+ Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — vS 3 Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Seih- und Jeſebedingungen.. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ¾ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von[ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuraͤckerſtattet wir 4 3. 3 2 t 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Iaehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 4 3 4 „„„=„ 3„„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer dumn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 d 4 Der Uirey und die Aristokraten. Zweiter Theil. Der Virep und die Aristokraten oder Mexiko im Jahre 1812. Vom Verfaſſer des Legitimen; der Transatlantiſchen Reiſeſkizzen, ꝛc. MGarrlee atsueele — Zweiter Theil. Zürich, bei Orell, Füßli und Compagnie. 4 8.3 5. Siebzehntes Capitel. Wer ſeid ihr? ſprecht, ſpißbübiſche Bergbewohner! Shakespeare. Ungefähr eine Tagereiſe von der Hauptſtadt erhebt ſich die mächtige Bergkette, Sierra Madre genannt, welche, die Vulkane Mexikos mit denen von Puebla verbindend, ſich weiter gegen Norden zu, tiefer in das Land hin⸗ einwendet, und bei Monto Real und Guanaxuato jene unermeßlichen Schätze in ihrem Innern birgt, die das Staunen des Naturforſchers in ſo hohem Grade erregen. Die bedeutendſten Berge Mexikos ſteigen bekanntlich aus dieſer Kette empor, und geben dem Lande einen Cha⸗ rakter, ſo neu, ſo großartig und wild pittoresk, und wieder ſo heiter und lachend, ſo häuslich und heimiſch, daß das Auge des Beſchauers abwechſelnd mit Staunen und Entzücken von einem Punkte zum andern ſchweift, vergeblich bemüht, dieſe wunderbaren Contraſte in einen Der Virey. II. 1 Rahmen zu faſſen. Die Bergrücken ſind in ihrer Mitte mit hohen Eichen und Fichten bewachſen, weiter hinauf mit der Zwergeiche und der Mimoſa, und von ihren Scheiteln herab ſtarren kahle, aller Vegetation entblößte Granit⸗ und Porphyrfelſen, deren ſchwarzbraune, düſtre Maſſen, durch die gräßlichen Schlünde, die auf allen Seiten herabgähnen, noch immer in jener furchtbaren Revolution begriffen zu ſein ſcheinen, die dieſem Lande ſeine merkwürdige Geſtaltung gegeben hat. In den Nie⸗ derungen wird das Auge wieder durch die Mannigfal⸗ tigkeit der exotiſchen Gewächſe und deren prachtvolle Farbenmiſchung entzückt; auf den Abhängen der Berge wogen die herrlichſten Waizen⸗ und Maisfelder, und tie⸗ fer hinab ſtreckt die ſteife Agave ihre Rieſenblätter, gleich ſo vielen Schwertern empor— während auf den Seiten dieſer prachtvollen Felder Barrancas*) ſich öffnen, die wunderbar ſchön dem Auge durch den Reichthum der tropiſchen Fruchtbarkeit erſcheinen, die in ihren Schlün⸗ den wuchert, und aus deren ſchattenreichen Tiefen toſende Waldſtröme heraufbrüllen, unſichtbar dem Auge, aber herrlich in ihrer Wirkung; denn jedes Fleckchen, wo ſie vorbeiſtürzen, bringt einen Pflanzenreichthum hervor, den die glühendſte Phantaſie ſchwerlich ſchöner malen könnte. Jede Blume, jeder Strauch iſt von zahlloſen Schling⸗ pflanzen umwoben, deren herrliche Blüthen eine fortlau⸗ *) Abgründe. Siehe Note. v —— e Seegfedeete ert fende Blumenguirlande bilden, die, von der Wurzel zur Krone emporſteigend, zahlloſe Blüthen ihrer Ranken ent⸗ ſenden, und tauſend von Conzontlis, Cardinalsvögeln und Madragadoren in ihren Gezelten verbergen. Es war ein kühler heiterer Nachmittag. Die Schnee⸗ regionen des gewaltigen Orizava*) und des gewaltigeren Popocatepetl, bisher wie eine Maſſe gediegenen Silbers erleuchtet, fingen an ins Roſenroth zu ſchillern, das, auf der öſtlichen Seite ins Goldgelb und Bronze wechſelnd, jeden Augenblick eine andere Farbe zurückſtrahlte.— Die Schatten des Malinche und ſeiner Zweige begannen ſich gegen Tlascala hinzuſtrecken. Tiefes Schweigen herrſchte über die ganze Gegend, bloß unterbrochen durch das Gekreiſch des Ringadlers, der über den Abgründen ſchwebte, und einen fernher ſumſenden Laut, der aus dem Innern des Waldes kam, dem entfernten, dumpf verhallenden Geheule der Coyotes nicht unähnlich. Auf einem der Bergesrücken, die ſich öſtlich von San Martin erhoben und über die einſt Cortez auf ſeinem Er⸗ oberungszuge in das Thal Tenochtitlan drang, ſtanden und lagen zwei Männer, ihre Rücken an einen beinahe ſenkrecht aufſteigenden Porphyrfelſen gelehnt, der ſich zu *) Orizava, mexikaniſch Ciltlatepetl, der Stern; ſeine Höhe über der Meeresfläche beträgt 17,575 Fuß. Der An⸗ blick dieſes Berges bei Sonnenauf⸗ und Untergang iſt viel⸗ leicht das Schönſte, das geſehen werden kann. 4— oberſt einer gräßlichen Barranca wie das Bruchſtück eines maſſiven Schloßthurmes erhob. Ihre ſtraff herabhängen⸗ den Haare mit der röthlich⸗ſchwarzen Geſichtsfarbe ver⸗ riethen Zambos. Sie hatten Schaffelle um ihre Schul⸗ tern, die mit Riemen befeſtigt waren; darunter Fetzen ei⸗ nes ſchwarzwollenen, groben Zeuges, Panos genannt, die ſich bis zu den Hüften verlängerten; ihre Kopfbedeckung beſtand aus ſogenannten Sombreros de petate*); in ih⸗ ren Gürteln hatten ſie Machetes, und lange, gewichtige Keulen lagen zu ihren Füßen. Beide ſchienen gleich düſter und mürriſch zu ſein; während der Eine ſtand und in die weite Ferne hinausſpähete, hatte ſich der Andere auf dem Raſen niedergelegt, und war ſo liegen geblieben, bis ſein träger Gefährte, ermüdet von der Wache, ſich hinſtreckte, worauf der Andere brummend wieder aufſtand, um in derſelben Aufgabe fortzufahren. So hatten ſie es eine geraume Weile getrieben, ohne ein Wort zu wech⸗ ſeln; ein Dutzend beſchmutzter Karten, die auf dem Ra⸗ ſen lagen, deuteten an, daß ſie ſich auch in dieſem Zeit⸗ vertreibe verſucht hatten. „„Maledita cosa!“**) fing endlich der Stehende an: „Bei der heiligen Jungfrau von Guadeloupe! wenn das noch ſo eine Woche fortdauert: geſetzt und wieder geſetzt, 1 *) Strohhüte werden allgemein, von den Indianern und Kaſten, getragen. **½) Verfluchtes Geſchäfte! —,— — 5— wie Caguars; keine Ruhe, keine Raſt,— mögen mich alle ſiebzehn Höllen kriegen!— ich——” „Ich?“ fragte der Andere. „Sage euch, a Dios! und ſollte der Teufel die Frei⸗ heit Mexiko's holen!“ „Buen viage, Senor!*) meinte der Zweite gäh⸗ nend,„die warten auf Sie.“ Er deutete bei dieſen Wor⸗ ten auf eine Schar Zepilots, oder mexikaniſcher Raben, wie dieſe Raubvögel, mit ſcharfen Klauen und hakenför⸗ migen Schnäbeln, uneigentlich genannt werden, von de⸗ nen ſich eine Unzahl ſo eben über ihren Häuptern auf dem Felſen niedergelaſſen.„Carracco! Calleja würde Sie zum Caballito machen, ehe Sie eine Cigarre anſtecken, oder eine Pinte Pulque leeren könnten.“ „Larifari!“ entgegnete der Andere,„mein Ahuit⸗ zote**) iſt noch nicht gekommen, und meinethalben mag er noch lange wegbleiben.“” „Wenn er aber doch kommt, oder Sie Senor Don Buſtamente in die Klauen zu fallen das Mißgeſchick ha⸗ ben ſollten, dem Sie, ſo viel wir uns zu erinnern wiſſen, zehn ſeiner beſten Mulos reiſen lehrten, ohne ihre La⸗ dung zu vergeſſen.—“ „Baſta!“ rief der Erſte, der nun an der Unterhal⸗ tung ſatt zu haben ſchien und zur Abwechslung ein Stück *) Glück auf die Reiſe, Euer Gnaden! **) Unglücksſtern(ſiehe Note oben). — 6— ſchmutziges Papier aus dem Gürtel nahm, und eine winzige Doſis fein geſchnittenen Tabaks darein rollte, und ihr ſo die Form einer Cigarre gab. Nachdem er dieſe auf allen Seiten mit ſeinem Speichel begeifert, zog er ſein Machetto, legte dieſes auf die Cigarre, und entfernte ſich gegen das Geſtrippe zu, das unker dem Felſenabhange anfing. Sein Gefährte hatte ſehnſüchtig die Vorbereitungen zu einem Mahle angeſehen, das dem Mexikaner mehr Be⸗ dürfniß als ſein tägliches Brod geworden iſt, und kaum hatte der Erſtere den Rücken gewendet, als er zwei Stücke Achiote⸗Holzes*) aus ſeiner Taſche nahm, und dieſe, mit einer wunderbaren Behendigkeit an einander reibend, ſie eben ſo ſchnell in Flammen ſetzte, als dieſes auf die gewöhnliche Weiſe mittelſt Feuerſteines und Schwammes hätte geſchehen können. Die Cigarre anbrennend, fing er eben an, den Rauch mit dem haut-gout eines Con⸗ naiſſeurs einzuſchlürfen, als der Andere aus dem Dickichte hervortrat. „Maledito gojo! Picaro gojo! Infame gojo!***) ſchrie dieſer, der nun, mit zwei Stücken dürren Holzes zurückkehrend, ſeine letzte Cigarre im Munde ſeines Ge⸗ *) Bixa orellana; wird zum Rothfärben gebraucht. Aus der Rinde werden Stricke verfertigt; das Holz entzündet ſich leicht durch Reibung. **) Verdammter Hund! Elender Hund! Abſcheulicher Hund! — —,— —— — 7— fährten ſah. Der Rauchende hatte jedoch zur Vorſicht die Machetto ſeines Gegners in Verwahrung genommen, und fing an ſich ſchnell in Bewegung zu ſetzen, um der Wuth ſeines Kameraden zu entgehen. „Patiencia, Senor!“ rief er, nach Athem ſchnap⸗ pend:„Geduld, gnädiger Herr! Zehn, hundert, tau⸗ ſend Cigarren ſollen Ihre ſein, ſobald wir in deren Beſitz gelangen!“ „Que te lleven todos los Demonios de los diez y siete infernos!“ erwiederte der Beraubte, ſeinen Knittel erfaſſend und dem Räuber auf dem Fuße nacheilend. Die Beiden waren bereits einigemale um den Por⸗ phyrkegel herumgerannt, und es hatte allen Anſchein, daß der Cigarrendieb ſeine Liebhaberei mit ſeinem Leben werde bezahlen müſſen, als ein„Halto!”“*) aus dem Gebüſche donnerte. Die Beiden ſtanden bei dieſem Rufe wie einge⸗ wurzelt. „Que es este?“*) rief die Stimme. „General— no— perdon— Capitano!“ ſtotterte der Beraubte,„el ha mio Cigarro!“*ꝓ˙* „Muchachos!“ verſetzte die Stimme, und der Ka⸗ pitain ſelbſt trat gravitätiſch aus dem Dickichte auf den *) Halt! **) Was giebt's? es) General, nein, Vergebung, Kapitain! Er hat meine Cigarre! Cigarrendieb zu, nahm dieſem die halb conſumirte Cigarre aus dem Munde, und nachdem er ſie in den ſeinigen verſetzt hatte, trat er vorwärts an den Rand des Ab⸗ grundes, horchte einige Augenblicke, und, in die gräß⸗ liche Tiefe deutend, zog er ſich ſchnell wieder zurück. Die Beiden waren zugleich herbeigeſprungen, und, ihre Hälſe weit vorſtreckend, ſtierten ſie eine Weile in die Windungen der Barranca hinab, in denen die alte Cor⸗ tezſtraße ſich gegen Cholula hinüberzieht, und dann ſpran⸗ gen ſie mit dem Ausrufe:„Mulos y arieros!“*) zurück. Durch die erwähnten Windungen der kaum für Maul⸗ thiere gangbaren Straße und durch Schluchten und über Felſenvorſprünge und grauenvolle Abgründe hörte man einzelne Glocken⸗ oder Schellentöne, deren auf der Ber⸗ geshöhe verhallende Klänge wunderbar anheimelnd die Stille der luftigen Höhe unterbrachen, und bald darauf ſah man auch die Maulthiere, kaum größer als Hunde, langſam den engen Felſenpfad emporklimmen, an den ſtei⸗ len Klippen niederſteigen und ſich wieder emporarbeiten; dann ließ ſich der rauhe, einfache Geſang der Arieros mit ſeinen langen Cadenzen hören, und endlich bekam man auch die leichte Geſtalt der Arieros ſelbſt in ihrem phantaſtiſchen Aufzuge, mit ihren fünfhundert Knöpfen und dem bunten, maleriſchen Kopfſchmucke der Maulthiere, *) Mauleſel und Treiber. — 9 mit ihren wollenen Federbüſchen und Troddeln und ihren vielfarbigen Satteldecken und dem Trabucco*) hinter den Sätteln zu ſehen. Es lag etwas ungemein Pittoreskes in dieſem maleriſchen Zuge, als er ſich die himmelhohen Felſen emporwand, und der rauhe, kräftige, ſonore Ge⸗ ſang, begleitet von dem Glöckchenſchalle, im Luftzuge die Bergeshöhe heraufſchallte. Zu gleicher Zeit ſonderte ſich eine Geſtalt von dieſem Zuge ab, die mit außerordent⸗ licher Schnelle und Behendigkeit vorſprang; ſie hatte den ſchon an ſich gefährlichen Felſenpfad verlaſſen, und war am Rande desſelben fortgeklettert. Von Klippe zu Klippe ſpringend, ſchien ſie Vergnügen an dieſem halsbrecheriſchen Zeitvertreibe zu finden, und war auf dem gefährlichen Wege an dem zweiten Abſatze der Barranca angelangt. Es war ein Jüngling, wie man nun, nachdem er die Manga abgelegt, ſehen konnte. Hoch über ſeinem Haupte ſchwebte ein rieſenmäßiger Adler, der königliche genannt, der kreiſend ihn umflog, herabſchoß, wieder aufflog, gleichſam ſpielend mit ſeiner gehofften Beute. Der kühne Felſenkletterer ſchöpfte einige Sekunden Athem, warf ei⸗ nen Blick auf den gewaltigen Raubvogel, und, ſeine Manga vor ſich hinwerfend, ſetzte er mit einem ke⸗ cken Sprunge über den Abgrund. Raſch ſich nochmals aufraffend, ſprang er von Felſen zu Felſen, und langte endlich gegenüber dem Plateau ſelbſt an, von dem *) Stutzer mit einer weiten Mündung. — 40— er bloß durch einen gewaltigen Felſenvorſprung getrennt wurde. Den Stamm einer Zwergeiche erfaſſend, ſchwang er ſich auf dieſen, kletterte dann behend hinan, und ſprang vom Baume auf das Plateau ſelbſt. „Diablo!“ ziſchten die beiden Zambos, die mit jener ſtummen Theilnahme dem kühnen Waghalſe zugeſe⸗ hen hatten, die körperliche Stärke oder Behendigkeit im⸗ mer in dem rohen Naturmenſchen zu erwecken pflegt. „Diablo!“ brummte der Eine,„ha mißs vidas que uno gato,“*) und dann verlor er ſich im Dickichte. Es war Don Manuel, der ſo verwegen, und, wie es ſchien, ſo unnöthiger Weiſe ſeine Fertigkeit im Berg⸗ klettern hier zur Schau geſtellt hatte, die wirklich einige Anerkennung verdient haben dürfte, da ſeine reiche und phantaſtiſche Reiterkleidung dieſer gymnaſtiſchen Uebung nichts weniger als förderlich geweſen war. Er trug näm⸗ lich einen ſogenannten Guadalaxara⸗Hut, mit einem ſechs Zoll breiten und ganz mit Goldtreſſen beſetzten Rande, einer niedrigen Krone, über der die blutrothe Kokarde der königlich geſinnten Mexikaner prangte; ſeine Jacke war gleichfalls mit Goldtreſſen überladen und mit Seeootter⸗ fellen beſetzt; ſeine Beinkleider von ſcharlachrothem Tuche am Knie offen und in zwei Spitzen von gelber und grü⸗ ner Farbe endigend; das Ganze mit maſſiven ſilbernen Knöpfen und dicken Goldſchnüren beſetzt, und die Kniee *) Er hat mehr Leben als eine Katze. — 11— durch braungelbe, gleichfalls in Guadalaxara verfertigte, lederne Bottina's oder Kamaſchen geſchützt, die, ſtatt der Knöpfe mit bunten ſeidenen Bändern befeſtigt, bis zu den Knien reichten, wo ſie ſich in ein paar ſeltſam geſtalteten Flügelſchuhen verloren. Nur die Sporen man⸗ gelten zum vollſtändigen Kavaliersaufzuge, der, mehr reich als geſchmackvoll, offenbar noch dem vorletzten Jahr⸗ hunderte angehörte. Seine Manga von der Erde auf⸗ raffend und ſich nachläſſig in dieſe hüllend, überſah er den zurückgelegten halsbrecheriſchen Weg einen Augenblick, und wandte ſich dann, um die prachtvolle Fernſicht zu betrachten, die ſich vor ſeinem Blicke aufrollte. Vor ihm lagen die maleriſchen Fluren von Cholula, und weiter hin von Puebla*), mit ihren unabſehbaren Weizen⸗, Mais⸗ und Agavepflanzungen, durch pitto⸗ reske Hecken und Alleen von Cactusſtauden getrennt und mit einer Menge maleriſcher Indianer⸗Ranchos**) über⸗ ſäet. Rechts, mitten aus den ſchroffen, waldbekränzten und wieder nackten Porphyrgebirgen, mit ihren in der Nachmittagsſonne erglühenden Kuppen, erhob ſich der Itztaccihuatl mit ſeinem ſchneeigten Haupte, eine ſolche Fluth von Licht und Glanz in ſeiner iſolirten Herrlich⸗ —— *) Puebla de los angelos, die Hauptſtadt des Staates Puebla; buchſtäblich das Dorf der Engel, nach einer Tra⸗ dition, vermöge welcher die Engel den Erbauern der Ka⸗ chedrale beigeſtanden. **) Indianiſche Dörfer ohne Kirchen. — 12— keit ausſtrömend, daß das Auge den Schimmer nicht auszuhalten vermochte. Weiter links ragte der Rieſe der mexikaniſchen Berge, der Popocatepetl, weit über die ganze ihn umgebende Welt empor, einen Wolkenflor um ſei⸗ nen ungeheuern Kegel ziehend, und weiter ſüdöſtlich ſtieg der Stern der mexikaniſchen Berge, der Orizava, gleich ei⸗ ner Geiſtergeſtalt in die Lüfte, die, rein und azurblau, die Rieſenberge in ihren zitternd-elaſtiſchen Vibrationen mit jedem Augenblicke näher zu bringen ſchienen. Im Rücken endlich verglomm der waldbekränzte Malinche mit ſeinem hehren Baumwuchſe und ſeinen grandiöſen Barran⸗ cas in die matte Dunkelheit. Die außerordentlichen Kontraſte der herrlichſten, nun in der Februarfriſche grünenden und blühenden Vegeta⸗ tion, mit den großartigen Bildern der erhabenſten Alpen⸗ welt, hatten für einige Minuten den Jüngling in ſprach⸗ loſem Dahinſtarren feſtgehalten; ein leichtes Geräuſch hin⸗ ter ſeinem Rücken weckte ihn aus ſeinen Betrachtungen, und verurſachte einen Satz, der weniger halsbrecheriſche Behendigkeit als ſeine früheren Sprünge, aber ungleich mehr Geiſtesgegenwart verrieth. „Picaro gojo!“ ſchrie der Meſtize, deſſen Machetto, ſtatt der Bruſt des Jünglings, ſeine Manga durchbohrt hatte. „Maledito Gachupino!“ fiel der Andere ein, der ſeine Keule gleich vergeblich geſchwungen hatte. Der Angriff der beiden Gauner war ſo unerwartet geſchehen, daß unſer Don kaum Zeit gehabt hatte, auf die Seite zu ſpringen. Mit bewundernswürdiger Faſſung jedoch, ſeine Manga preisgebend, ſprang er auf den Fel⸗ ſen zu, und warf ſeine beiden Hände ſo ſchnell und ent⸗ ſchloſſen vorwärts, daß der erſte der Desperadoes den zweiten beinahe über den Haufen gerannt hätte. Ein paar geſpannte Piſtolen, die der Jüngling während ſei⸗ nes Sprunges aus der Pelzjacke gezogen, hatte dieſen plötzlichen Rückzug bewirkt. Eine Weile ſah er den bei⸗ den Banditen, die ſich lachend im Dickicht verloren, nach, und dann ſeine Manga aufhebend, näherte er ſich dem Rande der Barranca, von dem die Maulthiere nicht mehr ſehr entfernt waren. Kein Wort war ihm entfallen, und nach der Gleichgültigkeit zu ſchließen, mit der der Jüng⸗ ling ſich bei dem ganzen Vorfalle benommen hatte, ſchien er darin eben nichts ſehr Außerordentliches zu ſehen. Achtzehntes Capitel. Ich ſchwör darauf, s'iſt wahr, nie log ein Reiſender, Schilt gleich zu Haus der Thor ſie. Shakespeare. Er wurde neuerdings aus ſeinen Betrachtungen durch ein Halto aufgeſtört, das aus demſelben Gebüſche er⸗ ſchallte, aus welchem wir es früher gehört haben. „ Halto!“ rief dieſelbe Stimme, und der ſogeheißene Kapitain kam mit ſchußgerechter Karabine auf ihn zu. Er ſchien jedoch eben ſo wenig aus ſeiner Faſſung zu kommen, als zuvor, kaum daß er ſich etwas ſpröde wandte und den neuen Gegner anſah.„Setzt ab,“ ſprach er endlich hingeworfen,„oder ich drücke los!“ „En Verdad?“ fragte der Kapitain.„Me pare- ces hombre de buen corazon.“*) *) In der That? Du ſcheinſt mir ein Mann von Muth zu ſein. „Ob ich es bin, wirſt du ſehen;“ verſetzte der Jüngling trocken. „Carracco!“ Der Mann warf einen zweifelhaften Blick auf den jungen Don und brachte dann ſein Ge⸗ wehr aus der ſchußgerechten Lage. Die neue Erſcheinung des Kapitains, obgleich ſein Aeußeres nicht ganz ſo banditenmäßig war, als das der beiden Zambos, war ſicher nicht geeignet, mehr Ver⸗ trauen oder Sicherheit einzuflößen. Das Geſicht des Man⸗ nes verbarg eine dichte Maſſe von ſchwarzen Haaren, die über Stirne, Schläfe und Nacken herabhingen, und kei⸗ nen Theil deſſelben erkennen ließen, ausgenommen ein paar rabenſchwarze und ſchief auseinander ſtehende lauernde Augen, die gelegentlich durch die im ſcharfen Luftzuge bewegten Haare hervorblitzten. Ohne von beſonders ſtar⸗ kem Körperbau zu ſein, war er muskulös und augen⸗ ſcheinlich ungemein abgehärtet. Er hatte einen runden Guadalaxarahut mit hoher Krone„ um dieſe eine breite goldene Treſſe, in dem ein ziemlich großes Miniatur⸗ bild der Jungfrau von Guadeloupe ſtak. Ein zweites hing an einem weißblauen Seidenbande von ſeinem Halſe. Seine Manga, mit einer Fülle von Goldtreſſen ver⸗ brämt, war heillos mitgenommen, nicht weniger das Wamms von rothem Sammt und die Beinkleider; um ſeine Füße hatte er ſtatt der gewöhnlichen Bottinas, Schaffelle und Schuhe, durch deren Oeffnungen alle Zehen zu ſehen waren; an beiden ſtaken ſechs Zoll lange Sporen mit — 10— Rädern, die wenigſtens eben ſo viele Zolle im Durch⸗ meſſer hatten. Seine Bewaffnung beſtand, nebſt dem erwähnten Karabiner, aus einem Machetto und einem ver⸗ roſteten Dragonerſchwerte. Der Jüngling hatte den Mann mit jener flüchtigen Miene gemeſſen, mit welcher der Vornehmere den ge⸗ ringern Verdächtigen ins Auge zu faſſen pflegt. Ein ſpitzes Lächeln ſchwebte für einige Augenblicke um ſeine ſich kräuſelnd aufwerfenden Lippen; doch als halte er den Gegenſtand keiner weitern beſondern Aufmerkſamkeit werth, ließ er ſeine ſchußgerechte Hand ſinken und wandte ihm gleichgültig den Rücken. „Venid Senor a uno grande Capitano qui leva los manos y trembla la tierra.“**) Der Jüngling maß bei dieſem, unter obwaltenden Umſtänden allerdings komiſchen, Ausbruche von Pathos den großen Kapitain von Kopf bis zu den Füßen, und wandte ihm dann wieder den Rücken. „Venid!“ wiederholte dieſer ſchärfer, und ſtehen Sie Rede und Antwort dem, der das Recht zu fragen hat. Ver⸗ geſſen Sie nicht, daß Sie im Bereiche eines großen Hel⸗ den ſind, der die Tyrannen niederſchmettert, und zu den hunderttauſend Teufeln in alle ſiebzehn Höllen ſendet. *) Kommen Ew. Gnaden zu einem großen Kapitain, der die Hände bloß aufzuheben braucht, um die Welt zit⸗ tern zu machen. mmmeet .——— — 1417— Dieſe letzteren Worte waren wieder in hohem Pa⸗ thos geſprochen, und der große Kapitain hielt eine Weile inne, offenbar die Wirkung ſeiner hochtrabenden Auffor⸗ derung abwartend. Der junge Don gab noch immer keine Antwort. „ Todos diablos!“ ſchrie der Kapitain ungeduldig. 3, Wo kommſt du her? Wo gehſt du hin? Was iſt die Abſicht deiner Jornada?“ „ Wahrſcheinlich einer der Befehlshaber der ſoidi⸗ ſant Armee der Patrioken?““ bemerkte jener im hinge⸗ worfenen Tone. 4 „Eben ſo, Senor,“ verſetzte dieſer, der nun auf einmal in denſelben humoriſtiſchen Ton einging.„Com⸗ mandant einer Abtheilung der patriotiſchen Armee, die ſich im Hauptquartier von Puebla verſammelt.“ „„ Hauptquartier?“ wiederholte der Jüngling halb zu ſich, und nicht ohne Spott. u „„ Ja Hauptquartier„ verſetzte der Meſtizze; und zwar nicht eines, ſondern zehn: zu Puebla, zu Ve⸗ racruz, zu Nucatan, Oaxaca, Valladolid, Zacatecas, Guanaxuato, Guadalaxara.“ „Eure Herrſchaft erſtreckt ſich weit, ſcheint es;* erwiederte der Jüngling, mit einem Blicke auf des Man⸗ nes Fußbekleidung. „Eben ſo,“ verſetzte dieſer in demſelben humoriſtiſchen ——O *) Reiſe. Der Virey. II. k0 aber etwas tückiſchen Tone, und da meine Fußgarde⸗ robe, wie Euer Gnaden ſehen, im Dienſte der rebelli⸗ ſchen Majeſtäten einigermaßen gelitten hat, und da Sie ſich einer beſſern erfreuen, wahrſcheinlich auch Gelegen⸗ heit haben, ſich in Bälde mit einer noch beſſern zu ver⸗ ſehen, ſo wollte ein unwürdiger Diener des Patrioten⸗ Vaterlandes Euer Gnaden freundwillig erſucht haben, ſich hier auf dieſen Stein niederzulaſſen, und ſich derſel⸗ ben zu Gunſten eines großen Capitano zu entledigen, wenn Sie nicht Luſt haben, derſelben auf eine weniger freundliche Weiſe entledigt zu werden.“ Der Mann ſah den Jüngling nach dieſer ſelbſtge⸗ fällig launig vorgebrachten Zumuthung lächelnd an, und wartete einige Augenblicke; als jedoch keine Bewegung von Seiten dieſes erfolgte, die Gewährung hoffen ließ, ſchrie er in kürzerer peremtoriſcher Weiſe:„Komm' und mach' hurtig; deine Schuhe und deine Bottinas!“ „Meine Schuhe dürften dir wahrſcheinlich zu knapp ſitzen;“ erwiederte der Jüngling, deſſen Rechte mit der geſpannten Piſtole ſpielend ſich wieder mechaniſch erhob. Sein Gegner hob ſeinerſeits raſch die Muskete. „Bleibe ruhig, Jago;“ ſprach jener trocken,„oder ich will dich ſonſt beſchuhen, daß du Manuel M— alle Tage deines Lebens gedenken ſollſt.““ Der Mann ſtrich ſich das Haar von der Stirn und aus den Augen, ſtarrte den Jüngling einige Augenblicke — 40— erſtaunt an, und ſeine Muskete fallen laſſend, rannte er mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. „„Santa Vierge!“ ſchrie er, indem er ihm voll ins Geſicht ſchaute.„Beim Erlöſer von Atolnico. Möge ich das ewige Leben nimmer ſehen, wenn dies nicht der ſehr edle Senor, Don Manuel, der Neffe Sr. Herrlich⸗ keit Conde Jagos, des erſten Cavaliers von Mexiko, und der Sohn des zwar nicht ſo edlen, aber immer noch ganz paſſabel edeln Senor, Don Sebaſtiano, und der Gachupina Donna Senora Anna, gebornen Villaggio ſeiner ſehr edeln Dame, und der Cortejo des Engels aller Engel Mexikos und folglich der Welt— Elvira iſt!“ Wir haben uns bemüht, dieſe etwas lange, und in ihren Einzelnheiten nichts weniger als für einen adels⸗ ſtolzen Don ſchmeichelhafte, aber ächt mexikaniſche Wie⸗ dererkennungsſcene, nach Möglichkeit getreu zu übertragen, ſie jedoch in ihrer ganzen Originalität zu geben, dürfte ſchwer, wenn nicht unmöglich ſein. Jeder Satz war von einer eigenen Mimik begleitet, und Laune, Spott und Reverenz für die hochadelichen Perſonen, und Jronie wechſelten ſo wunderbar in den Geſichtszügen und dem Tone des Sprechers, daß dieſer gewiſſermaßen einen ganz neuen Charakter erhielt. Er wurde endlich durch den Jüngling unterbrochen, der ihm barſch in die Rede fiel. „Biſt du fertig?“ „„ Noch nicht;“ verſetzte der Kapitain.„Möge mich — 20— die Jungfrau von Guadeloupe auf ewig vom Labſale me⸗ rikaniſcher Gaumen, einer ächten Havannah⸗Cigarre und einem Glas Aguardiente trennen, wenn ich errathe, wo⸗ her es kommt, daß ein ſo hochadelicher Don auf einem ſo holperichten Wege, als die alte Marquisſtraße iſt, beranſteigt, ſtatt den Camino real*) über Otumba, oder den von San Martin und Cholula über Puebla einzu⸗ ſchlagen.” „Das kann ich dir ſagen,“ verſetzte der Don.„Un⸗ ſere Freunde haben mir den Auftrag gegeben, dich hän⸗ gen zu laſſen, und das ſobald als möglich.”“ „„Und wollt ihr ſo gut ſein, mir dieſe Freunde zu nennen, juſt des Spaßes wegen; vielleicht fände ſich bald Gelegenheit, dieſe Procedur an und mit ihnen vorzu⸗ nehmen;“ verſetzte der Capitano mit einem tückiſchen Lä⸗ cheln, indem er zugleich zutraulich einen Schritt nä⸗ her trat. 3 „Drei Schritte vom Leibe!“ ſprach der Jüngling; „ keine deiner heuchleriſchen Liebeszähren. Wir kennen uns.“ „Ihr kennt uns, Senor,“ meinte Jago kopfſchüt⸗ telnd und etwas kühler.„Ihr kennt uns? Glaubt ihr? Wie zweifeln, ſonſt ſprächet ihr wahrſcheinlich aus ei⸗ nem andern Tone. Ei freilich, wäre ich ein ganz guter Ingo geweſen, wenn ich alle Tage meines Lebens den *) Königsſtraße, Heerſtraße. Treiber eurer Mulos, und gelegentlich eurer gente irra- zionale, wie ihr die armen Teufel von Indianern zu nen⸗ nen beliebt, gemacht hätte oder zu machen fortgefahren hätte. Ei, euer gnädiger Herr Onkel iſt ein ſehr gnä⸗ diger, ſehr edler und gewaltiger Herr, ſpricht wenig, aber denkt viel und thut mehr, und hat ſeine Hand über ganz Mexiko und die Madre Patria und ein Stück noch drüber; aber glaubt mir, er würde anders mit Jago ſprechen, als ſein Neffe, der Sohn des paſſabel edlen Senor Don Sebaſtiano. Ei, der Graf iſt ein ed⸗ ler Herr, aber daß er eine ſeiner ſchönſten Haciendas eu⸗ rem paſſabel edlen Herrn Vater abgetreten, war ein Bock, der ihn um dreihundert der rührigſten Indianer brachte.“ „Schurke,“ rief der Jüngling,„ſo du es wagſt!“ „Seht Ihr, daß Ihr mich nicht kennt,“ ſprach Jago mit derſelben unerſchütterlichen Gleichmüthigkeit ſeinen Hut lüftend und ein bischen ſeitwärts ſetzend. Ha, ha, die Indianer eures Herrn Vaters. Ihr könnt es dem armen Jago noch immer nicht verzeihen, daß er ſtatt ein viertauſend Arobas*) Zucker aus eures Herrn Vaters Pflanzung nach Mexiko zu bringen, dreihundert eurer Indianer mit ſich nahm, die auf einmal die fried⸗ liche Hacienda Don Sebaſtianos zu verlaſſen Luſt be⸗ kamen, um ſich an den großen Hidalgo anzuſchließen, nach dem Beiſpiel eures gehorſamſt unterthänigſten Die⸗ 9 2 20 9 4 3 ᷓỹᷓ—kQQQ/:/:;:—Q— ₰ * Eintauſend Centner. ners Jago. Aber ſeht'mal, für dreihundert magere Och⸗ ſen, die euer Herr Vater an dreihundert dieſer armen Teufel zu überlaſſen die Gnade und Barmherzigkeit hatte, mußten ſie ein ganzes Jahr ſauer ſchwitzen, und— bei der heiligen Jungfrau— San Chriſtoval konnte nicht härter geſchwitzt haben, als er das kleine Jeſuskindlein über den geſchwollenen Fluß trug. Ging der armen gente irrazionale akkurat wie dem armen Don Chriſto⸗ vas. Je länger ſie trugen, deſto ſchwerer wurde die Bürde, und da ſie nicht die Knochen des heiligen Ca⸗ ballero hatten, ſo konnten ſie dieſe endlich nicht mehr er⸗ tragen. Hat aber jeder Menſch ſeinen Ahuitzote; und bei meinem werthen Schutzpatron, San Jago! die Indianer hatten ihn auch. Mochten ſich Tag und Nacht plagen, half doch nichts, konnten doch nicht aus ihren Schulden kommen, nicht einmal ihre Ochſen bezahlen, die doch, ihr wißt es, euren paſſabel edlen Vater das Stück netto keinen Real mehr noch weniger koſteten als zwanzig Piaſter. Und wenn das Jahr herum war, ſtanden ſie juſt um zwanzig Dollars mehr im Schuldbuche, und nach dem dritten Jahre hatten ſie ſechzig Dollars auf der Kreide ſtehen, ſo daß die armen Teufel jedes Jahr umgekehrt reicher wurden. Das wäre nun ſo ſchlimm nicht geweſen, da ſie aber wohl ſahen, ſo dumm ſie auch waren, daß ſie für dieſen negativen Reichthum ihr ganzes Leben zu arbeiten haben würden, und daß ſie dabei ſelbſt — 25— die obras pias*) nicht hätten bezahlen können, folglich nach ihrem leidigen Leben ſammt und ſonders in die Hölle gewandert wären, ſo dürft ihr euch nicht wundern, wenn ſie Schaufel, Hacken und Korb verließen, um dem gro⸗ ßen Hidalgo zu folgen, wo es keinen Tributo*) zu zahlen gab, und Duros er) die Hülle und Fülle.“ Der Patrioten⸗Kapitain hatte ſich in eine Laune hineingeredet, die, ſo beißend ſie für den jungen Edel⸗ mann ſein mochte, der Wahrheit zu viel in ſich hatte, um dieſen nicht zu einigem Nachdenken zu bringen. „Glaubt ihr, Senor,“ fuhr Jago auf gleiche Weiſe fort,„wir ſind Hunde? Ach, ihr ſeid einer de los bplancos, einer der Weißen, zwar keiner un⸗ ſerer Gebieter, aber ein Edelmann von ſo reinem Blute, als je einer im flema gastiliana †) ſteckte; flema näm⸗ lich, wenn es darauf ankömmt, unſerm Elende abzuhel⸗ fen. Ei, ihr habt nie die infamia de derecho †t) auf eurem Nacken ſitzen, und wie euren Schatten zum ver⸗ dammten Begleiter gehabt, ſchlimmer als euer Schatten, *) Milde Beiträge. Siehe Note. s) Kopfſteuer. Die Indianer und Kaſten hatten ſie allein zu bezahlen. Hidalgo hob ſie auf. *2*) Harte Piaſter. t) Kaſtilianiſches Phlegma. tt) Ehrlos von Rechtswegen, durch Geburt. Kinder weißer und ſchwarzer, oder weißer und rother, oder rother und ſchwarzer Aeltern waren intames de derecho. — 21— denn der läßt euch wenigſtens während der esracion de las aguas in Ruhe. Und mein Vater ſelig war ein ſo guter Vater als einer; und meine Mutter eine ſo gute Mutter als eine andere. Was half es? Weil ſie dem Cura keine zwanzig Piaſter bezahlen konnte, ſo ſollte Jago Zeit ſeines Lebens ein Balg ſein, und ſeine Kin⸗ der und Kindeskinder ſollten es nach ihm ſein.“ Der Mann hatte in gedrängter Sprache und ſo ziem⸗ lich genau einige der Leiden der zwei größeren Partien des mexikaniſchen Volkes dargeſtellt, und ſeine Worte ſchienen auch nicht ganz ohne Wirkung auf den Jüng⸗ ling geblieben zu ſein, der nun etwas weniger barſch erwiederte: „Wenn Mexiko durch dich und ſolche wie du geret⸗ tet werden ſoll, dann iſt es wahrlich verloren.“” Der Kapitain horchte hoch auf.„Durch ſolche wie ich— gerettet werden ſoll?“ wiederholte er mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln.„Alſo doch gerettet? Alſo fühlt ihr doch ſchon etwas in eurem hochadelichen Blute, Senor Don Manuel? Ei, die Welt ſagt, daß ihr ſeit ſechs Monaten ein ſo arger Gachupin ſeid, als der vertrock⸗ netſte Spanier; ja ſie ſagt noch ein bischen mehr.“A Der Jüngling zuckte zuſammen und fuhr wüthend auf den Kapitain zu. „Ei, das juckt;“ fuhr der Mann fort.„Ho, armer Don Manuel! Haben ſie euch auch eine Naſe ge⸗ dreht, und glaubt nun klüger zu ſein, als die alten Spa⸗ = 36— tzen? euer Onkel— ei Reſpekt für euren Onkel— hät⸗ ten wir nur zwanzig ſolcher Condes. Aber Miſericordia mit eurer lieben Nobilitad! Die verträgt, wie ein vom Sonnenſtich getroffenes Maulthier, das Licht des Tages nicht mehr, und verkriecht ſich vor der aufgehenden Sonne der Freiheit, oder was noch ſchlimmer iſt, wendet ih⸗ rem Vaterlande den Rücken, um ſeinen Tyrannen zu hel⸗ ſen gegen die Mutter, die ſie groß gezogen, dann muß ſich freilich die Gavilla regen, und geregt hat ſie ſich, wie ihr wohl wißt.“ „Seid aber verdammt ſchlecht dafür belohnt wor⸗ den;“ verſetzte der Jüngling mit erkünſteltem Stolze, denn die letzten Worte des Kapitano hatten ihn wie ein vom Froſte gerütteltes Laub erzittern gemacht. „Schlecht, ſagt ihr,“ erwiederte der Kapitain, deſ⸗ ſen Falkenblick den Jüngling zu durchbohren ſchien. „ Sagt hündiſch, teufliſch. Wird aber auch kommen der Züchtigungstag. Hat jeder ſeinen Ahuitzote. Ei, ihr ſeid Caballeros,“ fuhr er launig fort;„„ warm und kalt, zu Hofmännern geboren; wir bloße Gavillas, und des⸗ halb haben ſie uns wie das liebe Vieh gehängt, erſchoſ⸗ ſen und verbrannt, niedergeſtoßen und zertreten, ärger als Coyotes; wenn nicht alle, doch ſo ziemlich alle. Armer Hidalgo,“ rief er mit weicherer Stimme,„vor zwölf Monaten hätteſt du dir auch noch nicht träumen laſſen. daß du ſo gepfeffert werden würdeſt. Rieben ihm die verdammten Spitzköpfe die Hände und den Glatzkopf mit — 206— Ziegelſtaub, hingen ihm ein Benito um, und ſandten ihn brühheiß ins Paradies, wo er jetzt mit ſeinen Muſi⸗ kanten und der heiligen Cäcilia Concerte giebt, wenn ihn nämlich St. Peter der Swizzero eingelaſſen hat. Und Don Allende ſollte eigentlich auch da ſein; aber der iſt Soldat, und ich zweifle, ob ſie ihn unter die eilftauſend Jungfern ließen. Würde eine ſaubere Wirthſchaft an⸗ gefangen haben. Haben ja nichts als alte Kaiſer und Könige, ausgemergelte Mönche, lederne Eremiten und feiste Prälaten im Himmelreich, und die ſind, ihr wißt, ſchlechter Zeitvertreib für fromme jüngferliche Begehrungs⸗ vermögen.“ „Der Spitzbube iſt witzig geworden;“ bemerkte der junge Edelmann. „Ei ſo etwas lernt ſich bald. Unſere Padres, ſeit⸗ dem ſie die Kutten ausgezogen, ſind die witzigſten. Soll⸗ tet ſie mal hören. Sie ſind auf einmal aufgeklärt ge⸗ worden. Haben aber genug plärren müſſen. Doch baſta.“ Er hielt eine Weile inne und ſah den Jüngling forſchend an.„Aber dürfen wir Don Manuel gehorſamſt fra⸗ gen, was ihn eigentlich auf dieſen von allen mexikani⸗ ſchen Menſchenkindern verlaſſenen Marquis⸗Weg gebracht? Hat Ihre junge Herrlichkeit etwa Luſt, ſich an die glor⸗ reiche Sache Mexikos anzuſchließen?““. „Bei der heiligen Jungfrau, Jago, du biſt ein unverſchämter Geſelle, und beinahe ſollte ich dich züchti⸗ — 27— gen, für die Frechheit einem Caballero eine ſolche nie⸗ derträchtige Zumuthung zu ſtellen?“ Der Mann ſah den Jüngling mit einem ſardaniſchen Lächeln an.„Ihr habt die andere Seite gewählt, Se⸗ nor,“ ſprach er, ſtatt, was vernünftiger geweſen wäre, neutral zu bleiben.— Ah, Strahlen aus feurigen Au⸗ gen? Aha!* „Teufel und Hölle, Schurke!“ rief der Jüngling auf ihn los ſpringend;„ſo deine Zunge—— „ Ausſpricht,“' ergänzte Jago,„was in Mexiko jeder Guachinango zu ſeinem Pulque ſingt, Senor!“ ſprach er mit ernſter Stimme.„Habt ihr in eurem Le⸗ ben nichts vom Gallo de Viento gehört, nie hinauf ge⸗ ſchaut wie er ſich dreht? Selbſt geſcheite Leute thun es, juſt um zu wiſſen, ob das Wetter ſchön bleibt. Ei, ihr habt den beſten Gallo de Viento vor der Naſe; aber Liebe, ſagt unſer Sprichwort, macht blind, ſonſt müßtet ihr euern Onkel ſtärker ins Auge gefaßt haben. „Was hat der Ariero Jago, mit dem Conde San Jago zu thun?“ ſprach der Don im wegwerfenden Tone. „Juſt ſoviel als Jago, und Conde de San Jago beliebt, Senor, und meiner Treue, Jago glaubt feſt und ſicherlich, daß, wäre Jago nicht, Conde de San Jago nicht der zehnte Theil ſein würde, was er iſt.— Doch baſta, und Scherz bei Seite— mag ich wiſſen wie es kömmt, daß ihr dieſen Weg eingeſchlagen?““ „Bekümmere dich um deine ſeignen Angelegenheiten,“ — 28— rief ihm der Jüngling entrüſtet zu, und mit dieſen Wor⸗ ten wandte er ihm den Rücken. „Bei meiner armen Seele!“ murmelte der Kapitän; „das iſt eine Quantität Stolz, die, wenn vertheilt in eine Million Doſen, noch für jeden Creolen eine hinrei⸗ chende Portion gäbe. Hört aber, junger Senor; alles hat ſeine Zeit, ſagt das Sprichwort. Und noch vor zwei Jahren hätte euer Stolz gegen den Ariero Jago hingehen mögen; aber die Zeiten haben ſich geändert, ſeit ein gewiſſer Cura und Rector Namens Hidalgo los⸗ brach. Gelt, Eure Herrlichkeiten dachten damals nicht, daß der ſechzigjährige Padre noch eine ſolche Hetze ma⸗ chen, und ohne Se. Excellenz, den Virey, oder die groß⸗ mächtige Audiencia zu fragen, losbrechen würde? Ei, die Nobilitad, allezeit der ſehr edle Conde de San Jago ausgenommen— ſie hat wohl Muth in ihren Ter⸗ tulia⸗Salons, und zu Intriguen und Camarilla⸗ Verſchwörungen, aber zum ernſten Losbrechen, da zieht ſie ihre Köpfe aus der Schlinge, und läßt den armen Cura von Dolores anrennen; der verſtand aber den Spaß unrecht, und fieng im Ernſt an. Ja,“ fuhr er lebhafter fort.„Es iſt nun gerade achtzehn Monate, daß der Tanz losging. Hättet ihr ihn geſehen, den kleinen und wieder großen Hidalgo, ihr würdet es nimmer geglaubt haben, daß er der Mann dazu ſein könnte. Ein dickes, kleines, rundes Körperchen, mit einem ſanguiniſchen Lächeln und lebhaften Augen, ge⸗ — 29— rade ſo oölivengrün wie eine Madeiraflaſche; er liebte dieſe Flaſchen, und baute ſeinen Wein— incognito, ver⸗ ſteht ſich, denn die Spanier hätten ihm die Reben aus⸗ geriſſen, und ihn noch obendrein ins Loch geſetzt;— hatte wenige Haare auf dem Scheitel, hatte eine ſo kurze Bettſtelle, ſagte er immer, die ihm alle abgerieben, aber trotz ſeinem Glatzkopf und ſeinen ſechzig Jahren, war er euch ſo rührig, und von einer wahren Rieſen⸗ ſtärke; beinahe immer zu Pferde, der beſte Reiter, hätte zum Lancero*) in den Präſidios getaugt, und es mit den Teufeln der Cumanches aufnehmen können. Und witzig war er euch! wie Pfeffer und Salz floß es von ſeiner Zunge; Tag und Nacht hatte er ſeine Muſikanten bei ſich. Er nannte ſie harmoniſche Geſellſchaft; und eine Harmonie herrſchte unter ihnen, das muß wahr ſein. Sie ſchliefen alle in einem Zimmer, und legten ſich wie es kam untereinander, und der erſte der aufſtand, nahm die Ho⸗ ſen, die ihm zunächſt lagen, und wenn einer die des dicken, runden Cura in die Hände bekam, lachte ſich der Padre halb zu Tode. Brauchten ſie Geld, ſo liefen ſie wieder zum Cura, und wühlten in ſeinen Säcken, bis der letzte Real heraus war. Wenn er am Sonntage nach Hauſe kam, er las immer eine Stunde von Dolores Meſſe in — *) Unſtreitig die beſte Cavallerie der Welt, durch die im⸗ merwährenden Kriege und Scharmützel mit den ſogenannten Bravos(ununterjochten Indianern) unglaublich abgehärtet. der Kapelle der Beata, ſo beſtürmten ihn alle um Du⸗ ros, daß er oft ausrief—„nehmt, aber nehmt ge⸗ ſchwind; denn bei San Jago! ihr werdet mich dieſer Tage noch einmal erwürgen. Ah, Hidalgo!“—— Er hielt nicht ohne tiefe Rührung inne. Der Jüngling hatte gleichfalls mit etwas mehr Theilnahme, die eben ſo intereſſante als wahre Charak⸗ terſkizze des merkwürdigen Mannes angehört, der zuerſt mit ſo beiſpielloſer Kühnheit die Fahne der Freiheit in ſeinem Lande entfaltet, und eben ſo ausgezeichnet durch die Originalität ſeines Privatlebens, als ſeine politiſchen Tugenden und Fehler, Gegenſtand der abgöttiſchen Ver⸗ ehrung der einen, ſo wie des unverſöhnlichen Haſſes der andern Partei geworden war. Während der intereſſanten Schilderung, waren die Maulthiertreiber mit der Dienerſchaft und dem Plateau angekommen. M — Neunzehntes Eapitel. Mich verlangt Zu hören die Geſchichte Eures Lebens, Die wunderbar das Ohr beſtricken muß. Shakespeare. „Willkommen Alonzo und Pedro und Cosmo im Quartiere der Freiheit!“ rief der Kapitän den Dienern entgegen, indem er zugleich mit wahrer Kapitänsgran⸗ dezza einige Schritte vortrat, und ihnen ſeine Hand ent⸗ gegenſtreckte.„Willkommen, Willkommen!“ „Maldito Herege!"9*) ſchrie ihm Alonzo zu, ſeinen Carabiner anlegend:„Hund! ſo du es wagſt!“ Die übrigen Diener ſtreckten jedoch ihre Hände freudig dem Patrioten⸗Kapitän entgegen, und die Arieros verneig⸗ ten ſich auf eine Weiſe vor ihrem ehemaligen Gewerbs⸗ bruder, die aufgefallen ſein dürfte„ wenn nicht ihr *) Verdammter Ketzer. ——y ci-devant Compagnon ihre Ehrfurchtsbezeugungen in der Mitte durch einen bedeutſamen Wink abgekürzt hätte. „Noch immer der alte werthe Don Alonzo,“ lachte der Kapitän verächtlich,„juſt geſchickt beso las manos a au Senoria*) zu ſagen, und Bücklinge vor Herrlich⸗ keiten zu ſchneiden, aber zu weiter nichts. Höre, lieber Alonzo, wenn meine Leute, verſtehſt du, Soldaten der Patrioten⸗Armee, dich ſo mit ihrem Kapitano ſprechen hören, bei der heiligen Jungfrau! ich ſtehe dir nicht da⸗ für, daß du nicht in den nächſten fünf Minuten bau⸗ melſt; doch mit Hunden iſt ſchlecht reden,“ fuhr er zum Edelmann ſich wendend fort.„Ja Senor! Hidalgo das war ein ganzer Mann; hat mich die Bedientenſeele da ganz aus meinem guten Humor gebracht; ja Senor! morgen ſind's gerade ſiebzehn Monate und drei Wochen, daß der Charave losgieng. Don Hidalgo ſaß mit ſeinen Muſikanten bei der Tertullia, war juſt neun Uhr Abends, da ſtürzt Don Ignacio Allende y Unzaga todtenbkeich in den Saal, war von Vallodolid auf Leben und Tod ge⸗ ritten, wo Don Iturriaga, um in den Himmel zu gelan⸗ gen, ſeine verſchwornen Gebrüder in die Hölle lieferte, hatte Don Gil gebeichtet, und dieſer die Beichte getreu⸗ lich der Audiencia wieder gebeichtet. In der Verwir⸗ rung wird der Corregidor von Valladolid, als das Haupt der Verſchwörung ergriffen, und der Lärm, den dieß *) Ich küſſe Eurer Herrlichkeit die Hände. 22 — 33— verurſacht, dringt glücklich zu den Ohren Allendes und Aldamas, die ſofort Ferſengeld gaben, und ſo viel ihre Pferde laufen wollen, zu dem einzigen Manne eilen, der in dieſer Teufelei Rath ſchaffen konnte. Und Rath ſchaffte er. Eine Stunde überlegte er und der Capitano, und dann ſprang er luſtig auf, und erklärte ſich zum Losſchlagen bereit. Eine Piſtole in der Rechten, ein Cruzifix in der Linken, läuft er ins Gefängniß, ſetzt dem Kerkermeiſter die Piſtole auf die Bruſt, und zwingt ihn die Schlüſſel zu den Behältern herzugeben, in denen die guten Leute ſaßen, die mit der Juſticia zerfallen wa⸗ ren. Don Allende, der mehr als ein Caballero war, ſtürzt in die Häuſer der Gachupins, zwingt ſie, ihm ihr Sil⸗ ber auszuliefern, und giebt ihnen dafür Anweiſungen auf die Hacienda Real, und dann geht es in die Straße. Noch war kein Blut gefloſſen, ein einziger Gachupin, der etwas grob auf Hidalgo angerannt, war leicht ver⸗ wundet worden. Als die Indianer, Meſtizzen und Zam⸗ bos von Dolores ihren Cura ſo luſtig ſahen, wurden ſie es auch, und fort gieng es nach Miguel el grande, von Miguel el grande nach Zelaya, wo das Infanterieregiment Zelaya, und vier Schwadronen vom Kavallerieregimente del Principe zuſtießen. Von Zelaya gieng es nach Gu⸗ anaxuato, wo ein friſches Bataillon ſich zu ihnen ſchlug. Todos diablos!" rief Jago,„Hidalgos Armee beſtand nun aus mehr als fünfzigtauſend Mann; aber was für fünfzigtauſend Mann! Dreitauſend Mann Infanterie, Der Virey, II. 5 — vierhundert Kavallerie, die ſich unter der Herde Indianer wie eure fünf Maulthiere, auf dem Rücken des Itztacci⸗ huatl ausnahmen. Sie verloren ſich unter der braunen Unzahl wie Fliegen in einem Pulqueſchlauche, kaum daß man ſie bemerkte; die fünfzigtauſend Indianer ohne Ho⸗ ſen, Schuhe, mit Knitteln, Schlingen, oder höchſtens Machettos bewaffnet, gut genug Taſajo*) zu ſchneiden; aber zu kurz, um es mit ſpaniſchen Bajonetten aufzuneh⸗ men, zum Plündern aber und Morden juſt recht. Ei, ſie waren ärger als Ketzer und Juden. In Miguel el grande, in San Feleppe, in Zelaya, waren alle Gachu⸗ pins niedergemacht worden; das wäre ſo ſchlimm nicht geweſen; aber die gente irrazionale hatten auch die Creolen unter den Gachupins mitbegriffen. In Guana⸗ xuato ſollte es ſchlimmer werden. Ich kam gerade zum Tanze. Wir waren mit offenen Armen von den Leperos und Indianern aufgenommen worden, die Creolen und Gachupins aber hatten ſich unter Rianon in die Alhon⸗ dega zurückgezogen. Es war der erſte Widerſtand, den die tollen Hunde fanden, und ſie wurden raſend darob, und ſtürmten auf das Gebäude los, und wurden tüchtig begrüßt. Während des tollen Kampfes faßt ein rieſiger Tenatero einen ungeheuren flachen Stein, ſetzt ſich ihn auf den Kopf, wie er es mit ſeinem Hute gethan haben *) Eingeſalzenes und getrocknetes Rindfleiſch. 0 — 35— würde, und eine brennende Pechfackel in der linken Hand, legt er Feuer an die Thore der Alhondege; es fängt, und über die kniſternden Trümmer der Pforte dringen die wüthenden Indianer unaufhaltſam ein, und ſoll ich mehr ſagen? die vierzehn hundert Gachupins und Creolen, mit Weibern und Kindern, ſind in wenigen Minuten zerriſſen, und erdolcht und zerfleiſcht. Ei„ die Indianer wateten in Blut und Silber. Sie ſchleppten dieſes in Körben fort, und die Dublons verwechſelten die Narren für gelbes Blech, ſie für halbe Duros haltend.“ 3 „ An die viertauſend Indianer hatten ſich aus der Stadt an uns angeſchloſſen, an die dreißigtauſend ka⸗ men aus den Intendanzen. Hidalgo ſtand auf dem Gi⸗ pfel ſeiner Glorie. Sein Kriegsrath hatte ihn zum Ge⸗ neraliſſimus ernannt; Allende zu ſeinem Lugerteniente, Bal⸗ leſa, Pimenos und Aldama zu Generallieutenants; Aba⸗ ſalo, Ocon und die Gebrüder Martinez, zu Mariscals de Campo. Hidalgo ſang ein Tedeum, und theilte die Armee in Regimenter, jedes von tauſend Mann, und gab nun regelmäßigen Sold; den Offizieren drei Piaſter täglich, den Reitern einen, den übrigen einen halben. Er ſelbſt erſchien als Generalfeldmarſchall in Blau mit weißen Aufſchlägen, auf der Bruſt das Medaillon der Jungfrau von Guadeloupe. Wäre aber klüger geweſen, ſte hätten ihn zum General⸗Arzibisco gemacht, und Allende zum Generaliſſimus der Armee, Don Hidalgo war ein tüchtiger Cura, aber ein erzſchlechter General, der nicht einmal Ordnung in ſeiner Armee halten konnte. Er hatte in ſeinem Zorne auf die Criollos, die ihn ſitzen ließen, Mueran los Gachupinos geſchrien, und nun ſchrien es ihm die achtzig tauſend Indianer nach, und mordeten, und ſengten und brennten, wo ſie hinkamen, wie eingefleiſchte Teufel. So hatte er es mit den Cri⸗ ollos verdorben, und meine Mutter ſelig hatte immer die Gewohnheit, wenn ſie nach Guadeloupe wahlfahrtete, zwei Lichter einzuſtecken, ein weißes und ein ſchwarzes, der allerſeligſten Jungfrau das eine, und dem Teufel das andere. Man wiſſe nicht wo man hinkommt, pflegte ſie zu ſagen.“ Don Manuel mit ſeinen Leuten waren immer auf⸗ merkſamer geworden. „Als wir von Guanaxuato auszogen,“ fuhr Jago fort,„waren wir über achtzigtauſend Mann ſtark; aber noch nicht mehr als dreitauſend vierhundert Gewehre. Die gente irrazionale hatten in ihrer blinden Wuth ſelbſt die Musketen der Gachupins nicht geſchont. Noch im⸗ mer ſtieg unſere Anzahl. Hidalgo zog im Triumph auf der Straße von Marabatio, Tepetengo, Jordana, Istla⸗ huaca und Indaparapea auf Mexiko los. Am ſieben und zwanzigſten Oktober waren wir zu Tolucca. Am acht und zwanzigſten trafen wir auf Truxillo bei Las Cruces, der mit ſeinen fünfzehn hundert Mann über den Haufen gerannt wurde, wie eine Herde Schafe. Zwei Tage darauf hatten wir Mexiko vor uns—— Der Kapitän hielt inne.— Seine Stimme hakte während des letzteren Theiles der Erzählung öfters ge⸗ ſtockt, und er hatte die Worte häufig mehr herausgeſto⸗ ßen als ausgeſprochen. Man ſah, daß es ihn Anſtren⸗ gung koſtete, fortzufahren. Seine Zuhörer waren jedoch immer geſpannter geworden, und er ſprach weiter: „Ah, Mexico estrella del mundo!“*) Wohl konnte dein Glanz den Verſtand eines ſchwachen Cura blenden. Armer Hidalgo! er hatte den ſeinigen rein verloren. Statt gerade auf die Stadt los zu marſchiren, ließ er ſie vom General Pimenes auffordern, dem furchtſamſten Wichte, der ihm und der ganzen Armee die Köpfe mit den übertriebenſten Schilderungen von den verzweifelten Vorbereitungen warm machte, die der Haſenfuß geſehen haben wollte. Dann ſchickte ihm Vanegas noch ein ganzes Regiment von Glatzköpfen, die dem armen Cura die Hölle ſo heiß machten, daß er ſchwor, es wäre die größte Gottloſigkeit, Mexiko, dieſen Sitz der Frömmigkeit und unſerer heiligen Religion, der gente irrazionale zu überliefern, und unſer Sanchez war bei Queretaro von Calleja geſchlagen worden; dieſer ſelbſt hatte ſich mit dem Conde de Cadena vereinigt. Hidalgo rannte wie beſeſſen umher. Santa Vierge!“ ſtöhnte Jago,„ſtatt ——— *) Ah Mexiko, du Stern der Welt. — 368 Mexiko mit ſeinen hundert und zehntauſend Indianern und vier tauſend Linientruppen anzugreifen, wo ſich Vanegas bereits zum Abzuge nach Veracruz anſchickte, ſeine zweitauſend Mann ſchon in den Alamedas Bucca⸗ relli und Piedad aufgeſtellt hatte; ſtatt Mexiko anzugrei⸗ fen, retirirt er, nachdem wir es wie Narren den ganzen Tag angeſchaut; retirirt, und läuft Calleja und Cadena gerade in den Rachen. Don Allende, wir alle baten. beſchworen; vergebens, wir liefen über Hals und Kopf nach Aculco.“— Jago hielt wieder inne; er ſammelte ſich wie zu einem gewaltigen Anſatze, ſeine Bruſt hob ſich, der Jüng⸗ ling und ſeine Diener waren nun im höchſten Grade ge⸗ ſpannt geworden. Kein Athemzug war zu vernehmen. „Ich war,“ fuhr der Erzähler fort,„in der Di⸗ viſion des Lugerteniente der Armee Don Allende, der mich mit General Pimenes an die Excellenz mit Depeſchen abſandte. Die Excellenz, das war Hidalgo, und ſie war auf den Hügel von Aculco ſtationirt, um ſie her⸗ um ihr Generalſtab, und die vierzehn Kanonen, die wir hatten.— Ihr wißt, es war am ſiebenten November. Als wir ſo fünfzig Schritte von Don Allende und ſeinem Generalſtab waren, wandte ſich Don Rimenos zu mir, und händigte mir die Depeſche, die auf ein Agave⸗ Blatt geſchrieben war, mit den Worten ein:— Eilen Sie, und übergeben Sie dieſes Don Hidalgo.“ „Ich ſah den Mann mit großen Augen an.— Don Hidalgo? fragte ich. General— aber—— .„Kein Aber, habe zehn Jahre unter den Truppen Sr. Majeſtät gedient, und habe nie geabert. Fort in alle ſiebzehn Höllen, oder alle hunderttauſend Teufel—— „»Unſere Schergen waren auf einmal die Truppen Sr. Majeſtät geworden; aber ich verbiß es, denn ich mußte vorwärts; der General hielt es für gut, rückwärts zu gehen; die Wahrheit zu geſtehen, ſo ſah er ſchläferig aus; kein Wunder, wir waren, ſeit wir die Hacienda Guaximalpa verlaſſen hatten, ſo in die Kreuz und Quere umhergezogen mit unſern Indianern, die Wege waren in der estacion de las aguas ſo heillos, daß wir ſtatt der fünfzig, wenigſtens fünfhundert Stunden gemacht hatten. Vielleicht wollte er auch ſeine Perſon nicht ohne Noth den Kugeln der Gachupins bloßſtellen, die nun wie po⸗ lirte ſtählerne Mauern von Aculco her angezogen kamen. Es war einem ganz dämiſch zu Muthe. An die hun⸗ dert und dreißig tauſend Mann, und eine Stille auf der weiten Fläche. Ihr konntet an dem Morgen jede Stimme einzeln hören„ und jeden Mann ſehen, und das Staunen, und die kindiſche Freude, und die Neugier unſerer Indianer, die zum erſtenmale in ihrem Leben eine Armee in Reih und Glied mit Artillerie und Kavallerie ſchauten, der Jubel war wie toll. Wie Kinder froh⸗ lockten ſie, und tanzten und ſprangen und,— wie Kindern, fieng der Uebermuth an ſie zu jucken, und — 49— ſie warfen ihre Steine und ſchleuderten und freuten ſich wie Kinder. Die feindliche Armee war geſtan⸗ den, ohne ſich zu rühren. Man ſah, es war ihr bange vor unſerer Menge; aber Pfeile und Steine flogen, und ſo mußte ſie, da der Anfang gemacht war, die Fortſetzung liefern. Als ich ſo im geſtreckten Galopp yinritt, kamen ihre Scharfſchützen heraus aus den Cac⸗ tushecken, und Aloefeldern wie Heuſchrecken, und pufften und knackten. Mir wurde wärmer und wärmer, denn das Feuer der Ca gadores*) und Miqueleks*) begann nun in gutem Ernſte. Aus den Gräben, hinter den Hecken, aus den Hütten kamen die Kugeln heraus geflo⸗ gen, in ſo pfeifender Harmonie, daß es eine Herzensluſt wurde. In kurzen Zwiſchenräumen blitzten aus dem Hintergrunde ein Dutzend blaßrothe Feuerſtröme in die Tageshelle hinein, juſt zur Noth mit einem lichtgrauen Dampfe ſchattirt, und nieder purzelten einige Schock In⸗ dianer, um das Aufſtehen für alle Tage ihres Lebens zu vergeſſen. Die verteufelte Muſik wurde immer ärger. Meinerſeits war der Weg nicht ſchwer zu finden; ich hatte nur dem dickſten Rauche und dem mörderiſchſten Feuer nach zu gehen, denn an den Hügel gelehnt ſtanden unſere Regimenter Zelaya und Valladolid und die Ka⸗ vallerieregimenter Reina und Principe deckten den Rücken. *) Leichte Infanterie, Plänkler. **) Jäger. — 441— Als ich den Hügel näher kam, brachen ein zehntauſend Indianer, ungeduldig über das mörderiſche Kanonenfeuer in einem ungeheuren Klumpen an die feindlichen Batte⸗ rien heraus, wie eine Herde wilder Büffel, und wie eine ſolche würden ſie den Feind bloß durch die Gewalt ihrer Leiber über den Haufen gerannt haben. Die vordern hatten ſich bereits auf die Feuerſchlünde geworfen, und da ſie in ihrem Leben keine derlei Dinge Feuer ſpeien ge⸗ ſehen hatten, ſo riſſen die armen Teufel ihre Strohhüte von den Häuptern, und verſuchten damit die Kanonen zu verſtopfen. Ich betete zu allen Heiligen. Da kommt ein Regiment feindlicher Reiter auf ſie angallopirt, und bricht in ſie ein, und zerſtreut ſie wie Spreu. Die Confuſion hatte auf dieſer Seite begonnen; auf dem Hügel hielten ſich noch die Regimenter.“ „ Wo iſt er? fragte mich bereits das zweitemal ein Gachupin⸗Major, der ſich vorwärts in ſeinem Sattel lehnte, ſeine Füße feſt in den Steigbügeln, mit ſeiner Hand die Mähne ſeines Roſſes feſthaltend; der Pulver⸗ dampf und der Kanonendonner machte einem Hören und Sehen vergehen; ich wußte nicht mehr wo ich war; er aber auch nicht, denn er fiel ſanft vom Gaule; der Ma⸗ jor hatte ausgemajort; denn eine Kugel hatte ihm, wäh⸗ rend ſeiner Frage, das Lebenslicht ausgeblaſen. Mein Thier war zu Schanden geritten; ich ſprang ab, warf mich auf des Gachupins Pferd, und hatte kaum den Tauſch getroffen, als eine Eskadron Flanqueadores im vollen Galopp — 42— auf mich herankam, und mich mit ſich fortnahm, wie Wirbelwind eine Feder; wohin, wußte die heilige Jung⸗ frau allein.“ „Adelante! Adelante!*) krächzte eine ſchrille, heiſere Stimme, wie die eines Galinazo, in mitten blutiger Leichen aus einer Rauchwolke heraus. Ich kannte die Stimme; es war die des Würgengels Mexiko's. Nun denn oder nimmer, dachte ich, und gab meinem Roſſe die Spornen; aber die Eskadron that es auch, und ſtatt links gegen den Hügel, brachte uns der Sturm rechts, mitten durch ein Regiment Lanceros. Einige hundert⸗ tauſend Flüche begleiteten uns und einige Dutzend Piſto⸗ lenſchüſſe, denn wir waren mitten durch das Regiment gebrochen. Adelante! Adelante! kreiſchte die gellend zänkiſche Stimme, Adelante! Mueran los Gavecillas! Por el honra de Su Magestad y de Santissima Vierge y de redemptore de Atolnico!*) Bei einem wahren Spanier kommt immer die geheiligte Majeſtät, ſeines Kö⸗ nigs zuerſt, und dann die heiligſte Jungfrau, und zuletzt der liebe Herrgott, und Calleja iſt ein Spanier, wie er leibt und lebt; aber er war todtenbleich, und hieng mehr todt als lebendig im Sattel; in der einen Hand *) Vorwärts, vorwärts. **½) Vorwärts! Tod den Rebellen, zur Ehre Sr. Ma⸗ jeſtät und der allerheiligſten Jungfrau und des Erlöſers von Atolnico! 10 — 42— hieng ſein Degen, und von der andern der Roſenkranz herab, und eine Reliquie, die er küßte und wieder küßte, und dann verzog ſich ſein Geſicht ſo gräulich; der Menſch ſtand Höllenqualen aus. Und ungeduldig, zänkiſch keifend, ſchrie er wieder: Adelante! Adelante!“ „Die Regimenter Zelaya und Valladolid hielten wie Mauern; wo ein Mann fiel, ſprang einer der Offi⸗ ziere aus dem Quarré in die Linie.“” „„Adelante Soldados, por la Honra de su Mages- tad!*) kreiſchte der in ohnmächtiger Wuth in ſeinem Sat⸗ tel ſich krümmende Calleja. Alles vergebens; da kömmt ein Schwarm von friſchen zehntauſend Indianern vom linken Flügel, um hinter unſern Leuten Schutz vor dem mörderiſchen Feuer der Kanonen zu finden. Das Regi⸗ ment Lanceros ſchwenkt, nimmt die Indianer in die Mitte, treibt ſie an unſere Regimenter an; die Quarré's ſind ge⸗ brochen. Adios Mexiko!“ „Noch gellt mir das Wuthgeſchrei der Unſrigen, der hölliſche Jubel unſerer Feinde in den Ohren. Ich brach durch die Mörder und Metzger, und fand mich auf dem Wege nach Guanaxuato wieder mit Allende zuſammen, dem Einzigen, der den Kopf nicht verloren hatte. Aber es war der vorige Allende nicht mehr; ein Geiſt, ein *) Vorwärts Soldaten ꝛc. — — 44— Gerippe war es; die letzten acht Tage hatten ſeine Haare weiß gefärbt. Er wollte das unglückliche Guanaxuato retten, nochmals dem Feinde die Spitze bieten. Wir bo⸗ ten ſie mit fünftauſend Indianern und achthundert Re⸗ kruten. Wir fochten wie Löwen um ihre Jungen;— ver⸗ gebens! wir mußten der Ueberzahl weichen. Hidalgo in ſeiner Angſt war bereits nach Guadalaxara aufgebrochen, und hatte uns im Stich gelaſſen. Wir folgten.” „ Vier Tage nach der Schlacht von Marfil ſprach Allende zu mir: Jago, um Gottes und aller Heiligen willen! gehe zurück nach Guanaxuato. Sieh' wie es mit dem unglücklichen Guanaxuato ſteht! Jago! um Got⸗ tes und aller Heiligen willen!“ „„Ich verſtand ihn; denn ſeine Haare ſtanden zu Berge, ſeine Augen drehten ſich in Kreiſen, der Schweiß drang aus allen Poren; er fiel bewußtlos in meine Arme. Ich ging und nahm fünfzig meiner Indianer mit; wir waren alle beritten. Ei, ich hätte eben ſo lieb den Be⸗ fehl vernommen, in die Hölle zu gehen! Aber Allende war ein edler, ein großer Mann, ein wahrer Mexikaner. Guanaxuato hatte uns mit offenen Armen empfangen; vierzehnhundert Gachupins waren bei Erſtürmung der Al⸗ hondiga geblieben. Ich ſchauderte bei dem Gedanken an Guanaxuato, ſtellte mir es aber nicht ſo ſchlimm vor.“ „Es waren zwei Tage, ſeit ich den Lugerteniente Mexiko's verlaſſen hatte. Don Allende hatte mir befoh⸗ —-— 45— len zu eilen, und ich eilte; zwei Tage waren noch nicht ganz vorüber, und wir ritten in Burras*) ein.“ „ Alles iſt ruhig, gnädige Herren Patrioten!“ ſagte mir die Zamba, die wie ein Geſpenſt in der Venta**) ſtand, die einzige Lebende im ganzen Pueblo rx);„Al⸗ les iſt ruhig!“ ſprach ſie ſchaudernd, indem ſie mit der verdorrten Hand hinauf gegen die Canada †) von Marfil deutete. Sie war das erſte lebendige Weſen, das wir auf unſerm Wege ſeit ‚wei Tagen geſehen hatten. Ich ſah in die Canada hinein.—— Heiliger Gott! ſie war blut⸗ roth; der Schlamm rother, gefärbter Leim,— es war geronnenes Blut.„Schon ſeit drei Tagen,“ grinste die Zamba,„läuft es ſo.“ „Ich warf das Glas Aguardiente weg, das ſie mir gereicht; denn es roch nach Blute. Tauſende„Hundert⸗ tauſende von Gallinazos, Coyotes, Zepilots und Itz⸗ quauhtlis liefen und flogen zu und ab von der unglück⸗ lichen Stadt.“ „Guanaxuato genommen! Ich ſchauderte. Viertau⸗ ſend ſeiner Indianer hatten gejubelt, als wir im Oktober einzogen, hatten ſich an uns angeſchloſſen; vierzehnhun⸗ *) Vier Lieues von Guanaxuato. e*) Einkehrhaus, einem Schoppen ähnlich, wo der Reiſende zuweilen mit Lebensmitteln verſorgt wird. ***) Ein Dorf mit einer Kirche. t) Eine Schlucht. —————jj——— ——y 46— dert Gachupins und Creolen hatte die Erſtürmung der Alhondiga granadita das Leben gekoſtet; Calleja war in die Stadt eingezogen,— ich ſchauderte mehr und mehr.“ „ Es war ein kühler Novembermorgen, der Himmel ſo blau, die Lüfte ſo rein, ſo durchſichtig; über der Ca⸗ nada ſchwankte eine Schichte lichten, bläulichten Qual⸗ mes, der wohl eine Stunde lang ſich über derſelben hinanzog; hie und da war der bläulichte Qualm röthlich, und wieder an Stellen ſo chaotiſch, ſo ſchweflicht, als ob die Teufel aller ſiebzehn Höllen da ihre Seelen ge⸗ röſtet hätten. Dann und wann leckte noch eine Flamme aus dem Qualme heraus; es war ein hölliſch⸗unheim⸗ licher Anblick.“ „Ja, dieſe lange Schichte bedeutete Guanaxuato's Vorſtadt, Marfil genannt, und Guanaxuato ſelbſt, mit ſeinen ſiebzigtauſend Einwohnern; was es aber bei un⸗ ſerm Eintritte war, kann ich jetzt noch nicht ſagen; denn Calleja war darin geweſen und hatte Strafgericht gehal⸗ ten. Aber es war Todesſtille überall in der Stadt und den Bergwerken, und den Algamierwerken, und den Schmelzöfen; kein Hammer, kein Rad, kein Fußtritt, keine Stimme war zu hören. Wir betraten nun die Vor⸗ ſtadt, und die Vorboten der blutigen Hochzeit fingen an ſich zu zeigen; die Leichname fingen an häufiger zu wer⸗ den; die Canada war ſchon hie und da halb mit denſel⸗ ben angefüllt, und zur Abwechslung lagen gebrochene Munitionswagen, todte Maulthiere und Pferde in pit⸗ toresken Schichten unter einander. An den Wolldecken der armen Patrioten zerrten Gallinazos und Coyotes. An einer Hacienda nahe an der Straße hingen an der Mauer, gleichſam als Vorgeſchmack, ein hundert India⸗ ner; eben ſo viele waren zur Abwechslung wie Erz ge⸗ ſtampft worden, und ihre Köpfe und Schenkel lagen ſo zerriſſen umher, daß ſelbſt die Coyotes auf die Seite wichen. Ei, das mußte ein wahrer Feſttag für Calleja geweſen ſein! dachte ich;— ſollte aber noch ärger kom⸗ men. Die Brücke über die Canada war niedergeriſſen; aber eine neue war aufgerichtet: die Pfeiler beſtanden aus Leichen, über die Breter gelegt waren. Und jetzt ſollte Guanaxuato anfangen, das heißt ein paartauſend Häuſer und Hütten, ſo ſchön und wieder ſo erbärmlich, wie ſie je in einer reichen Stadt zu ſchauen waren, wo es Menſchen gab, die Millionen zu Dutzenden beſaßen, und Andere, die nicht ein Dutzend Duros ihr nennen konnten. Calleja hatte reine Wirthſchaft gemacht. Von den Häuſern, die ſich ſo ſchön an den Rand des Schlun⸗ des hingeniſtet hatten— es waren ihrer einige tauſende geweſen— war nichts zu ſehen, als die blaulichte Schichte und darunter die ſchwarzgeräucherten Mauern„ und die noch rauchenden Trümmer der niedergebrannten Hütten; aber es waren noch andere Dinge darunter, fettige, ſtin⸗ kende Dinge, und Klötze, und Klumpen, die einzeln und wieder aufgeſchichtet auf den Trümmern umher lagen. Wir hielten ſie anfangs für angeräucherte Steine und Fels⸗ — 43— ſtücke; es waren aber die gebratenen Rumpfe der Ein⸗ wohner Guanaxuato's— ſcheußliche Maſſen! die Füße, Hände und Köpfe weggebrannt und die Klüötze geröſtet. In vielen Hütten, oder wo wenigſtens Hütten geſtanden waren, hatten ſich dieſe Rümpfe in eine Maſſe zuſam⸗ mengebraten,— ein ſcheußlicher Geſtank. Kein lebendi⸗ ges menſchliches Weſen; aber Tauſende von Coyotes und Zepilots und Gallinazos, und dieſe ſo ſcheu, ſo ängſt⸗ lich; die Thiere kreiſchten nicht; man ſah es ihnen an, ſie fühlten den Gräuel. Meine Indianer hatten kein Wort geſprochen; unſere Maulthiere ſchauderten vor ihrem eige⸗ nen Hufſchlage: ſie richteten die Ohren auf, ihre Mäh⸗ nen ſträubten ſich, ſie zitterten mehr und mehr, ſie woll⸗ ten nicht vorwärts, ſie ſchraken— viele fielen zuſammen. Kein Wunder! Ihr Weg ging über Leichen.“ „Wir waren an der Plazza⸗Mayor angekommen. Da hatte Calleja ſeinen Hauptſchmaus gefeiert, und ſeine Spanier ſich im mexikaniſchen Blute beſoffen. Wir wa⸗ teten durch einen rothen Schlamm, der ſechs Zolle hoch ſich über die ganze Plazza hingelagert hatte; die Leichen lagen aufgeſchichtet wie Maisſäcke. Als wir zur Alhon⸗ dega kamen— die Mauern ſtanden noch ſchwarz und roth gebrannt— fanden wir ein tauſend Mädchen da in Lagen und Stellungen— Gott gnade unſerer armen Seele! Die Gachupins hatten zuerſt ihre Luſt mit ihnen getrie⸗ ben, und ſie dann abgemacht; aber abgemacht auf eine Weiſe— Jeſu, Marig y Joſe! Möchte doch wiſſen, ob — 49— der Spanier auch vom Weibe geboren iſt? Senores!“ ſprach der Kapitain ernſt.„Auf dem Marktplatze allein waren vierzehntauſend Mexikanern, Mädchen, Weibern, Kindern, Männern und Greiſen die Hälſe und andere Dinge abgeſchnitten und abgeriſſen worden. Das hatte Calleja ſo thun laſſen, weil ſie zu erſchießen es zu viel Pulver gekoſtet haben würde, und die Gavilla einen ſol⸗ chen Aufwand nicht werth war.“” Thränen liefen bei dieſen Worten über des Mannes Wangen herab; ſeine Stimme war von Wuth erſtickt. Eine Weile hielt er inne; dann fuhr er fort: „Wir hatten genug geſehen. Unſere Mägen konn⸗ ten etwas ertragen; aber das war zu viel. Wir kehrten um nach Guadalaxara, mehr todt als lebendig. Das Uebrige iſt kaum mehr der Mühe werth zu ſagen. Wir wollten vor Guadalaxara nochmals Stand halten, brach⸗ ten drei und vierzig Kanonen von San Blas herauf, verſchanzten uns an der Brücke von Calderon— aber Al⸗ les umſonſt! Der Engel des Todes hatte uns gezeichnet; Guanaxuato hatte unſern Muth verwittert; wir waren die vorigen Menſchen nicht mehr. Vielleicht hätten wir aber Guanaxuato doch noch gerächt. Unſere Indianer ſchlu⸗ gen ſich wie raſend; aber ohne Ordnung, ohne Befehl ſtürzten ſie ſich racheſchnaubend auf die Armee Calleja's. Alles wich; die Schlacht war gewonnen. Da geht in⸗ mitten des raſendes Kampfes ein Pulverwagen in die Luft; die Indianer glauben feſtiglich, der leibhafte Satan ſei Der Virey. II. 4 — 30 unter ſie gefahren, nehmen auf einmal Reißaus; die Ga⸗ chupins faſſen Muth; ein letztes Regiment, das Calleja als Reſerve in perto gehalten hatte, bricht nun auf uns ein. Alles war vorbei.“” „Mit Hidalgo war es aus, das ſahen wir Alle. Armer Teufel! Er floh. Aber von ſeinen eigenen Lands⸗ leuten verrathen und ausgeliefert zu werden, das war hart. Doch baſta! die Rechnung war für Anno Tauſend achthundert und eilf geſchloſſen.“ Zwanzigſtes Capitel. Wie ſie fielen, blieben ſie liegen, Wie des Mähers Gras zu Abendzeit, In Schwaden, in ſchwellenden Lagen, So wurden die Erſten erſchlagen. Byron. Die ſpaniſche Sprache iſt an ſich ſchon eine der wohlklingendſten, mit ihren langen, ſonoren, kadenzenartig fallenden und ſteigenden Sentenzen, und das Erzählen wird häufig dem Spanier und Mexikaner, ſo wenig übrigens beide, und beſonders erſterer, redſelig ſind, zum Genuß, dem ſie ſich mit tiefgefühlter Innigkeit überlaſſen. Der Patriot, den ſein Gegenſtand allmälig erwärmt, und dann im Innerſten aufgeregt, hatte die empfange⸗ nen Eindrücke mit einer Wahrheit und Natürlichkeit wiedergegeben, die ſeinem ganzen wilden Weſen einen neuen Charakter verliehen. Der widrige Ausdruck des — 52— ſchwarzgebräunten Geſichts, das Kleinlich⸗Gemeine ſeiner Negerzüge war verſchwunden, ſeine Stirn hatte ſich ge⸗ wölbt, die liſtigen Runzeln waren von einem edeln Feuer geſchwellt; ein ſardoniſch-verächtliches Lächeln, das von Zeit zu Zeit um ſeinen Mund ſpielte, gab ihm zugleich einen entſchiedenen Ausdruck von Ueberge⸗ wicht über ſeine Zuhörer; er war ein ganz anderer Menſch geworden.— Mit jener außerordentlichen Bieg⸗ ſamkeit des Organs, die man an den Südländern, ſelbſt den unterſten Klaſſen bemerkt, und die nicht ſelten die Herzen und den Verſtand ihrer Zuhörer unwider⸗ ſtehlich fortreißt, hatte er nun humoriſtiſch launig, wie⸗ der melancholiſch bitter, nun halb ſingend, und wieder in der kräftig gediegenen Kriegerſprache die mannigfalti⸗ gen Schickſale der Patrioten vorgetragen. Der Umſtand, daß ſeine Erzählung in allen ihren Beſtandtheilen ge⸗ ſchichtlich⸗-wahr, ſeinen Zuhörern Thatſachen enthüllte, die ihnen bisher gänzlich verborgen geblieben waren, da die ſpaniſche Regierung alle möglichen Vorſichtsmaßregeln ergriffen hatte, den eigentlichen Charakter der ſogenann⸗ ten Rebellen und des Krieges ſelbſt, dem Lande vorzu⸗ enthalten, hatte nicht wenig dazu beigetragen, das In⸗ tereſſe ſeiner Zuhörer, und ſo ſein eigenes, im höchſten Grade aufzuregen. Als er jedoch die Schlacht zu ſchil⸗ dern begann, wurde er, auch abgeſehen von dieſem letz⸗ tern Grunde, im hohen Grade intereſſant; es war die Darſtellung eines genigl auffaſſenden Gemüths, in das — 539— ſich die Hauptmomente wie mit einen ſtählernen Griffel eingegraben hatten. Die ſkizzirende Weiſe ſeiner Darſtellung, unterſtützt von einer Mimik, die mehr noch, als ſeine Worte den Kampf der beiden Parteien, die bigotte Grauſamkeit des feindlichen Heerführers, und die ſtumpfſinnige Toll⸗ kühnheit der Indianer ſchilderte, die grauſe Wahrheit, mit der er das Schickſal des unglücklichen Guanaxuato, der reichſten Stadt Mexikos„ und wir möchten in gewiſ⸗ ſer Beziehung ſagen— der Welt— in wenigen Mei⸗ ſterzügen hinwarf, hatte ſeine Zuhörer mit einem Schau⸗ der erfüllt, der ſie in athemloſer Stille noch ſtarren machte, als der Erzähler ſchon lange geendigt hatte. „ Und eure Ausſichten?“ fragte nun der junge Edel⸗ mann in einer Bewegung, die ſeine Stimme zittern machte. Jago ſah den Fragenden mit Hoheit an.„Die Henne, die das Ei der Revolution gelegt hat, iſt geſchlachtet,“ ſprach er hingeworfen;„bürge euch aber dafür, das Ei wird den Gachupins doch noch den Magen addrücken. Hidalgo iſt in der Ewigkeit, aber andere leben noch! Iſt auch noch ein Padre da; ich wollte es wäre ein guter Soldat; aber immerhin! das Kleid macht den Mann nicht, und bisher war er unſer Mann; ſpricht wenig, denkt aber viel; kurz und ſcharf angebunden. Hidalgo gab ihm eine kärgliche Ausſtat⸗ tung, als er ihn mit nicht mehr als fünf Offizieren, — 54— ſolche nämlich, wie ihr dort ſeht, nach Valladolid ſandte;“ er deutete auf die zwei Wichte, die ſich in ſ einiger Entfernung auf den Raſen hingeſtreckt hatten.— „Zu Petalan machte er Bekanntſchaft mit zwanzig Ne⸗ V gern, denen er die Freiheit verſprach, wenn ſie fechten wollten. Zwanzig Feuergewehre, die ſich vorfanden, dien⸗ ten dazu, ſie zu bewaffnen. Acht Tage nachher ſchloſſen ſich die Gebrüder Galeang mit ihren Leuten an ihn an; bald darauf kamen die beiden Bravo's, auch Vincente Guerero, und ſofort ging es friſch los.“ „Kennſt du Don Vincente Guerero?“ fragte der Jüngling. „Vom Sehen,“ erwiederte der Meſtize.„Der Cura von Nucupetaro iſt euch gar kein übler Mann; er zäumt das Maulthier da, wo es gezäumt werden ſoll, und legt ihm nicht, wie Hidalgo, die Trabucco zuerſt und das Gebiß zuletzt an, ſo daß das Thier mit Sack und Pack davon laufen, und Gachupins und Criollos über den Haufen rennen mag, wenn es dazu Luſt hat. Er exercirt ſeine Leute trefflich, und die Disciplin iſt ſo gut wie bei euern Gachupins. Ei, Disciplin, und Ammu⸗ 1 I. nition, und Kriegsvorräthe! Hätte ich nur zehntauſend Musketen, Mexiko ſollte bald ſehen——” Der junge Don wurde einigermaßen ungeduldig, faßte ſich jedoch bald wieder, und mit einer Menſchen⸗ kenntniß, die weit über ſeine Jahre ging, ließ er der Zunge des Patrioten freien Lauf, die wirklich bald wie⸗ der auf den Gegenſtand zurückkam, der für ihn das meiſte Intereſſe hatte.. —„Ja, Morellos,“ fuhr er fort,„wißt ihr,“ ſprach er geheimnißvoll leiſe,„daß er dem Oberſten Paris be⸗ reits den Rückweg nach Mexiko gezeigt, daß er ihm ſie⸗ benhundert Gefangene abgenommen, daß ſich dieſe alle auf einen Mann an Morellos angeſchloſſen, daß er vierzehn Tage darauf die Brigadiere Llanos und Fuentes aufs Haupt geſchlagen?“ „ Alte Geſchichten!“ erwiederte Don Manuel:„Wo iſt er gegenwärtig?“ „Ah, Senor! Ueberall und nirgends: in Oaxaca, glaube ich, vor Acapulco.“ 1 „Erbärmlicher Lügner! Ich komme von Mexiko; in Cuautla Amilpas iſt er.“ „Wenn ihr es beſſer wißt, warum fragt ihr?2“ ver⸗ ſetzte der Patriot.„Bei San Jago! ich habe nun ge⸗ plaudert, daß ich darüber ganz meine Leute vergeſſen habe, die da hinten im Walde ihre Sieſta halten. Wenn ſie wiſſen, daß Jemand für ſie wacht, ſo ſchlafen ſie wie Schildkröten, ohne Empfindung, und Alle wollte ich ſie, wenn ich San Chriſtoval päre, in den Sack ſtecken. Einſtweilen Adios, Senor! In zehn Minuten ſehen wir uns wieder, auf alle Fälle jedoch, ehe ihr euch auf euern Weg hinüber nach Cholula macht.“ Er wandte ſich mit einem leichten Rucke an ſeinem Hute, ſtimmte ein wildkräftiges Arierolied an, und war — 36— im Begriffe auf den Wald zuzugehen, der in einiger Entfernung begann, als ein Schuß aus dieſem heraus⸗ krachte, der ihn auf einmal feſtbannte. Einen Augenblick horchte er mit blitzenden Augen, als ein zweiter und dritter folgte. „Piedad misericordia los Gachupinos!* ſchrie er, indem er auf ein Felſenſtück ſprang und wild ſeine Au⸗ gen umherrollte:„Sie ſind uns auf dem Nacken! Lauf', Mattheo! Lauf', Hippolito! Verfluchte Hunde, wollt ihr fort? Iſt ja gerade, als ob ihr Blei oder ſonſt etwas zwiſchen den Füßen hättet! Lauft, um der heiligen Jung⸗ frau willen! und ſchießen ſie euch todt, ſo kommt ihr lebendig in's Himmelreich!“ Die beiden Lieutenants des Capitano, unfere beiden Zambos, hatten ſich eine Strecke in Bewegung geſetzt, dann aber wieder inne gehalten. Jago zog nun eine kleine ſilberne Pfeife aus ſeinem Gürtel, in die er aus Leibeskräften zu pfeifen begann. „Mögen uns alle Heiligen beiſtehen, und beſonders du, San Martin!“ rief er, in verzweifelnder Angſt hin und her ſpringend.„Ich hoffe, ſie kommen nicht von Tesmelucos, ſonſt ſind wir gepfeffert und geſalzen. Bei San Jago!“ ſchrie er, ſich auf die Stirne ſchlagend, „„heute iſt Freitag nach Lichtmeß!— Alle Heiligen! das iſt ein Unglückstag! Es war mir prophezeit von einer alten Miſtecca⸗Indianerin letzte Woche. So wie ſie mich — „ auf der Plazza von Oaxaca anſichtig wurde, trabte ſie — 37— auf mich zu, faßte mich bei der Hand, nahm mich und meine Hand ſcharf in's Auge, und ſagte mir mit dürren Worten, daß ich einen Traum gehabt. Und ſo hatte ich; ich träumte von Zepilots und Cozcaquauhtlis*).— Hei⸗ lige Jungfrau, ſtehe uns bei! da ſind ſie!“ Wirklich zeigte ſich eine große Schar dieſer Raub⸗ vögel, deren feiner Geruch, der Volksſage nach, nicht nur das Aas aus größter Ferne, ſondern ſelbſt den durch die Todesangſt erpreßten Schweiß wittern ſoll über den Häuptern der Anweſenden. Aus allen Schluchten kamen ſie aufgeflogen, und ehe ſie ſich höher in die Lüfte erho⸗ ben, umkreisten ſie den Felſenkegel mehreremale, ſchoſſen auf die Anweſenden herab, hoben ſich wieder empor, und ſchwangen ſich, nachdem ſie dieſes Spiel einigemale ge⸗ trieben hatten, in weiten Spiralwindungen in die höhe⸗ ren Luftregionen empor.. „ Zehn zolldicke Wachskerzen mit einem ſilbernen Armleuchter, heilige Jungfrau von Guadeloupe! mit ei⸗ nem funkelnagelneuen ſilbernen Armleuchter! ſobald ich ihn habhaft werde, wenn du mich diesmal aus der Klemme erretteſt! Ja, die Höhe, nicht eine Togereiſe von der Barranca San Juanes, ſo ſagte ſie, die alte India⸗ nerinn, die würde ich alle Tage meines Lebens nicht vergeſſen. Denk' an die Sieſtaſtunde Freitags nach Licht⸗ meß, ſagte ſie; in dieſer wird die Gefahr am größten *) Ringadler, mit fleiſchigem Kragen um den Hals — 58— ſein. Iſt es drei, und kommen bloß drei Amigos, ſo biſt du eine Beute der Zepilots und Itzquauhtlis; iſt es vier oder darüber, und kommen,“ ſprach er leiſer, wäh⸗ rend er ſcheu die Arieros und Diener des jungen Edel⸗ mannes überzählte,—„ei, es ſind ihrer ſieben! Und es mag ſein, daß ihre Zunge wahr geſprochen, und daß wir die Gachupins den Geyern und Adlern zum Nacht⸗ tiſche aufſetzen, anſtatt ſie mit unſern Leichnamen zu füttern.”“ „Fürwahr, Jago!“ fiel ihm Don Manuel ein, „wenn dieß eine Probe deines Heldenmuthes ſein ſoll, dann glaube ich wahrlich, du hätteſt beſſer gethan, bei deinen Maulthieren zu bleiben.“ Der ci-devant-Ariero warf dem Sprecher einen un⸗ ausſprechlich bittern Blick zu, erwiederte jedoch kein Wort; denn der Jüngling hatte kaum geſprochen, als wieder eine Salve von kleinem Gewehrfeuer aus dem Walde her⸗ auskrachte. Zugleich ſtürzte ein Trupp halbnackter In⸗ dianer und Meſtizen und Zambos aus dem Walde her⸗ aus, mit kaum einer andern Bekleidung, als Schaffellen um ihre Schultern und Knie, und Sombreros de Petate auf ihren Häuptern; dicht hinter ihnen drein die königli⸗ chen Dragones de Espanna*), die, an den Rand des Plateau herangallopirend, den baumloſen Vordergrund von allen Seiten zu umzingeln anfingen. Der Ariero hatte *) Dragoner vom Regimente Spanien. — 59— bereits nach den erſten Schüſſen ſeine Saumthiere hinter dem Felſen in Sicherheit gebracht, und ſie im Dickicht der Zwergeichen und Fichten verborgen. Jago war wech⸗ ſelweiſe zu ihm und den Dienern gelaufen, doch ohne daß ſeine Einflüſterungen auf dieſe Eindruck gemacht hätten. „Bei allen Heiligen!“ ſchrie er,„lauft rechts! rechts! Behaltet Cholula im Auge! Rechts! Kinder, um's Himmelswillen! Rechts, Nombre de Dios! oder ihr ſeid Alle verloren! Jeſu, ſie hören nicht!“ „Silencio!“ befahl Alonzo,„ſonſt bringſt du dir dieſe auf den Hals, und ſchau bald, wie du dich aus dem Staube machſt; denn unter uns dürfen ſie dich nicht finden.“* Jago ſah den Sprecher wieder mit einem furchtba⸗ ren Blicke an. „Aus dem Staube machen?“ murmelte er zähne⸗ knirſchend,„und meine Leute im Stiche laſſen und ſie ganz verrathen, die meine Dummheit und meine Plau⸗ derzunge ſchon zur Hälfte verrathen? Ei, Don Manuel!* murmelte er, einen giftigen Blick auf den Jüngling ſchie⸗ hend. Er wurde wieder unterbrochen. Die während ihrer Sieſta überfallenen Patrioten ka⸗ men nun in größerer Anzahl aus dem Walde, auf ihren Ferſen eine ganze Eskadron königlicher Dragoner. Als die Erſteren den Ausweg die Barranca hinab geſperrt fan⸗ den, erhoben ſie ein furchtbares Geheul, und zur Linken und Rechten ausbrechend, rannten ſie wie verzweifelt in — 60— allen Richtungen umher, vergeblich bemüht, den Drago⸗ nern, die ſich in einen Halbmond geformt hatten, zu entgehen. Gleich einer Herde Schafe, trieben ſie dieſe vor ſich her,„Viva el Rey!“ brüllend, indem ſie zugleich wüthend auf die wehrloſen Indianer einhieben. Der junge Edelmann hatte anfangs mehr neugierig als theilnehmend der unnatürlichen Jagd zugeſehen; aber als die Dragoner auf die unbewaffneten Indianer einzu⸗ hauen anfingen, ſchien ihm die Scene peinvoll zu wer⸗ den. Die Symptome von Ungeduld fingen an ſtärker bei ihm hervorzutreten; ſeine Augen funkelten, und Zorn und Entrüſtung begann ſich in ſeinen Zügen zu malen. Die Indianer waren gänzlich verwirrt geworden. Sie liefen ſchaarenweiſe dem Rande der Barranca zu, prallten wieder zurück, kamen wieder, aber ſo wie ſie ſich dem Schlunde näherten, ſprengten die hinter dem Eichenge⸗ büſche haltenden Dragoner an ſie an, und drängten ſie mehr und mehr dem Felſen zu. Einzelne Reuter kamen noch immer aus dem Walde heraus, die wehrloſen Schlacht⸗ opfer vor ſich hertreibend. Als ſie die Indianer in einen dichten Knäuel zuſammengedrängt hatten, preßten dieſe letzteren auf einmal in inſtinktmäßiger Uebereinſtimmung mit aller Gewalt ihre Leiber gegen die Schlucht zu. Bei⸗ nahe waren ſie an dieſer angelangt; doch die Dragoner hatten ihre Abſicht errathen, und raſch ſich auf dieſer Seite verſtärkend, nahmen ſie den ganzen Knäuel in die Mitte und fingen nun ein furchtbar ſcheußliches Morden ——— — 641— an. Je dichter der Haufen ſich zuſammendrängte, deſto gräßlicher wurde das Gemetzel. Es mochten der Patrio⸗ ten zwiſchen fünf und ſechshundert ſein. Auf einmal hielt der Knäuel der wehrloſen Schlachtopfer, und unter herz⸗ zerreißendem Geheule ſich auf die Knie werfend, hoben alle ihre Hände und ſchrien mit herzzerreißender Stimme: „„Quartel! por el amor de Dios, quartel!**) „Buen viage a los infernos!"**r) gaben die Dra⸗ goner zur Antwort, und Köpfe und Hände fielen in al⸗ len Richtungen. „„ Maleditos Gojos!“ ſchrie der Jüngling übermannt vom Zorn und nun im höchſten Grade empört über die unmenſchliche Grauſamkeit der Soldaten. Und kaum hatte er die Worte geſprochen, als er auch beide Piſtolen zu⸗ gleich abſchoß, zurück zu den Maulthieren ſtürzte, und zwei andere Piſtolen aus den Halftern der Packſättel riß. „ Por el amor de Dios! Por la santissima Madre! Gedenkt eurer Mutter! Gedenkt des Conde! Gedenkt Elviras!“ flehte Alonzo, ihm in die Arme fallend. „Nimm,“ ſchrie der Jüngling.„Nimm,“ ſchäumte er in höchſter Wuth,„oder beim lebendigen Gotte, ich ſchieße dich ſelbſt nieder ,ehe ich dieſen unmenſchlichen Schergen länger zuſehe.“ Und den Diener mit Gewalt von ſich ſchüttelnd, ſprang er wieder wie raſend vorwärts, —— *) Quartier, um der Liebe Gottes Willen, Quartier! **) Glucklich Reiſe zur Hölle. — 62— und ſchoß beide Piſtolen ab. Zwei Dragoner hatten be⸗ reits die Sättel geräumt. „Santa vierge!“ jammerte der alte Diener.„Er wird ſich, die Familie und uns alle unglücklich machen. Zielt wohl, Pedro, Cosmo! An Pardon iſt nicht mehr zu denken.“ Und mit dieſen Worten ſchoſſen die drei Diener ihre Gewehre gegen die Dragoner ab, Jago und die Arieros raſch dieſem Beiſpiele folgend, hoben ihre Trabuccos, und ein halbes Duzend Dragoner leerten nach einander die Sättel. Es erfolgte eine kurze Pauſe. Das Schießen aus dem Hinterhalte hatte gleich ſo vielen Blitzſchlägen auf die unmenſchlichen Dragoner und ihre Schlachtopfer ein⸗ gewirkt. Die letzteren ſchauten einige Sekunden verwil⸗ dert und ſtarr umher, ungewiß woher die unerwartete Hülfe komme, als Jago mit einer Donnerſtimme ſchrie: „Abajo con los Gojos! Abajo! Abajo!"**) Die India⸗ ner horchten einige Sekunden, und dann, als wären ſie auf einmal raſend geworden, ſtürzten ſie ſich über die getödteten und verwundeten Dragoner, riſſen, trotz den mörderiſchen Hieben der Reuter, die Waffen der Gefalle⸗ nen an ſich, und begannen nun ihrerſeits den Angriff. Dem jungen Edelmann begann warm im heißen Kam⸗ pfe zu werden. Jeder Schuß, der auf dem zehntauſend Fuß über der Meeresfläche erhabenen Bergesrücken fiel, *) Rieder mit dem Hunde! Nieder, Nieder! rollte mit dem Gebrülle eines Zweiundvierzigpfünders über die Gebirge hin, die das Echo mit einem zehnfa⸗ chen Donner wiedergaben. „Habt ihr geladen?“ ſchrie er, indem er auf einen Trupp Dragoner anlegte, die auf den Felſenabſatz zuge⸗ ſprengt kamen, und von welchen er den vorderſten wieder aus dem Sattel ſchoß. Ihm folgten die Diener und Arieros, und wieder leerten fünf Dragoner die Sättel, und wie⸗ der ſtürzten ſich die Patrioten über die Gefallenen, und keiner Wunden achtend, entriſſen ſie ihnen die Waffen. Der Kampf wurde wüthender, indem er gleicher wurde. „Gracias a Dios y a vuestra Senoria; nuestro tiempo es venido,“*) murmelte Jago. Und mit dem Donnerrufe:„Abajo, Mueran los Gachupinos!⸗ ſprang er über den zehn Fuß hohen Abſatz mitten unter die Käm⸗ pfenden, und ſtürmte dann mit ſeinen Indianern auf die Dragoner los. Dieſe fingen an ſchnell Grund zu ver⸗ lieren, denn während zwanzig Patrioten, nun wohl be⸗ waffnet, ſie von vorne angriffen, hatten ſich hunderte in ihre Flanken geworfen, waren auf die Rücken der Pferde geſprungen, hatten ſich an die Reuter angeklammert und dieſe aus ihren Sätteln geriſſen; die Verwundeten ſich mit den verſtümmelten Armen und Füßen um die Schen⸗ kel der Pferde gewunden, und mit ihren Zähnen in die⸗ ˖˖—-—··—— *) Dank ſei Gott und Ihren Gnaden. Unſere Zeit iſt gekommen. — 64— ſelben eingebiſſen. Das Schmerzensſtöhnen der Thiere übertäubte bei weitem das Geheul der Kämpfenden. Es war ein Grauſen erregender Knäuel; die Indianer waren eingefleiſchte Teufel geworden. Die Dragoner konnten ſich nicht mehr regen, kaum mehr bewegen; Mann und Roß waren von den Indianern, gleich ſo vielen Anacon⸗ das, umwunden. Keine zehn Minuten waren verfloſſen, und keine dreißig Reuter waren mehr auf ihren Pferden zu ſehen. Der Edelmann hatte mit Entſetzen dieſem Aus⸗ bruche indianiſcher Wuth zugeſehen. Auf einmal fprang er über den Felſen hinab und rief mit lauter Stimme: „„Halto, por Dios, halto!“ „Muera el traidor!"°*) entgegnete der Major der Escadron, der bisher verzweifelt gekämpft, und ſich mit dem kleinen Ueberreſte ſeiner Leute an die Felſenwand zu⸗ rückgezogen hatte.„Muera!“ ſchrie er nochmals, indem er ſeine letzte Piſtole abſchoß und dann ſein Schwert er⸗ hob, um den Fehlſchuß zu verbeſſern; doch ein Kolben⸗ ſchlag ſtürzte Roß und Reiter zu Boden. „Halto! rief der Jüngling nun ſtärker:„Halto! Quartel!** „El tiempo de mansuetud es passado!**) brummte Jago, und ihm nach ſeine Indianer. „Beim lebendigen Gott, ich ſpalte dir den Schä⸗ *) Tod dem Verräther. **) Die Zeit der Barmherzigkelt iſt vorüber. 65— del, wenn du nicht Einhalt thuſt, ſchrie ihm der Jüng⸗ ling zu. Vergebens; das Wuthgeſchrei der Indianer über⸗ täubte ſeine Stimme. Indem tönten die Ave⸗Maria⸗Glocken von Cholula herüber und die Glocken aus den Dörfern der Ebene fie⸗ len in unbeſchreiblich wohlthuender Harmonie ein. „Awe Maria!“ ſchrien hundert Indianer;„Ave Maria!“ wiederholten die Meſtizen und Zambos; und alle, Freunde und Feinde, ließen ihre bluttriefenden Hände ſinken, und ihre wilden verſtörten Blicke ſenkten ſich gleich⸗ falls, und indem ſie mechaniſch die Medaillen der Jung⸗ frau von Guadeloupe erfaßten, die an ihren Hälſen hin⸗ gen und dieſe küßten, fingen ſie laut und cadenzenartig an zu beten:„Ave Maria, audi nos peccadores.“ Und als wären die Glockentöne höherer Befehl, neig⸗ ten dieſe wüthenden Menſchen die Häupter, erhoben und falteten die Hände, knieten auf den Körpern ihrer getöd⸗ teten Feinde nieder, und begannen in demüthigen For⸗ meln Vergebung für ſich und dieſe Feinde zu erflehen. Ueber die Thäler und Ebenen hin hatten ſich bereits die Schatten der Dämmerung, über die Barranca die der Nacht gelagert; aber die Berge der Siera Madre fun⸗ kelten noch immer in glühenden Flammen, und die ma⸗ jeſtätiſchen Schneeberge erglänzten erſt nun in ihrer gan⸗ zen Glorie und Pracht, gleich ungeheuern, in Flammen. ſtehenden Leuchtthürmen. Zugleich erhoben und nahten Der Virey. II. 5 — 66=— ſich tauſende von Geiern und Adlern, deren krächzendes Geſchrei ſich mit dem Stöhnen der Sterbenden und dem Geheul der Verwundeten vereinigte, um die ganze Scene zu einer der gräßlichſt⸗erhabenen zu machen. So wie der letzte Glockenſchlag verklungen war, erhoben ſich die Indijaner, ſahen ſich einen Augenblick ſchweigend und lauernd an, dann die übrig gebliebenen Spanier, und ohne einen Laut von ſich zu geben, ſtürzten ſie über dieſe mit einer Schnelligkeit und Wuth her, die kaum mehr menſchlich ſchien. In wenigen Sekunden war keiner der Dragoner mehr am Leben. Zu Tode waren ſie gewürgt worden von den erbitterten Indianern. Erſt als alle dar⸗ nieder lagen, fingen dieſe an freier zu athmen. Einundzwanzigſtes Capitel. Que dira Ferdinand,'Europe, l'avenir? Delavigne. „Dios!“ ſeufzte Don Manuel,„was hab' ich gethan!“ „„Jeſu Maria! Was haben Sie gethan, Senor!“ ſtöhnte Alonzo mit thränenſchweren Augen.„Leib und Seele verloren, Landesverräther und Ketzer geworden in ein und derſelben Stunde. Jeſu! was wird aus uns werden!“ Dem Jüngling wurde es düſter vor Augen, ſein Blick wurde wirre, ſeine Geſtalt fieng an zu zittern, ſeine Füße ſchienen ihm den Dienſt verſagen zu wollen, ſeine Knie ſchlotterten. Unfähig den Drang der auf ihn einſtürmenden Empfindungen auszuhalten, erfaßte er die Zweige des Gebüſches, und würde geſunken ſeyn, wenn ihn der alte Diener nicht in ſeine Arme aufgefangen hätte. — 68— Der Schweiß ſtand in großen Tropfen auf ſeiner Stirn, und halb ohnmächtig ſchloß er die Augen, nicht länger im Stande den Anblick der Scene, die er herbeigeführt, zu ertragen. Dieſe Scene hatte nun auf einmal einen Charakter angenommen, der, hätte ihn der Jüngling früher auch nur träumen können, ihn wahrſcheinlich zu einer ver⸗ ſchiedenen Handelnsweiſe beſtimmt haben würde. Die In⸗ dianer, Meſtizen und Zambos, denn aus dieſen drei Menſchenklaſſen beſtand die ganze Abtheilung der zuſam⸗ mengerafften Patrioten, waren nämlich kaum Meiſter des Schlachtfeldes geworden, als ſie auch mit einer Gier über ihre todten und im Todeskampfe begriffenen Feinde her⸗ ſtürzten, die ſie von Hunger verzehrten Raubthieren ähn⸗ licher als Menſchen darſtellte. Mit dem der rothen und ſchwarzen Race eigenthümlichen, gellenden und wieder dumpfen Geheule hoben ſie und riſſen die Leichen empor, und tanzten mit den abgehauenen und abgeriſſenen Glie⸗ dern oder Köpfen umher, und ſangen und jubelten, und warfen ſie wieder weg, und riſſen die andern Leichname mit dem wüthendſten Freudengeſchrei herum, und trieben dieß einige Minuten auf ſo wüſte Weiſe, daß ſelbſt ein aus den gröbſten Stoffen geformtes Gemüth darüber hätte mit Ab⸗ ſcheu erfüllt werden müſſen; dann fiengen ſie an die Leichen auszubeuten. Einer der Halbmenſchen riß die Beinkleider eines Dragoners an ſich, die er ſtatt einer Jacke anzog, ein zweiter hatte eine Jacke als Beinkleider anzuziehen ſich bemüht; ein dritter ſprang gleich einem Raſenden mit einem erbeuteten dreieckigen Hute und Stiefeln umher, und dazwiſchen erſchallte ein Gelächter ſo gellend, ſo unna⸗ türlich, ſo hölliſch, und ward wieder ſo grauſig von den nahen Bergen zurückgeworfen, daß es wirklich den Anſchein hatte, als ob die Geiſter der Hölle ſich auch zu einem gräßlichen Rendez- vous eingefunden hätten. Jago lehnte mittlerweile mit ungemeiner Ruhe und Behaglichkeit an der Felſenwand und trocknete ſich die Stirn vom Blut und Schweiße, während zugleich ein Zambo den gebliebenen Major ausbeutete, und ihm jedes Stück ſeiner Kleidung zur vorläufigen Unterſuchung hinhielt. Der Kapitano unterſuchte die Garderobe des Majors mit augenſchein⸗ licher Aufmerkſamkeit, und erſt nachdem er jedes Stück der Kleidung genau befühlt, gab er dieſe dem Zambo zurück.. 3 „Ah Gojo;“ lachte er, indem er ein ſeidenes Sack⸗ tuch aus der Taſche des Majors nahm, und ſich die Stirn trocknete, während zugleich ſein Blick über das Schlachtfeld hingleitete, ähnlich dem, welchen der Metzger über die Schlachtbank wirft, auf welcher er ſo eben eines Paares wilder Ochſen Meiſter geworden iſt.„Picaro gojo!“ lachte er wieder;„bei meiner armen Seele! Beinahe hätteſt du mich aus dem Concepte gebracht. Ah Gojo,“ rief er wieder, indem er den Rock nochmals an⸗ fühlte, und nun aus der Taſche ein Portefeuille zog, das ſeine Geſichtszüge mit einem angenehmern Freudenblicke Der Virey II. — 20— erfüllte, als es von einer anſcheinend ſo rohen Natur zu erwarten geweſen wäre. Er hatte das Portefeuille geöff⸗ net, und begann die Papiere die darinnen enthalten wa⸗ ren, mit ungemeiner Aufmerkſamkeit zu leſen. Die Ge⸗ läufigkeit mit der er, den wir als Ariero begrüßt ge⸗ ſehen haben, die Blätter durchflog, der hohe Ernſt der ſich um ſeine Stirn lagerte, dürften aufmerkſamern Umgebungen, als die er hatte, aufgefallen ſein. Er hatte ſich ſo tief in das Leſen dieſer Papiere, von denen die meiſten verſiegelt waren, vergeſſen, daß er weder Augen noch Ohren mehr für das Treiben ſeiner Leute zu haben ſchien, das nun immer raſender wurde. Ein gellender Schrei, der auf einmal einem der Zambos entfuhr, und der ſich in das Todesröcheln eines Sterbenden verhuſchte, weckte ihn aus ſeiner Beſchäftigung. „Per variare la vuestra vida monotona?“*) ſchrie er zum tollen Haufen hinüber, indem er ſich zugleich gravitätifch auf den Körper des nun gänzlich ſeiner Klei⸗ dung beraubten Majors niederließ.„Ah, dieſe verdammten Chinos!“ und wieder vertiefte er ſich im Leſen der Pa⸗ piere, die für ihn ein außerordentliches Intereſſe zu ha⸗ ben ſchienen. Dieſe Chinos, oder wie ſie auch genannt werden, Zambos, waren gleich den übrigen, zwar mit weniger *) Wollt wahrſcheinlich in euer einförmiges Leben eine kleine Abwechslung bringen? Habgier, aber ungleich mehr Wildͤheit über die gefallenen Feinde hergeſtürzt; aber jeder Leichnam, den ſie ange⸗ faßt hatten, war auch in demſelben Augenblicke ein Zank⸗ apfel der Zwietracht geworden, ganz das Gegentheil von den Indianern, die ihre Wuth nur über die leben⸗ den Dragoner ausgelaſſen hatten, und ſich nun friedlich miteinander über die zurückgelaſſene Beute verſtändigten. Die Zambos, indem zwei und mehrere zugleich einen Körper anfaßten, zerrten ſie dieſen wie Hunde, die ihr Gebiß an einen Knochen gelegt haben, und gleich dieſen ſchoßen ſie zuerſt grimmige Blicke aufeinander, und bra⸗ chen dann in laute Drohungen aus, die ihnen bei ihrer ungemeinen Zungenfertigkeit und ihren lebhaften Sprün⸗ gen, wieder das Ausſehen von Affen gab, welche ihren Zeitvertreib mit einem todten Aligator haben. Bald je⸗ doch gewann das Komiſch⸗Gräßliche des Schauſpieles einen ganz gräßlichen Charakter. Ihre Blicke wurden ſtechen⸗ der, ihre Zungen lallend, ſie konnten bloß mehr die Worte:„Dexalo, Dexalo,“ ſtammeln, die gewöhn⸗ lichen Todesloſungsworte dieſer entmenſchten Race. „Ei, Dexalo,“ brummte Jago darein, der gele⸗ gentlich von ſeinen Papieren aufblickte;„Dexalo muerto el sitio— Laßt ſie aber todt auf dem Platze, und wenn es ihrer ein Dutzend ſind, wird nicht ſchaden. Wahre Teufel ſind dieſe Zambos, faul und läſtig und brav und nichts nütze, und unruhig wie Qlackſilber, und wenn ſie Ordres erhalten, ſo ſind ſie im Stande euch die Zähne zu blöcken, und euch das Machetto in den Wanſt zu rennen, juſt mit eben ſo viel Spaß, als ob ihr ein Kalb ſtatt eines zweibeinigen Menſchenkindes wäret.“ Einer der Zambos hatte ſeinen Gegner mit dem rechten Arme umſchlungen, und während ſich ſeine Zähne giftig in deſſen Nacken einbißen, ſtemmte er das Machetto gegen ſeine Knie, und rannte es ſeinem Gegner in den Leib. „Mas que basta;**) riefen zehn Stimmen mit vieler Zufriedenheit, ohne daß ſich auch nur einer geregt hätte, um dem grauſamen Kampfe Einhalt zu thun. Der Ka⸗ pitain las ruhig fort, von Zeit hinüberſchielend; der junge Kavalier war in düſtere Verzweiflung verſunken, und nach den Mienen der Diener und Arieros zu ſchlie⸗ ßen, war dieß eine Affaire, in die ſich zu mengen ganz unter ihrer Würde lag. Von den Indianern ſtanden zwanzig bis dreißig herum, wechſelweiſe ihre neue Gar⸗ derobe und die erbitterten Zambos anſtierend; die übri⸗ gen trieben ſich noch umher, ihren Antheil an der Beute zu ſuchen, oder dieſen zu vermehren. „Dexalo!“ brüllten wieder zwei, die ſich auf Le⸗ ben und Tod erfaßt hatten.„Dexalo, Dexalo!“ „Y basta!“ herrſchte ihnen Jago zu.„Hippolito,“ rief er einem ſeiner Lieutenants;„ſchaffe Ruhe; ſchlag die Hunde, verſtehſt du, auf den Wanſt, nicht auf den *) Der hat mehr denn genug. — — 73— Kopf, wohlgemerkt, ſonſt kannſt du ein halbes Jahr zu⸗ ſchlagen, ohne aufs Lebendige zu kommen; obwohl es ſich kaum der Mühe lohnt bei dieſen Hunden den Mittler zu ſpielen, außer man hat ein Dutzend Leben. Leichtſinnige Seelen, dieſe Chinos, denen ein Meſſerſtich gerade ſo viel Kitzel verurſacht, als uns ein Glas Aguardiente de Cana*) 3 der Teufel hat ſie mir aus Veracruz heraufgeführt.” Der Lieutenant hatte ſich mittlerweile, obwohl ſicht⸗ lich ungern in Bewegung geſetzt, um dem Befehle ſeines Chefs gemäß, die Kämpfenden zu trennen, und als ſein Aufruf kein Gehör fand, den Kolben ſeines Karabiners auf beſagte Weiſe mit den Unterleibern der Zambos in Berührung gebracht, ohne jedoch mehr als zwei gleich⸗ zeitige Ausfälle der beiden Negro⸗Indianer auf ſich ſelbſt zu bewirken. „Muerte y infernos! ſchrie der Kapitän, der von ſeinem Papiere herüber dem Mandatar ſeines Willens nachgeſehen hatte, und nun aufſprang, die Papiere auf den Boden warf, und wie der Blitz unter die Kämpfen⸗ den ſprang, den einen mit der Muskete in den Leib ſtieß, daß er wie todt zur Erde ſank, und den andern bei den Haaren ergriff, und weit aus dem Kreiſe ſchleuderte. Die Zeugen des Kampfes zuckten jedoch ſchnell ihre Meſſer auf ihn, die ihnen aber eben ſo ſchnell wieder entſanken. Einen Augenblick ſtarrten ſie ihn wie verwundert an, und —— *) Zuckerrohrbranntwein, Rum. — 74— dann, als ſie ihn erkannten, liefen ſie grinſend und zähnefletſchend mit lautem Gelächter auseinander, ohne ſich um die Beute auch nur im mindeſten mehr zu be⸗ kümmern. „Und nun Ruhe!“ befahl Jago mit einer Donner⸗ ſtimme. Sein Machtwort bewirkte eine Stille, daß auch kein Athemzug mehr zu hören war. Der Mann trat an den Rand des dunkelwerdenden Abgrundes, ſandte einen ſcharfen Blick in dieſen hinab, horchte aufmerkſamer, und zog ſich dann ſchnell in den dichteſten Haufen ſeiner Leute zurück. Eine Minute war ein leiſes Geflüſter zu hören, und dann ſtoben die Indianer auseinander wie Hunde, die der Ruf ihres Herrn auf eine neue Fährte ſendet. Jago ſelbſt war wieder ganz gleichgültig an ſeinen frü⸗ hern Poſten getreten, hatte die Papiere aufgehoben, ſie in ſeinen Buſen geſteckt, und war dann mit verſchränk⸗ ten Armen an den Rand der Barranca getreten. Von den Indianern ſchlichen ſich an vierzig nun wohlbewaffnet, dem Schlunde der Barranca zu, die ſie eilig hinabſtiegen. Gleich Schlangen, die ſich die ſteil⸗ ſten Felſen hinan und wieder hinabwinden, trieben ſich dieſe Menſchen mit einer Geſchwindigkeit, die beinahe ſenkrecht abfallenden Klippen hinab, die es zweifelhaft machte, ob ſie nichts mit den erwähnten Thieren ſelbſt gemein hatten. Von Felſen zu Felſen ſich windend, er⸗ 75 — 75— ſchienen ihre Körper dunkler und dunkler und verſchwanden bald gänzlich in der tiefern Nacht des Abgrundes. Die Zurückgebliebenen hatten eine Weile gleichgültig ihren Gefährten nachgeſehen, und dann gingen ſie, ohne Befehle zu erhalten oder abzuwarten, jeder ſeinen eigenen Weg. Die Hälfte der Rotte ſammelte ſich gleichſam wie gelegentlich am Rande des Hohlweges, und die Uebrigen zogen ſich längs dem Dickichte hin, wo die Leute des jun⸗ gen Don während des verhängnißvollen Kampfes im Hin⸗ terhalte gelegen waren. So tückiſch und hinterliſtig geſcha⸗ hen dieſe Vorbereitungen, mit ſo wenig Geräuſch und Anſchein eines verborgenen Planes, daß die Diener des jungen Edelmannes, die kaum zwanzig Schritte von dem Schauplatze ſtanden, in gänzlicher Unwiſſenheit über die unter den Patrioten eingetretenen Bewegungen blieben. Ein fernes Gemurmel, das der Südwind die Berges⸗ ſchlucht heraufbrachte, untermiſcht mit einem dröhnenden Geraſſel, ähnlich dem Klang der Waffen, rüttelte ſie endlich aus ihren Träumen. Zugleich wurden die Fußtritte von ſich nahenden Be⸗ waffneten hörbar. „Jeſu Maria! das iſt Conde Carlos,“ ſtöhnte Alonzo, der nun plötzlich aufmerkſam wurde. Der junge Edelmann war gleich einem Verzweifelten geſeſſen, keines Wortes mächtig, ſeinen ſtieren Blick in die ſchwarze Nacht der weiten Ferne gerichtet, ſchien er Empfindung und Be⸗ 5 wußtſein verloren zu haben. Die Worte Conde Carlos weckten ihn auf einmal aus ſeiner Bewußtloſigkeit. „Carlos?— Wo iſt er?“ „Senor, um Gotteswillen!“ flüſterte ihm Alonzo zu, ihn aus Leibeskräften rüttelnd, und in den Abgrund hinabdeutend.„Conde Carlos— habt ihr ihn ganz ver⸗ geſſen? Er kommt Don Ulloa zu Hülfe. Er iſt bereits nahe, ſeine Leute ſind abgeſtiegen. Er iſt verloren.“ Die Fußtritte ſchwer bewaffneter Dragoner waren nun ſo deutlich zu hören, daß an ihrer baldigen Annäherung und unausweichlichen Vernichtung gar nicht zu zweifeln war. Ihre ſchattenähnlichen Geſtalten waren in dem Zwielichte des oberſten Bergabſatzes, ſo wie ſie auf den Felſenvor⸗ ſprüngen von einem zaudernden Lichtſtrahle erleuchtet wur⸗ den, deutlich zu ſehen. Von den Indianern, die ſich den ſteilen Abgrund hinab gekrümmt hatten, offenbar um ihnen den Rückzug abzuſchneiden, war auch keine Spur bemerkbar. ⸗ „Ladet alle Gewehre;“ flüſterte der junge Edelmann ſeinen Dienern zu und dann raſch vorſpringend, ſchrie er mit der ganzen Kraft ſeiner Lunge:„Vigilancia Carlos! Vigilancia!“ „Bei allen Teufeln!“ ſchnaubte ihn Jago an, der wie toll herangeſprungen kam.„Seid ihr närriſch ge⸗ worden, Caballero?“ „ Vigilancia Carlos!“ ſchrie der Jüngling wieder. „Bei der Mutter Gottes!“ ſchrie Jago mit furcht⸗ bar bitterm Lachen. Das heißt das liebe Mexiko und ſein Volk recht kavaliermäßig behandeln. Beinahe ſollte man glauben, ihr ſeid ſelbſt die geheiligte Majeſtät, wie die Hunde von Gachupins ihren verfaulten Fernando hei⸗ ßen, der in ſeiner allmächtigen Willkür heut Mexiko ver⸗ ſchenkt, und morgen Befehl giebt, alle diejenigen zu ſpießen, die ſeinen geſtrigen Befehl in Ausübung zu brin⸗ gen ſuchten. Bei meinem Schutzpatron, eure unberufene Mittlersrolle wird euch niemand lohnen.“ „Silencio!“ befahl der Jüngling, der wieder Vi⸗ gilancia ſchrie. „Der Hahn krähte auch dreimal, Don Pedro, aber es war zu ſpät,“ ſprach Jago. Und ſo war es. Die aus vier Mann beſtehende Avantgarde der Cscadron des Conde, die, wie zu erwar⸗ ten ſtand, durch den gräßlichen Donner des im ganzen Gebirge wiederhallenden Gewehrfeuers herbeigerufen, die Barranca bereits zur Hälfte erklimmt hatte, als das Ge⸗ fecht ſchon ſein unglückliches Ende erreicht, war bereits am oberſten Abhange des Plateau angekommen, aber in einem Zuſtande, der ſie zum Kampfe gänzlich unfähig machte. Sie hatten ihre Stiefel auf dem Rücken und ſchnappten nach Athem. Bald darauf wurde der Conde ſelbſt ſichtbar, der, leichter bewaffnet und gekleidet, an der Spitze ſeiner Mannſchaft nachkam. Die Indianer hatten ſich gleich Tigern, die ſich zum Sprunge rüſten, mit hal⸗ bem Leibe auſgerichtet, und, ihre Carabiner ſchußfertig — 78.— haltend, ſtierten ſie nun heißhungerigen Blickes in die Tiefe hinab. „Senoria,“ flüſterte Jago mit einem eigenen Lä⸗ cheln,„es wäre grauſam eurem geweſenen Bu⸗ ſen freunde, und dem Lieblinge meines verehrten Conde Joſe ſo mitzuſpielen, wie dieſem Hund von Gachupin;“ er deutete bei dieſen Worten auf den ſpaniſchen Major, „der die Unſrigen ſchlachtete, wie die Cumanchees die wil⸗ den Büffel. Seid unbeſorgt. Wir wiſſen mehr als ihr denkt, und wollen euch dieſes bald beweiſen.“ Und einige Schritte vortretend, rief er mit einer Stimme, die dem Gebrülle eines Büffelſtieres wenig nachgab: Vigilancia y quartel, son amigos y Criollos!“**) Der Aufruf des Mannes hatte zur Folge, daß ſämmt⸗ liche Patrioten ihre Gewehre abſetzten und, wie Hunde, denen der Herr das„Nieder mit euch!”“ zuruft, ſich wie⸗ der in ihre vorige lauernde Lage warfen; der Jüngling ſchien nun befremdet über dieſen Beweis der ungeheuern Gewalt des Ariero über ſeine Leute. *) Habt Acht! Quartier! Es ſind Freunde und Creolen! Zweiundzwanzigſtes Capitel. Est-ce que je ne connais pas vos petits-grands seigneurs? UIne bonne fois pour toutes. Vous ai- mnez les lords, les gens du haut-parage, et moi je les déteste. Beaumarchais. „Buen venido Senor Conde!“ rief Jago fröhlich dem Grafen zu, den nur noch ein dreißig Fuß hoher Fel⸗ ſenvorſprung von dem Plateau ſelbſt trennte:„Buen provecho en el quartel de la libertad!“**) Seine Worte waren kaum geſprochen, als ein Schrei des wildeſten Jubels aus der Barranca herauf erſchallte und die Indianer zugleich von der Erde aufſprangen, wäh⸗ rend die längs dem Dickichte aufgeſtellten Meſtizen und Zambos mit einem gellenden Gelächter hervortanzten, und die Dragoner ſo von allen Seiten einſchloſſen. Derr junge Conde zuckte betroffen bei dem unerwarte⸗ ten Anblicke der mordgierigen Bande zurück, die, nach . *) Cuer Gnaden, wohlbekomme im Quartier der Freiheit! 80— 4 Blute lechzend, nur mit Ungeduld das Loſungswort abzu⸗ warten ſchien. Noch war er mit ſeinen Leuten in der Schlucht, und auf allen Seiten ihre Feinde. Einen Au⸗ genblick ſchwankte er unentſchloſſen, und dann, raſch vor⸗ ſpringend, rief er:„Viva el Rey 7) Keiner ſeiner Dragoner antwortete jedoch; bloß ſeine zwei Offiziere wiederholten den Ausruf mit leiſer, gedämpf⸗ ter Stimme. „Senor Conde thun Ihre Schuldigkeit,“ ſprach Jago mit vieler Ruhe;„jeder Widerſtand iſt aber vergeblich. Meine Leute können alle die Ihrigen in fünf Minuten mit Steinen todt werfen; ergeben Sie ſich, oder Sie haben in der nächſten Minute aufgehört, Conde J— a, zu ſein.“ „Hund von einem Meſtizen!“ ſchrie Don Manuel vorſpringend,„wagſt du es, ſo mit einem mexi kaniſchen Kavalier zu ſprechen?“ und ſeinen Worten Nachdruck zu geben, hob er raſch die Hand mit einer geſpannten Piſtole. Der Ausbruch der Wuth der Indianer, Meſtizen und Zambos, der dieſer Drohung folgte, war entſetzlich. Mehr denn hundert der Wüthendſten waren wie Tiger auf den Jüngling zugeſprungen, und es bedurfte all der Gewalt, die unſer Ariero ſo augenſcheinlich über dieſen Haufen hatte, um ſie zurückzuhalten, ihn und ſeine Diener, die ſich an ihn angereiht hatten, nicht augenblicklich zu zerreißen. „Qui V Ueven todos los Demonios de los diez *) Es lebe der König. — 848— y siete infernos!“ brüllte Jago dem raſenden Haufen zu⸗ indem er mit beiden Füßen die Erde ſtampfte:„Muerte y infernos!" Habt ihr vergeſſen, wen ihr vor euch habt?“ ſchrie er, auf die Dragoner deutend; dann gelaſſen und nicht ohne Würde ſeine Hand ihnen zuwerfend, wandte er ſich ruhig zu dem Jünglinge, der ſprachlos dieſem ſeltſa⸗ men Auftritte zugeſehen hatte. „Don Manuel!“ ſprach er:„Ihr ſeid eigentlich die Urſache, daß wir in eine Klemme gerathen, die, die hei⸗ lige Jungfrau von Guadeloupe weiß es, mir zum erſten⸗ male in meinem Leben meinen Verſtand zu kurz machte. Beinahe ſollte ich ſchlimm von euch denken; aber ihr habt uns in der Stunde unſerer größten Noth einen Stein aus unſerm Garten genommen, und ſo iſt Alles ausgeglichen. Ja, wir danken euch für euern Beiſtand; nicht aber wir ſo ſehr als Mexiko, dem unſer Leben zu Dienſten ſteht, das in einer Stunde leicht wieder in derſelben Klemme ſein dürfte. Aber erlaubt mir, euch zu ſagen, daß wir eure Befehle eben ſo wenig, als eure Mittlerrolle anerkennen. Merkt es euch wohl, wir erkennen weder die Befehle des Rey noch des Virey, und es wäre wider den geſunden Menſchenverſtand, uns denen eines paſſabel edlen, ſieb⸗ zehnjährigen Caballero zu fügen. Wir handeln einſtweilen als Capitano unſerer Truppen und als von der Regierung von Mexiko angeſtellter Offizier; als ſolcher unterhandeln wir mit Don Carlos Conde de—, ohne einer Mittelsper⸗ ſon zu bedürfen. Wir bieten ihm und ſeinen Leuten Si⸗ Der Virey. 11. 6 cherheit für ihre Perſonen, ihr Gepäcke, und ehrliche Kriegs⸗ gefangenſchaft gegen Auswechſelung.“ Die Würde, mit der dieſe Worte geſprochen wurden, kontraſtirte ſo ſeltſam mit dem Aufzuge des Sprechers ſelbſt und ſeiner Umgebung, daß der junge Kapitain den Mann mit unverholenem Erſtaunen anſah; aber indem ſeine Blicke beinahe ſpottend auf dem Capitano und ſei⸗ ner Bande ruhten, wurde unter ſeinen Leuten ein Ge⸗ murmel vernehmbar, das ihre Unwilligkeit ſich in den un⸗ gleichen Kampf einzulaſſen, nur zu deutlich beurkundete. „Senor Conde,“ fuhr Jago fort,„von der Escadron Major Ulloas haben Sie keinen Succurs mehr zu hoffen, denn ſie iſt ganz, wie ſie leibte und lebte, in der Ewigkeit.“ „Don Ulloa?“ rie der Conde, ungläubig den Kopf ſchüttelnd. „Würde Ihnen ſonſt wahrſcheinlich das Viva el Rey! zugerufen haben, wenn Don Manuel ſich nicht herabge⸗ laſſen hätte, die Partei der Gavecillas juſt im entſcheiden⸗ den Augenblicke zu ergreifen. Sein ritterlicher Sinn,“ fügte er ironiſch hinzu,„hat ihn freilich zu einer Art Caballeroſtückchen verleitet; aber die Nachwehen ſcheinen ſich bereits einzufinden. Der Senor hat vergeſſen, daß der künftige Schwager des— eben ſo wenig Cabal⸗ lerolaunen, als ein Herz haben dürfe, ſondern nur Gehor⸗ ſam. Apropos, Conde! ſeht euch einmal die Garderobe meiner Rekruten etwas genauer an; ſchade nur, daß es ſo verdammt finſter wird.” Es lag wieder etwas ſo Boshaftes, eine ſo maliciöſe Negerlaune in der Art, wie der Mann die letzteren Worte geſprochen, daß unſere beiden Edelleute ihn mit unverho⸗ lenem Abſcheu und wieder einem Intereſſe anſahen, das ihnen wechſelſeitig Fiebergluth und Todtenbläſſe auf die Wangen trieb. Jago ſelbſt ſtand mit verſchränkten Armen ganz gleichmüthig, ohne das Schickſal ſeiner Gegner be⸗ ſonders drängen zu wollen; die Beſtürzung unter den Dra⸗ gonern war jedoch nun ſichtlich allgemein geworden. „ Y basta!“ rief er auf einmal,„„Conde, nehmen Sie die Ihnen angebotenen Bedingungen an?“ „ Und weſſen Wort,“ fragte dieſer,„haben wir als Garantie für deren Erfüllung?“ Jago ſtieg die dreißig Stufen, die in den Felſen ge⸗ hauen waren, hinab, und flüſterte dem Kapitain einige Worte in die Ohren, die dieſen nicht ohne Verwunde⸗ rung zurückprallen machten. Einige Augenblicke ſah der Graf den Ariero zweifelhaft an, und dann die dargereichte Hand ergreifend, ſalutirte er ihm auf eine achtungsvollere Weiſe, als man von einem jungen, hochſtrebenden Ariſto⸗ kraten, gegenüber einem Maulthiertreiber, hätte erwarten ſollen. Während dieſer wieder auf das Plateau zurückge⸗ kehrt war, hatte der Kapitain mit ſeinen Offizieren ge⸗ ſprochen, einige Worte mit ſeinen Leuten gewechſelt, de⸗ ren Gemurre eine ſchnelle Entſcheidung mehr als räthlich zu machen ſchien, und ſich dann an den Befehlshaber der Patrioten gewandt. — 84— „Wir nehmen Ihre Bedingungen an, Kapitain, fü⸗ gen jedoch hinzu, daß wir unſere Karabiner abliefern, aber Piſtolen, Pferde und Seitengewehre behalten, und beiſammen bleiben.” „Die Pferde ſind zu dieſer Zeit nicht mehr die Ihri⸗ gen; das Uebrige gehen wir ein,“ erwiederte Jago, der nun ſeinen Patrioten ein Zeichen gab, auf welches dieſe zurückwichen, um die Dragoner den letzten Felſenabſatz erſteigen zu laſſen. Sie kamen einzeln heran, und ſo wie ſie Mann für Mann auf das Plateau traten, ſo mußten ſie auch ihre Karabiner abliefern, worauf ſie längs dem Rande des Dickichtes aufgeſtellt wurden. Als die Eska⸗ dron auf dem Plateau angelangt und die Karabiner abge⸗ liefert waren, verbeugte ſich Jago artig gegen den Kapi⸗ tain, ihm bedeutend, er bitte um Entſchuldigung, daß er ihn für einige Zeit ſich ſelbſt überlaſſen müſſe, doch wolle er ihm die Unterhaltung mit Don Manuel um keinen Preis länger vorenthalten. Der junge Militair war wie im Traume geſtanden, er ſah dem merkwürdigen Ariero nach, er blickte Don Ma⸗ nuel an, ſchaute dann hinüber auf das Schlachtfeld, wo die Leichen in der einbrechenden Finſterniß in grauſiger Nacktheit herüberſtarrten, endlich trat er raſch auf den Ju⸗ gendfreund zu. „Und ſo iſt es denn wahr?“ fragte er mit zittern⸗ der Stimme,„und was meine Augen ſehen, iſt nicht Traumbild? und Don Manuel——“ er hielt inne, als — 85— erſchreckte er, die Worte auszuſprechen,„und Don Ma⸗ nuel hat ſich verblenden laſſen, die Partei der Rebellen gegen ſeinen König zu nehmen?“ Der Jüngling war abgewandt geſtanden, ſeinen ſtie⸗ ren Blick zur Erde geheftet. „Wer ſagt das?“ fuhr er empor:„Wer wagt dieß zu behaupten? Teufel und Hölle! wer?“ „Jeſu Maria!“ jammerte Alonzo:„„ Und was haben Sie anders gethan, Senor? Mit einem Streiche, in einer Minute, Gott, Vaterland, Heimath, Leib und Seele ver⸗ loren und verdorben. Santa Vierge! Gott verzeih' mir meine ſchwere Sünde! Was gingen Sie die Gavecillas an? Warum ließen Sie ſie vom Major Ulloa nicht alle todt⸗ ſchlagen, die Hunde?— Jeſu Maria! Conde! Rathen Sie, helfen Sie; was ſoll aus uns werden? Santa Vierge! Sie ſind ſelbſt gefangen! Juſt als Major Ulloa am beſten daran war, ſie Alle todtzumachen, rieth der Teufel, Gott verzeih' mir meine ſchwere Sünd', unſerm jungen Herrn, ſeine Piſtolen auf den Major abzuſchießen; und wir— was konnten Diener anders thun?“ „ Iſabella!“ rief der junge Don, mit geballter Fauſt ſich vor die Stirne ſchlagend. „Iſabella?“ fragte der Conde befremdet. „Nicht wahr, der Nane, der jetzt angerufen wird, als wenn es die Vierge von Guadeloupe wäre, befremdet Sie, Conde?“ ſchaltete Jago ein, der wieder herbeigeſchlichen war, und den Don mit einer Miſchung von Hohn und Der Virey. II. ———— S — 36— Verachtung anſchaute.„Ja, Senor Conde, da liegt eben der Haken, der Ihren paſſabel edlen Freund von Ihrer ſehr edlen Schweſter und von unſerm armen Mexiko geriſſen. Aber wir wollen Ihnen aus dem Wahne helfen, Don Manuel;“ und mit dieſen Worten nahm er einige Papiere aus dem Porteſeuille und hielt ſie ihm ernſt vor die Augen. „Nehmt, Senor!“ ſprach er in demſelben kurzbar⸗ ſchen Tone, und laßt euch heilen; und wenn ihr glaub⸗ tet, die Schwägerin Sr. Excellenz würde ſich herablaſ⸗ ſen, ſich einem paſſabel edlen Criollo hinzugeben— ſie nennt euch in ihrer Epiſtel an ihre Freundin noch mit ganz andern Namen— ſo wird euch dieſe Lettra) hoffent⸗ lich enttäuſchen. Ihr ſeid ein ſo rüſtiger Caballero als irgend einer; aber der Oberſte und Conde Ildefonſo iſt es auch, und noch dazu Bruder eines Herzogs. Und was die gütigen Geſinnungen des Virey für euch betrifft, ſo wer⸗ den dieſe Briefe an Barraxi, Caſtannos und Balleſteros euch gleichfalls die Augen öffnen. Merkt es euch; aus dem Wege wollten ſie euch haben, weil ihr den Du⸗ blonſäcken euers Onkels zu nahe ſtandet;— deshalb ſolltet ihr nach Spanien. Leſet einmal die Lettra an Barraxi, ſie iſt erbaulich, und ſo herrlich durchgeſpickt mit Betrach⸗ tungen über die Nothwendigkeit, außerordentliche Hülfs⸗ *) Brief. mittel bei der gänzlichen Erſchöpfung der Hacienda real herbeizuſchaffen, daß euer loyales Herz eigentlich vor Freuden hüpfen ſollte, zu ſo großen Zwecken beiträglich geworden zu ſein. Seht ihr, eure Interceſſion zu Gun⸗ ſten der Gavecilla gegen den Henkersknecht Ulloa, den ich ſchon lange auf dem Korne hatte, trug auch ihre Früchte. Es hat euch vor einem Logis in Ceuta oder Majorka be⸗ wahrt, oder einem noch weniger koſtſpieligen Grabe auf einem der zwanzig Schlachtfelder der Madre Patria.“ Die Blicke, mit denen die beiden Edelleute den Sprecher und dann einander maßen, zu klaſſificiren, würde eine würdige Aufgabe für den Autor der Phyſiognomik ſelbſt geweſen ſein; wir verſuchen es nicht, ſie zu ſchil⸗ dern. Der Conde erholte ſich zuerſt von dem ſtarren Er⸗ ſtaunen, in das ihn die Worte des Ariero verſetzt hat⸗ ten, und indem ſein Auge auf den jungen Don fiel, nah⸗ men ſeine Züge einen Ausdruck von ſo unausſprechlicher Bitterkeit, Schmerz und Hohn an, daß ſelbſt Jago zu⸗ rückſchrak. Seine Bruſt hob ſich, als wollte ſie zerſprin⸗ gen; er verſuchte es, zu ſprechen, konnte es jedoch nicht. Noch einmal warf er alff den Jüngling einen ſolchen Blick, dann wandte er ſich und eilte ſeinen Dragonern zu. Don Manuel hatte wieder die Papiere mechaniſch zur Hand genommen und ſie convulſiviſch zuſammen⸗ gepreßt; dann riß er ſie aus einander und ſtierte in ſie hinein, wie ein Wahnfinniger. Auf einmal ſprang — 88— er in die Höhe, warf die Papiere zu Boden, lachte, tanzte wie ein Raſender, klapperte mit den Zähnen, und gebehrdete ſich auf eine Weiſe, die ſeine er⸗ ſchrockenen Diener feſt überzeugte, er habe den Verſtand verloren. „Vermaledeite Eſel!“ rief Jago dieſen zu, deren troſtloſe Gebehrden und Hülfsleiſtungen den jungen Don nur noch in höhere Wuth zu verſetzen ſchienen.„Verma⸗ ledeite Eſel! was jammert ihr, als wenn euch eure Bräute geſtorben wären, wo es doch nichts iſt, als hochadeliche Phantaſieſtücke, die nur auf verſchiedene Weiſe wirken: bei dem Grafen wie ſtille, aber tiefe Waſſer, bei euerm Don wie ein Bergſtrom. Wenn ihnen ein Zahn wehe mthut ,ſo ſollte gleich das ganze Menſchengeſchlecht Trauer anlegen, und wenn von uns Tauſende krepiren, ſo ſehen ſie ſo gemüthlich drein, als ob eben ſo viele Wagen Un⸗ rath in die See geſchmiſſen worden wären. Bedienten⸗ ſeelen wie ihr, die lachen und weinen, ſo wie es der gnädigen Herrſchaft gefällt, hätte ich Luſt, an den er⸗ ſten beſten Baum aufhängen zu laſſen; ihr verderbt nur das Menſchengeſchlecht.“* „Don Manuel!“ ſprach er rauher zum Jüngling, den er bei der Schulter anfaßte und kräftig rüttelte: „erlaubt euerm alten Freunde Jago eine Frage: Wollt ihr hier bleiben, mit uns gehen, oder nach Veracruz hinab? Wir brechen in einer Viertelſtunde auf.“ — 89— Der Jüngling ſtierte ihm in das Geſicht, gab je⸗ Hoch keine Antwort. „Noch einmal Don Manuel!“ ſprach Jago.„Wollt ihr nach Veracruz, ſo gebe ich euch ſicheres Geleite, ſelbſt an Bord eines Schiffes der großen Republik, oder der Ingleſe vermag euch mein weniger Einfluß zu bringen. Wählt jedoch ſchnell, denn was die Madre Patria be⸗ trifft, ſo werdet ihr wohl ſelbſt einſehen, daß ihr euch dieſen Gedanken aus dem Kopfe ſchlagen müßt, außer ihr wolltet in Ceuta Quartier nehmen; in Mexiko dürfte es gleichfalls für euch zu heiß geworden ſein.“ Der Jüngling gab noch immer keine Antwort, und der Ariero wandte ſich mit den Worten:„» y basta“ zu ſeinen Leuten. Die Nacht war unterdeſſen völlig hereingebrochen, und auf mehreren Punkten des Schlachtfeldes waren Feuer an⸗ gezündet worden. Eine Horde Indianer und Indianerin⸗ nen war gekommen, die wie Kobolde mit ihren Feuer⸗ bränden umherrannten, die Leichen beleuchteten, und bei jeder in ein gräßliches Geheul oder ein eben ſo gräßliches Gelächter ausbrachen, je nachdem der Gebliebene ein Ga⸗ chupin, wie ſie ihre Feinde nannten, oder einer der Ih⸗ rigen war. Als ſie dieſe Art Todestanz beendigt hatten, denn dieſe Sprünge ſollten für eine ſolche Feier gelten, ſtellten ſich die halbnackten Megären in eine lange Reihe auf, und traten dann eine nach der andern vor, um jene 4½ — 90— .⁴ Verwundeten zu empfangen, die die Indianer für ſie be⸗ ſtimmt hatten, und die ſie ſofort auf den Rücken luden, und mit bewunderswürdiger Sorgfalt und Geſchicklichkeit die Barranca hinabtrugen. Wie Geſpenſter waren ſie gekommen, und wie ſolche ſchlichen ſie ſich fort, ein blo⸗ ßer Wink des ſeltſamen Mannes, den wir als Ariero kennen gelernt haben, war hinreichend geweſen, die Truppe der Indianerinnen zum Schweigen, und zu einer Thä⸗ tigkeit zu vermögen, die bei ihren ausgemergelten, kraft⸗ loſen Geſtalten weit über ihre Kräfte zu gehen ſchien. Der Ariero ſelbſt war nach ſeinem Siege ein ganz anderer Mann geworden. Zwar waren ihm ſchon früher gewiſſe Geiſtesfunken entglitten, die einem aufmerkſamen Beob⸗ achter aufgefallen ſein dürften, und bei all ſeiner anſchei⸗ nenden Gemeinheit und Roheit war ſchon damals etwas an dem Manne ſichtbar geworden, das im hohen Grade zu intereſſiren fähig geweſen ſein dürfte, ſeit der letzten Stunde jedoch ſtellte er wirklich mehr den Chef eines fliegenden Truppenkorps, als den rohen Ariero vor. Seine Thätigkeit inmitten der abſoluteſten Anarchie, war eben ſo bewundernswerth, als ſeine Ruhe und die gänz⸗ liche Gewalt, die er offenbar über alle Indianer, Me⸗ ſtizen und Zambos und über ſich ſelbſt hatte. Wohl fünfzig verſchiedene Befehle und Berichte hatte er zu gleicher Zeit gegeben und empfangen; keiner und keine der Indianerinnen waren angekommen, mit denen er nicht Worte oder Zeichen gewechſelt hätte, und ein Wink war 4 — 94— wieder hinreichend geweſen, ſie verſchwinden zu machen.— Eben ſo groß war die Bewegung unter den Patrioten ſelbſt geworden; mehrere Abtheilungen hatten ſich in Marſch geſetzt, oder vielmehr in einen Trab, der ſie ſchnell vom Schlachtfelde wegführte, ohne daß man ge⸗ ſehen oder gehört hätte, wo ſie hingekommen waren. Auch hatte ſich die Thätigkeit Jagos nicht auf die Pa⸗ trioten allein beſchränkt, jeden Dragoner hatte er ſeiner Aufmerkſamkeit werth erachtet, und die Weiſe, wie dieſe aufgenommen wurde, verrieth eine baldige gänzliche Hin⸗ neigung der Reiter zur Partei der Patrioten. Der junge Conde hatte nicht ohne Unruhe der nimmer ruhenden Be⸗ weglichkeit des ſeltſamen Mannes zugeſehen; als jedoch die Escadron ſich theilte, und die größte Hälfte ſich in Be⸗ wegung ſetzte, während die andere noch ruhig ſtand, trat der junge Kriegsgefangene raſch auf ſeinen Sieger zu. „Senor,“ ſprach er in einem feſten, jedoch achtungs⸗ vollen Tone,„dies iſt gegen die Bedingungen.— Wir bleiben beiſammen.“ In dieſem Augenblick erſchallte von der Barranca herauf ein langer gellender Schrei, den Jago, raſch an den Rand der Barranco vortretend, in einer eben ſo gellenden Tonleiter erwiederte; dann, zum Kapitain zu⸗ rückkehrend, ſprach er zu dieſem:„Nun ſind wir marſch⸗ fertig. Meine Leute haben ſo eben Ihre Pferde in Be⸗ ſchlag genommen. Der Nachtritt dürfte indeß ermüdend werden.“ — 92— „Wir bleiben jedoch beiſammen,“ wiederholte der Conde, ſich die Lippen beißend. „Vorausgeſetzt die Campaneros*) wünſchen es,“ fiel Jago ſcherzend ein.„Wir fechten für die Freiheit, Conde, und es wäre hart, unſere neuen Freunde derſelben zu berauben.“ Und mit einem viel ſagenden Lächeln erhob er ſeine Stimme, und begann im rauhen, aber prachtvollen Auf⸗ ſchwunge: Amigos, la libertad Nos lIlama a la lid, Juremos por ella, Moriemos con Cid. „Großer Gott!“ rief der Conde,„dieſe Stimme! Pedrillo!——” Doch Pedrillo ließ ihm keine Zeit zu weitern Fragen. Die Patrioten hatten ſich in Bewegung geſetzt, die Dragoner in die Mitte genommen, und alle begannen nun den majeſtätiſchen Chor: Freunde, die Freiheit Ruft uns ins Feld; Wir ſchwören ihr zu leben, Zu ſterben, wie Eid der Held. *) Geſellen, Feldſoldaten. Die Weiſe einfach und rauh, aber melodiſch und ergreifend, hatte die ganze Truppe in die Begeiſterung verſetzt, welcher der junge Kapitain vergebens entgegen zu wirken bemüht war. In der raſchen Bewegung war er mit Don Manuel fort geriſſen worden, und ſo wohl berechnet war dieſe Bewegung geweſen, daß beide auf verſchiedenen Wegen abgeführt, oder vielmehr von dem Schwalle mit fortgezogen wurden, ohne daß ſie auch nur eine Ahnung von ihrer Trennung gehabt hätten. Drei und zwanzigſtes Capitel. Hinweg, hinweg, ſo gings im Flug, Als wenn mich Sturmes Toben trug; Fern von uns Stadt und Dorf ſo weit. So flogen wir, wie wenn bei nächt'ger Zeit Ein Nordlicht durch das Dunkel fährt. Mazeppa. So wie ſich der Geſang erhoben hatte, plötzlich und wild, eben ſo verklang er wieder, unerwartet und un⸗ heimlich, als der Zug den Wald betrat, deſſen Schluch⸗ ten und Labyrinthe nun die Aufmerkſamkeit der Führer in Anſpruch zu nehmen begannen. Es blieben nicht mehr Fackeln angezündet, als gerade unumgänglich nothwen⸗ dig waren, um den Weg über die gefährlichſten Schlünde zu finden, die auch auf dieſer Seite in jeder Richtung hinab⸗ gähnen. Hie und da zeigten ſich noch Spuren des mit ſo unſäglicher Mühe von den bethörten Verbündeten Cor⸗ tez in Felſen gehauenen Pfades, auf dem dieſer eben ſo verſchmitzte als waghalſige Abenteurer ſeine wenigen Pferde und Kanonen über das Gebirge gebracht, und und der nun auch den Major zu ſeinem weniger glücklich ausgeführten coup de main geleitet hatte. Stunden wa⸗ ren verfloſſen in ſtetem Hinabklettern, Emporklimmen und Hinabkriechen. Kein Laut war mehr unter der Truppe zu hören, erſt als ſie in der Tiefe angelangt, erſchallten einzelne Pfiffe, und wieder ein Geheul, wie das des Caguar, worauf der Zug eine Weile hielt, und ſich dann wieder in raſche Bewegung ſetzte. Der Weg ging nun durch mit ungeheurem Schlingkraut durchwachſene Hoch⸗ wälder und wilde Dikichte, die ſich ſo ineinander wirrten, daß auch die verwegenſten Jäger vom weitern Vordringen abgeſchreckt worden wären. Die verbutteten Bergeichen und Fichten waren der Königspalme und Tamarinde, die em⸗ pfindliche Kälte einer mäßigen Wärme gewichen. Theil⸗ weiſe lagen über den Tiefen ganze Schichten Nebels, die, ſo wie ein Luftſtrom ſich erhob, gleich Nachtgeſtalten ſich über die Bergesabhänge hinzogen, rabenſchwarze Nacht über den Zug verbreitend. Von Zeit zu Zeit kamen Indianer wie Geſpenſter im flüchtigſten Trabe aus den Bergesklüften und ſchloßen ſich an den Zug an; andere entfernten ſich auf dieſelbe maſchinenartige Weiſe; der blin⸗ deſte Gehorſam mit einer ungeheuern Kraftanſtrengung, und nirgenoͤs eine Stimme zu hören, kein Befehl, auch nicht das mindeſte Abzeichen eines ſichtbaren Oberhauptes. Unſer junge Don hatte noch immer kein Zeichen ſeines Daſeins gegeben. Mechaniſch war er dem Impulſe ge⸗ folgt, über Schluchten und Abgründe, Thäler und Berge, als das prachtvolle Schauſpiel von fünfzig Pechfackeln, die längs eines Felſenrückens in einen furchtbaren Ab⸗ grund hinabflackerten, ihn endlich aus ſeiner ſtarren Be⸗ wußtloſigkeit weckten. Er ſtieß ein donnerndes„Halt!“ aus, das jedoch kaum aus ſeinem Munde war, als ein Pfiff gehört und er zugleich mit Rieſenarmen ergriffen, und auf den Rücken eines gewaltigen Indianers gehoben wurde, der ſich den Jüngling wie eine Feder auf den Nacken ſetzte, ſeine Schenkel zwiſchen die beiden Arme nahm, und mit dieſer Laſt eben ſo leicht forttrabte, als wäre ſie ſein Bündel mit Proviſion geweſen.„Vigi⸗ lancia!“ brüllte eine Stimme auf einmal, und der ganze Zug hielt für einen Augenblick; in der Stille wurde das Toſen eines Waldſtromes hörbar, das aus den tiefſten Eingeweiden der Erde herauf zu kommen ſchien. Die Temperatur, die abwechſelnd gemäßigt und wieder kalt geweſen, je nachdem der Zug über Höhen oder durch Klüfte und Abhänge fortgeeilt, war auf einmal zur tro⸗ piſchen Hitze geworden. „„Wo ſind wir?“ fragte der Jüngling ſeinen Trä⸗ ger, der ihn, vor ſich, über einen Felsſtein hinabhob und gleich darauf ſich ſelbſt hinabwurmte.„Calle,“*) bedeutete ihm der Indianer in die Tiefe hinabdeutend, *) Schweige. . aus der eine Stimme heraufbrüllte, die aber das Toſen des Waldſtromes überrauſchte.„Calle,“ brummte der Indianer nochmals, indem er dem Don ſeinen Laſſo un⸗ ter die Schultern warf, ihn dann über einen zweiten Felſen hob und mittelſt des Laſſo dreißig Fuß hinabließ. „Calle,“ brummte der Indianer abermals, der unter⸗ deſſen auf ſeinem Rücken nachgefolgt war, ſich den Jüngling auf dieſelbe unzeremoniöſe Weiſe wieder auf den Nacken ſetzte und in die entſetzliche Tiefe hinabſtieg. „Vigilancig!“ ſchrie es nun zum drittenmale.„Eine Achtel Vara y baſta;*) die heilige Jungfrau gnade den⸗ jenigen die eine halbe brauchen.“„Silencio!“ befahl eine zweite Stimme.„Caballitos por los Americanos, buen viage a los Gachupinos!"**) Die Warnung und der Befehl galten einem rohen Baumſtamme, der, über den Abgrund gelegt, den Uebergang über den Schlund der Barranca bildete. Der Befehl war kaum gehört wor⸗ den, als ſich unſer Don auch ſchon in den Rieſenarmen eines friſchen Indianers fand, der ihn erfaßt und ihn ſich auf den Rücken geworfen hatte, als wäre er ſeine Mus⸗ kete geweſen, und dann, ohne weder links noch rechts zu ſchauen, über die entſetzliche Brücke mehr trabte als ſchritt. Aus dem Abgrunde herauf tobten und brüllten —— *) Einen halben Schuh und nichts mehr. **) Für die Mexikaner Caballitos, d. h. Indianer mit Sätteln auf dem Rücken, den Spaniern eine glückliche Reiſe. Der Virey. II. 7 — 98— die Gewäſſer, dem Auge durch die herrlichſten Baum⸗ gruppen und Schlingpflanzen verborgen, auf der andern Seite ſtanden bereits mehrere Indianer; im Rücken ſchrie eine rauhe Stimme:„Eres Creollo?*) und das Schwanken des Baumes verrieth, daß ein zweiter Ca⸗ ballito die gefährliche Brücke mit der Manneslaſt betre⸗ ten hatte. Ein zweitesmal wurde die Frage gehört, aber die Antwort war noch nicht aus dem Munde des un⸗ glücklichen Spaniers, als ein rollendes„Maledito Ga- chupin!“ herüber brüllte, und der Angſtruf„Jeſu Maria y Joſe!“ zu hören war, begleitet von einem ſchweren Falle und Geraſſel in den Zweigen. Der Jüng⸗ ling, der am jenſeitigen Ufer angelangt war, ſah ſich ſchaudernd nach dem unglückſeligen Spanier um, deſſen Todesruf ſo eben aus dem gräßlichen Schlunde herauf verhallte; ehe er aber Zeit hatte, auch nur ein Wort zu ſagen, ward er wieder auf den Rücken eines India⸗ ners gehoben und fortgetragen, mit derſelben Leichtigkeit und auch Rückſichtsloſigkeit, als wenn er ein zweijähriger Knabe geweſen wäre. Der Zug hatte ſich wieder in raſche Bewegung ge⸗ ſetzt. Keiner fragte, keiner gab Antwort. Jeder ſchien nur auf ſich ſelbſt bedacht zu ſein. Noch waren einige Angſtrufe gehört worden, ohne jedoch auch nur im ent⸗ fernteſten beachtet zu werden. Die Hitze der tierra caliente, *) Biſt du ein Creole? — 99 die ſie ſo eben empfunden hatten, fing wieder an in die Kälte der tierra fria überzugehen, und ein lichter Nebel⸗ flor, der um die Gipfel eines ungeheuern Bergrückens zu ſpielen begann, verkündete die Morgendämmerung. In den Schlünden jedoch war es noch finſtere Nacht. Hie und da glänzten Schneeſchichten den Emporklimmenden ent⸗ gegen, die häufiger wurden, je höher ſie emporklimmten, bis endlich der ganze Bergrücken Eisfeld geworden war. Die Morgendämmerung war mittlerweile hereingebro⸗ chen. Links tauchte eine Gebirgsmaſſe auf, die wie ein un⸗ geheuer aufgerolltes Leichentuch grauſig bis zu ihren Füßen ſich ausdehnte. Rechts wurde ein noch höherer Berges⸗ kegel in den Strahlen der Morgenſonne ſichtbar, aber dieſe Strahlen waren blaß, und die Tinten grau wie die Schatten der Nacht. Hie und da tauchten dann Ber⸗ gesgipfel aus dem düſtern chaotiſchen Nebelflor auf. Aber noch war alles Dunſt und eiſige Kälte. „Por el amor de Dios!" ſchrie Don Manuel. „Wo iſt Conde Carlos? Wo mein Alonzo, Cosmo?“ „Adelante!“ befahl eine andere Stimme den In⸗ dianern. „Ich ſage wo iſt Conde Carlos, Alonzo und Cosmo?“ ſchrie der junge Don wieder, der nun mit Schaudern bemerkte, daß der Haufe, der weit über vierhundert ſtark ausgezogen, keine hundert mehr zählte, darunter ſieben⸗ zig Indianer, die übrigen Dragoner. „Adelante!“ ſchrie der Mann ſtärker, und ohne — 400— daß ſeine Frage einer Antwort gewürdigt worden wäre, ſetzte er im befehlenden Tone hinzu:„cuomo por los pozos;“**) und dieſe Andeutung war wieder hinreichend den ganzen Zug in die regſte Thätigkeit zu ſetzen. Die meiſten der Indianer waren mit Laſſos verſehen. Einer derſelben nahm einen der Riemen, warf ſich die Schlinge um den Leib und indem er das andere Ende, an wel⸗ chem der Ring befeſtigt war, einem zweiten Indianer in die Hände gab, ließ er ſich über den beinahe ſenkrechten Felſenſattel hinab. Der Ring wurde in einen zweiten Laſſo geworfen, in einen dritten, vierten und fünften, und ſo fort, bis der Indianer dem Auge in dem Nebel entſchwunden war und ſein Ruf verkündete, daß er fe⸗ ſten Fuß gefaßt habe. Ein zweiter folgte, ein dritter und zwar mit einer Schnelligkeit und Sicherheit, als wenn eben ſo viele Baumwollenballen aus dem oberſten Stockwerke eines Waarenmagazins herabgelaſſen worden wären. „Vuestra Senoria,“ ſprach eine Stimme aus dem Haufen heraus unſern Don an, auf die ſonderbare Strick⸗ leiter deutend und zugleich einem Indianer winkend, der ihn ſchnell erfaßte, an den Rand des Felſenſattels hob und ihm den Laſſo in die Hand drückte. Bald verſchwand auch er im Nebel. Mann folgte nun auf Mann; der *) Wie für die Schachte. Machet es wie wenn ihr in die Schachte einfahrt. — 101— letzte der herab ſtieg, gab jedem der fünf Führer eine Cigarre, legte die Finger auf den Mund und folgte der Schar, die er vorausgeſandt. Der ungeheure Bergesrücken von dem die Abtheilung der Patrioten ihren Uebergang auf die ſo eben angedeutete Weiſe bewerkſtelligt, gehört in jene ungeheure Gebirgs⸗ kette, die das Thal von Mexiko gleich einer Mauer auf allen Seiten, vorzüglich aber auf der ſüdöſtlichen und ſüdweſtlichen einſchließt. Ueber einen dieſer Gebirgsrücken windet ſich auch die Straße, die von der Hauptſtadt nach Puebla de los Angelos führt, bis zu einer Höhe von neuntauſend Fuß über der Meeresfläche empor; unter ihr gähnt wieder die furchtbare Barranca in Juanes in ſo gräßliche Schlünde hinab, ſo abgeriſſen, ſchroff, chaotiſch und verworren, daß das Auge ſchaudernd die ungeheure Revolution betrachtet, die ſo fürchterliche Maſſen auf⸗ thürmen und wieder zerreißen konnte. Dieſelbe Gebirgskette ſendet mehr ſüdöſtlich einen niedrigern Zweig, beinahe bis zum See Chalco vor, der, wie unſere Leſer wiſſen, wieder durch einen Kanal mit der Hauptſtadt verbunden iſt. Dieſer Gebirgsvor⸗ ſprung bildet ſo ein zweites, vom großen Thale von Mexiko abgeſondertes kleineres Thal, das von dem grö⸗ ßern und dem See Chalco nur durch eine mäßig hohe Hügelkette getrennt, in einer reizenden Abgeſchiedenheit verborgen liegt. Es ſenkt ſich terraſſenförmig von dem ungeheunrn Felſenſattel herab, und die verſchiedenen Ab⸗ — 102— ſtufungen bezeichnen auch, wie dieß in Mexiko immer der Fall iſt, den Grad der Wärme und den Charakter der Pflanzenwelt, die ihrem Boden entſproßt. Nackte, braune, ſchroffe Felſenwände, hie und da im Winter und Frühlinge mit weißen Punkten ſchattirt, ſtarren von der ſchwindlichen Höhe herab, dann folgen die Regionen der verbutteten, zwergartigen Mimoſen und Fichten, die wieder mit der prachtvollen immergrünen Eiche abwech⸗ ſeln, tiefer hinab die Abzeichen einer regen Kultur, üppige Weizen⸗ und Maisfelder, und endlich die pracht⸗ voll ſteife Agave mit ihren acht und zehn Fuß lan⸗ gen, dolchähnlichen Blättern, das Ganze durch Ein⸗ zäunungen von Cactus getrennt, und wieder verbun⸗ den, deren ſäulenartige Stämme und herrliche Kronen einer mexikaniſchen Landſchaft einen ſo wunderlieblichen Reiz verleihen. Dicht an dem nordöſtlichen Abhange ſenkt ſich gleichſam, das Bild dieſer mexikaniſchen Land⸗ ſchaft ganz zu vollenden, eine mäßige Barranca in die Tiefe hinab, die dem Auge die wunderbarſte Mannig⸗ faltigkeit der tropiſchen Pflanzen⸗ und Blumenwelt dar⸗ bietet. Längs dieſer Barranca zieht ſich eine Anzahl india⸗ niſcher Hütten hinab, aus unbehauenen Baumſtämmen aufgeführt und mit Palmblättern gedeckt, aber weder mit Thüren noch Fenſtern verſehen; alle jedoch durch Cactus⸗Einfriedigungen beſchützt, und die innerhalb dieſer Einfriedigungen ein Blumenreichthum darbieten, der ſelt⸗ ſam mit der Aermlichkeit, und ſelbſt dem Schmutze der Umgebungen contraſtirte. Dieſem Rancho hatte ſich die Abtheilung der Pa⸗ trioten eben ſo raſch als vorſichtig genähert, als die Sonne bereits über die Berge heraufgeſtiegen war. So wie ſie die Bergeshöhe hinabſtiegen, wurden in den Win⸗ dungen allmälig eine Kapelle mit ſchneeweißen Mauern, unter hundertjährigen Cypreſſen gleichſam begraben, meh⸗ rere andere größere und kleinere Gebäude, die Beſtand⸗ theile einer Hacienda zu ſein ſchienen, und endlich ein ſchloßartiges Wohnhaus mit flachem Dache, und einer Balluſtrade, umgeben von einer ſtarken und hohen Mauer ſichtbar. Unſer Don hatte in dem raſchen Zuge in welchen ſich die unheimlich, ja beinahe gräßlich ausſehende Schar fortbewegte, erſt jetzt Gelegenheit gehabt, ſeine Umge⸗ bungen zu betrachten. Die Dragoner ausgenommen, denen man ihre Waffen abgenommen hatte, war kei⸗ nes der Geſichter unter ihnen zu ſehen, die ihm früher auf jener fatalen Bergeshöhe vorgekommen waren; aber mehrere junge Männer verriethen eben ſo wohl durch ihr Aeußeres, als ihre ſtolze Haltung, daß ſie zu den höhern Klaſſen der bürgerlichen Geſellſchaft gehörten. Unter dieſen ſchien ein junger Creole, dem er zur Seite gekommen war, Anſprüche auf Bedeutſamkeit zu machen. Der junge Don war eine Weile ſchweigend neben herge⸗ — 4104— gangen. Auf einmal wandte er ſich zu dem jungen Creolen. „Senor,“ ſprach er etwas barſch, und nicht ohne Symptome eines tief verbiſſenen Ingrimmes.„Wollen Sie mir gefällig ſagen wo wir uns befinden?“ „Senor werden es zu ſeiner Zeit erfahren;“ er⸗ wiederte der junge Mann. „Wenigſtens, mit wem ich die Ehre zu ſprechen habe.” Der junge Mann beſann ſich einige Augenblicke; dann ſeine Redingotte, die von der Hinabfahrt ſehr gelitten hatte, auseinanderſchlagend, ließ er die blaue Uniform mit weißen Aufſchlägen eines Patrioten⸗Majors erſehen, dann wandte er ſich, ohne ein Wort zu ſagen, und ertheilte Befehle an die Umgebungen und Indianer, die im flüchtigſten Trabe dem Rancho zueilten. „„Senor,” hob Don Manuel etwas ernſter und mit einem Nachgefühle beleidigten Stolzes an.„Wollen Sie mir ſagen, wie es kömmt, daß ich über Barrancas und Berge, gleich einem Gefangenen, geſchleppt werde?“ Er ſtand ſtille, als erwarte er eine Antwort.„Kann nicht dienen,“ erwiederte lakoniſch der Patriotenoffizier, der fortgeſchritten war.„Senor ſind mir übergeben wor⸗ den mit dem gemeſſeaiſten Befehle für Ihre Sicherheit zu haften; wenn Senor mehr beliebt,“ fuhr der junge Offi⸗ zier in demſelben offiziell trocknen Tone fort,„mit mei⸗ nem Kopfe zu haften; aber wir haben auch zugleich den Auftrag, Ihrer Freiheit nicht das mindeſte in den Weg zu legen, und Sie abreiſen zu laſſen, wann und wohin es beliebt, in welchem Falle wir bloß angewieſen ſind, uns eine Beſcheinigung zu erbitten, und eine Angabe des Ortes, wohin wir Ihre Servidumbre und Gepäck zu ſenden haben.“ Der Jüngling ſah den Sprecher mit großen Augen an. Dieſer, der nichts weniger als Achtung, aber eben ſo wenig unehrerbietung an den Tag legte, und weder kalt noch warm war, hatte, während er geſprochen, zu⸗ gleich die Umgebungen der Hacienda auf eine Weiſe ins Auge gefaßt, die vermuthen ließ, daß ihn dieſe Gegen⸗ ſtände weit mehr intereſſirten als ſein unfreiwilliger Com⸗ pagnon. „Und wer hat dieſe Befehle erlaſſen, die ſo viele Theilnahme und eine ſo rohe Indifferenz zugleich bewei⸗ ſen?“ ſprach der Jüngling zähneknirſchend. „Mein General, Don Vincente Guerero, deſſen Adjutant zu ſein ich die Ehre habe.“ Der Name dieſes, bereits zu dieſer Zeit in Mexiko hochgeachteten Mannes, brachte den Jüngling zu einer kurzen Pauſe. „Iſt er in der Nähe?“ fragte er nach einer Weile. „ Ich hoffe in einigen Stunden meine Vereinigung mit ihm bewerkſtelligen zu können,“ erwiederte der Offi⸗ — 400— zier mit einer Betonung, und ſich auf eine Weiſe verbeu⸗ gend, die zugleich als Andeutung des Wunſches gelten konnte, die Unterhaltung nicht länger fortſetzen zu dürfen. Die Abtheilung war nun am zweiten Abhange an⸗ gekommen, von dem man die Hacienda ganz überſah, und aus den Bewegungen der Indianer war zu entnehmen, daß ein Ueberfall der Hacienda im Werke war. Während ſich mehrere Indianer, geſchützt durch die Hecken von Cac⸗ tus, an das Rancho hinanſchlichen, waren andere in der⸗ ſelben Richtung durch das dichte Gebüſch dem Auge verborgen, von der andern Seite bis in die Hacienda ſelbſt gedrungen. Das Hauptgeſchäft ſchien jedoch den erſtern zu Theil geworden zu ſein, die, kaum im Ran⸗ cho angelangt, in die Hütten eintraten, als wenn ſie auf Beſuch kämen, oder in dieſelben gehörten. Nicht die mindeſte Bewegung war im Rancho zu ſpüren, und die Bewohner des Dörfchens ſchienen ihre Gäſte eben ſo bereitwillig, unbekümmert aufgenommen zu haben, als dieſe gekommen waren. Die Männer und Weiber kamen und giengen aus den Hütten, und ſchienen bloß auf ihre häuslichen Verrichtungen bedacht. „Bei meiner Ehre,“ rief der Jüngling, der ſich endlich in der Gegend orientirt hatte.„Wir ſind in der Hacienda von Don Abaſalo Pinto und in der Nähe von Chalco*) und Mexico.“ *) Stadt, am See gleichen Namens 20 Meilen von Mexiko. — — 107— „ Sehr leicht möglich,“ erwiederte der Major trocken. „„Und Sie wagen es?“ rief der Jüngling, der raſch der Hacienda zuzueilen im Begriffe ſtand. „Halt, Senor!” rief der Militär ſcharf„ während zwanzig Indianer und eben ſo viele Dragoner von ihren Lagerplätzen aufgeſprungen waren, um ihm den Weg zu vertreten. „Wir wagen es der Hacienda, Don Abaſalo Pin⸗ tos einen Beſuch abzuſtatten, ohne übrigens Ihrer Anmel⸗ dung zu bedürfen. Leider,“ fuhr der junge Major fort, „haben wir ſeit den vierzehn Monaten unſeres Kriegs⸗ lebens einigermaßen die ſpaniſche Etiquette vergeſſen.” Dieſe Worte mehr an die Umherliegenden gerichtet, verurſachten ein lautes Gelächter. „Senor,“ fuhr der Offizier ernſter fort,„Sie ha⸗ ben, wie geſagt, Freiheit zu gehen oder zu bleiben, jedoch müſſen wir uns noch auf alle Fälle für eine halbe Stunde das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft erbitten, während welcher Sie als ein guter Chriſt die Meſſe hören können.“ Wirklich ertönte in demſelben Augenblick die Glocke aus dem Thürmchen der Kapelle, und bald darauf ka⸗ men auch die Bewohner des Rancho und der Hacienda aus ihren Hütten und Thüren, und zogen der Kapelle zu. „Es geht recht gut,“ lachte der junge Militär, der mit Falkenblicken umhergeſpürt hatte, den Seinigen zu;„und wir werden einige Stunden der Ruhe pfle⸗ — 108— gen können. Sehen Sie doch einmal, Senores,“ lachte er wieder,„unſere braven rothen Alliirten im Rancho, haben die unſern mit ihrer Sonntagsroba ausgeſtattet, und die Kerls wandeln nun ſo bußfertig zur Kirche, als ob ſie Ablaß für alle ihre Sünden zu erlangen hofften.“ Die Creolen erhoben ſich, um dem Kirchgange der Ihrigen zuzuſehen, die Indianer blieben jedoch liegen. „Lugerteniente Altamira,“ befahl er einem Jüngling. „Nehmen Sie einen Zug, und beſetzen Sie die Paſſage nach dem Chalco, längs der Barranca hinab.“ Der bezeichnete Offizier eilte raſch mit einem Dutzend Indianer der Barranca zu. Es war nun offenbar, daß die Bewohner des Rancho mit den Indianern der Pa⸗ triotenabtheilung ſich bereits einverſtanden hatten, die Hacienda den letztern zu überliefern. Es war dieſes ſo gewöhnlich in dieſem merkwürdigen Kampfe, und die Indianer hatten ſo beſtändig und unerſchütterlich die Par⸗ tei der Patrioten bei jeder Gelegenheit ergriffen, daß auch unſer Don nichts weniger als befremdet ſchien, ob⸗ wohl die tiefe verrätheriſche Ruhe und Gelaſſenheit, mit der ſie ihren Grundherrn und ſein Eigenthum in die Hände ſeiner Feinde lieferten, wieder charakteriſtiſch waren. „Da ſehen Sie einen Beleg zur Gerechtigkeitsliebe unſerer hohen Audiencia, in welcher dieſer Don Pinto einen Bruder hat; und das geht vor der Hauptſtadt vor,“ ſprach der Major grimmig. Er deutete bei dieſen — 109— Worten auf einen Haufen Indianer, die gleichfalls zur Kapelle krochen und ſchlichen; aber nicht eintraten, ſon⸗ dern vor den Thüren ſich auf die Knie warfen. Sie waren aus einem Gebäude gekommen, das mit einem Stalle viele Aehnlichkeit hatte, obwohl die eiſernen Git⸗ ter, die an den Oeffnungen angebracht waren, mehr für ein Gefängniß paßten. Es waren Männer, Weiber und Mädchen, alle beinahe nackt und ſo abgemagert, ſo häßlich, ſchmutzig, ſo offenbar mit Mangel kämpfend, daß ſie mehr Geſpenſtern denn lebenden Weſen gleich ein⸗ herkrochen. Aufſeher mit Stöcken trieben die Unglückli⸗ chen der Kapelle zu. „Don Pinto kann ſich gratuliren, daß der General nicht zugegen iſt, ſonſt dürfte ihm leicht die Ehre wie⸗ derfahren, daß er mit ſeinem dreieckichten goldbordirten Hute, und dem Karlsorden an den Pfoſten ſeiner eignen Thüre gehängt würde.“ Der Sprecher hielt inne, denn das Glöckchen vom Thurme erſchallte wieder, und auf dieſes Zeichen warfen ſich alle auf die Knie, ſchlugen ſich auf die Bruſt und murmelten— Mea culpa. In derſelben Stellung ver⸗ harrten ſie bis daß die Glocke ein zweitesmal geläutet. Nochmals ertönte die Glocke, und bald darauf ging die Verſammlung wieder auseinander. „Bei der heiligen Jungfrau! der Padre weiß, daß unſer Appetit groß, und unſere Andacht klein iſt;“ lachte einer der Offiziere. — 4110— „Und dieſe Polizones, wenn ſie nicht Acht geben,“ fiel ihm ein anderer ein,„ſo verderben ſie uns noch die ganze Freude; ſie müſſen nun erſt noch ihre Chile aus der Tienda holen, und werden ſie da entdeckt, ſo mögen wir wieder über die Juanes Barranca hinüber; die Ha⸗ cienda könnte eine eintägige Belagerung mit Sechspfün⸗ dern aushalten.“ Dieſe Worte wurden auf einmal durch den Ausruf: „Todos diablos— Carracco, maledito cosa!“ und ſo fort unterbrochen. Es hatten ſich nämlich die Thore der Hacienda geöffnet, nicht wie die Offiziere es erwartet hatten, um die Ihrigen vermengt mit den Inſaßen des Rancho einzulaſſen, ſondern um einen Zug von Reitern in voller Bewaffnung von ſich zu geben, an deſſen Spitze mehrere Offiziere von hohem Range ritten. Der Reiter waren zehn. Der junge Major knirſchte mit den Zähnen.„Das iſt Conde San Ildefonſo, der junge Oberſte, und Ma⸗ jor Arias, und der alte und junge Pinto! Todos dia- blos! Und die uns entgangen! Stille, ſtille, Jungens!“ rief er,„es iſt zu ſpät! Unſere Muchachos haben keine Waffen als ihre Machettos, und vierzig Machettos ſind ein ärmliches Zeug gegen zwanzig Piſtolen und zehn gute Schwerter. Alle Teufel! Sie ziehen hinab gegen Mexiko!“ Die Reiter ſchienen auch nicht im mindeſten die Ge⸗ genwart der gefährlichen Gäſte zu ahnen, und hatten ſich — 41411— in ſchnelle Bewegung geſetzt, raſch auf dem breiten Wege forttrabend, der aus dem Thale der erwähnten Hügel⸗ kette zuführt. „Nur zehn unſerer Dragoner auf jenem Vorſprunge, und Alle ſind unſer!“ rief der Major wieder, der in der Spannung, in die ihn das Entkommen der wichtigen Feinde verſetzt, ganz die Hacienda vergeſſen hatte, deren Thore mittlerweile geöffnet worden waren„ um die In⸗ dianer zum Ankaufe ihrer Bedürfniſſe in der Krambude zuzulaſſen. Beinahe in demſelben Augenblicke wehte auch ein weißblaues Tuch vom Dache des Gebäudes, als Zei⸗ chen, daß die Hacienda in der Gewalt der Patrioten ſei. „ Lugerteniente Pablo! befahl der junge Stabsoffi⸗ zier einem zerlumpten Creolen:„ Beſetzen Sie die Hacienda militairiſch. Keine Unordnungen, keine Gewaltthaten; inſonderheit verhüten Sie jeden Alarm; die ſind oben in Rio Frio. Adelante Campaneros!“ wandte er ſich an ein Dutzend Indianer, mit denen er nun„ gleich Wind⸗ hunden, über die Felder ſetzte„, die Hacienda vorbeiflog, wo ſich ein neuer Haufe an ihn anſchloß und den Hügel hinanſprang. Ein Blick auf die entfernten Reiter, die ſich bereits der Straße näherten, die von Rio Frio nach Mexiko führt, überzeugte den jungen Militair auf einmal von der Unmöglichkeit, den Feinden auf eine wirkſame Weiſe beizukommen.„Diablo! Wären es bloße Gachu⸗ pins,“ fluchte der junge Militair,„„ſo hätten wir ſie ſo — 442— leicht wie überfüllte Coyotes*); aber ſo ſind ein halbes Dutzend Creolen unter ihnen, die den ſteilen Hügel hinab⸗ galloppiren, als wenn es die Tacubaſtraße wäre.“” „Diablo! Ahuitzote!”“ heulten und brummten die Indianer auf einmal, die, ſtatt ihre Aufmerkſamkeit auf die entkommenen Spanier zu richten, unverwandten Blickes auf die Hügelkette geſchaut hatten, die auf dieſer Seite ſich auf der Straße von Mexiko erhebt. Der Major war aufmerkſam geworden.„Was ſoll das? Was ſeht ihr? „Ahuitzote!“ brummten die Indianer, ihre Hände ausſtreckend und auf beſagte Hügelkette weiſend;„Gua⸗ chinangos!“ murmelten ſie. „Guachinangos?“ fragte der Offizier erſtaunt:„Was ſollen die Guachinangos auf den Bergen von Azotla?“ „No se,“ erwiederten die Indianer. Der Major ſchaute und ſchaute, ohne jedoch etwas zu erſchauen. Ein Seufzer und ein Stöhnen, das wie aus tiefſter Bruſt herauskam, ließ ſich in einiger Entfer⸗ nung von ihm hören. Er wandte ſich. An einen Felſen gelehnt, ſtand unſer junger Don mit ſtarrem Auge in die Richtung hineinſtaunend, die das Intereſſe der Indianer in ſo hohem Grade erregt hatte. Aber es war ein anderer Gegenſtand, der ſeine *) Dieſe Thiere werden am leichteſten nach dem Fraße erjagt. — 1413— Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte. Es war Me⸗ riko ſelbſt, das vor ihm lag, und obwohl in großer Entfernung und getrennt durch den See Chalco, deut⸗ lich erkennbar in allen ſeinen Theilen. Die Stadt er⸗ hebt ſich, von dieſem Punkte aus geſehen, wie in einen Sumpf zuſammengedrängt, und das Auge hat bloß die weſtliche Hälfte des Thales zum Ueberblicke vor ſich; aber ſelbſt dieſe beſchränkte Ausſicht war hin⸗ länglich, um unſern Don in einen Sturm von Gefühlen und Empfindungen zu verſetzen, die zu bitter waren„ um ſie lange in ſeiner Bruſt einſchließen zu können. Der troſtloſe Schiffbrüchige, den ein rauher Orkan an dieſelbe Küſte zurückgeworfen, die er noch kurz zuvor mit glänzen⸗ den Hoffnungen und all ſeiner Habe für ferne Zonen ver⸗ laſſen, die ihm Reichthum und die Mittel geben ſollten, eine theure Braut, Gattin nennen zu können, dürfte in ſeiner troſtloſen Verlaſſenheit ein ſchickliches Bild für den Jüngling geweſen ſein, der nun hinüber auf die glänzende Hauptſtadt ſtierte, in der ſich Alles befand, was ſeinem Herzen einſt lieb und werth war. Der Major, ergriffen von dem ungeheuern Schmerze, der aus ſeinen Augen leuchtete, war ihm näher getreten. „Sie find bitter getäuſcht worden, Senor!“ ſprach der Militair,„ bitter, bitter!“⸗ Der Jüngling knirſchte mit den Zähnen, gab aber keine Antwort. „Wenn Sie Major Horatio Galeana Ihres Ver⸗ Der Virey. II. 8 trauens nicht unwürdig halten, ſo bietet er Ihnen ſich und ſeine Dienſte freudig an.“ Der Jüngling ſprach noch immer kein Wort; aber in ſeinen Mienen zuckte es; und als habe er ſeinen Ent⸗ ſchluß gefaßt, ergriff er raſch die Hand des Militairs. Beide waren haſtigen Schrittes in die Hacienda zurückgekehrt, in welcher die jubelnden Indianer Vor⸗ kehrungen zur Bewirthung und Verpflegung der Patrio⸗ ten trafen, während die Offiziere die ſämmtlichen Vor⸗ räthe und Waarenlager der Hacienda in Empfang ge⸗ nommen hatten. Ballen von Tüchern, Schläuche mit Pulque lagen neben Tonnen von Chili, und Bergen von Salzfleiſch und Mais in Körnern, und daneben die Re⸗ quiſite einer indianiſchen Roba, Panos, Pergetillas*) und Sombreros de Petate, und tauſenderlei Dinge; denn nach mexikaniſcher Sitte hatte es der Eigenthümer nicht unter ſeiner Würde gehalten, eine ſogenannte Tienda oder Kramladen in ſeiner Villa zu halten. Ungeheuere Kiſten, mit Cigarren und Pasquitas gefüllt, lagen offen für Je⸗ dermanns Gebrauch, und Offiziere, und Patrioten, und Männer, und Weiber, und Kinder ſtrömten mit gleicher Haſt und Gier heran, ſich mit dieſem, einem Mexikaner unentbehrlichen Bedürfniſſe zu verſehen. Bald war der ganze Vordergrund in eine dichte Rauchwolke eingehüllt, *) Grobe wollene und baumwollene Zeuge, aus denen die untern Stände ihre Kleidung verfertigen. unter der Hunderte von Indianerinnen den Metcatl*) handhabten, während andere eben ſo raſch die Lieblings⸗ Tortillas**) bucken, die beinahe eben ſo ſchnell unter der Hand der Bäckerinnen verſchwanden, als ſie aus der Pfanne gekommen waren. Mitten unter dieſem Drängen und Treiben ließ ſich ein Gewirr von Stimmen von der nördlichen Seite des Thales hören, und die Awantgarde eines zahlreichen Korps Patrioten wurde ſichtbar; hinter dieſen mehrere reich uniformirte und durch Haltung eben ſowohl als durch Anſtand ausgezeichnete Militairs in der Uniform mexi⸗ kaniſcher Stabsoffiziere, unter ihnen Conde Carlos; dann folgte die Mannſchaft, die, durchgängig wohl be⸗ waffnet, beiläufig fünfhundert Köpfe betragen mochte. Es waren meiſtentheils Indianer, Meſtizen und Zambos aus den ſüdlichen Theilen des Reiches, kräftige, wohl⸗ gebildete Geſtalten, die, ungeachtet des harten Marſches, tanzend einherſchritten, und ſtolz auf die Gruppe von Offizieren hinblickten. Von Zeit zu Zeit ertönte der Ruf:„Viva Vincente Guerero, nuestro Generalefe!“ Merkwürdig genug, war unſer Capitano Jago un⸗ ter dem Zuge reichgekleideter Stabsoffiziere, unter denen Einer Brigadiergenerals⸗Uniform hatte, noch immer in ————— *) Der Stein zum Maismehl mahlen. **) Siehe Note. — 446— ſeiner ſchmählich mitgenommenen Manga, obwohl ſeine Fußbekleidung renovirt war. Er trat raſch auf den Jüng⸗ ling zu.. „Ah, Don Manuel!“ lächelte der Mann etwas boshaft, die zerriſſenen Schuhe und Manga des jungen Kavaliers fixirend,„Sie werden ohne Zweifel mit Ihren letzten Nachtmärſchen nur wenig zufrieden geweſen ſein; aber wir konnten nicht anders, und Ihr Freund Conde Carlos dürfte kaum beſſer gefahren ſein. Wir hoffen je⸗ doch, unſere Befehle ſind reſpektirt worden, und Don Galeana haben Sorge getragen?“ „Don Galeana Sorge getragen?“ rief der Jüngling, dem die Erinnerung an die rückſichtsloſe Behandlung in der letzten Nacht Schamröthe und Wuth auf die Wan⸗ gen trieb. „Major Don Galeana, hoffen wir, wird unſere Befehle—— 2 „Don Galeana deine Befehle, Gojo?“ fiel der Jüng⸗ ling erbittert ein, ohne den Mann ausreden zu laſſen. „Mexiko nennt mich Vincente Guerero,“ ſprach der geweſene Ariero trocken, aber mit Würde,„und künftig⸗ hin muß ich Euere junge Herrlichkeit bitten, mich bei die⸗ ſem Namen zu nennen.“ Und mit dieſen Worten wandte der vormalige Maul⸗ thiertreiber, der nun plötzlich einer der erſten Generale Mexiko's geworden war, dem beinahe vernichteten Jüng⸗ linge, unter dem lauten Gelächter der Umſtehenden, den Rücken. „Laſſen Sie,“ befahl er dem Major,„die Mann⸗ ſchaft ſchnell abfüttern, daß ſie wenigſtens drei Stunden zur Sieſta hat.— Erſuche Sie um eine Cigarre,“ bat er einen Zweiten.—„Ah, da giebt es ja Tortillas,“ lachte er, indem er an eine Gruppe Indianerinnen her⸗ anſchritt, die, mit dem Backen dieſer beliebten Maisku⸗ chen beſchäftigt, ihm entgegengekrochen waren, um den Saum ſeiner Kleider zu küſſen.„Die iſt gut, Mata,“ lachte er dem Mädchen zu, in eine Pfanne greifend und eine der Tortillas herauslangend, während er mit der zweiten Hand nach einem Chililöffel griff und die Tortilla mit dieſer pungenten Ueberlage beſtrich.„ Noch eine, Mata!“ rief er, wieder zulangend,„und laſſen Sie ſich's ſchmecken!“ rief er zu den Offizieren und Genera⸗ len, die das Beiſpiel des Generallieutenants zwang, gleich ungenirt zu ſein.—„ Apropos! Don Galeana,“ wandte er ſich wieder an den Major,„laſſen Sie die zwei Spa⸗ nier aufknüpfen, die auf der Flucht eingeholt worden ſind.— Conde Carlos!“ wandte er ſich an den kriegsgefangenen Kapitain,„Sie ſind unſer Gaſt bei der Tafel, und wenn Ihrem Freunde unſere Einladung nicht zu gering iſt—— Doch wo iſt ſer?2 wo iſt Don Manuel?“ Der Major hatte unterdeſſen Muße gefunden, ſeinen Rapport in die Pauſen einzuſchalten, die der General⸗ — 1432— lieutenant während ſeines Tortillaſchmauſes nothgedrungen machen mußte. So gemein er in ſeinem Benehmen er⸗ ſchien, ſo roh und rückſichtslos, ſo war doch wieder eine gewiſſe Hoheit in dieſer Manier, eine gewiſſe Vornehm⸗ heit, die unwiderſtehlich zu dieſem Manne hinzog, da ſie ſelbſt dem oberflächlichſten Beobachter weniger das natür⸗ liche Ergebniß großer Gewalt, als des Wunſches, ſich bei ſeinen Untergebenen populär zu machen, erſchien. „Was Teufel!“ rief er auf einmal,„die Leperos, ſagen Sie, auf den Höhen von Ajotla, und Oberſt San Ildefonſo hier geweſen? Laſſen Sie uns ſchauen!” Und mit dieſen Worten ſetzte ſich der General in ei⸗ nen Trab, mit dem keiner ſeines Korps Schritt zu halten im Stande war. In wenigen Minuten war er an dem Vorſprunge des Hügels angekommen, von dem man die Fernſicht auf die Straße und gegen Mexiko zu hatte. „Madre de Dios!“ rief er ſeinen herankeuchenden Offizieren entgegen:„Jetzt nur dreitauſend ſtatt fünfhun⸗ dert Musketen, und Mexiko iſt unſer!“ „„No se,“ erwiederte der Brigadegeneral. „Yo se,“ ſprach Vincente Guerero,„ich weiß es; aber ſo wie die Sachen ſtehen, iſt es freilich nicht mög⸗ lich; ſie haben zwei Regimenter Infanterie, zwar nur ſpa⸗ niſche Infanterie, aber mit dem beſten Oberſten der gan⸗ zen Armee, und fünf Milizenregimenter;— doch nur drei⸗ tauſend Gamrhe und Mexiko wäre unſer. Die Leperos erwarten uns wirklich.— Larifari!“ wandte er ſich wieder — — 4149— an die Offiziere,„für diesmal ſoll es nicht ſein, Seno⸗ res! Ehe wir zehn Jahre älter ſind, haben wir Mexiko doch.“ Und ohne Mexiko und die Leperos eines weitern Blickes zu würdigen, wandte ſich dieſer merkwürdige Mann wieder der Hacienda zu, wohin wir ihn gehen laſſen, um uns die ſeltſame Erſcheinung, von der ſo eben die Rede war, näher zu beſehen. Vierundzwanzigſtes Capitel. Vielleicht wird's ein Geſang, Vielleicht auch eine Predigt. 1 Burns. Scheint es doch, als ob gedrückte Völker, gleich gedrückten Menſchen, jenen Ahnungen unterworfen wären, die ihnen in ihrem ſtumpfſinnigen Zuſtande ihr Geſchick in dunkeln Bildern aufſchließen, und daß der vampirar⸗ tige Druck, indem er die Zirkulation der Geiſteskräfte hemmt, und ſo dieſe ſelbſt ins Stocken bringt, ganze Völker den Thieren nähere und in ihnen den witternden Inſtinkt erzeuge, der ſie gewiſſermaßen für die höhere Erkenntniß freierer bürgerlicher Geſellſchaften ſchadlos hält. Es kommt ein trübes aber ſtark hervortretendes Gefühl wie auf den Fittichen der Windsbraut über ſie, man weiß nicht wie, ſetzt ſich in den rohen Gemüthern feſt, man begreift nicht warum; ſpricht zu ihnen mit einer war⸗ nend flüſternden Stimme, zieht ſie, der Gewalt und des geſunden Menſchenverſtandes ſpottend, mit ſich fort, ſo un— widerſtehlich, als wäre es die Stimme jenes eiſernen Schickſa⸗ les, von dem die Alten ſo viel gefabelt haben, und die Neu⸗ ern zu fabeln fortfahren. Es iſt dieſes eine merkwürdige pſychologiſche Erſcheinung, die ſich häufig unter der in⸗ dianiſchen Bevölkerung der Spanien unterworfenen Län⸗ der gezeigt, und die zu der Zeit, in welcher unſere Geſchichte vorgeht, mehr denn einmal die Berechnungen der weiſeſten Köpfe irre geleitet hat.—— So hatte der Morgen des neunten Februars kaum her⸗ aufgegraut, als die ganze ungeheure Maſſe jener elenden Ge⸗ ſchöpfe, die unter dem Namen Leperos*) wahrſcheinlich noch unſern Leſern bekannt iſt, und von der ſich eine Copie in einem europäiſchen nicht weniger reizend gelegenen und gleich⸗ falls unter einem kraſſen Despotismus ſeufzenden Lande unter der Benennung Lazaroni vorfindet„ Stadt und Vorſtädte verließ und ſich mit Weibern und Kindern auf der Straße von Ajotla bis zur vulkaniſchen Hügelkette hinzog, die auf dieſer Seite als Vorpoſten der Tenoch⸗ titlan⸗Gebirge angeſehen werden kann. Es iſt dieſe Straße mit ihren Umgebungen eine der düſterſten Partien dieſes reichen Thales von Mexiko oder Tenochtitlan, und der Sumpfboden, durch den ſie führt, und der erſt jenſeits der Hügelkette mit 7 Schichte von ——— *) Siehe Note. Lavaſchlacken abwechſelt, hatte ſelbſt in den früheren Zei⸗ ten des Glanzes der Hauptſtadt, jenen traurigen Cha⸗ rakter der Oede nicht zu mildern vermocht, der heutzu⸗ tage das Auge des Reiſenden bei ſeinem Eintritte in Mexiko ſo unangenehm überraſcht. Aermliche Hütten, von halbnackten Indianern bewohnt, die an dem Deſague*) arbeiteten, oder ihr armſeliges Leben durch Fiſchfang fri⸗ ſteten, auf begünſtigteren Punkten durch Fleckchen von Gemüſegärten unterbrochen, waren noch die anziehendſten Gegenſtände, während die tiefern Niederungen ganz öde lagen, und durch ihre ungeſunden Ausdünſtungen ſelbſt die ſtumpfſinnigen Indianer verſcheuchten.— Dieſer Straße entlang konnte man ſchon am früheſten Morgen ganze Horden jener düſtren, braunen, häßlichen, an Körper und Geiſt gleich vernachläſſigten Geſchöpfe, ſich bald lang⸗ ſamer bald ſchneller fortſchleppen und der beſagten Hü⸗ gelkette nähern ſehen; ein ſcheußlicher Auswurf und nie geſehenes Agregat von Elend, Unfläthigkeit nnd Ver⸗ worfenheit, das hinkend, ſchleichend und kriechend heran⸗ kam, und, die menſchliche Geſtalt ausgenommen, mit deſſen Weſen wenig mehr gemein hatte. Die große Mehr⸗ zahl war völlig nackt, wenn man nicht zerfetzte Flanell⸗ decken, die in Fragmenten über ihre Rücken herabhingen, * *) Der nannte Ableitungskanal von Huehuetoca, durch welchen Gewäſſer des Fluſſes Guautitlan durch die Gebirge in das Thal von Tula abgeführt werden. 8 — oder die ſtraff herabhängenden Haare der Weiber, die die häßlichſten Theile ihrer Leiber nothdürftig verdeckten, mit einem oder dem andern Lumpen um ihre Schenkel gewunden, für Kleidung gelten laſſen wollte. Nur we⸗ nige hatten ſchwarze oder braune Jacken, und abgetragene Mangas oder kattunene Pantalons mit Mäntelchen von Baumwollenzeug. Die meiſten trugen jedoch Sombre⸗ ros de Petate. Sie kamen in Gruppen von Zwanzig, von Hundert, von mehreren Hunderten angezogen, mit jenem ſcheinbaren Vacuum im Geſichte, das dem blöd⸗ ſinnigen Indianer des Tenochtitlan⸗Thales eigenthümlich iſt, und wieder einer Unruhe, die ſie wie raſend gegen die Gebirge von Rio Frio hinzutreiben ſchien. Es war etwas Geheimnißvolles an dieſen braunen und düſtern Ge⸗ ſchöpfen; kein Lärm war zu hören, kein Ausbruch ro⸗ her Luſt, der gewöhnlich zahlreiche Pöbelhaufen zu be⸗ gleiten pflegt. Auf den Geſichtern der meiſten ſchwebte eine tiefverſteckte Tücke, ein ſchadenfroher Ingrimm, eine heimliche Erwartung, die an den ſtumpfſinnigen, aber von Natur nichts weniger als dummen Phyfſiognomien be⸗ ängſtigend auffiel. Ueber der ganzen meilenweiten Strecke, auf der ihr Zug ſich fortbewegte, hingen dünnere oder dichtere Rauchwolken, die zugleich die Dichtigkeit der Haufen ſelbſt andeuteten; denn ſo entblößt und hülflos ſie alle ohne Ausnahme waren, mit ei Luxusartikel hatten ſie ſich insgeſammt verſehen— ner, Weiber und Kinder— der Cigarre; und der Qualm der Tau⸗ — 124— ſenden derſelben entfuhr, war auch der einzige leidliche Geruch, den dieſe gräßliche Horde von ſich gab. Ein⸗ zelne Haufen hatten ſich auf der Straße, die an dem Damme gegen die beſagte Hügelkette hinzieht, gelagert, während andere über die Hügelkette hinausgedrungen, oder auf dieſer ihren Poſten gefaßt hatten. Liegend, ſtehend, auf ihren Schenkeln hockend, in die Berge von Rio Frio hineinſtarrend, harrten ſie nun; warum und auf wen, würde ſchwer zu beſtimmen geweſen ſein, denn ſie ſelbſt hatten bloß eine düſtere Ahnung. Stunden vergingen, und ſie lagen immer noch in jener Apathie, die den in⸗ dianiſchen Mexikaner und alle ſehr gedrückten Völker cha⸗ rakteriſirt, und die eine natürliche Folge des unerträg⸗ lichen Despotismus iſt, der auf ihnen laſtet, und der ſie die Schläge unſichtbarer Gewalt, die ſie treffen und in ihrem innerſten Sein erſchüttern, zuletzt als Fügungen ei⸗ nes eiſernen Schickſales anzuſehen geneigt macht, dem entfliehen zu wollen Vermeſſenheit wäre. Lange Zeit herrſchte Stille unter den Tauſenden, die bloß von ein⸗ zelnen Lauten oder kurz ausgeſtoßenen Seufzern unter⸗ brochen wurde, die aber weder Anklang noch Erwiede⸗ rung fanden. Einer dieſer Haufen, der ſich auf einem Vorſprung der Hügelkette gelagert hatte, über welche die Straße von Mexiko zach Afotla hinaufwindet, wurde end⸗ lich durch de ablick eines Trupps Reiter aufgeregt, der von Buen Viſta herabkam, und der nämliche war, — 125.— den wir kurz vorher zu ſo gelegener Zeit die Hacienda verlaſſen geſehen haben. Der Anblick, obwohl eben nichts weniger als ſelten auf der häufig befahrenen Verbin⸗ dungsſtraße von Puebla und Mexiko, ſchien die Leperos einigermaßen aufzuregen. Sie reckten ihre Hälſe empor, ſtarrten eine Weile aufmerkſam in die Ferne, und dann, Hunden gleich, die etwa Fremdes oder Feinoͤſeliges wit⸗ tern, knurrten ſie, und ſtreckten ſich wieder hin. Nach einer Weile waren hohle und abgebrochene dumpf heulende Töne zu vernehmen, die Verwünſchungen ähn⸗ lich klangen; dieſe Töne wurden allmälig lauter und ei— ner murrte endlich vernehmbar: „Ahuitzote!“ Bei dieſem unglückoruf richtete ſich der Guachinango auf, und ſeine ſchief auseinander ſtehen⸗ den Augen wandten ſich der Gegend zu, wo die Rei⸗ ter herkamen. „Ahuitzote,“ murrten und knurrten die Uebrigen im Kreiſe herum, und indem ſie das Wort ausſtießen, ſchien ihnen die letzte Sylbe in der Kehle ſtecken zu bleiben. „Als wir geſtern in den Portales*) ſchliefen, kam Agoſtino Iturbide,“— murmelte ein Indianer. Doch zu träge ſeinen Nachſatz zu endigen, fiel ſein Blick auf ſeine blutigen Schenkel und Schultern, die noch deutliche Spu⸗ 8 ren von Säbelhieben trugen. *) Arkaden. 4 „Die Erde iſt Tonantzins,*) der Himmel der Jung⸗ frau von Guadeloupe und die Portales des rothen Ge⸗ ſchlechtes. Sonſt ſind wir auf Wagen in die Caſa des Cabildo**) gefahren und drei Tage verpflegt worden.“ Hier ſtockte die träge Zunge des Indianers, wieder müde von der Anſtrengung des Sprechens, oder um die Cigarre nicht ausgehen zu laſſen. „Es wird eine Zeit kommen, wo kein Gachupin uns aus den Portales jagen wird;“ knurrte ein Zweiter. „Und die Söhne Tenochtitlans ihren Pulque trin⸗ ken werden.“ „Und ihre Tortillas mit fettem Chili eſſen; meinte ein Vierter. „Maledito Don Agoſtino! Er iſt mehr der Ahui⸗ tzote der Kinder Tenochtitlans als der Gachupins.” Ein alter Indianer von kräftigem Bau war un⸗ terdeſſen den Hügel heraufgekommen und war, ohne ein Wort zu ſagen, auf einer der Lavaſchlacken, mit welchen der Boden überſäet war, niedergehockt. Der Haufe hatte ihm mit mehr Aufmerkſamkeit zugeſehen, als bisher noch der Fall geweſen war, und die Blicke *) Die mexikaniſche Ceres, Göttin des Mais. **) Polizeiwache. Mehrere Karren ſind immer beſchäf⸗ tigt, die Na in den Straßen verſtorbenen oder todttrun⸗ kenen Leperos die verſchiedenen Polizeiwachen zu bringen. **½α*) Siehe Note. — 12— der meiſten hingen wie in Erwartung an dem Manne. „Tatli Ixtla;*)“ murmelten ſie, mit den Köpfen mecha⸗ niſch nickend, und ſtierten ihn an, als erwarteten ſie ir⸗ gend eine Mittheilung. Als dieſe jedoch nicht erfolgte, ließen ſie ihre Köpfe wieder ſinken, und verfielen in ihr voriges Dahinbrüten. Der Indianer hatte geheimnißvoll zur Linken geſehen, dann zur Rechten, dann auf die Straße hinausgeſpäht. Nun zündete er ſich eine Cigarre an, und nachdem er einige Rauchwolken verſchluckt, fing er in dem der in⸗ dianiſchen Race eigenthümlichen myſteriöſen Tone an: „Ixtla hat die Predigt des Cura Hyppolito von Tlascala gehört. Es ſind keine Cuentos de frailes.*) Irtla hat daſſelbe vielmals von den rothen Prieſtern ge⸗ hört. Wollen meine Brüder die Worte des Cura Hyp⸗ polito hören?“ Ein einſtimmiges Kopfnicken bejahte die Frage. „Wer Ohren hat zu hören, der höre! So hat Cura Hippolito geſagt, und ſo ſagt Irtla;“ begann der In dianer.„Als Don Abrahamo, ein trefflicher Caballero, den die heilige Jungfrau von Guadeloupe und Mexicotl ſehr ausgezeichnet—“ Der Mann hielt inne, um ſeine Cigarre nicht aus⸗ gehen zu laſſen; eine Pauſe die wir benutzen, um un⸗ *) Vater; ein aztekiſches Wort. 4 **) Mönchsmährchen, Legenden. — 128— ſere Leſer vorläufig darauf aufmerkſam zu machen, daß der hier genannte und nach der bekannten Weiſe der in⸗ dianiſch⸗ mexikaniſchen Prieſter mit Mexicotl und der Jungfrau von Guadeloupe in Verbindung gebrachte Don Abrahamo kein anderer war, als der ehrwürdige Stamm⸗ vater des hebräiſchen Volkes. „Als Don Abrahamo,“ fuhr der Indianer fort, „ſein Ende herannahen ſah, rief er ſeinen Sohn, Don Iſaak zu ſich, dem er all ſein Erbe vermachte, worauf er in dem Herrn verſchied.” Es erfolgte wieder eine Pauſe, nach welcher der Sprecher fortfuhr: 4 „Dieſer Don Iſaak war, wie Senores vielleicht ge⸗ hört haben, ein gottesfürchtiger Mann geweſen, der wie⸗ der zwei Söhne, Don Eſau und Don Jago, hatte. Verſtehen Euer Gnaden,“ wiederholte der Indianer,„zwei Söhne, Don Eſau und Don Jago, und Don Eſau wohlgemerkt, war der Aeltere oder Erſtgeborne, und Don Jago der Jüngere. Als Don Jago das zwanzigſte Jahr erreicht, hatte er ein Traumgeſicht, welches ihm ſagte, er ſolle in die Madre Patria gehen, wo er ein großes Glück finden würde.”* Der Mann hielt bei den Worten, Madre Patria, wor⸗ unter unſere Leſer ſtets Spanien zu verſtehen haben, wieder inne; denn mehrere Leperos waren von der Straße herauf gekommen, oe ſich um den Sprecher herumgelagert. „Da Senor Jago,“ fuhr der Indianer fort, — 429— „als der jüngere Sohn auf das Erbtheil ſeines Vaters weniger Anſpruch hatte, als Don Eſau, ſo ging er in die Madre Patria, und kam in der Madre Patria an, wo er die Gunſt des Königs der Mauren durch ſeine ſüßen Reden gewann, der ihm eine ſeiner Töchter, die Prin⸗ zeſſin Senora Lea zum Weibe gab, und nach zwei Jahren die zweite ſeiner Töchter, die Prinzeſſin Senora Rachel, mit welchen beiden Senoras er zwölf Söhne und Töchter erzeugte, die alle Könige in der Madre Patria wurden, ſo wie ihre Väter, zu dem die Gachu⸗ pins unter dem Namen San Jago de Compoſtella beten.“ Die Indianer und Meſtizen, aus welchen die Le⸗ peros bekanntlich beſtehen, nickten mit jener ruhigen Ueber⸗ zeugung, die wir auch häufig an den untern Volksklaſ⸗ ſen europäiſcher Staaten bemerken, wenn ſie Geſchichten hören, an deren Wahrheit die Autorität großer Namen um ſo weniger zu zweifeln geſtattet, als ein ſolcher Zwei⸗ fel leicht, nicht nur die Seele, ſondern den Leib in Ge⸗ fahr bringen könnte. „Als Don Jago ſein Reich gegründet hatte,“ fuhr der Indianer fort,„kam ihm die Begierde an, das Land ſeiner Väter wieder zu ſehen, und er zog mit ſeinen Leuten hin, wo ſeines Vaters Haus ſtand. Und nun hören Sie, Senoras,“ hob der Indianer mit ſtärkerer Stimme an:„Don Eſau war, wie Sie wiſſen, der Erſtgeborne der zwei Brüder, und als ſlihe hätte er das Recht auf das Land ſeines Vaters gehabt, wenn Der Virey. II. 9 — 420— ihm nicht der Traidor, Don Jago, oder wie ihn die Gachupins nennen, San Jago, um dieſes Recht betro⸗ gen hätte, und durch ihn die Söhne Tenochtitlans, wie Sie ſogleich vernehmen werden, die vom Anbeginn ihrer Tage die Narren der Gachupins, der Söhne Jagos waren.“ Die Leperos richteten ſich in eine horchende Stellung auf, und ihre Züge begannen etwas mehr Intereſſe zu verrathen. „Es war in der Eſtio,“**) fuhr der Indianer fort, „daß der Verräther Jago ankam, und in ſeines Vaters Hauſe eintrat, wo ihm ein großes Convito*) gegeben wurde. Don Eſau war auf der Jagd, während Senor Jago es ſich wohl ſchmecken ließ, und die beſten Tor⸗ tillas aß, und den herrlichſten Pulque von Tacotitlan*e) trank, den kein Conde beſſer haben konnte, und als Don Eſau hungrig und durſtig nach Hauſe kam—— Der Indianer hielt inne, denn ſeine Zuhörer waren bei der Erwähnung des Pulque von Tacotitlan ſehr ge⸗ ſpannt geworden. „Und als Don Eſau nach Hauſe kam, und ſeinen Bruder gerade über einer Schüſſel Frijolos fand, †) die *) Trockene Jahreszeit; October bis Mai. **) Ein Gaſtmahl bei feierlichen Gelegenheiten⸗ ***) Iſt vorzüglich berühmt. Siehe Note. f†) Bohnen, die von den Chinampas, den ſogenannten ſchwimmenden Gärten, ſind ſehr wohlſchmeckend. beſten Frijolos die je auf den Chinampas des Chalco gezo⸗ gen wurden, was glauben Sie wohl, daß der Verräther Jago that?“ „No se, yo se,“ riefen etliche Indianer ihre Hände emporreckend. „Senores,“ ſprach der Indianer gewichtig, ſeine Augen geheimnißvoll auf die Leperos richtend, die ihre Hände emporgeſtreckt hatten;„Senores ſehen, daß Ixtla keine Lügen ſagt. Hören Sie, der Verräther Jago zog ſeine Schüſſel mit Frijolos, wie vor einem Hunde zurück, und als Don Eſau ihn bat, ihm ein paar Mundvoll zu kommen zu laſſen, verſprach er ihm die ganze Schüſſel, wenn er ihm das Recht der Erſtgeburt, das Mayorasgo abtreten wollte, und keine einzige Fri⸗ jole ſollte er haben, wenn er es ihm nicht abtreten wollte——* „Und Don Eſau?“ fragten die Leperos. „Was würden meine Brüder gethan haben, wenn ſie durſtig geweſen wären und hungrig, und den Pulque⸗ ſchlauch vor ſich geſehen hätten und die Schüſſel mit Fri⸗ jolos und Tortillas?”“ Dieſes argumentum ad hominem machte den gan⸗ zen Haufen mit lüſternem Blicke aufſchnappen. „ Ah, Tortillas, ah, Pulque!“ riefen alle mit den Zungen ſchnalzend. „Kurz,“ unterbrach ſie der alte Indianer;„Don Eſau gab, wozu ihn der Hunger zwang, und Don Jago — 132— gab ihm dafür die Schüſſel mit Frijolos, und einen herr⸗ lichen Schlauch mit Tacotitlan⸗Pulque gefüllt.“ „ Maledito Gavacho!“ brummten die Leperos, de⸗ nen der Tauſch doch zu ungleich erſcheinen mochte. „Stille,“ erwiederte der Indianer,„denn Don Eſau iſt, wie Sie ſogleich hören werden, der Stammvater der Söhne Tenochtitlans.“ Die Leperos vernahmen dieſe Neuigkeit mit weit auf⸗ geriſſenen Augen. „Wohl, Senores,“ fuhr der Indianer fort; Don Eſau hatte ſeine Schüſſel Frijolos, und Senor Jago das Mayorasgo, wornach ihn ſo lange gelüſtet hatte, und Don Jago kehrte wieder in die Madre Patria zurück, und Don Eſau, der das Mayorasgo verloren hatte, wan⸗ derte in die weite Welt. Nun wiſſen Sie, Senores, daß die Welt Mexiko iſt, denn Tenochtitlan iſt die Hauptſtadt der Welt.“ Die Leperos nickten. „Nach Tenochtitlan wanderten alſo Eſau und ſeine „Söühne und ihre Weiber, und bauten Tenochtitlan in den 4 See, und legten die Chinampas an, und die Stadt wurde größer als irgend eine in Mexiko und in der Welt—* „Viele hundert Jahre hatten,“ fuhr der Indianer fort,„Don Eſau's Söhne Tenochtitlan und Anahuac beherrſcht, und zehn Könige hatten in Anahuac regiert, und die jüngern Söhne Don Eſau's in Mechoacan und — 133— Cholula, und die Kinder ſeiner Kebsweiber lebten als freie Männer in Tlascala. „Es verdad,“ brummte einer der Leperos.„Ee verdad,“ brummten die andern nach. „Wohl,“ fuhr der Indianer fort;„die Söhne Don Eſau's lebten und gediehen, und hatten Duros und Tor⸗ tillas in Fülle, da fiel es den Söhnen Don Jagos ein, daß ihr Vater das Recht der Erſtgeburt erlangt hatte, und daß ſie als ſeine Söhne dasſelbe ererbt, und alſo das Recht über die ganze Welt, das heißt, Mexiko, hät⸗ ten, und daß ihnen Eſau's Söhne tributpflichtig wären. und da ſie ein betrügeriſch, verwegenes Geſchlecht waren, ſo beſtiegen ſie jhre Schiffe, und landeten in Nucatan und Veracruz, und kamen auf der Höhe von Xalappa an, und Tlascala, wo ſie die Söhne Tlascalas durch ſüße Worte in ihr Netz zogen, und mit ihrer Hülfe durch die Barrancas und über die Berge Tenochtitlans drangen, und Tenochtitlan belagerten und zerſtörten, und alle die, welche Machettos und Lanzen trugen, tödteten und die übrigen zu Sklaven machten.“ „Maleditos hereges!“ brummten die Leperos, ih⸗ ren Stimmen gerade den Umfang gebend, die mit ihrer liegenden Stellung vereinbar war. „ Und als ſie Tenochtitlan genommen hatten,“ fuhr der Indianer fort,„ſagten ſie, ſehet hier iſt gut woh⸗ nen. Hier laſſet uns unſere Ranchos aufſchlagen, und die Söhne Eſau's ſollen uns unſern Mais bauen, und — 134— unſern Chili ſäen, und unſere Metl Gärten pflanzen und pflegen, und das Corazon zur Zeit öffnen,*) und ihre Töchter ſollen unſere Baumwolle ſpinnen, und ihre Weiber unſere Tortillas backen, und die Kinder ſollen das Gold aus den Flüſſen waſchen, und ihre Krieger ſollen ſtatt Kriegern Caballitos und Tenatores ſein. Und ſo geſchah es.“ Der Indianer, nachdem er dieſes Résumé der Predigt 1 des Padre Hippolito gegeben, hielt inne, entweder weil er nichts mehr zu ſagen wußte, oder weil er über die An⸗ wendung nachſann, die er nun aus dieſen verſchiedenarti⸗ gen Lebens⸗ und Leidensläufen der Kinder Eſau's auf ſeine Zuhörer zu machen geſonnen war. ℳn ſchien jedoch dem geiſtarmen Indianer nichts weniger als leicht anzukommen, und in der langen Pauſe, während wel⸗ cher er ſich abmühte, um den Saft und die Kraft der Predigt des Padre Hippolito ſeinen Zuhörern recht warm vorzulegen, hatten dieſe armſeligen Menſchen den ganzen Vortrag wieder rein vergeſſen. So viel wurde wenigſtens aus dem ekelhaften Faulleben ſichtbar. Sie bleiben nämlich ſitzen, liegen und hocken, ohne ſich um den Redner, der die Helden des alten Teſtamentes ſo ge⸗ ſchickt nach Mexiko transferirt hatte, auch nur im min⸗ deſten mehr zu bekümmern. Viele ſtierten hierauf in Siehe Note. — 135— die Straße hinein, in deren Windungen die Reiter nun deutlicher erſchienen. „Ahuitzote!“ brummte wieder einer der Leperos. „Y Gachupinos,“ fiel ein Zweiter ein. „Don Angoſtino iſt ein ärgerer Ahuitzote, als die Gachupins,” murrte ein Dritter. „Die Criollos!“ ſchrie ein Zambo,„ſind die Eier der Piques,*) die Gachupins die Piques ſelbſt. Sie ſind die Söhne des Marquis und ſeiner Conquiſtadores und Camerados, die die Tlaskalaner überliſteten, ihnen beizuſtehen gegen Anahuac, und als ſie Anahuac hatten, machten ſie die rothen Bundesgenoſſen zu Sklaven. Larifari. Viva la libertad!“ „Larifari. Viva la libertad!“ ſchrie ein Zweiter die⸗ ſer gemiſchten Race, der, die Arme in die Seiten ſtem⸗ mend, mit ſouverainer Verachtung auf die Horden der Leperos herabſah.„Viva la libertad!“ ſchrie er wieder, „Viva! Viva! Da ſeht die Caſa*) des Conde Jago, des reichſten Caballero von Mexiko, der aus einer einzigen Bonanza***) netto ſechs Millionen Dollars löste; netto *) Auch Nigua oder Chegoe, eine Sandfliege, ein ſehr läſtiges Inſekt, das beſonders in den Niederungen von Me⸗ riko, Veracruz, Acapulco äußerſt peinigend wird, wenn es ihm gelingt, ſeine Eier in die Haut einzulegen. **) Haus. ***) Wird eine reiche Silbererzausbeute genannt; über⸗ haupt Glück in Minenunternehmungen. Der Virey. 11. Senores. Viva la libertad!— Wiſſen fie, Senores, was die Libertad iſt? Wir waren wo ſie geweſen iſt, in Guanaxuato, wo wir die Duros in Körben aus der Alhondega trugen. Ei Senorias, da konnten Sie die ſchönſten milchweißen Geſichter zu Dutzenden fürs bloße Nehmen haben.“ „Viva la libertad!“ ſchrie der ganze Haufe, welches Geſchrei von der nächſten Horde, die ſich unter dem Hü⸗ gel auf der Straße gelagert hatte, tauſendſtimmig wieder⸗ gegeben wurde. „Todos diablos!“ brüllte derſelbe Zambo darein, „es lebe die Freiheit, wo Caſſio nehmen kann, was er will, und wo er will; z. B. die Doncella der Con⸗ deſſa Ruhl zur Mundſchenkin, und die Condeſſa bei der Jungfrau von Guadeloupe!— Sie ſoll unſere Tortil⸗ leria*) ſein. „Santa Brigitia, Santa Agatha, Santa Martha, Santa Ursula con todos sus diez mille vierges, orate por la razon de Senor Chino!“*) ſchrien die über die Keckheit des Chino erſtaunten und erbosten Leperos. „Chino,“ überſchrie ſie der Neger⸗Indianer ent⸗ *) Maiskuchenbäckerin; in wohlhabendern Häuſern iſt eine eigene Perſon fur dieſes Geſchaft angeſtellt. **) Heilige Brigitta, heilige Agathe, heilige Martha' heilige Urſula mit allen euren zehntauſend Jungfrauen, bit⸗ tet für den Verſtand Sr. Gnaden des Neger⸗Indianers. — 427— rüſtet;„haltet ihr mich für einen Chino? Es possi- bile? iſt es möglich; es possibile?“ ſchrie er wieder, indem er ſeine Jacke aufriß und aus einer ſilbernen Kap⸗ ſel, die das Bildniß der Jungfrau von Guadeloupe barg, ein beſchmutztes Papier hervorzog, das er triumphirend emporhielt.„Sehen Sie, Senorias, que se tenga por blanco!**) „Que se tenga por blanco!“ ſchrien ihm zweihun⸗ dert und bald tauſend Stimmen mit brüllendem Gelächter nach, indem ſie im Kreiſe um ihn herumtanzten und im⸗ mer wieder riefen:„Que se tenga por blanco!“ Der zerlumpte Neger⸗Indianer, der in ſeinem Fie⸗ bertraume die Condeſſa Ruhl zu ſeiner Mundſchenkin er⸗ koren hatte, ſchien ſeine Anſprüche auf die weiße Farbe nicht ſo leicht aufgeben zu wollen. Er ſah einige Au⸗ genblicke den tollen Sprüngen der unfläthigen, häßlichen Horde zu und brüllte dann wieder:„Vo soy blanco y lodo blanco es Caballero!“***) 3 „Ein Gato von Veracruz biſt du, erbärmlicher Wicht! eine Sandfliege, die ſich unter uns einniſten will— y basta!* 4 „Wollen euch beweiſen, wer mehr vermag, euer *) Daß er ſich ſelbſt für weiß halten möge; die ge⸗ wöhnliche Formel, mit welcher das Emancipationsdekret der farbigen Klaſſen. **) Ich bin ein Weißer, und jeder Weiße iſt ein Ca⸗ valier. Vincente Guerero, oder Caſſio Iſidro!“ rief der Neger⸗ Indianer; wollen es euch beweiſen!“ ſchrie er mit in die Seiten geſtemmten Händen,„und ehe zehn Monden vergehen, ſoll euer Vincente Guerero wieder mein Ariero ſein.“ Das Maß des Zambo war nun voll, und an tau⸗ ſend Leperos ſtürzten, ihrer Trägheit und Gebreſten ver⸗ geſſend, mit einem Male auf den Wicht los, um ihn für die Kühnheit zu beſtrafen, ſich mit einem der größten Helden der Revolution, dem Repräſentanten der farbi⸗ gen Intereſſen, auf gleiche Rangſtufe zu ſtellen. Der Zambo war jedoch flinker als die trägen Leperos, und ſeine gewaltigen Sprünge über die Lavaſchlacken ermü⸗ deten bald die Mehrzahl ſeiner rothen Verfolger und Ver⸗ fechter des Ruhmes des großen Vincente Guerero. ——— Fünfundzwanzigſtes Capitel. Immerhin mögt ihr Verſtand und Vernunft bei den Spaniern finden, aber in ihren Büchern und Inſtitutionen ſucht dergleichen nicht. Montesquieu. Während die Meſtizen und Indianer den Zambo mit ſeinem ſogenannten Weißfärbungsdekrete von ſich trieben— im Vorbeigehen ſei es bemerkt, einem der vielen Schleich⸗ wege, deren ſich die ſpaniſche Regierung in dieſem eben ſo unwiſſenden, als rang⸗ und titelſüchtigen Lande be⸗ diente, um die Kraft der gefärbten Kaſten zu brechen, und zugleich ihre Sporteln zu vermehren— waren die Reiter allmälig an die Hügelkette herangekommen, und näherten ſich nun mit aller Grandezza ſpaniſcher Kava⸗ liere dem vorderſten Haufen der Leperos, die jedoch, ihr Herankommen nicht abwartend, auf allen Seiten aus ein⸗ ander krochen, wie Gewürm, das, in einen Knäuel zu⸗ 4 — 4140— ſammengerollt, nun durch eine unſanfte Hand aufgerüttelt wird. Der Reiter waren, wie geſagt, zehn, und die Art und Weiſe ihres Aufzuges geſchah ganz mit der pünkt⸗ lichen Rückſicht auf Rangordnung, die der Spanier ſel⸗ ten oder nie hintanſetzte, wenn er in Geſellſchaft von Creolen ſich befand. An der Spitze des Zuges, oder vielmehr in der Mitte der erſten Schar, ritt ein junger Offizier mit goldbordirtem Hute, rother Kokarde und wei⸗ ßem Reitermantel, gefälliger Miene und noch ſehr jugend⸗ lichem Geſichte, dem ſein gekräuſeltes Schwarzbärtchen an Ober⸗ und Unterlippe ungemein wohl anſtand. Er hatte ganz jenen kühnen Blick, der zugleich Selbſtbewußt⸗ ſein Unbefangenheit und eine Stellung in der bürger⸗ lichen Geſellſchaft verrieth, in der er ſich wenig oder gar nicht zu beugen bemüßigt geweſen. Er betrachtete die Leperos, denen ſie ſich nun auf einige hundert Schritte genähert hatten, neugierig, und horchte mit gefälliger Auf⸗ merkſamkeit der Unterhaltung der Uebrigen zu, die ihn vorzüglich zu berückſichtigen ſchienen. Dieſe waren auf der einen Seite ein zweiter Stabsoffizier, auf der andern ein alter, kleiner, dürrer Spanier, im blauen, goldbor⸗ dirten Mantel, mit ſteifem Kragen, dreieckigtem, goldbor⸗ dirtem Hute, einem harten, olivengrünen Krämergeſichte, in dem ſich viel von mauriſcher Verſchlagenheit, hebräi⸗ ſchem Wucherſinne und kaſtilianiſcher Trockenheit ſpiegelte. Der junge Don Pinto, den wir bereits kennen gelernt, ritt einen halben Schritt rückwärts dem ungen Stabs⸗ 4 — — 1414— offizier auf der einen Seite, auf der andern ein Adjutant, und hinter dieſen folgten Diener und Ordonnanzen. Die Geſellſchaft ſchien bei dem Anblicke der Leperos ſich nichts weniger als behaglich zu fühlen, und ſie nä⸗ herte ſich offenbar mit jenem Widerwillen, mit dem der Glückliche gewöhnlich in die Nähe des Jammers tritt; auch deuteten die an die Naſen gehaltenen Hände auf Gerüche, die ihre Sinne eben nicht angenehm über⸗ raſchten. Offenbar waren die Elenden bereits ſeit einiger Zeit der Gegenſtand ihrer Unterhaltung geweſen. „Es ſind Guachinangos oder, wie ſie auch heißen, Saragates,“ ſprach der alte Spanier;„Leperos heißen ſie erſt ſeit einiger Zeit uneigentlich, da nicht Alle Le⸗ peros, das heißt Ausſätzige, ſind, ſondern nur höchſtens die Hälfte.“ Der Cicerone⸗Ton, in dem dieſe Worte geſprochen wurden, ſchien anzudeuten, daß die beiden Siabsoſſiziere noch Neulinge in Mexiko waren. „Die Jungfrau von Achotlan ſei geprieſen!“ be⸗ merkte der ältere Stabsoffizier:„Die Hälfte, ſagen Sie, das heißt wenigſtens fünfzehntauſend Ausſätzige in einer Stadt, die keine hundert und vierzigtauſend Einwohner zählt? Aber wirklich iſt es ein halbes Wunder, daß ſie nicht Alle ausſätzig ſind, ja ganz Mexiko ſchon lange ver⸗ peſtet haben. Sehen Sie doch, ſie wälzen ſich in ihrem eigenen Kothe, zu träge, einen Schritt weiter zu gehen.“ — 142— „Es ſind dieß die Wirkungen der Civiliſation, Se⸗ nor,“ erwiederte der alte Spanier,„der puren Civiliſa⸗ tion. Sehen Sie, Senor, bereits der große Marquis hat dieß geſagt; er hat bereits dieſe Leperos gefunden bei ſeinem Eintritte in Mexiko.“ „Aber kräftig dafür Sorge getragen, daß von den Leperos, die er fand, und ihrer Civiliſation, wie Sie meinen, Tio, auch keine Spur übrig blieb,“ erwiederte lachend der junge Don Pinto. „Calle! donde son Caballeros,“**) ſchnarchte ihn der alte Spanier an. „Wie meinen Sie dieß, Don Pinto?“ fragte der junge Stabsoffizier, den Zügel ſeines Pferdes anziehend, ſo daß der junge Creole mehr in die erſte Linie kam. „Er hat ſie Alle mit Stumpf und Stiel ausgerot⸗ tet,“ lachte der junge Pinto,„und Dank den guten To⸗ ledonerklingen ſeiner Spanier und den ſchlechten ſeiner ver⸗ bündeten Tlascalaner, ſo iſt keiner dieſer mexikaniſchen Leperos übrig geblieben. Wir wollten Gott danken, wenn einer unſerer gnädig gebietenden Vireys mit dieſen auf gleiche Weiſe aufräumen wollte,“ fügte der Jüngling bitter hinzu;„wenn ſie Alle wie Unrath in den Chalco geſchmiſſen würden, ſo wäre es ein Dienſt der Menſch⸗ heit erzeugt, der Jubel im Himmel, in der Hölle, auf der Erde und im See hervorbringen müßte.“ *²) Schweige wo Kavaliere ſind, wenn Kavaliere ſprechen. — 143— „Ihr Gedankenflug iſt kühn, Don Pinto,“ ver⸗ fetzte der Oberſte mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln und ei⸗ nem ſtarken Nachklange von Unwillen;„aber wie kommt es nur,“ fragte er nach einer Weile, ſein Auge auf den jungen Creolen und wieder den alten Spanier gerichtet, „daß eine ſo elende Brut von Menſchen, denn anders kann ſie wirklich nicht genannt werden, ſich ſo ins Unge⸗ heuere vermehren konnte, und zwar in der Metropolis des reichſten Landes der Welt?“ „So daß ſie Neuſpanien mit Recht genannt wird,“ ſchaltete der alte Hidalgo ein;„aber hiſt,“ flüſterte er dem Oberſten zu,„dieß ſind gefährliche Punkte, die füh⸗ ren zu Unterſuchungen, ſagt unſer hochachtbarer Bruder Don Antonio Pinto, Oidor der hohen Audiencia dieſes Königreiches, die, wie Euer Herrlichkeit wohl wiſſen, mit dem Rathe von Indien, dem Se. geheiligte Majeſtät in persona zu präſidiren und ſelbſt zu korreſpondiren das unſchätzbare Vorrecht—— 5 Der Mann hielt inne, gerade im letzten Worte, wahr⸗ ſcheinlich weil er gewahr wurde, daß er ſeinen Vortrag ſo mit Zwiſchenſätzen verwickelt hatte, daß der junge Ca⸗ ballero Mühe haben dürfte, den ganzen Umfang der Vor⸗ rechte der hohen Audiencia zu erkennen. Dieſer jedoch hörte ihn mit dem unerſchütterlichen Phlegma eines Spa⸗ niers an, ſein Auge fortwährend auf die Leperos gerichtet. „Ja, unſer hochherrlicher Bruder, der Mitglied der hohen Audiencia, das heißt, wirklicher Oidor iſt, und — 444— ſo bekanntermaßen mit dem Rathe von Indien zu korre⸗ ſpondiren die unſchätzbare Gnade hat,“ fuhr der alte Hi⸗ dalgo fort,„derſelbe iſt der poſitiven Meinung, daß je⸗ der ächte Spanier ſich ſtraffällig mache, der ſich in Ge⸗ genwart von Creolen über Dinge ausſpreche, die Aller⸗ höchſt Se. Majeſtät Carlos III. höchſtſeligen Andenkens vor den Creolen verborgen wiſſen wollte. Senor wiſſen doch die hochpreislichen Worte dieſes weiſen Königs, die da in einer allerhöchſten Landesverordnung ſagen:„Es iſt nicht unſer Wille, weder halten wir es angemeſſen, daß Kenntniſſe und Wiſſenſchaften in unſern amerikaniſchen Lan⸗ den allgemein würden.“ „ Alles wohl geſagt, Don Pinto,“ verſetzte der junge Oberſt dem alten Spanier;„aber das beantwortet noch nicht die Frage, die wir uns zu ſtellen die Freiheit ge⸗ nommen haben.“. „Hiſt! hiſt!“ mahnte der alte Pinto mit einem Blicke auf ſeinen Neffen,„es ſind dieſes gefährliche Punkte.“ „Gefährliche Punkte dieſe?“ fragte der Oberſt ver⸗ wundert:„Was alſo iſt nicht gefährlich?“ „Don Pinto meint,“ ſprach der junge Don,„es ſei immer gefährlich vom Teufel zu ſprechen.“ „Aber Senor, was hat der Teufel mit den Lepe⸗ ros zu thun?“ „Vieles, Senoria,“ erwiederte der junge Creole. „Erinnern ſich Eure Herrlichkeit der Viſion Quevedos, in welcher der Tod dem Dichter drei Geſpenſter vorführt, die mit einem hohnlachenden Ungeheuer im Kampfe be⸗ griffen ſind, und die er als den Teufel, das Fleiſch und die Welt bezeichnet, und das hohnlachende Ungeheuer, mit dem ſie im Kampfe begriffen ſind, als die Habſucht; bei⸗ fügend, daß, welches der drei Geſpenſter immer des Men⸗ ſchen habhaft werde, er dem Teufel verfallen ſei. Se⸗ noria,“ verſicherte der Creole lachend,„dieſes braune Ge⸗ wimmel da,“ ſeine Augen ſchweiften von der Hügelkette auf die Straße, an deren beiden Seiten die Leperos eine halbe Meile weit hinauf und hinabgelagert waren,„nennt dieſe drei Geſpenſter und das Ungeheuer der Habgier, ſeine Väter und Mütter.“ „Hören Sie ihn nicht, Oberſter,“ wisperte der alte Don Pinto dem jungen Offiziere in die Ohren;„er iſt ein Creole, er lügt.“ Der Oberſte ſah den Onkel an; dann den Neffen, deſſen etwas hölzern vorgebrachte Parabel wieder durch den Ton der Stimme eine ungemeine Bedeutſamkeit er⸗ hielt, und dann winkte er dem Letztern fortzufahren. „Es geht Alles wie auf der Schnur, Senoria,“ ſprach Don Lopez Pinto mit einer Miſchung von Ironie und Bitterkeit:„Sehen Sie, da war einmal ein ge⸗ wiſſer Adelantado Velasquez, der auf der Inſel San Do⸗ mingo herrſchte und hauste, und vom Ungeheuer der Hab: ſucht geplagt, Don Hernandez Cortez——— „Reſpekt vor dem Namen des großen Marquis, Se⸗ nor,“ fiel ihm der ältere Stabsoffizier ſtreng ein. Der Virey. II. 10 — 4146— „Fahren Sie fort,“ bedeutete ihm der junge Oberſt, den der piquante Ton des Erzählers anzuſprechen anfing. „Allen möglichen,“ meinte lachend der junge Creole, „um ſo mehr, als wir ohne den großen Marquis nicht das Glück hätten, uns in Mexiko unſeres Lebens und Daſeins zu freuen, und da in Spanien die Lebensfreuden etwas ſpärlich zugemeſſen ſind, ſo—— Aber mit al⸗ lem Reſpekt für Don Hernan, werden mir Senoria einge⸗ ſtehen, daß er den Teufel im hohen Grade im Leibe hatte, und daß ihn dieſer nach Mexiko trieb, wo er ihn ein paarmal hunderttauſend Indianer abſchlachten ließ, um das hölliſche Ungeheuer, Habſucht, zu befriedigen, das nun Mexiko's Meiſter geworden war, nebſt Sr. geheiligten Majeſtät, verſteht ſich von ſelbſt, die das Land en bloc allergnädigſt in Ihre Diſpoſition zu nehmen geruhte, und den Soldados, die das Geld nahmen, und den Padres, die auch um ihren Antheil zu holen kamen, um ſich zu behelfen mit dem was noch übrig geblieben war. Und nachdem ſich nun alle dieſe vollgepfropft und dem Ungethüm der Habgier geopfert, und die armen Indianer ihres Geldes, ihrer Habe, ihrer Felder enthoben, und in die Bergwerke getrieben, oder als Laſtthiere verſchmachten laſſen, kam der Teufel der Wolluſt unter die geiſtlichen und weltli⸗ chen Kriegshelden und trieb ſie zu den Indianerinnen, denen ſie Pfänder hinterließen, die nach neun Monaten zu Meſtizzen wurden, und als ſie heranwuchſen, zu Gua⸗ — 447— chinangos oder Saragates, das heißt Unkraut, und als ſie alt wurden„ zu Leperos, das heißt Ausſätzigen.“ „Da lügſt du wieder;“ fiel ihm der Onkel gif⸗ tig ein. „Ich glaube vielmehr, Ihre Mutter hat gelogen;“ ſchrie ihm der junge Mann mit Heftigkeit zu, und ſeine Hand ſpielte unwillkürlich unter der Manga. „Silencio!“ mahnte oder befahl vielmehr der junge Oberſt.„Fahren Sie fort, Don Pinto;“ ſprach er zum Neffen aufmunternd. Ein tückiſches, Lächeln überflog den Mund des Nef⸗ fen, und dann ſprach er im hingeworfenen Tone: „Die Hauptſache iſt bereits geſagt, Senoria, und Sie werden es begreiflich finden, daß dieſe Progenitur,“ er deutete auf die Leperos,„ganz ſpaniſches Produkt oder Erzeugniß iſt, juſt ſo gehegt und gepflegt durch An⸗ häufung des Unrathes, wie man Unkraut hegt. Zuerſt machten die frommen Eroberer Mexikos die Kinder, dann machten ſie dieſe Kinder infames von Rechts und Ge⸗ ſetzes wegen, und dann ließen ſie ſie auf der Straße herum kriechen und liegen, juſt wie Sie's Gewürm in einem faulen, fetten Leichnam herum kriechen ſehen. Zwar hätten ſie dieſes leicht vermeiden können, wenn ſie ihren elenden Müttern nur vierzig oder hundert Fuß in's Ge⸗ vierte zu einem Bananenfleckchen gegeben hätten; aber daß ſie es nicht gethan, hatte auch wieder ſeine guten Gründe.“ = uu= Es lag etwas im Tone des jungen Creolen, das den jungen Oberſten im hohen Grade aufmerkſam machte: eine tiefliegende, ſcharf hervorſtechende Tücke, ein Zug geheimer Schadenfreude, der aus dem ganzen Wefen des Jünglings hervorleuchtete und ihn ſeltſam unnatürlich klei⸗ dete. Es war eine Art geheimer verſteckter Freude über die unheilbaren Wunden, die ſpaniſche Tyrannei dem Lande geſchlagen, die aus jedem ſeiner Züge durchſchim⸗ merte. Zugleich hatte das ganze Weſen des Erzählers einen Nachklang von ſo grimmiger Bitterkeit und kalter Ironie, die ihm etwas Eigenthümliches, ja Desperates gaben. Der Oberſt ſah wechſelweiſe den Jüngling und ſeinen Oheim an, der ſchweigend einhergeritten war. „ und die Regierung hat nicht Sorge getragen die⸗ ſen unnützen Mäulern nützliche Hände zu geben?” „Das heißt, ſie ſollte Sorge getragen haben, ſie in die Wälder von Potoſi, Senora oder Texas zu ſchicken, oder an die Küſten von Veracruz, Nucatau und ſo fort, um dieſe in Dörfer, Städte und Felder umzuwandeln. Glauben Sie mir, Senoria, es macht bereits Mexiko, ſo wie es iſt, dem Conſejo de las Indias genug zu ſchaf⸗ fen; und deshalb darf auch nach den königlichen Verord⸗ nungen keine Stadt angelegt werden, nicht einmal eine Niederlaſſung, ausgenommen in der Nähe einer Garni⸗ ſon, eines Kloſters oder einer Miſſion. Die Madre Pa⸗ tria braucht keine Menſchen, ſondern Duros, und glau⸗ ben Sie mir, könnten die Minen von Guanaxuato und — 449 Monte Real mit Büffeln betrieben werden; Tauſend ge⸗ gen Eines, unſere hohen Wohlthäter ſchlachteten uns alle ſammt und ſonders, und zögen die Büffelherden aus Se⸗ nora und Santa Fe herab. Indem der Jüngling ſo ſprach, wandte er ſich auf einmal an den Oberſten und Major, denen er beiden ei⸗ nen Blick zuwarf, der ſie durchbohren zu wollen ſchien, und der, ſeltſam genug, die beiden Kriegsmänner in eine nicht zu verkennende Verlegenheit brachte. Dieſe Ver⸗ legenheit mochte ihren Grund vielleicht in der Wahrheit der ſo eben gehörten Bitterkeiten, vielleicht aber auch noch andere Veranlaſſungen haben. Der Zeitpunkt war wirklich ein gefährlicher für die Geſammtbevölkerung von Mexiko, und alles ließ ſich von einer Regierung befürch⸗ ten, die ſich zu ſo entſetzlichen Grundſätzen bekannt hatte, wie die ſpaniſche. Man hatte kein Hehl mehr gemacht von dem Plane, alle diejenigen, die ſich rebelliſcher Geſinnun⸗ gen auch nur verdächtig gemacht hatten, zu vertilgen. So ausſchweifend, ja abſurd ein ſolcher Gedanke uns erſchei⸗ nen mag; in den Augen von Menſchen, die ſich um je⸗ den Preis im Beſitze des Landes erhalten wollten, und deren Politik ſo unverbrüchlich dahin gerichtet geweſen, die Bevölkerung dieſes Landes durch alle nur mögliche Mittel zu verdünnen, war dieſe Politik nichts weniger als unnatürlich, ja vielmehr eine conſequente Durchführung der von jeher aufgeſtellten Staatsmaximen. Nach dieſer Staatsmaxime war es nicht nur ausdrücklich unterſagt — — 4150— geweſen, neue Städte, Dörfer und Niederlaſſungen was immer für einer Art, wenn ſie nicht in der Nähe von Minen gelegen waren, zu gründen; mehrere Abgaben, und beſonders die furchtbare Alcavala zielten auch offen⸗ bar dahin, die nöthigſten Lebensbedürfniſſe ins Ungeheure zu vertheuern; ſelbſt jene Produkte, die dem Creolen zum Leben unentbehrlich ſind, wurden ihm anzubauen verbo⸗ ten, und ſo im fruchtbarſten Lande der Welt künſtliche Hungersnöthen hervorgebracht, die oft ganzen Städten ihre Bevölkerung raubten. „Ich aber bin der Meinung,“ hob der ältere Pinto, der gleichfalls verſtummt war, nach einer Weile wieder an—„ich bin der feſten Meinung, daß dieſe Leperos da beſſere Unterthanen Sr. geheiligten Majeſtät ſind, als du ſelbſt, der beim heiligen Jago verdiente, in daſſelbe Loch geworfen zu werden, wo der Tagedieb Quevedo für ſeine ſpitze Zunge und Feder büßte. Senoria,“ fuhr er zum Oberſten gewendet fort,„es ſind ruhige Untertha⸗ nen dieſe Leperos, und ſie haben ihre Ordnungen und Gewerbe; nur daß ſie nicht arbeiten wollen, und unflä⸗ thig ſind, ſo daß ſie mit hohem Reſpekt salva venia zu melden in ihrem eigenen effluviis— „Bitte, bitte. Wir ſehen ja ohnedem;“ bemerkte der Oberſt. „Ja, ja, Senoria. Stellen Sie ſie aber vor ein Wachsbild der rothen Jungfrau von Guadeloupe, oder ein hölzernes des Erlöſers von Atolnico, oder laſſen Sie — 154— ſich von einem ihrer Evangeliſtas eine letra ſchreiben mit Herzen und Schnörkeln und Pfeilen: auf die Ehre ei⸗ nes Hidalgo, Caſtilien ſelbſt hat keine beſſeren Evange⸗ liſtas, und ich ſage Ihnen, wenn ſie Pulque und Tor⸗ tillas haben zu Mittag, Nachmittags ein Fleckchen in der Sonne und Abends ein Stück Manga, ſo laſſen ſie Mexiko Mexiko ſein, und bekümmern ſich eben ſo we⸗ nig um die Wege und Stege einer hochpreislichen Re⸗ gierung, wie es guten loyalen Unterthanen ziemt. Und deshalb wäre zu wünſchen, daß auch andere,“ hier fiel ſein Blick ſtechend auf den jungen Don—„ein gutes Beiſpiel nähmen.““ „Und loyale und gute Unterthanen, wie dieſe Le⸗ peros würden;“ lachte der junge Pinto. „Bei meiner Seele!“ rief der Spanier giftig dem Oberſten zu.„Senoria! wenn Sie nicht ſelbſt die auf⸗ rühreriſchen Reden dieſes Gavacho*) anzeigen, ſo thun wir es. Ueber Mangel an Freiheit klagen ſie, dieſe Creo⸗ len. Ich ſage Ihnen, es ſind alle Ketzer, Gottesläug⸗ ner und Rebellen.”* „Von wem ſprechen Sie?“ fragte der Oberſt ernſt. „Wenn ich nicht irre, ſo iſt es der Sohn Ihres Bru⸗ ders. Vergeſſen Sie nicht, daß alle Spanier beſonders angewieſen ſind,“ ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu,„in der gegenwärtigen Criſis ſo vorſichtig als möglich zu ſein.”“ *) Spihname, den Franzoſen gegeben, treuloſer Affe. „Das iſt wahr. Prudencia;“ ziſchte ihm der Spa⸗ nier zu,„aber was den Sohn meines Neffen betrifft, ſo ſage ich Ihnen, ich habe keinen Neffen. Kein Spa⸗ nier kann einen Sohn in Mexiko haben. Es liegt der Fluch auf dieſem Lande. Sie kennen dieſes Land nicht. Hüten Sie ſich vor dieſem Mexiko. Der Vater iſt vor ſeinem eigenen Sohne, der Mann vor ſeinem Weibe nicht ſicher. Alle conſpiriren gegen uns. Ich ſage Ihnen aber mehr, Senoria. Dieſe Luſtigkeit gerade jetzt, dieſe Frechheit— es iſt wunderbar! Eine Fügung der heili⸗ gen Jungfrau! Ich ſage Ihnen, die Creolen führen et⸗ was im Schilde, und der junge Gavacho hat ſich ver⸗ ſchnappt. „Sie wollten— Sie wollten Ihren eigenen Bru⸗ dersſohn verrathen?“ fragte der Oberſt mit Abſcheu, den Alten zugleich von ſich ſchüttelnd, der ihn mit verwun⸗ dert höhniſcher Miene anſah. „Sie ſind jung, Senoria,' flüſterte der alte Spa⸗ nier ihm zu;„aber merken Sie ſich das, daß der ei⸗ gene Vater dieſes jungen Menſchen, wenn er ſeine Aeu⸗ ßerungen hörte, nicht anſtehen würde, ihn auf das San Lorenzo⸗Bette*) legen zu laſſen. Und' ſetzte er mit grö⸗ herem Nachdrucke hinzu,„mit Fug und Recht.* „Sie hatten Recht;“ flüſterte der junge Oberſt dem alten Major zu.„Man ſollte in dieſem Lande weder *) Folter. — 4535 links noch rechts, ſondern nur in ſein Reglamentobuch ſehen. Jeder Blick zur Seite und vorwärts macht uns ſchwindeln.“ „Ei, ei,“ verſetzte der Stabsoffizier.„Sie ha⸗ ben hier ſechzigtauſend Könige, Graf, und es könnte wohl ſein, daß ſie Fernando eben ſowohl heimſenden würden, wie ſie es mit Iturrigaray gethan.“ Sechsundzwanzigſtes Capitel. * Welch böſer Streich, daß wir von hinnen mußten; Wie? oder war's zum Glücke? Shakespeare. Die Cavaliere mit ihren Dienern waren unterdeſſen an die Hügelkette herangekommen, die, ſo weit das Auge reichen konnte, mit Leperos überſät war. Der unleid⸗ liche Geſtank, den der Luftzug den Herannahenden ent⸗ gegenbrachte, mochte nicht wenig zur Eile beitragen, mit welcher ſie ſich den dichteren Haufen nun näher⸗ ten. Auf dem Rücken des Hügels ſah man einige der jüngern Guachinangos noch immer dem Zambo auf der Ferſe, der, ſich bald nähernd, bald wieder auf die Spitze des Hügels retirirend, mit den Haufen ſeinen Scherz treiben zu wollen ſchien; er hatte je⸗ doch kaum die Cavaliere unter der Hügelkette erſehen, als er auf dieſe in gewaltigen Sätzen zuzuſpringen be⸗ gann. Seine Annäherung war ein Zeichen zum allge⸗ — 155— meinen Aufſtande geworden; einige der behendeſten unter den jüngern Indianern trieben ihn mitten in den Knäuel, wo ihn derſelbe alte rieſige Indianer, der ſeine Leidens⸗ genoſſen mit der Predigt des Padre Hypolito erbaut, mit beiden Händen bei ſeinem Wollſchopfe ergriff, ihn eine Weile zappelnd emporhielt, und dann den Hügel auf eine Weiſe hinabſchleuderte, die jeden andern, als einen ſchwarzen Hirnſchädel in tauſend Stücke zerſchellt haben würde, beim Zambo jedoch nichts weiter bewirkte, als daß er, ſo wie er ſich auf feſtem Grunde fühlte, mit beiden Füßen zugleich aufſprang, die Cigarre, die ihm aus den Munde gefallen war, aufraffte, und mit gellender Stimme ſchrie:„No soy Caballero, Vosostros miserabile gente irrazionale*);“ zugleich begleitete er dieſe Worte mit einer Geſtikulation, die ſeine Verach⸗ tung noch deutlicher an den Tag legen ſollte, und ſprang dann hinter die Kavaliere, die dicht vor dem Hügel an⸗ gekommen waren, und ſich nun auf einmal mitten in einem Gedränge befanden, das zum mindeſten, geſagt, einen nichts weniger als pittoresken Anblick darbot. „Que es este?“ fragte der Oberſte ruhig die näch— ſten Leperos. „Todos diablos,“ fielen ihm ſeine Begleiter ein, „einen Augenblick den Reſpekt gegen einen Caballero des höchſten Ranges vergeſſend. Senor, um der Jungfrau *⁴) Ich bin ein Kavalier, ihr unvernünftiges Volk. — 156— willen! Glauben Sie, Sie ſind an der Spitze ihres Regimentes? Fort, fort ſo ſchnell Sie die vier Beine ihres Roſſes tragen können!“ „Fort, fort! das ſage ich auch,“ kreiſchte der ältere Pinto.„Fort von hier, Bajados de cielo a pedradas.*) Que la mona se visia de seda, mona se queda.**) Es ſind ruhige Leute, Senoria, wohlverſtanden, wenn ſie nämlich nicht unruhig ſind; aber ſie haben ihren Sporn zuweilen. Sehen Sie nur wie ſie Sie anſtarren, wie ihre Augen glotzen.— Fort, um der heiligen Jung⸗ frau und aller hundert und fünfzigtauſend Teufel willen! Bedenken Sie wohl, was das ſehr achtbare Conſulado, deſſen Mitglied wir ſind, vor noch nicht vier und zwan⸗ zig Monden erlaſſen;— nämlich, daß alle in Mexiko Gebornen, kurz alle Amerikanere pure Affen und— Au⸗ tomata, und nichts mehr. Die Leperos waren ſeltſam anzuſchauen. Die Mehr⸗ zahl nämlich ſtierte die Edelleute mit glotzenden Blicken an, die ihnen wirklich das Anſehen einer Herde Affen gab, die plötzlich in ihrem Zeitvertreibe irre gemacht werden. Es ſchien als ob die unvorhergeſehene Dazwi⸗ ſchenkunft, der eben ſo gehaßten als gefürchteten Gachu⸗ *) Die auf die Erde herabſteigen, weil ſie vom Him⸗ mel herab geſteinigt wurden. *) Der Affe, wenn er auch in Seide gekleidet, bleidt doch immer Affe. Siehe Note. pins, die ſie mit eben dem Schreck zu betrachten ge⸗ wohnt waren, mit dem der ruſſiſche Leibeigene ſeinen Bo⸗ jaren herannahen ſieht— ſie mitten in ihrem inſtinktar⸗ tigen Drange zum Halt gebracht hätte; doch dauerte dieſer plötzliche Stillſtand nicht lange, und ſo wie die ſtarren Augäpfel in ihren Kreiſen ſich zu bewegen anfin⸗ gen, ſah man auch die ſtumpfſinnig, ſchlaffen Muskeln ſich ſpannen, ihre Geſichtszüge belebt werden, und die fingerdicken Adern ihrer nackten, häßlichen Glieder ſchwel⸗ len. Ein dumpfes Gemurmel, das einer Brandung gleich ſich erhob, wurde jede Sekunde drohender, heulender, und verrieth einen jener fürchterlichen Ausbrüche india⸗ niſcher Wuth, die dieſer Race ſo eigenthümlich ſind; denn ſo friedfertig dieſes armſelige Bettlergeſchlecht im Ganzen genannt werden kann, ſo daß es Tage, ja Wo⸗ chen lange an einem und dem demſelben Platze gleichſam wie angefeſſelt liegt, ohne ein Glied zu regen oder zu bewegen, ſo gibt es wieder Momente, wo es nur der leiſeſten Anregung bedarf, um ſie in die fürchterlichſte Wuth zn verſetzen. Die ſpaniſchen Offiziere hatten dieſe ſtufenweiſen und doch wieder ungemein ſchnell ſich entwickelnden Symp⸗ tome indianiſchen Sturmes mit Staunen bemerkt, aber unfähig auch nur einen Schritt vorwärts zu thun, hiel⸗ ten ſie wie feſtgebannt vor und unter dem Hügel. Eine Stimme ſchrie,„Ahuitzote! Ahuitzote!“ und dieſer Aufruf gab der Wuth des ganzen Haufens plötz⸗ — 158— lich eine beſtimmte Richtung. Tauſend Hände ſenkten ſich auf einmal und griffen nach Lavaſchlacken, als eine gewaltige Rakete mit ſtarkem Gekrache in die Luft ſchwirrte, und die Indianer mit weit aufgeriſſenen Au⸗ gen, dieſem halben Miraculo nachſtarren machte. Das Ahuitzote und der Gachupin waren vergeſſen, und tau⸗ ſend Stimmen brachen in das wüthendſte Jubelgeſchrei aus, und riefen„Encora, Encora!“ Als jedoch keine zweite folgte, ſchleuderten ſie einen Hagel von Steinen den Hügel hinvb, der erſt aufhörte, als das Zetergeſchrei ihrer untenſtehenden Weiber und Kinder die armen Leperos belehrte, daß ſie ihr eigen Fleiſch und Blut zur Zielſcheibe ihrer Wuth gemacht hatten. Die Reiter waren unterdeſſen verſchwunden. Die plötzlich und ſo ganz zu rechten Zeit von einer unſichtbaren Hand losgebrannte Rakete, hatte nämlich ihre Pferde ſich bäumen, und dann wild durch und über die Leperos ſetzen gemacht. Die ganze Truppe war in Schrecken und Entſetzen auf der Straße fortgeflogen; erſt als das nach⸗ hallende Geheul der Leperos ſchwächer und ſchwächer wurde, hielten die zwei Offiziere an, und mit ihnen der alte Don Pinto. „La Santissima Madre sea labada!“9*) kreiſchte der Hidalgo.— Aber Senoria!„Wenn nicht dreißigtau⸗ ſend Teufel in dieſe Gergeſener, salva venia, mit Re⸗ *) Die heiligſte Jungfrau ſei gelobt. — 159— ſpekt zu melden, Senoria, Säue eingefahren ſind, ſo will Don Abaſalo Pinto, Sancho Panſa heißen.“ Indem der Mann ſo ſprach, ſchlug er das Kreuz, 3 küßte den Daumen, und rief,„Jeſu! Jeſu!“ „Bei meiner Ehre! Sie haben einen!“ rief der ältere Stabsoffizier,„ohne daß wir deßhalb den ſehr achtbaren Don Pinto für einen Caballero de la Mancha zu halten gedenken.“ Wirklich hatte ſich, lächerlich genug, der Zambo auf dem äußerſten Rücken des Maulthieres unſeres Don Abaſalo Agoſtino Pinto verſetzt, und ſich an den Cortez⸗ ſattel angeklammert. „„ Todos diablos!“ ſchrie der Hidalgo, und gleich dar⸗ auf wieder,„Jeſu! Jeſu! Wie kommſt du hieher? Que te llevan todos los Demonios de los diez y siete infernos!*) Mutter der Gnaden! hat ein viejo Chri- stiano ſo etwas geſehen! Ein gente irrazionale, ein ſtin⸗ kender Hund von Chino, auf dem Mulo eines ſpani⸗ ſchen Caballero, eines Gliedes des Conſulado, deſſen Ah⸗ nen die Schlacht von Ronceval ſchlugen!“ Indem der Mann ſo abwechſelnd fluchte und polterte, machte er jedesmal das Zeichen des Kreuzes, küßte den Daumen, und murmelte den Namen Jeſu. Die ſonderbare Andachtsübung des Spaniers, ver⸗ *) So mögen dich alle Teufel der ſiebzehn Höllen bolen. — 460— bunden mit ſeiner Beweglichkeit und dem Zappeln ſeines dürren Gebeines auf dem hohen ſchweißtriefenden Maul⸗ thiere war ſo komiſch, daß die ſämmtliche Geſellſchaft in ein lautes Gelächter ausbrach; doch der Hidalgo ſchien nicht der Mann zu ſein, eine ſolche Kurzweil auf ſeine unkoſten zu erlauben, oder die entehrende Nachbarſchaft länger zu dulden; eine Piſtole aus der Halfter reißend, brachte er dieſe dem funkelnden Auge des Zambos ſo nahe, daß dieſer wie ein Sack vom Rücken des Thieres fiel, ſogleich aber wieder auf die Füße ſprang, um, wie ſeine Richtung andeutete, das Weite zu ſuchen, als ihn das donnernde Halt des Oberſten, der ihm mit einem Satze zur Seite war, zum Stehen brachte. „Was ſoll das 2 fragte dieſer im ſtrengen Tone. „Misericordia, Senoria!“* heulte der Zambo,„Mi- sericordia, Senoria! Wären ich und meine Rakete nicht geweſen, ſo lägen nun fünf ſo edle Caballeros, als je die Ajotlaſtraße ritten, unter einem Steinhaufen, der zwar nicht ſo hoch wie die Teocalli*) von Cholula, aber hin⸗ länglich hoch, um ihnen die Luftröhre zuzuſchnüren, und wenn ſie eine hätten wie der Norte.”“**) „Spare deinen Witz, Neger,“ ſprach der Oberſte gebieteriſch,„und antworte auf meine Frage. Was ſoll *) Die merxikaniſchen Pyramiden in der Nähe von Cholula. *8³) Nordwind iſt ſehr ſtürmiſch. der Auszug der Leperos, dieſer Aufſtand?— Was das Ganze? „Neger?“ verſetzte der Zambo unwillig.—„Wenn Sie fragen, Senoria, ſo könnten Sie fragen, wie ein Caballero den andern. Was dieſe Leperos betrifft, die ſich wie eine Herde rother Ochſen hingelagert haben, nur daß ſie mehr ſtinken, und ungenießbar ſind, ſo mag Se⸗ nor Don Pinto recht haben, wenn er meint, daß eine Rotte Teufel unter ſie gefahren iſt; denn ſonſt würden ſie nicht gethan haben, was ſie thaten.“ „Und was thaten ſie?“ fragte der Oberſt. „Was ſie thaten? Todos diablos! Was ſie tha⸗ ten? Mögen ſie alle Höllenhunde und Katzen zerreißen! Meine Banda, von der großmögenden Audienz ausge⸗ ſtellt, und von Sr. Excellenz dem Virey eigenhändig unterzeichnet, haben ſie zerriſſen. Darauf ſtand ſchwarz auf weiß— Que se Isidro Cassio tenga por blanco.“ „Bah,“ rief der Oberſt—„daß du Isidor Cassio dich für einen Weißen halten mögeſt.“ Der Zambo ſah den Oberſten mit weit aufgeriſſenen Augen an.„Bah, ſagen Sie, Senoria!“ ſchrie er grinſend und zähneflätſchend.„Bah, ſagen Sie, wenn dieſe Rebellen mein Diplom zerriſſen, das mich netto dreihundert Duros gekoſtet, und für welches Zerreißen ſie alle Dreißigtauſend gehängt werden ſollen! Die Gave⸗ eillas ſagen auch Bah.“ Der Virey. II. 11 Der alte Spanier nickte dem Neger ſeinen ganzen Beifall zu. „Beantworte mir meine Frage,“ rief der Oberſte, oder“— er hob die flache Klinge ſeines gezogenen Degens—— „Perdon, Senoria,“ fiel ihm der alte Spanier ein—„Eure Herrlichkeit ſind erſt ſeit acht Tagen in Mexiko's Hauptſtadt, und erſt ſeit wenigen Monaten im Lande, und können alſo die Weisheit unſerer Regierung und die Gnade, die ſie dieſem Manne angedeihen ließ, nicht ganz ermeſſen. Sehen, Senoria, ſo wie es Stu⸗ fen unter den Engeln gibt, die eigentlichen Beamteten des himmliſchen Reiches— Cherubims, Seraphims und ſo fort— ſo gibt es auch neun Stufen und Abarten unter den getreuen Unterthanen Sr. Majeſtät in Mexiko, als da ſind die gente irrazionale, oder das unvernünftige Volk, wie die Indianer heißen, und von denen unſere aufgeklärteſten Gottesgelehrten, und wie wir bereits ge⸗ ſagt, ſelbſt das hochachtbare Conſulado, deſſen Mitglied wir zu ſein die Ehre haben, noch immer zweifeln, ob ſie wirklich Menſchen, und nicht vielmehr ſprachbegabte Affen ſind, die deßhalb auch Tributo bezahlen müſſen, und ganz wie unvernünftige Thiere behandelt werden. Auf einer gleichen Rangſtufe ſtehen die Negros, oder Neger; dann kommen die Metis oder Meſtizen, das heißt Kin⸗ der von Müttern, die ſich mit weißen Völkern fleiſch⸗ lich bemakelt haben, und die deßhalb auf einen Gran — 163— Vernunft Anſpruch machen dürfen, obwohl ſie aller bür⸗ gerlichen Ehren baar und ledig ſind. Auf einer gleichen Rangſtufe oder Parallele ſtehen die Zambos, oder wie ſie auch genannt werden, Chinos; ja noch etwas niedriger; daher ſcheint es mir hier eine Bewandtniß zu haben, in das einzudringen, nicht ganz räthlich ſein dürfte, da dieſer Zambo, wie bemerkt, das ſeltene Privilegium er⸗ langt, ſich für einen Weißen halten zu dürfen.“ „Aber, zu allen Teufeln, er iſt ja rabenſchwarz, und dieß beantwortet doch unſere Frage nicht,“ verſetzte der Oberſt etwas ungeduldig. „Wohl, ja wohl; nur Geduld,“ nahm wieder der Spanier das Wort, der in demſelben trocknen Präßzep⸗ tortone fortfuhr.„Wie bemerkt, ſo wird dieſes Privi⸗ legium erſt Quateroons ertheilt, das heißt farbigen, de⸗ ren Mütter nicht nur, ſondern auch Großmütter ſich mit Caballeros fleiſchlich bemakelt haben, und noch mehr Quinteroons, deren Mütter und Großmütter nicht nur, ſondern auch Urgroßmütter ſich fleiſchlich bemakelt haben, verſteht ſich immer, mit Blancos oder Caballeros.“ „So möge der Teufel die Quateroons und Quin⸗ teroons und ihre bemakelten Großmütter und Urgroßmüt⸗ ter holen; verſetzte der Oberſt, der, während er dem langweiligen Caſtilianer zugehört, und ſeinem heranſpren⸗ genden Neffen zugeſehen, einen Augenblick den Zambo aus den Augen gelaſſen, den dieſer benutzt um das Fer⸗ ſengeld zu geben. — 164— „Dieſes Blatt oder vielmehr Diplom bedeutet nun,“ fuhr der beharrliche Spanier fort, daß dieſer Neger Gnade in den Augen der Audiencia gefunden, und gegen die Erlegung von dreihundert Piaſtern der ſeltnen Gnade theilhaftig geworden, ſich ſelbſt für einen Weißen zu halten.”“ „Und die unzeremoniöſe Weiſe, in der die Leperos ihn den Hügel hinabgeworfen haben,“ fiel lachend der junge Pinto ein, bedeutet, daß das unvernünftige Volk einmal mehr Vernunft gehabt, als— Ei, ſie haben dem Ermeſſen der hohen Audiencia die Gerechtigkeit wieder⸗ fahren laſſen, die die Krähen ihrem Compagnon ange⸗ deihen ließen, der ſich mit den Pfauenfedern geſchmückt.“ p„ Sie ſind auf Ehre wunderbar beleſen, Don Pinto,“ ſprach der Oberſt zu dem Creolen mit einem Anklange von Verachtung, und einer Bewegung die dem jungen Naſeweis in den Rücken zu verſetzen gemeint war; aber mitten in dieſer Bewegung hielt der Oberſte plötzlich inne. Es war etwas ſo Simples, Einfältiges und wieder Hohn⸗ lachend⸗tückiſches in die jugendlichen Züge des Creolen getreten, eine ſo tiefliegende grauſame Luſt und Liſt, das den Stabsoffizier ungemein ernſt machte. „Sie waren der letzte bei den Leperos?“ fragte der Oberſte—„Was für eine Bewandͤtniß hat es mit ihrem Auszuge?“ „Fragen Euere Herrlichkeit ſie ſelbſt,“ erwiederte der Jüngling trotzig,„und wenn Sie eine Antwort erhal⸗ ten, ſo ſind Sie mehr als die Pythia des olympiſchen Dreifußes.“ „Kleinſtädtiſcher Narr!“ murmelte der Oberſt, dem jungen Manne den Rücken kehrend und ſich zum Major wendend.„Don Arias,“ ſprach er zu dieſem,„eilen Sie in den Palaſt und ſtatten ſie Bericht von unſerer Unter⸗ ſuchung ab, und von dem was ſie ſo eben geſehen. Sie treffen mich,“ er deutete auf das Schloß von Capultepec. Bei meiner Ehre,“ fügte er in leiſerem Tone hinzu— „es mag einem bange werden unter dieſen geheimnißvoll thuenden Narren, oder es gibt Dinge in dieſem Lande, die unſerer Philoſophie ſpotten.“ „Nehmen Sie mich mit, Senoria,“ rief der kecke Creole. Vielleicht können wir in Einigem zu etwas dienen.“ „Sie?“ rief der Oberſt verwundert. „Düu?“ kopfſchüttelnd der Onkel.—„Gib Acht, daß ſie dir nicht einmal im Palaſte ein Kämmerchen an⸗ weiſen.“ „ Nicht heute, nicht morgen, nicht übermorgen;“ lachte der Don.„Adios, Senores. Und mit die ſen Worten gallopirte er mit dem Major fort, und die übrigen ſetzten ſich gleichfalls in raſchere Bewegung. — Ein Spazierritt durch die herrlichen breiten Straßen Mexiko's, im Angeſichte der prachtvollen Cordilleras und — 166— der mit ewigem Schnee bedeckten Kuppen des Itztacci⸗ huatl und Popocatepetl, kann zu allen Zeiten einer der ſchönſten Genüſſe genannt werden; für die Spanier der da⸗ maligen Zeit war er aber zugleich einer der erhabenſten, die es für individuellen Nationalſtolz nur immer geben konnte.— Selbſt der Römer in den glänzendſten Tagen ſeiner Re⸗ publik, war nicht mehr Herr in den durch die Gewalt ſeiner Waffen bezwungenen Provinzen geweſen, als es der Spanier während ſeiner amerikaniſchen Herrſchaft in Mexiko war. Er nannte es, und es war ſein, ſein durch die Gewalt der Waffen, ſein durch die in den Augen der Menge heiligende Gewalt, der Gewohnheit und Ver⸗ jährung, die ihm ihre Bewohner ſeit dreihundert Jahren auf eine Weiſe unterthänig gemacht hatte, von der nur diejenigen ſich einen ſchwachen Begriff zu machen im Stande ſind, die den Zuſtand ihres eignen Landes unter engliſcher Herrſchaft kannten, und das vornehme Herab⸗ ſehen dieſer Inſelbewohner auf die damaligen Koloniſten mit anſehen oder ertragen mußten. Doch ſelbſt dieſe können, wie geſagt, nur eine ſchwache Idee von dem ſpaniſchen Stolze in Mexiko haben; denn wenn beide Nationen gleich verächtlich, gleich hohnlachend, auf ihre überſeeiſchen Koloniſten herabzuſehen, und dieſe für eine untergeordnete Menſchenſchenklaſſe ſchon deßhalb anzuſehen geneigt waren, weil die Väter derſelben großentheils bloß den Mittel⸗ und untern Volksklaſſen entſproſſen waren, ſo hatte wieder der nationellere engliſche Stolz im ameri⸗ — ʒ— — ¾— — ——— ·—ͥᷓͥᷓnn — 167— kaniſchen Selbſtbewußtſein ſchon frühzeitig jenes Gegen⸗ gewicht gefunden, deſſen Mangel den creoliſchen Mexi⸗ kaner gänzlich darniederdrücken mußte. Der freie Britte, der ſich in der amerikaniſchen Wildniß, größere Freiheit ſuchend, niedergelaſſen, und dieſe unter raſtloſen Kämpfen im Schweiße ſeines Angeſich⸗ tes zum Sitze der Kultur umgeſchaffen, mußte ſelbſt abgeſe⸗ hen von den freiſinnigeren Inſtitutionen, die er mitgebracht, und die ihn vor brutaler Anmaßung ſchützten, ſchon jene Achtung einflößen, die ſelbſt vom Uebermüthigſten der Thatkraft nie verſagt wird, und die aus denſelben Grün⸗ den, dem in üppigen Lebensgenüſſen verſunkenen Nach⸗ kommen der ſpaniſchen Koloniſten in Mexiko, die da ern⸗ teten wo ſie nicht geſäet hatten, natürlicher Weiſe ent⸗ zogen ward. Dieſen Unterſchied der Art und Weiſe der urſprünglichen europäiſchen Anſiedelung in den beiden Län⸗ dern dürfen wir nie und nirgends überſehen, da er die Grundurſache der verſchiedenartigen Geſtaltung der geſellſchaftlichen Verhältniſſe wurde. Der ſpaniſche Kolo⸗ niſt war gekommen, um in die reichen Erwerbsquellen einer bürgerlichen Geſellſchaft einzutreten, die ſeine Lands⸗ leute zerſtört hatten, und deren Trümmer ſeiner Träg⸗ heit ſo lange fröhnen mußten, bis er ſeine Habgier be⸗ friedigt und mit den geſammelten Reichthümern in ſeine Heimath zurückkehren konnte. Der größte Theil der Ein⸗ wanderer in Meyiko waren unbeweibte Abenteurer im ſchlimmſten Sinne des Wortes geweſen, von denen die — 4168— Mehrzahl wieder in die Madre Patria zurückgekehrt, und die Zurückgebliebenen ſich häufig mit der indianiſchen Be⸗ völkerung vermiſchten. Natürlich blickte der auf die Rein⸗ heit ſeines Geblütes ſo ſtolze Spanier mit nichts weniger als Achtung auf eine Menſchenklaſſe herab, der die erſte und wichtigſte Bedingung zu einem ſogenannten viejo Chriſtiano fehlte, und die er gewiſſermaßen als tributar mitbetrachtete. So ungerecht eine ſolche Denkweiſe um ſo mehr genannt werden konnte, als die ſpaniſche Regie⸗ rung durch ihre eigene grauſame, hinterliſtige Politik einen ſolchen Gang der Dinge herbeigeführt hatte, ſo war ſie doch in der Art herrſchend geworden, daß, ungeachtet der dem Geſetze nach beſtehenden Gleichheit zwiſchen gebornen Spaniern und Creolen, die letztern nicht nur nie zu einem Amte gelangen konnten, ſondern daß Erſtere ſich mehr als Herren und Beſitzer ſelbſt des Privateigenthumes anſahen, als den beſitzenden Creolen ſelbſt, und der unbedeutendſte Abenteuerer, der in Lumpen auf den Werften von Vera⸗ eruz landete, mit Stolz auf den angeſehenſten Creolen herabſah, in dem er nichts als einen Uſurpator der Reich⸗ thümer eines Landes ſah, das Cortez für ihn erobert, und in dem er früher oder ſpäter eine bedeutende Stelle einzunehmen gewiß war. „Senoria,“ ſprach der alte Spanier, und ſeine kleinen funkelnden Augen rollten wie feurige Kugeln un⸗ ter den grauen buſchigen Wimpern, als ſie die pracht⸗ volle Tacubaſtraße hinabritten;„ſchlägt Ihr Herz nicht — 169— lauter? Im alten Caſtilien,“ ſprach er leiſer,„iſt der König Herr; hier ſind wir es.“ Des Oberſten Blick hatte bei ihrem Eintritte gleich⸗ falls einen ſtolzern Ausdruck angenommen, und indem er den Zügel ſeines feurigen Andaluſiers ſtärker anzog, ſchien er ähnlichen Empfindungen Raum geben zu wol⸗ len. Herren und Diener ritten raſch in die prachtvolle Straße ein, und dieſe hinab; doch die ganze Straße war leer und öde, und die gänzliche Abweſenheit aller Menſchen, ſelbſt aller lebenden Geſchöpfe und der Ab⸗ zeichen von Verkehr, war auffallend; ſie lag wie aus⸗ geſtorben; die ganze Bevölkerung ſchien geflohn zu ſein.”“ „Aber wo ſind die Menſchen?“ fragte der Oberſt. „Sehen Sie Senoria,“ verſetzte der Hidalgo lä⸗ chelnd, indem er auf ein Piquet Soldaten deutete, das an der Ecke der Straße aufgeſtellt war;„man iſt vor⸗ ſichtig; auf der Plazza Mayor, höre ich, ſind Kanonen aufgeſtellt, und Artilleriſten mit brennenden Lunten.“ „Aber die Leute,“ fragte der Oberſt. „Ei das iſt immer ſo an Vormittagen,“ verſetzte der Spanier,„ausgenommen am frühen Morgen und an Markt⸗ und Beſamanostagen; Mexiko, müſſen Se⸗ noria wiſſen, iſt der Sitz des Hofſtaats, und es iſt heilſam, ſagt unſer Hochherrlicher Bruder, der Oidor, daß es zwiſchen Sümpfe eingezwängt iſt, obwohl unſere Maul⸗ thiere während der estacion de las aguas auf den Däm⸗ men heillos mitgenommen werden. Aber als Hofſtadt, — 170— ſagt unſer Bruder, der ſehr achtbare Oidor der hohen Audiencia“— „Der mit dem Könige und dem Rathe beider In⸗ dien zu correſpondiren das unſchätzbare Glück hat,“ be⸗ merkte der Oberſt. „Eben ſo;“ fuhr der Oidor fort,„unſer ſehr acht⸗ barer Bruder verſichert, daß es vom großen Marquis weiſe geweſen ſei, die Hauptſtadt in dieſem Thale an⸗ zulegen, und ſie ſo einigermaßen dem Handel zu ent⸗ rücken, da es ſich nicht geziemen würde, daß der Ab⸗ glanz des Hofes Sr. Majeſtät durch das Treiben und Gedränge der Menge verdunkelt oder gewiſſermaßen in den Hintergrund geſtellt würde.” „Sehr weiſe,“ bemerkte der Oberſt. „Am Morgen,“ fuhr der alte Hidalgo fort,„ſe⸗ hen Sie Niemanden als Topedas, das heißt: Damen, die der Meſſe und gewiſſer anderer Dinge wegen ausge⸗ hen. Ah, Senoria, die Topedas!“ lächelte der alte Mann;„aber, Senoria,“ fuhr er fort,„glauben Sie nicht, daß Belzebub oder Satan, ich entſinne mich nicht welcher es war, der unſern Herrn verſuchte und ihm alle Reiche der Welt zeigte, ihn auf die Cordilleras des Tha⸗ les von Mexiko, und zwar den Itztaccihuatl gebracht ha⸗ ben müſſe?”“ „Da würden aber Beide gefroren haben,“ meinte der Oberſte,„denn der iſt mit ewigem Schnee bedeckt. —— —, Zudem, der Popocatepetl wäre noch um einige Tauſend Fuß höher.“” „Bei meiner Ehre, das iſt ſeltſam,“ brummte der Spanier, der den Scherz überhört hatte:„Alles wie aus⸗ geſtorben; das bedeutet etwas. Sehen Sie nur, Seno⸗ ria! Ah, dieſer Gavacho, er wußte— glauben Sie nur, er wußte— würde er wohl ſonſt ſo geſprochen haben? Ich ſage Ihnen, die Criollos führen etwas im Schilde.“ Der alte Spanier war wieder unruhig geworden; er fuhr auf ſeinem Sattel unmuthig umher, und ſeine un⸗ zuſammenhängenden Ejaculationen begannen den Oberſten ſichtlich zu ermüden. „ Sehen Sie hinab, ſchauen Sie!“ rief er,„die ganze ſchöne Welt Mexiko's, da iſt ſie— das bedeutet etwas.“ „Wahrſcheinlich, daß die Leute friſche Luft ſchöpfen wollen;“ verſetzte der Offizier. „Friſche Luft ſchöpfen um zehn Uhr Morgens? Wer hat je einen Spanier friſche Luft ſchöpfen geſehen ſeit der Cantabrier Zeiten?“ grollte der alte Hidalgo.„Und wenn Spanier es nicht thun und es nicht gethan haben, was brauchen Criollos friſche Luft zu ſchöpfen? Was ha⸗ ben ſie überhaupt Morgens außer Hauſe zu thun? aus⸗ genommen um in die Kirche, oder Topedas zu gehen, wie es guten Chriſtinnen geziemt.“ „Alſo Topedasgehen gehört auch unter die Pflichten guter Chriſtinnen?“ lachte der Oberſt. — 1272— „Allerdings,“ ſprach der Hidalgo;„es iſt eine alte Sitte, und alte Sitten, ſagt unſer Sprichwort, ſind köſtlicher denn alter Wein; denn ſie verſchaffen uns Wein, bemerkt unſer ſehr achtbare Bruder, der Oidor. Es iſt zugleich der Tribut,“ fuhr er haſtig fort,„den dieſe Damen uns, den Herren der Welt, bringen; und darum ſoll ſie erhalten werden dieſe Sitte, wie ſie erhalten wor⸗ den ſeit Jahrhunderten. Ah, Senoria! noch vor zwei Jahren konnten Sie jeden Morgen Hunderte, ja Tauſende von Topedas ſehen; man brauchte nur zu wählen.“” — Siebenundzwanzigſtes Capitel. Das Volk!— Hier iſt kein Volk, das wißt ihr wohl, Sonſt handeltet ihr ſo an ihm, an mir nicht; Ein Pöbel iſt's, deſſen Blick euch wohl beſchämt; Doch darf er murren nicht, noch fluchen, Es wäre denn mit Herz und Auge. Foscari. War es der prachtvolle Morgen, oder ein anderer Umſtand, der die ſchöne Welt Mexiko's zu dieſer unge⸗ wöhnlichen Zeit aus der Stadt gelockt hatte,— die zehnte Vormittagsſtunde fand den Paseo nuevo mit Hun⸗ derten von Reitenden und Fahrenden angefüllt, oder im vollen Zuſtrömen begriffen, die Herren zu Pferde in ih⸗ ren Mangas mit koſtbarem Pelzwerke verbrämt, die Da⸗ men in ihren Mantillas und der reizenden Basquina. Wir haben bereits des Paseo nuevo als zweier Pap⸗ pelalleen erwähnt, die, von dem ſüdweſtlichen Ende der — 174— Hauptſtadt ausgehend, ſich zwei Meilen bis zur Brücke über den Chalcokanal hinabziehen, und dann in die große ſüdweſtliche Heerſtraße von Acapulco auslaufen. Dieſe ganze lange Allee war von den oben beſchrie⸗ benen altmodiſchen, überfirnißten, aber durch ihre Anzahl und ſeltſamen Verzierungen imponirenden Wagen bis zum Erdrücken angefüllt; dazwiſchen zahlreiche Fußgänger und Reiter, Letztere in dem vollſtändigen Aufzuge mexikani⸗ ſcher Caballeros. Dieſer Aufzug beſtand nebſt der Klei⸗ dung, die wir oben beſchrieben haben, noch in der Rüſtung des Pferdes, die, obwohl nichts weniger als bequem oder zweckmäßig, ungemein maleriſch erſchien. Ein ge⸗ waltig hoher Sattel, der vorne in dem weit hervorragen⸗ den Sattelknopfe, hinten in der ſogenannten Anquerra endigte; eine Decke von gepreßtem, vergoldetem Le⸗ der, von welcher zwei Taſchen herabhingen, das Ganze mit Kettchen am Sattel befeſtigt. Ueber dieſe ſchwere Decke, die nicht mit Unrecht Cortezſchild genannt wurde, hatten die meiſten Reiter noch ein ſchwarzes Bärenfell gebreitet, das, mit der übrigen ſchweren Rüſtung und dem arabiſchen Gebiſſe, den Pferden eine kriegeriſche Stattlichkeit verlieh, die lebhaft in die Zeiten der erſten Eroberer zurückverſetzte. In den Wagen ſaßen wieder durchgehends Damen, alle in die ſchwarze Mantilla ver⸗ ſchleiert, ſo daß bloß die Umriſſe der Geſtalten zu erſe⸗ hen waren. Was jedoch am meiſten auffiel, ſo herrſchte unter den Tauſenden von Fußgängern, Reitenden und Fah⸗ — 475— renden eine merkwürdige Stille; bloß Blicke wurden zwi⸗ ſchen den ſich Begegnenden gewechſelt; kein Laut, kein Wort war zu hören, und das Geraſſel der Wagen und die Hufſchläge der Pferde waren das einzige Geräuſch, das zu vernehmen war. Alles eilte dem Ausgange des Paseo und der Straße von Tacubaya zu, auf deren An⸗ höhen die Augen Aller gerichtet waren. „Bei meiner Ehre, Senoria!“ hob der Hidalgo wie⸗ der an,„das hat etwas zu bedeuten.“ „Und was ſoll es zu bedeuten haben?“' fragte der Oberſte mit einiger Ungeduld. „Und Sie ſehen es nicht; Sie ſehen nicht, wie Alle Tacubaya zurennen? Es ſind lauter Criollen⸗Mangas, keine zehn blauen oder braunen Mäntel. Glauben Sie, ſie laufen nach Tacubaya, um den Pallaſt des Erzbiſchofs zu ſehen, oder ſeine Olivenbäume zu zählen? Madre de Dios! Sie wiſſen doch, wohin die Straße von Tacu⸗ baya führt?“ „Nach Auguſtin de las Cuevas,“ verſetzte der Oberſte. „Sie ſcherzen, Senoria,“ brummte der Spanier unwillig;„mir iſt aber gar nicht ſpaßhaft zu Muthe, und Euerer Herrlichkeit wäre es vielleicht auch nicht, wenn Sie eine Hacienda und liegende Gründe, im Werthe von einigen hunderttauſend Duros, hätten. Sehen Sie doch nur einmal dieſe Creolinnen an!“ ſtieß er auf einmal im verächtlichen Tone aus:„Haben Sie je derlei geſchaut? Sie fahren zu, ohne auch nur einem einzigen unſerer Offiziere einen Blick zu ſchenken, gerade als ob es keine ſpaniſchen Offiziere gäbe. Madre de Dios! Sie erwie⸗ dern ſelbſt die Salutation derſelben nicht; ſie regen weder Mantillas noch Fächer.“ Der Oberſte begann aufmerkſam die Gruppen zu be⸗ obachten. „So ſehen Sie doch nur einmal,“ fuhr der Spa⸗ nier fort,„dieſe Weiber, ſie grüßen Ihre Offiziere nicht.“ „Wahrſcheinlich, weil ſie ſie nicht kennen.“ „Nicht kennen!“ ſchrie der Spanier giftig:„ Nicht kennen! Sehen ſie nicht und wiſſen ſie nicht, daß ſie ſpaniſche Caballeros ſind, und daß der geringſte Spanier hier mehr iſt, als der erſte Criollo, und wenn es der Conde Regla oder San Jago wäre— Voto a Dios! da ſieht man wohl, daß Senoria noch nicht warm bei uns geworden ſind.— Beso a usted los pies, Caballeros!¹*) begrüßte er eine Gruppe Offiziere, die herangeſprengt ka⸗ men, um dem Stabvsoffizier ihre Ehrfurcht zu bezeugen. „Ah, Senoria,“ fuhr er mit erhöheter Stimme fort, „ich ſage Ihnen, daß bis zum Jahre unſeres Herrn gna⸗ denreicher Geburt, tauſend achthundert und acht, wo wir den verruchten, liberalen Iturrigaray expedirten, die erſte Condeſſa Mexiko's ſich geehrt gefühlt haben würde, *) Ich küſſe Ihrer Gnaden die Füße; ein gewöhnlicher Gruß. — 477— wenn ihr— was ſage ich, ein kaſtilianiſcher Hidalgo, nein, ein Gallego die Ehre angethan, ſie als Topeda auf⸗ zufordern, oder ſich gar herabzulaſſen, um ihre Hand an⸗ zuhalten, in welchem Falle es ſtets Sitte war, daß ſie zum Haupterben erklärt und zwei Drittel des väterlichen Vermögens erhielt, wenn nicht alle drei. Wir ſelbſt—— das Männchen hielt inne—„ Ah, das waren die guten alten Zeiten, ſeit achtzehn Monaten haben die neueren bö⸗ ſen angefangen; aber es muß wieder zurückkommen auf die guten alten Zeiten; denn worin beſtände ſonſt der Vorzug der Spanier vor allen Völkern der Welt—“ „Wenn ſie nicht die Weiber und Töchter Sr. Ma⸗ jeſtät getreuen Mexikaner zu ihrem Zeitvertreibe hätten?“ ergänzte der Oberſt lachend.„Senores,“ verſi cherte er die umſtehenden Offiziere,„die Peres und Alicantes Don Pintos ſind vortrefflich, und wir ſind Ihnen,“ fuhr er zum Hidalgo gewendet fort,„für das prachtvolle Al⸗ muerzo*) ſehr wverbunden. Aber vergeben Sie— Ihre Anſichten—— „Sind die Anſichten, die Mexiko dem Mutterlande dreihundert Jahre erhalten haben,“ ſprach der Spanier ſtolz. Ein Kopfnicken, das der Mehrzahl der Offiziere, die ſich um die Beiden herumgruppirt hatten, unwillkürlich entfuhr, ſchien zu verrathen, daß auch ſie die Anſich⸗ —— *) Frübſtück. Der Virey. II. 12 — 178— ten des ausgedorrten Spaniers vorzugsweiſe vor denen des liberalern Oberſten theilten, obwohl ſie wegen eben die⸗ ſer liberalen und verſöhnenden Anſichten von den Cor⸗ tes nach Mexiko abgeſchickt worden waren. Es iſt je⸗ doch mit dieſem ſogenannten Liberalismus der alten Welt noch eine ſehr erbarmungswürdige Affaire; ein roher, un⸗ verdauter und in ſeiner gegenwärtigen Geſtalt auch un⸗ verdaulicher Gährungsſtoff, der, unter die Menge ge⸗ worfen, eine halbe Welt in Flammen geſetzt, der wah⸗ ren Eſſenz der Freiheit nur wenig bisher hervorgebracht hat. So verkehrt iſt dieſer ſogenannte europäiſche Libe⸗ ralismus, ſo knechtiſch, wetterwendiſch und ſelbſtſüchtig, daß dieſelben Männer, die wenige Jahre ſpäter ihre Häup⸗ ter zu Tauſenden dem Richtſchwerte des Henkers dar⸗ brachten— und im unterjochten Amerika alle ihre Gei⸗ ſteskräfte anſtrengten, um den nach Freiheit lechzenden Mitunterthanen ihr Joch noch drückender zu machen; nicht einſehend, daß eben dieſe Knechtſchaft ihre Feſſeln ver⸗ ewigen müſſe. „Dieß wäre auch keine ſo üble Partie,“ meinte ein Kapitain, auf einen Wagen deutend, der, ganz ſchwarz bemalt, im feierlichen Trabe herabgerollt kam. „Beiläufig hunderttauſend Duros,“ bemerkte der Angeredete.„Das wäre eine Partie für dich.“ „Der Stern von Mexiko iſt jedoch unſichtbar,“ ſprach ein Dritter,„und für lange Zeit unſichtbar. Don Pinto, Sie gehen zum Conde de San Jago?“ fragte der Sprecher den alten Hidalgo. „In ſehr wichtigen Angelegenheiten, Don Parodi,“ bedeutete ihm dieſer.„Wir verſammeln uns bei Sr. Herrlichkeit in Cuerpo. Ah, Senores, dieſer Conde de San Jago hat eine Niece, Senores eine Niece, und dieſe Niece hat wieder Duros. Ja, Senores, dieſe Con⸗ deſſa Elvira—„ „Pah! eine Creolin;“ fiel der Lugerteniente ein. „Aber vom reinſten alten leoniſchen Adel, mit meh⸗ reren der erſten Familien verwandt, und dann— Duros! Man ſagt, ſelbſt der Conde werde ihr einen bedeutenden Theil ſeines Vermögens hinterlaſſen.“ „Wollen Sie die Gefälligkeit haben, Se. Herrlich⸗ keit unſerer Ergebenheit zu verſichern, und demſelben zu eröffnen, daß wir uns die Freiheit nehmen werden, ihm und ſeiner Condeſſa unſere perſönliche Aufwartung zu machen?“ „Dem Conde de San Jago?“ ſprach der Hidalgo, der den alten verdorrten kleinen Lieutenant kopfſchüt⸗ telnd maß. „So eben ſagten Don Pinto,“ bemerkte der dürre Lugerteniente beleidigt,„daß der gemeinſte Spanier freien Zutritt im beſten gräflichen Hauſe habe. Wir hoffen doch, daß wir, Don Pedro Parodi, deren Vorfahren unter dem großen Ruy die Schlacht von Ronceval—“ — 130— „Nur jetzt nicht, nur jetzt nicht,“ wisperte der alte Spanier, der mit ſeiner Hochachtung für altſpaniſches Blut doch in einige Verlegenheit zu gerathen ſchien. „Nur jetzt nicht,“ bat er.„In zwei, vier Wochen, ſo wie wir von Cuautla Amilpas herauf gute Nachrich⸗ ten haben.“ „Und warum jetzt nicht?“ fragte der kleine, alte, klapperdürre Lieutenant ungeduldig. „Senor!“ erwiederte der alte Spanier.„Um der Madre de Dios willen, nicht jetzt! Se. Herrlichkeit ha⸗ ben eine lange Hand bei der Cortez, ſind gefürchtet.— Patiencia es prudencia, ſagt unſer Sprichwort.“ Nur ungern ließ ſich der Lugerteniente bewegen, ſeine plötzlich aufgeflammte Liebe zu der ſchönen Condeſſa El⸗ vira und ihren ſchönern Duros zu vertagen. Einſtwei⸗ len jedoch ſchloß er ſich wieder an die übrigen Offi⸗ ziere an, deren ſehr lebhafte Unterhaltung ſich durch ein lautes Gelächter der Menge ankündigte. Man hörte bloß die Schlagwörter, die in ſpaniſcher Manier fielen, kurz, trocken und voll kauſtiſchen Salzes. „Carraco!“ rief ein Alfarez*).„Dieſe ledernen Kaſten könnten alle Aquatamientos des alten Caſtiliens mit dem ganzen Hofſtaate des alten Don Carlos und der ſehr liebenswürdigen Marie Louiſe und des Gardiſten beherbergen.“ *) Fähnrich. — 181— „Nur ſind die verdammten Fenſter ſo hoch, daß man die Senoritas nicht ſehen kann;“ lachte ein Zweiter. „Was braucht es viel zu ſehen, wo man greifen kann?“ ſpottete ein Dritter. „Oder rufen, oder pfeifen;“ höhnte ein Vierter. „ Verſuchen Sie es, Amalgro, und ſehen Sie, ob Sie nicht zwanzig— ſechzig— hundert auf einmal am Halſe haben! Abderahman konnte nicht ſchneller bedient wor⸗ den ſein.“ „Nur mit ihrer Morgentoilette ſollen ſie einen ver⸗ ſchonen;“ grinste ein Fünfter.„Carraco! Unſere Spa⸗ nierinnen haben den anerkannten Vorzug con gracia y amore zu ſchmachten.”* „Verdad!“ verſicherte ein Sechster.„Die Ingleſe liegt wie eine Bärin auf ihrer Ottomane, die Franzöſin wie eine Comödiantin— „Die Tedesca wie eine Bäuerin;“ begann der Erſte wieder. „Und dieſe Creolinnen wie—“ fiel der Zweite ein. „Ausgenommen wenn ſie aus dem Dampfkeſſel kom⸗ men;“ bemerkte der Dritte. „Dann liegen ſie wie Faulthiere, ohne Regung, ohne Bewegung;“ lachte der Vierte. „Das iſt Natur;“ fiel der Fünfte ein. „Und in der Mode ſind ſie zwanzig Jahre zurück,“ gellte der Sechste. „Das kömmt wieder vom Conſulado von Cadix,“ — 12— meinte ein Siebenter,„das ihnen die Prachtaufzüge erſt ſendet, nachdem unſere Majas*) ein Dutzend Jahre bereits darin geglänzt haben.“ „Carracco!“ rief der erſte Würdenträger dieſer ſchwarzbärtigen Schar, ein kleiner feuriger Alfarez, in⸗ dem er ſeinem Pferde die Sporen gab, und im raſche⸗ ſten Gallopp einer Kutſche zuſprengte, in der zwei Da⸗ men ſaßen, von denen die eine, nach den edlen Umriſſen ihrer verhüllten Geſtalt zu ſchließen, eine ſehr anziehende Erſcheinung ſein mochte. Die plötzliche Bewegung des jungen Offiziers hatte nicht nur die Aufmerkſamkeit der ſämmtlich auf ihren Pferden haltenden Offiziere, ſondern des Publikums überhaupt in hohem Grade erregt, und ſie begann, obwohl auf verſchiedene Weiſe, ſich eben ſo ſchnell zu äußern. 4 „Demonio!**)“ riefen die Offiziere. „ Abajo!“ ſchallte es im dumpfen Gemurmel aus der wogenden Menge herüber. „Adelante, Adelante, Don Lopez!“ riefen mehrere Offiziere wieder. „Con franqueza! s*) andere. *)⸗Leichte Mädchen. **) Teufel. *8*) Mit Kühnheit. Seien Sie kühn! — 4183— „ „Viva el conquistador!*) ſchrie ihm eine dritte Abtheilung zu. „Meiner Seele, keck wie ein Navareſe,“ bemerkte einer der Schwarzbärte, wie ſie von ihren witzigen Nach⸗ barn nicht unpaſſend genannt werden. „Sagen Sie vielmehr, kühn wie ein Andaluſier,“ ver⸗ beſſerte ihm ein Zweiter;„denn Don Lopez⸗Matanza hat die Ehre ein geborner Andaluſier zu ſein.“ „Des Landes, das der Erzengel Gabriel ſelbſt be⸗ ſuchte;“ ſpottete ein Nachbar. Die witzige Unterhaltung wurde auf einmal durch einen Schrei des Unwillens oder Entſetzens, der aus dem Wagen, in welchem die beiden Damen ſaßen, gehört ward, unterbrochen. Der Fähnrich war auf dieſen, mit all der äußern Galanterie eines Spaniers und all dem Uebermuthe eines priviligirten Wüſtlings zugeſprengt. Einen Augenblick herrſchte Todtenſtille im ganzen unüber⸗ ſehbaren Paſeo ob dieſer frechen Herausforderung; aber zu⸗ gleich wandten ſich tauſend Köpfe, und tauſend Hälſe ſtreck⸗ ten ſich in der Richtung hin, wo der Schrei her erſchallt war, und als ſie die Urſache allmählich erriethen, hiel⸗ ten die Wägen auf einmal, und Reiter und Fußgänger galloppirten und preßten zu Hunderten an die Kutſche, in der die beiden Damen ſich befanden, heran— und bald war der kecke Offizier von einer zahlloſen Menge umge⸗ *) Es lebe der Eroberer. — 4184— ben, und Reiter und Fußgänger hatten ſich in eine dichte Maſſe um den Wagen und den übermüthigen Fähnrich herumgedrängt und einen compacten Kreis um ihn gebil⸗ det. Zugleich erhob ſich ein Gemurmel, das anfangs wie furchtſam klang, das aber mit jeder Sekunde lauter und drohender wurde. Noch war keine Hand gegen den vermeſſenen Verächter mexikaniſcher Weiblichkeit erhoben; aber nun ertönten die furchtbaren Worte:„Dexalo, dexalo! Abajo con los tyrannos! Hundert Hände erhoben ſich zugleich, und der unſelige Fähnrich ver⸗ ſchwand von ſeinem Roſſe. Die ſämmtlichen Offiziere waren im Fluge herangeſprengt, und ſuchten mit gezück⸗ tem Degen ſich den Weg zu ihrem Gefährten zu bahnen. „Senoria, um der Madre de Dios willen!“ kreiſchte der alte Hidalgo dem Oberſten in das Ohr, der mit einem der Offiziere einige Schritte abwärts im Geſpräche begriffen geweſen, und dann, im Anſchauen eines glän⸗ zenden, raſch den Paſeo herabkommenden Phätons ver⸗ ſunken, auf das Vorgefallene erſt jetzt aufmerkſam wurde. „Senoria!“ kreiſchte der Hidalgo dringlicher.„Stellen Sie ſich nur die Keckheit vor! Einer Ihrer Offiziere, der ſehr achtbare Alfarez Don Lopez⸗Rinconada, vom Re⸗ gimente Zaragoza, wie wir glauben, würdigt die Se⸗ norita Zuniga ſeiner Aufmerkſamkeit, und ſervirt ihr eine Salutacione, deren ſich keine Condeſſa ſchämen dürfte, und die unverſchämte——»„ „Bei meiner Seele, Don Abaſalo Agoſtino Pinto ſind ein Narr!“ rief ihm der Oberſt zu, der ſeinem Gaule den Sporn gab, und dem Haufen zuſprengte, der in demſelben Augenblicke ſich theilte, um den glänzenden von vier ſtolzen Andaluſiern gezogenen Phäton durchzulaſ⸗ ſen, und zugleich den Schwertern der ſechs Leibgardiſten die ihm vorſprengten und Bahn machten, zu entgehen. Der Haufe hatte ſich, ſonderbar genug, lautlos und in wenigen Sekunden mit einer bewundernswerthen Ordnung in die zweite Allee gezogen, und die vicekönigliche Equi⸗ page war ungehindert an den Wagen, in dem die beiden Damen ſaßen, vorgefahren. „Que es este? ˙ fragte eine der beiden Damen, die im Phäton ſaßen. „Eine zuweitgetriebene Galanterie,“ antwortete der Oberſte;„ſo viel wir gehört haben, deren ſich unſer Alfarez, Don Lopez Rinconada ſchuldig gemacht hat.“ „Wir bedauern unendlich, liebe Senoras;“ ſprach die Dame mit einer volltönend melodiſchen, aber etwas gebieteriſchen Stimme,„und bitten Sie einſtweilen unſern Wagen als den Ihrigen anzuſehen.“ Und indem ſie mit bezaubernder Grazie ſich zu den Damen hinüber neigte, hoben zwei reichgekleidete Diener, die vor Schrecken über dieſe Auszeichnung halbtodte Creolin aus ihrem Wagen, und verſetzten ſie in den Phäton an die Seite der hohen Dame, die ſich nun gegen die Offiziere huldvoll verbeugte, und mit dem gnädigen Lächeln einer Königin den Paſeo hinabrollte. — 186— Des Oberſten Auge war einen Augenblick der ſtolzen Schönen nachgefolgt, dann fiel ſein Blick auf die Creo⸗ len, die nun wieder wie zuvor dem Ausgange des Paſeo zufuhren, ritten und wogten gleichſam, als ob auch nicht das Mindeſte vorgefallen wäre. „Das iſt ſeltſam, auf Ehre,“ ſprach er endlich zu ſeinem Nachbar.„Wo iſt aber Alfarez Don Lopez⸗Ma⸗ tanza? Don Martinez, fordern ſie ihm für drei Tage ſeinen Degen ab. Wo iſt Alfarez Don Lopez⸗Matanza?“ fragte der Oberſt heftiger. Er war verſchwunden; ſein Pferd mit ihm. „Wo iſt Don Lopez⸗Matanza?“ tüaſen ſämmtliche Offiziere. „Sucht hinter dem Springbrunnen,“ ſchrien ent⸗ fernte Stimmen herüber. „Jesu Maria! Tolos diablos! Santa Vierge!“ ſchrien und riefen ſämmtliche Offiziere. Der unglücklicheSpanier lag hinter dem Brunnen, ſeine Bruſt von mehrern Stiletſtichen durchbohrt; er ſelbſt ohne Leben. Blaue Flecken am Halſe verriethen, daß er zuerſt erwürgt und dann erdolcht worden war. „Sie haben ihm, wie einem jungen Hund, den Hals umgedreht,“ ſchrie Don Pinto. „Senores,“ ſprach der Oberſte leiſe und ungemein ernſt,„unſer Bruder hat ſein Schickſal geſucht. Dieſe verachteten Creolen fangen an ihre Schande zu gewahren. Hüten Sie ſich, dieſe Erkenntniß zu beſchleunigen.“ — 185— „Madre de Dios!“ murmelte ein Capitano.„Bei hellem lichten Tage im Angeſichte von Tauſenden haben ſie ihn wie einen Hund erwürgt.“ „Ich fürchte ſolche Thaten; es ſind Funken, die leicht zu Bränden werden können,“ mahnte der Oberſte. „Nochmal, Senores, Prudencia.“ Ein Piquet Truppen, das beiläufig tauſend Schritte davon an der Brücke des Chalco⸗Kanals aufgeſtellt geweſen, war mittlerweile herbeigeeilt; der Oberſte ertheilte die nö⸗ thigen Befehle und ſprengte, nachdem die Soldaten den Hemordeten auf eine Tragbahre, aus ihren Gewehren zu⸗ ſammengeſetzt, gelegt, den Paſeo hinab; die andern folg⸗ ten der Leiche. Uebrigens ſchien das Ereigniß, als ein ſo furchtba⸗ res Symptom von Volksgeſinnung gegen ſeine Unterdrücker es auch gelten konnte, zehn Minuten nachdem es vorge⸗ fallen war, rein vergeſſen zu ſein; kaum daß man auf die Soldaten, die den Leichnam dem viceköniglichen Schloſſe von Capultepec zutrugen, achtete. In derſelben bangen, brütenden Stimmung, und mit der beflügelten Eile ängſt⸗ licher Erwartung ſtrömte die Menge dem Ausgange des Paſeo und den Anhöhen von Tacubaya zu, ohne weder links noch rechts zu ſehen.. Es war etwas Unnatürliches in dieſer Haſt und Angſt, mit der Tauſende und abermals Tauſende den Anhöhen von Tacubaya zu fuhren und ritten und liefen, und als ſie auf denſelben angekommen waren, in das 4 — 188— Thal und die ſich hinter dieſem Thale aufthürmenden Berge von Marques de la Cruce hineinſtierten, als woll⸗ ten ſie mit ihren Blicken durch und durch ſchauen und weiter dringen in eine Ferne, die für ſie etwas Namen⸗ loſes zu haben ſchien; denn keine Zunge wagte es, die⸗ ſer Sehnſucht Worte zu geben. Was aber dieſe Sehnſucht, dieſes Etwas war, das mögen unſere Leſer, die das früher Geſagte im Gedächt⸗ niß behalten haben, leicht ermeſſen. Die Straße, die nach Tacubaya führt, zieht über Auguſtin de las Cuevas, Axusco, Guxilaque und Cuernavaca nach Cuautla Amil⸗ pas, dem Punkte, auf dem ſich die Hoffnungen und Be⸗ ſorgniſſe von Tauſenden und Millionen concentrirten. Dort ſtand das Heer der Inſurgenten unter dem Manne, deſſen unerſchütterliche Ausdauer neuerdings die Wagſchale der Freiheit Mexiko's ſinken gemacht hatte. Dieſes Har der Inſurgenten, ſo viel wurde nun dem Volke allmälig klar, hatte auf der Straße von Mexiko nach Acapulco eine feſte Stellung eingenommen; aber mit welchen Abſich⸗ ten und Streitkräften, das war noch unbekannt; denn, wie leicht zu erachten, ſo hatte die Regierung über die Bewegungen der Patrioten ſowohl, als die ihrer eigenen Armeen das tiefſte Stillſchweigen beobachtet; die vicekö⸗ nigliche Hofzeitung, die einzige, die im ganzen mexika⸗ niſchen Reiche exiſtirte, hatte bloß unter den endloſen An⸗ kündigungen von Prozeſſionen und Kirchenfeierlichkeiten, — 189— mit denen ſie jederzeit ausgefüllt war, die kurze Nach⸗ richt eingeſchaltet, daß Se. Excellenz der General⸗Capi⸗ tain mit den Tapfern von Mexiko ausgezogen ſei, um die ſchwachen Ueberreſte der Rebellen, die es vermeſſent⸗ licher Weiſe wieder gewagt hätten, ſich zu zeigen, vol⸗ lends zu vertilgen; und ganz am Ende ſtand der verlorene Nachſatz, daß Major Ulloa beordert worden war, einen Banditenhaufen, der die Straße von Puebla unſicher machte, der gerechten Strafe zu überliefern; die gewöhn⸗ liche Art und Weiſe, in der die ſpaniſchen Behörden von den Führern der Revolution und ihren Bewegungen ſpra⸗ chen, die aber, weit entfernt, die gehoffte Verblendung des Volkes zu bewirken, dieſes der Wahrheit nur um ſo näher gebracht hatte. So gedrückt und in Unwiſſenheit verſunken auch die große Mehrzahl der Mexikaner ſein mochte, ſo konnte die Anweſenheit bedeutender Streit⸗ kräfte der Inſurgenten in der Nähe der Hauptſtadt und an einer ihrer wichtigſten Verbindungslinien unmöglich lange verborgen bleiben. Nicht nur hatte die Zufuhr von dem Punkte, wo ſich die Armee der Inſurgenten feſtgeſetzt hatte, aufgehört, auch die Verbindung mit den weſtlichen und ſüdlichen Provinzen des Reiches war un⸗ terbrochen, und die Hauptſtadt hatte das Anſehen einer blokirten Feſtung angenommen. Auch dem blödeſten Ver⸗ ſtande mußte es ſo allmählig begreiflich werden, daß nur ein ſtarkes und an die Regeln der Kriegszucht gewohntes =— 4199 Heer einen ſolchen Zuſtand der Dinge herbeiführen konnte, einen Zuſtand, der wieder, weit entfernt Mißmuth oder Troſtloſigkeit zu verbreiten, vielmehr die ganze Bevölke⸗ rung in eine Art freudigen Wahnſinnes verſetzte; der meie⸗ der etwas folternd Peinliches dadurch hatte, daß alle ih⸗ ren Freudenrauſch in die tiefſte Bruſt zu verbergen ge⸗ zwungen waren. Verzögerte Hoffnung macht das Herz krank, ſagt der königliche Weiſe, und Mexiko war wirklich krank. Es waren dieſem Volke die Siege der Inſurgenten, trotz aller Vorſichtsmaßregeln der Beherrſcher, zu Ohren gekommen, und dieſe Siege hatten zu dem bittern Haſſe, mit dem es ſeine Unterdrücker anzuſehen ge⸗ wohnt geweſen, noch Verachtung beigeſellt,— Leiden⸗ ſchaften, die nur dann demjenigen, in dem ſie toben, erträglich werden, wenn er ihnen Luft machen darf. Ge⸗ zwungen, den verhaßten Gachupins eine Ehrerbietung zu heucheln, die ihnen zur Pein wurde, und die Hoffnung baldiger Erlöſung von ihrer Tyrannei in die Tiefe ihres Herzens zu begraben, waren nun Tauſende und abermals Tauſende den Mauern Mexiko's entflohen und ausgezogen, um ihrem innern Drange zu gehorchen, und ſich wenig⸗ ſtens ſo viel als möglich dem Punkte zu nähern, wo ihre Freunde und Lanoͤsleute für die Freiheit des gemeinſamen Vaterlandes fochten und bluteten; die einzige Willens⸗ äußerung, die dieſem Volke erlaubt war. Aber gleichſam, um den allgemeinen Abſcheu gegen die geſetzloſen Tyran⸗ nen wenigſtens in etwas Luft zu machen, waren Hunderte von Kutſchen an der Villa des Conde de San Jago vor⸗ gefahren, um dem edlen Landsmanne und ſeiner Pflege⸗ tochter die allgemeine Sympathie auf eine recht deutliche Weiſe darzuthun. Achtundzwanzigſtes Capitel. Unſer Fug zur Klag iſt gemein. Shakespeare. Wir haben dieſes Haus in der Verſtörung verlaſſen, in welche die gewaltſame Losreißung eines hoffnungsvol⸗ len Gliedes ſeinen Gebieter und vorzüglich das holde Kind geworfen hat, das durch dieſe grauſame Entfernung am ſchmerzlichſten betheiligt worden war. So viel wir ent⸗ nehmen können, war das Band, das wir zerreißen ge⸗ ſehen haben, eines jener zarten Verhältniſſe geweſen, die in den Tagen harmloſer Kindheit ſich knüpfen, und durch die zärtliche Hand väterlicher Freundſchaft gepflegt und berathen, von der kindlichen Neigung allmälig in die ſchönern ſehnenden Gefühle der Jungfrau und des Jüng⸗ lings übergehen, und ſo zur erſten Liebe werden„ die, noch immer halb ſchweſterlich zugleich in die ſüßern Träume verſchmelzt, die Dichter als die glückliche Morgenröthe des — 493— Lebens und zugleich als die ſchönſten Stunden deſſelben ſchildern. Dieſe Liebe hatte ſich ſo zart und wieder ſo ſtark in alle Fibern des jugendlich holden Weſens ver⸗ woben, daß der erſte Sturm, der es nun getroffen, bei⸗ nahe die herrliche Knospe zerknickt hätte, und man es ihr noch immer anſah, wie tief ſie der Stoß erſchüttert, und daß es der erſte geweſen, der ihr frohes Leben ge⸗ trübt, und ihr reines Gemüth zerriſſen hatte. In ihrem holden Sinnen ihrer ſüßen Beklommenheit ſchien ſie ge⸗ wiſſermaßen zu fragen: Was habe ich euch gethan, daß ihr mich ſo grauſam verwundet? Sie war noch immer wie erſtaunt über die rauhe Weiſe, mit der ihre Liebe zurückgeſtoßen worden, und ließ nun gleich der prachtvol⸗ len Sinnpflanze ihres eigenen Landes, die traurig ihre Blätter ſenkt, ſo wie ſie von einer unzarten Hand berührt wird, das Köpfchen hängen. Sie ſaß in ihrem Schlaf⸗ gemache, das innige Zärtlichkeit zum ſüßduftenden Tem⸗ pel reiner Unſchuld mit einer ſeltenen Delikateſſe ausge⸗ ſchmückt hatte. Die Wände, nach Landesſitte al fresco gemalt, zeigten gelungene Copien der raphaeliſchen Car⸗ toons, von einem der erſten Schüler der Akademie der ſchönen Künſte ausgeführt. Zwei Marmorſtatuen, Amor und Pſyche vorſtellend, lächelten aus ihren Niſchen ſchalk⸗ haft und heiter verſchämt dem holden Kinde zu. Im Hintergrunde einer Alcove ſtand das mit durchſichtigem Flor umhangene jungfräuliche Bette von duftendem Ro⸗ ſenholz auf Säulen von getriebenem Silber ruhend. Das Der Virey. II. 1 ☛ — 4194— Gemach ſelbſt war in einen Garten verwandelt, von den herrlichſten Wohlgerüchen der mexikaniſchen Flora duftend, der Herz⸗ und Tigerblume und den Abarten der vielfar⸗ bigen Camelien, während durch die purpurnen Vorhänge des offenen Fenſters die blaßrothen Strahlen der Morgen⸗ ſonne das Ganze in das lieblichſte Helldunkel kleidete, alles bezeugend, wie die Bewohner des Hauſes vereint beigetragen hatten, den gemeinſamen Liebling zu ent⸗ zücken. Zu den Füßen des holden Kindes kauerten zwei wun⸗ derſchöne Oaxaca⸗Indianerinnen, deren glänzende Kupfer⸗ farbe nur in den Hintergrund geſtellt zu ſein ſchien, um die ungemeine Lieblichkeit der Hauptperſon recht ſtrahlend hervorzuheben, ſo wie der Steinſetzer die farbigen Rubi⸗ nen wählig um den Solitair reiht, ſo dem Glanze des letzteren das nöthige Relief zu geben. In einem anſto⸗ ßenden größeren Zimmer, das als Beſuchſaal diente, ſaßen mehrere Damen in der ſchwarzen Morgenkleidung des hohen Adels Mexikos. Sie ſchienen ungemein ernſt, ja niedergeſchlagen, meh⸗ rere ſchwiegen ganz, andere waren in einer abgebrochenen unterhaltung begriffen, oder horchten den Stimmen, die aus dem anſtoßenden Gemache, nun mehr nun minder vernehmbar, herüberſchallten. Es waren Männerſtimmen, die obwohl ſie leiſe zu ſprechen ſich Mühe gaben, häufig wieder in die leidenſchaftliche Hitze ausbrachen, in der Niemand leichter als Creolen aufwallen.— — 195— „Und wann hat unſere theure Condeſſa zuerſt das das Lager verlaſſen?“ fragte eine würdig ausſehende ganz ſchwarz gekleidete Dame, auf deren Geſichte die Spuren einſtmaliger Schönheit noch nicht ganz verwiſcht waren. „Küſſe Eurer Herrlichkeit die Hände,“ verſetzte die Camareria.„Geſtern erhob ſie ſich auf einmal, und zwar gerade als Se. Herrlichkeit, der Conde, recht betrübt und traurig in ihr Cabinet traten. Sie ſchaute ihn lange an, als wollte ſie ihn mit ihren lieben holden Aeuglein durch⸗ ſchauen, die ſo fromm und doch wieder ſo ſchalkhaft lä⸗ cheln; aber jetzt lächeln ſie gar nicht. Sie ſagte aber kein Wort. Aber als er gegangen, fragte ſie mich und die Doncella Bettina, was dem Tio fehle, ob Nachrich⸗ ten von der Armee eingelaufen. Sie fühlte wohl, daß der Schmerz des Grafen nicht ihr gegolten, und ſtun⸗ ddenlange ſprach ſie zu ſich ſelbſt, und machte ſich Vor⸗ würfe, daß ſie die Traurigkeit des Conde erhöhe, und durch ihren Schmerz ihm das Herz noch mehr beenge. Sie klagte ſich ſelbſt an, der liebe Engel.“ „Das iſt wirklich ſonderbar;“ ſprach die Gräfin. „Wir mußten,“ fuhr die Kammerfrau fort,„ihr alles erzählen, was ſich ſeit der Abreiſe des unglücklichen Ninon zugetragen, die zahlreichen Verhaftungen, das Verſchwinden ſo vieler theuren und werthen Häupter aus der Mitte ihrer Familien, die ſchreckliche Angſt, die auf einmal über das Volk gekommen, die Gerüchte von der — 496— Annäherung der Rebellen, und wie bereits ſeit zwei Ta⸗ gen alle und alle hinausziehen, als wenn ſie vom Verdugo gepeitſcht würden, gegen die Anhöhen von Tacubaya.“ „Mutter der Gnaden! Wie konntet Ihr ihr nur das ſagen?“ „Küſſe Euer Gnaden und Herrlichkeit die Hände,“ verſetzte die Kammerfrau.„Eben dies hat ſie geneſen gemacht. Es ſcheint wirklich, als ob die Größe unſerer Trauer und unſeres Schmerzes den ihrigen ertödtet hätte.“ Die Damen ſahen ſich verwundert an. „So helfen unſere Leiden wenigſtens Einer, die wir lieben;“ ſprach die Gräfin.„Aber Senorias,“ fuhr ſie fort, und ihre Stimme zitterte,„mir iſt wirklich zu Muthe, als wenn mir das Herz jeden Augenblick ſpringen ſollte.“ 4 „Und mir, als ob das meinige durch Marterwerk⸗ zeuge zuſammengepreßt würde;“ ſeufzte eine Zweite. „Sehen Sie nur hinab in den Paſeo— Jeſu Maria! die Angſt dieſer Leute;“ bemerkte eine Dritte. „Und hinauf die Straße von Ajotla;“ fiel eine Vierte ein.„Es ſoll alles voll von Leperos ſein.” „Mein Gott!“ jammerte eine Fünfte, und ihre Stimme zitterte, als würde ſie von einem Fieberſchauer gerüttelt.„Was will denn das unvernünftige Volk? Nicht genug, daß wir bedroht und bedrängt ſind, nicht wiſſen wohin vor Angſt, daß unſere Angehörigen ver⸗ ſchwinden vor unſern Augen, und die Nacht des Ker⸗ — — 197— kers ſie ewig unſern Blicken verbirgt, um des geringſten Verdachtes willen, ſo müſſen auch noch dieſe—— und doch iſt ihr Auszug ganz ſonderbar, wunderbar.“ Sie ſchüttelte das Haupt zweifelhaft. „Ja wohl wunderbar, liebe Condeſſa,”“ fiel ihr die Gräfin Iſtla ein.„Erinnern Sie ſich noch ihres Aus⸗ zuges vor ſiebzehn Monaten, der uns allen zu einer ſo gräßlichen Vorbedeutung wurde?“ „Wir hatten eine kleine Tertullia;“ fiel ihr die Gräfin R— a ein,„als es auf einmal hieß, die Gua⸗ chinangos rühren ſich, und Sie werden ſich unſern Schre⸗ cken leicht vorſtellen können; denn ſo harmlos dieſes Volk auch iſt, ſo iſt es doch nur ein unvernünftiges Volk, und unſer alte Mayor domo erzählt, wie einſt ein Vi⸗ rey mit ſeinem ganzen Hofſtaate und ſeinen Garden ſo in Schrecken geſetzt wurden, daß er ins San Francisco⸗ Kloſter flüchten mußte, wo er ohne die Padres zerriſſen worden wäre. Ja wir ſaßen ſo eben bei Tiſche, wie Ihre Herrlichkeit, Condeſſa Iſtla wiſſen—“ „Als es hieß,“ fiel ihr die Condeſſa Iſtla ein, „daß die Guachinangos aufgeſtanden ſeien. Wir liefen alle vor Schrecken und Entſetzen auseinander, und es war gräßlich anzuſehen, dieſe Tauſende und abermals Tauſende—“ die Dame hielt ihren Fächer vor,—„wie ſie aus ihren Höhlen krochen, Acolotes*) gleich.”“ *) Eine Art Eidechſen, die gegeſſen werden. — 4938— „Und eben ſo mutternackt wie dieſe;“ fügte die we⸗ niger zarte Camareria hinzu.„Wir waren zum Glücke im Baxio.“ „Und ſich ſammelten, fuhr die Condeſſa Iſtla fort, „in einen Haufen ſo dicht, daß keine Orange, unter ſie geworfen, die Erde hätte erreichen können. Und dann zogen ſie der Alameda Buccarelli zu; und von da weiter nach der Hacienda von Guaximalpa, und die Anhöhen von Santa Fe hinauf, wo ſie ſich lagerten.“ „Und es wurde wieder Abend,“ fuhr eine andere Dame fort,„und ſie kamen zur Verwunderung Mexikos nicht zurück, und es kam der Morgen und wieder Abend und wieder Morgen. Sie blieben noch immer. Anfangs lachte man über ſie, dann wünſchte man ſich Glück, ſie los ge— worden zu ſein, aber zuletzt fing es allen an, unheimlich zu werden. Nach drei Tagen kehrten ſie zurück, und an demſelben Tage kam die Nachricht, daß die Rebel⸗ lion in Dolores ausgebrochen ſei, und ſechs Wochen darauf ſahen wir den gräßlichen Hidalgo mit ſeiner wü⸗ ſten Horde auf eben den Anhöhen gelagert, die die Le⸗ peros früher inne gehabt hatten.“ Es entſtand nun eine lange Pauſe, wie bei Men⸗ ſchen, die gerne ihrem gepreßten, geängſteten Herzen Luft machen möchten, die aber fürchten, irgend einen Gegen⸗ ſtand zu berühren, der einen wunden Fleck dieſes ihres Herzens treffen könnte.“ „Ich weiß nicht,“ hob endlich die Condeſſa Iſtla — 499— feufzend wieder an,„was ich von dieſem Hidalgo hal⸗ ten ſoll, und dem ſchlimmeren Morellos. Die Gachupins ſchildern ſie als die ärgſten Ketzer, und Padre Domingo behauptet feſt und heilig, daß Hidalgo während ſeiner Gefangenſchaft die Klauen und Hörner des Gott ſei bei uns gewachſen ſeien.“ Bei dieſen letzteren Worten kreuzte ſich die Dame, rief den Namen Jeſu dreimal und küßte dann ihre Daumen. Daſſelbe thaten die Uebrigen. „Heilige Jungfrau!“ ſprach die Marquiſin Gri⸗ jalva.„Wir ſind ſo gänzlich in den Händen dieſer un⸗ verſöhnlichen Gachupins, dieſer Todfeinde alles deſſen, was mexikaniſch iſt, außer ſeines Goldes und Silbers, die uns ſchmähen und höhnen, und dann die Rebellen vor den Thoren, die von Ketzern angeführt werden.“ „Sie wiſſen was geſtern mit der Donna Matilda geſchehen?“ fragte die Marquiſin B— e.„Der Ca⸗ pitano Figueras vom Regimente Navarra hatte ſie ge⸗ ſehen, hatte gehört, daß ſie bedeutendes Vermögen be⸗ ſitze, und noch geſtern iſt dem Vater der hohe Wunſch durch den Generalen Pincha eröffnet worden, der Ver⸗ mählung ſeiner Tochter mit dem Gachupin kein Hinderniß in den Weg zu legen. Er mußte ſeine zwei Söhne zu Gunſten des ſpaniſchen Schwiegerſohnes enterben. Beide machten ſich noch geſtern auf den Weg nach Cuautla Amil⸗ pas, wurden ergriffen—“ „Und haben zu leben aufgehört;“ flüſterten die an⸗ dern Damen mit hohler, dumpfer Stimme. — 200— „Don Alaman,“ fuhr die Condeſſa Irun nach einer Pauſe fort,„ſtarb, wie Sie wiſſen, eines plötzlichen To⸗ des auf ſeiner Hacienda. Er hatte, da das Jahr ſo eben begonnen, die indulgencia plenaria*) nicht gelöst von des Vireys Exeellenz; deßwegen wurde ſein Teſtament ungültig erklärt, ſein Vermögen vom Fiscal der hohen Audiencia eingezogen, und die Kinder——“ „Sind Bettler!“ ſeufzten die Damen wieder in dem⸗ ſelben dumpfen Tone. „Senorias,“ ſprach die Condeſſa R— a,„ich rang meine Hände, ich erhob ſie flehend zur heiligen Jung⸗ frau, und betete und beſchwor ſie, mir zu offenbaren im Traume odre durch ein ſonſtiges Zeichen, welches der rechte Weg in dieſen Trübſalen ſei.“ Sie ſah ſich nach allen Seiten ſcheu um und fuhr dann fort:„Dieſe Ga⸗ chupins wüthen ärger unter uns, als die Heiden, Tür⸗ ken und Mauren, und gerade als ob wir gente irrazio- nale wären, behandeln ſie uns. Und doch wieder ſind ſie unſere Obrigkeit, und alle Obrigkeit iſt von Gott einge⸗ ſetzt; zudem ſind die Gavecillas von Sr. Gnaden dem Erzbiſchofe exkommunicirt. Allerſeligſte Jungfrau! Man weiß nicht mehr, was man denken, glauben oder thun ſoll!“ „Santa Vierge!“ jammerte eine Zweite, eine Dritte, eine Vierte, bis endlich Alle ihre Seelenleiden dahin ge⸗ *) Vollkommner Ablaß. Siehe Nole, — 201— äußert hatten, daß ihre Herzen bereits ziemlich für die Rebellen ſchlugen, daß aber Furcht vor den gräßlichen Gachupins, und mehr noch vor der ſchrecklichen Exkom⸗ munikation ſie abhalte, dieſen Gefühlen eine werkthätigere Richtung zu geben. Dieſe Furcht war übrigens nicht ungegründet, und ſelbſt ſtärkere Seelen als die unſerer Damen waren durch dieſen ſchrecklichen Fluch eingeſchüchtert worden, und nur der Umſtand, daß das exkommunicirende Haupt der mexi⸗ kaniſchen Kirche, der Erzbiſchof, ein Gachupin, und die Anführer des Inſurgentenheeres großentheils creoliſche Prie⸗ ſter waren, hatte wieder ein heilſames Gegengewicht her⸗ vorgebracht. In einem Lande, wo Mütter, und zwar Mütter angeſehener Familien, nur noch kurz vorher ihre Söhne der Inquiſition, oder, was dasſelbe ſagen will, dem Tode oder ewiger Gefängnißſtrafe überlieferten, aus keinem andern Grunde, als weil dieſe Söhne die Schriften der franzöſiſchen Philoſophen bei ſich führten, mußte natürlich die Kirche noch einen ſtarken Halt auf die Gemüther ihrer geiſtlichen Schafe, und vorzüglich beim ſchönen Geſchlechte haben, das ſo ganz in ihrer Gewalt war. Es trat eine lange Pauſe ein. „Die Patrioten haben aber auch ihre Padres,“ fiel ihr die Marquiſin Grijalva ein,„und zwar fromme creo⸗ liſche Padres, und Se. Erzbiſchöfliche Gnaden ſind ein — 202— Gachupin.“ Sie hielt inne; denn die Stimmen im an⸗ ſtoßenden Gemache waren ſehr laut und heftig geworden. „Und Eure Herrlichkeit rechnen dieſe Tauſende, die hinauf gegen Tacubaya ſtrömen, als wenn das Vomito prieto*) in Mexiko wüthete, für keine Zeichen der Zeit?“ ſchrie eine Stimme. „Und die zehntauſend Abſchriften der Declaration der Junta von Zultepec, die wie Schnee vom Himmel gefallen, und in allen Straßen zu finden waren?“ „ Prachtvolle Deklaration!“ rief ein Dritter:„ Hö⸗ ren Sie nur!" „Stille!“ war die Antwort des Grafen.„In unſerm Hauſe ſoll keine derlei Deklaration verleſen werden.“ „Conde! Conde!“ ſchrien Mehrere:„Sie wollen ſie nicht hören, die Sprache freier Männer, die kühne Sprache der unerſchrockenen Wortführer und Verfechter der Frei⸗ heit Mexiko's,— Sie wollen nicht. Ein Wort von Ihnen, und die Companias sveltas*½) von Mexiko, die Milicias von ganz Mexiko ſchütteln das Joch ab, das Freiheils⸗ feuer lodert, der göttliche Funke entzündet Aller Herzen.“ „Um eben ſo ſchnell wieder zu verlöſchen,“ war wieder des Grafen Antwort. *) Das ſchwarze Erbrechen, gelbe Fieber⸗ *e) Leichte Truppen(Milizen). 3 — 203— „Was wollen Sie, Senorias?“ fuhr er weiter fort: „Einen allgemeinen Brand? Wohlan, ſo legen Sie ihn an; geben Sie aber Acht, daß er Sie nicht ſelbſt ver⸗ zehre. Die Bollwerke der künſtlichen Rangunterſchiede wollen Sie zertrümmern, weil die Gachupins Ihnen läſtig ſind? Geben Sie Acht, daß dieſe Ruinen Sie ſelbſt nicht begraben. Das Volk wollen Sie frei machen, es zu ſich heraufheben?“ „Sie ſind doch ſonſt ein Bewunderer der großen Re⸗ publik des Nordens?»„ ſprach einer der Kavaliere. „Das ſind wir,“ verſetzte der Graf,„weil ſie da den Töpfer von ſeinem Thone, den Ackersmann von ſei⸗ nem Pfluge nehmen und ihn an das Staatsruder ſtellen können, weil in dieſem Lande Keiner groß, Keiner klein iſt— bei uns iſt das Gegentheil.— Wollen Sie ſitzen neben Leperos oder Indianern aus der Tierra caliente? Vergeſſen Sie nicht, Senorias, daß wir fünf Millionen Mexikaner haben, die nicht einmal wiſſen, daß eine Bibel exiſtirt.“ Es entſtand ein lautes Gelächter.„Die Bibel! die Bibel!“ riefen Mehrere. „Hat den Vereinigten Staaten ihre Freiheit erhal⸗ ten, und zum Theil erworben,“ war wieder vom Grafen zu hören.„Ich ehre Ihre Anſichten, rauben Sie mir aber die meinigen nicht,“ fuhr er fort;„und dieſe ſind, daß unſer Volk für die Freiheit noch nicht gezeitigt, daß wir die Stützen des Staatsgebäudes nicht zertrümmern — 204— können, ohne uns einer gewißlich ärgern Tyrannei auszu⸗ ſetzen, und daß wir, wie die Hebräer, noch durch eine lange Wüſte von Leiden und Entbehrungen zu wandern haben, ehe wir in das Land der Erkenntniß kommen, das ein⸗ zige, wo Freiheit wohnen kann. Ich ſage Ihnen, Se⸗ norias,“ beſchloß er,„die Spanier ſind nicht das Schlech⸗ teſte, das wir in Mexiko haben.“ Ein lautes Geſchrei brach auf dieſe Erklärung aus, und die Heftigkeit der Schreienden ſchien alle Rückſichten des Anſtandes und der Klugheit vergeſſen zu haben. Es waren zum Theil dieſelben bekannten Stimmen, die wir bereits gehört, dieſelben Edelleute, die wir wenige Tage zuvor ſo ängſtlich⸗ kindiſch nach der Auszeichnung eines königlichen Ordens haſchen geſehen haben. Nur drei Tage waren ſeit dieſer merkwürdigen Gemüthsumwandlung ver⸗ floſſen; aber der mexikaniſche Charakter iſt eine merkwür⸗ dig pſychologiſche Erſcheinung, und drei Tage ſind zu gewiſſen Zeiten eben ſo viele Jahrhunderte, und bewir⸗ ken, indem ſie den verjährten Faulſtoff entzünden, auch in den Gemüthern Revolutionen, die nur der große Haufe als unerklärlich anſtaunt, weil er die Urſachen nicht bis zu ihren erſten Entſtehungsgründen zu verfolgen weiß. „Heilige Mutter der Gnaden!““ fuhr die Condeſſa auf, die, ſo wie die übrigen Damen, nicht wenig über die Heftigkeit ihrer Männer erſchrocken war:„Unſere Män⸗ ner führen ſonderbare Reden.“ „Jeſu! Jeſu!“ ſeufzte eine andere.„Wir ſind ge⸗ — — ——— kommen, um beim Grafen de San Jago Ruhe und Troſt zu finden und nur wenigſtens ſein Geſicht zu ſchauen. Er iſt ſonſt ſo gleichmüthig, ſo ruhig.“ „Und doch wieder der Barometer unſerer Zeit,“ bemerkte die geiſtreiche Condeſſa R—a. Eine Stimme ſchrie nun im Gemache wo die Cava⸗ valiere ſich befanden.„Bei meiner Ehre, Conde de San Jago, da kömmt die Belohnung für Eurer Herrlichkeit ächt ſpaniſche Grundſätze.“ 4 „Es iſt die vicekönigliche Equipage; riefen alle. Die Damen waren verwundert und erſchrocken auf⸗ geſprungen. „Es iſt die Condeſſa Iſabella mit Donna Zuniga, und ſhee⸗ Camarera,“ riefen mehrere im Tone höchſter Verwunderung,„Madre de Dios! die Donna Flora Zuniga, wie kommt dieſe in den viceköniglichen Wagen? Die Donna Jſabella mit ihrer Camarera ſteigen aus, und die vicekönigliche Equipage mit der Donna Flora rollt der Stadt zu. Madre! Mades t riefen die ſämmtlichen Damen. Zu den zehn Staatskaroſſen, die am freien Platze vor der Villa hielten, war der glänzende Phäton mit den beiden Damen gekommen, von welcher die jüngere mit ſo graziöſer Huld die beleidigte Menge im Paſeo zu verſöhnen ſich herabgelaſſen. Sie hatte den Obenten zum Begleiter, und ihr Benehmen verrieth ſchon beim erſten Anblicke jene ſcheinbare Anſpruchsloſigkeit, ind wie⸗ — 206— der jene hohen Airs„ die erhabene Perſonen ſo geſchickt um ihr äußeres Sein zu legen wiſſen, um nach Erforderniß bald die eine, bald die andere für die liebe gemeine Welt aufzutiſchen, je nachdem ſie bezaubert, oder zur ſich ſelbſt vergeſſenden Huldigung und Anbetung hingeriſ⸗ ſen werden ſoll. Ehe ſie aus dem Wagen ſtieg, hatte ſie die Donna, die ſo unſchuldig Veranlaſſung zu dem furchtbaren Morde geworden, noch mit herablaſſender An⸗ muth umarmt. Der Conde ſelbſt war der hohen Beſuchenden ent⸗ gegengekommen, und die Ehrfurcht, mit welcher er ſie empfing, dürfte kaum größer geweſen ſein, wenn die Königin beider Indien ſelbſt ihren hohen Fuß in ſein Haus geſetzt hätte, ſo wie denn die Verhältniſſe in denen die vicekönigliche Familie zu den erſten Edeln des Lan⸗ des ſtand, auch wirklich nur wenig Unterſchied zwiſchen dem temporären Virey und dem wirklichen König ſtatt finden ließ. Die außerordentliche Weiſe, auf welche die Krone Spaniens dieſe herrlichen Länder des weſtlichen Continents erworben, beinahe ohne ihr Zuthun und allein durch den raſenden Geiſt ihrer noch von den mauriſchen Krie⸗ gen her nach Abenteuern dürſtenden Soldatesca, erworben hatte; die Uneinigkeiten und Empörungen, die unter dien Abenteuerern bald nach Eroberung der weiten Reiche ausgebrochen, waren mit eine der großen Veranlaſſungen geweſen, die den prunkliebenden ſpaniſchen Herrſcher ver⸗ — 297— mocht, hatten um die Höfe der Vizekönige jene ſeltſame Demarkationslinie zu ziehen, die dieſen temporären Statthaltern zugleich die Ehrfurcht des großen Haufens ſichern, aber ſie auch von jeder zu vertraulichen Ver⸗ bindung mit den Eingebornen und ſelbſt ihren Lands⸗ leuten, den Spaniern, abhalten ſollte. Wir haben zum Theil den Hofſſtaat dieſer Vicekönige Mexikos ge⸗ ſehen. Nicht nur hatte dieſer hohe Kronbeamte ſeine eigene Leibgarde, ſeine Pagen und Kammerherren, ſeine Perſon war auch in jeder Hinſicht als der Abglanz, das alter ego des Königs ſelbſt betrachtet, und dieſem Grundſatze zufolge mit einer Etiquette umgeben, die, während ſie dem Volke die entfernte Majeſtät des Königs, durch ſeinen Stellvertreter auf das glänzendſte vor die Augen zu bringen berechnet war, dieſem alle Möglich⸗ keit abſchneiden ſollte, die ihm anvertraute Gewalt zum Nachtheile der ſpaniſchen Krone zu mißbrauchen.*) In Folge dieſer, auch auf den antiſocialen Natio⸗ nalcharakter berechneten Staatsmaxime, war den Vicekö⸗ nigen Mexikos nicht nur jede Verbindung mit den Ein⸗ gebornen des Landes— jeder Verkehr— jeder Erwerb von Ländereien unterſagt; es war ihnen nicht nur für ³) Einige der Vireys wurden wirklich beſchuldut, die Abſicht gehabt zu haben, Mexiko von Spanien lozureißen, und ſich ſouverain zu erklären.— Es ſind ſtare Beweiſe vorhanden, daß der Conde Galvez dieß im Sinie hatte. — 208— ihre eigenen Perſonen verboten, mit Creolinnen in eheliche Verbindungen zu treten, auch ihre Kinder durften dieß nicht; ſie durften nicht in Geſellſchaft des mexikaniſchen Adels ſpeiſen, nicht vertrauliche Beſuche empfangen; ja, dieſe merkwürdige Etiquette erheiſchte ausdrücklich, daß, wenn in der Hauptſtadt, ſie bloß mit ihren Familien zur Tafel niederſitzen ſollten. Gemäß demſelben mißtraui⸗ ſchen Grundſatze, der, indem er den Statthalter ſchein⸗ bar über die geſammte bürgerliche Geſellſchaft des Lan⸗ des erhob, ihn in der That aller Freuden ſeines Da⸗ ſeins, und ſelbſt der Möglichkeit beraubte, dieſem Lande nützlich zu werden, war ſeine Regierung immer auf fünf Jahre beſchränkt. Die Revolution, indem ſie das Anſehen der ſpani⸗ ſchen Gewalt in ihren Grundfeſten erſchütterte, hatte nun zwar auch den Vicekönig gezwungen, von ſeiner eiſigen Höhe herabzuſteigen, und bedeutende Eingriffe in dieſe Etiquette zu thun; immer war aber noch hinlänglich viel übrig geblieben, um die Verwunderung begreiflich zu machen, die eine Erſcheinung erregen mußte, welche ſchon an und für ſich das höchſte Intereſſe in Anſpruch zu nehmen ſo geeignet war. Es war dieſelbe ſtolze Schöne, die wir bereits im Thronſaale des Palaſtes zu beobachten Gelegenheit gefun⸗ den habn, und deren Bild wir nun unſern Leſern näher vor die Augen rücken wollen. Eine volle Geſtalt von mittlerer Größe, und ob⸗ gleich noch jugendlich, mehr Weib als Mädchen, eine Form von üppigen Umriſſen, ein herrliches Bild ſpa⸗ niſcher Schönheit, ganz Leidenſchaft und Flamme, kein Spielen, kein Tändeln, raſches Hingeben oder viel⸗ mehr Ergreifen, kräftiges Feſthalten lag in ihren ſtol⸗ zen, begehrenden Zügen. Viele Verſuchungen und manche genoſſene Freuden, ſchimmerten durch den leich⸗ ten Anflug tropiſcher Ermattung, der wie der röth⸗ lich erglühende Dunſtkreis beim Anbruch eines heißwer⸗ denden Tages die Sonne bei ihrem Aufgange umſchleiert, und die blutrothen Streifen, die auf dieſem feurig brünet⸗ ten Geſichte, gleichſam wie zur Warnung hingezogen waren, ſie verriethen Flammen und Liebe, und doch ſchien es, als ob ſie ſelbſt ſtärker als Liebe ſein könne. Sie war etwas phantaſtiſch in der Basquina ihres Landes gekleidet, die bis zu den Knien herabging und zur Unterlage eine dunkelblaue Robe hatte, die wieder bis zu den Knöcheln reichte, und ein Paar ſehr kleine Füße ſehen ließ. Ein koſtbarer Cachemir war maleriſch à la Créole um ihren Kopf gewunden, eine Fülle ſchwar⸗ zer Locken hervordrängend, die auf den üppigen Nacken herabfielen. Der Buſen war züchtig und wieder auf eine Weiſe verhüllt, die ſagen zu wollen ſchien, ſie verſchmähe es die herrlichen Reize deſſelben zur Schau zu ſtellen. Arme, Taille, alles war verführeriſch, ſchwellend, elaſtiſch Der Virey II. 14 und in den ſchwarzen, feurigen Augen glühte eine Flamme, und dieſe Flamme loderte wieder ſo begehrlich durch eine ſo wollüſtig ſchwimmende Mattigkeit hindurch! Sie erſchien wie ein prachtvolles Meteor am unheilſchwangern Himmel. Neun und zwanzigſtes Capitel. Was hat ſie dir gethan, daß du ſie ſo tief verletzeſt? Wann iſt ſie dir auch nur mit einem bittern Wort nahe getreten? Shakespeare. „Der herrliche Morgen,“ ſprach ſie, raſch und an⸗ muthig in das Zimmer eintretend, wo die Damen ver⸗ ſammelt waren, und mit einem flüchtig huldvollen Lächeln, das jedoch einen höhniſchen Nachzug hatte—„der herrliche Morgen hat uns herausgelockt. Wir ſehen jedoch, die ſchöne Welt iſt uns zuvorgekommen. Wir grüßen Sie Senorias. Ah, ſiehe da, die Condeſſa R— a und Iſtla und unſere liebe Marquiſin Grijalva und——“ Mit dieſen Worten begrüßte ſie die Damen, die ſich ſämmtlich erhoben, und mit den tiefſten Knickſen ihr ihre Ehrfurcht zu bezeugen fortfuhren. „Ihro Herrlichkeit,“ ſprach der Graf, haben uns und unſer Haus auf eine ſo ſchmeichelhafte Weiſe über⸗ — 242— raſcht, die uns dieſen Morgen in jeder Hinſicht unver⸗ geßlich machen wird.“ Die ſtolze Schöne ſchien das Compliment nicht ge⸗ hört zu haben. Sie hatte einen flüchtigen Blick umher⸗ geworfen, und hob nun frappirt, wie es ſchien, das Augenglas, um eine der beiden Marmor⸗Statuen, die durch die offene Flügelthüre des Cabinettes zu ſehen war, und die Meiſterhand eines ausgezeichneten Künſtlers ver⸗ rieth, näher zu betrachten. „Man ſagt,“ ſprach ſie, einen Schritt der Thüre des Cabinettes zutretend, im hingeworfenen leichten Tone, „daß die Edlen Mexikos die edelſte aller Künſte nur wenig begünſtigen, und wirklich unſere Academia de los nobles artes*) ſcheint die Beſchuldigung zu beſtätigen; um ſo mehr Ruhm gebührt dem Conde de San Jago.“ Die Donna war nach dieſen Worten wieder einen Schritt vorgetreten und ſtand bereits auf der Schwelle des Cabinettes, ohne daß jedoch der Conde gefolgt wäre. „Wir ſind wirklich ſehr angenehm überraſcht. Sehr gut,“ bemerkte ſie, indem ſie in das Cabinett und der Statue Amors näher trat.„Das Geſicht allerliebſt moquant, die Biegung der Arme vorzüglich. Ein Canova?“ „Der Scharfblick Ihrer Herrlichkeit iſt nahe gekom⸗ *) Die Akademie der ſchönen Künſte. Sie wurde ſehr von der Regierung begünſtigt. — 2413— men,“ verſetzte der Conde.„Einer ſeiner Lieblings⸗ ſchüler.”“ „Ah,“ rief ſie aus dem Cabinette heraus.„Sie haben die Roma geſehen, die herrliche, die antike, geſchaut die Wunderwerke ihrer Vergangenheit? Ah, wie geht es doch unſerer Condeſſa? Wir haben im Palaſte gehört, ſie ſei ſehr leidend. Sind wir doch immer ſo unglücklich von unſern Theuern zuletzt zu hören. Iſt ſie wirklich ſo leidend?“ „Ihre Herrlichkeit befinden ſich im Cabinette, der ſehr erlauchten Condeſſa Elvira de F— a,“ ſprach der Graf, ohne ſich von der Stelle zu bewegen,„ſie war wirklich ſehr leidend.“ Der Oberſt hatte ſich unterdeſſen gleichfalls den beiden Flügelthüren genähert, zog ſich jedoch bei dieſen Worten wieder zurück. „Conde San Ildefonſo,“ ſprach die Dame zum jungen Oberſten, die Worte des Grafen wieder überhö⸗ rend—„Sie werden das ſeltene Glück haben, eine ſproſ⸗ ſende Schönheit zu bewundern, die in den herrlichen Thälern unſeres Oaxaca aufgeblüht, kaum drei Tage unſer Mexiko mit ihrer Gegenwart entzückt, und auch bereits aller Herzen in eine ſtürmiſche Bewegung ver⸗ ſetzt hat.” „Ihro Herrlichkeit,“ erwiederte der Conde artig, aber etwas trocken und mit Nachdruck;„erweiſen der erlauchten Condeſſa de F— a eine Ehre, durch welche — 244— ſie ſich kaum geſchmeichelt finden dürfte, da ſie der Meinung iſt, daß Mexiko an ganz andere Dinge zu denken hat.“ „Sie thun Ihrem holden Schützlinge Unrecht Conde,“ fiel ihm die Donna ein, noch immer die Statue fixi⸗ rend.—„Was unſere Wenigkeit betrifft, ſo geſtehen wir gerne, daß wir ſo egoiſtiſch ſind, für unſer Ver⸗ gnügen und Intereſſe vorzugsweiſe zu ſorgen, auch daß wir wieder ſo ſpießbürgerlich denken, die öffentlichen An⸗ gelegenheiten Denjenigen ganz und gar zu überlaſſen, die ſie eigentlich angehen. Wir ſind eine gute Unterthanin Sr. allerkatholiſchſten Majeſtät, und kümmern uns um Staatsangelegenheiten nur in ſo ferne, als ſie unſere Wenigkeit betreffen, das heißt, die Ankunft neuer Moden beſchleunigen oder verſpäten.“ Unterdeſſen war die leidende Condeſſa den vornehm zudringlichen Beſuch im Cabinette gewahr geworden. In ihrem tiefen Sinnen hatte ſie weder den Eintritt noch die erſten Aeußerungen der etwas übermüthigen Donna bemerkt, das Geflüſter ihrer beiden Dienerinnen, hatte ſie zuerſt von ihrer Gegenwart unterrichtet. Langſam mit einem lauſchenden, halb neugierigen, halb verwunderten Blicke erhob ſich das liebliche Kind, eine ſo heitere reizend idealiſche Erſcheinung, als innerhalb der Meere Mexiko's nicht mehr geſehen werden konnte. Ihr regelmäßig ſchö⸗ nes Geſicht von einer leichten Röthe angeflogen, in dem dunkelblauen Auge eine gewiſſe Neugierde, die wunder⸗ lieblichen Lippen halb geöffnet, wie um zu fragen, über die ganze Geſtalt den unbeſchreiblichen Zauber reiner Unſchuld und hohen Seelenadels ausgegoſſen, mit jenem leichten Anfluge von Wehe, der die unſchuld erſt recht intereſſant macht. Auch ſie trug die reizende Basquina, und war, obgleich einfacher als die brilljante Donna, doch ungleich geſchmackvoller gekleidet; der einzige Schmuck, den ſie trug, war eine Schnur koſtbarer Perlen. Es war Pſyche nach ihrem erſten Liebesſchmerze; und wieder lag um ihr ganzes Weſen die unbefangene natürliche Hoheit einer jungen Dame vom höchſten Adel. Sie trat mit der Würde einer Herrin des Hauſes ihrem Gaſt entgegen, der das Erſtaunen kaum verbergen konnte. „Dieß iſt alſo das liebe Kind, Conde de San Jago?“ fprach die Donna, vornehm nickend, und mit einem huldvollen Lächeln die Condeſſa muſternd, mit der Prinzeſſinnen allenfalls ein neues Kammermädchen beaugenſcheinigen. „Donna Elvira, Condeſſa F— a, die erlauchte Ge⸗ bieterin dieſes Hauſes,“ ſprach der Conde zur Donna, an die Schwelle des Cabinettes vortretend,„Donna Iſa⸗ bella Condeſſa de C—s, die nicht minder erlauchte Schweſter der Gemahlin Sr. Execellenz des regierenden Virey von Nueva Espanna.“ Die Lippen der Donna verzogen ſich bei dieſer wech⸗ ſelſeitigen Aufführung einen Augenblick auf eine ſchneidend ————-———ö — 246— höhniſche Weiſe, doch im nächſten hatte ſie ihre vorige freundliche Miene wieder angenommen. Das zufriedene Nicken der Damen, und der heitere Anflug im Geſichte des Oberſten zeugten, daß dieſe kleine Demüthigung den Damen nicht nur, ſondern auch ihm erwünſcht gekom⸗ men war. Im Geſichte des Conde ſelbſt war kein Zug verändert, ſein Auge hieng mit demſelben Ausdrucke von Dienſtbefliſſenheit an der Donna. „Donna Iſabella, Condeſſa de C—s,“ wiederholte ſinnend die junge Gräfin.„Sie, die ſo unendlich erhaben über uns arme Creolinnen? Was verdanken wir den Beſuch der Hohen?“ Sie ſprach dieſe Worte laut, aber mit einer ſanf⸗ ten, wohlklingenden Silberſtimme. Der Oberſte in den Anblick des holdſeligen Kindes verſunken, kam erſt durch ihre raſche Bewegung zum Bewußtſein. Sie hatte näm⸗ lich kaum ſeinen ſtarren Blick gewahrt, als ſie errö⸗ thend einen Schritt zurücktrat, und einem der beiden Mädchen einen Wink gab, das ſofort die Mantilla an ihrem Scheitel befeſtigte, welche ſie über einen Theil des Geſichtes und die Schulter zog, ſo daß erſteres den Blicken des Oberſten entzogen wurde. Hatte die Sprache der Condeſſa, die an die Unterwürfigkeit und ſelbſt Blödigkeit der Creolinnen gewöhnte Donna in Ver⸗ wunderung geſetzt, ſo ſchien dieſe poſttive Mißbilligung der Kühnheit ihres Begleiters ſie in Erſtaunen zu ſetzen, —2 4 247— das zu verhehlen ſie wieder nicht nöthig zu finden glau⸗ ben mochte. Ein höhniſches Lächeln überflog ihr Ge⸗ ſicht, als ſie ſprach: „Conde de San Ildefonſo iſt beſtraft, dafür, daß ſeine Augen unbeſcheidner ſind, als ſeine Zunge.“ Des Oberſten Lippen zuckten, er ſchien eine Ant⸗ wort zu ſuchen, ohne daß er im Stande war ein Wort hervorzubringen. „Wo ſind Sie Conde?“ fragte ſie ihn ſcharf fixi⸗ rend.„Wir ſind gekommen, einem theuren Gliede der ho⸗ hen Nobilitad von Mexiko unſere Achtung zu bezeugen, und zwar in Folge des Wunſches Sr. Excellenz unſeres Schwagers; und beinahe ſcheint es, daß Sie der Kranke ſind, als den man die holde Condeſſa geſchildert. Iſt es Geiſtesverwandtſchaft?“ fragte ſie ſpöttiſch leiſer. Die Condeſſa hatte die Donna mit ruhig klaren Augen angeſehen, der Ausdruck ihrer Züge, anfangs neu⸗ ggierig, ſchien nun ſchmerzlich werden zu wollen. „Wir ſind Sr. Excellenz und Ihnen, Donna, un⸗ endlich für die hohe Gnade verbunden,“ ſprach ſie, ſich ehrfurchtsvoll verneigend. „„Auch müſſen wir Ihnen geſtehen, Condeſſa, daß Neugierde einigen Antheil an dieſem unſerm Beſuche hatte,“ bemerkte die Donna. „Neugierde?“ fragte die Condeſſa, und ihr Auge ſiel fragend auf die überſtolze Spanierin, und wieder — 2418— durch das Fenſter in den Paſeo, wo die Menge gegen Tacubaya hinwogte. „Neugierde,“ fiel ihr die Donna ein,„diejenige zu ſehen, deren Erſcheinen die hohe Welt Mexikos, ſo ſehr bezaubern konnte. Unſer Guignon hat uns dieſes.—“ Sie hielt inne, denn die junge Gräfin hatte einen Blick auf ſie geworfen ſo wehmüthig und zugleich mit⸗ leidsvoll, der ſie mitten in ihrer Rede ſtocken machte. „Donna Iſabella,“ ſprach die Letztere, und ihre Bruſt hob ſich beklommen:„Sie ſind glücklich, heiter und froh, und hoch, um den Regungen Ihres Herzens fol⸗ gen zu können und erhaben zu ſein über die Leiden, die uns und Millionen niederdrücken. Und doch, Donna Jſabella, wir können Sie nicht beneiden.“ Das Auge der Sprecherin wurde feucht, indem es wieder durch das Fenſter in die Ferne ſchweifte, und ſelbſt die ultra⸗höfiſche Donna ſchien bewegt. Sie war augenſcheinlich weniger gekommen, der Leidenden Theil⸗ nahme zu beweiſen, als vielmehr irgend einen jener tief angelegten Pläne zu verfolgen, die, giftigen Schwämmen gleich, in der Hofatmoſphäre aufſchießen, und den Arglo⸗ ſen durch ihr geruch⸗ und geſchmackloſes Gift zum leich⸗ teren Genuſſe vermögen. Dieſer Plan mochte perſönliche und wieder politiſche Zwecke haben; denn in despotiſchen Staaten, wo Willkür und Leidenſchaft allein herrſchen, iſt es nicht ſelten das ſchöne Geſchlecht, das ſich der ſchweren Bürde des Regierens auf ſeine eigene Weiſe un⸗ — 219— terzieht. In dem Geſichte der Donna war während der kurzen Pauſe ein ſichtlicher, aber ſchnell vorübergehender Kampf zu leſen, und unter dem wechſelnden Mienenſpiele dieſer beweglichen Züge mochte die Löſung der ſchweren Aufgabe ſie beſchäftigen, die Leidende zu demüthigen, und zugleich das Verdienſt graziöſer Herablaſſung in den Au⸗ gen der Anweſenden zu erlangen. Das Benehmen der jungen Condeſſa jedoch ſchien einen ſolchen Triumph nichts weniger als leicht zu machen. Ihr ganzes Weſen bewies jenen richtigen Takt, jenes Bewußtſein innerer Würde, die jungen Damen, deren Seele nie befleckt und die nie fremdes oder häusliches Uebergewicht gefühlt, angeboren ſind. Ein ſolcher Tackt war natürlich bei der Tochter eines der erſten Häuſer Mexiko's, und doch wieder unge⸗ wöhnlich bei den damaligen Verhältniſſen der Creolen zu den regierenden Spaniern und dem Zuſtande der tiefen Herabwürdigung, die natürlich ihren verderblichen Einfluß auch auf die ſchönere Hälfte derſelben äußerte, und ſich bei jedem Zuſammentreffen mit dem freiern Spanier durch jene Befangenheit kund that, die der blöde, gedrückte Un⸗ terthan gegenüber ſeinem Herrſcher an den Tag zu legen pflegt. Von dieſer Befangenheit jedoch war an der Con⸗ deſſa auch keine Spur zu bemerken; im Gegentheile, in ihrem Weſen lag eine Hoheit, die nicht weniger dadurch auffiel, daß ſie kindlich⸗natürlich und wie angeboren er⸗ ſchien. Die frivole Weiſe, in welcher die Fremde die ſämmtlichen Damen, die erſten des Landes, behandelte, —— Zöſͤſͤöͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤſſ ſie keiner Rede würdigte, höchſtens gelegenheitlich eine beißende Bemerkung an den Oberſten gerichtet fallen ließ, ſchien die junge Gräfin gerade ſo wie die Nachäffung ſou⸗ verainer Herablaſſung zu ignoriren, und ſeltſam genug, war es ihr richtiger Tackt, der die anweſenden Gäſte gleichfalls zu größerem Bewußtſein ihrer Würde zu brin⸗ gen ſchien. Sie erfaßte jetzt mit Grazie die Hand der Donna, und führte ſie aus dem Kabinette, deſſen Schwelle ſie ſich ſchrittweiſe genähert hatten, in das Beſuchzim— mer, wo ſie mit ihr auf einer Ottomane Platz nahm. „Wo ſind Sie, Conde?“ fragte die Donna den Oberſten zum zweiten Male. „Im Lande meiner Jugend, in jener Zeit der hol⸗ den, der fröhlichen, wo die Barke meines Lebens noch ſchwankend umherglitt. Eine glückliche Zeit, Donna!“ „Träumer!“ ſprach die Donna,„Finden Sie ihn nicht ſo, Condeſſa Elvira? Man ſagt, auch eine gewiſſe holde Condeſſa ſei zu Träumen aufgelegt.“ „Ich träumte!“ ſprach dieſe mit einem leiſen Seuf⸗ zer:„o, ich träumte ſo ſchön! den ſchönſten Traum mei⸗ nes Lebens! Er dauerte ſeit meinem erſten Erwachen aus dem Schlafe der Kindheit. Es war ein Traum. Sie haben wohl nie geträumt, Donna?“' wandte ſie ſich auf einmal zur hochmüthigen Spanierin.„Armer Mani!““ ſeufzte ſie leiſe und kaum hörbar. „O, es iſt ſchön zu träumen!“ brach der jugend⸗ liche Oberſt begeiſtert aus, und eine hohe Röthe überflog — 8221— das wirklich ſchöne Geſicht des Jünglings; denn ſo konnte er noch immer genannt werden, ungeachtet ſeines hohen militairiſchen Ranges.„Ah, Donna Iſabella! Sie ha⸗ ben nie geträumt, bei Ihnen iſt Alles Wirklichkeit, klare, prachtvolle Wirklichkeit; aber dieſe Blume!“ rief er be⸗ geiſtert:„Sehen Sie dieſe Blumen! Sind ſie nicht, gleich Träumen unſers Lebens, von der Gottheit in einem ihrer Träume, einem ihrer ſchönſten Träume hervorgeru⸗ fen, ſo glühend roth, ſo dunkelblau, die Glut der ſüdli⸗ chen Phantaſie, die ferne Bläue des—— Donna Iſa⸗ bella, die Blumen Mexiko's ſind ſchön, ſehr ſchön!” Die junge Condeſſa ſchaute nun den Sprecher zum erſtenmale verwundert ſcheu an. „Schön, das mag ſein,“ verſetzte die Donna;„aber ſchwer, lethargiſch, wie die Bilder, denen ſie zur Folie dienen,“ beſchloß ſie ſpottend. „Hélas! cette agacerie, cette brillante!“— Der junge Offizier warf ihr einen Flammenblick zu; dann fiel ſein Auge wie flehend und um Vergebung bittend auf die Condeſſa. „Schmeichler!“ flüſterte die Donna:„zittern Sie, Schmeichler! Wir haben wie die römiſchen Damen eine gewiſſe Smorfia.— Und nanſere Condeſſa,“ wandte ſie ſich wieder herablaſſend gelegentlich an die junge Gräfin,„ iſt ſehr leidend geweſen? Es wäre ſchade, wenn die heitern Geiſter, die in dieſem klaren, fröhlichen Geſichtchen ſpie⸗ len, der traurigen Wirklichkeit weichen ſollten. Doch, Sie ziehen, dieſe heitern Geiſter— liebes Kind, nicht wahr? ſie ziehen in die Ferne mit den Wolken, die den Ocean hinüberſegeln? Die Lippen der Nina zuckten bei dieſer Anſpielung, ihr Buſen hob ſich, und ſie ſah die Fragende einen Au⸗ genblick flehend an; doch nur einen Augenblick, der höh⸗ nende Zug, der um den Mund dieſer ſpielte, trieb die Röthe des Unwillens auf ihre Wangen. „Und ziehen die Geiſter der Donna Pabelan nicht auch hinüber, und begleiten ihre Wünſche und Gebete nicht auch——“ fie ſtockte; die ſeßtii Worte hatte ſie leiſe geſprochen. „Das iſt fürwahr eine kühne Frage, kleine Condeſſa,“ verſetzte die Dame, in deren Geſichte nun die blutrothen Streifen auf eine Weiſe ſchwollen, die den ſtolzen, aber ſchönen Zügen für einen Augenblick etwas Furienartiges verliehen. Selbſt der Oberſte war erſchrocken über die unverhohlene Wuth der Dame, und ſein Blick fiel fra⸗ gend wechſelweiſe auf den Grafen und die Condeſſa, Auf⸗ klärung über dieſe ſonderbare Verwandlung heiſchend. Dieſer war jedoch ruhig geſtanden, und bei der Donna verzogen ſich die Symptome der Entrüſtung wieder ſehr ſchnell; nur jenes ſpröde Hohnlächeln war zurückgeblieben, das hohe Herrſchaften bei unbeſcheidenen Fragen als Wahr⸗ zeichen von Befremdung um ihren Mund ſpielen zu laſſen pflegen. „Sind wir unbeſcheiden geweſen,“ verſetzte die Con⸗ deſſa,„ſo ſollte uns dieſes leid thun. Sind wir wirk⸗ lich unbeſcheiden geweſen, theure Mama?“ wandte ſie ſich an die Condeſſa R— a und die übrigen Damen, de⸗ nen man es anſah, wie ſchwer es ihnen wurde, die ge⸗ ſuchten Beleidigungen der Spanierin länger zu ertragen. „Wir haben immer gehört,“ fuhr ſie mit erhöheter Stimme fort,„wir ſeien die Gebieterin dieſes Hauſes; die Welt nennt uns Condeſſa de F— a; aber dieſe Welt iſt ja bloß Mexiko. Sagten Sie nicht, Tio, daß unſere Vä⸗ ter Granden von Spanien waren? daß unſere Oheime es noch ſind, und iſt die Tochter von Granden wirklich kühn geweſen, meine Herrſchaften?“ fragte ſie die Damen. „Nein, Condeſſa!“ riefen Alle, mit Thränen in den Augen und laut ſchluchzend;„nein, theure Nina,“ nahm die Condeſſa R— a das Wort, indem ſie aufſtand und das herrliche Kind in die Arme ſchloß:„nein, Sie ſind nicht kühn geweſen; aber dulden Sie, leiden Sie, unſer armes Mexiko duldet ja ſo viel.“ „Duldet es wirklich?“ fiel ihr die Donna mit einem höhniſchen Lachen ein:„Vielleicht duldet es ſogar uns Spanier? Bleiben Sie doch ſitzen,“ fuhr ſie hohnlachend und in demſelben kalt ſpottenden Tone fort:„wir ſehen Sie gerne ſo. Sie werden doch nicht die Gavecillas nach⸗ ahmen wollen? oder doch? Wie? auch Sie Rebellen ge⸗ worden?“ Sie ſah die beiden Gräfinnen boshaft lä⸗ chelnd an. Selbſt des Oberſten Lippen zuckten vor Unwillen über dieſen unweiblichen Ausbruch leidenſchaftlich⸗ tödt⸗ lichen Haſſes. Die Damen erblaßten, und bemühten ſich ihr Schluchzen zu verhalten; nur der Graf ſchien leine Ruhe beibehalten zu haben. „Wir ſind Sr. Excellenz,“ ſprach er mit einer leich⸗ ten Verbeugung,„unendlich für die hohe Gnade verbun⸗ den, Antrieb zu dem herablaſſenden Beſuche Ihrer Herr⸗ lichkeit geworden zu ſein. Haben aber Se. Excellenz——“ Er hielt inne, ſah aber die Donna fragend an. Dieſes Kompliment, ſcheinbar ſo ganz zufällig und ſelbſt zwecklos eingeſchaltet, und die Frage nicht vollendet machte, mit der vielſagenden Pauſe, die Donna den Gra⸗ fen ſtarr anblicken. Sie ſchien auf einmal gewahr zu werden, daß ſie, in ihrem Bemühen, recht hohe, nieder⸗ ſchmetternde Airs anzunehmen, ganz das Ziel ihrer Sen⸗ dung ſelbſt verfehlt habe. Auch bei den Damen ſchien derſelbe Gedanke aufzudämmern, und in dem Maße, in dem die Verlegenheit der Donna wuchs, kehrte auch die unbefangenheit der Creolinnen wieder zurück. Die lange Pauſe, die in Folge dieſer wechſelſeitigen Gemüthsbewegungen eingetreten war, wurde auf einmal durch ein furchtbares Aufruhrsgeſchrei, oder wie es in dieſem Lande genannt wird, Grito unterbrochen, von welchen wir unſeren Leſern keinen deutlichern Begriff zu geben vermögen, als wenn wir ihnen ſagen, daß dieſe Gritos bereits zu dieſer Zeit ſo häufig geworden waren, — 225— als die mexikaniſche Sprache ihr einen eigenen Namen zu geben genöthigt hatte. Dieſes Geſchrei ſchallte aus wei⸗ ter Ferne herüber, und hatte einen eigenen Charakter. Es glich einem Freudengeſchrei. Merkwürdig jedoch erfüllte es die Tauſende von Creolen, die den Paſeo hinab⸗ wogten mit Schrecken. Sie ſtarrten entſetzt in der Richtung hin, wo der gräßliche Lärm herkam, der einigemale in langen Stößen wiederholt wurde, und dann jedesmal in einen wüthenden, lange nachhallen⸗ den Jubel überging, der wie Sturmesheulen die ganze Straße, die ſich von dem Damme gegen Apotla hin⸗ zieht, hinabpfiff. Die Damen hatten das wüthende Ge⸗ ſchrei und den wüthenderen Jubel mit mehr Faſſung ge⸗ hört, als zu erwarten ſtand, denn wie bemerkt, ſo ge⸗ wöhnlich waren ſeit den letzten Tagen derlei Gritos oder Aufruhrsrufe geworden, daß ſie beinahe mit zur Tages⸗ ordnung gehörten. Der Conde jedoch ſchien die Faſſung mehr verloren zu haben. Er eilte raſch aus dem Sagle auf die Terraſſe des Hauſes; ihm nach der Oberſt. „Sant Jago,“ nahm dieſer das Wort,„eine Frage beantworte mir, ich bitte, ich beſchwöre dich.“ „Ein andermal;“ erwiederte dieſer, der gleichfalls die Treppen hinaneilte. „Jetzt! ich bitte dich darum. Welche Bewandtniß hat es mit Iſabellen und deinem Hauſe?“ „Und welche Bewandtniß hat es mit San Ildefonſo, dem Brudersſohn meines beſten Freundes. Der Virey. II. 15 — 226— Der junge Graf ſtockte. „Und wie kömmt es,“ fragte der Conde,„daß wir dich jetzt erſt ſehen, den deines Vaters und Onkels Briefe uns ſchon ſeit Monaten angekündigt haben? Auch du befangen? Ildefonſo! Ildefonſo!“ Beide waren mit dieſen Worten auf der Terraſſe des Hauſes angekommen. Das Angſtgeſchrei der Menge im Paſeo vereinigte ſich nun mit dem wilden Jubel, der in meilenweiter Entfernung vom Damme und der Straße herüberſchallte. Mitten aus dieſem Angſtgeſchrei waren die Namen Vincente Guereros zu hören; aber als wenn die Peſt oder der Tod in dieſen Namen lägen, ſo ſtürz⸗ ten alle, von paniſchem Schrecken ergriffen, der Stadt zu, Jeſu Maria! Vincente Guerero! heulend. Wagen, Fuß⸗ gänger und Reiter, alle kehrten um, und drängten, rannten und trieben in ſeelenzerreißender Angſt den Stra⸗ ßen zu und in einer Verwirrung, die die Tauſende bald in einen unauflöslichen Knäuel von Wagen, Pferden, Maulthieren zuſammenrollte und preßte, der weder vor⸗ noch rückwärts konnte. Der Oberſt ſchien nur wenig von dieſem ſchrecklichen Tumulte zu ſehen und zu hören. Sinnend ſtand er mit zur Erde geheftetem Blicke. Auf einmal fuhr er auf, und den Grafen bei der Hand erfaſſend, drehte er ihn um und brachte ihn in die Richtung des Felſens und Schloſſes von Capultepec, aus deſſen Fenſtern, Terraſſen und Miradors die Soldaten in jenen trägen Attituden hingen und lagen, denen ſich derlei Söldlinge gewöhnlich in ihren Muße⸗ ſtunden zu überlaſſen pflegen. 4 Der Conde ſchaute und ſchaute; auf einmal klärte ſich ſein Geſicht auf. „Danke dir!“ ſprach er zum Oberſten. Der Virey wird mir wenig Dank wiſſen;“ erwie⸗ derte dieſer;„es iſt eines der vielen Kabinetsgeheimniſſe. Ich verachte aber dieſe elenden Kunſtgriffe. Wenn du einen Kanonenſchuß von Capultepec hörſt, dann iſt es der Feind, das übrige iſt falſcher Lärm. Und nun adios! Meine Pflicht ruft mich auf meinen Poſten. Du wirſt ſogleich zwei Kanonenſchüſſe hören.“ Der Graf ſah dem Sprecher in das jugendlich offene Geſicht und ergriff dann ſeine Hand. Der junge Mann flüſterte ihm einige Worte in die Ohren und eilte dann die Treppe hinab und den Anhöhen von Capultepec zu. Noch war der Conde in der Mittheilung der ſo eben erhaltenen Aufſchlüſſe an ſeine Freunde begriffen, als zwei Kanonenſchüſſe aus der Stadt herüberbrüllten, und zugleich das Rollen der Trommeln, die den Generalmarſch ſchlugen, hörbar wurde. Mit dieſen vereinigte ſich das Wehgeſchrei der Tauſende im Paſeo, und das Jubelge⸗ heul der näher kommenden Leperos, um ein Chaos von Tönen hervorzubringen, wie es nur in Mexiko wieder gehört werden kann. Die Garniſon von Capultepec blieb — 228— jedoch ruhig. Auf einmal ſchrie eine gellend durchdrin⸗ gende Stimme:„Capultepec! Capultepec!”“ Capultepec, riefen ſogleich zwei— zehn— hundert und Tauſende von Stimmen, und die ganze Menge wandte ſich un⸗ willkürlich Capultepec zu. Der Knäuel von Wägen, Reitern und Fußgängern, die in den beiden Alleen bis zur Villa des Conde zurückgedrängt worden war, ſo daß es kaum möglich ſchien, ihn ohne zahlreiche Opfer von Menſchenleben auseinander zu wirren, hielt auf dieſen Ruf ſtille, und Tauſende wandten ſich dem Schloſſe von Capultepec zu, das ſie anſtarrten, als ob ſie es nie geſehen hätten. Das Faulleben der Garniſon ſchien allmählig die Wahrheit im Haufen aufdämmern zu ma⸗ chen; von allen Seiten waren die Worte Capultepec, Ca⸗ pultepec, zu hören, und indem der allgemeine Ruf nun alle Blicke dahinzog, wurde auch der allgemeinen Ver⸗ wirrung unmerklich, aber wirkſam Einhalt gethan. Meh⸗ rere hundert Perſonen retteten ſich aus der ſturmbe⸗ wegten Mitte in die Nähe der Villa. Wagen löste ſich auf Wagen, Reiter auf Reiter aus dem Knäuel; das Geſchrei wurde allmälig minder grell, der Jubel der Le⸗ peros hielt zwar noch immer an, aber die Maſſen des Volkes gewöhnten ſich daran, ſie wurden ruhiger, dün⸗ ner; und gleich dem durch einen wüthenden Norte auf⸗ geregten Meerbuſen, der die Geſtade dieſes Landes be⸗ ſpült, und in ſeinem plötzlichen Ausbruche eine Welt von Schiffen in den bodenloſen Abgrund zu ſenken droht, — 229— aber eben ſo leicht wieder ſeine Wellen glättet und zur Ruhe legt, kehrte das Ganze wieder in ſeine Ordnung zurück, um vielleicht an dem nächſten Tage oder in der nächſten Stunde durch einen ähnlichen Windſtoß auf⸗ geregt zu werden; denn mitten durch dieſe Scenen des Schreckens und der Verwirrung und bürgerlichen Anar⸗ chie ſehen wir den gräßlichen Despotismus ſein Faſtnachts⸗ ſpiel mit all dem Uebermuth einer von Gott eingeſetzten Voll⸗ macht treiben.— Ein erſchütternder Gedanke, wenn nicht durch dieſelben Scenen des Schreckens und Blutes wieder jener dünne, kaum merkbar azurblaue Faden liefe, der, öfters abgeriſſen immer aber wieder angeſponnen, gedrückten Völ⸗ kern ſagt, was er ihren verblendeten Tyrannen verhehlt, daß es eine Vorſehung gibt, die für ihr Schick⸗ ſal wacht, und daß dieſe Vorſehung aus ſcheinbar ge⸗ ringfügigen Urſachen die größten Wirkungen hervorzu⸗ bringen wiſſe. Dreißigſtes Capitel. Das wird ein Hauptſpaß ſein Gehn die Sachen kraus und bunt, Freu ich mich von Herzensgrund. Shakespeare, Der Volksſturm war ſchon ſeit einiger Zeit beſchwich⸗ tigt, und der Haufen, der ſich auf den freien Platz vor der Villa des Conde geflüchtet, machte noch immer keine Anſtalt, ſeinen Zufluchtsort, in den er ſich gleich wie in einen Hafen gerettet, zu verlaſſen. Einige ſtarrten hin⸗ über auf die Ebene von Capultepec, andere waren be⸗ ſchäftigt, ihre in Unordnung gerathene Garderobe in einen geziemendern Zuſtand zu bringen, wieder andere nahmen die neuen Umgebungen in näheren Augenſchein. Dieſe letzteren warfen verſtohlene, mißtrauiſch⸗neugierige Blicke in die Fenſter und auf den Mirador, und dann wieder auf die Wägen, die vor dem Hauſe hielten, und von denen der Phäton mit der viceköniglichen Livree das meiſte Befremden erregte. Dieſes Befremden ſchien ſchmerz⸗ licher Art zu ſein, nach dem Gemurmel zu ſchließen, das entſtanden war, und den ſcheuen Blicken, mit denen ſie ſich allmälig aus der Nähe des Wagens zurückzogen, gleich als ob derſelbe verpeſtet geweſen wäre. Immerhin ſchien der Haufe jedoch durch etwas feſtgehalten zu wer⸗ den, obwohl ihn der Anblick dieſes Phätons ſichtbar recht ſchmerzlich verletzte. Auf den Geſichtern der meiſten war etwas von Enttäuſchung zu leſen, aber dieſe Enttäuſchung ſchien bitter zu ſein. 3 „Gare! Gare! Vigilancia!“ brüllte es auf einmal, ſchrie und rief es aus der Verbindungsallee heraus, die auf den offenen Platz vor der Villa führte, und der Hau⸗ fen ſtob auseinander, um ein Duzend Wägen hindurch zu laſſen, die den ängſtlichen Geſichtern Aller auf ein⸗ mal den Ausdruck der höchſten Neugierde einprägte. Ein langer Zug von Vehikeln und Fuhrwerken aller Art folgte dieſer Avantgarde. Stattliche Nobilitats⸗Karoſſen, un⸗ termengt mit Kutſchen und jenen leichtern zweirädrigen Cabriolets, die wir Gigs nennen, und die in der Nach⸗ barſchaft unſerer Börſen ihren beliebten Standpunkt ha⸗ ben, und in dieſem Lande Caleſſinen genannt werden. Alle kamen auf die Villa zugefahren, und zwar ſo eilig, als ob das Wohl Mexikos von dieſer Eile ab⸗ hinge. An den Inſaſſen dieſer verſchiedenen Fuhrwerke war unterdeſſen keine Spur von jener Verſtörtheit zu bemerken, die noch immer die Geſichter des Haufens verzogen hielt; im Gegentheile; alle ſchienen ſich recht be⸗ haglich zu fühlen, obwohl ihre gerunzelten Stirnen auch von Sorgen zeugten; doch ſchienen dieſe Sorgen wie⸗ der ganz eigenthümlicher Art zu ſein: weder Revolu⸗ tions⸗, noch Mord⸗ noch Brodſorgen. Es waren, man hätte ſchwören mögen, ruhige, friedliebende Bürger, de⸗ nen Raub und Revolution gleich verhaßt waren, die keine Anſprüche auf Eleganz machten, die aber demungeachtet ihre Wichtigkeit trotz Einem fühlten. Die Ankunft dieſer Caleſſinen vor der Villa des Conde rregte eine ſolche Verwunderung, daß wie geſagt, Beſchädigte ſowohl als Beſchauende ihre bisherigen Verrichtungen aufgaben, um die neuen Erſcheinungen zu beaugenſcheiuigen, und wo möglich auch der Urſache dieſes Erſcheinens auf die Spur zu kommen. „Don Pinto!“ rief es auf einmal von allen Seiten. „Don Pinto! Don Pinto!“ Wirklich kam der junge Stutzer an der Seite ſeines Oheims, der ſein Maulthier für eine beſcheidene Caleſſine vertauſcht hatte, einhergalloppirt. Der kleine kurze Hi⸗ dalgo geſtikulirte heftig auf den jungen Mann zu, welche Mimik dieſer immer durch ein lautes Gelächter beant⸗ wortete. „Bei San Jago!“ ſchrie der Alte.„Der Burſche hat kaum zehn Realen in der Taſche, außer er hat ſie mir weggekapert, und er will in die Sociedad von Män⸗ — 233— nern, die ſchwerer an Gold wiegen, als er an Fleiſch und Knochen.”** „Aber wo bleibt denn die Seele, Tio?* rief der junge Mann wieder lachend.„Sagt nicht der Catechis⸗ mus, der neue Catechismus, der Menſch beſteht nicht bloß aus dem Leibe, ſondern auch aus einer unſterblichen Seele, und dieſe Seele, wiegt ſie bei einem ſo galanten Burſchen con sagacidad, prudencia y finezza nicht ſchwe⸗ rer als alle Goldſäcke? Onkelchen,“ rief er ihm zu, den Haufen überſehend.„Was wollen Sie wetten, ich habe, ehe zehn Minuten vergehen, drei Dinge gewonnen, die aber leider bereits verloren ſind; die goldene Kette, die der Engel Laura mir weggekapert, die Manga, die der Bengel von Wirth in dem Hotel Traspanna in Ver⸗ wahrung genommen, und den Guadalaxara⸗Hut, der das liebe Haupt Ihres theuern Neffen bedeckt und ziert.” „Dios os guarda!**) donnerte ihm ſein vor Wuth zappelnder Onkel zu.„Der Polizone**) hat ſeine ra- zon****) rein verloren.” „Onkel! Onkel!“ rief der junge Mann laut lachend. „Ich muß hinein, Weisheit zu lernen. Wo nur zehn ſolcher Doctoren, wie Sie, zuſammenkommen, da kann man etwas profitiren. Ich wette, Sie kuriren Mexiko *) Gott behüte dich. **) Schlingel, Burſche. „**) Verſtand. — 264— von ſeinem Fieber, oder ſich ſelbſt aus dem Lande. Adieu, Onkel!“ lachte er auf den Haufen zuſprengend, der ihn mit allen Symptomen von Ungeduld erwartete. „Senor, Senor!“ riefen hundert Kehlen, und die im Tumulte am wenigſten Schiffbrüchigen drängten ſich vor und umringten den Stutzer, ſo die Uebrigen in Blö⸗ ßen verſetzend, die das Falkenauge des jungen Wildfan⸗ ges augenblicklich erſpähte. „Alle Teufel, wie ſehen Sie doch aus, meine gnä⸗ digſten Herrſchaften?“ rief er laut lachend.„Beso a Usteo los pies! ſchrie er einer Dame zu, die ſich aller möglichen Sorgfalt befliß, einen unnennbaren Theil ih⸗ res Körpers, der durch einen gewaltſamen Riß in ihre Basquina und Robe eine ſchreckliche Blöße darbot, an eine Ulme anzulehnen.„Wie ſind doch Ihre Herrlichkeit,“ ſpottete er, vorwärts und rückwärts galloppirend,„in dieſen adamitiſchen oder evaitiſchen Zuſtand gerathen? Sieh da, Donna Laura, die Roſe der Plateriaſtraße. Wo iſt Ihre Mantilla und ihr Buſentuch geblieben, Holde? Wollen Sie einſtweilen mit meiner Aushülfe vorlieb neh⸗ men?“ und mit dieſen Worten warf er ihr ſein ſeidenes Halstuch zu.„Don Bartolo! einem Ihrer Schuhe ſind wir ſo eben in der San Agoſtino⸗Straße begegnet. Ah, Senoras, Senoras! Donna Iſidra!“ ſchrie er wieder, indem er auf ein halb entblößtes Mädchen zuſprengte. „Ah Donna! Auch Sie waren alſo neugierig, und woll⸗ ten vom verbotenen Apfel der Erkenntniß eſſen, wollten — 235— hinüberſchielen zu den Rebellen, durch die Berge? Die Strafe iſt auf dem Fuße gekommen. Wiſſen Sie nicht, daß Se. Erzbiſchöflichen Gnaden ſie alle excommunizirt, gebannt, verbannt, geketzert und verketzert in die Hölle geſandt? Und Sie? Santa Vierge!“ „Um der Jungfrauen willen Senor!“ riefen die ge⸗ ängſtigten Creolen und Creolinnen, und ihre Blicke fielen flehend auf die Caleſſinen. „Ah, die Caleſſinen;“ rief der luſtige Stützer. „Sie möchten gern wiſſen, was die Blaumäntel in der Villa einer mexikaniſchen Grandezza, was die Katzen bei den Hunden zu thun haben?“ Alle nickten verſtohlen. „Ah, Senorias, Senorias!“ ſchrie der junge Stutzer. „Se. Herrlichkeit, mein Papa, der hochmögende Oidor, der die Betiſe beging, mich in die mexikaniſche Welt zu ſetzen, zahlt jedes wahre oder falſche Wort, das er über das getreue Mexiko hört, mit blanken Dublons. Und Sie erwarten, wir ſollten weniger thun, weil wir in Mexiko geboren, eine Espece Creole ſind? Aber laſſen Sie hören, Senor Maestro de cinco gremios.*) 8 Sie, Virey von der Plateria,“**) rief er einen Grün⸗ *) Gnädiger Meiſter der fünf Zünfte. Dieſe waren: die Seiden⸗, Tuch⸗ und Leinwandhändler und Jabrikanten, Juweliere und Spezereihändler. **) Die Straße wo die Silberſchmiede ihre Läden hatten. ——— — 236— mantel an.„Ich bin Ihnen meine letzte Goldkette ſchul⸗ dig, die die ſchöne N. N. hinter der San Franzisko⸗ kirche Ihnen wahrſcheinlich dieſer Tage zum Verſilbern bringen wird. Don Murcia, Sie Andelantado des Pa⸗ rian, Ihnen meine letzte Manga, die der Bengel von Wirth in der Traspanna mir gütig aufgehoben; und Ih⸗ nen, Don Fernando, meinen Guadalaxara⸗Sombrero.*) Senores,“ rief er,„ſtreichen Sie die Bilanz, und Sie ſollen zwei Neuigkeiten hören, die zehn Goldketten, zwan⸗ zig Mangas, und hundert Sombreros de Guadalaxara werth ſind.” „Baſta,“ riefen zwanzig Stimmen. „Wir geben die Kette,“ rief der Graumantel aus der Plateria. „Wir die Manga,“ der Adelantado aus dem Parian. „Und wir den Guadalaxara⸗Hut,“ ſein Nachbar. „Muy bien!“ rief der junge Mann luſtig. Qui capere potest capiat. Soll mir nun mein Onkel ſagen, daß ich mein Talent vergrabe oder vergeude! Ah, Se⸗ norias! Sie möchten gerne wiſſen, was— dieſe Herrn Doktoren in den Blaumänteln und Caleſſinen beim Gra⸗ fen San Jago zu thun haben, dem großen Kartenmiſcher, der, wenn er von ſeinem Verſtande neun und neunzig **s) Die von Guadalaxara(ſprich Guadalajara) wurden ſehr gerühmt. Hundertel wegſchenkt, noch immer einen ganzen Parian damit ausſtaffiren könnte. Senores y Senoras,“ ſprach er leiſer,„dieſe Doktoren ſollen Mexiko von einem As⸗ thma curiren.“ „Senor,“ riefen alle unwillig über den groben Scherz. .„ Bei meiner Seelen Seligkeit,“ lachte der Jüng⸗ ling pfiffig.„Von einem Asthma ſollen Sie Mexiko cu⸗ riren, und die Villa des Grafen ſoll das Laboratorium ſein, wo die Medizin bereitet wird. „Für die Gachupins?“ fragte einer. „Schreien Sie nicht ſo laut,“ mahnte Don Pinto. „Das weiß die heilige Jungfrau und der Teufel; allein verlaſſen Sie ſich aber darauf,“ fuhr er leiſer und ern⸗ ſter fort,„daß die Medizin ſtark ſein wird.“ „Und die zweite Neuigkeit?“ fragten andere, denen die erſte wenig Befriedigung gegeben hatte. „Die zweite iſt,“ lachte er wieder lauter,„daß Sie große Haſenfüße waren, ſich ins Bockshorn jagen zu laſſen, am hellen lichten Tage jagen zu laſſen.“ „Und Vincente Guerero?“ rief eine Stimme aus dem Haufen. „Iſt gekommen, um Mexiko zu plündern mit den Leperos, und alle Creolen zu ermorden, ſagen Narren, obwohl er auch etwas vom Zambo hat;— geſcheite Leute ſa⸗ gen, daß ihn Creolen zum Generallieutenant erhoben, daß er gar kein übler Mann für einen Meſtizen iſt; daß er ſein — 238— Ave Maria betet, wenn er nichts Beſſeres zu thun hat, ſeine Meſſe hört, wenn der Kirchenkalender es vorſchreibt, und ſeinen Pulque trinkt, wenn er kein Aguardiente de cana hat, und ſchließlich die Lepe⸗ ros ſo ſehr liebt, daß er ſie, trotz der Blutverwandt⸗ ſchaft, noch alle heute lieber im Chalco erſäufen, als mit ihnen eine Cigarre rauchen würde. Ah, Senorias flü⸗ ſterte er pfiffig. Mexiko iſt wieder einmal ein gewaltiger Narr geweſen. Können Sie lateiniſch? Haben Sie ſtu⸗ dirt? Leſen Sie Ihr Dictionarium latinum de Zoöëga, da werden Sie im Buchſtaben F finden, fucus fuci I Betrug, II Hummel, III Anſtrich. Qui capere potest, capiat. Senores! wir ſind quitt. Adios; leben Sie tau⸗ ſend Jahre!“ und mit dieſen Worten ſprengte der Stutzer dem Portale der Villa zu, während die Menge, über ſeine Tollheiten aufgebracht, ihm laute Verwünſchungen nach⸗ ſandte. Einige jedoch, die ihn mit Aufmerkſamkeit ange⸗ hört und beobachtet, ſchüttelten die Köpfe. Es war et⸗ was in dem ausgelaſſenen Weſen des jungen Mannes, das, bei aller Wildheit oder Zügelloſigkeit, wieder un⸗ gemein viel Theilnahme an ſeinem Volke verrieth. „Beim Erlöſer von Atolnico! Er mag doch Recht haben, hob endlich der Grünmantel an. Er hat Recht, Senores y Senoras,“ verſicherte er nochmals. „Er hat Recht,“ fiel ihm ein Escribano ein, der Feder nach zu ſchließen, die als Abzeichen ſeiner Würde im Hute ſtak.„Hören Sie, Senorias y Senoras,” fuhr der Mann fort, nachdem er ſich auf allen Seiten 6 vorſichtig umgeſehen hatte,„als wir in eigner Perſon vor der Villa des Hochherrlichen Conde de San Jago anlangten, ſahen wir mit proprius oculis, mit dieſen un⸗ ſern eignen Augen, den Conde de San Jago und an die zehn Cavaliere, oben auf dem Mirador heiter und ſorglos converſiren, und mit der Hand nach Capultepec deuten, und wie uns bedünkt, ſelbſt lachen. Nun frage ich jeden unter ihnen, ob Sie gehört, daß Conde de San Jago gelacht, ſeit der großen Calamität, die ſein gräfliches Haus betroffen?“ „No, no,“ riefen alle. „Was war das für eine Calamität, Don Juan Cimaroſa?“ fragte eine Stimme. „Santa Vierge!— Iſt ja allbekannt. Seine Frau und Kind mit all ihrer Servidumbre, iſt leben⸗ dig von den wilden Indianern aufgegeſſen worden.“ „Bekannt, bekannt;“ riefen mehrere Stimmen— „fahren Sie fort, Don Cimaroſa, um der Madre de Dios willen.“ Der Evangeliſta räuſperte ſich, warf ſich auf dieſe Aufforderung etwas voller auf, und fuhr wichtig geheim⸗ nißvoll fort.„Alſo, er lachte pro primo. Zweitens, frage ich, ob der hochherrliche Conde de San Jago, wohl ge⸗ lacht hätte, wenn er des Glaubens geweſen wäre, daß 240— Vincente Guerero als Raubmörder, wie ihn die Gazetta de Mexiko nennt, kommen würde, um vereint mit den Leperos über ruhige Bürger herzufallen, und ſie zu er⸗ morden, zu plündern, zu ſchänden und ſo fort?““ „No, no,“ riefen wieder alle. „Pro tertio, frage ich wieder, ob der Conde de San Jago, nicht ein ſo guter Mexikaner, ein beſſerer Me⸗ xikaner, als irgend einer unſerer Nobilitad, obgleich ſie ſich alle rühmen, daß ihre Vorfahren die erſte Belagerung von Tenochtitlan, wie es damals hieß, mitgemacht; ob beſagter Conde nicht mehr zu verlieren gehabt hätte, und folglich lachen konnte? „Bei der Jungfrau von Guadeloupe!“ ſprach der Grünmantel,„die Hauptſache haben Sie vergeſſen, Don Juan, nämlich, daß der Conde nach Capultepec deutete, wie wir deutlich ſahen.“ „Und“ fiel ihm nun der Mann aus dem Parian ein, „ſehen Sie hinauf nach Capultepec. Stehen und lie⸗ gen dieſe Gojos von Gachupins nicht wie Negroes der Tierra Caliente? und würden dieſe Gojos ſo ru⸗ hig Sieſta halten, wenn ſie Vincente Guerero von Rio Frio hätten herab kommen ſehen, oder San Martin?“ „Jeſu Maria! wir ſind alſo?——* „Mystificados— Betrogene,“ murmelten zwanzig Stimmen. Einen Augenblick herrſchte eine tiefe, peinliche — 241— Stille; es ſchien der unwürdige Betrug, der ihnen von denjenigen, die ſie beſchützen ſollten, geſpielt worden, ihnen für längere Zeit die Sprache zu rauben. „Ja,“ hob der Evangeliſta endlich leiſe an; wir, und ganz⸗ Mexiko ſind myſtifizirt worden; warum und weßwegen, das weiß die heilige Jungfrau und der Teu⸗ fel allein; aber der Conde—— „Und wiſſen Sie,“ fragte der Mann aus dem Parian,„wer die Erſten geweſen, die Capultepec ge⸗ ſchrien, und der Zweite, und der Dritte? Iztlan, der Leibjäger des Conde, Almagro und Carlos, ſeine Leib⸗ laqugien—” „Stille, Stille!”“ riefen nun alle im freudigen Ent⸗ zücken zur Villa hinanblickend.„Stille, Stille! Dios sea labado!“ flüſterten ſie. Er liebt Mexiko; er iſt ihm getreu geblieben.“ Und wieder wandten ſich alle zur Villa.„Er hält es mit Mexiko; er iſt nicht zum Ga⸗ chupin geworden. Stille, Stille!“ Nur derjenige wird das Entzücken dieſes kleinen Volkshaufens begreifen können, der von den urſprüng⸗ lichen Leiden, mit denen ein ſo ſehr tyranniſirtes Volk von allen Seiten heimgeſucht ward, den tauſend Künſten, die angewandt worden, um ſeinen Verſtand irre zu leiten, es ganz zur Thierherde herabzuwürdigen, ſeine Kraft zu brechen, und ihm ſeine wenigen Getreuen noch abwendig zu machen, einen Begriff hat. Im ungeheuern Jammer, unter dem damals dieſes unglücklichſte aller Völker erlag, Der Virey. II. 16 — 242— waren ihm die Leiden ſo zur Gewohnheit geworden, daß, wie den blutrünſtigen Neger, den die Sklavenpeitſche lahm geſchlagen, der leichte Balſam der Sympathie auch eines einzelnen Mitleidenden, ihm ſchon ein ſtilles Entzücken verurſachte, welches ihn für einen Augenblick aller ſeiner Schmerzen vergeſſen ließ. Es ſchien wirklich, als ob der die⸗ ſer Sympathie zu Grunde liegende Gedanke, der Graf ſei der Sache ſeines Volkes treu geblieben, dem Volkshaufen neue Zuverſicht gegeben habe. In verhängnißvollen Momenten, wie der es war, in dem Mexiko ſich damals befand, iſt es natürlich, daß ſich das Volk an diejenigen anſchließt, deren Einſichten und Einfluß ihm vorzüglich Vertrauen einflößen. Wo jedoch dieſes Anſchließen nicht Statt finden kann, wie das in Mexiko der Fall war, wird der Volksſinn, bei aller ſonſtigen Befangenheit und Blödigkeit, wieder un⸗ gemein feinfühlend, und die leiſeſten Wahrzeichen ſind hinreichend, ihm über die Treue oder Untreue ſeiner na⸗ türlichen Führer und Anwalte, Aufſchluß zu geben. Der ganze Haufe, der großentheils aus ſehr achtbar ausſehen⸗ den Bürgern, oder, in der Sprache des Landes zu reden, Cavalieren beſtand, wandte ſich auf einmal freudig und froh der Villa zu, und zwar mit einem Ausdrucke von Vertrauen und Zuverſicht, der mit den troſtloſen Aeuße⸗ rungen derſelben Menge auffallend contraſtirte. Dieſe Zuverſicht nahm ſelbſt nicht ab, als ein viceköniglicher Staatswagen, von ſechs ſtolzen Andaluſiern gezogen, an — 243— die Villa herangerollt kam; vor demſelben zwei Leib⸗ gardiſten der viceköniglichen Alabardieros, die mit ge⸗ zückten Schwertern Platz für die hohen Ankömmlinge machten, deren lange Titel ſie laut herab zu ſchreien be⸗ gannen, nämlich: Se. Herrlichkeit, der ſehr illuſtre Senor Don Trueba ꝛc. ꝛc., Präſident des hohen Finanz⸗ kollegiums, und Se. Herrlichkeit, der gleichfalls ſehr illuſtre Senor Don Joſe Pinto ꝛc., Oidor der hochmö⸗ genden Audiencia, und der illuſtre Senor, Don Ruy Gomez, Geheimſchreiber Sr. Excellenz des gnädigſten Virey, die in hocheigenen Perſonen angekommen waren, um dem Hauſe des Grafen die ſeltene Ehre zu erweiſen, zu den vielen hohen Beſuchen, mit denen er an dieſem Tage beehrt worden, auch den ihrigen beizufügen. Da dieſe Perſonen von viel zu großer Wichtigkeit für unſere Epiſode ſind, als daß wir ihre nähere Bekannt⸗ ſchaft nicht ſuchen ſollten, ſo wollen wir uns an den langen Zug anſchließen, der ihnen in die Sala der Villa, unter Anführung des Mayor domo, voranſchritt, wo ſich bereits eine ſehr zahlreiche Geſellſchaft verſam⸗ melt hatte. Der Virey II. Einunddreißigſtes Capitel. Baß. Shylock, hört Ihr? Shpl. Ich überſchlage, was ich hab' in Kaſſe, Und wie ich muthmaß ungefahr im Kopf, Ermach' ich allweil nicht das Capital.— Shakespeare. Dieſe Geſellſchaft war ſehr gemiſchter Art. Hoher Adel mit Kleinkreuzen des Carls⸗ oder eines ſonſtigen Ordens, im alten Coſtüme des Hofes Ludwigs XV, ſchlichter gekleidete Caballeros in der mexikaniſchen Manga, und wieder andere, die weder zur Nobilitad, noch zu einer der Klaſſe gehörten, die wir bisher kennen ge⸗ lernt haben; ſie waren in blauen Mänteln gekommen, aus denen ſie ſich zum Theil im Vorſaale herausgeſchält hat⸗ ten, aber nicht zum ſehr großen Vortheile ihres noch übri⸗ gen äußern Menſchen. Ihre Kleidung war weniger ab⸗ genutzt als nachläſſig und unbeachtet, gerade als ob die⸗ ſer Artikel ihrer beſondern Aufmerkſamkeit nicht werth — — 245— wäre, kurze und lange Beinkleider mit der ſpaniſchen Capotte, der ihren kleinen Figuren, die auf ſchafbeini⸗ gen Schenkeln ruhten, nicht ſonderlich wohl anſtand, indem ſie einen etwas magern Begriff von ſpaniſcher Mannskraft gaben. Aber nichts deſtoweniger ſahen ſie mit einer gewiſſen Vornehmheit auf die reichgeklei⸗ deten Caballeros herab, und, im Ganzen genommen, dürfte ein ſo eben Eintretender ſchwerlich errathen haben, wie eine ſolche Anomalie von Menſchenkindern in dieſe ariſtokratiſche Miſchung hineingeworfen werden konnte. Es waren olivengrüne, und wieder maleriſch braune, und ſchwärzliche, hagere, harte, judaiſirende, und wie⸗ der urſprünglich wohlbeleibte, behaglich ausſehende Ge⸗ ſtalten, oder vielmehr Mißgeſtalten, mit mürriſch ver⸗ drüßlichen, und wieder jüdiſch wuchernden Augen, und hängenden Unterlippen. Einige waren eingetreten, mit den Händen nachläſſig in den Taſchen ihrer Beinkleider klim⸗ pernd, Andere plaudernd, oder dem Gefährten, mit dem fie eintraten, nachläſſig zunickend; wieder Andere waren gekommen, ohne eine Muskel zu bewegen, offenbar über Gegenſtände brütend, die von zu großer Wichtigkeit wa⸗ ren, als daß ſie ſich mit Grüßen und Komplimenten der Anweſenden beſchäftigen konnten; kaum daß ſie dem Herrn des Hauſes mit einer familiären Behaglichkeit zunickten⸗ oder ihm vertraulich die Hand drückten, und dann in der, ſelben unzeremoniöſen Manier auf einen ihrer Bekannten zuſtiegen, um noch weniger Komplimente mit ihm zu 246— — machen. Selbſt die hohen Perſonnagen, die wir ſo eben ankündigen gehört haben, und die nun vom Conde an dem Eingange der Sala empfangen und eingeführt wur⸗ den, ſchienen unſere Gäſte nicht aus ihren ungenirten Ma⸗ nieren oder Unmanieren herauszubringen. Sie blieben gerade in der Stellung, die ſie eingenommen hatten: Ei⸗ nige mit, den Eintretenden zugekehrtem Rücken, Andere in’s Geſpräch vertieft, wieder Andere laut debattirend. Auf unſere hohen Kavaliere hatte dieſes sans géne inſofern einen beſondern Einfluß, als ſie, das Benehmen dieſer ſeltſamen Menſchen ſehr aufmerkſam beobachtend, bei dem angekündigten Eintritte Sr. Herrlichkeit des Prä⸗ ſidenten der oberſten Finanzſtelle, Sr. Herrlichkeit des Oidor von der hochherrlichen Audiencia und dem illuſtren Don Ruy Gomez de Urna wahrhaft unterthänig tiefe Bück⸗ linge zu machen bemüht waren, und in denſelben wirklich ſo weit gediehen, daß ihre Rücken füglich als Bogenſeh⸗ nen angeſehen werden konnten; merkwürdig jedoch, ſtatt dieſe Sehnen wieder durch ein graziöſes Aufſchwellen aus⸗ zugleichen, und ſo den intendirten Bückling zu verwirk⸗ lichen, waren ſie mit dieſer Sehne in ihre Sitze geſun⸗ ken, den Bückling für dieſes erſte Mal in ihrem Leben bloß zur Hälfte produzirend. Der Volksgeiſt hat das Andenken an dieſe erſte Aeu⸗ fferung von Unabhängigkeit der mexikaniſchen Großen in einem recht artigen Holzſchnitte bis auf den heutigen Tag verewigt. — 247— Als die Ankündigung der hohen Eintretenden die ge⸗ hoffte Stille unter der zahlreichen Geſellſchaft nicht be⸗ wirkte, erfolgte eine zweite aus dem Munde des Geheim⸗ ſekretairs, die wir, obgleich noch pompöſer, mit Still⸗ ſchweigen übergehen, da ſie unſerm Wiſſen keinen neuen Zuwachs geben kann. Die drei hohen Ankömmlinge hatten mittlerweile ihre Plätze am obern Ende der langen Tafel genommen, und ſich in den hohen Armſeſſeln niedergelaſſen. Einen Augen⸗ blick legte ſich das Geſumſe, hob jedoch ſogleich wieder an. „Möchte doch wiſſen,“ bemerkte ein wahrhaft con⸗ fiscirtes Mohrengeſicht, mit einer Stumpfnaſe, in deren zwei Oeffnungen, die mehr Kanonenboten als Naſenlöchern glichen, ihr Beſitzer fortwährend Ladungen Spaniols zu ſtopfen bemüht war:„Möchte doch wiſſen, warum man uns dieſen Einfaltspinſel Ruy Gomez herſendet?“ „Dieſen nil habemus Ruy Gomez,“ verſetzte ſein Nachbar ſo laut, daß das Prädikat die Ohren des Sub⸗ jektes erreichte. „Er ſieht ſich um,“ lachte der Panegyriſt,„und wir erhalten eine ſchwarze Note in dem Bureau der ge⸗ heimen Polizei, deren Referendar er nun geworden, wie Sie wiſſen.“ „Meiner Seele!“ betheuerte ein Anderer:„der ganze Kontinent geſperrt! Wir hätten jetzt einen herrlichen Sta⸗ pelplatz in der lieben Madre Patria für unſere Cochenille und Vanillas und Indigos. Man könnte ſie durch die — 248— Biscayer⸗See über ganz Europa bringen. Aber was hilft es 29 „Wahr!“ ſeufzte ſein Nachbar;„aber unſere Co⸗ chenille und Vanille und Indigos, wo ſind Sie? frage ich. Beim Teufel! antworte ich, das heißt, in den Hän⸗ den der Gavecillas.“. Dieſe auffallenden Demonſtrationen von Sprechfrei⸗ heit ſchienen den drei hohen Amtsperſonen nicht ſo ſehr aufzufallen, als ſie vielmehr zu beläſtigen und in Unge⸗ duld zu verſetzen, die ſie durch ein mehrmaliges Hem! Hem! äußerten, begleitet von unzufrieden warnenden Blicken. „Senores!“ hob endlich der Oidor an, ein Männ⸗ chen im ſchwarzſeidenen Mantel, mit dem Kommandeur⸗ kreuze irgend eines der königlichen Orden:„„Senores! maßen die königliche Regierung——”„ „Ich verſichere Sie, Don Zebediah,“ ließ ſich eine gellende Stimme am obern Ende des Saales hören:„der Zucker iſt ſeit zwei Tagen hundert Prozente hinauf. Wir haben ſichere Nachrichten, daß von allen Zucker⸗ pflanzungen im Thale von Cuautla noch zwei ganz ſind.“ Ein Ausruf ertönte, der dem ominöſen Weihge⸗ ſchrei ganz ähnlich klang. „Das kömmt von den Stockfiſchen, den Soldaten, Offizieren und Generalen, die die Zuckerpflanzungen ver⸗ brennen, ſtatt der Rebellen. Die Unſrigen wüthen ja ärger als die Gavecillas.“ „Und was die Zufuhr von Cuba betrifft,“ be⸗ merkte ein Anderer„„ ſo werden ſie ſich brennen, wenn ſie von dorther etwas erwarten. Die große Republik hat rein aufgekauft.“ „Wer ſpricht hier von der großen Republik?“ don⸗ nerte der Geheimſekretair. „Ja, Sie werden ſie nicht klein machen, Don Ruy Gomez,“ verſetzte der Berichterſtatter.„Wollten Sie wohl gefällig ſich erinnern, daß Ihr Endorſement von zweitauſend Piaſtern fällig iſt.“ Ein lautes Gelächter brach auf dieſe unhöfliche Mah⸗ nung aus. „Senores!“ redete nun der Präſident des Finanz⸗ kollegiums die Verſammelten an, und zwar mit einer Miene, voll des Gewichtes ſeiner Präſidentenwürde: „Wir erſuchen um freundwillig⸗günſtiges Gehör, um ſo mehr, als die hohe königliche Regierung uns beauftragt hat, in Allerhöchſtem Namen mit dem ſehr hochpreislichen Conſulado zu unterhandeln, welches Conſulado das ſchmei⸗ chelhafte Vertrauen, das von Seite der hohen königlichen Regierung demſelben bewieſen wird, um ſo mehr zu ſchätzen wiſſen wird, als das beſagte Conſulado bereits—— „Machen Sie es kurz, Senor!“ fiel dem Präſiden⸗ ten ein alter, grämlicher Mann ein, deſſen Bart die Wohlthat der Seife und des Schermeſſers ſeit geraumer Zeit entbehrt haben mochte:„Zur Sache, wenn es ge⸗ b ————— 2— — 250— fällig iſt; Sie ſehen hier Mitglieder des Conſulado vor ſich, denen eine runde Zahl mehr gilt, als zwanzig Bo⸗ gen Waſchwaſſer und eitel Wortgepränge.“ „Ohnedem ſind wir nun bereits das zweitemal wie Narren herausgeſprengt,“ meinte ein Anderer. „Madre de Dios!' ſchrie der Oidor aufſpringend; doch ſein kälterer Gefährte, der Präſident, zog das kleine Männchen wieder nieder. „Silencio, Senoria!“ flüſterte er ihm zu:„Ver⸗ geſſen Euer Herrlichkeit nicht, daß wir es mit ſpaniſch⸗ zähen Handelsleuten zu thun haben, oder, was dasſelbe ſagen will, Juden.“ „Mein Gott!“ brummte einer dieſer ſein ſollenden Juden:„Wir kannten den lieben Don Trueba, jetzt Prä⸗ ſidenten, als Studioſo, wie er mit dem Suppentopfe vor dem Marienkloſter zu Salamanca ſtand.“ „Und dann als Escribano,“ lachte ein Zweiter. „Und dann als— des Principe de paz.“ Dieſes letztere Wort, ziemlich laut gewispert, hatte nun auch den Präſidenten des Finanzkollegiums außer Faſſung gebracht. Stotternd und zornſprühend ſah er die drei letzten Sprecher an. „Zur Sache, zur Sache, Don Trueba!“ mahnten fünfzig Stimmen. Die Kavaliere hatten die kecken Menſchen wie er⸗ ſtarrt angeſchaut, die zum Theil in abgeſchabten Röcken, langen Weſten und kurzen Inexpreſſibles, gegenüber ſo — 251— omnipotenten Perſonen einen Ton angenommen hatten, der Alles an Kühnheit überſtieg, was ſie in der Art ge⸗ hört hatten. Sie ſprachen kein Wort; aber ihr zufriede⸗ nes Lächeln und die Blicke, die ſie ſich unter einander zuwarfen, verrieth ihre herzliche Freude, die um ſo grö⸗ ßer ſein mochte, als ſie den gehörig würzenden Beige⸗ ſchmack von Schadenfreude hatte. „Senores!“ hob endlich der Präſident wieder an: „Maßen die königliche Regierung durch die ketzeriſche Ma⸗ lice der Gavecillas——“ „Senorias und wieder Senorias!“ fiel ihm einer der hochpreislichen Conſulado abermals ein:„Wir kommen nun zum zweitenmale heraus, verlieren unſere Zeit für nichts und wieder nichts, ſo wie durch das miſerable Be⸗ nehmen gewiſſer Herren unſere Kapitalien und Güter ver⸗ loren gehen. Schreiten Sie zur Sache, wenn's beliebt.“ Der Staatsdiener, der ſich angeſchickt hatte, den Vor⸗ trag zu beginnen, war bei dieſem rohen Ausfalle wieder in ſeiner Anrede ſtecken geblieben, und ſeine blauen Lip⸗ pen und grünen Wangen beurkundeten, wie ſauer ihm das Geſchäft wurde, mit den gnädigen Herren, wie er ſie nannte, zu verhandeln. „Senores!“ hob nun der Geheimſekretair ſeinerſeits wieder an:„die außerordentlichen Nachrichten, welche die hohe Regierung erhalten——”“ „Sind recht gute Nachrichten für gewiſſe Leute,“ verſetzte Einer trocken,„die Geld und immer nur Geld — 252— brauchen. Was nun uns betrifft, Senores, ſo ſind wir gekommen, nur Geſchäfte zu machen; wohlverſtanden, Geſchäfte zu machen; vorausgeſetzt, daß ſich ein Geſchäft machen läßt gegen gehörige Sicherheit und Intereſſen, wo wir dann ſehen wollen, was ſich machen läßt, um der Regierung unter die Arme zu greifen.“ „Bei meiner Seele! ſie ſprechen, als wenn von ei⸗ nem bankerotten Campeache⸗Holzhändler die Rede wäre,“ lachte Einer aus dem Hintergrunde des Saales herüber. „Das iſt die Hauptſache!“ fiel ein Zweiter ein: „Wie viel braucht die Regierung?“ „Wir werden dieß ſogleich in propria forma vor⸗ tragen,“ bemerkte der Präſident. „Nichts da von Formen; die Materie, das iſt die Sache!“ ſchrie ein Dritter.„Ohne Komplimente! die Materie wollen wir, die Duros! Verſtehen Sie's, meine Herren?“ Bei dieſen Worten ſchlug der Mann an ſeine klimpernden Taſchen, zur großen Beluſtigung der gan⸗ zen Geſellſchaft. „Senores!“ ſprach nun der beinahe um ſeinen Ver⸗ ſtand gebrachte Präſident:„Wir Joſe Trueba, Präſi⸗ dent der oberſten Hacienda⸗Real, und Senor Don Pablo Pinto, Oidor der hohen Audiencia, wie auch Don Ruy Gomez—— „Und ſo weiter!“ fielen ihm Mehrere ein. „Sind von Sr. Excellenz, dem gnädigſten Virey des Königreiches Nueva⸗Espanna, beauftragt und ermäch⸗ — 253— tigt worden, mit dem ſehr achtbaren Conſulado der ſehr adelichen Stadt Mexiko und der ſehr hochherrlich-edlen Nobilitad eine Anleihe abzuſchließen, die die Summe von drei Millionen Duros oder Piaſter nicht überſteige.“ „Drei Millionen Duros? Wir glaubten, es wür⸗ den bloß zwei gefordert! Drei Millionen Duros aus dem Handel gezogen zu dieſer Zeit, wo er ohnedem bereits ganz darniederliegt! Drei Millionen Duros ſind eine ſchöne Summe!“ Solches waren die verſchiedenen Aus⸗ rufungen. „Eine Summe,“ fiel der Oidor ein,„die unter den gegenwärtigen Umſtänden unerläßlich iſt zur Dämpfung der Rebellion, und für welche die hohe Regierung alle diejenige Securidad*) zu geben gewillet——“ „„Ei Securidad! sine Securidad no plata?“**) rie⸗ fen an die fünfzig Stimmen in wunderbarem Einklange. „Und als Beweis der aufrichtigen Geſinnung Sr. Excellenz haben uns Hochdieſelben ermächtigt, das Kron⸗ monopol des Queckſilbers für vier Jahre gnädig den Theil⸗ nehmern an dieſer Anleihe zu überlaſſen; verſteht ſich, für Kapital und Intereſſen zu überlaſſen.“ Ein lautes Gelächter unterbrach dieſen gnädigen Antrag. „Das Monopol des Queckſilbers als Sicherheit und *) Sicherhejt, Pfand. 4*) Ohne Sicherheit kein Silber! Bezahlung für Kapital und Intereſſen zu überlaſſen? für drei Millionen Duros, ſage drei Millionen Duros, zu äberlaſſen? Wiſſen denn Se. Excellenz, wie viel dieſes Mo⸗ nopol in den günſtigſten Zeiten abgeworfen? Ei, Seno⸗ res, netto ſiebenmal hunderttauſend Duros!“ „Verſchaffen Sie ſich Philibaldi Rechnungsbüchlein,“ lachte den Kommiſſarien ein Anderer ins Geſicht,„und Sie werden daraus erſehen, daß viermal ſieben erſt acht⸗ und zwanzig macht; fehlen noch zwei auf dreißig. Das ſind drei Millionen; aber wohlgemerkt, ſiebenmal hundert⸗ tauſend warf das Monopol von Anno vier bis Anno zehn ab; ſeit, dem Jahre zehn wirft es keine hunderttauſend mehr ab——* „Weil die Bergwerke alle ruinirt, und den Bare⸗ nadores und Tenatores allen von dem Muchacho Calleja die Hälſe abgeſchnitten worden,“ ergänzte ein Dritter. Die drei Kommiſſarien, die wohl Creolen und In⸗ dianer zu regieren, aber nicht mit erbitterten ſpaniſchen Handelsleuten eine Anleihe abzuſchließen verſtanden, hat⸗ ten ſich bei dieſen Stürmen, die von allen Seiten auf ſie einbrachen, die Ohren zugehalten, und ſahen einander mit troſtloſen Blicken an.. „Wir ſagen Ihnen, Senorias,“ fielen mehrere Glie⸗ der des Conſulado ein,„Se. Excellenz werden auf dieſe Sicherheit keine drei Millionen Maravedis erhalten.”“ „Vielleicht nicht vom Conſulado,“ bemerkte der Ge⸗ heimſekretair etwas ſpröde;„aber die hohe Nobilitad — 255— deren loyale Geſinnungen bereits der Proben ſo viele ge⸗ liefert, und namentlich der edle Conde de San Jago.“ Aller Blicke wandten ſich nun an dieſe, die bisher ſchweigend geſeſſen waren, nun aber ſich wie auf ein ge⸗ gebenes Kommandowort erhoben, und zwar mit ſo hef⸗ tigen Symptomen des Unwillens, daß der fein⸗höhniſche Zug, der während der ausgeſprochenen Schmeichelei um den Mund des Geheimſekretairs geſpielt, plötzlich einem ernſtern Ausdrucke wich. Aller Augen waren neugierig auf den Conde geheftet. „Perdon!“ ſprach dieſer,„wenn wir die Zumu⸗ thung Don Ruy Gomez's, der in uns ein Vorbild des hohen Adels ſehen will, ablehnen. Weit entfernt, dieſem erlauchten und erleuchteten Körper durch unſere Handlungs⸗ weiſe Vorbild werden zu wollen, erklären wir uns viel⸗ mehr als in deſſen Gefolge, und können nicht umhin, uns dahin zu äußern, daß wir weit entfernt, uns von dem ſehr hochpreislichen Handelsſtande abzuſondern, viel⸗ mehr nur im Vereine mit demſelben, deſſen Fueros wir theilhaftig geworden und deſſen loyale Geſinnungen ſo ſehr bekannt ſind, kontrahiren wollen. Was übrigens un⸗ ſern Patriotismus betrifft, ſo haben wir erſt vor drei Ta⸗ gen nicht undeutliche Beweiſe dadurch gegeben, daß wir für unſere eigene Perſon hunderttauſend Duros auf den Altar des Vaterlandes hinlegten, eine Summe, die der hohe Adel noch durch einen Beitrag von einer halben Mil⸗ lion ſehr erhöhte. — 256— Ein einſtimmiges Bravo lohnte den Redner für dieſe unter den damaligen Verhältniſſen ſehr männliche Erklä⸗ rung, das alle ihm zuriefen, mit Ausnahme der drei Kommiſſarien, die wüthende Blicke auf ihn ſchoſſen. „Senores,“ fuhr der Graf fort, der nicht geneigt ſchien, ſich durch dieſe Blicke im mindeſten irre machen zu laſſen.„Wir ſind ſehr geneigt die Regierung zu unterſtützen;“ er betonte dieſes Wort;„aber, wie geſagt, nach Grundſätzen, die unſere Eigenthumsrechte, die hei⸗ ligſten der bürgerlichen Geſellſchaft, nicht verletzen. Wir würden Ihnen unmaßgeblich vorſchlagen, andere Sicher⸗ heiten und Bürgſchaften von dem hohen Chef unſerer Regierung einzuholen, und Ihnen,“ mit dieſen Worten wandte er ſich nun an das Conſulado,„zu verweilen, bis die Senores ſolche eingeholt haben.” „Gehn Sie in Gottes Namen nach Hauſe,“ ſprach eines der Glieder des Conſulado,„ der Rath des ſehr hochpreislichen Conde de San Jago iſt ein guter Rath, ein ſehr heilſamer Rath, und er iſt ein Herr der ſehr viele Einſicht, und, was die Hauptſache, Duros hat, und daher viele Weisheit; und Sie mögen von ihm etwas lernen, und vor allem mögen Sie lernen, das Conſulado nicht vergebens um die koſtbare Zeit zu bringen.“ „Thun Sie, wie der Conde geſagt,“ riefen nun alle,„„und wir wollen Ihre Rückkunft erwarten.“ Wohl nie, ſo lange die ſpaniſche Monarchie Mexiko zu 3 3 1 3 — 257— ihren Kronländern zählte, war die Regierung dieſes mächtigen Königreiches auf eine ſo brutale und rück⸗ ſichtsloſe Weiſe abgefertigt worden. Es kontraſtirte dieſe Abfertigung ſo grell mit allem, was die Creolen über freien Ton gegen eben dieſe königliche Regierung geträumt hatten, daß ſie ſich kaum von ihrem Erſtaunen erholen zu können ſchienen, und wie Staarblinde zu ſchauen wa⸗ ren, an denen die Operation glücklich vollbracht, und von deren Auge ſo eben die grüne Binde zum erſten⸗ male genommen wird, um ſo ihre ſchwachen Sehorga⸗ ne im helldunkeln Gemache allmälig an das ſchärfere Tageslicht zu gewöhnen. Sie ſchienen gewiſſermaßen eine neue Welt vor ſich zu ſehen, verſchieden von der, in welcher ſie bis jetzt gelebt hatten. Die hohe unum⸗ ſchränkt verfügende Regierung, die über ihr Vermögen, wie über ihr Leben nach Herzensluſt bisher geſchaltet, war vor ihren Augen und Ohren von Menſchen, die ſie immer als tief unter ſich ſtehend zu betrachten gewohnt waren, den Juden Spaniens, im Kothe herumgezogen, ihre Anſprüche verhöhnt, ihre Vorſchläge verlacht worden. Dieſelbe Regierung, die ſich die unumſchränkte Gebie⸗ terin alles deſſen nannte, was in Mexiko über und un⸗ ter der Erde exiſtirt, des Schnees auf ſeinen Eisbergen, und des Silbers, wie eine vicekönigliche Weiſung nicht unpaſſend ſagt, in ſeinen Eingeweiden, war um drei Mil⸗ lionen Duros willen, auf eine Weiſe compromittirt, die, ſo natürlich ſie uns erſcheinen mag, für die Creolen Der Virey. II. 17 — 258— ein Epoche machendes Ereigniß ſein mußte. Es hatte ſie wirklich ganz und gar außer Faſſung gebracht, und der einzige, der ſeinen Gleichmuth nicht verloren, war der Graf geweſen. Mit jener Gewandtheit, die wir bereits bei ſo vielen Gelegenheiten an ihm zu bemerken veranlaßt waren, hatte er die Pauſe, die durch die Entfernung der königlichen Commiſſarien entſtanden war, auf eine Art ausgefüllt, die die Mitglieder des Conſulado, gro⸗ ßentheils geborne Spanier, nicht mehr zum Bewußtſein kommen ließ. Er brachte die Nothwendigkeit, die Re⸗ gierung zu unterſtützen, mit ſcheinbar ſo vieler Wärme in Vorſchlag, unterſtützte dieſen zugleich mit ſo vielen patriotiſchen Gründen, und ſprach ſich ſo unverholen zu Gunſten der Regierung aus, daß die Spanier ihn er⸗ ſtaunt anſtarrten, die Creolen in ein lautes Murren aus⸗ brachen, und die Erſteren ſich wie nothgedrungen anſchick⸗ ten, ſeine Anſichten durch Gegengründe zu bekämpfen. In dieſer Bekämpfung verwickelten ſie ſich allmälig ſo tief in die Auseinanderſetzung des Zuſtandes des Landes, wußten die Nothwendigkeit, ein aufmerkſames Auge auf die nimmerſatten und verſchwenderiſchen Regenten zu werfen, ſo eindringend darzuthun, bewieſen die Räube⸗ reien und Erpreſſungen dieſer Regenten ſo haarklein und unwiderleglich, daß ſelbſt dem Conde das Bedürf⸗ niß einer ſchärfern Controlle einleuchtend wurde. Im Verfolge dieſer Debatten wurde nun allmälig die ganze Lage des Königsreiches den Blicken der erſtaunten Edel⸗ „ — 259— leute auf eine Weiſe aufgerollt, wie es von der Gründlichkeit der aufgeklärteſten Corporation Mexiko's, die die finan⸗ ziellen Verhältniſſe des Königreichs zu ihrem Brodſtudium gemacht hatte, erwartet werden konnte. Alle Hülfsmittel des Landes, alle Ausgaben und Einnahmen, die Stärke und Schwäche der Regierung, ſelbſt der Armee, war wie durch einen Zauberſchlag vor ihren Augen entwickelt, und kaufmänniſch algebraiſch analyſirt worden. Die anziehen⸗ den Debatten hatten den ganzen Saal mit Zuhörern an⸗ gefüllt, die in Todesſtille den Debattirenden zuhorchten, oder Noten nahmen. Der aus dem vizeköniglichen Palaſte zurückgekehrte Geheimſchreiber war wieder eingetreten, ohne in der Hitze der Discuſſionen bemerkt zu werden; erſt der troſtloſe Grimm, mit dem er die Verſammlung maß, ver⸗ kündete den Creolen den ungeheuren Gewinn, den ſie an Erkenntniß gemacht hatten. Der Conde beſchloß endlich dieſe verhängnißvoll wichtige Stunde mit einer kurzen Anrede, in welcher er nichtsdeſtoweniger wieder auf die Noth⸗ wendigkeit zurückkam, die Regierung zu unterſtützen, eine Nothwendigkeit, die er ſo klar darzuſtellen wußte, daß der Geheimſekretär ſowohl als die Glieder des Conſulado, in den lauteſten Jubel ſeines unverwüſtlichen Patriotis⸗ mus um ſo feuriger ausbrachen, je mehr letzteren ihr Gewiſſen zu ſagen begann, wie ſehr ſtie ſelbſt dieſer Tu⸗ gend nahe getreten waren. Aber auch die übrigen Caballeros hatten im Verlauf dieſer wichtigen Stunde ihre Rollen mit nicht viel gerin⸗ — 260— gerer Gewandtheit einzulernen angefangen, und in den Ton ihres Führers eingehend, zu der glücklichen Aus⸗ beute des Tages beigetragen. Nun offen und herzlich, wieder verblüfft ſcheinend, nun nach Belehrung wie Kinder dürſtend, wieder naiv und verwundert, hatten un⸗ ſere hochadelichen Grafen und Marquiſe, wechſelweiſe durch ihre nawe Unwiſſenheit, eben ſo den Stolz der Handels⸗ herren, als durch ihre diplomatiſchen Wendungen jene Facta herausgebracht, die der zähe Spanier bisher ganz und allein in ſeinem Gewahrſam behalten hatte, und die begreiflicher Weiſe nicht nur für unſere Cavaliere, ſondern das ganze Reich überhaupt von der größten Wichtigkeit waren; denn obgleich es unter dem hohen Adel Mexiko's allerdings Männer gab, die tiefe Blicke in die Staats⸗ verhältniſſe des Landes gethan hatten, ſo war doch die Gefahr des Wiſſens ſo groß, und Mittheilung ſo furcht⸗ bar verpönt geweſen, daß es auch der Kühnſte nicht ge⸗ wagt hätte, derlei Aufſchllſſe auch nur in vertrauten Zir⸗ keln von ſich zu geben; denn der Leſer darf nicht vergeſſen, daß er ſich in Mexiko befindet, dem Lande, das ſelbſt zu dieſer Zeit noch eben ſo abgeſchloſſen für jeden ausländi⸗ ſchen Lichtſtrahl war, als es das himmliſche Kaiſerthum bis auf den heutigen Tag iſt, und daß Tod und ewige Kerkerſtrafe den Verwegenen unfehlbar traf, der es wagte über die Verhältniſſe der auf Finſterniß gegründeten Zwangherrſchaft Aufſchluß zu geben. Was daher für uns nur wenig Intereſſe haben kann, war für unſere Ca⸗ valiere von unermeßlichem Werthe, und eben dieſer Werth war noch unendlich durch die Art und Weiſe geſteigert, wie ſie zu den Mittheilungen gelangt waren. Aus dem Munde der Unterdrücker und ihrer Theilnehmer ſelbſt mußte die Evidenz der ſchamloſen Erpreſſungen kommen, die an dieſem Lande ſeit Jahrhunderten verübt worden waren, um den Kampf für Unabhängigkeit in den Augen des Volkes und der Welt zu rechtfertigen. Als daher der Geheimſekretär und und mit ihm die Glieder des Conſulado den Saal verlaſſen hatten, brach auch der Jubel der Cavaliere in ſeiner vollen Stärke aus, und ſie umarmten ſich wieder mit einer Zärt⸗ lichkeit, die wir ihnen für dieſesmal um ſo eher verzeihen wollen, als ſie der Erkenntniß der Wahrheit galt, und eine edlere Veranlaſſung hatte. Es war vergeblich, daß der Mayor domo hereinrannte und bat und flehte, und auf den Phäton und den viceköniglichen Staatswagen deutete, die nun beide von ihren reſpectiven Beſitzern be⸗ ſtiegen wurden; der Jubel unter den Anweſenden wurde immer größer. „ Schweig alter Compan,“ frohlockte der Conde Iſtla.„Was wir heute gehört haben, iſt mehr werth, als alle Vorſtellungen der Vegas und Martinez. Jetzt wollen Wir einmal unſre Plata und Oro für uns ſelbſt behalten, ſtatt es hinüber dem gichtbrüchigen Fernando zu ſenden.“ „II trotto d'asino duro poco;,“*) ſprach der Mayor *) Lederne Hoſen dauern lange. — 2062— domo.„Warten Sie um der Jungfrau willen mit Ih⸗ rem Jubel wenigſtens ſo lange, bis die Caleſſinen abge⸗ fahren ſind.” „Ah, dieſe Caleſſinen! Göttliche Kerls, dieſe dop⸗ pelt deſtillirten Hebräer!“ rief der Conde de Irun.„Um dreißig Duros verkauften ſie das ganze Mexiko.” „Und der alte Jeſajah hat noch dazu ſein großes Buch vergeſſen, aus dem er uns vorlas;“ fiel ihm der Conde R— a ein.„Sehen Sie einmal, Herrſchaften, es hat den Titel, Estado del Reyno de nueva Espanna par Mons. de—.*) Bei allen Teufeln, und es iſt Sr. Majeſtät Carlos IV. dedicirt.” Wir glauben unſern Leſern kaum ſagen zu müſſen, daß das Werk, das nun den Jubel des geſammten Adels in ſo hohem Grade erregte, kein anderes war, als das mit Recht berühmte vortreffliche Buch des philoſophi⸗ ſchen Reiſenden, der zuerſt dieſes herrliche Land wiſſen⸗ ſchaftlich beleuchtete, und der wirklich zur Revolutioni⸗ rung mexikaniſcher Volksgeſinnung weit mehr beigetragen, als er wahrſcheinlich je beabſichtigte. „Nicht mit Gold zu bezahlen;“ jubelte der Mar⸗ quis de F— a. Das iſt die wahre Declaration mexi⸗ kaniſcher Rechte. Sagen Sie unſern Indianern und Kaſten *) Wird von den Mexrikanern ſelbſt anerkannt. und Creolen tauſendmal, daß Mexiko ſouverain iſt; ſie werden Sie anſtarren, wie einen Nuevo Santo.“**) „Sagen Sie ihnen aber,“* fiel der Conde Iſtla ein, „daß die verdammten Gachupins jedes Jahr ſechs Millio⸗ nen an baarem Gelde aus dem Lande ſchleppen, um ſie in die Chatoulle unſeres allergnädigſten Rey zu ſtecken, der dieſes Land ſeit dreihundert Jahren noch nicht der Ehre gewürdigt, es zu beſuchen, und daß er für dieſe ſechs Millionen alle Tage ſeines Lebens Tribut be⸗ zahlen—”9 „Und ſchlechte Cigaros rauchen;“ fiel ein Zwei⸗ ter ein. „Und in dem Deſague verkummern;“ ein Dritter. „Das iſt nicht alles,“ hob wieder der Beſitzer des Buches an.„Sehen Sie, wie von Don Abaſalo bemerkt, ſo ſteht es auch hier.„Drei und eine halbe Million gehen nebſt den ſechs für den König noch als Situados*) nach Cuba, Portorico, Florida und Südamerika.” „Todos diablos!“² „Eilf Millionen,“ las er weiter,„freſſen unſere hohen Gebieter allein. Deshalb alſo kann keiner von uns zu einer Stelle gelangen.”“ **) Einen neuen Heiligen. *) Aushülfsgelder; drei und eine halbe Million ſpaniſche Piaſter gingen alljährlich nach Südamerika, Florida, Cuba, Portorico zur Aushülfe. — 264 „Jeſu Maria!“ jammerten alle.„Und wir wun⸗ dern uns, daß Mexiko von Tag zu Tag ärmer wird, daß kaum mehr ein Dublon zu ſehen und das Land voll Leperos iſt? in Mexiko dreißigtauſend, in Puebla zehn⸗ tauſend, in Guanaxuato fünftauſend—“ Dieſe Ausbrüche des Jammers oder vielmehr ver⸗ ſteckten Ingrimmes wurden durch die Rückkehr des Conde unterbrochen, der ſich unterdeſſen ſeiner vielen und hohen Beſuche am Hausthore entledigt hatte. Seine Erſcheinung brachte die Kavaliere wieder in jene feierlich ernſte Stimmung, die Schüler in Gegenwart ihres Mei⸗ ſters anzunehmen pflegen. Einige Augenblicke hingen ihre Blicke forſchend auf dem Geſichte des Grafen; es war aber nichts in ſeiner Miene zu leſen, als ein zu⸗ friedenes Lächeln, welches zu ſagen ſchien,„Wir haben uns verſtanden.“ Er ſah gleichgültig nach dem Wetter, und ging dann in den gewöhnlichen Converſationston über, in welchen alle ſo bereitwillig einfielen, daß der ſcharffin⸗ nigſte Beobachter ſich vergeblich abgemüht haben würde, irgend eine Spur des ſo eben üser die Bureaukratie des Landes davon getragenen Sieges aus den ariſtokratiſchen Geſichtern herauszufinden. „Wo iſt Don Pinto?“ fragte der Conde wie ge⸗ legenheitlich. Der luſtige Bruder, der in dem Hauſe des Grafen eine Art Tiſchfreund war, hatte ſich in der Hitze der De⸗ batten nicht wenig geſchäftig gezeigt. Er hatte Sorge getragen, die ermattenden Geiſter der Debattirenden durch den beliebten Sangaree und den edlen Alicante und Xe⸗ res aufzufriſchen, die ſeine Betriebſamkeit aus dem hoch⸗ gräflichen Keller heraufbeſchworen, zur großen Zufrie⸗ denheit des Conſulado. Hiebei hatte es ſeine Gutherzig⸗ keit noch nicht bewenden laſſen. Gleich dem klugen Haus⸗ hälter, der es für dienlich erachtet, ſich Freunde von dem Mammon der Ungerechtigkeit zu verſchaffen, hatte er auch den Grünmantel und die beiden Nachbarn aus dem Parian mit dem Escribano und Compagnie eben ſo wenig vergeſſen, als die Donnas, deren Habillement einigerma⸗ ßen Schiffbruch gelitten. Mit einem Worte, er war die zwei letzten Stunden hindurch der liberalſte und liebens⸗ würdigſte Vermittler aller Parteien, der Nothhelfer aller Leidenden geworden, und hatte ſich nun mit der Schar, die er ſich ſo weſentlich verbunden, weggeſtohlen, bereits die fünfte Ecke der Tacuba⸗Straße meſſend. „Sein Pferd,“ berichtete Federigo, der abgeſchickt war, ihn aufzuſuchen,„iſt im Stalle; er aber über alle Berge.”“ „Der Camarera Mayor,“ kam ein anderer,„hat er zwei Basquinas und drei Robas und Mantillas ent⸗ lockt.“ „Der Doncella Sancheca zwei,“ meldete ein Dritter. „Er iſt doch nicht Kleiderhändler geworden?“ be⸗ merkte lachend der Marquis Grijalva. „Und aus dem Keller,“ ſprach nun zornig und Der Virey II. 18 — 266— kopfſchüttelnd dee Mayor domo,„ließ er fünfzig Bou⸗ teillen des beſten Alicante und Peres holen, des San⸗ garee gar nicht zu erwähnen.“ „Närriſcher Kautz!“ bemerkte der Conde ruhig, „und ſein Pferd hat er zurückgelaſſen?“ Ende des zweiten Theiles. Dir uckfehler. Seite 3 Zeile 3 ſtatt: und tauſend, lies: und Tauſende. 22 2 22 10 30 5³3 35 8⁰ 9³ 18⁰ 185 218 22 22 22 9 ſtatt: ha mus, lies: ha mas. 2 v. u. ſtatt: und, lies: auf. 11 ſtatt: der mehr als ein Caballero war, lies: der mehr Caballero war. 2 v. u. ſtatt: Arzibisco, lies: Arzipisco. 1 v. u. ſtatt: que V lleven, lies: que V Ile- van. 2 ſtatt: in die Begeiſterung, lies: in eine Begeiſterung. 4 v. u. ſtatt: Aquatamientos, lies: Ayun⸗ tamientos. 12 v. u. ſtatt: Don Lopez Rinconada, lies: Don Lopez Matanza. 12 ſtatt: können und erhaben zu ſein, lies: können, erbaben zu ſein. nennnhin 1n! VINGAMAnn! TIMhaunmnaua 1 8 9 10 1 HIIInun 12 13 14 15 16 7 18 9 9 v