——— Leipbibliochek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur CEduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ¾½ 4 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 244 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ſſ intterlegen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſl beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Ff. 1 Mk. 55 Ff. 2 N. 2f. „/ 7 5 n. 1— 7„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es iſt oft ſchwer für Freunde ſich wieder zu ſehen; aber Berge können durch Erdbeben verſetzt werden und ſich ſo wieder begegnen. Shakespeare. Der Landſitz, in dem unſer Squire es ſich ſo bequem gemacht und zu Hauſe ſchien, gehörte zu einer der vielen Miſſiſippi⸗Pflanzungen, die weniger durch äußere Groß⸗ artigkeit, als durch innere Pracht, die glänzenden Reich⸗ thümer zur Schau tragen, die dieſer Erwerb ſeinen Be⸗ fliſſenen beynahe immer ſichert. Er hatté nebſt dem Eroͤgeſchoſſe bloß noch ein Stockwerk, und ruhte auf Pfeilern, vielleicht des Luftzuges wegen oder des austre⸗ tenden Miſſiſtppi; war leicht gebaut, augenſcheinlich mehr zum Schutze gegen die ſengenden Strahlen der Sonne, als gegen erſtarrende Winterskälte. Acht Stufen von weißlich geflecktem Marmor führten zur Piazza und dem Periſtyle, mit dem die Fronte des Hauſes verziert war, die Säulenräume waren mit hohen Jalouſiefenſtern Der Legitime. III. 4 7 ausgefüllt, gleichfalls nur während der heißen Sommers⸗ zeit einen fortwährenden Luftzug zu unterhalten. 8 Im Hintergrunde waren zwey andere ziemlich große Gebäude, von denen das eine zur Wohnung der Wirth⸗ ſchaftsbeamten, das andere zur Aufnahme der Colonial⸗ produkte der Pflanzung beſtimmt zu ſeyn ſchien, und an dieſe beyden ſchloſſen ſich zwey Reihen kleinere aber nicht unwohnliche Blockhäuſer für die ſchwarze Bevölkerung der Pflanzung an, hinter welchen eine meilenbreite Fläche gegen die Cypreſſenwälder hinablief, aus der ein kahler, blätter⸗, rinde⸗ und zweigloſer Wald ungeheuerer abge⸗ ſtorbener Bäume emporſtarrte, der in längliche Vierecke abgetheilt, in ſeinen weiten Zwiſchenräumen mit hoch aufgeſchoſſenen breiten Stauden bepflanzt war, deren verdorrte Blumenkronen noch hie und da die aufgebroche⸗ nen Kapſeln der zarten weißen ſogenannten Baumwolle ſe⸗ hen ließen, mit welchen abwechſelnd mit Mais die Felder bepflanzt geweſen waren. Der größte Theil dieſer Kotton⸗ und Wälſchkornfelder war augenſcheinlich dem Cypreſſen⸗ ſumpfe abgenommen und durch Gräben getrocknet worden, und der Contraſt mit dem üppigen undurchringlichen Urwalde und dem bodenloſen Sumpfe, gab ein anſchau⸗ liches Bild von dem Kraftaufwande, den es erfordert haben mußte, um dieſe herrliche Pflanzung der furcht⸗ baren Wildniß abzugewinnen, und ſo allmählig aus einem Verſtecke reißender Thiere ein fürſtliches Beſitzthum zu ſchaffen. 3„ Man ſah gewiſſermaßen, daß ein Geiſt hier gewaltet, der, ſtufenweiſe fortſchreitend, allmählig vom Nöthigen aufs Bequeme übergegangen und mit genauer Berechnung ſeiner Kräfte einen eiſernen Willen verband. Wenn jedoch das ſichtlichermaßen Harte eines langen Dienſtzwanges, der hier ſo auffallend hervorſtach, dem menſchenfreundli⸗ chen Auge wehe that, ſo verſöhnte anderſeits wieder das heitre und muthwillige Völkchen, das im reinlichen Dörfchen ſich umhertummelte und fröhlich und wohlge⸗ muth wenigſtens verrieth, daß wenn ſeines Herrn eiſerner Wille es zur Thätigkeit gehalten hatte, er es zugleich an den Früchten derſelben in einem Maße Theil nehmen ließ, das Tauſende von dürftigern Bewohnern der alten Welt mit neidiſchem Auge geſehen haben dürften. Wer ſo die kleinen Wollköpfe auf der zwiſchen den beyden Hüttenreihen hinablaufenden Gaſſe herumtoben, oder die ſchlanken Mädchen in ihrem bunten maleriſchen Kopfputze ſah, die hellgrünen oder hochrothen ſeidenen Tücher um ihre Scheitel in einen Knoten gewunden, wie ſie ſchäckernd und lachend mit den jungen Burſchen um⸗ hertanzten; oder die Alten, wie ſie wohlgenährt und bequem gekleidet, behaglich ihre kurzen Pfeifen rauchten, der dürfte vergeblich nach dem herzzerreißenden Elende geſucht haben, das parteyiſche Unwiſſenheit dieſer aller⸗ dings gedrückten Klaſſe ſo reichlich zutheilt, und das, wenn auch einzeln wahr, zur Ehre des amerikaniſchen Charakters, nichts weniger als allgemein iſt. Das Geſetz und der anerkannte Gerechtigkeits⸗ und Billigkeitsſinn des achtungswerthern ſüdlichen Bürgers, hat auch das Loos dieſer Klaſſe bereits um vieles verbeſ⸗ ſert, und wenn es einerſeits drückend erſcheint, daß ih⸗ rem Lande geraubte Unglückliche oder deren Nachkommen in fremden Dienſten fröhnen ſollen, ſo dürfen wir hinwie⸗ der nicht vergeſſen, daß dieſe Zwingherren, ſchuldlos an dieſem fluchwürdigen Dienſtzwang, ſelbſt unter dem er⸗ erbten gefährlichen Joche leiden, und daß die menſchen⸗ freundlichſte Weisheit nicht ohne Schaudern an eine plötzliche Loslaſſung einer ſeit Jahrhunderten gefeſſelten Race denken dürfte. Die Sonne war mittlerweile hinter dem ungeheuern Cypreſſenkranze, der in Oſten die Pflanzung umgürtet, hervorgeſtiegen, und ihre Strahlen dünnten allmählig den Nebelſaum, der ſich über die ganze Landſchaft hingezogen hatte; nur am Hauptſtrom ſchwamm er noch, eine unge⸗ heuere Schichte, hinter der am jenſeitigen Ufer die Pflanzungen und Wälder den Horizont begrenzten. Ein reizendes Mädchen im eleganten Morgenanzuge war auf die Piazza des Hauſes herausgeflogen und ſah ſorgfältig in der Richtung des Bajou hin, von dem man über den mäßigen Raſenplatz durch Gruppen von China⸗ tulpen, Orange⸗ und Citronenbäumen einer weiten Aus⸗ ſicht auf den Strom gegen Weſten genoß, die nur gegen Norden zu durch die Bluffs oder das Hochland begrenzt war, deren ſchroffe mit Jasmin und Reben⸗ .“ — 5— gehänge überzogene Lehmwände ſich unfern dem neben der Pflanzung hinſchlängelnden Bajou hinzogen. Ein ſchlanker Wuchs, ein ſehr ſchöner Kopf, der ſich zuweilen etwas ſtolz aufwarf, ein zart kolorirtes Geſicht, deſſen Mienenſpiel weniger leichte Beweglichkeit, als etwas Pikantes errathen ließ, durchdringend blaue Augen, die ſehr zuverſichtlich um ſich blickten, waren die her⸗ vorſtechenden Züge dieſer intereſſanten Geſtalt, die lau⸗ ſchend den Blick auf das Bajou gerichtet ſtand, als ein zweytes Mädchen herangeflogen kam, die, ihren Arm um den Nacken der erſtern werfend, dieſe freundlich auf die marmorne Piazza dem eiſernen Geländer zuzog. „Aber weißt du ſchon Siſſi?“ ſprach ſie,„daß wir Gäſte haben und zwar allerliebſte Gäſte, ſagte Polli.“ „Zwey Indianerinnen Sq— Squaws,“ verſetzte die Sis, indem ſie ironiſch die ſchönen Lippen verdrehte, gleichſam als fürchte ſie, das ungeſchlachte Wort dürfte ſie ungebührlich erweitern,„du kennſt ja den Hautgout unſers Squire.“ „Nein, nein, Vergy. Pa felbſt hat ſie eingeladen, er ſoll ganz entzückt von ihr geweſen ſeyn. Sie ſchläft noch, aber Polli ſagt, ſie ſoll wunderſchön ſeyn; ſie iſt eben gegangen nach ihr zu ſehen.“ „„Huſh Gabriele!“ entgegnete die etwas ſtolze Schöne der zartern Schweſter, deren arglos heiteres Auge und blondes Lockenköpfchen einige Sommer weniger in die liebe Gotteswelt hineingeſchaut haben mochten.„Ich — 0— höre das Parkthor und Pa hat ihn zum Frühſtück Lela⸗ den. Warum er doch nicht kömmt!“ „Recht ſonderbar, Siſſi, du haſt ihn doch ſchon geſtern erwartet;“ liſpelte Gabriele mit einem etwas ſchalkhaften Ausdrucke, der ihr zum Röckchen à l'enfant allerliebſt ließ.„Und dann,“ ſetzte ſie ſchmollend hinzu:„muß er wieder hinab zum gräulichen alten General.“ „Und in die Schlacht vor den Feind;“ ſeufzte Vir⸗ ginie, die in die Säulenhalle zurückeilte, während Ga⸗ briele ſtehen blieb. „Ach, es iſt nur eine Ordonnanz;“ flüſterte dieſe, indem ſie auf Siſſi zuflog und ſie wieder auf die Piazza zog, auf welche die Ordonnanz zugeſchritten kam, die die Beyden grüßte und ins Innere des Hauſes ging. „Ahl ſieh doch, Siſſt, wie ſchön!“ deutete das Mädchen auf den Nebelgang des Miſſiſippi, der nun in den ſtärker werdenden Strahlen der hinter den Baum⸗ gipfeln heraufſteigenden Sonne auseinander ſtäubend in die phantaſtiſchſten Gebilde ſich formte. Während unge⸗ heuere Schichten in die Lüfte verſchmolzen, kräuſelten ſich andere in die Formen umgeſtürzter Kegel, zwiſchen denen die in meilenweiter Ferne verlornen Wälder nun näher zu treten und im ſchnellen Laufe dem Strome zu⸗ zueilen ſchienen. Dieſer blitzte nun in ſeiner ganzen hehren Majeſtät durch die Silberdünſte hervor, und die einzelnen Boote und Fahrzeuge, die auf ſeiner wei⸗ 4 ten Fläche pfeilſchnell hinabſchoßen, oder ſchneckenartig hinaufkrochen, ſchimmerten mit ihren glänzend weißen Segeln wie Schwäne auf dem erglänzenden Waſſer⸗ ſpiegel. „Ach wie ſchön,“ ſprach eine ſchmelzend ſanfte Stimme hinter den beyden Mädchen, während zwey blendend weiße Arme ſich um ihre Nacken legten und ein wunderliebliches Weſen in ihre Mitte trat.„Guten Morgen meine Schweſtern!“ Die beiden Mädchen prall⸗ ten aus einander, ſahen die holde Grüßende einen Augen⸗ blick verwundert an und flogen dann beyde zugleich auf ſie zu, und indem ſie ſie umſchlangen, preßten ſie eine Unzahl Küſſe auf deren lieblichen Mund und Wangen. „Und wer biſt du denn, du lieber holder Engel?“ fragte Virginie. „Mein ſüßes Kind, wie kömmſt du hieher?“ fiel Gabriele ein. „Mein ſüßes, liebes Götterkind,“ ſiel die erſtere wieder ein, indem ſie ſie umſchlang und Kuß auf Kuß auf ihre Lippen preßte. Es war Roſa, die in der reizenden Ueberraſchung, die ſie den beyden Mädchen verſchafft, noch nicht Zeit gehabt hatte ein Wort zu ſagen.„Sie nennen mich Roſa, liebe, ſchöne Schweſtern,“ liſpelte ſie. „Roſa, meine ſüße, liebe Roſa, die holdeſte ſchönſte Roſe.“— Und wieder umſchlangen ſie das wunderſchöne Mädchen und erdrückten es beinahe in ihren Liebkoſungen. Es war ein lieblicher Anblick, das holde Naturgeſchöpf — 8— zwiſchen den zwey feingebildeten reizenden Mädchen zu ſehen, wie ſie aus den Armen der einen in die der an⸗ dern flog, und ſich im erſten Augenblicke beyder Herzen erobert hatte. Sie ſchienen ſich nicht ſatt an ihr ſehen und küſſen zu können. Selbſt die dem weiblichen Ge⸗ ſchlechte angeborne Schwäche, die ſich in ſchönen Kin⸗ dern beym Anblicke eines noch ſchönern ſo unwillkürlich und verzeihlich regt, war hier verſtummt. Die reine ungekünſtelte Natur hatte über Schwächen und die kalten herzloſen Formen des geſellſchaftlichen Lebens auf einmal geſiegt. „Sieh doch, Bruder! was wir hier haben?“ froh⸗ lockte Gabriele einem elegant gekleideten Jünglinge zu, der an die reizende Gruppe herangekommen und, nicht minder erſtaunt, erſt jetzt bemerkt wurde. „Mein Bruder!“ liſpelte Roſa, indem ſie ſeine Hand Zutraulich erfaßte und ihn verwundert anſah. „Komm, ſüßes Kind zur Ma!“ riefen nun beyde ſie erfaſſend und jubelnd einer würdevollen Dame zueilend, die das liebe Kind freundlich willkommen hieß. „Du biſt ja ein holder Engel!“ rief Virginie, die, als Roſa in den Armen der Mutter hing, erſt Zeit hatte ihren Anzug zu muſtern.„Und wahrlich,“ fuhr ſie in drolliger Verwunderung fort,„im neueſten Geſchmacke angezogen. Sieh doch nur, Gabriele, dieſe allerliebſte ſchwarzſeidene Robe, wie unvergleichlich ſie ſie kleidet, und die niedlichen Prunelle⸗Halbſtiefelchen; und der allerliebſte Gürtel und die Spange und Bracelets. Wirk⸗ lich, mein liebes Mädchen, die erſte Pariſerkünſtlerin könnte dich nicht lieblicher dargeſtellt haben. Und biſt du wirklich mit der Indianern gekommen?“ „Gewiß, liebe Schweſter.“ „ Und du haſt bey ihnen in ihrem— wie heißen ſie nur»— „In ihrem Wigwam gewohnt,“ half ihr Roſa. Der Oberſte mit Major Copeland und Capitain Percy waren gleichfalls eingetreten. Zart und naiv, mit einem gewiſſen Ausdrucke von Hoheit, nahte ſie ſich den Ein⸗ tretenden und begrüßte die beyden Stabsoffiziere als theure Väter, den jungen Capitain als Bruder. „Ja, du mußt nicht zu viele Väter anerkennen;“ rief der Squire lachend, indem er ſie herzlich küßte. „Biſt wahrlich ein prächtiges Kind geworden, Gott ſegne dich. Der Indianer hat wahre Vaterſtelle an dir vertreten; ſollte es nicht gedacht haben, daß der alte grimmige Tokeah dich ſo gut halten würde. Biſt ja ſo zart, als ob du all' dein Lebenlang in einem Käſtchen aufgehoben geweſen wäreſt.“ „Spotte nur, Pflegevater,“ ſprach ſie,„die Squaws und Mädchen ſpotteten meiner zarten Hände und Füße auch, und Canondah wollte mich deshalb nie in den Feldern arbeiten laſſen. Aber ſiehe,“ ſprach ſie,„ich habe doch einen langen, langen Weg zurückgelegt.“ „Aber doch nicht zu Fuße?“— — 10— „Nein,“ ſprach ſie; ihr Blick war jedoch ſchon auf einen andern Gegenſtand gefallen, und ſie ſah freundlich lächelnd dem Spiele des Capitains und Virginiens zu. Dieſer ſchien trotz des harten Kampfes, der zwiſchen ihm und dem Oberſten ſtatt gefunden, mit dem Hauſe in einer nähern Berührung zu ſtehen. Er hatte kaum der Frau ſeine Ehrfurcht bezeugt und ſich im Kreiſe herum verbeugt, als er ſich Virginien näherte, die bey ſeinem Eintritte glühend roth geworden war, doch ſich eben ſo ſchnell in eine ernſte etwas ſtolze Miene gezwun⸗ gen, und die Hand zurückgezogen hatte, die er vergeblich zu erfaſſen geſucht. Roſa hatte abwechſelnd den jungen Mann und ihre neue Schweſter angeſehen. Sie ſchwebte nun auf letztere zu und ſah ſie bedeutſam lächelnd an. „Sieh doch,“ ſprach ſie,„wie flehend ſein Blick auf dir ruht. Er iſt ein Häuptling, aber ſanft und milde wie eine Taube.“ „Eine ſchöne Taube;“ lachte Virginie, wenn du ſie kennteſt, dieſe Taube.“ „Liebe, meine Schweſter,“ liſpelte Roſa ihr zu, „vergißt ſich ſelbſt, um nur das Lächeln der Freude auf dem Geſichte des Bruders hervorzulocken.“ „Mein wunderliebliches Kind,“ ſprach Virginie, „um deinetwillen ſey ihm vergeben.“ Und ſie reichte dem Capitain ihre Hand. „Meine Lieben!“ ſprach der Oberſte, der ein ſtummer Zeuge der artigen Vermittelungsſcene geweſen war, — 11— „Vergeßt nicht, daß wir wieder hinab müſſen, und daß das Frühſtück unſer wartet. Komm du herrliche Roſe der Wildniß! und ihren Arm in den ſeinigen legend, folgte er dem Squire, der mit der Oberſtin den Zug führte. „Es iſt mir noch immer wie ein Traum,“ ſprach diefer, der nun Platz genommen hatte. Hätte mir eher den Tod eingebildet, als gedacht, dich wieder zu ſehen. Erſt als du fort warſt, da empfanden wir, wie lieb du uns allen geweſen biſt. Ja, ja Roſa. Wir haben noch nach Jahren von dir geſprochen. Und als ich heute nun ſo mit dem grimmigen Tokeah rede, ſieh ſo kommt ſie heraus aus ihrer Wolldecke, und auf mich zu, und faßt mich ſo zutraulich bey der Hand und macht mich zum Vater, ohne daß ich ein Wort davon weiß.”“ „Und dieſe Vaterſchaft ſchien auch nicht übel zu ge⸗ fallen?“ fiel ihm der Oberſt in ſeiner etwas trockenen Art ein,„denn ihr vergaßt darüber den Häuptling über ſein Verhältniß mit dem Britten auszuforſchen.“ „Mit dem Britten?“ fragte die aufmerkſam gewor⸗ dene Roſa. „Ja, liebe Roſa,“ verſetzte der Squire.„„Kennſt du ihn?“ „Gewiß; und iſt mein Bruder hier geweſen?“ „Ja“, lachte der Squire.„Du haſt zu viele Brüder und Väter; das iſt ein arger Zeiſig, ſo jung er iſt. Ein Spion, der noch zur rechten Zeit Reißaus — 12— genommen, ſonſt hinge er. Wird aber dem Galgen nicht— entgehen.“ Das Mädchen hatte verwundert zugehört. „Aber das nämliche dachte auch der Miko, und er hat gegen ſeine Tochter und Roſa das Schlachtmeſſer aufgeho⸗ ben, weil er glaubte, daß ſie einen Spion in ſein Wig⸗ wam gebracht. Kann der Britte zugleich bey den rothen und den weißen Männern Spion ſeyn?“ fragte ſie un⸗ ſchuldig. Alle waren aufmerkſam geworden.„Du kennſt ihn alſo, liebe Roſe?“ fragte der Squire. „Gewiß,— verſicherte ſie abermals. Er iſt vor 5 dreyßig Sonnen bey uns in einem Boote am untern Waldſaum angekommen. Er war vom Seeräuber ge⸗ flohen und ſchwach und matt, und eine große Waſſer⸗ ſchlange biß ihn, als er aus dem Boote ſteigen wollte, und Canondah kam ihm zu Hülfe und tödtete die Schlange, und wir brachten ihn in den hohlen Baum und trugen ihn in das Wigwam, uid da ſage ihn Canondah bis er wieder hergeſtellt war.“ „Und weiter?“ fragte der Saltfe, der Antheil an dem Schickſale des jungen Mannes zu nehmen ſchien, und, was eben nicht ſehr häufig der Fall ſeyn mochte, der Huhnsbruſt auf ſeinem Teller vergaß. „Als er geſund geworden,“ fuhr ſie im unſchuldig naiven Tone fort,„wurde er ängſtlich, er fürchtete den Miko, der mit den Männern auf der Jagd war, und — 13— ſagte, er müſſe zu den Seinigen, die gegen die Weißen dieſes Landes Krieg führten. Er wurde mit jedem Tage verſtörter. Da ward mir bange um den leidenden Bru⸗ der, und das Herz drohte mir zu zerſpringen, und ich flehte zu Canondah, und bat und beſchwor ſie, ihn nicht länger zurückzuhalten, und ihn zu den Seinigen gehen zu laſſen; denn der Miko würde ihn, wenn er ihn ge⸗ funden, im Glauben, daß er ein Späher der Weißen ſey, mit dem Tomahawk getödtet haben.“ „Und weiter?“ fragte der Squire. „Und Canondah,“ fuhr ſie fort,„„wollte nicht, und Roſa mußte drohen, und ſagen, ſie ſelbſt wolle dem Bruder den Weg zeigen oder mit ihm im Sumpfe erſticken. Sie hätte wohl dieſes gekonnt, aber ſie hätte den Pfad nicht gefunden,“ unterbrach ſie ſich,„er iſt ſchmal, und nur den Häuptlingen und der Tochter des Miko bekannt. Selbſt die Squaws wußten ihn nicht. Und Canondah gab weinend den Bitten Roſas nach, und dem weißen Bru⸗ der hieng ſie eine Wolldecke um, und band die Mocaſſins an ſeine Füße, und den Wampumgürtel um ſeinen Leib, und ſie färbte ſeine Haut, um die Ihrigen zu täuſchen, und ſie führte ihn über den ſchmalen Pfad auf das jenſeitige Ufer des zweyten Fluſſes. Es hat Canondah und Roſa vieles Herzeleid verurſacht, denn als der Miko zurück kam, und er von den Weibern hörte, daß ein weißer Fremdling im Wigwam geweſen, wurde ſein Angeſicht finſter, wie das des reißenden Panther, denn er dachte der Britte ſey — 44— ein Späher, und ſchon hatte ſich ſeine Hand erhoben, um das Schlachtmeſſer in die Bruſt ſeiner Tochter und Roſa's zu ſtoßen; der gute Gott hat ihn jedoch zurück gehalten.“ „Und der Britte hat den Miko nicht geſehen?“ fragte der Squire. „Der Miko iſt ſeiner Spur nachgeeilt, ob er ihn ge⸗ ſehen hat, weiß ich nicht.“ „Und was will den Miko mit den Indianern hier?“ „ Er hat einen langen Traum gehabt, den er erfüllen muß, weil es ihm der große Geiſt geboten hat. Er geht mit ſeinem Sohne zu den mächtigen Cumanchees; die Seinigen ſind bereits abgegangen, er iſt nur mit We⸗ nigen zurück in die Niederlaſſungen der Weißen; und der große Häuptling des Cumanchees wollte den Vater ſei⸗ nes Weibes nicht allein ziehen laſſen. Der arme Miko hat ſeine Tochter verloren, und Roſa hat ihn gleichfalls begleitet, ſonſt würden ja,“ ſetzte ſie mit naiver Unſchuld hinzu,„ſeine Augen von Jammer erblinden.“ Die Geſellſchaft hatte mit Verwunderung und Rüh⸗ rung dem einfachen Vortrage der reizenden Sprecherin zugehört, der allerdings für dieſe von größerer Wichtig⸗ keit war, als die Erzählerin ahnen mochte, indem ſie einen Lichtſtrahl auf die plötzliche verdächtige Erſcheinung des Britten und der Indianerin warf. So wenig eine ſolche Erſcheinung zu einer andern Zeit beachtet worden wäre, ſo bedeutend wurde ſie im gegenwärtigen Augen⸗ — — *6 — 415— blicke, wo die Vertheidiger des Landes auf dem Punkte ſtanden, nahe an zweyhundert Meilen den Strom hinab gegen den auswärtigen Feind zu ziehen. Selbſt eine kleine Horde von Indianern mußte bei ihrer Art Krieg zu führen, nicht nur endloſen Jammer in den zerſtreuten Niederlaſſungen jenſeits des Stromes verbreiten; ein feindlicher Ueberfall konnte ſelbſt dem Gange des Krieges eine ungünſtige Wendung geben, indem er natürlich die Milizen, die die Ihrigen dem blutigen Tomahawk’s preis gegeben ſahen, entmuthigen, ſie vielleicht gar bewegen würde, die ohnehin ſchwache Armee zu verlaſſen, um den Ihrigen zu Hülfe zu kommen. Die ungekünſtelte, das Gepräge unverkennbarer Wahrheit an ſich ende Er⸗ zählung war daher eine wahre Waßlezat für die beſorgten Väter geworden. „Und warum,“ fragte der Squire nach einer Weile, „hat der Narr nicht geſagt, woher er ſeinen Wampum⸗ gürtel und Fellwamms hat?“ „Canondah,“ verſetzte Roſa,„hat ihn beym großen Geiſte ſchwören laſſen, daß er nicht verrathen wolle, wo er geweſen. Der Miko fürchtet die Weißen ſehr, und er hat ſich in ein Land gezogen, wo er ſie nimmermehr ſehen will.“ „Ja, das iſts!“ verſetzte der Squire nach einer Pauſe, während welcher er eingeholt, was er während der Er⸗ zählung allenfalls verſäumt haben mochte. — 16— Gabriele und Roſa hatten ihr Mahl geendet, und die beyden Mädchen flogen ſchäckernd aus dem Saale. „Immerhin dürft ihr nicht vergeſſen,“ hob wieder der Oberſte an,„daß, ſo wenig die Wahrheit dieſes lieben Kindes zu bezweifeln ſteht, die Indianer, wenn ſie etwas im Schilde führen ſollten, nicht Roſa zur Ver⸗ trauten gemacht haben würden. Obwohl Träume viel⸗ vermögend bey ihnen ſind, ſo erſcheint dieſer weite Aus⸗ flug eines Traumes wegen doch immer ſonderbar.“ „Mir nicht,“ entgegnete der Squire.„Sie gehen tauſende von Meilen, wenn ihnen der große Geiſt im Schlafe es zuflüſtert, wie ſie ſagen. Und dann müßt ihr tee⸗ daß die Indianer geradezu auf unſre Niederlaſſungen kommen. Hätten ſie etwas Arges im Schilde, glaubt ihr, ſie wären den Atchafalaya herü⸗ ber, ohne ſich umzuſehen? Und dann, würden ſie wohl 1 das Kind mitgenommen haben? Sahet ihr nicht wie der Indianer plötzlich alle Faſſung verlor, als ich ihm ankündigte, daß ihr ſeine Pflegetochter zu euch geladen? Konnte kaum meinen Augen trauen, wie ich ihn ſo bewegt ſah; und ihre Kleidung und Geſchmeide verrathen ja offenbar, daß ſie von ihm über alles hoch⸗ 4 4 gehalten wird. Die reichſte Erbin dürfte ſich nicht ihres 4¼ Anzuges ſchämen.“ „Eben dieſer Anzug,“ erwiederte der Oberſte,„macht mir das Ganze um ſo unerklärbarer. Woher kann der Indianer dieſe Dinge haben?“ = 47— 1„Ihr vergeßt, daß er der Schwiegervater des Cu⸗ „5 manchee iſt, der vor Gold ſtarrt; dieſe Cumanchees ſind, höre ich von unſern Männern die hinüber nach Santa Fee und Mexico handeln, reiche Wilde, im ewigen Kriege mit den Spaniern begriffen, von denen ſie oft große Beute machen.“ 3 „Der Schnitt dieſer Kleidung und die Facçon ihrer Geſchmeide iſt engliſch, lieber Squire,“ bemerkte die Dame,„und zwar im beſten neueſten Geſchmacke.“ „Und das,“ verſetzte der Oberſte,„iſt allerdings bedenklich. Ihr wißt, John Bull, obwohl er breit auf ſeine Taſchen ſchlägt, iſt kein ſolcher Narre ſie zu leeren, 3 wenn er dabey nicht zehnfach gewinnen kann. Das Räthſel iſt ſo wenig gelöst, daß es mir im Gegentheil nur verwickelter vorkommt.“ 4 „Wir wollen bald dem Haken einen Köder finden,“ ſprach der Squire;„ohnedem haben wir eine Zuſammen⸗ kunft mit den Indianern, und es müßte ſchlimm herge⸗ hen, wenn wir nicht das Wahre heraus fänden.“ Die Töne des Pianoforte unterbrachen das etwas ernſt gewordene Tiſchgeſpräch. Die Geſellſchaft, als % ſehe ſie die bezaubernde Wirkung voraus, den die Muſik 3 auf das Naturkind hervorbringen würde, erhob ſich von der Tafel, und trat in den Saal. 7 Roſa hatte mit der naiven Neugierde eines Kindes die prachtvolle Einrichtung, die herrlichen Fußteppiche, die glänzend ſeidenen Vorhänge, die duftenden Roſaholz⸗ Der Legitime. III. 2 — 418— Meubeln, die marmornen Statuen angeſtaunt, und war in lieblicher Einfalt von einem Gegenſtande zum and 4 gehüpft, als Gabriele zum Pianoforte ſchlüpfte un einige Töne anſchlug. Dieſe horchte hoch auf, als die zarten Finger über die Taſten hinſchwebten, und einige ergreifende Akkorden erklangen. Sie flog auf das In⸗ ſtrument zu, und ſah hinein mit kindiſch naiver Einfalt, und breitete die Hände darüber, als wollte ſie die ſanf⸗ ten Töne erhaſchen, und mit verwundertem Blicke hielt ſie es, als fürchtete ſie ſich, ſie würden entfliehen. All⸗ mählig, als Gabriele nach dem ſanften Vorſpiele in die Romanze des Troubadours einſchlug, da mahlte ſich in ihrem Geſichte ein ſtilles, namenloſes Entzücken, ihre Augen begannen zu leuchten mit der Gluth unnennbarer Wonne, ihre ganze Geſtalt ſchien von einem elektriſchen Feuer berührt. Sie umgaukelte ſich ſelbſt wie ein lieb⸗ licher Schmetterling, und ſo wie dieſer ſeine zarten Flü⸗ gel, ſo breitete ſie ihre Hände aus, als wollte ſie die zar⸗ ten Töne umarmen; ihre Füße hoben ſich, ſie berührte kaum mehr den Teppich, jede ihrer Bewegungen war die ſchönſte Poeſie, ihr ganzes Weſen Verklärung gewor⸗ den. Eben war die Geſellſchaft eingetreten, als die Töne ihre Kraft auf das holde Geſchöpf zu äußern an⸗ fingen. Sie ſahen dem Ausdrucke der Natur mit Verwunde⸗ rung und Staunen zu. Ein herrlicherer Tanz war nie ge⸗ ſehen worden. Zuletzt flog ſie mit Thränen in den Augen, überwältigt von der ſüßen Empfindung, Gabrielen an den Hals. „Ich bitte dich um Gotteswillen, Schweſter, tödte mich nicht, ich ſterbe, meine Seele eilt davon mit den entzückenden Tönen.“ Und dann ſetzte ſie ſich hin und eine Thräne perlte nach der andern über ihre Wangen. „ Ach,“ liſpelte ſie;„wäre ich doch geſtorben! wäre ich geſtorben!“— Geheimnißvolles verlieh. Mit dem Aufhören dieſes un⸗ II. Kabpitel. Der Vorkheil iſt dein Gott, der meine bleibt Gerechtig⸗ keit, und ſolche Feinde ſchließen keine ſichere Bündniſſe. Göthe. Das liebe Mädchen hatte innerhalb der zwey Wochen, während welcher wir ſie aus den Augen verloren haben, unendlich gewonnen. Sie war zuverſichtlicher, natür⸗ licher; ihr Blick hatte ſich aufgehellt, ihr ganzes Weſen war ſelbſt vertrauender, ja ſelbſtſtändiger geworden. Der gänzliche Mangel an Selbſtſtändigkeit, oder vielmehr das Gefühl ihrer gänzlichen Hülfloſigkeit, vorzüglich aber das empörende Bewußtſeyn, ſich einem Menſchen aufge⸗ opfert zu wiſſen, den ihr reines Gemüth verabſcheuen mußte, hatte ihrem ganzen frühern Weſen etwas ſchmerz⸗ lich Demüthiges, etwas Troſtloſes gegeben, das um ſo peinlicher auffiel, als ihr dunkles Verhältniß, ihr ſelbſt nicht ganz klar, ihrem ganzen Aeußern etwas unnatürlich — 214— natürlichen Verhältniſſes zum Seeräuber, hatte ſich nun ihr niedergedrücktes Gemüth nicht nur aufgerichtet, ſon⸗ dern die ſchreckliche Cataſtrophe, welche die Wilden und vor⸗ züglich den Miko getroffen, hatte auch ihre Lage auf eine Art geändert, die, ſo ſchmerzlich ſie das jammervolle Ende ihrer Freundin noch immer empfand, nichts deſto weniger einen vortheilhaften Einfluß auf ſie äußern mußte. Der durch den Tod der Seinigen in ſtumpfe Bewußt⸗ loſigkeit verſunkene Miko, hatte vieles von dem ihm eigen⸗ thümlichen herriſch ſtarren unbeugſamen Sinn verloren und war nun gewiſſermaßen ſelbſt in jene Hülfloſigkeit verſunken, die, wie es ſchien, in ihr und ihrem reinen kindlichen Gemüthe allein Troſt, Stütze und Labung fand. Nur ſie war im Stande geweſen ihn zuweilen aufzuhellen, ſeine erſtarrte Seele, ſchien es, fand es für nöthig, ſich an ſie zu halten und ſich zuweilen zu ſonnen an den Erinnerungen verfloſſener Tage. Dieſe allmählige Aner⸗ kennung einerſeits, ſo wie die zarte Aufmerkſamkeit des jungen Häuptlings andererſeits, hatte das edle, reine, ſich ſelbſt vergeſſende und nur im Wohle Anderer lebende Gemüth auf den Fittichen der Liebe emporgehoben, und ihr allmählig eine höhere Betonung gegeben. Sie war noch immer Kind, eine zarte unſchuldige Seele, aber die Cataſtrophe war der Prüfſtein ihres Lebens geworden, dem ſie nun eine höhere Richtung gab. Die höhere Würde der zarten Jungfrau fieng an ſich in ihr zu regen. . — 22— und die Wechſelwirkung dieſes erhebenden Gefühles war allmählig in einer Art von Herrſchaft bemerkbar ge⸗ worden, der ſich willig zu unterziehen ihre Umgebungen einen beſondern Reiz zu finden ſchienen; eine Erſcheinung, die vielleicht eben ſo ſehr durch die bezaubernde Anmuth des Mädchens, als die ſelbſt von dem ſtolzeſten India⸗ ner der weißen Race gewiſſermaßen nothgedrungen zu⸗ geſtandenen Ueberlegenheit zu erklären geweſen ſeyn dürfte. Selbſt der Miko hatte ſich in den letztern Tagen einer ſcheuen Ehrerbietigkeit nicht erwehren können. El Sol ſchien ſie als ein Weſen höherer Art zu betrachten, und nahte ſich ihr mit einer Schüchternheit, einer Zartheit, die vielleicht den gebildetſten Damenritter beſchämt haben würde. Auf dem ganzen Wege hatte er ſo zu ſagen mit freudiger Furcht ihre leiſeſten Wünſche erfüllt, mit der zarteſten Sorgfalt jeden Schritt ihres Pferdes be⸗ wacht, jeden Wink ihrer Augen abg heſehen, und beynahe nur in ihrem Dienſte gelebt. So wie dieſe Anerkennung ihres ſittlichen Werthes auf ihren Geiſt, ſo hatte die Zerſtreuung auf der langen ſe, die abwechſelnd pracht⸗ vollen Naturſcenen und die Maesgde der grenzenloſen Wieſen der Attacapas und Opelouſas, auf ihren Körper gewirkt, und ihr eine Lebhaftigkeit, eine Friſche verliehen, die ihrer herrlichen Luftgeſtalt ungemein wohl ſtanden. Man konnte kaum etwas Rührenderes ſehen, als die⸗ ſes anmuthsvolle geſen, wie ſie dem erſtarrten Wilden ſüß ſchmeichelte n ihn durch die zarteſten unſchuldigſten — 23— Liebkoſungen zu neuem Leben zu erwecken ſich bemühte. Allmählig war es ihren unausgeſetzten Bemühungen auch gelungen, den alten Mann wieder zu einigem Bewußt⸗ ſeyn zurückzubringen. Nur erſchien mit dieſem auch eine gewiſſe Beklommenheit, eine Aengſtlichkeit, die in dem⸗ ſelben Maße zunahm, als er ſich den Niederlaſſungen der Weißen näherte. Mit jedem Schritte, den der kleine Zug vorwärts that, wurde nämlich die Miene des alten Häuptlings grollender, ſeine Ungeduld ſtärker; ſein Stumpffinn ſchien ihn nur zu verlaſſen um einer keifen⸗ den zankſüchtigen Laune Platz zu machen. Als ſähe er die Demüthigungen voraus, die er von den Weißen zu erwarten habe, verſuchte er ſich zuvor gegen ſie zu ſtählen und zu ermuthigen. Stundenlang war er im zankenden grollenden Selbſtgeſpräche begriffen, in dem er den Weißen Reden in den Mund legte, um ſie mit Trotz und Hohn zu beantworten. So waren ſie auf demſelben Wege, den der Indianer den Britten geführt, nämlich auf dem Pfade der Coshat⸗ taes den Atchafalaya zugeritten, den Miko und ſeine Oconees ausgenommen, die, getreu der Sitte ihres Stam⸗ mes, neben den Pferden einherſchritten. Oberhalb Ope⸗ louſas am Atchafalaya angekommen, hatten ſie dieſe mit den Pawnees zurückgeſandt, und angefangen ein Rinde⸗ Canoe zu bauen, als ſie in dieſer Beſchäftigung von zweyen der vom Magiſtrate von Opelouſas ausgeſandten Männer entdeckt und bald darauf vont einer kleinen Ab⸗ — 24— theilung Milizen überraſcht und zu Gefangenen gemacht wurden. Obwohl die Indianer weder Widerſtand noch Flucht verſuchten, und ihr Boot gelaſſen vollendeten, ſo hatte die ſtarre herriſche Art, mit der man ſie aufforderte un⸗ verzüglich zu folgen, und die gehäſſig mißtrauiſchen Blicke, mit denen ſie gemeſſen wurden, ihren Stolz ſo empfindlich gekränkt, daß, ohne des Miko eindringliche Bitten, wahrſcheinlich ein Kampf daraus entſtanden wäre. Als fürchtete er nun jede Berührung mit ſeinen trotzigen Erbfeinden, hatte er ſich ſchnell an die Seite ſeiner Pflegetochter zurückgezogen, die in eine Wolldecke gehüllt, auf einem Baumſtamme geſeſſen war. Noch ſprach ſie freundlich mit dem alten Manne, als El Sol kam, um 3 ſie in das Boot zu führen. Die Wolldecke war ihr zum Theil in der Bewegung entfallen, als ſie auf das Fahr⸗ 8 7 zeug zutrat. Der Anblick des weißen reichgekleideten Mädchens, das freundlich und froh ſich mit dem alten Indianer unterhielt, hatte in den Hinterwäldlern eine Umwandlung hervorgebracht, die, wäre ſie durch einen Zauberſchlag bewirkt worden, nicht plötzlicher oder grö⸗ ßer hätte ſeyn können. Ihr rauhes gebieteriſches Weſen war auf einmal der zuvorkommendſten Aufmerkſamkeit gewichen. Alle waren zurückgetreten, als ſich ihnen das Mädchen grüßend nahte, ihr Führer hatte artig ſeine Hand angeboten, um ihr beym Einſteigen zu helfen, war aber vom Cumancheehäuptlinge zurückgeſtoßen worden. — 25— Selbſt dieſe Beleidigung ertrug der Befehlshaber zur nicht geringen Verwunderung des Miko, dem, obgleich ſcheinbar ſtarr und in ſich verſunken, keine Bewegung ſeiner Feinde entgangen war. Während der ganzen Ueber⸗ fahrt waren ſie mit einer Schonung von den Weißen behandelt worden, die gegen das barſche, herriſche Be⸗ nehmen bey dem Ueberfalle zu ſehr abſtach, um nicht auch El Sol aufmerkſam zu machen. Im Depot angekommen, waren ſie zwar im Wacht⸗ hauſe eingebracht worden, der Führer der Abtheilung nahte ſich jedoch ehrerbietig dem Mädchen und bat ſie, einſtweilen ſeine Begleitung in den Gaſthof anzunehmen. Sie ſchlug dieſes freundlich aus, und blieb mit den In⸗ dianern in der Stube, wo ſie endlich durch die Ankunft der Offiziere aus ihrem Zweifel geriſſen wurden, von denen der Falkenblick des Squire den Miko ſogleich er⸗ kannte. Auch dieſer hatte den von ihm nichts weniger als billig behandelten Zwiſchenhändler herausgefunden, und ſich zuckend aufgerichtet, als er ſeine Anrede begann. Da trat aus dem Hintergrunde Roſa hervor, und aus der Wolldecke ſchlüpfend, warf ſie ſich dem erſtaunten Squire um den Hals, der kaum ſeinen Augen trauen konnte und ſie ſtarr anſchaute, bis ſie ihm endlich mit den Worten„deine Roſa,“ ſein Pflegekind ins Gedächt⸗ niß zurückrief. Da umſchlang er ſie mit einer Herzlich⸗ keit, die ihn für eine geraume Weile alles vergeſſen machte. — — 26— Die ausgezeichnete Achtung, mit der auch die übrigen Offiziere das liebliche Kind empfingen, die kurze ernſte Unterredung, die ſie mit einander hielten und die mildere Anrede des Squire, daß er glaube, Tokeah ſey in Friede und Freundſchaft gekommen, ſo wie der Um⸗ ſtand, daß ſie ſogleich aus dem Wachthauſe in den Gaſt⸗ hof geführt, und dem Wirthe als Gäſte der Regierung zur beſtmöglichſten Sorgfalt überantwortet wurden, dieſe Umſtände klärten endlich den im langen Verkehr mit ſeinen Feinden mit den verſchiedenen Behandlungsarten, die ſie ſeiner Race angedeihen ließen, wohlbekannten Miko allmählig über die plötzliche Sinnesänderung in den ge⸗ fürchteten Weißen auf. Dieſe Sinnesänderung hatte natürlich eben ſo ſehr in dem achtungsvollen Benehmen des Amerikaners gegen das weibliche Geſchlecht überhaupt, als der Vorausſetzung insbeſondere ſeinen Grund, daß Indianer, die in einer ſolchen Begleitung erſcheinen, nicht feinoͤſelige Abſichten im Schilde führen konnten. Dem alten Manne, der ſich ſchon auf Kränkungen und Demüthigungen aller Art gefaßt gemacht hatte, that dieſer* Sonnenſtrahl in ſeinem finſtern Geſchicke wohl. Der gebeugte, gebrochene, unter der Laſt ſeines Schickſals erliegende Häuptling, war ſchwach geworden, er fühlte zu ſeinem bittern Schmerze, daß er nicht mehr die Kraft habe, dem Feinde, der ihn in ſeiner Jugend und Man⸗ nesalter zermalmt hatte, entgegen zu treten. Die Groß⸗ — 27— muth kam ihm daher wie lindernder Balſam auf ſeine tödlich eiternde Wunde. So war es denn natürlich, daß er ſich von ihr, die er nun für ſeinen Schutzgeiſt anſah, mit Kummer und Schmerzen trennte, und nur die Verſicherung des Squire, daß er für Roſa hafte, und ſie ihm nicht entriſſen wer⸗ den ſolle, konnte ihn bewegen, ſie mit dem Oberſten ge⸗ hen zu laſſen, der ſie ehrerbietig in ſein Haus geladen hatte. Als ſie aber ſchied, da verließ den ſtarren Wil⸗ den ſeine Faſſung auf eine unbegreifliche Weiſe. Er ſtarrte ihr ins Geſicht, als wollte er ſie ſich recht ins Gedächtniß prägen, damit ſie ihm nicht verwechſelt würde. Er umfaßte ſie, ſeine Stimme ſtockte, als er ſeine Hand auf ihr Haupt legte und ſie ſegnete. Noch rannte er ihr nach, als ſie ſchon aus der Thüre war, umſchlang ſie wieder und ſegnete ſie nochmals. Der junge Häuptling bezeugte ihr ſeine Ehrerbietung auf eine bey dem ſtolzen Indianer nicht minder ſeltene Weiſe. Er begleitete ſie mit dem Oconeemädchen, welches ihren Kleiderbündel trug, und ſeinen beyden Männern bis an die Thürſchwelle.„Die Weißen beugen ſich vor Roſa,“ flüſterte er ihr mit wehmüthig hohler Stimme zu;„ihr Bruder ſtirbt für ſie;“ und ſein Haupt auf ſeine Bruſt neigend ſchwieg er eine Weile, und dann ſchied er. Nach der Trennung von Roſa fielen die beyden Häuptlinge in ihr voriges düſteres ſtarres brütendes Schweigen, aus — 28— dem ſie nur durch die Trommeln geweckt wurden, die das Zeichen zur Vereinigung der Truppen gaben. Der Anblick der Miligen, die beyläufig tauſend Mann ſtark, ſich nun in zwey Bataillone aufſtellten, regte in dem Wilden plötzlich all den Haß auf, der ſein ganzes Leben ſo unnennbar unſelig gemacht hatte. Mit ſtarrem Staunen, halb mit Entſetzen, folgte er jeder Bewegung, jedem Schritte der Truppen mit einer Aufmerkſamkeit, in der ein unſäglich bitteres Gefühl ſich ſpiegelte. Die Mannſchaft von Opelouſas, die von den Offizieren ein⸗ getheilt wurde, ſchien ihn weniger zu intereſſiren, vielleicht weil er ſich bewußt war„ daß auch er mit ſeinen Oconees gegen das regelloſe Ungeſtüm des noch ungeorͤneten ſchwankenden Haufens mit Erfolg ſtreiten könnte. Als aber der geſchloſſene Körper des vom Oberſten komman⸗ dirten Bataillons ſeine verſchiedenen Evolutionen auszu⸗ führen begann, da überzog ſich das Geſicht des alten Mannes mit einem grauenhaften Ausdrucke von Jammer, Bitterkeit und Groll. M 7 „Sieht mein Sohn,“ ſprach er mit leſes atternder Stimme im Pawneedialekte, als fürchte er, ſeine Feinde würden das von ihm ausgeſprochene zweydeutige Lob hören,„ſieht mein Sohn, wie die Weißen ſchlau ſind. Die rothen Männer werden nimmer den Tomahawk in ihrem Blute färben; ſie ſind unbändig und ſtolz wie der Büffelſtier, aber wenn ſie das Kriegsgeſchrey erheben, ſo werden ſie zahm, und folgen nicht einem Führer, wie — — 29— die rothen Männer, ſondern vielen, die alle unter einem ſind.“ 4 „Und treten ſo wie die Herde den Jäger, die rothen Männer lachend nieder;“ erwiderte El Sol eben ſo leiſe, ohne von den Bewegungen der Truppen, die nun im Sturmſchritte auf ſie zukamen, ein Auge zu verwenden. „Tokeah,“ ſprach er nach einer langen Pauſe,„hat oft mit ſeiner Seele geſprochen, woher es kommt, daß der weiße Mann ſo trotzig und wieder ſo folgſam iſt. Die rothen Männer ſind bloß trotzig, ihnen wird nie geholfen werden.“ „Warum,“ ſprach er wieder nach einer viertelſtündi⸗ gen Pauſe,„ſind doch die rothen Männer blind gemacht vom großen Geiſte? Warum verhüllt er ſeit vielen Som⸗ mern ſein Antlitz?“ „Im Leben des rothen Volkes iſt der große Geiſt nicht; er iſt ihnen zum Stiefvater in ihrem eigenen Lande geworden; ſie müſſen fluchen dem Leben, das er ihnen gegeben hat.“ „Mein Vater ſpricht Worte der Finſterniß,“ verwies ihm El Sol,„das Antlitz des großen Geiſtes wird ſich umwölken.“. „Es hat ſich ſchon umwölkt. Er mag den Donner aus ſeiner Wolke ſchleudern; Tokeah wird ihn ſegnen.“ Der junge Häuptling trat entſetzt zurück. „Ja der große Geiſt,“ ſprach der mit ſich zerfallene Alte,„iſt wie ein ſchönes Weib, er liebt die glatte — 30— Haut der weißen jüngern Söhne, die älteren hat er ver⸗ ſtoßen; ſie verſchwinden von der Erde von dem Erbtheile ihrer Väter, er bläßt ſie mit ſeinen Winden zur See gegen Sonnenuntergang. Wenn ſie jenſeits der Felſen⸗ berge angekommen ſeyn werden, ſo braucht er ſie nicht in das Salzwaſſer hinein zu ſtoßen, es wird ihrer keiner mehr da ſeyn.“ „Läſtere den großen Geiſt nicht„ alter Mann;“ rief ihm El Sol drohend zu. „Läſtern?“ wiederholte der mit ſeinem Schickſale ha⸗ dernde Indianer,„hat Tokeah geläſtert? iſt nicht ſein ganzes Leben eine Läſterung des großen Geiſtes. Warum,“ murmelte er mit erboster Stimme,„warum verfolgt er Tokeah und ſein Volk von ihrer Geburt an? Was ha⸗ ben ſie verbrochen? Warum ſchlägt er ſie? Hat Tokeah Böſes gethan? Warum züchtigt er ſeine Kinder? Warum hat er ſeinen Feinden die Schlauheit des rothen Hundes, die Stärke des Büffels, den rothen Männern die Blind⸗ heit der Eule gegeben, die beim hellen Tage im Finſtern tappt.“ „Die rothen Männer werden helle ſehen und wieder zum Leben erwachen in Senoras und Senowhares Ge⸗ filden; der Seher Blackeagle hat es verkündet;“ tröſtete ihn El Sol. Ein Hoffnungsſchimmer durchzuckte das Angeſicht des alten Mannes,„mein Sohn hat Recht;“ ſprach er, und wieder verfiel er in ſein voriges Dahinſtarren. — 31— In dieſen düſtern Ausbrüchen waren Stunden ver⸗ gangen, kaum daß ihn die Seinigen vermochten, an dem reichlichen Mahle Theil zu nehmen, das ihm die Gaſt⸗ lichkeit der Weißen bereitet hatte. Als wolle er ſich recht ſelbſt quälen, durch den Anblick dieſer gehaßten Weißen, und ihre Ueberlegenheit in Anzahl und Kriegs⸗ übung, ſo war er hinausgeeilt, hatte ſie einige Zeit an⸗ geſtarrt und war wieder troſtloſer zurückgekehrt, um das⸗ ſelbe in einer halben Stunde wieder zu thun. Als endlich das Bataillon entlaſſen worden war, und die Oberoffiziere ſich dem Gaſthofe näherten und in den Saal traten, in welchem nun auch die Indianer eingeführt wurden, ſah ihnen der alte Mann mit einer Sehnſucht entgegen, die den Offizieren, die mit ſeinem ſchrecklichen Gemüthszuſtande natürlich wenig oder gar nicht bekannt waren, auffiel, und vielleicht beytrug, eine gewiſſe vertrauungsvolle Stimmung zwiſchen den beyden Parteyen zu erzeugen. Als die Offiziere Platz genom⸗ men hatten, ließen ſich auch die Indianer auf ihre ge⸗ wöhnliche Weiſe auf den mit Teppichen belegten Fuß⸗ boden nieder, indem ſie, auf ihren Schenkeln ſitzend, ihre Beine ineinander kreuzten. „Wünſchen meine rothen Brüder mit der Zunge der rothen Männer zu ſprechen, oder wollen ſie ihre Bot⸗ ſchaft mit der der Weißen verkünden?“ fragte der Squire. „Der Miko der Oconees iſt ferne von den Seinigen, — — 32— und ſeine Augen ſehen viele Weiße; er will mit der Zunge der Weißen reden,“ verſetzte der alte Mann nach einer Pauſe.. „Unſere Männer,“ ſo hob der General an,„haben die Fußſtapfen ihrer rothen Brüder geſehen, ehe ſie das Canoe beſtiegen, um an den großen Fluß zu gelangen, ſie haben dieſes unſerm Bruder dem Häuptling Copeland berichtet, und er hat die rothen Männer hieher führen laſſen, damit ihre weißen Brüder erfahren, weshalb ſie gekommen ſind, und ob ſie ihrer Hülfe bedürfen.“ Der Geueral ſprach dieſe Worte in einem zutraulich würdevollen Tone, der augenſcheinlich berechnet war, die Indianer in guter Stimmung zu erhalten. Ein unmerk⸗ lich bitteres Lächeln hatte den Mund des Greiſes wäh⸗ rend derſelben verzogen. Nach der gewöhnlichen Pauſe erwiederte er: „Tokeah hat viele Sommer geſehen, und in der Hälfte derſelben iſt er, ein freyer und gewaltiger Miko, vom Oconee bis zum endloſen Fluſſe gegangen, ohne daß ihm Schlingen gelegt worden wären. Warum darf der Miko mit den Seinigen nicht frey gehen, wohin er will? Sind die weißen Männer ſo furchtſam geworden, daß die Schatten von ſechs rothen Männern und zwey Mädchen, ſie erſchrecken?“ 1 „Daß die weißen Männer ihre rothen Brüder nicht fürchten, weiß der Miko am beßten,“ verſetzte der General, „auch iſt er ein zu großer Häuptling, um nicht auch zu 30 — 33— wiſſen, daß wenn man den Tomahawk ausgegraben hat, die Augen offen ſeyn müſſen, um diejenigen zu zählen, die ſich dem Lager nähern.“ „Hat der weiße Häuptling je den Tomahawk gegen die rothen Männer erhoben?“ fanote der Indianer nach einer Weile. „Nein, aber gegen die Söhne des großen Vaters der Canadas. Ich bin der Befehlshaber dieſer achtungs⸗ werthen Männer, die in vielen Schlachten gekämpft haben.”“ „So frage der weiße Häuptling ſeine Brüder,“ verſetzte der Indianer nach einer langen Pauſe,„und ſie werden ihm ſagen, daß die rothen Männer nicht mit ihren Squaws gehen, um das Schlachtgeſchrey zu erheben. Der Miko iſt mit ſeinem Sohne, dem mäch⸗ tigen Häuptlinge der Cumanchees, im Frieden gekom⸗ men. Tokeah iſt alt geworden;“ ſetzte er bedeutſam hinzu. „ Und die weißen Männer ſtrecken dem alt gewordenen Miko und ſeinen Brüdern die Palmen ihrer Hände zum Friedenszeichen entgegen;“ erwiderte der General.„Aber die rothen Männer ſind klug,“ fuhr er nach einer klei⸗ nen Pauſe fort,„und ſie lieben ihre Wigwams und Jagdgründe ſehr. Warum haben ſie einen ſo weiten Weg gemacht?“ Der Indianer fah den Sprecher eine Weile furſchend Der Legitime. III. 5 — 32— an.„Wenn der große Vater etwas mit ſeiner Seele redet, behält er es nicht für ſich?“ „Der große Vater iſt in ſeinem Lande, und die Seinigen ſehen ſeine Wege; aber der Miko, frägt er nicht auch den Fremdling, den er in ſeinem Wigwam findet?“ antwortete der General. „Iſt Tokeah ein Fremoͤling im Lande ſeiner Vä⸗ ter?“ fragte der Wilde mit unſäglich wehmüthiger Bit⸗ terkeit.„Ja, er iſt's, er hat bereits ſeit vielen Som⸗ mern nicht mehr den Tomahawk gegen ſeine weißen Brüder erhoben. Er hat ihn begraben, und er iſt roſtig geworden. Er iſt auf breitem Pfade gekommen, nicht wie ein Dieb, aber er iſt ein Fremdling in ſeinem Lande geworden.“ 5 „ Aber die rothen Männer ſind keine Thoren, die nicht wiſſen, was ſie thun. Hat nicht der Vater der Canadas Tokeah durch ſeinen Boten etwas ins Ohr flüſtern laſſen?“ fragte der General, der vielleicht mit Vorbe⸗ dacht die wehmüthige Stimmung des Indianers nicht berückſichtigte. Dieſer wurde aufmerkſam. „ Iſt der Sohn des großen Vaters der Canadas bey meinen weißen Brüdern geweſen?'“ „Er iſt aufgefangen von den Unſrigen, und einge⸗ bracht worden;“ erwiderte der General. Es erfolgte eine lange Pauſe, während welcher die beyden Sprecher ſich zum ausholenden Wettſtreite vor⸗ zubereiten ſchienen. „Und die weißen Männer haben den Sohn des gro⸗ ßen Vaters der Canadas ergriffen und feſtgenommen?“ fragte der Indianer. „So haben wir;“ war die Antwort. „Und was haben die Häuptlinge der weißen Män⸗ ner beſchloſſen?“ „Was thun die rothen Männer mit denjenigen, die ſie als Späher einfangen?“ „ Und iſt der junge Sohn des großen Vaters der Canadas als Späher zu den weißen Männern gekom⸗ men?“ fragte der Indianer kopfſchüttelnd. „Er kam von Tokeah, dem Häuptlinge der Oco⸗ nees;“ ſprach der General mit plötzlich ſtarker Stimme. „Hat mein weißer Bruder geſagt, daß er von Tokeah kommt?“ fragte dieſer in demſelben kalten unbewegten Tone. 3 „Glaubt Tokeah, daß die weißen Männer nicht Augen haben, um zu ſehen, wenn auch die Zunge ſchweigt? Sie wiſſen ihre Feinde von ihren Freunden zu unterſcheiden. Wenn die rothen Männer ihre To⸗ mahawks gegen uns erheben wollen, ſo mögen ſie dieſes thun, wir werden ihnen zu begegnen wiſſen; wenn ſie ſich aber wie die Hunde vom Jäger aufs Wild hetzen laſſen, dann müſſen ſie zufrieden ſeyn, wenn ſie als ſolche todtgeſchlagen werden.“ — 36— „ Und glaubt der weiße Häuptling,“ fiel der Miko ſchnell ein,„daß Tokeah Thor genug ſey, ſich wie ein Hund von einem Mädchen hetzen zu laſſen, um ihr das Wild für ihren Keſſel zu fangen? Der weiße Häuptling hat wenig von Tokeah gehört.” „Der große Vater der Canadas iſt ſchlau,“ ver⸗ ſetzte der General,„er ſchickt zuweilen auch Mädchen, weil er weiß, daß die rothen Männer die zarten wei⸗ ßen Geſichter lieben.“ „ Tokeah iſt ein Mann, ein Häuptling,“ ſprach der Indianer,„der der zarten Geſichter lacht. Der weiße Häuptling mag die weiße Roſe fragen. Sie iſt es, die den Sohn des großen Vaters der Canadas ins Wig⸗ wam geführt, mit einer, die nicht mehr iſt.“ Hier ſtockte ſeine Stimme, und er hielt plötzlich inne; er er⸗ mannte ſich jedoch und fuhr fort:„Er iſt aus der Schlinge des Seeräubers entwiſcht, und Tokeah hat ihn erſt geſehen, als er jenſeits des zweyten Fluſſes war. Dann hat er ihm einen ſeiner Männer gegeben, um ihn zu den Seinigen zu bringen.”“ „Der Miko der Oconees würde dieß nicht mit einem der Unſrigen gethan haben. Der Miko iſt viel zu gütig gegen unſre Feinde;“ verſetzte der General. „Tokeah hat gethan, was ſeine Väter auch mit den Vätern der weißen Männer gethan haben, die friedlich in ihre Wigwams kamen, und wieder gingen. Er legt nur ſeinen Feinden Fallſtricke.“ — 37— „Wir zweifeln nicht an eurer Freundſchaft für die Söhne des ſogenannten großen Vaters der Canadas; auch haben wir nichts dagegen, wenn ihr von ihm Geſchenke annehmt. Aber vergeßt dabey nicht, daß wenn der große Vater der Canadas euch Glasperlen gibt, er dafür die Köpfe eurer jungen Männer nimmt.“ „Tokeah ſpottet der Glasperlen der Weißen.“ „Aber er nimmt ſie für ſeine Kinder,“ verſetzte der General,„und er liebt das gelbe Metall an ihnen glänzen zu ſehen.“ Der Indianer, der nach ſeiner jedesmaligen Rede wieder ſeinen Kopf auf die Bruſt geſenkt hatte, fuhr bey dieſen Worten unwillig auf.. „Der weiße Häuptling mag ſeinen Bruder fragen;“ entgegnete er, auf den Squire deutend.„Er iſt fett geworden von den Biber⸗ und Hirſchfellen, die ihm die rothen Männer für Feuerwaſſer gebracht haben, und er wird ihm ſagen, wie man das glänzende Metall ge⸗ winnt. Die weiße Roſe iſt die Tochter des Miko, und er hat viele Biberfelle und Bärenhäute geſammelt, und ſeine Tochter Canondah hat viele Calabaſſen Feuerwaſſers gebrannt, um die Augen der weißen Roſe in Freude leuchten zu machen. Tokeah würde das glänzende Me⸗ tall des großen Vaters der Canadas mit dem Fuße weg⸗ ſtoßen.”“ „Und warum hat die Tochter Tokeahs dem Sohne des Vaters der Canadas den Mund verſchloſſen?“ ——Q———Q—Q—COęp—ʒBqꝗq— — 38— „Tokeah ſelbſt hat ſeine Zunge gebunden;“ ent⸗ gegnete der Indianer. „Und warum hat der Häuptling dieſes gethan? Sind die Oconees Diebe geworden, die das Tageslicht ſcheuen?* „Liebt mein Bruder, das, was ihm theuer iſt, den Dieben ſehen zu laſſen? Die Oconees verſtecken ihre Wigwams nicht vor den weißen Männern, aber vor ihren Dieben, die kommen um ihnen ihr Vieh und ihr Korn zu ſtehlen. Sie wollen Frieden.“ „Und Tokeah iſt zurückgekommen, um ſein Volk zu ſehen?“ fragte der General. Der Häuptling ſchüttelte das Haupt.„Der Miko kennt die Muscogees nicht mehr. Er iſt gekommen in Frieden, weil der große Geiſt ihm in die Ohren ge⸗ flüſtert hat. Wenn er gethan, was er befohlen hat, dann wird er dahin gehen, wo ihn keiner der Weißen mehr ſehen wird.“ Der General und die Offiziere ſchienen mit den Auf⸗ klärungen, die ihnen die Unterredung(der Talk) gegeben hatte, zufrieden zu ſeyn. Sie beſprachen ſich noch eine Weile untereinander, und dann ſchloß der erſtere die Zuſammenkunft mit den Worten:„Meine rothen Brü⸗ der ſind willkommen in den Wigwams der weißen Män⸗ ner, und dieſe werden ſorgen, daß ſie Ueberfluß an Feuerwaſſer und Wildpret haben. Aber ſie werden warten in dem Wigwam, in dem ſie ſind, bis der große Vater von ihrer Ankunft benachrichtigt iſt. Der Miko — 39— weiß, daß er gerecht iſt, und daß er und ſeine Kinder nichts zu fürchten haben, wenn ſie in Frieden gekom⸗ men ſind.“ „Gut;“ erwiderte der Indianer. Beyde Parteyen erhoben ſich nun, und nachdem ſie ſich würdevoll die Hand gereicht hatten, trennten ſie ſich. Die Indianer kehrten in ihre Stube zurück, und die Offiziere, mit Ausnahme des Capitains, blieben im Saale, der ſich ſchnell zum abermaligen Meeting zu füllen begann. III. Kapitel. Ihn feinen Werth, wie ſehr wir ihn bedürfen, habt ihr recht wohl getroffen. Shakespeare. „Willkommen Capitain!“ ſprach die Frau des Ober⸗ ſten, als dieſer im drawing room eintrat.„ Setzen Sie ſich, die Kinder ſind oben. Sie haben uns ein herr⸗ liches Chriſtgeſchenk in dem lieben Engel gebracht. Es kömmt mir immer vor, als wäre ſie der Bote des Sie⸗ ges, der Engel des Friedens, und eine gute Vorbedeu⸗ tung für die Unſrigen, die morgen gegen den Feind ziehen. Wir haben den ganzen Nachmittag mit ihr ge⸗ weint, als ſie uns ihr ſchönes Leben, und den Tod der Tochter des Miko erzählte. So ein herrlich demüthiges, in Liebe erquillendes Gemüth. Sie müſſen dieſem Miko alles Gute erweiſen, er muß ſehr unglücklich ſeyn. Sie haben eine Unterredung gehabt? Ich ſchloß es aus Ihrem langen Ausbleiben.“ 4 — 44— Der Capitain hatte ſich nachläſſig aufs Sopha hinge⸗ worfen, und fuhr mit ſeiner Hand unmuthig durch die ſchwarzen Locken.„Ein troſtlos zerrüttetes Gemüth,“ ſprach er,„in dem nur eine Leidenſchaft noch brennt, Haß, glühend verzehrender Haß gegen alles, was ameri⸗ kaniſch iſt, der ſich in jeder Miene, jedem Worte, jeder Muskel ausdrückt. Hat aber wahrlich Urſache; dieſe Hinterwäldler ſind ein ſelbſtſüchtiges, ſteifes, ſtarres, rauhes Volk.“ Die Dame ſchüttelte den Kopf.„Capitain! Sie ſehen mit den Augen des Vorurtheiles. Sie fühlen ſich unbehaglich.“ „Unbehaglich!“ rief der Capitain, bitter lachend. „ Als ich heute vortrat, der Major ſprach noch mit den Stabsoffizieren des andern Bataillons, da kehrte mir die ganze Rotte den Rücken. Es iſt zum raſend werden.“ Der Offizier ſprang auf, und lief zähneknirſchend durch den Salon. „„Und Sie?“ fragte die Dame. „Was würden Sie, theure Mutter, in meinem Falle nach einer ſolchen Affronte gethan haben?”“ „Würde die Männer ernſt aber vertrauensvoll ge⸗ fragt haben, was ſie mit ihrem Betragen meinen.— Und was that der Major?“ „Rauchte dann, und trank und ſtolperte mit ihnen — 492— den ganzen Tag herum;“ erwiderte der Capitain.„Ich ließ ſie ſtehen, und ging auf meine Stube.““ „Capitain Percy!“ ſprach die Dame ernſthaft,„man hat ſchon geſtern, oder vielmehr heute Morgens, ihr Betragen ſehr ſonderbar gefunden, daß Sie als Militair es wagen konnten, die Volksverhandlungen zu unter⸗ brechen.“ Der Capitain wurde feuerroth.„Wagen ihre Volks⸗ verhandlungen zu unterbrechen. Beym Himmell ſie ver⸗ dienten alle vors Kriegsgericht geſtellt zu werden. Der Gefangene entwiſcht, er konnte keine Stunde fort ſeyn. Ich eile, ich renne; ich befehle den Männern, ich bitte, beſchwöre den General. Nur zwanzig Mann.— Da ſtehen ſie mit offenen Ohren, Augen und Mäulern, ohne ein Glied zu bewegen, und anzuhören, was tau⸗ ſendmal bereits in allen unſern Countyzeitungen ge⸗ ſtanden.“ „Aber, lieber Capitain, was geht das Sie an, wenn das Volk es ſeinem Intereſſe gemäß findet, ſich zu be⸗ rathen? Und Sie haben ſehr unamerikaniſche Worte ge⸗ ſprochen. Sie gehen von Mund zu Munde.“ „Deſto beſſer. Sie mögen wiſſen, was man von ihnen denkt.“ Die Oberſtin ſchüttelte den Kopf.„Und Sie ver⸗ meſſen ſich gegen den millionarmigen Rieſen, Volksgeiſt genannt, Ihre Stimme zu erheven, und den Bürgern mehrerer Counties Trotz zu bieten!“ — 43— „Ich bin nicht Volks⸗, ich bin Linientruppen⸗ capitain.“ „Und wem gehören dieſe Linientruppen?“ fragte die Dame.„Und dann,“ fuhr ſie fort,„dieſer Unfriede, dieſer Hader in der gegenwärtigen ſchwer bedrängten Zeit, wohin ſoll er führen? Wenn diejenigen, die das Volk gegen den Feind leiten ſollen, aus übel verſtande⸗ nem Stolze ſich mit dieſem zerwerfen?“”“ „Uund wer hat dieſen Unfrieden verurſacht, theure Mutter? Doch nicht Capitain Percy. Wer iſt es, der die Oppoſition gegen den Commandirenden begonnen hat?“ „Capitain!“ ſprach die Dame beſorgt,„Sie ſind zu lange von Hauſe geweſen, Sie kennen das Volks⸗ leben und ſeine Gewalt hier nicht. Sie ſtellen ſich unſer Volk wie das des alten Englands, des Paradieſes der Großen, vor. Hier iſt das Paradies des Volkes, und ſo wie in jenem die Großen, hat hier das Volk alle Macht und Energie.“ „Leider!“ verſetzte der Capitain. Die Frau wandte ſich unwillig mit einem halb mit⸗ leidig, halb beleidigten Blicke von ihm. Indem gin⸗ gen die Thüren auf, und der Oberſte mit dem Major Copeland traten ein, und begrüßten die Dame herzlich, den Capitain etwas kalt. „Ihr ſchon hier?“ fragte dieſe. — 44— „Ja, Liebe!“ erwiderte der Oberſt.„Das haben wir dem Squire zu verdanken. Es iſt vortrefflich aus⸗ gefallen und ich gehe nun mit Zuverſicht hinab. Squire Copeland iſt ein Wundermann, die Reſolutionen ſind einmüthig angenommen. Einige wollten Einwendungen machen, nahmen ſie jedoch zurück.“ „Das ſind die Tenneſſeer, die erſt letztes Jahr herab⸗ gekommen ſind,“ entgegnete der Squire.„„ Noch wilder Stoff, und haben ſich das Fechten und das Gouging noch nicht abgewöhnt. Für unten ſind ſie doch gerade recht.“ „Die Manoeuvres ihrer Schützen ſind aller Ehre werth, Major, und die Ordnung, mit der ſie ſich be⸗ nahmen, bewundernswerth— für den erſten Tag näm⸗ lich.“ „Einige Male,“ bemerkte der Squire,„wandelte ſie noch immer die Luſt an, ein kleines zu verkoſten; aber als ich einem Dutzend die Eigarren aus dem Munde genommen, waren ſie für den ganzen Tag ruhig. Ey, es ſind freylich keine Newyorker oder Londoner Gentle⸗ mens; aber glaubt mir, ihres Landes Beßte geht ihnen über alles. Wir haben nun vier Compagnien Schützen beyſammen, die ein Dutzend brittiſcher wegblaſen.“ Der Capitain, nachläſſig auf das Sopha hingeſtreckt, hatte lächelnd den Squire angehört.„Major Copeland,”“ ſprach er endlich ein wenig ſpöttiſch„„ ſcheint ſeine Feinde etwas unter ihrem Werthe zu halten. Es ver⸗ räth wenigſtens Selbſtbewußtſeyn.“ „Und das kann bey einem Volke nie zu weit gehen. Wer ſich das Unmögliche zutraut, wird es auch aus⸗ führen.“ „Wer ſeinen Feind verachtet, iſt bereits geſchlagen, habe ich immer gehört;“ entgegnete der Capitain. „Mag ſeyn in der alten Welt,“ entgegnete der Squire trocken.„Hier haben wir ein beſſeres Sprüch⸗ wort: Achte dich zuerſt ſelbſt, und deine Feinde werden ſich nicht an dich wagen. Uebrigens, Capitain, ſind wir in einem freyem Lande, und Sie mögen ſprüchwör⸗ tern wie ſie wollen; nur möchte ich Ihnen rathen, daß wenn Sie mit Bürgern zu thun haben, Sie auch Bür⸗ ger und kein Jota mehr ſeyn müſſen.“ „Und nach Opelouſas zum Squire Copeland in die Lehre gehen;“ lachte der Capitain bitter. „Vielleicht wäre es beſſer für Sie geweſen, als daß Sie Ihre ſchöne Jugend in dem grundverdorbenen Eng⸗ land verbrachten. Sie haben, ſcheint es, aus lauter Entzücken über das gehorſame Volk der alten Welt ver⸗ geſſen, daß hier das Volk Gehorſam fordert. Es iſt freylich bequemer zu ſagen: du gehſt und du ſtehſt, wie es von dem Manne in der Bibel heißt, aber in dieſem Punkte haben wir hier noch ein neueres Teſtament, und ſelbſt das großartige und edelſtolze Weſen geht an uns verloren. Nicht einmal anſtarren oder ſcheel anſehen — 46— dürfen Sie einen, weil Ihnen ſonſt der Mann den Rücken wendet. Sie müſſen ſich unſre Manieren juſt gefallen laſſen, und wenn Sie ſich dieſer ſchämen, je nun, ſo glauben Sie mir, die Männer würden ſich noch mehr ausländiſcher Manieren ſchämen; ſie ſind Männer, und zwar die freyeſten Männer der Welt, und zu ſtolz, um ſich fremden Manieren zu unter⸗ werfen.“ „Dieſe Lektion, Major, als was ſoll ich ſie neh⸗ men?“ fuhr der Capitain auf, der raſch auf den Major zutrat. 4 Der junge, ſchöne, von Gold ſtarrende, äußerſt elegant uniformirte Offizier, der augenſcheinlich den fein⸗ ſten Weltton ſich angeeignet hatte, ſchien weniger über die Reden des Squire, als deſſen Aeußeres empört. Dieſes war, wie unſre Leſer wiſſen, nichts weniger als elegant. Eine rehfarbige, etwas grobtuchene Redin⸗ gotte, die, weniger berühmt, eben ſo viele Touren ge⸗ macht haben mochte, als ihre graue dazumal in Elba befindliche Schweſter, eben ſolche Pantalons, eine Art ſchwarzſeidenen Strickes um den Hals, und der Quäker⸗ hut, auf dem der baroke Federbuſch wie eine Vogel⸗ ſcheuche prangte, halbrunde Schuhe, die von der Japa⸗ neſerwichſe ſeit ihrem Daſeyn nichts geſehen, waren das Coſtum des vierſchrötigen Squire, der ernſt und ſcharf auf den jungen Offizier zutrat.„Als nichts denn einen gutgemeinten Rath, Capitain,“ erwiderte er. — 47— Sie ſind ein wackrer junger Mann, und Gott verzeih es denen, die ſtatt aus ihnen den Stolz unſeres Landes zu machen, Sie hinüber ſandten, und uns einen eng⸗ liſchen Faſhionable wiedergaben. Aber Sie haben ſich wie ein Mann oben an den Seen gehalten. Wäre das nicht der Fall, Major Copeland würde wahrlich für Sie kein Wort verloren haben.“ „Capitain Percy,“ ſprach der Offizier ſtolz,„be⸗ darf keines Fürſprechers, und am wenigſten—“ „Sie ſind jung, Capitain,“ fiel ihm der Major kalt und trocken ein,„vergeſſen Sie nicht, daß Sie mir ſubordinirter Offizier ſind. Wir gehen morgen, wie es beſchloſſen worden, mit den acht Compagnien hinab. Zweyhundert Mann bleiben zurück. Sie werden nun Gelegenheit haben zu zeigen, ob Ihnen an Ihren engliſchen Manieren oder am Wohle des Landes mehr liegt. Und vergeſſen Sie nicht, daß wenn Sie einmal von einem Ihrer Mitbürger eine Cigarre nehmen oder ein Glas Toddy trinken, dieſes Vertrauen ſie ehrt, und kein Haar breit von Ihrer Würde nimmt; auch daß dieſe nämlichen Bürger größere Männer zu Paaren zu treiben wiſſen, als Sie ſind.“ Er nickte mit dem Kopfe und verſchwand im hintern drawing room. Es war etwas zutraulich Gemäßigtes, aber auch zugleich etwas lakoniſch Hartes in dem Tone des Squire geweſen, das dem Offizier abwechſelnd das Blut über — 48— die Wangen jagte. Eben wollte er dem Major nach⸗ eilen, als ihm der Oberſte zurief. „Was wollen Sie, Capitain Percy?““ „Dem Grobian eine Erklärung abfordern.“ „Setzen Sie ſich, dieſe will ich Ihnen ſelbſt geben. Wiſſen Sie, daß die ſammtliche Mannſchaft, ohne Aus⸗ nahme, über Ihr Betragen bey dem geſtrigen meeting, und die Aeußerungen, die Sie fallen ließen, ſo wie über ihr heutiges Benehmen ſo entrüſtet ſind, daß ſie ſtehenden Fußes ein Comité von Offizieren ernannten?“ „Und?“ fragte der Capitain, der ein wenig be⸗ troffen wurde. „Und daß dieſes Comité darauf antrage, das Ganze an den Commandirenden zu berichten, und Sie einſtweilen von allen Dienſtverhältniſſen mit unſern Bürgern zu ſuspendiren.“ Der Capitain erblaßte. „Da trat Major Copeland vor, und mit jener ihm eigenen nervigten Beredſamkeit ſtellte er den Män⸗ nern die Nothwendigkeit vor, Sie beyzubehalten. Nichts vergaß er; Ihre Dienſte, Ihre glänzenden Thaten bey Plattsburg, alles ſchilderte er. Er kennt Sie genau. Es dauerte lange; endlich gelang es ihm ihren Unwillen zu beſchwichtigen, und die Beſchlüſſe wurden einſt⸗ weilen zurückgenommen, verſtehen Sie? einſtweilen!“ „Ich habe im Auftrag meines Chefs gehandelt, und wenn mir im Unwillen Worte entſchlüpften—“ — 49— „Die nie einem Manne entſchlüpfen ſollten, der an⸗ dere zu commandiren berufen iſt;“ ſprach der Oberſte. „Sie kamen in Aufträgen des Generals. Wohl! ſo mochten Sie ſich derſelben entledigen, und dann ſchwei⸗ gen. Aber Sie kamen wie der Pfeil vom Vogen, und dachten vermuthlich, weil der General unten mit den Creolen ſo wenig Umſtände macht, dieſe hier noch weni⸗ ger nöthig zu haben. Ihr Chef verſteht jedoch die Sache beſſer, und während er Sie mit ſeiner Donner⸗ botſchaft aufs Gerathewohl ſendet, ſchreibt er einen freund⸗ lichen Brief an den Squire, ja recht bald mit dem Bataillon herabzukommen, er ſelbſt habe ihm Quartiere beſtellt.” „Wie wußte er, daß der Squire Copeland zum Major gewählt werden würde?“ „Wenn die jenſeitigen Counties die Präſidentenſtelle zu vergeben hätten, ſo würde ſie ihm zu Theil werden, der durch Erfahrung, Kenntniſſe, Gemeinnützigkeit und ſelbſt Vermögensumſtände eine hohe Stellung dort ein⸗ nimmt. Er iſt einer der Tonangeber der demokratiſchen Partey im Staate, in mehreren Counties allgewaltig. Wie konnten Sie es wagen, einem Manne, der ſechs angeſeſſene Söhne hat, und der für ſein Land geblutet, als Sie noch nicht waren, in einem ſolchen Tone zu ſprechen?“ Der Capitain war einige Male raſch im Salon auf und ab geſchritten.„„Der General ahnte etwas von Der Legitime. III. 4 — 50— einer Oppoſition, er hat mir aufgetragen, alles Mögliche zu thun, um dieſe rückgängig zu machen.“ „Und Sie kamen, und glaubten, man werde hier ſogleich den Athem verlieren? Seyen Sie verſichert, Ihr donnernder General wird die gewaltige Pille, wegen der Sie ſich den Mund verbrannt, und Ihre Popularität und, was dasſelbe iſt, Ihre militäriſche Exiſtenz vielleicht auf immer gefährdet, mit zuckerſüßem Munde hinabwür⸗ gen, und durch ein freundliches Geſicht dem fernern Volksunwillen vorzubeugen ſuchen.“ Es erfolgte eine lange Pauſe. „Wir gehen morgen, wie Sie wiſſen, mit den ein⸗ geübten Truppen und den Riflemännern hinab, Sie bleiben einige Tage zurück, bis die Mannſchaft einge⸗ übt iſt. Eines muß ich jedoch bemerken,“ fuhr der Oberſte ernſthaft fort,„Ihrer Bewerbung um meine Tochter, Capitain Percy, habe ich keine Hinderniſſe in den Weg gelegt, obwohl ſie nicht ganz in meinem Sinne iſt. Ich will jedoch der Neigung meines Kindes keinen Zwang anlegen. Nur vergeſſen Sie nicht, daß ich mit meiner Tochter nicht zugleich auch meine Popu⸗ lärität mit meinen Mitbürgern hinweggeben will.“ Der Capitain hatte den Sprecher ſtarr angeſehen. Einige Male ſchritt er raſch im Salon auf und ab, dann griff er nach den Handſchuhen und Tſchako, die er heftig an ſich riß. Noch ſtand er unſchlüſſig, als die Frau des Oberſten ſich erhob, und würdevoll ſprach: „Eintracht und Zuſammenwirken! Kommen Sie, Capitain, Sie waren es, der gefehlt hatte. An Ihnen liegt es, den erſten Schritt zu thun.“ Der Capitain faßte die dargebotene Hand, und folgte der Dame. Nach einer Weile kamen die beyden Arm in Arm mit dem Sauire und Virginien zurück. „Sie iſt bereits zu Bett gegangen,“ ſprach der mild gewordene Squire, der liebe Engel! hätte ſie gerne noch einmal ſehen mögen.“ „Laßt ſie,“ entgegnete die Frau,„ſie bedarf der Ruhe. Sie hat zwey Nächte nicht geſchlafen. Morgen wollen wir ſie mit hinabnehmen.““* Und als wäre mit dem lieben Kinde auch der Froh⸗ ſinn von ihnen gewichen, ſo lagerte ſich nun ſchwer⸗ muthsvoller Ernſt über die Familie hin. Es waren die letzten Stunden, die ſie vor einer Trennung hatte, die Wochen, Monate, vielleicht auch ewig dauern konnte, und natürlich wurden ſie in einer ernſten Stimmung gefeyert. Die wichtigen Angelegen⸗ heiten des Vaterlandes und des ſehr großen Haushaltes des Oberſten knüpften den ſpäten Theetiſch beynahe an die Soupertafel, und es war lange nach Mitternacht, als dieſe aufgehoben, und die Sklaven familienweiſe in den Speiſeſaal eingeführt wurden, wo der Pflanzer ihnen eine eindringende Anrede hielt, ſie zur treuen Pflichter⸗ füllung ermahnte, und dann gerührten Abſchied nahm. An Schlaf dachte keiner. In den vielfältigen Geſchäften des großen Hausweſens, und den Vorbereitungen zum Abmarſche war die Nacht verfloſſen, und der Morgen graute ſchon herauf, als der Donner der Kanonen auch die Ankunft der Dampfböte verkündete. Nicht lange darauf kamen Roſa und Gabriele in den Saal. Eine Weile ſtand noch die ſchöne Familiengruppe beyſammen, und dann verließ ſie das Haus und Bayou auf dem Weg zum Stromesufer. Noch hing der Nebel ſo dicht über dem Strome und dem Ufer, daß bloß ein dumpfes Gewirre von Stimmen zu entnehmen, kein Gegenſtand zu unterſcheiden war. Die Mannſchaft war jedoch verſammelt, und mit ihr tauſende von Frauen, Mädchen und Kindern, die von nahe und ferne gekommen waren, um von den Ihrigen Ab⸗ ſchied zu nehmen. Der Schauluſtige dürfte hier nicht ſehr befriedigt geweſen ſeyn, denn es war hier nichts von jenem Pompe und Prunke zu ſehen, von jener be⸗ täubenden Muſik zu hören, die in den ſogenannten cen⸗ traliſirten Staaten gewiſſermaßen mit als Lockſpeiſe zu dienen beſtimmt ſind, die armen Söldlinge deſto williger ihr glänzendes Elend vergeſſen zu machen; keiner jener wilden Geſänge, Tumulte oder ſtehenden Zecherſcenen, die bey ſolchen Veranlaſſungen ähnliche Abſchiede charak⸗ teriſiren, und die ſogenannten Landesvertheidiger als einen Haufen disciplinirter Auswürflinge bezeichnen, denen man zu guter Letze noch etwas durch die Finger ſieht; im Gegentheile, es herrſchte hier eine tiefe Stille, oder vielmehr ein murmelndes Geflüſter, das nur durch die lauten Stimmen der Handlanger und Neger unter⸗ brochen wurde. Ernſt und beſonnen ſtanden alle, und beſprachen ſich mit den Ihrigen mit einer Ruhe, die unwiderleglich die hohe Stufe der Selbſtachtung beur⸗ kundete, die das amerikaniſche Volk ſo weit über jedes andere erhebt, und wohl am natürlichſten dadurch zu erklären ſeyn dürfte, daß dieſes keinen eigentlichen Pöbel in ſeiner Mitte hat, ſondern jedes Glied des großen Körpers ſelbſtthätig und politiſch wichtig jeden ſeiner Schritte als denkendes freyes Weſen überlegt, und eben deßhalb mit geſetzter ernſter Kraft derſelben entgegen⸗ tritt. Noch einmal umarmte der Oberſte ſeine Lieben, und dann ließ er das Zeichen zum Aufbruche geben. Ihm folgte ſein Sohn, der Mutter und Schweſtern raſch küßte, die Hand Roſas erfaßte, ſie fieberiſch an ſein Herz riß, und dann der Squire, der den Damen die Hand ſchüttelte und dann Roſa in ſeine Arme nahm.““ „Bete für uns, Roſa,“ murmeſte er ihr zu,„der da droben hört das Flehen der Unſchuld, wir werden's wahrlich brauchen.“ Und ſtärker rollten die Trommeln, und gellender tönten die Pfeifen, und der Donner der Kanonen von den Dampfböten brüllte darein, und der alte Mann riß — 52— ſich von ihr und der Familie los. Und Trupp auf Trupp zog nun an ihnen vorüber. Ein dumpfes düſteres Gemurmel, ein anfangs leiſes, unterdrücktes, dann all⸗ mählig lauter werdendes Schluchzen der Frauen, Mäd⸗ chen und Kinder.„Gott ſegne euch! Er ſey mit euch, der Herr der Heerſcharen!“ rief es aus hundert Kehlen. „Denkt an Weib und Kind! Seyd ſtark, ſeyd Män⸗ ner!“ ſchrien und kreiſchten andere. Da ſchrak Roſa plötzlich zuſammen.„Um Gottes willen!“ rief ſie, und flog erſtarrt in die Arme ihrer neuen Mutter, Sie drückte ihr Geſicht in den Buſen der Dame. Sie deutete ſchaudernd hinter ſich auf eine Schaar von Män⸗ nern, die im dichten Nebelflor, von einem Zug Milizen geführt, auf das Dampſſchiff zuſchritten. „Was iſt's? was iſt's?“* rief die erſchrockene Oberſtin. „Mutter! um Gotteswillen rette mich!— Rette deine Roſa!”“ Mehr vermochte ſie nicht zu ſagen, denn ſie hing in den Armen der Frau halb todt vor Schrecken, ihre Glieder ſchlotterten, ſie war von unendlicher Angſt ergriffen. Da ſtürzte plötzlich von hinten eine rieſiglange hagere Geſtalt, gleich einem Geſpenſte, unter die Gruppe der Damen, riß Roſa mit Rieſengewalt aus den Armen der 3 Frau, und hielt ſie mit den langen dürren Händen um⸗ ſchlungen, mehr wie ein hölliſches Nachtgeſpenſt, denn — 55— ein Erdenbewohner. Mutter und Töchter waren krei⸗ ſchend vor Entſetzen zurückgeſprungen. „Was iſt's?“ rief der Capitain, der mit gezückten Degen herbeygerannt war. 1— Der Indianer ſtierte ihn mit den rollenden Augen eines Raſenden an, drückte Roſa krampfhaft an ſich, nur den langen Hals ſtreckte er gräßlich nach dem Dampfſchiffe hin, und ſeine furchtbar funkelnden Au⸗ gen ſtierten nach.„Der Häuptling der Salzſee;“ ſtöhnte er. Roſa blickte auf. Sie ſchaute um ſich.„Miko!“ rief ſie,„er iſt gegangen. Sey ruhig, Miko, der Mörder Canondahs und der Deinigen iſt auf dem Strome.“ und allmählig wurde ſein Blick ruhiger. Seine Hände fielen von dem Mädchen, er blickte nochmals ſtier auf alle, und ſchwankte dann langſamen Schrittes den Seinigen zu. „„ Um Gottes willen, Kind, was iſt das geweſen?“ rief die entſetzte Oberſtin. Roſa zitterte noch an allen Gliedern. „Der Seeräuber, Mutter.“ „»Kind, du täuſcheſt dich,“ rief die beſorgte Dame. „„Wie ſollte der Seeräuber hierher kommen?““ „Nein, nein,“ verſetzte ſie,„der Miko hat ihn auch geſehen.“ Und wieder ſchaute ſie ängſtlich hinüber MQEREREᷓ — 656— auf die Dampfboote, aus deren Kaminröhren nun der. Rauch heftiger zu qualmen anfing. Einige Male ziſchte der Dampf noch wie raſend herüber. Ein langes tau⸗ ſendſtimmiges Gott ſegne euch, ſchallte hinüber, kam herüber, die Schiffe hoben ſich, wandten ſich, und trieben dann ſchnell der verhängnißvollen Ferne zu. IV. Kapitel. Beliebts Euer Wohlehren, meine armen Dienſte zu ge⸗ nehmigen. Möchte gerne euer Brod verkoſten, und wenn's noch ſo ſchwarz wäre, und euern Trank, und wär er auch der wäßrigſte, und für vierzig Schillinge will ich Euer Wohl⸗ ehren ſo viel Dienſte thun, als ein anderer für drey Pfund. Greene. „ Sind ſie abgezogen?“ fragte ein Mann mit leiſer Stimme, als wollte er die Umſtehenden in ihren ſchmerz⸗ haften Betrachtungen nicht ſtören. „» So wie ihr ſeht,“ verſetzte ein zweyter;„ihr ſeyd unter den Riflemännern Bob; ihr ſolltet ſchon geſtern da geweſen ſeyn; euer Capitain iſt fort.“ „Damn!“ verſetzte der Mann.„Wäre es auch, wenn uns nicht dieſe zurück gehalten hätten.“ Er wies auf eine Gruppe von fünf Männern, mit denen er ſo eben vom jenſeitigen Ufer gelandet, und die verwundert ſchienen, als ſie ſich plötzlich in einer dichten Reihe von S4 — 58— Männern, Weibern und Kindern befanden, von denen einige ihre Ohren den ferne her ziſchenden Dampf⸗ ſchiffen nachhielten, andere in ſchweren Gedanken vertieft ſtanden, wieder andere ihre Tücher an die Augen hielten. Es war etwas Ergreifendes in dieſer Todesſtille der vie⸗ len hundert Männer, Frauen und Kinder, die mit Schmerzen noch das Ziſchen der Dampfſchiffe erhorchen zu wollen ſchienen, ohne ein Wort oder einen Laut von ſich zu geben. Das Geſpräch, obwohl leiſe geführt, hatte jedoch die Aufmerkſamkeit Einiger auf die ſo eben Ange⸗ kommenen gerichtet, von denen zwey als Nachbarn be⸗ grüßt, der dritte als der entlaufene Neger des Oberſten Parker erkannt, und der vierte einige Augenblicke be⸗ trachtet, und dann als ein beſonderer Aufmerkſamkeit eben nicht ſehr werthes Subjekt entlaſſen wurde, der letzte jedoch eine raſche Bewegung und ein Gemurmel veranlaßte, das ſchnell lauter wurde.„Der Spion,“ rollte es von Mund zu Munde. „Bey Jaſus!“ rief der Junge, den wir als den vierten bezeichnet, mit einer ſcharfen, knarrenden, rauhen Stimme, und einem Dialekte, der ihn ſogleich als einen Sohn Erins verrieth.„Bey Jaſus! Maſter James, das iſt eine luſtige Hetze; was das für einen Lärm ſetzt. Als wir ankamen, hätte man eine Maus laufen hören können; kaum haben wir aber einen Fuß ans Land geſetzt, ſo hebt der Tumult und Schrecken an, .— 59— juſt als wenn eine Nankeefregatte an einen königlichen Zweyundfünfziger angeprallt käme.“ Der angeredete Maſter James, der, wie unſre Leſer errathen werden, wieder unſer unglückſelige Britte war, gab keine Antwort. Mit zuſammengepreßten Zähnen und Lippen ſtand er ſtieren, leeren, halb verwilderten Blickes, der, wenn er auch nicht die Begrüßung, mit der er bewillkommt worden, rechtfertigte, mindeſtens auf harte Stöße während ſeiner dreyßigſtündigen Flucht deutete. Das Gemurmel, der Spion, war mittlerweile immer lauter geworden. Der Irrländer beſah zuerſt ſich vom Kopfe bis zu den Füßen, dann ſeine beyden Ge⸗ fährten, und rief luſtig aus: „Spion, bey Jingo! Wer glaubt ihr wohl, daß ein Spion iſt? Meines Vaters Sohn? Ey, das iſt zum Todtlachen. Maſter James, das Milch⸗ und Blutgeſicht?“ Er ſah ihn nochmals an.„Der Neger⸗ gentleman? Hol mich der Teufel, wenn ihr bey Sinnen ſeyd. In unſrer Familie, den Murphys zu Kildare, ſoll mich— verdammen, lebt keiner, der noch gehängt worden wäre. Spion! geht zum Teufel, ihr ſeyd nicht geſcheid.“ Er brach in ein unbändiges Gelächter aus. „Iſt ja dein Bruder Pady zu Dublin mit der Hanfbraut getraut worden,“ rief ihm einer der zurück⸗ gebliebenen Milizen zu. „Da ſprecht ihr wie ein verdammter Mauldreſcher;“ fuhr der Irrländer heraus.„Es war mein Stiefbruder, ——OQO⏑O⏑QOBO;—᷑—̃—᷑O—C—C—C—ꝑ—ꝭ——ꝑ—ʒ—F—zñ—ñõ—ꝑQ˖—QC—CQ—ꝑ—ꝭQęQQ—— — 60— der Mami ihr Balg, iſt im Greenhouſe in der Kaſerne vom Brete getanzt. Wäre nicht ihr Couſin zu Camar⸗ thaen in dem Teufelsneſt aufgeſeſſen, ſo wäre er noch in ſeiner Jacke. Er hatte aber keine, hatte ſeine für eine Bouteille Whisky noch im Loche verſchachert, wurde im Hemde gehängt.“ „Haſt recht, Paddy,“ rief ein Zweyter, der den Spaß nicht kalt laſſen werden wollte.„Aber dein Va⸗ ter, der Davy Murphy?“ „Iſt wegen eines elenden Fäßchens Magentroſt von Conſtable Meigs erſchoſſen worden. Verdammter Narr! Ein ſo ehrlicher Tod, als ihn einer nur ſterben kann.“ „Und deine Schweſter zu Cork iſt ja wegen Schaf⸗ diebſtahl confiszirt worden?“ rief ihm ein Dritter zu. „In Cork? Bey Jaſus,“ lachte der Irrländer. „In Cork? Haben in ganz Cork kein Schaf. Sind froh, wenn ſie eine Ziege füttern können. Der Gras⸗ halm, der übrig bleibt, da machen ſie Thee daraus. Arme Mary!“ rief er drollig.„Als ich ſie zum letzten Male ſah, da ſagte ſie mir: du, Davy, ſagte ſie, ſey geſcheid, ſagte ſie, und—“ Der luſtige Irländer wurde in ſeinen Familienbe⸗ kenntniſſen, zum Leidweſen der Männer von Opelouſas, wie es ſchien, durch zwey Si ere ha, die, Gewehr in Arm, nun vor dem Wachthauſe ankamen, um ihn mit ſeinen zwey Gefährten in Empfang zu neh⸗ men. Er ſah einen Augenblick verwundert die beyden — 41— an, und ſchrie dann, ſich niederhockend, mit närriſchem Gelächter:„Maſter James Hodges! Maſter James Hodges! Parleh fouhs frenseh Monsiehour?“ und wieder lachte er ſo unbändig, daß ihm zuletzt der Athem verging.„Eyv, Maſter James!“ kicherte er,„als wir da geſtern mit Beſen und Stöcken expedirt wurden, wer hätte da glauben ſollen, daß uns in vierundzwanzig Stunden darauf ſo viele Auszeichnung erwieſen, und wir mit einer Ehrenwache eingeholt würden?“ „Ich glaube,“ rief einer,„hinter dem ſteckt etwas mehr, als der bloße Schalksnarr.“ „Parleh fouhs frenseh Monsiehour?“ ſchrie der Irländer wieder mit tollem Gelächter. „Das iſt ein närriſcher Kauz,“ riefen einige Mi⸗ lizen.„Laßt ihm doch ſeine Freude.“ Und ſofort ſchloß ſich der ganze Haufe der Männer und Kinder an den Zug. „Parleh fous frenseh Monsiehour?“ ſchrie er wieder, indem er ſtille ſtand, und närriſch lachte. „Könnt auch nichts,“ fuhr er in ſeinem iriſchen Brogue fort.„Hol mich der Teufel, da ſagen die Narren Louiſiana iſt halb franzöſiſch, halb Nankee. Damn ye, unſer Pfaffe, der Pater Kirkpatrik, weiß es beſſer, und meines Vaters Sohn hat's von ihm gelernt; aber wo ich noch angefragt habe, hat mich keiner verſtanden.“ „Du biſt ein kecker Burſche,“ rief ihm einer der Offiziere zu,„ein paarmal vierundzwanzig Stunden bey Waſſer und Brod werden deine Landſtreicherzunge wohl langſamer machen.“ Der Ire ſah den Sprecher eine Weile zweifelhaft an, dann fiel ſein lauernder Blick auf die Umſtehenden, die augenſcheinlich durch ſeine tolle Laune ergötzt waren, und er rief wieder:„Parleh fouhs frenseh Mon- siehour?“ aus ſeiner blauen Jacke ein Papier hervor⸗ ziehend.„Mit Euer Wohlehren Erlaubniß, ein See⸗ mann von der Brigg Sarah, Capitain Moraud, ein Landsmann von mir, der aber Nankee geworden, und hol mich der Teufel, ich werde auch einer. Nichts über die Yankees. Parleh fouhs frenseh Monsiehour, Maſter James Hodges?“ wandte er ſich zu dieſem. „Ach, Maſter James! wären wir, wo wir geſtern waren, die Beſen und Stöcke ſind bey alle dem nicht ſo gefährlich, wie dieſe Stutzer da.“ Der luſtige Schalksnarr hockte ſich wieder nieder, und lachte toller als je:„Parleh fouhs frenseh Monsiehour?“ „Deine Abfertigung iſt richtig,“ ſprach der Offizier, „aber wie kamſt du zu dem Gefangenen?“ „Parleh fouhs frenseh?“ rief der Ire wieder. „Hol mich der Teufel, wenn ich ſelbſt weiß wie, und es ſagen kann. Meine Zunge iſt ſo trocken, ſeit ich die Stadt verlaſſen habe, als wenn ſie eine Gallon Erbſen⸗ waſſer hinweggeſchwemmt hätte.“ Und wieder ſtand er ſtille und lachte pfiffig. Das halb confiszirte Schelmen⸗ geſicht, in dem ein Zug von Gutmüthigkeit, mit einer derben Portion iriſcher Unverſchämtheit und unbezwing⸗ barer Laune ſich ſpiegelte, hatte die ganze Escorte all⸗ mählig in eine Stimmung verſetzt, die, ſo ernſt ſie an⸗ fangs war, das Lachen kaum mehr unterdrücken konnte. Der Zug näherte ſich nun dem Wachthauſe, der Ire hielt jedoch alle zehn Schritte. Einer der Offiziere nahm ein halbes Dollarſtück aus ſeiner Börſe, und hielt es zwiſchen den Fingern. „ Ach gnädigſter, ſüßeſter, liebſter, ſchönſter, hold⸗ ſeligſter, alleerfürtrefflichſter, ehrenfeſteſter Squire, Ma⸗ jor, Oberſter, General, Lieutenant oder gar Corporal!“ rief der Irländer, ſeine Hand nach dem Geldſtücke mit einer poſſirlichen Fratze ausſtreckend, die ein allgemeines Gelächter erregte. „Ey, die alte Frau mit ihrer Kappe, und der Adler mit ſeinen Sternen, die ſind doch tauſendmal geſcheider, als der närriſche Capitain Moraud. Wollte mich mit aller Gewalt unter ein Corps Freywilliger haben, da gegen die Rothröcke zu fechten. Hol mich der Teufel, wenn ichs gethan habe. Ey, wenns noch der Acciſe gegolten hätte, oder eine Gallon Kildare Whisky dabey zu verdienen geweſen wäre. Hört mal, euer Whisky hier iſt'm Teufel zu ſchlecht. Ah,“ blinzte er pfiffig, „Davy iſt kein Narr, hätte ihn Sir Edward erwiſcht, ſo hinge er. Das iſt euch einer, hat in eine Gelbrothe hineingeheirathet. Ein verdammter Orangemann. Ah, Miſter, nun laßt uns'mal eins dem Maſter James Hodges zutrinken.“ — 64— „Bleib mir unterdeſſen hier,“ erwiderte ihm der Offizier.„Du gehſt mit ins Wachthaus; wird dir nichts geſchehen.“ „Bey allen Mächten!“ ſchrie der Ire,„ins Wacht⸗ haus ſoll ich! Was wollt ihr damit? Weil ich nicht in der Freycompagnie dienen wollte, ſoll ich ins Wacht⸗ haus?“ „Paddy,“ rief ihm der Nächſtſtehende zu,„deines Vaters Sohn iſt ein gewaltiger Narr.“ „Bey allen Mächten, er iſt's;“ rief der luſtige Ire wieder.„Aber doch kein ſolcher Narr, ſeine Finger in den kochenden Topf zu ſtecken, wenn keine Kartoffeln für ihn darin kochen. Hab mich auf'n Weg ins Land gemacht, und da bin ich nun. Braucht ihr'n gewichsten Burſchen? Kann alles in der Welt, nur Geld machen nicht. Schreinern, zimmern, Schuhe flicken, Stricke drehen. Hol mich der Teufel, wenn zwiſchen Cork und Dublin einer's mit Davy Murphy aufnimmt. Davy, ſagte Seine Wohlehren, der Sauire zu Camarthaen, Davy, ſagte er, wenn aus dir nicht etwas rechtes wird, ſo heiß mich etwas. Aber geſtern hättet ihr mich ſehen ſollen! Bey Jaſus, da war ich wild. Verdammter je nan tang pas. Damn him, Nein! Hat mich über die Stiegen hinabgeworfen, mich nan⸗ tang pas aufgeheißen. Kann mir's einer ſagen, was das nantang pas iſt? Wenn ichs wüßte, ich ging hin⸗ über und drehte dem Landlubber den Hals um, und ſollte ich morgen baumeln.“ „ f — 466— „Du mußt uns nur ſagen, wie du zu dem nautnus pas gekommen biſt.“ Unſer Britte hatte bisher in ſtummer Wuth die nim⸗ mer endenden tollen Ausbrüche ſeines Leidensgefährten angehört; nun ſchien jedoch ſeine Geduld ihr Ende er⸗ reicht zu haben, und er faßte den Jungen am Arme, ihn heftig ſchüttelnd.„Wenn du nicht dein Maul hältſt, verdammter Taugenichts, ſo dreh ich dir“— er konnte jedoch ſeinen Satz nicht vollenden, denn im nämlichen Augenblick riſſen ihn zwey Männer von dem Iren weg. „Ruhe! junger Menſch,“ ſprach der eine mit einer ſo ernſten Miene, daß dem zuckenden Jünglinge das Wort auf den Lippen erſtarb. „Geduld, Maſter James,“ ſchrie der etwas aus ſeiner Faſſung gekommenene Ire darein;„ihr ſeht, die Nankees haben nicht gar zu vielen Reſpekt vor einem engliſchen Gentleman; am beſten iſt's, ihr ergebt euch in euer Schickſal. Hätt's nicht gedacht,“ fuhr er fort,„hat's aber ſchon meine Großmutter ihrer Tochter geſagt. Hörſt du Davy, ſagte ſie, Davy ſagte ſie, biſt ein geſchickter Balg, ſagte ſie, und geh nur recht fleißig in die Schule zum Pater Murdoch, ſagt ſie, aus dir wird etwas hohes. Aber der verdammte Creole, kein Wort franzö⸗ ſiſch kann er.“ „Und du haſt mit ihm geſprochen?“ fragten ihn zwanzig lachend. „Mit ihm geſprochen? Ey das hab ich, hab mit Der Legitime. III. 5 — 66— größern Herrn geſprochen als den ſchäbigen Creolen da, und verdammt mag ich ſeyn, wenn's nicht wahr iſt; hab mit ihm parlirt ſo klar, ſo deutlich, wie's nur im⸗ mer ſeyn kann, fragt nur Maſter James. Ach, der arme Maſter James! der hat'mal ſo ein Armeſünder⸗ geſicht,— habt doch„-mal Mitleid; hatt'n juſt ein paar Stunden zuvor aufgegabelt, lugte mir da am Waldrande herum, wollte mit dem ſchwarzen Gentleman da nicht recht hinein und nicht heraus; dacht' mir, bey dem ſieht's auch nicht zweymal richtig aus, willſt doch'mal ſehen, was ſie vorhaben, hatt's aber im Geſicht; hab'n kaum angeſehen, wußt ich ſchon wie viel es geſchlagen hatte. Ey, ſagt' ich, Maſter, ſagt ich, woll'n'mal zuſammen ſchauen, ob wir den Nankees nicht eine Naſe drehen, und uns nach Newyork oder Philadelphia durchſchlagen können. Es kann doch ſo gar weit nicht ſeyn?“ „Eine Kleinigkeit,“ lachten alle; fünf und zwanzig hundert Meilen.“” 1 „Nankee⸗Meilen?“ fragte der Irländer mit einem pfiffigen Blinzeln,„davon gehen fünfzehn auf eine engliſche.“ „Der Kerl iſt witzig,“ riefen ihm einige zu. „Ne, Spaß bey Seite, ſind es wirklich zweytauſend?“ „Fünfhundert darüber, und gute.“ „Bey Jaſus!“ kreuzte ſich der Irländer,„wenn's ſo iſt, da war meines Vaters Sohn doch ein gewaltiger Narr, daß er ſeine ſechs und dreyßig Dollars ſo verſil⸗ — 6— bert, als wenn ſie ihm in der Taſche brennten. Und wenn ſie nun alle ſo ſind wie der verfluchte Nantang pas, ſtellt euch mal vor: als wir uns denn da mit Maſter James und dem Neger⸗Gentleman zuſammen gefunden, da machten wir uns auf'n Weg; ihr wißt warum und weßwegen, in unſern Magen hatte es bereits dazumal Mittag geſchlagen; wohl, kamen denn ſo in der beßten Intention auf ein Haus zu, und ein ſauberes Haus war's auch noch, ſteht ſo ein Landlubber mit zwey Leh⸗ dies vor der Thür, und ſieht uns ganz behaglich zu, wie wir einer nach dem andern angeſtiegen kamen. Ma⸗ ſter James hielt ſich jedoch zurück und wollte auch mich nicht vorlaſſen; aber Davy iſt kein Narr, und ſo ging er denn friſch d'rauf und d'ran. Es that Noth, in meinem Magen rumpelte es wie in der Sarah, wenn ein Nordweſter angezogen kam, ſo wahr ich meines Va⸗ ters Sohn bin. Thut mir nur leid um den ſchönen Kratzfuß und die vielen Komplimente, die ich ſchnitt; aber die Damen waren ſauber, keine ſchönern in Dublin, und das will viel ſagen.“ Der Ire war mit ſeiner Begleitung, worunter wir die ſämmtlichen zurückgebliebenen Milizen verſtehen, vor dem Wachthauſe angelangt. Eine Anzahl derſelben hatte ſich vor den Eingang geſtellt, ſo gleichſam ſtill⸗ ſchweigend den Wunſch zu erkennen gebend, noch etwas mehr von dem luſtigen Zeiſige zu hören, ehe er in die Wachtſtube abgeführt würde. Sein ungemein drolliges — 68— Weſen und ſeine unverſiegbare unverſchämt gute Laune, hielten die Mienen ſeiner Zuhörer in ſteter lachluſtiger Spannung. „Wohl, Gentlemen,“ fuhr er fort,„ ich rückte ſo⸗ dann an meinen Mann und die beyden Lehdies heran, meine Kappe in der Hand, und fragte ihn auf ſo gut franzöſiſch wie ihr je gehört habt: Parleh fouhs frenseh Monsiehour? ſagt ich; wui, ſagt er; da war ich froh. Wir ſind zwey arme reiſende Gentlemen von der See, mit dem ſchwarzen Gentleman vom Lande hier(das war der Neger), und wir wollten gerne ſogleich nach Newyork oder Philadelphia oder Boſton, wenn das näher iſt, ſagt' ich. Da winkt der verdammte Landlubber, ſchaut mich an, als hätt er in ſeinem Leben keinen Theer geſehen, und heißt mich verdrießlich einen Je nantang 22 pas. „Das Parleh fouhs frenseh Monsiehour haſt du franzöſiſch gefragt, das übrige aber in deinem kauder⸗ wälſchen iriſchen Brogue,“ bemerkte einer der Umſtehen⸗ den lachend. *„Ey, bey allen Mächten! wie glaubt ihr wohl daß meines Vaters Sohn auch reden ſoll, als in ſeines Va⸗ ters Sprache?“ Es brach nun ein Gelächter aus, ſo brüllend, ſo übermäßig, daß die bereits weit entfernten Frauen und Mädchen verwundert ſtehen blieben. Nur der Britte — 569— ſchoß wüthende Blicke auf ſeinen armen irländiſchen Reiſe⸗ gefährten. „„ Und was thateſt du?“ fragten ihn zwanzig. „Damn yc,“ fuhr der Ire fort, als ſich der Aufruhr ein wenig gelegt hatte,„glaubt ihr, ich hab ihn ſobald fahren laſſen, wenn mir aus der Küche herüber der Dampf ſo liebreich in die Naſe fuhr? ich fragte ihn nochmals: Parleh fouhs frenseh Monsiehour, ſagt ich, und der Kahlkopf ſagt wieder wui, und als ich ihm wieder un⸗ ſere Noth auseinander ſetzte, ſchaut er mich wieder wie verrückt an. Der Maulaffe, er verſtand wieder kein Wort franzöſiſch, und als ich ihm weiter erklärte, ward er zornig und hieß mich wieder einen Je nantang pas.“ „Und du?“ brüllten fünfzig. „ Fragt'n nochmals: Parleh fouhs frenseh Mon- sichour? und dann ſagt ich ihm, der Teufel ſoll ihn . holen, wenn er ſo gleichgültig zuſehen kann, wie zwey Gentlemen am Hungertuche nagen. Er aber hieß mich wieder giftig einen Je nantang pas.“ „Ey, das haſt du aber doch nicht geduldig einge⸗ ſteckt;“ riefen ihm zwanzig mit brüllendem Gelächter zu. „Da kennt ihr Davy Murphy ſchlecht, wenn ihr denkt, er kam ſo, leichten Kaufes davon; ich war ſchon halb wild und rief ihm nochmals mit lauter Stimme⸗ in die Ohren: Parleh fouhs frenseh Monsighour; aher da hättet ihr ihn ſehen ſollen, er wurde toll wie Capitain Morand, wenn's'nen Squall 1 und er von — 70— der Rhumflaſche weg mußte, zappelte vor Wuth an allen Gliedern und fuhr auf mich zu. Um das hätte ich mich wenig geſchert, aber es kamen ein halb Dutzend Neger mit Knitteln und Beſen, alle auf mich los; wurden ihrer zu viele; da ſchaut ich denn wo der Zimmermann 's Loch offen gelaſſen; der verfluchte Landlubber.“ „uUnd wie ging es euch weiter?“ fragten zwanzig. „Hört'mal,“ fuhr der Irländer fort,„in eurem Nankeelande weiß man nicht ob man geſotten oder ge⸗ braten iſt; aber wenn wir nicht geſtern in einer Räuber⸗ und Mörderhöhle waren, Maſter James Hodges, ſo will ich wie eine Kanone vernagelt ſeyn. Bey Jaſus und der alten Vettel vor der Thüre.“ „Hund, ich dreh dir den Hals um„“ rief einer der Hintenſtehenden,„wenn du meine Mutter ſo titulirſt.“ „Ey Mutter! Capitain Rock hatte auch eine, und James Kirkpatrik der in Ketten zu Greenwich gerade unterm Hospital am Strande hängt, könnt ihn noch klappern hören, wenn der Wind zieht, der hatte wohl auch eine?“ „Ne, weiter,“ beruhigten ihn andere,„ fürchte dich nicht.“ 1 „ Verdammt ſey deine Plauderzunge,“ rief ihm der Britte zu, der ſich kaum mehr halten konnte;„wenn du nicht ſchweigſt ſo drehe ich dir den Hals um.“ Er machte Miene ſeine Drohung in Ausübung zu bringen, jedoch ohne auf den eigenwilligen Iren die mindeſte — 14— Wirkung hervorzubringen; im Gegentheile, der Zorn ſeines vormaligen Gefährten ſetzte ſein Mundwerk nur um ſo mehr in Bewegung, als er ſeinen Triumph in den Geſichtern der Menge las. „Schaut nur wie ihr d'raus kommt, Maſter James,“ rief er,„und laßt mir die Sorge für meine Zunge. Meine Zunge iſt eine ſo gute Zunge wie eine in Irland, hat niemanden was zu leid gethan, meine Zunge; habt ſie nicht gefüttert, meine Zunge; braucht ihr alſo nicht das Reden zu verbieten, meiner Zunge.“ „Bravo, Paddy!“ rief es von mehreren Seiten, „du biſt in einem freyen Lande.“ „Eben deßwegen,“ fuhr dieſer fort,„aber der Teu⸗ fel ſelbſt hätte Reißaus genommen, wenn er mit uns im Bette geweſen wäre. Wohl denn, Gentlemen, als wir ſo liefen, die Neger hinter uns drein.“ „Selbſt Neger,“ kreiſchten ihm ein Dutzend Woll⸗ köpfe aus dem äußern Halbzirkel zu. „Laß dich nicht irre machen, Davy!“ „Wohl,“ fuhr der Ire fort,„als wir ſo liefen— auch Maſter James hob ſeine Beine, da gings denn fort über Stumpf und Stiel, durch Wälder und Felder, weiß ſelbſt nicht mehr wie lange, wir liefen wie zwey ehrliche Unterthanen Sr. brittiſchen Majeſtät nur laufen können, wenn die Yankees hinter ihnen drein ſind.“ „Das war nicht übel, Paddy,“ bemerkte einer, „hier iſt ein anderer halber Dollar.“ „Der Himmel ſegne es,“ verſetzte der Junge,„wenn nur euer Whisky nicht gar ſo ſchlecht wäre!— Wohl waren wir ein paar Stunden ſo ausgezogen, auf einmal ſahen wir uns vor einem Hauſe oder einer Hütte oder einem Blockhaus, wie ihr es nennen mögt. Saß da eine Alte vor der Thür, und wieder fragt' ich: Parleh fouhs frenseh Monsiehour? und ſie ſchüttelte den Kopf. Wollte ſchon abziehen, dachte, da ſetzt es auch nicht viel, fragte aber doch, ob wir nicht eine kleine Unterlage für unſere rebelliſchen Mägen und Knochen haben könnten; und hol' mich der Teufel, ſie ſagt ja, in einem ſo guten Engliſch, als je in Kildare gehört wurde; aber kamen uns theuer zu ſtehen, die Schinkenſchnitte und Wälſch⸗ kornpfannkuchen, und der Thee. Es ſah grauslich aus in der Stube, könnt mir's glauben; ein Menſchenkopf mit Füßen und Beinen in einem Troge, die Arme in einem zweyten, dazu das Grabeslicht; wir ſaßen wie im unterſten Schiffsraume bey unſerm Nachteſſen.“ Der Britte wurde mit jedem Augenblicke ärgerlicher. „Wohlwerthe!“ fuhr der Ire fort,„Davy iſt kein Narr, er weiß was er weiß, umſonſt hat uns die alte Hexe nicht ſo freundlich ins Haus hineingewinkt, und dann das Meſſerſchleifen in der ſpäten Nacht,— he?— haben wir's denn nicht mit unſern eigenen Ohren gehört?“ Die drey jungen Männer, die die beyden Gefangenen und ihren luſtigen Compagnon eingebracht hatten, ſpra⸗ chen nun leiſe mit den Milizen, und es entſtand wieder ein lautes betäubendes Gelächter. „Und ſie haben alſo auf euer koſtbares Leben einen Anſchlag gemacht?“ fragten ihn mehrere. „Ey, ihr mögt lachen,“ ſchrie der Ire,„wärt ihr aber an unſerer Stelle geweſen, wäre euch das Lachen wohl vergangen. Als wir ſo im Bette lagen, Maſter James und ich, und die draußen in der Stube unter⸗ einander zu wispern anfingen:„die beyden entgehen uns nicht, aber haltet die Meſſer parat, es iſt Nacht und die Kugeln könnten ſie nur anſchießen, laßt ſie ru⸗ hig noch eine Weile im Bette und ſchneidet ihnen die Kniegelenke ab. Ja, ſo ſagten ſie, und das munkelten ſie,“ verſicherte der Ire,„und was ſagt denn ihr dazu?“ fragte er die Umſtehenden. „Das iſt ja ſchrecklich,“ riefen mehrere mit einem Schauder, der wieder in einem brüllenden Gelächter endigte. „Ja, das war es auch, aber wir ſprangen, als wir die Vögel ſo ſingen gehört, beyde zugleich aus dem Bette, als ob der Donner drein gefahren wäre. Maſter James der wollt es anfangs nicht glauben, aber dann horchte er ſelbſt an der Thüre, und durch die Spalte ſah er ihrer drey in der Stube, ihre Stutzer in der Hand und ihre Meſſer auch, und auf unſere Thüre ſchauten ſie ſo grimmig, da ſprangen wir beyde zugleich aus dem Fenſter auf gut Glück.“ 8 — 74— „Und ihr zwey Schafsköpfe habt in allem Ernſte Miſtreſſ Blunt für eine Räuberin und ihre Söhne für Räuber gehalten?“ fragten ein Dutzend zugleich. „Bey allen Mächten!“ rief der Irländer in verwirr⸗ tem Staunen,„wie meint ihr das?““ „Und die Hirſche, die ſie in der Nacht zu jagen ausgingen, auf euch gedeutet?“ fragten andere zwanzig, „und die geſchlachteten Schweine für gemordete Men⸗ ſchen angeſehen? und euer geſcheidter Compagnon der Midſhipman, im Donnerer Sr. brittiſchen allerexcellen⸗ teſten Majeſtät, hat ſich auch aus dem Fenſter ſalvirt?“ fragte ein dritter Haufe. „Ach der ſprang,“ rief der Ire, in deſſen neblichtem Gehirne es allmählig zu tagen anfing,„der ſprang, als ob der Donner in den Mainmaſt hineingeſchlagen hätte. Flugs war er durchs Fenſter; aber der arme Gentleman war aus'm Regen in die Traufe gekommen, und ſchrie als ob er am Spieße ſteckte; er war einem brummenden Bären in den Rachen gelaufen.“ — V. Kapitel. Wie ein Vogel, der den Faden bricht Und zum Walde kehrt, Schleppt er des Gefängniſſes Schmach Noch ein Stückchen, den Faden, nach; Er iſt der alte freygeborne Vogel nicht. Göthe. Unſere Leſer kennen die ernſte, ſtattlich ſteife Perſon des Bruder Jonathans, oder wie er ſich neuerlich zu nennen angefangen hat, Onkle Sam, zu wohl, um mit ihm nicht den etwas derben Scherz zu fühlen, der ihn nun auf Koſten ſeines ihm eben nicht ſehr wohl gewo⸗ genen Verwandten zu Theil ward, und der, ſo wenig übrigens beſagter Onkle Sam für vielen Spaß empfäng⸗ lich iſt, des wahren Salzes eine zu ſtarke Doſis hatte, um ihn nicht zu vermögen, die hergebrachte, etwas ſteife republikaniſche Würde einſtweilen abzulegen und ſeine Lachorgane in Bewegung zu ſetzen. Es war wirklich ein 1 recht origineller Streich John Bulls, mit all der gehöri⸗ gen Farbengebung von Uebermuth und Albernheit, Trotz — 76— e und paniſchem Schrecken, die unſern Verwandten bey ſeinen Beſuchen im Lande ſeines Bruders Jonathan ſo häufig Poſſen ſpielen, und ihm jene tragikomiſchen Schattenſeiten verleihen, die das Charaktergemälde erſt in ſeiner Vollendung darſtellt. Das Schickſal ſelbſt ſchien ſich verſchworen zu haben, um unſerm jungen brittiſchen Uebermuthe eine derbe Lektion zu geben. Un⸗ ſere Leſer werden nämlich aus der verworrenen Relation des Irländers entnommen haben, daß unſer Held, gerade wie er mit ſeinem ſchwarzen Gefährten von der Straße in den Wald einzulenken im Begriffe ſtand, von dieſem entdeckt, und mit iriſcher Zudringlichkeit um ſo weniger losgelaſſen wurde, als er gleichfalls die Ehre hatte, ein Theer zu ſeyn.— Auf dem Ierzuge, den ſie nun mit⸗ einander antraten, war der Irländer, auf die erſte Pflanzung, die in ſeinem Wege lag, mit ächt iriſcher Unverſchämtheit Sturm gelaufen, um mittelſt ſeiner fran⸗ zöſiſchen Sprachkenntniß ſich und ſeinen beyden Com⸗ pagnons eine kleine Magenunterlage, wie er es nannte, zu verſchaffen. Der Ire war in ſeiner Anrede an den Creolen natürlich im parlez-vous français ſtecken ge⸗ blieben, und hatte auf ſein weiteres im rauhen iriſchen Dialekte vorgebrachtes Kauderwälſch, ein„je n'entends pas“ zur Antwort erhalten. Als er zudringlicher wurde, ließ ihn der Creole, wie es zu erwarten ſtand, im Glauben, er werde zum Beßten gehalten, aus dem Hauſe werfen. Das Lächerlichſte dabey war jedoch der Umſtand, daß der Junge noch immer nicht begreifen konnte, warum der Creole ſeinen iriſch groben Brogue nicht für baar franzöſiſch verſtehen wollte, nachdem er doch ſein parleh fouhs frenseh Monsiehour, das ſich in ſeinem Gehirn feſtgeſetzt, dafür erkannt hatte. Der zweyte Verſuch unſerer Abenteurer war nicht weniger betrübt ausgefallen. Vor einem Hinterwäldler⸗ hauſe angekommen, und daſelbſt mitleidig aufgenommen, hatte ihre aufgeregte Phantaſie die abgethanen Schweine für geſchlachtete Menſchen angeſehen, und die Reden der ſich auf eine nächtliche Hirſchjagd vorbereitenden Söhne des Hauſes, ihre Gehirnkammer ſo gänzlich in Aufruhr gebracht, daß ſie, um ihre Haut zu retten, in gerechtem Entſetzen bey Nacht und Nebel aus Bette und Fenſter ſprangen, wobey unſer Midſhipman noch das Unglück hatte, einem jungen Bären, der, wie dieß häufig der Fall iſt, zur Mäſtung an einer Kette lag, in die Tatzen zu gerathen, und ſo feſtgehalten zu werden, bis ſein Hülferufen endlich die drey Söhne des Hauſes herbey⸗ lockte. Auf unſern Britten nun hatte der Auftritt eine ſelt⸗ ſame Wirkung. Er beſaß überhaupt, wie unſere Leſer wiſſen, bey vielem Muthe auch eine reichliche Gabe jenes kalten höhnenden Uebermuths, den die ariſtokrati⸗ ſchen Jünglinge des Mutterlandes ſo unvergleichlich in Worten und Gebehrden an den Tag zu fördern ver⸗ ſtehen, jenen kalten ſelbſtiſchen Uebermuth auf den John Bull ſich ſo viel zu gute thut, und der, die Wahrheit zu geſtehen, ihm vielleicht mehr genützt hat im gewalt⸗ ſamen und friedlichen Verkehre mit ſeinen gefügigern und ſchlichtern Nachbarn, als ſein wirklicher Muth, der aber gewöhnlich den kürzeren zieht im Verkehre mit ſei⸗ nem kalten ſtarren Verwandten. So ſehr er ſich nun in dem Spotte gefallen hatte, den er ziemlich derb bey jeder Gelegenheit über die ſogenannten Nankees ausge⸗ goſſen hatte, ſo ſchien ihm doch die Nothwendigkeit nicht einzuleuchten, die kleine Züchtigung, die er ſich ſelbſt zugezogen, mit Anſtand zu ertragen. Schon daß er, ein Midſhipman im Donnerer, vor einen bunten Haufen Yankees gebracht worden war, und da ſein Verhör be⸗ ſtehen mußte, war ein umſtand, der ihm, der ſich ſeine Richter nie ohne die gehörigen Perücken, oder wenigſtens goldene Epaulettes denken konnte, mit Schauder erfüllte; daß aber eben dieſe Yankees in ihrer plebejiſchen Frech⸗ heit ſo weit gehen, und einem brittiſchen Offizier, der die Lieutenantſchaft gewiſſermaßen in der Taſche hatte, zum Gegenſtande ihres Gelächters machten, überſtieg ſein Capacitätsvermögen ſo ſehr, daß wir ihn, den fröhlichen Jungen, der bisher in guten und ſchlim⸗ men Lagen ſich ſo wacker und launig bewieſen hatte, kaum mehr erkennen würden, hätten wir nicht den Schlüſſel zu dieſer ſeltamen Verwandlung im National⸗ charakter beſagten John Bulls. —,— —,— — 6— Er ſtand nun, in Folge ſeiner Entweichung, und der durch Roſa und die Indianer gegebenen Aufklärun⸗ gen, abermals im Verhöre, das der Commandant des Depots ſogleich nach dem Exercitium zuſammenberufen hatte. So ſehr dieſer von ſeiner Unſchuld überzeugt ſeyn mochte, ſo konnte er doch nicht umhin, bey dem Ver⸗ nehmen des jungen Mannes alle jene Genauigkeit und ſelbſt Strenge blicken zu laſſen, die eben ſo die Unſchuld des Jünglings, als ſeine eigene Unparteylichkeit darthun ſollte. Ein ſchleuniges Verfahren war um ſo nöthiger, als, trotz der einleuchtenden Unſchuld des Verdächtigten, Gefahr im Verzug obwaltete. Selbſt der Umſtand, daß ein Bewohner des Städtchens mit in ſeine Entweichung verwickelt war, erſchien von einer um ſo größeren Be⸗ deutung, als wirklich mehrere ſehr gefährliche Ver⸗ ſchwörungen von Ausländern in der Hauptſtadt entdeckt worden waren. Allein der Capitain fand in dieſer ſeiner menſchenfreundlichen Bemühung, den jungen Mann ſo ſchnell als möglich aus ſeiner kritiſchen Lage zu reißen, nicht geringe Schwierigkeit in dieſem ſelbſt, der es recht darauf angelegt zu haben ſchien, ſeine gute Sache ſelbſt zu verderben. Der junge Mann hatte den Kopf gänz⸗ lich verloren, und ſchon bey ſeinem Eintritte in die Verhörſtube dieſes durch einen Trotz, einer Hintan⸗ ſetzung alles Anſtandes bewieſen, der die ſämmtlichen Offiziere mit Unwillen erfüllte. Im Verlaufe des Ver⸗ hörs ſah ſich der Capitain einige Male genöthigt, ihn — 80— ernſtlich zurecht zu weiſen. Das Verhör hatte bereits mehrere Stunden gedauert, ohne ein Reſultat zu ergeben. Selbſt die Frage, ob er mit einem der Einwohner des Städtchens im Einverſtänniſſe geweſen, wollte er trotz des Flehens dieſer nicht beantworten. Mehrere waren bereits mit ihm confrontirt worden, und unter dieſen unſer Schenkwirth, den wir unter dem Namen Benito kennen. Die Offiziere ſchritten nun zum letzten Punkte, nämlich der Confrontirung mit den Indianern. Zuerſt wurde Roſa eingeführt. „Ihr bekennt alſo nicht, daß ihr mit Tokeah und den Seinigen in Verbindung geſtanden ſeyd?“ fragte Capitain Percy. Der Gefangene gab ein verdrüßliches„Nein“ zur Antwort. „Kennt ihr dieſe junge Dame?“ fragte der Ca⸗ pitain. Roſa war an der Hand zweyer Offiziere durch die geöffnete Thüre eingetreten. Sie verneigte ſich ſittſam vor den Anweſenden, die ihrerſeits aufſtanden, und ſie baten, ſich auf den Seſſel niederzulaſſen, den einer der Offiziere für ſie hinſtellte. Sie hatte jedoch den Ge⸗ fangenen kaum erſehen, als ſie auf ihn zutrat, und, ſeine Hand erfaſſend, ihn fragte:„Mein Bruder! du biſt ſehr blaß; wer hat dir etwas zu leid gethan?“ Das bekümmerte Mädchen, das ihm theilnehmend wehmüthig ins Auge blickte, weckte ihn für einen Augen⸗ blick aus feinem düſtern Dahinſtarren. Er ſah ſie for⸗ ſchend, kalt, beynahe unwillig eine Weile an.„Ah, Roſa, ſind Sie es? Vergebung.“— Und wieder heftete er ſeine Augen zur Erde. Die Offiziere ſchienen eine nähere Erklärung der beyden jungen Leute zu wünſchen, aber der Gefangene ſchwieg ſo verdüſtert eigenſinnig, daß dem Mädchen, das ihn einige Zeit verwundert angeſehen hatte, ſichtlich bange ward. „Mein Bruder!“ ſprach ſie mit flehender Stimme, „warum biſt du böſe? Du zürnſt doch nicht deiner Schweſter?““ „Mein Bruder!“ bat ſie abermals„„rede doch! ach warum biſt du nicht bey dem Miko geblieben. Sieh, Canondah hat es dir geſagt, daß die Weißen dich tödten würden. Ach, vielleicht wäre vieles nicht geſchehen. Mein Bruder! Nicht wahr, die Weißen ſind kalt?“ flüſterte ſie. Ein Knirſchen mit den Zähnen war all die Antwort, die ſie erhielt.— Sie zog ſich verſchüchtert zurück. »„Wollen Sie gefälligſt, Miß Roſa,“ ſprach der Capitain Percy endlich nach langem vergeblichen Warten, „»uns einige Fragen beantworten?“ „Ja wohl, mein Bruder;» verſetzte ſte. „ Sie kennen den Gefangenen?“ auf den Britten deutend. „Gewiß, mein Bruder!“ Der Legitime. III. 6 — 82— „Wie kam er in das Wigwam der Indianer?“ „Ganz krank und verwundet.“ „Wer nahm ihn auf?“ „Canondah, die Tochter des Miko, auf die Bitte Roſas. Der Miko war auf der großen Jagd.“ „Hat er während ſeines Aufenthaltes im Wigwam der Oconees den Miko geſehen?“ „Nein, mein Bruder! Er zitterte vor Furcht, ihn zu ſehen. Er rannte Tag und Nacht, um aus dem Wigwam zu entkommen, ehe der Miko zurückkehrte, und nachdem er geſund geworden war. Er hat den Miko nicht geſehen.“ „Er hat alſo mit den Indianern, männlich oder weiblich, keine Art von Verbindung gehabt?“ „Nein, mein Bruder! Er ſprach bloß mit Canondah, die ihm zu eſſen brachte, und mit Roſa.“ „Wie lang blieb er im Wigwam?“ „Siebzehn Tage oder Sonnen.“ Der Gefangene hatte ſeine Augen ſtier auf den Boden geheftet, zuweilen raffte er ſich auf, warf einen Blick auf die Sprechende; dann verſank er in ſein vori⸗ ges Dahinſtarren. Der Capitain ſtand nun auf, und Roſen bey der Hand nehmend, führte er ſie ſeitwärts zu einem Sitze, ſie erſuchend, einſtweilen Platz zu nehmen. In demſelben Augenblicke trat der Miko, begleitet von zweyen ſeiner Oconees, ein. „Tokegh!“ rief der Jüngling, der den Indianer —.— eine Weile ſtier anſah, und dann wieder das Auge zu Boden ſchlug.„Damn, euer Wigwam,“ murmelte er in ſich hinein,„hat mich in eine ſaubere Wäſche gebracht.“ Der Häuptling ſah den Gefangenen eine Weile auf⸗ merkſam an, und ſprach dann:„ Tokeah hat es ſeinem Bruder geſagt, als er von ihm Abſchied nahm, daß ihn die Weißen als Späher einfangen würden. Mein Sohn hätte bey den rothen Männern bleiben ſollen.“ „Damn die weißen und die rothen Männer;“ mur⸗ melte der Britte zwiſchen den Zähnen.„Wollte ich wäre lieber in die Hölle gerathen„als in euer Wigwam und unter die v— Der Indianer wurde immer aufmerkſamer. „Tokeah!“ fragte der Capitain,„iſt dieſer junge Menſch derſelbe, der ſich vierzehn Tage bey euch aufge⸗ halten hat?“ „Er iſt es,“ ſprach der Indianer,„den eine, die nicht mehr iſt, und die weiße Roſe in das Wigwam des Miko gebracht haben.“ „Dem eure Tochter die Kleidungsſtücke gegeben hat, die er auf dem Leibe trägt.“ „Der Indianer nickte.“ „Der aus dem Wigwam entwiſcht iſt, gegen euern Willen und euer Wiſſen?“ fragte der Capitain wieder. „Ich glaube, Capitain,“ bemerkte der Zunächſt⸗ ſitzende,„Sie ſollten die Beyden confrontiren, und nicht dem Indianer die Worte auf die Zunge legen.“ ——— — 84— „Tokeah,“ ſprach der Häuptling,„hat ſeinen Mund bereits zweymal geöffnet, und ſeinen weißen Brüdern die Wahrheit geſagt; der Mitko ſchlief als ſein weißer junger Sohn kam, und er war auf der Jagd, als er ging.“ „Und warum,“ ſo fragte der Milizenoffizier den Gefangenen,„habt ihr dieſes nicht früher geſagt.“ Dieſer gab keine Antwort. Der Indianer ſah ihn eine Weile verwundert an, und ſprach dann:„Mein Bruder mag reden; er mag, was Tokeah geſagt hat, mit ſeiner Zunge bekräftigen; der Miko bindet ſeine Zunge nicht mehr.“ Der Gefangene ſchwieg noch immer.„Der Miko,“ fuhr er endlich mürriſch heraus,„weiß, was er zu thun hat, und ich thue, was mir gefällig iſt.“ „„Als mein weißer Bruder das Wigwam der Oconees verließ,“ ſprach der Indianer kopfſchüttelnd,„da band ihm Tokeah die Zunge, weil er den Pfad, der zu ſei⸗ nem Wigwam führt, rein halten wollte. Es iſt nun nicht mehr, und der Seeräuber hat es verbrannt, Tokeah hat ihm den Rücken gewendet. Mein Bruder mag reden. Mein Sohn muß reden,“ fuhr er nach einer abermali⸗ gen Pauſe fort,„die weißen Brüder und der große Vater würden ſonſt glauben, daß er und die Seinigen auf dem nämlichen Pfade mit den Söhnen des Vaters von Canada begriffen ſind.“ „Glauben Sie, Capitain, daß dieſes in der Ordnung iſt;” bemerkte wieder einer der Beyſitzer. „Ich glaube, es iſt ganz in der Ordnung;“ erwiderte dieſer.„Wie wir aus dem Protokolle erſehen, das vor⸗ geſtern mit den Indianern aufgenommen wurde, ſo hat dieſer dem Gefangenen das Ehrenwort abgenommen, die Lage ſeines Wigwams an Niemanden zu verrathen.“ Der Indianer hatte unterdeſſen den Gefangenen auf⸗ merkſam betrachtet.„Mein Bruder,“ ſprach er,„iſt wie der Büffelſtier, der in der Grube gefangen iſt. Sein Muth iſt im Loche geblieben.“ Und mit dieſen Worten wandte er ſich von ihm. „James Hodges,“ ſprach der Capitain,„ihr ſeyd hiermit aufgefordert, Erklärung über euern Aufenthalt bey den Indianern zu geben. Ich kann bey dieſer Ge⸗ legenheit nicht umhin, euch Gerechtigkeit hinſichtlich der Treue widerfahren zu laſſen, mit der ihr euer, dem In⸗ dianer gegebenes Ehrenwort gehalten habt.“ „ Sie haben ihn ja gehört, ſo wie das Mädchen. Schreiben Sie, was Sie wollen, thun Sie, was Sie wollen.”“ „Ihr meint Miß Roſa, junger Menſch,“ verwies ihn der Offizier,„dieſelbe junge Dame, die euch mit Gefahr ihres Lebens aus dem Wigwam entließ?“ Der Gefangene erröthete; einen Augenblick war er betroffen, dann ſchlug er ſeine Augen wieder zur Erde. — 86— „Fahrt nur fort,“ bedeutete ihm der Offizier. „ Vergeßt jedoch nicht, daß es euere Angelegenheit nicht verſchlimmern wird, wenn ihr von Perſonen mit Ehr⸗ erbietung ſprecht, denen kein Gentleman Achtung ver⸗ ſagen wird, und die am wenigſten von euch Gering⸗ ſchätzung verdient haben.“ „Ich habe nichts weiter zu ſagen,“ verſetzte der Gefangene mit etwas leiſerer Stimme, und beſchämt, wie es ſchien.„Brauche eure Gunſt und Gnade nicht;“ fügte er mürriſch hinzu. „Junger Menſch! ihr ſeyd irrig, wenn ihr glaubt, es ſey bloß um euch in dieſer Angelegenheit zu thun. Ihr ſeyd es der Ehre eures Landes, eurer Mitbürger, der Flotte ſchuldig, zu der ihr zu gehören vorgebt, den Verdacht abzuwälzen, der auf euch laſtet.“ „England und ſeine Flotte werden ihre Ehre ſelbſt zu rechtfertigen wiſſen;“ ſprach der Gefangene, ſich ſtolz aufwerfend.„Scheint es kitzelt euch,“ fuhr er murmelnd fort,„daß ihr mit guter Art einen Britten in eure Klauen gebracht habt, an dem ihr euer Müth⸗ chen ungeſtraft kühlen könnt.— Macht, was ihr wollt.“ „Es kömmt mir vor, mit dem jungen Menſchen iſt's nicht richtig;“ bemerkte einer der Milizoffiziere. „Ich glaube, wir heben einſtweilen das Verhör auf.“ Der Capitain ſchien Bedenken zu tragen, und wandte ſich nochmals an den Gefangenen.„Ihr wollt alſo nicht Rede ſtehen?“ 4 —‧ͤͤͤͤͤͤͤͤͤſͤſſſſſſſ — 87— Ein mürriſch trotziges Kopfſchütteln war alles, was er zur Antwort erhielt. Die Offiziere erhoben ſich nun, und der Gefangene wurde abgeführt. Ohne aufzublicken, hatte er ſich ge⸗ wendet, und die Stube verlaſſen. Auch die Indianer wurden freundlich entlaſſen, und Roſa wieder von zwey Offizieren in die Mitte genommen, und aus dem Hauſe begleitet. „Das iſt ein ſo dummer roher Junge,“ hob endlich einer der Beyſitzer des Verhöres an,„als mir noch je einer in meinem Leben vorgekommen iſt. 27 „Nichts hündiſcheres, verſtockteres;“ verſetzte ein zweyter.„Es iſt, als ob das böſe Gewiſſen ihn nicht aufſchauen ließe.”“ „Ich weiß nicht,“ fiel der Capitain ein,„er be⸗ nahm ſich früher mit vieler Artigkeit, und ganz als Gentleman. Ich bin wirklich ganz erſtaunt über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen.“ „Ich weiß nichts vom Gentleman, bin auch keiner, ſondern ein ſchlichter Pflanzer,“ bemerkte der, dem Linien⸗ capitain zunächſtſtehende Hinterwäldler, der im hellgrünen Frack und pompadourrothen Pantalons einen Capitain der Opelouſasmilizen repräſentirte,„aber ſo viel ſehe ich, daß der junge Menſch einen Trotz hat, wie einer. Er iſt ein John Bull, ein wahrer junger Bull, dem der Kitzel benommen iſt. Ich hab' ihn mir genau in Opelouſas angeſehen. Jedes Wort war Hohn, jede — 88— Miene ausgelaſſen, muthwillig; es war des Spottes kein Ende. Wißt ihr, was ihm den Kitzel benommen hat? Die Geſchichte bey Mißtreß Blunt. Daß er ein ſolcher Haſenfuß war, und ſich ſo ins Bockshorn jagen ließ, das verzeiht er ſich und uns nimmermehr. Glaubt mirs, der Junge gäbe kein gutes Wort um ſein Leben, und wäre in dieſem Augenblicke froh, wenn wir ihn hingen.“ „Das iſt auch meine Meinung,“ verſetzte ein anderer. „Nehmt John Bull, ſo wie ihr ihn hier vor euch ſeht, den Hochmuthsteufel, und ihr habt einen Ochſen, und das iſt der junge Menſch. Er hat den Kopf verloren. und gäb' keinen Levy darum, wenn man ihm auch den Hals nähme. Ich glaub's auch, es wäre ihm lieb, wenn wir ihn hingen.“ „So hängt ihn,“ meinte ein Dritter. Ich, meiner⸗ ſeits, kann nicht ſehen, warum wir da mit dem jungen Laffen ſo viel Federleſens machen. Laßt'n anrennen, wenn er Luſt dazu hat. Den ganzen Tag exerzirt und protokollirt. Es iſt halb neun. Wollen doch nicht bis Mitternacht ſitzen.“ „Wenn es ſeyn muß, Lieutenant Wells,“ ſprach ein junger Mann,„ſo wollen wir. Es würde uns und dem Lande zu keiner Ehre gereichen, wenn wir uns den Trotz des jungen Mannes zu Nutze machten, um John Bull eines zu verſetzen. Das ſähe ſo hinterm Rücken aus, daß wir uns wahrlich ſchämen müßten. Wir ſind hier, um der Sache auf den Grund zu kommen.“ — 89— Capitain Percy ſchwieg. Er ſchien ſeine beſondern Urſachen zu haben, ſich in dieſe heikele Angelegenheit ſo wenig als möglich zu miſchen, und die Sache ſelbſt ſprechen zu laſſen; wahrſcheinlich hatte er auch deßhalb eine größere Anzahl von Offizieren zum Verhöre einge⸗ laden, als es gewöhnlich der Fall war. „Ihr habt hier die Kriegsgeſetze,“ ſprach der Erſte wieder.„Nach dem 22.§. gehört er vollkommen vor unſere Schranken. Nach dem 43.§. da iſt er der Verachtung des über ihn niedergeſetzten Court zeihlich. Selbſt wenn das letztere nur vor die Ohren des Untern kömmt, ſo gnade ihm Gott.“ „Laßt mich machen,“ ſprach der junge Mann,„ich glaube, ich kann ihn zum Reden bringen. Laßt ihn nochmals vortreten, und den Irländer dazu.“ „Wohl, Miſter Copeland, wenn ihr meint;“ ver⸗ ſetzten die Uebrigen.„Sollte uns freuen.“ Nach einer Weile traten die beyden ein. „Davy Murphy!“ ſprach der junge Mann mit einem ermunternden Blicke,„einige von uns haben deine und deines Leidensgefährten Geſchichte noch nicht gehört. Laß doch einmal los. Wie war es mit dem nantang pas und der Mörderhöhle?“ „Capitain Percy!“ ſchrie der Britte außer ſich, „ich bitte Sie um Gottes willen.“ „Euer Wohlehren!“ rief der Irländer, ſich hinter den Ohren kratzend.„Meines Vaters Sohn iſt ein — 90— närriſcher Kauz, aber ſeit der Geſchichte iſt der Gentle⸗ man da zum Narren geworden. Ich muß, wenn ich muß; aber glaubt mir's, er überſchnappt.“ „Das kann euch aber alles zu nichts helfen;“ verſetzte der Offizier mit einem ſcharfen Seitenblick auf den Ge⸗ fangenen, der abwechſelnd feuerroth und leichenblaß wurde.„Wenn ihr aber,' fuhr er zum Britten ge⸗ wendet fort, euere Zunge löſen wollt, dann erſpart ihr uns die Mühe, euern närriſchen Landsmann zu hören. Gebt Auskunft über das, was ihr gefragt werdet, und wir können euch vielleicht das Uebrige erlaſſen.“ Der Gefangene ſchwieg noch immer im ſichtlichen innern Kampfe, dann fiel ſein Auge auf den Iren, und als dieſer das Zimmer verlaſſen hatte, löste ſich auch ſeine Zunge. Aber erſt nach geraumer Zeit war er im Stande, die ihm vorgelegten Fragen zu beantworten. Als er geendet hatte, ſprach der Capitain:„Junger Menſch! Ihr habt dießmal beſſere Richter gefunden, als ihr verdientet. Ich hoffe, euere Angelegenheiten werden ſich ausgleichen laſſen.“ V V I I VI. Kapitel. Mädchen, die gut durchſommert und warm gehalten werden, ſind, wie die Fliegen um Bartholomäi, blind, ob ſie gleich ihre Augen haben; und dann laſſen ſie mit ſich handhaben, da ſie vorher ſich nicht einmal wollten anſehen laſſen. Shakespeare. Auch unſere Roſa ſchien etwas bange zu ſeyn, ein wenig verſchüchtert, ein leiſer Anklang von Unruhe, von leichter Verſtimmung, war an ihr bemerkbar, die vielleicht ihren Grund in der ernſtern Betonung überhaupt, die nach dem Abzuge der Milizen eingetreten war, vielleicht aber auch in den Eigenthümlichkeiten des Hauſes hatte, in dem ſie ſich nun befand, das, obwohl achtungswerth, in vieler Hinſicht doch vielleicht nicht das geeignetſte geweſen ſeyn dürfte, die Uebergangsſtufe zu bilden und ein gewiſſermaßen aus dem Naturzuſtande kommendes Kind, wie unſere Roſa, mit den zwangvollen geſellſchaftlichen Verhältniſſen der gebildeten Welt auszuſöhnen.— Unſer Pflanzer nämlich — 92— ſtammte von einer jener ariſtokratiſchen Familien ab, die, in früheren Zeiten herübergewandert, die Eigen⸗ thümlichkeiten der engliſchen Ariſtokratie auf den freyen Boden unſeres Landes mit zu verpflanzen beygetragen hatten, und die, obgleich ſie auf Titel keinen Anſpruch machten, ihre Stammbäume noch immer eben ſo wenig vergeſſen haben, als ihre im Mutterlande zurückgebliebe⸗ nen betitelten Verwandten. Zwar war das politiſche Glaubensbekenntniß des Oberſten das demokratiſche, und Miſter Parker war einer der erſten geweſen, der ſich ſeit ſeiner Ueberſiedelung zur Partey des letzten Präſidenten und Gründers der neuern demokratiſchen Schule, die im Staate herrſchend geworden war, angeſchloſſen hatte, und der Ernſt, mit dem er die Sache ſeines Freundes Copeland gegen Capitain Percy ergriff, ſchien die Auf⸗ richtigkeit ſeiner politiſchen Grundſätze zu verbürgen; aber die näher mit der Familie Bekannten wollten wiſ⸗ ſen, daß er ſich nur nothgedrungen, und weil die alten Grundſätze Virginiens hier ganz außer Mode, an die herrſchende demokratiſche Majorität angeſchloſſen hätte. Es wurde ſelbſt behauptet, daß der Oberſte nicht nur die im Jahre 1789 ausgeſprochenen Herrſchergrundſätze ſeines Staates, jene gewiſſermaßen zur fixen Idee gewordenen Symbole eines ächten Virginiers, ſondern ſelbſt die weiter gehenden Irrlehren des alten Adams, wie er ſelbe in ſei⸗ ner bekannten Correſpondenz mit Cuningham geoffenbaret, im Herzen trage; ſelbſt der Eifer, mit dem er das — * ,— Meeting und die dabey gefaßten Reſolutionen betrieben hatte, wurde auf Rechnung jener Schelſucht geſetzt, die dem alten ariſtokratiſchen Virginier nicht erlaubte, die Anmaßungen eines kaum dem Namen nach bekannten, und wenn das Gerücht wahr ſprach, von einer unbe⸗ deutenden iriſchen Familie abſtammenden Emporkömm⸗ lings, den der Zufall gehoben, ſo geduldig hinzunehmen. Es war ziemlich allgemein angenommen, daß vorzüglich Mißtreß Parker an dieſer politiſchen Gefügigkeit des Ober⸗ ſten ihren Antheil habe, ſo wie ſie überhaupt nicht nur mit den Führern der ariſtokratiſchen Partey in ihrem Mutter⸗ ſtaate, ſondern auch in der Bruder⸗ und Nankeeſtadt in Verbindung ſtehen ſollte, noch immer der Hoffnung lebend, die gegenwärtige demokratiſche Tendenz in die ihrer Anſicht nach würdigere ariſtokratiſche des Mutter⸗ landes oder wenigſtens Mutterſtaates umzuſtimmen. Dieſe politiſchen Geſinnungen hatten nun, wie es immer der Fall iſt, auch auf das geſellſchaftliche Ver⸗ hältniß der Familie einen bedeutenden Einfluß gehabt, und einen gewiſſen höfiſch berechneten, ſtattlich ſteifen und wieder leichten Ton in ihr hervorgebracht, der ſelbſt den Nachbarn eine nähere Verbindung zu verleiden ſchien, die, obwohl ſie in gutem Vernehmen mit ihr ſtanden, doch ihr Beſtreben, ſich populär zu machen, nichts weniger als zu würdigen ſchienen, inſofern dem Oberſten bereits mehrere Canvaſſe oder Bewerbungen um öffentliche confidentielle Stellen mißlungen waren, und — 94— dieſes trotz der Bedeutſamkeit, die ihm ſeine frühe An⸗ ſiedelung gab. 7 Es waren bereits zehn Jahre ſeit dieſer Ueberſiedelung aus ſeinem Mutterſtaate Virginien verſtrichen. Nichts verknüpft bekanntlich leichter, bindet Bürger und Bürger inniger aneinander, als eine ſolche, und beſonders eine frühere Ueberſiedelung. Die mannigfaltigen Hülfsleiſtun⸗ gen, die ſelbſt der Aermſte dem Reichen zu leiſten im Stande iſt, die vielfachen Entbehrungen, die ſich alle wenigſtens für einige Zeit gefallen laſſen müſſen, brin⸗ gen die beyden Endpunkte des Beſitzthumes einander ſo nahe, und knüpfen ſie ſo feſt, daß ein geringer Grad von Vertrauen und Zuvorkommen hinreicht, aus den neuen Nachbarn dauernde Freunde zu machen. Das Benehmen der zarten, an Ueberfluß und Bequemlich⸗ keiten des Lebens gewöhnten Mißtreß Parker hatte da⸗ mals ſehr gefallen. Sie hatte die Entbehrungen des Hinterwäldlerlebens mit einem Gleichmuthe ertragen, dem ſelbſt ihre ärmſten Nachbarn die Bewunderung nicht verſagen konnten. Hülfreich und tröſtend, erhei⸗ ternd und leitend war ſie ihrem Gatten zur Seite ge⸗ ſtanden, mit zarter Hand bemüht, ſelbſt dieſe Entbeh⸗ rungen in Genüſſe zu verwandeln. Noch war die Blockhütte zu ſehen, in der ſie mit ihrem Gatten und Kindern die erſten Jahre verlebte. Mit Rührung wies ſie in die Ecke hin, wo in der einzigen Stube das Pianoforte ſtand, an dem ſie ihres verehrten Händels —.,— —,— — 95— fromme Melodien ihrer Familie nach vollbrachtem Tag⸗ werke vortrug. Mit Stolz zeigte ſie die abgetragenen Kleider, die in derſelben Hütte als Andenken hingen, und von ihrer Hand gefertigt waren. Sie war über⸗ haupt eine Frau von trefflichen Grundſätzen, und einem ausgebildeten Verſtande; aber obgleich bey einem nun fürſtlichen Vermögen einfach und ſcheinbar anſpruchlos, hatte ſie doch viel von jener Vornehmheit, durch welche die Damen unſerer ſogenannten guten Familien ihren Mit⸗ bürgerinnen gewiſſermaßen als Muſter vorleuchten zu wollen ſcheinen; und obgleich wir weit entfernt ſind, der guten Dame ein beleidigendes Vornehmthun zur Laſt zu legen, ſo hatte ſie doch eben dieſe Eigenthüm⸗ lichkeit in eine etwas falſche Stellung mit ihren Mit⸗ bürgern verſetzt, die ihrem Betragen etwas künſtlich Kal⸗ tes verlieh, das vielleicht nirgends aufgefallen wäre, aber bey einem Volke, wo der geſellſchaftliche Charakter mit dem öffentlichen ſo innig verſchmolzen iſt, Mißtrauen zu erregen nicht verfehlen konnte. Wir begnügen uns einſtweilen unſern Leſern dieſe Andeutungen über eine Familie zu geben, die zwar, wie bemerkt, bey allen, die ſie näher kannten, in hoher und verdienter Achtung ſtand, die aber doch einen ge⸗ wiſſen Keim der Unzufriedeuheit in ſich ſelbſt enthielt, und in zu geſpannt hohen Verhältniſſen lebte, um einem ſo kunſtlos einfachen, aber empfänglich auffaſſenden Ge⸗ müthe, wie dem unſerer Roſa, nicht aufzufallen. Auf ſie nun hatte das Zuſammenleben mit dem gebildeten, dem feinen Welttone vertrauten Kreiſe eine ganz eigenthüm⸗ liche Wirkung. Zuerſt war ſie erſchienen, als ob ſie, in einen langen Schlummer verſunken, plötzlich aus dem Traume erwacht wäre, ſo friſch lächelte ſie alles an, und ſo lieblich ſpiegelte ſich ihr ganzes Weſen in den neuen Umgebungen. Dieſer Contraſt war wieder ſo fein, ſie erſchien ſo bezaubernd, ſelbſt in den kleinen Ver⸗ ſtößen, die ſie ſich anfangs zu Schulden kommen ließ, daß ſie für ihre neuen Freundinnen, die das Verhältniß, in dem ſie bey den Indianern gelebt hatte, nicht kann⸗ ten, wirklich zum Räthſel wurde. Der reine mütter⸗ liche Sinn Canondahs, die wie ihr Schutzgeiſt nur Blumen auf ihren Pfad zu ſtreuen bemüht geweſen war, und die Zartheit, mit der ſie von allen rohern Berüh⸗ rungen mit den Squaws entfernt gehalten worden, hat⸗ ten auch ihr eine gewiſſe Vornehmheit gegeben; aber ganz anderer Art, eine Art Hoheit, eine Zurückgezogen⸗ heit, die ſich gleichſam um ihr ganzes Weſen gelegt. Es war etwas Mikeiſches, ein leichter Anklang vom indianiſchen Leben, oder vielmehr der Poeſie dieſes Le⸗ bens, der ſie häufig in den lebhafteſten Ergüſſen über⸗ raſchte, und beſonders bey jedem unharmoniſchen An⸗ ſtoßen auf ihr zart empfängliches Gemüth bemerkbar wurde. Dieſes unharmoniſche Anſtoßen konnte, unge⸗ achtet der rückſichtsvollen und ſchonenden Behandlung, die ihr zu Theil wurde, nicht ausbleiben; denn es liegt — 97— nun einmal in der Natur unſers freyen Lebens, daß es denjenigen, die in zwangvollen Verhältniſſen gelebt, und ſo geſchmeidiger geworden ſind, allzuſchroff— allzufrey und rückſichtslos aufſtößt, und daß ſelbſt die verfeinerten Sitten unſeres ſogenannten ariſtokratiſchen und dem hohen Weltton nähern Lebens, dieſe Anſtöße um ſo weniger verhindern können, als ihre ſteiferen und geregeltern For⸗ men diktatoriſcher feſtgeſetzt ſind. Bey jedem dieſer An⸗ ſtöße nun zog ſich das Mädchen immer verſchüchtert zu⸗ rück, der Mimoſa nicht unähnlich, die von einer rauhen Hand berührt, in ſich ſelbſt zurückſchreckt. Allmählig wurden auch die Folgen dieſer auf das Gemüth des Kindes fieberiſch fröſtelnd wirkenden Anſtöße in einer gewiſſen ſcheuen Bangigkeit bemerkbar; die Eigenheiten des civi⸗ liſirten Lebens, indem ſie klarer vor ihre Anſchauung traten, ſchienen ſie mit dem niederſchlagenden Gefühle ihres Zurückſtehens in Bildung zu mahnen. Sie hing oft nachdenklich das Köpfchen, und häufig ſah man Thränen in ihrem Auge. Immerhin dauerten dieſe Empfindungen nicht lange; ihre natürliche Elaſticität, und ihr Verſtand gaben ihr bald ihre vorige Schwungkraft wieder, Sie hatte überhaupt eine ungemein richtig klare Anſchau⸗ ung. Die Eigenheiten und Charaktere ihrer neuen Umge⸗ bungen hatte ſie gewiſſermaßen in den erſten Stunden herausgefunden. Ohne erinnert zu werden, hatte ſie ſich die verſchiedenen Formen des geſellſchaftlichen Lebens im Umgange in nur wenigen Tagen angeeignet. Ihre Sprache Der Legitime. III. 7 —-— 98— verrieth noch am meiſten die Abgeſchiedenheit, in der ſie gelebt hatte. Sie war wortarm, und kämpfte oft mit peinlicher Verlegenheit, ihren Ideen Ausdruck zu geben. Sie horchte aufmerkſam auf alles das geſagt wurde, und ſann nach der Weiſe der Indianer eine Weile nach, ehe ſie Antwort gab. Wenn ſie jedoch erzählte, war ſie un⸗ widerſtehlich; dann war ſie ganz poetiſche Natur. „Ach mein Gott!“ ſeufzte Virginie eines langen trüben Nachmittags von ihrem Sopha der Ma zu, die auf einem zweyten, vor einem mit Wirthſchaftsbüchern und Papieren überdeckten Tiſche ſaß, ihr gegenüber ein junger Mann, von dem unſere Leſer als Aufſeher der Pflanzung und Sohne des mit Sproſſen reichlich geſeg⸗ neten Squire Copeland gehört haben—„Ach Ma!“ rief die Miß wieder, indem ſie einen kürzlich an's Lebenslicht getretenen Roman des ſchottiſchen Unbekannten auf das Sopha warf, und zum Fenſter eilte,—„alles todt und erſtorben.— Nicht einmal eines der lieblichen Flachböte zu ſehen. Fürwahr, man möchte auswachſen;“ ſchmollte ſie in komiſcher Ungeduld, der Mutter einen troſtloſen Blick zuſendend, die, ihrerſeits zum Aufſeher gewendet, in ihrer Rede fortfuhr: „ Sie glauben alſo nicht, Miſter Copeland, daß wir Pompey hinabſenden ſollen? Hieher können wir ihn doch nicht nehmen?“ „Er ſcheint gewitzigt,“ ſprach der junge Mann. Sie ſpielten ihm ſchrecklich mit, und vielleicht läßt ſich noch etwas aus ihm machen. Ich denke, wir laſſen ihn unter⸗ deſſen oben. Hieher taugt er freylich nicht. Er hat ſich das Herumziehen angewöhnt, und verdürbe uns nur die ganze Pflanzung. Wir haben nun dreyßig ſo ruhige Fa⸗ milien beyſammen, wie ſie ſich nur wünſchen laſſen.“ „ Ach mein Gott!“ ſeufzte Virginie darein.„Nicht's als von Pompey's und Cäſars und Catos und Cajus und Baumwollenballen zu hören;“' und mit dieſen Klagetönen ließ ſie ſich wieder in eine etwas ſchmachtende Attitude nieder, das Köpfchen in die Hand geſtützt, und dem ſchot⸗ tiſchen Zauberer(wie er ſich ſelbſt mit wahrer ſchottiſcher Beſcheidenheit nennt) einen huldvollen Blick zuwerfend. Das Gemälde zu vollenden, tanzten Roſa und Gabriele in das Drawing room, hinter ihnen drein ein ſchwarzes Kammerzöfchen, die einen ungeheuern Globus trug. „ Uns iſt es beynahe kalt in der Bibliothek gewor⸗ den,“ rief die Miß der Ma zu,„und ich will Roſen nun gerade alles erklären, wie Mistreß Mc. Leod.“ Die Ma nickte Beyfall zu, und das Töchterchen, in⸗ dem ſie den näſelnden Ton der Penſionsvorſteherin ſo ziemlich annahm, begann:„Nun kennſt du Amerika und weißt alſo, wo unſer Land zu ſuchen iſt, nun wo iſt es? Hier; wies Roſa.“ „Gerade daneben“, lachte Gabriele.„Ey du Unauf⸗ merkſame. Das iſt ja Neuſüdwallis. Hier iſt es; merke dir es wohl,“ fuhr ſie gewichtig fort.„Es iſt das Hauptland von Amerika, verſtehſt du, ſo wie wir — 4100— * die Hauptnation ſind, und deßhalb vorzugsweiſe Ame⸗! rikaner heißen, während die andern bloß Mexikaner, Pe⸗ ruvianer, Braſilianer genannt werden.“. „Aber ihr ſeyd doch auch Nankees?“ warf ihr Roſa ein. „Pfuy, wer wird ſo etwas ſagen, du garſtiges Kind! Wer hat dir denn das geſagt? Nankees heißen bloß dieſe da,“— ſie deutete mit dem Finger auf die ſechs Neu⸗ England⸗Staaten. Dieſe da ſind und heißen Nankees. Wir heißen ſie ſo, weil ſie uns Wallnußholz für Muskat⸗ nüſſe, und Hickory für Schinken, und unſern Negern Miſſiſippiſchlamm für Medizinpulver verkaufen; überhaupt weil ſie wie die Juden ſind.“ „Ach, was du doch nicht alles weißt;“ rief Virgi⸗ nie etwas piquirt vom Sopha herüber. Hush Siſſi! wir ſind in einem freyen Lande“, lachte ſie ihrer Schweſter zu mit dem Finger drohend.„Es iſt natürlich, daß du dich der Yankees annimmſt. Aber ich kann Capitain Percy gar nicht“—— „Aber du biſt doch wirklich unausſtehlich Gabriele;“ flötete ihr die bitterböſe Virginie zu. „Siſſi, Siſſi“, riefen Lehrerin und Zögling, und hüpften auf die Zürnende zu, und ihr um den Hals, und dann trippelte Gabriele zum Fenſter und tröſtete ſie;“ er wird bald kommen, und wir müſſen zuvor enden. Und dann hüpfte ſie wieder zu ihrem Globus und fuhr fort. „„Nun weißt du, wo wir ſind? Wo ſind wir?“ „Da, Siſſi.“ * — 104— „Recht ſo, mein Kind!“ bekräftigte die drey Monate ältere Lehrerin. „Nun weißt du aber auch, wo Europa iſt? Sieh hier iſt es, und hier iſt Aſien, und Afrika iſt da unten. Dieſe drey Welttheile werden die alte Welt genannt und der unſrige die neue.“ „Und warum werden ſie die alte, und der unſrige die neue Welt genannt?“ fragte die aufmerkſame Schülerin. „Warum? Warum? Warum? Ja nun, weil der unſrige neu, und deshalb beſſer iſt. Alles was neu iſt, iſt beſſer als das alte. Ja, auch weil der unſrige ſpäter ent⸗ deckt wurde.“ Der Zögling nickte Beyfall zu. „Sieh, dieſer kleine Fleck da, der ganz kleine heißt Großbritannien, und der noch kleinere daneben Irland, das ſind zwey Inſeln.“ „Die dem thörichten Häuptling gehören, der die bey⸗ den Canadas beſitzt?“ „Richtig, mein Kind!“ bekräftigte die Präzeptorin.“ Und hier iſt Frankreich und hier Deutſchland, hier Spa⸗ nien und da oben Rußland, und eine Menge kleiner Staaten und Königreiche.“ „Königreiche, was ſind das für Dinge?“ fragte Roſa. „Das ſind Länder, die Könige haben, oder Häupt⸗ linge ſo wie der Miko, nur viel größer. Und ſie ſind keine Wilden. Sie haben auch mehr Leute, denen ſie ge⸗ bieten, und einen prächtigen Hofſtaat. Ma wird dir 85½ A* —. 102— dieß erzählen. Sie iſt im Drawing room der Königin geweſen, von England nämlich, um die andern kümmern wir uns nicht viel, und ſie hat mit ihr geſprochen. Sieh, dieſe Völker und Länder müſſen Könige haben, weil ſie ſich nicht ſelbſt regieren können, und im Zuſtande der Kindheit ſind, der politiſchen Kindheit nämlich, ſagt Pa. Wenn ſie die Könige nicht hätten, ſo würden ſie in Unord⸗ nung und Revolutionen gerathen, wie ſie es in dieſem Lande, ſie zeigte auf Frankreich, gethan haben. Da ſie aber Könige haben, denen ſie angehören, und die auch große Armeen und viele Diener unter ſich haben, ſo müſſen ſie ruhig ſeyn.“ „ Und was thun die Könige mit ihnen?““ „Je nun, gerade was der Miko mit den ſeinigen auch thut,“ erwiderte die Lehrerin, die die Erklärungen ein bischen in die Enge zu treiben anfingen.„Sie regieren— ſie, und machen Krieg und Frieden, und verkaufen ihre Ländereyen, weil ihre armen Unterthanen glauben, daß ſie von Gott eingeſetzt ſind.“ „Ja; aber Gabriele du ſagſt, daß die alte Welt noch in der Kindheit iſt, das kann doch nicht ſeyn; wenn ſie alt iſt, ſo kann ſie doch nicht in der Kindheit ſeyn.“ „Sehr gut kann ſie es ſeyn;“ verſicherte ſie Gabriele. Die alten Leute werden wieder zu Kindern. Weißt du das nicht? Sieh, weil wir jung ſind, lernen wir noch immer. Wir haben unſere Civiliſation von ihnen, und ſind bereits weiter fortgeſchritten. Aber ſie lernen nichts von uns. Wir haben die Dampſſchiffe“) ſchon ſeit acht Jahren erfunden, und als Ma mit Pa in England waren, ſahen ſie noch keines. Wir ſind ſchon ſeit vierzig Jahren frey; aber ſie blieben immer was ſie ſind.“ „Aber wie kommt denn dieß?““ „Ja eben, weil ſie wie die alten kindiſchen Leute ſich klüger dünken als andre— und weil ſie in ihrer Kind⸗ heit auch gehalten werden.“ „Kinder,“ mahnte die Oberſtin aus dem erſten Zimmer herüber,„wartet bis die Lichter kommen, ihr verderbt euch ſonſt die Augen.“ Indem trat ein ſchwarzer Diener mit ſilbernen Leuchtern ein, der zugleich die Argand⸗Lampen anzündete, und dann zur Herrin leiſe ſprach. „Laßt ſie eintreten;“ befahl ſie dann. Eine junge, ziemlich gut ausſehende, aber etwas tröd⸗ leriſch gekleidete verſchüchterte Frau trat ein, ſah ſich auf allen Seiten um, und nachdem ſie ſich verneigt hatte, eilte ſie auf die Oberſtin zu, um ihr die Hand zu küſſen. „Laſſen Sie das, Madame Madiedo,“ rief dieſe. „ Sie wiſſen, das iſt nicht Sitte bey uns. Haben Sie mir etwas zu ſagen?“ „Madame!“ ſprach die Frau in gebrochenem Eng⸗ liſch,„Sie wiſſen, ich komme Ihre Milde anzuflehen.“ *) 1805 von Fulton erfunden, und der erſte Verſuch am Hudſon gemacht. 1809 wurden ſie am Miſſſiſippi eingeführt, und bald ſehr vermehrt. Gegenwärtig laufen auf dieſem Strom gegen vierhundert. — 404— „Es thut mir ſehr leid, liebe Madame Madiedo,“ erwiderte die Frau des Oberſten,„aber in den Fall Ihres Mannes glaube ich mich nicht einmiſchen zu dürfen.“ „Madame!“ ſprach die Franzöſin ſtockend.„Sie wiſſen vielleicht nicht, daß mein Mann mit Ihrem Neger nichts zu thun hatte?“ „Aber deſto mehr mit ſchlechten Menſchen;“ fiel ihr die Dame ein.„Er hat ſelbſt einen Staatsgefangenen aus ſeiner Haft befreyt.“ „Aber, Madame,“ verſetzte die Franzöſin ein wenig ſcheu.„Aber, Madame! das iſt“— „Was wollen ſie ſagen? liebe Madame Madiedo?“ „Es iſt dieſes eine Angelegenheit,“ ſprach die Fran⸗ zöſin leiſe, und mit ſtockender Stimme,„welche die hohe Obrigkeit allein angeht, und mit der wir uns eigentlich, ich bitte um Vergebung, nicht befaſſen ſollten.“ „Das glauben Sie meine Gute,“ fiel ihr die Frau des Oberſten ein.„Und als Ausländerin geht Sie wirk⸗ lich dieſe Angelegenheit nur inſoferne an, als Ihr Mann darin verwickelt iſt; aber als Amerikanerin habe ich mit der Obrigkeit etwas mehr zu thun, und es ſollte mir leid ſeyn, wenn durch meine Schuld der Gang der öffentlichen Gerechtigkeitspflege gehindert würde. Einem Verbrecher, der ſich an der öffentlichen Sicherheit ſo ſchwer verſün⸗ digt, Vorſchub zu leiſten, darzu werde ich nimmer einwilligen.“ Die Franzöſin erblaßte bey Anhörung dieſer Worte, — — 405— die in einem zwar ſehr gelaſſenen, aber auch ſehr kalten Tone ausgeſprochen worden waren. „Seyen Sie doch nicht ſo kalt, ſo grauſam. Seyen Sie gütig! Geben Sie mir eine ſanftere Antwort. Sen⸗ den Sie mich nicht ſo troſtlos zurück!“ bat ſie. Roſa hatte ſich unterdeſſen ſchon einigemale aus dem zweyten Zimmer herangeſchlichen, war aber immer wieder von Gabrielen zurückgehalten worden. „Was will die arme Frau?“ fragte ſie. „Ihr Mann hat den wegen Spionirens und Umtriebe mit den Indianern verdächtigen Britten aus ſeiner Haft befreyt, und wurde deßhalb ins Gefängniß geworfen.“ „Aber das hat ja Roſe auch gethan.“ „Nein, Miß!“ belehrte ſie die Oberſtin.„Was Sie gethan haben, war edle Selbſtaufopferung gegenüber einer wilden rohen Willkür. Sie haben ein Menſchenleben gerettet, oder zu retten geglaubt; Ihre Handlung war edel, obwohl nicht ganz geſetzlich; aber es iſt immer ver⸗ dienſtlich gegen Willkür aufzuſtehen, wo und in welcher Geſtalt ſie ſich zeige; aber der Mann dieſer Frau hat aus ſchlimmen Abſichten weiſen Geſetzen, die unſre Mit⸗ bürger ſich zu ihrer Sicherheit gegeben haben, ſeines eige⸗ nen Vortheiles willen allein, in die Hände gegriffen.“ Dieſe etwas lange Erklärung war wieder in dem gelaſſe⸗ nen, aber unter den gegenwärtigen Verhältniſſen etwas rück⸗ ſichtloſen Tone gegeben, die mehr Schein— als wirkliche Tu⸗ gend zu verrathen ſchien; auch war die bedrängte Fran zöſin — 106— beynahe ungeduldig geworden.„Mein Gott“, murmelte ſie halb zu ſich ſelbſt:„ſie ſpricht wie ein Richter, der auf dem Stuhle ſitzt, während mir das Herz im Leibe ſpringen möchte. Was doch dieſe Menſchen für kalte Na⸗ turen haben!“— Die Dame mochte die Worte vernommen haben; ohne ſie jedoch zu beachten, fuhr ſie in demſelben belehrenden Tone fort:„Unſer Land hat Ihrem Manne, ohne nach ſeinem frühern Betragen zu fragen, ein Aſyl unter der Be⸗ dingung angeboten, daß er denſelben Geſetzen gehorche, unter denen auch wir ſtehen, daß er beſonders nie etwas gegen die Sicherheit des Landes unternehme, das ihn dul⸗ det,“— ſie betonte dieſes Wort.„ Oberſt Parker hat Monſieur Madiedo verhaften laſſen; warum, wiſſen Sie. Es geziemt nicht mir, dem was er gethan, entgegen zu handeln.“ „Er iſt nur, weil er keine Bürgſchaft ſtellen konnte, gefangen geſetzt worden;“ ſchluchzte die Franzöſin. Ein Wort von Ihnen, und er iſt frey. Erbarmen Sie ſich unſer. Seit ſeiner Verhaftung haben wir keine zehn Pin⸗ ten verkauft. Alles ſcheut uns. Alles hat ſich vor uns zurückgezogen. Es iſt ein grauſames Land dieſes. Statt uns in unſerm Unglücke beyzuſpringen und aufzuhelfen, drücken ſie immer nur tiefer hinab.“. „Es iſt kein Frankreich, noch ein Spanien;“ verſetzte die Dame ernſt. „Leider, nein!“ jammerte die Franzöſin. b — 107— „Da dürfte vom Volke allerdings die Befreyung eines Staatsverbrechers als verdienſtlich angeſehen werden, weil ſie niemanden gefährdet als den Gewalthaber; hier iſt es Verrath an der Menſchheit, an allen Bürgern— und es freut mich, daß dieſe ſo viele öffentliche Tugend beſitzen, um ihren Abſcheu auf alle Weiſe zu erkennen zu geben.“ Die Oberſtin erhob ſich nun von ihrem Sitze und ein leichtes Kopfnicken gab der Frau zu verſtehen, daß ſie entlaſſen ſey. So richtig im Ganzen genommen die hier ausgeſproche⸗ nen Grundſätze waren, ſo ſchien deren Anwendung doch ſowohl dem jungen Copeland als Roſen nicht ganz zu ge⸗ fallen, obwohl aus ganz verſchiedenen Gründen. Die letztere hatte ſich zum Fenſter geſchlichen, und der ſich entfernenden Franzöſin nachgeſehn. „Ach Mutter! laſſe doch das troſtloſe Weib nicht ſo von dir”— bat ſie, ihre Hände bekümmert faltend. „Miß Roſa!“ erwiederte die Dame etwas vornehm: „Wollen Sie gefälligſt“— ſie deutete auf Gabrielen, zu der das Mädchen verſchüchtert ſchlich. „Es ſind fürchterlich gräßliche, im Grund und Boden verdorbene Menſchen, dieſe Ausländer,“ ſeufzte die Frau, indem ſie ſich wieder ſetzte.„Wann wird doch einmal dieſe ſo ſchrecklich mißbrauchte Gnadenthüre ſich ſchließen, dieſes Aſyl, das unſere bluterkaufte Freyheit“— Sie hielt inne und ſah den jungen Copeland forſchend an. „Das wollte ich auch wieder nicht“, fiel ihr dieſer — 108— raſch ein. Dieſe Menſchen da ſchaden unſern Bürgern nichts, ſie geben nicht böſes Beyſpiel, weil ſich niemand nach ihnen kehrt; aber ihnen unſere Thüre zuthun, würde heißen auch die Guten ausſchließen; in andern Worten, die Alien bill mit all ihrem Triebwerke wieder in den Gang bringen. Das wäre unſern Tories juſt recht.“ Er ſah die Dame ſcharf an.— „Laßt uns weiter in unſerm Rechnungsabſchluſſe;“ bemerkte ſie mit einiger Verlegenheit. Dieſe Verlegenheit, in welche ſie der kleine Verrath geſetzt, den ihr die Zunge ſpielte, indem ſie einen der heißeſten Torywünſche in Gegenwart des jungen Copeland entſchlüpfen ließ, verließ ſie erſt beym Eintritte des Capi⸗ tains, die ungefähr nach zehn Minuten erfolgte. „Mein Bruder,“ kam ihm Roſa, noch immer über die jammernde Franzöſin ſinnend, entgegen.„Dein Geſicht iſt heiter. Du bringſt fröhliche Botſchaft. Und iſt der Britte nun wirklich frey, und zürnt er nicht mehr und iſt“— „Miß Roſa!“ fiel ihr die Oberſtin ein,„Sie fragen für eine junge Dame zu viel. Auch haben Sie wieder vergeſſen“— » Leider!“ verſetzte dieſe,„kann Roſa ſich nicht an⸗ gewöhnen, zu ihrem Bruder zu reden, als wenn ihrer zwey wären.“ „Ich glaube wirklich,“ verſicherte ſie der Capitän, V 1— 4109— Miß Roſa verkünden zu dürfen, daß der, an dem ſie ſo unverdiente Theilnahme nimmt, gänzlich frey iſt.“ „Ihr Schützling ſcheint Sie ſehr in Anſpruch genom⸗ men zu haben”“, bemerkte Virginie etwas ſpöttiſch.„Das liebe Alt-⸗England wird es Ihnen Dank wiſſen.“ „Ich hoffe auf das Neue,“ ſprach der Capitain etwas ernſt,„und ſelbſt Miß Virginie dürfte mir Gerechtigkeit und vielleicht auch einigen Dank wiederfahren laſſen.“ „Ich bin ganz Amerikanerin“, verſetzte dieſe etwas ſpröde,„und was ich von England geſehen habe, iſt wahrlich nicht geeignet, mich weniger ſtolz auf mein Land zu machen. Ich behalte meinen Dank ganz meinen Lands⸗ leuten vor.“ „In dieſem Punkte,“ fiel der junge Copeland ein, „dürfte Capitain Percy wirklich auf Ihren Dank, Miß Virginie, ſo wie den unſrigen Anſpruch zu machen be⸗ rechtigt ſeyn, denn er hat uns eine Schamröthe erſpart.“ „Ich habe bloß meine Schuldigkeit gethan, Miſter Copeland,“ bedeutete er dem jungen Manne etwas vor⸗ nehm.„Es ſcheint jedoch, daß noch jemand anderer mehr als ſeine Schuldigkeit gethan habe.“ „Die Ehre ſeines Landes zu wahren ſollte ich glau⸗ ben, iſt Schuldigkeit für jeden, da brauchen wir nicht Männer dafür zu bezahlen. Wir können es ſelbſt thun“, ſprach der junge Mann trocken. „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte die Dame den Capitän. — 4140— „Sie wiſſen, theure Mutter,“ verſetzte dieſer,„die Ordre des Generals traf vorgeſtern ein, kaum drey Tage nach unſerer Unterſuchung.“ „Ich ſollte meinen, die Zeit wäre hinlänglich, ſie zweymal hinab und herauf paſſiren zu machen.“ „In gewöhnlichen Zeiten, nicht in dieſen,“ verſetzte ihr der Capitain bedeutſam;„der junge Menſch ſcheint unten Freunde gefunden zu haben, und in Gnaden zu ſtehen, ſo daß Capitain Percy vielleicht ſelbſt es wagen dürfte, ohne Anſtoß zu geben. „Ihm einige Güte zu erweiſen,“ fiel der junge Cope⸗ land ein.„Er verdient auch einige. Wenigſtens hat ſein Betragen gegen die Indianer und den armen Pompey ihn als einen warmherzigen feſten jungen Menſchen erwie⸗ ſen. Und haben Sie ihm ja etwas gutes erzeigt, Capitain, ſo iſt dieß wahrlich nicht Ihre ſchlechteſte Handlung.“ Und mit dieſen Worten packte der Jüngling ſeine Bücher und Schriften zuſammen, und verließ, mit einer leichten Ver⸗ beugung gegen die Damen, den Salon. „Räthſel und wieder Räthſel,“ ſprach die Oberſtin. „Was haben Sie doch mit dem jungen Copeland, und was hat dieſer mit dem Britten zu thun?“ Der Capitain hatte dieſem ſchweigend und kopfſchüt⸗ telnd nachgeſehen.„Ich weiß ſelbſt nicht, was der junge Menſch will. Uebrigens ſind mir meine Herren Mitoffi⸗ ziere,“— ſein Geſicht verzog ſich in ein unwillkürliches —— — 441— Hohnlächeln,„ein Räthſel. Hören Sie nur, Capitain Mike Broom hat ſich geſtern in eigener hoher Perſon her⸗ beygelaſſen, den jungen Britten bey der Tafel aufzufüh⸗ ren, und alle haben ihm recht generös ihre Börſe ange⸗ tragen.“ „Eine Aufmerkſamkeit, über die ich Ihnen vielleicht einigen Aufſchluß zu geben vermag;“ erwiederte die Oberſtin.„So viel ich weiß, hat der Bruder unſers Aufſehers, der Lieutenant, ſeinem Vater das Reſultat des letzten Verhörs geſchrieben.“ „Aha!“ fiel ihr der Capitain ein.„Nun verſtehe ich— und der allmächtige Major hat ſein gnädiges Für⸗ wort eingelegt, und der junge Britte iſt nun von den Söhnen hoch protegirt, und natürlich von der ganzen Mannſchaft vom lieben Opelouſas.“ „Ein guter Credit bey ſeinen Mitbürgern iſt vieles werth, lieber Capitain;“ ſprach die Dame mit einem halben Seufzer. Dieſem ſchwebte noch die Antwort auf den Lippen, als eine Ordonnanz eintrat und ihm ein verſiegeltes Paket übergab. Zugleich gingen die Flügelthüren auf und die Worte:„Onkel, Couſinen,“ begrüßten einen Zug junge Damen, die, von einem ältlichen Manne begleitet, in den Saal eintraten. Sie wurden von der Oberſtin herzlich, aber auch etwas ſtattlich empfangen. Ohne auf die Beweglichkeit — 442— der drey übereleganten Miſſes oder die Ungeduld des Onkels Rückſicht zu nehmen, ging ſie alle Formen der etwas ceremoniöſen Aufführung ſowohl Roſas als des Capitains durch, obgleich ihre Gäſte von beyden nicht beſonders Notiz zu nehmen ſchienen. —., VII. Kapitel. Wie doch jeder Narr mit den Worten ſpielen kann! Ich denke, es wird in kurzem ſo weit kommen, daß Stillſchweigen die beſte Art ſeyn wird, ſeinen Witz zu zeigen. Shakespeare. „Ja da wären wir,“ ſtöhnte der Onkel darein, ein fettes behagliches Männchen mit einer beneidenswerthen Kupfernaſe, und ein paar graublinzelnden Augen, die, man hätte ſchwören ſollen, irgendwo in Conecticut oder Maſſachuſets das Licht der Welt erblickt haben mußten. „» Ihr habt alſo nichts vom Dampfſchiff gehört? Wir lie⸗ fen ſo eben ein.“ „Recht ſchön,”“ rief Virginie,„daß Sie unſer nicht vergeſſen haben, und den Sylveſter⸗Abend mit uns Ar⸗ men zubringen wollen. Ach, wir ſitzen ſchon eine ganze Woche wie die arabiſchen Prinzeſſinnen.“ Der Legitime. III. — 4144— „ Euer Fehler,“ verſetzte der Onkel, ſich den Schweiß von der Stirne wiſchend. Warum ſeyd ihr nicht hinab⸗ gegangen wie wir? Uns wurde es zu Hauſe zu enge. Da ſetzten wir uns auf ein Dampfſchiff, und hinab ging es. Sind aber froh, daß wir wieder weg ſind.ů „Froh!“ rief eine der drey Miſſes.„Aber Pa, wie können Sie nur ſo ſagen? Wir wären gerne unten ge⸗ blieben, aber Ihnen wurde bange.“ „Ja, ſtellen Sie ſich nur vor, liebe Schwägerin,“ verſetzte der Onkel,„die tollen Mädchen wollten abſolut unten bleiben. O Schwägerin! Sie haben keinen Be⸗ griff, wie ſchrecklich es unten ausſieht. Ich verſichere Sie, es wird mir ganz ſchauerlich zu Muthe, kein Han⸗ del, kein Wandel— „Aber Partieen genug;“ fiel ihm wieder eine der Miſſes ein. „Es muß ein ſehr freyer Ton unten ſeyn, Miß Georgane;“ bemerkte die Oberſtin etwas ernſt. „ Sehr frey; liebe Tante; die altväteriſche ſteife Ma⸗ nier iſt ganz verſchwunden. Man iſt ganz sans géne.“ „Was ich ſehr mißbillige, Miß;“ verſetzte die Oberſtin. „Hörſt du Miſſi?“ fiel ihr der Pa ein.„Ach mein Gott!“ fuhr er fort,„nur Trommeln und Pfeifen zu hören. Auf der Levee nichts als Gezelte und Mann⸗ ſchaft exerzirend, trommelnd, pfeifend, lärmend; und hin⸗ unter an der Levee.— Gott ſey es geklagt, Wagen auf 1 — 445— Wagen, Karren auf Karren, mit Munition, Pulver, Lebensmitteln— Negern und Milizen, Offizieren und Mannſchaft, Matroſen und Generale, alles unter einan⸗ der. Mußten ſelbſt zum Dampfſchiffe zu Fuße gehen. Das iſt aber alles nichts, Mistreß Parker,“ fuhr er ſich ſelbſt entkräftigend fort—„das iſt alles nichts!“ rief er nochmals ſich die Stirn trocknend.„Aber kein Schiff zu ſehen, keine Brigg, nicht einmal ein armſeliger Schoner. Oberhalb der Vorſtadt Annunciation liegen noch ein paar abgetackelt, und das iſt alles; und das Zehren auf unſere Koſten, als ob es nimmer ein Ende hätte. Das Herz möchte einem zerſpringen. Wenn's noch ein halbes Jahr ſo fortgeht, ſo ſind wir alle ruinirt.“ Der kurzathmige Pflanzer war ganz lebendig in der Beſchreibung ſeiner und der allgemeinen Noth geworden. „Ach!“ ſeufzte er wieder.„Meine arme, arme Baumwolle! Stellt euch nur vor. Habe da in der Preſſe Rilieux an die zweytauſend Ballen, die Ernte der letz⸗ ten drey Jahre. Was geſchieht? Der General, mir nichts, dir nichts, läßt fünfhundert Ballen herausnehmen, ohne mir nur ein Wort zu ſagen. Fünfhundert Ballen! Dreyßigtauſend Dollars! Prime Cotton. Glaubt denn der einfältige General, meine Baumwolle kommt mit den Baumſtämmen den Miſſouri hinab!“ „Ich verſtehe nun“, ſpoach Mistreß Parker.— „Ihr ginget hinab, um eure Baumwolle aus den Klauen des Generals zu retten. Das hättet ihr euch immer erſpa⸗ — 446— ren können. Auch wir haben fünfhundert Ballen herge⸗ geben. Sie wurden geſchätzt, und werden vergütet werden.“ „Und dann, wenn einige Kugeln einſchlagen, wiegt ſie um ſo ſchwerer“, tröſtete ihn der Capitain, der zeit⸗ weilig von ſeinen Depeſchen das Männchen anſah. Der Pflanzer hatte beyde mit Ungeduld angehört. „Erſparen können? ſchätzen? erſtatten?— Ich ſage euch, es iſt ein Eingriff ins Eigenthumsrecht, der ſchrecklich iſt. Sollte er nicht meine Einwilligung abgewartet”“— „ Und den Feind zugleich gebeten haben, zu warten, bis Miſter Bowditch dieſe zu geben geſonnen iſt“, fiel der Capitain etwas ſpöttiſch ein. „ Ich werde es ihm ſchon weiſen“, verſicherte dieſer. „ Stellen Sie ſich vor, dieſer Quaſi⸗Pflanzer von Na⸗ ſhville da, der kaum hundertundfünfzig Ballen Upland⸗ Cotton mit all ſeiner Generalſchaft zuſammen bringt, will einem Manne wie mir die Thüre weiſen! Ich dränge mich hindurch mit meinen Kindern. Sie wollten die Befeſtigung des Lagers ſehen. Drey Stunden hatten wir zu gehen, zwanzigmal waren wir in Gefahr unter die Räder zu kommen, und als ich endlich vor dem Hauptquartier ankomme, läßt er mir ſagen, er habe keine Zeit, ſich mit meiner Angelegenheit zu befaſſen.“ „Es war ſehr unartig, Tante, wir können Sie ver⸗ ſichern;“ meinten die drey Miſſes. ⸗ Unſer Exemplar, eines jener Republikaner, deren wir 8 3 — 447— im Norden und Süden eine ſo erkleckliche Anzahl haben, und die, wenn es darauf ankäme, lieber den Schach von Perſien zu Washington ſitzen ſähen, als ein Prozent ihrer Akzien oder einen Ballen ihrer Baumwolle verlieren wollten, war in eine mäßige Auſwallung gerathen, ſo viel nämlich ſeine comfortable Leibesbeſchaffenheit und eine Affaire von dreyßigtauſend Dollars zuließen. Das Theegeräthe, das nun aufgetragen wurde, unterbrach eini⸗ germaßen ſeine gerechte Erbitterung, und er gewann ein ruhigeres Ausſehen; als aber die Diener ſich entfernt hatten, brach er wieder los. „Stellen Sie ſich nur vor, liebe Schwägerin, Sie wiſſen, unter dem letzten Landhauſe, wo er ſein Hauptquartier aufgeſchlagen hat, zweyhundert Schritte darunter, da liegt meine Baumwolle, und noch zehn bis zwölftauſend Ballen mehr. Und alle hat er ſie zur Bruſt⸗ wehr verwendet. Sie läuft mannshoch vom Miſſiſippi zu den Cypreſſenſümpfen quer durch's Land, eine halbe Meile lang. Die ganze Baumwolle iſt mit Erde über⸗ worfen, davor ein Graben, acht Schuh breit und ſechs tief. Auf den Flanken ſind die Batterien mit Sechzehn⸗ pfündern.“ „Miſter Bowditch,“ verſicherte der Capitain,„Sie haben die ganze Befeſtigung des Lagers ſo bündig ange⸗ geben, daß auch der beſte Militär nichts ausſetzen könnte.“— „»Unſer Pflanzer nahm eine Taſſe Thee und fuhr — 148— fort:„Ich verſuchte es, den Miſter Parker zu einer Meeting zu bewegen, klopfte bey Floyd und Bower's an. Allen hat aber das Kanonenfieber die Köpfe ſo ver⸗ wirrt, daß gar nicht daran zu denken iſt.“ „ Aber ich wundre mich nur, wie Sie ſelbſt an ſo etwas denken konnten,— in einem ſo kritiſchen Zeitpunkte daran denken konnten,“ bemerkte die Oberſtin, mit ſichtlichem Mißfallen an dem grobſelbſtſüchtigen Schwager. „Wie, was?“ fragte dieſer,„und euer Meeting— He?2— „War, ein unveräußerliches Bürgerrecht aufrecht zu halten.“ „Unveräußerliches Bürgerrecht!— Ey, Ey, Frau Schwägerin!— oder um dem guten Mann vorläufig ein Bein unterzuſchlagen, falls er es ſich gelüſten laſſen ſollte, einſt im weißen Hauſe wohnen zu wollen. Hab' aber nichts dagegen einzuwenden. Es ſteht auf dem Grund und Boden von alt Virginien, und ſollte eigentlich alſo nur Virginier zu Einſaßen haben.“ „ Es ſollte mir leid thun, wenn Sie ſo etwas denken könnten,“ ſprach Mistreß Parker mit einem Tone, dem man anſah, daß ihre Gelaſſenheit auf eine harte Probe geſtellt wurde. „Denken!“ fiel ihr der Schwager ein.„Ich denke nichts, gar nichts. Am beßten ſo.— Ich denke an nichts, als an meine Baumwolle. Denken mögen die, 4 — 1149— die nichts Beſſeres zu thun haben. Danke Ihnen für eine andere Taſſe.“ „Und der General hat Ihre Bemühungen, eine Pro⸗ teſtation gegen ſeine Gewaltthätigkeit, wie ſie es nen⸗ nen, hingehen laſſen?“ fragte der Capitain. „Hingehen laſſen?“ entgegnete der Pflanzer verwun⸗ dert.„Wie meinen ſie dieß?“ „Ich kann mich unmöglich eines gelindern Ausdrucks bedienen.“ „Sie denken alſo, er ſollte mir haben ein Zimmer⸗ chen in der Nähe der Cathedrale im Staatsgefängniſſe anweiſen laſſen?“ Der Militär ſah ihn bedeutſam lächelnd an. „Capitain Percy!” ſprach das dicke runde Männ⸗ chen, und es wurde ungemein ernſt.„Wir nennen unſer Land frey, weil jeder unverholen ſeine Meinung ſagen, und ſich vollkommen ausſprechen mag; was das Han⸗ deln betrifft, ſo beſtimmt das Geſetz, das heißt die Mehrzahl, und die Minderzahl muß ſich fügen. Wenn Sie aber meinen, daß des Generals Erklärung des Kriegs⸗ geſetzes und Belagerungszuſtandes mich auch nur um eine Sylbe verkürzt hat oder verkürzen kann, ſo irren Sie ſich. Ich bin ein Virginier; aber in dieſem Punkte gegen die Adminiſtration, und folglich gegen den Krieg, und billige ganz, was die Hartford⸗Convention gethan hat, und habe mich auch in dieſem Punkte erklärt.“ 8 — 120— Und mit dieſen Worten erhob er ſich von ſeinem Sitze und ging in das andere Zimmer, wohin die jungen Damen ſich, als die Converſation dieſe ernſte Wendung genommen, zurückgezogen hatten. Der Capitain ſelbſt ſtand raſch auf und empfahl ſich. 3 Ueberhaupt ſchien der junge Mann, von dem wir zwar nicht viel geſehen oder gehört haben, der ſich aber bey mehrern Gelegenheiten, und ſelbſt im Prozeſſe des Britten als wohlwollend und zartfühlend erwieſen hatte, ſeine natürliche Stellung gegenüber ſeinen Mitbürgern ganz unrichtig aufgefaßt zu haben. Er hatte etwas mi⸗ litäriſch Kurzes, etwas gebieteriſch Raſches, ein gewiſſes herriſch gentlemänniſches Weſen, mit einem Ton von Selbſtbewußtſeyn, der ſich nur unwillig in die bedächtlich abgemeſſenen Formen des öffentlichen und Privatlebens zu fügen wußte, und bey jeder Gelegenheit an dem ſelbſtſtän⸗ digen Sinn ſeiner Mitbürger anſtieß. Was ihm jedoch vorzüglich mangelte, war die Achtung für die Meinung dieſer ſeiner Mitbürger. Er zeigte eine gewiſſe Gering⸗ ſchätzung, die häufig durch einen ſchneidenden Hohn be⸗ merkbar wurde, eine Eigenheit, die er wahrſcheinlich ſei⸗ ner Erziehung in einem ganz ariſtokratiſchen— und da⸗ mals den Amerikanern ſehr abholden Lande, vielleicht aber auch der Gewohnheit des Befehlens verdankte.⸗ Allein dieſer Mangel an Achtung für die öffentliche Meinung, und weit mehr noch Geringſchützung, wird nir⸗ gends härter beſtraft, als in dieſem Lande. Was auch — 121— immer die Fehler des Amerikaners ſeyn mögen, Achtung für die Meinung jedes Menſchen iſt ihm angeboren; politiſche oder religiöſe Unduldſamkeit ſind ihm fremd und verhaßt. Alle Geſinnungen, alle Prinzipe können ſich bey ihm unumwunden ausſprechen, alle Grundſüätze und Religionen leben und weben friedlich neben ein⸗ ander, und verſchmelzen durch eben dieſe Duldſamkeit jeden Tag mehr in ein harmoniſches Ganzes. Er hat natürlichen Abſcheu nicht nur gegen alle Vorrechte, ſondern ſchon die bloße Anmaßung, ſelbſt ſogenannte großartig leidenſchaftlich herriſche Empfindungen ſind ihm zuwider, weil er überzeugt iſt, daß ſie die Natur des öffentlichen Lebens trüben und in Gährung bringen. So beſchränkt daher unſer Miſter Bowditch ſeyn mochte, ſo einzig und allein er nur eine Idee im Kopfe hatte, nämlich ſeine Baumwolle, ſo war doch die bloße Zu⸗ muthung des Capitains, die Beſchränkung ſeiner Freyheit betreffend, hinreichend geweſen, ſeine phlegmatiſche Cot⸗ tonſeele weit mehr zu empören, als es ſelbſt die gefähr⸗ deten fünfhundert Ballen vermochten, und die Art und Weiſe, wie Mißtreß Parker ihre Mißbilligung äußerte, verrieth nur zu ſehr ihre vollkommene Beyſtimmung. Ddie jungen Damen hatten unterdeſſen in dem zwey⸗ ten Kränzchen ihre Herzensergießungen begonnen. „Alſo die Ma will ſelbſt das Pianoforte nicht er⸗ lauben, ſo lange der Onkel und Charles vor dem Feinde ſtehen?“ fragte die älteſte der drey Grazien.„Die — — 122— unten machen ſich das Herz nicht ſo ſchwer. Beſuche über Beſuche von beyden Ufern. Da ſind die Longs, die Broadheads, die Johnſons, die Smiths, alle ſind ſie unten.“ „ Und die engliſchen Offiziere;“ fiel die zweyte ein. „Ich verſichere dich, Vergy, nichts ſchöneres. Eben, als wir im Lager waren, kam ein Major als Parla⸗ mentär an. Er bedauerte unendlich, daß die Damen Louſianas in ihren Karnevalsunterhaltungen ſo verkürzt würden, und lud ſich und die Seinigen recht artig zu unſern Bällen ein.“ „Kam aber derb weg,“ ſchaltete der Papa ein, „Tanz und Bälle, erwiderte der General, ſollten ſie genug haben, mehr als ihnen lieb ſeyn werde. Er meinte eiſerne Bälle.“ „Und Partien ſind beſprochen in Menge;“ begann die Erſtere wieder. „Ja, ſtellt euch nur vor,“ fiel der Pflanzer wieder ein,„die Melly heirathet den Capitain Warburton. Iſt ſeit dem Falliment ihres Vaters keine zwanzig Dollars werth. Er nichts werth, als ſeine Gage— ſie nichts— wo die Leute nur hindenken!“ „Roſa, welche die angekommenen Gäſte nicht ſehr an⸗ zuſprechen ſchienen, hatte ſich an die Seite Gabrielens zurückgezogen. Sie fragte nun leiſe:„Warum iſt die arme Melly nichts werth?“ ½ — — 123— „Weil ſie nichts werth iſt, weil ſie arm iſt;“ er⸗ widerte ihr dieſe. „Weil ſie arm iſt, deßhalb iſt ſie nichts werth;” verſetzte das noch ärmere Kind nachdenklich. „Und nun,“ fuhr die lebhafte Couſine fort.„Pa wollte morgen nach Natchez hinauf; wenn ihr aber hübſch artig ſeyd, und uns zu amuſiren verſprecht, ſo bleiben wir einige Tage. Nicht wahr, Pa?“ „O Schmerz!“ rief Virginie.„Sie kommen auf zwölf Stunden, und wollen ſchon amuſirt ſeyn. Ein ſehr großes Compliment finde ich darin für unſere an⸗ nehmlichen Gaben eben nicht,“ lachte ſie;„damit ihr aber ſeht, wie wir Böſes mit Gutem vergelten, ſo will ich mich zu Vorſchlägen herbeylaſſen.“ „Wir ſind ganz Ohren;“ verſicherten die drey faſhionablen Schönen. „Morgen früh denn Schau bey den indianiſchen Löwen.”“ „Pfuy, mit euern ſchmutzigen indianiſchen Löwen;“ riefen die drey mit Abſcheu. „So hört doch nur,“ mahnte Virginie,„einer darunter ſoll wirklich ein königlicher Löwe ſeyn.“ Das Geplauder war in dem leichten, gefällig an⸗ muthigen Tone geführt, der gerade nicht ausgelaſſen, aber für die etwas bedenklichen Zeitumſtände vielleicht muthwillig genannt werden konnte. — 124— Die Oberſtin hatte ſchon einige Zeit mit Ungeduld zugehört.„Miſſes!“ ſprach ſie etwas ſcharf,„ihr ſeyd ſehr vergnügt, und es freut mich; aber ich wünſchte, euer Frohſinn wäre etwas mehr gedämpft; etwas mehr Zartheit, in einem Augenblicke, wo die unſrigen in einem ſo ernſten Kampfe begriffen ſind, dürfte nicht überflüſſig ſeyn.”“ Auch Roſa ſchien von dem muthwilligen Tone ver⸗ letzt. „Die Löwen?“ fragte ſie Gabriele.„Habt ihr Löwen hier? Das müſſen ſchreckliche Thiere ſeyn, wenn ſie ſo ausſehen, wie ſie auf dem Bilde im Speiſeſaale gemalt ſind!““ „Du kamſt ja mit ihnen;“ erwiderte Gabriele. „Ich!“ rief Roſa verwundert. Sie ſann eine Weile nach.„Du meinſt doch nicht—“ ſie ſtockte, ſte wurde blaß. 4 „Die Indianer;“ lächelte Gabriele.„Wir nennen jede ungewöhnliche ausländiſche Erſcheinung einen Löwen. Das iſt Sprachgebrauch.“ „Das iſt ein ſehr grauſamer Sprachgebrauch;”» ſeufzte ſie.„Ihr ſeyd grauſam, und ſelbſt in euerer Fröhlichkeit ſchneidet ihr tiefer ein, als die Schlachtmeſſer der Wilden in ihrer Wuth,— ſtoßt ihr dem armen alten Mann den Stachel euerer Zunge in das Herz.“ Sie zog ſich unwillig zurück. Gabriele ſchlang ihren Arm 8½ b — 125— um ſie:„Sey nicht böſe, Siſſi, der alte Häuptling iſt ja nicht hier.“ „Aber ſeine Tochter iſt 6s;“ ſprach Roſa. „ Seine Tochter?“ fragte Miſter Bowditch, der in ſeiner Promenade durch die beyden Abtheilungen des drawing room die letzten Worte des Mädchens gehört hatte.„Wer iſt doch die junge Dame?“ fragte er Mißtreß Parker. „Miß Roſa, unſer liebe Gaſt.”* „Miß Roſa— Roſa,“ wiederholte der Pflanzer mit einer Stimme, die leiſe ſeyn ſollte, die aber in den bey⸗ den Zimmern gehört wurde. „Ich habe Sie Ihnen bereits vorgeſtellt, aber Miſter Bowditch ſchien zu ſehr mit andern Gegenſtänden be⸗ ſchäftigt;“ ſprach die Dame mit einem ſanften Ver⸗ weiſe. „Ach, jetzt erinnere ich mich; à propos!“ Er wackelte zur Klingelſchnur und zog ſie.„Bringt mir doch einmal meinen Ueberrock aus der Vorhalle herein. Da, Miſtreß Parker, ſind ein halbes Dutzend Briefe, ein wenig verſpätet, aber gute Nachrichten kommen nie zu ſpät. Muß doch ſehen.“ Und mit dieſen Worten ſetzte er ohne Umſtände ſeine Brille zwiſchen Naſe und Ohren, und fing an eine Zeitung zu entfalten. Die Dame hatte die Briefe in Empfang genommen, und ſich für einige Augenblicke entſchuldigend, verließ ſie mit Virginien das Beſuchzimmer. — 126— „Da ſeht einmal dieſe Zeitungsſchreiber— aber im Ganzen genommen nicht ſo übel, nein,“— rief er, indem er das Kind durch die Brille muſterte„ mit etwas weniger Intereſſe, als er wahrſcheinlich einem fremden, in ſeine Baumwollenpreſſe gerathenen Cottonballen be⸗ wieſen haben dürfte. „Sehen Sie,“ fuhr er fort,„da ſteht ihre Lebens⸗ geſchichte ſchwarz auf weiß.“ „Etwas von Roſa in dieſen Papieren?“ fragte das aufmerkſam gewordene Mädchen. Der Pflanzer ſah ſie verwundert an.„Sie wiſſen ja, die ſtecken ihre Naſen in alles hinein.“ „Darf ich bitten;“ ſprach ſie. „ Gerne;“ verſetzte er, ihr das Blatt reichend. Sie nahm es, und zog ſich ſchnell in die Ecke des Sophas zurück. Sie las Wort für Wort. Bey jeder Linie ſchüttelte ſie das Köpfchen ſtärker. Sie wechſelte die Farbe. Wieder las ſie, eine Thräne perlte in ihren Augen, und das Köpfchen ſenkend, ſchien ſie alles um ſich her zu vergeſſen. So war ſie eine geraume Weile geſeſſen, das Blatt auf ihrem Schooße, ohne ein Wort zu ſprechen. Die Damen waren herbeygetreten, und ſahen ſie verwundert an. Unwille, beleidigtes Zartge⸗ fühl, ſchienen in ihrem Gemüthe wechſelſeitig zu käm⸗ pfen; die Freyheit, die man ſich mit ihr genommen, ſchien ſie tief zu verletzen. Der Pflanzer trat 3n ſie heran. b — 427— „Aber, mein Vater,“ rief ſie aufſtehend, und nicht ohne Unwillen,„das iſt ja nicht wahr, was hier ge⸗ druckt iſt. Der weiße Mann muß ſehr böſe ſeyn, der dieß gethan hat.“ „Pah, Vater,“ wiederholte der Pflanzer.„Danke ſchönſtens, Miſſi. Hab' aber mit den dreyen da genug zu thun. Glauben nicht, was die einen für Geld koſten. Da mußten drey Shwals her, eine neue Erfindung ir⸗ gend eines müßigen Webers in China, das uns ohne⸗ dem ſchweres Geld koſtet. Kommen mich die drey Din⸗ ger da auf zweytauſend Dollars; das gäbe vier tüchtige Neger, à fünfhundert Dollars per Stück, von denen jeder fünfzig Procent geben muß, macht tauſend Dollars Per annum. Das verſtehen Sie aber nicht, armes Kind;*“ meinte er mit einem mitleidigen, beynahe gering⸗ ſchätzigen Blicke.„Ja, da ſind ſie mir nun alle über'm Hals. Die Georgiane— nun, da glaube ich wird ſich wohl mit Charles etwas machen laſſen. Bin nur froh, daß Krieg iſt. Haben wir doch dieſen Winter mit den verdammten Bällen und Partien Ruhe. Der vorige Carneval koſtete mich netto zehntauſend Dollars. Wenn's meinem Kopfe nachgegangen wäre, ſo hätte ich Amalien noch ein Jahr in der Penſion gelaſſen. Schickt ſich beſſer. Sieht ſo ſonderbar aus, wenn man zwey auf einmal auf's Tapet bringt; die jungen Leute wiſſen nicht, wo am erſten anzubeißen, und leckern nur. Ja, bin ein alter Spatz.“ ₰ — 4128— Der kleine Mann hatte dieſe Rede, ſeine beyden Hände in der Taſche, in den beyden Zimmern promeni⸗ rend, mit einer Selbſtgefälligkeit vorgetragen, die ſeine drey Miſſes ſehr zu beluſtigen ſchien, von der aber das arme Naturkind nur ſo viel begriff, daß ſie mit einer ſchonungsloſen Gleichgültigkeit und Rückſichtsloſigkeit be⸗ handelt wurde. Ihr Buſen hob ſich immer beklommener. „Nun, wirklich,“ fuhr der Pflanzer fort, das Blatt wieder aufnehmend,„der Artikel iſt gut geſchrieben, und ich wette, wenn ihn irgend eine alte wohlthätige Haut zu Geſichte bekömmt, er kann vielleicht ihr Glück machen. Haben Sie ihn denn auch geleſen?“ Er be⸗ gann: „Wir würden Bedenken tragen, nachſtehendes in unſer Blatt aufzunehmen— das iſt ſo eine gewöhnliche Formel,“ unterbrach er ſich.—„Bedenken tragen— die Wichte Bedenken tragen, wenn uns,“ fuhr er fort, „die Wahrheit der berührten Daten nicht durch reſpek⸗ table Autoritäten verbürgt, und wir nicht auch zugleich der Hoffnung wären, durch ihre Verbreitung nützlich zu werden, und Licht und Aufklärung über einen Vorfall zu verbreiten.“ „Licht und Aufklärung über einen Vorfall verbrei⸗ ten;“ commentirte er.„Er will Licht und Aufklärung über ſie verbreiten. Das iſt ja ganz recht, und es läßt ſich gar nichts dawider ſagen. Nur unſere Neger muß man nicht aufklären wollen.“ 5 — 129— Das Mädchen hatte aufmerkſam zugehört.„Die Worte ſind ſüß, aber in ſeinem Herzen ſpricht er bit⸗ ter;“ ſagte ſie leiſe und unwillig. „Je nun, was die Indianer betrifft, da macht er freylich keine Complimente; aber wer wird die auch mit einem Wilden machen? es wäre ungereimt.“ Er las weiter. „Vor beyläufig vierzehn Jahren, in einer ſtürmiſchen Dezembernacht, ſtürzt plötzlich eine Horde Indianer von dem Volke der Creeks an die Behauſung eines unſerer Bürger, der damals im Staate Georgien, am Fluſſe Cooſa, als von der Regierung autoriſirter Zwiſchenhänd⸗ ler lebte. Aus dem Schlafe aufgeſchreckt, öffnete er noch gerade zu rechter Zeit die Thüre, um einen ge⸗ waltſamen Einbruch zu verhüten. Es war die Schaar des berüchtigten Tokeah, der durch ſeine Gräuel und Schreckensthaten die Langmuth unſerer Bürger und Re⸗ gierung ſo ſehr ermüdet, und, nachdem er ſein Land verkauft, durch Gewaltthaten aller Art das weſtliche Georgien unſicher gemacht; die Familie, den unbändigen Sinn des Wilden wohl kennend, erwartete nichts ge⸗ ringeres, als augenblicklichen Tod; ſey es jedoch, daß ſeine Raub⸗ und Mordͤgier bereits durch frühere Opfer geſättigt—“ „Der Miko,“ fiel ihm Roſa mit einer Heftig⸗ keit ein, die den kleinen Mann ſtutzen machte,„der Der Legitime. III. 9 5 — 130— Miko iſt kein Dieb, kein Räuber, kein Mörder. Er hat nicht ſein Land verkauft. Es iſt ihm geſtohlen worden. Er hat nicht das Meſſer an die Bruſt meiner Milchmutter geſetzt. Er hat ihr für das, was Roſa bey ihr genoſſen, Felle bezahlt. Er hat Roſa nicht geſtohlen. Er hat den Pfeil bittern Hohnes nie ſo tief in ihr Herz gedrückt, als— „Nun, ich will nicht ſtreiten, Miſſi. Es iſt immer ſchön, daß Sie ſelbſt eines Wilden Partey nehmen. Ja, ja— hm, hm— aber der Schluß iſt recht gut.“ „Wir enthalten uns aller weitern Bemerkungen bis zur gerichtlichen Aufklärung dieſes myſteriöſen Verhält⸗ niſſes, wünſchen jedoch, es möge etwas von den An⸗ gehörigen des unglücklichen Kindes, das nun hülflos und verwaist, und verwahrlost in die Welt hinausge⸗ ſtoßen iſt, entdeckt werden, und falls dieſe nicht mehr am Leben wären, daß ſich irgend eine mitleidige Seele desſelben erbarmen möge. Wir erſuchen deshalb unſere Mitredactoren, beſonders franzöſiſche und ſpaniſche, daß ſie dieſer Anzeige eine Aufnahme in ihre reſpectablen Blätter gönnen, und ſo einer Thatſache Publicität geben, die wahr⸗ ſcheinlich unſägliche Trauer und Jammer in irgend einer franzöſiſchen oder ſpaniſchen Creolen familie verurſacht hat.“ „Roſa,“ ſprach ſie bebend,„iſt arm. Sie iſt den Weißen nichts werth. Aber ſie iſt dem Miko werth und theuer. Sie geht zu ihm und wird den Weißen nicht beſchwerlich fallen.“ „Sie, Miß, zu den Indianern zurückkehren? Eine Wilde werden? das wäre wirklich ſchade. Sie wollen?“ fragte der Pflanzer verwundert. „Aber mein Gott, was habt ihr denn?“ rieß Mis⸗ treß Parker, die von Gabrielen in der Angſt ihres Her⸗ zens herbeygeholt worden war. „Nichts,“ verſicherte der Onkel,„bloß das Zei⸗ tungsblatt. Sie will zu den Indianern zurück, und ich ſage ihr, ſie thäte beſſer, wenn ſie irgendwo unterzu⸗ kommen trachtete.“ „Aber, Miſter Powditch,“ rief die Dame unwillig, „wie können Sie ſich doch ſolche Familiaritäten mit un⸗ ſern Gäſten erlauben!“ „ Ich weiß aber nicht, was ihr da für ein Weſen macht. Sie iſt doch nur ein armes Kind, und Oberſt Parker ſelbſt hat mir geſagt—“ Indem trat ein Bedienter ein.„Madame, ein ſon⸗ derbarer Beſuch— zwey der Indianer.“ „Sie kommen um Roſa. Lebe wohl, theure Mut⸗ ter! Lebet wohl, Virginie und Gabriele!“ rief ſie. „Miß, wohin wollen Sie?“ ſchrie die erſchrockene Dame. Doch ſie war ſchon verſchwunden. Wie eine Verfolgte flog ſie durch den Corridor auf die beyden Cumanchees zu, und mit dieſen über das Bayou, ſo ſchnell als ſie konnte, zum Gaſthofe. Sie ſtürzte die Stiegen hinan, und warf ſich mit unendlicher Angſt an — 132— den Hals des Miko, gleichſam als wollte ſie ihn feſt⸗ halten, damit er ihr nicht entriſſen würde.„Armer gefangener Löwe;“ flüſterte ſie.„Arme Roſa, ſie iſt nichts werth; die Weißen haben ſie mit Hohn verſtoßen. Arme Roſa.“ Einige Male waren ihr die Worte ent⸗ ſchlüpft, als der alte Häuptling aufmerkſam wurde, und ſie forſchend anſah. „Wie meint meine weiße Roſa dieß?“ fragte er. „Was iſt der Löwe? Wer iſt er?““ „Der Löwe iſt eine grimmig wilde Katze, die alles tödtet, und die von den Weißen gefangen und in einen eiſernen Käfig geſperrt wird, wo ſie dann ihrer Qual in der Gefangenſchaft ſpotten. Sie heißen alle Gefan⸗ genen Löwen. Das iſt Sprachgebrauch.“ „Und Roſa iſt nichts werth?“ fragte El Sol. „Wie meint meine theure Schweſter dieß?““ „ Nichts werth ſind bey den Weißen alle diejenigen, die nicht viele Dollars, oder viel Gold haben.“ „Dann mag meine Schweſter den Weißen ſagen, daß Roſa mehr werth iſt, als ſie; daß ſie alles Gold und alle Dollars der Cumanchees beſitzt, daß El Sol und die Seinigen freudig all ihr gelbes und weißes Metall hergeben wollen, wenn es ein Lächeln auf ihrem Geſichte hervorbringt. Roſa muß den Weißen ſagen, daß ſie mehr ſilberne Dollars, mehr Gold beſitzt, als viele Pferde tragen können. So wenig der Miko und ſein Sohn gefangene wilde Katzen ſind, ſo wenig iſt Roſa nichts werth. Sie iſt mehr werth, als die Weißen.“ Das Mädchen ſah den Häuptling, der heftig gewor⸗ den war, gerührt an.„El Sol,““ lispelte ſie ihm zu, „iſt mein Bruder, Roſa will ihm die theure Schweſter ſeyn.“ Der alte Mann war unterdeſſen aufgeſtanden, und einige Male in der Stube auf- und abgeſchritten. Er horchte, eilte an die Thüre, zum Fenſter, er fing an ſich ſchneller zu bewegen. Im anſtoßenden Zimmer wur⸗ den mehrere Stimmen gehört, und das Getöſe vom Ufer, und das Trommeln vor dem Wachthauſe verkündeten eine Bewegung unter den zurückgebliebenen Milizen, die alle in Reihe und Glied ſtanden. Auf einmal ſetzten ſie ſich in Marſch, und zogen dem Ufer zu. Das Ge⸗ ziſche des entquillenden Dampfes verrieth ihren Abzug auf dem Dampfbote. Die Augen des alten Mannes fingen an zu funkeln. Er ſah ſtarr auf die im Fackel⸗ ſchein ſich fortbewegenden Maſſen, rannte wieder zur Thüre und horchte. Beynahe ſchien es, als ob er fühlte wie der König der Thiere, der, in ſeinem eiſernen Käfig eingeſperrt, raſtlos vor⸗ und rückwärts trabt, und durch die Spalten ſeines Gefängniſſes ſpäht, und einen Aus⸗ gang zu erlauern trachtet. „Die weißen Krieger,“ rief er plötzlich mit freude⸗ funkelnden Augen,„ſind gegangen. Hört mein Sohn das Kochen des feuerſpeienden Canoes? Tokeah will nun — 134— gehen zu erfüllen, was ihm der große Geiſt hat zu⸗ flüſtern laſſen. Dieſe Nacht,“ ſprach er zu Roſa, „werden die rothen Männer die Wigwams der Weißen verlaſſen; zu lange ſind ſie ſchon von ihnen im Käfige gefangen gehalten worden.“ „So laß uns eilen,“ rief Roſa. „Nein, meine Tochter kann nicht mitgehen,“ er⸗ widerte er,„der Pfad iſt rauh, der Miko muß eilen, damit er erfüllt, was ihm geboten worden. Die Füße meiner Tochter ſind zart.“ „Nicht mitgehen? Der Miko will ſeine Tochter ver⸗ laſſen?“ rief das Mädchen entſetzt. Der alte Mann ſchüttelte das Haupt.„Die weiße Roſe iſt Tokeah ſehr lieb; aber ſie iſt vom Roſſe ge⸗ tragen worden auf dem Pfade, der zwiſchen dem Nat⸗ chez und dem endloſen Fluſſe liegt. Die Dornen des Weges, den ihr Vater nun geht, würden ihre Füße verwunden.“ „ Sie werden ſtark werden;“ verſicherte ſie ihn. „Roſa, meine Schweſter, muß bleiben, bis der Miko und ſein Sohn zurückkommen. Die Brüder El Sols, die Häuptlinge der Cumanchees, werden ihre Schritte bewachen, und ſie ſchützend umſtehen.“ „Und Tokeah und El Sol wollen wirklich gehen, ohne Roſa mitzunehmen;“ ſprach ſie, beynahe unwillig. „Vater,“ bat ſie, ſich an den Hals des alten Miko werfend,„nimm Roſa, deine Roſa, mit dir.“ „El⸗ko⸗tah,“ ſprach dieſer,„wird dem Miko ſein Mahl bereiten. Aber Roſe muß bey den Weißen blei⸗ ben, bis er zurückkommt. Tokeah weiß,“ fuhr er fort, „daß ihre Herzen nicht ſchlagen, wie die der rothen Männer; ſie klappern, weil nur Dollars darinnen ſind; ſie zählen die Biſſen, die meine Tochter in ihren Mund ſteckt; aber Roſe mag bey'm Händler mit Feuerwaſſer bleiben. Tokeah wird mit Dollars bezahlen. Ocht⸗it⸗lan hat ihrer viele für ſie, und das gelbe Metall—“ Es klopfte an der Thüre, und der Wirth trat ein und ſprach mit Roſen, die mit ihm die Stube verließ. Sie erſchien ungemein ernſt und bewegt nach einigen Minuten wieder. „Alſo muß Roſa bleiben?“ fragte ſie nochmals. „ Meine Tochter weiß, wie theuer ſie dem Miko iſt. Sie iſt die einzige Weiße, die ſeinem Herzen theuer iſt. Aber Roſe kann nicht auf dem Pfade gehen, den er nun wandelt.“ „So will Roſa wieder zu den Weißen. Sie darf nicht bey'm Händler mit Feuerwaſſer bleiben, wo bloß Männer ſind. Es geziemt der Jungfrau nicht, unter dieſen zu ſeyn. Die Weißen ſind kalt, aber ſie ſind auch klug, ſie wiſſen, was geziemt.“ „Meine Tochter iſt weiſe,“ ſprach der alte Mann in demſelben gelaſſenen Tone,„der große Geiſt der Weiſßen iſt in ihr; ſie wird ſeiner Stimme folgen, und thun, was er ihr heißt, und ihr Herz ihrem Vater be⸗ wahren.”“ „Möge der große Geiſt dich begleiten, Vater!“ lispelte ſie ihm zu.„Du biſt Roſen theuer. Das Einzige, was ihr von Canondah übrig iſt. Roſa wird den großen Geiſt bitten, daß er die Dornen von deinem Pfade tilge.“ Sie fiel ihm bewegt um den Hals, und der alte Mann legte ſeine Stirne auf die ihrige; dann erhob er ſich, und beyde Hände auf ihr Haupt legend, ſprach er im tiefſten Gefühle:„Der große Geiſt be⸗ wahre dich, meine Tochter!“ Der junge Häuptling ſtand in ehrfurchtsvollem Schweigen. Als der Miko ſeinen Segen ausgeſprochen hatte, faßte er ihre Hände, und ſie an ſein Herz drückend, ſah er ihr eine Weile in die Augen, und wandte ſich dann raſch weg. Roſa ſchaute ihn verwundert an, und verließ dann gedankenvoll die Stube. — — VIII. Kapitel. Willſt du genau erfahren, was ſich ziemt, So frage nur bey edlen Frauen an. Göthe. Roſa kehrte ernſt, beynahe feyerlich nach Hauſe zu⸗ rück; es war etwas Unerklärbares in ihrem ganzen We⸗ ſen, das der Oberſtin und ſelbſt ihren etwas frivolen Couſinen auffiel. Alle ſchwiegen jedoch, aber am fol⸗ genden Morgen, als dieſe mit dem Onkel abgereist wa⸗ ren, nahm die Oberſtin ſie bey der Hand, und ſie forſchend anblickend, ſprach ſie mit einer milden, aber eindringenden Stimme: „Liebe Miß Roſa! Sie haben geſtern etwas gethan, das uns alle ſehr geſchmerzt hat.“ „„Roſa etwas gethan, das Schmerzen verurſacht hat?“ verſetzte das Mädchen ihre Hände faltend. „Und Sie fragen, Miß?“ erwiderte die Dame, „ nachdem Sie bey Nacht, ohne etwas zu ſagen, aus dem Hauſe entwichen, zu den Wilden entwichen,“ ſprach ſie mit ſtärkerer Betonung. „Theure Mutter, ich bitte dich, heiße ſie nicht Wilde. Es ſind edle Menſchen. Ihr habt ihnen viel Böſes zugefügt.“ „ Miß Roſa,“ ſprach die Dame,„darüber können Sie jetzt nicht urtheilen. Sie werden es einſt können. Bis dahin verſchieben Sie Ihr Urtheil, und glauben Sie einſtweilen meiner Verſicherung, daß das Loos, das dieſe Wilden niederdrückt, nicht unverdient iſt. Jeder Menſch hat ſein Schickſal in den Händen. Auch Sie, Roſa, haben es. Und darum bitte ich Sie, nie zu vergeſſen, daß Sie eine junge Dame fſind, die ſich nie etwas vergeben, am wenigſten aber den Anſtand ſo ſehr verletzen darf, um Wilde zur Nachtzeit zu beſuchen.“ „Aber ſie kamen, um Roſa abzuholen, und Roſa mußte zum Miko, ihrem Vater, gehen.”“ „Vater!“ rief die Dame unwillig.„Miß, wie können Sie den wilden garſtigen Indianer Ihren Vater nennen?“ „Roſa wird ihn nie anders nennen. Er iſt Canon⸗ dahs Vater. Sie wird ihn nie verlaſſen;“ ſprach ſie mit leiſer, demüthiger, aber auch entſchloſſener Stimme. „Wie, Sie wollen zu den Wilden gehen?“ rief die Oberſtin mit einem Abſcheu, ſo unverhohlen, als wenn eine ihrer eigenen Töchter ihr dieſen ſeltſamen Entſchluß verkündet hätte.„Zu den Wilden?“ rief ſie nach —.— — 139— einer langen Pauſe abermals, und mit geſteigertem Unwillen.„Unſer Haus, die civiliſirteſte Geſellſchaft wollten Sie verlaſſen? Wäre es möglich!“ Sie warf einen langen, forſchenden, beynahe mißtrauiſchen Blick auf das Mädchen. Unſere Oberſtin, war, wie unſere Leſer entnommen haben werden, eine Dame von hoher Bildung; aber obgleich ſie nicht die gewöhnlichen Vorurtheile theilte, die man häufig gegen die Indianer hegt, ſo mußte ihr doch der Entſchluß des Kindes, zum mindeſten geſagt, außerordentlich vorkommen. Nach ihrem Blicke zu ur⸗ theilen, ſchien ſie nicht ungeneigt, dieſen ſeltſamen Ent⸗ ſchluß einer minder lautern Quelle zuzuſchreiben, als die war, der er ſeinen Urſprung verdankte. „Miß Roſa!“ ſprach ſie mit einer feyerlichen Simme, „das edelſte Geſchöpf, das aus der Hand der Natur hervorging, iſt das Weib. Sie duldet, ſie leidet, wo der Mann nur genießt. Selbſt ihre Freuden ſind an Schmerzen geknüpft. Aber in ihrer Hand liegt das Schickſal des Geſchlechtes, und ein tugendhaftes Mäd⸗ chen, das ſich pflichtbewußt zur Gattin bildet, iſt eine achtunggebietende Erſcheinung. Aber die tiefſte Er⸗ niedrigung, Roſa, iſt es, wenn ein weißes, freygebor⸗ nes Mädchen ſich freywillig einem— weniger als Bar⸗ baren— einem Wilden zu überliefern niedrig genug denkt.— Es iſt thieriſche Erniedrigung,“ ſprach ſie mit Abſcheu,„weil bloß thieriſche Leidenſchaft—“ — 440— Sie hielt inne, denn das Mädchen ſchrak ſichtlich zu⸗ ſammen. „Roſa,“ ſprach ſie,„iſt ſehr unglücklich. Du ſagſt, es ſey die tiefſte Erniedrigung, ſich den Wilden hinzugeben; wohin ſoll Roſa gehen? Bey euch,“ ſeufzte ſie,„iſt ſie nichts werth. Sie hat kein Gold. Sie iſt arm. Ihr bietet ſie, wie der Zwiſchenhändler ſein Feuerwaſſer, dem öffentlichen Mitleiden an.“ Die Oberſtin ſah das Mädchen, deſſen richtiger Blick ſo tief das Unzarte des Zeitungsartikels aufge⸗ faßt, und noch immer fühlte, betroffen an.„Es iſt ge⸗ fehlt worden,“ ſprach ſie,„aber dieſe Unzartheit war gut gemeint, meine Tochter. Wir müſſen manches dul⸗ den, das uns hart ſcheint, weil wir den Grund davon nicht einſehen.“ „»Mutter!“ ſprach das Mädchen,„in meinem Her⸗ zen ſpricht eine Stimme, die mich nie irre geführt hat. Sie gebot mir dem Miko zu folgen. Sie wird mir ſagen, was ich zu thun habe. Aber bey euch würde die arme Roſa verlaſſen ſeyn. Als der Miko,“ fuhr ſie mit leiſer Stimme fort,„ſich enſchloſſen hatte, in die Niederlaſſungen der Weißen zu gehen, da ward es in meiner Seele plötzlich helle. Ich verlangte mitzu⸗ gehen. Roſa iſt gekommen. Ach!“ ſeufzte ſie,„ſie iſt fremd unter euch. Als ſie in der Hütte des Zwiſchen⸗ händlers war, da gab man ihr Speiſe, weil der Miko Felle gab. Sie war fremd damals. Sie iſt es wieder. — 4141— Bey'm Miko war ſie Tochter. Mutter!“ rief ſie über⸗ wältigt von ihren Gefühlen,„ſey nicht grauſam, ent⸗ reiße der armen Roſa nicht das einzige, was ſie auf der Welt beſitzt, den Troſt, den Miko zum Vater zu haben. Roſa hat nie ihren Vater gekannt; ſie iſt nie am Buſen ihrer Mutter gelegen. O, es iſt ſo wenig, um was ſie dich bittet.“ Die Oberſtin blickte das in tiefſten Schmerz ver⸗ ſunkene Mädchen in ſprachloſer Rührung an.„Mein theures, verwaistes Kind!“ ſprach ſie,„ich will dir Mutter ſeyn. Eine Mutter läßt ſich zwar nimmermehr erſetzen; aber mütterliche Freundin, Beſchützerin will ich dir ganz ſeyn.“ Der unglücklichen Waiſe war nun allmählig ihr Ver⸗ luſt, das Entbehren der Mutterbruſt, des väterlichen Schutzes, in den Contraſten, die ſie in ihrem kurzen Leben erfahren hatte, deutlich geworden; aber es war nicht bloß Sehnſucht nach den entbehrten Vater⸗ und Mutterarmen, die ſich nun in dem Kinde ſo ergreifend äußerte. Sie hatte ihre Verlaſſenheit ſchon in der Hütte des Miko gefühlt, aber nie war ſie ſich derſelben ſo deutlich, ſo ſchmerzlich bewußt worden, als in ihren neuen Umgebungen, und der freyen Beweglichkeit und hinwiederum den eingezwängten Formen ihres neuen Kreiſes. An die rauhe Väterlichkeit des Miko gewöhnt, war dieſe ihrer demüthigen, von Liebe erquillenden, ſich ſo gerne anſchließenden Natur zum Bedürfniß gewor⸗ den, und ſie fühlte ſich nun unendlich einſam und ver⸗ laſſen. Sie war bisher im Hauſe des Oberſten ganz als lieber Gaſt, mit all der Rückſicht und Aufmerkſamkeit, die einer jungen Dame in ihrer Lage erwieſen werden konnte, behandelt worden; allein ihr natürlicher, durch lange Einſamkeit zum Nachdenken aufgeregter Verſtand, ließ ſie in eben dieſer Rückſicht dieſer Freyheit zugleich all die Kälte erſehen, die in unſern ſogenannten guten Häuſern gewiſſermaßen zur Sitte geworden iſt. Zwar hatte in den erſten Tagen ihres Hierſeyns, und vorzüg⸗ lich in der Anweſenheit des Squire Copeland, eine herz⸗ liche Ausnahme Statt gefunden, aber als dieſer abge⸗ gangen, wurde ihr der Contraſt nur ſo auffallender. Vielleicht war auch eine kleine Scheu vor dem Mäd⸗ chen, das ſo lange Zeit unter den Indianern gelebt hatte, mit im Spiele. „Ja, Roſa!“ ſprach die Oberſtin, die gegangen, und wieder zurückgekommen war,„du ſollſt meine Tochter ſeyn. Der Indianer iſt unſichtbar geworden, höre ich ſo eben. Möge er nie wieder kommen.”“ „Er wird wiederkommen;“ rief das Mädchen zuver⸗ ſichtlich.„Er wird kommen um Roſen zu holen.“ „ Ich zweifle;“ erwiderte ihr die Oberſtin, die es vielleicht nicht räthlich fand, das, was ihr als Starr⸗ ſinn an dem Mädchen erſcheinen mochte, gegenwärtig zu bekämpfen.„Es iſt zwar ſehr wenig an ihm gelegen, — 4143— allein er hat des Böſen zu viel gethan, um ſich ſeinen gerechten, aber auch ſtrengen Richtern nochmals zu ſtellen.“ „Er wird gewiß wiederkommen;“ verſicherte ſie Roſa nochmals. „„ Und warum iſt er gegangen?“ fragte die Oberſtin. „ Vielleicht ſollte ich nicht fragen, da er deinem Herzen näher ſcheint als wir. Nur iſt ſein Verſchwinden gegen⸗ wärtig auffallend. Roſa! ich hoffe, du wirſt mir Ver⸗ trauen ſchenken, kindliches Vertrauen. Es hat das Verſchwinden des Indianers einige Unruhe verurſacht. Ich hoffe, nochmals ſage ich es, du wirſt in deiner Anhänglichkeit, die ich übrigens ehre, die Scheidelinie der Pflicht erkennen, und das Vertrauen, das in dich geſetzt wird, nicht mißbrauchen.“ Nachdem ſie dieſe Worte mild, aber ernſt und eindringend geſprochen hatte, entfernte ſie ſich. Das Mädchen war in tiefes Nachdenken verſunken geſtanden, über die ſeltſamen Worte ſinnend. Die myſteriöſe und plötzliche Entweichung der vier Indianer hatte wirklich am Bayou, und in der Umgegend einige Unruhe verurſacht, und die Frau des Oberſten war erſucht worden, wo möglich die Veranlaſſung dieſes Unſichtbarwerdens des gefährlichen Unruhſtifters aus ſeiner Pflegetochter heraus⸗ zubringen. Ihr offener, zuverſichtlicher Ton war jedoch ein hinlänglicher Beweis, daß ſie keine Mitwiſſenſchaft habe, was auch um ſo wahrſcheinlicher ſchien, als es — 4144— ſich kaum denken ließ, daß die Wilden, im Falle ſie wirklich etwas Feindſeliges im Schilde führten, ihr ihre Abſichten kund gethan haben würden. Bald verſchmolz auch dieſe kleine Beſorgniß in der großen Angelegenheit, die nun alle ausſchließlich zu beſchäftigen anfing, und in der man alles Uebrige vergaß. So lange nämlich die beyden Compagnien unter dem Befehle des Capitain Percy noch am Bayou waren, ſchien man noch immer beruhigt. So unbedeutend die Anzahl der zurückgeblie⸗ benen Milizen war, ſo hatte doch der Umſtand ihrer Nichteinberufung der Umgegend ein gewiſſes Gefühl von Sicherheit, von Vertrauen eingeflößt, das nun durch die plötzliche Ordre zum Abmarſche ſehr erſchüttert wor⸗ den war. Es war eine fieberiſche Aufregung eingetreten, eine krampfhafte Spannung, die die Gemüther immer heftiger dann ergreift, wenn der Schauplatz der Gefahr entfernt, und ſo der düſtern Phantaſie mehr Spielraum zu trüben Bildern gelaſſen iſt, eine Art ſchaudernder Empfindung, die ſich mehr oder weniger an den Zurück⸗ gebliebenen äußerte. Man ſah ſie in den ernſt verſchloſ⸗ ſenen Geſichtern, den bedenklich ausforſchenden ſtarren Mienen, dem häufigen Vergeſſen aller perſönlichen Rück⸗ ſichten und Vortheile, dem ängſtlichen Zulaufen bey'm jedesmaligen Erſcheinen eines Dampfbootes, und dem bangen Verſchlingen der Zeitungen, deren lakoniſch ge⸗ heimnißvolle Kürze nie peinlicher ward. Auch unſere Familie war von dieſen fieberiſchen Schauern nicht ver⸗ ſchont geblieben, und wenn durch das rege Stillleben, das auf der Pflanzung herrſchte, die düſtere Folie we⸗ niger ſtark hindurchſchimmerte, ſo war dieſes weniger einem Mangel an Theilnahme oder Gefühle, als vielmehr der Selbſtverläugnung der würdigen Frau zuzuſchreiben, die als Mutter und Gebieterin dem Hauſe vorſtand. „» Unſere Gatten und Söhne,“ ſprach ſie zu ihren Töch⸗ tern und Roſen,„kämpfen für uns und unſer Land. Uns hat die Natur eine nicht minder ehrenvolle Beſtim⸗ mung angewieſen, die durch häusliche Thätigkeit die Kräfte unſerer Männer und Söhne in den Stand zu ſetzen, ihrer großen Beſtimmung Genüge zu leiſten; die würdigſte Theilnahme, die das Weib äußern kann. Es geziemt dem freyen Weibe nicht, ſich von Empfindun⸗ gen überwältigen zu laſſen, denn es iſt nicht niederge⸗ drückt durch das erſchütternde Phantom eines übermüthi⸗ gen Tyrannen, der ihre Lieben von ihrem Buſen reißt, und einem dunkeln Verhängniſſe zuſtößt; es kennt die Gefahr, und die Nothwendigkeit ihr zu begegnen.“ Aber ungeachtet dieſer männlich ſtarken Gründe, wurde die Prüfung auch für ſie allmählig zu ſchwer, und ſonderbarer Weiſe ſuchte ſie bey unſerm liebenden Naturkinde Troſt und Ermunterung. Jeden, Tag, jede Stunde fühlte ſie ſich mehr und mehr angezogen, und der beyderſeitige Anklang von Schmerz und Entbehrung ſchien ſie nun wirklich zu einem Gliede der Faniſ⸗ zu einigen. So verlief eine Woche. Der Legitime. III. 10 — 4146— Es war an einem ſonnigen Mittage, daß Roſa am Bayou in ſinnender Betrachtung ſtand, dem Geſange der in der Cottonpreſſe arbeitenden Neger zuhorchend, wie ſie ihr eindringend wehmüthiges Talla⸗i⸗hoe herüber tönen ließen. Es iſt ein ergreifend melancholiſcher Ge⸗ ſang, wie er in ſeinen tiefen Baßtönen und dem klagen⸗ den Tenor in langen Cadencen an das Ohr ſchlägt. Allmählig verſtummten die Stimmen eine nach der an⸗ dern, dann erhoben ſie ſich wieder, und ein Chor von vier und zwanzig Männern brach in den ſchönen Neger⸗ geſang Bulla⸗tai aus. Auch dieſer war verklungen. Roſa ſtand aber noch immer ohne zu bemerken, wie die Oberſtin mit ihren Töchtern herantrat. „Weißt du, liebe Roſa,“ ſprach ſie,„daß dieſer Schmerz, dem du dich überläßt, ſelbſtiſch iſt, daß wir uns nie ganz einer Wehmuth überlaſſen dürfen, die unſere Kräfte aufzehrt?“ „Es iſt nicht Schmerz, Mutter; es iſt etwas ganz anderes. Etwas Großes, etwas Wichtiges, das dir Roſa zu verkünden hat.“ „Etwas Großes;“ ſprach die Dame, die aufmerk⸗ ſam wurde, denn die Züge des klaren idealen Geſichtes der Sprecherin ſchienen außerordentlich bewegt. „Ja,“ ſprach ſie,„es iſt eine wichtige Stunde dieſe, in der viel entſchieden wird. Der gute Gott wird ſie tröſtend für dich werden laſſen; Mutter, er iſt gut und milde. Sey auch du es, Mutter! ich bitte dich.“ „Wie kann ich es, liebe Roſa;“ ſprach die bewegte Dame. „Du kannſt es. Sey milde gegen das arme Weib, deren Mann im Gefängniſſe ſchmachtet. Die Stunde, in der Roſa dich büta iſt wichtig. Gewähre ihr, ſie wird dir ſagen— „Und was wird Roſa ſagen?“ fragte die Oberſtin das ſinnend horchende Mädchen.„Deine Bitte iſt ge⸗ währt; ich will die Bürgſchaft übernehmen.“ Das Kind drückte die Hand der Dame freudig an den Buſen.„Roſa dankt dir, theure Mutter!“ ſprach ſie mit Hoheit.„Dafür will ſie dir etwas ſagen. In dieſer Stunde ſchlagen die Eurigen die Schlacht;“ flü⸗ ſterte ſie leiſe, aber beſtimmt. Mutter und Töchter lächelten ungläubig. „Kommt,“ ſprach ſie,„hier hören wir nichts.“” Sie eilte voran an das untere, ſüdliche Ende des Par⸗ , ſtellte die drey Damen in einen Halbzirkel, und beugte ſich dann in der Richtung des Luftzuges. Es war dieſen Morgen ein ungemein dichter Nebel über der ganzen Gegend gelegen. Gegen Mittag jedoch fing ein ſtarker Südwind an vom Strome heraufzuwehen, und die Kraft der Sonne, die ſelbſt Januartage in die⸗ ſem Lande zu ſo herrlich milden Erſcheinungen macht, hatte allmählig die Atmosphäre in eine zitternd elaſtiſche Bewegung verſetzt. Von den fernen Pflanzungen her waren noch einzelne Chöre der Neger zu hören. All⸗ — 448— mählig ſchwiegen jedoch auch dieſe, und die Natur ſchien mit den armen Schwarzen ihre Feyerſtunde zu halten. „Ich höre nichts,“ ſprach die Dame;„als den Windzug“ ſetzte Virginie hinzu;„und das knarrende Gekrächze der alten Bidi,“ meinte Gabriele. „Ihr habt nicht in dem ſchweigenden ſtillen Wig⸗ wam am Natchez gelebt,“ lächelte Roſa. Sie horchte wieder und ſchauerte dann zuſammen.„Das ſind fürch⸗ terliche Schüſſe.* „Hörſt du wirklich etwas?“ riefen die drey erblaſſen⸗ den Damen. „Gewiß, ich höre jeden Schuß, viele Schüſſe, fünf⸗ zehn, zwanzig auf einmal. Jeder gleicht dem entfernten Rollen des Donners.“ „Es iſt nicht möglich,“ meinte die Oberſtin.„Es ſind nahe an hundert und achtzig Meilen. Zwar der Wind kömmt von Balize herauf— kein Gebirge— die Ufer liegen offen.“ „Ich komme ſo eben vom Strome,“ ſprach der junge Copeland mit einer leichten Verbeugung.„Ein ſonderbarer Vorfall, die beyden Indianer, die wir ſeit der Entweichung des Alten in Haft zu ſetzen genöthigt waren, brachen plötzlich los, aber ſtatt zu entfliehen, ſtehen ſie nun am Ufer, die wunderlichſten Verzerrungen ſchneidend. Ich glaube die Leute hören etwas.“ „ Es iſt die Schlacht, liebe Mutter. Komm, liebe Mutter! Virginie und Gabriele! zu Ochtitlan, und — 149— mein Bruder wird dem armen Manne ſeine Freyheit verkünden.“ „So ſey es denn, ſprach die Oberſtin, die ſich von der natürlichen Beweglichkeit des Mädchens hingeriſſen fühlte.„Miſter Copeland gehen Sie zu Squire Brown, und ſagen Sie ihm, daß wir Bürgſchaft für Madiedo ſtehen.”“ 8 Der junge Mann ſah die Frau verwundert an. „Gehe, gehe, lieber Bruder!“ trieb ihn Roſa vor⸗ wärts,„und komme dann.“ „Sehr gerne, Siſſi;“ ſprach dieſer, der raſch den Weg zum Städtchen einſchlug, während dem die Damen dem Strome zueilten. Schon von weitem erblickten ſie die Indianer, umgeben von einer Gruppe von Männern, Weibern und Kindern. Einer derſelben lag in dem Winkel der Erͤzunge, die hier durch das aus dem Miſſi⸗ ſippi tretenden Bayou gebildet wird, auf dem Boden, während der andere die Neugierigen, die mehr und mehr herbeykamen, in einen Halbzirkel ordnete. Ein leiſes, kaum merkbares Säuſeln kam von Süden herauf, das aber bey weitem von dem Rauſchen der Wogen übertäubt wurde. Allmählig hatte das ſonderbare ſtumme Schau⸗ ſpiel eine bedeutende Anzahl von Menſchen angezogen. Als die Indianer Roſen erſahen, ſprangen ſie mit der lebhafteſten Freude auf ſie zu, und ſprachen einige Worte im Pawneedialekte, mit der Gluth der höchſten — 150— Leidenſchaft. Ihr ganzes Weſen hatte eine kriegeriſche Wuth angenommen. „Es iſt die Schlacht,“ ſprach dieſe.„Die Cuman⸗ chees hören ſie deutlich. Sie ſagen, es iſt eine ſchreck⸗ liche Schlacht, die die Weißen ſchlagen. Viele tauſend große und kleine Feuerſchlünde ſpeyen ihre eiſernen und bleyernen Kugeln aus. Der Indianer warf ſich auf den Boden und gab Zeichen. „Sie ſtehen noch immer auf demſelben Orte,“ ſprach ſie.„Nun brüllen die Feuerſchlünde weniger.“ „Nun brüllen ſie ſtärker;“ rief ſie nach einer Weile. „Nun zittert die Erde. Zwanzig der großen Feuer⸗ ſchlünde brüllen auf einmal.“ „Gott ſegne Sie, Madame!“ rief plötzlich eine Stimme hinter ihnen. Es war der Spanier oder Me⸗ rikaner Madiedo alias Benito mit ſeinem Weibe. Die Oberſtin winkte ihnen Stillſchweigen zu, und deutete auf Roſen.„Danken Sie es dieſer;“ ſprach ſie leiſe. „Der Mann faßte ſie einige Augenblicke ins Auge, und ſein ſprachloſes Erſtaunen ſchien ihm die Worte auf der Zunge zu feſſeln.„Um Gotteswillen, wer ſind Sie, Miß? um Vergebung? „»Roſa;“ ſprach das Mädchen verwundert. „Roſa;' erwiderte der Mann.„Mein Gott, wie ſie leibt und lebt. Unbegreiflich!“ rief er. Die Indianer waren während dieſes Zweygeſpräches ungeduldig geworden. Der auf dem Boden liegende hatte ſich aufgerichtet, und ſtand gleichgültig ohne ferner ſeine Beobachtungen fortzuſetzen. Das Geſpräch, ob⸗ wohl leiſe geführt, hatte es ihnen unmöglich gemacht etwas weiter zu hören. „Die Schlacht, Madame und meine ſchönen Miſſes,“ rief ein junger Mann in der engliſchen Offiziersuni⸗ form, aber mit dem knarrenden iriſchen Dialekte,„Bey St. Patrik! Wer das ſagt, muß die Ohren eines Midas haben. Wiſſen Sie, meine ſchönen Damen, daß wir auf einem ihrer Dampfſchiffe volle achtzehn Stunden brauchten, und ſie gehen wie die beſten engliſchen Poſt⸗ pferde. Eine ſchöne Erfindung, Madame, die Ihnen Ehre macht.“ Die Oberſtin ſah den dreiſten jungen Mann ver⸗ wundert unwillig an. „Lieutenant Connaught!“ ſprach der junge Copeland, „wollen Sie ſo gefällig ſeyn, mir auf ein Wort zu folgen?“ „Ein andermal,“ rief der Irländer, der ſich recht wohl zu befinden ſchien, obgleich ihm alle Damen den Rücken gewendet hatten.„Dieſe Wilden,“ fuhr er fort,„haben übrigens ein feines Gehör, und es iſt zehn gegen eins zu wetten, daß wir bey dieſer Zeit die Hautſtadt genommen haben, und die Unſrigen auf dem Hermarſche ſind. In dieſem Falle, meine Damen, kön⸗ — 152— nen Sie ſich auf den Schutz Lieutenant Connaughts ver⸗ laſſen. Darf ich ſo frey ſein, Ihnen meinen Arm an⸗ zubieten, ſchöne Miß?“ ſprach er zu Virginien. Statt der jungen Dame bot ihm Miſter Copeland den ſeinigen an, und ohne ein Wort weiter zu verlieren, zog er ihn einer Gruppe kriegsgefangener Offiziere zu, die mehr beſcheiden in einiger Entfernung am Stromes⸗ ufer ſtanden. So wie der Irländer entfernt war, warf ſich der Cumanchee wieder zur Erde, und gab neuerdings den⸗ ſelben regelmäßigen Bericht von der Schlacht durch Zei⸗ chen, zuweilen wisperte er Roſen einige Worte zu, die ſie dann der Oberſtin und der verſammelten Menge mit⸗ theilte. Die Umſtehenden ſtanden ſtarr in athemloſer Stille. Jeden Augenblick mehrte ſich die Menge, ſie kamen auf den Zehen geſchlichen, und gingen, kamen wieder und ſtanden, alles um ſich her vergeſſend. Stun⸗ den waren ſo verſtrichen, die Sonne ſank bereits hinter die weſtlichen Wälder, und noch ſtanden alle verſammelt. Plötzlich fuhr der Indianer zuſammen, und ſprang mit allen Symptomen des Entſetzens auf. „Es war ein ſchrecklicher Donner;“ rief Roſa. Wieder warf er ſich zur Erde, lag noch eine Viertel⸗ ſtunde, und ſtand dann gelaſſen auf. Beyde Wilde nahmen Abſchied von Roſa, und folgten der Wache, die ſie ihrer Haft zuführte. — 153— „Madame!“ ſprach der Wirth Madiedo die Oberſtin an, als dieſe nun mit ihren Töchtern und Roſa den Heimweg betrat.„Darf ich Sie um einen Augenblick Gehör bitten?“ „Nicht heute, Monſieur Madiedo;“ ſprach die Dame. „Nur zehn, nur fünf Minuten. Es betrifft die enge Dame;“ auf Roſa deutend. „Kommen Sie denn in einer halben Stunde.“ 1X. Kapitel. Vierzig Schillinge wollt' ich darum geben, wenn ich mein Buch mit Liedern und Sonnetten hier hätte.— Nun Simpel, wo haſt du geſteckt? Ich muß mir wohl ſelbſt auf⸗ warten! Shakespeare. Grabesſtille herrſchte am folgenden Morgen im Speiſe⸗ ſaale des Gaſthofes zum Bayon Sarah, wo ſich die Gäſte ſo eben zum Frühſtücke niederließen, als der Donnerruf„ein Dampfſchiff!“ erſchallte. Die Seſſel flogen nun in jeder Richtung auseinander, und alle ſtrömten todtenbleich zur Thüre hinaus auf das Strom⸗ ufer zu. Nur vier junge Männer, die ihre reichen goldſtrotzenden rothen Uniformen als engliſche Offiziere bezeichneten, blieben mit unſerm Midſhipman ganz ge⸗ mächlich an der vollbeſetzten Tafel ſitzen. „Da gehen ſie, die glorreichen Nankees;“ lachte Capitain Murragy. „ „ — 4155— „Sind bloß drey darunter, die übrigen ſind unſere franzöſiſchen und deutſchen Spargelwächter;“ entgegnete Lieutenant Forbes. Dieſe Spargelwächter, wie ſie der launige Engländer nannte, waren die Bewohner des Städtchens, die ſeit dem Abmarſch der waffenfähigen Mannſchaft in ein Corps quasi Municipalgarden, zur Aufrechthaltung der öffentlichen Ordnung, vereinigt worden waren, und un⸗ ter denen ſich auch die Herren Gieb und Prenzlau be⸗ fanden, die ſich, im Vorbeygehen ſey es geſagt, auf die Ehre, an der allgemeinen Landesvertheidigung An⸗ theil zu nehmen, die ihnen vor ihren weniger reſpek⸗ tablen Landsmännern, den Herren Merks und Stock, zu Theil wurde, nicht wenig einbildeten, und ihre frü⸗ hern Meinungen über die bey uns herrſchende Unord⸗ nung gänzlich aufgegeben hatten. „Langweilige Kerle,“ rief Capitain Murray wieder. „ Unausſtehlich langweilige Kerle dieſe YNankees,“ ver⸗ ſicherte er nochmals, eine Quail anfaſſend, und die Bruſt von beyden Seiten mit anatomiſcher Genauigkeit ablöſend.„Wenn das Thierchen hier,“ betheuerte er, „ein wenig mehr gebraten, ſtatt geröſtet wäre, bey Jove Longs Hotel könntet nichts derley aufweiſen.“ „Ich glaube denn doch, unſere Northumberland⸗ Haunches ſind zarter, verſetzte Lieutenant Devon, der, den Vorzug ſeiner landsmänniſchen Hirſchzimmer a priori erkennend, nichts deſto weniger dem amerikani⸗ — 4156— ſchen die Ehre eines tiefes Einſchnittes in die Mitte anthat. „Vergebung,“ entgegnete der Capitain Murray. „Ich ſpreche von Rebhühnern oder Quails, wie ſie hier genannt werden, will aber vom Ihrigen ſpäter ver⸗ ſuchen.“ „Weiß nicht,“ fiel Lieutenant Forbes ein, der es gleichfalls mit dem Hirſchzimmer hielt,„aber das will ich euch ſagen, Gentlemen, daß mein Magen von der verdammten Salzſäure ſo ausgetrocknet war, daß er Sauerrampfer angenommen hätte.“ Er ſah ſich etwas vorſichtig nach allen Seiten um.„Verdammt! vier Monate Salzkur. Hol mich der Henker, wenn dieſe Kerle nicht verdienen, alle ſammt und ſonders gehängt zu werden. Da kommen wir herüber aus der belle Frane und dem glühenden Spanien in der Hoffnung, die Tagediebe werden Raiſon haben, und ſich in ihr Loos ergeben, und da ſind wir nun dieſe ſechs Wochen eingepreßt zwiſchen See und Sümpfen, ohne auch nur ſo viel wie ein Haus geſehen zu haben. Nicht vorwärts, nicht rückwärts, und nichts als Pökel- und Salzlleiſch, und Kartoffeln vom vorletzten Jahre, die wie Madeira bereits dreymal die Fahrt nach Oſtindien gemacht haben. Aufwärter, ich danke für ein Glas Madeira.— Hol mich der— auch kein Aufwärter hier.“ „Und glauben Sie,“ ſprach Lieutenant Connaught zu unſerm Midfhipman,„daß die Gaudiebe uns auch — 4157— nur eine friſche Kartoffel zukommen ließen. Wenn wir eine Guinee für eine gegeben hätten, ſo wäre keines ihrer verdammten Ungethüme, die ſie Archen oder Flat⸗ böte heißen, hinabgekommen. Gemeine Seelen! gar nichts von dem ritterlichen Geiſte der Spanier und Franzoſen. Ich verſichere Sie, Miſter Hodges, ſelbſt in Frankreich waren wir die Hähne in den Körben. Nur ſchade, die armen Teufel hatten nichts zu geben, als ihre Weiber und ihre Mädchen.“ „Bey Jove! Meine liebliche Donna Jſabella y Yrun, y Caldevai, und Magadascar oder Balthaſar, der Teufel weiß—“ lachte Lieutenant Devon. „Genug, genug,“ fielen alle lachend ein,„die haben mehr Titel als Dollars.“ „Wollte jedoch, ich hätte ſie hier, die ſchöne Iſa⸗ bella;“ meinte Lieutenant Devon. „Würde Ihnen nichts helfen, die puritaniſchen Nan⸗ kees erlauben einem derley Zeitvertreib nicht;“ verſicherte ihn Lieutenant Forbes. „„Danke Ihnen nun,“ fiel Capitain Murray ein, „für einen Schnitt ihres Hirſchzimmers. Aber, was haben Sie doch mit dem herrlichen Geſchöpfe gemacht?“ „Pah! ſie Capitain Richley für eine Schachtel äch⸗ ter Havannahs überlaſſen;“ erwiderte ihm der Lieutenant ganz gelaſſen, indem er ihm ein Stück vom Hirſchzim⸗ mer ſchnitt und reichte.„Der behielt ſie bis er in Oporto einſchiffte; dann überließ er ſie dem alten Ca⸗ — 28— ballero, der ſie noch haben muß, wenn ſie nicht in einem ihrer jungfräulichen Behälter ihre ſchönen Sünden abbüßt.“ „Ha,“ lachte Capitain Murray,„mit den Don⸗ nas und Condeſſas und Senoras treiben wir es doch wirk⸗ lich zu bunt. Aber, wiſſen Sie,“ fuhr er zu unſerm Seekadeten gewendet fort,„daß wir alle Urſache haben, mit Ihrer Flotte, oder vielmehr mit Ihren Compagnons unzufrieden zu ſeyn? Anſtatt uns Zufuhren zu bringen, gingen ſie nach Jamaica und ließen ſich von den Yan⸗ kees wegkapern. Ueberhaupt, ihr Herren, in dieſem Kriege habt ihr wahrlich nicht viel Ehre eingelegt, die Cyane weg, die Waſp weg, ein halbes Dutzend Fre⸗ gatten mehr; es darf ſich kein königlicher Zweyundfünf⸗ ziger mehr ſehen laſſen.“ „Ich glaube, wir ſtehen ſo ziemlich al pari,“ ent⸗ gegnete ihm unſer Midſhipmann, deſſen esprit du corps die Anſpielung ein wenig verdroß. „Gewiß, Miſter Hodges,“ verſicherte ihn Lieatenant Devon,„wir wollen die Ehre der königlichen Waffen retten, ſie ſollen Rache haben, für die Frechheit, die ſich dieſe gemeinen Tagdiebe herausnahmen. Ey, ich glaube, ſie hätten ſie alles Ernſtes gehangen, ohne Rückſicht auf die blaue Uniform.“ „Gerade ſo, wie ſie Major André ohne Rückſicht auf die rothe hingen;“ entgegnete ihm unſer Midſhip⸗ man. — 4159— „Das iſt ſchon ſo lange,“ lachte der Lieutenant, „daß es bald nicht mehr wahr ſeyn wird. Aber Scherz bey Seite, Miſter Hodges, es wäre doch keine ſo ganz unebene Sache geweſen. Ein beneidenswerther Tod. Hören Sie, wenn wir ins Gras beißen, und dieſe Grobiane legen es immer zuerſt auf die goldenen Epau⸗ lettes an, ſo kräht kein Hahn um uns. Aber Sie wären von Tom und Coleridge beſungen, und allen Damen betrauert worden. Hol mich der Henker. Mit ſechs Pence, und mehr koſtet der Strick nicht, Unſterb⸗ lichkeit zu erringen, iſt wahrlich keine Kleinigkeit. Ihre Gebeine würden, wie die des ſeligen Andre, aus⸗ gegraben, und in der Weſtmünſterabtey canonicirt wor⸗ den ſeyn, eine marmorne Tafel mit goldenen Buchſtaben darüber, enthaltend: James Hodges Esq.“ „Damn, die Weſtmünſterabtey, und Ihre Poſſen⸗ reißerey dazu,“ rief der Mioͤſhipman, dem der Scherz, den man ſich auf ſeine Koſten zu erlauben beliebte, all⸗ mählig zu bunt wurde. 4 „Nein, Gentlemen, ich verſichere euch,“ ſprach Ca⸗ pitain Murray,„ich kann es begreifen, wie unſerm Freunde Miſter Hodges nicht ſo ganz wohl zu Muthe ſeyn mochte. Uebrigens kamen Sie doch mit heiler Haut davon, und Sie mögen froh ſeyn; in Europa würde man ſich freylich ſo etwas mit einem brittiſchen Offi⸗ ziere nicht erlauben, aber da haben wir es mit gefügigen — 460— Souveränen zu thun, und die Völker kommen in keine Rechnung, aber dieſe Flegel.“ „Alles und alles zuſammengenommen,“ fiel ihm Lieutenant Forbes ein,„verſichere ich Sie, es iſt kein ſo übles Ding, Amerikaner zu ſeyn, und wahrlich, wäre ich kein engliſcher Gentleman, ſo wollte ich ein freyer Amerikaner ſeyn.“ „Seyd verſichert,“ meinte unſer Midſhipman,„wenn ihr noch acht Tage hier ſeyd, ſo werdet ihr recht ſehr Reſpekt bekommen. Zwey Lektionen habt ihr ſchon.“ „Ah, Connaught, das iſt ein Hieb auf Sie,“ lachte Lieutenant Devon.„Wie ſagte der Junge? er iſt, glaub ich, Capitain der Spargelwächter. Behaltet den Narren einſtweilen bey euch, und wenn er es noch⸗ mals wagt, Damen zu inſultiren, werden wir ihm einen andern Ort anweiſen.“ „Und ich werde demjenigen, der es wagt, die Unge⸗ ſchliffenheit dieſes groben Yankee zu wiederholen, gleich⸗ falls einen Ort anweiſen;“ rief der hitzige Irländer. „Bey St. Patrik! das will ich.“ „Pah! da habt ihr den Sprudelkopf,“ fiel Capitain Murray beſchwichtigend ein.„Schade, daß wir keine Piſtolen bey uns haben, er ſchöſſe ſich wahrlich nach dem herrlichen Dejeuner, ohne die Verdauung abzu⸗ warten.“ „Nein, gallant,“ meinte Lieutenant Dovon,„ſind ſie nun einmal ſicher nicht. Da ſitzen wir bereits an — 164— die ſechs Tage. Anfangs dachte ich ſelbſt, unſere Ge⸗ fangenſchaft dürfte kein ſo großes Unglück ſeyn. Wir ſind die erſten, und haben freye Wahl.“ „Und die Mädchen reich;“ fielen ihm die andern ein. „Eben deßwegen aber ſtolz wie der Teufel; küm⸗ mert ſich keine um uns. Und wir ſind doch wahrlich keine üblen Kerls;“ meinte er ſich wohlgefällig beſehend. „Wir müſſen uns rächen;“ fielen alle ein. „Gentlemen!“ verſicherte Capitain Murray,“ ich habe die Ehre zu verkünden, daß ich ein vortreffliches Frühſtück ausgemacht habe, und nun zur Verdauung was anfangen? Ecarté, und rouge et noir ſind verboten, ſeit uns der puritaniſche Wirth die Karten ſo saus fagçon ins Feuer geworfen.” 1 „Was läßt ſich nun thun, das die Yankeelente ver⸗ drießt?“ Unſere vier Kriegsgefangenen ertrugen, wie unſere Leſer erſehen, ihr hartes Loos mit gerade ſo vieler Ge⸗ laſſenheit, als Britten gewöhnlich an Tag zu legen pflegen, wenn ſie für ihre leiblichen Bedürfniſſe geſorgt wiſſen, und dabey die Freyheit genießen, ihrer Zunge freyen Spielraum laſſen zu dürfen; eine Freyheit, die ſie vielleicht noch beſſer zu ſchätzen gewußt haben wür⸗ den, wenn die Apathie der Yankees, wie ſie meinten, für ihre geſelligen Vorzüge mehr Empfänglichkeit geäußert Der Legitime. III. 41 — 162— hätte. Dieß war jedoch nicht der Fall geweſen, und unſere fünf Cavaliere ſahen ſich auf ihren Gaſthof und allfällige Spaziergänge beſchränkt, ohne die mindeſte Ausſicht zu einer jener intereſſanten liaisons, die ihnen ihre frühern Campagnen ſo intereſſant gemacht hatten. Uebrigens ſchien ihr Ungehaltenſeyn auf die un⸗ geregelten militäriſchen Bewegungen dieſer Yankees, die ſo ganz ohne Complimente mit nicht mehr als ſechs⸗ zehnhundert Mann auf ein Corps von achttauſend ſoge⸗ nannter brittiſcher Veteranen losgingen, und beynahe. zwey Compagnien der königlichen Grenadiere von dem Hauptkorps abſchnitten, und auf gute Nankeemanier erbeuteten— doch nicht ſo ganz von Herzen zu kommen; im Gegentheile, es däuchte ſelbſt unſerm Midſhipman die Gleichgültigkeit dieſer ſeiner martialiſchen Landsleute gegen die leicht an den Amerikanern zu verdienenden Lorbeern zu weit zu gehen. Dieſe Gleichgültigkeit hatte auch vieles dazu beygetragen, unſern jungen Mann nach der doppelt glücklich überſtandenen Criſis wieder zu ſeiner Geneſung, das heißt zur Rückkehr ſeines Ver⸗ ſtandes, zu helfen, und er fing an allmählig zu begrei⸗ fen, daß der Schandfleck ſeiner Excurſion aus dem Fen⸗ ſter der Mistreß Blunt, vielleicht doch nicht ganz Eng⸗ land erröthen machen dürfte, auch daß die ſogenannten Nankees nichts weniger als unmenſchliche Halbwilde waren, obgleich ſie in ſeinen Lebensüberdruß einzuſtim⸗ men nicht für gut fanden. Zwar war er nicht unge⸗ — 163— neigt, die Suſpendirung ſeines Prozeſſes auf Rechnung eines heilſamen Schreckens vor der Rache ſeiner Lands⸗ leute u ſetzen, und damit das generöſe Anerbieten des j und, das ihn in Stand geſetzt hatte, ſeine Garderobe zu befpemniren, in Einklang zu bringen; aber es waren ihm wieder Zweifel aufgeſtiegen, und dieſe hatten für ihn wenigſtens das Erſprießliche, daß kein bedenklicher Rückfall in ſein voriges Uebel ſtatt fand, und er weit gemäßigter von einem Lande und deſſen Bewohnern zu denken anfing, als er wahrſcheinlich in ſeinem Leben je zuvor gethan, eine Verhaltungslinie, der er zukünftig um ſo mehr ſich zu folgen befliß, als er zu finden glaubte, daß ſie ihn in ſeinem Verkehre mit den ihm nun allmählig furchtbar gewordenen Amerikanern am weiteſten führe. „Der Nebel iſt verſchwunden,“ bemerkte Lieutenant Devon, der mit ſeinen Kriegsgefährten ſich unterdeſſen von der Tafel erhoben, und zum Fenſter getreten war. „Die Sonne bricht hervor wie an einem Londoner Maytage,“ ſetzte Lieutenant Forbes hinzu.„Schade, daß das herrliche Land nicht brittiſch iſt.“ „Wird hoffentlich bald werden,“ bemerkte Lieutenant Devon,„die Hauptſtadt iſt bey dieſer Zeit unſer.— Wollen wir auf die Bluffs?“ „Die Bluffs;“ lachten alle.„Fürwahr, dieſe Yan⸗ kees werden noch ein eigenes Engliſch erfinden; doch — 164— halt, da kömmt eines ihrer dſe la prachtvollen Dampf⸗ ſchiffe herauf.“ „Wohlan, vielleicht etwas neues. Habt ihr bemerkt, wie ſie bleich wurden, und Reißaus nahn Vorbedeutungszeichen;“ meinte Lieutenant* Und mit dieſen Worten ſetzten ſich unſere dadden⸗ in Bewegung. Der Donner der Kanonen ließ ſich vom vune ſchiffe Miſſouri hören, die Flagge der Staaten vo Hinterkaſtelle wehend. Das ganze Dampfſchiff wim⸗ melte von rothen Uniformen. Als es einlief, trat Lieu⸗ tenant Parker aus dem Schiffe, nach ihm ein Zug uni⸗ formirter Milizen und brittiſcher kriegsgefangener Offi⸗ ziere und Soldaten.* 1 „ Major Warden!“ riefen die fünf Britten.„Was iſt das?2“ „Aufs Haupt geſchlagen, Sir Edward, alle Gene⸗ rale, beynahe alle. Oberoffiziere todt oder tödtlich ver⸗ wundet; zweytauſend geblieben, der Ueberreſt in vollem Rückzuge;“ ſprach der kriegsgefangene verwundete Ma⸗ jor leiſe. „Da gibt es Avancements;“ tröſtete ſie Lieutenant Devon. Der amerikaniſche Lieutenant warf dem Britten einen Blick der tiefſten Verachtung zu, und fiel dann ſchwei⸗ gend ſeiner harrenden Mutter und ſeinen Schweſtern in die Arme. „Ich bringe die Siegesbotſchaft,“ rief er der ver⸗ ſammelten Menge zu,„die gerechte Sache hat triumphirt.“ Die gerechte Sache hatte wirklich triumphirt, wie ſelbſt die glänzendſte Einbildungskraft nicht herrlicher hätte wünſchen können. Ein ſchönes, mit allen Kriegs⸗ edürfniſſen reichlich ausgerüſtetes, von Siegen trunke⸗ nes Heer geübter Veteranen, die im zehnjährigen Kampfe mit den tapferſten Truppen der alten Welt den Sieg an ihre Fahnen gefeſſelt hatten, war von kaum der Hälfte f er Männer ſo völlig aufs Haupt geſchlagen worden, daß es ſelbſt das Feld zu halten nicht mehr im Stande war. Nie war toller Uebermuth ſchärfer beſtraft wor⸗ den, als durch dieſen letzten Schlag, der den ſtolzen eind zu einer Zeit traf, wo er bereits den Frieden zu interzeichnen für gut befunden hatte. Kein Jubel, kein Frohlocken war jedoch unter der verſammelten, größtentheils aus Frauen und Kindern be⸗ ſtehenden Menge zu hören. Als aber der Lieutenant mit ſeinen Gefährten die Nachricht umſtändlicher vor⸗ 4½ getragen hatte, gingen alle ſchweigend, ohne vorherige Abrede getroffen zu haben, dem Tempel des Höchſten zu, um ihm ihren Dank für einen Sieg darzubringen, der um ſo herrlicher war, als er dem Lande nur wenige Opfer koſtete. Wir überlaſſen ſie und die Landſchaft ihren freudig frommen Gefühlen, um dem merkwürdigen Manne auf — 4165— — 466— ſeinem Zuge nachzuſehen, der in einem Zeitpunkte be⸗ ſchloſſen, wo des trüben Schickſals härteſter Schlag ihn ſo fürchterlich getroffen, durch die Dazwiſchenkunft der „Weißen“ verzögert, aber nicht aufgegeben worden war. — X. Kapitel. Horch! was wimmert im grauſigen Thale dort? Iſt's der Specht? Nein, nein.— Iſt's die Whippoorwill? Rein, nein.— Iſt's die Nachteule? Nein, nein.— Es iſt der Miko, der das Grab ſeines Vaters mit ſeinem Blute düngt. Muscogee Wehklage. Es würde eben ſo überflüſſig als unintereſſant ſeyn, den Urſachen nachgrübeln zu wollen, die den alten Häuptling veranlaßten, das Bayou in einem Zeitpunkte zu verlaſſen, der, indem er den ihm gemachten Beſchuldi⸗ gungen vor geheimen Umtrieben einen Anſchein von mehr als Wahrſcheinlichkeit verlieh, ihn neuerdings dem Arg⸗ wohne ſeiner vermeintlichen Unterdrücker bloß ſtellen mußten. In ſeinem wilden, ſtarren Sinne und ſeiner Apathie achtete er wahrſcheinlich weder der einen noch der andern, und getrieben durch das große Gebot des Geiſtes ſeines Vaters, ergriff er die erſte Gelegenheit, — 4168 die ſich ihm darbot„ um ſo ſeinen vermeintlichen Feinden zu entgehen, die, obwohl ſie großmüthig für ſeinen Unterhalt geſorgt, doch in ſeiner Meinung wieder keine Ge⸗ legenheit verabſäumt hatten, ihm alle die Kränkungen zuzu⸗ fügen, die ihr Uebermuth nur erſinnen konnte, und die ſeine unglückſelige Conſequenz einem eben ſo planmäßig feind⸗ ſeligen Syſteme ihrerſeits zuſchrieb, als er ſelbſt ſein ganzes Leben hindurch beobachtet hatte.— Noch immer ſah er die Amerikaner durch das trübgehäſſige Medium ſeiner eigenen Phantaſie, und dieſe Blindheit ließ ihm in allen den zufälligen Aeußerungen der Weißen in ihren geringfügigſten Handlungen die eben ſo nur auf einen Punkt berechnete Handlungsweiſe ſehen, die er ſich in ſeinem Leben zum Leitſtern genommen hatte; ein Wahn, der bey ſeiner abgeſchiedenen Lebensweiſe und verſchloſſe⸗ nen Gemüthsart wohl verzeihlich, aber auch nothwendig eine nie verſtegende Quelle immerwährender Kränkungen und Feindſeligkeiten werden müßte. Hatte nun auch ſei⸗ nem finſtern Stolze die Aufmerkſamkeit wohl gethan, die ihm vor ſeinem Sohne von den Weißen widerfuhr, ſo war ihm hinwiederum die Geringſchätzung, mit der er behandelt wurde, wie ein nagender Wurm an ſeiner Seele gehangen. Schon der Befehl, auf den großen Krieger der Weißen zu harren, der ſein Volk beynahe vertilgt hatte, war ihm fürchterlich geweſen. Es waren viele gekommen ihn zu ſehen, wie man allenfalls ein reißendes Thier ſieht, das endlich eingefangen iſt, und — 169— die Art, wie er ſich bey dieſen Beſuchen benahm, zeigte wirklich wenig Unterſchied zwiſchen einem eingeſperrten Raubthier, und dem Könige der Oconees. Unſere Leſer werden ſich hoffentlich den Charakter dieſes merkwürdigen Mannes, der bey einer ungemeinen Seelenhöhe auch wieder entſetzliche Tiefen hatte, im Auge behalten haben, um uns weitere Bemerkungen überflüſſig zu machen. Die Tradition ſeiner Stammesgenoſſen hat uns ſei⸗ nen geheimnißvollen Zug vom Bayou umſtändlich auf⸗ bewahrt, und indem wir ihr getreu folgen, verſetzen wir uns an ſeine Seite in die Urwälder des heutigen Staa⸗ tes Miſſiſtppi, oberhalb Natchez, an welcher Stadt ihn ſein Weg vorbeygeführt hatte. Acht Tage waren ſeit ſeinem Verſchwinden von dem Bayou verfloſſen, aber noch hatte er mit den Seinigen kein Wort geſprochen. Tag für Tag war er vorwärts geeilt, raſtlos und nimmer ruhend, verſchloſſen, finſter und brütend, ſeine Begleiter ihm folgend, wie Hunde ihrem Herren, ohne einen Laut von ſich zu geben.— Das Wild des Waldes hatte ihnen zur Nahrung ge⸗ dient, die gefrorene Erde zur Lagerſtätte, ihre Wolldecken zu Betten. Sie hatten ſorgfältig die Wohnungen der Weißen vermieden, und waren ohne Hinderniſſe am vier⸗ zehnten Tage nach ihrem Aufbruche im Angeſichte eines jener ungeheuern Fichtenwälder angelangt, die ſich von der ſüdlichſten Kette der Appalachen hinüberſtrecken gegen den Staat Miſſiſtppi. Je näher der Häuptling dieſen Wäldern kam, deſto freyer, ſagt die Tradition, wurde ſeine Seele, deſto heiterer ſein Auge, deſto zuverſichtli⸗ cher ſeine Miene. Ein Gefühl von Wehmuth und Freude, von bangem Schmerze und froher Sehnſucht, trieb ihn vorwärts zum Lande ſeiner Kindheit, ſeiner Mannbarkeit, dem er den Rücken zu wenden gezwungen worden war, das ihn verſtoßen hatte. Und, als er in der Nähe der Fluſſes ankam, an deſſen jenſeitigem Ufer die Fichtenwälder ſeiner Heimath empor ſtarrten, da wurde ſeine Seele groß, und die ganze Kraft der vori⸗ gen Tage lebte in ihm wieder auf, und er hob ſchwei⸗ gend ſeine Arme, und deutete hinüber— und leiſe und feyerlich ſchritt er über die leichte Eisdecke des Fluſſes.— Und als er am jenſeitigen Ufer angelangt war, warf er ſich zur Erde, und blieb eine lange Weile regungs⸗ und bewegungslos liegen. Der Wind hob ſeine grauen Haare, daß ſie empor ſtanden, wie das vom Froſte ver⸗ ſengte Gras, der kalte, rauhe Nordwind war ihm das Säuſeln der Geiſter ſeiner Väter, das zu ihm ſprach, deſſen Stimme er verſtand, und dem er wieder Antwort gab. Ringend mit ſich ſelbſt und ſeinem Jammer, ſtöhnte er, und brach endlich in die Worte aus: „Erde! die du geſehen haſt den Sohn von Phm, der dem Sohne des großen Sheyah Leben gab— Tokeah grüßt dich! Der Herr deiner endloſen Wälder, war er geboren, der Miko eines großen Volkes, war er ge⸗ gewählt.— Ein Flüchtling, ſteht er nun auf deiner Gränze, ein Auswürfling, ein Fremdling dir und den Gräbern ſeiner Väter. Großer Geiſt! Warum haſt du dieß gethan? Zahlloſe Sonnen hindurch hat der Miko mit den Seinigen an den Ufern ſeines Fluſſes gejagt, ein mächtiges Volk hat er beherrſcht, warum mußte To⸗ keah in die weite Nacht der Wildniß? Warum mußte er dem Lande ſeiner Väter den Rücken kehren? Warum muß er und das Andenken von ihm verſchwinden von deiner Erde? Sprich, großer Geiſt! Gieb Tokeah ein Zeichen, daß er deinen Willen erkenne!“ Der flehende Greis ſah auf das weite Himmelszelt mit ſehnſüchtigem Blicke.— Es war mit Wolken überzogen, der Nordwind heulte durch den Wald.— Sein Angeſicht wurde düſter und verzagt.— Wieder ſank er zur Erde. Ein kalter Fieberfroſt rüttelte ihn. „Großer Geiſt! vergib“, murmelte er.„Deine Stirn iſt umwölkt, und dein Auge ſieht düſter auf Tokeah, weil er wie ein zagendes Kind redet.“ Er erhob ſich nun, und indem er ſeine Gefährten zu ſich winkte, dankte er zuerſt dem Cumanchee⸗Häuptling für ſeine getreue Liebe, und eröffnete ihnen dann die Ur⸗ ſache ſeines tauſendmeilen langen Zuges in folgenden Worten:— „Sieben Sommer ſind verfloſſen, ſeit der Miko der Oconees dem Land ſeinen Rücken gewendet, wo ſeine Voreltern ihre Wigwams hatten. Zweymal ſeit dieſer -— 172— Zeit hat er den endloſen Fluß überſetzt, allein und von kei⸗ nem Auge geſehen, um an den Gräbern ſeiner Väter zu liegen. Gleich dem reißenden Panther ward er gejagt, gleich dem hungrigen Wolfe ward ihm von den Weißen auf ſeiner Fährte nachgeſetzt; es iſt nun zum letztenmale, daß ſein Fuß auf dem Lande ſteht, wo ſeine Väter ge⸗ lebt haben. In der zweyten Nacht nach der, die ihm alles geraubt hat, das ſeinem Auge theuer war, als ſein Haupt ſchlaflos und verzweifelnd nicht ruhen, ſeine Au⸗ gen ſich nicht ſchließen konnten; in derſelben Nacht er⸗ ſchien ihm der Geiſt ſeines Vaters, der in den grünen Wieſen wohnt. Tokeah war bange in ſeinem Herzen, und dem Geiſte ſeines Vaters war auch bang.„Geh!;“ ſo ſprach er—„geh! zu meinem Grabe, und ſammle die Gebeine desjenigen, der dir Leben gegeben hat, und derjenigen, die dich geſäugt hat; nimm ſie aus ihrer düſtern Woh⸗ nung, und von der entheiligten Erde derer, die ſie ver⸗ achteten! Laß ſie in demſelben Grunde ruhen, wo mein Sohn und ſein Volk ruhen werden, und begrabe ſie un⸗ ter den Gebeinen der rothen Männer. Fürchte dich nicht, ſie aus ihrem Grabe zu nehmen! Der Fluch wird dich nicht treffen.”“ Tokeah erhob ſich von ſeinem Lager, fuhr der Greis fort, als der Geiſt ihm ſo flüſterte; ſeine Seele ward traurig. Wieder legte er ſich auf das Lager.„Die Hufe des Roſſes, der Pflug der Weißen,“ ſprach wieder der Geiſt ſeines Vaters,„ſind über den Todeshügel gegan⸗ gen, wo der Vater Tokeah's begraben liegt, eine kurze — 473— Zeit, und ſeine Gebeine werden zerſtreut ſeyn über die Erde, und von den Winden weggeführt werden.“„El Sol!“ ſprach der Greis, nun zu ſeinem Sohne gewendet, „Tokeah muß thun, was ihn der Geiſt ſeines Vaters ge⸗ heißen hat. Er muß die Gebeine ſeines Vaters nehmen, daß ſie friedlich ruhen mögen. Er muß den Häuptling des Cumanchees während drey Sonnen verlaſſen, und in das Thal gehen, wo ſein Vater begraben liegt.“— Der junge Marikaner horchte aufmerkſam auf die Worte des alten Mannes. „Hat der Geiſt des Vaters dem Miko zugeflüſtert?“ fragte er mit ſtarker, dumpfer Stimme. „Zweymal hat er deutlich geſprochen.“ „Dann muß er ſeiner Stimme gehorchen.„ Groß iſt“, ſprach er, und ein unwillkürlicher Schauder durchzuckte ihn—„groß und ſchrecklich iſt der Fluch, der jene trifft, die die Gebeine aus ihrer Ruhe reißen.— Ihr Volk wendet ſich ſchaudernd, und ihre Namen ſind verflucht von Geſchlecht zu Geſchlecht; aber wenn der Vater geſprochen hat, dann muß der Sohn gehorchen. El Sol will mit ſeinem Vater gehen. „El Sol,“ erwiederte der Greis kopfſchüttelnd,„iſt der Sohn des Miko, und ſeinem Herzen ſehr theuer, er hat das Blut Tokeah's in ſeinen Armen gehabt; aber ſein Auge darf den entheiligten Hügel nicht ſehen, unter dem ſein Vater begraben iſt.“ „El Sol wird nicht auf die Schande ſeines Vaters ſchauen; aber er wird„dem Miko folgen, und will ferne von dem Grabeshügel Sheyahs warten, bis der Miko zu⸗ rückkömmt.“ Der alte Mann gab ſchweigend ſeine Einwilligung, und der kleine Zug bewegte ſich gegen Oſten. Mit dem Anbruche des zweyten Tages befanden ſie ſich am Fuße eines Berges, hinter welchem die Flächen Georgiens ſich unabſehbar gegen das atlantiſche Meer hinabdehnen. Der alte Mann hatte im feyerlichen Ernſt den Berg erſtie⸗ gen.„Sieht mein Sohn,““ ſprach er, als ſie auf dem Gipfel angekommen waren, von dem ſie eine ferne Aus⸗ ſicht auf die waldbekränzten, nur hie und da durch Reif verſilberten Hügel hatten—„ ſieht mein Sohn jene hohen Hügel, die ſich in einer Kette hinabwinden, und deren Füße ſich immerdar in dem glänzenden Strome waſchen? Sie ſind noch in Nebel gekleidet, hinter dieſen iſt das Thal, wo die Gebeine des Vaters Tokeah's ruhen.“— „Mein Vater mag dann gehen;“ ſprach El Sol. „Nein, mein Sohn,“ verſetzte der alte Mann.„Als der Leib des Vaters Tokeah's tief gelegt ward, da ſprach der große Prophet ſeines Volkes den Fluch über den je⸗ nigen aus, der ſeine Gebeine an das glänzende Licht der Sonne bringen, und vor Schaam erbleichen machen würde. Das Licht des Himmels darf ſie nie wieder ſehen, der fin⸗ ſtern Nacht wurden ſie übergeben, in der finſtern Nacht müſſen ſie aus ihrem Dunkel gehoben werden. Tokeah will warten, bis die glänzende Kugel hinter der Welt iſt.“ 8. Er ſprach nun mit den Oconees, und dieſe entfernten ſich, kamen aber nach einer Weile zurück mit Rinde be⸗ laden. Sie ſetzten ſich mit dem alten Manne nieder, und fingen an dieſe in die Form eines kleinen Sarges zuſam⸗ men zu nähen, deſſen In⸗ und Außenſeiten ſie mit den Fellen von Hirſchen, die ſie den Tag zuvor erlegt hatten, bekleideten. Ein Strahl von Zufriedenheit überzog das erſtorbene Geſicht des Greiſes, als er den Sarg beendigt ſahe. Er heftete an die beyden Ende einen breiten Rie⸗ men. „In der Rinde deiner Geburtswälder, und im Ge⸗ wande derſelben Hirſche, die du gejagt haſt, ſollt ihr ruhen, Gebeine meines Vaters,“ ſprach er. Und dann legte er ſich zur Ruhe. Als die Nacht herangebrochen war, ſtand er auf, nahm den Sarg an ſeine Bruſt, und winkte den beyden Oconees, ihm zu folgen. Es war Mitternacht, als die drey Indianer im Thale ankamen.— Der volle Mond war bisher durch einen lichten Saum leichter ſilberner Wolken geflogen, und ſank nun in eine bleyfarbige graue Schneewolke. Die In⸗ dianer bewegten ſich im tiefſten Stillſchweigen, längs den Ufern des Stromes, unter den blätterloſen Wallnußbäu⸗ men fort. Ein leichter Schauder überfiel den alten Mann, als er durch die wohlbekannten Wälder ſeines Geburts⸗ landes ſich ſtahl, er blickte auf, ſtarr und ſcheu und furchtſam, als umſchwebten ihn die Geiſter ſeiner Väter. — 4176— Er horchte, als hörte er ihre Stimme. Je weiter er in das Thal eindrang, deſto beflügelter wurden ſeine Schritte. Ein entfernter Laut ſchlug an ſeine Ohren.— Es war Hundegebell.„Geiſt meines Vaters,“ ſtöhnte er, die Weißen ſind deinem Grabe nahe.“— Er rannte nun, er flog dem Grabeshügel zu. Die rohe Einzäunung eines Wälſchkornfeldes umgab die Stätte— die liebliche Nacht der Wildniß war verſchwunden,— Stengel von Wälſchkorn und Hülſen mit Stöcken lagen auf dem Bo⸗ den zerſtreut umher. Die Bäume ſtanden blätterlos und abgeſtorben; ihre zum Theil rindeloſen weißen Stämme ſtarrten wie in Grabestücher gehüllte Rieſen in das zuckende Antlitz des Wilden.„Geiſt meines Vaters!“ rief er; „Geiſt meines Vaters!“ jammerte er in unſäglichem Schmerze.„Wo ſind die Gebeine, die deine Stärke ausmachten, und von denen die Gebeine Tokeah's ſind?“ Das Erdreich rings um die Bäume war durch den Pflug aufgeriſſen, deren kahle im blaſſen Mondlichte zum Him⸗ mel emporſtrebende Aeſte die Verwüſtung anzuklagen ſchienen. Der Greis fiel bewußtlos zur Erde. Seine Gefährten ſprangen herbey, ihn aufzurichten.„Hinweg! weg“, murmelte er mit dumpfer Stimme.—„Hinweg von dem Grunde, wo ein mächtiger Miko begraben liegt! Tokeah will ſeine Gebeine allein ausgraben.“ uUnd mit ſeinen Händen grub er nun den halb gefror⸗ nen Boden auf. Der Kieſel ſchnitt in ſeine erſtarrten Palmen, das Blut floß von Fingern und aus den Nä⸗ 421— geln; die Haut fiel in Fetzen von ſeinen Händen, aber ſeine Eile, als befürchtete er, jemand würde ihn ſeines Schatzes berauben, nahm mit ſeinen Wunden zu, und er bohrte, bis er die ganze Maſſe Erde aufgeworfen und die Ueberbleibſel ſeines Vaters geſammelt hatte. Das erſte und einzigemal in ſeinem Leben ſchluchzte er laut und ver⸗ goß heiße Thränen. Dann rannte er zum Grabe ſeiner Mutter. Der Pflug war hier tiefer eingedrungen. Nur wenige Zolle Erde bedeckten noch ihre Gebeine. Mit unſäglichem Schmerze legte er dieſe zu denen ſeines Vaters. Der Mond goß ſein volles Licht auf den Wilden, als er auf der gefrorenen Erde vor dem Sarge lag. „Geiſt meines Vaters!“ ſtöhnte er,„du haſt wahr geſprochen. Die Hufe der Thiere der Weißen ſind über deine Grabeshügel gegangen. Sie haben ihn flach getre⸗ ten. Sieh herab von deiner Wohnung. Der Sohn hat gethan, was du ihm geboten haſt. Er wird deine Ue⸗ berreſte nun dahin nehmen, wo keine freche grabſchände⸗ riſche Hand ſie ſtören, wo ſeine eigenen Gebeine ruhen ſollen. Er will ſie unter ſeinem Volke begraben. Geiſt meines Vaters! bitte den großen Geiſt, daß er auf ſeine Kindermit mildem Antlitz ſehe, daß du einſt wieder ihrer Thaten dich freuen mögeſt. Dein Sohn iſt gleich einer vermoderten Eiche. Viele Stürme haben ſeine Kraft ge⸗ brochen, ſeine Aeſte ſind zerſchellt, ſein Geiſt ſeufzt.— Geiſt meines Vaters! wenn du das Antlitz des großen Geiſtes ſiehſt, bitte ihn für deinen Sohn, ſeine Kinder!“ Der Legitime. III. 142 7 — 178— Das Hundegebelle ließ ſich abermals hören „Ich höre die Stimme des Vorläufers der Feinde meines Geſchlechtes. Lebe wohl, Vater— Mutterland! Lebt wohl ihr Bäume, in deren Schatten Tokeah ſo oft ſich gekühlt hat, während des heißen Sommers,— wo er geruht hat nach der langen Jagd.— Lebe wohl, Strom! wo er ſeine Glieder ſo oft erfriſcht, wo er das Ruder zu⸗ erſt gehoben.— Lebt wohl ihr Hügel, auf welchen ſein Vater zuerſt ſeine ſchwachen Arme gelehrt hat, den Bo⸗ gen zu ſpannen!“ Der Mond goß ſeine Silberſtrahlen wieder hinter dem zarten Flaume von Wolken hervor. Das Gebelle ward zum drittenmale gehört.— „Großer Geiſt!“ bat er,„du haſt mit hellen Augen auf die Thaten des Kindes geſehen. Oeffne die Ohren ſeiner Brüder, auf daß ſie die Worte hören, die er ihnen ſagen wird.“ Er ſtand ſodann auf, und nachdem er den Riemen um ſeinen Hals gelegt, nahm er den Sarg an ſeine Bruſt, und kehrte zurück zu den Cumanchees. Den bey⸗ den Oconees winkte er, und dieſe entfernten ſich in ver⸗ ſchiedenen Richtungen. „Der Geiſt meines Vaters hat wahr geſprochen,“ redete er ſeinen Sohn an.„Der Pflug iſt über den Gra⸗ beshügel gegangen, der ſeine Gebeine einſchloß. Der Hügel ſelbſt iſt zertreten, verſchwunden.“ „Tokeah hat wie ein frommer Sohn, wie ein großer Miko gethan“, erwiederte der junge Mann.—„Aber die Cumanchees und Pawnees und die Oconees ſind ver⸗ waist, der Pfad, den Tokeah und El Sol zu gehen haben, iſt lange— der weißen Roſe wird bange ſeyn.“— Er hielt plötzlich inne. Der alte Häuptling warf einen forſchenden Blick auf ihn und ſprach dann:„Die rothen Männer wiſſen, daß Tokeah auf dem Pfade iſt, das Gebot des großen Geiſtes zu erfüllen.— Aber mein Sohn hat etwas am Herzen, er muß ſeine Zunge löſen.“ El Sol ſchwieg jedoch, und ſie ſetzten ſich zu ihrem Mahle. Als ſie dieſes eingenommen, traten ſie ihren Rückweg an. Es war jedoch nicht derſelbe Weg, den ſte gekommen waren, ihre gegenwärtige Richtung lag mehr ſüdöſtlich. Der junge Häuptling ſchien ungeduldig zu werden. Schweigend jedoch, mit der den Indianern eigenthümlichen Selbſtverläugnung folgte er dem greiſen Häuptlinge durch eine Landſchaft, die von der, durch welche ſie bisher gekommen waren, gänzlich verſchieden war. Gewächſe, Bäume, das Erdreich, die zerſtreuten Pflanzungen, die ihnen aufſtießen, ſelbſt die Zäune um die Gärten an den Häuſern waren verſchieden. Sie be⸗ merkten an dieſen Zäunen häufig die Gerippe von Thieren, die dem Mexikaner fremd zu ſeyn ſcheinen; lange fürch⸗ terliche Gerippe mit ungeheuern Rachen und Zähnen, die einen noch immer grinſend anblöckten, als wollten ſie — 4180— die Wanderer verſchlingen. Sie waren in Alabama, wo die häufigen Aligatoren gewöhnlich von den Pflanzern als eine Art Trophäen an den Zaun aneinander gereiht werden, ſo wie wir die Adler und andere Raubvögel auf unſern Scheunen als Warnungszeichen für die Hühnerdiebe heften. Ihre Schritte wurden nun mit jeder Stunde ſorgſamer. Sie vermieden nicht nur ängſtlich die Woh⸗ nungen der Weißen, ſondern auch jede zufällige Begeg⸗ nung derſelben; durch die dunkelſten Wälder, die unzu⸗ gänglichſten Dickichte, die wegloſeſten Sümpfe ging ihr gefahrvoller Weg ſchnell und mit einer Sicherheit, die die Gefahr wittert, und ihr inſtinktartig zu entrinnen 4 weiß. Endlich, nach einem Marſche von mehrern Tagen, langten ſie in einem weiten tiefen Thale an, das von mäßigen Hügeln umſchloſſen in der abgeſchiedenſten Ver⸗ borgenheit lag. Der alte Mann ſetzte ſeinen Sarg auf die Erde, winkte ſeinem Sohne zu bleiben, und verließ ſeine beyden Begleiter. Nach einer Weile wurde ein durchoͤringend langes Pfeifen gehört, ſo ſchneidend, ſo gellend, daß die Nacht⸗ eulen zu Hunderten in ein lang ſchallendes Gelächter aus⸗ brachen— dann erfolgte eine tiefe Stille. Wieder er⸗ ſchallte das Pfeifen, von einem ohr⸗ und herzzer⸗ reißenden Tone begleitet, der weder von Thieren noch b Menſchen herzurühren ſchien, und wieder erfolgte eine lange Stille. Ein drittes Mahl ertönte dieſes Pfeifen — 181— ſchneidender und durchdringender als zuvor, und nun war es, als ob aus der Ferne ein Geziſch und Gemiſch von Tönen und Stimmen vernehmbar würde, ſo klagend, ſo heulend, wie das Geheul des Wolfes, wenn er in lan⸗ gen, ſchmerzlichen Todesmartern ſich wälzt. Bald darauf erſchien der alte Mann und ſetzte ſich ſchweigend an die Seite ſeines Sohnes. X. Kapitel. Sie alle antworten eines Lauts, Man ſey im Fallen, brauche Geld, man känne Nicht wie man wolle. Göthe. Mit einem Mahle wurde es helle. Roth und wild flackernde Flammen ſchlugen durch das Gebüſche„ und erleuchteten die grauſige Waldesnacht. Aus den verſchie⸗ denen Zugängen kamen eine Menge Geſtalten trottend auf die beyden Häuptlinge zu, neigten ihre Häupter, kreuz⸗ ten ihre Hände auf der Bruſt, und ließen ſich dann ohne ein Wort zu reden am Raſen auf ihre gewöhnliche Art nieder. Ihre Anzahl war bereits auf fünfzig geſtiegen; aber ſie mehrte ſich mit jeder Minute, ſo daß ſie ſich endlich auf mehrere Hunderte belaufen mochte. Die mei⸗ ſten der wilden Ankömmlinge waren in, ihre Wolldecken * — 183— gehüllt, unter denen ſie das Jagdhemd und den Wam⸗ pumgürtel mit der Lendenbedeckung trugen. Viele aber hatten bereits Fragmente amerikaniſcher Kleidung, obwohl in ſo bunter Miſchung, daß ſie bey Tage und in weni⸗ ger ſchauerlichen Umgebungen geſehen, leicht Lachen hät⸗ ten erregen können. So hatten einige Beinkleider, aber weder Schuhe noch Strümpfe. Andere hatten Hüte, auf deren Kronen bleyerne Bilder in dem breiten blecher⸗ nen Bande ſtacken, wieder andere hatten Röcke ohne Beinkleider, oder Weſten ohne eine andere Bekleidung, das Jagdhemde und die Wolldecke ausgenommen. Nur wenige waren ganz in das amerikaniſche Koſtüm gekleidet. Auch in der Art, wie ſie ſich den beyden Häuptlingen nahten, war etwas ganz Eigenthümliches. Es ſchien, als ob ſie mit Widerwillen herankämenz ihre wilden, und durch den unmäßigen Genuß des Feuerwaſſers halb⸗ vertrockneten Geſichtszüge gaben weder Freude noch Theil⸗ nahme zu erkennen, eher eine gewiſſe Scheue, einen un⸗ willkürlichen, halbunterdrückten Schauder. Der alte Mann war geſenkten Hauptes in der Stellung ſitzen ge⸗ blieben, die er eingenommen hatte. Als er endlich ſeine Augen aufſchlug, und ſein Blick über die verſammelte Menge hingleitete, ſtarrten ihn die Wilden mit einem Ausdrucke ſo glotzend gleichgültig an, als wären ſie mit Entſetzen beym Anblicke ihres frühern Häuptlings erfüllt; da wurde ſeine Miene ſchmerzhaft düſter und ein bitteres, beynahe höhniſches Lächeln verzog ſeinen Mund. — 184— Ein ältlicher, aber ganz nach amerikaniſcher Weiſe ge⸗ kleideter Mann, von einer in's Kupferroth ſchillernden Geſichtsfarbe, trat keck vor den alten Häuptling, ſah ihn eine Weile höhniſch lächelnd an, und ſeine Kienfackel in die Erde ſtoßend, ſetzte er ſich unter die Vorderſten im Halbkreiſe.„Joſeph, der Oconee,“ murmelten alle— und dann erfolgte wieder eine lange Pauſe. Die Wil⸗ den hatten ſämmtlich ihre Kienfackeln in die Erde vor ihnen geſteckt, und der Widerſchein des roth in ihre grimmigen Geſichter ſchlagenden Lichtes gab der Ver⸗ ſammlung einen Ausdruck, der wild pittoresk geweſen wäre, wenn nicht die übel angebrachten Fragmente ame⸗ rikaniſcher Kleidung dieſen Eindruck wie geſagt in's Lä⸗ cherliche verzerrt hätte. „Sind meine Brüder verſammelt„, um die Stimme eines zu hören, deſſen Auge ſie lange nicht mehr geſehen hat?“ fragte der Miko. „ Sie ſind es,“ ſprach ein alter Mann,„die Mus⸗ cogees ſind weit gekommen, um die Worte des großen Miko zu hören, und ihre Ohren ſind offen, und ihre Arme ausgeſtreckt.“ „Die Männer der Muscogees haben die Tomahawk begraben,“ rief der Häuptling Joſeph heftig.—„Sie haben beym großen Geiſt geſchworen,“ ſetzte er mit einer zänkiſch gellenden Stimme hinzu.. Es entſtand ein Gemurmel, das eben ſo wohl Bey⸗ fall als Mißbilligung bedeuten konnte. 3 — 185— „Mein Geruch ſpürt den Athem eines Verräthers, den Sohn eines Weißen, und einer betrogenen Squaw, der Tochter eines Häuptlings der Muscogees;“ ſprach der Miko. Es erhob ſich wieder das Gemurmel des Unwillens. „Mein Athem“, erwiederte der halbblütige(Half⸗ blood) Joſeph giftig,„ſpürt den Athem eines Wolfes, den die Herde der Seinigen vertrieben, weil er ſie den Jägern in die Schlingen geführt; Joſeph“, ſetzte er triumphirend hinzu,„iſt geboren von dem Blut rother und weißer Eltern. Sein Vater war ein Weißer, ſeine Mutter war die Tochter der Schweſter des Miko To⸗ keah. Hat er aber gleich dieſen den rothen Männern das lange Meſſer der Weißen in den Nacken geſetzt? 4 Nein er hat es abgewehrt von ihrer Bruſt. Er hat gejagt mit ihnen, er hat den Tomahawk erhoben mit ihnen gegen die Cherokees und die Choctaws der ſechs Nationen.“ Er hielt inne und ſah die Umherſitzenden forſchend an. „Wenn meine Rede meinen Brüdern gefällt, ſo will ich fortfahren, wenn ſie aber ihre Ohren verſchließen, ſo weiß der Häuptling Joſeph ſeine Zunge zu halten.“ Ein alter Wilder unterbrach ihn.„Er hat ſich wie der rothe Hund in ſeine Höhle geflüchtet, als die Muscogees die Art gegen die Weißen erhoben. Er hat den Späher der Weißen gemacht.“ „Und ſeinen Brüdern den Frieden gebracht,“ ſiel — 186— der Halfblood dem Sprecher keck ein.„Wäre Joſeph nicht geweſen, wo wären jetzt die Muscogees? Sie wä⸗ ren von der Erde vertilgt.“ „Beſſer,“ ſagte ein zweyter,„ſie wären gefallen im blutigen Felde, als von ihren eigenen Brüdern verrathen zu werden.“ Der Miko hatte dieſe verſchiedenen Ausbrüche der uUngeduld, die ſo ſehr der bey einer Verſammlung her⸗ gebrachten Sitte zuwider liefen, wie es ſchien mit mehr Staunen als Unwillen angehört. „ Und ſehen die Augen Tokeah's“, ſo ſprach er end⸗ lich,„wirklich die Muscogees, die großen Musco⸗ gees, deren größter Häuptling ſein Vater und er gewe⸗ ſen? Die Muscogees, die den Weißen noch fürchterlich waren, als bereits alle rothen Stämme diesſeits des end⸗ loſen Fluſſes verſchwunden oder halb vertilgt waren? „Ja“, rief er mit ſchmerzlicher Betonung,„es ſind wirklich die Muscogees, aber nicht die Muscogees des Miko Sheyah und Tokeah, es ſind Männer mit rothen und röthlichen Geſichtern, aber in den Gewändern der Weißen. Hört, rothe Männer, die letzten Worte To⸗ keah's, und füllt ſeine Ohren nicht mit Squaws Ge⸗ zänke.— Männer der Muscogees! den eure Augen ne⸗ ben Tokeah ſehen, der iſt El Sol, der größte Häupt⸗ ling der Cumanchees.“ Es erhob ſich ſofort eine Anzahl der Wilden, die ſich dem jungen Mexicaner näherten, um ihn zu be⸗ grüßen, indem ſie ihm die Palme ihrer Hand entgegen⸗ ſtreckten, die übrigen blieben murrend ſitzen. „Der Miko des Oconees,“ ſprach der Halfblood Joſeph,„hat ſich von ſeinem Volke losgeriſſen. Er iſt in die ſalzige Wilniß jenſeits des endloſen Stromes gegangen. Warum hat ihn ſein Weg wieder hieher ge⸗ bracht? Seine Zunge iſt wie das Waſſer des Oconee, das ſich bereits mit dem großen Salzſee vermiſcht hat. Sie iſt bitter, ſcharf und giftig. Wollen meine Brüder ſie hören, und das Gift in ihre Herzen aufnehmen?“ Es entſtand wider ein heftiges Gemurmel. „Wollen meine Brüder ihn hören, und die Stirn der Weißen umwölken?“ ſchrie der Halfblood.„Er, der die Leichen der ihrigen geſäet hat wie Wälſchkorn, er lebt noch, ſeine Krieger ſind mit ihm. Er iſt nicht viele Tagreiſen von den Wigwam's der Muscogees.“ „Hugh! ertönte es aus den Reihen mit einem furchtbaren Geheule, während andere in ein lautes Mur⸗ ren ausbrachen. Mehrere ſchienen dem Sprecher beyzu⸗ pflichten, viele hatten jedoch ihre Augen auf den Miko gerichtet, der kalt und anſcheinend unbewegt ſaß. „Der Sohn eines Weißen,“ hob er endlich an, hat wahr geſprochen. Die Zunge Tokeah's iſt bitter, ſie iſt nicht geläufiger geworden, ſeit er vor zwanzig Jahren in eben dieſem Thale zu den Seinigen geſprochen. Sie iſt bitterer geworden, denn ſeine Augen haben vieles ge⸗ ſehen, ſeine Ohren vieles gehört, das ſeine Seele betrübt. — 188— Sie haben geſehen, wie ſein Volk ſich wie Hunde von ihren falſchen Brüdern an rothe Männer— an Brü⸗ der hetzen ließ.“ Bey dieſen Worten blies er in ſeine geballte Fauſt, die er zugleich öffnete und vorwarf. „ Seine Augen haben geſehen, wie rothe Männer gegen ihre rothen Brüder den Tomahawk erhoben haben, weil die falſchen Weißen es ſo gewollt haben, die dann der Thoren ſpotteten, die ſich einander die Meſſer in die Bruſt ſtießen. Seine Augen haben geſehen, wie falſche Brüder ſich in die Wigwams der Weißen geſchlichen, und von ihnen viele Dollars erhielten, und damit die rothen Männer betrunken machten, und als ſie ſich im Kothe herumwälzten, ihnen in die Ohren flüſterten, das Land ihrer Väter den Weißen zu verkaufen. Sie haben es geſehen, wie ſie, während der Miko auf ſeinem Zuge gegen die Choctaws der ſechs Nationen geweſen, gegen die der Tomahawk wider ſeinen Willen erhoben worden, wie ſie ſein Land den Weißen verkauften. Sie haben es geſehen, und die Dollars, die er dafür empfangen ſollte. Aber er hat ſie mit dem Fuße weggeſtoßen. „Seine Ohren,“ fuhr er fort,„haben gehört, wie ſich die geblendeten, rothen Männer anhetzen ließen, die To⸗ mahawks zu erheben gegen die Weißen, als es zu ſpät war, und ſie ſo in die Falle gingen. Sie ſind geſchla⸗ gen worden in blutigen Schlachten, und viele Sommer werden verlaufen, ehe die rothen Männer werden wagen dürfen, wieder ihre Tomahawk's gegen die Unterdrücker —— y— — 189— zu erheben. Aber höret, rothe Männer, der Muſco⸗ gees!“ fuhr er fort, und ſeine Stimme hob ſich— „die Weißen haben die rothen Männer durch ihre Feuer⸗ gewehre und langen Meſſer unterdrückt. Ihrer ſind we⸗ nige, aber dieſe wenige ſind noch den Weißen zu viele. Hört, rothe Männer! die Weißen haben viele Gifte. Sie haben das Feuerwaſſer, das langſam tödtet. Sie haben ihre weißen Späher, die ſie unter die rothen Män⸗ ner ſenden, und die ihren Squaw's und Töchtern lieber ſind, weil ſie eine zartere Haut haben, ſie haben aber auch verrätheriſche Zungen unter den rothen Männern, viele verrätheriſche Zungen. Sie ſind Häuptlinge ge⸗ worden, dieſe verrätheriſchen Zungen. Sie haben die Dollars genommen, die der Miko mit den Füßen wegge⸗ ſtoßen hat. Sie zogen mit meinem Volke. Sie wohnen auf ſeinem Lande. Sie reden mit ſeiner Zunge. Aber ſie reden mit einer Doppelzunge, weil ſie doppeltes Blut haben. Kennen meine Brüder dieſe Männer?“ Sein Blick fiel durchbohrend auf den Häuptling Joſeph. Dieſer war in unruhiger, unbändiger Wuth, und nur durch die Seinigen bisher vom Ausbruche derſelben zu⸗ rückgehalten worden. „Männer der Muſcogees!“ ſchrie er aufſpringend mit kreiſchender Stimme—„Ich ſage nichts mehr, als der große Krieger der Weißen lebt noch— der verbannte, der vertriebene Tokeah flüſtert euch in die Ohren. Ihr mögt ihn hören, und ſeine Worte werden euch führen, — 490— wohin er getrieben wurde, in die Salzwüſte.“ Der alte Mann hatte, nachdem er geſprochen, ſein Haupt auf die Bruſt geſenkt. Er hob es nun, und warf auf den Spre⸗ cher einen mitleidig verächtlichen Blick.„Hat Tokeah,“ ſo frug er,„das Kriegsgeſchrey erhoben? Hat er ſeinen Brüdern in die Ohren geflüſtert, es zu erheben? Was Tokeah gewollt hat, wiſſen die rothen Männer. Sie verſchloſſen ihre Ohren. Sie hörten ſeine Stimme nicht. Tokeah war in ſeinem Herzen betrübt, als ſeine Ohren es vernahmen. Er war ferne von ihnen. Er hat aber eine Kette geſchlungen, die auch für ſie glänzen wird— der große Häuptling der Cumanchees wird ſie als ſeine Brüder, als ſeine Söhne aufnehmen. Tokeah iſt ge⸗ kommen, ſein Volk nochmals zu ſehen. Er iſt durch die Wigwams der Weißen gegangen. Sie zittern vor den vielen Kriegern des Vaters der Canadas, die gekommen ſind, zahlreich wie die Bäume des Waldes in großen Canoes, und mit brüllenden Feuerſchlünden.““ Die Wilden wurden plötzlich ſtille, und ſahen den Häuptling forſchend an. Ihre Augen begannen wild zu rollen, und das dumpfe Flüſtern, das nun in den Reihen umherlief, bewies, daß der Alte eine Saite berührt hatte, die gewaltig in ihrem Innern erklang. „Und was befiehlt uns der große Miko zu thun?“ „Der Miko iſt gekommen auf dem Pfade des Frie⸗ dens,“ verſetzte dieſer ausweichend.„Die Seinigen ſind ferne. Seine Brüder haben ſeit vielen Sommern ſeine — 4191— Stimme nicht gehört. Sie haben ſich andere Häupt⸗ linge gegeben— ſie müſſen dieſen gehorchen.“ Er ſah bey dieſen Worten die Wilden forſchend an und horchte auf das Gemurmel, das nun entſtand. „ Seine Augen ſehen nicht mehr Muſcogees;“ fuhr er fort.„Sie ſehen verkleidete, rothe Männer, die ſich mit den weggeworfenen Gewändern der Weißen behän⸗ gen, die ſich des Wampums ihrer Väter ſchämen, und deren die Weißen ſpotten.— Sein Herz ſagt ihm, daß unter den engen Röcken der Weißen auch ihre falſchen Herzen ſchlagen, und daß ſeine Worte in die Ohren ſeiner und ihrer Feinde geflüſtert werden. Der Miko hat ſein Volk verlaſſen, als der Giftzahn in ihre Ein⸗ geweide zu ſchlagen angefangen; das Gift hat um ſich gegriffen— er ſieht nichts mehr als eiternde Wunden. Er ſieht Häuptlinge in den Gewändern der Weißen, Krie⸗ ger in denen der Weißen und der Muſeogees, ſein Herz iſt traurig.“ „Der Miko der Oconees iſt ein weiſer Häuptling,“ ſprach einer der älteſten Wilden.„In ihm rollt das Blut vieler Mikos. Die Männer der Muſcogees wollen ſeine Stimme hören. Sie ſind viele Sonnen weit gekommen, um dem Späherauge der Weißen zu entgehen. Sollen ſie umſonſt gekommen ſeyn?“ „Die Muſcogees ſind weiſe,“ ſprach der Miko mit einer ironiſchen Betonung und einem bittern ſpöttiſchen Lächeln.„Sie haben die Boten der Weißen getäuſcht, — 492— aber ſie haben ihre Späher mitgebracht. Ein Thor ſpricht zweymal,“ fuhr er fort—„der Miko iſt ge⸗ kommen, um von ſeinem Volke auf immer Abſchied zu nehmen.“ „Dann hat der Miko einen weiten Weg gemacht, den er ſich hätte erſparen können,“ verſetzte ein zweyter jüngerer Wilder.„Die Muſcogees wollen Ruhe, der Miko gibt nimmer Ruhe.“ „Ja,“ erwiederte dieſer,„mein Bruder hat wahr geſprochen; der Miko iſt unruhig, ſo wie der freye, wilde Büffel es iſt, der die Seinigen von den Jägern in die Hürde getrieben ſieht. Die Weißen geben den rothen Männern Frieden, weil ſie bedrängt ſind von den Krie⸗ gern des großen Vaters der Canadas. Wenn aber die rothen Röcke abgezogen ſeyn werden, dann mögen die armen Muſcogees die Sommer zählen, die ſie noch auf ihrem Lande leben werden. Es werden derer nicht viele ſeyn. Männer der Muſcogees! Ihr habt die Stimme euers großen älteſten Häuptlings nicht gehört. Ihr habt ſein Blut verſtoßen, ihr habt die Quelle in ihrem Ur⸗ ſprunge getrübt, das Blut euerer Häuptlinge mit dem unreinen Feuerwaſſerſchlamm der Weißen vermengt.— Es wird nie mehr rein werden. Eure Häuptlinge füllen ihre Säcke mit Dollars.“ Sie handeln mit ſchwarzen Männern, und kaufen ſie, ihre Felder zu pflügen. Mu⸗ ſcogees! der Miko hat mit dem Geiſte ſeines Vaters geſprochen.“ — 198— Alle horchten hoch auf. 191 „Und dieſer will ſeine Gebeine nicht ferner unter einem entarteten Volke laſſen, unter einem Volke, das ſein Blut verrathen.“ 1 „Hugh! ertönte es abermals mit einem grauſen⸗ haften Geheule. Der Miko, ſprach der alte Mann, hat dem Gebote ſeines Vaters Folge geleiſtet. Er iſt gekommen, um ſeine Gebeine im freyen Lande der großen Cumanchees zu begraben. Er hob nun den Deckel vom Sarge weg, um den die Wilden ſich nun heulend heran drängten. „„Der Miko,“ nahm einer der alten Indianer das Wort,„iſt ein großer, ein hoher Häuptling;— hat ihm der große Sheyah zugeflüſtert, ſeine Gebeine von den Muſcogees zu holen?“— „Er hat es; ſprach der Miko. „Hugh!“ ertönte es abermals aus der tiefſten Bruſt ſämmtlicher Wilden„ die nun heulend durcheinander rannten. „Der Miko iſt gekommen,“ ſprach der Greis, um das Gebot ſeines Vaters zu erfüllen. Die rothen Män⸗ ner können ihn nicht mehr halten. Aber ſie mögen kom⸗ men in die ſchönen Gefilde der Cumanchees. Tokeah und ſein Sohn, der große El Sol, werden ihnen die Hand öffnen.“ Und mit dieſen Worten erhob er ſich und verließ die verſammelte Menge, ohne ſie auch nur eines fernern Blickes Der Legitime. III. 13 — 4194— zu würdigen. Ein tobendes Geheul ſchallte ihm noch eine Weile nach, das ſich allmählig in den Bergesklüften verlor. Die beyden Häuptlinge ſchlugen ſodann mit den Oco⸗ nees, die ſich wieder zu ihnen geſellt hatten, den Weg zum Miſſiſippi ein. Was eigentlich die Urſache dieſer ſonderbaren Zuſammen⸗ kunft geweſen, läßt ſich ſchwer beſtimmen. In der Na⸗ tur des alten Häuptlings lag jener unergründliche Dop⸗ pelſinn, den der Wilde überhaupt in einem ſo hohen Grade beſitzt, daß er Jahre lang die größten Entwürfe mit einem undurchoͤringlichen Schleyer verhalten kann, in einem außerordentlichen Grade.— Und wenn ihn das Geheiß ſeines Vaters, wie er meinte, oder richtiger zu ſprechen, ſein Traum zu dem weiten Zuge veranlaßt hatte, ſo ſcheint es eben ſo gewiß, daß er dieſem allmählig einen zweyten Endͤzweck dann unterſchob, als er am Bayou mit der vermeintlichen Verlegenheit ſeiner Feinde näher bekannt wurde. Ob es ein letzter Verſuch geweſen, ſein Volk zum Ergreifen der Waffen gegen den Feind zu bewegen, oder ob er dieſes bloß ausholen wollte, um auf alle möglichen Fälle bereit zu ſeyn, darüber ſchweigt ſowohl die Tradition als die geſchichtliche urkunde. So wie er es nun fand, hatte er jeden Verſuch auf einmal auf⸗ gegeben. Die Politik der Centralregierung, oder vielmehr das allmählige Annähern der Amerikaner hatte nämlich während ſeines langen Exils eines jener Mittel ausgefun⸗ — 195— den, wodurch ſowohl wilde als civiliſirte, aber noch im Zuſtande der politiſchen Kindheit befindliche Völker auf dem ſicherſten und ſchnellſten Wege entnationaliſirt und gebändigt werden— Zwiſchenheirathen— durch die der Einfluß der vornehmſten Häuptlinge allmählig auf die ſogenannten Halfbloods überging, die dem amerikaniſchen Intereſſe näher verwandt, das übrige Volk in dieſes zu ziehen wußten. Es war dieſes um ſo leichter gelungen, als die bedeutenden Jahresgehalte, die den Indianern für ihre Ländereyen ausbezahlt wurden, ein Menge junger Abenteurer veranlaßte, die kupferfarbigen Geſtalten der Töchter der Häuptlinge zu überſehen, um ſich ſo in ein Beſitzthum einzuniſten, das noch anziehender durch den bedeutenden Einfluß wurde, den ſie durch ſolche Heira⸗ then unter den Wilden gewannen, die ihre vorige bürger⸗ liche Stellung gewöhnlich bey weitem übertraf. Durch eine ſolche Heirath war auch der Miko, wie wir bereits wiſſen, um ſein Land und um ſeinen Einfluß gebracht worden, und es war natürlich, daß, als dieſe Politik häufiger befolgt wurde, die Kluft zwiſchen ihm und dem Volke immer mehr zunahm. Uebrigens bleibt dieſer Ver⸗ ſuch ſowohl, als das ganze Leben des geſchichtlichen Man⸗ nes immer merkwürdig, und vielleicht mehr ſo, als ſelbſt die größern, aber unbändig wildern Kämpfe eines Philipp, Logan, Tecumſeh und aller jener Männer, deren Rieſen⸗ ſeelen die Herrſchaft dieſes Landes ihren weißen Feinden durch mehr als ein Jahrhundert ſtreitig machten. — 496— Die beyden Häuptlinge, ſagt die Tradition, eilten nun, ſo viel es die Erſchöpfung des alten Mannes zu⸗ ließ, dem Bayon zu. Jedoch ſchon am folgenden Morgen bemerkten ſie, nicht ohne Unruhe, Spuren der Mocaſſins, die kurz vor ihrer Ankunft hinterlaſſen worden waren. Je weiter ſie vorwärts eilten„ deſto mehr leuchtete ihnen die Gewißheit ein, daß Muſcogees vor ihnen denſelben Weg gegangen waren. Der Miko ſchien weniger ängſtlich, aber der junge Häuptling wurde mehr und mehr beſorgt. Mit der gewohnten Selbſtverläugnung jedoch ſchwieg er. Als ſie aber am ſechsten Tage nach ihrem Aufbruche vom Talk oder der Zuſammenkunft ſich ſo eben an demſelben Paatze zur Nachtruhe niedergelaſſen hatten, den die Späher nicht viele Stunden zuvor eingenommen, konnte El Sol ſeiner Zunge nicht länger mehr gebieten. „ Der Miko hat gethan,“ ſprach er,„wie ein from⸗ mer Sohn, als er das Gebot ſeines Vaters erfüllte, aber er hat nicht wie ein kluger Häuptling gehandelt„ als er zu ſeinem Volke ſprach; er hat der kochenden Gluth, die an ſeinem Herzen nagt, gehorcht. Der Miko ſollte dieß nicht gethan haben, wenn er ſeinen Fuß unter die Weißen ſetzen will.“ „ Sind die rothen Männer deßhalb weniger Kinder des Miko?“ fragte dieſer,„weil ſie ſeine Stimme zu hören verſchmähen?“ „War es die Stimme eines Vaters, die aus Tokeah zu den Muſcogees ſprach?“ fragte El Sol bedeutſam.— — 4197— Der Miko ſchwieg. „El Sol iſt ein Häuptling,“ fuhr der Cumanchee fort,„ſein Herz hat noch immer die Wunde nicht vergeſſen, die die Weißen ihm ſchlugen, als ſie ſeinen Vater tödeten, aber er iſt ein Vater vieler Kinder. Könnte er allein die That an den Weißen rächen, er würde es thun, aber es würde das Blut ſeiner Brüder koſten. Er über⸗ läßt die Rache Wacondah, uund lebt für ſein Volk. Der Miko muß dieß auch thun. Wenn die Weißen erfahren,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„daß der Miko ſeinem Volke in die Ohren geflüſtert hat,“— ſein Blick fiel auf die von den Indianern hinterlaſſenen Spuren,„wer⸗ den ſie ihre Stirn runzeln— vielleicht,“ ſetzte er hinzu, „werden ſie das Pfand behalten“, ſein Blick fiel auf die Erde—„das ihnen der Miko hinterlaſſen hat.“ Die letzten Worte ſprach er leiſe, beynahe furchtſam. „Die weiße Roſe iſt die Tochter des Miko. Er hat Biber⸗ und Bärenfelle für ſie gegeben. Er würde ſie den Weißen nicht laſſen, wenn ſie viele tauſend Dollars geben würden.“ Das Herz des jungen Häuptlings ſchlug hörbar lauter. „Mein Sohn muß ſeine Zunge löſen,“ ſprach der alte Mann. Er weiß, daß ſein Vater ihn ſehr liebt.“ „Wacondah,“ ſprach der Cumanchee mit kaum hör⸗ barer Stimme,„hat die Tochter des Miko zu ſich ge⸗ nommen.“ Er ſtockte, ſein Wangen glühten, ſeine ganze Geſtalt zitterte. — 193— „Roſa iſt die Tochter des Miko. El Sol,“ rief der Alte,„wird wieder der Sohn Tokeah's werden.“ „Mein Vater!“ mehr vermochte der junge Mann nicht zu ſprechen. Aber er fiel dem Alten bewegt an die Bruſt, und indem er aufſprang, und ihn beynahe un⸗ widerſtehlich mit ſich fortriß, verrieth ſich die unſägliche Liebe, die den jungen Wilden erfaßt hatte. Sie eilten nun raſch und unaufhaltſam dem Bayou zu, wo ſie nach Verlauf mehrerer Tage ohne beſondere Unfälle anlangten. 1 „Sieht mein Vater?“ rief der Cumanchee aus, als ſie an der Höhe der Bluffs ſtanden und über die pracht⸗ volle Niederung und den Strom blickten.„ Wohl mußte Tokeah in ſeinem Kampfe unterliegen,— möge er nun glücklich ſeinen Feinden entgehen!“— Eine Weile ſtanden die Beyden wie angewurzelt, und dann ſchlichen ſie ſich langſam und düſter der Thalniederung zu. Xl. Kavitel. Hier kommt der Britte. Laßt ſeinen Empfang ſo ſeyn, wie er für einen Herrn eurer Bildung gegen einen Fremden ſeines Standes geziemt. Shakespeare. Es war ein herrlicher, obgleich für die beyden Wil⸗ den niederſchlagender Anblick, der ſich ihnen darbot. Die Natur hatte ſich in dem Zwiſchenraume mit jener prachtvollen Ueppigkeit entfaltet, die in dieſem Lande ſchon im erſten Frühlingsmonate alle die Pracht und Schönheit zeigt, die mehr nördlich erſt einige Monate ſpäter hervortritt. Aus den hell⸗ und dunkelgrünen Baumgruppen tauchten unzählige Pflanzungen und Land⸗ häuſer auf, die das Auge in weiter Ferne an den bey⸗ den Ufern des Stromes erblicken konnte. Alles war Blüthe und Grün, und hinten her, in blauer Ferne, wogten die Wälder des weſtlichen Ufers, die die Pflan⸗ zungen gleich ungeheuern, immer grünen Wällen beſchütz⸗ — 200— ten. Den hehrſten Anblick jedoch gewährte der majeſtä⸗ tiſche Strom, von herrlichen Landhäuſern begürtet, ſo herrſcheriſch dahinfließend, als ſey er zum Gebieter der Welt erkoren; auf ſeinen Wellen ſchaukelten hundert kleine und große Fahrzeuge, die tauſende von Meilen herabkamen, oder nun dem Bayou zuliefen, um das ſchöne Schauſpiel zu ſehen, das die Ankunft der Mili⸗ zen darbot. Es war nämlich nicht lange nach der Sie⸗ gesbotſchaft die, nicht minder erfreuliche, vom Abſchluſſe des Friedens im Staate angelangt, ſo daß der wichtige Sieg, der erfochten worden, lange nach Abſchluß des Friedens erkämpft war. Der größte Theil der Landesvertheidiger war bereits nach Hauſe gekehrt, der Ueberreſt kam nun ſo eben in einem Dampfſchiffe den Strom herauf, ſchon von weitem von einem tauſendſtimmigen Hurrah ihrer ver⸗ ſammelten Waffenbrüder begrüßt, die nun in ihrem vollen Waffenſchmucke gekommen waren, um ihre Mitbürger zu empfangen. Alle hatten ſich nun auf eigene Koſten uniformirt, und ihr raſcher feſter Marſch und ihre ſichere militäriſche Haltung, verrieth nichts mehr von jener Unbeholfenheit, die wir früher zu bemerken häufig Ge⸗ legenheit hatten. Als das Dampfſchiff in das Bayon eingelaufen, wurde es von einem tauſendſtimmigen Will⸗ kommen begrüßt. Die Milizen formirten ſich, ſo wie ſie landeten, in Reihe und Glied, dann folgten die Damen, begleitet von den Offizieren. Unter dieſen die Frau des Oberſten mit ihren Töchtern und Roſa, begleitet von — 201— dem Oberſten, ſeinem Sohne und dem Major Copeland. So wie die Offiziere vorgetreten waren, trat eine Depu⸗ tation der ſo eben gelandeten Milizen vor, und einer derſelben hielt eine Anrede, und nachdem er im Namen und im Auftrage ſeiner Mitbürger den ſämmtlichen Offi⸗ zieren für die Thätigkeit, Klugheit und Sorgfalt, die ſie während dieſer kritiſchen Epoche an den Tag gelegt hatten, gedankt, verſicherte er ſie zugleich, daß er von ſeinen Mitbürgern beauftragt ſey, ihnen zu bedeuten, daß ſie ſich des in ſie geſetzten Vertrauens vollkommen würdig bewieſen hätten. Der Oberſte erwiderte dieſe Anrede in demſelben würdevollen Tone, indem er ſeinen Mitbürgern im Namen der Offiziere für das Vertrauen dankte, das ſie ihm und ſeinen Mitbefehlshabern geſchenkt hatten, und ſie zugleich bat, nun, da ſie in ihren häuslichen Kreis und zum bürgerlichen Leben zurückkehrten, ſie auch fer⸗ ner in ihrer Achtung und ihrem Vertrauen zu behalten. Es war eine kurze, prunkloſe, aber höchſt würde⸗ volle Scene. Die hohe Achtung, der Anſtand, der ſich hier zwiſchen zeitherig Befehlenden und Gehorchenden, die nun wieder in ihre vorige bürgerliche Gleichheit zu⸗ rückkehrten, ſo männlich kräftig äußerte, war ſo unver⸗ kennbar und charakteriſtiſch hervorgetreten, daß eine Zeit lang nach dem Auftritte eine tiefe Stille herrſchte. Auf einmal erſchallte jedoch der Ruf: Major Copeland! aus mehr als tauſend Kehlen. — 202— Der Major, der ſchweigend mit den Damen ge⸗ ſtanden war, auch im Vorbeygehen ſey es bemerkt, in einer glänzenden Uniform mit dreyeckigem Federhute ſtak, die ihn einem in einem ledernen Sack eingenähten Ele⸗ phanten nicht unähnlich machte, trat nun vor, jedoch nicht ohne Gefahr, mit ſeinem Degen in einige Ver⸗ legenheit zu kommen. „Mitbürger!“ ſprach er,„mein Bataillon iſt zwar ſchon zu Hauſe, und die Bürger werden ſich ihre Ruhe wohl ſchmecken laſſen; da ihr mir aber die Ehre anthut, meine Meinung nochmals hören zu wollen, ſo ſage ich: Wir haben als Offiziere unſre Pflicht und Schuldigkeit gethan. Ihr habt aber mehr gethan. Ehre ſey euch deßhalb von Kindern und Kindeskindern! Ehre,“ rief der bewegte Mann, ſeinen Federhut abnehmend und hoch ſchwenkend,„Ehre ſey euch. Und ſollte der letzte von euch in Noth ſeyn, oder Beyſtand brauchen„ ſo kommt zum alten Squire Copeland, denn den Major wollen wir einſtweilen an den Nagel hängen.“ „Ein Hurrah dem Major Copeland;“ erſchallte es nun neunmal hinter einander ſo kräftig, daß der Don⸗ ner der Kanonen vom Dampfboote und die Trommeln übertäubt wurden. Hiebey ließ es jedoch unſer Major, der ſeine Po⸗ pularität nicht nur zu gewinnen, ſondern auch zu er⸗ halten wußte, nicht bewenden, ſondern vortretend, drückte er nun jedem Einzelnen die Hand, plauderte einige 8½ — 203— Worte, und zog ſo von Mann zu Mann, jeden bey ſeinem Namen begrüßend, durch die Reihen. „Holla!“ rief er plötzlich, als er an den Flügel⸗ mann gekommen war, und mit ſeinem Falkenblicke hinüber auf eine Gruppe ſeitwärts ſtehender engliſcher Offiziere ſchweifte, die nicht ohne Ueberraſchung dem würdevollen Schauſpiele zugeſehen hatten.„„Holla, Kinder! da ſehen meine Augen einen alten Bekannten.“ Und mit dieſen Worten ſtieg er auf die Gruppe der Britten zu, nicht ohne Gefahr, daß ihm ſein drittes Bein, nämlich der Degen, einen Spuk ſpiele. „Gentlemen,“ ſprach er lachend,„es freut mich, euch hier zu ſehen. Laßt euch's wohl behagen bey uns. Ihr ſeyd gerne ſo geſehen; doch habt ihr da einen Jun⸗ gen unter euch, deſſen längere Bekanntſchaft ich noch für eine Weile haben möchte. Herzensjunge, haſt du Luſt, mit mir hinüber nach Opelouſas zu gehen? Heute biſt du mit mir Gaſt beym Oberſten Parker. Nimm dich aber in Acht, es gibt eine Schaar da, die gefähr⸗ lichere Schüſſe thut, als Kanonen und Kartätſchen.“ Die extempore Anrede galt unſerm Midſhipman Ja⸗ mes Hodges, der raſch die Hand des Majors erfaßt hatte, und ſie herzlich drückte. „Sehr gerne, Major,“ rief der überraſchte Jüngling. Die Offiziere hatten den Major von allen Seiten umringt, um ihm ihre Achtung zu bezeugen. Er drückte ——— ——— . — 2044— jedem die Hand, und ſprach dann mit dem ihm eigen⸗ thümlichen ſchlauen Lächeln: „Gentlemen, ihr habt eure Schuldigkeit gethan.“ „Und Sie, Major,“ riefen ihm die Offiziere zu, „mehr als Ihre Schuldigkeit.“ E „Ah bah,“ erwiderte dieſer.„Man muß wohl, wenn man ſo ungebetene Gäſte im Pelz ſitzen hat, ſchauen, wie man ſie wieder wegbringt. Aber wißt ihr was, Gentlemen, ihr zieht vor acht Tagen noch nicht ab; wer von euch Luſt hat, auf ein paar Tage zum alten Squire Copeland auf ſeine Pflanzung zu einer Bärenjagd zu kommen„iſt herzlich willkommen.“ „Major!“ riefen alle,„das Anerbieten iſt ſo lockend, daß keiner refüſiren wird.“ „Topp, ihr ſeyd alle willkommen; ihr habt alle Platz, auf meiner Pflanzung nämlich, im Stadthauſe geht's enge her, wie der Junge da weiß. Ihr kommt doch auch, Oberſt Wedding?“ „Mit dem größten Vergnügen;“ verſetzte ihm der Baronet. „Morgen oder heute noch kommt der General en Chef, und übermorgen geht ihr alſo mit mir. Doch nun verzeiht, dieſen jungen Springinsfeld entführe ich euch.“ Und mit dieſen Worten griff er an ſeinen Hut, und nahm Abſchied von den mit der Ausſicht auf die Bären⸗ jagd hochentzückten Britten. — 205— „Doch hört, Major Copeland,“ rief der Midſhip⸗ man,„wie kommen doch dieſe ſaubern Zeiſige in euer ſo wohlgeordnetes Gemeindeweſen?“ Er deutete auf einen Zug von Männern, die ſich hinter den Damen längs dem Bayouufer dem Städtchen zuſchlichen. „Welche meinſt du?* rief dieſer. „So wahr ich lebe, das ſind die Seeräuber.“ „Pah!” verſetzte der Major in einiger Verlegenheit, „du ſiehſt wieder einmal verkehrt;“ und ohne ihm Zeit zu geben, den Nachzüglern einen zweyten Blick zuzu⸗ ſenden, zog er ihn den Damen zu. „Mistreß Parker!“ ſprach er,„erlaubt mir euch einen Jungen da aufzuführen, einen ſo wackern Jungen, verſichere ich euch, als je einer in ſeinen eigenen Schuhen ſtand, und der wahrlich mehr reelles Blut im kleinen Finger hat, als ein Pferd ſchwemmen könnte. Und da, mein lieber Engel,“ rief er Roſen zu,„ihr ſeyd ohne⸗ dem alte Bekannte.“ „Miſter Hodges,“ ſprach dieſe mit einem leichten Er⸗ röthen,„es iſt lange Zeit, daß ich Sie nicht mehr geſehen.“ „Miß Roſa!“ rief der verwirrte Jüngling. „Ja, ich glaube, die Miß Roſa mußt du bald auf⸗ geben, die haben ihr einen andern Namen irgendwo im Mexicanerlande gefunden, und— doch nun gehſt du mit uns, und da Mistreß Parker ſchon ſo gütig iſt, und meiner Zudringlichkeit nichts abſchlagen kann, ſo — 3— ——m;ʒ—————— —— ————ł— — 206— bleibſt du bey mir in Haft. Haben gehört von deinen Heldenthaten. Wie war es mit der Mistreß Blunt?“ „Aber Sqauire,“ ſchalt ihn Virginie,„Sie ſind doch wirklich ein Erzbarbar.“ Der Jüngling erröthete bis über die Ohren. „Nein, Major Copeland,“ ſprach die Oberſtin, „ Sie müſſen Ihrem und unſerm Gaſt nicht ſo arg mit⸗ ſpielen, ſonſt verbittern Sie ihm unſer Haus, ehe wir noch die Schwelle erreichen.“ „Glaubt das nicht,“ rief dieſer,„er iſt nicht ſo blöde, ich verſichere euch, und er hat es bewieſen, aber er hat ſein, dem Indianer gegebenes Ehrenwort wie ein Ehrenmann gehalten, und euerm Pompey das Leben gerettet, wie ein tüchtiger wackerer Junge. Und über⸗ morgen geht er mit mir, und Roſa, du kommſt doch auch nach, wenn Mistreß Copeland dich holt?“ „Da wirſt du Wunder ſehen, liebe Roſa,“ lachte Virginie.„Sie ſind liebe Narren, die guten Leute in Opelouſas, mit ihren Kornhusking und Hopſeſa.“ „ Mein Plagegeiſt wieder mir auf der Ferſe?“ rief der Major;„aber ich habe Mittel und Wege ihn zu Paaren zu treiben.“ „Nun, ich gebe ſchon Frieden, und bitte wieder darum;“ meinte Virginie. „Um ihn in einer Viertelſtunde wieder zu brechen.“ „Es geht nun in der Welt nicht anders;“ entgegnete die Miß, mit einem komiſchen Seufzer. — 207— Die Familie war ſo unter Scherzen und Lachen mit ihren Gäſten im Landhauſe des Oberſten angekommen, wo dieſer unſern Midſhipman mit den Worten begrüßte: „Sie ſind hier zu Hauſe, lieber Miſter Hodges, und je länger Sie uns das Vergnügen Ihrer Gegen⸗ wart ſchenken wollen, deſto mehr ſoll es uns freuen. Ihr Freund wird Ihnen übrigens an die Hand gehen, als Beyſpiel, wie man ohne Zwang bey uns verfährt.“ „Ja, das will ich,“ ſprach der Major,„und es euch zu beweiſen, will ich mich ſogleich aus der ver⸗ dammten Jacke mit Gold und Schnüren, und dem Federhute, den ich bald rechts, bald links aufſetze, her⸗ austhun. Stelle dir nur vor, Junge, da haben ſie mich in einen ſolchen Sack hineingethan, ſo knapp, ſo enge, daß ich hundert Stoßſeufzer in einer Minute vor⸗ bringe. Koſtet mich die Lappalie da dreyhundert Dollars; hätte damit einem wackern Jungen auf die Beine und zu einem Stücke Landes verhelfen können; aber ſie wollten es nicht anders. Wohl; wenn ich nach Hauſe komme, will ich mich meinen dreyßig Negern zeigen, die werden nicht wenig ſchauen. Wohl; und ſo Gott will, bleibſt du dann eine ſchöne Weile bey uns.“ „Und der Donnerer?“ fragte der Britte. „Wird auch ohne dich flott werden. Deine Carriere iſt ohnedem ſo ziemlich vorüber. Ich glaube, du thä⸗ teſt am beßten, du hingeſt dein Kriegsleben an den Nagel.“ — 208— „Wollen ſehen;“ lachte der Britte. „Und nun, meine Damen, überlaſſe ich Ihnen das Jüngelchen, um mich wenigſtens für ein paar Stunden bis zum Balle in eine weniger militäriſche Garderobe zu werfen.“ „Miſter Hodges,” ſprach der Oberſt,„Sie haben das Herz des Majors auf eine Weiſe gewonnen, die Ihnen ſehr erfreulich ſeyn darf.“ „Fürwahr, Oberſt, ſo ſchmeichelhaft mir dieſes iſt, ſo weiß ich doch wirklich nicht, wie es damit zuging.”“ „Es ehrt Sie. Sie werden einen der würdigſten Männer in unſerm Staate kennen lernen, der ungemein viel für ſein County und ſein Land gethan hat.“ „„Doch Miſter Hodges,“ fiel ihm die Oberſtin ein, „auch Sie müſſen ſich ein wenig zu unſerm Balle vor⸗ bereiten, denn da Sie nicht mit den Waffen in der Hand gefangen wurden, ſo behandeln wir Sie als einen der Unſrigen. Mein Sohn, Lieutenant Parker, iſt ohnedem von Ihrer Größe, und Sie werden ſich am beſten mit ihm verſtehen.“ In dem Augenblicke trat der Lieutenant ein. Er be⸗ grüßte den jungen Britten herzlich, und die beyden jungen Männer ſchienen an einander Gefallen zu finden. Der ſchnelle Wechſel in ſeinem Glücksſterne, der ihn aus einer verlaſſenen Zielſcheibe des Spottes, plötzlich zum Gegenſtande der herzlichſten Theilnahme in einem Hauſe gemacht, deſſen fürſtlichen Reichthum er mit Staunen — 209— bemerkte, hatte den jungen Mann wieder in ſeine volle, frohe, heitere Stimmung verſetzt, die unſer Squire Co⸗ peland ganz richtig deutete, als er nun in ſeine ge⸗ wöhnliche Kleidung metamorphoſirt eintrat. „Nicht wahr, Herzensjunge!“ rief er,„hier läßt ſich's leben. Aber wenn du uns näher kennen lernſt, wirſt du finden, daß wir ſo gut zu leben wiſſen, wie eure Herzoge und Marquiſe und Earls. Siehſt du, Junge, bey euch ſind bloß ein paar tauſend Familien Herren im Lande, bey uns eine Million. Alle haben wir, ſo wie einſt unſere Vorältern, die Normannen, das alte England, ſo unſer Land erobert, nur mit dem Unterſchiede, daß ihr eure Ueberwundenen triebt, eure Felder zu pflügen und ſie zu einer Art Sklaven machtet, und wir unſre durch den Pflug gemachten Erorberun⸗ gen auch mit dem Schwerte zu behaupten wiſſen. Hab' ich dir's nicht geſagt, daß wir euch ledern werden? Sey froh, daß du nicht dabey warſt. Hätteſt du die Unſrigen geſehen! Nein, mir ſelbſt wurde das Blut in den Adern kalt. Höre, wie Mauern ſtanden ſie, als die Eurigen anrückten, und gerade als ob ſie an Hirſch⸗ böcke anlegten. Du konnteſt ſie hören, wie ſie ſich zurie⸗ fen: Tom, ich nehme den Flügelmann gerade an der Naſe; John, ich den daneben ins rechte Auge; Iſaac, ich den dritten ins linke, und ſo ging es fort durch Reihe und Glied, und ſo wie ſie ſprachen, ſo thaten ſie, und jeder Schuß ſtreckte ſeinen Mann zu Boden, und Der Legitime. III. 14 — 210— dann nahmen ſie kaltblütig ein friſchgeladenes Gewehr vom Hintermann, und thaten wie zuvor. Beym erſten Angriff der Eurigen fielen an die tauſend Mann, und euer Commandirende mit ihnen. Da liefen die armen Narren, ſo wie eine Heerde Schafe, die ihren Führer verloren. Sieh, die Unſrigen wären ſchon nicht gelaufen, wenn zehn Generale gefallen wären, weil jeder ſich ſo gut wie der General ſelbſt denkt. Den zweyten Angriff, unter den Befehlen irgend eines Sir Richard, oder Peter oder Paul— die armen Wichte dauerten mich, es iſt auch eine verfluchte Sache, ſich ſo aufs Gebot eines rappelköpfiſchen, hohen, gebietenden Narren zum Todtſchießen für ſechs Pence hinſtellen zu müſſen— ließen aber wieder an die fünfhundert Mann, und hatten wieder ihren Commandirenden weggeſchoſſen. Ein Ge⸗ nerallieutenant war noch übrig, und der kam nun auch, um ſich ſeinen Theil zu holen; ſammelte die Flüchtlinge und kam zum dritten Male, und ließ wieder an die fünfhundert am Platze, und er ſelbſt blieb liegen; dann freylich liefen die Eurigen, als ob ihnen die Schuh⸗ ſohlen brennten; aber das Wiederkommen vergaßen ſie; hatten alle ihre Generale und Oberoffiziere weggeſchoſſen; haben aber doch ihre Schuldigkeit gethan. Uebrigens, Junge, ſind wir noch die Alten, und obgleich dem Generalen die Ehre des Sieges zukömmt, und er nun Sieger von New— heißt, ſo haben wir ihm doch nichts geſchenkt. Sieh, bey euch hätte man ihm auf — 2414— Koſten der Nation eine Schenkung gemacht, und er wäre halb vergöttert worden; wir haben ihm, gleich nachdem die Nachricht vom geſchloſſenen Frieden ankam, den Prozeß. gemacht, und ſeine Conſtitutionsverletzung büßen machen. Und was glaubſt du, daß geſchehen iſt? Je nun, er kam mit einer Geloͤbuße von zweytauſend Dollars davon. Das iſt eine Warnung für unſere zeit⸗ weiligen Machthaber, die ihnen vom Volke zu ſeinem Beſten anvertraute Gewalt nicht zu mißbrauchen, und Bürger nicht zu behandeln, als wenn ſie Neger wären. Schadet ihm nichts. Siehſt du, ſo müffen Männer über ihre Freyheit wachen.”“ Wir glauben kaum nöthig zu haben, unſern Leſern die Thatſache zu beſtätigen, die der Squire ſo eben er⸗ zählte, die, wie ſie wiſſen, genau dahin ging, daß der berühmte Sieger wirklich zu dieſer Geldſtrafe wegen Verletzung der Habeas eorpus acte während ſeines Ober⸗ befehls, die wir oben erwähnt, verurtheilt wurde, eine Strafe, der er ſich auch willig unterzog. Der junge Britte hatte den letzten Theil der Rede unſers Squire nicht ohne Verwunderung angehört, denn, obwohl in einem vergleichungsweiſe freyen Lande ge⸗ boren und erzogen, war ihm doch der außerordentlich republikaniſche Starrſinn, der einer ſolchen Verurthei⸗ lung unter dieſen Umſtänden zu Grunde lag, eine neue Erſcheinung. — 2412— „Major,“ lachte er,„wenn ihr eure großen Män⸗ ner ſo behandelt, dann iſt's beſſer bey euch klein zu ſeyn.“ „Nein, lieber Junge,“ entgegnete der Sauire, „wir achten unſre großen Männer ſo gut wie ihr, ja noch mehr; aber bey uns hat der Kleinſte Gelegenheit groß zu werden. Sieh, der General war ein armer Schlucker, ſo wie ich; aber verſtehſt du, bey uns gibt es Leute, ſo gut wie in der alten Welt, die hoch hin⸗ aus und ihre Mitbürger zu Reitpferden machen wollen, auf die ſie nur Sattel und Zaum zu legen brauchen, um zur Oberherrſchaft und Tyranney zu galloppiren. Laß es ihnen einmal hinangehen, und ſie werden es ein zweytes Mal verſuchen.”* „Ich wette, Major,“ lachte ihm der Britte zu, „ihr wußtet die Sache klüger anzufangen; ſo wie ich ſehe, ſo habt ihr eure guten Männer von Dpalonſas ziem⸗ lich ſtark im Garne.“ „Glaubſt du, Junge?“ ſprach der Squire.„So wenig, verſichere ich dich, daß der erſte Fehltritt in einem gewiſſen kitzlichen Punkte, ein Hinneigen zum Föderalismus zum Beyſpiele, mich um meinen ganzen Credit bringen würde. Bey uns iſt Verſtellung un⸗ möglich, lieber Junge; aber ich will dir ſagen, ein offener Kopf, ein reines, für das Wohl ſeiner Mitbür⸗ ger warmes Herz thut viel. Sieh, ich bin drey Jahre in Opelouſas. Seit dieſer Zeit habe ich an die fünfzig — 2413— junge, tüchtige Bürger angeſiedelt, und ihnen zu Land, und Haus, und Hof verholfen, und auf die leichteſte Weiſe. Als ich herab kam, kaufte ich nämlich an fünf⸗ zehntauſend Acker ſchönen Landes. Wenn ich nun ſo einen ordentlichen Burſchen ſah, der bey mir oder im County anklopfte, da fragte ich nicht, wie ſchwer er ſey, ſondern ſchaute ihm ins Geſicht, und war er ein ehrlicher Junge, ſo gab ich ihm ein, zwey oder drey⸗ hundert Acker und eben ſo viele Dollars obendrein, und ſo gedieh ich und er auch. Ich habe an die fünfzig angeſeſſen. Sie ſind alle verheirathet und ordentliche Bürger, und werden reich und das Land auch. Siehſt du, wie ich meinen Einfluß gewann?“ Der Jüngling drückte dem wackern Manne, der ge⸗ rade und ungekünſtelt, aber männlich gediegen ſich jede Stunde weitſchweifiger, aber auch vortheilhafter zeigte, herzlich die Hand. Er war vom redſeligen Squire beym Knopfe feſtgehalten worden, und beyde befanden ſich ſchon einige Zeit allein im drawing room, ehe es von dieſen bemerkt wurde. „ Holla,“ rief er auf einmal,„die haben alle Reißaus genommen, und da ſteht eben,“ er ſah durchs Fenſter, „ die Oberſtin und ſchwatzt. Sonderbar! wer iſt der Wicht, wenn ich nicht irre, derſelbe, der dich jungen Springinsfeld aus der Preſſe holte.“ Und mit dieſen Worten verließ er die Thüre, und trat an die Spre⸗ chenden. — 214— „Darf ich?“ fragte er die Oberſtin,— „Wir wollten Sie ſo eben rufen,“ ſprach dieſe. „Miſter Parker iſt unten am Bayou, um mit dem Comité Anordnungen zum Empfang des Generals zu treffen. Monſieur Madiedo hat die verdächtigen Gäſte wieder aufgenommen.“ „„Ihr habt euch wacker im Punkte mit Roſa be⸗ nommen,“ ſprach der Major zum Wirth,„und ſo be⸗ zeugt, daß das Gute bey euch überwiegt. Was ihr nun zu thun habt, will ich euch ſagen. Die verdächti⸗ gen Marodeurs müſſen weg, ſo bald als möglich; wir können ſie jedoch nicht zwingen, denn es iſt ein freyes Land; ſo lange ſie hier bleiben wollen, mögen ſie; nur müſſen wir genaue Kundſchaft von ihrem Thun und Treiben haben.“ „Die ſoll Ihnen werden, Herr Major.“ „Das iſt alles, was wir brauchen. So lange ſie hier ſind, werden wir ſorgen, daß an dreyßig Mann noch unter Waffen bleiben. Und nun mögt ihr gehen.“ „Wohl, Herr Major,“ verſetzte der Wirth, der ſich verbeugte, und, nachdem er über das Bayon geſetzt hatte, raſch ſeinem Estaminet oder der Schenke zum Kaiſer⸗ gardiſten zuging. —,— — — XII. Kapitel. Mit einem Wort, hänge dich nicht mehr ſo an mich; ich bin ja dein Galgen nicht. Geh! ein kurzes Meſſer und ein tüchtiger Haufen. Shakespeare. Wie bey unſerm erſten Beſuche, ſo ſaßen dieſelben drey Perſonen in derſelben Ecke, von wo aus Monſteur Madiedo alias Benito, zu dem gefährlichen Liebesdienſte vermocht worden war. Es war vielleicht bemerkenswerth, daß— ungeachtet der zahlreichen Menſchenmenge, die von allen Seiten dem Bayoun zugeſtrömt war, ſo daß ſelbſt die nächſten Pflanzungen ſich herbeylaſſen mußten, einen Theil der heimgekehrten Milizen für die Nacht unterzu⸗ bringen— in dieſer Schenke, unſere Marodeurs ausgenom⸗ men, auch nicht ein einziger Gaſt zu ſehen war, ſo daß Monſieur Benito für ſeine allzugroße Gefälligkeit wirk⸗ lich hart beſtraft zu werden ſchien. Er ertrug jedoch dieſen ſtillſchweigenden Ausdruck der öffentlichen Ver⸗ — ᷣ — 2416— achtung mit vieler Reſignation; auch war ſein Ver⸗ hältniß zu ſeinen Gäſten gegenwärtig ganz anderer Art, und er hatte ihnen gegenüber eine weit zuverſichtlichere Haltung angenommen. Als er in die Stube einge⸗ treten, wo ſeine Frau an dem Schenktiſche beſchäftigt war, legte er ſeine Hände auf den Rücken, und ſchritt gemächlich auf und ab. So oft er am Fenſter ankam, warf er einen Blick auf die zahlreichen Gruppen von Männern, die vor den übrigen Häuſern in einbrechen⸗ der Dämmerung ſtanden, um dann kopfſchüttelnd ſeinen Spaziergang fortzuſetzen. „Ja,“ rief er endlich, als er abermals einen Blick durch das Fenſter geworfen,„das danke ich euch; ſitze nun da mit Weib und Kind, und mag verhungern, und meinen Wein und Cognac ſelbſt ausſaufen, damit er mir nicht ſauer werde.“ „Wollen dir helfen, Benito, obwohl dein Bordeaux ganz erbärmlich iſt,“ ſprach einer aus dem Kleeblatte. „„Es lebe unſer Generalpardon.“ Der Wirth gab dem Sprecher keine Antwort, wandte ſich aber zu dem Manne, den wir bey ſeinem erſten Auftritte am Bayou als Vermummten bezeichnet haben, und der noch immer eine ſchwarze Binde um ſeine Stirne und das linke Auge trug. *„Ich ſage euch,“ ſprach er,„mit euerm Pardon hat es gute Wege, und ihr habt ihn euch verdient, aber bey allem dem, je eher ihr euch aus dem Staube — 217— macht, deſto gerathener für euch. Hier in den Ver⸗ einten Staaten gedeiht ihr nun einmal nicht, und wenn ihr, wie Magdalena, bußfertige Thränen weint.“ „Das ſehe ich nur zu deutlich,“ entgegnete der Ver⸗ mummte zähneknirſchend.„Wahrlich, wenn ich das gewußt hätte“— „Und was denn?“ fragte der Wirth.„Was ihr erlangt habt, iſt aller Ehren werth. Ihr werdet doch nicht wollen, daß ſie euch Aemter und Würden geben?” „Hol der Teufel ihre Aemter, ich wollte lieber—“ „Wohl!“ fuhr der Wirth fort,„ihr habt euch ein ſchönes Vermögen zuſammen gebeutet. Ihr könnt eure Tage in Ruhe leben.“ „Ja,“ rief der Vermummte,„es war der ſchönſte Tag meines Lebens, eine herrliche Rache, eine Rache ſo göttlich, daß es mir nur leid thut, daß ich ſie nicht theilen konnte. Wären nur tauſend unſrer Braven zu⸗ gegen geweſen, als wir dieſe Krämerſeelen jagten. Möge mich— verdammen, es war ein ſchöner Tag.” „Ihr habt euch gut benommen;“ ſprach der Wirth. Der Vermummte ſah ihn verächtlich an,„Benito, aus deinem Munde mein Lob hören zu müſſen! Spare deine Zunge, ich bitte dich, oder— Teufel und Hölle!— Jeder Sergent, jeder Corporal wurde in ihren Zeitun⸗ gen geprieſen, nur ihn, der vielleicht mehr zum Siege beytrug, als zehn ihrer Compagnien; nur ihn mit ſeinen dreyßig Braven vergaß man.”“ ——õ—õõ—õ—õ— — 2418— „»Undank iſt der Welt Lohn,“ verſetzte Benito, „wenn die Citrone ausgedrückt iſt, wirft man die Schale weg. Sie heißen ſich im Scherz Souveräne, aber ſie haben im Ernſte alle die kalte Herzloſigkeit und vor⸗ nehme Ruhe, als wenn ſie dieſe wirklich wären.“ „ Als ich geſtern um meine Aufwartung machen zu dürfen bat, wurde ich durch die Hinterthüre des Hauſes, den Stall, eingelaſſen. Lafitte,“ ſprach er,„was ihr gethan habt, verdient Anerkennung. Ihr habt einen Theil eurer Verbrechen gut gemacht. Wir wollen das Uebrige vergeſſen; nur müßt ihr das Land räumen, deſ⸗ ſen Sicherheit ihr zu ſehr verletzt habt, um dieſe jemals vergeſſen zu machen. Und zum Danke für alles warf er mir einen elenden Pack Banknoten von dreytauſend Dol⸗ lars zu.“ 4 „Das übrigens immer eine nicht zu verachtende Summe iſt, mit der ihr euch allein ſchon in Mexico recht ſchön etabliren könnt,“ verſetzte der Wirth.„Und das iſt auch das Einzige, was ihr thun könnt. Viel⸗ leicht ſehen wir uns da wieder. Hier gedeihen wir ein⸗ mal nicht. Sie laſſen uns nicht einmal wie die Hefen ſetzen, ſie werfen uns beym Spundloche aus. Wäre ich klüger geweſen, und hätte den Pater Hidalgo mit ſeinen Muſikanten beym Teufel gelaſſen, ſo ſäße ich auch im Trockenen. Alles iſt Narrheit. Es iſt niemand geſcheid in der Welt als dieſe Republikaner. Die allein leben für ſich. Wir Mexicaner, Franzoſen, Spanier, — 2419— und wie ſie alle heißen, wenn ichs ſo recht um und um betrachte, ſind nur halbe Menſchen, denn die andere Hälfte gehört nicht uns.“ „Ja,“ ſprach der Vermummte,„wenn man ſich ſo an vierzig Jahre in der Welt herumgetummelt hat, wirds einem allmählig klar. Hier lernt man ächte Phi⸗ loſophie. Hier weiß man vernünftig zu leben. Ich habe während der acht Wochen meines Hierſeyns mehr gelernt, als mein ganzes übriges Leben. Was nützt es jedoch; nun ich einſehe und mir vornehme, weist man mir wieder die Thüre. Teufel und Hölle! ſie haben einen Sieg gewonnen, deſſen ſich Napoleon nicht ſchöner rühmen konnte, und keine Muskel ihrer Geſichter iſt verzogen; gerade als ob es ſeyn müßte, und nun gehen ſie wieder ruhig an ihren Pflug.”“ „Und das bleibt auch euch übrig,“ verſetzte der Wirth,„da ihr denn doch einmal euer wüſtes Leben aufzugeben feſt entſchloſſen ſeyd.“ „Wirth!“ rief eine Stimme durch die Thüre herein. „Da bin ich,“ antwortete Benito, der dem Rufe folgte, und aus der Stube trat. „Ich habe Gäſte bekommen,“ rief er mit vieler Zu⸗ friedenheit,„aber ich weiß nicht, ob ſie ſich gerade zu euch ſchicken. Es ſind alte Bekannte von euch.“ Er flüſterte dem Vermummten etwas in die Ohren. „Alle Teufel! Wirklich?“ rief dieſer. 4 R 4 ½ . — 220— „Wollt ihr euch auf einen Augenblick zurückziehen?“ fragte der Wirth. „Pah, wollen ſie ſehen. Wir ſind ja in einem freyen Lande, heißt es.“ In dem trat ein Sergent ein, dem die Indianer in Begleitung zweyer Milizen folgten. „Sie haben ſich zwar freywillig geſtellt,“ flüſterte der Sergent dem Wirthe zu,„aber ihr müßt gewiſſer⸗ maßen für ſie haften; ohnedem ſind die beyden Cuman⸗ chees gleichfalls hier.“ „Sorgt für nichts,“ verſicherte ihn der Wirth, „wir wollen ſie wie unſere Augäpfel bewachen und be⸗ wahren. Wache wäre überflüſſig; würde nur Argwohn erregen.“ 4 Während dem hatte ſich der alte Miko etwas be⸗ fremdet in der dunkeln, von zwey Talglichtern kümmer⸗ lich erhellten Stube umgeſehen, deren Aermlichkeit ihm aufzufallen ſchien. Ein bitteres Lächeln umkreiste ſeinen Mund, als er die weiß übertünchten Wände, die arm⸗ ſeligen Teppiche und die Eichenholzſeſſel und Tiſche überſah.„Sieht El Sol,“ murmelte er dem jungen Cumanchee zu,„wie die Herzen der Weißen kalt ge⸗ worden ſind. Als die Indianer zuerſt kamen, führten ſie ſie in ein koſtbares Wigwam. Hier—“ Der Cumanchee hatte nicht minder aufmerkſam in der Stube umhergeſehen, als ſein durchoͤringender Blick in die Ecke fiel, wo die drey Ausländer ſaßen. Plötz⸗ — —— — — 221— lich fingen ſeine Augen an Feuer zu ſprühen, ſeine Na⸗ ſenlöcher ſchwollen wie die Rüſtern eines Roſſes, er begann zu ſchnauben, und in die grimmigſte Wuth aus⸗ brechend, fuhr er auf den Tiſch zu, hinter welchem die drey Ausländer ſaßen. „Hat,“ ſo ſprach er mit einer Donnerſtimme,„hat die Schlinge der Cumanchees und die Lanze der Paw⸗ nees, deshalb des Dieben geſchont, damit dieſer mit ſeinem giftigen Athem abermals das Geſicht des unglück⸗ lichen Vaters vergifte, dem er die Tochter und die Seinigen geraubt? Und indem er nach dem Dolche griff, würde er auf Lafitte losgeſtürzt ſeyn, wenn ihm nicht die Milizen in die Arme gefallen wären. „Im Namen des Geſetzes, Ruhe!“ ſprach der Ser⸗ gent,„oder ich führe euch augenblicklich ins Gefäng⸗ niß.“ „Mein Sohn,“ ſprach der Miko bedeutſam,„wir ſind im Wigwam der Weißen.“ Der Seeräuber, denn dieſer war es, wie unſre Leſer entnommen haben werden, hatte, während der Wilde den Dolch zuckte, mit vieler Kaltblütigkeit ſein Glas ausgetrunken... „ Mag ich erſchoſſen ſeyn,“ flüſterte einer der Mi⸗ lizen ſeinen Gefährten zu, wenn dieſer Mann nicht mehr kaltes Blut in ſeinen Adern hat, als alle Aligatoren im Broadſwamp zuſammen genommen.“ „Das iſt auch das beſte, was er hat. Er ſchneidet euch mit demſelben Gleichmuthe die Kehle ab. Kennt ihr ihn?“ „Werde ihn doch. Für jetzt iſt ihm ſeine Zeche ab⸗ geſchrieben, bekömmt er aber wieder etwas auf die Kreide, dann hängt er doch.“ Lafitte, ohne irgend einem der Anweſenden beſondere Aufmerkſamkeit zu ſchenken, goß ſich wieder ſein Glas voll und trank ruhig fort, als die Thüre abermals auf⸗ ging und die beyden Cumanchees herein und auf den jungen Häuptling zuſprangen. Kein Kind, das den Armen der Mutter entriſſen, und nach einer langen Ab⸗ weſenheit wieder zurückgegeben wird, kann mit mehr Entzücken in die ausgebreiteten Mutterarme eilen, als die beyden Wilden in die des jungen Cumanchee. Die drey Wilden waren wirkliche Kinder geworden. Sie fielen ſich einander in die Arme, ſie umſchlangen ſich, ſie beſahen, ſie betaſteten ſich, als mißtrauten ſie ihren Augen, ſie ſchienen ihres Entzückens nimmer ein Ende zu finden. Als dieſes ſo eine Weile gewährt hatte, tra⸗ ten die Beyden von ihrem Häuptlinge zurück, kreuzten ihre Arme auf der Bruſt, und ſtanden eine lange Weile in ehrfurchtsvoller Stellung vor ihm, der ſeinerſeits eine hohe gebieteriſche Miene angenommen hatte. Mit Hoheit hörte er ihren Bericht und ihre Schickſale während ſeiner Abweſenheit. Aber bald verwandelte ſich dieſe in heftigere Symptome, die bald Schmerz bald Wuth, wieder Scham und Zorn im ungemein ſchnellen Mienenſpiele ausdrückten. Auf einmal brach er in einen lauten Schmerzensruf aus; ſeine Arme fielen ſtraff an ſeine Seite, und als ſchämte er ſich vor den Anweſenden, trat er mit den beyden Cumanchees aus der Stube. Das Geſpräch der Indianer war im Pawneedialekte geführt worden, und hatte die Aufmerkſamkeit Aller ſehr erregt, denn es mußte offenbar etwas beſonderes ſeyn, das die Seelen dieſer an Selbſtverläugnung ſo ſehr ge⸗ wohnten Menſchen ſo außerordentlich bewegen konnte. Auch der Miko war es, aber in ſeinen ſtarren Zügen war bloß ein bitteres Lächeln zu bemerken. Als die Milizen ſahen, daß ſie vergeblich nach Auſelärund war⸗ teten, entfernten ſie ſich. Der Miko hatte ſich in der Ecke des Feuerplatzes niedergelaſſen, und ſaß eine geraume Zeit ohne irgend ein Merkmal von Leben von ſich zu geben; dann begann er ſein Haupt zu erheben, und ſein Blick fiel auf den Seeräuber, der noch in ſeiner Ecke ſaß; wandte ſich jedoch immer wieder mit Abſcheu von ihm. Es ſchien, als ob dem alten Manne eine Anwandlung von Neugierde ankäme, zu wiſſen, was ſeinen Feind hierher gebracht habe, und daß nur Stolz und Scheu ihn vom erſten Schritte zur Annäherung zurückhalte. Der Seeräuber brach endlich das Eis, indem er aufſtand und an den Miko hertrat. —— — 224— „So finden wir uns denn wieder, Miko,“ ſprach er nicht ohne Theilnahme,„um drey Monate älter, weiſer, aber nicht glücklicher. Wo ſind die Zeiten, wo wir ſo friedlich beyſammenſaßen im Wigwam am Nat⸗ chez?” Er ſprach die letzten Worte mit einer ſo ſchmerz⸗ lichen Betonung, daß der Indianer ihn forſchend anſah. „Ja, Miko, wenn ihr mich damals nicht ſo trotzig von euch gewieſen hättet, und ich kein ſolcher Narr ge⸗ weſen wäre, eines Mädchens halber alles auf das Spiel zu ſetzen—— Ja, Miko, ich meinte es gut. Wir hätten ein glückliches Leben führen können. Wir hätten eine herrliche Colonie gegründet, kein Feind in der Welt hätte uns etwas anhaben dürfen. Es war ein ſchöner Traum.“ Der alte Mann ſchwieg noch immer.„Wie kommt es,““ fragte er endlich mit ſichtlichem Widerſtreben,„daß der, auf den der große Vater der Weißen einen Preis von ſo vielen Dollars geſetzt hat, ſich nun in ihren Wigwams ſehen läßt?“ „ Erinnert ihr euch, Miko, jenes Morgens, als ich euch im Council Wigwam ſagte, Lafitte würde euch ver⸗ theidigen? Ihr braucht euch nicht zu fürchten? Miko, hättet ihr damals auf meine Stimme gehört, wäre alles beſſer geweſen. Schon damals war der Plan reif, der mich mit der Welt verſöhnen ſollte. Hilft nun aber alles nichts.“ — 225— „ Und der Häuptling der Salzſee iſt ein Freund der Weißen?“ fragte der Indianer. „So wie man Freund ſeyn kann,“ verſetzte der Seeräuber ditter lachend,„ wenn man einen Dienſt er⸗ wieſen hat, der zu groß iſt, um bezahlt zu werden. Sie haben mir gnädigſt erlaubt, ihre Kanonen zu be⸗ dienen, und mich, der Gefahr verſtümmelt oder todtge⸗ ſchoſſen zu werden, ſo an die ſieben Stunden bloß zu ſtellen; dafür habe ich nun eine Art Pardon, und die huldreiche Weiſung, mich ſo ſchnell von hinnen zu packen, als möglich.“ Die Rolle, die der Seeräuber geſpielt, iſt zu be⸗ kannt, um einer Erläuterung zu bedürfen. Weniger bekannt dürfte es jedoch ſeyn, daß die Geſinnungen dieſes ſeltſamen Abenteurers wirklich mit den hier ge⸗ äußerten übereinſtimmten. „„Und der Häuptling der Salzſee iſt zu den Weißen gegangen, um mit ihnen den Tomahawk gegen die Söhne des Vaters der Canadas zu erheben?“ fragte der Ii⸗ dianer geſpannt. „Ich komme ſo eben von der Affaire herauf. Die Weißen haben einen glänzenden Sieg davon getragen.“ „„ Und er hat die große Schlacht der Weißen mitge⸗ ſchlagen?“ fragte der Indianer beynahe ängſtlich. „„Ja,“ erwiderte der Seeräuber mit demſelben ver⸗ zweifelt bittern Hohnlachen,„und dafür hat er die Der Legitime. III. 15 — 226— Erlaubniß erhalten, oder vielmehr den guten Rath, das Land ſo bald als möglich zu räumen.“ Der Indianer, der ſeine Gefühle bisher gewaltſam unterdrückt hatte, war nun nicht länger im Stande dem furchtbaren Kampfe, der in ſeinem Innern tobte, zu gebieten. Seine Bruſt hob ſich, als drohte es ihn zu erſticken. Seine Augen rollten, als wären ſie von einem innern Feinde im Kreiſe getrieben. Seine Hände auf ſein Geſicht ſchlagend, ſtöhnte er laut und fiel dann bewußtlos über den Sarg hin. „Miko!”“ ſchrie der Seeräuber, der herbeyſprang und den bewegungsloſen Mann wieder aufrichtete.„Miko, was iſt dieß? Der alte Mann blickte ſtier um ſich her.„Gei⸗ ſter meiner Oconees! Geiſt meiner Tochter! ich habe euch Sühnopfer bringen wollen; der Dieb hat euch und mich betrogen. Nein!“ rief er ſchmerzlich,„die Wei⸗ ßen haben mich betrogen.“ „Häuptling!“ ſprach der Wirth, auf den gedeckten Tiſch weiſend,„eßt und trinkt, und ſchlagt euch das Uebrige aus dem Sinne. Trinkt! je mehr, deſto beſſer, es geht auf Koſten der Regierung.“ Der Indianer nahm das dargebotene Glas an, trank es aus und bedeutete dem Wirth es wieder zu füllen. Wieder ſtürzte er es hinab, und wieder wurde es ge⸗ füllt. Er wiederholte den Zug ein drittes, viertes, — — — 227— fünftes und ſechstes Mal, und ſank dann bewußtlos am Boden hin. „Iſt doch bey alle dem ein indianiſches Vieh;“ ſprach Benito. „Ein König willſt du ſagen,“ ſprach der Seeräuber ernſt.„Ein König mit ſo edlem Blute, als je in den Adern eines gefloſſen. Wenn du den hunderttauſendſten Theil ſeiner Leiden erfahren hätteſt, wäreſt du längſt im Tollhauſe oder auf dem Galgen vermodert.“ Er ſah auf den Wilden mit verſchränkten Armen herab. „Schaffe ihn weg, das Schmerzlichſte ſteht ihm noch bevor.“ „Doch horch, was iſt das? Neun Salven von einem Dampfſchiffe. Ein neunmaliges Hurrah. Der General en Chef iſt angekommen. Gute Nacht, Miko, morgen wirſt du mehr hören.“ Gehe ins Gericht nicht; Sünder ſind wir alle. Shakespeare. Das Rollen der Trommeln verkündete am folgenden Morgen das Zuſammentreten der Mannſchaft, als die In⸗ dianer durch die dichten Reihen der Milizen dem Gaſthofe zugeführt wurden, wo der Obergeneral ſein Abſteige⸗ quartier genommen hatte. Im Corridor, der zu dem Saale führte, den wir bereits ſo vielen Beſtimmungen gewidmet geſehen haben, ſtand ein zahlreiches Offizier⸗ Corps in glänzend reichen Uniformen, welche die ſo eben aus dem Saale kommenden brittiſchen Offiziere freundlich begrüßten.„Die Indianer,“ rief eine Stimme,„In⸗ dianer vor!“ Sie traten ein. So eben erhob ſich ein langer hagerer, aber kraftvoll — 229— gebauter ältlicher Mann von einem Armſeſſel, auf deſſen einer Lehne ſich ein Kiſſen befand, auf dem ſein linker in einer Schlinge getragener Arm geruht hatte. Seine Züge waren ſcharf gezeichnet, ſtark hervortretend und deuteten auf feſte, unerſchütterliche Ruhe. Das kühne blaue Auge, in tiefen Augenhöhlen funkelnd, verrieth ein Feuer, das weder Alter noch körperliche Leiden geſchwächt hatten. Sein Gang war langſam, aber würdevoll. Er trug die Generalsuniform des höchſten Grades in den Staaten, unter einem braunen Ueberrocke. Säbel und Federhut lagen auf einem Seitentiſche. Sein ſcharfer Blick fiel, als die Indianer eintraten, auf jeden Einzel⸗ nen mit einem Ausdrucke, der die Wilden durchzuſchauen ſchien.— Nach einer kurzen Pauſe ließ er ſich wieder auf den Armſeſſel nieder, und nickte den Indianern, Platz zu nehmen. „Tokeah!“ ſprach der Major Copeland.„Ihr ſteht vor dem kommandirenden Generalen, dem großen Krie⸗ ger, der die Muſcogees und die Söhne des großen Va⸗ ters der Canadas in vielen und großen Schlachten ge⸗ ſchlagen hat, dem Bevollmächtigten des großen Vaters der rothen Männer.“ Die Indianer ſahen nach dieſer etwas pomphaften, aber hier ganz zweckmäßigen Aufführung den Generalen betroffen an, und ihr Haupt neigend, ſtreckten ſie die Palmen ihrer Hände vor. „Tokeah, der letzte Miko der Oconees,“ ſprach die⸗ ſer,„iſt mit ſeinem Sohne El Sol, dem mächtigen Häupt⸗ linge der Cumanchees gekommen, ihre Hände in Frieden und Freundſchaft ausgeſtreckt.“ „Tokeah, Miko der Oconees!“ wiederholte der Ge⸗ neral kopfſchüttelnd.„Wir haben vieles, nur zu vieles von dieſem Tokeah gehört. Und dieſer junge Mann hier? „Iſt El Sol, der junge Häuptling der Cumanchees.“ Der General ſah den jungen Mann mit einem etwas weniger mißtrauiſchen Blicke an. „Sagt dem Häuptlinge, er ſey willkommen in den Wigwams ſeiner weißen Brüder.“ Nachdem der Miko dieſes verdollmetſcht hatte, legte der junge Cumanchee ſeine Rechte an die Bruſt und neigte ſein Haupt. Beyde Häuptlinge bewieſen viele Ruhe und ſelbſt An⸗ ſtand in ihrer Haltung. Sie verzogen keine Miene, und ihre Augen in achtungsvoller Aufmerkſamkeit auf den Generalen gerichtet, warteten ſie auf die weitere Einlei⸗ tung des ſogenannten Talks oder der Zuſammenkunft. Der General ſeinerſeits ſchien den Wilden volle Gelegen⸗ heit geben zu wollen, ſich ganz in ihrer ſententiöſen Manier auszuſprechen. „Ja Tokeah,“ ſprach er nach einer Pauſe, während welcher er inne gehalten hatte, um den Indianern Zeit zu geben, ſich zu faſſen.„Wir haben von euch gehört, aber wir wollen das Geſchehene in dem Strom der Vergeſſen⸗ heit begraben.“ „»Der Miko würde von den Weißen ferne geblieben ————— —, ———n— ſeyn;“ ſprach der Indianer.„Er weiß, daß er ein Dorn in ihren Augen iſt. Er iſt von ihnen auf ſeinem Pfade aufgehalten worden, den er gegangen, um das Gebot des großen Geiſtes zu erfüllen.“ Er deutete auf den Sarg, den er auch hieher mitgenommen hatte. Der General ſchüttelte wieder das Haupt.„Dann ſollte Tokeah nicht ſo tief hinab nach Alabama gegangen ſeyn, der Oconee und das heilige Feld der Muſcogees ſind weit von letzterm.“ Der alte Häuptling ſah den Generalen betroffen an. „Tokeah! Tokeah!“ ſprach dieſer.„Es mag hin⸗ gehen für dießmal. Aber ſo ſchlau ihr auch eure An⸗ ſchläge macht, wir blicken ſie durch.“ „Tokeah hat die Fußſtapfen der Mocaſſins auf ſeinem Wege geſehen; er wußte, daß ſeine Feinde dem großen Vater in die Ohren flüſtern würden; er mußte noch zu ſeinem Volke ſprechen. Wenn mein Vater den Talk Tokeahs gehört hätte, würde er ſeine Stirn nicht run⸗ zeln. Der Miko wird jetzt dahin gehen, wo ihn die Weißen nicht mehr ſehen werden. Die Aexte der weißen Männer machen einen großen Lärm in den Ohren To⸗ keahs.“ „Weiß der große Vater von dieſen?“ fragte der General. „Die Männer der Oconees haben ſeit ſieben Som⸗ mern auf den Jagdgründen der Mexicos gewohnt. Sie — wollen wieder zurück, wohin die Pflugſchar und die Hacken der Weißen ihnen nicht folgen werden.“ „ Und der alte Tokeah hat das gute Land ſeiner Vä⸗ ter verlaſſen, und iſt in ein ſchlechtes gezogen, wo ihm die Muſcheln und Schalen die Füße zerſchneiden werden?“ „Wenn die rothen Männer ein ſchönes Weib haben, das für ſie nicht kochen und ihre Jagdhemde machen will, ſo ſenden ſte ſie zurück zu ihrem Vater, und nehmen ein häßliches Weib, das thut, was ſie brauchen. Tokeah hat im Lande ſeiner Väter gelebt, und unter den Weißen mit ſeinem Volke. Wenn ihre Pferde und ihr Vieh über ihre Grenzen gingen, durfte er nicht gehen, um ſie ein⸗ zufangen, und wenn er es that, ſo warfen ſie ihn in ein finſteres Wigwam, oder ſchoſſen auf ihn aus ihren Feuergewehren; aber wenn das Vieh der rothen Männer über die Grenzen der Weißen ging, ſo nahmen ſie es, und wenn die rothen Männer zürnten, nahmen ſie auch ihr Leben dazu. Tokeah konnte nicht mehr unter ſolchen Menſchen leben.“ „Haben,“ fragte der General,„die rothen Männer nicht auch böſe Brüder?“. „ Die rothen Männer ſtrafen ihre böſen Kinder ¹, fuhr der Indianer grollend fort—„ und ſie treiben ſie in die Wildniß;— aber die weißen Männer theilen das von den rothen Geſtohlene. Es iſt weit zum großen Vater, und er hört nicht das Rufen ſeiner rothen Kinder, und die Zunge ſeiner Boten(Agenten) iſt ſehr gekrümmt. — 233— Tokeah will deßwegen gehen, wo er die Weißen nim⸗ mer ſehen wird.“ „Das heißt zu den Cumanchees, um mit ihnen die Kette zu ergänzen, die ſein unruhiger Geiſt mit ſeinen Brüdern und uns zerriſſen hat?“ verſetzte der General, der, weit entfernt durch die grollend werdende Sprache des Indianers beleidigt zu werden, fortfuhr:„Es iſt kein Zweifel, daß die rothen Männer in gewiſſen Punkten von uns gelitten haben; aber ſie haben nicht mehr von uns, als wir von ihnen erduldet. Doch wir wollen und können uns hierüber nicht in Erörterungen einlaſſen. Nur ſollte Tokeah einſehen, daß wir die ſtärkern, und Herren des Landes ſind. Wir konnten Tokeah ſein Land neh⸗ men, denn es war uns durch das Recht des Krieges ver⸗ fallen. Wir haben es ihm abgekauft, ihn als freyen Mann, als Bruder behandelt.“ „Der große Geiſt,“ ſprach der unbewegte Indianer, hat ſehr große Spinnen in dem Lande gemacht, wo der Miko lebte, und eine derſelben tödtet einen kleinen Vogel. Dieſe Spinnen ſagten zu den Vögeln:„Seht, wir wollen euch allein und in Frieden laſſen, und nicht mit euch brechen, aber ihr dürft auch nicht unſere Netze zerreißen. Die armen Vögel blieben in ihren Neſtern, und ſaßen da für eine lange Weile. Hunger trieb ſie endlich heraus; als ſie aber auffliegen wollten, fanden ſie alle Wälder mit den Netzen der Spinnen überzogen, und die armen Vögel fielen in die Schlingen, und wurden von den gif⸗ tigen Spinnen aufgefreſſen, und ihr Blut ausgeſaugt, und ſie mußten eines langſamen Todes ſterben. Die rothen Männer ſind die armen Vögel, die weißen die Spinnen. Ihrer Stämme waren viele. Sie ſind ver⸗ ſchwunden vom Angeſichte der Erde. Sie ſtarben, viele durch die langen Meſſer der Weißen, noch mehr aber durch ihre Liſt und ihr Feuerwaſſer. Tokeah will weit von ihnen gehen.“ „Das mögt ihr thun, wie es euch am beßten dünkt. Wir werden euch keine Hinderniſſe in den Weg legen.“ „Der große Geiſt,“ fuhr der Indianer fort,„hat den endloſen Strom rinnen gemacht, von wo der Schnee fällt, gegen das Land zu, wo die Sonne heiß ſcheint. Er hat den rothen und weißen Männern Ueberfluß an Land gegeben, aber die weißen,“ fuhr er klagend fort, „ſind nie zufrieden, ſie greifen immer weiter, und ſtrecken ihre Hand aus nach dem, was den rothen Männern ge⸗ hört, und nehmen jeden Sommer mehr von dem Lande dieſer.“ „Die weißen haben das Land der rothen Männer gekauft, es iſt deßhalb ihr rechtmäßiges Eigenthum,“ verſetzte der General. „ Sie haben die rothen Männer mit Feuerwaſſer be⸗ trunken gemacht, und ſie dann um ihr Land betrogen,“ entgegnete der ſtarrſinnige Indianer. „Tokeah,“ ſprach der General mit jener Ruhe, die den Indianer, eben weil er ſie zu einem gewiſſen Grade —— beſitzt, am ſchnellſten aus ſeiner Faſſung bringt.„Der große Geiſt hat die Erde für die weißen und rothen Män⸗ ner gemacht, daß ſie dieſe pflügen und bebauen, und von den Früchten derſelben leben mögen; er hat ſie aber nicht zu einem Jagdgrunde gemacht, daß einige hundert rothe Männer im faulen Daſeyn einen Raum einnehmen, auf dem Millionen glücklich leben und gedeihen können. Wenn ihr die Ländereyen, die ihr noch habt, und die noch immer ſo groß ſind, wie manches Königreich der alten Welt, wo mehrere Millionen glücklich leben und gedeihen können; wenn ihr dieſe Ländereyen beurba⸗ ren wollt, ſo könnt ihr reicher, glücklicher ſeyn, als irgend eine gleiche Anzahl Bürger der vereinten Staa⸗ ten; wenn ihr Häuptlinge aber das Geld, das ihr von uns als Jahresgehalte für euer abgetretenes Land erhaltet, unter euch vertheilt und euerm Volke höchſtens ein paar Dollars zum Vertrinken hinwerft— dann aber ſie dar⸗ ben laſſet;— wenn ihr ſie ſo— ſtatt euch ihrer anzuneh⸗ men, und unſere menſchenfreundlichen Bemühungen, ſie der Cultur zu gewinnen, zu unterſtützen— zum Auswurfe herabwürdigt, und ſie zwingt, an den Thüren unſerer Bürger ihr Brod zu betteln, und ſich in unſerm Straßen⸗ kothe herumzuwälzen: dann müßt ihr es dieſen Bürgern nicht verargen, wenn ſie ſolcher Geſellſchaft überdrüſſig werden. Ich kenne euch, Häuptlinge; ihr ſeyd ſolche Blutſauger der Eurigen, als es der verworfenſte Tyrann der alten Welt nur ſeyn kann.“ — — 236— „Tokeah hat die Dollars mit Füßen weggeſtoßen,“ erwiderte der Indianer. „Ich kenne auch euch Tokeah, und habe die ge⸗ naueſten Erkundigungen eingezogen. Doch will ich euch fragen, Alter,“ fuhr der General fort:„Was thun wohl die Creeks, oder wie ihr euch nennt, die Muſcogees. wenn ihnen ein rother Späher der Cherokees in die Hand fällt, der, während ſie mit dieſen in Frieden leben, zu den Choctaws eilt, um den ſechs Nationen in die Ohren zu flüſtern, die Tomahawks zu erheben, und über die Muscogees herzufallen, ſo wie der Panther über das Rind herfällt?“ Der Indianer ſchwieg betroffen. „ Sie nehmen ſeinen Skalp. Nicht wahr? Als To⸗ keah damals mit rache⸗ und wuthſchnaubendem Herzen hinauf zu den Shawneeſe ging, da wurde ihm ſein Land von ſeinem eigenen Volke verkauft, das müde war, ſeinen ewigen Unruhſtiftereyen länger Vorſchub zu leiſten, und den unverſöhnlichen Häuptling aus ihrer Mitte weg wollte. Wir konnten euch als Spion, als Aufwiegler den Prozeß machen, und eure eigenen Männer würden eure Henker geworden ſeyn. Wir thaten es nicht. Wir be⸗ nahmen euch die Gelegenheit, fürder ſchädlich zu werden, und ließen euch gehen. Wenn ihr das Geld wegſtießt, das euch für das Land bezahlt wurde, war es euer Fehler; für das, was ihr damals thatet, hattet ihr den Tod ver⸗ dient. Das Schickſal der rothen Männer“, fuhr der General würdevoll fort,„iſt hart in vieler Hinſicht, aber X — 237— es iſt nicht unvermeidlich; die Barbarey muß im Kampfe mit der Aufklärung immer weichen, ſo wie die Nacht dem Tage weicht; aber ihr habt die Mittel in der Hand, an dieſe Aufklärung euch anzuſchließen, und in unſer bür⸗ gerliches Leben einzutreten. Wollt ihr dieſes jedoch nicht, und zieht ihr vor, ſtatt geachteter Bürger wilde Legiti⸗ maten zu ſeyn, ſo müßt ihr mit dem Schickſale nicht hadern, das euch wie Spielwerkzeuge wegwirft, nachdem ihr eure nächtliche Bahn gelaufen ſeyd.“ Die Wahrheit der eindringenden und ans Erhabene grenzenden Sprache des Generalon hatte den Indianer plötzlich zum Schweigen gebracht. „Tokeah!“ hob der General wieder nach einer lan⸗ gen Pauſe an,„wir haben, wie geſagt, nichts gegen euern Entſchluß, zu gehen, und ich werde die nöthigen Befehle in meiner Militärdiviſion hinterlaſſen, daß un⸗ ſere Offiziers euch ungehindert ziehen laſſen. Ehe dieſes jedoch geſchieht, müßt ihr uns noch über einen Punkt Auf⸗ klärung geben. Eure verſchiedenen Stämme ſind zwar von uns gewiſſermaßen als Völker betrachtet, in deren innere Angelegenheiten wir uns nicht mengen, und denen wir ſelbſt das Recht laſſen, unter einander Krieg zu führen; aber unſere obervormundſchaftliche Vergünſtigung dehnt ſich nicht ſo weit aus, euch das Recht zu geben, über unſere friedlichen Mitbürger herzufallen, und euch unſere Kinder zuzueignen, nachdem ihr ihre Eltern grau⸗ ſam gemordet.“ 2 Der alte Mann horchte hoch auf. „Tokeah hat die Tochter eines weißen Vaters und einer weißen Mutter zu uns gebracht. Er hat ſie als ſein Kind betrachtet. Wie iſt er zu der jungen Dame gekommen, die er die weiße Roſe nennt?“ fragte der General. Der Indianer fuhr plötzlich auf. Er ſah bald den Generalen, bald den Squire Copeland an. Sein Mund zuckte, und nachdem er El Sol etwas in die Ohren geflüſtert hatte, erwiderte er: „Die weiße Roſe iſt die Tochter des Miko. Er hat viele Biber⸗ und Bärenfelle für ſie gegeben. Sie war ſeine Tochter bald nachdem ſie das Licht der Welt er⸗ blickt.“ „Wie kam ſie aber in eure Hände?“ fragte der Ge⸗ neral nochmals. „ Tokeah hat ſie den rothen Männern der Choctaws der ſechs Dörfer, die am endloſen Fluſſe wohnen, abge⸗ nommen. Wäre ſein Arm nicht geweſen, ſo wäre ihr Gehirn ſchon viele Sommer an dem Baume vertrocknet, an den ſie die Hand eines Muſcogee ſchmettern wollte.“ „Auch dieß beantwortet nicht die Frage,“ ent⸗ gegnete der General. Wie kam die junge Dame aber in eure Gewalt?“ „Der große Vater,“ verſetzte der Indianer auswei⸗ chend, hat eine große Schlacht gewonnen, in der ſeiner Feinde viele geblieben ſind. Gehören die Beute und die Gefangenen nicht ihm und den Seinigen?“ — 239— „Ich will euch ſpäter auf dieſe Frage antworten,“ bedeutete ihm der General.„Die junge Dame iſt die Tochter weißer Eltern— kein Choctaw— Tokeah!“ ſprach der General ernſt und ſcharf,„ich fordere euch hiemit auf, mir reine Wahrheit zu ſagen.“ Des Häuptlings Augen begegneten dem durchbohren⸗ den Blick des Generals, waren aber nicht im Stande, dieſen auszuhalten. „Der große Vater iſt gerecht,“ ſprach er,„er wird dem alten Tokeah nicht die Blume rauben, die er viele Sommer gewartet, und die die einzige Freude ſeiner Au⸗ gen iſt, die ſein gehört und—“ er ſprach die letztern Worte leiſe und mit hohler Stimme. „Euch ſoll Recht wiederfahren,“ ſprach der General, „aber zuerſt müßt ihr eure Anſprüche auf dieſe junge Dame erweiſen.“ „ Tokeah beſitzt die weiße Roſe vierzehn Sommer,“ antwortete der Indianer etwas zuverſichtlicher,„er hat ſie aus den Händen der Muſcogees gerettet, als dieſe ſie an einen Baumſtamm ſchleudern wollten.“ „ Fahrt fort,“ ſprach der General. „Tokeah will reden und ſein großer Vater wird hö⸗ ren. Vierzehn Sommer und Winter ſind verfloſſen, ſeit der Miko der Oconees mit ſeinem Volke die Toma⸗ hawks gegen die Choctaws der ſechs Dörfer erhoben. Sein Herz war mit den Choctaws, allein die Muſcogees wollten das Kriegsgeſchrey erheben, und er zog gegen die ſechs Nationen. Es war in der zehnten Nacht, ſeit der Tomahawk ausgegraben war, daß der Miko in der Nähe des oberſten Dorfes ſeiner Feinde lag, der Stunde wartend, wo ſeine Feinde ſchlafen würden, als auf ein⸗ mal ſeine Ohren den Kriegsruf der Seinigen, die zu ſpähen ausgegangen waren, hörten. Er flog den Sei⸗ nigen zu, aber ehe er ankam, hatten ſie ihre Feinde bereits in die Flucht gejagt, und er kam gerade um zu ſehen, wie ſie den Gefangenen die Skalp abzogen. Es waren vier weiße Männer und drey Weiber darunter. Eines dieſer Weiber war ſehr zart und ſehr jung, und hatte die weiße Roſe in ihren Armen, die ſie noch feſt⸗ hielt, als ihr Kopf bereits geſpalten war. Der Miko war zu ſpät gekommen, um dem zarten Weibe das Leben zu retten, aber er hörte das Wimmern des Kindes, als der Vaters Mi⸗li⸗machs es an einen Baum ſchleudern wollte, und er riß es ihm aus den Händen, und brachte es zu dem weißen Zwiſchenhändler,“ bey dieſen Worten ſah er den Squire Copeland an,„und er gab viele Felle für die Milch, die ſein Weib der weißen Roſe gab. Der Miko,“ fuhr er fort,„hat noch alles, das Roſa gehört, als er ſie vom Tode rettete.“. Der General blickte bey dieſen Worten den Indianer ſcharf an, der ſtockte und inne hielt. „Tokeah muß alles, was er von ſeinem Pflegekind hat, vorzeigen,“ bedeutete ihm der General,„es iſt — 2414— wichtig und unerläßlich, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen.“ Der Alte winkte ſofort einem der Oconees, der ſchnell den Saal verließ. Während der Pauſe, die nun eintrat, näherte ſich ein Fremder dem Generalen, und händigte ihm ein Pa⸗ pier ein, das dieſer aufmerkſam las; und dann auf das neben dem Armſeſſel ſtehende Seitentiſchchen legte. Der Oconee war mit dem Bündel gekommen und der General übergab es dem Fremden und Squire Copeland. „Da iſt die Kette,“ rief dieſer, ein goldenes Kett⸗ chen von der bekannten feinen mexikaniſchen Arbeit vor⸗ zeigend,„und das Medaillon iſt noch daran— mit dem Buchſtaben J. C. R.“ „Das nämliche,“ bemerkte der Fremde,„die euer Excellenz in dem Affidavit beſchrieben finden werden. Der Tauf⸗ und Familiennamen des Kindes. Die Klei⸗ dung konnte nicht ſo genau beſchrieben werden, da der Vater bey der Jammerſcene nicht zugegen war, und die Diener, männliche ſowohl als weibliche, umkamen.“ Die Kleidung des Kindes war ziemlich gealtert. Die Brüſſelerſpitzen an den Hemboͤchen waren gelb gewor⸗ den, das Pelzchen war ganz zernagt, auch das Uebrige war verlegen und morſch. „Der Indianer hat zwar das Kind auf eine Weiſe in ſeine Gewalt bekommen, die, ſo ſchrecklich ſie auch ſeyn mag, ſeine Rechte gewiſſermaßen nach unſern Geſetzen Der Legitime. III. 46 — 242— begründet, natürlich ſo lange der Vater ſeine Anſprüche nicht geltend macht, jedoch nach dieſen Beweiſen zu ſchließen, kann kein Zweifel mehr obwalten, daß die junge Dame, die weiße Roſe genannt, eine und dieſelbe mit der in dieſem Papiere angegebenen Kinde ſey, und daß ſie ihrem Vater zurückgegeben werden müſſe, ſo bald er ſie anſpricht, und ſobald er die Forderungen des In⸗ dianers für Verköſtigung und Pflege befriedigt hat.“ „ Kein Zweifel, Euer Exzellenz,“ erwiederte der Fremde,„und der ſehr edle Vater der jungen Dame, deſſen Geſchäftsführer in Veracruz ich die Ehre zu ſeyn habe, wird gerne zehnfach vergelten, was ihm nach ſo langem Jammer und Suchen wieder zum Beſitze ſeines einziggeliebten Kindes verhelfen kann. Ich habe Voll⸗ macht ſchon ſeit dreyzehn Jahren in dieſer Hinſicht.“ Er wies eine zweyte Schrift vor.— Die Theilnahme der Anweſenden an dem Schickſale des intereſſanten Kindes fing nun an ſich laut auszuſpre⸗ chen; die Meinung der ſämmtlichen, im Saale befindli⸗ chen Offiziere, worunter auch mehrere angeſehene Rechts⸗ gelehrte und Staatsbeamte waren, ging dahin, daß un⸗ ter obwaltenden Umſtänden das Kind nicht wieder den Wilden ausgeliefert werden, ſondern einſtweilen in der Obhut des Major Copeland oder Oberſten Parker ver⸗ bleiben ſolle, bis die Anſprüche des Indianers auf Ko⸗ ſtenvergütung ausgeglichen ſeyen. Dieſe waren in einer Spannung geſtanden, die jeden Augenblick heftiger wurde, und gegen ihre ſonſtige Apa⸗ thie ſehr kontraſtirte. Sie ſchienen ſo viel verſtanden zu haben, daß es ſich um Roſa handle, da ſie aber von der Unterhaltung der Anweſenden wenig oder nichts verſtan⸗ den hatten, verrieth ſich ihre Ungewißheit nur in einer fieberiſchen Unruhe, die beſonders am alten Manne auffiel.” „Tokeah,“ ſprach der General,„Ihr ſeyd hiemit entlaſſen— Eure Pflegetochter bleibt vorläufig hier. Es ſteht euch jedoch frey, eure Rechte auf ſie, und vorzüg⸗ lich auf Entſchädigung für die an ſie gewandte Pflege bey unſern Gerichten geltend zu machen. Bisdahin bleibt ſie in der Obhut, die ihr von dieſen beſtimmt werden wird.“ Der Indianer, der von der Rede des Generalen nichts begriff, langte nach dem Päckchen. „Wie geſagt, das bleibt hier,“ bedeutete ihm der General nochmals.„Ihr ſeht hier mehrere Rechtsge⸗ lehrte, die alle der Meinung ſind, daß die Tochter ihrem Vater wiedergegeben werden ſolle.“ „Die weißen Männer ſind gerecht,“ rief der India⸗ ner,„die Zunge des großen Vaters ſpricht wie die Zunge eines großen Kriegers.“ „Ihr ſeyd übrigens frey, ſchloß der General, eure Schritte zu thun, und ſo lange ihr hier zu verweilen ge⸗ denkt, wird für euch geſorgt werden.“ Er winkte nun den Indianern ihre Entlaſſung zu, und dieſe entfernten ſich, nachdem ſie ihm auf die gewöhn⸗ liche Weiſe ihre Ehrfurcht bezeigt hatten. 7* — 244— „Nun habe ich euerm Willen ſo recht gethan?“— fragte der General unſern Squire. „Das habt ihr;“ verſicherte ihn dieſer,„Gott ſegne euch dafür.“ „Eure Zufriedenheit iſt mir viel werth,“ ſprach der General, der ſich wieder nieder ließ, und einige Depe⸗ ſchen unterzeichne, die er einem ſeiner Adjutanten reichte. „Und nun gibt es noch etwas?“ fragte er lächelnd. „Ihr wißt, die Bürger ſind verſammelt, euch ihre Achtung zu bezeugen, und warten nur auf euch, um das Manoeuvre zu beginnen, dann folgt öffentliches Gaſtmahl und Ball.“ „Ich bitte euch, verſchont mich,“ ſprach der Ge⸗ neral. Ich denke wir hatten der Manoeuvres genug.“ „Für dießmal können wir es euch nicht erlaſſen,“ ſprach der Squire,„außer ihr verſagt es.“ Er ſah ihn bey dieſen Worten forſchend an. Der General zeigte auf ſeinen zerſchmetterten Arm. Glaubt mir, wenn man zwey Lothe Bley im Bein ſtecken hat, dann iſt es wahrlich nicht Zeit, auf Manoeuvres, Bälle und Gaſtmahle zu denken.“ „Die Bürger werden es kaum glauben, daß Ihr die⸗ ſer Wunde halber verſagtet. Sie werden es einer andern zuſchreiben.“ Der General ſah den Sprecher betroffen an. „Thut wie ihr wollt,“ fuhr dieſer leiſe fort.„Ei⸗ nes laßt euch jedoch ſagen. Der Volksſouverain iſt in — 245— ſeiner Etiquette der kitzlichſte, den es gibt, das wißt ihr. Ihr habt große Dinge gethan, aber das größte, was euch mehr Achtung, als eure Siege erwarb, iſt, daß ihr gut⸗ willig euren Nacken beugtet, und eure Strafe wie ein Mann aushieltet.“ „Häng euch,“ entgegnete der General lachend.„Die Creolen, an denen mir nichts gelegen iſt, haben mir Bälle gegeben, und mich bekränzt, und die Unſrigen, für die ich mein Blut vergoß, und mir einen ſiechen Körper holte, laſſen mich zum Danke zweytauſend Dollars Strafe bezahlen, und hätte ich das Geld nicht, ſo ſäße ich viel⸗ leicht im Loche. Auch dieſe Strafe wollten die Creolen bezahlen.“ 3 „Ihr thatet wohl, daß ihr ſie nicht zahlen ließet,“ flüſterte ihm der Squire zu.„Uebrigens, General, nehmt mir es nicht übel. Aber es war ein wenig zu viel Eifer und heißes Blut in euch, eine kleine Abkühlung kann nicht ſchaden. Nun aber, da alles gut abgelaufen iſt, ſeyd ihr unſer Mann. Wollt ihr bleiben und unſre Achtungsbezeugungen annehmen— die, ihr wißt es, wir eben nicht ſehr freygebig verſchwenden— oder nicht?“ „ Ich bleibe,“ ſprach der General, dem Squire die Hand drückend,„obwohl ihr ein wahres Toryneſt hier habt, und wenn ich nicht irre, das öffentliche Gaſtmahl in eben dem Saale gehalten werden ſoll, wo man mich als einen Tyrannen verdammt hat.“ „» Alles zu ſeiner Zeit,“ ſprach der Squire.„Aber — 246— nun geſtehe ich euch, es freut mich, daß ihr bleibt und die Probe ausgehalten habt. Wäret ihr gegangen, eben dieſe Torys hätten ſich ihre Haut voll gelacht. Nein, Ge⸗ neral, man muß ſeinen Feinden zu begegnen wiſſen.“— Und mit dieſen Worten drückten ſich beyde nochmals die Hand und der Squire entfernte ſich. Doch, Holla' rief er, nochmals zurückkehrend:„Das Manoeuvre fängt doch vor einer Stunde noch nicht an? Ich bin ſo eben zu meiner Pflegetochter berufen, die ihrem wilden Pflegevater einen Beſuch abſtatten will. Er geht ſogleich ab, hör ich— deſto beſſer.“ Und mit dieſen Worten verließ er den Saal, um ſich zu ſeinem Pflegekinde zu begeben, das ſo eben mit der Familie des Oberſten angekommen war, um das Manoeuvre und die darauf folgenden Feſtlichkeiten durch ihre Gegenwart zu verherrlichen. XIV. Kapitel. — Euch zu beſuchen, iſt die Dame Valeria gekommen. Shakespeare. „Und nun, liebes Kind,“ ſprach er, ſtehe ich dir zu Dienſten. Einen Vater hätteſt du nun, Gott ſey Dank. Wollte Gott wir könnten dasſelbe auch von der Mutter ſagen. Der Wilde hat aber keine Schuld an ihrem Tode, und obgleich Wilder,— was du nun thun wirſt, ehrt dich. Doch halt, wo iſt unſer Midſhipman. Ah, da iſt er. Willſt du mit, Herzensjunge, von einem alten Bekannten Abſchied zu nehmen?“ „ Und ein geſcheiter Vater muß dieſer dein Pa auch noch ſeyn,“ fuhr der Squire zu Roſen gewendet fort,„ich ſehe es ſchon daraus, daß er eine Million Dollars in unſern Banken niedergelegt hat. Schau, Junge,“ wandte er — 248— ſich zum Seekadeten,„ſo kommen ſie nach und nach alle zu uns. Bisher hattet ihr das meiſte Vertrauen; nun aber fängt es bey euch zu happern an, und ſie legen ihr Geld hübſch bey uns nieder. Ja, aber Roſa, liebes Kind,“ wandte er ſich wieder zu dieſer,„ſiehſt du mit dem Zeitungsartikel, der dein kleines Herzchen ſo aufgerüttelt hat, der iſt nun hinüber nach Vera⸗Cruz mit Madiedo zum Commiſſair deines Vaters gewandert, und hat aller Wege ſein Gutes gethan. Der Wicht von Zeitungsſchreiber hat zwar ſtatt reine Wahrheit einzu⸗ ſchenken, ſeine Zeitungsfloskeln ſubſtituirt; aber im Gan⸗ zen hatte er ſo Unrecht nicht, obwohl dir der Spaß gar nicht behagte. Aber dir geht es in dieſem Punkte noch wie gewiſſen Völkern, die die liebe Preßfreyheit auch ganz barbariſch undelikat finden. Haſt mir aber ganz aus dem Herzen geſprochen, liebes Kind, und obwohl dein wilder Miko ein wenig unreputirlich logirt iſt, ſo gibt es doch wieder Fälle, wo ein Beſuch in einem ſolchen Hauſe zu größerer Ehre gereicht, als im drawing room des weißen Hauſes zu ſitzen, das uns die Rothröcke verbrannt haben. Alſo deine Luſt, unter den Wilden zu wohnen,“ lachte er recht herzlich,„iſt dir ſo ziemlich vergangen? Glaub's gerne, mein Kind, es läßt ſich zur Noth auch unter den Wilden leben, ſo wie von Haferkuchen; aber beſſer iſt beſſer, und wir haben es am beſten. Glaub mirs, liebes Kind, wenn du ſechs Monate unter uns gelebt haben wirſt, und du würdeſt — 249— auf den Hof des erſten Königs verſetzt, wirſt du dich bald wieder in unſer glücklich frohes und einzig und allein aufgeklärtes Bürgerleben zurückwünſchen. In den erſten Wochen mag dir ſo manches an uns nicht gefallen haben; aber wir ſind wie das ächte, geſunde Roſtbeef und Kernbrod; je länger man davon ißt, deſto beſſer und lieblicher ſchmeckt es. Sieh, bey euch,“ fuhr er zum Midſhipman gewendet fort,„habt ihr auch etwas unſerm freyen Leben Aehnliches. Bey euch ſind die Lords und Gentlemen ſo frey wie wir, aber die Uebrigen ſind arme Narren, die von Freyheit reden wie der Blinde von der Farbe. Iſt aber natürlich bey euch. Ihr habt das Land, oder vielmehr euere und unſere Vorfahren haben es von den Angelſachſen und den alten Britten erobert, und die herrſchenden Familien haben ſich in die beſiegten armen Teufel wie in das liebe Vieh getheilt, und ſind noch zu dato Herren. Wir haben unſere Eroberungen von ein paar hunderttauſend Indianern gemacht und mit unſerm Pfluge, und die erſtern ſind verſchwunden durch eigene Schuld, die letzte Eroberung macht uns alle, die nämlich arbeiten wollen, zu unabhängigen Män⸗ nern, die in die Angelegenheiten ihres Landes mit reden können und ſollen. Sieh, als ich nur noch mit den Meinigen fünfzig Dollars hatte, war ich juſt ſo frey als jetzt, da ich über hunderttauſend verfügen kann. Iſt aber alles ehrlich erworben, durch keine Genieſtreiche, nur auf gewöhnlichem Wege. — 259— Und unter dem Schluß dieſer Rede waren ſie an der— Thüre des Estaminets zum Kaiſergardiſten angekommen. Sie fanden die beyden Häuptlinge mit ihren Ge⸗ fährten auf die gewöhnliche Weiſe am Boden der Gaſt⸗ ſtube ſitzend, in der ſie ſich allein befanden. El Sol war bey ihrem Eintritte aufgeſtanden, und ihnen einige Schritte entgegen getreten; Roſen bey der Hand neh⸗ mend, führte er ſte zu einem Sitze, von dem ſie jedoch auf den Miko zueilte, und ihn kindlich umſchlang. Die⸗ ſer ſah ſie kalt und forſchend an. „Miko,“ ſprach der Squire,„eure vorige Pflege⸗ tochter, Miß Roſa, iſt gekommen, von euch Abſchied zu nehmen, da ihr nun einmal gehen wollt, und euch zu danken für alles Gute, das ihr ihr erzeigt habt. Uebrigens werdet ihr den Preis ſelbſt beſtimmen, der euch als Koſtenerſatz für geleiſtete Sorgfalt und Pflege gebührt.“ „Tokeah,“ erwiderte der Indianer, der natürlich von den Worten des Squire nur wenig verſtand, indem er zugleich einen ledernen Beutel aus ſeinem Wampum⸗ gürtel zog,„wird gerne bezahlen, was der weiße Häupt⸗ ling fordern wird, für Speiſe und Trank, die er der weißen Roſe gegeben hat.“ „Ihr ſeyd im Irrthum,“ verſetzte der Squire,„und euch gebührt Bezahlung. Eigentlich hätte dieß vor eine Jury gehört, aber fordert, und ich ſtehe euch dafür, daß alles, was billig und gerecht iſt, bezahlt werden wird.“ „Der weiße Häuptling,“ ſprach der Indianer,„mag nehmen ſo viel er will.“ „Ich ſage euch, nicht ihr, wir müſſen bezahlen;“ verſetzte der Squire. „Hat meine Tochter von ihrem Milchvater Abſchied genommen?“ fragte der Indianer Roſen, die während der letzten Reden des Wilden ängſtlich zu werden ſchien. „Roſe muß nun vom Wigwam der Weißen ſich tren⸗ nen, der Pfad iſt lang, den der Miko zu wandeln hat. Er iſt der Weißen ſehr müde.“ „Und muß der Miko gehen?“ fragte Roſa.„O Vater meiner Canondah, bleibe doch; die Weißen wer⸗ den dich als Bruder lieben.“ Der Indianer ſah ſie erſtaunt an.„Wie,“ fuhr er heraus,„wie meint Roſa dieß? die Weißen, die gifti⸗ gen Weißen, Tokeah als ihren Bruder lieben? Hat die weiße Roſe?—“ Er ſah ſie mißtrauiſch finſter an. „Die weiße Roſe,“ auf die Wolldecke deutend,„wird finden, was ſie braucht. Tokeah iſt der Weißen ſehr müde; er will gehen.“ „Miko!“ ſprach ſie etwas furchtſam, denn es war nun klar, daß dieſer noch immer im Mißverſtande über die Abſicht ihres Kommens ſey,„Roſa iſt gekommen dich zu bitten, noch einige Zeit bey den Weißen zu bleiben; aber wenn du gehen mußt, ſo will ſie—“ — 252— „Der Milko iſt der Vater ſeines Volkes;* ſprach dieſer, es ruft ihn, er muß gehen, und Roſe iſt ſeine Tochter und die Roſe der Oconees, ſie wird die Roſe der Eumanchees ſeyn, die Squaw eines großen Häuptlings;“ ſprach der Indianer. Das Kind trat erröthend und halb unwillig zurück. „Miko,“ ſprach ſie,„du biſt der theure Vater meiner Canondah, der mein Leben gerettet und erhalten, ich danke dir kindlich; aber Miko deine Verfügung kann ich, darf ich,“ ſie zitterte und trat noch einen Schritt zu⸗ rück,„nicht annehmen. Ich gehöre nicht mehr dir, ich gehöre meinem Duker⸗ meinem lange beweinten Vater.“ „Roſa ſpricht wahr, ſie gehört ihrem Vater,“ fuhr der noch nicht aus ſeinem Irrthum geriſſene Miko fort, „die Füße meiner Tochter ſind. ſchwach; aber ſie wird im Canoe ſitzen, bis ſie in den Wigwams der Pawnees ankömmt, und dieſe haben der Roſſe viele.“ „Bey Gott!“ rief der Squire,„hier iſt ein Irr⸗ thum, der Indianer gedenkt Roſen mitzunehmen. Her⸗ zensjunge,“ ſprach er zu dem Jünglinge,„eile ſo ſchnell als möglich zum Oberſten Parker, und bringe uns einen Zug Männer. Vor den langen Bajonetten haben ſie allein Reſpekt. Roſa, liebes Kind, halt inne, der Wilde ſieht mir ganz wild und unheimlich aus,“ flüſterte er dem fraqlüdehen zu. b V — 253— Wirklich war in dem Wilden eine eben ſo plötzliche nur dem ſchärfſten Auge bemerkbare Veränderung vor⸗ gegangen. Es ſchien, als ob auch er ahne, daß ihm Roſa entriſſen werden könne. Seine ſtarre, lebloſe, düſtre Miene, war einer Unruhe gewichen, die den Major beſorgt werden ließ. „Die weiße Roſe,“ ſprach er nach einer Weile, einen langen forſchenden Blick auf ſie werfend,„iſt eine fromme Tochter, ſie wird für ihren Vater das Wild⸗ pret kochen.“ „Gerne wollte ich dieß für den Vater meiner Ca⸗ nondah thun,“ ſprach ſie noch immer verſchüchtert,„al⸗ lein ein größeres Gebot ruft, theurer Vater. Vater meiner Canondah! Roſa iſt gekommen, um von dir Ab⸗ ſchied zu nehmen.“ Der Indianer horchte hoch auf. „Ich kann dir nicht folgen, aber mein Vater wird dir hundertfältig vergelten, was du an ſeiner Tochter gethan haſt.“ „Wie meint meine Tochter dieß,“ fragte der Wilde, der ſie noch immer nicht ganz verſtand. „Miko,“ ſprach das Mädchen,„der Vater, der mir das Leben gegeben hat, iſt wieder gefunden. Roſa muß zu ihm eilen, denn er hat ſie ſeit vierzehn Jahren beweint, geſucht.“ „ Tokeah hat Roſen das Leben gegeben, er hat ſie — 254— dem Arme des Vaters Mi⸗li⸗machs entriſſen, er hat Felle für die Milch bezahlt.“ „Aber Roſa hat noch einen andern Vater, der ihr näher ſteht, den ihr der große Geiſt gegeben, der ihr das Leben gegeben hat; zu dieſem muß ſie gehen. Ich muß dich verlaſſen, Miko;“ ſprach ſie mit etwas mehr Entſchloſſenheit. Der Indianer ſah das Mädchen mit einem Blicke an, in dem ſich die Hölle in ihren unterſten Tiefen zu malen anfing. Die Schuppen waren endlich von ſeinen Augen gefallen; aber ſelbſt in dieſem Augen⸗ blicke verließ ihn ſeine fürchterliche Kälte nicht, obwohl ſich der entſetzliche Sturm, der nun in ſeinem Innern zu toben begann, bereits grauſenhaft in ſeinem Farben⸗ wechſel und Mienenſpiele zeigte. „Miko,“ ſprach der Squire, der nicht ohne Bangig⸗ keit dieſe furchtbaren Symptome tief verſchloſſener, aber nun bald ausbrechender Wuth bemerkte,„Miko, ihr habt gehört, was euch der große Krieger geſagt hat?“ Der Indianer würdigte ihn keines Blickes; ſein ganzer Körper fing fieberiſch zu zucken an, ſeine Hand fuhr nach dem Schlachtmeſſer, dann ſah er wieder auf Roſen mit einem Blicke, ſo durchbohrend, daß der Squire entſetzt an ihre Seite ſprang. Zur Verwunderung des Majors hatte das Mädchen alle ihre Entſchloſſenheit, ja eine Art Hoheit erlangt. — 255— „Miko,“ ſprach ſie, ihre Arme ausbreitend, und im Begriffe auf ihn zuzueilen,„ich muß dich ver⸗ laſſen.“ „Wie ſpricht meine Tochter?“ fuhr der Indianer auf, der noch nicht ſeinen Ohren zu trauen ſchien, „ Tokeah iſt nicht ihr Vater? Sie will,“ und ſeine Stimme nahm einen ſo unnatürlich pfeifenden Ton an, daß der Wirth und ſeine Frau ſchreyend zur Thüre hereinſtürzten,„ſie will,“ brach er endlich aus,„dem Miko nicht folgen?““ „Sie kann nicht;“ ſprach ſie mit ungemeiner Feſtig⸗ keit. „ Halt, Tokeah! ſo lieb dir dein Leben iſt; halt,“ rief der Squire,„und ſieh mir in das Geſicht; in dir kocht wieder der Teufel.“ „ Meine Tochter,“ ſprach der Wilde, ohne dieſen einer Antwort zu würdigen,„ ſagt, ſie hat einen andern Vater gefunden?“ „Ja, Vater meiner Canondah!“ flüſterte ſie. „Und ſie will bey den Weißen bleiben?”“ „Roſa muß.“ » Und Roſa,“ fuhr er in demſelben anſcheinend kal⸗ ten Tone fort,„will den Miko verlaſſen? Ihn allein auf den weiten Pfad gehen laſſen?““ Und indem er dieſe Worte anſcheinend auf die ruhigſte Weiſe ausſprach, hatte er die Riemen des Sarges über ſeinen Kopf gezogen, ſprang mit einem Satze — 256— auf ſeine Beine und auf Roſen zu, und ſie in ſeine Arme aufraffend, ſtürzte er zurück in die Ecke an die Thüre des Seitengemachs, daß die Scheiben des Glas⸗ fenſters in tauſend Stücke brachen. „Und glaubt die weiße Schlange,“ ſchrie er mit zornfunkelnden Augen,„der Miko iſt ein Narr?“ rief er, das Mädchen in ſeinem linken Arme haltend, wäh⸗ rend der rechte das Schlachtmeſſer ſchwang. „Miko!“ rief der junge Häuptling, der bisher ſchwei⸗ gend und theilnahmlos geſeſſen, aber nun entſetzt über den unbeſchreiblich furchtbaren Ausbruch der Wuth, auf⸗ geſprungen und dem Miko nachgeeilt war. „ Und glaubt die weiße Schlange,“ rief der raſende Wilde mit einer pfeifend höhniſchen Stimme, und der Schaum ſtand ihm am Munde,„glaubt die weiße Schlange, der Miko habe ſie gefüttert, und Felle für ſie bezahlt, und ſie zur Blume gezogen für die Weißen, die giftigen Weißen, die er anſpeyt?“ Er ſpie mit Abſcheu aus. „Beym allmächtigen Gott, halt! Ihr ſeyd alle des Todes, wenn dem Kinde etwas zu leide geſchieht,“ rief der Squire, der einen Stuhl erfaßt, und ſich mit Ge⸗ walt den Weg zu ihr bahnen wollte, jedoch von den Cumanchees und Oconees zurückgeſtoßen wurde. „Deßwegen wollte alſo die weiße Schlange zu den Weißen,“ rief er.„Weiß mein Sohn, daß die weiße Roſe ihren Vater verrathen, an die Weißen verrathen,“ — — 257— rief er dem Cumanchee zu.„Will die weiße Schlange ihrem Vater folgen?“ ſchrie der ſchäumende Wilde. „Ich kann nicht,“ ſprach ſie,„meines Vaters, meines weißen Vaters Stimme ruft.“ Ein Blick des tödtlichſten Haſſes durchzuckte den Wilden für einen Augenblick, während er das ſchöne, halb ohnmächtige Kind in ſeinen Armen hielt. „Tokeah will die weiße Roſe den Weißen laſſen;“ rief er giftig lachend, indem ſein Schlachtmeſſer zuckend nach ihrem Buſen fuhr. „Um Gottes willen! er mordet ſte,“ ſchrie der Ma⸗ jor, der nun wie raſend durch die Indianer brach; doch der junge Mexikaner war ihm in dieſem entſcheidenden Augenblick zuvorgekommen. Mit einem Satz zwiſchen die niederfahrende Hand des Wilden und ſein Schlacht⸗ opfer ſpringend, riß er Roſen aus den Armen Tokeahs und ſchleuderte ihn mit zornolitzenden Augen in die Thüre hinein, daß ſie in Stücke flog. „Tokeah iſt wahrhaftig eine wilde Katze,“ rief er mit Abſcheu,„der vergißt, daß er ein Häuptling ſeines Volkes, ein Vater iſt, der Schande auf den Namen der rothen Männer bringt. El Sol ſchämt ſich eines ſolchen Vaters.““— Dieſe Worte, im Pawneedialekte geſprochen, hatten eine unbeſchreibliche Wirkung auf den Wilden. Er hatte ſich aufgerichtet, ſank aber wieder wie leblos zuſammen. El Sol ſprang zu ihm, und richtete ihn auf. Der Legitime. III. 17 — 258— Die Milizen waren unterdeſſen angekommen, und traten mit aufgepflanztem Bajonett ein. „Sollen wir den Indianer ins Gefängniß führen?“ fragte Lieutenant Parker. Der Major ſtand noch immer ſprachlos, im tiefen Nachdenken ſeine beyden Arme um Roſen geſchlungen. „Lieutenant Parker,“ ſprach er,„nehmen Sie einſt⸗ weilen Roſen; der Allmächtige ſelbſt hat ſie beſchützt, und uns geziemt es nicht, Rache zu nehmen. Aber „Tokeah!“ redete er dieſen an, indem er nun an den noch immer am Boden liegenden Wilden herantrat, und ihn mit beyden Händen erfaßte und an die Wand richtete, „Tokeah, du haſt dein Leben nach unſern Geſetzen ver⸗ wirkt, und der Strang wäre deine gelindeſte Strafe; doch gehe nun, und zwar in dieſer Stunde. Nicht uns geziemt es, an einem ſo entmenſchten Weſen wie du, Gerechtigkeit zu üben. Sey deiner eigenen Strafe über⸗ laſſen.“ Roſa hing noch halb leblos in den Armen des Squire. Nun jedoch blickte ſie um ſich und erhob ſich dann. „Er war mein Vater, mein unglücklicher Vater;“ flehte ſie, und auf ihn zueilend, ſchlang ſie ihre beyden Arme um ihn.„Vater meiner Canondah!“ bat ſie, „Roſa würde dich nimmer verlaſſen; aber es ruft die Stimme ihres Vaters; wirſt du deiner geweſenen Toch⸗ ter verzeihen?“ Der Indianer gab keinen Laut von ſich. — —- — 259— Sie ſah ihn eine Weile mit thränenden Augen an, dann wandte ſie ſich zu El Sol, und ſich ſittſam ehr⸗ furchtsvoll verneigend, nahm ſie Abſchied und entfernte ſich mit ihren Begleitern. Der junge Häuptling war wie träumend noch geſtan⸗ den, als der Major mit Roſen und den Milizen ſchon weit von dem Estaminet waren. Plötzlich kam er jedoch nachgeſprungen, und ſich vor Roſen ſtellend, faßte er ihre Hände, drückte ſie an ſeinen Buſen, und neigte ſein Haupt ſo wehmüthig, daß alle ſprachlos ſtanden. „El Sol,“ flüſterte er ihr mit kaum hörbarer Stimme zu,„hat Roſen geſehen, er wird ſie nie wieder ver⸗ geſſen.“ Und dann wandte er ſich, ohne ſie oder je⸗ manden anzublicken. „Fürwahr,“ ſprach der Squire gerührt,„er hat Thränen vergoſſen, der edle Wilde.” XV. Kapitel. Im Indianerland ſteht ein hoher Stein, Viel hundert Jahr' alt, allen zur Pein, Auf ſeinem Scheitel hauſ't der Sturm, Unten krümmt ſich der wilde Wurm. Trapperlied. Eine Stunde darauf verließen die Indianer das Bayou in demſelben Canoe, in dem ſie gekommen waren. Sie fuhren den Miſſiſippi hinauf, und ſchoſſen dann in die Mündung des Redrivers hinein, auf dem ſie ihre Fahrt fortſetzten. Am zehnten Tage nach ihrer Abfahrt befanden ſie ſich, immer aufwärtsſteigend, auf der Hochebene, wo die weſtlichen Grenzen von Louiſiana und Arkanſas mit den weſtlichen Mexikos zuſammen⸗ ſtoßen. Vor ihnen lagen die noch immer mit Schnee bedeckten Häupter der Ozarkgebirge, jenſeits welcher un⸗ geheure Steppen ſich gegen die Felſengebirge oder Rocky —— — 261— mountains dehnen. Die Sonne ſank ſo eben hinter die Schneeberge, als ſie an dem weſtlichen Ende des langen Tafelfelſens landeten, der, wie bekannt, am linken Ufer des rothen Fluſſes wallartig, einem ungeheuern Würfel gleich, emporſteigt. Als ſie ihr Canoe verlaſſen hatten, gingen ſie einem Felſen zu, der ſich unfern dem Ufer in der öden Salzſteppe erhebt, und in deſſen Mitte ſich eine Grotte befindet, einem gemauerten Gewölbe nicht unähnlich. Da ſchlugen ſie ihr Nachtquartier auf. Die⸗ ſer Felſen bildet die imaginäre Grenzlinie, die die Pawnees des Toyaskſtammes, die Conſas und die Oſa⸗ gen für ihre Jagdreviere ſich geſetzt haben. Der junge Häuptling befahl den Seinigen ein Feuer anzuzünden, denn der alte Mann, der ſo eben aus dem heißen Clima Louiſianas angekommen war, zitterte vor Kälte. Nach⸗ dem ſie ihr ſparſames Nachtmahl eingenommen hatten, ſtreckte ſich der alte Häuptling mit ſeinen Oconees vor dem Feuer nieder und entſchlief. El Sol horchte noch einer Legende, die einer ſeiner Cumanchees erzählte, als ein ferner Laut an ſeine Ohren ſchlug. Die drey Klie⸗ ger ſprangen zugleich auf ihre Füße, und ſtreckten ihre Köpfe in der Richtung des Luftzuges, der den Laut an ihre Ohren brachte. „Hunde!“ murmelte der junge Cumanchee,„ſie knurren gegen einen Feind, der ihnen eine Wunde ſchlug, wenn es in ſeiner Macht ſtand, ſie zu vernich⸗ tenz“ und indem er die drey Schläfer aufweckte, flog — 262— er dem Ufer zu, wo ſie das Canoe gelaſſen hatten. Er winkte dem Miko und ſeinen Oconees einzuſteigen, während er ſelbſt mit ſeinen Cumanchees an dem ſchma⸗ len, längs dem Waſſer ſich hinabwindenden Rande fort⸗ ſchlich. Das Canoe war ungefähr eine halbe Meile den Strom hinabgeglitten, als es hielt, und der junge Häuptling mit ſeinen beyden Gefährten einſtieg, nach⸗ dem ſie zuvor mehrere Aeſte und Zweige des aus den Felſenritzen aufgeſchoſſenen Gebüſches abgebrochen hatten. Sie fuhren den Strom bis zum Ende des Tafelfelſens hinab, wo der junge Cumanchee den alten Häuptling ließ, und ſich mit den übrigen Wilden längs dem Fel⸗ ſen der Steppe zuſchlich. Eine Truppe von zwanzig bis fünf und zwanzig Pferden hielt am Fuße des Fel⸗ ſens. Einige der Wilden waren abgeſeſſen und unter⸗ ſuchten die Lagerſtätte, die unſere Indianer kurz zuvor inne hatten, und indem ſie die aus der Grotte führen⸗ den Fußſtapfen im Mondlichte auf der Erde fortkriechend maßen und verfolgten, war es zweifelhaft, ob es wirk⸗ liche Menſchen oder Amphibien waren, die im nächtlichen Zeitvertreibe ſich aus den wäſſerigen Tiefen an das Land geſtohlen hatten. Die Hälfte der Wilden hielt noch im⸗ mer auf ihren Pferden.— Der junge Häuptling hatte mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit jede Bewegung ſeiner Feinde beobachtet, und ſein Ohr an den Felſen haltend, ſtand er wie eine Marmorſtatüe. Auf einmal jedoch winkte er ſeinen Ge⸗ 1 — ——⸗—x—x—x—x—x—x—x—x—xj— — 263—— fährten, und die fünf Indianer krochen nun mit ſolcher Sicherheit und Behendigkeit durch die Salzſteppe an die zurückgebliebenen Wilden heran, daß auch das geübteſte Ohr nicht das leiſeſte Geräuſch zu vernehmen im Stande 3 geweſen wäre. Bloß eine ſanfte Wellenhöhe trennte ſie noch von ihren Feinden. El Sol horchte, einzelne Laute ſchlugen im Zuge des ſcharfen Nordweſtwindes an ſein Ohr. Eine Weile hielt er, dann richtete er ſich auf ſeine Knie, ſah hinauf zur ſilbernen Mondſcheibe, die nun aus einer Schneewolke trat, und die dunkeln Ge⸗ ſtalten der Wilden in ihrem vollen Umriſſe erkennen ließ, langſam ſeinen Stutzer richtend, gab er ſeinen Gefährten ein Zeichen, und im nächſten Augenblicke ſtürzten fünf Wilde zu Boden. Ein fürchterliches Geheul ſchallte durch die Lüfte. Schnell, wie der Blitz, war der Me⸗ xikaner auf die entſetzten Feinde herangeſtürzt, die mit einem zweyten fürchterlichen Geheul davonſprengten. Nur der außerordentlichen Behendigkeit des jungen Häuptlings und ſeiner Cumanchees konnte es gelingen, ein halbes Dutzend der halbwilden Roſſe zu fangen. So ſchnell jedich waren ihre Bewegungen geweſen, daß die Zügel oder vielmehr Stricke der Pferde beynahe aus den Händen ihrer Feinde in die ihrigen fielen, die übrigen Thiere bäumten ſich entſetzt, wieherten nochmals und brachen dann in die weite wüſte Nacht der Steppe. Die Cumanchees waren auf die Rücken der erbeuteten Pferde geſprungen, und raſch dem ufer zu geſprengt. — 264— Sie hatten kaum ihr Canoe beſtiegen, ihre Pferde im Strome nach ſich ziehend, als die Kugeln und Pfeile ihrer nachſetzenden Feinde um ihre Ohren zu pfeifen und zu ſchwirren begannen.. „Will mein Sohn dem Miko verſprechen, ein guter Vater der Oconees zu ſeyn?“ fragte der alte Häuptling mit einer hohlen Stimme, während noch immer einzelne 8 Kugeln an ihnen vorüberpfiffen. „Ein Vater und ein Bruder,“ verſetzte der Cuman⸗ b chee.„Aber warum dieſe Frage, mein Vater? Mein Vater wird lange ſich mit ſeinen Kindern freuen!” „Will El Sol es bey dem großen Geiſte verſpre⸗. chen?“ wiederholte der alte Mann dringender und in einem röchelnd hohlen Tone. „Er will es,“ erwiderte der junge Häuptling. „Will er verſprechen, Tokeah und ſeinen Vater in⸗ mitten der Gräber ſeines Volkes zu begraben? der gro⸗ hen Cumanchees zu begraben?“ „Er will;“ ſprach El Sol unwillkürlich ſchaudernd. „ Sie werden ſeinen und ſeines Vaters Leib dann nicht verſpotten können,“ ſtöhnte er,„aber es iſt der Wille des großen Geiſtes, daß Tokeah die Länder der Cumanchees nicht ſehen ſoll; er iſt verdammt, auf dem Lande der Weißen zu ſterben.“ 4 Er röchelte, murmelte noch einige abgebrochene Worte in die Ohren ſeiner Oconees, die in das wildeſte Schmerzensgeheul ausbrachen, und El Sol umfing ihn, ——— — l —— — 265— der in Todeszuckungen noch krampfhaft den Sarg auf ſeine Bruſt drückte; aber allmählig lösten ſich ſeine Arme, und er fiel entſeelt in das Canoe zurück. Eine Kugel hatte ihn zwiſchen Nacken und Hals durchbohrt. Das Leben war gewichen. Der junge Häuptling warf ſich in ſtummem Schmerze auf die Leiche. Das Canoe war ſchon lange an dem jenſeitigen Ufer, und noch im⸗ mer lag er bewußtlos über den Körper hingeſtreckt, bis ihn endlich das leiſe Flüſtern ſeiner Getreuen auf die Gefahr aufmerkſam machte; dann lud er den Körper auf ſeine Schultern, legte ihn über den Rücken des Pferdes, ſprang ſelbſt darauf, und zog ſo mit ſeinen trauernden Gefährten dem Wigwam der Pawnees des Tovaskſtam⸗ mes zu, wo ſie am folgenden Tage, unter dem erſchüt⸗ ternden Todesgeſange der Wilden, ihren Einzug hielten. Poſtſeript. Wir finden in mehreren Zeitungen des Staates, in welchem dieſe Begebenheiten ſich zutrugen, und nament⸗ lich in der Countyzeitung von Opelouſas, eine Rand⸗ gloſſe unter dem Artikel Verehelichungen, die den Leſern dieſer Blätter nicht ganz unwerth als Zugabe erſcheinen dürfte, und die wir deshalb ganz ſo geben wie wir ſie finden. Sie lautet: — 266— Marriages. Have been united in the bonds of wedlock by the Revd. Jesaiah Simpkins this Thursday(viz the 13 of March 1816) the most amiable et accom- plished Miss Mary Copeland, daughter of the Ho- nourable John Copeland of the Jame County et of Mistress Juditha, to Master James Hodges, for- merly of the R. B. N. now of Hodges-Seat in the Jame State. Wörtlich überſetzt: Verehelichungen. Wurden vereinigt durch die Bande der Ehe von dem ehrwürdigen Jeſaja Simpkins, heute Donnerſtag den 13. März 1816, die ſehr liebenswürdige und hochge⸗ bildete Miß Maria Copeland, Tochter des ſehr acht⸗ baren John Copeland aus derſelben Grafſchaft und der Frau Juditha, und der Herr Jakob Hooͤges früher von der königlich brittiſchen Flotte, gegenwärtig von Hooͤges⸗ Seat in demſelben Staate. Verbeſſerungen. — Seite 114 Zeile 9 von unten, ſtatt Georgaue lies Georgiana — — 267— — In demſelben Verlage ſind erſchienen: Appenzeller, J. C., Gertrud von Wart, oder Treue bis in den Tod. 3te Auflage. 12. 1 Rthl. 8 gr. 2 fl. Hegner, U., die Molkenkur. 3 Bdchn. 2te Auflage, mit Vignetten. 12. 2 Rthl. 3 fl. Was der geiſtreiche Verfaſſer in dieſen drey Bändchen dem Publikum ſpendete, gehört unſtreitig zu dem Beſten, das je ſeiner Feder entfloſſen, und die Molkenkur wird ſtets mit erneuter Luſt wieder geleſen werden. Heß, David, die Roſe von Jericho, eine Weihnachts⸗ gabe. 12. 20 gr. 4 fl. 15 kr. 4 —— Scherz und Ernſt in Erzählungen. 8. 1 Rthl. 4 gr. 4 fl. 45 kr. „—— die Badenfahrt, oder Geſchichte und Beſchrei⸗ 4 bung der Bäder zu Baden im Aargau. Mit vielen Kupfern und 1 Plan. gr. 8. 2 Rkhl. 3 fl. Herr Heß iſt einer der angenehmſten und geiſtreichſten Erzähler, und ein trefflicher Beobachter von Sitten, Land und Leuten, was aus allen ſeinen Gaben hervorgeht; daher gewähren ſie nicht nur einen vorübergehenden Genuß, ſondern von Zeit zu Zeit verweilt man gerne wieder bey dieſen freundlichen Schilderungen, die theils durch die Bedeutſamkeit des Stoffes, theils die eigenthümliche Be⸗ handlung deſſelben werthvoll ſind. Hirzel, H., Eugenia's Briefe an ihre Mutter. 3 Thle. 5 3te Auflage. 12. 4 Rthl. 8 gr. 6 fl. 30 kr. Leiden und Freuden einer Badereiſe, von der Verfaſſerin der„Bilder des Lebens“ und der„Pau⸗ line Selbach.“ 8. 1 Rtöl. 8 gr. 2 fl. In den ſchleſiſchen Provinzialblättern, April 1831, findet ſich folgende Recenſion, die den innern Werth dieſes Romans am beſten beurkundet: 4 Die Leiden und Freuden einer Badereiſe haben wir mit wahrer Theilnahme geleſen und wünſchen recht ſehr, daß unſere angelegenrriche Empfehlung dieſes ſehr ſchätzenswerthen vorzüglich gut geſchriebenen Buches etwas zu ſeiner Verbreitung bey dem ſchönen Ge⸗ 2 —-—————:— — 268— ſchlecht beytragen möchte, dem es eine nützliche und anziehende Lektüre gewährt. Man erwarte keinen mäch⸗ tig ſpannenden Wechſel ungewöhnlicher, überraſchender Begebenheiten, keine ſeltſamen Charaktere. Wir finden einen einfachen, mit Geſchmack, Gefühl und Lebensweis⸗ heit behandelten Stoff; wir ſehen Menſchen von hohem ſittlichen Werthe mit lobenswerther Naturwahrheit ge⸗ ſchildert und wenn uns der Genuß dieſes Werkes nicht hinreißt, ſo befriedigt er uns durchaus und gewährt uns Anläſſe zu den fruchtbarſten Betrachtungen. Hiezu tritt noch eine bemerkenswerthe Eigenthümlichkeit dieſer Pro⸗ duktion. Die Scene iſt in die Schweiz und vorzugs⸗ weiſe in das Bad Pfeffers verlegt. Da nun aber auch die Verfaſſerin eine Schweizerin iſt, ſo erblicken wir die ganze wunderbare Scenerie dieſes Landes, welche uns faſt immer nur mit der Eraltation überraſchter Bewunde⸗ rung in Romanen geſchildert wird, hier mit der ruhigen Behaglichkeit täglicher Gewohnheit aufgefaßt, und fühlen uns in der Wirklichkeit eines Schauplatzes gleichſam hei⸗ miſch, der ſonſt wie eine Prachtdekoration uns nur als etwas Fremdes, zur Erregung unſers Erſtaunens Be⸗ ſtimmtes, enthüllt wird. Meyer, Dr. Rud., charakteriſtiſche Thierzeichnungen zur unterhaltenden Belehrung für Jung und Alt. Mit 1 Titelkupfer von Diſtel. gr. 8. 1 Rthl. 8 gr. 2 fl. Sakuntala oder der Erkennungsring. Ein indiſches Drama von Kalidaſa. Aus dem Sanskrit und Prakrit überſetzt von B. Hirzel. gr. 8. 1 Rthl. 8 gr. 2 fl. Spindler, C., der Baſtard, eine deutſche Sittenge⸗ ſchichte aus dem Zeitalter Kaiſer Rudolph II. 3 Bde. 2te Auflage. 8. 3 Rthl. 16 gr. 5 fl. 30 kr. Zſchokke, H., Alamontade, der Galeerenſclave. 5te Auf⸗ lage. 12. 4 Rthl. 3 gr. 2 fl. —— die Prinzeſſin von Wolfenbüttel. 2te Auflage. 12 4 Rthl. 3 gr. 2 fl. 2. “ Te NIIIInnnnſinniſn AAnAmnhn iſnnmnnan 15 16 17 18 [nnnſniiſ 9 10 11 12 13 14 5 L. 9 5 v Reeeeeeee⸗—