f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur „ 1 von. + Eduard Ottmann in Gießen, 5 Schloßgaſſe Tit. A. Nr. 256. Jeih- und Seſebedingungen. „1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ⅜ pfangnahme und Nichgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.„ I 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ] jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ e den angenommen. 4. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 21 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet mur 3 be 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſl beträgt:— 7 ſ für müochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: 1 Nr. f. 1 Mk. 50 Ff. 2 N. f.(. „„„—„ 4„— 7 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſ zmutzte, ver⸗ ſſ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt e der Leſer jun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 e 4 Transatlantische Reiseskizzen un d Chriſtophorus Bärenhäuter. Zweites Bändchen. Transatlantische Reiseskizzen un d Chriſtophorus Baͤrenhaͤuter. Vom Verfaſſer des Legitimen und der Republikaner. C grebes eee Crel) Zweites Bändchen. Zürich, bei Orell, Füßli und Compagnie. Die Fahrt am Red-RKiver. Transatl. Skizzen Il. +† Es war ein heiterer, heißer Junimorgen, als ich das Redriver¹)⸗Dampfſchiff betrat. Die Sonne brannte wie ein glühender Hochofen, kein Lüftchen wehte, nur der Strom hauchte erfriſchende Kühle aus ſeinen ungeheuern Waſſermaſſen. Ich blickte noch einmal zurück an das Ufer, wo meine Quaſi⸗Freunde ſtanden, erwiederte ihre Grüße mit einem Hang ye ²), und eilte dann in den Salon. Noch immer gellten mir die Worte in den Ohren: Wohl denn, laß ihn als Hageſtolz vegetiren; ohnedem iſt er ein wunderlicher Kauz. Beinahe hätte mir mein Spleen gleich beim Eintritte in das Staatszimmer Händel mit einem meiner Reiſegefährten zugezogen, der in der Phraſe: gemeine tückiſche Seelen, die ich wiederholt ausſtieß, eine ehrenrührige Anſpielung auf ſeine werthe Perſon zu hören wähnte. Im Grunde genommen, hatte die pfif⸗ fige Boſtonerinn ſo unrecht nicht. Ich war wirklich ein 1) Redriver, der rothe Fluß, der ſich unter Natchez auf der weſtlichen Seite in den Miſſiſippi ergießt. Weiter oben bildet er die Gränze zwiſchen den V. St. und Mexico⸗- 2) Hang yvel Häng euch! Hol' euch der Henker! 4. 8 41 ganzer Narr, achttauſend Dollars ſeit vier Jahren Men⸗ ſchen hingegeben zu haben, die, um ſie noch andere vier Jahre zu behalten, mir den hämiſchſten Streich ſpielten. Ich hätte aus der Haut fahren mögen. Mein ganzes Weſen zuckte. Ich hatte weder Raſt noch Ruhe. Qu'est ce qu'il y a donc, Monsieur Howard? ſprach plötzlich ein etwas bejahrter aber ziemlich reſpecta⸗ bel ausſehender Mann mich an: Est-ce que vous étes indisposé? Allons voir du monde. Ich ſchaute den ſonderbaren Mann mit aufgeriſſenen Augen an, der ſo ganz sans façon meine werthe Per⸗ ſon in Anſpruch zu nehmen beliebte, und war ſchon willens ihm recht vornehm befremdet den Rücken zu keh⸗ ren, als er mich bei der Hand nahm, und ganz ge⸗ mächlich zur Thüre des Damenſaales zog. Allons voir, Monsieur Howard. Mais que voulez-vous donc? fragte ich ziemlich ärgerlich den zudringlichen Menſchen. Faire votre connaissance, erwiederte er artig und lächelnd, indem er die Thür aufthat, und mich ſo ins Innere des Salons blicken ließ. Monsieur Howard! redete er zwei Mädchen an, die ſo eben beſchäftigt waren, ein Schock Ananaſen und Bananen an den Säulen des Staatszimmers aufzu⸗ — †- — 5— zuknüpfen, wie ſie in Alt-England mit den Söhnen Erins und im Neuen mit Zwiebeln zu thun pflegen. Mes filles, voilà Monsieur Howard votre voisin! Beide kamen auf mich zu, grüßten mich wie einen alten Bekannten, und boten mir, als hätten wir ſeit Jahren aus einer Schüſſel gegeſſen, von ihren ſüßen Vorräthen an. Das iſt doch ſehr zuvorkommend in der That! Ich könnte zehn Jahre bei meinen lieben Landsmänninnen herumreiſen, ohne in die Gefahr zu kommen, mir den Magen auf eine ſo ſchöne Weiſe zu verderben. Ich mußte zugreifen, wir ſetzten uns, und die Mädchen fingen an zu plappern und zu lachen, daß ich, ſo weh es mir im Herzen that, nicht unterlaſſen konnte mit einzu⸗ ſtimmen. Eine ganz angenehme Stunde war vergan⸗ gen, und eine zweite und dritte würde gefolgt ſein, wenn meine angeborne Vir giniſche ſteife Etiquette mir dieſen Genuß inmitten der fröhlichen Geſchöpfe länger geſtattet hätte. Wir nehmen zuſammen unſern Thee hier, Papa riefen die beiden Mädchen, als ich mich vom Seſſel er⸗ hob, und wahrlich ich habe Urſache dieſe Einladung und meinen Glücksſtern zu ſegnen; denn unſere Reiſegeſell⸗ ſchaft iſt nichts weniger als gewählt. Ein ſonderbarer Schlag Menſchen! Beinahe ſollte man glauben, man — 6— ſei im alten Kentuck. Viehhändler und Metzger von Neworleans, die ſich nach den nordweſtlichen Counties ſpediren, halb wilde Jäger und Trappers ¹), die von Begierde brennen, recht bald die Steppen jenſeits Na⸗ cogdoches ²) zu ſehen, und da die Indianer zu ziviliſi⸗ ren, oder, beſſer zu ſagen, zu betrügen; Krämer, in und um Alexandria herum angeſeſſen, dieſe bilden die ſogenannte reſpectable Maſſe unſerer Geſellſchaft, und eine derbe Maſſe iſt's, nach der Dicke ihrer Sohlen und behuften Abſätze zu ſchließen.— Das dichte Laubwerk vor uns, ja das iſt die Mündung des Red⸗Rivers! Sie iſt halb überwölbt von den ungeheuren Bäumen, die zu beiden Seiten über den Fluß hin hängen. Welch ein Contraſt mit dem Miſſiſippi, der hinſtrömt, breit, gewaltig und finſter, das leibhafte Bild eines nordiſchen Eroberers, der mit ſeinen ſtinkenden Horden hervorbricht aus ſeinen öden Steppen, um eine halbe Welt zu ver⸗ wüſten, während der Red⸗River— den wir hochtrabend 1) Trapper, ein Biberfänger⸗Jäger in den Step⸗ pen zwiſchen den Felſenbergen und den Staaten Mi ſſouri und den Gebieten Miſſouri und Arkanſas. 2) Nacogdoches, der erſte mexikaniſche Ort, auf den man ſtößt, wenn man Louiſiana verläßt. 1 —— den Nil von Louiſtana mit gerade ſo viel Fug und Recht nennen, als ein Schuhmacher irgendwo in Maſſachuſets ſeinen Sohn Alexander Cäſar Napoleon taufte— durchs Gebüſch und die Ebene hinſchleicht, wie die verrätheriſch lauernde giftige Kupferſchlagge,— Cocytus ſollte er heißen. Da ſind wir denn am Eingange des erſten Sumpfes, aus dem dieſer vermaledeite rothe Fluß herausſtrömt. Es iſt ein unheimlicher Anblick dieſer Sumpf, der, durch den Zuſammenfluß des Tenſaw, des White und Red⸗ River gebildet, einen ungeheuren Spiegel des üppigſten Grüns dem Auge darbietet, das beim erſten Anblick eine Terra⸗Firma erſcheint, mit Bäumen, von denen Wurzel und graſiger Schlamm in langen Feſtons her⸗ abhängen. Eine ungeheure Wieſe, möchte man ſchwören, bis man allmälig die dunkelgrünen Sumpflilien ſich be⸗ wegen, und zwiſchen dieſen weißlich⸗braune häßliche Rachen ſich aufthun ſieht, die Töne ausſtoßen, vor de⸗ nen der Neuling ſchaudert. Es ſind Hunderte von Alligatoren, die gleich Sechzigpfündern durch die üppig giftige Pflanzenwelt auf ihre Beute hinſchießen. Ihre Brunſtzeit hat begonnen, und das dumpfe ſchauerliche Gebrüll, das rings um uns her ertönt, hat wirklich etwas Grauenerregendes. ½ Man glaubt ſich im Haupt⸗ — 8— quartier des Todes, der ſeine Pfeile in den tauſend ver⸗ ſchiedenen Fieberarten ausſendet. Boys a head, ſchallt die Stimme des Capitains. Wir haben den Sumpf paſſirt und nähern uns dem Ufer, auf welchem ein ſchwarzbraunes Paar an einen Holzſtoß geiehnt uns erwartete. Wir nehmen Feuerung ein. Mein Auge folgte bewußtlos der Rotte, die ſich über die Breter drängte, als ein wildes Lachen und die Worte tallow face an meine Ohren ſchlugen. So zeit⸗ lich ſchon, dachte ich, und ſo ganz in meiner Nach⸗ barſchaft, und ich ſchritt über die Bretter ans Ufer hinan. Ja es war wirklich ſo, und das Opfer ſtand in dem armen Kaiſergardiſten leibhaft vor mir. Seine Haut iſt bereits durchſichtig, aber es iſt dieſes eine Durchſichtigkeit, die ſcheußlich anzuſehen iſt. Die Farbe weder blaß noch gelb, eine Miſchung von Talg⸗ licht- und Bronzefarbe,— wir nennen es tallow face, Unſchlitt⸗Geſicht,— um ſeine Augen glänzt bereits der weiße Ring; die Linſe rollt, als wäre ſie von einem innerlichen Feinde umher getrieben. Der Neid, ſo fürchterlich vom alten Naſo gezeichnet, iſt Kinderſpiel gegen dieſen Anblick. Und doch ſcheint und iſt er gleich⸗ gültig. Monsieur Devigne, rief ich ihm zu, com- ment s'en vat-il? Der Mann ſtarrte mich an, drückte — 9— mir die Hand und murmelte ein très-bien, während die häßliche Negerinn mich am Rocke zupfte, und mir grinſend zuflüſterte: Ah Massa! tallow face soon ague cake 1). Ich ſtieß das ekelhafte fühlloſe Weſen unwillig zurück, und wollte eben mit dem armen Franzoſen einige Worte ſprechen, als die Stimme des Capitains wieder erſchallte: All hands on board! Armer Teufel! dachte ich, als ich über die Brücke hinſchritt. Die Wüſten Egyptens, die Schlachtfelder Marengos und Waterloos haben dich verſchont, damit das Ague⸗Fieber ſein Opſer nicht ver⸗ liere. Und ſtatt des Bedauerns ſchallt ein wüſtes rohes Lachen vom Verdeck herüber. Beinahe ſcheint es, als ob ſie Freude über ſeine baldige Auflöſung empfanden. Welch eine Erſcheinung iſt doch der Menſch! Wäre dieſer Elende auf dieſen unheimlichen oder einen ähnlichen Peſtort von ſeinen Obern geſandt worden, alles Gold der Erde würde kaum vermocht haben, ihn hier zu hal⸗ 1) Tallow face soon ague cake, ſo viel, als ſein Geſicht hat bereits das Ausſehen eines Talglichtes— bald wird er den Fieberkuchen haben. Dieſer letztere iſt eine Anſchwellung des Unterleibes wie ein Brodlaib und der unmittelbare Vorbote gänzlicher Auflöſung. ten. Nun aber kam er aus freier Wahl, wahrſcheinlich vertrieben aus beſſerer Geſellſchaft durch ſeine Verbin⸗ dung mit der Schwarzen, und ſo fällt er denn ſeiner Leidenſchaft, ein vielleicht nur zu wohl verdientes Opfer. Das Plätzchen, worauf ſeine Hütte ſteht, iſt nicht ein⸗ mal ſein Eigenthum, aber das kümmert ihn nicht. Er hat einige Morgen Waldes gelichtet, Korn und Tabak hin⸗ gepflanzt, und dieſe, mit dem Verkauf des Holzes, friſten ſein Leben, und würden ihn wahrſcheinlich wohlhabend gemacht haben, wenn dieſe häßliche Schwarze nicht ſein Abzugskanal geweſen wäre. Einige Schritte rückwärts ſteht ſeine Hütte, und vor der Thüre wühlen ein paar nackte dunkelbraune Ungeheuer im Schlamm herum. Sie ſehen mehr Schweinen, denn menſchlichen Weſen ähnlich, aber ſie ſind geſund und munter, und ſie ſind es, die die Natur zu Bebauern dieſes Landes beſtimmt hat. Ihre Aeltern vegetiren ein paar Jahre, bis die ague cake ihren Leiden ein Ende macht. Sie haben ſich mühſam eine Hütte gebaut, im Schweiße ihres Ange⸗ ſichtes ein Plätzchen urbar gemacht, ihren Kindern kommt ihre Arbeit zu gut. Geboren in dem giftigen Qualme, gewöhnt an die peſtilenzialiſchen Ausdünſtun⸗ gen, ſind ſie von Mutterleib an gezeitigt und wachſen heran, ſo wie die Sumpfroſe unter giftigen Thieren und — 114— Pflanzen, um Kindern und Kindeskindern Leben und Gedeihen zu geben. So entſprang die Bevölkerung Nie⸗ der Louiſianas, und ſo wird ſich der Same hier meh⸗ ren. Der erſte iſt lange verwittert und vermorſcht; er kam von allen Weltgegenden, allen Ländern. Schuld⸗ ner, Revolutionäre, Verbrecher, Exilirte, und wieder Männer, die ein beſſeres Schickſal verdienten, alle haben ſie hier ihr Grab gefunden; aber gerade in dieſen werth⸗ loſen Geſchöpfen, wie wir ſie in unſerm Stolze nen⸗ nen, zeigt die Natur ihre waltende Sorgfalt. Ja, was als der Krebsſchaden der Welt betrachtet wird, der Abſchaum, die Hefe der civiliſirten Geſellſchaft, das dient ihr, dieſe Wildniſſe zu bevölkern, und uns— aus dieſer Saat vielleicht eine neue Art Heloten zu bilden, und ſo einen Schaden mit einem ärgern zu verkleiſtern. Ei, die Natur meint es gut, aber unſer froſtiger, kalkulirender, ariſtokratiſcher Geiſt— aber silentium, und kehren wir zu den Demoiſelles zurück, deren Na⸗ men ich, ſo wahr ich lebe, vergeſſen habe. Doch da kommt mein freundlich zudringlicher Creole ſelbſt, und führt mich den holden Töchterchen zu. Eine derſelben lieſ't den Guillaume Tell, und das andere ſchäkert mit einem ſchwarzen Mädchen ſo familiär, daß es der Miſtreß Houſton Vapeurs verurſacht haben würde. — 12— Sie ſind, höre ich, auf ihrer Heimreiſe vom Urſuli⸗ nerinnen⸗Kloſter in Neworleans, wo ſie ihre Erziehung erhalten haben. Aber wo ſie den muſternden Feld⸗ herrnblick herhaben, dürfte ſchwer zu errathen ſein. Doch nicht von den frommen Schweſtern, hoffen wir? Die ältere examinirt mein werthes Ich mit währen Ken⸗ neraugen, gleichſam als wollte ſie ſich zuerſt überzeugen, ob der Verſuch ſich auch der Mühe lohne. Sie ſcheint um die Neunzehn herum zu ſein, und ſich ein wenig zum Embonpoint zu neigen. Es iſt wirklich amu⸗ ſant, die comfortable Manier zu beobachten, mit der ſie zuerſt ſich ſelbſt im gegenüber hängenden Spiegel und dann meine Wenigkeit mißt; ihr Blick gleitet vom Kopf zu den Füßen, der nähern Beaugenſcheinigung wegen, und um ſich zu überzeugen, ob man auch Stand halten könne. Niemand wünſcht bei uns in einem ſo wichtigen Geſchäft hinters Licht geführt zu werden. Doch ich werde boshaft, und ich ſollte wirklich meinem guten Geſtirne danken, daß es mich unter ſo liebe Menſchen brachte, wirklich liebe Menſchen, trotz des argen Kokettirens der Aeltern. Es würde einen ganzen Katalog füllen, alle die Items aufzuzählen, mit denen ſie das Damenzimmer vollgepfropft haben. Ein Glück, daß ſie alleinige Be⸗ ſitzer, und folglich ausſchließende Gewalt in dieſem ihrem — zeitweiligen Territorium haben. Sonſt müßte es Krieg geben. Sie führen eine halbe Briggsladung von Citro⸗ nen, Orangen, Ananas und Bananen mit ſich, und der Alte hat wenigſtens drei Dutzend Kiſten mit Chambertin, Lafitte und Medoc. Er iſt doch kein Weinhändler? Auf alle Fälle zeigt der Mann Geſchmack; er iſt erhaben über die ſo gemeinen Stoffe Hollands, Gin und Whisky, bei deren bloßem Anblicke einem ſchon übel wird. To⸗ des⸗ und Laſter⸗Eſſenzen ſollte man dieſe grünen und braunen Compoſitionen nennen, zuſammengekocht von ſpitzbübiſchen Quackſalbern zur Schande und zum Ver⸗ derben Bruder Jonathans. Und doch iſt dieſer Bruder Jonathan von Natur nichts weniger als ein Zecher, ja eher nüchtern und mäßig. Aber dieſe unglückſeligen Söhne und Töchter Erins!— Es thut mir leid, aber ich kann es nicht verhehlen, ſie ſind die Verführer. Und was das Schlimmſte iſt, ſie wollen auch nicht den guten Rath hören, den ihnen unſere Temperanz⸗Geſellſchaften ſo ſal⸗ bungsvoll ſpenden, um ſie nüchtern und mäßig zu machen. Nein, ſie wollen abſolut nicht, noch wollen ſie die Zei⸗ tungen leſen, die zu gleichem Behufe für zwei Dollars per annum etablirt ſind; das heißt zwei Dollars, wenn voraus bezahlt, und drei, wenn am Ende des Jahres— oder gar nicht. — 414— Aber es iſt nicht artig ſo herumzuwandern, und die lieblichen Demoiſelles allein zu laſſen. Wir haben denn beſchloſſen, unſern Thee en famille zu nehmen. Mon⸗ ſieur Menou jedoch hält ſich zu ſeinem Chambertin. Und ich gedenke beide zu verſuchen. Sie, ich meine die De⸗ moiſelles, ſind wirklich ganz nette Geſchöpfe, ſo heiter, ſo lebendig; ihre Zungenfertigkeit iſt ganz einzig, und ihr naives Geplapper möchte einen Miſanthropen zum Lachen bringen. Aber es gibt Momente, wo man nun einmal trübegelaunt ſein muß, Momente, wo das Ge⸗ müth von einer Windſtille niedergedrückt iſt, einer Wind⸗ ſtille, ſo lähmend und entnervend wie die, welche im heißen Auguſt nach einem weſtindiſchen Orkane eintritt. Das Bischen Vernunft, umhergetrieben und gelähmt im vorhergegangenen Sturme, iſt erſchöpft, der Körper ſelbſt hat ſeine Kraft verloren, und die Ruhe, die ein⸗ tritt, iſt die unleidentlichſte Pauſe, ein ekelhafter Still⸗ ſtand. Jedes Objekt berührt dann unſere Sinne unan⸗ genehm, und unſer Verſtand erliegt hülflos wie das Schiff, das, auf ſeine Beamſenoͤs von den rieſig an⸗ ſchwellenden Wellen geworfen, ſich nur allmälig oder gar nicht zur Thätigkeit aufrichtet. Ich war juſt in dieſer Lage. Nie hatte mich oder vielmehr meine Eigenliebe Schlag auf Schlag ſo getroffen— erſtens dieſe tolle Liebe, — 15— dann die erlauſchte Entdeckung der Falſchheit meines beſten Freundes.— Wir hatten uns ſeit unſerer frühen Kindheit gekannt und geliebt. Unſere Herzen und Bör⸗ ſen, und letzteres will viel bei uns ſagen, waren ſich wechſelſeitig offen. Die Verſchiedenheit unſerer Charak⸗ tere beſtand bloß in gewiſſen leichten Schattirungen, in der Hauptſache ſtimmten wir wie zwei Uhren überein, die in ihren Sekundenſchlägen abweichen, aber im Aus⸗ ſchlage zuſammentreffen. Und nun—! Eine halbe Stunde mit dieſer verführeriſchen Eva— und Freund⸗ ſchaft und alles iſt dahin.— und, was das ſchönſte iſt, wäre ich guter Narr mit meinen achttauſend Dol⸗ lars nicht ein Deus ex machina erſchienen, ſo wäre Miſtreß Richard noch zu dato Miß Bowſtring genannt. Ich konnte es nicht mehr aushalten; ich mußte hinaus ins Freie. Die Nacht iſt ſternenhell; bloß der Fluß iſt mit einem ſchmalen Nebelſtreifen überhangen. Die hohlen Schläge der Dampfmaſchine ſcheinen aus weiter Ferne herüberzuprallen; es iſt das Gebrülle der Alliga⸗ toren; zwiſchen dieſen die Klagetöne der Whippoorwill. Kein einziges Licht am Ufer, aber Milliarden von Feuer⸗ käfern, die über die Cypreſſen und Papaws ein magi⸗ ſches Helldunkel verbreiten. Zuweilen ſtreifen wir ſo nahe am Ufer hin, daß die Zweige der Bäume raſſelnd an unſerm Bote zuſammenbrechen. Morgen denn um dieſe Zeit werde ich in meinem Tuſculum ruhen, für heute wollen wir mit unſerm winzigen Staatsbettchen vorlieb nehmen. So eben kommt der Capitain mir an⸗ zuzeigen, daß endlich unſere lärmenden Reiſecompagnons zur Ruhe befördert ſind. Die Uhr ſchlägt zwölf. Ja dieſe Nacht! dieſe Träume! Es war mir, als ob alle Drangſalen meiner frühen Jugend ſich über mich hingelagert, und in einem Vampyre vereinigt meine Geiſtes- und Körperkraft erdrückt, und ausgeſogen hät⸗ ten. Und ſo ſchwer wurde die Laſt, daß ich ausrief im Schlafe, und beinahe die ganze Geſellſchaft in Schrecken verſetzte. Ich hatte ihn wirklich abgeſchüttelt den Vam⸗ pyr, und ich fühlte mich erleichtert. Ich bin herzlich froh, denn ſollte dieſer liebenswürdige Spleen noch vier⸗ undzwanzig Stunden länger gedauert haben— wahrlich, ich hätte allen Umgang mit Menſchen aufgeben mögen. Wohl denn, ein friſcher Windzug hat ſich erhoben, und der wird die an einander ſchlagenden Segel ſchon wie⸗ der füllen. Das bon jour! des Creolen lautet jedoch ziemlich trocken und prüfend. Es ſchien, als wollte er in meiner Miene leſen, ob ſeine Höflichkeit nicht wieder mit einer unartigen Steifheit vergolten werden dürfte. Wohl, ich will mir Mühe geben, die üblen Eindrücke zu vertilgen. Es ſind gue Menſchen dieſe Creolen, nicht allzu geſcheidt, immer ſind ſie mir aber lieber als die pfiffigen Yankees, trotz ihrer närriſchen Tanzluſt, die ſie ſelbſt nicht bei ihrer erſten Anſiedelung verläugnen konnten. Es muß toll genug ausgeſehen haben, wie ſie ſo in ihren Wolldecken umher trabten und franzöſiſche Menuets aufführten.— Doch, es iſt zwölf Uhr, der Aus⸗ zugsdampf läßt ſich hören, das Schiff nimmt wieder Feuerung ein. Monsieur! voila votre terre, ſagte der Creole auf das Ufer und die Holzſtöße deutend. Ich bliekte durch das Fenſter, und wirklich ich finde, der Creole hat Recht. Wir hatten ſo lange mit den Demoiſelles geplaudert, daß Stunden und Meilen wie Augenblicke dahin flogen. Mein Aufſeher hatte ſeit meiner Abweſenheit ein Holz⸗ lager für Dampfſchiffe errichtet. Wenigſtens eine Ver⸗ beſſerung! Und da iſt er ſelbſt der leibliche Miſter Bleaks. Der Creole ſcheint gute Luſt zu haben, mich nach Hauſe zu begleiten. Ich kann es nicht hindern, hoffe jedoch, er wird nicht gar ſo artig ſein. Ich hoffe. Nichts abſchreckender als eine derlei Viſite, wenn man Jahre lang von Haus und Hof entfernt geweſen; die Laren und Penaten eines Hageſtolz ſind die ſorgloſeſten aller Götter. Transatl. Skizzen II. 2 — 418— Miſter Bleaks! ſprach ich, indem ich an ihn her⸗ antrat, der in ſeinem rothen Flanellhemde und Calicot⸗ Inexpreſſibles und Strohhuté ſich eben nicht ſonderlich um ſeinen Oberherrn zu kümmern ſchien, wollt ihr ſo gut ſein, die Gig und Koffer ans Ufer bringen zu laſſen? Ah, Miſter Howard! erwiederte der Mann, ſind Sie es! hatte Sie nicht ſo bald vermuthet. Hoffe doch nicht unwillkommen zu ſein? erwiederte ich ein wenig ärgerlich über des Mannes echt penſylva⸗ niſche Trockenheit. Sie ſind doch nicht allein gekommen? fuhr er in eben dem Tone fort. Sind Sie? frug er mich mit ei⸗ nem Seitenblicke meſſend. Dachte, Sie würden uns ein Dutzend Blackee's mitbringen; wir brauchen ſie. Est-il permis, Monsieur? fragte nun der Creole, ſeine Hand in die meinige legend und auf das Haus hinweiſend. Und das Dampfſchiff? bemerkte ich in einem Tone, ſo gedehnt, das einen nur mittelmäßig in der Phyſiogno⸗ mik oder Pſychologie Bewanderten belehrt haben müßte, daß er wahrlich überflüſſig ſei. Oh, das wird warten, erwiederte er lächelnd. Was wollte ich machen? ich mußte die Reiſe nach meinem Hauſe mit dem wunderlichen Manne antreten, ſo ſchwer — 1419— es mir auch fiel. Und wahrlich, es fiel mir ſchwer! Es war ein gräulicher Anblick, ein Gräuel der Ver⸗ wüſtung. Alles ſah ſo hinfällig, ſo verloren, ſo ver⸗ dorben aus, daß mir der Ekel aufſtieg. So hatte ichs nicht erwartet.— Von der Einzäunung um den Haus⸗ garten ſtanden bloß einzelne Fragmente; im Garten ſelbſt trieb das liebe Borſtenvieh ſein Weſen. Und das Haus! Gott ſei mir gnädig! Keine Scheibe ganz; alle Fenſterrahmen mit alten Hoſen und Kitteln und zerriſſe⸗ nen Weiberröcken ausgeſtopft. Ich konnte keine Oran⸗ gen⸗ und Citronenlauben erwarten, ich hatte ſie nicht gepflanzt; aber dieß!— nein, es war wirklich zu arg. Jedes Gemälde ſollte ſeine Schattenſeite haben, wenn es nicht ein à la Fresco⸗Gemälde iſt; aber hier war Alles Schatten— Nacht. Keine lebendige Seele zu ſehen während unſerer Tour vom Ufer durch die modern⸗ den Rieſenſtämme, zwiſchen denen wir uns durchzuwin⸗ den hatten. Hier endlich läßt ſich etwas Lebendiges ſehen. Es iſt ein Trio ſchwarzer Ungethüme, die mit Marius und Sylla ſich im Kothe herumbalgen, ein halbes Hemde am Leibe, und ſchmutzig wie es nur Menſchenkinder ſein können. Und die Affen, ſie ſtarren mich mit ihren rollenden Augen an, und galloppiren dann lachend hinters Haus. Ah! die alte Sybille! Sie — 20— ſteht vor einem Keſſel, der von einer Stangenpyramide herabhängt: ein wahres Contrefait der Macbethiſchen Hexen. Nun ſtarrt ſie auf uns, ohne ſich jedoch zu bewegen. Ich muß ihr ſchon ſelbſt meine Aufwartung machen. Ah, nun erkennt ſie mich, und kommt mit ihrem ungeheuren Löffel auf mich zugeſchritten. Es wundert mich, daß ſie ihren Truthahnkragen noch nicht umgedreht, der mich fünf und ſiebenzig Thaler koſtete. Nun rennt ſie und ſchreit und weint vor Freuden. Ein Weſen denn wenigſtens, das Freude bei meiner Ankunft äußert. Und die Aengſtlichkeit, mit der ſie auf den Keſſel und die drei Pfannen hinſteht, in denen Schin⸗ ken und getrocknetes Schweinefleiſch kochen; ſie iſt au⸗ genſcheinlich noch nicht mit ſich eins, ob ſie Keſſel und Pfannen oder mich im Stiche laſſen ſoll. Doch der Creole ſcheint ihren Jammer aufs höchſte zu ſteigern. Sie erhebt ihre gellend durchdringende Stimme; nie⸗ mand läßt ſich jedoch blicken. Et les chambres, heult ſie, et la maison et tout, tout— Ich wußte nicht, was ſie mit ihrer Jeremiade wollte. Sie deutete auf meinen Begleiter, krächzend: Mais mon Dieu! pourrais-je seulement un moment— Tenez-la, Massa! bat ſie, indem ſie mir den Löffel — 2— — 21—— hinhielt, und eine Bewegung des Umrührens machte, und wieder auf das Haus deutete. Que voulez-vous done! rief ich aufgebracht, und nun kam die Aufklärung: die Zimmer waren nicht ge⸗ reinigt, nicht gelüftet, kurz, in einem Zuſtande, der nicht zuließ, daß ein Fremder ſie betrete. Sie brauchte nichts als eine kleine Viertelſtunde, ſie in Ordnung zu bringen, und während dieſer Zeit würde ich wohl ſo gut ſein, der Ehre des Hauſes wegen einſtweilen das Gemüſe und die Fleiſchklumpen im Keſſel umzuwenden, und die Pfannen dabei nicht vergeſſen. Ich hieß ſie zu allen Teufeln gehen und kehrte mich dem Hauſe zu. Einen Troſt hatte ich, den nämlich, daß meines Be⸗ gleiters Reſidenz wahrſcheinlich nicht glänzender, wenn ja noch ſo gut war; dieſe Creolen oberhalb Alexan⸗ dria leben noch wie die halben Indianer. Auch ſchien Monſieur Menou der horrible Zuſtand meines Hauswe⸗ ſens gar nicht zu befremden. Als wir in den Salon kamen, fand ich, ſtatt der Sophas und Seſſel, Haufen von grünem und mexikaniſchem Cotton⸗Samen; in ei⸗ ner Ecke alte Wolldecken, in der andern einen Waſch⸗ zuber. Die Zimmer waren noch ärger hergenommen: in meinem Schlafkabinette hatte Bangor ſeine Reſidenz aufgeſchlagen, und die Musquittovorhänge waren wahr⸗ — 22— ſcheinlich in Miſtreß Bleaks Behauſung gewandert. Ich eilte von dieſer gräuelvollen Unordnung dem Hofe zu, mein ganzes Weſen war aufgeregt. Mais tout cela est bien charmant! ſprach der Creole. Ich ſchaute den Mann an; er war ganz ernſt⸗ haft. Ich ſchüttelte den Kopf, denn fürwahr ich war nicht in der Laune, Spott zu ertragen. Der creoliſche Plagegeiſt jedoch ergriff wieder meinen Arm und zog mich den Hütten meiner Neger und weiter den Cotton⸗ feldern zu. Es waren die üppigſten Felder trotz der gränzenloſen Nachläſſigkeit; der unglaublich fette Boden hatte die Stauden beinahe mannshoch hinaufgetrieben, und es war im Juni. Der Creole prüfte mit Kenner⸗ augen und ſchüttelte den Kopf. Die Glocke ertönte vom Dampfſchiffe her. Gott ſei Dank, dachte ich. Monsieur! ſprach er, la plantation est bien charmante, mais ce Blistère Bleak ne vaut rien, et vous— vous ôtes trop gentilhomme. 1 Ich verbiß das derbe Compliment, meine Zähne knirſchten jedoch unwillkürlich. Ecoutez! fuhr er fort, vous irez avec moi-. Moi! ſprach ich. Iſt der Mann toll, mir einen — 232— ſolchen Vorſchlag zu thun, kaum zehn Minuten nachdem ich mein Haus betreten! Oui oui Monsieur! ſprach er, vous irez avec moi. J'ai des choses bien importantes à vous communiquer. Mais Monsieur! erwiederte ich ziemlich froſtig, je suis bien étonné d'une proposition si étrangère— Et faite par un étranger, fügte der Creole lächelnd hinzu. Mais vraiment, Monsieur Howard! vous étes venu sans prendre les précautions nécessai- res comme je vois—— et la fièvre. Ah Monsieur, quand on est forcé de s'échapper de ses amis— Ich blickte den Mann ſtaunend an; woher wußte er dies? Die Glocke ertönte ein zweites Mal. Eh bien! fragte er, plait-il ou non? Ich ſtand verlegen, ſinnend, ärgerlich. J'accepte de votre offre, ſpkach ich endlich meiner ſelbſt nicht bewußt, und eilte ſchnell mit ihm dem Dampfſchiffe zu. Miſter Bleaks ſchüttelte verwundert den Kopf. Ich be⸗ deutete ihm, etwas mehr Acht auf die Pflanzung zu haben, und wollte eben die auf das Dampfſchiff füh⸗ renden Breter betreten, als meine fünf und zwanzig Neger heulend hinter dem Hauſe hervorgerannt kamen. Maſſa! um Gotteswillen, Maſſa, bleibt bei uns! — 24— riefen die Männer. Maſſa, guter, lieber Maſſa, nicht gehen! Miſter Bleaks! heulten die Weiber. Ich winkte dem Kapitain, eine Weile zu halten. Was fehlt euch? fragte ich ein wenig betroffen. Einer meiner Sklaven trat vor und entblößte ſeine Schultern, zwei andere folgten ſeinem Beiſpiele. Ich warf einen durchbohrenden Blick auf Miſter Bleaks, der grinſend lächelte. Es war für meine Ehre und mein Gewiſſen ein wahrhaft rettender Moment, der meine armen Neger herbeigeführt hatte. In der Tollheit meines Weſens wäre ich dem Creolen gefolgt, ohne mich auch nur im mindeſten um das Loos von fünfundzwan⸗ zig Menſchen zu erkundigen, die ich unter ſo ſchlechten Händen gelaſſen. Ich entſchuldigte mich kurz beim Creolen, verſprach einen baldigen Beſuch, um nähere Aufklärung über ſeine räthſelhaften Worte zu erhalten, und verbeugte mich. Der Mann kewiederte kein Wort, rannte über die Breter, wisperte dem Capitain etwas in die Ohren, und verſchwand in den Staatsſalon. Ich hatte weder Zeit noch Luſt mich länger mit ihm zu befaſſen, und war ſchweigend, umgeben von meiner ſchwarzen Bevölkerung, dem Hauſe zugegangen. Das Dampfſchiff ging ſo eben ab, als mich etwas am Arme anfaßte,— es war der Creole. Nun bei Gott, das iſt — 25— zu toll. Es fehlte nur noch, daß er ſeine beiden De⸗ moiſelles auch mitbrachte. Der Mann jedoch ſprach ganz trocken: Vous aurez besoin de moi avec ce co- quin-Ia. Nous nous arrangerons aujourd'hui, demain viendra mon fils et après-demain vous irez avee moi.— Ich ſchwieg und ließ den Mann reden, denn wirklich ſeine Zudringlichkeit ſchien an Narrheit zu gränzen. Meine armen Neger und Negerinnen weinten und lachten vor Freude; die Kinder ſchmiegten ſich an ihre Eltern; Alle aber hingen mit erwartendem Blicke an mir. Ich befahl ihnen, in ihre Hütten zu gehen, von woher ich ſie rufen laſſen würde. Damn these blakies! ¹) ſprach Miſter Bleak, als ſie den Rücken gewandt hatten: ſie haben ſchon lange nicht wieder die Peitſche gekoſtet. Ich gab dem Manne keine Antwort, bedeutete der, alten Sibylle, Beppo und Miza zu rufen, und winkte ihm, ſich zu entfernen. Das ſoll wohl gar ein Verhör ſein? höhnte Miſter Bleaks; da wollen wir auch dabei ſein. Keine eurer Unverſchämtheiten, Miſter Bleaks! ſprach ich; erwartet meine Verfügungen und entfernt euch. Und keine Ihrer Vornehmheiten, erwiederte der Miſter. 1) G—tt verdamme dieſe Schwärzlinge, Schwarzköpfe. — 26— Wir ſind in einem freien Lande, und Sie haben keinen Neger vor ſich. Der Mann trieb mirs ein wenig zu bunt. Miſter Bleak, ſprach ich mit ſo vieler Faſſung, als ich ver⸗ mochte, ihr ſeid hiemit entlaſſen. Eure Anſtellung geht bis 1. Juli; wir haben noch zwanzig Tage, ſie ſollen euch bezahlt werden.— Ich ſetze keinen Fuß von der Schwelle, bis ich mei⸗ nen Gehalt und Auslagen und Vorſchüſſe empfangen, erwiederte der Mann trocken. Bringt mir eure Rechnungen, erwiederte ich; das Blut fing an in meinen Adern zu kochen. Der Mann hatte durchs Fenſter ſeinem Weibe zuge⸗ rufen, die zur Thüre hereinkam; nachdem ſie einige Worte mit einander gewechſelt hatten, entfernte ſie ſich wieder. Ich hatte unterdeſſen meinen Koffer geöffnet und ei⸗ nige Rechnungen, Briefe, Quittungen durchgeſehen. Das Weib kam mit den Rechnungsbüchern herein, und ſtellte ſich mit geſpreizten Armen hin. Ihr Mann ging ganz gemächlich in die nächſte Stube, brachte zwei Seſſel, und die beiden Eheleute ſetzten ſich. Wahrlich, unſere liebe Freiheit hat doch auch ver⸗ wünſcht viel Unbequemes! 1 Den 20. December 25 Ballen Cotton, 4 Fäſſer Ta⸗ — 297— bak in Blättern an Mr. M-n abgeliefert, begann er; den 24. Jänner dito 25 Ballen und 1 Faß Tabak in Blättern. Richtig! erwiederte ich. Das war unſere ganze Ernte, fuhr der Mann fort. Ein ziemlicher Abſtand vom vorletzten Jahre, be⸗ merkte ich, 95 Ballen und 50. Wenns dem Gentleman nicht recht iſt, ſo hätte er nicht in der halben Welt herumvagiren ſollen, fuhr Miſter Bleaks heraus. Und uns da in dieſem Fieberpfuhle verſchmachten laſſen, ohne Geld und alles, bemerkte Miſtreß Bleaks. Weiter! ſprach ich zu ihrem Manne. Das iſt Alles; davon habe ich von Mr. M—n empfangen als Beſoldung ſechshundert Dollars, kommen mir noch dreihundert Dollars zu. Gut! erwiederte ich. Ferner, fuhr der Mann fort, für Wälſchkornmehl und Schinken und geſalzenes Schweinefleiſch und Woll⸗ decken und Cottonzeuge ausgelegt vierhundert Dollars, macht ſiebenhundert; ferner viertauſend Zaunpfoſten zu Fenceriegeln: Summa ſiebenhundert vierzig Dollars. Ich rannte um Schreibzeug und Feder nach der Stube, wo die Trümmer meines Sekretairs ſtanden, — 28— ſchrieb einen Gutſchein an meinen Banquier, und kehrte zurück. Dieſen Menſchen wollte ich um keinen Preis län⸗ ger im Hauſe haben. Erlauben Sie,— ſprach der Creole, der dem Vorgange als ſtummer Zeuge zugeſehen hatte, indem er nach dem Papiere griff. Vergebung, mein Herr! erwiederte ich beinahe auf⸗ gebracht über des Mannes Zudringlichkeit; in dieſen Angelegenheiten wünſche ich mein eigener Herr und Rath⸗ geber zu ſein. Halten Sie ein, und erlauben Sie mir einige Fra⸗ gen an Miſter Bleaks, fuhr der Mann fort, ohne ſich durch meine Abweiſung irre machen zu laſſen. Will Herr Bleaks ſeine Rechnung nochmals leſen? Wüßte nicht warum! Kümmert euch um's Eurige! war die Antwort. Dann will ichs für Herrn Bleaks thun, ſprach der Creole. Den 20. December fünf und zwanzig Ballen Cokton und vier Fäſſer Tabaksblätter an Mr. M=n abgeliefert. Iſts nicht ſo? Miſter Bleaks gab keine Antwort. Den 23. December zwanzig Ballen Cotton und ein Faß Tabak an Mr. G-s abgeliefert. Iſts nicht ſo? — 29— Die beiden Eheleute fingen an ihre Farbe zu verlieren Den 24. Januar fünf und zwanzig Ballen Cotton und ein Faß Tabak abgeliefert, fuhr der Creole fort, und den 10. Februar wieder zwei und zwanzig Ballen Cotton und zwei Fäſſer Tabak an Mr. G-g abgelie⸗ fert. Iſts nicht ſo? Verdammte Lüge! platzte der Aufſeher hrraus. Die wir ſehr bald zu beweiſen gedenken, fuhr der Creole fort. Herr Howard, Sie haben an dieſen Mann eine Anforderung von netto zweitauſend fünfhundert zehn Dollars, um die er ſie ſchändlich betrogen; fünf⸗ hundert Dollars werde ich ſpäter nachweiſen. Das Ehepaar ſchnaubte vor Wuth; ich war wie aus den Wolken gefallen. Wir müſſen eilig mit dieſen Menſchen ſein, wisperte mir der Creole zu, ſonſt ſind ſie verſchwunden, ehe man es ſich verſieht. Senden Sie ſogleich zum Friedensrich⸗ ter M. wegen des Verhaftsbefehls, und geben Sie dem Sherif und beiden Conſtables einen Wink. Unten kann er nicht hinaus; er wird es aber oben verſuchen. Ich traf ſogleich die Anſtalten, und ſandte Bangor, meinen gewandteſten Burſchen, ab. Der Junge hüpfte vor Freude. Und an das Haus G-gs, bemerkte der Creole, muß ſogleich geſchrieben werden. In einer Stunde war Alles geſchehen. Der Monte⸗ zouma kam ſo eben den Fluß herab. Wir riefen den Capitain ans Land, gaben ihm einige Winke wegen des Vorgefallenen, empfahlen ihm unſere Briefe, und wa⸗ ren ſo eben im Begriffe, ihn zu ſeinem Boote zu be⸗ gleiten, als eine Geſtalt ſich durch die Baumſtämme hin ſchob und wand, und längs dem Holzſtoße ſich dem Dampfſchiffe zu ſchlich. Es war Miſter Bleaks, ſo eben im Begriffe, eine Excurſion nach Neworleans zu machen. Wir fanden den ehrlichen Mann unter den Schiffsleuten und bereits zum halben Neger mittelſt Kohlenruß geſchwärzt. Natürlich unterblieb die Reiſe und vier handfeſte Geſellen beförderten ihn wieder in ſeine Wohnung. Für ein zweites Reißaus hatten wir geſorgt, und am ſolgenden Morgen wanderte der Miſter in feſteres Gewahrſam. Aber lieber Monſieur Menou, fragte ich den Mann, als wir bei Tiſche ſaßen und er ſo eben die zweite Bou⸗ teille von ſeinem Chambertin öffnete, denn auch dieſen hatte der gute Mann nicht vergeſſen,— wie kommt es doch, daß Sie ſo viele unverdiente Theilnahme mir be⸗ weiſen? Ei, ei! Ihr gebornen Bürger⸗Ariſtokraten ſollte ich ſagen, verſetzte der Mann halb lächelnd, halb ernſt: Ihr könnt dieſes freilich nicht begreifen in eurem echt republikaniſchen, ſtarren, ſtolzen Egojsmus, der nur auf ſich ſelbſt denkt und vornehm auf uns Ereolen und die übrige Welt herabſchaut, als Weſen einer unterge⸗ oroͤneten Race; wir vergeſſen uns ſelbſt nicht, gedenken jedoch auch unſerer Nachbarn. Ihre Affairen, ſowohl des Herzens als der zeitlichen Güter, ſind mir ganz ge⸗ nau bekannt, und wie Sie ſehen weiß ich guten Gebrauch davon zu machen. Ich drückte dem Manne herzlich und ſchweigend die Hand. Wir lieben euch nordiſche Herren nicht ſonderlich, aber Sie machen eine Ausnahme; Sie haben etwas von der franzöſiſchen Etourderie im Geblüte, und vieles von unſerer Generoſität. Ich lächelte über den vorgehaltenen Sittenſpiegel. Sie haben ſich von ihren Freunden lange zum Beſten halten laſſen, und man amüſirt ſich über den Korb, den Sie für bloßes Beſchauen empfangen. Ich ſprang von der Tafel auf. Bei allen T.en! Ja, ja, mein Herr! laſſen Sie das gut ſein; Emilie Warren iſt ein treffliches Mädchen, aber doch eine Yankeein, für Sie zu geſcheid. Danke fürs Compliment. Morgen kommt mein Sohn; ihre Pflanzung bedarf nur einer feſten Richtung und eines kleinen Kapitals von acht⸗ oder zehntauſend Dollars, dann kann ſie ſich in ein paar Jahren mit jeder am Miſſiſippi meſſen. Mein Sohn wird ihr dieſe Richtung geben, und Sie bleiben einige Monate bei mir. Aber Miſter Menou! Keine Aber, Herr Howard! Sie haben die nöthi⸗ gen Summen; ſie ſchaffen noch zwanzig Hände herbei— für gute wollen wir ſorgen. Morgen das Weitere. Am Morgen kam der junge Menou, ein ſchlichter, gewandter Jüngling von etwa zwanzig Jahren. Der Tag verging in Beſichtigung der Pflanzung. Der junge Menſch hatte mein volles Zutrauen in wenig Stunden gewonnen. Ich empfahl ihm die Meinigen, und am Abende ſchifften wir uns nach ſeines Vaters Pflanzung im Ploughboy ¹) ein. 1) Ploughboy, der Name eines Dampfbootes. . — — — — — 1 — 8 — — — — — — — — — — — — — — — R — — — — b* Transatl. Skizzen. II. Der gute Creole hatte chriſtlich an mir gehandelt. Als wir vor dem Hauſe des Friedenrichters anhielten, und ich ihm— er war bereits im Schlafrocke— die näheren Urſachen meines Anſuchens um Verhaftung Miſter Bleaks eines weitern auseinander ſetzte, kam mir der gute Mann mit dem naiven Geſtändniſſe entgegen: Wußte Alles, lieber Miſter Howard, ſonnenklar; ſah jeden Ballen, um den er Sie beſtahl, oder beſtehlen wollte. Aber um's Himmelswillen, Mann! fuhr ich heraus, warum ließen Sie dieſes ſo angehen? Weil es mich nichts anging, Lieber, verſetzte er mir trocken. Hätten Sie wenigſtens meinen Anwald benachrichtigt. Ging mich nichts an, war wieder die Antwort; doch plötzlich ſeine Augen ſtarr auf mich richtend, fing er ziemlich derb an, mir eine Art Strafpredigt zu halten, auf die ich nichts weniger als gefaßt war. Ei, ei! be⸗ gann er, die Schlafhaube aufs linke Ohr ſetzend, da kommt ihr jungen Herren mit eurem Dutzend Blakies aus dem Norden, werft dem County ein paartauſend Dollars zu, glaubt dafür gemächlich den Abſentee⸗Gentle⸗ — 36— man ſpielen zu können, und uns recht ſehr zu beehren, wenn ihr uns die Mühe überlaſſet, euch die Dollars und Banknoten zuſammenzuſcharren und nachzuſchicken, daß ihr ſie oben oder gar außer Landes verzehren möget. Mir thut's beinahe leid, Miſter Howard, daß Sie nicht ſechs Monate ſpäter kamen. und ſo dem Wichte Zeit ließ, ſich mit der Beute davon zu machen? Er hat wenigſtens gearbeitet, und hat Weib und Kind, und iſt dem County und dem Lande nützlich ge⸗ worden. Ei der Teufel! fuhr ich dazwiſchen. Nun wirklich, für einen Friedensrichter haben Sie einen ſonderbaren Codex. Der weder von Boni, noch von Livingſton, aber echt patriotiſch iſt, verſetzte der Mann ernſt, auf die Stirne deutend. Ich ſah ihn mit aufgeriſſenen Augen an; aber er mich auch. So unrecht hat er im Grunde nicht. Worin beſtünde auch der Unterſchied zwiſchen einem Louiſianer oder Virginier, und einem iriſchen oder engliſchen Ariſto⸗ kraten? Bei uns iſt jedoch noch nicht viel Gefahr vor⸗ handen. Echt vornehme Reiſeunternehmungen gedeihen nun einmal nicht; mich wenigſtens hätte mein Verſuch bei einem Haare dreitauſend Dollars gekoſtet. So, wie die Sachen ſtanden, waren ſie jedoch gerettet: die Gel⸗ der noch in den Händen der Mſt. G—s, die wahr⸗ ſcheinlich in dieſem Punkte wie Squire Turnips dachten. Ich übergab dem Manne die nöthigen Vollmachten und Papiere, wünſchte ihm eine gute Nacht, und wir ſchüt⸗ telten einander herzlich die Hände. Der Morgen graute bereits herauf, als wir das Dampfſchiff zum zweiten⸗ male verließen, um eine Caroſſe zu beſteigen, die zwar ſchrecklich aus der Mode war, uns aber raſch fortbrachte. Eben hatte ich mich wieder dem lieblichen Morpheus in die Arme geworfen, als eine ſanfte Stimme nicht zehn Schritte von uns rief: Les voilà! Ich blickte auf, rieb mir die Augen,— es war Louiſe, die jüngere Toch⸗ ter des Creolen, die nun vor der Veranda ſtand und uns willkommen hieß. Welche von unſern lieben nordi⸗ ſchen Evatöchtern würde wohl dahin zu bringen gewe⸗ ſen ſein, des Papa willen um ſechs Uhr ihr jungfräu⸗ liches Lager zu verlaſſen, und für uns ſchwarzen Kaffee bereit zu halten, damit die böſen Ausdünſtungen nicht unſern Appetit verderben? Monſieur Menou ſchien je⸗ doch in der hingebenden Aufopferung ſeines Töchterleins gar nichts Außerordentliches zu finden, und zögerte nicht, Erkundigung einzuziehen, ob die Leute bereits ihr Frühſtück im Leibe und den Pflug und das Grabſcheit in der Hand hätten. Auch über dieſen Punkt wußte Louiſe Auskunft. Zugleich erwies es ſich, daß ſie in den vier und zwanzig Stunden ihres Daheimſeins ſich ziemlich tief in die Verhältniſſe ihrer ſchwarzen Liege⸗ Subjekte einſtudirt habe. Tom hatte ſich nämlich einen Splitter in den Fuß gerannt, Pompey hatte Augenweh, er ſchielte ſtark nach Sarah, und Curgy hatte eine neue Eroberung am Cato eines Nachbarn gemacht,— Alles Dinge, die zwar für Menou und Louiſen ſehr intereſſant ſein mochten, mich aber ſanft zum Gähnen brachten. So ſah ich mich denn unterdeſſen im Speiſeſaale um, deſſen Ameublement mir einen Vorgeſchmack der hier exi⸗ ſtirenden Civiliſirung geben ſollte. Die Matten waren das Neueſte, und ſehr elegant; aber das sideboard war ſchrecklich aus der Mode. Tiſche, Seſſeln und Sopha franzöſiſch, ſtatt amerikaniſch. An den Wänden hingen ein paar Kupferſtiche; nicht die Schlacht von New⸗ Orleans, oder die glänzenden Siege Perry's und Bain⸗ bridge's über die Britten auf den Champlain⸗ und Erie⸗ Seen; nein, ein paar Eurioſitäten aus Louis-Quinze und Seize Zeiten. Ueberhaupt hatte das Ganze einen ßziemlich ſtarken, oder vielmehr matten Beigeſchmack vom ci-devant Franzoſenthum, nicht dem republikaniſchen, oder kaiſerlichen, oder reſtaurirt⸗ jeſuitiſchen, nein, dem verlorenen, verdorbenen alt⸗ royaliſtiſchen · Ja, die wahre comfortable Art zu leben und zu ſein findet man nur beim echten Amerikaner oder Engländer, vorausgeſetzt, er habe Batzen; der Ueberreſt iſt noch im Barbarenthum verſunken: Prunk und Flitter im Schau⸗ zimmer, und Schmutz und Fäulniß im Schlafgemach und auf dem Leibe. Es iſt eine arge Sache um unſern Stolz und Uebermuth und unſer ewiges Kritiſiren; aber wir können es nun einmal nicht laſſen. Wir ſchauen ſo gerade zu und tief; der gute Pabſt iſt uns bloß ein alter Mann, und ein König ein anderer, wenn er nicht jung iſt, und Menſchen und Bücher ſind vor uns auf⸗ geſchlagen, wie unſer offenes Land, und wenn wir ja ein bischen ſpöttiſch unſere armen transatlantiſchen Brü⸗ der in Adam durchhecheln, ſo wiſſen wir wohl, daß uns von ihnen auch nichts geſchenkt wird. Wenn wir ſo einander in die Haare geriethen, wie würden ſich die alten ſchleimig⸗ſchwammigten Legitimaten und ihre La⸗ quaien freuen!— Doch genug; die ſtündige Relation iſt vorüber, und wir erheben uns, um einen Blick auf das Aeußere zu werfen. Nun, das Haus laßt einmal ſehen! Es lehnt ſich an einen zuckerhutähnlichen Maul⸗ wurfshügel, den einzigen, den es für Meilen in der — 40— Runde herum geben ſoll. Gegen Süden, Oſten und Weſten iſt es mit einem dichten Rahmen von Akazien⸗ und Cottonbäumen eingefaßt; nur die Nordſeite liegt offen für das Flüſtern des Boreas, der bei uns ein wun⸗ derlieblicher Gaſt iſt. Ein helles Bächlein(für Louiſiana wenigſtens) ſtrömt ſeine Gewäſſer von der ſanften An⸗ höhe in einen kleinen See, der, würde ein Yankee ſa⸗ gen, 180 Fuß lang, 80 breit, einen Fall von 45 Fuß hat, und ſo eine herrliche Gelegenheit zu Maſchinenweſen darbietet, wenigſtens zu einer Gerberei, ein ſicheres Anti⸗ dote gegen die Cholera. Wir hoffen, der Czar wird uns mit ſeinem Cadeau verſchonen; wir ſind ja ſeine beſten Freunde, ſagte die letzte Präſidentenbotſchaft. Ich habe nichts gegen die Freundſchaft des Czars, das iſt ein feiner, artiger Mann; aber mit ſeinen ſtinkenden, loyalen Bojaren, da mag er uns in Ruhe laſſen. Doch, zu Monſieur Menou's Haus zurückzukommen. Es ſind eigentlich drei Bauwerke, die, zu verſchiedenen Zeiten von Großvater, Vater und Sohn gebaut, nun in eines vereint ſind. Die Uurſache dieſer Vereinigung gereicht dem Herzen des Creolen zur Ehre:— Meine Kinder ſollen ſich ſtets erinnern, wie ſchwer es ihren Großeltern geworden, welche Mühſeligkeiten ſie zu er⸗ dulden hatten, um ihren Nachkommen bequemere Tage — 414— zu verſchaffen.—„Ja, das ſollen ſie„' erwiederte eine Stimme hinter uns, gerade als wir vor dem Seechen ſtanden.— Madame Menou, j'ai''honneur de vous présenter notre voisin, Monsieur Howard.—„Qui restera chez nous pendant long-tems,“ frohlockten die beiden Mädchen.— Ich verbeugte mich pflichtſchul⸗ digſt vor der Dame, und konnte kaum eine Antwort geben, als die beiden Geſchöpfe mich, jede bei einer Hand ergriffen, und mich nolens volens ins Haus und durch ein halbes Dutzend Zickzack⸗Gänge und Gängchen zogen, um mir mein Zimmer zu zeigen, wobei ich nicht wenig Gefahr lief, mir Stirne und Knochen an den mannig⸗ faltigen Ecken und Windungen zu zerſchellen. Glück⸗ lich langten wir jedoch in einem achteckigen Gemache an, das ſie mir als das wohnlichſte beſtimmt hatten, indem es unmittelbar über dem Waſſer und ſo ſtets kühle ſei. Und wieder zogen ſie mich heraus, und hinunter ging es zu Pa und Ma. Die Ma war eine comfortable, be⸗ haglich ausſehende, gute Dame, mit einem etwas flachen Geſichte, in dem jedoch ein Ausdruck von Gutmüthig⸗ keit und laisser aller vorherrſchend war, bei dem man ſich recht wohl, ſo gleichſam zu Hauſe fühlte. Sie nahm mich ſo ganz als alten Bekannten auf, als wäre ich ihr ſeit Jahren erkohrener Schwiegerſohn geweſen: — 12— keine Complimente, kein geſchraubter Anſtand; ſelbſt ihre Geſichtszüge nahmen ſich nicht einmal die Mühe, das bei Fremdenempfange gewöhnliche Feiertagskleid an⸗ zuziehen.— Doch ſiehe da! was hat dies zu bedeuten? Eine Dame mit zwei Gentlemen— augenſcheinlich ſind es Ausländer. Die Olivenfarbe des Einen verräth ihn als einen ſpaniſchen Abkömmling, der Andere iſt jedoch ſchwerer zu definiren. Sie kommen von der Veranda herab und ſchließen ſich an uns an, wie Hausgenoſſen. Sie wurden mir aufgeführt als Signor Silveira und Signor Pablo; die Dame iſt die Gattin des Erſtern. Eine edle Geſtalt, Augen ſchwarz, Naſe römiſch, ſtolz und fein geformt, ein prachtvoller Mund mit herrlichen Reihen von Elfenbeinzähnen, ein Teint, brunett und zart,— das ganze Weſen hat für eine Ausländerin wirklich etwas Anziehendes. Ich habe bisher immer unſere nordiſchen Mädchen für die ſchönſten gehalten, ſelbſt die Brittinnen nicht ausgenommen— dieſe könnte unſern erſten Prachtausgaben die Palme ſtreitig machen. Doch softly— lieber Howard, Don Silveira, ſcheint es, behält ſeine Frau gerne für ſich, und auch Louiſe iſt ein wenig verſtimmt über meine etwas zu republi⸗ kaniſchen Blicke. Keine Gefahr! eheliche Galanterien ſind mir verhaßt. Freiheit und Eigenthum! iſt unſer —a— Wahlſpruch, und Eheleute ſind gegenſeitiges Eigenthum. Ich halte mich zur Bouteille, die mir vom Dejeuner⸗ tiſche herüberblinkt, an dem wir uns, dem Himmel ſei Dank, niederlaſſen, denn es wird mir ganz curios zu Muthe— squeamish, wie wir in Virginien zu ſagen pflegen. Unſere Gäſte jedoch ſind ganz ernſt und ſolenn, eſſen wenig, und die steaks waren doch ſo vortrefflich, und die jungen quails unvergleichlich, und der Cham⸗ bertin ſo wahrhaft napoleoniſch. Wohl, was den letz⸗ tern betrifft, ſo habe ich gar nichts dagegen einzuwen⸗ den; bleibt ja uns deſto mehr übrig. Wer ſind dieſe Meſſieurs mit der Dame? fragte ich meinen Wirth, als ſie von der Tafel ſich erhoben und den Saal verlaſſen hatten. Mexikaner, antwortete Menou; aber wer ſie ſind, könnte ich Ihnen unmöglich ſagen. Wie, Sie kennen ſie nicht? fragte ich. Ich kenne ſie wohl, ſonſt wären ſie nicht in meinem Hauſe; aber meine Familie, flüſterte er mir zu, kennt ſie nicht. Arme Teufel! dachte ich; auch Freiheitsopfer, die ihre ſieben letzten Dinge am Altar der Göttin dargebracht, und zur Belohnung von Haus und Heimath vertrieben worden ſind. In dem Mexiko ſieht es noch wüſte aus; — 44— Guerrero Buſtamente Santa Anna obenan, und unten eine Race, der man nichts Beſſeres wünſchen könnte, als einen echt moskowitiſchen genialen Treiber, ſo einen Peter, der ſie ſo lange knutet, bis ſie Raiſon lernen; meint Monſieur Menou nicht? aber ich. Ei die Freiheit! ja, ſie iſt ein göttlicher Funke, der leicht ſprüht, aber nur dann fängt, wenn das erkannte Menſchenrecht und der feſte Wille, es aufrecht zu halten, in Millionen wie Stahl und Stein zuſammenſchlägt. Wo der Funke einzeln aufſprüht, da fängt er nicht im morſchen Zun-⸗ der des verjährten Despotismus; es müſſen Millionen Funken ſein, und dann brennen die morſchen Trümmer luſtig weg, und auf ihnen läßt ſich allenfalls der Altar der Göttin bauen. Es wird lange währen, bis dieſer miſerable Sklavenhaufe ſich aus dem Schlamm ganz er⸗ hebt; aber zum Theile hat er es ſchon gethan, und aus dem Chaos bildet der göttliche Funke ja ſeine Wunder! Julie und Louiſe hatten ſich mittlerweile in das an⸗ ſtoßende Zimmer begeben, um die dritte oder vierte Re⸗ vue über die tauſend und eine Wichtigkeiten zu halten, die ſie von der Hauptſtadt mitgebracht. Wer die Mama ſo ſah, wie ſie mit wahrer Herzensfreude den Vorſitz bei der Muſterung führte, welche die Brüßler Spitzen, Gros de Naples, Indiennes, Gauze und tauſend an⸗ — 45— dere Dinge zu paſſiren hatten, konnte das Bild echt creoliſcher Comforts malen. Kein Schmollen über die endloſen Items; Alles war charmant, Alles hatte ſeine Beſtimmung, und ich wunderte mich nur, an welchem Theile dieſer drei Leiber die hunderte von Ellen figuri⸗ ren ſollten, die auf Tiſchen, Seſſeln, Sopha's und Schränken ausgebreitet waren, und eine ganze Grafſchaft von New⸗Jerſey's Schönen in Prachtausgaben hätten umwandeln können. Die ganze Familie iſt wahrlich ein Muſter von fröhlich-⸗harmlos glücklichen Weſen; eine ge⸗ wiſſe ungekünſtelte Natur, ein fröhlicher Muthwillen, der ſtets ſeine Gränzen kennt und nie dem Anſtande zu nahe tritt. Jeder und Jede verrichten ihre Aufgaben in einem lachenden, fröhlich ſchäkernden Tone, der aber bei alle dem ſo wohl wie unſer ſtattlich ſteifes Weſen zu gedeihen ſcheint; wenigſtens iſt die Ordnung im Hausweſen bewundernswerth, und das Dejeuner war deliciös. Selbſt Miſtreß Houſton, die wegen ihrer Di⸗ ners und Dejeuners berühmte Miſtreß Houſton hätte hier noch in die Schule gehen können,— und ich bin Kenner in dieſem Punkte. Ich habe mich einmal ſterb⸗ lich, ich glaube, es war meine neunzehnte ernſtliche Liebſchaft, in ein Maſſachuſets⸗Prachtexemplar verliebt, deren Lockenköpfchen, ſo wahr ich lebe, bereits drei No⸗ —— 8 — 46— vellen entſprungen, ſo ſentimental und phantaſtiſch al⸗ bern, ſie hätten einer Deutſchen Ehre gemacht. Ich war ganz raſend in ſie verſeſſen, bis es ihrer Ma un⸗ glückſeliger Weiſe beifiel, mich zu einem diner en fa- mille zu bitten; da ruinirten die ledernen Hammel⸗Cote⸗ lets für zwei Tage meine Zähne, und für immer meine neunzehnte Liebe. Doch, verſparen wir unſere weiteren Lobeserhebungen, bis wir mehr Salz mit den Leutchen gegeſſen haben. Unſer Sprichwort iſt: Love me a little, but love me the longer. Wir wollen die lieblichen Geſchöpfe der Obhut der Ma überlaſſen, und mit Herrn Menou ſeine Pflanzung beſehen. Sie iſt ſo übel nicht; au contraire, die Lage gegen den Fluß hin, die Bewäſſerung durch Gräben, die Cotton⸗ und Wälſchkornfelder, prachtvoll. Der Mann hat über drei⸗ hundert Acker in Kultur und eine jährliche Ernte von zweihundert fünfzig Ballen,— ein hübſches Einkom⸗ men! Nur drei Kinder, die Pflanzung hat viertauſend Acker— die Partie wäre nicht ſo übel. Was würde aber die Welt dazu ſagen? Der ariſtokratiſche Howard mit einer vielleicht half-breed ¹)⸗Creolin! Er hat je⸗ 1) Half breed, Schwarzhäute, oder half blood, Halbblütige, wird die durch Vermiſchung mit den Indianern entſtandene Caſte genannt. -— 47— doch ſechzig Neger und Negerinnen, und eine ganze Herde von Nachwachs, und die Mädchen ſind ſo übel nicht— Milch und Blut— beſonders Louiſe.— Wol⸗ len ſehen. Apropos! fragte der Creole, als wir ſo durch die Feldergaſſen hinſtrichen; Sie haben dreitauſend Dollars bei G— gs? Ich nickte. Und achttauſend bei Miſthere Richards? Woher wiſſen Sie dies, lieber Monſieur Menou? (Per parenthesin!— Wir lieben es, den Franzo⸗ ſen und Ausländern, unſern Couſin John Bull ausge⸗ nommen, den Titel Monſieur zu geben. Es iſt ſo ein Mittelding zwiſchen Herrn und Sklaven, während der Miſter oder Maſter— der Meiſter— den freien ſelbſt⸗ ſtändigen Mann bezeichnet, und deshalb für uns vorbe⸗ halten wird.) Monſieur Menou lächelte auf meine Frage. Woher weiß ich, ſprach er, daß Miſthere Howard fünfzehn⸗ hundert Meilen gereiſet iſt, um die ſchöne Emilie War⸗ ren zu ſehen, die von ſeiner Ankunft wußte, und doch ſich an Miſthere Doughby vergab? — — 48— Und dabei ein Geſicht ſchnitt, wie eine wahre Iphi⸗ genie in Aulis, brummte ich. 4 Der Mann nickte. So etwas weiß man, ſobald man den haut-ton der Hauptſtadt in ſeinen Ohren ſauſen gehört. Siehe da! Monſieur Menou, der ſchlichte Monſieur Menou alſo auch ein haut-ton⸗Mann ſprach ich beinahe ein bischen ſpöttiſch, auf des Mannes ungebleichte Pan⸗ talons und Jacke und Strohhut ſchielend. Meine Frau iſt eine geborne M—y, mein Großva⸗ ter war Parlamentspräſident zu Toulouſe, war ſeine Antwort. Ich verbeugte mich. Die indianiſche oder ſchwarze Race hat alſo zur Verjüngung des Samens nicht, wie ich argwohnte, beigetragen. und wirklich hat denn, fuhr ich fort, der arme Ho⸗ ward zum Theegeſpräche herhalten müſſen? Ja, ſprach der Mann, und wenn ich der Miſter Howard wäre, ſo wollte ich meinen lieben Freunden ei⸗ nen recht herrlichen Spaß ſpielen. Laſſen Sie doch hören. ** 49— Der Mann ſchüttelte den Kopf. Leuten Rath geben, die ſich klüger dünken, und auch vornehmer, das thut Menou nicht. Ich ſah den Mann betroffen an. Er hat recht! Ein Sterling⸗Charakter, wie er, kann für eine Weile den Hohn Unſereines mit ertragen; aber die Geduld eines Job hatte auch ihr Ende. Wir gingen eine Weile neben einander her. Wollen Sie meinen Vorſchlag hören? fing er endlich wieder an. Sehr gerne. Und verſprechen, daß mir die Ausführung über⸗ laſſen bleibt? Ich bedachte mich, und ſagte dann zu. So überlaſſen Sie mir von den eilftauſend Dollars, die Sie ſo werthlos liegen gelaſſen, ſiebentauſend zu freiem Schalten und Walten. und Richard? fiel ich ein. Iſt beſſer daran, wie Sie. Sein Sie großmüthig, wo es hilft und erkannt wird; aber Güte wegzuwerfen und ſich ſelbſt zu ſchaden, iſt thöricht. Hier haben Sie Transatl. Skizzen II. 4 das Recepiſſe für die Summe; ich werde Ihnen über die Verwendung Rechnung tragen. Und mit dieſen Worten überreichte er mir wirklich das ſchon fertig geſchriebene Recepiſſe.— Der Mann hat ein kleines Plänchen mit mir, und griff mir ein wenig zu energiſch in mein Sein und Handeln. Der Gedanke an Richards fing an mir ſchwer am Herzen zu liegen. Mein indolentes Weſen mit den albernen Begriffen von Generoſität ꝛc., die ich aus Wagenladungen von Romanen zuſammengeſchöpft, empörte ſich gegen die Idee, dem Freunde gerade jetzt ſo mitzuſpielen. Doch mein Wort war gegeben, und ich ſagte zu.— Julie und Louiſe ſchienen mich kaum zu bemerken, als wir ins Haus tra⸗ ten. Die Eine hatte mit der Küche und dem Hauswe⸗ ſen alle Hände voll zu thun, die Andere ſchnitt und riß in den Ginghams und Indiennes herum, daß man es auf fünfzig Schritte krachen hörte; beim Souper je⸗ doch ging das tolle Weſen los, das Schäkern nahm kein Ende. Es ſchien, als ob die Mädchen, nachdem ſie die Tageslaſt abgeſchüttelt, erſt vor dem Schlafengehn zum eigentlichen Leben erwachten. Die drei Fremdlinge mit ihrer Grandezza genirten — 51— ſie nicht im mindeſten. Gegen acht Uhr wurde die uUngeduld über das lange Sitzen zu rege⸗ Sie wis⸗ perten und wisperten, und ehe wir es uns verſahen, hatten ſie die Tafel verlaſſen, und waren in den Salon geſchlüpft. Die Töne eines harmoniſchen Pianoforte wurden gehört. Wir müſſen eilen, ſprach der Creole, ſonſt ſetzt es verdrießliche Geſichter. Und ſo gingen wir denn in den Salon. Nun, dieſer Salon iſt wirklich elegant. Am pracht⸗ vollen Inſtrumente ſitzt die fremde Dame, die einen Cotillon ſpielt, und Julie hat bereits mit dem Papa ſich arrangirt; mir fällt Louiſe zu, und Don Silveira hat die Ehre des Hauſes. und ſo ging es denn bis zwölf. Der Ball war juſt im beſten Gange, als Menou lächelnd vor mich hintrat. Voilh notre manidre créole; mais c'en est assez. Das iſt unſre Lebenswürze, fuhr er fort; Alles hat ſeine Zeit: Plappern, Scherzen, Tändeln, Arbeiten, 6 — 52— Beten und Tanzen. Der wahrhaft Vernünftige weiß Alles ſo zu vereinigen, daß das Erſte dem Letzten nicht Eintrag thut. Bloß auf dieſe Weiſe kann unſer einſam häusliches Leben erträglich und glücklich werden; wir haben nie Langeweile.— Gute Nacht! . — 4— — — S — — — — — — — — So verliefen acht volle Wochen wie eben ſo viele Stunden. Ich war ganz heimiſch in dem Kreiſe die⸗ ſer lieben Menſchen geworden, und ſo häuslich und öko⸗ nomiſch; beinahe wußte ich nicht mehr, wie unſere Dol⸗ lars und Banknoten ausſahen. Alles ging hier wie ſpielend zu; dabei war eine Aufrichtigkeit, eine Herz⸗ lichkeit und Sympathie zwiſchen den ſiebzig bis achtzig Gliedern dieſes kleinen Patriarchats zu bemerken, daß man leicht der Welt mit allen ihren Leiden und Freuden vergeſſen konnte. Und ich vergaß ihrer wirklich; ganze Stöße Zeitungen lagen ungeleſen, und ich wurde jeden Tag mehr Hinterwäldler. Des Morgens ſchlüpfte ich in meine weißleinenen Pantalons und Jacke, warf einen Strohhut auf den Kopf, und folgte Monſieur Menou in ſeine Felder und Cottonpreſſe. Der Nachmittag ver⸗ ging im Durchſehen von Rechnungen oder Colonel Sto⸗ nes und Major Noahs ¹) Seiten⸗ und Querhieben, und den Abend ſchloß Tag für Tag ein Impromptu, Tanz, oder ein raſches, munteres Geplapper. 1) Colonel Stone und Major Noab, die Eigen⸗ thümer der bekannten Zeitungen: der Morgen⸗Courier und die commercielle Zeitung. — 56— Eines Abends, wir ſetzten uns ſo eben zum Souper, machte uns Monſieur Menou den Vorſchlag zu einer nächtlichen Hirſchjagd. Ich war deſſen ganz zufrieden, und er erließ ſofort die nöthigen Weiſungen. Die zwei Mexikaner baten gleichfalls, uns begleiten zu dürfen, als die Dame mit halbem Entſetzen dazwiſchenfuhr. Don Lop—! rief ſie, hielt jedoch inne; das Wort ſchien ihr auf der Zunge zu erſterben. Ich bitte dich, fuhr ſie in ſpaniſcher Sprache fort, nur diesmal nicht. Es war etwas ſo Weiches, Zartes in ihrem edlen, ſcheuen Weſen, das uns Alle für einen Augenblick hinriß. Ihr Mann bat ſie, ſich zu beruhigen, und verſprach zu blei⸗ ben; es ſchien ihn jedoch Mühe zu koſten. Ich ver⸗ ſicherte ſie, es ſei keine Gefahr.—„Keine Gefahr?”. wiederholte ſie in ihrer ſonoren kaſtilianiſchen Sprache, „keine Gefahr?— Doch, Sie haben nirgends von Ihrem Vorhaben etwas verlauten laſſen?“ wandte ſie ſich an Menou.„Gewiß nicht,“ erwiederte dieſer.— Nun erſt fiel es mir auf, daß die zwei Eheleute ſich während ih⸗ res ganzen langen Hierſeins auch nicht ein einziges Mal im Freien ergangen hatten. Mein Auge fiel wieder auf den jungen Mann; er hatte ausgezeichnet ſchöne Züge, eine bleiche, aber nicht ungeſunde Geſichtsfarbe, und eine hohe Stirne. Die Augen waren beſonders ſchön; — 8½— es blitzte ein Feuer in dieſen Augen, das wahrlich nicht beſtimmt zu ſein ſchien, hier am Red⸗River zu verglü⸗ hen. Sein ganzes Weſen drückte, ſo viel er ſich auch Mühe gab, es zu verbergen, etwas militairiſch Gebie⸗ tendes aus. Es war eben dieſes gebietende Weſen, das mich bewogen hatte, den jungen Mann, der etwa dreißig ſein mochte, ein wenig kalt zu behandeln. Wir erlau⸗ ben nicht leicht, oder vielmehr nie, Fremden, ſich in unſerm Lande airs zu geben; die Ergebung jedoch in den leiſe ausgeſprochenen Willen ſeines herrlichen Wei⸗ bes hatte den übeln Eindruck einigermaßen verwiſcht. Ich achte den Mann, der ſein Weib liebt. „Und iſt wirklich keine Gefahr?“ fragte mich das En⸗ gelsköpfchen, die Donna nämlich. Ich verſicherte ſie, daß keine ſei. Sie flüſterte ihm einige Worte zu, und er, ihre Hand küſſend, bat nochmals, uns begleiten zu dürfen. Die zwei ſonderbaren Leutchen hatten ſich auch bei Tiſche beinahe ausſchließlich nur mit einander be⸗ ſchäftigt, und es ſchien ihm gewiſſermaßen eine An⸗ wandlung von Eiferſucht aufzuſteigen, wenn die Donna ſich mit Julien oder Louiſen länger unterhielt. Ihr Gefährte war eine unbedeutende Perſon, die mit einer Art abgöttiſcher Verehrung an dem Paare zu hängen ſchien. Sie hatten ſechs Diener bei ſich. — 58— Wir erhoben uns etwas früher von der Tafel, war⸗ fen uns in unſere Wolldecken⸗Röcke, nahmen unſere Ge⸗ wehre, und beſtiegen die für uns bereit gehaltenen Pferde. Sechs Neger mit Pechpfannen und eine Kop⸗ pel Hunde waren vorausgegangen. Die Glocke ſchlug zehn, als wir aufbrachen. Es war eine finſtere, ſchwüle Nacht; der Donner rollte her von Süden, und verkündete den herannahenden Sturm, unſere tägliche Abendmuſik in dieſer Weltgegend; die Atmosphäre war in den erſten zehn Minuten unſeres Rittes beinahe zum Erſticken geweſen; dann erhob ſich jedoch ein ſäuſelnder Luftzug in den Baumwipfeln; der Donner brüllte ſtär⸗ ker vom mexikaniſchen Buſen herauf, die ganze Atmo⸗ ſphäre ſchien ſich wälzend zum gewaltigen Elementen⸗ kampfe zu rüſten. Dann und wann ſchoß ein zackigter Blitz aus dem ſchwarzen Firmamente heraus durch die Bäume hin, und der ganze Wald loderte für einige Sekunden in einer Zauberflamme auf. Wieder kam ein kanger leuchtender Strahl, und näher und näher rollte der Donner, aber ein Donner, gegen welchen der des Nordens ein bloßer Paukenſchlag iſt. Selbſt unſere Hunde fingen an zu winſeln, und preßten ſich ſo nahe an die Pferde, als ſie nur konnten. Wir hatten ein dichtes Lorbeergebüſche betreten, und der Leithund war d —— — 59— ſtehen geblieben und ſpitzte die Ohren. Sofort ſtiegen wir von den Pferden und traten an die Hunde heran; zwiſchen uns die Neger mit ihren Pechpfannen, und vor uns in der Entfernung von etwa zwanzig Schritten vier leuchtende winzige Feuerballen,— es waren die Hirſche, die mit rollenden Augen das ungewohnte Schau⸗ ſpiel. anſtarrten. Wir legten an; der Creole und ich nahmen den erſten, die zwei Mexikaner den zweiten. Wir ſchoſſen auf ein gegebenes Loſungswort, hörten ein raſſelndes Niederſchmettern, ein lautes Krachen, und gleich darauf ein Sacré! und Damn ye! und Diablo! und San Jago! Die ſechs Pechpfannen waren zu und auf unſern Füßen; der Creole war zur Seite geſprun⸗ gen, die Neger lagen vor Schreck auf dem Boden, und die beiden Dons neben ihnen. Santa Vierge! rief Don Pablo; Maledito Gojo, Don Senor Manuel. Und ſich aufraffend, ſtürzte er ſich auf den jungen Mann: Maledito Gojo! Nuestro libertador Santa Anna!—„Allate!“ rief ihm die heilige Anna zu. Monſieur Menou hatte ſich vorſichtig mit ſeinen Ne⸗ gern beim erſten Anſchein von Gefahr zu Boden gewor⸗ fen; der junge Mexikaner hingegen, weniger erfahren in dieſem zuweilen gefährlichen Nacht⸗Zeitvertreibe, war — 60— ſtehen geblieben, und von dem aufgeſchreckten Hirſchen über den Haufen gerannt worden. Ich z9g den heulen⸗ den Senor Pablo von ſeinem Gefährten, und unterſuchte mit Menou, ob er Schaden gelitten. Sein Ueberrock war zerriſſen, und aus beiden Schenkeln begann Blut zu fließen; ſie waren durch die Geweihe des Hirſches aufgeſchlitzt. Glücklicher Weiſe war die Wunde nicht tief; ſonſt dürfte ihn ſein Fehlſchuß theuer zu ſtehen gekommen ſein. Wir hoben ihn auf den Rücken des Pferdes, und traten wieder den Heimweg an. Es war Mitternacht, als wir mit dem todten Hirſchen und dem verwundeten Don vor dem Gitter des Parkes anlangten. Eine weiße Geſtalt im Fenſter des Mexika⸗ ners verkündete, daß ſeine Gattin ſeiner noch warte. War es Vorgefühl oder gewöhnliche Weiberangſt, ſie kam die Stiegen herabgeflogen, und mit dem Ausrufe: Perdito! fiel ſie beinahe ohnmächtig vor der Hausthüre nieder. 4 um Gotteswillen! rief eine zweite weibliche Stimme, ein Unglück! Iſt's Howard?— Es war Louiſe, die athemlos im Schrecken und im Nachtröckchen aus ihrem Zimmer ſtürzte. Mein Gott, es iſt nur der Mexikaner! Gokt ſei Dank! lispelte ſie. — 6— Dank, liebe Louiſe, für Ihre Unbarmherzigkeit; ſie macht mich glücklich! Mit dieſen Worten ſchloß ich das Mädchen in meine Arme, und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. Böſewicht! rief ſie, ins Haus zurückeilend. Ich folgte nun dem Zuge in die Zimmer des Mexi⸗ kaners. Die bleiche Marmorgeſtalt ſeines Weibes hing über dem Verwundeten regungs⸗, bewußtlos. Es koſtete Menou Mühe, ſie von ihm zu bringen; doch der wohl⸗ thätige Creole war ſchnell. Wo er ſeine Chirurgie ge⸗ lernt hat, weiß ich nicht; aber die Sicherheit, mit der er die Wunden ausſchnitt, ausbrannte und auswuſch, flößte wirklich Vertrauen ein. Sie waren nicht gefährlich, hätten es aber leicht bei der Hitze der Temperatur, der Thermometer ſchwankte zwiſchen 85 und 87, und dem Umſtande, daß ſie von Hirſchgeweihen herrührten, wer⸗ den können. Nach einer halben Stunde trat er vor die bewußtloſe Donna Iſabelle, und verkündete ihr im zu⸗ verſichtlichſten Tone, daß ihr Mann in wenigen Tagen wieder hergeſtellt ſein würde. Ich hatte während der Operation eines der Lichter gehalten und konnte nicht umhin, die ſchöne Geſtalt anzuſchauen. Als ihr nun Menon die tröſtende Nachricht verkündete, richtete ſie ihre Augen mit einem ſo wahrhaft katholiſchen Blicke — 52— zum Himmmel, daß ich wahrlich den Heiligen beneidete, dem ſie dankte. Als ich das Licht auf den Tiſch ſtellte, fiel mein Auge auf ein herrliches Miniaturgemälde, das ſie ſelbſt vorſtellte; daneben lagen Briefe an Don Senor Lopez Sa A⸗, Mariscal di Campo; zwei oder drei hatten die Aufſchrift: Lieutenant⸗General. Das war denn der berühmte Heerführer Mexiko's, der zweite Würdige unter dem Generalgeſindel dieſer ſein wol⸗ lenden Republik. Ich ging gedankenvoll meinem Schlaf⸗ zimmer zu; allmälig drängte ſich Louiſe aus dem Hin⸗ tergrunde meiner Phantaſie hervor; das liebliche Mäd⸗ chen hatte denn gewacht, unruhig gewacht; auch ſie hatte nicht ſchlafen können; auf das erſte dunkle Gerücht von einem Unglücke hatte ihre beflügelte Furcht den Na⸗ men erpreßt, den ſie im Herzen trug. Ich hatte wäh⸗ rend meines ganzen Hierſeins gar nicht an Liebe gedacht; Alles war ſo geſchäftig in dieſem Hauſe, ſo rührig, ſo beweglich; man hatte gar nicht Zeit, auf ſentimentale Gedanken zu kommen,— nun kamen ſie aber doch. Es thut einem acht und zwanzigjährigen Hageſtolz, der ſo viele Körbe bekommen hat, daß er damit einen mäßi⸗ gen Handel treiben könnte, ſo wohl, ſich im Herzen eines ſiebzehnjährigen Kindes gebettet zu wiſſen. Sie konnte mich beim Frühſtücke gar nicht anſehen; — 63— aber ich ſah ſie deſto mehr an. Wo waren doch meine Augen? Iulie war allerdings zu corpulent für meinen gout; doch Louiſe— ſie iſt ohne Widerrede ein ganz herrliches Mädchen; ſchlank, mit einer lieblichen Taille, nicht zu üppig, nicht zu bretern, Milch und Blut im Geſichtchen, aus dem Schalkheit, Wohlwollen und Häus⸗ lichkeit blicken, ganz vorzüglich ſchöne Hände, und ein Geſtelle— kurz, ich wurde nachdenkend. Muß doch ſehen, wie es zu Hauſe ausſieht, dachte ich. Wollen Sie mir gefälligſt Ihren Wagen bis an den Fluß geben? fragte ich den Creolen. Von Herzen gern. Eine bloße Spazierfahrt, wenn ich fragen darf? Nein, ein wenig weiter. Ich will ſehen, was die Meinigen thun. Uns verlaſſen? ſchrie Louiſe, und etwas langſamer Julie und die Mama. 4 Wenn Sie erlauben, ſo will ich in kurzer Zeit wie⸗ der ſo frei ſein, Sie zu beſuchen; aber für heute muß ich gehen. Die Roſen waren von den Wangen Louiſens ge⸗ wichen, ſie wandte ſich, und ich glaube, eine Thräne perlte ihr in den Augen. Wir ſaßen eine Viertelſtunde, ohne daß ein Wort — 64— üͤber unſere Lippen gekommen wäre. Der Creole ſprach endlich: Sie ſchienen doch recht vergnügt bei uns; hat ſich etwas zugetragen? Etwas für mich ſehr Wichtiges; ich muß wirklich ſogleich fort, war meine Antwort. Louiſe war aus dem Saale geeilt; ich folgte ihr, und fand ſie ihrem Zimmer zuſchwankend. Louiſe! rief ich. Sie weinte. Ich verlaſſe Sie heute. So habe ich gehört. Um mein Haus zu beſtellen. Mein Bruder thut ja dieſes ohnehin, lispelte ſie; warum uns verlaſſen? Weil ich ſo bald als möglich ein ganz liebliches Zim⸗ merchen brauche für mich und meine Louiſe. Wollen Sie mir in dieſes als mein geliebtes Weib folgen? Sprechen Sie den Papa, lispelte ſie, mit einem Freudenſtrahle im lieblichen Geſichte, und dann ihren zitternd verſchämten Blick auf den Boden heftend. Nehmen Sie ſie, lieber Howard, ſprach der Papa, der uns auf dem Fuße gefolgt war. Sie werden ein treffliches Weib haben. Louiſe ſank mir in die Arme, und die nächſte Stunde war ich auf dem Wege nach Hauſe. — 65— So war ich denn nun verpfändet, und mein Hage⸗ ſtolzthum näherte ſich dem Ende. Die Wahl war ver⸗ nünftig, das fühlte ich; Louiſe iſt eines der trefflichſten Mädchen: züchtig, klug, thätig, reizend und munter; unter ihren Händen gedeiht, wächst Alles; die Nege⸗ rinnen behandelt ſie wie Schweſtern, die Männer wie Brüder. Alle dieſe Gründe jedoch waren mir erſt nun klar geworden; noch geſtern dachte ich des Mädchens ſo wenig wie des Großſultans; der Gedanke, ſie zur Frau zu nehmen, war wie ein Lichtfunke durch mein Gehirn gefahren. Wird mich dieſer Lichtfunke nie reuen? Ihre erſten Tage werden wahrlich keine Honigmonde in mei⸗ ner Wildniß ſein.— Es war Nachmittags vier Uhr, als ich anlangte. Beinahe wäre es mir wieder wie das letztemal gegangen; ich kannte meine Pflanzung nicht, wirklich nicht. Die ungeheuern vom Sturm entwurzel⸗ ten Stämme, die, acht bis zehn Fuß im Durchmeſſer dick, vor meiner Wohnung chaotiſch gelegen, waren verſchwunden; mein Garten neuerdings, nur vergrößert, mit einer eleganten Umzäunung verſehen; um die Vor⸗ derſeite des Hauſes hatte ſich eine Veranda erhoben, an der zwei fremde Schwarze arbeiteten. Ich ſtieg aus; der junge Menou kam mir zufrieden lächelnd entgegen. Ich ſchüttelte ihm die wackere Hand, Transatl. Skizzen II. 5 — 66 und wies mit Verwunderung auf die Reformen.„Das ſind Kleinigkeiten; aber ihre Cottonpreſſe koſtet uns Arbeit; ſie war ganz hin.“ in Aus dieſer tönte der Chorus von vierzig Stimmen im melancholiſchen Talla-i-hoe herüber. Und wie haben Sie dieſe Wunder alle ausführen können? fragte ich erſtaunt. Nun, Sie haben uns ja fünfzehn Leute geſandt, Vater lieh mir noch zehn der Unſrigen, und ſo konn⸗ ten wir ſchon etwas Tüchtiges leiſten. Ich ging mit dankbewegtem Herzen durch die Gelän⸗ der der Umzäunung der Veranda zu. Sie war im ele⸗ ganteſten Geſchmacke errichtet; die Jalouſien liefen acht Fuß hoch auf der Oſt⸗, Süd⸗ und Weſtſeite des Hau⸗ ſes herum; die Nordſeite war, wie gewöhnlich, frei ge⸗ blieben. Der Saal war mit glänzend⸗blaßgelben Mat⸗ ten belegt; in der Einrichtung, meinte jedoch der junge Mann, hatte Papa nicht vorgreifen wollen; nur was zwei Zimmer betrifft, machten wir eine Ausnahme. Ich näherte mich voll Erwartens meinem Schlafzimmer. Prachtvoll! Ein allerliebſtes Bette, und zwar ein dop⸗ peltes, als wenn ſie die Kataſtrophe vorausgeſehen hätten, mit allem Nöthigen verſehen; ein fünfzehnjähriges ſchwar⸗ zes Mädchen arbeitete noch an den Moſchetto⸗Vorhängen. V — 67— Das ganze Haus war wie durch einen Zauberſchlag um⸗ gewandelt.—„ und wer hat den Plan zur Einrichtung dieſes Zimmers gegeben?“ Das Mädchen iſt Louiſens Kammerzöfchen, lachte Menou; ſie wird wohl vom Geiſte ihrer Gebieterin inſpi⸗ rirt ſein. Die alte Sibylle kam mittlerweile an der Spitze mei⸗ ner Unterthanen, die friſch, munter und jubelnd einher⸗ tanzten. Es waren zehn Burſche und fünf Mädchen darunter, die ich noch nicht kannte. Der junge Menou führte ſie mir nun als die Meinigen vor; ſein Vater hatte ſie für mich, der ich das Sklavenhandeln verab⸗ ſcheue, durch einen bewährten Freund einkaufen und hie⸗ her überſchiffen laſſen. Sie waren noch ſammt und ſon⸗ ders, ſo wie die Mädchen, ledig. Ich blickte Menou bedenklich an. Die Creolen er⸗ lauben ihren Negern gewiſſe Freiheiten, die unſerm ſtren⸗ gen ſittlichen Gefühle ſchnurſtracks entgegen ſind. Je⸗ des meiner Paare war verheirathet, und ſelbſt in mei⸗ ner tollen Wanderſchaft hatte ich ſtreng auf Zucht und Sitte geſehen. Der junge Mann beſchwichtigte meine Zweifel; die Mädchen waren unterdeſſen in der ehema⸗ ligen Wohnung Miſter Bleaks untergebracht, und die Burſche in zwei Häuſerchen, die er bereits erbaut; acht — 68 andere waren im Baue begriffen.— So waren denn alle meine Wünſche erreicht, und ich ſtand im wohnlich⸗ ſten Hauſe am Red⸗River. Ich ſegnete den Blitzesfunken. Ah! ſprach der junge Mann, es ſind mehrere Briefe an Sie eingelaufen, die ich ganz im Drange der Ge⸗ ſchäfte vergeſſen habe, Ihnen zu ſenden. Ich erbrach ſie. Es waren Briefe von Richardz, der mich dringend bat, ihm ſogleich das Vergnügen mei⸗ nes Beſuches zu gewähren. In einem andern war er noch dringlicher, und ſchien ganz verwundert, daß ich ſo häuslich geworden; in einem dritten war mir ange⸗ kündigt, daß die ſchöne Emilie als Miſtreß Doughby zu⸗ rückgekehrt, und als Postscriptum beigefügt, daß ſie eine der Zierden Boſtons, eine Couſine mit ſich gebracht. Kein Wort jedoch wegen der aufgekündigten achttau⸗ ſend Dollars; das iſt doch wirklich ſonderbar. Richarde iſt doch nicht ſo indifferent für zeitliche Güter, da ſei⸗ nen Groll zu verſchmerzen, wo es ſeinen Beutel an⸗ greift.„Hier iſt ein Punkt,“ ſprach ich zu dem jun⸗ gen Manne, dem ich nicht gerne eine Blöße geben wollte, „der meine augenblickliche Rückkehr in Ihres Vaters Haus erheiſcht.“ Wirklich! rief der junge Ereole verwundert aus. Ja, augenblicklich; ich höre ſo eben ein Dampfſchiff — 69— herauf kommen; ich will ſogleich fort.— Er blickte mich verlegen an, Sibylle ſchüttelte den Kopf; aber es lag nun ſchon einmal in meiner ungeduldigen Natur: ſchnell oder gar nicht. Ich winkte mit dem Tuche; es war der nämliche Red⸗River, der mich vor acht Wochen nach Hauſe gebracht. 1 Miſter Howard! rief der Capitain fröhlich, freut mich, Sie wieder auf meinem Verdecke zu ſehen. Ihre Pflanzung ſieht doch ganz prächtig ſeit acht Wochen aus; Sie ſind ein wahrer Wundermann. So halb und halb, verſetzte ich beſcheidentlich. Es liegt in unſerer amerikaniſchen Natur etwas ge⸗ wiſſes rein Praktiſches, das uns von allen Nationen der Welt auszeichnet, ein gewiſſer gerader, geſunder Menſchenverſtand, der durch allen Flitter hin auf das Reelle ſieht, ein ehrenvoller, unabhängiger Geiſt, der nur dem Achtung zollt, der ſie verdient. Der reichſte Müßiggänger, der Hunderttauſende in ſeinem Porte⸗ feuille mit ſich führt, wird hier vergebens den Tribut erwarten, den ihm die Hälfte ſeines Reichthums in an⸗ dern Ländern zu Wege bringt. Kalt und ſtolz geht die Mehrzahl an ihm vorüber, um dem minder Bemittelten, der ſeinem Kopfe und ſeinen Händen ſein Emporkommen verdankt, achtungsvoll ihre ächt republikaniſche Huldigung — 70— zu zollen. Es iſt dieſer freie männliche Sinn, der in den letzten zehn Jahren die ſo gewaltige Staatsumwäl⸗ zung zu Stande gebracht, das Joch unſerer erbärmlichen Ariſtokratie abgeſchüttelt, und unſerer Freiheit eine gründ⸗ liche Exiſtenz geſichert hat.— Ich, der reiſende, als reich geltende Pflanzer war kaum bisher beachtet gewe⸗ ſen; mein Aufſeher galt mehr in den Augen meiner Mit⸗ bürger, als ich ſelbſt. Die Metamorphoſe auf meinem Beſitzthume hatte eine plötzliche Ideenrevolution hervor⸗ gebracht, und man drängte ſich um mich herum und horchte jedem meiner Worte, als wäre ich einer unſerer großen Reformatoren oder noch größeren Demagogen ge⸗ weſen. Es that mir ein bischen wohl, das muß ich ge⸗ ſtehen. Auch diesmal langte ich Morgens bei der lieben Fa⸗ milie an; aber der Wagen war vergeſſen, und ich, der ich die Strecke in raſchem Trabe zurückgelegt, dachte mir meines künftigen Schwiegerpapa's Reſidenz gute zehn Minuten vom Landungsplatze. Es dauerte eine gute Stunde, ehe ich vor dem Hauſe ſchweißtriefend zur Ver⸗ wunderung Aller anlangte.„Und ſo ſchnell und ſo zeit⸗ lich zurück? Doch kein Unglück gehabt?“ Nein, erwiederte ich trocken; ich habe etwas ver⸗ geſſen. — 74— und was mag dieß ſein? Meine Louiſe! Ja gewiß, fuhr ich gerührt fort, ich ſand bei meiner Ankunft meine wüſte Einöde in ein ſo liebliches Paradies verwandelt, daß ich nicht umhin konnte, ſogleich zurückzueilen, um mein liebes Mädchen zu bewegen, es mit mir zu theilen. Morgen, ſo Gott will, gehen wir nach New⸗Orleans, um bei dem alten Pater Antoine und unſerm werthen Rector vorzuſprechen. Aber es iſt noch gar nichts gerüſtet, keine Ausſtat⸗ tung fertig, nichts in der Welt, fingen hier die Ma und Pa an; lieber Howard, ſein Sie doch nicht närriſch. unſere Yankeeinnen, lachte ich, wenn ſie ſechs Hemden und ein und ein halbes Kleid haben, hüpfen ins Braut⸗ bette, ohne ſich zu bedenken. Wohl, laßt ihm ſeinen Willen, ſprach Menou; wir wollen ſchon ſorgen, daß er nicht zu kurz kommt. Apropos, fragte ich, wie iſt es doch mit den acht⸗ tauſend Dollars? Ich habe Sie bloß auf die Probe ſtellen wollen, ob Sie auch Feſtigkeit haben, Ihr eigenes Glück zu wollen. Hätten Sie mir dieſes verweigert, wahrlich, Louiſe ſollte nicht die Ihrige geworden ſein, und wenn Sie alle Pflan⸗ zungen am Miſſiſippi gehabt hätten. Ich habe unter⸗ deſſen das Geld vorgeſtreckt. — 72— Der Mann wird mit jeder Minute achtbarer. Die⸗ ſer Abend verging mir, einer der ſeligſten, die ich noch verlebte. Am Morgen fuhren wir dem Dampfſchiffe zu. Die Mama war zurückgeblieben; Julie, wie es ſich von ſelbſt verſteht, war zur Brautjungfrau auserkohren. Gerne hätte ich als meinen Aſſiſtenten den jungen Menou ge⸗ beten; doch der war auf meiner Pflanzung vonnöthen⸗ Wir begrüßten ihn im Vorbeifahren und fuhren dann weiter. Zum erſten Male blickte ich ohne bitteres Ge⸗ fühl auf das prachtvolle Schauſpiel, das die reichen uUfer des gewaltigen Miſſiſippi darbieten; dieſe herrlichen Wohnſitze der Pracht, ſo üppig, ſo friedlich aus den deliciöſen Hainen von Feigen⸗, Orangen⸗ und Citronen⸗ bäumen hervorragend, den majeſtätiſchen Strom, der, mit Hunderten von Fahrzeugen bedeckt, den entfernte⸗ ſten Zonen unſere Produkte zuführt; die raſtloſe Thätig⸗ keit von Tauſenden, die ſo friedlich, ſo verträglich unter der göttlichen Freiheit Banner Glück und Segen ſucht und findet. Ja, es iſt ein erhebender Anblick, dieſe Palläſte Hunderte von Meilen ſich an einander reihen zu ſehen, wenn man an die Zeit zurückdenkt, wo das ganze Thal ein endloſer Sumpf geweſen. Und dieſe Zeit habe ich in me inen jungen Tagen geſehen. 73 — 73.— Es war ein heiterer Morgen, der uns zwanzig Stunden nach unſerer Abfahrt in die Hauptſtadt unſeres Staates brachte. Wir waren bei der Schweſter Menou's abgeſtiegen. Ich eilte ſo eben zu dem wahrhaft ehrwür⸗ digen Pater Antoine und dem nicht minder ehrwürdigen Rector, als ich an der Ecke der Kathedrale mich am Arme ergriffen fühlte. So eben recht, Richardtz, ſprach ich; willſt du mich im Merchants⸗Coffeehouſe erwarten? Ich bin in einer kleinen Viertelſtunde dort. Aber warum dieſe Eile? Frage nicht und warte. Wir ſchieden. Vater Antoine lächelte und der gute Rector auch, als ich ſie zu Madame beſchied. Ich eilte, um Richardd abzuholen. Weißt du, daß Clara ſchrecklich mit dir zanken wird; du magſt dich nur zuſammennehmen. Arthurine Mac⸗ pherſon iſt ein ganz herrliches Geſchöpf, und ſie hält viel auf Clara. Ja, weißt du, daß ich im Ernſt geſonnen bin, mein Hageſtolzthum aufzugeben? Wohl, wir wollen ſehen; wenn du dich gut auf⸗ führſt, ſo— wollen wir dich ein zweites Mal— Prellen, dachte ich.— Wir waren an der Thür⸗ ſchwelle angekommen. Mein alter Freund ſah ein wenig betroffen darein, als er Louiſen erblickte, und Vater Antoine und der Reverend ihre Glückwünſche begannen. Ich lächelte ein wenig boshaft, und in wenig Minuten war ich der glückliche Gatte Louiſens. Christophorus Bärenhäuter im Amerikanerlande. „ Die folgende Geſchichte iſt aus dem Archive von Toffelsville gezogen, welches Archiv von den wißbegie⸗ rigen Reiſenden bis auf den heutigen Tag in beſagtem Toffelsville No. I, der Reſidenz von Barthel Bärenhäuter, dem ehelichen Descendenten von Chriſtoph Bärenhäuter, eingeſehen werden kann und mag. Wir reficiren zu den zwei letzten Seiten der Familienbibel, unter welcher das beſagte Archiv verſtanden iſt, und welche Familien⸗ bibel, 1618 zu Nürnberg gedruckt(demſelben Jahre, in welchem der famöſe dreißigjährige Krieg ausgebrochen), ſchon durch ihr reſpectables Anſehen und ihre Schwere (ſie iſt mit meſſingnen Klappen, man könnte ſagen, in Erz eingebunden) jeden leichten Zweifel niederzuſchlagen vollkommen geeignet iſt. Die Quellen unſerer Geſchichte ſind daher über jeden Verdacht erhoben, und ihre Authenticität wird noch mehr durch den Umſtand erhöht, daß ein Extrakt von dem mehrerwähnten Archive ſeinen Weg, durch welche Mittel, iſt uns unbekannt, in das Magazin eines weſt⸗ lichen Predigers ¹), nun bedauerlichermaßen verblichen, gefunden hat. Wir ſagen bedauerlichermaßen„ weil der beſagte achtbare Prediger in dieſem ſeinem verblichenen Magazin und andern Schriften, unter denen wir nur die weſtliche Geographie nennen, ein Licht über die Ent⸗ ſtehung und den Fortgang der Niederlaſſungen jenſeits der Alleghanygebirge verbreitet hat, das mehr Belehrung über dieſe intereſſanten Staaten gewährt und gründlichere Forſchungen enthält, als die fünfhundert Reiſebeſchrei⸗ bungen ſämmtlicher Europäer zuſammen genommen, die unſerm Lande und deſſen Bewohnern die Ehre erwieſen, dieſelben zu ſchildern, nicht wie ſie ſind, ſondern wie ſie beide gerne haben möchten, um ihren reſpectiven Al⸗ lerhöchſten Patronen und deren loyalen Unterthanen we⸗ niger Herzklopfen zu verurſachen. ¹) Flint, der zehn Jabre Prediger im Miſſiſippithale geweſen. 1 3 Erſtes Capitel. Wie Chriſtophorus Bärenhäuter und Jemima 9 Dougherty zwei rothe Kolben gezogen. Ja, theurer Leſer, ſollteſt du ihrer einſt überdrüſſig werden, dieſer unruhigen, revolutionairen, reformirenden, protokollirenden Welt, dann gehe hin und laſſe dich nieder in dem geſegneten Toffelsville, dieſem lieblich⸗ ſten aller Dörfchen— Staͤdt ſollte ich ſagen ¹), mit ſeinen fünfzehn Häuſern, zerſtreut über einen Flächen⸗ raum von etwa zwei Meilen, und ſeinen blauäugigen Blondinen, die alle, du ſiehſt es im erſten Augenblick, einem und demſelben Großpapa angehören. Es iſt ein bischen weit hin, laſſe dich jedoch dieß nicht anfechten, wo es ſich um die Ruhe deiner Tage handelt. Wir mögen ſo gerne freundliche, ruheliebende Geſichter um uns her ſehen; und um dir zu beweiſen, wie ſehr wir 1) Stadt ſollte ich ſagen, eine Anſpielung auf die amerikaniſche Gewohnheit, ſelbſt das kleinſte Oertchen Stadt zu nennen. 4 — 80— dein Wohl am Herzen tragen, ſo wollen wir dir eine Beſchreibung dieſes lieblichen Toffelsville mit auf den Weg geben, und zum Ueberfluſſe die Geſchichte ihres Gründers Chriſtophorus Bärenhäuter obendrein. Es iſt nicht hundert Meilen vom Zuſammenfluſſe des Alleghany und des Monongehala eine paradieſiſche Fluß⸗ niederung, oder, wie wir es in der Landesſprache nen⸗ nen, ein Bottom, auf allen Seiten vom Fluſſe und den Flußbergen eingeſchloſſen. So maleriſch ſpringen dieſe in den belle rivière, wie die Messieurs les Français den Ohio bekanntermaßen tauften, als ob ſich die Na⸗ tur in einem ihrer wunderlichen Einfälle recht ſo vorge⸗ nommen hätte, hier dem Müden ein trauliches, Men⸗ ſchenhändeln unerreichbares Verſteck aufzubauen. Die Rücken und Anhöhen der ſanft ſich wölbenden Berge ſind bekleidet mit einem üppig friſchen Wuchſe hundert⸗ jähriger Sycamores ¹), Buchen, Wallnußbäume und Akazien, alle verwoben durch die wilde Rebe, die ſo einen deliciös duftenden meilenlangen Baldachin bildet. Im Vordergrunde wälzen die beiden erwähnten Flüſſe, in den Ohio vereinigt, ihre ruhigen Gewäſſer gleich Zwil⸗ 1) Sycamores, Plantanen. — 81— lingsſchweſtern dahin, mit hie und da einem Boote, das ſanft auf ſeiner Oberfläche fortgleitet, oder einem Dampf⸗ ſchiffe, das pfeilſchnell hinfliegt, und alle die wilden Bewohner der Buchten, Gänſe und Enten, in Schwär⸗ men aus ihren, von einer Thränenweide oder einem Sy⸗ camore überſchatteten Verſtecken aufjagt. Bloß ein ein⸗ ziger Pfad führt zur Oberwelt, auf dem man in ſanften Windungen zum Hochlande gelangt, wo Engländer und Irländer, und Deutſche und Schotten, und alle Sorten und Abarten ſich dieſe ſechszig Jahre zuſammengeniſtet, geheirathet und wieder geheirathet, und ſo in eine repu⸗ blikaniſche Brut ſich verſchmolzen haben, ſo ruhig, ſo friedliebend, als wenn ſie das sine qua non eines loya⸗ len Berliners: Ruhe iſt des Bürgers erſte Pflicht, ſtatt ihrer zehn Gebote adoptirt hätten. Wenn wir den Ausdruck gebrauchen,„in eine repu⸗ blikaniſche Brut verſchmolzen,“ ſo wollen wir dadurch nicht bedeuten, daß aller Stammunterſchied bereits gänz⸗ lich aufgehört, und die ganze Sippſchaft gleichſam wie durch den Schmelztiegel in ein Totum gebracht ſei; nein, einen ſolchen prinziploſen oder, deutſch zu reden, allen Grundſätzen ſchnurſtracks zuwiderlaufenden Wankel⸗ muth laſſen wir uns nimmermehr zu Schulden kommen, und du magſt noch immer, lieber Wanderer, wie oben Transatl. Skizzen II. 6 — 82— geſagt, den Schattirungen dieſes multifariöſen Urſprun⸗ ges beim erſten Anblicke auf die Spur kommen. Das deutſche Kindeskind hält noch immer feſt zu ſeinem Sauer⸗ kraut, zieht noch immer ſein Blockhaus ¹), rauh und ſchlicht wie er ſelbſt, dem elegantern framchouse 2) vor; die Lieblingsfarbe ſeines breitſchößigen Rockes iſt noch immer hellblau; Strümpfe desgleichen, mit hochrothen Zwickeln; auf ſeinen runden Schuhen prangen unver⸗ rückt an Wochentagen ſeine meſſingenen, am Sonntage die Silberſchnallen, mit dem dato A. D. 4700 verziert, und ſeine Söhne wandeln, wie früher ihre Väter, in bocksledernen gelben oder gelb geweſenen Inexpreſſibles einher, am Knie mit ledernen Riemen zugebunden. Die Tyrannin Mode, oder, wie wir ſie nennen, Faſhion, hat hier nur wenig Gelegenheit gefunden, ihr Reich zu erweitern, und ein ſimpler Stroh⸗ oder Sei⸗ denhut, mit einer noch ſimplern, ſelbſtfabrizirten— Robe läßt ſich ſo ein Ding unmöglich nennen— ſind —Q-—— ¹) Blockhaus, ein aus gezimmerten Baumſtämmen aufgeführtes Haus. 2) framehouse, buchſtäblich ein Gerüſthaus; das Gerüſte iſt nämlich von Holz und die Wände ſind mit Kalk und Steinen ausgefüllt. V b — 83— alle die Netze, in denen die klugen Väter es den Fräu⸗ leins geſtatten, ihre ländlichen Beaus einzugarnen. Trotz des verſtockten Widerſtandes dieſer ſtarrköpfigen Deutſchmänner einer⸗, und des ſchnellen Fortſchreitens ihrer anglo⸗ und hiberno⸗amerikaniſchen Mitbürger ande⸗ rerſeits, leben doch die verſchiedenen Parteien in vollkom⸗ menem Einverſtändniſſe; ja, dieſe Verſchiedenheiten tra⸗ gen vielleicht nicht wenig bei, ihrem ganzen Leben und Weben einen gewiſſen Reibereis, wenn ich mich ſo aus⸗ drücken darf, zu geben, der nirgends ſchärfer und ange⸗ nehmer hervortritt, als bei ihren Luſtbarkeiten, gemein⸗ hin frolies genannt, zu denen ſie ſich nichts weniger als ungerne herbeilaſſen, um eine halbe, und zuweilen auch eine ganze Nacht hindurch ſich ganz artig herumzu⸗ tummeln, und dann einen halben Monat eben ſo artig darüber Gloſſen zu machen, juſt wie wir es im haut- ton auch thun. Viel ließe ſich über dieſe frolics, zu deutſch Luſt⸗ barkeiten, ſagen; für jetzt können wir jedoch in kein näheres Detail dieſer wichtigen Angelegenheiten eingehen. Eine derſelben jedoch dürfen wir nicht mit Stillſchwei⸗ gen übergehen, zumalen dieſelbe ſo innig mit unſerer Relation verbunden und gewiſſermaßen ein Hauptbeſtand⸗ theil derſelben, ja noch mehr, der Grund und die Ver⸗ — 84— anlaſſung zu dem von uns zu referirenden Begebniß iſt. Wir ſagen, zu referirenden Begebniß; denn unſere Au⸗ torität iſt keine geringere Perſonnage, als einer der wer⸗ then Abkömmlinge unſeres Helden, und unſer Bericht daher ganz ſo authentiſch, wie es Tauſende unſerer offi⸗ ziellen Berichte nur immer ſein können. Die frolic, die wir näher zu beſchreiben gedenken, iſt eine vulgo Cornhusking-frolic ¹) genannt. Aber was iſt eine Korn⸗, oder, deutlicher zu reden, eine Wälſchkornhülſensfrolik? Nichts über eine klare, richtige Definition; ſie iſt die Seele der Logik, und dieſe der Philoſophie, wie weltbekannt. Nun denn, eine Cornhusking-frolic iſt eine Verſammlung von jungen Bürgern dieſer unſerer vereinten Staaten, und, nicht zu vergeſſen, Bürgerinnen, die zuſammenkommen, um das Korn auszuhülſen.— Du magſt ſie, lieber Leſer, an ſchönen, heitern Herbſtabenden ſehen, wie ſie von allen vier Weltgegenden her einem Punkte zuſtrö⸗ men, über Zäune, und die ſind wahrlich bei uns kein Kinderſpiel, wegſetzen, durch Buſch und Hecken dringen, 1) Gornhusking-frolic, Wälſchkornaushülſens⸗ fröhllchkeit, wird auf dem Lande durchgängig gefeiert. Die Nachbarn vereinigen ſich und hülſen gemeinſchaftlich aus; häufig beſchließt ein Tanz die Arbeit. — 85— und ſchließlich aus der Wildniß hervorbrechen, mit Backen roth wie der Vollmond, der ſo eben ſeine Dunſtatmo⸗ ſphäre verläßt, um dann einander die Hände zu ſchüt⸗ teln, daß die Gelenke krachen, und ſich ganz ruhig un⸗ ter und vor dem Dachvorſprunge nieder zu laſſen, im Vordergrunde einen Berg von Wälſchkornkolben und im Hintergrunde den alten Bambo, der die Feſtivität mit⸗ telſt ſeiner muſikaliſchen Beſtrebungen zu krönen beſtimmt iſt, bis jetzt ſich aber noch auf der Ofenbank einem etwas lauten Schlafe überläßt. Und nun, lieber Leſer, beliebe alle dieſe verſchiedenen Umſtände deinem Gedächtniſſe, und noch beſſer, deiner Phantaſie einzuprägen, und du wirſt ein point de vue haben, von welchem dir unſere Relation nicht nur klar und verſtändlich, ſondern ſelbſt unbezweifelt und unwi⸗ derlegbar erſcheinen wird. „Es iſt,“ ſo beginnt meine authentiſche Quelle, „wohl an die vierzig Jahre, daß ein Kornhülſen in die⸗ ſer Niederlaſſung, und zwar bei Jockel Blocksberger, abgehalten wurde. Der jungen Leute gab es damals noch nicht ſo vollauf, wie in dieſen unſern fabrizirenden Tagen, und um ein reſpectables Kornhülſen zu feiern, hatten die Jungens und Mädchen einen Weg von fünf und mehr Meilen zu laufen.“ Bei dieſer Gelegenheit, — 86— verſichert unſer Dokument und Informant(denn wir ha⸗ ben beides, mündliche und ſchriftliche Ueberlieferungen), liefen ſie wirklich dieſen langen Weg, und viele noch weiter. „Unter denen, die in Folge geſchehener Vorladung ſich an dieſem Abende einfanden, waren ihrer vorzüglich zwei, die mit nicht geringer Ungeduld erwartet und mit großer Freundlichkeit begrüßt wurden. Das erſte dieſer ungeduldig erwarteten Individuen war eine friſche iriſche Miß, mit dem ſonoren Namen Jemima O Dougherty, ein rundes, liebes Ding, ſo lebendig und ſo ſchelmiſch, als je eines ſeit Menſchengedenken in den Hinterwäldern kokettirte, mit einem ſchalkhaften Geſichtchen, lieblich von Roſen angehaucht, einem Schwanennacken und Buſen, der ſchreckliche Herzklopfen und ſelbſt Wehen verurſachte, graublauen Augen, die ihre Pfeile weit richtiger ab⸗ ſchoſſen, als der berüchtigte Tecumſeh ¹) ſeine Kugeln, nicht zu erwähnen einer kleinen Habichtsnaſe, ein bis⸗ chen aufgeſtutzt, die eine große Portion iriſcher Lebens⸗ klugheit, und eine noch größere iriſcher Keckheit und Starrſinnes vermuthen ließ, wie diejenigen, ſo das Glück 1) Tecumſeh, der berühmte Häuptling der Shaw⸗ neeſe⸗Indianer. — 87— hatten, mit ihr in nähere Berührung zu kommen, ziem⸗ lich vernehmlich zu wispern pflegten. Ihren eigenen leib⸗ lichen Vater, den alten Davy O Dougherty, kupfer⸗ naſigen Andenkens, ſah man oft und bedenklich den Kopf ſchütteln. Armer Tropf! Wohl hatte er vollwichtige Urſache dazu, er, der alle die Tage und Stunden ſeit ſeiner geſegneten Einſegnung mit ſeiner Ehehälfte, einer Flaherty, Pantoffelheld geweſen, wie es ein Katholik in der grünen Inſel nur immer ſein konnte; der gute Mann hatte jedoch dieſes Pantoffelregiment mit wahr⸗ haft chriſtlicher Geduld ertragen. Armer Narr! er tröſtete ſich immer, ſein Beugen unter den Pantoffel ſeiner Ehehälfte würde ihm zu einigem Verdienſte in Anbetracht der Unmöglichkeit angerechnet werden, in dem er ſich erwieſenermaßen befand, den Pantoffel Sr. Hei⸗ ligkeit, dieſes Deſideratum jedes frommen Katholiken, zu küſſen. Wie dem auch ſei, der Geſchichten und Ge⸗ ſchichtchen auf ſeine Unkoſten gab es viele; da wir es aber unter unſerer Würde halten, Geſchichten von einem alten armen iriſchen Teufel zu erzählen, ſo wollen wir ſie mit Stillſchweigen um ſo mehr übergehen, als Ge⸗ genſtand derſelben den Weg alles Fleiſches gegangen. Ja, armer Narr, er iſt im Schooße Abrahams oder ſonſt irgendwo, dieſe vielen Jahre. Eines ſeiner Sprichwör⸗ — 38— ter können wir jedoch nicht umhin zum Frommen aller Ehemänner zu erwähnen, die in einem ähnlichen Pro⸗ gnoſticon ſich befinden. Oft hörte man ihn klagen, daß ſein Weib halsſtarriger geworden, ſobald ſie den Fuß auf den Boden der Vereinigten Staaten geſetzt, und daß dieſes Land der Freiheit ein wahrer Himmel für Weiber, ein Fegefeuer für Liebhaber, und die Hölle ſelbſt für Ehemänner und Pferde ſei. Doch kehren wir wieder zu unſerer Miß Jemima O Dougherty zurück. Beſagtermaßen war ſie ein wohlge⸗ machtes, niedliches Ding, zum Verlieben juſt recht; nicht ganz ſo geduldig wie Job, aber eben ſo arm; doch trotz des Defektes zeitlicher Güter wußte Jemima O Dougherty es immer ſo einzurichten, daß ſie zu großem Vortheile, ja zu ſolchem Vortheile erſchien, als ſelten verfehlte Eindruck zu machen, und, was mehr ſagen will, alle die Nuancen ihres Habillement waren richtig und immer, trotz gerümpfter Naſtin und ſcheelſüchtiger Blicke, bisher nachgeahmt worden. Sie war ohne Widerrede die fa- shionable belle, und, zu ihrem Ruhme ſei es geſagt, ſie hielt ſich auf ihrem kritiſchen Poſten mit mehr Um⸗ ſicht, als mancher Premier oder Souverain ſich auf dem ſeinigen. Bei gegenwärtiger Gelegenheit, ſagt unſere Quelle, — 89— war ſie angethan mit einem bezaubernden Negligee von geflammtem Callico, ein grünſeidenes Tüchlein um den beſagten Schwanenhals und Buſen geſchlungen, ſo züch⸗ tig und zugleich ſo liebreizend, als nicht fehlen hätte können, kritiſcheren Beaus gefährlich zu werden, als die waren, welchen die Ehre ihrer Geſellſchaft für be⸗ ſagten Abend zu Theil werden ſollte. Dieß denn war die erſte Hauptperſon. Die andere war ein Miſter Chriſtophorus Bärenhäuter, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde, der reiche Toffel, ein Junge, ſechs Fuß, ſechs Zoll hoch, dem Anſcheine nach etwas loſe in ſeinen Gliedmaßen und ungeſchlacht, aber zäh, ledern und nervig, trytz Einem; langſam in jedem ſeiner Schritte, mit einem Vacuum in ſeinem Geſichte, und einem Maule, das einer holländiſchen Yacht auf ein Haar glich. Nebſt dieſen körperlichen Vorzügen— und ſie waren nicht zu verachten, da er der Mann war, in offenem ehrlichen Kampfe irgend einen durchzubläuen, er mochte nun engliſch, iriſch, ſchottiſch oder deutſch ſein,— beſaß Toffel Bärenhäuter einen lieblich anzuſchauenden Hof von dreihundert Ackern, die obenerwähnte Ohio⸗ Thalweite, mit einer ſteinernen Scheuer, grünen Jalou⸗ ſien und einem roth angeſtrichenen Schindeldache. Zwar war ſein Wohnhaus nur aus gehauenen Baumſtämmen — 90— aufgeführt, vierzig Fuß lang, bei vier und zwanzig breit; aber die Umgebungen waren um ſo gewichtiger, nämlich fünf Schweineſtälle, zwei Wälſchkornbehälter, ein ſteinernes Waſſerhaus— wir halten es für unerläß⸗ lich, in unſerm Inventar genau zu ſein— und vier Hühnerſteigen. Das war jedoch nicht Alles; ſein ver⸗ ſtorbener Vater hinterließ ihm nebſt den erwähnten Im⸗ mobilien verſchiedene Mobilien, und unter dieſen zwei gewaltige Truhen, blau bemalt, mit einem weißen, roth eingefaßten, blumenverzierten Quadrate auf dem Deckel, enthaltend die Inſchrift A. D. 1684. Beide Erbſtücke waren herübergebracht vom Schwarzwalde, und mit ſo vielen Stücken Leinwand angefüllt, daß leicht die ganze Niederlaſſnng mit hanfener Wäſche hätte verſehen werden können, nicht zu gedenken einer Varietät von Röcken, die ſich gleichfalls in dieſem Reſervoir befanden. Was wir je⸗ doch vorzüglich berichten müſſen, ſind zwei wollgeſtrickte Strümpfe, an der Ferſe abgeſchnitten, mit ledernen Riemen an beiden Enden zugebunden, und doppelt ſo viele ſpaniſche Dollars enthaltend, als er Acker ſein nannte. Dieſe collateralen Umſtände zuſammengenommen, ſo war Chriſtophorus Bärenhäuter, man wird eingeſtehen, keine ſo ganz unwichtige Perſonnage, ſo wenig, daß er von den ſorgſamen Müttern, nicht allein der Nieder⸗ — 94— laſſung, ſondern des ganzen Townſhips ¹), für die beſte Partie angeſehen wurde. Langſam und unbeholfen, als er war, eine deutſche Erbſünde allem Vermuthen nach, ſo fühlte er ſeine Wichtigkeit, und wenn er auf ſeinem Grauſchimmel bei einer Farm ²) vorbeitrabte, es war ein Thier volle achtzehn Fauſt hoch, ein deutſches Lied ſich pfeifend, der Vankee-Doodle war damals noch nicht in Aufnahme, dann ſchlug manches Blondinenherz lau⸗ ter, und ihre Augen ſchwammen beim Anblicke Toffels und ſeines gewaltigen Streithengſtes, und der unaus⸗ bleiblichen Ideenaſſociation von ſeinen Aeckern und Rin⸗ dern und den zwei gewichtigen Strümpfen. Dieß waren denn gewiſſermaßen die zwei Hauptper⸗ ſonen des oft erwähnten Kornhülſens, zu deſſen weiterer Beſchreibung wir unverzüglich zu ſchreiten gedenken. Es fügte ſich nämlich, daß Jemima an die Seite Toffels zu ſitzen kam. Wie dieß ſich zutrug, darüber iſt unſere Urkunde nicht im Reinen; ſo viel ſcheint uns jedoch gewiß, daß er an dieſem Zu⸗ oder Unfalle nicht Schuld war. Er war nämlich, wie wir bereits bemerkt, ein ziemlich großſchlächtiger Geſelle, und da die Bänke, 1) Township, Stadtbezirk. 2) Farm, Hof, SFreigut. — 92— auf welchen die reſpectable Partie ſich niedergelaſſen, nichts weniger als bequem waren, ſo nahm er ſeinen Poſten auf einem Hickoryſtumpen. Jemima nun ließ ſich dicht an ſeiner Seite nieder, zweifelsohne aus dem mo⸗ deſten Grunde, durch ſeine Hoheit vor den heilloſen Jungen verborgen zu werden. Ein ordentliches Mädchen wird und ſoll dieſe kitzlichen Geſellen ferne halten, und Jemmy war ein ſolches ordentliches Kind, und ſie hielt dieſe Zierbengel denn ferne, ei, und das mit all ihrer Macht. Toffel nun ſaß gleich einem ruhigen friedferti⸗ gen Bürger dieſer unſerer Vereinten Staaten, Wälſch⸗ kornkolben aushülſend, ſeines gewaltigen Roſſes und an⸗ derer Roſſe, ſeiner Rinder und Strümpfe, und tauſend anderer Dinge gedenkend, ausgenommen ſeiner niedlichen Nachbarin. Dieß will jedoch nicht ſagen, als ob dieſe Nachbarin auf ihn gedacht hätte; nein, beſtimmt hatte Jemmy O Dougherty keine derlei ſündhaften Reizun⸗ gen. Ein chriſtliches Gemüth, wie das ihrige, wird aber immer Mittel und Wege finden, ihre Abſichten ehrbar durchzuſetzen, und einem jungen Manne, wie Miſter Chriſtophorus Bärenhäuter, ihren Antheil durch eine jener tauſend Aufmerkſamkeiten zu beweiſen, die zartfühlende Seelen mit einem ſolchen Takte und immer zur gehörigen Zeit anzubringen wiſſen, und die deshalb ſelten, oder nie ihre Wirkung verfehlen. Unſere Irin nun war ein derlei zartgeſtimmtes Weſen, und ſie häufte daher eine gewaltige Menge von Kolben mit reger, freund⸗ licher Hand vor ihrem Nachbar auf, ſo daß er, groß und ungeſchickt als er war, nur ſeine langen Hände auszuſtrecken brauchte, um ſie gemächlich auszuhülſen. Nun, war das nicht von der lieben Nachbarin artig? und ſollte Toffel dafür nicht billig ſeine Erkenntlichkeit an den Tag gelegt haben? Es iſt ja ſonnenklar; Tof⸗ fel hingegen hatte weder Augen noch Ohren für die freundliche Hand, und fuhr fort auszuhülſen, und da er ein flinker Burſche in aller Arbeit war, ſo vermin⸗ derte ſich der Wälſchkornhügel zuſehends, und er war wieder bemüßigt, ſich zu biegen und zu ſtrecken, was denn für einen ſechs Fuß ſechs Zoll langen Deutſchen keine ganz erbauliche Affaire iſt. Wieder fühlte Jemmy für den armen Nachbar, und obgleich ihre helfende Hand für die Mühe, die ſie ſo großmüthig auf ſich genommen, mit keinem Drucke belohnt, ja, ſie keines Blickes ge⸗ würdigt worden war, ſo thürmte ſie doch einen zweiten Hügel mit einer ſo reizenden Beweglichkeit auf, ver⸗ ſichert meine Autorität, als jedermann entzückt haben müßte, der— Augen hatte. Toffel jedoch hatte keine Augen, und ſaß unbekümmert und unbewußt auch bei die⸗ — 94— ſem zweiten Sukkurſe, und wieder fuhr er fleißig mit dem Aushülſen fort, und wieder verſchwand der Hau⸗ fen, und wieder hatte er ſich zu biegen; aber jetzt ließ man ihn lange ſich biegen, ehe man ſich ſeiner Mühſelig⸗ keit und Trübſal erbarmte. Und doch, gute Seele! konnte ſie in die Länge nicht ihrem edlen Herzen wider⸗ ſtehen, und zum drittenmale kauerte ſie ſich herab, und ſammelte ein paar Dutzend Kolben in ſo bezaubernder Art in ihre Schürze, und dann wieder auf einen Hau⸗ fen vor ihn hin, daß kaum zu widerſtehen war; aber doch mit all ihrer Grazie, verlaßt euch darauf, würde ſie wieder dem Blicke des dickköpfigen Deutſchen entgan⸗ gen ſein, wenn nicht ihr Auge, gerade wie ſie ſich ſo zierlich hin und her wand, dem Toffel begegnet wäre, und das ihrerſeits, ſagten einige böſe Zungen, ſo aus⸗ drucksvoll und ſprechend, daß er die ſeinigen zum erſten⸗ male weit aufthat, ein ſicheres Zeichen, daß er ſie end⸗ lich geſehen hatte. Ich glaube nun meine Leſer warnen zu müſſen, daß ſie nicht eine Reihe von Komplimenten und, was noch ſchlimmer iſt, verſtohlene Blicke und furchtſam verſchämte Augenſprache erwarten; nein, Toffel fuhr fort, ſein Korn auszuhülſen, dann und wann einen Schluck Whisky, und darauf einen andern kühlenden Quell⸗ * — 95— waſſers zu ſich zu nehmen. Nun, war das nicht ein langweiliger Geſelle? Kein einziges Wort zu ſeiner lieb⸗ lich wohlthuenden Nachbarin zu ſprechen! War es ein Wunder, daß ſie müde wurde, der Trägheit eines ſo unempfindlichen Klotzes weitern Vorſchub zu leiſten? Gewiß nicht. So denn, als der dritte Haufe ausge⸗ hülſet war, bekümmerte ſich Jemmy um Toffel Bären⸗ häuter nicht weiter, ſondern bloß um ihr eigenes Ge⸗ ſchäft, ſammelte ein Dutzend Kolben in ihre Schürze, und ließ Toffel Toffel ſein. Edle Jemmy! wie wenig kannteſt du deine Herzens⸗ güte? Du hatteſt nie einen Roman geleſen, alſo deine Seele hatte ſich nie in den Gemüthern Anderer abgeſpie⸗ gelt, und ſo warſt du gänzlich unbekannt mit dem zar⸗ ten Gewebe geblieben, das Nächſtenliebe in dein Inne⸗ res gewoben hatte. Du konnteſt den langen Toffel zwar für einige Minuten mit anſehen, wie er ſich abmühte und bog und bließ, aber länger konnteſt du es nicht aushalten. Erweichend ſchobſt du ihm ein paar Ohren von deiner Schürze in die Hand, und fuhrſt fort, ihn ſo einige Zeit zu unterſtützen. Dieß konnte jedoch nicht ewig währen; wer ſollte es nicht müde werden, für ei⸗ nen ſo Undankbaren eine doppelte Laſt auf die Schul⸗ tern zu nehmen, und beſonders ein Mädchen wie unſere — 96— Jrin, die, wie alle ihre Schweſtern, keine der gedul⸗ digſten war? So wurde denn dieſe Espece von Unter⸗ ſchleifen auch ſeltener und ſeltener, und Jemmy begnügte ſich, mit einem nachläſſigen Winke Toffel auf ihre Schürze hinzuweiſen. Sonderbar, ſagt unſer Dokument, Toffel, der bisher ſtatt zweier ausgehülſet hatte— die Jungens trieben es auch gar zu arg mit den armen Kindern— Toffel fing plötzlich an inne zu halten, ja, das Dokument deutet nicht undeutlich darauf hin, daß ſeine zulangende Hand ziemlich lange Zeit gebraucht, um den gar nicht langen Weg von benannter Schürze zurückzulegen. Wie dem auch ſei, Toffel fing an, ſich ziemlich wohl zu befinden, und häufiger denn zuvor ei⸗ nen Schluck zu nehmen, als das neidiſche Geſchick ihn auch dieſes Troſtes zu berauben drohte. Es waren nämlich zwiſchen den übrigen Gliedern der Geſellſchaft ſchon ſeit längerer Zeit Blicke gewechſelt und Worte geflüſtert worden, die gar nicht zur Sache gehörten, und eine ungebührliche Einmiſchung in die Rechte unſerer zwei Individuen nicht undeutlich verrie⸗ then, eine Einmiſchung, die einem ſo zartlieblichen We⸗ ſen, wie unſerer Jemima, ſo bewußt ihrer reinen Ab⸗ ſichten, gar nicht angenehm ſein konnte. Arme Jemmy, wie bedauern wir dich! Nicht genug, deine edlen Hülfsleiſtungen den halben Abend hindurch an einen unempfindlichen Staarblinden weggeworfen zu haben, haſt du auch noch den Undank, für deine Be⸗ mühungen ſcheelſüchtig angeſehen zu werden. Doch Ge⸗ duld, das Schickſal ſelbſt wird bald zeigen, auf welcher Seite Recht und Gerechtigkeit iſt. Das Kornaushülſen hatte ſchon geraume Zeit ge⸗ dauert, und ein paar Stunden waren wie Minuten ver⸗ flogen, als das Schickſal es haben wollte, daß die bei⸗ den Nachbarn zugleich einen rothen Kolben zogen. Nun ſei es kund und zu wiſſen gethan, daß es der hochlöbliche Gebrauch in dieſen unſern Vereinten Staa⸗ ten iſt, daß zwei rothe Kolben, gezogen und ausgehül⸗ ſet von zwei Individuen, qualificirt wie Jemima O' Dougherty und Chriſtophorus Bärenhäuter waren, daß ein ſolcher Zug dem Stärkern das Recht ertheilt, dem Schwächern nichts mehr noch weniger, als einen Kuß zu geben, oder, nach Umſtänden, auch zu nehmen. Chriſtophorus Bärenhäuter hatte daher einen ſo guten Rechtstitel zu ſeinem Privilegium, als es nur irgend einen geben kann; aber bei einem Haare hätte er ihn verloren, ſo wie manche Rechtstitel verloren werden. In der That hatte er bereits ſeinen rothen Kolben aus⸗ gehülſet fallen laſſen, als Jemmy, wackeres Mädchen! Transatl. Skizzen II. 7 — 98— Augen für ihn hatte. Zwei rothe Kolben! rief ſie in naiver Bewußtloſigkeit und gerade noch zu rechter Zeit. Zwei rothe Kolben! ertönte es aus fünfzig Kehlen, und die ganze Geſellſchaft ſprang auf die Beine, als ob der thunder und blixen unter ſie gefahren wäre; ſelbſt un⸗ ſer Toffel nicht ausgenommen, obgleich er der Letzte war. Allmälig begann er die Urſache des Aufruhrs zu begreifen, und ſich in die Stellung zu poſtiren, die ihm die beſtgeeignete zur Verſicherung und Erlangung ſeines ihm anheim gefallenen Rechtstitels ſchien. Dieß war jedoch keine leichte Sache. Ob die Schönen ein ſchlim⸗ mes Vorgeſühl von den Wirkungen hatten, die ein ſol⸗ ches ſündhaftes Aneinanderpreſſen der Lippen hervorzu⸗ bringen pflegt, Partikeln des menſchlichen Leibes, die zu ganz anderen Enoͤzwecken beſtimmt ſind, als denen des ſündlichen Küſſens, oder ob der Neid ſein Spiel trieb: gewiß iſt es, die weibliche Schar formirte ein Quarré, das einem ganzen Bataillon ſtädtiſcher Zier⸗ bengel Trotz geboten haben würde. Toffel jedoch, der rüſtigſte Junge des Townſhips, war nicht der Mann, der ſich durch eitle Demonſtrationen zurückhalten ließ; kühn, obgleich langſam, rückte er auf die Verſchworenen los, faßte gemächlich eine und die andere ſeiner Geg⸗ nerinnen, warf ſie auf einen Hülſenhaufen zur Rechten⸗ — 99— disponirte mit einem halben Dutzend anderer auf einem zweiten zur Linken, und bahnte ſich ſo den Weg zu Jemmy O' Dougherty, die er, trotz alles Sträubens und Zwickens, erfaßte. Wacker, das müſſen wir zu ih⸗ ren Ehren geſtehen, vertheidigte ſie ſich; jedoch die ſtärkſte Feſtung muß endlich übergehen, und ſo übergab ſich auch unſere Irin, und wurde ruhiger und ruhiger, ſo ruhig, daß ſie Toffel ungehindert ſeine zollbreiten Lip⸗ pen auf die ihrigen drucken ließ, obgleich, da derſelbe nun vom ganzen weiblichen Korps angefallen wurde, ſie leicht einem ſo ſündhaften Contakte hätte ausweichen können. Einige der neidiſchen Schönen wollten bei dieſer Gele⸗ genheit ſogar bemerkt haben, daß Toffel bereits auf dem Rückzuge begriffen geweſen, als ſie ihm noch einmal ihre roſigen Lippen darbot; unſer Dokument erwähnt jedoch nichts von einer derlei Anerbietung, und wir halten uns daher berechtigt, ſolche Zumuthung als ehrenrührig, ja verleumderiſch zu erklären. Wir müſſen nur recht ſehr bedauern, daß unſer Do⸗ kument der weitern Bewegungen unſerer reſpectablen Ge⸗ ſellſchaft auch mit keiner Sylbe gedenkt, und uns ſo eine beneidenswerthe Gelegenheit raubt, unſere ſchönen Le⸗ ſerinnen mit einigen neuen pas oder einer Gallopade be⸗ kannt zu machen. Unſere Autorität bemerkt bloß, daß — 400— Toffels Seelenruhe bedeutend erſchüttert worden war, und daß er nach dem Frolic, worunter auch der Tanz zu verſtehen, nicht ſchlafen konnte, und daß er zum erſtenmale in ſeinem Leben einen Traum hatte, er, der zuvor nie mit Träumen weder ſchlafend noch wachend geplagt geweſen. Wenn wir ſagen, daß Toffels Gemüthsruhe bedeu⸗ tend erſchüttert worden, ſo wollen wir dadurch keines⸗ wegs bedeuten, daß er umherging und den Namen Je⸗ mima O' Dougherty in jeden Hickorybaum einſchnitt, oder die Schäferflöte blies, oder ſonſt irgend einen Un⸗ ſinn trieb, wie die Helden Theokrits, Virgils und Geß⸗ ners allzuoft thaten; nein, Toffel ließ ſich nichts derlei in den Sinn kommen, und zwar aus neun und neunzig Urſachen. Was das Einſchneiden ſeines Namens betrifft, ſo konnte er bloß deutſch ſchreiben, und das kümmerlich genug; Jemima hätte daher ihren werthen Namen und Lobſchrift nicht leſen können. Und wegen des Flöten⸗ blaſens, ſo war in der ganzen Niederlaſſung kein ſolches Ding, Flöte benannt; der ganze Vorrath von muſikali⸗ ſchen Inſtrumenten beſtand in einer Geige mit zwei Sai⸗ ten, die dritte war bei der erwähnten Kornhülſenfrolic bei Jockel Blocksberger drauf gegangen; und eine Geige, das werden meine Leſer ſammt und ſonders eingeſtehen, — 401— iſt keineswegs poetiſch, im Gegentheil;— und ſo fuhr denn Toffel, in Ermangelung all dieſes ſentimentalen Stoffes, fort, ſeine Aecker zu pflügen und ſeinen Wei⸗ zen zu ſäen. Und Jemmy? Je nun, ſie war ein geſcheides Mäd⸗ chen, was unſere Leſer bei dieſer Zeit gar nicht mehr in Abrede ſtellen werden, und ſie wußte, daß der Wei⸗ zen nicht in einem Tage reife, und daß Geduld und Arbeit und Zeit das Maulbeerblatt umwandle ins Sei⸗ denkleid; und ſah ſie Toffel bei ſeinem Pfluge, ſo lachte ſie ihm laut ins Geſicht, und ſpielte mit den Mähnen ſeines Grauſchimmels, und warf dann und wann einen Seitenblick herüber auf den Deutſchen. Und während Toffel ſeinen Weizen und Roggen in ſeine Aecker ſäete, ſäete ſie den ihrigen in ſein Herz, und beide gediehen und wurzelten und wuchſen, trotz Unkrautes auf der ei⸗ nen Seite, und Vorwürfe und Vorſtellungen ſeiner Ba⸗ ſen auf der andern; er ſollte ja ſeiner Familie keine ſolche Schande anthun, und eine Iriſche heimbringen, die in der weiten lieben Welt nichts hätte, als eine glatte Haut und eine noch glättere Zunge. Hat je einer ſo etwas in ſeinem Leben gehört? Wahrlich, wir ſind her⸗ zensfroh, daß—— Doch ferne ſei es von uns, aus der Schule zu ſchwatzen. — 402— Die reſpectiven Saaten wuchſen denn und gediehen, wie wir bereits erwähnt haben, und als ſie ſo eine Weile, trotz alles Unkrautes und Widerſpruches fortgewachſen waren, ſo ſattelte einſt Toffel an einem ſchönen Decem⸗ berabende ſeinen Grauhengſt, und trabte aufwärts den Windungen nach, die damals und noch heut zu Tage von Toffelsville durch die Ohioberge nach dem Ober⸗ lande führen. Lieblich waren die ſtattlichen Höfe anzuſchauen, die Toffel auf ſeinem Ritte paſſirte. Manches friſche und, was mehr ſagen will, vermögliche Mädchen trieb ihr Weſen in dieſen rauh ausſehenden, aber wohnlichen Mit⸗ teldingern zwiſchen Häuſern und Hütten; von manchem ſchönen Munde tönten ihm die Worte entgegen: Toffel! wohin des Weges ſo ſpät? Willſt du nicht herein 2 Doch Toffel hatte weder Augen noch Ohren und ritt weiter; und die Höfe wurden allmälig ärmlicher, bis er endlich auf eine Strecke Landes kam, die mit Kaſtanien⸗ eichen überwachſen war, wo ihn ſeine Geduld zu ver⸗ laſſen drohte. Er konnte nämlich dieſe Baumgattung, die er als einen Auswuchs des unfruchtbarſten Bodens, und zwar mit Fug und Recht, betrachtete, nie ohne Widerwillen anſehen. Und doch, Toffel, trabſt du im⸗ mer weiter! Biſt du denn ſo ganz unempfindlich für weltliche Güter, ſo zwar, daß du dich von den bewuß⸗ ten Schelmenaugen bezaubern läſſeſt, dieſer lieblichen Hexe, die der T— ſelbſt nicht zähmen könnte, die Vater und Mutter mit vieler Grazie zu plagen und mit noch mehr zu peinigen weiß, die, wie eine Katze, ſchmeicheln und zugleich kratzen, weinen und lachen, Alles in derſelben Minute, ja in demſelben Athem kann. Bedenke doch, lieber Toffel! halte ein auf deiner Pilgerfahrt! Feuer und Waſſer, Whisky und Sauerkraut, Wälſchkornkuchen und ſaure Milch, wie ſollen dieſe ſich vertragen? Wir halten es für unſere Pflicht, für unſern Toffel zu den⸗ ken, da er ſelbſt nie ein großer Denker war, und ihm gütig zu zeigen, was er zu thun hatte, juſt ſo wie manche Zeitungs⸗Redactoren in ihrer preßfreiherrlichen Qualität für unerläßlich halten, Miniſtern klar und bündig darzuthun, was ſie thun und nicht thun ſollen, ein halbes Jahr, nachdem die Sache gethan iſt.— Doch wo iſt unſer Toffel? Nun, da finden wir ihn wieder auf dem dürren Hügel von Kaſtanieneichen, und zwar vor einem, wie ſollen wir es nennen— Bauwerke, das aus den Indianerkriegen herzuſtammen ſcheint. Toffel ſchüttelt ſein Haupt bedenklich; es iſt des alten Davy O' Dougherty Haus, und ein armſelig geſtaltetes Haus iſt es, man mag es aufs Wort glauben. Regen und — 404— Wind haben freiern Zugang in dasſelbe, als die Be⸗ wohner ſelbſt; dieß iſt jedoch nicht die ſchlimmſte Seite in Toffels Augen; iſt ja ſein Haus ſelbſt nur aus Stäm⸗ men aufgezimmert. Aber dann ſeine Scheune? Sie ſieht aus wie ein Schloß, verglichen mit denen ſeiner Nachbarn; und Davy O' Dougherty hat nicht einmal eine. Seine Umzäunungen! es iſt eine Sünde und Schande ſie anzuſehen. Ja, ſein Hof iſt ein armſeliges Gemälde iriſcher Betriebſamkeit: kein Gaul, kein Pflug; ſein ganzes Agrikulturſyſtem beſchränkt ſich auf ein paar handbreite Streifen von Kartoffeln und Wälſchkorn. Toffel warf einen langen, bedenklichen Blick auf Da⸗ vy's unbewegliche Güter, und ſchüttelte ſeinen Kopf ſtär⸗ ker und ſtärker, und pauſirte. Unglücklicherweiſe war ſeine Hand bereits auf der hölzernen Klinke; die Thüre ging auf, und, was konnte er Beſſeres thun?— er mußte hinein. So eben ſaß der alte Davy O' Dougherty mit ſeiner Ehehälfte, einer rothäugigen, ſchielenden Matrone, und beinahe einem Dutzend rothköpfiger kleiner Unge⸗ heuer— Jemmy nicht mit einbegriffen verſteht ſich— über ſeinem Thee und Kartoffeln und Wälſchkornkuchen; Tof⸗ fel drückte ſeinen Hut ein bischen ſtärker über die Stirne, nahm einen Stuhl, und poſtirte ſich vor das Kamin. Ausgenommen eine leichte Röthe, die Jemmy’s Geſicht — 105— überflog, und ein pfiffiges Blinzeln von Seite der Mama, trug ſich in der erſten Viertelſtunde nichts beſonderes zu, und unſer Held dürfte ziemlich lange vor dem Steinkohlenfeuer geſeſſen haben, wenn er nicht ein deut⸗ ſcher Mann geweſen wäre; da er jedoch ein ächter deut⸗ ſcher Mann war, und ſomit ſeine Geruchsnerven nicht wenig durch den Steinkohlendunſt und die aus dem Thee⸗ keſſel und von den Kartoffeln und Gurken ſich entwickeln⸗ den Dämpfe ins Gedränge kamen, ſo erhob er ſich zweifelsohne, um eine weniger von Dünſten geſchwängerte Atmoſphäre zu ſuchen. In dieſem Unternehmen jedoch war er unangenehmer Weiſe durch einen ſeiner Füße pro⸗ kraſtinirt, der ſo unglücklich war, ſich in den ziemlich vom Zahne der Zeit benagten Teppichen zu verfangen, und der, ſo zurückgehalten, dem andern nicht nach wollte, was denn zur unausbleiblichen Folge hatte, daß Toffel der Länge nach auf den Boden hintaumelte, und nahe daran war, das Tiſchtuch und den ganzen Reichthum des alten Davy in Fayence mit ſich zu nehmen. Jemmy brach in ein lautes Gelächter aus, ſprang auf und ſchlüpfte in die Küche. Toffel richtete ſich mühſam auf, blickte auf die ver⸗ wünſchten Oeffnungen in den Teppichen, kratzte ſich im Kopfe, ſah dann den alten Davy und ſeine Ehehälfte, — 106— und ſchließlich die Thür an, durch welche er in ſein ge⸗ genwärtiges Dilemma gekommen, ohne die zweite, näm⸗ lich die Küchenthür, durch welche Jemmy verſchwunden und durch die er in ein vielleicht noch verwickelteres ein⸗ zugehen ſo eben im Begriffe war, auch nur eines Blickes zu würdigen. Er pauſirte lange; nochmals ſah er auf die Hausthür, und vielleicht hätte ſein guter Genius obgeſiegt; aber in dieſem entſcheidenden Momente öffnete ſich die verwünſchte Küchenthür, und Jemmy's Schwa⸗ nenhals ſtreckte ſich dazwiſchen, und dieß entſchied. Toffels rechter Fuß bewegte ſich unwillkürlich, dann ſein linker, und ſchließlich ſchob ſich Chriſtophorus, ganz wie er leibte und lebte, durch die Thür vor's Küchenfeuer, dem gewöhnlichen rendez-vous für alle derlei wohlbewußten Affairen. Jemmy ſtöberte unter⸗ deſſen zwiſchen und unter den Töpfen, Keſſeln, Zu⸗ bern, Aepfeln und Pfefferfeſtons herum, wahrſcheinlich, weil ſie nichts Beſſeres zu thun hatte. Da jedoch die Küchengeräthe von Miſtreß O' Dougherty in einem nur zu genauen Verhältniſſe zu ihres Mannes Agrikultur⸗ utenſilien ſtanden, ſo konnte ein derlei Herumſtöbern nicht ewig dauern, und da ſie es endlich überdrüſſig war, mit den drei Töpfen und Keſſeln ſich zu unterhalten, ſo ſetzte ſie ſich gleichermaßen vor das Kaminfeuer an die Seite Toffels hin. V — 107— Nun wollte ich wetten, einige meiner ſchönen Leſerin⸗ nen werden arger Weiſe vermuthen, daß ein ſolches Bei⸗ ſammenſitzen verſchiedene Bewegungen und Rührungen zur Folge gehabt habe, als da ſind: Händedruck und Erröthen und Seufzen und Herumſchlagen des Armes um den Nacken, und derlei Albernheiten. Wir proteſti⸗ ren jedoch feierlichſt gegen alle ſolche ſüße Regungen, für welche beide, die anregenden und die angeregten, die Ruthe tüchtig empfangen ſollten. Nein, Toffel war ein ganz anderer Mann, wie wir bald erſehen werden. Eine Viertelſtunde mochte bereits verfloſſen ſein, und noch war kein unziemlicher Gedanke ihm durchs Gehirn oder über die Zunge gekommen. Die einzige Freiheit, die er ſich erlaubte, beſtand darin, daß er ſeinen man⸗ nigfaltigen Hut auf das rechte, und dann auf das linke Knie, und zur Abwechslung wieder auf das linke und dann auf das rechte hing. Zuletzt jedoch faßte er Muth, und, ſeiner Nachbarin ſtarr in's Geſicht ſchauend, fragte er ſie engliſch(Toffel hatte bereits engliſch gelernt, wie unſere Leſer ſehen werden):„Weder she wouldnd hab him for a hosband?“(whether shie Ewould'nt havée him for a husband?) ¹) Die Antwort auf dieſe 1) Ob ſie ihn nicht zum Chemann haben wollte. — 108— wichtige Frage, obwohl keine dritte Mittlersperſon zu⸗ gegen war, hat unſer Dokument buchſtäblich aufbewahrt. „Are you crazy,“ erwiederte ſie;„what should I do with a Dutchman?* ¹) Harte Worte! wirklich harte Worte, beſonders wenn ausgeſprochen von einem ſpitzen zriſchen Mäulchen. Armer Toffel! du kannteſt die Argliſt der kleinen Hexe nur allzuwenig, die feilſchend erſt ihre Wagre, nach der doch alle ihre fünf Sinne gelüſteten, herabzuſetzen gedachte, um ſie dann deſto wohlfeileren Kaufes zu erlangen. Was ſollte ich mit einem Deutſch⸗ manne thun? Denkt nur eine ſolche Frage, und von einem ſolchen Dinge, als Jemima O' Dougherty, zu einem Manne wie Toffel, ſechs Fuß ſechs Zoll hoch, mit dreihundert Ackern und zwei vollen blaugewirkten Strümpfen! Gerade als ob du irgend ein Dandy ²) von Broadway, oder ein Paddy ³) geweſen wäreſt, her⸗ 1) Seid ihr närriſch? Was ſollte ich mit einem Deutſch⸗ länder thun?— Duichman, obgleich es einen Holländer in der engliſchen Sprache bedeutet, wird gemeinhin auf jeden Deutſchen angewandt. 2) Dan d y, ein Stutzer. 3) Paddy, Diminutiv von Patrik; die Irländer wer⸗ den ſpottweiſe Paddy's, von ihrem Schutzpatrone, genannt. — 4109— übertransportirt in der Steerage ¹) in dieſe unſere Ver⸗ einten Staaten, zum Leidweſen unſerer tauſend und einen Temperanz⸗Geſellſchaft. Ehekandidaten ſammt und ſon⸗ ders! Gedenkt dieſer Worte, und ſollte euch je bei einem ähnlichen Vorfalle eine gleiche oder ähnliche Antwort zu Theil werden, dann pauſirt; paufirt aber nicht vor dem Küchenfeuer, ſondern in euerm Anſinnen, und reitet des Weges, den ihr gekommen ſeid. Toffel Bärenhäuter war ganz und gar kein ſtolzer Junge, aber die fragende Antwort hatte ihn aus dem Concepte gebracht, und, ſeiner Würde bewußt, richtete er ſich klafterlang in die Höhe, ſchob ſeinen Hut über die Ohren, ein wenig mehr über's rechte, und noch ein⸗ mal in der Küche umherſchauend, ſchickte er ſich an, ſelber, und ſomit allen ſeinen Heirathsplanen, Lebewohl zu ſagen, als die ſchlaue Dirne zwiſchen ihn und die Thüre trippelte, und, ſeine Hand erfaſſend, fragte: And if Ttake you, will you promise to be a good child? ²) Eine andere verfängliche Frage, über die ein ſolcher Ignoramus, wie Toffel, wohl in Verlegenheit gerathen konnte; und er gerieth wirklich in dieſe. 1) Steerage, Paſſagier, Verdeckpaſſagier. 2) Und wenn ich euch nehme, verſprecht ihr, ein gutes Kind werden zu wollen? — 440— Bray, erwiederte er in demſelben klaſſiſchen Engliſch, bray, wadd do you minn by dat?( Pray, what do gou mean by that?) ¹) Nou are a fool, verſetzte Jemmy lachend, well! I will take you and make a man out of a Dutchman. ²) Well, well! beſchloß der ehrliche Toffel, den dat is seddled(then that is settled) ³). Und mit dieſen Worten ergriff er ſeines Mädchens Hand, ſchüttelte ſie, und ſchritt zur Küchenthüre hinaus ins Freie auf ſeinen Grauhengſt zu, ohne auch nur eine Minute länger beim verführeriſchen Kaminfeuer zu verweilen. Nun? war unſer Toffel bei alledem nicht ein ehrenfeſter Junge? Den folgenden Tag hatte ſein Grauſchimmel eine trübe Zeit. Er mußte zum ehrwürdigen Caspar Leder⸗ maul, dem Lutheriſchen Prediger, dereinſt geweſenem Mitgliede der löblichen Schneiderzunft zu Trippelswalde im Baireuthiſchen, der ſeit ſeiner Niederlaſſung die Na⸗ del mit der Kanzel zu vertauſchen ſich berufen gefühlt, und der nun vielerwähnte Braut und Bräutigam zu vereinen berufen werden ſollte. 1) Bitte euch, wie verſteht ihr dieß? 2) Ihr ſeid ein Narr; wohl will ich euch nehmen, und einen Mann aus einem Deutſchen machen. 3) Wohl, wohl! ſo wäre denn dieß in Richtigkeit. 141— Zuvor jedoch hatte er noch die Proteſtation von Jemmy zu hören, die von Sr. Wohlehren Caspar Ledermaul, ſo wie von keinem der Lutheriſchen Prediger etwas hören wollte. Toffel jedoch bedeutete ihr trocken, daß ſein Va⸗ ter von einem Lutheriſchen Miniſter eingeſegnet worden wäre, daß ſein Großvater das gleiche Schickſal gehabt habe, und daß er es auch haben wolle, und daß er von dem Segen eines Friedensrichters gerade ſo viel hielte, als ob er gar nicht ausgeſprochen wäre, und daß er ſich gar nicht verheirathet gedenken könnte, wenn es nicht von und ourch Caspar Ledermaul geſchähe. Und Jemmy, obwohl verſtockt in allem Uebrigen, gab in dieſem Punkte nach; Herr Caspar Ledermaul vereinigte ihre Hände, und die ganze Niederlaſſung kam, den Brautkuchen zu eſſen, und alle Welt lebte hoch auf. Hier nun endigt ſich der erſte Theil unſerer Relation, wobei wir ſchließlich den Unterſchied zu bemerken nicht umhin können, der zwiſchen unſerer wahren, documentir⸗ ten und einer gewöhnlichen Geſchichte obwaltet, maßen eine gewöhnliche Geſchichte, Roman oder Novelle ge⸗ nannt, nun enden würde; denn da Chriſtophorus Bä⸗ renhäuter am Ziel ſeiner Wünſche, das heißt mit Je⸗ mima O' Dougherty zu Freud und Leid vereinigt iſt, — 142— wozu ſollte eine weitere Ausdehnung dieſer ohnehin ge⸗ dehnten Geſchichte wohl dienen? So würde ein gewöhn⸗ licher Geſchichtſchreiber wohl ſchließen und ſchließen müſſen; nicht ſo aber wir, die wir Dokumente vor uns haben, die gerade da wichtig zu werden anfangen, wo jenen der Faden ausgeht. Ihr derohalb günſtigen Le⸗ ſer, die ihr Geduld gehabt, mit uns durch dieſe Quaſi⸗ Präliminaria zu gehen, beliebet günſtig weiter zu ſchrei⸗ ten, in der Hoffnung, daß eure Mühe nicht unvergol⸗ ten belaſſen ſein wird, wie die Folge darthun mag. Zweites Capitel. Wie Chriſtophorns Bärenhäuter zur Meeting gegangen und geritten, und wie Jemima 9' Dougherty vom großen Roß geworfen worden. Chriſtophorus Bärenhäuter hatte ſein ein und zwan⸗ zigſtes Jahr noch nicht völlig zurückgelegt, als ſein Honigmond mit der achtzehnjährigen Jemima begann, und zur Ehre Toffels ſei es geſagt, er übernahm ſich nicht bei der Feier deſſelben. In Saus und Braus zu leben, war ohnehin ſeine Art nicht, wie wohl bekannt; er hatte daher auch keine Anwandlung, Miſtreß Bären⸗ häuter in die gute Geſellſchaft zu Saratoga einzuführen, und bei dieſer Gelegenheit die zwei blauen Strümpfe zu leeren. Nein, Toffel hatte fleißig auf ſeinem Hofe vor der Hochzeit gehaust, und er fuhr fort, dasſelbe auch nach derſelben zu thun; ſeine Aecker gingen ihm über Alles, und dieſe gehörig zu traktiren, verſtand er ſo gründlich wie irgend einer; ja gründlicher,— Dank Transatl. Skizzen I1. 8 — 144— ſei es der heilſamen Erziehung und den heilſameren Leh⸗ ren und Ermahnungen und handgreiflichen Argumenten, die ihm alle Tage ſeines Lebens, und noch am Sterbe⸗ bette von Zebediah Bärenhäuter waren beigebracht wor⸗ den. Am erſten März ſprach dieſer mit zitternder Stimme:„Vergiß nicht, Toffel, auf deinen Zucker, und bohre nicht zu tief in die Ahornbäume; am erſten Mai ſoll dein Wälſchkorn im Grunde, am erſten Juli dein Heu aufgeſchobert, am erſten Auguſt muß dein Waizen und Roggen in der Scheune, dein Buchwai⸗ zen eingeſäet ſein. Nächſtes Jahr, ſtotterte der arme Sterbende, gedenk an mich und heiße mich etwas, wenn die heſſiſche Fliege nicht in's Getreide kommt. Du kennſt das Recept; und gegen den Wurm im Herbſt: Camphor und gran—— Hier verließ ihn ſeine Stimme; nochmals raffte er ſich auf, und ſtieß ein ab⸗ gebrochenes spirit- aether-— heraus, dann ſchnappte er nach Athem; es erfolgte jedoch eine Pauſe, und zwar eine lange Pauſe— der werthe Zebediah Bärenhäuter hatte ausgeathmet. Toffel wiſchte ſich eine Thräne vom Auge, und fing an, ſtatt alles überflüſſigen Trauerns, wozu er ohnehin keine Zeit gehabt hätte, die Lehren ſeines Vaters auf ſeine eigene Fauſt hin zu praktiziren, und da er ſie oft genug gehört und angewandt geſehen, — 445— ſo gelang ihm dieſes auch über alle Maßen, und er war, obgleich noch jung, ein tüchtiger Landwirth geworden, der nicht ſelten von alten Nachbarn um Rath gefragt wurde. Was nun Miſtreß Bärenhäuter betrifft, ſo war ſie im Grunde kein unebnes Mädchen geweſen; ſie konnte daher auch kein gerade ſchlechtes Weib ſein; im Gegen⸗ theile. Immer hatte ſie jedoch ein Item, und ein böſes Item war dieſes, eine Espece von iriſcher Teufelei, die ſie nie ruhen ließ, bis der arme Toffel ihren Willen gethan, und, was ſchlimmer war, wenn der arme Tof⸗ fel ihn gethan hatte, dann war es wieder nicht recht, daß er ihn gethan; mit einem Worte, daß er keinen eigenen Willen hatte. Es half nichts, wenn er ſie an⸗ ſtarrte und zu brummen anfing, falls ihr iriſches Zün⸗ gelchen zu geläufig wurde; ſie kehrte ſich nicht im ge⸗ ringſten nach ihm, noch an ſeine weit⸗ und breitſchweifi⸗ gen deutſchen Epithete: Verflucht! Schwere Noth! Kreuzſapperment! Teufelsweib!— ſie hatte in der That die Hlen an. Nach ſeiner eigenen Weiſe lebte jedoch unſer Paar ſo ziemlich glücklich; ſie trank ihren Thee, er ſeinen Whisky und ſaure Milch; ſie machte Butter und Käſe, er Zäune, ſchor die Schafe, pflügte und ſäete, und zog Kälber und Füllen auf, und nach Ver⸗ lauf von zwölf Monaten band er einen dritten blauge⸗ — 41416— ſtrickten Strumpf, mit Silberdollars angefüllt, an bei⸗ den Enden zu. Ein junger Bärenhäuter hatte ſeine Aufwartung gleichfalls gemacht, ein glorreiches Speci⸗ men der teuto⸗hiberniſchen Brut; mit einem Worte, Tof⸗ fel hatte, Alles zuſammengenommen, immer Urſache, ſich zu ſeinem rothen Kolben zu gratuliren. Er liebte ſein Weib wahrhaftiglich, und nach ſeinen Roſſen behauptete ſie unbezweifelt den erſten Rang in ſeinem Herzen, ſeine Dollars erſt den zweiten, oder, von ſeinen Roſſen an gerechnet, den dritten. So waren, wie geſagt, zwölf Monden verſtrichen. Es trug ſich nun nach Verlauf dieſer Zeit zu, daß ein Miſſionair in die Niederlaſſung kam, in der löblichen Abſicht, den guten Leuten einen nähern und gewiſſern Weg zur Himmelspforte zu zeigen, als der ſein ſollte, welchen ſie bisher unter der Leitung des ehrwürdigen Caspar Ledermaul gewandelt waren, vorausgeſetzt, ſie würden ihre Ohren und, was nicht minder wichtig, ihre Hände nicht halsſtarrig ſeinen eindringlichen Er⸗ mahnungen verſchließen. Um ſeinem preiswürdigen Vor⸗ haben den gehörigen Impuls zu geben, ſo hatte er eine Meeting ¹) angekündigt, nachdem er ſich zuvor bei der 1) Meeting, Verſammlung, wird jede Zuſammenkunft genannt, ſie mag nun politiſcher oder religiöſer Natur ſein. — 10— in ſolchen Angelegenheiten ſtimmführenden Partei, den Damen, Raths erholt hatte. Miſtreß Bärenhäuter war natürlich zuerſt um ihre Beiſtimmung und ihr Patronat erſucht worden, da ſie ohne Widerrede als die Stimmführerin des Geſchlechtes angeſehen werden konnte. Als Erwiederung des ſchmei⸗ chelhaften Komplimentes hatte Madame beſchloſſen, daß der jüngere Bärenhäuter vom ehrwürdigen Kandidaten für die Predigerſtelle, Gott weiß welcher Denomination, getauft, und daß der ältere ſeinen Stammhalter auf ſei⸗ nen Armen in die Verſammlung transportiren ſollte. So weit wäre nun Alles recht geweſen, und wir haben keine Einwendungen gegen dieſe Arrangements zu machen, und auch Toffel hatte im Grunde keine; im⸗ merhin war jedoch ſeine Zuſtimmung nicht von der Art, wie ſie der ſchlichte Deutſche ſonſt von ſich gab. Es war, als ob ihm etwas ahnete, ein gewiſſes ängſtli⸗ ches Vorgefühl ſchien in ihm aufzudämmern, als er ih⸗ ren Ausſpruch hörte; er ging offenbar mißmuthig dem Stalle zu, um die Pferde, ihrem Befehle gemäß, zu ſatteln. Wem galt dieſes Vorgefühl? Galt es der Miſtreß Bärenhäuter oder ſeinem gewaltigen Grauſchim⸗ mel? Eine wichtige Frage; zu wichtig für uns, und deshalb bloß billig, daß wir ſie der Gründlichkeit ſeiner — 448— landsmänniſchen Philoſophen überlaſſen, und zu ihm, unſerm Toffel zurückkehren. Miſtreß Bärenhäuter nun hatte ſo viele Vorliebe für den Grauſchimmel gezeigt, eine ſo ſonderbare Vorliebe, daß ſie abſolut kein anderes Pferd beſteigen wollte. Freilich waren ſie bloße Katzen, verglichen mit dem allgewaltigen Roß, kaum vierzehn Fauſt hoch; doch waren ſie immerhin groß genug für ſie, da ſie ja ſelbſt keine Rieſin war. Die beiden Ehe⸗ leute waren noch nie im Verlaufe ihres Ehejahres zu⸗ ſammen ausgeritten, und obwohl er jederzeit brummte, wenn ſie darauf beſtand, den Grauſchimmel zu ihrem Beſuche beim alten Davy zu haben, ſo hatte ihr beſtimmt ausgeſprochenes Weſen ihn nie zu einer Weigerung er⸗ muthigt; dieſer Tag jedoch war für ihn von großer Wich⸗ tigkeit; die ganze Nachbarſchaft kam gewiß zuſammen, und das im glänzenden Aufzuge. Toffel war allmälig auch ehrgeizig geworden, und aſpirirte zu öffentlichen Aemtern. Man hatte ihm bereits das Wegmeiſterthum anvertraut; er dachte nun an etwas Höheres, und ſollte er nun auf einer ſeiner Mähren dahergetrabt kommen, er, der ſtets ſeinen Kopf ſo hoch getragen, wenn er auf ſeinem Hengſte ſaß? Was wird die Welt von ihm den⸗ ken? Ohnehin war es bereits umhergeflüſtert, daß er ziemlich dem alten Davy in die Fußſtapfen getreten ſei, — 4149— käme er nun—— nein, der Gedanke war unerträglich; er ſah bereits das Hohnlächeln ſeiner Bekannten und Be⸗ kanntinnen, Freunde konnte er ſie ſeit ſeiner Heirath kaum mehr nennen; er hörte ihr Wispern und Flüſtern. Sein Weib kam gerade aus der Hausthür mit dem Jun⸗ gen, als er die Pferde aus dem Stalle führte; er wagte es kaum, einen verſtohlenen Blick auf ſie zu werfen, und dieſer verſtohlene Blick belehrte ihn, ſo wenig er Phy⸗ ſiognom war, daß nichts, gar nichts für ihn zu hoffen ſtand. Auf ihrer Stirne ſaß ganz und gar der unbeug⸗ ſame iriſche Trotz, die unausſtehliche Keckheit, die ſeinen Kredit bei ſeinen Nachbarn für immer zerſtören, und ihm das fürchterliche Epithet des größten aller Pantoffel⸗ helden auf ewige Zeiten zu eigen geben ſollte. Mit Furcht und Zittern führte er die beiden Gäule dem Hauſe zu; ſeine ſchlimmſten Erwartungen ſollten leider nur zu bald gerechtfertigt werden, als Miſtreß Bärenhäuter ihm ſeinen Toffel hinhielt, dann auf den Klotz eines Hickory⸗ ſtammes ſprang, mit der einen Hand den Zügel des Grauſchimmels erfaßte, und mittelſt der andern ſich in den Sattel ſchwang. Da ſaß ſie nun auf dem unge⸗ heuern Thiere, das leibhafte Ebenbild eines ſchadenfrohen Pavians, der ſich ſo eben anſchickt, die Langmuth des geduldigen Dromedars auf eine harte Probe zu ſtellen. — 1420— Toffel ſah mit offenem Munde und ſtarren Augen zu. Der Rücken dieſes Thieres war ſein Stolz, ſein Thron, ſein Alles geweſen, und daneben ſtand die Mähre, kaum vierzehn Fuß hoch. Er mochte eben ſo wohl zu Fuße gehen, als ſie beſteigen; ſeine langen Beine mußten un⸗ fehlbar daneben herſchleifen. Toffel war ein geduldiger, herzensguter Junge, der gewaltig viel ertragen konnte; aber bei dieſer Gelegenheit wurde ihm der Spaß doch zu rund, und ſeine praktiſche Philoſophie wollte nicht mehr guslangen. Seine Augenbraunen zogen ſich zuſammen, und es hatte wirklich das Ausſehen, als ob der feſte Entſchluß in ihm aufkeimte, nicht nachzugeben. My hard! ſprach er nach einem langen Kampfe, während ſie das Roß wandte, ohne ſeinen Jammer auch nur eines Blickes zu würdigen. My hard! wiederholte er, I bray you, däke dat little orse, and let me vite my big one(¶My keart! I pray pou take that little horse and let me ride my big one) ¹). Toflfel! erwiederte ſeine Ehehälfte im Tone äußerſten Erſtaunens über ſeine Verwegenheit, während eine Feuer⸗ gluth die Wangen roth und das Näschen grün färbte: 1) Mein Schatz, ich bitte dich, den kleinen Gaul zu nehmen, und mich meinen großen reiten zu laſſen. — 424— Toffel, surely you aint such a fool, as to chink of that just now! ¹) VYes, erwiederte ihr nur zu geduldiger Ehemann, I am dat fool just now. I am a big body, and if I rite dat Irish heifer, I walk and vite all at once GI am fool fust nom, I am a big man and if I ride that Irisch heifer I may as well walk as ride) 2). Seine Worte, ſein Blick machten die Dame ſtutzen; es war Empörung gegen ihre oberherrliche Gewalt darin zu leſen, ihre ganze künftige Pantoffelgewalt hing von ihrem gegenwärtigen Entſchluſſe ab. So mochte ſie ſich einbilden, und in dieſer Einbildung löste ſich ihre Zunge; ihre Stimme ſtieg einen Ton höher, und ſie überſchüt⸗ tete unſern armen Toffel mit einem ſolchen Schwalle iri⸗ ſcher Lobreden, daß der arme Ehemann, ſeinen Hengſt aufgebend, ſich über Hals und Bein in die Stube reti⸗ rirte. Nie in ſeinem Leben hatte der arme Junge ſich ſo gedemüthigt gefühlt, als wie er ſie, mit dem Ausdrucke der tiefſten Verachtung in ihren Zügen, dem Roſſe ei⸗ 1) Toffel, ſicherlich biſt du nicht ein ſolcher Narr, auf dieß gerade jetzt zu denken! 2) Ich bin dieſer Narr, ich bin groß, und wenn ich dieſe iriſche Kabe reite, ſo reite und gehe ich zugleich. — 122— nen Hieb geben ſah, der die Reiterin in zwei Sätzen aus dem Hof und durch das Gatter brachte. Toffel ſtarrte ihr einen Augenblick mit offenem Munde nach, und be⸗ ſtieg dann ſeufzend ſein Kalb, ſeinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen. und hier können wir nicht umhin, ein Wort zum Beſten all der unter dem weiblichen Regimen ſtehenden Ehemänner um ſo mehr einzuſchalten, als ſelbes gar nicht übel gemeint iſt. Nein, wir ſind weit entfernt, uns in eine häusliche, oder, was noch ſchlimmer iſt, in eine öffentliche Angelegenheit einzumiſchen, maßen wir feſt überzeugt ſind, daß eine derlei Vermittlung es kei⸗ ner Partei recht thun könnte. Hätte aber Toffel ſeine Mähre ganz ruhig in den Stall zurückgeführt, und Miſtreß Bärenhäuter mit allgemeinem deutſchen Phlegma bedeutet, ſie könne allein zur Verſammlung reiten, er aber und der junge Toffel würden zu Hauſe bleiben: wir wetten zehn gegen eines, die liebenswürdige Dame würde den Ehrenpunkt aufgegeben, und noch immer Miſtreß—— Doch nein, es geht nimmermehr, wenn die Frau den Herrn ſpielt und den lieben Gemahl zur Zielſcheibe des nachbarlichen Witzes zu machen ſich nicht entblödet. Merkt euch das, meine ſchönen Leſerinnen, — 123— beſonders ihr, deren Näschen mit dem unſerer Heldin in einer und derſelben Conſtellation ſtehen. Toffel hatte ſeine Mähre beſtiegen, und folgte ſchwe⸗ ren Herzens, den jungen Toffel auf dem Arme. Und wahrlich, vom Reiten war gar keine Rede; ſeine Beine, wollte er ſie nicht in rechte Winkel ſchließen und ſo beim erſten Seitenſprunge ſeines Pferdes den Boden küſſen, mußten ſich gefallen laſſen, auf der Erde mit fortzuwandeln; und der Weg war noch dazu ſo heillos ſchlüpfrig, da es die Nacht zuvor geregnet hatte. Für⸗ wahr, ſeine Poſition war nicht beneidenswerth. Lang⸗ müthig wie er war, hatte ihn die letzte Discuſſion nichts weniger als in eine kirchengehende Laune verſetzt, und er murmelte noch immer verſchiedene Phraſen, als da ſind: Kreuzſchwere Noth! Sapperment! Verflucht! und würde wahrſcheinlich noch länger in ſeinem Monolog fort⸗ gefahren ſein, wenn er nicht in dieſer troſtreichen Unter⸗ haltung durch einen lauten Hülferuf unterbrochen worden wäre, der von oben herab kam, Toffel ſah ſich um, ſchaute aufwärts, doch nichts war zu ſehen noch du hören, und doch war es die durchdringend gellende Stimme ſeines Weibes geweſen, das war gewiß. Wer konnte es ſonſt ſein? Sie war hundert Schritte voraus galloppirt, und die Windungen des durch die Berge — 24— kreiſenden Weges hatten ſie ſeinen Blicken verborgen. Der Grauſchimmel hat ſie ſicher abgeworfen, dachte der ehrliche Junge, und kaum war der Gedanke in ihm auf⸗ geſtiegen, ſo kam auch das tolle Roß in gewaltigen Sätzen den Berg herabgalloppirt. Dem Armen wurde angſt und bange; mit beiden Füßen warf er ſich von der Mähre, ſprang dem wilden Roſſe entgegen, und dieſes, ſeinen Meiſter erkennend, blieb geduldig ſtehen, bis er es des Sattels entledigt und ſich mit ſeinem Sprößlinge auf deſſen Rücken verpflanzt hatte. Und nun trabte er aus Leibeskräften den Berg hinan zum Beiſtand ſeiner Ehehälfte, um die, nach ſolchem Treiben, ein Anderer keinen Schuß Pulver mehr gegeben hätte; Toffel war jedoch eine gute deutſche Haut, und ſo vergaß er denn alle ſo eben gethanen Eingriffe in ſeine angeborenen Souverainetätsrechte, über Hals und Kopf dem verhängnißvollen Orte zueilend, wo ſeine Ehe⸗ hälfte ihre Lagerſtätte aufgeſchlagen haben mußte. Noch⸗ mals hörte er ihr gellendes Geſchrei; aber es war nicht ihre gewöhnliche Stimme, es war mehr ein Angſtgeſchrei. Zum drittenmale ertönte dieſer Angſtſchrei, und nun brach ihm der Angſtſchweiß auf der Stirne hervor, und er ritt auf Tod und Leben im ſchnellſten Galloppe die Anhöhe des erſten Bergrückens hinan, von woher die — 125— Stimme ſeines Weibes ertönt haben mußte; aber keine Spur von Miſtreß Bärenhäuter. Er ſchaute links, er ſchaute rechts— noch immer nichts; er ſchaute auf die Erde, that dieſes ein zweites Mal, und erblickte mit bangem Entſetzen neben der in Lehm abgedruckten Form ſeines Weibes Fußtritte. Er ſtieg beklommen vom Pferde. Es waren Menſchen da geweſen, das war klar und au⸗ genſcheinlich; aber was aus ſeinem Weibe geworden, das war ſchwer zu ſagen; die Spuren verloren ſich im Walde. Nochmals ſah er auf dieſe Spuren, und entdeckte mit Schrecken den breiten Mocaſſintritt der Indianer; die Mocaſſins ¹) waren deutlich im Lehm zu erſehen. Ein Blick gegen den Wald zu zeigte ihm etwas Grauſchwar⸗ zes; es war eine Adlerfeder. Kein Zweifel blieb mehr übrig; ſeine unglückliche Jemmy war von den Indianern aufgehoben und entführt. Toffel, ſagt unſer Dokument, liebte ſein Weib auf⸗ richtig, trotz ihres keiſenden, ſchlimmen Temperamentes; doch alle dieſe Liebe vermochte nicht, ihn in Ohnmacht zu bringen, oder auch nur eine Thräne zu vergießen; nein, da er, obwohl ein Abkömmling des deutſchen Ze⸗ bediah Bärenhäuter, doch auch zugleich ein Amerikaner 1) Mocaſſins, die ſandalenartige Fußbekleidung der Indianer. — 126— war, und glücklicherweiſe noch den Kirchgang in ſeinem Sinne hatte, ſo trabte er auf Leben und Tod auf die Verſammlung zu, ſprang ſo ſchnell als er nur konnte von ſeinem Hengſte, trat unter ſeine im Meeting ver⸗ ſammelten Nachbarn, und eröffnete ihnen ohne weiteres, wie die Indianer ſein Weib auf dem Wege nach der Verſammlung aufgehoben und mit ſich fortgeführt hätten, und wie er ſie wiederhaben müßte, koſte es was es wolle, und wie ſie mit ihm den Rothhäuten nachſetzen, und ſie ihnen abjagen müßten, wenn ſie getreue Nachbarn und freie Männer ſein wollten; und da ſie dieſes auch in dem vollen Sinne des Wortes waren, ſo ſah ſich unſer Toffel in wenigen Stunden an der Spitze von fünfzig Jungens, die ihre Stutzer in der einen Hand, in der andern die Zügel ihrer Gäule, den Raub der neuen He⸗ lena männiglich zu rächen ſammt und ſonders ſchwuren. Während wir es nun unſerm Toffel und ſeiner jagd⸗ luſtigen Schar überlaſſen, den weiberſüchtigen Rothhäu⸗ ten nachzuſpüren— eine Unterhaltung, im Vorbeigehen ſei es geſagt, die in der damaligen Zeit gar nicht unge⸗ wöhnlich, obgleich nichts weniger als ſpaßhaft war— wollen wir den ritterlichern und reſpectablern Weg ein⸗ ſchlagen, und zu unſerer Dame vorwärts eilen, um bei ihren allfällſigen Nöthen zur Hand zu ſein. — 127— Jemmy nun, die ſtarrköpfige Jemmy, war ein hun⸗ dert Schritte vorausgetrabt, wie wir bereits erwähnt haben. Ein vernünftiges Weib nun würde dies nim⸗ mermehr gethan, ſondern ſich lieber an die Seite ihres Ehemannes gehalten haben, beſonders eines ſo guten Ehemannes, wie Toffel unbezweifelt war, und in ſo kritiſchen Zeiten, wo die Wilden noch durch den ganzen heutigen Staat Ohio und bis zur Gränze Penſylva⸗ niens an das Fort Pitt ¹) heranſchwärmten, maßen die Vereinigten Staaten zu eben der Zeit in einem blutigen Kriege mit ihnen verwickelt waren. Nein, Miſtreß Bä⸗ renhäuter ſollte bei Leibe nicht auf das Plateau allein galloppirt ſein, und triumphirend auf ihren armen Tof⸗ fel hinabgeſchaut haben, ſich hämiſch in ihrem Herzen des Sieges erfreuend, den ſie ſo eben über ihn errungen, dann würde ſie nicht das Rauſchen in den Blättern ge⸗ hört, nicht die ſchwartigen, häßlichen Kupfergeſichter ge⸗ ſehen haben, die ſie und ihren Grauſchimmel ſo ſehr er⸗ ſchreckten, daß letzterer ſich bäumte und ſie nolens vo- lens aus dem Steigbügel hob und warf. Zwar ſchrie ſie wacker darauf los, aber es war zu ſpät; die India⸗ ner hatten wahrſcheinlich ſchon zu viel geſehen, um ſich 8 1) Fort Pitt, der frühere Name von Pitteburg. — 128— durch ihr Schreien die Luſt benehmen zu laſſen, ſie als eine ſchöne Beute mit ſich zu nehmen. Einer derſelben hob ſie vom Boden auf, während der andere ganz höf⸗ lich ſein Skalpirmeſſer in eine ſo gefährliche Nachbar⸗ ſchaft mit ihrem Schwanennacken brachte, das eine Zart⸗ fühlendere unfehlbar in Ohnmacht verſetzt haben müßte, ihr ſo Stillſchweigen andeutend. Ein dritter dieſer Her⸗ ren hatte einen Gaul vorgeführt, auf deſſen Rücken ſich ein vierter ohne Mühe ſchwang, und auf welchen auch ſie ohne weitere Umſtände von einem fünften gehoben wurde, der, ihre Hände faſſend, ſie mit dem Vorreiter verband. Zwar gab ſie dieſem einen ſanften Rippenſtoß, der ihn bei einem Haare aus dem Sattel gehoben hätte; aber ein vielſagender Wink mit dem Tomahawk machte ſie ruhiger, als ſie je geweſen. Miſtreß Bärenhäuter war keine jener empfindſamen Seelen, die ſchrie, und jammerte, und winſelte, und in Verzweiflung und Ohn⸗ machten fiel; nein, ſie war von ſtärkerem Stoffe ge⸗ webt. Als ſie ſah, daß kein Toffel kam, und jeder Widerſtand nur vergeblich ſein würde, ergab ſie ſich in ihr Schickſal, und als ihr Vorreiter das Zeichen zum Aufbruche gab, ſchlang ſie ganz gemüthlich, um ein echt deutſches Wort zu gebrauchen, ihre Arme feſter um ſeinen Rücken— ſonſt wäre ſie ja herabgefallen. — 429— Die erſten Stunden ihres Rittes war ſie ziemlich be⸗ klommen, allmälig erlangte ſie jedoch ihre frühere Zuver⸗ ſicht und ſelbſt jene Unbeugſamkeit wieder, die ſie in ihrem neunzehnjährigen Leben ſo ſehr ausgezeichnet hatte. Zwar konnte ſie ſich nicht enthalten auszurufen: das große Roß! das große Roß! und dann ſchienen ſich ihre Züge ſchmerzhaft zu geſtalten; dieß war jedoch nur vorübergehend; immer faltete ſich auf ſolche Gewiſſens⸗ regungen ihre Stirn düſterer, ihr Näschen krümmte ſich, oder warf ſich nach Umſtänden auch auf; ihre Fäuſte ballten ſich, und bald erſchracken die Indianer vor ihr eben ſo ſehr, wie vor ihnen ihr Eheherr Toffel. Sie glaub ten nichts weniger, als daß ſie vom Böſen beſeſſen ſei, und hatten wirklich eine Scheu vor ihr, die dieſen Wil⸗ den recht ſonderbar ließ. Beſonders hatte ſie ihrem Vor⸗ reiter eine Ehrfurcht eingeflößt, die ſeine Gefährten oft befürchten ließ, er ſei verhert. Die Wahrheit zu geſte⸗ hen, ſie war ein hübſches Weibchen, und obwohl ihre Toilette durch die Tour vom obern Ohio zu den Quel⸗ len des Miami in einige Unordnung gerathen war, was ſehr begreiflich iſt, da die Straße von Pittsburg nach Columbus noch nicht fahrbar, und die Geſellſchaft da⸗ her nicht mit der Poſt reiſen konnte, es ſich deshalb gefallen laſſen mußte, incognito, nämlich durch Sümpfe, Transatl. Skizzen II.. 9 — 130 Wälder, Diſteln und Dornen zu paſſiren, die alle ei⸗ nen Theil der Calico⸗ und Seidengarderobe Jemmy s in Anſpruch nahmen. Ungeachtet dieſes kleinen De⸗ rangements konnte Miſtreß Bärenhäuter nach ihrem Ein⸗ treffen in dem Miami⸗Hauptquartier noch immer mit Recht ihren Anſpruch als Führerin des bon-ton unter den Schönen der Rothhäute geltend machen. Und wirk⸗ lich, ſo trefflich hatte ſie ihre Entführer zu menagiren gewußt, daß Tomahawk, ihr Oberhaupt, weit entfernt, ſkalpirende Gedanken zu hegen, ſie geradezu unter den Schutz ſeiner Mutter als Ehrendame ſtellte. Dieſe Eh⸗ rendamenſchaft nun dürfte allerdings nicht zu verachten geweſen ſein, wenn der Sohn Ihrer Hoheit der Prin⸗ zeſſin Mutter, der ſie als Palaſtdame beigegeben war, etwas zu beherrſchen gehabt hätte, das der Mühe werth geweſen wäre, ſage ein dreißig oder vierzig Millionen loyaler Unterthanen, oder wenigſtens eine oder zwei; aber ſo war der Herrſcher der Shawneeſe ¹), der ältere Bruder Tomahawks, bloß eine kleine Espece von Sou⸗ verain, und der Einfluß der Madame la more erſtreckte ſich daher nur über einige hundert Geviertmeilen. Im⸗ 1) Shawneeſe, Indianer, hatten ihren Sit am großen Miami; gegenwärtig ſind bloß noch einige Familien daſelbſt, der Reſt hat ſich über den Miſſiſippi zurückgezogen. — 431— merhin würde auch dieß nicht ſo uneben geweſen ſein, denn es iſt hinlänglich erwieſen, daß ein paarhundert Quadratmeilen, und ſelbſt viel weniger noch, vollkom⸗ men ausreichen, einen Legitimen in vollkommenem Glanze zu erhalten, vorausgeſetzt, daß die Leute ſo aufgeklärt und civilifert ſeien, ihre Aecker für die Hoheit zu bearbeiten, und in loyaler Ergebung am Hungertuche zu nagen. Aber hier ſteckte nun der Haken: die Subjekte des indi⸗ ſchen Herrſchers waren unciviliſirte Wilde, die in ihrer Dummheit weder einen Begriff von dem göttlichen Rechte ihres Herrſchers, noch ihrer unterthanenpflichten hatten, das heißt: für ihn nicht arbeiten wollten, ſagend, er könnte dieſes ſelbſt thun, maßen er Hände, wie ſie ſelbſt, vom großen Geiſte dazu empfangen hätte, und daß er ſelbe rühren könnte, wenn er wollte, und es blei⸗ ben laſſen— mit andern Worten: verhungern könnte, wenn er nicht wollte. Und, fügten dieſe unaufgeklär⸗ ten Menſchen hinzu, wenn er verhungerte, ſo könnten ſie leicht einen andern Legitimaten vom Oſten herüber ha⸗ ben, wo es ihrer erklecklich gäbe, ſo daß alle rothen Stämme leicht damit verſorgt werden könnten. Bei einem ſolchen Raiſonniren unraiſonnabler Men⸗ ſchen ſehen unſere geehrten Leſer wohl ein, daß Miſtreß Bärenhäuter, trotz ihrer ehrenvollen Anſtellung bei Ma- 7 — 132— dame la mère, nicht viel zum voraus hatte. Immer⸗ hin war es jedoch tröſtlich für ſie, daß die Prinzeſſin Mutter und ihr Herr Sohn ſehr herablaſſend, ja huld⸗ reich gegen ſie geſtimmt, und, was mehr ſagen will, ſo populär bei ihren Subjekten waren. Zwar gab es eine Ausſicht, und das eine glänzende dazu: Tomahawk näm⸗ lich, ihr Entführer, war noch jung und unverehelicht, und für einen indianiſchen Häuptling gar nicht übel an⸗ zuſchauen; aber dann war ja ſie verheirathet, und ſelbſt wenn ſie es nicht geweſen wäre, wie konnte ſie ſich es einfallen laſſen, ſich ſo hoch zu verſteigen? Zwar hatte ſie ein Beiſpiel an einem noch Höhergeborenen, der ſich zu einer ſchlichten Republikanerin herabgelaſſen, und noch dazu den Korb erhalten hatte; aber das war in Baltimore, und hier war ſie mitten unter den Wilden. Jammern und Wehklagen aber, das ſah ſie wohl ein, würden das Uebel nur ärger gemacht, und wahrſcheinlich irgend einen zartfühlenden Wilden bewogen haben, ihr mitleidig das Meſſer in die Bruſt zu ſtoßen, und dieß wollte ſie doch auch nicht. Trotz und Unbeugſamkeit ließen ſich noch weniger in Anwendung bringen; die Wilden waren keine Toffel. Zudem lag in ihrer Situa⸗ tion etwas ſo Beſonderes, ihre iriſchen Nerven ſo leb⸗ haft Kitzelndes, das nicht fehlen konnte, ihre Lebens⸗ geiſter aufzuregen und anzuſpornen, und ſo ihre Gedan⸗ ken von ihrer unangenehmen Lage ab⸗, und auf Ver⸗ beſſerung derſelben zuzulenken; nicht, als ob ſie ſich tie⸗ fen Meditationen überlaſſen und zur Philoſophin gewor⸗ den wäre, die, von Prinzipien ausgehend, a priori ſich über ihr Mißgeſchick getröſtet hätte; nein, es war natürlicher Trieb der Selbſterhaltung, der ſie zwang, ſich in ihre Lage zu finden, und bald fand ſie ſich ganz gut darein. Sie hatte ein treffliches Mittel, das beſte in einem ähnlichen Falle, nämlich Beſchäftigung. Glück⸗ licherweiſe war ſie an dieſe gewohnt, da ihr Toffel wenig Zeit gelaſſen hatte, Romane zu leſen, oder die quar- terlics zu ſtudiren, und ſie wartete nur auf Gelegen⸗ heit, ihre Regſamkeit an den Tag zu legen. Dieſe blieb natürlich nicht lange aus, und bald hatte ihr offenes Köpfchen es heraus, ſich nicht nur mit Grazie die lange Weile vom Halſe zu ſchaffen, ſondern ſich auch den Un⸗ terthanen des indianiſchen Herrſchers wichtig zu machen. Beſagte Unterthanen waren nämlich, gleich ſo manchen andern Unterthanen, jämmerlich unwiſſend, ſo unwiſſend, daß unſere Miſtreß Bärenhäuter etwas choquirt darüber war. Aber es kam nun darauf an, aus dieſer Unwiſſen⸗ heit Vortheil zu ziehen, und ſie ſäumte nicht die Gele⸗ genheit zu ergreifen. Mit einer Miene, in der ein Zug — 134— von Spott und Keckheit, ſo wie natürlicher Ueberlegen⸗ heit nicht zu verkennen war, ergriff ſie den nächſten Morgen nach ihrer Ankunft den mit Wildpret gefüllten Keſſel, und bereitete ungeheißen und ohne alle andern Beiſtand das Mahl ſelbſt. Die Indianer kreuzten ihre Schenkel um den Keſſel.„Whoo! rief der Häuptling, was haben wir da?“ Sein Lebelang hatte er kein ſo köſtliches déjeüner à la fourchette, würden wir ſagen, gegeſſen, wären Gabeln vorhanden geweſen. Die Mut⸗ ter deutete ſchweigend auf die Ehrendame, die zur Be⸗ lohnung eine Rippe erhielt; Jemmy ſah ſo ſtolz darein, als ob ſie auf dem großen Roſſe geſeſſen wäre. Nicht lange, ſo brachen die Wilden zu einem neuen Kriegszug auf; in vierzehn Tagen waren ſie wieder zurück, mit aller möglichen Beute beladen: Weiberröcken und Röck⸗ chen, Spencers, Hüten und Hauben, Schnürbrüſten und Leibchen. Dem Bruder des Häuptlings, unſerm Tomahawk, war eine ganze Familiengarderobe als ſein Antheil anheimgefallen; den Morgen nach ſeiner Rück⸗ kehr erſchien er in einer Robe von linsey woolsey ro⸗ ther Farbe, mit grünſeidenem Hute, und darüber ein Häubchen einer Wöchnerin; der Häuptling ſelbſt, etwas kleinerer Geſtalt, in einem Röckchen à l'enfant, mit pappelgrünem Spencer und einem Capuchon aus Louis- — 135— Quinze Zeiten. Jemmy hatte kaum ihre Augen auf ihre metamorphoſirten Gebieter geworfen, als ſie den Squaws winkte, ihr in den Wald zu folgen. Sie war noch nicht weit gegangen, als ſie einen Ueberfluß wilder Hanfſtauden fand, mit denen ſie ihre Gefährtinnen be⸗ lud und nach Hauſe zurückkehrte. Die Weiber mußten nun Hanf brechen; dann wurden ſie im Spinnen unter⸗ richtet, und in wenigen Wochen waren die Weiberröcke in Jagdröcke verwandelt, verziert mit Calico⸗ und Sei⸗ denbändern. Ein paar Wochen ſpäter brachen die Män⸗ ner neuerdings zu einem Zuge auf, auf welchem der ältere Bruder getödtet, und Tomahawk verwundet wurde. Jemmy legte, gleich andern loyalen Unterthanen, Trauer an, verband die Wunden des Uebergebliebenen, und als der junge Häuptling hergeſtellt war, präſentirte ſie ihm einen neuen Anzug, den ſie während ſeines Krankenla⸗ gers für ihn verfertigt hatte. Sie that dieſes mit ſo vieler Grazie, meinte der Indianer, daß er von ſelbiger Stunde ihr Verehrer und getreuer Paladin ward. Als er ſich den nächſten Morgen angekleidet, verſichert unſer Dokument, fühlte er ſich ſo angenehm überraſcht, daß er zum erſtenmale jene ihm zur Gelhhnheit gewordene Ehrfurcht auf die Seite ſetzte, die ihn bisher abgehal⸗ ten hatte, ſich Miſtreß Bärenhäuter etwas deutlicher zu erklären. Er machte ihr ſeine Aufwartung. Die ganze Reſidenz war in Aufruhr; die rothen Damen waren in Verzweiflung. Ein ſolcher Staat, das ahnten ſie wohl, war nicht ihrerwegen producirt; es galt der ſtolzen Ame⸗ rikanerin, die natürlich ſolchem Glanze nicht widerſtehen konnte. Und wirklich, weder London, noch Paris, noch Newyork konnten ſich je rühmen, eine ſolche Verſchwen⸗ dung von Herrlichkeiten in einer Perſon geſchaut zu ha⸗ ben, als Tomahawk ſeiner Getreuen an dieſem Tage vor Augen zu legen geruhte. Aber er war auch volle drei Stunden geſeſſen, ſeine Schenkel kreuzweis in einander geflochten, feinen Taſchenſpiegel in der linken Hand, und mit freudeblitzenden Augen ſeine unwiderſtehlichen Reize betrachtend. Drei breite Silberſpangen umzirkel⸗ ten kunſtvoll ſeine Naſe, von der noch obendrein ein ſpaniſcher Dollar herabhing; zwei andere hingen in je⸗ dem Ohrläppchen, mit einem ſechsten war pfiffiglich die Unterlippe verziert; ſein Haar ſtrotzte von zahlloſen ge⸗ färbten Stachelſchweinfedern, und vom Scheitelbüſchel flatterten drei Buffaloeſchwänze; ein Halsband von nicht weniger als fünfzig Alligatorszähnen umwand ſei⸗ nen Nacken, eine Trophäe, die er von den Chikaſaws erbeutet, und darüber war ein kleinerer von ungemein großen Glasperlen mit Chinabeeren ſichtbar. Die unke⸗ ren Theile ſeines Körpers waren eben ſo wenig vergeſſen: ſeine Schenkel waren bis zu den Knöcheln mit runden Stücken von Erz und Blech und Schellen ausſtaffirt, die bei jedem Schritte eine gewaltige Muſik machten. Seine übrige Toilette beſtand in einem engliſchen drei⸗ eckigten Hute, einer amerikaniſchen Soldatenjacke, roth aufgeſchlagen, und dem oberwähnten Calico⸗Jagdhemde. Als er, im Gefühle ſeiner Vollkommenheiten, ſich der Reſidenz ſeiner Mutter näherte, hob er ſeine Füße hoch und tanzte zweimal im Kreiſe herum, um ſeine Ohren an der ſelbſtgeſchaffenen Muſik zu laben; nochmals über⸗ ſah er, vor der Thür angelangt, im Taſchenſpiegel ſeine Perſon von Kopf zu den Füßen, und dann trat er ein. Wir ſind leider ganz im Dunkeln über den Erfolg ſo vieler Kraftanſtrengungen; nur ſo viel iſt notoriſch geworden, daß der hohe Bewerber die Reſidenz ſeiner Mama weit weniger zufrieden mit ſich ſelbſt verließ, als er dieſes bei ſeinem Eintritte geweſen. Unſere Au⸗ torität fügt bei dieſer Gelegenheit hinzu, daß Jemmy ſeit jener Stunde eine eben ſo vollkommene Herrſchaft über den indianiſchen Regenten genoß, als ſie je in Bezug auf Toffel in Ausübung brachte; auch ſoll ſie dieſe Oberherrlichkeit gar nicht lange ſchlummern gelaſſen haben, wozu ſie wahrſcheinlich ihre Urſachen gehabt ha⸗ ben mochte, maßen ſie manchen ziemlich ſtarken Verſu⸗ chungen zu widerſtehen hatte. Aber, fügt unſer Do⸗ kument hinzu, ſie widerſtand heroiſch; wie konnte ſie auch anders? ſie, deren Sinn nach einer ſo ganz ver⸗ ſchiedenen Richtung zielte. Ja, ihr Blick war wirklich unverrückt zur aufgehenden Sonne gerichtet, in die Welt⸗ gegend, wo ihr lieber Toffel hauste; ſie hatte ihre Ge⸗ fangenſchaft mit heldenmüthiger, wahrhaft iriſcher Stand⸗ haftigkeit volle fünf Jahre ertragen; nunmehr jedoch begann ſie jeden Tag mehr und mehr das Bittere ihrer Lage zu fühlen. Während der erſten zwölf Monden war ſie ſo ziemlich durch die Neuheit ihrer Situation rege erhalten worden, Vieles hatte auch der Stimulus der Selbſterhaltung beigetragen; in den folgenden Jah⸗ ren fühlte ſie ſich vielleicht ein bischen durch die Auf⸗ merkſamkeiten des Indianers geſchmeichelt; aber mit ei⸗ nem Wilden zu kokettiren, war doch nur ein armſeliger Zeitvertreib, und konnte unmöglich für die Länge dauern. So erwachte denn ihre Sehnſucht nach der Heimath mit jedem Tage ſtärker und ſtärker. Auf eine Flucht im erſten Jahre zu denken, wäre Wahnſinn geweſen; man hatte ſie mit Argusaugen während des Sommers bewacht, denn ihre Geſchicklichkeit in Allem machte ſie den Wil⸗ den unentbehrlich; und im Winter zu entfliehen: wo — 439— ſollte ſie Lebensmittel, wo ein Lager finden? Ihre Hie⸗ herreiſe hatte zwanzig Tage gedauert: ſie mußte in einer ungeheuern Entfernung von Hauſe ſein, und im Falle auch nur das mindeſte von ihrem Vorhaben offenbar ge⸗ worden wäre, wahrlich, ihr Loos wäre ſchrecklich aus⸗ gefallen. Endlich im fünften Sommer nach ihrer Entführung bot ſich die erwünſchte Gelegenheit dar. Die Männer waren zur Herbſtjagd aufgebrochen, ihre Weiber beglei⸗ teten ſie; bloß die Alten und Schwächlichen waren zu⸗ rückgeblieben. Fünf Jahre ſcheinbarer Zufriedenheit hat⸗ ten das Mißtrauen der Wilden eingeſchüchtert, und ihre Wachſamkeit gemindert. Die Bevölkerung, hatte ſie ge⸗ hört, war während dieſer Zeit ſtark näher gerückt; ſie hoffte, wenn auch nicht die erſte, doch gewiß die zweite Woche auf Landsleute zu ſtoßen. Sie entſchloß ſich zur Flucht, und führte ihren Entſchluß auch unverzüglich aus. Ein Bündel mit Lebensmitteln war Alles, was ſte mitnahm; ſie hatte lange vierhundert Meilen vom großen Miami zu dem obern Ohio, aber ihre Seele war dem Rieſenunternehmen gewachſen. Sie liebte ihren Tof⸗ fel; ſie liebte ihn nun mehr, als jemals, den geduldi⸗ gen, ausdauernden, und doch ſo vernünftigen Jungen. Sie hatte unglaubliche Mühſeligkeiten auszuſtehen; war — 149— nahe daran, in den Sümpfen bei Franklin zu erſticken, in großer Gefahr, im Sciota zu ertrinken, und mehrere Tage in der Wildniß zwiſchen Columbus und New⸗Lan⸗ caſter 1) verirrt, und nahe daran, von Panthern und Bären aufgefreſſen zu werden; aber ſie überwand glück⸗ lich Sümpfe, Flüſſe und Wildniß. Die erſten fünf Tage lebte ſie von ihrem mitgenommenen Vorrath von gedörrtem Wildpret, dann ließ ſie ſich Papaws, Kaſta⸗ nien und wilde Trauben ſchmecken, und kehrte endlich, nach unſeligen Leiden, am zehnten Tage zum erſtenmale in einem Blockhauſe ein. Doch auch da verließ ſie ihr unbezwingbarer iriſcher Geiſt nicht, und ſie trat vor die Hinterwäldler mit eben der freien Stirne, als ob ſie an der Spitze der Shawneeſe gekommen wäre, verlangte Lebensmittel in eben dem feſten und zuverſichtlichen Tone, als ob Haus und Hof ihr eigen geweſen wären. Und die Hinterwäldler, dieſe derbe Race? Je nun, ſo wenig ſie gewohnt ſein mochten, ſich auf dieſe Weiſe be⸗ grüßt zu ſehen, die Art war neu: ſie ſtarrten, wie leicht zu erachten; doch gaben ſie, was ſie hatten, und, was das Merkwürdigſte an der ganzen Geſchichte iſt, 1) Columbus, New⸗Lancaſter, erſteres die Haupt⸗ ſtadt von Ohio, letzteres eine Countyſtadt. — 41414— ſie gaben, ohne zu fragen. Wer nun weiß, daß dieſer unſer ſouveraine Staat Ohio durch den Stamm der Yan⸗ kees bevölkert iſt, wird dieß kaum glauben können, und wir ſelbſt würden Mühe haben, hätten wir nicht ſchwarz auf weiß vor unſern Augen. Nach einer langen, müden Fahrt von vollen vier Wochen kam unſere liebe Jemmy endlich in die Nähe des Ohio, und die lieblichen Bergesrücken, die ihre glückliche Heimath bargen, traten allmälig aus dem blauen Dunkel hervor. Sie verdoppelte ihre Schritte, ſie langte auf den erſten Hügeln an. Zum erſtenmale in ihrem Leben ſchlug ihr Herz lauter; ſie konnte nicht vorwärts; ſie ſetzte ſich, über die Vergangenheit nach⸗ zudenken; das große Roß kam ihr in den Sinn.„Das unglückliche große Roß,“ murmelte ſie, die Fauſt bal⸗ lend, und auf ſprang ſie, und fort lief ſie, als wollte ſie es dem Unheilbringer entgelten laſſen. Nun war ſie auf dem Vorſprunge angelangt, wo ſie vor fünf Jahren abgeſattelt und zur Gefangenen gemacht worden war. „Das verwünſchte große Roß!“ wisperte ſie nochmals, und dann rannte ſie die Schlangenwindungen hinab. Da lag er nun vor ihr, der prachtvolle Ohioſtrom, ſich in zwei ungeheuern Streifen fortbewegend: die Gewäſſer des Alleghany, klar und kryſtallen, gleich dem Berg⸗ — 442— quelle, und die des Monongehala, trüb und ſchlammig, gleich einem mürriſchen Ehemanne, dem ein zartes und munteres Weib angefeſſelt iſt. Nun ſtand ſie an der letzten ſanften Anhöhe, von wo aus ſie die ganze Herr⸗ lichkeit überſehen konnte, die ſie als Herrin erkannte; da lag die prächtige Thalweite, der üppigſte aller Bot⸗ toms, auf zwei Seiten von dem Vorgebirge eingeſchloſſen; da ſtand die ſteinerne Scheune: das Dach und die Ja⸗ louſten waren friſch angeſtrichen. Ihre Augen funkelten vor Freude; Toffel war noch immer der gute, getreue, treuherzige Hauswirth. Dorthin erſtreckte ſich der alte Obſtgarten, beinahe unter der Laſt von Aepfeln und Birnen zuſammenbrechend; auf der andern Seite lag der neuangelegte; auch dieſer bog ſich unter den Früchten, und doch war es nicht länger als ſechs Jahre, daß ihn Toffel geflanzt hatte. Sie ſelbſt hatte mitgeholfen im Frühjahre nach ihrer Verehelichung,— Himmel, welch eine lange Zeit! Sie ſchaute, ſie traute kaum mehr ih⸗ ren Augen, ſie ſchaute wieder,— Gott! es war keine Täuſchung, es war Toffel, ihr lieber Toffel, der juſt aus dem Hauſe kam; hinter ihm her ein kleiner flachs⸗ haariger Schelm, der ſich feſt an ſeinen Rockſchoß an⸗ hielt. Ja, in ſeinen ledernen Ineyxpreſſibles, blauen Strümpfen mit rothen Zwickeln, und Schuhen und —.,—— — 443— Schnallen von ſo erklecklicher Größe, daß ſie ſie von ihrem Obſervatorium aus wahrnehmen konnte;— ſie vermochte es nicht länger auszuhalten, ihr Herz war zu voll; aber zugleich erwachte auch ihr ganzes Selbſtgefühl, das Be⸗ wußtſein der ſchlummernden Autorität kehrte zurück. Nein, ein weibiſch furchtſames, zagendes Weſen durfte ſie ihren Mann nicht merken laſſen; er würde ſie als ausgeartet betrachtet haben. Feſten Schrittes trat ſie von der Anhöhe herab, ging den Weg hinab, ſchritt durch die eingezäunte Gaſſe, die Wieſe, eilte durch den Gemüſegarten, und ſtand mit einemmale vor— Toffel. „Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn!“ rief dieſer, in der Angſt ſeines Herzens die legale Formel gebrauchend, mittelſt welcher ehrſame Deutſche von un⸗ denklichen Zeiten her die zahlloſen Geſpenſter, Hexen, Nixen und Elfen, und alle die Weſen bannen, mit de⸗ nen ſie, oder vielmehr ihre Gehirne, von Alters her ge⸗ plagt ſind. und wirklich können wir es dem guten Toffel nicht ganz ſo übel deuten, wenn ihm der Blocksberg einfiel. Fünf Jahre Abweſenheit und Aufenthalt unter den wil⸗ den Freibeutern hatten mit der heilloſen Reiſe eben nicht ſehr beigetragen, ihre Geſtalt in die Schönheitslinie ab⸗ zurunden, oder ihrem Anzuge einen beſondern Reiz zu — 144— verleihen. Selbſt er, der allerunmodiſchſte unter ſeinen Nachbarn, konnte es kaum begreifen, wie dieß ſeine Jemmy, die Führerin des guten Geſchmacks in Allem, ſein könne. Das Plötzliche ihres Erſcheinens nun gab ihrer etwas fleiſchloſen Form einen ſo über⸗ oder unter⸗ irdiſchen Ausdruck, daß wir uns gar nicht wundern, wenn Toffels vier Gehirnkammern plötzlich in Aufruhr geriethen, und ihm der Blocksberg einfiel, von dem ihm ſein ſeliger Vater ſo oft erzählt hatte. Jemima, ſchien es, fühlte ſich nicht abſonderlich bei dieſem Stutzen, Staunen, Ausrufungen und Schrecken geſchmeichelt, und bemerkte in einem Tone ſo ſanft, wie es ihr nur immer möglich war: Wohl, Toffel, biſt du verrückt? Kennſt du mich nicht mehr? mich, deine Jemmy? Toffel öffnete ſeine Augen ſo weit er konnte, und allmälig, als er die krumme Naſe, das funkelnde Auge, das unverhohlen keck, wie immer, blitzte, und nur ganz wenig ins Grüne zu ſchillern ſchien, als er, ſagt unſer Dokument, dieſe Merkmale ſo deutlich wieder ſah, dann, und erſt dann fing er zu glauben an. Schließlich machte er auch die Erfahrung, daß ſie noch immer aus Fleiſch und Beinen beſtand, und nun wurde ſeine Freude wirk⸗ lich groß, denn auch er hatte ſie von Herzen geliebt. Er umhalste ſie, drückte einen Buß auf ihre Wangen, — 445— umhalste ſie wieder, und vergoß ſelbſt zwei Freuden⸗ thränen, eine in jedem Auge. Jemmy nun war nicht weniger gerührt; ſie liebte, wie wir bereits erwähnt, ihren Mann, trotz ihres iriſchen Temperamentes; ihr ge⸗ ſunder Menſchenverſtand ließ ſie auch begreifen, daß Toffel allerdings einige Urſache hatte, mit ihr nicht ganz ſo zufrieden zu ſein, da ſein häusliches Glück durch ihren Trotz ſo ſehr erſchüttert worden war. Sie war daher ſelbſt ein wenig überraſcht, als er ſie nun ſo plötzlich, ſo unerwartet gleichſam mit Liebkoſungen überſchüttete. Eine Zeitlang ertrug ſie dieſe auch mit wahrer chriſtlicher Geduld, ſo wenig ſie ſonſt an derlei unfruktuöſen Zärt⸗ lichkeitsverſchwendungen Gefallen fand, da ſie denn doch mehr das Reelle liebte. ns Mein Gott! rief er aus, mein Schatz!— er hatte ſein Engliſch, wie es ſchien, beinahe rein vergeſſen— und wieder ſchlang er ſeine langen Arme um ſie herum. Jemmy nun war wirklich herzensfroh, ihren Toffel in ſo excellenter Laune zu ſehen. Doch zuviel iſt unge⸗ ſund, ſagt das Sprichwort, und unſerer Jemmy war es, allem Anſcheine nach, ziemlich zuviel; ihr ſchien Tof⸗ fel in ſeinen Liebkoſungen unerſchöpflich zu ſein, ſo daß ſie bereits die Geduld zu verlieren, und ſich nach Toffel dem jüngern zu ſehnen begann, auch zu wiſſen ver⸗ Transatl. Skizzen. 1. 40 — 446— langte, wie es mit dem Hausweſen ſtünde; und indem ſie ſich ſothanermaßen äußerte, wand ſie ſich von ihm los, und ſchritt auf die Hausthüre zu. Toffel fing ſie bei einem ihrer Rockſchöße, und vertrat ihr den Weg. Mein Schatz, ſprach er, warte noch ein wenig, bis ich dir geſagt habe—— Geſagt habe? fiel ſie ungeduldig ein, was giebt's da zu ſagen? Ich will meinen Buben ſehen und wie du gewirthſchaftet haſt; ich hoffe, Alles iſt in Ordnung, wo nicht, ſo—— Ihr Auge fiel prüfend auf den armen Toffel, dem nichts weniger als wohl zu ſein ſchien. Mein Herz! fuhr er fort, meine Frau! Habe nur ein klein wenig Geduld. Ich will keine Geduld haben, verſetzte ſie. Warum willſt du nicht ins Haus? Uund mit dieſen Worten ſchritt ſie näher der Thüre zu. Toffel, in äußerſter Verwirrung, vertrat ihr nochmals den Weg, ihre beiden Hände erfaſſend. Nun, bei Jaſus ¹) und allen Gewalten! ſchrie ſie erſtaunt über ein ſo ſonderbares Benehmen. Beinahe ſollte ich glauben, es ſei nicht Alles richtig, und du ſäheſt mich nicht gerne. 1) By Jasus! Bei Jeſus! eine iriſche Betheurung. Dich nicht gerne ſehen, mein Herz, mein Schatz! Ja, ja, du ſollſt wieder meine Frau ſein, verſetzte der gute Junge. Wieder deine Frau ſein? Wieder deine Frau ſein? wiederholte ſie, und ihre Augen blitzten und ihr Näs⸗ chen krümmte ſich. Wieder ſeine Frau ſein! murmelte ſie, und riß ſich mit Gewalt von ihm los, rannte die Stiegen hinan, ſtürzte auf die Thüre los, hob die Klinke, öffnete, und erblickte— erblickte, ſich auf einem Armſeſſel wiegend, Dorothea Heumacher, die hübſcheſte Blondine der ganzen Niederlaſſung, weiland ihre Ri⸗ valin, und nun die glückliche Uſurpatorin ihrer ehelichen Gerechtſame. Der eingefleiſchteſte Legitimat, den je die Gnade Got⸗ tes, oder, was daſſelbe iſt, die Bajonette ſeiner Herren Gebrüder, in ſein verlorenes Dominium wieder einſetzten, kann unmöglich mit größerer Verachtung und Abſcheu auf die plebejiſchen Eindringlinge herabblicken, die ſein göttliches Recht uſurpirt haben, als unſere de jure Miſtreß Bärenhäuter auf die de facto that, und, das Maß der Unbilden zu füllen, ſo war dieſe Uſurpatorin eine Deutſche!— Es würde eine pſychologiſchere Feder erfordern, als die, ſo unſer Dokument geſchrieben, die Symptome der verſchiedenen Leidenſchaften auch nur ober⸗ — 448— flächlich anzudeuten, die auf dem Geſichte unſerer Hel⸗ din ſo ſtark hervorbrachen. Hohn, Wuth, Rache waren die geringſten; ihre Augen ſprühten ſo fürchterlich, daß es, eine Yankeephraſe zu gebrauchen, in der Stube zu rauchen anfing; ihre Fäuſte ballten ſich, ihre Zähne knirſchten, und, gleich der Katze, die ihr Territorium von dem Erzfeinde ihres Geſchlechtes beſetzt und einge⸗ nommen ſieht, ſchickte ſie ſich an, auf dieſen Feind los⸗ zuſtürzen; was bei dem Umſtande, daß ſie ſeit einem Monate ihre Nägel nicht beſchnitten, leicht ſehr bedenk⸗ liche Folgen für die holden Geſichtszüge der beſagten Dorothea Heumacher hätte haben können. Toffel gewahrte mit gerechtem Entſetzen die ſchreck⸗ lichen Symptome, und warf ſich in ganzer Länge und Breite zwiſchen die beiden kriegführenden Mächte. Der Schrecken hatte ihm plötzlich wieder ſein Engliſch gege⸗ ben: Bray! rief er, dont fighd wid each oder! Pray dont fight mwith each other!) ¹) Und wirklich, die Vermittlung war nicht überflüſſig, und immer blieb es noch unentſchieden, ob ſie auch an⸗ genommen werden würde. Aber gerade als Jemmy auf ihre Gegnerin heranrückte, oder vielmehr ſtürzte, öffnete 1) Um’s Himmelswillen, balgt euch nicht! ———:ʒ³⅓:„. ,·—— — 149— ſich die Thür, und herein zappelte der junge Toffel mit einer ganzen Schar junger Bärenhäuter. Fünf Jahre waren verfloſſen, ſeit ſie ihren Buben in ihren Armen gehabt: Hader, Streit und Feindin vergeſſend, ſprang ſie auf ihr Kind los, um es in ihre Arme zu faſſen. Der Bube erſchrak, ſchrie laut auf, riß ſich mit Gewalt von ihr los, und rannte zu ſeiner Stief⸗ mutter. Die arme Jemmy ſtand, als ob ein Zuber kal⸗ ten Waſſers über ſie ausgegoſſen worden wäre; Wuth und Rache waren vergeſſen, namenloſer Schmerz erſaßte ſie; ihre Kraft verließ ſie; ſie taumelte der Thüre zu, faßte zitternd die Klinke, und war im Begriffe zu ſin⸗ ken. Das arme Weib litt nun wirklich ſchrecklich; ſie war ein Fremdling ihrem eigenen Kinde geworden, ein Fremdling in ihrem Hauſe, in der ganzen weiten Welt. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe ſie ſich erholte; end⸗ lich jedoch erholte ſie ſich. Seelen, wie die ihrige, ſind nicht leicht gebeugt.„Wie geht es dem Vater?“ fragte ſie kurz. 3 Todt, erwiederte Toffel. Und der Mutter? Todt, war dieſelbe Antwort. uUnd den Schweſtern und Brüdern? Sind zerſtreut in der weiten Welt⸗. So ſind ſie denn alle hin! murmelte ſie mit kaum hörbarer Stimme. Ich habe, ſprach Toffel leiſer, ein ganzes langes Jahr auf dich gewartet, und dich in allen Zeitungen, deut⸗ ſchen und engliſchen, auskündigen laſſen, und als du nicht kamſt, ſetzte er noch leiſer hinzu, ſo nahm ich Dora. So behalte ſie, erwiederte Jemmy mit feſter Stimme und einem unbeſchreiblichen Blick der tiefſten Verachtung; dann lief ſie nochmals auf ihren Buben los, faßte ihn, trotz alles Sträubens, und küßte ihn heftig. Und nun, ſprach ſie zu ihrer Rivalin gewendet, wenn du es je wagſt, dieſem meinem Buben etwas zu Leide zu thun, oder deinen deutſe, en Rachen auf ſeinen Mund zu le⸗ gen, ſo—— Mit dieſen Worten, die wir ihrer Zierlichkeit wegen zum Theil mit Stillſchweigen zu übergehen für gut finden, öffnete ſie die Thüre. Halt! halt! um Gotteswillen, halt! rief Toffel mit einer Stimme, die genugſam bewies, daß er beinahe ſo viel gelitten habe, wie ſeine weiland Frau. Er hatte ſie immer, trotz ihres biſſig ſtarren, zänkiſch⸗herrſchſüch⸗ tigen Weſens geliebt, herzlich geliebt, ja vielleicht aus eben dieſer Urſache geliebt, da ſie zur Würze ſeines Le⸗ —,———————:.y„ 4— —,—— — 151— bens, zum ewigen Stachel ſeiner phlegmatiſchen Deutſch⸗ heit ſo trefflich geeignet war. Oft hatte er an Jemmy zu⸗ rückgedacht; denn die Willigkeit der gutmüthigen, phleg⸗ matiſchen Dora hatte ſein träges Vegetiren nur noch träger gemacht; er war nun einmal ein Deutſcher, die bekanntermaßen nie glücklicher ſind, als wenn ſie wie die Schafe geſchoren und wie die Hunde getreten wer⸗ den. Oft würde er einen blaugewirkten Strumpf, und ſelbſt zwei gegeben haben, wenn er ſich dadurch hätte einen ſanften Rippenſtoß von Jemmy erwerben können. Wirklich hatte er auch keine Mühe geſpart; war der Spur der Indianer mehrere hundert Meilen nachgejagt, hatte ſie auch bereits mit ſeinen Nachbarn erjagt, aber es zeigte ſich ungeſchickter Weiſe, daß es nicht India⸗ ner, ſondern Nankee⸗Ueberſiedler waren. Auch auf Zei⸗ tungsankündigungen hatte er ſo manchen Dollar verwen⸗ det; unglücklicherweiſe zirkulirten dieſe jedoch im Oſten, während Jemmy im Weſten als Ehrendame ſigurirte, und noch unglücklicher hielt Herr Caspar Ledermaul nach einem Jahre ſolchen Cirkulirens und Wartens eine ge⸗ wichtige Rede über den ſchönen Text: Melius est nu- bere quam uri, einen Text, den er gar zierlich und erbaulich ins Deutſche verdeutſchte. Toffel hatte bereits lange über dieſes nämliche Thema nachgedacht, als ihm ſo auf einmal die Augen geöffnet wurden; und ſo ergab er ſich denn in ſein Geſchick, und nahm ein Weib, und zwar ein gutes Weib, ein liebes Weib; aber die Haupt⸗ ſache für unſern Deutſchen, die Würze, die Kniffe, die Tritte, das Scheeren fehlte. So war nun die Lage unſers Toffels beſchaffen, des Mannes zweier Weiber, zwiſchen denen er nun gewal⸗ tig zu ſchwanken ſchien. Zu der einen zog ihn Achtung, Gewohnheit, Neigung, zur andern ein gewiſſer Kitzel, oder vielmehr das Bedürfniß, gekitzelt zu werden. Zu⸗ letzt rief er aus: Halt! ich bitte dich; wir wollen zum Squire gehen, und was der und Pfarrer Ledermaul ſa⸗ gen, das wollen wir thun, und wie es immer ausfalle, ich will dir ſechshundert Silberdollars und mein ſchönſtes großes Roß geben. Laß uns hören, was das Geſetz Gottes und des Menſchen ſagt. Auch darin bewies ſich Toffel als ein ehrlicher, gu⸗ ter Deutſcher, der nie ſelbſt dachte und handelte, ſon⸗ dern dieſe Mühe der göttlichen und menſchlichen Obrig⸗ keit, wie er meinte, auf die Schultern zu laden für's Beſte erachtete. 8 Jemmy nun zuckte, das Geſetz, oder vielmehr das, was aus der Auslegung des Geſetzes folgt, ein Prozeß, war Muſik für ihre Ohren, ſo wie es die lieblichſte ———⏑O:O⏑:—⸗.A.,:—: —y — 153— Muſik für Irinnen iſt. Sie hielt inne; vielleicht möchte ſie ſich auch wirklich haben erweichen laſſen, aber in dieſem entſcheidenden Augenblicke kam ihre Rivalin, die ſich in die Nebenſtube retirirt hatte, wieder in Vor⸗ ſchein, ihr jüngſtes Kind im Arme und zwei gewichtige Strümpfe in der Hand haltend. Nimm ſie, ſprach das gute Weib, wir haben noch ſechs übrig, wir haben Ueberfluß. Nimm ſie, und Je⸗ remias Hawthorn iſt noch ledig; fei glücklich, gute Jemmy. Die ſanfte, beinahe demüthig bittende Dora war wirklich rührend anzuſchauen, als ſie, Thränen im Auge, die halbwilde Irin anflehte, ihre ſechshundert Silberdollars anzunehmen. Jedes andere Herz mußte er⸗ weichen, ausgenommen das, an welches die Bitte ge⸗ richtet war; die Erſcheinung der Glücklichen ſchien ſie in friſche Wuth zu verſetzen. Einen Blick der tiefſten Verachtung ihr zuwerfend, trat ſie an Toffel heran, ſchüttelte ihm die Hand, bot ihm ein Lebewohl, und verließ die Stube. Renu', lauf', lieber Toffel, was du kannſt! bat, be⸗ ſchwor ihn Dora. Lauf', um's Himmelswillen! ſie möchte ſich ſonſt ein Leid anthun. Toffel war ſeiner ſelbſt unbewußt da geſtanden; es war, als ob das Ganze ihm ein Traum geweſen; die — 1544— Stimme ſeines Weibes rief ihn in die Wirklichkeit zu⸗ rück.„Denk nur, Toffel!“ bat ſie nochmals, ihre Hände faltend. Und Toffel lief aus Leibeskräften der Armen nach; ſie war jedoch ſchon weit vorausgeeilt. Seine langen Schritte verdoppelnd, hatte er ſie beinahe einge⸗ holt, als ſie ſich umwandte, und ihm befahl, umzukeh⸗ ren. Einem kräftig ausgeſprochenen Befehle kann ein deutſches Blut nie widerſtehen, und ſo kehrte denn Tof⸗ fel um, und ging zu ſeinem Weibe. Einige Minuten ſtarrte er ihr noch nach, bis ſie in den Windungen des Berges verſchwunden war, und dann ſchüttelte er ſei⸗ nen Kopf und dachte— was? können wir unmöglich ſagen. Jemmy lief nun wie ein geſcheutes Reh den Berg hinan; wieder war ſie auf dem fatalen Vorſprunge an⸗ gekommen, wo ihr irdiſches Glück einen ſo ſchrecklichen Stoß, ſie konnte es ſich nicht verhehlen, durch ihre eigene Schuld erlitten. Noch einmal überblickte ſie ihre vorige friedlich⸗ruhige Heimath; da lag ſie mit Al⸗ lem, was ihr werth und theuer war: das ſubſtantielle Wohnhaus mit ſeinen beiden Toffeln; dort weideten ihre Kühe und Kälber, und ein halbes Dutzend der größten Roſſe, die ſie je geſehen; da ſtand die Eiderpreſſe;— und Allem, Allem ſollte ſie nun entſagen: ihrer Butter — 155— und ihrem Käſe, ihrer Wohnung und ihrem Throne. Der Gedanke ſchnitt in's Innerſte ihres Herzens; ſie weinte bitterlich. Allein ſtand ſie da, verlaſſen auf der weiten Gotteswelt; Vater und Mutter todt, Brüder und Schweſtern in der weiten Welt; ihre Bekannten und Freundinnen würden lachen und ſpotten der Jemima, der indianiſchen Squaw. Ihr ungebeugter Sinn empörte ſich bei dieſem Gedanken; allmälig wurde ihr Gemüth ruhiger, ihre Miene zuverſichtlicher. Ein Entſchluß ſchien in ihr aufzukeimen, der mit jeder Sekunde an Stärke zunahm. Als wollte ſie der Möglichkeit einer Ge⸗ ſinnungsänderung entwiſchen, ſprang ſie vom Boden, rannte dem Walde zu, und drang tiefer und tiefer ein. Drittes Capitel, welches da zeigt, wie die zwei rothen Kolben doch eine Vorbedeutung geweſen. Es war im Jahre 1796, im Anfang des indiani⸗ ſchen Sommers, als Jemmy zum zweitenmale ihren lan⸗ gen Weg antrat. Der Himmel begünſtigte diesmal ihr Unternehmen. Sie kehrte auf demſelben Wege zurück, den ſie, freilich unter lieblichern Auſpicien, gekommen war. Sie hatte ſich nun an das Wandern in den Wäldern ſo ziemlich gewöhnt; mit demſelben ungebeug⸗ ten Muthe trat ſie wieder in die Wohnungen der zer⸗ ſtreuten Anſiedler im damaligen nordweſtlichen Territo⸗ rium ¹), und forderte mit derſelben Unerſchrockenheit Trank und Speiſe und Nachtherberge. Keiner wagte ſie zu fragen, keiner ſie auszuholen; der ſchmerzhafte Blick der Entſagung und des Muthes ſchreckte alle zurück, und wenn es ja einer wagte, ſie forſchend anzublicken, ſo erſtarb ihm das Wort auf der Zunge. Feſt und ent⸗ ſchloſſen barg ſie ihren Schmerz im eigenen Buſen, zu 1) Dem heutigen Staate Ohio. ſtolz, um überflüſſiges Mitleid zu erbetteln, zu klug um zum Theegeſpräche werden zu wollen. Als die Wohnungen aufhörten, nahm ſie wieder zu wilden Trau⸗ ben, Papaws und Kaſtanien ihre Zuflucht, und wan⸗ derte ſo die vierhundert Meilen zu den Quellen des gro⸗ ßen Miami zurück, wo ſie ſich acht Wochen nach ihrer Flucht eben ſo kühn und unverzagt präſentirte, als ob ſie von einem Morgenbeſuche zurückgekehrt wäre. Nie war der Jubel im Hauptquartier der Shawneeſe größer geweſen, als wie Jemmy in die Hütte der Mut— ter Tomahawks eintrat. Die ganze Bevölkerung der Wigwams war rege; Tomahawk war außer ſich vor Freude. Er war ihr Bewunderer und Verehrer volle fünf Jahre geweſen, und hatte ſich, was bei einem Wilden nicht wenig bedeuten will, die ganze Zeit hin⸗ durch auch nicht die mindeſte Freiheit erlaubt. Sie hatte nicht geringen Einfluß auf das Völkchen ſich er⸗ worben; ſie war die Lehrerin der Weiber, die Schnei⸗ derin, Köchin der Männer, das Factotum Aller gewe⸗ ſen; daß die Letztern, wenigſtens zum Theil, menſchli⸗ chen Weſen in ihrem Aeußern und nicht Orang⸗Outangs ähnlich ſahen, war ganz ihr eigenes Werk. Tomahawk tanzte und ſprang vor Freuden:„Weiße Männer nicht gut! Rothe Männer gut!“ rief er jubelnd, und in ſei⸗ — 158— nen Jubel ſtimmten Mutter, Squaws und Männer ſammt und ſonders mit ein. Es war mit einem Worte ein Freudenfeſt für den armen Häuptling, das noch glän⸗ zender ausgefallen wäre, hätten er und die Seinigen mehr Feuerwaſſer gehabt. Feſt und beſtimmt jedoch, als der Entſchluß Jemi⸗ ma's war, ließ es ihre Klugheit nicht zu, dem verlieb⸗ ten Wilden ſein Spiel allzu leicht zu machen; nein, ſie erholte ſich lange Zeit Rathes, ehe ſie ihm auch nur die entfernteſte Hoffnung machte. Zwanzig Tage war ſie bereits mit Tomahawks Mutter eingeſchloſſen, wäh⸗ rend welcher Zeit der arme Häuptling ſie nur zweimal zu ſehen bekam. Endlich am ein und zwanzigſten Mor⸗ gen wurde er in die Gegenwart der Souverainin ſeines Herzens berufen. Er kam, wo möglich noch bunter her⸗ ausſtaffirt, als bei ſeiner erſten Bewerbung; ſtammelnd trug er ihr ſeine Wünſche vor. Jemima hörte ihn ernſt, wie ein Oberrichter, an; nachdem er ſeine Rede geen⸗ digt hatte, wies ſie ſchweigend auf den Tiſch hin, auf welchem ein vollſtändiger Anzug von amerikaniſcher Klei⸗ dung lag. Tomahawk kehrte jauchzend in ſeine Hütte zurück, und erſchien nach einer halben Stunde, ein ganz anderer Menſch, vor ſeiner Gebieterin. Er ſah wirklich nicht uneben aus; ein wohlgeſtalteter Junge von kräftig — 159— ſchlankem Wuchſe— Toffel war nichts dagegen;— zu⸗ dem Häuptling von mehrern hundert Familien, hatte er ſeit ſeiner Bekanntſchaft ſo viele Proben von Anhänglich⸗ keit, Ehrfurcht und Lenkſamkeit gegeben, die ihn zu einem gar nicht verwerflichen Ehemanne in den Augen Jemmy's qualificiren mochten. Sie reichte ihm nun gnädigſt ihre Hand; es galt eine fernere Probe. Bereits ſtanden auf Geheiß ſeiner Mutter zwei Pferde vor der Hütte; ſie befahl Tomahawk, ſelbe zu ſatteln. Er ge⸗ horchte ſchnell und ſchweigend. Sie beſtieg das eine, und winkte ihm bedeutſam, ein gleiches zu thun und ihr zu folgen. Der Wilde ſtaunte, ſtarrte, folgte je⸗ doch unwillkürlich ſeiner geliebten Herrin, die das Wig⸗ wam verließ, und in der Richtung nach Süden fort⸗ trabte; einige Male erkühnte er ſich zu fragen, aber ſie winkte, zeigte bedeutſam hinab in die Ferne, und er ſchwieg und folgte. Der Friede war während ihrer Ge⸗ fangenſchaft wieder hergeſtellt, und ihre Reiſe hatte für ſie wenigſtens Ein Gutes zur Folge gehabt. Sie hatte vernommen, daß beiläufig vierzig Meilen in ſüdlicher Richtung von den Quellen des Miami eine amerikaniſche Niederlaſſung entſtanden; nach dieſer ging nun ihre Reiſe. Als ſie in derſelben angelangt war, fragte ſie ſogleich nach dem Friedensrichter. Das Staunen des werthen — 160— Squire war nicht gering, als er plötzlich ein junges, hübſches Weib— Jemmy hatte ſich in den zwanzig Ta⸗ gen ihrer Zurückgezogenheit wieder abgerundet— und einen kräftig blühenden Wilden, wie ein Gentleman ge⸗ kleidet, in ſeine Stube treten ſah. Jemmy jedoch ließ ihm nicht lange Zeit zur Verwunderung, ſondern wandte ſich ohne weitere Umſchweife zu ihrem Begleiter und ſprach: Tomahawk! du haſt während der fünf Jahre meiner Bekanntſchaft mit dir ſo viel geſunden Menſchen⸗ verſtand an den Tag gelegt, daß ich alle Hoffnung habe, aus dir einen Mann zu bilden, und ſo habe ich mich denn entſchloſſen, aus dir einen Mann zu machen. Tomahawk wußte nicht, ob er wache oder träume, und ſo ging es dem Squire; aber das ausdrückliche Verlangen, ſie, Jemima O' Dougherty, ehelich mit To⸗ mahawk, dem Häuptling der Shawneeſe, zu verbinden, und zwei blinde Silberdollars beſeitigten alle Zweifel, und der Friedensrichter ſprach die Eheformel über ſie aus, und vereinte ihre Hände. Der Segen war bereits geſprochen, und noch immer begriff der arme Wilde nicht, was das Ganze zu bedeuten habe; als aber Jemmy ſeine Hand faßte, und ihm eröffnete, ſie ſei nun ſein Weib und er ihr Mann, da war ihm, als wäre er ſo eben aus den Wolken gefallen. Er tanzte im Zimmer — 4601— Herum, er ſprang, er jubelte, er lachte, er weinte, Al⸗ les vor Freude. Der Friedensrichter ſelbſt war nicht weniger überraſcht, und zwar ſo ſehr, daß er ein treff⸗ liches Abendeſſen den Beiden zum Beſten gab, ſie bei ihm zu übernachten nöthigte, und Jemmy ſelbſt die zwei Thaler zurückgab, wie ſeine Bücher noch heutiges Tages ausweiſen. Und gewiß mußte es für den guten Mann und die Anſiedler nicht von geringer Bedeutung ſein, den unbändigen Tomahawk, der im letzten Kriege ſo viel Unheil durch ſeine Excurſionen ang richtet hatte, unter einer, allem Anſcheine nach, ſo entſchloſſenen, muthigen Direction zu wiſſen. Tomahawk und ſein Weib kehrten den folgenden Tag in ihre Heimath zurück, und vom Tage der Rückkehr begannen auch ſeine Honigmonde. Miſtreß Tomahawk nämlich war kaum in ihre neue Wohnung inſtallirt, als ſie auch ausfand, daß die erbärmliche Hütte viel zu klein und enge und unſauber für ſie beide ſei. Und wirklich, ſie war eher einer Bärenhöhle, als einer menſchlichen Wohnung zu vergleichen. Tomahawk und ſeine Leute hatten nun Bäume zu fällen, wozu ſie ſich nur gegen ein gewiſſes Honorar von Whiskyflaſchen, die Jemmy für die zwei Dollars mitzunehmen für gut befunden hatte, herbeiließen. Mehrere von ihren Lands⸗ Transatl. Skizzen II. 11 leuten waren von der Niederlaſſung heraufgekommen, und halfen das Gebäude aufzimmern. Tomahawk ſprang freilich, als er vierzehn Tage hindurch die Axt handha⸗ ben mußte, jedoch nicht mehr vor Freuden; er ſchnitt Geſichter; aber all ſein Springen und Geſichter⸗ ſchneiden half zu nichts: er mußte daran und darauf. In vier Wochen ſchlief er im bequemen Wohnhauſe, ſo bequem, ſo wohnlich, wie Toffels. Tomahawk hatte nun ganze vier Wochen Ruhe, aber das Frühjahr mel⸗ dete ſich an, und das Kornfeld war offenbar zu klein, ja es hatte nicht einmal eine Umzäunung, und Schweine und Pferde fraßen den größten Theil der Saat, ehe ſie noch in den Samen ſchießen konnte. Miſtreß Toma⸗ hawk bedurfte eines größern, und ihre wilde Ehehälfte hatte daher ein paartauſend Bäume zu ringeln und umzuhauen, und einige Dutzend Aecker zu umzäunen. Ihr Freund, der Friedensrichter, hatte bei dieſer Zeit wahrgenommen, daß ſie eine wackere junge Frau und treff⸗ liche Haushälterin, unternehmend, thätig war, die es wohl verdiente, auf allen Wegen ermuthigt zu werden. Er war Amerikaner im ganzen Sinne des Wortes, der half, wo es etwas half; er ſandte ihr ſofort einige Hundert Aepfel⸗ und Pfirſichbäume, die ſie pflanzte und pflanzen ließ. Wiederum hatte Tomahawk einige Wochen — 4163— Ruhe; aber es war böſe Wirthſchaft, und zwar ſeit un⸗ denklichen Zeiten, mit den Fuchs⸗, Hirſch⸗, Biber⸗ und Bärenfellen getrieben worden. Tomahawk war ein be⸗ rühmter Schütze und Jäger, aber er verhandelte den Preis wochenlangen Jagens nicht ſelten für einige Gal⸗ lons Whisky. Gleich den übrigen ſeiner rothen Brü⸗ der, hatte er die ſchwache Seite, einen Schluck, oder vielmehr deren viele zu thun, wenn es Gelegenheit dazu gab. So groß war jedoch die Furcht vor ſeiner Ehe⸗ hälfte, daß er die Branntweinflaſchen pfiffiglich in hohle Bäume verſteckte. Miſtreß Tomahawk fand jedoch den Sünder bald aus, und um künftig allen Verſuchungen vorzubeugen, befahl ſie ausdrücklich, daß alle Felle heim⸗ gebracht, und ihrer Dispoſition überlaſſen werden ſoll⸗ ten. Nun nahm ſie den Fellhandel auf ſich. In kurzer Zeit wackelten mehrere Kühe durch das ellenhohe Gras an den Miamiufern, und Tomahawk koſtete zum erſten⸗ male in ſeinem Leben Kaffee und Wälſchkornkuchen. Aber es kam noch ſchlimmer. Ein junger Tomahawk erblickte das Licht der Welt, und die alten Squaws zo⸗ gerten nicht, ausgerüſtet mit Bärenfett und Kuhmiſt, ihre Aufwartung zu machen, willens, den neuen Stamm⸗ halter feierlich in ihre religiöſe und politiſche Gemein⸗ ſchaft einzuweihen. Allein Jemmy ſah ſo bitterböſe — 464— darein, und ergriff, als dieſes nicht helfen wollte, ihren Scepter, den Beſen, ſo wacker, daß Alt und Jung heu⸗ lend zum Hauſe hinausſtürzte, gleich als ob ſie vom wil⸗ den Jäger verfolgt würden. Als ſie von ihrem Kind⸗ bette ſich erholt hatte, befahl ſie wieder Tomahawk, zwei Roſſe zu ſatteln. Natürlich gehorchte er ohne zu muckſen, und nahm ohne Widerrede ſeinen Sohn auf den Arm. Auch dieſes Mal ging ihre Reiſe auf die er⸗ wähnte Niederlaſſung, aber nicht dem Hauſe des Frie⸗ densrichters, ſondern des Predigers zu. Tomahawk ließ ſich Alles ruhig gefallen; als er aber den Prediger ſeinen Sohn mit Waſſer begießen ſah, verging ihm alle Geduld. Er ſprang nicht bloß, er tobte, er wüthete, er nannte Miſtreß Tomahawk— ſtellen Sie ſich nur vor, ſchöne Leſerinnen, der Ungezogene!— eine Hexe, eine Teufelin, eine Medizin ¹). Jemmy, ohne ein Wort zu verlieren, runzelte ihre Stirne, warf ihr Näschen auf, und der junge Tomahawk ward getauft, wie andere Chriſtenkinder. Als einige Jahre ſpäter die Shawneeſe⸗Indianer 1) Medizin werden von den Indianern Aerzte, Hexen⸗ meiſter, Zauberer, überhaupt alle diejenigen genannt, die ſie wegen ihrer Kenntniſſe in Verbindung mit über⸗ oder unterirdiſchen Weſen wähnen. — 4165— mit der Regierung der Staaten in Unterhandlungen we⸗ gen Abtretung ihrer Ländereien traten, war die Farm Tomahawks zu mehrern hundert Ackern blühender Frucht⸗ gärten und herrlicher Wieſen und Felder angewachſen. Miſtreß Tomahawk wies natürlich jede Zumuthung, ihr Land abzutreten, mit Standhaftigkeit zurück, und ver⸗ theidigte ihre und ihres Mannes Rechte, wobei ihr der Friedensrichter hülfreiche Hand bot, ſo wacker, daß die Commiſſaire noch froh waren, mit einigen tauſend Ackern davon zu kommen. Schwerer hielt es, dieſelbe Aus⸗ nahme mehrern Indianerfamilien auszuwirken; doch auch dies gelang ihr, und einige zwanzig dankbare Familien ſegnen noch heute ihr Andenken. Und ihr Wohlſtand und ihre Zufriedenheit nahmen mit jedem Jahre zu; ſie ſandte ihre Kinder in die Schule der Miſſionaire an den Maumeefällen, wo ſie zu Chriſten und Bürgern ge⸗ bildet wurden, und ſie lebt nun, das ſichtbare verehrte und werkthätige Oberhaupt ihrer rothen Mitbürger und Mitbürgerinnen. Der Reiſende, den ſein Weg über die Haide zwi⸗ ſchen Columbus und Dayton nordwärts führt, wird unter und zunächſt den Quellen des Miami ein gewal⸗ tiges, aus gehauenen Baumſtämmen aufgezimmertes Wohn⸗ haus mit Scheunen und Ställen finden, umringt von — 166— üppigen Waizen⸗ und Wälſchkornfeldern, und auf den Wieſen an die ſechzig der ſchönſten Melkkühe, mit Käl⸗ bern, Pferden und Füllen, nicht zu gedenken der Frucht⸗ gärten, die unter der Laſt von Aepfeln, Birnen und Pfirſichen zu brechen drohen. Um das Haus herum tummeln ſich ein halbes Dutzend Jungens und Mädchen von hellrother Geſichtsfarbe, und herausgeputzt, als wä⸗ ren ſie ſo eben aus Stubbs Laden zu Philadelphia ge⸗ kommen. Am Sonntage leſen ſie ihre Bibel, oder ſat⸗ teln ſich ihre Pferde, und begleiten Miſtreß Tomahawk zur Kirche; dem Häuptlinge, der ziemlich behaglich und comfortabel ausſieht, leſen und erklären ſie die Zeitungen, und der alte Tomahawk rühmt ſich, daß ſeine Buben beſſere Mediciner geworden ſind, als die der Weißen. Und er iſt noch ſtark in Zweifel, ob ſeine zwei älteſten Söhne Advokaten oder Doktoren werden ſollen. Zwei⸗ mal jedes Jahr macht Miſtreß Tomahawk eine Tour nach Eincinnati auf ihrem ſechsſpännigen Wagen, der, mit Butter, Ahorn⸗Zucker, Käſe, Mehl und Früchten beladen, einen Zug darbietet, den kein Gouverneur auf⸗ weiſen kann. Sie hat ſtets zwei ihrer Söhne als Vor⸗ reiter bei ſich. Und ſie iſt eben ſo ſehr das Schrecken der Marktinſpectoren allda geworden, als ſie das Orakel und der Liebling aller Marktweiber— und Männer iſt. Nachwort an den geneigten Leſer von den Verlegern. Es iſt wohl ſelten der Fall, daß Buchhändler es un⸗ ternehmen, zu ihren Verlagswerken Nachworte oder Nachreden zu ſchreiben; die Gelegenheit dazu aber bietet dasjenige Buch des Verfaſſers der Reiſeſkizzen dar, wel⸗ ches wir voriges Jahr als eine höchſt merkwürdige Er⸗ ſcheinung unter dem Titel: Der Legitime und die Republikaner. Eine Geſchichte aus dem letzten amerikaniſch⸗engliſchen Kriege. mit dem Motto: Ich zittere für mein Volk, wenn ich der Ungerechtigkeit gedenke, deren es ſich gegen die Ureinwohner ſchuldig gemacht hat. Jefferſon. 3 Bde. in 8., thlr. 4, oder fl. 6 rheiniſch. in F. 2,, Wir nachten in die deutſche Literatur einführten. 4 1 9. oamen Alifuswetſam, daß in oleſem Werk nicht ein — 4168— gewöhnlicher Roman, ſondern ein Kunſtwerk höherer Gattung, voll Originalität und Leben, von ganz eigen⸗ thümlichem Gehalt und Schlag zu finden ſei. Solche Verſicherungen aus dem Munde der Verleger finden nicht immer gläubige Leſer; man iſt es zu ſehr gewöhnt, dieſe als übliche, zum Geſchäft und Vertrieb gehörige Redensarten zu betrachten; in den meiſten Fällen blei⸗ ben auch derlei Empfehlungen ohne Wirkung, bis end⸗ lich irgend eine akkreditirte literariſche Anſtalt es der Mühe werth findet, ein ſolches Werk mit ihrer Kritik zu beehren. Das iſt nun, in Bezug auf den Legitimen, bereits in mehrern Blättern, und namentlich in den all⸗ gemein geachteten„Blättern für literariſche Unterhal⸗ tung“, Leipzig, bei Brockhaus, vom 7. März, Nr. 66, geſchehen, und der geneigte Leſer der Reiſeſkizzen, der, angezogen von der höchſt originellen Schreibart unſers unbekannten Verfaſſers, auch ſein früheres Geiſtespro⸗ dukt gerne kennen lernen möchte, wird ohne Zweifel unſere Empfehlung durch dieſe Recenſion gerechtfertigt finden. Sie lautet wörtlich wie folgt:. „Mag es nun wahr ſein, oder die Herren Verleger bies affe iren, daß dieſer Roman aus einer ameri⸗ kaniſchen Feder naliſch gefloſſen und von einer deutſchen Hand aus der Handſchrift überſetzt worden ſei; ſo viel — 469— iſt gewiß, er muß von Jemand geſchrieben ſein, der Nordamerika, der die beiden darin noch kämpfenden Na⸗ tionen, der die amerikaniſche Denkweiſe beider Parteien bis in ihre Nuancen, der die Sprache und die Idiotis⸗ men derſelben, der den ſittlichen und politiſchen Gehalt der neuen Welt recht gründlich kennt. Nach europäiſchen Begriffen könnten über die Rich⸗ tigkeit des Titels Bedenklichkeiten entſtehen; wir wollen daher bemerken, daß der Legitime ein Häuptling, König oder Miko der Mascogee⸗ oder Oconee⸗Indianer, der Re⸗ publikaner aber der größte Kopf ſeines Volkes, der Ge⸗ neral Jackſon iſt, obgleich dieſer, gleichſam auf den Köpfen von 400 andern kleinern Republikanern getragen, erſt ganz zuletzt erſcheint. Sollte der Verf. den im Titel liegenden ſcharfen Gegenſatz nicht aus dieſen beiden Hauptcharakteren herzunehmen gemeint geweſen ſein, ſo müßten wir ihn aus dem Inhalt des ganzen Werkes herlei⸗ ten, und dann ſcheint uns der Titel noch weniger paſſend gewählt, da in Amerika der Republikanismus legitim iſt.*) *) uns ſcheint im Gegentheile, die Abſicht des Ver⸗ faſſers ſei es, die letten Kämpfe der Ureinwohner, die durch den Legitimen, das heißt den Miko, repräſentirt werden, mit den Amerikaner⸗Republikanern, die collectiv dargeſtellt werden, dem Leſer vor Augen zu bringen. Die Verleger. 4 Die Abſicht des Verf. reiht ſich an den Titel, wie wir ihn erklären, ſehr ſchön an. Er will nämlich durch einen hiſtoriſchen Roman die Nation auf die Ungerech⸗ tigkeit aufmerkſam machen, mit welcher ſie die Ureinwoh⸗ ner des Landes aus den Wohnſitzen ihrer Väter treibe, obgleich die Thorheit der Indianer, ſich einzubilden, daß der große Schöpfer wenigen tauſend Stammgenoſſen ein Land, ſo groß und oft größer als Deutſchland, zum Jagdrevier angewieſen habe, auf welchem Millionen flei⸗ ßiger Landbauer wohnen können, unläugbar dieſe Unge⸗ rechtigkeit herbeigeführt habe. Zu dieſem Zwecke läßt er einen Indianerhäuptling Louiſianas, welcher lange mit den Weißen gekämpft, der ſelbſt ihre Sprache und Schrift erlernt hat, um ihre Feinheit und Ueberlegenheit daraus zu entnehmen, des ungleichen Kampfes müde und von einem Theil der Sei⸗ nigen verrathen und verkauft, ſeine Heimath verlaſſen und ſich an der Gränze von Texas, ohne daß er die Ueberſiedlung nach Mexiko gewahr wird, mit einem Hau⸗ fen Getreuer neue Wohnſitze wählen. Mit ſich nimmt er ein kleines weißes Mädchen, dem ſeine treffliche, hel⸗ denmüthige Tochter Mutter wird. Er ſelbſt hat das Kind aus den Händen ſeiner Krieger gerettet, die es zu tödten im Begriff ſtanden, nachdem ſie ſo eben die Mut⸗ — 171— ter ſcalpirt. Trefflich zeichnet der Verf. die Sitten die⸗ ſes und ihm gegenüber eines mexikaniſchen Stammes und ſeines Häuptlings, und man erkennt in dem letztern den Verwandten jenes Volks wieder, welches die Spanier bei der Eroberung von Mexiko ſo ſchändlich mißhandelten. Vergeblich würden wir verſuchen, einen kurzen Be⸗ griff von den Reizen der Schilderungen zu geben, zu welchen indianiſches Leben und amerikaniſche reiche Na⸗ tur Gelegenheit bieten, vergebens die zarten Nuancen der edelſten weißen und rothen Menſchen und ihrer bald ro⸗ hen, bald wilden Charaktere und Sitten zuſammenſtellen, um eine Anſchauung von dem Inhalte dieſes Werkes zu geben, das eine geiſtreiche Belehrung über die ſo eben angedeuteten Punkte enthält. Wir wollen nur die beiden größten Abtheilungen deſſelben einander gegen⸗ überſtellen, um den reichen Inhalt zu charakteriſiren und daſſelbe Intereſſe dafür zu erregen, mit welchem wir daſſelbe geleſen haben. Die erſten anderthalb Theile nämlich ſind faſt aus⸗ ſchließlich den Indianern gewidmet, während die Weißen nur einzeln, und gleichſam um den Zuſammenhang mit ihnen zu erhalten, darin auftreten; die letzten anderthalb Theile dagegen zeichnen das nordamerikaniſche Leben, die wunderbare Republik, und hier ſpielen die India⸗ — 4172— ner wieder dieſelbe Rolle, wie die Weißen in der erſten Hälfte des Werkes. Wir verkennen nicht, daß uns der Verf. manche Er⸗ klärung ſchuldig bleibt, manche Unwahrſcheinlichkeit auf⸗ tiſcht und manchen Fehler gegen die Kunſt der claſſiſchen Schriftſtellerei begeht; allein wir können ihm das Lob nicht verſagen, daß im Weſentlichen ſein Plan meiſter⸗ haft angelegt und ausgeführt ſei*). Die Breite der Er⸗ zählung und der Schilderung ſind wir von den hiſtori⸗ ſchen Romanſchreibern der Scott'ſchen Schule gewohnt und müſſen ſie uns nun ſchon gefallen laſſen. Es iſt dieſen Herren ſo bequem, ihre Einbildungskraft in Na⸗ turſcenen oder häuslichen Einrichtungen ſich ergehen, wir möchten ſagen, ſich erholen zu laſſen von den Anſtren⸗ gungen der Darſtellung überraſchender Begebenheiten. Zur Sittenzeichnung ſind dieſe Spaziergänge ſehr gele⸗ gen, und wo ſie dem Zwecke redlich dienen, kann man ihre Weitläufigkeit ſchon ertragen. Auch verſteht bei *) Wir bemerken, daß für viele deutſche Leſer manches unwahrſcheinlich iſt, was für den amerikaniſchen der höchſte Genuß iſt. Wir ſind nur zu wenig mit dem Leben der Amerikaner bekannt, wie dieſes tagtäglich offenbarer wird. Die Verleger. — 473— uns ſchon jede Dame, das Entbehrliche beim Leſen weg⸗ zulaſſen oder Seiten mit einem Blicke zu überſehen. Hätte Cooper's gebildetere Feder dieſen Plan ausge⸗ führt, ſo dürfte die Ausführung mancherlei gewonnen haben. Im Ganzen aber müſſen wir, Cooper's Talent in Ehren, dieſer Conception vor der Cooper'ſchen den Vorzug geben, weil ſie geiſtreicher und großartiger iſt. Der Verfaſſer dürfte wohl ein Mann ſein, welcher als Staatsmann einen bedeutenden Platz in der Republik ſchon einnimmt, oder gewiß noch einnehmen wird. Wer die Intereſſen ſeiner Nation ſo genau ſtudirt hat, wie er, iſt berufen, Theil an ihrer Leitung zu nehmen*). Höchſt anziehend haben wir treffende Bemerkungen über *) Hierüber können wir keine Aufſchlüſſe geben. Das Werk iſt uns von geachteter Hand zugekommen, und der Verfaſſer mag, ſo wie Walter Scott und andere Autoren, die anonym geſchrieben, ſeine Urſache haben, auſ den Schriftſtellerruhm einſtweilen zu verzichten. Dieſe Anony⸗ mität iſt bekanntlich in Amerika und England eine herge⸗ brachte Sache. Walter Scott, Waſhingtone Irving und viele andere haben dasſelbe gethan, ganz das Gegentheil von unſern Autoren, die, lächerlich genug, als Ueberſetzer ihre Namen auf ein Werk ſetzen, dem der Autor den ſei⸗ nigen noch nicht beizudrucken für gut befunden. Die Verleger. den Geiſt des Soldatenlebens und über die Landesver⸗ theidigung der Republik gefunden. Vielleicht bezeichnet nichts ſo ſcharf die Urſachen, weshalb Amerika der Ent⸗ wickelung loyaler Freiheit des Bürgerthums mit feſtem Schritte entgegengeht. Wir ſehen überall einen gewiſſen Optimismus, nirgends aber einen Ariſtokratismus an die Spitze treten. Der Bürger wird ſelbſt unter den Waf⸗ fen ſeine Rechte als ſolche nie verlieren, und nur Die können ſeine wahren Führer ſein, die unter allen Ver⸗ hältniſſen das Bürgerthum zu ehren wiſſen. Jackſon, der Dictator zur Zeit des engliſchen Einfalls, wird nach ſeinen großen Siegen über das engliſche Heer vor Ge⸗ richt geſtellt und um 2000 Dollars geſtraft, weil er die Freiheit der Bürger im Augenblicke der Noth nicht ge⸗ achtet hatte. Er zahlt die Strafe willig aus eigenen Mitteln, obgleich Tenneſſee und Kentucky ſie zu über⸗ nehmen ſich erbieten, und die ganze Nation feiert nun in dem Helden zugleich den guten Bürger. Der Ueberſetzer hat das Verdienſt, alle Idiotismen der engliſch⸗amerikaniſchen Sprache getreulich nachgebil⸗ det zu haben, und nur wenige dieſer Nachbildungen werden für den, der engliſchen Sprache unkundigen Le⸗ ſer ungenießbar ſein. Auf jeden Fall iſt dieſer Roman bei weitem lehrrei⸗ — 4175— cher, als irgend ein Scott'ſcher oder Cooper'ſcher und ver⸗ dient von den Deutſchen beſonders beachtet zu werden, die ſchon mit einem Fuße aus ihrer heimathlichen Hütte getreten ſind, um die große Auswanderung zu beginnen. Begreifen wird ein ſolcher daraus, mit welchem Volke er zu thun bekomme, und daß er deutſche und europäi⸗ ſche Engherzigkeit aus ſeiner Seele treiben müſſe, um drüben nicht wie ein elenderer Philiſter betrachtet und verachtet zu werden, als er hier vielleicht ſchon war. Er wird ſich überzeugen, daß er mit ſolcher Ausſtattung dort nicht weiter kommt, als er hier war— zur Tage⸗ löhnerei und Plackerei. Leider bringen die Deutſchen am häufigſten noch die geiſtige Aermlichkeit ihrer Begriffe von Bürgerthum und Staat mit nach Amerika, und da⸗ für werden ſie auch in dieſem Werke gelegentlich gezüch⸗ tiget.“*) —Qnini— *) Dieſe Stelle zeuget vom trefflichen Urtheil des Re⸗ cenſenten. Unſtreitig giebt es deutſche Auswanderer, die, weder dem Vaterlande, das ſie verlaſſen, noch dem Lande, wo ſie hinkommen, große Ehre machen, und die allerdings durch frühere Vernachläſſigung, üblen Haushalt und ſchlechte Gewohnheiten oft kaum über der Race der Rothhäute oder ihrer afrikaniſchen Brüder ſtehen, und in ihrer moraliſchen Verſunkenheit das elendſte Daſein nur kümmerlich friſten. Die Verleger. Wer möchte nach dieſem urtheil nicht verſucht wer⸗ den, das treffliche Buch zur Hand zu nehmen? Mehr als ein Leſer wird es billigen, daß wir unter dem Spreuer der deutſchen Romanenliteratur einige ächte Goldkörner als ſolche anempfehlen. Zürich, im Mai 1832. Orell, Füßli und Compagnie, ſnllſül 1IG!- EEEEn 18 19 MInaannn 14 15 16 17 1nnſnnnſſſiimſſmnſnnſſſiſſ 8 9 10 11 12 13 7 9 v L 4 9 1u W“ 8 19 4 4 1 5* 1 *½ 8 3