Leihbib liothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Eduard Ottkmann in Gießt Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — jek ſteht zur Lr von Mor geliehenen Buches iines Tages iſt zu 24 Stu z 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme J eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe M hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 3 3 3 4 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 1 beträgt: 3“ 8 für uochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 ——————.„ auf 1 Monat: 1 W— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„—„ 3— 4 5. Asantiee Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuri⸗ ickſendun — E — — E —— —— —— ,— A — 8 ‿ — —2 Der die RKRepublikaner. Eine Geſchichte aus dem letzten amerikaniſch⸗engliſchen Kriege. 7 a Gh. 4 Se Ca⸗ 2c Ich zittere für mein Volk, wenn ich der Un⸗ gerechtigkeiten gedenke, deren es ſich gegen die Ureinwohner ſchuldig gemacht hat. Jefferſon. Zweyter Theil. Zürich,. bey Orell, Füßli und Compagnie. 1833. XIV. Kapitel. Sebastiano.— Aber dein Gewiſſen? Antonio.— Ach Prinz wo liegt das? Wäre es ein Hühnerauge, ſo müßt' ich in Pantoffeln gehen; aber in mei⸗ nem Buſen ſchlägt dieſe Gottheit nicht. Shakespeare. Das Wigwam am Natchez bot die folgenden Tage allem Anſcheine nach wieder denſelben Anblick düſtrer und melancholiſcher Ruhe oder vielmehr Indolenz dar, in welcher der Indianer, wenn er zu Hauſe iſt, ſeine Stun⸗ den gewöhnlich hinzubringen pflegt. Das ganze Dörfchen war im tiefſten Stillſchweigen wie begraben, und ſelbſt die jüngern Wilden ſchienen die Ermüdung ihrer Väter zu theilen, und ſich einem dumpfen Dahinbrüten zu überlaſſen. So ſchien es beym erſten Anblick; allein es bedurfte einer nicht ſehr großen Aufmerkſamkeit um zu gewahren, daß dieſe ſcheinbare Ruhe einen Charakter von Aengſtlichkeit und Spannung hatte, die das ganze Völkchen ergriffen, und die auf irgend eine Verände⸗ rung im Schickſale desſelben hinwies. Der Legitime. II. 1 Ddie langen Schritte, mit denen die Erwachſenen auf das Councilhaus ſich zuſtahlen, und je zu Zweyen oder Dreyen, ohne eine Sylbe zu ſprechen, ihre langen braunen Hälſe ängſtlich der Thüre zuſtreckten; die ſcheuen Haufen von Weibern und Mädchen, die minder keck in grö⸗ ßerer Entfernung ſich hielten und ſtieren Blicks die Jungen aushorchten oder auf die Hütte des Miko her⸗ über ſtarrten, dieſe verſchiedenen Symptome ſchienen anzuzeigen, daß irgend etwas Wichtiges der Gemeinde bevorſtehe. Es war, wie bereits bemerkt, auch nicht ein Laut auf der ganzen weiten Fläche zu vernehmen. Keine Sylbe war aus dem Councilhauſe zu hören, kein Wortwechſel oder Streit. Selbſt die jüngern, bereits zu Männern heranreifenden Wilden wagten es nicht einmal ſich der Thüre der Rathsverſammlung bis zur Gehörweite zu nähern, von der ſie, der herkömmlichen Sitte zufolge, bis nach Ablegung ihrer erſten Waffenthat ausgeſchloſſen waren. Seit der Miko zurückgekehrt, war er, mit nur ſehr kurzen Unterbrechungen, mit ſeinen Kriegern und Männern im vollen Rathe verſammelt geweſen. Dieſe Berathungen hatten bereits zwey Tage hindurch ge⸗ dauert. Zu ſeiner Tochter hatte er noch nicht geſpro⸗ chen, er hatte ihr bloß ſtillſchweigend bedeutet, ſich in ihrem Stübchen zu halten, und hatte den Vorhang ſelbſt befeſtigt. Das arme Mädchen ſchien ſeit dem letz⸗ ten Auftritte all ihren leichten, friſchen, fröhlichen Sinn — 3— verloren zu haben.— War ſie mit ihrer Schweſter Ge⸗ fangene? Was war aus Mi⸗li⸗mach geworden, der nicht wieder zurückgekehrt, und den ſeine Schnelligkeit zum Liebling ihres Vaters gemacht hatte? War er viel⸗ leicht durch die Hand des Weißen in dem Kampf gefal⸗ len, den dieſer gewagt, ehe er getödtet wurde? Aber hinwieder hatte ſie keine Trophee, keinen Skalp, keine Trauer im Wigwam bemerkt.— Roſa, ihrerſeits, war um vieles gefaßter geweſen— ſie hatte Troſt im Buche gefunden, das der Methodiſtenprediger Canondah gege⸗ ben.— Und häufig hatte ſie ihrer Freundin Stellen daraus vorgeleſen, ſo ſehr dieſe auch den Kopf geſchüt⸗ telt hatte.—„Canondah“, brach ſie plötzlich aus, als Roſa ihr eine lange Stelle von der einſtigen Seligkeit der Auserwählten geleſen hatte,„hat den guten Häupt⸗ ling der Schule ſehr geliebt; nie aber hat ſie ihn leiden mögen, wenn er aus dem Buche vorgeleſen, oder ihr ſanft ins Ohr geflüſtert, ſich mit Waſſer beſprengen zu laſſen. Sie iſt ſehr froh, daß ſie ihm nicht gefolgt hat.“ „Der Häuptling hat es wohl gemeint“, verſetzte Roſa, „„ Canondah ſollte dies gethan haben.“ „Wie!“ ſprach die Indianerin ungeduldig—„Und wenn der Miko Canondahs Haupt mit dem Tomahawk geſpalten hätte, ſo würde ſie in die Hölle unter die bö⸗ ſen Weißen gekommen ſeyn, die ihre Brüder getödet, und dafür Heulen und Zähnklappern“.— Sie ſchau⸗ derte.„Nein nimmermehr!“ Roſa ſchüttelte den Kopf.„Der gute Gott würde Canondah unter ſeine Engel aufgenommen, und ſie ewig ſelig gemacht haben, weil ſie einen Bruder gerettet.“— „Engel!“ wiederholte die Indianerin—„Canondah will kein weißer Engel dafür ſeyn, daß ſie den Späher in ihr Wigwam gelaſſen hat. Sie will gar kein wei⸗ ßer Engel ſeyn. Canondah würde nimmer froh unter den weißen Engeln ſeyn, die ihre Brüder morden, und von ihrem Lande vertreiben.“ „Aber im ewigen Leben werden ſich ja die Weißen und Rothen nicht mehr morden, ſie werden ſich freuen und ewig ſelig ſeyn.“ „ Ach ſiehſt du“', ſprach die Indianerin,„daß Ca⸗ nondah Recht und der bleiche Häuptling Unrecht hat.— Die weißen und rothen Männer werden ſich freuen ihrer Thaten die ſie hier ausgeübt haben, und wegen welcher der große Geiſt ſie in die Wieſen verſetzen wird.— Aber ſie werden ſich nicht mit einander erfreuen“— Sie hielt eine Weile inne und ſchien nachzudenken.„Nein 3 Canondah glaubt es nimmermehr!“ ſprach ſie lebhaft, „Wie! der große Geiſt, der dem Nengheeſe eine weiße Haut gegeben, und dem Oconee eine rothe, der jenen ins Land über den Salzſee geſetzt und dieſen an den großen Fluß, der ſie von einander durch das Salzwaſſer und hohe Berge getrennt, ſollte ſie, wenn ſie ſich am Kriegs⸗ pfade begegnen und tödten, auf die nämliche Wieſe zu⸗ ſammenbringen?— Es ſollte keine abgeſonderte Wieſen für die Weißen und Rothen haben?— Nimmermehr!— Die Weißen und Rothen würden nimmer vergeſſen, ihre Augen würden ſie durchbohren, wie die wilde Katze und der Wieſenwolf.—„Nein!“ frohlokte ſie,„ Canondah iſt froh, daß ſie nicht das Einflüſtern gehört. Sie kann nur glücklich ſeyn, wenn ſie in die grünenden Wieſen des großen Geiſtes kommt, wo ewige Sonne herrſcht, und ihre Voreltern wandeln, und Canondah wie eine gute Tochter empfangen werden“. Sie ſchritt raſch und unge⸗ duldig im Stübchen hin und her. Auch in dieſem Punkte war ſie ganz Indianerin, die mit ihrem lebhaft natürlichen Geiſte und kindlichen Gemüthe die traditionellen Sagen ihres Geſchlechtes feſthielt.— Roſa hinwieder, obwohl in der nämlichen Schule auferzogen, war ganz die gläubige fromme Seele geworden, die ſich durch die Lehren des Evan⸗ geliums veredelt. Sie hatte nun das Buch auf die Seite gelegt und ſchien über das was ihre Freundin ge⸗ ſagt, nachzudenken, als ſie durch ein gellendes Pfeifen aufgeſtört wurde. Beyde Mädchen ſtürzten zugleich zum Fenſter, von dem jedoch Roſa eben ſo ſchnell und bleich wieder ihrem Sitze zueilte,— während die Indianerin haſtig den Vorhang an der Thüre von Innen be⸗ feſtigte. Es war ein ziemlich großes Boot, ähnlich dem, in welchem der Britte gekommen war, das durch die ge⸗ waltigen Ruderſchläge von ſechs Männern getrieben, den Fluß heraufglitt. Nebſt dieſen ſaßen noch zwey Män⸗ ner darinnen. Das Fahrzeug war in der Bucht ange⸗ kommen, wo die Canoes mit dem Boote des Britten lagen. Das Letztere ſchien beſonders einem der zwey Männer aufzufallen, der es flüchtig beſah und dann ſeinem Nachbar einige Bemerkungen mittheilte, die die⸗ ſer kopfnickend bekräftigte. Derſelbe ſtieg auch der erſte an's Land.— Er war mittlerer Größe von nichts weniger als ſtarkem oder üppigem Gliederbau, mit ei⸗ nem ſonnverbrannten, braunen Geſichte„ hohlen Wan⸗ gen, in denen die Blattern ſchwarze unangenehme auf⸗ fallende Narben zurückgelaſſen hatten— und ſpitziger, et⸗ was gerötheter Naſe. Aus dieſem ſchmalen Geſicht und den ziemlich tiefliegenden Augenhöhlen funkelten ein paar dunkelgraue Augen, die mit dem gewaltigen Schnurr⸗ und Knebelbart dem Manne kein eben ſehr anziehendes Gepräge gaben. Es ſchien jedoch ein gewiſſes Beſtre⸗ ben in ihm hervorzuleuchten, ſo anſpruchlos und natür⸗ lich wie möglich zu erſcheinen. Nur entglitten dem Auge zuweilen falſche Seitenblicke und ein hämiſches Lä⸗ cheln ſpielte unwillkürlich über das zurückſtoßende Geſicht hin, das er bey aller augenſcheinlichen Bemühung nicht ganz unterdrücken konnte, und ihm einen widerlichen Aus⸗ druck gab. Er trug einen kurzen blauen Rock, bis an den Hals zugeknöpft, eben ſolche Pantalons und eine * Kappe. Er war ganz unbewaffnet. Einige Worte ſprach er noch zu den Ruderern und ſeinem Begleiter, der mit ihm an das Ufer geſtiegen war, und dann eilte er in kurzem militäriſchen Schritte der Wohnung des Miko zu. Die Rathsverſammlung ging ſo eben aus einander, der alte Häuptling ſchritt ernſt und langſam ſeiner Wohnung zu, während die Indianer in verſchiedenen Richtungen ihren Wigwams zutrotteten.— Es ſchien als ob ſie den neuen Ankömmling vermieden.— Auch nicht einer war in ſeinen Weg getreten, obwohl er die⸗ ſes zu erwarten ſchien.— Er hatte ſchweigend dem auseinander fliegenden Haufen zugeſehen, und war kopf⸗ ſchüttelnd in die Hütte getreten. „Da bin ich, Freund Tokeah“, rief er mit einem gezwungenen Lächeln ſeine Hand dem Miko zuſtreckend, der auf ſeinem Lager ruhig mit geſenktem Haupte ſaß. „Nicht wahr, ich bin ein Mann von Wort.— Kam letzte Nacht in die Bucht; doch der Teufel hole mich, wenn's mich ruhen ließ; und ſo ging ich dann friſch drauf, die ganze Nacht und den Tag hindurch;— doch, Freunoͤchen, ich bin hungrig wie ein Seeadvokat und trocken wie ein Delphin.“ Er ſprach engliſch, mit ei⸗ nem ſtarken franzöſiſchen Accent, ſonſt aber ziemlich ge⸗ läufig. Der alte Mann klopfte mit ſeinem Finger auf die Tafel, und Canondah kam aus ihrem Stübchen heraus. „„Canondah!“ rief der Mann, galant auf ſie zutre⸗ tend, um ſeinen Arm um ihren Nacken zu legen.— Das Mädchen ſchlüpfte aber, ohne ein Wort: als Willkommen! zu äußern, durch die Thüre. Unſer Gaſt ſchien betroffen.— Eine Weile blickte er den Alten an, dann ſah er durch die Thüre, die das Mädchen ſo eben verlaſſen hatte. „Was ſoll das heißen, Freund Miko?“' ſprach er end⸗ lich—„bin ich in Ungnade gefallen? Sollte mir wahr⸗ lich leid thun. Als ich über die Wieſe herkam, ſegelten eure Leute an mir vorüber, als wäre ich ein Kaper.— Ihr ſeyd kalt wie ein Nordweſter, eure Tochter ſo ſteif wie ein gefrornes Schiffstau.— Apropos. Ihr habt einen Beſuch gehabt; der junge Britte hat, wie ich ſehe, bey euch vorgeſprochen. Die Miene des Mannes fiel lauernd bey dieſen Worten auf den alten Mann, der jedoch keinen Zug veränderte. „Von wem ſpricht mein Bruder?“ fragte der Häuptling. „Von einem Gefangenen, einem jungen Menſchen, der, während ich zur See war, entſchlüpfte.“ „Mein junger Bruder iſt wieder gegangen“, erwiderte der alte Mann trocken. „Gegangen?“ ſprach der andere ein wenig betrof⸗ fen.„Ihr wußtet vielleicht nicht, daß er von mir ge⸗ kommen.— Hat nichts zu ſagen“, ſetzte er gleich⸗ gültig hinzu. — 9— „Der Miko wußte“, ſprach der alte Mann im fe⸗ ſtem Tone,„daß ſein junger Bruder dem Häuptling der Salzſee entwiſcht. Mein Bruder hätte ihn nicht gefangen nehmen ſollen.“ „Sonderbar! Würde der Miko der Oconees nicht den Yankee gefangen nehmen, der in ſein Wigwam kommt, ihn auszuſpähen?““ „Und war mein junger Bruder ein Yankee?“ fragte der alte Mann, ihn mit einem durchdringenden Blicke fixirend. „Das nicht; aber ein Feind“— „Mein Bruder“, ſprach der alte Mann,„hat zu viele Feinde— die Yankee's, die Krieger des großen Va⸗ ters der Canadas.“ Der Mann biß ſich in die Lippen.„Bah— ſagte er endlich— ihr habt die Amerikaner auf der unrechten Seite eures Herzens, und ich beyde.“— „Der Miko“, ſprach der alte Häuptling,„erhebt die Kriegsaxt, um die Seinigen gegen die Weißen zu ſchützen, und das Blut ſeiner erſchlagenen Brüder zu rächen.— Mein Bruder hat den Tomahawk gegen alle erhoben und beſtiehlt, wie ein Dieb, Weiber und Kinder.“— Eine brennende Röthe überfuhr das Geſicht ſeines Gaſtes. Seine Zähne knirſchten.—„Fürwahr, Miko, Ihr ſagt mir da Dinge, die mein Magen eben nicht leicht verdauen dürfte.— Er maß den Alten vom Kopf zu den Füßen.— Plötz⸗ lich jedoch wieder ſein voriges Lächeln annehmend, — 10— ſprach er,„Thorheit! Werden uns da eines ſolchen Bagatelles halber ſtreiten;— jeder thut was ihm beliebt, und wofür er haften muß.“ „Als der Miko der Oconees dem Häuptlinge der Salzſee ſeine Rechte darbot, und ihn als Freund in ſeinen Wigwam aufnahm, da glaubte ſeine Seele einen Bruder zu empfangen, der den Yengheeſe den Krieg erklärt. Hätte er gewußt, daß dieſer ein Dieb iſt“.— „Monſieur Miko!“ unterbrach ihn der Seeräuber drohend. „Würde er ihn nicht als Freund empfangen haben. Tokeah“ fuhr er mit Würde fort,„hat als Miko den Tomahawk gegen die Weißen erhoben, der Häuptling der Salzſee hat ihn zum Räuber gemacht. Was ſoll Er, der Häuptling der Oconees, dem Krieger des Yengheeſe ſagen, wenn Er in ſeine Schlingen fällt? Sie würden ihn an einem Baume aufhängen.“ Die Wahrheit, furchtlos und beſtimmt vom alten Manne ausgeſprochen, machte Eindruck auf den See⸗ räuber. Er ging einige Male raſch in der Stube auf und ab, und ſtellte ſich dann wieder vor den alten Mann hin. „Laſſen wir das, Freund, ich habe die Skalps nicht gezählt, um die ihr die Schädel der Yankees betrogen, und ihr werdet nicht mit mir rechten. Was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Die Zukunft wird vieles ändern. Ich meinerſeits bin vollkommen entſchloſſen, dem wüſten Le⸗ — r —= — 11— ben zu entſagen, und dann wollen wir uns hinſetzen, und ein paradieſiſches Leben halb à l'indienne halb à la française führen. Luſtig und fröhlich!“ Der alte Mann, ohne eine Miene zu verziehen, ſprach: „Der Miko der Oconees hat noch nie ſeine Hand in das Blut ſeiner Freunde getaucht. Er iſt arm, aber ſeine Rechte hat nie berührt, was ihm nicht gehörte. Seine Väter würden mit Kummer auf ihn herabblicken, wenn er das Band der Freundſchaft mit einem Diebe knü⸗ pfen, der große Geiſt würde unwillig ſein Geſicht vor ihm verhüllen, wenn er ſein Volk durch einen Bund mit dem Räuber entehren wollte.“ Der Franzoſe hatte die Worte ruhiger, als es ſich erwarten ließ, vernommen; nur zuweilen zuckte es in ſeinem Geſichte. Plötzlich wandte er ſich. „Meint ihr ſo?“ ſprach er endlich.„Ihr glaubt alſo beſſer ohne Lafitte zu fahren. Habe nichts einzuwenden. Hätte ichs nur früher gewußt, würde ich mir die Mühe erſpart haben, eure Grobheiten anzuhören, und euch, ſie mir zu ſagen. Adieu, Monsieur Miko.“ „Mein Bruder!“ ſprach der Indianer plötzlich und beynahe erſchrocken aufſtehend,„hat Hunger; er muß eſſen; Canondah hat ihm ſein Lieblingsgericht bereitet.“ „Und dann mag ſich Lafitte um ein Haus weiter um⸗ ſehen?“ fragte der Seeräuber lauernd. „Mein Bruder iſt willkommen im Wigwam des Miko. Seine Hand verſchließt ſich nie, wenn ſie — 12— ſich einmal geöffnet hat“; ſprach der alte Mann be⸗ ſänftigend. „Nun, das läßt ſich hören; dacht ich's doch, mein alter Freund habe eine Art Spleen vom Britten ange⸗ zogen; hoffe es wird wieder vorüber gehen. Unterdeſ⸗ ſen wollen wir ſehen was die Damen machen.“ Er ſchritt dem Vorhange zu, wollte dieſen öffnen, doch vergebens. „Iſt es nicht erlaubt?“ fragte er den alten Mann. „Mein Bruder muß ſich eine andere Squaw ſuchen. Roſa wird nicht in ſein Wigwam gehen.“ Im Stübchen ließ ſich ein ſonderbarer Ton hören. Er klang wie ein Friedensruf, bald aber ſank er in —ein leiſes Lispeln. Es ſchien das Lispeln einer Be⸗ tenden. Der Seeräuber war verblüfft vor dem Vorhange und dem Miko eine Weile geſtanden.„Kein Band knü⸗ pfen, die Thüre vor der Naſe verſchloſſen“, brummte er. Eh bien, nous verrons.“ Und mit dieſen Worten verließ er die Hütte. Der alte Mann war, ohne aufzublicken, ruhig ſitzen geblieben. Zuweilen hatten ſeine harten Züge während des Wortwechſels ein verachtendes Lächeln blicken laſſen; dieß war jedoch nur vorübergehend, und er behielt ſei⸗ nen gewöhnlichen Ausdruck, nur zuletzt ſchien dieſer Mit⸗ leiden mit dem Zuſtande des Seeräubers zu bezeugen. „Ihr habt doch nichts einzuwenden“, fragte dieſer, ſeinen Kopf zwiſchen die Thüre ſteckend, wenn ich über 4 mein Boot disponire? Dürfte leicht ſeyn, daß ich wäh⸗ rend meiner Abweſenheit einen Beſuch von unwillkomme⸗ nen Güäſten erhalte.“ „Wenn der Häuptling der Salzſee auf dem Kriegs⸗ pfade iſt, ſo wird er wiſſen ſeinen Feinden zu begegnen.“ „Das iſt einmal vernünftig geſprochen“; erwiederte dieſer. „Mein Bruder iſt hungrig“, ſprach der Miko, auf ſeine Tochter weiſend, die nun mit mehrern Gerichten in die Stube trat. „Werde kommen,— der Dienſt geht vor.“— Und mit dieſen Worten eilte er dem Ufer zu, auf dem ſein Ge⸗ fährte mit verſchränkten Armen auf und ab ging, ein kleiner aber unterſetzter Mann, von deſſen ſchwärzli⸗ chem, olivenfarbigen Geſichte,— in einem ungeheuren ſchwarzgrauen Backenbarte begraben— man nichts als eine lange glühende Bardolphsnaſe erblicken konnte. Der Mann, als er des Seeräubers anſichtig wurde, nahm eine weniger ungenirte Haltung an, und ſeine Hände ſanken in die einen Untergebenen bezeichnende Lage⸗ „Lieutenant!“ ſprach der Ankommende. „Capitän!“ war die Antwort— 1 Nichts vorgefallen?“— „So wenig, daß ich zweifeln würde, ob wir uns auch im Wigwam des Miko befinden, wenn meine Au⸗ gen mich deſſen nicht ſo deutlich verſicherten. Was hat das zu bedeuten, Capitän?— Um Vergebung.“ „„ Das wollte ich Sie fragen“; verſetzte dieſer mürriſch. 21 „Sonſt hatten wir bey unſerer Ankunft den fröhlich⸗ ſten Jahrmarkt, heute iſt keine Seele zu ſehen. Die Weiber und Mädchen ſchienen Luſt gehabt zu haben, aber ſie wurden von den Männern zurückgewieſen.“ Der Lieutenant hielt inne, denn der Mann, dem er ſeinen Rapport mittheilte ſchien ſichtlich mehr und mehr ver⸗ ſtimmt zu werden. „Wie viele Köpfe haben wir unten im Sabinerſee?““ „Dreyßig— war die Antwort— die andern werden mit dem Aufräumen morgen fertig ſeyn.“ „Giacomo und George“, befahl der Seeräuber kurz gebieteriſch„gehen hinab und bringen die⸗ ſen die Ordre heraufzukommen. Zwey bleiben unten und warten auf den Nachzug, mit dem ſie ſogleich über den Sabine gehen. Die Mannſchaft kommt mit Mus⸗ keten, Bajonetten, Piſtolen und Fängern bewaffnet, und hält ſich, bis auf weitere Ordre, im großen Bogen zwey Meilen unterhalb des Wigwam verborgen.— Sehen ſie nicht hinab, und mich an'“, fuhr er verweiſend den Lieutenant an, der in der Richtung des Fluſſes hinge⸗ ſchaut hatte. „Wohl, Capitän!“ „Der junge Britte iſt hier geweſen.“ „So ſehe ich, Capitän.“ „ Und der Alte hat ihn gehen laſſen.“ „Aber ſo thaten auch Sie, Capitän, mit ſeinen Ka⸗ meraden. Ich hätte es nicht gethan.“— — 15— „„Monſieur Cloraud hätte vieles nicht gethan“, ver⸗ ſetzte der Seeräuber ſpöttiſch;—„wir konnten die Fünf doch nicht einpöckeln. Was nun mit ihnen zu thun, da wir unſre Rechnung abgeſchloſſen? Aber dieſer Laffe da hat eine Konfuſion gemacht.“ „Um Vergebung, Capitän, hat ſich ſonſt etwas er⸗ eignet?“ „Nichts beſonderes, als daß der Alte unſerer Ali⸗ lianz müde iſt.“ 3 „Pah, wir brauchen ihn nicht mehr, und mögen wohl den Unſrigen eine fröhliche Stunde gönnen.“ Der Blick des Capitains fiel mit einem unnennbaren Ausdruck von Spott und Verachtung auf den Mann.— „Deshalb alſo, meint Monſteur Cloraud, laſſe ich die Leute kommen— dieſe Stunde wäre wahrlich theuer erkauft, Herr Lieutenant— ich haſſe dumme, tolle Streiche.— Das Weitere werden Sie erfahren.“ Die Verbeugung des Lieutenants verrieth, daß der zügelloſe Seeräuber ſelbſt mit ſeinem erſten Offiziere nichts weniger als auf ver⸗ trautem Fuße ſtehe, und ſeiner Capitänswürde gehörige Achtung zu verſchaffen gewußt habe. Sein Offizier wandte ſich nun zu den Ruderern, die noch im Boote ſaßen, und ertheilte ihnen die ihm zugekommenen Ordres. In wenigen Sekunden ſchoß das Boot den Fluß hinab. „Nun wollen wir zum Eſſen. Laſſen Sie Wein bringen, Lieutenant.“. Der Lieutenant winkte einem der zurückgebliebenen = 16— Ruderer, und dieſer erhob ſich mit mehreren Bouteillen in ſeinen Händen, um den beyden Befehlshabern zur Hütte des Häuptlings zu folgen. „ Sie laſſen ſich nichts merken, Lieutenant“, ſprach ſein Chef;„ſo ungezwungen als möglich, ſelbſt ſpöt⸗ tiſch. Müſſen doch herausfinden, was der alte Kauz eigentlich im Sinne hat.” Beyde waren in die Stube getreten, wo ſie an der Tafel Platz nahmen. Dieſe war mit einem dampfenden Haunch vom wilden Büffel beſetzt, den deliciöſeſten Roast⸗ beef, das auch der Gaumen eines Königs nicht ver⸗ ſchmähen dürfte. Die Indianerin hatte es mit Sorg⸗ falt unter dem Naſen gedämpft. „Ihr werdet mir doch nicht verſagen anzuſtoßen?““ ſprach der Seeräuber, drey Gläſer füllend, von denen er eines dem Häuptling anbot. Tokeah iſt nicht durſtig”— erwiederte dieſer. 89, Wohl denn, Rum', verſetzte jener;„Lieutenant laſ⸗ ſen Sie eine Bouteille bringen“. „Tokeah iſt nicht durſtig“”; ſprach der Häuptling lauter. „Wie es gefällig iſt“, murmelte dieſer.„Iſt es nicht ſonderbar” fuhr er, zu ſeinem Lieutenant gewendet, fort, daß der ganze Saft und die Kraft des Thieres gleich⸗ ſam in dieſem bukeligten Auswuchſe concentrirt iſt? Wenn die Indianer auf ihren jenſeitigen Wieſen dieſe Rinder finden, dann möchte man wahrlich zum Wilden wer⸗ — 417— den. Immer ſind dieſe Seligkeiten reller als unſre ma⸗ gern Pfaffenlügen“. Der Lieutenant lachte pflichtſchuldigſt aus vollem Halſe. Der Miko war in ſeiner gewöhnlichen Stellung ge⸗ ſeſſen, hatte ſein Haupt auf die Bruſt geſenkt und in ſeine beyden Hände geſtützt. Er erhob dieſes, blickte den See⸗ räuber einige Augenblicke an, verſank aber wieder in ſein voriges Hinbrüten. „Laſſen Sie ſich's ſchmecken, Lieutenant“, mahnte der Capitän.—„Solche Leckerbiſſen dürften wir nicht viele mehr über unſre Zunge bringen. Der große Geiſt würde ſein Angeſicht verhüllen, wenn wir ſeine Gaben ver⸗ ſchmähten. Aber nun Freund Miko, fuhr er zu dieſem ge⸗ wendet fort, werdet ihr nicht verſagen auf das Wohl eines Gaſtes ein Glas zu leeren, ſonſt müßte dieſer noch heute Nacht aufbrechen. Er liebt ein wenig Stolz; abe Jn viel iſt ungeſund.“ „Mein Bruder“, ſprach der Miko,„iſt willkommen; Tokeah hat nie ſein Tomahawk gegen einen erhoben, den er in ſeine Hütte aufgenommen, noch hat er die Sonnen gezählt die er in dieſer geblieben.“ „Ich bin überzeugt“, ſprach der Franzoſe„daß„„To⸗ keah mein Freund iſt, und wenn irgend eine böſe Zunge Unkraut auf den Pfad, der zwiſchen uns liegt, geſäet hat, ſo wird der weiſe Miko über dieſes hinweggehen.“ „ Die Oconees ſind Krieger und Männer*, ſprach die⸗ Der Legitime. II. 2 — 48— ſer,„ſie hören die Rede des Miko, aber ihre Hände ſind frey.“ „Ich weiß es, ihr habt eine Art Republik in wel⸗ cher ihr eine Art erblicher Conſul ſeyd. Morgen wol⸗ len wir etwas näher von der Sache ſprechen. Wohlan, ſtoßt an; Friede und Freundſchaft!“ „Die Hand des Miko“, ſprach dieſer,„iſt geöffnet, und wird ſich nicht ſchließen, aber die Stimme der Oconees muß gehört werden.“ „Dieſen will der Häuptling der Salzſee etwas in die Hände drücken, das ſeine Worte wie Muſik in ihren Oh⸗ ren ertönen machen ſoll“, erwiderte der Seeräuber.„Ich habe ganz artige Dinge für die Männer, Squaws und Mädchen mitgebracht. Auch für euch etwas, in dem ihr euch wahrhaft mikomäßig, zum Verlieben ausnehmen ſollt.“ „Der Lieutenant hatte ſich zurückgezogen und die Nacht war hereingebrochen, der Halbmond ſchwand eben hinter den weſtlichen Baumwipfeln hinab, der alte Mann war aufgeſtanden, und trat ſchweigend mit ſeinem Gaſte vor die Thüre.„Mein Bruder“, ſprach er mit bewegter Stimme,„iſt nicht mehr jung, aber ſeine Zunge iſt närriſcher, als die eines thörichten Mädchens, das zum erſtenmale Glasperlen an ſeinen Hals hängt. Mein Bruder hat Feinde genug, er hat nicht vonnöthen, ſich den großen Geiſt noch zu einem zu machen. „Nun was das anbetrifft, mit dem wollen wir ſchon fertig werden, ſprach der Seeräuber lachend.” —— — — 19— „Mein Bruder', fuhr dieſer fort,„hat die Augen des Miko lange getäuſcht, aber der große Geiſt hat ſie ihm geöffnet, um ſein Volk vor dem zu bewahren, der ſeiner und der Gebeine ſeiner Väter ſpottet.— Sieh“, ſprach er, und ſeine hagere Geſtalt ſchien ſich ins Rieſenartige zu verlängern, indem er auf die Mondesſichel hin⸗ wies, die über den Gipfeln der Bäume ſchwebte;„dieſes große Licht ſcheint auf den Ufern des Natchez und es ſcheint über den Dörfern der Weißen; weder der Häuptling des Salzſees noch der Miko der Oconees haben es ge⸗ macht; es iſt der große Geiſt, der es angezündet. Hier— indem er auf das ſchlanke Palmettofeld hinwies, deſſen Säuſeln wohltönend zu ihnen herüberrauſchte— ſeufzet der Athem der Ahnen des Miko; in den Wäldern wo er geboren wurde, heult er im Sturme; beyde ſind der Athem des großen Geiſtes, die Winde, die er in den Mund unſrer Voreltern legt, die ſeine Boten ſind. Der große Geiſt hat die Haut Tokeah's roth, die ſeiner Feinde weiß gefärbt„ er hat ihnen zwey Zungen gege⸗ ben, und ſie verſtehen ſich nicht; aber der große Geiſt verſteht ſie und er erhört die Bitten der weißen und der rothen Männer; ſie liſpeln mit verſchiedenen Zungen, ſo wie hier unſer Rohr liſpelt, und unſre Eiche im Ge⸗ burtsland des Miko knarret und kracht. Höre!“⸗ ſprach er nun, und wieder richtete er ſich auf lang und lang⸗ ſam, und ſeine verwitterte Geſtalt glich einem Weſen jener Welt;„der Miko der Oconees hat euer Le⸗ — 20— bensbuch geleſen, er hat euere Buchſtaben gelernt, als er bereits zum Manne geworden, denn er ſah daß die Verſchlagenheit der Weißen von ihren todten Freunden kam. Auch dieſes Buch ſagt, was ſeine Vorfahren ihm kund gethan, daß ein großer Geiſt, ein großer Vater lebe. Höre ſerner— ſprach er— der Miko war von ſei⸗ nem Volke zum großen Vater des weißen Volkes geſandt worden, und als er mit den übrigen Häuptlingen in die Dörfer kam, wo die Weißen den großen Geiſt im gro⸗ ßen Council Wigwams verehren, fand er ſie ſehr gütig, und ſie nahmen ihn und die Seinigen als Brüder auf. Tokeah hatte ein Geſpräch mit dem großen Vater— ſieh dieß iſt von ihm“— er zeigte ihm eine große ſilberne Me⸗ daille mit dem Bilde Washingtons.„Er hat den gro⸗ ben Vater, der ein ſehr großer Krieger und ein weiſer Vater war, gefragt, ob er an den großen Geiſt ſeines Buches glaube, und derſelbe hat ihm geſagt daß er glaube, und daß dieſer große Geiſt derſelbe ſey, den die rothen Männer verehren. Das war die Rede des größten und gerechteſten Vaters, den die Weißen je hatten. Höre! — fuhr er fort— als der Miko in ſein Wigwam zurück⸗ kehrte, und gegen die untergehende Sonne kam, da ge⸗ dachte ſeine Seele der Worte des großen Vaters, und er hielt ſein Auge weit offen. So lange als er die hochaufgemauerten Council Wigwams ſah, wo die Wei⸗ ßen ihren großen Geiſt anriefen, da wurden die rothen Männer als Brüder empfangen, aber ſo bald ſie dieſe — 2,— Council Wigwams nicht länger ſahen, und ſie gegen ihre eigenen Wälder zukamen, da wurden die Antlitze der Weißen finſter, weil der große Geiſt ſie nicht er⸗ leuchtete. Tokeah hat ſich überzeugt, daß die Männer, die nicht den großen Geiſt anrufen, keine guten Men⸗ ſchen ſind. Und mein Bruder ſpottet des großen Gei⸗ ſtes und lacht ſeiner Vorväter in den ſeligen Wieſen?— Und er will ein Freund der Oconees ſeyn, denen er den einzig glänzenden Pfad rauben würde? Er will der Freund des Miko ſeyn, der unter ſeiner Laſt geſunken wäre, wenn ihm ſeine Väter nicht herüber gewinkt hät⸗ ten? Geh!“ ſprach der alte Mann, ſich mit Abſcheu von ihm wendend;“ er würde dem Miko und ſeinem Volke ſeine letzte Hoffnung nehmen.“ „Gute Nacht!“ ſprach der Seeräuber gähnend. An euch iſt ein Methodiſtenprediger verdorben.— Er wandte ſich dem Council Wigwam zu, ſeiner Wohnung während ſei⸗ nes jedesmaligen Aufenthalts im Dörfchen der Indianer. Tokeah kehrte kopfſchüttelnd in ſeine Hütte zurück. Kein Nachtgeſang hellte die trübe Stimmung des ge⸗ peinigten Greiſen auf, und nur das grelle Pfeifen der Wache, die vor der Wohnung des Seeräubers und am Ufer ſich alle zwey Stunden hören ließ, deutete auf das Daſeyn lebender Weſen im Wigwam. XV. Kagapitel. Ich habe Operationen in meinem Kopf, welche der ächte Spaß der Rache ſind. Shakespeare. „Capitän! Es iſt eine ungewöhnliche Bewegung im Dorfe“; rapportirte der Lieutenant, der die Thüre des Council Wigwam geöffnet hatte, und vor das Lager des Seeräubers getreten war. „Wie ſo?“ „Die Wilden rennen und ſpringen, als wenn ein Schock Teufel in ſie hineingefahren wäre. Sie tragen Bündel, Lebensmittel, und Waffen, alles iſt auf den Beinen.“ Der Seeräuber erhob ſich von ſeinem Lager und warf ſich in ſeinen Rock. „ Suchen Sie das Nähere herauszufinden. Ich gehe unterdeſſen zum Alten. Sollten Sie etwas Verdächtiges ſpüren, ſo wiſſen Sie was zu thun iſt.“” „Wohl, Capitän.“ — 23— „Kaum ſollte ich jedoch denken“, ſprach der Seeräu⸗ ber halb zu ſich ſelbſt—„er hat mir noch geſtern vor dem Schlafengehen eine Predigt gehalten, die mir zum wenigſten beweist, daß ihm mein Seelenheil am Her⸗ zen liegt.“ „ Aber, Capitän, dürfte ich unmaßgeblichſt“— „Was haben Sie, Lieutenant? heraus damit!““ „Wir haben noch ein ziemliches Streckchen vor uns bis wir zu— gelangen.“” „Ich weiß es.“ „Dieſe Verzögerung;“ bemerkte der Lieutenant ſchüchtern. „» Hat ſeine guten Urſachen.“ „Wohl Capitän.“— Der Lieutenant verbeugte ſich, und ſchritt wieder auf's Ufer zu, der Capitän war nachdenkend auf die Wohnung des Miko zugegangen. Er fand dieſen vor ſeiner Hütte, ſeinen Blick ſtarr auf den Fluß gerichtet. Als er den Seeräuber ſah, ſchien er in etwas ſeine Faſſung zu ver⸗ lieren. Die Begrüßung erwiderte er herzlicher als es bey ſeiner Ankunft zu erwarten war. Der alte Mann ſchien unruhig, raſtlos zu ſeyn, und es immer mehr zu werden, was ſeltſam gegen ſeinen ſonſtigen, unerſchütterlichen Gleich⸗ muth und Starrheit abſtach. Er war mit dem Seeräu⸗ ber in die Hütte getreten; beyde hatten ſich geſetzt.— Doch nicht lange, ſo eilte er wieder zur Thüre und, als ob er ſi ch erinnerte, ſetzte er ſich wieder.— Plötzlich erhob — 2½— er ſich, trat vor die Thüre, ſtreckt ſeinen Hals, und ſchien zu horchen.— Auf ein Mal ertönte das Dorf von einem langen, fröhlichen Ausrufe, der wie ein Lauf⸗ feuer von Hütte zu Hütte ging, zuletzt in einem wil⸗ den Chorus endigte, in dem Männer, Weiber, Mädchen, Junge und Kinder ihre gellend durchdringenden Stim⸗ men vereinigten. Der Miko war dem Council Wigwam ſchnell zugeſchritten. Das ganze Dorf war in Aufruhr. Hinter jeder Hecke, aus jedem Gebüſche, jeder Hütte ſtürzten Männer, Weiber und Kinder wie raſend auf das Councilhaus zu; ſelbſt die Anweſenheit des Miko ſchien ſie nicht in Schranken zu halten. Auf dem jen⸗ ſeitigen Ufer des Natchez hielten beyläufig dreyßig In⸗ dianer, alle zu Pferde. Mehrere ſuchten nach einer Fuhrt im Fluſſe; ungeduldig jedoch des Zögerns, ſtürzte ſich ein junger Mann mit ſeinem Roſſe in's Waſſer, und alle dreyßig folgten ihm, ſo wie ſie in Reihe und Glied ſich an ihn angeſchloſſen hatten. Die Breite des Fluſſes, gegenüber dem Wigwam, war beyläufig fünfhundert Fuß, und die Tiefe be⸗ trächtlich. Doch die rüſtigen Reiter ſchienen in ihrem Elemente zu ſeyn, und kaum daß ſie aus ihren Gliedern brachen, ſchwammen ſie auf ihren Pferden herüber. Der Seeräuber war haſtig an's ufer geſchritten, ſeine Zähne knirſchten und in ſeiner Miene war die gräß⸗ lichſte Wuth zu leſen.—„Zehn gute Stutzer nur!“ murmelte er dem Lieutenant zu. — 25— „Vergebung, Capitän!“ das ſind keine Oconees; das ſind Cumanchees, die haben den Teufel im Leib. Ich kenne ſie aus meinen mexikaniſchen Feldzügen.“ Die kleine Schar hatte die Bucht nun erreicht, wo die Canoes auf Wattapſeilen hingen. Mit einem Schwunge wandten ſich die Indianer auf ihren Pferden, und dann ſprangen ſie beynahe zugleich von dem Rücken ihrer Thiere auf das Ufer, zogen dieſe nach, und ſchwan⸗ gen ſich wieder auf, mit einer Schnelligkeit und Ge⸗ wandtheit, die beynahe im Zweifel ließ, ob die Fabel der Centauren nicht verwirklicht war. Der vorderſte war bis auf einige Schritte an die Oconees herangekommen, die, ihren Miko an der Spitze, vor dem Councilhauſe warteten, als der Kreis ſich öff⸗ nete, und dieſer hervortrat, die flache Hand weit aus⸗ ſtreckend. „Der große Häuptling der mächtigen Cumanchees und der Pawnees des Toyaskſtammes“ ſprach er feyer⸗ lich,„iſt willkommen!““ Der junge Indianer, an den die Worte gerichtet waren, hielt und hörte die Begrüßung mit Aufmerkſam⸗ keit an, indem er zugleich ehrerbietig ſein Haupt neigte. Als der alte Mann geſprochen hatte„ ſprang er von ſei⸗ nem Roſſe und ſchritt, ſeine flache Rechte ausgeſtreckt, auf den alten Mann zu. Als er dieſem ganz nahe ge⸗ kommen, verbeugte er ſich noch ein Mal, ergriff ſeine Hand und legte ſie auf ſein Haupt. — 26— Die gegenſeitige Begrüßung war nicht ohne Würde und hatte noch ein beſonderes Intereſſe durch den Kon⸗ traſt der ſich hier ſo auffallend zeigte. Nichts konnte wirklich einen ſtärkern Gegenſatz mit dem vertrockneten, hagern Miko bilden, der einem verwitterten Rieſenſtamme glich, ſtarr, ſchweigſam und melancholiſch da ſtand, und dem offenen männlich würdevollen und doch wieder ſo ſanften jungen Häuptling der Cumanchees. Sein ovales Haupt war mit einem maleriſchen Hauptſchmucke von Fe⸗ dern und Fellwerken bedeckt, ſeine gewölbte Stirn und blühendes Angeſicht von leichter Kupferfarbe, ſchien die wilde Kriegsfarbe ſeiner Gefährten zu verſchmähen; ſeine ausdrucksvollen, glühend ſchwarzen Augen mit der edeln Römer⸗Naſe waren im ſchönſten Einklange mit ſeiner männlich gediegenen Geſtalt, die durch ſeine Kleidung und Bewaffnung ſehr hervorgehoben wurde. Seine Bruſt bedeckte ein Wamms von blauen Fuchs⸗ fellen und von ſeinem Rücken hing eine Pantherhaut her⸗ ab, die, mit goldenen Spangen an ſeinen Schultern be⸗ feſtigt, eine Form ſehen ließ, die Thorwaldſon oder Ca⸗ nova entzückt haben würde. Es war eine herrliche Ge⸗ ſtalt männlicher Schönheit, frey, rein und unverdorben aufgeſproſſen in den entzückenden Fluren Mexicos, und in der Mitte eines mächtigen Volkes, das außer dem großen Geiſte keinen Meiſter erkannte. Ein Dolch mit Griff von gediegenem Golde ſtak in ſeinem Gürtel, ein kurzer Stutzer und eine neun Fuß lange Lanze, an wel⸗ — 27— cher ein Roßſchweif hing, boten eine Rüſtung dar, die, was Zweckmäßigkeit und Reichthum betraf, nicht ſchö⸗ ner gedacht werden konnte. Als der junge Häuptling ſich von ſeinem Roß ge⸗ worfen, wurde dieſes von einem ſeiner Begleiter aufgefan⸗ gen. Es war ein ſchönes Racepferd, gleichfalls mit einer Pantherhaut behangen, deſſen vier Enden mit goldenen Spangen am Nacken und Rücken befeſtigt waren. Es hatte weder Sattel noch Steigbügel; zu beyden Seiten hing jedoch an einem Riemen eine Kapſel herab, in wel⸗ chem die Lanze und der Stutzer ruhten. Aehnlich gekleidet und bewaffnet waren noch vier Krieger des mächtigen Indianerſtammes der Cumanchees. Sie trugen ihre Haare zu beyden Seiten der Stirne herabgekämmt, ihre Geſichtsfarbe war eine Miſchung der Oliven- und Kupferfarbe. Sie ſchienen ſtolz zu ſeyn, und ſelbſt auf die Pawnees mit einer Vornehmheit her⸗ abzublicken. Um den Hals ihrer Pferde hing der Laſſo, dieſe gefährliche Waffe, mit welcher der mexikaniſche Reu⸗ ter Feinde, Büffel und Pferde im wildeſten Galoppe fängt, indem er mit wunderbarer Schnelle und Geſchick⸗ lichkeit die Schlinge über den Kopf von Menſch oder Thier wirft. Der Ueberreſt der Schar waren Pawnees des To⸗ haskſtammes. Ihr Haar war glatt am Kopfe wegge⸗ ſchoren, und bloß ein Büſchel war am Scheitel ſtehen geblieben, ſorgfältig geflochten. Ueber ihren Schultern — 28— hatten ſie weich gegerbte, roth gefärbte Buffalophäute, die ſie mit der haarigen Seite nach inne gekehrt trugen. Statt des Sattels diente ihnen gleichfalls eine Büffalor⸗ haut. Jeder hatte einen zollbreiten Gürtel, an welchem ſein Hüftenhemd befeſtigt war. Sie trugen Mocaſſins von Elksfellen. Beyläufig die Hälfte war mit Muske⸗ ten und Stutzern bewaffnet, alle aber hatten Lanzen, ein langes Schlachtmeſſer oder vielmehr Fänger und den Tomahawk. Sie waren wohlgeformte und kräftige Män⸗ ner, verglichen mit denen die Oconees, mit ihren dün⸗ nen Armen und ſchmalen Schultern, wie Kinder aus⸗ ſahen. „Mein Bruder iſt dreymal willkommen!“ wieder⸗ holte der Miko nach einer Weile, während welcher ſein Blick mit dem Ausdrucke der reinſten Zufriedenheit auf ſeinem herrlichen Gaſte und Begleitern geruht hatte. „Hat der große El Sol der Worte nachgedacht, die ihm Tokeah durch ſeinen Läufer geſandt hat?“ kragte der Miko. „Er hat offne Ohren, und ein weites Herz mitge⸗ bracht“, verſetzte der junge Häuptling würdevoll.„Iſt die Rede des großen Miko für El Sol allein oder mö⸗ gen die Krieger der Cumanchees und Pamnees ſie auch anhören?“ fragte er nach einer Pauſe. „Die Häuptlinge und Krieger der Cumanchees und Pawnees ſind willkommen im Council Wigwam der Oconees. Sie ſind ihre Brüder.“ — 29— Als der Miko dieſe Worte geſprochen, ſtiegen die vier Cumanchees und eine gleiche Anzahl der Pawnees von ihren Pferden und gingen mit den Häuptlingen auf das Council Wigwam zu. Nachdem dieſe mit den Kriegern in die Hütte eingetreten waren, ſtiegen auch die übrigen von ihren Pferden, und bildeten, an die Hälſe dieſer gelehnt, einen Halbkreis. Näher am Councilhauſe ſtanden die Oconees, bloß mit ihrem langen Schlachtmeſſer bewaffnet, und hinter ihnen in ehrerbietiger Entfernung die jungen Männer des Wigwams, gleichfalls in einem Halbkreiſe. Weit hin⸗ ter dieſen die Squaws und Mädchen und Kinder, denen die ſtrengen Regeln indianiſcher Rangetikette ſelbſt eine nähere Anſchließung an ihre eigenen Leute nicht geſtattete. Das Wigwam hatte ſo allmählig die Geſtalt eines kleinen Lagers angenommen, in dem die verſchiedenen Truppen⸗ korps in raſcher Bewegung auf und nieder ſtrömen. An dem Ufer lagen vier Seeräuber auf ihre Arme geſtützt, während ihr Capitän und Lieutenant durch das Gebüſche dem Ufer entlang ſich ergingen. Einen ſchar⸗ fen Blick ausgenommen, den ſie zuweilen hinüber auf die Gruppen der Indianer warfen, ſchienen ſie beyde kein beſonderes Intereſſe an ihnen zu nehmen. So mochte beyläufig eine Stunde verfloſſen ſeyn, als die Thüre des Council Wigwams ſich öffnete, und To⸗ keah heraustrat, mit haſtigern Schritten als gewöhnlich dem Ufer zueilend. Er ſchien jemanden zu ſuchen, und die Seeräuber ſeine Abſicht errathend, deuteten ſchweigend auf das am Ufer krumm ſich hinziehende Gebüſch. So wie der Pirate den auf ſich zukommenden Miko be⸗ merkte, hielt er ſtille. „Die Häuptlinge der rothen Männer“, ſprach dieſer,„ſind in die Wohnung gekommen, die Tokeah ſeinem Bruder eingeräumt hat, um da Rath zu hal⸗ ten. Will der Häuptling der Salzſee ihre Rede an⸗ hören?“ Dieſer nickte bejahend, und beyde gingen durch die Menge dem Councilhauſe zu. Kaum daß einer der In⸗ dianer ſeine Augen erhob, um, wie es in civiliſirten Ge⸗ meinden der Fall geweſen ſeyn würde, aus den Geſich⸗ tern der beyden gewichtigen Männer herauszuleſen, was die plötzliche, ernſte und ſo ungewöhnliche Verſammlung zu bedeuten habe. Als ſie beyde ins Innere getreten waren, deutete der Miko ſchweigend auf den Ruheſitz. Eine geraume Weile ſchwiegen alle. Endlich begann er in feyerlichem Tone:„Häuptling der Salzſee! Zwey Mal haben die Bäume ihre Blätter von ſich geworfen, und zwey Mal ſind ſie wieder in ihre Gewänder vom großen Geiſte gehüllt worden, ſeit Tokeah und ſein Volk für Lafitte gejagt, und ihre Weiber für ihn Korn geſäet und geerntet haben.“ „Das iſt bezahlt; zur Hauptſache wenn es beliebt,“ verſetzte der Seeräuber. Die Indianer ſaßen unbeweglich.— El Sol jedoch erhob ſein Haupt und blickte den Sprecher neugierig forſchend an. „Der Miko der Oconees“, fuhr der Häuptling in demſelben kalten Tone fort,„kann nicht länger für La⸗ fitte und ſein Volk jagen. Die rothen Männer und die von der Salzſee müſſen verſchiedene Pfade einſchlagen.“ „Mit andern Worten“, unterbrach ihn der Seeräu⸗ ber,„ihr ſchlaget die Vereinigung und Verbrüderung mit Lafitte aus.— Mag er die Urſache wiſſen?“ „Sieh!“ ſprach der alte Mann, ſich von ſeinem Sitze erhebend, und durch das Fenſter auf einen Cot⸗ tonbaum zeigend, der die Hütte überſchattete,„dieſer Baum ſproß vor ſieben Sommern aus dem Boden. Er war ſo zart und klein, daß der Schnabel eines Vogels ihn hätte aus der Erde reißen können, in die die Winde den Samen hingeworfen hatten; aber dieſer kleine Same iſt gewachſen, und iſt groß geworden, und zehn rothe Männer könnten ihn nun nicht aus dem Grunde reißen. Er würde ſie unter ſeinem Gewichte begraben. Der Häuptling der Salzſee wird nie ein Jäger auf den Wieſen werden, er liebt ſeine Hand nach dem auszuſtrecken, was nicht ſein iſt; ſein Durſt nach fremdem Gute iſt ſtark geworden, wie der Stamm des Baumes, und würde alles übrige erdrücken. Er wird nie lernen, mit Wenigem zufrieden zu ſeyn.“— Der Seeräuber lächelte höhniſch, aber ſeine Züge ebneten ſich ſchnell wieder. — 32— „Der Miko— fuhr der Indianer fort— ſpricht bloß was die Freunde und Feinde Lafittes ſagen. Sieh— ſprach er, indem er aus ſeinem Gürtel die Proklamation hervorzog, und ſie vor dem Piraten aus⸗ breitete— der Vater der Weißen hat einen Preis von vielen Dollars auf ſeinen Skalp geſetzt. Er nennt ihn einen Dieb.“ Der Seeräuber hatte mit diplomatiſchem Gleichmuth zugehört. Kaum eine Miene verzog ſich in ſeinem Ge⸗ ſichte.„Dieſer elende Fetzen Papier iſt denn die Ur⸗ ſache eurer heimtükiſchen Retirade,“ verſetzte er endlich mit Verachtung.„Dieſe elenden fünfhundert Dollars, wollt ihr ſie verdienen? Hier ſind tauſend zehnmal tauſend.“ Der Indianer ſchien beleidigt.„Lafitte, ſprach er, iſt im Wigwam des Miko der Oconees, und er mag in Sicherheit ſchlafen. Die Oconees ſind arm, ihr Reich⸗ thum iſt das Feuergewehr und der Pfeil, mit denen ſie das Büffalor und den Hirſch jagen; ſie bedürfen des Reichthums Lafitt's nicht; wenig würde er auch unter ihnen finden. Ihre Pfade müſſen denn in verſchiedener Richtung gehen.“ „Ich dachte Tokeah wäre ein Mann“, ſprach der Seeräuber, der ſich eine Kaltblütigkeit aufdrang, die ihm augenſcheinlich ſchwer wurde.„Ich dachte, er wäre ein braver Feind, der das Unrecht, das die Weißen ihm zugefügt, nicht vergeſſen hätte; ich ſehe, ich habe mich — 33— geirrt.— Ein Stück Papier bewegt ihn, ſeinen ehemali⸗ gen Freund, zu verrathen.— Er iſt kein Mann.“ Das Feuer begann in den Augen des verdorrten In⸗ dianers zu glühen, als er dieſen beißenden Vorwurf hörte. Mit einer bewundernswerthen Ruhe öffnete er ſein Wamms, und zeigte die ſchrecklichen Spuren, die die Säbel und Bajonette ſeiner weißen Feinde da zurückgelaſſen hatten. „ Tokeah,“ ſprach er raſch und mit halberſtickter Stimme, „hat mehr Hiebe ausgetheilt, mehr Wunden geſchlagen und empfangen, als der Häuptling der Salzſee Finger an ſeinen Händen und Füßen hat. Er lacht der Rede Lafittes.“ „Warum alſo fürchtet ihr eine Proklamation, die euch nicht ſchaden kann? Was haben wir hier in Mexiko mit dem Gouverneur von Louiſiana und ſeinen Yankees zu thun?“ „In Mexiko?“ wiederholte der Miko. Wie meint mein Bruder dieſes? „Wir ſind in der mexikaniſchen Provinz Texas,“ ſprach der Seeräuber. Der alte Mann war während ſeines Aufenthalts an den Ufern des Natchez in der feſten Meinung geweſen, daß er mit ſeinem Volke noch immer im Gebiete des großen Vaters der Yankees ſey, und dieſer Wahn hatte den alten Mann Tag und Nacht wie ein böſer Traum verfolgt. Der Seeräuber wußte wie raſtlos er von dieſem Wahne umhergepeitſcht war, aber er hatte mit der wichtigen Entdeckung zurückgehalten, wahrſcheinlich um ihn und Der Legitime. II. 3 die Seinigen deſto mehr in ſeiner Gewalt zu haben. Auch gegenwärtig ſchien er ſie ihm bloß mitgetheilt zu haben, um ihn wo möglich von ſeinem Entſchluſſe, ſich mit den Cumanchees zu vereinigen, der nun ziemlich offenbar geworden war, abzubringen. Der alte Mann hatte die Entdeckung mit offenen Augen und Ohren, ſeine eigenen Worte zu gebrau⸗ chen, angehört. Er holte tief Athem, gleichſam als wäre er einer ſchweren Bürde ſo eben ledig geworden. „ So lebt alſo der Miko der Oconees nicht auf dem Boden, den der große Vater der Weißen für die Seini⸗ gen als Eigenthum anſpricht?“ frug er nach einer Pauſe.. „Gewiß nicht.— Ich kann euch die Mappe zeigen.“ Der Indianer verſank in ſein voriges Nachdenken. Es war dieſes eine für ihn äußerſt wichtige, erfreuliche Nachricht. Im gegenwärtigen Falle jedoch kam ſie zu ſpät, da allem Anſchein nach die Unterhanͤlungen auf einen Punkt vorgerückt waren, von dem der Miko, ſelbſt wenn er es gewollt hätte, nicht zurücktreten konnte, ohne eine herabwürdigende Blöße zu geben. Selbſt ſein gegenwärtiges Nachſinnen ſchien bereits aufzufallen, und der junge Häuptling, der aufmerkſam geworden war, brachte den alten Mann bald wieder in ſeine vorige kalte, ſtarre Ruhe zurück. „Die Hand des großen Geiſtes„“ ſprach er,„ liegt ſchwer auf den rothen Männern. Er hat ſein Geſicht verdunkelt, ihre Tapfern ſind erſchlagen— ihre Gebeine bleichen unbegraben auf der Erde.— Ihr Blut iſt in Strömen gefloſſen. Es iſt Zeit, daß die Tomahawks begraben werden, oder die Kinder der rothen Männer werden von der Erde verſchwinden. Sie haben viele Feinde, ſie dürfen dieſen Vielen nicht noch mehrere hinzu⸗ fügen— ſie dürfen die Kette des Vereines zwiſchen ih⸗ nen und den Männern der Salzſee nicht ſchließen.“ Der Seeräuber hatte geſpannt zugehört. Plötzlich fuhr er heraus: „Wenn ich jedoch euch darthun kann, daß eben dieſe Feinde um“— Er hielt inne—„Tokeah!“ ſprach er, ſich ſtolz erhebend,„ich bin gekommen, euch meine Verbrüderung anzutragen, Gemeinſchaft alles deſſen was ich beſitze, was mich jahrelange Mühe und Arbeit ko⸗ ſtete. Lafitte, der Schrecken der See zwiſchen Europa und Amerika, der Herr des mexikaniſchen Meerbuſens, bietet euch mit ſeinen Braven ſeine Freundſchaft und Bru⸗ derſchaft an. Lafitte will ſie nicht als eine Gunſt, er bietet ſie euch nur an. Nicht Er iſt der gewinnende Theil; ihr ſeyd es.— Elende und verächtliche Geſchöpfe wie ihr ſeyd, Lafitte würdigt euch ſeiner Bruderſchaft. Er wird euch beſchützen; kein Yankee ſoll euch ein Haar krümmen. Er ſchwört es. Es iſt ſein letztes Aner⸗ bieten.”“ Die Kraft und ſelbſt die Würde, mit der er dieſe Worte ſprach, würden einem beſſern Charakter wohl angeſtanden ſeyn.— Die Indianer blickten ihn über⸗ raſcht an. „Der Miko,“ ſprach der alte Häuptling mit ſeiner unerſchütterlichen Ruhe,„iſt von den Ländern ſeines Vaters gewichen, weil die verrätheriſchen Weißen ſich da niedergelaſſen haben. Seine Seele ſehnt ſich nach dem Volke ſeiner Farbe; ſein Herz iſt müde der Wei⸗ ßen;— aber der Miko iſt nicht von den Weißen geflohen, um die Schlechteſten aus ihnen in ſeinen Buſen aufzu⸗ nehmen. Die Kette, die die Oconees an das Volk der Weißen gebunden, muß gebrochen werden, ſobald der Häuptling ſeinen Rücken dem Wigwam der rothen Män⸗ ner zugekehrt hat.“. „Es iſt gut,“ verſetzte der Seeräuber mit erkün⸗“ ſteltem Gleichmuthe.„Eurem Verſprechen zufolge erwarte ich, daß die weiße Roſe mir als die Mei⸗ nige ausgeliefert werde. Ich fordere ſie als mein Ei⸗ genthum.“ „Tokeah“, verſprach die weiße Roſe dem Häuptling der Salzſee, dem Freunde der Oconees, dem Feinde der Nankees— dem Krieger; aber er hat ſie nicht dem Räuber, dem Diebe verheißen.— Der Miko hat ſie ihm verheißen, wenn der Häuptling der Salzſee in ſein Wigwam ziehen wird;— dieſes iſt ihm nun verſchloſſen, er muß ſich um eine andere Squaw umſehen.“ Ein tückiſches Lächeln umkreiste den Mund des Pira⸗ ten bey Anhörung dieſer Rede. Er ſchoß einen gifti⸗ ———— gen Blick auf den Sprecher, und trat dann raſch aus der Thüre. Die übrigen blickten kaum auf. Stumm wie ſie geſeſſen waren, blieben ſie noch eine Weile auf ihren Plätzen, und verließen dann die Rathsſtube. XVI. Kapitel. Das heißt wie ein tüchtiger Kerl geſprochen, dem ſein guter Name etwas werth iſt. Shakespeare. Die Sonne hatte bereits ihre Mittagshöhe erreicht, als die Häuptlinge das Council Wigwam verließen, um die große Verſammlung im Freyen zu halten, zu der nun alle Vorkehrungen getroffen wurden. Die Unterhäuptlinge und übrigen Krieger ſtellten ſich in zwey Halbkreiſen auf, von denen der innere, kleinere durch die ältern, der äußere durch die jüngern gebildet war. Alle ſaßen nach gewöhnlicher Indianerweiſe, ihre Schenkel in einander geflochten, in ihren Gürteln ihre Skalpiermeſſer und Tomahawks, ruhig die Erſcheinung der Hauptperſonen abwartend. Der Raum gegen das Council Wigwam, als Ehren⸗ platz, war ganz den Pawnees überlaſſen, die alle in einer Reihe herumſaßen; ein Zeichen, daß ſie insge⸗ ſammt verſuchte Krieger waren. So wie die zwey Häuptlinge mit ihren Begleitern aus der Stube heraus⸗ — 39— traten, ſtanden alle auf, und indem ſie den Halbring öffneten, gingen jene hindurch und formten einen drit⸗ ten kleinern Halbmond, in deſſen Mitte Tokeah und El Sol ſich niederließen. Die ernſte, beſtimmte und wür⸗ devolle Miene dieſer ſogenannten Wilden, ihr ſcharf durchdringender Blick, ihre männlichen, obgleich durch Wildheit verſtellten Züge und Geſtalten, gaben der Ver⸗ ſammlung ein Gepräge von Würde und Bedeutſamkeit, die auch die Theilnahme des Gebildeten um ſo mehr an⸗ geregt haben dürſte, als dieſe Menſchen zuſammenge⸗ kommen waren, ſich als freye Männer über ihr eigenes Wohl und Wehe zu berathen. Einer der älteſten Oconees aus dem zweyten Halb⸗ kreiſe brachte nun die Calumet(die Friedenspfeife). Er trat vor die zwey Häuptlinge hin, zog den Rauch ein, und bließ die erſte Wolke, die er im Mund ge⸗ ſammelt hatte, aufwärts— dem großen Geiſte zu; die zweyte abwärts, der Muttererde; und die dritte in ge⸗ rader Linie an ſeine Gefährten, ſeinen guten Willen ihnen ſo bedeutend. Als er dieſe drey Wolken geblaſen hatte, übergab er die Pfeife El Sol, der gleicherweiſe drey Wolken ausſtieß, und ſie dann weiter gab. Nach⸗ dem die Pfeife drey Runden, zur Ehre der drey Völ⸗ kerſchaften die ſich vereinigt hatten, gethan, ſtand To⸗ keah von der Erde und begann ſeine Rede. Sie enthielt nichts das unſern Leſern neu oder ſehr intereſſant ſeyn dürfte.— Es war ein Gemälde, wie es — 40— ſich von einem Manne erwarten ließ, deſſen Pinſel in die verbitterte Galle ſeines Gemüthes getaucht war, und in dem jeder Athemzug Rache und Feindſchaft ausdrückte. Er verweilte lange bey der Schilderung der hinterliſti⸗ gen Wege, durch welche die Weißen ihn und ſein Volk ihres Erbtheiles beraubt hatte„ mahlte die Betrügereyen und Erpreſſungen, die ſich ihre Zwiſchenhändler in ih⸗ rem Verkehr mit den Rothen hatten zu Schulden kom⸗ men laſſen,— deutete auf die Schlingen und Fallſtricke hin, die ihm und den Seinigen geſetzt und gelegt wor⸗ den waren, und die ihn endlich bewogen hatten, für immerdar das Land ſeiner Väter zu meiden, und dahin zu wandern, wo er hoffen konnte, daß er ſie nie wie⸗ der ſehen würde, ſein gegenwärtiges Aſyl. Er glitt etwas leichter über ſeine Verbindung mit dem Seeräu⸗ ber hin, und zwar in Ausdrücken ſo ſchonend als mög⸗ lich, erwähnte der Proklamation des Vaters der Wei⸗ ßhen, die ihm nicht länger geſtatte, mit ſeinem Volke an dem Strome zu verweilen, zu dem der Häuptling der Salzſee durch ſeine Canoes den Schlüſſel hätte. Er ging dann über zur Gefangennehmung ſeiner Tochter, und machte mit Rührung im Auge die Selbſtaufopfe⸗ rung und Gefahr, mit der El Sol ſie aus der Mitte ihrer erbosten Feinde errettet hatte, und wie der edle Häuptling die Kette dargeboten, die beyde Völker für immer mit einander vereinigen ſollte. Er eröffnete der Verſammlung, daß der große Häuptling zweyer — à1— Völkerſchaften der Sohn des Häuptlings einer dritten werden wolle, der Sproße der Mikos der Oconees; daß die drey Völker künftig bloß ein Volk ausmachen wür⸗ den, und ſo vereinigt ihrer Feinde ſpotten könnten. „Es iſt Zeit,“ ſo ſchloß er,„den Ring wieder zu ergänzen, den Blindheit zwiſchen den rothen Völkern gebrochen; Zeit, die Kinder der großen rothen Familie zuſammen zu rufen, die bisher weit von einander zer⸗ ſtreut waren. Der große Geiſt hat geſprochen, durch die That des mächtigen Häuptlings der Cumanchees und Pawnees, er hat die gebrochene Kette wieder vereinigt. Der Miko hat den Ring erfaßt und will ihn nie mehr brechen. Die Arme Tokeahs fangen an ſteif, ſeine Füße ſchwach zu werden; er hat rundumher um einen Sprößling geſucht, und er ſuchte vergebens;— nun hat ihm der große Geiſt einen geſandt, in dem Befreyer ſei⸗ ner Tochter. Das Blut der Mikos wird nicht von der Erde verſchwinden, es wird vereinigt mit dem des gro⸗ ßen Cumanchees in den Söhnen El Sols fließen. Er wird ein Sohn des Miko, ein Vater der Oconees, ein Häuptling, ein Krieger, ein Bruder ihnen ſeyn. Män⸗ ner der Oconees! ſehet hier den Sohn euers Miko!”“ Die Blicke der Verſammlung richteten ſich voll Be wunderung und Liebe an den jungen Mann, der ſich nun gleichfalls von der Erde erhob, und nachdem er ſich vor dem Miko verneigt, eine Weile inne hielt, und dann folgendermaßen begann: — 42— „Viele Sommer ſind ſeitdem verlaufen, und El Sol hatte noch nicht das große Tagesgeſtirn erblickt, welches der große Geiſt geſchaffen, um den zwey großen Vä⸗ tern der rothen Männer als Fackel zu leuchten, wäh⸗ rend ſie in ihrem Canoe über den breiten Salzſee ſchwammen, als die jungen Männer der Pawnees des Toyaskſtammes die großen Berge überſchritten, die zwi⸗ ſchen ihnen und den Wieſen der rothen Männer im weiten Lande des Mexikos liegen. Da bauten ſie ſich Hütten, und ſagten: Laſſet uns hier bleiben, denn der Büffel und Elennte gibt es in Fülle. Nachdem ſie zehn Sommer gejagt hatten, fanden die rothen Männer des Mexicos ihre Fußſtapfen, und ſie kamen mit um⸗ wölkter Stirne und Feuergewehren und auf ſchnellen Roſſen. Die Männer der Pawnees ſind Krieger, und ſie wandten ihre Rücken ihren Feinden nicht zu. Das Kriegsgeſchrey erſchallte, und zwey Männer der mexi⸗ caniſchen Krieger wurden erſchlagen, die andern flohen auf ihren ſchnellen Roſſen. Von einem der ſterbenden Krieger vernahmen die Pawnees, daß ſie Tapfere des großen Volkes der Cumanchees waren. Sie kehrten in ihr Wigwam über die Berge mit den Skalps der Er⸗ ſchlagenen zurück.“ „Groß war die Freude der Pawnees als die jungen Männer vor die Häuptlinge traten, und dieſen die Skalpe ihrer mächtigen Feinde vorzeigten, und laut war ihr Triumph; aber Ettowah, der größte der Häupt⸗ linge, erhob ſeine Stimme, und alle waren ſtille.— Männer der Pawnees! ſo lauteten ſeine Worte:„„Ihr habt zwey Skalpe von den Häuptern des mächtigſten rothen Volkes genommen, das zwiſchen der aufſteigenden und der niedergehenden Sonne lebt. Seine Krieger ſind zahlreicher als die Büffeln, ihre Roſſe flüchtiger als der Blitz, ihre Rache tödtlicher als der Biß der Schlange. Nicht lange, ſo werde ſie die Berge über⸗ ſchreiten, und die Gebeine der Pawnees werden auf ihren Gründen erbleichen, ihre Wigwams werden in Flammen auflodern, ihre Skalpe von ihren Schädeln geriſſen, und im Rauche ihrer brennenden Hütten ge⸗ trocknet werden. Männer der Pawnees! Das Auge Wacondahs ſieht finſter auf euch herab, eure Söhne ſind gegangen, wo ihre Fußſtapfen nimmermehr hätten geſehen ſeyn ſollen, ſie haben das Kriegsgeſchrey erho⸗ ben, als ſie auf unrechtem Wege waren. Sie ſind über Berge gedrungen, die der große Wacondah ſelbſt als Grenzſcheide zwiſchen den beyden Völkern geſetzt hat. Männer der Pawnees! ihr müſſet gerade machen, was eure jungen Krieger krumm gebogen, ihr müſſet die Rache der großen Cumanchees verſöhnen, weil ihr Un⸗ recht gethan habt. Es iſt beſſer, daß zehn unſrer Män⸗ ner ſterben, als das ganze Volk.”**“ „ So ſprach der große Ettowah. Laut erſchallte das Wehklagen unter den Pawnees, als ſie die Rede ihres größten Häuptlings vernahmen, aber ſie hörten auf ſeine 2 — 44— Worke, keines fiel auf den Boden; denn der große Häupt⸗ ling ſprach wahr.““ „»Die Häuptlinge und Krieger verſammelten ſich im Rathe, und bald darauf hörte das Wigwam den Todes⸗ geſang aus dem Kreiſe der Krieger und jungen Männer. Es war der Todesgeſang von Blakeagle, des einzigen Sohnes Ettowahs, die Stütze ſeines ſchwankenden Alters. Der große Ettowah ſah den jungen Krieger, ſeine Ohren fingen den Todesgeſang auf, der ſeinen Lippen ent⸗ ſtrömte, aber er ſeufzte nicht, er trauerte nicht— ſeine Seele war mit Freude erfüllt. Von neun Zungen er⸗ tönte noch der Todesgeſang, und zehn Krieger der Paw⸗ nees verließen ihr Wigwam ihren eigenen Grabesgeſang ſingend. Sie überſtiegen die Berge, und ritten auf die Wigwams der Cumanchees zu.“ „Die Cumanchees ſind ein mächtiges, aber ſie ſind mehr, ſie ſind ein großmüthiges und tapferes Volk„ ſie ſind die Blüthe und der Stolz des rothen Geſchlechtes.— „„Der große Geiſt verhüte! ſprachen ſie, daß wir die⸗ jenigen tödten ſollten, die in Frieden zu uns kommen, unſre Brüder haben nichts zu fürchten.““ „Aber zwey Väter unſrer Krieger ſind ohne Söhne, zwey von euern jungen Männern ſollen ihnen Söhne ſeyn, die übrigen mögen in ihre Wigwams zurückkehren. Blackeagle war einer der beyden, die gewählt worden wa⸗ ren, Söhne der Cumanchees zu werden.“ „Blackeagle hatte noch nicht ganz zwanzig Sommer — 45— vorüber ſchreiten geſehen; aber er war bereits dͤreymal auf dem Kriegspfade gegen die Oſagen geweſen, und er wußte einen Feind zu tödten und ein wildes Pferd zu zähmen, Die Cumanchees liebten ihn, und ihre Töch⸗ ter warfen ſehnende Blicke nach dem großen Jäger, aber in ſeiner Seele wars leer und öde, ſeine Gedanken waren bey ſeinem Vater— ſeinem Volke— ſeinen Brüdern.“ „Er liebte die Jagd der Büffel und der wilden Roſſe.“ „Einſt als er durch die endloſen Wieſen der Cu⸗ manchees dahin flog, traf ſein Blick ein Pferd, das ſchneller als der Hirſch, weißer dann Schnee, und ſtol⸗ zer als der Elk über die Fluren hinwegſetzte.— Seine Seele verlangte nach dem Stolze des wilden Roſſes, aber es ſchoß wie ein Blitz vor ihm weg. Zwey Sonnen war er ſeiner Spur gefolgt, gegen Mittag und immer gegen Mittag war es geeilt, als er es endlich auf den Wieſen des großen Häuptlings der Cumanchees fand, der gegen die heiß brennende Sonne zu lebte. Er warf ſeinen Laſſo und das Roß war ſein eigen, als die Thüre des großen Wigwams des Häuptlings aufflog und ſeine Tochter heraus kam.— Es war ihr.— Es war von den Wieſen geſprungen, und hatte ſeine Brüder auf⸗ geſucht.“ „ Blackeagle ſah Corah ins Auge, und der Laſſo ent⸗ fiel ſeiner Hand, denn die Tochter des größten der Häupt⸗ L. † — 46— linge der Cunanchees war ſchön wie die aufgehende Mor⸗ genſonne. Das weiße Roß ſprang auf die Jungfrau zu, und ſie hüpfte auf deſſen Rücken.“ „„Mein Bruder! ſprach ſie, iſt müde und Corah wird ihn in ihres Vaters Haus führen, daß er ſeine Glieder ausruhen möge; er iſt hungerig, und ſie will ihn ſpeiſen, er iſt durſtig und ſie will ihn mit dem Safte der Palme tränken; er iſt ſchläfrig, und ſie will ein weiches Lager ausbreiten. Komm mein Bruder!“““ „ Blackeagle hörte auf nach dem Wigwam der Paw⸗ nees ſich zu ſehnen, denn Corah war ihm nahe, als er das wilde Roß fing, und ſein Auge ſah den weißen Renner, wenn er auf die Jagoͤgründe flog.“ „„Du biſt mir theurer, liſpelte die Tochter des großen Häuptlings, als das Licht meiner Augen, dein Athem iſt mir ſüßer, als der kühle Morgenwind, deine Stimme wohltönender meinen Ohren, als der Geſang der Vögel. Bitte El Sol um Corah, er wird dir ſeine Tochter geben.“““ „Und El Sol ſah die Thaten Blackeagles auf den Jagdgründen, und ſeine Seele war mit ihm.“ „„ Blackeagle! ſprach er, meine Tochter ſieht mit freundlichen Augen auf dich, den Pawnee, aber der Va⸗ ter kann die Freude ſeines Herzens nicht ſeinem jungen Bruder geben, der noch keinen Feind ſeines Volkes ge⸗ tödet. Meine Krieger werden in kurzem gegen die wei⸗ ßen Männer Mexicos in den Krieg ziehen. Mein jun⸗ —— ger Bruder muß ſich an ſie anſchließen. Wenn er mit dem Siegeszeichen widerkehrt, ſo wird er El Sol als Sohn willkommen ſeyn.““ „Blackeagle hatte die Rede des großen Häuptlings gehört und ſeine Seele war hoch erfreut. Er ging auf den Kriegspfad, und brachte zwey der Häuptlinge, Männer des Mexicos mit ihm, und er wurde der Sohn des großen El Sol's und lebte in ſeines Vaters großem Wigwam.“ „Sie wurden,“ ſprach der junge Mann in langſam feyerlichem Tone,„Vater und Mutter von El Sol dem Häuptlinge der Cumanchees und der Pawnees.“— Die Augen der ganzen Verſammlung hingen in ſprach⸗ loſer Rührung auf dem jungen Anführer, als er in tiefer Bewegung inne hielt. „Die Blätter der Palmen,“ fuhr er fort,„haben ſich nicht öfters dann ein Mal erneuert, als der große Geiſt den Vater Corah's in die glänzenden, grünen Wieſen abrief. Die Häuptlinge und Krieger der Cu⸗ manchees hatten ſich verſammelt um die Worte des ſter⸗ benden El Sol zu hören, ihres größten und weiſeſten Häuptlings.„„Männer der Cumanchees, ſprach er, Blackeagle iſt ein großer Krieger, und wird ein großer Anführer werden, aber die Stimme unſrer Väter, die wir hören müſſen, verbietet, daß er je Häuptling der Eu⸗ manchees werde, aber das Blut Corah's muß wieder ein Cumanchees ſeyn. Ehret im Sohne Corah's den erſten Häuptling unſers Volkes!““ — 48— „Als der alte Häuptling dieſe Worte geſprochen, verließ ſeine Seele den Körper, und flog zum großen Geiſte. So wurde El Sol Häuptling der Cumanchees, als er nur noch wenige Monden zählte.“ „Blackeagle kehrte ins Wigwam der Pawnees zurück, und Corah und El Sol folgten ihm. Vier Häuptlinge der Cumanchees begleiteten die Tochter El Sol's und ihren Sohn, um den jungen Sprößling zu beſchützen und zu bewahren, und ihn zurückzuführen unter ſein Volk, wenn er der Milch ſeiner Mutter nicht mehr be⸗ dürfen wird. „ Blackeagle wurde ein großer Anführer der Pawnees des Toyaskſtammes, er war den Oſagen eine blitzſchwan⸗ gere Wolke, und ſie flohen vor ihm.“ „„ Vierzehn Sommer waren verfloſſen, ſieben Male waren vier Häuptlinge der Cumanchees gekommen, und eben ſo viele Male waren ſie wieder zurückgekehrt von der Obhut, die ſie über ihren künftigen Anführer gehalten hatten, als weiße Männer kamen, die ſagten, daß der große Vater das Land zwiſchen dem großen Fluſſe und dem Salzſee der untergehenden Sonne gekauft habe, und daß ſie kämen auf den Jagoͤgründen der Pawnees ſich Hütten zu bauen. Anfangs waren ihrer nur wenige, aber bald kamen ſie in größerer Anzahl.” „Die Pawnees ſahen ihre Fußſtapfen mit gerunzelter Stirne, aber Blackeagle ſprach zu ihnen und ſie ſtrekten ihre Hände den weißen Männern im Frieden entgegen.— — 49— Und die Weißen ſtahlen ihnen dafür ihre Pferde und betrogen ſie um ihre Felle. Einen Sommer hindurch hatte Blackeagle für die weißen Männer geſprochen, aber die Ohren ſeines Volkes fingen an ſich ſeinen Reden zu verſchließen, und ſie erhoben die Aexte gegen die weißen Feinde. Das unkraut begann ſchnell auf dem Pfade zu wachſen, der zwiſchen den beyden Völkern lag.“ „Blackeagle war auf der Jagd, er folgte einem Hirſche, der ſchnell vor ſeinem Feuergewehre flog, als er einem Haufen weißer Männer begegnete, die mit ih⸗ ren Gewehren ausgezogen waren. Sie ſahen in das ſtolze Auge des Kriegers, und ihre Seelen dürſteten nach ſeinem Blute. Ehe er ſprach, hatte die verrätheriſche Kugel ſein Herz durchbohrt, und er wälzte ſich in ſei⸗ nem Blute. Die weißen Männer flohen, und verlieſ⸗ ſen den Häuptling mit dem tödtlichen Bley in ſeinem Buſen.“ „Das große Himmelslicht war hinter die Erde ge⸗ ſunken, und Corah wartete vergebens für die Rückkehr des geliebten Gatten. Sie ſtarrte ängſtlich ins dunkle Zwielicht— ſie horchte, ihre Ohren waren weit offen— ſie warf ſich auf die Erde, um die leichten Fußtritte Blackeagles zu hören;— vergebens.— Kein Laut war zu hören, als das Geheul des Wieſenwolfs, und das Gebrüll der Buffalos. Sie umſchlang El Sol mit ihren Armen, und ſtürzte in den dunkeln Wald.“ „Als Mutter und Sohn den Fußſtapfen ihres Va⸗ Der Legitime. II. 4 — 50— ters, im bleichen glänzenden Nachtlichte, eine lange Weile gefolgt waren, hörten ſie das Todesröcheln des verwundeten Häuptlings. Das blaße Licht goß ſeinen Silberſchein auf die durchbohrte Bruſt des großen Bla⸗ ckeagle.— Corah ſank an ſeiner Seite nieder. Ihrem Jammer öffneten ſich ſeine ſterbenden Augen, und er richtete ſie auf Mutter und Sohn.„„Geh, ſo ſprach er, und rufe die Häuptlinge und Krieger der Pawnees, die Worte des ſterbenden Anführers müſſen von vielen auf⸗ gefangen werden, auf daß ſie die Winde nicht ſpurlos fortführen.““ Der Sohn flog zurück in das Wigwam, und ſein Geſchrey erweckte die Pawnees, ſie kamen mit den Häuptlingen der Cumanchees um die Worte des ſter⸗. benden Blackeagle zu hören.” „ Als ſie alle um ihren Häuptling verſammelt waren, ſo öffnete dieſer noch ein Mal ſeine Lippen:„„„Die Kugel des Weißen hat den Buſen des Häuptlings zerſchmettert; er iſt gefallen, und muß in der Erde ſchlafen, aber die Seele Blackeagles wird das Angeſicht des in ſeinen Wol⸗ ken thronenden Wacondah ſehen, und ſeine Bitte wird die eines Pawnee ſeyn. Für El Sol wird er die Seele eines großen Kriegers erbitten, und die Stärke des Buf⸗ falo. Höret, Männer der Pawnees, auf die Worte des ſterbenden Blackeagles. El Sol iſt durch das Blut ſei⸗ ner Mutter der größte Häuptling der Cumanchees, des mächtigſten Volkes der rothen Männer; zu ihnen muß mein Sohn mit den edlen Cumanchees eilen, die wie ge⸗ treue Wächter ſeinen Pfad im Wigwam der Pawnees bewacht haben. Er muß gehen, ſo wie das Streitroß auf dem Grabe ſeines Vaters getödet iſt. Sie werden ihn als ihren Häuptling empfangen, werden ihn lehren das wilde Pferd und ſeine Feinde zu fangen, und ſie wer⸗ den ſeinem ſchwachen Arme die Strenge des Mächtigen, ſeinen Füßen die Schnelle des Elennt geben. Sie wer⸗ den ihn zu einem gewaltigen Anführer machen, der ſet⸗ ner Feinde lacht. Wenn El Sol ſieben Sommer und ſieben Winter in den ewig grünen Fluren der Cuman⸗ chees gelebt, wird er zum Volke ſeines Vaters zurück⸗ kehren, und ihm ſagen, was er geſehen, und es führen in die grünen Fluren über den bläulichen Bergen.— Höret meine Brüder! das letzte Wort Blackeagles. Die Pawnees ſind große Krieger, aber ihre Anzahl iſt ge⸗ ring, und die Weißen ſind die Todtfeinde des rothen Geſchlechtes, ihre Seelen ſind finſter von Falſchheit, ihre Zungen ſchwarz von giftigen Lügen, ſie ſind immer hungrig, ihre Hände immer ausgeſtreckt nach dem Einzi⸗ gen, was die rothen Männer haben; ſie kamen und hielten uns ihre Hände als Freunde hin, aber ihre See⸗ len brüteten Verrath; ſie rauchten die Friedenspfeife mit den rothen Männern, aber ſie begegneten Blackeagle auf ſeinem einſamen Pfade, und ſie ſendeten ihm das tödt⸗ liche Bley verrätheriſch ins Herz. Meine Kinder ſind tapfer, aber ihrer ſind wenig, der Weißen ſind mehr als der Bäume des Waldes. Höret die letzten Worte, meine ———— Y,—sõ———— —— — 52— Brüder! El Sol iſt der erſte Häuptling der Cuman⸗ chees, er wird die Kette, die Blackeagle zwiſchen den beyden Völkern angeknüpft, noch feſter ſchlingen; die Lande der Cumanchees ſind viele Sonnen lang, ihre Buf⸗ falo und Pferde kann keine Zunge zählen. Meine Kin⸗ der müſſen dahin gehen. El Sol, wenn er nach ſieben Sommern von ihren Wigwams zurückkehrt, wird ihren Pfad von Dornen reinigen. Meine Brüder dürfen den Tod Blackeagles nicht rächen. Noch iſt es nicht Zeit.— Der Panther kauert ſich nieder, er lauert und bereitet ſich für den Sprung, ehe er ihn wagt. Meine Brüder müſſen warten bis ſie ſtark werden, bis ſie mit den Cu⸗ manchees vereinigt ſind. Wenn ſie den Tomahawk nun ſchärfen, ſo werden ſie vom Angeſicht der Erde wegge⸗ blaſen werden, die Arme der Pawnees ſind zu ſchwach, einen Streich zu führen; aber die vereinigten Arme der Pawnees und Cumanchees werden den Tod Blackeagles rächen. Von den grünen Fluren der Cumanchees,“ ſprach die ſterbende Stimme des Sehers,„wird der Baum der Freyheit für das rothe Volk erwachſen, und unter ſeinen duftenden Zweigen werden ſie ſich verſammeln, und er wird ſtehen, gleich den ewigen Felſenbergen, die für im⸗ mer mit Schnee bedeckt ſind. Das Volk von Mexico wird die eiſerne Ruthe brechen, mit der es der blöde Häuptling, der jenſeits der Salzſee wohnt, züchtigt. Nicht viele Sommer werden vergehen, und der To⸗ mahawk wird für immer zwiſchen den Männern Mexi⸗ — 33— cos und den Eumanchees begraben werden. Der Geiſt Blackeagles, der Sohn der Cumanchees, ſieht den Stern Tlaskalas wieder erglänzend, und gleich dem großen Mittagsgeſtirne ſeine Strahlen über die weiten Flächen Mexicos und den Cumanchees ſtrömend— dann meine Brüder— dann iſt die Zeit gekommen den To⸗ mahawk zu erheben.”“* „Die ſilbernen Wolken, die das bleiche Angeſicht des Nachtlichtes verhüllten, floßen nun hinweg, und als die Männer der Pawnees wieder herabſchauten auf Blackeagle war ſeine Seele zum großen Geiſte entflohen.“ „Wacondah hat freundlich der Bitte Blackeagles zu⸗ gelächelt. El Sol iſt mit ſeiner Mutter und ſeinen Brü⸗ dern, den Cumanchees, zu ſeinem Volke wiedergekehrt, wo ſein Auge zuerſt das Himmelslicht erblickte, und die Eumanchees haben um ſeine Stirn die glänzenden Gold⸗ ringe und die farbigen Federn gewunden. Sie gingen mit ihm, und zeigten ihm die weiten grünen Wieſen, die nun ſein Eigenthum waren, und die Männer und Weiber, die als Sklaven ihm, ihrem Gebieter, gehorch⸗ ten. Er blieb bey ſeinem Volke ſieben Sommer, ehe er zurück kam zu den Pawnees, um die Worte ſeines ſterbenden Vaters zu erfüllen. Er hat die Ringe der Kette, die beyde Völker vereinigt, glänzend gemacht, und den Pfad von allem Unkraut gereinigt. Die Bäume haben zwey Mal ihre Blätter abgeworfen, ſeit El Sol in dem Wigwam gewohnt, wo ſein Vater lebte, er hat — 54— oft ſeine Lippen geöffnet, und zu dem Volke der Paw⸗ nees geſprochen, aber das Herz vieler iſt gebunden an das Waſſer, wo ſie in ihrer Jugend ihre Canoes ge⸗ rudert; ihr Auge liebt es die Gräber zu ſehen, wo ihre Väter ruhen. Sie haben El Sol angehört, aber ihr Herz war in ihrem Wigwam und auf ihren Jagoͤgrün⸗ den, die ſie nicht ihren Feinden, den Oſagen, überlaſſen wollten.— Aber die Stimme Wacondahs, der durch die Zunge Blackeagles geſprochen, muß gehört, ſeine Be⸗ fehle müſſen erfüllt werden. El Sol darf nicht länger unter den Pawnees bleiben. Die Todesrede ſeines Va⸗ ters iſt in Erfüllung gegangen, und die Cumanchees ſind Brüder der Männer Mexicos geworden— Herren ihrer weiten Lande. Ihre Häuptlinge und Krieger rauchen die Pfeife des Friedens mit den großen Kriegern und weißen Männern von Mexico, ihre Krieger ſind die erſten un⸗ ter ihnen. Männer der Oconees! beſchloß der junge Häuptling, indem er ſeine Rechte erhob, und ſtolz in der Richtung der ſinkenden Sonne hinwies,„der Pfad El Sols führt zum niedergehenden Geſtirne, das ſpät in unſre Fluren kömmt, aber lange leuchtet.“ Der Eindruck den ſeine Worte auf die Verſammlung hervorbrachte, war unbeſchreiblich. Alle ſprangen auf ihre Füße, und ohne ſelbſt auf die gewöhnliche Bera⸗ thung und Entſcheidung der ältern Krieger zu warten, riefen ſie ihn alle einmüthig als ihren Führer und Nach⸗ folger in der Würde des Miko aus. — 55— Der alte Miko erhob ſich mit all dem Anſtande ſei⸗ ner königlichen Gewalt und ſprach:„Die Arme des Miko ſind welk und morſch gleich den Aeſten eines verdorrenden Baumes geworden; aber die El Sols ſind ſtark, ſeine Füße werden langſam und erſtarren, aber die El Sols ſind ſchnell;— der alte Baum erſtirbt, aber er läßt einen Sprößling zurück, der ihm Kinder geben wird, unter deſſen Schatten ſich ſeine Brüder laben, der ihnen Vater, ein Bruder ſeines Volkes ſeyn wird. El Sol wird den Oconees ein gütiger Miko ſeyn, wenn Tokeah zu ſeinen Vätern geht.“ Mit dieſen Worten nahm er von ſeinem Haupte die Federkrone der alten Miko, und ſie auf das El Sols ſetzend, begrüßte er ihn als ſeinen Nachfolger. Die Oconees kamen nun nach ihrer Rangordnung, ſich vor ihm als Häuptling zu neigen und die Cumanchees als Brüder zu begrüßen, worauf die Verſammlung ſich unter lautem, anhaltenden Freudesrufe zerſtreute. XVII. Kapitel. Juckend ſagt mein Daum mir an, Etwas Böſes naht heran. Shakespeare. Die ſinkende Sonne leuchtete auf ein fröhlich ju⸗ belndes Völkchen herüber, das die Vereinigung mit ſei⸗ nen neuen Brüdern mit einem gaſtlichen Aufwande feyerte, der in dieſem Maße noch nie in einem indianiſchen Wig⸗ wam jenſeits des Miſſiſippi geſehen worden war. So wie die große Verſammlung aufgebrochen war, waren die Pawnees in die für ſie beſtimmten Hütten ein⸗ geführt worden, die ihre Wirthe mit allem verſehen hat⸗ ten, was den Aufenthalt ihrer Gäſte ſo angenehm als möglich machen konnte. Die Pawnees, ein Stamm, der von den Handarbeiten und der Hauswirthſchaft, in welchen die Creeks in Folge ihrer nähern Verbindung mit den Amerikanern bereits ziemlich große Fortſchritte gemacht, noch gar keinen oder einen doch nur ſehr unvollkommenen Begriff hatten, ſa⸗ — 57— hen nicht ohne Verwunderung den Ueberfluß und ſelbſt Reichthum ihrer rothen Brüder an Dingen, die für ſie, die bloß von der Jagd und dem Austauſche ihrer Felle lebten, gänzlich unerreichbar geweſen waren. Der Ue⸗ berfluß an Wolldecken, den größten Luxusartikel, den ſie kannten, und Kleidungen aller Art, die verſchiedenen Meubles und Werkzeuge des Ackerbaues und Hausweſens vergrößerten in eben dem Maße ihr Staunen, als ihre Wirthe ihnen mit indianiſcher Beredſamkeit die Anwen⸗ dung derſelben erklärten. Es war der Anblick dieſer Ueberlegenheit, der allmählig den Stolz dieſer Wilden, die ſich natürlich als das ſtärkere Volk weit über die ſchwa⸗ chen Oconees erhaben glaubten, auf ſeine gehörigen Gren⸗ zen zurückwies, und den Weg zur freundſchaftlichen Ver⸗ brüderung bahnte. Doch was ihre neuen Brüder in den Augen ihrer Gäſte am meiſten erhob, war der Anblick ihrer für In⸗ dianer wirklich ausgezeichnet ſchönen Waffen, ein Punkt, der natürlich von ſo größerer Wichtigkeit bey Wilden iſt, als bey ihnen nur die erſten Krieger mit Feuer⸗ gewehren verſehen ſind. Die Freygebigkeit des Piraten ſowohl, als die Thätigkeit ihrer Weiber hatte die Oco⸗ nees im Verlauf ihrer Bekanntſchaft durchgängig mit Feuergewehren verſehen, ein Artikel, an welchem die Pawnees ſehr Mangel litten. Es dauerte daher nicht lange, daß beyde Völker beſſer mit einander bekannt, ſich auch näher anſchloßen, und das Mißtrauen der b b 5 — 53— ſchwächern Oconees und der Stolz der zurückhaltenden Pawnees ſich zu einem fröhlichen Ganzen vereinigte.— Als ſie ſich endlich auf dem freyen Platze vor dem Coun⸗ cil Wigwam zu ihrem Male niedergelaſſen, das die Squaws und Mädchen nun bereitet hatten, und jeder Pawnees eine Calabaſſe des deliziöſen Feuerwaſſers ne⸗ ben ſich fand, da wußten ſie kaum mehr ihrem Erſtau⸗ nen Worte zu geben.— Canondah hatte lange zuvor für dieſen feſtlichen Tag ihre Vorkehrungen getroffen, und ihre wirklich verſchwenderiſche Freygebigkeit hatte vor den Augen ihrer neuen Brüder Schätze aufgetiſcht, von denen dieſe nie geträumt hätten, daß ſie in einem rothen Wigwam zu finden geweſen wären. Der Miko ſelbſt war hoch erfreut, und zum erſten Male leuchtete aus ſeinen Augen reine Zufriedenheit. Wirklich ſchien er auch alle Urſache dazu zu haben. Seine ſehnlichſten Wünſche waren ihrer Erfüllung nahe, ſeine Tochter war auf dem Punkte, mit dem größten Häupt⸗ linge vereint zu werden, von dem er je gehört; ſein Völkchen war mit einem mächtigen Stamm verbrüdert.— Mit dieſen glänzenden Ausſichten verwob ſich unwillkür⸗ lich in ſeiner Seele die Hoffnung einſtiger Rache an ſei⸗ nen weißen Feinden.— Er war glücklich zum erſten Male in ſeinem langen Leben. Die ſtrengen Geſetze des indianiſchen Anſtandes hat⸗ ten bisher El Sol noch nicht geſtattet ſeine Braut zu ſehen; als aber die beyden Häuptlinge in die Hütte zu⸗ rückgekehrt waren, nahm der Miko die Hand des jun⸗ gen Mannens, und führte ihn ins innere Stübchen. Kaum hatten die vier Cumanchees die Bewegungen der zwey Häuptlinge bemerkt, als ſie die Stube verlieſ⸗ ſen, und ſich vor dem Eingange aufſtellten. „Nimm ſie hin,“ ſprach der alte Mann,„die dein iſt, und möge der Ring der dich an Tokeah bindet, nie roſten!“ Canondah näherte ſich langſam, ihre beyden Hände auf ihren Buſen gekreuzt, ihr Haupt demüthig auf ihre Bruſt geſenkt. „Hat Canondah,“ ſprach der junge Mexikaner, mit ſanfter Stimme,„El Sol nicht vergeſſen? Und will ſie ihm gerne in die grünen Wieſen der Cumanchees folgen, die weit gegen die niedergehende Sonne zu liegen?““ „Mein Befreyer! mein Gebieter! mein All!“— li⸗ ſpelte ſie, ihr Geſicht an ſeinem Buſen verbergend. Die beyden Liebenden ſtanden lange in wechſelſeiti⸗ ger Umarmung, als unterdrückte Seufzer die Anweſen⸗ heit eines Dritten verriethen. El Sol trat näher und ſah am Ende des Lagers Roſa, ihr Geſicht mit ihrem Tuche verhüllt.— Sie war aufgeſtanden, um El Sol zu bewillkommen, hatte ſich jedoch wieder zurückgezo⸗ gen, ſo wie ſie den Grund ſeines Beſuches errieth. Sie mochte fühlen, daß ihre Gegenwart die Liebenden in ihren Herzensergüſſen hemmen dürfte, und hatte ſich nach einem Auswege umgeſehen, war aber immer wieder =— 60—= zurückgetreten, wahrſcheinlich aus Furcht, die ſchrecklichen Seeräuber draußen zu treffen. Nun hatte ſie ſich in den Winkel zurückgezogen, und eine Weile das Glück ihrer theuern Freundin angeſehen.— Allmählig ſchien jedoch ein andres Gefühl in ihr aufzukeimen, ihre Augen wurden feucht und endlich brach ſie in ein lautes Schluchzen aus. Canondah entwand ſich den Armen ihres Bräutigams, und, ſich vor Roſa aufs Knie nieder⸗ laſſend, hob ſie ſanft ihr Haupt empor, und blickte ihr mit unausſprechlicher Zärtlichkeit in's Geſicht. „Weine nicht theure Roſe“ ſprach ſie—„du wirſt mit uns ziehen— Canondah wird dir Schweſter wie zuvor ſeyn. El Sol Bruder;— Er wird ſeine Augen und Ohren den Thränen der ſeufzenden Roſa nicht verſchließen.“ Sie erhob das leidende Kind, und führte ſie mit ſanfter Gewalt ihrem Geliebten zu.— Dieſer faßte mit ſeinen beyden Händen die ihrigen. „Die Schweſter Canondahs wird auch die Schweſter El Sols ſeyn, und ſeine weiten Fluren werden ſie als die weiße Roſe der Oconees begrüßen.— El Sol wird ſtolz ſeyn in ſeinem Wigwam die weiße Roſe als Schwe⸗ ſter zu ſehen.“ Er ſprach die letztern Worte mit Nachdruck aus;— ſie ſchienen dem armen Mädchen Vertrauen einzuflößen. „ Ich danke dir, mein Bruder!“ ſprach ſie mit Würde, „die verlaſſene Roſa hat doch wenigſtens eine Seele, die —— ſich ihrer annimmt.— Und der Miko hat den Dieben der Salzſee“— ſie ſtockte— „Der Dieb der Salzſee muß ſich um ein anderes Weib umſehen“— ſprach El Sol raſch.„Die weiße Roſe wird glücklich und frey unter den Cumanchees leben— und keiner meiner Brüder wird ſie mit gerunzelter Stirne anſehen.“ „ Gott ſegne dich, edler El Sol“, ſprach das Mäd⸗ chen, ſich vor ihm ehrfurchtsvoll neigend und dann zu⸗ rücktretend, als heftige, barſche Stimmen vor der Hütte gehört wurden.— El Sol ſtürzte durch den Vorhang der äußern Thüre zu, vor welcher der Seeräuber mit gezogenem Säbel ſtand, wüthende Blicke auf die vier Cumanchees werfend. Einem derſelben war ſeine Lanze entzwey gehauen. Der alte Häuptling hatte ſich in die Mitte der Streitenden ge⸗ worfen, und war nahe daran geweſen, in Stücke ge⸗ hauen zu werden.— „Ich hoffe, ich werde nicht dieſe Wilden da um Er⸗ laubniß euch zu ſprechen, zu bitten haben“, ſprach der Seeräuber ſtolz. „Die Thüre zum Wigwam iſt offen, aber meine Brü⸗ der haben ſie bewacht, während ihr Häuptling die Toch⸗ ter des Miko geſehen„ die ſein Weib werden wird,“— ſprach der alte Mann im bittend verſöhnenden Ton. „Miko!“ erwiderte der Pirate mit einer ſtolzen Be⸗ wegung.„Ich bin gekommen Euch Lebewohl zu ſa⸗ — 62— gen. Ihr geht auf eine andre Fährte— Gutes Glück! Zum Beweiſe, daß ich ohne Haß ſcheide, nehmet dieſes.“ Er legte einen Stutzer und ein Käſtchen auf den Tiſch. „Mein Bruder,“ ſprach der Miko mit einer Stimme, der man die Verlegenheit ſtark anſah,„wird doch nicht das Wigwam verlaſſen, wenn die Sonne bereits unter⸗ gegangen iſt. Will er nicht theilen mit den rothen Män⸗ nern, was ihre Armuth geben kann?“ „Lafitte iſt zu ſtolz aus einem Becher mit einem zu trinken, der ſeine dargebotene Hand zurückgeſtoßen. Miko, ich wünſche euch Glück zu euern neuen Alliirten.— Noch ein Mal, lebt wohl.“ „Halt!“ ſprach der Miko zitternd vor Scham über die Zurückweiſung ſeiner Gaſtfreyheit. „Mein Bruder muß zurücknehmen, was er der weiſ⸗ ſen Roſe gegeben. Er wird das Gold, die Korallen und alles finden. Mit dieſen Worten eilte er ins Stübchen, und kam beladen mit Kleidern und verſchiedenen nicht unbedeutenden Koſtbarkeiten.— Der Seeräuber ſtand eine Weile betroffen, wie es ſchien, über die ſtarre Ehrlichkeit des alten Mannes.„Behaltet,“ ſprach er,„was für mich keinen Werth hat;“ und ihm die Hand drückend, wandte er ſich raſch, ohne die Uebrigen auch nur eines Blickes zu würdigen. In wenigen Minuten war das Boot hinter dem Palmetto⸗Rohre verſchwunden. Die unerwartete Abreiſe des Piraten ſchien dem Miko ſchwer aufs Herz zu fallen, und auch die übrigen in eine — 6— gewiſſe Unbehaglichkeit zu verſetzen, und ſie ließen ſich ſchweigend zum Mahle nieder. Dem alten Manne war die Trennung von dem leb⸗ haften Franzoſen augenſcheinlich ſehr ſchwer gefallen. Dieſer hatte ſich während der zwey Jahre ihrer Be⸗ kanntſchaft mit einer Artigkeit, einem Zuvorkommen be⸗ tragen, die ihm die Zuneigung des Indianers in hohem Grade gewonnen hatte. Er hatte ſich an ſeine Geſell⸗ ſchaft gewöhnt, und liebte es, ihn um ſich zu haben. Tokeah, wie wir geſehen haben, war ein Mann, er⸗ graut in Gefahren und jenem Mißtrauen, das den ge⸗ drückten ſchwächern Indianern, gegenüber ſeiner ſtärkern weißen Unterdrücker natürlich iſt. Die mannigfaltigen Verräthereyen, zu denen er wahrſcheinlich in jüngern Jahren ſeine Zuflucht nehmen mußte, um dieſen einigermaßen die Spitze zu bieten, und die wieder mit derſelben verrätheriſchen Münze bezahlt worden waren, hatten ſeine im Grunde hochherzige und wahrhaft könig⸗ liche Seele getrübt;— die Maske jedoch, in der Lafitte ſich ihm genähert, war ſo himmelweit von dem kalt ab⸗ weiſenden höhniſch verächtlichen Weſen verſchieden geweſen, in welchem ihn die Amerikaner ihre Ueberlegenheit fühlen ließen, daß er allmälig zu ihm Zutrauen oder vielmehr Zuneigung gefaßt hatte. Der Seeräuber hatte für die rohen Produkte und die verſchiedenen Artikel, die ihm die Oconees zu liefern im Stande waren, nicht nur auf eine wirklich freygebige Weiſe — 64— bezahlt, ſondern dieſer Austauſch war auch nicht mit dem mindeſten Symptome von Ueberlegenheit ſeinerſeits be⸗ trieben worden; im Gegentheile, er hatte ſich den In⸗ dianern ganz gleich geſtellt. Es ſchien als ob er ſeinen jedesmaligen Aufenthalt im Wigwam als eine Erholung von ſeinen blutigen Umtrieben angeſehen hätte. Er hatte mit ihnen getanzt, gejagt und ſich allen ihren Unter⸗ haltungen auf die natürlichſte Weiſe angeſchloſſen.— Den alten Miko hatte ſeine unerſchöpfliche Sprachſeligkeit und Reichthum an kriegeriſchen Abenteuern oft bis Mitter⸗ nacht wach gehalten. Der muntere luſtige Häuptling der Salzſee, der mit einer liebenswürdigen Anſpruchloſigkeit die glänzendſte Freygebigkeit vereinte, und in ſeinem Verkehr eine Ehrlichkeit und Gewiſſenhaftigkeit zu er⸗ kennen gab, welche die Indianer noch nie geſehen, und die mit den Betrügereyen der Weißen ſo ſeltſam abſtach, hatte ſeine ganze Zuneigung gewonnen. Sein Prahlen mit ſei⸗ nen Waffenthaten bezog ſich zudem ſo ganz auf ſich ſelbſt, und hatte für den Miko, mit deſſen Volke er nie in Feindſchaft geweſen, ſo wenig Beleidigendes, daß die Ei⸗ genliebe dieſes auch nie verletzt worden war. Es war, ſo ſprach er öfters, ein ungeheurer Unterſchied zwiſchen den höhnenden, kaltherzigen und alles mit Verachtung wegweiſenden Nankees, wie er gewöhnlich die Amerikaner nannte, und dem artigen, freundlichen Häuptling der Salz⸗ ſee, der mit ſeinen Thaten prahlte, ohne die Anderer herabzuſetzen. — 65— So war es denn natürlich, daß ſich der Seeräuber gewißermaßen in ſeinem Herzen auf eine Art gebettet hatte, die ſelbſt die Entdeckung ſeines wahren Charak⸗ ters nicht mehr in Gleichgültigkeit oder Verachtung um⸗ zuwandeln fähig war. Er hatte deshalb nicht ohne Seelenkampf ihm ange⸗ kündigt, daß ihre Verbindung nun getrennt werden müßte, und vielleicht würde er doch noch, trotz ſeines mikoiſchen Stolzes, wenigſtens eine gewiſſe entferntere Verbindung erhalten haben, wenn nicht El Sol gewe⸗ ſen wäre. Als er aber dieſem in der Unterredung, die ſie vor der Verſammlung hatten, einige Winke rückſichtlich der Vortheile gab, die auch den Cumanchees von einem nä⸗ hern Verbande mit dem Seeräuber zufließen müßten, warf der edle Mexicaner die bloße Zumuthung mit einer Verachtung von ſich, die dem Miko für immer den Mund ſchloß. „ Bisher,“ ſo ſprach der edle Wilde,„waren die Oconees die Unterdrückten„ und als ſolche werden ſie von den Cumanchees mit offenen Armen aufgenommen werden. Ihre Hände ſind nicht mit Diebſtahl befleckt, ihre Wigwams nicht mit geſtohlener Beute der Geplün⸗ derten gefüllt. Wenn Tokeah ſich mit dem Diebe ver⸗ einigt, werden die Cumanchees ihre Dörfer vor ihm ſchließen; die Oconees würden verdienen, daß man ſie gleich reißenden Panthern mit Hunden hetze.“ Der Legitime. II. 5 = 66— Des jungen Mexikaners Auge hatte lang und for⸗ ſchend auf dem Seeräuber geruht, der ihm, wie es ſchien, nichts weniger als angenehm war. Vielleicht daß er, der freyer in ſeinen Verhältniſſen, und nicht durch Furcht und eine herrſchende Leidenſchaft niedergedrückt war, auch unbefangener urtheilen konnte. Er fühlte ſich in der Nähe des Seeräubers unheimlich. Das Dörfchen war im größten Aufruhr. Wildes Jauchzen, der Schall der Trommeln und der Schellen hatten, mit den allzureichlichen Gaben Canondahs, die Freude des Völkchens zur Tollheit geſteigert. Die Pawnees hatten mit den Oconees ſich zum Nacht⸗ tanze vereinigt.— Und nun führten ſie den Kriegertanz ihres Stammes auf. Der junge Häuptling hatte ſchweigend ſeinen Gefähr⸗ ten zugeſehen, und war wieder mit bedenklicher Miene in die Hütte zum Miko zurückgekehrt. „Mein Vater“, ſprach er in einem ehrerbietigen aber zugleich beſtimmten Tone,„iſt weiſe und ſeine Augen haben der Sommer viele geſehen; aber die Seele des Diebes iſt umwölkt.“ „Es iſt die Seele eines tanzenden Mädchens, die ſich umwölkt, weil man ihr ihre Corallen genommen“, erwiederte der alte Mann, auf den Vorhang deutend, hinter welchem Roſa war. „Seine Zunge iſt die Zunge einer Schlange, aber ſie iſt nicht halb ſo giftig, als der Stachel ſeiner Au⸗ — 67— gen— ſeine Seele ſchießt drohende Blicke. Mein Va⸗ ter muß ſeine Augen weit aufthun.“ „Tokeah hat ihn zwey Sommer geſehen, und hat ein Mädchen erblickt,“ ſprach der alte Mann mit der Zuverſichtlichkeit, die dem Alter eigen iſt, das ſeine angenommene Meinung nicht fahren laſſen will. „Seiner Männer ſind wenige“, fügte er hinzu,„und die übrigen ſind über vier Sonnen gegen der Salzſee zu, und El Sol weiß, daß die Oconees morgen auf⸗ brechen.“ Obwohl er wußte, daß der Seeräuber ein Boot den Fluß hinabgeſchickt hatte, ſo machte er von dieſem Um⸗ ſtande doch keine Erwähnung, entweder weil es ſich wäh⸗ rend des verlängerten Aufenthalts Lafittes häufig ereig⸗ net hatte, oder er es nicht der Mühe werth hielt, die Unruhe ſeines Gaſtes durch eine anſcheinend ſo unbedeu⸗ tende Maßregel zu vermehren. Es war dieſelbe Eigen⸗ liebe für ſeine einmal angenommene Meinung, die ſei⸗ nen Mund verſchloß. Er war ein Mann, der, wie wir geſehen haben, ſo wie der Tiger an dem zerfleiſchten Büffel und die wilde Rebe am Cottonbaume, ſo an der einmal vorgefaßten guten oder böſen Meinung hing. Er hatte nun einen günſtigen Begriff von dem Seeräuber, und dieſer hatte ſich in ſeine Seele gleich den übrigen eingegraben, und nichts in der Welt war im Stande ihn daraus zu verdrängen. Der junge Mexieaner ſchien beruhigt und ſchwieg. — 68— Die Nacht war weit vorgerückt, und der Tanz vor⸗ über, die Töne der Inſtrumente waren verklungen, bloß einzelne Stimmen ließen ſich noch hören; allmälig ſchwie⸗ gen auch dieſe, und das Dörſchen verſank in Ruhe. Der alte Miko faßte nun die Hand El Sols und führte ihn ins Stübchen. „Canondah!“ ſprach er mit milder Stimme. Das Mädchen ſtand bereits vor ihm, ihre Hände wie gewöhnlich auf ihren Buſen gefaltet. Ein melancholiſches Lächeln ſpielte auf ihren ängſtlichen Zügen, und eine Thräne perlte über ihre Wangen. Ihre liebenswürdig muntere Laune ſchien auf immer von ihr geflohen zu ſeyn. Der Vater nahm die beyden Hände des jungen Mannes und, ſie auf die Schultern der Tochter legend, übertrug ſo ſeine väterliche Gewalt auf ihn;— dann legte er ſeine beyden Hände auf ihre Scheitel und ſprach: „Möge der große Geiſt eure Vereinigung mit vielen tapfern Kriegern ſegnen!“ „Und ſoll El Sol ſein Weib mit ſchmerzerfülltem Herzen in ſein Wigwam führen?“ ſprach mild der Bräutigam. „El Sol iſt Canondah theurer, als die Sehnen ih⸗ res Lebens; er iſt die lieblichſte Blume, die ihr Auge je gegrüßt; ſeine Stimme iſt ihren Ohren Muſik, und ſeine Liebe der Born ihres Lebens; aber die Bruſt Canondahs iſt enge und droht zu zerſpringen.— Der große Geiſt flüſtert ihr etwas zu, aber ſie kann ſeinem Flüſtern keine — 65— Worte geben. Sie ſprach dieſe Worte und faßte dann Roſa beynahe fieberiſch an, und drückte einen langen Kuß auf ihre Lippen.— Bereits war ſie zur Thüre hinaus, als ſie nochmals zurück eilte und Roſen umfing.„Roſe,“ murmelte ſie mit hohler Stimme,„willſt du dem Miko Tochter ſeyn, wenn Canondah nicht mehr iſt?““ „„Ich will;“ ſchluchzte Roſa. „„ Verſprichſt du mir bey dem großen Geiſte, ihn nicht zu verlaſſen?“ „ Ich verſpreche es“, ſchluchzte Roſa ſtärker. Der Miko, der ſchweigend und im Nachdenken ver⸗ ſunken geſtanden war, machte nun ein Zeichen, und Ca⸗ nondah ſchwankte ihrem Gatten zu, der ſie in ſeine Arme ſchloß, und mit ihr in das Councilhaus ging, wohin Tokeah vorangeſchritten war. XVIII. Kapitel. Ich bitte euch tretet leiſe, damit der blinde Maulwurf keinen Fuß fallen höre. Shakespeare. Mitternacht war vorüber, und Dorf und Flur im tief⸗ ſten Schlafe begraben.— Von dem uUfer her ſtahl ſich ein Mann im behutſamen Schritte auf die Hütte des Miko zu; er hatte einen gezogenen Säbel unter dem Arm, und blickte, als er zur Laube vor dem Häuschen gekommen war, ſcheu und bedächtig um ſich her, dann, ſich wendend, war er im Begriffe, eben ſo ſtill und leiſe zurückzukehren, als plötzlich eine Büffelſchlinge um ſei⸗ nen Nacken fiel, und er zur Erde geworfen ward, ſo ſchnell und unwiderſtehlich, daß es mehr das Werk eines unterirdiſchen, denn eines menſchlichen Weſens ſchien. Sein Säbel entfiel ſeiner Hand, ehe er noch im Stande war, ihn ſeinem Halſe zu nähern, und ſo die Schlinge zu zerſchneiden, mit der er gefangen war. Das Ganze war mit einer ſo verrätheriſchen Schnelle und Heimlich⸗ keit vor ſich gegangen, daß eine Schar bewaffneter Män⸗ — 71— ner, die näher der Bucht und kaum dreyßig Schritte von der Hütte entfernt ſtanden, in gänzlicher Unwiſſen⸗ heit über das Vorgefallene waren. Doch nun brach eine Stimme von unſichtbaren Lippen, die die Todten in ih⸗ ren Gräbern hätte aufregen können, und die Thüre des Council Wigwams flog mit einem gewaltigen Gekrache auf, und mitten unter dem Aufleuchten von Schüſſen, die vom Ufer her krachten, ſtürzte eine kräftige Geſtalt aus der Hütte, die etwas Schweres in ih⸗ ren Armen trug, und verſchwand zwiſchen den Ge⸗ büſchen und Hecken. Eine zweyte Stimme ließ ſich nun vernehmen, die dem Innerſten von tauſend Kehlen zu entſteigen ſchien, und die ſich nun in jeder Richtung, jeder Hecke, jedem Gebüſche vervielfältigt hören ließ, ſo furchtbar raſend, als ob die Dämonen der Hölle los⸗ gelaſſen, in ihren nächtlichen Raſereyen tobten. Zu glei⸗ cher Zeit begann ein regelmäßiges Pelotonfeuer vom Ufer⸗ kamme herüber zu rollen, und eine Hütte nach der andern fing an in bläulichten Flammen aufzuflackern, die zitternd und an Ausdehnung gewinnend bald ins hellglänzende Roth übergingen, und ſich über Dach und Hütte hinlagerten. Mitten in dieſem fürchterlichen Aufruhr war nochmals eine Stimme gehört worden, die dem Brüllen des Löwen glich, wenn er raſet in ſeiner höchſten Wuth. Es war der Warwhoop El Sols. Der edle Mexikaner war durch den Nachtgeſang ſeiner geliebten jungen Gattin in Schlaf gelullt worden, als * ihn der wohlbekannte Yell weckte. Mit der einen Hand hatte er ſein geliebtes Weib aufgefaßt, mit der andern ſein Schlachtmeſſer und ſeinen Stutzer, und dann ſtürzte er aus der Thüre, wo ihn eine Salve von Musketen begrüßte. Der Häuptling fühlte ſeinen linken Arm durch eine Kugel geſtreift, er begann zu zittern, ein leichter Schauder zuckte durch ſeine Glieder.„Canondah,“ murmelte er in heiſerm Tone, indem er, gleich einem verwundeten Hirſche, über die Hecken dem Walde zu ſprang—„Canondah fürchte nichts, du biſt in den Armen El Sols!“ Sie gab keine Antwort, ihr Haupt war auf ihre Bruſt geſunken, ihr ganzer Körper fing an krampfhaft zu ſchlottern und ſich zu dehnen;— einen Augenblick ſchoß der furchtbare Gedanke durch ſeine Seele— aber es war unmöglich, ſein Arm hatte die Kugel aufgefangen; bloß Schlaf und Schrecken hatten ſie überwältigt, das Blut das über ihn geronnen, war aus ſeiner Wunde gefloſ⸗ ſen. Noch während er vor ſeinem verrätheriſch unſicht⸗ baren Feinde flog, kamen ſeine heulenden Krieger aus jeder Hütte, jeder Hecke, beynahe inſtinktartig auf ihn zugeſtürzt. Ehe er zum Waldesrande gekommen, ſah er ſich bereits von ſeinen Getreuen umringt.„Es iſt der Seeräuber,“ flüſterte er ſeinem Weibe zu, drückte noch einen Kuß auf ihre Lippen, und legte ſie ſanft auf den Raſen hin, dann in die Mitte ſeiner Krieger tre⸗ tend, ließ er den ſchrecklichen Kriegesruf ertönen.— — 1— „Sieh die Treue des weißen Diebes!”“ indem er auf die im Feuer auflodernden Hütten wies. Es war ein wildſchöner, ſchauerlicher Anblick; be⸗ reits mehr denn dreyßig Hütten waren hoch in Flam⸗ men aufgelodert, und beleuchteten den ganzen herrlichen Ufergürtel, die breiten Flammenſtreifen die durch die Vis⸗ tas der Cypreſſen und Mangroowen auf den Waſſerſpiegel fielen, zeigten jede Hütte deutlich im erglänzenden, ge⸗ rötheten Wiederſchein. Noch immer wurden einzelne Schüſſe gehört, und nach jedem flackerte eine Hütte auf. um den jungen Mexikaner herum war plötzlich eine tiefe Stille eingetreten, bloß von dem Geheule einzelner verſpäteter Pawnees und Oconees unterbrochen, die in ihrer Trunkenheit noch nicht wußten, wen ſie als ihren Feind zu betrachten hatten. „Wo iſt der Miko?“ fragten fünfzig Stimmen:— Keine Antwort.— Ein weiblicher Angſtruf tönte vom Ufer her und verſcholl in den Lüften. El Sol war ſchweigend geſtanden, ſein Auge auf die brennenden Hütten gerichtet, hinter denen, nahe am Uferkamme, die glänzenden Feuergewehre der Seeräuber deutlich zu er⸗ ſehen waren. Nicht über fünf Minuten waren verſtri⸗ chen, ſeit der erſte Yell die Gegenwart von Feinden an⸗ gezeigt hatte, aber bereits hatte der junge Krieger ſeinen Plan entworfen, und er gab nun ſeine Befehle in dem entſchiedenen kurzen Tone, der Bewußtſeyn unbegrenzter Gewalt und zur Gewohnheit gewordenen Gehorſam ver⸗ — 74— rieth. Einer der Cumanchees, gefolgt von der Mehrzahl der Pawnees und der Oconees, glitt durchs Gebüſch hin, während er ſelbſt mit den drey übrigen Cumanchees und einer Schar verſuchter Pawnees längs dem Waldes⸗ ſaume fortſchoß. Der breite Gürtel, auf dem das Dörfchen zerſtreut lag, ſchwoll, wie wir bereits erwähnt haben, unmittelbar am Ufer in einen zweyten etwas erhöhten Kamm an, der mit Mangroven und Myrthengebüſche überwachſen war, und durch den ein breiter Fußweg mitten hindurchführte. Die Erhöhung über den Gürtel mochte zwanzig Fuß betragen. Dieſer Gürtel lief die ganze Länge des Dörf⸗ chens hinab, ausgenommen an der Bucht, wo ihn die Natur in einen kleinen Hafen ausgebrochen hatte. Nahe an dieſem verrieth das Glänzen der Musketen ein ſtarkes Piquet, das wahrſcheinlich beſtimmt war, die Boote zu bewachen. Dieſes Piquet wurde allmählig durch einzelne ſcharmuzirende Seeräuber verſtärkt, die die Hütten in Brand geſchoſſen hatten. Längs dem bebüſchten Gürtel waren mehrere Vor⸗ poſten aufgeſtellt, welche die Verbindung zwiſchen dem Pi⸗ quet an der Bucht und einem zweyten Poſten, der zur Hütte des Miko vorgedrungen war, erhalten und, nach Bedürfniß, das eine oder das andere unterſtützen ſollten. Es ſchien aus dem Ganzen hervorzugehen, daß der Seeräuber es darauf angelegt habe, den Miko und ſeine Pflegetochter aufzuheben. Vermuthlich würde es ihm auch ganz in der Stille gelungen ſeyn, wenn nicht zwey Cumanchees, nach der Sitte ihrer Nation, während der Brautnacht vor der Thüre ihres Häuptlings die Wache gehalten hätten. Auch ſie hatten in vollem Maße die verſchwenderiſche Gaſtfreundſchaft des Miko und ſeiner Tochter genoſſen, aber ihre Sinne, obwohl betäubt, wa⸗ ren nicht ſtark genug angegriffen, um die den indianiſchen Ohren ſo leicht merkbaren Fußtritte eines Weißen nicht ſogleich zu erkennen. Der Seeräuber mochte die Indianer, während der zwey Jahre ſeines Verkehrs, zu genau ins Auge genom⸗ men haben, um nicht die Schwierigkeiten eines Kampfes bey Tageszeit einzuſehen, wo jeder ſeiner Männer ein leichtes Ziel der hinter den Bäumen und im Geſträu— che verſteckten Wilden geworden wäre; er hatte deshalb die Nacht gewählt und, um ſich vor einem Ueberfalle im Dunkeln ſo viel als möglich zu ſchützen und zugleich Schrecken unter ſeine Feinde zu verbreiten, hatte er die Hütten anzünden laſſen. Drey geübte Schützen waren in geringer Entfernung vom Council⸗Wigwam aufgeſtellt, mit der beſtimmten Weiſung, den jungen Häuptling, den er als den gefähr⸗ lichſten ſeiner Gegner erkannte, niederzuſchießen. Er ſelbſt mit einer gewählten Schar war zur Hütte des Miko vorgedrungen, hatte dieſe umringt, und ſich deren beyden Bewohner bemächtigt. Wahrſcheinlich hatte der ſonſt ſo nüchterne Miko dießmal gleichfalls ſeine Maſ⸗ — 76— ſigkeitsregel übertreten, und war ſo dem Seeräuber be⸗ wußtlos in die Hände gerathen. So ſchnell und be⸗ ſtimmt waren alle Bewegungen ausgeführt worden, daß kaum der erſte Aufruf zu den Waffen verklingen konnte, als auch die Hütte bereits umringt, und der Miko mit der weißen Roſa in der Gewalt des Seeräubers waren. Die⸗ ſer hatte nun ſeine Truppe in ein kleines Viereck gebil⸗ det, und war der Hütte gegenüber am erwähnten Ufer⸗ gürtel angelangt;— die Truppe marſchirte im raſchen Doppelſchritte. Kein Indianer war zu ſehen oder zu hö⸗ ren. Das Viereck war bereits in der Nähe der Bucht, und nur wenige Schritte vom daſelbſt ſtationirten Pi⸗ quet entfernt;— wenige Schritte mehr, und ſie waren in ihren Booten, die ein paar Ruderſchläge in die Mitte des Stromes, und ſo aus dem Bereiche der Kugeln der Indianer bringen konnten. Eine Verfolgung mit den Canoes, in denen jeder Indianer einen ſichern Schuß darbot, war nicht gedenkbar.— So mochten die Pläne des Piraten, nach der Entwickelung derſelben zu ſchließen, geweſen ſeyn. Er war nun auf dem Punkte ſich mit ſeinem Piquet am Ufer zu vereinigen, als auf ein Mal das Gebüſche, unmittelbar vor ihm, rege zu werden an⸗ fing, und die im Feuer glühend roth erſcheinenden In⸗ dianer ſich blicken ließen.— Schultert! kommandirte der Seeräuber ſeine Männer, die feſt und ruhig fortmarſchir⸗ ten, und mit einer Art Verwunderung auf das Gebüſche hinſchielten, wo es ſich zu regen anfing, als ob einige — 77— Dutzende Anucondas ſich durchwänden. Sie hatten ſich ans Piquet angeſchloſſen, und das kleine Viereck öff⸗ nete ſich. Lafitte warf Roſa in die Arme eines Matroſen, und ſtieß dann den Miko über den Uferrand dem Boote zu. Der alte Mann ſank wie eine lebloſe Maſſe ins Schiff⸗ chen. Lafitte hatte ſich ſchnell zu den Seinigen wieder gewandt. Das erſtere Piquet hatte ſich bereits unter dem Kamme außer dem Bereich jeder Kugel gezogen, nur das Quarré ſchien noch die Bewegungen ſeiner Feinde zu beobachten, und den allgemeinen Abzug decken zu wol⸗ len. Es war eine kleine, aber fürchterliche Bande von etwa vierundzwanzig Mann, zu der alle Nationen, alle Welttheile, alle Farben und Sprachen, ein gräßliches Quantum abgegeben hatten. Mordluſt im funkelnden Auge, ſtanden ſie mit aufgepflanzten Bajonetten; kein Laut entfuhr ihnen. Sie hatten ſich in eine Angriffs⸗ colonne geformt.— Plötzlich erſchallte der Warwhoop aus hundert Kehlen, und das ſchreckliche Geheul wieder⸗ holte ſich verſtärkt durch die gellenden Töne der Squaws und Mädchen, die im ſchaudervollen Chorus den Todtenge⸗ ſang anſtimmten, und gleich Dämonen um die brennen⸗ den Hütten herum liefen. Auf einmal ſtürzten die Indianer, gleich ſo vielen Tigern in ihren Höhlen an⸗ gegriffen, mit raſendem Geſchrey der Bucht zu. Ein tückiſches Lächeln umſpielte die harten Züge des Piraten, als die Indianer auf ihn und ſeine Bande los⸗ 5 — 78— ſtürzten;—„Reſerve vor!“— wandte er ſich zu dem unten ſtehenden Piquet— und wieder ſchweig er.— Er ließ die heulenden Indianer herantoben, bis ſie neun Schritte vor der Mündung ſeiner Gewehre waren, und rief dann ein rauhes„Feuer!“— und die erſten Reihen der Angreifenden wälzten ſich in ihrem Blute.— Die Wil⸗ den prallten auf einen Augenblick zurück, und dann ſtürz⸗ ten ſie mit einem zweyten, verzweiflungsvollen Sprunge an die Seeräuber.— Dieſe hatten kaltblütig ihre Gewehre in den linken Arm geworfen, und nach ihren Piſtolen gegriffen;— eine zweyte Salve, verſtärkt durch das Feuer des Reſerve⸗Piquets, warf die Wilden in gänzliche Un⸗ ordnung. Der Abhang war mit Todten und Verwun⸗ deten bedeckt.— Heulend flohen die Uebriggebliebenen ihrem Verſtecke zu. „Marſch!“ kommandirte der Seeräuber, und das Piquet näherte ſich wieder dem Boote, und die Colonne ſchritt ihm nach.— In dieſem entſcheidenden Momente wurden vier ſchwer plumpende Fälle von dem Fluſſe herauf gehört. Der See⸗ räuber wandte ſich und ſah ſeine vier uderet, die er zur Bewachung der Boote zurückgelaſſen, aus dem Waſſer noch ein Mal auftauchen, und dann verſinken, um nie wieder zu erſtehen; zugleich ſchoß die Yacht und das kleinere Boot durch eine unſichtbare Gewalt getrieben pfeilſchnell in die Mitte des Stromes. „Das iſt der Mexicaner“, rief der Pirate zihukaie * ½ ſchend und ſeine harten Züge verzerrend. Ein paar Piſto⸗ lenſchüſſe ſandte er dem Boote nach, ſie wurden durch ein dumpfes Lachen erwidert. Die Seeräuber wandten ſich, ſahen ihre Boote ver⸗ ſchwunden, und ſtanden als ob der Blitz unter ſie ge⸗ fahren wäre.— Schnell ermannten ſie ſich jedoch.— Ihre Gewehre waren wieder friſch geladen, und feſt wie Felſen npauteten ſie den neuen Angriff;— er blieb nicht aus.— Eine Salve vom Fluſſe her, regte ſie plötzlich aus ihrer Spannung auf, eine zweyte, noch beſſer gerichtete, hatte ein Drittel zu Boden geſtreckt. Und nun erhob ſich der fürchterliche Kriegsruf noch⸗„ mals, und die raſend gewordenen Wilden ſtürzten auf die Matroſen zum dritten Male.— Nochmals krachte es laut von den Booten her, und dann ſprang der Mexicaner mit ſeinen Gefährten, wie Teufel unter die entſetzten Seeräuber. Der Kampf war kurz. Unfähig dem fürchterlichen Andrange von vorn und von hin⸗ ten zu widerſtehen, warfen die Seeräuber ihre Waffen weg, und ſtürzten ſich häuptlings in den Fluß, den To⸗ mahawks ihrer raſenden Feinde zu entgehen. Ihr Capitän allein ſchien feſt entſchloſſen ſein Le⸗ ben ſo theuer als möglich zu verkaufen. Seinen Rü⸗ cken an den Uferkamm gelehnt, ſeinen Säbel in der Rechten, eine Piſtole in der Linken, parirte er den Streich eines Oconees, der auf ihn blindlings ange⸗ ſtürzt kam, und hieb ihm den Kopf vom Rumpfe, ei⸗ — 80— nem zweyten jagte er eben ſo ſchnell eine Kugel durch die Bruſt und hob eben ſeinen Säbel, als ein Laſſo um ſeinen Hals und er wie ein Stück Holz zur Erde fiel. Der lange und furchtbare Yell, das nun über den. ganzen Ufergürtel hinfuhr, verkündete den vollkommenen Sieg der Wilden. ℳ 7 4 3 1 4 ☛ 4 7 4 XIX. Kapitel. Nicht an deiner Schuhſohle, an deiner Seele machſt du dein Meſſer ſcharf, denn kein Metall, ſelbſt keines Henkers Beil, kann halb ſo ſcharf ſeyn, als dein geſchärfter Haß. Shakespeare. Keine Zunge würde fähig ſeyn, den jammervollen Anblick zu ſchildern, den der folgende Tag darbot. In einem weiten Ringe vor dem Platze, an welchem das Council Wigwam geſtanden, waren die vierzig erſchla⸗ genen Pawnees und Oconees ſitzend aufgerichtet, mit ihren Rücken an Baumſtämme gelehnt, die man von den nicht verbrannten Hütten genommen. Alle waren in ihrem Schmucke und als Krieger gekleidet, die ſo prachtvoll wie möglich vor dem Angeſicht des großen Geiſtes zu erſcheinen hatten, um von ihm ihre Beloh⸗ nung zu erhalten. An der Seite jedes Pawnees ſtand ſein Streitroß, mit ſeinem Feuergewehre oder ſeiner Lanze behangen, das ihn auf ſeiner weiten Reiſe in die ewig grünen Wieſen zu begleiten beſtimmt war. Von den Oconees waren Pfähle in die Erde getrieben, an denen ihre Gewehre, Tomahawks und Sohlachtmeſſer mit ei⸗ Der Legitime. II.* 6 — — 82— nem kleinen Netze hingen, in welchem die Kopfhaut ei⸗ nes Feindes eingeſchloſſen werden ſollte. Einige Schritte ſeitwärts und gegen die Hütte des Miko waren die Ue⸗ berreſte ſeiner Tochter aufgerichtet;— ihr Haupt ruhte auf zwey Stangen. Sie war in ihr Brautkleid gehüllt, und vor ihr lagen alle ihre Kleider. Ihre Ohren und Hände waren mit Gold- und Silberarmſpangen und Oh⸗ renringen geſchmückt. Zwey Kugeln, ihrem Geliebten beſtimmt, hatten ihr edles Herz durchbohrt; auch noch im Tode ſpielte ein ſanftes Lächeln um ihren lieblichen Mund. Hinter dieſen Jammerbildern und auf der Aſche des Council Wigwams war ein großer Scheiterhaufen errich⸗ tet, auf dem die Körper von fünfundzwanzig Seeräu⸗ bern, mit ihren gräßlich blutigen Köpfen lagen, von de⸗ nen die Häute abgeriſſen waren; etwas niedriger und um den Scheiterhaufen herum lagen der Capitän der Seeräuber und zwölf Gefangene, an Händen und Füßen mit Buffaloriemen zuſammen geſchnürt, ihren Urtheils⸗ ſpruch erwartend. Hinter dem Scheiterhaufen ſah man die offenen Gra⸗ ben für die erſchlagenen Indianer. Sie waren auf allen Seiten mit der Rinde vom Cottonbaume belegt. An den vier Ecken waren Pfähle in die Erde geſteckt, die über dem Grabe gebogen, und auf denen eine zweyte Schichte von Cottonrinde lag. Eine Oeffunng war gelaſſen worden, durch die der Leichnam ins Grab geſchoben werden ſollte. Vor jedem Grabe ſtak ein im Blut ge⸗ tränkter Stab, tief in die Erde getrieben, auf dem die Kriegstrophäen des Erſchlagenen aufgeſteckt werden ſollten, nämlich des Feindes Scalp, der in ein kugelrundes Netz eingeſchloſſen zu werden beſtimmt war Am äußerſten Ende war das Grab Canondahs. Es ruhte gleichfalls auf Cederſtämmchen, deren je⸗ des zwey bis drey Zoll im Durchmeſſer hatte, und war ganz mit Rinde ausgefüttert, die wieder mit Sei⸗ denzeugen überkleidet war. Auf ein Kiſſen mit Til⸗ landſea ausgeſtopft und mit Atlas überzogen, ſollte ihr Haupt zu liegen kommen; rings um das Grab herum waren Schößlinge von Palmen und Mangroven gepflanzt. Die Cederſtämme waren gleichfalls zu einem Dache ver⸗ bunden, und beſtimmt einem zweyten Dache zum Stütz⸗ punkte zu dienen, ſo daß die Ueberreſte der Tochter des Miko vor jeder Unbilde geſchützt wären. Die Begräbnißanſtalten waren während der Nacht⸗ zeit und den Tag hindurch mit unglaublicher Thätigkeit aber ununterbrochenem Geheule und Jammer zu Stande gekommen. Die Lebenden waren nur mit Mühe von den Todten zu unterſcheiden. 4 Gegenüber der gefallenen Krieger ſaßen in einem Halbmond die Männer der drey Stämme, ihre Gewän⸗ der über ihre Geſichter geſchlagen, ihre Häupter auf ihre Bruſt geſenkt, ihre Schenkel kreuzweiſe in einander ge⸗ — 34— flochten; alle in der tiefſten Trauer. Sie waren unbe⸗ deckt, und die geflochtenen Scheitelbüſchel der Pawnees hingen nachläſſig ihren Nacken herab. Oben an ſaßen der Miko und der Häuptling der Eu⸗ manchees;— Tokeah ſchien ruhig und gefaßt, aber das erſtorbene verglaste Auge, die convulſiviſch verzogene Stirne und Lippen, und die gelbe Todtenfarbe bezeug⸗ ten die Eiſeskälte, die in ſeinem Herzen Platz genommen. Er war unſäglich elend geworden, der einzige Troſt, der ihn am Leben bisher erhalten ſeine übrigen Tage noch er⸗ heitern helfen ſollte, war von ihm gewichen.— El Sol war gefaßter, aber auch ſein edles Haupt war im tiefſten Schmerze auf die Bruſt geſunken, und dann hob es ſich wieder, und er ſchoß ſo lange und durchbohrende Blicke auf ſeine verlorne Braut, als hätte er ihr neues Lebensfeuer in die erſtarrten Glieder einhauchen wollen. Er hatte Canondah zärtlich und in⸗ nig geliebt, er hatte ſie als ihr Retter geliebt, dem das ſchwache Mädchen als ſchöne Beute anheim gefallen war, und der bey ihrem jedesmaligen Anblicke ein ſtolzeres edleres Gefühl in ſeiner Bruſt erwacht fand.— Nun hatte ſie mit ihrem Leben die Schuld der Dankbarkeit voll und gewichtig bezahlt; beynahe ſchien es, als ob der edle Wilde mit ihr rechten wo lte. Aber Eine ſaß da, deren Weh und Herzenleid aus⸗ zudrücken unmöglich iſt;— Eine, die in der edleln In⸗ dianerin die einzig freundliche Seele verlor, die noch ei⸗ — 95— nige Blumen auf ihrem ſo dornigen Pfade geſtreut. Die unglückliche Roſa ſtarrte auf ihre entſeelte Schweſter hin, gänzlich bewußtlos.— Als ſie zuerſt die lebloſe Hülle derjenigen ſah, die liebender als eine Mutter ſie umfan⸗ gen hatte, da ſank ſie nieder, bewegungslos, beynahe leblos. Sie weinte nicht, ſie klagte nicht; nicht eine Thräne entquoll ihren Augen, aber Leben und Bewe⸗ gung ſchienen im ungeheuern Schmerze entflohen zu ſeyn. Bewußtlos ſaß ſie da, von zwey Mädchen gehalten, und ſchaute und ſtarrte ſo wirr, mehr einer alabaſternen Statue dann einem lebenden Weſen ähnlich. Hinter ihr ſaßen die ſchluchzenden und weinenden Weiber und Mädchen. Auch ſie hatten eine Mutter, die zärtlichſte, verſtändigſte Mutter verloren, die raſt⸗ los Tag und Nacht für das Wohl der Ihrigen beſchäf⸗ tigt geweſen war, der ſie alles was ſie hatten, was ſie waren, zu verdanken hatten;— mit ihr ſchien der ſchü⸗ tzende Genius von dem troſtloſen Völkchen gewichen zu ſeyn. Die trauernde Gruppe mochte ſo eine Stunde ge⸗ ſeſſen ſeyn, in dumpfem Schmerze die Ueberbleibſel alles deſſen betrachtend, das ihnen lieb und theuer war. Dann und wann ließ ſich ein lautes Stöhnen vernehmen, das den Kehlen der alten Squaws entfuhr, und dem ſich allmäh⸗ lig und ſtufenweiſe die lautern Klagetöne der jüngern an⸗ ſchloßen.. Bald darauf fielen die dumpfen Schläge der indiani⸗ ſchen Trommeln, und die melancholiſchen Töne der Flöte — 36— ein, und mit dieſen begann der Todesgeſang, der zugleich von meheern hundert Lippen in den tiefſten Kehlentönen angeſtimmt wurde.— So wie der Geſang ſich erhoben hatte, einfach, gemach und ſtufenweiſe, ſo erſtarb er wieder. Eine lange Weile herrſchte wieder tiefe Stille, dann erhob ſich ein leiſes Gemurmel, das allmählig ſtär⸗ ker wurde; die Squaws ſchlichen ſich aus dem Kranze und begannen drohend die Gefangenen zu umſchwärmen. Es währte nicht lange ſo wurden nun Rache rufende Stimmen gehört, die ſchnell ſich verſtärkten, bis zuletzt alle in ein tobendes Geheul und in die fürchterlichſte Wuth ausbrachen. „El Sol,“ ſprach der alte Miko mit dumpfer Stimme, „meine Brüder wünſchen die Stimme des großen Häupt⸗ lings zu hören, um die erzürnten Seelen ihrer gefal⸗ lenen Brüder zu verſöhnen.“ Der junge Mexicaner gab keine Antwort, er blickte auf, ſtarrte um ſich herum, gleich einem der aus einem tiefen Traume erwacht.— Endlich ſprach er:„mögen meine Brüder ihre Zungen löſen, damit El Sol ihre Worte vernehme.“ Die Berathung nahm ihren Anfang. Ein Krieger der Oconees ſtand auf und richtete ſich an die Menge. Er begann in den floskelreichen lebhaften Farben und in dem eigenthümlichen Style ſeines Volkes die Tapferkeit der Erſchlagenen, ihre Geſchicklichkeit auf den Jagdgrün⸗ 4 — 87— den, ihre Weisheit in der Rathsverſammlung zu rühmen. Er malte mit lebhaften Farben den Jammer der hin⸗ terlaſſenen Wittwen und Waiſen, die Verrätherey der Diebe der Salzſee, und beſchloß, indem er hindeutete auf fünfzehn Krieger die vor dem großen Geiſte ohne einen Scalp von dem Haupte ihrer Feinde erſcheinen würden.— Ein zweyter Rener folgte, der mit größerer Leben⸗ digkeit noch mehr ſich bemühte, die ohnedem Rache ſchnau⸗ benden Gefühle ſeiner Zuhörer aufzureizen. Nachdem ein dritter geſprochen, wurden die Ausru⸗ fungen unter den Oconees nach den Scalpen ihrer Feinde allgemein. Sie hatten das Meiſte gelitten. El Sol hatte ausdrücklich einen direkten Angriff unterſagt, und ſtrenge Befehle gegeben, bloß den Feind zu necken, und am Einſchiffen zu hindern. Für ſich ſelbſt hatte er den größ⸗ ten und gefährlichſten Antheil an dem Kampfe gewählt. Der edle Wilde, der bereits öfters gegen die disziplinir⸗ ten ſpaniſchen Truppen in Mexiko gefochten hatte, ſah wohl ein, daß die regelloſe Bande Wilder ſich nicht mit den geübten Seeräubern meſſen konnte; aber ſeine Befehle waren hintangeſetzt worden. Die Oconees hat⸗ ten ſich kaum überzeugt, daß ihr Miko in den Händen der Seeräuber und dieſe auf dem Punkte ſich einzuſchif⸗ fen waren, als ſie zum Angriffe herangeſtürzt waren, und die Pawnees mit ſich fortgeriſſen hatten. So un⸗ überlegt raſch, gegen alle ſonſtige Gewohnheit der — 88— Indianer, war dieſer Angriff geſchehen, daß bloß wenige Kugeln der Seeräuber ihr Ziel verfehlten; bloß wenige waren verwundet worden, beynahe alle hatten tödtliche Schüſſe erhalten. Dieß hatte auch ihren Rachedurſt aufs höchſte geſteigert. Gewiß würden ſie die Gefangenen in der erſten Wuth niedergemetzelt haben, hätte El Sol ih⸗ nen nicht Einhalt gethan. So groß war jedoch das Ue⸗ bergewicht, das dieſer junge Anführer über ſeine Cu⸗ manchees und Pawnees ausübte, daß ein einziges Wort die Ausbrüche des glühendſten Haſſes ſeiner Krieger in Schweigen, und dieſe aus rachedürſtenden Feinden in Beſchützer der Seeräuber umgewandelt hatte. So hatten ſie im Gedränge, und während ſie den Oconees ihre Schlachtopfer entriſſen, ſelbſt einige leichte Wunden er⸗ halten. „Und was ſagt der weiſe Tlachtala?“ ſo redete El Sol einen Cumanchee an, der hinter ihm auf einer Woll⸗ decke ausgeſtreckt lag, und von zwey Kugeln durchbohrt war. „El Sol,“ erwiderte der Verwundete, weiß die Ge⸗ ſetze der Cumanchees. „Würde aber ein Cumanchee mit einem Diebe käm⸗ pfen, deſſen Hand und Fuß an den Pfahl gebunden ſind 2 „Der Eumanchee ſchüttelte verachtungsvoll ſein Haupt.“ „„ Und was würden die Cumanchees thun?“ — 89— „Sie würden nun einen der ſchlechteſten Appachees ſen⸗ den, daß er die Diebe an Bäume hänge, damit ihr Fleiſch eben ſo von den Vögeln des Himmels geſtohlen werde, wie ihre Hände gethan.“ „Die Seele El Sols iſt die eines Cumanchee, und er will thun wie ſein Bruder ſagt.“ Die Blicke der Menge wandte ſich nun mit Sehn⸗ ſucht auf Tokeah und El Sol. Der erſtere erhob ſich, aber mit unſäglicher Mühe. Man ſah es ihm an, daß alle Geiſteskraft von ihm gewichen war, daß es ihm ſchwer fiel, auch nur ein Wort hervorzubringen. Es war nicht bloß der herzzerreißende Schmerz, der ſeine Worte erſtickte, es war das Bewußtſeyn eigener Schuld, die der alte Mann zittern und beben machte. Er hatte wirklich die ganze Schuld des gräßlichen Ereigniſſes auf ſich geladen, ſeine Blindheit hatte ihm und ſeinen Alliirten eine tödtliche Wunde geſchlagen, ſeine Halsſtarrigkeit ihn taub gegen alle Zurüfe El Sols gemacht. Leicht hätte das Unglück vermieden und die Seeräuber auf eine Weiſe empfangen werden können, die ihnen alle Luſt zu einem zweyten Verſuche vertrieben hätte. Der alte Mann fühlte die große Schuld, die auf ihm lag, die Verantwortung, die er für das Leben ſo Vieler zu geben hatte, die, im Vertrauen auf ſeine wee ſe Wachſamkeit, in der Nähe eines verdächtigen Fein⸗ des alle Vorſichtsmaßregeln vernachläſſigt hatten und, ihm vertrauend, entſchlafen waren. Scham und Rach⸗ — 90— ſucht durchglühten die wenigen Worte, die er nun zu den Seinigen ſprach. Die Seeräuber wurden verurtheilt zu ſterben. Als er geſprochen hatte, ſchienen die Oconees nur ungeduldig auf den jungen Mexicanerhäuptling zu warten. Der Denkungsweiſe unſrer nordamerikaniſchen India⸗ ner erſcheint die Gewohnheit, ihre gefangenen Feinde am Grabe der Ihrigen oder in voller Volksverſammlung zu tödten, nichts weniger als barbariſch. Jahrhunderte ha⸗ ben dieſe Gewohnheit gewißermaßen geheiligt, und zur Nationalſitte erhoben. Anders hingegen iſt es mit den Cumanchees, einem Volke deſſen Sitten und Gewohn⸗ heiten, obgleich ihnen Wildheit nicht abzuſprechen iſt, ſich vortheilhaft vor den unſtät umherirrenden Wilden unſrer Wälder unterſcheiden. Ein beſtändiger Aufenthalt in dem entzückenden Hochlande von Santa Fe, ein mildes pracht⸗ volles Clima, und ein häufig kriegeriſcher Verkehr mit den Spaniern, von denen ſie geachtet und als unabhän⸗ gige Nation betrachtet werden, hat den Geiſt dieſes Vol⸗ kes natürlich auf eine weit höhere Stufe erhoben, und zugleich jene unbändige Wildheit, die kleinern unter⸗ drückten Stämmen ſo eigenthümlich iſt, gemildert.— Der junge Häuptling, einer der bedeutendſten India⸗ niſchen Stämme Mexicos, ſah daher natürlich den all mit den gefangenen Seeräubern aus einem andern G ſichtspunkte an. Ihm war an den Scalpen derſelben wenig gelegen, und jenes unerſättliche Verlangen nach — 94.— dem Kopfſchmucke ſeiner Feinde war ihm ſogar ekelhaft erſchienen. Alles was er thun wollte, war die Geſetze ſeiner Nation beobachtet zu wiſſen, da er als Sieger den größten Anſpruch auf die Feſtſetzung derſelben in Bezug auf die Gefangenen hatte.— Als er nun aufſtand trat eine plötzliche Stille ein. „Sind nicht meine Brüder, die Oconees, ſo eben auf dem Pfade zu ihren Brüdern, den Cumanchees begriffen?““ fragte er mit dumpfer tiefer Stimme. Wollen ſie nicht die Rede eines Cumanchee hören, der für ſie zwey Wunden empfing, auf daß ſeine Brüder, wenn ſie nach Hauſe kommen, unſerm Volke ſagen, wie ſehr ihre Weisheit von ihren neuen Brüdern geſchätzt werde? Die Menge hörte finſter und ſchweigend in ängſtlicher Bangigkeit zu. Der junge Anführer wandte ſich zum Cu⸗ manchee, der bereits im Todeskampfe röchelte, aber, nach der Gewohnheit ſeines Volkes, eine Stärke zeigen mußte, die ſeiner noch übrigen Kraft nicht mehr entſprach. „Will mein Bruder ſeinen neuen Brüdern ſagen, was die Cumanchees mit ihren Gefangenen thun würden?““ „Sie binden,“ ſprach der Verwundete,„ihre Gefan⸗ genen an Pfähle am linken Fuße und an der linken Hand und laſſen ihnen den rechten Fuß und die rechte Hand frey, und geben ihnen ihre Waffen, und ſechs junge Krieger mögen einzeln mit ihnen kämpfen. Wenn der Gefangene fällt, dann mag der Sieger ihm das Le⸗ ben nehmen, und ſeinen Leib verbrennen; wenn die — 92— ſechs rothen Krieger fallen, dann wird der Gefangene ein Cumanchee. Der Cumanchee ſprach mit gebrochener ſchwacher Stimme, aber mit einem Ausdrucke auf ſeinem vom Todeskampfe entſtellten Geſicht, der hinlänglich verrieth, daß er ſeine neuen Brüder nichts weniger als fähig halte, ſich dieſem edlern Gebrauche ſeiner Nazion zu unter⸗ werfen. „Und was thun die Eumanchees mit den Dieben, die ihre Pferde und Rinder ſtehlen,“ fragte der junge Häuptling nach einer Pauſe die dem Verwundeten Zeit geben ſollte, ſich zu erholen. „Sie rufen den Schlechteſten der Apachees, daß er die Diebe beym Genick an einen Baum hänge, damit ſie Speiſe für die Raubthiere werden,“ erwiderte der ſter⸗ bende Cumanchee, deſſen letzte Kräfte dieſe Anſtrengung erſchöpft hatte. Er ſtreckte ſich noch einmal und war dann eine Leiche. Die Cumanchees erhoben ihn und ſetz⸗ ten ihn an die Spitze der Gefallenen. 1ſ Obgleich die Oconees den Inhalt dieſer Worte, die im Pawneeſer Dialekte geſprochen wurden, nicht vollkommen begriffen, ſo hatten ſie jedoch ſo viel daraus entnommen, daß die Skalpe der Seeräuber ihren gefallenen Freunden und Verwandten nicht auf ihre große Reiſe mitgegeben werden ſollten. Ein unbändiges Gemurmel von Unzu⸗ friedenheit brach unter den alten Weibern aus, die nun in wilden Sprüngen einen ganz eigenthümlichen Tanz begannen, und die, durch die Unordnung und Anſtren⸗ gung der letzten Nacht bis ins Scheußliche entſtellt, wirklich gräßlich anzuſehen waren.„Das Blut unſrer Männer und Kinder ruft um Rache. Die Diebe ha⸗ ben die Axt erhoben. Wir wollen unſere Meſſer tief in ihr Blut eintauchen“ ſprach eine Stimme. Ein Beyfallsgemurmel erhob ſich unter den Männern bey dieſen Worten— und gleich halbgezähmten Beſtien, de⸗ ren Blutdurſt nur durch die lange Entbehrung um ſo mehr gekizelt, und die plötzlich in ihre vorige Wildheit wieder zurück fallen, ſo ſtürzten die alten Megären auf ihre Schlachtopfer zu, die jüngern Squaws ſchloßen ſich unwillkürlich an, dann folgten die Knaben und Mädchen, die jüngern Krieger erhoben ſich gleichfalls, und zuletzt ſtürzte die ganze wäthende Schar, jung und alt auf die Seeräuber los. Die Cumanchees und Pawnees waren allein hinter ihrem Häuptlinge geblieben, der, ohne ſich zu regen, an der Seite Tokeahs ſitzen geblieben war. „Und wollen meine Brüder das Blut ihrer Feinde nicht fließen ſehen? fragte El Sol, indem er ſich ge⸗ gen ſeine Krieger wandte. „El Sol iſt der Häuptling der Cumanchees und Pawnees und ſeine Worte haften feſt in ihren Ohren,“ ſprach einer derſelben. Der junge Häuptling ſtand auf, und als ſähe er die Scene voraus, die nun bald erfolgen ſollte, hob er die weiße Roſa in ſeine Arme und trug ſie hinter die Laube. — 94— Kaum hatte er ſie niedergelaſſen, als ein Gekrach und Geſtöhne gehört wurde, das kurz und dumpf einige Se⸗ kunden zu hören war, und dann in ein unnatürliches Wimmern überging. Es ſchienen weder menſchliche noch thieriſche Töne, der höchſte Schmerz im gewaltſamen Riſſe der edelſten und zarteſten Theile hatte unnatürliche, eigene Töne hervorgebracht, die aber durch das Geläch⸗ ter und das Geheul, das darauf folgte, bald wieder übertäubt wurden. Tokeah ſtürzte auf den Haufen los, der ſich ihm öff⸗ nete, und ihm einen ſchrecklichen Anblick darbot. Einer der Seeräuber lag mit geſpaltenem Schädel auf der Erde. Vor ihm ſtand ſein Henker, triumphirend ſeine Kopfhaut ſchwingend, die er dann unter lautem Jubel in das er⸗ wähnte runde Netzwerk, einem Häubchen nicht unähnlich, ſorgfältig einſchlos. Ein zweyter hatte einen andern Seeräuber in ſeinen blutigen Händen, ſo eben fuhr er mit dem ſcharfen Meſſer um die Stirne und den Schei⸗ tel herum; dann, während die Linke das Haupt feſt von ſich weg hielt und ſein Knie ſich in den Rücken des ſich krümmenden Seeräubers feſtſetzte, riß er mit einem plötzlichen Rucke die Kopfhaut von dem Haupte; und der Elende fiel blutig auf die Erde.— Ein Hieb mit dem Tomahawk machte ſeinen Leiden ein Ende. Das Ganze war das Werk eines Augenblicks geweſen. Tokeah war noch gerade zur rechten Zeit gekommen, um einen Dritten aufgegriffen zu ſehen, der nun folgen ſollte. * — 95— Es brauchte all das Anſehen und die Würde des Miko, um dem lange an Unterwürfigkeit gewöhnten, aber in dieſem Punkte trotzig auf ſeinem Rechte beſtehenden Hau⸗ fen in ſeiner Wuth Einhalt zu thun. Es war ihm end⸗ lich gelungen, und er kehrte raſch zu dem jungen An⸗ führer zurück. Ihm folgten ſeine Männer, Hunden nicht unähnlich, die die drohende Stimme ihres Herrn vom zerriſſenen Schafe hinwegſcheucht. „El Sol,“ ſprach der Miko mit langſam zitternder Stimme. Die Männer der Oconees wollen nun hören, was der Häuptling ihnen ſagen wird.“ „El Sol,“ ſprach der junge Mann in einem milden aber entſchloſſenen Tone,„hat ſeine Hand ausgeſtreckt um die Oconees der Muſcogees als ſeine Brüder zu em⸗ pfangen, aber ſie haben ihm ihre Zähne gewieſen.“ Der alte Mann gab keine Antwort. Der junge Mexicaner erhob ſeine Stimme noch hö⸗ her, und ſtolz umherſchauend, ſprach er zu ſeinen Krie⸗ gern:„Haben die Cumanchees und Pawnees geſchlafen, während Tokeah von den Dieben fortgeführt wurde? Haben die Oconees die Diebe gefangen, daß ſie nun ihre Skalpe als ihr Eigenthum nehmen?““ Alles war in Regung und Bewegung unter den auf⸗ gerufenen Cumanchees und Pawnees. Ihre Hände grif⸗ fen raſch nach ihren Lanzen und Streitäxten, ihre Na⸗ ſen begannen zu ſchnauben gleich Streitroſſen, ihre dü⸗ ſtern Geſichter nahmen einen furchtbar trotzigen Ausdruck — 96— an.— Noch ein ſolcher Aufruf und ſie würden auf die Ueberreſte der Oconees losgeſtürzt ſeyn, auf die ſie ohne⸗ dem mit Verachtung herabſahen. Tokeah zitterte das erſte Mal in ſeinem Leben. „Haben die Cumanchees und Pawnees,“ ſo ſprach er mit gebrochner Stimme, allezeit die Reden ihrer gro⸗ ßen und weiſen Häuptlinge angehört? Haben ſtie ſich nie von dem Pfade verirrt, den ihre weiſen Männer ihnen angezeigt, und— fuhr der alte Mann mit weicher Stimme fort— ſoll die Kette zwiſchen Brüdern gebrochen wer⸗ den, weil die Oconees gethan, was ihre Väter auch thaten? Meine Kinder ſind noch nicht Cumanchees. Wenn ſie in den Wieſen des großen Volkes wohnen— dann werden ſie auch die Rede ihres Anführers hören. Tokeah— ſprach er— hat nie die Palme ſeiner Hand vergeblich ausgeſtreckt. Will ſein Sohn ſie zurück wei⸗ ſen?“ Eine demüthigere und verſöhnendere Abbitte konnte unmöglich von einem Miko der Oconees gethan werden. El Sol ergriff raſch die dargebotene Hand. „Laſſe meinen Männern die Stimme ihres künftigen Miko hören,“ ſprach der alte Mann flehend. „So mögen denn die Hände und Füße der Diebe gebunden bleiben,“ ſprach El Sol mit ſtarker Stimme, „und mögen ſie den Schlechteſten der Weißen übergeben werden, auf daß ſie dieſelben an Bäume hängen, und ihr Fleiſch von den Vögeln des Himmels geſtohlen werde. Die Gebeine von Dieben und Räubern ſollen nicht unter — 92— den Gebeinen der rothen Männer ruhen, und vermiſcht werden, damit der große Geiſt ſie nicht vermenge, und ſie nicht auf den Wieſengründen halb weiß und halb roth erſcheinen.“ Der Miko war nachdenkend über die Worte des jun⸗ gen Häuptlings geworden, auch die Menge ſchwieg ver⸗ düſtert ſtille. „Mein Sohn,“ ſprach dieſer,„iſt weiſe und ſeine Seele iſt die eines großen Häuptlings; aber wird er die vielen Dollars verdienen wollen, die der große Vater der Weißen für den Kopf des Dieben angeboten?“ Der Mexicaner horchte hoch auf.„Wie meint dieß mein Vater? „Die Weißen werden Tokeah und El Sol als Die⸗ besfänger betrachten, welche die Dollars ihren Skalpen vor⸗ ziehen. Die rothen Männer werden wehklagen, denn ihre Ehre wird für immerdar unter ihren Brüdern in Schande gekehrt ſeyn.“ Dieſe Worte ſchienen Eindruck auf den jungen Mann zu machen. Er ſprach lebhaft mit den Cumanchees. „» Und was gedenkt mein Vater zu thun?“— Der Miko ſann nach— plötzlich zuckte es durch ſeine Nerven;— er hob tief Athem und auf die Leiche ſei⸗ ner Tochter blickend, ſprach er mit bebender Stimme: „Ja der große Geiſt hat durch den Mund meines Sohnes geſprochen;— der weiße Dieb ſoll durch die Der Legitime. II. 7 Schlechteſten der Weißen an einen Baum gehängt wer⸗ den;— er iſt nicht werth, daß er für die Tochter des Miko und die Oconees ſterbe; aber El Sol und Tokeah dürfen ihre Hände nicht mit ihm beflecken, ſie dürfen ihn nicht den Weißen übergeben.“ Der junge Mann war immer geſpannter geworden.— „Der Dieb iſt ein Feind der Weißen;— Er hat ih⸗ nen des Böſen viel zugefügt. Der große Vater hat viel Gold für ſein Haupt geboten;— ſollen die verfolgten rothen Männer den Weißen helfen ihre Feinde einfangen? Der Mexicaner fing nun an zu begreifen. „Der Panther,“ fuhr der alte Mann fort,„rennt in ſeine Schlinge, der Buffalo ſtürzt der Kugel und dem Pfeile entgegen, die für ſie gemacht ſind;— der weiße Dieb wird auch dem Baume nahe kommen, an dem er aufgehängt werden ſoll.— Mägen die Weißen ihn fangen, und ihr Blut fließen wie das der Oconees.“ Die raffinirte Rachſucht und der tief verſteckte Haß gegen ſeine Todtfeinde, die Weißen, die dabey anſcheinende Großmuth gegen die gefangenen Seeräuber, welche aus der Rede des Miko hervorleuchtete, hatte anfangs ſelbſt den Mexi⸗ caner verwirrt, und er blickte betroffen ſeinen Vater an.— Auch er war ein Feind dieſer Weißen, die ſeinen Va⸗ ter gemeuchelmordet hakten; aber von dieſem Haſſe, der ſelbſt ſeine glühende Rache an dem Mörder ſeiner Toch⸗ ter der Hoffnung aufopfern konnte, daß dieſer Mörder, wenn er frey wäre, ſeinen weißen Feinden nur um ſo mehr — 99— Böſes zufügen, und ſo gewißermaßen einen Theil ſe genen Rache abtragen würde, hatte er auch nicht ge⸗ träumt. 4 „Und mein Vater“, ſprach er, wollte deshalb die Seeräuber aus dem Garn entlaſſen, in welchem ſie ſich gefangen?“ „Sie werden Blackeagle und Tokeah rächen im Blute vieler Yankees“, ſprach der Miko. Der Mexicaner wandte ſich nun an ſeine Landosleute. Dieſe ſchüttelten den Kopf über den ungewöhnlichen Vorſchlag,— überließen jedoch ihrem Häuptling, nach Gutdünken zu handeln. Der Miko hatte mit ſeinen Oconees geſprochen. Die rachedürſtenden Wilden ſchüttelten anfangs gleichfalls ihre Köpfe, als aber er dieſelben auf die Tapferkeit ihres Feindes hinwies, der vielen NYankees ihr Leben rauben würde, ſtimmten ſie mit einem Male bey. „Es iſt die Stimme eines Propheten, des großen Miko,“ erſchallte aus hundert Kehlen. Der Miko war ſchweigend da geſeſſen und ſein Haupt war wieder auf ſeine Bruſt geſunken.— „El Sol,“ ſprach der junge Mann,„hat die Worte ſeines Vaters gehört, und die Cumanchees haben ſie ge⸗ billigt;— mein Vater weiß, was er zu thun hat.“ Der alte Miko winkte einem jungen Krieger und die⸗ ſer lief auf die Gefangenen zu, deren Feſſeln er ſchnell löste. — 400— Die halbtodten Seeräuber hatten verſucht aufzuſtehen, aber ſie vermochten es nicht.— Sie lagen, ſelbſt nach⸗ dem die Riemen zerſchnitten waren, noch eine geraume Zeit, ohne ſich erheben zu können.— Ihr verwirrter, wüſter Blick ſchien kaum mehr zu begreifen was eigent⸗ lich gemeint ſey; als aber der junge Krieger an das Ufer deutete, und ſprach:„Die Diebe mögen gehen', da erhoben ſie ſich, anfangs ſchüchtern um ſich blickend ob auch die fröhliche Botſchaft wahr ſey, und dann rann⸗ ten ſie ſo ſchnell als ſie es vermochten, dem Ufer zu.— La⸗ fitte allein war etwas langſamer fortgeſchritten, zuweilen auf die Wilden zurückblickend;— das Geſchrey ſeiner Ge⸗ fährten, zu eilen, wenn er nicht zurückgelaſſen werden wolle, ſchien auf ihn keinen Eindruck zu machen. An der Bucht angekommen, ſchlang er ſeine Arme in ein⸗ ander, blickte dann nochmals auf die ſchaudervolle Scene, und trat raſch ins Boot zu ſeinen Geſellen. Die herzzerreiſſende Begräbnißſcene war vorüber. Die Krieger der Pawnees und Oconees waren in ihre Ruheſtätten verſenkt, der Scheiterhaufen, auf dem die getödteten und geſchlachteten Seeräuber aufgeſchichtet waren, loderte in hellen Flammen auf; die Roſſe waren geopfert. Alle ſtanden bereit, das Ufer des Natchez für immer zu verlaſſen. Da trat El Sol mitten unter die verſtörten und — 104— dumpf hinſtarrenden Weiber und Mädchen, deren Th nen und Stimmen verſiegt zu ſeyn ſchienen, und wand die von zwey Indianerinnen getragene Roſa aus ihren Armen, ſie ihrem Pflegevater zuführend. „Und will die weiße Roſe nicht Lebewohl dem Va⸗ ter ſagen, deſſen Tochter ihr Mutter geweſen, und der nun einen weiten Pfad betreten wird?“ ſprach der Mexi⸗ caner mit ſanfter, zitternder Stimme. Die blaſſe Leichengeſtalt blickte auf den bewegten Sprecher, mit einem thränenloſen, leeren Auge, das ei⸗ nem wirren Gemüthe anzugehören ſchien. „Tokeah,“ fuhr der junge Mexikaner mit ſtocken⸗ der Stimme fort,„will in die Wigwams der Weißen, er hat einen Traum gehabt, der ihm ſolches geboten.“ Kein Symptom von Bewußtſeyn, keine Regung, keine Bewegung ließ ſich an ihr verſpüren; ſie ſtarrte wie wahnſinnig, wie leblos. „Der Pfad des Miko der Oconees wird lange, derjenige der weißen Roſe würde traurig und dornig ſeyn. Der Miko hat El Sol gebeten, daß ſeine Tochter in die Wigwams der Cumanchees mit den Mädchen ziehe. Sie wird da Gebieterin ſeyn, die Schweſter Canondahs.“ Plötzlich ſchien ſie ſich zu beſinnen.„Canondah!““ rief ſie. Ein Thränenſtrom entquoll ihren Augen. Es war das erſte Wort, das ſeit der ſchrecklichen Cataſtrophe von ihr gehört worden war, das erſte Lebenszeichen, das ſie, ſeit dem Tode ihrer Freundin, von ſich gab. Ihr — 102— Schmerz war gebrochen. Alle waren tief bewegt, die Mädchen fingen wieder an laut zu ſchluchzen, die Alten zu heulen. „Was iſt dieß, mein Bruder?“ fragte ſie nun wie aus einem Traume erwachend und ſcheu um ſich blickend. „Meine Schweſter weiß,“ ſprach der Mexicaner, „den Jammer des Vaters, der ſeine Tochter und ſeine Männer durch die Verrätherey des Seeräubers verloren hat. Sie ſind tief in die Erde gelegt, und die weiße Roſe wird ſie nie wieder ſehen; aber der Miko iſt auf einem langen, dornigen Wege, er muß dem Befehle des großen Geiſtes gehorchen, er hat einen Traum gehabt.“ „»Und der unglückliche Vater will zu ſeinen weißen Feinden,“ ſprach das Mädchen,„und ſeine Tochter iſt im Grabe, und keiner und keine die ihn warte und pflege?— Roſa war bisher ſeine Pflegetochter geweſen, ſie will nun ſeine wirkliche ſeyn;— ſie will ihren Vater begleiten. Sie hat es verſprochen;“ ſetzte ſie ſchaudernd hinzu. Der junge Mexicaner ſprach kopfſchüttelnd:„Meine edle Schweſter kennt die Dornen des Pfades nicht, der zu den Weißen führt. Sie iſt ſehr zart und würde ſehr viel zu leiden haben.“ „Und der jammernde Vater ſoll kein freundliches Auge mehr ſehen, keine geliebte Hand, die ihm den Becher, die Speiſe reiche?— Nein, mein Burder! Roſa hat eine große Schuld ihrer Schweſter abzutragen.. Der alte Mann iſt ſehr unglücklich, ſehr verlaſſen, ſe elend;— ſie muß dieſe Schuld iym abtragen. Sie muß ihm Tochter ſeyn.“ 4 Ihre Stimme war ſtärker geworden. Ihre bleichen, lebloſen Züge hatten ſich wieder geſtaltet, im kindlich ſanften Auge fing es wieder an lebhafter zu ſprechen; der alte Miko war aufmerkſam geworden und hatte das Letzte gehört.— „Meine Tochter“, ſprach er, und die Stimme ſtockte ihm, und der Schmerz drohte ihn zu erſticken,„der Miko muß zu den Weißen, meine Tochter wird im Wig⸗ wam der Cumanchees Troſt finden.“ „Canondah würde Roſen im Traume erſcheinen, und klagend die kalte Tochter anblicken, der ſie ihren Va⸗ ter zum Vermächtniß übergeben;— ſie muß dem Miko nun dienen;— ſie wird ſich vom Miko nimmermehr trennen.“ „So komm denn, meine edle, weiße Roſe“, ſprach der alte Mann, ſeine Arme ausbreitend und ſie um⸗ ſchließend. Mehr vermochte er nicht mehr zu ſagen. Rührung hatte ihm die Sprache benommen. Der junge Mexikaner winkte nun den Mädchen die kamen, um von ihrer neuen Gebieterin Abſchied zu nehmen.— Noch einen Blick warfen alle auf ihre zerſtörte Habe, ihre zurückgelaſſenen Lieben, und dann trennten ſie ſich. 104— Roſa, eine junge Indianerin, Tokeah und El Sol mit zwey Cumanchees und eben ſo vielen Pawnees und Oco⸗ nees wandten ſich gegen Oſten, die übrigen gegen Weſten. XX. Kazpitel. Wie biſt du davon gekommen? Wie kamſt du hieher? Schwöre bey dieſer Flaſche, wie kamſt du hieher? Shakespeare. Die Natur hat das Land, wohin der Faden unſrer Erzählung uns nun führen wird, mit einem ſonderbaren Charakter bezeichnet.— Großartig und wieder gemein, herrlich und wieder abſtoßend ſcheint ſie in einer ihrer Launen dem Geſchlechte, mit dem ſie ihren Erdball be⸗ völkert, einen rieſigen Spielraum hingeworfen zu haben, gleichſam begierig, was die winzigen Kreaturen daraus ſchaffen würden. Es ſteigt der Landſtrich, den wir meinen, ſo düſter und abſchreckend aus der See und dem Strome heraus, den die geſammten Gewäſſer von tauſend Flüſſen und Bächen durch die endloſe Niederung fortſchwillt, als hätte die Natur dem Menſchen in der Geſtaltung eines der ſchönſten Länder der Erde auch einen Nachgeſchmack vom — 106— Chaos in ſeiner ganzen abſtoßenden Größe hinterlaſſen wollen; ſo widerlich laufen die kaum merklichen Ufer und Geſtade aus den unüberſehbaren Strömungen auf, und verſchwinden wieder im Spiele der Wogen, die über das zwergartige Binſen⸗ und Rohrgeflechte hinrollen, im ewigen Kampfe mit dem widerſtrebenden Elemente. Ragte nicht hie und da ein Lager halbvermoderter Baumſtämme, von der Strömung zuſammen geſchichtet, oder der Maſt eines in der Lehmbank eingeſtauchten Schiffes empor, ſo dürfte man zweifeln, ob, was man ſieht, wirklich Land ſey, nachdem man bereits lange in die Mündun⸗ gen des Miſſiſippi eingefahren. Erſt allmälig geſtattet ſich das wüſte Chaos in einen See von Schilf und Sumpf und Rohr, aus dem ſpäter etwas Landſchaft ähnliches erſtehen und Geſtaltung erſtreben zu wol⸗ len ſcheint, die ſich noch Jahrtauſende verlängern mag, ſo wie Tauſende von Jahren bereits verfloſſen ſeyn mö⸗ gen, bis die lange und breite Niederung ſich bildete, die gegen Norden zu unmerklich anſchwillt, und in der we⸗ der Hügel noch Thal auf einen gewaltſamen Kampf hin⸗ deuten, wohl aber auf ein allmäliges Stilleſtehen des Waſſerelements, den zahlloſen Flüſſen und Moräſten und Seen nach zu ſchließen, die das ganze Thal ſo durch⸗ kreuzen, daß der Fuß des Menſchenkindes buchſtäblich auf dem flüſſigen Elemente ruht. Höher gegen Norden zu erhebt ſich endlich ein langes und breites Hochland, das in mäßiger Höhe längs dem Ufer des Stromes hin⸗ — 107— zieht, und ſich dann wieder in der endloſen Niederung verliert, die unter dem Namen des Miſſiſippithales tau⸗ ſende von Meilen ſich gegen Norden, Oſten und We⸗ ſten hindehnt, und in ſeinem Buſen bequem den größten Theil der Bevölkerung Europas aufnehmen könnte. Das Land, von dem wir ſo eben eine Skizze ent⸗ worfen haben, iſt, wie unſre Leſer wiſſen werden, das eigentliche Louiſiana, und gewiſſermaßen die Grundlage des endloſen Miſſiſippithales und wahrſcheinlich des künf⸗ tigen großen weſtlichen Reiches, das die raſtloſe Hand des Menſchen da aufrichten wird. Länger als ein Jahrhundert hindurch war der unge⸗ heure Landesſtrich, Louiſtana genannt, eine vergeſſene und vernachläſſigte Colonie geblieben, die mit einer Leich⸗ tigkeit abgetreten, eingetauſcht, und wieder ausgetauſcht wurde, die mehr als hinlänglich die ihr zuerkannte geringe Bedeutung beurkundete. Amerikaniſcher Scharf⸗ blick hatte endlich das Auge des großen Geiſtes, der damals die Angelegenheiten des ſchönſten Reiches der alten Welt leitete, auch auf dieſen vergeſſenen Schlupf⸗ winkel hingezogen, und dieſer, die Schwierigkeiten wohl einſehend, den kürzlich erworbenen Beſitz ſeinem Volke zu erhalten, zog es weiſe vor, ihn der nachbarlichen großen Republik als integrirenden Beſtandtheil zu über⸗ laſſen. Für die Colonie begann ſeit dieſer Einverleibung eine neue Aera, und mit Rieſenſchritten ſchien ſie nun ein⸗ * — 4108— holen zu wollen, was ſie mehr als hundert Jahre hin⸗ durch verſchlummert hatte. Wenig mehr als zehn Jahre waren ſeit dieſer Periode verfloſſen, und das Land hatte bereits eine ganz neue Geſtalt gewonnen. Schon damals, das iſt ſiebenzehn bis achtzehn Jahre ſeither, waren die Ufer des Miſſiſippi mehrere hundert Meilen entlang mit herrlichen Pflanzungen bedeckt, aus denen prachtvolle Landhäuſer hervorragten. Selbſt die Hauptſtadt hatte ſich aus einem unſichern und ſchlammigen Schlupfwinkel einiger tauſend Coloniſten und Abenteurer zur wichti⸗ gen Handelsſtadt emporgeſchwungen, deren Reichthum die gierigen Blicke Großbritanniens auf ſich gezogen hatte. Wir haben natürlich nicht im Sinne in die Geſchichte des letzten Krieges oder ſelbſt die Erörterung der Urſa⸗ chen einzugehen, welche die Regierung der ſogenannten drey vereinigten Königreiche veranlaßt haben mochten, ihre Aufmerkſamkeit auf dieſes neu adoptirte Kind ihres un⸗ gefälligen republikaniſchen Verwandten zu richten, und ein friſches Truppenkorps abzuſenden, das bey dem pre⸗ kären Stande der Dinge in der alten Welt daſelbſt nichts weniger als überflüſſig geweſen ſeyn dürfte, und berüh⸗ ren deshalb dieſe Kriegsepiſode nur in ſo fern, als ſie mit unſerer Geſchichte im Zuſammenhange und zur Ge⸗ ſtaltung der von uns erzählten Begebenheiten Veranlaſ⸗ ſung wurde. Dieſes Zuſammenhanges wegen wollen wir daher nur kurz erwähnen, daß ſogleich nach Beendigung des ſogenannten Völker⸗, oder richtiger zu ſagen Legi⸗ — — 409— timitätskampfes ein zahlreiches Truppenkorps von der py⸗ renäiſchen Halbinſel an den ſüdweſtlichen Küſten der Frey⸗ ſtaaten unter den Befehlen eines ausgezeichten Heerfüh⸗ rers landete, das nicht fehlte, Zagen und Schrecken un⸗ ter dem guten Volke des neuen ſouveränen Staates zu verbreiten. Kaum ſchien etwas leichter, als die Eroberung eines Landes, das von allen militäriſchen Hülfsmit⸗ teln ſo gänzlich entblößt war, und deſſen ungeheure Entfernung vom Centralpunkte der Staaten, weder be⸗ deutende Sendungen von Truppen, noch Kriegsmaterial durch die weg⸗ und ſtegloſe Wildniſſe zuließ, ſelbſt wenn dieſe bey den beſchränkten Hülfsquellen der Regie⸗ rung möglich geworden wären. Die Einwohner des neuen Staagtes ſelbſt hatten nie einen Krieg geſehen; ihre einzigen Feinde, die Indianer, waren unter der Herrſchaft der zwey Mächte, unter wel⸗ chen ſie zuletzt ſtanden, durch einige hundert Garniſon⸗ Soldaten im Zaume gehalten worden, die zugleich auch dienten, ſie ſelbſt vor einem allfälligen Freyheitskitzel zu bewahren. Die kleinen Satrapen, die Gunſt oder Un⸗ gunſt hieher gebracht hatte, waren ſo viel als möglich darauf bedacht geweſen, ihren loyalen Untergebenen jene Scheu vor den bewaffneten Wächtern ihrer delegirten Autorität einzuflößen, die in despotiſchen Staaten ei⸗ gentlich der wahre Schutz der mißbrauchten Gewalt iſt, und zur gewünſchten Folge hat, daß die Schützlinge — 4140— ſich ſo wenig als möglich um die Vertheidigung ihrer perſönlichen und Eigenthumsrechte kümmern. Dieſer le⸗ gitime Grundſatz, der die Bevölkerung ganzer Länder wie eine Heerde Schafe betrachtet, war auch hier, ob⸗ wohl im kleinen Maßſtabe, angewendet worden, und hatte natürlich ſeine Früchte getragen. So groß der Um⸗ ſchwung geweſen, den die Vereinigung des Landes mit den Staaten unter den Bewohnern bereits hervorgebracht, ſo hatte ſich dieſer doch vorzüglich nur durch eine größere Thätigkeit mit Beurbarung des Landes oder durch kommer⸗ zielle Unternehmungen geäußert; von dem männlichen, un⸗ abhängigen Geiſte des Amerikaners hatten die geweſenen Coloniſten nicht nur wenig oder nichts angenommen, ihr ſklaviſch verdorbener Sinn hatte ſich auch ſcheu vor dem überlegenen, aufgeklärtern nordiſchen Bürger, der dieſe Ueberlegenheit, freylich oft nur zu derb und unumwun⸗ den zu erkennen gab, zurückgezogen. Selbſt der beſſere Theil der Creolen war von dieſem Vorurtheile gegen ſeine neuen Mitbürger nichts weniger als verſchonk geblieben, und er hatte ſich gegenüber dem ſcharf ausgeſprochenen und geradezugehenden Amerikaner um ſo weniger gefallen, als er gegen das öffentliche Leben gleichgültig, des Dienſtzwanges gewohnt, in der unbeſchränkten neuen Freyheit nur Unordnung und Anar⸗ chie voraus ſah. Als jedoch dieſe Beſorgniſſe innerhalb der zehn Jahre dieſer unbeſchränkten Freyheit nicht reali⸗ ſirt wurden, und er allmälig die Vortheile zu begreifen — 11414— anfing, die ihm aus der Vereinigung mit der mächtig emporſtrebenden Republik erwachſen waren, ſchloß er ſich auch mit mehr Entſchiedenheit an das gemeinſchaftliche In⸗ tereſſe und zögerte nicht, ſich zur gemeinſchaftlichen Ver⸗ theidigung des Landes herbey zu laſſen. Dieß war der beſſere Theil; der ſchlechtere, dem natürlich dieſe Vor⸗ theile eher Nachtheile ſchienen, konnte kaum ſeine Scha⸗ denfreude über die Ankunft des Feindes verhehlen, und der nordiſche Bürger, der ſtolz auf ihn herab ſah, war ihm weit mehr verhaßt, als der Britte, von deſſen An⸗ kunft er wenigſtens Veränderung und Demüthigung des hochmüthigen Republikaners hoffte. Dieſe kurzen Andeutungen über den Geiſt der Be⸗ wohner des Staates, dürfte auch denjenigen unſrer Le⸗ ſer, die mit den nähern Beziehungen des Krieges in Louiſiana bekannt ſind, nicht ganz überflüſſig erſcheinen. Unſtreitig war es dieſer herrſchende Geiſt geweſen, der gewiſſermaßen den Feind eingeladen hatte, nebſt ſeinen im Norden mit der Republik kämpfenden Armee noch von den Küſten der pyrenäiſchen Halbinſel ein zahlrei⸗ ches Corps herüberzuſenden, in der Hoffnung, durch die zum Theile mißvergnügten Creolen in den Beſitz eines Landes zu gelangen, der ihn zum ausſchließenden Herrn des Miſſiſippiſtromes, des Buſens von Mexico, und al⸗ ler daran gelegenen Länder gemacht haben würde. Selbſt wenn ſich der Beſitz nicht erhalten ließ, ſo war die zeitweilige Eroberung der Mühe um ſo mehr werth, △̈ — 4112— als dadurch die ſtolze Republik zur Nachgiebigkeit auf andern Punkten genöthigt worden wäre.— Dem Corps, das dieſe Eroberung nun bewerkſtelligen ſollte, hatte die Re⸗ gierung der Staaten, obwohl bedeutende Truppenmaſſen im Norden verſammelt waren, der ungeheuern Entfer⸗ nung wegen, nichts entgegenzuſetzen, als die raſtloſe Thä⸗ tigkeit und den erprobten Muth eines Generalen, der ſich gegen die Indianer in den Staaten Georgien, Ala⸗ bama und im Gebiete Florida ausgezeichnet hatte, und den Patriotismus der an das Flußgebiet des Miſſi⸗ ſippi gränzenden weſtlichen Staaten, ſo wie der in Loui⸗ ſiana angeſiedelten Amerikaner, die allerdings durch die Beſitznahme des Schlüſſels des Miſſiſippi am meiſten zu verlieren hatten. Dieſe letztern waren, wie geſagt, über einen großen Theil des Landes zerſtreut. Ein gewiſſer Widerwille gegen die etwas laxen franzöſiſchen Sitten und Gewohn⸗ heiten, ſo wie Geringſchätzung gegen ihre neuen Mit⸗ bürger, hatte zwiſchen ihnen und den ſüdlichen Pflanzern eine ziemlich ſtarke Scheidewand gezogen, die ſich auch bey dieſer Gelegenheit deutlich ausſprach. Die Nachricht von der Landung der feindlichen Ar⸗ mee hatte auch unter ihnen eine gewaltige Bewegung hervorgebracht, aber wenn in den untern Theilen Furcht und Schrecken und bey vielen geheime Freude die vor⸗ herrſchendſten Empfindungen waren, ſo war es hier Un⸗ wille und beleidigter Stolz, der vorzüglich zum Grunde lag. Weniger war es Furcht, ihr Eigenthum zerſtört oder ihre Wohnungen geplündert zu ſehen. Ihre fahrende Habe konnten ſie leicht auf einigen Wagen in das In⸗ nere der Wälder ſchaffen, in die zu dringen auch der verwegenſte Feind nicht wagen dürfte, und ihre zerſtör⸗ ten Wohnungen würden mit Hülfe einiger Nachbarn in kurzer Zeit wieder hergeſtellt worden ſeyn. Es war daher nicht ſowohl Beſorgniß dieſes Eigen⸗ thum zu verlieren, als Unwille und Zorn, daß fremde Söldlinge eines Mannes, den ſie nicht beſſer dachten, als ſich ſelbſt, es wagen durften, ihr friedliches Land als als Feinde zu betreten, und ihnen eine Stadt und ein Flußgebiet wegnehmen zu wollen, die ſie ehrlich mit ihrem Gelde bezahlt, und deren ſie bedurften, um ihre Produkte zu Markte zu bringen. Dieſer Feinde, gleich reißenden Thieren die in ihr Gehöfte eingedrungen, ſich zu entledigen, war eigent⸗ lich was man ihre Meinung über dieſen Punkt nennen konnte. Es war an einem hellen friſchen Decembermorgen; die Strahlen der Sonne hatten gerade hinlängliche Kraft, die Nebel und Dünſte zu zerſtreuen, die ſich in dieſer Jahreszeit über die Flüſſe und Seen dieſes Landſtri⸗ ches häufig wochenlange hinlagern. Im Countyſtädtchen von Opelouſas gab es einen gewaltigen Auflauf. Es ſchien wunderbar, woher die vielen Menſchen aus der dünne bevölkerten Gegend gekommen waren; und wer ſo Der Legitime. II. 8 — 444— in die Mitte des Gedränges von Männern, Weibern und Kindern hineingeworfen worden wäre, dürfte ſchwerlich errathen haben, was die Veranlaſſung dieſes plötzlichen und ſich noch immer mehrenden Zudranges ſeyn mochte. Nach dem ſchmählichen Trinken, Tanzen, Fechten und den Bocksſprüngen zu ſchließen, hatte eine Art Kirchweihe Statt; aber es waren auch Waffen zu ſehen; ganze Com⸗ pagnien hatten ſich gebildet, und jeder hatte wenigſtens etwas Militäriſches bey, oder an ſich. Einige hatten Uniformen noch aus dem erſten Revolutionskriege, die nun etwas länger als dreyßig Jahre am Leben waren, andere ſchulterten, ſtellten ſich in Reihe und Glied, und wurden von einem ſelbſtgewählten Lieutenant in einen Win⸗ kel hinein manövrirt, aus dem ſie herauszubringen, ihm nur das Commandowort fehlte. Ein anderes Corps hatte als Feldmuſik einen Geiger, der, wüthend auf ſeinen zwey Saiten ſtreichend, ſtolz neben dem zeitweilig geſchaffenen Capitän einherſchritt. Die ſich noch nicht an eine Truppe angeſchloſſen hatten, ſchulterten ihre Stutzer, Vogelflin⸗ ten oder eine alte Reiterpiſtole, an der bloß das Schloß fehlte, und die, welchen auch dieſe Bewaffnung mangelte, hatten ſich mit einem tüchtigen Knittel verſehen. Dieß waren jedoch nur Außenpoſten. In der Mitte des Städtchens war dem Anſchein nach der Kern der Bürger in zwey dichten Haufen verſammelt. Der eine, der aus den jüngern Männern beſtand, hatte ſein Haupt⸗ quartier vor einer Schenke aufgeſchlagen, deren Beſtim⸗ — — — 145— mung durch eine Art Schild angedeutet war, deſſen Ma⸗ lerey, nach unſerer feſten Ueberzeugung, weder Denon noch Champollion zu entziffern gelungen wäre. Unter dieſem war für die, welche es leſen konnten, geſchrieben, daß hier eNTeRtalnMent For maN aNd beasT. Einkehr für Mann und Vieh zu haben ſey. Im In⸗ nern dieſes Etabliſſements war eine zweyte Geige zu hören, die jedoch, weniger kriegeriſch, ſich begnügte, den Hopſeſa aufzuführen, und einem Tanze Leben zu geben, der ſo ziemlich mit dem Marſch der erſten Geige gleichen Schritt hielt. Die andere Gruppe, allem Anſchein nach ernſter ge⸗ ſtimmt, hatte ſich einen reſpectablern Standpunkt ge⸗ wählt, und zwar vor einem der Krämerladen des Stãädt⸗ chens, der, als Miscellaneen, ein Dutzend irdene Krüge, einen Kegel Kautabak, ein Faß Whisky und ein Fäß⸗ chen Pulver und Bley enthielt, mit einigen Wollhüten, einigen Paaren Schuhen und einem Schock Meſſer, Ga⸗ beln und Löffeln. Ueber der Thüre war ein Bret mit der Inſchrift auf⸗ genagelt: New Mop cheap for cash(neuer Laden; wohlfeil für baar Geld), und an der Mauer des baufäl⸗ ligen Framehauſes war mit Kreide geſchrieben: Whiski Brandy, Tabacco, Postoflice. Auf einem Baumſtumpfe ſtand ein Mann, der, ſeinem neuen Caſtorhute, friſch gewaſchenen Hemdekragen und nagelneuen pompadourrothen Fracke und Beinkleidern nach — 41416— zu ſchließen, auf nichts weniger als auf eine der von dem ſouveränen Volke zu vergebenden Offiziersſtellen Anſpruch machte. Nahe an dieſem erhöhten Standpunkte ſtanden einige andere, deren elegantes Aeußere ähnliche Anſprüche zur Schau trug, was auch die Ungeduld, mit der ſie den Reͤner anhörten, noch mehr bekräftigte. Verhältnißmäßig herrſchte hier Ruhe und Orͤnung, den Lärm der Tanzenden ausgenommen, und ein ge⸗ legenheitliches Gebrülle des einen oder des andern Ze⸗ chers, der im Doppelſchritte durch den Koth hin und her marſchirte, mit dem die einzige Straße des Städt⸗ chens knietief gepflaſtert war. Zuweilen wurde auch dieſe Stille durch die Inſubordination der erwähnten Quaſt⸗Compagnie, die außerhalb des Städtchens ma⸗ növrirte, oder durch die gellende Stimme eines Weibes oder Mädchens unterbrochen, die Pfefferkuchen, Aepfel und Cider ausſchrien. Alle dieſe Hinderniſſe ſchien je⸗ doch die Lunge des gegenwärtigen Reners für nichts zu achten, und er begann mit einer brüllenden Stimme zu verkünden, wie er dieſe„Damned brittish“ züchtigen wolle, die er mehr als Polkatzen verabſcheue. Er war gerade im beßten Zuge, dieſes recht augenſcheinlich dar⸗ zuthun, als er durch ein lautes„Hallo!“ zweyer Kum⸗ pane unterbrochen wurde, die bereits lange durch die Straßen geſchwankt, und gerollt und geſtolpert, ſich weit gegen den Waldſaum zu verloren hatten, und nun plötzlich ſo laut zu ſchreyen, und ſo ſchnell zu rennen — 4417— anfingen als es ihr einigermaßen überladener Zuſtand geſtattete. Die Worte,„halt verdammte Rothhaut!” wurden deutlich vernommen. Dieß waren natürlich zu intereſ⸗ ſante Töne, um nicht bey Hinterwäldlern angenehme Empfindungen zu erregen, und ſo ſchlichen ſich denn ein Dutzend Zuhörer den beyden nach, juſt um zu ſe⸗ hen,„was die verdammten Narren vor hätten, und warum ſie ſo verteufelten Lärmen machten.“ Es dauerte nicht lange, ſo waren mehrere von dem⸗ ſelben löblichen Verlangen getrieben, vielleicht ein tüch⸗ tiges Boxen zu ſehen, und zuletzt blieben bloß einige dreyßig um den Redner. Das böſe Beyſpiel hatte un⸗ ter den jüngern ſchnell und reißend um ſich gegriffen, auch in den beyden Corps, die ſich dem Waldrande genähert hatten, war Inſubordination ausgebrochen, und ein Drittel der exerzirenden Mannſchaft kam dem Walde zu⸗ gelaufen.— Nur die zweyte Gruppe vor dem Krämer⸗ laden hielt ernſt beyſammen. 3 Aus den dunkeln Cypreſſenwäldern die ſich beyläu⸗ fig eine Viertelmeile vom Ufer des Atchafalaya gegen Süden hinabziehen, war eine Figur zum Vorſchein ge⸗ kommen, die, nach ihrer Kleidung zu ſchließen, der rothen Race angehörte. Der Wilde hatte ſich ſcheu am Rande des Waldes hingeſchlichen, um der Stadt ſich zu nä⸗ hern, war aber wahrſcheinlich durch das wüſte Lärmen abgeſchreckt worden, die Straße herauf zu kommen, und — 118— hatte einen Seitenweg über ein Cottonfeld eingeſchlagen. Gerade aber, als er die Umzäunung überklettern wollte, hatte ihn das Auge der erwähnten zwey Spaziergänger erfaßt, die, obwohl ihre Köpfe bereits ziemlich vom Whis⸗ kygeiſte erfüllt waren, kaum den Indianer erſehen hatten, als ſie auf ihn zugeſprungen kamen. Der eine hatte je⸗ doch erſt ſein Pintglas hinter den Zaun in Sicherheit zu bringen, dann folgte er ſeinem Vorläufer, der, ein ſchnell⸗ füßiger Sohn des Weſtens, den Indianer bereits in ſei⸗ nen Klauen hatte. Dieſer ſchien ſo erſchöpft zu ſeyn, daß er augenſcheinlich nicht mehr viel weiter konnte. Der ſchwankende Zuſtand ſeines Verfolgers mochte ihm jedoch nicht entgangen ſeyn, und ſo gab er ihm vorläufig einen Ruck, der den Hinterwälder der Länge nach in den Koth hinſtreckte.„Halt!“ ſchrie er nun von ſeiner Lager⸗ ſtätte auf,„oder ich will deine Backenknochen ſo einrich⸗ ten, daß dir das Eſſen eine ganze Woche vergehen ſoll.“ Der Indianer ſchien die Sprache zu verſtehen und hielt, jedoch nicht ohne ſich vorher in einigen Vertheidi⸗ gungszuſtand verſetzt zu haben, der den feſten Entſchluß verkündete, ſich ſeiner Haut zu wehren. Er faßte ſein Schlachtmeſſer und ſah keck ſeinen Verfolgern entgegen, die beyde an ihn herangekommen waren, und ihn mit einer mißtrauiſchen Neugierde maßen, der etwas verdäch⸗ tig erſcheint, und die ſich berechtigt glaubte, der Sache auf den Grund zu kommen.. Die Erſcheinung eines Indianers in dieſen Gegenden — 149— war nichts weniger als ungewöhnlich, da ſie kaum hun⸗ dert Meilen gegen Nordweſten zu ihre Dörfer hatten, und ihre Excurſionen ſie häufig mehrere hundert Meilen in allen Richtungen ins Land hinein, und ſelbſt in die Hauptſtadt führten. Ihre ſich mit jedem Jahre vermin⸗ dernde Anzahl hatte ihnen ſchon ſeit langen Jahren nicht mehr erlaubt, etwas Feindſeliges gegen ihre immer näher rückenden weißen Nachbarn zu unternehmen, und ihre ge⸗ ſteigerten Bedürfniſſe, worunter beſonders ihre unerſätt⸗ liche Gier nach dem köſtlichen Feuerwaſſer, hatte ſie in der That zu Jagdſklaven, der in den Städten und auf dem Lande zerſtreuten Krämer gemacht, die den Elenden kaum den zehnten Theil des vollen Werthes für ihre Felle in Whisky bezahlten. Die Verfolger hatten daher ſicherlich keine böſe Abſicht mit dem armen Wilden, höch⸗ ſtens wollten ſie ein Bischen Spaß mit ihm treiben und ein halbes Pint ächten Monongehala leeren. Wenigſtens verkündete dieß der Wiedererſtandene, der, den etwas un⸗ ſanften Ruck gar nicht übel nehmend, ihm zubrüllte,„er müſſe ein halbes Pint Whisky mit ihm leeren, oder er wolle ihn in ſeine Taſche ſtecken.“* und ſofort nahmen ihn die beyden Hinterwäldler mit jener Familiarität und rückſichtsloſen Zuverſicht in Em⸗ pfang, die keinen Widerſtand erlaubt, und ſich ermäch⸗ tigt glaubt, mit unbezweifeltem Rechte ſich in alles ein⸗ zumiſchen, was in ihrem Bereiche vorgeht. „Komm rother Junge,“ rief der zweyte, der gele⸗ — 120— genheitlich den ſchmalen Pfad miſſend, knietief in den Koth verſank, während der erſte, ſeinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, noch in ſeinen Schuhen ſtehen konnte.“ „Komm! komm! Damn it, wenn du uns nicht helfen ſollſt die vermaladeyten Britten zu bekäm⸗ pfen, und trinken; ey, und trinken!“ Mittlerweile wa⸗ ren auch die Ausreißer der Korps in verſchiedenen Gra⸗ den von Schnelligkeit angekommen, ſchon von weitem das aufgetriebene Wild prüfend, das der Zufall ſo ge⸗ fällig in ihre Mitte brachte, und nicht unähnlich einer Kuppel Hunde, die nun mit offenem Rachen auf den Fremden losſtürzen, den ſein böſes Geſchick ſo unerwar⸗ tet mitten in einem Haufen fröhlicher Fuchsjäger hin⸗ eingeworfen hat. An den luſtigen Brüdern war eine Art unverſchäm⸗ ter, jedoch nichts weniger als böswilliger, Neugierde ſichtbar. Ohne um weitere Erlaubniß zu fragen, tra⸗ ten ſie an den Wilden heran, probirten die Schärfe ſei⸗ nes Skalpiermeſſers, beſahen ſeine Garderobe, unterſuch⸗ ten ſeine Mocaſſins, und einer von ihnen ſtand im Be⸗ griffe, ihm ſeine Kappe ein wenig zu lüften, um ein näheres Verſtändniß mit dem neuen, und wie es ſchien, eben nicht ſehr angenehm überraſchten Beſucher ein⸗ zuleiten. Das Aeußere dieſes Ankömmlings, die Wahrheit zu geſte⸗ hen, war ein wenig ſonderbar. Eine Fuchsfellkappe bedeckte ſeinen Kopf bis über die Ohren herab, und verhüllte ſorgfäl⸗ — 121— tig ſeine dunkelblonden Haare, aber der etwas lange Flaum auf ſeinen Lippen machte dieſe Verkleidung nur um ſo auffallender. Sein Hirſchfellwamms verrieth ei⸗ nen Wilden, aber die Beinkleider einen Gezähmten. Auch einer ſeiner Mocaſſins, den andern hatte er wahr⸗ ſcheinlich verloren, war von indianiſchen Händen gear⸗ beitet; eine ſeiner Wangen hatte noch immer Spuren der rothen und ſchwarzen Kriegerfarbe, aber die andere war nur noch zur Hälfte gefärbt, und ſeine Hände weiß und bloß von der Sonne verbrannt. Die blauen Augen, halb muthwillig halb trotzig, hoben jedoch allen Zweifel; dieſe konnten unmöglich einem Wilden angehören, wenn auch ſeine blühenden vollen Backen und der regelmäßig geformte Mund dieß zugelaſſen hatten. Der Haufe ſtarrte ihn mit der Verblüftheit an, die Einzelne aus ihnen viel⸗ leicht ergriffen hätte, wenn ſie in ein Dickicht drängen, in der Hoffnung einen fetten Hirſchbock zu finden, und ſtatt deſſen einen brummenden Bären auf ſie zuſchrei⸗ ten ſähen. „Ich ſollte meinen, ihr habt mich genug beſehen;““ hob nun der Wilde in einem humoriſtiſchen Tone an, der halb Scherz halb Unwille verrieth, während er ei⸗ nem kecken Hinterwäldler mit der flachen Klinge ſeines Meſſers über die Hand ſchlug, deren warzige, rauhe Hornhaut eher den Tatzen eines Alligators als eines Menſchenkindes anzugehören ſchienen, und die es wieder — 122— verſucht hatte, ſeine Kappe zu lüften, und ſeinen Haar⸗ wuchs zu beſehen. Es war, wie unſre Leſer nun errathen werden, unſer junge Britte, der vom indianiſchen Läufer auf den Pfad der Coshattaes geführt, ſich endlich durch die zahlloſen Sümpfe, Flüſſe und Wälder, mit denen dieſe Land⸗ ſchaft ſo überflüſſig geſegnet, hindurch gearbeitet hatte. Die kalte, oder verhältnißmäßig kältere Jahreszeit, und der niedrige Waſſerſtand der Sümpfe und Flüſſe, von denen viele der erſtern ganz ausgetrocknet und in Wieſen umwandelt waren, hatten ihn auf ſeiner Irrfahrt begün⸗ ſtigt, ſonſt dürfte er ſchwerlich je die Ufer des Atcha⸗ falaya geſehen haben. Er hatte von wilden Gänſen und Enten während der drey letzten Wochen gelebt, die er getödet und gebraten, ſo wie ihn die Indianer gelehrt hatten, und war ſo eben aus der Wildniß gedrungen. Die gewaltig langen Goliathsgeſtalten der Hinterwäldler, ihre ſcharfen Augen und ſonnverbrannten Geſichter und die langen Dolche mit Schaften von Hirſchhorn, hatten ihm vermuthlich eben nicht ſehr einladend geſchienen, und ſo groß auch ſeine Sehnſucht wahrſcheinlich war, wieder in civiliſirte Geſellſchaft zu gelangen, ſo mochten die Leute, die er vor ſich hatte, ihm doch wieder ziemlich die Luſt benommen haben. Er hätte ſich demnach ſeit⸗ wärts gewendet, aber zu ſpät. Uebrigens ſchien ihn ſein Zuſammentreffen eben nicht ſonderlich in Verlegen⸗ — 123— heit zu ſetzen; die franke, etwas zudringliche Familia⸗ rität der Hinterwäldler ihn vielmehr zu unterhalten. „Und Damn it!“ rief einer nach einer langen Pauſe, während welcher alle ihn aufmerkſam und ſelbſt mißtrauiſch betrachtet hatten; wer ins T— ls Namen ſeyd ihr? Ihr ſeyd keine Rothhaut? „Nein, das bin ich nicht,“ verſetzte der junge Mann lachend.„Ich bin ein Engländer.“ Er ſprach die letzten Worte im kurzen etwas deter⸗ minirten Tone und allenfalls mit dem Gewichte eines Barons oder Grafen, der, in einer ſeiner vielen großar⸗ tigen Gemüthsaufwallungen, ſeine Bauern incognito zu überraſchen, und dieſes nun auf einmal abzulegen für gut findet. Derley Gedanken ſchienen ihn zu durch⸗ kreuzen, wenigſtens zeigten ſeine munter und keck über die Menge hingleitenden Blicke eine gewiſſe Behaglich⸗ keit und Neugierde, wie wohl die Erklärung aufge⸗ nommen werden dürfte, einen gewiſſen Kitzel, ein Ue⸗ berlegenheitsgefühl, das John Bull gerne zu Tag för⸗ dert, und das er damals auch Bruder Jonathan empfin⸗ den ließ, das aber ſeither ganz verſchwunden, und einer gewiſſen neidiſchen Unbehaglichkeit Platz gemacht hat, die, ungeachtet des Hohnes in den ſie ſich kleidet, ein ſich⸗ rer Beweis der ſeinerſeits dem gehaßten Bruder Jona⸗ than zugeſtandenen Ueberlegenheit ſeyn dürfte. „Ein Engländer!“ wiederholten zwanzig Stimmen; „ein Brittiſcher“ die Uebrigen, und unter dieſen ein — 124— junger Mann im pappelgrünen Fracke, der ſo eben an⸗ gekommen, und zwar wie es ſchien, mit einer Eilfer⸗ tigkeit und Wichtigkeit, die ſich gewaltig fühlte. „Ein Britte?“ das iſt jedoch nicht eure einzige Empfehlung? ſchnarchte der Zeiſtggrüne den jungen Mann an. Dieſer warf einen Seitenblick auf den Sprecher, der vierſchrötig ihn mit ſeinen Lobſteraugen maß, und au⸗ genſcheinlich nichts weniger als freundſchaftliche Geſin⸗ nungen hatte. Dann ſprach er im hingeworfenen Tone: „Für jetzt iſt dieß meine einzige.“ Was immer die Gedanken des grünen Mannes ge⸗ weſen ſeyn mochten, und ſie waren ſicherlich nicht freund⸗ ſchaftlich, die Uebrigen ſchienen dieſe nicht zu theilen. Die Art Ueberraſchung, auf die er vielleicht gehofft hatte, war nun freylich nicht zu ſehen, ſie war eher ungünſti⸗ ger Natur; aber bald ſchien ſie einer gewiſſen Neugierde zu weichen, die augenſcheinlich erforſchen wollte, was den jungen Menſchen ſo mitten in dieſe beynahe undurch⸗ dringlichen Sümpfe und Wälder gebracht habe. Viel⸗ leicht hatte ſich auch das ſchlummernde Band der Ver⸗ wandtſchaft für ihn, der vom Volke ihrer Väter ab⸗ ſtammte, geregt. Die Menge ſchien wirklich für einen Augenblick vergeſſen zu haben, daß der junge Mann, der vor ihr ſtand, ein Glied der Nation ſey, mit der ſie im Kriege begriffen, und deren Truppen ſo eben feind⸗ ſelig an ihren Küſten gelandet. Allmählig mochten ſie — 125— ſich jedoch erinnern; und ihr Mißgriff, ſtatt eines In⸗ dianers einen Britten zu ſehen, beſchleunigte wahrſchein⸗ lich den Gang ihrer etwas langſamen Gedankenverbin⸗ dung. „Und Damn it,“ wie kömmt ihr hieher, nach Ope⸗ louſas?„fragte der grüne Mann wieder.“ „Auf meinen Fühen,“ verſetzte der Jüngling ſpöt⸗ tiſch. Der Spaß gefiel jedoch nicht. „Junger Menſch!“ ſprach ein zweyter, etwas ält⸗ licher Mann.„Ihr ſeyd im Staate Louiſiana und ſeht hier Bürger der vereinigten Staaten von Amerika vor euch; dieſer Mann da,„auf den Grünrock zeigend,“ iſt Conſtable; Spaß und Spott ſind hier am unrechten Orte.” „Ich komme vom Bord meines Schiffes, denn“— „Vom Bord ſeines Schiffes,“ wiederholten alle, und ihre Stirnen runzelten ſich zuſehends, und es ent⸗ ſtand ein dumpfes Gemurmel. Die Neuigkeit von der Landung der brittiſchen Trup⸗ pen war ſo eben in dem Städtchen angelangt, und mit dieſer zugleich auch die unwillkommene Poſt von der Wegnahme der amerikaniſchen Kanonenboote durch die Brittiſchen an den Päſſen des Miſſiſippi. So gering dieſer Verluſt im Vergleiche mit den glänzenden Siegen war, die auf dem Champlain und Erie, und auf der⸗ hohen See, bey jedem Zuſammentreffen, über die brit⸗ tiſchen Kriegsſchiffe erfochten worden waren, ſo hatte die⸗ — 426— ſer Unfall doch eine allgemeine Verſtimmung hervorge⸗ bracht, und den nationellen Unwillen aufs höchſte ge⸗ ſteigert. Der Conſtable trat mit einigen Männern auf die Seite, und fing an leiſe zu ſprechen. Zuweilen fiel ſein Blick hinüber auf den Jüngling, gleichſam als wolle er ſich kräftigen, in dem was er wahrſcheinlich an ihm zu ſehen glaubte. Man hatte ihn aufmerkſam angehört, und mehrere ſchlichen ſich heran an den jungen Mann, und maßen ihn gleichfalls mit ſcharfen, verdächtigen Blicken, als wollten ſie durch eigene Ueberzeugung prüfen, was über ihn geſagt worden. Auffallend war übrigens die Umwandlung in dem Betragen der Hinterwäldler, nach dieſem kurzen Wort⸗ wechſel. Die derbe Familiarität, mit der ſie ihn anfangs empfangen und gemuſtert hatten, die freundliche und neu⸗ gierige Rückſichtsloſigkeit ihres Benehmens hatte plötzlich einem kalten, zurückſtoßenden Widerwillen Platz gemacht. Ihre launiſch frohen Mienen hatten einen kalten, ſtolzen Ernſt angenommen, und ſie maßen ihn mit mißtrauiſch prüfenden Augen.. „ Fremoͤling!“ ſprach der Conſtable in einem befeh⸗ lenden Tone. Ihr ſeyd eine verdächtige Perſon und müßt uns folgen.” „ Und wer ſeyd ihr, der ihr euch anmaßt mir den Weg zu ſperren?“ fragte dieſer. „»Was ich bin, habt ihr gehört. Was dieſe Männer —— — 4127— ſind, ſehet ihr, Bürger der vereinigten Staaten, gegen⸗ wärtig im Kriege mit eurem Lande begriffen, wie ihr wahrſcheinlich wiſſet.“ Der zeiſiggrüne Würdenträger ſprach dieſe Worte nicht ohne Würde, und mit einem Nachdrucke, der den jungen Mann mit einem etwas weniger höhniſchen Blicke auf den neuen Caſtorhut und die grünen Beinkleider ſe⸗ hen machte. „Wohlan ich folge, hoffe jedoch ſicher unter euch zu ſeyn,“ ſprach er. 3 „Das werdet ihr bald erſehen,“ ſprach der Conſtable trocken. Und mit dieſen Worten ging der Zug dem Städtchen zu. XXI. Kapitel. Sachte! Sachte! Wir wollen noch ein wenig mehr hören. Shakespeare. Das Countyſtädtchen Opelouſas zählte zu der Feit, in welche unſre Erzählung fällt, zwölf hölzerne Häuſer, von denen die Mehrzahl aus gezimmerten Baumſtämmen aufgeführt, einige jedoch mit Mörtel beworfen und grün getüncht waren. Unter dieſen letztern war das des Friedensrichters oder, wie er ſchlechtweg genannt wird, Squire. Die plötzliche Veränderung, die im Haufen vorgegan⸗ gen war, ſchien eben kein ſehr günſtiges Vorbedeutungs⸗ zeichen für den guten Empfang von Seite der Magi⸗ ſtratsperſon zu ſeyn, vor die der Jüngling, wie er wohl ſah, geführt werden würde. Er hatte anfangs das Be⸗ nehmen der buntſcheckigen Hinterwäldler als die unzei⸗ tige Ausgeburt einer rohen Willkür betrachtet, die ſich gerne einen Scherz auf Koſten eines verirrten Reiſenden erlaubt; aber der Ernſt und die finſtre Gravität mit — 129— der ſie haſtig die Gaſſe, die noch größtentheils aus um⸗ zäunten Gartenſtücken beſtand, hinaufſchritten, die ver⸗ dächtigen Blicke, mit denen ſie ihn maßen, und vorzüg⸗ lich die Entfernung in welcher ſich jeder halten zu wol⸗ len ſchien, weiſſagten immer unangenehme Auftritte. Als ſie zwiſchen den erſten Häuſern angekommen wa⸗ ren, wurde die Feldmuſik hörbar, und gleich darauf ka⸗ men die zwey Compagnien der rothen, grünen, gelben, blauen und ſchwarzen Hinterwäldler im Sturmſchritte, ernſt und beynahe feyeklich durch den Koth angeſtolpert, die zwey Geiger eben den Yankee Doodle aufſchnarrend. Einen Augenblick ſtutzte der Britte über den wirklich grotesken Aufzug, und dann ſchlug er ein lautes Ge⸗ lächter auf. Niemand ſchien jedoch ſeine Lachluſt zu theilen. Als ſie dem Hauſe des Squire zukamen, ſchloß eben der Sprecher auf dem Baumſtamme ſeine Rede, und die Zuhörer drängten ſich nun mit den Exerzirenden her⸗ an, um die urſache dieſes Aufzugs zu hören. Unge⸗ achtet des ſcheinbar tollen Treibens, war jedoch nirgends Zügelloſigkeit oder Roheit zu bemerken; im Gegentheil, es war eine Ordnung eigener Art ſichtbar, die trotz der herrſchenden Ungebundenheit überall hervorleuchtete. Das ganze Städtchen war nun vor dem Hauſe des Squire verſammelt, als der Conſtable die Thüre öffnete und ſeinen Gefangenen voraus einſchreiten ließ. Die er⸗ wachte Neugierde fing nun an zu drängen, und die Zurückſtehenden drückten ſo gewaltig auf ihre Vorder⸗ Der Leaitime. II. 9 — 130— männer, daß das windig ausſehende Framehaus ſo ziem⸗ lich in Gefahr kam, mit ſeinen Bewohnern weiter ge⸗ ſchoben zu werden; ſo wie jedoch die Thüre geöffnet war, rief der Conſtable dem Haufen zu:„Männer! der Squire ſitzt beym Frühſtück,“ und die Menge wich augenblicklich zurück. Auf unſern Britten ſchien dieſes vereinte Vordringen und plötzliche Zurückweichen der derben Hinterwäldler wieder einen angenehmen Eindruck zu machen. Er hatte jede Regung und Bewegung des Haufens mit einer Auf⸗ merkſamkeit und Neugierde beobachtet, als wenn er, ſei⸗ ner eigenen Lage vergeſſend, nur auf dieſe bedacht ge⸗ weſen wäre. Beynahe ſchien es, als ob er es ſich zur Aufgabe gemacht habe, zu ſehen was denn eigentlich aus Menſchen geworden, die ſeines Landes geprieſenen Schutz von ſich geſtoßen, und auf eigene Rechnung zu hauſen angefangen hatten. Der Conſtable blieb mit den zwey Männern, die ihn zuerſt entdeckt, in der Stube. „Männer! wollt ihr mit uns halten?“ ſprach der gebräunte, ältliche, aber kernhaft ausſehende Friedens⸗ richter. „Dieſem Fremdling da wird vielleicht eure Einla⸗ dung willkommen ſeyn,“ ſprach der erſte, der ſich einen Seſſel nahm und ſich niederließ. Die andern folgten ſeinem Beyſpiele. „Setzt euch, Mann,“ ſprach der Friedensrichter zum Gefangenen, ohne jedoch von ſeinem Teller aufzublicken, — 1314— der, mit Schinken und Eyern beladen, ihm allem Anſchein nach volle Beſchäſtigung gab. „Helft euch zu was auf dem Tiſche iſt“— fuhr er fort.—„Altes Weib! eine Taſſe.“ Das alte Weib, oder weniger hinterwäldleriſch zu ſprechen, die Hausfrau füllte eine Taſſe mit Kaffee, und eine der Toͤchter legte ein Couvert zurechte, das ein Negermädchen gebracht hatte. Alles ging ſo formell vor ſich, und es herrſchte eine Gravität, eine urſprüngliche Artigkeit in der Stube, die unſern jungen Mann all⸗ mälig mit einem gewiſſen Reſpekt für ſeine neuen Be⸗ kannten zu erfüllen begann, deren Außenſeite zwar nichts weniger als polirt war, aber einen ruhigfeſten, männ⸗ lichen und ſich ſtets gleichbleibenden Sinn verrieth. Als der Wirth ſeine Einladung wiederholt hatte, griff ſein Gaſt mit einer leichten Verneigung zu. „Helft euch zu was beliebt,“ ſprach der Squire zu den drey Männern, auf den Seitentiſch weiſend, auf dem mehrere Bouteillen mit Madeira, Port, Cognac und Whisky ſtanden. Dieſe winkten lachend, und füll⸗ ten ſich Gläſer, aus denen ſie die Geſundheit des Squire, ſeiner Frau und Familie tranken, ohne die des jungen Mannes zu vergeſſen, den ſie ſo eben in vielleicht unan⸗ genehme Verwickelungen zu bringen gekommen waren. Ein Fremder, der plötzlich eingetreten, und die verſchiede⸗ nen Perſonen ruhig mit ihren Frühſtücken beſchäftigt, oder ihren Toddy trinken geſehen, dürfte ſchwerlich er⸗ rathen haben, weshalb dieſe Menſchen gekommen, ſo formell, langſam, bedächtig und gleichmüthig waren die Bewegungen der verſchiedenen Parteyen. Die Frau warf von Zeit zu Zeit einen flüchtigen Blick auf den jungen Mann herüber, dem das wirklich treffliche Frühſtück wohl zu behagen ſchien, und zwey erwachſene, allerliebſte Mädchen, ſchienen die Makrelen auf ihren Tellern nicht mehr zu ſehen; der Squire jedoch ſaß ſtandhaft da, und vollbrachte ſeine Morgenaufgabe mit einer Langſamkeit, die bewies, daß er jedem Geſchäfte ſeine Zeit zumaß. „Die Wahl iſt doch noch nicht vorüber?“ fragte er endlich. „Nein,“ ſprach der Conſtable.„Mein Bruder hat ſo eben ſeine Anrede beſchloſſen. Er begleitete ſeine Worte mit einem ſtechenden Seitenblicke, der verrieth, daß er nichts weniger als zufrieden mit dem neuen Abenteuer ſey, das ſeinem Bruder die Hälfte ſeiner Zuhörer ent⸗ führt hatte. Eine andere viertelſtündige Pauſe erfolgte, und wäh⸗ rend dieſer endete die Mahlzeit. Als der Tiſch abge⸗ räumt war, ſtand der Squire auf, und die Thüre öff⸗ nend, ließ er ſo viele der Außenſtehenden herein, als das Innere bequem faſſen konnte. „ Und nun Conſtable,“ ſprach er, indem er zugleich ein Korkdintenfaß mit einem Buche Papier auf einem —— — Seitentiſche zurechtlegte,„was gibts nun wieder, und wer hat etwas anzubringen?““ „Dieſe zwey, Miſter Joe Drum und Sam Slab,“ ſprach der Unterbeamte„werden euch das Nähere ſagen, und zwar Miſter Joe Drum als der erſte, der den Ge⸗ fangenen geſehen und angehalten.“ Der werthe, durch den Offizialen bezeichnete Miſter, ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, nahm einen un⸗ geheuern Klumpen Kautaback aus ſeinem viereckigten Munde, warf ihn in das Kaminfeuer, und begann dann ſeinen ſchlichten, ungekünſtelten Vortrag: wie er auf den Fremdling aufmerkſam geworden war, und wie dieſer durch allerley Wendungen ihm zu entwiſchen geſucht hatte. Der Friedensrichter beſah nun zum erſten Male den Beklagten, der ſchweigend und gefaßt vor ihm ſtand, und deſſen Geſichtszüge ſich nur zuweilen in ein un⸗ merkliches Lächeln verzogen. Der zweyte, der Hinterwäldler, entledigte ſeinen Mund eines ähnlichen Tabakklumpens, und bekräftigte die Aus⸗ ſage des Erſtern ſo ſchnell als die Schwere ſeiner Zunge es nur immer zuließ. „Sam!“ ſprach der Friedensrichter zwiſchen hinein. „ Ihr ſeyd wieder ſo arg beſoffen als je, und noch geſtern, als ich euch aus dem Alligatorſumpfe herauszog, ver⸗ ſpracht ihr mir feſt und theuer, die nächſten ſechs Wo⸗ chen keinen Whisky mehr anzuſchauen.“ — 1344— „Und Damn it, wenn ich mein Wort gebrochen“ verſetzte der Erzzecher.„Ich habe meine Augen zuge⸗ drückt; fragt einmal Joe Drum, und ſo ſolltet ihr thun, Damn ye. Aber dieſe Fips und Levies, ſprach er, indem er einen ſchmuzigen Lederbeutel mit kleiner Münze auf den Tiſch warf und ſchnell wieder zu ſich ſteckte, müſſen noch wandern, daß die Brittiſchen ihn mit gelben Füch⸗ ſen wieder füllen.“ „Ja die werden euch etwas münzen,“ ſprach der Frie⸗ densrichter.„Unter anderm laßt euer gottesläſterliches Fluchen bleiben, ſonſt büß ich euch.“ „Ihr mich büßen?“ grinste Sam.„So mögt ihr, und dürftet dabey reich werden, ja und eine Kugel ne⸗ benbey in euern Wamſt kriegen.“ „Nicht ſo vorſchnell, Sam. Ihr werdet mich nicht erſchrecken,“ ſprach der Friedensrichter ernſt und ſcharf, das mich beſonders betonend.„Wenn ich euch nochmals fluchen höre, ſo büß ich euch.“ Die dritte der Hauptperſonen, nämlich der Conſtable, ſchien nun geſonnen, ſeinen Beytrag zur Bekräftigung der Ausſagen zu liefern; doch von mehrern Seiten war zu hören:„ehrlich Spiel, Dick! Ihr ſeyd zuletzt gekom⸗ men, und wißt vom ganzen Vorfalle gerade ſo viel wie des Squirs Katze.“ „ Ich bin aber Conſtable und meine“— „So ſeyd ihr,“ unterbrachen ihn mehrere Stimmen, —— — 135— „und als ſolcher habt ihr eure Pflicht gethan; mehr müßt ihr aber nicht thun wollen.“” Des Friedensrichters Miene hatte allmälig den Aus⸗ druck von Zweifel und Verlegenheit angenommen, den man allenfalls einem Manne zu gute halten kann, der, gewohnt ſein tägliches Geſchäft langſam und methodiſch zu vollbringen, ſich nun auf einmal bemüßigt findet, einen Gegenſtand von weit größerer Wichtigkeit zu ver⸗ handeln, als ihm noch je vorgekommen ſeyn mochte. Es ſchien als ob er unſchlüſſig ſey, was er aus dem jungen Abenteurer machen ſolle. Die indianiſchen Kleidungs⸗ fragmente ausgenommen, hatte er nichts an ſich, das ihn verdächtigte. Zwar kannte er den Gefangenen nicht näher; aber was er an ihm ſah, war nicht von der Art, die Vermuthungen zu bekräftigen die ſein Aufgreifen und ſeine Verkleidung veranlaßt hatte. Er lachte heiter und ſorglos, blickte fröhlich umher, und muſterte die Hinter⸗ wäldler vom Kopf zu den Füßen mit einer Neugierde, die nur zuweilen in Spott übergehen zu wollen ſchien. Dabey hatte ſein Aeußeres, ungeachtet der nichts weniger als zierlichen Metamorphoſe, einen Anſtand, das vor⸗ theilhaft für ihn ſprach. Freylich konnte ſeine Unbefan⸗ genheit auch erkünſtelt ſeyn, und eben hinter dieſem An⸗ ſtand etwas nur um ſo Gefährlicheres ſtecken; dieß ſchien jedoch bey ſeiner Jugend nicht wahrſcheinlich. Aber derley Fälle gab es doch, vielleicht waren ſie dem Friedens⸗ richter ſelbſt in einem Lande vorgekommen, das ſeit den — 436— letzten zehn Jahren gewiſſermaßen der Sammelplatz von Aventuriers aller Art geworden war. Der gute Mann war in ſichtlicher Verlegenheit, und krazte ſich zu wiederholtenmalen hinter den Ohren. Einige Male hatte er einen Pack gedruckter Papiere auf⸗ gegriffen, ſie aber unwillig wieder auf den Tiſch geworfen. Endlich ſprach er:„Fremoͤling, könnt ihr etwas zu eurer Vertheidigung ſagen?“ Sein Auge fiel bey dieſen Worten ermunternd auf den Jüngling. „Ich weiß nicht worin die Anklage beſteht.“ „Ihr habt ſie gehört, verſetzte der Friedensrichter etwas ſchnell, ich will ſie euch aber wiederholen. Dieſe zwey Männer da, und der Conſtable im Namen des Staates ſagen, daß ihr ein Spion ſeyd, verkleidet„ und gekommen, um das Land auszuſpähen, und die Roth⸗ häute gegen uns aufzuhetzen.“ Der junge Mann warf einen unwilligen Blick auf die beyden Ankläger, aber er ſchien nicht überraſcht oder verlegen.„Das iſt eine verdammte“— platzte er her⸗ aus, ohne jedoch das letzte Wort ausſprechen zu können, denn der Squire, der aufmerkſam in ſeinem Geſichte ge⸗ leſen hatte, fiel ihm mit einem donnernden„„Halt!“ in die Rede. „„ Ich habe nicht Luſt, mein Haus in einen Tummel⸗ platz verwandelt zu ſehen. Ihr müßt eure Zunge in Acht nehmen, junger Mann, wenn ihr mit amerikaniſchen Bürgern redet; das ſind keine Britten. Wenn ihr euch — 137—. gehörig ausweiſen könnt, wer ihr ſeyd, und wie ihr zu euern indianiſchen Kleidungsſtücken gekommen, dann wohl; wenn nicht, ſo muß ich euch ins Hauptquartier oder auf das nächſte Depot ſenden.“ „Der alte Hickory läßt ihn die erſte Stunde bau⸗ meln,“ meinte einer. „Damnold Hickory; wollte er wäre bereits wieder wo er hergekommen,“ fiel ein Zweyter ein. „Mag ich erſchoſſen werden, wenn der alte Hickory nicht mehr ehrliches Blut im kleinen Finger hat, als ein Pferd ſchwemmen würde, ſchwor ein Dritter.“ „Haltet eure Mäuler,“ ſprach der Friedensrichter und laßt mal hören was der Junge da zu ſagen hat. Alſo, pro primo, wer ſeyd ihr, und was ſeyd ihr?“ „Ein Engländer; mein Name, James Hodges, Midshipman auf der Fregatte der Donnerer.“ „Ein Britte, James Hodges, Midshipman auf dem Donnerer“ murmelten alle. Der Friedensrichter maß den Midshipman mit einem beſorgten Blicke und ſchüttelte den Kopf. „Wohl;“ ſprach er, nachdem er die Ausſage zu Pa⸗ pier gebracht hatte. „Wie ſeyd ihr aber nahe an dreyhundert Meilen tief ins Land gekommen? Doch nicht wie der Flying Dutch⸗ man auf eurer Fregatte?”“ „Nein,“ verſetzte der junge Mann lachend,„aber unſer Capitän, mit der Sondirung der Miſſiſippimün⸗ — 138— dungen beauftragt, hat einigen von uns die Erlaubniß zu einer Schildkrötenjagd gegeben. Auf dieſer und dem Auſternfange waren wir begriffen, als der Seeräuber von Barataria uns überfiel und in ſein Fort ſchleppte. Ich habe mich zur Nachtzeit gerettet. Was aus meinen Gefährten geworden, weiß ich nicht.“ „Vom Seeräuber von Barataria gefangen genom⸗ men,“ riefen wieder zwanzig Stimmen. Der Name des Seeräubers von Barataria, der die Küſte ſeit ſo langer Zeit her unſicher gemacht, erregte ein allgemeines Ver⸗ langen etwas mehr von ihm zu hören. „Laßt'mal etwas von dem Kerl hören,“ rief einer. „Halt's Maul, ſage ich euch!“ rief wieder der Frie⸗ densrichter.„Wir haben keine Zeit Geſchichten anzu⸗ hören, gibt mir dieſe Kopfbrechens genug.— Und kommt ihr von der Inſel Barataria gerade herauf in dieſe Ge⸗ gend?“ fragte er. „Nein, erwiderte der Gefangene, ich entkam in ei⸗ nem Boote, das ein ſtarker ſüdoſlicher Wind tief in den mexicaniſchen Buſen führte.“ „Und von da kommt ihr her?“ fragte der Squire kopfſchüttelnd.„Doch, woher dieſe indianiſche Kleibung 2““ „Ich traf auf einen indianiſchen Stamm, der mich damit verſehen.“ „» Und von dieſem habt ihr euch auf den Weg her⸗ auf dem Atchafalaya zu gemacht?* fragte der Squire wieder, noch immer kopfſchüttelnd. —— — 4139— „So habe ich,“ war die Antwort. „Ich will es niederſchreiben, lieber Mann,“ ſprach der Friedensrichter, obwohl ich euch verſichern mag, daß unter Millionen nicht zehn es glauben werden. Hört einmal. So viele ihr unten am Balize ſeyd, und wä⸗ ret ihr Hunderttanſend, ſo hat keiner von euch ſo viel noch gelernt, um von der mexicaniſchen Grenze oder einem Indianerſtamme den Weg herzufinden. Hört ihr, da ſind keine Fahrſtraßen und Meilenzeiger zu ſehen. Da ſteckt etwas anderes dahinter; zudem, dieſe indiani⸗ ſche Kleidung iſt ſo ſchlecht nicht. Ich kenne keinen Stamm der ſo etwas wegzugeben reich genug wäre. Wie heißen die Indianer, bey denen ihr euch aufgehalten habt? „Das kann ich nicht ſagen,“ erwiderte der Jüngling. „Das müſſen wir aber wiſſen,“ verſicherte der Frie⸗ densrichter. „Ich kann es nicht ſagen, es gibt ſo viele Stämme, Coshattaes, Sabiner und wie ſie heißen.“ Alle horchten hoch auf. „Ihr wißt der Name der Coshattaes und Sabiner, und nicht derjenigen, bey denen ihr euch aufgehalten habt?“ fragte der Friedensrichter.„Das iſt ſonderbar; und dieſe Indianer ſollten euch eine Kleidung gegeben haben, die zum wenigſten zehn Dollars Werth iſt? Hört, das iſt eine kitzliche Geſchichte, ich verſichere euch. Die Coshattaes und Sabiner, wenn ſie alle ihre Habſelig⸗ — 440— keiten zuſammen nähmen, ſind nicht im Stande euch zu geben, was ihr am Leibe habt. Eure Geſchichte mag gut genug ſeyn, um bey euch zu paſſiren; aber hier bringt die Anklage, die daraus hervorgeht, euern Kopf in Gefahr.“ „Seyd ſo gut, lieber Friedensrichter,“ ſprach der Britte lächelnd,„ſo ſchnell als möglich meinen Fall im Hauptquartier anzuzeigen. Das übrige wird ſich dann finden.“ „Im Hauptquartier?“ wiederholte der Friedensrich⸗ ter, der den jungen Mann verwundert angeſehen hatte. „ Hört einmal, ihr ſtellt euch das ein wenig leicht vor, aber wenn ihr wüßtet wer darin befehligt, dann würdet ihr wahrſcheinlich nicht ſo vorſchnell ſeyn. Der hauſt mit den Creolen,“ brummte er ſeitwärts,„als wenn ſie ſeine Neger wären; was wird er erſt mit Fremden thun! Und ſonſt— fragte er ſich nochmals an den Gefangenen wendend— habt ihr nichts vorzubringen? „Bloß,“ verſetzte der Britte lachend, daß ich nicht, wie meine zwey Ankläger angegeben, verdächtig in der Nähe eurer Stadt umhergeſchlichen, und von ihnen wäh⸗ rend meines Spionirens gefangen genommen worden bin. Man iſt eben nicht in einem Zuſtande Andere zu fangen, wenn man ſelbſt nicht auf den Beinen ſtehen kann. Ich habe mich freywillig geſtellt.“ „ Und wahr iſts auch noch,“ ſchrie der erſte Anklä⸗ ger,„ich hab' einmal zu viel geladen, das iſt ganz 7 7 — 4144— richtig. Laßt'n laufen Squire; ein Spion mehr oder weniger wird keinen Unterſchied machen; laßt ſie nur kommen die Rothröcke, wir wollen ihnen die Felle ger⸗ ben, daß ſie's Heimgehen vergeſſen ſollen.“ „Ey, und die Proklamation des Generalen,“ erwie⸗ derte der Zweyte, die da ſagt, daß jede verdächtige Per⸗ ſon angehalten, und an die Militärbehörde eingeliefert werden ſoll!“. „Geht uns nichts an,“ verſetzten mehrere Stimmen. „Sie iſt vom Generalen ausgegeben, und der hat ei⸗ nen Quark im Staate und freyen Männern zu ſagen, die nur den von ihrer Legislatur gegebenen Geſetzen ge⸗ horchen ſollen; was meint ihr Squire?“ „Gewiß,“ verſeßte dieſer,„der General hat hier nichts zu befehlen, aber die Conſtitution ſelbſt hat für den Fall geſorgt. Es bleibt nichts weiter übrig,“ ſprach er leiſer zu den Seinigen,„als den Jungen hin⸗ über zu ſenden. Es thut mir leid, daß ich mithelfen ſoll ihn in die Pfütze hineinſtoßen; er ſieht wahrlich ſo wacker aus wie irgend einer der in ſeinen eigenen Schuhen ſteht.“” „Junger Mann,“ wandte er ſich zum Gefangenen, „ihr ſeyd innerhalb der Linien unſrer Armee in einer Ver⸗ kleidung aufgegriffen worden, die allerdings verdächtig iſt. Ihr ſeyd, nach euerm eignen Geſtändniſſe, zur Flotte ge⸗ hörig; beydes zwingt mich, euch unſern Militärbehörden zu überantworten. Es iſt ein hartes Geſetz für ein freyes aber der ſtarre republikaniſche Ernſt, der ſelbſt in dieſem — 41⁴42— Land, aber es iſt nur in Kriegszeiten. Wäret ihr kein Britte, dann möchte ich durch die Finger ſehen. Und ſetzt euch nun nieder und helft euch zu einem Glas Wein oder Rum, was euch beliebt.“ Der Britte dankte mit einer leichten Verbeugung, trat zum Schenktiſche und trank auf die Geſundheit ſei⸗ ner neuen Bekannten. Sein ganzes Benehmen bezeugte, daß er mit ſeiner Behandlung ſehr zufrieden war. Und wirklich war in der Prozedur des Friedensrichters, unge⸗ achtet des ſtarken Beygeſchmocks hta äldiſcher Manie⸗ ren, eine Offenheit und Biederkeit, die t fehlen konn⸗ tens ihm Vertrauen zu ſeinen neue kannten einzu⸗ flößen. Er ſchien ſich gewiſſermaßen zu Hauſe zu füh⸗ len, die Menſchen um ihn herum aren ſo natürlich, ſo ungekünſtelt, und dabey ſo vollkommen geſetzlich und über ihre Intereſſen aufgeklärt; ſie ſchämten ſich ihrer Blößen ſo wenig, daß ſie nothwendig dem Unbefange⸗ nen in vortheilhaftem Lichte erſcheinen mußten. Er hatte vielleicht einen arroganten Pöbelwitz und rohe Schimpf⸗ worte befürchtet, ſtatt dieſer war ihm eine Behandlung zu Theil geworden, die zwar nicht ohne ihre derben Nuancen, aber im Grunde ſo angemeſſen war, wie er ſie nur in ſeiner unangenehmen Lage wünſchen konnte. Es war viel Rauhes, aber nichts Pöbelhaftes zu ſehen ge⸗ weſen. Zwar konnte er noch immer das Lachen nicht ver⸗ beißen, wenn er an die militäriſche Promenade dachte; — 443— grotesken Spektakelaufzuge vorherrſchte, und die männ⸗ lich gebraunten Geſichter, in denen wahrhaft kriege⸗ riſcher Zorn blitzte, gab ihrem ganzen Weſen einen ganz eigenthümlichen Anſtrich, der durch eine formelle und ihrer Würde bewußte Gravität und ihre ſcharf gezeichne⸗ ten Phyſiognomien ſehr gehoben wurde. Der erſte An⸗ blick ganz freyer und trotz ihrer Rauheit innerhalb der Geſetzlichkeit verbleibenden Menſchen machte ihn augen⸗ ſcheinlich ſtutzen, indem er ihm allmählig das innere We⸗ ſen republikaniſchen Lebens ahnen zu laſſen ſchien. Der zeitweilige Verwahrungsort des Gefangenen wurde nun zwiſchen dem Friedensrichter und dem Conſtable der Gegenſtand der Unterhaltung. Der Sheriff war abwe⸗ ſend, und das Countygefängniß in dem zuletzt ein Sklave geſeſſen, der entwiſcht war, ohne Schloß und Riegel. Der Squire endete die Conſultation mit der Zuſicherung, daß er für die Sicherheit des Gefangenen Sorge tragen wolle. Und als die Männer dieſes gehört, ſo räumten ſie die Stube. Nicht lange, ſo erhob ſich der Lärm von neuem. Zur alten Geige und türkiſchen Trommel hatten ſie eine ſchottiſche Pfeife geſellt, und mit dieſer ohrzerreißenden Muſik paradirten ſie nun truppweiſe die Straße hinab ſo ernſthaft, ſo ſteif und ſtattlich, als wenn es gerade auf den Feind los ginge. „Hol der Henker das verdammte Schreibwerk,“ ſchrie plötzlich der ſeiner, Samuel gegebenen Warnung — 11= vergeſſende Squire. Da ſoll ich nun ſchreiben! und ſo wahr ich lebe, ich weiß nicht wie ich die Worte zu ſtel⸗ len habe, um dem armen Jungen nicht wehe zu thun. Höre ein Mal, ich wollte wetten, ihr könnt mit dem Gänſekiel ſo wohl umgehen als Einer; wie wär's, wenn ihr den Plunder aufſetztet?““ „Welchen meint ihr Squire?“ „Je nun die Evidenz, wegen eurer Gefangenneh⸗ mung.“ „Ihr meint den Casus apprehensiones,“ verſetzte der Britte über die ſonderbare Zumuthung laut lachend, nun noch ſein eigener Gerichtsſchreiber zu werden. „Ihr habt Zeit,“ ſprach der Mann,„juſt jetzt; ſetzt euch nieder, hier iſt Dinte, Feder und Papier, und ſchreibt klar und verſtändlich, und denkt daran, daß es um euren Kopf geht.“ „Glaubt ihr,“ verſetzte der junge Mann lachend,„ſie würden es wagen einem Britten zu nahe zu treten, wenn eine brittiſche Armee vor ihren Thoren ſteht?“ „»Nein! hört einmal den Jungen,“ ſprach der Squire, „ das kommt mir ſpaßhaft vor; wagen einem Britten zu nahe zu treten!“ Höre, wenn du der General en Chef eurer Armee ſelbſt wäreſt, um ſo eher hingeſt du, verſteht ſich von ſelbſt, wenn der Verdacht, in dem du ſtehſt, gegründet befunden würde. Nein, junger Mann, du kennſt uns nicht, das ſehe ich wohl; und manchmal werde ich. ſelbſt irre an dem beſeſſenen Geiſt, der in den Unſrigen — ,— ſteckt, und der ſich bald an unſern Herrgott ſelbſt wa⸗ gen wird.„Es nicht wagen!“ rief er wieder kopf⸗ ſchüttelnd.„Die wagen ſich an mehr als an dich, armer Junge, und wenn ſie euerm dummen, brittiſchen Stolze einen Hieb verſetzen können, ſo wird ſie nichts abhalten ihn zu führen, und das ſo kräftig als möglich. Und warum, Junge? weil wir das freyeſte und folglich das erſte Volk der Welt ſind, und alle auslachen mögen.— Halt's Maul, altes Weib,“ brummte er ſeiner Ehe⸗ hälfte zu, die mit bittenden Geberden ihm zur Seite ſtand, und ihn auf mildere Gedanken zu lenken ver⸗ ſuchte.„Dieſe deine Querſprünge gehen hier nicht, du weißt, daß wir die Feinde über'm Hals haben, da gilt kein Spaßen. Nein! nein!“ fuhr er zum jungen Mann gewendet fort:„Ich bitte euch, ſeyd klug, und kurzweilt ja nicht, ſonſt möchte ſich der unten mit euerm Kopf eine Kurzweil ſchaffen; das käm' ihm gerade gelegen.“ Und mit dieſen Worten verlies er die Stube. Der junge Mann ſchickte ſich an, ſein Geſchäft zu beginnen. „Aber was ums Himmelswillen hat euch gerade da⸗ hergebracht?“ fing nun die Ehehälfte an, nachdem ihr Mann den Rücken gekehrt hatte.„Seyd ihr Britten denn gar ſo dumm? Wenn ihr eure Augen und Ohren nur ein wenig offen gehabt hättet, müßtet ihr geſehen haben, daß ihr in die Wolfsgrube rennt. Sie werden Der Legitime. II. 10 — 446— euch hängen, verlaßt euch darauf, das iſt ein grimmi⸗ ger alter Mann, der General.“ Die Ausſicht war nicht ſehr troſtreich, aber der Ge⸗ fangene ſchien ſich kein graues Haar wachſen laſſen zu wollen.„Habt keine Sorge um mich, gute Frau,“ ſprach er lächelnd.„Man hängt nicht, am wenigſten wegen Spioniren, wo der bloße Gedanke Unſinn iſt.“ „Wohl wohl, wollen's Beſte hoffen, am geſcheidte⸗ ſten wärs jedoch’—— „Weib!”“ brummte ihr Mann zur halbgeöffneten Thüre herein.„Scher dich von dem Jungen weg, ich ſag dirs.”“. „Laß ihn reden,“ ſprach ſie,„und wenn Käte ihren neuen Rock fertig hat, ſo wollen wir ſchauen ob wir dich darin nicht hinüber zum Bill praktiziren können.“ Sie nickte pfiffig. „In Miß Kätes Röckchen,“ lachte der Britte hell⸗ laut,„das fehlt noch.“ „Ey werden da lange fragen,“ fuhr ſie fort.„Das Mädchen hat nur noch die Ermel einzuſetzen;“ und ſomit wackelte ſie der Küche zu. Der Gefangene begann nun im Ernſte ſich über ſeinen nicht ganz angenehmen oasus apprehensiones zu ma⸗ chen. Lange konnte er mit ſich nicht eins werden; end⸗ lich glaubte er im Reinen zu ſeyn, und fing an ſeine Gedanken aufs Papier zu werfen. Er hatte ſein Aben⸗ teuer, mit Auslaſſung der Indianer, ſo natürlich als — 447— möglich erzählt, und zugleich umſtändlichen Bericht über ſeine Dienſtverhältniſſe gegeben, die nach ſeiner Meinung nicht fehlen konnte, ſeine ſchleunige Befreyung zu be⸗ wirken. Als er geendigt hatte, kam der Sqauire zurück, dem er das Papier reichte. „Das haſt du gut gemacht, Junge!“ ſprach di, als er den Aufſatz geleſen hatte.„Und nun, Dicki ruf' mir einmal die Männer zur Unterſchrift.“ „Ey, das iſt ja aber nicht eure Handſchrift, Sauire,“ brach der Conſtable aus, der mit den übrigen wieder gekommen war. 33 959 „Und wenn ſie's nicht iſt, wen geht das wag an⸗ Dieſer Junge da hat mir mehr Kopfbrechen verurſacht als ein Dutzend Galgenſchwengel. Es iſt bloß billig, daß er einen Theil der Mühe auf ſich lade.“ „Ey, und ſo iſts;“ fielen alle ein.„Und da ihr eine ſo gute Hand führt,“ ſprach einer,„ſo mögt ihr uns ebenſowohl die Mühe erſparen. Schreibt da auf die⸗ ſen Fetzen Papier den Namen Mike Brom und darun⸗ ter Iſaac Wells.“ Die zwanzig kamen nun der Reihe nach herange⸗ ſchritten. Jeder blinzelte dem Squire zu, und riß ein Stück Papier von ſeinem 19 ab.. „Wohl,“ lachte dieſer,„da mögt ihr gleich eure Kanzley auch aufſchlagen, ſie werden euch bald Arbeit genug finden. Bürg euch dafür.“ „Ja und das wollen wir,“ riefen noch zwanzig — 448— Stimmen mehr, die nun zur Thür hereinbrüllten, und ſich anſchickten ihr)e Vorgänger abzulöſen. „Das ſoll wohl eine Wahl ſeyn?“ fragte der Britte. „Ja das iſt's, Mann, und ihr ſollt es nicht umſonſt gethan haben,“ ſprach der Hinterwäldler, der nun mit ſeinem Wahlzettel die Stube verließ, bald aber wieder mit einer gefüllten Bouteille zurück kam.„Da trinkt einmal,“ rief er ihm zu,„aufs Wohl der Staaten und das Verderben der verdammten Britten.“ wür Nein, das laſſe ich bleiben;“' erwiderte der Gefan⸗ gene trocken. 3 n„So! wie ihr wollt,“ meinte der Hinterwäldler, „werdet es aber bereuen. Johny hat in ſeinem Leben keinen ſo guten Monongehala gegeben, und mit dieſen Worten leerte er ein volles Bierglas, und füllte ein zwey⸗ tes, das die Bouteille leerte. Der Britte hatte eine Weile den heilloſen Zecher angeſehen, verwundert über die ungeheure Quantität, die dieſer, ohne auszuſetzen, hinabgeſtürzt hatte, und fuhr dann fort, den Wählern ihre Stimmzettel zu ſchreiben, von denen einige Hundert angeſtiegen kamen; eine Beſchäftigung, die, wenn auch nicht ſehr angenehm, wenigſtens den Vortheil hatte, ihn in ſeiner fröhlichen Stimmung zu erhalten. XXII. Kapitel. Ich gehe gar nicht gern; es entſpinnt ſich ein Unfall wi⸗ der meine Ruhe, denn mir träumte dieſe Nacht von Geld⸗ ſäcken. Shakespeare. —„Wohl denn Junge, ich bin herzlich froh dei⸗ netwegen,“ ſprach der Squire, der wieder von der Straße in die Stube zurückgekehrt war.„Sie haben mich zu ihrem Major gewählt, und ich hoffe etwas für dich thun zu können. Aber laß uns unſer Mittageſſen haben, altes Weib, ich habe Appetit bekommen; und eine Bouteille alten Monongehala! Setz' dich, Junge, und laß dir kein graues Haar wachſen. Bin in meinem Leben oft genug in ſolchen Teufeleyen geweſen, aus denen ich nicht ge⸗ träumt hätte mit heiler Haut zu kommen; Anno achtzig und einundachtzig bey Cowpens, wo wir auch gedroſchen haben, und Anno zwölf bey Fort Miegs, und dann mit Capitän Coghan,— ja da hätt' ich auch wohl nicht mehr .— 4150— gedacht den Achafalaya und die Meinigen zu ſehen. Die Rothhaut, ja, das war ein furchtb⸗ eſelle. Gott ſegne ihn nichts deſto weniger, aan der Schre⸗ cken der Unſrigen jenſeits des Ohio war. Aber ein trefflicher Geſelle, und wahr iſt auch noch, kein beßrer hauste je in unſern Wäldern. Ich hatte bereits Amen geſagt, und dacht', nun iſts aus; aber eben als das gif⸗ tig ſcharfe Meſſer um meinen Kopf herumlief—— da ſieh den Ring an, du kannſt ihn noch immer ſehen, als ob eine rothſeidene Schnur um e Stirn gebunden wäre, da kam er, der Tnſhund entriß mich meinen Henkern. Ich werde den Mann in meinem Leben nicht vergeſſen, und viele der Unſrigen haben ihm ihre Haut zu verdanken. Das war ein Mann!— keiner eurer her⸗ umſchleichenden, beſoffenen Indianer, die Tag und Nacht um unſre Felder lauern, und uns unſre Hirſchböcke weg⸗ ſchießen, und ſich dann die Füße ablaufen, um ſie in Whisky umzuſetzen.“ „Ey, und der lange trockene Geſelle, haſt du den vergeſſen, Mann,“ ſprach die Frau, eine Hirſchkeule auf den Tiſch ſetzend, den ein Negermädchen bereits gedeckt hatte,„der hat uns auch nicht wenig Angſt gemacht. Wie heißt er nur?“ „„Tokeah meinſt du, den Miko der Oconees?“ ver⸗ ſetzte ihr Mann.„Laß mich in Ruhe mit dem.“ „Wie? ihr kennt ihn?“ fuhr der Britte unwillkürlich heraus. — 151— Der Sauire und ſeine Frau ſahen ſich bedeutſam an; der junge Mann hatte ſich zu faſſen geſucht, und ſetzte hinzu:„ Io hpezug, ihr habt rauhe Tage mit den Indianern geſehen.“” „Das haben wir;'“ ſprach der Friedensrichter trocken, „aber von Tokeah haben wir auch ſeit vielen Jahren keine Sylbe mehr gehört; als ob der Miſſiſippi ihn ver⸗ ſchlungen hätte. Keine Spuk mehr zu ſehen oder zu hören von ihm und den Seinigen. Wißt ihr etwas von ihm?“ wandte er plötzlich zu ſeinem gefange⸗ nen Gaſte. 5 „Nein,“ verſetzte dieſer betroffen und ſtockend. „Dachte nur, weil ihr mich fragtet, ob ich ihn kenne.” „Ja, und die arme bildſchöne Roſa,“ ſprach das Weib.. „Roſa,“ rief der Britte wieder aus, ſich ein zweytes Mal vergeſſend. Wieder blickten ſich die beyden Eheleute fragend an, ohne jedoch ein Wort zu ſagen, und dann ſetzte ſich die Familie zu Tiſche, über welchen der Hausvater ein lan⸗ ges Gebet verrichtete. Es waren noch zwey Töchter und ein Sohn, die Platz nahmen. Die Kleidung der Mädchen beſtand aus dem gewöhnlichen Woll⸗ und Leinenſtoff, Linſey Woolſey genannt, war aber recht elegant; ihr Benehmen ſchien eben ſo ſehr von feinerer weiblicher Bildung, als blöder Scheu entfernt. Ihre — 152— Bewegungen zeigten viel natürlichen Anſtand und eine gewiſſe Lebendigkeit, die jedoch vollkommen innerhalb der Schranken mädchenhafter Züchtigkeit esie Sie ſpra⸗ chen mit ihrer Mutter, nachdem ſie den Fremden freund⸗ lich und zwanglos begrüßt hatten. Während die Hausfrau die Hirſchkeule zerlegte, fuhr der Squire fort.„Ja damals hatte ich noch die Stube voll Kinder, Alt und Jung, wie Orgelpfeifen, zwölf Stück. Keines, Gott ſey Dank, geſtorben, alle wohl verheirathet, und angeſehen. Sieh', das iſt bey uns die Freude. Je mehr Kinder, 1i an. Land haben wir genug, und wenn ſie ihre Hände zu gebrauchen wiſſen, ſo findet ſich Haus und Hof von ſelbſt. Bey euch müſ⸗ ſen die armen Buben, höre ich, Soldaten oder Tauge⸗ nichtſe werden, und die Mädchen noch etwas ſchlim⸗ meres. Bey uns arbeiten und ſchaffen ſie redlich, und werden Bürger, die ſich vor keinem zu ſchämen haben. Ja, Junge, meine Kinder haben alle ein Kinderſpiel, die haben jedes ein paar tauſend Dollars von den Alten, aber wir haben es uns ſauer werden laſſen müſſen.— Mein Vater kam mit zwanzig Jahren und dreyßig Pfun⸗ den herüber aus dem Lande der Kuchen, und damit kaufte er ſich fünfzig Aecker, und als er etwas zuſam⸗ mengebracht, da brach der Befreyungskrieg aus und die Eurigen kamen und brannten ihm Haus und Hof weg, und zogen ihm ſeine Kleider und Schuhe ab, und er mußte halb nackend im Winter dreyßig Meilen nach — 153— Hauſe laufen.— Ich war damals ein Bube, habe aber dafür manchem eurer Rothröcke auf'n Pelz geſchoſſen. Als der Krieg vorbey war, da macht' ich mich an meine Alte an, und wir thaten uns denn auch zuſammen, und zogen endlich an den Cooſa. Wollte ich wäre hübſch da ſitzen geblieben, und kein Narr geweſen, über den Ohio hinauf zu rennen; hat mir viel geſchadet in meinem Han⸗ del nach Neuorleans hinab. Haben aber zu leben. Möchte nicht gerne von vorne wieder anfangen; aber doch wollte ichs eher, als in euerm Lande hauſen, wo keiner was zu ſagen hat, und alle thun müſſen, nicht was ſie ſelbſt ſondern was Andre wollen, und ſo eben geſchehen und ungeſchehen ſeyn laſſen müſſen, wie es ihren großen und kleine Tyrannen gefällt. Ich erinnere mich ſo etwas geſehen zu haben, als Louiſiana noch in den Händen des Spaniers war, und wir hinabhandelten nach der Stadt. Was für ein armſeliges Leben die elenden Wichte hatten. Sie durften dem Ufer nicht nahen, ohne zuvor von einem Dutzend ſchäbichter Taugenichtſe die Erlaubniß ein⸗ geholt zu haben, ein Ferkel oder einen Schinken zu kau⸗ fen, und wenn ſie dann kamen, waren immer ein paar Spione ihnen zur Seite, und wichen nicht bis ſie wie⸗ der gingen, damit wir ſie mit unſerm Republikanismus nicht anſtecken. Der Teufel ſelbſt war ihnen nicht ſo furchtbar, wie wir Amerikaner, und doch getrauten ſie ſich nicht an uns; aber wer von den ihrigen uns ein — 154— freundliches Geſicht machte, dem ging es ſchlimm. Elende Kerle, dumm wie's Vieh in allen Stücken, nur in ei⸗ nem waren ſie pfiffig, nämlich, die Ihrigen noch düm⸗ mer zu machen, und das Bischen geſunden Menſchenver⸗ ſtand in ihnen ganz zu erſticken. Keiner wagte ein Wort zu ſagen, bis der Gouverneur es erlaubte; ſie tanzten wenn dieſer es haben wollte, und beteten wenn er es be⸗ fahl, und waren höflich und wieder grob gegen uns, juſt wie er es haben wollte. Keiner wagte für ſich ſelbſt zu denken oder zu handeln. Und was das ſchönſte war, dieſe miſerablen Menſchen, die in Stroh⸗ und Lehmhüt⸗ ten wohnten, und bis über die Ohren im Koth ſtaken, und nicht ſelten vor ihren Thüren von Alligatoren weg⸗ gefreſſen wurden, die vom Bürgerleben weniger wußten, als unſre dümmſten Neger, die meinten, ſie wären civi⸗ liſirt und wir Barbaren, weil ſie Kratzfüße ſchneiden und Complimente auswendig herplappern konnten!— Ey, ich weiß, was ſchwarz und weiß iſt.“ Die Keule war nun zerlegt und vertheilt und es er⸗ folgte eine halbſtündige Pauſe, während welcher aus dem redſeligen Squire auch keine Sylbe mehr herauszubringen war. Als jedoch der Tiſch abgedeckt war, füllte er ſich noch ein Glas von ſeinem geprieſenen Monongehala, ſtellte vor den Britten zwey geſchliffene Flaſchen mit Port und Madeira und fuhr fort:„Ja, hier ſieht es anders aus! hier iſt das Volk Souverän; ey, und ein ſo guter als im alten Lande, und beſſer, denn er koſtet nichts. — —— — 4155— Schau einmal her, das mag dir ſo ziemlich lächerlich vorkommen das Umhertraben dieſer Leute in Reih und Glied, als ob ſie den Straßenkoth in eine Tenne tre⸗ ten wollten; aber wenn du ein wenig mehr auf den Grund ſiehſt, ſo wirſt du finden, das ſie ſich alles Ern⸗ ſtes gegen euch vorbereiten wollen; das ſind keine Sol⸗ datenſpielereyen; ſie haſſen das kindiſche Weſen. Aber laßt ein Dutzend Soldaten unter ſie kommen, und ſie acht Tage einexerciren und ſie werden ſo wohl im Feuer ſtehen, wie eure Rothröcke, und beſſer, denn dieſe fech⸗ ten für ſechs Pence, die Unſrigen für ihr Hab und Gut und ihre Weiber und Kinder. Keiner hat ſie geheißen kommen, es ſind alle Freywillige, die der öffentliche Geiſt getrieben, ſich ein paar Wochen umher hudeln zu laſſen. Was wollt ihr wetten ihr verliert die erſte Schlacht, in die ihr euch einlaßt?““ „Mit dieſen Fallſtaffs Compagnons da?“ verſetzte der Jüngling lachend. „Sachte! Sachte! verſetzte der Squire,“ das ſind Bürger, von denen jeder ſeinen eigenen Rock am Leibe hat, und eine Wirthſchaft obendrein; kein zuſammenge⸗ rafftes Geſindel, wie euere ſogenannten Landesvertheidi⸗ ger, die, um dem Hungertode oder der Botanybay zu entgehen, ſich euern Trabanten hingegeben haben, da⸗ mit ſie je eher deſto beſſer aus der Welt geſchafft wer⸗ den, der ſie nur zur Laſt ſind.“ Das Knallen von Schüſſen war ſchon ſeit längerer — 1356— Zeit zu hören geweſen. Der Squire öffnete die Thüre, vor der ein Mann mit einem Stutzer auf und ab ging. Am Ufer des Fluſſes war in der Eile ein Breterverſchlag aufgerüſtet, und vor dieſem ſtanden ſechs brennende Ker⸗ zen. Dicht daneben zwey Männer mit Laternen. So eben knallten zwey Schüſſe, deren einer den brennenden Docht vom Lichte weg— und der zweyte das Licht durchſchoß. Ein brüllendes Gelächter erſchallte.„Schau, der hats einmal verfehlt und, ſtatt den Docht zu treffen, die Kerze mitgenommen!“ Die Kerze war wieder angezündet und auf⸗ geſteckt worden. Vier Schüſſe knallten hintereinander, und jeder ſchoß das in der Tageshelle kaum ſichtbare Licht weg. Wieder folgten zwey Schüſſe, die eben ſo genau trafen. Die gewaltigen Schützen hielten ihre langen Stutzer frey, und die Entfernung betrug volle hundert und fünfzig Schritte.„Auf der andern Seite ſchießen ſie den Na⸗ gel auf'n Kopf,“ ſprach der Squire;„willſt du es ſe⸗ hen?“ Er ging mit ſeinem Gefangenen hinter die Häu⸗ ſer, wo ein zweyter Verſchlag aufgerichtet war. Statt der Kerzen waren in den Bretern Nägel mit etwas grö⸗ ßern Köpfen zur Hälfte ins Holz getrieben. „ Den dritten von oben!““ rief ein junger Hinter⸗ wäldler und ließ krachen. 8 „ Getroffen und hineingetrieben!“ antwortete der Zeiger. — 4157— „Den vierten!“ rief ein zweyter, und ließ eben⸗ falls knallen.„ Getroffen!“ war wieder die Antwort. Der Jüngling hatte, ohne ein Wort zu ſprechen, zu⸗ geſehen. „Glaubſt du nun, daß ihr zu kurz kommen werdet?'“ fuhr der Squire fort.„Hier haben ſie dir eine Ehren⸗ wache gegeben, auf den Hinterwäldler deutend, der ihnen mit ſeinem Stutzer gefolgt war,„damit du ihnen nicht Reißaus nimmſt. Sie haben es ſich nun in den Kopf geſetzt in dir etwas von einem Spion zu ſehen. Ey Reißaus nehmen! Leicht geſagt, aber du würdeſt ſie gleich einer Koppel Hunde hinter dir haben, und ſie wür⸗ den deine Spur beſchnaufen, und dir nachjagen, und ſollte es bis auf den Plattefluß hinaufgehen. Doch komm, lieber Junge, laß dir den Port oder Madeira ſchmecken, beyde ſind ächt, und werden dir deinen jungen Magen nicht verderben. Wir gehen hinüber über den Miſſiſippi, ins obere Militärdepot, und da werden ſie's Weitere zu thun wiſſen. Unſre Leute kommen Morgen nach. Wir müſſen aber noch heute fort; ˙s alte Weib will's nun ein⸗ mal nicht anders, die hat den Narren an dir gefreſſen. Sie hat aber recht; ich kann leichter ein Wort einflie⸗ ßen laſſen, als wenn die Schlingel alle beyſammen ſind, obwohl du mir Sorge genug machſt; denn heute noch müſſen zehn Männer hinüber auf den Coshattaesweg, und hinauf an den Redriver, und den Natchichoches. Der Teufel trau' euch Britten. So dumm ihr im Gan⸗ — 158— zen ſind, habt ihr's doch hinter den Ohren ſitzen, und wo's auf euern Vortheil ankömmt, da ſeyd ihr wahre Teufel— 's könnt doch ſeyn, daß du mit all deinen beyden Taubenaugen uns einen Pack Indianer übern Hals brächteſt.“— So zutraulich der Anfang geweſen, ſo wenig ſchmei⸗ chelhaft war der Schluß, und der junge Britte ſah den Sprecher betroffen an. Das Mißtrauen, das dieſe Vor⸗ ſichtsmaßregel beurkundete, machte ihn ſtutzen. „Und ihr, ein ſo geſcheidter Mann,“ ſprach er,„könn⸗ tet wirklich ſolches von mir argwöhnen 2˙ „Bah!“ erwiderte der Sauire.„Ich argwohne nichts und traue auch nichts; wir thun bloß was die öͤffentliche Sicherheit erfordert. Das thun wir zu unſrer eigenen Beruhigung. Schlaft ſich beſſer, und unſre Männer gehen mit leichterm Herzen dem Feinde ent⸗ gegen. Wir haben keine Polizey, wie bey euch, darum machen wir ſie ſelbſt.— Sey übrigens ruhig, und laß dich das nicht anfechten.“ Die gute Stimmung des geſprächigen Squire, unſers alten Bekannten John Copeland, war durch ſeine Erwäh⸗ lung zum Major ſichtlich um ein bedeutendes erhöht worden, und das Vertrauen ſeiner Mitbürger in ſeinen Patriotismus und ſeinen militäriſchen Scharfblick kitzelte ihn nicht wenig. Uebrigens hatten die ſieben Jahre, ſeit denen wir ihn nicht mehr geſehen, eine vortheilhafte Aenderung in ihm hervorgebracht. Das grob ſelbſtſüch⸗ e e — 459— tige Weſen, das früher aus jedem ſeiner Worte ſo wi⸗ derlich hervorblickte, hatte bey größerm Wohlſtande einer humanern Behaglichkeit Platz gemacht, der man zwar das Hinterwäldleriſche noch immer anſah, das aber eben deshalb um ſo mehr anſprach. Es war gewiſſermaßen die alt gewordene Natur eines Hinterwäldlers, an dem Wohlhabenheit, Umgang und Erfahrung eine eigene Spe⸗ cies von Civiliſation hervorgebracht hatten, die ſelbſtſtän⸗ dig in jeder Richtung hinwirkte, und es ſich und an⸗ dern wohl werden ließ. Er fühlte ganz ſeine Wichtig⸗ keit; aber dieſes Gefühl war nichts weniger als belei⸗ digend für andere. Es hatte nichts vom Weſen des ar⸗ roganten Herrendieners, oder des reich gewordenen Hand⸗ werkers oder Trödlers an ſich, es war die herzliche, herz⸗ hafte Derbheit eines männlichen Geiſtes, der ſich ſeine Bedeutſamkeit ſauer erworben, und die hohe Achtung, in der er bey ſeinen Mitbürgern ſtand, durch eine ge⸗ meinnützige Thätigkeit verdient hatte, dem das Wohl ſeines County über alles ging, und der für ſeinen Staat und ſein Land Alles hingeopfert hatte, den Mund zu⸗ weilen etwas zu voll nahm, aber nie Widerwillen er⸗ regte, weil alles in ihm natürlich, und gewiſſermaßen dem Boden ſeines Landes entſproſſen war. Der junge Britte fühlte ſich augenſcheinlich ungemein wohl, er war in den wenigen Stunden ganz heimiſch geworden, und die gutmüthig ſpottende Miene, mit der er den ſein Land und ſein Volk immer und immer wieder preiſende Squire — 160— anhörte, hatten dieſen ſo unerſchöpflich in ſeiner Red⸗ ſeligkeit gemacht, daß jener nur ſelten Gelegenheit fand, ein Wort einzuſchalten. Der alte Mann ſchien ſeinen Gaſt, den er bald Du bald Ihr anredete, und der ſich oft die Seiten hielt, um nicht vor Lachen zu berſten, gleichfalls ſehr lieb gewonnen zu haben. „Dick,“ ſprach er,„will auch mit, der Conſtable; er fürchtet ſich, du möchteſt ihm davon laufen. Er ſchielt nach unſrer Käte. Kanns nicht begreifen, wie ſie ihn nur um ſich dulden kann.“*26 Der Britte lachte laut auf, und der alte Mann ſtimmte ihm aus vollem Halſe bey. „Wohl, junges Blut, komm nun mit mir in die Dachſtube hinauf. Wir wollen Schlag neun Uhr weg, du kannſt noch ein paar Stunden Schlafes mitnehmen. Mach' dich bequem, und merk' nicht auf die Mädchen,“ indem er auf ein leeres Bette deutete, das neben dem ſtand, welches er ſeinem Gaſte anwies,„ſie werden noch eine Weile plappern, ehe ſie zu ſchnarchen an⸗ fangen.“ „Aber,“ fragte der Jüngling zaudernd. Wer ſoll denn eigentlich in dieſes Bette kommen? „ Meine zwey Mädchen, meine Töchter,“ verſetzte der Squire. „ Aber,“ meinte der Jüngling— und kratzte ſich hin⸗ terwäldleriſch hinter den Ohren. „ Aber,“ lachte der neue Major—„laß du die nur — 164— gehen, die werden dir nichts abbeißen;— mach du nur keine Sprünge;— ſie werden ruhig liegen bleiben. Wir ſind hier ein bischen gedrängt; auf der Pflanzung drau⸗ ßhen haben wir aber mehr Platz.“ „Beſorgt nichts,“ lachte der junge Mann dem ab⸗ ziehenden Squire nach, noch immer den Kopf über ſeine Schlafſtelle ſchüttelnd, die von einer zweyten, die zwey friſche Mädchen, rund wie Rebhühner im Auguſt, aufnehmen ſollte, nicht ganz zwölf Zolle entfernt ſtand. Nun erwartete er nur noch die Ankunft der alten Dame, die verſprochenermaßen ihm in die neue Robe der Miß Käte zu verhelfen gedachte. Wahrſcheinlich war ſie jedoch durch ihren Mann eines beſſern belehrt worden, denn ſie kam nicht, und unſer Abenteurer entſchlief. „Komm,“ rief eine Stimme, nach einem Schlafe, der ihm vermuthlich eben ſo viele Minuten gedauert zu haben ſcheinen mochte, als Stunden verfloſſen waren; und eine Hand rüttelte ihn ziemlich derbe. Der junge Mann blickte hinüber auf das Bette, aus dem ſich eine Hand erhob, der eine Geſtalt folgte, die zu derb war, um einem der beyden holden Geſchöpfe an⸗ gehören zu können. „Die Mädchen wollten mir abſolut nicht herauf; hätte mir es einbilden können; und unfre Männer hat⸗ ten beſchloſſen, eine Wache herein zu poſtiren. Und die⸗ ſem auszuweichen, habe ich mich ſelbſt hergemacht. Doch Der Legitime. II. 11 — 4162— * mache, wir haben einen kleinen Morgenritt von achtzig bis neunzig Meilen, der uns vollauf zu thun geben wird.“ „Meine Toilette iſt ſchon fertig,“ war die Antwort. „Wohl, lieber Hodges,“ redete ihn die Frau an, die, von ihren Töchtern umgeben, die Beyden noch mit einem Imbis erwartete. „Macht euch zuerſt warm, und übereilt euch nicht. Hier ſind ein paar Schuhe und Strümpfe, die euch in der kalten Nachtluft noth thun werden, und Käte und Mary haben das Uebrige.“ Käte hielt eine Wolldecke in der Hand, und Mary war mit dem Hute ihres Vaters beſchäftigt. „Was ſoll denn das ſeyn?“ fragte der Squire. „Je nun, du brauchſt doch ein Federbuſch als Major. Sie hat allen Hühnern und Hähnen die Federn ausge⸗ riſſen.— Und nun, lieber Hodges,“ fuhr ſie fort,„ver⸗ geßt nicht, und ſeyd hübſch munter drüben. Wer euch ſo anſteht, kann unmöglich Arges denken. Laßt euch nichts weiß machen drüben. Sie ſind nicht mehr als ihr ſeyd, obwohl ſie gewaltig ſteif und ſtolz thun, weil ſie reich ſind. Und wenn ihr glücklich davon kommt, und es geht euch im alten Lande krumm, kommt zu uns. Es ſoll euch nicht reuen.“ Die wackere Hinterwäldlerin ſah ihm ſo freundlich ins Geſicht, daß dem Jünglinge der Abſchied ſchwer zu werden ſchien. — 163— „Nimm an, Junge, was ſie dir ſagt,“ ſprach der Squire;„ſie hat vieles erlebt, und wahrlich in Ehren.“ „Und hier hat Mary an ihren Bruder geſchrieben, der drüben bey Miſter Parker Aufſeher ſeiner Pflanzung iſt. Es kann alle Wege nicht ſchaden. Du iſſeſt ja aber nicht,“ bemerkte die Frau.— Der junge Mann warf eilig einige Biſſen in den Mund, und ſtand dann auf, um dem ungeduldig wartenden Squire zu folgen. Miß Käte warf ihm die Wolldecke um, und Miß Mary zog ihm die Handſchuhe über die Finger. Er dachte unwillkür⸗ lich an Roſa und die Indianerin, bey welchem Vergleiche jedoch die beyden Miſſes verloren. „Und nun noch ein Mal,“ ſprach ſie,„ſey munter und guter Laune, und man wird dirs am Auge anſehen, daß du nicht der biſt, für den dich dieſe Narren halten.“ „Gemach, gemach, altes Weib,“ ſprach der Squire, ſeinen Gaſt zur Thüre hinausſchiebend, um fernern Com⸗ plimenten ſo ſchnell als möglich zu entgehen. Draußen ging es noch immer ſehr lebhaft her. Aus den beyden Schenken herüber klangen die ſchnarrenden Töne der zwey Geigen, und das Lichterſchießen war erſt recht in Gang gekommen. Der Haufe hielt jedoch inne, als die Pferde herbey geführt wurden, und die Toms und Sams und Iſaacs und Dicks und Bens und Billys kamen auf unſre Reiſenden zugeſtolpert und ge⸗ ſchritten, um von ihrem Major zeitweiligen Abſchied zu nehmen. 3 — 464— „Und hebt einige von euern Fips und Levies auf,“ ſchrie ihnen dieſer zu, der ſich mit ſeinen zwey Begleitern nur mühſam durch die Menge hindurch ell⸗ bognete. „Hat keine Noth,“ riefen ihm die luſtigen Zecher zu,„'s bleibt im Lande.“ „So ſind ſie nun,“ ſprach der Squire, als er mit ſeinen zwey Begleitern in die Fähre ſtieg, die ſie über den Atchafalaya bringen ſollte.„Juſt als ob ihre Beu⸗ tel keinen Boden hätten; zäh wie Hickory, und rauh wie die Bären, aber treffliche Männer bey alle dem. Und rauh, ſo wie du ſie nun ſiehſt, laß ein zehn Jahre vorüber ſeyn, und wenn ſie nicht polirt ſind, wie ir⸗ gend ein Gentleman, ſo heiß mich etwas. Sollteſt ſie geſehen haben vor drey Jahren, als ich herab kam vom Cooſa in Georgien. Hängen ſoll ich, wenn ſie nicht ärger waren, als die Indianer ſelbſt; aber wachſender Wohlſtand hat wunderbar auf ſie eingewirkt, und ſie ihre Wichtigkeit fühlen gelernt. Wer bey uns nichts hat, iſt auch nichts werth.— Und armſelig wie's Geld iſt, ſo fordert der Erwerb Fleiß und Betriebſamkeit und viele Tugend— und die iſt bey uns im Steigen mit dem Wohlſtand, und in der alten Welt im Fallen mit der werdenden Armuth. Und ſchau jetzt das Städtchen an, mit ſeinen fünfzehn Häuſern!“— Es hatte bloß zwölf, aber unſer Squire, obwohl die Wanhrheit ſelbſt, hatte die ſchwache Seite, immer ein wenig zuzugeben, wo — 165— nach ſeiner Meinung die Ehre des Landes im Spiele war.—„Schau's einmal an, und komm in zehn Jahren wieder, und wenn es nicht ſchon über hundert Häuſer zählt, ſo nenne mich einen Yankee.“ Die Drey hatten nun das jenſeitige Ufer des Atcha⸗ falaya erreicht, wo ſie ihre Pferde beſtiegen, auf denen wir ſie unterdeſſen laſſen wollen, um uns vorläufig die Gegend zu beſehen, in die ihr Morgenritt ſie bringen wird. III. Kapitel. Der Teufel hole die eine Parkey, und ſeine Großmutter die zweyte, ſo ſind ſie beyde berathen. Ich habe ihrentwegen mehr gelitten, mehr als menſchliche Kräfte auszuhalten ver⸗ mögen. Shakespeare. Wir haben eines langen und breiten Hochlandes er⸗ wähnt, das weit oberhalb den Mündungen des Miſſi⸗ ſippi plötzlich aufſteigt, und nachdem es mehrere hundert Meilen dem Norden zugelaufen, ſich eben ſo plötzlich wieder in der Niederung verliert, die dann nur noch durch einzelne Hügel unterbrochen dem Norden zuſchwillt. Es iſt dieſes das wahrſcheinlich auch unſern Leſern be⸗ kannte Upland des linken oder öſtlichen Miſſiſippiufers, das ſchanzenartig ſich erhebt, in paralleler Linie mit dem Strome fortzieht, und auf ſeinem Scheitel die Hauptſtadt des Miſſiſippiſtaates mit mehrern Städtchen und unzäh⸗ ligen Pflanzungen hat. Der Strom, nicht länger durch Inſeln oder Sandbänke gebrochen, wälzt ſich in einem ungeheuren Bette fort, einem überfüllten Troge nicht un⸗ ähnlich, aus dem er über beyde Ufer herab tief ins Land hineinſchaut, und g. eichſam, als verſchmähte er jeden neuen Zuwachs, die bed en Waſſermaſſen, die ihm durch den Arkanſas und rothen Fluß zugeführt wurden, wieder entlaßt. Dicht unter dem ſüdlichen Abhang des erwähnten Hochlandes hat er ſich einen jener natürlichen Ausflüſſe durchgebrochen, die unter dem Namen Bayous bekannt ſind, und einen Theil ſeiner Gewäſſer, wenn ſie eine gewiſſe Höhe erreicht, auf Umwegen dem Meer⸗ buſen zuführen, und ſo der Verſumpfung eines der reich⸗ ſten und fruchtbarſten Länder der Erde vorbeugen. Das Ufer ſowohl des Hauptſtromes als des Bayon oder natürlichen Abzugkanals, hatte den Schweiß der unglücklichen Race, die in dieſem Lande wohl zu ſäen, aber nicht zu erndten beſtimmt iſt, in einen Culturzu⸗ ſtand verſetzt, den man damals jenſeits der Alleghany⸗ gebirge vergebens geſucht haben würde, und der nach der traurigen Nacht der tauſende von Meilen längs dem Ohio und Miſſiſippiſtrömen ſich erſtreckenden Wildniß, dem Auge eine der lieblich een Oaſen der Civiliſation er⸗ ſchien. Zwar ſah man. nicht jene zarten Naturge⸗ ſtaltungen, die im Norden den Reiſenden ſo ſehr ent⸗ zücken, jene Gruppirungen von Felſen und Klüften, von Hügel und Thal, die, wie Luft und Schatten, einer Land⸗ ſchaft erſt Charakter geben; aber das Fehlende der nor⸗ diſchen Schönheiten war hier reichlich durch eine Groß⸗ artigkeit erſetzt, die der Blick des Beſchauers ins Unend⸗ liche zog. Der Strom war hier bereits über viertauſend te ſich tauſende von Meilen, beynahe unn— ſenkt, und aus die⸗ ſem ſtarrten Baumgruppen empor, die über den hundert Fuß hohen Naturwall noch weit heraufragten, und in ihrer prachtvollen Farbenmiſchung die nordiſche Pflanzen⸗ welt unendlich hinter ſich ließen. Unmittelbar an den ſchroff emporſtarrenden Lehmwall des Hochlandes lehnte ein im Entſtehen begriffenes Städtchen, deſſen Häuſer, beynahe zu beſcheiden für die üppige Land⸗ ſchaft, ſeltſam mit den mitunter reizenden Landſitzen ab⸗ ſtachen, die im Hintergrunde der zahlloſen tropiſchen Baum⸗ gruppen herausſchauten. Noch ſeltſamer erſchienen meh⸗ rere Gebäude, die am Eingange des Bayou mit jener Haſt aufgeführt waren, die immer die Anfänge des ame⸗ rikaniſchen Anſiedlers bezeichnet. Es waren allem An⸗ ſcheine nach große Vorrathshäuſer, aus Balken und Bre⸗ tern zuſammengezimmert, von denen eines einen Wacht⸗ poſten vor dem großen Thore hatte. In einiger Entfer⸗ nung ſah man einige kleiner Gebäude, worunter zwey Schenken, deren eine Neaſch anehnns, und mit einer Schildwache vor der Thüre auf etwas vornehmere Gäſte Anſpruch gemacht und den Namen eines Gaſthofes, den es trug, verdient haben dürfte. Der ganze Vordergrund war mit Flocken ſchmutziger Baumwolle überſäet, die, gleich kothigen Schneeklumpen, hier eben ſo wenig wie dieſe im Norden geachtet zu werden ſchienen. Dieſe Abzeichen reger Colonialthätigkeit gehörten jedoch augen⸗ 4 Neilen gefloſſen, un — 4169 ſcheinlich einer noch ni ergegangenen Zeit an; gegenwärtig her ig düſtere Stille in der ganzen Gegend, die nur durch das zeitweilige Rol⸗ len zweyer Trommeln, und das gellende Getöne eben ſo vieler Pfeifen unterbrochen wurde. Nach dem Schalle dieſer zwey Trommeln und Pfeifen ſah man am Ufer des Bayou gegen das Hochland zu ein ziemlich zahlreiches Truppenkorps mit jener Lang⸗ ſamkeit und Unbeholfenheit manövriren, die beym erſten Anblicke noch Neulinge in der edlen Taktik verriethen, denen vielleicht das militäriſche Leben eben nicht ſonder⸗ lich behagen mochte. Dieſe Langſamkeit oder Steifheit war vielleicht den Exerzierenden natürlich, nahm jedoch zuweilen den Ausdruck ſtarren Trotzes an, der nur un⸗ willig dem Commandowort zu gehorchen ſchien. Nichts deſto weniger ſah man hier nichts mehr von jenem bunten Gemenge, jener ungebändigten Ausgelaſſenheit, die wir an den Haufen zu Opelouſus zu bemerken Gelegen⸗ heit fanden; es herrſchte hier im Gegentheile ein ſtarrer Ernſt, und eine gewiſſe formelle, ſteife, und wenn wir ſo ſagen dürfen, ſelbſtſtändige Mannszucht. Man ſah, daß die Mannſchaft ſchon ſeit einiger Zeit eingetheilt, ſich Uebungen angelegen ſeyn ließ, obwohl ſie ſich dabey un⸗ behaglich fühlen mochte. Auch im Aeußern unterſchied ſie ſich vortheilhaft von den bunten und meiſtens in ſelbſtgemachten Stoffen gekleideten Männern des obge⸗ nannten Städtchens. Es waren zwiſchen fünf und ſechs iele elegant gekleidet, die jüngern Offiziere in reichen Uniformen, die ältern in ih⸗ ren Civilröcken, und 5. durch Degen, roth ſeidene Schärpen und Federbüſche von den Milizen 5 die Mehrzahl mit Musketen, einige Compagnien mit Stutzern oder der ſogenannten Rifle bewaffnet. Mehrere Neger mit Wechſelpferden hielten im Hintergrunde. Was jedoch auffiel, war, wie bereits bemerkt, der Ernſt und die düſtre Stille, mit der alle Bewegungen ſtatt fanden. Ausgenommen die kurzen, beynahe dumpfen Commandoworte hörte man kaum einen Laut, keinen Ta⸗ del, die Offiziere mochten entweder die häufigen Ver⸗ ſtöße nicht bemerken, oder wenn dieß der Fall war, wur⸗ den ſie mit einer Nachſicht aufgenommen, die hier ge⸗ wiſſermaßen Schonung zum erſten Gebote zu machen ſchien. Bloß einige jüngere Offiziere mit knapp anliegen⸗ den Uniformen, goldenen Epaulettes und reich verzierten Tſchakos ließen einen groͤßer Eifer auch 84 häufigen „Damns“ bemerkbar werden, die aber weder von den Aeltern noch von der Mannſchaft beachtet wur en. Suweilen nach der Ausführung eines Angriffs oder einer Retirade hielt das Bataillon ſtille; mehrere ſchwarze Männer und Weiber, die im Diutergeunde mit Körben ſtanden, wurden herbeygerufen,„ und Befehlende und Ge⸗ horchende nahmen brüderlich Erfriſchungen, und ſtellten ſich, nachdem alle abgefertigt waren, wieder in Reihe und Glied, um von vorne anzufangen. hundert Mann, — 171— Mannſchaft und Offiziere ſchienen auf das Beſte mit einander zu harmoniren. Den Strom herauf war ſchon ſeit längerer Zeit ein Dampfſchiff ſichtbar geweſen, das nun dem Bayou zu⸗ rundete, eben als ſich das Bataillon in Bewegung ſetzte, um einen Angriff darzuſtellen, der es eine ziemlich weite Strecke dem Bayou entlang gegen das am Hochlande lehnende Städtchen führte. Da angekommen hielt es, wandte ſich, und fing an gegen das Stromufer zu reti⸗ riren, wo es einige hundert Schritte vom Dampfſchiffe ſich in ein Quarré formirte. Die Evolution war ziemlich gut gelungen, wenig⸗ ſtens weit beſſer, als irgend eine der frühern. Das Dampfſchiff war unterdeſſen in den Bayou ein⸗ gelaufen, und die Paſſagiere ſtrömten über die Breter ans ufer. Männer, Weiber und Kinder in ungewöhnlicher Anzahl eilten aus dem Schiffe, als ob ſie gejagt wür⸗ den. An den Weibern war eine Aengſtlichkeit und Haſt zu ſehen, an den Männern ein verſtörtes Weſen, das einer Flucht nicht unähnlich ſah. 4 Die Milizen hatten ſchweigend die Herankommenden beobachtet.„General Billow!“ ſprach einer derſelben aus dem Quarré zu einem auf dem Pferde haltenden Offiziere.„Dieſe da ſcheinen keine fröhliche Mähre zu bringen.“—„Wenns euch beliebt, ſo wollen wir zuerſt hören was ſie bringen.“ Der General ſprach einige Worte mit ſeinen Offizie⸗ 8 84 — 172— ren und erwiderte dann:„Gewiß, meine Mitbürger, wir wollen für heute ruhen, und hören was unten vor⸗ geht.“ Er gab das Entlaſſungswort, und die Trommeln ſchlugen die Retraite. Die Stabsoffiziere waren von ih⸗ ren Pferden geſtiegen, und hatten ſich in eine Gruppe geſammelt, auf welche und die Mannſchaft nun mehrere der Gelandeten zukamen. Ein ernſter hoher Mann im brau⸗ nen Ueberrock unter dieſen, und in einiger Entfernung ein jüngerer in der Capitänsuniform der Linientruppen. Schon die erſten Begrüßungen der Hergekommenen hat⸗ ten Beſtürzung unter den Milizen hervorgebracht, die nur allmählig Worte zu finden ſchien, und in ein Ge— murmel des Unwillens überging, aus dem die Worte „Down with the Tyrant,“ vernehmbar wurden. Doch hielten ſich alle in Schranken, und ſahen in ſehn⸗ ſuchtsvoller Spannung auf den Mann, dem die ſämmt⸗ lichen Offiziere einige Schritte entgegengetreten waren. Die ausgezeichnete Achtung, mit welcher ſie, den Gene⸗ ral an der Spitze, ihn empfingen, verrieth den bedeu⸗ tenden Rang des Neuangekommenen, der, die dargebotene Hand der Stabsoffiziere ſchüttelnd, den Willkommens⸗ gruß der Uebrigen mit einer Verbeugung erwiderte. Er war einige Zeit ohne ein Wort zu ſprechen vor dem General geſtanden, der ihn hinwiederum bedeut⸗ ſam anſah, und in ſeiner Miene leſen zu wollen ſchien, als ihm dieſer einige Worte ins Ohr flüſterte, die den „ — —x — 4173— Generalen mit allen Symptomen des höchſten Unwillens zurückprallen machten. Während die inhaltsſchweren Worte im Kreiſe der nicht weniger erſchütterten Offiziere herumgingen, war der junge Linienoffizier gleichfalls herangekommen. „General Billow!“ redete er den Milizgeneral mit einer militäriſchen Salutation an. „Capitän Percy!“ entgegnete dieſer. Ein ſpitzes Lächeln ſchwebte noch auf den Lippen des jungen Militärs, das wahrſcheinlich der etwas ſonderba⸗ ren Entlaſſung des Bataillons galt; doch faßte er ſich ſchnell, und übergab dem Milizgeneral ein verſiegeltes Paket. Auch mehrere der Offiziere hatten Briefe und Pakete erhalten, deren Inhalt, ihren Mienen nach zu ſchließen, nichts weniger als angenehm war. „Colonel Parker!“ ſprach der Capitän zu dem, dem General zunächſt ſtehenden Offiziere.„Sie haben mich wirklich angenehm überraſcht, und ebenſo wird es der General ſeyn.“ „Der übrigens nicht ſehr erfreut geweſen ſeyn dürfte, ſo viel ich ſehe,“ erwiderte der Angeſprochene, indem ſein Auge über die Depeſchen flog. „Ah, das giebt ſich,“ verſetzte der Capitän lächelnd, „man wird ſie unten ſchon lenkſamer machen.“ „Meinen Sie Capitän?“ fragte der Oberſte. „Ja ich meine verſetzte der Linienoffizier, und dabey dürfte der Dienſt nur gewinnen.“ — 174— „„ Und wir verlieren,“ erwiederte jener.„Wir ſind es ſo zufrieden, und wenn es unten der Fall nicht iſt, ſo ſeyen Sie verſichert, daß auch uns manches nichts we⸗ niger als beyfallswürdig erſcheint.“ Dieſe Bemerkung hatte eine augenblickliche geſpannte, von einem Huſten begleitete Pauſe zur Folge, der ſein Entſtehen vielleicht weniger einem Lungendefekte, als den zart und wieder ſchroff auseinander ſtehenden Verhältniſ⸗ ſen des Offiziers der Linientruppen zu dem rangvordern Milizenoberſten zu verdanken hatte. „Gentlemen!“ ſprach der General, der die Depeſche durchleſen hatte.„Der Befehlshaber ſendet mir Befehle, ſogleich mit dem Bataillon zu ihm zu ſtoßen, und nicht auf die jenſeits des Miſſiſippi zu warten.„Ich erſehe,“ fuhr er zum Capitän gewendet fort,„daß der General Sie zum Commandanten des Depots ernannt, und ange⸗ wieſen hat, die Einübung der nachrückenden Truppen zu beſorgen.“ Er hielt inne und ſprach mit mehrern der Stabs⸗ und Oberoffizieren angelegentlich. Nach einer Weile fuhr er, zum Linienoffiziere gewendet, fort: „Was den erſten Punkt betrifft, ſo kann ich für jetzt meinen Entſchluß um ſo weniger kund thun, als dieſer von der Meinung meiner wackern Mitbürger ab⸗ hängt. Sie werden ihn jedoch bis Morgen früh hören. Was Ihr Commando anlangt, ſo wird Ihnen das Depot übergeben werden, nämlich dreyhundert Musketen und fünftauſend ſcharfe Patronen; das Uebrige iſt Eigenthum — 175— der Counties und der Bürger. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wenn Sie hier zur Einübung der Truppen verbleiben, Sie in ihrer Kategorie als Capitän General⸗ adjutantendienſte beym allfälligen Stabsoffiziere ver⸗ richten.“ Das Geſicht des jungen Militärs in ein feines, kaum merkbares Lächeln verzogen, entfärbte ſich ein wenig, und ſeine Lippen kräuſelten ſich.„ General Billow!“ brach er endlich aus.„Verſtehe ich ſie recht? Sie wollen ſich zuerſt berathen, ob auch den Befehlen des Commandirenden Folge zu leiſten ſey, wenn der Feind zwanzig Meilen von der Hauptſtadt ſteht?“° „Ich hoffe, Capitän Percy wird die Schranken ſei⸗ ner Aufträge gegenüber einem Offizierkorps nicht vergeſ⸗ ſen, das freylich nur unter der Sanction der Staatsver⸗ faſſung gewählt iſt.“ Die letztern Worte waren in einem Tone ausge⸗ ſprochen, der zwiſchen ſchneidender Ironie und kalter Strenge die Mitte hielt. „Die übrigens ſuſpendirt iſt,“ verſetzte der Capitän mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln. „Wofür der, der ſie ſuſpendirt hat, verantwortlich gemacht werden ſoll,“ erwiderte der General trocken. Der junge Militär zog ſich ſchnell zurück. Die kurzen Mittheilungen, die wir ſo eben gegeben haben, fielen in dem ſcharfen beſtimmten Tone, der im Höchſten aufgeregte Gemüther verrieth, die gerade noch — 4176— hinlängliche Selbſtbeherrſchung behalten, um innerhalb der Schranken des hergebrachten Anſtandes zu bleiben. Dieſe Aufregung war allgemein und ſichtlich groß. Es entfiel zwar keinem der Umſtehenden ein Wort des Lobes oder Tadels; aber auf allen Geſichtern war ein ſtiller Ingrimm zu leſen, der nur in den verſchiedenen Grup⸗ pen der noch immer umherſtehenden Milizen durch ein drohendes Gemurmel ſich Luft machen zu wollen ſchien. Die Offiziere hatten einen Kreis um den ſo eben ange⸗ kommenen Fremden geſchloſſen, und waren in ernſter Unterredung eine Weile begriffen, worauf ſie mit ihm dem Dampfſchiffe zugingen, das er kaum beſtiegen hatte, als es ſeine Fahrt fortſetzte. Die Mannſchaft ſtand noch immer beyſammen und beſprach ſich wechſel⸗ weiſe unter einander und mit den Offizieren. Endlich trat einer der Stabsoffiziere, den wir als Oberſten nennen gehört, unter die Menge und ſprach einige Worte, worauf dieſe auseinander ging. Das nämliche war das Offizierkorps im Begriffe zu thun, als es durch eine Erſcheinung feſtgehalten wurden, die ſeine Aufmerkſamkeit mehr und mehr zu feſſeln begann. Noch ehe das Bataillon ſeinen Angriffsmarſch auf das am Hochlande lehnende Städtchen angefangen hatte, waren vom jenſeitigen Ufer zwey Böte abgeſtoßen, von denen das eine anfangs unſchlüſſig ſchien, welche Rich⸗ tung es einſchlagen wolle. Es hatte ſich nach oben und nach unten gewandt, war aber endlich quer über den Strom auf das Bayou zugefahren. Es enthielt Matroſen, ih⸗ ren blauen Tuch⸗ und rothen Flanelljacken nach zu ſchlie⸗ ßen; einige darunter waren jedoch beſſer gekleidet, und einer hatte durch ein Fernrohr das Ufer des Bayou ſchon ſeit einiger Zeit recognoscirt. Erſt als die Offiziere ſich zum Gehen anſchickten, fielen ihnen die ſonderbaren An⸗ kömmlinge auf, die, beyläufig zwölf an der Zahl, heran⸗ gerudert kamen. Einige hatten Tücher um ihre Köpfe gewun⸗ den, andere trugen ihre Arme in Schlingen; mehrere hatten große Pflaſter auf ihren Geſichtern. So viel ſich entnehmen ließ, waren ſie Ausländer, und zwar den ver⸗ zerrten und verſtörten, braunen, gelben und ſchwarzen Geſichtern nach zu urtheilen, von einer nichts weniger als achtbaren Klaſſe. Als wollten ſie der Beobachtung entgehen, hatten ſie ihre Rücken dem Bayou zugewendet. Der General winkte einem der Offiziere, und dieſer trat auf die Ankommenden zu. Das Boot war dem Ufer nahe, ſo wie jedoch die verdächtigen Ankömmlinge die Bewegung des Milizen⸗ offiziers bemerkten, ſchoß es in das Bayou hinein, und dieſes raſch hinab. Auf einmal hielt es; einer der Beſ⸗ ſergekleideten ſtieg ans Land, und trat dem Liniencapi⸗ tän entgegen, der ſo eben aus dem Thore des Wacht⸗ hauſes kam. Er reichte dieſem mit einer kurzen militä⸗ riſchen Verbeugung ein Papier, verbeugte ſich nochmals, und eilte wieder zu den im Boote Gebliebenen zurück. Nach einiger Zeit kamen dieſe das Ufer des Bayou her⸗ Der Legitime. II. 12 ———— aufgeklettert, und ſchlugen dann den Weg zum Städt⸗ chen ein. Der Capitän hatte abwechſelnd die ſonderbaren Men⸗ ſchen und wieder das Papier angeſehen, und war dann auf das Offizierkorps zugegangen. „Was hat es mit dieſen Leuten für eine Bewandt⸗ niß?*“ fragte der ſichtlich verſtimmte General. „Der Capitän überreichte das Papier. Leſen Sie General. Kaum kann ich meinen Augen trauen. Eine Sicherheitskarte für Armand, Morceau, Bernardin, Cordon etc., Anſiedler von Nacogdoches, ausgeſtellt von den mexicaniſchen Behörden, und viſirt vom kommandi⸗ renden General. „„Haben Sie nach der Beſtimmung dieſer Leute ge⸗ fragt?“ Der Capitän zuckte die Achſel.„Die Hauptſtadt iſt ihre Beſtimmung, das Weitere, erwiderte mir der Mann, wiſſe der General en Chef. Wirklich ein höchſt verdäch⸗ tiges Geſindel, und es ſcheint hier zu Hauſe zu ſeyn.“ „Ah, Miſter Billow und Barrow! Wie gehts? Herzlich froh, euch wieder zu ſehen. Wohl! Ihr nehmt euch ja präch⸗ tig aus in euern Federbüſchen,“ ſprach eine derbe, breite, gedehnte Stimme, die unſerm Squire Copeland angehörte, der ſo eben auch mit ſeinen Gefährten und Pferden vom zwey⸗ ten Boote gelandet, und die letztern einem in der Nähe ſte⸗ henden Neger übergeben hatte, auf ſeinem breiträndrigen, vieleckigten Quäkerhute den beſagten Federbuſch hatte, — 479— ſonſt aber noch ziemlich in der Garderobe ſtak, von der wir oben eine ausführlichere Beſchreibung geliefert haben.. „Gentlemen!“ ſprach er, halb ernſt und halb lachend, „Ihr ſeht nun Major Copeland vor euch. Morgen kommt mein Bataillon nach.” „Willkommen denn, Major!“ ſprachen der Major und ſämmtliche Offiziere mit einem Ernſte, der die etwas gedehnte Redſeligkeit des neuen Waffenbruders ein wenig kürzen zu wollen ſchien. „Und dieſe da,“ fuhr der Major fort, der den Wink nicht verſtand, oder verſtehen wollte, dürftet ihr viel⸗ leicht für meine Adjutanten halten; aber den einen kennt ihr, es iſt Dick Gloom, unſer Countyconſtable, und der andere, auf den Britten weiſend, der iſt, ich weiß ſelbſt nicht was ich ſagen ſoll.“ „Dann will ich euch darein helfen,“ fiel der Britte ein, der über die ſeltſame Aufführung ungeduldig ge⸗ worden war.„Ich bin ein Engländer, Midshipman in Sr. Majeſtät Fregatte der Donnerer, den Mißgeſchik von den Seinigen geriſſen hat; ich bitte um ſchnelle Un⸗ terſuchung uund Bericht an euer Hauptquartier.“ Der General maß den vorſchnellen Sprecher mit einem flüch⸗ tigen Blicke, und begann dann das ihm vom Squire ein⸗ gehändigte Protokoll zu überſehen. Nochmals warf er auf den jungen Mann einen Blick, und dann übergab — 180— er das Papier dem Capitän.—„Das iſt Ihr Departe⸗ ment Capitän Percy; leiten Sie das Nöthige ein.“”“ Auch der junge Offizier maß den Jüngling mit ei⸗ nem forſchenden Auge, und rief, als er geleſen, der Or⸗ donnanz. „Nehmt dieſen jungen Menſchen in engen Gewahr⸗ ſam. Ein Mann mit ſcharf geladenem Gewehre vor ſeine Thüre. Jeder Zutritt ſtrenge unterſagt.“ „Ich weiß wirklich nicht, welcher der Verdächtigere iſt, dieſer ſeyn ſollende Spion oder die ſonderbaren Geſellen, die uns da vor der Naſe Reißaus nehmen,“ hob der General nach einer Weile an. Unſer Squire hatte, ohne eine Miene zu verziehen, dem kurzen Verfahren des Linienoffiziers zugeſehen. Er wandte ſich nun wieder zum Generalen;—„Der wäre nun einſtweilen aufgehoben“ brummte er ihm zu.—„Aber wie ſeht ihr doch aus, General Billow und Colonel Parker? Ihr ſeyd ja ganz verſtört;— erſt jetzt bemerke ich es.“ „Wir haben einige Urſache Squire,“ ſprach der er⸗ ſtere.„Ihr ſeyd zu einem harten Strauße, wie gerufen, gekommen. Ihr werdet hören.“ „Iſt's der unten? Ich habe ſo etwas drüben mun⸗ keln gehört. Ja es wird etwas koſten, den Teufel aus dem herauszutreiben. Wohl, was meine Wildfänge be⸗ trifft, mit denen muß er glimpflich umgehen, die ſind noch immer halb Roß halb Aligator, und ein wenig drüber. Haben mir noch geſtern da einen Spuk gemacht, — 181— juſt als ich am Frühſtück ſaß, ſtürzt mir der Haufe aufs Haus los, und bey einem Haar hätten ſie's mit⸗ genommen. Wußte nicht was das zu bedeuten hat, da kommt aber Joe Drum und Sam Shad und wollen mir den Jungen mit aller Gewalt zum Spion machen. Der ſchmuckſte Burſche den es geben kann. War ſchon halb und halb geſonnen, durch die Finger zu ſehen, aber als wir da bey Tiſche ſaßen, da munkelte er mir etwas von Tokeah, und als die Meinige der weißen Roſa ge⸗ dachte, ihr wißt ja, Colonel Parker, die weiße Roſa, von der ich euch ſo oft erzählt, da ward er euch doch ſo roth, wie ein wilder Truthahn unterm Schnabel. Dacht mir, da ſieht's doch nicht ſo ganz richtig aus, und nimmſt'n mit. Ihr wißt, der Häuptling Tokeah, der uns vor fünfzehn Jahren ſo vielen Spuk gemacht?“ „Tokeah, der Häuptling der Oconees?““ „Derſelbe,“ fuhr der Squire fort. Ich kam zufäl⸗ liger Weiſe auf ſeinen Namen. Da platzte er auf ein⸗ mal heraus:„Tokeah? ihr kennt ihn?“ und als Mistreß Copeland die weiße Roſa nannte, von der ich euch erzählte“— „Aber, lieber Major, dieſer Umſtand iſt doch wichtig, und ich vermiſſe ihn ganz im Protokoll,“ ſprach der Ge⸗ neral verweiſend.. „Ja, er wird ein Narr ſeyn,“ verſetzte der redſelige Friedensrichter,„und Euch das auftiſchen. Ich hatte den Kopf ſo voll, daß ich ihn erſuchte, den Plunder ſelbſt aufzuſetzen.“ — 182— Die Offiziere ſahen ſich bedeutſam an.„Fürwahr Squire,“ ſprach der General,„Ihr macht euch eure Amts⸗ bürde leicht. Wer hat je gehört, einen Spion ſein ei⸗ genes Protokoll aufſetzen zu laſſen; und einem Auslän⸗ der, wie konntet ihr euch und uns eine ſolche Blöße geben?“ Der Sqauire kratzte ſich hinter den Ohren; Damn it, zjou are right.„Ohnehin, ſprach der Capi⸗ tän im etwas wegwerfenden Tone,“ würde ein gehöri⸗ ges Protokoll vonnöthen geweſen ſeyn, um es mit ei⸗ ner Einbegleitung hinab zu ſenden. Darf ich bitten die Zeit zu beſtimmen, wann es gefällig, dieſes vor⸗ nehmen zu laſſen?*— „ In einer halben Stunde,“ erwiderte der General, worauf der Capitän ſich mit einer Verbeugung entfernte. Die Offiziere hatten ſich unterdeſſen dem Gaſthauſe genähert, das in gerader Linie mit dem Bluffs lag, auf welche die verdächtige Truppe zugeeilt war. Sie ſchien in großer Eile, vor der Ankunft der Offiziere die Höhe des Städtchens zu gewinnen, war aber durch die Lang⸗ ſamkeit Einiger, die nur mühſam fort konnten, in den Windungen des Fahrweges zwiſchen dieſe und die Or⸗ donnanzen mit dem Gefangenen gekommen. Den letztern hatte die auf ihn Zueilenden ſtarr angeſehen; kaum hatte ihn aber der vorderſte erblickt, als dieſer betroffen plötz⸗ lich den Rücken wandte. Der Britte war ſchnell auf die Seite geſprungen, hatte den Mann ſcharf ins Auge gefaßt, und war im Begriffe auf ihn loszuſtürzen, als — 483— ihn die Ordonnanz unſanft am Arme ergriff, und vor⸗ wärts deutete. „Halt!“ ſprach der Jüngling,„dieſen Menſchen kenne ich.” „Mag ſeyn;“ erwiderte die Ordonnanz trocken,„„vor⸗ wärts!“ „Laßt mich,“ rief jener.„Das iſt der Seeräuber.“” „ Seeräuber?““ ſprach der Milize, der mit einem Satze den jungen Mann wieder erfaßt hatte.„Wenn ihr mir nochmals ſolche Sprünge macht, dann trage ich euch in euern Behälter, aber eure Knochen werdens noch nach acht Tagen ſpüren.“—„ Der junge Menſch da ſagt„ redete er die herankommenden Offiziere an, daß der Mann da ein Seeräuber ſey. „Befolgt die euch ertheilten Befehle,“ ſprach der Ge⸗ neral, ohne die zwey eines Blickes zu würdigen. Der Jüngling wurde ein wenig blaß, und die Or⸗ donnanz ſchob ihn mit einem nochmaligen rauhen„Vor⸗ wärts!“ weiter. „Und Ihr?“ wandte ſich der Milizgeneral zu den Ausländern. Es trat einer vor, deſſen Geſicht zur Hälfte mit einem ſchwarz ſeidenen Tuche verbunden war, während die andere, von einem großen Pflaſter bedeckt, bloß ein graues Auge ſehen ließ. Der Mann verbeugte ſich leicht und ſelbſtgefällig. „Wie ich ſehe,“ begann der Geſelle, ſo habe ich die Ehre Milizoffiziere vor mir zu ſehen, die ſich zum Strauße für unten richten. Wenn Sie, wie ich hoffe, morgen abgehen, ſo werden wir das Vergnügen haben, Ihnen Geſellſchaft zu leiſten.“ „Sehr gütig,“ verſetzte der General. „Nicht blöde,“ meinte der Squire. Der Oberſte ſchwieg. „Auch wir ſind geſonnen,“ fuhr der Kamerad im leichten gefälligen Tone fort,„unſer Schärflein auf dem Altar des Landes der Freyheit darzubringen, des beglü⸗ ckenden Aſyls der Müden und durch Tyrannenwillkür Verfolgten. Wer wird nicht ſein Theuerſtes wagen, für das höchſte Erdengut?“ „Ihr ſeyd ſehr freygebig mit euerm Theuerſten,“ ent⸗ gegnete der General trocken.„Man wirft nicht leicht etwas weg, das noch einigen Werth hat.“ „ Gewiß nicht, erwiderte der Ausländer, aber wer da nicht glüht, wenn das Freyheitsfeuer lodert, der iſt ein Feiger.“. „Immerhin würdet ihr beſſer thun, für euer eigenes Land zu glühen, und uns die Sorge für das unſrige zu überlaſſen,“ ſprach der General.„Auf jeden Fall kann euer Mexico eure freyheitsglühenden Seelen beſſer brauchen.“— „ Wir ſind zu ſtolz unter Pfaffen zu dienen;“ ver⸗ ſetzte der Mann,„wir haben unſre Dienſte da angebo⸗ ten, wo Ehre zu ernten iſt.“ „Für euch vielleicht, aber nicht für uns; erwiderte der General mit ſichtlicher Verachtung.“ Der Angeſprochene trat ſtolz zurück. „Woher kömmt es,“ fragte nun der General ein we⸗ nig ſchärfer,„ daß ihr, obgleich verwundet, ſo weit geht, um euch in einem fremden Dienſte neue Wunden zu holen?“ „Ein Haufe Oſagen, dem wir begegnet ſind, hat dieſe Wunden theuer bezahlen müſſen. Uebrigens ſind wir nicht ganz fremd; ſchon ſeit Jahren mit der Haupt⸗ ſtadt in Verbindung, haben wir Produkte von unſern pflanzungen mit uns, die nachkommen.“ „Und dieſer da,“ ſprach der Oberſte, der ſchon ſeit längerer Zeit die Abenteurer fixirt hatte, auf die er nun losging, und einen erfaſſend, dieſen trotz alles Sträubens hervorzog.„Iſt dieſer auch einer, der ſein Schärflein auf den Altar des Landes der Freyheit niederzulegen ge⸗ kommen iſt?“ Er ſchlug mit dieſen Worten dem Manne ſeine Mütze vom Kopfe, und mit dieſem fiel ihm auch der Verband von der Stirne. „Bey Inigo! das unſer Pompey ſeye, der Maſſa John in der Stadt davon geſprungen,“ kicherte der Schwarze des Oberſten, der einige Schritte ſeitwärts mit den Pferden hielt. „Pompey Maſſa nicht kennen, Pompey ein Mexi⸗ caner; nichts Maſſa angehen„' ſchrie der entlaufene Neger. „Du wirſt mich kennen lernen, ſprach der Milizen⸗ — 186— Oberſte.„Ordonnanz! nehmt einſtweilen dieſen Mann da hinüber, und legt ihm zur Vorſorge Fuß⸗ und Hals⸗ eiſen an.“ „Ihr bleibt hier,“ ſprach der General in befehlendem Tone zu dem Manne, der gleichgültig und ohne im mindeſten ſeine Faſſung zu verlieren, dem Ergreifen ſei⸗ nes ſchwarzen Gefährten zugeſehen hatte. „Auf Ihre Gefahr, Herr Offizier,“ erwiderte er. „ Wir ſind angewieſen ſchleunigſt im Hauptquartier ein⸗ zutreffen.“ „Der Arzt wird euch unterſuchen, und ſeyd ihr wirk⸗ lich verwundet, ſo mögt ihr euch einen zeitweiligen Auf⸗ enthaltsort wählen;— wo nicht, ſo iſt das Gefängniß euere Wohnung.“— „Herr Milizoffizier,“ ſprach der Mann ſtolz— „» Bemüht euch nicht weiter,— entgegnete der General kalt— dem Kommandirenden wird Nachricht von euerm Eintreffen zugeſandt werden, das Uebrige werdet ihr er⸗ fahren.“— Der Marodeur trat näher heran, und ſchien noch etwas auf dem Herzen zu haben; allein der General hatte ihm den Rücken gewendet und ging mit ſeinen Beglei⸗ tern dem Gaſthofe zu. Ein Zug Milizen, der von dem Wachtpoſten kam, nahm nun die Bande in Empfang und führte ſie in die Wachtſtube. 2 XXIV. Kapitel. — Das iſt ein lebendiges Puppenſpiel.— Nun will ich glauben, daß es Einhörner gibt; daß in Arabien ein gewiſ⸗ ſer Baum iſt, der Thron des Phönix, der bis auf dieſe Stunde da regiert.— Shakespeare. Die Nacht war ſchon hereingebrochen, als die drey Milizoffiziere mit dem Liniencapitän aus dem Gaſthofe zurückkamen, und den Weg längs dem Bayou in der⸗ ſelben düſtern Stimmung einſchlugen, mit dem ſie die⸗ ſen betreten hatten.— Eine geraume Zeit waren ſie, ohne ein Wort zu ſprechen, fortgeſchritten. Endlich brach der Squire das Stillſchweigen. Nun bey allen Mächten! Wenn mir einer das noch vor vier und zwanzig Stunden geſagt hätte, ich würde ihn für einen Bedlamiten gehalten haben. Alſo iſt er auch bey uns rege geworden, dieſer verfluchte Herrſcher⸗ geiſt, und der alte Narr möchte auch noch gerne in ſeinen alten Tagen den Boni ſpielen. und ſeine Kentukier und Tenneſſeer jubeln hoch auf.“ — 188— „Das weiß ich eben nicht; er trinkt zwar gut demo⸗ kratiſch mit ihnen, aber das Weitere ſollte ich heznweifelnen erwiderte der General. „Alſo gerade unſrer Legislatur bedeutet, ſie könnte ſich heimſcheren, Senat und Aſſembly, und genirten ihn nur?* „So etwas.“— „ Und als ſie den derben Wink nicht verſtehen woll⸗ ten, ſo ſchloß er die Thüre des Gouvernementhauſes, und ſteckte, wie der alte Rundhut, die Schlüſſel zu ſich 2“ Der General nickte. „Und der Judge, der den Miſter— wie heißt er?— aus dem Loche befreyt, mußte ſelbſt hinein?“ „Für das,“ entgegnete der Oberſte,„wird er auf jeden Fall theuer büßen müſſen. In der Hauptſache je⸗ doch mag er leer ausgehen, und das iſt was ich fürchte; beſonders wenn ihm gelingen ſollte, den Angriff auf die Hauptſtadt abzuſchlagen.“ „Wie ſo?“ fragte der Squire. „Seht ihr dieſes nicht?“ verſetzte der Oberſte. „Glaubt ihr, daß der ſiegbetrunkene Haufe länger an ſeine Verdammung und Beſtrafung denken wird, im Falle er einen bedeutenden Vortheil über den Feind erringen ſollte; oder daß die Kühlern es wagen werden, ihn zur Rechenſchaft zu ziehen und ſich dem Geſchrey ſchnöder Undankbarkeit auszuſetzen? Leider iſt unſre Nationaleitel⸗ — 189— keit in dieſem Punkte noch ſo weit zurück, wie die der alten Welt, wo die beſten Raufer und legalen Todſchlä⸗ ger mit Bändern und Sternen geziert werden. Ein Sieg bey uns wird eben ſo thörichten Jubel hervor⸗ bringen wie jenſeits des Meeres.“ „Nun, im Grunde geſagt, Oberſter, ich könnte mich ſelbſt freuen, und ihm wirklich etwas durch die Finger ſehen, wenn er mir die Ralhriar recht durch⸗ bläuen wollte.“ „Ja, ja! lieber Squire,“ ſprach der Oberſte, ihm auf die Achſel klopfend,„ihr ſeyd ein geſcheidter Mann, und denkt für's Land ſo wohl als irgend einer; aber mit al⸗ lem euerm guten Willen würdet ihr mithelfen, uns noch tiefer in den Schlamm hinein ſtauchen; und warum? weil eine Saite eures Patriotismus berührt iſt, die un⸗ ter allen gerade die ſchwächſte iſt.“ „Aber zum Teufel,“ fiel ihm der Squire ein,„wir können doch nicht ſelbſt wünſchen oder helfen wollen, daß wir Schläge bekommen, und die Feinde uns die Häuſer über den Kopf anzünden, und mit unſern Wei⸗ bern und Töchtern—— das wäre ja über die Yankees, die haben ſich wenigſtens auf gute Art aus dem Staube gemacht.“— „Und wer will das?“ verſetzte der Oberſte.„Was mich betrifft, ſo ſteht mein Entſchluß feſt. Mein Be⸗ ſitzthum iſt mir ſo werth als es irgend einem ſeyn kann, denn ich bin ſelbſt deſſen Schöpfer. Aber eher wollte = 190— ich, daß der Feind das Ganze in Flammen auflodern ließe, als ein Jota meines Rechtes verkümmert wiſſen. Ich habe den Staat aufziehen geholfen, und will mei⸗ nen Kindern ein freyes Erbtheil hinterlaſſen. Wir ſind,“ fuhr er mit Nachdruck fort,„hier zuſammengekommen, um die angedrohte Beſitznahme unſers Landes dem Feinde zu wehren, aber nicht um uns unſre angebornen Rechte ent⸗ riſſen zu ſehen, und während wir einen Feind verjagen, uns ſelbſt durch einen tollern eine unheilbare Wunde beybringen laſſen, der vergißt was er ſich ſelbſt und ſei⸗ nem Lande ſchuldig iſt, und wegen ein paar tauſend elender Britten den Kopf verliert.“ „Das Land wird Ihre Anſtrengungen ehren,“ erwi⸗ derte der Capitän mit verbiſſenem Grimme, aber glau⸗ ben Sie mir, daß noch etwas mehr vonnöthen iſt, um mit ſechstauſend Milizen fünfzehn bis zwanzigtauſend der beſten Truppen der alten Welt zurückzuſchlagen. Selbſt bey dem raſcheſten Zuſammenwirken können wir kaum hoffen, den Sieg zu erringen.“ „Sechstauſend Männer,“ Capitän, erwiderte der General,„müſſen Sie ſagen, die für Herd, Heimath und ihre Freyheit fechten. Ich kenne dieſen Geiſt. Er iſt unüberwindlich; aber beugen muß man ihn nicht wol⸗ len, nicht dem Stolze des Feindes durch eine That ſchmeicheln wollen, die Verachtung verdient;— es iſt politiſcher Selbſtmord, was er gethan hat.“ „Es iſt,“ fiel ihm der Oberſte ein,„Aufhebung — 191— aller geſetzlichen Autorität, Vereinigung aller Gewalt in einer Perſon, eine dictatur de facto und ſo wenig ſie in ſeiner Hand gefährlich iſt, ſo kann ſie dieß in einer zweyten, geſchicktern und kühnern werden.“ „Das ſehe ich wieder nicht,“ fiel der Squire ein. „Wenn er heute den Feind von der Hauptſtadt wegge⸗ jagt, ſo treten Morgen die Autoritäten wieder in ihre Wirkſamkeit ein.“ „Wer zweifelt daran?“ entgegnete ihm der Oberſt, „Aber verdient das auch noch den Namen Autorität, das nur beſteht, wenn keine Gefahr da iſt, und ſo wie dieſe ſich zeigt, ſuſpendirt wird, der Willkür weicht? Zeigt ein ſolches Benehmen nicht offenbar, daß wir ſelbſt unſre freye Verfaſſung nicht für zureichend in Tagen der Ge⸗ fahr erkennen, wenn das Erſcheinen von fünfzehn oder zwanzigtauſend Fremden hinreicht ſie aufzuheben? Es iſt dieſes ein Schlag unſerm Nationalgefühle verſetzt, den nichts entſchuldigen kann, der eine toͤdtliche Eiterung zurücklaſſen und Vorbild in künftigen Fällen werden kann.“ „Aber er hat nun die Vollmachten von der Bundes⸗ regierung,“ entgegnete der Capitän. „Das alte Weib in der Bundesſtadt ſchreibt und ſchwatzt Staatsrecht trotz einem,“ verſetzte der Squire, wenn es aber darauf und daran kömmt, ſo iſt er Ha⸗ miltonianer über den alten John, und verliert den Kopf, wie er ihn hinter Baltimore verloren hat. Ihr habt Recht, Oberſter, dieſer Dictatur müſſen wir ein Ende machen, und wir gehen zuſammen.“ „Und wenn der Feind den Generalen angreift, und überwältigt?“ fragte der Capitän. „So wird er geſchlagen;“ verſetzte der Oberſt trocken. „Colonel Parker!“ fiel der Squire ein.„Da geht ihr wieder zu weit. Das wäre noch ärger als die Hart⸗ ford⸗Conventioniſten. Ich möchte nicht gerne für einen Landesverräther gehalten werden.“ „Noch wir;“ erwiderte der Oberſt.„Darum iſt meine Meinung die, die Beſchlüſſe abzufaſſen, die Eurigen abzuwarten, ihnen dieſe vorzulegen und dann hin⸗ abzugehen. Zwey Tage ſind für dieſes hinreichend. Uebrigens, Squire, ſeyd ihr ein freyer Mann, und han⸗ delt wie ihr wollt. Was mich betrifft, ſo ſteht, wie ge⸗ ſagt, mein Entſchluß feſt, und ich hoffe, meine Mitbürger werden dieſen billigen.“—* „Aber Sie bedenken doch,“ fiel hier der Capitän ein, „daß hier von keiner Verletzung der Rechte des Bürgers die Rede iſt, ſondern bloß von einer zeitweiligen Cen⸗ tralität, um die gemeinſamen Kräfte deſto wirkſamer ge⸗ gen den Feind in Anwendung zu bringen?“ „Das iſt ja eben der Punkt, um den es ſich handelt, verſetzten die drey Offiziere. „Und das böſe Beyſpiel, das dieſe Oppoſition zu einer Zeit geben muß, wo der Feind vor der Hauptſtadt — 4193— ſteht. Sie nehmen eine furchtbare Verantworklichkeit auf ſich. „Man ſieht wohl, Capitän,“ ſprach der Sauire, „daß Sie in der Linie ſtehen. Was meine Männer be⸗ trifft, ſo iſt keiner der ſich nicht heute mitten unter die Feinde ſtürzen würde, aber nicht zehn unter den fünf⸗ hundert, die mit Ihrem Generale, nachdem was er ge⸗ than, vor die Thüre gingen. Nur wenn das Geſetz und die Geſetzlichkeit hergeſtellt iſt, werden ſie dieß thun.“ „Ja,“ ſprach der General, der im tiefen Nachden⸗ ken fortgeſchritten war.„Es iſt zu unfrer und des Landes Beruhigung vonnöthen, daß wir ſeinen Gewalt⸗ ſtreich entkräften, der uns und den Unſerigen nothwen⸗ dig das Vertrauen auf uns ſelbſt benehmen muß.“ Es war bey aller ſcheinbaren Mäßigung und dem hohen Anſtande des Sprechenden, eine gewiße Heftigkeit und Bitterkeit des Gefühls zu bemerken, dem man es anſah, daß es Mühe koſtete, den verbiſſenen Ingrimm zurückzuhalten. Der junge Linienoffizier beſonders, hatte kaum das Ueberſtrömen ſeiner Empfindlichkeit verbergen können. Er verbeugte ſich nun raſch, und war im Be⸗ griffe ſich zu entfernen. „Sie ſcheinen bewegt Capitän Percy,“ ſprach der Oberſte, was iſt es? „Was es iſt, Oberſter? und Sie fragen, im Augen⸗ blicke wo Sie auf dem Punkte ſtehen eine Oppoſition ge⸗ Der Legitime. II. 43 * — 4194— gen den Generalen zu organiſiren, der uns dem Feinde in die Hände liefern, oder den Generalen zwingen muß, ſeine Drohung zu verwirklichen?“ „Drohung?“ fiel der General ein.„Ich habe ge⸗ hört von dieſer kategoriſch ſeyn ſollenden Erklärung; er würde die Hartford⸗Conventioniſten gehängt haben, wäre er zugegen geweſen. Und wenn er ſtatt ſeiner dreytau⸗ ſend Kentukier zehntauſend hätte, ſo wird uns dieſes kein Haar breit von dem Wege unſrer erkannten Rechte bringen. Verlaſſen Sie ſich darauf Capitän, wir werden die Seinigen genau prüfen, ihm als Abgeorͤneten des Cabinets, das höchſte Autorität iſt, Gehorſam leiſten, .da wo es die Conſtitution fordert; ihm als Männer wi⸗ derſtehen, wo er ſie übertritt; ihn verdammen in dem, worin er bereits gefehlt hat. Dieß wollen wir heute als Männer thun, unbekümmert um ſeine Drohungen, und als ſolche wollen wir ihn in die Schranken der Geſetz⸗ lichkeit zurückführen und ſeinen Trotz beugen.“ „Ja das wollen wir,“ ſprach der Oberſt;„und nun, lieber Capitän, wenn Sie mit uns kommen wollen, um eine kleine Stärkung zu nehmen, ſo ſind Sie willkommen. Wir werden Sie wahrlich brauchen.“ Der Capitän verbeugte ſich jedoch ſtumm und wandte ſich.— „Ein vortrefflicher junger Mann,“ bemerkte der Oberſte,„er hat ſich unvergleichlich wacker gehalten; aber zwey Jahre Dienſt in der Linie haben ihm den „¶ — 195— Kopf ſo verrückt, daß er für ſeinen Chef und ſein es- prit du corps das ganze Land auf die Degenſpitze ſe⸗ tzen würde.“— „Für einen künftigen Schwiegerſohn wäre er mir jedoch zu brittiſch⸗militäriſch,“ entgegnete der Squire. „Das gefällt wieder den Mädchen,“ verſetzte der et⸗ was betroffene Oberſt,„übrigens thut er ſeine Pflicht und ſpricht als gebundener Mann. Ein wenig zu viel ſchadet nicht, wo wir die Mittel haben, die allzu üppi⸗ gen Auswüchſe zu beſchneiden.“ Die drey Offiziere waren nun gegenüber einem Land⸗ hauſe angekommen, deſſen hellbeleuchtete Fenſter durch das Gebüſch herüberſchimmerten. Sie ſtiegen in ein Boot, das ihrer harrte, und landeten am jenſeitigen uUfer, um einige Erfriſchungen zu nehmen, und dann ruhig und gelaſſen zu einer Zuſammenkunft zu gehen, die in einem andern Lande vielleicht Ströme Bluts ge⸗ koſtet, oder den Umſturz der Ordnung der Dinge zur Folge gehabt haben dürfte; denn nichts geringeres be⸗ zweckte dieſe Zuſammenkunft, als einen von der oberſten exekutiven Behörde der Nation, beynahe mit ſouveräner Vollmacht bekleideten General, nicht nur in ſeine Schran⸗ ken zurückzuweiſen, ſondern ſein Betragen auch da, wo er dieſe übertreten, im Angeſichte dieſer Nation, zu ver⸗ dammen; und dieß in einem Zeitpunkte, wo der Feind ſo eben mit einer bedeutenden Heeresmacht ins Land ge⸗ drungen war. So bewundernswürdig iſt jedoch der — 4196— Geiſt dieſes Landes, und ſo ſtark tritt die Verſtandes⸗ kraft in der ewigen Reibung und Uebung hervor, daß ſelbſt die drohendſten Gefahren dieſen öffentlichen Geiſt weder irre machen, noch von dem richtigen Geſichts⸗ punkte ablehnen können. Langſam und bedächtig, alles erwägend und ermeßend tritt er hervor, nun anſcheinend kalt und herzlos gleich dem Zeiger einer Uhr langweilig fortkriechend, und wieder als ein heftiges Gewirre brü⸗ tender Leidenſchaft und gehäſſiger Selbſtſucht; aber eben aus dieſem Treiben erſteht das harmoniſche Reſultat, das Millionen aneinander knüpft, weil in dem Zungenkampfe alle Intereſſen und Meinungen verſchmolzen ſind. Da⸗ rrin liegt er, dieſer wahre Geiſt des Freyheitslebens, daß ſich die beſte ſo wie die ſchlimmſte Natur unumwunden im Meinungskampfe darthun mag, und ſich ausſpricht und abſpiegelt; denn das Böſeſte verliert ſein Gift, wenn es erkannt und gewürdigt iſt, und das rein Vernünftige allein erſteht, und wird zum belebenden Prinzipe. Es iſt ſchwierig dieſes republikaniſche Leben, das ſchwierigſte das es gibt; denn zart iſt die Grenzlinie des Rechtes, und leicht iſt ſie überſchritten, wenn nicht die Millionen mißtrauiſch wachen. Darum iſt es nur bey einem Volke möglich, wo die Verſtandeskraft die höchſte Stufe erreicht, wo ſelbſt poſitiver Widerſtand gegen den Machthaber noch die Grenzlinie ſeiner Pflicht erkennt, und ſo, ohne in Verwirrung und Anarchie aus⸗ — 497— zuarten, ſeine Rechte behauptet oder die verlornen wie⸗ der erobert. Der Capitän hatte einen langen ſehnſüchtigen Blick über das Bayou hinüber auf die hellerleuchteten Fenſter geworfen, und war dann dem Gaſthofe zugeeilt, aus dem er mit den drey Offizieren gekommen. Bey ſeinem Eintritte befahl er der Ordonnanz den gefangenen Brit⸗ ten und drey der Ausländer vor ihn zu bringen, dann ſchritt er ſeinem Zimmer zu, in dem ein Mann in der uniform eines Sergeanten der Linientruppen an einem Tiſche ſchrieb. Dieſem deutete er, ſich für einige Zeit zu entfernen, und warf ſich dann gedankenvoll in einen Seſſel.— Nach einer Weile trat der junge Britte in Begleitung von einem bewaffneten Milizen in das Innere. „James Hodges,“ ſprach der Capitän, mit freund⸗ licher Stimme, während ſein Auge forſchend auf dem etwas niedergeſchlagenen Jünglinge ruhte. „Ich habe, ehe ich das Protokoll ſchließe, um es an den kommandirenden Generalen abzuſenden, Sie noch einige Punkte zu fragen. Geben Sie mir aufrichtig wahre Antworten.“ „Seyen Sie verſichert, Capitän, daß kein unwahres Wort je über meine Zunge gekommen.“ „Sie ſagen, Sie ſeyen vom Seeräuber von Bara⸗ taria aufgehoben worden?2 „So iſt es, und wenn Sie ſich bemühen wollen, in — 4198— unſerm Hauptquartier nachzuforſchen, werden Sie die Wahrheit meiner Ausſage beſtätigt hören. Um dieſes bitte ich dringend.“ „Sie haben,“ fuhr der Capitän fort, bey Ihrem Verhör in Gegenwart des Generalen und der beyden Stabsoffiziere etwas fallen laſſen, daß der Seeräuber un⸗ ter den angekommenen Ausländern iſt?“ „So iſt es, ich habe ihn geſehen, und war auf ihn zugeeilt, als mich der Milize zurückhielt.“ „Haben Sie ihn erkannt?“ „Nicht im Geſichte, das vermummt war, aber ſeine Haltung, ſeinen Gang, ſeine Geſtalt ſind mir unaus⸗ löſchlich eingedrückt.“ Es traten in dieſem Augenblicke drey Männer in das Zimmer, von denen der mittlere im Geſichte ver⸗ mummt, ein anderer, der einen Arm in der Schlinge trug, und der dritte ein ſchöner junger olivenfarbiger Jüngling war, deſſen Geſichtszüge und blitzend ſchwarze Augen den Mexicaner deutlich verriethen. Sie traten un⸗ befangen vor den Capitän, der ſie artig grüßte. „Erkennen Sie einen dieſer drey Männer?“ fragte der Capitän. „Dieſer da iſt es, erwiderte der Gefangene auf den mittlern zutretend, das iſt der ſogenannte Seeräuber von Barataria.“ Der Beſchuldigte war kalt und gleichmüthig da ge⸗ ſtanden. — 499— „Was will dieſer junge Menſch?“ fragte er den Capitän. 3 „ Ihr habt es gehört;“ erwiderte dieſer, den Mann ſcharf fixirend.. „So habe ich, und ich weiß nicht, ſoll ich mich mehr über die Unverſchämtheit dieſes jungen Menſchen ärgern oder über ſeine Tollheit lachen.“ „Capitän,“ rief der Gefangene.„Ich verſichere Sie auf meine Ehre, ich ſchwöre es Ihnen, dieß iſt der Seeräuber.“ „Vielleicht, junger Menſch, habt ihr das Handwerk getrieben. Wenn ihr noch drey Tage hier ſeyd, ſo werdet ihr unſre Produkte nachkommen ſehen, die euch beweiſen ſollen, daß wir diejenigen ſind, wofür wir uns ausgeben.” Der Capitän warf einen ſcharfen Blick auf den Ge⸗ fangenen, der abwechſelnd leichenblaß und glühendroth wurde. 3 „Ich will ihn ſignaliren,“ rief er.„Ich bin über⸗ zeugt, ich täuſche mich nicht.“ „Wenn der junge Menſch mich meint,“ fuhr der Verwundete zu dem Capitän gewendet fort,„ſo will ich aus Achtung für Sie, Capitän, und um Ihnen aller Arg⸗ wohn zu benehmen, meinen Verband ablöſen.“ Er riß das Tuch vom Kopfe und zeigte eine breite Kopfwunde, die von der Stirne über die Wange herablief, und ob⸗ gleich vom Pflaſter bedeckt, eine gefährliche Tiefe wahr⸗ — 200— nehmen ließ, die augenſcheinlich den Hieb eines Toma⸗ hawk verrieth.„Soll ich,“ ſprach er zum Offtziere, „auch den Verband ablöſen?“ „Nein, erwiderte der Capitän. Bindet euer Tuch über den Kopf.„Kennen Sie keinen der übrigen?“ wandte er ſich zum Gefangenen. Dieſer ſah die beyden andern aufmerkſam an.„Eine dunkle Erinnerung,“ ſprach er, mit ſtockender Stimme, aber nichts weiter;„Es ſcheint mir ich habe auch die⸗ ſen Mann geſehen.“ „Das mag ſeyn,“ erwiderte der Bezeichnete.„Wir ſind von Nacogdoches, dieſe Briefe, an mehrere Häuſer in der Hauptſtadt, werden es ausweiſen, und wie Senor Marceau geſagt hat, ſo kommen unſere Produkte nach.“ „Capitän!“ ſprach der Erſte.„Wir glauben es nicht nöthig, einen ſo ausgezeichneten, im Militärdienſte der erſten Republik der Welt ſtehenden Offizier darauf aufmerkſam zu machen, daß das Betragen dieſes jungen Menſchen, der wahrſcheinlich eigene Schuld durch ein gräßliches Anſinnen zu bemänteln gedenkt, äußerſt ſon⸗ derbar iſt. Wir ſind Unterthanen von Mexico, und er⸗ bitten uns, wenn etwas gegen uns vorgebracht wird, als einzige Gnade, ſchnell hinab vor den Commandeur en Chef gebracht zu werden. Ein Milizoffizier hat uns anhalten und unterſuchen laſſen, auch ſcheint er uns hier eine Art Arreſt auferlegt zu haben.“ „So hat General Billow befohlen,“ ſprach der — 2014— Capitän, und ihr verhaltet euch ruhig bis der Befehl von unten kommt.“ „Und wann erwarten Sie dieſen?“ „In achtundvierzig Stunden.— Nun tretet ab.“— Der Capitän warf einen etwas weniger freundlichen Blick auf den Jüngling, der von innerm Kampfe be⸗ wegt, vor ihm ſtand. Nach einer Weile ſprach er: „James Hodges, oder wie ihr immer heißen möget, euere Ausſagen tragen das Gepräge eines Charakters, der für eure Jugend viel Verdorbenheit beweist.“ „Capitän, ich beſchwöre Sie, dieſe Männer genauer unterſuchen zu laſſen. Ich bin gewiß; ich habe mich nicht geirrt. Schon ihr Aeußeres verbürgt die Wahrheit meiner Ausſage. „Man wird oft irre im Aeußern,“ erwiderte der Ca⸗ pitän, mit einem ſcharfen Blicke, der den Gefangenen mißtrauiſch maß.—„Andere Zwangsmittel zu gebrauchen, geſtatten unſere Geſetze nicht. Ich hätte euch gerne hel⸗ fen wollen; und bloß Rückſicht für eure Jugend, der ich ſo viele Verdorbenheit nicht zu gemuthet, hat mich dazu veranlaßt. Uebrigens habe ich euch zu bedeuten, daß ihr auf das Schlimmſte gefaßt ſeyn müßt.“ „Ich bin auf alles gefaßt, bitte jedoch, wenn üb⸗ rigens ein Britte hier auf Gunſt hoffen darf, meinen Fall ſchleunigſt im engliſchen Hauptquartier anzuzei⸗ gen; die Wahrheit wird dann ungezweifelt ausgemittelt werden.“ — 202— „Es iſt nicht dieſes allein, James Hodges,“ erwi⸗ derte der Capitän.„Der zweyte Punkt iſt wichtiger. Wie kommt ihr zu eurer Verkleidung? Wie ſeyd ihr mit Tokeah bekannt geworden? Kann euer Hauptquar⸗ tier uns darüber Auskunft geben?“ Der Jüngling ſtand von einer fiebriſchen Glut über⸗ goſſen. Seine Lippen zuckten.„Ich kann nicht, darf nicht ſprechen. Ich habe mein Ehrenwort gegeben.“ „» Ihr gebt vor Militär zu ſeyn, und wiſſet nicht, daß in euerm Falle ſelbſt das Ehrenwort des achtungs⸗ wertheſten Mannes nicht angenommen werden könnte?— Junger Mann,“ ſchloß der Capitän;„ihr treibet ein ge⸗ fährliches Spiel, da wo es im Ernſte genommen wird. Ich kann nur berichten, aber die Folgen kommen ſehnell, und dieſe habt ihr euch allein zuzuſchreiben. Unſre Ehre fordert eine raſche und ſtrenge Gerechtigkeit.“ „Und Sie könnten?“— ſtockte der Jüngling mit un⸗ willkürlichem Schauder. „Nicht wir,“— das Geſetz, erwiderte der Capitän, „dieſes verdammt, und wenn ihr eures Königs Sohn wäret, ſo würde es euch verdammen, und wir haben die Macht und den Willen dieſer Verdammung Voll⸗ ſtreckung zu geben.“ Er winkte nun dem jungen Mann ſeine Entlaſſung zu, und dieſer entfernte ſich langſam. 4 2* XXV. Kaphitel. Fort Kerls, macht euch davon! verſchwindek wie Hagelkör⸗ ner! geht, macht hurtig, lauft was ihr könnt, ſucht Schutz, packt euch! Shakespeare. Die drey Mexikaner, die wir für ſolche halten wol⸗ len, bis wir ſie aus ihrem etwas zweydeutigen Incog⸗ nito heraus finden, waren langſamen Schrittes dem Städtchen oder vielmehr den fünfzehn Häuſerchen zuge⸗ gangen, die wir, der Landesſitte zufolge, mit dem Na⸗ men Städtchen beehren, und die von einer Klaſſe Men⸗ ſchen bewohnt waren, die nicht ganz unſchicklich Raub⸗ vögeln verglichen werden dürften, die die Nähe eines fiſchreichen Fluſſes oder Sees angezogen, um im leicht⸗ fertigen Spiele der Wogen eines eben ſo leichtfertigen und bequemen Fraßes ſich zu erfreuen. Es waren ohne Ausnahmen, ausländiſche Abenteurer, Wirthe, Krämer und Handwerker, die ſich hier eingeniſtet hatten, um — 204— im Verkehr mit Bootsleuten und Negerſklaven eines ge⸗ mächlichen, wenn gleich nicht ſehr ehrenvollen Erwerbes zu pflegen, und allenfalls bey den umliegenden Pflan⸗ zern als Handwerksleute oder Taglöhner auszuhelfen. Fünf Schilde, die vor den Häuſern aufgeſtellt waren, bezeichneten die Schenkſtuben, in deren einer die drey Mexicaner einkehrten und ihre Plätze in einer dunkeln Ecke hinter einem Tiſche nahmen, der mit Bouteillen und Gläſern bepflanzt war, und ſo verrieth, daß ſie die⸗ ſen Poſten ſchon zuvor inne hatten. Nach den Mundarten zu ſchließen, die in der Wirths⸗ ſtube zu hören waren, ſollte man geglaubt haben, daß alle Nationen der Erde Bevollmächtigte hieher geſandt hätten, um in ihren Volksſprachen ihre Verſtandeskräfte vermittelſt der verſchiedenen Getränke aufzuhellen. Nur vor dem Feuerplatze hielt eine abgeſonderte Gruppe, die nichts mit den Söhnen des Unglücks und Jammers ge⸗ mein hatte, die ein günſtiges oder ungünſtiges Schickſal hier zuſammengetrieben. Ihre Füße auf dem Kaminbal⸗ ken ruhend, oder kreuzweis in einander geflochten, ſo daß einer ſtets das Knie des Sitzenden berührte, bildete die Herren des Landes ihre Lieblings⸗ die ſogenannte Jampartie, von der nur zuweilen einer oder der andere ſich abſonderte, um eine Cigarre anzuſtecken, oder ſich eine Doſis Grog oder Dooͤdy geben zu laſſen, die er hinabſchüttete, und dann durch einen Biß in die Virginierpflanze würzte, an der er, gleich gewiſſen — 205— vierfüßigen Geſchöpfen, wiederkäute. Die ſcharfen Blicke, die ſie über die dreyßig anweſenden Gäſte hingleiten lie⸗ ßen, verriethen übrigens, daß, obwohl anſcheinend gleich⸗ gültig, ihnen keine Bewegung dieſer entging. „Und er hat die ſechs Milizen erſchießen laſſen?““ ſprach einer, der ſo eben vom Schenktiſche zurückgekehrt war. „Es ſoll herzzerreißend geweſen ſeyn; beſonders ein gewiſſer Marks ſoll gar nicht daran gewollt haben. Die Offiziere mußten ihm Muth einſprechen.“ „Ja Muth einſprechen,“ erwiderte ein Dritter;„ſoll ſie—— verdammen.“ „Weil die armen Tröpfe glaubten, daß ihre Dienſt⸗ zeit aus ſey, und nach Hauſe kehrten, ſo mußten ſie nun erſchoſſen werden.“ „Vergeßt nicht, Bob!“ fiel der Zweyte ein,„ daß ſie wohl wußten was ſie thaten, daß ihnen ihre Mi⸗ lizendienſtzeit und Pflicht einzeln verleſen ward, und daß ſie für ſechs Monate den Eid leiſteten, und den Ihri⸗ gen den Sold zuſchickten.“ „Ja ſo iſts,“ verſicherte ein Vierter.„Sie waren ſchon auf dem Heimwege, wurden aber zurückgebracht, und vor ihren Särgen knieend erſchoſſen, der arme Dick ſoll jämmerlich gebeten haben.“ „Das waren doch verketzerte Narren,“ entgegnete der Dritte.„Hatten ſie keine Kugeln?“ .„Die hätten weit fliegen müſſen,“ erwiderte ein — 206— Fünfter,„der alte Tyrann ſitzt unten, und die waren drüben in Mobile. Aber ſie ſind auf alle Fälle nach dem Geſetze gerichtet worden, und haben es ſich ſelbſt zuzuſchreiben.“ „Ey, ich glaube, der machts mit den Geſetzen auch wie unſre Bären mit unſern Säuen; die lieben die klei⸗ nen mehr als die großen, weil ſie zarter ſind, und weniger beißen,“ meinte der Dritte. „Das nicht, der Judge iſt doch ein ziemlich gro⸗ ßer,“ verſetzte ihm ein Sechster. „„Ja der dreht ihm aber den Hals um,“ verſicherte der Erſte.„Hätte er nicht ſeine Tenneſſeer, die ihm wie Kletten anhängen, ſo würde er es wohl bleiben ha⸗ ben laſſen; aber dieſen hat er im Kriege gegen die Creeks das neue Jahr abgewonnen. Wohl, wir werden ihn doch noch mores lernen, ehe wir hinabziehen.“ „„Wollt' es wäre vorüber,“ meinte ein Siebenter. „Glaubt mir's, Männer, es kommt nichts heraus mit dem Militärweſen, alles verwildert, und Geſindel kömmt uns wie Heuſchrecken übern Hals und ins Land.“ Der Blick des Sprechers fiel auf eine Gruppe die zunächſt ſaß, und deren gebräunte dürre Geſichter Franzoſen verriethen. „Ich glaube,“ hob der Erſte wieder an,„„die Meeting wird allmählig beyſammen ſeyn. Es iſt Zeit, daß wir gehen.“— Ddiie ſieben Männer waren von ihren Seſſeln aufge⸗ — 207— ſtanden, und ſchickten ſich an, die Wirthsſtube zu ver⸗ laſſen, als einer der Franzoſen mit verbundenem Kopfe an den Amerikaner herantrat, und, ihm ein Glas ent⸗ gegenhaltend, ein zweytes ergriff. „Platt- il, Monsieur? fragte der muntre Franzoſe, „Vive la gloire et la liberté!“ Der Amerikaner maß noch den kaſtanienbraunen, ziemlich widrig ausſehenden Geſellen, als es von der hinterſten Ecke, wo die drey Männer ſaßen,„Badaud' herüber rief. Das Männchen blickte erſchrocken hin, und zog ſich einen Schritt zurück. „Callate!“ rief ein Zweyter aus den Dreyen. „Garraxo!“ ein Dritter, und das Männchen ſetzte ſich ſchnell auf ſeinen Sitz.„Mais cependant nous sommes dans un pays libre,“ brummte er. „ El Cojo!“ rief der Erſte wieder. Die Amerikaner wandten ſich befremdet zu den Dreyen, und verließen dann die Wirthsſtube. Dieſe ſaßen ſcheinbar unbekümmert bey ihren Gläſern.— Nur zuweilen waren in ihrem Geflüſter einige Worte vernehmlicher geworden. „Et c'est lui,“ ſprach der Dritte, der Mexicaner. „ Oui,“ erwiderten beyde. „ Et comment vient- il done? fragte er. „Ah comment vient- il— ce bougre, il est par- tout; il nous a trahi deux fois.“ * — 208— Der Verbundene war ſchweigend geſeſſen. Die ſpaniſchen und franzöſiſchen Exklamationen hat⸗ ten die Aufmerkſamkeit von vier etwas verdächtigen In⸗ dividuen auf ſich gezogen, die zunächſt der Thüre ſa⸗ ßen, und bey einer Bouteille Claret ſich gleichfalls ihres Daſeyns freuten. „Wiſſen Sie nicht Herr Merks, wer dieſe Herren ſind?“ fragte ein etwas aufgedunſener Mann im be⸗ ſcheidenen grauen Rocke, mit großen blauen Augen, in denen ſich etwas vom Krämergeiſte ſpiegelte, ſeinen Nach⸗ barn, auf deſſen hohlen Wangen Irrfahrten und trübe jammervolle Schickſale in Menge zu leſen waren, und der allenfalls ein Hauſirer ſeyn mochte. „Kann nicht dienen, Herr Gieb,“ verſetzte der höf⸗ liche Deutſche zu ſeinem nicht minder höflichen Lands⸗ manne. „Haben Sie aber bemerkt, meine Herren„“ fing ein Ddrritter an, deſſen rothe Geſichtsfarbe und volle Backen einen Bäcker bezeichneten,„wie der Amerikaner den Herrn angeſehen hat, der ihm ſein Glas anbot? ſind doch recht ſtolz, die Amerikaner.“ „Ja! ja, die ſind noch viel ſtolzer als die Englän⸗ der, Herr Prenzlau,“ verſetzte ein Vierter. „Die brüſten ſich gar gewaltig mit ihrer Freyheit. Je nun, ſie ſind die Herren im Lande!“ „Ja, ja, Herr Kok,“ meinte der jammervolle Herr Merks,„Hochmuth kommt vor'm Fall.“ 8 — 209— „Herren im Lande! Saubre Herrſchaft! Hat auch am längſten gedauert.“— „Und ſo glauben Sie, Herr Merks,“ fragte der Herr Stock, deſſen etwas eleganterer Anzug einen Kleiderkünſt⸗ ler vermuthen ließ,„daß es unten nicht ganz richtig ausſteht?“ Er begleitete ſeine Frage mit einem pfiffig ſeyn ſollenden Blinzeln. „Gedanken ſind zollfrey, Herr Stock,“ entgegnete Herr Merks. „Ey was Gedanken!“ fiel der Herr Prenzlau ein. „Wir ſind ja in einem freyen Lande, Herr Merks.“ „Ja, Herr Prenzlau! Hört der Herr,“ verſetzte der Herr Merks,„es iſt auch noch nicht aller Tage Abend geworden. Hätten Sie geſehen, was ich geſehen habe, wie ſie alle arbeiten müſſen an den Schanzen; Alt und Jung, Schwarz und Weiß, und die ſchönſten Damen kommen in Karoſſen mit Eſſen und Trinken.“ „Ja, ja! aber die Zeitungen ſagen ja, Herr Merks, daß ſie das alles freywillig thun und daß ſelbſt Auslän⸗ der nicht an die Werke dürfen, und die Stadt hat ja keine Schanzen?“ „Ach da haben ſie ſo einen Graben aufgeworfen, Herr Prenzlau, und mit Baumwollballen etwas zuſammenge⸗ flickt. Verſtehen ja gar nichts vom Kriegsweſen. Nur ſchade um die ſchöne Baumwolle. Fünfzehntauſend Bal⸗ len! Herr je! Aber die Engländer werden ihnen ſchon Der Legitime. II. 414 — 240— einheitzen. Das ſind ganz andere Leute, die haben's ja den Franzoſen in Spanien gewieſen.“ „Ja, und was die Hauptſache iſt, meine Herren,“ meinte der Herr Gieb,„dieſe Herren Engländer haben Geld; die brächten doch etwas in's Land.“— „„Ja an Geld fehlts hier nicht, Herr Gieb,“ verſetzte der Herr Prenzlau.—„Und bey den Hhirn Engländern iſt auch nicht alles Gold was glänzt; at an Ordnung fehlts.“— „Aber Sie ſagen ja, meine Herren, nahm wieder Herr Gieb das Wort, daß der unten ſie ſo grauſam her⸗ nimmt. Selbſt an einem oberſten Richter ſoll er ſich ver⸗ griffen haben.“ „Glauben Sie's ja nicht, Herr Gieb,“ entgegnete Herr Merks.„Eine Krähe hackt der andern die Au⸗ gen nicht aus. Ja die Fremden, die muſtern ſie und beobachten ſie, aber unter einander hängen ſie zuſammen wie die Kletten. Wird keine Ordnung bis nicht ein Kö⸗ nig kommt.“ „Ja, Ordynung iſt die Hauptſache,“ meinte Herr Prenzlau.„Ja, bey uns zu Hauſe, da ſieht's ganz an⸗ ders aus. Hier haben ſie ja nicht einmal eine türkiſche Muſik. Ein Offizier hat einen runden Hut, der andre einen dreyeckigen. Und haben Sie, meine Herren, ihr Exerzi⸗ ren geſehen? Unſre Rekruten treffens ja beſſer. Und von Handͤgriffen verſtehen ſie ſchon einmal gar nichts. Hab's ja mit meinen eignen Augen geſehen, wie der V V V V — 2411— General vor der Wache vorbeygegangen, und wie ihm dieſe, ſtatt zu präſentiren, von ihrem Kautaback ange⸗ boten hat. „Ja, ja,“ verſicherte der Herr Gieb,„hier fehlts an der Zucht, an der Geſittung ſchon in der Jugend, meine Herren. Hier behandeln ſie ja ihre Kinder ſchon wie Männer. Ss agen Sie einmal einem ſolchen Buben ei⸗ nes hinters und ſehen Sie zu, ob ſie morgen nicht vor den Squire citirt werden, und ſchwere Strafe be⸗ zahlen müſſen? Habs einmal in meinem Leben gethan; wills nimmermehr probiren. Da liegt aber der Fehler, meine Herren. Ja bey uns, da werden wir geledert aus dem ff, das iſt aber's Wahre; um jeden Hieb ſchade, der daneben geht.“ „„Ja, ja, Herr Gieb!“ meinten die drey guten Deutſchen. „Ja, ja, meine Herren!“ fuhr der durch den Bey⸗ fall ſeiner Landsleute etwas aufgemunterte Herr Gieb fort. „Unſern Dicken ſollten ſie haben, der würde ihnen bald s neue Jahr abgewinnen.”“ „Hören ſie einmal, Herr Gieb,“ verſetzte Herr Prenzlau,„Ihren Dicken würden ſie bald expediren. Auf ſtutzigen Pferden iſt ſchlecht reiten, würden ihn über die Achſeln anſehen, und er müßte ſich's noch zu einer Ehre rechnen, wenn ſie ihm die Hand reichten. Bin ja dabey geſtanden, wie ſie, ohne den Hut zu rücken, mit dem Gouverneur ſprachen; kaum daß ſie ihm ſagten: — 212— kut morning sæhr koverner. Ja, um die zu zei⸗ tigen, da gehört ein Mann dazu, der Autorität hat; der Unſrige würde ſie mores lehren.“* „Vergeben Sie, Herr Prenzlau„“ fiel ihm der Qert Merks ein,„da haben Sie aber uUnrecht; ſie ſagen nicht Sæhr koverner, ſie ſagen immer nur Sæhr.“ „Ja, ſie mögen ſagen wie ſie wollen,“ Herr Prenzlau, der ein wenig unwillig über die Zurecht⸗ weiſung des Hauſirers geworden war, und deshalb ihn Herrn zu tituliren vergeſſen hatte,„Ihr Dicker— „Ja' fiel ihm Herr Gieb beſchwichtigend ein,„aber was ſind das auch für Koverners, Herr Prenzlau. Schau'n ja nicht beſſer aus als wie unſer eines. Wo ſoll dann da der Reſpekt herkommen? Das muß geboren werden;'s liegt ſchon im Blute. Herr je, wenn ich ſo an den Unſrigen denke, wie alles gezittert. Es iſt ei⸗ nem gewiſſermaßen ſchauerlich geworden, wenn man'n angeſehen; und nun gar, wenn er aus der Ecke herüber gerufen; hören Sie, bis zur Hauptwache hat man ihn gehört. Es war nicht anders wie vor einem brüllenden Löwen, ſo hat alles gezittert.“ „Ja, Herr Gieb,“ entgegnete Herr Prenzlau,„da könnte ich Ihnen etwas andres ſagen. Der Unſrige— ja— und dann der liebe junge Prinz! Ach Herr je! Wenn Sie ihn ſo geſehen hätten! Wie ein junger Herr⸗ gott, freundlich lächelnd und die Reitpeitſche in der Hand, mit den Herrn Offizieren ſchäkernd; und die Hüte alle meinte — 2413— ab, wer ihn immer nur ſieht; und er ſo mir nicht's, dir nichts, ganz gemein und doch ſo hoch;— ja wer ſich für den nicht mit tauſend Freuden todt ſchießen käßt, der muß ja gar kein Deutſcher ſeyn.“ Die guten Deutſchen wurden in ihren Herzensergießun⸗ gen über die Herrlichkeiten ihres, und das Elend unſers heilloſen Landes, dem es ſo ganz an aller Hoheit erman⸗ gelt, durch einen in die Stube tretenden Milizſergent unterbrochen, deſſen Uniform und flittergoldene Epauletten den Herrn Prenzlau mit ſeinen drey Landsmännern plötz⸗ lich von ihren Seſſeln aufprallen und zugleich mit den Händen nach ihren Kappen und Mützen fahren machte. Des Herrn Prenzlau ſchärferes Auge hatte jedoch die flittergoldenen Epauletten am erſten bemerkt, und, ſich ſetzend, ermahnte er ein gleiches zu thun.„Setzen Sie ſich, meine Herrn, ſprach er, und behalten Sie doch auf. Wir ſind ja in einem freyen Lande, und das iſt ja nur ein Sergent, der Ihnen nichts zu befehlen hat.“ Des Herrn Prenzlau treugemeinte Vorſtellung hatte die etwas erſchrockenen guten Deutſchen wieder beruhigt; der ſcharfe und muſternde Blick des Sergenten ſchien ihnen jedoch alle Luſt zu fernern politiſchen Debatten benommen zu haben, und ſie tranken nun ſtille und ru⸗ hig ihre Gläſer aus, worauf ſie ſich, unter oftmals wie⸗ derholten Wünſchen„einer geruhſamen Nacht,“ trennten. Mit dem Sergenten, der die Mexicaner und Fran⸗ zoſen nach der Reihe angeſehen und abgezählt hatte, ver⸗ — 244— loren ſich auch die übrigen Gäſte, und mit dieſen ſchien plötzlich den olivenfarbigen Wirth die frohe Stimmung ver⸗ laſſen zu wollen, die ihn bisher in der Bedienung ſeiner Kunden ſo rührig gemacht hatte. Es fieng in ihm zu zucken an, und eine gewiſſe Unſicherheit und Verlegenheit war an ihm wahrzunehmen. Er verließ die Stube, eilte zur Hausthüre, ſah ſich forſchend um und kehrte langſam zu⸗ rück, und ſein Blick, ſo wie er in die dunkle Ecke fiel, wurde zuſehends verſtörter. Auf einmal erſchallte es aus dieſer„Benito!“ Der Mann ſchrak zuſammen und rüt⸗ telte ſich, als ob ihn ein Fieberſchauer ergriffen hätte. Als wäre er von einer unſichtbaren, feindlichen Macht getrieben, ſchwankte er dem Tiſche zu. „Benito!“ ſprach der mit dem verbundenen Kopfe. „Kennſt du mich nicht mehr?“ „Wollte die heilige Jungfrau! Ich hätte euch nie gekannt. Seyd ihr es oder iſt's euer Geiſt?““ „Beydes,“ erwiderte der Vermummte, und brach dann in ein lautes widerliches Gelächter aus, in das alle einſtimmten, der Wirth ausgenommen, der mit jedem Augenblicke unruhiger zu werden anfing. „Setze dich, Benito!“ ich habe dir etwas zu ſagen. „Stille! kein Wort. Dieß iſt hier nicht mein Name.“ „Ich glaube du haſt ſo viele Namen, wie wir Flag⸗ gen, nur mit dem Unterſchiede, daß wir die unſrigen öfters aufziehen, du aber die deinen für immer ablegſt. Biſt doch ein wahrer Haſenfuß.“ — 2415— „„Was wollt ihr mit mir? Hat euch der Böſe auch wieder hieher gebracht? Iſt man vor euch nirgends ſicher?“ „So hat er, und zugleich hat er mir eine kleine Sendung mit auf den Weg für dich gegeben.“ Der Wirth zuckte wie ein Espenlaub zuſammen.„Be⸗ denkt, ich habe Weib und Kind und bin ehrlich ge⸗ worden.“ Alle ſchlugen ein lautes Gelächter auf. „„Wer nimmt dir deine Ehrlichkeit, Narr!“ fuhr der Verbundene fort.„Nur einen kleinen Freundſchaftsdienſt mußt du uns erweiſen.“” „Sucht euch einen andern.“ „Wenn wir das wollten, ſo wären wir nicht zu dir gekommen. Ich will dich nicht länger auf die Folter ſpannen, armer Wicht.“ „Was ſoll ich wieder?“ „Narr! nichts. Nur unſern armen Doctor Pompey aus dem Loch befreyen; er iſt mit uns gekommen und, von ſeinem vormaligen Herrn erkannt, im Gebäude mit dem Wachtpoſten logirt worden.“ „Seyd ihr raſend?“ winſelte der Wirth,„ihr wollt einen Neger aus der Baumwollenpreſſe herausholen, wenn nicht dreyhundert Schritte davon, im Gaſthauſe, eine Mee⸗ ting abgehalten wird, wo über fünfhundert Bürger bey⸗ ſammen ſind?29 * — 2416— „Was zu thun iſt, wirſt du am beſten wiſſen. Nur ſo viel ſage ich dir, daß wenn der Neger noch morgen früh hier iſt, er uns und dich in ſeiner Dummheit ver⸗ räth, und du uns folglich bey der großen Trauung Ge⸗ ſellſchaft leiſten mußt.“ Der Mann krümmte ſich wie ein Wurm.„Habt Barmherzigkeit mit mir, einem verheiratheten Manne, der Weib und Kind hat.“ „Iſt ſie jung?“ fragte der Verbundene. „Beym heiligen Jakob!“ fuhr der Spanier giftig heraus,„wenn ihr mir da zu nahe kommt“—— „Halts Maul, Haſenfuß!— haben andre Dinge im Kopfe, als deine Seeſpinne von Weib zu amuſiren, wenn's die iſt, die ich geſehen. Verdammter Narr! wer wird dir ſie nehmen 2“ Der Wirth lief in der Stube wie ein Raſender herum. „Du biſt doch ein erbärmlicher Wicht, Benito! Ha⸗ ben dich die zwey Jahre unter den Republikanern ſo zum Haſenfuß gemacht?“ „Lacht nur,“ ſprach Benito,„aber wenn man ein⸗ mal den Satan abgeſtreift, und Weib und Kind hat, und von allen Seiten beobachtet wird! Wenn ſie das mindeſte ſpüren, ſo bin ich auf immer ruinirt. Man muß hier ehrlich ſeyn.“ „Genug des Geſchwätzes, ſprach der Verbundene; „kein Wort weiter.“ — 2472.— „So muß ich denn 2* „ Glaubſt du ich ſcherze, oder ſey des Spaßes we⸗ gen gekommen?— Fort mit dir.“ Der arme Benito fuhr ſchaudernd zuſammen, und zog ſich ächzend zurück, und durch die Thüre hinaus, aus der ihm ein hölliſches Hohngelächter nachhallte. Es war ſchon ſpät in der Nacht, als er, in einen Mantel gehüllt und einen Bündel in der Hand, wieder kam. „Wenn die Regulären in der Cottonpreſſe ſind, dann kann ich abſolut nichts thun,“ ſprach er in einem Tone, dem man es anſah, daß er ſich Gewalt anthat, um ent⸗ ſchloſſen zu ſcheinen. Der Vermummte trank ſein Glas aus, ohne ihn ei⸗ nes Blickes zu würdigen. „Es ſind ihrer Zwey mit einem Sergenten und Lieutenant da, die die Milizen einexerciren.“ Der Verbundene ſchwieg noch immer. „Ich ſag' es euch nochmals,“ fuhr der Wirth fort, —„ich will es verſuchen; aber nur auf den Fall, als dieſe ſich entfernen. Und wer wird mich begleiten, und was wollt ihr mit dem Neger?“ „Ihn über den Miſſiſippi bringen, wo er auf dem Wege, den wir von Nacogdoches kamen, wieder zurück muß.”“ „Um der heiligen Jungfrau willen! Was denkt ihr? Ihr wollt über den Miſſiſippi? Ihr ſeyd nicht in drey 2 — 248— Stunden zurück. Und wenn die Milizen aus dem Mee⸗ ting zurückkehren? Es ſchlafen ihrer Vier oben in der Stube neben euch.“ Der Vermummte ſchenkte ſich wieder ein, und trank ohne aufzublicken. „Ihr kommt nicht von Nacogdoches„“ fuhr Benito fort,„ihr habt Arges mit dem armen Neger vor; dazu will ich mich beſtimmt nicht hergeben.“ „Höre, Benito,“ ſprach nun der Vermummte, „ich habe dein Geſchwätz ſatt; du kennſt mich. Ich gebe dir vier unſrer beſten Männer mit; ſie ſind verwundet, werden aber den Neger über den Strom ſchaffen.“ „Und ihr bleibt zurück?“ brummte der Wirth. „Narr, um deiner Frau die Cour zu machen. Glaubſt du, man denk' an ſolche Lappalien, wenn einem der To⸗ mahawk einen Zoll tief im Kopfe geſeſſen?'“ Benito ſchlich jedoch zur Seitenthür, und zog den Schlüſſel ab.„So kommt ins— Namen!“ ſprach er, „Es ſind doppelte Wachen des Spionen halben aufge⸗ ſtellt; es wird ſchwer halten. Heiliger Jakob, ſteh uns bey! Seyd ihr auch ſicher, daß er unten in der Cotton⸗ preſſe iſt?“ „Wir haben ihn alle dahin abführen geſehen,“ erwi⸗ derte der Vermummte.„Benito nimm dich zuſammen. Ich gebe dir meine beſten Freunde mit. Wenn du = — 249— einen dummen Streich machſt, ſo ſind wir und du verloren.“ „Diablo!“ murmelte Benito.„Warum laßt ihr mich nicht in Ruhe! Unſer Contract iſt zu Ende! B — XXVI. Kapitel. Lorenzo. Wer kömmt ſo eilig in der Stille der Nacht Stephano. Ein Freund.— Lorenzo. Ein Freund! Was für ein Freund? Euern Na⸗ men, wenn ich bitten darf. Shakespeare. Es war Mitternacht, als die fünf Spanier und Mexi⸗ caner das Haus mit einer leichten Leiter verließen. Der dichte Nebel, der über dem Strome gleich einem endlo⸗ ſen Grabtuche ſchwamm, ſtieg bereits über die Ufer hin, und zog ſich wie eine ungeheure Rauchwolke flach über die Niederung her, durch die der Morgenwind in einzelnen Stößen zu pfeifen begann, und der ſich nun die fünf nächtlichen Abenteurer behutſam auf dem längs des Bluffs hinabſchlängelnden Wege näherten. Vor dem Gaſthauſe ſtand eine zahlreiche Gruppe, die, an der Thüre und an den hellerleuchteten Fenſtern zuſammengepreßt, in tiefer Stille den Rednern im Saale zuhorchte. Einer der Mexicaner hatte ſich an die Verſammlung herangeſchlichen, während die übrigen dem Ufer des Ba⸗ ————— — 221— vou zugetappt waren, wo ein Zweyter an den Waſ⸗ ſerrand hinabkroch, und nachdem er eines der Boote vom Pfoſten gelöst, dieſes leiſe dem Hauptſtrome zuzog. Seine Schuhe in der Rocktaſche und ſorgſam auf die ſchim⸗ mernden Baumwollflocken tretend, hatte ſich auch der Spanier vom Gaſthauſe ſeinen Genoſſen zugeſtohlen, die, die Augen ſtarr auf den Wache ſtehenden Milizen ge⸗ richtet, ohne ſich zu regen, da geſtanden waren. Eine gute Viertelſtunde mochte verfloſſen ſeyn, als dieſer abgelöst wurde, worauf ein Piquet von drey Mann auf den Gaſthof zuſchritt und, mit der daſelbſt abgelös⸗ ten Wache zurückkehrend, die Runde gegen den Miſſi⸗ ſippi zu machte, von der es wieder zum Wachtpoſten zurückkehrte.— Dieſer, wie bereits bemerkt, befand ſich in einem ziemlich großen Gebäude, das, einem Kornboden oder einer großen Scheune nicht unähnlich, mit Bretern überkleidet war, von denen mehrere losgeriſſen, im Wind⸗ ſtoße ſcharrend und knarrend hin und her ſchwankten. „» Alles ruhig, Tom,“ ſprach der Führer des Piquets, als er von der Runde zurückgekehrt war. „Hört doch einmal!“ erwiderte die Wache,„was iſt doch das für ein Geknarre? „Der Squall, der vom Balize herauf kommt,“ erwi⸗ derte der Führer,„dieſe Muſik werdet ihr noch öfter hören.“ „Hol der Henker dieſe Muſik und euer Militärleben,“ erwiderte der Milize mit einem verächtlichen Blicke auf das Bajonett, das an ſeiner Seite hing.„Müſſen da Wache ſtehen, während die drüben das größte Meeting halten, das je geweſen iſt.“ „Es muß nun einmal ſeyn;“ tröſtete ihn der Führer, „in vier Wochen iſt alles vorüber; die Reglars können doch nicht immer Wache ſtehen; haben ſich heute genug abgezappelt. Und was im Meeting geſchieht, werden wir auch hören.“ „Ey wollte das Ganze wäre ſchon vorüber; ſtehen da wie die Narren, um die Cottonpreſſe zu bewachen. Eine ſaubere Chriſtnacht!“ „Ey Johnny,“ ſprach ein aus dem Hauſe kommender Milize,„ich wollte gerne, du ſprängeſt hinüber in die Taverne, brächteſt uns Nachricht, was ſie drüben tzun⸗ und ließeſt den Krug da füllen.“ „Ey Mike, könnt ihr die Stunde nicht aushal⸗ ten, und habt doch die Wache vor der Thür des Spio⸗ nen, und Lieutenant Broom iſt drüben beym Capitän, und hat doch befohlen ein wachſames Auge auf den Ge⸗ fangenen zu haben.“ „Ja den wird euch niemand ſtehlen; für den iſt das Hanfkraut ſchon gedreht,“ verſetzte Mike,„hätte auch ſeine Reglars herſtellen können, braucht ſie nicht alle auf ſeiner Stube.“ „Er muß doch hören,“ verſetzte der Führer lachend, „wie weit wir's in der Zucht gebracht, um auch rapor⸗ tiren zu können. Was aber den Spion anbetrifft, ſo wollte ————— — 223— ich nicht, daß der uns entginge. Es wird die allerloyal⸗ ſten Subjekte ſeiner brittiſchen Majeſtät ganz herrlich wurmen, wenn wieder einmal einer ihrer Gebrüdere bey uns mit der Hanfbraut getraut wird.“ „Eben deßwegen wird'n euch niemand davon tragen,“ verſetzte der wachunluſtige Mike. Die fünf Mexicaner ſtahlen ſich nun behutſam hinter das Gebäude, von woher nach einer Weile ein ſcharfer Luftzug und dann wieder ein lautes Knarren und ein Rumpeln, wie das eines an der Breterwand herabglei⸗ tenden ſchweren Körpers gehört wurde. „Müſſen doch ſehen, was das iſt„“ ſprach der Füh⸗ rer, der mit einem Milizen, die Laterne in der Hand, hinter das Gebäude ging. Die losgeriſſenen Breter ſchwankten immer ſtärker. „Da liegt es,“ ſprach er.„Ein ganzes Bret; der Wind iſt doch nicht ſo ſtark.“ „Ja, hier unten,“ entgegnete ſein Begleiter,„aber da droben haust es; es iſt in gleicher Höhe mit dem Miſſiſippi, und hört nur wie der braust.“ „Schau doch einmal hinein zum Spion,“ ſprach der Führer. Der Milize ging in das Innere des Gebäudes, und kam mit der Nachricht zurück, daß er geſund ſchlafe. „Möchte doch gerne wiſſen,“ meinte er,„wer den ei⸗ gentlich trauen wird; den Sheriff geht er nichts an, er iſt kein Bürger.“ — 224— „So glaubt ihr, der Sheriff iſt bloß für uns,“ lachte der andere.„Wenn nun ein Ausländer im County gehangen wird, muß es der Sheriff nicht auch thun?“9 „Habt Recht, verſetzte der Milize.„Wollte er hätte alle die zwanzigtauſend ſeiner Landsleute unterm Kragen, wären wir doch der Sorgen los.“ Er begleitete ſeinen Einfall mit lautem Lachen; während welchem das Knarren der Breter ſtärker denn je gehört wurde. „Hört ihr das?“ ſprach Johnny, der ſo eben mit ei⸗ nem Kruge Whisky zurückgekommen. „Da hinten haust es, als ob der Orkan vom Balize herauf käme.“ „Haben ſchon geſehen, hat nichts zu bedeuten. Habt ihr etwas vom Meeting gehört?“ „Prächtige Nachrichten, verſetzte Johnny,“ kommt; Oberſt Parker ſpricht wie ein Gott und der alte Floyd wie ein Engel. Kommt, ihr ſollt eure Wunder hören.) Und mit dieſen Worten ſchritten alle der Wachtſtube zu. Der Wacheſtehende hatte ſein Gewehr unmuthig auf die Erde geſtoßen, und ſah eine Weile durch das Fen⸗ ſter in die Stube hinein, dann lehnte er dieſes auf den Querpfoſten, und trat gleichfalls ein, um ſeinen Antheil an den Neuigkeiten von der Meeting, und vielleicht auch am Kruge nicht zu verlieren. Gleich darauf hörte man wieder ein langes Knarren, ein Raſſeln und dann einen ſcharfen Luftzug aus dem — 225— Fußtritte zu entnehmen waren, die ſchnell dem Miſſiſippi⸗ Ufer zuſprangen. „Garraxo!“ ziſchte eine Stimme den Ankommenden entgegen.„Wo bleibt ihr ſo lange?“ „A vencer o a morir“ wiſperte ein Anderer mit unterdrücktem Gelächter.„Wir haben ihn, Bruder.“ „Wohl, ſo kommt.“ Zu den fünf Mexicanern oder Spaniern, die ſich hinter der Cottonpreſſe verloren hatten, war ein Sechster gekommen, die alle, mit Ausnahme zweyer, über das Ufer dem Boote zukrochen, das am Einfluſſe des Miſſi⸗ ſippi hielt. In dieſem Augenblicke wurde ein zweytes Boot ſichtbar, das leiſe von dem Bayou herauf gegen den Strom zu kam. „Que diablo!“ murmelte die Bande,„was in das?“ Das Boot hatte ſich genähert, und es war ein Mann darinnen bemerkbar.„Que es este,“ wiſperten die Mexi⸗ caner wieder, und einer derſelben ſprang raſch hinüber in das fremde Fahrzeug, aus dem dumpfes Kettengeraſſel zu vernehmen war. Der Mexicaner ſtierte dem unwillkommentn Zeugen ins Geſicht. „„Ah Maſſa Miguel! Pompey nicht im Jall blei⸗ ben; Pompey nicht die Ninetail lieben,“ grinste ihm der Neger entgegen.. »Que diablo!“ murmelte der Mexicaner,„da iſt Der Legitime. II. 15 — 226— Pompey! Wen habt ihr da? Wir ſind ſieben ſtatt ſechs. Was hat das zu bedeuten? „Diablo!“ „ Garraxo!“ „Santo Jago!“ ziſchten die Mexicaner zuſammen. „Wer biſt du?“ murmelten ſie, indem ſie auf den ſo eben mit ihnen angekommenen und wie es ſchien überflüſſigen Siebenten zuſprangen. „Nichts ſpaniſch, alt engliſch,“ erwiderte dieſer. „Santa Vierge!“ Wie kommſt du hieher?“ „Das müßt ihr wiſſen, die ihr mich hieher gebracht.“ Die Sechſe prallten zurück und wiſperten mit einander in ſpaniſcher Sprache.„Komm denn!“ ſprach einer. „Keinen Schritt, ehe ich weiß wer ihr ſeyd und wohin es geht.“ „Narr! Wer wir ſind, geht dich wenig an. Wo⸗ hin es geht? Wo es immer hin geht iſt's beſſer für deinen Kragen, als wo du biſt; hier gebe ich dir keinen Real dafür.“ Dexalo! Dexalo!“ murmelten die Uebrigen. Laßt ihn! Laßt ihn! „Macht daß ihr fort und wieder zurückkommt,“ ziſchte ihnen der Wirth zu,„oder ihr ſeyd verloren. uUnd wenn ihr unten Unrath merkt, ſo vergeßt nicht die obere Landung.” „Halt!“ flüſterte der Britte,„ich gehe mit euch.“ Der Neger war bereits in das Boot der Mexicaner V — 297— hinüber geſprungen, und hatte das ſeinige mit dem ſeiner Race eigenen Leichtſinn den Wellen überlaſſen. „Ingleſe!“ murmelte einer der Mexicaner,„hier ſitzeſt du!“ indem er ihm ſeinen Platz im Vorder⸗ theile des Fahrzeuges neben dem jungen Mexicaner anwies. „Und Pompey kommt in die Mitte, und nun friſch auf.“ „Halt!“ flüſterte der Britte,„können wir uns nicht in die zwey Boote theilen?“ „Ah Maſſa nicht über den Sippi gerudert,“ kicherte der arbeitsſcheue Neger;„Maſſa nicht in ſechs Stunden drüben ſeyn, und bey Point Coupé ans Land kommen.“ „Hush, Pompey!“ murmelte ſein Nachbar, und das Boot von ſechs Händen bewegt, flog nun ſchnell in den Strom hinein. „Ah Maſſa Manuel zuerſt Pompey ſeine Ketten ab⸗ feilen laſſen,“ brummte der Neger,„Pompey im obern Jail ſeyn— klug geweſen,“ lachte er in ſich hinein, „eine Feile mitgenommen, und ſich ſelbſt geholfen— Maſſa Parker ſchauen, wenn Pompey ausgeflogen.“ „Halt's Maul, Doctor,“ befahl eine Stimme von hinten, und warte mit deinen Ketten bis du drüben biſt.“ Der Neger ſchüttelte unwillig den Kopf.„Maſſa Filippo auch nicht gerne im Halsbande ſeyn“— brummte er, ſteckte jedoch ſeine Feile wieder ein, und während 4 226— er mit der einen Hand das Ruder handhabte, ergriff er mit der andern die Kette, die, vom Fuß bis zum Hals⸗ eiſen laufend, in der Nähe des letztern abgefeilt war. Dieſes Halseiſen beſtand aus einem fingerdicken beynahe zwey Zoll breiten Ringe, der um den Hals lief, und aus dem drey lange, daumendicke, auseinanderſtehende Haken über den Kopf hinausragten. Die lange Kette hatte er mit einer Art kindiſcher Verwunderung abwech⸗ ſelnd in der Hand gewogen, und wieder angeſtiert, dann warf er ſie in das Boot hinab, das nun raſch der Mitte zuflog.— „ Arme Lolli, traurig ſeyn,“ hob er nach einer Weile wieder an,„wenn Pompey nicht in die Stadt hinab kommen, ſie in St. John wohnen, unter der Cathe⸗ drale.“ „Pompey!“ rief der vorne neben dem Britten ſitzende Mexicaner,„deine Ketten und Fußeiſen liegen mir juſt in den Knöcheln.“ „Bleib ruhig, Pompey, ziſchelte ihm ſein Nachbar in die Ohren, ich will ſie zurückziehen.“ „„Ah Maſſa armen Pompey nicht gut thun,“ rief dieſer ſeinem Nebenmanne zu, der die Kette um beyde Füſſe des Negers herumgewunden, und ſie nun mit ei⸗ nem plötzlichen Rucke ſo ſcharf anzog, daß dem Schwar⸗ zen das Ruder entſank, und er rücklings ins Boot ſtürzte. —— — — 229— Der junge Britte war aufmerkſam geworden.„Was gibt es? was treibt ihr mit dem armen Neger?““ „Maſſa, um Gotteswillen mit armen Pompey nicht ſo ſpaßen,“ ſtöhnte der Neger dazwiſchen. „Nichts, Pompey,“' vergiß nur nicht den Weg zur Rechten nach Nacogdoches, erwiderte der Hintermann. „Um Gotteswillen Maſſa nicht würgen,“ ſtöhnte der Sklave dringlicher. „Nichts, nichts; denk an deine dicke Lolli hinter der Cathedrale und vergiß den Weg nach Nacogdoches nicht, tröſtete ihn der hinten Sitzende, der die Ketten von ſeinem Vordermanne erfaßt, dieſe durch das Halseiſen durchge⸗ zogen und ſo den armen Neger in einen Knäuel zuſam⸗ mengeſchnürt hatte. „Maſſa⸗Maſſ⸗Ma!“ ſtöhnte der Neger, dem der Athem zu vergehen anfing. Das Ganze war das Werk eines Augenblickes ge⸗ weſen; nur das Geſtöhn und Schlucken des im Todes⸗ kampfe röchelnden Negers war zwiſchen dem Rauſchen der Wogen und den Ruderſchlägen hörbar geweſen. „Alle Teufel!“ rief der Britte, ſich umſehend,„was iſt das?“ Im nämlichen Augenblicke hob ſich das Bretchen, auf dem er ſaß, und er fühlte ſich mit aller Gewalt von ſeinem Nebenmanne geſtoßen, der ihn mittelſt des überſchlagenden Bretes beynahe in den Strom geſtürzt hätte. 3 „Ihr ſeyd wirklich Mörder!“ rief der ſchaudernde Britte, der gerade noch ſo viel Zeit übrig hatte, ſich ſchnell zu drehen und ſeinen Nachbarn anzufaſſen. Dieſer hatte ſich ein wenig erhoben, um das Bret unter ſeinem Sitze zurückzuſchieben, und umzuſchlagen, war aber in ſeiner ſchwankenden Stellung, vom Fauſtſchlage des Britten ge⸗ troffen, über die Bootswand in den Strom hinabge⸗ ſtürzt. „Buen viage a los infernos,“ brüllten die Hin⸗ tenſitzenden mit einem hölliſchen Gelächter. „Go to hell yourselves,“ ſchrie der Britte, der das Ruder erfaßt hatte, und dem hinter ihm Sitzenden einen Hieb verſetzte, der ihn an die Seite des Negers rücklings ſtürzte. Santa Vierge! Que es este? riefen die beyden hinterſten. „Es es Inglese,“ brüllte einer und ſuchte vorzu⸗ 4¼ dringen, fiel jedoch über die zwey im Boote Liegenden hin, das durch den raſenden Kampf gewaltig zu ſchwanken begann.. *. Ma⸗Ma,“ ſtöhnte der Neger nochmals, und ſeine Augen im furchtbaren Todeskampfe, funkelten wie gräß⸗ liche Irrlichter in der ſtockfinſtern Nacht, und traten aus ihren Höhlen, und die krampfartig lallende Zunge fing an aus dem Munde zu fallen. „Beym lebendigen Gott! ich ſtürze euch alle in den — 230= V — 2314— Strom, wenn ihr den armen Neger nicht befreyt,“ ſchrie der Britte. „Maledito Inglese! „Picaro Gojo! „Dexalo! Dexalo! Santa Vierge! ſchrien die drey Mexicaner unter einander, während der Britte einen verzweiflungsvollen Hieb auf den gegen ihn zukommen⸗ den führte, der ihn brüllend ins Boot zurückſtürzte. „Dexalo! Dexalo! Es este diablo,“ riefen die beyden Mexicaner, und einer ſchob den armen Neger gegen ihn zu. „Steht zurück!“ ſchrie er,„und nehmt ihm das Halseiſen ab. Wenn ihr ihn erwürgt, ſo ſterbt ihr alle.“ „Es este diablo! ſchrie der Mexicaner, der den in einen Klumpen gefeſſelten Neger hinſchob, und ihm die Kette aus dem Halseiſen riß. Die Glieder des armen Sklaven fielen wie Stücke Holz auseinander. Nur ein leiſes Röcheln verkündete, daß der Lebensfunke noch nicht ganz von ihm gewichen war. „Steht zurück!“ ſchrie der Britte wieder, der, zum Schwarzen herabkauernd, es nun verſuchte, ihn durch Reiben mit der Wolldecke, ins Leben zurückzu⸗ rufen. Das Boot war im Kampfe auf Leben und Tod, dem Spiele der Wogen überlaſſen, ſchnell vom Strom fort⸗ geriſſen worden, und ſchwankte nun mitten unter den ungeheuern Baumſtämmen, die dieſer zu Tauſenden mit ſich führt. Die Mexicaner hatten ſich aufgerichtet, und fingen an aus Leibeskräften ſtromaufwärts zu rudern.— Nicht ferne von dem gebrechlichen Fahrzeuge, auf dem unter der Nebelſchichte erglänzenden Waſſerſpiegel war ¹ ein koloſſaler Baumſtamm zu ſehen, der auf das Boot gerade zu kam. Der Britte hatte kaum die Zeit ge⸗ habt, den Mexicanern zuzurufen, als der Baumſtamm an ihnen vorbey ſchoß. Ein unnatürlicher Laut ſchlug zugleich an ihre Ohren. Schaudernd wandte ſich der Jüngling und er ſah noch einen Kopf und eine Hand, die um einen der Aeſte des Baumes geſchlungen war. „Misericordia! ſtöhnte es, Misericordia per Dio!“ Es war der Mexicaner, der nahe dem Baumſtamme in den Strom geſtürzt, ſich an dieſen gerettet und ange⸗ klammert hatte. „„Wendet das Boot!“ rief er den Mexicanern zu, „euer Landsmann iſt noch am Leben.“ „Es verdad!“ kreiſchten die Moroͤgenoſſen, und wandten das Boot ſtromabwärts. Der Neger war allmählig zu ſich gekommen, und kauerte nun zu den Füßen ſeines Retters. Auch er ſtierte in den Waſſerſpiegel auf den Elenden hin. „Um Gotteswillen Maſſa!“ kreiſchte er, das Ruder des Britten ergreifend,„das Miguel ſeyn, Maſſa ihn todtſchlagen; Miguel ſehr böſe.” „Laß das ſeyn, Pompey!“ rief ihm dieſer zu, der — 233— aus Leibeskräften anlegte, um dem Mexicaner beyzuſtehen. Das Boot ſchwamm dicht neben dem Baumſtamme, und letzterer hatte gerade noch ſo viele Kraft übrig ,„ um ſeine Hand herüber zu ſtrecken, die der Jüngling erfaßte. „Um Gotteswillen, Maſſa! die Seeräuber uns beyde todt machen,“ rief der Neger. Der Mexicaner hatte die Hand des Jünglings im Todeskampfe erfaßt, während einer der Hintenſitzenden ſich an ihn herangekrochen hatte. In dieſem Augenblicke erhielt das Boot einen furchtbaren Stoß, eine Welle ſchlug hinein und warf den Mexicaner an die Boots⸗ wand, über welcher er nun mit halbem Leibe mehr todt als lebendig lag. „Faſſe den Mexicaner!“ rief der Britte dem Ne⸗ ger zu. „„Ah Pompey kein Narr ſeyn— Pompey Maſſa zu lieb haben. Die hinten nicht rudern;— Schau Maſſa, die nur warten, Maſſa todt zu machen.“” „Hört ihr!“ ſprach der Britte zu den Mexicanern, indem er dem nächſten einen Stoß mit dem Ruder ver⸗ ſetzte—„der Erſte, der einen Ruderſchlag ausläßt— ihr verſteht mich!“ Das Boot ſchwankte auf dem ungeheuern Waſſerſpie⸗ gel inmitten der Baumſtämme, jeden Augenblick be⸗ droht von einem derſelben zerſchellt oder vom Strome verſchlungen zu werden; die Mexicaner lauerten in ſtiller verbiſſener Wuth, tückiſche Mordluſt ſprach aus ihren ſchwar⸗ — 234— zen rollenden Augen. Der Neger hatte den Strick des Bootes um den Leib des Mexicaners herumgeſchlungen, der, Misericordia ſtöhnend, beyde Hände an das Boot geklammert, wie ein Geſpenſt nachfolgte. „Ah Maſſa! Miguel guter Schwimmer ſeyn, die Taufe ihm nicht ſchaden. Maſſa„brummte der nie ru⸗ hende Schwarze nach einer Weile,„Maſſa nicht vergeſ⸗ ſen, ſein Ruder mitzunehmen““ „Und Pompey nicht vergeſſen, das ſeinige ein we⸗ nig fleißiger zu handhaben,“ entgegnete ihm dieſer. Der Neger fuhr eine Weile kräftig in der ihm auf⸗ gegebenen Verrichtung fort, dann ſtierte er den Jüng⸗ ling an, der bedenklich über den Waſſerſpiegel hin⸗ horchte. „Ah Maſſa nicht ſorgen, die Milizen gut ſchlafen, der Sippi nur lärmen. Pompey wiſſen die Wege, Maſſa Parker ihn nicht kriegen.“ 1 Wieder verfloß eine Viertelſtunde, die Kräfte der Rudernden fingen an von der ſtundenlangen Anſtrengung zu ermatten. „Maſſa nun bald die Ufer ſehen. Wir ſchon im ſtehenden Waſſer,“ rief der Neger. Noch dauerte es eine Viertelſtunde, und dann er⸗ blickten ſie die Ufer; der Britte ſprang aus dem Boote, und der mit ſeinen Ketten belaſtete Neger kroch ihm nach, als die drey Mexicaner zugleich an beyde heran kamen. „Vergeßt euer Boot nicht,“ rief er ihnen drohend — 236— entgegen. Statt der Antwort ſchwirrte ein Dolch herü⸗ ber, der, mit ſicherer Hand geworfen, ihm an die Bruſt fuhr, aber am Lederwamſe der Indianerin hängen blieb. „Elende Meuchelmörder,“ ſchrie der Getroffene, der die flache Hälfte ſeines Ruders abgebrochen, und mit der andern auf die Banditen losſtürzen wollte, ſich aber aus Leibeskräften vom Neger erfaßt ſah. „Maſſa kein Narre ſeyn, die Seeräuber noch mehr Dolche haben, gerne ſehn, wenn Maſſa nahe kommt, ihn dann leicht todt machen.“ „Du haſt Recht, Pompey,“ verſetzte dieſer, halb la⸗ chend, halb ärgerlich über den Zähne fletſchenden Ne⸗ ger.„Die Hunde ſind nicht werth, daß ein ehrlicher Mann ſie todt ſchlägt.“ Eine Weile hielten die drey Morgeſellen noch an, brüllten dann ein„Buen viage a los infernos“ her⸗ über, und ſprangen in ihr Boot, in das ſie ihren Ge⸗ noſſen halfen, und in Nacht und Nebel verſchwanden. XXVII. Kapitel. Iſt dieſer Vorgang gerecht und ehrbar? Shakespeare. Die vier Moroͤgeſellen hatten ſo eben ihr Boot verlaſ⸗ ſen, das in den Strom zurückgeſtoßen, mit den Wellen fortſchoß, und waren oberhalb des Bayou dem Städtchen zugeſchlichen, als ein plötzliches Getümmel vor dem Wacht⸗ hauſe entſtand, das ſie einen Augenblick horchen, und dann mit der Eile flüchtiger Diebe ihrem Verſtecke dem Estaminet oder der Schenke zum Kaiſergardiſten zueilen machte. Ein Mann war athemlos aus dem Wachthauſe auf den Gaſthof, in dem die Meeting gehalten wurde, zu⸗ gerannt, hatte ſich durch die vor dem Hauſe und im Gange an der Thüre zuſammengepreßte Menge hin⸗ durchgedrängt, und war in das Zimmer des Capitäns geſtürzt... „Sergent William! Was gibt es?* fragte dieſer. „Der Spion iſt entwiſcht.“ Dem Offizier entfuhr jenes Kernwort, das in der Meinung des witzigen Figaro die Quinteſſenz der eng⸗ liſchen Sprache enthält und von einem kräftigen Munde ausgeſprochen, die Beine ſo flink in Bewegung ſetzt. Raſch ſein Tſchako auf den Kopf werfend, ſprang er, den Degen in der Hand die Stiege hinab, und drängte durch die Menge unaufhaltſam in die Mitte des Saales vor, der ganz gefüllt war. „Um Vergebung,“ fiel er dem ſo eben in der Rede begriffenen Sprecher ein.„Der Spion iſt entwiſcht.“ „Wohl;“— verſetzte der General, der zur rechten Seite des im Präſidentenſtuhle ſitzenden Squire ſaß, und aufmerkſam dem Reoner zuhorchte. „General!“ wiederholte der Offizier, der Spion iſt entwiſcht.“ 2 „„Das Bataillon wird zuſammenrücken und ihm nach⸗ ſetzen, ſobald die Meeting vorüber iſt,“ erwiderte der General, und wieder horchte er dem Redner. Deer Offizier knirſchte mit den Zähnen.„Es iſt vor der Thüre und im Saale,“— ſprach er mit wutherſtickter Stimme. „Um an den Berathungen Theil zu nehmen,“ flü⸗ ſterte ihm der General zu. „Nur zwanzig, dreyßig Mann,“ entgegnete der Capitän. „ Vergeſſen Sie nicht, daß die Mannſchaft Bürger, und zwar angeſeſſene, geborne und angeſehene Bürger ſind, die jetzt in der Ausübung ihres ſouveränen Rech⸗ tes begriffen, und Intereſſen wahrnehmen müſſen, für die es Morgen vielleicht zu ſpät ſeyn dürfte. Der Capitän eilte aus dem Saale, und ſtürzte auf die Wache; die Trommeln rührten ſich; die Wache ausge⸗ nommen, zeigte ſich keine Seele. Die Milizen ſtanden wie eingewurzelt in athemloſer Stille vor der Thüre horchend. „Mein lieber Capitän,“ ſprach einer,„ihr könnt euch das Gehör vertrommeln laſſen, und es wird's doch kei⸗ ner hören. Wartet geduldig, bis die Meeting vorüber iſt, und wir das Wichtigere abgethan, und dann wol⸗ len wir in die Rocky Mountains hinauf, wenn es Noth tout.” „Capitän!“ ſprach der Sergent,„es iſt nun einmal ſo, und wenn, glaube ich, die Feinde anrückten, ſo würde das ſouveräne Volk zuerſt bedächtlich ſeine Be⸗ ſchlüſſe faſſen.“ „Hol der T— l das ſouveräne Volk!“ ich wollte lieber beym Großtürken kommandiren. „Pfui, Capitän!“ rief ein Milize,„das iſt nicht die Stimme eines Amerikaners.“ Der junge Mann ſah den Milizen betroffen an. 8 „Wenn ihr über den Bayou Sarah Sumpf geht,“ ſprach ein zweyter,„ſo müßt ihr feſten Tritt haben, ſonſt verſinkt ihr, und die Aligatoren freſſen euch. Ihr ſeyd beynahe zu jung für einen Capitän.“ Der Offizier verſchluckte die bittere Pille, murmelte etwas zwiſchen den Zähnen und rannte dann, begleitet von dem Sergenten, dem Wachthauſe zu. Es war keine Spur vom Flüchtling zu ſehen oder zu hören; aber an der Außenwand fand man Schnüre an den Bretern befeſtigt, die das Schwanken und Schnarren derſelben erklärten. Auch zwey Boote waren vermißt. Während dieſen Unterſuchungen hatte die Meeting ihr Ende genommen, und der Capitän eilte dem Sitzungsſale zu. Raſch trat er vor den Ge⸗ neral. „General Billow!“ Wollen Sie gefälligſt ihre Be⸗ fehle ertheilen?— „Sie ſind ſchon gegeben,“ erwiederte dieſer. Im nämlichen Augenblicke rollten die Trommeln wieder, und die Stimmen der herbeyſtrömenden Mannſchaft verkün⸗ deten, daß der Aufforderung deſſelben Folge geleiſtet wurde. Der Capitän ſtand eine Weile zögernd, ſein Blick fiel auf die auf dem Tiſche liegenden Papiere. „Dieß ſind alſo die Beſchlüſſe?“ fragte er mit ver⸗ biſſenen Lippen, und einem bittern Lächeln. „Ja, lieber Capitän,“ erwiederte der General artig. „Wenn Sie wollen, ſo können Sie noch, bis die Mann⸗ ſchaft beyſammen iſt, ſie leſen.“ Der junge Offizier warf einen flüchtigen Blick — 240— auf das Blatt, und warf es nach einer Weile un⸗ willig hin. „Und Sie haben,“ ſprach er zum Oberſten,„„dieſe Reſolutionen gegen den General en Chef gefaßt, unter deſſen Kommando Sie ſich begeben wollen?²“ „So haben wir,“ erwiderte dieſer. „und erklären ſein Betragen inconſtitutionell und tyranniſch, und mißbilligen es vor den Augen der Na⸗ tion?“ fragte der Capitän. „Wie Sie ſehen,“ entgegnete jener.„Wundert Sie dieß? Es iſt doch nicht das erſte Mal, daß Bürger der vereinten Staaten ihr Recht über diejenigen üben, die eſte zu ihren Dienern beſtellt:— das ſcheint der General vergeſſen zu haben, und deßwegen war es nöthig, ihm dieſes auf eine freylich ernſte Weiſe ins Gedächtniß zu⸗ rückzurufen. Morgen können Sie die Reſolutionen ge⸗ druckt leſen.“ „Und doch wollen Sie ſich unter ſeine Befehle be⸗ geben?“ „Warum nicht, ſo lange er innerhalb der Gren⸗ zen, der ihm von der Bundesmacht ertheilten Vollmach⸗ ten verbleibt?“ „und wer ſoll der Schiedsrichter in dieſem Falle ſeyn?“ fragte der Capitän kopfſchüttelnd. „Er ſelbſt,“ entgegnete der Oberſt. Hören Sie, wenn fünfhundert und Morgen tauſend Bürger ihm ihr Verdammungsurtheil im Angeſichte der Nation zurufen, — 244— und ſich zugleich unter ſeine Befehle ſtellen, ſo hoffen wir, dieß wird hinreichen, um ihm die Augen über den Abgrund zu öffnen, dem er zuging. Und dieß, Capitän, war unſre erſte Pflicht— unſre innere Freyheit zu wah⸗ ren; daß die Bürger auch ihre zweyte, unten gegen die Feinde, erfüllen werden, dafür bürge ich Ihnen. Wenn man mit und für Freyheit kämpft, dann iſt der Sieg doppelt ge⸗ wiß. Und nun ſteht Ihnen das ganze Bataillon zur Verfolgung des Spions zu Dienſten.“ „Nun er entwiſcht iſt,“ verſetzte der Capitän. „Und wenn er's iſt, ſo werden Sie es, hoffen wir, Männern nicht übel nehmen, wenn ſie über der Erhal⸗ tung ihrer angeerbten Rechte einen Gefangenen überſe⸗ hen,“ entgegnete der Squire mit wahrer Präſidenten⸗ würde.„Sollte mich jedoch wundern,“ fügte er hinzu, „wenn ſie ihm nicht ſchon nach ſind, ohne auf eure Befehle zu warten.“ Das Bataillon ſtand in Reihe und Glied, und nach dem fröhlichen Gemurmel zu ſchließen, war eine vor⸗ theilhafte Stimmung in der Mannſchaft eingetreten. Das ſtarre, ſteife, mürriſch⸗finſtre Weſen derſelben hatte ſich in Fröhlichkeit und Zuverſicht umgewandelt, und ſie be⸗ grüßten die Offiziere mit einem lauten jauchzenden Lebe⸗ hoch; eine Verſicherung, die, nach den beſchwerlichen Uebungen des Tages und der ganzen ſchlaflos durch⸗ brachten Nacht, von fünfhundert Bürgern ausgeſprochen, eine gute Vorbedeutung zu größerer Ausdauer ſchien, Der Legitime. II. 16 — und den jungen Capitän zum Theil mit dem verſtockten Geiſte ihres frühern Benehmens wieder ausſöhnte. „Es handelt ſich gegenwärtig bloß um zwanzig Vo⸗ lontairs,“ redete ſte der General an, die mit den We⸗ gen, Päſſen und Wäldern genau bakannt ſind, um den Spion wieder einzubringen. „ Schon geſchehen,“ riefen fünfzig Stimmen, und ein Sergent trat mit einer ſteifen militäriſchen Verbeu⸗ gung vor die Offiziere. „Mit Gunſten, General Billow,“ ſprach der Mann, „es iſt ein wenig gegen militäriſche Regeln; da jedoch kein Befehl für die Nacht gegeben war, ſo glaubten die Männer eben ſo wohl zu thun, wenn ſie nicht auf Be⸗ fehle warteten. Kaum hatten ſie gehört, daß der Britte Reißaus genommen, ſo ſind ſie ihm in allen Richtungen nach. Morgen zum Exerciren werden die meiſten wie⸗ der zurück ſeyn. „Hab' mir's gedacht,“ meinte der Squire,„wo die Naſe und die Ohren General ſeyn müſſen, würden Be⸗ fehle nur Verwirrung anrichten.“ „ Und welche Männer ſind es?“ fragte der General. „Dreyßig unſrer beſten Jäger,“ verſicherte der Ser⸗ gent, die den Bären aufſpüren, wenn er zehn Klafter tief in die Ozarks ſich vergraben hätte; ſie ſind ſo eben fort, nachdem ſie die Reſolutionen des Meeting gehört hatten.“ „Und welche Richtung haben ſie genommen⸗ — 243— „Sechs ſind hinüber über den Miſſiſippi, und hinab nach Point Coupé und hinauf in die Päſſe. Zehn ſind da hinauf auf die Bluffs, und auf die Wege nach Nat⸗ chez, und eben ſo viele ſind längs dem Ufer auf Baton⸗ rouge zu; die übrigen durchſtreifen das Städtchen. Es ſcheint ihnen in einer der Tavernen nicht richtig.“ „Meint ihr die Ausländer?“ fragte der General. „Eben dieſe; es ſind zwey Böte abhanden, und der Spanier wurde hier herumſchleichend geſehen.“ „„Und das iſt auch alles, was ihr thun könnt,“ ſprach der redſelige Squire,„wäre nicht der Mühe werth, die Männer eine Minute lang aufzuhalten.“ „Noch wurden auf den Antrag des Capitäns die Wache Geſtandenen in Arreſt genommen, und das Ba⸗ taillon dann bis zum Sonnenaufgang entlaſſen; worauf der Oberſt mit dem Squire wieder den Weg zum Bayon einſchlugen, wohin ihnen ein ſchwarzer Diener vor⸗ leuchtete. Die Meeting und die verſchiedenen Reden und Mei⸗ nungen, ſo wie der harte Kampf, den es gekoſtet, um ein endliches Reſultat hervorzubringen, waren natürlich wieder der Gegenſtand der Unterhaltung der zwey ſtarren Republikaner 2 die, des entlaufenen Britten kaum einer Sylbbe gedenkend, dieſe für ſie höchſt wichtigen, für unſre Leſer aber vielleicht weniger intereſſanten Erörte⸗ rungen, erſt im Drawingroom des Oberſten beſchloſſen. Dieſes Drawingroom oder Beſuchzimmer, durch zwey große Flügelthüren in zwey gleiche Hälften getheilt, ſchien, die Wahrheit zu geſtehen, um vieles weniger re⸗ publikaniſch zu ſeyn, als ſein ſchlichter, obgleich würde⸗ voller Beſitzer, der Oberſt Parker. Es war darinnen bey einem fürſtlichen Reichthume ſchon jene luxuriöſe Eklektik zu ſehen, und beſonders in der hintern Hälfte jene geſuchte ſcheinbare Nachläſſigkeit, der das Heimiſche nicht mehr zuſagt, und die in einem Raume von ſechs⸗ unddreyßig Fuß Länge und zwanzig Fuß Breite die Kunſt⸗ produkte aller Nazionen in jenem Quodlibet von Meubeln, Bagatelles und Schnickſchnack zu vereinigen bedacht iſt, die nun einmal zum Enſemble eines wohleingerichteten Hauſes gehören, und das mit der ſchlichten Republikanerwoh⸗ nung allenfalls zu dieſer in einem anſcheinend be⸗ ſcheidenern, aber im Grunde genommen nicht weniger drückendern Verhältniſſe ſtehen dürfte, als das ehemalige bethürmte Feudalſchloß zur demüthigen Bürgerswohnung, der es ſeinen ſogenannten Schutz angedeihen ließ. Das ſchärfere Auge der Mißgunſt würde wahrſcheinlich da⸗ rinnen, ſo wie in der übrigen Einrichtung des Hauſes auch jenen gewiſſen ariſtokratiſchen Geiſt erblickt haben, der geſchmackvolle Eleganz mit zweckmäßiger Uebereinſtimmung paarend, zugleich den Eintretenden wohl oder weh an⸗ zuſprechen berechnet ſcheint, je nachdem dieſer zur Klaſſe der Auserwählten oder der Proletaires gehört. Selbſt unſer Squire ſchien ſich ein wenig unbehag⸗ lich in dem prachtvollen Salon zu fühlen, den ver⸗ — 245— ächtlichen Blicken nach zu ſchließen, die er über die da aufgehäuften Koſtbarkeiten warf, und die er gewiß eben ſo wenig beachtet haben würde, wären ſie ihm im Ca⸗ binette eines Monarchen aufgeſtoßen. Ohne ſich im min⸗ deſten zu geniren, fing er an ſich der verſchiedenen Be⸗ ſtandtheile ſeiner Garderobe zu entledigen, indem er gleichſam zum Trotze ſeine Leggings oder Knietücher über einen Cachemirſhawl hinwarf, der nachläßig die Lehnen eines Sopha zierte, ſeinen Hut einer marmor⸗ nen Niobe aufſetzte, ſeine Handſchuhe auf einer porphyr⸗ nen Vaſe, und ſeine mit Bley gefüllte Reitpeitſche am Roſaholz⸗Pianoforte Platz nehmen ließ und, nachdem er ſo über ſeine Mobilien diſponirt hatte, ſich ganz ge⸗ müthlich in einem Fauteuil vor dem Kaminfeuer nieder⸗ ließ, und den Kamm aus der Taſche zog, um ſein Haar in Ordnung zu bringen. Als er dieſes Lieblings⸗ geſchäfte eines ächten Hinterwäldlers abgethan, war er zum Sideboard getreten, um ſich ein Glas zu füllen. Die Glocke am Parkgitter verkündigte noch die An⸗ kunft eines nächtlichen Beſuches. Die zwey Offiziere ſahen ſich ſchweigend an, als ein Milize, vom ſchwarzen Bedienten eingeführt, in den Salon trat. „Oberſt Parker und beſonders Major Copeland wer⸗ den vom Capitän Percy erſucht, ſchleunigſt hinabzukom⸗ mnen, das Bataillon von Opelouſas iſt angekommen.“ „Wohl! ſo ſoll er es bis Sonnenaufgang einquar⸗ tieren. Wir bedürſen einiger Stunden Ruhe.“ — 246— „Sie haben Indianer mit ſich,“ berichtete die Oe⸗ 4 donnanz,„die von den Männern aufgebracht wurden, die Major Copeland ausgeſandt.“ „Wißt ihr von welchem Stamme ſie ſind 2*“ „Nein, Oberſter. Aber ihren Waffen und Ausſehen nach zu ſchließen, ſind ſie von einem martialiſchen Schlage. 3 Alle mit Feuergewehren verſehen.“ 1 „Holla!“ rief der Major—„da müſſen wir hinab und ſehen was es giebt.“ Und mit dieſen Worten lüf⸗ tete er das Haupt der Niobe wieder, und nachdem er die Piecen ſeiner Garderobe angelegt, begab er ſich mit dem Oberſten und dem Milizen neuerdings an das Stromufer. —,— Druckfehler. Seite 12 Zeile 12 ſtatt Friedensruf, leſet Freudenſchrey. „ 111„ von unten ſtatt Armee, l. Armeen. 115 7„„„ New Shop, l. New Store. 6„ den Natchichoches, l. den Natchitoches. „ Inigo, l. Jingo. 1I ffffffff eff ff f nemnen 7 8 9 10 12 13 14 16 17 18 4. 9 v L e eenaunn M 1