hat. Nach Noten ſpielen finde ich freilich erwas ſchwieriger, weil ich es nicht gewohnt bin, mich bei meinem Spielen an etwas zu binden, ſondern bloß dabei meiner Empfindung folge. Geſetzt aber auch, es ſoll⸗ te mich recht viele Muͤhe und Anſtrengung koſten, ſo will ich doch meinem Bruder Be⸗ weiſe geben, daß mir nichts zu ſchwer fallen kann, womit ich ſeine Aufmerkſamkeit ver⸗ diene. Auch kommt ein alter Schreibemeiſter zu mir; ein guter ehrlicher Mann, den ich 45 K 2 mit mit jeder Frage in Verlegenheit ſetze. Daß ich in ſo kurzer Zeit und durch eine ſo unbe⸗ ſtimmte Anleitung ſchreiben geilernt habe, ſcheint ihm unbegreifliche⸗ Aber auch die Oberhofmeiſterin glaubte, ich habe dieſe klei⸗ ne Fertigkeit der ungluͤcklicheen Hamold zu danken. In der That, moͤcht' ich auch ihre Gruͤnde wiſſen, warum ſie mich nicht mit dieſer Kunſt bekannt machte? und warum ſie es vor mir geheim gehalten hat, daß ſie ſchreiben konnte. Niicht zu vergeſſen, daß ich auch von ei⸗ aner alten Fraͤulein Zetterwitſch im Sticken Unterricht erhalte. Das Sticken iſt freilich eine ganz artige Sache; aber ich ſebe den Nutzen nicht ganz ein, da ſich alles, was ich von ſolcher Arbeit am Hofe geſehen habe, auf bloße Spielerei erſtreckt, was man ſelbſt verfertigt; alles andere aber von einiger Be⸗ deutung kauft oder von andern verfertigen laͤßt und bezahlt. 1 6: Das Fraͤulein iſt uͤberaus geſpraͤchig und weiß alles puͤnktlich, was bei Hofe und in der ganzen Stadt vorgeht. Sie hat die ungluͤckliche Hamold und den Herrn von Loͤ⸗ wenzahn ſehr gut gekannt, und ich zweifele keinen Augenblick, daß ſie mir nicht die gan⸗ . ze 5 rA 149 ze Geſchichte mittheilte, unerachtet ſie mir verſichert hat, daß es ihr die Fuͤrſtin bei Un⸗ gnade unterſagt hat, wenn wir nur ſicher vor meinem Schutzgeiſte waͤren. Freundinnen ſind ſie gewiß nicht die Funkerode und die Zetterwitſch, das kann ich ſehr leicht daraus ſchließen, daß mich jede immer auszuforſchen ſucht, was die Eine von der Andern geſagt hat, und was ich ei⸗ gentlich von der andern denke; die Zetter⸗ witſch hat ſich ſogar einigemal kleine Spbn⸗ ereien uͤber jene erlaubt. Einen neuen Beweis, holde Graͤfin, von dem Fortſchreiten in meiner Gebildetheit kannſt Du darin finden, daß ich klug genug bin, mich gegen keine von beiden bloß zu ge⸗ ben, was ich denke, weil— keine von beiden auch nicht ein Fuͤnkchen Redlichkeit beſitzt. Dieß ſagte ich ehedem wohl jedem ganz frei, wenn er mich das Gegentheil wollte glauben machen; aber jetzt bin ich belehrt, daß das gegen gute Sitte und Anſtand iſt, und lerne es verſchweigen. Was gewinnt man aber durch das Ver⸗ ſchweigen, trefliche Seele? Daß immer einer den andern fuͤr ſo dumm haͤlt, um ihm Din⸗ d ge glänbonnd zu machen, wovon er das Ge⸗ 35 gen⸗ gentheils im Herzen uͤberzeugt iſt; und trift es nun wirklich daß Jemand ſo ſchwach iſt, ſein Gegentheil geboͤrig zu beurtheilen und Wahrheit und Falſchheit zu ſichten, nun ſo iſt der Schwache betrogen. Sind dieß Bewei⸗ ſe von guten Menſchen? O, gute Graͤfin, * daruͤber ſchreibe ich Dir wohl noch üinander⸗ 4 mal. Von allen Nachmittagen in der Woche bleiben mir kaum vier Stunden uͤbrig, die ich wirklich mein nennen kann, und in denen ich mir ſelbſt uͤberlaſſen bin. Einmal in der Woche iſt Spiel und Aſſamblee bei Hofe, ein⸗ mal bei meiner Mutter und Donnerſtags iſt Concert. Daß dazu wieder Stunden zum Ankleiden erfordert werden, iſt ganz natuͤr⸗ lich; denn es waͤre ja ein gewaltiger Verſtoß gegen den Wohlſtand, wenn man in einerlei Kleidung bei verſchiednen Gelegenheiten er⸗ ſcheinen wollte. Des Abends erſcheine ich nicht immer bei Tafel, ſondern eſſe einigemal bei meiner Mutter Ich wuͤnſchte herzlich, daß dieß oͤf⸗ ter geſchaͤhe, weil ich mir dann weniger Zwang anlegen darf, und am liebſten iſt es mir, wenn die Funkerode nicht dabei iſ. Warum — ASNAS 251 Warum mag aber meine Mutter ſo aͤu⸗ gerft zuruͤckhaltend ſeyn? Es ſcheint biswei⸗ len, als wollte ſie ſich zur muͤtterlichen Ver⸗ traulichkeit herabſtimmen; abein in dem Au⸗ genblicke iſt auch wieder die Fuͤrſtin da. Nach der Abendtafel bin ich gewoͤhnlich mehr muͤde und mehr erſchopft, als ehedem nach tagelangen Maͤrſchen, und vergebens erwart' ich den ſanften erquickenden Schlaf, welchen ich jede Nacht genoß⸗ Mein Blut iſt in Wallung, ich werde von Traͤumen be⸗ unruhigt, wache oft auf, und meiſtens ſtehe ich eben ſo muͤde, und oft noch muͤder auf, als ich mich hinlege. Das weiche Daunenbette, und das fei⸗ ne Bettzeuch geben demnach keine⸗ ſanfte Ru⸗ he. Ich ſuche die Urſache meiner verlohrnen Ruhe, theils darin weil ich fuͤhle, daß es mich ungewoͤhnlich beiß macht, theils und noch mehr aber im Genuß ſo vieler und man⸗ nigfaltiger Speiſen. Ich will mit naͤchſtem genau berechnen, wie viele Stunden im Jahre ich wirklich ge⸗ nieße, mir ſelbſt uͤberlaſſen bin und eigentlich lebe, und wie viel ich vereſſen, verkleiden und vertaͤndeln muß. Das Schlafen rechne ich zum Leben. 8 Ich 1 Ich habe eine ſehr arme Familie kennen gelernt, und ich muͤßte mich ſehr irren, wenn nicht Vater und Mutter brave Leute waͤren. Ich habe Leinwand und Baumwolle von mei⸗ nem Nadelgelde kaufen laſſen, und will Hem⸗ den machen und Struͤmpfe ſtricken; allein kannſt Du es wohl glauben, holde Graͤfin, daß ich in drei ganzen Wochen wohl ſo viele Zeit habe eruͤbrigen koͤnnen, um nur einen kleinen Strumpf zu ſtricken? Nun Geduld! vielleicht bleibt mir dann mehr Zeit uͤbrig, wenn man die Ausbildung fuͤr die Wohlan⸗ ſtaͤndigkeit vollendet, und mich in dem be⸗ ſtimmten Grade unnatuͤrlich gemacht hat. Ich will zuſehen, wie ich dieſe Vollendung erleichtere und befoͤrdere. 10. W erſtaunte ich, als es mir die Funke⸗ rode mittheilte, Albin habe ſeinen Abſchied verlangt, und mir verſicherte, daß ſie das vorausgeſehen und es gleich anfangs wider⸗ rathen habe, weil ſich das Zigeunervolk an keine Ordnung gewoͤhne und Betruͤgen und Rauben ihm angebohren ſei. Hat —— Hat ſich das letztre mit Albin beſtaͤtigt, liebe Funkerode? fragt' ich vielleicht nicht ſe gleichguͤltig, als ich es wollte. „ Vielleicht nur zu bald,« fiel ſie mir in's Wort,„wird es ſich beſtaͤtigen und er will bloß der Entdeckung zuvorkommen. Ich wuͤrde rathen ihn feſt zu ſetzen und ihn fuͤr immer unſchaͤdlich zu machen. 1 „ Einen Menſchen ſtrafen,“ verſetzt ich, „ohne daß er etwas verbrochen hat, bloß weil er Zigeuner iſt: waͤre das nicht hart? Albin war unter der Rotte als ein ſehr guter Kerl bekannt und der Oberrichter achtete ihn vorzuͤglich. Jetzt da ich die Rotte aus einem ganz andern Geſichtspunkte anſehe, ſo koͤnnt es ja auch bei ihm der Fall ſeyn, daß ihn auch ein ungluͤckliches Schickſal unter die Raͤu⸗ ber brachte, wie den Herrn von Loͤwenzahn und die Frau von Hamold.“— „Wer machte Sie damit bekannt, Prin⸗ zeſſin,s rief die Funkerode erſtaunt:„zuver⸗ ſichtlich die unbedachtſame Geſchwaͤtzigkeit der Fraͤulein von Zetterwitſch. Habe ich es doch vorausgeſehen, das ihr das Schweigen plat⸗ terdings zur Unmoͤglichkeit wird, und wenn ſie auch alles dabei zu wagen haͤtte. „Frau 154 M „Frau von Funkerode,« erwiederte ich ſehr ernſthaft„Ihre Vorausſehungskraft truͤgt Sie zum zweitenmale. Sie ſind ge⸗ wohnt von jedem Menſchen das Schlechteſte zu vermuthen und koͤnnen dafuͤr wohl eben ſo wenig, weil es hier allgemeiner Grundſatz iſt, von jedem das Uebelſte zu denken und alles Boͤſe zu reden, als der Zigeuner, daß er ſich von Dieberei naͤhrt, weil er von Kind⸗ heit an dabei erzogen wird. Auf dieſer Sei⸗ te ſind Sie zu entſchuldigen; aber nicht auf der andern: da Sie und alle, welche eine geſittete Erziehung erhalten haben, Heſſer unterrichtet ſeyn koͤnnen, wie man ſich gut und menſchlich betragen muͤſſe, um chriſtlich zu ſeyn, wezu der eigentliche Zigeuner keine Gelegenheit hat und alſo auch von dieſer Sei⸗ te Mitleiden und Entſchuldigung verdient.* „Sie wollen mich belehren, Prinzeſ⸗ ſin?“ erwiederte ſie mit einer tiefen Verbeu⸗ gung und von Zoen blitzenden Augen:„ich werde dieß der Durchlauchtigſten Fuͤrſtin hin⸗ terbringen und Hoͤchſt Dieſelben werden die Gnade haben mir die Bitte zu gewaͤhren, mich von der uͤbertragnen Pflicht bei Ihrs Durchlaucht der Prinzeſſin Clothilde frei zu ſprechen,“ „Wenn . TA 155 „Wenn Sie daruͤber ſo boͤſe werden koͤnnen, liebe Funkerode,“ ſagt ich gleich,; guͤltig,„daß ich meines Herzens Meinung unverhohlen ſagte, ſo belehren und uͤberzeu⸗ gen Sie mich, daß ich Unrecht habe, und ich will es Ihnen mit aller Herzlichkeit ab⸗ bitten. Koͤnnen oder wollen Sie das nicht, ſo muß ich es Ihnen freilich uͤberlaſſen, was Sie thun wollen; indeſſen werden Sie mir doch die Bitte gewaͤhren, daß Sie meiner Mutter genau ſagen, was wir geſprochen und nicht, was Sie vorausgeſehen haben. „Prinzeſſin,“ rief ſie aͤußerſt aufge⸗ bracht,„Sie beleidigen eine Dame, die lan⸗ ge Jahre ihre groͤßte Ehre darin ſetzte, ſich das Hochfuͤrſtliche Haus berbindlich zu ma⸗ chen! und entfernte ſich. Ich bin neugierig, was es faͤr Folgen haben wird. Sie war geſtern Abend nicht bei Tafel; an meiner Mutter bemerkt' ich aber keine Veraͤnderung; vielleicht war ſie noch nicht vor ihr als meine Anklaͤgerin er⸗ ſchienen. Ich bin entſchloſſen meine Verthei⸗ digung nach meinen Kraͤften zu fuͤhren und hoffe bei meiner Mutter billiges Gehoͤr zu finden.— Ich erſtatinte noch mehr, wie Roſette jetzt herein kam und mir ſagte: Albin ſei da und bitte um die Erlaubniß Abſchied von mir zu nehmen; er habe ſich des Verboths ungeach⸗ tet zu mir geſchlichen und ſei bereit ſich jeder Strafe zu unſerwerfen, mit welcher man ſei⸗ ne Uebertretung belegen moͤchte. Ich nahm keinen Anſtand. Der arme Menſch ſiel vor mir nieder und Thraͤnen glaͤnz⸗ ten in ſeinen Augen. „Gnaͤdigſte Prinzeſſin,“ ſaste er,„ich hatte bei mir geſchworen, Ihnen mein gan⸗ zes Leben in Treue und Redlichkeit zu widmen und Sie nie zu verlaſſen, und fuͤhlte daruͤver eine Freude, die mich ſelig machte. Aber man trennte mich hier ſehr bald von Ihnen, und legte ein ſehr ſcharfes Verboth darauf, Sie zu ſehen und zu ſpreehen. Ich beſehied mich gern, daß man Mißtrauen in den ver⸗ meinten Zigeuner ſetzte, und hoffte dieß durch mein Betragen am beſten zu widerlegen. Allein ich irrte mich; das Mißtrauen ſtieg vielmehr, unerachtet ich bemerkte, daß man bei boͤſen Beiſpielen um und neben mir gleich⸗ guͤltig blieb. Ich fieng an zu wanken; al⸗ lein mein Geluͤbde, Sie nieht zu verlaſſen, band mich. Jetzt bitt' ich Sie, mich davon frei frei zu prechen. Koͤren Sie meine Gruͤnde. Ich ſchrieb an die Graͤfin, von Roſenſtern und ſtellte ihr meine traurige Lage vor, und er⸗ both mich meinen alten Herrn aufzuſuchen, dwenn ſie es uͤbernehmen wollte, mich bei Ih⸗ nen zu entſchuldigen, da. es mir nicht ver⸗ gonnt ſei, ſie zu ſprechen. Die Graͤfin hat mir ſehr gnaͤdig gaanlwortet und mir Dien⸗ ſte angebothen; allein ich bin entſchloſſen den unglacklicen Herrn von Loͤwenzahn aufzuſu⸗ chen. Ich werde die Graͤfin ſprechen und ihr fuͤr ihre Gnade danken; aber meinem Entſchluſſe werde ich treu bleiben, da man mich verhindert mein Leben Ihnen zu wid⸗ men. Ich habe meinen Abſchied gefordert und erhalten. d wollte abreiſen und mein Geluͤbde lag mir wie Zentnerlaſt auf dem Herzen; ich mußte Sie ſelbſt. ſprechen, gnaͤ⸗ digſte Prinzeſſin, und Sie bitten, mich von meinem Geluͤbde loszuſprechen, weil ich ſonſt nie ruhig ſeyn koͤnnte.“ „Guter Albin,“ erwiederte ich,„Dei⸗ ne Sitte will ich Dir gern gewaͤhren, weii ich ſonſt nichts fuͤr Dich thun kann. Ich bin hier unvermoͤgender als ein Kind; ich darf nicht einmal laut wuͤnſchen. Bleibe Deinem Vorſatze treu, und findeſt Du je den ungtuͤck⸗ lichen lichen Löwenzahn, ſo lege 66 es Dir als hei⸗ lige Pflicht auf, nicht mir, ſondern der en⸗ gelaͤhnlichen Graͤfin Nachricht zu geben. Durch ſie werd' ich alles erfahren, was man mir gewiß hier vorenthalten wuͤrde. Noch nie habe ich mein Unvermoͤgen ſo tief gefuͤhlt, als jetzt, daß ich Dich nicht mit Gelde unterſtützen kann, um dich bei Ausfuͤhrung Deines Bor⸗ ſatzes aufzumuntern und zu unterſtuͤtzen „Sorgen Sie nicht fuͤr mich, gnaͤdig⸗ ſte Prinzeſſin,« erwiederte Albin laͤchelnd; „Löwenzahn hat mich ſo reichlich verſorgt, daß ich mehr als dieß unternehmen kann. Zum Verbrechen wuͤrde ich mir es aber an⸗ rechnen, wenn ich es in Ruhe und Traͤgheit genießen wollte. Er bedarf vielleicht meines Beiſtandes nicht, da ihn Bertram begleitet; allein dem ohngeachtet will ich nicht unterlaß⸗ ſen, wozu ich mich verpflichtet fuͤhle. Der gute Menſch war ſehr geruͤhrt, als er Abſchied nahm und ich fuͤhlte mich in eine ſehr traurige Stimmung verſetzt. Eine ſon⸗ derbare Ahnung beruhigt mich. Du wuͤr⸗ deſt laͤcheln, holde Graͤfin, wenn ich ſie Dir herſchreiben wollte; allein ein eignes Schaam⸗ gefuͤhl haͤlt mich zurick. tt. —— NVV* 8 enn 159 11. Das große Gericht iſt gehalten. Ich ward zu meiner Mutter gerufen ünd fand die Fun⸗ kerode da. Ich gruͤßte ſie mit aller Undefangenheit; denn welchen Vorwurf haͤtte ich mir wohl machen koͤnnen? In einem ſehr ernſthaften Tone fragte dann meine Mutter: ob ich mich wohl einer Unterredung erinnere, in welcher ich den Un⸗ dank als das ſchwaͤrzeſte Laſter angegoben Dabe: „Was je meine Mutter mit mir ſprach te antwortete ich lebhaft,„ſteht mir immer wie feurige Schrift vor Augen, und ich kenne keine gluͤckſeligern Stunden, als die, in wel⸗ chen ſte mich ihrer Unterhaltung werth aͤlt. „Wenn Du den Undank,“ fuhr ſie eben ſo ernſthaft fort,„als das ſchwaͤrzeſte Laſter kennſt, ſo begreife ich nicht, wie Du Dich deſſelben ſchuldig machen kannſt? Was haſt Du nicht alles der guten Funkerode zu dan⸗ ken?“ „Werde ich das je verkennen, gnaͤdig⸗ ſte Mutter? erwiederte ich ſanft“— Schon 1090 rvSN Schon der Gedanke, daß ich deſſen faͤhig ſeyn koͤnnte, kraͤnkt mich. Zuverſichtlich werde ich auch den bloßen Schein durch memne Raht⸗ fertiguns ablehnen koͤnnen.“ „, Deine Rechtfertigung,“ verſetzte mei⸗ ne Mutter mit zornigem Blick,„koͤnnte bloß Dein Vergehen vergroͤßern. Du verlaͤßt in acht Tagen Dein Zimmer nicht und biſt ſelbſt von Tafel ausgeſchloſſen! „Ich verehre jeden Befehl meiner gnaͤ⸗ digſten Mutter,“ erwiederte ich und kuͤßte ihre Hand. Ddie Funkerode ſieng an vorzubitten; at⸗ lein meine Mutter legte ihr Stillſchweigen auf und entließ mich mit der Drohung: wenn ich fernere Beweiſe ablegen wuͤrde, daß ich mich nicht in mein gegenwaͤrtiges Verhaͤltniß fuͤgen wolle, ſo wuͤrde man ſich genothigt ſe⸗ hen, mich auf immer zu entfernen!— Dieß traf mich tief. Wodurch habe ich Beweiſe abgelegt, daß ich mich nicht in mein Verhaͤltniß fuͤgen will?— Ich wollte bitten, mir einige anzugeben, um mich in Zukunft auch davor zu bewahren, was man als ſolche auslegen koͤnnte; allein meine Mut⸗ ter befahl mir, mich zu entfernen. 3c fAA 161 Ich ward von einem wunderbar ſchmerz⸗ haften Gefuͤhl ergriffen, als ich auf mein Zimmer zuruͤckkam. Unwilkuͤhrlich nahm ich meine Laute, griff ohne mir es deutlich bewußt zu ſeyn und ſprach ſingend mit Mei⸗ ſter Sieafried. ungeboͤrt werd' ic—h verurtheilt? und ſchuldlos, wie ich mich fuͤhle, wird Verthei⸗ digung mir verſagt? Wie mag die Mutter dem Kinde ſeine Vertheidigung verſagen! Vergeben iſt ſo bimmliſch ſchoͤn; erhebt den Menſchen zum Ennel; und hier ſtraft Mut⸗ terliebe, ohne zu unterſuchen: ob ein Verge⸗ hen da ſei, daß ſie verzeihen koͤnne. O ſuͤße Erinnerung der Vergangenheit wirſt du im⸗ mer ſtark genug bleiben, immer mit deinem milden Lichte meine Pbantaſie beleben, daß ich die Gegenwart minder druͤckend fuͤhle?— So ſchwaͤrmt' ich eine geraume Zeit und betaͤubte das ſchmerzhafte Gefuͤhl, und wuͤrde noch laͤnger geſchwaͤrmt haben, wenn nicht die Funkerode hereingetreten waͤre. Unbefangen wie ſonſt konnte ich ſie nicht bewillkommen, da ich aus der Verurtheilung meiner Mutter nur zu deutlich ſchließen konn⸗ te, daß ſie ſich auf ihre Vorausſehung gruͤn⸗ dete. Indeſſen legt' ich meinem Geſichte ſo * 2 diel viel Zwang an, als möͤglich, und ließ mich auch die Schadenfreude, welche aus ihren Blicken leuchtete, nicht aus meiner Faſſung bringen. 6 Verſuͤndige ich mich an meinem Schick⸗ ſale, holde Graͤfin, wenn ich wuͤnſche, daß die qute Mutter Anne das Geheimniß meiner Herkunft mit in's Grab genommen haͤtte? — Deine himmliſche Guͤte waͤrde ſich des ar⸗ men verloßnen Maͤdchens angenommen ha⸗ ben, und ich wuͤrde in meiner Unwiſſenheit ungleich zufriedner und gluͤcklicher geweſen ſeyn. 8 Drittes Heft. t. E. iſt mir, als ob ich von einer unaufhoͤr⸗ lichen Macht umgeben waͤre, und als ob ich zu leben aufhoͤrz. Es engt ſich alles um mich herum, und die. große weite Welt le bt nur noch ſchwach in der Erinnerung. Meine ganze Ausſicht iſt auf den kleinen Schloßraum beſchraͤnkt und der ſonderbaren Empfindung; es ſcheint mir, als wäre ich in enge Mauren eingepreßt, die meine Schultern beruͤhrten. Am wohlſten fuͤhl' ich mich indeſſen bei dunkler Nacht. Chedem ſchlief ich mehr⸗ mals bei Tafel trotz allem Glanz der Wachs⸗ 4 kerzen ein, und jetzt iſt's ganz das Gegentheil. Ich laſſe mich regelmaͤßig um die geſetzte Stunde wie ein kleines Kind auskleiden und zu Bette bringen; allein bloß, um mir ſelbſt uͤberlaſſen zu ſeyn; ich ſtehe wieder auf, klei⸗ demich an, wandle umher wie ein Nachtgeiſt, und ſtundenlang ſtehe ich am Fenſter, und 4 2 blicke 164 An blicke nach den Sternen, wie ſie allmaͤhlig aͤber den kleinen Raum, den ich uͤberſehen kann, unvermerkt hinſchwimmen und von an⸗ dern erſetzt werden. Meinen Lieblingsſtern habe ich lange nicht geſehen: ein ſchöner gro⸗ ßer heller Stern von mildem Glanz, der ſich zu verſehoͤnern ſcheint, je laͤnger man ihn an⸗ ſieht. Oft habe ich auf Huͤgein und Bergen geſeſſen und ihm ſehnſuchtsvoll nachaeblickt, und jeden Abend bei ſeiner Wiedererſchei⸗ aung erweiterte ſich mein Herz⸗ als ob ich einen lieben Bekannten und Freund erblickte. Meiſter Siegfried will an mir eine gro⸗ ße Veraͤnderung wahrnehmen. Er ſang mir dieß heute in einem klagenden Liedchen, und wuͤnſchte die Urſache meines Kummers heben zu können. Ich bin mir ſelbſt noch unerklaͤr⸗ bar: ich koͤnnte ſelbſt Dir nicht angeben, was mir fehlt und dennoch iſt mir, als ob mir alles fehlte.*“ MNiit meinem Papagay plaudre ich noch am meiſten. Das gute Thier hat ſich ſehr an mich gewoͤhnt und uͤberraſcht mich eft mit ſeinem ſinnloſen Geſchwaͤtz. Selten ſetz' ich mich hin und ſtuͤtze den Kopf auf den Arm, ſo ſchwatzt er ſein: ſo traurig? in einem mitteidigen Tone, und wiederhohlt es ſo lan⸗ ge, 165 3 ge, bis ich ihm antworte. Der Vogel muß alſo doch eine Vorſtellung von der Stellung haben, in welcher er mich ſieht; denn nie fragte er außerdem: ſo traurig? Wunder bar ward ich geſtern uͤberraſcht. Ich ſuchte unter meinen Papieren, und ward verdrießlich, da ich es nicht ſogleich ſinden konnte Der Argwohn fluͤſterte mir zu und ich ſagt' es laut; wer iſt wohl hier gewe⸗ ſen? 3 „Graf Agatbon,“ ſagte der Vogel. Nochenie habe ich ihn den Namen nen⸗ nen hoͤren! und wie kam er. eben jetzt darauf? — Von mir hat er den Namen nie gehoͤrt; vielleicht war aber der Graf mehrmals bei dem ſonderharen Alten. Er ſoll mir die Sa⸗ che aufklaͤren. Schon ſind drei Tage der Verweiſung auf mein Zimmer zuruͤck gelegt. Ich wuͤnſch⸗ te nie wieder in das geraͤuſchvolle Leben zu⸗ ruͤckzukehren, und gern wollt' ich es mit ei⸗ nem minder glaͤnzenden Aufenthalte auf dem Lande vertauſchen, und mir ſelbſt leben. 12. Jo danke Dir holde Graͤfin fuͤr Deinen ſboͤnen Brief; er hat meine erloͤſchende Menſchenliebe von neuem entzuͤndet und ich will mir gewiß Muͤhe geben, alles um mich her in einem mildern Lichte zu betrachten. Ich fuͤhle mich von der Wahrheit durchdrun⸗ gen, daß ich alles nach einem zu ſtrengen Maaßſtabe meſſe, und daß ich darum noch nicht beſſere Menſchen vertangen koͤnne⸗ wenn ſie beßre Grundſaͤtze wiſſen, weil zwiſchen beſſer wiſſen und vom Beſſern durchdrungen ſeyn, noch eine zriendliche Kluft vorhanden ſei. Ich bin geſtern heitrer geweſen als ſeit langer Zeit, und zuverſichtlich will ich nicht wieder mich ſo uͤble Laune beherrſchen laſſen. Ich habe Deinen Brief mit meinen Thraͤnen benetzt. Engliſche Graͤfin, ſo mild, ſo himmliſch gut gegen Jedermann, was mußt Du fuͤr eine Mutter geweſen ſeyn! und den⸗ noch konnte Dich Deine Tochter verlaſſen? konnte Dich deswegen verlaſſen, weil ihr Deine Mutterliebe ein mildes Schickſal be⸗ ſtimmte? Du 34 eTAvNE 167 Du haſt es fuͤr gut gefunden mir den Mann zu verſchweigen welchen Du ihr de⸗ ſtimmt hatteſt; allein ein vorzuͤglicher Mann muß es ſeyn, welchen Deine Wahl traf, und dennocha Fch begreife das, und ſchaudre davor, an die Hand eines Mannes gefeßelt zu ſeyn, den ich nicht liebe; aber warum entdeckte ſie ſich Deiner Mutterliebe nicht?— Wie koͤnn⸗ te Dein ſa ftes Herz einer Strenge faͤhig ſeyn, die Dein Kind ungluͤcklich machte! Die höhern Verhaͤltniſſe des Menſchen⸗ lebens, ſagſt Du, verlangen gr ße Aufopfe⸗ rungen, und Verſtond und Ruͤckſicht auf kuͤnf⸗ tige Subſiſtenz muß Herz und Gefuͤhl zum Schweigen bringen. Das iſt traurig! Da thut man ja aber wohl, daß man bei der Er⸗ ziehung ſogleich Verſtand und Herz vernach⸗ laſſiget, was mir bisber ſo ſehr aufgefallen iſt, und daß man bloß ſprechende Puppen bil⸗ det. Aber wie ſteht es dann um unſere Zu⸗ friedenheit und Gluͤckſeligkeit, die allein ihre Quelle im Herzen und Verſtande haben? Dieß wirft mir auf einmal ein neues Licht uͤber meinen Wirkungskreis, und ich kann mir es nun erklaͤren, warum ich ſo we⸗ nig heitre Geſichter, welche mir die innre See⸗ 16 ⅜ ASNA Seelenruhe abfpiegelten, wahrnehme, und warum ich uͤbexall Schelſucht, Neid, Haß und Verfolgung im Dunkeln umherſchleichen ſehe. Du haſt beſſer in mein Herz geblickt, holde Graͤfin, wie unſere Oberhofmeiſterin. Du warnſt mich vor einem aͤhnlichen voreili⸗ gen Schritt und zitterſt vor den Lagen, in welche ich gerathen koͤnnte? Warum ſollte ich vor Dir die kleinſte Falte meines Herzens ver⸗ deckt halten? Ja, holde Graͤfin, ich habe oft ſchon daruͤber nachgedacht, und jedesmal ein ſonderbares Wohlbehagen in dem Gedan⸗ ken gefunden: mein jetziges Verhaͤltniß wie⸗ der aufzugeben, mich heimlich zu entfernen und in einem niedrigern Wirkungskreiſe das zu ſuchen, was ich hier nie finden werde; und ſchon einmal hatte ich meine Gedanken und meinen Plan aufgeſchrieben, und wollte Dir ihn mittheilen: ob Du Dich meiner an⸗ nehmen und mich etwa als Gartenmaͤdchen in Fleuri oder auf ſonſt eine Art, in welcher ich beſchaͤftigt werden koͤnnte, anſtellen wollteſt?— Und im Ernſt, bolde Graͤfin, bitte ich Dich herzlich, da auf dieſe Art nun die Mit⸗ theilung eines geheimen Gedankens geſchehen iſt, betrachte ihn nicht als bloßes Gedanken⸗ ſpiel 8 Nn 169 ſpiel der Langenweile: ich fuͤhle ganz, daß ich ungleich faͤhiger bin ihn auszufuͤhren, als ei⸗ ne Dame von Ton und Hof zu werden, und ſtolz und kalt einherzuſchreiten, wie mein Pa⸗ pagay.— Aber erlaube mir, bolde Grafin, daß ich in dem Betragen gegen Deine Tochter und Deinem Herzen einen Widerſpruch finde. Du biſt ſo gut wie eine Gottheit und willſt Deinem einzigen Kinde nicht vergeben?— Du zitterſt fuͤr mich, in welche trauxige Lagen ich kommen koͤnnte, und bleibſt ungeruͤhrt bei Deiner Tochter? Deinem einzigen Kinde? Sorge fuͤr mich nicht! ich hin mir der nie⸗ drigſten Menſchenſtufe bekannt, und wahrlich der Blick in die hohe Menſchenſtufe hat mich nicht ſo verblendet, daß ich nicht in ungleich niederen mich ungleich gluͤcklicher und zufried⸗ ner befinden ſollte, als ich mich jetzt fuͤhle. Aber Deine Tochter, engliſche Graͤfin, die in dem höhern Kreiſe erzogen und mit allen Ge⸗ maͤchlichkeiten des Lebens bekannt wurde, die keine Unannehmlichkeit des Lebens kennen lernte, die die Welt als ein Meer von Wohl⸗ leben, Wonne und Freude betrachtete, die kann ungluͤcklich— ſehr ungluͤcklich ſeyn. Ich bin von dieſem Gedanken ſo durch⸗ drungen, daß ich mich ſogleich aufmachen, ſie aufſuchen und ihrer Mutter wieder zufuͤhren möchte;— und waͤre ich nur einigermaßen näͤher mit der Geſchichte vertraut, ich glau⸗ be, ich Batte keine andere Bedenkſichkeit. 4...„ ſlin Fiu desg7a6 88 Jic Iu 6△ ch babe einen ſehr unerwarteten Beſuch gehabt. Man meldete mir eine alte Bekann⸗ te und— an wen konnt' ich denken, als an Dich, holde Graͤfin? Ich ſchoß wie ein Pfeil an die Thuͤre und die Baroneß von Engern ſtand vor miru. „Ich konnté meinem Herhene ſagte ſie, „nicht laͤnger die Freude verſagen, Ihnen perſoͤnlich meinen aufrichtigſten Gluͤckwunſch abzuſtatten. 9 wie ſehr mißgoͤnn' ich der Graͤfin das Gluͤck, Beförderungsmittel der glücktichen Wendung Ihres Schickſals zu ſeyn, welches eine gewiſſe Ahnung mir zuwenden wollte! Demungeachtet war meine Freude nicht minder groß, als ich die frohe Nachricht erhielt und bloß eine nicht unbedeutende Un⸗ paͤßlichkeit hielt mich ab, daß ich nicht ſo⸗ gleich NAAn 171 gleich eilte Ihnen meine Ehrerbietung zu be⸗ weiſen.“ Die arme Frau botſc ſehr verändertz der innre Kummer iſt ſehr ſtark in ihrem Ge⸗ ſichte ausgedruͤckt. Ich konnte nicht umhin, ihr das zu ſagen. „Wenn unſere ſchoͤnſten Wünſche im Aufbluͤhen zerknickt werden,“ ſagte ſie in ei⸗ pem ſchmerzhaften Tone,„ſo wird das Herz zu tief verwundet, als daß der Einfluß auf die Geſundheit des Koͤrpers nicht ſehr groß ſeyn ſollte. Sie erzaͤhlte mir darauß, daß der Schei⸗ dungsprozeß mit ihrem Gemahle noch nicht geendigt ſei und daß er ſie auf jede Weiſe tief zu kraͤnken ſuche und Ausfluͤchte aller Art erſinne, um die Sache in die Laͤnge zu ziehen⸗ In der That halte ich den Baron auch fuͤr einen leichtfertigen, gewiſſenloſen Mann⸗ der ſich alles erlaubt, was ihm ſeine regello⸗ ſen Begierden, die nichts fuͤr lheilig anerkens nen, eingeben. 8 Aber ſage mir, holde Groͤfin, wie kön⸗ nen es Richter zugeben, daß ein boͤſer Mann ſeine gute Frau kraͤnken kann? Sollten ſie ihn nicht mit ſeinen leeren Ausfluͤchten abwei⸗ fen und die Unſchuld ſchuͤtzen?— Sie yz ArrAAn Sie will meinem Vater ihre Sache in einer Bittſchrift vortragen. Ich rieth ihr ihn ſelbſt zu ſprechen; allein ſie verſicherte, daß ihr das unmoͤglich ſei. 2 Ich weiß, holde Graͤfin, noch ein Mittel fuͤr die gute Frau, und das biſt Du. Der Baron ſieht Dich oft, und ſo boͤſe kann er doch wohl noch nicht ſeyn, daß er Dir etwas abſchlagen koͤnnte; wende Dein Anſehen und Deine himmliſche Beredtſamkeit an, der gu⸗ ten Frau von einem Manne zu helfen, der ſie nicht liebt und ſo ſehr gekraͤnkt hat. 1 Köonnteſt Du mir wohl meine Bitte ab⸗ ſchlagen? Ich fuͤhle mich ganz ungluͤcklich⸗ wenn ich mich in die Stelle der Baroneſſe denke, und was wuͤrde ich erſt fühlen, wenn ich wirklich in ihrer Stelle waͤre. Es faͤhrt mir kalt wie Eis durch alle Glieder. HKier habe ich freilich die Bemerfung gemacht, daß ſich mehrere Weiber nicht ſo ſehr uͤber die Untreue ihrer Maͤnner graͤmen, wie die Baroneſſe. Ich glaube dieß iſt auch eine Folge des Wohlſtandes und des guten Tons; denn die Damen ſcheinen ſich ſehr wohl dabei zu befinden, und man ſollte aus dem df⸗ fentlichen Benehmen gegen ihren Gemahl dar⸗ auf rAS 17 5 auf ſchwoͤren, daß ſie mit ihren Maͤnnern im beſten Einverſtaͤndniß lebten. In der That, wann es Groͤße der See⸗ le waͤre, ſo koͤnnte man ihnen die Bewunde⸗ rung nicht verſagen, daß ſie mit ſo vielem Gleichmuth ihr getheiltes Schickſal ertragen; allein die kann es nicht ſeyn, weil ſie ſo leicht in Feuer und Flamme gerathen, wenn ein junger Cavalter, welchen ſie Wohlſtands we⸗ gen hie und da zum Geſellſchafter haben, ei⸗ ner andern Dame einen zu freundlichen Blick zuwirft Ich moͤchte faſt glauben, die Da⸗ men ließen es ſich angelegen ſeyn, dieſe jun⸗ gen Perrn zu guten und treuen Ehemaͤnnern zu erziehen, wenn nicht die meiſten von ih⸗ nen ſchon ſo viel Eigenduͤnkel zeigten, daß ſie uͤber alle Beſſerung erhaben ſind, oder viel⸗ mehr, daß ſie die ſchlimmſten Chemaͤnner— zu uͤbertreffen wiſſen. Davon ein anderesmal mehr; jetzt will ich mich wieder in's Bette legen und Roſet⸗ ten klingeln. 8 4. Kannſt Du es glauben, holde Graͤfin, daß mein Schreiben an Dich Verdacht erregt hat? Ich Ich ſoll kuͤnftig je desmal meinen Brief der Funkerode vorleſen; dieß ſei Befehl mei⸗ ner Mutter, ſagte ſie mir geſtern. Ich erſtäunte. „Warum beſiehlt nicht meine Mutter,« ſagt' ich endlich,„daß ich ihr ſelbſt vorleſe, was ich ſchreibe? 2 Die Thraͤnen uͤberwaͤltigten mich und erſtickten meine Worte. 4 „Gnaͤdigſte Prinzeß,“ ſagte darauf die Funkerode nach einer kleinen Pauſe,„wo⸗ durch habe ich es verſchuldet, daß Sie mir Ihr Zutrauen ſo ganz entzogen haben?— Die gnaͤdigſte Fuͤrſtin haben keine andere, als eine gute Abſicht dabei; Hoͤchſtdieſelben ſind beſorgt, daß Sie vielleicht im Gedankenaus⸗ druck noch nicht die Fertigkeit haben, die wohl erforderlich ſeyn duͤrfte, eine Dame wie die Graͤfin von Roſenſtern zu unterhalten, und in dieſer Ruͤckſicht koͤnnte ich Ihnen vielleicht Aaf mehtkei⸗ Art mit meiner Er ahräns und mein d amnh und hoite Deinen lieben Brief im vorigen Monate, in welchem Du mehreres uͤber meinen Gedankenausdruck dag. „Sis 6TASè „Die Graͤfin,“ ſagt' ich, indem ich ihr den Brief hinreichte, niſt ſo guͤtig auch mit meiner mindern Fertigkeit Nachſicht zu ha⸗ ben. Freilich ſchreibe ich nicht wie eine Da⸗ me von Stande; aber ich ſchreibe aus dem Herzen! 8 86 „Die kultivirte Welt,« erwiederte die Funkerode,„zeichnet ſich durch ein gefaͤlliges Aeußere aus, und dieſes kann nie vernachlaͤſ⸗ ſigt werden, ohne zugleich das zu verletzen, was man Convenienz nennt— „Das heißt,“ fiel ich ein,„wie Sie mir es oft erklaͤrt haben, alles, was man durch eine ſtillſchweigende Uebereinkunft als ſchicklich und anſtaͤndig haͤlt, es ſei im Spre⸗ chen oder Betragen.“ „Sehr richtig, gnaͤdigſte Prinzeſſin,“ erwiederte ſie,„von Ihrem treflichen Ge⸗ daͤchtniſſe haben Sie mir die ſchoͤnſten Pro⸗ ben abgelegt, und ich habe damit ſehr oft Ihre Durchlauchtigſte Mutter bis zum Er⸗ ſtaunen uͤberraſcht. „Was ich fuͤr gut, nothwendig und nuͤtz⸗ lich erkenne,“ erwiederte ich,„ſuche ich mir. zu merken, und warum ſollt' ich auch das nicht behalten, was Sie mir als nothwendig fuͤr mein Lebensverhaͤltniß angegeben haben⸗ wenn 176 ANn wenn ich auch den eigentlichen Nutzen nichk einſehe, welches freilich der Fall bei vielem iſt, was Sie mir ſagen: es ſei Convenienz.“ „Dieß muß ſeyn, verſetzte ſie,„um der Auszeichnung willen. Und Vernachlaͤſſigung der Convenienz wuͤrde unausbleiblich die Fol⸗ ge haben, daß ſich die niedern Staͤnde den hoͤhern noch mehr naͤherten als es ſchon geſchehen iſt, wodurch dieſe gewiß alle Achtung verlieren muͤſſen; nur durch feſte Abſcheidung der Staͤnde kaun gute Ordnung beſtehen. „Allein koͤnnen ſich die hoͤhern Staͤnde nicht,“ erwiederte ich,„durch eine erhabne⸗ re Denkungsart, durch Vorzuͤge des Geiſtes, urch einen vorzuͤglichen Grad menſchlicher Gutheit lieber auszeichnen⸗ da ſie die beſte Gelegenheit und auch Geld genug dazu be⸗ ſitzen ſich eine ſolche Vollkommenbeit zu er⸗ werben, als daß ſie ſo unbedeutende und nichtsſagende Dinge zu Standesunterſchei⸗ dungszeichen machen?— Ich ſollte glauben, daß ſie dadurch ungleich eher ihren Zweck er⸗ reichen und ſichrer auf Achtung und Ehrerbie⸗ tung rechnen koͤnnten.— Haben die hoͤhern Staͤnde verlohren, ſo iſt es noch meiner Be⸗ merkung dadurch, daß die mittlern Stände 4 groͤße⸗ rA NAA 181 woht Rehr daßu erfordert. und wirklich noch vberflaͤchlicher finde ich die Menſchen⸗ kenntniß: dieſe erſtreckt ſich platterdings nur aufs Aeußere und auf das was maͤnConvenienz nennt. Sir iſt allerdings in unſerm Verhaͤlt⸗ niſſe etwas ſchwerer, weil alles die Conve⸗ menzmaske anlegt, allein bei einiger Uebung den Schein von Wahrheit zu unterſcheiden, laͤßt ſich auch ſchon durch die Maske hindurch⸗ und der eigentliche Karakter ausfor⸗ ſchen; Schade nur, daß dieſe Muͤhe ſekten öbelehnt wird⸗ und man meiſtens nichts mehr findet, als ein ſchwankendes Etwas, welches voon jeder Leidenſchaft, wie eine Flaumfede vom keiſeſten Windhauch fortgetrieben wird. — Aber ich beſcheide mich gern⸗ daß alles nicht anders ſeyn kann, weit Kinder dazu er⸗ gogen und gebildet werden, und die Beiſpie⸗ le nachahmen, welche ſte junaͤchſt um ſich ſe⸗ hen.— Verzeihen Sie liebe Funkerode, wenn ich ſo Manches geſagt habe, was Jh⸗ rer Meinung entgegen geſetzt iſt; allein, wie kann ich anders, wenn ich eines andern uͤber⸗ eugt bin? Dadurch aber, daß die Meinun⸗ gen verſchieden ſind, glaube ich wird unſer 8 Verſtand geſchaͤrft; und wenn es der Wille der Gottheit geweſen waͤre, doß wir alle über⸗ eins blicken, AeA einſtimmend denken ſollten, ſo haͤtte ſie doch wohl die Geiſtesgaben nicht ſo unendlich ver⸗ ſchieden ausgetheilt? „Ich bin zu ͤberraſcht, gnaͤdigſte Prin⸗ zeſſin,“ ſagte die Funkerode,„als daß ich etwas darauf erwiedern koͤnnte. Ich werde Ihro Durchlaucht die Fuͤrſtin bitten, daß ſie mich von meinen Pflichten dispenſirt.“— „Das nicht, liebe Funkerode,“ erwie⸗ derte ich ſanft,„der Wirkungskreis, in wel⸗ chem ich mich befinde, iſt mir noch. zu neu, als daß ich Ihrer gefaͤlligen Leitung und Ih⸗ rer erprobten Erfahrung entuͤbrigt ſeyn koͤnn⸗ te. Wollen Sie aber die Guͤte haben meine Mutter etwas zu bitten, ſo werden Sie mich unendlich verbinden, wenn Sie ſie darum bitten, daß ſie mir die Gnade erweiſt, mir zu erlauben, meinen Briefwechſel mirder Graͤ⸗ ſin von Roſenſtern ungehindert fortzuſetzen. Befiehlt ſie, daß ich ihr meine Briefe mit⸗ theilen ſoll, ſo unterwerf' ich mich Ihrem Willen unbedingt.— Mit allem, was ich geſagt habe, wollt' ich Ihnen bloß einen klei⸗ nen Beweis ablegen, daß ich in einem gewiſ⸗ ſen Zuſammenhange denken kann, und wie ich denke, ſo kann ich es auch aufſchreiben. Dieß verdank ich der Graͤfin von Roſenſtern, und gern gern moͤcht ich ihr auch ferner beweiſen, daß ich mich ihres Unterrſchts werth zu machen ſuche⸗ Die Frau von Funkerode verließ mich mit der artigſten Berſicherung. daß ſie alles anwenden wolle, meinem Wunſche zu genuͤ⸗ gen, und ich bin neugierig z ob meine Mutter dieſen Brief zur Einſicht verlangen wird. Soll ihn die Funkerode vorher leſen, denn, holde Graͤfin, wied er vernichtet. Ich kann ſie unmoͤglich zu meiner Vertrauten ma⸗ chen, weil ich feſt uͤberzeugt bin, daß ſie nicht bloß nicht aufrichtig gegen mich iſt, was ich ihe gern verzeihen koͤnnte, ſondern auch daß ſie mich in einem falſchen Lichte darſtellt. em —DO wenn ſich mir meine Mutter doch mehr naͤhern— wenn ſie mich doch nicht mit einer ſo fuͤrchterlichen Conventionskaͤlte von ſich zuruͤckſtoßen wollte!— Oder, wenn man doch lieber die Beweiſe meiner Abkunft nicht fuͤr aͤcht erkannt baͤttel i ie 88 Ich fuͤhle mich ungluͤcklich, helde Graͤs fin, und traurige Ahnung erfuͤllt meine Seele. 115 114— 1 4 1 38 „1 4 1185 884 6NRAL ä1“ en Sn. 9 H⸗. Mianaͤnd hat meinen letzten Brief an Dich⸗ holde Graͤfin, zu ſehen vertangt, und viel⸗ leicht haſt Du ihn ſchon erhatten und geleſen. nn Much immer iſt meine Verweiſung nicht aufgehoben und ſchoͤn geſtern war doch der letzte Tag. Ich wartete mit Sehnſucht dar⸗ auf, daß mir meine Mutter die Erlaubniß ertheilen wuͤrde, ſie wieder zu ſehen allein— Von Roſetten erfuhr ich es von unge⸗ fehr, daß ich bin krank ausgegeben worden, und daß jeder Ceremontalbeſuch abgeltehnt worden iſt. Ich freue mich, daß man eine Ausnahme mit der Baroneſſe gemacht und dieſe nicht auch abgewieſen hat. Der Pater Merian hat mir wieder eine große Lodrede auf das Kloſterleben herge⸗ ſtammelt. Er gerieth in ſichtbare Vorlegen⸗ heit, als ich ihn fragte: wenn er das kloͤſter⸗ liche Leben fuͤr ein ſo himmtiſches und ſeliges Leben halte, warum er es denn verlaſſen ha⸗ be?— Mit einem bochrothen Geſicht ſtam⸗ melte er etwas von goͤttlichem Berufe her, dem er Folge zu leiſten verpflichtet ſei. Mein Vater habe ihn ausdruͤcklich zum Hofkaplan ver⸗ verkangt, und in ſolchen Faͤllen koͤnne keiner feiner Ordensbruͤder nach Willkätr haudeln. 3zAber Sie beſinden ſich doch ſehr wohl in der. Saat ſchrwüdigte⸗ Mtea ſeaas ic laͤchelnd. 83245c E 222282. Durch die, Enade Gottes, 44] Lepmicherg Er tidf ſich neigend.„und die Gnade meihes Durchlauchtigſten Fürſten Shres Herreg Dr ters⸗ 3 6%, Und ich wollte wohl wotteme fuhr ic Fogth„wenn Sie wieder in Ihr Kloſter zu⸗ ruͤckgehen ſollten, es wuͤrde Ihnen nicht nur ungewohnt, ſondern ſehr ſchwer fallen. Be⸗ denken Sie nur: in die kalten Mauern ein geſchloſſen ſeyn, die ſo dick ſind, daß ſie die kiebe ſchoͤne Gottes Sonne nie durchwaͤrmt; und hier koͤnnen ſie zu jeder Stundendie vei⸗ ne geſunde Luft einathmen, und alles geuie⸗ ßen was uns die ſchoͤne Natur durch der Gpit⸗ heit Guͤte, zum Genuß aller unſrer Sinne, und zur Freude unſers Herzens darbeut. Und iſt die freie Natur nicht ein ungleich hervlis chererꝛDempel Gottes, als ihn Menſchenhaͤns de errichten koͤnnen? Hier erblick ich mich in menſchlicher Beſchraͤnktheit, und dert in Gottes weiter Allmacht, und fuͤhle mein Herz vor reude aufwallen, daß ich ein Theil ei⸗ nes 186 OTAeNNd nes ſo großen Ganzen bin; und durch ſeine Guͤte ein ſolcher Theil, der alles wahrneh⸗ men, unterſcheiden, empfinden,— der den Ueheber der Natur mit Dank und liebevollem Herzen anbeten und verehren kann. Mein Geſſt erhebt ſich in freudiger Ahnung hoͤherer Vorzüge, und fromme Enrſchluͤſſe verlebendi⸗ gen(ch zur klaren Vorſtellung, in der Ue⸗ berzeugung, daß ich nur durch Rechtthun und Tugend einer ſolchen Vakerliebe mich wuͤrdig und immer wuͤrdiger machen kann, je feſter und vollkommner ich in der Tugend werde.« Prinzeſſin,« ſagte der gute Mann, „wir haben eine Kirche, die uns die Art und Weiſe unſers Gottesdienſtes vorſchreibt.e— „O die verebr⸗ ich allerdings,“ fiel ich ein,„ſie iſt ein notbwendiges Gaͤngelband des ſinnlichen Menſchen; aber verbiethet ſie, daß ſich mein Geiſt aͤber die Schranken er⸗ hebt, wenn er ſich geeignet fuͤhlt, ſich der Gottheit zu naͤhern, und ſie nicht bloß im bild⸗ lichen zu verehren und anzubethen? Dadurch veracht' ich nicht die Schranken, ſtuͤrze ſie nicht nieder— ich ehre die Lehren der Kir⸗ che und verehre Gott in und durch ſeine Of⸗ fenbahrung in Schrift und Natur.“ 18(7 Der Hofkaplan kuͤßte und druͤckte mir die Sund und entfernte ſic. Sein Betra⸗ gen kam mir etwas raͤthſelhaft vor⸗ Es ſchien als wollt; er mir noch etwas ſagen⸗ und ſchnell hielt er zuruͤck, und die Worte verwandelten ſich in einen ummen Handkuß. So galant war er noch niel 7 6. Maher Siegfried hat mir die Gſcichte ſeines Papagay vorgeſungen. Iſt es nicht eine Dichtung ſo war er der treue und einzige Gefehrte einer ungluͤck⸗ lichen Prinzeſſin, welche von ihren Eltern verkannt und von Schmeichlern verleumdet, in ein Kloſter geſperrt wurde— —-— Ich erſtaune, daß ich erſt lest da jch es Dir, holde Graͤfin, herſchreibe, ei⸗ ne Beziehung auf mich finde.— Sein Geſang hat mich zerſtreut, daß ich woͤhrend dem nicht ſo auf den Sinn der Worte Achtung gegeben habe. Verkannt? bei dem heiligen Gott! ver⸗ kannt werde ich von meinen Eltern, weil ſis ſich ſich nicht die Muͤhe gegeben haben, mich ken nem zu lernen. W ia2.e. Verlaͤumdet von Schmeichkern?— das ahndete ich ja lange ſchon, daß man al⸗ len meinen Roden und Handluͤngene einen gonz andern Sinn unterleat, und ſie in ei⸗ nem ſehr nachtheiligen und falſchen Lichte aus⸗ ſtellt. Ich danke Dir alter Schalk fuͤr Deine Ergebenheit, daß ich nicht unvor bereitet uͤbers raſcht werde! 98 darumz verließ mich der Hoffaplan uft einem ſo rathfelhaften Komplimeßte, weit er wuhrnehmen mifßke. daß ſeine Anpreiſung der klöͤſterlichen Einſakeit 8 wenig Eingang Nfuſden hatte.. Zuverſichtlich bater Befeht gehabt, mich fuͤr das Kloſterleben zu ſtimmen; und wollt er mir etwa gar den geheimen Befehl unter dem Siegel der Verſchwiegenbeit auch mit⸗ theilen, da er reden zu wollen ſchien und doch ſchwieg? Mein Herz empoͤrt ſich uͤber die Verraͤ⸗ therei— oder if es wohl etwas anders als Verraͤtberei?— Was hab' ich verbrochen, daß man mich auf meine Lebenszeit einkerkern will?— * Und re 3 191 Thaͤtigkeit und Fleis mieh der milden Fuͤgung der Vorſicht wuͤrdig machen kann.——— Schwaͤrme ich nieht, holde Graͤfin? Ich bin neugierig, was Du zu allem ſagen wirſt. O warum kann ieh nicht an Deinen Buſen fliegen!— Haͤtteſt Du Dich des ar⸗ men verwaiſten Zigeunermaͤdchens angenom⸗ men, ieh waͤre gluͤcklicher, in welches Ver⸗ haͤltniß Du mich auch geſtellt haͤtteſt.— , „Jeb bin wieder zu Gnaden angenemmen, und habe geſtern zum erſtenmale wieder bei meiner Mutter auf ihrem Zimmer gegeſſen. Emanuele ſchoß mir wie ein Pfeil ent⸗ gegen⸗ „Wo warſt Du ſo lange, gute Clothil⸗ de,“ rief ſie;„ich habe alle gefragt und Niemand wollte es mir ſagen; unſre gute Mutter ſelbſt nieht.“ Unſee Mutter ſchien es nicht zu bemer⸗ ken, und gewiß ſie eriparte mir eine Verle⸗ genheit. Jeh 192 Oreeen Ich kuͤßte ihr ebrerbiethig die Hand, druͤckte ſie ſanft und fuͤhlte den Druck erwie⸗ dert. Sprechen konnt' ich nicht, ſo außer⸗ ordentlieh beklommen war mir die Bruſt. CGgerie hatte eine artige Stickerei vol⸗ kendet, welche die Fuͤrſtin vor ſieh liegen hat⸗ te. Sie zeigte ſie mir und fragte, wie weit ich in der Kunſt gekommen ſei. —, Schweſter Egerie wird immer meine unerreiehbare Meiſterin bleiben,“ erwiederte ich;„weil ich keinen Sinn in mir fuͤr die Kunſt finde; eher, glaub' ich, wuͤrde ich in der Farbenmablerei etwas leiſten* „Aus welchem Grunde glaubſt Du das de fragte die Furſtin auͤttg. Jeh ſpreche bloß nach einem dunkeln Gefuͤhle, gnaͤdigſte Mutter,« erwiederte ieh, weil ich glaube: die Farben laſfen ſich beſſer behandeln, die Ratur nachzuahmen, als Sei⸗ de und Garn. Die freundlichen Gemaͤhlde in Beinem Präſidenzzimmer haben vielleicht dieſen Gedanken erregt* 7 Snt e3n „Bezeigſt Du Neigung,“ ſagte die Mut⸗ Nir, pſo kannſt Du Gelegenheit finden, und Zwat bei dem Meiſter der beiden ſchonſten Stuͤcke in meinem Zimmer,“ 1e Ich ſuͤrzte vor meiner Mutter auf die Knie, und benetzte ihre Hand mit meinen Thraͤnen. Mein Herz bath ſie um Verzei⸗ hung, daß es ſie in falſchem Verdacht gehabt hatte. Wuͤrde ſie wohl dieß Anerbiethen mir thun, wenn ſie die Abſicht haͤtte mich in's Kloſter zu ſperren? . Ich mußte meine Proben im Sticken hohlen laſſen. Ich habe noch nicht ganz ei⸗ nen Roſenzweig vollendet, welchen ich nach meiner Laune entworfen habe. „Dieß wirklich Deine Arbeit?“ ſagte ſie mit einem zufriednen Laͤcheln.—„Sieh Egerie, die Schattirung iſt ſehr artig und die Haltung des Zweiges iſt nicht uͤbel; er ſcheint ſich natuͤrlich zum Kranze zu biegen und wartet nur auf eine Hand die ihm die kuͤnſt⸗ liche Geſtalt giebt. Wie iſt die Zetterwitſch damit zufrieden?* „Sie hat es nicht geſehen, gnaͤdigſte Mutter!“— „Ganz eigne Arbeit?“ fuhr ſie guͤtig fort;„und doch ſagſt Du, Du faͤndeſt keinen Sinn in Dir für die Kunſt?* „Haͤtte ich eher Reigung ſagen ſollen, K Inädigſes Mutter?« erwiederte ich; vallein 8s d iſ doch etwas anders was ih fuͤhle. Ich 8 N be⸗ 4ANA 194 beſchaͤftige mich gern damit, wenn ich einmal die Arbeit vor mir habe; aber ich binſehr bals unzufrieden, daß ich die Ratur nicht errei⸗ chen kann, da die Farben hier nicht ſo unbemerkt in einander fließend gemacht wer⸗ den koͤnnen, als ich ſte dort ſinde. Haſt Du nicht einige Blumenſtuͤcke in Deinem Kabi⸗ nette haͤngen, gnaͤdigſte Mutter, welche in einer nur geringen Entfernung das Auge im hoͤchſten Grade taͤuſchen? Wenn ich dieſe bes trachte, ſo zuckt es mir gleichſam in der Hand, als moͤcht ich ſogleich die Farben mi⸗ zſchen und auftragen, und ich werde von ei⸗ nem eignen Gefuͤhl ergriffen— Der Ka⸗ minſchirm dort hat trefliche Stickerei, be⸗ wundernswuͤrdige Genauigkeit und großen Fleiß; aͤber die Farben ſind ſchneidend und es gehoͤrt eine große Entfernung dazu, wenn man es nicht wahrnehmen ſoll, wie die Far⸗ den ganz geſchieden daſtehen und wahrneh⸗ men laſſen, daß ſie der Vollendung unfaͤhig ſind.“ 1 „Ich will mit Aquarello ſprechen,“ ſag⸗ te meine Mutter gnaͤdig;„Deine Schweſter Egerie batte einen Anfang gemacht; allein ſie hat es aufgegeben, weil ſie keine Unter haltung dabel fand. Aatarello iſt ein ge⸗ 4 . ſchick⸗ 8 1 1 1 3 . . 6 ſchickter Mann, deſſen Verdienſte hier nicht belohnt werden koͤnnen; indeſſen er ſcheint ſich durch ſeine Kunſt ſeldſt belohnt genug in fuͤhlen.* „Es iſt langweilige Schmiererei, e fiel Egerie ein,„welcher ich keinen Geſchmack ab⸗ gewinnen konnte. Wenn man es ſogleich darſtellen koͤnnte, wie man es ſieht; allein, ich habe laͤnger als ein Jahr bkoß zeichnen muͤſſen, und wollte doch mahlen lernen. Ich Liebe die Stickerei ungleich mehr;; ſie iſt frei⸗ lich auch eine ſehr lansweilige Beſchaͤftigung; aber es läͤßt ſich doch eher etwas buntes dar⸗ ſtellen.“— Meine Mutter laͤchelte und Emanuele wiederholte die Bitte ihr zu erlauben das eine franzöſiſche Geſchichtchen zu erzaͤblen, wel⸗ ches ſie heute gelernt habe, welches ihr auch zugeſtanden ward. Glaubſt Du wohl, bolde Groͤfin, daß ich auch noch die franzoͤſiſche Sprache lernen koͤnnte? Man ſpricht ſie bier allgemein, als ob man ſich ſeiner Mutterſprache ſchaͤmte? Ich moͤchte faſt meine Mutter bitten, daß ſie mich lieber mit dieſer Sprache einen Verſuch machen ließe, als mit der Mahlereiz. denn es Mag ſchon ein großer Unterſchied ſeyn, ſich R 2 von von einem ſchoͤnen Gemaͤblde angezogen fuͤh⸗ len, und der Geſchicklichkeit, ſelbſt ein Ge⸗ maͤhlde zu verfertigen Allein dann wuͤnſcht' ich auch eine andere Gelegenheit, als die Fran⸗ zoͤſin Cachettiers und die Hofdame Zetter⸗ witſch, eine ſe alt wie die andere, und eine ſo verliebt wie die andere; doch macht die er⸗ ſtere noch ungleich mehr Anſpruͤche und be⸗ ſitzt eine ungiaubliche Selbſtgenuͤgſamkeit dar⸗ uͤber, daß ſie allgemein gefaͤllt. Gute Graͤfin, wie iſt das moglich, daß ſich Perſonen, wie dieſe in einem ſo bedeuten⸗ den Alter ſo ſehr vergeſſen knnen?— Aber noch mehr erregt mein Erſtaunen, wie man ſolchen Perſonen Leitung und Bildung ſo zar⸗ ter Seelen, wie meine Schweſter Emanueie, anvertrauen kann? Das Kind iſt ein kleiner Schalk. Kuͤrz⸗ lich war ſie bei mir und machte ganz ſonder⸗ bare Grimaſſen mit ihrer Puppe. „Was beginnſt Du, Emanuele? 2 fragt ich ſie. Mit einem ſchalkhaften Laͤcheln ſah ſie mich zweifelhaft an, ohne mir zu antworten. „ Itt Laͤcheln Deine ganze Antwort4- ragt ich und. I Srpem 2 AAe 197 „Ich huͤte mich wohl,“ erwiederte ſie, „mit meiner Puppe auf dieſe Art irgendwod zu ſpieten als bei Diree 3 216 Bte„22 l4 „Lehrt Dich nicht Deine Cachettiers,“ fragt ich,„Dich uͤberall ſo zu betragen, als ob ſie bei Dir waͤre? In threr Gegenwart wuͤrdeſt Du dir gewiß nicht ſolche Entſtellun⸗ gen erlaubt habene Btte n 3 „Eigewiß nicht! antwortete ſie ſchnell⸗ ich fuͤrchte ibre Verweiſe, und wenn ich ſie auch nicht verſtehe; denn wenn ſie recht boͤſe iſt, ſo ſchmaͤhlt ſie franzoͤſiſchaa 891„Tch ſinde das aber nicht güͤt von Dir,* verſetzte ich,„daß Du das doch thuſt, wovon Du weißt, daß es Dir einen Verweis zuzie⸗ hen koͤnnte. Etwas w iſſen und dennoch da⸗ gegen handeln verdient doppelten Verweis.” „O Du wirſt es ihr gewiß nicht ſagen, gute Elothilde,“ ſaate ſie bittend,„und ich will es nicht wieder thun. Ich will Dir aber auch alles ſagen, wie ich drauf falle mit mei⸗ ner Puppe ſo zu ſpieten. Ich machte es Ma⸗ demoiſelle Cachettiere nach, wenn der Jagd⸗ junker Borſtenhold zu uns kommte O da iſt ſie ganz außer ſich, und macht es ganz genau ſo, wie ich es mit meiner Puppe gemacht habe.“ 4 43 85 8 33383. Essen Sie 1 Sie breitete die Arme aus und wollte ihr Spiel wiederhohlen; allein mein miß⸗ faͤlliger Blick hielt ſie ab.. „Kommt der Jagdjunker oft 3* fragt⸗ ich, bloß um etwas zu ſprechen und dachte nicht daran, daß ich dem Kinde Anlaß zum Plau⸗ dern gab. „Um Gottes willen 1e ſagte ſie aͤngſd⸗ lich,„fage das Niemand; ich wuͤrde nie wie⸗ der Naͤſcherei und andere ſchoͤne Saͤchelchen zum Geſchenk und zum Spielen erhalten, und welche Verweiſe!— o das wäͤre unertraͤg⸗ lich!— Sieh, gute Schweſter, wenn er kommt, ſo hat Cachettiere allerliebſte Spiel⸗ ſachen in ihrer Kommode, die ebhalt' ich auf den kleinen Tiſch in unſerm Schlafzimmer, und allemal einige Raͤſcheneien dazu Oft wird die Thuͤre zugemacht.“*— Erſchrickts „Woruͤber erſchrackſt Dun ebe Sma⸗ nuele?“ fragt ich⸗ „Wirklich ich glaubte, lſie taͤmas 84 raant⸗ wortete fie, gund Vorſtenhold waͤre fort?— „Mir bonnſt Dur das letztere Siuudens 4* verſetzt' ich. 0. ganz gewiß!“ fagte e wichtig; Ler war dieſen Morgen nur einen Augenblick da, und Cackhettiere ſagte etwas Unverſtaͤnd⸗ liches riches und hob alle fuͤnk Finger in die Hoͤhe. Ich habe daran nicht eher gedacht, als vor⸗ hin, wie ſie mich um fuͤnf Uhr zu Dir brachte.“ „Du irrſt Kind,“ entgegnete ich;„ich habe die Cachettiere bitten laſſen, daß Du eine Stunde bei mir zubringen moͤchteſt „Ich liebe Dich, gute Clothilde,“ er⸗ wiederte ſie,„und wuͤnſchte von Herzen, daß ich immer um Dich ſeyn koͤnnte.“ Wie kann die Cachettiere ſo unvorſich⸗ tig ſeyn, und wie ſoll ſie das Kind erziehen, welches ſie ſo wenig kennt?— Sie muß es für ſehr einfaͤltig halten, und noch einfaͤlti⸗ ger muß ſie ſelbſt ſeyn, daß ſie daran nicht denkt, daß es ihre unverzeihliche Schwaͤche wahrnehmen koͤnne Und mit welcher Selbſtgenuͤgſamkeit, mit welcher Dreuſtigkeit, ich moͤchte ſagen Frechheit, ſpricht das Frauenzimmer von Er⸗ ziehung, von Anſtand, Geſittetheit und Tu⸗ gend! Solche Widerſpruͤche, holde Graͤfin, ſin⸗ de ich ſo haͤuſig um und neben mir, und es iſt mir ganz unbegreiflich, wie man einander fuͤr ſo ſchwachſinnig halten, und ſich jedem kuͤr zehnfach beſſer mit dreuſteſter Stirne auf⸗ dringen kann, als man wirklich iſt. es Oder Oder iſt es wirklich ſo großer Schwach⸗ ſinn und ſo blinde Selbſtſucht, daß man ſei⸗ ne Schwachheit, ſeine Fehler und Laſter ſelbſt nicht einſieht?— Mein Herz fuͤhlt ſich jedesmal auf eine eigne Art erhoben, wenn ich durch mich ſelbſt, durch Leſen und Nachdenken, oder durch an⸗ dere auf eine Entdeckung meiner Schwaͤche geleitet werde, und das Mittet dazu finde ‚durch welches ich. zur Vervollkommung mel⸗ ner ſelbſt gelangen kann; und traurig bin ich, entdecke ich das Mittel nicht zugleich, oder gelingt es mir nicht mit der Anwen⸗ dung. meinen Hofkaplan, und er verwies mich auf frommes Gebet. Ich habe ſeinen Rath treu⸗ lich befolgt, und nie habe ich gebetet, ohne mein Herz durch Hoffnung aufgerichtet zu fuͤblen. Wie ich ihm bieß Bekenntniß ab⸗ legte, ſo nahm er Gelegenheit mir die hei⸗ lige kloͤſterliche Stille mit um ſo lebhaftern Farben zu mahlen, wo ich durch kein weltli⸗ ches Geraͤuſch in meiner Andacht und meiner Selbſtvervollkommung geſtoͤrt werden koͤnn⸗ te, und fuͤhrte mir einige Beiſpiele aus der Geſchichte der Hetligen an. „Rur Ich beklagte mich einſt darüber gegen 3——— 2 eAF 20 1— „Nur etwas,“ erwiederte ich ihm dar⸗ auf mit aller Herzlichkeit, welche ich ſeiner guten Meinung ſchuldig zu ſeyn glaubte, „und zwar meines Erachtens den Hauptbe⸗ swmeis des Gutſeyns, vermiß ich in der kloͤ⸗ ſterlichen Einſomkeit. Wenn ich nun unge⸗ ſtort an meiner Beſſerung gearbeitet habe, wo bleibt der Wirkungskreis, in welchem ich dꝛes zeigen kann, daß ich gut bin? und ohne Thaten und gute Werke, haben ſie mich ſelbſt gelehrt, iſt der Glaube tod. Sehr wahr, daß ich nicht geſtoͤrt werde; allein mein Gut⸗ ſenn iſt auch keiner Pruͤfung ausgeſetzt, um ſi ſich zu bewaͤhren; denn die wenigen Menſchen⸗ die um mich ſind, mit welchen ich in frommer Gemeinſchaft ſtehe, arbeiten ja wie ich an Selbſtverheiligung. Ich glaube ſchon, daß rich dieſe und jene Neigung, die mich zum Un⸗ recht hier oft uͤberraſcht, dort durch fromme Uebungen einſchlaͤfern kannz aber werde ich ſie auch ausrotten koͤnnen? Ich verneine dieß, und glaube, das es mir hier ungleich ſichrer gelingen wied, wenn ich ſie bei jedem Reitz bekaͤmpfe und dadurch voͤllige Herr ſhaſtüͤber mich ſelbſt erlange.“ 16 Der gute Monn ſuchte aiich zu widerſes uen; allein ich bewies ihm: daß eine von 1 ſeinen 3 0½ ren ſeinen Heiligen, deren Geſchichte er mir erzaͤhlt zhatte, eigentlich nichts gethan, als daß ſie aus Ueberdruß alle Gemeinſchaft mit der Welt aufgehoben, aber durch keine Werke gezeigt habe, daß ſie beſſer als ehemals denken und Handeln koͤnne, welches doch nach den Grund⸗ ſätzen der heiligen Religion nothwendig ſei.— Eben ſehe ich, daß ich heute einen ent⸗ ſetzlich langen Brief geſchrieben habe, und faſt bin ich zweifelhaft, ob ich ihn abſende, weitich kaum glaube, däß Dich mein einfa⸗ ſches Plaudern unterhakten kann. b D koͤnnt' ich Dir es nur einmal noch muͤndlich an Deinem Buſen verſichern, holde Graͤfln, wie ſehr ich Dich liebe! 24 e Heitret als ſeit langer Zeit, fieng ich meinen Brief an, und jetzt— fuͤhl ich mich ſchon wieder von einer uner flaͤrlichen Weh⸗ muth ergriffen, und die Thraͤnen rollen mir über die Wangen auf's Papier. 27 SDin ich woͤhl nicht ein ſonderbares Maͤd⸗ b . SZolde, gute, engliſche Seele! muͤndlich koͤnnt ich Dir ſo vieles anvertrauen, was ich durchaus nicht niederſchreiben kann. Meh⸗ veremale machte ich ſchon den Anfang; al⸗ lein— es giebt ſo Manches im weiblichen mnin Her⸗ en Herzen, was man ſic ſelbſt iht ueßche kann.—— 4 8⸗ J⸗ werde weniger von meinem alten Schutz⸗ engel bewacht, und habe ihn nun ſeit drei Tagen bloß bei Tafel geſehen, und geſtern im Konzert. Glaube mir, holde Grfin, mir iſt, als konnt ich freier athmen, und auch Roſette erſcheint auf einmal weniger ſcheu und furcht⸗ ſam. Man ſcheint mich alſo der ſtrengen Aufſicht entlaſſen zu haben; aber ſonderbar, daß man mit mir keine Sylbe davon geſpro⸗ chen hat. Will man etwa ſtillſchweigend ab⸗ warten, was fuͤr einen Gebrauch ich von mei⸗ ner Freiheit machen werde? Gute Graͤfin, ich habe unerwartet eine Entdeckung gemacht, welche ich von Dir er⸗ wartete. Ich habe Dir geſchrieven, daͤß ich Baumwolle und Leinwand gekauft habe, um eine arme Familie zu unterſtuͤtzen.) Der Vater war Sekretair bei der Kam⸗ mar und hat durch de n Drhaimen Kammer⸗ e rath rath von Glasbauch, dem er in gewiſſen An⸗ gelegenheiten widerſprach, weil ſeine Red⸗ lichkeit in Anfpruch genommen wurde, ſeine Entlaſſung mit einem geringen Gnadennehalt erhalten, und muß ſich nun kuͤmmerlich durch Abſchreiben mit ſeinen vier Kindern ernaͤh⸗ ren. Und die Mutter war Kammermaͤdchen — bei der ungluͤcklichen Hamold.„ Mein Blut ſtarrte in allen meinen Adern bei der Erzaͤhlung. Himamliſche Gottheit, wie kann unter deinen Menſchen ſo fuͤrchter⸗ lich ſchreckliche Ungerechtigkeit ſtatt ſinden! —=———— ———— „Man erzaͤhlte ſich damats lerband wunderbare Sachen uͤber den Tod der Hof⸗ dame von Guͤldenkraut« fuhr die gute Frau fort,„und daß man in dem Buͤreau meiner gnaͤdigen Frau anſtatt des Goldes todte Koh⸗ len fand. Das letztre ward der Zauberei der Frau von Hamold zugeſchrieben, und man bedauerte es, daß ſie aus dem Lerker ent⸗ wiſcht ſei, um ſie nach Verdienſt durch den Scheiterhaufen zu beſtrafen. elein, die ſie ge⸗ .*) Hier folgt eine eErzzetung aller Hauptan kaͤnde, welche den Leſern aus dem vorigen Theile belannt find. nicht in Verdacht gezogen wurde.“ NALAA 205 genauer kannten, wußten wohl, daß eine ſo himmliſche Seele keiner ſo ſchwarzen That ſchuldig ſeyn konnte, und muthmaßten auf boshafte Raͤnke ihrer und Loͤwenzahns Fein⸗ de, die damit umgingen den Fuͤrſten zu be⸗ wegen, daß er ihn im Gefaͤngniſſe enthaupten laſſen ſollte, welches aber der gute Furſt ab⸗ ſchlug und verboth, daß es keiner wieder wagen ſollte, etwas Gewaltſames gegen ihn in Vorſchlag zu breingen; und ſeit jener Zeit hat unſer gute Fuͤrſt auch ſeine ehemahlige Heiterkeit nie wieder bekommen; er iſt be⸗ ſtaͤndig mürriſch unzufrieden, hart und miß⸗ trauiſch gegen Jedermann.“ „Von einer damahligen Kammerfrau Blondine, welche die Fuͤrſtin fortſchickte, weil ſie jehr verrraut mit der Hofdame von Guͤß denkraut geweſen war, weiß ich es genau, daß man bei den letztern unter ihren Sachen die Diamanten der Fuͤrſtin gefunden hat, de⸗ ren Entwendung ſie der ungluͤcklicken Hamold hatte anſchuldigen wollen. Man konnte ſichs aber nicht erklaͤren, wie ſie auf den grauſa⸗ men Entſchluß haͤtte kommen koͤnnen, Gift zu nehmen, da ſie wegen des Diebſtahls doch „Erſ „Erſt in der Folge verbreitete ſich das Geruͤcht: Loͤwenzahn, vor deſſen bloßen Na⸗ men faſt Jedermann zitterte, weil er dem Fuͤrſten, dem geheimen Kammerrath Schlim⸗ mer, und andern wie ein boͤſer Geiſt erſchies nen war, habe dem Fuͤrſten geſchrieden: der damahlige Schloßpfaffe Pankraz habe das Vermoͤgen der Frau von Hamold geſtohlen, welches ihm aber wieder abgenommen ſei. Man hatte des Paters Sachen unterſucht, und hatte eine Menge Schluͤſſel und Diebes⸗ werkzeuge, die fuͤrſtlichen Wappenpetſchafte und eine ganze Parthie falſcher Schriften mit des Fuͤrſten Unterſchrift gefunden. Bei der Uunterſuchung hatte ſich's ergeben, daß Pan⸗ kraz mit dem geheimen Kammerrath unter einer Decke ſpielte und den Fuͤrſten um große Summen betrogen hatte.“ werden; allein er kam durch Gift zuvor, und ſchriftlich hinterließ er es, daß die Hof⸗ dame Güldenkraut durch ihn vergiftet wor⸗ den ſeie „Der geheime Kammerrath aber hat alles ſtandhaft abgelaͤugnet, und ſoü ſogar Geweiſe beigebracht haben, daß Lowenzahn den Schloßpfaffen zu ſeinen geheimen Abſich⸗ . ten „Der Pfaſfe ſollte in's Kloſter geſchafftt RA2NA7 207 den gebraucht habe. Indeſſen erhoben ſich der Anklagen und Anzeigen zu viele, als man ihn in Verhaft ſah und merkte, daß er Nie⸗ manden mehr ſchaden konnte, und der Fuͤrſt mußte ihn heimlich fortbringen laſſen, weil es zweimal kaum verhindert werden konnte, daß nicht das Volk ſein Haus ſtuͤrmte, und in einen Schutthaufen verwandelte.“ —„Aber ich begreife es nicht, gute Frau,“ unterbrach ich ſie,„daß mein Varer nicht, wie ſich alles auf ſolche Art entwickelt hat, dem Hertn von Loͤwenzahn hat Gerech⸗ rigkeit widerfahren laſſen, und ihn zuruͤck⸗ berufen bat⸗ „Man ſagte es einmal,“ fuhr die Frau fort, vals gewiß, daß mut naͤchſtem der Herr von Loͤwenzahn wieder eintveffen werde; al⸗ lein es erfolgee nicht, unerachtet es ſehr viele wuͤnſchten; denn nur ſeine Feinde glaubten es, daß er Anfuͤhrer einer Raͤuberbande ſei, und das ganze Land bedrohe.“— Ich. entließ die gute Frau mit vollem 4 beaͤngſtigten Herzen. Gern baͤtte ich ſie ge⸗ fragt, auf welche Weiſe ich zur Hamold ge⸗ kommen ſei; allein ein unerklaͤrliches Etwas hielt mich zuruͤck, und weßwegen ſie davon ſchwieg, weiß ich nicht. Itt es vielleicht gar nicht 8 nicht allgemein bekannt worden, von wem ich geraubt wurde?— Ich habe mir das Zimmer beſchreiben laſſen, auf welchem die ungluͤckliche Hamold gewohnt hat, und den Kerker in weſchem ſie hat ſchmachten muͤſſen. Es thut mir leid, daß das erſtere bewohnt iſt; ich wuͤrde ſonſt meine Mutter gebethen haben, es mir einzu⸗ räͤumen. Auch die Thuͤre zum Kerker habe ich gefunden; aber verſchloſſen. Ich legte mein Ohr an das Schluͤſſelloch und ſchauder⸗ te zuruͤck, weil ich der Hamold klagenden Ton aus der Tiefe berauf zu vernehmen glaubte. O wie kann ich die Leiden einer Schuld⸗ loſen verſoͤhnen!— Himmliſche Gräͤſin, wie iſt es möͤglich, daß die Bosheit ein ſo ſchreck⸗ liches Gewebe zur Unterdruͤckung der Unſchuld bereiten kann? Ich erbebe vor dem Gedan⸗ ken, daß auch jetzt noch die Unſchuld auf aͤhn⸗ liche Art unterdruͤckt werden koͤnne! und mein Innres empoͤrt ſich gegen ſo unmenſchliche Grauſamkeit. Meine Fuͤrſtenmutter hatte wohl gute Gruͤnde, daß ſie mir es unterſagte mit Je⸗ manden uͤber die Geſchichte der ungluͤcklichen Hamold zu ſprechen. Aber warum entdeck⸗ te um ſe mir es nicht ſelhſt? ſie wußte vielleicht der dee Geſchichke eine Wendung zu geben, daß ſie nicht fo tief in mein Herz einſchnitt, und — ach Gott! gute Graͤfin, daß ſie ſelbſt bei mir nicht ſo ſehr verlor, daß ſie ſich der un⸗ derdruͤckten Unſchuld nicht annahm. Sie hat⸗ te die ungluͤckliche Hamold ſo lange gekannt; ſie hatte ſie ihrer Freundſchaft gewuͤrdigt, mußte alſo auch von ihrem treflichen, Herzen üͤberzeugt ſeyn, daß es keiner ſchwarzen That ahig ſeyn konnte.— 1 Ddnder konnte ſie ſelbſt nicht gegen das Gewebe der Vosheit? Hoͤrte man nicht auf ihre Betheurungen? hatte man ihr den Weg zum Herzen meines Vaters verſchloſſen?— Konnte mein Vater vielleicht ſelbſt nicht das teufliſche Gewebe ergruͤnden, und ward von dem Scheine verblendet und fortgeriſſen, ei⸗ ne Ungerechtigkeit zu begehen, die er vielleicht noch jetzt bereut, und die noch jetzt ſeine Ta⸗ ge truͤbt? Es iſt ſo eigen mit allem, was ich be⸗ merke; daß ich uͤberall ein bloßes Hingeben zu irgend einer Meinung wahrnehme und nicht das Mindeſte Selbſtdenken und feſte Entſchloſſenheit aus eigner Ueberzeugung zu handeln. Man lauſcht bei jeder Gelegenheit, und betrefe es auch eine noch ſo große Klei⸗ 3 O nig⸗ 2 alo 426 nigkeit, wohin ſich die M deinung des Fuͤrſten neige; gewoͤhnlich iſt ſie ſchwankend; und nun beſitzt man Schlauigkeit genug, naͤch ei⸗ gennͤgigen Ruͤckſichten ihr eine Richtung zu geben. Man iſt auch wohl boshaft genug Kleinigkeiten in ein wichtiges Gewand zu baͤl⸗ len, und Schwierigkeiten aufzuſtellen, wo dem ſchlicht en Menſchenverſtande bei'm erſtin Anblicke ein Urtheil hervorleuchtet— mit ei⸗ nem Wort: manlenkt den Färſten wobin man will und—— Ich vergeſſe es, holde Graͤfin, daß 6s mein Vater iſt, uͤber welchen ich urtheile und — ſoll das Kind den Vater richten?—— Ich finde freilich, daß man ſich hier kein Ge⸗ wiſſen daraus macht; allein was ich als bös ſes Beiſpiel eckenie, will ich nicht nachah⸗ men.. 4 De baſti in geraumer Zeit keinen Brief von mir erhalten, holde Graͤfin; aber eſto Ich habe eine kleine Reiſe mit me 6* Lin urnehr hat ſich mein Geiſt mit Dir beſchaͤftigt. 5— r 3 Mäütter Hemacht. und gewiß hat air ſher deln kann, wie ſie wuͤnſcht. 3 Die Aebtiſſin iſt eine Prinzeſſin von n 211 geheime Abſicht, welche man mir jedoch vor⸗ erſt noch nicht mitgetheilt hat. 5 Wir ſind drei Tage in der Abtei Gna⸗ denflamm geweſen und ich habe in der Aeb⸗ tifſin eine Tante kennen lernen. Dieſe Be⸗ kanntſchaft war dir Veranlaſſung unſrer Rei⸗ ſe; allein, gute Graͤfin, glaubſt Du nicht auch, daß es bloßer Vorwand ſey? Man wollte mich mit einer Verfaſſung bekannt ma⸗ chen, in weſche man mich zu bringen gedenkt. Ich bin durch dieſe Schonung, welche meine Mutter gegen mich beobachtet, ſehr geruͤhrt, und ich muͤßte mich ſehr irren, wenn ſie nicht ein theilnehmendes Mitleiden in ihr Herz zu verſchließen ſuchte, daß es nicht in ihrer Ge⸗ walt ſteht, mein Schickſal zu aͤnderr. Sie iſt mir auf der Reiſe und in der Abtei, eine ganz andre Mutter geweſen als hier, und willſt Du es wohl glauben„ gute Groͤfin, daß ſie dadurch alles widerſetzliche Gefuͤhl in meinem Herzen ungemein geſchwaͤcht hat?— Ich uͤberzeuge mich immer mehr, daß die gute Mutter, durch ihr Verhaͤltniß Blieshurg, eine alte ehrwuͤrdige Matrone 84 O 2 von ſo ſehr eingeſchraͤnkt iſt, daß ſie nicht Han⸗ it — von fuͤnf und fechzig Jahren, die einen über⸗ aus heiligen Schein annehmen kuann. Sehr abſichtlich ſage ich: annebmen Fann; denn ganz anders betraͤgt ſie ſich unter ihren Vertrauten, und ganz aaders im All⸗ gemeinen, und noch auffallendor war es mir, daß ſie im eigentlichen Sinn einen kleinen Hofſtaat haͤlte Unter ihren Vertrauten nſchriat der Probſt die evſte Stelle zu behaupten. Er iſt ein Mann, welcher mit der feinſten Weltſitke be⸗ kannt iſt, und iſt vielleicht noch nicht viel uͤber funfzig Jahre alt. Er ſpricht ſchon und ge⸗ wandt und erinnerte nicht ſein Moͤnchsges wand au ſeinen Stand, ſo wuͤrde man den feinſten Hofinann zu hoͤren glauben. Ich habe mich viel mit ihm unterhal⸗ tin. und es ſchien ihm zu ſchmeicheln, daß ich ſeine Unterredungen ſuchte. Worauf ich auch das Geſpraͤch lenken mochte, er ſprach uber alles mit der nemlichen Leichtigkeit und gleicher Lebhaftigkeit, und wußte auch ſeinen Widerſpruch in ein ſo angenehmes Gewand zu kleiden, daß ich mir dern wideeſpoechen ließ. In der That ich kanm mir nichts ange⸗ neheneres denken, als ſo ſchoͤn ſprechen, und das das was man weiß auf eine ſo gefaͤllige Art mittheilen. Wie weit hinter ihm zuruͤck ſteht unſer guter ehrlicher Pater Marian! Ich wundere mich auch nicht, daß die Aebtiſſin ihn bei jeder Gelegenheit zu Rathe zieht, daß er ihr beſtaͤndiger Tiſchgeſellſchafter iſt und daß alles von ihm abzuhaͤngen ſcheint. Ihr Betragen gegen einander iſt ſo hochachtungs⸗ voll ſo gut, wie ich mir ein gluͤckliches Ehe⸗ paar denke; und ich wuͤrde ſie dafuͤr halten, wenn ich nicht wuͤßte, daß ſie geiſtlichen Stan⸗ des waͤren und das Geluͤhde der Keuſchheit abgelegt haͤttene an Durch die Bekanntſchaft mit den Stifts⸗ damen habe ich wenig gewonnen. Die ich am ofterſten ſah und ſprach gehderen unter die Vertrauten, und ich muß geſtehen, daß ich eine große Aehnlichkeit mit unſern Hofda⸗ men fand; ſogar bedienten ſich einige der Schminke. ns 1i HI 54 3 Alle beweiſen aͤußerlich eine knechtiſche Unterwuͤrfigkeit, kuͤßten die Erde, und den Saum des Kleides ihrer Aebtiſſin. Habe ich Unrecht, wenn ich glaube, daß bier die Heu⸗ chelei und Verſtellung den hoͤchſten Guad er⸗ reicht habenrnyn n e 3 3 Einige Einige andere haben meine Aufmerk⸗ ſamkeit ſehr erregt und vorzuͤglich ein Fraͤu⸗ lein Agnes von Bilderbach, welche erſt ſeit drei Jähren eingekleidet iſt. Eine anziehen⸗ dere Geſtalt habe ich nie geſehen; allein je⸗ der Verſuchihre Bekanntſchaft zu machen war vergeblich. Holde Geaͤfin, ich habe ſie geſe⸗ hen, wie ſies berete; ich ſchlich mich hin und kniete neben ihr hin; ihr ſchoͤnes blaues Au⸗ ge, welches ſie fonſt immer niederſenkt war jetzt empor gehoben, und ſchien durch eine freudige Ahndung ihres Herzens verklaͤrt. Ihre Lippen bewegten ſich nicht; um den ſanft geoͤfneten Mund, den ich nie ſchoͤner ſah, ſchwebte ein himmliſches Laͤcheln, ihr Buſen war ſanft bewegt, und nur leiſe athmete ſie. Ihre fromme Andacht theilte ſich mir mit, ich betete zu Gott, daß er ihr Gebet erhoͤren moͤchte, und fuͤhlte mich von Mitleid durch⸗ drungen, da ich in ihr eine heitig⸗ Peidende zu erblicken glaubte Der Schlag der Glocke göhrte gei in 8 rem Gebet; ſie ſchauderte zuſammen, ihr Auge truͤbte ſich, und die ſchoͤnſte Morgenroͤ⸗ the uͤberfloß ihre erbleichten Wangen, als ſie mich erſt jetzt bemerkte. Sie warf den Schleier uͤber's Bbers Geſtcht, ſand ſicch.. S e Den Abend bei Tafel ſaß ich neben der Domina und lenkte das Geſpraͤch auf Agne⸗ ſchnell auf und entfexuts ſ B. Aun ee. R ganggaben Sie mit hegeſprochen e feos⸗ te ſie neugierig. un 8 8 Ic habe Gelegenheit geſucht, ant⸗ wo ich; aaber ſie vermeidet mich ab⸗ ſichtlich.s K 8 zorne 1a mar T „Sie weicht allen aus, ſagte die Do⸗ mins lächelnd,„ſelbſt unſter bochwuͤrdigſteo. Durchlaucht. Wir ſind es jetzt von ihr ge⸗ 1 wohnt, und glauben, daß ein geringer Grad von Verſtandesverwirrung die Urſache ſei. Das gute Kind iſt zu beklagen, und wir koͤn⸗ nen eigentlich nicht errathen, wier ſie dazu ge⸗ kommen iſt. Es hat nach Gyaden ſich ver⸗ mehrt; ſie war ſonſt ein. ſeelenvolles Maͤd⸗ chen.“.„ 4. 6 S. „Wurde ſie vielleicht gezwungen den. Schleier zu nehmen!« fragte ich theilneh⸗ „unfere Regel,« antwortete die Domi⸗ na,„duldet keinen Zwang; ſie gebiethet frei⸗ willigen Entſchluß. Freilich finden Faͤlle ſäatt, wo die Verhältniſſe in der Welt den freien 216 rAN freien Willen beſtimmen, und den Entſchluß vevanlaſſen, die von unſern frommen Vor⸗ fahren geſtiftete Freiſtaͤtte zu ſuchen. „Und gewiß iſt dieß der Fall auch bei Agnes,“ ſiet ich ein „Woraus ſchließen Sie dieß, gnaͤdigſte Prinzeſſin?« fragte ſie laͤcheendd. „Ich habe ſie beten ſehen,“ antwortes te ich ſchnell;„ſie kniete vor einem Heiligen; aber ihr Blick uͤbergieng den Heiligen und war vom Himmel angezogen.« „ Andacht, entgegnete die Domina, vlet⸗ tet oft unſern Blick unwillkͤhrlich, wenn wit uns ungeſtoͤrt gkauben. 66— Die Domina iſt ein altes Geſicht, dem die Strenge in ſcharfen Zuͤgen eingedruͤckt iſt, und ich habe bei allen jungen Kloſterfrauen eine lebhafte Scheu von ihr bemerkt: Wenn ich Dir, holde Graͤfin mein Urtheil frei bekennen darf, ſo ſcheint ſte mir die Jugend ſelbſt un⸗ ter die Suͤnden zu rechnen, und alle zu ver⸗ dammen, die nicht in's Kloſter eingefperrt find. Ihr Geſicht bat alle ſanfte Weiblich⸗ keit verlohren und ſelbſt ihr Laͤcheln iſt an⸗ geſtrengſte Verzuckung. Welch' ein Widerſpruch zwiſchen dem Geſichte der Domina und der Aebtiſſin!“—— 1 Be al 3. 317 1udd. 8 Ih eua dhne T Dir, ehoß. Gräßin füͤr Deinen tieben Brief und Deine fanften Troͤſtungen. Auch Dir wurden ſo manche eiden zu Theit? Ich lerne immer mehr einfehen, daß ſich die menſchlichen Leiden mehr und mehr ver⸗ mannigfaltigen und häufen nach dem Grade der hoͤhern Verhaͤltniſſe und Staͤnde, und nun iſt es mir ein Räͤthſet, wenn ich die Be⸗ muͤhungen und das Streben und Ringen nach hoͤheren Verhäͤltniſſen wahrnehme. Heißt das nicht ſich abſichtlich nach deiden und Bekäͤme merniſſen draͤngen?. Verſtehe ich Dich recht, holde Gräſin. daß ich Dich vielleicht ſehen und ſprechen ſoll?— 32 welcher Aufopferung wäͤre ich wohl nicht dereit, wenn ich das Vielleicht in Gewißheit umn ndeln koͤnnte. Indeſſ was kann ich aufopfern? Bin ich nicht ein armes Maͤdchen? armer als je? Ehedem hatte ich wenigſtens meinen freien Willen; aber jetzt bin ich ſo deſchränkt, 8 ich auch nicht einmal Jemanden eine Geſs ligkeit erweiſen kann, ſe ſehr ſich mein Sa auch 213 eK quch dazu geneigt findet daß ich jedes freunds ſchaftliche Gefuͤhl ſogar, von welchen ich mich durchdrungen fuͤhle, durch den kalten Wobt⸗ ſtand zuruͤckſchrecken muß.— Athin iſt wirklich obgereiſts Run die Vorſehung keite ihn, daß er ſeine gute Ab⸗ ſicht aus Ffuͤhrt Wle ſehr will ich mich freuen, wenn ich erfabre, daß Loͤwenzahn ein mildes Schickſat⸗ genſeßt. 2G beneide den chelichen Alten. Dach ſtill, daß dieß ja Kiemand erfähet! Ram moͤchte glauben ich wuͤnſche mich in in m nei⸗ ne voßige Lebensart zuruͤck. uß wünſche ich in der That abeci in einen mittlern Stand wuͤnſche ich wlch, in welchem ich mehr nach der Neigung! mei⸗ nes Herzens leben, auf eine nuͤtzliche Art mich heſchͤftigen, und mich mehr meinem Reben⸗ menſchen mittheien, und menſchliche Empfin⸗ dung gegen eſalſf nvſha Res vertau⸗ ſchen onnten. , offenherzig mittgenem ſobald ſien mir den ge⸗ nommenen Entſchluß mich ins Kloſter zu be⸗ graben mittheilen wird. Ich erwarte dieß jeden; Tag, und habe ſchon auf alles mich zoßheritet. Es ———— 2 Grasde 219 82 ans iſt ein wunderbater Kampf in mel⸗ nem Herzen; bald fuͤhl ich Widerſtreben und Empoͤren in mir, bald Nachgirbigkeit und Ergebung. Welches von beiden wird die Oberhand behalten? Wird der Kampf zu hektig, ſo nehme ich meine Zuflucht zum Ge⸗ 12 O, aute Gräͤſin, Du bektagſt das arme Goldchen gewiß und wenn es auch von allen bäͤchelt wird! Meine Schweſter Egerie zuͤrnt auf mich. n Seit einiger Zeit haͤlt ſich ein junger franzdſiſcher Graf hier auf, und hat freien Zutritt dei Hofer.“ Sein Aeußeres iſt die nachdrücklichſte Empfehlung 355 die Natur ſelbſt ſcheint ihn zum Gefallen gebildet zu haben. Er uͤber⸗ trifft alle unſre Hofleute an Annehmlichkeit des Betragens, an Gewandtheit und Leich⸗ zigkeit, und nimmt alles fuͤr ſich ein. Ich erſtaune uͤber die Schwaͤche unſers Geſchlechts. Trotz allen ſtrengen Geſetzen der 220 der Wohlanſtaͤndigkeit, verraͤth jung und ald eine Partheilichkeit fuͤr den Auslaͤnder die in's Lacherliche fallt. Man draͤngt ſich nicht bloß um ihn herum, man draͤngt ſich on ihn⸗ und jede die ihn zu einer beſondern Unterhal⸗ tung den andern abgewinnen kann, ſcheint ſich einer beſondern Gluͤckſeligkeit zu erfreuen. Selbſt unſere alte Oberhofmeiſterin iſt ganz charmirt. Ich babe die Chre von denen zu feyn. welche er auszeichnet, und ich muß ihm die Gerechtigseit widerfahren kaſſen, daß er ein außerordentliches Tatent beſitzt zu unterhal⸗ ten, welchem ſelbſt die Ungewandtheit in un⸗ ſrer Mutterſprache, keinen Eintrag thur. 6 Seit. einigen Tagen beganete mir Ee⸗ rie mit einer ungewöhnlichen Kaͤlte. Unru⸗ dig daruͤber, wie ich ihr wohl koͤnnte Veran⸗ laſfung dazu gegeben haben, ſuchte ich Gele⸗ genheit ſie zu ſprechen, und um ſo mehr, wie ich bemerkte, daß ſie mir auswich. Miit aber Herzlichkeit forſchte ich, 88 nur muthmaßen ließ ſie mich es, daß ſie dar⸗ uͤber unzufxrieden ſey, daß ich von dem Gra⸗ fen d'Abeille vorgezogen werde. Ich erſtaunte, wie ſie mich einer Ver⸗ traulichkeit mit ihm beſchuldigte. 5„Ege⸗ —-———-— „Egerie« ſagt ich,„was nennt man hier Vertraulichkeit!— Ich babe mich mit dem Grafen unterhalten; aber zuverſichtlich auf eine Art, die ihn in gewiſſen Schranken gehalten hat, weil ich uͤberzeugt bin, daß ſei⸗ ne Lebensart bloß aͤußeres Blendwerk und die Mine der Unſchuld kuͤhne Anmaßung iſt. Er nimmt fuͤr ſich ein, und wie viele giebt es, die von ihm hingeriſſen werdens allein, gute Schweſter, haft Du nie bemerkt, daß er die leichtſinnigſten Reden durch eine Artigkeit wieder aut zu machen glaubt, und daß die heiligſte Sache ſeinem Witze nicht zu heilig iſt?— Sein Umgang iſt gefaͤhrlicher, je reitzender iſt, und beſitzt der Graf ein boͤſes Herz, welches ich ihm indeſſen nicht zeihen kann, ſo iſt er noch gefäbrlicher.— Kunn ich mie die Liebe und Freundſchaft meiner Schweſter ſo leicht wieder erwerben ſo wer⸗ de ich ihr von nun an den Beweiß geben, daß mie dieſe ungleich theurer iſt, als die Unterhaltung eines Menſehen der ſich noch niebt einmal durch eine wirklich gute Geſin⸗ nung, viel weniger noch durch eine gute That ausgezeichnet hat. 377 5„Du ſetzt einen Mann herab,“ erwieder⸗ te Egerie,„welcher allgemein geachtet wird? 3„Herr „Herolſeden will ich ihn nicht,« ent⸗ gegnete ich;„allein achten kann ich ihn auch nicht bloß deßwegen, weil ihn die Natur ſo verſchwenderiſch ausgeſtellet hat. Nur dann kann er meine Achtung erwerben, wenn er ſeine natuͤrliche Ausſtattung zum Guten an⸗ wendet. Indeſſen kann ich Dir geſtehen, daß ich mich ihm nie, ohne eine gewiſſe innere Scheu naͤhere, weil ſich mir, wenigſtens in ſeinen Geßchte unter einem ſchadenfrohen Laͤ⸗ cheln nicht bloß Leichtſinn abzubilden ſcheint. Haſt Du nie bemerkt, daß er immer die Ge⸗ ſtalt der Perſon anzunehmen weiß, mit wel⸗ cher er ſpricht? Er iſt beſcheiden mit den Beſcheidenen, taͤndelnd mit den Täͤndelnden, empfindſam mit den Empfindſamen, froͤm⸗ melnd mit den Froͤmmelnden, verliebt mit den Verliebten, leichtſinnig mit den Leichtſin⸗ nigen und uͤbertrifft jede, deren Charakter er annimmt. Wir gehen zu fluͤchtig mit den Perſonen unſers Umgangs um, laſſen uns von ihrer Außenſeite blenden, ohne die innern Bewegungsgruͤnde ihrer Handlungen zu be⸗ leuchten, und gerathen in Gefahr von ihnen beruͤckt zu werden, und das Boͤſe, was wir endlich in ihnen entdecken muͤſſen, zu entn ſchuldigen und uns àſeldſt anzurechnen. „Dn „Du predigſt hernget wie unſers Ober⸗ hofmeiſterin,“ ſagte Egerie laͤchelnd.„Da haͤtte man viel zu thun, wenn man immer erſt unterſuchen ſollte, in welcher Abſicht und aus welchem Grunde ſagroder thut dieſer und jener erwas? Wenn ich nur unterhalten wer⸗ de, und einige Erhohlung auf die Langewei⸗ le Ande⸗ ſo bin ich ſchon zufrieden Ich habe es meiner Schweſter unter Kuß uid Haͤndedruck verſprochen, daß ich den Grafen d'Abeille in weiter Entiernungd von mir 4 halten will. Gern haͤtb ich ſie gefragt aus welchem Grunde ſie das wuͤnſcht; allein ic. ſcheuße her Empfidligkeit. 12. Mane Mutter hat den Hofmapler Aquas relle zu mir geſchickt; er kam mit allen Ge⸗ raͤthſchaften zum Zeichnen, und ich Pabee ei⸗ nen Anfang gemacht. Aauarello ſpricht von ſeiner Kunſt wie von einem tiefen Geheimniſſe, und noch wich⸗ tiger wird das, was er ſagt, durch ſein ge⸗ ee3t broch⸗ 1 5 ½ 4 e brochnes Deutſch, weil man angeſtrengt auf⸗ merkſam ſeyn muß, um es zu verſtehen. Rach ihm muß man einen innern Be⸗ ruf zur Kunſt fuͤhlen, und dieſer Beruf be⸗ ſteht in einem zarken Gefuͤhle von einer le⸗ bendigen Einbildungskraft begleitet, mit wel⸗ cher ſchoͤnen Vereinigung die Natur nur We⸗ nige ihrer Lieblinge ausſtättet. Fleiß und Anſtrengung vermag Etwas; aber es bleibt immer eine kalte und ſteife Rachahmung oh⸗ de Leben, ohne Kraft und Ahnung. Das Schwaͤrmen des Mannes gefäͤllt mir. Sein Geiſt ſcheint mir fuͤr beſtaͤndig in einer andern Region zu beſinden, und oft antwortet er entweder gar nicht oder gand unpaſſend auf die Frage. Er will wieder nach Jtalien zuruͤckge⸗ hen, ſobald er noch einige Gemaͤhlde vollen⸗ det hat, worunter ein Altarſtuͤck iſt, welches meine Mutter, ich weiß nicht, fuͤr welcht Kirche beſtimmt hat, eine Mater doloroſa und ein Familienſtuͤck. „Das Familienſtuͤck waͤre vollendet, ſagte er zu mir;„ich ſchaffe mir gern Ar⸗ beiten vom Halſe, die ein bloßes Ceremoniel ſind, allein Sie gnaͤdigſte Prinzeſſin unter⸗ Frachen die Arbeit, und ſeitdem— habe ich nicht —— nicht wieder dran gehen moͤgen, uͤnd vernich⸗ te es vielleicht, unerachtet die Hauptfiguren ihrer Vollendung nahe, das heißt ausge⸗ mahlt ſind. e „Ich habe Sie unterbrochen*α fragt⸗ ich verwundert. „Sie erſchienen wie aus dem Grabe erſtanden,“ ſagte er lächelnd,„und Sie, gnaͤdigſte Peinzeſſin werden allein dem Ge⸗ maͤhlde Leben geben.“. 2*. Ich verſtehe Sie nicht Aquarello! t erwiederte ich von der ganzen Familie,* ſagte er leiſe und mit einem zutrauungsvol⸗ lem Blicke,„habe ich nur Larden nachzubil⸗ den, aber die Prinzeſſin Elotyilde im Ge⸗ ſicht:tB⁰. 3 Ic ſchwieg und er forſchte einige Aus⸗ genblicke in meinen Augen, und ſprach dann von der vorliegenden Zeichnung Ich war derdtießlich aͤber mein Schwei⸗ gen; aber weiß ich es doch ſelbſt nicht, war⸗ um mir darauf eine Antwort fehlte. Ge⸗ wiß! ſie fehlte mit nicht bei dem Grafen Abeille. Man fagt ſich leiſe in's Ohr, daß ſich ſeit einiger Zeit ein Geiſt in dem danfe 4 tels 1 ſteinernen Gange nach den Souterrains im weſt lichen Fluͤgel des Schloſſes zeige. . Ich habe unſern. Schloßkaplan uͤber die Moͤglichkeit gefragt: ob Geiſter erſcheinen köͤnnen? Er zuckte die Achſeln und antwortete: er halte es fuͤr Kuͤhnheit etwas der Allmacht der Gottheit abſprechen wollen, weil es un⸗ ſre beſchraͤnkte Vernunft niche begreifen kön⸗ ne. Eben ſo wenig wolle er behaupten: daß es wirklich ſo ſei, unerachtet er vor drei Ta⸗ gen um die Mitternachtsſtunde ſelbſt eine wei⸗ ße Geſtalt im Steingange wahrgenommen zu haben glaube, weil ihm zu wohl bekannt ſei, wie ſehr die Sinne und dorzuͤglich Geſicht und Gehoͤr truͤgen koͤnnen. Ss iſt ſonderbar: Pater Merian ſcheint ſeit einiger Zeit in unſern Unterhaltungen un⸗ gleich gelindere Grundſaͤtze angenom men zu haben; er ſpricht weniger beſtimmt und ent⸗ ſcheidend, und erklaͤrt nicht mehr jede Unter⸗ ſuchung einer vorgegebnen Wahrheit fuͤr Kez⸗ zerei. Seinen Geſpenſterglauben habe ich aus guten Gruͤnden gepruͤft; ich wollte erfahren: ob er auch Muth genug haͤtte, eine Erſchei⸗ nung der Art, wenn ſie ſich wieder ereignen ſollte, Graͤſin, als Du geglaubt haben wirſt. ſollte, genäuer zu unterſuchen; und zu meiner Beruhigung vernahm ich, daß er jede Un⸗ terſuchung der Art, ſobald ſie ihm nicht auf⸗ erlegt ſei, fuͤr Borwitz halte. Sei es ihm aber auferlegt, ſo ſei er in ſeinem Beruf, und dann werde er ſich auch nicht ſcheuen, ſich ſogar augenſcheinlicher Gefahr auszuſetzen. Zch ſuchte den guten Mann darinnen zu beſtaͤrken und Behutſamkeit anzuempfehlen, weil mir ſeine Gruͤnde einleuchteten. Ich habe daran mehe Aniheil, holde Ic ſelbſt bin der Geiſt. Ich geniehe ſeit meiner Herzenserleichterung gegen die Funkerode ungleich mehr Freiheit und dieſe habe ich in einigen ſchlafloſen Naͤchten benutzt, daß ich zum Kerker der ungluͤcklichen Hamold wallfahrtete. Mir mußte alſo daran gele⸗ gen ſeyn, zu wiſſen; ob ſich der fromme Pa⸗ der, wenn er mich etwa wieder einmal gewahs ven ſollte, wehl an mich wagen wuͤrde. 13. ₰) errliche Seele, welchen Dank bin ich Dir ſchuldig! Ich habe die aͤberſandten Bücher . Pp2 gele⸗ geleſen, und zum zweiten und drittenmale wieder geleſeo, und nach deiner Vorſchrift einen Auszug aus beiden gemacht: eine Be⸗ ſchaͤftigung, welche mir ein unbeſchreibliches Vergnuͤgen gemacht hat. Deswegen haſt Du aber auch beinah in zwei Wochen keinen Brief von mir erhal⸗ ten; aber bei jeder ſchoͤnen Stelle die mich belehrte⸗ die mir ans Herz gieng, die mich vergnuͤgte, die mich entzuͤckte, breitete ich meine Arme nach Dir aus, und ſehnte mich nach Deiner Umarmung, Dir zu danken. Hier haſt Du nun die ganze Frucht mei⸗ ner Arbeit: ein Pakt Schreiberei wovor ich erſchrecke! aber bewahre mich mein guter Schutzengel! daß ich wuͤnſchen ſollte, das Du alles darchleſeſt moͤchteſt; nein, holde Graͤ⸗ fin; ich uͤberſende Dir bloß eine Abſchrift, um Dir den Beweis zu geben, wie puͤnktlich⸗ eifrig und gern ich jeden guten Rath befolge, welchen Du die Guͤte haſt mir zu ertheilen. Auch an die franzoͤſiſche Sprache will ich mich geben, da Du es fuͤr noͤthig haͤltſt, weil man einmal der Thorheit das Opfer bringe in ſeinem Vaterlande ſeine Mutter⸗ ſprache zu veruachlüſſigen und eine Ehre und . Reth⸗ Nothwendigkeit darinnen ſuche eine fremde Sprache ſchlecht zu ſprechen. Ich habe auch ſchog meine Mutter dar⸗ aber geſprochen; ſie lobte meine Wißbegier⸗ de und ſtellte es mir ſelbſt frei, wenn ich den Anfang machen wolle. Ader bei Demeiſelle Cachettiero!— Indeſſen ich will ja nur ih⸗ re Sprache, und nicht ihre Sitten und ihre Grundſaͤtze lernen. Aber noch eine Bedenklichkeit babe ieb. Ich habe verſchiedentlich ihrem Unterrichte beigewohnt, welchen ſie meiner Schweſter er⸗ theilt, und habe das gute Kind bedauert: denn ich bemerkte jedesmal daß ſich Cachet⸗- tiere nicht deutlich deutſch ausdruͤcken konn⸗ te, wenn ſie ihr etwas erktaͤren wollte. Haäͤlt das nicht den Unterricht auf? Ich ſollte es wenigſtens glauben, daß der Unterricht faß⸗ licher und das begreifen ſchneller von ſtatten gehen muſſe, wenn ſich der Lehrer oder die Lehrerin der franzoſiſchen Sprache beſtimmt und deutlich in der deutſchen ausdruͤcken koͤnn⸗ te. Und wenn dieß gegruͤndet iſt, wie wohl nichts gewiſſer, ſo iſt die Traͤgheit folcher Menſchen doch unverzeihlig, daß ſie ſich nicht die Muͤhe nehmen wollen, unſere Sprache zu lernen, um uns die Sache zu erleichtern. 5 Fuͤh⸗ Fuͤhlen ſie denn nicht, daß ſie damit ihren jungen Lehrlingen eine außerordentliche Bloͤ⸗ ße geben? Wie koͤnnen ſie bei dieſen auf Ei⸗ fer und Fleiß in der Sprache rechnen, in welcher ſie lehren, wenn ſie mit jedem Wor⸗ te, welches ſie deutſch ausſprechen ſich der. Nachlaͤſſigkeit, Traͤgheit und Unwiſſenheit zei⸗ hen?— Eine Cachettiere und ihres glei⸗ chen finden ihr gutes Unterkommen, Ehre und Wohlſtand unter den Deutſchen bloß durch ihre Sprachkenntniß und ſie erſchweren ihren Unterricht in ihrer Sprache! iſt das nicht undankbar? Wie? wenn nun ein Lehrling auf Unfaͤhigkeit ſchließt; wenn meine Lehre⸗ rin unfaͤhig iſt deutſch zu lernen, um ſich mir verſtaͤndlich zu machen, wie kann ſie ge⸗ ſchickt ſeyn mich zu lehren? oder auch zu ſei⸗ ner Entſchuldigung; wenn es mit der Erler⸗ nung einer Sprache ſo viele Schwierigkeit hat, wie es haben muß, da meine Lehrerin ſo erbaͤrmlich deutſch ſich ausdruͤckt, ſo dau⸗ ert mich die Muͤhe, die ich anwenden ſoll, um am Ende eben ſe ſchlecht franzoͤſiſch zu ſprechen als ſie deutſch. Das letztre Bedenken habe ich der Ca- chettiere mitgetheilt; und mit einem ſtolzen Kaͤcheln, erwiederte ſie: von dem Augenblicke, als nAsSMAe 331 els ſie. gut deutſch ſprechen koͤnnte, wuͤrde ſie Aufhören die gute Franzöſin zu ſenn. Ich behauptete. das Gegentheil. aus dem angefuͤhrten Grunde, weil ich mir unter ei⸗ ner Franzoͤſin Lehrerin dachte; allein ſie fuch⸗ te mir begreiflich zu machen: daß die deut⸗ ſche Sprache ſo rauh und plump ſei, daß ſie die Organe verderhe, wodurch nothwendig die franzoͤſiſche Sprache leiden muͤſſe. „Dieß ſcheint der Graf d'Aheille nicht zu glauben,“ ermwiederte ich lächelnd;„denn wirklich druͤckt er ſich ſchon ſeho gut im Deut⸗ ſchen aus und giebt ſich viele Muͤhe, um ſich immer noch deſſer ausdruͤcken zu lernen.— Und demnach koͤnnten ja. wohl die Deutſchen nie franzöſiſch lernen, vermoͤge ihrer groben und rauhen Organe. Dieß war bei ihr ein. ganz anderer Fall und kam bloß auf eine gute Franzoͤſin an, nud der Himmel weiß! auf welche Art mehr ſie ihre Trögheit rechtfertigen wollte. Als euͤnftige Schaͤlerin durfte ich ihr wohl etwas zu ſchaffen machen, da ich mich auf keine zehn dis zwoͤlfͤhrige Lehrzeit ein⸗ laſſen kann, um wenigſtens mich eben ſo gut wie meine Schweſter Egerie auszudruͤcken. Gelang' ich nur erſt ſoweit⸗ daß ich mir ſelbſt hel⸗ 2332 Agh helfen kann, ſo hoffe ich ſchon meinen End⸗ zweck zu erreichen, und Cachettiere ſoll ge⸗ wiß eben ſo zufrieden mit ihrer Schuͤlerin ſeyn, als es Meiſter Siegfried iſt. 4 Mein Bruder Taver beehrt mich oft mit ſeinem Beſuch und ich liebe ihn von Herr zen.. 3 Geſtern kan er von der Jagd; 66 öff, ne das Fenſter, ſo wie ich ihn erblicke. Er war ganz von Kaͤlte erſtarrt und die Tafel. ſchon aufgehoben. Ich bath ihn zu mir und ſchickte ſogleich fort, daß man das Eſſen auf mein Zimmer bringen moͤchte. Er hatte ei⸗ ne ungekuͤnſtelte Freude daruͤber und bhlieb dann bei mir bis zur Abendtafel..— „Wollte Gott!“ ſagte er unter herz⸗ lichem Haͤndedruck, Dein Schickſal ſtaͤnde in meinen Haͤnden, Elothilde— indeſſen— rechne immer auf Deinen Bruder. Was nur in ſeinen Kraͤften ſteht, wird er jederzeit bei⸗ tragen, Dir Dein Leben angenehne zu ma⸗ chen. Er ſagte dieß in einem ſehr feierlichen Toue, und ſein Auge verrieth mir, daß er nicht alles ſagte, was ſein Herz erfuͤlle. Ich zog ihn ſanft in's Zimmer zuruͤck, blickte ihn ſarr in’s Auge und fragte ſanft.— „Darf »„ auch immer wieder das Geſpraͤch darauf, A 23˙3 „Darf die Schweſter nicht den ganzen Bewegungsgrund einſehen, aus welchem der 4 Bruder dieß in einem ſo bedeutenden Tone ſagte. Die Worte ſchienen ihm auf den Lippen zu ſchweben; indeß es blieb bei einem ſanfe ten Haͤndedruck und zaͤrtlichem Kuß und der Verſicherung, daß wir uns bald wieder ſo langt ſehen wuͤrden; jetzt muͤſſe er ſich zur Tafel umkleiden. Ddie Furcht vor dem Kkoſter iſt von neuem erwacht, und ich kann mich von dem Gedan⸗ ken nicht trennen, daß das, was mein Bruder ſagte, Bezug darauf hat. Der gute Bruder! wodurch hab' ich es verdient, daß er ſich meiner annehmen will? O, wenn er es fuͤhlen koͤnnte, was er meinem Herzen iſt, da er wirklich das einzige menſch⸗ liche Geſchoͤpf in dem ganzen Umkreis um mich her iſt, mit welchem ich ohne Scheu und Zuruͤck altung ſprechen kann. Ich habe ihn zum Vertrauten gemacht, und folglich, holde Graͤfin, hat er auch Dei⸗ nen Brief geleſen. Wir haden von Dir faſt die ganze Zeit geſprochen und er ſelbſt lenkte und End ſcheezte daruͤber, daß ich von nichts mit ſo vielem Feuer ſpraͤche. Vielleicht kommt er. nach Portobello. Er verſicherte mir, daß er vor mehrern Jah⸗ ren daxauf beſtanden koͤnigl. Dienſte zu neh⸗ men, um ſeine Menſchenkenntniß wenigſtens etwas zu erweitern; aber— ſetzte er lachend hinzu;: der Monarch von Belgern, war vom Koͤnige von Bellmont, der Himmel mag wiſ⸗ ſen wodurch, beleidigt worden, und aus Rache oder Verdruß, gleich viel, gab er es nun nicht zn, daß ſein Kronprinz in jenes Armee kiug werden ſollte. Aus mehrern guchtigen Anmerkungen, die immer Beziehung haben, merke ich wohl, daß der gute Bruder auch nicht zufrieden mit ſeinem Verhäͤltniſſe⸗ und eben ſo menis mit — Meetezuen ſchenkt. 14 M.n Bruder 6 ein verwegner Menſch! auch ihm hatte man es hinterbracht, daß üch es ein Geiſt einfallen laſſe, im Schloſſe ſeinen Umgang zu halten; und was meinſt Du, gu⸗ te —— — 233 te Graͤfin, die geſchͤftige Erſindun gskrafe der Hofteute oder Hofbedienten hatte es ſchon ausgekluͤgelt, daß es die ungluͤckliche Hamold ſei. 1 Mein Bruder beſchließt die Wahrheit zu unterſuchen, und ohne Jemanden etwas davon zu ſagen, ſtellt er ſich um die beſtimmte Stunde auf die Lauer. Mehrere Naͤchte hoͤret er vergebens und unterlaͤßt es wieder. Ich bielt es nicht fuͤr rathſam meine naͤchtliche Walffarth fortzuſetzen, da ich er⸗ fuhr, daß mehrere neugierig geweſen waren, und den Geiſt von ferne beobachtet hatten. Unterdeſſen wollte man doch den Geiſt von neuem geſehen haben, und zwar in andern, Gegenden des Schloſſes. Ich belaͤchelte die Erzaͤhlung, weit ich ſie fuͤr ein Geſchoͤpf der Furcht hielt. Indeſſen mein guter Bruder hatte ſich ſtillſchweigend wieder auf die Wacht geſtellt, und— holde Graͤfn behe nur immen bei der Gefahr meines geliebten Bruders,— kaum hat er einige Minuten ſich an ſeinen Poſten geſtellt, ſo gewahrt er ein hohes grau⸗ liches Phantom, welches unter den Orkaden hin ſeinen Weg nach der Treppe im rechten Fluͤgel nimmt. Leiſe KARNA Leiſe und ſo ſchnell wie moͤglich eilte der Bruder dem Geiſte nach; allein ver⸗ ſchwunden iſt das Phantom, wie er die Trep⸗ pe berankommt. Er wartete eine geraume Zeit, ob er wieder ſichtbar werden wuͤrde, und entfernte ſich endlich mit dem Vorſatz kuͤnftige Nacht ſeinen Poſten hier zu nehmen. Dieß geſchah und um die beſtimmte Zeit hoͤr⸗ te er mehr, als daß ev es der dichten Fin⸗ ſterniß wegen ſah daß erwas die T Dreppen heran kam. Das Phantom eegteſch langſam fort und blieb am Vorzimmer meiner Schweſter einige Angenbliche ſtehen. Mein Bruder glaubte deutlich zu bemerken, daß der Geiſt den Druͤcker der Thuͤre beruͤhrte und gleich darauf ofnete ſich die Thuͤre und der Geiſt war verſchwunden.— Schnell ſprang⸗ mein Bruder hinzu, fand die Thuͤre nicht ver⸗ ſchoßſen, und wie er die Thuͤre des Schlaſ⸗ kabinets Egeriens öfnete, erblickte er ſie ſelbſt vom Geiſte zaͤrtlich umarmt, der bei ſeiner Gewahrung ſeine ſuͤße Beute fabren ließ, und ſich durch die andere Thür ins Zimmer retten wollte. Mein Bruder ſah Egerien niederſinken; allein die Enthuͤllung des Geiſtes lag ihm jetzt mehr 1 erNKSNA 237 mehr am Herzen, els die ohnmiͤchtige Schwe⸗ ſter, und er erhaſchte ihn gluͤcklich, ſo ſchnell jener auch ſeine Geiſterhüͤlle von ſich warf, die ihn an der Flucht hinderlich war. Den folgenden Tas haste der Graf Abeille unerwartet Briefe bekommen und rei⸗ ſte zum Erſtaunen und Schrecken der ganzen Plettenburger ſchoͤnen Welt ab⸗ ohne ſich zu beurlauben. ä Mein guter Beuder erzaͤhlte mir fein Abentheuer und war außerſt aufgebracht. Ich umarmte ihn und fragte ſanft, war⸗ um er nicht eher auf ſeine Geiſteventdeckung ausgegangen waͤre?— er haͤtte gewiß auch einen andern Geiſt enthuͤllt!—= oder wenm eer mir dieſe Entgeiſterung verſchwiegen haͤt⸗ te, ſo duͤrfte er leicht Gelegenheit gehabt han hen noch einen Geiſt in einer andern Gegend des Schloſſes zu entdecken. n I 84 Mein Breuder ſah mich zweifelhaft an, und verlangte eine Erklaͤrung; und ich er⸗ zaͤhlte ihm unverhohlen meine naͤchtlichen Walffarthen zum Kerker der ungluͤcklichen Has mold, und fuͤgte meine Vermuthung hinzu: daß man mich bemerkt haben muͤſſe, und daß mich die Furcht zum Geſpenſt gemacht habe. Er Er lächelte, fand meine Vermuthung gegruͤndet und barh mich, daß ich ſolche naͤcht⸗ liche Ausfluͤchte unterlaſſen möͤchte, weil man ahnen auf jeden Fall einen andern Grund un⸗ terlegen wuͤrde, ſobald man nur einigen Arg. wohn ſchoͤpfe. 3 Er war mit der ganzen Geſchichte nur wenig bekannt. Ich theilte ihm mit, ſo viel ich wußte, und er bath mich ihm auch gele⸗ genklich mein Schickſal unter den Zigeunern zu erzählen. „Deine Cbeilnahme an in Deiner Raͤube⸗ rin und das Entzuͤcken mit welchem Du von ihr ſprichſt,“ ſagte er,„macht mich neugie⸗ rig. Wenn die Geſchichte je in Erwaͤhnung kam, ſo ward ich immer kurz abgefertigt, und erſt als man Dich wiederfand, erfuhr ich es, daß Dich Loͤwenzahn und Hamold ba⸗ be rauben laſſen.“ O wenn Du doch, holde Graͤfin, ſo viet zeit gewinnen und mir den verſprochnen Aus⸗ zug der Geſchichte dieſer beiden vom Schicke ſal verfolgten, mir auch im Raͤuberſtande ver⸗ ahrungswuͤrdigen Perſonen uͤberſenden koͤnn⸗ deſt. Ich moͤchte ſo gern meinen Bruder ganz äbrrzeugen, daß ſie meine Achtung verdie⸗ nen, men, welche ich bei jeder Gelegendeit an den Tag zu legen mich unmoͤglich enthalten kann. Bei dieſer Gelegenheit empfahl ich auch meinem Bruder den armen Kammerſekretair Dorwald, welcher durch den geheimen Kam⸗ merradh von Glasbauch mit ſeinen Kindern ines tiefſte Elend verſetzt ſei, und berief mich auf die Ausſage ſeiner Gaktin, welche mir das Angläunas Schickſan der Hampid n mit⸗ ſagt a mein Beuder mit perbihnen wpden,„iſt mir bakann; ich war ſein Fuͤrſprecher; al⸗ lein es ſchien⸗ daß eben deswegen die Caſſa⸗ Kion unnachgeblich erfolgte.— Schweſter! —(fuͤgte er mit Nachdruck hinzu) wir ſind mir einer ſonderdaren Raͤſſe Menſchen umge⸗ den; allsin— es laͤßt lich nicht ſo aͤndern, wie man es einſieht und es wuͤnſcht. Dieß dreibt mich in den Waͤldern berum. Ich ge⸗ he auf die Jagd, und als Jaͤger ſchweife ich oft unter den Bauern in den Doͤrfern herum unbekannt und ungeahndet, weil ich es mei⸗ nem Buͤrſchen verbothen habe, mich zu ver⸗ rathen.— „Nimm mich disweilen mit, wruder,a rief ich feurig;„o welche Sehnſucht in mir lebr, . kebt, einmal wieder nach ſo langer Einkerke⸗ rung Gottes Freiheit zu geniehen, glaubſt Du nicht! „Laß ſehen,“ ſagte er Hcelnd,„was ich uͤber die Mutter gewinne! Ich verſpreche es Dir! Wir nehmen meine Preutſche, ſtei⸗ gen vor dem Walde ab und durchſtreifen ihn. ſo lange bis Du es muͤde biſt.“ 1 „Warum nicht lieber zu Pferde; rief ſche⸗— der Wagen bindet uns. 4 2 Du reiteſt?*⸗ fragte er lachend;. „ſchießſt am Ende auch wohl einen Hafen?* „Laß es auf die Probe onkommen, erwiederte ich,„es waren Gegenden, in wel⸗ chen die Horde eine voͤllige Freiheit genoß, und in dieſen bediente ſie ſich auch aller Be⸗ guemlichkeit, beſonders fuͤr Weiber und Kin⸗ der. Ich ritt eine ſchoͤne Iſabelle, die ſo fanft und zahm wie ein Hund war, und wie⸗ hernd zu mir gelaufen kam, ſobald ich ſie rief, wenn ſie auf der Weide graßte.“ Mein Bruder hatte eine große Freude uber alles, was ich ſagte; und ich bin neugie⸗ rig, was er bei unſrer Mutter bewirken wird⸗ Kam es auf ihn an: gewiß, er haͤtte mich ſogleich eine Probe von meiner iſtunſt ab⸗ 4 kehen laſſen. deb⸗ ——— Lb'* wohle holde Graͤfinte wenn Nie⸗ mand Theil daran nimmt, wenn mir mein Bruder eine angemeßne Freiheit bei meiner Mutter bewirkt, ſo biſt Du es gewiß. Ale lein— der gute Bruder verſprach nichts; er muß alſo zweifeln, daß er etwas von unſrer „Mutter erlangen werde. enf Na wi winfchte Faben ware, nict mein Btu⸗ der! warum bolde Ssäfns das fease Din Herz.. Er ſucht alles auf, Wodudch er nur ah det mir eine Freude zu machen. „Loß ſehen Clothilden ſagte er geſteri bei Tafel:„ob ich nicht⸗ geſorgt habe, Dir eine kleine Freude zu⸗ machen— willſt Du mich dann auf mein Zimmer begleiten?⸗ „ͤOb ich wil erwiederte ich las Helnd e 31 unſre Mutter ſcherzte bes unſere Ver⸗ — ſraulickeit und Laer ſpoͤttelte. 8 Warum iſt ſie nicht ſo gut wie mein Bender⸗ Das Maͤdchen wird unausſprechlich 8 von X von Neldſuchk gequaͤlt; ſie verfaͤrbt ſich ſchon, wenn ſie bei irgend Jemand nur eine heitere Mine bemerkt. Mein Bruder hat es dem Grafen Ab ile zur einzigen Bedingung gemacht; ſogleich das Land zu raͤumen und ſich nie wieder hier be⸗ treten zu laſſen, und meine Schweſter hat er bloß gewarnt, ſich nie wieder auf eine Ver⸗ bindung mit Geiſtern dieſer Art einzulaſſen, wenn ſie nicht wolle, daß er ſie mit weniger Schonung behandle; allein dem ohngeachtet iſt ſie im eigentlichen Sinn ungezogen gegen zhn, und wenn ſie bemerkt, wie er ſich ſo freundlich und herzlich gegen mich benimmt, ſo erſtarren ihr die Lippen und die Augen ſpruͤhen Zorn und Rachhe. 10 Ich habe mir Muͤhe gegeben ſe zu be⸗ ſäͤnftigen, und ſie nannte mich ein labgeſchmad es Zigeunermaͤdchen. 3„Ich freue mich wenigſtens in dem. xu⸗ genblicke, daß ich es war,“ erwiederte ich laͤchelnd,„weil ich in dieſem Verhaͤltniſſe ge⸗ lernt habe mich bei ſolchem Betragen ver⸗ nuͤnftig zu verhalten und Schäͤche⸗ uihis zu verzeihen. Gleich nach aufgehobner Tafel eilt ich mit Xaver in ſein Kabinet. Stillſchweigen 1 zeigte zeigte er auf ein⸗ verſtaubtes Gemaͤhlde mit vermodertem Rahmen, an welchem bloß erſt der Kopf gereinigt war. Der ſanfte Blick des Auges zog mich an; ich trat naͤher und — ſuͤrzte vor dem Bildniß nieder. „»ungluͤckliche Hamold!“ rief ich, znimm es als eine kleine Entſchuͤdigung an, daß mein Bruder Dein Bildniß vom Untergange pettet! er wuͤrde Dich ſelbſt eben ſo gern ge⸗ rettet haben, wenn er Zeitgenoſſe Deiner Ver⸗ folgung und Deiner ſchrecklichen Leiden war.—. SIch ſprang auf umarmte meinen Bru⸗ der, und zollte ihm mit heißen Thraͤnen mei⸗ nen herzlichen Dank. 1 SEr wolte mir das Gemaͤhlde nach mei⸗ nem Zimmer tragen laſſen; allein ich wollt es nicht aus meinen Haͤnden geben; ich trug es ſelbſt und eilte, daß er mir kaum folgen konnte; es war mir, als ob ich in Furcht ſeyn muͤſſe, daß es mir wieder abgenommen wuͤrde. 3 SHamold ſpielt die Laute; ihr ſanft ge⸗ öfneter Mund zeigt, daß ſie ihr Spiel mit ih⸗ rem lieblichen Geſange begleitet; ihr Blick iſt in fuͤße Ahnung verlohren und Sanfmuih und Zzrtlichkeit iſt uͤber ihr ganzes Geſcct ausgegeſſen. Mit welchem Eifer ich das Bildniß vom Staube befkeit ſehen wollte, kannſt Du dar⸗ aus abnehmen: ich nahm mein Taffetkleid und kehrte und wiſchte, als ob ich den nnübeſten Lappen in der Hand haͤtte. Sm Laͤchelnd machte mich mein Beudet duͦf⸗ merkfam darauf. Er umarmte mich und ſagte:„die Anſpannung Deiner Seele ſpeicht fuͤr die Unſchuld dieſer Frau.“ nn vnntint „Unſchuldig wie Engel!“ rief ich u4. „ö ſie genießt jetzt unter Engeln den Lohn t9 rer Unſchuld, und iſt uͤber alle Verfolgung der Bosheit und eines harten Schickſals erhoben. Das Gemaͤhlde iſt an verſchiednen Stel⸗ len ſehr beſchaͤdigt und der Rahmen iſt ganz von Moder und Warmern durchfreſſen. Mein guter Bruder will fuͤr einen Rah⸗ men ſorgen und Aquarello ſoll mir die Be⸗ ſchaͤdigungen ausbeſſern, ſo viel es ſeyn kann. Aber— ob ich es ihm geben— ob ich mich davon trennen kann?— Er wird woh! 5 die Ausbeſſerung in meinem Kabinet oder auf meiner düßſtnhe vornehmen können. 1 ‿ Srra. 245 Auch jetzt ſteht das Bildniß vor mir; es duftet einen modrigen Todtengeruch aus; aber ich kann es nicht wegſetzen. Mein Bruder bat es in dem Kerker ge⸗ funden, in welchem die unſchuldige Dulderin eingeſperrt war—— Wie ward ſie aber daraus gerettet? Ich außerte den Wunſch, den Kerker auch zu ſe⸗ hen;„ollein mein Bruder raͤth es mir ab⸗ Es muß ein Aufenthalt des Schreckens ſeyn, da mein Bruder ſonſt auch meinem leiſeſten Wunſche zuvorkommt. Wird er mir es ah⸗ ſchlagen, wenn ich ihn noch einmal darum bitte⸗?— — Holde Graͤſin, warum verſtaͤrkt ſich auch der kleinſte Wunſch in uns, ſobald die Ge⸗ 3 waͤhrung einiges Hinderniß findet? 3 Jeder Tag verbluͤhe Dir im Genuß hei⸗ trer Freude, und kein Woͤlkchen zeige ſich in Deiner Seele, als bloß um Deinen Genuß 1 zu erhoͤhen!— „c bin krauk, holde Graͤfnl Ich habe wei Tage nickt anhaltend ſchreihen kännen; ISn 1 en iich 246 8 Wer e.ehen ich koͤmpfe und ſuche mich zu ermannen; aber ich fuͤhl es, ich werde mich zu Bette legen muͤſſen. Ich bath meinen Bruder ſd anhaltend und dringend, daß er nachgab und mir den Kerker zeigte. „ Wie er die ſchwere Thuͤre ofnete, fo er ſchuͤtterte das Raſſeln und Krachen derſelben mich ſo heftig, als ob alle meine Geheins 38 r⸗ brochen wuͤrden. Mein Bruder hatte es mir zur Bedin⸗ gung gemacht, daß ich an der Thuͤre ſtehen— bleiben ſollte, und ich hatte es ihm verſpro⸗ chen; allein kaum ließ die eroͤfnete Thuͤre ein daͤmmerndes Licht in die Nacht des Ker⸗ kers fallen, ſo erblickt' ich die ungluͤckliche Hamold im Hintergrunde auf vermodertem Stroh, und ich ſtuͤrzte mit einem lauten Schrei die S Stufen herab, und wollte ſie ret⸗ ten. Ich war von Wahnſinn befalhen wor⸗ den und erhielt erſt mein Bewußtſeyn wieder, als mich mein Bruder aus der Tiefe herauf getragen hatte. Ich habe auf dem Boden gekniet und mit der Hamold als gegenwaͤr⸗ tig geſprochen;; und auch noch iſt es mir ſo . lebendig, ſo klar, ſo deutlich, und ich muß alle —— —— — — — 8 — * alle meine Beſonnenheit aufbiethen, um mich zu uͤberzeugen, daß ich ſie nicht wirklich ge⸗ ſehen habe. Mein Bruder macht ſich die bitterſten Vorwuͤrfe, daß er meinen Bitten nachgege⸗ ben hat. Er beweiſt eine ſo zaͤrtliche Sorg⸗ falt und Aengſtlichkeit⸗ die mir Thraͤnen der Reue auspreßt, daß ich ihm ſo vielen Kum⸗ mer mache. 1 ⁸* 1 Mein Geſicht gluͤht mir, vor den Au⸗ gen flattern feurige Raͤder, es ſcheint als wolle mir der Kopf zerſpringen, die Hand zittert, ich vermag nicht mehr die Feder zu 827 n 8 iertes He ftn Das erſe Kapitel. cinteitung zur erhäblans Wam ich far nötbig finde unſere Brief⸗ ſtellerin zu unterbrechen, ſo kann ich mehrere Urſachen haben, worunter ich ſelbſt die rech⸗ nen kann, dem abwechslungsluſtigen Leſer nicht durch ein zu langes Einerlei laͤſtig zu werden. Anfangs war ich entſchloſſen, alles zu liefern, waß ſich nur von Goldchens Hand vorfindet; allein bei genauerer Erwaͤgung fand ich, daß vieles, was ich noch nachzu⸗ tragen habe, um der Geſchichte einige Abrun⸗ dung zu geben, hinten nach zu abgeriſſen da ſtehen wuͤrde; und ich aͤndere meinen Ent⸗ ſchluß dahin, mit dieſem Hefte die Erzaͤhlung wieder anzuknuͤpfen, und die uͤbrigen Briefe, welche nicht fuͤglich weggelaſſen werden koͤn⸗ naen, an Ort und Stelle einzuſchalten. Brief. 5 rS 242 Das zweite Kapitel. Der Raͤuberhauptmann beraubt. Nbin ſagt zu Goldchen: er habe an die Graͤſin geſchrieben und ihr ſeine traurige La⸗ ge vorgeſtellt.— Das hatte er fruͤher ge⸗ than und jetzt hatte die Graͤfin an ihn ge⸗ ſchrieben. Die Veranlaſſung war folgender Graͤfin! Nach langem Wanken wag' ich es, Sie mit dieſen Zeilen eines Mannes zu behelli⸗ gen, welchen Sie vielleicht unter den Abſchaum der Menſchheit zu zaͤhlen ſich gedrungen fuͤh⸗ len; allein die Anhaͤnglichkeit an ein holdes Geſchoͤpf, erhebt mich uͤber alle Bedenklich⸗ feit. Der Gedanke, daß Goldchen auf's neue ein Raub der Leidenſchaft ſeyn— daß ſie fo menſchenfreundlichen Haͤnden entriſſen und in ein ſchlimmeres voriges Verhaͤltniß ver⸗ ſetzt werden koͤnnte, hebt alle Bedenklichkeit. Schrieb ich auch an mein duldendes Weib, wenn es ja noch des kummervollen 4 5 7— 2 8 Ge⸗ 250 r 4 Geſchenks des Lebens genießt, ſo wuͤrde dieß doch vergebens ſeyn; denn wie vermoͤgte die von Kummer ausgemergelte Mutter Anna die Unſchuld vor der Gewalt zu ſchuͤtzen? Al⸗ lein faſt nie trog ſie ihr Divinationsvermoͤ⸗ gen, und ſollte es ſie zu ihrem Ungluͤck in der Vorherbeſtimmung ihres Todes truͤgen?— Auf den Knien bath ich ſie oft, in die buͤrgerliche Verfaſſung unter welchem Na⸗ men und in welchem Stande ſie wollte zu⸗ ruͤck zu kehren, als ihre Kraͤfte immer ſicht⸗ barer in Abnahme kamen, und in Ruhe und Gemaͤchlichkeit ihre zugemeßnen Tage zu be⸗ ſchließen; ich erboth mich, welchen harten Kampf es mich auch koſten koͤnnte, zur Ver⸗ mittelung, daß die Rotte auch Goldchen ent⸗ laſſen follte: aber ſie war unter keiner Be⸗ dingung dazu zu bewegen, als wenn ich zugleich die Rotte verließe. Ein fuͤrchterlicher Eid band mich, unmoͤglich war die Flucht, da ich ſcharf beobachtet wurde, ohne ein blutiges Opfer der Rache zu werden. Und wie gern haͤtt' ich dieß gebracht, ſobald es nur mein Leben betraf, das ich von dem Augenblicke, da mich uͤberſpannte Leidenſchaft zur Beſin⸗ nung kommen ließ, als die unbedeutendſte Nichtswuͤrdigkeit betrachtete, wenn ich. Mut⸗ ter ——— GN 251 ter und Kind dadurch haͤtte retten koͤnnen; allein ich ſetzte auch ſie der Wuth der Mord⸗ gewehre aus. Groͤfin, es iſt eine fuͤrchterliche Sache um das Schickſal der Menſchen und um die Menſchheit ſelbſt. Wen das gewaltige Rad des Schickſals ergreift— o den ſchleudert es gewaltſam fort, und der Menſch muß ein Gott ſeyn, der ſich losreißen kann.— Ich finde, daß ich geſchwaͤtzig werde, da ich doch nichts im Grunde zu ſagen habe, als Ihr menſchenfreundliches Herz um Mit⸗ leid fuͤr ein verlaßnes, unter Raubgeſindel erzogenes, und doch unſchuldiges Maͤdchen anzuflehen, und ſie vor einer drohenden Ge⸗ A fahr zu ſchutzen. Mein Entſchluß, da mich die Empoͤrung der Rotte meines Eides quitt gemacht, in ei⸗ nem andern Erdtheil mein Leben zu beſchlie⸗ ßen, wird Ihnen, menſchenfreundliche Graͤ⸗ ſin bekannt ſeyn. Ich waͤre meinem Ziele naͤher wenn es nicht den Anſchein nahm, daß eine plotzliche Krankheit mir den Dienſt lei⸗ ſten wolle, den mir zwanzig und dreißig auf mich gerichtete Kugeln verſagten; aber auch nur Anſchein war es, unerachtet ich allen Beiſtand des Arztes entſchloſſen ausſchlug, und ————— 1 und ich— lebe wieder auf, um ein quglen⸗ volles Leben noch laͤnger fortzuſchleppen. Eijner meiner treueſten Genoſſen beglei⸗ tete mich; nur ihn konnte ich um mich dulden. Er war mir vor allen ergeben und wagte in dem Sturme kuͤhn ſein Leben; aber ſeine Ergebenheit hatte Eigennnt zum Grunde. Er hat alles angewandt mich von meinem Vorſatze abzubringen, und wie er ihn ganz unerſchuͤtterlich findet, ſo bekennt er: daß es ihm unmoglich ſei Europa zu verlaſſen, und daß er mich nur in der Hoffnung begleitet habe, daß ich meine Tochter auf keinen Fall zuruͤcklaſſen wuͤrde. Wolle ich ihm Goldchen zur Frau geben, ſo ſei er bereit mir bis ans Ende der Welt zu folgen; ohne ſie aber— Daß er das Maͤdchen liebte, wußtich: aber dieſe feſte Erklaͤrung haͤtt' ich nicht er⸗ wartet. Ich ward heftig als er auf meine entſcheidende Erklaͤrung drang und ſagte ihm, daß ich Veranſtaltung getroffen habe, Gold⸗ chen in beſſeres Schickſal zu verflechten, als daß ſie jeden Augenblick dem Staupenſchlage und dem Galgen ausgeſetzt ſeyn muͤſſe. Er laͤchelte mir hoͤniſch in's Geſicht, und ton bin ich mein jetziges Merhattniß Werge ſen CrANA 25⁸ ſen und haͤit' ihm eine Kugel durch den Kopf gejagt. S enS, B 1449, 5 i8t 2 Noch in der nemlichen Nacht verließ mich Bertram heimlich, hat alle meine Koſt⸗ barkeiten und ſo viel Baarſchaft, alster hab⸗ haft werden konnte, an ſich genommem und ei⸗ nen Zettet mit Bleiſtift geſchrieben zuruͤckge⸗ taſſen, folgendes Inhalts.* 3„Dein blutgieriger Despotismus hat wenn es mir mißlingt Goldchen in meine Ge⸗ walt zu bekommen. Sei unbeſorgt fuͤr ihr Schickſal Ich habe tiefes Dunkel auf mei⸗ ner Geſchichte ruhen laſſen: Goldchen allein machte mich zum Raͤuber.. MeN Der Menſch hat ſich wirklich gegen Nie⸗ mand entdeckt, iſt kaum drei Jahr bei der Bande und hat ſich in ſeinem Betragen un⸗ tet allen ausgezeichnet; aber nie habe ich bei . Gold⸗ A 3 Goldchen eine Neigung fuͤr ihn bemerkt. Viet⸗ leicht waͤre ſie bei ihm wohl aufgehoben; aber da er ſich auch jetzt nicht naͤher aedsdte ſo bin ich in Sorgen.. Noch ſobald werd. ich nicht n meine Reiſe fortſetzen koͤnnen, und eine kleine Abaͤnderung veranlaßt auch Bertrams ungleiche Theilung. Verzeihen Sie, Graͤfin, daß ich Ihnen beſchwerlich ſiel. Meine Anna hat Sie mir in einem ſo vortheilhaften Lichte dargeſtellt, daß ich weniger Anſtand nehmen konnte, Jh⸗ nen einen Umſtand mitzutheilen, welcher leicht Ihre edle Abſicht mit dem armen verlaßnen Maͤdchen verzitain konnts. 2 1 1p 39 24 DOas dritte K eAautta 6 Sin Anſchlag zur PeniGtisuns — des Saazes. Aum war von aüen genauer unierrich⸗ et, als er ſich gegen Clothilde aͤußerte; die Graͤfin batte es ihm verboten, ihr etwas zu ſagen; indeſſen ſeine Anhaͤnglichkeit an ſie bune ihn bald zum plauderer gemacht. Eula⸗ Eulalle hatte die Abſicht, Albin an den Herrn von Löwenzahn mit einem Briefe ab⸗ zuſenden, und ihm eine Freiſtatt auf einem ihrer Guͤter anzubiethen. Dieſes Eigentli⸗ che wußte er nicht; ſondern bloß⸗ daß er ihn aufſuchen ſollte, und er ergriff den Vorſchlag mit Freuden. 1 2 Eine andere Abſicht mit ihm hatte Eu⸗ lalie in Betreff der Kleinodien und des Gel⸗ des, welches ſich nach Patuſchs letztem Brie⸗ fe an Mutter Anne*) in der Berghoͤhle be⸗ fnden ſollte. Nur war ſie zweifelhaft: ob ſe ihm dieſen Antvag anvertrauen duͤrfe, da Pataſch ſelbſt ſagt,„henn Du Dich ganz auf A dins Treue verlaſſen kannſt,“ und oft wan⸗ delte ſie die Neugierde an, die Unterſuchung an Ort und Stelle ſelbſt zu unternehmen; aber der Gedanke, daß ſich die zerſtreutem Mitglieder doch wieder da eingeſunden haben koͤnnten, kompromittirte ihren weiblichen „Muthh nm uu An demſelben Abend, als Albin ſeige Ankunft gemeldet hatte, ſprach ſie den Grafen Agathon.. nin. Welen Chell I. S. 39„. 4 7— 256 22 „Woͤllen Sie ein Abentheuer beſtehen, Geofe ſagte ſie laͤchelnd, vals ſie ihin Al⸗ bins Ankunft mitgetheilt hatte.“— 8 3„»Den Zigeunerhaupimänn auffuchen, 2⁵ kiet er ein— 2Skafd er hat keine Lscheer mehr! 4 „Wäͤre es ſo ganz verdienſtlos,⸗ er⸗ wiederte ſie, veinen von der Menſchheit ſo ſehr verkennten und mißhandelten: Mann, wieder mit derſelben ausſoͤhnen?— Jadeſ⸗ ſſen ich haͤtte einen andern Vorſchlag; und wat⸗ Elothildens Brautſchatz abzuhohlen 1e= „»Das goldne Vließ zu erobern alſo, 8 vver ſetzte Agathon 3 Gn. Auftrag, der eines „Helden wuͤrdig iſt; nur daͤucht mich, wenn der Schas den Raͤubern a6gejagr durde ſoll.I 1s 8½ H8 1 us⸗Wenn⸗ eine Däme ibrem Ritter eine eote aüfgiebte verſetzte Eulatie,„darf er häuft die Schwierigkeiten Nuͤckſicht nehmen? — Aber auch die ſind minder groß, als Sie ſ deſtellde—,en Sie zeigte ihm Petsſcs rief an Au⸗ nen.— „Was rathen Sie,“ ſagte ſie lachelnd⸗ wie ich mich bei der Nachricht, welche mir 1 dieſes Dokument giebt, verhalten ſoll?“* Graf 4 8 Graf Agathon las und gab ihr den Brief wieder zuruͤck. „Sie laſſen mich Ihre Antwort erwar⸗ ten?“ fragte ſie. „O das eigne Schickſal dieſer Men⸗ ſchen, ſagte er mit Rachdruck,„welches ich durch Ihre Guͤte weiß, trat ſo lebendig vor meine Seele.— Ich ſah in dem Augenblik⸗ ke den Zigeunerhauptmann ſo beſtimmt vor mir ſtehen, er gieng neben mir, ich hoͤrte ihn ſprechen, ſah ſeine mir unerklaͤrliche Mine, wie er unſre buͤrgerliche Verfaſſung parallel mit ſeiner Hordenverfaſſung ſtellte— koͤnnt' ich's: ich wuͤrde den Mann aufſuchen und wuͤrde ihm ein Aſyl anbiethen ſich ſelbſt zu leben; denn fuͤr geſellſchaftlichen Umgang iſt er verſtimmt; alles zeigt ſich ihm in einem widerlichen Lichte, das ſein Innres em⸗ pört.*†— „Sie ſind mit mir einverſtanden, Graf, erwiederte Eulalie,„ich habe kein Kind mehr; meine Tochter hat mich vergeſſen! Womit habe ich es an ihr verſchuldet, daß ſie nicht endlich glaubt; ein muͤtterliches Herz koͤnne dergeben!—(Einlenkend) Da ich Sie zum Weerransten dieſer Geſchichte gemacht habe, ſo R leſen —— leſen Sie auch dieſen Brief, welchen ich ſelbſt vom Naͤuberhauptmann erhalten habe“ Sie aab ihm den oben angefuͤhrten Brief⸗ Der Graf las: „Elothilde in Gefahr!« rief er, wie er an die Stelle kam—„Graͤfin, werden Sie nicht wenigſtens der Fuͤrſtin Nachricht davon geben?”“ „ Daran habe ich noch nicht gedacht, ſagte Eulalie.—„Sie ſcheinen nicht bemerkt zu haben, lieber Graf, daß ſelbſt Pataſch noch nicht weiß, daß Goldchen der Prinzeſſin wiedergegeben iſt. Bertram wird folglich Goldchen bei mir ſuchen; und ich denke das koͤnnen wir ahwarten.— Ich bereue es, daß ich ſo ſchnellen Gebrauch von der Ent⸗ deckung gemacht habe: Clothilde findet kei⸗ nen Erſatz in der Prinzeſſin fuͤr den Verluſt der Zufriedenheit, welche ſie als Goldchen be⸗ gleirete. Ich glaube zuverſichtlich, ſie verlor weniger als meine Adoptirte.— Ich habe Ihnen verſprochen; Graf, Ihnen Clothildens Briefe mitzutheilen. Ich werde Ihnen das Paket verſiegelt zuſenden, und bin auf Ihr Urtheil neugierig.— Doch jetzt zur Haupt⸗ ſache. Die ungluͤckliche Hamold uͤbertrug in mir ſterbend ihren ſchoͤnen Zogling, den ſie — in der Wildniß zu einer ſo berrlichen Blume gezogen hat, und noch einmal, ich wuͤnſchte; ſie haͤtte das Geheimniß mit in's Grab ge⸗ nommen!— Ich ſah die Entdeckung als Wink des Schickſals an, aber da duxch will ich mich nicht von meinem B zerſprechen losge⸗ ſprochen betrachten; im Gegentheil will ich Pataſchs Verordnung vollziehen und Gold⸗ chen zu ſeiner Zeit den hinterlaßnen Schatz uͤberliefern. Dieſes Grheimniß will ich nicht den Eltern öoffenbaren aus leicht zu errathen⸗ den Gruͤnden. Ich habe mir feſt vorgeſetzt, alles aufzubiethen, daß Clothilde in die Lage kommt, daß ſie in der Folge uͤber ihren Brautſchatz frei disponiren, und damit ihrem wohlthaͤtigen Herzen Mittel verſchaffen kann, die Suͤnde, mit welcher der Schatz erwor⸗ ben ward, wieder auszuſoͤhnen“— „Vortreflich!« rief Agathon,„gern Eulalie, gern bieth' ich Ihnen meine Dienſte an; aber— wie finden wir die Hoͤhle?— im Gebirge giebts der Hoͤhlen mehrere— und wie entdecken wir die verborgenen Be⸗ haͤltniſſe?— Mutter Anne haͤtte uns eine naͤhere Bezeichnung geben koͤnnen. Indeſſen zum Wegweiſer der Hoͤhle koͤnnte mir Albin dienen;;z aber duͤrfen wir ihn zum Vertrau⸗ R 3 ten ten des geheimen Schatzes machen?— Ich erwarte Ihre Betehle, gnaͤdige Graͤfin e— „Ich will Albin an den Heyrn von Lö⸗ wenzahn abſenden,“ fuhr die Graͤfin fort.— „Aber wo ſoll er ihn finden?“ fiel Aga⸗ thon ein,„da Loͤwenzahn doch wohl abſichtlich ſeinem Briefe keinen Ort vorgeſetzt hat.“e „Ich glaube leicht,“ antwortete Eula⸗ lie;„lbin weiß meine Vorkehrung nicht, und dennoch iſt ihm nichts gewiſſer. Ich habe auf die Poſt nachfragen laſſen, mit wel⸗ cher dieſer Bbief angekommen ſey; nun darf Albin bloß auf den Hauptwechſeln der Poſten in den Buͤchern nachſchlagen laſſen, und ſo muß er ihm auf die Spur kommen— „Ich beneide Sie, ſchoͤne Graͤfin,“ ver⸗ ſetzte Agathon,„und bin ſtolz darauf, daß ich doch etwas zur Ausfuͤhrung ihrer guten That beitragen kann. Ne fund zwei Briefe, als er anach Hau⸗ ſe kam. Der eine war von Blamberg vom 8 gehei⸗ TA 261 geheimen Sekretair ſeines Vaters, und der andere von Meiſter Siegfried. Er oͤfnete den letzten zuerſt. 2 2 Göaf, IMana 2hin 29226 Der. Blume, die ſo lieblich duftet und * tb8s Wohlgeruͤche, wie eine unſichtbare Zau⸗ berwolke um ſich her verbreitet, droht ein langſames Abwelken. Der reine Aether und das waͤrmende Sonnenlicht enthaͤlt allein Kraft, Leben und Geiſt und iſt die nie veyſiegende Quelle alles Lebens und aller Schoͤnheit. Raube der kleinſten Pftanze Luft und Sonne und ihr ſchoͤnes gruͤn verbleicht, vergelbt, verliehrt Kraft und Staͤrke und verkuͤmmert ihr kurzes Leben. Und man will der liebli⸗ chen Blume den reinen Aether und das alles belebende Sonnenlicht entziehen, und ſie un⸗ ter kaͤltendes feuchtes Gemaͤuer verpflanzen? Man hat den feſten Entſchluß gefaßt, weil ſie zu ſchoͤn iſt, und durch ihren Glanz alle uͤbri⸗ gen verdunkelt. Auch ſagt man: weil man zu arm ſei ſie gehoͤrig zu verpflegen und in einen anſtaͤndigen Boden zu verſetzen. Iſt das nicht leere Ausflucht? Warum will man die Einzige nicht, die ſo uͤberſchwenglich ſchoͤn, ſich 7 ſich ſelbſt uͤberlaſſen aufſproßte und aufbtuͤb⸗ te, noch ferner ſich ſelbſt uͤherlaſſen?— ſie lieber unter Gewoͤlbe vergraben, daß ſie ver⸗ bleichen, vergelben ſoll, und ſich der gefuͤhl⸗ volle Wanderer nicht mehr ay ihrer Schoͤn⸗ heit eraoͤtzen, an ihrem Wohlgeruch lahen ſoll. Ich wollte ein Liedchen dichten auf das Verbleichen der Blume; aber mein Herz iſt zu voll Trauer; es bleiben abgerißne Klagen, die ſich nicht in die Feſſein eines Maaßes zwin⸗ gen laſſen wollen. Leben Sie wohl, Graf! Das milde Schickſal erfüͤlh Ihren ſchoͤnſten Wunſch und den meinigen! Vulgo Mſtr. Siegfried. Es waͤre Beleidigung fuͤr die Leſer, un⸗ ſern Meiſter Siegfried zu kommentiren. 4 Der Brief von Blomberg enthielt den gewoͤhnlichen Wechſel und die Nachricht oben⸗ hin: daß ſich ſeit kurzem der erlauchte Graf nicht wohl befaͤnde. 7 . —— . ARSEn 263 Das fuͤnfte Kapitel. Die Ausführung entſpricht der — Erwartung nicht. 65 Den folgenden Tag reiſte Agathon mit Al⸗ bin ab. Bloße Neugierde die Felſenhoͤhle zu ſehen ward dieſem als Urſache angegeben, und mit der Graͤfin war es Abrede: den Men⸗ ſchen unterwegens auszufovſchen: ob ihm das Wahre anvertraut werden koͤnnte. Ich benutze das dritte Nachtquartier,“ ſchreibt Agathon,„da wir Wald und Gebir⸗ ge im Geſichte haben und Morgen bei guter Zeit nach Albins Ausſage die Hoͤble errei⸗ chen, Ihnen, Theure Graͤfin, einige Worte Nachricht zu ertheilen.“ Albin iſt ein unterhaltender Kerl, und auf jeden Fall verbirgt er ſich hinter ein In⸗ cognito, welches er noch nicht aufzuheben fuͤr gut haͤlt. Ich bewundve ſeine Anhaͤng⸗ lichkeit an Lowenzahn: mein Leben wag ich jeden Augenblick fuͤr ihn, hat er mir zehnmal wiederholt. Doch weiß er von ſeiner Ge⸗ ſchichte nichts, Vermuther habe ich viel, ſagte 264 Lena e ſagte er, da mich naͤßerer Umgang den Mann genauer kennen lehrte, und verehrt habe ich ihn, daß es ihm als Hauptmann gelungen war, das blutgierige Morden unter der Ban⸗ de, freilich durch die aͤußerſte Strenge abzu⸗ ſchaffen. Ueberlaſſen wir, ſagte er, das Meuchelmorden unſrer verbeſſerten und auf⸗ geklaͤrten Art zukriegen: da mag man Scharf⸗ ſchuͤtzen und Jaͤger hinter Buͤſche und in Korn⸗ felder verſtecken, und einzelne Menſchen ein⸗ zelnen Menſchen auflauern und eine Ehre dar⸗ in ſuchen laſſen, daß ſie ihren Mann eben ſo wenig wie den Scheibenpunkt verfehlen. Zwingt uns ein unvermeidliches Schickſal auf Koſten Anderer zu leben, ſo muͤſſe der Raub nie mit Blut befleckt ſeyn, jedesmal nur den Ueberfluß treffen und die Ausſauger und Aus⸗ mergler des Volksz und glaubt ihr auch, daß I Je⸗ mand eure Zuͤchtigung verdiene, ſo ſeyd doch nie ohne Noth grauſam. Dieß war anfangs bloßer Vorſchlag, und wurde nachher von ihm als Geſetz in Vorſchlag gebracht und von der ganzen Bande augenommen und brſchwo⸗ ren.“. „Bei alle dem,. gnaͤdige Graͤfin. babe ich es nicht gewagt, ihm in unſer Geheimniß einzuweihen, und habe es aufgeſpart bis wir 3 in rAN 265 in die Hoͤhle ſelbſt gelangen und bis ich die Beſchaffenheit derſelben genauer unterſucht habe.“ „Wir haben ſorgfaͤltige Erkundigung eingezogen, wie es jetzt in hieſiger Gegend um die Sicherheit ſtehe und wie lange man keine Zigeuner bemerkt habe, und haben uͤberall die beruhigendſten Nachrichten erhal⸗ ten. Indeſſen ſindet das Albin nicht hinrei⸗ chend, weil es Geſetz ſei die Gegend am we⸗ nigſten zu beunruhigen, in welcher ſich die Rotte aufhalte, und ich habe von ihm noͤthi⸗ ge Inſtruktion erhalten, im Fall wir wider Vermuthen auf einen Ueberreſt ſtoßen ſoll⸗ ten. E.; „Ich werde nicht ermangeln, meine gnaͤdige Graͤfin, Ihnen ſobald als moͤglich, die Fortſetzung des Berichts meiner Unterſu⸗ chungsreiſe zu uͤberſenden, ſo wie ich ꝛc. Förtſetung „ Eine ſolche Felſenkluft zur Wohnung erwaͤhlen iſt nur von ſehr kuͤhnen Menſchen gedenkbar.“ „Allein, anade Graͤfin, Sie werden den Erfolg meiner Unterſuchung und nicht meine 266 ASN meine Betrachtungen wiſſen wollen. Ich bedaure, daß er nicht nach Erwartung aus⸗ gefallen iſt; indeſſen bin ich doch auch nicht ganz leer ausgegangen. Albin hat mir zum Fuͤhrer gedient; vielleicht allein haͤtte ich mich nicht in dieſe nächtlichen Behaͤltniſſe gewagt, die bei'm Eintritt ein grauliches Schaudern erregen. Kein Strahl des Tageslichts dringt in die innern Hoͤhlen, und tritt man an den Eingang ſe haucht eine kühle ſchneidende Luft entgegen.“ n n und Grauſen erregt die Felſenkluft, in welche Verbrecher zur Strafe hinabgeſtuͤrzt wurden. Mitrr ſchwindelte, als ich hinab zu blicken wagte und Entſetzen ergriff mich, als ich eine Menge Knochengerippe bemerkte.“ „Albin war hier zu Hauſe. In der vordern großen Oeffnung, welche er den Vor⸗ hof nannte und die auch Raum genug hat zuͤndete er ein Feuer an. Holzvorrath fan⸗ den wir und Fackeln hatten wir zu uns ge⸗ nommen. Nennen Sie es Furcht oder Miz⸗ trauen, gnaͤdige Graͤfin, ich wagte es nicht ihm die Abſicht meines Hierſeyns zu entdek⸗ ken. Ich ließ mir bloß alles zeigen, fragte nach jeder Kleinigkeit, und ſo gelangte ich in die innre Hoͤhle, welche der Oberrichter bewohnt 3 hat. GrAN 4267 dat. Sie hat einige kleine Nebenhoͤhken, die zur Aufbewahrung allerhand Beduͤrfniſſe dien⸗ ten und deſſen was die fleißigen Raubvoͤgel eintrugen. In dem einen fanden wir noch eine Menge Kleidungsſtuͤcke, woraus ſich Al⸗ bin einen Mantel ſuchte, und in einem andern fanden wir einen Vorrath von groͤßern und kleinern Schießgewehr, Seitengewehr und Dolchen, und hier ſuchte er ſich eine volle Raͤuberbewaffnung aus. Auch ich bringe Piſtolen und Dolch zum Andenken mit.“ „Etwas ſpaͤt des Abends langten wir wieder in unſerm Nachtquartier an, und die⸗ ſen Morgen mit Anbruch des Tages hat ſich Albin ſeiner Beſtimmung zufolge beurlaubt.«⸗ „Er that dieß mit einer ſolchen Treu⸗ herzigkeit, daß ich es bereute Mißtrauen in ihn geſetzt zu haben. Verſichern ſie der gu⸗ ten Graͤfin, trug er mir auf, daß ich alles aufbiethen werde, ihren Auftrag puͤnktlich auszufuͤhren, und verdirbt mir nicht der Tod das Spiel, ſo find' ich meinen Hauptmann auch gewiß.— Doch ſtill! fuhr er laͤchelnd fort: der Hauptmann hat ausgeſpielt, und beſſer iſt's wir bringen ihn nicht mehr in Er⸗ waͤhnung. Dafuͤr ſteh ich aber nicht, daß ich den Herrn von Loͤwenzahn unter Menſchen⸗ fuͤhren 9—— —— 1 fuͤhren kann; aber Nachricht ertheile ich, und wenn ich ihn auch erſt in einem andern Erdtheit auftreibe.“— „Ich bath ihm meine Boͤrſe an, da man nicht wiſſen koͤnne wie lange ſeine Reiſe dau⸗ ren koͤnne.“ „Verzeihen Sie, ſagte er lächelnd, in⸗ dem er ſeine Fingerſpitzen kuͤßte und mir den Kuß zuwarf, ich wuͤrde die Graͤfin beleidigen,. wenn ich von Ihnen etwas annehmen wollte, da ich alles ausſchlug, was ſie mir anboth, nur nicht die letzte Zuflucht, wenn ich nir⸗ gends Menſchen finde, unter. welchen ich es vergeſſen kann, wozu mich Leichtſinn und Schickſal eine Zeitlang machte.“ „Sobald mir Albin aus den Augen war, irat i auch meine Wiederkehr nach der Berg hoͤhle an. Ich ließ meinen Reitknecht, wie geſtern bei den Pferden und ſtieg ſo ſchnell es mir moͤglich war, um Zeit zu gewinnen. Der Weg iſt aͤußerſt muͤhſam und unſicher, und faſt nirgends kann man feſten Fuß faſſen, und doch verſicherte Albin, es ſei der einzige Zugang. In einer halben Stunde hatt' ich jedoch das Ziel gluͤcklich erreicht, und nun ſtellte ich die ſorgſamſte Unterſuchung mit der Fackel in der Dand im Hintergrunde an, um die ☛ 2—ͤ — —* 4 8 2 ANA 4269 die verborgenen Behaͤltniſſe zu entdecken. An jedem Ritze im Felſen, an jeder Hervorra⸗ gung verſuchte ich meine Staͤrke. Dieß hatt' ich ſchon viermal an⸗der ganzen Wand gethan, und ſchon gab ich die Hoffnung auf, als ein langer Stein, der zum Sitz oder zu einer Lagerſtaͤtte beſimmt geweſen zu ſeyn ſchien, meine Aufmerkſamkeit an ſich zog; aber die Groͤße! Indeſſen verſucht' ich es doch ihn wegzuarbeiten, indem ich die Fackel in den Boden befeſtigte. Nach langer Anſtrengung gelang es mir, ihn etwas von der Wand ab⸗ zuruͤcken, und ſchon war ich voll Freuden, und glaubte mich der Hebung des Schatzes nahe, als der Stoß an die Wand hohl klang. Fand' ich nicht Brecheiſen, die noch in guter Anzahl vorhanden ſind, ſo war alle Anſtrengung ver⸗ gebens. Mit Macht ſiieß ich nun an die Stelle, die einen hohlen Ton von ſich gab und zerſchmetterte mit dem vierten Stoͤß eine Steinplatte, die, wie ich nun bemerkte, ſich in die Hoͤhe haͤtte ziehen laſſen.* „Alles, was ich hier fand, beſteht in einem Kaͤſtchen von Ebenholz ſtark mit Gold beſchlagen, welches ich nicht oͤfnen wollen, da ſich kein Schluͤſſel vorfindet, zwei zuſammen⸗ gedruͤckte goldne Tabatieren und eine kleine Schach⸗ ———— b b V 278 Schachtel mit Ringen. Zu ſchwer iſt das Kaͤſtchen nicht.“— „Doch wozu Vermuthung! Mein Fak⸗ kellicht war ſeinem Untergange nahe, und ich ſah mich genoͤthigt auf meinen Ruͤckzug zu denken. Ich packte alles zuſammen und lang⸗ te wieder bei meinem Burſchen an, dem die Zeit ziemlich lang geworden war.“ „Wenn ich nicht bemerkte, daß mein Aufenthalt in dieſer Schenke, das Gehen und Wiederkommen, die Reugierde rege gemacht hoͤtte, ſo wuͤrde ich noch einen Tag zu einer zweiten Uaterſuchung angeſtellt haben; allein nach reiferem Nachdenken habe ich die Nuͤck⸗ reiſe beſchloſſen, weil ich, wenn ich wirklich noch mehr faͤnde, in Verlegenheit kaͤme, wie ich es fortſchaffen wollte, da ich auf keinen Fall meinem Burſchen die Geſchichte anver⸗ trauen mag.“ „Mit Ihnen gnaͤdige Graͤfin, will ich aͤberlegen, was fuͤr die Zukunft zu unternehe men ſei. Das rathſamſte waͤre, die Herr⸗ ſchaft Schlupfthal zu kaufen, um Beſitzer des Schatzes zu werden, wenn nur nicht zu be⸗ ſorgen ſtuͤnde, daß man auch Raͤuber zugleich mit erhandelte.“ „Ich ee „Ich werde mich gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn meine gnaͤdige Graͤfin, meine Ritterprobe beifaͤllig aufnehmen wollen und freue mich im voraus des Danks ꝛc.— Das ſechste Kapitel. Aglaſters pflichtmaͤßiger Bericht⸗ 54. 3. Ganz befriedigt fuͤhlte Eulalie ſich freilich nicht durch die Nachricht, welche ihr AIgathon ertheilte. Pataſch ſagt ja ausdruͤcklich: eine Parthie Kleinodien und eine anſehnliche Sum⸗ me; indeſſen erwartete ſie ihn doch voll eu⸗ gierde, da hievon nichts im Briefe erwaͤhnt war. Sie tadelte ſein Mißtrauen gegen Al⸗ bin; allein, wenn ſie uͤberlegte, daß er eben ſo wenig die verborgenen Behaͤltniſſe anzu⸗ geben wußte, ſo entſchuldigte ſie ihn auch wieder. 4 Agathon uͤberraſchte ſie fruͤher, als ſie ihn erwartete; bloß einige Stunden vorher hatte ſie den Brief erhalten. Er hatte Ex⸗ trapoſt genommen und wollte ſeinem Briefe vorkommen; allein dieß ſchlug fehl⸗ Er 272 eA Er aͤberlieferte ihr ſeinen gefundnen Schatz und entſchuldigte ſich, daß er ſich ſei⸗ nes aufgetragenen Geſchaͤfts nicht im ganzen Umfange haͤtte entledigen koͤnnen. Eulalien uͤberlief ein kalter Schauder, als er die Sachen auf den Tiſch legte. „Das Blut erſtarrt mir in den Adern,“ ſagte ſie,„wenn ich mir bloß die Angſt den⸗ ke von Raͤubern uͤberfallen zu werden— und ich muß alle meine Faſſung aufbiethen, daß ich mich nicht vor dieſen Sachen fuͤrch⸗ tel— Graf, Sie haben eine gute Probe be⸗ ſtanden; aber Sie haben ſie ſich ſeluſt e er⸗ ſchwert. 8 „Einen Grund, gnaͤdige Gräͤfin, fes wiederte Agathon,„habe ich Ihnen an ben; aber auch noch ein zweiter bewog mich die Rachſuche allein zu halten, ich fuͤhlte mich. mit dem Naͤuber in zu gleichem Verhaͤltniſſe. e6 „Graf, mißverſtehe ich Sie nicht? ⁶ fragte die Graͤfin betreffen. „Sehr wahrſcheinlich,« antwortete Agathon;„wenn Sie, meine Graͤfin, meinen Worten einen andern Sinn unterlegen; als daß ich den Gedanken nicht entfernen konnte, in Geſellſchaft eines Raͤubers den verbd he Raub eines Raͤubers aufſuchen wollen. In “ 272 ein Zanz anderes Licht ſtellt ſich die Sache, wenn wir das Vermaͤchtniß Elothildens auf⸗ ſuchen und woͤs wuͤrde ich dicht fuͤr Clothil⸗ den unternehmen? „Ich giaabe faſt, Graf, derſetzte Eu⸗ lalie, vnleine Vorliebe fuͤr die Priußeſſin hat mich voreilig, wenn nicht anuͤberlegt gemacht: ——— 1 ich haͤtte Sie mit dem Auftrage verſchonen fallenra zaßs „Gnaͤdige ezß eewirdette Ts⸗ hon bedeutend. 4 4 Aaen ſa! fubr die Grafin nach⸗ 8 denkend fo 8 129 indeſſen verzeihen Sie meine Vorelligkeit und Kouben Sie, daß mein gutes Herz vicht bloß mit dem Ciiker, ſondern auch wir meiner Ueberlegung hingen eit if. 4 dnt es gut zu machen ſu chen! 1 tene pras. 38n Culale nüti vich fühle: s Thnas Vracht baͤben— rechnen Sie⸗ auf meinen Dank, wenn mir nicht asS Eſ a 8 die Hände dinder2 Ie heu⸗ rer Sie werden der Ruhe bedu. fen Sie uns die Unterfüchung des e ſas S und fuͤr ein Opfer Sie meiner Juten Abſict ge⸗ 8 und jede anderweitige Ueberlegung auf eing andere Zeit aufheben. Eulalie ſchloß ihr Buͤreau auf und gab ihm Goldchens Briefe. „Sie hat in Ihrer Abweſenheit die Sammlung vermehrt,“ ſagte Eulalie;„ich bin auf ihr Urtheil neugierig, wenn Sie mir die Briefe wieder uͤberliefern.“ Noch werden ſich die Leſer des chelichen Caſtellans Aglaſter in Fleuri aus dem zwei⸗ ten Theile erinnern. Eulalie erhielt durch einen Expreſſen folgenden Brief von ihm. „ Euer Excellenz, meiner gnaͤdigſten Graͤ⸗ fin, habe ich pflichtmaͤßig berichten ſollen, was maßen ich nicht in geringer Verlegenheit geweſen bin, und dieſe Nacht einen Schrecken gehabt habe, der leichtlich die Folge haben kann, duß Eure Cxcellenz, meſte gnaͤdigſte Graͤſin, Ihten allertreuſten und tief ergeben⸗ ſten Diener verlieren koͤnnen: denn noch zit⸗ tern mir alle Glieder. 2„Erlauben Euer Exeellenz aber duf bore geſtern zuruͤckgehen. Als ich eben meinen Pflichten zufolge mich mit der Monatsrech⸗ nung beſchaͤftigte, um abzuſchließen und in das Hauptbuch einzutragen, und mich mit verdammten z pf. plagte, die ich mehr in Ein⸗ AA 29½ Einnahme, als Ausgabe hatte; da ich doch meiner Ordnung, Puͤnktlichkeit und Exactheit, wie Euer Hochgraͤfl. Excellenz wohl bekannt iſt, gewiß bin, und meines gleichen aufſuche, ſo meldet man mir einen Fremden, welcher den Caſtellan zu ſprechen verlangt.” „Ich, meiner Anweiſung zufolge, wer⸗ fe alle meine Papiere in's Pult, und eile hin⸗ aus, und ein ſtattlicher junger Herr begruͤßt mich mit aller Hoͤflichkeit und verlangt d5 Schloß zu ſehen.“ „Das iſt Ihro Excellenz, meiner Graͤ⸗ fin, gnaͤdigſter Befehl, erwiederte ich, daß ich Fremden von Stande zu Dienſten ſtehe, und Sie werden mir unterthänigſt erlauben, daß ich ſo frei bin, und um Ihren Stand und Ramen bitte, um dem gnaͤdigen Herrn mit ſchuldigſter Achtung zu dienen. „Das kann nichts dazu beitragen, ant⸗ wortete er freundlich, und ich merke ſchon, daß ich es mit einem wackern Manne zu thun habe.“ 1„Ei darauf bin ich ſrolz, gnaͤdiger Herr, ſagt' ich, und wenn ich das nicht waͤre, ſo waͤre ich das nicht, was ich bin, denn Ibro Excellenz, meine gnaͤdige Graͤfin achten wak⸗ kere Leute.« SG 2„ Und 255 rASNe „Und nun fäͤhrt ich ihn denn berum und machte ihn auf alles aufmerkſam; aber ſeinen Namen wolte er mir nicht ſagen, ſo ſehr er alles lobte und daruͤber erſtaunt war.“ „Wie vom Himmel gefall en fragte er auf einmal, els wir die Runde beinahe ge⸗ macht hatten, was wohl aus der jungen Zi⸗ geunerin worden ſei, welche Ihro Excellenz die Graͤfin zu ſich genommen haͤtten?* „Ei das iſt eine hoͤchſt ſeltſame Ge⸗ ſchichte, gnaͤdiger Herr, ſagte ich, und Sie muͤſſen weit herkommen, daß ſie nichts davon gehoͤrt haben; ich ſollte glauben, das waͤre weltkundig!«— „Er ſchien neugier 8g und feagtc, was das waͤre, und ich erzaͤhlte ihm treuherzig al⸗ 3 les, wie das Zigernergeſindel die Prinzeſſin Clothilde geſtohlen haͤtten und wie Gotöchen die Prinzeſſin ſei u. ſ. 1b. e „5 Sie koͤnnen ein wackrer Mann ſeyn, ſagte er darauf; allein mit ihrer weitlaͤufti⸗ gen Erzaͤhlung, die einem langweiligen Maͤhr⸗ chen ſehr aͤhnlich iſt, haben ſie ihrer Wahr⸗ heitsliebe keine Lobrede gehalten. 4 1 „Daß dich der Donner und das Mäus⸗ chen! Ibro Excellenz, ich kann nicht laͤugnen, 14 Ding urrſchnupftr mich. Ich machte ihm — — —A 22 ihm meinen Revperenz, und fragte, ohne ihm darauf zu antworten: ob noch ferner etwas zu ſeinen Dienſten ſtaͤnde.“ „Er verneinte das lachend und 8 mir ein Geſchenk an: Allein unterthaͤniger D ie⸗ ner! mit dergleichen hat Aglaſter, meiner gnadigſten Graͤfin Excellenz allertreuſter Die⸗ ner nichts zu ſchaffen! und der Fremde em⸗ pfahl ſich auf baldiges Wiederſehen.« „Das war ein verdammtes Wiederſe⸗ hen! aber ich bitte Euer Escellenz nur um wenige Geduld.“ „Die Stunde kann ich Euer Excellenz wirklich nicht beſtimmen;; denn wie haͤtt' ich mich in der Angſt beſinnen koͤnnen, nach der Uhr zu ſehen; aber ich war im erſten beſten Schlafe unſtreitig, als ich mich ziemtich un⸗ ſanft geruͤttelt fuͤhlte, denn noch ſind die blauen Flecke auf meiner rechten Schulter vom Angriff zu ſehen, und wie ich erſchrok⸗ kea die Augen aufſchlug, ſah ich grade in das blendende Licht einer Diebslaterne.“ „ Gott ſei mir gnaͤdig! rief ich, da hat der Teufel. ſein Spiel!— und nun denken üch Euer Exeellenz mein Erſtaunen, als ich den Fremden; von vorgeſtern erkannte.“ 8 en 1s Er „Er befohl mir mit einem blinkenden Dolche Stillſchweigen und ſchwur bei allen Teufeln, daß er mich mit hundert tauſend Stichen ermorden wollte, wenn ich ihm nicht Jauf der Stelle bekennen wuͤrde: wo Gold⸗ chen das Zigeunermaͤdchen ſei.“ „Den Schrecken haͤtten Sie mir erſpa⸗ ren koͤnnen, gnaͤdiger Herr, ſagte ich voll Angſt; Sie haͤtten mir nur glauben duͤrfen, was ich Ihnen vorgeſtern ſagte, und haͤrten nach Plettenburg reiſen koͤnnen, um ſich da⸗ von zu uͤberzengen!“ 1 „Hund! bruͤllte er— verzeihen Ihro graͤflichen Excellenz, daß ich mich ſeiner eig⸗ nen Worte bediene; Hund du ſtirbſt auf der Stelle, und dabei faßte er mich an de Keh⸗ le, wenn du darauf beharrſt mir ein Maͤhr⸗ chen aufzubinden.“ 8 „Wie Gott will!“ ſagt' ich voll Angſt und erwartete den Gnadenſtoß,„ich kann nichts anders ſagen und wenn Sie mir das Fell uͤber die Ohren ziehen.“ „Wie lange mich der Boͤſewicht gepei⸗ nigt hat, weiß ich auf meine Ehre nicht zu ſagen, gnaͤdigſte Graͤfin, weil ich mehr von Sinnen, als bei Sinnen geweſen bin. Zum Koſchiede band mir der Bube die Haͤnde auf 1 ——— —— —,— ——— den Ruͤcken und drehte mir ein ſeiden Tuch in den Hals, daß ich jeden Augenblick zu er⸗ ſticken glaubte, und gewiß auch erſtickt waͤre, wenn der Teufelskerl mir nicht die Beine froſ gelaſſen haͤtte.“ „Sobald ihn alſo der Teufel zum Fen⸗ ſter hinausgehohlt hatte, nach der fuͤrchker⸗ lichſten Drohung, wenn ich ihn belogen habe, ſo wagt' ich mich aus dem Bette heraus und wollte Lermen machen. Ich grunzte wie ein Baͤr, rumorte mit dem ganzen Koͤrper am der Thuͤre; aber da ſchlief alles einen Todten⸗ ſchlaf und hoͤrte nichts. Ich wollte auf⸗ ſchließen; aber die Haͤnde waren ſo kuͤnſtlich geſchnuͤrt, daß ich keinen Finger regen konn⸗ te, und ſo mußt' ich armes Thier unter Angſt und Bangigkeitsſchweis mich herumpeinigen bis der liebe Tag den ſchadenfrohen Johann die Augen aufſchloß, der ſich nach oftmali⸗ gen Fragen vor der Thuͤre, was mein Grun⸗ 9ö zen und Rumoren zu bedeuten habe, endlich in den Garten bemuͤhte, da ich den Schluͤſſel abgezogen hatte, und zum Fenſter hereinguck⸗ te, und meinen Alendiclichen Zuſtand in Aa⸗ genſchein nahm„ „Ich will nicht richten, Euer hochgeaf⸗ lchen Excellenz; aber billig war es nicht von Johan 2 86 Johann, daß er wohl eine halbe Stunde am Fenſter ſtand, in einem fortfragte, was ich fuͤr Poſſenſpiel treibe? ob mir dieß und das fehle? und ſich halb tod lachen wollte, wenn ich ihm durch Minen und Kopfnicken meinen erbaͤrmlichen Zuſtand zu erkennen zu geben ſuchte. 5.ga aGeh u G 8 .„Ich armer alter Mann! Euer hoch⸗ gräͤflichen Exeellenz haͤtten, mehr Mitleiden gehabt und die engelsgute Prinzeſſin Clothit⸗ de, wenn die es einſt erfahren ſollte, was ich um ihrentwillen gelitten habe, ſo weiß ich ge⸗ wiß, daß ſie wich auch herzlich Leklagen zrird.* 3 4 was mag das wohl zu bedeuten haben? So viel ich meines Ermeſſens evachte, ſo iſt es einer von den Zigeunern. Aber der Narr⸗ warum glaubt er mir denn nicht?k.. „Ich kann nicht laͤugnen, daß mir nicht zu woyl bei der Sache iſt, und ich habe die Anſtalt ganz geheim getroffen, daß ich meine Schlafſtelle veraͤndert habe, welches Euer Ex⸗ cellenz zu billigen in Gnaden geruhen wer⸗ den; und wenn der Jauner wiederkommt, ſo hat er es mit dem leeren Bette zu thun und, eb ich ſchon Riemand eiwas üſss gönafe ſt ha „Aber, Syer Hochgeoͤflichen Exeellen. hat es doch Johann wirklich um mich ver⸗ dient, daß er ihn aufſucht und ihn wie mich auf die Folter ſpannt 6 „Uebrigens hat der Spibuße aicht das Mindeſte geſtohlen.“ „Daß hab' ich Euer Hochgräfichen Eycellenz pftichtmaͤßig berichten und es hohem Errneffen anheim ſtellen wolten, was dieſei⸗ ben verfuͤgen gepahen mogen, indem ich erſter ꝛc Ja wiefern Ber tram, denn⸗ Whn⸗ vue. fel⸗ war er es, der den armen Aglaſter mit ſeinem naͤchtlichen Beſuche beehrte, ſich in Plettenburg von der Wahrheit uͤberzeugt und was er darauf fuͤr Maaßregeln genommen, kann nicht angegeben werden. „Bielleicht wuͤrde er Wittet und Wege agsſucht haben Clothilden wenigſtens zu ſpre⸗ hen, wenn ſie nicht eben wirklich Leſäpuui frane gereefen i waͤre. Das ſiebente Kapitel. Der Wind hat fic geaͤndert. Karz darauf ließ Eukaliet den Kammerherrn von Engern zu ſich bitten. „Ich habe Sie ſchon laͤngſt zu ſprechen gewuͤnſcht, Herr Baron,“ ſagte ſie ſcherend; „allein Sie machen ſich von Zeit zu Zeit ſelt ner.« „Ich habe Ihre Befehle erwartet, 4 er⸗ wiederte Engern. 1„Und daruͤber haͤtten Sie die Zreundin vergeſſen 2 verſetzte Eulalie laͤchelnd.„In⸗ deſſen,“ fuhr ſie fort,„denken Sie auf kei⸗ ne Entſchuldigung; Sie werden es laͤngſt ſchon bemerkt haben: daß ich altes gern ent⸗ ſchuldige.“ 3 4„Wie konnten mir die woblwollenden Geſinnungen einer Graͤfin von Roſenſtern un⸗ bemerkt bleiben!“ erwiederte Engern; gich verehre Sie wie eine Heilige, die dem gan⸗ zen weiblichen Geſchlechte als Muſter aufge⸗ ſtellt zu werden verdient.“ „Nicht —— Ce 293 „Nicht auch dem maͤnnlichen? fragte Eulalie laͤchelnd. „Welches, Maͤnnerberz koͤnnte einem weſb⸗ lichen Torbilde widerſtehen!“ rief Engern. „Gut Baxon!“ ſiel Eulalie ein,„ver⸗ — geſſen Sie nicht, was Sie geſagt haben! ich halte Sie bei'm Wort.“ Sie gieng und hohlte ihm Clothildens Brief, den dritten im dritten Heft. „Waͤre es Ihnen gefaͤllig dieſen Brief zu leſen?“— ſagte ſie. „Doch nicht von meiner bigotten Ge⸗ mahlin?“ ſagte Engern in mitleidig ſpotten⸗ dem Tone.— „Die Unterſchrift wird Sie eines an⸗ dern belehren,“ erwiederte Eulalie. „Ha! Clothilde!« rief er„auf Ehre ein artiges Haͤndchen!“— „Bielleicht finden Sie den Inhalt eben ſo artig,“ ſagte Eulalie und faßte ihn ſcharf in's Auge. Engern verfarbke ſich verſchiedne mal, hehielt uͤbrigens aber voͤllig ſeinen Gleich⸗ muth. „Ich kann der Priazeſſin meine Be⸗ wundrung nicht verſagen,“ ſagte Engern in⸗ dem er Eulalien den Brief zuruͤckgab,„denn in auc die d eeneuiſes ierden9 auſſallend.“ „Iſt dos alles?!“ fragte die Graͤfin, was Sie mir über⸗ den Inhatt zu ſagen ha⸗ ben 8— „Die Prinzeſſtn Clothilde verfetzte Ena gern⸗„hat zu wenig Menſchen und Welt⸗ kenntniß, um gewiſſe Angelegenheiten in ei⸗— nem richtigen Geſichtspunkte anzuſehen.“— ⸗„Aber ſie beſitzt ein ſehr reines und un⸗ verdorbnes Gefuͤhl fuͤr Recht und Unrecht“ unterbrach ihn die Graͤfin ſchnell,„und was Menſchenkenntniß anbelangt, Herr Baron, ſo hat ſie Beweiſe abgelegt, daß. ſie ſich in Menſchen weniger irrt, als Sie und ich. Indeſſen dieß iſt nicht der Bewegungsgrund, warum ich Ihnen den Brief mittbeilte; ſon⸗ dern daß Sie mich um mein Vorwort bittet, und ich waͤre neugierig zu vernehmen, was dieß wohl bei Ihnen fuͤr ein Gewicht haben moͤchte, eh' ich es wirklich einlegte.“. „Gnaͤdige Graͤſin!«— erwiederte der Baron und unterdruͤckte den Unwillen.—4 ½ „Ich verſtehe Sie Baron!“«“ ſagte die Graͤfin kalt; vich hatte auch einen Gemahl und habe einige Erfahrung wie man muth⸗ meilis das. Weib zur Dulderin machen kann. (ſchnell 3 —————.— 1 (chdellabſpringend) ciner Ver geßlichkeit ſoll⸗ ten Sie mir zu Huͤlfe kommen: ich habe den gamen des Agenten verge⸗ ſen. welcher die Schoͤnkopfiſchen Angelegenheiten auf eine ſo⸗ gute Art ausglich; ich haͤtte einen Auftung. „Meine gnädige Graͤſin,“ e egwiede rte Engerm und athmete etwas ſreier, vſchienen unzufrieden mit ihm, und in der That— ich wagte es kaum ſeine unbillige Forderung vor⸗. zutragen— darf ich meine Dienſte anbie⸗“ then?“— 2 „ Erlauben eie,„„zendzegnete Sulalſte ſeine Wohnung⸗bitte. 2 legenbegten wie dieſe erfordern Anen Jurfſten.⸗ Eben ent⸗ finne ich⸗ mich. 9Nchenbee gicp bre⸗* ſo hat er ſich unkerſchritben und wohnt 4 „Am Speſcher, aaneasadh ah ce antwortete der Kammerherr etwas zerſtreut, 1 ger iſt aber derreiß; ſchon vor einigen Tagen vder Wochen ſchickt' ich nach ihm, weil mir noch einis e Be elege fehl ten, und erhielt zur Antwort; et ſi auf mehrere Momate „daß ich um den Ageaten und . verteiſt 8 „Auf mehkero Monate dee ſagte die Gri⸗ fin—„fo lange kann ſch meinie Agrlegene heit frettich mcht aufheben.— „Voll⸗ 236 rAA „Wollten meine gnaͤdige Geöfin die Gnade haben?— „Ich werde nach einem andern Agenten ſchicken,“ erwiederte Eulalie und entließ den Baron⸗ Das achke Kapitel. Folge des Vorigen. Nian pisd ſo leicht gemißbraucht als Gut⸗ berzigkeit. Habe einen Verſtand wie ein Ingel und dabei ein gutes Herz, und du wirſt nden, daß Jeder nicht bloß von Deinem gu⸗ 3 ten Herzen Vortheil ziehen, ſondern, daß er es auch berücken will, und wo Du es am we⸗ nigſten erwarteſt, hat man Dich betrogen. Es iſt ſonderbar, daß dieſe Eigenſchaft, die den Menſchen in einem ſo ſchoͤnen Lichte dar⸗ ſtellt, allgemein, nicht etwa nur von den ſo⸗ genannten Pfiffigen, ſondern auch von der lieben Dummheit ſelbſt, als Einfalt und Schwaͤche angeſehen wird, und kaum ſieht man ſie in Ausuͤbung, ſo werden auch An⸗ ſchloͤge darauf gemacht. Ich moͤchte behaup⸗ ſen: ten: eben daher ſieht man die Gutherzigkeit ſo wenig in unſern Tagen ia Ausuͤbung; denn wer will ſchwach und einfaͤltig ſeyn und ſich von Pfiffigkeit und Dummheit mißbrauchen und betruͤgen laſſen. Der Baron war von der Graͤfin von Roſenſtern mit Wohlthaten uͤberhaͤuft wor⸗ den. Er beſaß durch ſie eine ehrenvolle und uͤberaus einrraͤgliche Stelle, und genoß ihe ganzes Vertrauen; allein er verſcherzte das letztere durch ſeine unerſaͤttliche Habſucht, die bei jeder Gelegenheit, wo ſie ihn zum Ver⸗ mittler brauchte, Nutzen zu ziehen ſuchte, und jede ihre guten Thaten, wie die Juden das Geld, welches durch ihre Haͤnde gehr, be⸗ ſchnitt Es kraͤnkte ſie; aber bloß durch Edelmuth wollte ſie ihn beſchaͤmen. Engern hatte aus ſeines Freundes Schuldſache eine große Wichtigkeit gemacht und ſagte der Graͤfin, daß er einen Agenten zum Gehuͤlfen angenommen habe. Indeſſen dieß war eine Luͤge, er wollte bloß fuͤr ſeine Muͤhe einen Anſatz in die allgemeine Berech, nung bringen. Dieß erfuhr Eulalie zufaͤllig, und nun wollte ſie dem Agenten, welchen der Baron ſelbſt unbillig nannte, einen neuen Auftrag geben. Sie 283 A Sie hatte ihm ausdrälcklſch anfgzektahtn mit den Kreditdren⸗ zu d fohren, daß Aga⸗ thoys Ebre nicht kompromf tirk wwuͤrde; und denhech hinterbrachte man ihr, daß er mit jedem akkordirt und einen nicht unbeträͤchtli⸗ chen Nabaͤtt gemacht haͤtte,„wovon aber in der Ueregebaen Berechnung keine Sibe ſtand. Indeſſen Eulalie batte ſchon vielfaͤltig die Erfahrung gemacht: grade von denen air meiſten m mißbraucht zu werden, denen ge am preiſten Zutrauen ſchenkte und die ſie mit ibrer 2 Milde überhaͤufte; und folglich waren jetzt Entdeckungen der Art nicht mehr ſo kraͤn⸗ fend fͤr ſie; allein das beleidigte ſ ſie tief, daß der Baron bei dem Briefe Clothildens ſo kalt plieb. Sie erwartete, daß er ihrem Wun⸗ ſche tavorkomihen, und auf eine großmuͤthige Are, wenigſtens verſprechen wuͤrde, ein eb⸗ nehin gekraͤnktes Weih, nicht noch mehr darch hamiſche Chikane zu kraͤnken 4 Dem Baron war indeſſen Eulalkens Be⸗ tragen eben ſo ſehr aufgefallen, beſonders as ſchnelle Abbrechen bei den Wortent ich habe einige Erfahrung wie man murhwilig das Weib zur Dulderin machen kann.. Noch glaubte er thre Gunſt nicht et⸗ behren zu koͤnnen, und ſo manchetleitra tom be rA 289 bei ruhigem Nachdenken vor die Seele, wie er ſich wohl etwas anders haͤtte benehmen koͤn⸗ nen, um ſich ihr unentbehrlich zu machen.— Die Laune der Weiber, rief er, iſt un⸗ beſtaͤndiger wie eine Windfahne: dieſe be⸗ haͤlt doch einerlei Stellung wenigſtens ſo lau⸗ ge als der Wind aus einer Gegend kommt; allein Weivergunſt aͤndert ſich mitjjedem Augen⸗ blicke. Am andern Morgen üͤberſchickte er Eu⸗ lalien einen Brief an ſeine Gemahlin, in welchem er ihr einen guͤtlichen Vergleich an⸗ trug: daß er in die Scheidung willigen wol⸗ le, gegen eine Ceſſion der Haͤlfte des Capi⸗ tals, welches von ihrem Vermoͤgen auf ſei⸗ nem Gute hafte. Bisher hatte er das ganze Capital verlangt. „Der Elende!« rief Eulalie, und warf unwillig den Brief hin; van der Perſon liegt ihm nichts, bloß an ihrem 8 Sie ſchrieb:— „ Ich danke Ihnen fuͤr die minteit aber Ihnen zur reiſlichen Erwaͤgung zu em⸗ pfehlen: ob der Geldhandel Achtung gegen 4 mein Ihres guten Vorſatzes. Erlauben Sie mir 290 mein Geſchlecht beweiſt und ob er nicht den honetten Mann kompromittirt,— wenn Euſtachie einſt ſagt? ich konnte die Trennung einer von meinem Vater ungluͤcklich berech⸗ nerey Ehe, durch die Geſetze nicht eher er⸗ langen, bis ich mich don meinem Manne loͤs⸗ kaufte. O der Eigengutz iſt in meinen Au⸗ gen eine ſo haͤßliche Cigenſchaft, daß ich be⸗ haupte: ein Herz, in dem er Wurzel gefaßt hat, iſt durchaus keiner edeln Geſinnung faͤs hig. Freilich iſt das nur die Meinung eines Weibes, und der einſichtsvollere Mann iſt ungleich mehr geeignet eine Sache zu beur⸗ theiten und zu würdigen.“ Das neunte Kapitel. glotbilde war kronk— entſchließt ſich zum Kloſter. 468 3 4. * Eine geraume Zeit verſtrich oͤhne einen be⸗ ſondern Vorgang, und vergebens wartere Eu⸗ lalie auf Nachricht von Loͤwenzahn oder Al⸗ Auf 1 ☛3 rAsS 29 Auf einmal erhielt Agathon Nachricht, 8 daß ſein Vater krank ſei und ihn zu ſprechen wuͤnſche, und Eulalie erhielt ven Goldchen folgenden Brief, in mehrern Fortſetzungen. „Holde Graͤfin. „ Jetzt erſt bin ich vermoͤgend wieder an Dich zu ſchreiben. Ich bin ſehr krank ge⸗ weſen— ſehr krank! Stundenlang lag ich oft in einem Hinbruͤten, kannte Niemanden und war nicht vermoͤgend zu ſprechen, ſelbſt wenn mich der Durſt auf's aͤußerſte quaͤlte.* Män glaubte ich waͤrde ſterben, und oft hoͤrt' ich es ſagen, wenn ich in meiner Erſtarrung da lag. Indeſſen Furcht wandel⸗ te mich nicht dabei an, vielmehr ein gewiſ⸗ ſes Wohlgefuͤhl, und eklichemal war es mir als waͤre ich wirklich geſtorben, und fuͤhlte mich unendlich gluͤcklich; nur das bekuͤmmer⸗ te mich, daß ich meine gute Hamold nicht fand, unter der Menge Abgeſchiedener, wel⸗ che mich wie leichte fließende Schatten um⸗ flatterten.. 8 „d ich wußt' es wohl, daß ich noch nicht in die Gefilde des Friedens eingehen würde!— 8. „Sonderbar, gute Graͤfin— noch nie habe ich gegen Dich etwas von meiner Wahrſa⸗ gekunſt erwaͤhnt. Ich huͤte mich auch wohl ge⸗ gen irgend Jemand etwas zu erwaͤhnen; aber ſonderbar: wenn ich mich unbehaglich, trau⸗ rig, und warum ſoll ich nicht auch ſagen un⸗ gluͤcklich fuͤhle, ſo ſeh' ich unwillkuͤhrlich in meine Haͤnde, und erklaͤre mir ſo vieles, was ich mir ſonſt nicht erklaͤren konnte.« „Es iſt Aberglaube, habe ich bei mei⸗ nem beſſern Unterrichte gelernt, der ſuͤndlich iſt, und bloß dazu dient die Einbildungskraft zu erhitzen und zu verwirren. Ich glaube dieß auch; denn wenn die Gottheit es fuͤr gut befunden haͤtte, uns in der Zukunft Dun⸗ kel blicken zu laſſen, ſo wuͤrde ſie zuverſicht⸗ lich ein anderes Mittel zu waͤhlen gewußt haben, als Linien in der Hand, die ſich bei mehr und wenigerm Gebrauch der Haͤnde im⸗ mer veraͤndern muͤſſen.“ „und iſt es nicht die groͤßte Wohlthat, daß uns dieſe Vorausſehung derborgen iſt Jedes Gluͤck, welches wir uns vorher ſagen Snnten, wuͤrde an ſeinem Werthe verlieren, and jedes Ungluͤck uns lange vorher noch mehr peinigen, als der Schlag ſelbſt, der unſere “ Stand⸗ 6r 293 Standhaftigkeit pruͤft, und uns jedes Gute mehr erkennen und ſchaͤtzen lehrt.“ „Alles das, gute Graͤfin, ſage ich mir mit einer Selbſtzufriedenheit, die Balſam der Beruhigung in mein hoffende? Herz gießt, und doch, kaum faͤngt es wieder an zu za⸗ gen, ſo— bin ich ein ſchwaches Maͤdchen, und ſuche mich ſelbſt zu taͤuſchen, wie ich ſo viele andere Menſehen getaͤuſcht habe, die mir den reichlichſten Siofi in ihren Antworten ga⸗ be en.(c. 4 „ Ich hatte mich erſchoͤpft— ganz er⸗ ſchoͤpft und habe einige Stunden ganz ruhig geſchlafen. „Ich werde aber doch. nicht mieder ſo anhaltend ſchreiben; der Doktor hat es mir unterſagt, und ich fuͤhle es ſelbſt, daß es mich angreift. Aber auch das Denken greift mich an, und das kann ich doch nicht unterlaſſen, nicht verhindern. Es iſt ein eignes Gefuͤhl, die Schwaͤche des Koͤrpers fuͤhlen, und mit ſeiner Denkkraft ſo unermaͤdet ſich auͤber alles wegſchwingen: hat uns die Gottheit dadurch nicht einen Vorſchmack von der Fordauer 8 unſers Geiſtes geben wollen? „In meiner Kindheit habe ich die Blat⸗ tern und die Maſern gehabt; außerdem bin ich nie bedeutend krank gewefen. Es war mir daher eine ganz außerordentliche Erſchei⸗ nung, wie ich bemerkte, daß ich immer we⸗ niger meines Koͤrpers maͤchtig war. Ich ha⸗ be aber auch große Schmerzen erlitten; auch der leiſeſte Odemzug war ein Stich in's Herz; oft ſchrie ich unwillkuͤhrlich laut auf.” „Mein guter Bruder Kaver hat ſich mir noch theurer gemacht. Aus Vorſorge hatte man es ihm unterfagt; er hatte mich nicht vertaffen wollen. 4 „Jetzt beſucht er mich mehreremake, und heute machte er mir eine große Freude durch die Nachricht: daß er den armen Dor⸗ wald zu ſeinem Sekretair angenommen ha⸗ pe, da ſein bisheriger an den Folgen ſeiner ausſchweifenden Lebensart geſtorben iſt.“— 3„Der gute Bruder! wenn nur ſein gu⸗ tes Herz und ſein Gefuͤhl fuͤr die Gerechtig⸗ keit nicht auch durch Raͤnke der Bosheit in der Folge beſchränet wird.§ —„Ich habe in dret Tagen nicht ſcbrei den koͤnnen und fuͤrchtete mich ſchon, das boͤfe Siechen wuͤrde ſich wieder einſtellen.“ „ Der —— — AA 295 „Der dLeibmedikus ſchrieb es meinem anhaltenden Sitzen zu, weil er mich jedesmal leſend oder ſchreibend fand. Kaum hoͤrte es mein Bruder, ich muͤßte Bewegung haben, und da wir eine ſo milde Jahreszeit haͤtten, muͤſſe ich oft ausfahren, um die friſche Luft zu genießen, ſo hatte er auch ſchon Anſtalt gemacht. Er wird jeden Tag mit mir aus⸗ fahren.“ „Wunderbar! ich war wie ohnmaͤchtis⸗ als ih in's Freie kam, und wie tief war ich geraͤhrt, als wir durch die Straße fuhren, und ich uͤberall an Hausthuͤren und Fenſtern Menſchen erblickte, die mir auf alle Art ihre freudige Theilnahme an meiner Wiedergene⸗ fung zu erkennen gaben; und hie und da rief⸗ man laut: Gott erbalte unſern Erbprinz und Prinzeſſin Elothilde?s „Ich fand das Leben auf einmal ſe ſchoͤn, als ich es nie Sefund en hatte. „Ich habe mit meiner Mutter eine tan⸗ ge Unterredung gehabt.. 4„Auch Sie har mir waͤhrend meiner Krankheit ihre Theilnahme auf eine ſehr aus⸗ gezeichnete Art bewieſen.“ „Gern, „Gern, holde Graͤfin, moͤcht ich Dir unſere ganze Unterredung aufſchreiben; aber — meine Kraͤfte ſind immer noch nicht her⸗ geſtellt, und der Arzt verſichert mich, daß es noch wenigſtens einen vollen Monat dauern koͤnnte, und noch laͤnger dauern wuͤrde, wenn ich nicht alle Sorgfalt anwende, und alls An⸗ ſtrengung vermeide.“ „Ich werde uͤber ſie wachen, ſaa mein guter Bruder.. » Aber an eine zueundine ſchreiben, iſt doch wohl eine Anſtrengung, die mir nach⸗ gegeben werden kann, fragt ich?“ „Wenn Sie verſichert ſind,“ antworte⸗ te der Arzt,„daß das Schreiben ihr Nach⸗ denken und ihre Einbildungskraft nicht zu ſehr in Anſpruch nimmt, wie ich faſt glaube.. „Sie irren nicht Dokter,“ fiel Xaver ein;„ihr ganzes Weſen geraͤth in Aufruhr, wenn ſie ſich an den Sekretair ſetzt.— Ich achte Deine Freundin, fuhr er zu mir fort, aber liebe Clothiide, ſie ſelbſt wird es mir Dank wiſſen, wenn ich Dich in Deinen, wenn auch ißen Schwäͤrmereſen zunterpreche. „Mein Bruder will die Zerantwortung abernehmen⸗ holde Graͤfin, daß Du meinen 1 zer⸗ 1 4 eNAn 297 zerſtuͤckelten Brief noch nicht erhalten haſt. Wir haben zwei Tage nach einander kleine Reiſen gemacht, und geſtern fuhren wir durch einen Wald, in welchem ich mich ſehr bekannt fand.“ „ Haͤtt' ich es als Zigeunermaͤdchen ab⸗ nen koͤnnen, daß ich durch dieſen Wald der⸗ einſt als Prinzeſſin fahren wuͤrde?“— „Ich theilte meinem Bruder mein Wie⸗ derfinden alter Bekonntſchaft mit, und dieß gab Veranlaſſung, daß ich ihm verſchiednes von den Zigeunerzuͤgen erzaͤhlte, und ſo kain das Geſpraͤch auf Pataſch.“ „Mein Bruder iſt ganz mit Loͤwenzahns Geſchichte bekannt. Die Dorwalden hat ihm alle noch lebende Perſonen angeben muͤſſen, welche mit der Geſchichte naͤher bekannt ſeyn koͤnnten. Er hat ſich ſogar die Schriften gs⸗ ben laſſen, welche von der Geſchichte im Ar⸗ chive aufzutreiben waren.“ „Es iſt eine ſchauderhafte Geſchichte, ſagte er, wie weit es die Verfolgung getrie⸗ ben hat, und was man bloßen WDorten tar Sinn unterlegen kann.“* „Die Erzaͤhlung hat er mir verfpre⸗. 4 chen, wenn ich voͤllig wieder hergeſtell ſeyn werde. —„Bis „Bis dahin erhalte ick auch wohl von Dir, holde Graͤſin, den verſprochnen Auszug aus den Papieren?— So ungeduldig fehn⸗ lich ich darnach verlange, ſo beſcheide ich mich doch gern, warum Du mir ſie vorenthaͤltſt, und mich bis auf andre Zeit veveröſerſt. „Und nun den Inhalt der uaterreduns mit meiner Mutter: 4— „Nach einem ſeh⸗ Hertraulichen Ein⸗ gange lenkte meine Mutter auf meine zu⸗ kuͤnftige Beſtimmung. „Die Beſtimmung des Weibes iſt in unfrer Lebensſphaͤre,« ſagte ſie ungefehr, „iſt eine ganz andere, als in ungleich niedern Staͤnden; wir ſind im eigentlichen Sinne Sklavinnen der Politik. Wir duͤrfen durch⸗ aus keinen freien Willen haben, und werden verkuppelt und verkauft, nachdem es die Um⸗ ſtaͤnde erfordern und der Vortheil erheiſcht. Ob wir den Mann, den man uns zum Ge⸗ mahl beſtimmt leidlich finden, oder ob uns ſein Anblick Widervwillen und Haß erregt, wird gar nicht in Frage genommen, und oft iſt es auch der Fall, daß wir außer Augen⸗ blicken ſinnlicher Befriedigung nicht einmal Trung finden, und die Gunſtbezeigungen mit den — SSN 299 den feilſten Buhldirnen theilen muͤſſen. Dieß Clothilde iſt das gewoͤhnlichſte Loos der Fuͤr⸗ ſtentoͤchter, welches von Unverſtaͤndigen ſo ſehr beneidet wird. Iſt aͤußerer Glanz und ſelbſt auf Koͤnigsthron wohl Erſatz fuͤr das, was wir aufopfern muͤſſen— unſere Ruhe, unſe⸗ re Zufriedenheit?— um ein zwangvolles und freudenkoſes, kummervolles und trauri⸗ ges, mitten im Geraͤuſch einſames und ge⸗ Fraͤnktes Leben zu verweinen??— „Thraͤnen zitterten in den Augen mei⸗ ner Mutter, und haſtig ergriff ich ihre Hand und rief! o gute Mutter, wenn das ihr Loas waͤre!— wenn— o ich wag es nicht zu ſagen!“⸗ „Schweigen wir auch davon, meiz Kind; fuhr meine Mutter in einem milden und zaͤrtlichen Tone fort,„und lieber will ich Dir eine beſſere Beſtimmung fuͤr die Zukunßt in Vorſchlag bringen, da Du zufolge Deiner Erziehung das glaͤnzende Elend am Hofe noch ungleich tiefer fuͤhlen wuͤrdeſt, als wenn Du von Kindheit an den Zwang gewoͤhnt worden waͤreſt, ohne weiter daruͤber nachzudenken.« „ Und dieſer Vorſchlag heſteht?— den Schleier zu nehmen. Laß Dich die Einſam⸗ keit und den Zwaag des Kloſters nicht ab⸗ ſchrecken; ſchrecken; Du kannſt Dir ſelbſt dort ungleich mehr leben, biſt Dir ungleich mehr uͤberlafe ſen, und keine Zwangsehe verbittert Deine Ruhe: Nicht ohne Abſicht war ich mit Dir in Gnadenflamm, und da Du gewohnt biſt auf alles zu achten und alles zu unterſuchen, ſo darf ich Dir das Verhaͤltniß wohl nicht noͤher ſchildern, ſondern kann Dich bloß auf Dein Nachdenken verweiſen. „Noch aber mit einem Umſtande muß ich Dich bekannt machen, der in Deiner Be⸗ rathung ſehr in Betrachtung kommen muß. Das Fuͤrſtlich Belgerſche Haus iſt nicht von der Bedeutung, daß man ſich nach deſſen Tochter draͤngt; die Ausſtattung einer Prin⸗ zeſſin iſt von ſehr geringem Belang; und was noch mehr iſt, ſchon ſeit funfzehn ſechzehn Jahren ſind die Landeseinkuͤnfte in Sequeſtra⸗ tion und Deinem Vater bleibt ſo wenig übrig, daß er nur ſpaͤrlich ſeinen beſchroͤnkten Hof⸗ ſtaat mit Ehren unterhalten kann.“ 8„ECrwaͤge alles reiflich, meine Tochtere fuhr ſie fort, da ich ſchwieg, vwas Du hier fuͤr Ausſicht haſt, und was Du, wenn Dir der Himmel Leben und Geſundheit ſchenkt, in Gnadenſtamm zu erwarten haſt. Deine Tante wird alles thun, um Dir die erſtern Jahre, Jahre, ehe Du dich an die Lebensart ge⸗ woͤhnt haſt, zu erleichtern und zu verſuͤßen, und nach ihrem Tode haſt Du, bei Deinem liebenswuͤrdigen Karakter alle Hofnung, Deiner Abkunft wegen, ihre Nachfolgerin zu werden, da dieſe Stelle nur eine Prinzeſſin bekleiden kann.“— „Meine Mutter ſtand auf und ich— umfaßte ihre Knie. Mein Herz empoͤrte ſich einſt gegen das Kloſter,“ rief ich unter hei⸗ ßen Thraͤnen—„aber— gute Mutter— befiehl, und ich gehe Morgen nach Gnadens flamm.“ „Ich danke Die, meine Tochter, ers wiederte meine Mutter, und hob⸗mich zaͤrt⸗ lich auf, vund freue mich, daß ich mich nicht in Dir geirrt habe. Du ſollteſt auf bloßen Befehl Deines Vaters in's Kloſter. Ich bath Dein zartes Gefuͤhl zu ſchonen und verſprach Deinen freiwilligen Entſchluß. Ich verſpre⸗ che Dir auch eine gute Aufnahme in Gnaden⸗ flamm, und oft— oft wird Dich Deine Mut⸗ ter beſuchen, wenn Du dadurch eine kleine Entſchaͤdigung fuͤr die Entſagung der Welt finden kannſt.“ „O gewiß, meine gute Mutter,“ er⸗ wiederte ich und uͤberſtroͤmte ihre Hand mit Kuͤſſen 30s Ore Kuͤſſen—„wozu koͤnnt ich nicht bereit ſeyn, um auch Deinen leiſeſten Wunſch zu erfuͤllen⸗ Beſiehl und ich entſage auf immer der Prin⸗ zeſſin, und will zufriedner im niedrigſten Stande keben, ats ich hier unter Menſchen gelebt hahe, die nie das ſind, was ſie ſchei⸗ nen, und nie ſcheinen, was ſie ſind.“* „Ich zweifle keinen Augenblick,« ent⸗ gegnete meine Mutter,„daß auch dieſe Aeu⸗ ßerung ſehr ernſtlich gemeint iſt! und daß Du dazu faͤhig waͤreſt; allein dieß erlaubt die Ehre Deiner Eltern nicht; und wie ſehr wuͤr⸗ de Deine Ehre leiden, wenn Du den Gedan⸗. ken fuͤr Dich heimlich ausfuͤhren wollteſt⸗ Aber glaube mir, gutes Kind, daß Du hier etwas ſagſt, was Du nicht ganz uͤberſiehſt. Gern gebe ich Dir zu, daß Du in Deineb jetzigen Sphaͤre Dich nicht gluͤcklich gefuͤhlt haſt; allein zu ſehr biſt Du doch auch ſchon mit ihr bekaͤnnt worden, als daß Du nicht nach einiger Zeit Reue fuͤhlen und daß nicht tauſend Ruͤckerinnerungen Deine Ruhe und Zufriedenheit ſtoͤhren ſollten. In der Abtei bleibt Dir Dein Stand, und alle Mittel, die Deinem wißbegierigen Geiſte Nahrung ver⸗ ſchaffen koͤnnen, ſollen Dir angeſchafft wer⸗ den. 66— 3 „Gute Ad 303 „Gutè Mutter,“ ſagt' ich und wagte es das erſtemal ſie zu umarmen, ich wiederhoh⸗ le es:„wenn Du befiehlſt, fo reiſe ich Mor⸗ gen ab.. „Keine Voreilung Kinde erwiederte die Fuͤrſtin und umarmte mich herzlich— gich freue mich, daß ich Deinem Bater Deine Willigkeit mittheilen kann. Ueber die Zeit Deiner Ahreiſe wollen wir kuͤnftig ſprechen.⸗⸗ „ Unter zaͤrtlicher Umarmung verließ ſie mich.“ „Holde Graͤfin, ſobald Du kannſt, ſo moͤcht ich wohl Deine Meinung hoͤren.— Ich habe ſehr ernſthaft alles reiflich erwo⸗ gen, was mir meine Mutter geſagt hat; ih⸗ re Guͤte hat mich tief geruͤhrt, und ich finde fkeine Urſache mein gegebnes Verſprechen zuͦ bereuen, und werde vielleſcht noch heute der Aebtiſſin meinen Entſchluß mittheilen.« „ Auch in jene Einſamkeit, holde Gras ſin, wirſt Du mich degleiten, und wenn ich die Freiheit behalte mich mit Dir zu unter⸗ halten, ſo will ich gern alle die ſchalen Freu⸗ den des Hofes vergeſſen. Meine Lebhaftig⸗ keit und Liebe zur Freiheit maͤcht freilich ſo manchen kleinen Einwurf; allein ich lerne im⸗ mer mehr einſehen: daß man nur dann am mei⸗ 309o9 meiſten fuͤr ſich und ſeine Ruhe gewinnen kann, wenn man ſich mit Ergebung in die Umſtaͤnde fuͤgt; und daß man durch Widerſtreben und Ungeduld immer verlieren muß.“ „Leb wohl, himmliſche Seele ꝛc.“ Das zehnte Kapitel. Eine Reuigkeit auf die andere⸗ Eualie ſandte Clothildens Brief durch ei⸗ nen Expreſſen an Agathon und kaum eine Stunde nach Abgang deſſelben erhielt ſie fol⸗ gende Nachricht von ihm. 1 „Ich beklage, meine ſchoͤne Graͤfin, daß ich ſpaͤter, als ich wuͤnſche das Gluͤck haben werde Sie wieder zu ſehn: mein Vater hat ſo eben(3 Uhr Morgens) die irrdiſche Häͤlle verlaſſen und den letzten Tribut der Sterb⸗ lichkeit bezahlt.“ „Gnaͤdige Frau, die letzten Augenblicke des menſchlichen Lebens ſind eine Scene, an welche wir ſo wenig denken moͤgen, und ihr beiwohnen, zeigt uns das menſchliche Groß⸗ thun 305 thun in einer ſo kleinlichen unbedeutenden Geſtalt, daß man davor zuruͤckſchaudert.« „»Mein hingeſchiedner Vater glaubte nicht, daß ſeine Lebenskraft ihrem Verſiegen ſo nahe ſei. Es war gegen ſeinen Willen, daß ich zuruͤckherufen wurde, auf Veranlaſ⸗ ſung der Aerzte. Nur wenig habe ich mit ihm ſprechen koͤnnen, und dennoch ſchien es, als ob er mir Mehreres zu ſagen habe; al⸗ lein ſeine Schwaͤche hinderte ihn daran. Auch finde ich unter ſeinen Papieren nichts, daß er auf einen ſolchen Fall gedacht haͤtte.« „Ich werde mir demnaͤchſt die Freiheit nehmen ausfuͤhrlicher zu ſchreiben, wenn ich mich etwas erhohlt haben werde. So wenig der erſte Anblick bei meiner Ankunft Hoff⸗ nung verſprach, ſo ſehr bin ich doch erſchuͤt⸗ tert.«« „Erlauben Sie, meine Graͤfin, daß ich mich auch ferner unterzeichnen darf ꝛc.“— Dieſe Nachricht war der Graͤfin uner⸗ wartet, und ſie fuͤhlte ſo viel dabei, als haͤt⸗ te ſi ſie einen nahen Verwandten verlohren. „Ich habe Sie, Herr Graf,“ ſchrieb ſie ihm,„von einem gewiſſen Zeitpunkt an, als meinen Sohn betrachtet, und nur das Weſen, dem die Perzen wie alle Geheimniſſe Uu unent⸗ 306 AAN unenthuͤllt vor Augen liegen, mag es wiſſen, warum es meinem Herzen Beduͤrfniß war. Ich nehme alſo auch den innigſten Tbeil an Ihrem ſchmerzhaften Verluſte, und werde es als den ſchoͤnſten Beitrag meiner Lebensfreu⸗ den anſehen, wenn ich mir auch in Zukunft mit Ihrem freundſchaftlichen Wohlwollen ſchmeicheln darf. ꝛc. re „ Pald darauf erhielt Eulalie Antwort auf den uͤberſandten Brief Clothildens. „ 3u gleicher Zeit, gnaͤdige Graͤfin er⸗ bielt ich doppelte Rachricht von Clothildens Entſchluß. Meiſter Siegfried ertheilte mir die Nachricht in einer unzuſammenhaͤngenden Elegie, und gern haͤtt' ich meine Augen des Trugs beſchuldigt, als Sie die himmliſche Guͤte hatten mir die Beſtaͤtigung in Clothils dens eigenhaͤndigem Briefe mitzutheilen.“ „Ich befinde mich in einem ungedenkba⸗ ren Gewirre von Geſchaͤfften, da ich von dem Augenblicke an, da mein guter Vater die Au⸗ gen fuͤr immer fuͤr dieſes Erdenlicht ſchloß, den feſten Vorſatz, als ein Geluͤbd auf die 4 noch warme Leiche faßte, ſelbſtthaͤtig zu ſeyn und nie mich blindlings auf andere zu ver⸗ laſſen. Schon in den erſten acht Tagen finde ich Hinderniſſe auf Hinderniſſe, die man mir abſicht⸗ Beſtaͤtigung erhielt. A 2 0 7 abſichtlich oder nicht abſichtlich in den Weg ſtellt; allein, ich werde meinem Vorſatze maͤnnlich treu bleiben.“ „O, gnaͤdige Graͤfin! Sie vermoͤgen ja alles uͤber Clothilden! Mehr wag' ich nicht zu bitten, als daß Sie die herrliche Seele vor dem Kloſter warnen. Mehr wuͤrde ich bitten, wenn ich die Ueberzeugung haͤtte, daß ihr Herz einige Achtung fuͤr mich fuͤhlte. Ich war eine geraume Zeit in Plettenburg; aber die Reinheit der Seele, die aus ihren Au⸗ gen ſtrahlt, draͤngte jede leiſe Hoffnung in die dunkelſte Falte meines Herzens zuruͤck.« Das eilfte Kapitel. Nachricht aus dem Kloſter. We zwei Monate vergingen dhne daß Eulalie einen Brief von Clothilden erhielt, unerachtet ſie ihr den Todesfall des alten Grafen ven Schoͤnkopf gemeldet, und bald darauf noch einmal an ſie geſchrieben hatte. Sie vermuthete das, woruͤber ſie jetzt die U 2„Zuͤrnſt „Zuͤrnſt Du auf mich, holde Graͤfin? ſchrieb ſie—„glanbe mir, ich habe mir die pitterſten Vorwuͤrfe gemacht, habe mich dar⸗ üͤber geaͤngſtiget, und mir ganz feſt vorge⸗ nommen gehabt, die erſte Stunde, die ich gewinnen koͤnnte, Dir zu widmen und Dir nur ein Paar Worte zu ſchreiben: und doch Lam es zu einem ſo langen Stillſchweigen „Ich habe mancherlei Geſchaͤfte und Zerſtreuung gehabt, und wenn ich glaubte einige Muße zum Schreiben zu haben, ſo ward ich doch immer wieder unterbrochen, und ein Paar kahle Zeilen wollte ich doch auch nicht abſenden.“ „Ich befinde mich in Gnadenßamm und habe mein Noviziat angetreten.“ „Man hat bei meinem Außstritte aus der Welt glaͤnzende Feſte gegeben, ich habe mit meiner Mutter einen Beſuch bei der Aebtiſſen gemacht, ich habe Beſuche gegeben und erhalten, und wer kann alles das Nichts⸗ bedeutende aufzaͤhlen, was mich unaufhoͤr⸗ lich beunruhigte und zerſtreute. „Aber ich habe auch ſehr angenehme Stunden verlebt in den naͤhern Umgange mit meiner Mutter, in welcher ich eine zaͤrtliche Freundin gefunden habe, die mir ihr ganzes Herz CeKnA 309 Derz aufgeſchloſſen hat, und mit meinem gu⸗ ten Bruder.« „Holde Graͤfin, ich wuͤnfchte Du waͤreſt Zeugin geweſen, wie ich meinem Brud or meinen Entſchluß der Welt zu entſagen, mit⸗ theilte.* „Lange war ſein mitleidiger Blick ſchwei⸗ gend auf mich geheftet.— Dann fragt' er: was mich dazu bewogen habe, und ich trug kein Bedenken ihm alles zu entdecken, und auch die Bewegungsgruͤnde unſrer Mutter anzufuͤhren.& „ Auf dieſe Weiſe hat man Dich gewon⸗ nen,“ ſagte er dann ſanft;—„gute Elo⸗ thilde!— aber bei allem was heilig iſt, beſchwoͤr' ich Dich: ſei aufrichtig gegen Dei⸗ nen Bruder!— Geh ins Kloſter; aber fin⸗ deſt Du nicht, was Du zu ändeſt glaubteſt, ſo laß Dir nicht den Ausgang verſchließen. Entdecke Dich Deinem Bruder und rechne darauf, daß er ſich Deiner annimmt, gegen Gewalt ſchuͤtzt und— ſein dLeben mit Dir theilt.“— „Tief geruͤhrt ſtand ich vor ihm.— „Du ſchweigſt?« fuhr er fort.— „Lege Deine Hand in die meinige und ſchwoͤ⸗ te bei dem Leben Deines Bruders und bei — Dei⸗ 310 ü Deinem Leben, daß Du Dich ihm entdecken willſt, ſobald Reue in Deinem Herzen er⸗ wacht.“ „Ich ſchloß ihn herzlich in meine Arme, druͤckte ihn heftig an meine Bruſt, und er beſiegelte meinen Schwur mit einem Kuß mit den Worten: dieſer Kuß brenne Deine Lip⸗ pen wie Feuer, wenn Du nicht aufrichtig ge⸗ gen Deinen Bruder und gegen Dich ſelbſt ſeyn willſt.“ „Freut Dich der Auftritt, holde Graͤ⸗ fin, zwiſchen Bruder und Schweſter?— mich hat er entzuͤckt und ſchwerlich wuͤrde ich mit ſo leichtem und vergnuͤgtem Herzen nach der Abtei abgereiſt ſeyn, wenn mein guter Bruder nicht eine ſo ſchoͤne Pflanze der Hoff⸗ nung in mein Herz geſenkt haͤtte.« „ Mit allen andern Feſtlichkeiten und Zeremonien an welchen ich keinen Antheil nehmen konnte, verſchone ich Dich: es iſt leeres Gepraͤnge, welches Du in allerlei Ge⸗ ſtalt im Uebermaaß kennſt. d „Die Aebtiſſin hat mich außerſt leutſe⸗ 5 lig aufgenommen und hat mir viel verſpro⸗ chen. Meine Mutter blieb drei Tage hier, war aͤußerſt geruͤhrt bei unſter Trennung und ver⸗ — ,, ArTK 311 eerſprach mich ſo oft zu ſehen, als es die Um⸗ ſtaͤnde erlaubten.“. „Ich bewohne ein arkiges Zimmer, welches man eine Halbzelle nennen koͤnnte, nach dem großen Kloſtergarten hin, und Du wuͤrdeſt Dich freuen, holde Graͤſin, wenn Du ſehen ſollteſt, wie ich meine Habſeligkeiten angerrdnet habe. In der Regel muß ich eine Nonne zur Aufſicht haben; allein meine Tante iſt ſo milde, daß ich mich erſt fuͤr mich allein an die Abgeſchledenheit gewoͤhnen ſoll, und unter der Hand will ſie mir Gelegenheir verſchaffen, alle die aͤttern und verſtaͤndigern Nonnen kennen zu kernen, denen Rovizen an⸗ vertraut werden, und ich ſoll dann ſelbſt waͤh⸗ ten. Eine Nachſicht, die außerdem nicht ge⸗ woͤhnlich iſt.“« 1 n„So wie ich an eine Auffeherin denke, ſo faͤllt mir meine Oberhofmeiſterin ein, und glaube holde Graͤfin: ich habe Gott gebethen mich zu leiten, daß ich nicht ungluͤcklich waͤh⸗ le; dann ich glaube bemerkt zu haben, daß die heilige Maske noch ſchwerer zu erforſchen iſt, als die Wohlſtandsmaske. Eine andere große Nachſicht iſt die, daß ich die erſte Zeit an der Tafel der Aehtiſſin ſpeiſe und des Abends — auch 312 Gr auch ſogar mein Eſſen auf mein Zimmer be⸗ komme.“ „Die freie Ausſicht macht mir meine jetzige Wohnung angenehmer, als jene in Plettenburg, wo mein Auge auf den Schloß⸗ platz beſchraͤnkt war; und noch habe ich un⸗ beſchraͤnkte Freiheit mich im Garten zu ver⸗ gnuͤgen ſo viel ich will. „Man hat mir auch ein Plaͤtzchen im Garten angewieſen, welches ich nach meinem Gefallen behandeln und bepflanzen kann, wo⸗ von ich aber zu meinem Verdruß nichts ver⸗ ſtehe. Indeſſen hatte ich doch eine außeror⸗ dentliche Freude, als man mir es als mein Eigenthum anwies, und wie ich meine Unge⸗ wißheit in einem etwas klaͤglichen Tone be⸗ kannte, ſo erboth ſich jede von den anweſen⸗ den Nonnen mir die noͤthige Anleitung zu ge⸗ ben, und ein junges Noͤnnchen mit feurigen ſchwarzen Augen both mir ſogar ihr ange⸗ bautes Gaͤrtchen voll der niedlichſten Blumen und Gewaͤchſe zum Tauſch an. 3„Sie iſt die beſte Blumengartnerin,“ ſagte eine alte Nonne laͤchelnd,„und Sie werden ihr durch den Tauſch eine Freude machen, weil ſie dann neue Gelegenheit er⸗ Pirr ihre Kunſt zu zeigen. EChe Schweſtez Beate rM 313 Beate zu uns kam, war unſer Garten arm an Blumen; allein ihr reger Fleiß und ihre gluͤckliche Hand hat ſogar den rauhen und unfruchtbaren Plaͤtzen Gewäͤndſe und Blumen aufgedrungen.“ „Den Tauſch wollt' ich nicht annehmen, um nicht zu erndten, wo ich nicht gefaet haͤt⸗ te; allein durch ihre Auteitung wuͤrde ich mich ihr ſehr verpflichtet achten.“ „Agneſen von Billerbach oder Sehwe⸗ ſter Clementinen haͤlt man fuͤr wahnſinnig. Sieverſieht ihre heiligen Obliegenheiten puͤnkt⸗ lich; aber ſchon ſeit einem halben Jahre hat man kein Wort von ihr gehoͤrt; ſie weicht allen aus und iſt bloß mit ſich beſchaͤftigk. Naͤhere Nachricht habe ich nicht einziehen wol⸗ len, um nicht neugierig zu ſcheinen.“ „Borerſt alſo, holde Graͤſin, ſcheine ich nicht nur durch meinen Wechſel gewonnen zu haben, ſondern ich habe wirklich gewonnen.“ Das zwoͤlfte Kapitel. Agathons Vorſatze. 1. NMaathon hatte herkoͤmmlich ſeinen Vater in die Gruft ſeiner Vorfahren mit feierlichem Gepraͤnge beiſetzen laſſen, und war eben ſo feier⸗ lich von ſeinen kuͤnftigen Unterthanen gehul⸗ digt worden. Das ganze Land ſprach von ſeinem neuen Regenten und jeder beurtheilte ihn nach feinem Kurz und Weitblick, und nach ſeinen Wuͤnſchen und Abſichten, und ſtell⸗ te fein und des Landes Prognoſticon mit pro⸗ phetiſcher Mine. Der alte Graf war nicht beliebt; aber noch weniger war er auch verhaßt. Er hatte ſeinen Unterthanen keine neuen Laſten aufge⸗ buͤrdet; aber man konnte auch keine Verbeſ⸗ ſerung aufweiſen, die er zum allgemeinen Beſten ausgefuͤhrt hatbe. Er lebte exempla⸗ riſch, hielt ſtreng auf Ordnung und ſetzte eis nen großen Werth in aͤußern Glanz. Man⸗ beſchuldigte ihn der Sparſamkeid; allein die⸗ ſe hatte weniger ihren Grund in ſeinem Ka⸗ rakter, als in den beſchraͤnkten Revenuͤen. * Dieß Dieß konnte ſein Finanzrath mit Dokumenten verſchiedner Art belegen; denn mit Abſchluß jeder Jahresrechnung fand ſich ein nicht un⸗ bedeutendes Deficit. Die Alten konnten nicht ohne Seufzen an die kuͤnftige Regierung denken, da Aga⸗ thon ſo viele Beweiſe abgelegt hatte, daß er das Geld auf die allerleichteſte Art unterzu⸗ bringen verſtehe und zur Vermehrung des jaͤhrlichen Deficits nicht unbetraͤchtliche Bei⸗ traͤge geliefert hatte. Indeſſen das Ausfuͤhrlichere, inwiefern das Seufzen der Alten gegruͤndet war, uͤber⸗ laſſen wir Agathons kuͤnftigem Biographen oder dem Geſchichtſchreiber ſeiner Regierungs⸗ jahre, und liefern unſern Leſern bloß einen Auszug aus einem Briefe, welchen er ſechs Monate nach dem Tode ſeines Vaters an die Graͤfin von Roſeaberg ſchrieb. „Endlich fange ich an wieder freier zu athmen. Ich habe mein hochpreisliches Kam⸗ merkollegium etwas in Bewegung geſett, um eine genaue Ueberſicht zu haben, was mir mein Laͤndchen, dem ich fuͤr die Zukunft vor⸗ ſtehen ſoll, eintraͤgt, was ich auszugeben ha⸗ be, und was zu meiner Dispoſition uͤbrig bleibt. Ich bin erſtaunt, was die Handvoll 4 Aem⸗ 5122 Aemter eintraͤgt; nech mehr aber daruͤber, was man alles zur Revenuͤ des Landesherr⸗ chen gemacht hat, oder wohl hat machen muͤſſen, um die Menge Verweſer zu ernaͤhren. Allein eben ſo ſehr bin ich in Erſtaunen geſetzt worden, was fuͤr eine Schuldenlaſt auf dem Hauſe und auf dem Landchen laſtet, wovon meine Ürahnherrn ſchon im vorletzten Jahr⸗ hunderte einen ganz artigen Anfang gemacht haben. Es fehlt nun nichts, als daß ich un⸗ beſorgt wie bisher meinen Weg fertwandle, und die ganzen Einkuͤnfte meines Enkels ſind nicht hinreichend die Zinſen zu befriedigen.“ „ Das ſoll aber nicht ſeyn! Mitten im Lauf meiner Thorheiten warf ich mir oft die Frage auf: wuͤrde das geſchehen ſeyn, wenn ich eine ernſthafte Beſchaͤftigung haͤtte? — Mein guter Genius hat mir, glaube ich, dadurch ein Mittel angegeben, wodurch ich mich vor Thorheit verwahren kann. Wohl dann! jetzt habe ich Gelegenheit mich ernſt⸗ haft zu beſchaͤftigen, und ich habe das Ge⸗ luͤbde an der Leiche meines Vaters abgelegt, ſelbſtthäͤtig zu ſeyn.“ „Ich fange damit an, daß die Schul den gehoͤrig klaſſifizirt werden ſollen; und un⸗ ter den Quellen aus welchen ich ſie zu tilgen 9⁸⁸ bn 317. gedenke, ſind vorzuͤglich die beiden: daß ich die Juſtitzverpachtung, wodurch der Land⸗ mann gedruͤckt wird mit Endigung der Pacht⸗ jahre aufheben, und daß ich das Perſonal der Kollegien vermindern will. Ich habe Regierungs⸗ und Kammerperſonal wie ein zehnmal groͤßres Land und zwei Drittel muͤſ⸗ ſen aus meiner Charoulle falarirt werden. e⸗ „Ich werde auch nicht den Geringſten außer Brod fetzen, die freilich den wenigſten Genuß bei der meiſten Arbeit haben; allein mit Abſterben dieſes ober jenes Mitgliedes er⸗ ſter Ordnung ſoll auch die Stelle abſterben, und ieh wette drauf, die Haͤlfte kann abſchei⸗ den und darch den Zuwachs der vertheilten Geſchaͤfte unter die Lebenden foll keiner mit Arbeit uͤberlaſtet werden.“ „Mein alter Kammerdirektor, dem ich meinen Plan mittheilte, ſchuͤttelte bedenklich den Kopf, und meinte unmaßgeblich, die Ge⸗ ſchaͤfte wuͤrden darunter leiden. Allein das glaub' ich nicht, da ſie nur nach und nach vertheilt werden und man ſich folglich nach und nach an Arbeit gewoͤhnen kann. Noch mehr Einwendungen harte aber der Regie⸗ rungspräſident. Indeſßen ich bath ihn zu berechnen: wenn zu jeder Handvoll Volk, wie in 3 1 8 eneen 3 1— in meiner Grafſchaft, ſo viel Regierungs und Juſtitzbeamten mit ihren Sub⸗und Subſub⸗ alternen norhwendig waͤren, um ſie im Zaum zu erhalten, was fuͤr ein großes Heer von Dienern der blinden Frau Themis ſich auf tauſend Quadratmeilen wohl befinden muͤß⸗ ten?** „»Meine Aeußerungen haben 1ſich wie ein Luftfeuer derbreitet und ich glaube zu bemerken, daß man ihnen nicht die beſte Deu⸗ tung giebt. Indeß das ſoll mich nicht hin⸗ dern meinen feſten Gang zu gehen, und kei⸗ nen Abend will ich mich ruhig niederlegen, wenn ich mir nicht das Zeugniß ablegen kann, vo viel Zetdan zu haben, als ich nach Umfang meiner Einſicht und Kraͤfte thun konnte.“ „Meine Uaterthanen ſollen dabei nicht zu kurz kommen. Ich habe an alle Aemter den Sefehl ergehen laſſen: mir genauen Be⸗ richt von dem Zuſtande eines jeden Dorfs von ihren Maͤngeln und Gebrechen und den Mit⸗ teln, wie ihnen aufzuhelfen, einzugeben, und auf dieſe Berichte will ich eine perroͤnliche Unterſuchung anſtellen und mich an Ort und Stelle uͤberzeugen.“—— „O gnaͤdige Graͤfin!— eine Menge Vorſäͤtze ſchwellen mein Herz auf; einer er⸗ zeugt * zengt ſich aus dem andern, und ich habe alle Hoffnung die Thorheiten meiner Jugand zu entſuͤndigen.“—. „Meine ſchoͤnſte Hoßaang aber— gnäs dige Graͤfin, dem Papiere kann ich ſie nicht anvertrauen! in kurzem habe ich die Ehre Ihnen perſoͤnlich aufzuwarten und mir Ihre Wohlgewogenheit zu erbitten.«⸗ Das dreizehnke Kapitel. . Fortſedunga a us dem Kloſter. De von Albin ſo deilig derſprochne Nach⸗ richt blieb aus, und Eulalie erklaͤrte ſich ſei⸗ ne Wortbruͤchigkeit auf folgende Art: Mbin hat den Herrn von Loͤwenzahn ge⸗ funden, und dieſer macht ihm das Stillſchwei⸗ gen zum Geſetz, weil er unentdeckt bleiben, weil er nicht einmal haben will, daß man ſei⸗ nen gewaͤhlten Aufenthaltsort naͤher wiſſe. Warum aber Lowenzahn ſelbſt die freund⸗ ſchaftliche Offerte ſeiner Nichre und die Maaß⸗ regeln, welche ſie in Betreff Goldchens er⸗ griffen, mit Stillſchweigen uͤberging, war ihr 320 GASA ihr nicht fo erklaͤrlich, und faſt glaubte ſie, er wolle ſie durch fein Stillſchweigen ſeine Mißbitligung fuͤhlen laſſen, daß ſie Goldchen der Prinzeſſin wiedergegeben habe. Rach Verſtuß eines Monats war Aga⸗ thon in Porkobelle; indeſſen ſein Aufenthalt war kurz. Er berichtigte feine Angelegen⸗ heiten, und erhielt vom Koͤnige Brioreus ſei⸗ ne Dimiſſion als General. Sein Freund Engern war verreiſt; we⸗ nigſtens erhielt er die Antwort, als er in ſei⸗ ne Wohnung ſchickte.. Fühlt' er es, fagte Aigathon, daß ich bloß dem Etibet ein Opfer bringen wollte, und er iſt ſo freundſchaftlich und erſpart mir die Muͤhe? Indeſſen er hat mir aus verſchied⸗ nen Verlegenheiten geholfen, und ich wuͤn⸗ ſche, daß ich ihm meine Erkenntlichkeit bewei⸗ ſen kann. Zuverſichtlich rechnete er dabei auf den regierenden Grafen; allein das Schickſal warf ihm eine andere Koͤrnung hin, die er begierig annahm und daruͤber die Kreunde ſchaft des Grafens fahren ließ. Die geheime Verhandlung Agathons mit der Graͤfin uͤbergehen wir hier, da ſie ſich in dem Erfolge am beſten darſtellt; und eben ſo legen wir noch mehrere Prieie Clothildens, bis 8 e 321 bis auf einen beiſeite, weil ſie nichts enthal⸗ ten als eine Erzaͤhlung ihrer Beſchaͤftigungen und eine Darſtellung ihrer Empfindungen bei den verſchiednen Auftritten, wodurch aber kein Leſer und keine Leſerin ihren Karakter genauer kennen lernt, als er ihn aus den ge⸗ lieferten kennen kann. „Holde Graͤfin,“ ſchreibt Clothilde, „noch kurze zwei Monate und mein Novizen⸗ jahr hat ſeine Endſchaft rreicht. Die Zeit iſt ſchnell verfloſſen, und frage ich mein Herz wie? ſo kann ich mir das Geſtaͤndniß nicht ver ſagen: ungleich ruhiger und zufriedner als am Hofe meines Vaters; allein— es hat auch eine Menge Nebenanmerkungen bei der Hand, zum Beiſpiel: was habe ich in der Zeit der Welt genuͤtzt? was habe ich Gu⸗ tes geſtiftet? und hundert andere Fragen mehr, die meiner Zufriedenheit einen gar großen Eintrag thun und ein gewiſſes Sehn⸗ ſuchtsgefuͤhl erregen, welchem ich keine be⸗ ſtimmte Venennung zu geben vermoͤgend bin.“ „Die fromme Schweſter Benedikte un⸗ terlegt meiner Sehnſucht einen frommen Sinn, verweiſt mich auf anhaltendes Gehet und ver⸗ ſichert mich, daß ſie in reine himmliſche Lie⸗ be zu dem Gekreutigten uͤbergehen und mir X in 3²22 ASn in Zukunft ein Vorſchmack der Seligkeit, reich an unbeſchreiblichen Freuden ſeyn werde.“ „Ich kann und darf nicht widerſpre⸗ chen, weil unſere Regel allen Widerſpruch bei Belehrung der Vorgeſetzten bei ſcharfer Ahndung unterſagt; allein mein Gefuͤhl wi⸗ derſpricht der Behauptung zu laut, als daß mich irgend eine Belehrung uͤberzeugen koͤnnte.“ „Indeſſen ich bin feſt entſchloſſen, alles der Zeit zu uͤberlaſſen und jener unerkannten Leitung, die wir nur in ihren Wirkungen wahrnehmen und nicht begreifen koͤnnen.“ „ Dieß ſchrieb' ich vorigen Abend und gerieth daruͤber ſo in tiefes Nachdenken, daß ich am Ende mich muͤde fuͤhlte und die Fort⸗ ſetzung bis auf heute verſchob.“ 18 „Der ſtille Wahnſinn der Fraͤulein Ag⸗ nes von Billerbach hat ſich ſonderbar ent⸗ wickelt. Sie ward dieſen Morgen, als die Nonnen die Horas ſangen vermißt; allein da dieß ſchon einigemal der Fall war, ſo ſchoͤpfte man keinen Argwohn und entſchuldigte ſie mit ihrem Gemuͤthszuſtande. Als man ſie aber auch nachher nicht bemerkte, da ſie doch gewoͤhnlich mit dem fruͤhen Tage herumſtreif⸗ te, OrAn 323 te, ſo ging man auf ihre Zelle in der Ver⸗ muthung, daß ihr eine Schwaͤche zugeſtoßen ſeiz allein wie erſtaunte man, als man ſtatt ihrer ein beſchriebnes Blatt auf dem Tiſche und das leere Ordenskleid auf der Lagerſtaͤt⸗ te fand. „Was meine Blicke in den Wolken ſuch⸗ ten,“ iſt ohngefehr der Inhalt ihres ſchrift⸗ lichen Hinterlaſſes,„trennten bisher Laͤnder und Meere von mir. Schweſterneid hinter⸗ ging mich ſchaͤndlich durch falſche Todesnach⸗ richt, um das fuͤr ſich zu behalten, was mir das Theuerſte hier und dort ſein konnte. Zufaͤllig ward der Plan der Bosheit entdeckt, die Schweſter dem boͤſen Gewiſen uͤbergeben und ich von meiner Taͤuſchung befreit. Mit welchem Herzen ich den Antrag zur Flucht ergriff, kann nur ein Herz beurtheilen, wel⸗ ches ſo fuͤhlt, wie das meinige. Der All⸗ wiſſende wird mir die Suͤnde nicht zurechnen, daß ich die Feſſeln zerbreche, welche die Bos⸗ heit geſchmiedet hatte; er wird mich auf mei⸗ ner Flucht ſchuͤtzen und mich zum ſuͤßen Ziele führen, welches ich ſo lange erſt jenſeit des Grabes zu erreichen waͤhnte.“ &„Die 324 „Die Geſchichte hat tiefen Eindruck auf mich gemacht, holde Graͤfin, und ich wuͤnſch⸗ te eine naͤhere Aufklaͤrung der Geſchichte.“ Schweſter Benedikte beantwortet mir meine Fragen mit Seufzen und frommen Stoßgebetlein urd warnt mich ver den ge⸗ faͤhrlichen Ruͤckerinnerungen an die Welt. Sonderbar! ſoll man auch das aus ſeinem Gedaͤchtniſſe vertilgen, was uns in der Welt lieb war?— Iſt das wohl moͤglich? Schon oft lag ich zum frommen Gebet auf meinen Knien, und ſo andaͤchtig meine Lippen das vorgeſchriebne anfiengen hinzuſprechen, ſo aberraſchten mich doch unwillkuͤhrlich ganz entgegengeſetzte Bilder der Einbildungskraft und ich ſagte das Gebet her ohne an den Sinn zu denken.“ „Aber auch dieß, hoffe ich, wird die Laͤnge der Zeit mindern und die Unruhe, wel⸗ che deswegen mein Herz erfuͤllt, wird ſchwin⸗ den und ſich beſaͤnftigen.“ 3 „Hoffnung haſt Du mir gemacht, hol⸗ de Graͤfin, mich zu beſuchen; aber noch im-⸗ mer ſeh' ich der Erfuͤllung entgegen. Willſt Du es aufſparen bis zu meiner Einkleidung? — O warum ſollt' ich Dir es nicht beken⸗ nen, daß mein Herz jedesmal bei dem Ge⸗ — danm⸗ r.n 325 danken baͤnglich klopft. Und habe ich es nicht meinem Bruder bei ſeinem und meinem Leben geloben muͤſſen, es ihm zu entdecken, wenn ich die mindeſte Reue fuͤhle? Aber fuͤh⸗ le ich auch die?“— .„Nein, holde Graͤfin, ich fuͤhle keine Reue! So baͤnglich mir mein Herz ſchlaͤgt, ſo mancher andere Wunſch meiner Bruſt un⸗ willkuͤhrlich entſteigt, ſo fuͤhl' ich doch keine Reue, ſobald ich auf mein eigentliches Ver⸗ haͤltniß blicke, welches mich nirgends als in der Abgeſchiedenheit des Kloſters eine Ruhe finden laͤßt, die mit meinen Wuͤnſchen und Neigungen mehr uͤbereinſtimmte. Ich uͤber⸗ zeuge mich, daß es unabaͤnderliches Schickſal iſt und fuͤge mich mit Ergebung.“ „ Kuͤrzlich hat mich mein Bruder be⸗ ſucht. Er war ſehr heiter, und war im Be⸗ griff dem jungen Grafen von Schoͤnkopf ſei⸗ nen Gegenbeſuch in Blomberg abzuſtatten. Er ſagte viel zu ſeinem Lobe und unter an⸗ dern auch, daß er den Antritt ſeiner Regie⸗ rung mit mehrern guten Einrichtungen be⸗ zeichnet habe.“ „ bebe wohl, holde Graͤfin ꝛc.“ — Das Das vierzehnte Kapitel. Guͤße Ueberraſchungen. Vier Wochen vor ihrer Einkleidung ward Clothilde von ihrem Bruder uͤberraſcht, als ſie eben an ihn ſchrieb und ihn zu ihrem großen Feſte einlud.— Er trat in ihr kleines Zimmer, ohne von ihr bemerkt zu werden und bog ſich uͤber ihre Schulter hin, um zu ſehen, was ſie ſchrieb.— Sie erſchrack nicht; aber freudiges Er⸗ ſtaunen keuchtete ihm aus ihren Augen ent⸗— gegen, und im gefuͤhlvollſten Tone glitten die Worte uͤber die ſanft geoͤfneten Lippen „„Du Bruder?— die Paver mit dem feurigſten Kuſſe er⸗ wiederte. „Eben lade ich Dich ein,“ ſagte ſie nach herzlicher Umarmung—„und lies!“ indem ſie ihm das Geſchriebne vorzeigt,„ich wuͤn⸗ ſche das Bergnuͤgen Dich perſoͤnlich einladen zu koͤnnen, fuͤhte eine Annaͤherung und— erblicke Dich!“— „Sieh, — — AN 327 „Sieh, was Deine Wuͤnſche vermoͤ⸗ gen!“ erwiederte er ſanft, hielt ſie noch in ſeinen Armen und blickte ihr forſchend in die Augen.— „Ich freue mich Deiner Heiterkeit, Bru⸗ der,“ ſagte Clothilde theilnehmend—„neu⸗ lich fand ich Dich heitrer als ſonſt, und noch heitrer heute.—⸗ „Der heitre Spiegel Deiner Augen,⸗ erwiederte er ſcherzend,„theilt mir die Hei⸗ terkeit mit; ich ſehe Dich, und jede truͤhe Wolke zerſtreuet ſich auf meiner Stir⸗ ne.“—. „Dein Laͤcheln,“ entgegnete Clothilde, „verraͤth mir eine Schalkheit; indsſſen din ich doch ſe eigenliebig, daß ich glaube, die Schweſter habe einigen Eingluß auf die Hei⸗ terkeit ihres Bruders. Bald darauf kam eine Einladung von der Aebtiſſin und Faver fuͤhrte ſeine Schwe⸗ ſter zu ihr Die Aebtiſſin erwartete ſie an der Thä⸗ re ihres Kabinets.— „Clothilde!“ ſagte die Aebtifſin laͤ⸗ chelnd, und drohte mit dem Finger, adie Beſuche kommen eft.“— Clo⸗ 9⁹„ zerriß die Feſſeln des Etikets und der Froͤmme⸗ 328 N Clothilde ſchlug die Augen nieder und fand dieſe Anrede ſo unerwartet, daß ſie kei⸗ ne Antwort darauf finden konnte. Indeſſen freundlich reichte ſie ihr die Hand und fuͤhrte ſie in den Salon und— welche ſuͤße Ueberraſchung! Sie erblickte ihre Mutter, die Graͤſin von Reſenſtern und— den Grafen von Schoͤn⸗ kopf. Die ploͤtzliche Freude iſt dem empfind⸗ ſamen Herzen ein elektriſcher Schlag, und iſt ſie zu groß, ſo wirkt ſie auch zu heftig auf die Lebenskraft: Clothilde ſtuͤrzte mit ausge⸗ breiteten Armen auf ihre Mutter zu und ſank leblos vor ihr nieder. 1 In den Armen der Graͤfin Eulalie er⸗ hohlte ſie ſich wieder. Welch ein Anblick, als ſich ihr Auge oͤffnete und den freudevollen mit Mitleid vermiſchten Blick Eulaliens auf⸗ fieng. „Gott!“— ſtammelte ſie mit beben⸗ den Lippen—„Du ſchenkſt mir der Freuden zu viel auf einmal!“— Eine Crgießung des Herzens wie hier, laͤßt ſich mit keinen Worten darſtellen. Das Gefuͤhl zeigte ſich in ſeiner ganzen Kraft und lei, lei, denn ſelbſt der Aebtiſſin zitterten Freu⸗ denthraͤnen in den Augen. 5 Allmaͤhlig legte ſich das Wogen der Ge⸗ fuͤhle; in ſanften Schlaͤgen floß das Vlut, und die Sprache behauptete nun auch ihr Recht. Indeſſen Clothilde blieb in Extaſe, und es war ihr, als waͤre ſie in eine beſſere Welt, unter alles Liebe verſetzt, was ſie eine halbe Ewigkeit haͤtte entbehren muͤſſen. Nur dann, als man an Tafel gerufen wurde und das ſteife Zeremoniel, wie ein hoͤtzernes unbehuͤlf⸗ liches Geſpenſt einhertrat und das Gefuͤhl hinter die Maske der Wohlanſtaͤndigkeit ſchreckte, wurde den Ergießungen ihrer Freu⸗ de Einhalt gethan; aber deſto beredter wa⸗ ren ihre Blicke.. Und jetzt erſt fiel es ihr auf, den Grafen von Schoͤnkopf in ihrer lieben Geſellſchaft zu finden, und— jetzt erſt beſann ſie ſich, daß ſie in den Ergießungen ihrer Freude den Gra⸗ fen ganz uͤberſehen und ihn als einen lieben Freund behandelt hatte— und heißer ſchoß das Blut bei dem Gedanken aus ihrem Her⸗ zen, unwillkuͤhrlich blickte ihr Auge nach dem Grafen, begegnete ſeinem Blicke und fuͤhlte eine fliegende Waͤrme ihr Geſicht anwehen, die ihren Blick ſchnell niederſenkte.— Eine 0. ErA Eine leiſe Ahnung trat vor ihre Seete und— noch heißer fuͤhlte ſie ihr Blut die Adern durchſtroͤhmen und ihr Geſicht in Glut fetzen; feurige Bilder ſlatterten vor ihren Augen, und vor ihren Ohren rauſchte es wie das Sauſen eines Tannenwaldes, wenn der Wind durch ſeine Kronen ſtreicht.— Sie Hielt das Juch vor ihr Geſicht und ſtand auf, und Eulalie, die ſie genau beobachtet hatte, folgte ihr. Im Rebenzimmer ſank Clothilde an Eu⸗ Laliens Buſen; ſie war in dee heftigſten Be⸗ wegung.— Wehmuth ergriff ſte, und Thraͤ⸗ nen ſchafften dem gepreßten Herzen Linde⸗ vung—. „Prinzeſſin!“ ſagte Eulalie ſanft,„die Freude wirkt zu heftig!« und zog ſie neben ſich auf's Sopha. „Sind wir allein?« erwiederte Clo⸗ thilde ſchwaͤrmend;„— nenne mich nicht Prinzeſſin, holde Graͤtn— nenne mich Clo⸗ thilde oder Goldchen und frage iſt Dir ſo bang und weh? ſo froh und traurig?“— „Ich ſtimmte nicht in die Ueberraſchung,“ erwiederte Eulalie,„weil ich Deine Reitzbad⸗ keit kenne, gutes Kind; aber ich ward ven Deinem Bruder uͤberſtimmt.“ ——— —————— 6.K e 321 „Iſt mein Bruder nicht ein guter Menſch?« rief Clothilde freudig.„Wirk⸗ lich fuͤhl' ich mich gewaltig erſchuͤttert; aber ſeine Meinung war gut, holde Graͤſin; ſtaͤnd“ es bei Dir und ihm, ich waͤre das gluͤckſelig⸗ ſte Geſchoͤpf unter der Sonne⸗“ „Es wird auf Dich ankommen, mein Kind,“ ſagte Eulalie unter zartlichen Kuͤſſen, vob wir etwas zu Deinem Gluͤcke beitragen koͤnnen!« „Auf mich?« rief Clothilde heftiger— „iſt mein Schickſal nicht entſchieden?“— Die Aebtiſſin kam und das Geſpraͤch lenkte ſich auf ihr Wohlbefinden. 1 Clothilde bath um Verzeihung, daß ſie bei Tafel die Stoͤhrung veranlaßt habe; al⸗ lein ſie habe es fuͤr beſſer gehalten, ſich zu entfernen. da ſie ſich ihrer Sinne nicht maͤch⸗ tig gefuͤhlt habe, um die Stoͤhrung nicht noch zu vergroͤßern. Nach Tafel war man ſich wieder ſelbſt Aberlaſſen, und legte alle Feſſeln des Zwan⸗ ges ab, und unvermerkt hatte ſich Eulalie mit Clothilden entfernt und war mit ihr auf ihr Zimmer gegangen; um ungeſtoͤhrt der freundſchaftlichen Unterhaltung zu genießeg was. 33² AANA war Vorwand; Eulalie hatte aber eine ſchoͤ⸗ nere Abſicht.— Clothilde,„ſagte ſie mit muͤtterlicher Zaͤptlichkeit, nach einigen Augenblicken des ſanfteſten Genuſſes des Alleinſeyns;“ Du haſt mir die Mutterrechte zugeſtanden, welche Deine Pflegemutter von Deiner Kindheit an mir uͤbertragen hat, und folglich wollen wir auch jetzt als Mutter und Kind mit einander ſprechen. Ahneſt Du etwa die Abſicht unſers Hierſeyns?— Dein Schwachwerden uͤber Tafel hat mir es wahrſcheinlich gemacht. Graf Agathon hat uns begleitet— zu erfah⸗ ren: ob Goldchens Prophetie: daß er durch eine verlohrne Prinzeſſin von ſeinen Thor⸗ heiten zuruͤckkommen und klug werden ſoll, durch Dich in Erfuͤllung gehen werde.— Sei Goldchens Wahrſagung Ungefehr, leich⸗ ter Scherz, oder was es ſei, dazu bleibt uns keine Zeit, das zu unterſuchen; genug ſie hat ſo bleibenden Eindruck auf ihn gemacht, daß er wirklich einen lobenswerthen Anfang im Klugwerden gemacht hat, welcher fuͤr die Zukunft viel verſpricht.— „Aufrichtig, mein Kind, Du biſt nicht fuͤr das Kloſterleben erzogen, und ehe Du Aebtiſſin wirſt, haſt Du Dein Leben in der — Stille 4.ANA 333 Stille verſchmachtet. Ich wuͤrde auch zu⸗ verlaͤſſig Deinen Entſchluß wankend gemacht haben, wenn ich nicht voraus ſah, daß ich ihm zuvorkommen koͤnnte, ehe er unabaͤnder⸗ lich war. Sieh' gutes Kind, Du warſt mit lauter Verraͤthern umgeben, die Dich Deiner Einbildungskraft uͤberließen, und unterdeſſen in aller Stille ihren Plan zur Reife brachten. Ich kenne das weibliche Herz zu gut, als daß ich nicht haͤtte wahrnehmen ſollen, daß ſich der leichtſinnige Agathon an Deinem Her⸗ zen einen ſehr warmen Vorſprecher erworben haͤtte; und Dein gaͤnzliches Stillſchweigen von ihm in Deinen Briefen, abgerechnet ei⸗ nige Unterbrechungen, die Dir Deine Delika⸗ teſſe zur Pflicht machte, konnten nur meine Wahrnehmung zur Gewißheit beſtaͤtigen.* „Dieſelbe Bemerkung machte ich bei dem Grafen. Ein junger Wuͤſtling, welcher. gewohnt war ſich aͤber alles mit Leichtigkeit hinauszuſetzen, bewies Achtung gegen die Zartheit des Zigeunermaͤdchens, und fuͤhlte Ehrfurcht vor der Prinzeſſin. Sei es noch ſo große Seltenheit, daß Liebe in dieſem Stande zwei Herzen vereinigte, ſo iſt es doch gewiß der Fall hier.“— Clo⸗ 334 1e Clothilde vetbarg ihr Geſicht an Eulas liens Buſen und— weinte. „Ruhig, mein Kind, bis ich Dir von allem, was ich gethan, Rechenſchaft abge⸗ legt habe.— Dein Bruder kam zu mir. Ich fand ihn, wie ich wuͤnſchte, und wie Du mir ihn geſchildert hatteſt. Ich entdeckte ihm meine Bemerkung, und er bezeigrte eine Freude ohne Grenzen.— Dieß die Veran⸗ laſſung der Bekanntſchaft und jetzt inniger Freundſchaft Deines Bruders und des Gra⸗ fen. Daß wir Dich hier uͤberraſchen, iſt das Werk Deines Bruders. Ich wuͤnſchte einen mildern Angriff auf Dein empfindſa⸗ mes Herz; allein die Maͤnner lieben das Stuͤrmiſche, und ich mußte nachgeben, da Paver Deine Mutter gewonnen hatte.— Auf Dich— und auf Dich allein, liebes Kind kommt es nun an: ob Du Dich binnen vier Wochen als Nonne einkleiden, oder mit dem Grafen von Schoͤnkoͤpf vermaͤhlen willſt. Welr chen Theil Du ergreifen willſt? zu jedem ſei meiner herzlichen und aufrichtigen Wuͤnſche verſichert.« „Zweifelſt Du, was ich waͤhle?“ ſagte Clothilde, indem ſie Eulalien mit Kuͤſſen uͤber⸗ ſtroͤmte.—„Freilich koͤnnt' ich dieß nicht meiner eAC 335 meiner Mutter und Riemand in der Welt als Dir ſo offenherzig bekennen. Aber ich weiß auch, daß Du mich bei jedem Gebrauch, welchen Du davon machen wibſt, ſo viel mög⸗ lich ſchonen wirſt.“ Eutalie umarimte Goldchen. „Sei unbeſorgt Kind,“ ſagte ſie;„was ich Dir jetzt geſagt habe, habe ich ſchon Dei⸗ ner Mutter geſagt und Deinem Bruder. Die erſtere wird Deine Zartheit ſchonen, dafuͤr ſtehe ichz und ſollte letzterer auch ſein feierliches Verſprechen vergeſſen, ſo rechne es ſeiner Freude zu, daß er Dich aus den kloͤ⸗ ſterlichen Banden befreit ſieht— Nun aber muß ich Deiner Mutter einen Wink geben, und Morgen bei Tafel— die zahlreich be⸗ ſetzt ſeyn wird,— wird Deine Mutter die ſchon vorbereitete Aebtiſſin um einige Tage Urlaub fuͤr Dich bitten, ſie nach Plettenburg zu begleiten, und Uebermorgen reiſen wir ab. Sie gingen darauf zur Geſellſchaft zuruͤck und fanden ſie bei einer Parthie Whiſt.“ Dae Das funfzehnte Kapitel. Ein neuer Beitrag zur Freude. Denſelben Abend meldete man der Aebtiſ⸗ ſin, daß zwei fromme Pilger eingekehrt waͤ⸗ ven und um Nachtlager baͤthen. Der Fall war haͤufig, und man erwaͤhnte ihrer nich weiter, als die gehoͤrigen Befehle gegeben waren. Eine Stunde drauf kam der Kammer⸗ diener der Graͤfin, und ſagte ihr leiſe in's Ohr, daß er ſie zu ſprechen wuͤnſche; er hin⸗ terbrachte ihr, daß er den einen Pilger fuͤr Albin halte.. Eulalie rief den Grafen: „Erinnern Sie ſich wohl genau des 4 Oberrichters“ fragte ſie laͤchelnd— „Sehr beſtimmt!“ antwortete Aga⸗ thon. 8 „Und wuͤrden Sie ihn auch wohl im Pilgergewande kennen 2 ſetzte ſie ihr Fras gen fort⸗. „Wie ALSMAA 3³⁷ „Wie gerathen Sie auf die Vermuthung Eulalie?“ erwiederte Agathon freudig und war ſchon im Begriff zu gehen. 1 „Mein Kammerdiener,“ entgegnete Eulalie,„glaubt in dem einen Pilger unſern Albin zu erkennen.“— Ohne auf die Graͤfin weiter zu hoͤren nahm Agathon den Kammerdiener bei dem Arme und eilte mit ihm fort. Im Kloſter war ein beſonderes Zimmer zum Quartiere frommer Pilger beſtimmt, und ſtuͤrmend trat Agathon hinein, ſo daß die beiden Pilger, die eben ihr kaͤrgliches Abend⸗ brod genoſſen, erſchrocken aufblickten. „Guten Abend fromme Vaͤter,“ ſagte Agathon— vverzeiht, wenn ich etwas rau⸗ ſchend eure Stille unterbreche.“— Sie ſtanden von ihren Sitzen auf, und kaum hatte Agathon des aͤltern Geſicht, wel⸗ ches ihm der runde flache Hut in's Dunkel geſtellt, etwas genauer betrachtet, ſo hatt' er ihn auch mit einem Schritt in ſeinen Armen und an ſeiner Bruſt. „Geſegnet ſei mir die Stunde!“ rief eer—„wie freue ich mich.“ Der Pilger wand ſich ſanft los. 9 „»Sie verkennen mich, mein Hetr,“ ſag⸗ te er,„wer ſie auch ſind; und ſo ſchoͤn und wohlthaͤtig ein ſolches Willkommen dem ſeyn wuͤrde, dem es zugedacht iſt, ſo verdiene ich es doch nicht.“— „O Sie verdienen ein noch ſchoͤneres Willkommen,“ rief Agathon, eilte fort und hefahl dem Kammerdiener zu warten. „Wer war der liebe junge Mann,« fragte der aͤltere Pilger ſic fremd ſtellend den Kammerdiener.— „Der regierende Graf von Blomberg! 44 aantwortete dieſer. „Der zweite Pilger druͤckte den Hut tiefer in's Geſicht und wiederhohlte: „Der regierende Graf von Blomborg? — iſt Graf Alexander geſtorben? den hab' ich vor langen Jahren geſehen.“„ „Wohl moͤglich!“ erwiederte der Kam⸗ merdiener laͤchelnd und trat ihm etwas naͤher. „Wir ſind verrathen, Herr,« ſagte der juͤngere in Zigeuneeſprache. „Ich begreife nicht,« erwiederte jener in derſelben Sprache,„wie er hieher kommt!— 4 „Der Graf beſucht die Aehtiſſin?“ frag⸗ te der andere den Kammnetdiener⸗ G „Dit eA 3³⁹ „Die Aebtiſſin hat mehr bekannten Beſuch,“ antwortete dieſer, nund faſt ver⸗ muthe ich— ich vermuthe⸗ nicht bloß, ich ſe⸗ he ſchon Faßfeln— eine ſolche Ehre wider⸗ fuhr hier wohl noch keinem Pilger— ſehn ſie, meine Herven, dert kommt der Graf uͤbern Hof und hat zwei Damen am Arm;— ſie werden ohne Zweifel noch keine Puger geſe⸗ hen haben.“ Der aͤltere Pilger ſtand auf und trat gegen das Licht.* Der Graf trat mit Calalien und Clo⸗ thilden herein. Clothilde ließ des Grafen Arm los. ſtuͤrzte an des aͤltern Pilgers Buſen, und rief laut:. „Gott er iſt es! Vater Pataſch!“— Wie Wachs an der Sonne ſchmolz des Pilgers Vorſatz ſtandhaft zu laͤugnen. :„Mein Goldchen!“ rief er,„und druͤck⸗ te mit ſeinem langbaͤrtigen Munde einen zaͤrt⸗ lichen Kuß um den andern auf Mund und Wange.“ Unterdeſſen hatte ſich Eukalie Albinen g ge⸗ naͤhert und laͤchelnd unden mit drohender Stim⸗ me ſagte ſie: „So „ Schickſal entſchuldigt,“ ſagte Eulalie 340“ „ So ſtraft das Schickſal den Wortbruͤ⸗ chigen— daß es ihn ganz unerwartet in meine Haͤnde fuͤhrt, um ihn dafuͤr zu ſtrafen.— Ploͤtzlich ließ Löwenzahn Clothilden los.— E hon 123 m „Waͤs hab' ich gethan,“ rief er— vich habe eine Heilige umarmt und gekuͤßt 3 — und ich war durch einen andern ihr Raͤu⸗ ber.“— „Still Vater!“ rief Clothilde freudig und druͤckte ihm ihre Hand auf ſeinen Mund „ich will das Wiedervergeltungsrecht aus⸗ aͤben, und Dich Deinem ſtarrſinnigen Vorſatze rauben.— 98. Sie fuͤhrte ihm Eulalien zu.— „Hier Deine Tante, Vater Pataſch—! — warum kann ich Dir nicht auch Mutter Anna zufaͤhren!ie Loͤwenzahn trat ehrerbiethig zuruͤck. „ Mein Gewiſſen,“ ſagte er mit rauher Stimme,„preßt mit eiſerner Hand die Ge⸗ fuͤhle meines Herzens zuſammen und erſtickt e im Aufkeimen“ indem ſie ihn umaxmte,„Reue verſoͤhnt, und Tugend loͤſcht mit milder Hand die Ver⸗ gehungen der Vorzeit im Schuldregiſter des Ge⸗ e 2 34 1 Gewiſſens.— Nur laſſen Sie, guter Onkel, die Bitte ihrer Freunde ſtatt finden, und ſchließen Sie ſich nicht aus dem Wirkungs⸗ kreiſe, Dugend zu uͤben, aus!— vielleicht ſind wir vermoͤgend Sie wenigſtens zum Theil mit dem Schickſale auszuſoͤhnen und die Wun⸗ den zu lindern, die es Ihnen ſchluz.“ „Onkel nennen Sie einen geaͤchteten?2« rief Loͤwenzahn mit unterdruͤcktem Schmerz.— „Laſſen Sie uns“— unterbrach ihn Eulalie,„zu gelegner Zeit ausfuͤhrlicher dar⸗ uͤber ſprechen und genießen Sie jetzt die Freu⸗ de des Wiederſehens,„die Ihnen das Schick⸗ ſal als Anfang einer Entſchädigung ſchenkt. Als Anfang ſag' ich: denn wenn Sie die Guͤ⸗ te haben, mich auf mein Zimmer zu beglei⸗ ten, ſo will ich Ihnen noch manche ſchoͤne Ausſicht fuͤr ihr Herz eroͤffnen.“ „Mich bindet mein ſtrenges Geluͤbde! let erwiederte Loͤwenzahn. „So ſtreng?“entgegnete eulalie ſcnet, „daß Sie mich nicht auf mein Zimmer be⸗ gleiten duͤrfen?— Klagen Sie dann nicht das Schickſal der Haͤrte an, wenn Sie hals⸗ ſtarrig ſeine Hand zur Vergütung ausſchls⸗ gen wollen. Loͤwen⸗ * 3 Löwenzahn warf einen bedeutenden Blick auf Albin: „Iſt das wohl Dein Werk?“ ſagte er wehmuͤthig—„da Du alles anwandteſt mei⸗ nen Vorſatz zu erſchuͤttern?“— „Ich mußte mich verpflichten,“ ſagte dann Albin,„auf keine Weiſe Ihnen, gnaͤ⸗ dige Graͤſin oder irgend Jemand Nachricht zu geben, wenn er mir geſtatten wollte, ihn zu begleiten, und ich willigte unter der Be⸗ dingung ein: daß wir im Pilgergewande nach Rom zum Oberhaupte der Kirche walleten und Ablaß empfingen Der Herr von Lö⸗ wenzahn ging meine Bedingung ein, und daß ich meinen Eid nicht gebrochen habe, werden Sie mir, gnaͤdige Graͤfin, begeugen. Eine hoͤhere Fuͤgung hat uns geleitet.“ „Kommen Sie Onketl,“ ſagte Sukalie jiebr ich und reichte ihm den Arm—„ich will Ihnen Albins Behauptung durch eine Erzaͤh ung bekraͤftigen, die Ihrem vertvun⸗ deten Herzen Balſam ſeyn wird.“— as Eulalie ihm zu erzaͤhlen hatte, darf ich meinen Leſern nicht wiederhohlen. Sie ſchlug ihm eine Freiſtatt auf einem ihrer Guͤter oder bei dem Grafen vor, und ganz von ihm ſollte es abhaͤngen, wie wenig oder viel a 343 diel er an dem geſellſchaftlichen Leben Antheng nehmen wollte.— 8* „Ich habe feſt beſchloſſen,* ſagte end⸗ lich Lowenzahn, mein Leben in dieſem Ge⸗ wande zu beſchließen. Ich und Albin haben am Altare die Wallfarth nach Rom gelobt und haben darauf das heilige Sakrament empfan⸗ gen; und dann iſt mein unwiederruflicher Entſchluß, abgeſondert von der Welt in irgend einem Walde als Einſiedler mein Lehen zu beſchließen.— 18 „Wohl dann!“ unterbrach ihn die Graͤ⸗ fin,„ich will Ihnen ein Mittel an die Hand geben, wie Sie ſich Ihden Freunden— Ih⸗ rem theuern Goldchen nicht entziehen, und doch Ihrem Entſchluſſe treu bleiben koͤnnen. — Ich habe insgeheim die Herrſchaft Schlupt⸗ thal gekauft, in deren Waldung die Felſenhoͤts le liegt. Meine Tante Hamold bath mich ſterbend, Mutterſtelle bei Goldchen zu vertre⸗ ten, und ſie iſt mit meinem Beyſprechen hin⸗ uͤber geſchlummert; ich betrachte ſie als mei⸗ ne Tochter und habe die Herrſchaft zu ihrem Heurathsgut beſtimmt. Noch weiß dieß Nie⸗ mand, weil ich die Fuͤrſtliche Delikateſſe ſcho⸗ nen muß. Schlupfthal grenzt mit der Graf⸗ ſchaft Blomberg— verſprechen Sie mir nun, 3 8 Onkel, 344“ Onkel, daß Sie nach vollendetem Gelubde zu⸗ ruͤckkehren und ihre Einſiedelei in jener Hoͤhle nehmen wollen— Sie enthaͤlt ohnehin Ihr Vermaͤchtniß an Goldchen.“— „Welches ich noch unverſehrt Hefunden habe,“ fiel Loͤwenzahn ein.— 3„Deſto ſchoͤner!“ erwiederte die Graͤ⸗ fin,„ſo haben Sie kuͤnftig das Vergnuͤgen, es der jzungen Graͤfin ſelbſt zu uͤberliefern. Ich wollte es in Sicherheit bringen; allein Agathons Nachſuchung war vergebends.“ Das ſechzehnte Kapitel. Was leicht voraus zu ſehen war. An folgenden Morgen hatten die Pilger mit Anbruch des Tages ihre Wallfarth fortgeſetzt, und nur ungewiß hatte es Loͤwenzahn der Graͤfin verſprochen, dereinſt wieder zuruͤck zu komimen, und auch dieß mit dem ausdruͤckli⸗ chen Vorbehalt, es Ciothilden und dem Gra⸗ fen zu verſchweigen, deren Bitten gar nichts uͤber ihn vermogt hatten:— oder vielleicht alles uͤber ihn vermocht hatten, nur daß ſich ein — ene 345 ein gewiſſes Gefuͤhl, welches der Contraſt der Verhaͤltniſſe erregte, dagegen ſtrebte es laut zu geſtehen, welches Geſtaͤndniß ihm die Graͤ⸗ ſin durch Umwege abzulocken wußte, indem ſie ihn in ſeinem Vorſatze beſtaͤrkte und ihre Anſpruͤche in vesſchitdnen Geſtalten an ihn machte.— 4 Miit welchen Empfindungen verließ Clo⸗ thilde das Kloſter! welche Sprache kann Wor⸗ te und Ausdruck haben dieß zu ſchildern! So nahe dem Punkt, ſich fuͤr ihre Lebenszeit von aller naͤhern Gemenſchaft mit der Welt ausgeſchloſſen zu ſehen, ſaß ſie jetzt an der Sei⸗ te ihres Befreiers, an welchen ihr beſcheid⸗ nes Herz zu denken nicht gewagt hatte, und der ſich in ihren dankbaren lohnenden Blik⸗ ken in eine hoͤhere Sphaͤre der Gluͤckſeligen verſetzt fuͤhlte. Soll ich meinen Leſern eine umſtaͤndli⸗ che Beſchreibung aller Formalitaͤten und Eti⸗ ketsſpruͤnge beſchreiben?— Ich glaube da⸗ zu werden ſie eben ſo wenig Neigung fuͤhlen, wenn ſie ſich wirklich fuͤr Goldchen intreſſir⸗ ten, als ich Geduld und Laune dazu habe. Die rN 7 Die Vermaͤhlung wurde auf Veranlaf⸗ ſung Kavers den nemlichen Tag vollzogen, welcher zu Clothildens Einkleidung beſtimmt war; und den vierten Tag darauf langte Agathon mir ſeiner Gemahlin den Abend ſpaͤt in Btomverg ganz unerwartet au. Man hatte ſchon allerhaͤnd Anſtalten zum Empfange ſeiner Gemahlin getroffen, und man beklagte ſich laut daß er der Aus⸗ fuͤhrung zuvorgekommen war. Wir wollen uns ſchon einverſtehn, ſagte er zu den Klas genden— in jedem wohlwollenden Herzen, welches ſich mit unſenn guten Abſichten verei⸗ nigt, werden wir diesſchoͤnſte Einhohlung fin⸗ „ Indeſſen ehrte er auch das Hergebrach⸗ te und gab Hof⸗und Buͤrgerfeſte, entfernt jedoch von allem Prunk, und Clothilde er⸗ warb ſich durch ihr ſanftes, beſcheidnes und holdſeliges Betragen den Beinamen eines En⸗ gels. Jetzt erſt erfuhr es Agathon, daß Eu lalie die Herrſchaft Schlupfthal gekauft hatte.—— 4 „Goldchen behaͤlt doch ihre Anſpruͤche 2as ſagte Agathon ſcherzend,„auf den verborge⸗ nen Schatz?“— Und Und Eulalie uͤberreichte ihm den Kauf⸗ kontrakt mit einem legalen Schenkungsdrie⸗ fe an Graͤfin Elothilde und Schoͤnkopf zu Blomberg.— „Mutter! Mutter!* rief Agathon, und umarmte Eulalien—„ſie beſchaͤmen den armen Grafen. 2999 „Still!“ erwiederte Eulalie, vjetzt noch bleibt die Sache unter uns bis zu ge⸗ legner Zeit, und ich bin Bauferin und Des ſitzerin. Man nahm die Hervſchaft in Augen⸗ ſchein. Die Niederhanung des groͤßtenheils des Waldes dieſſeits des Gebirges, welcher die Felſenhoͤhle deckte, ward beſchloſſen, und binnen Jahr und Tag ſtand der Felſen ent⸗ baoͤßt da, wie eine unzugaͤngliche Rieſenburg und eine halbe Stunde ihm entgegen waren uͤber hundert Haͤnde beſchaͤftigt ein neues Schloß in niedlicher Form am Ufer eines Thales zu errichten, welches die Ausſicht in eine paradieſiſche Landſchaft hatte. Den ſchroffen Felſen kam die Kunſt zu Huͤlfe. Die Felſenkluft ward verſchuͤttet und bequeme Stufen wurden zur Felſenhoͤhle bin⸗ an an beiden Seiten gefuͤhrt. Welch' eine Ausſicht gewaͤhrte jetzt der freie Platz vor der Hoͤhle, 348 Hoͤhle, die vorher durch den Wald gehindert war. 2 Clothilde gerieth in tiefes Nachdenken, als ſie das erſtemal die Hoͤhe erſtieg; und unvermerkt ſank ſie auf die Knie nieder und ihr Herz zerſchmolz in einem froimmen Dank⸗ gebete. Nach zwei Jahren war die ganze Gegend durch Eulaliens ſchoͤpferiſchen Geiſt in eine romantiſche Landſchaft umgeſchaffen, und ſie fand ſie ſo ſchoͤn, daß ſie beſchloß, wenn ſich ein gewiſſer Fall ereignen ſollte, hier in hal⸗ ber Abgeſchiedenheit den Ueberreſt ihrer Jah⸗ re zuzubringen. Und dieſer Fall ereignete ſi ſich gegen die Haͤlfte des dritten Jahres ſchon: Koͤnig Bria⸗ reus ſtarb, und mit ſeinem Tode mußten ſich natuͤrlich Eulaliens Lerhaltniſe in Dortohei lo ſehr aͤndern. 8 “ 349 Das ſerenzehnae Kapitel. wei Jahre war Löwenzahn vergebens er⸗ wartet worden und ſchon nahte ſich das dritte zum Ende. Das Gruͤn der Waͤlder wechſelte ſchon mit gelb und roth und das Falb der Huͤ⸗ gel und Berge verkuͤndete das nahe Abſter⸗ ben der Natur. Agathon und Clothilde befanden ſich in Geldchenſtein,— dieſen Namen hatte Eula⸗ lie dem neuerbauten Schoſſe gegeben— und erwarteten ihre Freundin, die den Reſt der noch leidlichen Herbſtzeit hier zubringen, und dann mit ihnen nach Blomberg gehen, und den Winter da bleiben wollte. Schon neigte ſich die Sonne, und Aga⸗ thon ſaß mit ſeiner Gemahlin am Eingange eines Luſtgehoͤlzes und forſchten die Straße entlang ſo weit das Geſicht ſie trug. Auf einmal lispelten ſanfte Harfentoͤne aus dem Waͤldchen und begleſteten folgende Strophen: g5o E.KSéRNeS O welch' ein wonnevolles Eluͤck! Wir haben uns gefunden In Liebe feſt verbunden. O welch' ein ſel'ger Augenblick⸗ Da uns die Roſenbanden Der Zaͤrtlichkeit umwanden. Laß uns bei fanften Kuͤſſen Der Liebe Gluͤck genießen 4 O Vorſicht, die dieß Gluͤck uns gab! Wir haben uns gefunden In Liebe feſt verbunden Sie g'leit'uns lieblich bis an’s Grab! 6-* 3 Agathon und Clothilde lauſchten Arm in Aem und Mund am Munde dem Geſange zu. Die Toͤne verhallten in der Luft, und— Mei⸗ ſter Siegfried trot im Pilgergewande und die Harfe in der Hand aus dem Gebuͤſch her⸗ vor und gruͤßte das liebende Paar. „Im Pigergewande de vuef Agathon erſtaunt. Er hatte Plettenburg verlaſſen, ohne daß man eine Urſache anzugeben wußte, „Eulalie,“ ſagte Siegfried laͤchelnd, dertraute mir das Geheimniß zweier Pilger; ſchon e 351 ſchon in manchem Gewande hatt ich ſo man⸗ che Gegend durchſtreift; aber nie war ich auf den Pilger gefallen. Der Entſchlußwar eben ſo ſchnell ausgefuͤhrt als gedacht.“ „Haſt Du die beiden Pilger gefunden ⸗ unterbrach ihn Clothilde ſchnell.“. „Die beiden Pilger?«— erwiederte Siegfried laͤchelnd— hielt einen Augenblick inne, und kam Clothilden ſchnell zuvor als ſie ſprechen wollte:—„werden Dir, ſchoͤne Graͤfin, Deine Frage ſelbſt beantworten, wenn Du zuruͤck nach Goldchenſtein kommſt!“— Arm in Arm eilte Agathon mit Closhits den den Abhang hinab gach dem Wege hin, wo der Wagen hielt, und nicht ſchnell genug liefen die Pferde. Clothilde ſprang aus dem Wagen, ſo wie ſie die Pilger erblickte, und ſchloß Loͤ⸗ wenzahn mit unbeſchreiblicher Freude am ih⸗ ven Buſen.— ⸗ „O Gott, wie verdien' ich dieß! rießs Lowenzahn tief geruͤhrt. „ DOu haſt lange auf Dich wurten laß⸗ ſen, guter Vater,“ ſagte Clothilde ſchwaͤr⸗ mend— und indem ſie nach der Belie d hi hinzeigt—„ſchon aühean hatte Deine Nich⸗ 3 2 di 2 352 SRNN die Eremitage zu Deinem Empfang in Be⸗ reitſchaft geſetzt; aber Du kamſt nicht!— Willſt Du bei Deinem Vorſatze beharren, ſo wird ſie jedesmal, wenn Du aus Deiner Clauſe hervortritſt, Dir freundlich hier aus dem Schloſſe zuwinken, denn von nun an wohnt ſie hier— und jeder Wink, das glaube, wie⸗ derhohlt die Bitte, daß Du unter Deine Freunde zuruͤckkehren moͤchteſt. Auch Gold⸗ chen und Hannibal wird oft hier ſeyn,“— indem ſie ſich freundlich an ihn ſchmiegt— „und beide werden ihre Bitten mit Eulaliens Bitte vereinigen.— Wirſt Du die Bitten aller die Dich liehen immer unerfuͤllt laß⸗ ſen?— „Das Oberhaupt der Kirche,“ verſetz⸗ te Loͤwenzahn,„hat mich Kraft ſeiner Statt⸗ halterſchaft auf Erden entſuͤndigt; aber ich fuͤhle mich nicht entſuͤndigt, um mich werth zu achten ein ſo reines himmliſches Geſchoͤpf zu umarmen!“ 8 „Jetzt keine Klage und Nachrechnung, lieber Loͤwenzahn,“ fiel Clothilde ein, faßte ihn am Arm und fuͤhrte ihn in's Schloß,— „ jetzt SAEN 353 „jetzt wollen wir die Freude des Wiederſehens genießen.“—— Den folgenden Tag traf Eulalie ein und hatte eine unerwartete Freude mehr an Loͤwenzahns Anweſenheit, da ſie ihn nun ganz aufgegeben hatte. Einige Tage blieb Loͤwenzahn im Schloſ⸗ ſe, und dann bezog er ſeine Klauſe. Die Bitten ſeiner Freunde vermochten nichts uͤber ſeinen Vorſaz, Auf Angabe Eulaliens waren alle Ein⸗ gaͤnge zu den verſchiedegen Abtheilungen der Berghoͤhle geraͤumig gemacht und mit Thuͤs ren und Zugloͤchern, wo ſich die letztern an⸗ bringen ließen, verſehen, und den Eingang zu der innern hatte ſie gleich anfangs zumau⸗ ern laſſen, um das Geheimniß vor zufaͤlliger Entdeckung zu ſichern. In dem großen geraͤumigen halboffnen Platze, welcher gewiſſermaßen eine Vorhalle zu dem Innern machte, war die Clauſe an⸗ gelegt. Der rohe Felſen war ſo nachge⸗ ahmt, daß es ſchien eine große Felſenmaſſe 4 ſei von oben herabgeſtuͤrzt. Siezhatte drei Ab. 344. 3 8A En Ibtheilungen, die eine zur Wohnung, die andere zur Schlafſtaͤtte und die dritte zur frommen Andachtsuͤbung beſtimmt. Die er⸗ ſtern beiden erleuchtete das Tageslicht und das ewige Dunkel der letztern wurde von einer Ampel erhellt, welche an der Decke her⸗ abhieng.— Loͤwenzahn war bis zu Thraͤnen ge⸗ ruͤhrt, die ihm uͤber die Wangen in ſeinen grauen Bart fieten, als ihm ſeine⸗Freunde die Anſtalt zeigten; heftig ergriff er Eula⸗ liens Hand, druͤckte ſie an ſeine Bruſt und ſagte in gepreßtem Tone: „Ich bleibe har!— Unwiderſtehlich zog mich Goldchen in dieſe Gegend; aber ich war feſt entſchloffen mich heimlich zu entfernen, wenn ich mich von ihrem Gluͤcke Uberzeugt hätte. Welch' ein unmenſchliches Herz muͤßt' ich beſitzen, wenn ich ſo viel Liebe ablehnen wollte!— Ich bleibe, aber.“— 1 Die Freude ſeiner Freunde war unge⸗ heuchelt. Unter dem Namen des Eremiten Jo⸗ hannes ward Loͤwenzahn bald in der ganzen Gegend hekannt— dieß war ſeine Bedin⸗ gung Ce 358 gung des Bleibens. Er brochte ſeine Zeit in nachdenkender Stille und frommen An⸗ dachtsuͤbungen zu, und der fromme Abes⸗ glaube legte ihm bald wundeethaͤtige Eigen⸗ ſchaften bei, weil ihn ſeine Erfahrung unter⸗ ſtuͤtzte, den Rathſuchenden Rath und Troſt zu eveheilen, und ſeine Kenntniß einfacher Mit⸗ tel, den Kranken Linderung und Geneſung zu verſchaffen.. Mutter Annen ward ein einfaches Denk⸗ mal im Parke errichtet, und hier traf Clo⸗ thilde oft mit dem Eremiten zuſammen.„Sie liebte wie ein Eagel“ hatte der Eremit ſelbſt in den Stein gehauen. 2 Albin— legte das Pilgergewand ab 3 uͤbernahm eine kleine Meierei am Fuße der Eremitage und forgte fuͤr die Beduͤrfniſſe des Eremiten. Meiſter Siegfried blieb nur kurze Zeit, wie gewoͤhnlich, und toat dann wieder ſeine Wander uänn an. luch beſuchte Agathon und Clothilde den Enrundr oft in ſeiner Klauſe, und keine Sache von Wichtigkeit unternahm der erſte⸗ re, ohne ſich vorher mit dem Eremiten zu berathen. Den 356 3 AVSe Den Schatz uͤberlieferte der Eremit Clothilden, als ſie mit ihrem erſten Knaben niederkam. Er ward groͤßtentheils zu wohl⸗ thaͤtigen Stiftungen und Anſtalten verwen⸗ det, und erſt nach zehn Jahren druͤckte Clo⸗ thilde dem Eremiten die Augen zu, nachdem er ſich einige Wochen vorher hatte bereden laſſen, die Eremitage mit dem Schloſſe zu vertauſchen. Ende. 65 —— 1 8 8 . 3 3. 8. ₰ ¹ 7. 3 „ 4 n, h e ſinſnmſnnnſennſnn NEIIſnſſiſnt 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 4. 9 L v ä tlc 2