Jeih- und Ceſehedingungen. ]. ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 ½⅜ pfangnahme und Nüdaabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 7 4 ei 3 wird. Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme s Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe eerlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurüͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Lune Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. hirey und die Aristohraten. Dritter Theil. Der Virey und die Aristokraten oder Mexiko im Jahre 1812. Vom Verfaſſer des Legitimen; der Transatlantiſchen Reiſeſkizzen, ꝛc. Ghe e Sedyhues 9 — Dritter Theil. Zuürich, bei Orell, Füßli und Compagnie. 1835. Zweiunddreißigſtes Capitel. Höchſt ehrenwerthes Waidwerk fürwahr; und betrieben, Unter dem Zeugniß eines guten Gewiſſens. Shakespeare. Es war ein herrlicher Tag zu einer ſolchen Fuß⸗ wanderung, einer jener entzückenden Februartage, in de⸗ nen die Friſche eines mexikaniſchen Winters gleichſam koſend in die tropiſche Sommergluth verſchmilzt, um nach einigen Stunden lieblicher Vereinigung ſich wie⸗ der zu trennen. Ein wunderbarer Wechſel in dieſen we⸗ nigen Stunden! Das Thal, und ſeine grandiöſen Berge und Felſenmaſſen, die es in eirunder Form umſchließen, zuvor von der ſchräg herüberſteigenden Sonne bald ſchattirt, bald wieder hell erleuchtet, wird in dieſen Stun⸗ den glänzend licht, was man in der ſüdweſtlichen Zone licht nennt, mit einem Himmel, ſo rein und durchſich⸗ tig und tief; das Auge dringt unwillkürlich tiefer und tie⸗ fer in dieſes goldſchattirte Blau, als wollte es eindringen Der Virey. III. 1 — 2— in die fernen Himmel; und im Herabſteigen begriffen, die Sonne ſo golden, ſo ſtrahlend in dieſem blauen Fir⸗ mamente, und dieſe Strahlen ſo küſſend und koſend mit einem leichten Lüftchen, das ſäuſelt und zum Lebensgenuſſe einladet.— In dieſen Stunden glänzen die großartigen Baſalt⸗ und Porphyrgebirge des Thales am hellſten, die weiße Frau*) erſcheint verjüngt zur Feier des neuen Jahres, und jugendlich prachtvoll zieht die ganze Natur herauf vom üppigen Süden. Es ſind wonnevolle Stun⸗ den, dieſe erſte, zweite und dritte Nachmittagsſtunde, für jeden, der nicht Mexikaner iſt; denn dieſer ſchläft ſeine Sieſta. An dieſem Tage jedoch war keine Sieſta in Mexiko, und die Volksſchar, mit der unſer junge Stutzer die Ta⸗ cubaſtraße herauf kam, war nicht die einzige, die in den ſonſt öden Straßen von Mexiko ſchwärmte. Es iſt etwas ſeltſames um das Schwärmen in Me⸗ xiko;— etwas ſehr ſeltſames.— Im Mirador der Caſa r) zum San Simon Sti⸗ litta, ſo genannt, weil die Vorderſeite des Hauſes einen Heiligen darſtellte, der volle ſieben Jahre auf einem Beine geſtanden, war die Sieſta auch nicht eingekehrt; denn drei Paar feurige Augen glühten durch den vergoldeten Mi⸗ rador, von dem man die Anſicht der Cathedrale, mehrerer *) Itzkaccihuatl, oder die weiße Frau. **) Haus.— Die Häuſer in Mexiko werden häufig nach den auf ihrer Fronte gemalten Heiligen genannt. Regierungspaläſte, und eine weite Fernſicht in die meilen⸗ lange Straße hinab hatte.— Es war ein ſtattlich ka⸗ tholiſch ausſehendes Gebäude, dieſe Caſa de San Sti⸗ litta, mit ſeinem Mirador und zwei Schutzheiligen; denn nebſt obbenanntem Patrone der Gymnaſtiker, hatte noch ein San Francisco ſeinen Schauplatz an der Fronte aufgeſchlagen, und zwiſchen dieſen beiden Schutzpatronen, die drei Mädchen, eine ungleich anziehendere Erſcheinung. Sie waren den Jahren nach, was wir Teens*) nennen würden, die aber in Mexiko Blüthe und Reife ſind. Die fünfzehnjährige Senoritaw) Cöleſtine, das Töchter⸗ chen des Intendanten*) von Valladolid, ein rundes Ge⸗ ſchöpfchen mit einiger Anlage zum Embonpoint, einiger⸗ maßen dicken Lippen, ſchwarzen feurigen Augen, obwohl nicht hinlänglich tiefliegend, und einer recht artigen Taille, obwohl der Buſen mehr Fläche als Rundung hatte, einem geſunden ſpaniſchen, das heißt, einigermaßen ins Gelbe ſchimmernden Teint, und Zähnen von gleichem Co⸗ lorit, eine Wirkung der fatalen Cigarren, die das ſchöne Kind in Rauchwolken aufgehen ließ. Senorita Pimene, die Tochter Senor Don Vivars, *) Nennt man ſcherzhafter Weiſe in der engliſchen Sprache, Mädchen zwiſchen zehn und ſechszehn Jahren. **) Fräulein. ***) Prafekt einer Intendanz, der oberſten executiven Behörde. 3 ——-—eC—iO————— — 1— Oidors der hochmächtigen Audiencia, war von ſchlankerer Taille und gewölbterem Buſen. Auch ſie hatte etwas dickere Lippen, als nach unſern Schönheitsbegriffen nöthig; aber dieſe Lippen öffneten ſich ſo lieblich, und die Oberlippe zog ſich ſo anmuthig zurück, um eine Reihe von Perlen⸗ zähnen zu zeigen, das Auge, obwohl gleichfalls nicht tief genug liegend, funkelte ſo feurig, ſie rauchte ihre Pa⸗ quitta*) allerliebſt.— Laura, die jüngſte der Töchter des Vicepräſidenten der Hacienda Real, hatte ein lieblich rundes Kinn und derlei Wangen. Alle drei aber erfreu⸗ 3 ten ſich der kleinſten Füße, der niedlichſten Hände, der 1 1 ſchwärzeſten Augen, und herrlichen Woodville⸗Cigarren, nebſt einer erſchrecklichen Langweile. Dieſer zu entgehen waren die armen Mädchen, die in der Adlergaſſe, der faſhio⸗ nablen ſpaniſchen Straße wohnten, und durch den Grito, und die nach Hauſe kehrenden Volkshaufen, um ihre Sieſta gebracht worden waren, mit ihren Negermädchen gekom⸗ men, um ihrer Freundin Iſidra einen Beſuch abzuſtatten. Dieſe Freundin Iſidra, überließ ſich ſo eben dem mexikaniſchen far niente. Der Mirador, auf dem die Mädchen lauſchend und rauchend lagen, ſtand mittelſt zwei hoher Flügelthüren mit der Sala in Verbindung. Das obere Ende dieſer Sala bildete die ſogenannte Estrada, der erhabene Platz, auf dem ſich eine Ottomane befand, und auf dieſer *) Eine Papier⸗Cigarre. hingegoſſen eine Doppelgeſtalt, von welcher die eine Hälfte bloß die Umriſſe des Leibes erkennen ließ, die andere aufrecht ſaß. Dieſe Umriſſe verriethen wieder einen ſtarken Bequemlichkeitshang, denn der Gürtel war gelöſet, und der Oberleib nur ſehr wenig mit dem glänzend ſchwarzen Rabenhaar bedeckt, das über dieſen ausge⸗ breitet ſchien, mehr um die Weiße deſſelben hervorzu⸗ heben, als den Zwecken der Bekleidung zu entſprechen. Die Enthüllte, die ihr Hausrecht ſo ungenirt gebrauchte, war nach allem zu ſchließen, noch ſehr jung; von ihrem im Schooße der zweiten Geſtalt eingewühlten Geſicht, war wenig oder nichts zuſehen. Dieſe zweite Geſtalt war nußbrauner Farbe, und ihre Finger wühlten, und ihre Augen bohrten ſo emſig in den Haaren der ihr im Schooße Ruhenden, daß ſie in gewiſſer Hinſicht einer Jä⸗ gerin glich, die in der Haſt des Verfolgens alles um ſich her vergeſſen. Der Saal, in dem die beiden Mädchen ſich befanden, war im ſpaniſchen Geſchmacke der höhern Klaſſen aus⸗ meublirt, das heißt, mit Eſteras belegt, einem Mitte⸗ und zwei Seitentiſchen, auf welchem letztern die Bild⸗ niſſe der Jungfrau de los remedios und des San Jago de Compoſtella ſtanden, und einigen Dutzend Seſ⸗ ſeln mit ungeheuer hohen Lehnen, die wohl die Zeiten Philipps des Vierten geſehen haben mochten. Die Wände waren mit blauem Porzellan bekleidet, die Vorhänge von grünem Corduan, und ſtatt des Luſtre, der in einem — 0— Winkel des geräumigen Saales ſtand, hingen von den vergoldeten Haken ſechs ſeidene Schnüre herab. Auf dem Tiſche in der Mitte lagen einige muſikaliſche In⸗ ſtrumente, unter dieſen eine ſpaniſche und eine mexika⸗ niſche Laute. Es war die letztere ein hohler, hölzerner Cylinder von der Größe einer ſpaniſchen Laute, mit zwei in der Mitte parallel laufenden Oeffnungen; zwei mit ela⸗ ſtiſchem Gummi umwundene Stöcke lagen daneben.*) Im Saale ſowohl als auf dem Mirador, herrſchte eine wahrhaft klöſterliche Stille, und keine Sylbe wurde gehört, obwohl eine Viertelſtunde ſeit der Ankunft der Senoritas und ihrer Doncellas verfloſſen war. Auch die Bewegungen der Mädchen waren nicht lebendiger. Zuweilen regte ſich eine Mantilla, und ein Feuerblick ſtrahlte hinab auf die Straße; aber wegen Mangel an Erwiederung, verglühte die ſchöne Flamme wieder in mat⸗ tes Dahinſtarren. „A ellos, a ellos,**) ließ ſich endlich aus dem Schooße des Mulatto⸗Mädchens vernehmen. „Que quiere,“***) verſetzte das Malutto⸗Mädchen, das mit Argus⸗Augen in den Haaren herum geſpäht, nun aber ungeduldig das rabenlockige Köpfchen aus ih⸗ *) Das Inſtrument, von dem hier die Rede iſt, heißt in der indianiſchen Sprache Teponakli. *) Friſch auf ſie los. *8*) Was beliebt. *ℳ — 7˙— rem Schooße hob, und einem der lieblichſten Geſichter in die feurigen Augen ſah.„Baſta,“ bedeutete ſie ihr im grollenden Tone. Das Mädchen warf einen zornfunkelnden Blick auf die Sprecherin. „Porque?“ fragte ſie;„Porque finin 2*) „Que quiere,“ verſetzte die Kammerzofe.„Matados todos? No Senorita de qualitad ha madatos todos.“**) „Mentira!***⁰) ſchrie die liebliche Spanierin giftig.— „Es verdad!“ bekräftigte Senorita Pimene, Coe⸗ leſtine und Laura, die zugleich in die Haare fuhren, und nach einem kurzen Umherwühlen den augenſcheinlichſten Be⸗ weis der Wahrheitsliebe der Doncella, und ihrer eigenen Duldſamkeit lieferten. Das Köpfchen neigte ſich wieder in den Schooß, und die Doncella ſchickte ſich nun an, das Gewirre der Haare in Locken zu vereinen. Wieder ward es ſtille. Die Mädchen ſahen die Straße hinab, und rauchten und gähnten; die Doncella kräuſelte und thürmte die rabenſchwarzen Haare in Locken und Knoten; alles ward wieder Apathie, bleierne mexi⸗ kaniſche Apathie. *) Warum— warum aufhören? **) Was beliebt? Alle wollen Sie getödtet haben? Kein Fräulein von Stande hat ſie alle getödtet. ***) Eine Lüge. — 8— Aus einem Nebengemache, deſſen Thüre halbgeöffnet war, ſtöhnte und gellte eine Stimme,„ohl! ah! ih!“ ſo ſeltſamlicher Weiſe, daß unſere vier Mädchen in ein lautes Gelächter ausbrachen. Das Gemach war zur Hälfte kleiner, als der Saal, aber weit größer und höher als eines unſerer Schlafzim⸗ mer, und gleichfalls mit blauen Porzellan⸗Vierecken be⸗ legt. In der Mitte deſſelben hing eine Hängematte, in der ein Schlafender oder eine Schlafende ſich befand, den Tönen nach zu ſchließen, die verlautbar wurden. Auf der rechten Seite ſtand ein Mittelding zwiſchen einer Ottomane und einem Bette, das reinlicher geweſen ſein dürfte, als es wirklich war, und auf das, nebſt andern Kleidungsſtücken, auch ein reich mit Gold verbrämter blauer Mantel zu liegen kam. Formloſe Hüte, beſtaubte Bein⸗ kleider, ſchmuzige Wäſche, und Werkzeuge der Reinigung lagen neben Kleidungsſtücken, von denen ein einziges hin⸗ gereicht haben würde, das ganze Haus zu ſäubern, und ſechs Monate hindurch rein zu erhalten. Unter der Hängematte ſaß ein Indianermädchen einen Federſchirm auf dem Schooß; der Kopf war ihr auf die Bruſt geſunken, der Schlaf hatte das Mädchen überfal⸗ len, während ſie der in der Hängematte Schlafenden Küh⸗ lung zugefächelt. Zur Seite des Bettes ſtand ein Mu⸗ latte mit einem Käſtchen von Cigarren, und einem bren⸗ nenden Lichte. „Oh! ah! ih!“ ſtöhnte es wieder aus dem Bette, — 9— und eine Schlafhaube erhob ſich, und eine Hand, die ſie vom Kopfe zog, und ſo ein klapperdürres kaſtanienbrau⸗ nes Geſicht ſehen ließ, deſſen Schläfe, Stirne und Au⸗ genhöhlen dunkel olivengrüne Umriſſe hatten. Auf dieſe letzten Jammertöne, die etwas laut ge⸗ weſen, regte es ſich in der Hängematte. Zuerſt erhob ſich ein gleichermaßen kaſtanienbraunes Geſicht, mit eini⸗ gen erbſengroßen Warzen, und einem Barte geſchmückt, der einem Grenadier nicht übel geſtanden wäre; dann folgte der etwas ſchwere Leib, der aber Folgſamkeit ver⸗ ſagte, und den Kopf wieder nach ſich zog. Ein zweites Mal erhob ſich der Kopf, und durch einen plötzlichen Aufſchwung wurde ein Hals ſichtbar, Schultern, Bu⸗ ſen und alle die Appertinenzien eines weiblichen Ober⸗ theiles, mit deſſen Beſchreibung wir jedoch unſere Leſer verſchonen, denn ſie waren nichts weniger als lieblich zu ſchauen. Die Dame des Hauſes, ſie war es ſelbſt, ſchien ſich nicht im mindeſten durch die Gegen⸗ wart des Mulatten zu geniren, und richtete ſich ganz in der Hängematte auf. „Manca!“ ſchrie ſie mit einer Trompeterſtimme, indem ſie umherſchaute.„Manca!“ ſchrie ſie noch ſtär⸗ ker, und zugleich erhob ſie einen ihrer Füße nebſt Schen⸗ kel, und beide aus der Hängematte werfend, ſtieß ſie die ſchlafende Manca über den Schemel hinab. Durch dieſen Stoß wurde die Hängematte in eine ſchaukelnde Bewegung gebracht, die der Spanierin recht wohlgefällig zu ſein ſchien, denn ſie ließ nun dem lin⸗ ken Fuß den rechten folgen, der, ſo wie jener, weder Strumpf noch eine andere Bedeckung hatte. Sich mit beiden Hän⸗ den an den Seilen der Hängematte haltend, wiegte ſie ſich mit vielem Behagen. Die Dame ſaß im bloßen Hemde. Ein drittes Mal ſtöhnte der Spanier:„Ah, oh, ih!”“ „Don Matanzas!“ gellte nun die Senora.„Mit Ihrem Geſtöhne kann man auch kein Auge zubehalten. Keine Ruhe; nicht einmal während der Sieſta! Car⸗ racco!“ und wieder ſchwang ſich die Spanierin in ihrer Hän⸗ gematte, die nun, durch die erwähnte Manca in ſchau⸗ kelnder Bewegung erhalten, einen ſtarken kühlenden Luft⸗ zug im Zimmer verurſachte, aber auch zugleich Wolken Staubes auftrieb. Wohl zwei Minuten waren verfloſſen, ſeit die Worte geſprochen worden; der Spanier hatte ſich eine Cigarre angebrannt, und bließ Rauchwolken von ſich. Auf ein⸗ mal nahm er die Cigarre aus dem Munde, und begann mit funkelnden Augen: „Muerte y inferno! Hier unterbrach ſich der gute Mann uieder durch die drei Jammertöne:„Oh, ah, ih;“ und ſein kaſta⸗ nienbraunes grünes Geſicht verzog ſich jämmerlich. „Muerte y inferno! Keine Ruhe! Keine Ruhe Senoria, ſagen Sie! Und wer iſt Schuld daran? Wer hat uns von Acapulſo heraufgeſchleppt?“ 1 — 14— „Wären Sie unten geblieben, die Rebellen würden Sie ſo eingepökelt haben wie Teſajo; iſt aber nichts mehr einzupökeln.”“ „Maldetto mal pays!“*) brummte der Spanier. „Wäre ich in der Madre Patria geblieben!“ Die Dame warf, ohne ein Wort zu erwiedern, ei⸗ nen Zlick der wegwerfendſten Verachtung auf den Schat⸗ ten von Ehemann hinüber, denn ſo mochte er füglich ge⸗ nannt werden; nahm von dem Mädchen eine Cigarre und winkte dem Mulatten mit dem Lichte heran. Als ſie die Cigarre angebrannt und gehörig in Rauch verſetzt, hob ſie an: „In der Madre Patria geblieben bei Ihrer ewigen Mahlzeit,**) Ihrer San Antonio⸗Mahlzeit, er) bei Ihren ſechs und dreißig Küchererbſen, die neben zwanzig Augen in ihrer olla de soba, †) herumſchwammen! Fi! no babla cuomo Christiano.“ ††)— „No habla cuomo Christiano,“ wiederholte der Spanier mit einer Art komiſchen Schauders.„Jesu, Maria y Jose! Nosostros— wir, die wir von dreihun⸗ *) Verfluchtes, elendes Land. **) Eine Mahlzeit, die keinen Anfang und kein Ende haf; keine Suppe und kein Deſert; trockenes Brod. ***) Brod und Waſſer. t) Knoöblauchſuppe; die gewöhnliche Nahrung der un⸗ tern Volksklaſſen. tt) Fi! er redet nicht wie ein Chriſt— er redet Unſinn. —— — 2— dert Ahnen abſtammen, unter die älteſten Chriſten gehören, deren ſich Altkaſtilien rühmen kann, deren Vorfahren unter dem großen Guy die Schlacht bei Ronceval“—— „Fi, der Mann redet sin razon. Kommen da den ganzen Weg von Acapulco herauf, um von ſeiner Len⸗ dendarre geheilt zu werden. Wo haben Sie dieſe Len⸗ dendarre her? Sie miſerabler Ehemann; von Ihrem Sa⸗ lamanca⸗Studentenleben! Fi, Maco iſt mir lieber.“ Maco, der Zambo, wandte ſich, und brummte ein Brr? „Komm her, Maco! rief die Spanierin dem Mu⸗ latten zu, der mit weggewandten Augen vor ſie hin⸗ trat, und als er endlich mit der gräulichen Schönheit in Berührung kam, ſie gänzlich ſchloß. Dafür erhielt er eine ſo derbe Maulſchelle, daß ihm Licht und Cigarren entfielen. „Gojo negro!“ ſchrie die beleidigte Spanierin; will dich lehren die Augen zudrücken, wo du ſie offen haben ſollſt.“ Der arme Ehemann hatte während der einigermaßen peinlichen Scene keinen Laut von ſich gegeben, nur ein leiſes Ah! Oh! Ih! entſchlüpfte ihm. Seine Ehehälfte hatte einige Rauchwolken gezogen, und fuhr fort: „Kommen von Acapulco herauf, um Hülfe zu ſu⸗ chen für ſeinen miſerablen, mit der Lenden⸗ und Rücken⸗ darre behafteten Leib, und der alte Narr ſtoßt die Hülfe zurück, weil er den Zambo Don oder Senor nen⸗ nen müßte. Verdammte Narrheit!“ Und wieder ſchwang ſich die Virago behaglich in ihrer Hängmatte. „Narrheit,“ fiel ihr der Mann mit funkelnden Au⸗ gen ein,„Narrheit nennen Sie es? Narrheit!“ rief er halb ſchaudernd:„So mögen Sie, die nicht einen Tropfen vom Blute der Matanzas hat—— Narrheit nennt ſie es,“ ſeufzte der Mann,„Narrheit nennt ſie den Heroismus eines Matanzas, über den ſich die drei⸗ hundert Ahnen ſeines Geſchlechtes im Himmel freuen müſſen, und abſonderlich der große Matanzas, der in der Schlacht von Ronceval—— „Ronceval und nichts als Ronceval!“ brummte die Ehehälfte:„Unſere Vorfahren waren Glieder des Conſu⸗ lado von Sevilla, Senor! verſtehen Sie, und durch mei⸗ nen Vater erhielten Sie die Stelle, und ſind was Sie ſind, mehr als alle Ihre dreihundert Vorfahren zuſammengenom⸗ men, die alle dreihundert nur drei Mäntel beſaßen, und vier Suppenſchalen, in denen ſie ihre olla de soba ſich zuſammenbettelten. Der Spanier warf nun ſeinerſeits einen verächtli⸗ chen Blick auf die Sprecherin. „Wir haben,“ ſprach er im höchſten Grimme,„Oh! Ah! Ih!“ ſtöhnte der Aermſte wieder.„Wir haben,“ hob er mit von Schmerz verzerrtem Geſichte an,„ei⸗ nen Stammbaum, der ſo lange wie die Tacubaſtraße iſt, Donna, merken Sie ſich dieß, und der Ihrige— Pah! — 14— es ließe ſich keine Eſtera zu dieſem Schlafzimmer daraus machen.“ Der Mann hatte ſich aufgerichtet, und die Worte mit ſtarker, gellender Stimme geſchrien; aber der Schmerz erſtickte die letzten Sylben. „Narrheit,“ fuhr er nach einer Weile fort,„Narr⸗ heit nennen Sie es, wenn wir uns weigern, einem über⸗ müthigen Zambo zu willfahren, deſſen Inſolenza ſo weit geht, Senor von einem Nachkommen des großen Matan⸗ zas titulirt werden zu wollen, einem viejo Christiano, deſſen Adel älter iſt, als der des Königs.“ Bei dieſen Worten ſetzte der Mann einen ungeheuern, dreieckigten Hut mit rother Kokarde und Federbuſche auf.“ „Narrheit nennen Sie es?“ fragte er wieder. „Narrheit!“ lachte ſie;„ich würde ihn Magestad tituliren!“ ſchrie ſie, hüllte ſich wieder in eine Rauch⸗ wolke, und fuhr fort ſich ſchaukeln zu laſſen. Der Mann hatte ſo eben eine friſche Cigarre aus dem Käſtchen, das ihm der Mulatto hinhielt, genommen. Er warf dieſe mit einem Muerte y infierno! auf die Erde und ſchwenkte halb wüthend den Hut. „Muerte y infierno! Ah! oh! ih!“ ſtöhnte er wie⸗ der:„Donna, Sie ſind bei meiner Seele eine Verrä⸗ therin!“ und wieder ſetzte er den dreieckigten Hut auf, und nahm eine andere Cigarre, die er anbrannte, und ſich in eine Rauchwolke hüllte. Der Waffenſtillſtand zwiſchen den beiden kriegführen⸗ den Mächten dauerte mehrere Minuten. Der Spanier ſaß im Flanellhemde, ſonſt aber ganz ohne Kleidung im Bette aufgerichtet, einen ſpaniſchen Oberſtenhut auf dem Kopfe; ſeine Donna auf oben beſchriebene Weiſe in der Hängematte. Endlich ſchrie ſie herüber:„Don Matanzas, Sie ſind ein alter Narr, und wäre ich Don Toro——„ „Nennen Sie ihn nicht Don!“ fiel ihr der Gemahl ein:„Donen Sie ihn nicht! Ah! Oh! Ih!“ ſtöhnte der Arme wieder:„Nein, wir wollen nicht! Nimmer! Wir einem elenden Zambo den Titel Senor geben? Wir, deren Vorfahren bei der Schlacht von Ronceval—— 2 Und der Hund verlangte, daß wir aufſtehen bei ſeinem Eintritte, wie vor einem viejo Christiano, und ihn Se⸗ nor getituliren.” „Das Aufſtehen erſparen Sie nun,“ grollte die Donna, „maßen Sie nicht mehr aufſtehen können.“ 3 „Wir den Zambo Don tituliren?“ brummte der alte Spanier,„und aufſtehen bei ſeinem Eintritte? Madre de Dios, quella insolenza! Nein, Senora, da wird nichts dar⸗ aus,“ er ſprach dieß im feierlichen Tone:„Bei der Vierge de los remedios und dem vortrefflichſten aller Heiligen San Jago! Und hätten wir tauſend Beine und zehntau⸗ ſend Lenden und Rücken, und alle wären mit der Darre behaftet, und allen könnte dieſer Zambo helfen, durch bloßes Berühren mit ſeinem Stabe helfen, wie Senor Don Moſes dem iſraelitiſchen Volke half— Donna Anna!“ ſprach der Mann feierlich und ſtolz:„wir wür⸗ den lieber tauſend Rücken verlieren, als den Zambo Se⸗ nor tituliren, oder vor ihm aufſtehen, wir ein viejo Chri- stiano! ein viejo Christiano! ein viejo Christiano! Dixi y basta!“* Dem Manne war während dieſer Erklärung die Ci⸗ garre ausgegangen; er zündete eine friſche an, hüllte ſich abermals in eine Rauchwolke, drückte den ungeheuern Hut tiefer in die Stirne, und nahm einen langen Stoßdegen von der Wand, den er küßte und mit den Worten: Ve- nid mia cara vierge!*) vor ſich hinlegte. Die beiden Eheleute hatten ſich müde gezankt, und es trat nun Stille ein. In der Sala ſchien die Unterhaltung nicht den min⸗ deſten Anklang gefunden zu haben. Die Mädchen ſaßen, rauchten und lagen auf die Sopha's hingeſtreckt, ſelbſt ihre Geſichtszüge hatten den widerlich ſchlaffen Ausdruck angenommen, den wir an den Schönen des herrlichen Mexiko häufig bemerken. Aber auf einmal änderte ſich die Scene. Senorita Nimene hatte anfangs mit hängenden Un⸗ 1 terlippen einem Zuge zugeſehen, der die Tacubaſtraße her⸗ aufkam und bereits einigemale angehalten hatte. Den —— *) Komm, meine theuere Jungfrau! 3 V — 47— Kleidungen der Mehrzahl nach zu ſchließen, beſtand er aus Mitgliedern der cinco gremios.*) „Pah, cinco gremios!“ gähnte Senorita Cüleſtine. „„Ah!“ rief Pimene, und das matt ſchwimmende Auge wurde fixirend, die Unterlippe preßte ſich an die obere, als formte ſie ſich zum Kuſſe, ihre Hand ſtreckte ſich durch den Mirador, die Mantilla fiel wie von ſelbſt in maleriſchen Umriſſen über den Scheitel herab— das Mädchen war verändert. Die beiden andern hatten kaum die Bewegung bemerkt, als auch an ihnen dieſelbe Me⸗ tamorphoſe vorging; ihre Geſichter wurden lachend, die Züge ſprechend, alle waren auf einmal reizend, ganz andere Weſen geworden. „„Don Pinto y uno superbo hombre,“ flüſterte Pimene. 9 „Qui es este?“ fragte Cöleſtine. „No se!“ erwiederten Beide. 1„ Die leiſe geflüſterten Worte hatten die Senorita Iſidra auf einmal aus ihrer trägen Attitude aufgerüttelt. Die Haare waren gelockt und in einen Knoten geſchlungen; ſie warf die Roba über, ſprang durch die Flügelthüren, auf den Mirador, ſchoß einen Blick auf die Straße, klatſchte in die Hände, rief ein lautes: Venid, venid Laro!**) und hüpfte dann mit den übrigen Mädchen zu⸗ *) Fünf Zünfte, Handwerker. **) Kommen Sie, kommen Sie, Theure! Der Virey. III. 2 2 — 13— rück in den Saal, wo alle vier lachend die bunten, ſei⸗ denen Schnüre ergriffen, die, wie bemerkt, von der fünf⸗ zehn Fuß hohen Decke des Saales herabhingen. Die Doncella hatte gerade noch Zeit gehabt, ihrer Gebieterin die Basquina zu überwerfen und die Mantilla am Scheitel zu befeſtigen, als Don Pinto, in Beglei⸗ tung eines zweiten Kavaliers, eintrat. Die Mädchen waren nun maleriſch ſchön. Von der trägen, bleiernen Apathie, die ſie noch zwei Minuten vorher mit ihrer Vampyrlaſt niedergedrückt, war auch keine Spur mehr zu ſehen. Die gelbe Geſichtsfarbe war einem feurigen Roth gewichen; der halbgähnende Mund mit den breiten Lippen war ſchlau und ſpitzig und begehr⸗ lich geſchloſſen; die Augen ſprühten Feuer und Flammen; alles war Beweglichkeit und Anmuth. Die reizende Bas⸗ quina an den vollen, runden Geſtalten bis zu den Knien hinabreichend, darunter die leichten, blauen Seidenröck⸗ chen, der zierliche Faltenwurf der beiden Gewänder mit der unerreichbaren Anmuth des Mantillaſpieles, und hinter dieſen die feurig verlangenden Flammenaugen.— Es war eine herrliche Gruppe, die durch die raſch und keck unter ſie getretenen Kavaliere noch ſehr gehoben wurde. Don Pinto hatte die grüne Manga des Gold⸗ ſchmiedes aus der Plateria leicht und muthwillig über die koſtbare Pelzjacke geworfen; dafür hatte ſein Begleiter, ein junger Creole, ſeine eigene Manga, beide waren hüpfend angekommen, hüpfend waren ihnen die Mädchen — entgegengetanzt,„venid, venid Senores!“ flüſternd, und den beiden Kavalieren die zwei noch übrigen Seiden⸗ ſchnüre reichend. Ein raſcher Händedruck, ein ausdrucks⸗ voller Blick, und die Paare ſtanden geordnet zum Tanze. Das gelispelte venid! venid! ausgenommen, war noch kein Wort geſprochen worden; aber jeder Blick, jede Bewegung ſprachen; die Mädchen waren Feuer und Flamme, und zitternd vor Begierde. „Den Chica*) von Nucatan!“ wisperte Don Pinto. Die Mädchen erglühten. Die Guitarre ſchlug an, begleitet von dem Inſtru⸗ mente, das wir oben beſchrieben haben, und auf welches eines der Indianer⸗Mädchen mit den beiden Stäben ſchlug, oder viemehr ſtrich. Die Töne waren hohl, zitternd, melodiſch, und denen einer Harmonika nicht unähnlich. Die Tänzer ſetzten ſich in eine langſam ſchwebende Be⸗ wegung**). Man konnte nichts ſchöneres ſehen, als *) Ein äußerſt wollüſtiger Tanz. **) Der Tanz, von dem hier die Rede iſt, iſt in den füdlichen Provinzen Yucatan, Oaxaca ꝛc. ſehr beliebt, wird aber auch in Mexiko getanzt, und zwar auf folgende Weiſe: Ein Baum oder Pfahl, fünfzehn bis zwanzig Fuß hoch, wird in die Erde getrieben. Von der Spitze hängen ſo viele buntfarbige Schnüre oder Stricke herunter, als Tän⸗ zer vorhanden ſind; jeder derſelben ergreift einen, und darauf fängt der Tanz um den Baum herum an, der ſo lange dauert, bis ein künſtliches Netz gebildet und die Schnüre ſo kurz werden, daß die Tänzer ſich nicht ferner — 20— dieſe feurigen, vor Wolluſt erzitternden Geſtalten und ihre graziöſen Wendungen. Sie hatten in der einen Hand die Schnüre, die andere trieb mit der Mantilla ihr Spiel. Der Tanz war anfangs mehr ein verſchlunge⸗ ner Gang, wurde aber allmälig ſchneller, leichter, feuriger. Tänzer und Tänzerinnen eilten ſchnell an einander vorüber, durchkreuzten ſich, verwoben ſich. Wie die Schnüre, die ſie in den Händen hielten, ſich allmälig verkürzten, wur⸗ den ihre Bewegungen üppiger; je näher ſie die verkürzten Schnüre an einander brachten, deſto fiebriſcher, glühender wurden ſie, deſto zärtlicher ihre Blicke; die Mantillas fie⸗ len herab, die Tänzer kamen in unmittelbare Berührung mit den Tänzerinnen, ihre Arme umſchlangen ſich, die Lippen drückten ſich an einander. Es war kein Tanz mehr, es war ein beweglicher Knäuel fieberiſcher, von Wolluſt zitternder Weſen, die ſich endlich eng aneinander gepreßt anhielten. Einen Moment blieb die Gruppe in dieſer Stellung; die Muſik hatte innegehalten; dann be⸗ gannen die Inſtrumente wieder, die Tänzer entwirrten ſich, der Knoten löste ſich, die ſchwimmenden Augen ver⸗ hüllte wieder die Mantilla, die lascive Scene wurde wie⸗ der erträglich auch für nicht⸗mexikaniſche Augen. „Que compania hermosa, que brilliante! No pueda bewegen können, ohne die Schnüre fahren zu laſſen; dann fangt man auf dieſelbe Weiſe wieder an, das Netz zu entwirren. — 241— ser compania mas brilliante!“**) gellte die Stimme der Donna, die mit vieler Behaglichkeit dem ſeltſamen Tanze zugeſehen hatte, eine Espece von Capuchon auf dem Haupte, einen Nachtmantel um die Schultern, und Pantoffeln mit hohen Abſätzen auf den ſtrumpfloſen Füßen; in der einen Hand ein Pack Karten, in der andern die Requiſite des Monteſpieles haltend. „Venid, Senores!“ murmelte ſie den Caballeros zu, indem ſie zu einem der Tiſche zutrippelte, vor welchem ſie ſich niederließ. Die beiden Abenteuerer folgten dem Winke und ſetz⸗ ten ſich gleichfalls, ſo ungenirt, als wenn ſie zur Familie gehörten. Die Donna ſchlug die Karten auf. „Rey doro!“ ſprach ſie mit einem ſpitzen Lä⸗ cheln, das der Leichtigkeit der zwei Goldbörſen, die die beiden Kavaliere vor ſich hingelegt hatten, gelten mochte. „Perdito!“ fiel ihr der Fremde ein, der ihr einen Dublon hinſchob. „Reina!“ ſprach ſie wieder. „Perdita!“ antwortete Don Pinto, ihr gleichfalls ſeinen Tribut hinſchiebend. So ging es ein zweites, ein drittes, ein viertesmal. Die zwei hatten allemale verloren; die Dame packte ihre — *) Welch eine ſchöne Geſellſchaft! Wie glänzend! Es kann nichts Glanzenderes geben! 22— Beute zuſammen, warf den beiden einen verliebten, be⸗ deutſamen Blick zu, brannte wieder ihre Cigarre an, und entfernte ſich mit den Worten:„Dios os guarda Cabal- leros!* Wieder flogen die Mädchen heran, wieder flammten die Augen, wieder ſchoſſen ſie ihre feurigen Blicke ab, einige bedeutſame Winke mit den Fächern gegeben, eine leichte Verbeugung, die zwei Kavaliere zogen ſich zurück, und unſere liebenswürdigen Senoritas verſanken wieder in die Arme der bleiernen Apathie, um durch die nächſt her⸗ beigelockten Schwärmer vielleicht auf dieſelbe Weiſe auf⸗ gerüttelt zu werden. Dreiunddreißigſtes Capitel. Ha! Sah man je ſo ſeltſam ein Ding? Shakeſpeare. „ Ein ganz eigenes Leben, dieſes Leben in Mexiko! Alſo dieſe Romerias*) ſind noch immer in der Mode?“ „Gerade als ob kein Morelos in Cuautla Amilpas wäre,“ erwiederte Don Pinto.„Du ſiehſt, das ſpani⸗ ſche Phlegma bleibt ſich getreu; drei rendez- vous, drei venids in einer Calle**). Freilich koſtet jede zehn Du⸗ blons. Welche hat dir ein Stelldichein gegeben?“ „Das Stumpfnäschen,“ bemerkte der Creole. „ Das geht nicht; ſie wohnt zu weit die Adlergaſſe hinab aus unſerem Wege. Nimm die meinige; es iſt Ifidra, ein allerliebſtes Dingelchen. *) Wallfahrten. **) Drei Aufforderungen in einer Straße. „Meinethalben,“ erwiederte der Gefährte gleichmü⸗ thig,„wenn ich kann.“ „Wollen ſehen, Buen provecho! müſſen uns noch⸗ mals an die maestros der cinco gremios halten; der Spitzbube, der Alguazil Coro iſt uns auf den Ferſen; Vigelancia!“ Unter dieſen Worten waren die Beiden vor der Pforte des Hauſes angekommen, vor welchem die Schar, mit der ſie gekommen, unterdeſſen gewartet hatte, bis die Ka⸗ valiere den Forderungen mexikaniſcher Stutzerſitte entſpro⸗ chen, und ihre letzten Dublonen für Liebesblicke, und die reelleren Folgen derſelben eingetauſcht. Es waren großen⸗ theils noch dieſelben Perſonen, die wir bereits vor der Villa des Conde geſehen, und an die unſer Abenteuerer ſich in einer ſeiner vielen Launen angeſchloſſen hatte. „Caracco!“ lachte der Mann aus der Plateria: „Schade, daß Don Pinto nicht die Valenciana gehört; er wäre ein Principe, der das Geld unter die Leute brächte.“ „ Aber wir ſprechen ja von der Anleihe,“ bemerkte hinwieder der Escribano zu ſeinem Gefährten, einem Kupferſchmiede,„und zwar der Anleihe des hochpreisli⸗ chen Conſulado und der Nobilitad, die nämlich das Con⸗ ſulado und die Nobilitad dem Gobernio verſagt haben. Nun aber ſagen wir, eine Anleihe iſt ein pactum, ein contractus, das da kommt a contrahendo, laut leyas de las Indias libro VIII, Cap. 28. Laut denſelben ley as 3 — 25— de las Indias darf kein gente trrazionale eine Anleihe über fünfzehn Duros kontrahiren, welche Anleihe über fünfzehn Duros bloß das Privilegium von Caballeros iſt*), ſo wie Anleihen von über hunderttauſend bloß das Fuero von der hohen Nobilitad, und hinwiederum von Milionen bloß das von höchſten Herrſchaften.“ „Tiquis miquis,“**) fiel ihm der Mann aus dem Parian ein:„Agua sobre agua ni cura ni laya,*r*) Auf den Conde zu kommen.“ 1 „ Pah, auf den Conde zu kommen!“ ſchrie der Es⸗ cribano:„Wir gehen ja von ihm. Demonio! Was wol⸗ len Sie nur immer von einem Caballero reden, gerade als ob diefer Caballero der einzige in der Welt wäre, wo doch unſere Vorfahren aus ſo gutem ſpaniſchen Geblüte—” „»So mögen alle ſiebzehn Höllen Ihr ſpaniſches Blut—— fiel ihm der ſogenannte Adelantado aus dem Parian ein; aber er endigte ſeinen Satz nicht, ſon⸗ dern wurde bleich und verſchluckte die letzten Worte, blieb ſprachlos und mit ihm der ganze Haufe. Mit Allen war auf einmal eine ſeltſame Verände⸗ rung vorgegangen. Sie waren ſchlendernd in der beſten Laune die Tacubaſtraße hinaufgezogen, und der Neres und *) Nach den ſpaniſchen Geſetzen durfte keinem Indianer mehr denn fünfzehn Piaſter gelehnt werden. **) Rothwälſch, Kauderwälſch. **8) Waſfer auf Waſſer bilft und wäſcht nicht. — 26— S angares des Conde hatten offenbar Vieles zu dieſer gu⸗ ten Laune beigetragen. Von dem Schmerze der bittern Täuſchungen, die auf den Geſichtern der Meiſten früher zu leſen geweſen, war auch keine Spur übrig geblieben; dafür war etwas einer Schadenfreude Aehnliches in ihren Zügen herrvorgetreten; man ſah es ihnen an, daß ſie etwas wußtien. Jetzt hatte ſich auf einmal dieſer Zug von Schadenfreude auf allen Geſichtern in Schrecken und Angſt umgewandelt, und dieſes ſo auffallend, daß der Begleiter unſſeres jungen Stutzers verwundert um ſich ſah. Eine Todtenſtirle war eingetreten unter den hundert Züg⸗ lern; ſie ſahen ſuch eine Weile erſchrocken an, wie Leute, die auf böſen Wegen ertappt werden, und ſchlichen ſich dann auseinander, ohne Adios zu ſagen, ohne ein Wort mehr zu ſprechen. „Was iſt das 2“ fragte der Begleiter unſeres Don Pinto. „Siehſt du nicht, wir ſind auf der Plazza⸗Mayor. „Und was weiter?”“ „Wir ſind vor dem Palaſte. „Welchem Palaſte?“ „Mein Gott, welche Frage! Des großen Zauberers, der Mexiko umſtrickt hält, ſo wie die Spinne den armen Kolibri; vor dem Palaſte des Virey. Meiner Seele! in ſeinem Kabinette regt es ſich. Bleibe ruhig!“ flüſterre er ſeinem Begleiter zu,„ſo ruhig als möglich. Lege deinen Arm recht breit in den meinigen; weniger militgi⸗ — 257— riſche Haltung; bewege den Mund, als ob du mit mir ſprächeſt.” Der junge Creole that, wie ihm vorgeſchrieben. Vor ihnen her lief der Adelantado aus dem Parian in geſchäf⸗ tiger Haſt; zwei anderer rannten in der Angſt auf die Kathedrale zu. Der junge Pinto brummte ein Maleditos barran- chos! Wenn jetzt ein einziger Familiar da iſt, ſo ſitzen wir feſt!“ Es war jedoch keiner vorhanden; die Beiden erreich⸗ ten den Parian und eilten dem Adelantado nach, der ihnen die Thür ſeines Ladens vor der Naſe zuſchlug, ſie aber nach einer Weile wieder öffnete, und auf eine Fall⸗ thüre wies, die in ein oberes Gemach führte. „Hier ſind wir einſtweilen ſicher,“ ſprach Don Pinto, dem alle gute Laune vergangen zu ſein ſchien; denn das Herz klopfte ihm hörbar und ſeine Stimme klang hohl. „Biſt du und Mexiko zu Narren geworden?*“ fragte ſein Begleiter, der ſich auf einen Seſſel des mit Man⸗ gas, Röcken, Beinkleidern angefüllten Gemaches nieder⸗ ließ:„Was Teufel ſoll alles dieß?“ „Bei meiner Seele, er war es ſelbſt!“ „Wer?* fragte der Creole. „Der Virey,“ flüſterte er leiſe und ſchaudernd. „Pah,” erwiederte der junge Mann, den Kopf ſchüttelnd.„Iſt aber bei alle dem merkwürdigk, dieſe Leute kommen den Paſeo herauf, luſtig und fröhlicher — 28— Dinge. Kaum ſehen ſie die Höhle dieſes Tigers, ſo ſind ſie, als wenn das vomito prieto ſie berührt hätte.“ „Haſt du bemerkt?“ fragte Don Pinto tiefer Athem holend, wie ſie die ganze Stunde ihre Sinne zuſammen nah⸗ men, um recht betrunken zu ſcheinen, und ja die eigentliche urſache ihrer Luſtigkeit, den Spürhunden nicht zu ver⸗ rathen. Man hätte ſchwören ſollen, ſie ſeien alle todt beſoffen. Ein einziger Blick auf den Palaſt hat ſie alle nüchtern gemacht.“ „Möchte doch wirklich den Mann ſehen; iſt er denn ſo gar furchtbar?“ „Im Gegentheil, das angenehmſte Geſicht das du ſehen kannſt; der beſte Sprecher, San Chryſoſtomo iſt ein Pinſel gegen ihn; der beſte Ehemann, der beſte Va⸗ ter. Du wirſt ihn nie ausfahren ſehen, ohne daß ihm eines ſeiner jüngſten Kinder zwiſchen oder auf den Knien——** Der Fremde ſchüttelte den Kopf ſtärker. „Siehe,“ fuhr Don Pinto fort,„wäre er die blu⸗ tige Hyäne, Calleja, Mexiko wäre ſchon frei; aber er iſt die Katze, und ſo lange er Virey iſt, bleibt Mexiko gefangen. Alle Mühe iſt vergebens. Es traut einer dem andern nicht. Wir hatten es ſchon dreimal darauf ange⸗ legt. Jedesmal verdorben.“ „Pah,“ ein Feigling, der ein ganzes Regiment in den herrlichen botaniſchen Garten einquartirt.“ — 29— „Er iſt klug, er fürchtet, ſeine lieben Landsleute möchten ihm daſſelbe Schickſal, wie Iturrigeray bereiten.“ Beide ſchwiegen einen Augenblick. „Alſo der Unglückliche iſt verſchwunden?“ fragte Don Pinto. „Er muß in Mexiko ſein,“ erwiederte der andere. „Einige unſerer Indianer ſahen ihn auf dem Weg von Ajotla. Der General ſandte mich mit dem Auftrage, du mögeſt alles aufbieten.“ „Danke ſchönſtens für das Zutrauen. Bei meiner Seele! dieſer Meſtize weiß ſchon recht artig zu befehlen. Sag' ihm, er möge derlei Commiſſionen nicht oft wieder⸗ holen.“ Der junge Mann ſtützte ſein Haupt gedankenvoll in die Hand. „Er iſt ſchrecklich mitgenommen,“ bemerkte der Fremde. „Verdammte Raſerei„ unſinnige Raſerei! hat tau⸗ ſend, kann zehntauſend Mädchen haben, hat wirklich das ſchönſte Nädchen Mexiko's, und wirft ſich einer ſolchen Blutſaugerin auf den Hals.“ „Sie ſoll ſchön ſein, dieſe Iſa—“ „Huſch,“ ſprach Don Pinto;„bleibe du hier bis zur einbrechenden Dämmerung; dann gehſt du zur Ma⸗ tanzas; aber beſſer noch, du warteſt hier, bis ich zurück⸗ komme. Du nennſt dich Santa Anna, verſtehſt du mich. Es haben dich drei unſerer verſchmitzteſten Poli⸗ zeiſpione ins Auge gefaßt; dieſe müſſen zuerſt beſchwich⸗ tigt werden, ſonſt biſt du verloren. Adios! in einer, höch⸗ ſtens zwei Stunden bin ich zurück.“ Er drückte dem Fremden, der Niemand anderer, als unſer Major Horatio Galeana war, die Hand, verließ das Gemach und verſchwand in den Windungen des Bazar. Bald darauf flogen die Hauptpforten des Palaſt⸗ thores auf, zum Zeichen, daß der vicekönigliche Hof von ſeinem Nachmittagsſchlafe erwacht ſei. Vierunddreißigſtes Capitel. — Nur herein Wer'’s mag ſein. Shaekspeare. Die Sieſtaſtunde war vorüber. Im Appartement der Vireyna fieng es an lebendig zu werden, denn die hohen Herrſchaften hatten ſich von ihrem Ottomanen erhoben, und beſchloſſen, im kleinen Garten⸗Pavilr lon den Nachmittag zu arbeiten. In den kleinen Gar⸗ ten⸗Pavillon trabten und trippelten daher Gentilhombres und Doncellas, Camarerias und Senoritas, mit Kiſſen und Schemelchen, und Stickrahmen, und Fauteuils, und den tauſend Erforderniſſen eines hohen Arbeitstiſches. Ihnen nach zuerſt ein einfach, à l'enfant gekleidetes Mädchen, das tanzend in das reich verzierte Cabinett hüpfte; darauf zwei ältere Mädchen, zwiſchen vierzehn und fünfzehn Jahren, mehr anziehend als ſchön, die, mit 32— einem recht lieblichen Ausdrucke von Hoheit, einige Befehle den verſtummenden Dienern gaben, und endlich zwei Damen, von denen die jüngere unſere Donna Jſabella, die ältere, ihre um zehn Jahre gereiftere Schweſter, den Kranz vollendeten; das Ganze eine recht liebliche Stufen⸗ leiter weiblicher Anmuth, vom zehnjährigen Kinde bis zur fünfunodreißigjährigen, aber noch immer anziehenden Mutter. 3 Donna Jſabella und die ältere Dame hatten ſich, nach einigen Gängen durch das Gemach, vor zwei Stick⸗ rahmen niedergelaſſen, auf welchen breite Bänder aufge⸗ ſpannt waren, die zu kriegeriſchen Abzeichen beſtimmt zu ſein ſchienen. Die Mädchen hatten die Crayons ergriffen, die Jüngſte klimperte auf einer Guitarre, und als Zu⸗ gabe fand ſich ein Knabe mit einem Steckenpferde und einem hölzernen Schwerte ein, der ſogleich eine Caval⸗ cade durch das Cabinett begann, ein recht liebliches Ge⸗ genſtück zu den emſigen hohen Arbeiterinnen. Das Ganze war recht heiter zu ſchauen; es war die erſte glückliche oder glücklichſcheinende Familie, die wir in Mexiko geſehen. Eine geraume Weile war unter einſylbigen Ausru⸗ fungen verſtrichen. „Mama,) rief endlich die jüngere der Donnas, eine glühende Brünette, die den Crayon niederlegte, und auf⸗ hüpfend, ihre Hand um den Nacken der Mama ſchlang; „Mama, es iſt ein diviner Einfall.“ — 325— „ Ein diviner Einfall,“ wiederholte die rabenlockige Inez, die, nachdem ſie ihre Arbeit gleicherweiſe zurückge⸗ ſchoben, wieder Donna Iſabella mit einem Kuſſe lohnte. „Er iſt nicht übel Kinderchen,» ſprach die Donna ſelbſtgefällig,„und er ſchoß in unſerm Köpfchen auf, als wir uns eines ſolchen Schwunges gar nicht verſahen, ge⸗ rade als wir von dem fatalen Conde de San Jago nach Hauſe fuhren, das angenehme vis-a-vis, Don Ruy Go⸗ mez, uns gegenüber, zähneklappernd vor Wuth, und noch immer nicht begreifend, wie dieſes Conſulado und dieſe Nobilitad,“ ſie ſprach dieſe Worte in einem ſpitzig wegwerfenden Tone,„es wagen konnte, ſich der Ungnade Sr. Excellenz bloß zu ſtellen.“ „Heilige Jungfrau! Schweſter, wie du nur ſcherzen kannſt,“ verſetzte die ältliche Dame,„Don Vanegas war ſehr böſe.“ „War er es wirklich, Schweſterchen?“ lachte Donna Iſabella.„Mein Gott, er bildet ſich ja immer ſo viel auf ſeine Diplomatie und ſein Menagiren ein, und in einer Affäre, die doch gewiß ein vorläufiges Menagement verdiente, hat er auf einmal den geraden Weg einzuſchla⸗ gen für gut befunden, und nun wundert es ihn, daß dieſes Couſulado und dieſe Nobilitad, den ledernen Trueba und trockenen Pinto, abgefertigt haben, die zäheſten Pa⸗ trone, die wir in unſerm lieben hochadelichen Mexiko haben. Se. Excellenz pflegten ſonſt vorläufig uns zu Der Virey III. 5 — 34— fragen; Sie haben dießmal der Audiencia den Vorrang gegeben,“ fuhr ſie ſpottend fort;„und ich glaube, Schweſterchen, die Frage, wäre ſie geſchehen, wäre nicht ganz überflüſſig geweſen. Ah, la belle France! Siehe Schweſterchen! auch in dieſer Hinſicht iſt uns la belle France unendlich überlegen; da ordnen die Damen erſt vorläufig im Boudoir die Fäden, die ſie in ihren Salons zu Netzen ſpinnen, um mit ſelben die große Nation zu umgarnen. Wir halten nun zwar einen Salon; aber die liebe Excellenz iſt ſo ganz von ihrer eignen Aimabi⸗ lits überzeugt, daß ſie Niemanden ſonſt zu Worte kom⸗ men läßt. Wenigſtens was die Nobilitad, und vorzüg⸗ lich den Conde betrifft, ſo bin ich ganz gewiß, daß wir reüſſirt hätten.“ Sie legte bei dieſen Worten die Hand an den Hals, um den nun die Perlenſchnur geſchlungen war, die wir früher an der Condeſſa zu bemerken Gelegenheit hatten. „Sie ſind ſehr ſchön,“ bemerkte die Vicekönigin, „die ſchönſten, die wir in Mexiko geſehen haben.“ „Die kleine Gräfin konnte uns doch nicht ihre Schönheit bewundern hören, ohne ſie der quaſi Prinzeſ⸗ ſin zu Füßen zu legen;“ lachte Donna Iſabella.„Es iſt eine kleine Entſchädigung für die fatale Geſellſchaft, in der wir uns ennuyirten. Wirklich eine ſchrecklich ennuyante Espece von Menſchen dieſe Creolinnen.“ „Die jedoch gegenwärtig geſchont werden müſſen, ſogar flattirt, wie Don Vanegas ſagt;“ bemerkte die Vireyna mit etwas einfältigem Geſichte.„Man ſpricht ſehr viel Gutes von dieſer Condeſſa.“ „Sie iſt nicht übel,“ verſetzte die Donna,„und die Art, wie ſie uns dieſes kleine Cadeau darbrachte, war recht allerliebſt, und zeigt, daß ſie Takt beſitzt. Wir haben uns vorgenommen, ſie in unſere Nähe zu ziehen, und ihr die Entree zu geſtatten.“ „ Und wie haſt du den Grafen gefunden?“ „Recht liebenswürdig, ja intereſſant. Es iſt etwas wahrhaft Adeliches an ihm. Er iſt ſchweigſam und ver⸗ ſchloſſen, und doch wieder ſo beredt, der perſonifizirte Verſtand, die klarſte ruhigſte Weltanſchauung; und zu⸗ dem dieſe romantiſche Treue, dieſe zärtliche Liebe, die aus dem dunkeln, ſchwärmeriſchen Auge leuchtet. Auch ihn müſſen wir näher an uns ziehen. Es hängt dieſes mit meinen Plänen zuſammen.“ Sie hielt inne, und ſtützte das Haupt einige Augen⸗ blicke gedankenſchwer in die Hand; dann hob ſie wieder an:„Ah, dieſer Conde! Anfangs erſchien er mir ſehr ſtolz und ſteif——» „Was iſt es mit ihm? Was fehlt dir liebe Schweſter?“ „Es wäre gewiß ein großer, ein herrlicher Gedanke,“ ſprach dieſe,„bei der gegenwärtigen Zerriſſenheit der Ge⸗ müther. Es wäre etwas großes, etwas edles, dieſe Zerriſſenheit durch eine ſymboliſche Vereinigung, in ein hormoniſches Ganze umzuwandeln, unter dem Vorbilde — 36— hoher Loyalität, das den Spanier vor allen Völkern der Erde ſo ſehr auszeichnet.“ Die Vicekönigin nickte beifällig. „„Aber wie, und was meinſt du denn eigentlich?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „Der Gedanke, flüchtig entſproſſen, wäre ein Typus, ein herrlicher, ein großartiger—“ Sie hielt wieder inne, wie eine, die ihre Ideen zu ordnen bemüht iſt.„Großes würde geleiſtet durch die⸗ ſen Ball.“ Die Vicekönigin hatte die Schweſter erwartungsvoll angeſehen. Das Wort Ball bewirkte jedoch eine plötzliche Abſpannung. „Aber mein Gott! wie du wieder die Unterlippe hängen läßt;”“ ſchmollte Donna Iſabella die Schweſter, deren Unterlippe wirklich durch eine unliebliche Oeff⸗ nung eine unlieblichere Lücke in den gelb gewordenen Zähnen ſehen ließ. Die Vireyna hatte ihren Fehler ſchnell dadurch verbeſſert, daß ſie fragte:„Aber einen Ball Iſabella, ums Himmelswillen! wie gedenkſt du die⸗ ſes anzufangen? „Einen Ball, das iſt es eben, Mama, es iſt ein ganz ſublimer Einfall;“ meinte Donna Inez. „Ein Ball,“ bemerkte die Vicekönigin kopfſchüttelnd, „während, die Rebellen⸗ kaum vierundzwanzig Stunden von Mexiko ſtehen.“ 2 „Aber doch nicht ſtehen bleiben werden,“ ſpottete die Donna;„und ſelbſt wenn es der Fall wäre, ſo gäbe es uns ein Air von Selbſtvertrauen.“ „Nein, nein; es wäre Leichtſinn, Undelikateſſe,“ verſetzte die Vicekönigin. „„Je nach der Weiſe, Schweſterchen,“ ſprach die ſtolze Donna.„ Nach unſerm Plane ſoll er eine große, eine herrliche Erſcheinung werden.“ „„Est-il permis?* fragte im lispelnd⸗ weibiſchen Tone eine Stimme durch die halbgeöffnete Flügelthüre, und ein Kopf ſtreckte ſich dazwiſchen, der kaum ſichtbar geworden, als der Knabe das hölzerne Schwert in der Hand, und das Steckenpferd zwiſchen den Beinen, jubelnd dem Eintretenden entgegen gallopirte, dem er auch ſofort mit ſeinem hölzernen Schwerte ſo tüchtig zuſetzte, daß dieſer ſich über Hals und Kopf in die Fenſterecke retiriren mußte, wo er endlich eine Papierrolle habhaft wurde, mit welcher er ſich des jungen Wildfanges beſtmöglich erwehrte. „Bravo, Carlos!“ rief der Vicekönig, denn keine geringere Perſon war es„die der junge Muthwille ſo tapfer herausgefordert hatte. Bravo, Bravo!“ wiederholte er, „Adelante, Adelante!“ Und mit dieſen Worten gallo⸗ pirte er halb, halb tanzte er dem Knaben friſch zu Leibe, und begann ein Gefecht, in welchem es Hiebe auf Hiebe regnete. Das zehnjährige Mädchen hatte ſich gleichfalls auf die Seite des Brüderchen geſchlagen, und beide trieben wieder vereint den lieben Papa ſo in die Enge, 2 daß er zum Zweitenmale in die Fenſterecke retiriren, und endlich froh ſeiu mußte, ſich unter dem lauten Gelächter der Familie auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Dafür küßte der Vater den Knaben ſo freudig, und das Mädchen fiel ihm ſo anmuthig um den Hals; es war wirklich ein recht artiges Bild, väterlicher Zärtlichkeit und kindlichen Muthwillens, dem man ſelbſt die leicht hindurchſchimmernde Nüance von Affektation gerne vergab. Fünfunddreißigſtes Capitel. Voilà de l'érudition L'enveloppe est jolie et vaut un million. Molidère. Die beiden ältern Töchter, die ſich von ihren Zeichnungstafeln erhoben, und halbtodt gekichert hatten, waren nun an den Papa herangeſchwebt, und hatten ihn mit ſich auf die Ottomane, mitten zwiſchen die Vi⸗ zekönigin und die Donna gezogen. „Väterchen,“ rief die ältere Emanuele. „» Papachen,“ die jüngere Inez. „Kinderchen,“ erwiederte der zärtliche Papa. „Wiſſen Sie ſchon, Papachen?“ begann die Erſtere, „Tante Iſabelle hat den ſüblimſten Einfall.“ „ Der je ihrem ſentimentalen Köpfchen entglitt;”“ lächelte der Vater. „Und der, hoffen wir, von Sr. Excellenz, dem — 40— regierenden Virey von Neuſpanien, mit der Aufmerk⸗ ſamkeit vernommen werden wird—“ „Die der Abglanz der Majeſtät, und die Krone alles deſſen, was edel in Mexiko iſt, der ſehr edlen Donna Jſabella ſchuldig iſt,“ fiel lachend der Virey ein. „Ne dieſe Zärtlichkeiten,“ ſchmollte die Gattin. „Sind ſeine gewöhnlichen Hofformeln, die er nur wiederholt, um ſie geläufig auf der Zunge zu behalten,“ ſpottete die Donna;„ſieh nur einmal Schweſterchen, dieſe Runzel, die gleich einer Gewitterwolke ſich zwiſchen die Braunen hingelagert.”9 „Ihr Scharfſinn, Schwägerin—“ verſetzte der Vi⸗ rey ſchon mit einem weniger heitern Geſichte. „Schon wieder Verdruß, Lieber?“ jammerte die Vizekönigin. „Es iſt nun ſchon einmal nicht anders,“ tröſtete ſie der zärtliche Gatte;„auf unſerer Höhe müſſen wir es uns gefallen laſſen, unſern Antheil an den rauhen Winden, die in den Tiefen kaum gefühlt werden, dop⸗ pelt und dreifach zu erhalten.“ „Aber warum denn auf dieſen Höhen leben?* fragte die Donna nicht ohne ſanften Vorwurf. Beide, der Vicekönig und ihre Schweſter, warfen auf die Sprecherin einen jener Blicke, die eine glückliche Mitte zwiſchen Mitleid und Geringſchätzung ausdrücken ſollen. „Ach warum?“ verſetzte der Erſtere.„Pour avoir — 41— le plaisir de dire:„Tel est notre plaisir.“ Dieſer Ver⸗ druß, dieſe Sorgen, Liebe, ſie ſind die Würze des Le⸗ bens, ſie ſind die friſchen Biſen, die unſere ermattenden Segel wieder voll ſpannen, die uns raſcher dem Ziele entgegenführen, dem hohen, dem großen, die uns über die feindlichen Kräfte zu triumphiren Gelegenheit geben.“ „O dieſe feindlichen Kräfte!““ ſeufzte die Dame. „Sind wie verzuckerte Maikäfer, die unſere in der Hofluft erſtorbenen Geiſter wieder aufregen,“ erwiederte lächelnd der Gatte.„Glücklich wir,“ fuhr er mit lis⸗ pelnder Stimme und blinzelnden Augen fort;„überglück⸗ lich! daß wir im neunzehnten Säculo leben, dem es auf⸗ behalten war, dieſe Quinteſſenz von politiſcher und ſo⸗ zieller Raffinerie ans Tageslicht zu fördern, das gleich dem Spiritus aus den Hefen der Trauben mit unendli⸗ cher Sorgfalt, von unſern ehrlichen Talmudiſten, für unſern höchſten Nutzgenuß gezogen wird. Ah, dieſe Quinteſſenz, Legitimität genannt. Sieh, Liebe, es iſt ein bloßes Wort, aber dieſes Wort hat zehntauſend Schilde, die ſein inneres Heiligthum bergen und beſchützen.— So ſanft gleiten wir hinter dieſen Schildern dahin, ſo lieb⸗ lich! Alles um uns herum iſt Süße und Milde, alles Lächeln und Huld und Beglückung und Herablaſſung. Selbſt das Grobe wird erſt raffinirt, ehe es zu uns ge⸗ langt; das Bittere überzuckert. Siehe die Tauſende, die pour notre bon plaisir ſich todtſchießen laſſen, ſelbſt ſte gelangen vor unſere Augen raffinirt, in Quinteſſenz, — 42— in abſtrakten Begriffen, in denen beſonders die ſogenannten Gavachos Meiſter ſind, und die ſich recht ſchön und großartig anhören laſſen. Es heißt: ſie ſind auf dem Felde der Ehre geblieben, ewigen Ruhm er⸗ kämpfend, die Nachwelt wird ihren Ruhm ver⸗ künden.— Die Nachwelt, wenn ſie klug iſt, wird eigent⸗ lich über die Tröpfe lachen, ſo wie wir es in unſerm Herzen thun. Aber ſollen wir nicht, Theure?“ fuhr der Mann mit einer ſeltſam zuſchauenden Wolluſt im Blicke fort.„Sol⸗ len wir nicht benutzen, was der Haufe für uns gethan, für uns geblutet? Wir benutzen es großartig und beloh⸗ nen großartig. Wir lächeln, huldreich unſere Zufrieden⸗ heit zu erkennen gebend, und weinen ſelbſt gerührt eine Thräne, obwohl dieſe uns ſchwer ankömmt. Wir ſchre⸗ cken zurück vor Schmerzen, ganz natürlich, wie vor jeder unangenehmen Berührung mit dem großen Haufen, und wenn er ſich uns nähert, oder gar roh an uns her⸗ antritt, können wir dafür, wenn der Blitz unſern Händen entfährt, und ihn niederſchmettert, oder die Hufe unſerer Pferde ihn zertreten? gewiß nicht. Wir ſelbſt ſind nur Milde und Gnade; wir ſprechen nur hoch und edel: Nous le désirons, nous l'ordonnons. Tel est notre bon plaisir.— Kann etwas milder ſein? Iſt es unſere Schuld, wenn die unzarten Handlanger unſerer Gewalt, unſere milden Befehle rauh und gemein in Ausführung bringen und auf die Maſſen mit Feuer und Schwert einſtürmen? 4 — 43— Ah, Calleja!“”“ Die Damen ſchauderten bei dieſem Na⸗ men, und er hielt inne. Der Mann ſprach gerne, ſprach, was bei einem Spa⸗ nier eben nicht ſehr gewöhnlich der Fall iſt, viel und gut; in den blinzelnden Augen lag eine gewiſſe Wolluſt im Genuſſe des Sprechens, und ein Etwas, das weniger harmloſe Seelen, als es ſeine Umgebungen waren, mit Schauder erfüllt haben würde; aber wieder war der Ton ſeiner Stimme ſo einſchmeichelnd, ſeine Sprache ſo ſchön— unſere Leſer dürfen nicht vergeſſen, daß er ſpaniſch ſprach— ſeine Zuhörerinnen waren ganz bezaubert, obwohl es aus ihrer etwas flachen Miene wieder zu erhellen ſchien, daß ſie wenig oder gar nichts von den ſublimen Herzenser⸗ ergießungen des regierungsluſtigen Papa verſtanden. Nur Donna Jſabellas Lippen verbiſſen ſich zuweilen, und warfen ſich dann wieder wie verachtend auf, und im bittern Hohne, den jedoch der Sprecher, deſſen Augen auf die Arabesken des Plafonds wie in Verzückung ge⸗ richtet waren, nicht bemerken konnte. Ihm ſchien es Be⸗ dürfniß zu ſein, ſich hier mitzutheilen, wo er weder miß⸗ verſtanden noch ausgehorcht zu werden befürchten durfte. Er fuhr fort: „Ah, wir ſind doch ſo ganz Güte und Gnade, und Affektion gegen dieſes Mexiko. Aber Ordnung, ja Ord⸗ nung die muß ſein, ja dieſe iſt uns Lebensprincip. Dürfte jedoch noch einige Opfer koſten. Aber iſt es denn auch ein — 44— ſo großes Unglück, wenn ein paar tauſende von Plebejern aus dem Wege geräumt werden, den ſie uns beſchwerlich und rauh zu machen ſich erkühnen? Une nuit de Paris, ſagt der große Condé recht artig. Nein, Liebe, nichts herrlicher als Gewalt; ſie bringt uns den Göttern nahe. Oh, die Donnerkeule Dios ſo ganz in ſicherer Hand zu halten, zu zerſchmettern mit ſeinen Blitzen, und doch in dieſen Blitzen geſegnet, ja angebetet zu werden! Doch leiſe, leiſe, langſam, leiſe,“ flüſterte er, wie in Verzü⸗ ckung.„Sie träumen— wir ſehen, ſie träumen von einer Republik, von Unabhängigkeit mit einer Espece Oberdiener, der ſich für fünf und zwanzig tauſend Duros zehnmal des Tages mit Koth bewerfen läßt. Sie träu⸗ men, ſie träumen; ſie kommen ſprudelheiß heraus; aber ſie werden kühler werden, ſtiller, es billiger geben. GEi, ſo ſtille, wie der Rekrut, wenn er die erſte Kanonenkugel vor ſeinen Ohren vorbeipfeifen hört. Der Wahn wird jedoch vorübergehen. Und dann? und dann?“ er rieb ſich die Hände.—„Ei, aber wir wollen es nicht vorüber⸗ gehen laffen, nicht ganz ſo en passant nehmen. Wir wollen dann Sorge tragen für dieſe heißen Köpfe, freund⸗ liche Sorge.— Wohnung, Koſt und Kleidung. Recht ſchöne Wohnungen, ſehen ſich an wie Paläſte, nur daß ſie Porteullis und Eiſenthüren und Gitter vor den Fenſtern haben, mit einigen hundert Zimmerchen, ſechs Fuß lang, ſechs Fuß breit, fünf Fuß hoch.— Wohl dem, der nur vier und dreiviertel mißt!— Ei, man muß ſie gewöhnen, ſich niedriger zu tragen.“ Indem der Mann ſo ſprach, begannen ſeine Augen ſo ſonderbar zu funkeln, es war, als ob tauſend kleine Schlangen ſich in denſelben herumtrieben, und ihre giftig leckenden Stacheln heraus blitzten. „Und Vorhänge,“ fuhr er fort,„recht ſolide Vor⸗ hänge, haben dieſe Cabinettchen; ſie ſind von Eiſen, und der Fußboden von Stein, recht kühl im Sommer.— Ei, die Acordada und Cordelada, und unſere allerliebſten In⸗ fierniellos. Koſtbare Erfindung! die machen Ordnung. Wir haben Köpfe geſehen, die von Norden herabkamen, und von Süden heraufkamen, ſo ſprudelheiß, ſo unge⸗ ſtüm, daß ſie uns mit einem einzigen Fußtritte nach dem lieben Spanien zurückzuſtoßen meinten; aber nach zweimal vierundzwanzig Stunden waren ſie ſo ſtille, ſo mäuschenſtille; und wir thaten ihnen doch nichts, pol⸗ terten ſie nicht an, ſprachen ſie nicht einmal. Wir lächel⸗ ten bloß huldreich, und— ſonderbar!— unſer Lächeln, und die Ordnung und Stille die um uns herum herrſchen, hatte den magiſchen Einfluß auf ſie. Ah, Ordnung und Ruhe in mitten des Gedränges und Getreibes, das iſt der Probeſtein des politiſchen Genies. Wir haben einiges in dieſem Fache geleiſtet. Ordnung und Ruhe, und doch wieder lärmendes Getöſe und rauſchende Muſik. Wollt ihr Gehorſam— gebt ihnen Muſik, und wieder — 46— Muſik, und ihre Gemüther werden weich, und ergießen ſich, und überfließen— dann werden ſie ſo durchſichtig, daß eure blödeſten Familiars ſie durch und durch ſchauen, und greifen können in der Nacht. Und ein ſolches Grei⸗ fen, das wirkt; ei, das wirkt wunderbar. Das Volk ſieht nichts, und merkt doch, es wird verblüfft und ver⸗ ſtummt.— Dieſes Verſchwinden der lärmenden Sujets, ei, das macht Ruhe. So in Muſik, mitten in fröhlicher Muſik ſchreitet unſere Gewalt einher im Aufſchwunge der Töne, und in den Pauſen, da überkriecht ein wohlthä⸗ tigen Schauer die luſtigen Gemüther, und erfaßt ſie, und ſiehe da! ſie werden ſtille— todesſtille; ſeht ſie an, ſie fühlen und fühlen doch nicht; ſie lachen euch in das Geſicht, und es iſt ihnen ſo weinerlich, daß ihr wieder über ſie lachen müſſet, ihr Herz möchte ihnen zer⸗ ſpringen. Es überkriecht ſie ein Schauder, die tobenden Freiheitsmänner, ein Fieberchen, wenn ſie die Ordnung ſehen, und im Hintergrunde die Acordada und den Ver⸗ dugo. Das Fieberchen kriecht ihnen den Rücken hinab, und ihre Knie ſchlottern zuſammen, und es erfaßt ſie ein Grauen, ein ganz poſſirliches Grauen. Ihre Zunge klebt ihnen am Gaumen. Es iſt ein unbeſchreibliches Etwas, das über ſie kömmt, und ihnen alle Stärke nimmt, dieſen liberalen Helden. Und warum? weil ſie eine ſo ſchwache legitime Lunge haben. Sehe ich einen ſolchen Fieberkranken, dann weiß ich woran ich bin! — 4ᷣs— Und glücklicher Weiſe kann ſich keiner der Engbrüſtigkeit in unſerer Nähe erwehren. Er iſt ergriffen wie der Nordländer vom Vomito. Es iſt das Ordnungs⸗ und Legitimitätsfieber. Ei, wir wollen Mexiko zur Ruhe verhelfen. Der Mann hielt nach dieſer langen Ergießung auf einmal inne, ſah ſich ſcheu um und ſchaute die Geſich⸗ ter ſeiner Familie einen Augenblick mißtrauiſch an; erſt als er den unbekümmert harmloſen Ausdruck derſelben ge⸗ leſen, wurde er wieder heiter. Er wandte ſich zu ſeiner Gattin. „ Ah, Laura, nicht wahr, Liebe? Sind ja auch wir mit einander d'accord geworden, obwohl die Holde an⸗ fangs ungeſtüm war.“ Er küßte ihre Hand.„ Ah, die Donna Laura! Sie war nicht ganz die Donna Iſabella, nicht ganz ſo muthwillig, ſo launig, ſo ganz Stolz, Liebe und Rache; doch hatte ſie etwas vom lieben Schwe⸗ ſterchen. Ah, das liebe Menagiren!“ Er küßte die Hand der Gattin, die wieder die ſei⸗ nige erfaßte und den Kuß erwiederte; aber mit dieſem Kuſſe fiel eine Thräne auf die Hand, die den Mann boshaft lächeln machte. Donna Jſabella hatte dieſe Thräne bemerkt. Seine Hand erfaſſend„ deutete ſie ſchweigend auf die Thräne, und warf dann die Hand mit Verachtung hinweg. Sie war zornglühend aufgeſtanden. — 48— „Tantchen!“ rief der zärtliche Familienvater mit⸗ ſüßer Stimme, obgleich die Farbe wechſelnd:„Tantchen! Was fällt Ihnen bei? was ficht Sie an?“ Die Donna wandte ihm den Rücken und trat zum Fenſter. „„Geduld, Arbeit und Zeit,“ hob der Mann wie⸗ der an,„machen aus dem Maulbeerblatt ein Seidenkleid. G'est avec les empires comme avec les enfans. IIs ont leurs périodes. II faut les gouverner selon des prin- cipes. Unſer Princip iſt Ordnung, und wir ſchmeicheln uns, dieſes Prinzip etabliren zu können. Aber meine Lieben, Theuern, Holden!“ wandte er ſich auf einmal zu den Damen:„Vergebung, tauſendmal Vergebung! In unſerer Zerſtreuung haben wir, theures Tantchen,“ er wandte ſich an die Donna, die ſich wieder geſetzt, und deren Hand er ergriff und küßte,„ganz vergeſſen. Ja, Tantchen, Ihr heutiges Impromptu war wirklich ſublim, ſo ganz à la reine, ou du moins à la princesse. Sie haben alles charmirt; recht, à propos! es hat Senſation gemacht. Auch ſind wir Ihnen ſehr obligirt für die Mühe Ihres Beſuches bei dieſem fatalen Conde, den wir jedoch gegenwärtig zu ſchonen Urſache haben. Aber die Reſultate Ihres Beſuches, ma belle-soeur? Der Graf, war er éperdu?* Die Dame, obwohl ihre Lippen noch immer in Ver⸗ achtung zuſammengedrückt waren, ſchien für die Anerken⸗ nung ihrer im Paſeo geſpielten Rolle nicht unempfindlich zu ſein. „Nur,“ bemerkte ſie etwas ſpröde,„würden wir wünſchen, daß Sie Ihre Corregidors, Alcalden, Algua⸗ zils und Familiars ein wenig mehr in Bewegung ſetzten. Wir waren wirklich ganz choquirt über die Anmaßung des Volkes; man fuhr uns vor; Viele ſchienen uns ſogar nicht zu bemerken. „» Iſt es möglich?“ rief der Vicekönig. „„ Abſcheulich!“ die Vicekönigin. „Sehr unartig!“ die Töchter. „»Auf Ehre!“ verſicherte die Donna. „Es iſt erſtaunlich,“ fiel der Vicekönig ein,„wie weit die undankbare Vermeſſenheit dieſes Volkes geht. Je humaner, beſſer, leutſeliger wir mit ihm ſind, deſto unverſchämter benimmt es ſich; aber eben, es iſt— Volk. Wir wollen jedoch Sorge tragen, daß dieſer Inconve⸗ nance abgeholfen werde. Die Verordnungen, kraft deren nicht nur jeder Wagen vor unſerer Livree ſtille halten, ſondern——" er hielt inne. „Ja, ja,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort, „es iſt wichtig im gegenwärtigen Augenblicke, und gibt ein Air von Zuverſicht, von Stärke.“ Der Mann begann wieder mit ſich ſelbſt zu reden. „„Ah, Papa! wiſſen Sie,“ unterbrach ihn Donna Inez,„daß es ſehr choquant iſt. Unſere letzten Moden Der Virey. III. 4 — 50— von Cadix, als wir ſie erhielten, ſtellen Sie ſich nur vor, wir trafen ſie bereits im Paſeo an.“ „Das kommt daher, weil einige der jüngern Glie⸗ der des Conſulado ihren Dulcineis mit den Preis⸗Currenten und Correſpondenzen auch dieſe Herzensangelegenheiten mitkommen zu laſſen ſich befleißen. Wir wollen unſerer lieben Inez Abhülfe treffen, obwohl der Handelsſtand da⸗ durch einigermaßen betheiligt ſein dürfte. „Und dann die abſcheulichen Leperos,“ hob nun Emanuele ihrerſeits an.„Ah, Papa, wiſſen Sie,“ ſprach ſie mit einer Flötenſtimme,„daß es uns ſehr ennuyirt, jedesmal, ſo oft wir wünſchen aus dem Thea⸗ ter nach Hauſe zu promeniren, ſtatt zu fahren——„ „„Und was könnte es ſein, das meine liebe Ema⸗ nuele—— 2“ fragte der zärtliche Papa. „Ach, Papa, dieſe abſcheulichen Leperos, die auf den Straßen herumliegen!“ Sie hielt ſich den Fächer vor die Augen. „Das iſt ein ſchwerer Punkt, ma chere flle. Entre nous—— ganz Mexiko ſteht zu euern Dienſten; aber die Leperos— ſeht, Kinderchen, es ſind dieſe ſeit undenk⸗ lichen Zeiten eine Espece Alliirte, die wir recht gut gegen die Creolen⸗Kanaille gebrauchen können, und die uns zum Beiſpiel heute vortreffliche Dienſte geleiſtet haben würde, wenn—— „Dieſe Leperos?“ fragte die Tochter verwundert. — 34— „Ah, dieſes furchtbare Grito!“ ſeufzte die Vice⸗ königin. „Iſt gar nicht ſo furchtbar,“ antwortete er der Letz⸗ tern;„ſind gar nicht ſo abſcheulich, Kinderchen, um nicht zu etwas zu dienen,“ den Erſteren.„Heute we⸗ nigſtens würden ſie uns ein prächtiger Soutien geworden ſein; aber dieſes Conſulado und dieſer Conde—— Nein, nein, Kinderchen, eine gute Regierung muß aus allem Vortheil zu ziehen wiſſen, und wir gedachten dieſem Grito eine Tournure zu geben, obwohl dieſes Conſulado und dieſer Conde de San Jago——“ Der Mann run⸗ zelte die Stirn. „Iſt übrigens kein unintereſſanter Mann,“ fiel ihm die Donna ein,„obwohl er unſerm beau⸗frere zu miß⸗ fallen das Unglück hat; uns hat er nicht mißfallen.“ »Der glückliche Conde!“ bemerkte der Schwager lächelnd und lauernd. 3 „So wenig,“ verſetzte die Donna,„daß wir be⸗ ſchloſſen haben, ihn in unſern Zirkel zu ziehen.“ „Wirklich!“ rief der Virey nun geſpannt. „ Uns will bedünken,“ ſprach die Donna im hin⸗ geworfenen Tone,„daß Don Vanegas ſehr viel über⸗ flüſſige Diplomatik da anwende, wo ſie gar nicht von⸗ nöthen, und wieder zu wenig, wo ſie erſprießlich geweſen ſein dürfte. Mir ſcheint ſo,“ warf ſie in demſelben nach⸗ läſſig⸗ſpitzigen Tone hin,„ſonſt dürfte ſich Don Vane⸗ — 55— gas nicht heute über ſeinen Guignon zu beklagen Urſache gehabt haben. Mein Gott! wer hat je gehört, daß man eine Anleihe——* Der Vicekönig war in einige Verlegenheit gerathen, und ruckte unruhig auf der Ottomane hin und her. „Ueberlaſſen Sie uns den Conde und die Nobilitad,“ fuhr ſie mit einem ſcharfen Blicke auf ihn fort,„und wir wollen verſuchen, ob wir nicht beide menagiren können.“ Er ſchüttelte den Kopf.„Donna Iſabella vermag viel, ſehr viel; aber——“ er ſchüttelte wieder das Haupt.„Zudem, dieſer Conde,“ flüſterte er ihr leiſe zu,„iſt feuerfeſt und waſſerdicht; aber wirklich, geden⸗ ken Sie?“ fuhr er, ſie aufmerkſam betrachtend, fort. „Apropos, ich habe Sie unterbrochen. Was war es doch mit dem ſublimen Einfalle, der——”* „Ein Einfall, den Sie eigentlich zur Strafe noch nicht hören ſollten, den wir Ihnen jedoch nicht länger vorzuenthalten geſonnen ſind, da die Vorbereitungen ſchleu⸗ nig getroffen werden müſſen, und das Ganze mit Ihren Planen ſelbſt in Zuſammenhang gebracht werden kann.“ „Ma charmante belle-soeur machen mich im höchſten Grade neugierig.“ „Unſere Wünſche werden inſofern übereinſtimmen, daß wir den Conde wenigſtens für einige Zeit näher um uns zu haben gar nicht ungeneigt wären, und mit ihm ſo viele Glieder ſeiner Familie als möglich. Iſt's nicht ſo 2* fragte ſie, ihre Augen auf ihn geheftet. 53 — 52— Der Schwager gab keine Antwort; aber ſein Blick war wieder ſeltſam ſchlangenartig geworden; es zuckte in den pechſchwarzen Augen, und rollte und fuhr herum, wie Blitze, die ſich im ſchwarzen Himmelsgewölbe kreuzen. „Aber wie dieſes anfangen?“ fragte er endlich;„wir, der unumſchränkte Gebieter Mexiko's, haben einige Urſache, mit dieſem Conde vorſichtig zu Werke zu gehen.“ „Der in den Cortez von Cadix, dem engliſchen Mi⸗ niſterium, und ſelbſt zu Valengay mehr Anklang——„ ſie hielt inne. Der Virey ſah ſie finſter an. „Er ſoll nicht bloß geſchont, oder, wie Sie ſagen, vorſichtig behandelt, er ſoll ſogar flattirt werden, wie es kein Grande Mexiko's noch je war,“ ſprach ſie. „Und die Mittel und Wege?“ fiel der Schwager ſchnell und im höchſten Grade geſpannt ein. „Ein Ball,“ verſetzte die Donna. „Ein Ball, Papa! Ein Ball!“ riefen die Töchter, während ihn die Gattin zweifelnd ängſtlich anſah. „Ein Ball?“ fragte der Virey erſtaunt:„Jetzt? Donna Iſabella!“ „„Jetzt, Don Vanegas, oder vielmehr ſobald die Nachricht von der Niederlage der Rebellen eintrifft, an demſelben Tage, an dem das Tedeum gefeiert wird.“ „Ja, das ginge,“ erwiederte der Virey. „Mit dieſer Siegesfeier würde eine Art Verſöhnungs⸗ 0 — 54— feſt verbunden, ein allegoriſches Verſöhnungsfeſt,“ flüſterte lächelnd die Donna. „Noch immer ſehe ich aber nicht ein——“ be⸗ merkte der Virey. „Das wundert uns von der ſuperfeinen Excellenz,“ ſpottete die Donna,„doch werden dieſelben begreiflich finden, daß die Partien eines Balles ſo arrangirt wer⸗ den können, daß vorbereitende Entrevues nothwendig werden?“ „„Ah, nun begreifen wir! Sehr gut, herrlich.“ „Es giebt intereſſante Verwicklungen, deren De⸗ nouement uns ſodann überlaſſen bleibt; dieſe Verwicklun⸗ gen bringen den Conde unter unſere unmittelbare——“ „Sublim!“ brach nun der Virey aus:„Ja, ja, das wäre eine ganz charmante Entrepriſe, ma belle-soeur; immerhin muß jedoch der Sieg abgewartet werden; denn wir haben kein Beiſpiel in der Hofgeſchichte Mexiko's und der Madre Patria, kein Präzedent, daß, während der Feind die Hauptſtadt blokirte——” „Und nennt Don Vanegas dieſe Rebellen einen Feind?“ fragte die Donna ſtolz. „Freunde ſind ſie wahrlich nicht,“ verſetzte der Vi⸗ rey kopfſchüttelnd;„auch fängt unſere Lage an bedenklich zu werden. Don Calleja beſorgt.— Sie kämpfen wie Ver⸗ zweifelte.“ Er ſtützte ſein Haupt in ſeine Hand und ver⸗ ſank in Nachdenken.„Pah!“ tröſtete er ſich:„Müſſen Viele zuerſt fallen, ehe die Reihe an uns kömmt.“ — 55— „Dieſe abſcheulichen Rebellen!“ jammerten die Töchter. „Mein Gott!“ wehklagte die Mutter:„Lieber! Wie Sie auf einmal alterirt werden; ſind Sie leidend, Theurer?“ „Es iſt nichts, gar nichts,“ erwiederte der Virey ſchwach. „Nichts, ſagen Sie? Nichts? Sehe ich denn nicht mit eigenen Augen? Juan! Pablo! Pimenez! Antonio!“ „Stille!“ ſprach der Gatte:„Eine kleine Spazier⸗ fahrt in den Paseo nuevo wird uns wieder aufheitern bis zur Camarillaſtunde; zuvor müſſen wir jedoch noch einen Augenblick in die Staatskanzlei.“ „Und wieder in die Staatskanzlei, und wieder Ge⸗ ſchäfte, und nichts als Geſchäfte; Sie werden ſich doch gewiß noch tödten!“ ſeufzte die Gattin, indem ſie zugleich den Gatten mit ſo bekümmerten Blicken anſah, daß dieſer, um die Liebenden zu beruhigen, nothwendig wieder ganz heiter werden mußte, was ihm denn auch zum Erſtaunen wohl gelang. „Adios, meine Holden!“ verſetzte er zärtlich, ſich erhebend und der Thüre zutanzend;„und Ihnen, Schwä⸗ gerin, einſtweilen unſern Dank für den ganz divinen Ein⸗ fall. Ja, Großes kann bewirkt werden; wir ſelbſt wol⸗ len uns mit der Angelegenheit ſehr ernſt beſchäftigen. Adios!“ wiederholte er nochmals, den Lieben, Theuern Hanoküſſe aus der Thüre zuwerfend, hinter welcher er nun verſchwand, um ſich den ſchweren Regierungsgeſchäf⸗ — 56— ten zu unterziehen und ſich mit der Angelegenheit zu beſchäftigen, durch die ſo Großes bewirkt werden ſollte, und dieſes mitten in einem Revolutionsbrande, der das ganze Reich ergriffen und deſſen verzehrende Flammen bereits an die Thore der Hauptſtadt heranleckten; eine Verkehrtheit, die, ſo abſurd frivol ſie erſcheinen mag, doch in der Geſchichte dieſes Landes zu ſehr bewährt iſt, als daß wir ſie in Zweifel ziehen könnten, ſelbſt wenn nicht die Hofchronik anderer Länder uns gleichermaßen belehrte, mit welchem Leichtſinne die Schickſale ſo man⸗ cher Völker gelenkt und beſtimmt werden. Nach zehn Minuten erſchien die vicekönigliche Per⸗ ſonnage wieder zum Troſte der lieben Familie, die unter⸗ deſſen ihren Schmerz an der Toilette beſiegt hatte. Wäh⸗ rend dieſer Zwiſchenzeit waren die Equipagen vorgefahren, die Leibgarde aufgezogen, und die quaſi⸗königliche Fa⸗ milie beſtieg die erſteren, und rollte in Begleitung der letz⸗ tern über die Plazza der Tacubaſtraße zu, mit all dem Pompe, und in dem ſchnellen Galloppe, in dem der Kö⸗ nig der beiden Indien ſelbſt ſeinen halböden Palaſt ver⸗ läßt, und der alljährlich einigen Dutzenden ſeiner getreuen Leibwachen und Unterthanen ihr elendes Leben koſtet. Sechsunddreißigſtes Capitel. Welchen Begriff von Gott und ſeiner Natur dieſer edle Lord haben mang, weiß ich nicht, aber ſo viel weiß ich, daß Religion und Menſchlichkeit ſolche fluchwürdige Grundſätze gleich, einſtimmig verdammen. Der Graf von Chatham im Hauſe der Lords. In dem ſogenannten kleinern Appartement, bewohnt von der Donna Iſabella, fand ſich nach einer Stunde das holde Kränzchen, mit Ausnahme der zwei jüngſten Kinder, wieder zuſammen. Es war dieſes Appartement eine Enfilade von Ge⸗ mächern, die, im Geſchmacke Louis-Quatorze und Quinze verziert, eine Unzahl vergoldeter Arabesken und Wap⸗ pen des alten Caſtiliens mit lleurs de lis darſtellten, die ſich auf den ſchneeweißen und blutrothen Wänden und Plafonds recht zart⸗ariſtokratiſch ausnahmen. Reiche Candelabers hingen aus der Mitte der Gemächer herab, 8— und ſchwere ſeidene Vorhänge von der vergoldeten Fenſter⸗ rollen; die übrigen Dekorationen dieſer Gemächer, und ihre Einrichtung war gleich alterthümlich und gleich koſtbar. Die Damen hatten ſich in den mäßig großen Sa⸗ lon, der in den Garten des Palaſtes die Ausſicht hatte, um einen runden Tiſch im Halbzirkel niedergelaſſen. Der erſte der glücklichen Geladenen, der ankam, war der Oberſt.. „Ah, le déscrteur; le voilà!“ rief ihm die Donna entgegen, der ſich mit Ehrfurcht und zugleich mit jener vornehmen Bequemlichkeit gegen die Damen verbeugte, die zwiſchen auf gleicher Rangſtufe ſtehenden Perſonen üblich iſt. „Auf Ehre, Mesdames,“ rief der Oberſt lachend, „Ihre Leperos haben gute Lungen; ich verſichere Sie, meine Gnädigſten, ſie haben mir während einer halben Stunde den Kopf ſo heiß gemacht, daß ich mein ganzes Regiment bereits in ihren kanibaliſchen Mägen glaubte.“ Die Damen lachten recht herzlich; aber die Donna Iſabella ſchien doch noch zum Schmollen aufgelegt, und verſicherte, daß ſeine Flucht aus dem Hauſe des Grafen ganz und gar nicht entſchuldigt ſei; eine Behauptung, die der junge Oberſt wieder mit dem Generalmarſche, der ihn an die Spitze ſeines Regimentes gerufen, und ſeinem zufälligen Zuſammentreffen mit der Donna, nie⸗ derzuſchlagen bemüht war, welches alles einen recht an⸗ — 59— genehmen Wortwechſel veranlaßte, bei welchem ſich der Oberſt zugleich mit ſo vieler Wärme und ſo eminentem fei⸗ nem Welttone vertheidigte, daß die Donna ihm endlich die Hand darbot, die er entzückt, oder wenigſtens ſo ſcheinend, an ſeine Lippen drückte, worauf der trauliche Kreis ſich bald ſo froh fühlte, daß alle laut jammerten, als der dienſtthuende Page die Ankunft Sr. Erzbiſchöf⸗ lichen Gnaden verkündete. Der hohe geiſtliche Würdenträger trat auch bald, nachdem ſeine langen Titel alle aufgezählt worden wa⸗ ren, ein, und zwar in einem purpurfarbigen Seiden⸗ rocke mit einem langen gefältelten fächerartigen Schweife, der ihm vom Kragen über den Rücken hinab bis zu den Knien reichte, ein Käppchen von demſelben Stoffe auf dem Haupt, und auf der Bruſt ein mit Solitairs und Rubinen beſetztes Kreuz, das an einer goldnen Kette hieng. Er ver⸗ beugte ſich vor den Damen mit einer Zierlichkeit, die be⸗ wies, daß er in hoher weiblicher Geſellſchaft gelebt hatte, und erwiederte die tiefen Knickſe, die ihm alle darbrachten, mit einem Schwalle von Complimenten, die ſehr ge⸗ gen ſeine, während dem Beſamanos an Tag gelegte Steifheit und Trockenheit abſtachen. Er hatte kaum auf der Ottomane den Ehrenplatz neben der Vireyna ein⸗ genommen, als der Präſident des Finanzdepartements an⸗ gemeldet wurde, dem der Fiscal der hohen Audiencia, die Oidores, deſſelben höchſten Gerichtshofes und zugleich Staatsrathes, und mehrere Generäle und Intendanten — 360— folgten, eine bekreuzte und ſternbeſäete glänzende Geſell⸗ ſchaft im kleinen Coſtüme, und von kleinern Geſtalten. Nochmals flogen die Thüren auf, ohne daß jedoch der Eintretende angekündigt worden wäre. Es war der Vicekönig ſelbſt. Er trat ganz in der leichten, gefälli⸗ gen und ſich bei jedem Schritte wiegenden Manier des hohen Hauswirthes ein, der ſeine Gäſte bereits ſeiner harrend findet, mit einem Lächeln für alle, das wieder in den Ausdruck der tiefſten Ehrfurcht überging, als er den geiſtlichen Oberhirten des Reiches am Sopha anſich⸗ tig wurde. Die ganze Geſellſchaft hatte ſich natürlich wie⸗ der mit allen Zeichen der tiefſten Ehrfurcht, wie aufs Commandowort, erhoben, und ſich tief verneigt. Dar⸗ auf geruhte der hohe Hausherr ſeine Ueberraſchung dem hohen Prieſter auszudrücken, welche Ueberraſchung er mit mehrern Verbeugungen begleitete, und dann fieng er an ſich in Bewegung zu ſetzen, um auch die Uebrigen zu verſichern, wie ſo ganz charmirt er durch ihren Beſuch, und wie wohl ihm in der Nähe ſo geprüfter Freunde und Diener des allergnädigſten Herrn ſei.„Ah, Don Alguera,“ lächelte er einem kleinen, winzigen, ſpin⸗ delbeinigen Skelette zu,„ah, Don Alguera, jeden Tag jünger, blühender! Sie betriegen doch wahrlich jedes Jahr um dreihundert und fünfzig Tage. Siehe da, unſer liebe, gute, unſer ausgezeichnete Direktor unſerer Akade⸗ mie de los nobles artes. Ah, Sie haben uns etwas mitgebracht? Etwas Klaſſiſches? einen friſchen Beitrag, eine Immortelle zum Kranze der unſterblichkeit, den Sie ſich geflochten? Mexiko hat fürwahr alle Urſache auf Sie —— ſtolz zu ſein. Unſer achtbare Freund, Don Pinto, deſſen Stirn noch trübe iſt— ah, Don Pinto! dieſe Wolke gereicht Ihnen zur Ehre. Ah, unſer liebe Prä⸗ ſident, Don Trueba, Sie hatten heute einen ſauern Tag. Siehe da, unſer alte Freund, der würdige Chef des Con⸗ ſulado— Senoria, Senoria!“ drohte er lächelnd mit dem Finger. Und nachdem er ſo jeden begrüßt, jeden um uns einer recht höfiſchen Redensart zu bedienen, durch ſeine Huld bezaubert, und ſo den Aufruhr wieder geſtillt hatte, den ſein Eintritt verurſacht, ließen ſich ſeine Gäſte gruppenweiſe in größerer oder geringerer Entfernung von der Dame des Hauſes nieder, die ihrem höhern oder niedrigern Range zukam. Das goldne Thee⸗Service, ein Geſchenk, der Stadt Mexiko entlockt, das nun auf den Tiſch gebracht wurde, gab Gelegenheit dieſes Getränkes zu erwähnen, das damals in Mexiko eine Seltenheit war, ſo wie es noch heut zu Tage nichts weniger als all⸗ gemein iſt, wobei der Virey bemerkte, wie dieſes Getränke nun in der Madre Patria ſo ſehr geſucht werde, und wie es die ketzeriſchen Ingleſe jedem andern vorzögen, welcher Um⸗ ſtand jedoch den rechtgläubigen Spanier von ſeinem Genuſſe nicht abhalten dürfe, als ja bekanntlich Se. geheiligte Ma⸗ jeſtät und Dero allergetreueſte Diener, die durchlauchtig⸗ ſten Cortez Majeſtät, dieſe Ingleſe ihrer Allianz gewür⸗ digt hätten. Dann wandte er ſich mit unausſprechlicher — 02— Zaͤrtlichkeit zu ſeiner Familie, und zwar zuerſt an die belle⸗ soeur, die ſchöne Iſabella, die ſo eben mit hohen eignen Händen den Thee bereitete, und eingoß, bei welchem Ge⸗ ſchäfte ihr mehrere Pagen behülflich waren. „Und unſere theure Hauswirthin, und liebe Schwä⸗ gerin, und meine lieben Inez und Emanuele?“ „Debattirten, Papa, gerade als Se. erzbiſchöfliche Gnaden eintraten.“ 3 „Doch nicht gefährliche Debatten?“ fragte der Papa. „Dürfen wir ihn nicht lüften den Schleier, der uns dieſe hochwichtigen Myſterien vorenthält?”“ „Keinerdings,“ lachten die Beiden.„Es ſind, wie Papa ſagen, Myſterien ſo tief verſchleierte Myſte⸗ rien, daß wir ſie ſelbſt noch nicht enthüllen konnten.“ „Muy bien,“ lächelte der Vicekönig, der, was be⸗ merkenswerth ſein dürfte, nun keine jener franzöſiſchen Floskeln hören ließ, mit denen er früher im Kreiſe ſeiner Familie, jeden ſeiner Sätze garnirt hatte.„Muy bien,“ wiederholte er.„Und was ſoll unſer Lohn ſein, wenn wir ein Deus ex machina interzediren, um euch mit einem glücklichen Impromptu zu bereichern?“ Beide Töchter ergriffen ſeine Hand und küßten ſie. „Unter allen Caballeros,“ flüſterte er ihnen zu, „wird wohl der Oberſte am wenigſten Hoffnung haben, nicht wahr? Aber haltet ihn feſt, Kinderchen. Ah, lieber Graf und Oberſte,“ wandte er ſich lächelnd an dieſen—„Sie übergebe ich ganz den Damen; Sie werden Vorſchläge hören, kapituliren müſſen. Eine kleine ganz artige Verſchwörung, in der auch Sie eine Rolle werden übernehmen müſſen.” Der Oberſte gab durch eine ehrfurchtsvolle Verbeu⸗ gung ſeine Bereitwilligkeit für den hohen Damendienſt zu erkennen. Die beiden Töchter drohten dem Papa mit dem Finger.. „„Ah Papa,“ ſchmollten ſie. „Sehen doch Euer Gnaden nur einmal—“ bemerkte ein trockener Oidor, dem der ungewohnte Gunpowder⸗ Thee die wenige Feuchtigkeit, die ihm inwohnte, nun in dicken Schweißtropfen auf die Stirn trieb—„wie doch Se. Excellenz ſo ganz väterliche Liebe und Zärtlichkeit ſind.”* „Der beſte Familienvater, das Muſter und Vor⸗ bild Mexiko's auch in dieſer Hinſicht, ſo wie in allen übrigen Tugenden;“ verſicherte ein etwas beleibter In⸗ tendant mit einer Stimme, die leiſe ſein ſollte, aber ſo hörbar wurde, daß ſie im ganzen Saale vernommen werden konnte. „Nie war Mexiko's Schickſal in beſſern Händen;“ verſicherte ein invalider General in demſelben leiſe ſein ſollenden Tone, und zugleich die dritte Taſſe nehmend. „„ Vergeben Sie Herrſchaften,“ wandte ſich der hohe Hausherr wieder mit ungemeiner bonhomie an ſeine oder vielmehr ſeiner Schwägerin Gäſte,„wenn der glück⸗ liche Familienvater ſich ſeinen hochgeehrten Gäſten auch nur für einen Augenblick entzieht. Es iſt dieſes der Ha⸗ fen,“— ſein Blick fiel wie gerührt auf ſeine Familie— „in den wir nach dem ſturmbewegten Tage jeden Abend zurückkehren, ſichere Ruhe und Troſt findend, und die einzige reine Freude, die uns nebſt dem Bewußtſein, un⸗ ſere Pflicht gegen unſern geheiligten Monarchen und die allein ſeligmachende Kirche erfüllt zu haben, übrig bleibt.“ „Qua propter elevat Dominus, qui diligunt ta- bernaculum suum;“ bekräftigte der Erzbiſchof, wieder eine Taſſe von der goldenen Terrine nehmend, die ihm der reich gekleidete Page ehrfurchtsvoll gereicht hatte. Die vier Pagen hatten unterdeſſen den Thee mit den übrigen Erfriſchungen herumgereicht, eine Epiſode, die, wie wir bereits bemerkt haben, vom Vicekönig be⸗ nutzt worden war, um jedem Gliede ſeiner Familie einige Augenblicke zu ſchenken, und die der Director de los nobles artes ſeinerſeits dazu verwandt, ein Gemälde, das er mit ſich gebracht, im Vorſaale aufzuſtellen, aus dem es nun, ſo wie die Pagen den Salon verließen, in die⸗ ſen übergeſetzt wurde, um es dem hohen Beſchützer der ſchö⸗ nen Künſte vorzuſtellen. Der Direktor war jedoch noch vorläufig vor den hohen Gönner getreten, um die gnä⸗ digſte Erlaubniß anſuchend, ſein Gemälde vorſtellen zu dürfen, die ihm auch auf eine ungemein ſchmeichelhafte Weiſe zu Theil wurde. „Sie ſcherzen, Lieber, Guter,“ geruhte der hohe huld⸗ reiche Mann auf die unterthänige Bitte des Künſtlers zu — 65— erwiedern.„Wir ſind Ihnen Dank ſchuldig, Ihnen, der Sie uns dieſes Vergnügen gewähren, dieſes reine, dieſes hohe, das unſern Geiſt erhebt, und uns in höhere Sphären verſetzt.“ Der Mann hielt inne.„Da,“ fuhr er fort,„„wir glauben unſere theuern Gäſte nicht glänzender bewirthen zu können, als durch eine Schauſtellung, die ihren Kunſtſinn ſo ſehr entzücken wird. Oh, ſo ent⸗ ziehen Sie uns doch nicht länger das Vergnügen.”“ Worte, denen Folge zu leiſten der Direktor ſich dadurch beeilte, daß er das Gemälde aus dem Vorſaale in die Gegenwart des Protectors der Akademie de los nobles artes brachte. Der Vicekönig hatte ſich erhoben, mit einer gewiſſen Andacht im Blicke, die in den Anwe⸗ ſenden gleich fromme Gefühle hervorbrachte, und von Kunſtſinn getrieben, hatte er ſich mit halb vorgeboge⸗ nem Leibe dem Gemälde, einer Madonna, genähert, ſich auf die Seite gebogen, vorgebogen, zurückgebogen, es von mehreren Seiten beleuchtet, es mit eigener hoher Hand bald mehr in Schatten geſtellt, bald wieder ins Licht vor⸗ geſchoben, und erſt nach dieſen mannigfaltigen Bewegun⸗ gen, die durch enthuſiaſtiſche Ausrufungen, als: ſublim! großartig! ah dieſes Incarnat! noch bedeutſamer wurden, hatte er endlich aus tiefer Bruſt Athem geholt, um auf eine recht eclatante Weiſe ſeine Bewunderung über die vorzügliche, ja großartige Leiſtung zu erkennen zu geben, die ſein Mund nicht hinlänglich preiſen konnte. Er gab dem Künſtler nicht nur zu verſtehen, daß er ganz char⸗ Der Virey III. — 66— mirt, ja er verſicherte ihn, daß er gewiſſermaßen ſogar enchantirt ſei. Natürlich hatte die ganze Geſellſchaft zu⸗ rückgehalten, bis der hohe Mann ſeine Meinung zu er⸗ kennen gegeben hatte, eine Sache, die, wie wir geſehen ha⸗ ben, einige Zeit erforderte, und die nun dadurch einge⸗ bracht wurde, daß die ganze Geſellſchaft gleichermaßen un⸗ endlich und plötzlich charmirt war, und als der Vice⸗ könig nicht anſtand, zu behaupten, daß ſelbſt Europas lebende Künſtler keiner herrlicheren Madonna Entſtehung geben dürften, ſtieg die Bewunderung Aller noch um vie⸗ les höher, und als der Vicekönig endlich betheuerte, daß die Hand, die dieſen Pinſel geführt, bereits die Klinke an der Pforte des Tempels des Ruhmes ſelbſt erfaßt habe, und nur einzutreten brauche in den Kranz der heh⸗ ren Geiſter, und dann noch hinzuſetzte, daß dieſes Ge⸗ mälde gewiß furore, ja adorazione creiren, und des Suc⸗ ceſſes unmöglich manquiren könne, und wie er ſelbſt ge⸗ ſonnen ſei, den Ruhm des Künſtlers zu pouſſiren,— der Mann hatte ſich wieder in die franzöſiſche Terminologie verirrt,— waren alle Anweſenden in einen wahren Künſt⸗ ler⸗Enthuſiasmus ausgebrochen. Nur der Künſtler ſelbſt ſchüttelte das Haupt, worüber die Excellenz befremdet und die hohen Gäſte gewiſſermaßen verwundert ſchienen, welche Verwunderung wieder ſtieg, als der Direktor zwar ſeine Zufriedenheit mit dem Gemälde äußerte, aber auch wieder verſicherte, daß in gegenwärtigen Zeiten kaum auf eine beſondere Anerkennung zu hoffen ſei.„ Ja., beſchloß er ſeine etwas troſtloſen Aeußerungen,„es iſt im Reiche der Künſte, gnädigſte Excellenz, ein ſehr trane riger Stillſtand eingetreten.“ „Inter arma musae silent,“ fiel ihm der Erzbi⸗ ſchof ein. f 3 „Vergebung, Erzbiſchöfüche Gnaden,“ erwiederte der Künſtler demüthig.„Es iſt ein ganz anderer Still⸗ ſtand, den wir allerunterthänigſt meinen. Es iſt ein Stillſtand, der von einer veränderten Richtung der Na⸗ tion zu ganz andern Dingen herrührt,— ein Still⸗ ſtand, der aus dieſer veränderten Richtung hervorgegan⸗ gen und ſo lange dauern wird, befürchte ich, als dieſe ſelbſt nicht aufhört. Nicht nur iſt die Academia de los nobles artes von Zöglingen verlaſſen, die Kunſt ſcheint auch ihren Einfluß auf die Nation verloren zu haben, ſie ſcheint von ihr aufgegeben zu ſein. Es iſt ein na⸗ menloſes indefinables Sehnen nach etwas, das ſie er⸗ griffen, das ſie nicht kennt, und das eine abſolute Gleich⸗ gültigkeit gegen die Kunſt hervorgebracht hat; ein ge⸗ wiſſer proſaiſcher Hang, der eben ſo unerklärlich als auf⸗ fallend iſt. Eine allgemeine Indifferenz gegen ſchöne Künſte,“ wehklagte der Artiſt,„iſt eingetreten. Mei⸗ ſterwerke der italiſchen Schule, vor denen Tauſende in den verfloſſenen Jahren anbetend ſtanden, werden heut zu Tage kaum mehr beachtet.“ „Bemerkungen, die eben ſo richtig als tief wahr⸗ genommen ſind;“ ſiel der Oberſte ein, den die aus dem = 6g— Leben gegriffenen Erfahrungen des Künſtlers angeſprochen hatten;„allein meinem Bedünken nach iſt dies nicht bloß in Mexiko allein der Fall, die ganze Welt hat an⸗ gefangen, gleichgültig gegen die ſchönen Künſte zu wer⸗ den, ſelbſt das Drama ſpricht heut zu Tage nicht mehr an.“ „»Die Urſache dürfte doch vielleicht an den Künſtlern ſelbſt liegen;“ bemerkte Donna Jſabella. „Perdon!“ fiel ihr der Oberſt ein.„Die Künſtler ſind noch immer dieſelben, aber die Begeiſterung fehlt, und Begeiſterung erzeugt ſich nur wieder durch Begei⸗ ſterung, und dieſe letztere wird wirklich unmöglich bei dem veränderten geſellſchaftlichen Zuſtande, dem wir ent⸗ gegengehen. Die Grundpfeiler der alten Einrichtungen ſind an vielen Punkten morſch geworden.“ Bei dieſen Worten fuhren viele Anweſende auf und ſahen den Oberſten befremdet an. Die Donna winkte ihm. Er bemerkte es nicht, und fuhr fort. „Das Volk und die Großen, beide fühlen es, und erſteres iſt ungeneigt, ſeine Ohren und Augen poetiſchen oder plaſtiſchen Reizungen zu leihen, die, einem geſell⸗ ſchaftlich barbariſcheren Zuſtande ihren Urſprung verdan⸗ kend, dieſen auch noch gegenwärtig reizend und erträg⸗ lich zu machen mitunter wie berechnet ſind„ und ſie von ſeinem Drange nach Höherem abziehen.”“ „Und dieſer Drang nach Höherem dürfte wohl poli⸗ tiſcher Natur ſein?“ bemerkte der Vicekönig etwas höhniſch. „Mangel an Gottesfurcht und Religion;“ fügte der Erzbiſchof hinzu.„Unglaube, Ketzerei und ſogenannte Aufklärung.“ „Das ſind die Uebel;“ verſetzten die Uebrigen mit frommem Schauder. Der Oberſt ſchien endlich einen zweiten Wink der Donna beſſer zu verſtehen, und ſchwieg. In der kurzen Pauſe, die entſtanden war, hatten ſich die drei jungen Damen von ihren Sitzen erhoben, und tanzten Arm in Arm in ſeiner Begleitung aus dem Salon. „Aber was wollen nun die Menſchen?“ ſeufzte die Viecekönigin, die allein zurückgeblieben war.„Die Regierung iſt ja ſo milde, ſo väterlich geſinnt.“ Dies war ein Punkt, den natürlich keiner zu be⸗ ſtreiten für räthlich fand, und der deshalb auch unbeant⸗ wortet blieb. „Es iſt leider nur zu wahr,“ hob endlich der Vi⸗ cekönig an, der ſich nun von dem Bilde und ſeinem Ur⸗ heber auf eine Weiſe wandte, die zugleich andeuten ſollte, daß die Begeiſterung für Kunſt zu Ende ſei. „Ja, nur zu wahr,“ bekräftigte er,„daß die Völker und Nationen aus ihren Fugen geriſſen ſind; aber wer, meine hohen Herrſchaften, iſt wohl Urſache? Bitte Sie ums Himmels willen, wer iſt Urſache? Alle Ge⸗ — 56 walt kommt von oben, ſpricht der Herr durch den Mund des—“ er ſah bei dieſen Worten den Erzbiſchof an, der nickte,„aber wenn wir, denen die Gewalt von oben gegeben wurde, dieſe ſelbſt mißbrauchen, wenn wir ver⸗ blendeter Weiſe ſelbſt frevelhafte Hand an die Dämme legen, die eine weiſe Vorzeit und unſere Vorfahren mit ſo vieler Mühe und Vorſicht für die kommenden Geſchlech⸗ ter errichtet haben, und in welche eingeſchloſſen die Menſchheit ſich gehorſam gegen eitihe und geiſtliche Oberhirten bewegte?“. „Quasi circumdata vallo forti atque alto;“ ſchal⸗ tete der Erzbiſchof ein.— „ Unvergleichlich bemerkt, Erzbiſchöfliche Gnaden;“ verſicherte der Virey.„Ja, Senores. Ein einziger un⸗ glücklicher Schritt hat auch in dieſem edlen Königreiche nun die fürchterliche Flamme der Rebellion angefacht, und jene herrliche Ordnung in Unordnung verkehrt.“ „Ordinem convertit impius in tumultum seditio- nemque;“ ſchaltete der Erzbiſchof wieder ein. „„Was aber uns betrifft,”“ ſprach der hohe Mann, „ſo wollen wir, mit dem Beiſtande der weiſen und loya⸗ len Herrſchaften, die bereits bei ſo vielen Gelegenheiten und namentlich bei dieſer Veranlaſſung ihre Anhänglich⸗ keit an die allerhöchſte Perſon unſeres angebeteten Mo⸗ narchen'ſo wirkſam beurkundet haben, raſtlos anbelten, die vorige Ordnung wieder herzuſtellen.“ 6 Der Seitenhieb, den der Satrap mit dieſen Worten dem Andenken ſeines unglücklichen Vorfahrers nachſandte, fand unter den Anweſenden um ſo mehr Anklang, als es vorzüglich ihre Treuloſigkeit geweſen, die den Ueber⸗ fall des harmloſen Iturrigaray bewirkt und ſeine Ab⸗ ſendung ausgeführt hatte. „ Aber wir können uns nicht verhehlen, Senorias,“ fuhr er ernſter fort,„daß der Feind, gegen welchen wir ſtreiten, furchtbar iſt, und eine desorganiſirende Gewalt beſitzt, welcher Widerſtand zu leiſten, alle unſere Kräfte in Anſpruch nehmen wird.“ Es war etwas Abruptes, das der Mann auf ein⸗ mal angenommen hatte, und das die Aufmerkſamkeit Aller im entſprechenden Grade erregte. „Es iſt nicht der offene Krieg, den der Pöbel ge⸗ gen die geheiligten Rechte Sr. Majeſtät wagt,“ fuhr er fort,„der uns erſchreckt. Wir achten dieſen Pöbel nicht höher, als wir eine willenloſe Maſſe unvernünftiger Ge⸗ ſchöpfe achten, die wir bedauern, indem wir ſie züchti⸗ gen. Aber es iſt der belebende Geiſt, der Geiſt, durch den ſie Regung erhält, der ſie furchtbar macht, es iſt der Krieg mit den Unſrigen, das Kalt⸗ und Kühlewer⸗ den, im allerhöchſten Intereſſe, das Lauwerden derje⸗ nigen, die ſich ſo eminenter Gnadenbeweiſe Sr. Majeſtät und Ihrer glorreichen Vorfahren erfreuen, dieſer Strom der Verderbniß, verbunden mit dem unſeligen Zeitgeiſt iſt es, der auch in dieſer Schar ausbricht, welcher uns zittern macht für die Wohlfahrt des uns anvertrau⸗ ten Reiches. Daß unſere eigenen Freunde den Thron untergraben, für den wir ſo raſtlos arbeiten, das betrübt. uns. Längſt würde die Brut der Empörer vertilgt wor⸗ den ſein, wären nicht von geheiligten Intereſſen abgefal⸗ len, oder lau geworden, diejenigen, auf die der Thron zu zählen das Recht zu haben glaubte, ſuchten ſie nicht ſelbſt aus unſerer Verlegenheit ſchnöden Gewinn zu ziehen. Ah, der Conde de San Jago!“ ſeufzte er wie ſich vergeſſend. „Conde de San Jago!“ riefen mehrere wie erſtaunt, „der Grande von Mexiko, deſſen Loyalität bisher ſo glänzend geſchienen?“ „Entſetzlich!“ ſtöhnten andere. „Werden Sie es glauben, Senorias,“ fuhr der Virey foört,„daß wir auf unſer Anſuchen um drei Millio⸗ nen Escudos an das Conſulado und die Nobilitad, auf dieſes unſer Anſuchen durch unſere Commiſſarien, auf das ſchnödeſte verhöhnt, und die Commiſſion ſelbſt zurückge⸗ ſandt wurde, von dem Conde de San Jago zurückge⸗ ſandt wurde?“ „Perdon Excellentissimo, Senor,“ fiel ihm der Chef des Conſulado ein,„der Conde de San Jago, weit entfernt——* „„Ah, wo ſind jene Zeiten,“ unterbrach ihn der Vicekönig,„jene Zeiten, wo ein Conde Regla, Milliio⸗ nen ſeinem allergnädigſten Herrn zu Füßen legte, wo ein Marquis de Jaral ſeine ganze Habe willig darbot, wo 79 — 98— ein Conde de Fagoaga, ein Marquis de Vibanco.“— Er hielt inne.„Aber,“ fuhr er ſcharf und eindringlich fort,„wir dürfen uns auch nicht wundern, über den ſo ſehr ausgearteten Geiſt der creoliſchen Nobilitad, wo unſere Landsleute, Spanier, und zwar beſonders begün⸗ ſtigte Spanier, deren Begünſtigung, geſtehen wir es nur, größtentheils an der unſeligen Empörung Schulld iſt, ihr Intereſſe ſo ſehr verkannt haben, daß ſie im Angeſichte dieſer Nobilitad nicht nur die ſchuldige Achtung gegen die hohe königliche Regierung verletzten, ſondern ſich auch in Erörterungen über den Zuſtand des Landes einließen, ſeine Einnahmen, Ausgaben, Sendungen von Baarſchaft in die Madre Patria, auf eine Weiſe kritiſirten, die, zum mindeſten geſagt, an das Verbrechen revelationis— Leyas de las Indias, tomo III, Index VII, Cap. XXIV.“ Er hielt inne. Der Mann ſprach wirklich ſo meiſterhaft, repräſen⸗ tirte den gekränkten loyalen Diener und Stellvertreter ſeines Königs auf eine ſo unübertreffliche Weiſe, wußte ſeinem Geſichte einen ſo ſchmerzhaften Ausdruck zu geben, daß, während er geſprochen, die Blicke aller mit Un⸗ willen auf den Chef des Conſulado ſich hefteten. Die Wahrheit zu geſtehen, ſo waren die Bemerkun⸗ gen des Satrapen nicht ohne Grund; denn wenn Mexiko dem Mutterlande Spanien ganz das war, was dem brittiſchen Tory die Sinecure oder das Faulamt iſt, das Mittel, durch welches es ſich in den Stand geſetzt ſah, in ſeiner träg mönchiſchen Grandezza, vor den Au⸗ gen der Welt einherzuprunken, und ſich zugleich einer Anzahl eben ſo träger, hoher und niedriger geiſtlicher und weltlicher Müßiggänger zu ezledigen, die es als Beamte, Handelsleute oder Prieſter in das Land ſandte, um es in ſeinem Namen zu regieren oder vielmehr auszubeuten, ſo konnte man dieſe ſechzigtauſend in Mexiko lebenden Spanier, wieder mit eben ſo vielem Rechte, als eben ſo viele Agenten des Mutterlandes betrachten, ſo innig zur Aufrechthaltung der Intereſſe deſſelben verbunden, als es nur die Agenten jener iriſchen Abſentee⸗Lords ſein können, die in der grünen Inſel die Millionen aufzubringen, die würdige Aufgabe haben, welche die edlen Lords mit ſo vielem Anſtande im alten lieben England zu verzehren ſich herablaſſen. Und in dieſer Coalition der drei mäch⸗ tigſten Intereſſen der geiſtlichen, und weltlichen Regierung, und des Handelsſtandes, baſirt wie ſie war, auf brutale Gewalt, war auch das Geheimniß der Stärke und der Dauer der ſpaniſchen Zwingherrſchaft ſelbſt gelegen. Schon um dieſer Urſache willen, hätte eine Coalition, die Zeit und Gewohnheit gereift und bewährt hatten, und die den Intereſſenten ſelbſt ſo ungeheure Vortheile ge⸗ bracht, nicht leichtſinnig gebrochen werden ſollen; denn daß der ſpaniſche Handelsſtand im Grunde der begün⸗ ſtigtſte der drei Stände war, glauben wir kaum nöthig denjenigen unſerer Leſer zu bemerken, die da die furcht⸗ baren Strafgeſetze kennen, die dieſem Stande alle Betrieb⸗ ſamkeit des Landes zur Willkühr ſtellten.— Allein was würde aus den Völkern, wenn die Leidenſchaften der herrſchenden Parteien, nicht ſtärker als ihr berechnender Scharfſinn wären?— Dieſer Handelsſtand Mexiko's, durch Monopole verzogen, aber in der gegenwärtig verhäng⸗ nißvollen Zeit, durch den Bürgerkrieg leidend, hatte in ſeiner Erbitterung gegen eine Regierung, die ſeinen In⸗ tereſſen nicht den Schutz angedeihen ließ, zu dem er ſich berechtigt glaubte, die bisher genoſſenen Begünſtigun⸗ gen um ſo leichter vergeſſen, als er wirklich durch die zweckloſen Grauſamkeiten der ſpaniſch⸗mexikaniſchen Ge⸗ neräle und Soldateska ungeheure Verluſte zu derſelben Zeit erlitten, wo die hohen Staatsdiener über die Dauer ihrer Gewalt beunruhigt, ihre eigene Bereicherung nicht verſäumt hatten. Es war weniger der Krieg, als die ſchreckliche Unordnung in einem Lande, wo ſich jeder nur ſo ſchnell als möglich zu bereichern ſuchte, der die Finanzen während der achtzehn Monate des Revolutionskampfes bereits in einen ſo mißlichen Zuſtand verſetzt, und nicht nur die ungeheuern Vorräthe an Silber, die Stiftungen und Kapitalien der Geiſtlichkeit und Bergwerksaſſociation, ſondern auch ihre außerordentlichen Beiträge mit den Ein⸗ künften des Landes verſchlungen hatte. Alles dieß hatte den gewaltigen Mann, der an der Spitze des Rei⸗ ches ſtand, zu einem Schritte veranlaßt, der ſchon für ſo manche deſpotiſche Regierung zur unheilbringenden Klippe geworden war— einer Anleihe— die mit wahr⸗ — 76— haft diplomatiſcher Treuloſigkeit vorgeſchlagen, zatiriich fehlſchlagen mußte. Uebrigens ſchien der Staatsmann nicht ſo ſehr das Fehlſchlagen ſeines Anſchlages auf die Silberbarren des Conſulado und der Nobilitad ſelbſt, als die Blöße die er ſich gegeben, und das verletzte Anſehen der Majeſtät und ihres Statthalters zu bedauern. Jedoch weit entfernt nach dieſer eindringlichen Vorſtellung ſeinen ernſt gewor⸗ denen Ton beizubehalten, wandte er ſich wieder mit einer ſo ſüßen Miene an denſelben Chef des Conſulado, und überſchüttete ihn wieder mit ſo vielen Complimenten, und hoffte ſo zuverſichtlich, daß der aufgeklärte und patrio⸗ tiſche Körper, dem er vorſtand, ſeinen Mißgriff, und das böſe Beiſpiel das er den Creolen gegeben, ver⸗ beſſern würde, daß die Geſellſchaft in kurzem wieder in eine heitere und gefälligere Stimmung verſetzt wurde. Die Ankunft eines Flügeladjutanten, der nun eintrat, unterbrach die Suade des hohen Mannes. Die Bot⸗ ſchaft, die er brachte, mußte von hoher Wichtigkeit ſein, denn der Gebieter erhob ſich ungemein ſchnell, und ver⸗ ließ mit der kurzen Entſchuldigung den Salon, daß der Dienſt Sr. Majeſtät dringlich ſeine Gegenwart erheiſche. Der Hofmann war kaum ausgetreten, als der Erz⸗ biſchof und die übrigen Gäſte in die unbegränzteſten Lo⸗ beserhebungen der Excellenz ausbrachen, durchwoben mit eben nicht ſehr gemeſſenen Mißbilligungen, über das Be⸗ nehmen der Nobilitad, die es wagen konnte, ſich zu er⸗ — 77— kühnen, einen ſo gnädigen Herrn zu kränken. Dieß gab natürlich wieder Gelegenheit auf das namenloſe Glück zurückzukommen, das dem Lande durch die Gegenwart eines ſo weiſen und gemäßigten Chefs zu Theil gewor⸗ den, und der ſo herrliche Grundſätze der Ordnung im Auge, und von ſo vortrefflichen Geſinnungen für Se. Majeſtät, und Dero allerhöchſtes Haus, und die wahre allein ſeligmachende Kirche beſeelt ſei. Alle waren in Begeiſterung gerathen, und die Senora Vireyna horchte in ſtiller Verzückung und mit einem gnädigen Lächeln um die etwas niederhängende Unterlippe, den unterthä⸗ nig geſpendeten Lobpreiſungen, wie eine, die ſich bewußt iſt, daß auch ſie als eine der Hauptquellen des außeror⸗ dentlichen Heiles, die dem Lande ihre Segnungen zuſtrö⸗ men, betrachtet werden könne. Da dieſe enthuſiaſtiſchen Herzensergießungen jedoch wahrſcheinlich für unſere Leſer nicht ganz daſſelbe Inte⸗ reſſe haben werden, wie für die gute, aber etwas ſchwache Vicekönigin, ſo verſetzen wir uns einſtweilen in das Ca⸗ binet, wohin ſich die drei jungen Damen in Begleitung ihres Paladin zurückgezogen haben. Siebenunddreißigſtes Capitel, Sardanapal.— Das Feſt Einſtellen? nicht um alle die Empörer, Die je ein Reich erſchüttert! Byron. Dieſes Cabinett war im neuſten franzöſiſchen Ge⸗ ſchmacke eingerichtet, ſo wie überhaupt in der Familie des Vicekönigs viel Franzöſirendes, vielleicht aus eben dem Grunde vorherrſchte, aus dem der Beſiegte die Sit⸗ ten und Gewohnheiten des Siegers dem ſeiner Lands⸗ leute vorzieht. Das einzige Spaniſche, das die ſtolze Bewohnerin des Appartements beibehalten hatte, war die Eſtrada, der erhöhte Hintergrund des Cabinets, auf deſſen einer Seite eine Ottomanne ſich herzog, hinter welcher reiche Gardinen ein üppig ſchwellendes Bette durchglänzen ließen. Vor den vergoldeten Löwentatzen des Bettes war ein, mit breiten, goldenen Treſſen ein⸗ —— — 79— geſäumter Teppich von Caſuarsfellen ausgebreitet; ſanfte Wohlgerüche durchdufteten das Zimmer, indem eine pit⸗ toreske, und zugleich geſuchte Unordnung durchſchim⸗ merte— hier eine Halskette, die ihr Lager auf einer Handzeichnung gefunden hatte, dort über einen Schirm ein koſtbarer Cachemir, prachtvolle, in Gold gearbeitete mexikaniſche Götzenbilder, und Sträuße aus dem glänzen⸗ den Gefieder der Vögel des Landes zuſammengeſetzt; künſtliche Blumen und koſtbare Vaſen, mit den tauſend Erforderniſſen einer Damentoilette, lagen in reicher Ver⸗ wirrung umher, den Geſchmack ihrer Beſitzerin, und vielleicht— die Zahl ihrer Verehrer gleich ſehr beur⸗ kundend. Sie ſelbſt, ganz Grazie, ganz Anmuth, war ma⸗ leriſch auf die Ottomane hingegoſſen, einen ihrer Arme um den Leib der Donna Inez, den andern um den Ema⸗ nuelens geſchlungen. Vor ihr, auf der Stufe der C Eſtrade, lag auf einem Kiſſen, der Oberſt, im Anſchauen, und wie es ſchien, im Entzücken verloren. Die Gruppe war wahrlich ſchön.— „Es hat uns ſonach gefallen, meine gnädigen und und hohen Herrſchaften,“ lispelte Donna Iſabella,„„ in dieſem Monate einen Ball zur Feier des Sieges, den wir,“ ſie richtete einen anmuthig lächelnden Blick auf den Oberſten,„durch unſre Tapfern zu erringen hoffen, zu beſchließen.“— Es erfolgte eine Pauſe.„Und die⸗ ſer Ball,“ fuhr ſie fort,„ zum Nutzen und Frommen — 80— des guten Geſchmacks der ſehr adelichen Stadt Mexiko,*) eine Quadrille, die glänzend und auserwählt, in den Hof⸗ annalen der mexikaniſchen Terpſichore einige Anerkennung finden ſoll.—8—“ „Nicht zu zweifeln,“ fiel ihr der Oberſt ein. Die Donna lächelte ihm graziös zu, und winkte Stille. „Eine Quadrille alſo ſoll dieſen Ball verherrlichen, deren glückliche Auserwählte wir nun ſofort bezeichnen wollen.“ „Ihre Herrlichkeit, Donna Emanuele Florentine Stephanie Vanegas de——“ „Me tenga Vmd a sus pies;“**) lachte die Be⸗ zeichnete. „Unſere liebe Inez.—“ „Beso a Vmd la mano,“***) frohlockte Donna Inez. „Iſabella,“ ſprach die Donna ſtolz lachend. „Wofür wir alle die Hände küſſen,“ riefen alle drei, und der Oberſte hatte bereits die ihrige erfaßt. „Donna Elvira Condeſſa de F—.“” Sie hielt inne. *) Die Hauptſtadt von Neuſpanien hatte das Prädikat der ſehr adelichen Stadt. **) Behalten Sie mich zu Ihren Füßen.— Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen zu Füßen werfe. *sn) Ich küſſe Ihnen die Hand. — 81— Der Oberſte, den Mund auf ihre Hand gepreßt, hatte das Haupt geſenkt.„Condeſſa de F— a„** rief ſie plötzlich, indem ſie ſich zugleich raſch herabbog, und ihre Hand vom Geſichte des Oberſten wegriß. Dieſes war mit einer Flammengluth übergoſſen. Sie warf einen durchbohrenden Blick auf ihn. „Sie wiſſen doch, Conde,“ fuhr ſie nach einer Weile halb ſpöttiſch fort,„daß die ſehr adeliche Stadt Mexiko dieſe Blume von Oaxaca ſeit drei Tagen in ihren Mauern beſitzt, und daß die Condeſſa Elvira von einer Familie ſtammt, mit der allerdings auch wir in Berührung tre⸗ ten dürfen.“ „„Zweifelsohne,“ verſetzte der Oberſte mit verbiſſe⸗ nen Lippen,„und es wundert mich nur, wie Donna Iſabella ſich herablaſſen kann, Gründe da anzugeben, wo ihr bloßer Wille hinreicht.”“ 4 „Für welche loyale Submiſſion Sie, Conde, ſogleich belohnt werden ſollen,“ lächelte die Donna;„denn da die Quadrille,“ fuhr ſie mit lispelnder Stimme fort,„nun wohl nicht bloß von Damen aufgeführt werden kann, und Caballeros uns in Vollendung des Rahmens einiger⸗ maßen nothwendig ſind, ſo haben wir in Huld und Gna⸗ den beſchloſſen, vier Cavaliere inſofern zu beglücken, als ihnen das beneidenswerthe Loos zu Theil werden ſoll.“ „O wie doch dieſer ſchöne Mund ſo folternd ſein kann! ſeufzte der ungeduldige Oberſt. „Zu Theil werden ſoll,“ wiederholte Donna Iſa⸗ Der Virey. III 6 — 32— bella,„uns dieſe Quadrille mit aufführen zu helfen. Und zwar—“ ſie ſah den Grafen lächelnd an. „Conde C— i.“ „Glücklicher C— i!“ rief der Oberſt. „Den General Grafen C— a.” „Ueberſeliger C— a!“ ſeufzte er wieder. „Conde Carlos de F— a.“ „O Schmerz, das iſt ja ein Creole,“ riefen alle. „Conde San Ildefonſo.“ „Bravo! Bravo!“ Der letzte Name entzückte wie⸗ der alle. „Senorias!“ ſprach die Donna.„Ich glaube kaum bemerken zu müſſen, daß dieſe Quadrille eine Ueberra⸗ ſchung ſein ſoll, für die ſehr adeliche Stadt Mexiko, der wir eine Surpriſe zu verſchaffen gedenken, die ihr ein Ty⸗ pus einer ſchäneren Zukunft werden ſoll. Wir haben daher kaum nöthig zu erwähnen, daß alles mit einem ge⸗ wiſſen Myſtere behandelt werden muß, der dem Ganzen eben ſo ſehr Reiz verleiht, als die Spannung erhält.“ Sie hielt inne. „O fahren Sie doch fort;“ riefen alle. „Wir dürfen zugleich auch nicht vergeſſen,“ be⸗ merkte ſie,„daß wir in einer verhängnißvollen Zeit le⸗ ben—“ ſie hielt wieder inne,„und daß der Ball an eine Bedingung geknüpft iſt—“ „An deren Erfüllung doch Senora Jſabella nicht zweifeln wird?“ ſprach der Oberſt mit dem ſtolzen Selbſt⸗ gefühle eines jungen Kriegers. „Gewiß nicht,“ lächelte die Dame.„Immerhin jedoch hängen wir von der Erfüllung einer Bedingung ab.“ Gegen dieſe Behauptung proteſtirte der Oberſt hitzig, indem er verſicherte, daß an dem Siege über die Rebellen zu zweifeln, ein Majeſtätsverbrechen gegen die ſpaniſche Ehre ſei, eine Verſicherung, die ſich die Dame um ſo lieber gefallen ließ, als ſie von dem Oberſten mit einem Feuer ausgeſprochen wurde, die ihm eine recht liebliche Röthe ins ſchöne Geſicht jagte, und die endlich die Donna dahin berichtigte, daß ein gewiſſes Myſtere allerdings er⸗ ſprießlich ſei, indem durch dieſes die Spannung erhöht, und ſo dem Ganzen ein Zauber verliehen würde, der bei einem Hofballe mit einer der Hauptreize wäre. „Wir wollen unſere Lieben Getreuen ganz à la sou- veraine überraſchen;“ äußerte ſie ſich mit der Miene einer wirklichen Souverainin,„und haben nicht umſonſt unſer Köpfchen angeſtrengt,“ fuhr ſie fort, den Lockenkopf ſchüttelnd,„den Knoten zu löſen, der dieſem Balle zu⸗ gleich jene hohen und wieder loyalen Airs verleihen ſoll, die den Spanier bei allen Gelegenheiten ſo herrlich vor allen Völkern der Erde ſtrahlen gemacht haben.“ „Herrlich! Herrlich!“ riefen die jungen Damen. „Strahlen gemacht haben,“ fuhr die Dame fort. „Da nun dieſes glückliche Land, trotz der eminenten —— Wohlthaten, die ihm unſere glorreichen Könige durch die Hand ihrer illuſtren Vireys zugewandt,“— ihr Geſicht verzog ſich bei dieſen Worten in ein unwillkürliches Hohn⸗ lächeln,„in demſelben Zuſtande ſich befindet, in dem unſer Vaterland bald nach der Eroberung von Grenada durch die hochherrliche Iſabella war; wir meinen den zwei⸗ ten Aufſtand der Mauren, gedämpft von dem herrlichen Aquilar, deſſen Nachkommen mütterlicher Seits“— ihr Blick fiel mit einem Ausdrucke von Hoheit auf den Ober⸗ ſten,—„ſich unter uns befindet, ſo dürfte es allerdings genehm ſein, Iſabellen als Typus aufzuſtellen, und je⸗ nen berühmten Reigen zu wiederholen, in dem die ſiegen⸗ den Spanier und beſiegten Mauren ihr, der Großen, der Erhabenen, vereint ihre Huldigungen darbrachten. Wir ſchlagen daher vor,“ fuhr ſie im poſitiven Tone fort, „den großen Triumphzug Iſabellens, nach der zweiten Mauren⸗Rebellion vorzuſtellen, und zwar auf eine mög⸗ lichſt brillante Weiſe vorzuſtellen, ſo, daß unſerem Aufzuge ein Train von Pagen und reich gekleideten Gefangenen folgen ſollen, die dann am Tanze Theil nehmen und überhaupt in ein Ganzes verſchmelzen.“ „Die Idee iſt wirklich herrlich!“ rief der Oberſt überraſcht. „Endlich denn;“ lächelte die Donna.„Wir ſind ſehr verbunden für dieſes Compliment, wo Complimente ſo ſelten ſind.” „Aber die Ausführung, wenn Geheimniß die Be⸗ 0 2 — 85— dingung ſein ſoll?““ fragte der Oberſt.„Woher die Co⸗ ſtüms? Wir haben zwar auf einem unſerer Familien⸗ ſchlöſſer der Siera Nevada die Coſtüms unſerer Ahnen von Vortigern herab bis auf unſern leiblichen Vater, ſelbſt den alten Seneca nicht ausgenommen, den einer unſerer hochpreislichen ur⸗Ur⸗Großonkel ſich als Escribano an die Seite malen zu laſſen befliſſen geweſen; aber in die⸗ ſem armſeligen Mexiko, mit ſeinem neugebackenen Zwie⸗ beladel, ohne Geſchichte, ohne Erinnerung—"„ „Wir,“ lächelte die Donna ſchmachtend,„die wir den Knoten geſchürzt haben, werden ihn auch zu löſen wiſſen. Zudem iſt der Unterſchied zwiſchen den Coſtüms der mexikaniſchen Nobilitad und dem Adel Spaniens zur Zeit Iſabellens nur geringe. Mit der gehörigen Rückſicht auf unſere Toilette wird es Ihnen ſchon jetzt leicht werden, die Ihrige anzugeben. Wir haben jedoch zum Ueberfluſſe Don— Dings— wie heißt er nur wieder?— den Direktor unſerer Academia de los nobles artes, zu un⸗ ſerm Camarilchen geladen, und ihm unſere Wünſche eröffnet, und er wird nicht ſäumen,“ fügte ſie etwas preciös hinzu,„Ihnen morgen die Zeichnungen einiger recht maleriſchen Coſtüms zu liefern.“ „O ſchmähliche Egoiſtin!“ ſcherzte der Oberſt;„die nobles artes auf dieſe Weiſe Ihren Zwecken ſubſervirend- zu machen.”“ „Wozu ſind ſie ſonſt?“ fiel ihm die Donna ſpitzig ein,„als uns Erdengöttern das Leben zu verſchönern und allenfalls die müßigen Geiſter zu beſchäftigen, und vom inſidiöſen Anſchauen unſerer ſelbſt abzuhalten. Wozu wa⸗ ren ſie von Perikles Zeiten herab bis auf die Medicis, von Louis bis zum Napoleon? Unſere Coeffure,“ wandte ſie ſich wieder an die beiden Donnas in einem Tone, der obwohl weniger preciös, doch wieder verrieth, daß dieſe mit den ſchönen Künſten auf gleicher, wenn nicht höherer Rangſtufe ſtand—„ unſere Coeffüre wird recht artig aus⸗ fallen. Les cheveux relevéês en deux noeuds dont sor- tent les coques, diadèmes de brillans, collier de bril- lans, robe de satin blanc, autour du corsage des plondes, bracelets de brillans, les escarpins richement brodés, couleur la même avec celle des paladins.“ „So herrlich,“ verſicherte der Oberſt, ihre Hand erfaſſend,„daß wir in demüthiger Ferne folgend unſere eigenen Coſtüms bereits im Spiegel erblickt haben.“” „Ah, Conde, haben Sie, haben Sie— und wo wa⸗ ren Sie, als wir gezeichnet haben?“ rief die Donna auf⸗ ſpringend. „ Bei meiner Ehre, Senora!“ erwiederte der Jüng⸗ ling mit einem Anfluge von Ernſt:„Es fiel mir ſo eben bei, welche großartige Weſen wir ſind, und wie wir einſt in der Geſchichte glänzen werden, die wir uns über einen Ball ſo ruhig beſprechen, in einem Zeitpunkte, wo ganz Neuſpanien in Flammen auflodert.“ Die Dame ſchien frappirt über dieſe Bemerkung, und ſah ihm forſchend ins Geſicht. „Iſt das liberale Weichheit oder geniale Rhapſodie?“ fragte ſie ſpottend.„Laſſen Sie das gut ſein, Conde. Ja, um ſo beſſer; iſt Mexiko in Flammen, ſo brauchen wir keine Braſſeros auf unſerm ſiebentauſend Fuß hohen Thale. Laſſen Sie ſie heranbrechen, dieſe Flammen!“ rief ſie ſtolz. Der Oberſt ſah ſie befremdet an.„Wunderbares Weſen!“ rief er, wie vergeſſend ſeinen Arm um ſie ſchlingend. Sie ſtieß ihn zurück, ſah ihn einen Augenblick mit blitzenden Augen an, dann warf ſie ihren Arm in den ſeinigen, und zog ihn mit ſich fort durch die Gemächer, den zuvoreilenden Schweſtern nach. „Sie ſind ein Verräther, Conde!“ flüſterte ſie ihm zu:„Ein Verräther!“ ſie hielt ihn zurück und deutete auf die beiden Donna's, die in ſorgloſer Fröhlichkeit dem Saale zuhüpften und ſich nur zuweilen mit jener naiven Schlauheit umſahen, mit der die jüngern Sprößlinge des ſchönen Geſchlechtes die Herzensergießungen der ältern auf⸗ zuhaſchen geneigt ſind.„Ich ſollte ſchweigen,“ flüſterte ſie kaum vernehmbar;„aber Iſabella iſt zu ſtolz. Hören Sie,“ murmelte ſie dem Jünglinge zu:„Sie haben eine Saite berührt, deren Anklang immer eine widerliche Em⸗ pfindung in dem Nervenſyſtem unſerer hohen Welt hervor⸗ — 88— bringt. Man nennt das, was Sie geäußert haben, libe⸗ rale Geſinnungen, die jetzt in Spanien in der Mode ſein mögen, hier aber mit dem Autillo*) belegt werden.“ „Um welches Autillo ſich der Conde de San Il⸗ defonſo doch nicht zu kümmern nöthig haben wird?“ er⸗ wiederte der Jüngling ſtolz. „Sie irren,“ ſprach die Donna;„denken Sie an Iturrigaray. Selbſt der König, käme er in dieſes Land, müßte mit dem Strome ſchwimmen oder untergehen. Un⸗ ſere Landsleute hier, haben Mexiko ſo lange nach ihrem eigenen Plane, und zu ihrem Beſten verwaltet, daß ſie es nun als ihr eigen betrachten.“ Der Oberſte ſchüttelte unwillig den Kopf. „Die Stützen des Staates und der Kirche ſind morſch; aber in ihrer Morſchheit gefährlicher als je; merken Sie ſich dieß wohl. Kommen Sie nun und bewundern Sie meinen Muth, mit einem Liberalen Arm in Arm in die Geſellſchaft Serviler zu treten.“ „Pah! wir ſind liberal, weil uns juſt die Luſt kommt,“ lachte der Jüngling;„wir ſind geborner Ariſto⸗ krat,“ ſetzte er ſtolzer hinzu. „Das waren Mirabeau und Egalité auch, und doch brachten ſie Louis auf das Blutgerüſte.“ *) Das kleine Auto da fèé, eine nicht ungewöhnliche Strafe; ſie beſtand im Verluſte bürgerlicher Rechte. — 89— In den Worten, in den Blicken, die ſie begleiteten, lag eine Welt von Gedanken. Der Jüngling ſah ſie er— ſtaunt an. Arm in Arm traten ſie von der einen Seite in den Saal, in den von der andern der Virey geeilt kam. Achtunddreißigſtes Capitel. Läppiſcher Wicht, der Mit ſeiner eigenen Schuld ſpielt! Unter allen, Die leben, kennſt am beſten Du deſſen Unſchuld, Auf den dein Hauch die blut'ge Schuld will athmen. Byron. Sie warf einen Blick auf ihn, und ihre Miene verzeg ſich zum bitterſten Hohne; doch eben ſo ſchnell erſtarrten die Züge dieſes ſchönen Geſichtes wie zum lebloſen Mar⸗ mor. Mit dem Vicekönige war etwas Außerordentliches vorgegangen, das war klar; etwas, das ſelbſt Er, der Meiſter in der Verſtellungskunſt, nicht zu verbergen im Stande war; etwas Furchtbares; denn die Adern auf der Stirne und den Schläfen waren geſchwollen, ſeine Augen blitzten, und ſeine Züge kämpften ſichtbar in der Anſtrengung, die es ihn koſtete, ſie in einige Ruhe zu bringen, und den innern Kampf zu verheimlichen. Es blitzte etwas wie hölliſcher Triumph, und wieder eine — 91— gewiſſe Verlegenheit aus dieſem Mienenſpiele hervor, das ihn lange nicht zu Worte kommen ließ. Er ſchritt, eine Depeſche in der Hand, einige Male im Salon auf und ab, zum Schrecken aller Anweſenden. „Don Vanegas!“ jammerte die Gattin, die auf⸗ ſprang. „Liebe,“ erwiederte der Gatte, ſie zärtlich weh⸗ muthsvoll bei der Hand erfaſſend, und ſie ſanft zu ihrem Sitze führend. „ Excellenza, Excellentiſſimo, Senor!“ rief der Erzbiſchof. „Excellentiſſima, Gracioſiſſima, Senoria!“* ſchrien die Präſidenten, Intendanten, Oidores und Generäle. „Und ſo iſt denn,“ hob nun der Mann an, dem es endlich gelungen war, ſein Geſicht in die Falten zu legen, die eben ſo hohen Unwillen, als anſtändigen Schmerz ausdrücken ſollten.—„So iſt denn alle Loyalität, alle Treue, aller Glaube in dieſem Lande verſchwunden, und ſo hat ſich denn das Verderben, das gräßliche, ſo tief eingeniſtet, daß ſelbſt die harmlos ſcheinende Jugend ihn, den giftigen Wurm, im Buſen trägt, unſerer Milde, un⸗ ſerer Gnade, ja ſelbſt unſerer Erfahrung ſpottend. Es iſt unglaublich, Senores,“ rief der große Mann, die De⸗ peſche auf den Tiſch mehr werfend als legend,„und wenn nicht der offizielle Bericht eines der getreuſten Diener Sr. Majeſtät——“ „Excellenza!“ riefen die ſämmtlichen Anweſenden. — 92— „Sie kennen, Senores, den Neffen deſſelben Grafen, San Jago, über den zu klagen wir bereits der Urſachen ſo viele haben, und von dem Beſſeres zu hoffen, wir in der Milde unſeres Herzens noch immer bewogen werden—“ „Madre de Dios!“ riefen alle. „Nicht wiegend das Verbrechen, deſſen ſich der junge Mann gegen die geheiligte Perſon Sr. Majeſtät in einem ſo hohen Grade ſchuldig gemacht hat, daß er Pasquillen und ſatyriſche Vorſtellungen gegen die aller⸗ höchſte Perſon, unſeres angebeteten Monarchen angehört, haben wir, die Milde unſeres allergnädigſten Herrn uns zu Gemüthe führend, und die Jugend und Unerfahren⸗ heit des Culpaten in Anbetracht ziehend, die gerechte Strafe, der er anheimfallen ſollte, gewiſſermaßen in eine Belohnung umzuwandeln uns bewogen gefühlt, und ihn in die Madre Patria gewieſen, um durch würdige Tha⸗ ten in den Reihen der heiligen Kämpfer für die erhabenen Rechte unſeres Souverains ſeine Schuld zu büßen.“ Der Mann hielt inne, und holte tiefen Athem. Aller Blicke waren ſtarr auf ihn gerichtet. „Betrogene, die wir waren!“ hob er aus voller Bruſt wieder an.„Nicht volle achtundvierzig Stunden hatte der junge Böſewicht der Hauptſtadt den Rücken gekehrt, als er ſeinem verrätheriſchen Triebe nicht mehr widerſtehn konnte. Sie wiſſen, Senores,“» er wandte ſich zu den Generälen,„wir ſandten ihn in der Begleitung des bra⸗ ven Major Ulloa ab, der einiges Raubgeſindel unter der — 92— Anführung des berüchtigten Vincente Guerero gefänglich einbringen ſollte. Wir können noch immer nicht begrei⸗ fen, wie es ihm gelang, die Wachſamkeit dieſes braven Offiziers zu täuſchen, und mit ſeiner Servidumbre ſich vom Korps des Majors zu trennen. Auf den Höhen der Cordillera, nördlich von der Barranca von Juanes, ver⸗ einigte er, ein mexikaniſcher Caballero, ſich mit dem Räuber Vincente Guerero; beide mit ihren Banden über⸗ fallen verrätheriſcher Weiſe die Escadron während der Sieſta, und ermorden dieſe ſammt allen Offizieren, und der Liebling unſers edlen Conde de San Jago, der un⸗ fern dieſer gräßlichen Mordſcene mit der ihm kurz zuvor anvertrauten Escadron hält, kömmt nun, um ſich an den Raubmörder anzuſchließen, nachdem der brave Ulloa mit all den Seinigen gefallen ſind; und derſelbe Conde Carlos zieht dann mit ſeinen Moroͤgefährten über die Cordillera herab gegen Mexiko, wo ſie zwiſchen Rio Frio und Chalco, die Hacienda eines achtbaren Gliedes des Conſulado, des Bruders unſeres ſehr achtbaren Don Pinto, plündern. Wirklich, wäre es nicht offizieller Be⸗ richt— und doch,“ ſprach der Mann ſtockend,„kaum daß wir unſern eignen Augen trauen mögen!“ Einige wenige ſchüttelten die Köpfe, die Mehrzahl ſchien jedoch entſetzt ob dieſer Treuloſigkeit; beſonders war die Donna ergriffen, doch äußerte ſich in dieſen ſtol⸗ zen Zügen weniger Schrecken oder Entſetzen, als bitterer Hohn. Sie warf dem Virey einen durchbohrenden Blick zu, und zog ſich in die Fenſtervertiefung zurück. „Ah, Senores,“ fuhr der Virey fort,„dieſer Conde de Jago, den wir ſo hoch gehalten, dem wir ſo vielfältige Beweiſe unſeres Wohlwollens gegeben— ſehen Sie die Früchte der Grundſätze dieſes Mannes.“ „Was den Conde de San Jago betrifft, nahm der Fiscal der Audiencia das Wort, ſo ſcheint dieſer den frevelhaften ungeſtümen Geiſt ſeines Neffen gekannt und richtig beurtheilt zu haben, indem er ſowohl ſeine ſtillſchweigende Theilnahme an der hochverrätheriſch⸗ſaty⸗ riſchen Pasquinade, und die allzugnädige Beſtrafung, die ihm Euer Excellenz zuerkannt, gewiſſermaßen in ſo fern gemißbilligt hat, als er eine Proteſtation oder Er⸗ klärung bei der hohen Audiencia niedergelegt, in Folge welcher er ſich gänzlich von dem jungen Caballero los⸗ ſagt——“ „Und wer ſagt dieß?“ fuhr die Excellenz auf, und zwar mit einem Ungeſtüme, der mit dem ſonſt ſo gehal⸗ tenen Weſen des Mannes ſehr wenig im Einklang ſtand. „Wir, der Fiscal der höchſten Audiencia von Neu⸗ ſpanien, Euer Excellenz unterthänigſt aufzuwarten„ 2 erwiederte dieſer mit einer Feſtigkeit, die wenigſtens die tröſtliche Verſicherung gab, daß das höchſte Gerichtstri⸗ bunal einen feſten Charakter zähle. Die Excellenz ſchritt raſch im Saale auf und ab. „Eine Copie dieſer Erklärung,“ ſprach der Präſi⸗ dent des Conſulada,„hat der Graf auch bei unſerem Cuerpo niedergelegt. Sie iſt in ſehr ehrfurchtsvoll loya⸗ lem, aber zugleich auch in zuverſichtlich ſtarkem Tone abgefaßt. Auch bitten wir Euer Excellenz nicht zu ver⸗ geſſen, daß die Anklage zwei der mächtigſten Familien des Landes zugleich trifft, und daß der Conde ein eben ſo geachtetes als einflußreiches Glied des Conſulado iſt.“ „Und der durch ſein Benehmen bei der heutigen An⸗ leihe nur zu ſehr bewieſen hat, wie viel ihm am Wohlge⸗ fallen Sr. Majeſtät gelegen ſei.“ Selbſt mehrere der trocknen Spanier konnten das Lä⸗ cheln über dieſe Subſtituirung des Wohlgefallens der Maje⸗ ſtät, für das des Repräſentanten, nicht ganz unterdrücken. „Wir bitten um Vergebung, Excellenza,“ fuhr der Präſident des Conſulado fort,„wenn wir die Euer Excellenz beigebrachten Vorſtellungen, über die heute ſtatt gehabten Vorfälle im Hauſe des Conde de San Jago dahin berichtigen, daß wir verſichern, der edle Graf habe wirklich nicht das Mindeſte gethan oder geſprochen, was Sr. Majeſtät hohen Regierung in dieſem Reiche präjudi⸗ cirlich ſein könnte; im Gegentheile, er habe alles verſucht, um günſtigere Reſultate zu erlangen, die jedoch bei dem Umſtande, daß die Sicherheiten für Kapital und Intereſſe die letztern nicht einmal hinlänglich deckten, abſolut un⸗ möglich wurde.“ „ Es iſt doch merkwürdig,“ rief die Excellenz,„und — 96— beinahe ſollten wir glauben, daß der Conde de San Jago, ein Creole,“ er betonte dieſes Wort ſcharf,„und ſeine beiden creoliſchen Neffen, wohl gethan, und wir übel im Dienſte Sr. Majeſtät. Kaum, daß wir unſern Ohren trauen können! und wir können uns kaum überreden, daß Don Eſtevan der Chef des nämlichen Conſulado iſt, das noch erſt vor zwei Jahren, die eben ſo pa⸗ triotiſche, als in gegenwärtigen Zeitverhältniſſen weiſe Deklaration erließ, über dieſelben Creolen erließ, die nun uns gleichgeſtellt werden ſollen. Merken Sie aber wohl, Senores, der innigen Vereinigung aller rechtgläubigen Spanier unter der Aegide Sr. Majeſtät Regierung, ver⸗ danken wir es, und Sie, daß wir Mexiko noch immer unſer nennen. Wir wollen es behaupten, für Se. Ma⸗ jeſtät den König, unſer Vaterland, und für uns und unſere Kinder. Ob wir es vermögen werden, wird von Ihnen abhangen. Merken Sie ferner wohl! Ein zweiter Fehltritt der Art, wie er heute geſchehen, dürfte gefähr⸗ lichere Folgen haben.“ Als er ſo geſprochen, ging er einigemale im Saale raſch auf und nieder. Alle waren betroffen; denn ſo groß die Macht der drei Intereſſen des Handelsſtandes, der Prieſterſchaft und der Beamtenwelt, die gewiſſermaßen in den An⸗ weſenden repräſentirt wurden, auch ſein mochten, unbe⸗ dingter Gehorſam unter den Willen der Excellenz, war die Hauptbedingung, das Lebensprincip, das jedem Spa⸗ —-— 99„— nier zur heiligſten Pflicht gemacht worden; die Wen⸗ dung, durch welche der Hofmann die beiden Cavaliere nun in jenes tiefbegründete Intereſſe verflochten, und ſo an den verzehrenden, Jahrhunderte hindurch gewurzel⸗ ten, und ſo gewiſſermaßen legitim gewordenen Haß der Spanier gegen die Eingebornen appellirte, konnte, ja durfte nicht ihre Wirkung verfehlen. Alle ſchwiegen, und es herrſchte für einige Minuten eine Todesſtille. Die Camarilla, die ſich unter ſo fröhlich geiſtreichen Auſpicien eröffnete, hatte auf einmal einen ernſt feier⸗ lichen Ton angenommen, den der Hofmann mit ſeiner wirklich bewundernswerthen Gewandtheit noch höher zu ſpannen nicht ſäumte. Feſt und raſch begann er allen die Nothwendigkeit unveränderlichen Zuſammenwirkens recht dringlich ans Herz zu legen. Einige Winke von Opfern, die fallen müßten, um die Ruhe des Landes wieder herzuſtellen, wurden hingeworfen, und vom Erzbiſchof fromm, bereitwillig mit bibliſchen Sentenzen belegt: „Wenn dein Auge dich ſchmerzt, ſo reiße es aus;“ und „„ſo hat Gott die Welt geliebt, daß er ſeinen eingebornen Sohn dahin gab, auf daß keiner, der an ihn glaubt, verloren gehe,“ wobei er ſeufzend bemerkte, daß ja der Sohn Got⸗ tes ſelbſt hoher Intereſſen willen ſich geopfert habe; wo⸗ für ihm der Vicekönig wieder in huldreicher Demuth dankte. Dann ſuchte der Mann ſich von dem Vorwurfe zu reinigen, als wenn er, der Repräſentant der Majeſtät, aus perſönlichen Rückſichten handelte; er, der nur für Der Virey III. — 98— den Dienſt der Majeſtät und der Kirche lebe, und be⸗ reits ſo viele Beweiſe von Milde und Verſöhnlichkeit ge⸗ geben, die aber alle verkannt worden. Als Zwiſchenſpiel wandte er ſich wieder an die einzelnen anweſenden Ge⸗ neräle, denen er ſeine Zufriedenheit für die bei dem heu⸗ tigen Tumulte getroffenen kräftigen Vorkehrungen zu erken⸗ nen gab, dann wieder an die Glieder der Audiencia, verſicherte ſie, wie er nur Gerechtigkeit und nichts als Gerechtigkeit wünſche, daß— aber in der gegenwärtig außerordentlichen Lage, auch außerordentliche Maßregeln und Rückſichten genommen werden müßten, und ſtimmte ſo allmälig die ganze Geſellſchaft dahin, daß ihm alle den abſoluteſten Gehorſam gegen ſeine hohen Winke und Ge⸗ bote zuſicherten, zugleich betheuernd, daß nur durch die⸗ ſen blinden Gehorſam gegen die Excellenz das Land vom Untergange gerettet werden könne. Und nachdem der hohe Mann ſeine Gäſte in ſo weit bearbeitet, daß ſie ihm alle unbedingte Folgeleiſtung zugeſichert hat⸗ ten, und der Endzweck der Camarilla ſo erreicht war, ließ er die ſchmeichelhafte Hoffnung fallen, daß ſeine liebe, theure Schwägerin ihm bald wieder das Vergnügen, das ſeltene, das herrliche, verſchaffen werde, ſich ihrer Gegen⸗ wart zu erfreuen, ein Wink, den alle benutzten, um vor dem hohen Manne in Demuth zu erſterben, und ſich ſodann unter vielfältigen Bücklingen aus dem Saale zu entfernen. Bloß der Oberſte war zurückgeblieben. Der jüngere der beiden Töchter, mit der er bisher getändelt hatte, kam nun in harmloſem Entzücken auf den Papa zu⸗ gehüpft. „Der Jungfrau ſei gedankt,“ frohlockte ſie,„daß unſere lieben Gäſte gegangen; Vierge! bald hätten ſie uns doch ſo ernſt geſtimmt, die wir zuvor eine ſo deliciöſe Stunde hatten. Wiſſen Sie aber, Papa, daß Sie gar nicht aimable ſind— welch ein finſteres Geſicht!“ „Ach, theures Kind!“ ſprach der zärtliche Vater, mit einem ſchmerzlichen Lächeln.„Ich bin ſchon glücklich, wenn ich nur Euch froh und in ſo lieber Geſellſchaft weiß, wie die unſeres theuern Grafen und Oberſten. Ach, Sie ſind doch,“ er wandte ſich vertraulich an die⸗ ſen,„einer der wenigen Freunde, die treu aushalten. Wie glücklich ſind wir in Ihrer Freundſchaft. Auch ich habe eine Bitte,“ ſprach er im ſüßen Tone,„und da Sie gegen die Meinigen ſo freigebig geweſen ſind, ſo hoffe ich nicht minder glücklich zu ſein.“ „Euer Excellenz haben zu befehlen,“ ſprach der Oberſt. „Ohne Complimente, Lieber, sans fagon. Seien Sie ganz zu Hauſe bei uns; wir müſſen Sie für ein halbes Stündchen in Anſpruch nehmen. Ja, ja, wir thun es nicht anders. Wir wollen nur zuvor ein kleines halbes Stündchen mit unſerer Familie verſchwinden, und dann wieder zurück ſein. Es iſt ein drückender Zwang in dem wir leben,“ klagte er mit ſeufzender Stimme, — 100— keinen unſerer Lieben an unſerm häuslichen Tiſche bewir⸗ then zu dürfen. Es iſt jedoch ſeit Jahrhunderten gehei⸗ ligte Sitte, und wohl ſollen alte Sitten geehrt werden. Nicht durch uns ſoll das erſte Beiſpiel leichtſinniger Hint⸗ anſetzung ſtatuirt werden, ſo drückend uns auch dieſe Seite ſein mag.“ Dieſe Worte waren wieder in einem ungemein ge⸗ rührten und beinahe ſalbungsvollen Tone geſprochen. „Sie bleiben demnach, Guter! Unſere liebe, liebe Schwägerin laſſen wir zurück, und geben ihr einen halbſtündigen Hausarreſt. Fürwahr, wir beneiden unſere belle-soeur um dieſe kleine Tertullia, dieſen Genufß. Ja, ſo, in einer kleinen halben Stunde ſind wir wieder bei Ihnen. Wüßten Sie nur, lieber Conde und Ober⸗ ſter, wie gut wir Ihnen alle ſind.— Es iſt uns Staats⸗ männern ſo ſelten gegönnt ein vertrautes Wort in einen freundlichen Buſen fallen zu laſſen. Ach, mein Gott! Sie haben ſie ja geſehen, dieſe Stützen des Staates, dieſen Chef unſeres Conſulado, dieſen Fiscal unſerer Au⸗ diencia; und doch leben wir in einer Zeit, wo Zuſam⸗ menwirken zum Großen, zum Guten, zum Herrlichen, nur wenn mit Feſtigkeit gepaart, hoffen darf, die Saat des Böſen zu meiſtern.“ Alles dieß war mit einer ungemeinen Geläufigkeit, aber wieder mit einer ſo bewunderswerthen Modulation der Stimme geſprochen, daß der Oberſt, trotz des ariſtokra⸗ tiſchen Hohnes der um ſeinen Mund ſpielte, den Mann — 1014— mit einiger Verwunderung anſah. Nun gerührt, nun ernſt, wieder freundlich, zutraulich, hatte dieſer vollkom⸗ mene Hofmann in die wenigen Worte eine ſo unverkenn⸗ bare Herzlichkeit und Freundſchaft zu legen gewußt, die jeden andern, als einen gebornen Ariſtokraten nothwendig hätten täuſchen müſſen. Er ſchien wieder nahe daran zu ſein, ſeiner Zungenfertigkeit weitern Lauf zu laſſen; doch beſann er ſich, und fuhr in einem kürzern, aber immer noch herzlichen Tone fort: „„Ja Conde und Oberſter, wir müſſen ein halbes Stündchen zuſammen plaudern, uns verſtändigen zum gemeinſamen hohen Intereſſe; ganz ohne Scheu, ohne Zurückhaltung wollen wir uns einander aufſchließen. Zu⸗ rückhaltung, Lieber, würde da ganz am unrechten Orte ſein, wo die Intereſſen dieſelben ſind, und haben wir nicht ganz dieſelben Intereſſen, Conde? Ihre Familie iſt eine der erſten Spaniens, im Beſitze bedeutender Domänen in Mexiko. Muß Ihnen nicht alles daran gelegen ſein, dieſe edelſte Perle Spaniens, dieſe koſtbarere Perle als Spanien ſelbſt, in der Treue und dem Gehorſam gegen den legitimen Beherrſcher zu erhalten, durch welche ſein erhabener Thron allein in den Stand geſetzt wird, die große Rolle unter den Staaten der Welt zu ſpielen, wozu er ſeit Jahrhunderten berufen iſt? Ah, Conde, Sie ſelbſt, den ſeine hohen Verbindungen dazu beſtimmen— vielleicht ſehr bald unſer Nachfolger.“ „Excellenz ſcherzen,” fiel ihm der Oberſt etwas trocken und in höherer Betonung ein.„Eben weil unſere Familie eine der erſten, dürfen wir nie hoffen, daß die Politik unſeres Hofes ſich bis zu uns verſteige, da ſie ſich mit geringern Materialien zu ihren Bauten befriedigen kann—” Er hielt inne, denn des Vicekönigs Freundlichkeit war eingermaßen lauernd geworden. „Wir Granden,“ beſchloß er,„ſind nun ſchon ein⸗ mal beſtimmt, bloße Camareros der Majeſtäten zu ſein.“ „Wir werden mehr über dieſen Punkt ſprechen,“ fiel ihm der Vicekönig etwas haſtig ein;„aber glauben Sie, mein Lieber, die Cortez werden aufräumen, die durch⸗ lauchtige Majeſtät der Cortes wird ihre Gewalt zu benutzen wiſſen, und auch in dieſer Hinſicht viel Gutes bewirken. Ha, ha! Ja, ja!— Nun wollen wir Sie einſtweilen unſerer lieben belle-soeur zur Dispoſition über⸗ laſſen, Ihre Unterhaltung wird zweifelsohne— doch adios lieber Conde und Oberſter!“ Und mit dem bezauberndſten Lächeln und einem Händedrucke, der ſo lange dauerte, daß der hohe Mann ſich gewiſſermaßen nicht mehr trennen zu können ſchien, und mit dem ſüßeſt gelispelten Adios, glitt er halb ſchwebend, halb tanzend, und wieder ſich bei jedem Schritte wiegend, aus dem Salon, um unter dem Vor⸗ tritte des dienſtthuenden Camarero und Pagen ſich in ſein Appartement zu begeben. ˖— Zweiunddreißigſtes Capitel. Ich fürcht' ein Aeußerſtes, und will ihr folgen. Shakespeare. Das ſpitze Lächeln, das ſich um den Mund unſers Oberſten während der letzten Ergießungen des gewaltigen Satrapen gelegt, war verflogen und ein ungemeiner Ernſt hatte ſich über die ariſtokratiſchen Züge des Jüng⸗ lings hingelagert, als er kopfſchüttelnd dem Manne nach⸗ ſah, der die furchtbarſten Leidenſchaften mit gefälliger Leichtigkeit aus ihren unterſten Tiefen heraufbeſchwören konnte, ohne auch nur im leiſeſten von denſelben berührt zu werden. 3 „Diablo cojuelo,*) murmelte er zwiſchen den Zäh⸗ nen,„dieſer Sombre von einem Rey.„*) —— *) Hinkender Teufel. **) Schatten von einem König. — 404— Die letzten Worte verſchluckte er halb, indem er ſich raſch umſah. Seltſam, die Donna war gleichfalls verſchwunden. Die Thüren, die durch die Reihe von Zimmern in ihr Boudoir führten, waren offen, und aus denſelben her laute Stimmen, Ausrufungen und Verwünſchungen zu hören.) Der Stabsoffizier ſchüttelte mehr und mehr das Haupt. Auf einmal kam die Donna durch die Gemächer ge⸗ rannt, bleich und verſtört; ſie ſtürzte in den Salon, ihr Buſen hatte zum Theil die Feſſeln geſprengt und wogte halb entblößt in ſtürmiſchen Schlägen. Sie ſchaute ſich wild um, ſtampfte mit dem Fuße; wieder rannte ſie durch den Saal, als wäre ſie von Furien gepeitſcht. Ihre Stimme ſtockte. Sie verſuchte es zu reden, ſie konnte nicht; aber ſie ſtieß einen gellend unnatürlichen Wuth⸗ ſchrei aus, der ihre Pagen und Kammerfrauen erſchrocken hereinſtürzen machte. Sie trieb ſie fort.„Fort, fort!“ ſchrie ſie dem Oberſten zu, der außer ſich über die un⸗ begreifliche Verwandlung, auf das prächtige Weib zuge⸗ ſprungen, und ſie wie eine Raſende feſt in ſeine Arme gefaßt hatte. Sie riß ſich mit Gewalt von ihm los.„Fort, fort!“ ſchrie ſie ihm zu;„fort, ich bitte, ich beſchwöre Sie lief wieder zur Thüre; ſie horchte; ihr Geſicht — 405— glühte; die rothen Streifen waren zu flammenden Zun⸗ gen, ſie ſelbſt zur unheilſchwangern Herodias geworden, wie ſie uns Leonardo da Vincis Pinſel vor Augen ge⸗ zaubert. Der junge Grande ſtand entſetzt.„Was iſt dies? Um Gotteswillen, Donna! Was iſt es, das Sie in die⸗ ſen außerordentlichen Zuſtand—“ Sie ließ ihn nicht ausreden.„„ Fort, fort!“ ſchrie ſie mit erſtickter Stimme.„Unglücklicher!”“ murmelte ſie, ſich wie vergeſſend und ſchmerzlich die Hände ringend. „ Scheuſal!“ ſtieß ſie wieder mit Heftigkeit aus, und ſtampfte mit dem Fuße.. „Warum ſoll ich fort, Donna?“ rief der Oberſt ſie wieder erfaſſend.„Fort von Ihnen? in dieſem Zuſtande, fort aus dem Himmel, wo die Göttin thront, in die fade, kalte Nacht Mexikos?“ Sie ſtieß ihn mit Heftigkeit, beinahe mit Abſcheu zurück.„Was wollen Sie, Oberſt?“ Im anſtoßenden Zimmer waren Fußtritte zu hören. Eine Kammerfrau huſchte zur Thüre herein, ein Page folgte ihr. Beide flüſterten der Herrin einige Worte in die Ohren, die ihr wechſelweiſe Todtenbleiche und Fie⸗ bergluth auf die Wangen brachten. Einen Augenblick warf ſie ſich gedankenſchwer auf den Sopha, dann ſprang ſie auf, befahl den Beiden ihr zu folgen und verſchwand in der Thüre. Nach einer halben Viertelſtunde kam ſie zurückgerannt, einen dreieckigten Generalshut auf dem — 106— Kopfe, einen blauen goldbordirten Mantel um die Schul⸗ tern, ein junger Mann in derſelben Verkleidung, den Hut ausgenommen, ihr zur Seite. Sie war raſch ein⸗, raſcher auf den Oberſten zugetreten. „Conde,“ redete ſie ihn an.„Haben Sie Muth zu einer edlen That? Der Oberſt ſah ſie zweifelhaft an. „Muth,“ ſprach ſie dringlicher,„ einen edlen Jüng⸗ ling retten zu helfen, den— den— den— murmelte ſie vor ſich hin,„ein ſchwarzer Böſewicht zu verderben auf dem Punkte ſteht.“ „Donna,“ erwiederte der Oberſt,„ich bin im Pallaſt Sr. Excellenz des Virey von Neuſpanien.“ „Don Juan, ihr Vorfahr würde einer Dame nicht dieſe Antwort ertheilt haben. Gehen Sie mit Gott und der heiligen Jungfrau und leben Sie tauſend Jahre,“ ſprach ſie mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke von Bit⸗ terkeit und Hohn. „Um Gotteswillen! Donna, eilen Sie; jede Mi⸗ nute, jede Sekunde mag die letzte ſein,“ flüſterte der Blaumantel der Donna zu. In demſelben Augenblicke huſchte eine Kammerfrau durch die Thüre herein, warf dem Oberſten ſeinen weißen Mantel um die Schultern, drückte ihm den Hut in die Stirne, flüſterte der Donna einige Worte in die Ohren und ſchob dann Donna, Blaumantel und Oberſten zur Thüre hinaus. — 194— „Iſabelle! Iſabelle!““ ſchrie der Oberſt— doch ſie hörte nicht. Sie flog mehr als ſie rannte durch die Ge⸗ mächer dem Boudoir zu, durch eine Thüre an der Seite des Bettes in eine Garderobe, aus dieſer in ein Badezim⸗ mer, wieder in ein koſtbar meublirtes Schlafgemach, und durch eine verborgene Thüre in einen ſchmalen Gang, an deſſen Ende ſich eine Wendeltreppe befand. Sie führte in eine bedeutende Tiefe. An jedem Abſatze ſtand eine Schild⸗ wache, welcher der Begleiter der Donna das Loſungs⸗ wort zuflüſterte. Nach einem Hinabſteigen, das meh⸗ rere Minuten gedauert hatte, waren ſie in einer Halle angelangt, deren ſchwarze Mauern ungeheure Mitte⸗ und Strebepfeiler von gehauenen Steinen augenſcheinlich die Fundamente des ungeheuren Pallaſtes bildeten. Die kühle Grabesluft, das Waſſer, das an den Wänden herabträu⸗ felte in Rinnen im ſteinernen Fußboden geſammelt, al⸗ les verrieth, daß ſie ſich unter der Erde befanden. Zwei Schildwachen ſchritten zähnklappernd in der weiten Halle auf und ab. Dieſe war zum Theil erleuchtet, zum Theil finſter, einer ungeheuren Gruft gleich, aus deren Tiefe Töne hervordrangen, die unſere Nachtwandler in ein leichtes Fröſteln verſetzten. Sie ſtanden eine Weile unſchlüſſig, als eine ver⸗ hüllte weibliche Geſtalt heranſchlich, ſie mit den Worten: „Bendito sea el nombre de Vierge,“ begrüßte und dann eine ſtarke eiſerne Thür öffnete, durch welche ſie die Drei zog, raſch den ungeheuern Riegel vorſchob, ih⸗ — 108— ren Topalo zurückwarf, eine Blendlaterne hervorzog und dann ſchnell ihren Weg durch die Labyrinthe dieſes ſchau⸗ dervollen unterirdiſchen Gewölbes nahm. Durch Gänge und Windungen, die wieder mit eben ſo vielen Eiſenpforten und Gittern verwahrt waren, ka⸗ men ſie endlich in einen länglichen bogenartigen Corri⸗ dor, deſſen eine Wand aus den maſſiven Grundmauern des Pallaſtes, und die andere aus getäfeltem Holzwerke mit Fenſtern beſtand, durch welche Lichtſtrahlen auf die feuchten tropfenden Mauern fielen. Die Fenſter waren vergittert und mit Vorhängen verſehen, durch deren Oeff⸗ nungen man in die verſchiedenen Gemächer ſehen und die Stimmen von Redenden hören konnte. Als ſie tiefer ein⸗ ſchritten, kam ein Chaos von Tönen aus der Tiefe her⸗ aufgeſtiegen, das den Jammertönen und dem Winſeln, und wieder dem Hohnlachen der Verdammten und ihrer Peiniger angehören mußte. Alle drei blieben einen Au⸗ genblick eingewurzelt ob dieſen grauſen Tönen, die in dem dumpfen eingeſchloſſenen Raum gleichſam zuſammen⸗ gepreßt, ſo unnatürlich an das Ohr anſchlugen. Dann zog ſie ihre Führerin mit ſich vor eine verhängte und vergitterte Glasthüre, deutete in das Gemach, und zog ſich eilig zurück. Vierzigſtes Capitel. Wir haben hier das gefährlichſte Stück Spit⸗ büberei entdeckt, das je im gemeinen Weſen er⸗ hört wurde. Shakespeare. Das düſtre Gewölbe, in welches die Donna mit ihren Begleitern durch die Oeffnungen des Drahtgitters nun ſchaute, ruhte auf einem ungeheuern Pfeiler, der aus der Mitte emporſtieg. Die Seiten desſelben waren, ſo wie die Wände des Gemaches, mit Holz getäfelt, das urſprünglich roth geweſen, aber durch Zeit und Feuchtigkeit ganz ſchwarz gefärbt waren. Es hatte meh⸗ rere Thüren, aber kein Fenſter, und war mit Teppichen belegt; am Pfeiler war ein Braſſero mit glühenden Koh⸗ len angebracht; längs der einen Seite der Wand zog ſich ein mit grünem Tuch behangener Tiſch hin, worauf ein Crucifix mit zwei Armleuchtern; vor dem Tiſche ſtanden vier Seſſel mit gewaltig hohen Lehnen; auf einem Seitentiſche ein Waſchbecken mit Gießkanne und einer Bouteille Waſſer, auf einem zweiten, Zitronen, Rum und eine Schachtel mit Cigarren. Vor dem Braſſero lehnte ein kleiner Mann, mit einem weiten blauen Mantel*) um die Schultern, der ab⸗ wechſelnd den linken, und dann wieder den rechten Fuß über die glühenden Kohlen hielt, und mit der einen Hand ſich an den Pfeiler ſtützte, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, während er mit der andern ſeine Cigarre anzuzünden im Begriffe ſtand, zu welchem Behufe ihm ein Zweiter den Armleuchter hielt. Dieſer Zweite hatte den Hut abgenommen, während das kleine Männchen ihn feſt auf die Stirn gedrückt behielt. Gracias, Gracias, Senoria! bitte um ein Röllchen Papier; ſind kein Raucher; Cigarren dürfen nie am Wachs oder Spermacetti, und noch viel weniger an Un⸗ ſchlitt angezündet werden. Merken ſich Senoria das— verlieren den ganzen Geſchmack— den ganzen Geſchmack— Kohlen oder Papier— Kohlen, oder Holz, oder Papier.” Dieſe Worte waren mit einer gellend kreiſchenden, aber freundlichen Stimme geſprochen, und der Sprecher, der während der Pauſe ſeine Cigarre in Rauch gebracht, und die Füße hinlänglich gewärmt hatte, wandte ſich *) Der blaue Mantel wird von den Adelichen, der braune von den untern und Mittelklaſſen in Spanien und Mexiko getragen. — 41414— nun gegen den gefälligen jungen Mann, und ließ, auf kaſtanienbraunem Grunde, die olivengrünen Züge Don Pintos, des Oidors, mit den kleinen, feurigen Rattenaugen ſchauen, die Don Ruy Gomez, den Ge⸗ heimſekretair, allmälig weniger freundlich anzublitzen ge⸗ neigt ſchienen. „Ja, ja, wir werden Sr. Excellenz Befehlen nach⸗ zukommen trachten, Don Ruy Gomez, obwohl, ob⸗ wohl—— „Se. Excellenz, weit entfernt, zu befehlen,“ er⸗ wiederte der Geheimſekretair mit vieler Geſchmeidigkeit, „ haben vielmehr bloß hohe Wünſche geäußert, und uns ausdrücklich aufgetragen, dieſelben mit Höchſtdero Wün⸗ ſchen bekannt zu machen: ſagen Sie Sr. Herrlichkeit, bedeuteten uns Höchſtdieſelben, es ſei unſer Wunſch, durch deſſen Erfüllung uns Don Pinto um ſo mehr ver⸗ binden wird, als—— „Als Se. Excellenz geruhen, Hochdero eigenen Kopf ſo viel als möglich aus der Schlinge zu halten,“ er⸗ gänzte der Oidor im trockenen Tone, mit welchem tro⸗ ckenen Tone das ganze Weſen des Männchens auf eine ſo auffallende Weiſe harmonirte, daß auch kein Zug von der Ehrfurcht oder Geſchmeidigkeit zu ſehen war, die er während der Camarilla an den Tag zu legen ſich ſo ſehr befliſſen hatte. Es war nicht bloß das mürriſche Weſen eines alten Mannes, der ſich aus ſeiner Nachtruhe aufgeſtört — 142— findet, und Rheumatismen im Hintergrunde ſehend, den Ruheſtörer ſeinen Unwillen entgelten läßt; es lag eine ſchwere Wolke über die niedrige Stirne hingebreitet, die das Männchen auch nicht im mindeſten zu verheh⸗ len trachtete. „Euer Herrlichkeit ſind gänzlich im Irrthume,“ be⸗ merkte Don Ruy Gomez, einen Schritt vor⸗ und wie⸗ der zurücktretend;„wenn dieſelben glauben, daß Se. Excellenz— da doch Se. Excellenz— Höchſtdieſelben wünſchen nur— daß— weil, nach Höchſtdero Ermeſſen, Gefahr im Verzuge haftet— und es allerdings räthlich iſt, daß in ſolchen delikaten Fällen in aller Stille vorge⸗ ſchritten werde——” 8 „Mein lieber Don Ruy Gomez,“ erwiederte Don Pinto mit einem mitleidigen Achſelzucken,„bemühen Sie ſich nicht, uns die weiſen Abſichten Sr. Excellenz eines Weitern auseinander zu ſetzen; wir kennen dieſelben, und bedauern, daß in aller Stille vorgeſchritten ſein muß. Wir dienten bereits unter Conde Galvez; der ſchritt nicht in aller Stille vor, der that ſeine Sachen öffentlich, begnadigte öffentlich, ließ aber auch Köpfe abſchlagen wenn er wollte. Freilich war Don Galvez einigermaßen— aber baſta.—“ „Es iſt ſehr bedauerlich— ſehr bedauerlich,“ fiel ihm der Geheimſchreiber ein,„um ſo mehr, als die öffentliche Volksſtimmung ſich ſehr laut gegen öffentliche Hinrichtungen äußert; der Zartſinn Sr. Excellenz hat daher in dieſem Punkte—“ der Mann hielt in ſicht⸗ licher Verlegenheit inne. „Don Ruy Gomez verſtehen Sie mich wohl? Wir haben gar nichts gegen den Zartſinn Sr. Excellenz ein⸗ zuwenden, nichts gegen die Art und Weiſe einzuwenden, wie Se. Excellenz Ihre weiſen Pläne in Vollführung ſetzen.— Se. Excellenz ſind Virey von Neuſpanien; Virey, mit ſehr ausgedehnten Vollmachten, ſehr— ſehr ausgedehnten Vollmachten.— Wir haben keinen Herrn, Don Ruy Gomez, keinen Herrn, verſtehen Sie; denn der Herr, unſer König, iſt vom gottloſen Apolyon in Gefangenſchaft gehalten; aber wir haben zweihundert Majeſtäten in Cadix, und die Majeſtäten haben der Ex⸗ tellenz ſehr ausgedehnte Vollmachten ertheilt; verſtehen Sie; und was ſie nicht ertheilt, das wiſſen Se. Excel⸗ lenz ſich ertheilen zu laſſen. Aber demungeachtet„Senor, demungeachtet haben wir vieles hin und wieder einzuwen⸗ den, und zwar, weil wir als Oidor uns des Rechts er⸗ freuen, Einwendungen machen zu können.“ „ Ohne jedoch den Gehorſam verweigern zu dürfen,“ bemerkte der Geheimſekretär etwas ſpitzig. „ Das iſt der Punkt, Senor,“ ſprach der Oidor. 5„ Se. Excellenz haben in ihrer Machtvollkommenheit eine Commiſſion niedergeſetzt, die beſtimmt iſt, Verbrechen gegen die Sicherheit des Staates zu richten, eine Com⸗ miſſion, von welcher ſie uns zum Referenten und Prã⸗ ſidenten ernannt.“ Der Virey. III. 8 „Und von der General Don Concha und Major.—“ „Mitglieder ſind, fiel ihm der Oidor ein.„So iſt es; nun dieſe Commiſſion, die bereits den Ehrennamen der blutigen erhalten—“ „Aber Se. Excellenz wünſchen ja nur für dieſesmal, daß Sie Ihren Namen—“ der Geheimſekretär behielt das letzte Wort für ſich.„Und dann iſt ja das Verbre⸗ chen des Rebellen, durch das Verhör des Alcalden ſo außer allem Zweifel—”“ Ei, Don Penafil— ja, Don Penafil— das Ver⸗ hör des Alcalden, Don Penafil, der die Ehre hatte Livreebedienter des Camarero, des Mayor domo, Sr. geweſenen Hoheit des Principe de Paz zu ſein. Ei, Don Ruy Gomez— dieſer Alcalde—“ „ Nun er iſt noch nicht der ſchlechteſte Alcalde; aber nichts deſto weniger, ſcheint es uns doch nicht ſo ganz gerathen, unſern Namen in ſeine Verwahrung dadurch zu geben, daß wir ungeſehen ein Urtheil unterſchreiben, das er gefällt—“ „Aber es hat ja Don Ferro, der Eſcribano—“ „Ja, ja, Don Ferro, der Eſcribano. Sehen Sie, Senor; eigentlich gehört der Fall, nachdem was Sie ge⸗ ſagt, vor das Militärgericht, und dieß wäre der beſte und kürzeſte Weg, um ſo mehr, als unſere Jurisdiction eigentlich ſich auf Civilfälle innerhalb des Sprengels von Mexiko beſchränkt; aber Se. Excellenz ſind Herr, und haben viel Zartſinn, und wollen ohne Zweifel ihre ge⸗ — 4415— wohnte Delicateſſe,“ bemerkte der Oidor einlenkend.„Wir wollen Sr. Excellenz Befehlen nachkommen, und—— „„ Auch werden Eure Herrlichkeit beliebig in Erinne⸗ rung bringen, daß Se. Excellenz als der Alter ego der Majeſtät—“ „ Als der Born und die Quelle aller Hulden und Gnaden erſcheinen muß, und deßhalb nicht anſtehen darf, ihre Mitbeamten in Ungnade zu bringen,“ verſetzte der Oidor mit demuthsvoller Bitterkeit.„Wir wiſſen, wir wiſſen, und bedauern, ja bedauern, daß unſer allergnä⸗ digſter Herr, Fernando VII.— verſtehen Sie, Senoria?— Wir ſürchten nicht die Ungnade irgend jemandes, aber wir fürchten die Ungnade der Mageſtad, hoffen je⸗ doch, daß dieſer Caſus nicht einer der Caſus ſein wird— wir hoffen—“ Der Geheimſekretär ſchwieg. Don Pinto ſah den jungen Mann forſchend an. „»Wir hoffen, der Caſus wird keiner dieſer Fälle ſein, ver⸗ ſtehen Sie, Senor.”“ Seine kleinen funkelnden Ratten⸗ augen ſchienen dem Geheimſekretär in die Seele bohren zu wollen.„Verſtehen Sie, Senor, wir thun und erfüllen gerne unſere Pflicht gegen Se. Excellenz; aber es dürfte Fälle geben, wo ſelbſt Se. Excellenz es bedauern dürf⸗ ten, ſich eines Mitgliedes der hohen Audiencia als Werk⸗ zeuges bedient zu haben.“ „ Allerdings,“ bemerkte der Geheimſekretär.„Eure Herrlichkeit können ſich jedoch darauf verlaſſen, daß der — 416— gegenwärtige Fall um ſo weniger Beſorgniſſe einzuflößen geeignet iſt, als der Gegenſtand ein Criollo.“ „Ein Criollo, ein Criollo, ſagen Sie, Namens Cosmo Blanco, kennen den Namen nicht; aber nichts deſto weniger, hielten wir es für unſere Schuldigkeit, zu ſehen— zu ſehen——”* „Se. Excellenz werden gewiß dieſe Pünktlichkeit und Unermüdlichkeit,—“ bemerkte der Geheimſekretär, der ein Blatt auf den Tiſch legte, und ſich verbeugte. „Adios, Senor. Wir wollen Sr. Excellenz Be⸗ fehlen nachkommen,“ bedeutete der Oidor dem ſich Ent⸗ fernenden. „Madre de Dios!“ brummte der Mann, der nun im Gemache haſtig auf und abſchritt.„Dieſe Excellenz verdirbt uns mit ihrer ultra arete y prudencia ſo ſicher⸗ lich, als Amen im Padre Nueſtro ſteht. Alles verwir⸗ ren, alles confondiren, und in der Verwirrung oben auf ſchwimmen.— Da ſind wir nun eine Commiſſion von Dreien niedergeſetzt, Caſus und Crimina, laesae Maje- statis zu richten, in letzter Inſtanz zu richten, und, einige hundert gente irrazionale ausgenommen, waren noch nicht drei Urtheile zur Beſtätigung uns vorgelegt, deren Schick⸗ ſale nicht beſtimmt geweſen wären, ehe wir ſie noch ſahen, oder einen Buchſtaben ihres Verhöres. Mich ſollte es wundern, wenn der arme Teufel nicht bereits erdroſſelt iſt— aber dann,“— das Männchen zuckte die Achſeln, zog den Rauch ſeiner Cigarre ſtärker, und bließ einige — 4417— gewaltige Rauchwolken. Nachdem er einige Minuten ge⸗ raucht, warf er die Cigarre in die Kohlen, zog die Klin⸗ gel, und brannte eine friſche an. „Ober⸗Alguazil Giro,“ ſprach er ſichtlich erheitert, als er des Eintretenden anſichtig ward.„ Habt ihr den Dienſt?“ Dieſer, einen Stab in der Hand, näherte ſich ehr⸗ furchtsvoll dem Oidor, neigte den Stab, und anwortete: „ Aufzuwarten, Euer Herrlichkeit. Wollte die Jung⸗ frau! wir wären verſchont geblieben; aber zwei unſerer Leute ſind vor einer halben Stunde eingebracht worden.“ „Wie ſoll ich dieß verſtehen? „» Antonio wurde bei dem Palaſte der Bergwerksge⸗ ſellſchaft niedergeſtoßen, dafür, daß er den Herrn ein⸗ brachte; Pablo, dicht an der Münze, weil er den Die⸗ ner eingefangen.“ „Wie, was?“ fragte der Oidor, der wechſelweiſe den Sprecher, und wieder das Blatt anſah, das der Ge⸗ heimſekretär auf dem Tiſche zurückgelaſſen hatte.„Was habt ihr denn eigentlich für Gefangene, wegen dieſem da ſind doch nicht zwei Alguazils erdolcht worden?““ Er deutete bei dieſen Worten auf das Papier. „Dieß iſt nicht die Perſon,“» verſetzte der Alguazil,“ der einen Blick in das Papier geworfen hatte,„ obwohl er uns wirklich den Pablo koſtet.“ „» Und?“ fragte der Oidor. Der Alguazil zuckte die Achſeln.„ Euer Herrlich⸗ — 118— keit ſcheinen nicht zu wiſſen. Dieſer da iſt bloß der Diener.“ „Der Diener? fragte der Oidor.„Von wem?“ Der Alguazil ſchüttelte den Kopf.„Er iſt vor einer halben Stunde eingebracht worden, und liegt in Nro. 9, ohne daß er bisher ins Protokoll gekommen wäre; aber ſein Herr iſt von Don Penafil und Don Ferro verhört worden, und zwar im Geheimen verhört worden, hier verhört worden in dieſem Gemache.“ Der Oidor ſah den Alguazil ſprachlos an. Dieſer fuhr leiſe fort.„Die Verhaftung dieſes Cosmo Blanco, gab bloß die Veranlaſſung, daß der junge Ca⸗ ballero den Namen erhielt. Sein Name iſt übrigens be⸗ kannt genug.“ 3 „ Es iſt?“ fragte der Oidor.“ Der Ober⸗Alguazil flüſterte ihm dieſen in die Ohren. Der Oidor ſprang zurück.„Demonio! was ſagt ihr?* rief er, die Cigarro in den Braſſero ſchleudernd. Der Alguazil zuckte die Achſeln. Der Staatsrath rannte haſtig ein paar Male durch das Gemach, und ſah den Alguazil ſtarr an. Dieſer ſtand wie eine bronzene Statue, ohne eine Miene zu verziehen. „Mann!“ ſprach er mit einer Donnerſtimme,„haſt du dich nicht geirrt?“ Der Alguazil ſchüttelte den Kopf. Der Oidor raffte das Papier vom Tiſche, und begann zu leſen.„Wegen — 449— offenbarer Rebellion— geſtändig derſelben— und die Waffen gegen Major Ulloa ergriffen zu haben.— Sprecht, Alguazil,“ wandte er ſich an dieſen.„„Ihr ſeid vor Oidor Pinto.“ „Er hat mehr geſtanden, als zehn Leben nehmen würde,“ verſetzte der Alguagzil,„ tauſend Leben. Und doch Senoria! Es war kein Geſtändniß, es war Wahn⸗ ſinn, Raſerei. Er bat, er beſchwor Don Penafil, ihm das Leben zu nehmen. Er war ſelbſt gekommen— zur Hinterpforte, um—“ „Um?“ fragte der Oidor. „Sein Strich,“' wisperte der Alguazil mit kaum vernehmlicher Stimme,„führte ihn dieſen Weg zur—“„ „Zur?* „Königin des Pallaſtes, wie ſie ſich gerne nennen hört.”“ „Silencio!“ bedeutete ihm der Oidor.„Solche Re⸗ den ſind gefährlich, weil ſie nicht zur Sache gehören.”“ „Senoria,“ ſprach der Ober⸗Alguazil.„Es iſt dieſes eine furchtbare Geſchichte in gegenwärtiger Criſis, die, wenn ſie in Mexiko bekannt würde—» „Demonio!** rief der Oidor,„Demonio! Demonio!“ Er rannte wie raſend im Gemache auf und ab.„Das wäre ein Fall, der Don Pinto, die Audiencia, um ihren ganzen Credit bringen könnte.“. „ Und tauſend Dolche für ihn ſpitzen würde;“ fügte der Alguazil bei. — 120— „ Habt ein Auge auf den Gefangenen,“ ſprach der Oidor mit leiſer Stimme.„Ich beſorge nicht, daß ſie, ehe wir das Urtheil unterſchreiben, etwas thun. Habt jedoch ein Auge auf ihn— und ſtille.”* Er warf wieder einen Blick auf das Papier. „Wie kommt es aber, daß General Concha bereits unterfertigt?“ „Das können wir nicht ſagen,“ entgegnete der Al⸗ guazil.„Wahrſcheinlich hat ihn Don Ruy Gomez zu Hauſe beſucht.“ „So wie er es bei uns gethan,“ murmelte der Oidor.„Ja, ja, ſo iſt es. Und Don—”* „Iſt nirgends zu finden, war jedoch vor zwei Stun⸗ den hier und klagte über ſchlafloſe Nächte. Se. Herr⸗ lichkeit, der Mayor Don Agoſtino Iturbide waren auf dieſe Gritos ſehr erbittert, und meinten, das Rebellenge⸗ ſchmeiß könnte nicht ſchnell genug aus dem Weg geräumt werden.”* „Und haben ſich doch unſichtbar gemacht,“ bemerkte der Oidor. „Se. Herrlichkeit ſind ein Creole, und zwar ein Creole, der mehr arte als piedad im Herzen trägt.“ „Vor der ſich die Excellens wohl in Acht nehmen mag;“ verſetzte Don Pinto. „Senoria,“ hob der Alguazil wieder an.„Um der Madre de dios! Senoria, thun Sie etwas in dieſer Angelegenheit. Seit vierzehn Tagen ſind ſiebzehn Al⸗ — 124— guazils erdolcht worden. Wir machen uns kein Gewiſ⸗ ſen, ja, ſicherlich, kein Gewiſſen. Wir ſind ein geborner Spanier, der ſeinen Kopf gerne für des Königs Maje⸗ ſtät, ja ſein Gewiſſen in die Schanze ſchlägt,— aber ſechs Zoll kalten Stahl für—“ „Ihr ſeid ein getreuer Diener,“ ſprach der Oidor; „aber ſtille. „ Es iſt dieſes eine Familienaffaire,“ ſprach der Al⸗ guazil,„die, ſo wahr wir Abaſalo Giro heißen, mit der Rebellion nichts gemein hat.“ „Stille,“ mahnte der Oidor wieder.„Was giebt es weiter?”“ „Nichts Beſonderes,“ rapportirte der Oberalguazil, der nun wieder den ehrfurchtsvollen Subalternenton an⸗ nahm.„Fünf Creollos, zwei davon, ſignaliſirt von der Hand Sr. Excellenz, ſind wegen Gritos und aufrühreriſchen Reden eingebracht, neun dito Indianer. Don Penafil ſind am dritten Creolen.“ Er überreichte mit dieſen Worten dem Staatsrathe einen beſchriebenen Bogen. „Sie ſind alſo verhört bis auf drei?“ fragte der Oidor. „Würden bereits alle fertig ſein, wenn uns der Caballero nicht ſo viele Mühe gegeben hätte.“ „Alſo der Diener iſt nicht verhört?“ „„Dieſen hat man vergeſſen.“ „Weiß Don Ruy Gomez daß er eingebracht iſt?“ — 4122— „Nein Senoria. Er kam erſt ſpäter als der arme Teufel bereits in Nr. 9 deponirt worden.” „Geht, und thut wie geſagt,“ bedeutete ihm der Oidor. „Der Alguazil hatte kaum die eine Thüre hinter ſich, als es an einer andern leiſe klopfte, und die Worte „Gente de paz,“*) zu hören waren. Der Oidor öffnete. „Hochherrlicher Collega,“ redete der Eintretende un⸗ ſern Oidor an, deſſen Stirne ſich bei dieſer Erſcheinung gewaltig gerunzelt hatte.„Hochherrlicher Collega ver⸗ geben unſere Zudringlichkeit; aber da periculum in more obwaltet, konnten wir nicht anſtehen, uns ſelbſt in die⸗ ſer Stunde zu denenſelben zu verfügen, hoffend, wir würden nicht zu ſpät kommen. Wirklich Senoria, wir hoffen—“ Der Oidor war ſeinem Collegen entgegengekommen, und führte ihn mit echt ſpaniſcher Grandezza zu einem Seſſel. „Ganz Mexiko iſt wieder auf,“ fuhr dieſer halb athemlos fort,„und zwar auf, wie wir es nie geſehen haben. Dieſe Gritos und Motinos nehmen alle Farben des Regenbogens an, aber der gegenwärtige iſt einer der ſtillen, tiefen, lauernden, und er gefällt mir gar nicht.“ *) Mann des Friedens; Gutfreund. „Wir hoffen, ein Grito wird doch Euer Herrlich⸗ keit nicht aus— „Dem Bette gebracht haben, Senoria„ ergänzte der Collega.„Nein das hat er nicht; aber unſere Ser⸗ vidumbre hat uns aufgeſcheucht. Die ganze Servidumbre iſt auf den Beinen. Es heißt, daß ein junger Caballero vom höchſten Range, ein viejo Christiano.“ „Wir wiſſen von keinem, ausgenommen fünf Criol⸗ los und einem ſechsten, deſſen Verhör hier vorliegt, und Eurer Herrlichkeit zur Einſicht offen ſteht. Der junge Mann, von dem die Rede, iſt von Don Penafil ver⸗ hört worden, und geſtändig offenbarer Rebellion. Se⸗ noria mögen leſen.”“ Der Collega nahm das Papier zur Hand und las eine Weile, ſchüttelte jedoch ſtärker und ſtärker den Kopf. „Selbſtgeſtändig der Rebellion;— bittet um der Jung⸗ frauen und aller Heiligen willen das Urtheil möge ſo ſchnell als möglich vollzogen werden, fühlt tief das ent⸗ ſetzliche Vergehen, gegen die allerhöchſte Majeſtät die Waffen ergriffen zu haben. Senoria,“ ſprach er, das Papier auf den Tiſch fallen laſſend.„Se. Excellenz ha⸗ ben derlei Cuentos de frailes in die Zeitung ſetzen laſ⸗ ſen von Hidalgo und ſeinen Gavecillas, obwohl wir des Gegentheiles verſichert waren. Cosmo Blanco alſo iſt der Name des jungen Caballero. Fürwahr, wir ſind ſeit zwei Jahren Oidor, und wir kennen, oder glauben doch alle ſpaniſchen Familien dem Namen nach zu ken⸗ — 124— nen, um derentwillen das Servidumbre der Hauptſtadt ſich in Bewegung ſetzen würde, aber von einem Cosmo Blanco haben wir wahrlich in unſerm Leben nicht gehört.“ „Wir haben den jungen Menſchen nicht ſelbſt exa⸗ minirt, und Se. Excellenz haben beſonders wichtige Gründe—* „Woran wir nicht zweifeln, Senoria,“ bemerkte der Collega.„Se. Excellenz haben immer ſehr wichtige Gründe; Se. Excellenz haben auch die Macht, ihren Gründen Wirkung zu geben, aber als Collega und Oi⸗ dor hoher Audiencia erklären wir hiemit, daß wir gegen das Verfahren Sr. Excellenz proteſtiren, um ſo mehr proteſtiren, als dadurch das Anſehen eines Mitgliedes der Audiencia— 1 „Senoria!“ fiel ihm Don Pinto ein. „Compromittirt wird,“ beſchloß der Collega.„Wir legen hiemit unſere Proteſtation ein.” „Mit welcher Proteſtation wir vollkommen einver⸗ ſtanden ſind, Senoria;“ bemerkte Don Pinto,„nur bit⸗ ten wir zu bemerken, daß wir als Präſident dieſer Com⸗ miſſion nicht proteſtiren dürfen, ſondern richten müſſen, und daß unſer Vorrecht uns zwar erlaubt, zu proteſtiren, nicht aber den Beſchluß zu verhindern, oder außer Kraft zu ſetzen.“ Der Leſer muß nämlich wiſſen, daß die Mitglieder der hohen Audiencia, des oberſten Gerichtshofes von Me⸗ riko, nebſt dem ſchon erwähnten Vorrechte mit dem Rathe — 125— von Indien und dem Könige ſelbſt unmittelbar correſpon⸗ diren zu dürfen auch die Befugniß hatten, beim Vicekö⸗ nig Vorſtellungen zu thun und Proteſtationen einzulegen, mit andern Worten, das Recht der Controlle zu üben, ein Recht das zweifelsohne nicht ohne gute Folgen in einem Lande geblieben wäre, welches mehr denn zweitau⸗ ſend Stunden vom Mutterlande entfernt, alle fünf Jahre ſeine Vicekönige wechſelte; doch als hätte es der ſpaniſche Hof recht gefliſſentlich darauf angelegt, ſelbſt die beſten Geſetze zum Verderben des Landes zu wenden, ſo war wieder ausdrücklich beſtimmt„ daß der Staatsrath zwar proteſtiren, aber dieſer Proteſtation nie und auf keine Weiſe Folge geben dürfe, ſo daß die ur⸗ ſprüngliche weiſe Beſchränkung des Satrapen, nur Quelle ſeiner größeren Gewalt, und empörenderer Bedrückungen und Intriguen geworden. „Kennen Euer Herrlichkeit die Familie des jungen Menſchen?“ fragte nach einer langen Pauſe der Collega. „Wir kennen ſie;“ erwiederte Don Pinto.„Es iſt eine Creolen⸗Familie.”“ „„ Creolen!“ verſetzte der Collega.„Creolen!* wie⸗ derholte er im Tone der wegwerfendſten Verachtung. „ Creolen„“ verſicherte Don Pinto. „Dann,** grinste der Mann,„nehmen wir unſere Proteſtation zurück. Se. Excellenz mögen ihn hängen oder ſpießen, wie beſtgefällig. Carracco! welche Narr⸗ — 126— heit, uns da wegen eines Creolen herzuſprengen. Ei⸗ gentlich jedoch hätte er vor das Kriegsgericht gehört.“ Zwei Perſonen waren wieder nach einander in das Gewölbe getreten, und zwar in außerordentlicher Haſt und Eile. „Iſt es noch Zeit?“ fragte der erſte der Eintre⸗ tenden, der Fiscal der Audiencia.„Haben Sie unter⸗ ſchrieben Senor Don Pinto? Iſt es noch Zeit?“ fragte er heftiger an den Oidor herantretend. Dieſer wies auf das Blatt, das auf dem Tiſche lag. „Alſo unter dem Namen Cosmo Blanco aufgeführt,“ lachte der Fiscal.„Fürwahr nicht übel. Das iſt gut. Se. Excellenz wiſſen ſich zu helfen. Wiſſen Sie etwas Neues, Don Pinto?* „ Das Motino?“ fragte dieſer. „Bah,“ erwiederte der Fiscal;„etwas angeneh⸗ meres: ſo eben iſt uns von ſicherer Hand zugekommen, daß die Partei der Ingleſe in Cadix durchgedrungen, daß der Duca de J— o.—“* „Welches Gerücht wir hiermit zu bekräftigen die Ehre haben,“ fiel ein vierter Ankömmling ein,„Se. Erzbiſchöflichen Gnaden laſſen Sie erſuchen, Sie ſogleich mit Ihrer Gegenwart zu beehren.“ „Se. Erzbiſchöflichen Gnaden ſind für Don Calleja,“ bemerkte Don Pinto. „Und wir hoffen, Don Pinto wird es auch ſein,“ fiel der Fiscal ein;„er iſt allein der Mann, der Mexiko „ retten kann, weil er allein den Muth hat, das zu thun, was nöthig iſt. Senorias,“ ſprach er mit ſtärkerer Stimme,„mit Intriguen und Süßigkeiten und kleinen coups de mains, wie der Afrancesado*) oben es nen⸗ nen, iſt uns nichts geholfen; noch mit ſeiner ultra arte y prudencia. Wir brauchen achtzigtauſend Köpfe, und Calleja hat verſprochen, ſie in vier Wochen zu liefern, und er wird ſein Verſprechen halten, ſo wie er es in Guanaxuato, Guadalaxara gethan, und deshalb iſt er mein Mann; Mexiko kann nur durch ihn ruhig werden.“ „Wahr, wahr,“ bekräftigten alle mit ſo ruhiger, gelaſſener Stimme, als ob von der Lieferung von acht⸗ zigtauſend Fanegas Mais die Rede geweſen wäre. „Deßhalb ſind wir auch gekommen; es iſt ganz prächtig mit dieſem jungen Menſchen. Senor Don Pinto dürfen aber auf keine Weiſe das Urtheil contraſigniren,“ hob der Fiscal wieder an. „Auf keine Weiſe,“ ſprach ein Fünfter, der ein⸗ getreten war;„der Alte hat Wind von dem was ge⸗ ſchieht oder geſchehen iſt; verlaſſen ſie ſich, Senores, dar⸗ auf; ehe eine Stunde vergeht, weiß er alles, denn er bezahlt ſeine Familiares gut, und kann es thun.“ „Wir find aber Präſident der Commiſſion,“ be⸗ merkte Don Pinto kopfſchüttelnd. — *) So wurden die Franzöſiſchgeſinnten genannt; An⸗ hänger Joſeph Bonapartes. — 128— „Uund, fügen Sie hinzu, unabſetzbarer Oidor,“ ſprach der Präſident des Conſulado—„wir haben ſo eben Briefe erhalten; Barraxi iſt gefallen, mit ihm die übrigen Miniſter; der Buſenfreund des Onkels des jun⸗ gen Menſchen iſt an der Spitze. Seine Ingleſe ſind das Factotum. Eine kräftige Vorſtellung von den drei Intereſſen des Landes abgeſandt, durch die Audiencia und den Erzbiſchof unterſtützt, und wir haben in ſechs Monaten unſern Calleja, in ſieben unſere achtzigtauſend Köpfe, und in acht, Ruhe.“ „La Vierge nos assiste!"*) riefen alle. „Um aber Calleja zu erlangen, brauchen wir den Conde; und deshalb, Senoria, muß vor die Thüre der Excellenz gelegt werden——“ „Was dahin gehört,“ fielen die Verſchworenen ein. „Eine Weile ſtanden die gräßlichen fünf Spanier ſinnend. Auf einmal fragte der Fiscal, der nicht ohne Verwundexung die fünf Senorias angeſchaut hatte, die in Schlafröcken und Pantoffeln erſchienen waren: „Wie kommt es nur, Senorias, daß wir die Re⸗ präſentanten der drei Intereſſen Mexikos, die dazu be⸗ ſtimmt ſind, dieſes Land ein zweitesmal zu erhalten— wie kommt es, daß wir uns ſo glücklich hier zuſammen⸗ gefunden haben, in dieſer ſpäten Stunde, um zehn Uhr Nachts, während eines ausbrechenden Motino, zuſam⸗ *) Die beilige Jungfrau ſtehe uns bei. — 429— mengefunden haben? Was nun uns betrifft, ſo ſind wir durch den Mayor domo des Conde de F— a, auf die Verhaftung des jungen Menſchen aufmerkſam gemacht, und geradezu in das Staatsgefängniß geſandt worden.“ Alle ſahen ſich bedeutſam an. „Und wir, durch den Camarerio des Marquis de Moncada,“ ſprach der Prieſter—„wir waren gerade bei des Arzibispo Gnaden.“ „Und wir durch den Marquis de B— e,“ ſprach der Präſident des Conſulado. „ Bei meiner Seele!“ rief der Fiscal—„wir ſind bereits die Spielzeuge einer unſichtbaren, über uns ſchwe⸗ benden Macht.” „Und dicſe Macht?“ fragten zwei oder drei etwas beklommen. „Iſt der große Zauberer, der unſichtbar über Me⸗ riko waltet, und die Nobilitad leitet und lenkt,“ erwie⸗ derte der Fiscal nicht ohne Bewegung.„„ Wohlan jetzt brauchen wir ihn. Don Pinto, wenn Sie uns nicht verlaſſen, ſo mögen wir Ihnen mit ſeinem Kopfe in acht Monaten gufwarten. Wir gehen zum Arzibispo.“ „Wohin wir Ihnen in Kurzem zu folgen gedenken,“ ſprach Don Pinto.. Die Verſchwornen nickten, winkten ſich zufrieden lächelnd zu, und entfernten ſich dann. „Hier iſt,“ ſprach der Präſident des Blutgerichtes zum eintretenden Oberalguazil,„das Protokoll, ohne Der Virey. III. 9 — 420— Sr. Excellenz gnädigen Willensmeinung im mindeſten vorgreifen zu wollen, glauben wir unſere Namensunter⸗ ſchrift um ſo weniger vonnöthen, als dieſer Cosmo Blanco nicht der Fueros de Caſtilla theilhaftig, er der Audien⸗ cia daher nicht in letzter Inſtanz kraft ſeiner Fueros un⸗ terliegt, und derſelbe daher ohne Anſtand vom Alcalden gerichtet, und das Urtheil vollzogen werden kann, ſobald Ihro Exeellenz Ihre unterſchrift beizuſetzen geruhen. Sagen Sie dieß Don Ruy Gomez und dem Alcalden.“ „Würden Euere Herrlichkeit nicht ſo gnädig ſein, Ihre hohe Entſchließung dem Alcalden ſelbſt mitzutheilen“ erwiederte der Alguazil in flehendem Tone. „Wohlan denn, machen Sie ihm bemerklich zu eilen——“ Der Oberalguazil entfernte ſich in großer Haſt, und trat, nachdem er einen kurzen und ſchmalen Gang durchſchritten, in ein zweites Gewölbe, deſſen nähere Be⸗ ſchreibung wir für das folgende Kapitel vorbehalten. Einundvierzigſtes Capitel. Cade. Will doch ſehen, ob ſein Haupt feſter ſteht auf einem Pfahle oder nicht. Nehmt'n hin, und ſchlagt ihm den Kopf ab. Shakespeare. Don Penafil, Alcalde des hochpreislichen Cabildo) von Mexiko, hatte ſo eben ein Glas mit Sengaree ge⸗ füllt zur Hand genommen, als der haſtig eintretende Oberalgugzil den Wunſch des Staatsrathes verkündete. Er ſtellte ſofort den Sengaree auf die Seite, und ſah den Botſchafter forſchend an. „Alſo Se Herrlichkeit wollen uns ſprechen? Sie wollen uns ſprechen? werden zu Dienſten ſein, ſobald wir mit der Gavilla fertig ſind. Wollens kurz machen, Don *) Stadtrath in Mexiko, hat die Kriminalgerichtsbarkeit. Ferro, wandte er ſich zum Beiſitzer, der emſig ſchrieb; woran ſind wir?“ „Nro vier,“ antwortete der Escribano mürriſch. „Corraggio, Senor,“ munterte ihn der Alguazil auf,„Wollen es kurz machen, Nro. vier herauf.“ „Nro. vier herauf„“ brüllte es aus der Tiefe des Ge⸗ wölbes hervor, und ein rohes Gelächter wurde hörbar, ohne daß jedoch die Lachenden ſelbſt zu ſehen geweſen wären, denn der untere Theil des Gewölbes war dunkel, und bloß durch Lampen erleuchtet, die an den entgegen⸗ geſetzten Seiten eines Pfeilers hiengen, und ein trübes düſteres Licht über eine Gruppe von Menſchen ausgoßen, die, als ſcheuten ſie jede nähere Beleuchtung, ſich in die verſchiedenen Vertiefungen des Gewölbes zurückge⸗ zogen hatten. Dieſe waren zahlreich und mit ſteinernen Bänken verſehen, auf denen Geſtalten wahrzunehmen wa⸗ ren, die in Schafspelze gehüllt, laut ſchnarchten. Hie und da ragten eiſerne Haken aus den maſſiven Mauern, von denen das Waſſer in dicken Tropfen herabfiel; alles war hier troſtlos und furchtbar. Auf den obern Theil des Gewölbes war mehr Sorgfalt verwendet. Er war durch einen Schranken von dem untern getrennt, und zwei Stufen über dieſen erhöht; auch hatte dieſe Abthei⸗ lung getafelte Wände und Eſteras mit gepolſterten Stüh⸗ len. Immerhin war der Gerichtsſaal einer Höhle ähn⸗ licher als dem Sitzungszimmer einer Magiſtratsperſon, obwohl er, der ſpaniſchen Conſequenz Gerechtigkeit wieder⸗ — 4133— fahren zu laſſen, für die beiden Richter nicht übel paßte, deren mürriſch verdroſſene Geſichter die Höllen⸗ richter der Alten recht füglich vorſtellen konnten. Während der Pauſe, die auf das ausgeſprochene Vier gefolgt war, hatte ſich der Alguazil in eine kurze unterhaltung mit dem Oberalcalden eingelaſſen, die ſeine Ungeduld um ein Bedeutendes vermehrt. „Muerte y infierno,“ ſchrie er ungeduldig. „Viengo, viengo!*) antwortete eine Stimme herauf, und dann ließ ſich Kettengeraſſel hören, und in Mitte zweier gräßlich ausſehender Henkersknechte, ſchwankte eine Ge⸗ ſtalt vor, die mehr todt als lebendig, ſich nicht aufrecht zu halten vermochte, und nur durch die vereinten Be⸗ mühungen der Kerkerknechte bis vor die Schranke geſchleppt wurde. „Andrea Pachuca iſt Ihr Name?“ fragte der Alcalde verdrießlich. Der Gefangene, ein Jüngling von etwa zwanzig Jahren, gab keine Antwort. „Wirds werden, oder haben Sie etwg keine Zunge?“ fragte der Alcalde rauh und mürriſch. „Hatte Zunge genug in der Fonda de Traspanna,“ lachte eine Stimme von hinten,„als er die Geſundheit des verfluchten Morelos ausbrachte.“ „Sie hören Ihre Anklage,“ bemerkte der Alcalde, *) Komme, komme. — 124— der, zu verdroſſen ſie ſelbſt zu ſtellen, die Worte des Po⸗ lizeiſpions zur formellen Anklage erhob. „Senor, um der Madre de Dios willen, Barmherzig⸗ keit!“ flehte der junge Mann.„Bin verführt worden.“ „So ſind es achtzigtauſend und mehr,“ verſetzte der Alguazil mürriſch.„Nehmen Sie, Don Ferro, ſein Bekenntniß ad protocollum. und ihr,“ befahl er einem der Henkersknechte,„ fort mit ihm in die Acordada.”*) „Ueber oder unter der Erde?“ fragte der Escribano⸗ „Wo der Maeſtro*) Platz hat,“ war die Antwort des Alcalden— Nro. fünf.“ Des jungen Mannes Kniee ſchlotterten, und er fiel, wie ein vom Beil getroffenes Rind, zuſammen. „Seid kein Narr!“ raunte ihm der Henkersknecht widerlich lachend in die Ohren.„Ihr habt die Geſund⸗ heit Morelos in eres und Sangaree getrunken, zur Ab⸗ wechslung werdet ihr ſie nun in friſchem Tezcuco⸗Waſſer trinken; es iſt, wie ihr wißt, ein wenig ſalzig; aber es liegt ſich weich in dieſem Waſſer, wenn euch die Krebſe und Axelotes, die euch ihren Beſuch abſtatten wer⸗ den, ruhen laſſen. Das heißt, wenn Ihr in eines der unterſten Cabinette kommt, wo mancher es ein halbes Jahr ausgehalten. Wenn ihr aber dem Maeſtro ein gutes Wort gebt, verſteht Ihr mich, ein gutes goldenes *) Eines der drei Hauptgefängniſſe. **) Siehe Note. — 135— oder ſilbernes Wort, ſo legt er euch bloß die fünfzig⸗ pfündigen Ketten an, und die ſchneiden euch erſt die zweite Woche ein wenig ins Fleiſch.“ Mit dieſem Troſte ward der Unglückliche aus dem Gewölbe gezerrt, und ein anderer, der mit Nro. fünf be⸗ zeichnet worden, trat an ſeine Stelle. Er war ebenfalls noch ſehr jung, und mochte das zwanzigſte Jahr noch nicht ſehr lange zurückgelegt haben. „Elmo Hernandez,“ hob der Alcalde wieder an: „Sie ſind beſchuldigt Sr. Excellenz, unſern hochgebietenden Virey, verwünſcht, und maledito Gobernio, und ma- ledito Gachupin, wie auch Mueran los Gachupinos, in dem Quartiere Traspanna geſchrien zu haben. Ferner Abajo con la Vierge de Remedios. Verbrechen, die ſowohl die Sicherheit des Staates als die allein ſelig⸗ machende Kirche angehen. Was haben Sie gegen dieſe Anklagen zu erwiedern?““ „Senor!“ ſprach der gefaßtere junge Mann;„ich mußte zuſehen, wie meine einzige leibliche Schweſter, zur Heirath mit einem Lugerteinente Garcia gezwungen wurde, wie mein Erbtheil mir entriſſen, wie dieſe Schwe⸗ ſter, durch dieſen Lugertienente um ihre Geſundheit——” „Lugerteniente Garcia iſt ein viejo Christiano, und wenn Ihre Schweſter— Sie ſind ein Unzufriedener, ein Criollo, y baſta.“ Der junge Mann knirſchte mit den Zähnen, ſchwieg aber. „Sie ſind ein Unzufriedener,“ donnerte der Al⸗ calde.„Ein Unzufriedener aber hat ein unzufriedenes Gemüth, und ein unzufriedenes Gemüth iſt ein rebelli⸗ ſches Gemüth, und ein rebelliſches Gemüth iſt ein Rebelle. Folglich ſind Sie ein Rebelle, und baſta. Don Ferro, nehmen Sie es ad protocollum.“ Nachdem der Alcalde dieſe richtige Schlußfolge gezo⸗ gen, nahm er einen Schluck Sangaree, und wandte ſich zum Escribano.. „In die Cordelada, und zwar unter die Erde— Feſſeln des zweiten Grades.“ „Ihr habt dreißig Pfund ſchwerer zu tragen,“ raunte ein Scherge dem Schlachtopfer zu;„das heißt wenigſtens achtzig Pfunde. Macht euer Gewiſſen rein, ihr kommt in eine infierniello.“ Der Unglückliche knirſchte nochmals mit den Zähnen, ſchüttelte ſeine Kette, und ging dann ab. „Verdammter Rebelle,“ brummte ihm der Alcalde nach.— „Die übrigen ſind alle gente irrazionale,“ bemerkte Don Ferro, der Schreiber. „Um ſo beſſer, Nro. zwölf bis Nro. einundzwan⸗ zig,“ ſchrie der Alcalde. Eine Minute hindurch herrſcht eine tiefe Stille, die bloß durch das Gekritzel des Schreibenden, und das Schnarchen der Schlafenden unterbrochen wurde; dann nahte das Kettengeraſſel, begleitet von einem dumpfen — 137— Gemurmel, das unheimlich im großen Gewölbe wieder⸗ hallte; und aus der Tiefe der Höhle traten dunkle Ge⸗ ſtalten hervor, deren feurige, rabenſchwarze Augen in der Dunkelheit gleich Ignes Fatui glühten. Es waren neun, verzweifelt ausſehende Menſchen, die nun vor die Schranken kamen; eben ſo wenig gebeugt durch die bereits ausgeſtandenen Leiden, als ſie wegen ihres künftigen Schickſals beſorgt ſchienen. Einige waren von rieſigem Körperbau, und die Fragmente ihrer Klei⸗ dung verriethen Indianer aus dem Baxio. Sie traten vor, mit unbezwingbarem Trotz im Ge⸗ ſichte, und tief verſteckter Tücke in den ſchief auseinan⸗ derſtehenden Augen. „Wegen Aufruhrgeſchrei und Aufwiegelung der Le⸗ peros verhaftet, und einer derſelben, der Zerreißung der Banda der hohen Audiencia angeklagt,”“ bemerkte der Escribano. „Welcher iſt es?“ fragte der Alcalde. „Dieſer da,“ ſprach eine Stimme, und der Zambo trat vor, und deutete auf den alten Indianer, den wir als Tatli Irtla kennen gelernt haben. „Alſo die Gachupins ſind die Piques, die ihre Eier in das Fleiſch von Mexiko gelegt haben?“ fragte der Richter, der die Angabe des Polizeiſpions aus dem Pa⸗ piere las. „Irtla hat das nicht geſagt,“ ſprach der alte In⸗ dianer;„dieſer Hund von einem Negro hat es geſagt.“ — 138— „Du lügſt,“ ſchrie der Zambo giftig. „Und die Gachupins, die da ſind die Söhne Jagos, haben die Söhne Eſaus, die da ſind die gente irrazionale, um ihr Erbtheil gebracht?“ fragte der Alcalde wieder. Der Indianer ſchwieg. Der Richter hielt einen Augenblick inne, und dann rief er,„Verdugo!“ Es trat ein rieſiger Mann mit einem gräßlichen, eisgrauen Barte vor, und in einer Kleidung, die ſon⸗ derbar genug, ganz aus blauen und weißen*) Flecken zuſammengeſetzt war. Der Mann ſah einen Augenblick den Richter erwartend an, und auf einen Wink von die⸗ ſem, warf er dem Indianer eine Schlinge um den Hals, und zog ihn durch das Gewölbe fort, ſo wie der Jäger den im Laſſo gefangenen wilden Stier mit ſich fort⸗ ſchleift.— „Nro. dreizehn bis einundzwanzig,“ hob wieder der Alcalde an—„wegen Gritos beſchuldigt, und Aufſtif⸗ tung der Leperos, und Auszug aus der Hauptſtadt, und Einverſtändniſſes mit den Gavecillas. Sind von Zita— cugco und Guanaxuato, das heißt Rebellen.“ Die acht Indianer wurden nun in einer Reihe vor *) Weiß und blau die Farbe der Patrioten und der alten Mexikaner.— Die Spanier hatten ihre Henker in dieſe Farben gekleidet. — 19— den Schranken aufgeſtellt. Es waren junge und alte Leute. 8 „So ruft einmal des Spaßes wegen, muera el traidor Vincente Guerero;**) redete ſie der Alcalde an. Die Elenden ſahen den Mann ſtarren Blickes an. „Habt die Stimme verloren?“ ſprach der Richter. „Wollen es umkehren; ruft muera el traidor Morelos. Vielleicht geht das beſſer.“ Keiner der Indianer gab einen Laut von ſich. „Vielleicht könnet ihr Viva el Rey*) ſchreien?“ meinte lächelnd der Richter. „Noch immer keine Antwort,“ ſprach er kopfſchüt⸗ telnd.„Nehmt Sie dann alle hin.” Und kaum waren die Worte ausgeſprochen, als von den Steinbänken und aus den Vertiefungen ein halbes Dutzend Henkersknechte hervorſprangen, Laſſos durch die Halsringe der Indianer zogen, und dieſe nun mit ſich fortriſſen, wie Kälber, die bereits von Hunden zerfleiſcht, vom wilden Metzgerknechte mit fortgeriſſen, und auf die Schlachtbank gezerrt werden. „Machen Sie es kurz, Don Ferro,“ bemerkte Don Penafil verdroſſen.„Je kürzer deſto beſſer, Se. Herr⸗ lichkeit warten auf uns. Sie wiſſen, daß man oben kein langes Federleſen macht, ſehen es ſchon daraus, daß die *) Tod dem Verräther Vincente Guerero. **v) Es lebe der König. — 140— Sentenzen vollzogen werden müſſen, ehe noch die Unter⸗ ſchrift beigeſetzt iſt.“ Der Escribano hatte den Rath befolgt, und gab dem Alcalden das Verhör zur Unterſchrift. Dieſer unterfertigte es mit dem Oberalguazil. „Carracco!“ dehnte und ſtreckte er ſich.„Wieder etwas vorüber, um morgen daſſelbe Spiel wieder von vorne anzufangen. Wohl, Oremus, Senores.“ unnd mit dieſen Worten erhob ſich der Mann, und trat zu einem Seitentiſche, auf welchem ein Waſchbecken mit Gießkanne ſich befand, und nachdem alle drei ſich die Hände gewaſchen, traten ſie zum Tiſche, nahmen das Crucifix und das Standbild der Vierge de Remedios ſammt den Lichtern, ſtellten es auf einem Bettſchemel, der an der Wand ſtand, und knieten nieder, und bete⸗ ten mit lauter Stimme:„Ave Maria, Regina Coeli, audi nos pecadores.“ Alle die noch im Gewölbe Zurückgebliebenen ſtimm⸗ ten in das Gebet, mit jenem feierlichen Eruſte ein, mit dem der Spanier jede ſeiner Andachtsübungen verrichtet. Nachdem das Gebet vorüber war, erhob ſich der Alcalde, nahm die Papiere und ſchritt, begleitet vom Escribano und dem Oberalguazil, zur Thüre hinaus. Die Wenigen, die noch zurückgeblieben waren, folg⸗ ten den Magiſtratsperſonen, bis auf einen, deſſen weiß und blau geſtreifte Kleidung gleichfalls einen Verdugo ver⸗ — 1141— rieth. Dieſem hatte der Oberalguazil bei ſeinem Aus⸗ tritte etwas in die Ohren geflüſtert, das den Mann ſtutzen machte. Er löſchte die Lichter auf dem Tiſche aus, hüllte ſich in einen Schafspelz, und ſtreckte ſich auf einen der Steinbänke nieder. Zweiundvierzigſtes Capitel. Per me si va ne la citta dolente, d Per me si va ne l'eterno dolore Per me si va tra la perduta gente. Dante. Jetzt ward es ſtille im weiten Gewölbe bis auf ein fernes Kettengeraſſel und ein Geheul von Stimmen, die, als wären ſie durch eine metallene Röhre geleitet, grell und ſchneidend, und wieder dumpf und unnatürlich an die Felſenwände anſchlugen und verhallten, wie das Rau⸗ ſchen der an dem Riffe zerriſſenen Wogen in der Ferne verhallt. Auf einmal wurden eilig, vorſichtige Schritte gehört, und zwei Geſtalten traten in Begleitung des Oberalguazils ein, ſahen ſich ſorgfältig auf allen Seiten um, und winkten dem Manne, der ſich von ſeiner har⸗ ten Lagerſtätte erhoben, und auf ſie zugetreten war. Nach einem kurzen Geflüſter folgten die drei dem Verdugo durch einen finſtern Gang in ein drittes Gewölbe, das zu dem — 4432— oben beſchriebenen in derſelben Abſtufung ſtand, in der das Unheimliche zum Furchtbaren, und das Furchtbare zum Gräßlichen ſteht. Das Gewölbe war gleichfalls durch eine Lampe erleuchtet, deren Licht aber ſo bleich und dü⸗ ſter über die Wände hinfiel, als wollte es den Eintretenden erſt allmälig mit den furchtbaren Dingen, die da zu ſehen waren, bekannt machen. Mehrere ungeheuer dicke Pfeiler erhoben ſich aus dieſem Gewölbe. Längs den Wänden waren Tiſche und Bänke von verſchiedenarti⸗ gen Conſtruktionen aufgeſtellt; einige ſahen wie Koffer aus, andere wie Roſte, wieder andere wie Wägen, aber alle waren von Eiſen. An den triefenden Mauern und Pfeilern hingen armdicke Ketten, und Ringe und Haken ſtanden hervor, in denen die Umriſſe menſchlicher Geſtalten ſtehend, ſitzend und knieend zu bemerken waren, ob aber todt oder lebendig, ließ ſich im düſtern Lampenſcheine nicht entnehmen. Sie gaben aber kein Lebenszeichen von ſich. Niedrige Thüren oder vielmehr Löcher mit eiſernen Gittern waren gleichfalls zu ſchauen. Das Ganze ſah aus, wie eine unterirdiſche Schlachtbank, mit Behältern für die wilden Thiere.* In dieſes Gewölbe nun waren die Drei in Beglei⸗ tung des wilden Handlangers der Gerechtigkeit eingetre⸗ ten, und beim Scheine einer Blendlaterne bis zu einem der Pfeiler vorgeſchritten, hinter welchem zwei hielten, und die andern ſich eilig einem der in der Mauer angebrach⸗ ten Löcher näherten, in das ſie hineinkrochen. Es war — 441.— eines jener Cabinette, wie ſie die vicekönigliche Phan⸗ taſie recht anſchaulich gezeichnet, und die, von der erfinde⸗ riſchen Grauſamkeit giftiger Herrendiener erfunden, um ihre Wuth an den Schlachtopfern ihres Haſſes zu kühlen, die paſſende Benennung infiernellos erhalten haben. Sechs Fuß Länge, ſechs Fuß Breite und fünf Fuß Höhe. Kein überflüſſiges Geräthe. Ein Steinſitz, Ketten und Ringe. Auf einem ſolchen Sitze ſaß oder hing eine jugendliche Geſtalt, den Hals in einem armsdicken Eiſenringe, die Hände ausgeſtreckt wie ein Gekreuzigter, gleichfalls in Ketten hängend, das Haupt über den dicken Ring her⸗ abfallend. Dem Unglücklichen entſtiegen hohle, aus tief⸗ ſter Bruſt heraufgeſtöhnte Seufzer, die wie das letzte Wuthröcheln des im raſenden Kampfe erliegenden Löwen zu hören waren, und für einige Augenblicke die Beiden zurückſchaudern machte. Eine Kappe war ſo über Kopf und Geſicht gezogen, daß bloß der Mund und die Naſe ſichtbar waren. Der Oberalguazil, denn er war es, der mit einge⸗ treten, hatte ſich dem Gefeſſelten genähert und verſuchte das Halseiſen zu öffnen, ſein Begleiter faßte ihn jedoch bei der Hand und hielt ihn zurück. 3 „Halto Senor!“ raunte er ihm in die Ohren,„denn wenn ſie die unrechte Feder erwiſchen, ſo knicken ſie ihm den Hals eben ſo leicht zuſammen, als wenn es ein Stroh⸗ halm wäre, und bei San Lorenzo; ich glaube dem Ca⸗ ballero geſchähe eine Wohlthat; das i*ſt der erſte, den ich — 145— um Gottes und aller Teufel willen um den Tod brüllen hörte. Aber möge mich die unterſte Hölle empfangen, wenn ich mir nicht gleich einbildete, daß dieſe Manga nicht in die Alforza*¹) des alten Lorenzo wandern würde.“ Unter dieſen Worten hatte er den Gefangenen ent⸗ feſſelt.. „Silencio,“ bedeutete ihm der Oberalguazil.„Sie ſoll dir nicht entgehen.“ „ Alſo Kleider ſoll er wechſeln? Wollen Senor ihm ſelbſt behülflich ſein? denn vor einer Stunde dürfte er kaum den Gebrauch ſeiner Glieder erlangen. Es iſt ein verdammtes Sturzbad dieſe infiernello, und ſo ſind ſie alle.”˙ Es war mit nicht geringer Mühe, daß der Oberal⸗ guazil dem Gefangenen das erſte Kleidungsſtück auszog, denn er war mehr todt als lebendig; ohne Regung, ohne Bewegung ließ er alles mit ſich geſchehen, ſich die Manga vom Leibe reißen, die mit Seeotterfellen beſetzte Jacke, die Beinkleider; er ſchien nichts zu fühlen; nur zuweilen ſtieg ein ſchmerzlicher Seufzer aus der tiefſten Bruſt her⸗⸗ auf, und dann zuckte es durch den ganzen Leib. Der Jüngling mußte furchtbar gelitten haben. „ Die Unterkleider wollen wir ihm laſſen,“ ſprach der Alguazil, der, beim Verſuche ihm auch dieſe auszuzie⸗ hen, den unwillkührlichen Widerſtand fühlte, den auch der *) Torniſter, Sack mit Lebensmitteln. Der Virey. III. 10 —-— 146— Bewußtloſe inſtinktmäßig leiſtet, wenn ſeinem Schamge⸗ fühle zu nahe getreten wird. „Das iſt noch friſches, unverdorbenes Junggeſellen⸗ blut;“ murmelte der Verdugo, während der Oberalgua⸗ zil ſeinen Mantel über den Gefangenen warf, ihn mit beiden Armen erfaßte und halb aus der Höhle ſchleppte, halb trug. „Iſt er es auch?“ fragte eine der beiden Geſtal⸗ ten, die vor der infiernello geblieben waren, die Kappe lüftend. „Er iſt es,“ murmelte der andere.„Er iſt es,“ fiel der Oberalguazil ein. „De pregonero a verdugo, ſagt das Sprichwort,“ brummte der Henker.„Hier aber gehts umgekehrt. Fol⸗ gen Sie mir, Senorias, ich will Sie dahin führen, wo er ſo ſicher ſchlafen ſoll, wie die Ratten, die er zu ſeiner Geſellſchaft haben wird, wenn ihm nämlich die nichts abbeißen.“ Der Verdugo führte nun die Drei in einen Gang, aus dem er nach einer Weile in Begleitung des Oberal⸗ guazils und eines jungen Menſchen zurückkam, deſſen Ge⸗ ſtalt und Haare dem ſo eben Entkleideten vollkommen glichen. „Das iſt einmal ein quid pro quo, das mir ſelten unter die Hände gekommen,“ grinste der Henker. Der unglückliche Gefangene hatte gleichfalls die Kappe vor dem Geſichte, ſchien jedoch weit weniger angegriffen. „Jeſu Maria! Wo bin ich Senores? um der Ma⸗ dre de Dios willen!“ „Silencio!“ bedeutete ihm der Verdugo, der ihn an die Mauer lehnte, und ſeine Kleidung Stück für Stück abzureißen begann. Er hatte dies mit der Manga gethan, und die Jacke war gefolgt. „Heben Sie den Fuß,“ ſprach der Scharfrichter, „ daß ich Ihnen die Beinkleider abziehen kann, den an⸗ dern,“ mahnte er, indem er ſie abſtreifte.„Das Hemd iſt zwar nicht viel werth— mögen es jedoch mitnehmen. Die Bottinas und Schuhe paſſabel,— fürchten Sie nichts, Senoria; Sie ſollen bloß die Roba wechſeln.“ „Jeſu Maria! Gnade, gnädiger Herr,“ jammerte der Arme.„Ach wenn meine arme Mutter, die in der Plateria wohnt, an der zehnten Ecke, da wo—“ „Wir wollen's ihr ſagen, Senoria;“ ſprach der Verdugo in einem Anfalle von Rührung;„und ſie kann vielleicht eine Indulgencia plenaria löſen, denn mit Beichtvätern haben wir hier nichts zu thun. Bei uns geht es kurz, beſonders ſeit die Folter abgeſchafft iſt. Für zwanzig Duros mögen ſie jedoch die beſte Indul- gencia plenaria haben; ſind wohlfeil ſeit die Gavecillas aufgeklärt worden.”“ Der arme Menſch horchte, und hielt die Ohren dem Sprecher hin, ſchien ihn aber nicht zu verſtehen; er zitterte wie Espenlaub, denn er ſtand nun nackend auf⸗ den kalten, naſſen Pflaſterſteinen. — 148— „Jeſu Maria!” flehte der arme Junge wieder. „Was wollen Sie denn? Ich ging ja bloß meinen jun⸗ gen Herrn zu ſuchen. Was konnte der arme Cosmo an⸗ ders thun? Wir haben gebeten, fußfällig, Maeſtro Alonzo Pedro, ich, eben als Senor Ulloa ſo wüthend auf die gente irrazionale einhieb. Jeſu Maria! es iſt ſo kalt.“ „Wird Ihnen ſchon warm werden, Senor, unter unſern Händen wird es dem Kälteſten warm. Da, neh⸗ men Sie.”* uUnd nun reichte er ihm Stück für Stück dieſelbe Kleidung, die der Oberalguazil zuvor dem Gefangenen in Nr. drei abgezogen hatte. Der Unglückliche haſchte dar⸗ nach, und ſchlüpfte mit einer Haſt hinein, die etwas Grauſenhaftes hatte. Auf einmal hielt er inne, befühlte die Jacke, die Felle, die Goldborten, und ſchrie dann mit einer erſchütternden Stimme:„Jeſu Maria! das iſt die Roba meines gnädigen Herrn.” Einen Augenblick ſtand er zitternd, das Kleid an ſeinen Körper gepreßt. „Machen Sie hurtig, Senor,“ mahnte der Ver⸗ dugo.„Wir haben nicht Zeit.“ „Jeſu Maria,“ ſtöhnte der Arme nochmals, und dann ſteckte er die Hand mechaniſch in die Jacke. Der Verdugo überwarf ihm den Mantel, und zog ihn in Nr. drei. Es ließen ſich die Töne einer Glocke aus dem Ge⸗ richtsgewölbe hören. Die beiden horchten einen Augen⸗ blick, und huſchten dann durch das Gewölbe in den Gang hinein, aus dem die Töne herausſchallten. 8 Nicht lange, ſo wurden neuerdings Fußtritte gehört und es kamen der Verdugo, der Oberalgualzil, der Alcalde und ein Blaumantel. Die Letzteren hatten Blend⸗ laternen. „Verdugo,“” ſprach der Alcalde,„thut euxe Schul⸗ digkeit. Nr. drei.“ Der Verdugo verſchwand in der infiernello; es war Kettengeklirr zu hören, und dann kam er mit dem unglücklichen Jungen. „Por el amor de Dios!“ bat dieſer;„Cosmo will ja gerne alles thun, alles bekennen.” „ Er ſpricht irre,“ bemerkte der Alcalde. „Jeſu Maria!“ ſtöhnte Cosmo wieder.„Wir ha⸗ ben gebeten, ihn beſchworen nicht zu ſchießen auf Major Ulloa. In meinem Leben will ich keinen Trabucco*) mehr in die Hand nehmen.” „Dieſe Stimme—“ bemerkte der Blaumantel. „ Iſt verändert,“ fiel ihm der Alcalde ein;„der arme Junge hat Stimme, Muth und Verſtand verloren. Iſt aber immer ſo.”“ „Na,“ brummte der Verdugo.„Dieſe Armſpange wird ſich gerade für Eure Herrlichkeit ſchicken, zu dem *) Stutzer mit weiter Mündung. —— Seeotterpelze;“ und mit dieſen Worten preßte er den unglücklichen an die Mauer, und legte ihm beide Arme in Ringe. „Vierge Madre! ora pro nobis!“ betete der arme Cosmo zwiſchen den Zähnen, dann erhob ſich ſeine Stimme und er brach in den wunderſchönen Geſang aus, Ma- dre dolorosa, dulcissima y fornosa, den er in den Schauern der Todesahnung ſo ergreifend ſchön abſang, daß ſelbſt der Verdugo für einen Augenblick inne hielt und mit ſichtbarer Rührung horchte. Ein Wink vom Oberalguazil machte jedoch dieſer Pauſe ein Ende. „Ein wenig weiter zurück, Senoria,“ mahnte der Verdugo;„die Beine auseinander, ſo daß Sie den Stein in die Mitte nehmen. Wollen Ihnen einen recht bequemen Sitz verſchaffen. „Es iſt kalt, grimmig kalt,“ jammerte der Un⸗ glückliche.„O meine arme Mutter!“ „Den Kopf höher hinauf,” mahnte der Verdugo wieder,„ſonſt könnte Sie die zuſammenſchlagende Feder auf den Schädel treffen. So, jetzt ſind Sie recht. Fürch⸗ ten Sie ſich nicht. Thun Ihnen nichts.”9 Der Unglückliche ſtand nun mit ausgeſpreizten Bei⸗ nen zwiſchen einem aus der Mauer vorragenden Steine, den Hals in einem ungeheuren Halseiſen, die Arme aus⸗ gebreitet und in Ringen hängend. „Bleiben Sie ſtehen, Senoria, bis wir Ihnen die — 1514— Halskette befeſtigt. Zittern Sie nicht. Wir thun Ihnen 1 ja nichts; ein paar Minuten, und Sie ſind wie Sie ſein ſollen.“ uUnter dieſen Troſtworten hatte der Verdugo eine dünnere am Steine befeſtigte Kette ergriffen, und ſie um den Hals des Schlachtopfers geſchlungen, das zitternd und bebend ſtand, und wie ein Lamm mit ſich geſchehen ließ. Der Arme hatte zu ſchluchzen aufgehört, und be⸗ tete leiſe und ſchnell Ave Maria, in jener Todesangſt, die in dieſen gräßlichen letzten Momenten nachholen will, was ſie früher verſäumt. „Wollen Euer Herrlichkeit das Urtheil verleſen ha⸗ ben?“ fragte der Alcalde den Blaumantel leiſe. Dieſer war geſtanden, ohne ein Wort zu ſprechen. „Wollen Don Ruy Gomez das Urtheil verleſen ha⸗ ben?“ ziſchte der Alcalde nochmals. Wieder keine Antwort. Der Oberalguazil winkte dem Verdugo. Dieſer drückte den Unglücklichen mit einer Hand auf den Stein nieder, das Knacken einer Feder ließ ſi 3 hören, der Stein fiel aus der Mauer. „Jesu Maria! todos Santos!*) betete Cosmo. „Madre mi—“ ſtammelte er, aber die letzte Sylbe war nicht mehr zu hören; dafür ließ ſich das Knacken eines brechenden Gliedes vernehmen, und dann fiel die geſtreckte *) Alle Heiligen. Zunge aus dem Munde, die Augen traten aus den Höh⸗ len; das Schlachtopfer hing halb ſitzend, halb ſtehend in den Ringen— eine Leiche. „El ultimo suspiro,“*) ſprach der Verdugo mit ungemein feierlicher Stimme. Der Blaumantel war zuſammen geſchaudert, und ſah ſtarr und ſprachlos auf den Leichnam.„ Das war der ſchönſte Jüngling in Mexiko;“ murmelte er. Dann eilte er, wie vom böſen Gewiſſen getrieben, der Thüre zu. „Leuchte Sr. Herrlichkeit,“ ſprach der Oberalgua⸗ zil ernſt.„Und möge ſeine Todesſtunde ſo ſanft ſein, wie es⸗ die des Unglücklichen hier ward. Bei meiner Seele!“ ſprach er zum Alguazil, der noch immer ſinnend ſtand.„Dieſe großen Herren glauben, unſer eins ſei eine Art Feuerzange, mit der ſich Caſtanien aus der Aſche holen laſſen.“ „De que pierna cojeo ,5***) verſetzte der Alcalde. „Vergeſſen Sie den Gefangenen von Nr. drei nicht, Adios!“ Er rannte haſtig fort. „Kommen Sie, und zwar geſchwind;“ rief der Ober⸗ alguazil ängſtlich,„in einer Viertelſtunde dürfte es ſonſt zu ſpät ſein. Nicht immer dürfen ein Oberalguazil und ein Alcalde blind ſein.” „Wo bin ich?“ fragte der Gefangene aus Nr. drei, *) Der letzte Seufzer. **) An ſeiner ſchwachen Seite getroffen. — 153— der, geführt von den beiden Blaumänteln, aus dem Gange in das Gewölbe trat. „Wo ſelten einer mehr das Tageslicht erblickt; aber wer den Pabſt zum Vetter hat, ſagt unſer Sprichwort, darf das Fegefeuer nicht fürchten; hüten ſich Euer Gna⸗ den jedoch vor der Hölle. Ein zweitesmal dürfte ſie ihr Opfer nicht ſo leicht von ſich geben.“ Und mit dieſen Worten führte er die drei aus dem Gewölbe durch den Gang, das Verhörgewölbe, einen zweiten Gang, in die Loge. Von da wurde der Geret⸗ tete raſch durch Gänge und Hallen mit fortgezogen. Am Ausgange dieſes furchtbaren Labyrinthes wurde ihm Kappe und Mantel abgenommen, ein anderer umgeworfen und ein Offiziershut in die Stirne gedrückt. Die Strahlen des Mondes ließen einen weiten Hof ſchauen, von un⸗ geheuern Mauern umfangen; ſie ſchritten raſch einem Pförtchen zu, vor dem mehrere Perſonen ſtanden. Der Gefangene ſah umher, ſtierte ſeinem Begleiter in das Geſicht, erkannte aber keinen. Auf einmal fühlte er ſeine Hand erfaßt, ein ſanfter Druck preßte ſie, ein thränendes Auge blickte in das ſeinige, und eine weiche Stimme flüſterte ihm„Adios!“ zu. Er ſchnappte nach Luft.„Jeſu Maria! Iſabella!““ „ Stille, Unglücklicher!“ rief die Donna. „Iſabella!“ rief der Jüngling, auf ſie zuſtürzend und ſie mit beiden Armen erfaſſend. Sie litt es ohne Widerſtand zu leiſten. Ihr ſtolzes Auge war gebrochen, Thränen perlten ihre Wangen herab, ſie ſah wehmüthig in das ſeinige. Er hielt ſie umſchlungen, alles um ſich her ver⸗ geſſend, aber indem er ihr in die Augen ſtierte, ſeine Lip⸗ pen an die ihrigen gepreßt, wurde ſein Blick plötzlich leuchtend, eine wilde Flamme ſchoß aus ſeinem Auge, der Geifer trat ihm aus dem Munde, ſeine Glieder zuck⸗ ten; der Donna ſchwanden die Sinne. Es rüttelte ihn wie Fieberfroſt.„Verrätherin,“ murmelte er, ſie feſter mit einer Hand umſchlingend, während die andere unter dem Mantel ſuchte.„Verrätherin!“ wiederholte er mit hohler, dumpfer Stimme. Aber eine gewaltige Hand erfaßte ihn, und riß ihn mit Rieſenkraft von der Donna. „Unſinniger!“ ſchrie der Oberſt. „Don Manuel!“ die Donna. „Um Gotteswillen fort von hier, rief der Blauman⸗ tel, der junge Don Pinto, der die Pforte öffnete. Der Oberſt hatte den Geretteten durch das Pfört⸗ chen, Don Pinto die Dame in den Hof zurückgezogen. „Laſſen Sie ab, junger Mann,“ ſprach dieſe ſtolz ſich von ihm losmachend.„Wir haben einen Creolen be⸗ günſtigt. Er war der erſte, er wird der letzte ſein. Wo iſt der Oberſt?“ „Fort mit imn „So kommen Sie.“ und feſten Schrittes ging ſie denſelben Weg zurück, den ſie gekommen war. Als ſie im erſten Schlafgemach — 155— angelangt, zuckte ſte zuſammen, und huſchte hindurch wie eine flüchtige Verbrecherin. In ihrem Boudoir angekom⸗ men, warf ſie ſich in eine Ottomane, hüllte das Geſicht in den Mantel und ſaß einige Minuten ohne ein Wort zu ſprechen. Auf einmal ſprang ſie auf, warf den Man⸗ tel von ſich und ſprach: „Wir ſind Ihnen ein Andenken an dieſe Nacht ſchul⸗ dig. Sie haben uns eine Treuloſigkeit verhüten gehol⸗ fen. Nehmen Sie dieß und denken Sie nicht geringer von uns, weil wir ſtark genug waren, unſere Liebe nicht morden zu laſſen.”“ Indem ſie ſo mit dem Anſtand einer Königin ſprach, überreichte ſie dem Creolen einen koſtbaren Brillantring, den dieſer kniend empfing. „Bei meiner Seelen Seligkeit! Sie verdienten Kö⸗ nigin zu ſein;” entfuhr dem Jüngling unwillkürlich. „Wäre Iſabella ein Mann, Mexiko ſollte—”“ „Frei und das Ihrige ſein;“ ergänzte Don Pinto. „Und mein ſein,“ flüſterte ſie.„Adios; fürchten Sie nichts; Sie haben um unſer Haus Dank verdient.“ Sie ſchellte. Eine Dienerin kam, begleitete den Jüngling durch die Gemächer. Die Donna warf ſich nachdenkend auf das Sopha. Dreiundvierzigſtes Capitel. Tous les mauvais sujets de l'Andalousie, tous les moines a charge aux couvens, et qu'on expédiait en Amérique; la vie scandaleuse de la dernière vice- reine et de gens en place; la rupture de tous les liens sociaux operée par des guerres intestines, et le dé- vergondage de quelques généraux, de plusieurs ma- gistrats influens ont perverti chez ce peuple neuf et crédule toutes les notions du bien et du mal. Gela est d'autant plus déporable, que les Mexicains sont naturellement doux, affables et ont une aptitude re- marquable pour les arts et les sciences. Nul doute qu'ils ne fussent aujourd'hun au rang de leurs frères du Nord, si leurs vainqueurs n'avaient, par tous les moyens, étouffé ces germes féconds. Baradère. Aus den einzelnen Zügen, die wir über die ſpani⸗ ſche Herrſchaft Mexikos hingeworfen haben, werden un⸗ ſere Leſer nun allmälig die Phyſiognomie dieſer Herrſchaft ſelbſt zu erkennen, und ſo die Elemente des tödtlichen Haſſes zu würdigen Gelegenheit gefunden haben, der dieſes Land während ſeiner dreihundertjährigen Verbin⸗ dung bis ins Innerſte aufzehrte, um endlich gleich dem verheerenden Lavaſtrom auszubrechen, und in ſeinem furchtbaren Brande dieſe elende Herrſchaft und ihre elen⸗ dern Werkzeuge bis auf die Wurzel wegzutilgen. An keine ſeiner transatlantiſchen Beſitzungen hatte ſich der Spanier ſo feſt angeklammert, keiner hatte er die Tigerklauen ſeiner trägbigotten Grauſamkeit ſo tief eingeſchlagen als Mexiko, der erſten und wichtigſten ſeiner amerikaniſchen Eroberungen. Er allein hatte, wie bereits bemerkt wurde, alle bürgerlichen, alle kirchlichen Stellen. Ihm gehörte der Handel des Landes ſo ausſchließend, daß mit unfehlbarem Tode der Creole beſtraft wurde, der von einem Ausländer kaufte, oder mit einem ſolchen in kauf⸗ männiſche Verbindung trat. Er allein kannte und durfte den Zuſtand des Landes kennen, und deſſen Hülfsquel⸗ len; er allein verfügte über dieſelben, und herrſchte, und zwar mit einer Rückſichtsloſigkeit, deren Gewalt⸗ ſchritte den Blitzesſchlägen des Zeus der Alten vergleich⸗ bar waren, die einige Augenblicke den in nächtliches Dunkel gehüllten Erdkreis aufhellten, um die erſchüt⸗ terten Gemüther in eine deſto tiefere Betäubung und Finſterniß zurückzuwerfen. Es war vergeblich, daß der Eingeborne Hülfe gegen die ſechzigtauſendarmige Hydra ſuchte; ſelbſt die Bande des Blutes wurden zerriſſen, im Conflikte mit dieſem — 158— entſetzlichen Intereſſe, und ſchonungslos der im Lande geborne Sohn von ſeinem ſpaniſchen Vater geopfert, ſo⸗ bald dieſes Intereſſe es erheiſchte. Und furchtbar genug forderte dieſes immmer den Untergang des Creolen, das Verderben des Eingebornen. Was ſelbſt in den despo⸗ tiſchſten Staaten, und unter den verabſcheuungswürdig⸗ ſten Tyrannen nicht ſelten der Fall iſt, daß ſie nämlich wider ihren Willen, ihres eignen Vortheiles wegen, ge⸗ zwungen werden, das Mark des Landes zu ſchonen, weil es ihnen allen die Mittel gibt, ihre aberwitzigen Pläne durch⸗ zuführen, das war nie der Fall in Mexiko geweſen; denn der Vortheil Spaniens(ſo währte es während einem dreihun⸗ dertjährigem Beſitze); forderte, Mexiko ſo ſchwach, ſo ohn⸗ mächtig als möglich zu erhalten, auf daß es im Gefühle ſeiner Ohnmacht ſich die Zwingherrſchaft des Mutterlan⸗ des um ſo williger gefallen laſſe.— Seine einzige Be⸗ ſtimmung war, das Mutterland mit Silber⸗ und Gold⸗ barren zu verſorgen, und dieſe Beſtimmung, die man ſich gar nicht die Mühe nahm, zu verhehlen, wurde das oberſte Prinzip, nach welchem das Land verwaltet ward. umſonſt hatte es die Natur mit dem reichſten Boden, den herrlichſten Erzeugniſſen ausgeſtattet; der Boden mußte unbebaut liegen bleiben, die Erzeugniſſe ausgerottet werden. Von dem Grundſatze ausgehend, daß das ganze ſpaniſche Amerika ein Geſchenk des Pabſtes, oder in der Sprache katholiſcher Völker zu reden, des Statthalters Chriſti ſei, wurde das ganze Land als das Eigenthum des Königs — 159— betrachtet, und ſeine geiſtlichen und weltlichen Beamten waren im buchſtäblichen Sinne ſeine Diener, deren erſte und letzte Pflicht es war, ſeinen perſönlichen Vortheil allen andern Rückſichten aufzuopfern. Als wäre aber dieſe furchtbare Maxime noch nicht hinreichend, jeden Keim von Rechtlichkeit und Ehrgefühl bei den zur Verwaltung ge⸗ ſandten Miethlingen zu erſticken, hatte die Krone, in den letzten Zeiten ihrer Herrſchaft, ſogar alle einträglichen Stellen, vom Vicekönige herab bis zum letzten Zollbeam⸗ ten, in ihrer Hauptſtadt verſteigert, und demnach einen halben Welttheil— um ihre Chatoulle zu füllen— der niederträchtigſten aller Leidenſchaften, der Habſucht, laut und offen preis gegeben. „Während der famöſen, oder vielmehr infamen Re⸗ gierung Godoys(Carl IV.), gottesläſterlich der„Friedens⸗ fürſt“ genannt,“ ſagt ein eben ſo achtungswerther als un⸗ terrichteter Geſchichtſchreiber,*)„wurde jede Stelle in Amerika vom Vicekönige bis zum letzten Douanenoffizier herab, öffentlich verkauft; einige Fälle ausgenommen, wo Privatdiener des Fürſten oder des königlichen Haus⸗ haltes, die ſich durch ihre niederträchtigen Dienſtleiſtungen, oder wie es hieß, durch die Treue gegen ihre königlichen Herrſchaften ausgezeichnet hatten, mit Stellen belohnt wurden. Ein Haushofmeiſter wurde ſo wirklich zum *) William Robinſon in ſeiner Geſchichte der mexika⸗ niſchen Revolution. — 460— Gouverneur einer Provinz; Livreediener, deren empö⸗ rende Verworfenheit den Abſcheu aller Welt erregt hat⸗ ten zu Oidores der oberſten Audiencia, zu Intendanten der Provinzen ernannt, und ſolchen Menſchen das Leben und Eigenthum der Unterthanen in Amerika anver⸗ traut.”“*) Zwar hatte der Rath der beiden Indien, der die ſpaniſch⸗amerikaniſchen Beſitzungen für den Monarchen ver⸗ waltete, um den Räubereien und Erpreſſungen der Be⸗ amten Schranken zu ſetzen, es verſucht, eine Controlle einzuführen; der Vicekönig wurde durch die Audiencia von Mexiko, die Gouverneure der Intendanzen durch die Audiencias der Provinzen controllirt; allein dieſe Maßregel diente nur dazu, die Schar der Angeſtellten bis zur Unzahl zu vermehren, ohne dem Uebel im min⸗ deſten Einhalt zu thun; denn die königliche Schamloſig⸗ keit hatte durch den öffentlichen Verkauf der Stellen ihrer Bureaukratie bereits den unvertilgbaren Stempel der ab⸗ ſoluteſten Ehrloſigkeit aufgedrückt. Vergebens auch, daß die Revolution ihre Donnerſtimme erhoben hatte, das mächtige Ungeheuer Selbſtintereſſe erſtickte jeden Funken von Ge⸗ rechtigkeit, und die Ströme ſpaniſchen Blutes, die ge⸗ floſſen waren, hatten den Blut⸗ und Golddurſt dieſer unerſättlichen Menſchen nur noch geſteigert.„Nie wohl hatte die chriſtliche Welt eine heilloſere Gerechtigkeits⸗ *) Siehe Note. — 161— pflege geſehen, als die ſpaniſch⸗mexikaniſche,“ bemerkt ein Britte,*) den ſeine öffentliche Stellung eben nicht geneigt machte, volksthümlichen Bewegungen das Wort zu reden.—„Auch kein einziger Spanier, ſo viele wir deren geſprochen, hat jemals zu behaupten gewagt, daß ein Creole auf Unparteilichkeit vor den Gerichtsſchranken rechnen konnte, ſelbſt wenn der königliche Fiskus nicht intereſſirt war. War Jemand wegen politiſcher Intereſ⸗ ſen in Unterſuchung, ſo fing der Prozeß mit Einſtecken der Menſchen an, dann drehte man den Schlüſſel des Gefängniſſes um, und dachte an dem Gefangenen nicht weiter.”9 So wie aber die ſtärkſten und tödtlichſten Gifte wieder ihre Gegengifte haben, ſo liegen dicht neben den verderblichſten Staatsmaximen, unter denen Völker Jahr⸗ hunderte hindurch geſeufzt haben, wieder entgegenwirkende Wahrheiten, die immer glänzender und ſiegereicher hervor⸗ treten, je tiefer Trug und Eigennutz ſie ins Dunkel zu verhüllen bemüht geweſen. So ſollte derſelbe Grundſatz, in Folge deſſen ein halber Welttheil, einer Familie, als eine Art Nadelgeld für ihre menus plaisirs geſchenkt war, das Loſungswort zur Freiheitserklärung dieſer unglück⸗ lichen Völker, und die empörenden Ungerechtigkeiten der ſpaniſchen Beamten, der Stachel werden, der dieſe armen 6 *) Basil Hall— Extracts fromf Journal written during a cruize on thuwarts of Chili, Peru, Mexico. Der Virey III. 11 — 162— Gedrückten, trotz ihrer Apathie und gleichſam wider Willen zwang, dasjenige, was ſie im fieberiſchen Aus⸗ bruche ſüdlichen Enthuſiasmus ausgeſprochen, auch mit der Beharrlichkeit nördlicher Ausdauer fortzuführen.*) Es war vielleicht ein Glück für die künftige Unab⸗ hängigkeit des Landes, deſſen traurigſte Periode wir ſchil⸗ dern, daß ihm in dieſer verhängnißvollen Criſis ein Mann zum Regenten geſandt worden, der die Maximen der ſpaniſchen Staatskunſt auf eine Weiſe in Anwendung brachte, die, während ſie dem blödeſten Verſtande die abſolute Nothwendigkeit einleuchtend machte, ſich dieſer Herrſchaft um jeden Preis zu entledigen, ihn zugleich in die Kunſtgriffe derſelben Regierungsart, und die tiefe Verworfenheit ſeiner Herrſcher blicken ließ, und ſo in die Möglichkeit verſetzte, dieſe Herrſchaft mit denſelben Waffen zu bekämpfen, die ſie mit ſolchem Erfolge ge⸗ braucht hatte. Wirklich ſchien es als ob der Mann, von dem hier die Rede iſt, auserkoren worden wäre, um der Welt ein Beiſpiel aufzuſtellen, wie auch die aus⸗ gezeichneteſten Talente nicht im Stande ſeien, ein Staats⸗ gebäude zu erhalten, das der Grundlagen der Wahrheit und Gerechtigkeit ermangele. Doch dieſer Mann ſpielt in der Geſchichte dieſes Landes eine zu merkwürdige Rolle, als daß wir ihn nicht mit ihrem Griffel ſelbſt zeichnen ſollten. *) Siehe Note. Don Vanegas, Grande der erſten Klaſſe durch ſeinen Rang, General⸗Capitain*) der königlichen Armeen, aus einer bedeutenden Familie entſproſſen, und mit bedeuten⸗ dern verſchwägert, hatte, ſo ging das Gerücht, vorzüg⸗ lich gewiſſen Einflüſſen, die höchſte und wichtigſte Stelle zu verdanken, die die Krone Spaniens vergeben konnte. Seine Laufbahn als Befehlshaber der ſpaniſchen Heere in der pyrenäiſchen Halbinſel, war nicht glücklich ge⸗ weſen. Er hatte die bedeutenden Schlachten von Cuenga und Almonacid in der Mancha verloren, und ſich den Ruf erworben, mit einer ganz beſondern Geſchicklichkeit die Armeen ſeines Vaterlandes auf die Schlachtbank lie⸗ fern zu können. Dieſe paſſive Eigenthümlichkeit war unterdeſſen ſo wenig im Stande geweſen, ſeinem Einfluſſe auf die leitende oberſte Junta Eintrag zu thun, daß ihm dieſe vielmehr nach Iturrigarays Ankunft als Staatsge⸗ fangener, die Herrſchaft über daſſelbe Mexiko anvertraute, deſſen Partei er bei mehreren Gelegenheiten mit ſo vie⸗ ler Wärme genommen, und deſſen Recht zur Selbſtbe⸗ herrſchung er in glühender Sprache verfochten hatte. Der Mann hatte, wie es bei Charakteren ſeiner Art nicht ſelten der Fall iſt, den zweideutigen Vorzug, ſich einen doppelten Ruf erworben zu haben, den wir einen europäiſchen Hof⸗ und einen amerikaniſchen Volksruf *) Der höchſte militäriſche Grad den es in der ſpani⸗ ſchen Armee gibt. — 164— nennen möchten. Der erſtere ſprach ihm den Ruhm eines vollendeten Staatsmannes und getreuen Dieners zu, der mit einer bewunderswerthen Gewandtheit ſeine Pläne durch alle Labyrinthe politiſcher Conflicte hindurchzuführen verſtand, der amerikaniſche ſchilderte ihn, ſo wie wir ihn ſich ſelbſt ſchildern gehört haben. Beide ließen ſeinen häuslichen Tugenden Gerechtigkeit widerfahren. Sein Muth war wieder weniger gerühmt, doch ſprach man ihm nicht Feſtigkeit und Scharfblick in entſcheidendem Momente ab. Soviel war wenigſtens nicht abzuläugnen, daß der erſte und gefährlichſte Ausbruch der Revolution großentheils an ſeiner energiſchen Thätigkeit geſcheitert, und daß Mexiko ſelbſt, der Sitz und Stützpunkt der ſpa⸗ niſchen Herrſchaft in Neuſpanien, an den verhängnißvollen Tagen des dreißigſten und einunddreißigſten Oktobers nur durch ſeine Beſonnenheit gerettet worden war. In ſeiner Eigenſchaft als General en Chef der ſämmtlichen Streit⸗ kräfte des Landes, Präſident des oberſten Gerichtshofes, und Haupt der executiven Behörde, war er in der That zeitweiliger Herrſcher der weiten Reiche Mexikos, der Brennpunkt, in dem ſich die Strahlen des ganzen Landes concentrirten, und von dem ſie wieder gebrochen in jeder Richtung ausſtrömten, dem Namen nach von der Au⸗ diencia, dem höchſten Gerichtshofe, controllirt, auf beiläufig dieſelbe Weiſe, wie in unausgebildet conſtitutionnellen Staaten die Willkühr des Fürſten von den ohnmächtigen oder beſtochenen Kammern controllirt wird, wenn ſie nicht — 165— durch einen momentanen Impuls zur Oppoſition, oder was daſſelbe ſagen will, zur Verfolgung eines neuen In⸗ tereſſe getrieben wird.. Einen ſtärkern Hemmſchuh jedoch hatte die furchtbare Gewalt dieſes Mannes in den ſich kreuzenden Intereſſen, und der Verderbtheit ſeiner eigenen Unterbeamten und Lands⸗ leute, des Auswurfes von Spanien, der um ſo weniger geneigt war ihm jenen unbedingten Gehorſam zu leiſten, den die ſpaniſche Regierung als das Lebensprinzip für alle ihre Agenten aufgeſtellt hatte, als er bloß von den Cortez eingeſetzt, der eigentlichen heiligenden Sank⸗ tion, der Ernennung des Königs entbehrte. Dieſer loyale Wahnſinn, hatte mit vem durch die gewalt⸗ ſame Entfernung ſeines Vorgängers gegebenen böſen Bei⸗ ſpiele, viel dazu beigetragen, ihn in die gefährlichſte Lage zu bringen, die es für einen Herrſcher geben kann— eine falſche Stellung— die ihn zwang, ſich bald in die Arme der Creoliſchen, wieder in die ſeiner Landsleute zu werfen, und die erſtern und die letztern aufzuopfern. Es war dieſe Politik um ſo verhängnißvoller, da ſie endlich auch die letz⸗ ten und getreueſten Anhänger der ſpaniſchen Regierung, den eigentlichen Adel, nothwendig entfremden mußte. So viel iſt gewiß, daß der eigenthümliche Charak⸗ ter, oder, wie wir es nennen wollen, die Charakterlo⸗ ſigkeit dieſes Mannes ſehr viel zur merkwürdigen Ge⸗ ſtaltung eines der größern Reiche der neuen Welt bei⸗ getragen. Vierundvierzigſtes Capitel. Wer ſolche Herren duldet, Iſt der Knechtſchaft werth. Worceſter. Er ſaß ſo eben, in der Ausübung ſeiner Oberherr⸗ lichkeit begriffen, in ſeiner Staatskanzlei, gerade ſech⸗ zig Fuß über den furchtbaren Gewölben, die wir, bei⸗ des, bildlich und buchſtäblich, die eigentlichen Stützen ſeiner Gewalt nennen möchten. Der Schreibtiſch war ſehr zierlich, weder mit Akten, noch Büchern überladen, wohl aber mit Riechfläſchchen und eaux de Cologne, und Rose, und Etuis, und Cameen; eine ſehr ſchöne Alabaſterbüſte Fernando VII., ſtand auf einer Seite, ein Standbild der Jungfrau de los remedios, auf der andern. Durch eine der drei offenen Thüren des geräumigen Cabinets konnte man in ein zweites, drit⸗ tes, viertes und fünftes Zimmer ſehen, die an Größe — 167— und Bevölkerung im Verhältniſſe ihres Abſtandes vom viceköniglichen Bureau zunahmen, und durch eine Menge von Wachskerzen erleuchtet waren, die zu acht, ſechs, vier und auch bloß zwei vor jedem Schreibtiſch aufgeſtellt, zugleich den höhern oder niedri⸗ gern Rang des Schreibenden ſelbſt andeuten mochten. Eine Stille eigener Art herrſchte in dieſen Zimmern, bloß von den Fußtritten eines Familiars, oder dem Ge⸗ knarre der Federn, oder dem Läuten einer Handglocke unterbrochen. Durch eine zweite angelehnte Thüre war der dienſtthuende Page und Kämmerer zu ſehen; zu⸗ weilen öffneten ſich die Flügelthüren dieſes Zimmers in einen anſtoßenden Saal, aus dem verhuſchte Stimmen zu hören waren. Unmittelbar am Schreibtiſche vor dem Vicekönige ſtand ein ältlicher Mann in der ſchwarzen Kleidung eines Staatsdieners von hohem Range; unter dem Arme ein Bündel Schriften, von denen er eine nach der andern dem Chef vorlegte. Dieſe Schriften waren auf der In⸗ ſeite bloß zur Halbſcheide beſchrieben, auf der Außen⸗ ſeite ſtanden, unter den langen Titeln der Behörden, an welche ſie gerichtet waren, immer einige Zeilen, auf die der Geheimſekretair ehrfurchtsvoll hinwies, und die wieder der Machthaber unterſchrieb, oder mit einigen Bemerkungen begleitete. Das Letztere war ſo eben der Fall geweſen. „Wir haben Ihnen bereits geäußert, Don Fanez, — 168— wie wir wünſchen, daß Dekretirungen abgefaßt würden; in der Sprache der Staatskanzlei nämlich.“ Das Männchen, an den der Verweis gerichtet war, zuckte zuſammen.. „Wir hoffen, Don Fanez wird ſich dieſen Wink zu Nutze machen,“ bemerkte der Vicekönig, der die Akte zurückſchob.„Sie dekretiren, ſtatt des Befehles, die Weinberge in Oaxaca, und namentlich im Diſtrikte von Actolapan auszurotten*), nichts mehr, noch weniger, als daß nach leyas de las Indias Ordonnanza LV. zu verfahren ſei; libro V., ein Styl, deſſen Sie ſich um ſo mehr befleißigen müſſen, als es unſer Wunſch iſt, in unſere Verwaltung alle die Milde und Gnade zu legen, die—“ Und während der Mann ſo ſprach, lächelte er ſanft und wohlwollend. „Ueberhaupt bemerken wir,“ fuhr er fort,„daß auch in dieſer Hinſicht Unordnungen eingeriſſen ſind, die wir nicht länger mehr dulden zu können überzeugt ſind, indem ſie Folgen nach ſich ziehen, die den weiſe feſt⸗ geſetzten Beſtimmungen, nach welchem dieſes Land regiert 24 *) Dieſe Grauſamkeit war um ſo zweckloſer, als die Zufuhr von Spanien, das damals in den Händen der Fran⸗ zoſen war, beinahe ganz abgeſchnitten war, und bloß die Begünſtigung einiger Glieder des Conſulado, die große Vor⸗ räthe augehäuft hatten, beabſichtigte. * 4 — 4169— wird, ganz entgegengeſetzt ſind. Es iſt wirklich nicht mehr zu ertragen; ſelbſt Spanier vereinigen ſich nun mit Creolen, um die Geſetze bei jeder Gelegenheit zu um⸗ gehen.“ Dieſe Worte machten den Geheimſekretair, der eine Akte auf den Schreibtiſch zu legen im Begriffe ſtand, abermals zucken. Er warf einen flüchtigen Blick auf den Gebietenden, und zog ſie zurück. „Was iſt dieß, Don Fanez?“ fragte dieſer. „Wir würden unterthänigſt,“ ſtockte Don Fanez, ſo gewiſſermaßen andeutend, daß ihm etwas am Herzen liege, das er gegenwärtig anzubringen für mißlich halte. „Ah, dieſe Tabakspflanzungen in Nueva Gallicia,“ bemerkte der Virey, der die Akte genommen, und einen Blick darauf geworfen hatte.„Das iſt gerade wieder ein neuer Beleg, eine ganz fatale inconvenance. Es muß uns wirklich mißfallen, wie unſere Gouverneurs es wagen können, ſo beſtimmt ausgeſprochene Geſetze zu übertreten.“ „Bei dem Umſtande jedoch— der großen Entfernung dieſer Provinz von Veracruz und Orizaba— und daß wirklich mehrere hundert Familien;”— bemerkte der Ge⸗ heimſekretair ſchüchtern. Die Excellenz hatte wieder einen Blick in die Pa⸗ piere gethan. „Wie?“ ſprach ſie.„Auch die Häuſer Ortez, Ca⸗ bra und Minaya ſind dabei intereſſirt?“ „ — 4170— Die Stirne des Gewaltigen runzelte ſich. „Euer Excellenz unterthänigſt aufzuwarten;“ ver⸗ ſetzte der Geheimſekretair, der, indem er eine friſche Akte zu den vorigen legte, bemerkte:„Hochdieſelben werden erſehen, daß die Hacienda Real—“ „Seltſam, die Hacienda Real trägt auf die Beibe⸗ haltung der Pflanzungen an. Mit ihr einverſtanden iſt die Audiencia. Seltſam, ſeltſam.“ „Wir haben, nach Eurer Excellenz hocheigenem Be⸗ fehle, das Geſuch ſammt der Einbegleitung des Intendan⸗ ten, der Audiencia zur Begutachtung übergeben, die es wieder der Hacienda Real zugewieſen.“ „Das war ganz in der Ordnung,“ bemerkte der Virey;„und Ihre Meinung?“ Der Geheimſekretair hielt inne, denn die Frage war ſonderbar betont, der Blick lauernd, die Miene lächelnd. „Ihre Meinung?“ wiederholte die Excellenz. „Bei dem Umſtande der großen Entfernung Nueva Gallicias,“ bemerkte der Geheimſekretair ſehr ſchüchtern, „wie auch, daß mehrere Häuſer des Conſulado in dieſem Geſchäfte bedeutende Capitalien— dieſe drei Häuſer wür⸗ den dreimal hunderttauſend Duros, im Falle die Bewil⸗ ligung auf drei Jahre ausgedehnt würde—“ „Kann nicht ſein,“ bemerkte der Virey.„Die Hacienda Real hat vergeſſen, daß die Artikel zu ſehr im Preiſe fallen würden.“ Der Geheimſekretair zog eine andere Schrift hervor, die er mit gekrümmtem Rücken überreichte. „Don Ortez bietet hunderttauſend Duros,“ fuhr er ſtockend fort;„und wenn mit den ſiebenhundert Creolen⸗ Pflanzungen gemäß königlicher Ordonnanz verfahren wird, dreimal hunderttauſend— im Vereine mit ſeinen Aſſocies, welcher Umſtand allerdings um ſo mehr zu beachten, als. dadurch die Preiſe des Artikels hoch gehalten würden.“ Der Virey hatte den Sprecher ſcharf angeſehen. „Das heißt, Don Ortez und Compagnie wollen drei⸗ mal hunderttauſend Duros bezahlen, wenn mit den ſie⸗ benhundert Pflanzungen der Creolen, gemäß königlichem Dekrete verfahren würde,“ lächelte der Virey;„kein übler Vorſchlag.“ Er hielt inne.„ Aber dieſes Nueva Gallicia hat uns zwei der beſten Regimenter geſtellt, wor⸗ unter die Hälfte Freiwillige. Auf dieſen Umſtand hat ſo⸗ wohl unſere Audiencia als Hacienda Real vergeſſen. 23 Der Geheimſekretair hielt inne und ſprach dann: „Dürften wir unmaßgeblichſt,— bei dem Umſtande, daß das Conſulado ſo große Verluſte erlitten, und der Ingleſe—“ 4. „Ja, ja,“ fiel der Virey haſtig ein.„Wir wol⸗ len am Conſulado dieſen Beweis unſerer Bereitwilligkeit, ihren Intereſſen förderlich zu ſein, geben, obwohl es den Creolen einigermaßen auffallen dürfte— „Die Bewilligung zu dieſen Pflanzungen, wie Euer Excellenz ſich zu erinnern belieben, wurde von— I” A — 172— „Von unſerm Vorgänger gegeben,“ fiel der Virey wieder haſtig ein,„und dieß iſt auch einer der Gründe, der uns beſtimmt, ſie zurückzunehmen. Dekretiren Sie an den Intendanten, mit den ſiebenhundert Pflanzungen, die Ihnen von der Hacienda Real bezeichnet worden, nach Ordonanza II, zu verfahren. Wir werden die Junta de Zuerra beauftragen, zu ſeiner Verfügung die nöthigen Truppen zu ſtellen.“ „O die Creolen werden ſich dem hohen Befehle um ſo williger unterwerfen;“ bemerkte der Geheimſekretair mit einem Geſichte, das verrieth, daß auch für ihn von den dreimal hunderttauſend Duros einige Abfälle zu er⸗ warten ſtanden.”“ „Wir hoffen,“ ſprach der Virey ungemein ernſt, „ wir hoffen es, Don Fanez; obwohl wir uns kaum wun⸗ dern würden, wenn das Gegentheil Statt fände. Wir hoffen auch, unſere Bereitwilligkeit, die Anſichten des Conſulado mit denen der Hacienda Real und der Au⸗ diencia, ſo wie Don Fanez's in Uebereinſtimmung zu bringen, werde uns für einige Zeit Ruhe verſchaffen. Sie verſtehen uns, Don Fanez. Was giebt es weiter?“ Der Geheimſekretair überreichte ihm eine friſche Akte. „Der Intendant von Valladolid, um Aufhebung der Getreideſperre aus dem Baxio, Guanaxuato⸗Antheil, um ſo mehr, als die Intendanz außerordentlich gelitten.“ „Die Begutachtung der Audiencia lautet auf Ab⸗ weiſung,” bemerkte der Geheimſekretair, eine andere Akte — 473— 4 auf den Schreibtiſch legend,„um ſo mehr, als es gerade dieſe Intendanz Valladolid iſt, in welcher die Rebellion die tiefſten Wurzeln geſchlagen, ſo zwar, daß die meiſten Städte und Forts ſich in den Händen der Rebellen be⸗ finden.“ „Es will uns jedoch bedünken,“ bemerkte der Vi⸗ cekönig,„daß die Audiencia zu ſchnell geweſen.“ Der Geheimſekretair ſah ihn lauernd an. „Dieſer Theil von Valladolid hat, wie Euer Excel⸗ lenz zu wiſſen belieben, keine Bergwerke.“ „Aber doch Städte und Dörfer, die in Folge des letztjährigen verwüſtenden Krieges nun Hungers umkom⸗ men.“ Er hatte unter dieſen Worten unterſchrieben. „Sonſt nichts mehr?“ 3. „Currente Geſchäfte,“ bemerkte der Geheimſekretair. „Die morgen vorgelegt werden mögen,” ſprach der Virey mit einem leichten Winke, der als Zeichen der Entlaſſung galt. Die drei Unterſchriften ſchienen den Gewaltigen in einiges Nachdenken verſetzt zu haben. Er hielt inne, und murmelte lächelnd:„Wie ſie ſo lieblich harmoniren, wenn es darauf ankömmt! Ah, mais tel est l'esprit de notre régime. Il nous entratne. Eh bien, nous verrons.“ Er ſah ſich ſcheu um.„Es wat ein Meiſterſtück,“ fuhr er in ſpaniſcher Sprache fort;„ein Meiſterſtück, wie wir die Criollos zu unſern Zwecken benutzt haben. Aber dieſe viejos Christianos—“ Er klingelte. — 14 „Sekretair der Juſtiz und der Gnaden.“ Die Worte waren kaum ausgeſprochen, als der Be⸗ zeichnete auch ſchon eintrat. „Etwas Beſonderes eingelaufen?“ fragte der Virey. „Die Intendanten von Puebla, von Oaxaca und Veracruz ſenden die Cabildo⸗Wahlen ein, haben hun⸗ derttauſend Duros eingetragen. Bitten um Beſtätigung.“ Mit der einen Hand nahm der Virey die Schrift, mit der andern ein ſchwarzes in Maroquin gebundenes Buch, und indem er die auf der Außenſeite vom Geheim⸗ ſekretair geſchriebenen Zeilen überflog, entfielen ihm gleich⸗ ſam unwillkürlich folgende Bruchſtücke von Sentenzen. „Wichtig in dieſer Criſis,— haben ſehr viel Ein⸗ fluß auf die Stimmung des Volkes— ſtehen dieſem nahe;— in Cohahuila ganz feindſelig gegen die Au⸗ diencia geſtimmt.— Müſſen geregelt werden.— Unſer Vorfahr zu lau in dieſem wichtigen Zweige geweſen— die Wurzel aller Gewalt—“ Während der Mann ſo ſprach, hatte er das ſchwarze Buch flüchtig durchgeblättert, und eben ſo flüchtig einige der auf der Akte bezeichneten Namen ausgeſtrichen, und dafür andere hingeſetzt. „Dekretiren Sie,“ ſprach er zum Cabinetsſekretair des Departement der Juſtiz und Gnaden,„an die In⸗ tendanten die Beſtallung der von uns bezeichneten Indi⸗ viduen, die ſogleich ihr Amt antreten mögen, die Di⸗ plome werden nachfolgen. Die Summen, die von den nicht genehmigten erlegt worden, ſind mit fünf Procent zu verzinſen, die Capitale werden der Hacienda Real zugewieſen. Wie, was?“ fuhr er auf einmal auf.„Don Cardena! Selbſt die Spanier bitten um ſeine Entfer⸗ nung!“ Er las wieder im ſchwarzen Buche.„Fertigen Sie ihm morgen ſein Anſtellungsdekret als Alcalde der Hauptſtadt aus. Wir brauchen Diener in unſerer Nähe, die das Intereſſe unſeres gnädigſten Herrn unter allen Umſtänden— fertigen Sie das Dekret aus.“ „Aufzuwarten, Excellentiſſima Senoria.” Das Ganze war ungemein ſchnell und auf eine Weiſe abgethan, die verrieth, daß die Excellenz ein ſehr tüch⸗ tiger Geſchäftsmann war. „In dem Erlaſſe an die Intendanten des Reiches,“ hob er nochmals an,„wird beſonders auf die Wichtig⸗ keit der Cabildo⸗Ernennungen hingedeutet, und die Noth⸗ wendigkeit geprüfte Anhänger.—“ Der Geheimſekretair antwortete mit einer Verbeu⸗ gung. „Oberſt Villaſante als Courier;“ meldete der Ca⸗ merero, der aus dem Nebenſaale eintrat. „Beſonders wird darauf hingedeutet, daß dieſes Cabildo aus Perſonen beſtehen müſſe, die ſich durch ihre Anhänglichkeit—“ „Verſtehe, Euer Exeellenz unterthänigſter Diener.“ „Das übrige Morgen.” „Die Excellenz nickte zu dieſen Worten, winkte mit — 176— der Hand, worauf der zweite Cabinetsſekretair ab⸗, und ein dritter eintrat, hinter ihm ein Stabsoffizier, deſſen beſtaubte, und in etwas derangirte Uniform einen ſcharfen Ritt ausgehalten haben mochte, er hatte ein mäßiges Paket unter dem Arme. „Sie bringen uns Nachricht von unſerm Tapfern 2“ ſprach der Virey mit ganz veränderter Stimme, und einem vollen Organe, begleitet von einem freundlichen Blicke auf den Stabsoffizier, und einen zweiten auf den Generaladjutanten, der in Folge des erhaltenen Winkes dem Oberſten das Paket abnahm. „Die alle von Begierden brennen, die Kühnheit der Rebellen zu beſtrafen, und ſich mit unvergänglichen Lor⸗ beeren zu bedecken,“ erwiederte dieſer. „Die Tapferkeit und Treue unſerer Truppen iſt ſo ſehr über alles Lob erhoben,“ ſprach der Virey,„daß wir nur bedauern, ihren Muth nicht auf würdigrr Ge⸗ genſtände gerichtet zu ſehen.“ „Die übrigens, wir haben die Ehre, Euer Excellenz unterthänigſt zu verſichern, eine Achtung gebietende Po⸗ ſition eingenommen haben. Sie fechten brav dieſe Re⸗ bellen; freilich ſind es keine Franzoſen.” Dieſe letztere Aeußerung, obwohl berechnet, das ſo eben ausgeſprochene Lob der Rebellen, und ſo den Ruhm ihres mehrmaligen Beſiegers, des gegen ſie kommandiren⸗ den Generalen zu mäßigen, ſchien wieder nicht die Zu⸗ friedenheit des hohen Mannes erregt zu haben, der jedoch weit entfernt dieſe zu äußern, die vom Generaladjutant mittlerweile überreichten Depeſchen zu leſen angefangen hatte. Es legte ſich eine friſche Wolke um die Stirn der Excellenz. „Se. Herrlichkeit, der kommandirende General, ſchei⸗ nen einen längern Widerſtand zu beſorgen,“ bemerkte er, nachdem er die eine Depeſche flüchtig durchgeſehen hatte—„bitten um Belagerungsgeſchütz. Um Belage⸗ rungsgeſchütz?“ Er wandte ſich bei dieſen Worten fragend an den Oberſten. „Die Rebellen,“ erwiederte dieſer,„haben wirklich Cuautla Amilpas auf eine Weiſe befeſtigt, die dieſes nöthig machen wird.“— „Und das Regiment Fernando VII. 2“ fuhr die Excellenz fort.„Wir zweifeln, daß wir dieſen Wunſch erfüllen können.“ „Wieder einunodreißig Ranchos und Pueblos ver⸗ brannt,“ bemerkte ſie weiter, etwas unwillig.„Unſer Conſulado hat uns ſo eben ein Geſuch überreicht, um Ein⸗ haltleiſtung unnöthiger Strenge, und in dieſem Falle ſcheint ſie uns wirklich um ſo unnöthiger, als unſer Con⸗ ſulado ſelbſt in den meiſten der Pflanzungen intereſſirt iſt. Wir dürfen nicht vergeſſen, daß wir uns ſelbſt nicht beſtrafen müſſen.“ Der Courier ſprach kein Wort. Der Virey. III. 12 1 — 173— „Was hatte es mit dieſen Haciendas für eine Be⸗ wandtniß?“ „Sind ſo frei Euer Excellenz zu verſichern,”“ ſprach der Oberſte,„daß bloß in Executionswegen verfah⸗ ren worden; freilich, bei dem Umſtande, daß die Executions⸗ truppen von Aguardiente de cana erhitzt, und von löbli⸗ chem Eifer und Haß gegen die Rebellen beſeelt waren, ſind einige Exceſſe vorgefallen; aber wir bitten unterthänigſt bemerken zu dürfen, daß in mehreren dieſer Haciendas wirklich Schulen etablirt geweſen, wo Kinder ſo wohl als Erwachſene im Lenn und Schreiben unterricht er⸗ hielten.**) „Sollte beinahe zweifeln„“ meinte die Excellenz lä⸗ chelnd,„„daß ein ſolcher Unfug in der Nähe der Hauptſtadt, da wir doch alle möglichen Maßregeln genommen——* „Habe die Ehre unterthänigſt, und auf Parole zu verſichern, daß bloß die Schuldigen beſtraft wurden, bloß diejenigen, die leſen konnten, ließ man über die Klinge ſpringen. Es war freilich die Mehrzahl und in der Hitze wurden vielleicht einige hundert Kinder und Mädchen mit⸗ genommen; aber Euer Excellenz belieben auch am beſten zu wiſſen, wie der Soldat für ſeine Mühe entſchädigt ſein will.“— Der Virey hatte während der vorgebrachten Ent⸗ *) Siehe Note. ſchuldigung einige Worte auf die Depeſche geſchrieben. Er ſprach nun: „Wir ſind ſtolz, der Obergeneral der Truppen zu ſein, die ſo getreu die Befehle unſeres gnädigſten Herrn exequiren. Harren Sie, Oberſter, der Erledigung der Depeſchen. Wir hoffen der nächſte Courier, wird uns die erfreuliche Nachricht bringen, daß das verrätheriſche Cuautla Amilpas exiſtirt habe.“ Und nachdem der hohe Mann ſeinen humanen Wunſch auf dieſe großartige Weiſe zu erkennen gegeben, winkte er dem Courier gnädig ſeine Entlaſſung zu; dann wandte er ſich an den Generaladjutanten: „Es werden zwanzig Stücke Belagerungsgeſchütz noch dieſe Nacht abgehen— in aller Stille abgehen. Zugleich bemerken Sie in der Erledigung, daß künftighin zu Exe⸗ cutionen Creolen ſowohl als Spanier verwendet werden ſollen. Man muß billig ſein, und beiden etwas gönnen. Der Bericht des Generalen kömmt in die Zeitung, ſo wie die Executionen an den Haciendas. Das erſte Ba⸗ taillon der Companias Sveltas erhält gleichfalls Befehl nach Cuautla aufzubrechen. In zwei Stunden müſſen ſie auf dem Wege ſein.“. Alle dieſe verſchiedenen Befehle wurden mit derſelben zierlich kaltblütigen Miene gegeben. Ein leiſes Tappen an der Wand ließ ſich vernehmen. Der Virey ſtutzte und horchte. — 180— „Capitano San Gregorio von Valladolid kommend,“ ſprach der Camarerio. „Mag eintreten.“ „Capitano San Gregorio,„„ redete er den Eintreten⸗ den an.„Derſelbe, der für ſeine glänzende Waffenthat an der Puente de Cuenfuges Capitainsrang erhielt.“ „Euer Excellenz aufzuwarten,“ ſprach der Capitano. „Wir erinnern uns der Tapfern,“ fuhr der Virey fort,„die uns in unſern Feldzügen zur Seite geſtanden, mit Vergnügen. „Sie haben einen Echec erlitten?“ bemerkte er nach einer Weile, während er die Depeſchen durchflogen hatte. „Wir hatten wirklich das Unglück,“ bemerkte der Capitano.. „Und General Llanos hat ſich herab gegen Cuautla gezogen, um ſich mit dem Kommandirenden zu vereinigen?9 fuhr er fort. Der Capitain bejahte es. „Achthundert Todte, Verwundete und Gefangene— bedeutender Verluſt— Ah, ſiehe da, Ihre Escadroon Flanqueadores— ſich ſehr brav gehalten— ſehr bravx— Alſo zwei hundert Gefangene gemacht, Capitano Blanco? Sehr ſchön, und dieſe zweihundert Gefangene über die Klinge ſpringen laſſen— 2 Major Blanco— Es freut mich, Sie alſo, zur Belohnung Ihres Eifers im Dienſte der Majeſtät, begrüßen zu können.“ — 181— Der überraſchte neue Major verbeugte ſich, und der Virey winkte ihm ſeine Entlaſſung zu. „Senden Sie dem Oberſten Soto,“ wandte er ſich an den Generaladjutanten,„die Ordre ſich ſogleich mit Llanos zu vereinigen— fertigen Sie—“ Er hielt inne, und zuckte wieder zuſammen, denn ein zweitesmal wurde wieder ein leiſes aber vernehmliches Tappen an der ge⸗ täfelten Wand gehört—„für Major Blanco das Ma⸗ jorpatent aus— Major Minto gleichfalls, für den eminenten Eifer, den er im Dienſte Sr. Majeſtät dadurch bewieſen hat, daß er die Hacienda von San Francisco zerſtört— den Sergenten Bravo zum Alfarez, dafür, daß er ſeinen eignen Bruder, der zu den Rebellen über⸗ gegangen, niedergeſtoßen.“ Das Klopfen wurde ein Drittesmal gehört, der Virey zuckte wieder zuſammen. Auf einmal warf er einen ſchar⸗ fen Blick auf den Geheimſekretär. „Was ſtehen Sie an, Don Muroiedro? Im Dienſte Sr. Majeſtät darf kein Anſtand ſein, merken Sie ſich dieſes.— Den Lugerteniente Ballasteros zum Capitain be⸗ fördert, dafür, daß er die Hacienda San Matteo zerſtört und die Einwohner vertilgt, von wegen rebelliſcher Ge⸗ ſinnungen und vorzüglich unbefugten Schulbeſuchens. Setzen Sie dieſes in ſein Offiziers⸗Patent. Es iſt unſer ausdrücklicher Wille, daß unſere Offiziere auch die Bedingungen ihres Steigens, die Unterthanen Sr. Ma⸗ —— — 182— jeſtät die ihrer Exiſtenz kennen.— Nichts unpolitiſcher als dieſe Pruderie mit der öffentlichen Meinung— und in der Erledigung der Depeſche geben Sie dem Comman⸗ deur en chet unſern hohen Dank für ſeine Bemühungen, nicht nur die Rebellion durch die ſiegreiche Gewalt un⸗ ſerer Waffen, ſondern auch die Keime derſelben dadurch zu erſticken, daß alle ſchädliche Materiale aus dem Wege geräumt werden.“*) Dieſe verſchiedenen hohen Entſchließungen, und na⸗ mentlich die letztere, wo diejenigen Creolen und Mexika⸗ ner, die die Schulen beſuchten, ein ſchädliches Materiale ſo paſſend genannt wurden, hatte er mit vielem Anſtande dem Geheimſekretär mehr in die Feder diktirt als vorge⸗ ſprochen, während er zugleich mehrere Punkte auf den Depeſchen ſelbſt notirt hatte. Er legte nun einige der⸗ ſelben auf die Seite, und gab die andern dem General⸗ adjutanten, der, nachdem er ſie zuſammengepackt, die Kanz⸗ lei unter einer tiefen Verbeugung verließ. Ein Viertesmal wurde das Tappen gehört. Der Virey trat zu den Flügelthüren, durch welche der Gene⸗ raladjutant gegangen, verſchloß ſie, bedeutete dem dienſt⸗ thuenden Camarerio, daß Niemand vorgelaſſen werde, und ſchlüpfte dann durch eine in der getäfelten Wand an⸗ gebrachten Thüre in ein Nebenkabinett, das wir mit ſeinen Bewohnern im nächſten Capitel zu beſchreiben gedenken. *) Siehe Note. —— —— Fünfundvierigſtes Capitel. Er kann nämlich nicht von einem Streite zwi⸗ ſchen ſeinen entfernteſten Rachbarn hören, ohne Be⸗ wegungen mit ſeinem Knittel zu machen, und zu überlegen, ob ſein Intereſſe und ſeine Ehre es nicht erfordern, ſich in die Sache zu miſchen, und er hat in der That ſeine verwandtſchaftlichen Beziehungen, in Hinſicht auf Stolz und Politik, ſo über die ganze Welt ausgedehnt, daß durchaus nichts vorgehen kann, ohne einige ſeiner ſchön erſonnenen Rechte und Wür⸗ den zu beeinträchtigen. John Bull(Washington Irving). Es war ein kleines Cabinett von etwa vierzehn Fuß Länge und Breite; ohne alle Verzierung, mit einem Tiſche, zwei Seſſeln und drei hölzernen, ſänftenartigen Kaſten, jenen Behältern in engliſchen Speiſezimmern ähn⸗ lich, in denen John Bull ſeinen Verdauungswerkzeugen am liebſten, ungeſehen und unbeneidet, Beſchäftigung giebt. Doch ſchienen im gegenwärtigen Falle dieſe Be⸗ — 184— hälter, die aus ſtarkem Mahagoniholze gearbeitet waren, ganz andern Beſtimmungen gewidmet, denn aus zweien war das Knarren von Schreibfedern zu hören, und dum⸗ pfe, unangenehme Laute, die weder Kehlen⸗ noch Zun⸗ genlaute ſchienen, ſondern mehr ein unartikulirtes thieri⸗ ſches Geächze. „In dieſem Gemache ſtand, an einem Tiſch, auf welchem mehrere Briefe lagen, gelehnt, ein Mann, der mit den bisher beſchriebenen Phyſiognomien und Ge⸗ ſtalten auch nicht die mindeſte Aehnlichkeit hatte. Er war groß, ſtark und breitſchultrig, mit einem rothen, vollen Geſichte, dem die zahlloſen Blutäderchen das Anſe⸗ hen einer unſerer alten Louiſianakarten gaben, wo die Flüſſe, mit rothen Linien bezeichnet, ſich in Unzahl kreuzen, und endlich in eine lange Hauptader vereinigen, die den Miſſiſippi oder Miſſouri vorſtellen ſoll. Zwei Reihen geſunde Zähne ſchienen weder mit der ſpaniſchen sopa de ajo, noch der mexikaniſchen pesca blanca*) in genauere Bekanntſchaft getreten zu ſein, vielmehr dem Roaſtbeef gehuldigt zu haben. Das eine der graublauen Augen war recht angenehm zu ſchauen, es ſpiegelte ſich darin etwas, das wie Zuverſicht, männlicher Trotz, oder auch ruhige Behaglichkeit ausſah, was tröſtlich in *) Weder mit der Knoblauchſuppe, noch mit dem Weiß⸗ fiſche. Erſtere iſt die gewöhnliche Nahrung der Spanier, letzterer der untern mexikaniſchen Volksklaſſen. — 185— dieſen furchtbaren Umgebungen auffiel; aber das zweite war um ein merkbares kleiner, und hatte eine fatale Schiefheit, die durch eine ungeheure Warze am Augen⸗ liede verurſacht, dem Manne den Ausdruck einer gewiſſen Bereitwilligkeit gab, dieſes Auge nach Gefallen zuzudrü⸗ cken, wenn es ſein Vortheil erheiſchte. Sein ganzes Weſen verrieth beim erſten Anblicke brittiſche Abſtammung. Kleidung und Benehmen waren die eines Gentleman, aber nicht des engliſchen Gentleman. Er hatte etwas vom Weltmanne, und wieder nicht jenem Weltmanne, der in der Geſellſchaft von Ariſtokraten gebildet, und durch Unabhängigkeit begünſtigt, dieſe durch ein vornehm⸗frem⸗ des Benehmen kund giebt und jede niedrige Berührung zurückſcheucht; das gegenwärtige Individuum hatte etwas von jener Klaſſe ſeiner Landsleute, die durch das Dick und Dünn der Hefen der menſchlichen Geſellſchaft gewa⸗ tet und geſchritten, nur die gröbſten Züge ihres Natio⸗ nalcharacters beibehalten, und alle feineren Nuancen als überflüſſig und hindernd verwiſchen laſſen. Es war eine der Phyſiognomien, die wir häufig an den untergeord⸗ neten diplomatiſchen Werkzeugen dieſer Regierung bemer⸗ ken, die gleich einer ungeheuern Spinne ihr endloſes Netz über die ganze Welt ausgebreitet. Als der Vicekönig eintrat, legte er das Schreiben, das er in der Hand hielt, weg, und trat ihm mit einer nichts weniger als ehrfurchtsvollen Verbeugung entgegen. „Guten Abend, Excellenz,“ ſprach er mit einer — 186— wie es ſchien, berechneten Derbheit, denn John Bull liebt es, ſich dieſe vor den Großen fremder Nationen bei⸗ zulegen, obwohl er vor denen ſeines eignen Landes wie⸗ der ungemein beſcheiden wird.„Wie befinden ſich Euer Excellenz, wenn ich ſo frei ſein darf zu fragen?“ „Wir danken Ihrer Nachfrage, Sir George. Ziem⸗ lich wohl;“ erwiederte der Gefragte. Dieſe Worte waren in einem Tone geſprochen, der von der Art und Weiſe, in welcher wir bisher die hohe Perſonnage ſich äußern gehört haben, gänzlich verſchieden war. Es war weniger Herablaſſung, als eine Art ge⸗ zwungener Herabſtimmung, eine Vertraulichkeit und wie⸗ der ein Rückhalt, der eine eigene Bewandtniß zu haben ſchien. Auch die Weiſe, in der er eingetreten, war auf⸗ fallend geweſen. Er war tänzelnd und ſich wiegend ein⸗ getreten, ſo wie er aber den Britten erblickt, zuckte er zuſammen, trat jedoch wieder vor, und ſchien ſich eine nachläſſige Vornehmheit beilegen zu wollen. Alle dieſe Symptome von Verlegenheit hatte der letztere mit jenem intuitiven Blicke aufgefaßt, der den kaufmänniſch⸗diplomati⸗ ſchen Charakteren ſeiner Nation eigen iſt, und den er auch keinesweges zu verhehlen ſtrebte, denn ein leichtes höhniſches Lächeln überflog ſeinen Mund, als er ſprach. „Euer Excellenz ſchrecken zurück? Vor mir doch nicht?— Bin ich denn ſo furchtbar ſeit meiner Excur⸗ ſion geworden?“ „Sie waren ſchnell zurück, Sir George;“ erwie⸗ 3 — — 187— derte die Excellenz in einem Tone, deſſen verbindliche Artigkeit ſehr gegen die gemeinen rückſichtloſen Manieren des Britten abſtach. „Ihre verdammten Gavecillas trieben mich;“ entgeg⸗ nete dieſer lachend.„Sie regen ſich ja wieder ganz er⸗ ſtaunlich. Haben Sie Nachrichten von Calleja?”“ „Meinen Sir George Se. Excellenz den General en chek unſerer Armee vor Cuautla?. „Nun ja, wollte Se. Excellenz wäre beim Teufel oder bekäme tüchtig Schläge. Iſt ein gewaltiges Gerede von ihm in Cadix.” Bei dieſen Worten fiyirte er die Excellenz, die aber⸗ mals zuckte, ſich jedoch ſchnell wieder faßte und in einem fein ironiſchen Tone ſprach:„Sir George hat der Com⸗ municationswege ſo viele.“ „Nicht ſo viele, als nothwendig wäre für unſer bei⸗ derſeitiges Intereſſe, und als ſein könnten, wenn Mexiko ein civiliſirteres Land wäre. 37 Dieſe Worte, die unter obwaltenden Umſtänden als eine Grobheit gelten konnten, machten den Virey lächeln. „Fürwahr Sir George nehmen einen Antheil an un⸗ ſerem Gedeihen,“ erwiederte er mit Hohn. Der Britte jedoch ſchien das Compliment nicht ver⸗ ſtehen zu wollen. Er erwiederte: „Der recht aufrichtig, und was die Hauptſache, ſo⸗ lid iſt; denn wie geſagt, er gründet ſich auf unſer wohl verſtandenes beiderſeitiges Intereſſe.”“ — 188— „Sehr viel Ehre für uns, Sir George, uns ſo gü⸗ tig in Ihr Intereſſe aufzunehmen.“ „Können verſichert ſein, Excellenz, daß wir dieſes thun;“ fuhr der Britte mit brittiſcher Rückſichtsloſigkeit fort.„Unſer Haus hat für eine Million Piaſter gut geſagt und Wechſel ausgeſtellt für eine zweite. Es braucht eine Weile Zeit, dieſe zwei runden Sümmchen zuſammen zu ſcharren. Die Wahrheit zu geſtehen, ſo habe ich mir von der Oeffnung der beiden Häfen, und vorzüglich Tam⸗ picos, weit mehr verſprochen, von Tuspan*) habe ich nicht viel erwartet.“ „Dieſe Art Selbſttäuſchung iſt übrigens nicht unge⸗ wöhnlich, auch bei den günſtigſten Unternehmungen,“ be⸗ merkte der Virey;„ſo ganz ungünſtig aber ſcheint Sir George er Compagnie denn doch nicht ſpekulirt zu haben, denn wir erſehen aus den Berichten der Intendanten, daß Sie die Erlaubniß, Waaren einzuführen, bereits um eine Million überſchritten.“”**) „Wofür wir wahrlich nicht können. Aber ſehen Euer Excellenz, da haben Sie wieder Ihre verdammte Alca⸗ vula, wo von jeder Elle Tuch Eingangszoll in Tampico, in Saltillo und erſt dann wieder in der Stadt genom⸗ men wird, wo die Waare en dérail verkauft wird. Dann *) Zwei Seehäfen nördlich von Veracruz; wurden im Jahre 1811 dem brittiſchen Handel geöffnet. **) Siehe Note. — — 189— müſſen Euer Excellenz bedenken, daß die Kaufleute an dieſen Weg noch nicht gewohnt, daß ihre Straßen heillos, ihre Communikationsmittel deteſtabel— mein Gott, im ganzen Lande ſind ja nichts als Maulthiere, das heißt Packeſel zu finden— daß wir endlich den Vortheil mit dem Conſulado von Mexiko theilen, kurz, daß die Bilanz noch ſehr zu unſerem Nachtheile ſteht.“ „Aber dies alles ſollte Sir George früher bedacht haben,“ verſetzte die Excellenz,„ als er uns ſo dringend anlag, die beiden Häfen zu öffnen. Zudem iſt dieſes Sorge der ſpaniſchen Kaufleute. Sie haben fünf Millio⸗ nen für Waaren eingenommen, die nach dem Original⸗ ſchätzungswerthe bloß zwei werth ſind.” Die Reihe verlegen zu werden, kam nun an den Britten. Er wurde blutroth, murmelte ein Damn ye, faßte ſich jedoch wieder. „Euer Excellenz ſind da im Irrthume,“ verſetzte der Mann;„in einem für einen Ausländer ſehr verzeih⸗ lichen Irrthume. Unſere Zollhäuſer in London und Li⸗ verpool—“ Der Virey lächelte.„Gar nicht übel, Sir George. Ich ſehe, Sie machen ſich hier bereits zu Hauſe. Alſo wir ſind der Ausländer, und Sie der Inländer.“ „Sprach vom Auslande, in Bezug auf unſere Zoll⸗ häuſer in London und Liverpool, wo Euer Excellenz wiſ⸗ ſen müſſen, daß die Ausfuhrwaaren immer fünfzig Pro⸗ cent unter ihren Valloren angegeben werden.“ — 190— „Das iſt eine um ſo generöſere Ueberſchätzung, als die Handelsleute für die ausgeführten Artikel, wenn ich recht unterrichtet bin, einen Bon erhalten,“ bemerkte der Virey wieder lächelnd. „„Der für dieſe Art Waaren eifgeſußen iſt;“ fiel ihm der Britte ein.„Sei dem wie ihm wolle, unſere Bilanz zeigt netto achtmal hunderttauſend Dollars, die wir noch bei Euer Excellenz zu gute haben. „Wirklich?“ fragte die Excellenz. „Sehr leicht auszurechnen,“ ſprach der Britte tro⸗ cken, indem er ſein Portefeuille aus der Bruſttaſche nahm, und eine Note heraus ſuchte, die er dem Virey hinhielt. „Eine Million für Ihren großen Pachtſchilling von Me⸗ xiko bezahlt; dito eine Million in Wechſeln ausgeſtellt, theils nach Madrid, theils nach Frankreich; dito zwei⸗ mal hunderttauſend Duros oder Dollars, wie die Yankees ſagen, zu Ihrer Ausrüſtung,— macht Summa Sum⸗ marum, mit Intereſſen, Gebühren ꝛc. ꝛc., einen Rück⸗ ſtand von achtmal hunderttauſend Duros.“ „Sehr gnädig, und wenn wir dieſen Rückſtand be⸗ zahlt, dürfte Sir George ſehr leicht belieben, uns noch ein Item von einer halben Million Duros vorzulegen. Sir George, die Sache kurz zu machen. Sie ſind be⸗ zahlt, das Monopol, das wir Ihnen für ein Jahr ver⸗ liehen, geht mit erſtem März zu Ende, und als Landes⸗ chef müſſen wir dafür ſorgen, daß der Handel wieder in — 4**. — 4194— neue, oder vielmehr die legitimen Kanäle komme, die den nationellen Intereſſen angemeſſen ſind.“” „Das heißt, Sie wollen eine neue Bahn einſchla⸗ gen,“ bemerkte der Britte ganz ruhig.„Thun Euer Excellenz wie beliebt. Was jedoch die achtmalhundert⸗ tauſend Duros betrifft——”“ „So werden wir die Rechnungen genau unterſuchen, und haben Sie wirklich eine Forderung, Ihnen Wechſel ausſtellen.“ „Die wir kaum annehmen dürften, bemerkte Miſter George W-n trocken. Der Virey fuhr auf,„Sir George!“ ſprach er drohend. „Die wir nicht annehmen,“ wiederholte der Britte noch beſtimmter. „Sir George! wie ſoll ich dieſe Sprache verſtehen?“ „Als die Sprache eines ehrlichen Mannes, der keine Urſache hat Euer Excellenz zu ſchmeicheln oder zu ſcheuen, oder die Wahrheit zu verhehlen. Ich habe Ihnen ge⸗ ſagt, unſere Intereſſen gehen Hand in Hand, das heißt wenn Sie wollen. Wollen Sie nicht, je nun, ſo gehen wir verſchiedene Wege.“ Dieſe Worte waren ſo trocken, ſo grob geſprochen, die zartbetonte Excellenz begann ihre Faſſung mehr und mehr zu verlieren. „Und warum wollen Sie unſere Wechſel nicht geceptiren?“ — 192— „Weil, auf den Fall Ihrer Trennung von uns, Sie in ſechs Monaten nicht mehr Virey ſind. „Sir George!“ fuhr der Virey wüthend heraus. „Verſtehen Sie mich recht, Don Vanegas,“ fuhr der Britte kaltblütig fort.„Sie ſind jetzt Virey von Neuſpanien, das will ſagen, König von Mexiko, wie es keiner der Könige Europas in ſeinem angeſtammten Lande iſt. Wie Sie dieß geworden ſind, gehört nicht zur Sache, doch erinnern Sie ſich vielleicht noch, daß wir, oder vielmehr unſere guten vollwichtigen Guineen bei der ganzen Affaire eine gerade nicht ſo ganz unwichtige Rolle ſpielten, daß wir eigentlich das Medium waren, durch welches Sie auf und in dieſen glänzenden Pachthof ver⸗ ſetzt worden, daß wir mit einer Million Duros herbei⸗ kamen, die dazu diente, die ehrenwerthen Glieder der oberſten Junta ein wenig freundwilliger zu ſtimmen, daß wir eine zweite Million uns entlocken ließen, die zu einem ähnlichen Gebrauche verwendet worden, daß wir endlich noch zweimal hunderttauſend Dollars hergaben, um Sie auch viceköniglich auszurüſten; denn Euer Exeellenz erin⸗ nern ſich gefällig, daß Sie ein ſehr braver, ein ſehr tapferer und geſchickter, aber bei alle dem, was man ſagt, kein reicher General, ja im Gegentheile, ſo was man ſagt, ein armer Teufel von General waren. Wohl, Euer Excellenz haben nun die zwei Millionen abbezahlt, und auch die zweimal hunderttauſend Dollars; aber Sie wiſ⸗ ſen doch, daß Anleihen dieſer Art auch wieder ihre Be⸗ — 493— wandtniß haben, und daß die Intereſſen, zu den Gebüh⸗ ren geſchlagen, uns deductis deducendis eine Summe von achtmalhunderttauſend Duros zu gute ſtellen. Nun will ich annehmen,“ fuhr der Mann in demſelben buchhalteri⸗ ſchen Tone fort,„Sie mögen ſich immerhin ein viermal hun⸗ derttauſend Duros gemacht haben, wills gerne glauben. Ein ſchönes Sümmchen! zwei Millionen ſechsmal hun⸗ derttauſend Dollars aus einem Lande gezogen zu haben! Verdammt ſchönes Sümmchen!— Das iſt aber auch alles.“— Der Mann hielt inne. Der Virey ließ ihn ausreden, aber ſein Geſicht wechſelte alle Farben. Es hob ſich ſeine Bruſt und er that ſich ſichtlich Zwang an, ruhig zu bleiben. „Fürwahr, Sir George, führt eine Sprache,“ hob er endlich an,„die alles übertrifft, was wir je gehört haben, und zu welcher Sprache,“ fuhr er mit ſtärkerer Stimme fort,„ihn weder ſeine Stellung, noch ſein Verhältniß zu uns ermächtigen. Oder iſt dieſe Sprache in der Inſtruktion, die Sir George von Lord Cast—gh?——“ „Das nicht Excellenz,“ erwiederte der Britte tro⸗ cken,„obwohl ich überzeugt bin, daß Mylord Cast— gh meine Sprache ganz billigen wird, um ſo mehr billigen wird, als ſie die Sprache des geſunden Menſchenverſtan⸗ des iſt.— Wir haben Ihnen zum Beſitze eines König⸗ reiches verholfen.“ Der Virey. III. 13 — 194— „Um drei Fünftel ſeiner Einkünfte in ächt brittiſcher Manier als ihren Antheil zu nehmen.“ „No, das nicht, liebe Excellenz,“ meinte der Britte lachend;„die direkten Einkünfte, um die kümmern wir uns nichts— die gehören Ihnen; aber die indirekten, ja, Excellenz, das iſt eine andere Sache.— Eine Hand wäſcht die andere; und wenn Sie glauben, daß die Ehre, einen Virey gemacht zu haben, uns als Ent⸗ ſchädigung für unſere Mühen, und das Riſico dienen ſollte— das Riſico zwei Millionen zum Teufel gehen zu ſehen, Excellenz, da irren Sie ſich gewaltig.— No, Sir.“— Für einen brittiſchen Diplomaten oder Unterdiplo⸗ maten, war der Mann wirklich etwas zu grob, ſo grob dieſe Gattung von Leuten auch zuweilen ſein kann. „Und glauben Sie mit Ihrem Gelde auch dieſes Land zu beherrſchen, und in Ihr Netz zu ziehen?“ brach der Virey los. „Das würde uns wenig nützen, Excellenz, und wenn wir es wollten— glauben Sie, wir fragten Sie viel? es koſtete nur ein paar Zeilen nach unſerer Jamaica⸗ Station. Nur ein viertel Dutzend Linienſchiffe, und ein Dutzend brittiſcher Compagnien, die den armen Teufeln von Rebellen unter die Arme griffen. Nur zwei tau⸗ ſend Britten, und ſie blaſen Ihre zehntauſend Spaniſchen Grenadiere und Flanqueadores und Cagadores, und wie ſie heißen mögen, alle zum Teufel, das heißt, aus Me⸗ — 195— xiko hinaus.— Seien Sie aber ruhig, wir ſind Ihre Alliirten,“ ſprach der ſackgrobe Britte. „Gott behüte uns vor dieſer Allianz!“ verſetzte der Virey, kaum ſeiner mehr mächtig. „Sie mögen ſie in dieſer Stunde löſen. Zwar ſind wir bei Ihnen accreditirt, von unſerem Staatsſekretär als Agent der brittiſchen Intereſſen accreditirt, aber Sie brauchen um unſere Abberufung nicht erſt zu ſchreiben. Ein kurzes Ja oder Nein; Sie bezahlen die achtmal hunderttauſend Dollars durch das Monopol, das Sie uns in den Häfen von Tampico und Tuspan für ein fol⸗ gendes Jahr verleihen— ein halbes Jahr meine ich.— Ja oder nein?— und wir bleiben oder ziehen ab.“ Der Virey zitterte vor Wuth, indem er ſprach: „Und ſeit wann iſt Sir George ſo bereitwillig geworden, das Land zu verlaſſen, in das er zu kommen ſo ſehr ſich gedrängt hat!“ „Seit wir geſehen, daß wir dem Manne nicht trauen dürfen, dem wir zwei Millionen anvertraut haben.“ „Und wollen unſere Wechſel nicht acceptiren?“ „Nein.“ 1 „Und wie wollen Sie ſich bezahlt machen?“ „Sie haben ſich ein viermal hunderttauſend Duros gemacht, ein fünfmal hunderttauſend machen Sie ſich in den laufenden vier Monaten, macht neunmal hundert⸗ tauſend Duros. Von dieſen werden wir uns bezahlt machen.“ 4 4 8 1 f. 1 1 t — [.O—— — — 1960— „Sehr poſitiv. Sir George rechnet alſo darauf, daß wir noch vier Monate dieſes Land regieren?“ „Wenn Sie mit uns brechen, ja, und keinen Tag länger.“ „Wirklich? und woher wiſſen Sie das, Sir George? Zwar ſind Sir George einer der Hebel des großen Caſt⸗ lereagh, zudem der Aſſocié eines großen Hauſes, zudem ein Britte.“ „Wie Sie wollen, Excellenz,“ ſprach der Britte trocken.„Leſen Sie und Sie werden ſehen. Es mag ein Glück ſein, und ein Unglück, wie Sie es nehmen wollen, daß ich ſo zur rechten Zeit gekommen bin. Das Miniſterium zu Cadix iſt verändert. Unſer Einfluß hat geſiegt, Ihre Freunde ſind vom Ruder entfernt, und Ihrem Feinde, der am Ruder ſitzen will, bietet das Haus G— die nöthigen Summen an, um Mexiko, wenn er will, heute zu kaufen.“ Der Virey hatte gelächelt, während der Britte ſprach; aber es war ein ſchmerzhaft bitteres Lächeln; er griff nachläſſig und doch wieder zitternd haſtig nach dem Papiere, warf einen oberflächlichen Blick darein, und wurde auf einmal erdfahl. Indem er weiter las, wurden ſeine Züge ſeltſam, ja grauſig entſtellt, ſo beiſpiellos ent⸗ ſtellt, daß der Britte den Mann am Arme ergriff, und ihm mitleidsvoll zurief. Faſſen Sie ſich, ſchonen Sie ſich, Don Vanegas.“ Der Mann ſah ihn ſtier an;„ah Sir George, — 497— ſind Sie es? lieber, theurer Sir George— unſer theu⸗ rer Sir George.“ „Dachte es,“ ſprach Miſter George,„alſo hören Sie, Don Vanega, bleibt es dabei, die Häfen von Tampico und Tuspan noch für ein Jahr?“ „Sie ſagten, ein halbes Jahr, theurer Sir George.“ „Ah bah, ſagen Sie ein Jahr; dafür ſtreichen wir die achtmalhunderttauſend Duros, zahlen Ihnen ein reines Gratuit von fünfmalhunderttauſend Duros binnen Jahr und Tag. Sie bleiben noch drei Jahre Virey, machen ſich, nebſt dem, noch ein und das andere Milliönchen, und kommen mit einem runden Sümmchen von zwei bis drei Millionen Piaſtern nach Hauſe, leben wie ein Fürſt, und verlachen alle Residencias*) der Welt, und dafür, Excellenz, fordern wir nichts als Ihr eigenes Beßtes, für ihre erbärmlichen Woll⸗ und Baumwoll⸗ ſtoffe unſere prächtigen Leeds⸗ und Mancheſterfabrikate zu ſubſtituiren; alles zum Beßten Mexikos.“ „Dann find die Fabriken in Mexiko ganz ruinirt.“ „Schofles Zeug, kein Schade wenn es zu Grunde geht. Dafür regieren Sie.“ *) Die unterſuchung, der die Vicekönige des ſpani⸗ ſchen Amerika nach ihrer Rückkehr in Spanien unterworfen wurden. Natürlich war wieder Beſtechung das vorzüglichſte Mittel, dieſer Unterſuchung zu entgehen. Auch weiß man von keinem Beiſpiele, daß, Iturrigaray ausgenommen, einer der Vireys durch den Spruch der Reſidencia gelitten hätte. ——— „Und Sie verſprechen?“ „Sogleich nach der Madre Patria zu ſchreiben, und nach London gleichfalls; dann mögen Sie zehn Ferdinan⸗ dos und tauſend Cortez verlachen, wenn Sie wollen.“ „Sie wollen es alſo?“ fragte der Virey mit einer halb zitternden Stimme.. Es trat nun eine lange Pauſe ein, während welcher die Excellenz allmälig ihre Faſſung wieder zu erlangen bemüht war. Gewiſſermaßen glich er dem Gefolterten, der nach überſtandener Todesqual die Marterwerkzeuge in einer jenen Launen anſtiert, die in dem bizarren Men⸗ ſchengemüthe ſich ſo häufig vorfinden; er las und ver⸗ glich einen Brief mit dem andern. Der Britte hatte ihn am Lebenspunkte angegriffen. „Und jetzt zu etwas anderem,“ hob er nach einer Weile an.„Haben Euer Excellenz Nachrichten aus dem Lager der Rebellen?“ „Nicht ſehr günſtige.“* „So habe ich gehört,“ ſprach er, indem er einen andern Brief hervorzog.„Dieſes Schreiben iſt viel werth. Wiſſen Sie von wem?”“ Der Virey verneinte es. „Von unſerm Agenten bei Ihrer Armee. Die drei Navareſen, die wir Ihnen aus der Madre Patria ver⸗ ſchrieben, es ſind die durchtriebenſten Spitzbuben, halb Franzoſen, halb Spanier; oder vielmehr ganze Franzo⸗ — 199— ſen, ſie reden gut franzöſiſch und liberal, ſind aber ein⸗ gefleiſchte Bourboniſten. Sie ſind zu Morellos deſertirt.“ „Demonio!“ rief der Virey. „Calleja,“ fuhr der Britte fort,„hat einen Preis von fünfhundert Dollars auf ihre Köpfe geſetzt. Sie lachen aber nur darüber, und was dieſes Rindvieh von blutigem Metzgerknecht in gutem Ernſte gethan, kommt uns trefflich zu ſtatten. Morellos hat ſie ganz liebge⸗ wonnen, der eine excercirt ſeine Indianer und Meſtizen, den andern hat er als Lieutenant bei der Artillerie an⸗ geſtellt, der dritte iſt um ſeine Perſon.” Des Vicekönigs Geſicht begann wieder ſeinen ge⸗ wöhnlichen Ausdruck anzunehmen.„Das iſt wirklich ein Meiſterſtück.”9 „Gelt Excellenz,“ ſprach der Britte.„Wir wol⸗ len die Rebellen zuſammenhetzen. Jetzt leſen Sie; aber wir brauchen glühende Kohlen, denn der Brief iſt mit ſympathetiſcher Dinte geſchrieben. 3 Der Virey nahm das Papier, und eilte mit dem Britten in die Staatskanzlei zurück, wo er das Blatt über den Braſſero hielt. „Zweitauſend Infanterie— viertauſend Lanzenträ⸗ ger— dreihundert Reiter und fünfzehn Kanonen. Die Junta mit Morellos zerfallen. Viele Köche verderben die Olla.”“ 1 „Das iſt die genaue Angabe der Stärke der Ar⸗ mee der Patrioten. Die Maulaffen haben auch eine Art Congreß nach dem Exempel der Nankees aufſtellen wol⸗ len, haben aber vergeſſen, was das Sprichwort ſagt: „mach' den brummigen Bären immer zum großen Herrn, haſt doch nur einen Brummbären.“ Machen Sie einem Spanier oder Creolen hundert Conſtitutionen, er bleibt immer nur Sklave.”* „Ohne Complimente, Sir George;“ bemerkte der Virey, der nun ſeine Faſſung ganz wieder erlangt hatte. „Was ſoll es eigentlich heißen?“ „Daß die Congreßmänner, ſtatt einen Congreß zu bilden, Ihren Kriegsrath nachäffen, und Morellos ſeine Operationen vorſchreiben. Cos will auf Mexiko los— leſen Sie nur. Rainon will hinab nach Valladolid, Vin⸗ cente Guerero will Oaxaca und Acapulco, Vittoria, Ve⸗ racruz; jeder etwas anderes. Die beiden letztern ſind noch die geſcheitſten.”“ „Die Nachrichten ſind allerdings wichtig. Ja, al⸗ lerdings,“ bemerkte der Virey. „Unſchätzbar,“ fügte der Britte bei.„Leſen Euer Excellenz weiter, und Sie werden auch die Namen der⸗ jenigen Creolen finden, die Neigung verrathen, ſich wie⸗ der von der Sache der Inſurgenten zu trennen.“ Der Virey las weiter.„Und wie haben Sie, Sie,“ er betonte das Wort Sie,„die Nachrichten erhalten? Wir erinnern uns, daß wir die drei Menſchen in unſere Dienſte durch Ruy Gomez nehmen ließen.“ — 291— „Dem ſie auch recht getreulich rapportirt, der aber, ſtatt die Rapporte zu bezahlen, das Geld in ſeine eigene Taſche geſteckt. Deshalb haben ſie ſich an mich gewandt. Die Menſchen müſſen leben.“ Der Virey ſah den Britten forſchend an. „Bei meiner Ehre, Sir George, Sie ſind ein furcht⸗ barer Mann. Ich glaube, die drei Spanier ſind im Intereſſe der Bourbonen.“ „Fernando iſt doch auch ein Bourbon. Was wei⸗ ter?“— „Offen wenigſtens,“ bemerkte der Virey. „Sie werden die beſtimmteſten Nachrichten erhalten durch dieſe drei,“ fuhr Miſter George fort,„aber ſie laſſen ſie durch meine Hand gehen.“” „Und uns ſo ganz in Ihre Gewalt geben.“ „Beſſer, als wenn Sie ſich der Ihrer Landsleute überlaſſen, die ſo eben beim Erzbiſchofe gegen Sie con⸗ ſpiriren.”“ Der Virey lächelte ungläubig. „So wie ich ſage.— Doch auf die Spione zurück zu kommen. Was ſind Sie willens zu thun?“ „uns zuerſt von der Richtigkeit der Daten zu über⸗ zeugen.” „Und den Zeitpunkt verſtreichen laſſen, die Rebel⸗ len zu vernichten? Thun Sie, wie Sie wollen, daß wir es aufrichtig meinen, mögen Sie glauben. Sie haben ein paar hundert Spione im Lager Morellos; aber dieſe — 202— drei wiegen ſie alle auf, und wenn ſie Ihnen nicht Mo⸗ rellos binnen Jahr und Tag in die Hände liefern, ſo heißen Sie mich etwas.”“ Noch ſchien ſich die Excellenz zu beſinnen. „Was iſt da zu beſinnen, Don Vanegas?“ ſprach der Britte.„Sehen Sie die Sache an, wie ſie iſt. Sie wollen Morellos, das Haupt der Rebellen, in Ihre Gewalt bekommen, wo möglich ohne Zuthun Callejas in Ihre Gewalt bekommen. Wohlan, dann müſſen Sie entweder ſelbſt mit den Spionen correſpondiren, oder mir es überlaſſen. Ihren Spaniern dürfen Sie nicht trauen, die verrathen Sie an Calleja, den ſie als Virey haben wollen. Was nun mich betrifft, ſo iſt unſer Intereſſe an das von Euer Excellenz geknüpft, und wir haben Ur⸗ ſache, Sie am Ruder zu erhalten, ſo lange Sie Ihr Wort nicht brechen. Für hunderttauſend Dollars liefern wir Ihnen Morellos und ſeine Armee binnen Jahr und Tag aus.* „Sie wollen,“ ſprach die Excellenz lächelnd,„Sie wollen und dies mit Ihren eigenen Hülfsmitteln?“ „Mit unſern eigenen Hülfsmitteln,“ ſprach der Britte.„Das heißt, wir wollen Ihnen bloß die Mittel und Wege anzeigen. Ja, ja, Excellenz, wir wiſſen die Sachen einzufädeln; mit eurem Spionenweſen, wie ihr es hier habt, iſt alles Lappalie. Unſer Spionenſyſtem iſt ein bischen anders; weder franzöſiſch, noch ſpaniſch, noch ruſſiſch, noch deutſch; aber wir treffen den Nagel —— — 203— aufen Kopf. Ihr Syſtem des Einſteckens in der Nacht, das Verſchwindenmachen, es geht für einige Zeit, taugt aber für die Länge nicht; das heißt mit Pulverfäſſern ſpielen. Da leſen Sie, Don Vanegas. 2) Der Virey hatte einige Briefe vom Tiſche aufgenom⸗ men, legte ſie aber wieder weg. „Was ſollen dieſe Correſpondenzen, Sir George? Mir bekräftigen, was wir leider nur zu ſehr wiſſen, daß Sie während Ihres zwölfmonatlichen Aufenthaltes in Me⸗ xiko bereits das ganze Land in Ihr unſichtbares Netz ge⸗ zogen, ausſpionirt—“ „Ja, ja, ſo ſind ſie alle die großen Staatsmän⸗ ner,“ fuhr der Britte fort, ohne auf die Worte des Satrapen zu hören.„Wenn ich nun im Vertrauen ge⸗ wispert hätte, daß irgend ein Conde„Muera el mal gobernio oder tiranno geſchrien, ſo wäre dieſe Nachricht unfehlbar weit erwünſchter gekommen.” „Sir George, aber wozu dieſe Umſchweife,“ be⸗ merkte der Virey ungeduldig. „Sie ſind ſo unſere Art,“ erwiederte der Britte; „unſere Manier wiſſen Sie? Jede Nation hat ihre Eigen⸗ thümlichkeiten und John Bull, Gott ſei Dank— „Nun bei Gott, Sir George, Sie ſpannen unſere Geduld aufs Höchſte.“ „Das wollen wir nicht; im Gegentheile, wir wollen Freunde bleiben, um ſo mehr als dieſe Freundſchaft un⸗ ſerm beiderſeitigen Intereſſe förderlich iſt, und Euer Ex⸗ — 20 44— cellenz noch ein paar Jahre im ſouveränen Beſitze von Nueva Espanna erhalten ſoll, trotz allen Callejas erhalten, und nebſtdem noch mit einigen Millionen Duros ausſtatten ſoll, die Sie am Ende Ihrer glorreichen Laufbahn in der Taſche haben, und damit alle Angriffe zurückſchlagen werden. Kein Maravedi wird Ihnen genommen werden. Dafür laſſen Sie aber die Abfälle.“ Der Virey knirſchte mit den Zähnen. „ Aber nun zur Sache,“ fuhr der Britte in dem⸗ ſelben trocknen, langweiligen Tone fort.„Sehen Sie, dieſe Briefe ſind nicht ganz ſo unwichtig, wie Sie ver⸗ muthen mögen. Dieſer hier von Oaxaca oder der Mi⸗ ſtecca, zeigt pro primo, daß die Cochenilleernte zwar recht gut ausgefallen, daß ſie aber um einige tauſend Seroons weniger gegeben, als Anno acht, neun und zehn, wegen Abgang der Pflanzer; mit andern Worten, weil tauſend dieſer Pflanzer ſich an die Rebellen ange⸗ ſchloſſen haben;— das ſteht namentlich nicht im Briefe, aber das gibt der geſunde Menſchenverſtand. Sehen Sie das iſt die wahre Spionerie. Hören Sie weiter. Von Puebla ſchreibt uns unſer Agent gute Nachrichten. Die Baumwollen⸗ und Porzellanfabriken haben dieſes Jahr um beinahe eine Million weniger Fabrikate geliefert; warum? weil ein ditto fünf tauſend Arbeiter das Machetto ſtatt der Spindel zur Hand genommen haben.“ Er nahm einen dritten Brief.„Von Zacatecas ſchreibt unſer Agent, daß die dortigen Fabriken zum Theile ganz ſtille ſtehen, weil an die ſechs tauſend Arbeiter ein gleiches gethan.“” Der Virey war ſehr aufmerkſam geworden. „Bis morgen früh ſollen Euer Excellenz eine Ueber⸗ ſicht des Zuſtandes des Landes haben, die Ihnen eine halbe Million Piaſter für Spione erſparen wird,“ fuhr der Britte fort.„Und in zwei Tagen will ich Ihnen über Mexiko nähere Auskunft geben.“ Die Augen des Virey funkelten; aber ſein Triumph war gemiſchter Art. Er ſah den Mann mit einer Art Entſetzen an, das wieder in Furcht und Verachtung übergehen zu wollen ſchien, je nach ſeinen verſchiedenen Aeußerungen.“ „Wiſſen Sie noch erwas neues?0 Der Virey verneinte es. „Alt⸗England hat den Nankees den Krieg erklärt. Wir wollen dieſe Zwiebelkrämer und Mehlhändler züch⸗ kigen.“— „Wir haben das Gegentheil vernommen,“ bemerkte der Virey gedehnt.„Nach den offiziellen Mittheilungen, die uns gemacht worden, haben die vereinten Staaten Ihnen den Krieg erklärt.“ „Sei dem wie ihm wolle,“ ſprach der Britte; genug, wir wollen ſie züchtigen. Und für Sie iſt es gut; denn von dieſer Seite haben die Rebellen nun keine Un⸗ terſtützung zu hoffen. „Wir waren von dieſer Seite ſicher,“ bemerkte die — —ꝛ— 8 — — 206— Excellenz,„die Regierung von Washington hat ihre Neutralität ſtrenge beobachtet, ſtrenger als unſere Alliirten.“ „Pah, und doch ſind einige hundert Yankees von ihrem Grund und Boden mit gewaffneter Hand einge⸗ drungen.“ „Sie ſind zurück, und die übrigen gefangen oder todt.”“ „Was glauben Sie mit ihnen anzufangen?“ „Sie ſind in San Juan el Ulloa.“ „Brr,“ murmelte der Britte,„laſſen Sie ſie los; es iſt brittiſches Blut, thut mir leid um die armen Teufel.“ „Kann nicht ſein,“ bemerkte der Virey. Je nun, wie Euer Excellenz wollen. Die Excellenz ſchien nun allmählig ſich zu ennuyren, und gab Symptome ſteigender Ungeduld von ſich. „Noch etwas. Was haben Sie mit dem Conde de San Jago.“ Der Virey fuhr auf.„Sir George! Wir gaben Ihnen bedeutende Befugniſſe— ſehr bedeutende— aber verſtehen Sie, innerhalb der Gränzen unſerer Gewalt— Der Conde iſt mexikaniſcher Unterthan.“ „Ein Teufel iſt ers, Excellenz, ſo wenig als ich es bin.— Der Conde iſt mehr König, als Fernando VII.“ „Das iſt wieder eines Ihrer beliebten Paradoxon.“ „In Mexiko iſt der Conde keine zweimal hunderttau⸗ -— 297— ſend Duros werth, denn für ſeine Ländereien gäbe ich ſie nicht, weil ſie unter einer despotiſchen Regierung nichts werth ſind; aber in London und New⸗York iſt er drei Millionen werth, und deßhalb mag er Ihrer lachen.“ „Wiſſen Sie es für beſtimmt, daß er ſeine Kapi⸗ talien außer Lande geſandt.“ „Nicht nur er, ſondern auch noch die zwei andern Großen.“ „Dann wollen wir ihm kurzen Prozeß machen.“ „Hüten Sie ſich; der Conde iſt der Mann, dieſen Ihnen zu machen.“ „Y baſta,“ ſprach die Excellenz, die Miene machte ſich zu entfernen. „ Excellenz„“ ſprach der Britte. „Sir George! Wollen Sie mir gefällig Ihre No⸗ titzen morgen übergeben.“ „Wir wollen es thun. Wir ſind kein Spion; was wir thun, iſt der Ordnung willen, bei der der Handel allein gedeiht, und Rebellen müſſen vertilgt werden.“ „Das iſt wie ein braver Mann geſprochen,“ er⸗ wiederte der Virey. „Excellenz, noch ein Wort.“ „Und dieſes Wort?* „Was zum Teufel haben Sie mit dem Conde? an ſein Vermögen wollen Sie, dieſes iſt in Sicherheit, und wenn Sie der leibhafte Teufel Bonaparte ſelbſt wären, ſie könnten ihm keinen Maravedi abnehmen. Hören Sie, er iſt für Sie zu ſtark, der J—o iſt Miniſter, haben Sie das überſehen?“ „Demonio!“ rief der Virey. „So iſt es, Sie wiſſen, er iſt ſein Buſenfreund.“ „C— gh iſt ſein Amigo gleichfalls,“ fuhr der Britte fort.„Ich bin gebunden, ausdrücklich gebunden. Hö⸗ ren Sie mehr. Er hat in unſerer Bank über viermal hunderttauſend Pfunde, bei den Yankees eine Million. Wenn er nur dieſe Million ſpringen läßt, ſo ſprengt er Sie in die Luft.“— Der Virey lächelte. „Dafür kauft er zwanzig Kanonen bei den Nan⸗ kees, zehntauſend Gewehre, und findet zehntauſend Yan⸗ kees, die durch Texas eindringen, und Sie wegblaſen. Verderben Sie es mit dem Manne nicht; er iſt beliebt, ſelbſt in Valengay.“ „Der Virey ſchüttelte das Haupt. „Auch weiß er von unſerm Verkehr.“ „Demonio!“ rief der Vicekönig wieder. „Wie kann es anders ſein. Er ſteht mit dem Con⸗ ſulado, Veracruz, der Havannah und Cadix in Verbin⸗ dung; deßhalb iſt es nöthig auch dem Teufel den Köder zu kratzen.“ Der Britte, nachdem er ſo geſprochen, verbeugte ſich gemächlich, und verließ mit einem Good evening to — 209— your Excellency,“ das Kabinett. Die Thüre ſchloß er von außen.. Der Virey war wie erſtarrt geſtanden.— Endlich ſchwankte er in die Staatskanzlei zurück, und warf ſich erſchöpft in das Sopha. Einige Minuten hielt er das Haupt, als würde es zu ſchwer, in beide Hände ge⸗ ſtützt. Dann entſchlüpften ihm abgebrochene Seufzer, zwi⸗ ſchen denen die Worte:„Furchtbarer Charakter— wie ein Vampyr ſich hergeſetzt— das Land ausbeutend— grob, ſelbſtſüchtig— uns hinabzieht ins Verderben— zu hören waren. Nach einer Weile erhob er ſich lang⸗ ſam und beſah ſich im Spiegel;„muß aber ſein,“ meinte er, die Halskrauſe oroͤnend. Die große Glocke am Hauptportale des Palaſtes läutete. „So ſpät— ein ſo ſpäter Beſuch! Seltſam! wer mag dieſer ſein?““ Er beſah ſich nochmals im Spiegel, goß einige Tro⸗ pfen eau de Cologne in das Sacktuch, wiſchte ſich die Stirne, und trat wieder als Virey, in den nächſten Sa⸗ lon, von welchem er in ſein Appartement zurückkehrte. Die armen Geſchöpfe, die in den Mahagonybuden ein⸗ geſchloſſen waren, wurden nun gleichfalls von einem der Familiars der Staatskanzlei befreit. Aus ihrem Geächze war zu entnehmen, daß ſie Taubſtumme waren. Der Virey, III. 14 — Sechsundvierzigſtes Capitel. Der Wahrheit Wort beſchämt des Teufels Knechte, So wie den Meiſter. Foscaris. „Ah, unſer Conde de San Jago, der edle Conde de San Jago, unſer theuerſter Freund, mehr als Freund, Bruder!“ rief der Virey, entzückt dem Grafen entgegen⸗ eilend, der neben der Gattin des Virey Platz genommen hatte, und nun ſich erhob, um dem Satrapen ſeine Ehr⸗ furcht zu bezeugen. „Bleiben Sie doch ſitzen, theurer Conde, keine Complimente; machen Sie als ob Sie ganz zu Hauſe wären. Ah, Sie ſind doch nie gewohnt etwas ſchuldig zu bleiben. Kaum daß wir Sie durch eines unſerer Familienglieder überraſchen, ſo ſind ſie auch bereits auf dem Wege unſere Aufmerkſamkeit auf das ſchmeichelhafteſte zu erwiedern.“”“ „Und wie befindet ſich unſere theuerſte Condeſſa Elvira? Noch immer leidend?“ fragte die Vicekönigin. „So jugendliche Gemüther ſind zart, wie die erſten Sprößlinge des Frühlings,“ fiel ihr wieder der Virey ein.„Der mindeſte Froſthauch.— Es wird ſich jedoch geben, theuerſter Graf, ganz gewiß geben, liebe Laura,“ wandte er ſich zu ſeiner Gattin.„Sie müſſen mir den Conde ja recht bitten helfen, daß er uns ſeine Geſell⸗ ſchaft künftighin etwas mehr ſchenke, und ſich nicht ſo ganz ſeinen Indianern und Meſtizen ergebe.“ „Wir haben gehört, Conde, wie Sie ſo ganz Va⸗ ter Ihrer Dependientes*) ſind,“ ſprach die Dame im an⸗ gelegentlichen Tone. „Ach, Inez und Emanuele, Ihr freut euch bereits auf die Geſellſchaft der herrlichen, der lieben, der edlen Elvira! Ja Conde, die Beiden, mit Donna Jaabella, haben bereits eine allerliebſte kleine Verſchwörung gegen Sie angezettelt, in die Sie, und Ihre liebe Mündel gezogen werden ſollen. Sie ſehen, wir beſchäftigen uns viel mit Ihnen in Ihrer Abweſenheit.“ Der Virey ſprach ſo feurig, ſchien ſo ganz charmirt von dem überraſchenden Beſuche, daß die Familie, die anfangs etwas lauernd den Papa beobachtet, nun gleich⸗ 1 *) Die Indianer, die auf den Landgütern der mexika⸗ niſchen Großen theils für Lohn dienen, theils ihre Frei⸗ heit zeitweilig veräußert haben. falls im hohen Grade entzückt geworden war, und Töchter und Mutter dem Conde auf ihre eigene Weiſe zu ver⸗ ſtehen gaben, wie ſie ſich nach der holden Condeſſa ge⸗ ſehnt, dem Muſter mexikaniſcher Condeſſas. „Gerade dieſen Abend,“ fiel ihm der Virey wieder ein,„hatten wir eine kleine Camarilla von wenigen gu⸗ ten Freunden, die uns, oder vielmehr unſerer lieben Schwägerin das Vergnügen verſchafften, ſie auf ein Stünd⸗ chen Abends zu beſuchen; und wir haben ihr ausdrücklich aufgetragen, unſern lieben Conde für die nächſten Soirée zu laden, deſſen Einſichten zu benutzen wir uns bisher ſo ſehr, obgleich vergeblich bemüht haben. Ah, Conde, nur zehn, nur fünf ſolche Männer wie Sie, und Mexiko würde bald wieder in ſeiner vorigen Ordnung ſein.“ Dagegen äußerte der Conde, mit einer entſprechend tiefen Verbeugung, daß ein ſo erleuchteter Staatsmann, der bereits in zwei Welttheilen auf eine ſo ausgezeich⸗ nete Weiſe in das Rad der Weltereigniſſe eingegriffen, ſchwerlich viel durch die Aufklärungen eines, auf ſeine Beſitzungen, und den Umgang ſeiner Dependientes, be⸗ ſchränkten Edelmannes, gewinnen dürfte. „Da hört man wieder einmal die liebe Beſcheiden⸗ heit,“ entgegnete lächelnd und mit dem Finger drohend der Viceeönig. Der Conde San Jago auf den Umgang ſeiner Dependientes beſchränkt, er der mit dem Herzogen von J— o, von L—a, den Grafen von R— ys, den erſten Cortes und Ingleſen in ſo genauer Verbindung ſteht. Ah, — 213— Conde! Es war ganz überflüſſig von Seite Ihrer Ma⸗ gestad der Cortez ,*) Ihnen dieſen Beweis von Achtung dadurch zu geben, daß Sie Ihnen die Erlaubniß ertheil⸗ ten, mit auswärtigen Großen zu korreſpondiren, oder Bücher und Zeitungen ohne unſer Vista zu erhalten. Wir würden uns gewiß das größte Vergnügen gemacht haben, einem ſo ausgezeichneten Edelmanne— an deſſen Freundſchaft uns ſo ſehr gelegen— Nein, Conde, Sie verkennen uns wirklich wenn Sie nicht tüchtig auf unſere Freundſchaft los ſündigen, da wir unſrerſeits ganz überzeugt ſind. Ja, lieber, theurer Freund—“ Der Mann, indem er ſo ſeinen Gaſt mit Verſiche⸗ rungen ſeiner unbegränzten Freundſchaft wie betäubte, war immer wieder in der Mitte dieſer Verſicherungen auf eine ominöſe Weiſe ſtecken geblieben. „Uns thut es wirklich ſehr leid um Sie, theurer Freund, daß der ſkandalöſe Auftritt wegen der drei elen⸗ den Millionen Piaſter in ihrem Hauſe vorgefallen. Wie muß Ihr patriotiſches Herz geblutet haben bei ſolcher Ge⸗ meinheit! Aber es ſind gemeine, gemeine Menſchen dieſe Conſulado⸗Leute, keine Ehre, keine edle Empfindung, keine Erziehung— kein loyaler, großartiger Gedanke!— Sie benehmen ſich im Hauſe des erſten Edelmannes, ge⸗ *) Die Corkez führen in der Regel das Prädikat Durch⸗ lauchtig, wahrend der Gefangenſchaft Fernandos VII. wur⸗ den ſie Mageſtad angeredet. rade wie in der Tienda eines ihrer Genoſſen, oder im Parian.“ Der Conde bedauerte das Fehlſchlagen dieſer Nego⸗ tiation, verhehlte jedoch nicht, daß, im Falle Se. Excel⸗ lenz zuverläßigere Hypotheken angeboten hätte, das Scan⸗ dal vermieden, und die Anleihe zu Stande gekom⸗ men wäre. „Zuverläßigere Hypotheken?“ erwiederte der Virey, wie erſtaunt.„Heilige Jungfrau! Zuverläßigere Hy⸗ potheken! Dieſes Monopol des Queckſilbers wirft reine——“ „Hat bis zum Jahr 1840 ſiebenmal hunderttauſend Duros abgeworfen,“ bemerkte der Conde, aber beim ge⸗ genwärtigen Stocken der Bergwerksgeſchäfte behauptet das Conſulado, es werfe keine hunderttauſend ab. Und wirk⸗ lich,“ ſetzte der Graf hinzu,„wir wiſſen aus eigner Erfah⸗ rung, daß unſer Bedarf für die acht Antheile, die wir an un⸗ ſere Miene haben, jährlich auf die zehntauſend Duros ſtieg, wogegen wir gegenwärtig nicht für tauſend brauchen.“ „Ah, Conde, Sie waren ſo weiſe, ſich noch bei Zeiten zurück zu ziehen. Aber ſei dem wie ihm wolle, iſt der Dienſt Sr. Majeſtät— Sollen Unterthanen Sr. Majeſtät, wegen elender drei Millionen?—“” Der Conde ſchüttelte das Haupt.„Kaufleute, Ex⸗ cellenza, ſind nur halbe Unterthanen, ihr Vaterland iſt, wo ihr Gold iſt, und dieſes, wiſſen Euer Excellenz, — 245— haben nun die meiſten bereits in Sicherheit außer Landes gebracht.“—. Dieſe Worte waren ernſt und nachdrücklich geſpro⸗ chen. Ueberhaupt hatte der Conde etwas Düſteres, das ſelbſt die freundlichen Blicke der Damen, die unverwandt an ihm hiengen, nicht aufhellen konnte. Es lag etwas Seltſames, Unerklärliches in dieſen ariſtokratiſchen, und wieder antik edlen Zügen, etwas, das unwillkührlich Theil⸗ nahme erregte. Man ſah, daß ein unheilbringender Stern, Wolken über Stirne und Geſicht hingelagert hatte, die ſchwer auf die urſprüngliche Elaſticität dieſes Geiſtes drückten; aber wieder war das Auge ſo feſt, der Blick ſo ruhig, ſo zuverſichtlich, als recht deutlich zu ſagen ſchienen, daß wenn das Schickſal ihm dieſe unheilſchwan⸗ gern Wolken auf die Stirn lagern konnte, er Kraft habe, ſie zu ertragen, und ſelbſt zu brechen.“” Indem der Virey in dieſes Auge blickte, ſchien ein ſolcher Gedanke in ihm aufzuſteigen, denn er war auf ein⸗ mal nachdenkend geworden, und während die Damen mit wachſender Theilnahme in dieſes Geſicht ſchauten, und mit jenen ſeelenvollen Blicken auf ihm ruhten, die große und ruhige Gemüther ſchönen Augen zu entlocken pflegen, hatte des Vireys Miene einen Ausdruck von Verlegenheit und Unſicherheit angenommen, die er vergeblich zu bemei⸗ ſtern ſtrebte. „Wir müſſen uns ſehr irren, wenn der Beſuch des — 246— ſehr edlen Conde de San Jago nicht mit irgend einem Geſchäfte verbunden ſein ſollte,“ ſprach er auf einmal in ſtrengerm Tone, und mit einer ſtolzern Haltung, die vielleicht die innern Regungen zu verſchleiern, vielleicht ſeinen Gaſt in etwas aus ſeiner Faſſung zu bringen berechnet waren. „Wenn Euer Excellenz Muße haben,“ erwiederte der Conde. „Für den Conde de San Jago ſtets,“ erwiederte der Virey mit geſpannter Artigkeit, zugleich auf die Flügelthüren deutend. Die Damen ſahen etwas betroffen den Beiden nach, wie ſie in den anſtoßenden Gemächern verſchwanden. „Wir können nicht umhin, Ihnen zu geſtehen, lie⸗ ber Conde,“ hob der Virey plötzlich, in einem ſtren⸗ gern, und beinahe verweiſenden Tone an, und einer Wen⸗ dung, die grell mit der ſo eben betheuerten, unbegränzten Freundſchaft kontraſtirte.„Wir können wirklich nicht umhin, Ihnen unſer Mißfallen über den Vorfall zu er⸗ kennen zu geben, der in Ihrem Hauſe und unter Ihren Augen und im Beiſein der Nobilitad Statt gefunden hat, von der wir ein ganz verſchiedenes Benehmen erwartet hätten.“ „Die hohe Nobilitad iſt noch immer in unſerm Hauſe verſammelt,“ erwiederte der Conde.„Uebrigens werden ſich Euer Excellenz erinnern, daß nicht wir das Conſu⸗ — 247— lado zum Negociiren einluden, ſondern, daß im Gegen⸗ theile Euer Exeellenz ſelbſt, ſowohl als der Handelsſtand uns hierüber Ihre Wünſche eröffneten. Wie wir bereits bemerkt, ſo mußten Euer Excellenz in Ihren Verhand⸗ lungen, mit dem Conſulado ganz auf kaufmänniſche Weiſe verfahren, da dieſes ſich natürlich weniger durch Rückſich⸗ ten, als durch das Aequivalent beſtimmt, das ihm für ſein Capital wird. Euer Excellenz Mißfallen kann weder das Conſulado, noch die Nobilitad treffen.“ Dieſe unter den damaligen Verhältniſſen ſehr kühne Aeußerung, ſchien den Virey in Erſtaunen zu ſetzen. „Dann werden wir uns wohl ſelbſt die Schuld bei⸗ meſſen müſſen;“ verſetzte er lauernd. „Allerdings,“ bemerkte der Conde ruhig.„Das Reſultat dieſer Negotiationen konnte Euer Excellenz tie⸗ fer Einſicht um ſo weniger entgangen ſein, als die Stim⸗ mung des Conſulado in Folge erlittener Verluſte und an⸗ derſeitiger Schädigungen nichts weniger als günſtig war.“ Der Virey öffnete die Augen weit, ſein Erſtaunen, wahr oder erkünſtelt, wurde immer größer.„Und,“ fragte er wieder in demſelben lauernden Tone,„und iſt das Wort eines Virey von Mexiko— 29 „Vergebung, Senor,“ erwiederte nach einer Pauſe der Conde.„So gewichtig das Wort eines Virey in Mexiko iſt, ſo ſouverain, ſo iſt doch ſehr zu bezweifeln, ob die Cortes Mageſtad—* — 218— Der Virey ſchüttelte wie getäuſcht das Haupt. „Haben Euer Herrlichkeit Nachrichten aus der Ma⸗ dre Patria erhalten?“ fragte er gleichgültig. Der Conde hielt einen Augenblick inne.„Wir ha⸗ ben Nachrichten erhalten. Sie ſind wichtig für Ihro Ex⸗ cellenz, und wir glauben Ihnen einen Gefallen zu thun, wenn wir Ihnen eröffnen, daß wirklich der Gedanke rege iſt, Ihnen einen Nachfolger zu geben.“ „Uns einen Nachfolger zu geben?“ lächelte der Sa⸗ trap ſo ungläubig, daß man hätte ſchwören ſollen, es ſei das erſte Wort, das er ſo eben von der, ſeiner Herr⸗ ſchaft drohenden Gefahr vernommen. Ganz war er je⸗ doch nicht im Stande, ſeine Verlegenheit zu verbergen. Er ſah den Grafen lauernd an. „Es iſt wirklich ſo,“ ſprach der Conde gelaſſen. Es gehört jedoch dies nicht zum Geſchäfte, mit dem wir un⸗ terthänig Euer Excellenz zu behelligen uns nothgedrun⸗ gen ſehen. Euer Excellenz werden zweifelsohne über die⸗ ſen Punkt bereits richtigere und zuverläſſigere Nachrich⸗ ten haben. Was eigentlich die Veranlaſſung war, die uns bewog, Euer Excellenz in dieſer ſpäten Stunde mit unſerm Beſuche zu beläſtigen, werden Dieſelben wiſſen. Es iſt der unglückliche verblendete Jüngling, den wir noch vor vier Tagen unſern Neffen nannten, von dem wir uns jedoch innerhalb dieſer vier Tage loszuſagen be⸗ müſſigt worden—”“ Der Conde konnte nicht endigen, denn der Satrap — 249— war mit allen Symptomen des heftigſten Unwillens auf ihn zugeſchritten. Einen durchbohrenden Blick warf er auf den Edelmann, dann überflog ſein Geſicht eine höhniſch lächelnde Schadenfreude, die zu ſagen ſchien: „Alſo deshalb die lange Einleitung!“ dann wurde ſein Auge finſter und ſeine Stimme erhob ſich drohend. „Nein Conde,“ ſprach er heftig.„Ich bitte Sie, kein Wort mehr von dieſem Elenden; bei unſerer Un⸗ gnade! Ah, dieſer Ihr Neffe! Wie wir ihn geliebt! Wie wir für ſeine Carriere bedacht, ungeachtet ſeines gräßlichen Leichtſinnes, für ſeine Carriere bedacht ge⸗ weſen. Conde, kein Wort weiter; ich bitte, ich befehle.“ „Wir würden einen größeren Beweis von Wohlwol⸗ len darin geſehen haben,“ erwiederte der Conde ſehr ruhig, „wenn Euer Excellenz den Leichtſinn des Jünglings be⸗ ſtraft, aber zugleich ſeine künftige Laufbahn denjenigen überlaſſen hätten, denen die Sorge für dieſe obliegt.”“ „Und wem liegt dieſe Fürſorge ob, wenn nicht dem Repräſentanten geheiligter Majeſtät? Fürwahr Conde, Ihre Grundſätze— beinahe ſollten wir— Aber wie geſagt, fürder bei unſerer Ungnade!“ „Vergebung Excellenza,“ fuhr der unerſchütterliche Conde fort,„wenn wir diesmal Ihren hohen Befehlen weniger Gehorſam leiſten, ſelbſt auf die Gefahr hin, uns Ihrer Ungnade auszuſetzen. Ihr eigenes Intereſſe, Ex⸗ cellenz, erheiſcht, daß Sie mich anhören, noch weit mehr, als unſer perſönliches Intereſſe. Die unglückliche Ver⸗ blendung des jungen Menſchen hat zu Reſultaten geführt, die um ſo trauriger ſind, um ſo gefahrbringender ſie Ih⸗ ren Intereſſen werden müſſen, als ein Glied Ihrer Fa⸗ milie, in ſein unheilbringendes Geſchick verflochten, an dieſem eigentlich Schuld iſt.“ „Conde, was wagen Sie?“ ſchrie der Virey, der ſtolz und raſch zur Klingel trat, und mit der Hand eine Bewegung darnach machte. „Wir bemerken Euer Excellenz bloß,”“ fuhr der Conde fort,„daß Mexiko über dieſe ſonderbare Huld oder Strafe, wir wiſſen eigentlich nicht, welches die paſ⸗ ſendere Benennung iſt, ſehr befremdet iſt, und daß dieſe Befremdung in einem Zeitpunkte, wo die Allerhöchſten Intereſſen ſo ganz auf der Creoliſchen Bevölkerung be⸗ ruhen, allerdings um ſo mehr beachtungswerth ſein dürfte, als ſie in dem Schickſal des jungen Menſchen ihr eigenes erblickt. Es iſt wirklich eine ſonderbare Strafe für ein ſehr problematiſches Vergehen—“ „Problematiſches Vergehen,“ fuhr der Virey er⸗ ſtaunt auf,„und ſonderbare Strafe! So nennen Sie unſere Gnade, wenn wir aus huldreicher Rückſicht für Ihre Familie da geſchont haben, wo wir verdammen ſollten. Wir ſind Virey, Senor Conde,“ ſprach er ſich emporrichtend mit einer ſtolzen Betonung,„ und als ſol⸗ cher der Stellvertreter geheiligter Majeſtät, die da iſt, unumſchränkter Gebieter. Wir werden unſere Handlun⸗ gen zu verantworten wiſſen. Aber was wollen Sie?“ — 221— fuhr der Gewaltige wieder in ſanſterm Tone fort.„Wir haben aus beſondern Rückſichten, wie geſagt, für Ihr ho⸗ hes Haus und Ihre Freunde in der Madre Patria, uns bewogen gefunden, Ihren Neffen, ſtatt ihn zur Armee, wie er es verdient hätte, abzuſenden, in die Madre Pa⸗ tria abgehen laſſen; und dieſer Ihr Neffe, ſtatt ſich der erwieſenen Gnade würdig zu bezeigen, überfällt mit dem Banditen, den ſie Vincente Guerero getauft haben, den braven Major Ulloa, ſo Hochverrath an König und Va⸗ terland begehend.” „Im Falle er ſich dieſes Verbrechens ſchuldig ge⸗ macht hat, und allerdings iſt er des Hochverraths ſchuldig, obgleich nicht auf die Weiſe, die Euer Excellenz anzu⸗ geben geruhten; aber es iſt unſer Wunſch, daß er vor die Schranken eines competenten Gerichtes, ja ſelbſt einer Militaircommiſſion geſtellt werde. Auf alle Fälle müſſen wir für ihn, als einen caſtilianiſchen Edelmann, die Fue⸗ ros ſeines Standes in Anſpruch nehmen, und zwar um ſo mehr, als er in ſeiner Verzweiflung ſich freiwillig ge⸗ ſtellt hat.”“. „Wie, was?“ rief der Virey erſtaunt.„Er hat ſich geſtellt, freiwillig geſtellt? Wo? wie? wann?“ rief überraſcht.„Doch nicht im Heere vor Cuautla Amil⸗ pas? Ich hoffe, er wird nicht. Der Unglückliche! Sie kennen Don Calleja. Selbſt als Verbrecher liegt er uns noch Ihretwegen, Conde, ſehr am Herzen.” „Euer Excellenz werden wiſſen, daß er bei ſeinem =. 222— Eintritte Schlag halb ſieben Uhr, an der Hinterpforte des Pallaſtes vom Alguazil Antonio Ruffo verhaftet, und in das Staatsgefängniß geſchleppt ward.“ Dieſe Worte waren ſo beſtimmt geſprochen, das Auge des Sprechenden hatte ſo ruhig und durchdringend am Virey gehangen, daß dieſer den Blick nicht auszu⸗ halten vermochte. „Beinahe ſollten wir glauben,“ verſetzte er höhniſch, „der Conde San Jago,“ er betonte das San Jago, „ſei Herr geworden in dieſem Pallaſte und Neuſpanien, ſo genau weiß er alles, was vorgeht, daß wir beinahe Luſt hätten—“ er trat wieder zur Klingel. „Euer Excellenz,“ fuhr der Conde in demſelben un⸗ bewegten Tone fort,„ſind ohne Zweifel Herr der Schick⸗ ſale dieſes Jünglings; aber obwohl wir innig überzeugt ſind, daß er Strafe und zwar Todesſtrafe verdient, ſo ſind wir doch wieder ſo gewiß, daß Mexiko nicht nur, ſondern auch die Cortes Euer Excellenz der Verfolgung von Privatabſichten anklagen werden, wo Sie nur höhere im Auge haben ſollten, daß wir nicht umhin können, Euer Excellenz freundlich zu warnen. Wir verbergen Euer Excellenz nicht, daß die Sendung Don Manuels bereits ſehr viel Aufſehen erregt, welches Aufſehen kaum vermindert werden dürfte, wenn die Originale von dieſer Copie bekannt würden.“ Er überreichte unter dieſen Worten dem Virey einige beſchriebene Blätter. Dieſer verlor die Farbe, als er ſie flüchtig überſah, faßte ſich jedoch ſchnell wieder. „Und wenn uns höhere Rückſichten für das Staats⸗ wohl, der Dienſt unſeres allergnädigſten Herrn veranlaß⸗ ten?“ ſprach er ſtotternd. „Das können Sie nicht, keine Rückſichten können Euer Excellenz ermächtigen, den Neffen unter dem Vor⸗ wande von Strafe und Gnade zu tödten, oder um ge⸗ tödtet zu werden in die Madre Patria abzuſenden, und ſo das Hinderniß aus dem Wege zu räumen, das Ihnen zum Beſitze des Vermögens ſeines Onkels im Wege ſteht.“ In dem Geſichte des Virey war während dieſer letz⸗ ten Minute wieder eine außerordentliche Veränderung vor⸗ gegangen. Des Mannes Wangen, bisher gerundet und, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen, in einer Sonntags⸗ haltung, waren ganz aus ihren Verhältniſſen gewichen, höhlten ſich und fielen ſchwer grob herab, das Auge, ſcharf und geiſtreich, war gläſern und ſtier geworden. Die Lippen, die bisher zuſammengepreßt oder vornehm ſich öffnend, dem Geſichte einen eigenen Reiz verliehen, preßten ſich trotzig zuſammen. Das ganze Geſicht hatte ein Gepräge erhalten, das der Spiegel der Seele häu⸗ fig dann anzunehmen pflegt, wenn ſein Beſitzer die in⸗ nerſten Tiefen enthüllt ſehend die Maske abgeworfen hat. Es war ein ekelhaft⸗ gräßlich laſterhaftes Geſicht ge⸗ worden. „Wenn wir es aber doch zu thun Luſt hätten— den Verſuch doch wagen wollten, Schätzchen Conde?“ lachte er mit heiſerer, grober Stimme.„Ja Sie ſelbſt, Lie⸗ ber, Guter, hier behalten wollten, auf die Gefahr hin hier behalten wollten?“ lachte er wieder.„Liebes Schätz⸗ chen, was ſagen Sie dazu?“ und wieder entfuhr ihm ein Lachen, das aber mehr Roßgewieher als Lachen war, und dann trat er wieder zur Klingel. „Sie ſind eine Art Staatsmann,“ fuhr er fort; „und wiſſen nicht, daß in der Politik die Mittel, die am ſchnellſten, am ſicherſten zum Zwecke führen, immer die beſten ſind. Schätzchen, Sie haben drei Millionen im Auslande!“ Er legte die Hand an die Schnur, und lachte wieder. „So wollen wir Euer Excellenz vorläufig noch einige Papiere zur unterhaltung geben;“ ſprach der Conde mit demſelben Marmorgeſichte. „Wie, was— iſt das?“ rief der erbleichende Sa⸗ trape.„Woher haben Sie dieſe Quittungen?“ „Die beglaubigten Copien ſind in unſern Händen,“ erwiederte der Conde ruhig,„und wieder nicht in un⸗ ſern Händen, das heißt, ſie ſind außer Mexiko in der Verwahrung von Perſonen, die angewieſen ſind, für einen gewiſſen Fall ſogleich davon Gebrauch zu machen. Wie Sie ſehen, ſo ſind es Quittungen über zwei Mil⸗ lionen Duros, von dem Hauſe G—th ausbezahlt, und zwar ausbezahlt, als Pachtgeld für das Vireynato von Mexiko, das Euer Excellenz für dieſen Vorſchuß in die Hände Englands, was nämlich den Handel betrifft, für ein Jahr zu liefern, ſich anheiſchig gemacht haben.“ „Der Virey hatte während dieſer kalt aber ein⸗ dringlich geſprochenen Worte, ſeine Faſſung wieder er⸗ künſtelt, denn ſo hochverrätheriſch und verdammend dieſe Papiere für jeden Staatsbeamten in einer wohlgeordne⸗ ten Verfaſſung geweſen wären, unter den damaligen Ver⸗ hältniſſen Mexikos und Spaniens, welches letztere aus⸗ ſchließend in der Gewalt Englands war, lieferten ſie nur einen traurigen Beleg mehr, von der tiefen Ver⸗ worfenheit der Staatsbeamten und jener Cortes, die, während ſie mit hochtönenden Phraſen die Rechte ihres Souverains verfochten, die Rechte ihres Vaterlandes und ihrer Mitbürger dem natürlichen Feinde ihres Landes zu verkaufen, niederträchtig genug waren. Indem der Virey, was wir hier angedeutet, flüch⸗ tig zu überdenken ſchien, hatte er ſich allmählig wieder geſammelt. „Ihr Neffe,“ ſprach er hohnlächelnd,„muß doch ſterben, und der Conde San Jago vielleicht—“ „Auch, wollen Euer Excellenz ſagen,“ fügte der Conde ruhig hinzu.„Wollen Sie gefällig noch etwas anſehen?“. 4— Er überreichte ihm abermals zwei Papiere, die er aus ſeiner Rocktaſche gezogen hatte. Der Virey. III. 15 „Noch etwas?“ meinte die Excellenz mit demſelben gräßlichen Hohnlächeln;„wird aber doch nichts helfen, denn bei dieſer Zeit— iſt ihr Neffe— wahrſcheinlich ſchon— en el paradiso." „Würden es bedauern,“ ſprach der Conde kalt, „denn wenn er es iſt, ſo werden Euer Excellenz ihm ſehr bald folgen.“ „Dieſe dritte und letzte Doſis war zu ſtark für den bisher ſo impaſſablen Virey, denn er hatte kaum einen Blick in die Papiere geworfen, als er entſetzt„Teufel und wieder Teufel,“ ſchrie, und dann halb ohnmächtig dem Conde in die Arme taumelte. „Die Originale ſind gleichfalls außer Landes, aber zur ſtündlichen Verfügung bereit,“ ſprach dieſer unbe⸗ wegt, indem er den Virey zu einem Sopha führte.— „Euer Excellenz dürften es vielleicht nicht gerne ſehen, daß die Cortes, oder Fernandos geheiligte Majeſtät, oder die Audiencia erführen, daß Sie wirklich mit Jo⸗ ſeph Bonaparte in unterhandlung ſtehen, und ſich be⸗ reitwillig erklären, ihm dieſes Reich zu überliefern, ſo⸗ bald Cadix ſich ihm unterworfen.“ „Stille, ſtille, um Gotteswillen ſtille!“ ſtöhnte der Virey, der ſchwach die Hand emporſtreckte, und ihm den Mund zuhielt. Plötzlich ſchien er ſich zu beſinnen; er ſprang auf, haſchte nach der Klingel, die er ſo heftig riß, daß meh⸗ rere Pagen und Kämmerer zugleich ins Cabinett gerannt kamen. Er flüſterte einem derſelben etwas in die Ohren, und ſtieß ihn dann zur Thüre hinaus. „Lauft, eilt, bei unſerer Ungnade, fort mit euch!““ ſchrie er ihm und den übrigen zu; dann ſank er wieder wie erſchöpft in das Sopha. Es trat nun eine Pauſe ein, während welcher die beiden gewaltigen Repräſentanten des bureaukratiſch⸗des⸗ potiſchen, und ariſtokratiſch⸗ monarchiſchen Intereſſe— denn dieß konnten ſie im vollen Sinne des Wortes ge⸗ nannt werden— auch keine Sylbe ſprachen. Nach zehn furchtbar langen Minuten waren raſche Fußtritte zu hören, und Don Ruy Gomez trat ein, ſein Geſicht war todtenbleich, und gräßlich verzerrt. Der Virey warf einen Blick auf den Mandaten ſeines Willens, und dann ſank er ächzend und ſtöhnend ins Sopha zurück. „Euer Excellenz haben mir die Antwort gegeben,“ ſprach der Conde mit tödtlicher Kälte;„ich empfehle mich zu Gnaden.“ „Und warum,“ flüſterte Don Ruy Gomez,„ihn nicht gleichfalls feſthalten? Don Calleja würde es thun; in einer Stunde wäre alles abgethan.“ Die Excellenz hob die Hand zur Klingel, ließ ſie aber wieder ſinken. „Geht nicht!“ ſtöhnte ſie,„„geht nicht! Er iſt de Teufel.“ — 228— Es entſtand wieder eine Pauſe; der Conde warf einen Blick auf den Halbohnmächtigen, der, die Pa⸗ piere krampfhaft zuſammenpreſſend, ſich auf dem Sopha krümmte, und verbeugte ſich dann, im Begriffe das Cabinett zu verlaſſen. Einundvierzigſtes Capitel. Lengua sin manos cuemo osas fablar? Gid. In dieſem Augenblicke gingen die Flügelthüren auf, und die Donna trat ſtolzen Schrittes ein. Sie winkte dem Geheimſekretair, ſich zu entfernen, ſah einen Augen⸗ blick den Virey, wieder den Conde an, und dann auf letzteren zutretend, ſprach ſie mit leiſer, aber feſter Stimme: „Ihr Neffe, Conde, iſt gerettet; er iſt in Sicher⸗ heit. Bei der Mutter der Gnaden, er iſt gerettet.“ Der Virey ſah ſie regungs⸗, bewegungslos an, ſein ſtieres Auge begegnete dem ihrigen. Sie ſchritt raſch auf ihn zu und ſprach mit flammen⸗ den Blicken:„Ja er iſt gerettet, Don Vanegas. Nicht ſterben ſoll er wie ein Negro; nicht wie ein Gavecilla.” — 230— Ihre Bruſt hob ſich.„Nicht hingeſchlachtet werden ſoll die Liebe Iſabellens;“ flüſterte ſie kaum vernehmlich. „Donna Iſabella!“ ächzte der Vicekönig. „Nicht ſterben durch meuchelmörderiſche Henkers⸗ hand, verſtehen Sie, Don Vanegas?“ ſprach ſie drohend. Das entrüſtete Weib war ungemein ſchön zu ſchauen, wie ſie vor dem elenden Gewaltigen ſtand. „„Donna Iſabella,“ ſprach der Graf, der in Ge⸗ danken verſunken geſtanden war,„Donna Iſabella kann groß ſein, wenn ſie will.“ Er faßte, während er ſo ſprach, ihre Hand und ſah ihr erwartungsvoll in die Augen. Auch ſie ſchaute ihn mit einem ſeelenvollen Blicke an. Es ſchien als ob dieſe beiden nicht gewöhnlichen Seelen in ihre beiderſeitigen Tiefen tauchen wollten. Der Conde ließ ihre Hand fah⸗ ren. Ein ſchmerzliches Hohnlächeln zog ſich um die Lip⸗ pen der Donna. Sie ſtand, ohne ein Wort zu ſagen. „Und Sie haben ihn gerettet?“ ächzte der Virey vom Sopha herüber. „Das haben wir, Don Vanegas, ihn und Sie ge⸗ rettet! Sie ſprach die letztern Worte leiſe, ſinnend, in Nachdenken verloren. „Das hat Donna Iſabella wirklich, Ihro Excellenz. Auch machen wir Dieſelben darauf aufmerkſam, ſchnell Maßregeln zu nehmen, um den Schritten vorzubeugen, die in des Erzbiſchofes Pallaſte ſo eben genommen werden.“ „Sie wiſſen, Conde?“ ſprach die Dame erſtaunt. „Daß mehrere Senores vom Conſulado, der Armee und ſelbſt der Audiencia daſelbſt verſammelt ſind, um bei den Cortes Beſchwerden gegen Euer Exeellenz einzubrin⸗ gen, und einen Nachfolger vorzuſchlagen, ja vielleicht Sie daſſelbe Schickſal wiederfahren zu laſſen, das Iturrigarai betroffen. Wir haben eine indirekte Einladung erhalten.“ Der Virey ſtöhnte. „Euer Excellenz,“ fuhr der Conde artig, aber mit Nachdruck fort,„wir wünſchen Sie als Landeschef zu behalten. Wir geben Ihnen von der Aufrichtigkeit die⸗ ſes unſeres Wunſches ſo eben einen vollgültigen Beweis. Wir wünſchen auch dem erhabenen Königshauſe in Spa⸗ nien getreu zu verbleiben; aber Excellenz,“ ſeine Stimme wurde leiſer, und doch nachdrücklich geſpannter:„In⸗ dem wir Sie unſerer Ergebenheit gegen Ihre Perſon und unſer angeſtammtes Königshaus verſichern, müſſen wir Sie zugleich erſuchen, uns Ihre Gewalt künftighin we⸗ niger furchtbar zeigen zu wollen.“ Dieſe letzteren Worte waren wieder in einem beinahe ſpöttiſchen Tone geſpro⸗ chen.„Wir wünſchen nicht, für unſere Aufopferungen ſchlimmer daran zu ſein, als die Rebellen ſelbſt, die bloß ein Feuer auszuhalten haben, während wir dem Blutge⸗ luſte Ihres ſpaniſchen, und unſeres mexikaniſchen Auswur⸗ fes bloßgeſtellt ſind.“ Die Donna ſah den Sprecher erſtaunt an. Ihr Mund öffnete ſich, der Virey fiel ihr jedoch in die Rede. 8 * — „Alles, alles, theurer Conde!“ „Was iſt, was ſoll das?“ fragte die Donna. „Wir ſind weit entfernt, Euer Excellenz Bedin⸗ gungen zu ſtellen, und ſo Ihre kritiſche Lage noch kritiſcher machen zu wollen; doch werden Euer Excellenz gütig zu bemerken belieben, daß irgend eine Aeußerung von Ihrer Seite allerdings nöthig iſt, für Ihr eigenes Intereſſe nöthig iſt, um die zwiſchen uns beſtehende Harmonie an⸗ zudeuten.”“ „Die zwiſchen uns beſtehende Harmonie anzudeu⸗ ten?“ wiederholte der Virey. „Und da gerade die Commandeurſtellen der Compa⸗ nias Sveltas⸗Batallione von Mexiko erledigt ſind,“ fuhr der Graf fort,„ſo nehmen wir uns die Freiheit, um die⸗ ſelben für unſere Verwandten, die Condes Carlos, und Al⸗ magro anzuſuchen, auf daß uns ſo in denſelben eine Ehren⸗ erklärung gegeben werde, die Euer Excellenz hohen Stel⸗ lung angemeſſen iſt.“ „Morgen, morgen ſollen die Patente ausgefertigt werden.“ „Erſuchen jedoch das Patent für Conde Carlos nicht zu publiciren, da er noch in Gefangenſchaft ſich be⸗ findet.” „In Gefangenſchaft ſich befindet;“ wiederholte der Virey, ſtieren Blickes. „Dem unglücklichen jungen Menſchen bitten wir Päſſe in die estados unidos*) oder nach Ingleterra*) zu geben. Wir wünſchen nicht, daß er in Mexiko bleibe, wo er gefährlich werden dürfte.“ „Alles, alles!“ ſtöhnte die Excellenz wieder. „„Wollen Euer Excellenz der Nobilitad noch einen fernern Beweis Ihres Vertrauens für die allerdings nicht unwichtigen geleiſteten Dienſte ſchenken, ſo dürfte die angemeſſenſte, und den Intereſſen Euer Excellenz förderlichſte Weiſe, auf welche dies geſchehen könnte, wohl die ſein, daß Sie derſelben das Fuero ertheilen, in Kraft deſſen ſie, die Nobilitad, ſich verſammeln möge, und könne, ohne die bisher nöthige beſondere Erlaubniß aus der Staatskanzlei einholen zu müſſen, wann und wie es gefällig; verſteht ſich immer in loyalen Abſichten. Es würde dieſes im gegenwärtigen kritiſchen Zeitumſtande vielleicht um ſo wichtiger ſein, als Euer Excellenz da⸗ durch einen Soutien haben würden, gegen die Oppoſition Ihrer Lanoͤsleute, der jede Ausführung gefährlicher Ab⸗ ſichten vollkommen zu vereiteln im Stande ſein dürfte.“ Der Conde hatte ſich etwas weitſchweifiger, als nach ſeiner Gewohnheit, ausgedrückt, auch war er bei den letztern um ein bedeutendes geſchmeidiger geworden. „Danke, danke, edler Conde, Sie ſind unſer, der *) Vereinigte Staaten. **) England. — 224— Regierung Schutzengel. Morgen wollen wir Ihnen die Dekrete ausfertigen laſſen, als Anerkennung der loyalen Dienſte, wie Sie ſo herrlich bemerken.“ „Wir ſind nochmals ſo frei, Dieſelben auf die Noth⸗ wendigkeit aufmerkſam zu machen, ſo ſchnell als möglich Vorkehrungen zu treffen, um den beim Erzbiſchofe gefaß⸗ ten Beſchlüſſen entgegen zu wirken, und empfehlen uns einſtweilen zu Gnaden.” und nachdem er ſo geſprochen, verbeugte er ſich ruhig gemächlich, und verließ das Cabinett. „Was iſt das, was war das?”“ fragte die Donna im Tone des höchſten Erſtaunens.„Wer iſt denn ei⸗ gentlich hier Herr? Sind Sie es, Don Vanegas, oder iſt es des Conde de San Jago Herrlichkeit?“ Sie hielt inne.„Armer Don Vanegas!“ fuhr ſie mit ſchnei⸗ dendem Hohne fort.„Das alſo ſind die Folgen Ihrer Diplomatik, Ihrer Quinteſſenz⸗Politik, daß Sie von einem Creolen⸗Conde Verhaltungsbefehle?—— Madre de Dios! ein Creole wagt es, von beſtehender Harmonie zwi⸗ ſchen ſich und einem Virey zu ſprechen! Bei der heili⸗ gen Jungfrau, es iſt empörend!“ „Er iſt ein Teufel!“ ächzte der Virey. „Das iſt er, und Sie— ein armer Teufel;“ ziſchte ſie höhniſch und verächtlich.„Madre de Dios!“ brach ſie abermals mit ſtärkerer Stimme aus.„ Was für ein erbärmlicher Schwächling Sie ſind! Wie oft habe ich Sie auf die Nothwendigkeit aufmerkſam gemacht, zu re⸗ * präſentiren, ſtark, impaſſable zu ſein, zu ſcheinen we⸗ nigſtens, wenn Sie es nicht ſind. Und wie erbärmlich benehmen Sie ſich neben dieſem großartigen Ariſtokraten. Madre de Dios! In Ohnmacht geſunken vor einem me⸗ xikaniſchen Grande! Ein Virey von Mexiko in Ohn⸗ macht geſunken vor einem Conde! Es iſt unglaublich!“ Lautes wildes Lachen begleitete dieſe Worte. „Und er ſteht,“ fuhr ſie in demſelben ſchneidenden Tone fort,„ruhig wie ein Gott, auf den Wurm her⸗ abblickend, den er zertreten kann mit einem Fußtritte, ihn aber verſchont, wegſtößt, weil er es nicht der Mühe werth achtet. Ach,“ ſeufzte ſie,„man ſieht wohl, daß er von Granden abſtammt, und Sie— von Escribanos.—“ Der Virey zuckte zuſammen, antwortete aber nicht. Die Donna rannte ungeſtüm im Saale auf und ab— blieb ſtehen, rannte wieder. „Und wiſſen Sie, daß, während Sie ſich im Ge⸗ fühle Ihrer Allmacht ſonnen, der Erzbiſchof, das Con⸗ ſulado, die Audiencia verſammelt ſind, um eine Vor⸗ ſtellung bei den Cortes einzubringen, die nichts geringe⸗ res bezweckt, als Sie für untauglich zu erklären, für das Vireynato, und auf die Ernennung Callejas zu dringen?“ „Er iſt ein Teufel;“ murmelte der Virey. „Was reden Sie, Don Vanegas?“ „Er iſt ein Teufel;“ ſprach der Virey abermals, die Donna mit leblos gläſernen Augen anſtierend. Der furchtbare Schlag hatte auf ihn, wie der letzte — 236— Grad der Folter auf das Lebensprinzip des Gemarter⸗ ten gewirkt. „Er iſt ein Teufel!“ murmelte er, und immer zer⸗ knitterte er noch die Papiere, die er in den Händen hielt. Die Donna entriß ſie ihm, faltete ſie auseinander und warf einen haſtigen Blick hinein. Auch ſie zuckte zuſammen und erbleichte, und biß ſich in die Lippen, daß das Blut entquoll; dann fuhr ſie ſich mit der Hand über die Stirne und verſank in tiefes Nachdenken. „Don Vanegas,“ ſprach ſie leiſer, ihre Augen auf die goldenen Arabesken des Plafond gerichtet,„dieſer Conde iſt wirklich ein Teufel.“ „Ach!“ ſtöhnte der Virey. „Wiſſen Sie, warum er Sie ſchont, Ihnen das Vireynato läßt?“ „Uns das Vireynato läßt,“ wiederholte der Mann mechaniſch. „Weil er,“ flüſterte ſie ihm in die Ohren,„Me⸗ xiko von Spanien losreißen will— Mexiko, verſtehen Sie es, von Spanien losreißen will.” „Mexiko von Spanien losreißen will,“ wiederholte der Virey mit einem leeren nichtsſagenden Blicke. „Losreißen will,“ wiederholte ſie.„ Sie fürchtet er nicht, denn,“ murmelte ſie, indem ſie ſich von ihm wandte,„Sie verachtet er, braucht er, benutzt er, wie — 237— er die Citrone benutzt, deren Saft er braucht, und deren Schale er wegwirft. Ihre Schwäche kennt er, und darum will er Sie in Mexiko behalten. Der rohe, gewaltthätige Calleja paßt nicht in ſeine Pläne, und deshalb will er ihn nicht. Don Vanegas! er wird keinen Gebrauch von den Papieren machen. Aber,“ flüſterte ſie mit kaum vernehmlicher Stimme, indem ſie ſich zu ihm herabbog. „Sie können Mexiko der Krone Spaniens erhalten, wenn Sie dem Vireynato, zu Gunſten Callejas, entſagen. Madre de Dios! was ſage ich?— Sie entſagen! Der Gedanke iſt zu groß, um in dieſes kleine Gehirn ein⸗ zugehen.“ Sonderbar! die Lebensgeiſter des Virey waren unter den letzten Worten zurückgekehrt. Er ſchaute auf, wie einer, der aus einem Traume aufwacht. Dann erhob er ſich langſam vom Sopha, ſah ſich auf allen Seiten um, wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne. Allmählig war er zu ſich gekommen. „Sie haben recht, theure belle-soenr, Sie haben recht— wir ſind für Mexiko nothwendig. Nothwendig; ein— was man ein nothwendiges Uebel nennt, nicht wahr?“ Er lächelte.„Glauben Sie nicht, Donna Iſabella?“ „Fort zum Arzobispo,“ ſprach die Donna. „Wir wollen, wir wollen,“ wisperte der Mann unheimlich lächelnd, und wieder begannen ſeine Augen zu funkeln. 998— ——98 „Wir wollen regieren, ei, wir wollen— ah, re⸗ gieren,— Sie haben recht, er wird von den Papieren keinen Gebrauch machen; aber doch—“ „Was?“ „Ja, aber doch—“ Des Virey Augen zuckten wieder wie Schlangenſta⸗ cheln. Ein ſataniſches Lächeln überflog ſein Geſicht, als er murmelte:„Er iſt der Teufel, aber er muß doch fallen.” Die Donna warf ihm einen mitleidig, verächtlichen Blick zu. „Armer Don Vanegas!“ murmelte ſie.„Er iſt bereits mehr Virey als Sie, er ſteht an der Spitze der Nobilitad und der Creolen, einer Million Creolen.— Pah!“ rief ſie, wie eine, die ſich unangenehmer Gedan⸗ ken entſchlagen will.„Der Kampf mit ihm wird um ſo intereſſanter, großartiger— Virey, wir wollen in dieſen Kampf eingehen.“ „Thun Sie, thun Sie, wir nehmen die Patrioten auf uns.“ „Pah! die überlaſſen wir Ihnen und Calleja.“ Achtundvierzigſtes Capitel. Hommes noires d'’où sortez-vous 7 Nous sortons de dessous terre, Motié renards, motié loups. 3 Beranger. Auf dem Glockenthurme der Cathedrale ſchlug es zehn.— Alles war ruhig und ſtille vor dem Palaſt. Von den Ecken des Platzes herüber, ließ ſich zeitweilig ein dum⸗ pfes Gemurmel hören, wie das der aufgerüttelten Mee⸗ reswogen, die hohl heranſtrömen— der Nachklang eines vorübergegangenen, oder der Vorläufer eines beginnenden Sturmes, und von Santa Fe herab, pfiff ein leichter Norte in einzelnen Stößen, daß die Wetterhähne der hundert Thürme ſeltſam unheimlich zuſammen knarrten. Es war eine prachtvolle Monͤnacht. Die zartweiße — 240— Floripundio,*) die glänzendrothe Tiegerblume, die roth⸗ weiße Herzblume, die duftenden Eitronenblüthen auf den Miradors, die Bäume in den Gärten, die Felſen der Gebirge, die grandiöſen Paläſte, Kirchen und Dome, die Säulenordnungen, Caryatiden und Knäufe, ſchienen ſich zu ſtrecken im Glanze des Mondlichtes, das nun ruhig und ſilbern gegen die Gebirge von Marquis de la Cruz hinab ſank, und die weiße Frau, die über dieſe hervorragte, ſchien näher zu rücken, und ſich zu nei⸗ gen über das ewige Tenochtitlan. Alles war zauberiſch feenartig, mit jenem grünlichen Silberlichte überſtrahlt, das den mondhellen Nächten der tropiſchen Länder einen ſo unbeſchreiblich idealiſch geiſterhaften Anſtrich verleiht. Als die Glocken ein Viertel nach zehn ſchlugen, öffneten ſich die Hinterpforten im linken Flügel des Pa⸗ laſtes, und es blitzten Gewehre heraus; Mann kam auf Mann, Zug auf Zug. Sie ſtellten ſich auf der Plazza auf, düſter und finſter, und ſchweigſam wie Nachtſchat⸗ ten, und wie Geſpenſter die auf das Geheiß eines Zau⸗ berers aus ihren unterirdiſchen Klüften und Verſtecken zur Feier der Geiſterſtunde hervorbrechen. —-) Sie hat bloß ein einziges Blatt, das aber acht Zoll lange und drei bis vier breit iſt; die Tiegerblume hat drei ſpitzige Blätter; die Herzblume hat, geſchloſſen, die Geſtalt eines Herzens, offen, die eines Sternen. — 244— Es war Poeſie in dieſer Nachtſcene— furchtbare Poeſie. Als das Regiment aufgeſtellt war, traten die Offiziere aus der Linie, und ſammelten ſich in Gruppen; die Blicke auf den viceköniglichen Pallaſt geheftet, die Degen unter dem Arme, ſtander ſie eine geraume Weile ohne ein Wort zu ſagen. „Dachte wohl, das Poſtre*) würde nicht ausblei⸗ ben, nachdem das Almuerzo ſo gut ausgefallen,“ bemerkte endlich einer der Offiziere. „Muß doch eine eigene Zauberkraft haben, dieſer Vincente Guerero, wenn ſchon ſein Name ſo viel vermag.“ „Don Saldanha! wiſſen Sie, mich erinnert das Ganze an die Poſada, zwei Stunden oberhalb Almonacid.“”“*) „Dieſe berühmte Poſada,“ verſetzte der Angeredete mit unterdrücktem Gelächter, in das mehrere der Umſte⸗ henden einſtimmten,—„mußten ſie mit tauſend Mann beſetzen, und uns daſelbſt einſchanzen.“ 3 „Und die Gavachos erwarten, von denen auch kein einziger weit und breit zu ſehen war, während unter uns die Schlacht donnerte.“ „Wir waren zwei verlorne Poſten,“ fiel ein anderer *) Deſert— Almuerzo, Frühſtück. **) Kneipe oberhalb Almonacid— bekannt wegen der von Vanegas gegen Joſeoh Napoleon verlornen Schlacht. Der Virey. III. 16 — 242— ein.„Sie oben mit tauſend Mann, wir unten mit zweitauſend, zwei volle Wegesſtunden von dem Schlacht⸗ felde.” „Carracco! mir kam der ganze Spaß vor, wie jene Studenten, die ihre Realen am Anfang des Seme⸗ ſters in alle Stuben nd Kaſtenwinkel, und in ihre Wäſche verſtecken, um in der Zeit der Noth durch einen letzten Pfennig überraſcht zu werden.“ „Es iſt doch etwas Sonderbares um das Befehlen, und noch mehr um das Regieren,“ bemerkte ein anderer. „Etwas ſehr Sonderbares!“ „Carracco! es iſt ſeltſam, ſo ſage ich auch. Wie kommt es, daß ein Befehl von einem ſolchen Mucchacho ſo auf uns einwirkt; daß wir eilen, über Hals und Kopf unſere Mädchen verlaſſen, juſt wann, und wo, und wie es ihm gefällig iſt!“ „Das will ich dir ſagen, Nunez,“ fiel ihm ein anderer ein,„weil Befehle Strahlen ſind, von einem Geiſt emittirte Strahlen; der Geiſt iſt aber unſterblich, ein eigenes vom Körper unabhängiges Weſen, und Gei⸗ ſtesfunken ſind daher Strahlen, emittirte Strahlen.“ „Pah!“ fiel ihm Don Nunez ein,„unabhängig, unſterblich? Du haſt in deinem Leben gewiß noch keine zwanzig Tropfen Laudanum genommen, ſonſt redreſt du anders. Der Geiſt iſt materiell, ſeine Funken ſind materiell, und wirken materiell. Zum Beiſpiel: wir — 243— befanden uns bei einer nichts weniger als unebenen Se⸗ norita, als wir abgerufen wurden. Waren da die Wir⸗ kungen der Ordre, die von dieſen Muchacho ausgingen, nicht materiell?“ „Aber zurückzukommen auf die Eſſenz des Willens. Wie kommt es, daß wir, die liberal, ja was mehr ſagen will, feſt entſchloſſen ſind, die göttliche Libertad zu pro⸗ klamiren, uns ſo ganz und gar von Servilen regieren laſſen?““ „Aber Don Nunez,“ fiel ihm ein Herbeitretender ein;„was werden Sie mit all den Mädchen machen, die Sie heute in der Lotterie*) gewonnen haben?“ „Für eine Dublone überlaſſe ich Ihnen Stück für Stück; mögen Sie dann kochen oder braten.”“ „Carracco! hier ſind zwei Dublonen; will meinem Sancho nun ein paar ſchicken.“ „Doch, was die Eſſenz des Willens betrifft,“ hob Don Nunez wieder an.„Wie kommt es, daß wir dem Willen Serviler ſo genau Folge leiſten?““ „ Weil die Servilen des T—ls ſind, und wir dito Servientes des T—ls,“ bemerkte einer lachend. „Bravo! Petruchio,“ lachten mehrere.„Das ſind wir, das muß wahr ſein, trotz der heiligen Hermandad.“ *) Noch im Jahre 1825— 26 wurden ſolche Lotterien auf öffentlicher Straße angeboten. Siehe Note. Der Virey III. — 244— „Iſt aber doch Schade, um dieſe Hermandad,“ meinte ein anderer.—„Wäre ich die Cortez geweſen, ich hätte ſie nicht aufgehoben; denn auch ſie ſind wahre T— ls⸗ diener, die weder an einen Gott noch an einen Heiligen glauben.” „Fragte neulich einen vom Cabildo der Cathedralo,*) warum ſo viele dämoniſche Geſichter im linken Chor auf⸗ gehängt ſind— antwortete nur— Weil es viele gibt, die nicht an Gott, wohl aber an den T=l glauben. Ha⸗ ben alſo dem T— l Altäre aufgerichtet? fragte ich lachend. Verſteht ſich von ſelbſt, ſagte er.”9 Plötzlich hielten ſie inne in dieſen ſonderbar⸗ſinnlo⸗ ſen Reden, die, in kurzen abgebrochenen Sätzen mit un⸗ heimlich ziſchenden Stimmen geſprochen und geflüſtert, jene Anklänge von Bigotterie und Unglaube, von Katho⸗ licismus und Atheismus, von Geiſtesbeſchränktheit und Dã⸗ monismus verriethen, die dem Spanier eigenthümlich ſind; denn es iſt der heutige ſpaniſche Volksgeiſt eine merkwürdig pſychologiſche Erſcheinung. Von Natur ungemein ſtark und kräftig, iſt es nicht der unermüdlich raſtloſe Geiſt des Nordländers, bei dem während der Anſchauung die Er⸗ kenntniß bereits zum Urtheile wird, oder der ſich in For⸗ ſchungen verliert, und zur trüben, neblichten, oder wäſſerig⸗ verdünſtenden Phantaſie ſich geſtaltet, es iſt auch nicht der *) Domkapitel. flüchtigſcharfe deſtillirende Geiſt ſeines Nachbarn, der ſpielend und tändelnd die Arbeiten eines Jahrhunderts in die Quin⸗ teſſenz weniger Witzfunken zuſammenzupreſſen weiß; es iſt der nüchterne, ſchroffe, beſtimmte und wieder halb wahnſinnige Geiſt eines in irreligiöſem und politiſchem Despotismus befangenen und wieder zur Kindheit zurück⸗ gezwängten Körpers, der durch alle nur erſinnlichen Mit⸗ tel und Künſte in dieſer Kindheit zurückgehalten, ſich ſeltſam bizarr und auf eine eigene Weiſe kund gibt, elektriſchen Blitzesfunken ähnlich, die in ein bleiernes Ge⸗ fäß eingeſchloſſen, herausfahren, ſo wie ſie nur einen Ausweg findet. Es zeigen ſich dieſe gleichſam elektriſchen Funken bei jeder Gelegenheit, unter allen Ständen, ſie ſind fragmentariſch, kurz abgebrochen, wie es bei geiſt⸗ reichen, aber eines anhaltenden Denkvermögens noch un⸗ fähigen Kindern der Fall iſt. Man hört ſie auf Straßen und Plätzen. Sie haben einen Anklang von Atheismus, von Dämonismus, den Vorläufern einer europäiſchen Revolution, die auch dieſes Volk noch zu beſtehen hat, um in ſeine faulenden Maſſen neues Leben und ge⸗ ſunde Säfte zu bekommen. „„Was ſoll das?“ fragten auf einmal zwanzig Stim⸗ men leiſe. Während die Offiziere auf ſpaniſche Weiſe philoſo⸗ phirt hatten, war eine Compagnie Cagadores, vor und um den erzbiſchöflichen Palaſt herum aufgeſtellt worden, — 246— und zwar in ſolcher Stille, daß ſie erſt jetzt von den Offi⸗ zieren bemerkt wurden. Alle ſchauten ſich kopfſchüttelnd an. „Haben die erzbiſchöflichen Gnaden das Motino Frio*) bekommen?“ „Es iſt doch alles ruhig in ſeinem Palaſte.” „Kein Licht zu ſehen.“— Eine Figur kam aus der Querſtraße, die vom Canal heraufführt, mitten durch das aufgeſtellte Piquet. Das Gente de paz, das ſie den Lanceros zur Antwort gab, war ſo laut geſprochen, daß es herüber zu hören war. Die Offiziere gingen dem Herannahenden entgegen. Es war der Oberſt. „Conde— Senoria— was ſoll das?“ fragten alle. „Se. Excellenz ſpielen bloß Variationen über das Thema von Auguſtus— kennen Sie es nicht?““ Die Offiziere ſahen ihren Chef verwundert an. „Providus imperator praeferendus temerario,“ wisperte der Oberſte lächelnd, indem er einen Blick auf die Cacadores, einen andern auf den Palaſt warf. „Oberſt und Generaladjutant Fiesco hat zweimal bereits um Euer Herrlichkeit gefragt,“ meldete ihm der Major Arias. 5 *) Aufruhrsfieber. — 247— „Verſtehe,“ ſprach der Oberſt, der ſich gegen die Offiziere leicht verbeugte, und dann dem Pallaſtthore zuging. „Haſt du geſehen, Nunez?“ ſprach einer.„Er hat ſtatt ſeines Mantels einen Blaumantel, und ſtatt ſei⸗ nem Hute einen Generalshut.“ „Einen General⸗Capitainshut.“ „Pah! er iſt der Sohn eines Grande.“ Auf einmal wandten ſich die Offiziere gegen das Palaſtthor, die Wachen präſentirten, und es kamen drei Perſonen aus der Halle, und dem Thore herausge⸗ ſchritten. „Der Virey,“ murmelten alle im höchſten Er⸗ ſtaunen. „Und kein Gewehraus, kein Trommelſchlag, kein Fahneſenken?“ fragten ſie ſich wieder, indem ſie haſtig in die Linie eintraten. Der Virey ſchien das Regiment nicht zu bemerken. Er ging mit ſeinen Begleitern, mit denen er ſehr ange⸗ legentlich ſprach, gerade auf den erzbiſchöflichen Palaſt zu. Ein Page folgte. Als er vor dem Palaſte ange⸗ kommen, deutete er auf die verſchloſſenen Pforten, und ſchüttelte den Kopf. Der Page zog die Klingel, und der Virey trat ein, nachdem er ſeinen Begleiter umarmt hatte.— „Beſetzen Sie alle Zugänge,“ befahl der Oberſte — 248— dem Capitain der Cagadores.„Niemand wird weder aus⸗ noch eingelaſſen.“ Dann warf er ſeinen Arm in den des Conde, denn er war es, und beide nahmen die Richtung nach der Tacubaſtraße. Neunundvierzigſtes Capitel. Wer zu beugen trachtet Sein Geſchick, muß mit Verſtand Und Mäßigung verfahren. Calderon. „Ich habe dir vieles zu ſagen, San Jago,“ hob der Oberſt an,„das iſt ein gojo.“ Er warf den Kopf rückwärts, auf das Thor deutend, innerhalb deſſen der Vicekönig verſchwunden war. Der Conde gab keine Antwort, nickte aber. „Mich wundert es nicht, daß Mexiko es müde iſt, ihm nach ſeiner Pfeife zu tanzen. Ich bedaure dich, San Jago; ſag mir nur einmal, wie du es hier aus⸗ yalten kannſt.—“ Dieſe Worte waren leiſe, aber ungemein haſtig ge⸗ ſprochen. „Wir bewegen uns in einem Zirkel, theurer San Ildefonſo. Als wir mit deinem Bruder in Paris waren, es ſind nun zwölf Jahre— du warſt damals zwölf— er⸗ innere ich mich ſehr genau, daß du dich wunderteſt, wie die Franzoſen es in Paris aushalten konnten, bei ihrer Küche, ohne ſpaniſchen Pfeffer. Sechs Wochen dar⸗ auf fandeſt du ihre almuerzos und convitos erträglich, und zuletzt wollteſt du von der Rückkehr nichts mehr wiſſen, bis uns endlich der ausdrückliche Befehl unſeres Hofes zwang, den Pariſer⸗Freuden adios zu ſagen.“ „Ich liebe dieſe Franzoſen, obwohl ſie Gavachos— treuloſe Affen ſind— aber es iſt wieder ſo viel Necki⸗ ſches in ihnen, ſo viel Aberwitz, ſo viel Muth, ſo viel Queckſilber, Geiſtreiches ſelbſt in ihrem Despotismus; etwas ſo Großartiges, Pöbelverachtendes. Carracco! bei uns iſt der Despotismus abſtumpfend, es iſt der ſchmutzig kriechende, ekelhafte Kloſterdespotismus. Spanien iſt nur ein großes Kloſter.”9— „Und Mexiko?“ fragte der Conde. „Eine große Schlachtbank. Demonio! der Hund entehrt die Grandezza, die er zwar nur quo ad perso- nam hat, aber ſie doch hat. Vorgeſtern redete er mich „du“ an, erwartend, ich würde es erwiedern.“ „Und du 2˙ „Pah, ſchnitt eine ſehr tiefe Verbeugung, und gab ihm bei jedem andern Worte die Excellenz.“*) „Das haſt du brav gethan.” **) Siehe Note. „Seine Familie iſt kaum vierhundert Jahre alt, und wenn die ſeiner Frau ſechshundert Jahre hat, ſo iſt es viel. Ich habe gar keine Vorurtheile in dieſem Punkte, bin anerkannt liberal, aber—“* „Nichts weniger als der Diderot'ſchen Meinung,“ fügte der Conde hinzu. „Welcher Diderot wahrſcheinlich nicht geweſen wäre, wäre er etwas geweſen.“*) „Bravo,“ ſprach der Conde,„das war wieder gut.“ „Hörſt du,“ hob der junge Grande wieder an. „Wir hatten eine Stunde ſeither einen vermaledeit ſon⸗ derbaren Zeitvertreib, und dabei thaten wir einen Blick hinter die Couliſſen dieſes großen Theaterdirektors.“ Er ſah bei dieſen Worten auf das vicekönigliche Schloß hin⸗ über.„Einen Blick ſage ich dir; der uns die Adern hätte gefrieren machen können, hätten wir glücklicherweiſe nicht ein niederſchlagendes Pulver genommen. Demo- vio! Wir haben Dinge geſehen!— Ein verdammter Gojo, dieſer Vanegas! „Einige neue Leſearten des Buches el mal gober- nio?“ fragte der Conde. „So etwas, hörſt du, der Drole nimmt ſich mit euch Mexikanern verdammte Freiheiten.“ „So wie ſeine fünfzig Vorfahren vor ihm gethan.“ „Weißt du, dein Neffe?“ *) Siehe Note. „Weiß es, lieber San Ildefonſo.“ „Du ſcheinſt eben nicht ſehr affizirt. Ein prächti— ger Junge, aber verdammt raſch. Bei meiner Seele! hätte er ein Stiletto gehabt, hätte es in den ſchönſten Buſen gerannt. Glaubt denn der Wildfang, ſolche Bu⸗ ſen ſind zum Durchſtechen?”“ „Wie?“ fragte der Conde,„Don Manuel?“ „Ein andermal mehr davon. Er iſt in Sicherheit. Aber du biſt ja ganz intim, ſo was man intim nennt, mit dieſem Virey? Ihr beide ſpielt eure Rolle gar nicht übel. Demonio! Wir glauben ſo ziemlich impaſſable ſeyn zu können, und es lernt ſich an unſerem Hofe, der da geweſen iſt; denn Pepe*) weiß keinen Hof zu hal⸗ ten. Und eben deshalb wird er nie populär in Spanien werden. Aber ihr beide und euer Spiel,— man könnte etwas profitiren. Bin ſonſt eben nicht aufgelegt, von eurer Provinzialdiplomatik viel zu halten; aber macht dir Ehre. Trau ihm jedoch nicht. Er war ein Liebling der Marie Louiſe, des Principe, des alten Carlos und oben⸗ drein des Stierkopfes und Tiegerherzens.**) Deklamirte ſchrecklich gegen dich in ſeiner Camarilla; war wie ra⸗ ſend; dachte anfangs, es ſei eine ſeiner gewöhnlichen *) Joſeph Napoleon gewöhnlich Pepe gleichbedeutend mit Joe(Sepperl). *) Stierkopf und Tiegerherz, ſo wurde Ferdinand VII. von ſeiner eigenen Mutter genannt. — 253— Niaiſerien; fand aber bald, daß es Ernſt war. Wäre ſie nicht geweſen, der prächtige Junge wäre jetzt auf dem Wege zum ewigen Paradieſe.”“ „Weiß es,“ verſetzte der Conde.„War deshalb bei ihm.”* „Wirklich?“ fragte der Oberſt einigermaßen ver⸗ wundert. Die beiden gingen eine Weile ſchweigend neben ein⸗ ander. „Todos demonios!“ hob endlich der Letztere wie⸗ der an.„Mich langweilt dieſes Leben in Mexiko. Ab⸗ ſchlachten, und wieder abſchlachten, und nichts als ab⸗ ſchlachten, wo man hinſieht, geht und ſteht. Ein ewi⸗ ges Zuſammentreiben, Schänden, Niederwerfenlaſſen, Ab⸗ thun, Todtſchlagen, Stechen, Schießen, Stampfen, Treten. Man verliert die Luſt zu allem. Wollte, es wäre vorüber.”² „Es wird noch lange nicht vorüber ſein.”“ „Pah, wollte dem Dinge in ſechs Wochen ein Ende machen. Morellos gefangen, eine Amneſtie, dieſe ehrlich gehalten und Mexiko iſt in einem halben Jahre ruhig.“ „Schon deshalb nicht, weil Niemand mehr der Am⸗ neſtie trauen würde. Der das erſtemal betrogen, läßt ſich nicht leicht das zweitemal betrügen, ſagt unſer Sprich⸗ wort. Mexiko will euch los ſein, auf alle Weiſe los ſein.“ „Es iſt wahr, es iſt ein heilloſes Geſindel, alle dieſe meine Landsleute, geiſtlich und weltlich, der Abſchaum des — 254— ganzen Spaniens. Wenn man ſie, wie der junge Dings ſagt, wie heißt er? Pinto— alle zuſammen nähme und in der See erſäufte, es wäre, und es müßte Jubel im Himmel und in der Hölle geben. Wenn Spanien noch ein Jahr ohne König bleibt, dann iſt Mexiko verloren.“ Der Conde ſchwieg. „Weiß nicht ob es nicht beſſer wäre,“ fuhr der Oberſt fort.„Seit wir Amerika haben, dieſe unglück⸗ liche Pandorabüchſe, iſt es mit Spanien rückwärts ge⸗ gangen. Die Silberbarren Mexikos haben uns unſer bischen Libertad gekoſtet. Unſere Grandezza, Demonio! es iſt eine Schande! Wir ſind, im buchſtäblichen Sinne des Wortes, Kammerdiener des Königs.“ „Wahr;“ ſprach der Conde. „Was glaubſt du, daß Mexiko thun wird?“ „Sich frei machen.” „Pah, ums Wollen iſt's nicht, aber ums Voll⸗ bringen.“ 9 „Es wird wollen, und ſobald es ernſtlich will, kommt das Vollbringen von ſelbſt.“. „Glaubſt du?“ fragte der Oberſt. „Ich glaube es nicht nur, ich bin überzeugt.“ „Du biſt überzeugt!“ wiederholte der Oberſt ſin⸗ nend.„Du mußt dieß am beſten wiſſen. Wäre eine verdammte Geſchichte. Unſere erſten Häuſer, und die jüngern Söhne— alle würden Bettler. Zur Kirche will Niemand mehr.“ „Begreiflich; wer wird heut zu Tage eine ſolche Albernheit begehen 2 „Ich ſelbſt—“ fuhr der Oberſt fort. „Dein Mayorasgo im Baxio iſt ein herrliches Be⸗ ſitzthum, das mir lieber wäre, als das Mayorat deines Bruders.“ „Du ſprichſt als mexikaniſcher Grande;”“ verſetzte der Oberſt lächelnd. „„Und als ſpaniſcher.” „Aufrichtig geſagt, die Grandezza wundert es nicht wenig, wie du es in Mexiko aushalten kannſt. Die Welt will wiſſen, daß du Abſichten habeſt auf eine Espece von Präſidentur, wie die der estados unidos. „Pah,“ verſetzte der Conde,„wenn man Grande von Spanien und Mexico iſt, und ein jährliches Einkom⸗ men von ein paarmal hunderttauſend Duros beſitzt, dann meinte ich, ſollte einem die Luſt vergehen, ſich für fünf und zwanzig tauſend per annum zur Zielſcheibe des Volkswitzes herzugeben. Man muß jedoch was man be⸗ ſitzt zu erhalten ſuchen, Ildefonſo. Und aufrichtig ge⸗ ſagt, ſo ſind unſere Baſitzungen, ja unſere Exiſtenz ge⸗ fährdet, es mag die eine oder andere Partei obſiegen.“” „Das ſagte ich auch,“ bekräftigte der Oberſt, der bloß auf den erſtern Theil der Rede des Conde gehört hatte.„Du biſt zu ſtolz, um dich mit dieſem Pöbel⸗ haufen einzulaſſen. Zudem mit dem Plane, der einmal auf dem Tapete war, da wird nichts daraus. Die Cor⸗ tes ſind dagegen.“ „Du meinſt das Projekt, den Infanten Don Car⸗ los oder Francisko zum König von Mexiko zu haben?““ „Fernando würde es nimmer zugeben. Zudem ſind ſie ſo elende Kreaturen, wie dieſer Fernando. Todos diablos! Weißt du, daß er allerunterthänigſt bei Pepe angeſucht hat, ihm gnädigſt ſeinen Orden zu verlei⸗ hen. Er, der König Spaniens bittet fußfällig um die Orden des Uſurpators! Carracco! Unterdeſſen ſcheinen die Angelegenheiten des armen*) einäugigen kleinen Pepe nicht ſehr gut mehr zu ſtehen,“ fuhr der Oberſte fort, denn die ſeines großen Bruders gehen den Krebsgang. Es ſind Nachrichten von London bis zum erſten Januar hier— ſo höret doch San Jago— Nachrichten von Mos⸗ kau oder Berezina, wie die Oerter dieſer Barbaren hei⸗ ßen, wo er ſich hingewagt. Doch—”* „Glück zu,“ ſprach der Conde. Ich weiß es—” „Kümmerſt dich aber nicht darum. So ſeid ihr Mexikaner alle, ihr kümmert euch nichts um Europa.“ „Sehr viel,“ erwiederte der Conde;„denn auch wir wünſchen die Befreiung der königlichen Familie, ſehr, ſehr. Wir brauchen einen König, gerade ſo wie die *.) Bekanntlich hatten die ſpaniſchen Mönche ausgeſtreut, Joſeph Napoleon ſei einäugig, ein Umſtand, der nicht wenig zur Aufregung der Gemüther beitrug. „, — 25, Wölbung einen Schlußſtein braucht. Einen König, er ſei noch ſo ſchlecht. Nur einen König will Mexiko. Es ſeufzt nach einem König. Gibt man ihm nicht den Kö⸗ nig, kann er ſich nicht bei Zeiten feſtſetzen, Wurzel ſchlagen, ſo muß eine Republik kommen. Aſanza) hat ganz recht, jeder Augenblick Zögerns untergräbt das mo⸗ narchiſche Syſtem mehr und mehr.“ „Sehr wahr; aber was iſt zu thun?“ „Für uns vorläufig nichts anderes, als zu trachten, daß wir, die die großen Intereſſen des Landes am meiſten angehen, die Fäden der Gewalt in die Hände bekommen, die den eurigen mehr und mehr entſchlüpfen; denn ge⸗ langen ſie in die der Demokraten, ſo ſind wir verloren.“ „Sehr wahr; aber wir können nicht, dürfen uns nicht zu den Rebellen ſchlagen, nicht einmal in Ver⸗ bindung mit ihnen treten. „Es iſt etwas ganz anderes in Verbindung mit ihnen zu treten, und ſie benützen, zu höheren Zwecken zu lenken.” „Und thut ihr dieß? Perdon meiner albernen Frage, obwohl ſie nicht übel gemeint war.“ Der Conde ſchien ihn überhört zu haben.„Du *) Geſandter des ſpaniſchen Hofes bei den Vereinigten Staaten rieth dringend, einen ſpaniſchen Prinzen nach Mexiko zu ſenden, weil nur ſo dieſes Reich der Krone er⸗ halten werden könnte. Der. Virey III. 17 — 239— irreſt,“ ſprach er nach einer Weile,„wenn du glaubſt, ich würde dir etwas verhehlen. Deine Intereſſen ſind auch die Unſrigen, und wir müſſen den Stand derſelben genau kennen. Macht beruht auf Erkenntniß.“ „Ich bin angewieſen, mit dir in Uebereinſtimmung zu handeln.“ „Unſere Aufgabe muß ſein eine dritte Partei zu bilden,“ bemerkte der Conde,„eine Partei, die unab⸗ hängig, gleich einer neutralen Macht in mitten der beiden erbitterten Kämpfer, und doch über denſelben ſtehend, den Ausſchlag zu geben im Stande iſt, die Zügel der Re⸗ gierung ſelbſt im Nothfalle zu übernehmen fähig wäre, bis Don Carlos oder Francisco dieß könnte; denn die Grundpfeiler eurer Gewalt ſind ſo morſch, ſo erſtorben, und verwittert, daß ſie wahrſcheinlich, treffen nicht ganz beſonders günſtige Umſtände zuſammen, in einander ſtür⸗ zen beim erſten Windſtoße. „Ich dächte doch, dieſer Winoͤſtoß wäre gekommen,“ entgegnete der Oberſte.„Die Rebellion währt jetzt bei⸗ nahe zwei Jahre, und die Rebellenheere erſtehen wie die Pilze auf allen Seiten.“ „Indianer und Meſtizen,“ entgegnete der Conde; „aber keine Creolen. Du vergißt, daß eine Million Creo⸗ len nicht nur neutral iſt, ſondern wirklich gegen die Re⸗ bellen dient und ficht. Dieß wird nicht ewig dauern. Und ſobald dieſe wanken, und ſich von euch wenden, ſo iſt Mexiko für Spanien verloren. Jetzt will es noch einen — 259— König. Erlangt es dieſen nicht, ſo haben wir eine Re⸗ publik zu gewärtigen.“ 4 „Hohl ſie der Teufel mit ihrer Republik! War nur ein paar Wochen in der ſogenannten großen Repu⸗ blik, bekam ſie ſatt. Es iſt ein proſaiſch gemeines Leben in einer ſolchen Republik; kein Licht, kein Schatten, alles flach. Nichts Großartiges, hörſt du, San Jago, eine Republik braucht ſtarke Nerven.“ „Deine Bemerkungen ſind ganz richtig; ich fürchte keine Republik für Mexiko, ausgenommen wir begehen den Fehler, und laſſen uns, wie geſagt, die Fäden ent⸗ winden.“ „Und du glaubſt eine Republik ſei für Mexiko nicht zu fürchten?“ „ Für die Dauer nicht, für einige Jahre vielleicht, aber nicht für lange.“ „Und warum?“ „Weil eine Republik, ich meine eine wahre Repu⸗ blik nicht ohne Selbſtherrſchaft jedes einzelnen Bürgers beſtehen kann, und dieſe Selbſtherrſchaft wieder nicht ohne einen hohen Grad polieiſcher Aufklärung, die über die ganze Nation verbreitet ſein muß. Denn fehlt ſie auch nur einer Kaſte, einer Klaſſe, gibt ſich auch nur eine als Mittel her, ſtatt als Zweck aufzutreten, ſo iſt das Gleichgewicht ſchon geſtört, und dieſe Kaſte wird früher oder ſpäter das Mittel zur Unterdrückung der Frei⸗ heit der Uebrigen. Wir, die wir unter unſern ſieben — 260— Millionen Seelen, ſechs Millionen Material haben, er⸗ mangeln, wie du ſiehſt, der Hauptbedingung einer Republik, ich meine einer Republik, wie ſie ſein ſoll, nämlich die der esrados unidos, der einzig wahren, die je beſtand.“ Der Oberſte hatte aufmerkſam zugehört, denn die Wort ewaren in einem gefällig leichten eindringlichen aber nichts weniger, als belehrenden oder pedantiſchen Tone geſprochen, ſo wie die ganze Unterhaltung ungemein leicht, und mehr den Anſtrich des Zufälligen hatte. Der Conde fuhr auf dieſelbe Weiſe fort. „Aber das Glück, die Größe einer Nation, beſteht ſo wenig in ihrer Regierungsform, als das Glück des Bürgers in der Facade des Hauſes beruht, das er be⸗ wohnt; wenn dieſes nur ſeinen Umſtänden angemeſſen, und bequem iſt. Wir ſind für eine Monarchie geſchaffen.“ „Donc!“ ſprach der Oberſte. „Wir haben eine Grandezza, eine reiche Grandezza, vielleicht die reichſte der Welt. Wir haben eine wohlhabende Nobilitad. Wir haben Gremios, unſere Paiſanos, unſere Gavillas, und endlich unſere Leperos. Wir haben eine Hierarchie aller Stände, und ſo Materialien, zu einem tauſendjährigen Reiche. „Bei meiner Seele!“ lachte der Oberſte.„Ver⸗ dammt ſchlechte Materialien, hörſt du.“ „Vielleicht nicht ſo ſchlecht; wenn du die Sache genauer betrachteſt, ſo wirſt du finden, daß es gerade — 261— mit ſolchen Materialien war, wie wir ſie haben, daß unſere Madre Patria und Francia ſo großes leiſte⸗ ten. Analyſire einmal die große Nation in ihre Be⸗ ſtandtheile, und du wirſt ſie nichts weniger als grandios finden. Wo alle aufgeklärt ſind, wie in den estados unidos, da iſt die Regierung immer ſchwach. Wo ganze Maſſen in Unwiſſenheit vergraben ſind, da kann durch aufgeklärtere, Großes bewirkt werden. Als Reich haben wir daher vor unſern Nachbarn einen Vortheil voraus.“ Der Oberſte ſchüttelte den Kopf. „Als Reich gehen wir einer großartigeren Beſtim⸗ mung entgegen, als die ſtolzeſte Phantaſie zu träumen vermag. Unſer Land iſt der Ring, der die zwei Hälften des ſchönſten und größten Welttheiles verbindet. Es ſteht in unſerer Macht, die Pforte zu werden, durch die der Handel der Welt geht. San Ildefonſo! Nur dieſe Meerenge von Panama durchſtochen, und alle Völ⸗ ker der Erde bezahlen Mexiko Tribut.“ „Wahr,“ ſprach der Oberſte. „Es ſind Materialien zu der prachtvollſten Monar⸗ chie der Welt, aber wenn wir den Zeitpunkt verſäumen, die Criſis vorübergehen laſſen——“ „Was zu thun? ich bin ein geborner Spanier, mein 9 7 Eid, meine Pflicht——“ „Binden dich an König und Vaterland. Bleibe du beiden getreu. Unſere Wege gehen zum Theile gemein⸗ ſchaftlich, unſer Intereſſe iſt ganz dasſelbe, und dieß — 262— kannſt du auch in deiner gegenwärtigen Lage fördern, Mittel und Wege wollen wir dir bei Zeit und Gelegen⸗ yeit offenbaren.“ „Aufrichtig geſagt, ich liebe dieſe neuen Throne nicht.”“ „Auch ich nicht,“ verſetzte der Conde;„aber etwas ganz anders iſt es um eure europäiſchen Miniaturthrone, und etwas anderes um den tauſendjährigen Thron der Monteezoumas, den die Natur ſelbſt errichtet, und der einen Fuß im ſtillen Ozean, und den andern im Welt⸗ meere ſtehen hat.“ „Du ſiehſt die Lage der Dinge großartig an,“ ſprach der Oberſte,„ſehr großartig. Ich bewundre dich— Wohl ſehe ich, daß dieſes Land einem neuen Geſchicke entgegengeht, daß es geleitet wird durch eine gewaltige, aber unſichtbare Hand. Du wirſt dich nicht mit der Canaille einlaſſen.— Alſo eine Mittelpartei willſt du bilden, aus Creolen und Spaniern.— Wohl, ich bin einverſtanden, und ſtehe dir zu Dienſten mit meinem Regimente, wann und wo du mich brauchſt. Du unternimmſt doch nichts gegen das Königthum?“ „Nein!“ war die Antwort. Jetzt ſtanden ſie am Ausgange der Plazza; herüber ſchaute der Itztaccihuatl in ſeinem ſchneeweißen Gewande, ſo hehr, ſo keuſch, ſo rieſig, die Schneefelder erglänzten ſo prachtvoll. Beide ſtanden im Anſchauen der hehren Nachtſcene verloren. ⸗— 263— „Die Werke der Natur bleiben ewig, die der Men⸗ ſchen zerſtören ſich ſelbſt im Radlaufe der Zeit. Vor weniger denn dreihundert Jahren ſtand hier der Teocalli Mexicotls, der Palaſt Monteezoumas.“ Er deutete bei dieſen Worten auf die Cathedralkirche und den Palaſt des Vicekönigs.— In zehn Jahren wird auf den Trümmern beider eine neue Geſtaltung erſtanden ſein.“ Sie waren am Eingange der Tacubaſtraße angekom⸗ men, wohin ihnen der Wagen des Conde nachgefolgt war. Starke Infanterie⸗ und Cavallerie⸗Piquete hatten dieſen Ausgang beſetzt, die ſich auf den Wink des Ober⸗ ſten öffneten. Der Conde war im Begriff in den Wa⸗ gen zu ſteigen, als aus der Tiefe der Straße herauf Glockengetön, und das Kreiſchen von Stimmen, die Li⸗ taneien abſangen, heraufſchallte. Als die Reiter dieſe Töne hörten, ſprangen ſie von ihren Pferden, die Infan⸗ terie warf ſich auf die Knie, und die Tauſende in der Straße und auf der Plazza folgten ihrem Beiſpiele. Eine lange Todesſtille unter den vielen Tauſenden, wäh⸗ rend welcher der Wagen im Fackelſcheine näher kam. Es war ein ſeltſam gebauter offner Wagen, in dem ein Prie⸗ ſter im Ornate ſaß, vor ſich auf der Bruſt mit beiden Händen eine Art Scapulier haltend, mit dem er das Volk links und rechts ſegnete. Der Wagen war mit Maul⸗ thieren beſpannt, und umringt mit dreißig jungen Geiſt⸗ lichen und Kirchendienern, in weißen und rothen Gewändern, die Litaneien ſangen, und ein betäubendes Glockengetöne — 204—. erſchallen ließen. Er zog langſam der Cathedrale zu. Wäh⸗ rend der ganzen Zeit waren Volk, Fußgänger und Reiter auf der Erde gelegen. Erſt als der Prieſter innerhalb der Pforten der Cathedrale verſchwunden, erhob ſich das gläubige Volk. „Es iſt Poeſie in dieſem Spektakelaufzuge,“ ſprach der Oberſte, indem er ſich von der Erde erhob. „Eine gräßliche Poeſie; aber wir verdanken ihr eine ſchöne Wirklichkeit.“ „Du biſt ein wahrer Ariſtokrat, ein geborner Ari⸗ ſtokrat,“ lächelte der Oberſte. „Das bin ich, Gott ſei dank,“ ſprach der Conde. „Adios!* Fünfzigſtes Capitel. God dam! moi j'aime les Anglais, Ils ont un si bon caractère; Comme ils sont polis, et surtout Que leurs plaisirs sont de si bon goùt! Béranger. Err war raſch in den Wagen, der in der dunkeln Ecke gehalteu hatte, eingeſtiegen. Das Vollmondsgeſicht Miſter George W—ns ſchaute ihm aus dieſem entgegen. „Miſter W— n,“ ſprach der Ariſtokrat, nicht un⸗ augenehm wie es ſchien, überraſcht.„Schon zurück? Es freut mich Sie zu ſehen, obwohl Sie ſich hier einer ſehr großen Gefahr ausſetzen.“ „Weiß es, weiß es, theurer Conde;“ verſetzte der Britte mit einer etwas hohlen Stimme.„Sie vergeben, daß wir uns in Ihr Eigenthum während Ihrer Abweſen⸗ — 290— heit eindrängten. Aber Ihre Lanoͤsleute ſind ſo verdammt katholiſch, daß ſie einen Ketzer wie wir—” „Einigermaßen in Verlegenheit bringen könnten,”* verſetzte der Conde.„Nicht wahr?”“ „Iſt ein wahres Banditen⸗Geſindel, Conde, dieſe ihre Nation mit ihren Stiletten. Zum Glücke, daß ich Ihren Wagen vor dem Pallaſte halten ſah, und da ich ohnedem nothwendig mit Ihnen zu ſprechen hatte—” Der Conde wisperte ihm ein bedeutſames„Stille!““ zu, denn ſie waren nun in die Mitte der Straße und einer ungeheuren Volksmenge eingefahren. Dieſe ver⸗ hielt ſich, ganz gegen ihre ſonſtige Gewohnheit, ungemein ruhig, wogte auf und nieder, kam an die Reiter⸗ Piquets heran, betrachtete ſie eine Weile, und zog ſich wieder zurück, um andern Schaaren Platz zu machen. Die Menge ſchien in großer Spannung auf irgend etwas zu warten, und die Einfuhr des Wagens verſetzte ſie in eine leichte Gährung. Es ließen ſich dumpfe Vivas hören, die von einem Gemurmel begleitet waren, das zwar nur in einzelnen Worten beſtand, die aber wie Lauffeuer von Munde zu Munde gingen, eine Art Telegraphenſprache, die in einzelnen Sätzen blitzesſchnell durch die Menge lief. So viel war zu entnehmen, daß die Volksmaſſe zum Theil in Geheimniſſe eingeweiht war, die für ſie von großem Intereſſe ſein mußten, denn ſie benahm ſich mit einer Kaltblütigkeit, die offenbar die Soldateska, die wie Bluthunde nur auf das Zeichen zum Losbrechen wartete, —— — 267— einſchüchterte. Auch war es nicht mehr die bunte grelle Miſchung von Nacktheit, Schmuz und Verworfenheit; es waren größtentheils anſtändig, zum Theile reichgekleidete Creolen. Mehrere Hundert bildeten ein Spalier, durch die der Wagen langſam rollte. „Siehſt du,“ wisperte unſer Don Pinto dem Ma⸗ jor Galeana zu, der am untern Ausgange der Straße den Rücken an die Statue eines Heiligen gelehnt die Be⸗ wegungen der Maſſen ſorgfältig beobachtet hatte.„Car⸗ racco! Wir haben eben ſowohl unſere Escoltas*) wie eure Morellos und Vittorias.“ „Nur daß ſie nicht Pulver riechen können.“ „Im Gegentheile,“ erwiederte der Don.„Du kannſt ihnen keinen größeren Gefallen thun, als wenn du ein paar Tauſend Duros in fuegos de polvera**) auf⸗ krachen läßt. Blei darf jedoch nicht dabei ſein, aber in ſolchen Dingen,“ er deutete auf die Volkshaufen,„do ſind ſie Meiſter.“ „Es iſt wirklich ſeltſam;“ bemerkte Don Galeana. „Gar nichts Wunderbares. Sieh, wir haben ein *) Escorte. Jeder der Patriotenanführer hatte eine ſolche, die beſſer bekleidet, bewaffnet und beritten als die ubrigen Truppen, ſtets um den Anführer ſein mußte. **) Feuerwerke. Die Indianer ſind außerordentliche Lieb⸗ haber von ſolchen, und bei jedem größeren Kirchenfeſte wer⸗ den deren abgebrannt. — 268—. paar hundert Correos,*) wie wir ſie nennen, und zwar aus allen Ständen, aus den cinco gremios, Escri⸗ banos, Mayor domos, Evangeliſtas, Padres, verſteht ſich indianiſche, alle und alle. Wenn wir etwas recht geſchwinde bekannt haben wollen, ſo flüſtern wir es bloß einem aus jedem Gremio in die Ohren. Sie ſind un⸗ ſere Zeitungen. Carracco! die Reſultate der heutigen Bonanza**) in der Caſa des Conde ſind bereits in dem Munde von fünfzigtauſend Creolen.” „Pah, und was weiter?“ „Muß doch etwas helfen, denn das Volk iſt heute ganz anders. So habe ich es nie geſehen. Kein Scherz, kein einziger Grito; aber wenn Mexiko je zum Losſchla⸗ gen bereit war, ſo iſt es heute der Fall.”“ „Und warum nicht losſchlagen?“ „Das kann ich dir nicht ſagen, weil ich es nicht weiß. Wah ccheinlich, weil die Zeit noch nicht da iſt.“ „Ich fürchte, man treibt mit uns dasſelbe Spiel, wie es mit den Gachupins getrieben wird, und die No⸗ bilitad iſt der Kartenmiſcher.“ „Wenn ſie es iſt, ſo miſcht ſie fein und bewun⸗ dernswürdig, glaube es mir;“ verſetzte der Don.„Me⸗ riko fängt an auf ſeine Ariſtokraten etwas zu halten.“ „Pah,“ verſetzte der Mayor.„Sklaven—“ *) Couriere. *) Ausbeute. — 269— „Es iſt keine Kunſt, von Freiheit zu ſchwadroniren in eurem Cuautla Amilpas, wo ihr von zehntauſend In⸗ dianern mit Lanzen und Musketen umgeben ſeid; aber verſtehſt du, hier, in Mexiko, den Tyrannen die Spitze zu bieten, ſo wie man es heute gethan. Ehre, dem Ehre gebührt. Silencio jedoch, unſere Triumphe ertragen das Tageslicht nicht. Und nun Adios! Du mußt hinab nach Cuautla über Marquez de la Cruz. Dein General iſt denſelben Weg, den letzten Nachrichten zufolge, die wir haben.” „Beantworte mir eine Frage. Können wir dem Conde trauen?“ „Das weiß ich nicht. Daß er arbeitet, für Me⸗ xiko arbeitet, das iſt gewiß, ob aber für euch, das iſt eine andere Frage. Darauf wollte ich aber wetten, daß er weder Vincente Guerero, noch Padre Morelos zu Königen von Mexiko haben will; und nun Adios zum zweiten und letzten Male.“ Er war mit dieſen Worten in eine Seitenallee ei⸗ nige Schritte hineingeſprungen, kam jedoch in dem⸗ ſelben Augenblicke mit einem„Carracco que todos De- monios! sta aqui!“*) zurück. 4 „Que es este?**) fragte der Major, der ſtehen geblieben war. *) Alle Teufel! Stehe! **) Was giebt’s? — 270— „Uno matado,“*) rief Don Pinto lachend, der wieder vor trat und ſich zur Erde kauerte. Es war der Körper eines Gemeuchelmordeten, der nach dem leiſen Todesröcheln zu ſchließen, die tödtliche Wunde noch nicht lange erhalten hatte. Die beiden ſchlepp⸗ ten ihn der nächſten Lampe zu, in deren Schein ſie die Todeswunde kaltblütig und neugierig unterſuchten. „Muy bien, prächtig getroffen, es iſt der Stich Jo⸗ ſes,“ ſprach der Don lachend, und zwar ein Dublon⸗ ſtich. Iſt gewiſſenhaft dieſer Joſe, hat ihn in der Allee niedergeſtoßen.“ und mit dieſen Worten ließen die Beiden den Getöd⸗ teten wieder zur Erde nieder. Don Galleana ſprang den Paſeo hinab, Don Pinto auf den Wagen des Conde zu, der ſo eben in die Allee einfuhr, und in den er ſich, ohne ein Wort weiter zu verlieren, hineinwarf. „So may G— d damn you to hell!“ brummte Mister George dem Creolen zu, den er mit aller Macht von ſich zu ſchieben bemüht war, während dieſer in ein lautes Gelächter ausbrach. „Glauben Sie meine Zehen ſind Pferdehufe?°*) *) Einer todt. **) Solche Predigten, in denen geradezu geſagt wurde, daß den Ketzern Hörner und Hufe wüchſen, waren bis zum Jahre 1828 noch häufig zu hören. „ „Das nicht,“ verſetzte der junge Don lachend; aber daß Sie allerdings Hufe haben, mögen ſie von allen Kanzeln bekräftigt hören. Wenn ich morgen Padre Do⸗ mingo beichte, daß ich neben einem Ketzer geſeßen, ſo gibt er mir wenigſtens zweiundſiebenzig Roſarios*) zu beten auf.“ „Und werden Sie beten?“ fragte der Britte. „Das nicht, aber koſtet mich einige Duros, ſie beten zu laſſen.“ „Haben doch eine verdammt bequeme Religion!“ murmelte der Miſter. „ Unſchätzbar in dieſem Punkte,“ bekräftigte der junge Don.„Um fünf Duros können Sie für jeden Stilettoſtich abſolvirt ſein, und iſt es ein Herege wie Sie, ſo erhalten ſie die Abſolution umſonſt, und eine Indulgencia plenaria zwanzig Duros werth, obendrein. Aber, Carracco! dachte, Sie wären in Senora oder Santa Fe oder Durango**) oder gar im Paradies.“ „Bei meiner Seele! ohne die Escolta Sr. Excellenz *) Ein Roſenkranz; eine Anzahl Kügelchen, die einzeln abgezählt werden, und wobei ſtets ein ſogenanntes Ave Maria gebetet wird— abwechſelnd mit Vaterunſern.— Die Anzahl derſelben beläuft ſich auf ſechzig bis ſiebzig. **) Nördliche Staaten von Mexiko; Durango, die Hauptſtadt des Staates gleichen Namens, gegenwärtig Vit⸗ koria, zu Ehren des Präſidenten Vittoria, der in dieſem Staate geboren wurde. 9279 — 212— hätte nicht viel gefehlt, und ſelbſt mit dieſer waren wir ein Dutzendmal in Gefahr, als Ketzer zerriſſen zu werden. Beſſere Dienſte hat uns Ihr Padre gethan, Conde.“ Er hat dieſe Worte in geläufigem Spaniſch geſpro⸗ chen, hob aber jetzt engliſch an. „Alſo dieſen Vanegas laſſen wir auf alle Fälle wie und wo er iſt. Hierin ſind wir einverſtanden nicht wahr? Der Conde bejahte es. „Mit den beiden Häfen gleichfalls?““ „Gleichfalls,“ verſetzte der Conde. „Und das Geſchäft?““ „Müſſen Sie nothwendig wieder mit dem Conſulado theilen, wenn Sie klug ſind.“. Der Britte kratzte ſich hinter den Ohren. „Sonſt verderben Sie den Virey und ſich ſelbſt, Mister W— n. Vergeſſen Sie überhaupt nie, daß Sie in Mexiko ſind, wo es weiter nichts bedarf, als daß einer vom Conſulado, ſo wie Sie Abends über die Straße gehen, Herege rufe, um Sie in die andere Welt zu beför⸗ dern, ohne daß es ihm einen Medio koſtete. Vergeſſen Sie auch nicht, daß Sie in einem Lande leben, wo der geringſte, ſich alles Ernſtes, mehr dünkt als Ihr König, weil er ein älterer Chriſt iſt. Seien Sie klug Mister Wn.* „Ich ſehe, ich ſehe;“ ſprach der Britte,„wohl, wir wollen in Compagnie gehen. Mit Ihnen gehe ich — 273— gerne.— Hier iſt aber mein Haus. Ich danke Ihnen, Conde.”* Der Wagen hielt an, um den Britten abzuladen. „Carracco!“ rief der junge Don Pinto, als dieſer ausgeſtiegen war.„Ich haſſe dieſen Block von Fühllo⸗ ſigkeit und unerſättlicher Gefräßigkeit.“ „Stille, wir brauchen ihn,“ verſetzte der Conde. „Er iſt der Blutſauger Mexikos.“ „Noch mehr der Spion Mexikos.“ „Noch mehr der Spion des Virey.“ „Und Fernandos.“ „Und des Conde de San Jago.“ „Und Castlereaghs.“ „Und aller Welt.“ „Wenn ſie ihn bezahlt. Hält ſich aber, und nennt ſich, einen ſehr reſpektablen— ſehr reſpektablen— ſehr reſpektablen Charakter— Iſt ein wahrer Times⸗Charakter.“ Der junge Don lachte laut auf, erfaßte beide Hände des Conde, preßte ſie zuſammen, und küßte ſie, denn es waren die erſten launigen Worte, die aus des Ari⸗ ſtokraten Munde gehört worden. „Sehe ihn aber übrigens gerne„' bemerkte dieſer, „denn in der volksthümlichen Politik kann der dümmſte Britte dem geſcheidteſten Mexikaner noch als Lehrer dienen.“ Sie waren unter dieſen Worten vor der Villa ange⸗ kommen. Der Virey. III. 18 Einundfünfzigſtes Capitel. Wackre neue Welt Die ſolche Bürger trägt! Shakespeare. „Alſo wir ſollen des Fuero theilhaft werden, oder vielmehr Ihre Excellenz ſind gewillet, uns das Fuero zu ertheilen, uns in eine Geſellſchaft zu conſtituiren, die ſich verſammeln möge, wann und wo es ihr beliebt?“ fragte der Conde Irun. „„Zu Tertullias, Refrescos, Convitos, Sociedads, wenn es uns gefällt, ohne daß uns der nil habemus, Don Ruy Gomez, wie er getauft worden, befehlen dürfte, uns nach Hauſe zu packen;“ erwiederte lachend der Mar⸗ quis de Grijalva. „Si, si,“ bekräftigte der Marquis de Moncada, der ſich mitten in einer Gruppe von Cavalieren be⸗ fand, welche durch den Conde de R— a haranguirt wurden.„Eine Dankadreſſe an Se. Excellenz, den re⸗ gierenden Virey von Nueva Espanna für die väterliche Milde und Gnade mit der Hochdieſelbe das Land regiert, und die Energie, mit welcher Sie die Rebellion unterdrückt, und die Weisheit, mit der Sie die Ordnung zu reta⸗ bliren gewußt.“. „Da Se. Excellenz eine ſolche Dankadreſſe wün⸗ ſchen und genehmigen,” bemerkte der Marquis de Flon, „ſo „Se. Excellenz ſind ſo aimable, und Hochdero Wünſchen ſoll um ſo mehr ſchleunige Folge geleiſtet wer⸗ den, als Se. Exeellenz wirklich ſehr gnädig ſind. Nicht wahr?“ Die honigſüßen Geſichter der Grafen und Marquiſe zeugten von hoher innerer Freude. „Wiſſen Sie auch,“ bemerkte der Marquis de Mon⸗ cada,„daß alles recht artig geht.“ „Sehr artig,“ verſicherte der Conde R— a.„Con prudencia y Bnezza convenientes. Es wäre nur zu wünſchen, daß wir unſere Sociedad bereits conſtituirt hätten—“ Es fiel wieder ein anderer Conde ein.„Senores, ich glaube mit dieſem ſollten wir ſo viel als möglich ei⸗ len, ja dieſe Sociedad ſollte conſtituirt ſein, ehe die Dank⸗ adreſſe Sr. Excellenz überreicht wird.“ „Es würde allerdings von großem Nutzen ſein, 3 bemerkte der Marquis de Ch— l,„um ſo mehr als die * * — 210— ganze hohe Nobilitad in Cuerpo handelnd erſcheinen wür⸗ de. Wir könnten bei dieſer Gelegenheit zugleich die oſtenſiblen Zwecke unſerer Vereinigung proklamiren.“ „Die, verſteht ſich von ſelbſt,“ fiel ihm der Mar⸗ quis de Moncada ein,„in nichts anderem beſtehen, als die weiſen und energiſchen Maßregeln der Regierung zu unterſtützen, und die Ruhe des Landes herzuſtellen.“ „Bemerken Sie nur das artige hämiſche Lächeln, das um den Mund des alten Moncada ſpielt;“ flüſterte der Conde Irun dem Grafen Iſtla zu. „Natürlich,“ erwiederte der Conde R— a dem al⸗ ten Marquis.„Ganz natürlich, da denn doch die Ge⸗ ſellſchaft ſich bildet, und es gewiſſermaßen ihr Haupt— 3 zweck, die Regierung zu unterſtützen—“ „Es wird artig ſeyn, wenn wir, die hohe Nobili⸗ tad, eine ſolche Geſellſchaft bilden,“ meinte der alte Marquis. „Großartig,“ fiel der Conde R— a ein;„ver⸗ ſichere Sie, theurer Moncada, großartig. Wir werden unſern Präſidenten haben, Vicepräſidenten—”» .„Und warum nicht gleich zu ihrer Wahl vorſchrei⸗ ten? Warum uns nicht gleich conſtituiren? Wir haben die mündliche Erlaubniß. Laſſen Sie uns ſogleich an⸗ fangen.“ 1 „Sogleich, ſogleich!“ riefen alle jubelnd. „Ich ſchlage meinerſeits Conde N— a zum Präſiden⸗ ten vor;“ hob der Marquis Grijalva an. — 277— „Und wir den Marquis Grijalva zum Vicepräſiden⸗ ten;“ fiel der Marquis Ch—l ein. „Und den Marquis Ch— l zum Sekretair.“ „Bravo! Bravo!“ riefen alle. „Es werden als Geſetze unſerer Sociedad angenom⸗ men— pro primo.“ „Die Glieder der Sociedad werden im geheimen Scrutinio auf⸗ und angenommen, und zwar mit weißen Kugeln,“ fuhr der Conde R— a fort. „Eine abſolute Majorität nimmt an, eine Minder⸗ heit verwirft.” „Ohne Mitglied der Sociedad zu ſein, kann keiner in unſerer Verſammlung Zutritt haben— „Selbſt nicht, wenn es ein Oidor wäre,“ bekräf⸗ tigte der Conde Iſtla. „Bravo!“ riefen wieder alle. „Die Geſellſchaft hat ihre Correſpondenten,“ fügte der Conde Irun bei;„auch können Mitglieder aus, und in allen Theilen des Reiches, verſteht ſich von Mexiko, auf⸗ und angenommen werden.” „Es iſt dieß allerdings ein Opfer,“ bemerkte der Marquis Moncada mit zuckerſüßem, aber etwas tückiſchem Lächeln;„ein gewiſſermaßen bedeutendes Opfer, das die Nobilitad der hohen Regierung bringt.“ „Sie meinen, daß ſie in ihre Sociedad Criollos, und bloße Hidalgos zuläßt?“ fragte der Marquis Ch—l ein wenig verwundert. — 278— „Aufzuwarten, theurer Ch— l;“ erwiederte jener. „Es iſt eine Herablaſſung von Seiten des Adels. Da jedoch der Regierung in ihrer gegenwärtigen Criſis—“ „So ſehr daran gelegen iſt, ihren moraliſchen Ein⸗ fluß zu verſtärken,“ fuhr der Conde R— a mit demſel⸗ ben feinen Lächeln fort,„und dieß nur durch eine raſche und weite Verzweigung bewirkt werden kann, ſo wollen wir allerdings dieſes Opfer bringen und als Statut auf⸗ nehmen, daß nicht bloß Glieder der hohen Nobilitad ſon⸗ dern auch Caballeros überhaupt, das heißt Blancos und ſelbſt Gachupins aufgenommen werden mögen.”“ „„Selbſt Gachupins,“ lachten alle herzlich vergnügt. „Und wir ſchlagen vor,“ fuhr der Conde R— a fort,„daß alle die gegenwärtig ſind, als Glieder der Sociedad anerkannt werden, und daß der Marquis de Ch-—l die Statuten derſelben aufſetze, auf daß ihre Con⸗ firmirung ſogleich nachgeſucht werden möge.“ „Bravo! Bravo!“ riefen alle jubelnd; dann ſahen ſie ſich lächelnd ſchlau an, nickten ſich einander beifällig zu, und hielten inne. Die lauten Stimmen wurden zum leiſen Geflüſter, und als ſie ſich wieder lauter erhoben, war der Gegenſtand der Unterhaltung ſo ganz verändert, daß auch kein Wort mehr von Adreſſen oder einer zu conſtituirenden Geſellſchaft zu hören war. „Alſo unſer theurer Conde Jago iſt für heute nicht mehr zu ſehen,“ hob endlich der Marquis de Mon⸗ cada wieder an. — 279— „Er läßt ſich recht dringend entſchuldigen, da er bei ſeiner Nachhauſefahrt ſich leicht verkühlt und ſogleich in ſein Appartement zurückgezogen;“ meldete der alte Ma- yor domo. „Se. Herrlichkeit ſind jedoch wohl?“ lächelte der Conde R— a. „Sehr wohl, ſehr wohl. Nur bedürfen Sie der Ruhe,“ verſicherte der Graf Almagro. Die Condes und Marauiſe lächelten wieder, und ſchienen die Abweſenheit des Hauswirthes ganz und gar zu ignoriren. „Wiſſen Sie aber Conde R— a,“ bemerkte der Marquis de Vibanco,„ daß ganz Mexiko voll iſt von ſeiner Heldenthat, und daß alle, die wir geſehen haben, Major Ulloa ſein Schickſal recht ſehr gönnen.“ „Es kommt inſofern à propos,“ erwiederte der Conde R— a,„als es zeigt, daß der hohen Nobilitad auch heißes Blut inwohnt! Aber der arme Junge.“ „Je nun, der wird in der Ketzerrepublik Beefſteaks eſſen.”“ „Alſo Mißherr, der Ingleſe iſt wieder zurückgekom⸗ men?“ fragte der Conde Irun.. „Heute acht Uhr Abends,“ verſetzte der Marquis Grijalva. „A propos Marquis,“ ſprach der von Moncada. „Sagen Sie mir, wo eigentlich dieſes Ingleterre liegt? Es iſt eine Intendanz, die der Madre Patria gehört, — 280— und die von Philipp II. erobert, und der Krone von Spa⸗ nien einverleibt— „Ganz richtig,“ „werden ſollte.“ „Wir haben ein Buch,“ fuhr der alte Marquis fort,„wo das alles darinnen ſteht. Dieſe Ingleſe ſind eine Art Ketzer, die Sr. katholiſchen Majeſtät Tribut an Tuch und Strumpfwaaren bezahlen.“ „Auch Meſſer und Gewehre liefern,“ bemerkte der junge Conde lächelnd. „ Die letzteren ſind ſehr unſchuldig, lieber Marquis,“ entgegnete der von Ch— l,„beſonders die von Birming⸗ ham. Die Patrioten von Carraccas hatten eine Lieferung von zehntauſend gekauft, und in der Schlacht wollte kein einziges losgehen.” Der alte Marquis de Moncada ſchüttelte verwun⸗ dert den Kopf.„Madre de Dios! Das iſt ja herr⸗ lich. Hätten wir ſie doch bei unſerer Revue gehabt, un⸗ 1 bemerkte der Conde Almagro, ter weiland Sr. Excellenz Conde Galvez, wo wir als Oberſter—“ „Todesangſt ausſtanden,“ half ihm der Conde Al⸗ magro. „Aber ſagen Sie mir, Conde Almagro, iſt denn Sir George Wn wirklich ein Lord? Wie viele Ah⸗ nen hat er?“ fragte der zahnloſe Marquis ungemein behaglich. — 281— „Pah, keine zwei,“ verſicherte Conde Almagro. „Er iſt bloß Mitglied des Conſulado von London. Wäre neulich in der Plateria⸗Straße beinahe niedergeſtoßen worden.“ „Ah, weil er nicht niederkniete, als der Carro de Dios vorbeifuhr;“ fiel ihm der Marquis ein. „Madre de Dios! Sah er denn nicht die dreißig Acolythos, und hörte er nicht die Glocken?“*) 8 „Es ſind ja Hereges, die Ingleſe alle zuſammen;“ bemerkte ein Beiſtehender. „Madre de Dios!“ rief der alte Marquis wieder. „Gott ſei Dank! wir ſind viejos Christianos. Mußte aber doch neulich im Theater lachen über den Buffo, den dicken Filippo, als der Carro de Dios vorfuhr, und er als Papageno niederknieen mußte, der dickſte Papageno, den Sie je geſehen, und als er ſo kniete, konnte er nicht aufſtehen. Mußten ihm mit einer Stange aufhelfen. Wa⸗ ren noch die Glocken zu hören, aber das ganze Theater lachte ſehr, ſehr. War aber auch zum Todtlachen. Sehr komiſch, nicht wahr?“ „Sehr komiſch,“ verſicherte ihm der junge Almagro. Der alte Marquis hatte in der angenehmen Unterhal⸗ tung ganz überſehen, daß bereits die meiſten Cavaliere den Saal verlaſſen hatten. Er nahm nun eiligen Abſchied *) Siehe Note. — 282— 2 von den Anweſenden und ließ ſich vom Mayor domo. Itzlan und Federigo die Staatstreppe hinabbegleiten. „Itztlan,“ ſprach der Mayor domo zum Oaxaca⸗In⸗ dianer, der verdrießlich brummend die Stiegen hinauf⸗ ſchritt.„Was ſchauſt denn du, als ob du noch heute an den Temalacatl*) gebunden werden ſollteſt?““ Der Indianer gab keine Antwort. „Iſt es die Dankadreſſe an den Virey, für die Milde und Gnade, die dir den Appetit verdorben?“ Der Indianer knirſchte mit den Zähnen. „Tröſte dich Itzlan,“ ſprach der Mayor domo. „Weißt du nicht, daß die Teopixqui,**) wenn dem Me⸗ rikotl einen Kriegsgefangenen opferten, ſie dieſem zuerſt Muſik machten, Blumen ſtreuten und Wohlgerüche dar⸗ brachten, und ihn fett machten?“ „Wer iſt der Gefangene?“ fragte der Indianer be⸗ deutſam.„Itztlan fürchtet, das arme Mexiko wird es, und die Caballeros werden die falſchen Teopixqui ſein.” „Weiß nicht, kann dir alſo nicht beſtimmte Ant⸗ wort geben,“ verſetzte der Mayor domo.„Biſt du nie *) Der Stein, auf dem die Kriegsgefangenen der alten Mexikaner kämpften mußten. **) Azkekiſche Prieſter der alten Mexikaner. =— 283— neben den Orgelpfeifen geſtanden, wenn der Organiſt zu ſpielen angefangen?“ fragte er wieder den Indianer. „Nein,“ verſetzte dieſer. „So verſuch's einmal. Morgen zum Beiſpiel— und du wirſt ſehen, wie jede dieſe Orgelpfeifen einen verſchiedenen Ton von ſich giebt, einige brummen, an⸗ dere pfeifen, andere ſchreien wie Conzontlis, und doch vereinigen ſich alle in eine Harmonie; warumn, weil eine einzige Kraft es iſt, die ihnen den Athem entlockt. Itzt⸗ lan, kennſt du die Kraft nicht, die unſere Caballeros in Athem verſetzt, ſo daß es ihnen aus der Bruſt auf⸗ ſteigt, und zu Worten wird?“ „Kenne ſie nicht.“ „Es iſt ein gefährliches Orgelſpiel, lieber Itztlan, aber ſie ſpielen nach ihrer Weiſe. Jeder nach ſeiner Art. Das Spiel geht hoch. Wer wird es gewinnen?“ „Das ſonderbarſte,“ fiel Federigo ein,„daß unſere Nobilitad ſich in einen Cuerpo vereinigt, eine Geſell⸗ ſchaft zur Aufrechthaltung der Gachupins und des Vi⸗ rey, den Niemand mehr mag.“ „Das iſt ſonderbar,“ verſetzte der Mayor domo mit einem einfältig ſchlauen Lächeln.„Tröſtet euch aber, Itztlan und Federigo, es hat einen Haken.” „Wollte die heilige Jungfrau, er wäre ſo ſtark und lang, daß alle ſechzigtauſend Gachupins daran gehängt werden könnten.“ — 284— „Kann ſein, daß er ſo lange wird,”“ brummte der alte Mayor domo in ſich hinein.„La Vierge assiste. Es iſt ein chriſtlicher Wunſch. Horch, die Glocke aus dem Studierkabinette des Grafen.“ . Zweiundfünfzigſtes Capitel. Chi va piano, va sano, Chi va sano, va lontano. Ital. Sprichwort. Ein mäßig großes Kabinett mit Roſenholz getä⸗ felten Wänden, Bücherſchränken von derſelben koſtbaren Holzart, Fauteuils und Ottomane mit rothem und grünem chineſiſchen Atlas überzogen, der Marmorfußboden mit türkiſchen Tapeten belegt. Durch eine offen ſtehende Thüre ſah man in das Ankleidezimmer, das Schlafkabinett, das marmorne Badegewölbe; durchaus herrſchte königlicher Reichthum im ganzen Appartement, und nicht bloß die zum täglichen Gebrauch, zur Reinigung und Abwaſchung beſtimmter Gefäße, ſelbſt die Riegel und Schlöſſer an den Thüren und Fenſtern waren von edlem Metalle. Die Grafen von R— a und Almagro, und die Mar⸗ quiſe Grijalva und Ch-l ſaßen auf Fauteuils. Der Conde hatte auf einer Ottomane Platz genommen. Der Mayor domo mit einem in ſchwarzer Seide gekleideten Pagen, ſtellten einen kleinen Tiſch mit Wein und Erfri⸗ ſchungen zwiſchen die Cavaliere, und verließen dann das Kabinett. „Sie ziehen prächtig, unſere Caballeros,“ hob der Conde R— a an, als die Diener ſich entfernt hatten. „Manos al carro*) iſt das Loſungswort des alten Moncada, habt ihr ihn gehört?“ fragte der Marquis de Grijalva, indem er einen der Goldbecher ergriff, und ihn zur Hälfte leerte. „Weißt du,“ entgegnete der Conde R— a,„was dem alten wunderlichen Kauz am meiſten bei der Affaire gefällt? daß er ſo auf einmal zum Politiker geworden. Madre de Dios, ſagte er mir, während du beim Virey warſt, ich hätte gar nicht gedacht, daß das Politiſiren und Regieren ſo leicht ſei. „Ich glaube die allerſeligſte Feldmarſchallin*) ſelbſt würde ihn nicht dazu vermocht haben, gegen die Excellenz in Oppoſition zu treten; aber ein Intrigue hat für ihn des Zuckerſtoffes zu viel, als daß ſie nicht jeden Widerſtand bezwingen ſollte. Er iſt nun voran.“ *) Alle Hände an den Wagen.(Ans Werk.) *) Die Jungfrau Maria. Siehe Roke. — 287— „Es iſt eine Waffe, welcher er im hohen Grade Mei⸗ ſter iſt, bei all ſeiner ſonſtigen Imbecillité,“ bemerkte der Conde R— a.„Ich verbiß mir beinahe die Lippen, als ich euren Discours über Ingleterre hörte. Ich be⸗ wunderte dich, Almagro.“ „Warum ſollte ich ihn aus ſeiner ſüßen Unwiſſenheit reißen. Zudem iſt er wunderbar eiferſüchtig auf ſein Wiſ⸗ ſen und Nichtwiſſen. Er hat drei Bücher in ſeiner Bi⸗ bliothek, aus denen er, ſeit er großjährig geworden, täg⸗ lich drei Blätter vor dem Schlafengehen, vorleſen läßt. In dem einen ſteht, daß Mexiko an Rußland gränzt, deßhalb ſeine Furcht, daß Apolyon, wie er Napoleon heißt, in Mexiko eindringe, da er ſchon in Moskau iſt. Frankreich glaubt er feſt und heilig, liege in Panama.“ „ Auf ſeiner Hacienda ſolltet ihr ihn ſehen. Alle Donnerſtage und Samſtage reitet er in großer Corte*) aus, wo ihm ſeine Dependientes Blumen ſtreuen müſſen. Denkt euch ein paar hundert nackte Indianer und In⸗ dianerinnen, wie ſie dem alten Caballero, der bloß eine Krone braucht, um den Senor David zu repräſen⸗ tiren, Blumen ſtreuen, und er auf ſeinem Maulthiere gravitätiſch einhertrabend, umgeben von ſeiner Familie und ſeinen Beamten. Das iſt aber ſo die Weiſe unſerer Nobilitad.” *) Hofſtaat. Solche Aufzüge ſieht man auch noch heut zu Tage. — 288— Die Cavaliere lachten, und verhalfen ſich zu den gu⸗ ten Dingen, auf dem Tiſche. „Bei alle dem will mir aber doch nicht einleuchten,“ hob der Marquis Grijalva in einem nur etwas weniger ern⸗ ſterm Tone an, indem er zugleich die Alicante⸗Bouteille dem Conde Almagro hinſchob,„mie du, San Jago die Excel⸗ lenz ſo leichten Kaufes durchſchlüpfen laſſen konnteſt, da wir ſie doch ſo ganz in unſerer Gewalt hatten.“ „Ich dachte,“ erwiederte der Conde,„daß wenn wir unſere Forderungen zu hoch ſpannen, wir Gefahr laufen gar nichts zu erlangen. uUm unſern Grundſtein recht feſt zu legen, durften wir, glaubte ich, die Eiferſucht der Geiſtlichkeit, des Conſulado und der Audiencia nicht gleich anfangs zu ſehr aufreizen, denn ſonſt ſchließen ſie ſich an ihn an, und dann werden ſie uns wieder zu mäch⸗ kig.“ „Wie hat er ſich benommen?“ fragte der Marquis Ch-— l. „Erſt die dritte Doſis wirkte, aber ſie wirkte ſtark, er krümmte ſich wie ein Wurm.“ „Alſo hat die Excellenz ihre Impaſſibilität verloren. Sie ſoll ſich geäußert haben, daß der geborne Herrſcher ganz impaſſible ſein müſſe.“ „Was ihn frappirte, ja ihn afficirte und vielleicht verſöhnte,“ fuhr der Conde fort,„war der Umſtand, daß er uns noch bei ſeiner Familie fand, als er mit ſeiner Schwägerin in das Sitzzimmer zurückkehrte. Auch dieſe — 289— ſchien frappirt. Die guten Leute ſind, man merkt es, von neuem Adel. Es war da, daß wir eine Art Frieden ſchloſſen.“ „Wie lange wird er dauern 29 „Ob lange oder kurz, iſt gleichviel; daß wir Frie⸗ den gemacht haben, iſt ſchon von Bedeutung; denn wir ſind dadurch gewiſſermaßen als eine unabhängige Macht anerkannt, der es frei ſteht, die errungenen Vor⸗ theile und Bedingungen zu benutzen.“ „Aber dieſe Dankadreſſe,“ bemerkte der Marquis de Grijalva,„ich fürchte, ſie wird ganz Mexiko gegen uns empören.“ „Das iſt leicht möglich; aber je mehr, deſto beſſer,“ erwiederte der Conde. „Ich verſtehe dich nicht, San Jago,“ entgegnete der Marquis. „Die politiſche Bedeutſamkeit, die uns dieſe Adreſſe gibt, iſt ſo groß, daß die ſchiefen Urtheile unſerer Landsleute einigermaßen nöthig ſind, um die Gachupins zu blenden.“ „Ich verſtehe,“ fiel ihm der Conde R— a ein. „Wir waren bisher, was unſer Sprichwort ſagt, verdammt zu leben, para vestir santos,*) eine politiſche Null, die ſich ihres Daſeins kaum bewußt war. Durch dieſe Adreſſe ſind wir eine Hauptzahl geworden, auf *) Die Heiligen aufzuputzen— ein träg vegetirendes Leben führen— Nichtsthun. Der Virey. III. 19 — 290— einmal in das bürgerlich⸗politiſche Leben eingetreten. Wir gehen zu Gericht über den Landeschef von Mexiko; wir geben der Welt unſer Urtheil über ihn.“ „Das iſt richtig,“ bekräftigten alle. „Ich glaube aber denn doch,“ nahm der Marquis de Grijalva das Wort,„daß wenn wir auf einmal vorgetreten wären, wir mehr gewonnen, vielleicht die Re⸗ volution entſchieden hätten.“ „Perdon,“ bemerkte der Conde R— a.„Du ver⸗ giſſeſt, daß ſie ſeit ſechs Monaten mit dem Plane umge⸗ hen, Calleja an ſeine Stelle zu bringen. Wir könnten zwar Vanegas von der Regierung entfernen, und ihn, wie Iturrigaray, nach Hauſe ſenden; würden aber unſere Intereſſen kaum gefördert haben; im Gegentheile, Don Arispe, als älteſter Oidor, käme an das Ruder, und ihr wißt, er und Calleja ſind Pylades und Oreſtes.“ „Und käme Calleja,“ bemerkte der Conde Almagro, „ſo würde er mit brutaler Gewalt niederdrücken, was nichts weniger als niedergedrückt werden ſoll. Ihr wißt, daß er ſich anheiſchig gemacht hat, achtzigtauſend revolutio⸗ näre Köpfe binnen Monatsfriſt zu liefern.“ „Ohne Zweifel,“ bekräftigte der Marquis Ch— l. „»Wir müſſen darauf hinarbeiten, den Kampf nach Mög⸗ lichkeit zu verlängern, weil wir nur dann unſere Abſichten erreichen können.“ „Weder verlängern noch verkürzen; gehen laſſen, — — 291— aber jeden günſtigen Umſtand benutzen,“ ſchaltete der Conde ein. „Es iſt aber doch ein herzloſes Spiel, dieſes Spiel das wir treiben, bemerkte der Marquis Grijalva. Die Cavaliere ſahen den Conde an, als erwarteten ſie von ihm die Beantwortung des Vorwurfes.— Er ſchwieg. „Herzlos,“ nahm endlich der Marquis de Ch—l mit dem feinen Takt eines Ariſtokraten das Wort. „Das könnte ich eben nicht ſagen, wenn wir vor dem blutig raſenden Kampfe zwiſchen dem Tieger und der Hyäne zurücktreten, und uns auf einen erhabnern Stand⸗ punkt verſetzen.“ „Warum nicht durch unſer Gewicht den Kampf entſcheiden 2“* „Wohl vorzüglich deßwegen nicht, weil wir bisher noch kein Gewicht hatten,“ fiel der Conde ein,„weil wir uns dieſes erſt verſchaffen müſſen, denn der Spanier hat weislich dafür geſorgt, daß wir keines haben. Das Ge⸗ wicht, das wir nun zu erlangen angefangen, iſt vorzüg⸗ lich negativer Art, durch unſere Mäßigung erlangt. Wir haben den Volksgeiſt richtig aufgefaßt, und dieſe Auffaſſung hat uns einiges Gewicht verliehen. Es theilt eine Million Creolen unſere Anſichten, daran iſt kein Zweifel, Die Hauptkunſt des Regierenden beſteht wohl vorzüglich nur darin, daß er, ohne es merken zu laſſen, den Volksgeiſt auffaſſe, ausſpreche, das heißt in ſeinem — 292— Sinne handle. Selbſt der Despotismus muß dieß thun. Der Spanier hat in ſeinem bigotten Hochmuth dieſem Lebensprinzip jeder Regierung Hohn geſprochen, und da⸗ her kommt die Revolution. An uns iſt es, ſeine Fehler zu benutzen, an ſeiner ſtatt uns dieſes Volksgeiſtes zu be⸗ meiſtern. Von gegenwärtiger Theilnahme am Kampf iſt jedoch auf keine Weiſe die Rede. Die große Maſſe der Creolen will es nicht, und wir haben auch keine Urſache aufzutreten, denn wir haben den Kampf nicht ange⸗ fangen.“ „Conde,“ bemerkte der Graf R— a,„was das Anfangen betrifft, ſo dürften wir denn doch nicht ſo ganz unſchuldig ſein.“ „Auch der feinſte Ariſtokrat ſagt zuweilen eine Sottiſe.“ Die Blicke, die alle dem Sprecher zuwarfen, lie⸗ ßen ihn in keinem Zweiſel, daß ſeine Bemerkung nichts weniger als zur Sache gehörig war.— „Daß wir einiges gethan haben, um uns aus der tiefen Erniedrigung, in welcher wir von dem Spanier gehalten wurden, herauszureißen, das iſt ein Punkt, deſſen Erör⸗ terung wir um ſo weniger auf uns nehmen wollten, als ſie gar nicht nöthig iſt,“ erwiederte der Ariſtokrat;„aber wer hat dem Prieſter das Recht gegeben loszubrechen, wo die Erſten des Landes ſich zurückzogen?“ „Die Gefahr, ſeinen Kopf zu verlieren.“ „Perdon,“ entgegnete der Conde.„Wir glauben * — 0 — 293— vielmehr, es war der Kitzel des Ehrgeizes, die verlockende Syrene, Herrſchergewalt, die unter dem Hermelinmantel ſowohl als unter dem Prieſterkäppchen wohnen mag. Es war unfehlbar der gekränkte Ehrgeiz unſerer Prieſterſchaft, die an dem Ausbruche und der Fortführung der Revo⸗ lution eine der Haupturſachen mit iſt; die fetten Pfründen der Domkapitel, der Bisthümer und der reichen Pfar⸗ reien immer von Gachupins beſetzt ſehen zu müſſen, das war eigentlich die nächſte Veranlaſſung, warum Hidalgo losbrach. Mit Morelos iſt es derſelbe Fall. Wir neh⸗ men ihnen dieſen Ehrgeiz nicht übel, aber ſie dürfen es auch uns nicht mißdeuten, wenn wir es unter unſerer Würde halten, unter Prieſtern und mit Prieſtern zu fechten. Wir lieben und achten die Diener der Religion; aber wohlverſtanden, immer nur als unſere Werkzeuge, die uns mithelfen den Pöbel zu bezähmen; aber ſie woll⸗ ten ſelbſt Meiſter werden, und wir kündigten ihnen den Krieg an, oder vielmehr wir verhielten uns paſſiv— und ſie ſanken— was ganz natürlich war. Dieſe inhaltſchweren Worte waren wieder ganz mit der ruhigen Gelaſſenheit des klar beſchauenden Weltman⸗ nes geſprochen, und die Cavaliere verſanken in tiefes Nachdenken; denn was ſie ſo eben gehört, mochte als der Schlüſſel zur großen Tragödie, die durch den Prie⸗ ſter Hidalgo aufgeführt worden, ganz füglich angeſehen werden. Der Conde R— a unterbrach endlich die lange Pauſe. — 294— „Die Maſſen waren zu allen Zeiten und in allen wohlgeordneten Staaten dazu beſtimmt, von der Ariſto⸗ kratie der Geburt oder des Vermögens, geleitet und benutzt zu werden, und ich finde es ganz natürlich, daß, wenn ein armſeliger Plebejer ſich erkühnt, die na⸗ türliche Ordnung der Dinge umzuſtoßen, und herauszu⸗ treten aus dem Kreiſe, der ihm angewieſen iſt, er auch dafür büße. Er hätte warten ſollen, bis die Reihe an ihn kam.“ „So wie dieſer Vincente Guerero,“ bemerkte der Marquis Ch— l. „Hat uns jedoch heute einen herrlichen Dienſt gelei⸗ ſtet,“ verſicherte der von Grijalva. „Hätte er aber gewußt,“ bemerkte der Conde de R— a,„daß Se. Excellenz in dem Schreiben ihrer Schwä⸗ gerin zugleich ihre Unterwerfung an den einäugigen Pepe, wie ihn dieſe Gachupins nennen, eingeſandt haben, ſym⸗ pathetiſch geſchrieben, eingeſandt haben, er würde ſich beſonnen—— „War aber doch ſchön von ihm„* ſprach der Marquis. 3 „Weniger ſchön als politiſch,“ fiel der Conde ein. „Dieſer Zambo⸗Meſtize hat viel von jener ultra arte 6 y pPrudencia,*) die Se. Excellenz zu ihrem Lieblings⸗ ſpruche gemacht haben, und iſt bei aller anſcheinenden —xx; *) Heimtücke und Liſt. — 295— Roheit, und befliſſenem Herabſehen auf die Nobilitad, wieder ſehr befliſſen, ſich mit dieſer in gutes Einverneh⸗ men zu ſetzen. Sie wiſſen, wir hatten ihn längere Zeit in unſerm Dienſt, und er hat uns wirklich deren große geleiſtet; aber ungeachtet wir ausdrücklich allen Verkehr abgebrochen, fand er doch Mittel, dieſen auf eine Art zu er⸗ neuern, die dem vollendetſten Diplomaten Ehre gemacht ha⸗ ben würde, und uns einigemale in die größte Verlegen⸗ heit ſetzte. Und dieſen Verkehr weiß er mit eben ſo vie⸗ ler Schlauheit vor ſeinen Mitgeneralen geltend zu ma⸗ chen. So bin ich auch vollkommen überzeugt, daß die heutigen Sympathien ſeiner blutsverwandten Leperos ihn tiefer verletzt haben, als es zwei verlorne Treffen ge⸗ than haben würden.“ „Hat uns aber doch ſehr viel Vorſchub geleiſtet,“ bemerkte wieder der Marquis. „Einigen, ohne Zweifel, wir würden aber auch ohne ihn zum Ziele gelangt ſein. Der heutige Vormit⸗ tag hat Mexikos Schickſal eigentlich entſchieden, die Aus⸗ beute, die wir gewonnen, hat uns mehr genützt, als zwei gewonnene Schlachten. Bisher wußten wir nur dunkel, was uns fehlte, wo uns das Uebel drückte, Se⸗ nores. Es war ein edles aber undeutliches Prinzip, das uns vorſchwebte, für das wir kämpften, und nicht kämpften. Für Prinzipe entglüht man, kämpft aber nicht leicht, und nie lange. Es müſſen materielle Inte⸗ reſſen dazu kommen, grob materielle Intereſſen. Dieſe, — 296— und zwar die ſtärkſten, die es geben kann, kamen heute, die Intereſſen der Selbſtſucht„ des Eigenthumes. Skla⸗ ven haben keine Begriffe des Eigenthumes; wir wa⸗ ren Sklaven bis heute, wo uns die Conſulado⸗Männer lehrten, was Eigenthum vermag.— Derſelbe Dämon des Egoismus, der Selbſtſucht, der uns blutig, vampyr⸗ artig ausſog, muß uns auch endlich befreien.”“ „Das wird aber lange dauern,“ warf der Mar⸗ quis ein. „Wahrſcheinlich.“ „» Und wir ſollen zuſchauen?“ „Unſere Segel den feindlichen und freundlichen Winden öffnen, die erſteren ſeitwärts, die letzteren voll einfallen laſſen, während eines Sturmes ſie reeffen, und ſo zum Ziele gelangen.“ „Das iſt ein verdammt kaltes Spiel, ein furcht⸗ bar herzloſes Spiel, ein Ariſtokratenſpiel.“ „Du ſagſt recht, Grifalva, ein Ariſtokratenſpiel,“ erwiederte der Conde,„aber nicht herzlos. Ich glaube dem raſenden Roland ſelbſt dürfte das Herz einigerma⸗ ßen geſchlagen haben, hätte er mit dem Princip des Böſen ſo gerungen, wie wir zu ringen hatten.“ Er hielt inne. „Wir ſpielen ein hohes Spiel; gewinnen wir, ſo hat Mexiko gewonnen.“ Die Cavaliere ſahen ihn erwartungsvoll an. „Ah,“ hob er nach einer Weile wieder an,„es war ein furchtbarer Kampf, den wir heute gekämpft haben. Zuweilen kamen wir uns vor, wie das Verhängniß, das aus den unterſten Tiefen heraufſteigt, um gegen ein feindliches Urprinzip zu kämpfen; wieder wie ein Raſen⸗ der, der ſeinem Todfeind in der Hitze des Sturmes ent⸗ gegenrennt, und ihn ergreift und mit ſich fortreißt in den Wirbelwind des Verderbens. In dem Augenblicke, als er am härteſten auf der Folter lag, ſtand mir jener Mexikaner vor Augen, wie er den verzweifelnden Spanier mit ſich an den Rand des Teocalli ſchleift, um ihn hinabzuſchleudern. Er war der leibhafte Spanier, wie er ſich aufraffte, und mit der letzten Kraft der Ver⸗ zweiflung ankämpfte gegen mich, den Mexikaner. Ich hatte ihn erfaßt, den mir in dieſem Augenblicke entſetz⸗ lichen Virey, mit der Kraft der Verzweiflung erfaßt, aber ich beſann mich, daß nicht Er es war, gegen den ich kämpfte, daß er bloß das Werkzeug des Prin⸗ zips war, gegen das ich ſtritt, das Ungeheuer, das mit ſeinen Polypenarmen Mexiko umſchlungen hatte, und das durch ſeine Vertilgung uns nur rieſiger, grauſiger in Calleja umfaſſen würde.— Ich ſchonte den Menſchen, und erfaßte das Prinzip.” „Und ſtieß ihm den Dolch— „Nein,“ ſprach der Conde,„Prinzipe laſſen ſich nicht durch Stahl bekämpfen, ſie müſſen durch Gegen⸗ prinzipe, ſo wie Feuer in unſern Wäldern durch Gegen⸗ feuer bekämpft werden. Ich erkämpfte das Prin⸗ — 298— zip der Aſſociation.— Dieſes, Senoria, ſoll Mexiko retten.“ Dieſe Worte waren in einem ruhigen, aber beſtimm⸗ ten Tone ausgeſprochen. Es erfolgte wieder eine lange Pauſe. „Siehſt du Grijalva“— er wandte ſich an den Marquis—„hier liegt der Unterſchied zwiſchen dem Plebejer und dem Ariſtokraten. Der erſtere erfaßt das Körperliche, das Sinnliche des Menſchen, das Materielle, weil er ſelbſt ſinnlich und materiell iſt. Wir erfaſſen das Geiſtige, und kämpfen mit Prinzipien.“ „Und ſchonen den Menſchen,“ fügte Conde Alma⸗ gro hinzu. „Laſſen das Materielle ſtatt unſer den Kampf aus⸗ fechten.“— Wieder entſtand eine lange Pauſe. „ Unter anderm, habe ich dir geſagt, Almagro, daß du zum Mayor und Kommandeur des erſten Bataillons der Companias Sveltas*) von Mexiko ernannt biſt, zu⸗ gleich mit Carlos, der das zweite erhält, ſobald er aus ſeiner Gefangenſchaft befreit iſt?“ „Wirklich!“ rief der überraſchte Conde Almagro. „Beide ſind ſehr tüchtige Bataillone, und das an⸗ genehmſte iſt, daß ſie unmittelbar unter euren Befehlen ſtehen, und ihr bloß dem Virey und der Junta de *) Leichte Milizen. — 299— guerra verantwortlich ſeid. Wir haben ſonach drei Ba⸗ taillone, auf die wir vollkommen zählen können.“ „Welches iſt das dritte?“ „Iturbides.“ „Dieſer Name erregte bei allen Staunen. „Wir haben ihn auf unſerm Wege zum Virey ge⸗ ſprochen,“ fügte der Conde nachläſſig hinzu. „Und willſt du ihm trauen, dem Escudero*) des Virey, jedes Gachupins?”“ „Warum nicht? Thun wir etwas, das nicht auch er wiſſen könnte, das verborgen werden müßte?— Ich glaube nein.“ Alle ſahen den Grafen mit dem Ausdrucke des höch⸗ ſten Staunens an. „Nein, bei meiner Seele!“ nahm endlich Marquis Grijalva das Wort. Dieſes Räthſelhafte. Ich glaube hier iſt es doch nicht an der Zeit und am Orte.” „Was iſt nicht an der Zeit und am Orte?“ fragte der Conde, allem Anſchein nach nicht minder erſtaunt. „Den Geheimnißvollen zu ſpielen,“ ſprach der Mar⸗ quis,„wir müſſen doch wiſſen, welchen Zweck wir uns vor Augen geſetzt haben; woran wir ſind.“ „Ja wirklich Conde,“ „was wollen wir denn eigentlich; wir müſſen uns ver⸗ ſtehen; du biſt ſo räthſelhaft; was wollen wir?“ fielen die Uebrigen ein, *) Knappe, Esquire. „Was wir wollen, Senorias,“ entgegnete der Conde mit dem heiterſten Lächeln,„ja was wir wollen— wiſ⸗ ſen Sie was wir wollen?— ſchlafen gehen wollen wir.“ Alle brachen in ein lautes, aber etwas verſtimmtes Ge⸗ lächter aus. Der Conde hatte ſich ganz gelaſſen an einen der Bü⸗ cherſchränke hingebogen, aus dem er einen Band herausnahm und wie in ſich ſelbſt verloren, zu blättern begann. Er murmelte: Lady Percy. But hear you my Lord! Hotspur. What sayst thou my Lady? Lady PercyU. What is it, carries you away? Hotspur. My love, my horse.—*) „ Du biſt ſonderbar genial;“ bemerkte der Marquis. „Und ihr radikal. Wißt ihr, was wir wollen? Keine Hotſpurs ſein. Wir ſpielen ein hohes Spiel. Wir müſſen den Kopf nicht verlieren. Nicht zu viel wollen müſſen wir. Wißt ihr, wer heute das Prämium ver⸗ diente 2— „Und?“ fragten die Cavaliere. „» Der alte Moncada, als er, wie ihr mir ſagtet, *) Lady Percy. Aber hören Sie, Mylord. Hotſpur. Was ſteht zu Dienſten, My Lady? Lady Percy. Was zieht Sie ſo unwiderſtehlich fork? Hotſpur. Mein Roß, Theure,— Heinrich IV. — 201— mit zuckerſüßem Lächeln meinte, wir brächten der hohen Regierung ein großes Opfer, indem wir den Creolen er⸗ lauben, ſich an unſere Sociedad anzuſchließen. Der alte Moncada iſt ein prächtiger Mann.“ Der etwas ſtarke Sarkasm hatte ſeine Wirkung auf die Ariſtokraten nicht verfehlt. Der merkbare Zug von Ungeduld, der ſich auf ihren Geſichtern gelagert, hatte ſich in ein ironiſches Lächeln verwandelt. „Wißt ihr, wie die Antwort Hotſpurs in wenigen Worten gegeben werden könnte?— in unſerem Sprichworte: „Bewahre mich o Gott vor meinen Freunden, vor mei⸗ nen Feinden will ich mich ſelbſt bewahren.” „Du biſt aber wirklich ſonderbar,“ rief der Mar⸗ quis de Grijalva wieder ein wenig ungeduldig. „Oder auch wie Louis XI. zu ſagen pflegte.„Wüßte ich, daß mein Hut die Geheimniſſe meines Kopfes auch nur ahnte, auf der Stelle wollte ich ihn vernichten.“ Ja Freunde,“ fuhr der vorſichtige Ariſtokrat fort,„wir wollen thun, wie jener italieniſche Singlehrer mit ſei⸗ ner Schülerin, der berühmten— that, die immer nur eine Cadenze ſtudiren, Jahre lang ſtudiren mußte, und endlich mit den Worten entlaſſen wurde:„Nun biſt du eine vollendete Sängerin.“ Sie traute ihren Ohren nicht, aber es war, wie der Mann ſagte. Sie war, ohne es ſelbſt zu wiſſen, eine Meiſterin des Geſanges geworden. Unſer Studium muß das Volk ſein, der Volksgeiſt, Jahre lang muß er es ſein. Haben 4 wir den uns ganz eigen gemacht, dann ſind wir Mei⸗ ſter.— Dieſer Iturbide iſt ein kluger Kopf.“ gefallen, ſchon nicht thun. Dafür bin ich aber auch nur Dieſe Worte, ſo räthſelhaft rhapſodiſch ſie ſchienen, waren von den Ariſtokraten wohl verſtanden worden. Sie drückten dem Sprecher alle herzlich und raſch die Hände. Wieder erfolgte eine lange Pauſe. Während derſelben ſchallten die Stimmen der Sere⸗ nos herüber aus den Straßen Mexikos. Es gingen die Flügelthüren auf und mehrere Damen traten ein mit der jungen Condeſſa. „Wir haben Mexiko und Gachupin geſpielt,“ ſprach lächelnd die Gräfin R— a, während ihr abſcheulichen Männer euch hier verſchließet. Es iſt hohe Zeit zum Nachhauſegehen.” „ Und wer hat gewonnen?“ fragten die Cavaliere. Die Condeſſa lächelte.„Mexiko, das heißt, un⸗ ſere Nina.“ „Weißt du, theure Nina,“ ſprach der Conde, in⸗ dem er ſie auf die Stirne küßte,„daß wir der Donna Iſabella einen Gegenbeſuch ſchuldig ſind. Auch die Vi⸗ reyna trägt ein ſehr großes Verlangen, dich näher ken⸗ nen zu lernen. Ihre Inez und Emanuele ſind recht ar⸗ tige Mädchen.“ „Siehſt du,“ ſprach der Marquis.„ Einen ſol⸗ chen Antrag könnte ich meiner Tochter, nachdem was vor⸗ — — 3939— ein halber Ariſtokrat, maßen mein Großvater noch ein ſimpler Gallego war.” „Du biſt heute wunderbar beſcheiden geworden;“* verſetzte der Conde lächelnd. „Und voll des Teufels des Widerſpruches;“ lachte Conde R— a. „Ja, ja, Grijalva, mache du dich nur nicht gar ſo unſchuldig;“ meinten die übrigen. „Alſo du haſt dich gut unterhalten im Concerte, theure Nina?“ „Die Cavatine in A dur war wirklich recht aller⸗ liebſt;“ verſicherte die holde, von ihrem Liebesſchmerze ſo ziemlich geheilte Nina. „Alſo morgen, theure Elvira, wollen wir unſern Gegenbeſuch im Palaſte abſtatten, und den Thee daſelbſt nehmen. Eine recht artige Familie, dieſe Vireynaiſche Fa⸗ milie.”* „ Sehr artig,“ verſicherten alle. Ende. Druckfehler. Seite 10 Zeile 1 von unten ſtatt: Acapulto, lies: Acapulco. 17 41 74 79 79 92 158 296 221 226 233 245 282² 22 52 22 22 1 v. u. ſtatt: Theure, lies: Theurer. 3 ſtatt: friſchen Biſen, lies: friſchen Briſen. 4 ſtatt: zu erledigen, lies: entledigen. 1 ſtatt: Caſuarsfellen, lies: Caguarsfellen. 1 v. u. ſtatt: und dieſer Ball, lies: in die⸗ ſem Balle. 9 ſtatt: Pasquillen, lies: Pasquille. 10 ſtatt: allen, lies: allein. 1 u. 2 v. u. lies: Extracts from a Journal written during a cruize on the coasts. 9 ſtatt: Juan el Ulloa, lies: Juan d''ulloa. 14 ſtatt: aber es iſt unſer Wunſch, lies: ſo iſt es unſer Wunſch. 4 ſtatt: en paradiso, lies: en el paraiso. 2 v. u. ſtatt: bei den letztern, lies: bei den letzteren Worten. 12 ſtatt: Ausweg findet, lies: Ausweg finden. 12 ſtatt: wenn dem Mexikotl, lies: wenn ſie dem Mexicotl. Noten des dritten Bandes. Wo der Maestro Platz hat. Der Maestro der Acordada hatte in ſeiner Eigenſchaft als Richter früher zugleich auch Gewalt über Leben und Tod ſeiner Gefange⸗ nen, unabhängig von der Audiencia. Der Mißbrauch wurde endlich ſo groß, daß Conde Galvez, damaliger Vicekönig, dieſer Gerichtsbarkeit ein Ende zu machen genöthigt ward. Er kam nämlich, gerade als der Maestro drei Deliquenten un⸗ ter dem Galgen hatte, auf den Richtplaß, und begnadigte ſie. Carlos III., der damalige König Spaniens, billigte das Verfahren des Vicekönigs und ſeit dieſer Zeit war die Gerichtsbarkeit der Acordada der hohen Audiencia un⸗ terworfen. Und ſolchen Menſchen das Leben und Ei⸗ genthum der Unterthanen in Amerika anver⸗ traut. Obwohl Beſtechlichkeit ein Grundzug des ſpaniſchen Beamten⸗Charakters war, ſo iſt es doch eben ſo gewiß, daß unter den unmittelbaren Nachfolgern Carls I. dieſe mehr bei dem Rath der beiden Indien ſtattfand, die eigentlich die ungeheuren Summen für die hohen Stellen im ſpaniſchen Amerika empfingen. Unter Carlos IV. trieb jedoch nicht bloß der principe de paz, ſondern auch die Königin, und ſelbſt der König, offenbaren Handel mit den eintraglichen Aem⸗ kern ihrer überſeeiſchen Provinzen. So ſollte derſelbe Grundſatz, in Jolge deſ⸗ — 1— ſen ein halber Welttheil einer Familie als eine Art Nadelgeld für ihre menus plaisirs geſchenkt war, das Loſungswort der Freiheit u. ſ. w. Die amerikaniſchen Beſißzungen der Krone Spa⸗ niens wurden als ein von dem leztern Reiche iſolirter und dem Könige eigens und unbedingt angehöriger, ihm geſchenkter Staatskörper für die Rechnung deſſelben nach eigenen Geſeßen, nämlich den leyas de las Indias, vom Rathe der beiden Indien verwaltet. Dieſem aner⸗ kannten Grundſatze zufolge weigerten ſich daher auch die ſüdamerikaniſchen Provinzen und namentlich Carracas, die Re⸗ gierung der oberſten Junta von Sevilla und ſpäter der Cortez anzuerkennen, behauptend, daß ſie bei Erledigung des Thrones in ihre natürlichen Rechte, die der Selbſtbeherrſchung zu⸗ rückkehrten. Wahrſcheinlich jedoch würde dieſe ſchöne Er⸗ klärung erfolglos geblieben ſein, wenn nicht die Grauſam⸗ keit der ſpaniſchen Generale und Oberbeamten das Volk gezwungen hätte, das was ſeine Vertreter ausgeſprochen, auch zu verfechten. Wo Kinder ſowohl als Erwachſene im Leſen und Schreiben Unterricht erhielten. Der Grund⸗ ſah, daß im Leſen und Schreiben unterrichtete gefährliche Unterthanen ſeien, war ſo gäng und gäbe unter den ſpa⸗ niſchen Generalen und Behörden, daß vorzugsweiſe immer ſolche ihr Racheſchwert traf, ſelbſt wenn ſie nichts verſchul⸗ det hatten. Eine der Depeſchen, die General Morillo aus Bagota erließ(Juni 1816) erwähnt unter andern Maß⸗ regeln, die er genommen, um die Rebellion in der Wurzel auszurotten, auch, daß er alle Perſonen die leſen und ſchrei⸗ ben könnten, als Rebellen behandelte, und daß er durch ihre Vertilgung der Rebellion Einhalt zu thun hoffe. Wirklich wurden ſechshundert der angeſehenſten Perſo⸗ nen von Bagota, Männer, Weiber und Töchter, de⸗ nen auch nicht das mindeſte zur Laſt gelegt werden konnte, —= erdroſſelt und ihre Köper nackt an die Galgen gehängt. Nur die Ermüdung do Henkersknechte verhinderte, daß nicht alle Bewohner der Stadt umkamen. Daß alle ſchällichen Materiale aus dem Wege geräumt werden. Mit ſolchen Stellen, wie die ſo eben angeführte, if die damalige Gazette buchſtäblich angefüllt. Brudermörder wurden befördert, weil ſie ihre um Pardon flehenden Brüder umgebracht; die Generale frohlocken, weil es ihnen vergönnt iſt, die gefangenen Re⸗ bellen, die vor ihnen auf den Knien liegen, niederzuſtechen, Parlamentairs zu erſchießen. Gewöhnlich ſchließt jeder Be⸗ richt:„Dieſe und dieſe Stadt oder Dörfer iſt oder ſind mit allen ihren Einwohnern vom Angeſichte der Erde ver⸗ ſchwunden.“ Siehe Mier, Robinſon und andere. Bereits um eine Million überſchritten. Un⸗ ter den Emolumenten, die dem Vicekönigthum von Mexiko anklebten, war das Vorrecht, die Häfen des Staates dem ausländiſchen Handel für einige Zeit zu öffnen, bei weitem das einträglichſte. Die Handelshäuſer von Mexiko und Ve⸗ racruz ſowohl, als die ausländiſchen, die zur Theilnahme zu⸗ gelaſſen wurden, bezahlten ungeheure Summen entweder en bloc, oder dem Vicekönig wurde ein Antheil an dem Ge⸗ winnſte der Seculationen zugeſichert. Sie heute in der Lotterie gewonnen haben. Baradere in ſenen Skizzen über Mexiko thut gleichfalls eines Ungeheuers Erwähnung, das Lotterien auf öffentlicher Straße feilbot, in denen Mädchen ausgeſpielt wurden. Und gab ihm bei jedem andern Worte die Excellenz. Einer der charakteriſtiſchſten Züge der alten ſpaniſchen Grandezza iſt wohl die Hartnäckigkeit, mit der ſie, trotz ihrer Herabwürdigung und Entfernung von aller politiſchen Macht, ſeit Philipp II. auf die angenommene Sitte des gegenſeitigen Duzens mit einer beinahe lächerli⸗ chen Wichtigkeit hält. So konnte der berüchtigte Principe — Jy— de paz das ganze Reich ohne die nindeſte Einſprache unter ſeine Gewalt bringen; die Grandéza unterwarf ſich ihm in jeder Hinſicht, aber nie brachte eres dahin, von einem der Grandes geduzt zu werden, ſo ſelr er ſich auch Mühe gab. Er wurde ſtets wie jeder Neudliche, Excellenz(ſpater Durchlaucht und Hoheit) angereſet. Welcher Diderot nicht geweſen wäre. Die wihige Aeußerung des Encyklopidiſten iſt bekannt. Etti⸗ quette iſt der Katechismus der Kindervölker und der alten Kinder. Hat er denn die Acolythos nicht geſehen und die Glocken nicht gehört Alle Abende um 7 Uhr, und wenn das Sacramento vornehmen Sterbenden gereicht wurde, fuhr ein Wagen, im erſtern Falle von der Cathedral⸗, im letztern von der Pfarrkirche ab, wohin der Sterbende gehört; in dieſem befand ſich ein Prieſter, der die Hoſtie dem Volke zeigte. Er war von dreißig Kirchendienern und jungen Geiſtlichen, Acolythos genannt, begleitet. Häufig wurden bei dieſer Gelegenheit Fremde, die nicht ſogleich niederknieten, ermordet. — ——— Nnnſmmiſſſſſſnnſnſſnſſſſſſnſſnſſſiiſſniiſinſe 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 4. 9 9 v L LulruluLleLulellleellluun 8 8* 1 1 8 1 8. 1 3—