— 8 „ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 ÜUhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlenei, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. B 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für i hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4— e—,——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„ 2„„„„= 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer dum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— . 1 6 4 1 N⁸ —— Transatlantische Reiseskizzen un d Chriſtophorus Bärenhäuter. Erſtes Bändchen. Transatlantische Reiseshizzen un d Chriſtophorus Baͤrenhaͤuter. Vom Verfaſſer des Legitimen und der Republikaner. IGha Aln e 5 n 24„ Erſtes Bändchen. Zürich, bei Orell, Füßli und Compagnie. 1834. Statt der Vorrede Auszug eines Schreibens (unſeres Correſpondenten). Baltimore, den 4. November 1833. „Sie erhalten hiermit, Ihrem Wunſche ge⸗ mäß, ein zweites Geiſtesprodukt, aus derſelben Feder gefloſſen, die einige Ihrer literariſchen Freunde bereits im Manuſcripte in ſo hohem Grade angeſprochen hat. Es ſind Skizzen, die zum Theile ſchon vor mehreren Jahren ge⸗ ſchrieben, und von denen einzelne gelegenheitlich ihren Weg in einige der achtungswerthern bel⸗ letriſtiſchen Blätter dieſes Landes geſunden ha⸗ — VI— ben, die Mehrzahl jedoch noch nicht im Drucke erſchienen iſt. Wie Sie erſehen werden, ſo ſind dieſe Reiſe⸗ oder vielmehr Stationen⸗Skiz⸗ zen zugleich Roman. Ein junger Hageſtolz, der bereits ſeinen ſechsten Ausflug aus dem ſ tiefſten Südweſten der Vereinten Staaten nach dem Norden, und zwar in Heirathsſpekulatio⸗ nen unternommen, erhält während dieſes letz⸗ ten Ausfluges einen neuen Korb, und kehrt— in ſeine Heimath über Tenneſſee in Begleitung eines Freundes zurück. „Es war bekanntlich die Gewohnheit Frank⸗ lins, jedesmal, ſo oft er in einem von einem Neu⸗Engländer(Yankee) gehaltenen Gaſthofe ein⸗ kehrte, folgende Erklärung gleich bei ſeinem erſten Eintritte von ſich zu geben:„Ich heiße Benijamin Franklin, bin von Boſton gebürtig, 4 1 in Philadelphia angeſeſſen, meiner Profeſſion ein Buchdrucker, gegenwärtig ein Mitglied der Aſſembly, Gouverneur, oder was er gerade war, komme von X, hatte daſelbſt dieſes oder jenes zu thun, gehe nach Y in dieſem oder je⸗ nem Geſchäfte, wünſche ſehnlich recht bald ein Frühſtück, Mittag⸗ oder Abendeſſen, und noch ſehnlicher, mit allen fernern Fragen verſchont zu werden.“ „Von dieſer weltbekannten und unter keinerlei Umſtänden zu beſchwichtigenden Yankee⸗Neu⸗ gierde kömmt auch in der Nacht an den Ufern des Tenneſſee ein Beleg vor. Die weitere Reiſe unſeres jungen Hageſtolzen geht den Miſſiſippi, auf eine der Pflanzungen unter Natchez, hinab, n da weſtlich den Red⸗River hinauf. ergreifende Wahrheit, mit der die Ob⸗ und jekt n dem Autor aufgefaßt, die außerordent⸗ mit der ſie reflectirt werden, — VIII— vorzüglich aber die unübertrefflich gentlemanniſche Laune, die durch das Ganze, und beſonders den guten Chriſtophorus Bärenhäuter hindurchweht, laſſen auch bein ihe mit Gewißheit vorausſetzen, daß Ihnen dieſes Probeſtück transatlantiſchen Humors eben ſo wohl behagen werde, als die frühere ernſtere Arbeit dieſes Autors.“ Siebzehn, achtundzwanzig und künkzig oder Seenen in Newyork. Transatl. Skizzen. 1. 14 „Siſſi! Siſſi b'n rief ihre Nachtigallkehle, und ihr Engelsköpfchen guckte zur Thüre, und ſie ſelbſt tanzte herein, ſchnitt einen komiſchen Kniks, lachte eine gehorſamſte Dienerin, und begann:„Nein, es iſt nicht mehr zum Aushalten! Pa tobt, rennt an mir vorüber in die Straße hinaus, als ob es auf der Change? brennte; Ma gähnt, und will von unſerm Shoppings nichts wiſſen, und brummt immer Geld, nur immer Geld. Ach! liebe Siſſt, aus der Laden⸗Exkurſion wird nun für heute einmal nichts.“ Siſſi, an welche die Jeremiade gerichtet war, lag mit ihrer Linken auf die Sophalehne geſtützt, mit der Rechten Paul Clifford haltend. Sie warf einen ſchmach⸗ tend⸗wehmüthigen Blick auf die liebliche Schweſter. „Ach, der arme Staunton wird Trübſal blaſen,“ 1) Siſſi, Pa, Ma, Abkürzungen von Siſter(Schwe⸗ ſter), Papa, Mama; im Familienleben ſehr beliebt. 2) Change, Abkürzung von Exchange, die Börſe. 3) Shopping, Ladenbeſuchen, eine Lieblingsunterhal⸗ tung der jungen Damen von Newyork, beſonders nach der Ankunft von Packetſchiffen aus Europa. fuhr dieſe fort.„Sieh, ſo eben macht er die zehnte Tour gegen die Batterie zu. Geſtern war er eine wirkliche Jammergeſtalt. Ich hätte es nicht über's Herz brin⸗ gen können, ihm zu verſagen. Wie konnteſt du nur ſo grauſam ſein, Margareth?“ „Ach!“ lispelte dieſe mit einem ſchmelzenden Blicke, „wie konnte ich anders? war nicht Ma hinter mir, und ſtieß mich ſo unſanft mit ihrem Elbogen in den Rücken? Ma iſt zuweilen recht gemein.“ Ein tiefer Seufzer entquoll ihrer Bruſt. „„Ja,“ bekräftigte ihre Schweſter,„ich weiß gar nicht, was ſie gegen den armen Staunton hat; aber aufrichtig geſagt, Margareth, die Gallopade, hat gar nicht durch ſein Wegbleiben verloren. Die erſte, die er getanzt; war er doch ſo ſteif, wie ein Strohmann. Un⸗ ſer Louiſiana⸗Hinterwäldler nahm ſich viel mehr zu ſeinem Vortheile aus.“ Dabei blickte das ſchelmiſche Weſen mich mit einem ſo ſchalkhaften Lächeln an, daß ich, trotz des zweideutigen Complimentes, ihr nicht 1) Batterie, ein prachtvoller Spaziergang, beinahe an der Mündung des Hudſons in die See, von dem man eine entzückende Fernſicht in die Raritanbay, die gegenüber⸗ liegenden Inſeln und New⸗Jerſey genießt. — 5— böſe ſeyn konnte.„Das iſt unedel, Arthurine“, ver⸗ ſetzte die bitterböſe Margareth. „Siſſi, Siſſi“, bat das Schweſterchen, und ſie flog an Magareth heran, und ſchlang ihre Alabaſterhände um ihren Nacken, und herzte und ſchmeichelte ſo lieblich, daß Margareth mit Thränen im Auge ſie umſchlang. Wer ſo das Mädchen ſah, wie ſie ätheriſch hinflog, mit ihren Füßchen den glänzenden Teppich kaum berüh⸗ rend, der hätte ſchwören ſollen, ſie ſei ein Luftgebilde. Sie war zum Malen ſchön. Schlank wie ein Rohr und nicht viel dicker. Man konnte ſie mit ſeinen zehn Fingern umſpannen. Jedes Gliedchen zuckte wie Queck⸗ ſilber. Händchen und Füßchen im niedlichſten Ebenmaße und ein Geſicht ſo zart, von Lilien und Roſen ange⸗ haucht, und das lichtblonde Köpfchen, und die hell⸗ blauen, runden, klaren Schelmenaugen voll reiner Klarheit. Man hüätte ſie freſſen mögen. „Ach des Jammers“, ſeufzte die um zwei Jahre ge⸗ reiftere Margareth.„Nein, dieſer gemeine Menſch, ſo roh und ſo felbſtſüchtig ſich zwiſchen mich und den edeln Staunton einzudrängen! Er wird mir das Herz ab⸗ drücken.“ „„Nun Siſſi, das weiß ich eben nicht”“, verſetzte Arthurine. Moreland, du weißt, iſt volle fünf Mal — 6— hunderttauſend Dollars ſchwer, und Staunton iſt fe⸗ derleicht, mit ihm verglichen; kaum zweitauſend per annum.— „Liebe verſchmäht das ſchnöde Gold“ lispelte Mar⸗ gareth. J „„Ah bah“, meinte Arthurine,„ich nehme Silber, wenn es in hinlänglicher Quantität vorhanden iſt. Denke nur der Partien, der Bälle. Jeden Sommer nach Saratogal, vielleicht nach London, Paris. Vik⸗ torine hat mir der Mund ganz wäſſerig mit der könig⸗ lichen Adelaide gemacht.“ „Hinweg, hinweg mit ſeinem Bilde“, rief Mar⸗ gareth. „Er iſt ja noch nicht da, er kömmt erſt zum Thee, und bis dahin haben wir noch ſechs lange Stunden“, meinte Arthurine mit wahrer chriſtlicher Ergebung. „Ach, du Grauſame!“ lispelte Margareth,„uns dieſes kleine Vergnügen zu verſagen des elenden Geldes wegen!“* „Ja, wenn wir noch ein Paar Dutzend tüchtige, nagelneue Romane hätten“, meinte Arthurine.„Ich 1) Saratoga die bekannten Mineralquellen des Staa⸗ tes Newyork. 832 3 R — 7— kann nur nicht begreifen, warum Cooper ſo faul iſt. Das Jahr hindurch nicht mehr als einen Roman! Ich könnte, mein' ich, alle Tage einen ſpielen. Wie wär's Siſſi, wenn du zu ſchreiben anfingeſt? Ich glaube, ſo gut wie Miſtreß Mitchell triffſt du es auch. Bulwer iſt ein unausſtehlicher Fantaſt, und Walter Scott wird ſo alt, und abgedroſchen, als wenn er für Tagelohn ſchriebe.“ „Ach Howard!“ ſeufzte Margareth. „Geduld, liebe Margareth!“ erwiederte ich.„Wenn es möglich iſt, ſo helfe ich Ihnen den Alten ausputzen. Wollen es wenigſtens verſuchen.“ Klapp, klapp, klapp erſchallte es an der Hausthüre. Arthurine horchte. Noch zwei Schläge. Ihre Augen leuchteten vor Freude.„Ein Beſuch,“ rief ſie trium⸗ phirend, und tanzte zur Thüre und horchte.„„Ach, das ſind Damenfußtritte!“ Die Thüre öffnet ſich, und herein ſchweben in's glänzende Drawing⸗room“ die Miſ⸗ ſes? Pearce, ſo rauſchend, ſo duftend in den violettfar⸗ bigen, offenen Ueberröcken und geſtickten Roben und in Prunellſchuhen. Sie ſahen aus, als ob ſie auf den Ball gingen. 1) Drawing⸗room, Beſuchzimmer. 2) Miſſes, Plural von Miß, Fräulein. — 3— Wer unfre Mädchen vom ſo genannten haut-ton im Morgenkleide zu ſehen das Glück hat, ich ſage, zu ſehen, das Glück hat— denn wir ſind bereits ziem⸗ b lich excluſiv geworden,— deſſen Herz muß von Gra⸗ nit oder Quarz geformt ſein, wenn es ſo vielem Zau⸗ ber widerſtehen kann. Dieſe zarten, leichten Weſen mit ihren intellectuellen und doch ſo ſchmachtenden Geſichterchen, ihren ſchwimmend⸗feurigen Augen, ihren zarten Körperchen, die man gerne feſthalten möchte, damit der Wind ſie nicht wegblaſe; dieſe zarten Hände und Füßchen, ſie ſind unwiderſtehlich. 3 Die Boſtonerinen ſind verſtandreicher, ihre Geſichtszüge 2 regelmäßiger, aber ſie haben etwas Nankeeartiges, das mir nicht zuſagt; zu dem iſt ihre Taille ein Artikel, an dem ich immer das Wichtigſte vermiſſe, nämlich den Buſen. Es iſt bekanntlich in der Nankee⸗Metropolis Mode, keinen zu haben. Dabei ſind ſie ſo verwünſchte Blue⸗ ſtockings ¹. Die Philadelphierinnen ſind runder, elaſtiſcher. Man trifft unter ihnen herrliche Geſtalten, die ſo an⸗ genehm plappern; im Small talk ſind ſie unübertreff⸗ 1) Blueſtockings, buchſtäblich Blauſtrümpflerinnen, ſo viel als wirkliche Schöngeiſte r, Literatoren. 2) Small talk, plaudern, gewöhnlicher Converſations⸗ ton. —— . 4 N— — — 9— lich; aber die Newyorkerinnen, beſonders wenn ſo ein letzter Mohikan oder Redrover erſchienen, ſind ganz unvergleichliche Coras und Alices, zum Malen natür⸗ lich. Cooper, ich wette darauf, würde er ſie nur ſe⸗ hen, zerriſſe ſein Manuſcripte, und bildete ſeine Da⸗ men weniger hölzern. Er muß ihre Bekanntſchaft bloß auf der Batterie oder im Broad⸗way gemacht haben, wo ſie ſo entſetzlich im Putze vergraben ſind, daß der eigentliche Menſch gar nicht herauszufinden iſt. Die zwei eintretenden Miſſes ſind ſprechende Beweiſe. Die vier täglichen Metamorphoſen einer fashionablen Eng⸗ länderin oder Franzöſin haben ſie mit Einem Male auf ſich geladen. Doch mit meinem téte-A-téte iſt es für heute vorbei. Ich bin nun überflüſſig, und für die Langeweile der zwei holden Geſchöpfe iſt geſorgt. Ich empfahl mich daher. Als ich vor dem Parlour? vorbeikam, öffnete ſich die Thüre, und Mama Bopſends winkte mir hinein. Auch der Papa war zugegen. 1) Parlour, Sprachzimmer, Beſuchzimmer, das von Drawing⸗room dadurch unterſchieden iſt, daß es zugleich Speiſeſaal iſt, wogegen das Drawing⸗room Thee⸗ und Da⸗ menſaal genannt werden könnte. — 10— „So zeitlich verlaſſen Sie uns heute, lieber Howard?“ begann die Erſtere. „Die Miſſes haben Beſuch bekommen.“ „Ach, lieber Howard!“ ſeufzte die Ma. „Die Workies ¹1 haben ihren Canvaß durchgeſetzt“, brummte der Pa.. „Der fatale Staunton,“ unterbrach ihn ſeine Ehe⸗ hälfte.„Stellen Sie ſich nur vor“... „Dem pfiffigen Iſraeliten“?, fuhr Miſter Bowſends fort,„dem hat ſein Buſenfreund einen herrlichen Streich geſpielt. Ha, ha! Alle Tage war er vor der Kirche. Ha, ha! War, zum Todtlachen. Nichts da⸗ von gehört, Miſter Howard?“ Ich wußte nicht, wo ich die Ohren zuerſt hinhalten ſollte. Die beiden Eheleute gönnten einander das Wort nicht. 1) Workies, Handwerksgeſellen, Handwerker, die be⸗ kannklich in Newyork und Philadelphia eine ſehr bedeutende Klaſſe bilden, ihre eigenen, wohl redigirten Journale beſitzen, ihre Verſammlungen mit Präſidenten, Sekretairen haben, und bei den öffentlichen Wahlen eine ſehr einflußreiche Stimme führen. 2) Pfiffige Iſraelite, eine Anſpielung auf einen ſehr bedeutenden Politiker der Stadt Newyork, der dieſes Glaubens iſt. 8 F —õ— mmNñÿn—— — 11— „Ich weiß nicht“, jammerte die Dame,„aber die⸗ ſer Miſter Staunton wird mir jeden Tag mehr zuwider. Denken Sie nur, er hat wirklich die Effronterie, von Margareth nicht laſſen zu wollen. Kaum zweitauſend per annum.“* „ Er ſoll Anſtalt machen, von der Hermitaget auf⸗ zubrechen; die Bankaktien ſind ein halbes Prozent ge⸗ fallen“, ſchnarrte der Herr Gemahl darein. Erſtaunlich! rief ich.— Das paßte auf den armen Staunton und den neuen Präſidenten. „Er ſollte doch denken, wie er iſt, und wie wir ſind“, rief ſie, ſich dehnend. Freilich, freilich! bekräftigte ich. „Und die Gouverneurs⸗Wahl geht auch ſo verzwei⸗ felt ſchlecht“, meinte hinwieder Miſter Bowſends. „Und dann Margareth,— denken Sie ſich nur die Blindheit!— freilich iſt ſie ein ſanftes, gutes Weſen— aber fünf Mal hunderttauſend Dollars“, fuhr die Dame fort. Sind gar nicht zu verwerfen, war meine Meinung. Die fünf Mal hunderttauſend Dollars hatten end⸗ 1) Hermitage, Einſiedelei, der Landſitz und Pflanzung des gegenwärtigen Präſidenten der vereinigten Staaten, An⸗ drew Jackſon. — 12— lich die Saite berührt, die im Innern des lieben Mannes einen Ton von ſich gab.„Fünf Mal hun⸗ derttauſend Dollars! ja freilich“, bekräftigte er.— „Werden da lange fragen. Alles Narrheit; die Mäd⸗ chen könnten einen Kröſus ruiniren.“ „Ja, deine Wahlen und die Workies!“ ſchmollte die Miſtreß Bowſends. „Das verſtehſt du wieder nicht“, verſetzte er hitzig. „Intereſſen im Congreſſe— im Lande— müſſen aufrecht erhalten werden. Wer würde das thun, wenn wir... Nicht wetteten, dachte ich. „Bald werden wir keinen Fenſterrahmen mehr ein⸗ ſetzen laſſen können, ſo wachſen ſie uns bereits über die Köpfe. Und dieſe Miß Fanny Wright¹... Die Dame ſtieß einen Ausdruck des Entſetzens aus; ſie faßte ſich jedoch wieder, und ſprach: 1) Miß Fanny Wright, eine Schottländiſche Dame ſeit vielen Jahren in den vereinigten Staaten angeſiedelt, etwas aben⸗ teuerlich in ihrem Lebenslaufe, ſonſt aber achtbar, in ihren Grund⸗ ſätzen Owenitin und Encyklopädiſtin; hält Vorleſungen, in denen die Ariſtokratie, Geiſtlichkeit ꝛc. ſcharf hergenommen, und das agrariſche Syſtem gepredigt wird; hat bedentenden Anhang in Newyork, aber keinen im Lande, aus dem Grunde, der jede gewaltſame Revolution in den bereinigten Staaten un⸗ — „ Nein, Sie ſind doch unſer alte Hausfreund, und ich hoffe, Sie werden”... „, Apropos”“, unterbrach ſie ihr liebender Gatte. „Wie iſt Ihre Baumwollernte ausgefallen? Sie könn⸗ ten ſie an mich ſpediren. Wie viele Ballen?“ Hundert und einige Dutzend Fäſſer Tabak. „ Beiläufig ſechstauſend per annum,“ brummte der Papa.—„Hm, hm.“* Was das betrifft, ſo habe ich das Capital in Hän⸗ den, fuhr ich nachläſſig fort, die hundert Ballen um noch hundert zu vermehren. „Zweihundert! zweihundert!“ Des Mannes Au⸗ gen funkelten beifällig.„Das ginge, das wäre nicht übel. Ja, Arthurine iſt ein liebes Mädchen! Nun, theurer Miſter Howard! wollen ſehen. Ja, ja! Sie kommen doch jeden Abend— ganz ungenirt— Arthu⸗ rine, wiſſen Sie, ſieht es gerne.“” Und Miſtreß Bowſends und Miſter Bowſends? fragte ich. möglich macht, nämlich, weil neun Zehntheile der amerikani⸗ ſchen Bürger wirkliche Land⸗ und Grundeigenthum⸗Beſitzer ſind.— Uebrigens genießt ſie das Privilegium der Freiheſt, d. h. ſie kann reden und drucken laſſen, was ſie will. Man hört ſie gerne, ohne daß ſie übrigens mehr Wirkung hervor⸗ brächte, als jeder andere Prediger. — 14— „Sind es ganz zufrieden“, lächelten die Beiden, „machen Sie nur bald.“ Ich verbeugte mich angenehm überraſcht, und ging. v Zwar waren mir die vorletzten Phraſen des Trilogs nicht ganz angenehm in den Ohren verklungen. Der lieb ſein ſollende oder wollende Schwiegerpapa, ſcheint es, will ſeine Wettenverluſte mit meiner Baumwolle wieder ausgleichen.— Es muß ein Bischen hapern.— Ekelhafte Menſchen! konnte ich mich nicht enthalten auszurufen,— ſo ekelhaft⸗ſelbſtſüchtig, daß ſie ſich ſelbſt nicht zu Worte kommen laſſen. Die ſtupideſte Un⸗ verſchämtheit, die je in Schneiderſeelen gewohnt, die für nichts Sinn haben, als für ihr eigenes ſaft⸗ und mark⸗ loſes, ſchwammiges, verdorbenes Ich! Selbſt ihre Kinder ſind ihnen bloß— Sachen!— Und dieſe Men⸗ ſchen gehören nun zum haut-ton. Vor fünf und zwan⸗ zig Jahren nahm er noch das Maß. Nun iſt er Wort⸗ führer auf der Börſe und Mitglied von zwanzig Comi⸗ tés. Und Arthurine! Sie, ſiebzehn Jahre alt, und du acht und zwanzig;— das koſtſpieligſte Zierpüppchen der Stadt, und das will wahrhaftig nicht wenig ſagen; aber auch das eleganteſte, reizendſte, eine wirkliche Sylphide. Geſicht und Hände können nicht zarter ſein. Ihr ganzes Weſen ſo bezaubernd. Es war vor eilf Monaten, daß ich ſie kennen gelernt, und angezo⸗ gen und feſtgehalten wurde, als wäre ich mit Armi⸗ da's Banden gefeſſelt. Sie war juſt aus der franzöſi⸗ ſchen Penſtons⸗Anſtalt von St. Johns in's väterliche Haus zurückgekehrt. Dieß iſt, im Vorbeigehen geſagt, die Art und Weiſe, wie ſich unſre Mushroom⸗Ariſto⸗ kratie geſtaltet. Ein Paar Töchter, in fashionable Penſionen geſandt, ziehen bei ihrem Rücktritt in's vä⸗ terliche Haus mit ihren Geſpielinnen ein Paar Dutzend junge Laffen nach, und die Glorie der Töchter ſtrahlt natürlich auf den lieben Papa und die theure Mama zurück. Und die kleine Hexe weiß anzuziehen. Aller Herzen flogen ihr entgegen; doch keiner konnte ſich rüh⸗ men, auch nur um einen Zlick reicher zu ſein denn ſeine zwanzig Mitwerber. Ich war noch der Einzige, der ſich einigermaßen gewiſſer paſſiven Gunſtbezeugun⸗ gen rühmen durfte, als da ſind: ſie zu begleiten, zu Fuß und zu Pferd und im Wagen, ihr den Shawl nachzutragen und umzuhängen, ihr beſtimmter Tänzer zu ſein, wenn kein beſſerer da war, und derlei beneidenswerthe Dinge mehr Sie ſcherzte, ſie tändelte, ſie flatterte um 1. Mushroom⸗Ariſtokratie, Pilz⸗Ariſtokratie, ein Spottname der pilzartig aufgeſchoſſenen Ariſtokratie der Seeſtädte gegeben. * — 416— mich herum, hing ſich an meinen Arm, und trippelte mit mir die Broadway hinauf, oder die Batterie hinab. Auch hatte ich das Geſchäfte übernommen, ſie mit den neueſten Produkten Walter Scott's, Cooper's, Bulwer's ac. zu verſorgen, und ſie mit unſern Atlantic⸗Souvenirs und Tokens, ſo wie den engliſchen Keepſakis und Amu⸗ ets zu überraſchen, nicht minder die fashionablen Bra⸗ vour⸗Arien der hoch geliebten Madame Keepſakes herbei⸗ zuſchaffen. Alles das hatte mich ſchweres Geld geko⸗ ſtet. Der Gedanke jedoch, es gehe zu Handen des ſchön⸗ ſten Mädchens von Newyork, hatte mich noch immer getröſtet; einmal mußte ſie ſich doch ergeben! Wirklich hatte mir auch das Glück ſchon zwei Mal gelächelt; ein Mal nämlich, als wir auf der Niagara⸗Brücke ſtan⸗ den, und in die tobenden Gewäſſer hinabſtarrten, da durfte ich meinen Arm um ihren Leib ſchlingen, um ſie vor dem Schwindeln zu bewahren, und wäre darüber beinahe ſelbſt in den Strom hinabgeſtürzt. Ferner ge⸗ lang mir dasſelbe Wageſtück bei den Trentonfällen.⸗ 1) Niagara⸗Brücke, eine Brücke, die von der ame⸗ rikaniſchen Seite des Fluſſes zur Inſel führt, welche den Fall in zwei ungleiche Hälften theilt. 2) Trentonfälle, Romantiſche Waſſerſälle, unweit Balston, einer mineraliſchen Quelle. — 17— Das war aber auch Alles ſeit den eilf Monaten, die ich in Newyork vergeudet, und die wahrlich meinen Beu⸗ tel nicht ſchwerer machten. Südländer ſind nun ſchon gewiſſermaßen hier wie die Gimpel oder Robbins be trachtet, die ſo eben fett gemäſtet ankommen, zum Frommen heirathsluſtiger Nordländerinnen, von denen wir ohne viele Mühe umgarnt und eingefangen werden, 3 verſteht ſich, wenn wir Dollars haben. Es iſt Mode, von einer nordländiſchen Schönheit an unſern Theeti⸗ ſchen bedient zu werden, der einzige Dienſt, zu dem ſie ſich in der Regel im lieben Ehejoche verſtehen. Und ich 3 war nun zum ſechsten Male bereits in dieſem wichti⸗ gen Geſchäfte heraufgekommen. Es war hohe Zeit ab⸗ zuſchließen; wenn ich nicht als verlegene Waare bald außer Concurrenz geſetzt werden ſollte. Als ich ſo ſin⸗ nend um die Trinity⸗Kirche in die Wallſtraße hinein bog, da kam mir mein Leidensgefährte Staunton ent⸗ gegen. Das betrübte Geſicht des Nankee hätte mich bei⸗ nahe zum Lachen gebracht. Auch ſo eine Art Augur, dachte ich, als er herankam, um mir zu verkünden, daß das Wetter ſchön ſei, und mir zugleich einen Im⸗ iß von ſeinem Kautabake anzubieten. Ich konnte nicht Ro bbins, Rothkehlchen. atl. Skizzen. 1. 4 „ 8 — 18— umhin, ihm meine Verwunderung zu erkennen zu geben, wie die äſthetiſche, zartfühlende Margareth ſo etwas ver⸗ tragen könne. Ja, verſetzte der Gute mit einem ſeltſamen Gedan⸗ 3 kenſprunge, Moreland kaut ja auch. 4— Ja, aber der hat fünf Mal hunderttauſend Dollars, und die verſüßen das Gift. Ach! ſeufzte er. Den Muth nicht verloren! rief ich ihm zu, Bow⸗ ſends iſt reich. Der Mann ſchüttelte den Kopf. Zwei Mal hundert⸗ tauſend ſagt die Welt; aber morgen ſind es nicht mehr zwanzig. Du kennſt unſere Newyorker. Der Aufwand iſt groß, und hat er die Töchter los, ſo fallirt er viel⸗ leicht in acht Tagen. Es ſteht aber wieder um deſto glorreicher im näch⸗ ſten Jahre, tröſtete ich ihn. Ja, wenn das noch wäre, meinte der Nankee. Je nun, mit Hülfe eines ſo zarten Gewiſſens, wie das deinige, wird es ihm nicht fehlen, verſetzte ich la⸗ chend. Unterdeſſen nimmſt du die ſchmachtende Marga⸗ reth, und theilſt mit deinen Mitbürgern das beneidens⸗ werthe Loos, mit der blechernen Büchſe oder dem weiß geflochtenen Korbe dich morgens auf dem Gree 3 — 19.— Markte zu ergehen, und deiner unterdeſſen ſanft ſchlum⸗ mernden Gattin die Kartoffeln und geſalzenen Macka⸗ rels vor den Theetiſch zu legen, wofür dir dann ihre ſchöne Hand eine Schale Bohea einzuſchenken ſich herab⸗ laſſen wird; das iſt ein Antidote gegen die Dispepſia. Du biſt boshaft, ſprach der arme Staunton. und du nicht klug. Einem jungen Advokaten, wie du, ſtehen hundert Häuſer offen. Und ſo dir. Ja, da haſt du Recht. und dann habe ich den Vortheil, daß mich das Mädchen liebt. Mich lieben der Pa und die Ma und das Mädchen. Haſt du fünf Mal hunderttauſend Dollars? Nein. Armer Howard! lachte er. Hol dich der Teufel! lachte ich dazu. Wir hatten ſo ein recht angenehmes Viertelſtündchen verplaudert, als von der Greenwichſtraße eine Kutſche herauffuhr, in der ein Perſonnage ſaß, die ich zu ken⸗ nen glaubte. So eben war eines der Philadelphia⸗ Dampfbote angekommen. Ich trat vor. Halt! rief es— Halt! rief ich, und ſtürzte auf den Wagenſchlag zu. Es war Richard, mein Jugend⸗, Schul⸗ und Collegien⸗ — 20— Freund und Nachbar obendrein, zwanzig Meilen von mir geboren, hundert und ſiebenzig von mir wohnend. Ich nahm vom guten Staunton Abſchied, ſetzte mich in den Wagen, und wir rollten durch Broadway hin⸗ auf dem American Hotel zu. Aber um's Himmels willen, George! rief mein Freund, als wir uns in dem ihm ſo eben angewieſenen Zimmer befanden, was machſt du hier? Haſt du deine Freunde, dein Haus, deinen Hof ſo ganz vergeſſen? Eilf Mo⸗ nate ſitzt er da. Und macht die Cour, und iſt keinen Schritt wei⸗ ter, als am erſten Tage, fiel ich ein. Alſo iſt es wahr, was das Gerücht ſagt, daß du bei Bowſends geangelt biſt? Armer Junge! ſage mir um allen T... l willen, was du wohl mit dem Püppchen machen willſt, die nicht einmal Geduld hat, einen Roman von Cooper durchzuleſen, die ſchon in ihrem zwölften Jahre Tom Moore und Byron, Don Juan, vielleicht ausgenommen, auswendig wußte? Die Geographie und die Globen, Aſtronomie und Cuvier und die Cartons von Raphael bis über den Hals ſtu⸗ dirt, und, ſo wahr ich lebe, nicht weiß, ob ein Ham⸗ mels⸗Cotelette vom Rinde oder Schweine herrührt; die — 21— den Thee wie Blumenkohl abſieden, und die Eier im deutſchen Sauerkraut einmachen wird. Und vor jeder Nadel Zuckungen bekömmt;— das rührt aber vom Geblüte her, ſetzte ich hinzu. Aber das Ko⸗ chen und Abſieden wird ſie bleiben laſſen. Die nicht weiß, fuhr er fort, ob die Wäſche ge⸗ kocht oder gebraten werden muß. und ſingt, wie ein Engel, wenn ſie nämlich nicht den Schnupfen hat, und ſpielt wie der Teufel, und tanzt wie beſeſſen. Ja das wird dich fett machen, meinte er. Ich kenne die Familie; Vater und Mutter ſind die Erbärm⸗ lichſten. Halt ein! rief ich, ſie ſind um kein Haar beſſer, noch ſchlechter, als der Reſt. Ja, da haſt du Recht. Wohl denn! Um ſechs Uhr habe ich verſprochen, zum Thee zu kommen. Willſt du mit? Ich führe dich auf. 3 Kenne ſie— kenne ſie. Ich gehe unter der Bedingung, daß du nach drei Tagen mit mir Newyork verläßt. Wenn ich nicht heirathe, bemerkte ich. Verdammter Narr! rief er. Ich muß geſtehen, der Spott meines Freundes, ſelbſt — 22— mein eigener, hatte mich ein wenig ſtutzig gemacht, aber nur ein wenig. Wer könnte auch in dem tollen New⸗ vork, dem lebensfrohen, amerikaniſchen Paris zum Nachdenken kommen, wo es für das liebe Volk, zwar nicht wie in dem Transatlantiſchen, heute Wein aus Springbrünnen und Würſte von den Bäumen, und den nächſten Tag Kartätſchen aus Feuerſchlünden regnet; wo es ſich aber eben ſo heiter und froh lebt, nur mit dem Unterſchiede, daß man hier ein bischen mehr auf ſeinen Beutel hält? Das iſt eigentlich unſer großes, po⸗ litiſches Arcanum, das zuverläſſigſte gegen alle Wein⸗ und Kartätſchenregen, die es gibt. Probatum est. Ja, es iſt ein ſanguiniſch-durchgreifendes Völkchen das Newyorker, das lebt und leben läßt, Geld in Scheffeln gewinnt, und in Büſcheln wieder verthut. Zur Beſinnung läßt ſich's hier nicht kommen. Selbſt der kalkulirende NYankeeism von Boſton und der Phila⸗ delphi⸗Quakerism arten hier aus, und zwiſchen der flachen, platten, ſchweigſamen Bruderſtadt, wo die Nachtwächter Schaffellſohlen auf ihren Schuhen tragen müſſen, um die Nachtruhe der lieben Bürger und noch liebern Bürgerinnen nicht zu ſtören, und dem luſtigen Newyork, ſollte man denken, müſſen ganze Welttheile liegen. Die letzten acht Tage war es nun über die Maßen bunt hergegangen. Bachelors⸗ Ball und Prä⸗ ſidentenwahl und Gouverneurswahl und Sheriffswahl hatten die zwei Mal hunderttauſend Seelen, aus denen die liebe hohe und niedrige Welt zuſammengeſetzt iſt, in ſolche Bewegung verſetzt, daß es unmöglich war, einen neuen Rock oder Inexpreſſibles? auf ſeinen Leib zu bekommen, ſo waren die ehrſamen Zünfte vom Gemein⸗ beſten in Anſpruch genommen. Mein Schuhmacher ſah mich ſo wichtig an; ich dachte nicht anders, als er habe auch die fünf und zwanzig tauſend Dollarss im Kopfe, und wirklich etwas hatte der Gute erjagt; er war zum Mitlenker des Staatsruders in Albany erkohren. Selbſt die ſo ſchmählich hintangeſetzte Kunſt hatte zur Verherrlichung des politiſchen Drama beitragen müſſen, und alle Hauptquartiere der ſiegenden und beſiegten Par⸗ teien waren mit klafterlangen Transparenten behangen, in denen der Sieger von Neworleans mit ſeinen Streit⸗ 1) Bachelors Ball, Junggeſellenball. Einer der glän⸗ zendſten Bälle, die in Newyork alljährlich von den Jungge⸗ ſellen gegeben werden. 2) Inexpreſſibles, der amerikaniſche Ausdruck für Beinkleider. 3) Fünf und zwanzigtauſend Dollars, der Ge⸗ halt des Präſidenten der vereinigten Staaten. —=— 24— hengſten goliathmäßig, und hinwieder beſcheiden als ſchlichter Cincinnatus, hinter dem Pfluge einherwandelnd, dargeſtellt iſt, allen Adamsmännern zum Trotz, die ihrer Seits zu ſeinem Ruhme nicht verſäumt hatten, ein Gegen⸗ ſtück in ächter Nürnberger Manier zu liefern, den alten Hickory mit Dolch und Piſtole repräſentirend, wie er ſo eben ein Paar Dutzend freie Bürger in die andere Welt expedirt. Ein kräftiges Hurrah für Jackſon, das ſo eben von der Murrayſtraße heraufſchallt, verkündet etwas Neues. Die Scene iſt wahrlich neu und ganz in ihrer Art. An die vierzig Lohnkutſchen kamen gegen den Park herauf⸗ gezogen, zu beiden Seiten mit der wunderlichſten Ca⸗ valcade flankirt, die je ein menſchliches Auge geſehen. Wettergebräunte, rührige Männer baumeln zu zwei und drei auf einem Pferde herum und herunter. Jeder Fall der unbeholfenen Cavallerie wird mit einem Hurrah begrüßt, das die Fenſter zittern macht. Alle mögli⸗ chen Trachten ſind an den fahr⸗ und reitluſtigen Theers zu ſehen; mit Pech geſchwängerte Hüte und Hüt⸗ chen und Jacken und Inexpreſſibles. Der Eine iſt mit einem neumodiſchen Fracke angethan, der Andere prangt in einer Redingotte, die ſo eben von Chatham⸗Place ihren Weg auf ſeinen Leib gefunden; ein Dritter erglänzt in — 25— ſeiner rothflammenden Jacke, der tollſte, buntſcheckigſte Haufe, der je geſehen wurde. Es ſind die Matroſen, die Bemannung der Fregatte Conſtitution, die einberu⸗ fen und dieſen Morgen ausbezahlt worden war, und die nun aus Leibeskräften bemüht iſt, die fünf oder ſechs⸗ hundert Dollars ſo geſchwind wie möglich wieder los zu werden, die jedem von ihnen während des dreijährigen Kreuzzuges auf den Hals gewachſen waren. Wer ſo das luſtige Völkchen hinziehen ſieht, im Jubel, Saus und Braus, mit vollen Flaſchen, jeder eine Schöne neben ſich, und brüllend, daß einem die Ohren gellen, der muß ſich von unſerer polizeilichen Ordnung einen ſau⸗ bern Begriff machen. Thut jedoch nichts. Das ſind Männer, die zwar nicht den Julius Cäſar und Corne⸗ lius Nepos geleſen; die aber für ihr Vaterland ſo heiß glühen, als die Helden Plutarchs. Zeigt ihnen eine Fregatte Brittaniens, und ſie werden darauf losſtürzen und ſie brechen, wie der feſte, freie Mann den Ueber⸗ muth des ſtumpfen Herrendieners bricht. Und laßt den Sturm über ſie hereintoben, und ſie werden wie Felſen daſtehen, im Gebrülle des Orkans, und hängen drau⸗ ßen am gefrornen Segeltuche, ihre Hände und Füße er⸗ ſtarrend am Taue; oder ſie werden ſinken unter den krachenden Balken und hereinſtürmenden Wogen in den * — 26— bodenloſen Abgrund, und ihr letzter Gedanke wird auf das Vaterland gerichtet ſein. Solche Männer verdie⸗ nen, daß man ihnen ihre Luſt nach ihrer eigenen Weiſe gönne. Sie werden ſchon wieder nüchtern werden ohne Polizei, Gendarmes und Wachhaus. Ihr rohes Trei⸗ ben iſt nicht den zehnten Theil ſo verderblich für des Volkes Sitten, als euer raffinirte bon ton. In drei Tagen hat das Drittel dieſer Vierhundert und Fünfzig keinen Cent mehr in der Taſche, in ſechs das zweite Drittel, und in zehn Tagen ſind ſie ſo ziemlich alle wieder flott, und in der rothen Jacke und auf der Reiſe nach allen Weltgegenden; die wenigen ausgenom⸗ men, die ſich einen eigenen Herd ſuchen, oder ſich in gewiſſen Affairen verſpätet haben. Ein Paar Mal trei⸗ ben ſie das Weſen mit, und dann werden ſie klüger, nehmen ſich Weiber und ſetzen ſich hin, um tüchtige Hauswirthe zu werden; anfangs ein wenig quer und verſchroben, wie es Seemännern zu gehen pflegt; aber allmälig lehrt ſie geſunder Menſchenverſtand, ſich in die neue Lage fügen. Es iſt in dieſen Männern ein fröhlich⸗freier, ſelbſtſtändiger Sinn, ein tüchtiger und trotziger Muth, der, über die Nation zerſtreut, herrli⸗ chen Samen getragen, der im letzten Kriege unſer Ver⸗ trauen in uns ſelbſt erkräftigt, und ſo unſern Feind be⸗ zwungen hat. Dieſe Männer haben den Neuſeeländer und Chineſen, den Türken und Braſilianer und Franzo⸗ ſen kennen, und auf ihn ſtolz herabblicken gelernt; den See⸗ Bezwinger Aller— den Britten— ehaben ſie bezwungen. Der brittiſche Matroſe kehrt immer dümmer unter ſeine Zuchtruthe zurück, als er ausgezogen; der amerikaniſche immer aufgeklärter, weil Knechtſchaft immer zurück, Freiheit immer vorwärts ſchreitet. Der Eine weiß, daß Lebensweisheit für das Ziel ſeiner Laufbahn— das Greenwich⸗Hoſpital— überflüſſig oder gefährlich iſt; der Andere muß ſie ſammeln für's thätige Bürgerleben, in das er ehrenvoll eintritt. Und John Bull wundert ſich in ſeiner Dummheit, daß wir ihm mit unſern fünf Fregatten zehn genommen, und ihn in zwei Haupttreffen von unſern Seen verjagten; er, der ſeine armen Wichte von Matroſen mit fünfzehn Schillingen abfertigt, und wenn ſie ein bischen über die Schnur hauen, auf ein Paar Monate in's Loch ſteckt.— Wir haben ſo manche Fehler, und Engel ſind wir wahrhaftig nicht— aber eine Tugend haben wir, die der Sünden viele bedeckt: ſie iſt Achtung für Menſchenwürde und Bürgerrecht, und dieſe hat uns vom größten Tyrannen das Größte errun⸗ gen, wornach der Menſch je geſtrebt hat: Freiheit in unſerm Lande und auf unſern Meeren. — 28— Es war ſechs Uhr, als ich mit Richard in das Dra⸗ wingroom meiner künftigen Schwiegermama eintrat. Die gute Dame hatte mich beinahe erſchreckt in ihrem nagel⸗ neuen, ſo eben mit dem Henri IV. angekommenen grauen, Gaze⸗Turban, der ihr das Anſehen einer un⸗ ſerer Miſſiſippi⸗Nachteulen gab. Auch Richard ſchrak ſichtlich zurück, und der gute Moreland ſchaute ſo ſtarr nach dem hehren Kopfputze hin, als wäre er ein Ziffer⸗ blatt geweſen. Miß Margareth im grün ſeidenen Kleide, die Haare glatt zu beiden Seiten der Stirne hinabge⸗ kämmt à la Margarethe,— wir haben eine eigene Mo⸗ denphraſeologie— war, wie die Tochter Jephtas, blaß und reſignirt; ein leichtes Zittern bebte durch die an⸗ ziehende Geſtalt, und in ihrer Begrüßung war ſüßer Schmerz und ſchmachtende Sehnſucht nach dem fernen Geliebten unverkennbar. Der Abſtand war allerdings grell zwiſchen dem fünfzigjährigen Moreland, der kalt und zäh und breit und roth da ſaß, und dem windigen Staunton, der von Auſtern und Roſinen lebte, und ſich höchſtens in Bullwer's Novellen betrank. Ich hatte dem zarten, ſo eben beſchriebenen Gebilde die Tales of my Grandfather¹ mitgebracht. 1) Tales of my Grandfather, Erzählungen eines Großbaters, von Sir Walter Scott. — 290— Walter Scott! rief ſie mit lieblich verſchmelzender Stimme. Ach! der gemeine Menſch weiß auch nicht ein Wort zu ſagen, flüſterte ſie mir nach einer Weile zu. Warten Sie nur, tröſtete ich ſie; Sie wiſſen ja, daß derlei Affairen zuerſt immer Jampartien!¹ ſind.— Furcht, Beſcheidenheit verſperren ihm den Mund. Das Mädchen ſah mich an. Sie war bitterböſe. Kalter, herzloſer Spötter, ſagte ſie. Wie konnte ich anders? ſie war ſo empfindſam⸗ albern. Richard hatte unterdeſſen mit Bowſends die Conver⸗ ſation begonnen. Der arme Junge, der nicht wußte, daß der Theegeber Adamsmann war, und fünftauſend Dol⸗ lars in Wetten und Beiträgen zur Umſtimmung des ſouveränen Volkswillens verloren, hatte ſich beeilt, ihn wiſſen zu laſſen, daß der alte Hickory? nächſtens die Hermitage verlaſſen werde. 1) Jampartie, buchſtäblich eine Balkenpartie.— Be⸗ kanntlich ſitzen Geſellſchaften im Winter in einem Halbzirkel um den Feuerplatz, deſſen oberer Marmorbalken Jam genannt wird. Eine langweilige Geſellſchaft, die daher den Balken anſieht, wird Jam party genannt. 2) Hickory, ein zäher Nußbaum.— General Jackſon hat den Spitznamen Hickory erhalten. Der blutdurſtige Backwoodsman“, halb Pferd, halb Alligator?, unterbrach ihn Miſter Bowſends. Koſtet Sie ſchwer Geld, verſetzte Moreland lachend. und raucht aus einer Tabakspfeife, wie die vulgä⸗ ren Deutſchen, fügte Miſtreß Bowſends hinzu. Nun das könnte ich eben nicht ſo vulgär nennen; der Tabak hat wirklich einen ganz andern Geſchmack, ſprach der unglückſelige Moreland. Ich ſtieß ihn mit dem Elbogen in den Rücken. Sie rauchen aus einer Tabakpfeife, Miſter More⸗ land? flötete Margareth. Der Mann ſtutzte; die unerwartete Frage hatte ihn aus dem Concepte gebracht; ſein gutes Gewiſſen ließ jedoch keine Prevarication zu, und er antwortete mit einem: Es ſchmeckt ſo gut! Ich hatte die Erſchütterung der empfindſamen Seele 3) Backwoodsman, Hinterwäldler, ein etwas derber Mann. Sonſt wurden alle jenſeits der Alleghany⸗Gebirge Woh⸗ nenden ſo genannt; gegenwärtig ſpottweiſe die Kentukier⸗Alaba⸗ mer, überhaupt diejenigen, die in großer Entfernung von den Hauptſtädten oder in den neuen Territorien angeſiedelt ſind⸗ 2) Halb Pferd, halb Alligator, Spottname den Kentukiern gegeben. vorhergeſehen, und legte meinen Arm über die Seſſel⸗ lehne, eben als Arthurine eintrat. Sie blickte einen Augenblick umher; es war jedoch zu ſpät, ſich zu— rückzuziehen. Sie ſchien es nicht zu bemerken, grüßte leicht und fröhlich die Geſellſchaft, tanzte dann auf Moreland zu, bot ihm einen guten Abend, fragte ihn nach ſeinen Wetten, ſeinen Schiffen, ſeinem alten Tom, plauderte an die zehn Minuten in Einem Athem. Ehe ſich's Moreland verſah, war ſeine Hand in den beiden ihrigen. Freilich waren ſie alte Bekannte, und er konnte füglich ihr Großvater ſein. Margareth hatte ſich inmittelſt von ihrem Schrecken erholt. Er raucht aus einer Pfeife, lispelte ſie im dumpfen Schmerze Arthurinen zu. Der alte Hickory iſt ſehr populär in Penſylvanien, fing Richard wieder an, ohne von dem Unheil, das er angerichtet, auch nur eine Ahnung zu haben. So eben hat ihm ein Farmerꝛ von Bedford⸗County? ein Faß Monongehalas zum Geſchenke gemacht. 1) Farmer, urſprünglich Pächter; in den vereinigten Staaten heißt jeder Landwirth und Gutsbeſitzer Farmer. 2) Bedford⸗County, Bedfordgrafſchaft in Penſyl⸗ vanien. 3) Monongehala, ein bedeutender Fluß, der in Vir⸗ Um das beneide ich ihn, platzte Moreland heraus. Ein Glas alter Monongehala iſt nicht mit Geld zu be⸗ zahlen. Der Stoß war zu heftig; der zarte Nervenbau Margareths konnte ihn nicht aushalten; ſie ſank. Glück⸗ licher Weiſe hatte ich ſie erfaßt. So eben war der Thee angekommen. Mit Hülfe der Dienſtmädchen und Bedienten wankte ſie aus dem Zimmer. Haben Sie ihr ein Buch gebracht? fragte Arthurine⸗ Ja, einen neuen Romän Walter Seott's. Ach dann erholt ſie ſich ſchon, meinte das liebe Schweſterchen gleichmüthig. Mit der nervenſchwachen Schönheit war auch unſre Schweigſamkeit gewichen. Capitain Moreland war ein fröhlicher Theer, der zehn Reiſen nach China, fünfzehn nach Conſtantinopel, zwanzig nach St. Petersburg und unzählige nach Liverpool gemacht, und ſich ein artiges Vermögen erworben hatte, das er nach Kräften zuſam⸗ ginien entſpringt, und bei Pittsburg ſich mit dem Alleghany vereinigt, und ſo den Ohio bildet. Er hat bei ſeiner Verei⸗ nigung beiläufig 1400 Fuß Breite, der Alleghany 1200 Fuß⸗ An ſeinen Ufern wächst vorzüglicher Roggen und Weizen, aus welchem erſtern der beſte Kornbranntwein in den vereinigten Staaten gebrannt wird, den man daher ſchlechtweg Monongehala nennt. menhielt, und vermehrte. Ein jovialer Lebemann mit geſundem Menſchenverſtande, einen Punkt ausgenommen, die Weiber nämlich, die er gerade ſo gut kannte, wie die Bewohner des Mondes. Die Aufmerkſamkeit, mit der ihn Arthurine behandelte, die mädchenhafte Verſchämt⸗ heit, der liebliche Reiz, mit dem ſie ſich an ihn an⸗ ſchmiegte, ſchien dem Gaumen des alten Junggeſellen recht wohl zu behagen. Es lag etwas leicht Fröhliches, Spottendes und zugleich unendlich Anziehendes im Weſen des ſüßen, liebreizenden Mädchens; ſelbſt der kalte Richards hing mit unverholener Bewunderung an ihr. Das iſt wirklich ein bezauberndes Mädchen, li⸗ ſpelte er mir zu. Habe ich dir es nicht geſagt? erwiederte ich. Sieh nur, mit welcher Zartheit ſie in die Launen des Alten einzugehen weiß. Die Stunden waren wie Minuten verflogen. Das Souper war lange abgedeckt, und wir machten Miene zum Aufbruche. Arthurine drückte mir bedeutſam die Hand, und ich war in neun und neunzig Himmeln. Nun Freunde, ſprach der ehrliche Moreland, als wir aus der Thüre waren, es wäre wirklich ſchade, an dieſem herrlichen Abend uns ſo bald zu trennen. Was Transatl. Skizzen. I. 3 — 34— meint ihr, wie wäre es? ihr geht mit mir, und wir brechen noch einem halben Dutzend die Hälſe. Wohlan! Es iſt ohnedem grimmig kalt, und der Sherry und Port“ des alten Bowſends ſind nicht halb ſo geiſtig... Wie ſeine Mädchen, verſetzte der ſchmunzelnde Mo⸗ reland, der denn doch ein wenig zu tief in's Glas ge⸗ guckt zu haben ſchien. Wir nahmen den alten Kumpan in die Mitte, und ſteuerten ſeiner Kajüte zu, wie er ſein wirklich pracht⸗ volles Haus nannte. Nun iſt das nicht eine herrliche liebe Familie, die Bowſendͤs, eröffnete Moreland die Sitzung an der mit Lafitte und Eaſt⸗ Judia Madeira beſetzten Tafel. Und die Mädchen ſind prachtvoll.— Ja, ja ich habe auch gedacht,— du kömmſt allmälig in die Jahre;— biſt aber doch noch friſch, rührig und munter, geſund wie ein Delphin— Damn!— Ich könnte noch ein halbes Dutzend Mädchen... Begraben; ſetzte ich hinzu. 1) Shery, Port, Peres und Oporto⸗Weine, die nebſt Madeira, Teneriffe und Lisbon beinahe ausſchließlich ge⸗ trunken werden. Ja, das könnte ich bei Fingo; hoffe aber Marga⸗ reth wird Stich halten. Sie gefällt mir, und ſo habe. ich denn.. Ja, aber lieber Moreland, ob Sie auch ihr ge⸗ fallen 2 Pah! fünf Mal hunderttauſend Dollars. Hör' einmal, Junge, das findet ſich nicht alle Tage. Fünfzig Jahre— ſetzte ich hinzu. Ja freilich, aber geſund und rüſtig, keiner euerer Spindeljungen, kein Staunton.. Ja, der raucht aber Ligarren, und nicht aus deut⸗ ſchen Pfeifen. Das laſſe ich wohl bleiben; werde mir da wegen der Miß das Maul und die Naſe mit den verdammten Stümpchen verbrennen! Auch trinkt er nicht Whisky. Er iſt Präſident einer Temperanz⸗Geſellſchaft! Hol' ihn der Henker! brummte Moreland. Den Whisky wollte ich um aller Mädchen willen nicht laſſen. Dann werden ſie in Ohnmacht fallen, lachte ich. Und Margareth! fuhr er heraus. Ah! dem Mo⸗ nongehala galten alſo die Achs und Ohs, und das Sinken und Verſchwinden? Iſt es um dieſe Zeit! Nein, meine Miß, da wird nichts daraus. Darauf können Sie ſich gefaßt machen; und zur Bekräftigung leerte er ſein Glas, und wir die unſrigen. Wir lachten und jubelten bis nach Mitternacht, und ich hatte mir viel auf meine diplomatiſche Geſchicklichkeit eingebildet. Als wir nach Hauſe gingen, meinte Richard, daß ich dem alten Jung⸗ geſellen etwas hart zugeſetzt hätte. Habe ich doch die arme Margareth von dem läſtigen Menſchen befreit, war meine Antwort. Der kalte Richard jedoch ſchüttelte den Kopf.„Was daraus werden wird, weiß ich nicht“, verſetzte er;„doch darfſt du für deine unberufene Media⸗ tion eben keine ſehr glänzende Erkenntlichkeit erwarten.“ Deer nächſte Morgen verging in Geſchäften, deren Beſorgung Richards Ankunft nöthig gemacht hatte. Zehn Mal wollte ich Arthurine ſehen; aber immer war ich durch etwas, das dazwiſchen kam, abgehalten wor⸗ den. Es war nach der. Theezeit, als ich in's Haus trat. Im Drawing⸗room ſaß Margareth, eine friſche Novelle verdauend. Wo iſt Arthurine? fragte ich. Im Theater mit Mama und Miſter Moreland, war die Antwort. „Im Theater mit Mama und Miſter Moreland“! Man gab Tom und Jerry:, ein horribles Lieblingsſtück 1) Tom und Jerry, Burlesque oder Poſſe. — 37— der aufgeklärten Kentukier. Ich hatte die erſte Scene in Caldwells Theater zu New⸗Orleans geſehen, und daran genug gehabt. 1G Fürwahr! das heißt ſich aufopfern, ſprach ich är⸗ gerlich. Die Edle! verſetzte Margareth. Miſter Moreland kam zum Thee, und drückte ein ſo lebhaftes Verlangen aus... Daß ſie nicht umhin konnte, mit ihm zu gehen, und ein Paar Stunden ſich zu ärgern und zu gähnen. Ihrem ſüßen Zauberreize wird es vielleicht gelingen, Miſter Moreland beizubringen— lispelte ſie. Ja, das iſt's, dachte ich. Eine Anwandelung von Eiferſucht wäre lächerlich geweſen. Er fünfzig Jahre, ſie ſiebzehn. Ich empfahl mich, und eilte zu Richard. So zeitlich? frug er lachend. Sie iſt mit Moreland und Mama im Theater. Richard ſchüttelte den Kopf.— Du haſt dem Al⸗ ten geſtern ein Weſpenneſt in den Kopf geſetzt.— Sieh' zu! Ich möchte gerne ſehen, wie ſie ſich an ſeiner Seite ausnimmt, ſprach ich. Wohl! ich begleite dich. Je eher du geheilt biſt, deſto beſſer. Aber nicht länger als zehn Minuten. Wer hätte es auch länger aushalten können in die⸗ — 38— ſen Whiskydünſten und Tabaksqualm! Es war im Bowery⸗Theater. Die Lichter ſchwammen, als ob ſie im Nebel hingen, und von der Gallerie regnete es Orange⸗ und Aepfelſchalen auf uns herab, andere Dinge zu ver⸗ ſchweigen. Der liebe Tom war ſo eben in ſeiner Force⸗ partie begriffen. Ich blickte auf, da ſaß die liebrei⸗ zende Arthurine, ſo gemüthlich mit dem alten More⸗ land plappernd, daß mir Hören und Sehen verging. Eine dreißigjährige Ehefrau hätte nicht anſtändiger ih⸗ ren Platz einnehmen können. Das iſt ein geſcheidtes Mädchen, verſicherte Richard, die ſieht auf die Dollars, und würde den alten Hickory nehmen, wenn er Luſt und mehr Geld hätte, trotz Ta⸗ bakspfeife und Whisky. Ich erwiederte kein Wort. Wenn du kein ſolcher Haſenfuß wäreſt, meinte Ri⸗ chard, ſo würde ich ſagen: Laſſe ſie fahren, und über⸗ morgen gehen wir ab. Noch acht Tage, verſetzte ich mit ſchwerem Herzen. Wieder bekrat ich am folgenden Abend, Schlag ſie⸗ ben Uhr, mein Elyſtum, das mir allmälig zum Tarta⸗ rus wurde. Wieder ſaß Margareth einſam über einem Roman. Und Arthurine? fragte ich mit zitternder Stimme. Iſt mit Mama und Miſter Morland gegangen, Miß Fanny Wright zu hören. Miß Fanny Wright zu hören, die Atheiſtin, die Revolutioniſtin? Das war doch wirklich toll. Wer hätte ſo etwas auch nur träumen ſollen? Dieſe Miß Fanny Wright war geſcheut von unſrer fashionablen Welt, wie eine Peſtkranke. Miſter Moreland, liſpelte Margareth, ſprach mit ſo vielem Lobe von ihrem entzückenden Vortrage, daß Ar⸗ thurines Neugierde geweckt wurde. Ja, ja; verſetzte ich. O, Sie kennen nicht das edle Mädchen. Für ihre Schweſter würde ſie das Leben aufopfern. Sie iſt meine einzige Hoffnung. Schön, ſchön! ſprach ich, indem ich meinen Hut zer⸗ kneipte, und mich nach der Thüre umſah. Endlich am folgenden Morgen ließ es mich nicht mehr ruhen, und kaum hatte die Glocke eilf geſchlagen, ſo ſtand ich vor der Thüre. Beide waren denn doch ein Mal zu Hauſe. Arthurine ſchwebte mir mit holdem Lächeln entgegen. Auf ihrem Antlitz ſaß ein gewiſſes Etwas, das mich ſtutzen machte. Ich drückte ihr die Hand; ſie ſah mich zärtlich an. — 410— Es ſcheint, Sie haben ſich gut unterhalten, begann ich nach einer Pauſe. Das Neue hat Reiz für mich. Ich hätte wahrhaf⸗ tig nicht geglaubt, daß ich noch eine Schülerinn der Miß Fanny Wright werden würde, ſprach ſie lachend. Wenigſtens kein großer Sprung von Tom und Jerry, ſprach ich. Reſpect vor Tom und Jerry, die wir patronifiren, Miſter Moreland nämlich und meine Wenigkeit, lachte ſie. Wahrlich dieſe Verſchwörung gegen guten Geſchmack hätte ich meiner Arthurine nicht zugetraut, erwiederte ich ziemlich ernſt. Meiner Arthurine! meiner Arthurine! ſchmollte ſie. Sieh da, welche Rechte ſich der Herr aumaßt— Wir leben in einem freien Lande. A. Es war Scherz und Ernſt in dem lieblichen Geſichte. Ich ſah ſie forſchend an. Wiſſen Sie, ſchäckerte ſie, daß ich Moreland ganz lieb gewonnen habe.— Er iſt ein ſo gemüthlicher, reel⸗ ler Charakter, und hat gar nichts von dem Unge⸗ ſtümen. und fünf Mal hunderttauſend Dollars, fügte ich hinzu. Eben das iſt ſeine ſchönſte Seite.— Denken Sie nur an die Bälle, lieber Howard. Sie werden doch hoffentlich auch kommen.— Und dann Saratoga; näch⸗ ſtes Jahr vielleicht London oder Paris.— O, es wird prächtig ſein! Schon ſo weit gediehen? fragte ich mit bitterm Spotte. Und Siſſi iſt erlöſet. Nicht wahr Margareth? Und ſie flog an den Hals der Schweſter, und die bei⸗ den Mädchen herzten und küßten ſich. Ich wußte nicht, ſollte ich lachen, oder weinen. Dann muß ich gratuliren, ſprach ich mit einem Lachen, das mich ziemlich albern kleiden mußte. Gratuliren Sie! ſprach Arthurine, gegen mich zu⸗ tanzend.— Heute um zehn Uhr hat Miſter Moreland ſeine Bewerbung von Margareth auf mich feierlichſt übergetragen. Und Sie? Wir haben natürlich, in Anbetracht ſeiner vielen Liebens⸗ würdigkeiten, beſchloſſen, den Antrag für einſtweilen ad protocollum zu nehmen. Sie wiſſen, decorum ge⸗ bietet, daß man ſich wenigſtens ein Paar Tage ziere. Sind Sie in Scherz oder Ernſt, liebe Arthurine? Ganz im Ernſte, lieber Howard? So leben Sie wohl. — 42— Farewell for ever if for ever fare thee well! lachte und ſeufzte ſie. Auf der Stiege begegnete mir die geturbante Ma. Sie zog mich geheimnißvoll in's Parlour. Sie haben Arthurine geſehen? Nicht wahr ein lie⸗ bes, treffliches Kind? O, das Mädchen iſt unſre Freude, unſer Troſt. Miſter Moreland! der ſchar⸗ mante Miſter Moreland!— Nun da es ſich ſo gut gefügt hat, wollen wir auch mit Margareth ein Auge zudrücken. Es iſt alſo wahr! Nun, als Hausfreund kann ich's Ihnen ſchon zu⸗ flüſtern; aber die Welt, natürlich, vor der muß es noch ein Geheimniß bleiben. Miſter Moreland hat um ſie förmlich angehalten. Um wen? Je nun, um Arthurine. Schön! Schön! erwiederte ich, mich zur Thüre hinausdrängend, und die Gaſſe hinaufrennend, als wäre ich dem Tollhauſe entſprungen. Richard, rief ich meinem Freunde zu, wollen wir abreiſen? Gott ſei Dank! ſo iſt's denn vorüber das Newyor⸗ — 43— ker Fieber. Nun gehſt du auf ein Paar Monate mit mir nach Virginien. Ja, verſetzte ich. Als wir am folgenden Morgen dem Dampfſchiffe zu⸗ fuhren, kam Staunton hervorgerannt. Wünſche mir Glück, ich habe nun das Jawort! Und ich den Korb! verſetzte ich lachend.— Werde kein Narr ſein, und mir den Hals eines Mädchens we⸗ gen abreißen. Aber, trotz meiner ſpaßhaften Worte, hätte mir das Herz im Leibe zerſpringen mögen. Ich hatte ſie ſo lieb, die kleine Hexe. Eine Nacht an den Ufern des Tenneſſee. „Könnt Ihr uns wohl ſagen, ob wir noch weit von Browns⸗Fähre ſind?“ fragte ich einen Mann zu Pferde, der gemächlich in einem engen Karrenpfade auf uns zugetrabt kam. Es war an den Ufern des Tenneſſee!; die Nacht rückte bereits heran; die Nebel hingen über Wald und Fluß, und verdichteten ſich zuſehends. Die ganze Land⸗ ſchaft hatte ein verwildertes, chaotiſches Ausſehen. Es war unmöglich, fünf Schritte weit zu ſehen. Beinahe ſo lange, wie dieſe Digreſſion, war die Pauſe des Reiters. Endlich erwiederte er in einem Tone, der, ſeiner ſonderbaren Modulation nach zu ſchlie⸗ hen, von einem Kopfſchütteln begleitet ſein mußte: Der Weg nach Browns⸗Fähre?— Vielleicht meint ihr Coxesfähre? 3 Nun denn, Coxes⸗Fähre! erwiederte ich ein wenig ungeduldig. Ja, der alte Brown iſt todt, ſprach der alte Mann, 1) Tenneſſee, der Hauptfluß des Skaates Tenneſſee, ergießt ſich beiläufig dreißig Meilen oberhalb des Ohio in den Miſſiſippi. — 48— und Betſi hat den jungen Coxe geheirathet, einen ver⸗ dammt wackern Jungen. Nun, iſt er's nicht? Das wiſſen wir nicht, erwiederte ich; aber was wir gerne wiſſen möchten, iſt, ob wir noch weit von ſeiner Fähre, und auf dem rechten Wege ſind. Ah! der Weg zu ſeiner Fähre— da liegt eben der Haken, Mann; ihr ſeid gute fünf Meilen da⸗ von entfernt, und mögt eben ſowohl den Ohren eulers Gaules eine andere Richtung geben. Ich vermuthe, ihr ſeid fremd in dieſer Gegend? Alle Teufel, wiſperte mein Freund Richard. Gott gnade uns! wir ſind in den Händen eines Nankee.— Er vermuthet bereits.1 Der Reiter hatte ſich mittlerweile näher an uns her⸗ angemacht, trotz Dornen und naſſen Zweigen, die ihm von allen Seiten in's Geſicht ſchlugen. Er ſtand nun neben unſerm Pferde. Er war, ſo weit wir ihn in der Dunkelheit beurtheilen konnten, noch ziemlich jung, ha⸗ 1) Vermuthet bereits, guesses already.— Die ſchnellſte Weiſe, auf welche ſich der amerikaniſche Bürger der verſchiedenen Staaten zu erkennen gibt, iſt durch den Begriff, ich denke, ich vermuthe. Der Neuengländer vermuthet, gues- ses; der Virginier und Penſylvanier minks, denkt; der Kentukier kalkulirt, calculates; der Alabamer rechnet, be⸗ rechnet, reckons. 4 — 49— ger, lang und dünnbeinig, mit einem wahren Leichnams⸗ geſichte auf ſeinem langen Rumpfe und metallenen Knöpfen auf ſeinem Rocke. Und ſo habt ihr euch denn auf eurem Wege verirrt? ſprach der Mann nach einer langen Pauſe, während welcher der dichte Nebel ſich ganz gemächlich in einen eben ſo dichten Regen verwandelt hatte. Eine ſonder⸗ bare Verirrung, wo die Fähre nicht fünfzehn Schritte vom Wege abliegt, der breit und ebenen Pfades hinab zum Fluſſe führt. Ein ſonderbarer Irrthum wahrhaftig, aufwärts den Fluß, ſtatt der Naſe und dem Waſſerlaufe nach zu gehen! Was meint ihr damit? fragten wir beide zugleich. Daß ihr den Tenneſſee auf⸗ ſtatt abwärts, und auf dem Wege nach Bainbridge ¹) ſeid, erwiederte der pre⸗ ſumptive Yankee. Auf dem Wege nach Bainbridge! riefen wir beide mit einer Stimme, in welcher Staunen und Verblüfft⸗ heit ſich ſo deutlich ausſprachen, daß unſer Nankee fragte: Und ihr hattet nicht im Sinne, nach Bainbridge zu gehen? Wie weit iſt das verfluchte Neſt von hier? fragte ich. 1) Bainbridge, ein Städtchen unfern des Tenneſſee⸗ fluſſes. Transatl. Skizzen. 1. 4 Je, wie weit, wie weit? erwiederte der metallbe⸗ knöpfte Mann. Es iſt nicht ſehr weit, doch auch nicht ſo ganz nahe, als ihr vermuthen möchtet. Vielleicht kennt ihr den Squire Dimple? Ich wollte, euer Squire Dimple wäre beim—, brummte ich, während mein gelaſſener Reiſegefährte mit einem: Nein, wir kennen ihn nicht, antwortete. Und wohin mag wohl eure Reiſe gehen? fing nun unſer Peiniger an, der waſſerdicht zu ſein ſchien. Nach Florence ¹), war die Antwort, und von da den Miſſiſippi hinab. Ja, eine hübſche Stadt, wie man ſie nur im Lande finden kann. Nun, iſt ſie's nicht? fragte der Yankee ganz naiv. Und ein guter Markt. Was iſt der Mehl⸗ preis im Norden? Ihr kommt doch daher? man ſagt, er ſei ſechs und vier Levies ²), und Wälſchkorn fünf und einen Fip ³), Butter drei Fips. Seid ihr toll? platzte ich halb wüthend vor Aerger heraus, indem ich unwillkürlich die Peitſche hob, uns 1) Florence, die Hauptſtadt von Alabama. 2) Levies, 3) Fips, ſo werden abgekürzt in den weſtlichen Staaten die ſogenannten 121/ und 61/4Centſtücke⸗ Ein Cent iſt der hundertſte Theil von einem Dollar. — 314— da mit eurem Mehl und Butter und Fips und Levies zu unterhalten, während der Regen in Strömen fällt! Ei, war die Antwort des Mannes, der ſich nun erſt recht bequem in ſeinem Sattel poſtirte: Wenn ihr Luſt habt, Fäuſte oder die Stiele unſerer Peitſchen zu meſſen, ſo kommt! Wollte den Mann ſehen, der Iſaak Shifty ledern könnte.. Den Weg, den Weg, Miſter Iſaak Shifty! unter⸗ brach ihn Freund Richardt beſänftigend. Wieder eine lange Pauſe,— endlich fragte er: Ich vermuthe, ihr ſeid Krämer? Nein, Mann. Und was dürftet ihr wohl ſein? Die Antwort hatte eine neue Examination zur Folge. Seine Augen hingen ein paar Minuten muſternd auf uns; endlich fragte er: Und ſo habt ihr denn im Sinne, den Miſſiſippi hinabzugehen? Ja, im Jackſon, der, wie wir ſo eben gehört, mor⸗ gen abgeht. Ein tüchtiges Dampfboot, das muß wahr ſein. Nun, iſt es nicht? Aber ihr werdet doch dieß Ding da mit eurem Gaul nicht mit hinab nehmen? fuhr unſer Nankee bedächtig fort, unſere Gig und Bilpaßnund muſternd. — 52— Ja, das haben wir im Sinne. Apropos, habt ihr nicht zwei Frauen in einem Dearborn geſehen? Nein, das haben wir nicht. Wohl denn, fuhr er in demſelben gleichmüthigen Tone fort, es iſt nun zu ſpät, nach Bainbridge umzukehren, und vielleicht dürfte es auch gewagt ſein. So wendet denn euern Gaul, und ſolgt dem Wege, bis ihr zu einem dicken Wallnußbaum kommt; da theilt er ſich. Nehmet den rechter Hand für eine halbe Meile, bis ihr zu Dims Zaun kommt, da müßt ihr durch die Gaſſe, dann rechts durch das Zuckerfeld ein vierzig Ruthen; ſchlagt dann in den Weg linker Hand ein, bis ihr zum Genickbruchfelſen kommt; dort wendet euch ja wieder rechts, wenn ihr nicht den Hals brechen wollt, wenn ihr überm Bache ſeid, links, und das wird euch gera⸗ den Weges nach Coxes⸗Fähre bringen. Ihr könnt nicht fehlen, ſchloß er im zuverſichtlichen Tone, ſeinem Gaule einen Hieb verſetzend, der ihn in Trab und uns aus den Augen brachte, ſo ſchnell es Koth und Geſtrippe zuließen. „Wahrlich, ich mußte während dieſer nimmer enden⸗ den Directionen dem franzöͤſiſchen Rekruten ähnlich ge⸗ ſehen haben, der zum erſten Male in ſeinem Leben von — 533— ſeinem Exerciermeiſter der Ehre gewürdigt wird, die Relation von den meilenlangen Schlangen und Croco⸗ dillen zu hören, die der graubärtige Kaiſergardiſt in Egypten geſehen, wie ſie den Regimentstambour mit Bärenmütze, Backenbart und Commandoſtab ſammt und ſonders verſchlungen. Ich war ſo verblüfft über die Rechts und Links, daß ich ganz vergeſſen hatte, dem metallknöpfernen Manne zu bedeuten, daß es uns ſchlecht⸗ weg unmöglich ſei, ſelbſt den großen Wallnußbaum in der Finſterniß auszunehmen, geſchweige denn die Kar⸗ rengeleiſe oder den Genickbruchfelſen. Mein Blut iſt eben nicht das kühlſte, und Geduld iſt gerade meine hervorragendſte Tugend nicht; aber des Mannes unerſchütterliches Phlegma inmitten der Ströme, die es goß, wirkte ſo erſchütternd auf mein Zwerchfell, daß ich in ein lautes Gelächter ausbrach. Kehret euch rechts, dann links! Habt Acht auf den großen Wall⸗ nußbaum, doch bewahrt euch vor dem großen Genick⸗ bruchfelſen! rief ich in luſtiger Verzweiflung. Ich wollte, der Yankee wäre beim T—!! ſprach Richardn. Doch ich ſehe wirklich nicht ein, was da zu lachen iſt. Und ich nicht, wie du ſo ernſthaft ſein kannſt. Aber wie bei allen T—ln„ wie konnten wir nur — 54— die Fähre verfehlen, und, was das Schlimmſte iſt, den⸗ ſelben Weg zurückgehen, den wir kamen? Je nun, erwiederte ich, dieſe hölliſchen Nebenwege und Viehpfade und Karrenpfade und Scheidewege und der Sumpf: es iſt ja ſchlechterdings unmöglich zu ſehen, in welcher Richtung der Fluß läuft, und dann ſchliefſt du, wie du weißt, und ich hatte auf Cäſar zu ſehen. und ganz einzig haſt du auf ihn geſehen, verſetzte Richardz ärgerlich. Denſelben Weg zurückzugehen, den wir gekommen ſind; nein, es iſt zu toll— Zu ſchlafen— brummte ich. Beinahe hätte es verdrießliche Geſichter gegeben; doch da wir uns kannten und herzlich liebten, hatten alle weitern Discuſſionen und Alluſionen ein Ende. Die Wahrheit zu geſtehen, war unſere Verirrung eben kein ſo großes Wunder. Es war in den letzten Tagen Mai's, als wir an den Ufern des Tenneſſee anlangten. Die Gegend rings umher iſt zum Verirren wie eingerichtet. Der Weg ſchlängelt ſich am hügeligen Felſenufer fort; jedoch kein Berg iſt zu ſehen, außer einem leichten Umriß der Appalachen ¹), die aus der blauen Ferne herüber⸗ 1) Appalachen, die Alleghanygebirge werden im Süden ſo genannt. 1 — 55— winken, und des Grange, der rieſenartig recht als Wäch⸗ ter hinpoſtirt erſcheint. Der dichte Nebel hatte uns dieſe Leitſterne entzogen, gerade als wir ihrer am meiſten be⸗ durften. Wir befanden uns in einer langen Fluß⸗ niederung, einem ungeheuren Bottom ¹), um in der Landesſprache zu reden, das als Zuckerfeld benutzt wurde, und gerade ſo viele Karrenpfade zählte, als es Eigen⸗ thümer hatte. Der Morgen war ungemein heiter ge⸗ weſen, doch Nachmittags hatten ſich die ſüdlichen und ſüdweſtlichen Ränder des Horizonts mit grauen Dunſt⸗ wolken überzogen, die ſich allmälig verdichteten und über das Flußbette des Tenneſſee hinlagerten. Den grauen meilenbreiten Streifen über dem Tenneſſee auf der einen Seite, einen mit hundert Seitenwegen durchſchnittenen Sumpf auf der andern, konnten wir noch eine Meile vorwärts gehen, bis der Nebel, der ſich vom Fluſſe all⸗ mälig über die Niederung hinzog, ſtatt uns über die Muscleſhoals 2) hinabzubringen, in den Sumpf brachte. So ſicher war ich, daß wir uns in ihrer Nähe befan⸗ 1) Boktom, Flußanſchwemmung, jede fette Niede⸗ rung oder Thalweite. 2) Muscle shoals, Muſchelbänke. Breiter Felſenriff oberhalb Florence, der ſich in meilenweiter Breite und Länge über den ganzen Fluz hinzieht. — 56— den, daß ich jeden Augenblick auf die Fähre zu ſtoßen vermeinte, bis der unglückſelige Yankee meinen Hoffnun⸗ gen ein Ende machte. Die Nacht war mittlerweile hereingebrochen; eine Nacht, ſo ſtockfinſter, ſo heillos, wie ſie in dieſer Jah⸗ reszeit häufig über dieſe ſüdweſtlichen Hinterwaldsſünder zur verdienten Strafe ihrer Miſſethaten kömmt. Ich wollte eben ſo gern auf den Newfoundlandsbänken als in dieſem Sumpfe geweſen ſein, der recht dazu gemacht war, uns mit dem Fieber zu beſchenken. Die breit⸗ ſchweifigen Direktionen des Yankee waren, wie es ſich von ſelbſt verſteht, lange vergeſſen. Es würde Eulen⸗ augen erfordert haben, auch nur einen Baum zu unter⸗ ſcheiden; ja das Gelächter dieſer lieblichen Thiere, der Nachtigallen dieſer Gegend, und der Umſtand, daß ein paar wüthend auf uns angeflogen kamen, überzeugte uns, daß ſie ihren Weg eben ſo verfehlt hatten wie wir. Wir waren jedoch auf alle Fälle übler daran, und zwar in vieler Hinſicht. Der Karrenpfad ſchlängelte ſich längs dem Waſſer, und häufig ſo nahe an dieſem hin, daß ein Fehltritt uns ganz gemächlich in die Tiefe hinab⸗ ſtürzen konnte, was bei dem augenſcheinlichen Steigen der Gewäſſer uns eine gerade nicht ſehr angenehme Aus⸗ ſicht auf ein ziemlich wäßriges Nachtlager vor Augen hielt. Ich glaube es iſt am beſten, wir ſteigen aus, hob ich an, oder wir mögen unſer Nacht⸗ und vielleicht Sterbelager im Tenneſſee finden. Keine Gefahr! erwiederte Richardß; er iſt ein alter Virginier(hiermit war unſer Gaul gemeint). Ein Stoß jedoch, der unſere Rippen und Beine krachen machte, und uns bei einem Haare rücklings aus der Gig gewor⸗ fen hätte, machte dem lakoniſchen Lobe Cäſars, der ſich auf die Hinterfüße geworfen hatte, ein Ende. Etwas muß im Wege ſein! rief hier Richardt; nun iſt es Zeit uns umzuſehen. Wir thaten ſo, ſtiegen aus der Gig, und fanden einen gewaltigen Wallnußbaum über unſerm Wege lie⸗ gend. Unſere Reiſe hatte ihr Ende erreicht. Den un⸗ geheuern Stamm zu paſſiren, oder die Gig darüber zu bringen, war eine abſolute Unmöglichkeit; die Aeſte, die zwanzig Schritte in jeder Richtung vorragten, hat⸗ ten unſerm Cäſar eine ziemlich ernſtliche Warnung er⸗ theilt. Das Wagengeleiſe war zudem ſo enge, daß an ein Umwenden der Gig gar nicht zu denken war. Wir mußten wie die Krebſe zurück. Richardt verſuchte es, den Scheideweg zu finden, und ich, die Gig zurückzu⸗ ſchieben. Wir hatten uns jedoch mehr vorgenommen, als wir — 58— leiſten konnten. Kaum war ich mit dem rechten Fuße aus dem Geleiſe, als mein Mantel bereits an einem ellenlangen Dorne hing. Mit heiler Haut durch dieſe undurchdringliche Wildniß zu kommen, war bloß für einen Geharniſchten möglich. Ich entledigte meinen Mantel ſeiner Haft, und tappte mich ſchleunig wieder zum Wagentritt. Freund Richarotz kam nach einer Weile mit den Worten: Das iſt die ſchändlichſte Wildniß im ganzen Weſten; kein Weg, kein Steg, Sumpf über die Ohren, und um mein Mißgeſchick voll zu machen, ſo habe ich mei⸗ nen Monroeſtiefel 1) im Schlamm verloren. Und ich denke, in meinem Mantel giebt es ſo viele Löcher, als Dornen an dieſem verwünſchten Akazien⸗ baume, erwiederte ich troſtweiſe. Dies waren die letz⸗ ten Worte, die noch halb und halb gute Laune athme⸗ ten; denn nun waren wir bis zur Haut durchnäßt, und ich glaube wirklich, daß unter allen möglichen Situa⸗ tionen eine naſſe die zum Scherzen am wenigſten geeig⸗ nete iſt. Den Beweis liefern beide, die Franzoſen und ihre Antipoden, die Holländer. Die erſtern nämlich 1) Monroeſtiefel, Halbſtiefel; vom Präſidenten Monroe ſo genannt. — 89— werden nur immer in heißen Juni⸗ oder Julitagen rap⸗ pelköpfiſch, und die letztern ſind bekanntermaßen nichts weniger als ſcherzhafte oder gutgelaunte Leute, ein Man⸗ gel oder, wie man es nehmen will, eine Tugend, die ohne Zweifel ihrem Vegetiren zwiſchen Dämmen und Moräſten und Kanälen zuzuſchreiben iſt. Was nun mich betrifft, ſo liebe ich ein mäßiges Abenteuer, vor⸗ ausgeſetzt es komme nicht gar zu hoch, und verabſcheue eine monotone langweilige Quäkerreiſe, wo Alles zahm und kalt und ſcheu und verſchlagen ſich hinzieht, wie dieſe guten Leute ſelbſt; aber in einem Ahornſumpfe von Nacht und Fluthen überfallen zu werden, und auf der einen Seite nicht drei Schritte den bis zum Rande an⸗ geſchwellten Tenneſſee, auf der andern undurchdringliche Wildniß, vorne einen Coloß von Wallnußbaum zu ha⸗ ben und nicht rückwärts zu können— wahrlich! mit all meiner Achtung vor Abenteuern, es war kein Scherz. Wohl, was iſt nun zu thun? fragte Richardtz, der ſich in eine echt theatraliſche Stellung verſetzt hatte, den ſtiefelloſen Fuß auf den Wagentritt ſtämmend, wäh⸗ rend der andere im Kothe ſtak. Wir ſpannen Cäſar aus und ziehen die Gig zurück, verſetzte ich mit meiner gewöhnlichen Kürze. Wollte der Himmel, unſere Aufgabe wäre eben ſo — 60— kurz geweſen; aber Wünſche gehen ſelten oder nie in Erfüllung. Wir machten uns jedoch daran, und ſchoben und hoben und trugen mit unſäglicher Mühe unſern Wagen beiläufig zwanzig Schritte zurück, wo ſich ein offenes Plätzchen zeigte. Freund Richards erfreut ſich ſehr geſunder Lungenflügel, und auch die meinigen ſind nicht die ſchwächſten. Hatten wir es nun dieſen zuzu⸗ ſchreiben oder unſerm günſtigen Geſtirne, kurz, unſere Converſation mit Cäſar wurde plötzlich durch ein lautes Hallo unterbrochen, das dicht vor uns erſchallte. Leſer! haſt du je einer hitzig beſtrittenen Wahl bei⸗ gewohnt, und deine zehn oder hundert Dollars patrio⸗ tiſch auf deinen Schützling geſetzt, und haſt du nun plötz⸗ lich und auf einmal im Schweiße deines Angeſichtes, wo dir bereits alle fünf Sinne im Branntwein und Tabaks⸗ dampfe vergingen, den Ausſpruch gehört, der dir zu dei⸗ nen hundert Dollars mit hundert Prozent verhilft; haſt du dieſes je erfahren, dann, und nur dann, kannſt du dir eine Idee von der freudigen Rührung machen, die unſre kalten Buſen plötzlich erwärmte. Das Hallo war ſo echt yankeeiſch wiedergegeben, daß die Nebel brachen, und die ganze rothe Generation, die in dieſem Sumpfe ſchlummerte, erwachen konnte. Und nun, Geduld um's Himmelswillen! ſprach Ri⸗ — — 61— cardd, und halte wenigſtens eine Viertelſtunde das Maul, ſonſt verdirbſt du alles wieder mit dieſem heillo⸗ ſen Yankee. Beſorge nichts, erwiederte ich, deſſen heißes Blut bereits ziemlich durch das Schauerbad abgekühlt war, nicht zu gedenken der Ausſicht, die ganze Nacht in die⸗ ſem jammervollen Loche zuzubringen. Gerne würde ich dem zähen Tagdiebe Auskunft über alle Butter und Kartoffeln und Mehlpreiſe in dieſen unſern Staaten ge⸗ geben haben, mit der einzigen Bedingung, daß er uns ſo bald als gefällig aus dieſem Fieberpfuhle erlöſe. Er war es wie er leibt' und lebte. Er hatte in wah⸗ rer Conecticutmanier bereits ein paar Minuten vor uns angehalten, ohne eine Sylbe von ſich zu geben. Bei⸗ nahe ſchien es, als ob er ſich an unſerer Verlegenheit weide, und gerade nicht in größerer Eile ſei, uns aus unſerem Drangſale zu erlöſen. Was uns betrifft, ſo hatten wir alle Urſache auf unſerer Hut zu ſein. Die ſauertöpfiſche Vogelſcheuche ſchien eben nicht Spaß zu verſtehen. Freund Richardt brach endlich das Stillſchwei⸗ gen mit den Worten: Schlimmes Wetter! Das könnte ich eben nicht ſagen, erwiederte der Nankee. Ihr habt nicht den zwei Frauen begegnet, denen ihr entgegen geritten? — 62— Nein, ich vermuthe, ſie werden in Florenz bei Cou⸗ ſine Kate bleiben. Ihr habt nicht im Sinne, dahin zu gehen? fragte wieder Richards. Nein, ich will heim. Doch, ich dachte, ihr wäret bei dieſer Zeit an der Fähre. Das wären wir vielleicht auch, wenn eure Wege beſſer, und ſtatt Wallnußbäumen Steine in den Löchern wären, verſetzte Richardt lachend. So habt ihr alſo heute nicht Luſt zur Fähre? Wir haben wohl das Wollen, aber das Vollbringen, Freund, ihr wißt, das iſt die Hauptſache. Ja, ſo iſt es, ſprach der Mann mit einer wahren Schulmeiſtermiene. Nun„ wenn ihr zurück nach Bain⸗ bridge wollt, ſo könnt ihr mit mir; am beſten wäre es, ihr überließet mir die Zügel, und meine Mähre mag hinten nachlaufen. Es dauerte wohl noch gute fünf Minuten, ehe der unausſtehlich langſam pedantiſche Geſelle mit ſeinen Vor⸗ bereitungen zu Ende war. Endlich zu unſerer großen Freude ſaßen wir zu Dreien in der Gig. So waren wir denn nach fünfzig Hin⸗ und Herfra⸗ gen, die einem Londoner Protokolliſten Ehre gemacht haben würden, in eine Art von Allianz mit Miſter Iſaak Shifty getreten, und waren glücklich auf dem Wege nach einer der hundert famöſen Städte Alaba mas, die ſammt und ſonders nicht ihres Gleichen in den Vereinten Staaten hatten. Ich weiß nicht wie es kommt, daß ich mich ſtets in meinen Erwartungen getäuſcht finde. Ich hatte gehofft, die Entfernung zwiſchen dem verwünſchten Ahornſumpfe und unſerm zu erreichenden Zufluchtsorte würde in einem billigen Verhältniſſe zur Annehmlichkeit unſers Lotſen, das heißt nicht ſehr groß ſein. Sie ſchien mir jedoch ungeheuer, und Horaz's Ungeduld während ſeines fa⸗ möſen Spazierganges war ein Kinderſpiel gegen die meinige. Unſer Nankee hatte überflüſſige Muße, gleich dem römiſchen Schwätzer, wenigſtens ein Duzend ver⸗ ſchiedene Subjekte und Objekte zu berühren. Das erſte, an dem er ſich verſuchte, war natürlicher Weiſe ſeine eigene werthe Perſon. Aus der hingeworfenen biogra⸗ phiſchen Notiz war zu erſehen, daß er von Conecticut, und zwar von einem gar nicht unebenen Stamme, ent⸗ ſproſſen, daß ſeine urſprüngliche Laufbahn die eines Schullehrers geweſen, daß er jedoch dieſe Carriere mit einer weniger ehrenvollen, nämlich der eines Hauſirers, vertauſcht, von dieſem zum Krämer und Ladenbeſitzer avancirt, und nun ein gemachter, ja ganz reſpectabler 040— Mann geworden, wie er modeſt uns beizubringen nicht unterließ. Zunächſt kamen die Kaufmannsgüter, die er bereits in ſeinem Laden gehabt und noch hatte, mit mehreren Seitenhieben auf einen Miſter Burſecut, der ſich zu ſeinem Rival aufzuwerfen nicht entblödet, und den der Himmel ſelbſt für ſeine Vermeſſenheit durch den Untergang von einem Dutzend Meſſern und Gabeln und Schuhen auf den Muscleſhoals zu beſtrafen nicht ver⸗ ſäumt. Dies gab ſofort wieder Veranlaſſung von den tauſend und einem Mißgeſchicken zu reden, die ſich auf dieſen weit und breit berühmten Muſchelbänken ereignen, und von dieſen mußte er natürlich auf die verſchiedenen Transportgelegenheiten kommen, deren ſich Alabamas erleuchtete Bewohner zu bedienen für gut erachten, als da ſind: Dampfſchiffe und Kielböte und Barken und Flatboats oder Flachböte, oder Breithörner, oder Archen, wie ſie auch genannt werden; dieſen rückten die bedeckten Schlitten, die Fähren, die gewöhnlichen Böte, die Dugouts, und ſchließlich die Canoes nach. Unſer Yanker überging nun in den Canaliſationsplan, mittelſt welchem die Gewäſſer des Tenneſſee mit, der Himmel weiß welchem Meere verbunden werden ſollten. Es war ein monſtröſer Plan; ſo viel erinnere ich mich noch; ob aber — 65— die Vereinigung bloß mit Raritan⸗Bay ¹) oder weiter herum mit dem Connecticutfluſſe 2) ſtatt haben ſollte, iſt mir rein entfallen. Endlich kamen wir, zu unſerer unausſprechlichen Freude, auf die Hiſtorie von Bain⸗ bridge; ein ſicheres Zeichen, bildete ich mir ein, daß wir uns dem Ziele unſerer Reiſe näherten; doch ſelbſt dieſer Freudenſtrahl, ſo gemäßigt er war, ſollte, gleich dem langerſehnten Leuchtthurme, noch eine gute Weile un⸗ ſere Geduld in Anſpruch nehmen, bevor wir in den er⸗ wünſchten Hafen reinlaufen konnten. Wir hatten zuvor noch die ganze Topographie dieſes berühmten Platzes zu hören, wie er in rechten Winkeln ausgeteicht, und wie blühend und gewerbſam er ſei, und ob wir nicht Luſt hätten uns niederzulaſſen; er, nämlich Miſter Shifty, habe ein Dutzend ganz herrliche Bauſtellen, und wie die Stadt bereits drei Wirthshäuſer enthalte, juſt die gehörige Proportion zu den zehn Häuſern oder 1) Raritan⸗Bay, die Meeresbucht, die ſich gegen⸗ über Newyork gegen Newjerſey hin zieht, und beide Staa⸗ ten von einander trennt. 4 2) Connecticut, der Hauptfluß des Staates Con⸗ neeticut, der an Newyork gränzt. Die Entfernung vom Staate Tenneſſee beträgt wenigſtens ſechshundert Meilen in gerader Linie. Transatl. Skizzen, I. 5 — 60— Neſtern, die Bainbridge bildeten; zwei dieſer Wirths⸗ häuſer oder Schenken wären jedoch vollgepfropft mit Männern; es ſei ein Canvaß ¹) zur Wahl von Flo⸗ renz, und die dritte ſei nicht viel von einer Schenke und gerade nicht die wohnlichſte. So lautete der Bericht des Miſter Iſaak Shifty, als das Wort Canvaß, electioneering ¹), demſelben plötz⸗ lich ein Ende machte. Eine Wahlvorbereitung! ſtammelte Richardd. Eine Wahl— ſtotterte ich. Wahrlich, das Wort erſtarb mir auf der Zunge bei dieſer furchtbaren Nach⸗ richt. Eine Wahl in Alabama, das ſelbſt im alten Ken⸗ tuck mit dem Ehrennamen Hinterwälder bezeichnet iſt.— Lebt wohl, Abendeſſen und Schlaf, und Bette und Stube und friſche Wäſche, nach einer ſo horriblen Tour. Wir hatten nicht Zeit eine Sylbe mehr zu ſagen, denn unſer Cäſar, der ſich ſeit geraumer Zeit durch ein Schlamm⸗Meer hindurchgearbeitet, ſtand plötzlich ſtill. Ein matt erzitterndes, in einer Atmosphäre von Tabaks⸗ rauch ſchmachtendes Talglicht, und das Gebrülle von 1) Canvaß, electioneering. Jeder Wahl geht bekanntlich eine Bewerbung, Candidatur, Canvaß, electio- neering voraus. Zuweilen iſt dieſe Candidatur ein wenig ſtürmiſch. zwanzig Kehlen bezeichnete uns den Hafen. Ein Sprung brachte uns auf etwas feſtern Grund. Während Ri⸗ chardz Cäſar an den Pfoſten band, ſchritt ich der Thüre zu, als ich beim Zipfel meines Mantels gefaßt wurde. „Hier nicht, hier nicht! dieß iſt das Haus, wo ihr einkehren müßt!“ rief Miſter Iſaak Shifty, beinahe ängſtlich auf ein naheſtehendes Mittelding zwiſchen Haus und Hütte deutend. Kehre dich nicht nach ihm, wisperte ich Richarde zu, froh, des unerträglichen Wichtes doch einmal ledig zu ſein. Bereits war meine Hand an der Klinke, und wir traten ein. 4 Da ſaßen ſie, ihre Ferſen auf dem Tiſche, und ſtanden, die nämlich, die noch ſtehen konnten, und tau⸗ melten und brüllten. Bei meiner armen Seele! ich wollte, ich wäre irgend anderswo geweſen, ſtatt in dieſer wer⸗ then Nachbarſchaft. Richardz trat zuerſt in den Haufen. Ich ſtaunte über ſeine Kühnheit, des ſtiefelloſen Fußes gedenkend; die launigen Zecher ſchienen Luſt zu haben, uns ihre geſchliffenen Manieren zu beweiſen. Sie mach⸗ ten Platz links und rechts, und ließen uns ſo eine fuß⸗ breite Allee von ſechs Fuß und eben ſo v ielen Zollen hohe Paliſaden paſſiren, während ſie uns vom Kopfe — 68— zu den Füßen muſterten. Das Mißgeſchick meines Freundes entging jedoch ihren Luchsaugen, als dieſer recht feierlich an den Schenktiſch herantrat und, ſich dem Knäuel von halb Roß⸗ halb Alligatorgeſichtern zu⸗ wendend, ausrief: Ein Hurrah für Alt⸗Alabama ¹) und der Henker ſoll den Wegmeiſter von Bainbridge County holen. 1 Biſt du toll? flüſterte ich ihm zu. So will ich doch erſchoſſen ſein, wenn er nicht das Mal dieſe fünf Knöchel auf ſeinen Leichnam eingedrückt fühlen ſoll, brüllte eine Stimme, die aus einem Mam⸗ muthsrachen ertönte, der ſich ſo eben anſchickte, ein halbes Pint Monongehala zu verſchlingen. Ehe jedoch der vierſchrötige Goliath ſeine Drohung in Ausführung brachte, leerte er noch ganz gemächlich ſeine halbe Pint Whisky, und ſchritt hierauf vorwärts, ſeine flache Hand auf die Schulter Richaroͤs mit einem Gewichte legend, der dem Armen das Ausſehen eines Gehenkten oder Verrenkten gab. Zugleich ſtarrte ihm der Gewaltige mit einem Ausdrucke ins Geſicht, in dem ſich die natürliche Härte ſeiner ſcharfen Züge und Eulen⸗ augen nichts weniger als lieblich malte. 1) Alt⸗Alabama, der Staat Alabama. — 69— Und der Henker hole den Wegmeiſter von Bainbridge, wiederhole ich! rief Richardi halb ernſt und halb lachend, indem er zugleich den überkothigen ſtiefelloſen Fuß auf den Stuhl hob. Da ſeht einmal, Jungens! er iſt beim—, mein Stiefel nämlich; der verwünſchte Sumpf zwiſchen hier und der Fähre war ſo höflich, mir ihn abzuziehen. Ein Gelächter erſchallte, das unfehlbar die Fenſter eingedrückt haben würde, wären Glasſcheiben darinnen geweſen. Glücklicher Weiſe waren ſie mit Fragmenten, alten Inexpreſſibles und einſtmaligen Röcken und Röck⸗ chen ausgeſtopft. Kommt Jungens! rief Richardz; es iſt nicht ſchlimm gemeint; aber ſicherlich, ich verlor meinen Stiefel in dieſem hölliſchen Sumpfe. Es war das glücklichſte Impromptu, das je müde Wanderer in eine ähnliche Geſellſchaft eingeführt; Friede, Harmonie und Freundſchaft waren mit einem Male her⸗ geſtellt. So mag ich wie eine Rothhaut erſchoſſen werden, wenn das nicht Miſter Richards von Alt⸗Virginien und nun vom Miſſiſippi iſt, rief unvermuthet derſelbe fürch⸗ terliche Goliath, der ſo eben ſeine flache Hand auf die Schulter Richards gelegt hatte, während ſein halb wil⸗ der Blick ſich in ein launiges Grinſen umwandelte. Möge ich nie eine Flaſche echten Monongehalas über meine Lippen bringen, wenn ihr nicht eine Pint mit Bob Shags dem Wegmeiſter leeren müßt. So war es denn der ſelbſteigene Dignitair, den Freund Richards ſo auf das Haar getroffen, obgleich mit Gefahr ſeines Schulterblattes. Ein Hurrah für Alt⸗Virginien! brüllte der Meiſter der Wege, indem er zu gleicher Zeit in ein Stück Kau⸗ tabak von dieſem unſerm famöſen Staate biß. Kommt Miſter, kommt Doktor! ſprach der Mann, während er ihm mit der einen Hand eine Rolle Tabak, mit der andern das Pintglas hinhielt. Doktor! wiederholte der vereinte Chorus der Aſſemblee. Ein Doktor! riefen ſie nochmals. Ein Mann, der Gewalt über Gin und Whisky ¹) hat, deſſen Ausſpruch als ein unantaſtbares Veto ſelbſt gegen einen Smaller ²) erachtet wird, iſt keine geringe 1) Gin, Whisky. In den V. St. wird jeder Korn⸗ branntwein Whisky genannt; Gin iſt der aus Holland im⸗ portirte ſogenannte Wachholder⸗Branntwein. 2) smaller, a small one, ein kleineres, ein klei⸗ nes— nämlich Glas— mit gebranntem Waſſer. Perſon in dieſen fieberiſchen Gegenden. In dieſem Falle hatte die Doktorſchaft den doppelten Nutzen, uns von den gewaltigen Pintgläſern zu befreien, und uns zu⸗ gleich zu privilegirten Beſuchern zu machen; ein um⸗ ſtand, der von Bedeutung in einer Wirthsſtube iſt, die ſich der ausgezeichneten Ehre erfreut, das Hauptquar⸗ tier einer Wahlpartie zu ſein. Cäſar war es zuerſt, der poſitive Vortheile von die⸗ ſer Entdeckung erntete. Bob hatte ſich einen Augen⸗ blick aus der Stube verloren; er kehrte nun mit einer wahren Protektorsmiene zurück. Miſter Richardt! rief er zutraulich, Miſter Richards! Mög ich erſchoſſen werden, wenn ihr nicht ſtets ein ſen⸗ ſibler Mann waret, der mehr reelles Blut im kleinen Finger hat, als ein Pferd zu ſchwemmen hinreichen würde. Ei, und ich will euch beweiſen, daß Bob Shags der Mann iſt. Holla Doktor! was iſt euer Gaul für ein Landsmann? Ein echter Virginier, erwiederte Richardz. Den Teufel auch iſt er's, ſchrie Bob; aber um euch meine Freundſchaft zu beweiſen, ſo will ich ungeſehen mit euch tauſchen. Mög ich erſchoſſen werden, wenn ich nicht dabei geprellt bin. Na, ich bin herzlich froh, euch wieder zu ſehen. Bob Shags darf ſich nicht — 72— ſcheuen, einem reellen Gemman ¹) ins Auge zu ſehen. Kommt Jungens! Keinen Jimmaky ²) und Slings ⁵³) und Poorgun ⁴) und ſolch hündiſches Geſäufe; echten Monongehala⸗Whisky! Hurrah für Alt⸗Virginien! Apropos, wollen wir den alten Virginier nicht beſehen? Nein, Bob, rief Richardtz lachend, eure Großmuth iſt ſo echt alabamiſch, daß ich unmöglich mich dazu ver⸗ ſtehen kann. Für diesmal jedoch muß ich ſchon meinen Alt⸗Virginier behalten. Er iſt das Leibpferd meiner Frau. Aber Swiftfoot, erwiederte Bob treuherzig und trau⸗ lich, iſt ein trefflicher Trotter. Geht nicht, war die Antwort, geht nicht; ich dürfte mich nicht zu Hauſe blicken laſſen! Bob biß ſich in die Lippen; der fehlgeſchlagene Pferde⸗ handel hatte mittlerweile das Gute, daß er uns von den Whiskygläſern befreite. Bob ſchien ganz ſeine Offerte mit dem Pintglaſe vergeſſen zu haben. Er hob es zum Munde und leerte, ſo wahr ich lebe, den Inhalt mit einem Zuge. 1) Gemman, verdorben, Gentleman. 2) Jimmaky, Jamaika⸗Rum. 3) Slings, ein Gemiſch von gebrannten Waſſern, Zucker und Zitronen. 4) Poorgun, Burgunderwein. „ — 73— Meine naſſen Kleider fingen an ſchwer auf mir zu liegen; die Atmosphäre war ſtark geſchwängert. Bob hatte mich einigemale ſchon angeblickt; nun fragte er: Und wer mag der Miſter ſein? Mein Name und Stand brachte mir eine Bewill⸗ kommung zu Wege, die buchſtäblich Thränen in meine Augen preßte. Nach jedem Drucke ſah ich, ob nicht das Blut aus den Nägeln ſpritze. Wahre Bärentatzen, rauh wie eine franzöſiſche Heerſtraße. Recht froh, Jungens, fuhr Bob im ceonfidentiellen leiſern Tone fort, daß ihr gekommen ſeid. Ich bin juſt daran, einen Verſuch für die nächſte Aſſembly ¹)⸗Wahl zu machen, und ihr wißt, es iſt allzeit gut, einen reſpectablen Ruf zu haben. Wie lange iſt es, Miſter Richardtz, daß ich von Blairsville weg bin? Acht Jahre, war die Antwort. Nein, Harry, wisperte der Wegmeiſter zutraulich, nein, mög ich erſchoſſen werden, wenn es mehr als fünf ſind. Aber, verſetzte Richards, ich bin ſeit fünf Jahren unten am Miſſiſippi, und ihr wißt— Ah bah! meinte der Mann, fünf Jahre bei meiner 1) Aſſembly, das geſetzgebende Corps eines Staates. — 14— Seele ſind's, keine Stunde mehr; verſteht ihr? ſetzte er behutſam hinzu, wenn ihr gefragt werdet. Der Candidat für öffentliche Aemter hatte nämlich von ſeinem früheren Aufenthaltsorte, dem Geburtsorte Richards, Reißaus genommen, von wegen gewiſſer Miß⸗ verhältniſſe, in die er mit dem Sherif und Conſtable 1¹) gerathen, und nachdem er einige Jahre herum vagirt, hatte er ſich endlich in Bainbridge County niedergelaſſen, wo er zu gedeihen ſchien, ſo viel es nämlich Whisky und menſchliche Schwachheit zuließen. Wir konnten nicht umhin, beinahe laut über die Wichtigkeit zu lachen, die uns Bob von den Seinigen zu geben für räthlich fand. Theophraſtus Paracelſus war ein bloßer Keſſel⸗ flicker in Vergleich mit dem weit und breit berühmten Doctor Richards; ſeine fünf und zwanzig Neger wuch⸗ ſen zu hundert in dieſer hyperboreiſchen Lunge, und meine Wildniß war unter Brüdern fünfmal hunderttau⸗ ſend Dollars werth. Es wäre gefährlich geweſen, dem gewaltigen und verſchmitzten Winoͤbeutel zu widerſprechen, da er ſtets bereit war, ſeine Ausſage mit ſeinen Bären⸗ tatzen zu unterſtützen. 1) Sherif, Conſtable, der Ober⸗ und Unter⸗ Gerichtsdiener. — 75— Endlich konnte Richards die Frage in dieſes Ge⸗ brülle einſchalten: Ihr ſeid doch nicht willens, nun zu peroriren? Mag ich erſchoſſen werden, wenn ich's nicht thue. So wahr ich lebe, ich will darauf und daran. Wohl denn, da könnten wir vielleicht noch Kleider wechſeln und unſer Abenoͤmahl abfertigen? fragte Ri⸗ chardz leiſer. Kleider wechſeln? erwiederte Bob verächtlich, und warum dies, Junge? Nicht wegen uns; ſeid ſauber genug, gut genug für uns, braucht euch nicht zu geniren. Wenn ihr aber meint, ſo mögt ihr's thun. Holla Johnny! und ſofort begann er ſeine Negozia⸗ tionen mit Johnny dem Wirthe, der zu unſerer großen Freude einen Leuchter ergriff, und uns in eine Art Hin⸗ ter⸗Parlour führte, mit der Verſicherung, daß wir auf unſer Nachteſſen nicht ſehr lange zu warten haben würden. Kein anderes Zimmer, wo wir uns unkleiden könnten? fragte ich. Ja gewiß, verſetzte der Publicaner; da iſt die Dachſtube; nur ſchlafen meine Töchter mit einem Dutzend Mädchen darin; dann iſt noch die Küche. Ich ſah betrübt darein; denn das Mädchen ſchickte ſich ſo eben an, den Tiſch zu decken, und unglücklicher Weiſe war das Stübchen durch eine offene Thür mit der Küche in Verbindung, aus welcher ein heilloſer Lärm erſchallte. Ich hätte Vieles für einen viertelſtün⸗ digen Beſitz des Zimmers gegeben. Mittlerweile ſah ich mich nach unſern Porte⸗manteaux um. Sechs kleine; es iſt nicht Büffelleder, rief ein junger Stentor aus der Küche herüber. Sechs kleine; es iſt Rinͤsleder! ſchrie ein zweiter. „Ich müßte mich ſehr irren, wenn dieſe Bengel nicht unſere Porte⸗manteaux ſo eben mit ihrer Unterſuchung beehren, bemerkte Richards, indem er auf die Küche hinwies. Das wäre doch zu toll, verſetzte ich. Aber es war wirklich ſo. Nicht, daß wir in Beſorgniß geweſen wären, die Porte⸗manteaux zu verlieren oder beſchädigt zu ſehen; aber ſie aus ihren Klauen mit guter Art zu winden, konnte nicht anders als durch einen gut an⸗ gebrachten Spaß geſchehen. Und ich fürchte dieſe Späße. Man hat immer einen Arm⸗ oder Beinbruch zu riski⸗ ren. Die Küche war geſteckt voll; in der Mitte ſtand ein Haufe von Jungen über ſechs Fuß hoch, von de⸗ nen einer ein brennendes Licht hielt. Eine der ſonoren Stimmen rief: Nein, ich zahle ſicherlich nicht, wenn ich nicht das Innere ſehe. — 7— Die jungen Geſellen debattirten ſo eben, ob der Ueberzug von den wilden Büffel⸗ oder den Ochſen⸗Spe⸗ cies herrühre. Sie hatten ſie bemerkt, als ſie in das Hinterparlour getragen wurden, und ohne weitere Um⸗ ſtände ſie zu Objekten ihrer Wetten gemacht. Es gilt ſechszehn kleine! rief mein Freund, ſie ſind von Hirſchhaut.. Sechszehn, ſie ſind es nicht! donnerten zehn Stim⸗ men mit lautem Gelächter zurück. Wohl denn, es iſt eine Wette, ſprach mein Freund; doch laßt uns zuerſt ſehen, worauf wir ge⸗ wettet haben. Platz da für den Gemman! brüllte die Wette⸗ geſellſchaft. Es ſind unſere Porte⸗manteaux, verſicherte Richardt lachend; nun freilich, die ſind nicht von Hirſchhaut. Hier iſt meine Wette. Der Dollar hatte ein Hurrah zu Folge, das noch in meinen Ohren klingt; aber er hatte auch zugleich den Vortheil, uns in den Beſitz lunſerer Porte⸗manteaux zu verſetzen. Eines war nur noch vonnöthen, nämlich der aus⸗ ſchließliche Beſitz unſerer Stube für eine Pinntelſcunde wenigſtens. Wir wünſchen einen Augenblick allein gelaſſen zu werden, ſprach ich zur Dirne, die raſch und paus⸗ bäckig aus⸗ und eintrabte, zwanzig Tellerchen und Tel⸗ ler mit Confituren, Gurken, rothen Rüben, eingemach⸗ ten Früchten auf den Tiſch ſtellend. Ich ſchloß die Thüre, während Richardt lächelnd bemerkte: das iſt gerade das ſicherſte Mittel, ſie wieder offen zu haben. Kaum waren die Worte heraus, als auch die Thüre mit lautem Gelächter aufflog. Tail! ¹) ſchrie nun einer der luſtigen Brüder. Head! ¹) entgegnete ein zweiter. Sie haben Luſt zu einem zweiten Dollar, be⸗ merkte Richardt; wohl, wir müſſen ihnen ſchon ihren Willen thun.— Head! rief er. Verloren! fiel der Chorus ein. Da iſt etwas zu vertrinken für euch, ſprach mein Freund, deſſen bewundernswerther Gleichmuth und gute Laune uns ſo glücklich durch alle Irrwege des rohen Hinterwäldlerlebens mit einer Leichtigkeit zu bringen 1) Tail und Head, Kopf und Schweif; ein belieb⸗ tes Volksſpiel. Eine Münze wird in die Höhe geworfen, und je nachdem ſie auf den Kopf oder den Adler fäll, gewinnt die eine oder die andere Partei. wußte, die wirklich einen eigenen Reiz hatte. Wir ſchloſſen nun die Thüre, und hatten hinlängliche Zeit, unſere naſſen Kleidungsſtücke mit trockenen zu vertau⸗ ſchen. Wir waren noch nicht ganz mit unſerm Ueber⸗ zuge fertig, als ein leiſes Tappen an der einzigen Scheibe, mit der das Fenſter des Stübchens verziert war, unſere Aufmerkſamkeit auf dieſen Punkt hinlenkte. Und wen ſahen unſere Augen? Es war Miſter Iſaak Shifty, der bei unſerm Eintritte in die Wirthsſtube uns den Rücken zu kehren für gut befunden hatte. Gentlemen! flüſterte der Mann, indem er eine zweite Scheibe ihres Inhaltes, nämlich des Fragmentes einer alten Weſte, entledigte, und dann bequem ſeinen Mund hindurchſteckte, Gentlemen! ich war im Irrthume. Ihr ſeid nicht zur Wahl gekommen, ſagen unſere Späher, ſondern vom untern Miſſiſippi. Und wenn wir es ſind, was denn? erwiederte ich trocken. Sagten wir euch nicht ſo? und ſo thatet ihr; aber ihr konntet mir auch einen Bären auf die Naſe gebunden haben. Und wie ihr ſeht, ſo werben ſie hier zur nächſten Wahl, und wir haben einen Widerpart in dem andern Wirthshauſe, und da wir wußten, daß ſie zwei Männer von unten herauf er⸗ warteten, ſo dachten wir, ihr wäret es geweſen. und weil ihr uns ſo auf der unrechten Seite eures Weges glaubtet, ließet ihr uns im Kothe ſtecken, mit der fröhlichen Ausſicht, das Genick zu brechen, oder im Tenneſſee zu erſäufen? bemerkte Richard laut lachend. Das gerade nicht, verſetzte der Yankee; wir würden es freilich lieber geſehen haben, wenn ihr im breiten Moraſte übernachtet hättet, im Falle ihr die be⸗ ſagten zwei Männer geweſen wäret; aber jetzt wiſſen wir, woran wir ſind, und ich bin gekommen, euch mein Haus anzubieten. Hier wird's eine gewaltige Frolic ²) geben, und vielleicht auch mehr. In meinem Hauſe mögt ihr ſo ruhig ſchlafen, wie ſonſt in einem. Das geht unmöglich an, Miſter Shifty, ſprach Richardd mit einem Blicke, der, wenn des Nankees Au⸗ gen ihre Schuldigkeit thaten, ihm geſagt haben muß, daß wir ihn durchblicken. Die Klinke der Thüre, die in die Küche führte, be⸗ wegte ſich, und ſchloß plötzlich unſere Unterhaltung. Die ſcharfen grauen Augen unſers Yankee hatten ab⸗ wechſelnd uns und die Stubenthüre bewacht, und kaum war die Klinke hörbar gehoben, ſo füllte ſich die Oeff⸗ nung am Fenſter und der Kopf unſers hoſpitablen Yan⸗ kee verſchwand wieder.. 1) Frolic, Luſtbarkeit. Er braucht uns, ſprach Richards, weil er fürchtet, unſre protegirende Anweſenheit möchte Bob zu viel Ge⸗ wicht geben. Du ſiehſt, ſie haben ihre Späher; ſollten Bob und die Seinigen es ausfindig machen, dann giebt es ein reelles Balgen. Allerdings ſind wir in einer wahren Squatter¹)⸗Höhle, ſehr unreputirlich, aber wir müſſen aushalten. Die Tafel war nun gedeckt und die Thee⸗ und Kaf⸗ feekannen dampften. Es war ein excellentes Souper, echte Alabama⸗Delikateſſen. Faſanen mit Schnepfen, oder, wie ſie genannt werden, Woodcocks, ein herrlicher Hirſchziemer, der, ungeachtet des Jagdgeſetzes, ſeinen Weg in Johnny's Behauſung gefunden hatte, und Waizen⸗, Buchwaizen⸗ und Wälſchkorn⸗ Pfannkuchen. Wir hat⸗ ten bereits den erſteren Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und waren ſo eben in Prüfung der letzteren begriffen, die, zur Ehre von Bainbridge ſei es geſagt, kein Pari⸗ ſer Reſtaurateur hätte trefflicher auftiſchen können, als die Stimme Bobs in langem Gebrülle ertönte. Bob 1) Squatter, buchſtäblich Einer, der ſich breit auf ſeinen Hüften niederläßt; figürlich Anſiedler, die ſich rechts⸗ widrig auf Ländereien niederlaſſen. Transatl. Slizzen 1. 6 hatte ſeine Canvaß⸗ oder Candidaturrede begonnen. Es war hohe Zeit, unſerm Souper ein Ende zu machen, und in die Reihe der Zuhörer des gewaltigen Wegmeiſters einzutreten, unter deſſen beſchützenden Fittichen wir bis⸗ her ſo ziemlich wohl gefahren waren, das heißt, ohne unſere Arme oder Beine gebrochen zu haben. Die Hin⸗ terwäldler Etiquette forderte unſere Anweſenheit diktato⸗ riſch, und wir, ihrem Ausſpruche Genüge zu leiſten, erhoben uns ſofort von unſerm Mahle und traten in die Verſammlung. Am Oberende der Tafel, und zunächſt dem Schenk⸗ tiſche, ſtand Bob Shags als Präſident, Sprecher, Kan⸗ didat— Alles in Allem. Ein Dintenfaß, das vor ei⸗ ner vierſchrötigen Perſonnage aufgeſtellt war, bezeichnete den Sekretair. Bobs Geſichtszüge verfinſterten ſich, als wir eintraten, zweifelsohne wegen unſerm ſpäten Er⸗ ſcheinen; doch Cicero ſelbſt hätte kaum eine geſchicktere Wendung gegen den Erz⸗Conſpirator Catilina nehmen können, als Bob bei unſerm Eintritte zu eigenen Gun⸗ ſten einſchlug. Und dieſe Gemmen, fuhr er fort, könnten euch ſa⸗ gen, ja, und ſchwarz auf weiß beweiſen, und Beweiſe geben von meiner Reſpectibilität. Mag ich erſchoſſen ſein, wenn ſie nicht die beſte iſt, juſt ſo gut, wie die des beſten Mannes in den Staaten. Nicht beſſer, als ſie ſein ſollte! fiel eine Stimme ein. Bob warf einen finſtern Blick auf den Sprecher; doch das Lächeln deſſelben ſchien gut gemeint, und alle übrigen einverſtanden. Bob räusperte ſich und fuhr fort: Ei, wir brauchen Männer, die nicht auf die Köpfe gefallen ſind und die ſchwarz von weiß zu unterſcheiden wiſſen, und ſich nicht von der Miniſtration ¹) einen blauen Dunſt vor Augen machen laſſen, ſondern unſere angebornen Souverainetätsrechte zu vertheidigen wiſſen. Mag ich erſchoſſen ſein, wenn ich einen Zoll breit weiche, ei, nicht dem Beſten; vorausgeſetzt, Jungens, ihr be⸗ ehrt mich mit eurem Vertrauen und— ja eben das müßt ihr, ſonſt— Hier unterbrach den Reoner ein donnernder Ausbruch der ganzen Wahlverſammlung: Let's go the whole hog ⁹)! 1) Miniſtration, Adminiſtration, die executive Ge⸗ walt, der Präſident mit ſeinem Cabinette. 2) Let's go the whole hogl eine etwas vulgaire Hinterwäldler⸗Phraſe; will ſo viel ſagen, als: zur Hauptſache! — 84— The whole hog! bekräftigte Bob, ſeine beiden Fäuſte auf den Tiſch auflegend; das iſt's Wahre! The whole hog!— das Volk— ei ſo habe ich nimmer gedacht!— Nun, Jungens, glaubt ihr nicht, daß un⸗ ſere großen Herren zu viel Geld koſten? Mag mich— verdammen, Jungens, wenn ich's nicht um's Drittel des Geldes eben ſo gut thue. Hört nur! ſechs Geſpänne, jedes von vier Gäulen, hätten vollauf zu ziehen, um nur das Silber wegzuſchleppen, das uns Johnny ¹) und ſeine Miniſtration gekoſtet haben. Hier, Jungens, iſt es ſchwarz auf weiß. Bob hatte einen Bündel Papiere vor ſich, die wir zuerſt für ein ſchmutziges Sacktuch gehalten, die aber die County⸗Zeitungen waren, von denen eine ganz ſinn⸗ reich den Gehalt, welchen die eben abgehende erſte Ma⸗ giſtratsperſon der Union für ihre Dienſtjahre bezogen, auf Wagenladungen reducirt hatte,— das herrlichſte Mittel, die Verſchwendung öffentlicher Gelder recht augenſcheinlich darzuſtellen. Bob hielt inne, während ſein Nachbar ſich die Brille aufſetzte und zu leſen anfing. Doch Alle fielen ein: Wiſſen es ſchon, haben es ſchon geleſen! Zur Sache! 1) Johnny, John Quincy Adams, dam. Präſid. d. V. St. Nein, rief Bob, ſchaut nur einmal!„Diplomatiſche Sendungen.“ Was ſoll das bedeuten? Wen brauchen ſie da zu ſenden? Da haben ſie einen Ginral Tariff ¹) angeſtellt, der einer der tollſten Ariſtokraten iſt, der je lebte. Und der hat ein Geſetz paſſirt, in Folge deſſen wir nicht mehr mit den Britten Handel treiben ſollen. Jeden Strumpf, jeden Meſſerſtiel hat der verhenkerte Ariſtokrat mit einem Einfuhrszoll belegt. Wo ſollen wir nun Flanelle hernehmen? Hört! Hört! rief hier einer der Zuhörer, deſſen rothes Flanellhemd wirklich einer zeitigen Fürſorge zu bedürfen ſchien. Ferner, fuhr Bob fort, haben ſie unſerer Schiff⸗ fahrt einen Schlepper zum Vortheil ihrer Manufakturen angehängt. Ihren Manufakturen— Männer! Souve⸗ raine, freie Bürger! in den Manufakturen zu arbeiten! Hört! Hört! ertönte von mehreren Seiten drohender. Aber das, fuhr Bob geheimnißvoll fort, iſt noch nicht Alles. Nein, Jungens, hört und urtheilt! Ihr, 1) Ginral Tariff, der allgemeine Tariff; hier von den Hinterwäldlern für einen General, mit Namen Tariff, genommen. — 86— * die erleuchteten freien Männer Alabamas, urtheilt und ſeht zu! Ja, die Miniſtration und die Yankees! Wißt ihr, was ſie thaten? Hört! Hört! riefen neuerdings zwanzig Stimmen. Nichts weniger haben ſie gethan, fuhr Bob fort, als Kleidung, Munition, Gewehre und Mehl und Whisky haben ſie den Creeks ¹) geſchickt. Zwei volle Schiffsladungen haben ſie geſchickt. Hier iſt's! ſchrie Bob, eine andere Zeitung auf den Tiſch werfend. Eine athemloſe Stille herrſchte während der furcht⸗ baren Beſchuldigung, die nun Wort für Wort verleſen wurde. Wir konnten beinahe das Lachen nicht mehr verhalten; doch Noth gebot. Bob fuhr ſo eben fort: und ſie wollen ſie zurück über den Miſſiſippi, und wie⸗ der in Georgien, ja— und in Alabama gleichfalls haben. Und ſie halten Reden und Verſammlungen zu ihren Gunſten, und ſagen, daß wir ihnen, dieſen Creeks, 1) Creeks, Greeks. Die erſteren ſind die bekann⸗ ten Indianer im Staate Georgien; die letzteren die Grie⸗ chen, denen bekanntlich in ihrem ſo ſonderbar beendigten Freiheitskampfe bedeutende Unterſtützungen von den Bür⸗ gern der V. St. geſandt wurden. — 87— unſere Aufklärung verdanken, und ſie haben bereits Häuptlinge, als da ſind Alexander, den ſie den Großen nennen, und Perikles und Plato, und derlei Namen, wie wir ſie unſern Negern geben. Ja, und dieſe ver⸗ wünſchten Rothhäute fechten gegen einen andern Häupt⸗ ling, den ſie Sultan heißen, und der auf der Türks⸗ inſel ¹) irgendwo gegen Oſten hauſet. Wo ſollen wir unſer Salz hernehmen? Der Sturm, der ſeit geraumer Zeit gebrauſet, brach nun in ein Gebrülle aus, das die Balken des Stamm⸗ hauſes in ſeinen Grundveſten erſchütterte. Trotz des bei⸗ nahe unwiderſtehlichen Kitzels hatten wir wacker an uns gehalten, inmitten des tobenden Sturmes jedoch er⸗ ſcholl auf einmal ein lautes Lachen, das von Beb und ſeinen Getreuen gehört wurde. Der donnernde Aus⸗ ruf: ein Späher, ein Spion! war kaum von den Lip⸗ pen des Gewaltigen ertönt, als der garze Knäuel ge⸗ gen die Thüre ſtürmte, durch welche ſch ein Perſonnage geſtohlen hatte, die allerdings zu inem ſolchen Ehren⸗ 1) Turksislands, Lürkeninſel; eine kleine Inſel, von welcher die weſtlichen Staaten, Nord, und Süd⸗Ca⸗ rolina, Georgien ꝛc. vr Salz beziehen. — 88— dienſte qualificirt ſchien. Der unglückſelige Wicht wurde gerade noch zu rechter Zeit erſchnappt und vor das hohe Tribunal gezogen. Sein Geheul brachte jedoch bald das ganze Corps ſeiner Freunde, die in der nächſten Taverne in einem ähnlichen Geſchäft begriffen waren, zu ſeinem Beiſtande. Ein Kampf war nun unvermeidlich, und dieſem zu entwiſchen unſere Hauptſorge. Wir drückten uns ſo ſchnell als möglich durch die Küche und von da in den Hof. Halt! ziſchte eine leiſe Stimme, ihr ſeid am Rande einer Pfütze, in der ein Ochs erſäufen könnte. Aha, nun werdet ihr doch meine Einladung nicht verſchmähen? Es war Miſter Iſaak Shifty, bei alle dem ein ge⸗ treuerer Pilote, als wir dachten. Im Wirthshauſe war die Schlacat ſo eben im beſten Zuge. Wir überlegten, was wohl zu thun ſei, als der Sturm ſich plötzlich zu legen begann.⸗ Was iſt das? rieyn wir alle drei verwundert, durch die Küche auf den Schlachtplatz eilend. Es war niemand anders As der Conſtable mit ſei⸗ nem Amtsſtabe, der in der Hitze der Schlacht eingetre⸗ —— — 89— ten. Sein Erſcheinen allein bewirkte, was hundert Leibgardiſten eines Despoten nicht hätten zu Wege brin⸗ gen können, augenblicklichen Waffenſtillſtand. Der Auf⸗ ruf zur Ruhe im Namen des Geſetzes hatte Bob und Compagnie wie mit einem Zauberſchlage berührt, und Friede und Eintracht waren wieder auf einmal hergeſtellt. Wir hatten eine ruhige Nacht, mit der einzigen Un⸗ bequemlichkeit, daß Bob ſich uns als Beilage anſchloß, und wir ſomit drei in eine Bettſtätte zu liegen kamen. Ehe jedoch der Morgen graute, war er von unſerer Seite gewichen. Spät betraten wir die Wirthsſtube; ſie ſtand noch immer am alten Flecke; trug aber furchtbare Male eines verzweifelten Kampfes. Bänke, Stühle und Tiſche lagen in Trümmern umher, der Fußbo⸗ den war mit zerbrochenen Krügen und Gläſern überſäet, und ſelbſt das Heiligthum, der Schenktiſch, war von einer theilweiſen Zerſtörung nicht verſchont geblieben, und als wir dem Stalle uns näherten, um Cäſar unſern Beſuch abzuſtatten, fand ich zu meinem nicht geringen Verdruſſe, meine Gig über und über mit Wahlzetteln und Hurrah's für Bob Shags beklebt, und Richarde den Schweif ſeines Cäſar ſo glatt und rein abgeſchoren, — 90— als ob die Schelme ihn barbirt hätten. Unſer Früh⸗ ſtück war jedoch vortrefflich, und wir betraten unſere Reiſe nach Florenz unter günſtigeren Auſpizien, als es Tages vorher der Fall geweſen. —Q——C—CQCOꝑ—— . — — — — — 3 — ☛ — — .— Der Auf der Höhe von Hopefield. Ja, es iſt ein erhabener, beinahe ein furchtbarer Anblick, dieſe endloſen Urwälder, Tauſende und aber⸗ mals Tauſende von Meilen in ihr nächtliches Dunkel hüllend. Wie mancher Klagelaut mag in ihnen unge⸗ hört verſchollen, wie manche Gräuelthat von den hehren Wipfeln und ihrem düſtern Schatten bedeckt ſein, vor deren bloßen Namen das ſtärkſte Männerherz erzittern würde. Scheint es doch, als ob hier die ungeheure Na⸗ tur auch ungeheure Verbrechen erzeugen müßte. Noch heute preßt es mir das Herz wie mit Zangen zuſammen, wenn ich an jene Scene denke. Ja, die Wirklichkeit iſt oft grauſamer, als die glühendſte Dichtung, ſchauder⸗ hafter, als die ſchreckenvollſte Phantaſie ſie malen kann. Wie kommt es doch, daß der göttliche Funke, der im Menſchen wohnt— ſein Verſtand— ſo ſelten zum Herzen zu dringen vermag, während der teufliſche, möchte ich ſagen,— ſeine Bosheit— bis zur innerſten Faſer hineinwühlt? Ich habe oft über den ſeltſamen Charakter nachgedacht, der mir damals aufgeſtoßen, aber mein Verſtand wurde verwirrter, je länger ich nachdachte. —————xãxãxᷓ:; 94— Es war im Anfange Decembers im Jahre 1825, als ich gleichfalls den Miſſiſippi in der Feliciana hinabging. Auf der Höhe von Hopefield, Hampſtead County ¹), angekommen, ſtreifte eines unſerer Räder an einem Sa⸗ wyer ²) und ging in Stücke, ein Umſtand, der uns zwang, vor dem Städtchen anzuhalten. Hopefield iſt ein kleiner Ort, an dem weſtlichen Ufer des Stromes, beiläufig ſechshundert Meilen oberhalb Neworleans, und fünfhundert unterhalb der Mündung des Ohio in den Miſſiſippi gelegen, mit fünfzehn Häu⸗ ſern, von denen zwei zugleich Schenken und Krämer⸗ läden ſind, die ein paar Dutzend Meſſer und Gabeln, einige bunte Halstücher, Töpfe, Pulver und Blei, und derlei Artikel zum Verkaufe darboten. Unſere Reiſe⸗ geſellſchaft beſtand aus zehn Damen, eben ſo vielen jun⸗ gen Männern und mehreren alten Herren. Nichts iſt während einer Flußreiſe erwünſchter, als eine Landpartie, und da wir in dem Oertchen gerade nichts weiter zu 1) Hopefield, die Countyſtadt der Grafſchaft Hampſtead. 2) Sawyers, Säger, große, lange, in den Schlamm eingeſtauchte Baumſtämme, die unter der Oberfläche des Waſſerſpiegels hin⸗ und herſchwanken und den Dampf⸗ ſchiffen ſehr gefährlich ſind. ſuchen hatten, ſo fand der Vorſchlag einiger unſerer Reiſegefährten, eine Excurſion in das Innere des Wal⸗ des zu unternehmen, allgemeinen Beifall. Der Sohn eines der Schenkwirthe hatte ſich zu un⸗ ſerm Führer angeboten. Wir nahmen jeder eine Jagd⸗ flinte, eine Bouteille Wein oder Cognac, um die Aus⸗ dünſtungen abzuhalten, und unſer Pilot ¹) wurde mit einem gewaltigen Schinken und einem Vorrathe Crakers ²) beladen, die uns der Capitain als gemeinſchaftliches Ei⸗ genthum aus dem Schiffsvorrathe mitgegeben. So aus⸗ gerüſtet, traten wir unſern Ausflug an, begleitet von den guten Wünſchen der Damen, die einige hundert Schritte mit uns in den Wald hinein gingen. Ich habe oft die Bemerkung gemacht, daß ein tieferes Eindringen in unſere gewaltigen Urwälder auch den munterſten Schwätzer zum Schweigen bringt. Bei die⸗ ſer Gelegenheit fand ich meine Bemerkung wieder be⸗ ſtätigt. War es der tiefe, ergreifende Ernſt, der ſich über das Halbdunkel dieſer üppigen Wildniß hingelagert hatte, die feierliche Ruhe, die bloß durch unſere Fuß⸗ 1) Pilot, Lotſe. 2) Crakers, kleiner runder Zwieback, der von Bo⸗ ſton iſt vorzüglich gut. — 96— tritte oder durch fallende Blätter unterbrochen wurde, oder hatte die ungeheure Wucht der Bäume, die mit ih⸗ ren coloſſalen Rieſenſtämmen himmelwärts anſtrebten, auf die Phantaſie meiner Geſellſchafter gewirkt, die meiſten derſelben— Nordländer, die nie über Albany oder die Saratoga⸗Quellen hinausgekommen— waren auf einmal ernſt und beinahe düſter geworden. Das Laub der Cot⸗ tonbäume, dieſes Rieſen der ſüdweſtlichen Waldungen, hatte bereits die fahle Spätherbſttbinte angenommen; nur einzelne Sonnenſtrahlen hellten den gelblich grünen Far⸗ benſchmelz zuweilen auf, und wo dieß der Fall war, gab die Lichtung und der Farben Strahlen dem Dunkel eine ſonderbar magiſche Helle, die unſere Gefährten in ſchweigendes Dahinſtarren verſetzte. Die Wurzeln und Geſträuche, die von den Bäumen zwanzig Fuß lang herabhingen, zeugten zugleich von der Macht des Stro⸗ mes, der häufig ſeine Fluthen zwanzig bis dreißig Mei⸗ len über die Ufer ſchüttet, einem endloſen See dann glei⸗ chend. Hie und da funkelte noch eine Magnolia mit ihren ſchneeweißen Blüthen, oder eine Catalpa mit dem ficus indicus und ſeinen langen Blättern und Gurken⸗ früchten, an denen glänzende Redbirds oder Peroquets hingen. Während ein paar Commis von Boſton in je⸗ dem Strauche ein wildes Thier ſahen, und zehnmal — 9— ſchon ihre Flinten auf einen gewaltigen Bären oder Panther angelegt hatten, zum nicht geringen Spaße unſeres Führers, der ihre ziemlich albernen Fragen mit einer wahrhaft vornehmen Hinterwäldlermiene unbeant⸗ wortet ließ, waren wir nach einem ſtündigen Marſche an einem langen und ziemlich breiten Sumpfe angelangt, der, durch die Ueberſchwemmungen des Stromes gebil⸗ det, ſich von Norden nach Süden beiläufig fünf Mei⸗ len erſtreckte, und einen hellgrünen, breiten Streifen kla⸗ ren Waſſers in ſeiner Mitte erblicken ließ. Das weſtliche Ufer war mit einem Anfluge von Palmetto überwachſen, dem gewöhnlichen Verſtecke von Hirſchen, Bären und ſelbſt Panthern. Dieſes nun durchzuſtöbern, war un⸗ ſere Hauptaufgabe. Wir theilten uns ſofort in zwei Partien; die erſte mit dem Führer, dem wir die Neu⸗ Engländer überließen, ſollte den nördlichen Bogen des Sumpfes umgehen, während wir den entgegengeſetzten Weg in ſüdlicher Richtung zu verfolgen gedachten. Beide ſollten in der Mitte hinter dem Sumpfe auf ei⸗ nem Pfade zuſammentreffen, der durch ein dichtes Ge⸗ hege von wilden Pflaumen und Honigakazien führte. Die Weiſungen waren ziemlich unbeſtimmt und in Hin⸗ terwäldlers⸗Manier; vieles Fragen jedoch würde unſern Führer wahrſcheinlich nur noch mehr verwirrt haben, Transatl. Skizzen I.. 7 und ſo trennten wir uns, unſern geſunden Sinnen und Taſchen⸗Compaſſen vertrauend, die mehrere von uns bei ſich hatten. Wie geſagt, die ſüdliche Richtung war uns anheim gefallen. Am äußerſten Ende des Sumpfes ſoll⸗ ten wir uns gegen Weſten wenden, und dann die nördliche Richtung längs dem Palmetto verfolgen. Bisher hatten wir, einige Züge wilder Tauben oder Eichhörnchen ausgenommen, nichts zu Geſichte bekom⸗ men, als Schlangen, die wir noch an den letzten Strah⸗ len der Sonne ſich wärmend fanden; Königsſchlan⸗ gen, mit ihren Regenbogenringen glänzend; Mocaſſin⸗ ſchlangen, die bei unſerer Annäherung ſich träge in einen Haufen Laubes einwühlten, oder eine Stierſchlange, die ſich langſam mit gebrüllähnlichem Ziſchen aufrichtete, waren hie und da noch zu ſehen;— ein ſicheres An⸗ zeichen, daß der Winter noch ziemlich ferne war. Nach einer zweiten Stunde waren wir am ſüdlichen Ende des Sees angelangt; wir wendeten uns nördlich, den See zu unſerer Rechten, das Palmettofeld zu unſerer Lin⸗ ken. Der Grund, den wir betraten, war, wie es bei Ca⸗ nebrakeboden ¹) der Fall iſt, feſter Wieſengrund; das Gras reichte bis zu unſern Knöcheln, aber unmittelbar daran 1) Canebrakeboden, Rohrfeldboden. gränzte der tiefere Sumpfboden, ſo daß uns keine Wahl übrig blieb, als durch das Rohrfeld zu brechen, oder im ſumfigen Boden fortzuwaten. Die Ufer des Sees waren mit hohen Cedern bewachſen, die vier bis fünf Fuß tief im Waſſer ſtanden, und ihre gewaltigen Kronen im ſtillen Spiegel blicken ließen. Eine Weile ſtanden wir, die maleri⸗ ſche Scene betrachtend. Der breite Streifen Waſſers dehnte ſich gleich einem ungeheuern Atlaßbande hin; die leiſeſte Bewegung der Blätter erglänzte im Spiegel. Zuweilen erhob ſich ein unmerkbares Lüftchen, das ſäuſelnd durch die Bäume und das Palmettofeld hinfuhr und ſich in kaum merklichen Wellenſchlägen des Sees verlor. Das Waſſer ſelbſt war vom friſcheſten Grün wie angehaucht, und die Millionen Stämmchen des Palmetto ſpiegelten ſich prachtvoll, gleich Myriaden von Schwertern und Lanzen, in den klaren Fluthen. In den kleinen Buch⸗ ten ſonnten ſich Schwäne, Pelikane und wilde Gänſe, ihr Gefieder zum Winterfluge putzend, die uns bis auf zwanzig Schritte herankommen ließen und dann mit rauſchendem Getöſe ihr Heil in der Flucht ſuchten. Wir hatten unſere Richtung unverdroſſen eine lange Weile gegen Norden zu verfolgt, als plötzlich ein lang⸗ ſam, aber regelmäßig auf einander folgendes Gekrache in dem Palmetto unſere Aufmerkſamkeit rege machte. — 100— Es näherte ſich etwas bedächtlichen Schrittes, und wir wandten uns mit Vorſicht und horchten. Es mochte ein Hirſch, ein Panther, oder ein Bär ſein— wahrſchein⸗ lich das Letztere. Wir beſahen unſere Gewehre, zogen die Hähne, und drangen einige Schritte tiefer ein, hör⸗ ten ein hohles Brummen, und unmittelbar darauf einen Sprung und ein Krachen und ein Getöſe, das ſich ſchnell in der uns entgegengeſetzten Richtung verlor. Einer unſerer Gefährten, der noch nie auf einer Bären⸗ jagd geweſen, drang ſo ſchnell, als er vermochte, durch das Palmettofeld, und war bald unſern Augen ent⸗ ſchwunden. Leider hatten wir keine Hunde, und nach einer halben Stunde fruchtloſen Stöberns, während dem wir noch ein zweites Mal etwas aufgejagt hatten, überzeugten ſich meine Reiſegefährten, daß ſie wohl mit leeren Händen würden zurückkehren müſſen. Nach un⸗ ſern Uhren zu ſchließen, war es Zeit, uns dem Vereini⸗ gungspunkte zuzuwenden, der jenſeits des Palmetto⸗ feldes lag, das beiläufig eine halbe Meile breit ſein mochte, und, wie uns der zurückgekehrte Bärenverfolger verſicherte, am weſtlichen Rande mit einem heilloſen Dickichte von wilden Pflaumen⸗, Apfel⸗ und Akazien⸗ bäumen begränzt war, das weder Weg noch Steg hatte. Bald überzeugten wir uns von der Richtigkeit ſeiner — 104— Angabe. Der etwas höhere Canebrakeboden ſenkte ſich nämlich in eine ſumpfige Niederung, die längs der gan⸗ zen Ausdehnung des Sees von Norden nach Süden hin⸗ lief. Wer je in einer ſolchen Wildniß geweſen iſt, wird leicht unſere Verlegenheit bei dem Umſtande begreifen, daß bereits vier Stunden von den uns gegebenen acht verfloſſen waren. Es ſchien nichts übrig, als denſelben Weg zurückzugehen. Ehe wir uns jedoch hiezu verſtan⸗ den, verſuchten wir den Pfad aufzufinden. Wir trenn⸗ ten uns demnach in verſchiedenen Richtungen; beiläufig eine halbe Stunde mochten wir uns durch Dornen und Gezweige hindurchgewunden haben, als ein lautes Hur⸗ rah uns ankündigte, daß der Pfad gefunden ſei. In kurzer Zeit waren wir alle um unſern Gefährten, der die Entdeckung gemacht, herumverſammelt; ſtatt des Pfades jedoch fand es ſich, daß es eine— Kuh war. Wir nahmen auch dieſen Fund mit gehörigem Danke, nur war zuerſt die Frage zu entſcheiden, ob es eine Streifkuh, oder eine regelmäßig jeden Abend zu Hauſe ſich einſtellende, ordnungsliebende Kuh ſei. Ein tüchti⸗ ger Ohioer löste die Frage und brachte uns die Gewiß⸗ heit, daß ſie noch dieſen Morgen gemolken worden war. Auch die wichtigere Frage, ſie zum Heimgehen zu be⸗ wegen, löste er zu unſerer Zufriedenheit, indem er ſich 1 — 102— mit ſeinem Gewehr nahe an das Thier hinſtellte und die Ladung dicht an oder in den Schweif abſchoß. Das Thier machte einen gewaltigen Satz, und ſprang dann durch das Dickicht, als ob es von einer Meute toller Hunde verfolgt wäre; wir nach. Des Thieres Bekannt⸗ ſchaft mit der undurchdringlichen Wildniß hatte uns bald auf einen Weg geleitet, auf dem wir ziemlich ſchnell fol⸗ gen konnten. So gelangten wir ſendlich an den Pfad zu dem angedeuteten Rendez-vous. Unſere Schritte wurden nun langſamer, und wir folgten gemächlich der Spur des Thieres. Wir hatten beiläufig eine Meile zu⸗ rückgelegt, als wir eine ſtarke Helle in der Ferne be⸗ merkten, die eine ziemlich große Lichtung vermuthen ließ. Bald darauf ſahen wir Zäune und Wälſchkornfelder, und endlich im Hintergrunde ein Wohnhaus, aus Stämmen aufgeführt, deſſen rauchende Kamine uns der Anweſen⸗ heit eines Hinterwäldlers verſicherten. Das Haus lag fried⸗ lich auf einer ſanften Anhöhe. Es war mit Clapboards (Dachdauben) gedeckt, und hatte im Rücken eine Scheuer mit den nöthigen Wirthſchaftsgebäuden, wie man bei Hinterwäldler⸗Anſiedelungen von einigem Wohlſtande ge⸗ wöhnlich trifft. Am Hauſe rankten Pfirſichbäume hinan, vor demſelben ſtanden Gruppen von Papaws, und das Ganze gewährte einen ausgeſucht ländlichen Anblick. — 403— Als wir die Umzäunung überſtiegen, kamen ein paar Bullenbeißer mit aufgeſperrtem Rachen auf uns heran⸗ geſtürzt. Wir wehrten die immer wüthender werdenden Thiere noch immer von uns ab, als ein Mann aus der Scheune trat und wieder dahin zurückkehrte. Nach we⸗ nigen Sekunden kam er ein zweites Mal in Begleitung zweier Neger, die dieſelbe Kuh bei den Hörnern nach ſich zogen, die wir ſo ſchleunig zum Rückzuge genöthigt hatten. Wir grüßten den Mann mit einem: Guten Morgen! Er gab keine Antwort, und maß uns mit einem kalten, finſtern Blicke. Er war groß, nervig und breitſchulterig; ſein Geſicht ausdrucksvoll, aber unge⸗ mein düſter, beinahe zurückſtoßend. Es war etwas Un⸗ ruhiges, Raſtloſes in dem Weſen des Mannes; man gewahrte es beim erſten Anblicke. Ein ſchöner Morgen, ſprach ich, näher an den Mann zutretend. Keine Antwort. Der Mann hielt die Kuh bei bei⸗ den Hörnern und ſein Auge ſtierte auf den Schweif des Thieres, von dem einzelne Blutstropfen herabfielen. Wie weit iſt es von hier nach Hopefield? fragte ich nun. Weit genug, um es nie zu erreichen, wenn ihr auf meine Kuh Jagd gemacht habt, erwiederte er drohend. — 4104— Und wenn wir es gethan haben, ſo werdet ihr hof⸗ fentlich nichts Arges dabei denken. Es war bloßer Zufall. Solche Zufälle ereignen ſich nicht oft. Leute ſchie⸗ ßen nicht auf Kühe, wenn ſie nicht im Sinne haben, anderer Leute Fleiſch zu eſſen. Ihr wähnt doch nicht, fiel der ſchuldige Ohiomann ein, daß wir eure Kuh zu unſrer Zielſcheibe gemacht, wir, die nicht mehr im Sinne hatten, als einige Trut⸗ hühner auf unſer Dampfſchiff zu bringen. Wir ſind Paſſagiere von der Feliciana; eines unſerer Räder iſt an einen Sawyer gelaufen, und das iſt die Urſache, warum unſer Schiff bei Hopefield vor Anker liegt, und wir hier ſind. Der Mann hatte mit echter Ohio⸗Umſtändlichkeit das Argument auseinandergeſetzt; der Hinterwäldler gab je⸗ doch keine Anrwort, und wir gingen dem Hauſe zu. In der Stube fanden wir ſein Weib. Auch in ih⸗ ren Zügen hing etwas Düſtres, doch nicht in dem Grade abſchreckend, wie es bei ihrem Manne der Fall war. Bei ihr ſchien Gram mehr vorherrſchend. Können wir etwas zu eſſen haben? fragte ich das Weib. Wir ſind keine Wirthsleute, war die Antwort. Unſre Partie kann nicht mehr fern ſein, ſprach einer — 405— unſrer Gefährten. Wir wollen ihnen das Vereinigungs⸗ zeichen geben. Und mit dieſen Worten entfernte er ſich einige Schritte in der Richtung eines Cottonfeldes. Halt! ſprach der Hinterwäldler, vor ihn hintretend; ihr geht keinen Schritt weiter, bevor ihr Auskunft ge⸗ geben, woher ihr kommt.. Woher ich komme? ſprach unſer Gefährte, ein jun⸗ ger Doctor der Medicin aus Tenneſſee; das braucht weder ihr, noch irgend ein Mann in der Welt zu wiſſen, der auf eine ſolche Weiſe fragt. Wenn ich mich nicht irre, ſo ſind wir in einem freien Lande. Und mit dieſen Worten ſchoß er ſein Gewehr ab. Das Echo ſchlug ſo gewaltig und majeſtätiſch von dem hehren Wald⸗ kranze herüber, mit dem die Pflanzung eingefaßt war, daß die zwei andern ebenfalls ihre Gewehre abzuſchießen Miene machten. Ich winkte ihnen jedoch, und ſie hiel⸗ ten inne. Es ſchien mir nicht überflüſſig, auf alle Fälle vorbereitet zu ſein, obwohl wir nicht im mindeſten ern⸗ ſten Beſorgniſſen Raum gaben. In wenigen Minuten wurde ein Schuß gehört— die Antwort auf unſer Signal. Macht euch keine unnöthige Unruhe, ſprach ich; un⸗ fre Compagnons haben unſer Signal gehört, und ſie werden ſogleich hier ſein. Was eure Kuh betrifft, ſo könnet ihr wohl ſo vielen geſunden Menſchenverſtand — 406— haben, um einzuſehen, daß fünf Reiſende nicht nach etwas jagen werden, das weniger denn werthlos für ſie iſt. Während ich noch ſprach, kam unſere zweite Partie mit dem Führer aus dem Walde hervor, der Letztere mit zwei fetten wilden Truthähnen beladen. Er grüßte den Hinterwäldler als einen alten Bekannten, zugleich hatte aber dieſer Gruß etwas ſo Theilnehmendes und zugleich Zurückhaltendes, als mit ſeinem ſonſtigen derben und ziemlich rauhen Weſen ſeltſam Contraſtirte. Wohl, Miſter Clarke? ſprach er. Noch nichts ge⸗ hört?] Thut mir ſehr leid. Der Hinterwäldler gab keine Antwort; aber ſeine trotzige Miene überging plötzlich in ein finſteres Dahin⸗ ſtarren; eine Thräne, ſchien es mir, drang ſich in ſeine Augen. Miſtreß Clarke! ſprach der Führer zum Weibe, die von der Vorhalle herabkam; dieſe Gentlemen hier wün⸗ ſchen einen Biſſen zum Mittagseſſen. Sie haben genug gejagt, däucht es mich; wir haben Ueberfluß an Allem. Wollt ihr wohl ſo gefällig ſein, uns etwas zu bereiten? Das Weib ſtand ohne ein Wort zu ſprechen; der Mann ebenſalls. Beide hatten etwas ſo abſchreckend Störriſches, ſo etwas ungewöhnlich Verſtocktes, als mir noch nie bei den Hinterwäldlern vorgekommen. Wollt ihr ſo gut ſein, wiederholte der Führer, uns einen Truthahn zu braten, mit etwas Schinken und Eiern? Keine Antwort. Der Mann hielt die Hörner der Kuh, ſtarr und finſter auf die Erde blickend, und das Weib ſah ihren Mann an. Wohl denn! ſprach der Doctor, hier läßt ſich nichts erwarten; wir verlieren nur unſre Zeit. Laßt uns auf einen Baumſtamm niederſitzen und unſere Schinken und Crackers koſten. Der Führer winkte uns bedeutſam und näherte ſich dem Weibe, mit dem er angelegentlich ſprach. Doch ſie gab keinen Laut von ſich. Frau! ſprach der Doctor, Etwas muß mit euch oder in eurer Familie vorgegangen ſein, das euch ſo verſtimmt hat. Wir ſind fremd, aber nicht gefühllos. Sagt an, was fehlt euch? Vielleicht läßt ſich ein Mittel finden. Der Mann blickte auf, das Weib ſchüttelte das Haupt. Was iſt es? fragte ich ſie, mich ihr nähernd, das euch bekümmert? Hülfe kommt oft, wenn es am we⸗ nigſten erwartet wird. Etwas, das ſahen wir nun wohl ein, war hier vor⸗ gefallen, das erſchütternd, ſchmerzlich ſein mußte. Klei⸗ nigkeiten ſind nicht leicht im Stande, die Nerven dieſer gewaltigen Menſchen ſo fürchterlich zu ſpannen. — 4108— Das Weib trat, ohne ein Wort zu ſprechen, zum Führer, nahm ihm einen Truthahn und die Schinken ab, und ging dann in das Haus. „ Wir folgten und traten in die Stube. Nachdem wir uns um die Tafel geſetzt, langten wir nach unſern Bou⸗ teillen. Der Mann brachte Gläſer und ſetzte ſie vor uns hin. Wir ſchenkten ein und drangen in ihn, ſich an uns anzuſchließen; hartnäckig jedoch wies er unſre wiederholten Einladungen zurück. Wir wurden es end⸗ lich müde, gute Worte an ihn zu verſchwenden. Unſre Geſellſchaft beſtand, wie geſagt, aus zehn jungen Män⸗ nern. Zwei Bouteillen waren bereits geleert, und wir fingen an etwas munter zu werden, als unſer Wirth plötzlich von ſeinem Seſſel vor dem Kaminfeuer aufſtand, und, vor den Tiſch hertretend, ſprach: Gemmen! Ihr müßt nicht denken, daß ich ein grober Mann bin, aber ich muß euch gerade heraus ſagen, daß ich in meinem Hauſe keinen Lärm leide. Es iſt kein Haus zum Lachen; ich verſichere euch bei— und nachdem er ſo geſagt, ſetzte er ſich wieder hin, ſtützte ſeinen Kopf in beide Hände, nnd verſank in ſein voriges Hinſtarren. Vergebung! ſprachen wir, aber wirklich, wir haben nicht vermuthet, daß unſre Fröhlichkeit euch beleidigen könnte. — 409— Der Mann gab keine Antwort, und ſo verging eine halbe Stunde in Flüſtern und Vermuthungen. Endlich deckte ein Negermädchen die Tafel. Nach vielen und eindringlichen Bitten, Theil an unſerm Mahle zu nehmen, ſetzten ſich Wirth und Wirthin zu uns. Er koſtete nun ein Glas Cognac, und leerte es auf einen Zug. Wir füllten es; wieder trank er es aus und wieder wurde es gefüllt. Als er das dritte Glas geleert hatte, entſtieg ihm ein ſchwerer Seufzer; dem Mann wurde augenſcheinlich leichter. Gemmen! ſprach er, ihr werdet mich für ſtöckiſch und rauh gehalten haben, als ich euch traf, wie ihr meine Kuh gejagt; aber ich ſehe nun, wen ich vor mir habe. Aber möge ich erſchoſſen werden, wenn ich ihn je finde, ſo will ich ihm auch eine Kugel durch den Leib jagen, und ich verbürge mich, er wird kein zweites Mal Buben ſtehlen. Buben ſtehlen? ſprach ich. Iſt einer eurer Neger geſtohlen worden? Einer meiner Neger, Mann? Mein Sohn, mein einziger Sohn! Mein ehelich gezeugter Sohn! Ihr Kind! auf ſein Weib deutend, unſer Bube iſt geſtohlen! Unſer Bube, der uns allein von fünf Kindern übrig ge⸗ blieben, die das Fieber uns genommen, die wir begra⸗ — 140— ben haben. Ein Bube, ſo rüſtig, ſo geſcheid, ſo lieblich, ſo flink, als je einer in dieſen Hinterwäldern geboren ward. Da haben wir uns nun hieher geſetzt, in die Wildniß, haben Tag und Nacht gearbeitet, haben Mühe und Gefahren ausgeſtanden, Hunger und Durſt, Hitze und Kälte. Und für wen? Hier ſitzen wir allein, ver⸗ laſſen, kinderlos, troſtlos, betend, und weinend, fluchend und ächzend. Nichts hilft, Alles umſonſt. Nein, ich werde noch wahnſinnig! Wenn er todt wäre! Wenn er hinten unterm Hügel an der Seite ſeiner Brüder und Schweſtern läge, ich wollte nichts ſagen. Gott hat ihn gegeben, er hat ihn genommen! Aber Allmächtiger! Der Mann ſtieß einen Schrei aus, ſo fürchterlich, ſo grauenerregend, daß Weiber und Kinder der Neger zur Thüre hereinſtürzten, und Gabel und Meſſer unſern Händen entfielen. Wir ſahen ihn ſprachlos an. Gott allein weiß— fuhr er fort, und ſein Haupt ſank auf ſeine Bruſt; plötzlich richtete er ſich jedoch auf und ſchüttete ein Glas nach dem andern hinab. Und wie trug ſich dieſer ſchreckliche Diebſtahl zu? fragten wir. Das Weib, ſprach er, kann's euch ſagen. Sie war von der Tafel aufgeſtanden und dem Bette zugeſchwankt, auf welches ſie ſich ſchluchzend und heu⸗ — 4414— 2 lend ſetzte. Es war wirklich eine erſchütternde Scene. Der Doktor ſprang auf und führte ſie wieder zur Tafel; wir blickten auf ſie, ängſtlich Aufſchluß über das unge⸗ heure Verbrechen erwartend. Geſtern waren es vier Wochen, begann ſie; Miſter Clarke war in dem Buſche, ich war im Wälſchkornfelde den Leuten nachzuſehen, die Kolben einſammelten. Ich blieb ziemlich lange bei den Leuten; die Sonne wies bereits auf eilf; der Morgen war aber ſo ſchön, wie er je auf das Miſſiſippithal geſchienen, und ihr wißt, die Leute arbeiten nicht gern, wenn ſie es anders können, und ſo blieb ich denn. Dachte dann, mußt wohl nach Hauſe gehen und das Mittagsmahl für die Leute kochen, und ſo ging ich denn. Ich weiß nicht; aber als ich ſo durchs Feld dem Hauſe zuging, war es mir, als ob mir's plötzlich zuriefe: Laufe was du kannſt! und ich lief was ich konnte. Etwas kam über mich, etwas, gleich einer Angſt, einer Furcht. Ich rannte ſo ſchnell ich konnte. Als ich zum Hauſe kam, ſah ich Ceſi ¹), unſern ſchwar⸗ zen Buben, auf der Hausſteige ſitzen und allein ſpielen. Ich hatte aber noch immer keinen Gedanken an das, was 1) Ceſi, Diminutiv von Cäſar, ein gewöhnlicher Name von Sklaven und Pferden. -— 4412— kommen ſollte. Ich ging ins Haus und in die Küche, ohne etwas Arges zu gedenken. Als ich mich ſo umſah um Keſſel und Pfannen, fiel mir mein Dougl ¹) ein. Ich ließ die Pfanne ſtehen und lief zur Thüre; da kam mir Ceſi entgegen.„Miſſi!“ ſagte er,„Dougl iſt weg.“ „Dougl iſt weg?“ ſagte ich,„wohin iſt er denn, Ceſi?“ „Weiß nicht,“ ſagte Ceſi;„er iſt mit einem Manne weg, der auf einem Pferde gekommen.“„Mit einem Manne, der auf einem Pferde gekommen?“ ſagte ich. „Um Gotteswillen, wohin kann er denn gegangen ſein? Was iſt denn das?“„Weiß nicht,“ ſagte Ceſi.„Und mit wem iſt er denn gegangen, Ceſi? ſagte ich. Ging er freiwillig?“„Nein, er ging nicht freiwillig,“ fagte Ceſi;„aber der Mann ſprang von ſeinem Pferde, hob Dougl zuerſt darauf, ſetzte ſich dann hinter ihn und ritt weg.“„Ritt weg?“ ſagte ich,„und du kennſt den Mann nicht?“„Nein, Miſſi!“ ſagte Ceſi.„Erinnere dich, Ceſi!“ ſchrie ich,„um Gotteswillen, erinnere dich, kennſt du den Mann nicht?“„Nein,“ ſagte Ceſt, „ich kenne ihn nicht.“„Haſt du nicht aufgemerkt, wie er ausſah, Ceſi?“ ſagte ich;„war er ſchwarz oder weiß?“„Ich weiß nicht,“ ſagte Ceſi.„Haſt 1 1) Dougl, Diminutiv von Douglas. du ihm nicht ins Geſicht geſehen, Ceſi?“ feagte ich. „Er hatte ein rothes Flanellhemd vor'm Geſicht,“ weinte Ceſi.„Weißt du denn nicht, wie der Mann ausſah, lieber Ceſi?“„Er hatte einen Rock und ein Pferd,“ ſagte Ceſi.„Weißt du nicht den Namen des Mannes, Ceſi?“— war es Nachbar Symmes, oder Banks, oder Medling, oder Barns?ꝗ—„Nein,“ weinte Ceſt. Gerechter Gott! ſchrie ich, was iſt das? Was iſt aus meinem armen Kinde geworden! Ich lief vor⸗ wärts, ich lief zurück; ich lief in den Buſch, ich lief auf die Felder; ich ſchaute, ich rief. Je länger ich rief, deſto größer wurde meine Angſt. Zuletzt rannte ich zu den Leuten und holte die Mutter des Ceſt. Ihr, dachte ich, wird er es vielleicht ſagen, was aus meinem Kinde geworden. Sie lief herein mit mir; ſie fragte den Buben, wie der Mann ausſah. Sie verſprach ihm Pfefferkuchen, neue Hoſen, eine neue Jacke, Alles in der Welt— der Bube weinte, konnte aber nichts mehr ſagen. Dann kam Miſter Clarke. So weit das Weib. Als ich hereinkam, fuhr der Mann fort, war der 1 Schrecken des Weibes ſo groß, daß mir auf der Stelle einleuchtete, daß es ein Unglück gegeben. Aber an ſo etwas hätte ich in meinem Leben nicht gedacht. Als ſie mir das Ganze erzählt, ſagte ich ihr, um ſie zu tröſten, Transatl. Skizzen. I. 3 8 — 414— daß irgend einer unſerer Freunde oder Nachbarn den Buben mit ſich genommen; aber ich ſelbſt glaubte es nicht; denn welcher meiner Nachbarn würde ſich eine ſo dumme Freiheit mit meinem einzigen Kinde wohl er⸗ laubt haben? Ich würde ihm wahrlich nicht gedankt haben für ein ſolch einfältiges Weſen. Ich nahm Ceſi noch einmal vor, und fragte ihn, wie der Mann aus⸗ ſah; ob er einen blauen oder ſchwarzen Rock angehabt? er ſagte einen blauen; wie ſein Pferd ausgeſehen? braun, ſagte der Bube; welchen Weg er genommen? dieſen Weg, ſagte der Bube, und deutete auf den großen Sumpf.— Ich ſandte ſogleich alle meine Neger, Männer, Weiber und Mädchen, rings herum zu meinen Nachbarn, um meinen Buben aufzuſuchen, und ihnen zu ſagen, was vorgefallen. Ich ſelbſt nahm den Weg längs dem Pfade, auf welchem ich wirklich Pferdehufſpuren fand. Ich folgte der Spur bis zur Bayon; dort verlor ich ſie. Der Mann war mit ſeinem Gaule und meinem Kinde in ein Boot gegangen, hat vielleicht über den Miſſiſippi geſetzt, iſt vielleicht längs dem jenſeitigen ufer hinabgegangen— wo er gelandet, weiß Gott. Er mag vielleicht zehn, zwanzig, vielleicht funfzig, hundert Meilen unterhalb ans Land gegangen ſein. Meine Angſt wurde ſchrecklich; ich ritt auf Hopefield zu. Nichts war da von meinem — 41415— Kinde geſehen oder gehört worden; alle Männer aber ſetzten ſich auf ihre Gäule, um mir mein Söhnchen ſuchen zu helfen. Alle meine Nachbarn kamen, und wir ſuchten einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Nichts, nichts hatten wir gefunden. Niemand hatte meinen Buben geſehen, Niemand den Mann, der ihn weggeführt. Wir ſtöberten den Wald dreißig Meilen im Umkreiſe meines Hauſes durch, ſetzten über den Miſ⸗ ſiſippi, gingen hinauf bis nach Memphis und hinab bis nach Helena und dem Yazoofluß— nichts war zu ſe⸗ hen oder zu hören. Wir kamen zurück, wie wir aus⸗ gezogen waren: keine Spur, kein Zeichen. Als ich nach Hauſe kam, fand ich die Leute aus dem ganzen County vor meinem Hauſe. Neuerdings zogen wir aus, neuer⸗ dings durchſuchten wir den Wald. Ich hatte nicht Raſt, noch Ruhe. Jeden hohlen Baum unterſuchten wir, je⸗ des Gebüſch;— Hirſche, Bären und Panther fanden wir in Menge, doch nicht meinen Buben. Am ſechsten Tage meines verzweifelnden Lebens kehrte ich zurück. Mein Haus war mir zum Schrecken geworden; Alles verdroß mich, Alles ekelte mich an. Ich war zerfleiſcht, meine Knochen geſchunden, aber mein Inneres litt tau⸗ ſendmal mehr als mein Leib. Ich war krank an Leib und Seele und lag im Bette, als am zweiten Tage — 4116— nach meiner Heimkehr einer meiner Nachbarn zu mir kam, und mir meldete, daß er ſo eben in Hopefield von einem Manne von Muller County gehört, daß ein Frem⸗ der auf der Straße von New⸗Madrid geſehen worden, der der Beſchreibung entſpreche, die wir von dem Räu⸗ ber meines Sohnes hatten. Der Mann ſollte einen blauen Rock und einen braunen Gaul haben, und auf dem Sattelknopfe einen Knaben. Ich vergaß meine Krankheit, meine wunden Glieder; ich erhandelte mir ſogleich einen friſchen Gaul, ich hatte die meinigen zu Schanden geritten. Ich ſetzte dem Manne an demſelben Tage nach, ritt Tag und Nacht, ritt dreihundert Mei⸗ len bis New⸗Madrid, und als ich in New⸗Madrid an⸗ kam, ſo ſah ich mit Schmerzen den Mann und Gaul und das Kind. Es war nicht mein Bube. Es war ein Mann von New⸗Madrid, der von einem Beſuche in Muller County mit ſeknem Sohne zurückgekehrt war. Wie ich heim kam, weiß ich nicht. Nicht weit von Hopefield fanden mich die Leute und brachten mich nach Hauſe. Ich war vierzehn Tage krank, und wußte nicht, was um mich her vorging. Meine Nachbarn hatten unterdeſſen die Anzeige von der gräuelvollen That in die Zeitungen ſetzen laſſen, in alle Zeitungen von Arkanſas, Tenneſſee, Miſſiſippi, Miſſouri und Louifigna; ich war — 117— mit meinen Freunden Tauſende von Meilen geritten— Alles vergebens!—— Nein! ſchrie er mit einem herzzer⸗ reißenden Stöhnen, wäre mein Kind mir vom Fieber ent⸗ riſſen, hätte ihn ein Bär oder Panther zerriſſen: es würde mich ſchmerzen, bitter ſchmerzen; es war mein letztss Kind. Aber, barmherziger Gott, geſtohlen! Mein Sohn, mein armes Kind geſtohlen!— Der Mann ſchrie laut, ſprang auf, rannte in der Stube herum mit gerungenen Händen und wie ein Kind weinend. Selbſt das Weib war nicht ſo ſchrecklich vom Schmerze ergriffen. Wenn ich an die Arbeit gehe, fuhr er ſchluchzend fort, ſo ſteht mein Dougl vor mir, und meine Hände hängen herab, ſo ſteif, ſo ſchwer, als wären ſie von Blei. Ich ſchaue mich um und ſchaue mich um, aber kein Dougl iſt zu ſehen. Wenn ich zu Bette gehe, ſo ſtelle ich ſein Bett vor's unſrige hin und rufe ihn— kein Dougl iſt zu ſehen. Dougl ſteht vor mir, ich mag ſchlafen oder wachen. Wollte Gott, ich wäre ſchon todt! Ich habe geflucht und geläſtert, geſchworen und gebetet, ich habe geweint und geheult,— es iſt aber Alles vergebens.— Ich habe manchen Leidenden geſehen, aber nie ſah ich einen, dein das ſchmerzlichſte Weh ſich ſo tief ins Herz gegraben, wie dieſem Hinterwäldler. Sein Leiden — 148— war wirklich gränzenlos. Wir bemühten uns, ihn zu tröſten, ihm Hoffnungen einzuflößen; des Mannes Blick war ſtarr; ich zweifle, daß er ein einziges unſerer Worte vernommen. Uns ſelbſt hatte Mitleiden mit ſeinem Zu⸗ ſtande mit einer Gewalt ergriffen, die die Worte auf der Zunge erſtickte. Wir brachen bald hernach auf, ſchüt⸗ telten die Hände des unglücklichen Ehepaares, und ver⸗ ſprachen, alles Mögliche beizutragen, um dieſer räth⸗ ſelhaften gräuelvollen That auf die Spur zu kommen, und ihnen wieder zu ihrem Kinde zu verhelfen. Ich hatte oft des armen Vaters gedacht, und in Verbindung mit meinen Freunden mir alle erdenkliche Mühe gegeben, dieſer Abſcheulichkeit auf die Spur zu kommen; alle unſere Bemühungen jedoch waren verge⸗ bens. Dieſer Kindesraub zirkulirte in den Zeitungen, wurde das Theegeſpräch jeder Familie; Belohnungen wa⸗ ren angeboten, Unterſuchungen gemacht, aber auch nicht die mindeſte Spur war entdeckt worden. Sechs Wochen waren verfloſſen, als Geſchäfte mich nach Natchez riefen, wo ich an einem heitern Januar⸗ Nachmittage ankam. Ich hatte ſo eben das Dampfſchiff verlaſſen, und ging in Begleitung einiger Bekannten von der untern Stadt den Lehmhügel hinan, der zur obern — — — 449— führt, als ein verworrenes Getümmel an unſre Ohren ſchlug. Auf der Höhe angekommen, ſahen wir einen ſich immer vermehrenden Volkshaufen vor dem Hauſe des Friedensrichters B— r. Wir eilten, zu ſehen, was es gebe. Die Menge beſtand aus den beſſern Klaſſen von Natchez, Weibern, Männern, Kindern, aber vorzüglich den erſteren. Zugleich war in den Geſichtszügen eine Aengſtlichkeit zu leſen, eine Theilnahme, die auffallend mit dem Tumult contraſtirte, der ſonſt bei ſolchen Ver⸗ ſammlungen zu hören iſt. Ich bemerkte Mütter, die ihre Kinder mit einer inſtinktartigen Heftigkeit in die Arme preßten, und convulſiviſch ihre Hälſe umfingen, gleichſam als! befürchteten ſie, ſie würden ihnen entriſſen. Auf meine Fragen erfuhr ich, daß der Kindesräuber end⸗ lich entdeckt, oder vielmehr, daß ein Mann verhaftet worden, der des an Miſter Clarke von Hopefield County begangenen Kindesraubes ſich ſtark verdächtig gemacht.. Ich war von Herzen über eine Nachricht erfreut, welche endlich Aufſchluß über die ſo fürchterliche Verletzung der heiligſten Naturrechte zu geben verſprach. Ich drückte mich vorwärts, aber die Frauen hatten eine ſo ſtarke Stellung genommen, daß alle meine Bemühungen frucht⸗ los blieben. Es war ein allerdings für Frauen wichti⸗ ger Criminalfall; aber jedem von uns mußte die gräß⸗ — 120— liche Sicherheits⸗ und Eigenthumsverletzung von unend⸗ licher Wichtigkeit ſein. Wir ſtanden ſo nahe an zwei Stunden; die Menge mehrte ſich, Niemand wich. Alle Fenſter waren mit Köpfen vollgepfropft. Endlich öffnete ſich die Thüre, und der Gefangene, in der Mitte von zwei Conſtables, hinter ihnen der Sherif, kam aus dem Hauſe, um in das Gefängniß abgeführt zu werden. Das iſt er, murmelten die Frauen mit hohler, hei⸗ ſerer Stimme und bleichen Geſichtern, auf den Mann deutend, als er durch die lebende Gaſſe hindurchgeführt wurde, und zugleich hielten ſie ihre Kinder feſter mit fieberhaftem Krampfe. Und wahrlich, wenn das äußere Gepräge den innern Menſchen verräth, ſo mußte dieſes der Kindesräuber ſein. Es war das abſtoßendſte Geſicht, das mir je vorgekommen; eine hündiſch verſtockte, ſtumpf⸗ ſinnige, heimtückiſche Phyſiognomie, mit einem teufliſch⸗ finſtern hohnlachenden Ausdrucke. Man hielt unwillkürlich den Athem an, indem man in dieſes Geſicht blickte. Seine grauen Augen waren auf die Erde geheftet; nur zuweilen ſchoß er einen Blick, in dem die Hölle ſich ſpiegelte, auf die Anweſenden, wie ſie ihre Kinder feſt in den Armen hielten. Beim erſten Anblicke ſah man, daß er ein Irländer war. Er war etwas über Mittel⸗ — 121— größe, ſeine Geſichtsfarbe ſchmutzig grau, ſeine Wan⸗“ gen hohl, ſeine Lippen ungewöhnlich groß; der ganze Menſch ekelhaft, wild ausſehend. Seine Kleidung beſtand aus einem abgetragenen blauen Fracke, eben ſol⸗ chen Beinkleidern, einem hohen runden ſchäbichten Hute und ſehr zerriſſenen Schuhen. Der Eindruck, den ſein Erſcheinen hervorbrachte, ſchien ſich in den erblaſſenden Geſichtern der Menge zu malen. Alle ſahen ihm mit einem langen, verzweifelnd hoffnungsloſen Blicke nach, als er dem Gefängniſſe zuging.„Wenn dieſer Mann das Kind geſtohlen hat,“ murmelten mehrere,„dann iſt es verloren.“ Ich eilte nun, den Friedensrichter zu ſehen, der mir folgende Aufſchlüſſe gab. Beiläufig vier Wochen nach unſerer Excurſion in der Grafſchaft Hampſtead hatte Miſter Clarke ein Schreiben erhalten, das mit dem Namen Thomas Tutti unterfer⸗ tigt, und das Poſtzeichen von Natchez am Couverte hatte. Der Vater wurde darin benachrichtigt, daß ſein Kind am Leben ſei, daß Schreiber des Briefes von ſei⸗ nem Aufenthalte wiſſe, und daß, wenn er, Miſter Clarke, eine Fünfzig⸗Dollars⸗Banknote in ſeiner Ant⸗ wort einſchließen wolle, der Verwahrungsort des Kin⸗ des ihm angezeigt werden ſolle. Der Schreiber verlangte ferner, daß Miſtreß Clarke allein, ohne Begleitung, — 122— an dem zu bezeichnenden Orte erſcheine, daß ſie zwei⸗ hundert Dollars mehr mit ſich bringe, und daß nach Be⸗ zahlung dieſer Summe ihr Söhnchen ihr ausgeliefert werden ſolle. Der bejammernswerthe Vater hatte kaum dieſen Hoff⸗ nungsſtrahl erhalten, als er auf den Rath ſeiner Freunde und Nachbarn ein Schreiben an den Poſthalter zu Nat⸗ chez abſandte, in welchem dieſer von dem Vorgange un⸗ terrichtet und zugleich aufgefordert wurde, die Perſon anhalten zu laſſen, die um die Antwort anfragen würde. Vier Tage nach Erhalt dieſer Aufforderung kam auch wirklich der oben beſchriebene Irländer an das Poſtbü⸗ reau⸗Fenſter, und erkundigte ſich, ob kein Brief unter der Adreſſe„Thomas Tutti“ angekommen wäre. Wäh⸗ rend der Poſthalter den Mann unter dem Vorwande auf⸗ hielt, daß er unter den Briefen nachſehen wolle, ſandte er um den Conſtable, der, bereits von dem Falle un⸗ terrichtet, ſogleich herbeieilte und den Anfrager in Ver⸗ wahrung nahm. 6' ergab ſich bei der Examination, daß er ſich einige Zeit in und um Natchez aufgehalten und bemüht hatte, eine Schule zu errichten. Da er je⸗ doch keine Auskunft von ſeinem frühern Thun und Trei⸗ ben geben konnte, ſein Betragen auch ſonſt höchſt auf⸗ fallend und verdächtig erſchienen, ſo war ihm ſein Vor⸗ haben nicht gelungen, und die Wenigen, die ihm ihre Kinder anvertraut, hatten ſie bald wieder zurückgenom⸗ men. Damals nannte er ſich Thomas Tutti. Nichts deſto weniger läugnete er, daß dieſes ſein eigentlicher Name ſei, oder daß er den Brief abgeſandt, der aller⸗ dings von einer geübten, wenn auch nicht ſchulmeiſter⸗ lichen Hand geſchrieben zu ſein ſchien. Aus dem Ver⸗ höre erhellte es ferner, daß er vollkommen mit den Pfa⸗ den und Wegen zwiſchen Natchez und Hopefield, und der von letzterem Orte zu der Wohnung des Vaters füh⸗ renden Straße, ſo wie den Bayous, Sümpfen und Flüſſen und ihrer Tiefe und Schiffbarkeit bekannt ſei. Es war hinlängliche Evidenz vorhanden, und er wurde auf das Factum, daß er um die Antwort auf das Geld erpreſſende Schreiben angefragt, den Gerichten überant⸗ wortet, was zu gleicher Zeit dem Vater des geraubten Kindes kund gethan wurde. Nach fünf Tagen kam der unglückliche Vater mit dem Negerknaben. Die ganze Stadt bezeugte dem tief⸗ gebeugten Vater die innigſte Theilnahme. Man ſchritt zu einem zweiten Verhör; alle Anwälde waren zugegen und hatten ihre Dienſte unentgeldlich angeboten. Man nahm die früheren Ausſagen des Irländers zur Grund⸗ lage der gegen ihn ſprechenden Evidenz, und bemühte — 4124— ſich, etwas Näheres über den Aufenthalt des Knaben aus ihm herauszubringen; aber allen Fragen ſetzte er ein hartnäckiges Stillſchweigen entgegen. Der Neger⸗ knabe erkannte ihn nicht. Zuletzt gab er zu verſtehen, daß bloß die Hoffnung, Geld vom Vater herauszulocken, ihn zum Schreiben des Briefes vermocht habe. Kaum war jedoch dieſe Ausſage zu Protokoll genommen, als er ſich mit einem teufliſchen Hohnlachen zum Vater wandte und ihm zuflüſterte: Ich will euch doch noch elender machen, als ihr mich zu machen im Stande ſeid. Zugleich bedeutete er ihm, daß er an einem gewiſſen Orte die Kleider ſeines Sohnes finden würde. Der Vater reiste mit einem der Conſtables an den bezeichneten Ort, fand richtig die Kleider, und kehrte nach Natchez zurück. Der Beſchuldigte wurde neuer⸗ dings vor die Schranken geführt, und verſicherte nach vielen Widerſprüchen, daß das Kind noch am Leben, wenn man ihn aber länger im Gefängniſſe behalten würde, dem Hungertode ausgeſetzt ſei.— Nichts in der Welt konnte ihn bewegen, auch nur eine Sylbe für weitere Aufklärungen von ſich zu geben. Die Quarter⸗Seſſions waren mittlerweile herange⸗ kommen. Eine ungeheure Menſchenmenge hatte ſich ver⸗ ſammelt. Man hatte Alles aufgeboten; Verheißungen, ——. Verſprechungen von Freiheit, und ſelbſt die ausgeſetzte Belohnung wurde ihm zugeſichert— der Mann ſchwieg. Es waren ſtarkſprechende Vermuthungen, aber immer noch kein Beweis für ſeine Theilnahme am Raube vor⸗ handen. Die aufgeklärteſten Anwälde waren der Mei⸗ nung, daß der verzweifelte Menſch, von Noth getrie⸗ ben, Gelderpreſſung durch ſein Schreiben beabſichtigte. Für dieſes Verbrechen und als Vagant wurde ihm eine mehrmonatliche Gefängnißſtrafe zuerkannt. Dieſer Ausſpruch war weit entfernt, den Richtern ſelbſt oder den Anwälden zu genügen. So milde ſind jedoch die Geſetze, die die freien Bürger dieſes Landes ſich ſelbſt gegeben, ſo human der Geiſt der Auslegung, daß man auch dem verzweifelten ausländiſchen Böſe⸗ wichte nicht ihrer Begünſtigung berauben konnte oder wollte, ſo ſehr ſich das Innerſte eines Jeden gegen eine ſolche Begünſtigung empörte. Es war wirklich etwas ſo Hölliſches in dem finſtern Hohnlachen dieſes Mannes, die Luſt, die er an den Qualen des Vaters und der Menge zu empfinden ſchien, ſo wahrhaft teuf⸗ liſch, daß man ſich eines kalten Schauders bei ſei⸗ nem Anblicke nicht erwehren konnte. Die kalteſten An⸗ wälde verſicherten, ihre Bruſt ſei beengt, und ſie fän⸗ den weder Worte noch Gedanken. Es war mit einem — 126— Worte ein allgemeines Gefühl des Schrecks! und Schau⸗ ders. Die Bewohner von Natchez, beſonders der Ober⸗ ſtadt, ſind eine ſehr achtbare Klaſſe von Menſchen, mit einem hohen Grade von politiſcher und intellectueller Bil⸗ dung, allein bei dieſer Gelegenheit riß ihre Geduld, und ihr warmes Gefühl verleitete ſie zu einer Handlung, die nur das Scheußliche dieſes Verbrechens entſchuldigen konnte. Ohne vorläufige Uebereinkunft verſammelten ſie ſich in der Nacht vom 31. Jänner, mit dem feſten Vor⸗ ſatze, für dieſes Mal die Milde der Geſetze hintan zu ſetzen und einen wirkſamern Verſuch mit dem Gefange⸗ nen zu machen. Einige der angeſehenſten Einwohner nahmen ihn aus ſeiner Zelle, während mehrere ſtarke Neger mit Rindsſehnen verſehen wurden. Dieſe nun wurden auf ihn in Anwendung gebracht. Mit jedem Hiebe ſchien die Kraft des Schlagenden zuzunehmen. Eine lange Zeit beobachtete der Gefangene ein hartnäcki⸗ ges Stillſchweigen; der Schmerz jedoch wurde zu groß, und er verſprach ein volles Bekenntniß. In einem Hauſe beiläufig fünfzig Meilen oberhalb Natchez am Miſſiſippi, ſo lauteten ſeine Worte, lebt eine Familie, deren Oberhaupt im Stande iſt, den Verwah⸗ rungsort des Knaben anzugeben.— Der Sherif war natürlicher Weiſe während dieſer Execution abweſend ge⸗ — 127— weſen und hatte ſie ignorirt, ohne ſie zu mißbilligen. Kaum hatte er jedoch die Wirkung dieſes illegalen Ein⸗ ſchreitens erfahren, als er noch in der Nacht mit dem Vater nach dem bezeichneten Orte aufbrach. Er kam daſelbſt am folgenden Mittage an, fand eine ſehr ach⸗ tungswerthe Familie von Hinterwäldlern, die wohl von dem begangenen Raube, aber weiter auch nichts wußten. Die bloße Zumuthung der Theilnahme an der Gräuel⸗ that ſchien die ehrlichen Hinterwäldler aufs tiefſte zu ver⸗ letzen. Der Gefangene hatte, wie es ſchon ſo oft ge⸗ ſchehen, wieder ſein Spiel mit ihnen getrieben. Die geſpannte, ſo oft getäuſchte Hoffnung hatte den armen Vater aufs Krankenlager geworfen. Er lag meh⸗ rere Tage im Kampfe zwiſchen Leben und Tod. Das Publikum war müde, erſchöpft; der Schmerz erſchlafft. Die Strafzeit des Gefangenen war mittlerweile verlau⸗ fen. Es war während dieſer Zeit Alles aufgeboten wor⸗ den, den Böſewicht zu einer Mittheilung zu bewegen; nichts als ſtumpfſinniges Hohnlachen war die Antwort geweſen. Man konnte ihn nicht länger feſthalten, und in Bezug auf den Kindesraub wurde er auf das Noli prosequi freigelaſſen. Dem Vater war gerathen wor⸗ den, ſich, wo möglich, noch einmal mit ihm ins Ver⸗ nehmen zu ſetzen.— Beide Eltern warfen ſich dem Un⸗ — 128— geheuer zu Füßen, der verſtockt ſein Auge wegwandte, und höhniſch dem Vater zuflüſterte: Du haſt mich elend machen wollen, ſei du es nun. Der unglückliche Mann ſprang auf und bedeutete dem Entlaſſenen, daß er ihm folgen müſſe. Sie ſetzten über den Miſſiſippi. Hinter Concordia angekommen, beſchwor der Vater nochmals den Irländer, ihm um Gotteswillen den Verwahrungsort ſeines Sohnes zu ſagen, ihm drohend, wenn er es nicht thun würde, ſollte er nicht lebend aus ſeinen Händen kommen. Der Irländer fragte, wie lange er ihm Zeit geben wolle. Sechs und dreißig Stunden war die Ant⸗ wort. Eine Weile ging der Elende neben den Eltern in tiefen Gedanken verſunken, dann, plötzlich auf den Vater zuſtürzend, riß er dieſem eine Piſtole aus dem Gür⸗ tel und drückte ſie ihm auf die Stirne ab. Die Waffe verſagte; da ſprang er auf ein Bayou zu, dem ſie ſich genähert hatten, und kaum war er im Waſſer, als dieſes über ihn zuſammenſchlug und er verſank. Nach einer Stunde wurde ſeine Leiche gefunden. Von dem Söhnchen des unglücklichen Vaters wurde nie wieder etwas gehört. ¹) 1) Ueber die ſo eben angeführte Thatſache, die ſich zu Ende des Jahres 1825 zugetragen, findet man in allen Zeitungen des Miſſiſippi⸗Staates ausführliche Berichte. Der Name des unglücklichen Vaters iſt beibehalten. gekommen spät u 2 ₰ o der Miſſiſig p i, a m cenen S 1. Transatl. Ski⸗zen. Endlich einmal tauchen ſie auf, die heimathlichen Ufer, mit ihren gewaltigen Kränzen von Liveoaks ¹), ſo herr⸗ lich umſchlungen von beinahe mannsdicken Reben, in deren Schatten wir uns ſo oft ergingen. Cäſar wurde immer unruhiger, und überließ ſich Freudenausbrüchen, welche die Hälfte unſerer Schiffsgeſellſchaft vom Verdecke wegſcheuchten. Das edle Thier hatte ſich ungemein gut während der erſten acht Tage unſerer Fahrt betragen; es war ſo müde; kaum konnte es ein Glied bewegen, als wir Florenz verließen. Nun hatte es ſich wieder erholt, und ſeine Munterkeit fing an uns läſtig zu wer⸗ den. Bereits ſeit einer Stunde hatte ich ihn in ſeinem Verließe zu bewachen und ihm zu ſchmeicheln, ſonſt würde der Tollkopf ſicher durchgebrochen ſein, zum nicht geringen Schrecken zweier Damen, die, bis zum Kinn in ihren Shawls ſteckend, gewaltiges Aergerniß zu neh⸗ men ſchienen. Mit Richardt war nun nichts anzufan⸗ gen, das ſah ich deutlich. Seit dem früheſten Morgen war kein Wort aus ihm herauszubringen geweſen; auf das 1) Liveoaks, Immergrün, Eichen; das beſte, dauer⸗ hafteſte und zäheſte Schiffsbauholz, von der Marine der V. St. ausſchließend benutzt. . — 132— linke Ufer hinſtarrend, ſchwelgte er bereits im Vorge⸗ fühle der Wonne, die ſeine Ankunft verurſachen werde. Ein Beſuch bei ſeinen Eltern hatte ihn nun über vier Monate von Hauſe und ſeinem reizenden Weibe entfernt gehalten. Er war noch nicht volle ſechs Monate ver⸗ mählt, als er abreiste.— Glücklicher Menſch! Welch ein ſüßes Gefühl iſt die Heimath, dieſer Ruheort für den Müden, dies Paradies ſeiner irdiſchen Freuden, wenn ein gleichgeſinntes Weſen unſerer Ankunft entge⸗ genharrt, wenn ein zartfühlender Buſen höher ſchlägt und lauter klopft, ſo wie unſere Fußtritte nahen!— Leider habe ich dieſe Freuden nie gefühlt. Meine Hei⸗ math haben Fremdlinge inne; bloß die kalten Herzen von Miethlingen und Sklaven warten meiner. Das Ge⸗ fühl meiner Verlaſſenheit ergriff mich nie ſo bitter, ſo wehmuthsvoll, als in dieſem Augenblicke; es war, als ob ſchneidende Schwerter durch mein Inneres zuckten. Cäſar brach neuerdings in ein wildes Toben und Stampfen aus. Selbſt der hat eine Heimath; er hat ſie nicht vergeſſen, die Eingangslaube von Chinabäu⸗ men, mit ihren leichten und glänzenden Blättern und den Tauſenden ihrer Blüthen und Beeren, wie ſie in der Morgenſonne erglänzen, als ob ſie von dem Athem eines Zauberers angehaucht wären. Und ſeine Grüße, 8 ſie werden von einer ganzen Koppel Hunde beantwortet. Es iſt Aufruhr in der ganzen Pflanzung. Zuerſt gucken ein paar rabenſchwarze Wollköpfe hinter der Orangen⸗ laube hervor und verſchwinden eben ſo ſchnell; dann kömmt eine Heerde klaffender Hunde, die etwas zu wit⸗ tern ſcheinen. Sie locken eine Truppe von Knaben und Mädchen herbei, die ſich ohne weitere Umſtände auf ihre Rücken pflanzen, und dafür tüchtig heruntergewor⸗ fen werden. Dieſen folgen ihre erwachſenen Brüder und Schweſtern, und endlich die ganze Sippſchaft Japhets. Doch nun fliegt eines der lieblichſten Weſen durch die Thür und die Terraſſe herab, dem Laubengange zu, augenſcheinlich vom Dampfſchiffe etwas erwartend. Sie ſcheint noch immer in Zweifel; man ſieht es, mit welch reizender Ungeduld ſie dem Boote entgegen⸗ ſieht, das zu langſam für das ſüße Weib ſich nun dem Ufer zuwendet. Wie ſie eilig hin und wieder trippelt, als wollte ſie die Eile des Schiffes durch ihre Bewe⸗ gung beſchleunigen, und ihm Schnellkraft geben.— Es iſt Clara, das reizende Weib meines Freundes. Beneidenswerther Junge! Eine Thräne zittert in ſei⸗ nem Auge, als er dieſe reizende Hälfte ſeines Ichs und ihre reizendere Ungeduld erſieh Dreimal war ſie aus der Laube hervorgekommen; nun erſcheint ſie ein viertes — 134— Mal, dem Ufer zu⸗ und wieder zurückeilend, und gleich⸗ ſam ſchmollend über die unausſtehliche Langſamkeit des Schiffes. Endlich hat es angelegt, die Brücke iſt ge⸗ worfen, und Richards rennt— fliegt auf's Ufer. Sie kann nicht widerſtehen; ſie eilt aus der Laube; ein Au⸗ genblick länger— und ſie liegt in ſeinen Armen; zieht ihn jedoch— des Weibes Zartgefühl iſt ſtets rege— verſchämt ins Innere der duftenden Verborgenheit. Mein Auge folgte den Glücklichen, und flog dann über meine Reiſegefährten, die ſtill und beinahe ehrfurchtsvoll dem holden Bilde der Vereinigung zugeſehen hatten. Selbſt die rohen Schiffsleute ſchienen gerührt; kein grober Scherz, kein hämiſches Lächeln entfuhr ihnen. Die reine eheliche Liebe zweier Neuvermählten hat etwas ſo rührend Zartes in ſich, daß ſelbſt gröbere Seelen ſich ergriffen fühlen. Ich Verlaſſener ſtand wie ein armer Sünder da, ſchüttelte dann dem Capitain und meinen Reiſegefährten die Hände, ordnete Cäſar und die Gig ans Ufer und folgte. Die treuen Hunde ſprangen bel⸗ lend und tobend um mich herum, gleichſam als erwar⸗ teten ſie von mir, was ihnen ihr Herr im Drange ſeiner Liebe verſagte, einen freundlichen Gruß. Und mit ihnen ein Dutzend Wollköpfe jeden Alters, vom zweijährigen Wechſelbalge bis zum erwachſenen Mädchen; wie ſie ſich herandrängen, die kleinen Schelme, umherpurzeln vor Freude, und jauchzend aufſpringen, um dann bittend ihre Hände emporzuhalten. Ich weiß, was ſie wollen: ein Escalin ¹) iſt das erſehnte Ziel ihrer Wünſche. Sie ſoll ihnen nicht fehlen, die kleine Gabe, die ſie einige Tage glücklich machen wird. Ja, glücklich ihr, die ihr das Herbe eurer Lage noch nicht fühlt, die ihr das Schreckliche des Fluches ewiger Sklaverei noch nicht empfunden habt! Und zweimal glücklich, wenn das Schickſal euch erlaubt, in harmloſer uUnwiſſenheit dem Tage entgegen zu harren, der auch euch in die Zahl freier Weſen verſetzen wird. Ja, er wird kommen, dieſer Tag, der uns geſtatten wird, das zu verſöhnen, was unſerer Väter Machthaber an euch verbrochen haben. Sonderbar, der Anblick der fröhlichen Weſen, die um mich herumgaukeln, hat mich ernſt geſtimmt. Es iſt Zeit, meine Freunde zu ſehen; doch die erſten Augen⸗ blicke des Wiederſehens ſind ſo koſtbar, ſo ſüß; ich muß noch warten. Wie Vieles mögen ſie ſich zu ſagen haben, das dem Ohre des Freundes ſelbſt verborgen bleiben muß! 1) Escalin, Schilling, 12 1 Cents, ſo in Louiſiana genannk. Ich ſteige die Treppe hinan, und verweile auf der Te⸗ raſſe. Noch eine Weile. Ich nähere mich der Thüre. Beinahe ſcheint es mir, als ob ich überflüſſig ſei. Wie⸗ der halte ich. Endlich fällt meine Hand auf den Drücker, die Thüre geht auf. Ich ſehe ſie beide Arm in Arm verſchlungen, ohne geſehen oder bemerkt zu werden. Ich will mich zurückziehen. Doch nein— ſolch ein An⸗ blick iſt nicht oft wieder zu ſehen. Wie ſie ſich um⸗ ſchlungen halten! Es iſt ein herrliches Paar. Er eine wahre Apollogeſtalt, mit einer Adlernaſe, feurig ſchwar⸗ zen Augen, in denen man ſich nicht ſatt ſehen kann, denn mit jedem Blicke ſieht man tiefer in eine freie Seele, die ein wenig ſtolz und ſelbſtbewußt, aber männlich und feſt iſt. Als er ſo da ſtand, ſein Weib in ſeine Arme geſchloſſen, ſeine Lippen an die ihrigen gepreßt.— Sie das Modell einer Hebe, mit den ſanften, weichen und doch ſo begehrenden, mädchenhaften Zügen, wie ſie ſo ſtand, oder vielmehr hing in ſeinen Armen, zu ihm auf⸗ blickend mit dem reizend vertrauenden Geſichte, ihr gan⸗ zes Weſen zitternd vor Freude und ſüßem Verlangen. Ich wollte, ich hätte ſie nicht unterbrochen. Sie ſahen mich jedoch nicht; ſie hatten zuviel an ſich zu ſehen. Sein Auge ſchien nun etwas zu ſuchen; er blickte im Zimmer umher, und ſie, mit Erröthen ſeine Hand faſſend, —ů ,— — 12— führte ihn durch die Flügelthüren, durch die Polly ſo eben tanzte, einen kleinen Engel im Arme. Der dreimal Glückliche! Er fiel über das arme Mädchen gleich einem Raſenden her, und bei einem Haare wäre ihr die ſüße Bürde entwiſcht. Er fing ſie jedoch auf, hob ſie in ſeine Arme, und nun begann ein Tanz im Zimmer, ein Tanz, den der trockenſte Quäker lieb⸗ lich gefunden haben müßte, vorausgeſetzt, es ſchlage ein Herz an der linken Seite und kein Dollarbeutel. Wie⸗ der umſchloß er ſein Weib, und ſofort überhäufte das liebliche Paar den jungen Bürger mit ſo ungeſtümen und zahlreichen Beweiſen ihrer älterlichen Zärtlichkeit, daß er zuletzt in die lauteſten Proteſtationen mittelſt Zappelns und Weinens ausbrach. Wenn je eine Scene mich mein Hageſtolzthun be⸗ dauern ließ, und die Grundlage zu veränderten Geſinnun⸗ gen wurde, ſo waren es dieſe funfzehn Minuten; denn volle funfzehn Minuten dauerte es, ehe mein werthes Selbſt in Betrachtung gezogen wurde. Ich ſchüttelte noch die Hand Claras, als Mappa, der Leibkutſcher beider Herrſchaften, in die Stube trat.„Die Pferde ſind angeſpannt,“ meldete der ſchwarze Squire. Du weißt noch nicht, lispelte ſie, daß ſie heute in der Helen Mi Gregor(Name eines Dampfſchiffes) nach dem Norden aufbricht. Ich war ſo eben im Begriffe, ihr Lebewohl zu ſagen; doch deine Ankunft änderte dies, und ſie wird entſchuldigen, wenn ſie hört— Sie wird nicht, verſetzte Richards; nein, wir müſſen ſie ſehen. Sie würde es uns nie verzeihen. Aber du biſt ſo müde. Wie ſollte ich auch. Ich komme ſo eben vom Dampf⸗ ſchiffe, und wenn ich's wäre, ſo würde dies mich kei⸗ neswegs abhalten, die Buſenfreundin meiner Clara zu ſehen, der ich ſo vieles verdanke. Ja, und einen beſorgten Anwald hatteſt du, drohte ſie mit ihrem Finger, und hätte ſie nicht ewig von dir geſchwatzt, der Himmel weiß, was geſchehen wäre. Doch, fügte ſie im leiſern Tone hinzu, ich habe Glei⸗ ches mit Gleichem vergolten: ſie iſt verſprochen. Du ſchriebſt mir von dem Plane der Tante, ent⸗ gegnete Richarde eben ſo leiſe. Ich hoffe jedoch, die Sache ſei noch nicht ſo weit gediehen. Sie iſt es;— doch, du wirſt hören. Ihr habt eine halbe Stunde zum Umkleiden, und eine andere zum Luncheon ¹); das Dampfſchiff wird um vier Uhr erwartet. 1) Luncheon, ein Imbiß, vor dem Mittagseſſen ge⸗ nommen, beſteht gewöhnlich aus kalten Speiſen. und was mit Howard thun? wisperte er ihr zu; du kennſt ſeine Abneigung gegen die Tante. Ich zweifle, daß du etwas in dieſem Punkte ausrichteſt. Gegen die Tante aufgebracht? wisperte ſie. Du machſt mich ſtaunen; das iſt etwas ganz Neues. Und ſie iſt doch ſo ganz ſein Bewunderer, beinahe ſollte ich glauben, ſie habe— Da ſteckt der Haken. Sie ſann eine Weile nach, nickte zuverſichtlich, und lispelte dann: Er muß mit. Und mit dieſen Worten kam ſie auf mich zugetrippelt. Ich hatte kein Wort von der Unterredung verloren, und dachte: komme nur, du ſollſt mich ſo ledern finden, als wie Miſter Shifty naſſen Andenkens. Sie ſind doch von der Partie zur Tante? fragte ſie mit dem einſchmeichelndſten Lächeln, während ſie meine Hand ergriff. Nicht für diesmal, war meine Antwort; ich bin froh, daß wir im Hafen eingelaufen ſind. Selbſt dann nicht, wenn ich Sie einer Schönheit zu⸗ führe, einer Schönheit, die Verſtand hat, Verſtand wie ein gewiſſer Miſter Howard? Danke für das Compliment; es iſt ein armſeliges. Es ſind ja bloß vier Meilen. — 140— Zuviel, wenn es nur ſo viele Ruthen wären. Wie Sie doch ſo nüchtern und amphibiös ſein können. Ein wahrer Hageſtolz. Wollen Sie ſelbſt dann nicht gehen, wenn ich Ihnen ſage, wem ich Sie zuführe? Nein, meine ſchöne Dame. Ihre Hartnäckigkeit iſt wirklich impertinent. Wollen Sie ſelbſt nicht gehen, um Emilie Warrens zu ſehen? Sie gehen, Emilie Warrens zu ſehen? fiel ich ziem⸗ lich raſch ein. Wie? ich dachte, ſie wäre in New⸗ Orleans? Der Wind ändert ſich erſtaunlich, bemerkte Clara trocken, ihrem Manne ſich zuwendend. Ich ſah darein, als hörte ich ſie nicht; aber die Lockſpeiſe hatte gefangen. Und war es ein Wunder nach den Scenen, die ich ſo eben geſehen? Richardh hatte von eben dieſer Emilie ſtets in ſo hoher Begeiſterung geſprochen; er, der ſo kühl, ſo gemäßigt, ſo geizig in ſeinem Lobe war, wenn es dem zweiten Geſchlechte galt. War es ein Wunder, wenn meine Neugierde, mein In⸗ tereſſe aufgeregt waren? Aber dann die unglückſelige Miſtreß Houſton mit ihrer verfolgenden— Liebe kann ich's nicht nennen. Dieſes langbeinige Ding, hager, mager, mit Armen und Beinen wie ein Hochländer, 5 und hervorragenden Backenknochen; eine leibhafte Clans⸗ — 141— genoſſin; dabei flach wie unſere Breithörner oder Fach⸗ böte. Sie iſt das unausſtehlichſte Weſen, das je in Petticoats ¹) geſteckt; das Beſte an ihr ſind noch ihre fünf und vierzig Jahre. Freilich hat ſie einige gute Seiten: ſie iſt ſehr reich, ſehr reſpectabel, wie es ſich von ſelbſt verſteht, und ſehr rationell, einen einzigen Punkt ausgenommen: ihre Baumwolle iſt beinahe sea islands ²2). Aber ihre armen Neger! Potemkin übte nicht größere Zwingherrſchaft über die bärtigen Subjekte Ihrer Moskowitiſchen Majeſtät aus, als der gallſüchtige Miſter Twang über die Körper dieſer armen Teufel. Und dann ihre Züge, beſonders wenn ſie ſich in Haß oder Hohn falten, wenn ihr ein armer Wicht zur unrechten Zeit unter die Augen tritt. Ihr ganzes Weſen verräth dann Abſcheu; es iſt häßlich, beinahe grauſig.— Und in dieſen Händen iſt Emilie? fragte ich mich zehnmal. Ich war vorzüglich ihr zu Liebe nach Hauſe zurückgekehrt; ſie hatte meine Neugierde zu kitzeln angefangen, und nun ich ſie kennen lernen ſollte, iſt ſie wieder auf dem Sprunge, in die weite Welt zu ſegeln. Mir war nicht 1) Petticoats, Unterröckchen; weibliche Kleidung äberhaupt, ſcherzweiſe genannt. 2) Sea islands, die berühmte Baumwolle der In⸗ ſeln Georgiens. wohl zu Muthe. Mädchennarr, wie ich war, es ahnte mir, ich ſollte zuletzt leer ausgehen. Ich ſann und ſann, ganz vergeſſend, daß Richardi und ſeine Frau ſchon fünf Minuten vor mir ſtanden, ſich bedeutſame Blicke zuwerfend. Ich ſehe wohl, ſprach ſie mit einem ſonderbar ſpitzen Lächeln, daß Sie nicht zu bewegen ſind. Je nun, um Sie zu verbinden, will ich mit; doch, aufrichtig geſagt, bloß um Sie zu verbinden. Es wäre wirklich unzart, ein ſo großes Opfer von Ihnen zu verlangen, erwiederten die ehelichen Verbünde⸗ ten mit einem Gelächter, das mich ſo ziemlich als einen Haſenfuß bezeichnete. In einer halben Stunde waren wir mit unſerer Toi⸗ lette fertig, in einer zweiten war das Luncheon genom⸗ men; und dann ſetzten wir uns, beſiegt von der weib⸗ lichen Diplomatie, in den Wagen. In einem Wagen mit einem kaum zwölf Monate verbundenen und ſich herzlich liebenden Paare zu ſitzen, das ſich die letzten vier Monate nicht geſehen hat, iſt eben nicht ſehr zeitvertreibend. Die jungen Leute haben ſich ſo viel zu ſagen, ſo viele Geheimniſſe zuzuflüſtern, burz, ſelbſt die philanthropiſchſten ſind ſo haushälteriſch mit jeder Sekunde, ſo ſelbſtſüchtig, daß einem Dritten kaum etwas anderes zu thun übrig bleibt, als— nichts zu thun, und eine ſtumme Rolle zu ſpielen. Ich konnte mich ſelbſt nicht an meinen jungen Mitbürger halten, der in Polly's Armen lag, da er ſo oft hin und wieder paſ⸗ ſirte, daß es vergeblich geweſen wäre, mich mit ihm befaſſen zu wollen; ſo war ich denn gezwungen, meine Aufmerk⸗ ſamkeit in's Weite, nämlich auf den Miſſiſippi, zu richten. Ja, es iſt ein großartiger Anblick dieſer Miſſiſippi zu allen Zeiten, aber beſonders, wenn er, wie jetzt, bis an den Rand gefüllt iſt. Man behauptet, er ſei hier am tiefſten, und ich bin ſelbſt der Meinung; denn wei⸗ ter unten ſind die Bayous, die einen bedeutenden Theil ſeiner Gewäſſer abführen. Der Strom iſt beiläufig zehn Fuß geſtiegen, und die Strömung äußerſt ſchnell. Ich ſehe ihn gerne voll, den majeſtätiſchen Vater der Flüſſe, oder, wie ihn die Indianer nennen, den endloſen Strom ¹), und empfinde ſtets ein gewiſſes Mißbehagen, wenn ich ihn im niedern Waſſerſtande mit ſeinen fünfzig bis ſech⸗ zig Fuß hohen hohlen Schlammufern erblicke. Die Hitze wird jedoch drückend, und die Moſchettos ſcheinen unſer verdicktes Blut zu wittern; bereits die dritte hat mich geſtochen. Wir haben eine dritte Pflanzung paſſirt. Ein herrlicher Anblick, dieſes Haus mit ſeinen zwanzig 1) Dieſen Namen verdient er gewiſſermaßen, da er, den Miſſouri mir eingeſchloſſen, über 4000 Meilen lang iſt. — 144— Hütten, in einem Walde von China⸗, Tulpen⸗, Oran⸗ gen⸗, Feigen⸗ und Citronenbäumen begraben; beſonders die erſten ſind ſo lieblich anzuſchauen mit ihren weißen Blüthen und gelblichen Beeren, die die ganze Baum⸗ krone bedecken, und ſich im Verlaufe weniger Wochen röthen, wo ſie dann Millionen glänzender Rubinen glei⸗ chen, den Robbins zum Labſal, zum Verderben. Tau⸗ ſende dieſer treuherzigen Thiere ſchwärmen dann und niſten an neblichten Herbſtmorgen in dem Gezweige, und ertränken im Safte der Beeren ihre winzigen Sinne, und purzeln umher, und treiben närriſches Weſen ,die lieb⸗ lichſten Trunkenbolde, die man nur ſehen kann. Als wir ſo am breiten Uferrande hinrollten, den Miſſiſippi zur Linken, die weißen Zäune mit den unabſehbaren Cottonpflanzungen zur Rechten, im Rücken die coloſſa⸗ len Cypreſſen⸗ und Cedernwälder, wurde mir beinahe ſchwindlich vom langen Dahinſtarren, und Landhäuſer, Fel⸗ der und Wälder ſchienen dem mexikaniſchen Buſen zuzuflie⸗ hen. Die Stimme Richards weckte mich aus meinen Träu⸗ men; wir waren vor der Pflanzung der Miſtreß Houſton. So werden wir denn dieſes Wunder weiblicher Voll⸗ kommenheit ſehen, der ſo viele Huldigungen dargebracht werden. Eine Reihe von wenigſtens zwanzig glänzen⸗ der London⸗Gigs, mit einer gleichen Anzahl von Reit⸗ pferden, halten im Hofe unter den Bäumen. Wir ſtie⸗ gen ſofort ab, überſahen unſere Anzüge, ſetzten zurecht, was die kurze Fahrt unrecht geſetzt, und ſtiegen die Stu⸗ fen hinan. Die Halle war voll von Bedienten, der Saal voller Gäſte, die natürlich gekommen waren, der nordi⸗ ſchen Schönheit Lebewohl zu ſagen. Doch weder ſie noch Miſtreß Houſton iſt zugegen. Ich kann mich eines Lächelns nicht erwehren über die drollige Wichtigkeit, mit der die Frau meines Freundes nach der Thüre deu⸗ tet, und dann mit einem herablaſſenden, beifälligen Lächeln hindurchſchlüpft. Zugleich beginnt eine unend⸗ liche Ungeduld ſich in mir zu regen. Nichts iſt un⸗ ausſtehlicher, als auf den Fittichen der Sehnſucht herbei⸗ zueilen, jeden Augenblick verlangend zu zählen, und dann auf Geduld verwieſen zu werden, oder, was noch ärger iſt, auf ein Dutzend alte Geſichter, die wir ohne Herzeleid achtzehn Monate entbehrt haben, und denen wir nun recht freudeſtrahlend in die Augen ſehen und ihnen eine halbe Stunde hindurch wiederholen müſſen, wie ſehr es uns freue, ſie zu ſehen, und wie das Wetter ſo ſchön ſei. Doch es läßt ſich nicht vermeiden, und ſo beginnen wir denn ganz gemächlich unſere Tour in der Runde, zuerſt bei den Damen, wie es ſich von ſelbſt verſteht, und dann bei den Herren, in echter Nankeemanier. Ich Transatl. Skizzen 1. 40 — 146— hatte ſo das zehnte Individuum abgefertigt, als Richardt auf einmal meine Hand erfaßte und mich einem ältlichen Gentleman zuzog, der am obern Ende des drawing room ſtand. Unglücklicher Weiſe war die Ceremonie des Aufführens ſo ſchnell vor ſich gegangen, daß ich den Namen der werthen Perſonnage ganz überhört hatte. Er war ſehr erfreut, lautete ſeine Formula, die Be⸗ kanntſchaft eines Mannes zu machen, von dem ſeine Freunde ſo viel Rühmliches erwähnt. Ich verbeugte mich pflichtſchuldigſt; meine Verbeu⸗ gung mußte aber ſehr ſteif ausgefallen ſein. Ich ſah mich nach Richardz um; er war verſchwunden. Ich blickte den Gentleman an, er mich, und ſo verwirrt war ich, daß ich kein Wort finden konnte. Ich weiß nicht, was es war, das mir jedes Wort an die Zunge kleben machte; ſo verwünſcht ſteif und ſtarr und ſtatt⸗ lich und abgemeſſen ſtand er vor mir; ein ſpani⸗ ſcher Grande war ein franzöſiſcher Tanzmeiſter im Vergleiche. Und dieſe ernſten, trockenen, ſcharfen Ge⸗ ſichtszüge, dieſe ſpitze Naſe, mit den blauen, tiefliegen⸗ den, ſtarr fixirenden Augen,— ſie ſcheinen ins Innerſte zu bohren. Es lag etwas Gutmüthiges, aber zugleich etwas unbezwingbar Starres darin. Ein Nankee der alten Schule, ganz wie er leibt und lebt.— Ich muß — 447— recht erbärmlich vor ihm geſtanden ſein, da ich, ſtatt Antwort zu geben, ſein ganzes Geſtelle abmaß, als wollte ich ihn aufnehmen,— auf ſeine gepuderten Haare, den Haarzopf, die ſeidenen kurzen Unterbeinkleider her⸗ abſah, die Schuhe mit den goldenen Schnallen muſterte, und mir doch kein Sterbenswörtchen einfiel. Ich wollte bereits um Vergebung bitten, ſeinen Namen überhört zu haben, als Ralph Doughby ſeine Hand auf meine Schul⸗ ter legte. Beinahe hätte ich es ihm Dank gewußt, ſo wenig ich übrigens den gar zu derben Schwenkflügel lei⸗ den mochte. Ehe ich mich umſah, hatte der Mann ſeine Verbeugung gemacht, und mich, den Tropf, ſo mußte er nothwendig denken, ſtehen gelaſſen. So geht es acht und zwanzigjährigen Hageſtolzen, die auf die Mädchenſchau ausgehen. Ich hatte ein wenig Mühe, den Haſenfuß, ich meine Doughby, aus ſeinem zwölf Zoll hohen Halskragen und dem Carterſchen Fracke und Pantalons herauszufinden, mit denen er ſich während ſeiner Newyork⸗Tour ausgerüſtet. Bei dem kommen die Flegeljahre ganz verkehrt; gewöhnlich fangen ſie mit achtzehn bei uns an, und enden mit vier und zwanzig. Wer hätte aber das an unſerm Doughby vermuthen ſol⸗ len, als er noch vor zwei Jahren ſteif und bedächtlich mit der Peitſche hinter ſeinen armen Negern einhertrabte? 4 . 3 — 148— ſelbſt einen Aufſeher zu halten, war er zu knauſerig⸗ und nun iſt er einer unſerer Faſhionables in echter Ober⸗ Miſſiſippi⸗Manier, der ſeine zehn Gläſer Sling oder halb ſo viele Bouteillen Chambertin ausſticht, ſein Ecarté mit Grazie bis Mitternacht ſpielt, und mit derſelben Grazie einen Wollkopf zu Boden ſchlägt. Es ſcheint, er hat ſich recht methodiſch zum Lebemann vorbereitet, und phyſiſche und moraliſche Kräfte geſammelt, und nun gilt er für einen unſers Gleichen; denn er hatte die Klugheit, zuſammenzuhalten, bis ſeine Batzen vollzählig waren. Ich möchte nur wiſſen, ob er auch gekommen iſt, Emilie Lebewohl zu ſagen. Sollte ſie an ſeiner Be⸗ kanntſchaft während ihres Hierſeins Geſchmack gefunden haben? Das wäre gerade keine beſondere Empfehlung für ihren Sagacitätsſinn. Es muß etwas dergleichen ſein; der gute Ralph iſt wie zu Hauſe. Der Gedanke fing an mich allmälig zu drücken, wäh⸗ rend ich meinem Nachbar, der jedoch glücklicher Weiſe hundertfünfzig Meilen von mir wohnt, über ſeine vor⸗ theilhafte Metanorphoſe mein Kompliment machte. Und der Ignoramus nimmt es für baare Münze, und wirft ſich auf, und geruht beinahe protegirend zu werden. Gott ſei Dank, er geht; doch was nachkömmt, iſt nicht beſſer. Ein ganzer Schwarm Politiker, denen die letzte 4149— Gouverneurs⸗ und Präſidentenwahl die Rechnung ver⸗ dorben hat. Die guten Leute ſind ſteif der Meinung, daß unſers Louiſianas Ehre dahin iſt, wenn nicht einer aus ihnen das Ruder führt. Auf die armen Creolen ſind ſie ſchlimm zu ſprechen. Ich war eben daran, meine nagelneuen politiſchen Entdeckungen den Herren zum Beſten zu geben, als plötzlich die Flügelthüren ſich öff⸗ neten, und ein Zug von Damen hereinſchwirrte. Zu⸗ erſt eine unbekannte Geſtalt am Arme Claras, dann Miſtreß Houſton und Compagnie. Doch dieſe Unbekannte, ſie iſt zweifelsohne Emilie; was will aber dieſer Doughby bei ihr? Er poltert auf ſie zu, als ob ſie bereits die Seinige wäre. Und ſie? Wahrlich, ich weiß nicht, wie mir wird. Iſt es Ueberraſchung, oder Eiferſucht auf Doughby; aber es wird mir grün und gelb vor den Augen. Sie verbeugt ſich zur Geſellſchaft und ſpricht mit dem ſteifen Gentleman; jetzt wendet ſie ſich zu mir. Mein Gott! Miſtreß Houſton ſteht dieſe halbe Minute vor mir und erkundigt ſich nach meinem Befinden; ich ſtarre auf Emilien, und, was ſchlimmer iſt, brumme der Dame in ihrem eigenen Hauſe zu:„Ich bin ſehr erfreut, Sie zu ſehen.“ Wohl, wenn die nicht den Staar hat, dann wird es ſaubere Geſchichten geben; denn auf die Zungenſpitze dieſer perſonificirten chronique b scandaleuse zu gerathen, und die Tour unſerer zwölf⸗ hundert Zeitungen zu machen, iſt eins und daſſelbe. uUnd noch dazu ſchiebe ich ſie höflichſt auf die Seite, um mir nicht die Ausſicht auf Emilien zu verderben, die, wie ich bemerke, auf mich zuſchwebt. Ja wohl ſchwebt ſie; ihr Schritt iſt ſo leicht, beinahe tanzend, und doch ſo feſt und beſtimmt. Keine Ziererei, nicht der mindeſte Zwang in ihren Bewegungen, die zarteſte Lebendigkeit und doch die beſcheidenſte Grazie. Ihr Wuchs iſt etwas über die Mittelgröße, die Geſtalt ein Modell der Sym⸗ metrie, ſo ſchlank und doch ſo abgerundet, ſo elaſtiſch und ſo ätheriſch. Und dieſe prachtvollen, tiefblauen Au⸗ gen, die einen mit ſolch wunderbarlichem Vertrauen an⸗ blicken, gleichſam als wollten ſie ſagen: ich weiß, du biſt mir gut. Dieſe Augen, die ſo zuverſichtlich und doch wieder ſo prüfend auf Einem ruhen, gerade lang genug, um ihn zu überzeugen, daß er eines längern Blickes würdig erachtet, und doch wieder nicht lange genug, um Hoffnung einzuflößen; der wahrhaft mädchenhafte, reine Ausdruck dieſer Augen, der von dem bezaubernd⸗ ſten Glanz ſo unmerklich in ſinnenden Ernſt verſchmilzt— ich werde ſie nie vergeſſen. Und dieſer Teint ſo rein, die Roſen auf Liliengrunde. Es iſt das friſcheſte, lieb⸗ lichſte, verſtändigſte Geſicht, das mir je vorgekommen 451— iſt. Ja, ſie iſt wirklich ein reizendes Mädchen; nie ſah ich ein ſo offenes und wieder ſo intellektuelles Weſen. Das Geſicht iſt eines Lebensſtudiums werth.— Sie ſpricht mit Richards und ſeiner Frau, ihre Hände in die ihrigen verſchlungen. Wir haben lange und verlan⸗ gend auf Sie, Harry, gewartet, lispelte ſie, während ihre Augen in ſinnendem Ernſte auf ihn gerichtet waren. Ich hoffe, ich bin nicht zu ſpät gekommen, erwie⸗ derte Richardz. Sie gab keine Antwort; aber dieſe funkelnden Au⸗ gen ſchienen feucht zu werden, ſie ſchienen zu ſagen: ja wohl zu ſpät. Wenn ich zu ſpät gekommen, dann biſt du Schuld daran, ſprach Richards, ſich zu mir wendend. Ich war einem Träumenden gleich da geſtanden. Ich hörte nicht, ich ſah nicht, nur abgebrochene Schalle drangen in mein Pericranium. George iſt wieder einmal in ſeinen Träumen, ſprach Richardt, meine Hand mit ſeiner Linken ergreifend und mich näher zu dem Kreiſe ziehend. Ich blickte auf; ſie ſtand vor mir im unausſprechlichen Reize. Haſt du die ſchweren Klagen wohl gehört, die ſo eben gegen dich erhoben wurden? fragte er. Die zweihundert Meilen, die ich zweimal zu fahren hatte, dich von dei⸗ 1 1 1 4 14 ¹ 5 1 — b ——’’’;:——.—— — 152— nen Wanderungen aufzuleſen und wieder heimzuführen, dürften leicht Herzenswehen verurſachen. Herzenswehen? fragte ich, und wer fühlt dieſe? Das Auge Emiliens ruhte auf mir. Herr Howard, ſprach ſie, hat wirklich Urſache, ſtolz auf die Liebe und Achtung ſeiner Freunde zu ſein. Die erſten Worte, die ſie an mich gerichtet. Aber welche Stimme, welche Töne! Was ſind Garcias Töne gegen dieſe? Und dieſer Mund, wie himmliſch er ſich öffnet! Und dieſe Reihen von Perlenzähnen! Ich konnte mich nicht ſatt genug an ihr ſehen. Ich hätte Vieles gegeben— und ich gebe nicht gern— dieſe Zähne noch einmal zu ſehen; doch der Knall zweier Gewehre ließ ſich nun hören und das Geheul der Neger. Das Dampf⸗ ſchiff! rief Miſtreß Houſton mit ihrer klaffenden Stimme. Das Dampfſchiff! wiederholte ich in Verzweiflung. Die alte Dame warf einen höhniſch triumphirenden Blick auf mich.— Emilie! ſprach ich, und die Worte erſtarben mir auf der Zunge, Emilie! und zu gleicher Zeit preßte ich wüthend ihre Hand. Sie blickte mich gleichſam ver⸗ wundert an; ſie mußte in meinem Geſichte geleſen haben, was in meinem Innern vorging. Und nun die ver⸗ wünſchte Helen Me Gregor, wie eine Anaconda ziſchend; ſie iſt bereits zu hören wie das Brüllen der Neger. Und die gellende Miſtreß Huſton— wahrſcheinlich, um mir die Qualen des Abſchiednehmens ſo viel wie möglich zu verkürzen!— Doch, was hat dieſes zu bedeuten? Ralph Doughby rollt mit ihr einen Shawl auf, ſchiebt den alten gepuderten Gentleman auf die Seite, wie er es mit einem Cottonballen thun würde, und wirft das Sei⸗ dentuch Emilien über die Schulter; er reißt beinahe die Spitzen von ihrem Halſe. Das iſt's alſo! da geht es hinaus! Wohl, ich weiß nun, woran ich bin, und ich bin herzlich froh. Was iſt mir Emilie Warren? Ein ſchöner Traum und nichts mehr. Ich bin erwacht, und hoffe auch dieſes zu überſtehen; es iſt nicht meine erſte und, ich hoffe, auch nicht meine letzte Liebe. Ein alter Praktikus von acht und zwanzig Jahren wird ſich um ſolche Kleinigkeiten nicht den Hals abreißen. Elende Tröſtungen! Während mir dieſe Maximen grober Lie⸗ besphiloſophie durch den Sinn ſchwirrten, hätte ich Ralph Doughby, der ihr nun ſeinen Arm anbot, ganz gemüthlich erwürgen können. Ja, er führt ſie wirklich auf das Dampfboot, und mir fällt Miſtreß Huſton zu. Anſtatt ihr den Arm anzubieten, faßte ſie den meinigen, und ſo ziehen wir denn fort. Was ich ſagte, weiß ich bis auf dieſen Tag noch nicht; es muß jedoch etwas Heilloſes geweſen ſein; ſie ſchrie beinahe laut auf. Ihre — 154— gellende Stimme brachte mich endlich zum Bewußtſein zurück, und ihr ſüßlich giftiger Blick kühlte allmälig meine Leidenſchaft. Wenig Schritte mehr und wir wa⸗ ren am Landungsplatze. Kiſten, Koffer und ein Heer von Schachteln waren bereits deponirt; es blieb nichts übrig, als die Eigenthümer gleichfalls zu ſpediren. Zu⸗ vor muß jedoch noch Lebewohl geſagt werden. Mein Auge hing noch immer an Emilien, und ſie in den Ar⸗ men der Frau meines Freundes. Es ſchien, als trenne ſie ſich ungern von der Jugendfreundin; der lange, lange Kuß, die thränenvollen Augen zeugten deutlich davon. Doch nun kömmt Miſtreß Houſton, ſtattlich, ſteif und froſtig; das leibhafte Bild des Winters, wie er den Frühling umarmt. Und dann die übrigen Da⸗ men und Herren, alle nach der Reihe; zuletzt Richards und ich. Sie nähert ſich uns einen Schritt; ihr Auge ſucht mich, unſre Hände begegnen ſich; ich preſſe die ihrige— vielleicht das letztemal. Jedoch nicht das lei⸗ ſeſte Zeichen der Erwiederung, und doch ruht dieſes prachtvolle Auge auf mir; eine Thräne ſpiegelt ſich darin, eine zweite— ſie wendet ſich, und nun ein zitternder, beinahe unmerklicher Druck dieſer lieblichſten aller Hände. Ich murmelte, meiner ſelbſt unbewußt: Himmel, ſo muß ich Sie denn verlieren, kaum zehn Minuten nachdem ich — 155— Sie geſehen! Sie blickt mich an, und wendet ſich dann mit einem Blicke, der milde und ſchwermüthig zu ſagen ſcheint: ja, wir müſſen ſcheiden.— Doch wer kommt hier. Ein ganzer Troß von Wollköpfen, jung und alt, Kinder, Jungen, Mädchen, Greiſe und alte Miütterchen, alle ihr Lebewohl heulend und grinſend, alle nach einem letzten Blicke von dieſem lieblichen Weſen haſchend. Sie muß dieſen Armen herzlich gut geweſen ſein; niemand fühlt tiefer als ſie. Selbſt ihre Leiden, ihr hartes Loos, macht ſie um ſo empfänglicher, die milde Hand zu küſſen, die ſich ihnen wohlthätig aufthut, die es der Mühe werth hält, einen Tropfen Balſam in ihre ſtets offenen Wunden zu gießen. Es iſt wirklich ein ſchöner Anblick dieß, das herrliche Geſchöpf umringt von den ſchwarzen Geſtalten; die unerwartete Huldigung ſcheint in ihr eine wehmüthig⸗freudige Empfindung zu erregen. Doch Miſtreß Houſton winkt ihrem Grandvezier, und die armen Dinge ſcheuchen zurück. Ihr Blick fällt furchtſam auf ihre Herrin, und dieſer Blick ſcheint alle erſtarren zu machen, gleich Banquo's Geiſte. Noch ein Lebewohl und ſie ſcheiden, und betreten die Breter, die ſie für immer mir entziehen ſoll. Ich ſtarre ihr wie ver⸗ loren nach, überſehe ganz, daß ſie an Doughby's Arme über die Brücke auf das Verdeck ſchritt und mit ihm in —ö——— — — — — —99 1 8 der Salonthüre verſchwand,— und nun ſchwingt ſich das Boot herum, der Dampf brauſet, ziſcht ſtärker und ſtärker, endlich der letzte Stoß und die gewaltige Ma⸗ ſchine bewegt ſich; langſam zuerſt, und dann ſchneller und ſchneller ſchwirren die Räder. Wird ſie nicht aus dem verwünſchten Salon herauskommen? uns keinen letzten Blick gönnen? Immer weiter entfernt ſich das ab⸗ ſcheulich ſchnelle Boot; nie ſchien mir eines ſo eilig. Ah, nun öffnet ſich die Thüre; es iſt eine weibliche Ge⸗ ſtalt; ſie nähert ſich dem Geländer; ihr Sacktuch in der Hand; ſie ſchwingt es. Der alte Gentleman zunächſt ihr lüftet ſeinen Hut und macht eine abgemeſſene Bewe⸗ gung, und nun fällt mir der bockſteife Gentleman wie⸗ der ein. Ich erinnere mich, daß er noch an der Brücke ſich zu mir gewendet, mir freundlich die Hand gedrückt, und mich dringend gebeten, wenn ich je nach Boſton käme, ſein Haus als das meinige zu betrachten.„Wer iſt doch,“ fragte ich Richardtz,„der Mann, der neben Miß Emilien ſteht, und uns ſo ſteif ſein Adieu zu⸗ nickt?“ Fürwahr, erwiederte mein Freund, du biſt einer der ſonderbarſten Menſchen; da ſteht er, gafft, vergißt Alles neben und um ſich, und bemerkt ſelbſt nicht, wenn man von ihm Abſchied nimmt. Miſter Warrens muß ſonderbare Dinge von dir denken. Dieß Miſter Warrens? fragte ich, mich auf die Stirne ſchlagend. Wer ſonſt als er? Ich bitte dich, vermeide alles Auf⸗ fallende; unſre Tante hat dich im Auge. Das Wort rief mich wieder zurück. Sie ſtand mir gegenüber, ein boshafter, ſchadenfroher Zug ſpielte um ihre Lippen. Kaum hatte Richards Zeit, mir die Worte zuzuflüſtern: Sei ein Mann! ſo ſtand ſie auch ſchon vor mir, um mich mit aller möglichen Zutraulichkeit —y— zum Mittagseſſen einzuladen. Ich wollte ein beſtimm⸗ tes Nein ausſprechen; allein Richards und ſeine Frau traten wieder dazwiſchen, und ſagten zu. Die alte Dame fixirte mich einen Augenblick, und wandte ſich dann zu 4 der übrigen Geſellſchaft. Sei nur diesmal ein Mann, und gieb dich dem Spotte der Tante und ihrer tauſend Nebenzungen nicht bloß, bat Richardz.— Was kümmert mich die Tante und ihre tauſend Nebenzungen, wollte ich erwiedern; aber Richards mußte in meiner Seele geleſen haben, und ſprach ernſt und trocken: Das ſchroffe, leidenſchaftliche, träumeriſche Weſen taugt fürwahr nur, dich zum unge⸗ nießbaren Sonderling zu ſtempeln. Bedenke, daß du unter deinen Nachbarn biſt, denen du nie eine Blöße geben darfſt. ————ÿ—x—xxxx— Du haſt wahrlich recht, erwiederte ich.— Es war wirklich hohe Zeit, zurückzukommen. Bereits flüſterten meine Nachbarn und ſchöne Nachbarinnen, bereits ſpitz⸗ ten ſich ihre Näschen und krümmten ſich ihre ſchönen Lippen; eine Stunde länger ſo fortgefahren, und am ganzen Miſſiſippi wäre der zu ſpät gekommene Liebha⸗ ber ein Theegeſpräch geworden. Nein, das muß nicht ſein; erwache zum Gefühle deiner ganzen Kraft, ſprach ich, und vergeſſe dieſe Lappalien. Vielleicht wäre mir dieſes doch nicht ſo leicht geworden; doch als ich ſo ſelbſt mit mir kämpfte, warf mir Miſtreß Houſton einen ihrer gewöhnlichen coup-d'oeils zu, und der entſchied. Mich vor dieſer Frau bloß zu geben, wäre Tollheit, Stumpf⸗ ſinn geweſen; nein, dieſe Zunge ſoll ihre anatomiſirende Gewandtheit nicht an mir üben; es ginge mir wahrlich nicht beſſer, als dem armen Eichhörnchen, das von der Mocaſſinſchlange verſchlungen wird, zuerſt der Kopf und dann der Leib, den ſie mit ekeligem Schleime überzieht, um ihre Beute deſto leichter hinabzuwürgen. Sicherlich würde ich in einem halben Dutzend Landzeitungen oder einem Wochenblatte figurirt haben, herausgeputzt in einen Wehe⸗ und Entſagungshelden, zahlbar mit fünf Dol⸗ lars baaren Geldes oder vier Bänden derlei Potpourri's von Unſinn, Kalbleder und Vergoldung mit einbegriffen. — 159— Es kam nun darauf an, ein paar Stunden gehörig zu benutzen, und die üblen Eindrücke wieder zu verwiſchen. Schon der feſte Entſchluß, die Löſung dieſes Problems aufzuſtellen, gab mir eine Schwungkraft, die mir treff⸗ lich zu ſtatten kam. Allmälig kam die gute Laune gleich⸗ falls angezogen, und zuletzt in einem Maße, wie ich ſie ſelten hatte. Wie das herging, weiß ich noch heu⸗ tigen Tages nicht; war der höhnende Blick von Miſtreß Houſton daran Urſache, oder war es Uebermaß der Ver⸗ zweiflung, ein Geſchöpf für immer verloren zu haben, das, mein Herz ſagte es mir beim erſten Anblicke, mich namenlos glücklich gemacht haben würde,— genug, ich war plötzlich in einer Laune, die brillant genannt zu werden verdiente. Witzes⸗ und Geiſtesfunken fingen mit einem Male aus meinem Munde zu ſprühen an; jedes Wort athmete den fröhlichen, heitern Lebensmann. Miſtreß Houſton ſah mich anfangs zweifelnd, dann ver⸗ wundernd an; zuletzt ſchien ſie ihren Ohren und Augen kaum mehr trauen zu wollen, und Clara kicherte und lachte, bis ſie es nicht mehr auszuhalten vermochte. Alle die Abenteuer und Vorfälle unſerer Tour, vom le⸗ dernen Miſter Shifty zum mit Haut und Haaren zur Feier des achten Jänner gebratenen Barbecu⸗Ochſen, von dem auch uns eine Rippe zu Theil wurde, und —————— — — — ——— — — 160— dem pfiffigen Nankee, der ſeine ſelig verſchiedene Ehe⸗ hälfte einſalzte und in den Kamin zum Räuchern auf⸗ hing, willens, ſie ſo, wohl geräuchert und gedörrt, als eine egyptiſche Mumie, an die Londner egyptiſche Halle in Piccadilly zu veräußern, indem er aus ſeiner Zeitung vernommen, daß Mumien ein gangbarer Artikel wären, und mit ſchwerem Gelde aufgewogen würden. All der unſinn, den wir gehört, alle die tauſend Albernheiten, die wir geſehen, wurden nun preisgegeben, mit einer Geläufigkeit preisgegeben, die die Geſellſchaft in vollem Lachen erhielt. Natürlich trug der umſtand, daß der Erzähler kein gewöhnlicher Luſtigmacher, ſondern ein Mann war, der mehr zu ſeinem eigenen und ſeiner näch⸗ ſten Freunde Vergnügen, als den Beifall der Uebrigen zu erringen, erzählte, das Seinige zum Genuſſe bei. Ich fühlte mich ganz froh und heiter, es ſchien mich zu drängen, von dem Ueberfluſſe meines Frohſinnes auch meinen Freunden etwas zukommen zu laſſen. Selbſt der Takt, mit dem ich abbrach, ſollte meine Gabe in ihren Augen noch erhöhen. Miſtreß Houſton hatte für ein friſches Dutzend Champagner geforgt; wir hatten ihn trefflich gefunden, und ich liebe dieſen Wein, das wahre Bild der Nation, die ihn für uns erzeugt; al⸗ lein ich haſſe gemeines Zechen, und zu meiner großen — 164— Ergötzlichkeit haßten nun alle meine vierzig Nachbarn eben ſo das ſonſt ſo liebe Zechen, und wir brachen auf, nachdem wir feierlichſt verſprochen hatten, ſo bald als möglich wieder zu kommen. Und wirklich, ſo froh und heiter ſchieden wir, daß ich beinahe glaube, Miſtreß Houſton habe lieblicher denn je ausgeſehen. Du haſt Wunder gethan, ſprach Richards, als wir wieder in dem Wagen zuſammengeſchichtet ſeiner Pflan⸗ zung zurollten. Die Tante lachte, fiel ſeine Frau ein, daß ihr die Thränen über die Backen herabliefen. Ich glaube, Sie könnten mit ihr thun, was Ihnen beliebt. Wahrlich, Sie waren bezaubernd; nie hätte ich das erwartet. Dann kennſt du ihn nur wenig, dieſen launenhaften, wunderlichen Menſchen, und dieſen Geiſt des Wider⸗ ſpruchs, der in ihm hauſet. Danken wir es der ſauren Miene unſerer Tante; wir hatten eine der vergnügteſten Stunden. Da ſprichſt du wieder wie ein behaglicher engliſcher „Epikuräer von vierzig, der ſein gutes Diner liebt und einen Spaß dazu, vorausgeſetzt, er koſtet nichts und befördert die Verdauung. Du weißt, ich haſſe Egois⸗ mus. Doch ſage mir nur, was iſt denn eigentlich ge⸗ genwärtig Herr Warren, was ſeine Umſtände? Transatl. Skizzen I. 11 —ᷣ—ᷣ—ÿ—ÿ—ꝭOã—ʒꝑ—f·äääö]öyöy—— — — — 3 — — — — 162— Ich haſſe Egoismus, ſpottete Richards nach, mit einer Lache, ſo laut, daß ſie von zwei Botsmännern, die auf dem Verdecke eines Breithornes ſich hingeſtreckt hatten, wiedergegeben wurde. Ich haſſe Egoismus, und die nächſte Frage, die dieſer Erklärung folgt, be⸗ weist die Wahrheit ſeines Ausſpruchs. Oder was iſt es anders, als eine Abart von Egoismus, eine verfeinerte Selbſtſucht, die unter dieſer Frage lauert? Geſtehe es nur, armer George, Emilie iſt dir nicht gleichgültig. Hol' euch der Henker! Da lauern und lauern, und wispern und wispern ſie, ich wußte nicht weshalb, bis nun das große Geheimniß heraus iſt. Hony soit qui mal y pense. Wollte der Himmel, ich hätte es ahnen können, erwiederte mein Freund, und ſein Auge ruhte voll und ehrlich auf mir. Ja, ſie wäre ein Weib für dich geweſen; ich ſagte dir's im⸗ mer; reiste hunderte von Meilen, um noch zurecht zu kommen; es ſollte aber nicht ſein, es iſt nun zu ſpät. Zu ſpät? wiederholte ich mechaniſch. Ja wohl! Sie beſucht Saratoga mit ihrem Vater und Miſter Doughby, verweilt einige Wochen zu Hauſe, und kehrt dann als Frau Doughby zurück. Ich wußte es; es war mir klar wie die aufgehende Sonne, ſobald ich Ralph geſehen hatte, wie er ihr —-— 463— das Halstuch umwarf, ſo wie er ſeinem Schecken die Schabracke überwirft. Kein Zweifel konnte vernünftiger Weiſe mehr obwalten; aber ich war nun wieder in meine ſchlimme, beinahe giftige Laune verſetzt. Wer würde es auch nicht ſein? Dann hätteſt du dir aber auch deine freundſchaftliche Mühe, mir den Pfeil ins Herz zu drücken und mich mit ihr bekannt zu machen, erſparen können, fuhr ich bitter heraus. Das hätte ich gewiß unterlaſſen, wenn ich dich er⸗ ſtens für ſo kindiſch und romanhaft empfänglich gehalten, und dann die wahre Lage der Dinge gewußt hätte. Du haſt ſie nicht gewußt? und doch bin ich beinahe mit Haaren herbeigezogen worden. Ich bedaure dies noch immer nicht, fiel Richards ein; haben wir doch nun Hoffnung, dich ſtätig zu ſe⸗ hen. Fürwahr, dies Umherziehen dauert zu lange. Ich blickte ihn an; er war meiner Frage ausgewichen. Seine Frau jedoch hob den ihm hingeworfenen Hand⸗ ſchuh auf. Fürwahr, hätten wir nur ahnen können, daß Sie, der ewige Jude, Luſt zum Heirathen bekämen! aber wer kann ſich auf Sie verlaſſen, und Sie wiſſen, die Tante iſt nun einmal zum Heirathmachen geboren. Wir haben —— — — — — — 464— Emilie von Neworleans abgeholt, und das Uebrige wiſſen oder errathen Sie. und ſeit wann hat ſich dieſes Geſchäft abgethan? Seit zwei Wochen. Seit zwei Wochen! wiederholte ich ein⸗, zwei⸗, dreimal. Es waren volle vier Wochen ſeit meinem zwei⸗ ten Zuſammentreffen mit Richards, und wenigſtens acht⸗ zehn Tage, daß unſre Ankunft ſeiner Frau bekannt ſein mußte. Ich glaubte mir ſchmeicheln zu können, daß der Einfluß Clara's auf ihre Freundin dieſe von einer ſo ſchnellen Wahl wenigſtens bis zu meiner An⸗ kunft hätte zurückhalten ſollen. Alles das ſchwindelte mir durchs Gehirn und trübte nur noch mehr meine Laune. Ich ſah nur zu deutlich, daß die Tante mir einen Streich geſpielt.— Ja, dieſe glorreiche Tante! platzte ich wieder heraus⸗. Iſt eine ſehr reſpectable Dame, Miſter Howard, verſetzte Miſtreß Richards, und ſie glaubte für ihre Nichte ſehr wohl zu wählen; ich kann ihr gar keinen Vorwurf machen. Freilich nicht, entgegnete ich; ſchade nur, daß ſie ſich nicht zur allein ſeligmachenden Kirche bekennt. Sie hätte dann Ausſicht, einſt, in Glas und Rahmen ge⸗ — 165— faßt, in der Kathedrale von Neworleans zu prangen, allen ihren Negern zum Troſt und Labſal. 3. Das war nun beißig boshaft; aber wer kann ſeine Geduld immer behalten. Mir war es unmöglich; ich mußte meinem Herzen Luft machen. Der Stich hatte keine Erwiederung zur Folge. Richardt ſah mich ernſt an, ſeine Frau beinahe wüthend. Eine lange Pauſe erfolgte. Ich ſah wieder auf den Miſſiſippi hinaus, den Schif⸗ fen und Kielböten zu, von denen der Yankee doddle in nicht unangenehmem Chore herübertönte. und Emilie, hat ſie ſich geduldig in die Wahl ihrer Tante gefügt? fragte Richards. Seine Frau hielt mit der Antwort inne; wahrſchein⸗ lich antwortete ſie durch ihr Geberdenſpiel. Es nimmt mich auch nicht Wunder, wisperte ſie nach einer Weile; das feine Weſen fehlt ihm gänzlich. Selbſt die Art, wie er ihr ſein erſtes Geſchenk darbot, war ziemlich derbe. Sage vielmehr roh, verſetzte eben ſo leiſe ihr Gatte. Ich wollte ihm gern den Mangel an Abgeſchliffenheit verzeihen; aber des Mannes Seele iſt roh, gewaltthätig, für alle ſanfteren Empfindungen verloren. Sie kann nicht mit ihm glücklich ſein. und ſie hat alſo ſein Ge⸗ ſchenk zurückgewieſen? fragte er. — 466— Entſchloſſen und feſt zurückgewieſen, erwiederte ſie. Selbſt meine Bitten vermochten nichts über ſie; ſie kenne ihn nicht hinlänglich; ſie wolle ſich nicht binden, ehe ſie den Rath ihrer Mutter eingeholt. Sie hat ganz recht, und ich begreife nur nicht, wie die Tante es ſo weit treiben konnte. Du weißt, ihr Vermögen, ihr Anſehen macht jeden Wink zum Gebote. Und doch hat ſie dem armen Warren Hülfe verſagt? Sie zuckte die Achſeln. Ich blickte auf; fiel jedoch wieder in mein Nachſin⸗ neen zurück. Alſo halb gezwungen mußte die arme Emilie werden. Wahrlich, ſie verdient es, aus den Händen dieſes Bären gerettet zu ſein. Ich kann es mir nicht möglich denken, daß ſie ihn nimmt, bemerkte ich, zu Richards gewandt. Ich bitte dich, gieb nicht Hoffnungen Raum, ver⸗ ſetzte er, die vergeblich ſind. Und hier zu hoffen, iſt mehr als vergeblich. Und würden Sie Emilie geheirathet haben? fragte Clara. Geheirathet? erwiederte ich, geheirathet? Das Wort machte mich ſtutzen. Ein alter Junggeſelle von acht und zwanzig Jahren iſt nicht ſehr vorſchnell, wenn es an's — 4167— Heirathen geht; aber hier war nichts zu bedenken.— Heirathen? wiederholte ich; ja, das würde ich gethan haben. Von dem erſten Augenblicke, da ich ſie ſah, war ich dazu entſchloſſen; ſie oder keine ſollte meine Le⸗ bensgefährtin werden. Ich getraue mir zu behaupten, daß ich dieſe vortreffliche Seele durchblickte. Ich war unempfindlich gegen ausgezeichnetere Schönheiten, unzu⸗ gänglich nach längerer Bekanntſchaft; ſie aber würde mir nach Jahren eben ſo erſcheinen, denn es iſt ein offenes Gemüth, das ihrige. Unſre Augen und Herzen begeg⸗ neten ſich; ihre Seele lag aufgeſchlagen vor mir, dieſe edle, feſte, reine und ſelbſtſtändige Seele. Vor ihr ein Geheimniß zu haben ,würde mir unmöglich ſein; je⸗ den ihrer Gedanken, ihrer Wünſche würde ich errathen haben; offen würde ich mich hingeben. Sieh! würde ich ſagen, ſo bin ich; dies ſind meine Gebrechen, dies meine Tugenden,— willſt du mich? Wohl! beide ſollen mir helfen, dich glücklich zu machen. Achtung vor ihrem Seelenadel, vor ihrem Verſtande würde mich dieſe Sprache führen machen, und ſollte mich durch mein ganzes Leben begleiten. und auf dieſe Grundlage wollte ich mein und ihr Glück bauen. Sie iſt das erſte Weſen, das mir begegnete, vor dem ich mich ganz, wie ich bin, zeigen könnte. — 168— Beide hatten mir in ſichtlicher Spannung zugehört. Und was ſagte Herr Warren? fragte endlich Richardtz. Oh, du kennſt ihn doch, erwiederte ſie. Vorausge⸗ ſetzt, er kann ſein Geſchäfte fortführen, und ein reſpec⸗ tables Haus halten, ſo läßt er das Uebrige ſeinen Gang gehen. Er wünſcht nur einen achtbaren Mann für Emi⸗ lien, der im Stande wäre, ſie unabhängig zu erhalten, ohne daß er ihn nöthigte, einen Theil ſeines noch übri⸗ gen Vermögens zu ihrer Ausſtattung aufzuwenden. Auf keine Weiſe wäre er zu vermögen, mehr zu geben, als einen Theil ſeiner Ländereien am Miſſiſippi oder dem Miami bei Dayton, die er eben Willens iſt zu beſuchen. Ja, ſo ſind ſie alle, dieſe Nankees, brummte ich darein, wahre doppelt deſtillirte Juden, die ihre Töchter eben ſo, wie ihre Zwiebel⸗, Mehl⸗ und Whiskyfäſſer, den Meiſtbietenden überlaſſen.. Ich hatte ganz vergeſſen, daß meines Freundes liebe⸗ volle Hälfte gleichfalls dieſem berühmten Yankeeſtamme entſproſſen, und verbiß meine Zunge. Zu Richards, einem echten Virginier, ließ ſich ſo etwas ſchon ſagen. Er iſt der conſequenteſte Feind alles Ausländiſchen, fuhr dieſer fort, den es nur geben kann; doch vorzüglich was aus England herrührt; ein Tarifmann durch und durch. Er hat Pamphlete geſchrieben, Reden gehalten, — 169— alles nur Mögliche zu Gunſten dieſes ſeines Steckenpfer⸗ des gethan, wurde ausgelacht und ausgepfiffen, mit Koth beworfen,— nichts konnte ihn ändern. Er iſt nun dieſe fünfzehn Jahre, ſeit ich ihn kenne, immer die⸗ ſelbe ſteife, ſtarre, ſtattliche Perſonnage, die kerzengerade, wie ein Indianer, einherwandelt, einen Schritt gleich dem andern, einen Tag wie den andern. Seinem Haare und Haarzopf widmet er eine ſyſtematiſche Sorgfalt, und er hat öfters lieber ſein Mittagseſſen verſäumt, ehe er ohne dieſe Zierde bei Tafel erſchienen wäre. Ein großer Theil ſeines Mißgeſchickes ſpringt von derſelben Antipa⸗ thie für alles Ausländiſche. Seit der Revolution rühmt er ſich, nie auch nur das Mindeſte vom Auslande auf ſeinem Leibe getragen zu haben. Vom Kopf zum Fuße in amerikaniſche Fabrikate gekleidet, bezahlte er lieber den fünffachen Preis, ſo lange unſere Manufakturen noch in ihrer Kindheit waren, als daß er engliſche Stoffe wählte; ja, einſtens verbrannte er wirklich, ein zweiter Napoleon, einen vollſtändigen engliſchen Anzug, den man ihm als amerikaniſch untergeſchoben hatte. Der Mann iſt wirklich intereſſant, erwiederte ich. Ich würde dieſe patriotiſche Aufopferung nicht in ſeinen grauen Spekulationsaugen geſucht haben. Und doch konnte er der Freiheit ſeiner Tochter ſo nahe treten? — ——— 1 V — 170— Wir waren nun vor Richards Hauſe angelangt. Ich zog mich bald auf mein Zimmer zurück. Mehrere Briefe von meinem Aufſeher lagen vor mir; wahrlich, es iſt hohe Zeit, dieſes Wanderleben aufzugeben. Das Abendeſſen war trefflich, die Weine ausgeſucht; es wollte jedoch nicht munden. Meine Freunde waren in der beſten, herrlichſten Stimmung, beſonders Clara; aber ich wollte nun dieſen Abend elend ſein, und zog mich frühe mit einem Packet Zeitungen zurück. Ja, der Red⸗River kommt morgen zwölf Uhr hier vorbei, auf ſeinem Wege nach Alexandria; ich will mit, und einmal wieder ſehen, was die Meinigen treiben. Es war Morgens neun Uhr, als ich, mit dieſem löblichen Vorſatze ausgerüſtet, in meinem Morgenanzuge und Pantoffeln die Stiegen herabkam. Ich weiß nicht, wie es geſchah, daß ich, ganz gegen meine ſonſtige Ge⸗ wohnheit, mein Frühſtück nicht aufs Zimmer beordert hatte. Als ich den Corridor zum Speiſeſaal hinantrat, hörte ich meinen Namen. Ich ſtand ſtille.„Der Hor⸗ cher an der Wand, fiel mir ein, hört ſeine eigne Schand';“ doch ich wollte einmal meine Schande hören. Es war Claras Stimme. Aber mit Emilien geht es nun und nimmermehr, — 171— ſprach ſie ſehr leiſe; du weißt, ſie hat keine Ausſteuer, und die achttauſend Dollars— Ja, die müßte er uns aufkündigen, verſetzte ihr Mann; denn er brauchte ſie zur erſten Einrichtung und Vermehrung ſeines Sklavenſtandes. Mir käme dies ſehr ungelegen; wir haben gute zwanzigtauſend damit ge⸗ wonnen. Eben deswegen dachte ich, deinen Winken nicht Folge leiſten zu müſſen, lispelte ſie. Aber mit der Tante wird gewiß nichts daraus, ver⸗ ſetzte er. Wohl denn, laß ihn als Hageſtolz vegetiren; ohne⸗ dem iſt er ein wunderlicher Kauz. Kaum glaube ich, daß Emilie ſeine Rhapſodien beſonders liebgewinnen dürſte. Ja, das bin ich! murmelte ich, mich leiſe auf die Stiege zurückziehend.— Wahrlich, ich glaube, in mei⸗ nem Leben war ich nicht ſchneller mit meiner Toilette fertig. Die Zeitung in der Hand, trat ich vor meine Freunde. Nein, George, bat Richards und Clara, du darfſt nicht, Sie dürfen nicht gehen, nicht in dieſem Zuſtande gehen; Sie müſſen bei Ihren Freunden bleiben. — 172— Ich ſah der Nankeein lächelnd ins Geſicht, nahm lächelnd meinen Thee, und entfernte mich mit einer ar⸗ tigen Verbeugung. Schlag zwölf Uhr war ich auf dem Wege zum Red⸗River, der eine halbe Meile weiter un⸗ ten vor L— 8 Pflanzung hielt. Meine erſte Tour an den Red⸗River und Sein und Wirken an dieſem. (Recollectionen.) Auf dem Wege zum Dampfſchiffe fiel mir meine erſte Tour an dieſen berühmten Fluß ein, und dabei wurde mir zu Muthe, wie dem armen Sünder, der ſeinen letz⸗ ten Gang in Begleitung des Sherifs ¹) geht, ein wirk⸗ lich unbehagliches Widerſtreben aller Sehnen und Knochen, ein Kampf im Innern und Aeußern. Es war, als ob mich etwas zurückzöge, und ein leichter Schauder vor der Zukunft begann mich zu beſchleichen. Und es iſt doch meine Heimath, mein Haus und Hof, wohin ich gehe; aber was für ein Haus und Hof! Es ſind juſt neun Jahre, daß ich dieſes Tusculum mein nenne, und neun Jahre zwei Monate, daß ich im Beſitze dieſes frechold of these united states 2), wie wir es nen⸗ —— 1) Bekanntlich geſchehen die Hinrichtungen durch den Sherif. 2) Freehold of these united states, ein Freiguk. nen, bin. Fünftauſend Dollars hatten mir die Ehre verſchafft, Pflanzer Louiſiana's zu werden; ein„Pap⸗ penſtiel“ gratulirten mir ein Dutzend meiner Freunde Lundhändler: das Holz war zehnmal zehntauſend werth; es ſollten zweitauſend Acker ſein, with due allowance for fences et roads ¹). Ein halbes Jahr zuvor hat⸗ ten die Zeitungen des ganzen Weſtens dieſe Red⸗River⸗ Ländereien herausgeſtrichen: es war ein ſo köſtliches Zucker⸗ und Cottonland, ſechzehn Fuß tiefer Fluß⸗ ſchlamm— Egypten war eine Sand⸗ und Steinwüſte dagegen—; das Clima: es waren nichts als Zephyr⸗ lüftchen zu ſpüren, wie ſie in Eldorado und Arkadien nur immer wehen können. Ich Haſenfuß, der ich doch die vollen Backen kenne, mit denen meine lieben Mit⸗ bürger vom Preßbengel zu poſaunen pflegen, wenn ein Dutzend Landſpekulanten ihnen vorläufig die Zunge mit ein paar Schock Dollars geölt haben, ging in die Falle, und kaufte mich an in dieſem Fieberpfuhle, wo ein wohn⸗ 1) Due allowance for fences et roads. Jeder Landkauf hat im Contracte oder der Urkunde dieſe Formel, die ſo viel bedeutet, als daß z. B. nebſt den 2000 hier erwähnten Ackern noch die Befugniß ertheilt iſt, ein ge⸗ wiſſes Landmaß behufs der Einzäunungen und Wege an⸗ zuſprechen. — 175— liches Haus mich erwartete, mit zwei Negerhütten; die improvements ¹), verſicherte mir der Landſpekulant, waren unter Brüdern zweitauſend Dollars werth. Es war im Juni, als ich beſagtermaßen ging, und, wie ich mich deutlich erinnere, mit derſelben Antipathie, und ge⸗ trieben durch die Macht des Schickſals, wie Narren es nennen, und geſcheide Leute: durch die Macht unſerer ei⸗ genen, thörichter Weiſe eingegangener Verhältniſſe. Ich war dazumal in New⸗Orleans, das letzte Segel war hinter dem Great Bend 2) verſchwunden; meine Freunde waren den Fluß hinunter oder hinauf, oder über den See ³). Es war in ganz New⸗Orleans nichts mehr zu ſehen, als hohläugige Negerinnen, hemde⸗ und herren⸗ los, die wie Shakals heulend durch die Straßen liefen, und um die verſchloſſenen oder zerbrochenen Thüren und 1) Improvement, buchſtäblich Verbeſſerung. In den V. St. werden Improvements vorzüglich die Erbauung von Wohnhäuſern und Scheuern, und die Ausrottungen der Wälder genannt. Ein Stück Waldes ohne beurbarten Boden oder ohne Haus heißt Lands, mit Haus und Acker heißt es Improved Lands. 2) Great Bend, der große Buſen, den der Miſſi⸗ ſippi unter der Hauptſtadt von Louiſiana bildet. 3) Pontchartrain. — 176— Fenſterladen umherſchlichen; beſonders in der obern Vor⸗ ſtadt, wo bereits ganze Gaſſen leer und verödet ſtanden, die Häuſer offen, die Thüren und Fenſter zerſchlagen, der Samum herüberwehend von Veracruz, durch die ganze Stadt nichts zu hören, als das ſolenne Raſſeln der Leichenwagen, auf denen zwei, drei Särge auf ein⸗ mal über einander lagen. Es war hohe Zeit zu gehen; denn das gelbe Fieber hatte ſeinen Triumpheinzug ge⸗ feiert und herrſchte, ein Sieger, wie ein großer Kriegs⸗ held in einer erſtürmten Stadt. Ich hatte als Bedeckung vier Neger, die alte fünf und ſechzigjährige Sibylle mit eingeſchloſſen, ein Kleinod, wie es ſelten zu finden iſt; denn die fürchtet das gelbe Fieber; Cäſar und Tiber waren die zwei andern, und Vitell der dritte. Wir geben gern unſern Pferden und Negern derlei hochtönende Namen, zum abſchreckenden Beiſpiele, glaube ich, für unſere eigenen Herrſcherlinge; denn ſeid verſichert, auch bei uns fehlt es nicht an would be Caesars 1¹).. Meine Gig hatte ich weislich zurückgelaſſen, dafür aber einen ungeheuern Leiterwagen meinem Freunde Ban⸗ 1) Would be Gaesars, ein häufig gebrauchtes, un⸗ überſetzbares Doppelwort; ſo viel als: wollte Cäſar ſein oder werden. 477— kes aus der Remiſe gezogen, auf dem ich mein ganzes Mobiliarvermögen zuſammengepackt, Wolldecken und Aexte, Harken und Pflugſcharen, Cottonhemden und Töpfe. Ich, der Faſhionable, ſaß oben an, die Mappe meines neuen ſouvera inen Beſitzthums in der Taſche, und nicht viel weniger ſtolz als ein derlei Souverain, von denen es einige in der Welt geben ſoll, die nicht einmal ſo viel Landes beſitzen. Wer ſo den Miſter Howard, der noch vier Monate zuvor den Reigen bei H— und P— an⸗ führte, inmitten dieſer Welt von Töpfen, Flaſchen, Bün⸗ deln, Stricken, Pfannen, ſah, der mußte lachen. Es lachte aber niemand, ſo gern ich es geſehen hätte; we⸗ der weinte eine Seele, denn Thränen waren damals in New⸗Orleans ſelten. Man war ſo an den Tod gewöhnt, und dieſer hatte alle Gefühle ſo abgeſtumpft, daß ſie ein ganz koſtbarer Artikel wurden. Aber ſelbſt wäre das gelbe Fieber nicht geweſen, ſo herrſcht bei uns wieder ſo viel geſunder Sinn, daß derlei Aufzüge nichts weni⸗ ger als lächerlich erſcheinen, und die brillanteſte Schöne wird eben ſo willig mit ihrem neuen Bräutigam einen derlei Dearborn beſteigen, als die Landnymphe es in Begleitung ihres geliebten Tom thut, und wer in unſern Hinterwäldern keiſet, wird oft Ueberraſchungen finden, von denen kaum einem Romanſchreiber räumen dürfte. Transatl. Skizzen. I. 42 — 178— Ein liebliches Ehepaar, inmitten des luxuriöſeſten Ueber⸗ fluſſes auferzogen, das ſich in die Einſamkeit der Wäl⸗ der zurückgezogen, ein ſchönes Stück Urwaldes erkauft, und da für ſich und ihre Kinder eine neue Exiſtenz be⸗ gründet. Man findet ſie häufig, dieſe Hütten, die bloß aus einer Stube und einer kleinen Küche beſtehen; in der Stube an den Wänden die Alltagskleider, gewöhn⸗ lich von den zarten Händen der Dame gefertigt, neben Sattel und Pferdegeſchirr; zuweilen eine Harfe oder ein Pianoforte im Winkel, aber auf dieſem die neueſten Num⸗ mern vom American-, North- und Southern-Re- wiews ¹), mit den Zeitungen der Congreßſtadt. So haben unſere Johnſons, unſere Livingſtons, unſere Ran⸗ pelasrs, und Hunderte, ja Tauſende von Familien, un⸗ ſere Jefferſons und Waſhingtons angefangen, und wohl, wenn die künftige Generation dieſes Verjüngungsmittel der bürgerlichen Geſellſchaft nicht anekelt. Ich beſtieg, wie geſagt, meinen Dearborn, um gleiches zu thun, um ſo geſchwind wie möglich das verpeſtete New⸗Or⸗ 1) American-Rewiew, North-American-Re- wiew, Southern-Rewiew, die drei großen Zeitſchriften der V. St.; die eine bekanntlich in Philadelphia, die an⸗ dere in Boſton und New⸗York, die dritte in Charleſton herausgegeben. 5 — 4179— leans zu verlaſſen, da kein Dampfſchiff mehr zu ſehen und zu hören war. Juſt als ich mich inmitten meines Mobiliares niederließ, kam Cäſar mit einem ſo gut als neuen Mantel, wie er meinte, den er vor einem öden, verlaſſenen Hauſe in der Vorſtadt ſo glücklich zu ent⸗ decken geweſen. Ich packte den Mantel mit einer Feuer⸗ zange, und ſchleuderte ihn ſo weit vom Wagen, als ich konnte, zum großen Leidweſen Cäſars, der nicht begrei⸗ fen konnte, wie man ein zwanzig Dollars werthes Ding ſo unzeremoniös behandeln konnte. Kein lebendiges Weſen war zu ſehen geweſen, ſo weit das Auge durch die ſchnurgerade Straße reichte; auf der rechten Seite gegen die Vorſtadt Annunciation zu war Al⸗ les mit Bretern verpaliſſadirt, darauf Anſchlagzettel, gleich Segeln, mit ellenlangen Buchſtaben, die das in- fected(angeſteckt) einem eine halbe Meile ſchauen ließen, Proklamationen des Maire. Die Proklamationen waren überflüſſig; New⸗Orleans ſah einem Kirchhofe ähnlicher, als einer Stadt; wir trafen nicht fünf Menſchen, als wir die neu ausgelegte Canalſtraße vorbeifuhren und die Levee hinauftrieben. Vor der erſten Pflanzung, wo wir hielten, um unſern Thieren Futter zu geben, waren uns Thüren und Thore vor der Naſe zugeſchlagen worden, und die menſchenfreundlichen Beſitzer, den lieben Beſuch — 180— geſchwinde los zu werden, ließen aus den Ialouſien des Hauſes ein paar Läufe herausblinken, die uns alle Luſt benahmen, die Gaſtfreundſchaft M— s ferner in Anſpruch zu nehmen. Wir kamen jedoch von New⸗Orleans und durften nichts Beſſeres erwarten.— Cäſar, gleich ſeinem berühmten Namensahn, hatte ſich nicht abſchrecken laſſen, war über das Geländer geſprungen, hatte einigen Dutzend Wälſchkornſtängeln die Köpfe abgeriſſen, und ſie unſern Pferden vorgeworfen; ein zerbrochener Krug diente, Waſſer aus dem Miſſiſippi zu holen, und nach einer halben Stunde fuhren wir weiter. Fünfmal, erinnere ich mich, hatten wir auf dieſelbe Weiſe zugeſprochen, und waren auf dieſelbe menſchenfreundliche Weiſe abge⸗ wieſen worden, bis wir endlich vor B— s Pflanzung kamen, eines Freundes von mir. Wir waren fünfzig Meilen in einer glühenden Atmoſphäre an mehr denn fünfzig Pflanzungen vorbeigefahren, deren jede wie fürſt⸗ liche Villa's ausſahen; aber niemanden hatten wir noch geſehen. Da hoffte ich endlich Unterkunft zu finden, fand mich jedoch betrogen. From New-Orleans? ¹) fragte die Stimme meines Freundes durch die Jalouſien ſeiner Veranda. 1) From New-Orleans? Von New⸗Orleans? 31 — 434— To be sure 1¹), war die Antwort. Then be gone friend and damned to you 2) war die freundliche Antwort des lieben Miſter B— s, der jedoch wieder die Artigkeit hatte, einen ungeheuern Schinken mit Zubehör, ſammt einem halben Dutzend Bouteillen, vor die Thüre ſtellen zu laſſen, uns ſo, ohne ein Wort weiter zu verlieren, andeutend, daß wir gerne geſehen wären, wenn wir mit einer Campagne un⸗ ter freiem Himmel fürlieb nähmen. Ich lachte herzlich, aß und trank, hüllte mich in meine Wolldecken, und ſchlief, wie es der Präſident im weißen Hauſe ſicherlich nicht kann. Als wir am Morgen aufbrachen, rief ich ein Thank ye! und be damned to you! ³) zur Dank⸗ ſagung, und ſo trabten wir weiter. In Baton⸗Rouge endlich bei einem ausgepichten Franzoſenmagen, dem weder die Moskowiter noch die Mamelucken etwas anha⸗ ben konnten, und der über das gelbe Fieber nur lachte, fanden wir am dritten Abende Nachtquartier, und fuh⸗ ren am folgenden Morgen im Dampfſchiff Clayborne in 1) To be sure, verſteht ſich von ſelbſt. 2) Then be gone friend and damned to you! So packen Sie ſich, lieber Freund, in die Hölle! 3) Thauk ye and be damned to von! Danke Ihnen und verdamme Sie— verſteht ſich, Gott! — 182— den Red⸗River ein. Am Abende waren wir in meine Domaine eingezogen. Santa Vierge! ruft der Spanier in ſeiner Bedräng⸗ niß; was ich rief, weiß ich nicht mehr; nur ſo viel weiß ich, daß mir die Haare zu Berge ſtanden, als ich dieſe ſogenannten Improvements beaugenſcheinigte. Das wohnliche Haus war eine Art Schweineſtall, nicht ein⸗ mal aus Balken, ſondern aus Baumäſten zuſammenge⸗ flickt, ohne Thüren, Fenſter und Dach, und da ſollte der Faſhionable Howard hauſen? und zwar zu einer Zeit, wo der Thermometer zwiſchen 95 und 100 varirte; doch Noth kennt kein Gebot. Wir machten uns an die Arbeit, und in zwei Tagen ſtanden zwei ſo leidliche Hütten da, als je einen Backwoodsman aufnahmen, mit der einzigen Unbequemlichkeit, daß, wenn es ſtark reg⸗ nete, wir unter dem Cottonbaum, der in der Nähe ſtand, Zuflucht ſuchen mußten. Glücklicherweiſe waren jedoch fünfzig Acker beurbart, und dieß half. Wir pflanzten und hausten ſo gut es ſich thun ließ; bei Tage ſäete und pflügte ich, bei Nacht beſſerte ich Riemenzeug, auch Löcher in den Inexpreſſibles aus. Von Geſellſchaften waren wir wenig geplagt, denn mein nächſter Nachbar wohnte fünf und zwanzig Meilen von mir, und ſo verging der erſte Sommer. Im zweiten ging es beſſer, im dritten — d noch beſſer, und ſo fort, bis es endlich leidlich wurde. Es läßt ſich Alles thun, und wenn der arge Napoleon ein wahres Wort geſprochen, ſo war es, als er ſagte: Impossible— c'est le mot d'un fou. Und dann eine Jagd⸗Excurſion in die Savannen Louiſiana's oder Arkanſas! Es iſt etwas Eigenes in dieſen endloſen Wieſenwüſten, das den Geiſt erhebt, und ihn, wir möchten ſagen, ner⸗ vig und ſtark macht, ſo wie den Körper. Da herrſchet das wilde Roß und der Biſon und der Wolf und der Bär und Schlangen zahllos, und der Trapper ¹), alle an Wildheit übertreffend,— nicht der alte Trapper Coo⸗ pers, der in ſeinem Leben keinen Trapper geſehen hat, aber der wirkliche Trapper, der Stoff zu Romanen 1) Trapper, buchſtäblich Fallen⸗, Schlingenſteller, von trap, Falle. Das Weſen dieſer Art Menſchen wird weiter unten erklärt; es mag jedoch nicht überflüſſig ſein, beizufügen, daß durch eine neuerliche Congreßakte bloß ge⸗ borene Amerikaner zum ſogenannten Trapping und Hunting zwiſchen dem Miſſiſippi und dem ſtillen Ocean ermächtigt ſind, vorzüglich, um den Britten jede Gelegenheit zum Ver⸗ kehr mit den auf dem Grund und Boden der V. St. her⸗ umſchwärmenden Indianern und zur Aufwieglung derſelben abzuſchneiden. — 484— geben könnte, die den pinſelhafteſten Pinſel begeiſtern müßten. Unſere Civiliſation, die edelſte, die ſich je gebildet und ſelbſtthümlich entwickelt, hat wieder eigene Mißge⸗ burten erzeugt, von denen die Eiviliſation anderer Län⸗ der nichts weiß, und die nur in einem Lande entſprießen können, wo die Freiheit unbeſchränkt iſt. Es ſind Aus⸗ würflinge, dieſe Trappers, großentheils, oder Geächtete, die dem ſtrafenden Arm des Geſetzes entflohen find, oder auch unbändige Naturen, denen ſelbſt die rationelle Frei⸗ heit der Staaten noch Zwang däucht. Vielleicht iſt es ein Glück für eben dieſe Staaten, daß ſie gewiſſermaßen dieſes fagend ¹) an ihrem Lande beſitzen, wo dieſe wil⸗ den Leidenſchaften austoben können; denn im Buſen der bürgerlichen Geſellſchaft dürften ſie viel unheil anrichten. Hätte zum Beiſpiel la belle France dieſes fagend wäh⸗ rend ſeiner großen Eriſen gehabt, wie viele ſeiner gro⸗ 1) Pagend. Dieſes unüberſetzbare Wort dürfte einer nähern Bezeichnung um ſo mehr werth ſein, als es häufig gebraucht wird; fagend nennt man das ausgezupfte Ende eines Strickes, das Werthloſe an irgend einer Sache; die Canadas z. B. werden ganz richtig das fagend von Amerika genannt. Hier heißen die Steppen zwiſchen dem Felſen⸗ gebirge und Miſſiſippi fagend. ßen Krieger würden nicht als Trappers verſtoben ſein, und wahrlich! weder Europa, noch die Menſchheit wäre ärmer, wenn ſie von den großen Werkzeugen des abſo⸗ luteſten Despotismus, den Maſſenas und Vandammes und Sebaſtianis und Davouſts und dieſen bordirten Leuten ſammt und ſonders wenig oder gar nichts wüßten!— Man findet dieſe Trappers oder Hunters ¹) von den Quellen des Columbia⸗ und Miſſouriſtromes herab bis zu denen des Arkanſas und Red⸗River, an all den tributaren Flüſſen des Miſſiſippi, die bekanntlich auf dieſer Seite durchgängig in den Rocky mountains ent⸗ ſpringen. Ihre ganze Exiſtenz dreht ſich um die Ver⸗ tilgung der Thiere, die ſich ſeit Jahrhunderten und Jahr⸗ tauſenden in dieſen Steppen und Fluren zuſammenge⸗ häuft haben. Sie morden den wilden Büffel, um Felle für ihre Kleidung und Haunches ²) für ihr Mahl zu ha⸗ ben, den Bären, um auf ſeiner Haut zu ſchlafen, den Wolf, weil es ihnen Vergnügen macht, und ſie fangen und morden den Biber ſeines Felles und gelegentlich auch 1) Hunters, Jäger. 44 2) Haunch, der Buckel auf dem Rücken des Biſon, der bei weitem beſte, ſchmackhafteſte und nahrhafteſte Theil am ganzen Thiere. — 186— des Schwanzes wegen. Dafür erhalten ſie Pulver, Blei, Flanelljacken und Hemden, Garne zu ihren Netzen und Whisky, um die Kälte in den Wintertagen abzu⸗ 8— halten. Sie ziehen häufig in Haufen von Hunderten hinüber in dieſe Wüſten, wo ſie öfters mit den India⸗ nern blutige Fehden anfangen; gewöhnlich jedoch thun ſie ſich in Geſellſchaften von acht bis zehn zuſammen zu gemeinſamem Schutz und Trutz vereinigt, eine Art wil⸗ der Guerilla's. Immerhin ſind jedoch dieſe mehr Hun⸗ ters als Trappers; der wahre Trapper zieht nur in Ge⸗ ſellſchaft eines geſchworenen Freundes, mit dem er Jahr und Tag, öfters Jahre, aushält; denn es erfordert häufig Jahre, ehe ſie mit den Verſtecken der Biber be⸗ kannt werden. Stirbt der Gefährte, ſo bleibt der Uebrig⸗ gebliebene im Beſitze der erworbenen Felle und des Ge⸗ heimniſſes des Aufenthaltes der Thiere. Was Anfangs Furcht vor dem Geſetze bei Vielen bewirkte, wird bald zum abſoluteſten Bedürfniß, und die ungeregelte, zur wilden Luſt gewordene, unbegränzte Freiheit würden nur wenige für die glänzendſte Stellung in der bürgerlichen Geſellſchaft vertauſchen. Es leben dieſe Menſchen das⸗ ganze Jahr hindurch in den Steppen, Savannen, Wie⸗ ſen und Wäldern der Arkanſas⸗, Miſſouri⸗ und Ore⸗ 7 gon⸗Gebiete ¹), die in ihrem Buſen ungeheure Sand⸗ und Steinſteppen und wieder die herrlichſten Gefilde ber⸗ gen. Schnee und Froſt, Hitze und Kälte, Regen und Sturm, und Entbehrungen aller Art haben ihre Glie⸗ der ſo abgehärtet, ihre Haut ſo verdichtet, wie die des Büffels, den ſie jagen; die ſtete Nothwendigkeit, in der ſie ſich befinden, ſich auf ihre Körperkraft zu verlaſſen, erzeugen in ihnen ein Selbſtvertrauen, das vor keiner Gefahr zurückſcheucht; eine Schärfe des Blickes, eine Richtigkeit des Urtheils, von der der Menſch in civili⸗ ſirter Geſellſchaft ſich kaum einen Begriff machen kann. Ihre Leiden und Entbehrungen ſind oft gräßlich, und wir haben Trappers geſehen, die Leiden ausgeſtanden hatten, in Vergleich mit welchen die erdichteten Aben⸗ teuer Robinſon Cruſoés bloß Kinderſpiele ſind, und de⸗ ren Haut ſich in eine Art Leder verdichtet, das mit der gegerbten Büffelshaut mehr Aehnlichkeit, als mit der menſchlichen hatte; nur Stahl und Bley vermochten durchzudringen. Es ſind dieſe Trappers eine pſycholo⸗ giſch merkwürdige Erſcheinung: in die wilde unbegränzte 1) Arkanſas⸗, Miſſouri⸗ und Oregon⸗Ge⸗ biete, die mit den zwei Staaten Louiſiana und Miſſouri beinahe das ganze weſtliche Gebiet der V. St. jenſeits des Miſſiſippi einnehmen. — 188— Natur hinausgeworfen, entwickelt ſich ihr Verſtand häufig auf eine Weiſe, ſo eigenthümlich ſcharfſinnig und ſelbſt großartig, daß wir an Einigen Lichtfunken wahrgenom⸗ men haben, deren ſich die größten Philoſophen alter oder neuerer Zeiten nicht geſchämt haben dürften.. Die täglichen, ja ſtündlichen Gefahren, ſollte man glauben, müßten die Blicke dieſer verwilderten Menſchen zum höchſten Weſen erheben; aber dem iſt nicht ſo. Ihr Gott iſt das Waidmeſſer, ihr Schutzpatron die Rifle ¹), ihre feſte Hand ihr Hort. Den Menſchen ſcheut der Trapper, und der Blick, mit dem er den ihm in der Wüſte Begegnenden mißt, iſt ſeltener der des freund⸗ lichen weißen Bruders, als des Morͤgierigen; denn Ge⸗ winnſucht wirkt hier eine eben ſo mächtig ſcheußliche Triebfeder, wie in der civiliſirten Geſellſchaft, und ge⸗ wöhnlich bezahlt von zwei ſich begegnenden Trappers einer mit dem Leben. Er haßt ſeinen weißen Nebenbuh⸗ ler um die geſchätzten Biberfelle noch weit mehr, als den Indianer; letztern ſchießt er eben ſo ruhig nieder, wie einen Wolf, Büffel oder Bären; erſterem ſtößt er jedoch ſein Meſſer mit einer ſo wahrhaft teufliſchen Freude in den Buſen, als ob er fühlte, daß er die Menſchheit von — 1) Rifle, Stutzer. — F* — 4189— einem großen Mitverbrecher befreie. Viel trägt auch zu dieſer entmenſchten Wildheit bei, daß er die ſtärkſte Nah⸗ rung, die es wohl geben kann, das Fleiſch des Biſon, ohne Brod oder ſonſtiges Zubehör, Jahre lang genießt, und ſo gewiſſermaßen zum Raubthiere wird. Wir haben auf einem ſolchen Ausfluge, den wir in Geſellſchaft Mehrerer an den obern Red⸗River machten, mehrere dieſer Trappers angetroffen, unter andern einen wetterverbrannten, von Sturm und Ungewitter und Ent⸗ behrungen aller Art ſo durch und durch gegerbten Alten, daß ſeine Haut mehr der Bedeckung einer Schildkröte, als der eines Menſchenkindes glich. Wir hatten zwei Tage in ſeiner Geſellſchaft geiagt, ohne daß uns etwas Beſonderes an dem Manne aufgefallen wäre; er berei⸗ tete unſer Mahl, das einmal aus einem Hirſchziemer, das anderemal aus einem Büffelhaunche beſtand, wußte den Aufenthalt und Zug des Wildes, und witterte beide genauer, als ſein ungeheurer Wolfshund, der ihm nie von der Seite kam. Erſt am Morgen des dritten Ta⸗ ges entdeckten wir Einiges, das uns weniger zutraulich gegen unſern neuen Jagoͤgefährten machte. Es waren eine Menge Striche und Kreuze an dem Schafte ſeines Stutzers, die die Veranlaſſung zur Wahrnehmung des eigentlichen Charakters dieſes Mannes wurden. Dieſe Striche und Kreuze waren in Rubriken beiläufig auf folgende Weiſe geordnet: Baffaloes(Büffel)— keine Zahl angegeben, da ſie wahr⸗ ſcheinlich zu groß war. Bears(Bären) 19; dieſe waren mit einfachen Strichen bezeichnet. Wolves(Wölfe) 13; mit Doppelſtrichen marquirt. Red Underloppers(rothe Zwiſchenläufer) 4; mit vier Querſtrichen angedeutet. White Underloppers(weiße Zwiſchenläufer) 2; mit Kreuz⸗ chen notirt. Als unſer Gefährte den Schaft ſo aufmerkſam be⸗ trachtete, und ſich Mühe gab, den Sinn der Worte Underloppers zu erforſchen, fuhr ein grinſenhaftes Lächeln über die Züge des Alten hin, das uns aufmerk⸗ ſam machte. Ohne jedoch ein Wort zu verlieren, machte er ſich an den Büffelhaunch, den er unter dem Raſen hervorzog, aus der Haut, in die er gewickelt war, nahm, und uns auftiſchte. Es war ein Mahl, wie es kein König beſſer haben kann, und das uns ganz den Stutzerſchaft vergeſſen machte. Auf einmal ſprach er mit einem tücki⸗ ſchen Lächeln, ſeine Rifle an ſich ziehend: Look ye It's my pocketbook. D'ye think it a sin to kill one of them two legged red, or white underloppers? ¹) 1) Look ve, it's my pocketbook. D'ye think 32 — 194— Whom do you mean? ¹) fragten wir. Der Mann lächelte wieder und erhob ſich; wir wuß⸗ ten nun, wer die zweibeinigen Zwiſchenläufer waren, die der Alte eben ſo ruhig auf ſeinem Schafte notirt hatte, als wären es ſtatt Menſchenkindern wilde Trut⸗ hühner geweſen, die er erſchoſſen. Wir fühlten uns weder berufen, noch ermächtigt, an einem Orte, wo die bürgerliche Geſellſchaft und ihr rächender Arm aufgehört, uns zu Richtern aufzuwerfen, und ließen den Mann gehen. Dieſe Trappers kehren jedoch immer nach einem oder mehreren Jahren wenigſtens auf einige Wochen in den Schooß der Geſittung zurück, und zwar wenn ſie eine hinreichende Anzahl von Biberfellen geſammelt haben. Gewöhnlich fällen ſie dann einen hohlen Baum in der Nähe oder am Ulfer eines ſchiffbaren Fluſſes, machen ihn waſſerdicht, ziehen ihn in den Strom, packen ihre Felle und wenige Habſeligkeiten darein, und rudern Tauſende von Meilen den Miſſouri, Arkanſas oder Red⸗ it a sin to kill one of them two legged red or white underloppers? Sehen Sie, es iſt mein Taſchen⸗ buch. Denken Sie, es iſt eine Sünde, einen dieſer zwei⸗ füßigen rothen oder weißen Zwiſchenläufer zu tödten? 1) Whom do vyou mean? Wen meint ihr? — 192— River hinab nach Saint⸗Louis, Natchitoches oder Alexan⸗ dria, wo ſie in Thierhäuten auf den Straßen umherſtar⸗ ren, Erſcheinungen, die den Fremden nicht ſelten in die Urwelt zurückverſetzen. Doch wir ſind nun vor dem Dampfſchiffe, und es iſt Zeit, daß wir dieſen amüſanten und unamüſanten Betrachtungen ein Ende machen. niſnnfſnſnnſſnnſnnmſnſnſfmnſtnſſſnſinſiſſi 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 4 9 v L. L -8.-“