—“— Leihbi liothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 3 3 von. Sduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ag von Morgens pfangnahme An Nüehgahe der Bücher jeden 7 Uyr bis Abends 8 Uhr offen. — 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 ———— 1 Mt.— pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 NMr.— Pf. Zurückſendung Ibſt zu lforgen verlorene und 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: nutzte, ver⸗ Theil eines größeren erkes, ſo iſt e nzen verpflichtet. 3 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ſ der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————— Seih- und Leſe ebedingungen. 3 Der Virey und die Aristohraten. Erſter Theil. Der Virep und die Aristokraten oder Mexiko im Jahre 1812. Vom Verfaſſer des Legitimen; der Transatlantiſchen Reiſeſkizzen, ꝛc. 6 Gerbes Serbprds] — Erſter Theil. Zürich, bei Orell, Füßli und Compagnie. 4 3 3 5. —— Vorwort des Herausgebers. —- Die Grundzüge des vorliegenden Buches, das wir eine ruhig⸗klare Anſchauung der Ver⸗ hältniſſe dieſes merkwürdigen Landes in der an⸗ gegebenen Periode nennen möchten, ſind wäh⸗ rend eines Beſuches des Herrn Verfaſſers in Meriko niedergeſchrieben worden. Die meiſten Skizzen wurden in dem Lande ſelbſt entworfen, ſo wie die Charaktere größten⸗ theils nach der Natur gezeichnet ſind; mehrere lernte der Herr Verfaſſer perſönlich kennen. Die geſchichtlichen Partien ſind theils aus mündlichen Ueberlieferungen bewährter Perſonen, zum Theil aus dem offtziellen Blatte der dama⸗ ligen Periode genommen. Fernere Quellen an⸗ zugeben, hält der Herr Verfaſſer für überflüſ⸗ ſig, da er keine Aufgabe zu liefern im Sinne hatte, und daher Rechenſchaft abzulegen weder für nöthig, noch angemeſſen hält. Unterdeſſen wird der, einiger Beurtheilung fähige Leſer ſehr bald die tiefgeſchichtliche philo⸗ ſophiſche Betonung des Buches herausfinden, durch deſſen Andeutungen ihm vielleicht erſt mehreres in den Geſchichtswerken eines Robin⸗ ſon, Mier, Zavala über dieſes Land klar werden dürfte. Die Noten und Erklärungen ſind durch⸗ gängig vom Herausgeber ſo wie mehrere der Capitel⸗Motto's; erſtere ſind theils aus ſchrift⸗ lich⸗brieflichen Erläuterungen des Herrn Ver⸗ faſſers, theils aus den beſten Werken, die über dieſes Land exiſtiren, entnommen. Die ſpani⸗ ſchen Ausdrücke wurden auf den ausdrücklichen Wunſch des Herrn Verfaſſers beibehalten, theils — 111— „»um dem Buche ſein mexikaniſches Colorit nicht zu ſchwächen,“ theils„weil das noch auf ei⸗ ner ſehr untergeordneten Stufe der Civiliſation ſtehende Volk von Mexiko mit ſeinen Ausdrücken Begriffe ver⸗ bindet, die der viel höher ſtehenden deutſchen Nation wohl durch Umſchrei⸗ bung, aber nicht leicht, oder nur ſehr ſelten durch eine Ueberſetzung verſinn⸗ licht werden können. Obwohl übrigens dieſes Buch für alle Klaſ⸗ ſen der bürgerlichen Geſellſchaft geſchrieben iſt, ſo glauben wir doch, um Niemandes Erwartun⸗ gen zu täuſchen, beifügen zu müſſen, daß nur der höher Gebildete, oder der mit dem welt⸗ geſchichtlichen Gange dieſes merkwürdigen Rei⸗ ches bekannt werden Wollende, wahren und ho⸗ hen Genuß ſchöpfen wird; aber die Großartig⸗ keit des Gegenſtandes, die außerordentlich kräf⸗ tige, durchaus mit dem Gegenſtande vertraute Behandlungsweiſe, der unberechenbare Einfluß, den dieſes Land früher oder ſpäter, gewiß aber in nicht ſehr langer Zeit, auf die Schickſale der übrigen Welt nehmen wird und muß, laſſen den Herausgeber hoffen, nicht umſonſt den Blick ſeiner Nation auf eine literariſche Erſcheinung gerichtet zu haben, deren reellen Werth ihrem Urtheile vorläufig anheimgeſtellt wird. Den 6. Auguſt, 1834. Einleitung. 4. 4 2. 4**. 4 . 83. 4**..* „Der erſte Schimmer Mexiko's der uns bei der Annäherung an ſein merkwürdiges Geſtade ins Auge glänzt, erregt in uns eine ſeltſame Miſchung von widerſpre⸗ chenden Empfindungen.———————— „Der leichte Baltimore⸗Schooner windet und kämpft ſich mühſam durch die zornigen Wogen, die eine halbe Stunde zuvor von einem raſenden Squall aufgerüttelt wor⸗ den. Die Höhe, auf der er ſich befindet iſt 200 Br. und 950 L., wenigſtens 60 Meilen vom Lande. Nichts iſt zu ſehen als der Waſſerſpiegel und das blau und grau ſchattirte Himmelsgezelt, auf dem ſich einzelne Gewitter⸗ wolken, von lichten Punkten umgeben, hingelagert haben. Einer dieſer lichteren Punkte ſteht unverrückt Süd⸗Süd⸗ weſt vor unſerm Blicke, während die andern in der ſchau⸗ — vVI— kelnden ſchwer arbeitenden Bewegung des Schiffes ewig wechſeln. Er wird bald lichter bald dunkler, er glänzt nun wie ein Pharus in ſtockfinſterer Nacht, wieder tritt er in den Hintergrund gleich der verſchüchtert erbleichen⸗ den Jungfrau. Unſere, und unſerer Umgebungen Blicke ſind ſtarr auf dieſen Punkt gerichtet, deſſen Farbenſpiel jeden Augenblick wechſelt, um den die Wolken mit jeder Sekunde phantaſtiſcher, magiſcher tanzen. Nun umfangen ſie ſeinen Nacken wie der Schleier ſich um das Geſicht der züchtigen Jungfrau legt; wieder verſchwinden ſie, und das rieſige Bild tritt bald glänzend hehr in den Vorder⸗ grund— bald verſchämt zart in den Hintergrund, hängt nun als Rieſenſtern in dem Himmel über einen undurch⸗ dringlichen Wolkenſchleier, der den ganzen Rand des Horizonts einnimmt, bald ſteigt er über dieſen als Feuer⸗ ſäule herauf aus dem magiſchen, dunkeln, tauſende von Meilen langen Sockel. Noch iſt das Gewölk über den Himmel zerſtreut, und der Sockel liegt am blauen Wol⸗ kenrande unbeweglich, und ſo weit das Auge reicht, eine todte Maſſe, zwiſchen Himmel und Waſſer. Sie zieht ſich in Schlangenlinien von Norden nach Süden, iſt dunkelblau, grau und grün mit einem rothen Saume über ihrem Scheitel.— Es iſt die Stunde der Morgen⸗ dämmerung, und ihr habt der Einladung des Capitains gefolgt, der ſchweigend mit den übrigen Gefährten auf dem ſchräg abſchüſſigen engen Verdecke ſteht. Selbſt der Matroſe vergißt einen Augenblick Schlaf und Hängematte, — vI— und ſtarrt auf den erwähnten Punkt in ſprachloſer Er⸗ wartung. Auf einmal verſchwindet der dunkle graublaue Schleyer, der um den Gürtel und Nacken dieſes magi⸗ ſchen Rieſenpunktes wogt, die Schlangenlinien des Wol⸗ kenrandes des ungeheuren Sockels werden glänzend roth, und indem das Auge mit Verwunderung dem pracht⸗ vollen Farbenwechſel zuſieht, ſtrahlt der Punkt über dem Wolkenſchleyer auf einmal in überirdiſcher Glorie in die Himmel hinein, er wird zur rieſigen, ungeheuer flammen⸗ den Pyramide, die im leuchtenden Feuer vor unſern Blicken auflodert, eine Maſſe gediegenen Silbers, des rein⸗ ſten Goldes, mit Milliarden von Brillanten„ Rubinen und Smaragden beſetzt.— Es iſt der Orizava, der, von der aus dem Ozeane aufſteigenden Sonne beleuchtet, aus ſeinem Wolkenſchleier hervortritt, den ein buen norte von ſeinem Nacken gelüftet, und der nun eure Seelen in Be⸗ wunderung und Anbetung verſetzt; denn die Poeſie des Himmels und der Erde hat ſich vereinigt, um euch den herrlichſten, den größten aller Genüſſe zu geben, wie ihn euer Auge nie geſchaut hat, nie ſchauen wird.— Ihr wendet euch für einen Augenblick, um euerm Gemüth Er⸗ holung zu geben, von dieſem herrlichſten und größten aller Genüſſe, und wie ihr wieder euern Blick dem Naturwun⸗ der zuwerfet, ſo iſt es verſchwunden, ein grauer Nebel aus den Gewäſſern aufgeſtiegen, und unter ſeinen wäſſeri⸗ gen Fittigen fliegt ihr der Küſte zu. Der Nebel erhebt ſich, und der Stern in Wolken gehüllt, tritt euch aber⸗ — vIII— mals entgegen, aber nur ſein Haupt ragt über dieſe her⸗ vor— zu ſeinen Füßen ſeht ihr den langen Gebirgsſaum der Cordilleren, und vor euch die öde, baum⸗ und ſtrauch⸗ loſe Sandwüſte, an deren Rand Veracruz euch entgegen⸗ ſchimmert, ein glänzend weißer Punkt, der, ſo wie ihr näher kommt, euch unwillkührlich an die übertünchten Gräber der Schrift mahnt.“— „Mit dieſen Vorgefühlen betretet ihr die Geſtade Mexiko’s.* 3 „Der erſte Schritt auf mexkaniſchem Boden, über⸗ zeugt uns, daß dieſes Land eine ſchwere, eine tödtliche Criſis überſtanden, daß es ſich aus dieſer Criſis noch nicht erholt hat, und noch lange nicht erholen wird. Es ſind die Nachwehen einer Krankheit, die, wie die ſeines ſchreck⸗ lichen vomito prieto, noch Jahre lang den Körper in Siech⸗ thum ſchmachten laſſen, ihn vielleicht nie verlaſſen. Man glaubt in einer ſo eben durch eine Feuersbrunſt zerſtörten Stadt zu ſein, deren unglückliche Einwohner noch ſo ſehr von Schreck und Entſetzen betäubt ſind, daß ſie an das Aufräumen gar nicht denken; oder auf einem Dreimaſter, der in einer Reihe von Stürmen Ruder, Segel, Maſte, den beſten Theil ſeiner Schiffsoffiziere und alle ſeine Le⸗ bensmittel verloren, und auf dem alle Bande des Gehor⸗ ſams gelöſ't ſind, wo brutale Gewalt allein Geſetz iſt. Alles zeugt hier von der peinlichen Auflöſung aller geſell⸗ — — 1IX— ſchaftlichen Bande, von einer Zerſtörung, einem Bürger⸗ kriege, der mit giftigem, tödtlichem Haſſe geführt, nichts verſchont hat, weder Menſchen noch ihre Werke.“— „Dieſe Eindrücke und ein gewiſſes Grauen begleiten uns noch mehrere Stunden, nachdem wir das glänzend⸗ troſtloſe Veracruz bereits verlaſſen, und uns durch die Sandhügel hindurchgemüht, die zwiſchen dieſer Stadt und den ärmlichen ſechs Hütten, Santa Fo genannt, unſere Geduld ſo ſehr in Anſpruch nehmen.— Hinter dieſen jedoch zeigen ſich Lichtpunkte. Oaſen in dem Sand⸗ und Sumpfmeere, vom herrlichſten Grün, dem glänzendſten Roth, dem lieblichſten Blau— Anklänge von dem Lande, wo, mit den Worten eines großen Dichters zu reden: ——— die Citronen blühn, im dunklen Laub die Goldorangen glühn— kommen uns entgegen. Wildniſſe von Palmen⸗, Oran⸗ gen⸗, Citronen⸗ und Bananen⸗Bäumen, mit Myriaden von Blumen behangen, und Schlingpflanzen umwoben, unterbrechen die Sandebenen, da, wo ein Bach oder eine Quelle Nahrung gibt. Wilde Kürbiſſe und zahlloſe Con⸗ volvulus⸗Blüthen, bilden das Dach der wunderbaren Aue. Es tritt gleichſam der Kampf zwiſchen dem Prinzip des Guten und des Böſen, zwiſchen Leben und Verweſung uns anſchaulich vor Augen. Es kommt uns vor, ſo wie wir von Bajada einen Blick rückwärts werfen, als ſähen wir — Xd— dieſes merkwürdige Land hervortreten aus den Meeres⸗ wogen, müde, matt und erſchöpft von der ungeheuern An⸗ ſtrengung die ihm dieſes gekoſtet, hinſinken auf den Sand, unfähig ſich weiter zu ſchleppen, erſt nach einer mehrſtün⸗ digen Ruhe einen neuen Anſatz nehmen, weiter ſchleichen, wieder liegen bleiben, wieder erſtehen, aber allmählig ſeine vorige Kraft gewinnen, die zur Wildheit ausartet, ſo wie es weiter ſchreitet.“ „Jenſeits der prachtvollen Puente del Rey(Königs⸗ brücke), der ſchönſten Mexiko's, beginnt das Land einen wunderbar grandiöſen Charakter anzunehmen. Der Dich⸗ ter indem er ſang: „Kennſt du den Berg und ſeinen Wolkenſteg, Das Maulthier ſucht im Nebel ſeinen Weg, In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut Es ſtürzt der Fels, und über ihn die Fluth“— ſcheint die Felſenſtraße zwiſchen Puente del Rey und Perote vor Augen gehabt zu haben, auf der zu jeder Stunde des Tages das Maulthier in langen Reihen hin⸗ anklimmt, ſeinen Weg ſuchend im Nebel, ſo wie es auf die eiſige Höhe von Perote hinanſteigt.“ ... „Mexiko iſt nicht ein ſchönes Land in dem Sinne, wie wir uns ein ſolches gewöhnlich denken, wenigſtens nicht von dieſer Seite geſehen oder betreten. Es ſind nicht lieblich grünende Fluren, die das Auge erfriſchen, 2 — XI— nicht wogende Felder, nicht ſanft dahin rieſelnde Quel⸗ len oder majeſtätiſche Ströme, die wir ſchauen; das Auge erblickt nur ungeheuere, ſchauerliche Felſenmaſſen, gräuliche Klüfte, entſetzliche Abgründe, die aus den furchtbarſten Höhen in die Tiefen des Erdballes hineingähnen, und aus denen der Donner der Kataracte heraufbrüllt wie Schlachten⸗ donner. Die Natur trägt hier den Charakter des wilde⸗ ſten Stolzes, der bizarrſten, furchtbarſten Kraft, und wieder einer unbeſchreiblich trägen Indolenz. Es iſt dieſes Land die Poeſie der weſtlichen Hemisphäre, das poetiſchſte Land der Erde. Selten einer jener ſanfteren Uebergänge, in de⸗ nen ſich die proſaiſchere Natur in andern Ländern ſo ſehr gefällt, nur Spuren gewaltſamer Revolutionen, und ſchnell auf einander folgender Cataſtrophen, häufig nicht mehr als einen Steinwurf von einander entfernt, bei jedem Schritte Spuren der gewaltſamſten Umwälzungen, der un⸗ natürlichſten Kämpfe.” „ Aber auch mit jedem Schritte, den wir in das Innere dieſes merkwürdigen Landes thun, mit jedem Felſenblocke, den wir hinanklimmen, werden uns auch die Schickſale deſſel⸗ ben, ſein räthſelhaftes Verhängniß, klarer, begreiflicher; der Zuſammenhang der phyſiſchen und moraliſchen Geſtaltung deſſelben, erſcheint uns deutlicher. Wir ſehen, wie die Na⸗ tur ſo rieſenartig, ſo groß, ſo ſcharf, ſo bizarr, ſo energiſch, und hinwiederum ſo zurückſtoßend, flach, träge und ge⸗ mein, dem Menſchen die Bahn gezeigt hat, ihm Vorbild geworden iſt, ihn mit fortgeriſſen hat zu Erſchütterungen, — XII— die die grellſte Phantaſie vergeblich in ihrer ganzen Schreck⸗ lichkeit zu malen ſich abmühen würde; denn ſo wie die⸗ ſes Land von der rieſigen Hand der Natur gleichſam in einer ihrer höhnenden Launen in Trümmer hingeworfen, aus denen ſich ein, obwohl noch immer chaotiſch ausſehen⸗ des Ganze geſtaltet, ſo iſt auch ſeine moraliſche Geſtal⸗ tung, oder vielmehr die ſeiner bürgerlichen Geſellſchaft, glei⸗ chen Schritt gegangen. Keine jener harmoniſchen ver⸗ nunftgemäßen Entwickelungen, die unſer Stolz und zugleich Bürgen unſerer fortſchreitenden Vervollkommnung ſind. Nur Spuren von unerträglicher Unterdrückung, rohen Kämpfen nnd grauſamen Eroberungen, auf denen ein noch grauſamerer Deſpotismus folgte, der wieder durch eine eben ſo grauſame Revolution geſtürzt zu werden beſtimmt iſt.“ „Und doch, wie der denkende Naturforſcher in der phyſiſchen Revolution Zuſammenhang erſchaut, ſo findet auch der ruhige Beſchauer in den moraliſchen Umwälzun⸗ gen Urſache und Wirkung heraus, und vor ſeinem Blicke geſtaltet ſich allmählig das Chaos zum Ganzen und zum Einklang.” „Noch aber iſt alles Chaos, Zerſtörung, Verwor⸗ renheit, moraliſcher Schutt und Trümmer.“ „Alles was beſtanden, iſt über den Haufen geworfen, vernichtet, zerbrochen, oder kümmerlich zuſammengefügt, — XIII— um beim erſten Windſtoße wieder über den Haufen geworfen zu werden. Denn nicht bloß eine dreihundertjährige Regie⸗ rung, auch die geſellſchaftliche Form, die ſie begründet, iſt gebrochen; der Glaube, die Religion, alles iſt gebrochen; alles nennt ſich frei, und alles ſteht ſich feindſelig gegen⸗ über. Millionen von Indianern, dem Buchſtaben des Ge⸗ ſetzes nach frei, in der That aber die Sclaven Jedermanns; ein Adel, der ſeine Titel verloren, aber ſeine Majorate bei⸗ behalten, und auf dieſen der unumſchränkte Gebieter von Hunderttauſenden ſeiner ſogenannten Mitbürger iſt; eine herrſchende Kirche ohne Hirten; eine Religion, die die Drei⸗ einigkeit lehrt, und ein Volk, das an keinen Gott, oder an die Götzen der alten Azteken glaubt; der wüthendſte Fa⸗ natismus, und der ekelhafteſte Atheismus; eine nationale Repräſentation und Scharen militäriſcher Dictatoren und Tyrannen, von denen es ſich der geringſte zur Schande rechnen würde, den gegebenen Geſetzen zu gehorchen. Mit einem Worte, die zügelloſeſte Freiheit, die phantaſtiſch wild aufgeſchoſſen, noch viele Phaſen durchzugehen haben wird, ehe ſie ſich zur geſetzlichen Freiheit geſtaltet.“ „»Sie wird ſich aber geſtalten; denn die Elemente des Guten ſind auch hier zahlreich und kräftig, obwohl der Sauerteig der verdorbenſten debauchirten Civiliſation, die je ein Land vergiftet, tief eingedrungen, und lange ſchmerzliche Krankheiten verurſachen wird.”“ „„ Bisher iſt dieſes Volk ſich noch immer ſelbſt ein Räthſel, es iſt noch nicht zum Bewußtſein, zur Beurthei⸗ — — Böſen, die ſie geſäet haben. Man ſieht ſie düſter und — IV— lung ſeiner ſelbſt gekommen, noch nicht erwacht aus dem langen Taumel, in welchen es die plötzliche Erlangung ſei⸗ ner Freiheit geworfen. Es iſt die Geſchichte dieſer Frei⸗ heit mehr einem Traume ähnlich, als der Wirklichkeit. Es ſchlängeln ſich Lichtſtrahlen durch ihr Labyrinth, aber das Ganze erſcheint ein Labyrinth. Mexiko weiß noch immer nicht, wie es zur Freiheit gekommen. Es wurde von ihr überraſcht, ohne daß es dieſe erkämpft, verdient hätte. Ein einziger Tag hat ſie ihm verſchafft, für die es eilf Jahre vergeblich ſein Blut vergoſſen, vergeblich gekämpft hatte, denn es war unterlegen in ſeinem Freiheitskampfe, und als ihm endlich die Göttin erſchien, überraſchte ſie ſolches, wie das Kind am Neujahrstage überraſcht wird. Was es im eilfjährigen Kampfe nicht zu erringen vermochte, brach auf einmal herein, ſo unvermuthet, ſo plötzlich, daß alle Ge⸗ müther berauſcht wurden und es noch immer ſind. Es iſt eine Art wilden, wüſten Freiheitsrauſches, der noch immer herrſcht, der die Gemüther noch immer nicht zur Beſinnung kommen läßt, und der bei allen Volksklaſſen mehr oder weniger zu verſpüren iſt, ausgenommen den vormaligen Gebietern dieſes Landes.”* „Es iſt ein ſeltſames Gefühl, das uns bei dem An⸗ blicke dieſer Menſchen beſchleicht, dieſer Fremdlinge, die wie abgeſchiedene Geiſter der Vorwelt noch immer als Ge⸗ ſpenſter umherwandeln, gleichſam das Böſe zu ſchauen, das ſie geſtiftet, ſich zu weiden an der Eumeniden⸗Saat des — XV— wieder hohnlachend um ihre Lieblingsplätze und Städte herumwandeln, denn unerachtet des Verbannungsgeſetzes ſind ihrer zwiſchen zehn und funfzehntauſend noch im Lande, gekettet an dieſes durch ihre Verbindung mit ei⸗ ner Eingebornen; oder durch die Schätze, die ſie den Ein⸗ geweiden der Erde anvertraut, und zu heben nicht Zeit noch Gelegenheit hatten.“ „»Sie wandeln nun um dieſe Verſtecke herum, wie unſere Indianer um die Gräber ihrer Väter. Sie ſind lebende Klagelieder vergangener Herrlichkeit, von keinem bedauert, ſelbſt nicht bemitleidet.“ „Das Land hat ſie ausgeſtoßen, von ſich geworfen, als Feinde und Eindringlinge, die ſich von ſeinem Blute dreihundert Jahre hindurch genährt, und doch Fremdlinge im Lande geblieben ſind. Sie haften an dieſem wie der Schiffshauptmann der letzte am Wracke haftet. Und, ſelt⸗ ſam! derſelbe Spanier, der düſtern Blickes, verſchloſſener Miene in ſeinen braunen Mantel gehüllt um ſeine Lieb⸗ lingsſtadt Palappa, in den Gärten dieſes irdiſchen Pa⸗ radieſes herumſchleicht, von jedermann verabſcheut, ob⸗ gleich geduldet, er hofft auf die Rückkehr ſeiner Gewalt noch immer, hofft ſich wieder im Blute der Mexikaner zu ſättigen, geſteht es, verhehlt es nicht. Er hat nichts gelernt in den acht Jahren, die ſeit dem 21. Februar 18241 ver⸗ floſſen ſind, nichts verlernt. Nur ein dunkler Punkt ſchwebt ihm in der ganzen langen Periode vor Augen, die Verrätherei Iturbides⸗ Hätte Apodoaka dieſem Iturbide 1 — XVI— ſein Zutrauen nicht geſchenkt, meint er, würde er Mexiko noch immer ſein nennen.“ Wie der Hund, der wüthend und blind über den Stein, der ihn getroffen, herſtürzt, und nicht den Schleuderer, der ihn geworfen, ſo zerfleiſcht er das Andenken dieſes Mannes, nicht einſehend, daß er bloß das Werkzeug war, in gewaltigeren Händen, beſtimmt, die morſche Form zu zerbrechen, und daß dieſes Werkzeug gebrochen wurde, ſobald es ſeine Beſtimmung erreicht hatte.“. „Der Haß des Mexikaners gegen dieſe Spanier iſt unbeſchreiblich, er geht ins Unglaubliche, er iſt ſo ungeheuer, wie die Uebel die ſie ihm zugefügt haben; er iſt gegenwärtig, nächſt der Spielſucht, die einzige Lei⸗ denſchaft, die in ſeiner Apathie zuweilen aufblitzt. Er iſt furchtbar, und wird ihm ſo lange innewohnen, als die Erinnerung an die ausgeſtandenen Leiden, das Schmerz⸗ gefühl der Wunden, die ihm geſchlagen worden; und, die Wahrheit zu geſtehen, werden dieſe noch lange Zeit, vielleicht noch Jahrhunderte eitern. Geheilt werden ſie ſchwerlich je.” Aus des Verfaſſers mexikaniſchem Tagebuche während ſeines Beſuches 1828. Erſtes Capitel. Kund iſt's, ſollt's mindeſtens ſein, daß man in allen Ländern, wo ſich'sVolk katholiſch neunt, Sechs Wochen eh' die Oſterglocken ſchallen, Zu jeder Art von wildem Jubel rennt, Und eh' man beichtet, möcht' in Reu' verfallen — Gleichviel, zu welchem Stand man ſich bekennt— Durch Tanz und Trunk und Feſtſchmaus und Maskiren, Und Sonſt'ges, was mit Geld ſich läßt forciren. Beppo. Die Sieſta war vorüber; die tiefe Stille, in welche die zweiſtündige Mittagsruhe die ganze Hauptſtadt Neu⸗ Spaniens wie begraben hatte, war auf einmal einem tobenden Geſumſe gewichen, das, aus den obern Vor⸗ ſtädten hereinbrechend und einem nicht minder tobenden Lärmen von den untern her begegnend, bald über der ganzen Hauptſtadt in einem ſo furchtbaren Schwall von Tönen aufſtieg, daß ihre unzähligen Gallinazos*) mei⸗ lenweit dadurch verſcheucht wurden. Tauſende ihrer Be⸗ *) Aasgeier; ſie ſchwärmen zu Tauſenden in und um die Städte Mexiko's. Der Virey. I. 1 — 2— wohner erhoben ſich von ihren Lagerſtätten, den Porticis der Kirchen, Häuſer und Paläſte, oder tanzten, mit den bunteſten Mummereien behangen, aus dem Parian*) her⸗ vor, um das Carneval in jener raſenden Luſt zu feiern, mit der die katholiſchen Völker ſich für die drückenden Entbehrungen des Jahres ſchadlos zu halten pflegen. Hier ſah man einen rieſigen Tenatero*x) im ungeheuern ſpaniſchen Generalshute und der Sergentenjacke, Scep⸗ ter und Weltkugel in der einen Hand, in der andern ein Kreuz von Pappe, ſtolz einherſchreiten, den Erlöſer von Atolnico wr) vorſtellend; ihm zur Seite eine Schar von Indianern, Zambos und Meſtizen), in Apoſtel, Jünger, jüdiſche Prieſter und Weiber metamorphoſirt, vor dem göttlichen Meiſter unzüchtige Tänze und Sprünge aufführen; daneben Adam und Eva, vom Engel mit flammendem Schwerte aus dem Paradieſe getrieben, das von einer Gruppe von Weſen dargeſtellt wurde, die das damalige Eden, wie es auf unſern Pfennigsbildern re⸗ präſentirt wird, nicht übel vorſtellten. An einem dritten Orte ließ ſich der Dios padre T†t) herab, ſelbſt den Rei⸗ *) Der Bazar auf dem Hauptplatze Mexiko's. **) Ein Erzträger; ſie tragen 250 Pfund mit Leichtig⸗ keit mehrere hundert Stufen hinan, und ſind gewöhnlich Indianer von ſehr ſtarkem Körperbau. ***) Ein Wallfahrtsort⸗. N. T †) Siehe Note gf. †t) Gott Vater. 2 — 3 gen aufzuführen, zu dem die heilige Cäcilia, mit einer ſpaniſchen Laute verſehen, den Gangaſo*) producirte, während wieder das kleine Jeſuskindlein auf ſeiner Flucht nach Aegypten, einen gewaltigen Eſel reitend, Ströme Waſſers in die offenen Fenſter und den Vorübergehenden ins Geſicht ſpritzte. Dazwiſchen Scharen von Leperos,**) Stutzern und elegant herausgeputzten Mädchen und Wei⸗ bern, die ſich in dieſem Schwarm von Indianern wie Sumpflilien im giftig-ſchmutzigen Moraſte aus⸗ nahmen; dann wieder Hunderte von Raketen, die, un⸗ geachtet des hellen Tageslichtes, auf allen Seiten und Enden aufſchwirrten, zur großen Freude der Indianer, deren Jubel in wahres Toben überging, ſo wie einer der feurigen Schwärmer zwiſchen einem Mirador*er) oder unter die geputzten Damenköpfe, die von den Ge⸗ ländern herabwinkten, einfuhr. Ueberall die tollſte, wil⸗ deſte Freude; aber eine Freude eigener Art, ſo raſend auf einmal ausgebrochen, ſo grell und plötzlich nach der *) Der durch die Naſe gezogene Geſang, den die Gui⸗ karre begleitet. Gewöhnlich wird dazu getanzt, ſo unme⸗ lodiſch er auch iſt. **) Auch Guachinangos oder Saragates genannt(buch⸗ ſtäblich Ausſätzige), werden jene Unglücklichen geheißen, die zu Tauſenden in der Stadt und den Vorſtädten Mexiko's dach⸗ und fachlos hauſen.(Siehe Note 1, 2.) *³²) Die vergitterten Balcone, mit denen die Häuſer Mexiko's geziert ſind. — 2— Todtenſtille, die noch wenige Minuten zuvor geherrſcht hatte, daß Auge und Ohr befremdet und erſchrocken die⸗ ſen Tauſenden von Bacchanten und Bacchantinnen zuſah und zuhorchte, die wie aus der Erde gewachſen waren, und eine Miſchung von Phyſiognomien darboten, ſo chao⸗ tiſch, ſo ſchroff und bizarr, feindſelig ſich begegnend, wie ſie auf der Erde nicht mehr geſehen werden können. Ueppige Mulattinnen mit derben Zambos, knochig ha⸗ gere Indianer mit der gefälligeren Meſtizin, ſtattliche Creolen mit Alta atras, und darunter wieder Geſichter, die zu keiner bekannten Race oder Abart des lieben Men⸗ ſchengeſchlechtes zu gehören ſchienen, trieben und dräng⸗ ten ſich um und zu jenen heiligen Faſtnachtsſpielen, au- tos sacramentales genannt, in welchen die ſüdlichen Völker bekanntlich eine eigene Art von Rache an derſelben Religion nehmen, nach deren Gebräuchen ſie wenige Stunden zuvor das höchſte Weſen verehrt; von denen aber nur ſehr wenige jenen myſterioſen Sinn hatten, den die europäiſchen raffinirtern, wenn gleich nicht aufge⸗ klärtern, Völker ihren tollen Mummereien unterzulegen pflegen. Einige derſelben ſchienen jedoch eine tiefere Be⸗ deutung auszuſprechen, und darunter eine, die wir, um das mexikaniſche Volksleben auch von dieſer Seite ken⸗ nen zu lernen, uns näher beſehen wollen. Es war eine Gruppe von zwölf Perſonen, die, phan⸗ taſtiſch in die verſchiedenen Coſtüme der Indianerſtämme 4 5 4 — 5— des Landes gekleidet, einen ſogenannten Carro*) ſo ma⸗ leriſch umgaben, daß man wohl ſah, ſie folgten der Lei⸗ tung eines berechnenden Kopfes. Die Indianer waren in Trauer und bewegten ſich als Leidtragende um dieſen Wagen, auf dem zwei Geſtalten ſich befanden, die das Attribut des Gräßlichen und Komiſchen ſo ſeltſam in ihrem Aufzuge vereinigten, daß das Auge neugierig und ſchaudernd zugleich auf dieſe ſonderbaren Geſtalten blickte, von denen die eine ausgeſtreckt auf dem Wagen lag: ein blutend verſtümmelter Torſo, aus deſſen Bruſt und ab⸗ gehauenen Arm⸗ und Schenkelſtumpfen das Blut noch immer tröpfelnd herabfiel, welches wieder von einem zwei⸗ ten Gefolge ſpaniſcher Verlarvter mit Gier aufgeleckt wurde. Noch ſchien Leben in ihm, denn er ſtöhnte und gab hohle Töne von ſich, und mühte ſich vergebens ab, das Ungeheuer, das, gleich einem Vampyr, ſich auf ihm niedergelaſſen und ſeine Tigerklauen in ſeine Bruſt eingeſchlagen, abzuſchütteln. Dieſes obenan ſitzende Ungeheuer war eben ſo ſeltſam anzuſchauen. Es hatte das finſtere Geſicht eines wohlgenährten Dominikaner⸗ mönchs, deſſen Kutte es auch trug; auf der einen Seite hatte es eine brennende Fackel, auf der andern einen bellenden Hund; ſein Haupt bedeckte eine kupferne Gieß⸗ kanne, die wahrſcheinlich das Helmſubſtitut des Ritters der Mancha vorſtellen ſollte. Ueber dieſen Helm ragten *) Ein zweirädriger Wagen, — 6— ein paar Flügel hinaus, nicht unähnlich denjenigen, die die fruchtbare Phantaſie alter Wappenkünſtler dem Vogel Greif gegeben; der Rücken endigte ſich im Schwanze des mexikaniſchen Wolfes Coyote, ſo wie wieder die Tatzen dem Caguar angehörten, mit denen er den Torſo furcht⸗ bar zerfleiſchte. 8 Dieſer ſonderbare Spektakelaufzug hatte ſich die Ta⸗ cubaſtraße herauf, in die Sant Agoſtingaſſe, von dieſer in die Plateria und aus dieſer wieder in die Adlergaſſe gezogen, und ſich endlich dem Stadtviertel Trespanna zugewandt, wo er vor dem Hotel gleichen Namens hielt. Die Haufen von Indianern, Meſtizen und der far⸗ bigen Bevölkerung waren allmälig durch Hunderte von Creolen verſtärkt worden, während der ſtolzere Spanier mißtrauiſch aus den Fenſtern ſeines wohlverwahrten Hau⸗ ſes dem ſonderbaren Gaukelſpiele zuſah, um das nun Tauſende von Zambos, Creolen, Indianern und Meſti⸗ zen einen Kranz bildeten, ſo maleriſch, eine Miſchung von Köpfen und Phyfiognomien ſo chaotiſch, und eine Man⸗ nigfaltigkeit von glänzenden Prachtaufzügen und den ekel⸗ hafteſten Lumpen ſo nahe an einander gereiht, wie ſie nur wieder in dieſem Lande geſehen werden kann. Unter den reichſten Manga's,*) die der Popanz angezogen, war ein junger Mann, deſſen Geſicht es ſchwer errathen ließ, welcher Race es angehörte. Es o— *) Der Mantel eines Mexikaners. hatte alle Farben des Regenbogens, die ſich auf der knapp anliegenden Seidenmaske ſo blendend natürlich dar⸗ ſtellten, daß man in Verſuchung kam, dieſes Farbenſpiel für Natur zu halten. Er war aus der Fonda*) von Tres⸗ panna heraus auf die Straße getanzt, hatte ſich einige⸗ mal flüchtig⸗vorſichtig umgeſehen, und ſich dann durch die Scharen dem Gaukelaufzuge zugedrängt und gewun⸗ den. Es war etwas Eigenes in der Art des jungen Stutzers(denn ein ſolcher konnte er, ſeiner reichen Klei⸗ dung nach, genannt werden), das ihm ſchnell Platz ver⸗ ſchaffte. „Närriſche Leute! hirnloſe Leute! ſchweiniſche Hau⸗ fen! Was rennt, was drängt, was lauft ihr? Was ſeid ihr gekommen zu ſchauen, zu ſehen? Wißt ihr nicht, daß das Sehen verboten iſt, beſonders das helle Sehen d9 Der Ton des Stutzers, ſeine plätzliche Erſcheinung und das kecke Originelle ſeines Weſens, im Gegenſatze mit dem ſcheuen Benehmen der übrigen Creolen, die ſich vorſichtig dem Wagen näherten, ihn einige Augenblicke mißtrauiſch betrachteten, und dann ſich ſchnell zurückzo⸗ gen, um in ſicherer Ferne des Weitern zu harren, hat⸗ ten nicht verfehlt, die allgemeine Neugierde auf ihn zu lenken. „Wohl denn, Volk von Mexiko oder Anahuac,**) *) Ein Gaſthof erſten Ranges. **½) Der eigentliche Name des einſtmatigen Kaiſerthums. —&— wenn ihr ſo euch lieber nennen hört, das heißt Azteken, und Tenochken, und Otomiten,*) und Meſtizen, und Zambos, und Alta atras, und Blancos, die der Teu⸗ fel“, flüſterte er leiſer,„ganz oder wenigſtens zum zwan⸗ zigſten Theile holen mag.“**) „Bravo!“ riefen Hunderte von Meſtizen und Zam⸗ bos, denen die letzten Worte des Stutzers auf einmal über ſein politiſches Glaubensbekenntniß Licht gegeben hatten.„Bravo, escuchate!"***) ertönte es wieder und wieder. Während dieſes Bravorufens hatte ſich der Mann tanzend und wieder windend durch die Haufen zum Po⸗ panze hin Platz gemacht, den er aufmerkſam betrachtete. „Alſo ihr möchtet gerne wiſſen?“ rief er wieder. „» Wiſſet ihr aber, daß eben dieſes Wiſſen verboten iſt? Ei, aber ſchauen möchtet ihr, denn das Schauen iſt nicht verboten, und wenn ihr keine Mulos †) ſeid, ſo⸗ mögt ihr auch ſehen, helle ſehen!“ — *) Azteken, Tenochken, wurden die alten Mexikaner genannt. Otomiten iſt ein zahlreicher zweiter Hauptſtamm Mexiko's. Die Sprachen der Azteken und Otomiten ſind die verbreitetſten, und zeichnen ſich die eine durch ihre Härte, die andere durch ihre Weichheit aus. **) Man nahm an, daß die Spanier, die Gebieter des Landes, den zwanzigſten Theil ſeiner weißen Bevölkerung, das heißt: ungefähr 60,000 Seelen, ausmachten. *s) Hört! †) Maulthiere; das gewöhnliche Laſtthier in Mexiko. — 0— „Wenn wir aber Mulos ſind?“ rief eine Stimme. „ Dann will ich euer Ariero*) ſein“, lachte der Stutzer, der um das Schauſtück mittlerweile herumge⸗ tanzt war.„Alſo Mulos ſeid ihr!“ rief er aufblickend; „Madre de Dios!**) Das ſeid ihr ja ſchon geweſen alle Tage euers Lebens, ſeit nämlich der finſtre Gachupin da— er deutete auf das Ungeheuer halb Mönch, halb Thier— das arme Ding, das Einige Anahuac, Andere Mexicotl,**.) wieder Andere Guauhtomozin 1) nennen, zu ſeiner Lagerſtätte erkohren. Arme Mulos, und wie⸗ der Mulos! Ihr ſeid wie mein armer Sancho, der nichts will als Bier, und wieder Bier, und nochmals Bier. ††) Arme Mulos!“ „»Arme Mulos!“ ſeufzten Hunderte unwillkürlich, wechſelsweiſe das blutige Ungeheuer und wieder den Sprecher anſtarrend. Auf einmal hob der Stutzer die Kutte des Unge⸗ heuers, und der vom Rumpfe getrennte Kopf des blu⸗ tigen Torſo kam zum Vorſchein. Es waren indianiſche Züge, von einer Meiſterhand ſo natürlich dargeſtellt, daß *) Maulthiertreiber; ein ſehr zahlreiches Gewerbe. *n) Mutter Gottes. *e*) Der mexikaniſche Kriegsgott. †) Der letzte amerikaniſche Kaiſer. tt) Sollte eigentlich Pulque heißen; denn Bier war da⸗ mals in Mexiko, und iſt noch heute wenig bekannt. — 40— Hunderte von Stimmen mit einemmale riefen: Guauhto⸗ mozin! „Guauhtomozin!“ ſchallte es dumpf von Munde zu Munde, während der Pregonero*)(dieſen Namen hatte der Stutzer bereits von der Menge erhalten) fortfuhr, den Schleier von dem ſeltſamen Aufzuge zu lüften. „Seht, hier ſind ſeine Klauen am tiefſten einge⸗ hackt; es iſt Guanaxuato und Guadalaxara!“ ſprach der Pregonero, und die Menge ſchauderte wieder.„Es iſt Tio Gachupin,“ lachte er auf einmal, ſich auf dem Ab⸗ ſatze herumwendend,„Tio Gachupin,**) der das Spiel, das er vor nicht ganz dreihundert Jahren mit dem ar⸗ men Guauhtomozin—— Nein, es iſt Guauhtomozin's Geiſt!“ rief er,„der erſchienen, blutend und um Rache. ſchreiend.“ So viel war nun dem Haufen allmälig klar gewor⸗ den, daß der Spektakelaufzug eine tiefe, ja gefährliche politiſche Bedeutung habe. Die Menge hatte ſchnell zugenommen; die flachen Blumendächer, die Miradors *) Wörtlich überſetzt: Ausrufer. *⁸) Vetter Gachupin. Gachupin iſt ein unüberſetzbares Wort, deſſen Bedeutung eben ſo wenig erklärbar iſt, als die der Benennung Yankee. Die Spanier behaupten, es bedeute einen Helden zu Pferde; die Indianer und Kaſten einen Dieb. Es wird allgemein als ein Schimpfname an⸗ geſehen, mit dem man vorzüglich die Spanier und die ihnen vanhängigen Creolen bezeichnet. — 11— der nahen und entfernten Häuſer waren mit unzähligen Köpfen angefüllt. Es herrſchte eine tiefe Stille, die nur vom Geflüſter der Neugierde, oder dem Gemurmel des Schauders unterbrochen wurde, welches der Indianer mit einem ſo eigenthümlichen Tone von ſich gibt, wenn ihm jene theuern, ſo tief im Herzen ruhenden Erinnerungen an die Gewalt und Herrſchaft ſeiner Vorfahren durch Zufall ausgepreßt werden. Auf einmal rief es:„Vi- gilancia! Vigilancia!“*) von einem fernen Mirador herab. Vigilancia! ſchallte es von Munde zu Munde; „Vigilancia!“ rief der Pregonero;„Gracias Senoras y Senores!“**) lachte er, dfuͤckte ſich und verſchwand. In wenigen Augenblicken war vom gräßlichen Sinnbilde Mexiko's ſelbſt keine Spur mehr vorhanden, und als endlich die beiden Alguazils mit ihren Stäben ſich Bahn gebrochen hatten, regnete es Fetzen von Pappendeckeln und Trümmer gebrochenen Holzes auf ihre verhaßten Häupter; die Menge ſelbſt war, gleich einer Woge, durch einen gewaltigen Fels geborſten, auf allen Seiten aus⸗ geriſſen, und brach großentheils in den Gaſthof ein, vor dem die Scene ſelbſt ſtattgefunden hatte. — *) Wachſamkeit! Habt Acht! **) Dank, gnädige Herren und Herrſchaften! Senor, gleichbedeutend mit dem franzöſtſchen Seigneur, ſpricht jeder weiße und auch ſchwarze Mexikaner an, ſo armſelig er übrigens auch ſein mag. Senora, gnädige Frau; Se⸗ noria, Herrſchaft, Herrlichkeit. Dieſer letztere Titel wird nur Perſonen gegeben, die Oberſtenrang haben. — 12— Dieſer Gaſthof, der erſte Mexiko's zur Zeit, in die unſere Epiſode fällt, war, ſo wie heutzutage, der Vereinigungspunkt der hohen und niedrigen Welt der Hauptſtadt, das heißt des größten Reichthums und der ekelhafteſten Blöße, die nur gedacht werden können. Die untern Geſchoße nahmen eine Art Bazar ein, in denen Waaren mexikaniſcher Fabrikate zum Verkauf ausgebo⸗ ten wurden; die obern Säle waren zur Bewirthung der Gäſte beſtimmt, und mit einer Pracht ausmeublirt, die auffallend mit der Mehrzahl dieſer Gäſte contraſtirte. Im erſten dieſer Säle ſtand ein großer, langer Tiſch, einer Billardtafel ähnlich, auf dem Haufen Silbers la⸗ gen, die Tauſende von Piaſtern betragen mochten, wäh⸗ rend die Garderobe der ringsum ſitzenden oder ſtehenden Spieler um eben ſo viele Pfennige zu theuer bezahlt ge⸗ weſen wäre. Außer den Worten Senor und Senoria war kaum ein Laut zu hören; aber dafür ſprachen ihre giftig⸗feurigen Blicke deſto vernehmlicher, und ein Grimm. war in ihren Augen zu leſen, der jeden Augenblick in Mord und Todſchlag ausbrechen zu wollen ſchien. Der zweite Saal war, wo möglich, von einer noch häßlicheren Klaſſe von Menſchen angefüllt, die liegend, ſtehend, hockend auf allen Vieren, in Stellungen hinge⸗ ſtreckt waren, die nicht beſchrieben, viel weniger geſehen werden mögen; zum Theile beſchäftigt, ihre und ihrer Kinder Köpfe von jenn Bewohnern zu reinigen, die der ganze Reichthum dieſer Klaſſe zu ſein pflegt; eine Be⸗ AM ſchäftigung, der ſie ſich mit einer Sorgfalt überließen, als wenn dieſe zur Feier des dia de fiesto*) gehört hätte. Ein dritter Saal war den Chocolate⸗ und Sanga⸗ ree**)⸗Trinkern gewidmet, die ihre Gläſer und Becher mit einer Behaglichkeit leerten, die in der ekelhaften Nacktheit und Armuth ihrer Umgebungen noch einen eige⸗ nen Reiz zu finden ſchien; denn zwiſchen Stühlen, Bän⸗ ken und Tiſchen lagen und krümmten ſich die Elenden, Leperos genannt, gleichwie ein Bindungsmittel, das ſämmtliche Klaſſen Mexiko's zuſammenhielt; und wieder zogen ein: reich gekleidete Spanier, Spanierinnen und Creolen, die, noch halb ſchlaftrunken, von der Sieſta ka⸗ men, in einer Kleidung, hell und funkelnd und wieder loſe und locker, vor ihnen her eine Schar von Mulatten⸗ oder Negermädchen, die froh und üppig einhertanzten, Körbchen und Käſtchen tragend, und plazza por nues- tras Senoras!**s) ſchreiend, hintendrein die Cortejos, †) die dieſem Geſchrei mit ihren Säbeln und Stöcken den nöthigen Nachdruck gaben. „Carracco! que bella V cara compania!" ††) rief —— *) Feſttag. **) Ein Getränk, aus Zucker, Zitronen, Waſſer, Rum und Gewürz bereitet. ***) Platz für unſere gnädigen Frauen! t) Cortejo, lies Corteho, Cavaliere serviente. tt) Verdammt! welch eine ſchle und liebliche Ge⸗ ſellſchaft. — 441— auf einmal dieſelbe Stimme, die wir unten auf der Straße als den Ausleger der gefährlichen Faſtnachtspoſſe gehört haben, und die nun einem Caballero,*) ſeiner Larve nach zu ſchließen, angehörte, der in einem ganz neuen Anzug in den Saal trat, die Geſellſchaft mit je⸗ nen flüchtigen Blicken meſſend, mit denen der hohe Wüſt⸗ ling eine inferiore Klaſſe von Menſchen zu muſtern ge⸗ wohnt iſt.„Carracco a la Bonanza!"**) rief er, an den langen Tiſch tretend und eine Rolle Piaſter auf eine Karte werfend, die im nächſten Augenblicke auch ſchon gewonnen hatte. „Bravo, bravissimo! Doble!“ ſchrie er. Der Stutzer hatte wieder gewonnen und die Summe, ſo beträchtlich ſie auch war, ohne eine Miene zu verzie⸗ hen, auf die friſche Karte geworfen. „Treble!“ ſchrie er, als ſie wieder gewonnen; „Quadruple!“ ein viertesmal, und mit dieſem letzten Glücksfalle warf ihm auch der Banquier ſeine ganze Baarſchaft mit den Worten: Maledito gato! hin, und erhob ſich von ſeinem Sitze mit einem Blicke ſo grimmig, daß man hätte glauben ſollen, es müſſe den nächſten Augenblick Mord und Todſchlag erfolgen. Wider alles Erwarten jedoch nahm der Mann ſeine zwei Realen, die *) Caballero, Cavalier. Jeder von ſpaniſchem Blute abſtammende Mexikaner macht auf diefe Benennung Anſpruch. „*) Holla! zum Glück! Bonanza bedeutet vorzüglich das Glück in Bergwerksunternehmungen. er in den Ohren ſtecken gehabt, rief den Kellner, hielt dieſem die beiden Silberſtücke vor die Augen, und ſprach, auf das eine deutend, feierlich:„Cigar- ros!“ und auf das andere:„Arguardiente de cana!"**) und nachdem er ſo über ſein Geld disponirt, ſchlug er, in Erwartung der beiden Labſale, ſeine Manga mit ſo vieler Kunſtfertigkeit über die Schulter, daß der Zipfel der andern Hälfte zugleich bis zu der Hüfte herab verlängert wurde, und es ſo einiger Aufmerkſamkeit be⸗ durfte, zu gewahren, daß einer der beiden Schenkel gänzlich des nöthigen Artikels, Beinkleider genannt, er⸗ mangelte. „„ Venid Senoras y Senores a la Bonanza!*****) rief nun der glückliche Eroberer der Schätze ſeines Vorfah⸗ ren, indem er gleichermaßen zwei Realen ie) aus einem beſondern Beutelchen herausnahm, und einen in jedes Ohr ſteckte, welche Handlung er mit dem Zeichen des Kreu⸗ zes begleitete. „Plazza Gavillas!"¹†) rief es auf einmal wieder. „» Plazza por las Senoras!“ und mit dieſem Rufe trat [—Z—Z—C—C—C—C—L—C—C—C—C—F— *) Rum(aus Zuckerrohr). **) Kommen Sie, Damen und Herren, zum Glücke. *84) Real, der achte Theil eines Piaſters, wird, das Gluͤck feſtzuhalten, von Spielern in die Ohren geſteckt. t) Plag, Pöbel! Mit dieſem Ramen werden vorzüg⸗ lich die Rebellen bezeichnet. — 46— wieder ein Zug ſpaniſcher Soldaten mit ihren oder An⸗ derer Weibern ein. Sie waren auf eine Weiſe herausgeputzt, um die ſie manche unſerer vornehmen Damen beneidet haben dürfte, ſo wenig der Schnitt ihrer Kleidung dies auch verdiente. Vor jeder dieſer Spanierinnen ſchritten drei Mulattomädchen mit loſe anliegenden Seidenröckchen, die ihnen bis zu den Knien reichten, und ſo locker und lockend anlagen, daß Buſen und der ganze Leib ohne Mühe zu erſehen waren; die Haare in goldfadige Netze gewunden; an den Armen Spangen von gleichem Metalle. Das erſte dieſer Mädchen trug ein offenes Käſt⸗ chen mit Cigarren, aus dem wechſelweiſe die Damen und ihre Cortejo fich zuhalfen; das zweite ein Körbchen mit Zuckerwerk, dem gleichfalls häufig zugeſprochen wurde, und die dritte die Geldbörſe. „Plazza!“ erſchallte es wieder, und die Begleiter der Damen, wohlbeſtallte Unteroffiziere der ſpaniſchen Truppen, ſchwangen ihre Rohrſtöcke und Säbel, daß Indianer und Meſtizen und Zambos wie gemäht von Bänken und Stühlen purzelten. „Carracco! que quiere decir usted!“**) rief unſer neue Banquier, der ſich auf ſeinen Sitz niederge laſſen hatte, auf einmal aufſpringend.„Por todos Bastos y bastas de todo el mondo—“*) *) Alle Teufel, was wollen Sie damit ſagen? an) Um aller Knittel der Welt willen! Die ſpaniſchen ö“ — 17— Er ſprach dieſe Worte ſo drohend, und ſeine Geſti⸗ kulation war ſo echt mexikaniſch, daß drei der Sergen⸗ ten mit einemmale auf ihn zuſprangen. „Gojo, que quieris?“*) „Gojo!“ rief der Mexikaner gleichfalls, und dabei fuhr ſeine Hand unter die Manga, und dieſe Bewegung war ſo ſchnell von den ſämmtlichen weißen„ ſchwarzen, braunen und grünen Phyſiognomien nachgeahmt worden, daß die drei Sergenten nebſt ihren Damen mit einem⸗ male zurückprallten. Nur der vierte hatte ſich in der Nähe des Tiſches gehalten, und ſchwang nun die Kar⸗ ten, die Geſellſchaft zum Spiele einladend. Dieſe Einladung hatte auch einen unbegreiflich ſchnellen Erfolg. Dieſelben Menſchen, die ſo eben Par⸗ tei auf Leben und Tod für ihren Landsmann genommen hatten,— denn dieß verrieth das myſteriöſe Langen unter die Manga's,— erſahen kaum, in weſſen Hand ſich die Zauberblätter befanden, als ſie auch wie mit einer Stimme riefen: 3 „Por el amor! Va usted con Dios Senoria!“*) Karten heißen oros, espadas, copas und bastos., Dieſe leßteren ſtellen Knittel, und figürlich jene Symbole vor, die mit unſern Hirſchgeweihen gleiche Bedeutung haben. *) Hund, was ſoll dieß bedeuten? **) Um der Liebe Gottes! Gehen Euer Herrlichkeit mit Gott. Der Virey. I. 2 — 18— „Va usted con cien mil demonios Senor!“*) brüllten die Spanier. Der junge Mann ſah abwechſelnd ſeine armen Lands⸗ leute, dann wieder die Spanier an; dann, wie ergriffen von der ſonderbar originellen Höflichkeit und Grobheit beider, lachte er laut auf, packte pfeifend ſeine eroberte Beute zuſammen und räumte den Saal. Seine Wanderung durch die anſtoßenden Säle ſchien einige Zeit hindurch eine abſichtsloſe zu ſein; er ſtolzirte durch den einen, ſtieß hier mit einem Bekannten auf ein Glas Aguardiente an, nippte einem andern aus dem Cho⸗ kolatebecher, half einem dritten ſeine Sangarce leeren, und ſchleuderte ſo eine Weile herum, bis er ſich endlich in den letzten leeren Saal verlor, wo er an die Flügel⸗ thüre trat, die verſchloſſen war, und an die er mit den Worten klopfte:„Ave Maria purissima!“**) Sie wurde aufgethan. „Sine pecado concebeda,“ wr) fügte er hinzu. „Por el amor de Dios! No fineza, no piedad! †) Kön⸗ nen Sie nicht ſagen: Sine pecado concebeda, Senores?““ *) Gehen Sie mit allen hunderttauſend Teufeln, gnä⸗ diger Herr! **) Gegrüßt ſeieſt du, reinſte Maria!— der gewöhn⸗ liche Gruß der in ein Zimmer Tretenden. **s) Ohne Sünde empfangen!— die Antwort darauf. t) um der Liebe Gottes willen! keine Frömmigkeit, keine Artigkeit mehr zu finden. Zweites Capitel. Verdades dire en camisa, Poco menes que desnuda. Quevedo. Die Geſellſchaft des Saales war von der ſo eben beſchriebenen vortheilhaft verſchieden, ſie beſtand aus bei⸗ läufig fünf und zwanzig jungen Männern, die, ſämmt⸗ lich in die reiche Tracht des Landes gekleidet, Mangas verſchwenderiſch mit Sammt, Seide und Gold verbrämt, Jacken mit Otterfellen ausgeſchlagen und gleichfalls mit Gold verbrämt, und die übrige Kleidung von entſprechend koſtbaren Materialien hatten. Das ſpitze, feine Hohn⸗ lächeln, mit dem ſie den Eindringling muſterten, und ihre vornehm gleichgültigen Blicke auf die Goldhaufen, die den Tiſch bedeckten, verriethen geübte Hazardſpie⸗ ler, oder, was in Mexiko dasſelbe ſagen will, Edel⸗ leute vom höchſten Range. Der Saal war koſtbar meu⸗ blirt, Tiſche und Seſſel vom feinſten Holze und reich vergoldet, Vorhänge, Eſtrada's, Luſtres nach der neueſten Fagon. — 20— „Sechszehn machen einen Dublon,“*) ſprach der junge Mann, der, nichts weniger als verſchüchtert durch den vornehm⸗geringſchätzigen Empfang, nun zum Tiſche trat und eine Rolle von ſo vielen Piaſtern auf eine der Karten ſetzte. „No pueden,“**) erwiederte der Banquier, der mit ſeiner hölzernen Hand das Silber geringſchätzig zu⸗ rückwies. „No pueden,“ ſprachen in demſelben einſylbigen Tone die Kavaliere,„una sociedad con fuero***).“ „Una sociedad con fuero?“ wiederholte der Mann kopfſchüttelnd.„Allen Reſpekt vor Fueros, Nota bene, wenn ſie reſpektirt werden. Wiſſen Sie aber, Senores, daß unſer Fuero älter iſt?“ „Dein Fuero älter, Gato?”“ †) ſprach einer der Edelleute gedehnt. „Ei gewiß iſt es älter, und gerade ſo alt, als die Madre Eccleſia †t) zum Narren geworden iſt.“ „Die Madre Eccleſia zum Narren geworden? Gato, wie meinſt du dieß?“ *) Ein ſpaniſcher Dublon iſt gleich ſechszehn Silber⸗ Piaſtern. **½) Können nicht. *n) Eine Geſellſchaft mit einem Privilegium, geſchloſſene Geſellſchaft. t) Gato heißt Katze, figürlich Spitzbube. ††) Mutterkirche. — 24— „Ei, zum Narren geworden; ſie fraß nämlich ſo viele Narrheit, daß ſie ganz zum Narren geworden iſt, wie Sie ſehen können, wenn Sie auf die Gaſſe ſchauen wollen. Juſt ſo wie die Madre Patria*) ſo viel mexi⸗ kaniſches Blut gefreſſen, daß ſie ganz blutdürſtig gewor⸗ den iſt.“ Die jungen Kavaliere wurden auf einmal aufmerk⸗ ſam.„Paz Senor! Va usted con Dios,*) und möge Ihnen der Alguazil kein Geleit in die Cordelada geben,“ ſprach der Banquier. „Paz wollen Sie, Ruhe wollen Sie? Sie wer⸗ den Sie nicht finden, nicht mehr in Mexiko finden!— Ruhe wollen Sie?* wiederholte er ſchwärmeriſch, feurig, „Sie werden ſie ſo wenig finden, als Pedrillo. Keine Ruh', keine Ruh', keine Ruh' bei Tag und Nacht; Nichts, das ihm Vergnügen macht.“ Und mit dieſen Worten brach er auf einmal in die wunderſchön⸗ launige Arie Pedrillo's aus, die er mit einem Feuer und einem Aufſchwunge abſang, daß die Kavaliere den Mann mit offenen Mäulern anſtarrten. Zugleich waren im nebenanſtoßenden Saale eine Gui⸗ tarre und Caſtagnetten eingefallen, die den Geſang regel⸗ mäßig begleiteten. —4— *.) Madre Patria nennt der Mexikaner Spanien.— Mutterland. **) Ruhe, mein Gnädiger! Gehen Sie mit Gott. — 22— War es der Reiz der Ueberraſchung, oder das Ori⸗ ginelle in der Weiſe des Sängers, der das Bruchſtück aus dem Meiſterwerke des berühmten und— zur Ehre des Creoliſchen Geſchmackes ſei es bemerkt— in Mexiko hochbeliebten Tonſetzers ſo unvergleichlich a limprovista ge⸗ geben hatte, die Kavaliere ſprangen wie von einem elektri⸗ ſchen Funken berührt auf, und zwanzig Dublonen flogen ihm mit einemmale in die Manga. „Encora! Encora!“ riefen Alle. „Senorias!“ ſprach der Banquier, der allein mür⸗ riſch gehorcht hatte und nun unſerm Aventurier näher trat,„ich warne Sie, Senorias! Ich erkenne in dem Caballero“— er ſprach das Wort in einem ſpitzig⸗weg⸗ werfenden Tone—„denſelben Gentilhombre*), dem die Alguazils ſo eben auf den Ferſen waren, und der uns dieſe ungebetenen Herren ſehr leicht auf den Hals brin⸗ gen dürfte.“ „Biſt du es, Gato, der den Alguazils die Naſe gedreht?“ riefen Mehrere. Doch der junge Mann hatte ſtatt aller Antwort mit dem Fuße geſtampft, und(als wäre dieſes Stampfen ein Zauberſchlag) es öffneten ſich zwei Flügelthüren, ge⸗ genüber denjenigen, durch die er gekommen, und heraus traten vier Geſtalten, die, fleiſchfarben- ſeidene Masken auf den Geſichtern und eben ſolche Kleider auf dem Leibe, zwei herrliche, aber etwas üppige Tänzerpaare bildeten. *) Gentleman, aber in einem ironiſchen Sinne. „Senorias, por el amor de Dios!“ warnte, bat, flehte und drohte der Banquier. Mit den vier Tänzern waren zwei Begleiter mit Guitarren gekommen, die ſie nun anſchlugen. Dieſes entſchied. Die Kavaliere, im Anſchauen der üppigen uUmriſſe der herrlichen zwei Mädchengeſtalten verſunken, ſahen und hörten nichts mehr vom Banquier, der haſtig und mürriſch ſeine Geldhaufen zuſammenſcharrte, ſie in einen Kaſten packte und den Saal verließ, als wenn der Feind ihm auf den Ferſen nachfolgte. Die Guitarren hatten geklungen, die Tänzer ſich in Bewegung geſetzt, die Caſtagnetten knackten darein, und nun führten die zwei Paare einen Tanz auf, den der ſtärkſte Pinſel vergeblich in ſeinem raſenden Liebesent⸗ zücken zu ſchildern verſuchen würde. Jede Bewegung war reine Natur, Hingebung, hinſchmelzende Luſt. Sie be⸗ gannen mit dem Bolero*), und gingen, durch ein raſches Stampfen mit dem Fuße und ein Wirbeln der Arme, in den Fandango über. Alles war Wolluſt, üppig glühende Wolluſt, aber nicht jene grobe Wolluſt, unter der gewöhnliche Fandagotänzer ihre Ungeſchicklichkeit zu verbergen pflegen. Die höchſte Poeſie dieſes zugleich üp⸗ pigen und zarten Tanzes ſtellte ſich in jeder Bewegung ſo unnachahmlich ergreifend dar, daß die Kavaliere in *) Ein dem Fandango ähnlicher Nationaltanz. Die Bewegungen ſind raſcher. ſprachloſem Entzücken mit lauten Oh's und Oh's! vor⸗ ſprangen, den aufgeregten Sturm tobender Leidenſchaft zu beſchwichtigen.— Sie prallten, als wäre der Blitz vor ihnen in den Boden geſchlagen, zurück. Ein widrig ge⸗ ſtöhntes Brr! tönte aus der hintern Ecke des Saales, und unterbrach plötzlich und grauſam ihre Zauberbilder. Sie wandten ſich nochmals nach dem Gegenſtande, der ſie ſo plötzlich zurückgeſcheucht, und gewahrten eine Ge⸗ ſtalt, die das Erſtaunen unſerer Leſer kaum minder er⸗ regen dürfte, als ſie es bei den jungen Kavalieren gethan. Auf einer Otomane, die im Hintertheile des Saa⸗ les ſich längs der Wand hinzog, lag halb, und ſaß halb eine Geſtalt, deren Anzug einen Moslem bezeichnete, und zwar einen Moslem des höchſten Ranges. Sein Kleid war grün, ſein Turban gleichfalls; in dieſem letztern glänzte ein Geſchmeide funkelnder Edelſteine, das Alles übertraf, was in Mexiko dieſer Art bisher noch geſehen worden war. Dafür aber waren die Züge des Mos⸗ lems wieder die zurückſtoßendſten, die gedacht werden konnten. Eine niedrig zurückgebogene Stirne, mit blau⸗ grauen, ſtieren, gläſernen, und doch tückiſch lauernden Augen, in denen Treuloſigkeit und Verachtung ihren Sitz aufgeſchlagen zu haben ſchienen. Zwiſchen der Stirne und dieſen Augen neigte eine lange Naſe raubthierartig zu einer Oberlippe ſich herab, der Gefräßigkeit angebo⸗ ren ſchien, während die Unterlippe in äußerſter Erſchlaf⸗ fung niederhing; die Kinnladen dieſes häßlichen Geſichtes — 25— waren viereckig und lang, der Mund groß. Ueber das Ganze war ein Colorit ausgegoſſen, das ganz den tückiſch⸗ falſchen und widerlichen Zügen des Geſichtes entſprach, und keiner Farbe angehörte. „Por el amor de Dios!“*) ſchrien unſere Kava⸗ liere nun wirklich erſchreckt.„Por el amor! Was ſoll das? Was hat dieß zu bedeuten?“ Sie näherten ſich wieder furchtſam der ſeltſamen Ge⸗ ſtalt und ſchraken wieder zurück, als wenn in dieſer Fi⸗ gur ein böſer Zauber läge. Neben ihr knieten zwei andere Moslems, der eine in einem blendend weißen, der andere in einem grünen Turban. Sie hatten ihre Hände auf die Bruſt gefaltet, und ihre Geſichter berührten beinahe den Teppich. „Brr!“ ſtöhnte der Moslem, ſich verdrießlich auf der Otomane dehnend, wieder in einem Tone, der mehr dem Grunzen eines Borſtenthieres, als einer Menſchen⸗ ſtimme glich. Beide Moslems prallten auf die Seite, und erhoben ſich ehrfurchtsvoll, einen Schritt Zurücktre⸗ tend, ohne die Kavaliere auch nur eines Blickes zu wür⸗ digen. Die Neuheit dieſer ſonderbaren Scene ſchien dieſe ſo ſehr außer Faſſung gebracht zu haben, daß auch kein einziger ein Wort zu ſprechen wagte. „Zil ullah**)!“ ſprach der Weißbeturbante,„Zil Um Gottes Liebe willen! *) **½) Der Herr ſei mit uns! — 26— ullah! Seine Hoheit haben wieder geſprochen. Geſpro⸗ chen, aber wie viel geſprochen?“ ſetzte er troſtlos hinzu. „Ben Hadͤdi würde gern heute bloßen Fußes die Wall⸗ fahrt beginnen—“ „Und Bultſhere,“ fiel ihm der andere ein,„den ſchwarzen Stein von Ararat küſſen—” „Wenn,“ begann der Erſtere wieder,„Se. Hoheit von dieſem Uebel hergeſtellt würde. Zil ullah! Drei Tage haben Ihre Hoheit weder von der Bohne von Mecca gekoſtet, noch von dem glorreichen Safte, der die Gläu⸗ bigen ſchon bei Lebzeiten in das Paradies verſetzt—“ „Noch von dem Safte,“ fiel der Andere ein,„den uns Shiras in ſo reiner Süße liefert; noch haben die Hoheit die ſanften Liebkoſungen der holden Zuleima, noch die feurigen der raſchen Fatima begehrt, ſeit drei Ta⸗ gen nicht begehrt. Was ſoll alles dieß?“ „Es ſind Unverdaulichkeiten,“ ſprach der Grünbe⸗ turbante. „Regierungsſorgen,“ erwiederte der mit dem weißen Turban,„wir müſſen ihn zerſtreuen. Es ſind friſche Almas*) und Odalisquen angekommen. Wir müſſen ihn zerſtreuen.” Er näherte ſich ſofort dem quaſi Kalifen, denn dieß war der hohe Rang, den der ſitzende Moslem vor⸗ ſtellen ſollte, und nachdem er ſich zur Erde geworfen, *) Türkiſche Tänzerinnen. trug er die Bitte vor. Es folgte wieder ein Grunzen, das wie Zuſtimmung gelten konnte, worauf ſich der Ve⸗ zier freudig erhob, einen Schritt zurück trat, dreimal mit dem Fuße vernehmlich, doch nicht zu heftig, ſtampfte, und dann mit ſeinen Gefährten in die Ecke trat, um der kommenden Dinge zu harren. Zur Verwunderung unſerer Kavaliere, öffneten ſich wieder die Flügelthüren und vier Tänzerpaare traten ein in ſo glänzend⸗prachtvollem Koſtüm, das ſelbſt dasjenige der Moslemin verdunkelte. Ihnen folgten auf den Füßen vier rabenſchwarze Geſtalten, von denen die zwei erſtern die ſpaniſch moriſche Guitarre trugen, die dritte das oſtindiſche Tomtom*) und die vierte die perſiſche Flöte. Eine Weile ſtanden die acht Figuren in ehrfurchts⸗ vollem Harren, als wieder ein Brr ſich hören ließ, und der Kopf des Moslem, den wir beſchrieben, ſich erhob, um das neue Schauſpiel ſeines Blickes zu würdigen. Ein Adagio der Guitarre, in welches das Tom⸗ tom wie das entfernte Rollen des Donners einfiel, all⸗ mählig ſtärker und ſtärker werdend, eröffnete den Tanz. Dann fielen die Caſtagnetten anfangs einzeln knackend ein, und endlich erhob ſich der Flöte ſanfter Ton, das Ganze zur Harmonie verbindend.— Gerade ſo hatten ſich die Tänzer geformt; anſcheinend kunſtlos und ganz Natur, verſchmolzen ſie allmählig in die ſchönſte, üp⸗ **) Die oſtindiſche Trommel. — 28— pigſte Tänzergruppe, mit ihren bunten Schleiern Re⸗ genbogen bildend, hinter denen die ſchwellenden Geſtal⸗ ten wie Houris hervorlächelten. Aller Augen, aller Blicke waren auf den beſchriebenen Moslem gerichtet. Bald ging das Adagio in das Allegro über, die Be⸗ wegungen der Tänzer wurden raſcher, ihre Gebehrden⸗ ſprache lebendiger, das Spiel ihrer Glieder üppiger, wollüſtiger; mit jedem Caſtagnettenknacke wurden ſie feuriger, verlangender; aller Blicke, aller Bewegungen ſchienen nur auf den Kalifen gerichtet zu ſein, die eines Paares ausgenommen. Es war die zarteſte der vier Mädchengeſtalten, die von einem Perſerkrieger verfolgt, dieſem im Tanze zu entfliehen ſtrebte. Bewunderungs⸗ würdig lösten ſich dieſe zwei Geſtalten aus dem Kranze, um eine Weile ihr eigenes Spiel zu verfolgen. Die Fliehende glitt ſo ſchnell, und ihre Bewegungen waren ſo eigenthümlich zart und reizend, daß der Kalif meh⸗ reremale die Augen weit öffnete und laut ſtöhnte. Bei jeder ſolchen Bewegung ſchien der Schmerz des armen Perſers bis zur Verzweiflung zu ſteigen, und ein lautes Bravo entfuhr den ſämmtlichen Kavalieren; nur den Kalif ſchien dieſe Kunſt der Sinnesluſt unge⸗ rührt zu laſſen. Einigemale ſtierten ſeine Augen, und es ſchoß ein Strahl des Verlangens daraus hervor; aber ſchnell verſiegte wieder der ſchwach auflodernde Funke, den ſelbſt des Perſers Triumph, über die nur ſchwach widerſtehende Geliebte, nicht wieder aufregen — 29— zu können ſchien. Das Ganze war ſo ſinnenkitzelnd, daß keiner unſerer Kavaliere es länger auszuhalten ver⸗ mochte, und alle mit glühenden Geſichtern der Thüre zuſtürzten. „Brr,“ ſtöhnte er wieder mit derſelben kreiſchend⸗ grunzenden Stimme.„Und ihr nennt das Zeitvertreib, was wir tauſend und abermal tauſendmale geſehen ha⸗ ben? Ein Holländer könnte auswachſen wie ſeine Zwiebel. Beim Barte des Propheten!“ rief er heftiger.„Ve⸗ zier, ſo wir heute keinen Schlaf, und morgen keinen Appetit haben, ſo haſt du die Schnur, und deine Al⸗ mas ſtecken auf Pfählen.“ Der Vezier ſtand ſprachlos ob dieſer Drohung, der Emir mit weit aufgeſperrtem Munde; die Tänzer und Tänzerinnen wie angezaubert feſtgebannt in derſelben Stellung, in der ſie waren, als die Donnerworte ge⸗ ſprochen wurden; eine der Bajaderen hielt ihr Füßchen in wagrechter Lage, ſo daß die Zehenſpitze in den offe⸗ nen Mund ihres Tänzers zu ruhen kam; eine Zweite hatte in der Verzweiflung den ihrigen in der Falte des Gewandes des Emirs verloren der, vor Schmerz auf⸗ und abrennend, ſie nun auf dem ihr noch gebliebenen Fuße mittanzen ließ; Alle drückten Schrecken und Ent⸗ ſetzen ſo unvergleichlich natürlich aus, daß der Kalif auf einmal ins lauteſte Gelächter ausbrach. „Beim Barte des Propheten!“ rief er mit dem⸗ ſelben widerlichen Gelächter:„Wir haben große Luſt dir den Kopf, Vezier, wirklich abſchlagen zu laſſen, um dieſe Scene nochmal, und wo möglich, in verſtärk⸗ ter Natürlichkeit zu genießen.“ „Allah Akbar!"*) riefen Vezier und Emir, und Tänzer und Tänzerinnen, die Worte des Kalifen über⸗ hörend, brachen in laute Lobpreiſungen der Gnade Al⸗ lahs aus, der ſo große Wunder durch ſeine Sklaven gethan, und ein Lachen hervorgebracht, das die Hoheit erquickt hatte. Dieſer einſtimmige Beweis von unterthanenliebe, ſchien dem Kalifen wohlgefällig zu ſein. Er nickte und der Emir, durch dieſes Beifallszeichen aufgemuntert, wagte es näher zu treten. „Wir wollten nur unmaßgeblich;“ hob er an—— „Beim Barte des Propheten!“ unterbrach ihn der Kalif:„Wir wiſſen was du ſagen willſt. Wir brau⸗ chen den Vezier, ſo wie wir Blutigel brauchen, um an⸗ geſetzt zu werden, wo überreiches oder verdorbenes Blut vorhanden. Ich habe gedroht, einem dieſer unnützen Tänzer—— Was meinſt du, Schrecken würde ſie ſpringen machen?“ „Verzeihung, Hoheit! würde ſie ſicherlich erlah⸗ men; vielmehr einem Schwein aus dem Haufen, Volk genannt,—— „Oder Einem, der Zechinen beſitzt;“ ſchaltete der *) Gott iſt groß. Vezier ein:„Die Schatzkammer Deiner Hoheit iſt ſehr leer, und dieſe Almas ſind arm wie Kirchenmäuſe der Giaours, und nützliche Diener des Staates.” „Beim Barte des Propheten, du ſagſt recht, ſie ſind nützliche Diener des Staates;“ bekräftigte der Ka⸗ lif, ſeinen Unterleib ſtreichelnd, und ſie mögen unſerer Hulden und Gnaden verſichert ſein. Laſſe alſo ein paar Dutzend aus dem Quartiere Bezeſtein die Köpfe ab⸗ ſchlagen, und ihre Zechinen dieſen armen Teufeln zur Hälfte zu Theil werden.“ Ein leiſes Tappen an der Thüre, ſchien beſcheiden um Einlaß zu bitten. Der Vezier hatte ſie geöffnet, und kam mit der Nachricht zurück, daß der Ober⸗Emir die Gnade einer Audienz begehre. „Wieder Regierungsſorgen, und nichts als Re⸗ gierungsſorgen;“ brummte der Kalif, und ließ das Haupt ſinken wie zur Ueberlegung; dann hob er es mürriſch und ſprach:„Es ſei, wir wollen den geiſtlichen Oberhirten unſeres Reiches empfangen. Entfernt euch ſchnell und tre⸗ tet ab, denn nicht geziemt es ſich, daß wir den Ausleger des Korans in derlei fleiſchlicher Geſellſchaft empfangen.“” Tänzer und Muſiker traten nun in den Hinter⸗ grund, ſchoben die Kavaliere gleichfalls in dieſen zurück, und erwarteten mit gefalteten Händen den Ober⸗Emir, der gleich darauf geſenkten Hauptes herein kam und, nachdem er vor den Kalifen getreten, mit ſeinem Geſichte den Teppich berührte. „ Entledige dich deiner Worte, maßen wir ſo eben in hohen Regierungsangelegenheiten deriſſn geweſen; auch der Zuſtand dieſes unſeres Leibes— „Bismallah!**) ſprach der hohe Prieſter zum häch⸗ ſten der Moslemin: Wir haben Gebete ausgeſchrien, ausrufen laſſen von allen Tempelzinnen; befohlen, daß die Gläubigen ſich mit Staub beſtreuen. Wir haben nun Männer aufgenommen, die heilige Wallfahrt zu thun, und den ſchwarzen Stein von Ararat zu küſſen, um dieſes körperliche Uebelbefinden deiner Hoheit—“ „Du haſt wohlgethan, Ober⸗Emir;“ ſprach der Kalif. „Licht der Welt, das mehr denn die Sonne durch ſeinen Glanz erhellt,”“ fuhr der Ober⸗Emir fort,„wir haben auch in Anbetracht des großen Uebels, das dem Reiche erwachſen würde durch dieſes Uebelbefinden dei⸗ nes Leibes, in dem Buche, das uns ſtatt aller Weisheit der Giaours dient, nachgeſchlagen, und darinnen gefun⸗ den, daß Harun al Rashid von einem ähnlichen Uebel⸗ befinden heimgeſucht ward, welches Uebelbefinden er ſich ohne Zweifel durch übermäßige Anſtrengung in Erfül⸗ lung ſeiner Herrſcherpflichten zugezogen—“ „Halte ein, Ober⸗Emir!” donnerte ihm der Ka⸗ lif zu:„Halte ein, und wäge deine Worte, bevor du **) Im Namen des Herrn. Anfangsworte der Kapitel des Korans. 2 — 3983— redeſt. Herrſcherpflichten ſagſt du? Herrſcherpflichten? Wer hat Pflichten? Gewürm, ſolches wie du, das wir aus dem Staube gehoben haben, hat Pflichten; wir aber haben weder mit ſolchem Gewürm noch mit Pflich⸗ ten etwas zu thun; wir, der Vikar des Propheten. Unſer Vergnügen iſt euere Pflicht, und unſer Wille iſt euer Gebot.”* „Ohne Zweifel, ohne Zweifel, Licht der Welt!“ verbeſſerte ſich der Ober⸗Emir.„Dein unterwürfiger Sklave wollte ſagen, Vergnügen. Wohl, als Harun al Rashid ſich in ähnlichen Betrübniſſen befand, welche er ſich ungezweifelt zugezogen durch übermäßige An⸗ ſtrengungen in Vergnügungen——“ „Sklave,“ brach der Kalif wieder aus„„ſpotteſt du unſer, ſagend, daß Harun al Rashid, unſer glorreiche Vorfahre, ſich übernommen habe in Vergnügungen, ſo darauf anſpielend, daß auch wir uns übernommen ha⸗ ben? Werfen wir uns nicht täglich neunmal Neunmale, unſer Angeſicht gegen Mekka gekehrt, zur Erde? Ha⸗ ben wir nicht noch geſtern an zwanzigmal unſern Namen unterſchrieben, verdammend diejenigen ungläubigen, räu⸗ digen Hunde zum Tode„ die gottesläſterlich von uns, dem Vikar des Propheten, geſprochen, und im Quar⸗ tier Bezeſtein gegen unſere geheiligte Perſon geläſtert ha⸗ ben, ſagend— was ſagten die Hunde?— Haben wir nicht Befehl ertheilt zu hängen, zu ſpießen, zu vertil⸗ gen wie ſchädliches Gewürm, alle diejenigen die da Der Virey. I. ☛ zweifeln, bedenken oder überhaupt denken? Haben wir nicht dieſen Befehl überall verkünden laſſen zu des Pro⸗ pheten und unſeres eigenen Namens größerer Ehre?“ Der Kalif hielt inne. Auf einmal wandte er ſich zum Emir:„Und nun ſage an, was Harun al Rashid, unſer glorreiche Vorfahre, gethan, wenn er von Trüb⸗ ſalen, gleich uns, heimgeſucht worden!“ „Bismallah!“ begann der Prieſter:„Wenn Ha⸗ run al Rashid betrübt war, in der Art, wie es deine Hoheit iſt, ſo hat er mit dem Buche, welches wir mit uns gebracht und aus dem, wenn es deiner Hoheit beliebt, du erſehen kannſt und ſelbſt leſen—“ „Wicht, elender Wicht!“ brauste der Kalif wieder auf, und er warf einen Blick der tiefſten Verachtung auf den Sprecher und ſein Buch:„Warum halten wir dich und deines Gleichen, wenn es nicht iſt, dasjenige für uns zu thun, was ſelbſt zu thun unter unſerer Würde wäre? und iſt Leſen von Büchern nicht unter unſerer Würde? und enthalten Bücher nicht die Geſinnungen von Böſewichtern, da ſie über Dinge reden, welche ſie nichts angehen, und die auf alle mögliche Weiſe zu vertilgen wir uns vorgenommen und Befehl gegeben ha⸗ ben! Haben wir nicht die Seidenſchnur zu reichen be⸗ fohlen, allen denjenigen, von welchen verlautet, daß ſie derlei Bücher nicht bloß ſchreiben, ſondern nur leſen? Ha⸗ ben wir es nicht zur Bedingung unſeres Wohlgefallens gemacht, für alle unſere Getreuen nicht zu leſen, nicht den Kopf mit Dingen zu beſchweren, die Böſewichter Auf⸗ klärung heißen, und nur dazu taugen, ihnen die Köpfe zu verwirren? Haben wir nicht deßhalb ausdrücklich eine Schar von Müßiggängern an unſern Hof genom⸗ men, von denen du das Oberhaupt biſt, und die ſtatt unſeres ganzen Volkes leſen und denken müſſen und ſollen?“ „Und warum ſollte das Licht der Sonne,“ ſprach der Ober⸗Emir,„Er, den alle Weisheit unter der Sonne erhellt——“ Der Kalif ſah wohlgefällig auf: Beim Barte des Propheten! du haſt ein wahres Wort geſprochen. Uebel würde es den Imaum al Moslemin*) anſtehen zu leſen, und ſich um die Geſinnungen und Gedanken von euch Gewürm zu bekümmern. Doch laſſe uns hören, was unſer glorreiche Vorfahre gethan, wenn er in einer ähnlichen Betrübniß geweſen.”“ Der Ober⸗Emir, der auf den Knien gelegen, rich⸗ tete ſich nun zur Hälfte auf und ſprach: „»„O du! der du allen Völkern als die Wonne der Seele„gegeben biſt, wie ſoll ich meine Bewunderung hinlänglich ausdrücken, um deine hohen Eigenſchaften würdig zu preiſen——" „Halt ein einen Augenblick, Ober⸗Emir;“ fiel ihm der Kalif ein.„Du ſollſt und mußt wiſſen, daß *) Haupt der Gläubigen, uns an deinem Preiſen und deiner Erkenntniß un⸗ ſerer guten und hohen Eigenſchaften nichts gelegen iſt, und daß dein Preiſen ſtinkt in unſerer Naſe und übel klingt in unſern Ohren, und ganz und gar werthlos iſt. Unterwürfigkeit und blinden Gehorſam fordern wir, das iſt alles, was wir brauchen. Es geziemt ſich nicht für ſolches Gewürm, wie du, das wir aus dem Staube gehoben, und wieder in den Staub zurück werfen können, zu uns aufzublicken, mit dem Vorha⸗ ben unſere guten Eigenſchaften auszuſpähen, maßen du bei ſothaner Ausſpähung leicht auch——“ Der Ka⸗ lif wollte wahrſcheinlich ſagen, unſere böſen Eigen⸗ ſchaften,— hielt aber inne. „Du ſollſt,“ fuhr er ſich verbeſſernd fort,„zu uns aufblicken, wie du zur Sonne aufblickeſt, in der du weder Gutes noch Böſes, Schädliches noch Unſchädliches ſiehſt, die du nur fühlſt in ihren Wirkungen, Segnungen, Zerſtörungen; ſo follſt du zu uns emporblicken. Und nun fahre fort uns zu ſagen, was Harun al Rashid gethan, wenn er in Trübſalen befangen, in welchen wir gegenwärtig ſind.“” „Allah Akbar! Harun al Nashid, wenn behaftet mit dem Uebel, über das deine Hoheit klagt, hatte die Gewohnheit, ſich in allerlei Trachten zu verkleiden, als da ſind die der Kaufleute und Soldaten und See⸗ leute und——“ „Wir wiſſen,“ fiel ihm der Kalif ein,„und ob⸗ wohl wir ſehr geneigt ſind, unſerm glorreichen Vorfah⸗ ren in allem nachzuahmen, wenn dieſes nicht zu viel Anſtrengung unſerm Geiſt und Körper auflegt, ſo zwei⸗ feln wir doch, ob gegenwärtig wir—— Wiſſe,“ fuhr er, in einem leiſern Tone fort,„daß zwar Harun al Rashid unſer Vorfahr, daß aber unſer hochherrliches Blut, Dank ſei es der Quinteſſenz unſerer Vorfahren, immer reiner, geiſtiger ſelbſt als das Haruns al Rashid geworden. Wir können uns daher unmöglich herablaſſen, Harun al Rashid nachzuahmen in dieſem Punkte. Wie,“ hob er wieder an,„wir ſollten uns herablaſſen, unter die ſchweiniſchen Haufen, Volk genannt, uns zu mengen, und unſere Geruchsnerven durch ihren Zwiebel⸗ und Knob⸗ lauchsgeſtank beleidigen laſſen, dieſem Aggregat von Unflat!“ „Aber um deine Hoheit zur Quinteſſenz alles deſſen was rein geiſtig und hoch iſt, zu machen, muß da das Volk, oder wie wir es nennen, der ſchweiniſche Haufe, nicht Aggregat des Unflats werden? Steht es nicht im Koran, daß der Menſch einen Funken des göttlichen Geiſtes habe? aber ſteht es nicht auch in dem Buche, in dem die Erfahrungen Harun al Rashids aufgezeichnet ſind, daß der Führer der Gläubigen, der Vikar des Propheten, die Funken wie in eine Sonne ſammele?“ „Wahr ſprichſt du;“ verſetzte der Kalif;„wir haben alles Geiſtige und alle Materie aus unſerm Volke ſo ausgeſogen, und zur Quinteſſenz in uns ſelbſt um⸗ ——¼. gewandelt, daß unſer Volk nun ganz und gar Schweine ſind.”) „ Zil Ullah!““ rief der Ober⸗Emir, deſſen Blicke ſich zur Thüre im Rücken wandten. „Und nicht nur deßhalb,“ fuhr der Kalif fort, der ſich durch dieſe Bewegung nicht ſtören ließ,„ſon⸗ dern auch weil uns unſer Bruder auf dieſes Schloß, das einem ſeiner erleuchtetſten Getreuen gehört, verſetzt, und uns mit aller Fürſorge umgeben, können wir dem Beiſpiel Harun al Rashid nicht Folge leiſten.“ „Es wundert mich doch,“ flüſterte der Emir in der Ecke dem Vezier zu,„daß die Hoheit, die, unter uns geſagt, die lügenhafteſte Hoheit iſt, die je über die Gläubigen geherrſcht, ſolchen Abſcheu vor den ſchwei⸗ niſchen Haufen hat, ſie, die ſich mit allen liederlichen Dirnen in den Straßenwinkeln und an Brunnenecken herumgewälzt.“ „Hush!“ warnte der Emir,„glaubſt du, dein Ge⸗ nick iſt von Eiſen? kennſt du die Launen eines Kalifen ſo wenig——”* „ Nein,“ beſchloß der Kalif,„wir wollen ein dem Propheten wohlgefälligeres Werk thun, und zwar wollen wir mit eignen Händen beginnen, das zwölfte Unterröck⸗ chen für die Mutter desſelben zu Tage zu fördern, auf daß ſie mit jedem Monate wechſeln kann.“ Schon mehrere Male war an den Flügelthüren des Haupteinganges zum Saale ein Geflüſter zu hören ge⸗ weſen, das die Anweſenheit von Horchern verrieth, ein Umſtand, den die Hälſe der kecken Repräſentanten des Kalifats in Gefahr bringen mußte. Ohne ſich jedoch durch dieſe Anzeichen von Spürhunden ſtören zu laſſen, hatten die Moslemins fortgefahren ihre Rollen zu ſpielen, und der Kalif erhob ſich mit all der Würde und ſtoi⸗ ſchen Hoheit eines morgenländiſchen Beherrſchers, ſeinen beiſtehenden Dienern nochmals verkündend, wie er Gro⸗ ßes thun, und das zwölfte Unterröckchen mit eigner Hand für die Mutter des Propheten fertigen wolle. So war der Zug zur Thüre geſchritten, als einer der Kavaliere aus dem Erſtarren, in welches alle dieſer merkwürdige Auftritt verſetzt hatte, erwachte, plötzlich aufſprang, dem Kalifen ins Geſicht ſtierte, und mit den Worten„Por el amor de Dios Fernando el Rey;“*) wieder zurückprallte, nochmals vorlief und Halto traidor**) ſchreiend, den Kalifen zu erfaſſen ſtrebte. Selbſt in dieſem gefährlichen Momente vergaß dieſer die angenommene Würde nicht. Einen Blick hoher Geringſchätzung warf er auf den Jüngling, und ſchritt dann zu der Thüre hinaus, wäh⸗ rend der rieſige Emir den Creolen erfaßte, wie eine Fe⸗ der aufhob und, ihn weit in den Salon zurückſchleudernd, die Thüre zuwarf. Noch ſtanden die ſämmtlichen Kavaliere in Schre⸗ *) Um Gotteswillen, Ferdinand der König! *⁸) Halt Verrather! ——— = 40— cken und Staunen verſunken, als die andern Flügelthüren krachend aufgeriſſen wurden, und mehrere Alguazils hereinſtürzten, wüthende Blicke in dem Saale umher⸗ warfen, und als ſie die Gegenſtände ihres Suchens nicht ſahen, unter lauten Flüchen und Verwünſchungen durch die zweiten Thüren rannten, durch welche die ſeltſamen Akteurs verſchwunden waren, und weiter fort von Saal zu Saal, laut ſchreiend: Tiendo te traidor, Tiendo, tiendo vos traidores.*) Im wüthenden Rundlaufe waren ſie wieder in den Saal gekommen, wo die Edel⸗ leute, ſprachlos und bewegungslos noch immer ſtanden. „Todos diablos!**) ſchrie einer der Häſcher, der zum Fenſter gerannt war:„Sie ſind in den Patio**) hinab, acht Varas †) hinab; Demonio!“††) brüllte er mit einer Wuth, die ihm den Geifer aus dem Munde trieb. „Und ihr, Caballeros!“ꝓ†††) ſchnaubte er un⸗ ſere Kavaliere an, denen dieſe Scene nun erſt vollends die Bedeutung der beiſpiellos kecken Pasquinade kund gethan, und die athemlos, bleich und zitternd ſtanden— *) Ich halte dich, ich habe euch Berräther. **½) Alle Teufel! *n) Hofraum. †) Mexikaniſche Elle. tt) Teufel! ein etwas gelinderer Fluch als Diablo. rr†) Hier wird es im ſarkaſtiſchen Sinne Bebrauch. ſo wie dieß häufig der Fall iſt. — 41— „„ Und ihr, Caballeros!“ ſchrie er mit gellender Stimme, „hat es euch beliebt mit dem geheiligten Namen der Majeſtät euern Spott zu treiben?“ „Don Battiſta, bei unſere Ehre! Wir wiſſen nicht, wir wußten nicht—— „„Bei unſerer Ehre,“ donnerte ein zweiter Häſcher, „ihr ſollt es bezahlen, bezahlen mit euern Köpfen, Hunde von Creolen.“ „„Don Jago!“ riefen die empörten Kavaliere dro⸗ hend.„Auf unſere Ehre—— „Auf unſere Ehre,“ überſchrie ſie der Alguazil, „wären wir Virey—— „Was nicht iſt, kann ja werden; ihr ſeid ein ge⸗ borner Gachupin,“ ſchrie einer der Kavaliere mit bitterm Spotte. „Wir ſind ein Spanier, und ihr ſeid nur elende Creolen; elende, elende Kreolen; y basta!*) Selbſt die Geduld des Schafes hat ihre Gränzen, und ſo auch die unſerer Creolen. Die Kavaliere ſpran⸗ gen alle auf einmal wie raſend auf den Alguazil los; doch dieſer hatte den Ausbruch des Sturmes vorgeſehen, und war mit einem Satze zur Thüre hinaus. * Hunderte von Creolen der Mittelklaſſen, Meſtizzen, Zambos und Spanier hatten ſich vor der Thüre ge⸗ ſammelt, und ſtanden, ohne jedoch für die eine oder die ²) Und das iſt genug. — 42— andere Partei auch nur ein Wort zu verlieren. Unſere Kavaliere ſelbſt ſtarrten ſich noch eine Weile an, und dann, als entſetzten ſie ſich vor ihren eigenen Geſtalten, verſchwanden ſie haſtig durch alle Thüren. „Da gehen ſie, die glorreichen Sprößlinge des ver⸗ dorbenſten Blutes, das in Mexiko iſt, fünf oder ſechs ausgenommen,“ flüſterte zwei Minuten nach dieſem Auf⸗ tritte derſelbe Pedrillo, den wir der Rollen ſo viele ſpielen geſehen haben, und der, bereits wieder ins Unkennt⸗ liche metamorphoſirt, vor dem Thore des Hotels ſtand. „Thut mit dieſem adelichen Blute,“ fuhr er brum⸗ mend fort,„was ihr wollt, kitzelt ſie ſo wie ihr wollt; wenn es nicht eine Tänzerin iſt, ſo hilft alles nicht.“” „Biſt du des Teufels!“ entgegnete ihm ſein Ge⸗ fährte,„dich da herzuſtellen, kaum zwei Minuten nach⸗ dem du der Nobilitad*) und den Alguazils eine ſolche Naſe gedreht? Bei meiner Seele, ich ſehe dich noch, ehe das Jahr um vier Wochen älter iſt, auf der Vera⸗ cruz⸗Esplanade**) dem Verdugo zum Kaballito dienen.***) *) Hoher Adel. **) Der Richtplatz von Mexiko. ***) Dem Verdugo zum Kaballito dienen. Verdugo iſt der Henker, Kaballito das Pferdchen; in Mexiko werden jene Bergleute ſo geheißen, auf deren mit Sätteln ver⸗ ſehenen Rücken Mineros und Sotomineros(Beamte) die 2 — 43— „Pah! eure Alguazils, elende Kerls! zu Inqui⸗ ſitions⸗Familiars“*) gut genug; aber zur höhern Spio⸗ nerie— ja, waren es Franzoſen, das ſind dir Kerls? In Kuba kannſt du ihrer ſehen; aber wir Spanier müſſen erſt ein Vierteljahrhundert abgerichtet werden. Wollen auf die Plazza. Iſt hohe Zeit.“ Und mit dieſen Worten ſchritten die Beiden recht gemächlich der Plazza Mayor**) zu. Schachte hinab⸗ und aufſteigen. Da nun bei den Hinrichtun⸗ gen in Mexiko der Scharfrichter dem Gehängten ſich auf die Schulter ſetzt, ſo iſt das Sprichwort„dem Verdugo zum Kaballito dienen,“ mit gehängt werden, gleichbedeutend. *) Ein Häſcher Spion. **) Der Hauptplatz von Mexiko, den der Palaſt des Vicekönigs und die Kathedrale mit andern Prachtgebäuden zieren. Drittes Capitel. Sardanapal. Sprachrohr der Empörung! Du ſollſt Zum mindeſten die Strafe des Verraths Erfahren, obgleich du nur ſein Anwalt!— Pania..... Nie hab' ich dein Geheiß Mit größ'rer Luſt erfüllt, als jetzt. Byron. Mexiko iſt eine jener Städte, die weniger durch die Pracht und Menge ihrer Paläſte und öffentlichen Denk⸗ mäler, als durch ihre Lage dem Blicke des ſie Betreten⸗ den imponiren und unvergeßlich werden. Dieſe Lage ſelbſt hat wieder, an ſich genommen, ſehr wenig Vortheil⸗ haftes; ein bizarrer Geſchmack und eine eigenſinnige Laune hat den Regierungsſitz eines ungeheuern Reiches, ſo ganz allen Regeln einer weiſen Politik und ſelbſt des geſunden Menſchenverſtandes entgegen, ſo vorſätzlich in einen Sumpf⸗ boden und in die Nähe mehrerer gefährlicher Seen hin⸗ eingezwängt, um abgeſchloſſen von aller Welt alljähr⸗ lich der Gefahr einer Ueberſchwemmung und früher oder ſpäter der Zerſtörung preisgegeben zu werden, daß nur der unbeſchreibliche Reiz der Umgebungen uns mit dieſen grellen Uebelſtänden einigermaßen verſöhnen kann. Wirk⸗ lich übertreffen aber dieſe Umgebungen auch Alles, was an Grandioſem je geſehen oder gedacht werden mag. Es erhebt ſich nämlich die Stadt nördlich vom See Chaloo und weſtlich von Tezcuco und den obern Seen in Form eines Parallelogrammes, das von geradlinigen Straßen durchſchnitten wird. Die Häuſer dieſer Straßen würden wir niedrig nennen, da ſie ſich nicht häufig über ein Stock⸗ werk erheben; aber dieſer einförmige Anblick wird reich⸗ lich ſowohl durch ihre Farbenmannigfaltigkeit, ihre glän⸗ zend⸗geſchmackvollen Balkone, die prachtvollen Blumen⸗ gärten auf den Terraſſendächern, vorzüglich aber durch die Großartigkeit der vielen Regierungspaläſte und öffentlichen Gebäude und zahlreichen Kirchen gehoben, und ſo der Eindruck der Regelmäßigkeit und Einfachheit in's Impo⸗ ſante geſteigert. Was jedoch Mexiko den Vorrang vor jeder andern Binnenland⸗Hauptſtadt zuſichert, ſind ihre einzig prachtvollen Umgebungen, oder vielmehr Contraſte. Die großen Waſſermaſſen der fünf Seen, die dieſe Stadt im Süden, Oſten und Norden umglänzen, die herrlichen Fruchtgärten mit allen europäiſchen und tropiſchen Früch⸗ ten und Blumen duftend, ſind nicht maleriſcher, als die rauhen, nackten, von aller Vegetation entblößten Porphyr⸗ und Baſaltgebirge, die dieſe Stadt in der Entfernung von fünfzehn bis zwanzig Meilen, und doch ſcheinbar ſo nahe umgeben, daß das Auge keinen Zwiſchenraum zwi⸗ ſchen den Häuſerreihen und den Felſenklüften ſieht. Die ——— — 46— außerordentliche Reinheit der Atmoſphäre während der trockenen Jahreszeit bringt nämlich die Felſenketten des Tenochtitlan⸗Thales*) und ſelbſt die entfernteren ſchnee⸗ bedeckten Rieſenkuppen des Itztaccihuatl und Popocape⸗ Netl**) dem Auge ſo nahe, daß ſie allen Geſetzen der Optik zu ſpotten ſcheint, und einen Contraſt bildet ſo prachtvoll exotiſch, daß ſich der Beſchauer in eine neue Welt hin eingezaubert glaubt. Die Sonne neigte ſich bereits zum Untergange, als die beiden waghalſigen Abenteuerer ſchlendernd durch meh⸗ rere Straßen in der obern San Agoſtinogaſſe anlang⸗ ten, um in die Plazza Mayor einzulenken. Ein gewal⸗ tiger Lichtſtrom, der die ganze ſchnurgerade, meilenlange Straße plötzlich aufhellte, blendete ihre Augen, indem er die ganze öſtliche Reihe der Häuſer in tauſend phantaſti⸗ ſchen Geſtalten vor ihren Blicken ſchwirren ließ, wäh⸗ rend die weſtliche bereits in die Dämmerung hinüber⸗ graute. Die grünen, gelben, blaßrothen, lichtblauen und wieder al fresco bemalten, oder mit Porzellain überklei⸗ *) Die alte Benennung des Thales von Mexiko von den Tenochken. **) Die Kuppen dieſer ehemals feuerſpeienden Berge, von denen der erſte über 15,000, der andere über 17,600 Fuß uüber der Meeresfläche ſich erheben, ragen auf allen Seiten über die das Thal umgebenden Baſaltgebirge hervor. — 47— deten Häuſer ſchienen in den zitternden Strahlen der Abendſonne eben ſowohl zu tanzen, als die bunten Hau⸗ fen, die lärmend und tobend aus den untern Theilen der Stadt heraufſchwärmten; Ströme von Wohlgerüchen, die aus den tauſend Blumenvaſen und den Gärten der Dächer ſich in der Abendluft entwickelten, ſteigerten den Sinnen⸗ rauſch zur Betäubung. Von dem äußerſten Ende der Straße her funkelten in der Abendſonne die glänzenden Porphyrmaſſen der Gebirge Tenochtitlans herüber, und ſchloſſen ſich gewiſſermaßen an die Häuſerreihen gleich un⸗ geheuern Wällen glühenden Erzes an, das im Guſſe fort⸗ ſchwillt. Ferne her glänzte der Itztaccihuatl mit ſeinem ſchneebedeckten Haupte, einen Strom von Licht über die ungeheuern Porphyrmaſſen gießend, die zu ſeinen Füßen liegen. Die Abendſonne hatte nun dieſen Scheidepunkt der Gränzberge Tenochtitlans berührt, und die entzückende Scenerie hervorgebracht. Die beiden Wanderer ſtanden in ſprachloſem Anblicke verloren. „Carracco!“ rief Pedrillo endlich, und ſeine Bruſt ſchwoll ſichtlich von jenem tiefen Entzücken, mit dem der Südländer die herrlichen Naturſcenen ſeines Landes fühlt: „Carracco! que bella y hermosa nuestra Ciudad! el gefe de todo el mundo. Ah, Mexico por siempre!**) „Ah, que bella y hermosa!" ſpottete ſein Ge⸗ *) Alle Teufel! Wie ſchön, wie herrlich iſt unſere Stadt, das Haupt der ganzen Welt! Mexiko für immer! fährte, indem er auf die zerlumpten Volkshaufen deutete, die, untermengt mit reichgekleideten Männern und Da⸗ men, nun ſtärker und ſtärker in die Plazza zu ſtrömen anfingen, unter dieſen ein zahlreicher Schwarm von In⸗ dianern, die vom Veracruzthore herabkamen, und bei de⸗ ren Erſcheinen unſer Pedrillo mit den Zähnen knirſchte, und dann, gleichſam als wäre er nicht fähig, den ekel⸗ haften Anblick zu ertragen, ſeinen Gefährten anfaßte und ihn mit ſich der Plazza zu fortriß. Die Indianer, deren Anblick unſern Pedrillo ſo ſehr aus ſeinen Träumen geſchüttelt, mochten einige Tauſend ſein, meiſtens alte Männer, Weiber und Kinder. Ihr troſtloſes Weſen verrieth herbe Drangſale, gänzliche Er⸗ mattung und eine lange, mühevolle Wanderung. Die Weiber hatten wenig mehr am Leibe, als Fetzen von ſchwarzen, groben Wolldecken, in deren Löcher ſie die Köpfe geſteckt hatten, ſo daß die Reſte flatternd um ihre häßlichen, nackten, verdorrten Leiber hingen. Auf ihren Rücken hockten die Säuglinge, während die erwachſene⸗ ren Kinder ganz nackt neben den Müttern einherliefen und ſich an ihren Lumpen feſthielten. Die Männer hat⸗ ten Fetzen von Magueyleinwand*) oder auch ſogenannte *) Magueyleinwand wird von den beiden Species der Quetzlotichtli⸗Aloe gewoben. Bei Zubereitung der Fäden verfährt man wie beim Hanf oder Flachs. Die Blätter — 49— Panos*) um ihre Lenden, ſonſt aber keine Kleidung, und ihre ſtraff über die Geſichter herabhängenden Haare gaben ihnen einen ungemein verſtört⸗widerlichen Ausdruck. Kaum daß ſie mehr aufrecht zu ſtehen vermochten, ſtolperten ſie der Plazza zu, gleich einer Heerde übertriebenen Viehes; nur ihre düſter und tückiſch umherſchielenden Blicke ver⸗ riethen noch jene Ungebeugtheit, und jenen tief verſteck⸗ ten indianiſchen Grimm, den weder körperliche noch gei⸗ ſtige Leiden ganz zu überwältigen vermögen. Als ſie auf dem Platze angekommen waren, lagerten ſie ſich— ein elender und beinahe ſcheußlicher Knäuel. Ein düſteres Gemurmel ausgenommen, war kein Laut von ihnen zu hören, und die prachtvollen Kirchen und Paläſte des herr⸗ lichen Platzes waren nicht im Stande, ihnen auch nur einen Blick abzugewinnen. Die Haufen Leperos, Meſti⸗ zen, Mulatten und Creolen, die ſchwärmend auf⸗ und niederwogten, hatten ſich ſcheu vor dem unſäglichen Elende der Schar zurückgezogen, die, einem Schwarme Heu⸗ ſchrecken nicht unähnlich, eben ſo unerwartet eingefallen, und gleich dieſem bereits Spuren ihres ekelhaften Daſeins in den vergiftenden Ausdünſtungen und Unrathe zurückzu⸗ laſſen begannen. Die Glocken von den Thürmen der Domkirche hatten ſechs geſchlagen; beim letzten Schlage — werden ins Waſſer gelegt, in der Sonne getrocknet und dann gebrochen. *) Ein grober Zeug, in Zacatecas verfertigt. Der Virey I. 4 — 50— fielen die Ave⸗Maria⸗Glocken der ganzen Stadt ein. Tauſende entblößten ihre Häupter und murmelten ihr Abenoͤgebet, ſo daß der ungeheure Lärm plötzlich in eine Grabesſtille, und eben ſo ſchnell wieder in den lauteſten Lärm überging. Der letzte Glockenſchlag war noch nicht ganz verklungen, als auch ein Trupp Uhla⸗ nen aus dem linken Flügel des viceköniglichen Palaſtes hervortrabte, und nicht minder mechaniſch-inſtinktartig an die Indianer anſprengte, als dieſe gekommen waren. Ohne einen Laut von ſich zu geben, brachen die Reiter auf den Knäuel ein, Treibern gleich, die ihre gewichti⸗ gen Knüttel auf den Rücken der zögernden Thiere ſpie⸗ len laſſen, und mit einem kaum ſchnellern Erfolge. Erſt als die Uhlanen in die vorderſten Reihen eingedrungen waren, fing der Knäuel an ſich zu bewegen, doch ſo langſam, daß bereits mehrere Weiber und Kinder nieder⸗ geritten, und von den Hufen der Pferde zertreten waren, ehe ſich die übrigen zu regen anfingen. Nur zuweilen entfuhren dem Haufen ſchneidend heulende Töne, dem Pfeifen des Orkans durch die Taue und Segelwerke ver⸗ gleichbar. Kläglich war es übrigens anzuſehen, wie ein⸗ zelne Weiber die zuckenden Leichname ihrer Kinder unter den Pferdehufen hervorzerrten, ſie mit aufgeriſſenen Augen an⸗ ſtierten, mehr Orang⸗Outangs in ihrem höchſten Schmerze, als Menſchen ähnlich, und dann mit Klagelauten, die wenig von denen dieſer Thiere verſchieden waren, in die Straßen einbrachen. 7 4 Das Ganze bot ein ſeltſames Schauſpiel dar. Wie vom Winde hergeblaſen, waren die Indianer erſchienen, und mit nicht minderer Schnelligkeit hatte die unſichtbare Gewalt ihre Werkzeuge herbeigeführt, ſie wieder zu ver⸗ treiben. Die übrigen Volkshaufen waren in jener Gefühl⸗ loſigkeit ſtehen geblieben, welche Menſchen eigenthümlich iſt, die an derlei Scenen gewohnt ſind. Nur Wenige hat⸗ ten ſich in die noch immer offene Kathedral⸗ und San Francescokirche geflüchtet, aus denen ſie, nachdem die Ruhe hergeſtellt, wieder zum Vorſchein kamen. —— „Was Teufel hat das zu bedeuten?“ fragte unſer Pedrillo, der, ſein Cigarro rauchend, ganz gemüthlich der unmenſchlichen Treibjagd zugeſehen hatte.„Eure Ga⸗ chupins ſind doch ſonſt, was man ſagt, väterlich gefinnt gegen die gente irrazionale?“*) „So, ſo,“ verſetzte Pedro;„doch dieſe da haben etwas auf der Kreide, wie du ſo eben hören magſt.“ Ein Alguazil ſchrie eine Art Proklamation der Menge vor, die er zur Ruhe aufforderte. »„Ruhe! Ruhe! Volk von Mexiko!“ rief der Beamte; „Ruhe, welche da iſt des Mexikaners erſte Pflicht, und euere beſonders, die ihr unter dem Schutze des Auges Sr. katholiſchen Majeſtät ſteht, welches da iſt unſer aller⸗ —— *) Unvernünftiges Volk wurden und werden die In⸗ dianer noch immer von den weißen Mexikanern geheißen. 4 — 52— gnädigſter Herr, der Virey, der beſchützt, und ſieht, und bewacht die Ruheliebenden, und verdirbt die Gottloſen und Widerſpenſtigen mit Feuer und Schwert, ſo wie ihr an den Gavecillas von Zitacuaro*) geſehen habt. Die Gerechtig⸗ keit verfolgt die Ruheſtörer, wo ſie ſich zeigen. Viva Su Magestad Fernando VII y el Excellentissimo Senor, nuestro Virey! Viva! Viva!“**) Einige Spanier verſuchten das Viva nachzukreiſchen, wurden jedoch von einem tobenden„Muera!“ übertäubt, das tauſend Kehlen zugleich brüllten. Die öffentliche Stim⸗ mung fing an ſich ſchnell für die unglücklichen Einwohner von Zitacuato zu erklären. „Arme Teufel!“ ſchrie Einer,„ich glaube, dieſe Gente irrazionale wären genug beſtraft worden, als der Obermetz⸗ ger ihre Stadt niederbrannte, ihre Felder verwüſtete, ihre Bäume umhieb, die Männer alle ſchlachtete und die Wei⸗ ber und Kinder mit einem Zettel wegſchickte. Da können ſie ſich wärmen ſtatt der Wolldecke.“” *) Die ſpaniſche Regierung nannte und behandelte durchgängig die Inſurgenten nie anders, als wie den niedrig⸗ ſten Pöbel, gavilla oder gavecillas. Zitacuaro liegt 40 Stun⸗ den weſtlich von Mexiko und wurde vom ſpaniſchen General Porlier eingenommen, dem Boden gleich gemacht, die Ein⸗ wohner vertilgt oder vertrieben, und der Sitz der Regie⸗ rung nach Marabatio verlegt, weil da eine Inſurgenten⸗ Regierungsjunta von D. Raynon gebildet worden, und die Einwohner thätigen Widerſtand geleiſtet hatten. **) Es lebe Se. Majeſtät Ferdinand VII und Se. Excel⸗ lenz unſer gnädige Vicekönig! Er lebe hoch! — 53— „Man jagt ſie von Zitacuazo,“ ſchrie ein Zweiter, „nach Guanaxuato, von Guanaxuato nach Valladolid, von Valladolid nach Puebla, von Puebla nach Sombrerete. Ueberall dezimirt man ſie und ſo bekommt man Ruhe; das iſt euer Indulto.“*). „In Guanaxuato,“ brüllte ein Dritter,„haben ſie Ruhe auf einmal gemacht; vierzehntauſend Männer, Wei⸗ ber, Mädchen und Kinder an einem Tage geſchlachtet. Das muß ein Freſſen für die Gallinazos und Coyotes geweſen ſeyn!“ Doch als wollte die unſichtbare Macht, die ſo eben dieſen gräßlichen Beleg ihrer unbegränzt ſchrecklichen Ge⸗ walt der Menge geliefert, dieſe keinen Augenblick zu ge⸗ fährlichem Nachdenken kommen laſſen, eröffnete ſich ſofort eine neue Scene. Die Uhlanen hatten ſich nämlich kaum an den verſchiedenen Zugängen der Plazza und des vize⸗ koniglichen Palaſtes aufgeſtellt, als ſich die Thore des letztern öffneten, und ein Zug von Männern herausſchritt, der die allgemeine Aufmerkſamkeit mit einemmale feſſelte. Es waren ihrer vierundzwanzig; ihrem Aeußern nach zu ſchließen, Zwittergeſchöpfe, zwiſchen Leibgar⸗ diſten und Hausdienern die Mitte haltend. Sie hat⸗ ten gewaltige, aufgeſtülpte Hüte, reich mit Goldtreſ⸗ ſen beſetzt und einem ſilbernen Schilde verſehen, ein goldnes Kaſtell mit drei Thürmen im rothen und einen *) Amneſtie. ☛ — 54— rothen gekrönten Löwen im ſilbernen Felde. Ihre Uni⸗ formen beſtanden aus einer rothen Jacke, mit einer Menge filberner Knöpfe beſetzt, eben ſolchen Beinklei⸗ dern, gleichfalls mit Goloͤdreſſen und ſilbernen Knö⸗ pfen, längs den Hüften bis zu den Knien verziert; ihre Bottinas oder Kamaſchen, von braunem Leder, waren hinten offen. Als Waffen hatten ſie einen kurzen Degen und einen langen Spieß oder Hellebarde. Die Uniform ihres Anführers unterſchied ſich bloß durch größere Fein⸗ heit und reichere Verzierung. Statt der Hellebarde trug er einen Kommandoſtab mit goldenem Knopfe, dem eines Regimentstambours nicht unähnlich; auch ſein Marſch glich einem ſolchen Würdeträger, indem er, den rechten Fuß ſchnell vorwerfend, die Zehe einen Augenblick ba⸗ lanzirte, und dann eben ſo gravitätiſch den linken nach⸗ ſandte. Dieſe Bewegung, von der größern Hälfte der Truppe nachgeahmt, verurſachte ein lautes Gelächter un⸗ ter der gaffenden Menge. „Elende Rebellen! Pöbel, den die Hölle bald ver⸗ ſchlingen möge!“ brummte der Kapitän der vizeköniglichen Leibgarde oder Alabardieros, denn nicht geringer war die Charge des Anführers dieſer vierundzwanzig Trabanten, der, ohne die Lachenden eines Blickes zu würdigen, ſo weit vorſchritt, bis er ſich beinahe der Reiterſtatue Karls IV. mitten auf dem Platze genähert hatte. Das Gelächter war immer ſtärker geworden; vergebens, daß einige Spanier, deren kaſtilianiſcher Stolz ſich durch den wirklich lächerlichen Aufmarſch gekränkt fühlte, dem ſtolz einhertrabenden Kapitän zuriefen; er marſchirte fort, gefolgt von ſeinen Truppen, deren eine Hälfte im militäriſchen Schritte nachkam, während die andern, Truthühnern gleich, die gedrechſelten Bewegungen ihres Befehlsha⸗ bers— ob nachahmten oder nachäfften, war ſchwer zu beſtimmen. „ Misericordia madre de Dios!“ rief er auf ein⸗ mal, als er, vor der Statue ſchwenkend, den ſonderbaren Marſch der kleinen Truppe in ſeiner ganzen lächerlichen Gravität überſah.„Por el amor! Hat jemals ein Capitano de los Alabardieros de su Excellenza el Virey graciosissimo de Nueva Espana— hat jemals ein Ka⸗ pitän der Hellebardiere Sr. Excellenz des allergnädigſten Vicekönigs von Neuſpanien, ſo etwas geſehen? Seno- res, por el amor de Dios! Meine gnädigen Herren, um der Liebe Gottes willen! Wenn Sie nun Se. Excellenz unſern Allergnädigſten, oder Se. Excellenz unſern Aller⸗ tapferſten—— alle Teufel! wer hat euch geheißen, den Parademarſch eures Kapitäns nachzuahmen? Santa vierge! Heilige Jungfrau! da habt ihr es, wenn man mit rohen Dragones) den Beſamanos*u) halten ſoll. Ja un⸗ *) Dragoner. **) Buchſtäblich Handkuß, wurden die Hoftage und Soirées des ſponiſch königlichen und mexikaniſch vicekönig⸗ lichen Hofes genannt, weil an dieſen der hohe Adel, die Geiſtlichkeit und Beamten zum Handkuſſe zugelaſſen wurden. — 56— ter Don Senor Galvez, oder Revillagigedo und ſelbſt Iturrigarey— aber das iſt eine Name, den man beſſer nicht nennt, obwohl er Finezza) hatte;— aber da fehlte es, auf den Kopf deutend, an der Prudencia. Aber das waren auch Beſamanos; jetzt iſt es ein bloßer Schat⸗ ten. Damals hatten wir unſere Reglamentos**) vier Wochen vor jeder Beſamanos. Geſtern wurden mir die Ordres übergeben, und zehn ſolcher Schlingel, und jetzt ſieht Mexiko die Folgen.“ „Mexiko kümmert ſich einen Teufel um euch und eure Trabanten, ſehr ehrenveſter Herr,“ rief eine Stimme aus dem Haufen.„Wünſcht euern Dragones Glück zu ihrem friedlichen Feldzuge; ihre Kameraden würden viel darum geben, wären ſie hier.“ Der Kapitän der Leibtrabanten warf einen ſtolzen, finſtern Blick auf den Sprecher, ſchüttelte das Haupt und marſchirte in einem weniger gezierten Schritte dem Portale des Pallaſtes zu, vor welchem er ſeine Leute zwei Mann hoch aufmarſchiren ließ, und dann ſeinen Kommandoſtab ſchwenkend, folgenden Tagesbefehl von ſich gab: „Vigilancia amigos! Habt Acht Freunde; das iſt nun der fünfzehnte Beſamanos⸗Tag, den unſer aller⸗ gnädigſter Herr und Gebieter ſeit achtzehn Monaten hielt, *) Anſtand, Artigkeit. **) Reglement, Verhaltungsbefehl. 57— und es iſt eure verfluchte Pflicht und Schuldigkeit Vigi⸗- lancia an den Tag zu legen. Vigilancia ſage ich; hört ihr, Vigilancia! denn die Gavecilla iſt heute toll, und vor ihrem Lärm kann man ſein eignes Wort nicht ver⸗ ſtehen. Vigilancia denn! Wenn der Arzobispo*) kommt, ſo wißt ihr was zu thun; wenn Se. Excellenz, der allertapferſte, der Sieger von Alculco, von Marfil, von Calderon*)— obwohl dieſer eigentlich den Alabardieros nichts zu befehlen hat; da er aber die Gavecillas mit der Jungfrau und aller Heiligen Hülfe in die Hölle ge⸗ ſandt,— ſo wird ihm kein rechtgläubiger Spanier die Honra w) verſagen. Mit einem Worte, Hochdieſelben werden empfangen wie Höchſtdieſelben der Virey ſelbſt, Paukenſchlag und Präſentation. Iſt es ein Oidor, ver⸗ ſtehen Sie, meine Herren! ſo wird präſentirt. Ein Oidor †) iſt aus ſo gutem alt kaſtiliſchen Geblüte, als Einer, und, mag ſein, ein älterer Edelmann als der König ſelbſt.“ ——— *) Erzbiſchof. **) General Calega, der für dieſen letzten großen Sieg über Hidalgo in den Grafenſtand erhoben wurde. ***) Die Ehreuh⸗ †) Mitglied des höchſten Gerichtshofes von Mexiko, Au⸗ diencia genannt, hatte zugleich die Funktionen eines kontrol⸗ lirenden Staatsrathes; die Vorrechte der Glieder waren ſehr bedeutend, durften aber nicht Eingeborne des Landes ehe⸗ lichen, auch keine liegenden Beſitzungen erwerben. — ·——Qʒÿq— — 68— Bei dieſen Worten nahm der Mann den Hut ab. „Kommt ein Rath der Junta del Hacienda Real„*) ein Intendant, ein Präſident oder Rath des Conſulado*) ſo wird gleichfalls präſentirt. Iſt es ein Regidor,*en) ein Al⸗ kalde †) oder einer de los Cabildos † †), und iſt er ein Spanier, ſo wird gleichfalls präſentirt. Iſt er ein Criollo, ſo iſt er geehrt, zu viel geehrt, wenn ihr das Gewehr anzieht. Was nun die Creolen con titulo de Castilla t† †) betrifft, ſo will es ſich zwar nicht geziemen, daß geborne Spanier derlei Menſchen Ehrenbezeugungen offeriren; allein wir haben Winke erhalten, verſteht ihr, Winke, und man hat Urſache ſie zu ſchonen, obwohl ſie im Grunde nicht mehr Schonung verdienen, als die gente irrazionale, die unſere tapfern Kameradas ſo eben wie wilde Büffel von der Plazza gehetzt. Ei, die Criollos! ſie ſind es, aber——“* Die letzten Worte verſchluckte der Capitano auf ſeiner eilfertigen Retirade in das Palaſtthor; denn wohl fünf⸗ *) Finanzkammer. **) Das Handlungstribunal beſtand ganz aus Spaniern mit ſehr wenigen Ausnahmen. Er hatte ausſchließend den Handel des Landes für ſich. **m) Maire. †) Alderman, Rathsherr. rt) Heißen geiſtliche und weltliche Korporationen, Dom⸗ kapitet, Stadträthe. tit) Adelsdiplom. — 59— zehn Stilete waren, von unſichtbaren Händen geſchleudert, ihm in der einbrechenden Finſterniß auf Haupt, Bruſt und Schenkel geflogen, und bloß die unverhältnißmäßige Entfernung ſelbſt hatte ſein Leben gerettet. In ſeiner wüthenden Promenade innerhalb des Thor⸗ weges, wurde er plötzlich durch ein lautes Lachen und ein gellendes„Escuchate“ unterbrochen. „Escuchate hombres y mugieres de Mexico!**) ſchrie eine Stimme, die wieder unſerm Pedrillo ange⸗ hörte.„Hört, vorzüglich ihr Creolen, was dieſer Kriegs⸗ held in Friedenszeiten für ein Reglamento gibt.„Die Creolen,“ ſagt er,„müſſe man noch einſtweilen ſchonen, Se. Excellenz der Virey habe Winke zu ihren Gunſten fallen laſſen, obwohl ſie ſo wenig Schonung verdienen, als die gente irrazionale, die von den Lanceros r) ſo eben von der Plazza getrieben wurden.“ „Mueran los Gachupinos!“ er), brüllten zwanzig, hundert und dann tauſend Stimmen in furchtbarem Chorus. 3 „Diablo! Hombres de Demonio!“*†) ſchrie der Ka⸗ pitän, deſſen paniſcher Schrecken ſich mittlerweile gelegt *) Hört ihr, Männer und Weiber von Mexiko. **) Lanzenreiter, Uhlanen. ***) Tod den Gachupins(den Spaniern.) t) Teufel, Teufelsmenſchen. ———— — 60— hatte.„Que dices!**) ſchrie er, aus dem Thore ſpringend. Uno grito“—**) Aufruhr, Rebellion! Bei der heiligen Jungfrau, Aufruhr vor Hochdero Naſe Sr. Excellenz!— Der Spanier der untern Stände hat, bei einer an⸗ gebornen Gravität und einem ernſt trocknen Stolze wieder eine kriechende Demuth, die Folge des harten Druckes ſeiner Regierung, und eine Originalität oder vielmehr Simplicität, die Folge ſeiner Vereinzelung und Abge⸗ ſchiedenheit von aller Berührung mit den übrigen Natio⸗ nen, die den Ausbrüchen ſeines Stolzes und häufig auch ſeines Unwillens einen um ſo drolligern Anſtrich verleiht, als ſeine Sprache ſelbſt unterwürfig und knechtiſch, und wieder hochtrabend, mit ſeinem häufig nichts weniger als impoſanten Aeußern im grellſten Widerſpruche ſteht. Der grimmige Kapitän daher, weit entfernt das Toben durch ſein Geſchrei zu beſchwichtigen, veranlaßte nur ein um ſo lauteres Gebrülle von Mueras los Gachupinos, das häufig von einem ſchallenden Gelächter begleitet war, in welches letztere auch der Offizier der vor dem Palaſt⸗ thore ſtationirten Uhlanen einſtimmte. Der Zorn unſeres Helden wandte ſich ſofort auf dieſen nähern Gegenſtand, *) Was ſagſt du? **½) Aufruf zur Rebellion. — 614— und mit einer Stimme halb erſtickt vor Wuth, ſprang er auf den Offizier los; doch ſchnell ſich wendend ſtand er ſtille, und den Creolen vom Kopfe zu den Füßen meſſend, murmelte er ein Picaro Criollo*) und dann, als halte er es unter ſeiner Würde an einen Creolen ein Wort zu verlieren, zog er ſich wieder zurück. *) Elender Creole. ————O— Viertes Capitel. Ein köſtlich Pröbchen wohl von Menſchen! Gut, Sein Blut wallt auf, und wenn's ein wenig fleußt, Kühlt es ſein Fieber. Byron. „Was meinſt du, wird der Viento de Miſtecca*) lange anhalten?“ fragte eine tiefe Baßſtimme, als das Geläch⸗ ter nachgelaſſen hatte. „Lange anhalten!“ erwiederte der Gefragte, ein Evangeliſta, d. h. Straßenſekretär, nach der Feder zu ſchließen, die in der Dunkelheit noch hinter ſeinen Ohren ſteckend zu erſehen war, und dem offenen Wamſe, in dem eine Rolle Papier logirte, und darunter das Tintenfaß, ein Baumwollenflöckchen in Tinte getaucht, das an einem Orte beherbergt war, wo es vermuthlich kein rechtgläubiger Nichtmexikaner geſucht haben dürfte, im Nabelloche näm⸗ *) Miſtecca⸗Wind, ſüdöſtlicher Wind, der von Oaxaca und Acapulco heraufkomamt; er iſt trocken und brennend. 1 * — 163— lich.„Lange anhalten?“ wiederholte der Straßenſekretär, „das weiß ich nicht.“ „ So will ich es dir ſagen;“ fiel Pedrillo ein,„juſt ſo lange, bis der Chalco und Tezeuco*) trocken gelegt und wieder angefüllt werden.“ „Der Tezcuco trocken gelegt und wieder angefüllt, Amigo?“*) verſetzte der Evangeliſt.„Höre, das geht über meine Vernunft“ „Glaubs gerne, mein Gnädiger;“ erwiederte Pedrillo, „trocken gelegt und wieder angefüllt, ſage ich. Weißt du nicht, daß der Viento de Miſtecca, juſt ſo dürr, ver⸗ dorrt, verdorrend und verſengend ankömmt, wie un⸗ ſere dürren, hungrigen Gachupinos, wenn ſie aus der Madre Patria herüberkommen; daß er aber zur Ader läßt, wie dieſer dem armen Mexiko, mit deſſen Blute ſie ſich mäſten? Ei, der Viento de Miſtecca wird ihnen zur Ader laſſen. Möge er bald kommen!“ „Bravo! Bravo!“ riefen die Umſtehenden:„Habla cuomo uno libro selado!***) 4 „Was ſagt der Hund von einem Zambo?' rief nun ein Mann mit hohem, ſpitzigen Hute, auf dem eine blut⸗ rothe Kokarde prangte.„Was ſagt er?“ ſchrie der Hä⸗ ſcher der Polizei, indem er ſich zu dem Haufen zu drän⸗ *) Die Mexiko zunächſt gelegenen Seen, von denen der eine ſüßes, der andere ſalziges Waſſer hat. **) Freund. ***) Er ſoricht wie ein geſtempeltes Buch, ein Kalender. — 64— gen verſuchte, und mit ſeinem Amtsſtabe links und rechts dreinſchlug. 3 „Der Viento de Miſtecca iſt gut zur Aderlaß,“ wiederholte der kühne Pedrillo.„ Möge er bald kom⸗ men!. „Halt, halt!“ rief nun der Alguazil, der aus Lei⸗ beskräften ſich Bahn zu machen bemühte. Die dichte Volksmaſſe hatte jedoch ſchnell einen undurchoͤringlichen Phalanx gebildet, der Sprecher ſelbſt ſich geduckt, und in der einbrechenden Finſterniß unſichtbar gemacht. Die Uhlanen, die vor dem Palaſte hielten, bildeten mittler⸗ weile eine Angriffskolonne, und machten Miene, den Al⸗ guazil zu unterſtützen. 21 „Lugerteniente*) Pablo!“ rief wieder Pedrillo„Ihr thätet beſſer, ihr ginget nach Itzeuhar er); Dbsuſt Soto dürfte euch brauchen.”“ Der Alguazil horchte einen Augenblick; dann pprang er wieder auf den Haufen zu:„Te tiendo! Te tiendo!***) Dieſer da in der Tunica, er iſt derſelbe, der Se. Ma⸗ jeſtät—* „Ich denke, Alguazil,“ mahnte der Dira der die drohende Bewegung der Menge aufmerkſam beobachtet hatte,„ich denke, ihr ließet den armen Teufel ſchreien; *) Lieutenant. **) Eine Stadt, dreißig Stunden ſüdweſtlich von Me⸗ xiko gelegen, wo Oberſt Soto von Morelos geſchlagen wurde. ***) Ich habe dich! — 55— es iſt nicht der erſte und wird nicht der letzte Grito ſein, und es liegt nicht viel daran, ob einer mehr oder weni⸗ ger in der Cordelada*) liegt.“ „Senor Lugerteniente,“ drohte der Alguazil;„wohl⸗ verehrter Herr Lieutenant! Sie waren ſchnell, als es den armen Gente irrazionale von Zitacuaro galt. Sie ſind ein Creole, ich warne Sie.”“ Und mit dieſen Worten drang er mit aller Gewalt auf den Knäuel ein. Dieſer ſtand noch immer als undurch⸗ dringliche Maſſe; eine Bewegung aber, die gleichzeitig un⸗ ter den Mangas Statt fand, machte die Reiter augenſchein⸗ lich ſtutzen. Nicht ſo den Alguazil, der wie raſend um ſich ſchlug.„Venid Senor!**ε) Kommen Sie, mein gnädiger Herr!“ ſprach eine tiefe Stimme; der Knäuel öffnete ſich und ließ den Alguazil ein, ſchloß ſich jedoch, als die Reiter andrangen, gleich der Meereswoge, die ihr Opfer verſchlungen. Alle hatten die Stilete gezogen. Einige Augenblicke herrſchte eine bange Stille; auf einmal hörte man die Worte:„Jesu Maria y Jose!“***) und dann ein Stöhnen und Röcheln. „Mueran los Gavicillas! †) Tod den Rebellen!“ ſchrie nun der Offizier, und die Reiter hieben ein; doch der *) Eines der drei Hauptgefängniſſe in Mexiko. **) Kommen Euer Gnaden. *) Jeſus, Matia und Joſeph! †) Tod den Rebellen. Der Virey. I. 5 — 66— Hauſe hatte ſich mit einer unbegreiflichen Schnelligkeit ge⸗ theilt; mehrere Pferde ſtürzten, und, zu Vergrößerung der allgemeinen Verwirrung, brach ein plötzlicher Lichtſtrom aus den Thoren des Palaſtes, der für einige Augenblicke Roſſe und Reiter erblindete. Es waren kurze Augenblicke, aber hinreichend, dieſen Theil des Platzes gänzlich von den Haufen zu reinigen. Der Alguazil, zwei Uhlanen und eben ſo viele Pferde waren als Opfer gefallen; der Pöbel hatte ſich unter der großen Maſſe der auf dem Platze auf⸗ und niederwogenden Menge verloren, die nun ſelbſt ſchnell herandrang, und ihre nichts weniger als friedlichen Abſich⸗ ten durch laute„Mueras und Abejos con los Gachu- pinos“ kund that. Ein allgemeiner Aufſtand ſchien auf dem Punkte auszubrechen. Auf einmal wurde der Wirbel von Trommeln ge⸗ hört, in deren Rollen eine rauſchend prachtvolle Janit⸗ ſcharenmuſik einfiel; zugleich ſprühten ſechzig Pechpfannen längs der ungeheuren Fronte des Palaſtes ihre grellen Flammen durch die Menge. Der plötzliche Strom von Licht und Tönen hatte eine unbegreiflich ſchnelle Wir⸗ kung auf den Haufen der Tauſende. Alle Gedanken an Aufruhr waren verſchwunden. Ein tauſendſtimmiges „Viva, Viva!“ erſchallte, und kaum hatte die Bande die erſtern Akkorde der Ouverture, Clemenza de Tito, er⸗ öffnet, als die Tauſende und abermals Tauſende in den fröhlichſten Jubel ausbrachen. Unzählige Tänzergruppen bildeten ſich mit einemmale, und die ganze Plazza war — 67— ein fröhliches Gewimmel der lebensfrohen Menge gewor⸗ den. Die tiefe Finſterniß im ganzen ungeheuern Vierecke war zugleich wie durch einen Zauberſchlag in Tageshelle verwandelt, denn tauſende von Lampen ſchimmerten von den Blumengärten der Dächer und goßen über die ſtatt⸗ lich maſſiven Tempel, Paläſte und Häuſer einen Licht⸗ ſtrom, der die großartigen Bauwerke ins Rieſenmäßige erhöhte. Reich gekleidete Spanier und Creolen, zer⸗ lumpte Leperos, Mulattinnen und halbnackte Indianer, Zambos und liederliche Dirnen, alles vereinigte ſich im Bolero, Fandango und Charave.*) Und gleichſam um das Ganze noch charakteriſtiſcher darzuſtellen, hatten ſich zahlreiche Reiterſcharen von Dragonern und Uhlanen mitten durch die Haufen einen Weg gebahnt, und ſchlo⸗ ßen nun die ganze Maſſe in einen ungeheuern Rahmen ein, ſo das Bild eines despotiſch beherrſchten Staates verſinnlichend, wo die Maſſen durch die eiſerne Hand der oberſten Gewalt und ihrer Helfershelfer zu Freud und Leid getrieben und in Schranken gehalten werden. „Ihr ſcheint die allgemeine Freude nicht zu theilen;“ wiſperte ein ältlicher Indianer unſerm Abenteurer zu, deſſen außerordentliche Beweglichkeit, während der ſo eben beſchriebenen tumultuariſchen Auftritte plötzlich einem un⸗ verholenen Mißmuth gewichen war. *) Von dieſen drei Tänzen iſt der lehtere der beliebteſte in Mexiko und kann als Nationaltanz betrachtet werden. — 68— Der junge Mann drehte ſich auf einem Abſatze um, und kehrte dem Sprecher den Rücken.„Ei, dieſe Luſtig⸗ keit iſt ganz einzig,“ fuhr der Indianer fort,„ſo wie wir ein einziges Volk ſind— meiner Seele immer am lu⸗ ſtigſten, wenn wir am tüchtigſten gezaust werden.“ Der junge Mann warf dem Sprecher einen Blick rücklings zu und verſank dann in ſein voriges Schweigen. „Jeder hat ſeinen Ahuitzote, Amigo!”*) fuhr der Indianer fort,„und ihr hattet ihrer viele. Glaub' es gerne, daß euch das Geklingel da konträr gekommen iſt; der Faden war aber ein wenig ſchlecht geſponnen, deß⸗ halb iſt er ſo ſchnell zerriſſen.“ „Welchen Faden meint ihr, Tatli? 9**) verſetzte nun der junge Mann mit einer leiſen, hohlen Stimme. „Einen blutrothen mit einem weißen und blauen Ende.“ „Diablo!“ ziſchelte Pedrillo:„Nun ſehe ich wohl wen ich vor mir habe. Glaubt mir, es hilft aller Wege nichts. Thut was ihr wollt. Da halten wir ſie am An⸗ ſatze zu einem herrlichen Motino; aber da kommen ein dutzend Hautbois und Klarinetten und Pfeifen und— alles iſt beim Teufel.“ „Ja, wenn der Alguazil die königliche Armee ge⸗ weſen wäre,“ brummte der Indianer. *) Jeder hat ſeine Ahuitzote(Freund), ein indianiſches Sprichwort. Ahuißote bedeutet ſo viel als Feind, feindliches Geſchick. **) Vater. — 69— „Wie meint ihr?“ fragte Pedrillo, dem Indianer näher an den Leib rückend. Der junge Mann, hatte, während er ſo ſprach, den Indianer allmälig dem Sockel der Reiterſtatue Karls IV. zugezogen.„Das Loſungswort!“ ziſchelte er dem India⸗ ner zu, indem ſeine rechte Hand zugleich hinter die Manga fiel. „Sachte, Amigo,“ lächelte dieſer;„es war ein Meiſterſtreich, wie du den Alguazil zum Stillſchweigen gebracht; keine Pinte Blut gefloſſen, und der Gachupin ſo mauſetodt. Du hatteſt ein dreiſchneidiges Stilletto, ver⸗ muthe ich? Aber wir ſind kein Alguazil.“ „Noch nicht,“ flüſterte der junge Mann;„ſollſt es aber werden;“ und bei dieſen Worten ſaß auch dem Indianer der Dolch am Leibe! doch eben ſo ſchnell ſank ſeine Hand.„Alle Teufel wer hätte dem General V.“ „Hisht,“ ſprach der Indianer.„Wir haben euer Treiben geſehen. Ei, wenn Masqueraden und ein paar Erdolchungen Mexiko retten könnten, da wäret ihr die Leute; aber zum Zugreifen—— Komme nun und höre.“” Er wiſperte ihm einige Worte in die Ohren. „Madre de Dios!“ rief der junge Mann,„und Me⸗ xiko ſteht noch? Kommt! jede Minute mag es für immer verlieren.“ Beide eilten ſchnell durch das Getümmel. Mitten unter dem fröhlichen Gewimmel, und der rauſchend prachtvollen Muſik, ſah man anfangs einzelne, ſpäter dann ganze Reihen von zwei⸗, vier⸗ und ſechsſpän⸗ nigen Kutſchen herannahen. Die ſonderbaren Kopfzie⸗ raten der Pferde und Maulthiere, denn mit dieſer letz⸗ tern Thiergattung war die Mehrzahl der Kutſchen be⸗ ſpannt, und ihr ſchweres, häufig maſſiv ſilbernes Ge⸗ ſchirr, entſprach ganz den Kutſchen ſelbſt, von denen die meiſten eine Art lederner, lakirter, glänzender Kaſten mit einer Unzahl vergoldeter Schnörkel waren, deren Seiten, mit Bildern in halber und ſelbſt ganzer Lebensgröße bemalt, die Thaten der erſten(ſpaniſchen) Eroberer, oder irgend einen Heiligen darſtellten.— Die meiſten derſelben waren ohne Springfedern und, auf der bloßen Achſe ruhend, verurſachte ihre Ankunft ein Gepol⸗ ter, das die Muſik der beiden Regimentsbanden vor dem Palaſtthore und im Schloßhofe übertäubte. Beinahe alle hatten Vorläufer nebſt einer Suite, die aus farbigen, reich⸗ gekleideten männlichen und weiblichen Mulatten oder Ne⸗ gern beſtand, welche vor und zu beiden Seiten der Wagen einhergingen. In jedem dieſer Wagen ſaßen zwiſchen vier und ſechs Perſonen, die, je nachdem ſie zur herrſchenden Klaſſe der Spanier oder der beherrſchten der Creolen gehörten, in das offene Palaſtthor einfuhren, oder vor dieſem abzuſteigen genöthigt waren. Als wollten ſich jedoch dieſe letztern für dieſe Zurückſetzung in den Augen des Volkes durch einen deſto auffallendern Pomp rächen, ging ihr Abſteigen wieder mit einem Prunke vor ſich, der eben ſo ſehr ihren Reichthum als deſſen ungeſchickte Anwendung verrieth. Die Wagenthüren wurden nämlich f 2 — 74 7— ſtets zu gleicher Zeit von mehrern reich und phantaſtiſch gekleideten Negern und Negermädchen auf beiden Seiten geöffnet, die männlichen und weiblichen Herrſchaften ſtie⸗ gen zu den zwei verſchiedenen Thüren heraus, und ſchritten dann, unter dem Vortritte ihrer ſchwarzen Die⸗ nerſchaft, dem Thore zu, wo die letztern, nach einer formellen Verbeugung, ſich wandten und zu dem Wagen zurückkehrten. Selbſt der Pöbel ſchien den Uebelſtand der hier ſo unpaſſend angebrachten Schauausſtellung, im Gegenſatze mit dem einfachern und würdevollern Aufzuge der verhaßten Spanier, zu fühlen, und bei einem jedes⸗ maligen ſolchen Abſteigen erhob ſich ein Gemurmel, das die allgemeine Unzufriedenheit deutlich beurkundete. „Muchacho! Barracho!“*) war wechſelweiſe im lauteſten Gebrülle den Creolen zugerufen worden, wäh⸗ rend man die Spanier mit„Mueras!“ und„„Abajos!“**) begrüßte. Wagen folgten auf Wagen; jeder wurde auf eine eigenthümliche Weiſe vom Pöbel empfangen. Auf einmal erſchallte es von dem äußerſten Ende des Platzes:„El terribile Gachupin!“ er) und eine leichte, geſchmackvoll gebaute Caroſſe, von vier ſtolzen Andalu⸗ ſiern gezogen, rollte durch die aufgeſtellten Reiterſcharen, *) Einfaltspinſel, Trunkenbold. Lebteres iſt der größte Schimpfname, der gegeben werden kann. **) Tod! und— Nieder mit ihm! **) El ierribile Gapuchin, der ſchreckliche Gapuchin, Don Calleja, ſpäter Graf von Calderon. ihr zur Seite mehrere Adjutanten und Ordonnanzen. Die Bande ſchlug einen herrlichen Triumphmarſch an, die Reiter ſenkten ihre Schwerter, während das Volk beinahe ſchaudernd dem Wagen nachſah, wie er in den Schloß⸗ hof rollte, gleich als ob in ſeinem Innern ein unheilvol⸗ les Element verborgen wäre. Ein zweiter Wagen folgte von der etgegengeſeßten Seite, von ſechs phantaſtiſch geſchmückten. Maulthieren gezogen, langſam und feierlich; voran zwei rothgeklei⸗ dete Läufer, und zu beiden Seiten ein halbes Dutzend ſchwarzer Diener. Der Wagen wurde mit dem Rufe: „„Viva la vierge de Guadeloupe! Abajo con la vierge de los remedios!*) empfangen. Der Inſaß des Wa⸗ gens hielt ſegnend ſeine Hand zum linken und wieder zum rechten Wagenfenſter heraus; aber jede ſeiner Segnungen veranlaßte nur ein um ſo lauteres Gebrülle, das wohl zehn Minuten anhielt, und erſt ſchwächer wurde, als ein neuer Wagen dem müßigen Pöbel neue Nahrung brachte. „ Tierra templada!“***) brüllte es wieder von dem äußerſten Ende der Plazza herüber, und brach dann in einen einſtimmigen, wüthenden Schrei aus, der wie Stur⸗ mesgeheul die Luft erfüllte. Ein eleganter zweiſpänniger Landau im neueſten eng⸗ *) Es lebe die Jungfrall von Guadeloupe! Nieder mit der Jungfrau der Gnaden.(Siehe Note am Ende des drit⸗ ten Bandes.)— **) Die gemäßigte Zone. — ·9 — 73— liſchen Geſchmacke war durch die Uhlanen⸗ und Drago⸗ nerſpaliere herangekommen, mit bloß einem einzigen, aber geſchmackvoll gekleideten Diener. Der Wagen hielt unter dem Portale; aber mehrere Domeſtiken eilten aus dem Thore heraus und führten ihn in den Thorweg des Pa⸗ laſtes ein. Ein zweiter im gewöhnlich antiken Style war gleich⸗ falls herangekommen, deſſen Bürde jedoch, eine ältliche Dame und ein blühender Jüngling, vor dem Thore ent⸗ laden wurde. „Superbo, brilliante hombre!**) brüllten die Hau⸗ fen dem jungen Creolen zu, von einem„Viva!“ beglei⸗ tet, das eben ſo ſchnell durch ein„Callate, el Ninon de la tierra fria!“***) beſchwichtigt wurde. Dieſe Symptome des öffentlichen Beifalles und Un⸗ muthes ſchienen von dem Jünglinge auf eine eben nicht ſehr beifällige Weiſe aufgenommen zu werden; ſein Blick gleitete vornehm über die Menge, und dann, ſein Haupt ſtolz aufwerfend, verſchwand er mit der Dame zwiſchen den Thoren. „Senor Battiſta!“ wandte ſich der Capitain der Hellebardirer an den Alguazil, der an den Thoren Poſto gefaßt, und zugleich die Aufgabe zu haben ſchien, die Aeußerungen des Pöbels über die verſchiedenen Ankömm⸗ *) Stolzer, prächtiger Menſch. **) Schweigt, es iſt der Liebling der kalten Zone! — 74— linge zu notiren—„Senor Battiſta! Was hat es mit dieſem Conde de San Jago*) für eine Bewandtniß, der doch, ſo viel ich weiß, auch nur ein Creole iſt? Möchte doch wiſſen, aus welchem Holze der geſchnitzt iſt, daß er die Ehre eines geborenen Spaniers genießt?“ „Aus einem Holze, Senor Capitano,“ verſetzte der Alguazil mit einem vielſagenden Blicke,„das, zum Glücke Altſpaniens, nicht häufiger in dieſem Lande wächst, als der arbol de las manitos.“**ο) „Das iſt weiſe, aber dunkel geſprochen, Senor Bat⸗ tiſta,“ erwiederte der Capitano, eine Priſe nehmend. „Hören Sie, Senor Capitano,“ wisperte der Al⸗ guazil,„hören Sie ſie Tierra templada brüllen?“ Der Lärm nahm immer mehr zu; Vivas und Mueras rollten wie ein Lauffeuer die Plazza hindurch. Eine rauhe Stimme ſchrie:„die Tierra templada iſt zum Gachupin geworden!“ Eine andere brüllte:„Viva tierra templada!“ und„Viva tierra templada!“ hrüll⸗ ten Tauſende nach. „Hören Sie ſie,“ murmelte der Alguazil,„dieſe **) Grafen von Santago. *) Cheirostemon platanefolium, der berühmte Handbaum; ſeine Blüthe iſt eine prachtvolle rothe Blume, in Form ei⸗ ner Tulpe und, näher betrachtet, einer Hand, mit einwärts gekrümmten Fingern. Es ſind bloß 3 Bäume in Mexiko vorhanden: der Mutterbaum in den Bergen von Tolucca und zwei Sprößlinge im botaniſchen Garten des vicekönig⸗ lichen Palaſtes. 75 — 79— verdammten Gavillas! So ſind ſie: ſie treiben nichts, ſie thun nichts, ſie arbeiten nichts, ſie beten nicht, ſie koſten uns jeden Tag Tauſende, damit wir nur Ruhe haben; und brechen ſie los, ſo brüllt der Jorullo*) nicht ſtärker als ſie es thun. Glücklicherweiſe laſſen ſie es je⸗ doch beim Brüllen bewenden. Heute aber weht ein ſchlim⸗ mer Wind; gebe die heilige Jungfrau, daß er bald vor⸗ übergehe! Auch haben die Hunde ihr Rothwälſch; das iſt eine neue Erſcheinung, eine gefährliche Erſcheinung, ſage ich Ihnen. Die Tierra templada, die gemäßigte Zone, iſt der Conde; ſo viel iſt richtig, weder warm noch kalt, wie der Aal, der, im Chalco gefangen, Salz⸗ und Süßwaſſer verträgt, und ſich krümmt, und ihnen einen Arm und, mag ſein, ein Bein bricht, wenn ſie ihn in den Chinampas*r), im Erbſen⸗ oder Frijolo⸗ Felde wier) fangen. Wir hatten in Mexiko Ruhe, ſelbſt als der verdammte Hidalgo von Guaximalpa †) herabkam; heute jedoch iſt der Teufel los.“— Und mit dieſen Wor⸗ ten verlor ſich der Häſcher im Innern des Palaſtes. **) Ein feuerſpeiender Berg, der im verfloſſenen Jahr⸗ hunderte entſtanden und wieder vergangen. **) Die ſogenannten ſchwimmenden Gärten, die aber, gegenwärtig kleine Gartenſtücke, von Indianern bebaut, in der Nähe des Sees liegen. ***) Bohnenfelder. †) Guaximalpa, eine große Hacienda, Landgut, 5 Mei⸗ len von Mexiko. Hidalgo hatte ſein Hauptquartier daſelbſt aufgeſchlagen. — Fünftes Capitel. Mein Siß hier war bisher ein Thron⸗ Foscari. Wie unſere Leſer bereits vernommen haben, ſo gal⸗ ten die ſo eben beſchriebenen pompöſen Vorbereitungen einem jener glänzenden Hofzirkel, die in monarchiſchen Staaten eingeführt ſind, theils um dem Herrſcher die Huldigung darzubringen, die einer von Gottes Gnaden erhöhten Perſon in den Augen loyaler Unterthanen ge⸗ ziemend erſcheint, theils auch die dem Throne zunächſt ſtehenden Umgebungen durch ihre Theilnahme an dieſer Huldigung feſter an das Intereſſe deſſelben zu knüpfen, und durch vereinte Pracht dem Haufen die Idee göttlicher Er⸗ habenheit deſto eindringlicher vor Augen zu bringen. We⸗ nigſtens dürfte das die Urſache ſein, warum dieſe in bar⸗ bariſchen Zeiten entſtandene Art von Repräſentation der Volksmajeſtät, bis auf unſere Zeiten fortgeführt, und die ihr, obwohl aus verſchiedenen Gründen und in beſchei⸗ denerer Außenſeite, auch bei uns Eingang verſchafft hat. Es iſt vielleicht eine für den künftigen Beſtand ſo mancher der gegenwärtig in Glanz beſtehenden Dynaſtien des alten Eu⸗ ropas eben ſo unglückliche als charakteriſtiſche Eigenheit, daß ſich nicht nur die ganze Staatsmaſchine, ſondern auch die bürgerliche Geſellſchaft ſelbſt, um den Herrſcher, als um ihre Sonne dreht, und die große Maſſe des Volkes als eine Art Nullen, die die Hauptzahl wohl vergrößern, für ſich aber als gehaltlos verachtet wer⸗ den, von jeder perſönlichen Berührung mit dieſem Herr⸗ ſcher gänzlich ausgeſchloſſen ſind. Wie viel an dieſer Ausſchließung das heut zu Tage gewiſſermaßen zur Ueber⸗ reife gelangte Prinzip der Legitimität ſchuldig ſei, wollen wir hier nicht beſtimmen, obwohl wir auf der andern Seite nicht umhin können zu geſtehen, daß in dieſen, ſonſt viel⸗ leicht nicht unglücklichen Ländern, eben durch dieſe artifizielle und gewiſſermaßen mit dem Gepräge der Divinität be⸗ zeichneten Rangunterſchiede eine ſolche Abſonderung noth⸗ wendig geworden iſt. Die neueſten Ereigniſſe, indem ſie in einem großen transatlantiſchen Staate den Zu⸗ tritt zu einem gekrönten Haupte etwas wohlfeiler gemacht, und ſo den Schleier gelüftet, der dieſe ſich ſo hoch ſtel⸗ lenden Menſchen bisher dem Auge der Oeffentlichkeit ent⸗ zog, haben uns auch die Qualen errathen laſſen, die aus einem größern Bedürfniß von Popularität für ſie entſtehen, und uns zugleich das Entſetzen nicht undeut⸗ lich gezeigt, von dem dieſe durch Gottes Gnaden ſich ein⸗ geſetzt wähnenden Monarchen bei jeder Berührung mit dem ungewaſchnen großen Haufen durchdrungen ſein mögen. — 78— Bekanntlich hat es das Mutterland des unglücklichen Mexico in dieſem Zweige legitimer Wiſſenſchaft durch ſeine innige Verbindung und Nachahmung der römiſchen Hie⸗ rarchie am weiteſten gebracht, und der Erfolg, den eine ſolche Anreihung der executiven Gewalt an das höchſte Weſen im eigenen Lande hatte, war ohne Zweifel eine der nächſten Veranlaſſungen geweſen, daß der Herrſcher, der dieſes Syſtem des ſpaniſchen Hofſtaates in ſeinen ererbten Ländern begründete, es in möglichſt größter Voll⸗ kommenheit auch auf Mexico in der Art ausdehnte, daß es ſo zu ſagen die Grundlage der dieſem Lande gege⸗ benen Regierungsform wurde. Bereits im Jahre 1530 wurde dieſes Repräſentationsſyſtem mit einer Pracht ein⸗ geführt, die den Hof des mexikaniſchen Vizekönigs mit den glänzendſten der alten Welt wetteifern machte, und wenn eine trügliche Politik es zu erheiſchen ſchien, dem eroberten Lande zu imponiren, und ihm die Macht des zweitauſend Stunden entfernten Herrſchers durch ſeinen Abglanz zu verſinnlichen, ſo boten die ungeheuern Reich⸗ thümer, die durch den Schweiß eines beſiegten Sklaven⸗ volkes in die Hände der erſten Spanier glitten— eben ſo leicht die Mittel, dieſe Abſicht ohne ſcheinbaren Nach⸗ theil des Mutterlandes durchzuführen. Noch heut zu Tage ſtaunen wir billig über die ungeheure Verſchwen⸗ dung und den Glanz, der dieſe Vizekönige Mexicos in den erſten Jahrhunderten nach der Eroberung und zu ei⸗ ner Zeit umgab, wo die Stätten, auf denen gegenwär⸗ — tig unſere großen Seeſtädte den Handel der Welt zu lei⸗ ten anfangen, noch undurchoͤringliche Wildniß waren.— Zwar hatten ſich dieſe Reichthümer im Verlaufe der Zeit gemindert, oder vielmehr ihre Ausbeute war in regel⸗ mäßigere Canäle geleitet worden; allmälig waren ſie aus den Händen ſoldatiſcher Wüſtlinge in diejenigen gieriger Beamten und angeſeſſener Creolen übergegangen; die Pracht der Hauptſtadt und der Glanz des viceköniglichen Hof⸗ ſtaates hatten jedoch dabei nichts gelitten, da die ſpa⸗ niſche Politik es für räthlich gefunden hatte, dieſe letz⸗ teren, obwohl ſie ſie als bloße Stiefkinder betrachtete, an den Herrlichkeiten des Satrapenhofes um ſo mehr An⸗ theil nehmen zu laſſen, als dieſer durch ſchwere Geld⸗ ſummen erkauft werden mußte, und zugleich eine Bürg⸗ ſchaft für die künftige Treue des Courfähigen wurde. Die Adelsdiplome, ritulos de Castilla, die zur unerläß⸗ lichen Bedingung des Eintritts in dieſe Zirkel gemacht wurden, waren kein unwichtiger Beitrag zur Privatcha⸗ toulle der katholiſchen, allmälig ärmer gewordenen Maje⸗ ſtät, und, abgeſehen von den großen Summen, die auf dieſe Weiſe in den königlichen Privatſchatz floſſen, wurden dieſer Hofſtaat und dieſe Hofzirkel die Mittel, das Land allmälig in jene abſolute Abhängigkeit zu bringen, welche das Lieblingsſyſtem der heutigen Regierungs⸗ kunſt iſt. Der reiche mexikaniſche Adel hatte in dieſen Hofzirkeln nicht nur Gelegenheit ſeine Reichthümer auf eine dem privilegirten Handelsſtande von Cadix vortheil⸗ hafte Weiſe zu verſchwenden, Adels um den Hof des Satrapen war auch der Bindungs⸗ faden geworden, dieſen inniger an das königliche In⸗ tereſſe zu knüpfen, indem er Gelegenheit gab, die ver⸗ ſchiedenen Nuancen der Unzufriedenheit zu bewachen— Mißvergnügen im Keime zu erſticken, die Ueberreſte ſelbſt⸗ ſtändig⸗politiſchen Gefühls durch eine galante Debauche⸗ rie zu vertilgen, und durch jene, Ariſtokraten ſo ſüßen und 1 — 89— die Centraliſirung des unentbehrlichen Intriguen, alle Fäden der bürgerlichen Ge⸗ ſellſchaft ſpielend in der Hand zu behalten.— So war dieſer Hofſtaat urſprünglich eine halbbarbariſche Schauſtellung roher, feudaler Pracht, wie in den alten europäiſchen Ländern, das Mittel geworden, das Land feſter an ſeine Herrſcher dadurch zu knüpfen, daß der vornehmere Theil ſeiner Bürger in die Geſellſchaft ſeines Repräſentan⸗ ten gezogen, und ſo mit dem Herrſchenden ſelbſt in nä⸗ here Verbindung gebracht wurde. Die Folgen dieſer Po⸗ litik waren ſehr befriedigend für die ſpaniſche Herrſchaft geweſen, und es dürfte noch heute ſchwer zu entſcheiden ſein, ob die lange Ruhe, die drei Jahrhunderte hindurch in dieſen unſäglich gedrückten Ländern ſelbſt dann nicht unterbrochen worden, als das Mutter land im langen und blutigen Erbfolgekrieg begriffen war, und die innige An⸗ hänglichkeit, mit der der mexikaniſche Adel noch gegen⸗ wärtig an Spanien hängt, nicht einzig und allein dieſen Repräſentativſyſtem zuzuſchreiben ſei; rieth der Eifer, mit dem, wie wir geſehen haben, hun⸗ wenigſtens ver⸗ derte von Familien ſich zu dieſer grande soirée drängten, ein Intereſſe an der Ehre des vizeköniglichen Hofſtaates, das, auf die Patrioten übergetragen, das Schickſal der königlichen Regierung bald entſchieden haben dürfte. Der Palaſt, in dem dieſe Cour gehalten wurde, und dem ſeither die ehrenvollere Beſtimmung zu Theil gewor⸗ den, die oberſten Behörden einer freien Republik in ſei⸗ nen Mauern zu vereinigen, war ganz geeignet, den Re⸗ präſentanten eines mächtigen Herrſchers mit den höchſten Landesſtellen und einen glänzenden Adel innerhalb ſeiner Säle aufzunehmen. Er nahm die ganze Südſeite des prachtvollen Platzes, Plazza mayor genannt, ein, in jenem gediegenen, aber etwas ſchwerfälligen Style, den wir an ſpaniſchen Bauwerken häufig bemerken, und der, obgleich weniger kühn als der römiſche, den Eindruck abſoluter Herrſcherwürde einem unwiſſenden aber ſinn⸗ lichen Volke vor Augen zu bringen durch ſeine Ehrfurcht gebietenden Maſſen vielleicht geeigneter ſein dürfte, als ſelbſt die claſſiſchen Formen des erſtern. Mehrere Thore führten in ſeine weiten, inneren Höfe und zur gewölbten Säulenhalle, die um einen prachtvollen Hofgarten lief. Eine breite Doppelflucht von Treppen führte in die Staats⸗ zimmer des mächtigſten Satrapen der neuern Zeiten, die, als ſollte die Natur ſeiner Gewalt recht auffallend dem Eintretenden vor die Sinne gebracht werden, zum Theil über den ſchauderhaften Gefängniſſen der Staatsverbrecher erbaut waren. Die Thorwege und die Säulenhalle wim⸗ Der Virey. 1. 6 — 82— melte von Scharen reichgekleideter Hofdiener, Leibgar⸗ diſten und Livreebedienten, mit Wachtpoſten vermiſcht, die an die Staatstreppe hinanſtanden, und an die ſich eine zweite Schaar noch reicher gekleideter Hausoffiziere anſchloſſen, die zum Theil einen weiten Vorſaal einnah⸗ men, oder vor den Flügelthüren des Audienzſaales gerich⸗ tet ſtanden. Gruppen von Adjutanten und Offizieren aller Grade und Waffen bildeten jene maleriſche Miſchung, die vielleicht mehr als der glänzende Hofſtaat ſelbſt geeignet waren, das Bild höchſter Gewalt recht imponirend vor Augen zu bringen. Zwei reichgekleidete Höflinge be⸗ wachten den Eingang und überlieferten die zum Eintritt Berechtigten immer dem Ceremonienmeiſter. Der große und hohe Audienzſaal, die untere Hälfte mit Eſteras, die obere mit glänzenden Teppichen belegt, war in jenem alterthümlichen Geſchmacke verziert, der eine lange beſtandene und feſt begründete Herrſchaft an⸗ deutet. An den Wänden glänzten ungeheure Trumeaus abwechſelnd mit langen Reihen von Wappenſchildern, die die obſoleten Anſprüche der verſchiedenen Herrſcherfami⸗ lien des Mutterlandes auf beinahe alle Länder des Erd⸗ bodens darſtellten. Eine reiche, obwohl etwas verblichene Draperie von Purpur und chineſiſchem Atlas mit Gold verbrämt, zog ſich oberhalb dieſen den Wänden entlang zu einem Thronhimmel, unter dem ſechs Stufen hoch ein ſchwerfälliger vergoldeter Armſeſſel mit hoher Lehne ſtand, auf dem die Attribute der königlichen Würde lagen. Zu beiden Seiten dieſes Thronſitzes, drei Stufen niedriger, befanden ſich zwei andere Seſſel auf Eſtradas, und dar⸗ über gleichfalls Baldachine, obwohl um vieles einfacher. Eine dritte Stufe hatte wieder mehrere Sitze, jedoch ohne Baldachin. Alle waren mit koſtbaren, aber einigermaßen gealterten Fußteppichen bedeckt, und zwei Reihen von Seſſeln zu beiden Seiten des Salons vollendeten die Ein⸗ richtung. Das Ganze im ſchwerfällig alterthümlichen Ge⸗ ſchmacke des verfloſſenen Jahrhunderts, unterſtützt jedoch von einer gediegenen Pracht und einer glänzenden Be⸗ leuchtung, brachte eine impoſante Wirkung hervor. So wie der Erzbiſchof eingetreten, erhoben ſich ſämmtliche Anweſende und verneigten ſich. Während der geiſtliche Würdenträger zu den Stufen des Thrones vor⸗ ſchritt, öffneten ſich die obern Flügelthüren, und ein prachtvoll glänzender Zug trat von dieſer Seite ein. An ſeiner Spitze befand ſich der Satrap, dem königliche Gunſt oder vielmehr Intrigue das Wohl und Wehe des reich⸗ ſten Königreiches der neuen Welt mit ſieben Millionen ſeiner Bewohner zur unumſchränkten Dispoſition über⸗ liefert hatte. Es war dieſes ein fein gebildeter Mann mittlerer Größe. Der Obertheil ſeines Geſichtes hatte nichts Ausgezeichnetes, der untere war jedoch merkwür⸗ diger wenn nicht gefälliger. Ein rundes Kinn, um das von Zeit zu Zeit ein angenehmes Lächeln ſpielte, gab ihm einen Ausdruck von Zufriedenheit, obwohl ſeine Miene ſich wieder ſo häßlich derzog, als ihm einen tückiſch und zugleich grauſam wollüſtigen Zug verlieh, der durch ein zeitweiliges Blinzeln noch vermehrt wurde. Doch hatte dieſer Mann jede Fiber wieder ſo ſehr in ſeiner Gewalt, daß jeder Augenblick auch ein anderes Geſicht zeigte. Er trug die Feldmarſchallsuniform Spaniens mit dem großen Bande des Ordens Carls III. Die Weiſe, auf die er den Erzbiſchof empfing, verrieth jene ſcheinbar hohe Ehr⸗ furcht, mit der kluge Staatsmänner die geiſtlichen Stützen zeitlicher Gewalt vor den Augen der Menge zu ehren verſtehen, wenn ſie gleich von dem lebenden Prinzip der Religion wenig oder gar nicht durchdrungen ſind. Seine Verbeugung war beinahe demüthig, und der ſchärfſte Beobachter dürfte vergeblich einen Zug von Spott in dem Geſichte des Satrapen geſucht haben, der auf meh⸗ reren ſeines Gefolges nicht undeutlich zu leſen war. An⸗ drerſeits ſchien der geiſtliche Würdenträger ſich vollkom⸗ men ſeines hohen Ranges bewußt, und es war an ihm nichts von jener affektirten Demuth zu ſpüren, die wir an den Vorſtehern dieſer Kirche in Ländern zu bemerken Gelegenheit haben, wo ihre Autorität auf untergrabe⸗ nen Pfeilern ſchwankt; eine gewiſſe Verlegenheit allen⸗ falls ausgenommen, die dem Geſichte einen finſtern Aus⸗ druck verlieh, und die vielleicht dem Pereat zuzuſchreiben war, das der Schutzpatronin ſeines Geburtslandes und ſo ihm ſelbſt von dem Pöbel gebracht worden. Das tiefſte Schyweigen herrſchte während der Unter⸗ terhaltung der beiden Würdenträger, an der bloß noch — 85— eine Perſon unmittelbaren Antheil nahm, und zwar eine, die nicht minder merkwürdig in der Geſchichte dieſes un⸗ glücklichen Landes, als abſtoßend in ihrem Aeußern, eine ſtarke, hagere Geſtalt, von muskulöſem Knochenbau, mit einem finſtern abſchreckenden Geſichte und einem Paar kohlſchwarzen, verglasten ſtieren Augen, die unter den buſchig grauſchwarzen Augenwimpern hervorglotzend dem Manne etwas Gräßliches verliehen. Es war eine Art Satansgeſicht, doch ohne deſſen Geiſt, vielmehr eine Mi⸗ ſchung von Bigotterie, Dummheit und Grauſamkeit, die zugleich Ekel erregten. Als die beiden Würdenträger und der General⸗Ca⸗ pitain, denn dieß war die hohe Charge des ſo eben be⸗ ſchriebenen Militärs, die Unterhaltung lange genug aus⸗ gedehnt hatten, um den Anweſenden gewiſſermaßen das innige Verhältniß zwiſchen Staat, Kirche und dem Schwerte bemerkbar zu machen, traten ſie vor die Stu⸗ fen des Thrones, um einen Zug von Damen zu empfan⸗ gen, die durch die nämlichen Thüren eingetreten, durch welche auch der Satrap gekommen war, und die ſich nach einer kurzen Unterhaltung zur Linken des Thron⸗ himmels auf der erſten Stufe aufſtellten. Der Spanier beſitzt eine natürliche, ihm angeborne Würde, deren Grundlage, Selbſtgefühl und Nationalſtolz ihn vorzüglich zum Repräſentiren eignen, obwohl beide wieder in der neuern Zeit ſehr gelitten haben. So ſehr der ſchärfere Beobachter jene geiſtreich ſchönen Phyſio⸗ — 86— gnomien vermißt haben durfte, die bei ähnlichen Veran⸗ laſſungen in unſerer, oder dem uns verwandten Mutter⸗ lande, das Auge eben ſo wohl als den Verſtand anſpre⸗ chen, indem ſie durch ihre ruhige, innere Würde und Beſonnenheit eine gewiſſermaßen intuitive Beſchauung des freien Mannes erlauben; ſo ſehr dürfte andrerſeits ſein Intereſſe durch den Anblick einer Verſammlung aufgeregt worden ſein, in der gewiſſermaßen die ganze Macht und Energie eines mächtigen Staates concentrirt war, und deren grelle, barſche Geſichter als Abdruck der außeror⸗ dentlichſten Regierung gelten konnten, die je in einem Lande gewüthet hat. Die Spanier waren beinahe durchgängig kleine verbuttete Geſtalten, mit ſchwarzbraunen oder oli⸗ vengrünen, verzerrten, hochmüthigen Geſichtern, funkeln⸗ den kleinen Rattenaugen, und Zügen, in denen die ju⸗ gendlichen Leidenſchaften nur ausgetobt zu haben ſchienen, um ihre Hefen mit den härteren und haſſenswürdigern des grauen Alters zu vermiſchen. In der Art, wie ſie ſich dem Satrapen näherten, lag etwas ſervil Niederträchtiges und wieder abſtoßend widrig Arrogantes; ſie kamen in der ehrfuhrchtsvollſten Stellung heran; aber in dieſer geheuchelten Ehrfurcht lag wieder ein Hohnlächeln, das deutlich verrieth, ihre Huldigung gelte dem Abglanz der Majeſtät, nur inſoferne als dieſe ihre eignen Plane unter⸗ ſtützte; und daß ſie tief fühlten, ſie befänden ſich in einem Lande, auf deſſen unbeſchränkte Beherrſchung ſie ———— einzig und allein Anſpruch hatten, obgleich ſte in ihrem eignen Lande Sklaven waren. Aengſtlich und beinahe furchtſam, mit einem leeren nichtsſagenden ariſtokratiſchen Lächeln und kriechenden Bück⸗ lingen kamen die Creolen heran, voll ſüßen Schauers bei ihrer Annäherung zur höchſten Perſonage, wagten ſie es kaum aufzutreten, und die unnennbare Seligkeit, die ihre Geſichter überſtrahlte, ſo wie ein Wort vom Satrapen ihnen zu Theil wurde, war um ſo widerlicher, als der unverkennbare Hohn ihrer Vorgänger den Commentar zu dieſer Hofwonne bildete. So gewiß es iſt, daß eine feſte männliche Haltung das Gemüth wohl anſpricht, indem ſie den Ausdruck perſönlicher Freiheit und Sicherheit wird, eben ſo bewirkt die entgegengeſetzte kriechende Dar⸗ ſtellung des innern Menſchen wieder jene Aengſtlichkeit und Unbehaglichkeit, die ſich eben ſo unwillkürlich in Ver⸗ achtung desjenigen umwandelt, der dieſe in uns hervor⸗ zubringen die Veranlaſſung war. Es bedurfte wirklich nur eines Augenblickes, um dem aufmerkſamen. Menſchen⸗ kenner einen anſchaulichen Begriff, von der Natur der Herrſchaft zu geben, unter welcher dieſes Land ſeufzte, und ihn über die Urſachen aufzuklären, die nahe an ſie⸗ ben Millionen Creolen, Indianer und Kaſten unter der Botmäßigkeit von einer verhältnißmäßig geringen Anzahl von Spaniern erhalten konnten. Abgeſehen jedoch von dieſen höhern Betrachtungen, gewährte die Verſammlung einen glänzenden Anblick. Die reichen Uniformen der Generale und hohen Staats⸗ beamten, unter denen ſich die maleriſche Amtstracht der Oidores mit ihren ſchwarzen Seidenmänteln und goldenen Ketten auszeichnete; die farbigen Gewänder der hohen Geiſtlichkeit mit den vielfaltigen prachtvollen Uniformen der verſchiedenen Beamten und der antiken und reichen Tracht mehrerer Creolen, mit den reichern Anzügen der Damen, boten ein Enſemble dar, welches der mächtigſte Autokrat kaum glänzender an ſeinem Hofe aufweiſen konnte, und deſſen Wirkung durch ein geheimnißvolles Etwas, das durch das Ganze hindurchſchimmerte, eher vermehrt als vermindert wurde. Nachdem die Vorſtellung der Herren auf der rechten Seite des Saales vor ſich gegangen, waren ſie auf die linke geführt worden, wo ſie zum Handkuſſe der Gemahlin des alter ego des Königs zugelaſſen, die Damen aber mit einer Umarmung oder einem mehr oder weniger verbindlichen Knickſe empfangen wurden, um nach einer kürzern oder längern Unterhaltung, die wieder eine größere oder min⸗ dere Wohlgewogenheit andeuten ſollte, eben ſo entlaſſen zu werden.. Derſelbe Stolz von Seiten der Spanierinnen: doch ſchien bei den creoliſchen Frauen die Eiferſucht gegen ihre Nebenbuhlerinnen weit charakteriſtiſcher hervortreten zu wollen, als dieſes von Seite ihrer Ehemänner der Fall geweſen war. Auch in ihrem Putze hatten ſich die zwei ſchönen Hälften einander ſo zu ſagen feindſelig ge⸗ — 89— genüber geſtellt, und während die Spanierinnen in die Robe ihres Landes gekleidet waren, hatten die Creolinnen die Toilette des Volkes, welches die Regierung ihres Mutterlandes über den Haufen geworfen, und ihren Re⸗ genten in Gefangenſchaft hielt, vorgezogen, obwohl dieſer Vorzug von unſern Schönen um ſo weniger beneidet wor⸗ den ſein dürfte, als ihre Muſter noch dem verfloſſenen Jahrhunderte angehörten. Unter den jüngern Damen gab es ungemein herrliche Geſtalten, und der zartge⸗ bräunte Teint, und das liebeglühende Auge, verriethen auch unter den mißſtaltenden Anzügen die Sprößlinge des glühenden Andaluſiens und des ſtolzen Caſtiliens. Die Sonne jedoch, um welche ſich der ganze Kreis bewegte, war der Satrape, und der Spanier ſelbſt ſchien die ihm angeborne Galanterie für den Augenblick ver⸗ geſſen zu haben, um dem Repräſentanten königlicher Ma⸗ jeſtät und ſo ſich ſelbſt die höchſtmögliche Huldigung darzubringen. Nichts konnte aber auch der würdevollen Anmuth gleich kommen, mit welcher dieſe Perſonnage ſeine Re⸗ gentenrolle ſpielte. Auch den Zagendſten ſchien er ermu⸗ thigen zu wollen durch freundliche Milde, die recht an⸗ gelegentlich aufzufordern ſchien, ſich behaglich in ſeiner Nähe zu fühlen. Allen wußte der Mann etwas Verbind⸗ liches zu ſagen; doch war dieſe ſeine Freundlichkeit wie⸗ der ſehr veränderlich; bei Einigen ſchien ſie mehr ins Vertrauliche übergehen zu wollen, während bei andern — 90— wieder die Amtsmiene oder gnädige Herablaſſung vor⸗ herrſchte. Die Geläufigkeit, mit der er die verſchieden⸗ artigſten Fragen, gleichſam im Vorbeigehen, und doch zugleich ſo angelegentlich auf jeden richtete, war bewun⸗ dernswerth. Einige dieſer Fragen bezogen ſich auf das gute Ausſehen der Befragten, und das Vergnügen, das er empfand, einen ſo getreuen Diener ſeines Herrn in ſo vollkommenem Wohlſein zu ſehen; andere auf Fami⸗ lienverhältniſſe, in welchem der hohe Mann bis zu einem gewiſſen Punkte bewandert ſchien; noch andere auf das Fach, dem der Befragte vorſtand; alle aber waren in jener oberflächlich⸗ gefälligen Manier vorgebracht, die gewiſſermaßen den Fragenden als über tiefere Kennt⸗ niß des von ihm berührten Gegenſtandes erhaben dar⸗ ſtellen ſollten. Mehreremale fand es die hohe Perſonnage auch für dienlich, Worte leiſer zu ſprechen, die hinläng⸗ liche Inhaltsſchwere hatten, dem Angeredeten das Blut in das olivenfarbarbige Geſicht zu jagen, ohne daß ſie dem Satrapen mehr als ein gnädiges Lächeln gekoſtet hätten. Die Stimme des Camarerio⸗Mayor, der neue Ankömm⸗ linge verkündete, brachte endlich in dem Geſichte des ge⸗ ſchmeidigen Hofmannes, eine Art Stillſtand hervor, und ſeine Muskeln zuckten zum erſtenmale in dem augenblickli⸗ chen, und wie es ſchien ſchweren Kampfe, den es ihn koſtete, ſie in das vorige Lächeln zu glätten. 37 Sechstes Capitel. All dieſer eitle Prunk iſt frevler Schimpf, Der um ſo tiefer nur dieß Herz verwundet, Indem er Gift als Gegengift hinreicht. Byron. Es waren die zwei Creolen, die mit der Dame in den letzten zwei Wagen angekommen waren. Der erſte, der unter dem Namen Conde de San Jago angekündigt wurde, war ein Mann mittlerer Größe, von feinem, ſchmächtigem Gliederbau; ſein Alter mochte zwiſchen vier⸗ zig und fünfzig ſein, obwohl ein unverkennbarer Zug von Gram ihm das Ausſehen von vielleicht fünf Jahren mehr gab; ſeine Geſichtszüge waren fein und edel, mit den ſcharf marquirten Umriſſen, welche die Nachkommen der römiſchen Nation charakteriſiren; ſein Auge durchdringend und klar; ſein feſter Tritt und ſeine beſtimmte Haltung beurkundeten Gelaſſenheit und hohe innere Würde; ſein Anzug war nach dem neueſten, damals in Europa herr⸗ ſchenden Geſchmacke: ein einfach ſchwarzer Tuchrock, eben ſolche Beinkleider, ſeidene Strümpfe und Schuhe. In⸗ dem er ſich den Stufen des Thrones näherte, glitt ſein Blick ruhig und achtungsvoll über die Verſammlung hin, von der mehrere, ihren freundlich⸗aufwallenden Geſichts⸗ zügen nach zu ſchließen, eben ſo angenehm als wohlthuend überraſcht wurden. Sein Begleiter war noch ſehr jung, und konnte kaum das achtzehnte Jahr überſchritten haben; eine un⸗ verkennbare Familienähnlichkeit bezeichnete ihn als einen nahen Verwandten. Ein ſchwarzer Lockenkopf, eine breite, offene Stirn mit herrlichen Braunen, und ein Paar Au⸗ gen, ſo prachtvoll, ſo glühend, daß die weibliche Hälfte der Aſſemblee unwillkürlich in das Geflüſter:„O que brilliantes estrellas!**) ausbrach. Sanftgebräunte Wan⸗ gen mit einer feingeformten römiſchen Naſe gaben dem jugendlichen Geſichte einen Ausdruck von anmuthiger Männlichkeit, deren ſich der ſtolze Jüngling vollkommen bewußt zu ſein ſchien. Als die beiden von dem Cama⸗ rerio⸗Mayor**) vor die Stufen des Thrones geführt waren, verbeugten ſie ſich tief und ſtanden einige Sekun⸗ den in ehrfurchtsvoller Erwartung. Das Geſicht des Vicekönigs hatte einen Ausdruck von zutraulicher Freundlichkeit angenommen, und ſein Auge ruhte wohlgefällig lächelnd auf beiden. *) Welch glänzende Sterne! **) Oberkammerherr. „Der Conde de San Jago iſt willkommen!“ ſprach er mit einer tiefern Verbeugung, als er bisher, den Erz⸗ biſchof ausgenommen, noch zu machen für gut befunden hatte.„Der Carneval hat endlich bewirkt, worauf wir, trotz unſerer freundlichen Zumuthungen, ſo lange verge⸗ bens gehofft haben.” „Eure Excellenz geruhen, einer Urſache zuzuſchreiben, die ſchwerlich für uns Veranlaſſung werden konnte,“ er⸗ wiederte der Conde.„Wir ſind gekommen,“ ſetzte er im beſtimmteren Tone hinzu,„um dem erlauchten Reprä⸗ ſentanten der Majeſtät unſere Ehrfurcht zu bezeugen, und uns dem Born der Gnade zu nähern, dem Mexiko ſo Vieles verdankt.“” „Und dem Schutze der Mutter de los remedios,“ murmelte der Erzbiſchof, ohne jedoch in die Rede ſelbſt einzufallen. „Und dem guten ſpaniſchen Schwerte,“ fügte der General⸗Capitain etwas lauter hinzu. „Wir haben den Troſt der gerechten Sache und des Beiſtandes des Allerhöchſten und der Jungfrau, die die Stütze Spaniens iſt,“ bemerkte der Vicekönig in einem Tone, der unwillkürlich einen ſpöttiſchen Nachklang von ſich gab.„Und dieſer junge Kavalier?“ fragte er mit einem fremden Blicke auf den Jüngling, der dem Grafen zur Seite ſtand. Dieſer, im höchſten Grade, wie es ſchien, überraſcht, — 94— erröthete, und gerieth dermaßen in Verlegenheit, daß er wirr und ſcheu um ſich und dann zu Boden blickte. „Eure Excellenz unterthänigſt aufzuwarten, der Sohn unſers Couſin, Don Senor Sebaſtiano,“ ſprach der Conde mit einem Blicke, der nicht minder befremdet bald auf dem Vicekönig, wieder auf dem Jüngling ruhte. Die hohe Perſonage hatte gleichfalls ihre Faſſung ver⸗ loren, die ſie erſt wieder gewann, als die Stimme des General⸗Capitains hörbar wurde. Dieſer hatte ſein ſtieres Auge forſchend auf den Jüngling gerichtet, den er mit einem Intereſſe muſterte, das allenfalls ein Werbeoffizier einem wohlgewachſenen Re⸗ kruten ſchenken dürfte, und dann ſich zum Vicekönig ge⸗ wandt, dem er einige Worte zuflüſterte. Aus der Unter⸗ haltung, die zwiſchen den beiden Dignitairen ſich entſpon⸗ nen, waren bloß die abgebrochenen Sätze zu vernehmen: „den fünf und zwanzig beigeſellen, die ſich erfrechten, mit den geheiligten Mußeſtunden Sr. Majeſtät ihren Spott zu treiben,“ und das„furchtbar! furchtbar!“ das dem Satrapen in demſelben leiſen Tone entfuhr; dann wurden ihre Stimmen abermals zum unverſtändlichen Geziſche. Der Conde war während des kurzen, aber einigermaßen peinlichen Zwiſchenſpieles ruhig geſtanden, ſein Auge ab⸗ wechſelnd auf den Vicekönig und den General⸗Capitain gerichtet, als der erſtere, ſich zur Hälfte an ihn, zur an⸗ dern zum General⸗Capitain wendend, ſprach: „Wir waren ohnedem gewillet, Sr. Herrlichkeit dem Conde Jago einen Beweis von Wohlwollen zu geben, der den hohen Fueros*), deren ſich ſeine hohe Familie er⸗ freut, angemeſſener ſein dürfte, als Euer Excellenz gütiger Vorſchlag—“ Der General⸗Capitain erwiederte: „Wir ſind ſo frei zu bemerken, Excellenza, daß auf Fueros in unſerer Lage Rückſicht zu nehmen, dem Intereſſe unſeres allergnädigſten Herrn, den die heilige Jungfrau ſchützen möge, nicht anders als hinderlich ſein könne. Se. geheiligte Majeſtät haben ſie gegeben, und nehmen ſie wieder, und zu letzterm ſind wir bevollmächtigt, wenn immer der Dienſt Sr. Majeſtät es erheiſcht.“ „Euer Excellenz Bemerkungen,“ verſetzte der Vice⸗ könig,„ſind eben ſo wahr als richtig, und wir würden nicht anſtehen, wenn der Dienſt Sr. Majeſtät—“" „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genom⸗ men,“ fiel der Erzbiſchof ein. „Es erheiſchte,“ fuhr der Satrap fort, nachdem er dem geiſtlichen Dignitair Zeit gegeben hatte, ſeine Worte einzuſchalten;„allein Se. Excellenz werden auch nicht vergeſſen, daß Gerechtigkeit und Milde zu paaren, das angeborne Attribut des Herrſchers beider Indien iſt und ſeit Jahrhunderten geweſen iſt.“ *) Privilegien. Jeder Stand batte ſeine Fueros: der Militairſtand, die Geiſtlichkeit, die Conſulado, die Miliz ꝛc. Eines dieſer Privilegien beſtand in der eigenen Gerichtsbar⸗ keit des reſpectiven Standes. „Euer Exeellenz kennen Ihre Vollmachten,“ ver⸗ ſetzte der General⸗Capitain;„aber meine Meinung iſt, zuerſt rein Werk und dann Milde ſo viel Sie wollen.“ „Wir kennen unſere Vollmachten, wie Euer Excel⸗ lenz gütig zu bemerken belieben,“ fiel der Satrape etwas haſtig ein,„und die der Junta de Guerra*), deren Prä⸗ ſident wir zu ſein die Ehre haben; aber wir glauben, auch die Fueros de Caſtilla in ihrem Anſehen erhalten zu müſſen, ſo viel prudencia y sagacidad convenientes er⸗ lauben,“*) fügte er mit einem bedächtigen, etwas tücki⸗ ſchen Lächeln hinzu.„Wir haben einen Weg eingeſchla⸗ gen, der eben ſo ſehr unſere Achtung für die Fueros der Familie des Conde, als das Intereſſe unſers allergnädig⸗ ſten Herrn und Gebieters vereinen wird.“ und nachdem er dieſe Worte in einem etwas lautern, und zwar jenem beſtimmten, obwohl immer noch verſöhnen⸗ den Tone geſprochen, der Widerrede eben ſo unnütz, als unſchicklich machen ſollte, verbeugte er ſich etwas leichter und kälter gegen den Grafen, als es beim Empfange der Fall geweſen. Letzterer, nachdem er auf dieſe myſteriöſe Weiſe abgefertigt worden war, wich mit ſeinem Neffen von den Stufen des Thrones zurück, während der Satrape, in Begleitung des Erzbiſchofes, des General⸗Capitains und ſeines Gefolges, ihren erhabenen Standpunkt eben⸗ *) Oberſtes Kriegskollegium. 2) Klugheit und Vorſicht — 97— falls verließen, um gleichſam den verſchiedenen Perſonen eine Art Gegenbeſuch abzuſtatten.„ So ſteif und formell der letzte Empfang geendet hatte, ſo freundlich, gefällig und herablaſſend wurde nun wieder der Repräſentant der abſoluten Gewalt; ja, es ſchien, als ob dieſer mit Verſtellungsgabe ſo ſehr ausgerüſtete Mann ſeine höchſte Kraft aufböte, um ſeine Rolle einem glück⸗ lichen Ende entgegenzuführen. „Wir haben,“ ſprach er mit der freundlichſten Miene und dem heiterſten Lächeln zu unſerm Grafen, als er end⸗ lich in ſeiner Tour zu dieſem herabgelangt war:„uns eine kleine Mühe und ſelbſt einen kleinen Zwiſt Ihretwe⸗ gen zugezogen, theurer Conde, die, wie Sie erſehen ha⸗ ben, uns ſchiefen Bemerkungen ausgeſetzt; allein dieſe ſol⸗ len uns nicht abhalten, der Stimme unſers Herzens, die für unſere Freunde ſpricht, zu folgen.“ Ein vielſagender Blick, ein freundliches Nicken beglei⸗ tete dieſe huldreich geheimnißvolle Zuſicherung, und dann ſchritt der Mann weiter.. Der Graf hatte kein Wort geſprochen, und während er ſich vor dem weltlichen Gewalthaber verbeugte, trat der geiſtliche heran. Das Erſcheinen dieſes Prieſters konnte würdevoll ge⸗ nannt werden, das maleriſch violetfarbige Seidenge⸗ wand, welches in weiten Falten ſeine hohe, dünne Geſtalt umfloß, und deſſen Schleppe von einem reichgekleideten Pagen getragen wurde, gab ſeinem Ehrfurcht gebietenden Der Virey. I. 7 I — 98— Weſen etwas Antikes, das jedoch, wie geſagt, wieder durch eine gewiſſe Verlegenheit geſtört wurde, die ihn ſelbſt während der langen Aufwartung nicht ganz ver⸗ laſſen hatte. Er trug um ſeinen Hals eine goldene Kette von der feinſten mexikaniſchen Arbeit, die in einem mit Juwelen beſetzten Kreuze endigte, das auf die Bruſt zu liegen kam. 4 „Muy bien!¹**) redete er den Conde mit einer et⸗ was finſtern Freundlichkeit an:„Muy bien! Alles mit der heiligen Jungfrau angefangen. Sie verleiht ihren Bei⸗ ſtand nicht bloß durch Fürbitte, ſondern, wie die allein ſeligmachende Kirche ausdrücklich lehrt, auch aus eigener. Machtvollkommenheit, weshalb ſie billig de los remedios genannt wird. Si, si, Senor!“**) ſprach er nach die⸗ ſer gottſelig ſein ſollenden Auseinanderſetzung des Schutz⸗ verhältniſſes ſeiner Patronin:„Wir ſelbſt wollen das al⸗ lerheiligſte Meßopfer in unſerer Kapelle darbringen; es iſt zwar eine halbe Stunde früher, als wir gewohnt ſind—“ „Beso a Vmd las manos Gracia!“ Ich küſſe die Hände meines gnädigſten Herrn Erzbiſchofes,“ erwiederte der Graf etwas trocken;„aber Perdon IIlustrissima Se⸗ noria,***) wenn ich meine Unwiſſenheit über die Ver⸗ anlaſſung dieſer hohen Gnade zu erkennen geben muß.“ 1 *) Sehr wohl! **) Ja, ja, mein Gnädiger. ***½) Vergebung, erlauchte Herrlichkeit. — 99— Die Verlegenheit des geiſtlichen Würdeträgers ſtieg um ein Bedeutendes bei dieſen Worten.„ Senoria,“ er⸗ wiederte er finſter,„werden die Veranlaſſung unfehlbar ſeiner Zeit kennen lernen, und wir, wie geſagt, eine Col- lectam pro peregrinante,*) für ihren Neffen nämlich, zu machen uns bewogen finden, der morgen früh um ſechs Uhr nach Veracruz, und von da nach der Mare Patria abzugehen von Sr. Excellenz unſerm gnädigſten Vicekönig beordert werden wird.“ „Eine Reiſe nach der Madre Patria, nach Spanien? Und mein Neffe!“ fuhr der Conde heraus im Tone des höchſten Erſtaunens und mit einem Blicke, in dem ſich ein empörtes Gemüth deutlich verrieth. Der Erzbiſchof ſchien nicht minder erſtaunt über dieſe Wahrzeichen des gräflichen Unwillens; ſein finſterer Blick fiel einen Augenblick durchbohrend auf den Conde. „Se. Exrcellenz unſer gnädigſter Virey,“ fuhr er verweiſend fort,„haben mit Hochdero eigenem Munde uns eröffnet, wie Don Manuel abgehen werde, und uns zugleich erſucht, Befehle wegen des allerheiligſten Meßopfers, das derſelbe noch vor ſeinem Abgange hören wird, zu erlaſſen. Wir haben uns jedoch bewogen ge⸗ funden, Don Joſe Conde de San Jago einen Beweis un⸗ ſerer ganz beſondern Werthſchätzung inſofern zu geben, als wir ſelbſt das beſagte allerheiligſte Meßopfer und Col- —— *) Ein Gebet für einen Reiſenden. — 400— leciam pro peregrinante der Mutter de los remedios dar⸗ zubringen gedenken.“ Und mit dieſen Worten ließ der Prieſter ſein Haupt mit einem plötzlich abgemeſſenen Rucke ſinken, daß das ſpitze Kinn auf die Bruſt zu liegen kam und, es mit einem eben ſo abgemeſſenen Rucke zurückwerfend, ſchritt er mit devot-arroganter Gravität weiter. Allmälig war in dem Audienzſaale ein Gemurmel hörbar geworden, das, ſo viele Mühe man ſich auch gab, es zu unterdrücken, auf eben ſo inhaltsſchwere, wenn nicht unangenehmere Mittheilungen von Seiten des Satrapen ſchließen ließ, als diejenigen waren, die dem Conde zu Theil geworden. Das Gemurmel ſchien immer lauter werden zu wollen, als auch die Stimme des Vicekönigs ſich ſtär⸗ ker erhob, worauf eine Todtenſtille eintrat. Seine Worte waren an einen Creolen gerichtet, deſſen Gegenvorſtellun⸗ gen etwas lauter geweſen waren, als die ſpaniſche Eti⸗ quette bei ſolchen Gelegenheiten zu geſtatten für gut be⸗ funden hatte. „Don Garcia,“ ſprach er,„es ſollte uns leid thun, wenn wir uns getäuſcht hätten, und, wo wir einen loya⸗ len Verehrer des Willens Sr. geheiligten Majeſtät un⸗ ſers allergnädigſten Herrn und Gebieters zu ſehen glaub⸗ ten, der nicht anſtehen würde, Gut und Blut für ſeinen angebeteten Monarchen zu opfern,— einen raiſonnirenden Unzufriedenen wahrnehmen ſollten—“ „Von den Lehren des ketzeriſchen liberalen Windes, — 4014— der, Proh dolor! in dieſem unglücklichen Reiche nur zu ſehr zu wehen anfängt, umhergetrieben,“ fiel der Erzbi⸗ ſchof ein. „Nein, nein, Excellenza,“ fuhr der Satrape, zum General⸗Capitain gewendet, fort, der finſter und dro⸗ hend den armen Creolen maß;„ ich verſichere Sie, Don Garcia iſt ein zu loyales Glied der mexikaniſchen Nobili⸗ tad, um nicht die unangenehmen Folgen zu gewahren, die der leiſeſte Widerſpruch um ſo mehr in einem Zeit⸗ punkte haben müßte, als wir, Sr. Majeſtät loyale Die⸗ ner, feſt entſchloſſen ſind, das Anſehen der von Aller⸗ höchſtderſelben uns allerhuldreichſt übertragenen Gewalt in ſeinem ganzen Umfange aufrecht zu erhalten, und ſo die⸗ ſes Königreich wieder in den Zuſtand zurückzubringen, ein würdiger Gegenſtand der Gnade unſers Herrn zu werden.“ Es war bei dieſem höfiſchen Amtstone wieder ſo viel Süßſchmeichelndes, oder vielmehr perfid Kokettirendes in den Worten des Satrapen, daß die Augen der meiſten Creolen mit einer Art fieberiſch⸗peinlicher Spannung an dem Sprecher hingen.. „ Excellentiſſimo Senor,“ ſprach der Creole ,an den die Anrede gerichtet, die aber ſo laut geſprochen worden war, daß Alle leicht einſehen konnten, ſie gelte ihnen eben ſo wohl:„ Excellentiſſimo Senor!“ wiederholte der zuckende und bebende Creole mit halberſtickter Stimme, „ nur eine Gnade gewähren Sie dem Vater, deſſen Sohn — 102— ſo plötzlich, ſo unverſchuldet aus den Armen ſeiner Fami⸗ lie geriſſen wird. Was hat Iſidor verbrochen 25 „Der getreue Unterthan forſcht nicht, räſonnirt nicht, er gehorcht,“ ſprach der General mit ſtarker, herriſcher Stimme. Eine Todesſtille erfolgte auf dieſe Worte in dem ganzen Saale; nur ein leiſes, kaum merkbares Knirſchen mit den Zähnen, verrieth den heißen Ingrimm der ge⸗ demüthigten Creolen. Doch wagte es keiner auch nur ein Wort zu entgegnen. „Wir ſind der Hoffnung,“ fuhr der Satrape fort, „Sr. geheiligten Majeſtät allergetreueſte Unterthanen die⸗ ſes Königreiches werden fortfahren, ſich der Allerhöchſten Gnaden würdig zu erhalten, die Se. Majeſtät durch ihre allerloyalſten Repräſentanten und Diener, die durch⸗ lauchtigſten Cortez, zum Andenken der durch Ihre gehei⸗ ligten Waffen, ſowohl in der Madre Patria, als in dieſem Königreiche erfochtenen Siege, und namentlich die Eroberung von Badajoz, Ihren allerunterthänigſten Ge⸗ treuen angedeihen zu laſſen allerhuldreichſt geruhet ha⸗ ben. Und es iſt mit dem größten Vergnügen,“ fuhr der Satrape, mit ſeinem ſüßeſten Lächeln fort,„daß wir den Großen dieſes Königreichs eröffnen, daß die er⸗ wähnten allerhuldreichſten Gnadenbeweiſe Sr. geheiligten Majeſtät im Königreiche bereits angelangt, und des glücklichen Zeitpunktes harren, wo das Allerhöchſte Na⸗ mensfeſt unſeres angebeteten Monarchen uns geſtatten wird, über dieſe allerhuldreichſten Merkmale, Allerhöchſtdero Gnade, nach Allerhöchſtdero gnädigſter Willensmeinung, allerunterthänigſt gehorſamſt zu verfügen.“ So niederträchtig unmännlich, und ſelbſt abſurd, ſolche Redensarten in unſerer männlichfreien amerikani⸗ ſchen Sprache klingen, ſo zwar, daß es gewiſſermaßen unmöglich ſcheint, ſie wieder zu geben, und ſo ſehr ſie ſicherlich das Gelächter und die Verachtung jedes Ge⸗ bildeten in unſerm und dem Mutterlande erregen müßte, ſo iſt doch bekanntlich dieſe, die Menſchheit enteh⸗ rende Sprache, in allen Ländern des despotiſch be⸗ herrſchten Kontinents von Europa, ſo ſehr Mode ge⸗ worden, daß ſie da gewiſſermaßen zum guten Tone und zur Bildung gehört, und der ſich erſt jetzt eine in der politiſchen Aufklärung etwas weiter vorgerückte Na⸗ tion zu ſchämen anfängt. Dieſer Wortſchwall, der jede Anrede an einen Monarchen, oder ſelbſt eine bloße Er⸗ wähnung desſelben begleitet, iſt übrigens wohlberechnet, und keines der geringfügigſten Mittel, um die Verſtan⸗ deskräfte der armen loyalen Unterthanen dergeſtalt zu um⸗ wölken, daß ſie gewiſſermaßen nichts Menſchliches mehr, ſondern nur Ueberirdiſches an ihrem Herrſcher zu ſehen wähnen. Der Satrape, nachdem er ſolchergeſtalt, das nun dem Lande zu Theil gewordene Heil verkündet hatte, überſah nochmals mit einem gnädigen Lächeln die glän⸗ zende Verſammlung, und wandte ſich dann zu den Da⸗ — 4104— men. Die anweſenden Spanier brachen in ein abgemeſ⸗ ſenes, mäßig lautes Viva Su Magestad sacratissima Fernando VII.*) aus, in welches Vivat mehrere Creolen einſtimmten, die, gleichſam um dem viceköniglichen Ge⸗ dächtniß bei Verleihung der Gnadenbezeugungen nicht zu entſchlüpfen, ſich in demuthsvoller Haſt vorgedrängt hatten. Der Satrap lächelte dieſen gnädig zu, überſah die übrigen mit etwas ſtolzerm Blicke, und nachdem der hohe Mann eben ſo formell als gnädig, von den geiſt⸗ lichen und weltlichen Würdeträgern Abſchied genommen, entfernte er ſich unter dem Vortritte ſeines Hofperſonales auf dieſelbe Weiſe, wie er gekommen war. Der letzte Abſchnitt dieſes Hofzirkels hatte einen gemiſchten Charakter von ſo empörender Herzloſigkeit und Heimtücke, ſüßlicher Holdſeligkeit und hohnlächelnder Grauſamkeit; die Umgebungen, der finſtere Soldat mit ſeinem Gefolge von Generälen, der fromm tückiſche Erzbiſchof mit der kaum minder furchtbaren Ideen⸗ aſſociation von Autos da fe verliehen den Worten, ſo ekelhaft kriechend ſie auch waren, eine ſo furchtbare Deu⸗ tung, daß die meiſten der armen Creolen ſchaudernd dem Manne nachblickten, der die bitterſten Demüthigungen und herzzerreißendſten Gewaltſtreiche, auf eine ſolche Weiſe vorbringen konnte. Eine lange Weile nach der Entfernung des Vicekönigs herrſchte noch Todesſtille im *) Es lebe Se, geheiligte Majeſtät, Ferdinand der VII. ganzen großen Saale; die Creolen ſahen ſich an, wie Menſchen die plötzlich aus dem Schlafe aufwachen, und erſt allmälig wieder zum Bewußtſein zurückkehren. Als wäre jede Aeußerung durch eine unſichtbare Gewalt un⸗ terſagt, ſo erſtarben die Worte auf ihren Zungen. Kein Laut war zu vernehmen, nur ein dumpfes, ziſchendes Geflüſter, das, als wäre es noch zu gefährlich, ſchnell abgebrochen wurde, um durch eine Sprache erſetzt zu werden, in der es die ſüdlichen Völker in Folge des auf ihnen laſtenden Druckes bekanntlich ſo weit gebracht ha⸗ ben. Wirklich ſchienen ſich die Anweſenden in dieſer eben ſo beſtimmt und deutlich verſtändigen zu können, als wenn ſie ihre Ideen durch Worte ſich mitgetheilt hätten. Ihre Blicke waren ſchnell und ſprechend, und ſo raſch folgten nun die Verſtändigungen dieſer Augen⸗ und Gebehrdenſprache, daß ein plötzlich Eintretender ſich in einer Verſammlung aufgeregter Taubſtummen geglaubt haben würde. Nicht weniger lebhaft war die Augen⸗ ſprache der Damen, deren Mantillas ſich nun mit den heftigern Gebehrden der Männer vereinigten, um ein Schauſpiel aufzuführen, das nur in einem ſpaniſchen Lande wieder geſehen werden kann. Dieſe Beweglichkeit der Schleier und Fächer, dieſe glänzenden, rollenden und wieder Liebe ſchmachtenden Flammenblicke, die Unmuth, Verachtung, Zorn und die heftigſten Leidenſchaften zu ſprühen ſchienen, ſie wechſel⸗ ten ſo pfeilſchnell auf den Geſichtern, mit den ſanftern — 406— der Liebe und Annäherung, daß die ganze Aſſemblee, ſichtlich ſelbſt von dieſer innern Kraftäußerung ergriffen, nicht länger im Stande war, ihre Empfindungen zu verbergen, und wie getrieben aus dem Saale zu drängen begann. Unſer Graf allein war ruhig geſtanden, die meiſten der anweſenden Creolen hatten ſich um ihn ge⸗ ſammelt, ihn forſchend angeblickt, und waren wieder weiter geſchritten, um andern Platz zu machen. Auf einmal jedoch ſchien auch er ſeine Haltung zu verlieren, ſeine Augen drehten ſich ſichtlich in den Höhlen, und ſein Blick, auf einen Punkt gerichtet, begann ſtier und dü⸗ ſter zu werden. Unter dem Sitze des Erzbiſchofes auf der erſten Stufe, wo die Gemahlin des Satrapen noch immer Abſchied von den Damen nahm, ſtand eine junge ſtolze Dame; ihr er⸗ habener Standpunkt verrieth einen hohen Rang, das höhniſche Lächeln, mit dem ſie die herannahenden Creo⸗ linnen begrüßte, verſchmolz wieder in den ſchmachtendſten Blick, ſo wie ihr Auge auf einen entferntern Gegen⸗ ſtand im Saale hinabglitt. Auch ſie ſchien den Conde prüfend zu meſſen, doch wandte ſich ihr Flammenblick un⸗ willkührlich wieder und wieder auf den entferntern und wie es ſchien, begünſtigten Gegenſtand. Die Vicekönigin hatte nun von ſämmtlichen Damen Abſchied genommen; noch einen Blick warf die ſtolze Schönheit herüber, und dann wandte ſie ſich. Mit ihr der Graf. „Tio! theuerſter Tio!“ mit dieſen Worten ſtürmte — 107— Don Manuel, ſein Neffe, glühend und feurig an ihn heran. Eine Wolke hatte ſich über der Stirn des Grafen gelagert. Er ſah den Jüngling mit einem wehmüthigen, ernſten Lächeln an, ergriff dann die Hand ſeines Nach⸗ barn, und verließ den Saal. Noch trat einer der Camarerios vor, zu verkünden, daß Ihro Excellenzen und Se. erzbiſchöfliche Gnaden das Theater mit ihrem Beſuche beehren würden. Und nachdem alle ſo den ſtillſchweigenden Befehl empfangen hatten ſich gleichfalls dahin zu begeben, zogen ſie ſich aus dem Audienzſaale zurück. Wir ſelbſt, in der Vorausſetzung, unſere Leſer dürf⸗ ten einſtweilen an dieſem Probeſtück der viceköniglichen Herrlichkeit zur Genüge haben, verlaſſen die hohe Aſſem⸗ blee, um den Faden unſerer Erzählung in einer etwas weniger ſchwindlichten Höhe fortzuſetzen. Siebentes Capitel. Mein Elend wett ich um ein Duzend Nadeln, Daß ſie vom Staat ſich unterhalten werden, Vor einem Wechſel thut das Jederman’n. Shakespeare. Südweſtlich läuft die Hauptſtadt Mexicos in den ſo⸗ genannten Pasco nuevo, einem öffentlichen Spaziergange aus, beſtehend in zwei breiten Alleen, die wieder in der Straße von Tacubaya endigen. Sowohl die beiden öf⸗ fentlichen Spaziergänge, als die Straßen ſind begränzt von einer lachenden Landſchaft herrlicher Gärten, in denen die tropiſchen Erzeugniſſe der Zone mit den Blüthen und Früchten Europas verſchmelzen, um abwechſelnd einen ewigen Frühling und Herbſt darz gllen. Tauſende von Pfirſich⸗, Kirſchen⸗ und Apfel⸗ und Orangen⸗ und Citro⸗ nenbäumen bilden einen prachtvollen Fruchtwald, der bis zum Porphyrfelſen von Capultepec*) mit ſeinem königlichen *) Das Schloß von Capultepec einer Feſtung ähnlicher denn einem Schloſſe, auf dem Felſenhügel gleichen Namens, — 4109— Schloſſe und ſeinen kaiſerlichen Cypreſſen reicht. Von dieſem Standpunkte ſtellt ſich das Thal von Tenochtitlan bekann⸗ termaßen am entzückendſten und grandiöſeſten dar, mit allen ſeinen Seen und Gärten, Maisfeldern und Fruchthainen, ſeinen Domen und Kuppeln, ſeinen Paläſten und vierzig Städten und Städtchen, ſeinen unzähligen Weilern, Dör⸗ fern und Villas, alle bekränzt im Süden und Südoſten von den hohen Tenochtitlan⸗Bergen und bewacht von den Rieſenkuppen des Itztaccihuatl und Popocatepetl. Die Stille, die in dieſem lachenden Reviere herrſcht, bloß des Abends und Morgens von den zu Markt kom⸗ menden und wieder zurückkehrenden Indianern unterbro⸗ chen, die herrlichen Contraſte der Vegetation und der kah⸗ len Felſenberge, vorzüglich aber die Entfernung von dem Getümmel der großen Stadt und den eiferſüchtigen Blicken einer ſcheelſüchtig gewaltthätigen Regierung, haben wahr⸗ ſcheinlich dazu beigetragen, daß mehrere der angeſehen⸗ ſten Familien dieſen Punkt zu ihren Stadtwohnungen ge⸗ wählt hatten. Unter dieſen Villas und zwar denjenigen, die ſich näher dem Chalcoſee zu aus den ſie umgebenden Hainen von Frucht⸗ und Waldbäumen erheben, zeichnete ſich ein einfach ſymetriſches Gebäude mit zwei kleinen Flügeln durch ſeine ruhig-heitere und anmuthige Lage unter beſchattenden Ulmen und Pappeln aus. Es hatte vom Vizekönige Galvez erbaut. Im Garten deſſelben Schloſ⸗ ſes befinden ſich die ſogenannten Monteezouma Cypreſſen; eine derſelben mißt 41 Fuß im Durchmeſſer. — 440— zwei Stockwerke, die ein flaches Dach bedeckte, von dem bereits die Vorboten des Frühlings, die mexikaniſche Flora, mit ihrem reichen glänzenden Gefolge Beſitz ge⸗ nommen hatte. Das Innere des Hauſes entſprach ganz dem geſchmackvollen Aeußern. Ein Haus⸗ oder vielmehr Hofgarten mit einem plätſchernden Springbrunnen, um⸗ geben von der Verandah oder Säulenhalle, aus der man in die Staatszimmer im obern Stockwerke gelangte, die beinahe durchgängig al fresco ausgemalt, vielleicht von un⸗ ſerm Geſchmack zu einfach befunden worden ſein dürften, ob⸗ wohl wieder einzelne Geräthſchaften Spuren gediegenen Reichthumes wahrnehmen ließen. In dem Hauſe ſelbſt herrſchte eine tiefe, beinahe unheimliche Stille, die kaum vermuthen ließ, daß eine Schaar Diener anweſend war, die der reichſte Ariſtokrat der großbritanniſchen Inſeln für alle Zwecke perſönlicher Bequemlichkeit mehr als zu⸗ reichend gefunden haben würde. Sie waren zum Theil aus der creoliſchen, zum Theil aus der farbigen Bevöl⸗ kerung des Landes genommen, und hatten in ihrem gan⸗ zen Weſen jenen Ernſt und jene Beſonnenheit, die wir an den Creolendienern häufig bemerken, und die ein ſehr gelindes Verhältniß zwiſchen Befehlenden und Die⸗ nenden beurkunden. Mehrere waren in der Sala mit Vorkehrungen zum Empfang von Gäſten beſchäftigt. Ei⸗ nige bereiteten die Eſteras auf dem Marmorfußboden aus, andere ordneten Reihen von Sophas und Seſſeln längs den Wänden; ein drittes Paar brachte einen ungeheuern — — 141— kupfernen Keſſel, mehr einem tragbaren Kamine ähnlich, und mit glühenden Kohlen angefüllt, den ſogenannten Braſſero oder Kohlenkeſſel; wieder andere ſtellten Tabou⸗ rets in die Ecken des Saales, auf welchen zierliche Glas⸗ käſten mit ſilbernen Standbildern zu ſtehen kamen, die von einem Blumenſtrauße mit ſilbernen Armleuchtern flankirt wurden. Dieſe Figuren ſtellten die Schutzheiligen Me⸗ ricos vor, und zwar den Erlöſer von Atolnico, die Ma⸗ donna de los remedios, die Vierge de Guadeloupe, und den San Francisco, einen mexicaniſchen Prieſter, dem die ſpaniſche Politik den Heiligenſchein bei der römiſchen Curia auszuwirken ſich herabgelaſſen hatte. Dieſe Vorkehrungen wurden unter der Oberlei⸗ tung eines alten würdig ausſehenden Mannes getroffen, der, ein Sammtbarett auf dem Haupte, ein langes ſpani⸗ ſches Rohr mit goldenem Knopfe in der Hand, als Ma- yor domo oder Oberſthofmeiſter gravitätiſch im Saale auf⸗ und abſchritt. „Muy bien— ſo iſts recht”, ſprach er.„In die linke Ecke, gegenüber dem Erlöſer von Atolnico; da ge⸗ hört ſie hin, daß ſie jedem in die Augen falle. Werden ſie brauchen.„Zwei friſche Wachskerzen, Mattheo,“ be⸗ deutete er einem andern Diener.„Was ſoll denn das, Iztlan?“ brummte er einer kupferfarbigen Apollogeſtalt zu, einem Oaxuca⸗Indianer, der zwei Stümpchen Wachs⸗ lichter vor dem Bilde der Madonna de los remedios, der Schutzpatronin der Spanier, aufgeſtellt hatte.„Was — 4112— ſoll das, Itztlan?“ ſprach er im verweiſenden Tone, und einer Miene, die einiges Mißtrauen verrieth, ſich aber ſchnell wieder aufheiterte.„Höre“, fuhr er fort, dein Wille mag gut patriotiſch ſein, und weder Se. Herrlichkeit, der Conde, noch wir, der Mayor domo ſeines gräflichen Hauſes, haben etwas einzuwenden, wenn du der Jungfrau de los remedios die Cortez in deiner Stube verweigerſt; aber hier, verſtehſt du, ſind wir in der Sala Sr. Herrlichkeit, wo ein Quentchen Klugheit mehr werth iſt, als ein Pfund guter Wille mit Dumm⸗ heit verſetzt. Stecke friſche Wachslichter an, denn ſoll⸗ ten Gachupins kommen, ihre Naſen ſpüren fein in die⸗ ſem Punkte, und Sr. Herrlichkeit Haus ſoll ihnen keine Gelegenheit zum Ohrenblaſen geben. Ei und dann hat die Madonna de los remedios um uns noch immer friſche Wachskerzen verdient, obgleich Dios! wenn ſo etwas noch vor fünf Jahren gehört worden wäre, ich feſt und ſicherlich glaube, ganz Mexico würde vor Schrecken geſtorben ſein, aber die heilige Jungfrau hat ſich auch übernommen. Junge, ſage ich dir, der Tezecuco*) iſt kein Viertel *) Das Anſchwellen des Fluſſes Guautitlan in der reg⸗ nichten Jahreszeit verurſacht das Steigen des Waſſers im See von Zumpango, der ſich mit dem von San Chriſtoval vereinigt; beide ſprengen die Dämme, welche ſie von dem Tezecuco trennen, und die Gewäͤſſer der letzteren werden ſo in die Hauptſtadt zurückgedrängt, der ſie bereits mehrere Male gänzliche Zerſtörung drohten. — 41143— Vara geſtiegen, und wieder gefallen, und wer hat es gethan? die Jungfrau de los remedios. So wie die Eſtacion*) eine Woche ausblieb, wer wurde geplagt, dia y noche, Tag und Nacht, mit Bußgängen und Pro⸗ zeſſionen? Wieder die Jungfrau de los remedios. Und bei der letzten Hungersnoth, wo die Fanega**) Mais zwanzig Piaſter und eine Tortilla einen Real koſtete, wurden die armen Gente irrazionale ſo verblüfft, daß ſie ganz vergaßen, daß eine Vierge de Gouadeloupe vor der Naſe, vor der Puerta de Veracruz ven) iſt. Wohl mochte die de los remedios ihr als die größere erſcheinen, da alle ihrer Verehrer vollauf hatten, während die armen Anbeter der Guadeloupe wie Moſhettos im Januarfroſte dahinſtarben.” unſere Leſer dürften allenfalls über den Gegenſtand, der den frommen Eifer unſeres Mayor domo erregte, im Zweifel ſein, und es iſt daher billig, ihnen bemerklich zu machen, daß dieſer kein anderer war, als die Par⸗ teilichkeit des wunderthätigen Gnadenbildes der Madonna de los remedios, der Schutzpatronin der Spanier, die, wie die mit der Geſchichte dieſes Landes näher Vertrau⸗ *) Eſtacion de las aguas periodiſche Regenzeit, fängt im Juni, ſpäteſtens Juli an, und dauert drei bis vier Monate. **½) Ein Getreidemaß, ein und ein halbes Buſhel, 135 bis 140 Pfund. *8*) Veracruz⸗Thor, durch das die Straße zum Wall⸗ fahrtsort der ſogenannten Jungfrau von Guadeloupe führt. Der Virey 1. 8 — 41144— ten wiſſen werden, zu vielfältigen Reibungen Veranlaſ⸗ ſung gab, indem die Spanier ihr alle glücklichen Ereigniſſe zuſchreiben, zur offenbaren Zurückſetzung der mexikaniſchen Madonna de Guadeloupe, die, als nur von einem India⸗ ner gefunden, und überdieß kupferrother Hautfarbe, na⸗ türlich in den Augen der rechtgläubigen Spanier als we⸗ nig beſſer denn eine Indianerin ſelbſt angeſehen wurde. Daß die beiden Marias zugleich die Repräſentantinnen der beiden Parteien geworden waren, die ſich nun im blutigen Kampfe gegenüberſtanden, und als ſolche ſich alle die Verwünſchungen und Schmähungen, mit denen Par⸗ teihäupter in der Regel von ihren Gegnern beehrt wer⸗ den, gefallen laſſen mußten, war bloß die natürliche Folge eines Aberglaubens, der längſt jeden Funken geſunden Menſchenverſtandes in dieſem Punkte erſtickt hatte. Der Indianer hatte unterdeſſen, obwohl mit ſicht⸗ lichem Mißmuthe, zwei friſche Wachskerzen aufgeſteckt, eine Verrichtung, die er mit dem frommen Wunſche be⸗ gleitete, daß Mexitli*) der Jungfrau de los remedios und allen den Ihrigen recht bald den Kopf zerſchmettern möge, wellchen chriſtlichen Wunſch er jedoch mehr zu brummen als laut zu ſagen für gut befand. „Aber, brach er endlich aus, wenn nur die Jung⸗ frau de Guadeloupe ſich auch ein wenig mehr rühren *) Der Kriegsgott der alten Mexicaner. ———ÿ;ÿ—;—— wollte. Sie ſcheint jedoch zu ſchlafen, ärger als eine thörichte Schildkröte.“ „Das weiß ich wieder nicht, Itztlan,“ bemerkte der Mayor domo, eine gewaltige Priſe nehmend. „Aber Itztlan weiß es;“ verſetzte der Indianer. „Er weiß es, daß ſie den verdammten Gachupins hilft und geholfen hat, ſeit der Zeit, wo der tückiſche Raub⸗ mörder, den ſie Marquis*) nennen, in Mexico einge⸗ drungen, und wo ſie den Unſrigen Sand in die Augen geſtreut.“ „Ich fürchte, das thut ſie noch immer, Itztlan;““ bemerkte der Mayor domo mit einer Miene, die bei ei⸗ ner reichlichen Doſis Simplizität, eine wenigſtens eben ſo reiche Mutterwitzes wahrnehmen ließ. „Während die von Guadeloupe die Unſrigen ſitzen läßt,“ brummte Itztlan,„dann ſoll es uns wundern, wenn Mexico mit allen ſeinen gewonnenen Schlachten zu⸗ letzt doch wieder dem Gachupin in den Rachen fährt.“ „Es iſt leider ſchon darinnen, und zwar ganz und gar;“ verſetzte der Mayor domo.„ Aber immer bleibt es ein harter Punkt, Itztlan. Damen, weißt du, ſind ſo wetterwendiſch in ihren Launen als ſie in ihrem Putze find; aber zum Glücke haben ſie in dem himmliſchen Hof⸗ ſtaate drei vernünftige Schiedsrichter, den Dios Padre, *) Cortez, wird ſtets mit dem Namen des großen Mar⸗ quis, oder Marquis allein bezeichnet. — 116— Dios Hijo und Dios Espiritu Santo,*) und dieſe werden der Senora ſchon allenfalls den Kopf zurecht ſetzen.” „Verdad, Verdad,“ fiel das ganze Corps der Die⸗ nerſchaft ein, denn wie leicht zu erachten, ſo hatte die intereſſante Discuſſion über den Hofſtaat des Himmels, den ſie ſich allenfalls al pari mit dem Sr. Excellenz des Vizekönigs dachten, alle zu aufmerkſamen Zuhörern gehabt. „Und doch,“ hob Itztlan wieder an,„hätte die Jungfrau de Guadeloupe immer etwas mehr für die Un⸗ ſrigen thun können.“ „Itztlan!“ ſprach der Mayor domo. „Maestro!“ erwiederte der Indianer. „Se. Herrlichkeit der Conde, nicht wahr, ſind ein gütiger und gnädiger Herr, der dich ſehr liebt, und alle die Seinigen; aber obgleich er alle ſeine Neger frei ge⸗ geben auf ſeinen Haciendas und für ſie noch immer ſorgt— diejenigen nämlich, die nicht zu den Patrioten überge⸗ laufen— glaubſt du wohl, er würde ihnen alles gewäh⸗ ren, was ſie in ihrer Dummheit verlangen könnten?“ „No— se¹***)— verſetzte der Indianer kopfſchüttelnd. „So viel weiß Itztlan aber, daß von dieſen zwei Ma- dres de Dios, ich wette zehn blanke Thaler, die rothe ſich übertölpeln läßt. Ei, die weiße hat des Schalkes zu viel“— *) Gott Vater, Sohn und heiliger Geiſt. **) Weiß nicht. — — 117 „Du irrſt, Itztlan,“ verſetzte der Mayor domo, eine friſche Priſe nehmend;„du irrſt, maßen du zwei Mütter Gottes annimmſt, da es in der That und Wahr⸗ heit doch nur eine gibt.” Der Indianer mit den übrigen Zuhörern, denen ihr Schutzverhältniß zu den beiden Madonnas de los reme- dios und de Gouadeloupe bereits zu dämmern angefan⸗ gen hatte, und die ſich nun durch die Worte des Ma- yor domo auf einmal wieder in die abſoluteſte Finſterniß zurückgeworfen fühlten, ſchrien mit einer Stimme:„To- dos diablos, no mas que una Vierge!**) „Itztlan,“ ſprach der Mayor domo,„ haſt du nie den— den— den Virey,“ ſtieß er endlich mit einer Art Schauder und Abſcheu heraus—„haſt du ihn nie geſehen? Nein,“ rief er ſich beſinnend, und gleichſam froh einen Ausweg gefunden zu haben,„nein, ich meine nicht den gegenwärtigen, den vorigen meine ich— Iturri⸗ garay meine ich, der war doch noch ein Mann.”“ Der Indianer und die Uebrigen ſchauderten bei den erſten Worten des Mayor domo gleichfalls zuſammen. „Die Schlange,“ ſtieß der Indianer mit einem Grimme heraus, der ſeine tiefen Kehlentöne im hohen Saale wie⸗ derhallen machte.„Die Schlange,”“ wiederholte er und ſeine rollenden Augen ſprühten Flammen;„ die das In⸗ dulto auf allen Kirchthüren ankleben, und dann die In⸗ *) Alle Teufel, nur eine Mutter Gottes. — 118— dianer von Zitacuaro, von Iſtla, von Sombrerete, von — mit Weibern, Mädchen und Kindern in ihren Häu⸗ ſern einſperren und verbrennen ließ. Maldito sca el nom- bre!“**) Der Indianer rannte zähneknirſchend im Saale umher. 1 „Wehe, Wehe!“ ſprach der Mayor domo.„Wehe, Wehe! Der Mann hat mehr Blut verrätheriſcher Weiſe vergoſſen, als den Tezeuco füllen würde. Nein, ich meine Iturigaray; den mein' ich,“ wiederholte der Ma⸗ yor domo beſänftigend. Der Indianer wurde ruhiger und nickte.„ Hab ihn geſehen,“ ſprach er,„ zweimal; als er von Capulte⸗ pec herabkam; hätte ihn beinahe nicht erkannt; ſah juſt ſo aus wie unſer einer auch. Und dann ſah ihn Itztlan nochmals, als er auf der Plazza mayor mitten unter ſei⸗ nen Dragones und Lanceros war. Strotzte aber von Gold und hatte ein breites Band auf der Bruſt und ei⸗ nen dreieckigten Hut; war anzuſehen wie unſer Erlöſer von Atolnico.” „Kurz,“ ſprach der Mayor domo,„der Virey auf der Plazza war eine ganz verſchiedene Perſon von dem Virey von Capultepec.”“ Der Indianer nickte. „Und doch wieder nur eine und dieſelbe Perſon. Und nicht wahr Itztlan, du würdeſt dich eher und mit *) Verflucht ſei ſein Name. — * — 449— größerer Zuverſicht an den Virey von Capultepec gewen⸗ det haben, als an den auf der Plazza mayor? „Itztlan braucht den Virey nicht, und Anahuac braucht die Gachupins nicht;” verſetzte der Indianer. „Wohl wahr, Itztlan. Wir brauchen auch die Co⸗ votes weder auf unſeren Haciendas de eria noch denen;y labor,*) die uns die Schafe wegfreſſen, und in Vera⸗ kruz brauchen ſie das Vomito*es) nicht, und doch haben wir beide. Wohl,“ ſchloß nun der Mayor domo, der ſo hinlänglich für den Capacitäts⸗Meridian ſeiner Zu⸗ hörer vorgearbeitet zu haben glauben mochte.„So wie der Virey von Capultepec von dem auf der Plazza eine verſchiedene und doch wieder nur eine und dieſelbe Per⸗ ſon iſt, ſo iſt auch die Jungfrau von Guadeloupe von der de los remedios eine verſchiedene, und doch wieder nur eine und dieſelbe Perſon. Wenn ſie nämlich ihre Toilette als Jungfrau de los remedios für die Gachu⸗ pins macht, und ſteif und ſtarr in ihrer ganzen Pracht und von ihrem Hofſtaat umringt, den Gachupins Audienz giebt, und ſtolz auf die armen Indianer herabſieht, ſo iſt ſie eine ganz verſchiedene Perſon von der Jungfrau de Guadeloupe, die ſich nur im ſchlichten Hauskleid zeigt, und den Indianern Audienz giebt, und ihnen zu gefal⸗ *) Landgüter, auf denen Viehzucht und Ackerbau zu⸗ gleich getrieben wird. 4e) Das Erbrechen. Die letzte Criſe im gelben Fieber. — 120— len rothe Farbe wie die Duenna*) und Camarera*) auf⸗ legt, und doch wieder nur eine und dieſelbe Perſon.“ Der Mayor domo, nach dieſer dogmatiſchen Er⸗ klärung, die, im Vorbeigehen ſei es bemerkt, gegen⸗ über den horriblen Legenden der Prieſter der mexikani⸗ ſchen Kirche noch erträglich genannt werden konnte, war aufgeſtanden, und zur Wanduhr getrippelt, die er bedenklich und ängſtlich anſah. Ein leichter Schauder durchzuckte ſeine halbverwitterte Geſtalt; und es war erſichtlich, daß er ſich bloß deßhalb ſo tief in die Ange⸗ legenheiten des himmliſchen Hofſtaates verwickelt hatte, um trüber Ahnungen los zu werden. Er fröſtelte zuſammen:„Ei, wer die friſche Luft unſeres Cuantla Amilpas oder, noch beſſer, Oaxaca oder Valle Santiago hätte!— Jeſu Maria! mir wird ſo bange“—— „Don Anſelmo!“ riefen ſämmtliche Diener, beſorgt an ihn herantretend;„was fehlt euch?“ „Was mir fehlt?“ erwiederte der alte Mann.„Ei, was fehlt unſerm armen, prächtigen Conde Carlos. Wißt ihr es? Armer Narr! Was das für Entwürfe waren noch vor acht Tagen; wie er vor die ganze Nobilitad hintreten wollte, ſie auffordern zum Virey zu gehen, und ihm ſein ſchändliches Betragen gegen Mexiko vorzu⸗ *) Gouvernante. **) Kammerfrau. — 121— halten. Seht ihn jetzt an, juſt wie ein Hund, der im Schinderſacke geweſen. Es iſt auf unſern Haciendas arg genug, und man hat ſich der Horden hungriger Häſcher zu erwehren; aber hier, Jeſu Maria!“ „Seht nur einmal Diego an,“ fiel ein zweiter Diener ein.„Auf der Hacienda fängt er einen Coyote im Laufe; hier geht er herum, als ob er den geſtrigen Tag ſuchte.“ „Weiß nicht,“ brummte Itztlan.„Itztlan iſt Me⸗ xiko nie ſo dämiſch vorgekommen. Es ſchnürt Itzt⸗ lan die Kehle zuſammen. Itztlan fürchtet ſich nicht; aber alle Leute ſind bleich und zittern und wiſpern.“ „Und das bringt auch über deine Eiſenſeele ein Fröſteln?“ ſprach der Mayor domo.„Glaub es gerne; man müßte von Granit ſein, um das auszuhalten. Hier ſind nur die Gavilla und unſere Peiniger froh; alles übrige wie ſterbend oder todt. Jeſu Maria, und der Conde noch nicht zurück! und Carlos und Federigo auch nicht! Habe ihnen doch aufgetragen, von dem Gange der Beſamanos Nachricht zu bringen. Was wird da wieder aus⸗ und angeſponnen werden?“ Der alte Mann fröſtelte wieder zuſammen.„Ei, wäre es meinem Willen nach gegangen, ſo wären wir un⸗ ten in Cuautla Amilpas oder Oaxaca geblieben. Die fro⸗ he Botſchaft, die uns wegen des Ninon gebracht wurde, war nicht der Mühe werth. Ei, und wie ſechs Monate — 122— den verändert haben! man ſagt,“ wiſperte er leiſe,„er ſei zum Gachupin geworden.“ „Dann möge er in die ſiebzehnte Hölle hinabfah⸗ ren!“ brummten die Diener alle. „Wer ſpricht gegen Don Manuel, den Neffen un⸗ ſeres Herrn? ſchrak der Mayor domo auf, ſich über die Stirne fahrend.„Ei, er iſt der wahre Sohn einer Gachupina, dieſer Manuel, und ihm iſt Mexiko nicht mehr als eine waſſerangefüllte, ausgebeutete Schacht.“ „Und wer konnte Conde Jago, den Stolz von Mexiko, die Blume der Blancos*) in Oaxaca, zwingen nach Tenochtitlan zu kommen?“ fragte Itztlan. Der Mayor domo ſchüttelte das Haupt.„Itztlan, es iſt ſchwer für den Caballito, den Minero oder Soto⸗ Minero abzuwerfen, der feſt auf ſeinem Rücken ſitzt; und wirft er ihn ab, ſo ſtürzt er gewöhnlich ſelbſt in die tiefe Schacht hinab. Wird immer ärger, Itztlan,“ fuhr er fort.„Ich habe die Galvez, die Buccarellis, die Revillagigedos, die Aſanzas, die Iturrigarays geſehen; harte, ſtolze Männer, die den Popocatepetl mit einem Fuße flach zu treten ſich ſtark genug dünkten, ſtolz wie Lucifer; aber doch waren es Spanier von altem Schrot und Korn; aber dieſer——“ der alte Mann faltete ſeine Hände. *) Weiße, werden ſchlechtweg die Spanier und Creolen genannt. — 123— „Dieſer Vanegas,“ fuhr er ſtüller fort;„dieſer Vanegas, in der franzöſiſchen Schule aufgewachſen, unter ihren Peitſchenhieben, der Schule aller Perfidie und La⸗ ſter. Sie ſagen, er habe ſelbſt die Armeen der Gachu⸗ pins bei Cuenga und Almonacid an die ketzeriſchen Jo⸗ ſephinos**) verkauft. Jeſu Maria! und was der Mann in Mexiko gethan hat, das glaubt mir, Kinder, iſt noch nie erhört worden, und alles mit honigſüßer Zunge. Es ſchreit zum Himmel um Rache. Und doch, wenn dieſe Schlange zu St. Peter kommt, ich glaube ſie über⸗ redet ihn, ſie in den Himmel einzulaſſen. Ein Schurke, wer dann noch darinnen bleibt.“ Jeſu Maria! ſeufzte der Mann, indem er zugleich das Kreuz ſchlug, und dann ſeinen Daumen küßte. *) Anhänger Joſeph Bonapartes. Achtes Kapitel. Es freut mich wenig Zu melden dieß; doch was ich ſag, iſt wahr. Shakespeare. Der alte Mann wurde in ſeinen düſtern Ausbrüchen durch das Läuten der Glocke an der Pforte, und den dar⸗ auf folgenden Eintritt eines jungen Mannes im mexikaniſchen Coſtüme, unterbrochen, der mehr in den Saal ſtürzte als trat. In der Haſt war ihm ein Theil der Manga, und mit dieſer ein leichter Bündel und eine Larve ent⸗ fallen. Der Jüngling haſchte ſchnell darnach, und raſch auf den Braſſero zutretend, warf er Bündel und Larve ins Feuer. „Wohl gethan, Don Pinto,“ ſprach der Mayor domo, der dem verſtörten Jüngling kopfſchüttelnd zuge⸗ ſehen hatte.„Wiſſen wir nun doch, wozu dieſe Braſſe⸗ ros, die uns der Gachupin mit allem ſeinem Trödel gleich⸗ — 125— falls auf den Hals gebracht, obgleich ſie zu nichts nütze ſind, als ſich die Zehen zu verbrennen; wiſſen wir doch wozu ſie gut ſind; wo hätte ſonſt Don Pinto einen Feuerheerd für ſeine Narrheitskappen gefunden? Nimm es heraus, Jago,“ ſprach er zu einem der Diener;„es iſt Gold daran, und Don Pinto wird deſſen nie zu viel haben.“ „Laßt es! laßt es!“ rief der Jüngling, heftig einen ſeiner Spornen auf den kniſternden halbverbrannten Anzug ſetzend. „Wie es euch beliebt, Don Pinto,“ ſprach der Mayor domo.„Nur wollte ich euch bedeutet haben, Senor, daß wenn ihr Narrenſtreiche treibt, ihr das Nar⸗ rengewand da laſſen mögt, wo ihr ſie getrieben.“ „San Jago noch nicht zurück?“ fragte der Jüngling gähnend. „Wer?“ fragte der Mayor domo mit allen Zei⸗ chen der Verachtung.„Wer? San Jago? Wen meint Don Pinto damit?”“ „Den Conde,“ verſetzte der Jüngling, ſich nach⸗ läſſig in das Sopha werfend.„Die Herrlichkeit bei unſern Herrſchaften, wird, ſage ich dir Alter, bald ihr Ende haben. Ei, ich habe Dinge geſehen, Zeichen, die da ärger ſind, als die Zeichen, von denen unſre Padres ſich den Mund ſo voll nehmen, wenn ſie einem armen Caballero die Hölle recht heiß machen wollen, Zeichen, von denen ſich Mexiko noch vor vierundzwanzig Stunden — 126— eben ſo wenig als deine Philoſophie hätte träumen laſſen.“ Der alte Mayor domo und ſeine Mitdiener ſahen den jungen Wüſtling ſtarr an; denn als ſolchen bezeich⸗ nete ihn das hohle Auge, der dunkle violettfarbige Ring und das bronzfarbige Geſicht, in dem nächtliche Aus⸗ ſchweifungen tiefe Spuren zurückgelaſſen hatten. „Philoſophie, Don Pinto!“ verſetzte der Mayor domo, endlich tiefer Athem holend.„Se. Herrlichkeit Don Joſe Conde de San Jago ſind ein viejo Christiano, ein alter Chriſt, und wir Gott ſei Dank, ſind ein guter Chriſt, und haben keine Philoſophie und wollen keine Philoſophie haben. Was wir haben, genügt uns auf unſerer Reiſe durch dieſes Thränenthal, und hoffentlich dort drüben“— der alte Mann faltete die Hände, in⸗ dem er wechſelweiſe die Madonnen und Standbilder anſah. „Wir vertrauen auf die heilige, unfehlbare Kirche.“ „Ei, und auf den König,“ verſetzte der Jüngling ſpottend. „Auch auf den König, fiel der Mayor domo ein. Aber er iſt zweitauſend Stunden von ſeinen Unterthanen, oder vielmehr den Unterthanen ſeiner Unterthanen,* ſetzte er leiſer hinzu,„den weniger als Unterthanen ſeiner Un⸗ terthanen.— Mein Gott, was iſt aus dem armen Me⸗ riko geworden?“ „Was aus Mexiko geworden iſt,“ erwiederte der Wüſtling lachend.„Carracco! das konntet ihr vor der ———— Fonda Traſpanna geſehen haben. Ein blutig verſtümmel⸗ ter Leichnam, der zerfetzt und zerfreſſen auf einem Schub⸗ karren fortgezerrt wird. Aha!“ lachte er,„ihr ſpitzt eure Ohren, und wohl mögt ihr; denn während ihr hier ſitzt, gehen draußen Dinge vor— Dinge—— Alle Teu⸗ fel!“ rief er aufſpringend, und raſch und ſcheu zum Fen⸗ ſter laufend,„aber die Ciudad fängt ſich zu rühren an, wenn gleich ſeine Guachinangos und Nobilitad und gente irrazionale eine fühlloſe Race ſind. Ei, das war ein Auto sacramentale.“ „Das iſt ſo ihre Weiſe,“ fiel der Mayor domo mit Verachtung ein;„Autos sacramentales, Prozeſ⸗ ſion, Raketen, und der Erlöſer von Atolnico wie ein Madrider Mayo*) herausgeputzt.“ „Dießmal gab es andere Dinge zu ſchauen,“ ent⸗ gegnete ihm der Jüngling etwas ernſter.„Einer dieſer Mayos hatte ein verdammt ſchlechtes Lager, und zwar auf einem Schubkarren; es war eine Ladung, die für zehntauſend Mulos zu ſchwer geweſen ſein dürfte.“ „Es war der geröſtete Quauhtomozin,“ fuhr der Wüſtling, unheimlich lachend fort,„der auf den Schub⸗ karren ausgeſtreckt lag, juſt ſo wie ihr ihn auf dem Bilde in der Malerakademie ſehen konntet, für deſſen Verfer⸗ tigung der arme Olla mit einem Fuß und Halseiſen be⸗ lohnt worden, nur mit dem Unterſchiede, daß der Leich⸗ *) Stußer. — 128— nam genau die Geſtalt des unglücklichen Mexiko ſelbſt hatte. Seine rechte verſtümmelte Hand ſtellte Nucatan und Veracruz vor; ſeine Linke von zahlloſem Gewürme angefreſſen, Puebla und Oaxaka. Auf dem Leibe, der mit Valladolid und Mexiko bezeichnet war, ſaß ein Vam⸗ pyr; um die Schenkel, die Guadalaxara, Zacatecas und San Louis Potoſi*) bildeten, zerrte und riß ſich ein wüthender Caguar.“ „Und alles das habt ihr geſehen?“ fragte der Mayor domo kopfſchüttelnd.. „Konntet es leſen, wenn ihr nämlich Aztekenſchrift verſteht.“ un „Don Pinto, hört und ſeht weniger, wenn es euch beliebt, denn vieles Sehen und Hören macht Augen⸗ und Ohrenweh, ſagt unſer Sprichwort. Laßt ſie ſich ab⸗ mühen,“ ſprach er, ſich zu den Dienern wendend;„da eine Flamme hervorbringen zu wollen, wo kaum Rauch zu haben iſt. Ei, wir kennen Mexiko, dieſe Eiterbeule von Gachupin⸗Verderbniß und mexikaniſchen Geſchwüren. Zum Plündern, zum Boleros, und Charavetanzen, zum Pasquill machen, ja, da ſind ſie gut; aber der iſt ein Narr, der ſeinen Kopf für dieſes Geſindel in die Schlinge *) Intendanzen oder Provinzen, in die bekanntlich das damalige Königreich Neuſpanien eingetheilt war, und die ſeit ihrer Unabhängigkeitserklärung die vereinigten Staa⸗ en von Mexiko bilden. —— — 120— bringt. Die Gavilla iſt alle im Solde und Brode der Polizei.—— Federigo, was gibts?“ fragte er auf einmal erſchrocken. „Maestro Anſelmo! Cosmo, Pablo, Alonzo, to⸗- dos diablos!“ ſchrie Federigo, der athemlos in den Saal gerannt kam.„Wißt ihr, daß die junge Nobilitad aus Me⸗ xiko, zur Armee verwieſen iſt? Fünf und zwanzig Cabal⸗ leros ſind ſchneller in die Hülſen von fünf und zwanzig Lugertenientes gekrochen, als der Seidenwurm aus ſeinem Cocon ſich windet. Se. Exccellenz, es iſt ſicher, haben den jungen, hohen Adel allergnädigſt zu Zielſcheiben für die ketzeriſchen Rebellen zu verwenden beſchloſſen.“ „Jeſu Maria y Joſe!“ riefen ſämmtliche Diener. „Und was das ſchönſte iſt,“ rief der Berichter⸗ ſtatter,„die guten Caballeros, die doch, wie ihr wißt, die Rebellen wie die ſieben Todſünden haſſen, kamen zu ihren Lugertenientesſtellen, wie der Pilatus ins Credo. Es ſoll eine Art Nacara*) ſein, eine Traveſtie, welcher der junge Adel beizuwohnen ſich erkühnt hat, die Se. Excellenz zu dieſem plötzlichen, gnädigen Entſchluſſe veran⸗ laßt, ein Pero**) von einem Mauren, Kalifen, ſoll die Perſon unſeres allergnädigſten Herrn und Königs zum Sprechen nachgeahmt haben.“ *) Eine Satyre, Poſſe. **½) Hund, Schimpfnamen den Mauren gegeben. Der Virey. I. 9 — 4130— „Jeſu Maria y Joſe!“ riefen nun zwanzig Stim⸗ men, denn der größte Theil der zahlreichen Dienerſchaft war natürlicher Weiſe herbeigeeilt, um ſeinen Antheil an den inhaltſchweren Neuigkeiten abzuholen. „„Aber Mexiko iſt auch dafür um eine gewichtige Kenntniß reicher geworden,“ fuhr der Berichterſtatter fort,„und der letzte Lepero weiß nun, daß Fernando VII., der gute Sohn, auf dem Schloſſe wo er haust— was denkt ihr wohl? je nun— Unterröckchen für Madonna de los remedios ſtickt.“ „Jeſu Maria!“ ſeufzte der Mayor domo,„Eine Pasquinade auf Se. Majeſtät! Eine Pasquinade auf Se. Majeſtät! Ich ſah mit meinen eignen Augen, wie Don Silva gehängt wurde, weil er ſich beifallen ließ, den Kopf auf die linke Seite zu neigen, wie Se. Ex⸗ cellenz der Virey Galvez zu thun gewohnt waren, und Don Cosmo, der in den Kerkern der Cordelada erdroſ⸗ ſelt wurde, weil er ſagte, Se. Majeſtät ſei juſt ein Menſch wie wir auch, und es ſei Narrheit zu glauben, ſie haben für ihn im Himmel auch einen Thron auf⸗ gerichtet.“ „Nombre Santo de Dios, que quiere dicer eso?“*) ſchrie nun ein neuer Ankömmling, der nicht weniger *) Heiliger Name Gottes. Was will denn dieß wieder ſagen? Was will denn dieß bedeuten. — 431— verwirrt und erſchrocken in den Saal ſtürzte—„Don Manuel——* „Was iſts mit Don Manuel?“* riefen alle erſchrocken. „Iſt in die Madre Patria verwieſen; geht morgen um ſechs Uhr auf Befehl des Vicekönigs, in die Madre Patria ab.”“ „Jeſu Maria!“ riefen wieder ſämmtliche Diener. „Don Senor Manuel, der Neffe Sr. Herrlichkeit. Un⸗ ſer Nino,*) in die Madre Patria. Jeſu Maria! was hat das zu bedeuten?“ wiederholten ſie, ſich mit großen Augen anſtarrend, noch immer ungewiß, was aus der ſonderbaren Botſchaft zu machen. „In die Madre Patria?“ wiederholte der Mayor domo kopfſchüttelnd. „So ſagte mir der Camarerio Sr. Excellenz,“ bekräftigte der Diener, der die Nachricht gebracht hatte, „daß nämlich Se. Excellenz aus übergroßer Huld für den Erben Sr. Herrlichkeit, den Conde, beſchloſſen ha⸗ ben, dieſen in die Madre Patria abzuſenden.“ „In die Madre Patriga,“ murmelte der Mayor domo noch immer.„Sr. Excellenz übergroße Huld. Ja vor fünf oder zehn Jahren, da würden wir eine ſolche Gnade mit ſchwerem Golde bezahlt haben; aber *) Die zärtliche Benennung mit der in Mexiko das jüngſte Kind des Hauſes bezeichnet wird; und iſt es ein Mäd⸗ chen Nina. Es bedeutet ſo viel als: das geliebte Kind⸗ das zarte Kind. fetzt— Gott und die heilige Jungfrau allein wiſſen, was dahinter ſteckt—“ Der Alte verſtummte plötzlich. „Stille! die Nina; ſtille, ſtille, leiſe, ſtille! die Ning,“ rief es von allen Seiten, und die Diener wi⸗ chen ehrfurchtsvoll zurück um einer Dame Platz zu ma⸗ chen, die zur Hälfte verſchleiert, durch die obern Flügel⸗ thüren in den Saal getreten. Sie war noch ſehr jung, mehr Kind als Jungfrau. Ihr ſchönes kaſtanienbrau⸗ nes Haar, wallte in langen Locken über einen Theil des Halſes, während der andere durch die Mantilla*) ver⸗ hüllt war. Sie trug eine prachtvolle Robe von chamois⸗ farbigem chineſiſchem Atlas, darüber die wunderliebliche Basquina**), die ihr bis zu den Knien reichte, und die Juwelen, die an ihrem Haupte, Halſe und Armen ſchimmerten, würden dem Brautſchmucke einer Königin nicht Unehre gemacht haben. Das Geſicht war großen⸗ theils verhüllt, nur ein zartgeformtes Kinn verrieth, daß die zärtliche Benennung des Lieblings, mit der ſie von ſämmtlicher Dienerſchaft begrüßt worden war, nicht paſſender gegeben werden konnte. „Wer ſpricht von Don Manuel? Wo iſt er, Kin⸗ der?“ fragte ſie mit einer noch kindlichen Silberſtimme. — *) Der Schleier der am Scheitel unter dem Kamme befeſtigt über Geſicht und Schuttern fällt. ⸗) Das mit ſeidnen Franzen beſetzte ſeidne Ueberkleid, das über die Robe geworfen wird. — 133— „Um der Madre*) willen, Anſelmo!“ rief ſie heftiger, als die Diener ſchwiegen, ſich betroffen anſahen und ſtock⸗ ten;„Anſelmo, Cosmo, Federigo! Wo iſt er? Fede⸗ rigo, du haſt ihn geſehen? ſage—— Mutter Jeſu! Vier und zwanzig Stunden in Mexiko und ihn noch nicht geſehen! Jeſu Maria y Joſe, ſo ſprich doch, Federigo! Noch nie biſt du ſo harthörig-verſtockt geweſen!“ „Er ſoll in die Madre Patria, auf Befehl Sr. Excellenz,“ ſprach Federigo. „Muchacho!“ riefen alle;„Dummkopf! Wer ſagt es? Du ſagſt es!“ „Jeſu Maria y Joſe! in die Madre Patria! Don Manuel in die Madre Patria! Tia! Tial er ſoll in die Madre Patria,“ ſchluchzte ſie, indem ſie auf eine ältliche Frau zurannte und ſie heftig bei der Hand faßte; doch ſprang ſie ſogleich wieder zurück, und, auf den Bedien⸗ ten zueilend, erfaßte ſie ſeine beiden Hände:„Federigo! um der fünf Wunden willen, Federigo! Sprichſt du auch wahr? Sprich, ich beſchwöre dich!“ „„Nina! Nina!“ riefen nun männliche und weibliche Diener, über die Heftigkeit des Lieblings des Hauſes erſchreckt. „Wo iſt der Conde?“ ſchrie wieder ein friſcher An⸗ kömmling, der ſtürmiſch die Treppen heraufgerannt und in den Saal geſtürzt war.„Der Conde noch nicht hier?“ *) Verſteht ſich, Madre de Dios oder gracias, Mutter Gottes oder der Gnaden. — 134— „Der Conde? Wo iſt er? wo iſt er?“ riefen Alle. „Die Beſamanos iſt vorüber!“ ſchrie der Diener: „ich habe ihn am Palaſtthore verlaſſen; er iſt nicht im Theater. Jeſu Maria, der Conde!“ „Jeſu Maria, der Conde!“ heulten Alle, und mit dieſen Worten ſtürzte der ganze Troß die Treppe hinab, zum Hausthore hinaus. Ein wilder, wüſter Lärm erſchallte aus der Stadt herüber, begleitet von zeitweiligen Flinten⸗ und Kanonen⸗ ſchüſſen, die dem Chaos von ſchrillen, mißtönenden Stim⸗ men zum Refrain dienten. Alle waren wie im Sturme zum Hausthore hinausgeflogen, ihnen nach der Mayor domo, ſo ſchnell ſeine ſchwankenden Füße es zuließen. Ein ſcharfer ſüdweſtlicher Windſtoß, der durch die Tacubayaſchluchten heraufkam, machte den alten Diener plötzlich halten. Ihm zur Linken lag Mexiko, mit einem lichtrothen Nebelflor überſäumt, der ſich über die Stadt gleich einem feurigen Schleier hinlagerte; zur Rechten brüllte der Donner ſüdweſtlich herauf, und die Blitze fuh⸗ ren zuckend und ſchauerlich den Itztaccihuatl herab, deſſen ſchneeige Koppe aufleuchtete wie ein feuriger Drache, wenn er ſich zur Wuth peitſcht; dann entfuhr den fin⸗ ſtern Wolken wieder ein Donnerſchlag, ſo fürchterlich durch das Gebirge hinbrüllend, daß die Erde bebte; die Blitze warfen ihr grelles Licht über die ganzen ungeheuern Fel⸗ ſenmaſſen des Gürtels von Tenochtitlan, leckten endlich — 135— das Thal, und erglänzten und erſtarben in den Waſſer⸗ flächen des Tezeuco und Chalco. „„Jeſu Maria!“ ſtöhnte der alte Mann;„was iſt das wieder? Jeſu! Das Gewitter kommt von Puebla und geht über den Itztaccihuatl: das bedeutet Drangſal, Drangſal! Und die Blitze lecken Mexiko, und ſchon meine Mutter ſelig ſagte mir, daß das Jammer und Elend be⸗ deute; und der Lärm wird immer ärger! Jeſu Maria! auch von Tacubaya kömmt es herauf!” Der alte Mann ſtarrte in die finſtere Nacht hinaus. „Ei, da liegt es, das alte Mexiko,“ murmelte er,„ſo ſtolz, ſo herrlich, als ob ſein Fall nicht auch kommen würde, und der des verruchten Spaniers, der Jeſu Ma⸗ rig im Munde und Belzebub im Herzen hat.“ „Mondſüchtig? Don Anſelmo!“ fragte eine Stimme, „und ohne Baret und Amtsſtab? Fürwahr, da ſteht Mexiko nicht mehr lange! Wer hat je ſo etwas gehört?, Der Mayor domo fühlte nach ſeinem Haupte, nach ſeinem Stabe, und wandte ſich dann nach dem Sprecher, den er verdächtig maß. Es war ein junger, ſtarker Mann, der, einen Indianer am Arme, aus der Ulmenlaube her⸗ angeſchlichen war. „Der Conde Jago noch nicht zu Hauſe?“ fragte der Fremde. „Ob er es iſt oder nicht, Amigo,“ verſetzte der Mayor domo, der auf einmal ſeine Faſſung wieder erlangt hatte,„wird euch wenig kümmern, hoffe ich.“” — 4136— „Vielleicht doch mehr, als ihr glaubt, Anſelmo.“ „Wer biſt du? was willſt du? woher kommſt du? Gehe mit deinem heiligen Schutzengel und lebe tauſend Jahre, Freund!“ rief der Mayor domo, der wieder ängſt⸗ lich wurde und ſich ſchnell zum Thore zurückzog, wohin ihm der verdächtige Nachtwandler mit ſeinem Gefährten gefolgt war. „Jeſu Maria! das iſt Jago, unſer geweſene Jago! kreiſchte er auf einmal,„unſer Ariero, und nun einer der Gavecillas! Fort mit dir! ob in den Himmel oder die Hölle, iſt gleichviel!“ rief der alte Mann, der ſich, ſo ſchnell als er vermochte, innerhalb des Thores zurück⸗ gezogen hatte. Doch der Fremoͤling war ſchneller geweſen; mit einem Satze war er zwiſchen dem alten Manne und dem zu⸗ fallenden Hausthore; mit einem zweiten ſchob er den alten Mann auf die Seite; dann, den Indianer er⸗ faſſend, riß er dieſen mit ſich fort in den Thorweg, und beide verſchwanden zwiſchen den Säulen der Verandah.*) „Jeſu Maria! das iſt Jago! Jago! Jago! Um Gotteswillen! Rebellen! Diebe! Räuber! Mörder!“ ſchrie nun der Mann aus Leibeskräften, durch die Veran⸗ *) Der Säulengang oder die um den Hofraum oder Garten herumlaufende luftige, vergitterte Halle. Sie iſt in allen beſſern ſpaniſchen Häuſern, vorzüglich aber Villa's, zu finden. — 437— dah die Treppen hinaneilend.„Jeſu Maria! Wir ſind alle des Todes, wenn—— Pedro! Pablo! Alonzo! todos diablos!— Gott verzeih' mir die ſchwere Sünde!“ betete der Mann wieder, indem er ſich kreuzigte und dann den Daumen küßte. „ Alle Teufel! Maestro Anſelmo, was giebts? was treibt ihr?“ rief Don Pinto, der über die Treppe herab⸗ tanzte und den Mann verwundert anſah.„Aha! Me⸗ xiko hat euch endlich auch aus euerm Gleichgewicht ge⸗ bracht. Höre, Alter! ſeit den vier und zwanzig letzten Stunden habe ich eine Aroba*) meines theuern Flei⸗ ſches verloren. Adios! Adios!“ rief der Wüſtling. Der alte Mann holte tief Athem, wie einer, dem eine ſchwere Laſt von der Bruſt genommen wird.„Gehe du,“ murmelte er,„gehe du, und halte den alten An⸗ ſelmo lieber für einen Narren, als daß du deine Naſe dahin ſteckſt, wo ſie uns allen das Lebenslicht ausblaſen könnte. Ei, das wäre Waſſer auf ſeine Mühle, zu wiſſen, daß zwei Rebellen ſich in unſerm Hauſe verbor⸗ gen haben. Zwar ſpricht er trotz dem ärgſten Patrioten, aber es iſt pure Liederlichkeit. Wer ſeinen Beutel füllt und ihn mit Dirnen verſorgt, hat ihn. Und nun muß Maestro Anſelmo, der Mayor domo Sr. Herrlichkeit, noch Portier ſein; dieſer auch fort.“ Das Raſſeln eines Wagens unterbrach den geängſtig⸗ *) Ein Gewicht von 25 Pfund. — 138— ten Alten. An zwanzig Diener kamen vor und hinter dieſem geſprungen, riſſen die Wagenthüren auf, hoben den Grafen heraus, und trugen ihn im Triumphe auf ihren Armen durch den Thorweg über die Treppen in den Saal. „Dios sea labado!“*) ſchrie der Mayor domo, ſtieren, halb verwilderten Blickes die Hände des Grafen erfaſſend.„Vo dice, Dios sea labado!“***) rief er wie⸗ der, ſeinen Gebieter abermals und abermals umfaſſend. „Anſelmo!“ ſprach dieſer,„was giebt es? Iſt etwas hier vorgefallen?“ „Conde!“ rief dieſer;„Conde!“ ſchluchzte er.„Um Gotteswillen! eilen, laufen Sie aus dieſem Hauſe!“ „Anſelmo!“ rief dieſer erſtaunt:„Was meinſt du? Was iſt dir?“ Der alte Mann wurde in den Ausbrüchen ſeiner Angſt durch die junge Dame unterbrochen, die nun in den Saal gerannt kam. *) Gott ſei gelobt! **) Ich ſage, Gott ſei gelobt! —,— — Neuntes Capitel. So voller Phantaſien Iſt Liebe, daß nur ſie phantaſtiſch iſt. Shakespeare. „„ Tio!“*) rief das entzückend⸗ſchöne Kind, das nun, den Schleier weit zurückgeworfen, durch die obere Saalthüre hereinſtürzte und dem Grafen in unſäglichem Schmerze an den Hals flog, mehrere weibliche Dienerin⸗ nen hinter ihr drein:„Tio! Tio!“ rief ſie und ihre kaſtanienbraunen Locken rollten wild um den herrlichſten Alabaſternacken, der ſich je über einen weiblichen Buſen erhob;„Tio! Tio! por el amor de Dios! Por la san- tissima madre! Tio! Tio!“***) rief ſie, ihn feſter um⸗ ſchlingend, daß Perlen⸗ und Diamantenbänder von dem Halſe und den Armen brachen und auf die Eſtera rollten, *) Onkel, Vetter; ſcherzweiſe werden häufig auch Bauern und Fuhrleute ſo begrüßt. **) Um der Liebe Gottes, der allerheiligſten Jungfrau willen! — 4140— „yo hay mio Tio, mio amigo, mio Padre, mio co- razon!“*½). „Nina!“ bat der Graf mit bebend zärtlicher Stimme, ſich liebevoll über das herrliche Geſchöpf herabneigend, „Nina, mea Nina! que es este?9 e*) t „Tio! Tio!* rief ſie wieder, ungeſtümer ſchluchzend, indem ſie ſeinen Hals fahren ließ, ſeine Hände erfaßte, und ihm wie wahnſinnig in die Augen ſtierte.„Es ver- dad?“ n) flüſterte ſie leiſe, als wäre ſie vor dem Tone ih⸗ rer eigenen Stimme erſchrocken.„Perdito por siempre?*†) ſtöhnte ſie aus hohler Bruſt:„Dedischada Elvira!“ ††) Der Conde wandte ſein Antlitz in ſprachloſem Schmerze weg.„No se!“ flüſterte er. „Perdito por siempre! Verloren auf ewig! auf ewig!“ rief ſie wild, und mit einem Riſſe war der Schleier von ihrem Haupte, die noch übrigen Geſchmeide vom Halſe, Armen und Haupte— das herrliche Geſchöpf tobte in ſeiner lieblich⸗wilden Raſerei. „»Nina!“ rief der Graf im ſanft verweiſenden Tone, „Nina, faſſe dich! Gräfin Elvira, faſſe dich!“ rief er ſtärker, ſie in ſeine Arme ſchließend. *) Ich habe meinen Onkel wieder, meinen Vater, mein Herz. **) Nina, meine Nina! was iſt es? was fehlt dir? ***) Iſt es wahr? †) Verloren auf ewig? rt) Unglückliche Elvira! —— — 441— Sie warf ſich wieder an ſeinen Hals, ſah ihn ſtarr an; dann ließ ſie einen Arm ſinken; ihr Köpfchen fing an ſich zu neigen, ihre Geſtalt ſenkte ſich, ſo daß die Finger der einen Hand die Eſtera berührten; nur die an⸗ dere hielt ſich um den Hals des Grafen krampfhaft ver⸗ ſchlungen. Das herrliche Geſchöpf hing reizend in bewußtloſem Jammer um den Nacken des Conde. Ihr dunkelblaues, ſeelenvolles Auge nun halb geſchloſſen, nun wieder troſt⸗ los zum Grafen aufblickend; ihre Geſtalt leicht, luftig, elaſtiſch; ihre Hände, als wenn ſie von Alabaſter geformt wären, die eine noch immer um den Hals des Grafen geſchlungen, die andere die Eſtera berührend— das wun⸗ derliebliche Weſen konnte kaum mehr als dreizehn Jahre zählen; aber in dieſem zarten, jugendlichen Buſen wohnte bereits die ſüße Empfindung mit aller Stärke ſüdlicher Glut. Wie ſie ſo hinabhing, hatten ihre Frauen einen Kreis um ſie gebildet; der Mayor domo mit derſelben Delikateſſe die ſämmtliche Dienerſchaft zurückgeſchoben, der Conde ſie in ſeine Arme erfaßt und, unterſtützt von ihren Dienerinnen, ſie in eines der anſtoßenden Gemächer ge⸗ tragen, wo er ſie auf eine Ottomane niederließ. Das holde Geſchöpf ließ Alles mit ſich geſchehen; erſt als ſie auf dem Sopha halb lag, halb ſaß, rief ſie ſchluchzend, ihre thränenſchweren Augen auf den Conde gerichtet: Tio! „Nina!“ antwortete dieſer. „O, ich wußte es!“ lispelte ſie in jener ſüßen, — 142— unendlich reizenden Vergeſſenheit der Töchter ihres Lan⸗ des:„Nina wußte es! Sie liebt ihn; er iſt ihr Cora⸗ zon*), ſie ſein Eſtrella**), die Morgenröthe ihrer Hoff⸗ nung.“ „Wen liebt er? Wen liebt ſie? Wer iſt ihr Co⸗ razon?“ fragte haſtig der Graf. Sie blickte ſcheu auf.„Tio! Tio! Was habe ich geſagt? Das Geheimniß ſeiner Liebe verrathen, ſeiner Liebe. Unglückliche!“ flüſterte ſie ſich ſchaudernd zu;„er liebt dich nicht mehr, und du, du willſt ihn verrathen?“ „Wen liebt er?“ rief der Graf heftiger:„Nina, um Gotteswillen! Wen liebt er? Sage!“ Das Mädchen blickte ihn erſchrocken an, und, als wäre ſie von einem Fieberſchauer ergriffen, rief ſie, am ganzen Körper zitternd:„Nein, nein, Elvira will ihn nicht verrathen! Er liebt ſie! Santa Vierge! Seine Liebe ſelbſt iſt Verrath!“ murmelte ſie leiſer. „„Ich weiß, wen er liebt; ich weiß, wer ihn liebt,“ ſprach der Graf, der wechſelweiſe zur Condeſſa heran⸗ getreten und wieder ungeſtüm im Kabinette auf⸗ und abgeſchritten war.„Ruhig, Nina! Ruhig, Condeſſa! Tochter meines theuerſten Freundes!— Thor und Elen⸗ der!“ fuhr er mit unterdrückter Stimme fort,„da ſeine Hoffnungen fußen wollen, wo Mexiko's Fluch anhebt *) Herz. **.) Stern. — 143— und endigt!— Nein, Elvira,“ ſprach er, ſich ſtolz er⸗ hebend,„die herrliche Tochter eines der edelſten Mexika⸗ ner ſoll nur einen Mexikaner glücklich machen! Nina, ruhig! ich bitte dich! So er deiner würdig iſt, ſo ſoll ihn dir die Macht der Hölle ſelbſt nicht entreißen; hat er aber Mexiko verrathen, hat er ſich mit den unverſöhn⸗ lichen Feinden Mexiko's zu ſeinem Verderben ins Bünd⸗ niß begeben,— dann, dann wird,“ rief er mit heftiger Stimme,„ihn auch Condeſſa Elvira zu verachten wiſſen!“ Der Graf hatte in der heftigen Bewegung die Hand des Mädchens erfaßt; ſie ſah ihn mit thränenſchweren Au⸗ gen an. „Verachten?““ ſprach ſie leiſe;„verachten?“ wie⸗ derholte ſie, das Köpfchen ſchüttelnd.„So magſt du den Popocatepetl verachten, weil er ſein Haupt ſtolz über die Berge Tenochtitlans erhebt? Manuel verachten, den erſten der Söhne Mexiko's? Unglückliche Elvira! Wenn du dieß könnteſt, wie müßte dein Herz für alles Edle, Große, Ritterliche erſtorben ſein! Beweinen will ihn El⸗ vira, beweinen!“ ſchluchzte ſie, mit ihren langen Locken ſpielend, deren künſtliches Gerölle ſie erfaßte und mit ei⸗ nem Schnitte vom herrlichen Kopfe trennte. „„Nina!“ rief der Graf böſe. Sie hörte nicht, ſie ſah nicht. Sie bemerkte nicht, daß ein Indianer in das Zimmer getreten war, der, zwi⸗ ſchen ſie und den Grafen ſchreitend, die Hand des Letz⸗ tern erfaßte. — 144— Der Conde, erſtaunt über dieſe Erſcheinung, war einen Schritt zurückgetreten. „Gott ſegne euch, Conde San Jago, für die Worte, die ihr ſo eben geſprochen,“ ſagte der Indianer mit einer ernſten, feierlichen Stimme;„Gott ſegne euch mit ſeinem ſtärkſten Segen!“ „Wer biſt du, Tatli?“ fragte der überraſchte Conde mit einigem Unwillen und in heftigem Tone. Eine zweite Geſtalt trat aus demſelben verborgenen Gemache. „Jago! rief der Conde im Tone des höchſten Er⸗ ſtaunens,„Jago, und du wagſt es——“ „Nach Mexiko zu kommen, Conde,“ ſprach Jago mit Würde,„und daß ich es wage, bürgt euch für den hohen Preis, den wir auf euch ſetzen; doch, wir haben keine Minute Zeit,“ und mit dieſen Worten nahm er von dem Kopfe des Indianers die Perücke von langen, ſtraffen, indianiſchen Haaren, hob die Larve von ſeinem Geſichte weg, und zeigte dem Grafen in dem Indianer einen alten, aber äußerſt würdevollen Mann, deſſen feu⸗ riger Flammenblick mit dem tiefen, wehmüthigen Ernſt des Geſichtes eine der ſchönſten Phyſiognomien bildete. Der Graf trat zwei Schritte zurück:„Mor— 1““ „Ja,“ ſprach der Greis,„der bin ich; gekommen, um Conde Jago im Namen des unglücklichen Mexiko um ſeinen Beiſtand, ſeinen Rath, ſeine Hülfe zu bitten.“ Der Graf ſah den Greiſen ſprachlos an. — 145— „„Und wo iſt Hermanno Carlos 20)*) rief die Con⸗ deſſa, die aufſprang, einen Leuchter vom Tiſch riß und die beiden Geſtalten beleuchtete; dann, ſich auf die Stirne ſchlagend, wie im Traume murmelte:„Santa Vierge, yo soy distratta! Elvira es distratta!**) Ihn ver⸗ achten?“ lispelte ſte, im Kabinette raſch auf⸗ und ab⸗ rennend und ungeduldig den ſilbernen Leuchter auf den Tiſch ſchleudernd:„Ihn aus dem Herzen reißen? Arme Thörin, das kannſt du nicht; aber beten, beten kannſt du für ihn!“ Und indem ſie dieſes ſprach, eilte ſie einem Fußſchemel zu, über dem eine Madonna von gediegenem Golde ſtand, über der Figur eine Lampe von gleichem Metalle; das Bild an ihren Buſen drückend, rief ſie: „Läſtre nicht, Tio! Läſtre ihn nicht!“ und dann ver⸗ ſchmolz ihre Stimme in das ſüße Flüſtern der innigſten, vertrauendſten Andacht zur Tröſterin mexikaniſcher Herzen.“ Es wurden draußen Fußtritte hörbar. Der Graf faßte die beiden Männer, riß die Thüre des verborgenen Kabinettes auf, und ſchob ſie raſch hinein. „Gäſte!“ verkündete der Gentilhombre*eX) des Gra⸗ fen, der, gefolgt von der Duenna, in das Kabinett ein⸗ trat.„Ihre Herrlichkeiten die Grafen Fagoagos, Iſtlas, Irun, die Marquiſe Moncada, Gomez, Iguala.“ *) Bruder. **) Heilige Jungfrau, ich habe meinen Verſtand verlo⸗ ren! Elvira iſt wahnſinnig! *84) Page. Der Virey. I. 10 — 146— „Die Condeſſa,“ bedeutete ihm der Graf,„wird die Honneurs des Hauſes machen, ſobald ſie ihre Andacht verrichtet.” Die Gräfin betete noch eine Weile; dann ſtand ſie auf und folgte, lieblicher noch durch den Anflug von Schmerz, den beiden Dienern in den Beſuchsſaal. Zehntes Capitel. Graf war er, konnte tanzen, muſtiziren, Sprach gut franzöſiſch, doch toskaniſch ſchlecht; Denn Wenige der Wälſchen nur ſtudiren Die Sprache der Etrusker rein und ächt. Beppo.. Wir ſind in unſerem glücklichen Lande abſoluter Frei⸗ heit nicht ſolche blinde Götzendiener einer imaginären un⸗ gezähmten Gleichheit, um die Vortheile, die eine wür⸗ dige Geburt gewährt, zu verachten, oder in das Pöbel⸗ geſchrei einzuſtimmen, das Menſchen deshalb verdammt, weil ſie der Zufall bei dieſer begünſtigt hat. Auch bei uns galt es etwas, von würdigen Aeltern abzuſtam⸗ men, die durch Kraft ihres Willens, durch Thätigkeit und Talente ihres Vaterlandes Ruhm oder Wohl gegrün⸗ det haben;— und gegen ſolche Vorzüge gleichgültig zu ſein, verräth, wenn nicht einen rohen, doch rauhen Sinn, um den wir niemanden beneiden. Aber indem wir ſo dem — 143— Ariſtokraten, den der Zufall bei ſeiner Geburt begünſtigt hat, Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, geht unſere Vor⸗ liebe wieder nicht ſo weit, die Anmaßungen dieſer Glücks⸗ kinder auf die Beherrſchung ihrer Mitbürger mit gleicher Nachſicht zu behandeln, und wenn wir bei Männern, die ſich im Dienſte des Gemeinweſens Einfluß auf ihre Mit⸗ bürger erworben haben, es begreiflich finden, daß ſie ſuchen, die erworbenen Vortheile auf ihre Kinder zu ver⸗ erben, ſo finden wir es eben ſo natürlich, daß der ge⸗ ſunde Sinn dieſer Mitbürger ſich gegen eine ſolche Ver⸗ erbung des Einfluſſes ſträube, und Anmaßungen zurück⸗ weiſe, die ſich auf Erblichkeit und nicht auf perſönliche Tüchtigkeit oder Tugenden gründen. Solche Anmaßun⸗ gen im Keime zu erſticken, fordert Pflicht eben ſo wohl als die geſunde Staatspolitik eines freien Volkes, weil nichts leichter wuchert, und ſich im Boden einer freien Verfaſſung feſtſetzt, als Gewalt.— Und in dieſen tief⸗ gefühlten beiderſeitigen Bedürfniſſen liegt der Same je⸗ nes langen nie ruhenden Kampfes, der zwiſchen der ſo⸗ genannten Ariſtokratie und Demokratie unter verſchiedenen Namen und Formen auch bei uns ſeit Entſtehung unſerer Republik beſtanden hat, und der nie endigen wird. Ge⸗ gen das Beſtehen einer ſolchen Ariſtokratie des Vermö⸗ gens und der Talente, und die Sucht ihre Fortdauer zu vererben und zu befeſtigen, eifern zu wollen, verräth eben ſo ſehr Unbekanntſchaft mit den Triebfedern des menſch⸗ lichen Herzens, als den Beſtandtheilen und Bedingungen — 449— der Exiſtenz einer freien bürgerlichen Geſellſchaft, die, wenn wohlgeordͤnet, immer dem Talente und der Be⸗ triebſamkeit den nöthigen Spielraum, Glücksgüter und Einfluß auf das Gemeinweſen zu erwerben darbietet und darbieten ſoll. Wir würden dieſe Ariſtokratie eine na⸗ türliche nennen, ein nothwendiges und in vieler Hinſicht auch heilſames Uebel, und ganz verſchieden von jenen Ariſtokratien der alten Welt, mit denen wir, zum Glücke, in unſerm freien Lande nichts zu thun haben, und die jene heftigen Kämpfe veranlaßt, die noch heutiges Tages nicht beendigt ſind, und wahrſcheinlich nie beendigt werden dürften. Es ſind dieſes Nachläſſe jenes barbariſchen Mit⸗ telalters, in welchem die Regenten ſich als Lehnträger des höchſten Weſens zu betrachten angefangen, und in ſolcher Eigenſchaft über ihre Völker mit unumſchränkter Willkür einer rohen Machtvollkommenheit disponirend, die⸗ ſelben nach Gefallen unter jene Günſtlinge vertheilten, die ihnen zur Ausbreitung oder Befeſtigung ihrer Herr⸗ ſchaft förderlich waren, und ſo die Entſtehung einer Ariſto⸗ kratie veranlaßten, die wir unter dem Namen des feu⸗ dalen Adels kennen, urſprünglich bloße Beamte der Krone, über einen Diſtrikt, eine Stadt oder ein bloßes Schloß, das ſie für die Krone zu bewachen, oder von ihr zur Nutznießung hatten und die ſie beim häufigen Wechſel der Dynaſtien allmälig zu erblichen Beſitzthü⸗ mern in der Art verwandelten, daß ſie ihre Untergebe⸗ — 150— nen oder Vaſallen eben ſowohl als disponibles Eigen⸗ thum betrachteten, als die Viehherden, die ſie beſaßen. Es gehört natürlich nicht in den Bereich unſerer Ge⸗ ſchichte, die Rechte dieſes Adels zu unterſuchen, oder auf den Kampf eingehen zu wollen, den die Behauptung die⸗ ſer Rechte mit den vorgerücktrn Bedürfniſſen der Menſch⸗ heit verurſacht hat. So ungerecht die Anmaßungen den Gedrückten erſcheinen mögen, ſo können wir, die auf neutralem Grunde ſtehen, doch nicht umhin zu geſtehen, daß die Anſprüche dieſer Art Ariſtokraten ſich zum Theile auch wieder auf wirkliche Beſitztitel gründen, die ihre Vorfahren Jahrhunderte hindurch unbeſtritten genoſſen, und die Mißbrauch und ein veränderter Zeitgeiſt wohl mit den Bedürfniſſen dieſes Zeitalters in Einklang zu bringen, aber geradehin zu entreißen ſchwerlich das Recht geben dürfte; da ein ſolches gewaltſames Entreißen die Auf⸗ löſung der bürgerlichen Geſellſchaft ſelbſt, und den Ruin derſelben nothwendig nach ſich ziehen müßte. Aber es giebt eine dritte Ariſtokratie in dieſen Staa⸗ ten, die weniger achtungswerth, als die bei uns beſtehende, oder der feudale und auf wirkliche Beſitzthümer gegründete Adel, eine ſo zu ſagen artificielle Ariſtokratie genannt wer⸗ den könnte, die, mit der allmäligen Ausbildung des Legitimi⸗ tätsſyſtems entſtanden, eine Art Surrogat des feudalen Adels iſt; der ſogenannte Brief⸗ oder Diplom⸗Adel, eine Klaſſe bevorrechteter Bürger, die ſich durch häufig nie⸗ — 451— derträchtig entehrende Dienſte die perſönliche Gunſt des Herrſchers erworben, oder, im Beſitze eines großen Ver⸗ mögens, ſich dieſe artificielle Standeserhöhung erkauft, und ſo über die übrige bürgerliche Geſellſchaft erhoben, in Bezug auf ihre Perſonen und häufig auch auf ihr Vermögen, eine privilegirte Kaſte bilden. Wenn ſchon der Erwerb eines großen Vermögens an ſich ſelbſt mit mehr oder weniger Nachtheilen für das Ge⸗ meinweſen verbunden iſt, deſſen Gleichgewicht immer mehr oder weniger durch eine ſolche Uebervortheilung geſtört wird, ſo werden dieſe Nachtheile noch ins Unendliche ge⸗ ſteigert, durch eine Bevorrechtung dieſer ohnehin bereits auf unkoſten ihrer Mitbürgerkaſſen bevorrechteten Klaſſe. Dieſe unſinnige Staatsmaxime iſt jedoch in den gealterten Mo⸗ narchien der alten Welt in Folge des Verſchwindens des feudalen Adels, Hof⸗ und Staatspolitik geworden, der die neuen Ariſtokratien dieſer Staaten, und wir müſſen hinzufügen, auch Mexikos bekanntlich ihre Entſtehung ver⸗ danken, wie die mit der Geſchichte dieſes Landes einiger⸗ maßen Bekannten wiſſen werden. Von dem ſogenannten feudalen Adel, das heißt den Abkömmlingen der erſten Eroberer, die zur Belohnung für ihre empörenden Dienſte Kronlehen(repartimentos) erhalten hatten, waren nur 4 wenige Familien mehr im Lande übrig geblieben. Die meiſten waren ausgeſtorben, oder hatten ſich bei dem all⸗ mälig graſſer werdenden Büreau⸗Despotismus der von dem Mutterlande herübergeſandten Beamten in daſſelbe zu⸗ rückgezogen, wo ihre Kinder wenigſtens die Rechte ge⸗ borner Spanier genoſſen. Mit ihrem Verſchwinden war das einzige Gute, zu deſſen Einführung in Mexiko ſie mitgewirkt hatten, die Municipalfreiheit der Städte, dem Muſter der ſpaniſchen Städteordnung nachgebildet, gleich⸗ falls untergegangen. Der ſpaniſche Hof, der in demſel⸗ ben Grade eiferfüchtiger auf ſeine Gewalt geworden, als ſein kriegeriſcher Geiſt erſtorben war, hatte es zweckmä⸗ biger befunden, die öffentliche Gewalt in Neuſpanien ganz in ſeinen delegirten Werkzeugen zu concentriren, und eifrig darauf hinarbeitend die letzten Spuren des öffentlichen Lebens, als die Ausübung der höchſten Gewalt hemmend, zu verwiſchen, hatte man die Städtefreiheit in Mexiko gänzlich aufgehoben, und die Corregidor⸗ und Alkalde⸗ ſtellen durch öffentlichen Verkauf den reichern Creolenfa⸗ milien in die Hände geſpielt, die ſich durch dieſe Titel um ſo glücklicher fühlten, als ſie die Ehre eines Amtes hatten, ohne mit deſſen Bürde beläſtigt zu ſein. Da dieſelbe unglückſelige Regierung ſtatt der größtentheils ein⸗ gezogenen Kronlehen die ſogenannten Mayorasgos*) ein⸗ geführt, und das Recht, ſolche zu errichten, gleichfalls mit ungeheuern Summen bezahlt werden mußte, ſo war die ganze künſtliche europäiſche Ariſtokratie auch auf Mexiko übertragen, nur mit dem Unterſchiede, daß dieſer Titel⸗ *) Majorate. Das Recht ſie zu errichten, wurde nur dem hohen Adel ertheilt. Sie beſtanden aus ungeheuern Land⸗ ſtrichen und ſind ſeit 1824 aufgehoben. adel nicht wie in Europa zu Staatsämtern Anſpruch gab, ſondern ganz nominell war. Aber der Einfluß, den dieſer nominelle Adel auf die bürgerliche Geſellſchaft des Landes äußerte, war deshalb nicht weniger verderblich geweſen. Durch ihn vorzüglich hatte ſich das merkwürdige, in der Geſchichte der Welt unerhörte Schauſpiel geſtaltet, daß eine bürgerliche Geſell⸗ ſchaft von nahe an ſieben Millionen Seelen beinahe dreihun⸗ dert Jahre in Minderjährigkeit von einem mehrere tauſend Stunden entfernten Hofe gehalten wurde, zu deſſen Glanz ſie ſeit Jahrhunderten mehr als die übrigen Theile der Mo⸗ narchie beigetragen hatte, und daß ſie, was noch auffallen⸗ der iſt, zufrieden und ſtolz auf dieſe minderjährige Behand⸗ lung war; daß ſie in Kaſten eingetheilt, durch Privile⸗ gien und Rangunterſchiede von einander gehalten, und doch im abſoluteſten Sklavenzuſtande verblieb. So hatte man in Mexiko einen hohen Adel, Grafen und Marquis, die Enkel der alten Eroberer und Söhne von Beamten und ſelbſt Abenteurern, die durch glückliche Bergwerksſpeku⸗ lationen in den Beſitz eines plötzlich großen Vermögens gekommen waren. Man hatte einen Mitteladel, zu dem ſich jeder weißgeborne Sohn eines Spaniers oder Creo⸗ len rechnete, einen Quaſt⸗Adel, der durch ein Di⸗ plom der Audiencia erlangt und gewöhnlich dem farbigen Ehrgeize zu Theil wurde, und endlich die elenden Kaſten mit ihren Abſtufungen und Miſchlingen und die noch elen⸗ dere Race der Indianer. Man hatte ſo Rangunterſchiede, — 154— Kleidungsunterſchiede, Unterſchiede in Allem. Nur im Joche, das auf allen laſtete, war kein Unterſchied. Alle krochen vor dem Spanier; aber für dieſe Unterwürfigkeit durfte der hochadelige Creole ungeſcheut dem bloßen Ca⸗ ballero oder Hidalgo*) auf den Nacken treten, der Ca⸗ ballero den Quateroon oder Quinteroon mißhandeln, und dieſer wieder den Indianer zum Thiere herabwür⸗ digen. Wir wollen unſere Leſer, um ihnen dieſe furcht⸗ bare Hierarchie mehr anſchaulich zu machen, zuerſt in die Geſellſchaft einiger Notabilitäten dieſes Landes einführen, die, wie ſie gehört haben, ſo eben angemeldet wurden. Sieben derſelben waren unter dem Vortritt des Mayor domo und einer zahlreichen Dienerſchaft die Staatstreppe hinan in den Saal eingeführt worden, wo ſie mit aller Grandezza der ſpaniſchen Etiquette empfangen wurden. Der vorderſte dieſes Zuges der Sieben war ein ſchwammiges Männchen mit gehäbigem Unterleibe, ge⸗ puderten Haaren und zierlichem, ſchwarzſeidenen Haar⸗ beutel. Er brachte zuerſt keuchend ſeinen reichgeſtick⸗ ten Frack à la Louis-Quinze in die gehörige Richtung, glättete die zerknitterten Spitzen der Hemdärmel, richtete den kurzen ſteifen Kragen und die langen Schöße in Ord⸗ ) Das Wort Hidalgo wird in Mexico weniger gehört als Caballero, Cavalier. Jeder Creole nennt ſich einen Ca⸗ ballero. Todo Blanco es Caballero, lautet das mexikaniſche Sprichwort. — —— — 455— nung, adjuſtirte den kurzen Staatsdegen mit ſtählernem Griffe, und ſtöhnte dann, ſich neugierig umſehend: „Ah, Maestro Anſelmo! Se. Herrlichkeit der Conde nicht hier? Ah Maestro! brennen vor Verlangen, dem⸗ ſelben unſere Attention zu erzeugen. Ah, Maestro An⸗ ſelmo!“ „Vuestra Senoria,“ verſetzte der Mayor domo, ſich tief bückend. „Ah, Maestro Anſelmo!“ ſtöhnte der Marquis fort, „ihr ſeid noch immer der Alte; aber Santiſſima Madre! Werdet ihr es glauben, daß, als wir aus unſerer Loge traten, einer jener Gavecillas an uns heranrannte, ſchreiend Moncada! Moncada! alter Moncada! So hieß er uns, Maestro Anſelmo,“ klagte der zahnloſe Marquis, und ſeine erdfahlen Lippen zitterten;„ſo hieß er uns,“ fuhr er fort,„die wir doch von Sr. Excellenz ſelbſt nie anders als Vuestra Senoria begrüßt werden.“ „Und wie anders, Gracioiſſima Senoria?“ verſetzte der Mayor domo mit pflichtſchuldigem Erſtaunen. „Ei, Maestro Anſelmo! ihr ſeid noch aus der alten Schule; aber dieſe ewigen Gritos und Pronunciamentos und Motinos*) haben die guten alten Zeiten ganz ver⸗ dorben.“ *) Verſchiedene Arten des Aufruhrs. Grito, wie oben bemerkt, bedeutet den Aufruf zum Aufruhr, Pronunciamento die Erklärung der Inſurgenten, und Motino den Aufſtand felbſt. — 456— „Ah,“ fiel ein zweiter Marquis ein, der im blut⸗ rothen Taffetrocke zu Ehren der ſpaniſchen Nationalfarbe prangte,„ah, aber Se. Excellenz der Allergnädigſte ha⸗ ben doch mit Hochdero eigenem Munde huldreich verſichert, daß dieſe Gritos und Motinos jetzt ihr Ende haben ſol⸗ len, und Se. Excellenz der Allertapferſte haben gleichfalls bei allen Heiligen zu betheuern geruht, daß in ſechs Mo⸗ naten kein Rebelle mehr den Boden Neuſpaniens beſudeln ſolle.“ „Bitte um Vergebung, Euer Gnaden,“ ſprach ein alter Conde,„aber wir erlauben uns eine unterthänige Bemerkung um ſo mehr, als dieſe von äußerſter Im⸗ portanz iſt. Euer Gnaden Herrlichkeit ſagten nämlich: Se. Excellenz der Allergnädigſte, wo doch das Prädikat Allergnädigſter bloß der Magestad zukömmt.“ „So kommen wir de pregonero a verdugo,*) von den Federn auf' Stroh,“ fiel der Mayor domo ein, der nicht ohne Unwillen den Edelleuten zugehört hatte. „»Ah, Senorias, unſer Sprichwort ſagt: Aun falto el roba par desollar; ſie haben dem Thiere, das heißt der Rebellion, noch nicht die Haut über den Kopf gezogen, und ich fürchte, ſie wird eher uns abgezogen werden.“ Es iſt eine merkwürdige Eigenheit des Spaniers, daß er bei allem ſeinem Stolze und ſeiner Härte wieder dem Hausdiener eine Familiarität erlaubt, die ſelbſt in *) Buchſtäblich: vom Ausrufer zum Henker. — 157— unſerm Lande, wo der Diener ſo ſehr auf Gleichheit An⸗ ſpruch macht, auffallen würde. Dieſes vertrauliche Ver⸗ hältniß zwiſchen Befehlenden und Gehorchenden iſt noch weit auffallender bei ſeinen amerikaniſchen Nachkommen, den ſeine großen, leicht erworbenen Reichthümer vielleicht veranlaßten, die Zahl ſeiner Domeſtiken ſo ſehr zu ver⸗ mehren, daß ſie viel mehr dem Troſſe eines Kronvaſallen aus den Zeiten Ferdinands und Iſabellens, als der Die⸗ nerſchaft eines Neuadlichen gleicht. Auch das Verhältniß zwiſchen Befehlenden und Gehorchenden hat mehr von der franken Offenheit des Knappen, als der bezahlten Dienſt⸗ befliſſenheit unſerer Miethlinge, und, gleich den Knappen des alten Ritterthums, beſitzt der Creolendiener alle Würde und allen männlichen Ernſt dieſer bloß noch in Romanen lebenden Menſchenklaſſe. Unter der zahlreichen Diener⸗ ſchaft eines mexikaniſchen Haushaltes nimmt natürlich der Mayor domo den erſten Rang ein, und das Vertrauen, das eine ſolche Stelle beurkundet, giebt ihm häufig eine gewichtige Stimme nicht bloß in der Familie, ſondern im ganzen Adel, um ſo mehr, als die Mayores domo, in eine Gilde vereinigt, ſich bedeutender Privilegien er⸗ freuen, und als die Häupter der Dienerſchaft des ſämmt⸗ lichen Adels die Angelegenheiten derſelben leiten. Der Mayor domo daher, weit entfernt, durch ſeine Einreden Befremden zu erregen, war, ſo wie er den Mund öffnete, der Wortführer der hochadelichen Sieben geworden, die vielleicht froh, ihren einigermaßen dürftigen Gedanken⸗ - 458— vorrath durch neue Ideen aufzufriſchen, ſich nun ſämmt⸗ lich an ihn wandten.“ „Ei, Anſelmo iſt ein geſchickter alter Kauz,“ be⸗ merkte der Conde Irun; eine Bemerkung, welche die übri⸗ gen zu bekräftigen nicht ermangelten. „Si, si, Senorias,“ fuhr der Mayor domo in dem⸗ ſelben ehrfurchtsvollen, aber freien Tone fort:„wir haben nun den Tezeuco ſiebenzig Male ſteigen und wieder fal⸗ len geſehen, aber in dieſen ſiebenzig Jahren unſeres Le⸗ bens nicht ſo viele Lügen gehört, als in den letzten acht⸗ zehn Monaten. Ei, leſen Sie, gnädigſte Herrſchaften, die Gazetta, die einzige, deren ſich Mexiko erfreut— Jeſus und Joſe! Acht und achtzig Male, genau gezählt, ſind nun bereits die Rebellen vernichtet, und acht und achtzig Male ſind ſie immer wieder von den Todten auf⸗ erſtanden. Ich ſage, Senores, der alte Anſelmo ſagt es, das alte ſpaniſche Sprichwort meint wohl: No Espannol mentira,*) aber das neuere ſagt: Dejar en el din- tero.**) Ei, und Se. Excellenz ſind nur zu klug für Mexiko.“ Die Worte des Mayor domo hatten die alten Marquis zu einer langen Pauſe gebracht. „Und,“ fragte der Conde de Iſtla,„was glaubt nun Maestro Anſelmo?“ *) Kein Spaner lügt. **) Buchſtäblich: im Dintenfaſſe es laſſen; die Sache für ſich behalten.. — „Alles, was die Kirche zu glauben gebietet,“ ſprach der alte Mann mit einem einfältigen und wieder ſchlauen Blinzeln,„und das iſt hinlänglich. Wie ſollte der arme Anſelmo auch anders, da ſo viele erlauchte Herr⸗ ſchaften ſelbſt glauben und geſchehen ſein laſſen müſſen, daß ihnen ihre hochgebornen Herren Söhne vor der Naſe weggenommen und in die Armee geſteckt und vor den Feind geſchickt werden.“ „„Jeſu Maria!“ riefen ſämmtliche Kavaliere,„ſo iſt es denn wahr, was man ſich allenthalben zuflüſtert?“ „„Und Senorias wiſſen das nicht?“ rief der Mayor domo erſtaunt aus. „„Und glaubt ihr wirklich,“ fragte der Marquis Moncada,„daß die Rebellen es wagen werden, auf die Söhne der höchſten mexikaniſchen Nobilitad zu ſchießen?““ „Jeſus Maria! Was ſollten ſie anders? verſetzte der Mayor domo, dem die naive Frage doch einigermaßen zu bunt vorkam. „Sachte, ſachte, Maestro Anſelmo!“ ſprach der alte Marquis:„Ihr ohne Zweifel ſeid nicht ſo ſehr von Ehr⸗ furcht für unſere hochadelichen Familien durchdrungen, da ihr einigermaßen der Geſellſchaft des hohen Adels täglich, ja ſtündlich zu genießen gewürdiget werdet; aber die Ga⸗ vecillas, die unſere Perſonen nur von ferne ſchauen, dieſe, ſollten wir billig meinen, würden von einem heiligen Schauer ergriffen werden.“ Der alte Mayor domo war ungeduldig geworden. — 160— „Und werden ſie,“ fragte er mit einiger Heftigkeit,„von einem heiligen Schauer ergriffen, wenn ſie die ſpani⸗ ſchen Generäle und Oberſten todtſchießen? und waren Hidalgo und ſeine Patrioten von einem heiligen Schauer ergriffen worden, als ſie in Guanaxuato*) Reich und Arm über die Klinge ſpringen ließen?“ Dieſes Argument entſchied. Der Marquis und fein Compairs ſtierten den Mayor domo mit einem geiſterar⸗ tigen Grinſen an.„Aber Anſelmo,“ rief er—„Jeſu Maria! der Mann ſpricht wahr; aber Anſelmo!“ und er trippelte im Saale herum.„Laſſe, nein, laſſe nicht; ſogleich wollen wir zum Virey— Ja zum Virey— Jeſu! Wenn wir noch an die Leiden gedenken, die uns Se. Excellenz, der Virey Galvez, verurſachte, als es Ihnen beifiel, das Lager bei Tacubaya zu halten; Se⸗ norias wiſſen, wir waren Oberſten in der Miliz; Jeſu Maria y Joſe! Wenn wir noch daran gedenken, rüttelt es uns wie Fieberfroſt. Wir waren drei Wochen krank vor Schrecken. Denken Sie ſich, Senorias! fünf volle Stunden mußten wir zu Pferde ſitzen, und keiner von unſerm Servidumbre*) durfte ſich uns nähern, um über unſere Perſon den Sonnenſchirm zu halten. und die vielen tauſend Gewehre, die alle mit Pulver geladen, und mit Bajonetten beſpießt waren; jeden Augenblick waren *) Lies Guanajuado. *) Dienerſchaft⸗ — 461— wir in Gefahr, eines möchte zerplatzen.„Und ſtechen,“ fragte der alte Marquis ſehr naiv,„die Rebellen auch mit Bajonetten, und ſchießen ſie mit Pulver?“ „Und mit Blei,“ verſetzte der Mayor domo trocken. „Jeſu! Jeſu!“ ſtöhnte er wieder und mit ihm die übrigen.„Ja,“ kreiſchte er,„das kommt alles von der Aufklärung und den Neuerungen. Seit der Zeit wo Se. Excellenz der Virey Revillagigedo) naſeweis genug waren, dem Volke klar und bündig vor Augen zu legen, wie es nur in der Ciudad Mexiko al⸗ lein hundertmal ſtärker an Zahl ſei, als unſere gnädigen Gebieter. Ei, dieſe unglückſelige Volkszählung, ſagt ja ſchon die heilige Schrift, daß Don David dafür von Gott beſtraft wurde; nicht wahr Senorias?“ fragte der über ſeine Schriftgelehrſamkeit ſelbſt erſtaunte Marquis, ſeine Mit⸗Cavaliere——“ „ Und dann ſeit der Zeit,“ fiel der Mayor domo ein, „ wo man das ganze Mexiko zwang durch Brillen zu ſehen—— Ei, Senores, die zweitauſend Kiſten Brillen, die das Cadixer Conſulado von den Holländern erhandelt, und weßhalb wir, und unſere unbehosten und unbe⸗ ſchuhten Indianer, auf Anoroͤnung Sr. Excellenz des Virey, Brillen bei hoher Strafe tragen mußten; Se⸗ *) Dieſe Volkszählung wurde im Jahre 1790 unternom⸗ men und der Vicekönig einer der wenigen rechtlichen Männer, die dieſe hohe Stelle bekleideten, ſehr deswegen getadelt. Der Virey. I. 11 — 462— norias, wenn man das Volk mit Gewalt zwingt helle zu ſehen, dann muß man ſich die Folgen gefallen laſſen.“ Es entſtand wieder eine Pauſe. Die komiſch abſurde Thatſache, daß wirklich ein Volk von mehrern Millio⸗ nen Menſchen gezwungen worden war Brillen zu tra⸗ gen, weil ein derlei Artikel von der privilegirten Kaſte der Cadixer Kaufleute erhandelt, ſonſt zu verliegen gedroht hätte, hatte die Cavaliere in ihren Klagen über die Folgen der Aufklärung ganz aus dem Concepte ge⸗ bracht. Eilftes Capitel. So mancher Mißvergnügte war im Land, Die Macht verwünſchend, die tyranniſch band. Lara. Ein neuer Ankömmling, der unter dem Namen, Donna Senora Sebaſtiana Anna Mier-y, und dem Zu⸗ ſatze„venida de su Excellenza,“*) angekündigt wurde, gab ihrem Sinnen auf einmal eine andere Richtung. Die Dame war reich, aber nichts weniger als ge⸗ ſchmackvoll, in eine Menge ſeidener Röcke von den grell⸗ ſten Farben gekleidet, die ihrem untern Seyn einen Um⸗ fang gaben, der mit der platten, breternen und übel arrangirten Taille nichts weniger als lieblich contraſtirte. Die unmäßig hohen Abſätze ihrer Schuhe verliehen ihrem Gange überdieß etwas Watſchelndes, ſo das ihr die 3 *) Von Sr. Excellenz angekommen. — 164— unterſtützung ihres Cortejo, der mit ihr eintrat, wirklich zum Bedürfniß wurde. Dieſer Cortejo war ein Mann von ſtarkem Körperbau, aber unangenehmen, ja widrigen Geſichtszügen. Etwas Lächelndes, Höhniſch⸗tückiſches, mit einem ungemeinen Beſtreben freundlich zu ſcheinen, eine Miſchung von höfiſcher Abgeſchliffenheit, und ſoldatiſcher Rauheit, in ſteter greller Beweglichkeit. Man ſah es dem Manne beim erſten Blicke an, daß er von einem raſtloſen Ehrgeize gepeitſcht wurde. Er trug die Uni⸗ form eines Stabsoffiziers der königlich mexikaniſchen Truppen. Seine Schutzbefohlene, indem ſie den Saal hinaufſchritt, hielt zwei ſeidene Stricke oder Schnüre, die an ihrem Gürtel befeſtigt waren, wohlgefällig zwi⸗ ſchen ihren Fingern. An denſelben waren eine Menge Knoten, die Embleme der verſchiedenen Eroberungen, die das ſchöne Geſchlecht von Mexiko, wenn die chro⸗ nique scandaleuse wahr ſpricht, auf dieſe Weiſe zur Schau zu tragen, ſich nicht entblödet. Sie war augen⸗ ſcheinlich mit wichtigen Nachrichten beladen, da ſie, ohne die etwas umſtändlichen Eintrittsceremonien zu durch⸗ gehen, ſchon an der Thüre den Cavalieren zurief:„Ah, Senores! Senores! So müſſen denn wir, die Donna Sebaſtiana die Taube ſein, die die Freudenbotſchaft über⸗ bringt.“ Die Dame, nachdem ſie geſprochen, ſchien ſich auf einmal zu beſinnen, und trippelte zur jungen Condeſſa hinauf, die ſo eben mit ihrem Gefolge weiblicher Die⸗ nerinnen eingetreten war, umarmte ſie, und entledigte ſich dann ihrer wichtigen Botſchaft in folgenden Worten: „Ah, Senorias! Senorias! Ah, meine Herrſchaf⸗ ten!“ flüſterte ſie, indem ſie die Augen in ſüßer Ent⸗ zückung verdrehte.„Ah, Senorias,“ wiederholte ſie zu den Cavalieren, die nun alle herbeigeeilt waren, um ſo viel als möglich in ihre Nähe zu gelangen.„Wiſſen Sie nun, was jene gnädig-huldreichen Worte, die Se. Excellenz fallen zu laſſen gnädigſt geruhten—— Wiſſen ſie auch— O! Se. Exeellenz ſind ein allerliebſter, göttlicher Herr. Stellen Sie ſich vor,“ rief ſie wichtig,„ſie ha⸗ ben die Vorhänge ihrer Loge beim letzten Akte ganz her⸗ abgelaſſen; und Iturrigeray, der vulgäre, liberale Itur⸗ rigeray, wiſſen Sie noch, er behielt ſie immer oben, man konnte keine Cigarre rauchen.“ Damit unſern Leſern die Worte der Dame begreif⸗ lich werden mögen, ſo müſſen wir bemerken, daß das ſchöne Geſchlecht Mexikos ſeiner Lieblingsunterhaltung des Cigarrenrauchens auch im Theater eifrig dann oblag, wenn die höchſte Staatsperſon gnädig geruhte, die Vor⸗ hänge ihrer Loge herabzulaſſen; eine Sitte die gewöhn⸗ lich während dem Zwiſchenakte Statt fand.“ „Ja, Se. Excellenz ſagten,“ fuhr die Dame fort— „Ah, Senorias,“ rief ſie, mit ihrem Fächer wedelnd, „ah, Senorias— Nicht wahr, die Condeſſa Ruhl war ganz chocant? Ah, Senorias,“ aber der Sinn der divinen — 4166— Worte:„Es iſt bereits angekommen, das königliche Paquet, verſiegelt mit dem großen Staatsſiegel.“ „Mit dem großen Staatsſiegel?“ fielen die Sieben⸗ männer ein. „Um am Namenstage Sr. geheiligten Majeſtät ge⸗ öffnet zu werden.“ „Geöffnet zu werden!“ kreiſchten die Cavaliere. „Se. Excellenz haben uns ja dieſes bereits huld⸗ reich zu eröffnen geruht,“ bemerkte der Conde Irun wichtig. „Ah, Se. Excellenz, Se. Excellenz,“ wisperte die Senora mit einer geheimnißvollen Miene.„Aber wiſſen auch meine Herrſchaften, wiſſen Sie auch?— Ah, Seno⸗ rias,“ kreiſchte ſie, indem ſie die Arme ausſpreitete,„ah, Senorias! Glückliche Nobilitad, deren Treue von Sr. Majeſtät auf eine ſo eclatante Weiſe honorirt wird.“ „Honorirt wird!“ kreiſchten und ſchluchzten die Edelleute. „Fünf und zwanzig,“ platzte die Donna heraus, nun nicht länger im Stande die Bürde ihres Geheim⸗ niſſes zu tragen. „Fünf und zwanzig!“ ſchrien die ſieben Edelleute. „Fünf und zwanzig!“ überſchrie ſie die triumphirende Donna,„worunter vier Großkreuze. Die Camareria Ihrer Excellenz haben es mir unter dem Siegel der Ver⸗ ſchwiegenheit geoffenbaret.“ „Fünf und zwanzig,“ ſchrie und kreiſchten und — 467— ſchluchzten die armen ſieben Cavaliere, und dann brachen ſie in einen Jubel aus, der es wirklich zweifelhaft machte, ob ſie nicht alle den Verſtand verloren hatten. Sie rauſchten in ihren ſeidnen Röcken an einander heran, um⸗ armten ſich, küßten ſich auf die gravitätiſchſte Weiſe, wünſchten ſich und Mexiko Glück, trippelten auf die Da⸗ me und die junge Condeſſa zu, umarmten dieſe, und wieder ſich untereinander, fünf und zwanzig und vier Großkreuze heulend; ſelbſt der Mayor domo wurde umarmt, und einem Pagen, der eingetreten war, um die Armleuchter vor den Schutzpatronen und Schutz⸗ patroninnen anzuzünden, wiederfuhr die gleiche Ehre. In ihrem Entzücken, hatte die Geſellſchaft nicht bemerkt, daß der Graf mit mehrern Cavalieren eingetreten und nicht wenig befremdet über die ſeltſame Scene, eine Weile ſprachlos dageſtanden war. Erſt als der Mayor domo ſeinen Herrn ankündete, ermannten ſich die armen Cavaliere, und alle eilten auf ihn zu:„ Fünf und zwan⸗ zig, worunter vier Großkreuze,“ jauchzend. Die feinen Geſichtszüge des Weltmannes, weit ent⸗ fernt Spott oder Hohn blicken zu laſſen, ſchienen wieder eben ſo wenig die Freude oder Ueberraſchung ſeiner Gäſte zu theilen. Dieſes mochte auch der Fall mit mehrern der Edelleute ſein, die mit ihm gekommen waren. „Die Ehre,“ ſprach er, indem er ſich ringsumher verneigte,„die unſerm armen Hauſe wiederfährt, den hohen Adel eben ſo unvermuthet, als herablaſſend, in — 168— dieſer ſpäten Stunde in unſern Mauern zu ſehen, iſt ſo überraſchend——“ „Conde,“ ſprach der Marquis, der unter dem Titel von Moncada aufgeführt war,„ Conde,“ verſicherte er gravitätiſch,„es macht Epoche in der Geſchichte Mexi⸗ ko's; fünf und zwanzig, worunter vier Großkreuze——“ „Bei der Mutter des lebendigen Gottes! ſo macht es;“ ſprach einer der Begleiter des Conde, im höchſten Unwillen.„Wirklich macht es Epoche in der Geſchichte Mexiko's zu hören, wie ſieben Hochadeliche Mexikos vor Freuden umherſpringen, daß fünf und zwanzig unſerer Söhne wie gemeine gente irrazionale zuſammengefangen, und zur Armee abgeſandt werden.“ „Aber, Madre de Dios!“ riefen unſere ſieben Edel⸗ leute, höchlich verblüfft.„Aber, Madre de Dios!“ Es traten mehr und mehr Gäſte ein. „Der ſehr edle Marquis de Grijalva irren,“ ſprach der Graf,„in ſofern ſie glauben, daß unſere Com⸗ pairs ſich über die gewaltſame Entreißung eines unſerer wichtigſten Fueros freuen, vermöge deſſen unſere Söhne und vorzüglich unſere Erſtgebornen, als Mayorasgo⸗ Herren vom Militärdienſte befreit ſind. Ihre Ueberraſchung iſt mehr loyal, indem ſie ſich über die Huld Sr. Maje⸗ ſtät äußert, die dieſem Lande fünf und zwanzig Klein⸗ und Großkreuze des königlichen Ordens Carls III. ver⸗ liehen hat.“ „Que los llevan todos los Demonios de los diez — 14169— y siete inſiernos!*) fuhr der Marquis heraus.„„Und wiſſen Sie, Senores, was dieſe Groß⸗ und Kleinkreuze Mexiko koſten? Ei, ſie koſten ihm bereits hundert und fünfzig tauſend ſeiner fleißigſten Einwohner, und hundert Millionen Escudos.**) Sie koſten uns unſere Valencia⸗ nas, unſere Barrancos, unſere Veta negras;**) Me⸗ xiko iſt eine Wüſte, Puebla eine Wüſte, Valladolid eine Wüſte, Queretaro San Louis Potoſt eine Wüſte; das ganze Land in Aufruhr. Senores, ich bürge Ihnen nicht dafür,“ fuhr der hitzige alte Landedelmann fort, „daß Sie, die ſo entzückt ſind über die königliche Huld, von der übrigens Fernandos geheiligte Majeſtät eben ſo wenig wiſſen mag, als unſer Stiefel——” „Jeſu Maria y Joſe! er läſtert, er läſtert!“ ſchrien mehrere der Grafen und Marquis. „Den Teufel auch läſtert er,“ fuhr der hitzige alte Creole fort.„Se. Majeſtät ſitzen im Schloſſe Valen⸗ gey irgendwo in Panama und wiſſen den Teufel was in Spanien, und noch weniger was in Mexiko vorgeht, und dann ſagen wir, der Marquis von Grijalva ſagt es; daß wir ſehr in Zweifel ſind, ob Sie, Senores *) So mögen ſie alle Teufel der ſiebzehn Höllen holen. llevan wird ausgeſprochen ljevan. ***½α) Piaſter. *8*) Die berühmten Erzgänge von Guanaxuato, Bolanos und Sombrerete. bis zum Namenstage Sr. Majeſtät auch noch einen gan⸗ zen Rock haben werden, um die königlichen Decorationen in einem geſunden Knopfloche Platz nehmen zu laſſen.“ Die Heftigkeit des Sprechers, hatte die ſieben Edel⸗ leute mit einem Schauer erfüllt, die dem eines frommen glücklichen Katholiken vergleichbar ſein dürfte, welcher einen verruchten Ketzer auf ſein Idol mit Axt und Schwert zuhauen ſieht. Sie zogen ſich insgeſammt ſcheu zurück. „Wir können uns nicht verhehlen,“ fiel nun der Conde ein, der inzwiſchen mit dem Empfange der ange⸗ kommenen Beſucher beſchäftigt geweſen war,„daß, ſo ſehr wir die allerhöchſte Gnade im Bezug auf die fünf und zwanzig Ordensverleihungen zu ſchätzen wiſſen, eine werkthätigere Hülfe um ſo nothwendiger ſein dürfte, als ohne dieſe der Ruin des Landes unausweichlich iſt. Im Thale von Cuernavaca giengen die vorletzte Nacht ein und zwanzig Zuckerpflanzungen in Rauch und Flammen auf, und wie wir leider Urſache haben zu vermuthen, auf Geheiß unſerer Gebieter.“ Der feine Weltmann, der Achtung für die Würde und Gnade des Regenten mit Schonung der Vorurtheile und Schwächen ſeiner Compairs ſo geſchickt zu verbinden wußte, hatte, indem er zugleich über die Urheber der Drangſale des Landes, einen bittern Tadel ausſprach, ſchnell Anklang gefunden.. „Jeſu Maria!“ rief einer der Sieben,„und uns bringt unſer Ariero Nachricht, daß unſere Hacienda de Trigo*) San Francisco im Baxio rein ausgeplündert—” „Und unſere Real bei Sombrereto zerſtört—“ fiel ein Zweiter ein. „uUnd alles Maſchinenwerk an unſern Schachten an der Valenciana verbrannt und vernichtet,“ klagte ein Dritter. „Jeden Tag mehren ſich unſere Drangſale,“ jam⸗ merte der Vierte;„und ſelbſt der heutige dia de fiesto, ſonſt nur beſtimmt, Jubel zu verbreiten, hat die ganze Stadt mit Schrecken erfüllt. Man hetzt die armen In⸗ dianer ärger, als die Coyotes.” „Es ſind Rebellen, und zwar die Rebellen von Itzcuhar;“ bemerkte der Major, der als Cortejo der Donna gekommen war. „Denen man jedoch die Amneſtie bei dem dreieini⸗ gen Gotte zugeſichert, von allen Kanzeln verkündet hat,“ prach der Graf mit ſtarker, feierlicher Stimme.„ Don Agoſtino Iturbido! Es war Ihre Escadron, die ſich dieſe überflüſſige Grauſamkeit im Angeſichte Mexikos zu Schulden kommen ließ.”“ „Hohe Befehle, erlauchter Graf;“ erwiederte der Major mit einem tückiſchen Lächeln. „ Wir haben nichts gegen Befehle zu erwiedern, *) Landgut zum Ackerbau eingerichtet, zum Unterſchiede von Hacienda de beneſicio das zum Bergwerksweſen einggrichtet iſt. — 12— wir, deren Schuldigkeit es iſt, zu gehorchen;“ ſprach der Graf.„Aber wenn wir,“ und er ſah den Major mit ſeinem durchdringendſten Blicke an,„um von un⸗ ſern Gebietern ein gnädiges Lächeln zu erlangen, unſer Land noch unglücklicher machen wollen, als unſere Ge⸗ bieter— und wahrlich wir thun es— dann dürfte die Zeit bald kommen, wo dieſe uns ſelbſt ſtatt der erſchlagenen Indianer in die Schachten ſenden werden.“ „Es verdad!“ riefen mehrere Stimmen von der Wahrheit getroffen.„Der Anfang dazu iſt bereits ge⸗ macht, und unſer älteſtes Privilegium iſt uns heute ent⸗ riſſen. Man ſendet unſere Erſtgebornen zur Armee, ohne es auch nur der Mühe werth zu halten, uns zu ſagen⸗— „Das wollen wir,“ ſprach eine hellklingende, aber harte Stimme, die einem jungen Manne angehörte, der, in der linken Hand ein verſiegeltes Paket, in der rech⸗ ten ein Augenglas, die Geſellſchaft gemächlich vornehm muſternd in den Saal getreten und ſich dem Grafen ge⸗ nähert hatte. Er war von angenehmer Geſtalt, leicht und gewandt, hatte jedoch in ſeinen Blicken etwas vom Baſilisken. Als er die Creolen flüchtig überſehen, und vornehm⸗ leicht begrüßt hatte, übergab er dem Conde mit einer tiefern Verbeugung und den Worten:„der Wille Sr. Excellenz,“ das Paket. „Wir wiſſen doch nichts im Pallaſte, daß Se. Herrlichkeit eine Tertullia in Ihrem Hauſe haben,“ be⸗ merkte der Höfling lächelnd, während der Todtenſtille, — — 473— die ſein Eintritt verurſacht hatte.„Doch haben ſich Se. Herrlichkeit vielleicht nicht der hohen Regierungs⸗Ent⸗ ſchließung erinnert, in Folge welcher keine Zuſammen⸗ kunft, was immer für einer Art, ohne die ausdrückliche Genehmigung von Sr. Excellenz in Mexiko Statt finden ſolle.“ „Wir haben von einem ſolchen Erlaſſe gehört,“ verſetzte der Graf, und würden nicht ermangelt haben, demſelben Folge zu leiſten. Doch, wie Don Ruy Gomez ſehen, ſo iſt es ein bloßer Willkommensbeſuch Ihrer Herr⸗ lichkeiten, die uns die Ehre angethan haben, uns zu un⸗ ſerer Ankunft in Mexiko Glück zu wünſchen.“ Der Graf hatte ſeine Worte mit einer Verbeugung an die Edelleute umher begleitet. „Sr. Herrlichkeit zu Ihrer Ankunft in Mexiko Glück zu wünſchen,“ fielen mehrere Cavaliere mit jener Ideen⸗ übereinſtimmung ein, die wir an den hohen Gliedern der Ariſtokratie häufig nach einem erquicklichen Dinse bemer⸗ ken, wenn die volle Beſchäftigung der Verdauungswerk⸗ zeuge es unräthlich macht, ihre Verrichtungen durch ſtö⸗ rende Geiſtesanſtrengung zu hemmen. „Se. Herrlichkeit ſind ſehr glücklich in der Achtung Ihrer Compairs, meinte der Höfling,“ die jedoch, die Wahrheit zu geſtehen, eine ſeltſame Stunde zu ihren Ach⸗ tungsbezeugungen gewählt haben.“ „Wenn Don Ruy Gomez der Meinung ſind—” fielen zehn Edelleute erſchrocken ein— — 174— „Wir leben in Zeiten, Senor, wo ſich ſeltſamere Dinge zutragen—“ bemerkte der Graf, der währenddem das Siegel des Paketes aufgebrochen hatte. „Es iſt für Euer Herrlichkeit Privateinſicht;“ be⸗ deutete ihm der Höfling mit einiger Haſt, und nicht ohne Mißbilligung. „Perdon denn,“ verſetzte der Graf,„doch finde ich bloß die Reiſepäſſe unſeres Neffen Don Manuel, und den Befehl, der ihn morgen früh in die Madre Patria abſendet; ob als Gefangener oder Verwieſener, weiß die heilige Jungfrau und Se. Excellenz allein—“ „Was immer die Befehle Sr. Excellenz ſein mö⸗ gen,“ verſetzte der Privatſekretair wichtig,„ſo werden Eure Herrlichkeit wohl thun, ſich ganz Hochdero Willen zu fügen, der, wie Sie wiſſen, immer ſehr gnädige Rück⸗ ſichten für das erlauchte Haus Conde Jagos hatte.”“ Der ſchneidend bitter⸗hohnlächelnde Ton, in dem die ganze Unterhaltung vom Privatſekretair des Satra⸗ pen angefangen und fortgeführt worden war, contraſtirte ſeltſam mit den höfiſchen, abgemeſſenen und zierlichen Worten, die er zu ſtellen wußte. 5, Wir ſind ganz von der Gnade Sr. Excellenz ge⸗ gen unſer armes Haus durchdrungen,“ entgegnete der Conde„„ obwohl wir dieſe Ueberraſchung nicht vermuthet hätten. Zwar iſt Don Manuel nicht unſer Sohn. Wir ſelbſt ſtehen einſam,“ fuhr er mit einer weichern Stimme fort,„aber wir fühlen als Vater. Es ſcheint jedoch, à ——— — 175— unſer Neffe habe die Aufmerkſamkeit und ſelbſt die Gunſt Sr. Excellenz ſehr ſchnell und in hohem Grade zu er⸗ werben das Glück gehabt. Es überraſcht uns dieſes ei⸗ nigermaßen.“. Dieſe Worte, im verbindlichſten Tone ausgeſpro⸗ chen, ſchienen nun wieder den Höfling verlegen zu ma⸗ chen, der den Grafen forſchend anſah. „Eben ſo,“ fiel der Marquis Grijalva ein,„als wir für die Aufmerkſamkeit Sr. Excellenz verbunden ſind, die ſo unerwartet geruhet, unſere Söhne mit dem porte- 6pée zu beehren.“” „„Es iſt traurig, Don Ruy Gomez,“ hob ein Zwei⸗ ter an,„daß die Fueros unſeres Adels uns ſelbſt in un⸗ ſerm Blute nicht ſchützen können; Don Ruy Gomez ſind die rechte Hand Sr. Excellenz, und wenn Deroſelben Fürſprache—“ Mehrere Kavaliere drängten ſich ſofort um die wich⸗ tige Perſonnage, die eine entſprechend protegirende Miene anzunehmen begann, die aber durch eine plötzlich finſtere Wolke wieder verſcheucht wurde. 85, Und iſt es wirklich Sr. geheiligten Majeſtät Wille?““ fragte der Marquis Grijalva;„iſt es wirklich ſein Wille, daß die Erſtgebornen des mexikaniſchen Adels ihrer Pri⸗ vilegien verluſtig gehen ſollen? Wir haben,“ fuhr der derbe, aber etwas ſimple Conde fort,„„ein altes Buch, in dem es gedruckt ſteht, daß, wenn ein Edelmann ſich vor dem Justicia de derecho einſchrieb, und ſo Sicher⸗ heit gab, daß er vor ſeinen Richtern erſcheinen würde, dieſer leiras inhibitorias gab, welche ihn vor aller Gewalt⸗ thätigkeit an Leib und Gütern ſchützten, bis er förmlich nach den Geſetzen gerichtet war. Wurde der Juſtizia oder einer ſeiner Lieutenants für irgend einen ſolchen Ver⸗ hafteten um Hülfe angeſprochen, ſo fertigte er die Mani- festacion aus, das heißt: er nahm den Gefangenen in ſeine Obhut, und fand es ſich, daß er wider die Fueros oder Privilegien, oder ohne förmlichen Rechtszuſtand verhaftet war, ſo ſetzte er ihn in Freiheit. Auch ſagt daſſelbe Buch— 0) Der Sprecher, der, wie er ſich nach Landjunker Weiſe naiv ausdrückte, ein Buch hatte, in dem dieſe alten Pri⸗ vilegien ſtanden, die wirklich für Spanien bis zum Jahre 1519 exiſtirten, hielt in ſeiner Expoſition plötzlich inne. Der Geheimſekretair hatte ihn nämlich mit einem Blicke angeſehen, ſo höhniſch und zugleich böswillig, daß der alte Geſetzforſcher ganz aus der Faſſung kam. „Und haben Euer Herrlichkeit,“ fragte der Höfling, indem er den Sprecher hohnlachend vom Kopfe zu den Füßen maß,„wirklich ein ſolches Buch? Wahrſcheinlich in Kalbsleder eingebunden?“ fuhr er nach einer Pauſe mit demſelben Hohne fort.„Als Antwort auf Ihr Buch, wol⸗ len wir Euer Gnaden ſagen, daß Ihre Söhne ihrer Fue⸗ *) Die wantſche Habens. Corpusakte. Sie wurde von Charles 1(als römiſcher Kaiſer Carl V) aufgehoben. — 121 ros verluſtig worden find, weil ſie ſich deren durch ein dis⸗ loyales Betragen unwürdig gemacht haben. Danken Sie es der Milde Sr. Excellenz, daß Hochdieſelben, aus Rück⸗ ſicht für die Treue der Väter, das Verbrechen der Söhne nicht ſchärfer heimgeſucht haben, als durch eine Strafe, die,“ ſetzte er hinzu,„ſelbſt ſpaniſche Hidalgos für eine Belohnung angeſehen haben würden. Wahrlich! Kava⸗ liere, die ſich erfrechten, Pasquille gegen die geheiligte Perſon Sr. Majeſtät anzuhören, ſind ſehr huldvoll, Sie werden es geſtehen, durch ein goldenes Porte- épée be⸗ ſtraft.“ Die Urſache des Gewaltſchrittes, der vier und zwan⸗ zig Söhne der erſten Familien ihrer Privilegien beraubte, und ſie zwang, die Waffen wider ihren Willen zu ergrei⸗ fen, war ſomit an das Tageslicht gekommen. Die Kava⸗ liere, die von dem Schickſale ihrer Söhne während der Cour und dem darauf folgenden Theater nichts, oder bloß dunkle Gerüchte und die oben erwähnten myſteriöſen Inſi⸗ nuationen des Satrapen vernommen, und erſt jetzt Auf⸗ klärung über die Urſache erhielten, die ihre Söhne, ohne daß ſie gehört oder zur Verantwortung gezogen worden wären, verdammte, unter einem blutdürſtig rohen Manne zu dienen, wurden ſo gänzlich durch die Worte des Höf⸗ lings eingeſchüchtert, daß auch kein einziger etwas zu erwiedern verſuchte. „Ihre Söhne, Senores, fuühr der Geheimſekretair mit ſpaniſcher Grandezza und Schonungsloſigkeit fort, Der Virey. I. 12 „werden unter dem unüberwindlichſten Helden, der die Re⸗ bellen bei Aculco, bei Marfil und an der Brücke von Cal⸗ deron vernichtet, der von Sr. Majeſtät ſelbſt hochgeehrt ſind, unter dieſem Helden werden ſie die Zucht und die loyalen Geſinnungen lernen, die ſie im Verkehre mit den rebelliſchen Gavecilla's vergeſſen zu haben ſcheinen.“ „Wenn,“ ſprach der Conde,„die Mayorasgoherren, unſere erlauchten Compairs, ſich ſo weit vergeſſen haben, Pasquille auf Sr. Majeſtät geheiligte Perſon anzuhören, dann können wir ſie bloß der bekannten Milde Sr. Excel⸗ lenz anempfehlen und von ihrem väterlichen Herzen Mil⸗ derung ihres Schickſals erflehen. Se. Excellenz werden jedoch vielleicht Gnade für Recht angedeihen laſſen, in An⸗ betracht, daß dieſe Anſchließung unſerer Söhne an die kö⸗ niglichen Truppenkorps die Rebellen noch mehr in ihrem Grimme gegen den Adel beſtärken müſſe, deſſen loyale Treue ohnedem bereits der Opfer ſo viele gebracht, und von Freund und Feind ſo bitter heimgeſucht worden iſt.“ „Die Rebellen,“ bemerkte der Geheimſekretair,„ha⸗ ben nach unſerm geringen Ermeſſen den hohen Adel nicht grauſamer heimgeſucht, oder ſich gegen ihn mehr erfrecht, als ſie es gegen die unveräußerlichen Rechte Sr. Majeſtät ſelbſt gethan haben, und wenn der hohe Adel Opfer ge⸗ bracht hat, ſo ſollte, nach unſerm geringen Ermeſſen, der⸗ ſelbe, weit entfernt dieſes zu bedauern, vielmehr in die⸗ ſen Opfern gloriren, da ſie mit dazu dienen, der gehei⸗ ligten Majeſtät einen. Beweis ſeiner unbegränzten Treue —— — 479— zu liefern. Oder wie würden Conde denjenigen nennen, der in einem ſolchen Kampfe Schonung von den Rebellen hoffen oder erbitten, oder Nebenrückſichten geltend machen würde?“ „Don Ruy Gomez gibt uns eine Erklärung,“ ver⸗ ſetzte der Conde,„die eben ſo loyal als richtig iſt. Was uns und unſere Compairs betrifft, ſo ſtehen unſere Güter, unſer Blut Sr. Majeſtät ganz zu Dienſten, und wir ſind eben ſo weit entfernt, Schonung von den Rebellen zu erwarten als anzuſuchen. Aber Don Ruy Gomez wird bemerken, daß Staatsklugheit eben ſo ſehr erfordert, daß man die Kräfte der Getreuen ſchone, als die des Feindes vermindere, und daß Sr. Majeſtät Intereſſe weit mehr gefördert werden dürfte, wenn diejenigen, deren Grund⸗ ſätze anerkanntermaßen loyal ſind, auch in den Stand ge⸗ ſetzt werden, die Regierung zu unterſtützen.“ „Die Regierung zu unterſtützen?“ wiederholte der Geheimſekretair mit dem bitterſten Hohne;„die Regie⸗ rung zu unterſtützen?“ ſprach er mit wegwerfender Ver⸗ achtung.„Wir haben immer geglaubt und ſind immer gelehrt worden, daß Se. Majeſtät der unumſchränkte Ge⸗ bieter in allen ihren Landen und über alle ihre Untertha⸗ nen und deren Güter ſind, Niemandem Rechenſchaft zu geben ſchuldig, als Gott und ihrem Beichtvater. Wahr⸗ lich! es iſt uns ſehr befremdend, hier eine ganz neue Lehre aufgeſtellt zu hören.“ „Niemand zweifelt daran,“ fiel der Marquis Gri⸗ — 180— jalva ein,„daß Se. Majeſtät unumſchränkter Gebieter unſerer Habe und unſeres Lebens ſind; aber wo nichts iſt, ſagt unſer Sprichwort, da hat des Königs Majeſtät ſelbſt das Recht verloren, und wenn unſere gnädigen Gebieter noch eine Weile auf dieſe Art hauſen, dann wird des Kö⸗ nigs geheiligte Majeſtät ihr Recht bald verloren haben.“ „Das iſt ein Grito! Aufruhr! Rebellion!“ ſchrie der Geheimſekretair, im höchſten Zorne erglühend. „Uno grito! Rebellion!“ ſchrie ihm der Mayor und zehn Edelleute nach, und im Augenblicke herrſchte ein Tumult im Saale, der, bei der außerordentlichen Beweg⸗ lichkeit der Kavaliere, beinahe in Thätlichkeiten auszu⸗ brechen drohte. Mehrere liefen ängſtlich im Saale umher, uno grito, Jesu Maria! ſchreiend. „Wir haben zu viel von den Geſinnungen Ihrer Herrlichkeiten gehört,“ ſprach der Geheimſekretair mit lau⸗ ter, erhobener Stimme,„„um uns nicht veranlaßt zu fin⸗ den, Ihnen im Namen Sr. Excellenz anzudeuten, au⸗ genblicklich die Caſa Sr. Herrlichkeit zu räumen und ſich ſofort nach Hauſe zu begeben.“ Dieſe ſonderbare Weiſung, an mehr denn zwanzig Glie⸗ der des erſten Adels von Mexiko in ſeiner eigenen Haupt⸗ ſtadt gegeben, war nicht ſobald ausgeſprochen, als auch die Mehrzahl ſchon Anſtalten machte, derſelben mit aller nur möglichen Haſt Folge zu leiſten. In unausſprech⸗ licher Angſt rannten dieſe armen Kavaliere nach der Thüre, und fingen an nach ihren Hüten und Mangas zu ſchreien. — 181— „Wenn Se. Excellenz, ſprach der Conde,„Don Ruy Gomez zu dieſem Befehle ermächtigt haben, dann müſſen die Kavaliere gehorchen, denn der Wille Sr. Excel⸗ lenz, gleichviel ob gerecht oder ungerecht, iſt Geſetz im Lande. Wenn jedoch Don Ruy Gomez aus eigener Machtvollkommenheit den unſchuldigen Beweis von Ach⸗ tung, den unſere Compairs uns zu geben für gut befun⸗ den—— „Bemühen Sie ſich nicht, Senor Conde,“ unter⸗ brach ihn der Geheimſchreiber mit einem ſchnöden Seiten⸗ blicke;„was wir gethan, werden wir auch zu verantwor⸗ ten wiſſen.“ Mehr denn zehn Kavaliere hatten ſich nun an die Thüre gedrängt, wurden jedoch in ihrem Eifer, dem ver⸗ brecheriſch liberalen Saale zu entfliehen, durch einen ſtaub⸗ bedeckten, ſchweißtriefenden Mann in brauner Jacke, mit rothſammtner Weſte und braunen Lederkamaſchen aufge⸗ halten, der in ſtürmiſcher Eile, von mehreren Dienern ein⸗ geführt, in den Saal drang und dem Grafen ein verſie⸗ geltes Schreiben überreichte. Dieſer riß das ſchmutzige Couvert weg, überflog das Papier, und wandte ſich dann mit demſelben marmornen Ausdrucke im Geſichte, zum Ge⸗ heimſekretair, dem er einige Zeilen zu leſen gab. Der junge Höfling war augenſcheinlich in der großen Hofkunſt noch nicht ſeit langer Zeit eingeweiht; denn das vorige Hohnlächeln war wie ein Aprilſonnenſtrahl vor dem wieder hereinbrechenden Nebel verſchwunden, ſein Geſicht — 182— nahm einen feierlich ehrfurchtsvollen Ausdruck, ſein gan⸗ zes Benehmen einen Anſtand an, von dem früher auch nicht die leiſeſte Spur zu vermerken geweſen. „Jeſu Maria! Was iſt's? Was giebt's?“ ſchrien nun die Kavalieré, die mit athemloſer Spannung dieſe Symptome einer veränderten Gemüthsſtimmung im Geſichte des Herrendieners geleſen hatten. „Sie werden es hören, Senorias,“ wandte ſich der Conde mit derſelben ehrfurchtsvollen Gelaſſenheit an ſie, „wenn Sie ſich bis zu unſerer Rückkehr gedulden wollen, gegen die nun hoffentlich Don Ruy Gomez nichts ferner einzuwenden haben wird. Senorias!“ fuhr er mit erhöh⸗ ter Stimme fort,„die Nachrichten, die uns unſer Correo ſo eben gebracht, ſind von einer ſolchen Wichtigkeit, daß wir nicht umhin können, ſogleich zu Sr. Excellenz zu eilen, um ſelbe Hochdenſelben zur hohen Einſicht vorzu⸗ legen, wobei wir Se. Herrlichkeit den Marquis Grijalva erſuchen, uns zu begleiten, und wenn es,“ wandte er ſich zum Geheimſchreiber,„von einem ſpaniſchen Hidalgo nicht zu viele Herablaſſung iſt, einen Sitz im Wagen eines ar⸗ men mexikaniſchen Graſen anzunehmen, ſo bieten wir die⸗ ſen Don Ruy Gomez ehrfurchtsvoll an.“ Kein Zug von Spott oder Hohn zeigte ſich bei die⸗ ſen Worten in den Mienen des Grafen, und es blieb zweifelhaft, ob ſeine Einladung nicht mit der überreich⸗ lichen Demuth eines Creolen, gegenüber ſeinem ſpaniſchen Gebieter, ausgeſprochen war. Der Geheimſekretair ſchien ſie wenigſtens ganz in dieſem Sinne zu verſtehen. „Wir nehmen,“ ſyrach er ſtockend, obwohl mit al⸗ ler ſpaniſchen Grandezza,„ das Anerbieten Sr. Herrlich⸗ keit des Conde San Jago an.“* Die Beiden entfernten ſich unter dem Vortritte des Mayor domo und mehrerer Diener, und bald darauf ver⸗ kündete das Raſſeln einer Kutſche ihre Abfahrt. Zwölftes Capitel. Die Hölle iſt ledig Und alle Teufel hier. Shakespeare. Noch war die Geſellſchaft über die plötzliche Ver⸗ wandlung des Geheimſekretärs, und den eben ſo uner⸗ warteten, als der ſchuldigen Ehrfurcht zuwiderlaufenden Beſuch, eines ihrer Glieder, bei der höchſten Perſon des Königreiches in bangen Vermuthungen und Zweifeln befangen, die bei den näheren Freunden des Grafen in die ängſtlichſten Beſorgniſſe über das Gewagte des uner⸗ hörten Schrittes übergingen, als ein furchtbar gellendes Geheul, das aus tauſend Kehlen auf einmal hervorzu⸗ brechen ſchien, ſo gewaltig an die Fenſter des Hauſes anſchlug, daß die Scheiben zitternd erklangen. Das Ge⸗ heul, ſchrill und gellend, rollte wie in einem mächtig lan⸗ gen gezogenen Stoße durch die Lüfte, und prallte aus der großen Entfernung, wie in einem Focus an das Ge⸗ — bäude, hielt eine Weile an, erſtarb und brach von neuem los, tobender als zuvor; dann lief es wie ein Lauffeuer die Gebirge Tenochtitlans hinan, wo es in ein furchtha⸗ res Echo von tauſend und abermals tauſend Stimmen ver⸗ einigt, über das ganze Thal hinüber rollte. Ein allgemeines Entſetzen hatte ſich der Zurückgeblie⸗ benen bemächtigt. „Na escampa y llevan guijarras!“*) ſprach der Mayor domo, deſſen bleichbraunes Geſicht eine plötzliche Röthe überflogen hatte—„Nun iſt der Teufel los, das bedeutet etwas mehr als das tolle Lärmen der Lepe⸗ ros drüben in Mexiko; das kommt von den Klüften Te⸗ nochtitlans und den Schluchten Tacubayas herüber. Pa⸗ tiencia Senores,“ beruhigte er die immer ängſtlicher umhertrippelnden, und wieder furchtſam horchenden Creo⸗ len;„Pedro, Cosmo und Hieronymo laufet hinauf ge⸗ gen Capultepec! und Itztlan, komm' her, Junge.“ Und mit dieſen Worten öffnete der alte Mann die Fenſter, und ſah in die Nacht hinaus. Es war eine ſternenhelle Nacht. Vom Itztaccihuatl fuhr zuweilen ein greller Lichtſtrom von einem dumpfen Donner begleitet, herüber, und rollte über das Thal hin, und dann fiel das Geheul und Gebrülle der unſichtbaren Menge ſo ma⸗ jeſtätiſch ein, daß es für einen Augenblick ſchien, als *) Buchſtäblich: Endlich ergießt ſich der Himmel und es regnet Kieſelſteine. — 186— vereinige ſich der Donner des Himmels mit der Stimme des Volkes, um im nächtlichen Schrecken ihre Allgewalt zu verkünden. „Der Itztaccihuatl,“ ſprach der Mayor domo, unge⸗ mein feierlich,„der raſet heute, und ich brauche es Ihro Herrlichkeiten nicht erſt zu ſagen, daß dieſes Unglück und Jammer für Mexiko bedeutet. Die Gavecillas ſind hinter Capultepec, und ſie brüllen von der Tacubaya⸗Straße her⸗ über, und ziehen ſich gegen Buenvista hinauf— Ja, ja, es ſind die Gente irrazionale, ſie toben, und wenn die anfangen zu toben, dann Gnade Gott Mexiko.— Ei, fie wittern auf, und ſie wittern weit; auf fünfzig Meilen ſpüren ſie was vorgeht.“ „Jeſu Maria!“ riefen die geängſtigten Edelleute wieder. „Ei, die Indianer,“ fuhr der alte Mayor domo fort;„ſie haben freilich keine Gazetta, keine Correos; aber ſie wiſſen beſſer was vorgeht, als die Excellenza im Palaſte, und wenn ihrer noch zehn mehr darinnen wären, und ich wette— Itztlan kann uns über ihr Gebrüll beſſer Auskunft geben, als es morgen die lügen⸗ hafte Gazetta thun wird. Itztlan,“ wandte er ſich zu dem Indianer—„was bedeutet das Geheul?“ „Die Gachupins werden es morgen erfahren,“ er⸗ widerte der Indianer trocken. „Jeſu Maria!“ riefen wieder zehn Stimmen. „ Hisht, Senorias! Kennen Ihro Herrlichkeiten die — 187— rothe Natur ſo wenig, daß Sie durch Lamentationen herausbringen wollen, was er, wenn er es vermeiden kann, nicht von ſich geben wird? Patiencia, Senorias! und bringen Sie mir den Indianer nicht aus ſeinem gu⸗ ten Willen.“ Dieſer hatte abermals aufmerkſam gehorcht. Er wandte ſich plötzlich, und wie es ſchien mißmuthig. „Die Patrioten werden Mexiko noch viele Tage nicht ſehen,“ murmelte er zwiſchen den Zähnen, und dann entfernte er ſich. Das Geheul näherte ſich auf einigen Punkten, und dann ging es in ein wirres Geſchrei über, das der Villa immer näher kam. Ein Haufe der Schreier war bis auf tauſend Schritte herangekommen, und brüllte mit furcht⸗ barem Geheule:„Mueran los gachupinos— Viva Mo- rfllos nuestro libertador y conquistador de Cuantla Amilpas!“*) Gleich darauf raſſelte es am Hausthore. Die ganze Villa gerieth in Aufruhr. „Jeſu Maria los Gavecillas— die Rebellen!“ ſchrien mehrere Stimmen. Der Schrecken unſerer armen Cavaliere erreichte den höchſten Grad bei dieſer furchtbaren Nachricht. Sie lie⸗ fen zitternd und zagend im Saale umher, los Gavecillas heulend und kreiſchend. Mitten unter ihnen der Mayor *) Tod den Gachupinos(Spanier). Es lebe Morillos unſer Befreier, der Sieaer von Cuantla Amilvas. — 188— domo, ſie ermahnend, bittend, beſchwörend, ihre Würde nicht ſo ſehr zu vergeſſen. Alles vergebens—„„Paz Senorias!“ ſchrie der alte Mann endlich in Verzweiflung. „Paz, Senorias,“ ſchrie er ſtärker; doch die ge⸗ ängſtigten Creolen hörten die Stimme des Dieners nicht. In ihrem Schrecken hatten ſich einige vor den Schutz⸗ heiligen niedergeworfen, andere rannten zähneklappernd im Saale herum, wieder andere ſuchten ſich hinter den Dienern und ſelbſt den Damen zu verbergen. „Der Conde!“* rief endlich der Mayor domo in der höchſten Tonleiter ſeiner heiſer gellenden Stimme.„Der Conde, Senorias!“ „Der Conde— wo iſt er— der Conde?“ rie⸗ fen alle. „Gegangen,“ erwiederte der Mayor domo,„um mit Sr. Excellenz zu ſprechen, und die Gavecillas ſogleich zu verjagen.“ Und gleich geſchreckten Kindern, denen ihre Amme die Zuſicherung ertheilt, daß ihr Papa ſogleich wieder kommen werde, um das Nachtgeſpenſt zu vertreiben, fingen unſere Grafen und Marquis an ſich allmälig zu beruhigen, und der Mayor domo, nachdem er ſo die ſchwachen Geiſteskräfte ihrer Herrlichkeiten glücklich auf einen Punkt concentrirt, der ſie für einige Zeit zu be⸗ ſchäftigen verſprach, ergriff nun ſeinen Amtsſtab, um die Diener zu ordnen, die mit Erfriſchungen ankamen. „Don Agostino Iturbide, Por el amor de Dios— „ — — 4189— Wo iſt Don Iturbide?“ ſchrien mehrere,„„Jeſu Maria, auch der iſt weg!“ Der Major hatte ſich während des Tumultes aus dem Saale geſchlichen, wobei ihm der Mayor domo und ſämmtliche Diener mit Blicken nachſahen, die, zum wenigſten geſagt, für den Mann nicht ſchmeichelhaft waren. „Laſſen ſie den, Senorias,“ ſprach der Greis un⸗ gemein ernſt und mit einem Nachklange der tiefſten Ver⸗ achtung.„Sie verlieren nichts an dieſem Don Itur⸗ bide, ſo groß und ſtark er iſt. Wollte Gott er ginge, und recht weit von Mexiko; glauben Sie es mir.“ „Anſelmo, was iſt dir wieder?“ fragten Mehrere. „Vienga tiempo, vienga consejo,“ ſprach der Ma- yor domo feierlich.„Kommt Zeit, kommt Rath. Un⸗ ſer Sprichwort ſagt: A picaro, picaro y medio. Mit einem Schurken ſei ein Spitzbube und ein halber drüber, und Senorias, Don Agoſtino iſt der Mann darnach. Vienga tiempo, vienga consejo;“ ſchloß er, worauf er ſeine Dienerſchaft ordnete, die nun zwei Mann hoch, die mannigfaltigſten Erfriſchungen und Getränke in ſilber⸗ nen Geſchirren auftrug. Der Klang kriegeriſcher Inſtrumente der durch die Fenſter drang, unterbrach auf einmal die Stille, die eingetreten war.. Es war die herrliche Janitſcharenmuſik der Regimen⸗ — 4190— ter de la Reina und del principe de Paz, die ſich nun auf der Straße näherten, die durch Pasco nuevo Ca⸗ pultepec vorbei nach Tacubaya hinaufzieht. Der ergrei⸗ fende Anklang der kriegeriſchen Muſik brachte bei den Ca⸗ valieren ganz dieſelbe zauberähnliche Wirkung hervor, die wir früher an der ſogenannten Gavilla zu bemerken Ge⸗ legenheit hatten. Der raſche Aufmarſch einer zahlreichen Cavallerie wurde zugleich hörbar, und dieſe verſetzte die Geſellſchaft eben ſo plötzlich als unerwartet in die ent⸗ gegengeſetzten Extreme. Die athemloſe Stille, die bei dem erſten Trompetenſtoße geherrſcht hatte, wich all⸗ mälig Ausrufungen des Entzückens; die Kavaliere be⸗ gannen regelmäßig den Takt zur Muſik mit ihren Hän⸗ den und Füßen zu ſchlagen, und vergoſſen wieder Freudenthränen, umarmten ſich wieder und trippelten im Saale herum gleich Schiffbrüchigen, die dem offenen Wellengrabe durch ein herannahendes Segel entriſſen werden, und ſtießen jubelnd mit ihren Gläſern auf das Verderben der Patrioten an. Je länger der Zug währte, deſto ungenirter und ungeſtümer wurde ihre Freude, und ſelbſt ihr Muth fieng an zu erwachen, und dieſelben Patrioten, deren bloße Erwähnung noch eine halbe Stunde zuvor ſie in paniſchen Schreck verſetzt hatte, wurden nun Gegenſtände des beißendſten Witzes, und einiger recht artigen bon-mots. Auf die Cavallerie *) Der Königin und des Friedensfürſten. — 4191— waren mehrere Infanterieregimenter und ein ziemlich be⸗ deutender Artillerietrain gefolgt, die, im hellen Fackelſchein vorbeidefilirend, wirklich ein anziehend kriegeriſches Nacht⸗ ſtück darſtellten. Ein lautes Vaya vmd con Dios y con la Vierge folgte den Truppen von Seiten der Cavaliere, ein brummendes Vaya vmd con cien mil Demonios von Seiten der Diener. Als der letzte Pferdehuf verklungen war, wurde das Raſſeln eines Wagens gehört, und ehe noch die entzückten Creolen aus ihrem kriegeriſchen Enthuſiasmus erwach⸗ ten, ſtand der Conde San Jago wieder unter ihnen. Dreizehntes Capitel. Von ſolchen Sachen ſpricht ſichs beſſer drinnen⸗ Meint er. Beppo. „Dios sea labado!“ ſchrien unſere armen Cavaliere, mit einer Energie, die beinahe Herzlichkeit und Mannes⸗ kraft verrieth; doch ſich eben ſo ſchnell verbeſſernd, hiel⸗ ten ſte in ihrem haſtigen Drängen an, und ſahen dem Grafen ſtarr und forſchend ins Geſicht. Auch kein Zug hatte ſich im Geſichte des feinen Weltmannes verändert, und mit der feinen Gelaſſenheit, die den wahren Ariſto⸗ kraten charakteriſirt, begrüßte er zuerſt ſeine Gäſte und ſprach dann:. „Perdon, Senorias, daß Nothwendigkeit uns zwang, Ihre Herrlichkeiten in einem Augenblicke zu verlaſſen, und unſern Beſuch bei Sr. Excellenz auf eine Weiſe zu ver⸗ längern, die im gegenwärtigen kritiſchen Zeitpunkte Sie vielleicht in einige Unruhe verſetzt haben dürfte.“ Zwei Dinge ſchienen in der Rede des beſonnenen Edelmannes aufzufallen. Die Entſchuldigung des Be⸗ ſuches bei der Excellenz, und das Bedauern, daß die Verlängerung dieſes Beſuches ihnen— den Cavalieren— einige Unruhe verurſacht haben dürfte. Die Gleichſtel⸗ lung des Adels mit der höchſten Perſon im Königreiche, die gewiſſermaßen in ſeinen Worten lag, hatte für mexi⸗ kaniſche Cavaliere etwas ſo eigenes, daß ſie ſich ſprach⸗ los anſtarrten. „Ah! Senorias dachten wahrſcheinlich, Se. Excel⸗ lenz dürfte uns vielleicht ein Zimmerchen in dem Hos⸗ pital de San Salvador*) anweiſen haben laſſen, weil un⸗ ſere Zunge in Gegenwart des Geheimſekretairs etwas rauh geweſen.” „Bei meiner Seele!“ fuhr der Marquis fort; „vor achtzehn Monaten dürfte ſo etwas arrivirt ſein! Aber die Zeiten ändern ſich, und der alte Grijalva weiß ſo gut, woher der Wind bläst, als der beſte gallo de viento.*) Meiner Seele,“ rief er nochmals treuher⸗ zig aus,„ich glaube, Se. Excellenz würde noch vor achtzehn Monaten denjenigen Cavalier in ihre beliebten Infernellos haben einſperren laſſen, der es gewagt hätte, nach Mitternacht eine Audienz nachzuſuchen; aber ſo Gott . 4„ **) Irrenhaus in Mexico. **) Weiterhahn. Der Virey. I. — 494— will, ſo wird die arme Nobilitad Mexikos noch im Preiſe ſteigen.“ Nach den offenen Mäulern, mit denen die Mehrzahl den Marquis anhörte, ſchien ſie wirklich nicht ungeneigt, dieſen nächtlichen Beſuch als eine halbe Heldenthat anzu⸗ ſehen.„Und Se. Excellenz?“ fragten endlich mehrere in höchſter Spannung.. „Waren mit der zweiten Excellenz, dem General⸗ Capitain, zwanzig Generälen und ſämmtlichen Oidores noch im Conſejo, wie es hieß, aber in Wahrheit zu ſa⸗ gen bei der Tertullia.“ „Aber Dios! die Etiquette verbietet ja Sr. Excel⸗ lenz—“ fielen mehrere ein. „Eine Tertullia oder ein Diner zu geben;“ ergänzte der Marquis. „So iſt es, Senores, und eben der Umſtand, daß Se. Excellenz gibt, wo Sie früher bloß zu nehmen ge⸗ wohnt waren, beſtimmt mich zu glauben, daß dieſem Lande eine große Veränderung bevorſteht. Ah Senores, Se. Excellenz machen ſich wohlfeiler. Zwar war die Tertullia bei Sr. Excellenz Schwägerin, der königlichen Iſabelle, wie ſie genannt wird, und Se. Excellenz wa⸗ ren anfangs geneigt, befremdet vornehm auf uns herab⸗ zuſchauen; aber es koſtete dem Conde nur ein Wort, und Se. Excellenz wurde ganz Finezza, weiter wurden dieſel⸗ ben ſo ergriffen und bewegt, daß ſie olivengrün und braunſchwarz ausſahen, und zitterten wie ein Schlagaal, und Se. Excellenz, der General⸗Kapitano, fluchte wie ein Ariero und kreuzte ſich wie ein Padre von San Fran⸗ cisco; alles in einer und derſelben Minute.“ Die Schilderung der Gemüthsbewegung der beiden Excellenzen ſchien den Kavalieren wohl zu thun, ſie horch⸗ ten in äußerſter Spannung jedem Worte. „und Se. Excellenz haben wirklich ihre gewohnte Contenance verloren?“ fragten endlich mehrere erſtaunt. „Totaliter!“ fiel der Marquis Grijalva ein.„Se. Excellenz liefen dermaßen bewegt in ihrem Kabinette auf und ab, daß die ganze Tertullia in Unordnung gerieth, und Se. Excellenz, der General⸗Kapitano ins Kabinet geſtürzt kamen, ohne auch nur von einem Camarerio ein⸗ geführt zu werden, und als ſie die Urſache unſeres Be⸗ ſuches erfuhren, ſchworen ſie wie der beſte Lancero; da⸗ für küßten aber Se. Excellenz auch wenigſtens fünfzig⸗ mal ihre Daumen und ſchlugen bei jedem Fluche zwei⸗ mal das Kreuz. Se. Excellenz ſind ein ſehr guter Chriſt; aber Gott gnade den armen Patrioten, die Urſache ſind, daß Se. Excellenz von der Ceres⸗Bouteille weg muß⸗ ten.* „Ihre Excellenzen,“ bemerkte der Conde,„haben das Intereſſe der öffentlichen Ordnung und Sr. gehei⸗ ligten Majeſtät zu ſehr am Herzen, um nicht durch die Kühnheit der Rebellen, die es nun zum zweitenmale wa⸗ gen, mit Heeresmacht vor die Hauptſtadt zu rücken, al⸗ terirt zu werden.”“ — 4 4 — 196— „Und wir glauben,“ fiel ihm der Marquis wieder ein,„daß Se. Excellenz ſich wegen des Intereſſe Sr. Majeſtät eben ſo wenig den Hals abreißen werden, als ſie dieſes in der Madre Patria gethan, wo ſie eine Schlacht nach der andern an die Franceſados und ſelbſt Pepe*) verloren; aber verſtehen Sie, Senores, Se. Excel⸗ lenz haben ſich anheiſchig gemacht, zwei Millionen Es⸗ cudos für die Mühe zu bezahlen, das hartmäulige Me⸗ xiko zu regieren, und nebſt dieſen zwei Millionen Escu⸗ dos dürften Ihre Excellenz noch während der fünfähri⸗ rigen Dauer ihres Vireynato**) gnädigſt geſonnen ſein, andere zwei Millionen für ſich ſelbſt auf die Seite zu legen, und verſtehen Sie, Senores, eine ſo gute Melkkuh auch die Jungfrau von Guadeloupe iſt, es wird ver⸗ dammt ſchwer halten, vier Millionen Escudos aus ihr heraus zu bringen, zwei nämlich für die allerdurchlauch⸗ tigſten Cortez, und zwei für die hohe Excellenz.” Die Art und Weiſe, in welcher die Verhältniſſe der Jungfrau von Guadeloupe oder eigentlich zu reden, des Vicekönigs, mit Mexiko in Verbindung gebracht wurden, dürfte einigermaßen das religiöſe Gefühl unſrer nichtka⸗ tholiſchen Leſer beleidigen, war aber wieder weit entfernt, unſern frommen Kavalieren zu mißfallen. Im Gegen⸗ *) Die Franzoſen. Pepe, Diminutiv von Joſe, wurde König Joſeph genannt. **½) Vicekönigthums. theile, ſie bewirkte eine ungemein heitere Stimmung, und Bravos über Bravos verriethen, daß der derbe Marquis allgemein Anklang gefunden hatte. „Jetzt kriechen Hochdieſelben zum Kreuze, aber zu ſpät;“ fuhr dieſer fort.„ Wir waren auf einmal die beſten Freunde, und Hochdieſelben zwangen uns ſogar, neben ſich und der General⸗Kapitanos Excellenz Platz zu neh⸗ men; eine Gnade, die, ſo viel wir wiſſen, noch keinem armen Mexikaner zu Theil geworden iſt.“ „Perdon,“ fiel der Marquis de Moncada ein,„aber Eure Herrlichkeit vergeſſen Ao 87, wo unſer hochſeliger Herr Vater die hohe Ehre hatten, von Sr. Excellenz gnädigſt eingeladen zu werden, ſich auf demſelben roth⸗ ſammetnen Sopha niederzulaſſen, welches wir bekanntlich nach Sr. Excellenz Abgang als Denkmal viceköniglicher Huld in unſern Beſitz zu bringen und in unſerm Be⸗ ſuchſaale aufzuſtellen ſo glücklich waren, wie unſere Fa⸗ miliendokumente ausweiſen. Unſer hochſeliger Herr Va⸗ ter beliebte dieſer hohen Gnade um ſo häufiger zu er⸗ wähnen, als ihm das unbegreifliche Mißgeſchick paſſirte, ſich auf den hochbegünſtigten Schooßhund Ihrer Excel⸗ lenz niederzulaſſen, und von denenſelben in den Sitz ge⸗ biſſen zu werden.”. „Wahr,“ ſprach der Marquis,„wobei Se. Ex⸗ cellenz gnädigſt Ihrem hochſeligen Herrn Vater zu be⸗ deuten geruhten, ſich zu allen Teufeln zu ſcheren.“ Die intereſſante Aufzählung der dem Hauſe Mon⸗ 8 — — 198— cada wiederfahrnen Gnadenbezeugungen drohte mehrere ähnliche nach ſich zu ziehen, nach den lebhaften Debat⸗ ten zu ſchließen, zu denen ſie unter der Mehrzahl der Kavaliere Veranlaſſung gaben. Der Conde ſchnitt dieſe, zum Mißbehagen der Debattirenden, mit ſeiner Einrede ab. „Senorias!“ ſprach er.„Unſere Lage iſt ſo kri⸗ tiſch, unſere Stellung ſeit einiger Zeit ſo unſicher ge⸗ worden, daß es uns wirklich die höchſte Zeit ſcheint, derſelben einige Augenblicke um ſo mehr zu ſchenken, als es vielleicht Morgen ſchon zu ſpät ſein dürfte, uns ruhig zu beſprechen.”* „Conde! Jeſu Maria! Was ſoll das wieder be⸗ deuten?“ „Senorias!“ ſprach dieſer,„haben ja noch nicht die Urſache gehört, die uns veranlaßte, Sr. Excellenz in dieſer ſpäten Stunde unſern Beſuch abzuſtatten.“ „„Jeſu Maria!“ riefen wieder die Edelleute. „Wir können uns nicht verhehlen,“ fuhr dieſer fort,„daß die Regierung, ja die ganze Exiſtenz des Staates ſehr bedroht iſt, und mit dieſer unſere eigene. Unſer Correo*) hat uns von Cuautla Amilpas Nach⸗ richt gebracht— die der Regierung wurden ſämmtlich von den Rebellen aufgefangen und erſchoſſen— daß Bravo mit dreitauſend Gavecillas in Cuautla eingerückt; daß Gene⸗ ral Muſitu aufs Haupt geſchlagen, Oberſt Soto mit ſei⸗ *) Courier. . — — 499— nem Corps vernichtet; daß Morellas, nachdem er eine bedeutende Heeresmacht vor Acapulso zurückgelaſſen, in der Nähe der Hauptſtadt angekommen, um ſich mit den übrigen Rebellenhäuptern zu vereinigen; daß Vittoria, Cos und Rainon ſich gleichfalls mit ihrem Armeecorps gegen die Hauptſtadt wenden, kurz, daß ſich eine Maſſe von fünfzehn bis zwanzigtauſend Rebellen kaum zwanzig Stunden von Mexico concentrirt, die feſt entſchloſſen ſcheinen, das Ende der Herrſchaft Spaniens herbeizu⸗ führen.— „Jeſu Maria!“ riefen die Kavaliere wieder. Der Conde hielt eine Weile inne.—„Was der hohe Adel,“ fuhr er fort,„von ſolchen Menſchen, wie die Bravos, die Vincente Guereros, die Galeanas und Raynons, die Oſournos zu erwarten habe, werden meine Herrſchaften ohne viele Mühe einſehen.“ „Jeſu Maria!“ riefen die Edelleute. „Se. Excellenz haben willkührlich, grauſam eines der erſten Privilegien des hohen Adels vernichtet, in⸗ dem ſie unſere Söhne zwangen, wider ihren Willen die Waffen zu ergreifen; aber Senorias, nach unſerm Ermeſ⸗ ſen dürfte bei alle dem jetzt kaum die Zeit ſein, über verletzte Privilegien zu klagen, wo unſere ganze Exiſtenz auf dem Spiele ſteht, und in dieſer Rückſicht haben wir uns bewogen gefunden, vertrauend auf Ihre Weisheit und Ihren Patriotismus, einen vorläufigen Schritt zu thun, der ohne Zweiſel von Ihrer Einſicht gebilligt werden — 200— wird. Wir haben vämlich auf die dringlichen Vorſtel⸗ lungen Sr. Excellenz uns bewogen gefunden, derſelben ein Darlehen von Seite des Adels zuzuſichern, und un⸗ ſererſeits den Anfang mit hunderttauſend Escudos gemacht. Sie, Senorias, werden um ſo mehr wiſſen, was in die⸗ ſer Angelegenheit zu thun iſt, als die huldreichen Gna⸗ denbeweiſe Sr. Majeſtät keinen würdigern Kavalieren zu Theil werden können, als den hohen Männern, die be⸗ reits ſo Vieles zur Wiederherſtellung der Ruhe und Ord⸗ nung gethan haben.“ Es würde ſchwer ſein, das Mienenſpiel der Kava⸗ liere während dieſer Rede zu ſchildern; bei jedem Satze waren auch andere Phyſiognomien zum Vorſchein gekom⸗ men. Anfangs war offenbar Verwunderung über die Kühnheit des Grafen, der in einem ſolchen Tone von der Excellenz zu ſprechen wagte, vorherrſchend; dann wurde ihr Blick lauernd, gleich dem des Raubthieres, das ſich anſchickt, ſeine Beute im Sprunge zu haſchen; wieder wurde ihre Miene ausforſchend, wie die des Gerichtsvor⸗ ſitzers. Zuweilen leuchteten ihre Augen freudeſtrahlend auf, und bei Erwähnung der Ordenskreuze verklärte ein frohes Lächeln ihre Züge; ein leiſes Geflüſter trat an die Stelle dieſes ſtummen Mienenſpieles, und es war ſichtlich, daß ſie ſich Alle verſtändigten. Wie mit einem Akkorde näherten ſie ſich dem Grafen, und nahmen einen eben ſo ſchnellen als ängſtlichen Abſchied. Drei ältliche Herren, die wir als Grafen aufführen — 20. gehört haben, waren mit dem Marquis de Grijalva und zwei Jünglingen allein zurückgeblieben; Alle ſahen den ſich Entfernenden im höchſten Erſtaunen nach. „Alle Teufel!“ lachte der Marquis,„habt ihr je ſo etwas geſehen? Ganz Mexiko in Flammen, von ihren Häuſern und Haciendas eines nach dem andern ihnen über die Köpfe zuſammengebrannt, ihre Bergwerke verdorben, und kaum hören die alten Eſel von den Ordenskreuzen, ſo laufen ſie wie beſeſſen, um morgen ſich die Beine ab⸗ zuzappeln und bei irgend einer Camareria Zutritt zu er⸗ halten, der ſie beichten, und dann ihre letzten hunderttau⸗ ſend Duros an den Mann zu bringen.“ „Sehr möglich,“ verſetzte der Conde. „Ich finde es ſogar natürlich,“ bemerkte der Graf Iſtla,„nach dem erleuchteten Beiſpiele, das ihnen Conde de San Jago gegeben. Fürwahr! Euer Herrlichkeit“— er wandte ſich mit einiger Empfindlichkeit an den Gra⸗ fen—„müſſen ganz beſondere Urſachen gehabt haben, eben jetzt eine Regierung zu unterſtützen, die uns ärger als die Gavecillas ſelbſt behandelt.“ „Wir haben bloß unſere Pflicht als loyaler Unter⸗ than erfüllt.“ Der Conde Iſtla war heftig im Saale auf- und ab⸗ gerannt. „Und beſorgen Euer Herrlichkeit nicht, daß unſer ſo decidirtes Anſchließen an die Gachupins in dieſer Kriſis — 202— uns vollends den Gnadenſtoß geben müſſe, falls Morellos und die Patrioten die Oberhand erlangen ſollten?“ „ Unſer ſo decidirtes Anſchließen an die Gachupins?“ fragte der Conde mit einem Blicke, der verrieth, daß beide Grafen ein diplomatiſches Spiel trieben.„Unſer Anſchließen an die Gachupins?“ wiederholte er mit einer ſtärkern Betonung:„Und bleibt loyalen Unterthanen eine andere Wahl übrig, als ſich an diejenigen anzuſchließen, die Se. Majeſtät zu Stellvertretern Ihres ſouverainen Willens, zu Executoren Ihrer königlichen Dekrete uns zugeſandt haben? Doch Conde Iſtla,“ fuhr er, zum Grafen gewendet, fort, der zweifelnd den Kopf ſchüttelte, „ mag ſich vollkommen beruhigen. Was wir von den Patrioten geſagt haben, ſagen wir zwar noch, und Mo⸗ rellos iſt in vieler Hinſicht gefährlicher als Hidalgo; aber der Cura von Dolores, obgleich unfähig ein Kommando zu führen, war unbeſtrittener Generaliſſimus von hundert und zehntauſend Indianern; Morellos hat mit fünfzig Parteigängern zu thun.“ „Die ſich ihm jedoch alle unterworfen haben.“ „ Um ſich ſeinem Oberbefehle eben ſo ſchnell wieder zu entziehen. Conde Iſtla kennt das mexikaniſche Volk zu gut, um zu erwarten, daß ein Vincente Guerero und ein Vittoria, ein Bravo und ein Rainon lange an dem⸗ ſelben Pfluge ziehen werden. Was den Rector betrifft, Senores,“ er wandte ſich zu den Uebrigen,„ſo kennen Sie ihn; aber wir zweifeln, daß ſeine geiſtliche Gelehr⸗ 6 — 205— ſamkeit hinreichen wird, einen Desperado, der eben ſo leicht die Revolution für Wegelagerung aufgeben dürfte, einen Ariero, der wüſte Lieder brüllt, einen ränkeſüchtigen Advokaten und einen verſchmitzten Escribano zur Geſetz⸗ lichkeit und Ordnung zu führen.“ „Wenn jedoch Calleja geſchlagen wird?“ bemerkte der Conde Iſtla. „So zieht er ſich nach Mexiko zurück, das wider⸗ ſtehen wird, trotz dem, daß es keine Wälle und Thore hat. Und dieſelben Leperos, die heute für Morellos brüll⸗ ten, werden dasſelbe gegen ihn thun, wenn ihnen die Regierung Pulque und Tortillas gibt, ſo wie ſie heute gethan haben. Ja, Senores,“ fuhr er fort,„wir waren heute auf vulkaniſchem Boden, und wären die Patrioten vier Stunden ſpäter ausgebrochen, ſo dürfte es ſchlimm um die Gachupins und uns geſtanden haben. Zwanzig⸗ tauſend Duros und einige Flinten⸗ und Kartätſchenſalven haben die Ruhe wieder hergeſtellt, und wenn Sie ſich jetzt in die Tacubaſtraße bemühen, ſo werden Sie Mo⸗ rellos eben ſo viele Pereat's gebracht hören, als Sie ihm vor zwei Stunden Vivats zurufen hören konnten.— Doch, was wollen Sie, Conde?“ fuhr er in ſchärferm Tone fort:„Neutral bleiben, oder ſich zu den Rebellen hinneigen? Glauben Sie, daß ſelbſt der hochgeborne Conde Iſtla vom letzten Patriotenchef als Pair behandelt werden würde, der nun an der Spitze von zweitauſend — 294— Machettos*) ſteht? Die Rebellion hat die Formen zer⸗ riſſen, Conde, und die geſellſchaftliche Ordnung ſelbſt iſt bloß eine Form. Die rohen Maſſen ſind allein übrig ge⸗ blieben, und in dieſe ſollen auch wir geworfen werden— das iſt der Wunſch der Rebellenhäupter.“ Der beſtimmte und abgeſchloſſene Ton, in welchem dieſe letztern Worte geſprochen wurden, ſchien den Wunſch auszudrücken, einer fernern Erörterung dieſes Gegenſtan⸗ des überhoben zu ſein, und die drei Grafen, die dieſen Wink verſtanden, empfahlen ſich und fuhren ab. Der Conde hatte ihnen einen langen Blick nachge⸗ worfen, und ſetzte ſich dann, augenſcheinlich erſchöpft von den Anſtrengungen der Nacht, auf eines der Sopha. Seine Miene, die bisher ruhig, ja kalt geweſen, hellte ſich allmälig auf, und die Züge des edlen Geſichtes ſchie⸗ nen klarer und beſtimmter hervortreten zu wollen, nach⸗ dem die feinoͤſeligeren Berührungen, zu denen offenbar die letzten drei Kavaliere gehört hatten, gewichen waren. Gewiſſermaßen ſchien die ausgezeichnete Kaſte, die in der Geſchichte dieſes Landes eine ſo merkwürdige Rolle inner⸗ halb der letzten zwanzig Jahre geſpielt hat, nun die vie⸗ len Hüllen, deren ſie ſich bediente, allmälig abwerfen und in ihrer wahren Geſtalt hervortreten zu wollen. Nur drei Perſonen waren nebſt dem Grafen zurückgeblieben; *) Das lange Meſſer, das die Mexikaner der untern Stände durchgangig füͤhren. u8——— —— — 2905— aber in dieſen dreien ſchien das Weſen der mexikaniſchen Ariſtokratie gewiſſermaßen perſonificirt zu ſein. Nebſt dem Marquis Grijalva waren noch zwei junge Männer, oder vielmehr Jünglinge, anweſend, von denen der jüngere eine jener Phyſiognomien genannt werden konnte, die man nicht ohne hohes Intereſſe ſehen mag. Es waren die feinſten Züge, die ſich je in einem ariſtokratiſchen Geſichte ſpiegelten; ein ſanftes und zugleich durchdringen⸗ des blaues Auge, das ſeine Abſtammung von leoniſchem Adel verrieth; eine feingeformte, griechiſche Naſe, mit jener gefälligen, intellektuellen Biegung, die dem Geſichte einen Ausdruck von einer mehr als gewöhnlichen Doſis Weltklugheit gab, der aber wieder durch die verführeriſche Anmuth des Mundes und des ganzen Geſichtes gemildert wurde. Die auffallende Aehnlichkeit mit der jungen Dame, die wir bereits kennen gelernt haben, bezeichnete ihn als ihren Bruder. Der Mayor domo hatte ſeinen Amtsſtab erhoben, auf welches Zeichen die Diener die Erfriſchungen auf klei⸗ nen Tafeln vor die Gäſte hinſetzten, und dann den Saal räumten. „Ja, es iſt gewiß,“ ſprach der Conde,„der heutige Tag hätte leicht der letzte der Herrſchaft Spaniens ſein können.“ „Wollte Gott, er wäre es geweſen!“ ſprach der Marquis. „Perdon! Es wäre auch unſer letzter geweſen. Die Gavecillas, wären ſie vier Stunden ſpäter ausgebrochen, hätten Alles über den Haufen geworfen. Nein, Grijalva! Wir kennen nicht die Kunſt zu regieren,— eine ſchwere Kunſt, wenn man ſie nicht gelernt hat; wir würden auf eben die Weiſe in die Hände eines verſchmitzten Aben⸗ teuerers fallen, als alle die Nationen, die zu frühe los⸗ gebrochen ſind. Das große Wort:„Lerne dich ſelbſt kennen,“ gilt Nationen eben ſo wohl, als einzelnen Men⸗ ſchen, und wenn wir es gerade herausſagen wollen, ſo ſind uns die Spanier nothwendig, um unſern Pöbel, un⸗ ſere halbwilden Indianer und wilderen Kaſten im Zaume zu halten.“ „Iſt das dein Ernſt, San Jago?“ fragte der Marquis. „Mein vollkommener Ernſt,“ ſprach der Conde. „Wer ſollte die Regierung des Landes übernehmen, im Falle die Spanier verjagt würden? Der Prieſter Mo⸗ rellos?— Vittoria?— Bravo?— Cos?— Wer hat Anſehen genug, um den zügelloſen Haufen in Schranken zu halten? Wir ſollten glauben, Conde de San Jago——“ verſetzte der Marquis. „Und wo iſt die bewaffnete Macht, die Conde de San Jagos Anſehen aufrecht erhalten würde?“ fragte der Conde.„Vergiß nicht, Marquis, daß wir, der hohe Adel, dem eigentlich die Regierung des Landes zuſteht, auch nicht einmal ein Regiment zu unſerer Dispoſition — 207 haben; daß die Regierung uns ſorgfältig von der Armee entfernt gehalten, und bloß den Mitteladel angeſtellt hat; daß die Patrioten, für ſich ſelbſt ſorgend, keinerdings geneigt ſein werden, die Früchte ihrer Siege, wenn ſie ſolche ja erfechten, uns zu Füßen zu legen; daß wir hülflos daſtehen, langſam daher vorſchreiten, uns ſelbſt erſt die Waffen ſchmieden müſſen, um unſere Rechte zu ver⸗ theidigen, und daß, ſo lange wir nicht gerüſtet ſind, unſer Intereſſe es fordert, uns an Spanien anzuſchließen.“ „und wann wird die Zeit kommen, wo wir gerüſtet ſein werden?“ fragten Alle. „Der Grundſtein iſt durch die Betiſe gelegt, die der Vicekönig heute durch die Abſendung unſerer Söhne gemacht hat. Daß dieſe gewaltthätige Ordre alle die Früchte trage, die Pflege gedeihen machen kann, dafür müſſen wir ſorgen. Es ſind die Iturbides, die Santa Annas, die Barraxis in der Armee; es iſt hohe Zeit, daß der hohe Adel auch ſeine Wortführer in derſelben habe.“ Der alte Marquis fuhr plötzlich wie aus einem Traume auf.„Alſo deßwegen hörteſt du die Inſinuation des Vi⸗ rey nicht, als er ſich erbot, ſeine Ordre zurückzunehmen?“ fragte er mit aufleuchtendem Geſichte. „Almagro und Carlos,“ entgegnete der Conde aus⸗ weichend zu den jungen Kavalieren,„ihr ſeid auf mor⸗ gen beordert, oder vielmehr ſchon heute, euch an die kö⸗ niglichen Truppen anzuſchließen. Gerne würde ich euch — 208.— das Loos erſpart haben, das edle Kriegshandwerk unter dem blutdürſtigen Metzger Calleja zu erlernen; allein——“ Die drei Kavaliere ſprangen auf, und die gefüllten Gläſer hoch emporhebend, riefen ſie mit ſtürmiſcher Be⸗ geiſterung:„Viva!“ Der Graf war ſeinerſeits aufgeſtanden und ſtieß mit ihnen an. Kein Wort wurde bei dieſer merkwürdigen Geſundheit geſprochen. Nur ihre Blicke verriethen, daß alle ſich verſtanden. „Ja, ſprach der Conde, als die drei ſich wieder ge⸗ ſetzt hatten,„auf euch beruht die Hoffnung Mexiko's. Das gegenwärtige Geſchlecht iſt verloren und verdorben. Was dieſe Nacht geſäet hat, müßt ihr wachſen machen. Stufenweiſe erhebt ſich das Gebäude, das den Menſchen zur Wohnung dient; eben ſo langſam bildet ſich die Form, die wir bürgerliche Geſellſchaft nennen. Wer ſie bildet, hat das Recht ſie zu lenken. Laſſen wir uns den Vorrang von den Patrioten abgewinnen, ſo müſſen wir uns unter ſie beugen.— Zerſtören wir die alte Form, ehe die neue vollendet iſt, ſo begräbt uns das einſtür⸗ zende Gebäude unter ſeinen Trümmern. Einen Schritt haben wir gethan— die Waffengewalt in unſere Hände zu bekommen——“ Die abgebrochenen Worte des Grafen wurden von den drei vertrauten Freunden mit athemloſem Stillſchwei⸗ gen angehört. Indem die tiefgelegten Pläne, die in der Bruſt dieſes merkwürdigen Mannes ſchlummerten, ſich ſo allmälig enthüllten, konnte man auch zugleich darin den eigentlichen Keim des Grundriſſes bemerken, den ſeine Partei ſich in dieſem merkwürdigen Kampfe als Leitſtern vorgezeichnet hatte. Der Graf hielt inne, und fuhr ſich über die Stirn, und wie aus einem Traume erwachend, fragte er,„Ma⸗ nuel noch nicht hier? Und ihr habt ihn geſehen, Al⸗ magro und Carlos?“ „Nicht, ſeit wir die Fonda verließen,“ verſetzten die beiden Kavaliere. „Das war ni con prudencia, ni con sagacidad convenientes;“ drohte der Conde, ſanft verweiſend „Und keine Spur von den Urhebern?“ „Keine,“ ſprach Conde Carlos.„Mir ſchien es wie ein Traum, wären die Folgen nicht ſo ganz a l'im- provista gekommen. Ich habe wirklich nie etwas vollen⸗ deteres geſehen Tio; ſelbſt die Juwelen, die der Quasi Kalif trug, waren echt. Ich glaubte den großen Rubin der Moncadas, und den eirunden Diamant Ruys zu bemerken. Sie wiſſen, Tio, was unſer Liebling ſagt: Der Mann, deß Inneres leer iſt von Muſik, Gerührt nicht wird vom Einklang ſüßer Töne.— und die Muſik war ergreifend, die Wahrheit der Darſtellung ſo unübertrefflich, daß man Barbar hätte ſein müſſen——* Der Virey. I. 14 — 2140— Der Graf ſchüttelte mehr und mehr das Haupt, und zog die Glocke. „Anſelmo!“ ſprach er zum eintretenden Mayor domo. „Einige Polizones haben ſich mit der Majeſtät und uns einen groben Scherz erlaubt, der ſehr ſchlimme Folgen haben kann.— Was denkſt du?“ „Daß wir ſie ausfindig machen müſſen. Morgen Abends, ſo Gott will, wollen wir auch mehr wiſſen.“ Der Mayor domo entfernte ſich wieder. „Es iſt ein gefährliches Spiel, dieſes Spiel mit der Majeſtät,“ fuhr der Graf fort, als der Diener den Saal verlaſſen hatte.„Es iſt mit ihr, wie mit der Religion, oder vielmehr dem Aberglauben, der da Gott dahinter wähnt, wo bloß Holz und Flitterſtaat iſt; aber ziehen wir den Schleier weg, und zeigen dem Pöbel ſein Idol in ſeiner Nacktheit, ſo haben wir ihm mit der Enttäuſchung, nicht den Wahn allein, ſondern den Glauben ſelbſt geraubt; wir geben ihm nicht Freiheit, ſondern Zü⸗ gelloſigkeit. Reißen wir den moraliſchen Schleier weg, der die Perſon des Regenten dem Pöbel als gehei⸗ ligt darſtellt, ohne zuvor Geſetzlichkeit und Aufklärung ſubſtituirt zu haben, ſo rufen wir einen Haufen Verruchter auf und an, die kein Geſetz achten. Der Regent, was immer ſeine Fehler ſein mögen, iſt in monarchiſchen Staaten eine moraliſche Perſon, der Achtung gebührt, ſelbſt wenn das Individuum derſelben unwerth ſein ſollte——“ — 211— „Und iſt die geheiligte Majeſtät Fernandos, wirk⸗ lich der nichtswürdige Charakter, als welcher er—— „Er iſt es,“ ſprach der Graf leiſer—„die lieder⸗ lichſte Bedientenſeele, die je durch niederträchtig nichtswür⸗ dige Kammerdiener und Prieſter verdorben wurde, wenn,“ ſetzte er etwas leiſer hinzu,„an einem Blute etwas zu verderben iſt, das ſeit Jahrhunderten nicht mehr Blut, ſondern verdorbene Giftjauche iſt; aber nichts deſto weniger, Senorias, iſt er König, das Haupt der bür⸗ gerlichen Geſellſchaft, und der Stützpunkt, die Krone des Adels, der Ableiter, der die Blitze der Volksſtürme auf ſich zieht, und unſchädlich in die Tiefe leitet. Reißt ihn weg, und das erſte Volksungewitter begräbt euch unter euerm eignen Schutte.— uUnd ſich auf dieſe Weiſe an ſeiner eignen Exiſtenz zu verſündigen, iſt mehr als Verbrechen— iſt Dummheit.“ Der Conde ſank wieder in ſeine vorige Düſternheit zurück. Die Glocke ſchlug zwei, die Kavaliere nahmen Ab⸗ ſchied; nur der jüngſte war allein zurückgeblieben. Der Graf erfaßte ſeine Hand und begab ſich mit ihm in ein entferntes Gemach. „Für dich, Carlos,“ ſprach er, als ſie in dieſem angelangt waren,„haben wir eine Kapitänsſtelle im Regimente Callejas ſelbſt zugeſichert erhalten. Unſer Mayor domo hat bereits für deine Equipirung die nö⸗ thigen Anweiſungen erhalten. Du ſollſt in drei Stunden nach Puebla und Jalappa, um von da einen Transport — 212— nach Veracruz hinab zu führen, der uns ſelbſt einigerma⸗ ßen intereſſirt. Sollte dir ein Zufall auf dem Marſche auf⸗ ſtoßen, und ich befürchte es dürfte der Fall ſein, ſo—“ Er übergab dem Jüngling eine kleine ungeſchlachte Figur, nicht größer als eine Wallnuß; eine verborgene Spring⸗ feder, die er berührte, öffnete die Fratze in zwei Hälf⸗ ten, und zeigte ein Blatt auf dem die Worte:„Secu- ridad, Morelos,,“ geſchrieben waren. „Morelos!“ rief der junge Conde im höchſten Er⸗ ſtaunen. „ Leiſer, Carlos,“ warnte der Conde.„„Er iſt ein wackerer Mann, obgleich er unglücklich enden muß. Wollte Gott, Mexiko hätte mehrere ſeines Gleichen. Bewahre was du empfangen haſt, auf den Fall der äu⸗ ßerſten Noth. Wenn du zurückkehrſt, werde ich noch in Mexiko ſein.“ Der Mayor domo trat wieder ein. „ Alle Vorbereitungen zur Reiſe Don Manuels ge⸗ troffen?“ fragte der Graf. „ Und ſo geht er denn wirklich?“ fragte der alte Diener bekümmert. Der Graf fuhr ſich mit der Hand über die Stirn, und ſah den Diener einen Augenblick mit einem weh⸗ müthigen Blicke an; dann ſich erhebend, begab er ſich mit dem jungen Grafen unter dem Vortritte des Mayor domo in die anſtoßende Hauskapelle, wo die ſämmtliche Dienerſchaft verſammelt war. Ein indianiſcher Prieſter — 2143— ſprach das Abenoͤgebet, worauf ſich der größte Theil der Dienerſchaft zur Ruhe begab. In dieſem Augenblick hörte man den raſchen Galopp eines Pferdes, das den Paseo nuevo herabſprengte; bald darauf wurde die Glocke angezogen, und raſche Fußtritte näherten ſich dem Gemache, wohin ſich die beiden Gra⸗ fen zurückgezogen hatten. Vierzehntes Capitel. In deinem Leben iſt ein böſer Punkt. Schwarz angemerkt, verdammt im Buch des Himmels. Shakespeare. Es war der Jüngling, den wir bereits im Audienz⸗ ſaale des Vicekönigs als Neffen des Conde kennen ge⸗ lernt haben; er trat in ſtürmiſcher Haſt ein, ſein Anzug noch von dem ſchnellen Ritte in Unordnung, ſeine Wan⸗ gen mit einer Fiebergluth übergoſſen, das Bild eines herrlichen, aber zugleich übermüthig, adelsſtolzen jungen Creolen, ganz Feuer und Flamme und jugendliche Toll⸗ kühnheit. Wie der Jüngling ſo eindrang, und dann plötzlich wie feſtgewurzelt da ſtand, ihm gegenüber der nicht minder intereſſante Conde Carlos, fiel der Blick des Grafen wechſelſeitig von dem einen auf den andern, und ein ſchwerer Kampf ſchien ihn für einige Minuten unfähig zu machen, auch nur ein Wort hervorzubringen. Es waren zwei vollkommene Contraſte, dieſe beiden Jüng⸗ linge, der eine mit ſeinem unbeſiegbaren Stolz im feuri⸗ gen Auge, das die Pöbelwelt zum Kampfe herauszufor⸗ dern ſchien, der andere mit den ruhig zarten, und doch wieder männlichen Zügen des intellektuellen Geſichtes, die nur Sanftmuth und Wohlwollen verriethen; aber in der edel gewölbten Stirne, der feingebogenen Naſe, und den kaum merklich, wie zum Spotte verzogenen Lippen ein gewiſſes Etwas verkündigten, dem nur der Jahre zehn mehr fehlten, um ſpielend eine Welt in Wirklichkeit zu gewinnen, die jener im tobenden Kampfe zu erſtürmen, aber nicht feſtzuhalten fähig ſchien. „Ein ſchöner Traum!“ unterbrach endlich der Graf das Stillſchweigen.„Ein ſchöner Traum!“ ſeufzte er ſich mit der Hand über die Stirn fahrend.„Wir haben ihn viele Jahre geträumt dieſen Traum, Manuel— wird er wohl in Erfüllung gehen?““ „Und dieſer Traum, theuerer Tio?“ fragte Don Manuel. „Mexiko, das wie der Phönix in Flammen auflo⸗ dert, aus dieſer Flamme erſtehend, erſtehend durch ſeine inwohnende Kraft, ſein eignes Blut.“ „Dann war es ein Traum, Tio— ein bloßer Traum, ſo wie der Vogel Phönix ſelbſt ein Traum war? „Ein ſchöner, dichteriſcher Traum,“ ſprach der Graf;„unter dem aber eine herrliche Wahrheit liegt.“ „Wenn es Mexiko gilt,“ verſetzte der Jüngling bit⸗ — 216— T ter,„ſo ſchwindet das Herrliche, und nur das Niedrige, Gemeine bleibt.“ „„Manuel!“ ſprach der Graf mit einem forſchenden Blick—„Dieß waren nicht deine Geſinnungen noch vor ſechs Monaten, als du unſere Hacienda verließeſt; das arme Mexiko war damals noch ſo glücklich, etwas hö⸗ her in deinen Hoffnungen und deiner Achtung zu ſtehen.— Was hat es ſo tief herabgeſetzt?“ „»Und Sie fragen, gnädigſter Onkel?“ rief der Jüngling bitter.„Sie fragen, nach der Erfahrung der letzten zwölf Monate? O Land der Schande, das toll⸗ kühn genug iſt, an ſeinen Ketten zu ſchütteln; aber zu feige ſie zu zerbrechen, das ſich in ſie ſchmieden läßt, mit ſeinen Millionen viehiſcher Indianer und viehiſcherer Meſtizen, ſchmieden von wenigen tauſend Spaniern——“ „„ Läſtre dein Vaterland nicht,“ fuhr der Graf ſtrenge auf—„Schande der Zunge, die die Scham ihrer Mutter aufdeckt. Daß Mexiko iſt, was es iſt, elend, verachtet ſelbſt von der verachtetſten, verächtlichſten Na⸗ tion— wem verdankt es dieſes, als eben dieſer Nation?“ „Sich ſelbſt verdankt es ſeine Schande,“ fiel ihm der Jüngling eben ſo heftig ein.„Sich ſelbſt und ſeiner Niederträchtigkeit, mit welcher der ſtolzeſte Creole dem letzten der Spanier die Füße leckt; der Niederträch⸗ keit, mit welcher der Edelſte Mexiko's ſein Land verräth, wenn er ein Kreuzchen in ſein Knopfloch erhält; dieſer Niederträchtigkeit verdankt Mexiko was es iſt.“ — 217— „Wirklich?“ fragte der Conde.„Und wenn dieſer niederträchtige Sklave dennoch endlich ſeine Ketten zu ſchwer findet, und wenn er ſeine blutrünſtigen Arme und Schenkel ſchüttelt, und wenn er dieſe Ketten bricht, und mit ihren Trümmern ſeine Tyrannen erſchlägt, und ſich lieber wieder erſchlagen, als feſſeln läßt?“ „So bleibt er ein Sklave, ein elender niedriger Sklave, in deſſen Körper kein Tropfen edlen Blutes rollt. Sklave bleibt er; weniger als Sklave— Mexika⸗ ner,“ ſprach der Jüngling mit der bitterſten Verach⸗ tung.„Sklave bleibt er ſo ſehr, daß wenn er Hundert⸗ tauſende ſtark iſt, er vor einem Regimente ſeiner Zucht⸗ meiſter zu Paaren kriecht, oder auseinander ſtäubt wie Spreu vor dem Winde.“ „Deine Worte ſind bitter,“ verſetzte der Conde— „Gib acht Manuel, Manuel, daß ihr Stachel nicht auf dich zurückprallt.— Aber was iſt,“ fuhr er mit erhöhter Stimme fort,„derjenige, der, geboren in dieſem Sklaven⸗ lande, vom Schickſale berufen, die Ehre desſelben zu wahren, es im grauenvollen Todeskampfe verläßt? Statt das Sklavenvaterland gegen ſeine Tyrannen zu verthei⸗ digen, einem Phantom nachjagt, das ihm eine treuloſe Phantaſie vorgeſpiegelt?“ „Wenn mein gnädiger Onkel Gehorſam gegen die Befehle des erlauchten Repräſentanten der geheiligten Ma⸗ jeſtät mit einem ſo ſchimpflichen Worte als Deſertion be⸗ zeichnet,“ ſprach der junge Don ſtolz,„dann geſtehe — 218— ich mich derſelben ſchuldig; aber zugleich gebe ich mein Ehrenwort, daß ich die Schande dieſer Deſertion nicht für die höchſte von Mexiko angebotene Ehre vertauſchen würde.” »Neffe,“ ſprach der Graf in einem Tone, der ver⸗ rieth, daß er überſatt der Ausbrüche dieſes ungeregelten Stolzes ſei. Wir müſſen uns verſtändigen, denn die Zeit eilt, und dein Entſchluß muß nun beſtimmen, ob wir länger das Vergnügen haben ſollen, uns deiner Ge⸗ genwart zu erfreuen. Se. Excellenz,“ fuhr er fort, „haben in Folge einer kleinen Unvorſichtigkeit, deren ſich der junge hohe Adel in dem Gaſthofe Traspanna dadurch ſchuldig gemacht hat, daß er ſtaatsverbrecheriſche, gegen die geheiligte Perſon Sr. Majeſtät gerichtete Pasquillen angehört, denſelben zur Armee abfandtes in Betracht jedoch, daß derſelbe Adel mehr überraſcht und mit dem verruchten Vorhaben der Pasquillanten unbekannt, ſich des Verbrechens laesae majestatis nicht vorſätzlich ſchuldig gemacht, demſelben Offizierspatente ausfolgen zu laſſen geruhet, und unſern Neffen, Don Manuel als Be⸗ weis beſonderer Berückſichtigung die Erlaubniß ertheilt, in die Madre Patria zu reiſen, um daſelbſt durch loyale Dienſte im Heere der Kämpfer zur Wiederherſtellung des Thrones Sr. Majeſtät, den Flecken auszuwiſchen, den er auf ſeinen Namen geladen, in welcher Hinſicht Sie dir das Kapitänspatent auszuwirken gnädig verheißen haben.“ ú — — 249— „Eine Strafe, fiel der Jüngling begeiſtert ein,„die ich für das höchſte Ziel meiner Wünſche erkenne.— Tio! Tio!“ Er trat ſtürmiſch auf den Grafen zu, welcher einen Schritt zurückwich. „Vor noch fünf Jahren,“ ſprach der Letztere,„würde eine ſolche Berückſichtigung wirklich wünſchenswerth für einen mexikaniſchen Edelmann geweſen ſein, und dieß um ſo mehr, als die Politik unſerer Oberherren es nicht für räthlich fand, daß ein Mexikaner je ſehe, daß andere Länder beſſer regiert werden, als ſein eigenes; aber die umſtände haben ſich geändert, und wir haben alle Ur⸗ ſache zu glauben, daß das, was Gnade ſein ſoll, irgend einen unheilſchwangern Plan gegen unſer Haus und uns ſelbſt verberge. „O Tio!“ rief der Jüngling feurig,„o Tio, wüß⸗ ten Sie, wie hoch der Virey die Tugenden Euer Gna⸗ den verehrt.“ „Der Virey unſere Tugenden verehren?“ entgegnete der Conde kalt.„Und, wie es ſcheint, im Beiſein un⸗ ſeres Neffen,“ fuhr er mit einem Blicke auf dieſen fort, „den er noch vor zehn Stunden nicht zu kennen ſchien.“ Er holte einige Male tiefen Athem und ging im Kabi⸗ nette auf und ab.„Wir haben Beweiſe von dieſer Ver⸗ ehrung,“ fuhr er fort,„als wir aus der Beſamanos nach Hauſe fuhren, Beweiſe, die uns wahrſcheinlich des Ver⸗ gnügens beraubt haben würden, Don Manuel oder einen der Unſrigen nochmals zu ſehen, wenn nicht der Eifer unſerer Servidumbre und einige Anhäͤnglichkeit des Vol⸗ kes von Mexiko Sr. Excellenz gnädiges Wohlwollen ver⸗ eitelt hätten. Wir haben jedoch,“ fuhr er ungemein ru⸗ hig fort,„noch nicht geendet. Se. Excellenz, durch ſpe⸗ zielle Gründe veranlaßt, haben den etwas gewaltſamen Entſchluß, der uns von unſerm nächſten Blutsverwandten trennen ſollte, aufgegeben, und es dieſem freigeſtellt, nach Spanien abzugehen, oder im Vaterlande zu ver⸗ bleiben.“ Der Jüngling erbleichte. Eine lange Weile verfloß, ohne daß einer der Beiden ein Wort gewechſelt hatte; end⸗ lich ſprang er, im ſichtbaren Kampfe und beinahe außer fich, auf den Grafen zu. „Tio! theuerſter Tio!“ rief er mit ſtürmiſcher Un⸗ geduld,„ich muß fort! ich muß! O, die Furien peit⸗ ſchen mich aus dieſem Mexiko, dieſem entſetzlichen Me⸗ xiko! O Spanien!“ rief er mit der vollen Begeiſterung eines glühend ſüdlichen Gemüthes,„du Land der Hel⸗ den, du Wiege alles Großen und Edlen, du Muſter der Loyalität und Ritterlichkeit, das ſich erhoben, um im furchtbaren, großen Kampfe das angeſtammte Land gehei⸗ ligter Maieſtät, verrätheriſcher Weiſe vom Feinde geſtoh⸗ len, aus den Klauen des Kronenräubers zu retten! Er, die Zierde der Könige, in ſchmählicher Gefangenſchaft? Nein! Tauſende haben ſich erhoben, um die Eindring⸗ linge zu vertilgen; der Donner brüllt über den atlanti⸗ ſchen Ocean herüber; er ruft; Manuel muß ſeinem Rufe gehorchen!“ Der Graf hatte dieſen Pathos, den der Jüngling in einer korrespondirend theatraliſchen Stellung deklamirte, mit ungemeiner Ruhe angehört, nur zuweilen kräuſelten ſich ſeine Lippen in jenes ſarkaſtiſche Lächeln, das derlei Albernheiten dem Aufgeklärten auch wider ſeinen Willen abzwingen. „Und iſt es bloß der Donner der Kanonen, der dich ruft? keine andere Stimme, die vom Tenochtitlanthale dich fortſendet?“ fragte der Graf mit demſelben ruhigen Lächeln um ſeine Lippen. Der Jüngling erröthete und ſtockte. „Und wird das Schickſal deine Entwürfe verwirkli⸗ chen?“ fragte der Graf weiter.„Iſt das Spanien wirk⸗ lich deiner Sympathien würdig? Iſt es wirklich das glänzende Gebilde, das dir deine Phantaſie vormalt? dieſer gefangene König wirklich der edle, leidende Held, den du dir träumſt? das Land der Gonſalvos, der Her⸗ nandez, wirklich der Sammelplatz alles Heldenmuthes?— Armer Junge!“ brach der Graf ab, hob jedoch wieder nach einer kleinen Weile an:„Das Land der Cordovas, der Cortez iſt unter dem verſengenden, verdorrenden Hauch der Prieſter und Königstyrannei eine baumloſe Wüſte ge⸗ worden, von Landſtreichern, Räubern, Bettlern und fau⸗ len Mönchen angefüllt, und von einem Volke bewohnt, das, ſtatt zu arbeiten, ſich ſeine Nahrung vor den Pfor⸗ ten der Klöſter holt,— dieſes dein Heldenvolk hat nicht einmal das Verdienſt, unter eigenen Fahnen zu fechten; es iſt das ſchmählich bezahlte Gold der Ingleſe, das dieſe Bettlernation aufgerüttelt und in ſeinem ſtupiden Enthuſiasmus wach erhält.“ „Läſtern Sie das Vaterland meiner Mutter nicht!“* ſchrie der Jüngling von Zorn überwältigt. „Bloß deiner Mutter?“ fragte der Conde. Der Don erröthete. „Und in dieſes Land, dieſes Paradies von Bettlern und Mönchen willſt du gehen? deinem flehenden, bedräng⸗ ten Vaterlande den Rücken kehren in der Stunde ſeiner Noth, ſeiner Todesangſt? Was wird dieſes Vaterland dazu ſagen!“ „Manuel verachtet dieſes Vaterland;“ verſetzte raſch der übermüthige Jüngling. „Das iſt genug;“ ſprach der Conde, plötzlich auf⸗ ſtehend.„Das Blut deiner Wangen iſt aufrichtiger als deine Zunge. Behalte jedoch dein Geheimniß für dich; ſelbſt fragen wollen wir dich nicht, wo du in den letzten zehn Stunden geweſen, obwohl unſere Freundſchaft viel⸗ leicht einige Aufmerkſamkeit verdient hätte. Wir haben je⸗ doch der Freiheit ſo wenig übrig gelaſſen, daß es grauſam wäre, uns die dürftigen Broſamen, die noch übrig ſind, einander verkümmern zu wollen. Aber Don Manuel! fuhr er fort, und ſeine Stimme wurde ungemein ernſt, „ indem wir dir deine Freiheit hiemit unbeſchränkt laſſen, und uns des ſüßen Troſtes berauben, eine freundliche Stütze unſerer Entwürfe, einen achtungsvollen Pfleger un⸗ ſerer Pläne, einen gefühlvollen Mitbürger mit offenem Herzen für die Drangſale ſeines Vaterlandes uns zu er⸗ halten, ſteht es unſerer Freiheit nicht minder zu, uns vor den Folgen deines Entſchluſſes zu bewahren. Nicht wir wollen deine Freiheit beſchränken, aber eben ſo wenig wollen wir zugeben, daß du die unſere beſchränkeſt.“ Der Jüngling ſah den Grafen ſtarr an. „Geh denn mit Gott,“ ſprach dieſer.„Deines Vaters Diener werden dich begleiten, und wir für die Mittel ſorgen, dich mit dem deiner Familie gebührenden Anſtande in die Madre Patria einzuführen. Aber weiter geziemt es ſich nicht, daß wir gehen. Derjenige, der ſich, über ſein Vaterland und ſeine Blutsverwandten erhaben fühlend, zum Schwiegerſohn des— emporzu⸗ ſchwingen gedenkt, würde ſich wahrſcheinlich zu ſtolz füh⸗ len, um von einem armſeligen mexikaniſchen Conde fürder Unterſtützung zu heiſchen.“ Der Jüngling ſtand wie eine Bildſäule— ſein blei⸗ ches Geſicht auf den Boden geheftet, war er keines Wor⸗ tes mächtig. „Du haſt nicht bloß mit deinem Onkel,“ fuhr die⸗ ſer fort,„du haſt mit dem edelſten Geſchöpfe, das in⸗ nerhalb der Meere Mexikos das Tageslicht erblickt— dem Stolze unſeres Landes— dein herzloſes Spiel ge⸗ trieben. Gleich dem verſchmitzten Sohne Iſacs verläſſeſt — 224— du deine Heimath, um in einem fremden Lande den Phan⸗ tomen deines ſelbſtſüchtigen Ehrgeizes nachzulaufen.“ „Mani!“ rief eine ſchluchzende Stimme, und die liebliche Condeſſa ſchwankte zur Thüre herein, ihr thrä⸗ nenſchweres Antlitz in die Mantilla verhüllt, bebend und zitternd, ihre verweinten Augen wehmüthig auf den Jüngling geheftet. Ihre ſtockend ſchluchzende Stimme vermochte bloß abgeriſſene Laute hervorzubringen. Un⸗ ſchlüſſig ſchwankend, ihre Hände kindlich auf dem Buſen gefaltet, ſchluchzte ſie„Mani! Mani!“ wie ein nahen⸗ der Engel aus höhern Sphären.„ Mani! ſo willſt du uns und unſer armes bedrängtes Mexiko verlaſſen? Mani, um der fünf Wunden! der heiligen Jungfrau willen! Mani! Mani! O gedenkſt du noch jenes feierlichen Schwures, den deine Zunge vor nicht ſechs Monden auf der Höhe von Oaxaca im Angeſichte Gottes und der bei⸗ den Ozeane ausſprach, des feierlichen Schwures, du würdeſt ganz Mexikaner ſein? Und du willſt Mexiko verlaſſen? Mani! Mani!“ Der Jüngling ſtand ſprachlos. „Mani,“ bat ſie, ihre Hände ihm bittend entge⸗ genſtreckend,„„Mani bleibe bei Tio! Bleibe in unſerm armen bedrängten Mexiko! Bleibe!“ rief ſie, ihre Arme faltend. Das leichte Rauſchen, das ihr ſeidenes Nacht⸗ gewand verurſachte, ſchreckte den Jüngling plötzlich aus ſeinen Träumen. Er blickte ſie einen Augenblick ſtarr an, und ſtürzte dann mit den Worten:„Fort von hier!“ aus dem Kabinette. „Einen Neffen haben wir verloren!“ ſprach der Conde mit ſchmerzerſtickter Stimme.„Einen Sohn und eine Tochter haben wir noch. Das iſt der Fluch des Despotismus. Er entzweit uns mit unſern Lieben, mit uns ſelbſt, dem Glauben, der Hoffnung, der Liebe. A dios Kinder!“ Er küßte beide, und entfernte ſich dann. 15 Der Virey. I. Fünfzehntes Capitel. — O du! Verderblicher als Hunger, Peſt und Meere! Schau die betrübte Bürde dieſes Bettes; Das iſt dein Werk. Shakespeare. Die Glocken von den Kirchthürmen hatten mittler⸗ weile fünf geſchlagen, und der Morgen graute von Oſten herüber. Anfangs ein fieberrother Punkt am Itztacci⸗ huatl, der wieder in matte chaotiſche Dunkelheit verglomm, wieder auftauchte und vom Grünrothen ins Aſchfarbige von dieſem ins Dunkelbraun, und vom Dunkelbraunen ins Blaßgoldene ſchillernd, das Auftauchen der Sonne aus dem Ozean verkündete. Noch war es dunkel am Himmel, aber es war eine eigene Dunkelheit; kein Wölk⸗ chen befleckte das reine Himmelsgezelt; die wenigen noch ſichtbaren Sterne ſchienen zu zittern in der Morgenfriſche, und erbleichten, während hinab gegen den Popocapetetl die — 227— rothen Streifen ſeines ſchneeigen Hauptes gleich feurigen Flaggen ſich um ſeine hehren Crater legten. Dann be⸗ gann ein mattes blaſſes Licht zuerſt über die Koppen der Tenochtitlan⸗Gebirge herüber zu brechen, und im Zwie⸗ lichte tauchten ſie auf, eine nach der andern; aber die Stadt lag noch in Finſterniß und Schlaf begraben, und nichts unterbrach die Todtenſtille als das Vigilancia der Schildwachen und das Raſſeln der Todtenkarren, welche die in der Nacht entſchlummerten Leperos in ihre enge Wohnung oder die Hauptwachen abführten. Es war eine eigene Stille, dieſe Stille der Tauſende, dieſes Todtenleben, bewacht von den Wächtern des ertödtenden Despotismus. Am See Chalco und ſeinem Kanale fieng es dann an ſich zu regen, und hunderte von Canoes flo⸗ gen im Schatten der weichenden Nacht über den mehr und mehr erglänzenden Waſſerſpiegel dem engen Kanale zu, begleitet von dem Morgengeſange der Indianerinnen und den Guitarrentönen ihrer Männer. „Jeſu Maria und alle Heiligen, halb fünf Uhr!“ jammerte der Mayor domo, der eben vom rechten Flügel gekommen war, ihm nach mehrere weibliche Diener, die auf den Zehen einhertrippelten, Schrecken auf ihren Ge⸗ ſichtern.„Halb fünf Uhr!“ jammerte der alte Diener, „noch eine Stunde— horch die Glocke von der Kathe⸗ dralkirche— die Stunde, in der der Erzbiſchof die Meſſe anſagte, iſt ja noch nicht gekommen. Wird er gehen?“ „Er iſt ſchon gegangen, aber nicht zur Meſſe;“ 228— flüſterte Don Pinto dem alten Manne in die Ohren. „Zum Teufel mit deiner alten Weiberfrömmigkeit.” „Geſpenſt der Nacht und der Hölle! Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn;“ kreiſchte der Mayor domo, der zurückſchaudernd an den Conde ſtieß, welcher, in ſeinen Schlafrock gehüllt, vorüber in den rechten Flü⸗ gel zu den Gemächern der jungen Condeſſa ſchritt. „Gott und alle Heiligen!“ wehklagte der alte Mann ſeinem Herrn.„Sie liegt noch immer in Ohnmacht, un⸗ bewußt alles deſſen, was um ſie her vorgeht;”“ und er faltete ſeine Hände zuſammen. Der Graf trat in das Kabinet, und die Vorhänge des Bettes öffnend, ſchaute er mit bekümmertem Blicke auf das Engelsgebilde, das weißer denn die Linnen, die es verhüllten, da lag, ob ſchlummernd oder verblichen, würde beim erſten Anblick ſchwer zu errathen geweſen ſein. Gleich einer Alabaſterſtatue von griechiſcher Hand gemeiſelt, lag ſie hingegoſſen, eine Viſion ohne Athem, ohne Bewegung. Erſt nach langen Zwiſchenräumen öff⸗ neten ſich ihre bleichen Lippen, zitterten einige Sekunden leblos und unwillkürlich wie die Blätter vom Hauche des Windes gerüttelt, und ſchloſſen ſich wieder ſo willen⸗ los wie dieſe zur Erde fallen. „So dauert es jetzt ſchon geſchlagene zwei Stun⸗ den;“ wisperte Sancheca, die Doncella,*) der jungen *) Kammermädchen. — 229— Condeſſa zu, indem ſie ſich über das Engelsgeſicht hin⸗ bog und den kalten Schweiß von der Stirne küßte. „Zuweilen,“ murmelte die Duenna mit Thränen im Auge,„ſchaudert ſie auf, zittert, dann ſchlägt ſie die Augen auf und ſtarrt und ſtarrt, als ob ſie ein Geſpenſt ſähe. Sie ſpricht auch mit ſich ſelbſt. Eile, eile glänzendes Segel, eile, führe ihn hinweg, leichtes ſilbernes Segel vom unglückſeligen Mexico zur Bahn des Ruhmes, lispelte ſte im befehlenden Ton, und dann ſprei⸗ tete ſie die Arme aus, als wollte ſie jemanden aus den Klauen eines Ungethümes erretten. Wieder betet ſie, warnt vor den Gachupins; ſelbſt verwünſcht hat ſie die Gachupins. Heilige Jungfrau! mich wundert nur, wo ſie die Verwünſchungen gelernt hat. Der Engel kannte nichts als Beten.“— „ Gerade als Anſelmo uns verließ,“ fiel Sancheca wieder ein,„erhob ſie ſich, und ging mit geſchloſſenen Augen im Zimmer umher, ergriff den Armleuchter und ſuchte in allen Ecken. Sie ſtarrte uns alle an, als ob ſie uns nie geſehen hätte, und dann ſtieß ſte den Arm⸗ leuchter wieder weg, kreuzte ihre Händchen auf dem Bu⸗ ſen, und bat ſo flehentlich, ein Stein hätte ſich ihrer erbarmen mögen. Aber ſie konnte dieſe Anſtrengung nicht aushalten, und wäre geſunken und gefallen, hätten wir ſie nicht aufgefangen. „Du haſt vergeſſen,“ rief Bettina, ein zweites Kammermädchen,„was ſie ſprach, als ſie ſo im Ka⸗ — 230— binette umherſuchte. Ja,“ ſagte ſie, über dieſe Felſen und Klippen muß er hinab ins Bereich des tückiſchen Vo⸗ mito, und Jeſu Maria, die See, die ſtürmiſche See mit ihren alles verſchlingenden Wogen.“ Der Graf, eine Thräne im Auge, bog ſich über die Schlummernde hin. „Nina! Nina: Wollen wir nicht für den Unglück⸗ lichen, der uns verläßt, beten?“ Sie hörte nicht, ſie gab keine Antwort. „Nina! Nina!“ bat er wieder. Ein entfernter Trompetenſtoß, der den Paseo herab⸗ ſchmetterte, ließ ſich im Kabinette hören. Die Augen der ohnmächtig Schlummernden öffneten ſich. „Nina!“ bat der Conde wieder im zärtlich väter⸗ lichen Tone.„Nina, wollen wir nicht für den Unglück⸗ lichen beten, der uns verläßt?“ Auf einmal öffnete ſie die Augen, blickte ſtier und ſtarr um ſich, ſchüttelte das Lockenköpfchen, ſchaute den Grafen wie verwundert an, ſtreckte ihre Arme aus, und ihn um den Hals faſſend, lispelte ſie:„No por siem- pre perdito*).“* Ein zweiter Trompetenſtoß ſchmetterte aus dem Pa- seo nuevo herüber. Ein ſtarkes Detachement Dragoner, mit einem Stabsoffizier an der Spitze, hielt, und ein Jüngling in reicher Uniform ſprang vom Pferde. *) Nicht für ewig verloren. Sogleich war eine zweite heftige Stimme, die Don Manuels, zu hören, der wie raſend ſchrie:„Fort! um's Teufelswillen! Fort, oder ich erſchieße mich auf dem Platze!“ „Jeſu Maria!“ ſtöhnte der Mayor domo:„er iſt Belzebubs, ohne Meſſe, ohne Viaticum, ohne Beichte.“ Selbſt die rohen Dragoner ſchauderten ob der Hef⸗ tigkeit des Jünglings, und ſie bekreuzten ſich mit einem Entſetzen, das dem jungen Edelmanne vollends ſeine Be⸗ ſinnung zu rauben ſchien. Ohne ein Wort weiter zu ſa⸗ gen, warf er ſich auf ſein Pferd, und der Mayor, der ihm ernſt und bedenklich nachgeſchaut hatte, gab endlich das Kommandowort, und der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Die Maulthiere ſchloſſen ſich an die hinterſten Glieder an, in wenigen Minuten war Alles zwiſchen dem Laub⸗ werke der Bäume verſchwunden. Der Graf mit dem jungen Conde hatten ſprachlos den Enteilenden nachge⸗ ſehen. „Was ſoll das?“ ſprach der Erſtere endlich zum jungen Conde, der noch immer verſtört bald durchs Fen⸗ ſter, bald auf das Bette der Condeſſa ſtierte:„es iſt noch eine halbe Stunde vor ſechs.“ „Wir haben plötzlich Ordre zum ſchleunigſten Auf⸗ bruche erhalten. Die Gavecillas zeigen ſich vom Ma⸗ linche herab bis zur Barranca von Juanes, und bedro⸗ hen unſere Kommunikation mit Puebla; die von Nalapa und Veracruz iſt bereits unterbrochen.“ — 232— „Das iſt eine ſchlimme und wieder eine tröſtliche Nachricht,“ ſprach der Graf in tiefem Nachdenken,„eine ſehr ſchlimme und eine ſehr tröſtliche Nachricht. Fürchte nichts, Carlos, für die Nina,“ fuhr er mit bewegter Stimme fort, und ſein Blick fiel wieder auf die Leidende; „ſo ſehr ſind unſere häuslichen Leiden mit denen unſeres Volkes verwoben, daß nur die gänzliche Geneſung des letztern unſern Jammer vollends heben kann. Ja, theurer Carlos, das Leiden deiner Schweſter iſt mir nun Labſal geworden; denn es wendet meinen wahnſinnigen Blick we⸗ nigſtens für einige Zeit von dem Elende meines Vater⸗ landes ab; es iſt Zerſtreuung.“ „Gott! was ſind wir für Menſchen, die hier noch Zerſtreuung ſuchen müſſen. Hermanna Clvira!“*) flü⸗ ſterte er der jungen Gräfin zu, auf die er zueilte und ihr einen Kuß auf die Lippen drückte. Das liebliche Kind öffnete wieder die Augen und ſah den Bruder mit einem troſtlos⸗wehmüthigen Blicke an. „Ay de mi,***) lispelte ſie;„Ay de mi,“ wiederholte ſie, und ſchaudernd, wie gerüttelt vom Fieberfroſte, ſchrak ſie wieder zuſammen.„Perdon a mia estrella,“ bat ſie, „ Perdon Hermanno!“***), und dann hob ſie ihre Hände bittend und entſchlummerte. *) Schweſter Elvira. **) Er iſt fort! sr) Vergebung meinem Sterne! Vergebung, Bruder! „„Jeſu Maria!“ rief der junge Graf,„und ich ſoll gehen und ſie verlaſſen?“ „Fürchte nicht für ſie,“ ſprach der Conde;„an ih⸗ rer baldigen Geneſung zu zweifeln, wäre an ihrem Zart⸗ ſinn verzweifeln. Das Leiden unſeres Volkes iſt ſo groß, daß ſie ihr eigenes darüber vergeſſen wird.“ Und mit dieſen Worten küßten ſich Beide; der junge Graf eilte aus dem Saale dem Detachement der Dra⸗ goner nach. Sechszehntes Capitel. Sollten unſere Leſer zu finden glauben, daß wir gar zu langweilig werden, ſo mögen ſie verſichert ſein, daß wir unſere ganz beſon⸗ dern Gründe haben⸗ Brittiſcher Eſſapiſt. Wir würden uns kaum wundern, wenn unſere Leſer die bisher geſchilderten Scenen mehr als Ausbrüche einer krankhaften Phantaſie belächelten, die in roher Luſt Zerrbilder darſtellt, die nirgends als in ihren ausſchwei⸗ fenden Träumen, ihr flüchtiges Daſein hätten.— Für uns, deren geſellſchaftliche Inſtitutionen, ſich ſo natur⸗ gemäß und human entwickelt, deren Geſetzlichkeit, in Folge dieſer rationellen Entwicklung, ſo feſt begründet und all⸗ gemein iſt, wo der Aermſte ſo wie der Reichſte ſeine an⸗ gebornen Rechte, und die unter ſeiner Mitwirkung feſt⸗ geſetzten Beſchränkungen, eben ſo genau kennt, und männ⸗ lich feſthält, als ſie von ſeinen Vorfahren erkämpft und — 235— vertheidigt worden,— für unſer ernſt politiſches Wirken und Leben dürfte es ſchwer ſein, ein ſo tolles Gewirre ra⸗ ſenden Uebermuthes und ſtupider Feigheit, kraſſen Des⸗ potismus und frecher Zügelboſigkeit, unerträglicher An⸗ maßung, und niedriger Preisgebung der heiligſten ange⸗ bornen Rechte auch nur möglich zu denken; denn es ge⸗ hört wirklich die Vereinigung all der Uebel dazu, die dem Menſchen ſeine Würde rauben, und ihn allmälig zu wenig mehr denn einem Thier herabwürdigen, um ſolche Charakter und Scenen zu verwirklichen; eine Vereini⸗ gung, die wir, trotz aller Klagen, auch nicht im entfern⸗ teſten zu dulden hatten. Nein, ſo drückend auch die An⸗ maßungen waren, über welche die Väter der neuen Frei⸗ heit, und wir mögen kühn behaupten, der Wiedergeburt des Menſchengeſchlechtes, zu klagen hatten, ſo waren ſie doch noch wahre Wohlthaten im Vergleiche mit den fürchterlichen Uebeln, die das Nachbarland ſeit Jahrhun⸗ derten erduldet hat. Uebeln, die aber auch, die Wahrheit zu geſtehen, zu den unſere Vorfahren bürdenden Laſten ganz in demſelben Folgenverhältniſſe ſtanden, welche die friedlich⸗ ruhige Beſitznahme eines unwirthbaren von Niemanden rechtmäßig angeſprochenen Bodens, und hin⸗ wiederum die Eroberungen eines Cortez oder Pizarro nothwendig nach ſich ziehen mußten. Wenn ruhig⸗friedliche und freiheitsſtolze, auf ihre angebornen Rechte eiferſüchtige, und durch politiſche oder religiöſe Verfolgungen in ihrem Vaterlande bedrängte — 236— Bürger, dieſem den Rücken kehren, um in einer Tauſende von Meilen entfernten Wildniß, die in ihrem Vaterlande angefochtenen Rechte ungekränkt zu genießen; wenn ſie und ihre Nachfolger und deren Kinder und Kindeskinder unter ſteten Kämpfen mit wilden Thieren und wildern Menſchen dieſe Wildniß beurbaren; wenn ſich unter ihren raſtloſen Händen blühende Fluren, wohnliche Sitze und reiche Städte erheben; wenn dieſe Bürger durch Geſetz⸗ lichkeit, Fleiß und Fortſchreiten in Aufklärung und den bürgerlichen Künſten allmälig zu Staaten angewachſen, die, ſtark im Bewußtſein ihrer Kraft, ſich ſehnen, ſich ſelbſt Geſetze zu geben, ſtatt dieſe vom entfernten Mut⸗ terlande zu empfangen; die Früchte ihres Fleißes, die Erſparniſſe ihrer Weiber und Kinder zum beſten des eig⸗ nen Landes zu verwenden, ſtatt ſie einer verſchwenderi⸗ chen Ariſtokratie zu thörichten nimmer endenden Ent⸗ würfen und Kriegen in den Schooß zu werfen; wenn ſolche Bürger und zwar die edelſten, die gewiſſenhafteſten, die einſichtsvollſten ſelbſt Hand ans Werk legen und ſich zuerſt in die Breche ſtellen, und ihren Willen zur That werden laſſen, und ſich erheben, um für ihre an⸗ gebornen Rechte zu kämpfen, dann werden dieſe Staaten und der Kampf für ihre Rechte, dieſe bürgerliche Geſell⸗ ſchaft und die Revolution, durch welche ſie ſich vom Mut⸗ terlande losreißen, ganz anders beſchaffen ſein, als die eines Volkes, das durch einen Haufen ſitten- und ge⸗ ſetzloſer Abenteurer, plötzlich über den Haufen geworfen, — 237 Jahrhunderte in einer unerhörten Dienſtbarkeit geſchmach⸗ tet, und nachdem es Jahrhunderte geſchmachtet, endlich losbricht, nicht um angeborne Rechte, von denen es keinen Begriff hat, wieder zu erlangen, ſondern— ſeinen Ra⸗ chedurſt zu befriedigen. In dem erſten Falle iſt es die zur bürgerlichen Freiheit auferzogene Geſellſchaft, die Mündigwerdung des jungen Mannes, der nun in ſeine bürgerliche Rechte eintritt, und dieſe mit männlichem Geiſte, warmem Herzen, und kaltem Verſtande zu verfech⸗ ten weiß; im andern iſt es das Entſpringen des gefan⸗ genen Tigers, der den in ſeinem Eiſenkäſige lange ver⸗ haltenen Grimm auf eine blutige Weiſe zu befriedigen vom Inſtinkte getrieben wird. Das eine Beiſpiel haben die Vereinigten Staaten aufgeſtellt, das andere Mexiko. Geſunken unter den wüthenden Angriffen eines ver⸗ zweifelten Abenteurers, ſeiner Religion, ſeiner Bildung, ſeiner Herrſcher, ſeiner edelſten Männer, ſeiner Tempel, ſelbſt ſeiner Geſchichte beraubt, war das ganze Land, nachdem es in die Hände der Spanier zu fallen das Un⸗ glück gehabt; aus einem blühend ſelbſtſtändigen Staate, eine ungeheure Domaine, ſeine Bewohner eine disponible Horde geworden, der man noch eine Wohlthat zu erweiſen glaubte, wenn man ſie zu Hunderten, zu Tauſenden, wie das Vieh an eine wüſte Soldateska vertheilte. Ihres Eigenthumes, ihrer Aecker, zum Theile ſelbſt ihrer Weiber und Kinder beraubt, herdenweiſe in die Bergwerke ge⸗ trieben, oder zum Laſttragen über unwegſame Gebirge verdammt, war die Geſchichte dieſes beiſpiellos gemißhan⸗ den Volkes, drei Jahrhunderte hindurch ein fortwähren⸗ des Gemälde der unmenſchlichſten Bedrückung geweſen, dem ſelbſt die zu ſeinem Beſten gegebenen Geſetze dadurch, daß ſie gewiſſenloſen Beamten zur Vollziehung anvertraut waren, zu unheilbaren Krebsſchaden wurden. In ihre Dörfer eingebannt, aus denen ſie nur geriſſen wurden, um ihren Peinigern zu fröhnen, hatten ſie im ſtumpfen Dahinbrüten alles verloren, was den Menſchen als ſolchen bezeichnet; nur das Gefühl ihrer Entwürdigung, die Er⸗ innerung an das ausgeſtandene Leiden, und ein inſtinkt⸗ artiges, düſteres Sehnen nach blutiger Rache waren geblieben. In dieſen wenigen Zeilen iſt die Geſchichte zweier Fünftheile der Bewohner Mexikos enthalten, an die ſich eine gleiche Anzahl gleich unglücklicher, gleich verwahrloster, und noch mehr verwilderter und verachteter Geſchöpfe an⸗ ſchloß, die der Kaſten,— Sprößlinge einer thieriſchen Ver⸗ miſchung der Eroberer, und ihrer Nachfolger und Sklaven mit den Eingebornen— mit all dem anſcheinenden Stumpf⸗ ſinne, all der wirklichen Apathie der rothen Race, all der Zucht⸗ und Geſetzloſigkeit ihrer weißen Väter, in eine Welt hinausgeſtoßen, die ſie als ehrlos brandmarkte, alles Eigenthumes beraubt, verdammt zu den niedrigſten Ar⸗ beiten; ein ſteter Gegenſtand der Furcht und des Abſcheues der beſſern Klaſſen, weil ſie nichts zu verlieren, in einer Staatsumwälzung glles zu gewinnen hatten. So waren die — 239— Elemente einer Bevölkerung beſchaffen, die nun durch den Kreislauf der Dinge zum Kampfe für ihre Unabhängigkeit in die Bahn zu treten gleichſam bei den Haaren herbei⸗ gezogen werden ſollte, gleich dem Gladiator der mit der letzten Kraft der Verzweiflung die Feſſeln von den blut⸗ rünſtigen Gliedern bricht, und, um dem Kerker zu ent⸗ ſpringen, ſeine Rettung nur in dem Untergange ſeiner Un⸗ terdrücker ſucht.— Dreihundert Jahre hatte Mexiko Monarchen, die es nie geſehen, gehorcht, ohne auch nur den Gedanken eines Abfalles zu hegen. Zwar hatte der Geiſt der Freiheit, durch die Vereinten Staaten ins Leben gerufen, auch in Mexiko Anklang gefunden; aber dieſer Anklang war ver⸗ hallt, und ein namenloſes Sehnen war Alles, das übrig geblieben war. Das planmäßige uUnterdrückungsſyſtem des Spaniers hatte jeden höhern Aufſchwung erdrückt; der Adel hatte ſich ganz an die Regierung angeſchloſſen, die Mittelklaſſen waren gefolgt, das Volk mußte dieſem Bei⸗ ſpiele gehorchen. Es herrſchte Ruhe, ſelbſt lange nach⸗ dem in den ſüdlichen Kolonien bereits der Aufſtand aus⸗ gebrochen war; dieſe Ruhe war ſelbſt nicht unterbrochen worden, als die Nachricht von der gewaltſamen Beſitz⸗ nahme der Hauptſtadt des Mutterlandes durch ſeine Erb⸗ feinde und der grauſamen Metzelei in derſelben eintra⸗ fen*). Das entrüſtete Mexiko, weit entfernt, die gün⸗ *) Murats Mai 1808. ſtige Gelegenheit zu benutzen, ſeine Unabhängigkeit zu erklären, beeilte ſich vielmehr, die ſprechendſten Beweiſe ſeiner Sympathie für die gekränkte Ehre des Mutterlan⸗ des zu geben, und allenthalben ertönten Verwünſchungen gegen den gewaltthätigen Machthaber, der den wenig ge⸗ kannten Herrſcher ſo heimtückiſch aus ſeinem Erbreiche ge⸗ lockt und in ſtrenger Haft gefangen hielt. Die Kriegs⸗ erklärung der oberſten Junta gegen denſelben Machthaber war mit lautem Beifalle aufgenommen worden, und Alles beſtrebte ſich, werkthätig ſeinen Enthuſiasmus zu bezeu⸗ gen; als ein königliches Dekret anlangte, das ganz Me⸗ xiko verurtheilte, den Bruder deſſelben fremden Machtha⸗ bers als Regenten anzuerkennen, der ſeinen legitimen Für⸗ ſten ſo widerrechtlich entführt hatte. Ein augenſcheinlicherer Beweis von Unwürdigkeit zu herrſchen, konnte wohl nie und nirgends einem Volke ſo deutlich vor Augen gelegt werden, als es in dieſem kö⸗ niglichen Dekrete geſchah. Loyalität war dieſem Volke gewiſſermaßen zum Glaubensartikel geworden; aber ſo wie der blinde Glaube dem abſoluteſten Unglauben weicht, wie der Blindgläubige plötzlich aus ſeinem Wahne geriſſen wurde, ſo war von dem Volke Mexiko's durch dieſe königliche Niederträchtigkeit auf einmal alle Loyalität gewichen. Ge⸗ gen den angeſtammten Monarchen ſich zu empören, würde den Mexikanern ſchwerlich je eingefallen ſein; aber von eben dieſem Monarchen auf eine ſo ſchmähliche Weiſe hin⸗ gegeben zu werden, war eine um ſo ſchmerzlicher gefühlte — 2414— Kränkung, als dieſe letzte Herabwürdigung das Land, bei aller ſeiner Herabwürdigung, noch nicht erfahren hatte. Der Unwille über dieſe königliche Zumuthung war allge⸗ mein, und das Dekret wurde einſtimmig und öffentlich verbrannt. Mit gerechter Entrüſtung gewahrte jedoch das⸗ ſelbe Volk, daß gerade diejenigen, die ſich ihrer Loyali⸗ tät und Anhänglichkeit an die königliche Perſon und ihr Haus am meiſten gerühmt hatten, die erſten waren, die ihre Treue auf den neuen Herrſcher zu übertragen ſich be⸗ eilten. Alle Regierungsbeamte, beinahe alle Spanier, hatten eilig Anſtalten getroffen, das Land dem neuen Herr⸗ ſcher zu überantworten, ohne auch nur zu fragen, ob es auch wolle. Ein einziger hatte einen ehrenvolleren Ausweg eingeſchlagen— Iturrigaray, der Vicekönig. Den feigen und niederträchtig⸗verſchmitzten Charakter ſeines gefangenen Gebieters wohl kennend, hatte er den Plan gefaßt, Me⸗ xiko, dem Wunſche ſeiner Bevölkerung gemäß, demſelben zu erhalten; eine Junta, zuſammengeſetzt aus Spaniern und den angeſehenſten Mexikanern, ſollte eine Volksreprä⸗ ſentation bilden, die bis zur Ankunft beſtimmterer Befehle aus Europa das Land vor allen gewaltſamen Erſchütte⸗ rungen bewahren ſollte. Der Entwurf hatte den Beifall aller Gutgeſinnten Mexiko's erhalten. Alle ſahen mit Frohlocken dem Zeitpunkte entgegen, wo ſie endlich auch in den öffentlichen Angelegenheiten ihres Landes mitſpre⸗ chen ſollten. Der Jubel war allgemein; aber mitten unter dieſem Jubel, mitten unter dieſen Vorbereitungen zur Der Virey. I. 16 — 242— Ausführung des Entwurfes wird der Urheber des Planes, der Vicekönig ſelbſt, von ſeinen eigenen Landsleuten in ſeinem Palaſte überfallen, mit ſeiner Familie verhaftet, nach dem Seehafen von Veracruz abgeführt und als Staatsgefangener nach Spanien eingeſchifft. Dem ſchwächſten Verſtande war es durch dieſe Ge⸗ waltthat klar geworden, daß, ſo lange der Spanier herrſche, der Mexikaner unbedingt Sklave bleiben müſſe; daß er nie hoffen dürfe, an der Verwaltung ſeines Landes Antheil zu haben, und daß an Iturrigaray bloß deßhalb der uner⸗ hörte, geſetzloſe Gewaltſtreich verübt worden war, weil er den Weg zur allmäligen Emancipirung der Creolen bah⸗ nen zu wollen ſich unterfangen hatte. Hatte die niederträchtige Reſignation der angebornen Rechte des Herrſchers, der Legitimität in den Augen des Volkes den Stab gebrochen, ſo hatte dieſer Gewaltſtreich nicht minder mit der Herrſchaft der Spanier gethan. Von dieſem Augenblicke an datirt der Entſchluß, ſich der Spanier auf jede nur mögliche Weiſe zu entledigen, und eine Verſchwörung war die unmittelbare Folge, zu der ſich an hundert der angeſehenſten Mexikaner mit mehreren Hun⸗ derten aus den Mittelklaſſen und dem Militair vereinigten, mit dem feſten Vorſatze, das ſchandbare Joch abzuſchüt⸗ teln,— als wieder die Verrätherei eines der Verſchwornen, der die Verbündeten auf dem Todbette, in der Beichte, verrieth, den Ausbruch derſelben zwar nicht vereitelte, aber beſchleunigte.. Es war um neun Uhr Abends am 15. September 4810 geweſen, als Don Ignacio Allende y Unzaga, Kapitain im königlichen Regimente de la reina, von Gueretaro kommend, in die Wohnung des Pfarrers von Dolores, Padre Hidalgo, ſtürzte, mit der Nachricht, daß dieſelbe Verſchwörung, die Mexiko von der verhaßten Herrſchaft der Spanier befreien ſollte, entdeckt, und daß der Befehl er⸗ laſſen ſei, die Verſchwornen todt oder lebendig einzubrin⸗ gen.— Den ſichern Untergang vor Augen, berathſchlag⸗ ten die beiden Verſchwornen eine Stunde, und traten dann unter ihre Freunde, den feſten Entſchluß verkündend, ihr Leben auf die Freiheit des Vaterlandes zu ſetzen. Zwei Offiziere, die Lieutenants Abaſalo y Bellera und Aldama, mit einem Haufen luſtiger Muſikanten, Tiſch⸗ und Hausgenoſſen des Cura, vereinigten ſich mit den Auf⸗ rührern, und mit dieſen, dreizehn an der Zahl, beginnt die große mexikaniſche Revolution. Während Hidalgo, ein Cruzifix in der Linken, ein Piſtol in der Rechten, auf das Gefängniß losſtürzt und die Verbrecher befreit, dringt Allende mit den Uebrigen in die Häuſer der Spanier, zwingt ſie, ihr Silber und baares Geld auszuliefern, und dann mit dem Geſchrei: „Viva la independencia y muera el mal gobernio!“**) ſtürmen Alle in die Straßen von Dolores. Die ganze 1“») Es lebe die Freiheit! Nieder mit der ſchlechten Re⸗ gierung!(buchſtäblich: es ſterbe die ſchlechte Regierung!) — 241— indianiſche Bevölkerung ſchließt ſich an den geliebten Cura an; in wenigen Stunden iſt der Haufe der Empörer auf einige Tauſende geſtiegen, wozu auf dem Zuge nach Mi⸗ guel el Grande achthundert Rekruten vom Regimente des Kapitains ſtoßen. Unaufhaltſam vordringend, wirft ſich die losgelaſſene Rotte mit den Worten: Tod den Gachu⸗ pins! auf San Filippe; in drei Tagen ſteigt ſie auf zwanzigtauſend; zu Zelaya angelangt, ſchließt ſich ein mexikaniſches Infanterieregiment mit einem Theile des Ka⸗ vallerieregimentes del principe an ſie an. Weiter fort⸗ ſchwellend, wirft ſie ſich, unter dem ſteten Rufe: Tod den Gachupins! auf Guanaxuato, der reichſten Stadt Mexiko's, wo eine dritte Truppenabtheilung ſich zu ihr ſchlägt. Von allen Seiten ſtrömen nun die Indianer her⸗ bei, und die Horde wächst auf fünfzigtauſend an. In Guanaxuato wird die feſte Alhondega*) im Sturm genom⸗ men, die ſämmtlichen Spanier und Creolen, die ſich mit ihren Schätzen dahin geflüchtet, niedergemacht; über fünf Millionen harte Piaſter fallen den Aufrührern als Beute in die Hände. Der Fall dieſer Stadt zieht eine ungeheuere Menge Indianer aus allen Theilen des Rei⸗ ches herbei; die Horde ſteigt auf achtzigtauſend Mann, worunter aber kaum viertauſend Gewehre ſind. Unauf⸗ haltſam dringt ſie über Valladolid nach Mexiko vor, wirft den Oberſten Truxillo bei Las Cruces über den Haufen, *) Alhondega de granadilas, ein Getreidemagazin. und zieht am 31. Oktober die Hügel von Santa Fe herab, die Hauptſtadt des Königreiches im Angeſichte, in deren Mauern dreißigtauſend Leperos nur des Zei⸗ chens zum Angriffe harren, um den Kampf innerhalb der Stadt zu beginnen. Bloß zweitauſend Linientruppen ſind zur Vertheidigung der Hauptſtadt vorhanden; Calleja, der Oberfeldherr, iſt hundert Stunden von Mexiko; ein an⸗ derer Obergeneral, der Graf von Cadena, ſechzig; der Rücken iſt gleichfalls von den Patrioten aufgeregt; auf der Straße von Tlalnepatla rückt ein Patriotenchef zur unterſtützung Hidalgo's heran; der Vicekönig trifft bereits Anſtalten zum Abzuge nach Veracruz; das Schickſal von Mexiko iſt, allem Anſcheine nach, ſeiner Entſcheidung nahe— ein raſcher Angriff, und die Herrſchaft der In⸗ dianer iſt wieder hergeſtellt. Aber am folgenden Tage zieht ſich Hidalgo mit ſeinem hundert und zehntauſend Mann ſtarken Schwarme zurück; Mexiko iſt gerettet; aber die Leidensgeſchichte der Patrioten fängt nun an. Am 7. November bei Alculco von dem vereinigt ſpa⸗ niſch⸗creoliſchen Heere geſchlagen, trifft bald darauf Allende bei Marfil ein gleiches Loos, und eine dritte Schlacht bei Calderon entſcheidet das Schickſal des erſten Feldzuges, deſſen Urheber, Hidalgo, mit fünfzig ſeiner Gefährten bald darauf verrätheriſcher Weiſe bei Acalito gefangen ge⸗ nommen, mit ſeinem Leben büßte. Der erſte Aufzug des revolutionairen Drama's war beendigt, ſechs Monate nachdem der blutige Varhang — 246— aufgezogen worden war; aber die Brandfackel, weit entfernt, mit dem Falle des Führers verlöſcht zu ſein, hatte ſich nur getheilt, um in zahlloſen Flammen das ganze Reich deſto ſicherer im allgemeinen Brande auflo⸗ dern zu machen. Tauſende derjenigen, die ſich von den Schlachtfeldern von Aculco, Marfil und Calderon geret⸗ tet hatten, durchzogen nun die Intendanzen, einen Ver⸗ tilgungskrieg beginnend, der langſam, aber ſicher die un⸗ verſöhnlichen Tyrannen aufreiben ſollte. Die meiſten die⸗ ſer Haufen waren von Prieſtern, Advokaten, oder Aben⸗ teurern befehligt, die ohne Bildung, bloß durch ihren Haß gegen die Gachupins ausgezeichnet, ohne Plan oder Ue⸗ bereinſtimmung handelten. Noch hatten ſich nur wenige von der beſſern Klaſſe der Creolen an die Aufrührer ange⸗ ſchloſſen, im eigentlichen Sinne des Wortes waren es noch immer bloß die Indianer und Kaſten, die der Geſammt⸗ bildung und dem Eigenthume des Landes gegenüberſtan⸗ den, und die Herrſchaft der Spanier, obwohl erſchüttert, hatte an den Creolen ſelbſt ihre ſtärkſte Stütze gefunden. Dieſe, obwohl verhältnißmäßig weniger gedrückt als die Indianer und Kaſten, hatten ſich mehr ſo gefühlt, weil ſie aufgeklärter, ihre Rechte, wenn nicht deutlicher er⸗ kannten, doch lebhafter ahnten, als die ſtumpffinnige, bloß durch Rachedurſt angetriebene rothe und gemiſchte Race. Kinder von Vätern, die Spanier waren, und als ſolche mit ſouveräner Verachtung auf alles was Creole hieß, ja ſelbſt auf ihre eignen, in Mexiko erzeugten Kin⸗ der, herabſahen, hatten dieſe, ſo zu ſagen, den Haß gegen die Spanier mit der Muttermilch eingeſogen. Weit entfernt die Rechte ihrer Väter nach dem Buchſtaben der königlichen Verordnungen zu genießen, waren ſie ſchon durch ihre Geburt in dem zinsbaren Lande, in den Volkshaufen zurückgeſtoßeen, um durch immer wieder und wieder ſich erneuernde Scharen gieriger und hochmüthiger Beamten, die in Lumpen kamen, und mit Hunderttau⸗ ſenden das Land verließen, ausgeſogen zu werden. Im Beſitz der ſchönſten Ländereien und ſeiner unermeßlichen unterirdiſchen Reichthümer, hatte ſelbſt Beſitzthum bei ihnen ſeinen Reiz verloren; denn des Spaniers Willkür kannte kein Eigenthumsrecht, und er war im Namen ſeines königlichen Meiſters der unumſchränkte Herr alles Eigenthumes. Ein ſolcher Zuſtand hatte mit der ſchmerz⸗ lichſten Erbitterung endlich den Wunſch nach Befreiung von dieſer ſchamloſen Herrſchaft allgemein erregt, und durch die Verſchwörung waren auch alle Anſtalten dazu getroffen geweſen. Sie ſollte, wie geſagt, an einem Tage über ganz Mexiko ausbrechen, und unmittelbar ſollten Creolen an die Stelle der zur Verhaftung beſtimmten, ſpa⸗ niſchen Regierungsbeamten treten, die Seehäfen zugleich beſetzt werden, und ſo durch Abſchneidung jeder Unter⸗ ſtützung von dem benachbarten Cuba, die königliche Re⸗ gierung gewiſſermaßen in ihrem eignen Netze gefangen und erſtickt werden. An dem erwähnten unglücklichen Verrathe eines Prieſters, ſcheiterte der ganze Plan und — 248— Hidalgo, zu tief verwickelt, um ſeinem unvermeidli⸗ chen Schickſale zu entgehen, hatte den Ausbruch der Revolution beſchleunigt, und auf die Creolen, die ſich gro⸗ ßentheils aus der Schlinge gezogen, erbittert, mit ſeinen Indianern einen Vertilgungskrieg begonnen, der Beide, Spanier und Creolen gleich feindſelig behandelte. Dieſer furchtbare Mißgriff, der nun Spanier und Creolen gleich hart traf, hatte das Schickſal des Auf⸗ ſtandes ſelbſt entſchieden, und die Creolen gezwungen gegen ihren Willen ſich an dieſelben Spanier anzuſchließen, zu deren Verderben ſie ſelbſt den erſten Grundſtein ge⸗ legt hatten. Es war vorzüglich durch ihre Mitwirkung geſchehen, daß die drei Schlachten gegen die Rebellen gewonnen worden waren; allein die Spanier, weit ent⸗ fernt für dieſe Mitwirkung dankbar zu ſein, ſahen in der ganzen Creolen⸗Bevölkerung nur die mißgünſtigen Re⸗ bellen, die in der Ausführung ihrer Pläne geſcheitert waren. Ueber einen Aufſtand erbittert, der ihrem Könige ſeine Suprematie, und ihnen ſelbſt die Ausbeutung des reichſten Landes der Erde zu entreißen gedroht hatte, fiengen ſie an, darauf hin zu arbeiten, ſich nicht nur der Rebellen ſelbſt auf alle mögliche Weiſe zu entledigen, ſondern auch der Möglichkeit einer künftigen Empörung auf eben die Art vorzuſehen, wie unſere Bienenjäger den Stichen der wilden Schwärme vorbeugen, deren Honig ſie ſich ungeſtört zuzueignen im Sinne haben, ſie näm⸗ — 249— lich mit Feuer und der Axt zu vertilgen. Vierundzwan⸗ zig große und kleine Städte mit zahlloſen Dörfern waren in den achtzehn Monaten des Krieges bereits von den Spaniern von Grund und Boden aus zerſtört, ihre Be⸗ völkerung ohne Unterſchied vertilgt worden, aus keiner andern Urſache, als weil ſie die Inſurgenten vorzugs⸗ weiſe begünſtigt hatten. Noch nicht zufrieden mit den Hunderttauſenden, die Feuer und Schwert gefreſſen, hat⸗ ten ſich die Blinden Legitimitätsdiener nicht entblodet, im Namen des dreieinigen Gottes und der heiligen Jung⸗ frau, die feierlichſte Amneſtie durch den Mund der Kirche zu verkünden, um die leichtgläubigen Elenden, die die⸗ ſen Verſicherungen trauten, ohne Erbarmen zu vertilgen. Eine ſo entſetzliche Treuloſigkeit ließ natürlich keine Mög⸗ lichkeit einer Wiederausſöhnung mehr zu, und die plötz⸗ liche Wendung, die der Gang der Revolution zu gleicher Zeit zu nehmen anfing, ſchien endlich die ganze Be⸗ völkerung gegen dieſe elenden Tyrannen vereinigen zu wollen. Unter den Abenteurern die, Ruhm oder Beute ſuchend oder von Haß gegen die unterdrücker angetrie⸗ ben, ſich zu Hidalgo auf ſeinem Triumphzuge von Gua⸗ naxuato nach Mexiko gedrängt hatten, war auch ſein Jugendfreund und Schulgefährte Padre Morellos, Rector Cura*), von Nucupetaro geweſen. Von dem Generaliſſi⸗ *) Der Pfarrer; weltgeiſtlichen Standes heißen ſie Rec⸗ tores Curas, die Kloſtergeiſtlichen Padres Euras. d. mus, Hidalgo, brüderlich aufgenommen, hatre er von dieſem den Auftrag erhalten, die ſüdweſtlichen Provinzen des Königreiches in Aufſtand zu verſetzen. Mit dieſem gefährlichen Auftrage ausgerüſtet, hatte ſich der ſechzig⸗ jährige Prieſter, bloß von fünf Anhängern begleitet, in die Intendanzen ſeiner neuen Militärdiviſion begeben, war in Petalan auf zwanzig Neger geſtoßen, die er durch das Verſprechen der Freiheit, ihm zu folgen be⸗ wog, und bald darauf von mehreren Creolen mit ihrem Anhange verſtärkt worden. ungleich ſeinem Vorgänger, fing dieſer Prieſter den Krieg im Kleinen, nach Art jener Guerillas an, die im Mutterlande die Kraft des Feindes ſo wirkſam gebro⸗ chen hatten. Allmälig die Sphäre ſeiner kriegeriſchen Thätigkeit erweiternd, hatte er mehrere nicht unbedeutende Siege über die ſpaniſchen Generäle, in einem ſechszehnmo⸗ natlichen kleinen Kriege, davon getragen. Das Gerücht ſchilderte ihn als einen ernſten Mann, ganz das Gegen⸗ theil vom leichſinnig raſchen Hidalgo, begabt mit einem durchdringenden Verſtande, von tadelloſen Sitten„ und weit liberalern Anſichten, als man ſie von einem mexi⸗ kaniſchen Prieſter und ſeiner beſchränkten Erziehung hätte erwarten ſollen; der Einfluß, den er auf die Indianer ausübte, ſollte ans Unglaubliche gränzen. Dieſer Mann nun war an demſelben dia de fiesto, an welchem unſere Geſchichte beginnt, an der Spitze einer kleinen Armee in der Nähe von Mexiko angekommen; die bedeutendſten Chefs der Patriotenkorps, unter denen Vitkoria, Guerero, Bravo, Oſſourno, hatten ſich ſeinen Befehlen unterworfen, und das moraliſche Uebergewicht ſeines Namens ſchien endlich bewirken zu wollen, woran es ſeit dem Tode Hidalgos gefehlt hatte, Uebereinſtimmung in den Kriegsoperationen der Patrioten, und eine Disziplin unter ihren Truppen, die dem Lande Vertrauen einflößen konnte. Auf dieſen Mann nun begann Mexiko die Augen ſehnſuchtsvoll zu richten. Er oder keiner, das war der allgemeine Glaube, konnte das Land befreien. Tauſende von Creolen hatten ſich bereits an ihn angeſchloſſen, und Tauſende waren auf dem Punkte dieſem Beiſpiele zu fol⸗ gen. Der Enthuſiasmus nahm ſtündlich zu, und ſelbſt der gewiſſe Tod der jeden traf, der auch nur Wünſche für Mexiko laut werden ließ, konnte die Aufregung unter der jüngern creoliſchen Bevölkerung nicht ſtillen. Die rei⸗ fere Mehrzahl ſchwankte jedoch noch immer unentſchloſſen. Gänzlich in der Gewalt der Spanier, denen ſie ſich, um Schutz vor den wüthenden Horden Hidalgos zu finden, in die Hände liefern mußten, und argwöhniſch von dieſen bewacht, fehlte es ihnen eben ſo ſehr an der Kraft, ſich ihren Tyrannen zu entziehen, als am Willen ſich an die neuen Befreier anzuſchließen. Der mißlungene Verſuch Hidalgos hatte ihr Vertrauen auf die Möglichkeit einer Befreiung erſchüttert, die Grauſamkeiten der India⸗ ner gegen ihre Brüder ihre Begeiſterung eingeſchüchtert. Noch gellte ihnen das Wuth⸗ und Rachegeſchrei der — 252— Indianer in den Ohren. Würde Morellos auch im Stande ſein, Calleja die Spitze zu bieten, gegen den Hidalgo und Allende mit ihren Hunderttauſenden, das Feld bei jedem Zuſammentreffen verloren hatten? ſelbſt im Falle eines Sieges im Stande ſein, Kriegszucht und Ordnung unter den zuſammengelaufenen Scharen aufrecht zu erhal⸗ ten? Würden die Abenteurer, von denen die meiſten Ab⸗ theilungen des Patriotenheeres befehligt waren, nicht viel⸗ mehr ihren Sieg benützen, um das unglückliche Land mit allen Schreckniſſen, die einen zuchtloſen, ſiegtrunkenen Re⸗ bellenhaufen begleiten, heimzuſuchen? Solches waren die Fragen, die ſich tauſende der einſichtsvollern Bürger nicht nur der Hauptſtadt, ſondern des Landes aufdrängten, und ihre Thatkraft in dem Augenblicke hemmten, wo dieſe zur Vertreibung der Spanier in Wirkſamkeit treten ſollte. Alle haßten die Spanier bitter und blutig. Alle hatten gelitten, und litten noch immer von den unerträglichen Anmaßungen und der Geſetzloſigkeit dieſer bigotten nimmerſatten Eindring⸗ linge; aber dieſe Eindringlinge hatten trotz ihrer Geſetzloſig⸗ keit Ordnung gehandhabt, deren Werth nun in der allge⸗ meinen Zerrüttung ſo fühlbar geworden war. Die perſön⸗ liche Sicherheit und die Rechte des Eigenthums, wenn auch häufig verletzt, waren doch nie ſo en gros über den Haufen geworfen worden. Hatten dieſe Gründe ſchon auf die Geſinnungen und das Betragen der Mehr⸗ zahl der bemitteltern Mittelklaſſen bedeutenden Einfluß geäußert, ſo mußten ſie es noch weit mehr bei der am — 253— meiſten bevorrechteten Kaſte, dem hohen Adel, der bei einem Umſturze der Ordnung natürlich am meiſten zu ver⸗ lieren hatte. Mehrere dieſer Familien bildeten, wie ge⸗ ſagt, eine Munizipal⸗Ariſtokratie, die beſonders über die Indianer und die mit ihnen verwandten Kaſten eine ſehr drückende Herrſchaft ausübten; die Revolution, die nicht nur dieſer drückenden, ganz eigenthümlich ſchänd⸗ lichen Herrſchaft ein Ende zu machen, ſondern ſie auch in die Klaſſe der übrigen Bürger zu werfen, und was beſon⸗ ders ſchrecklich für ſie war, ihnen ihre Adelsdiplome und Ordensdekorationen zu entreißen drohte, für die ſie ſo große Summen aufgewandt hatten, und auf die ſie, gleich den raf⸗ finirteren höhern Ständen des europäiſchen Feſtlandes, einen unendlichen Werth ſetzten, mußte ſie daher nothwendig mit Schrecken erfüllen und ihnen das Ende der Herrſchaft des Spaniers als ihr eigenes darſtellen. Daß daher dieſe Vorſtellungen verzweifelte Anſtrengungen von Seiten des Adels bewirkte, die ſpaniſche Herrſchaft um jeden Preis aufrecht zu erhalten, war um ſo natürlicher, als ſeine beſchränkte Erziehung ihn ganz in die Hände dieſer Herr⸗ ſchaft gegeben hatte. Wenn jedoch dieſe Vorurtheile ge⸗ gen die Revolution unter der Mehrzahl des hohen Adels yerrſchend waren, und es wäre eitel, die Thatſache zu läugnen, ſo können wir auf der andern Seite nicht um⸗ hin zu geſtehen, daß es wieder Männer unter dieſer ho⸗ hen betitelten Ariſtokratie gab, die den Stand der Dinge aus einem höhern und für ſte und ihr Land ehrenvolle⸗ ren Geſichtspunkte auffaßten. Eigenthum und vorzüglich Grundeigenthum iſt, was auch Ultraliberalismus dagegen ſagen mag, eine Baſis, deren Solidität auch dem ſchwächſten Verſtande einen Halt gibt, den der geiſt⸗ reichere Eigenthumsloſe vergeblich anſpricht. Es liegt etwas Zähes, aber zugleich auch etwas Poſitives im Grundeigenthum, das ſeinen Beſitzer gewiſſermaßen zwingt, unabhängig von ſeiner perſönlichen Vorliebe und ſei⸗ nen Vorurtheilen, das Wohl des Landes zu berück⸗ ſichtigen, in dem ſein Eigenthum liegt. So wahrhaft abſurd daher auch das Benehmen der Mehrzahl dieſer Hoch⸗ adelichen im Anfange der Revolution geweſen, ſo kindiſch⸗ lächerlich ihre Vorliebe für die werthloſen Auszeich⸗ nungen ihres königlichen Gebieters, ſo hatte es wie⸗ der unter ihnen Männer gegeben, die die Lage ihres Landes richtiger beurtheilten, und ungeachtet des ſervilen Kleides das ſie trugen, für die Freiheit ihres Landes größere Opfer gebracht hatten, als die glühendſten, lau⸗ teſten und ungeſtümſten Freiheitshelden je gethan. Unter dieſen hatte ſich der Edelmann, mit dem wir bereits un⸗ ſere Leſer bekannt gemacht haben, beſonders ausgezeich⸗ net. Familienverhältniſſe hatten ihm den ſeltenen Vorzug verſchafft, ſeine Jugend in der Madre Patria und den civiliſirtern Ländern der alten Welt zuzubringen, und ihm ſo Gelegenheit gegeben, jene Erfahrungen zu ſam⸗ meln, die nöthig ſind, um eine unabhängig richtige An⸗ —— — ſicht der Verhältniſſe ſeines eigenen Landes zu faſſen. Von der Natur mit einem durchdringenden Verſtande begabt, hatten die Demüthigungen, die er ſich von dem ſtolzen Spanier im Mutterlande bloß deßhalb hatte ge⸗ fallen laſſen müſſen, weil er ein geborner Mexikaner war, ihm frühzeitig jenen tiefen Abſcheu gegen die Bedrücker eingeflößt, den nur wieder derſelbe reife und gebildete Verſtand genugſam zu bemeiſtern im Stande war. Die Eindrücke, die er im geſelligen Leben der aufgeklärteſten Völker Europas und des aufgeklärteſten ſeines eigenen Welttheils empfangen, hatte er tief in ſeinen Buſen nie⸗ dergelegt und in die Einſamkeit ſeiner weitläufigen Be⸗ ſitzungen mitgenommen, wo ſie ihm Nahrung in ſeinen trüben Stunden und Leitſtern in ſeinem häuslichen und öffentlichen Leben wurden. So war allmälig ein eben ſo feſter als umſichtiger Charakter entſtanden, der jedoch, ungeachtet ſeiner Umſichtigkeit und Klugheit, kaum für die Länge dem Argwohn der Beherrſcher des Landes ent⸗ gangen ſein dürfte, wenn nicht ein herbes Loos, das ſein Familienglück kurz nach ſeiner Rückkehr aus Europa zertrümmerte, dadurch, daß es ihn zum Gegenſtand ei⸗ ner allgemeinen Sympathie erhob, wieder beigetragen hätte, dem ſpaniſchen Mißtrauen eine andere Richtung zu geben. Er ſelbſt hatte ſich ſeit dieſem Schlage gänz⸗ lich von der Welt zurückgezogen, ganz und allein in der Beförderung des Wohles ſeiner nächſten Umgebungen und zahlreichen Angehörigen Troſt und Erholung ſuchend. Aber ungeachtet dieſer Zurückgezogenheit, hatte ſich ſein Einfluß zuſehends und auf eine Weiſe vergrößert, die ſelbſt die Aufmerkſamkeit des Mutterlandes auf ſich zu ziehen begonnen hatte. Dieſer Einfluß wieder, weit ent⸗ fernt in ſeiner Perſönlichkeit hervorzutreten, war vielmehr in der feſtern Haltung des Adels und der ihm zunächſt ſtehenden bürgerlichen Klaſſen bemerkbar geworden. Es lag etwas Geheimnißvolles in dieſem ſeinem Einfluſſe, ſo wie in der Art, wie er ihn geltend machte. Gleich dem beſonnenen, ruhig feſten Seemanne, der jeden Windhauch kennt, und jedes Wölkchen zu klaſſifiziren weiß, ſchien ſein durchdringender Blick ſchon lange vor dem Ausbruche der Revolution ſeine Maßregeln getroffen zu haben, um dem kommenden Sturm zu begegnen. Das Gerücht ging, daß er die Hauptveranlaſſung geweſen, die mehrere des mexikaniſchen Adels bewogen, ſich an Iturrigaray an⸗ zuſchließen. Er ſelbſt war bei dieſer großen politiſchen Maßregel nicht beſonders hervorgetreten. Als jedoch der Plan ſich wirklich zu einem günſtigen Reſultate neigte, hatte er ſich gemäßigt und feſt für denſelben erklärt, als das einzige Mittel, ſein Volk und Land aus dem her⸗ abwürdigenden Zuſtande zu reißen, und mit der Art und Weiſe, ſich ſelbſt zu beherrſchen, ſtufenweiſe ver⸗ trauter zu machen, ſo Hand in Hand mit den ſpaniſchen Behörden fortzuſchreiten, bis günſtige Verhältniſſe es er⸗ — 257— lauben würden, den Verband zwiſchen beiden Ländern gänzlich aufzulöſen. Merkwürdig genug erklärte ſich je⸗ doch derſelbe aufgeklärte Geiſt gegen eine plötzliche Frei⸗ heitserklärung, und zwar ſo beſtimmt, daß eine bedeu⸗ tende Anzahl ihm wieder ihr Vertrauen zu entziehen an⸗ fing. Vielleicht, daß er, die Schwächen dieſes Volkes einſehend, die Unmöglichkeit vorausſah, die Freiheit, ſelbſt wenn ſie erlangt würde, zu bewahren. Seine Geſinnungen theilten die einflußreichſten und aufgeklär⸗ teſten Mitglieder deſſelben hohen Adels und der höheren Bürgerklaſſen. Doch als dieſe, empört über den ſchnöden Gewaltſtreich, der den beliebten Vizekönig ſo verräthe⸗ riſch gefangen aus dem Lande entführte, zum offenen Bruche Anſtalt machten, zog ſich der vorſichtige Ariſto⸗ krat wieder in ſeine vorige ſcheinbare Unthätigkeit zu⸗ rück, aus der er ſich auch durch die nachher wirklich ausgebrochene Revolution nicht bringen ließ. Unterdeſſen wollten die heller Sehenden, ohngeachtet dieſes ſcheinbaren Rückzuges von der politiſchen Laufbahn, deutlich Spuren ſeiner fortwährenden Thätigkeit bemerkt haben, und wirk⸗ lich waren Symptome einer ſolchen im ganzen Lande zu fühlen, die um ſo auffallender wurden, als die Bedeut⸗ ſamkeit der Hülfsmittel, die dieſem unſichtbaren Agenten zu Gebote ſtanden, und die Wirkſamkeit derſelben, alle Verſuche der Behörde, ſie zu entdecken oder ihnen auf die Spur zu kommen, auf eine Weiſe vereitelte, die dieſe Der Virey I. 17 in die größte Beſorgniß verſetzte. Das ganze Land war in der That durch dieſe unſichtbaren Agenten in ſeinen Geſinnungen und Anſichten revoltirt worden, und ſo ſicher wirkte der ausgeſtreute Same des Haſſes gegen die Spanier, daß, ohne den unglücklichen Verrath, wahrſcheinlich Mexiko ohne beſonders hartnäckigen Kampf in die Hände der Creolen übergegangen wäre. Die Urheber dieſer moraliſchen Revolution blieben jedoch in geheimnißvolle Dunkelheit gehüllt, und unſer Graf ſchloß ſich mit dem ganzen Adel offenbar an die königliche Re⸗ gierung an. Der neue Vizekönig, der Nachfolger des unglücklichen Iturrigaray, der mittlerweile die Zügel der⸗ ſelben übernommen, hatte mit zahlreichen Belohnungen, Orden und Titeln für die Werkzeuge, die ſeinem Vor⸗ gänger einen vizeköniglichen Stuhl und Freiheit geraubt, auch eine bedeutende Anzahl Verdammungs⸗ und Todes⸗ urtheile mitgebracht. Aber obwohl das Stigma des Libe⸗ ralismus auch den Conde San Jago ſtark befleckt, die neue Excellenz hatte ſich mehr als beeilt, ihn mit Be⸗ weiſen von Freundſchaft und Vertrauen zu überhäufen, die eben ſo ſehr die Verwunderung der Uneingeweihten, als das zufriedene Lächeln der Wiſſenden erregte. An⸗ dere Vorfälle hatten ſich wieder ereignet, die das gute Verhältniß zwiſchen den beiden Gewaltigen zu zerſtören drohten, und unter dieſen der Machtſpruch, der den Nef⸗ fen des Ariſtokraten in die Madre Patria abwies. Wel⸗ ches die eigentliche Veranlaſſung zu dieſem Kabinets⸗ ſtreiche geweſen, dürfte der Verfolg der Geſchichte leh⸗ ren, zu der wir nach dieſen etwas langen, aber zur Verſtändigung unſerer Leſer vielleicht eben nicht über⸗ flüſſigen Skizze der damaligen Verhältniſſe Mexikos wiederkehren. Ende des erſten Theiles Druckfehler. 1 Seite 2 Zeile 3 von unten ſtatt: Ein Wallfahrtsort lies: Siehe Note I. „ 2„ 2 v. u. ſtatk: Siehe Note I1, lies: Siehe Note II. 12 ſtatt: drückte ſich, lies: duckte ſich. „ 12„ 1 v. u. ſtatt: zu ſein pflegt, lies: pflegen. „ 31„ ò ſtatt: aus dem Quartiere Bezeſtein, lies: aus einem der Beſeſtans. „ 33„ 4 v. u. ſtatt: Bezeſtein, lies: Beſeſtan. „ 39„ 2z klatt: den, lies: der. „ 52„ 12 ſtatt: Zitacuaco, lies: Zitacuaro. „ 53„ 1 ſtatt: Zitacuazo, lies: Zitacuaro. „ 58„ 14 ſtatt: Kamerades, lies: Kameradoes. „ 83„ 1 v. u. ſtatt: ſo häßlich verzog, lies: ſo ſüß⸗ lich verzog. „ 87„ 15 ſtatt: den Ausdruck, lies: der Ausdruck. „ 108„ 7 ſtatt: der Zone, lies: der heißen Zone. „ 111„ 10 ſtatt: den San Francisco, lies: den San Felippo de Jeſus. „ 111„ 5 v. u. ſtatt: Oaxuca⸗Indianer, lies: Oa⸗ xaca⸗Indianer. „ 187„ 15 ſtatt: Viva Morillos, lies: Viva Morelos; ſtatt: Cuantla, lies: Cuautla. „ 195„ 8 v. u. ſtatt: von der Ceres⸗Bouteille, lies: Feres⸗Bouteille. „ 218„ 15 ſtatt: zur Armee abſandte, lies: zur Armee abgeſandt. Noten des erſten Bandes. I. Den Erlöſer von Atolnico vorſtellend. Die Kapelle des Erlöſers von Atolnico befindet ſich auf dem Gipfel eines ziemlich ſteilen und hohen Berges, zwei und eine halbe Stunde von Miguel el Grande. Auf dem Hoch⸗ altar ſieht man die Standbilder des Erlöſers, der Jung⸗ frau Maria, Magdalenens u. ſ. w. von gediegenem Silber, mit Rubinen und Smaragden beſetzt. Links befindet ſich eine Reihe von nicht weniger als dreißig Altären mit Standbildern in Lebensgröße, Säulen, Kreuzen, Leuch⸗ tern, alle von demſelben Metalle. Die Summen, die hier jährlich geopfert werden, betragen weit über 100000 Piaſter. Der Urſprung dieſes Wallfahrtsortes iſt merkwür⸗ dig. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts trieb ein Straßenräuber, Namens Lohra, ſein Weſen in der Cordillera auf eine ſo furchtbare Weiſe, daß die Regierung, nicht im Stande ſeiner Meiſter zu werden, ihm einen Generalpardon für ſeine Vergehungen und die oberſte Richterſtelle in einem der drei Hauprgefängniſſe Mexikos mit einem jährlichen Ge⸗ halt von 10000 Dollars anbot. Der Mann nahm die Stelle an, bemächtigte ſich ſeiner Genoſſen, fing ſie zu Hunderten auf und befreite wirklich das Land von dieſer Geißel. Als oberſter Richter der Acordada hatte er unumſchränkte Gewalt .— 1— X über Leben und Tod. Er ließ vorzüglich die Schmuggler zu Dutzenden aufhängen, wenn ſie nicht den Gewinn mit ihm theilen wollten. Von den ungeheuren Reichthümern, die er auf dieſe Weiſe zuſammenbrachte, baute er die Kirche von Atolnico, die er mit mehreren der daſelbſt befindlichen ſilbernen Standbildern ausſtattete. 3 II. Ihm zur Seite eine Schar von India⸗ nern Zambos und Meſtizen. Der Sohn eines Wei⸗ ßen und einer Weißen, ſeien ſie im Lande oder in Europa gebo⸗ ren, heißt Creole, die Tochter Creolin. Der Sohn oder die Toch⸗ ter eines Weißen, Creolen oder Europäers, mit einer In⸗ dianerin, iſt ein Meſtize, Meſtizin. Beide werden auch Metis genannt. Die Farbe eines ſolchen vermiſchten Spröß⸗ lings iſt röthlich transparent, die Hände und Füße klein, die Augen aber noch immer ſchief. Sie ſind ſanfteren Cha⸗ rakters als die Mulatten. Mulatten ſtammen von weißen Vätern und Reger⸗ müttern ab; die Farbe iſt bronce. Chinos oder Zam⸗ bos werden die von Negermännern und Indianerweibern Abſtammenden genannt. Sie ſind dunkelſchwarz⸗braun. Zambos prietos werden die von eine. Neger und einer Zamba Abſtammenden genannt. Quateroon iſt das Kind eines Weißen, und einer Mulattin, beinahe ſchon ganz weiß. Quinteroon das Kind eines Weißen und einer Quateroon; vermiſcht ſich die Quinteroon nochmals mit einem Waißem, ſo wird der Spröß⸗ ling ganz weiß. Alta atras, Sprünge rückwärts, nennt man, wenn ſich eine weißere Perſon mit einem dunkler farbigten Manne vermiſcht. Alle dieſe farbigten Abkömmlinge werden zuſam⸗ men die Kaſten genannt, z. B. die Kaſte der Quinteroons, der Meſtizen ꝛc. Reinen Urſprungs ſind bloß die Gachu⸗ pins(die Spanier) ihre Söhne und Töchter, die Creolen, die Indianer und die Neger. — ſi= Es lebe die Jungfrau von Guadeloupe! Nieder mit der Jungfrau der Gnaden! Das Bild der Jungfrau von Guadeloupe iſt in ihrer prachtvollen Kirche, zwei Stunden von Mexiko, aufgeſtellt. Es iſt ein auf grobemêga⸗ ve⸗Baſt gemaltes ſchlechtes Bild, aber mit äußerſt koſtbarer Ein⸗ faſſung, das ſeine Erſcheinung bald nach der Eroberung machte, und zwar auf einem benachbarten öden Hügel, wo es zuerſt einen Indianer durch eine himmliſche Muſik entzückte, die die Engel um daſſelbe herum aufführten. Der Indianer er⸗ zählte dieſes Wunder dem Erzbiſchof, der es aber nicht glau⸗ ben wollte. Ein zweites Mal ging der Indianer bei dem muſizirenden Bilde vorüber, und da fand er es mitten un⸗ ter einem Haufen Roſen; wieder befahl es ihm zum Erz⸗ biſchof zu gehen. Der Erzbiſchof wurde durch dieſes zweite Wunder auf einmal gläubig, und begrüßte das Bild mit dem Titel: Unſere Dame von Guadeloupe. Eine Kapelle wurde errichtet, und da der Wunder immer mehr wurden, ſo wurde es endlich zur Schutzpatronin von Mexiko erho⸗ ben, und zwar, da die Geſichtsfarbe der Madonna von gebräuntem Colorit iſt, zur Patronin der Eingebornen. Die Junge au der Gnaden, Vierge de los re- medios. Ihre Kirche liegt nordweſtlich von Mexiko, und das Bild wurde von einem Soldaten Cortez's gefunden und zeigte ſich leidenſchaftlich für die Spanier eingenom⸗ men. So ſchwebte es während der Schlacht von Otumba vor den Soldaten Cortez her, und ſtreute den India⸗ nern Sand in die Augen. Bei andern Schlachten wurde es ſogar handgemein mit den Indianern. Zur Dankbarkeit wurde ihm eine Kapelle errichtet. Aber auf einmal ver⸗ ſchwand das Bild zum unſäglichen Leidweſen der Spanier. Nach einem halben Jahre entdeckte endlich ein Indianer, der, um zu dem Corazon einer Agave zu gelangen, die Blätter wegſchnitt, das Bild mitten zwiſchen dem Stam⸗ me und den Blättern. Es wurde ſofort im Triumph — jv— herbeigeholt, und ſo dankbar bewies es ſich für die ihm bewie⸗ ſene Aufmerkſamkeit, daß es ſogleich nach einer langen Dürre einen ſtarken Regen ſandte. Für die unzähligen Wunder, die es zum Vortheile der Spanier verrichtete, erhoben ſie dieſe zu ihrer Schutzpatronin und übergaben ihr den Be⸗ fehl ihrer Heere. Sie ſtritt ſehr tapfer gegen die Jungfrau von Guadeloupe, die wieder von den Mexikanern zu ihrer Kriegsoberſtin erhoben ward. Als nämlich Hidalgo, nach⸗ dem er die Fahne des Aufruhrs aufgepflanzt, von dem Erz⸗ biſchof exkommunizirt wurde und in Gefahr ſtand, von allen ſeinen Indianern und Anhängern auf einmal verlaſſen zu werden, fiel es ihm glücklicherweiſe bei, ſich und die Sei⸗ nigen unter den Schuß der Jungfrau von Guadeloupe zu ſtellen. Eine ungeheure Fahne wurde ſofort verfertigt mit dem Bilde der Jungfrau; dieſe wurde als Generalfeld⸗ marſchallin proclamirt, ihr ein Gehalt angewieſen, und ihr Gehorſam verſprochen. Sie bezog ihren Gehalt wirk⸗ lich volle vierzehn Jahre, bis 1824. ſnTIſſiſſiniſiiſiiſiſiiſinſmnſſſſſſſiiſſiüſinnnun 8 9 11 3 15 16 6 1 10 12 13 14 17 18 4 9 p 1 L ͤͤ 1 . 2.* 2 4 1 4