— ek Leihbiblioth deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, 5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und eſebedingungen. 1. Oflfensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens d 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit ei den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen muſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 4 binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3 5 1 4 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mi.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 7„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 4 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— 3 das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird gemacht, da das 2 Zeiterverleihen 1 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Wiejnien⸗ welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.. v 3 Geſammelte Werke von Charles Sealsfield. Fünfzehnter Theil. Das Cajütenbuch nder nationale Charakteriſtiken. Zweiter Theil. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1847. t Das Cajütenbuch oder nationale Charakteriſtiken. Von Charles Sealsfield. — In zwei Theilen. Zweiter Theil. Zweite durch geſehene Auflage. Stuttgart. — Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1847. Daer Krieg. XIII. Nachdem die Geſellſchaft ſich geſetzt, hob der Oberſt in demſelben leichtgefälligen Tone wieder an: „Die Unabhängigkeit, oder, was daſſelbe ſagen will, Souverainetät des Landes proklamirt, mußte natürlich unſere erſte Sorge ſeyn, die Verbindung mit dem Mutter⸗ und Auslande zu ſichern, die Seehäfen in unſere Hände zu bekommen.“ „General Cos hatte von Metamora aus den Hafen von Galveſton militäriſch beſetzt— da eine Blockfeſte errichtet, angeblich, um den Zollgeſetzen Nachdruck zu verſchaffen, eigentlich aber, uns die Verbindung mit Neworleans und dem Norden abzuſchneiden. Dieſe Verbindung mußte wieder— und zwar ſo ſchleunig — 0 6 6— als möglich— hergeſtellt werden. Mein Freund und ich erhielten dazu den Auftrag.⸗ „Unſere ganze Ausrüſtung beſtand in der verſtegel⸗ ten Depeſche, die wir in Columbia eröffnen ſollten, und einem Führer, dem Halfblood und Jäger Agoſtino. — In Columbia angekommen, riefen wir die ange⸗ ſehenern Einwohner, ſo wie die des benachbarten Marions und Bolivars zuſammen, entſtegelten die Depeſche, und ſechs Stunden darauf war die darin aufgebotene Mannſchaft beiſammen, mit der wir noch denſelben Tag gegen Galveſton hinabzogen, den fol⸗ genden Tag vor der Blockfeſte anlangten, ſie über⸗ rumpelten, die Merikaner gefangen nahmen, ohne daß wir einen Mann verloren.“ „Noch waren wir nicht ganz mit den Arbeiten zur Sicherung unſerer Eroberung fertig, als am neunten Tage abermals unſer Halfblood Agoſtino eintraf. Wir hatten ihn mit dem Berichte von der Einnahme des Forts an die Regierung nach San Felipe zurück geſandt. Er brachte uns nun von dieſer neue Ver⸗ haltungsbefehle. Dieſen zufolge ſollten wir die Block⸗ feſte einem tüchtigen Commandanten übergeben, dann aber unverzüglich an den Trinity River hinauf— — 2 — 0 7 0— und von da mit ſo viel Mannſchaft— als wir auf⸗ zubringen im Stande wären— nach San Antonio de Berar vorrücken. Derſelbe Bote brachte uns zu⸗ gleich die Verſicherung der vollkommenen Zufrieben⸗ heit des Congreſſes, der auch bei dieſer, ſo wie bei vielen andern Gelegenheiten bewies, daß er die Kunſt, zu regieren, zu belohnen, anzuſpornen, ebenſowohl wie die älteſten Parliamente oder Staatsminiſter ver⸗ ſtünde. Auf Antrag unſeres Freundes des Alcalden, war uns Beiden, Jedem eine Hacienda*) Landes am Trinity⸗River als Schenkung angewieſen, und ſo mit dem Auftrage zugleich die Delikateſſe verbunden, uns in die Nähe unſerer neuen Beſitzungen zu bringen.“ „Ohne Verzug ließen wir die kleine Beſatzung des Forts ihre Offiziere wählen, übergaben dieſen den Oberbefehl, und eilten über die Salzwerke und Liberty — nach Trinity⸗River.“ „An den Salzwerken angekommen, fanden wir Alles. in der größten Aufregung, die jungen Leute von dem *) Fünf Sitios oder Quadratſtunden Landes— iſt der größte Flächeninhalt, den nach dem mexikaniſchen Geſetze vom 4. Januar, das auch in Texas angenommen worden, ein einzelnes Landgut haben darf. — o8— gegenüberliegenden Anahuac bereits da verſammelt, und im Aufbruche nach San Antonio de Bexar be⸗ griffen,— daſſelbe in Liberty. In beiden Städtchen hatte ſich die Mannſchaft, etwa vierzig Mann, ihre Offiziere ſelbſt gewählt, und zog rüſtig und voller Hoffnung dem fernen Sammelplatze zu. „Am Trinity⸗River waren damals noch keine be⸗ deutenden Niederlaſſungen— bloß zerſtreute Pflan⸗ zungen, an deren einer wir Abends ſpät anlangten. Noch war der Aufruf nicht bis hieher gedrungen, aber an demſelben Abende, an dem wir anlangten, ging er an die Nachbarn herum— an die vierzig Meilen weit und breit herum. Am folgenden Morgen wim⸗ melte es bereits vor der Pflanzung von Pack⸗ und Reit⸗Muſtangs. Auf einen derſelben hatte immer der Mann ſeine Lebensmittel gepackt, den andern be⸗ ſtieg er ſelbſt, die Rifle, das wohlgefüllte Pulverhorn ſammt Kugelbeutel mit Bowie knife um die Schulter geſchlungen. So ausgerüſtet brachen wir den Abend darauf mit dreiundvierzig Mann auf.“ „Wir hatten einen ziemlich weiten Marſch vor uns. San Antonio de Bexar— die Hauptſtadt des Lan⸗ des— liegt gute zweihundertfünfzig Meilen Südweſt —= 9— bei Weſt vom Trinityfluſſe— mitten durch Prairies ohne Weg und Steg,— über Flüſſe und Ströme— die zwar keine Miſſtſtppis oder Potomacks, aber doch tief und breit genug ſind, Armeen mehrere Tage auf⸗ zuhalten. Für unſere an Beſtegung von Hinderniſſen aller Art gewöhnten Farmers und Hinterwäldler waren dieſe wegloſen Prairies und brückenloſen Ströme nur Kleinigkeiten. Was ſich nicht durchreiten ließ, wurde durchſchwommen. Selbſt wir, die wir auf Akademieen und Univerſttäten erzogen, vergleichs⸗ weiſe in Luxus aufgewachſen— in den Staaten oben gewiß an viel unbedeutenderen Flüßchen ſtundenlang nach Brücken und Fähren geſucht hätten, fühlten hier ihr Bedürfniß gar nicht.“— „Sie glauben aber auch gar nicht, wie ſelbſt der Gebildete, Wohlerzogene— wenn in natürliche Zu⸗ ſtände verſetzt, vorzüglich aber in aufgeregter Stim⸗ mung,— die ihm von Jugend auf zur Gewohnheit, ja gleichſam zur Natur gewordenen Bequemlichkeiten und Bedürfniſſe ſo leicht entbehrt, vergißt! Ein paar Jahre früher, und acht Tage ohne Obdach, ohne warme Nahrung, ganz im Freien— öfters im Regen zugebracht— würden uns ganz gewiß auf das Kran⸗ Das Cajütenbuch. II. 2 —"° 10— kenbett geworfen, vielleicht ein langes Siechthum zu⸗ gezogen haben. Hier brachte uns jeder Tag friſche Entbehrungen, aber auch friſche Kräfte, fröhlichere Lebensgeiſter. Und doch ſchliefen wir Nacht für Nacht unter freiem Himmel, auf feuchter Erde, einmal im ſtärkſten Regen, mehrere Male bis auf die Haut durch⸗ näßt, mit keiner weiteren Nahrung, als Panolas,— Maisbrode, ſtark mit Zucker verſetzt, die anfangs etwas ſüßlich fade ſchmecken, bald aber ſehr gut be⸗ hagen. Sie ſind auf weiten Reiſen in Teras, Coha⸗ huila, Santa Fé die allgemeine Nahrung, und haben bei forcirten Märſchen den großen Vortheil, daß ſie leicht verpackt werden, und doch nicht leicht verderben, den Mann nicht nur geſund und kräftig, ſondern auch in einer heitern— ja ſüßen, gewiſſermaßen verzucker⸗ ten— Stimmung erhalten. Dieſe ſüße wie verzuckerte Stimmung unſerer Leute, wenn ſie nichts als Panolas hatten, ſo wie wieder die leidenſchaftlich gierige ſelbſti⸗ ſche, ja gehäſſige, wenn ſie animaliſche Nahrung ge⸗ noſſen, nahm ich oft die Gelegenheit wahr, auf unſern Hin⸗ und Hermärſchen zu beobachten. Dieſelben Menſchen waren ganz andere, wenn ſie um die Fleiſch⸗ töpfe und Rumbouteillen herum ſaßen, und wieder, — 11— wenn ſie nüchtern ihre Panolas aus dem Sattelfell⸗ eiſen hervorzogen. In dem einen Falle eine Gier, ein Heißhunger, der ſelbſt da, wo er nicht in laute Aeuße⸗ rungen ausbrach, ekelhaft thieriſch in den Geſtchtern zu leſen war, im andern wieder eine Gelaſſenheit, eine Ruhe, ja Sanftmuth, Urbanität, die ordentlich überraſchten, die Majeſtät unſers vielköpfigen Souve⸗ rains ganz leidlich finden ließen. u „Diefes Räthſel löst ſich jedoch, wenn wir bedenken, daß ſelbſt der Roheſte, Gefräßigſte da zurückhält, wo nichts mehr ſeinen thieriſchen Begierden Befriedigung verſpricht, der Selbſtſüchtigſte mittheilend wird, wo ſeiner Selbſtſucht kein weiterer Spielraum offen ſteht.“ „Auf dieſem Marſche nun gab es nichts, als dieſe Panolas. Viele hatten ſich nicht einmal die Zeit ge⸗ nommen, auf dieſe zu warten, ihr Sattelfelleiſen ein⸗ zig mit gebackenem Mais gefüllt. Da wir jedoch alle zu derſelben Table d'héte niederſaßen, ſo hatten auch Alle Panolas, ſo lange Panolas währten, nahmen dazu einen oder ein paar Schlucke aus der Rumflaſche, ſo lange dieſe etwas enthielt, und griffen, als Rum 2* — 8 12 6— und Panolas gar, zum geröſteten Welſchkorn, das wir mit einem Trunke friſchen Waſſers hinabſchwemm⸗ ten. Keiner dachte an mehr, denn Keiner ſah mehr, und das erhielt wohl auch vorzüglich zufrieden, mun⸗ ter und kräftig. Ja, ſo vergnügt waren wir alle bei unſerer ſpartaniſchen Speiſung, daß, obwohl wir an Häufern und Pflanzungen in nicht ſehr großer Ent⸗ fernung vorbeikamen, doch Keiner nach ihrer bonne chère verlangte, Jeder nur ſo ſchnell als möglich den Beſtimmungsort zu erreichen trachtete.“— „Es war der erſte größere Waffentanz, dem wir entgegen gingen, die Aufregung alſo ganz begreiflich. Sie herrſchte allgemein— im ganzen Lande. Von allen Seiten ſtrömten Abtheilungen von Bewaffneten herbei. Wir trafen oft mit ihnen zuſammen, aber— ganz amerikaniſch das— keine der zehn oder mehr kleinen Schaaren, denen wir begegneten, ſchloß ſich an eine andere an; entweder waren ihre Pferde friſcher als die der Waffenbrüder, und ſo trabten ſie vor, oder müder, und dann hinkten ſie nach kurzem Gruße, fröhlichem Händedrucke nach.“ „So waren wir dreiundvierzig Mann vom Trini⸗ tyfluſſe ausgerückt, und dreiundvierzig Mann rückten — 0 13— wir am Salado⸗River, dem Sammelplatze unſerer Truppen, ein.“— „Von da hatten wir noch etwa fünfzehn Meilen bis zur Hauptſtadt, gegen die nun der erſte große Schlag ausgeführt werden ſollte. Es war aber dieſe Hauptſtadt— wie noch gegenwärtig— durch ein ſtarkes Fort beſchützt, mit einer Garniſon von beinahe dreitauſend Mann verſehen, einer Truppenmaſſe, be⸗ deutend größer, als die ſämmtliche disponible Militäͤr⸗ macht unſeres Texas, nebſt dieſer mit hinlänglichem grobem Geſchütz; das ganze von erfahrenen, ja be⸗ rühmten Revolutions⸗Offizieren befehligt.“— „Wir machten uns jedenfalls auf einen harten Strauß gefaßt, denn die ganze Armee, die wir am Salado unter dem Oberbefehl General Auſtins vor⸗ fanden, überſtieg nicht achthundert Mann!“— „Noch an demſelben Tage, an dem wir mit unſern dreiundvierzig Volontairs im Hauptquartiere ein⸗ trafen, wurde Kriegsrath gehalten und in dieſem be⸗ ſchloſſen, nach der Miſſton San Eſpado vorzurücken. Die Avantgarde ſollte ſogleich dahin aufbrechen;— das Kommando über dieſelbe wurde mir und meinem Freunde zu Theil, unſere jugendliche Hitze jedoch zu —o 14— mäßigen, uns Miſter Wharton, ein angeſehener Pflanzer, der eine bedeutende Anzahl Nachbarn aus ſeinem Bezirke mitgebracht, beigegeben.“ „Wir nahmen mit unſern Waffenbrüdern ein ha⸗ ſtiges Mahl, hoben unter den achthundert Volontairs — die alle mit wollten,— zweiundneunzig aus, und brachen mit dieſen wohlgemuth nach dem Orte unſerer Beſtimmung auf.“— „Unſer Weg führte durch eine offene, hie und da mit Inſeln beſchattete Prairie, die aber doch bereits die Nähe der Hauptſtadt verrieth; denn mehrere Miſ⸗ ſionen lagen in der Umgebung. Dieſe Miſſtonen können füglich Außen⸗ oder Vorwerke der katholiſchen Kirche, und der mit ihr enge verbündeten ſpaniſchen Regierung genannt werden, da ihre Beſtimmung eben⸗ ſowohl die geiſtliche Bekehrung, als weltliche Unter⸗ jochung der Indianer iſt. Man findet ſie in allen Theilen des ſpaniſch geweſenen Feſtlandes, beſonders aber den Grenzprovinzen Texas, Santa Fé und Co⸗ hahuila. Sie beſtehen in der Regel aus Kirche, Wohn⸗ und Wirthſchaftsgebäuden für die Prieſter und zu bekehrenden oder bekehrten Indianer, ſind — 15 6— immer ſolid aufgeführt, und zum Schutze gegen feind⸗ ſelige Stämme mit ſtarken Mauern umgeben. Sie haben jedoch ihrer Beſtimmung im Ganzen nur ſehr wenig entſprochen, und ſind daher in der neuern Zeit großentheils eingegangen. So fanden wir in der erſten— Conception genannt— bloß noch etwa zehn alte preſthafte Mexikaner, die Gebäude jedoch ziemlich gut erhalten, und was merkwürdiger, nicht bloß die Tauf⸗ und Meßbücher, auch die prieſterlichen Gewänder und die Gold⸗ und Silberzierrathen, mit denen die Heiligen an ihren Feſttagen angethan wer⸗ den— in den Schränken. Dieſe Verlaſſenheit, Schutz⸗ loſigkeit aber verrieth wieder ein rührend ſchönes Vertrauen in gläubige, obwohl irre geleitete Pietät, das an uns wenigſtens nicht getäuſcht werden ſollte. Auch ſpäter blieb der Ort unverletzt, obwohl die Hin⸗ und Hermärſche häufig, und, wie Sie leicht vermuthen mögen, unter unſern Abenteurern der armen Teufel, die dieſe Koſtbarkeiten beſſer benutzen konnten, als die Heiligen— nicht wenige waren.“ „In der Miſſion Eſpado angekommen, entſpann ſich in unſerm dreiköpfigen Kriegsrathe eine warme Debatte.“ — 16— „Die uns ertheilte Ordre lautete ausdrücklich, den Poſten zu beſetzen und bis zur Ankunft des General en chef zu halten. Es war auch das Klügſte, was wir thun konnten; die Miſſton war ſehr feſt, mit einer hohen Mauer umfangen, konnte mit geringer Anſtrengung gegen einen überlegenen Feind verthei⸗ digt werden, und gewährte ſo vollkommene Sicherheit gegen einen etwaigen feindlichen Ueberfall. Fanning jedoch— u „Fanning?“ riefen überraſcht Mehrere. „Fanning, der zu Weſtpoint?“ „Fanning, der zu gleicher Zeit Weſtpoint verließ, als ich von Yale College Abſchied nahm!“ ſprach mit ſichtbar bewegter Stimme der Oberſt. „Fanning,“ fuhr er mit unterdrückter Bewegung fort,„waren aber die Ufer des Salado ſehr theuer. Sie waren Zeugen ſeiner füßeſten Stunden geweſen. — An ihnen hatte ſich ſein ſchönes junges Leben zur Blüthe entfaltet, er ſich da dem erſten Rauſche beglück⸗ ter Liebe überlaſſen.— Auf einem Ausfluge von San Antonio auf ſeine Ufer hatte er ſeine Elvira zum erſten Male geſehen!— Der glückliche Unglück⸗ liche! Acht Wochen darauf führte er die Holde als —° 17— ſeine Braut heim! Noch waren die Honigmonate nicht vorüber. Der Kriegsruf hatte ihn von der Seite der ſüßen Gattin geriſſen! Begreiflicher Weiſe zog es ihn nun mit unwiderſtehlicher Gewalt an dieſe liebeathmenden Ufer hin! Ich gab wohl, obwohl nicht gerne, dem Drängen des Freundes nach, aber Mister Wharton, der nichts von dem Verhältniſſe wußte, ſchüttelte nicht wenig den Kopf; doch über⸗ ſtimmt, mußte auch er ſich endlich fügen. Wir ließen unſere Pferde und Muſtangs ſammt einer Beſatzung von acht Mann in der Miſſion, und rückten dann an den Fluß vor.“ „Dieſer ſtrömte eine Viertelmeile im Weſten der Miſſion von Nordoſt gegen Südoſt hinab;— da⸗ zwiſchen lag noch eine kleine Musqueet⸗Inſel oder Baumgruppe, alles Uebrige war offene Prairie, die bis ans Ufer hinlief, das ziemlich ſchroff, mit einem dichten Gewinde von Weinreben überwachſen, etwa acht oder zehn Fuß zum Waſſerrande hinab fiel. Der Salado bildet an dieſer Stelle eine ſtarke, bogenartige Krümmung. An beiden Enden des Bogens befindet ſich eine Furth, durch die der Fluß allein paſſirt wer⸗ den kann, da das Waſſer zwar nicht breit, aber ziem⸗ — e 18 6— lich reißend und tief iſt. Wenn wir daher unſere Poſition innerhalb dieſes Bogens nahmen, konnte es nicht ſchwer fallen, die beiden Furthen, die etwa eine Viertelmeile von einander lagen, zu vertheidigen, da uns der Feind vom jenſeitigen Ufer, das ſtark bewal⸗ det und bedeutend höher, nicht leicht beikommen konnte.“ „Doch entging uns auch das Gefährliche dieſer Stellung nicht. Sie bot keinen ſogenannten point d'appui dar, wir konnten von zwei Seiten zugleich umgangen, in der Fronte, ja auch im Rücken— vom jenſeitigen Ufer her— angegriffen, eingeſchloſſen und gefangen werden, ohne Möglichkeit, zu entrinnen, wenn der Feind, der ohne Zweifel mit Uebermacht anrückte, ſeine Schuldigkeit auch nur einigermaßen that. Aber dieſes Wenn— das wußten wir, würde fehlen.— Wir hatten mit dieſem Feinde bereits mehrere Male angebunden, ihn jedes Mal mit leichter Mühe beſiegt. Zwar waren unſere Erfolge einſtweilen nur gegen die Blockfeſten und Forts von Velasco, Nacogdoches und Galveſton, deren Garniſonen weder zahlreich, noch kriegsgeübt, errungen, aber auch wir waren damals nichts weniger als kriegserfahren— glaubten es jetzt viel mehr zu ſeyn, waren zudem jung, —” 19 6— voll Muth, Selbſtvertrauen,— fühlten uns Tau⸗ ſenden von Mexikanern gewachſen, wünſchten nur, ſie möchten kommen, ehe das Hauptquartier anlangte. Uns bangte ordentlich, dieſes möchte zu früh eintreffen, uns ſo die Lorbeeren entreißen. Und ſo war es denn ausgemacht, zu bleiben; wir beſahen das Terrain, unterſuchten das Ufer, beſetzten die Inſel mit zwölf Mann, ſtellten an den beiden Furthen zwölf Andere auf, und lagerten uns mit dem Reſte wohlgemuth in den duftenden Rebengrotten, die leider— keine Trauben hatten.“ „Nachdem wir alle dieſe Vorkehrungen getroffen, hungerte uns. „Wir hatten keine Proviſtonen mitgenommen, aus dem ganz einfachen Grunde, weil eben nichts mitzu⸗ nehmen,— jeder der achthundert Mann bisher ſo ziemlich auch ſein eigener General⸗Quartier⸗ und Proviantmeiſter geweſen. Wahre Tyronen in der edlen Kriegskunſt, waren die verſchiedenen Abthei⸗ lungen der Expedition auch von verſchiedenen— mit⸗ unter ſehr entlegenen Punkten des Landes angelangt, nur mit dem unumgänglich Nothwendigſten verſehen, und ſo blieben denn eine Anzahl Buſhels Mais— — 0 20 6— Pataten, und einige Rinder ſo ziemlich Alles, was ſich im Hauptquartier vorfand. In den beiden Miſ⸗ ſtonen hatten wir ebenfalls nichts gefunden; ſo mußte denn— komme es, woher es wolle— etwas zu beißen aufgetrieben werden.“— „In der Nachbarſchaft, und zwar im jenſeitigen Thale, befanden ſich mehrere Ranchos, zwar ganz in der Nähe der Hauptſtadt, deren Garniſon unſere Re⸗ quiſttion nothwendig alarmiren, ſie uns ganz gewiß auf den Hals bringen mußte; aber das war es ja eben, was wir wünſchten. Wir durften um ſo we⸗ niger anſtehen, als unſere Bedenklichkeit wie Zag⸗ haftigkeit erſchienen, den Muth unſerer Leute nieder⸗ geſchlagen haben würde; wir beſchloſſen demnach, unverzüglich aufs Fouragiren auszuſenden, beorder⸗ ten zwölf Mann dazu, die auch ohne Weiteres nach einem der Ranchos aufbrachen.“ „Nach etwa einer Stunde kamen ſte luſtig mit drei Schafen heran galoppirt. Sie hatten ſie aus dem Rancho genommen, jedoch nicht ohne heftigen Wort⸗ wechſel mit dem Padre, der ſich gerade da vorfand, und der ſich wie ein guter Hirt denn auch für ſeine Schafe aus allen Kräften wehrte, mit dem Zorne des — 8 21 6— Himmels, der Hölle, und nebſtbei auch Generals Cos drohte. Da Alles dieß jedoch unſere Ketzer nicht rührte, und ſie, nachdem ſie ihn mit ächt teraſiſchem Phlegma eine Zeit lang angehört, endlich die Ge⸗ duld verloren, drei Dollars auf die Bank— dafür aber die drei Schafe auf ihre Muſtangs warfen— verlor endlich auch er patientia, riß ſeinen Mulo aus dem Stalle und ritt vor ihren Augen der etwa eine Meile thaleinwärts gelegenen Hauptſtadt zu, da Ge⸗ neral Cos ſeine Noth mit den Hereges und Auf⸗ rührern zu klagen.“ „Daß wir nun die werthen Dons nächſtens zu ſehen das Vergnügen haben würden, war außer allem Zweifel, doch kümmerte uns das nicht im Min⸗ deſten. Der Vorfall hatte uns alle ſehr amüſirt; unter lautem Lachen wurden die Schafe abgeſchlachtet, zu deren Fleiſch bloß noch das Brod fehlte. Doch wurde uns auch für dieſes einiger Erſatz in einem Karren voll Polonces, den ein mexikaniſcher Bauer unſern Vorpoſten zutrieb. Er kam über den Fluß von einem der der Hauptſtadt zunächſt gelegenen Ranchos, alſo ohne Zweifel vom Feinde geſandt,— nebſtbei noch einen und den andern Seitenblick auf — 0 22 6— uns Hereges— unſere Stärke und ſo weiter zu wer⸗ fen. Wirklich ließ ſich der dämiſche Burſche auch keine Mühe verdrießen, eine nähere Bekanntſchaſt mit uns anzuknüpfen, bis wir endlich, der Worte müde, ihm auf eine Weiſe den Weg wieſen, der keine andere Deutung mehr zuließ.“ „Unbekümmert um General Cos und ſeine Mexi⸗ 4 kaner, hielten wir unſer Mahl, wechſelten die Poſten und Vorpoſten, und ließen dann die Leute ſich zur Ruhe niederlegen.“ XIV. „Der Abend— die Nacht verging, ohne daß ein Feind ſich gezeigt hätte. Der Morgen brach an, noch immer kein Mexikaner. Wir trauten jedoch dem ver⸗ rätheriſchen Landfrieden nicht, ließen die Leute ihr Morgenmahl nehmen, und waren eben damit fertig, als das an der obern Furth aufgeſtellte Piquet mit der Nachricht kam, eine ſtarke Cavallerie⸗Abtheilung ſey im Anzuge, ihre Vorhut bereits im Hohlwege, der zur Furth herab führe.“— —=3 23— „Einige Minuten ſpäter hörten wir das Schmet⸗ tern ihrer Trompeten, und gleich darauf ſahen wir auch die Offtziere den Uferrand herauf und in die Prairie einſprengen, ihnen nach ihre Escadrons, deren wir ſechs zählten. Es waren die Durango⸗Dragoner, ſehr gut uniformirt, trefflich beritten und vollkommen mit Carabinern und Schwertern ausgerüſtet. Ihre Anzahl mochte um die dreihundert herum betragen.“ „Wahrſcheinlich hatten ſie vom jenſeitigen Ufer aus recognoscirt, und ſo unſere Stellung, obgleich nicht unſere Stärke, ausgefunden, da wir, etwas der⸗ gleichen vermuthend, unſere Leute ſo ziemlich in Be⸗ wegung erhalten, ſie bald auf die Prairie aufſprin⸗ gen, wieder unter derſelben verſchwinden gelaſſen. Das war nun Alles recht wohl gethan, aber anderer⸗ ſeits hatten wir uns einen groben Verſtoß gegen alle militäriſche Regel zu Schulden kommen laſſen, kein Piquet auf das jenſeitige Ufer vorgeſchoben, das uns von der Annäherung des Feindes, der Richtung, die er nahm, in Kenntniß ſetzte. Ohne Zweifel würden ein dreißig bis vierzig gute Schützen,— und alle die Unſrigen waren es,— den Feind nicht nur aufge⸗ halten, ſondern ihm höchſt wahrſcheinlich auch den Uebergang ganz verleidet haben. Der Hohlweg, der vom jenſeitigen Ufer zur Furth herab lief, war eng, ziemlich abſchüſſig, das Ufer wenigſtens ſechs Mal höher, als das diesſeitige— und vollkommen im Be⸗ reiche unſerer Stutzer; Pferd und Mann konnten ſo paarweiſe, wie ſte aus den Windungen des Paſſes heraus kamen, aufs Korn genommen und niederge⸗ ſchoſſen werden. Das wurde uns freilich jetzt, wie die Dragoner in die Prairie hinaus ſprengten, auf einmal klar, allein der Fehler war begangen, und wir hatten uns mit dem Gedanken zu tröſten, daß der Feind unſer Ueberſehen ſicherlich nicht der wahren Ur⸗ ſache— unſerer Unerfahrenheit im Militärweſen— ſondern überſtrömendem Muthe zurechnen würde. Allenfalls beſchloſſen wir, der guten Meinung, die wir bei ihm ſupponirten, zu entſprechen, ihn warm zu empfangen.“ „Die Prairie hinauf— und in dieſe eingeritten, war er eine bedeutende Strecke in weſtlicher Richtung vorgeſprengt, hatte ſich dann gegen Süden zugewen⸗ det, und herüber ſchwenkend— in der Entfernung von etwa fünfhundert Schritten Front gegen uns ge⸗ macht. In dieſer ſeiner Stellung nahm er gerade die — 25 G6— Sehne des Bogens ein, den der von uns occupirte Salado hier bildet.“ „Kaum hatte er ſich aufgeſtellt, ſo öffnete er auch ſein Feuer, obwohl wir ihm gänzlich unſichtbar, in der Wölbung der Flußbank ſtanden, vollkommen ge⸗ ſchützt nicht nur gegen Carabiner⸗, ſondern Kartät⸗ ſchen⸗, ja Kanonenkugeln, die höchſtens über unſere Köpfe wegfliegen konnten.“ „Nach dem erſten Abfeuern ſprengte er beiläufig hundert Schritte im Galopp gegen uns vor, hielt dann, zu laden, an, ſchoß ab und ſprengte dann abermals hundert Schritte vor, hielt wieder, lud, ſchoß ab, ſprengte wieder vor, und wiederholte die ſeltſame Herausforderung, bis er etwa hundertund⸗ fünfzig Schritte vor uns ſtand.“ „Da ſchien er ſich denn doch eine Weile beſinnen zu wollen.“ „Wir hielten uns ganz ruhig. Offenbar trauten die Dragoner nicht, wenigſtens ſchien ihr kriegeriſcher Muth ſehr geſchwunden, obgleich die Offtziere ſich alle mögliche Mühe gaben, ihn anzufachen; endlich aber brachten ſie doch zwei Escadronen vorwärts, denen langſamer die andern folgten.“ Das Cajütenbuch. II. 3 —" 26 e— „Auf dieß hatten wir gewartet.“ „Sechs unſerer Leute wurden angewieſen, aufzu⸗ ſpringen, die Offiziere aufs Korn zu nehmen, und ſo wie ſie abgefeuert, wieder den Prairierand hinab zu ſpringen.“ „Mit bewundernswürdiger Kaltblütigkeit führten unſere ſechs braven Riflemänner das einigermaßen gefährliche Manoeuvre im Angeſichte des nun kaum fünfzig Schritte von ihnen wüthend feuernden Feindes aus, ſprangen auf, legten ruhig an, ſchoſſen ab, und ſprangen dann den Prairierand hinab.“ „Wie wir vermuthet, ſo brachte ihre geringe An⸗ zahl den Feind in unſere gewünſchte Nähe. Er ſtutzte zwar anfangs, beſonders da ein drei bis vier Offtziere ſielen, aber kaum waren die Unſrigen den Prairie⸗ rand hinab, als auch die Escadronen wie toll ihnen nachgaloppirten.— Aber jetzt ſprang Fanning mit dreißig unſerer Leute auf, warfen ihre Stutzer vor, legten an, und nach einander losdrückend, brachten ſte auch nach einander Dragoner auf Dragoner von ihren Pferden herab, immer, wie wir ſie angewieſen, die Vorderſten nehmend. Wharton und ich, die mit der Reſerve von ſechsunddreißig Mann nachſprangen, — e 27 8— ſo wie Fanning abgeſchoſſen, kamen kaum zu zehn Schüſſen, als auch die Dragoner, wie aufs Com⸗ mandowort Rechtsum kehrt euch ſchwenkten— und ſämmtlich Reißaus nahmen. Unſere Rifles hatten zu grob gewirthſchaftet! Wie Schafe, unter die der Wolf gefahren, brachen ſie auf allen Seiten aus. Vergebens, daß die Offiziere die Flüchtigen aufzu⸗ halten ſuchten. Bitten, Drohungen, ſelbſt gezückte Degen und Hiebe vermochten nicht, ſte zum Halten zu bringen, da denn dieſes Halten, die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, ſich in der Regel fatal erwies, denn auf hun⸗ dert Schritte waren die meiſten unſerer Scharfſchützen eines Eichhörnchen, um wie viel mehr nicht eines Durango⸗Dragoners ſicher.“ „Wir aber hatten langſam abfeuern und nach jedem Schuſſe den Mann unter die Uferbank ſpringen laſſen, um ſchnell wieder zu laden, ſo daß von unſerer klei⸗ nen Truppe immer ein dreißig bis vierzig für den Fall bereit ſtanden, daß der Feind einen Angriff in Maſſe unternehme.“ „Der erſte Gruß jedoch hatte ihm die Luſt für eine geraume Weile verleidet, einige Zeit blieb es ſelbſt zweifelhaft, ob er überhaupt einen zweiten Angriff 3*½ —= 28 6— wagen würde, obwohl die Offtziere ſich alle nur er⸗ denkliche Mühe gaben, ihre Leute zum Vorrücken zu bringen; aber lange waren Bitten, Drohungen und Scheltworte gleich vergeblich. Alles aus der Ferne geſehen, erſchienen ihre Geſticulationen, die furcht⸗ baren Hiebe, die ſie gegen uns führten, die Capers, die ſie ihre feurigen Roſſe ſpringen ließen, drollig genug, eine wahre Theaterſcene, aber doch muß ich zur Steuer der Wahrheit auch wieder geſtehen, daß die Offiziere in der That mehr Muth und Entſchloſſen⸗ heit, ja Ehrgefühl bewieſen, als ich ihnen zugetraut hatte. Sie allein hatten unſere Rifles nicht geſcheut, auch waren von den zwei Escadronen beinahe alle gefallen, und die wenigen, die noch übrig, weit ent⸗ fernt, abgeſchreckt zu ſeyn, bemühten ſich nur um ſo — mehr, ihre Leute wieder zum Vorrücken zu bringen.“ „Endlich ſchien es ihnen doch gelingen zu wollen. Die Art, wie ſie dieſes zu Stande brachten, war ſeltſam, recht eigentlich mexikaniſch! An die Spitze ihrer Escadronen poſtirt, waren ſte immer ein hun⸗ dert Schritte oder mehr vor— und dann wieder zurück galoppirt, ſo gewiſſermaßen ihren Leuten zeigend, daß keine Gefahr vorhanden.— Jedes ſolche Vor⸗ —e 29 e— galoppiren hatte nun die Dragoner gleichſam unwill⸗ kürlich mechaniſch ebenfalls ein dreißig bis vierzig Schritte vorwärts gezogen, worauf ſie wieder wie aufs Commandowort hielten, ſich vorſtchtig auf allen Seiten umſchauten, ob noch keiner der gefürchteten Stutzer zu ſehen;— dann galoppirten die Offiziere wieder vor, und wieder rückten ihre Dragoner nach, und ſo galoppirten und rückten ſte wohl zehnmal vor, hielten, fchauten, rückten wieder vor, bis ſie denn abermals an die hundert Schritte heran gekommen waren.“ „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſte bei einem jeden ſolchen Vorrücken auch ihre Carabiner abſchoſſen.“ „So allmälig mit dem Pulverdampf und unſerer Nähe vertraut, begannen ſich drei der noch nicht im Feuer geweſenen Escadronen in Angriffscolonnen zu formiren, und ſprengten dann etwa fünfzig Schritte vor. Auf einmal kommandirten ſämmtliche Offiziere mit einer Donnerſtimme vorwärts, ſetzten ihre Pferde in Galopp, und dem kräftigen Impulſe folgend, ſtürmten auch richtig alle drei Escadronen mit ver⸗ hängten Zügeln an uns heran.“ „Dießmal aber ließen wir ſtatt ſechs,— dreißig —” 30— unſerer Leute aufſpringen, mit dem gemeſſenen Be⸗ fehle, ja langſam zu feuern, keinen Schuß zu ver⸗ lieren. Der Choc des anſprengenden Feindes raubte jedoch der Mehrzahl die Beſonnenheit. Eilfertig ſchoſſen ſie in die Maſſe hinein, und ſprangen dann den Prairierand hinab. Bei einem Haar hätte uns dieſe Eilfertigkeit in die Klemme gebracht. Der Feind ſchwankte zwar, aber er wich nicht zurück. In dieſem kritiſchen Momente nun ſprangen Wharton und ich mit der Reſerve nach. Zielt und ſchießt langſam und ſicher, nehmt Mann für Mann, ſchrieen wir beide, Wharton rechts, ich links. Selbſt hielten wir unſer Feuer zurück. Das wirkte endlich. Schuß fiel auf Schuß; immer die Vorderſten zu nehmen; mahnte ich nochmals, langſam zu ſchießen, um Fanning Zeit zum Laden zu geben. Ehe wir noch alle abgeſchoſſen, war Fanning wieder mit einem Dutzend ſeiner fer⸗ tigſten Schützen an unſerer Seite. Wohl drei Mi⸗ nuten hielt der Feind wie betäubt unſer wahrhaft mörderiſches Feuer aus, aber da wir, wie geſagt, immer nur die vorderſten Dragoner nahmen, die Vor⸗ ſprengenden auch richtig fielen, wollte endlich Keiner mehr vorwärts, die Escadronen geriethen in Unord⸗ — d 31 6— nung, die bald zur wildeſten Flucht wurde. Wir gaben ihnen einen Denkzettel mit auf den Weg, der noch manches Pferd reiterlos in die Prairie hinaus trieb, luden dann wieder unſere Rifles und zogen in unſere Weinlauben und Grotten zurück, der Dinge, die ferner kommen würden, harrend.“ „Jetzt war aber dem Feinde die Luſt, einen noch⸗ maligen Angriff zu wagen, ganz vergangen. Bis aufetwa dreihundert Schritte wagte er ſich zwar heran, das Erſcheinen eines Dutzends unſerer Leute war aber immer hinreichend, ihn ſammt und ſonders das Weite ſuchen zu machen. Jedoch drei⸗ oder fünfhundert Schritte— er ſchoß ſeine Carabiner nur um ſo eif⸗ riger auf uns ab, was er um ſo ungeſtrafter thun durfte, als wir ſein Feuer auch mit keinem Schuſſe mehr erwiederten.“ „Das Gefecht mochte ſo eine halbe oder drei Vier⸗ telſtunden gewährt haben. Noch war unſererſeits kein Mann gefallen, nicht einmal verwundet, obwohl wir während der feindlichen Angriffe einen wahren Kugelregen ausgehalten. Wir konnten uns dieſes ſeltſame Phänomen nicht erklären; die Kugeln fielen — 0 32 6— links und rechts, viele trafen, aber kaum, daß ſie die Haut ritzten, einen wunden Fleck zurück ließen. Wir waren auf gutem Wege, uns für unverwundbar— den Kampf bereits für entſchieden zu halten, als das zweite an der untern Furth aufgeſtellte Piquet ge⸗ rannt kam, und die einigermaßen beunruhigende Nach⸗ richt brachte, bedeutende Infanteriemaſſen ſeyen gegen die Furth im Anzuge, müßten in wenigen Augen⸗ blicken ſichtbar werden.“ „Wirklich ließ ſich auch in demſelben Augenblick das Wirbeln der Trommeln, das Quiken der Pfeifen hören, im nächſten defilirten bereits die erſten Co⸗ lonnen auf die Uferbank hinauf, in die Prairie hin⸗ ein, gegen die Musqueetinſel zu.“— „Wie ſich Compagnie auf Compagnie nun in der Prairie aufrollte, konnten wir auch leicht ihre Stärke ermeſſen. Es waren zwei Bataillone beiläufig tauſend Bajonette. Zum Ueberfluß hatten ſte noch ein Feldſtück mit.“ „Das war denn nun freilich mehr als genug für zweiundſtebzig— mit Einſchluß von uns drei Offi⸗ zieren fünfundſtebzig Mann; denn zwanzig hatten wir, wie geſagt, in der Miſſton und der Musqueetinſel — e 33— gelaſſen, ſo daß füglich zwanzig Mexikaner auf einen Amerikaner kamen. Kein Scherz! wenn Sie beden⸗ ken, daß der Feind vollkommen gut gerüſtet, aus zwei Bataillonen Linieninfanterie und ſechs Schwa⸗ dronen Dragonern beſtand, letztere freilich um we⸗ nigſtens fünfzig gelichtet, aber mit dem friſchen Soutien doch auch nicht minder gefährlich.“ „Zwar waren alle unſere Leute vortreffliche Scharf⸗ ſchützen, nebſt ihren Stutzern hatten die meiſten auch noch Piſtolen in ihren Gürteln; aber was waren fünfundſtebzig Stutzer und auch hundert Piſtolen gegen tauſend Musketen und Bajonette, zweihundert⸗ undfünfzig Dragoner, und ein Feldſtück, mit Kar⸗ tätſchen geladen? Wenn der Feind auch nur einiger⸗ maßen militäriſch zu agiren verſtand, entſchloſſen vor⸗ ging, waren wir wie Füchſe im Baue gefangen.“ „Jedoch dieſes auch nur einigermaßen militäriſch agiren— entſchloſſen vorgehen— würde fehlen, deß waren wir halb und halb gewiß. Wir kannten unſere Gegner ſo ziemlich, denn ſonſt würden wir uns doch nicht ſo weit vorgewagt haben.— Alles, was jetzt vonnöthen, war prompte Entſchloſſenheit, unerſchüt⸗ terliche Kaltblütigkeit, die ſich durch nichts irre machen, — 0 34 6— unſern Feind nie zu Athem kommen ließ. Kam er zu Athem, ſo waren wir verloren.“ „Mir und Fanning war es indeß doch nicht ganz leicht ums Herz. Mit unſerer Empfindſamkeit und Sympathie hatten wir die Leute in dieſe ſchutz⸗ und haltloſe Prairie— gleichſam auf die Schlachtbank heraus geführt, und das in einer ſo unüberlegt toll⸗ kühnen Weiſe, daß wir mit einiger Aengſtlichkeit nun einander— wieder die Männer anſchauten. Aber wie wir ſie ſo ſchauten, ſtieg uns auch wieder der Muth, das Vertrauen!“ „Bei keiner Gelegenheit habe ich dieſen— nicht brittiſch bullenbeißeriſch raufluſtigen Stieresmuth— nein, den ſtets gefaßten, entſchloſſenen, ruhig feſten, unerſchütterlichen amerikaniſchen Mannesmuth ſo an⸗ ſchaulich, ſo deutlich, ſo handgreiflich kennen und ſchätzen gelernt. Jetzt begreife ich, wie es kam, daß die Britten, ſelbſt wenn ſie in ihren Kriegen gegen uns anfangs mit Erfolg kämpften, am Ende richtig auf allen Punkten geſchlagen, zu Lande und zur See beſtegt wurden.“— „Was nun dieſe Mexikaner betraf, ſo glaube ich feſt und ſicher, daß, wenn die ganze mexikaniſche Armee —= 35 6— aufmarſchirt wäre, ſte eben ſo ruhig, wohlgemuth ihre Rifles geputzt haben würden. Das Einzige, was zu hören, war: Schont nur euer Pulver und Blei— verſchleudert, verliert ja keinen Schuß.“ „Mit ſolchen Männern aber iſt es eine Freude zu kämpfen, und, wenn nöthig— zu ſterben; denn man kämpft und ſtirbt mit Ehre. Da wir aber Letzteres doch lieber nicht wollten, ſo mußten wir prompt ſeyn. Prompt beſchloſſen wir demnach unſere Maßregeln zu nehmen. Fanning und Wharton ſollten die In⸗ fanterie und Dragoner beſchäftigen; mir fiel die Auf⸗ gabe zu, die Kanone— einen Achtpfünder— zu nehmen.“ „Das Geſchütz war am äußerſten linken Flügel, dicht am Rande der Prairie aufgepflanzt, da, wo dieſe ſteil zum Fluſſe ſich herab ſenkt, den es in ſeiner ganzen Krümmung vollkommen beherrſchte. Dieſes Ufer war, wie geſagt, mit einem ziemlich dichten Ge⸗ winde von Weinranken überwachſen, die uns nur zur Noth dem Feinde verbargen; denn bereits der erſte Kartätſchenſchuß belehrte uns, daß wir auf dieſen Verſteck nicht ſehr zählen durften.“ — 36 6— „Es war kein Augenblick zu verlieren, denn ein einziger wohlgerichteter Schuß— und der Kampf war ſo gut als am Ende. Ein Dutzend Leute zuſammen gerafft, arbeitete ich mich ſo ſchnell, als ich es ver⸗ mochte, durch das Gewirre der Weinranken, und war bereits etwa fünfzig Schritte von der Kanone, als der zweite Schuß ganz in unſerer Nähe einſchlug; — das Schwanken der Ranken hatte uns dem Feinde verrathen.— Auf dieſem Wege durften wir nicht vor⸗ dringen; ſo bedeutete ich denn den zunächſt dem Prairie⸗ rand Vordringenden, dieſen hinauf zu ſpringen, und vor Allem die Artilleriſten nieder zu ſchießen. Ich ſelbſt ſprang, der Dritte oder Vierte, nach.“— „Wie ich aufſprang, die Rifle hob, um anzulegen, ſank mir dieſe, als ob ein Centnergewicht ſich an die Mündung gelegt, eine unſichtbare Gewalt ſte nieder⸗ gedrükkt.“ „Eine lange, hagere Figur, mit verwilderten, un⸗ kenntlichen Zügen, mehrere Zoll langem Barte, in Lederkappe— Wamſe und Mocaſſins, ſtand keine drei Schritte vor mir. Wie der Mann hieher ge⸗ kommen, war mir, ſo wie meinen Leuten ein Räthſel, ihre Blicke hingen nicht weniger ſcheu an ihm. Aber — e 37— er mußte bereits geſchoſſen haben, denn einer der Ar⸗ tilleriſten lag neben der Kanone hingeſtreckt, und einen zweiten, der den Ladeſtock eintrieb, ſchoß er jetzt nie⸗ der, und lud dann wieder ſo ruhig handwerksmäßig, als ob er dieſe Art Schießübung alle Tage ſeines Le⸗ bens getrieben hätte.“ „Man iſt auf dem Schlachtfelde, wie ſie leicht den⸗ ken mögen, eben nicht ſehr wähleriſch oder ſkrupulös geſtimmt; der angenehmſte Nachbar iſt immer der, welcher am meiſten Feinde niederwirft— das Todt⸗ ſchlagen am erfolgreichſten betreibt; das rohe Blut⸗ handwerk, in dem man begriffen, erſtickt für den Au⸗ genblick jede zartere Empfindung; aber doch hatte das Weſen des Mannes, ſeine ganze Art und Weiſe etwas ſo Schlächteriſches, ſein Treiben verrieth eine ſo ge⸗ fühlloſe— ich möchte ſagen ruchloſe Wegwerfung ſeines eigenen und anderer Menſchen Leben,— daß ich, ſo ſeltſam dieſes klingen mag, den Mann empört, ja ſchaudernd und wie betäubt anſtarrte. Und nicht nur ich, auch meine Leute waren nicht weniger er⸗ griffen von ſeinem wie geſpenſtiſchen Weſen. Wohl zwanzig Sekunden ſtanden ſie bereits oben auf dem Prairierande, aber noch immer hielten ſie wie be⸗ —= 38 6— täubt die Rifles;— ſtatt aber den Feind ins Auge zu faſſen, fielen ihre ſtieren Blicke wieder auf ihn, bis er ihnen mit rauher Stimme zurief: D-— n your eyes ye staring fools, dont ye see them Art'lery men, why dont ye knock them on their heads?*) „Erſt da ſchoſſen ſie— fehlten,— und ſprangen dann ſo eilfertig, als ob ſte getrieben würden, den Prairierand hinab. „Ich vermochte weder, ihnen zu folgen, noch den Stutzer zu heben, und wenn der Feind ſtatt ſtebzig Schritten— ſteben von mir geweſen wäre, ich hätte es nicht vermocht. Die Stimme des Mannes hatte mich ſo entſetzlich durchſchauert! Die Augen auf das Geſpenſt geheftet, ſtand ich gerade, als ob das Grab eines von mir Gemordeten ſich geöffnet, das Opfer meiner Blutthat aus dieſem ſich erhöbe, mit klaffen⸗ der Wunde mir entgegen ſchritte. Das Blut war mir halb erſtarrt! Noch immer wußte ich nicht, wer er war; ſeine Züge ſchwebten mir zwar dunkel vor der Phantaſte, aber zu erkennen vermochte ich ihn nicht. Irgendwo hatte ich ſte geſehen, dieſe Züge, *) V-t ſeyen eure Augen, ihr gaffenden Thoren! Seht ihr nicht die Artilleriſten, warum rſießt ihr ſie nicht vorn Kopf? F — 0 39 e— dieſe Stimme gehört, und zwar unter Umſtänden, die mir damals, wie jetzt, das Blut in den Adern erſtarrt hatten. Deutlich bewußt war ich mir, die⸗ ſelben Schauer, die ich jetzt empfand, bereits früher empfunden zu haben, und zwar in ſeinem Beiſeyn empfunden zu haben, ja, daß er es geweſen, der mir das Herzblut erfroren, mich bis in den innerſten Le⸗ bensnerv erſchüttert;— aber wo und wann, konnte ich mich nicht beſinnen. Die feindlichen Kugeln fielen wie Hagelkörner vor mir, um mich herum; ich ſtand wie verſteinert, bis endlich einer meiner Leute auf⸗ ſprang und mich am Arm den Prairierand hinabriß.“ „Erſt da— befreit von dieſer ſchrecklichen Nach⸗ barſchaft— kam ich wieder zu mir, konnte mich aber doch nicht enthalten, ſcheue Blicke hinauf nach der Er⸗ ſcheinung zu werfen, und ſeltſam! bei jedem ſolchen Blicke durchzuckte mich ein Etwas wie Verlangen— den Mann fallen zu ſehen.“ „Die Artilleriſten hatten, als wir noch auf der Prairie ſtanden, das Stück gegen uns gerichtet; ehe ſie es aber loszubrennen im Stande geweſen— waren wir bereits wieder unter dem Prairierande, und er ſchoß den Dritten weg. Sich ihres furchtbaren Geg⸗ — 40 6— ners auf alle Weiſe zu entledigen, brannten nun die beiden noch Uebrigen das Geſchütz auf ihn allein los, aber weder Kartätſchen⸗, noch Musketenkugeln des nun auf weniger denn fünfzig Schritte herangerückten Feindes vermochten etwas über ihn. Mit eiſerner Ruhe lud er fort, ſchoß den Vierten— und endlich den Letzten nieder, und ſchrie uns dann mit rauher Stimme zu: „D- n ye for lagging fellows, why dont ye take that'ere big gun?“*) „Um alle Welt aber wäre jetzt keiner von uns auf⸗ geſprungen. Wir hatten alle geladen, ſtanden aber wie Salzſäulen, ihn— wieder einander anſtierend— und gleichſam fragend, ob die ſeltſame Erſcheinung denn auch wirklich einer unſeres Gleichen— ein Er⸗ denbewohner— und nicht vielmehr ein Prairiege⸗ ſpenſt vor unſern Augen Spuk treibe?“ „Aber wie er ſo ganz allein in der Prairie oben ſtand— mit den verwitterten Zügen— dem mehrere Zolle langen Barte— der wie ſpaniſche Moosflocken um Hals und Nacken herum hing,— die Zielſcheibe *) V—te Schlafhauben, die ihr ſeyd!— Warum nehmt ihr nicht das große Stück? 3 —= 41 8— von hunderten feindlicher Kugeln,— glich er ſo ganz und gar einem der unzähligen Kobolde, mit denen der ſpaniſch katholiſche Aberglaube eben dieſe Prairie ſo reichlich ausgeſtattet, daß mir noch zu gegenwär⸗ tiger Stunde, wenn ich ihn mir ſo recht vor die Au⸗ gen rufe, unwillkürlich Zweifel aufſteigen, ob es denn doch auch mit ihm geheuer geweſen.— Er glich in der That weniger einem Erdenbewohner, als einem wüſten Wald⸗ oder Prairiegeſpenſte, und wie ein ſolches hätte er bei einem Haare eine arge T— ei über uns gebracht.“ „Unſere geringe Anzahl, die im Entſetzen verfehl⸗ ten Schüſſe,— vor Allem aber die augenſcheinliche Furcht, mit der wir unſere Flucht den Prairierand hinab bewerkſtelligten, hatte den Feind ſo über alle Erwartung ermuthigt, daß er die hinter der Kanone aufgeſtellte Compagnie im Doppelſchritt vorrücken, und unſern Verſteck mit einem heftigen Feuer beſtreichen ließ. Bereits ſchwenkte eine Rotte vor, um uns, die wir noch immer wie gelähmt ſtanden, von den Unſri⸗ gen abzuſchneiden, als— es war die höchſte Zeit— Fanning mit dreißig unſerer Riflemänner erſchien. Dieſer Anblick brachte uns mit einem Male wieder Das Cajütenbuch. II. 4 — o 12— zur Beſinnung. Ein freudiges Hurrah! und dann waren meine Leute auf der Bank oben; ohne ſich je⸗ doch an Fanning anzuſchließen,— war es Gefühl von Scham,— war es der neu erwachende Muth, — weiß ich nicht,— rückten ſie im Sturmſchritt bis auf zwanzig Schritte an den Feind heran, legten auf dieſen an, und ſchoſſen ein Dutzend Infanteriſten mit einer— möchte ich ſagen— ſo verzweifelten Ruhe und Kaltblütigkeit nieder, daß die Compagnie, ent⸗ ſetzt, einen Augenblick ſchwankte, dann aber im äußer⸗ ſten Schrecken die Musketen wegwarf und mit einem gellenden Diablos! Diablos! über Hals und Kopf Reißaus nahm.“ „Fanning hatte, trotz des kritiſchen Momentes, mit wahrhaft bewundernswürdigem Gleichmuthe ſeine Leute langſam feuern laſſen, ſo daß, als wir nun von unſerm Angriffe zurück kehrten, etwa noch ein halbes Dutzend nicht zum Schuſſe gekommen war, von Whartons Reſerve, die jetzt gleichfalls vorge⸗ rückt, gar keiner.— Die Compagnie war vollkom⸗ men geſprengt, und lief bereits dreihundert Schritte von uns, aber ſtatt dieſer zeigte ſich der Achtpfünder, der mittlerweile mit friſcher Bemannung verſehen, —=43 6— und ſo eben zum Losbrennen gegen uns gerichtet ward. Wäre die Bemannung aus Artilleriſten be⸗ ſtanden, ſte würden uns wahrſcheinlich auf eine Weiſe begrüßt haben, die dem Kampfe bald ein Ende ge⸗ macht hätte; aber ſo waren es Infanteriſten, die mit ihrer Unbeholfenheit nicht eher fertig wurden, als bis wieder die Hälfte weggeſchoſſen, wir unter den Prairie⸗ rand hinabgeſprungen waren.“ „Der Schuß ging los, wir ſprangen wieder auf.*— „Ein wahrer Waffentanz, bei dem uns denn aber doch allmälig heiß zu werden begann! Es war keine Minute zwiſchen unſerm Hinab⸗ und wieder Auf⸗ ſpringen verſtrichen, aber der kurze Zwiſchenraum hätte doch die der zerſtreuten Compagnie zunächſt auf⸗ geſtellten— weiter in die Prairie hinaus ſtehenden Colonnen— um ein Beträchtliches gegen uns vor⸗ gebracht. Wir ſahen jetzt, daß das zweite en échelon aufgeſtellte Bataillon gleichfalls im Vorrücken gegen uns begriffen, daß es ſeine ſchiefe Stellung ſo ge⸗ nommen, daß die hinteren Colonnen die vorderen ſoutenirten, ſo daß wir leicht mit einem Dutzend Com⸗ pagnien nach einander anzubinden haben dürften, eine Ausſicht, die uns denn doch bedenklich erſchien: 4* — 0 44— nicht, als ob wir im Mindeſten beſorgt geweſen wären, mit den zunächſt avancirten Compagnien nicht eben ſo leicht fertig zu werden; aber es ſtand auch— und das nicht ohne Grund— zu befürchten, daß der Feind, wenn ſich der Kampf in die Länge ziehe, all⸗ mälig auch den paniſchen Schrecken, den ihm bisher unſere Rifles eingeflößt, überwinde, ſich ermuthige, vom ſinnloſen Pelotonfeuer, das er der ganzen Linie entlang gegen uns unterhielt, zum Angriff mit dem Bajonet übergehe. Wenn nur eine einzige Compagnie zu einem ſolchen Angriff gebracht wurde, mußte unſere Lage ſchon deßhalb gefährlich werden, weil unſere Kräfte dann getheilt waren. Wir bemerkten ferner nicht ohne Unruhe, daß die Cavallerie, die ſich bisher ruhig in heilſamer Ferne gehalten, nun gleich⸗ falls in Bewegung gerathen, ſtark gegen die Mus⸗ ueetinſel hinab gedrückt, und daß der äußerſte rechte Flügel der Infanterie ſich ihr bereits auf Schußweite genähert, zweifelsohne, um ihr die Hand zu reichen, und dann vereint gegen uns vorzudringen. Wo waren aber unſere zwölf Mann, die wir in der Inſel gelaſſen? Was war aus ihnen geworden? Waren ſte noch da, oder hatten ſie ſich im Schrecken vor der —= 45— Uebermacht zur Miſſton zurück gezogen? Das wäre nun ein böſer Streich geweſen! Es waren treffliche Schützen, alle mit Piſtolen verſehen, die uns jetzt ſehr gut zu Statten gekommen, in der Miſſion aber abſolut verloren waren. Wir hatten ſte ſowohl, als die acht Mann der Miſſion, mehr in der Ahnung, daß ſte uns da nützlich ſeyn konnten, als mit klarer ſtrategiſcher An⸗ oder Einſicht zurück gelaſſen. Aber was vermochten zwölf Mann— wenn auch noch ſo treffliche Scharfſchützen— gegen zweihundertund⸗ fünfzig Dragoner und eine oder ein paar Compagnien? Wir bedauerten nun, dieſe zwölf Scharfſchützen, die uns gerade jetzt ſo treffliche Dienſte leiſten konnten, gleichſam auf den Würfel geſetzt zu haben,— denn was das Allerbedenklichſte, ſo begann unſere Am⸗ munition ſtark zu ſchwinden, nur Wenige hatten mehr als ſechzehn Ladungen Pulver und Blei mitgenom⸗ men, die bis auf ſechs verſchoſſen waren;— Items, die, ich verſichere Sie, keine ſehr angenehme Muſik zu dieſem unſern Waffentanze gaben. But a ſaint heart never won fair bride*); einen Augenblick *) Ein zaghaftes Herz gewann nimmer die reizende Braut. — 0 46 6— überlegten wir, und im nächſten waren wirentſe ſchloſſen. Die That raſch dem Entſchluſſe folgen laſſend, über⸗ nahm ich es mit zwanzig Mann, in die Lücke, die die zerſtreute Compagnie in der feindlichen Linie gelaſſen, vorzudringen,— den Feind ſo in die Flanke,— die Kanone aber endlich in unſere Gewalt zu bringen; Fanning und Wharton ſollten ihn in der Fronte an⸗ greifen." „Die Bemannung dieſer Kanone— mittlerweile wieder niedergeſchoſſen— beſtand jetzt bloß noch aus einem Offizier, der allein es gewagt, bei ihr auszu⸗ harren und ſte zu laden. Er fiel gerade, als ich mich zu unſern Leuten wandte, um die Zwanzig aufzufor⸗ dern, mir zu folgen. In demſelben Augenblicke aber taumelt etwas an meine Seite,— ich wende mich: Der geſpenſtiſch wilde Mann, den ich während des oberwähnten kritiſchen Momentes glücklich aus den Augen verloren, fällt mit einem gellenden Schrei an mich an, die losgebrannte Rifle krampfhaft mit beiden Händen erfaßt, die Augen verdreht— wild in den Höhlen rollend,— der ganze Mann wie ein mit der Art vor den Kopf getroffenes Rind vor mir nieder⸗ ſchmetternd.“, — o 17— * „In dem furchtbaren Rollen der Augen, den gräß⸗ lichen Blicken erkenne ich ihn.“ *„Bob!— kreiſchte ich." „Bob!— röͤchelte er, einen entſetzten und entſetz⸗ lichen Blick auf mich werfend;— Bob! Und wer ſeyd — ihr?“ „Einen wilden Strahl warfen mir die brechenden Augen noch zu, und dann ſchloſſen ſte ſich.“— „Mich aber trieb es fort, als ob wirklich ein Ge⸗ ſpenſt hinter mir her geweſen wäre. Der Kopf drehte ſich mir auf den Schultern,— entſetzliche Bilder ſtürmten auf mich ein.— In dieſem Augenblicke wußte ich nicht, ob ich über— auf— oder unter der Erde war.“— „Es iſt aber ein Schlachtfeld— mit dreizehnhun⸗ dert Feinden zu Geſellſchaftern— ein gar ſehr er⸗ ſprießliches Ding, Einem dem Kopf wieder theilweiſe zurecht zu ſetzen, das Gedanken⸗Chaos zu lichten; ber mir wenigſtens war dieß der Fall.“ „Einige meiner Leute waren auf die Kanone zuge⸗ ſprungen, hatten ſich an dieſe, den Ammunitionswa⸗ gen geſpannt, beide vorwärts gezogen, erſtere geladen, —= 48— — während die Andern als Bedeckung ſie links und rechts umgaben.“ „Noch waren ſte mit dem Laden des Geſchützes be⸗ ſchäftigt, als ein verwundertes: Seht, ſchaut doch ein⸗ mal! mich aufſchauen machte.“— „Der Feind ſchien in einem dem meinigen ähnlichen Zuſtande zu ſeyn.— Auch er ſchwankte, als ob er Geiſter ſähe, die ganze ſeindliche Linie, Colonnen und Escadrons. Noch hatte keiner meiner Leute einen Schuß gethan, wohl aber Fanning und Wharton, die etwa zwanzig Schüſſe abgefeuert, als ſowohl die näch⸗ ſten Colonnen, ſo wie die entfernteren in die ſeltfamſte Bewegung geriethen!“ „Es war ein ordentliches Erzittern, Erbeben, das über ſte kam, und das gerade ausſah, als wenn es von einem Erdbeben herrührte, einem unterirdiſchen Stoße, einer Erſchütterung, die Alles durch einander würfe. Wir hielten unſre Rifles zur Deckung der Kanone in Reſerve; dieſe ſelbſt, doppelt geladen, ließ ich ſo eben mit Zündkraut verſehen, als das Schwanken des Fein⸗ des ſo heftig wurde, daß ich den Schützen ſich zu beiden Seiten der Kanone anzureihen befahl. Die Colonnen der Infanterie erſchienen gerade wie ungeheure Fels⸗ — 0 19— maſſen,— und in ihren braunen Uniformen glichen ſie auch ſolchen,— wie ſie am hohen Berggipfel aus ihren Lagern geriſſen, einen Augenblick ſchwanken, un⸗ gewiß, auf welche Seite ſie geriſſen werden.“ „Ich hatte in Eile die Lunte angeblaſen, ließ feuern und brannte dann den Kartätſchenſchuß ab.“ „Den letzteren erwartete jedoch der Feind nicht mehr. Gleich den erwähnten Felſenmaſſen ſich plötz⸗ lich losreißend, barſt die ganze lange Linie aus ein⸗ ander, aber nicht die Colonnen, die gegen uns ſtanden, zuerſt, die des äußerſten linken Flügels hatten den An⸗ fang gemacht, dann folgte das Centrum, der links gegen uns ſtehende Flügel war der letzte; aber Eines hatte das Andere mitgeriſſen. Es war die wildeſte, regelloſeſte Flucht, die ich je geſehen.— Infanterie, Cavallerie,— Alle jagten ſich gerade, ich kann es Ihnen nicht beſſer verſtnnlichen, als wie Felsmaſſen, die vom höchſten Berggipfel losgeriſſen, auch Alles mit ſich fort in den Abgrund reißen.“— „Wir ſtanden, wir ſchauten, wir ſtarrten; lange vermochten wir es nicht, den Feind und ſeine ſeltſame Flucht zu begreifen. Endlich begannen uns beide klar zu werden.“ —"0 50— „Die Infanterie nämlich, ihren linken Flügel an den Salado gelehnt, hatte ihren rechten in die Prai⸗ rie hinaus gegen die Musqueetinſel vorgeſchoben, um ſich an die vis-à-vis von uns haltenden Dragoner an⸗ zuſchließen und dann vereint gegen uns vorzudringen, ein Manoeuvre, das, wie geſagt, unſere Aufmerkſam⸗ keit und Kräfte theilen, uns ſo in Verwirrung bringen ſollte. Der Plan war nicht übel, bereits hatte ſich ſowohl Infanterie als Cavallerie gegen die Inſel hinab und hinangezogen, natürlich ohne auch nur im Ge⸗ ringſten zu argwohnen, daß dieſe von uns beſetzt ſeyn könnte. Auch zeigte ſich da nichts Verdächtiges. Unſere zwölf trefflichen Riflemänner, hinter den Bäu⸗ men verborgen, ließen ſowohl Escadrons als Com⸗ pagnien bis auf zwanzig Schritte an die Inſel heran kommen, aber als ſte ſo weit heran gekommen, öffne⸗ ten ſie plötzlich ihr Feuer, wohl bedacht zuerſt die Pi⸗ ſtolen, und dann die Rifles gebrauchend.“ „Eine Ueberraſchung aber von einigen dreißig Schüſſen, plötzlich aus einem ſolchen Hinterhalte kom⸗ mend, dürfte nun wohl die beſten Truppen außer Faſſung gebracht haben, um wie viel mehr unſere merikaniſchen Dons, die kaum von ihrem erſten —= 51— Schrecken erholt, ſich von den eingefleiſchten Diablos, wie ſte uns nannten, auf allen Seiten umzingelt hiel⸗ ten.— Ihnen ſo ſchnell als möglich zu entgehen, brachen ſie daher auch auf allen Seiten aus, die In⸗ fanterie unwiderſtehlich mit ſich fortreißend,— Co⸗ lonne auf Colonne, bis ſich endlich die ganze Linie in ein endloſes Gewimmel Flüchtiger auflöste.“ „Der Sieg war ſo gekommen, wir wußten ſelbſt nicht, wie.— Fannings und Whartons Leute hatten zwei Mal, die meinigen nur einmal abgeſchoſſen, als auch bereits die feindlichen Maſſen ſich auflösten, wie wilde Muſtangheerden, von den Laſſojägern verfolgt, in die Prairie hinaus brachen.“ XV. „Unſer erſter Gedanke war natürlich, die Flüchtigen zu verfolgen— von der Furth abzuſchneiden; auch waren wir im Begriff, die Ordre dazu zu geben, als mehrere der Unſrigen— die die Patrontaſchen der gefallenen Infanteriſten, ſo wie ihre Musketen unter⸗ ſucht— uns von dieſem Beſchluſſe abzuſtehen ver⸗ mochten. Unſere Ammunition war nämlich, wie ge⸗ —“° 52 6— ſagt, großentheils aufgebraucht, und die erbeutete ſo ſchlecht, daß ſie, wie wir ſpäter erprobten, keine Kugel fünfzig Schritte weit trug. Das Pulver, wenig beſſer als Kohlenſtaub, gab uns nicht nur vollkommenen Aufſchluß über unſere Unverletzlichkeit, ſondern auch einen neuen Beleg,— wenn es eines ſolchen noch be⸗ durft hätte,— über John Bulls Rechtlichkeit in ſei⸗ nem Handel und Wandel mit fremden Völkern. Mus⸗ keten und Patronen trugen die Etiquetten von Bir⸗ mingham und einer ihrer Pulverfabriken, aber mit dem naiven Beiſatze: Für Exportation ins Ausland.“ „Seien Sie aber verſichert, John Bull würde ſei⸗ nem Kohlenſtaube etwas mehr Schwefel und Salpeter beigefügt haben,“ bemerkte lächelnd Oberſt Oakley, „hätte er ſich auch nur im Entfernteſten einbilden können, er werde auf ſeinen Bruder Jonathan in An⸗ wendung gebracht werden.“ „Zweifelsohne!“ fielen die Andern lachend bei. „Bei alle dem aber doch erbärmliche Haſenfüße, dieſe Mexikaner;“ bemerkte mit etwas wie Naſe⸗ rümpfen Oberſt Cracker.„Mit zwei Bataillonen und ſechs Escadronen Dragoner keinen Bajonet⸗An⸗ griff zu wagen!“ 3 — 0 53 6— Es war wohl etwas unzeitig Unzartes, Verletzen⸗ des in dieſer Bemerkung, der Texaſer ſchien ſie jedoch ganz und gar nicht übel zu nehmen; im heiter artigen Tone verſetzte er: „Daſſelbe dachten auch wir, und, die Wahrheit zu geſtehen, Oberſt Cracker! wunderten wir uns ſelbſt, daß er dieſes nicht gethan. Auf alle Fälle würde ein Bajonet⸗Angriff dem Feinde nicht mehr— wahr⸗ ſcheinlich nicht einmal ſo viel Leute gekoſtet, unſere Vertheidigung aber um Vieles kritiſcher geſtellt haben. Den Muth jedoch hätten wir deßhalb ſo wenig als die Hoffnung auf endlichen Sieg ſinken laſſen. Einige achtzig tüchtiger, entſchloſſener, und was die Haupt⸗ ſache iſt, kaltblütiger Scharfſchützen, bleiben auch ſelbſt für Bataillone und Escadrons ein nicht zu verachten⸗ der Gegner, wie unſere Kriegsgeſchichte mehr denn einmal erwieſen. Die Schlacht von Lexington, wo einige hundert Landleute es nicht nur kühn mit mehre⸗ ren brittiſchen Regimentern aufgenommen, ſondern dieſe mit Extrapoſt nach Boſton zurück geſandt, die Schlacht von Niagara, mit manchen andern, ſind dafür Belege. An den Furthen aufgeſtellt, würden wir es ohne Bedenken mit zweien der beſten engliſchen —= 54— Bataillone aufgenommen haben. Und ſelbſt in der Stellung, die wir inne hatten, würde ich nicht an⸗ ſtehen, mit denſelben Truppen es gegen denſelben Feind zu jeder Stunde wieder zu verſuchen.“ „Ich ſage mit denſe elben Truppen,“ fuhr der Texaſer im freundlichſt heiterſten, aber etwas muthwilligen Tone fort;„denn Ihr, Oberſt Cracker! ſcheint unſere Leute mehr vom Exercirplatze, als vom Schlachtfelde her zu kennen, ich aber habe die Ehre, ſie von dieſem letzteren her zu kennen, und kann Euch deßhalb auch verſichern, daß ich ſie für die beſten, beſonnenſten, kaltblütigſten Truppen der Welt halte, ſo wie ſie ge⸗ wiß bei weitem die verſtändigſten, geſcheidteſten ſind. Dieſes Verſtändig⸗, Geſcheidtſeyn aber thut viel, ſehr viel; es entſcheidet ſelbſt heut zu Tage noch mehr, als Ihr glaubt, ja ſo gut, als es zu den Zeiten der Grie⸗ chen und Römer und den mittelalterlichen der Schwei⸗ zer entſchied. Die Bauern der Schweiz beſtegten, ohne gerade beſondere Feldherrngenies zu beſitzen, die beſten Herzöge, Grafen und Ritter ihrer Zeit, und ſo thaten unſere Farmers mit den Britten, ehe noch der große Waſhington den Oberbefehl über unſere Heere übernahm. Was nun unſere Teraſer Generale, ** ¹ 8 Oberſten und Stabsoffiziere betrifft, ſo glaube ich ihrer Selbſtliebe auch nicht im Geringſten vorzugreifen, wenn ich Euch verſichere, daß ſich Keiner von uns für einen zweiten Friedrich oder erſten Napoleon hielt, eben ſo wenig für einen Hexenmeiſter; ja ich gebe Euch noch mehr zu, ich geſtehe Euch ſogar, daß unſere Leute beſſer als ihre Offiziere waren, eine Eigenheit übri⸗ gens, die, wie Ihr wiſſen werdet, Oberſt Cracker! auch unſer Verwandter John Bull mit uns gemein hat, deſſen Soldaten auch häufig in Spanien und den Niederlanden die Scharten ſeiner Generäle und Offi⸗ ziere auswetzen mußten. Ja, Oberſt Cracker! was wäre zum Beiſpiel aus dem ohne Zweifel von Euch über Alles geſtellten Wellington— by the by! ich bin in dieſem Punkte ſo frei, von Eurer Meinung in Betreff dieſes gerühmten Herzogs abzuweichen, den ich zwar für einen ſehr preiswürdigen Tory, aber ſehr mittelmäßigen Feldherrn halte,— was wäre aus ihm ohne ſeine Britten geworden!— Wenn Ihr das Terrain von Waterloo mit etwas wie Kenneraugen anſchautet, würdet Ihr zugeben, daß nur der brittiſche Stieresmuth, geſchwängert, wie er war, mit National⸗ haß und ſonverainer Verachtung der franzöſtſchen / 4 — o 56 8— Suppen⸗ und Froſcheſſer— die er ſchon in den Tagen von Azincourt, Crequi, Poitiers und Blenheim ſo kapital durchgedroſchen,— daß nur dieſer brittiſche Stieresmuth, ſage ich, auszuhalten vermochte, bis— die Preußen kamen. Es that aber noth, höchſt noth, daß ſie kamen, bürg' Euch dafür;— eine Stunde ſpäter, und es wäre zu ſpät geweſen. Glaubt mir, Oberſt Cracker! die Preußen haben ein ganz ſo gutes Recht, den Mund eben ſo voll von ihrer Belle⸗Alliance zu nehmen, als es die Britten bis zum Ekel mit ihrem Waterloo thun.“ Es war aber wieder etwas ſo fein ironiſch Muth⸗ williges und zugleich Liebenswürdiges in der Weiſe, wie der Oberſt die ſchnöde Bemerkung— nicht zu⸗ rückwies, ſondern parirte, daß Alle ohne Ausnahme in die lauteſten Bravos ausbrachen. Oberſt Cracker allein biß ſich in die Lippen. „So wie die Dinge ſtanden,“ fuhr der Erzähler fort,„blieb uns, wie geſagt, nichts weiter übrig, als den Feind laufen zu laſſen. Wir ließen ihn ſonach auch laufen. Das Einzige, was wir thaten, war, daß wir eine kleine Abtheilung nach der Musqueetinſel — e 57— ſandten, die von da aus mit den zwölf Mann nach der Furth hinabrückte, gegen die wir uns nun auch ſelbſt mit dem Gros unſers kleinen Corps wandten.“— „Die Demonſtration hatte den beabſichtigten Er⸗ folg, daß ſie nämlich die Flüchtlinge, die im erſten paniſchen Schrecken ihr Ziel, die Furth, weit über⸗ ſchoſſen, dieſer wieder zubrachte, und ſo die Prairie mit dem dießſeitigen Ufer von ihrer Gegenwart be⸗ freite. Roß und Mann ſtürzten zugleich der Furth und dem Waſſer zu, und ehe wir noch bis auf hundert Schritte heran gekommen, waren drei Viertheile des Feindes am jenſeitigen Ufer— in Sicherheit.“ „Ein paar hundert waren aber noch zurück, und unſer, wenn wir wollten; allein jetzt ergab ſich einer jener Auftritte, die in unſerm politiſchen ſo wie Krie⸗ gerleben die Geduld der armen Diener des lieben ſou⸗ verainen Volkes denn ſo häufig aufs Aeußerſte ſpannen; wo das ſouveraine Volk ſehr zur Unzeit, ſeinen allmächtigen Willen zu erkennen zu geben, Einſpruch in den ſeiner ſogenannten Diener zu thun pflegt.“— „Wharton war nämlich mit dreißig Mann voran, Das Cajütenbuch. II. 5 —= 58 6— und gab Befehl, zu feuern, aber keiner ſeiner Leute leiſtete Folge. Er befahl ein zweites Mal— die⸗ ſelbe Widerſpenſtigkeit.— Wie er jetzt ungeduldig ein drittes Mal commandirte, trat ein alter wetter⸗ und ſonnenverbrannter Bärenjäger kopfſchüttelnd an ihn heran, ſich mit aller Muße folgendermaßen expecto⸗ rirend:“ „Wollen euch ſagen, Capting!— Bei den Worten ſchob er den Tabacksquid aus ſeiner linken Backen⸗ höhle in die rechte über.— Wollen euch ſagen, Cap⸗ ting! Calculiren, laſſen für jetzt die armen Teufel, die Dons, in Ruhe!“ „Die armen Teufel, die Dons, in Ruhe!— ſchrie Wharton in höchſter Ungeduld;— ſeyd ihr toll, Mann? „Fanning und ich mit unſern Leuten waren jetzt gleichfalls heran gekommen, begreiflicher Weiſe nicht weniger ungeduldig, als wir hörten, um was es ſich handle.“ „Der Mann ließ ſich jedoch nicht beirren— pero⸗ rirte weiter.“ „Haben ein Sprichwort, Gentlemen!— wandte er ſich nun an uns;— haben ein Sprichwort, das da — 59— ſagt, müſſe man dem geſchlagenen Feinde eine goldene Brücke bauen, und calculire, iſt ein gutes Sprichwort, das, ein conſtderabel probates Sprichwort das immer⸗ hin, dem Feinde eine goldene Brücke zu bauen.“ „Was wollt ihr aber, Mann, mit eurem goldenen Sprichwort? Wißt ihr, daß ihr eine unpaſſende Zeit gewählt habt zu eurem Sprichwort?— ſchrie Fanning.“ „Was ihr thut, iſt inſubordinations⸗, ſtrafwürdig; eure Schuldigkeit iſt zu feuern, dem Feinde den größt⸗ möglichen Abbruch zu thun, nicht aber zu ſprichwör⸗ tern, wieder ich.“ „Calculire, es iſt,— verſetzte der Mann mit em⸗ pörender Kälte;— calculire, könnten ihn auch jetzt ohne Gefahr und Mühe niederſchießen; calculire aber, wäre das ſpaniſch⸗mexikaniſch, nicht amerikaniſch, nicht klug.“ „Nicht klug?— ſchrie ich.“ „Spaniſch⸗mexikaniſch, nicht amerikaniſch, den Feind laufen zu laſſen, wenn wir ihn in unſerer Gewalt haben?— Fanning und Wharton.“ „Calculire, wäre es. Calculire, würden uns ſelbſt mehr ſchaden, als ihm, wenn wir ihm ſeine Leute nun 5 ⸗ — 0 60 6— niederſchöſſen, ſte nicht laufen ließen;— fuhr der Mann ganz ruhig fort.— Calculire, würdet euch ſelbſt den größten Schaden thun, und zwar aus dem⸗ ſelben Grunde, vermöge welchem ihr commandirt habt, von den angreifenden Schwadronen und Compagnien ja nur die vorderſten Reihen und Glieder wegzuſchießen. War das ein conſiderabel vernünftiges Commande⸗ ment, bürg' euch dafür, von wegen, weil ihr ſo dem Feinde handgreiflich darthatet, daß ihr nur die Ueber⸗ müthigen, Kecken, Verwegenen beſtrafen, die Sanft⸗ müthigen aber, die Zaghaften, Furchtſamen, die hinten ſtanden und nicht vor wollten, verſchonen wolltet. War das eine gute Calkilation, wißt ihr, von wegen, weil ihr einen Unterſchied zwiſchen Feinden und Fein⸗ den, gleichſam eine Prämie für die Feigheit aufſtell⸗ tet. Hättet ihr Alle ohne Unterſchied nehmen laſſen, die Hinteren ſo wie die Vorderen, hättet ihr die Feigen tapfer zu ſeyn genöthigt, und wäre das ein großer Fehler geweſen.“ „Wir konnten, wie Sie leicht denken mögen, vor⸗ Zorn berſten, aber unſere Leute nickten beiſtimmend, links und rechts.“ „Der Mann fuhr fort: Calkilire, iſt eine große — 61— Kurzſichtigkeit, den Feind ohne Unterſchied nieder zu machen, den Zaghaften ebenſowohl als den Herzhaf⸗ ten; heißt das ein Prämium auf die Tapferkeit ſetzen, und iſt das zwar klug, wenn man es bei ſeinen, aber nicht klug, wenn man es bei des Feindes Leuten thut. Sind die Zaghaften immer die beſten Alltirten, ſind es dieſe, die, wenn ihr ſie verſchont, bei der nächſten Gelegenheit zuerſt Reißaus nehmen, die Andern mit ſich fortreißen. Und ſind die— er wies hier mit der Hand auf die flüchtigen Merikaner— wohl die Aller⸗ zaghafteſten, denn ſind im paniſchen Schrecken am weiteſten in die Prairie hinaus geſprengt, zuerſt aus⸗ gebrochen, haben in ihrer Angſt die Furth ganz und gar vergeſſen. Und wenn ihr jetzt in ſie hinein ſchießt, und ſie ſo merken, daß, gleichviel, ob zaghaft oder tapfer, ſie doch von uns nieder geſchoſſen werden, je nun, ſo könnt ihr ſicher ſeyn, daß ſie bei der nächſten Gelegenheit ihren Balg theuer verkaufen." „So unzeitig das ganze Palaver, um mich eines volksthümlichen Ausdrucks zu bedienen, auch war, ſo hatte es doch auch wieder viel Beachtungswerthes; dann ſprach der Mann ſo ſimpel naiv ſchlau, ich mußte lächeln. — d 62— „Sage euch, Captings!— ſchloß er;— ealkilire, laßt die armen Teufel, die Dons, laufen. Werden uns ſo beſſere Früchte tragen, die Haſenfüße, wenn wir ſte laufen laſſen, als wenn wir ihrer fünfhundert nieder ſchöſſen. Calkilire, werden das nächſte Mal dafür zuerſt Reißaus nehmen, uns ſo den Dank für die bewieſene Großmuth abſtatten.“— „Und jetzt trat der Mann in die Reihen zurück, und Alle nickten und ſtimmten bei, und calculirten, der Ze⸗ bediah habe ein wahres Wort geſprochen, und mittler⸗ weile war auch der Feind am jenſeitigen Ufer und wir — hatten das Nachſehen.“ „Da haben Sie nun eine unſerer volksſouverainen Capers, die, die Wahrheit zu geſtehen, Einen wohl oft um Sinne und Verſtand bringen könnten, wenn man, wie jener Irländer meinte, weder die einen, noch den andern je hatte; ſonſt aber auch wieder zeigen, daß unſere Leute ſelbſt in der größten Aufregung noch ſpitzfindig zu raiſonniren, jeden möglichen Umſtand zu ihrem Vortheil zu benutzen wiſſen. Freilich er⸗ fordern ſolche Leute wieder eine ganz eigenthümliche Behandlung.— Unſer amerikaniſcher Geiſt äußert —=d 63 6— ſich zuweilen ſo queer, beinahe verſchroben, tritt ſo eigenthümlich hervor, aber immer finden Sie zuletzt, daß er doch den Nagel auf den Kopf trifft, das Auge des Volkes richtig, ja richtiger, als das ſeiner Vor⸗ geſetzten, oder vielmehr Diener, ſieht. Später hatte ich oft Gelegenheit, dieß zu bemerken, und jedes Mal, wenn ich mich dieſem Geiſte fügte, drang ich auch glücklich mit meinem Unternehmen durch, ſo wie ande⸗ rerſeits das Ueberhören der Volksſtimme von Seite meines unvergeßlichen Freundes nicht nur ſeinen Un⸗ tergang, ſondern auch beinahe den unſeres neugebornen Staates nachgezogen hätte.“— „Läſtig bleiben aber ſolche Zwiſchenſpiele in hohem Grade, da ſie eine Doſts von Selbſtverläugnung be⸗ dingen, die man oft bei aller Philoſophie nicht immer aufzubringen vermag. Das Beſte iſt jedoch, daß Bruder Jonathan, trotz der queeren Notions, die ihm zuweilen das Gehirn durchkreuzen, doch das letzte Ziel — ſeinen Vortheil— nicht leicht aus den Augen verliert, wie wir auch hier erfuhren. Zu ſchießen weigerten ſich zwar unſere Leute, aber nicht, auf das jenſeitige Ufer vorzurücken, um den Feind und die Richtung, die er nahm, im Auge zu behalten.“— — e 61— „Wir beorderten den alten Bärenjäger mit zwanzig Mann hinüber, und zogen uns dann in unſere alte Poſttion zurück.“— „Ich aber eilte dieſer mit einer Haſt zu, die wohl das Befremden der meinigen erregen konnte, denn ſchon während der letzten Vorgänge war mein Beneh⸗ men ſeltſam genug geweſen! Wie ein Betrunkener hatte ich mich umher getrieben— als ob ich Geſpen⸗ ſter geſehen. Aber ich ſah ſie auch! Wie ein wahres Geſpenſt war mir das Bild Bobs während des An⸗ griffs— der Flucht des Feindes— die ganze Zeit hindurch— vorgeſchwebt; ein wirrer Geiſt in mich gefahren, der mich hin zog und trieb— zu ſeiner Leiche. Es war mir, als müßte ich ſeinen Leichnam ſehen, als ob davon meine Ruhe, mein Frieden ab⸗ hinge. Eine ſtre Idee, die mich ſo heftig ergriff, daß ich wie wahnſinnig der Stelle zulief, wo er nieder geſchmettert, da angelangt, mit wild rollenden Augen herum ſuchte— ſprang. Seltſam muß ich zu ſchauen geweſen ſeyn, denn die Meinigen waren erſchrocken herbei geeilt, zu ſehen, was es mit mir und dem wil⸗ den Prairiemanne gäbe. Nirgends aber war eine —-d 65 6— Spur von ihm zu finden. Ringsum die Stelle, wo er gefallen, ſuchend, war ich von dieſer aufwärts, dem Rande der Prairie, dem Rebengeſtripp entlang,— wieder abwärts gelaufen, hatte jeden Infanteriſten, Artilleriſten, Cavalleriſten beſehen, aber Ihn nicht gefunden.— Ein Gefühl der Verzweiflung kam über mich, als ich ſo herum ſchauend ihn nicht fand! So drückend war es mir, gerade als ob der Würgengel los gelaſſen, mich umſchwebte, ſeine Krallen nach mir ſtreckte.“— „Wharton redete mich an, fragte, ob ich den wilden Prairiemann ſuche. Ich ſprang auf ihn zu, forderte ihn auf, mir zu ſagen wo er ſey. Er ſchüttelte den Kopf. Er wiſſe nicht, was aus ihm geworden, noch wohin er gekommen. Nur ſo viel könne er mir ver⸗ ſichern, daß ihn nicht bald Jemand ſo außer aller Faſſung gebracht.“ „Daſſelbe beſtätigten die Männer, die Wharton umgaben. Sie waren in der Weinrebengrotte, etwa fünfzig Schritte hinter Fannings Leuten geſtanden, als— gerade wie die Infanterie von der Furth in die Prairie hinauf rückte— ein Mann von Norden her auf einem Muſtang getrottet kam, etwa zweihun⸗ — 0 66 6— dert Schritte oberhalb am Prairierande hielt, abſtieg, den Muſtang an die Weinranken band, und dann, ſeine Rifle im Arme, haſtig dem Prairierande entlang auf den Feind zuſchritt.“ „An Whartons Abtheilung heran gekommen, be⸗ fahl ihm dieſer zu halten und Rede zu ſtehen, wer er ſey, woher er komme, wohin er wolle? Die Antwort des Mannes war: Wer er ſey, gehe den Frager nichts an, noch woher er komme, wohin er gehe, werde er ſehen. Er gehe gegen den Feind. u „Dann ſolle er ſich anſchließen,— ſchrie ihm Whar⸗ ton zu.“ „Dieſes Anſinnen wies der Mann trotzig zurück: er wolle für ſich und ſeine Rechnung fechten.“ „Das dürfe er nicht,— rief ihm wieder Whar⸗ ton zu.“ „Er wolle ſehen, wer es ihm verbieten würde. Und mit dieſen Worten ging er. Eine Minute darauf ſchoß er bereits den erſten Artilleriſten nieder.“ „Natürlich ließ man ihn nun auf ſeine Rechnung fechten. „Was weiter— nach ſeinem Falle aus ihm ge⸗ —:= 67 6— worden, das wußte Keiner zu ſagen. Zuleetzt wollte Einer den Bärenjäger um ihn geſehen haben.“ „Zum Bärenjäger eilte ich ſonach.“ „Der Aufſchluß, den ich von ihm erhielt, lautete folgendermaßen: „Calculirend,— um mich ſeiner Worte zu bedienen, — daß die Rifle des wilden Prairiemannes wohl eine ſo capitale Rifle,— als je Bären kalt gemacht,— leicht in unrechte Hände fallen dürfte, habe er es für ſeine Bürgerpflicht gehalten, einer ſolchen Gefahr vor⸗ zubeugen, und die Rifle in ſeine Verwahrung zu neh⸗ men; weßwegen er ſich an den todten Prairiemann angemacht, obwohl ihn das Frontispièce deſſelben nichts weniger als einladend gedünkt. Aber wie er ſich ſo an ihn angemacht, Willens, die Rifle ſeinen Händen zu entwinden, habe er für ſeine Bemühung einen Ruck erhalten, der ihn bei einem Haare neben dem wilden Todten hingeſtreckt hätte, worüber er ſchier perplex geſchaut, und wie er ſo geſchaut, habe er geſehen, daß der wilde Mann an ſeinem Hirſchfell⸗ wamſe herumkrabble, auch dieſes aufthat, wo ſich dann eine Wunde an der Bruſt zeigte. Die Wunde ſey aber weder tief, noch gefährlich geweſen, und obwohl —= 68 6— die Kugel den Mann niedergeworfen und betäubt, ſey ſte doch nicht in die Bruſt eingedrungen, vielmehr an das Bruſtbein angeprallt, ſo daß er ſie ſelbſt heraus gezogen. Darauf habe der Prairiemann ſeine Rifle erfaßt, ſich, geſtützt auf dieſe, erhoben, und ohne we⸗ der Thank ye, noch D- n ye zu ſagen, ſeinen Weg der Weinrebengrotte zu genommen, da ſeinen Mu⸗ ſtang den Prairierand herauf gezogen, dieſen beſtiegen, worauf er dann langſam in nördlicher Richtung fort geritten.“ „Das ſey Alles, was er von dem Manne wiſſe, und wolle er auch nichts mehr von ihm wiſſen, noch ſehen, denn was er geſehen, ſey wahrlich nicht geeig⸗ net, ihm Luſt zur Erneuerung der Bekanntſchaft ein⸗ zuflößen. Sey das ein Geſicht, das Einen wahrlich nicht auf kirchengängeriſche Gedanken bringe, ein wah⸗ res Brudermördergeſicht, nicht menſchlich anzuſchauen, und das ihm vorgekommen, als ob der Mann, dem es gehörte, wenigſtens ein Dutzend Mal vom Galgen gefallen.“— „Während der Mann ſo ſprach, hatte ſich ein un⸗ ſäglich widerwärtiges Gefühl— ein wahres Grauſen meiner bemächtigt. Von meiner katholiſchen Amme —= 69 6— hatte ich in meiner Kindheit ein Mährchen gehört: Ein zwölffacher Mörder, der zwölfmal in den verſchiedenen Grafſchaften Irlands geköpft, gehängt, geviertheilt worden, in der Mitternachtſtunde nach der Hinrich⸗ tung aber wieder von einem böſen Zauberer, der in Geſtalt einer ungeheuern ſchwarzen Katze die zer⸗ riſſenen und getrennten Körpertheile zuſammenſetzte, wiederbelebt wurde— mußte endlich im dreizehnten Mal— mit einem von St. Patrick geweihten Schwerte gerichtet werden— über das der arge Zauberer be⸗ greiflicher Weiſe keine Gewalt mehr hatte, ſo daß er nur noch die vom Schwerte nicht berührten Glied⸗ maßen zuſammenfügen konnte— die denn auch noch immer in einem gewiſſen Theile Irlands ihr Weſen zur Mitternachtsſtunde trieben.— Das Bild dieſes zwölffachen Mörders, werden Sie es glauben? ſtand jetzt nicht nur in ſeiner ganzen grauſigen Geſtalt vor mir, es hatte auch, ſo abſurd Ihnen dieſes klingen mag, ganz und gar die Züge Bobs angenommen.“ „Der Menſch iſt ein wahres Räthſel, und noch heute iſt mir unbegreiflich, was damals mit mir vorging. So wie nach den Auftritten in der Prairie am Ja⸗ —= 70- cinto, fühlte ich mich auch jetzt wieder ſo ſtark ange⸗ griffen, die Wirkung der Phantaſie auf den Körper äußerte ſich ſo heftig, daß mir der Schweiß aus allen Poren drang, das Bewußtſeyn ſchwand, ich in einem fieberähnlichen Zuſtande am Rande der Prairie hin⸗ ſank. „Fanning, der erſchrocken zu meinem Beiſtande herbeieilte, gelang es endlich, nicht ohne Mühe, mich zur Beſinnung zu bringen.“ „Mit ihm kam ein Mann, den der Sergeant, den wir mit dem kleinen Piquet in der Miſſion Eſpado zurückgelaſſen, geſandt hatte, um Erkundigungen über den Stand der Dinge einzuziehen, und uns zugleich zu benachrichtigen, daß General Auſtin mit unſerer kleinen Armee im Anzuge ſey. Auch er hatte den wilden Prairiemann geſehen, das erſte Mal, als er auf dem Kirchthurme poſtirt, die Bewegungen des Feindes beobachtete. Da ſah er einen Reiter, der von Conception kommend, etwa zweihundert Schritte von der Miſſion vorbeijagte und es ganz toll auf ſei⸗ nem Muſtang trieb, mit Händen und Füßen, der Rifle, dem Bowie kniſe focht, und ſich wie ein Raſender geberdete. Er ritt gerade auf die obere Furth zu.— —“" 71— Etwa eine Stunde nachher ſah er ihn das zweite Mal, langſam in nördlicher Richtung fortreiten, und kaum im Stande, ſich im Sattel zu erhalten. Nach ſeiner Meinung mußte er von der Miſſion Conception ge⸗ kommen und dahin wieder zurückgekehrt ſeyn.“ „Ohne Verzug ließ ich mir eines der erbeuteten Dragonerpferde bringen, beſtieg es, und jagte der Miſſion Conception zu.“ „Von den da befindlichen alten Merikanern hörte ich nun die ſeltſame Mähre, daß der Herege Inglese y Americano, der ſeit Jahren Jäger der Miſſion ge⸗ weſen, nie ein Wort mit irgend Jemandem geſprochen, ſelbſt nicht mit den frommen Padres, die— ihn in den Schooß der alleinſeligmachenden Religion zurück zu führen— öfters von der Hauptſtadt herüber ge⸗ kommen wären, daß dieſer Herege nach einem mehr⸗ wöchentlichen Krankenlager vor etwa drei Stunden plötzlich erſtanden, ſeinen Muſtang geſattelt, ſeine Rifle um die Schulter geworfen, und in der Richtung, die wir genommen, fortgeritten,— aber nicht wieder⸗ gekehrt ſey.“ „Ihrer Beſchreibung nach blieb nicht der mindeſte — 72— Zweifel übrig, daß Bob und der Herege Americano eine und dieſelbe Perſon waren.“— „Aber wie kam er hierher— wie ward er gerettet? — denn wenigſtens waren zwölf bis fünfzehn Minu⸗ ten verſtrichen, ehe der Alcalde ihn vom Laſſo ge⸗ ſchnitten haben konnte. Er hatte ihn alſo doch ge⸗ rettet, ihn vielleicht ſelbſt in die Miſſton geſandt? Aber derſelbe Alcalde hatte ja Johnny vorzüglich deßhalb richten laſſen, weil er zu Padre Joſe geflüchtet?— Und Bob! War er katholiſch geworden? Wie kam es, daß er gegen ſeine Glaubensgenoſſen focht? wenn nicht, warum ließ man ihn ſo lange in der Miſſion? Alles Räthſel, die mir den Kopf ſo verwirrten, daß er ſich mir wie im Kreiſel herum zu drehen— ich ver⸗ rückt zu werden zu befürchten begann. In einem un⸗ beſchreiblichen Taumel kehrte ich zu den Meinigen zurück.“. „Erſt, als ich mich an der Seite Fannings befand, ſchwanden Irrlichter und Nebel. Fanning, als ich ihm das Gehörte mitgetheilt, dachte einen Augenblick nach, und dann ſchien ihm Licht aufzugehen. Ich ſchüttelte zwar den Kopf, aber er bewies mir aus mehreren Umſtänden die Richtigkeit ſeiner Vermuthung, die mir —= 73 6— zwar nicht ganz ſo klar einleuchten wollte, aber doch das Gute hatte, daß ſte einen Halt darbot, an den meine Gedanken ſich gewiſſermaßen lehnen, ſo wieder in ein vernünftiges Geleiſe zurückkehren konnten.“ „Worin dieſe Vermuthung beſtand, kann ich jetzt nicht ſagen, aber ſte erwies ſich richtig. Das Selt⸗ ſamſte jedoch iſt und bleibt der Umſtand, daß mit dem Fingerzeige, den mir der unbefangene Freund gab, auch alle die phantaſtiſchen, die grauſtgen Bilder mit einem Male ſchwanden,— Bob mir wieder wie jeder Andere erſchien. Das Chaos von wüſten, wilden Phantaſtebildern war gewichen. Es begann zu tagen.4 „Die Stimmung, in der ich unſere Leute fand, die Scenen, die ſich meinen Augen darboten, vollendeten meine Geneſung.“ „Es bringt ein Sieg immer ganz eigenthümliche Wirkungen an den Siegern hervor. Der Umſchwung der Empfindungen iſt ſo gewaltſam, daß ich nun wohl begreifen kann, wie Verwundete, die bereits die To⸗ desnacht umfangen, ſich nochmals auf— und ins Leben zurück raffen, um inmitten ihrer Todesqualen Das Cajütenbuch. II. 6 — o 14— noch ein letztes Mal aufzujauchzen. Es iſt in der That ein berauſchendes Gefühl, das wie ein ſehr gei⸗ ſtiges Getränk auf den Ungewohnten wirkt. Auf unſere Leute wenigſtens wirkte es ſo,— beinahe kannte ich ſte nicht mehr.“ „Eines guten Theiles derſelben hatte ſich ein unge⸗ heures Selbſtbewußtſeyn bemächtigt, ſte ſprachen jetzt in einem hohen Tone, wie man es mit den Buſtamen⸗ tes, den Santa Annas und ſo weiter halten müſſe; ihr Weſen, ihre Sprache hatten etwas Protegirendes, Hochtrabendes angenommen, eine beinahe ſpaniſche Grandezza, die ihnen zu ihren Hirſchfellwämſern, ihren Zwillingsjacken und Röcken drollig genug ließ! — Sie debattirten von Mexiko, als wenn ſie bereits vor den Thoren ſeiner Hauptſtadt, die Buſtamentes, Santa Annas mit den Schlüſſeln derſelben vor ihnen ſtänden. Andere, und gerade wieder die am muthig⸗ ſten, hitzigſten gefochten, boten wieder ein ganz ent⸗ gegengeſetztes Schauſpiel dar. Bei ihnen hatte die Reaction der Gefühle gerade die umgekehrte Richtung genommen. Sie waren ganz Demuth, Menſchenliebe, ja Zerknirſchung, eine beinahe lächerliche Wehmuth war an die Stelle der Erbitterung, der Wuth, des —=0 75 6— Blutdurſtes getreten, die ſich auf eine nicht minder auffallende Weiſe äußerte. Wie arme Sünder be⸗ trachteten ſte die gefallenen Mexikaner mit gefalteten Händen, betrübt, das Ebenbild Gottes zerſtört zu haben. Dieſelben Leute, die eine Stunde zuvor wie Tiger auf ihre Beute losgeſprungen, ſtanden jetzt und ſtarrten die gefallenen Infanteriſten und Dragoner mit Blicken an, ſo wehmüthig und zerknirſcht! Hätten ſte die Feinde in dieſem Augenblick ins Leben zurück rufen können, ich bin überzeugt, ſte würden es gethan, ſte wie Brüder begrüßt haben.“— „Dieſe ſeltſamen Sprünge, ſo mag ich ſte wohl nennen, mögen Ihnen abſurd, und geſetzter vernünf⸗ tiger Bürger unwürdig erſcheinen, aber ſie waren wieder ganz natürlich nach einem Succeſſe, wie der es war, den ſie ſo eben errungen. Sie dürfen näm⸗ lich nie vergeſſen, daß wir noch Neulinge im Waffen⸗ handwerke, noch nie einen Kampf im offenen Felde beſtanden hatten, denn unſere früheren Unterneh⸗ mungen waren, wie geſagt, mit Ausnahme des Ge⸗ fechtes von Nacogdoches, mehr Ueberfälle geweſen. Erſt an dieſem Tage hatten wir uns von Angeſicht zu Angeſicht mit dem Feinde gemeſſen, und ſo unbe⸗ 6* — 2 76 6— deutend Ihnen der Sieg erſcheinen mag,— uns war er denn natürlich im höchſten Grade wichtig.— Wir hatten es in dieſem Zuſammentreffen mit Linientrup⸗ pen der mexikaniſchen Regierung aufgenommen, na⸗ mentlich eines ihrer berühmteſten Bataillone, das von Morales, beinahe ganz aufgerieben,— ein Glücks⸗ fall, der denn allerdings geeignet war, nüchternen Farmers, die bisher höchſtens mit Bären, Wölfen und Caguaren angebunden, die Köpfe um ſo mehr zu verrücken, als es denn doch einiger Unterſchied iſt, ein paar Bären und wieder ein paar merikaniſche Ba⸗ taillone— ſelbſt wenn ihr Pulver nichts taugt— nieder zu werfen. Noch ein Umſtand trug bei, das Selbſtgefühl der Unſrigen möglichſt in die Höhe zu ſchrauben.— Unſer Verluſt betrug nicht mehr als einen Mann, und der war durch ſeine Schuld geblie⸗ ben. Er hatte ſich wie toll mitten in die Feinde, als dieſe bereits ausgeriſſen, geſtürzt, ſo eine Kugel in den Unterleib erhalten, an der er eine halbe Stunde darauf verſchied.“ „Sie ſehen,“ fuhr der Oberſt lächelnd fort,„daß unſere Texaſer, weit entfernt, gleich vom Anfange her geborene Eiſenfreſſer geweſen zu ſeyn, im Gegentheile —= 77— reichlich mit allen den thörichten und wieder menſch⸗ lichen Gefühlen, Erwartungen, Hoffnungen geſegnet waren; aber nur dieſes Mal, ſpäter zeigte ſich auch keine Spur mehr von ſolchen ſentimentalen Gemüths⸗ erhebungen, Regungen. Jetzt, bin ich überzeugt, wer⸗ den Sie unter unſern Farmern und Pflanzern Tau⸗ ſende finden, die eben ſo kühl den beſten europäiſchen 3 Bataillonen ins Auge ſchauen, als ſie ungerührt über ihre Leichen ſchreiten würden. Es iſt dieſe Gemüths⸗ härte wohl zuletzt die einzige Beute, die der Krieger aus ſeinen Schlachten mit nach Hauſe bringt, die wir aber dämals noch nicht gewonnen, denn wie Sie ge⸗ ſehen, benahm ſich,— um mich eines ſehr gelinden Ausdruckes zu bedienen,— Bruder Jonathan einiger⸗ maßen queer.“ „Auch der General en chef— derſelbe treffliche Stephan F. Auſtin, der als Repräſentant zu Mexiko im Kerker geſchmachtet— bewies ſeine Zufriedenheit mit der glücklichen Eröffnung des Feldzuges auf eine Weiſe, die vielleicht Oberſt Cracker— er wandte ſich mit einem feinen Lächeln an dieſen— unpaſſend ge⸗ funden haben dürfte. Er ſchüttelte nämlich allen den — 0 78 6— wackeren Bären⸗, Wolfs⸗ und Caguarjägern die Hände, trank mit ihnen, ſtieß auf ihre Geſundheit an. Sehr queer, dieſe etiquettewidrige Herablaſſung, finden Sie das nicht, Oberſt Cracker? u „Wir mußten uns jedoch, fuhr der Erzähler wie⸗ der ernſter fort, Manches gefallen laſſen, unſer klei⸗ nes Heer, das während unſerer Trennung mit drei⸗ hundert friſchen Ankömmlingen verſtärkt worden, fröhlich und wohlgemuth zu erhalten.“ „Gerade ſtatteten wir dem commandirenden Ge⸗ nerale Tagesbericht ab, als ein mexikaniſcher Prieſter mit mehreren Wagen und einer weißen Fahne kam, die Verabfolgung der Todten zu erbitten.“ „Es wurde ihm ohne Widerrede bewilligt.“ „Was wir von dem ſchlauen Padre heraus brach⸗ ten, bewog uns aber, noch denſelben Abend gegen die Hauptſtadt vorzurücken. Es zeigte ſich einige Hoffnung, ſie im erſten paniſchen Schrecken in unſere Gewalt zu bekommen. Zwar war dieß nicht der Fall; wir fanden die Thore verrammelt, den Feind auf ſeiner Hut, aber doch hatte ihn unſer Succeß ſo —"0 79— ſehr eingeſchüchtert, daß er uns ohne den mindeſten Widerſtand eine feſte Poſttion nehmen ließ „Wir nahmen dieſe an den ſogenannten Mühlen, etwa einen Kanonenſchuß von der großen feindlichen Redoute, von wo aus wir auch die übrigen Aus⸗ gänge der Stadt beſetzten. Vor Mitternacht hatten wir ſie von allen Seiten eingeſchloſſen.“ XVI. „Der folgende Tag ſtimmte unſere ſanguiniſchen Hoffnungen wieder ſtark herab.“ „San Antonio de Bexar liegt in einem fruchtbar bewäſſerten Thale, das ſich weſtlich vom Salado hin⸗ abſenkt. In der Mitte der Stadt erhebt ſich— nach den Regeln der Kriegsbaukunſt angelegt— der Alamo. Er hatte achtundvierzig Kanonen leichten und ſchweren Calibers, und mit der Stadt eine Garniſon von bei⸗ nahe dreitauſend Mann. Ehe wir zu ihm gelangen konnten, mußte natürlich die letztere, die gleichfalls ſtark befeſtigt war, genommen ſeyn.“— „Unſere ganze Artillerie beſtand in zwei Batterien — 5 80 6— von vier Sechs⸗ und fünf Achtpfündern,— unſer Belagerungsheer aus eilfhundert Mann, mit denen wir nicht bloß Têete gegen Stadt und Feſtung zu machen hatten, ſondern auch den Feind, der von Co⸗ hahuila, ja von allen Seiten her drohte. Eine etwas ſchwierige Aufgabe für eilfhundert Mann, werden Sie geſtehen! Dann konnte ſich die Belagerung in die Länge ziehen, denn die Belagerten waren für ein Jahr mit Allem reichlich verſehen— hinter ihren Wällen vor uns ſicher; Monate mochten vergehen, ehe es mit unſern neun Kanonen, etwas wie eine Breſche zu ſchießen, gelang. Das war jedoch nicht Alles; Bedenklichkeiten ganz anderer Art drängten ſich uns unangenehmer auf! Würden ſich unſere Leute auch willig den Mühſeligkeiten und Beſchwerden einer langwvierigen Belagerung unterziehen? Sie hatten zwar raſch und freudig dem Aufrufe Folge geleiſtet, auch bei den verſchiedenen Coups de main— die wir gegen den Feind ausführten— Muth und Ausdauer bewieſen; aber es war doch etwas ganz Anderes, Coups de main, und wieder eine langwierige Bela⸗ gerung durchzuführen. Eine ſolche bedingte nicht bloß Muth und Ausdauer, ſte bedingte in unſerem Falle — 81 6— einen wahren Sklavendienſt, vor Allem aber den ſtrikteſten militäriſchen Gehorſam. Würden ſich unſere Leute den erſchöpfenden Tag⸗ und Nachtwachen, den zur Eröffnung der Laufgräben nöthigen Arbeiten, vor Allem aber dem militäriſchen Gehorſam wohl unterziehen? Eine ſehr zweifelhafte Frage! Die Mehr⸗ zahl waren heißblütige Southrons, kühne, verwe⸗ gene, raſch entſchloſſene— aber auch trotzige Gäſte, deren größte Tugenden eben nicht Geduld und Unter⸗ würfigkeit hießen. Die Farmers aus den Mittel⸗ ſtaaten, die auch in bedeutender Anzahl vorhanden, waren zwar bedächtiger, kühler, auch vollkommen von der Wichtigkeit des Unternehmens durchdrungen, aber wir thaten ihnen doch gewiß auch kein Unrecht, wenn wir vorausſetzten, daß ſie lieber bei ihren Weibern und Kindern, Aeckern und Rindern, als vor den Wällen von Bexar liegen würden; der Ueberreſt waren Handwerker aus den nördlichen Staaten, Mau⸗ rer, Bäcker, Schreiner, die die Kelle, den Backtrog oder Hobel mit der Muskete vertauſcht.— Auch an Abenteurern beſſerer und ſchlimmerer Art fehlte es nicht, die gekommen, luſtig liederliche Tage zu leben; ja ſelbſt Verbrecher gab es, die vor den Geſetzen ge⸗ — 82— flohen. Sie wiſſen, man iſt bei ſolchen Gelegenhei⸗ ten nicht ſehr ekel in der Alswahl, be unſern gerin⸗ gen Reſourcen durften wir es ſchon gar nicht ſeyn.“ „Aber eine ſolche Weitherzigkeit hat denn doch auch wieder ihre Uebelſtände, beſonders da, wo das, was gerade das ſchlechte Element zähmt und in Schranken hält, die Macht, zu belohnen, zu beſtrafen, ſo ſehr precär, die Autorität der Behörden noch neu, und folglich ſchwankend, der Kitt, der den ſo eben erſt aufgeführten geſellſchaftlichen Bau verband, nicht gehärtet, wo das Gewicht, der Nachdruck, den nur eine länger beſtandene bürgerliche Ordnung geben kann, fehlt. Wir mußten den ſchlechteſten Subjekten gerade am meiſten durch die Finger ſehen, Dingen durch die Finger ſehen, die den regelrechten Militär empört, am erſten Tage zur Verzweiflung gebracht haben müßten! Das fühlten wir jüngeren Stabs⸗ offiziere— Fanning und ich waren noch am Schlacht⸗ felde zu Oberſten ernannt worden— gerade am drückendſten, ſchüttelten im Kriegsrathe die Köpfe am beſorgteſten. Eben über dieſe Belagerung ward in dieſem Kriegsrathe debattirt. Wir äußerten unver⸗ holene Zweifel, ob es möglich ſeyn würde, die Be⸗ — — 0 83 6— lagerung mit ſo heterogenen Kriegselementen zu einem glücklichen Ausgange zu bringen. Jedenfalls ſchien es uns klar, daß ſie das Schickſal von Teras entſchei⸗ den, gleichſam der Prüfſtein unſeres Kampfes wer⸗ den müſſe. Waren wir im Stande, unſere Leute in etwas wie Ordnung— militäriſche Disciplin zu brin⸗ gen, dann war Hoffnung, wo nicht, ſo mochten wir ebenſowohl das Feld und Texas zur Stelle räumen. Fanning, Wharton und mir— ſpukte das Zwiſchen⸗ ſpiel mit dem Bärenjäger noch ſehr widerwärtig in den Köpfen.“ „Ganz anders raiſotmirten wieder unſere Alten, mit ihrem General Auſtin. Sie kannten freilich den Geiſt unſeres Volkes,— wir noch nicht.“ „Es iſt aber dieſer unſer Volksgeiſt ein ganz eige⸗ ner Geiſt." „Unſer Sprüchwort ſagt: Wenn es bei uns kalt iſt, ſo friert es,— iſt es heiß, ſo glüht es,— reg⸗ net es, ſo ſchüttet es;— und damit iſt unſer Klima, ſo wie Nationalcharakter bezeichnet. Halbheiten liebt unſer Volk nicht. Will es etwas, ſo will es dieſes ganz. Schwierigkeiten, Gefahren ſchrecken es nicht ab, ſpornen es nur um ſo mehr an. Die Hälfte — 8 84 6— mag über dem Kampfe zu Grunde gehen, die andere dringt gewiß durch. Kein Volk der Erde— die alten Römer vielleicht ausgenommen— hat dieſe intenſe Energie, dieſe nachhaltende, gewiſſermaßen furchtbare Willenskraft. Auch vor Bexar bewies es dieſe.“ „Den Tagesbefehl, der nach dem Kriegsrathe ver⸗ leſen ward, hörten die Leute ernſt, finſter an, ſo daß uns trübe vor den Augen zu werden begann, allein im nächſten Moment waren alle düſtern Ahnungen verſchwunden. Alle eilfhundert, wie ſie waren, tra⸗ ten ſie vor, gaben zuerſt dem General, dann uns, geſetzt und ruhig Hand und Wort, Teras frei zu machen, ſollten ſie auch Alle ihr Leben darüber opfern 4 „Keine Hurrahs, kein Enthuſiasmus, aber ernſte Männerſchwüre.“ „Und wie Männer lösten ſie ihre Schwüre auf eine Weiſe, die nur Derjenige zu würdigen wiſſen wird, der da aus Erfahrung kennt, was es ſagen will, eine feſte Stadt zu belagern, und zugleich einem Feinde, der mit den Reſourcen einer vergleichweis mächtigen Republik im Rücken hängt, die Spitze zu bieten.— Unſere eilfhundert Männer lösten Auf⸗ gaben, vor denen, ich ſage nicht zu viel, fünftauſend 7 —= 85— der abgehärteſten Napoleonſchen Kaiſergardiſten zu⸗ rückgeſchreckt wären. In den erſten Wochen verging kein Tag ohne Ausfälle oder Scharmützel. General Cos ſtand an der Grenze von Texas und Cohahuila mit fünftauſend Mann, ſeine Dragoner umſchwärm⸗ ten uns in allen Richtungen,— wahre Parther, die wie die Heuſchrecken kamen.— Gegen dieſe aber waren gerade wieder unſere queckſilbrigen Abenteurer am beſten zu gebrauchen. Sie hatten Naſen trotz der beſten Spürhunde. Auf zwanzig Meilen im Um⸗ kreiſe witterten ſte den Feind, und Reiterſchaaren und Detachements wurden ſo ſpielend aufgehoben und ein⸗ gebracht, daß wir oft unſern eigenen Augen nicht trauten. Tag und Nacht waren ſie auf der Lauer; der Merxikaner, der zehn Sekunden lang den Kopf über die Wälle heraus ſteckte, ward ſicher niederge⸗ ſchoſſen. Ich kann nicht ſagen, daß die militäriſche Disciplin vollkommen regelrecht geweſen wäre, aber dafür herrſchte ein Geiſt, ein Zuſammenwirken, ein unverrücktes Ziel im Auge behalten, das die Kraft unſerer eilfhundert Männer in der That verzehnfachte. Unſere reſpectablen Farmers und Pflanzer waren anfangs die läßigſten, bald aber ſahen auch ſie ſich —= 86— mit fortgeriſſen, vergaßen Weiber und Kinder, Aecker und Rinder.— Unſere heißblütigen Kentuckier, Ten⸗ neſſeer, Georgier arbeiteten trotz Negern in den Lauf⸗ gräben;— freilich waren der General und wir Stabs⸗ offiziere ihnen mit gutem Beiſpiele voran gegangen; — in Allen ſchlug Ein Herz, Ein Sinn, Allen ſchwebte nur eine und dieſelbe Idee vor,— die Einnahme der Stadt, die Unabhängigkeit, Befreiung von Texas. Was eine große Idee zu bewirken im Stande, das ſah ich bei dieſer Gelegenheit. u „Uebrigens iſt der Mexikaner, gleich dem Spanier, hinter Wällen und Mauern ein weit bedeutenderer Gegner, als im offenen Felde; aber auch hier kam uns das herzlich ſchlechte Pulver wieder zu Statten. Die Kugeln der Belagerten, obwohl wir den Wällen nahe genug ſtanden, erreichten uns nie, und fielen ſo harmlos vor uns nieder, daß wir jede Woche ein paar tauſend einſammeln, ſie mit unſerm doppelten Du⸗ pont⸗Pulver wirkſam zurückgeben konnten. Auch an intereſſanten Zwiſchenſpielen fehlte es nicht. Fanning hatte einen ſtarken Convoy von Lebensmitteln mit zwanzigtauſend Silberdollars, Travers einen zweiten von vierhundert Pferden eingebracht. Mir gelang —= 87—* ein ähnlicher Fang. Die Belagerung ward uns ſo zur wahren Schule, die uns erſt eigentlich zu Sol⸗ daten, Kriegern heranbildete.“ „Nach acht Wochen— wir hatten Breſche geſchoſſen — ergab ſich die Stadt, vier Wochen darauf das Fort. Im Beſttze eines bedeutenden Artillerieparks, zogen wir nun vor Goliad, die bedeutendſte Feſtung in Texas. Sie capitulirte nach wenigen Wochen. Wir waren ſonach Herren des ganzen Landes, der Krieg ſchien beendet.“ „Daß er es aber noch nicht war, leuchtete jedem heller Sehenden nur zu deutlich ein. Die Mexikaner ſind nicht das Volk, ſich eines ihrer ſchönſten Länder ſo leicht entreißen zu laſſen. Der mexikaniſche Cha⸗ rakter iſt eben ſo zäh wie der ſpaniſche, von dem er auch anzuziehen in den dreihundert Jahren ſeiner mexi⸗ kaniſchen Herrſchaft hinlänglich Gelegenheit hatte. Dann hegte dieſes Volk auch eine ſehr gute Meinung von ſich: Hat es doch die Spanier, die es noch immer für die tapferſte Nation der Welt hält, aus dem Lande getrieben, wie ſollte es nicht uns? Eine Handvoll Abenteurer, die es gewagt, ſich nicht nur gegen die — 88 6— Dekrete der großen Republik aufzulehnen, ſondern ſogar ihre Städte und Feſtungen wegzunehmen. Dieſer Frevel mußte auf das ſchärfſte geahndet, die Ehre der Republik vor den Augen der Welt compro⸗ mittirt, mußte gerächt, ſo ſchnell als möglich gerächt werden! Der Präſident und General en chef ihrer Armeen ſelbſt erhob ſich, den Oberbefehl über das Executionsheer zu übernehmen,— ein abſchreckendes Beiſpiel für alle Zeiten zu ſtatuiren. Die Empörer ſollten vom Erdboden vertilgt, mit Weib und Kind ausgerottet werden.— Das war. der Refrain ihrer Debatten, ihrer Reden im Congreſſe— in den Staaten⸗ Aſſembleen, ihrer Kanzelpredigten, ihrer Zeitungs⸗ artikel. Die Staaten boten ihre Staats⸗, der Erz⸗ biſchof, die Biſchöfe ihre biſchöflichen Schätze, die Städte, Klöſter ihre Stadt⸗ und Kloſterſeckel an. Zehntauſend Mann der beſten Truppen wurden ſo⸗ gleich an die Grenzen beordert, zehntauſend mehr folgten. Dieſen ſchloß ſich der Präſident Santa Anna ſelbſt mit ſeinem zahlreichen Generalſtabe an. u „Donnernde Proclamationen gingen vor ihm her. Das Cabinet von Waſhington, das nicht nur heim⸗ lich, ſondern ſogar öffentlich durch die Beſetzung von 4 — 89— Nacogdoches die Aufrührer begünſtigt,— die ſüd⸗ lichen Staaten, die es gewagt, ſie durch Geld und Freiwillige zu unterſtützen,— die geſammte Union ſollte auf das härteſte gezüchtigt werden. Zuerſt ſollte Texras von den Aufrührern gereinigt, dann aber in die Union vorgedrungen, Alles mit Feuer und Schwert verheert, Waſhington ſelbſt in einen Steinhaufen verwandelt werden.“ „Wir hörten von dieſen tollen Fanfaronnaden!“ bemerkten hier mitleidig lächelnd Mehrere. „Uns gellten ſte etwas ſtark in den Ohren,“ ver⸗ ſicherte der Texaſer;„obwohl ich eben nicht ſagen kann, daß ſie beſonderen Eindruck hervorgebracht hätten. Im Gegentheile, man achtete nur zu wenig auf ſie, bereitete ſich nicht einmal gehörig vor, den Feind mit all' der Macht zu empfangen, die das Land, ungeachtet ſeiner äußerſt beſchränkten Reſourcen, auf⸗ zubringen fähig geweſen wäre. Die Wahrheit zu geſtehen, waren unſere Leute durch die bisherigen Succeſſe verblendet, dachten es ſich nicht möglich, daß die Mexikaner abermals wagen würden, ſte an⸗ 4 zugreifen. Sie vergaßen, daß die Truppen, gegen die ſie bisher gekämpft, mit Ausnahme einiger weni⸗ Das Cajütenbuch. II. 7 —= 90— ger Bataillone, größtentheils Ausſchuß, daß mehrere der mexikaniſchen Staaten vortreffliche Soldaten, be⸗ ſonders Cavalleriſten, lieferten, daß ſte auch dieſes Mal wohl beſſeres Pulver mitbringen dürften. Viele waffenfähige Männer folgten nicht einmal dem drin⸗ genden Aufrufe Burnets, des damaligen Präſidenten von Texas, es vorziehend, ihre Mais⸗ und Cotton⸗ felder zu beſtellen.— Wir brachten gegen die zwan⸗ zigtauſend Mann, die gegen uns im Anzuge, nicht viel mehr als zweitauſend zuſammen, und von dieſen mußten wir noch beinahe zwei Drittheile an die bei⸗ den Feſtungen Goliad und Alamo abgeben.“ „In der erſtern ließen wir achthundertſechzig Mann unter dem Oberbefehl unſers unvergeßlichen Fanning, in letzterer etwas über fünfhundert, ſo daß uns nicht viel über ſiebenhundert übrig blieben.“— 4 „Der Feind ging entſchloſſener vor, als wir er⸗ wartet; in der That drang er ſo raſch vor, daß wir, ehe wir es uns verſahen, von Goliad zurückgedrängt,“ dieſes, ſo wie Bexar, ſeinem Schickſale überlaſſen mußten.“—. „Ein trauriges Schickſal! Schon von vorne herein hatten wir den argen Mißgriff begangen, bei unſerer 4 — — 91— geringen Macht, dieſe noch durch Beſetzung zweier Forts zu zerſplittern, gerade unſere beſten, unter⸗ nehmendſten Leute in ſie einzuſperren.“ „Der Amerikaner taugt in Feſtungen nicht viel. Schon die eingeſchloſſene Luft ſagt ihm nicht zu, der Zwang, die Unfreiheit ertödten ſeinen Geiſt und Kör⸗ per. Er iſt der Vorige nicht mehr, die Beweglichkeit, Thatkraft, Friſche, der Lebensmuth verlaſſen ihn, er wird wie blind und taub. Im Freien bleibt der Ameri⸗ kaner, zehn Mal geſchlagen, unüberwindlich; denn ehe man ſich's verſteht, verſetzt er das eilfte Mal ſei⸗ nem Gegner eine Klappe, die die zehn Unfälle aus⸗ gleicht, ihn zuletzt als Sieger bewährt. Unſere Kriegsgeſchichte bietet Dutzende von Fällen dar, wo die Unſrigen, bereits umringt, von allen Seiten ein⸗ gefangen, ſich noch Auswege zu bahnen, dem Feinde die errungenen Vortheile zu entreißen wußten,— im Freien nämlich; in Feſtungen iſt, ich wiederhole es nochmals, der tüchtigſte Amerikaner halb blind und ganz taub.“— „So vernimmt Fanning in Goliad, daß eine An⸗ zahl vertriebener Landsleute, Weiber, Mädchen und Kinder, vom Feinde verfolgt, der Feſtung zufliehen. 7* — o 92 e— Gefühlvoll, wie er iſt, läßt er ſich von ſeiner Sym⸗ pathie hinreißen, beſchließt, den Hülfloſen Suecurs zu ſenden. Er beordert Major Ward, mit dem Georgier Bataillon auszurücken, die Flüchtigen auf⸗ zunehmen, in die Feſtung zu geleiten. Der Major, die Offtziere ſtellen vor, bitten, beſchwören,— Fan⸗ ning ſieht nur die hülfloſen Landsmänninnen,— er beharrt auf ſeiner Ordre. Der Major zieht mit ſei⸗ nem Bataillon, fünfhundert Mann, aus,— den Flüchtigen entgegen.— Wie er dieſen nahe kommt, ſind es ſtatt Landsmänninnen mexikaniſche Dragoner, die auf ihre in der nächſten Inſel verborgenen Pferde ſpringen, ſogleich den Kampf beginnen.“ „Mehr und mehr Feinde kommen von allen Seiten heran;— es waren Reiter von Louis Potoſi und Santa Fé, vielleicht die beſte Cavallerie der Welt, denn die Leute werden gewiſſermaßen zu Pferde ge⸗ boren.— Zwei Tage lang dauert der Kampf.— Die fünfhundert Mann fallen, bis auf zwei.“¹ „Wir im Hauptquartier, auch nicht träͤumend von dem furchtbaren Schlage, laſſen Fanning die Ordre zukommen, das Fort zu räumen, ſich mit ſechs Stück — e 93-— Geſchütz an uns anzuſchließen.— Fanning erhält den Befehl und leiſtet ihm Folge. Aber was ſich wohl mit achthundertſechzig Mann und ſechs Ge⸗ ſchützen thun ließ, ſich nämlich durch einen zahlreichen Feind durchzuſchlagen, war nicht mehr mit dreihun⸗ dertſechzig möglich.— Nichts deſto weniger unter⸗ nimmt er den Rückzug durch die Prairies, wird je⸗ doch auf dieſem von dem zehnfach überlegenen Feinde angegriffen, umzingelt, wehrt ſich ſo umzingelt, volle zwölf Stunden, gewinnt auch, immer vordringend, eine Inſel;— aber kaum hat er dieſe erreicht, ſo er⸗ gibt ſich, daß alle Munition verſchoſſen. Er nimmt nun die vom Feinde angebotene Capitulation an, in der ihm zugeſtanden wird, mit ſeinen Leuten nach Ablieferung der Waffen heim zu kehren. Kaum ſind aber die Stutzer abgeliefert, ſo fällt die wüthende Rotte über die Wehrloſen her, und Alle werden nie⸗ dergemetzelt. Bloß einem Vorpoſten und Dreien ge⸗ lingt es, zu entkommen.“ „Die Fünfhundert, die wir in Bexar und Fort Alamo gelaſſen, erfahren kein beſſeres Schickſal. Zu ſchwach, um eine Stadt von vier⸗ bis ſechstauſend Einwohnern ſammt einem Fort gehörig zu beſetzen, — o 94— dringt der Feind bald in die erſtere ein,— die Unſri⸗ gen ziehen ſich in letzteres zurück. Mit ſeiner zahl⸗ reichen Artillerie gelingt es dem Feinde, einen Theil des Forts in Trümmer zu ſchießen. Ein furchtbarer Kampf entſpinnt ſich auf dieſen,— acht Tage dauert er.— Tauſende von den Mexikanern fallen,— von unſern fünfhundert Landsleuten blieb kein Einziger übrig.“ „Das waren nun harte Schläge, zwei Drittheile unſerer beſten Männer gefallen, die Feſtungen in der Gewalt der Feinde, unſere ganze Macht kaum mehr ſiebenhundert Mann— gegen zahlreiche ſiegreiche Heere, die immerfort noch Verſtärkungen an ſich zogen! Wohl ein Moment, die ſtärkſten Männerſeelen zu prüfen!“ „Allenthalben Flüchtlinge zu Tauſenden;— in ganzen Zügen kamen ſie; ſchwangere, todesmüde Weiber, hülfloſe Mütter mit ſäugenden Kindern,— Schaaren von Mädchen und Knaben, auf Muſtangs und Wagen gepackt,— hinter ihnen her Rotten von Dragonern, die Prairies durchſchweifend, Alles mit .Feuer und Schwert verheerend.“ „Der General en chef, der Präſident von Mexiko, * — 0 95 6— Santa Anna, dringt mit ſeiner Armee in zwei Divi⸗ ſionen heran, die eine längs der Küſte auf Velasco zu, die andere gegen San Felipe de Auſtin,— er ſelbſt bildet das Centrum.“— „Bei Fort Bend, zwanzig Meilen unter San Fe⸗ lipe, ſetzt er über den Brazos, rückt gegen Louis⸗ bourg vor, zieht da ſechshundert Mann an ſich, ver⸗ ſchanzt ſich in ſeinem Lager;— ſeine Stärke beträgt beiläufig fünfzehnhundert Mann.“— „Unſer Hauptquartier, unter dem Oberbefehl Ge⸗ neral Houſtons, ſtand vor Harrisburg, wohin ſich der Congreß zurück gezogen.“— „Es war in der Nacht des zwanzigſten Aprils. Wir lagerten etwa ſechshundert Mann— die ganze disponible Macht, die wir noch hatten— vor einer Inſel von Sycamores. Trübe, ſtürmiſch hingen die Wolken über die Baumwipfel herein ,deren Aechzen und Stöhnen nur zu ſehr mit unſerer wilden Stim⸗ mung harmonirte. Wir ſaßen um den General und den Alcalden,— beide ſehr trübe und geſpannt.— Sie waren öfters aufgeſtanden, in die Inſel hinein— wieder zurück gekehrt. Sie ſchienen etwas, und zwar — e 96— höchſt ungeduldig, zu erwarten. Todtenſtille herrſchte im ganzen kleinen Lager.“ „Auf einmal erſchallten laute Wer da's!— Eine Ordonnanz kam eilig, wiſperte dem Alcalden etwas in die Ohren. Er ſprang auf, rannte in die Inſel hinein, kam nach einigen Minuten zurück und flüſterte dem General ein paar Worte in die Ohren,— dieſer uns;— im nächſten Augenblicke waren wir auf den Beinen.“ „Alle unſere Leute waren trefflich beritten, mit Stutzern, doppelten Piſtolen und Bowie⸗Meſſern ge⸗ rüſtet.— Ehe zehn Minuten vergingen, waren wir auf dem Marſche.— Von den ſechs Kanonen, die wir mit uns hatten, nahmen wir bloß vier, aber mit doppeltem Geſpanne, mit. Die ganze Nacht ging der Zug im raſchen Trabe vorwärts,— ein rieſig hagerer Mann ſprengte als Wegweiſer voran. Meh⸗ rere Male fragte ich den Alcalden, wer er wäre?— Werdet es erfahren, wer er iſt!— war ſeine Ant⸗ wort.“— „Ehe der Morgen angebrochen, hatten wir fünf⸗ undzwanzig Meilen zurückgelegt, aber von den vier Kanonen zwei zurücklaſſen müſſen.— Noch wußten —— — 97— wir unſere Beſtimmung nicht. Der General befahl den Leuten, ſich mit Speiſe und Trank zu ſtärken, wir ſammelten uns um ihn zum Kriegsrathe. Jetzt erfuhren wir den Grund unſeres Nachtmarſches.— Der Präſident und General en chef der Mexikaner ſtand keine Meile von uns in einem verſchanzten La⸗ ger; zwanzig Meilen zurück General Parza mit zwei⸗ tauſend Mann, achtzehn unten am Brazos General Filaſola mit tauſend, fünfundzwanzig oben Visca mit fünfzehnhundert. Nur ein raſcher, entſchloſſener Angriff konnte Texas retten.“ Kein Augenblick war zu verlieren, keiner ward ver⸗ loren. Der General trat unter die eſſenden und trin⸗ kenden Männer und ſprach: „Brüder, Freunde, Bürger! General Santa Anna ſteht in einem verſchanzten Lager, fünfzehnhundert Mann ſtark.— Der Augenblick, der über Texas Unabhängigkeit entſcheidet, iſt gekommen. Iſt der Feind unſer?“ „Er iſt unſer!— riefen jubelnd die Männer, und mit dem Rufe rückten ſie vor.“ „Zweihundert Schritte vom merikaniſchen Lager angekommen, ließen wir unſere zwei Kanonen ihr — 0 98 6— Kartätſchenfeuer eröffnen, hielten aber das unſerer Stutzer zurück, bis wir auf fünfundzwanzig Schritte angedrungen; da gaben wir dem Feinde eine Salve, warfen dann Stutzer weg, und Piſtolen in der Rech⸗ ten und Linken, Bowie⸗Meſſer zwiſchen den Zähnen, ſprangen wir die Bruſtwehr hinan, ſchoſſen die wie betäubt erſtarrten Mexrikaner mit der einen Piſtole vor die Köpfe, griffen dann zu den Bowie⸗Meſſern, und mit einem Hurrah, deſſen grauſtg wilde Ton⸗ leiter mir noch heute durch die Ohren und Nerven gellt, brachen wir in das Lager ein.“ „Ganz wie beim Entern eines feindlichen Schiffes, — das Schlachtmeſſer in der Rechten, die Piſtole in der Linken,— drangen die Leute vor. Was nicht nieder geſtochen— ward nieder geſchoſſen, mit wil⸗ dem Jubel, dämoniſchem Lachen, ganz dem deſpera⸗ ten Ungeſtüm tollkühner Seeleute, die das feindliche Schiff bereits als das Ihrige betrachten.“ „Ich kommandirte am rechten Flügel, wo die Bruſt⸗ wehr, in einer Redoute endigend, ſteiler auflief. Hinan⸗ geſprungen, war ich abgeglitten; ein zweiter Verſuch fiel nicht glücklicher aus. Mit Hülfe eines meiner —= 99— Hintermänner war ich zum dritten Male empor ge⸗ klimmt, aber, durch meine eigene Schwere zurück ge⸗ zogen, auf dem Punkte, in den Graben hinab zu fallen, als eine Hand von oben mich beim Kragen ergriff, und die Bruſtwehr hinauf zog. In der Ver⸗ wirrung, dem Tumulte ſah ich den Mann nicht, wohl aber das Bajönet, das ihm in dem Augenblicke, wo er mir half, in die Schulter drang. Er zuckte nicht, ließ nicht fahren, bis ich oben war, erſt dann wandte er ſich mit einem ſchmerzhaften Rucke zur Seite, und hob langſam die Piſtole gegen den Mexikaner, als dieſer von dem heran geſprungenen Alcalden nieder⸗ geſtochen ward. Da kreiſchte er ein No thanks to ye Squire! das mich ſelbſt in dieſer grauſtgen Scene noch grauſig wild durchzuckte. Ich ſchaute mich um nach ihm, aber bereits war er wieder an der Seite des Alcalden im Kampfe mit einer Rotte deſperat ſich wehrender Mexikaner begriffen. Er focht nicht wie ein Menſch, der tödten, ſondern wie einer, der ſelbſt getödtet ſeyn will. Wie ein blinder angeſchoſſener Eber drang er mitten unter die Feinde hinein, hieb links und rechts um ſich, der Alcalde ihm zur Seite, wieder Hiebe und Stiche von ihm abwehrend.“ — 0 100 6— „Um mich hatten ſich jetzt ein hundert meiner Leute geſammelt; einen Augenblick überſchaute ich das Schlachtfeld, wo wohl meine Hülfe am nöthigſten ſeyn dürfte, dann wandte ich mich, um vorzudringen.“ „In dieſem Momente drang die Stimme des Al⸗ calden in mein Ohr.“ „Seyd ihr ſtark verwundet, theurer Bob?“ „Das theurer Bob, die kreiſchend ängſtliche, bei⸗ nahe verzweifelte Stimme des Alcalden durchzuckten, hielten mich zurück.“ „Ich ſchaute mich um.“ „Bob, wie er leibte und lebte, lag blutig, ohn⸗ mächtig in den Armen des Alcalden. „Noch einen Blick warf ich auf ihn, und dann riſſen mich die ineinigen vorwärts, mitten in das Ge⸗ tümmel hinein, dem Centrum des Lagers zu, wo der Kampf am heißeſten.“ „Etwa fünfhundert Mann, der Kern der feind⸗ lichen Armee, hatte ſich da um Generäle und General⸗ ſtab wie ein Bollwerk geſammelt. Ein furchtbarer Knäuel, der ſich verzweifelt wehrte! General Houſton hatte ſte mit dreihundert Mann angegriffen, war aber nicht im Stande geweſen, ihre Reihen zu durchbrechen.“ — 101 e— „Was das erſte Mal nicht gelungen, gelang beim zweiten Angriff. Ein wildes Hurrah gaben meine Leute, ſchoſſen jeder eine Piſtole ab, und dann ſpran⸗ gen ſie zugleich über die Leichen der Gefallenen und Fallenden in die zerriſſenen Reihen ein.“ „Ein gräßliches Metzeln erfolgte. Nicht Menſchen mehr waren dieſe ſonſt ſo friedlich ruhigen Bürger, — eingefleiſchte Teufel!— Ganze Reihen von Fein⸗ den fielen unter ihren Meſſern. Sie mögen ſich eine Idee von der Gräßlichkeit dieſer Metzelei geben, wenn ich Ihnen ſage, daß die ganze Schlacht vom Angriffe bis zur Gefangennehmung der ſämmtlichen Mexikaner innerhalb zehn Minuten entſchieden war, binnen dieſer weniger denn zehn Minuten aber beinahe achthundert Feinde niedergeſchoſſen, geſchmettert und geſtochen waren.“ „Alle wären ſte ohne Ausnahme niedergemetzelt worden,— das Rachegeſchrei: Keinen Pardon, denkt an Alamo, an Goliad, an den braven Fanning, Ward! brüllte von allen Seiten,— aber General und Stabsoffiziere warfen wir uns vor die auf den Knien liegenden und Misericordia! quartel por el amor de Dios! heulenden Mexikaner, drohten, unſere — 3 102— eigenen Leute nieder zu ſtechen, wenn ſie nicht dem Blutbade ein Ende machten.“ „Das wirkte. Es gelang, den Raſenden Einhalt zu thun, und ſo einen Sieg, der in der Geſchichte Texas gewiß als einer der ſchönſten glänzen wird, vor dem Makel unmännlicher Grauſamkeit zu bewahren.“ „Aber erſchöpft taumelte ich von der gräßlichen Schlachtbank zur Stelle hin, wo ich den Alcalden mit Bob gelaſſen.“ „Dieſer lag, wohl aus ſechs Wunden blutend, nur wenige Schritte von der Stelle, wo er mich her⸗ auf gezogen. Zu Kiſſen dienten ihm zwei über ein⸗ ander geſchichtete Leichname. Das Haupt hielt ihm der zur Seite kniende Alcalde— ſo ſchmerzerfüllt, den Blick ſo wehmuthsvoll düſter auf die brechenden Augen, die erſtarrenden Züge des Sterbenden ge⸗ heftet! Wunderbar ergriff mich dieſe Scene. Ich trat mit etwas wie frommem Schauder näher. u „Bob war im Sterben begriffen. Aber es war nicht das Sterben eines Mörders, nicht mehr die gräßlich wilden Züge, der ſtiere, verzweifelnde Blick des Todtſchlägers— eine heitere Ruhe, ein frommes, —= 103 6— beſſeres Bewußtſeyn verklärte das Antlitz, die Augen waren hoffend flehend gen Himmel gerichtet.“ „Wie ich mich über ihn beugte, ihn mit bewegter Stimme fragte, wie er fühle, ſchien er ſeine Geiſtes⸗ kräfte nochmals ſammeln zu wollen. Er erkannte mich aber nicht mehr.⸗ „Nach einer Weile ſtöhnte er: Wie ſteht es um die Schlacht?“ „Wir haben geſiegt, Bob! Der Feind iſt todt oder gefangen, kein Einziger entronnen.“— „Sagt mir,— roͤchelte er wieder nach einer Weile, — habe ich meine Schuldigkeit gethan? Darf ich zu Gott hoffen?“ „Mit erſchütterter Stimme verſetzte der Alcalde: „Der Gottesſohn, der dem Schächer am Kreuze verziehen, er wird auch euch gnädig ſeyn. Seine heilige Schrift ſagt: Die Engel im Himmel haben größere Freude über einen bekehrten Sünder, als über neunundneunzig Gerechte.— Hoffet, Bob! der Allbarmherzige wird euch gnädig ſeyn!“ „Dank' euch, Squire!— röchelte Bob;— ſeyd ein wahrer Freund, ein Freund bis in den Tod, im —=d 104 6— Tode.— Wollt ihr nicht für meine arme Seele beten? ich fühle, ſte iſt am Scheiden. Mir wird ſo wohl!“ „Der kniende Alcalde betete: „Unſer Vater, der du biſt in dem Himmel!“ „Unwillkürlich kniete ich neben ihm nieder.“ „Bei den erſten Bitten bewegten ſich noch die Lip⸗ pen des Sterbenden, dann verzog ſie der Todeskrampf. Bei den Schlußworten— denn dein iſt das Reich und die Herrlichkeit— war das Auge bereits gebrochen, das Leben entwichen. u „Mit ſchmerzvollen Blicken ſtarrte der Richter den Leichnam eine Weile an, dann ſtand er auf und ſprach leiſe: „Der Gott droben will nicht den Tod des Sün⸗ ders, ſondern daß er lebe und ſich bekehre. So vachte ich damals, als ich ihn heute vor vier Jahren vom Aſte des Patriarchen ſchnitt.“ „Heute vor vier Jahren?— ſprach ich erſchüttert. — Und ihr habt ihn alſo abgeſchnitten, auf daß er ſich bekehre? Und hat er ſich bekehrt? War er es, der vom Feinde brachte?“ „Er hat mehr als das gethan,— verſetzte der Al⸗ uns geſtern ins Lager vor Harrisburg die Nachricht — 9 105 6— calde, und eine Thräne brach nach der andern hervor, — er hat todesmüde und lebensſatt vier Jahre ſein elendes, verachtetes, geächtetes Daſeyn fortgeſchleppt. Vier Jahre hat er uns gedient, für uns gelebt, ge⸗ kämpft, den Spion gemacht, ohne Hoffnung, Aus⸗ ſicht, Ehre, Troſt, ohne eine einzige ruhige Stunde, ohne einen andern Wunſch, als den Tod. Die er⸗ habenſte Tugend, der höchſte Patriotismus würden zurück ſchaudern vor den Opfern, die dieſer Mann uns— Teras— gebracht. Und er war ein ſechs⸗ facher Mörder!“— „Gott wird ſeiner Seele gnädig ſeyn! wird er nicht? — fragte er wieder leiſe.“ „Er wird es!— verſetzte ich erſchüttert.“ „Eine Weile ſtand er in tiefem Sinnen verloren; dann rief er plötzlich: Er muß es ſeyn, Oberſt! er muß; denn glühte nicht in dieſem Bob bis zu ſeinem letzten Athemzuge ein gewaltig göttlicher Funke? lo⸗ derte er nicht mächtig in ihm für Bürgerglück und Nächſtenwohl? lebte, litt er nicht für ſeine Mitbür⸗ ger, Mitmenſchen? Ah! wüßtet ihr, Oberſt!“— Das Cajütenbuch. II. 8 —= 106— „Er zuckte, hielt inne, wie Einer, der befürchtet, zu viel zu ſagen.“ „Ich ſchaute ihn erſtaunt an.— Der Mann war auf einmal ſo außer ſich gerathen. Es fehlte nicht viel, daß er es unconſtitutionell an Gott gefunden hätte, Bob nicht zu begnadigen.“ „Ganz amerikaniſch das!“ unterbrach den Oberſten hier der Supreme Judge. „Doch merkte ich auch,“ fuhr dieſer, ohne auf die Unterbrechung zu achten, fort,„daß hier denn noch etwas mehr als gewöhnliche Sympathie,— daß ein wichtiges Geheimniß im Spiele ſey. Der Alcalde war ſo gar außer ſich, er, der ſonſt ſo kühl, ruhig, durch nichts aus dem Gleichgewicht gebracht werden konnte, ſprach, geberdete ſich wie ein Wahnſinniger. Ich ſuchte ihn dem Wahlplatze, auf dem es wieder ſehr laut werden zu wollen ſchien, zuzuziehen. Er ſtieß mich beinahe rauh zurück.“ „Ahl wüßtet ihr! dieſer Bob!“— „Was iſt mit dieſem Bob, theurer Alcalde?“ „Er ſah mich mit einem ſcheuen Blicke an, mur⸗ melte:“ „Geht, geht, überlaßt mich meinem Schmerze!“ — 107— „Noch zauderte ich, aber mehrere meiner Leute kamen gerannt, zogen mich mit Gewalt dem Wahl⸗ platze zu.“ „Alles war da in der größten Verwirrung,— Santa Anna war nicht unter den Gefangenen, er war entwiſcht. Die Entdeckung, ſo eben gemacht, brachte die Gemüther in die furchtbarſte Gährung. Begreiflich! An ihm war ſelbſt mehr, als an der ge⸗ wonnenen Schlacht gelegen; denn Urheber der In⸗ vaſton,— allgewaltiger Präſident Mexikos,— Ge⸗ neral en chef ſeiner ſämmtlichen Armeen, mußte ſeine Gefangennehmung das Schickſal des Krieges entſchei⸗ den. Der Sieg, ſo glänzend er auch ausgefallen, war verhältnißmäßig nichts ohne ihn, denn eben die Gewißheit, ihn in unſere Gewalt zu bekommen, dem Kriege ſo mit einem Schlage ein Ende zu machen, hatte mehr als alles Andere zur verzweifelten Tapfer⸗ keit angeſpornt. Und nun war er entwiſcht!“ „Ein ſehr kritiſcher Moment! Wir hatten unter unſern Leuten ein paar Dutzend unglaublich deſperate Geſellen, mit denen wir immer, die Piſtole in der einen, den Degen in der andern Hand, unterhandeln mußten. In einen Knäuel zuſammen gedrängt, ſtan⸗ 8* —= 108 8— den ſie, Blicke auf die Gefangenen ſchießend, die uns in gar keinem Zweifel ließen.“ „Kein Augenulick war da zu verlieren. An der Spitze unſerer bewährteſten Männer drangen wir raſch vor, nahmen die Gefangenen in unſere Mitte, und nachdem wir ſie geſichert, begannen wir unſer Verhör mit ihnen.“ „Es ergab ſich, daß Santa Anna noch zu Anfang der Schlacht, ängſtlich unſern Angriff beobachtend, in ſeinem Reiſewagen geſehen worden. Er mußte alſo während unſeres Eindringens in das Lager ge⸗ flüchtet, konnte unmöglich ſehr weit ſeyn. Wir ließen dieſe frohe Botſchaft ſogleich durch Tagesbefehl ver⸗ kündigen, und trafen dann ſchleunig Anſtalten zur Verfolgung des Flüchtlings. Hundert unſerer Leute wurden mit den Gefangenen nach Harrisburg, hun⸗ dert andere dem Flüchtlinge nachgeſandt. Wir ward die letztere Aufgabe zu Theil.“ „Es gab da trefflich ausgeraſtete Pferde;— wir beſtiegen ſie, und jagten in die Prairie hinaus. Eine heiße Jagd, wie Sie ſich leicht vorſtellen mögen, aber hing doch das Schickſal Teras von ihrem glücklichen Erfolge ab! Den möglichſt größten Umkreis beſchrei⸗ 2 —= 109— bend, drangen wir auf der einen Seite bis in die Nähe der Diviſion Filaſolas, auf der andern in die, Parzas vor, dann rückten wir einander näher,— und wieder unſerm Lager zu. Lange war all' unſer Spüren vergebens;— über vierzehn Stunden waren wir bereits im Sattel, mehr als hundert Meilen ge⸗ ritten, noch keine Spur von dem für uns ſo köſtlichen Wilde!“— „Bereits waren wir dem Lager wieder ſteben Mei⸗ len nahe gekommen, als endlich einer unſerer tüchtig⸗ ſten Jäger die Spur eines zarten Mannesfußes ent⸗ deckte, die in der Richtung nach einem Sumpfe ſich hinzog. Wir folgten dieſer Spur, geriethen in den Sumpf, und fanden in dieſem bis auf den Gürtel im Schlamme ſteckend einen Mann, etwa vierzig Jahre alt, aber ganz unkenntlich vor Schlamm und Koth. Halb todt zogen wir ihn heraus, wuſchen ihn, er⸗ kannten ihn an den milden aber tückiſchen blauen Augen, der hohen ſchmalen Stirn, der langen, dünn anfangenden— fleiſchig endigenden Naſe, der herab⸗ hängenden Oberlippe und dem langen Kinn. Der Beſchreibung nach konnte es kein Anderer als Prä⸗ ſident Santa Anna ſeyn. Er war es auch, obwohl —= 110— mich ſeine unglaubliche Feigheit lange in Zweifel ließ, denn auf die Kniee warf er ſich vor uns, um Gottes, aller Heiligen willen bat er, ihm nichts am Leben zu thun. Keine Verſicherung, Beruhigung, ſelbſt mein Ehrenwort und Schwur vermochten nicht, ihn zum Gefühl deſſen, was er ſelbſt ſchuldete, zu bringen.“ „Ich war ſehr froh, als wir mit ihm im Lager an⸗ kamen“ „Gerade wie wir einritten, wurde Bob mit militä⸗ riſchen Ehren begraben. Alle Offiziere waren bei dem Leichenbegängniſſe. Das wunderte mich nicht ſo ſehr, als daß der Alcalde als Leidtragender erſchien. Ich fragte, forſchte, aber er gab keine Antwort. Nie ſprach er mehr ein Wort über Bob, und wenn ich die Rede auf ihn lenkte, verzog ſich immer ſein Geſicht in düſtere Falten.“ „Was weiter folgte,“ fuhr der Oberſt fort,„wiſſen Sie aus den öffentlichen offiziellen und nicht offiziellen Berichten.“ „Mit Santa Annas Gefangennehmung war der Krieg in der That am Ende. Noch an demſelben — 111— Abende ward zwiſchen uns und dem Chef der Armeen von Mexiko Waffenſtillſtand abgeſchloſſen. Er ſelbſt ſandte dem ihm zunächſt kommandirenden General Filaſola Ordre, ſich mit ſeiner Diviſton, ſo wie der General Parzas, nach Bexar zurück zu ziehen. Gene⸗ ral Viesca erhielt den Befehl, nach Guadaloupe Vit⸗ toria aufzubrechen.— So waren zwei Drittel Texas geräumt, wir einen Monat ſpäter wieder im Beſitze des ganzen Landes. Zugleich hatte ſich der Ruf von unſerem Siege unglaublich ſchnell verbreitet.— Von allen Seiten kamen Volontairs; nach drei Wochen hatten wir wieder eine Armee von mehreren tauſend Mann, mit denen wir den Feind nach einander aus ſeinen Poſttionen manövrirten. Zum Gefechte kam es nicht mehr,— denn er hielt nicht mehr Stich; hundert der Unſrigen waren hinlänglich, Tauſende von Mexikanern zu verjagen. Ehe noch Santa Anna an die Centralregierung von Waſhington abgeliefert wurde, war Texas ganz frei.“ „Er hatte jedoch manche Unannehmlichkeiten— ja Mißhandlungen zu erdulden, dieſer Santa Anna, doch war es ſeine Schuld; denn obwohl es rohe Leute unter den Unſrigen gab, würde ſich doch Keiner ſo — 112 6— tief erniedrigt haben, einen gefangenen Feind zu krän⸗ ken. Auch war es nicht ſo ſehr die unmenſchliche Grauſamkeit, mit der er gegen ſchuld⸗ und ſchutzloſe Weiber und Kinder gewüthet, als ſeine wahrhaft ekelhafte Niederträchtigkeit und Feigheit, die alle ſo empörten, ihm Mißhandlungen zuzogen.— Später, als Geſetz uud Disziplin wieder in Kraft getreten, hörten ſie freilich auf,— er wurde ganz ſeinem hohen Range gemäß behandelt; es iſt dieſes jedoch eine Saite, deren Berührung einigermaßen unangenehme Empfin⸗ dungen herauf ruft!“— „Doch genug, und mehr als genug, von ihm. Er wird ſchwerlich mehr je wagen, ſeinen Fuß auf texa⸗ ſiſchen Grund und Boden zu ſetzen, ſo wenig als ein Anderer, und wagt er es, ſo wird ſein Loos nicht glücklicher ausfallen. Texas iſt jetzt in der Verfaſ⸗ ſung, in der es wohl Mexiko, Mexiko aber nicht Ihm mehr furchtbar ſeyn kann. Es beſitzt ein Heer, dem es ein Leichtes wäre, bis zum alten Tenochtitlan vor⸗ zudringen— die ganze Republik über den Haufen zu werfen.“ „Das wollen wir jedoch nicht. Auf Texas hatten wir volles Anrecht; dieſes Anrecht haben wir auch — 113— behauptet. Von der mexikaniſchen Regierung einge⸗ laden, waren unſere Bürger mit Hab und Gut, mit Weibern und Kindern gekommen, hatten ſich unter unſäglichen Mühſeligkeiten und Drangſalen Häuſer und Pflanzungen, Dörfer und Städte gebaut und gegründet. Nachdem ſie dieſe gebaut und gegründet, kamen die heimtückiſchen Machthaber, und wollten ſte wieder aus dem Lande hinaus, die Städte und Pflan⸗ zungen für ſich haben. Europäiſche Sklaven würden gehorcht, freie amerikaniſche Männer haben— empört widerſtanden.“— „Da haben Sie die kurz gefaßte Geſchichte der Gründung, Entſtehung und Empörung und— Frei⸗ heit Texas.“ „Recht gerne gebe ich übrigens Ihnen zu, daß bei dieſer Gründung, Entſtehung und Empörung Man⸗ ches mit untergelaufen, das eben ſo wenig die ſtrenge Prüfung der Moralphiloſophie, als der völkerrecht⸗ lichen Kritik aushalten dürfte; aber Staaten und Reiche werden weder auf der Kanzel, noch auf dem Katheder,— ſie werden auf dem Schlachtfelde,— durch offene brutale Gewalt gegründet.“ „Jede Gewaltthätigkeit, Eroberung aber iſt ſchon — 3 114 6— an und für ſich ungerecht, Verbrechen. Bei jeder Eroberung ſind Ungerechtigkeit, ja Verbrechen mit im Spiele; auch bei der unſrigen waren ſte es, nur mit dem Unterſchiede, daß wir ſte zwar benutzten, aber nicht ſelbſt Verbrecher, nicht die Gebote der Natur, nicht die der Offenbarung je verletzten.— Hatte Mexiko ein Recht auf Teras, ſo hat es dieſes durch das Un⸗ recht, das es an uns begangen, nicht nur längſt ein⸗ gebüßt, die hohen Intereſſen der Freiheit,— politiſcher ſowohl als religiöſer,— forderten dringend die Los⸗ reißung von dem verdorbenen Mutterlande.“ „So raiſonnirten wenigſtens unſere großen Revo⸗ lutionsmänner.— Ich geſtehe zwar, daß dieſe Rai⸗ ſonnements nichts weniger als ſtichhaltig von den Hugo Grotius's und Puffendorf's gefunden werden dürften; allein was wäre aus England, was aus der Welt geworden, wenn Profeſſoren des Völkerrechtes das Rad der Weltgeſchichte gerollt hätten!“— „Wer gab den brittiſchen Handelsleuten Rechte auf Oſtindien, wer ihren Königen auf Maſeachuſets, Rhodeisland, Virginien?“—— „Das Recht des Stärkeren, nicht wahr?— Es hat aber dieſes Recht des Stärkeren wieder bei allem —= 115— Unrechte, das es in ſeinem Gefolge mit ſich bringt, ſehr viel Gutes, ja ſo viel Gutes, daß es das Schlimme bei Weitem überwiegt.— Die gewaltſame Beſitzer⸗ greifung der Wildniſſe von Maſſachuſets und Vir⸗ ginien hat eines der größten Reiche der neuern Zeiten gegründet,— die Faktoreien in Oſtindien werden einſt ein in tauſendjährigem Schlafe gelähmtes Volk zu gleichem Ziele führen! Das Weltrad wird in ſeinem raſchen Laufe nicht von Zwerg⸗, ſondern von Rieſenhänden getrieben.— In ſeinen gewaltigen Revolutionen zermalmt es die Schwachen, die Stär⸗ kern bewältigen— leiten es. Solche ſtarke Rieſen⸗ hände waren auch— lächeln Sie ſo viel Sie wollen, — in Texas thätig,— wahre Rieſenſeelen,— Män⸗ ner, ich wiederhole es, die unter den groben Filzhüten die feinſten Köpfe, unter den rauhen Hirſchwämſern die wärmſten Herzen, die eiſernſten Willen bargen, die Großes wollten, die dieſes Große auch mit den geringſten Mitteln durchgeführt, religiöſe und poli⸗ tiſche Freiheit errungen, einen neuen Staat gegründet haben, der, ſo unbedeutend er Ihnen gegenwärtig er⸗ ſcheinen mag, ſicher zu großen Dingen beſtimmt iſt.“ — 116 6— „Auf alle Fälle gereicht die Gründung dieſes Texas⸗Staates unſerer Handvoll von Bürgern zur Ehre. Sie hat bewieſen, dieſe Handvoll, wie ſie die größten Dinge mit den geringſten Mitteln durchzu⸗ führen wiſſe.“ „Wir haben der Fehler viele, ſehr viele, aber wir beſitzen auch wieder Tugenden, die ſiegend über dieſe Fehler und Gebrechen hervor treten, uns Großes ver⸗ bürgen.— Dieſe Tugenden ſind aber eine unerſchüt⸗ terliche Willensfeſtigkeit und ein— Alles aufopfern⸗ der Patriotismus,— ein Patriotismus, der ſelbſt in der tiefſten moraliſchen Verworfenheit noch glänzend ſich bewährt. Nicht betrauern, nicht bemitleiden dür⸗ fen wir Bob, aber ſeinem aufopfernden Patriotismus Gerechtigkeit widerfahren laſſen, das dürfen wir. Und wo ein ſolcher Patriotismus herrſcht, läßt ſich Großes erwarten.“— Der Oberſt ſchwieg und erhob ſich.— Seine Zuhörer blieben jedoch ſitzen, ſchauten Bilder und Armleuchter, Fußteppiche und Bouteillen an,— Keiner ſprach ein Wort.— Mehrere Minuten herrſchte eine tiefe Stille. —= 117 6— Endlich ſtand der General auf. „Oberſt!“ ſprach er,„Ihr habt uns da etwas er⸗ zählt, auf das ich, ſo wahr ich lebe! nichts zu ſagen weiß. Ich kann nicht, auf Ehre! ich kann nicht. Wun⸗ derbare Gedanken durchkreuzen mir das Gehirn.— Die Skizze des Krieges, die Aufſchlüſſe, die Ihr uns über den Urſprung deſſelben, den Fortgang gabet, ſind ſehr dankenswerth. Ihr gabt uns in der That einen Leitfaden, mit Hülfe deſſen wir die Zuſtände Texas erſt jetzt richtig zu beurtheilen im Stande ſind. Das iſt, wie geſagt, höchſt dankenswerth. Auch ſtimmt, was Ihr von dem Treffen am Salado, der Belagerung von Bexar, der Schlacht bei Louis⸗ burg ſagtet, vollkommen mit dem überein, was wir bereits aus offiziellen und nicht offtziellen Berichten wiſſen. Wir danken Euch verbindlichſt dafür. Nur Cure Geſchichte mit Bob,— verzeiht mir dieſe Eure Geſchichte mit Bob,— Oberſt! dieſe Geſchichte, ſo wahr ich lebe! ich weiß nicht, was ich dazu ſagen ſoll! Je länger ich darüber nachdenke, deſto ſeltſamere Ge⸗ danken kommen mir. Wenn ich nicht wüßte, daß Ihr von einem guten, einer unſerer beſten Häuſer, fürwahr, Oberſt!“— —= 118 „Es läßt ſich, meiner Seele! nichts darauf ſagen,“ fiel Oberſt Oakley ein;„ganz bizarre Gedanken kom⸗ men Einem.“ Der Teraſer verſetzte ruhig, doch ein bischen ſpöt⸗ tiſch: „Es ſollte mir leid thun, Gentlemen, Euren zarten Gewiſſen einen Stachel zurück gelaſſen zu haben. Er⸗ innert Euch jedoch, daß Ihr es waret, die mich auf⸗ gefordert, zu erzählen, wie ich nach Texas kam. Das that ich nun, und da mich mein Geſchick mit Bob und dem Alcalden verflochten, ja ich recht eigentlich durch die Beiden in das von Texas hinein gezogen worden, ſo mußte ich ihrer wohl erwähnen Doch, wie geſagt, ſollte es mir unendlich leid thun, Euch auch nur den leiſeſten Skrupel verurſacht zu haben. Tröſtet Euch jedoch, denn auch ich hatte dieſe Skrupel, und lange hatte ich ſte; jetzt aber ſind ſie mir vergangen; denn allmälig ſah ich ein, daß mein Freund, der Alcalde, der, ich verſichere Euch, gleichfalls aus ſehr gutem Hauſe iſt, ganz Recht hatte, wenn er ſagte: daß es uns wahrlich nicht zukomme, über Menſchenwerth und Unwerth das Endurtheil abzugeben, oder gar— uns über arme Teufel zu choquiren, durch die der — 119— große Staatsmann droben weit wichtigere Endzwecke erreicht, als wir mit einem ganzen Dutzend kleiner— reicher Teufel.“— Er verbeugte ſich, und verließ dann den Saal. Es entſtand wieder eine Pauſe. „Wollen darüber ausſchlafen;“ riefen endlich meh⸗ rere Stimmen. „Ausſchlafen?“ ſchrie der rothnaſige Stewart, ſcherzweiſe der Mayordomo genannt;—„ausſchla⸗ fen! ohne Punſch ausſchlafen!— ohne Punſch, der erſt Skrupel löſet!“ „Freund Phelim!“ gab ihm der Supreme Judge zur Antwort,„es iſt Zeit zu gehen und zu ſchlafen, die Uhr weiſet auf Mitternacht.“ „Hohe Zeit!“ bekräftigten Alle. „Ausſchlafen! Mitternacht!“ ſchrie Phelim.„Ho- nies! hochachtbare, ehrenhafte, tapfere, großmächtige Honies! ausſchlafen, ohne Curen Rum, Euren Punſch getrunken zu haben? Honies!" „Phelim! Phelim!“ rief lachend der General,„ich glaube, Du haſt ſtatt unſer getrunken. Halte dafür, —“= 120 6— wollen den Punſch und Rum auf das nächſte Mal laſſen.“ „Aufs nächſte Mal laſſen!“ ſchrie wieder mit gel⸗ lender Stimme Phelim.—„Um Jaſus, ja Sankt Patricks willen! hochachtbare Herren!— Das nächſte Mal, bedenkt, Herren! das nächſte Mal ſeyd Ihr alle, wo Kishogue iſt. Erbarme dich ihrer, Sankt Patrick! ſie wiſſen nicht, was ſie thun!“ Und ſo ſchreiend, heulend, hopste, ſprang der Ir⸗ länder ſo toll im Saale herum! „Den Punſch aufs nächſte Mal!“ ſchrie er außer ſich;„den Johannistrunk verſchmähen!— Wollt Ihr? Wißt Ihr, was Ihr thut? „Sankt Patrick!“ heulte er wieder,„ſie wiſſen nicht, was ſie thun, wiſſen nicht, daß ſie ſich Kisho⸗ gues Fluch zuziehen.“ „Kishogues Fluch!“ rief lachend Oberſt Oakley. „Lacht nicht, Oberſt! lacht nicht. Bitte, beſchwöre Euch, lacht nicht, ſonſt weint Ihr, ehe vierundzwan⸗ zig Stunden vergangen.“ „Was will nur der närriſche Burſche?“ fragte, der Thüre zutretend, der General. „Kishogues Fluch!“ ſchrie abwehrend Phelim. 2 7* —=0 121 e— „Was habt Ihr aber mit Eurem Kishogue?“ rief wieder der General.„Ihr habt des Kishogue zu viel, ſehe ich.“ „Zu viel?“ ſchrie der Irländer;„zu viel?“ heulte er, mit Händen und Füßen um ſich ſchlagend. „Was iſt Euch, Phelim? Was habt Ihr mit Eurem Kishogue?“ „Was ich mit Kishogue habe? Wollt Ihr's wiſſen, was ich habe? Ganz Irland weiß es. Wollt Ihr? Wollt Ihr?— O thut's doch, fürtrefflichſte, hoch⸗ achtbarſte, gewaltigſte Herren!— Thut, hört doch, geht nicht Eurem Untergange entgegen!“ „Wohl!, ſo ſag' an!« ſprach ernſter der General. „Ci, will, will!“ ſprudelte der Irländer heraus. „Will, wenn Ihr hören wollt.— Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ Mit rollenden Augen hob er an: Das Cajütenbuch. II. 9 —= 122 6— Der Fluch Kishognes oder der verſchmähte Johannistrunk. ——„Seht! war'nmal ein gewaltig glorioſer Burſche, Kishogue genannt, und einen mächtiger glo⸗ rioſern Jungen gab es gar nicht in den ſieben Pfarr⸗ gemeinden, was nur Trinken, Frolicken, Balgen, Spielen oder Careſſtren betraf, und dieſes Letztere ſchon gar, war Euch geradezu der Hahn im Korbe, aller ſchmucken muntern Dirnen weit und breit, auch ein wahrer Kampfhahn in der Fertigkeit, eine gute, heilſame Prügelſuppe einzubrocken auf Jahrmärkten oder Leichenwachten, der ſeines Gleichen weit und breit nicht hatte, mit einem Worte, die Blume und Zierde der iriſchen Burſchenſchaft ganz und gar.“— „Zwar hielten wieder die alten Gentlemen und Herren nicht ganz und gar ſo viel auf ihn, verſteht ihr, die alten, geſetzten Herren; denn was wieder die jungen Squires betraf, bei Jaſus! ſo hatten die den Narren doppelt an ihm gefreſſen, ſo daß ſie ihn ſchier wie einen ihres Gleichen äſtimirten, und kein Wunder! wußten wohl, daß Kishogue der Burſche war, irgend —" 123— einen Schabernak an— und eine Teufelei auszurich⸗ ten, und war das juſt, was ſte wollten; aber dann die Vernünftigen, Geſetzten, die Gewichtigen, wißt Ihr, die den Beutel und das Regiment in der Graf⸗ ſchaft führten, die eigentlichen Herrſchaften, verſteht Ihr, was man ſo eigentlich die Gentlemen nennt, die waren wieder mit ſeinem Handthieren nicht ſo ganz zufrieden, und ſchüttelten oft die Köpfe, ſagten auch öfters, ſagten ſte, daß, wenn Kishogue aus dem Lande, Haut und Haar und Knochen dazu, das Land um keinen Flederwiſch ſchlimmer daran wäre, und die Haſen und Rebhühner und Rehe ſich den Hals auch nicht abreißen, und die Forellen und Lachſe ſich die Augen auch nicht ausweinen würden. Aber konnten ihm bei alle dem eigentlich nichts anhaben, oder ihn in die Klemme bringen, denn war Euch ein ſo ge⸗ wichster Burſche, ſchlauer als Euer drei Mal ge⸗ pürſchter Fuchs, ſchier nicht in die Falle zu bringen, ſchlief auch, wie ein Wieſel, mit offenen Augen.“ „Wohll war das denn ſo lange die Art und Weiſe, in der er es trieb, und eine frolikſame Weiſe für ihn war es bei Jaſus! und Keiner glücklicher als Kis⸗ 8 9⸗ — d 124 6— hogue; denn war er nicht bloß glücklich, wie Viele, bei Tage, ſondern auch, wie Wenige, bei Nacht;— bis endlich der X—l es haben wollte, und er in einer Nacht, wo er gerade recht glücklich geweſen,— kehrte von Peter Flanegans, der, wißt Ihr, den beſten Potsheen und die ſchmuckſte Tochter weit und breit hatte, heim,— in ein Mißverſtändniß hineintappte, und wie er in dieſes Mißverſtändniß hineintappte, iſt, bei Jaſus! noch heutigen Tages nicht klar, in An⸗ betracht, daß die Nacht ſtockfinſter, und er einen Spar⸗ ren zu viel hatte. Aber ein Mißverſtändniß war es, und war das das Mißverſtändniß, wißt Ihr, daß er meinte, es ſey ſeine eigene Mähre, die eingebrochen in des Squire Wieſengrund, und daß, ſo meinend, er ſie fing die Mähre, in der Meinung, wißt Ihr, es ſey ſeine eigene. Aber war es nicht ſeine eigene, ſon⸗ dern des Squire Rothſchimmel, den er für ſeine Mähre hielt; Alles aus purem Mißverſtändniß, wißt Ihr, und weil er glaubte, ſie ſey hinüber geſprungen über den Wieſenzaun. Und da er das nicht haben wollte, trieb er ſie in ſeinen eigenen Stall, und daß ſie ihm ja nicht wieder hinüber ſpringen möchte, wei⸗ ter nach Clanmarthen, wo er, um nicht wieder mit ₰ —=o 125 6— ihrem Entſpringen geplagt zu ſeyn, ſie für ein Dutzend ganz funkelnagelneuer Goldfüchſe verſilberte.“— „Und wie er das thun und in das ganze lange Mißverſtändniß hineinplumpen konnte, iſt bis dato noch nicht recht klar geworden, maßen es zwar Nacht, aber denn doch auch wieder Tag geweſen; aber hatte er einen Tropfen zu viel, und ein Tropfen zu viel bringt oft, wißt Ihr, böſes Spiel.“ „Und war es ein böſes Spiel, in das dieſes Miß⸗ verſtändniß unſern Kishogue brachte, ein trauriges Spiel, um ſo trauriger, als er es nicht eher gewahr wurde, als bis es zu ſpät war, und der Conſtable eintrat, und ihm ſagte, er ſolle mit ihm gehen.“ „Schaut aber der Kishogue den Conſtable gar groß an, und reißt die Augen weit auf, wie er ihn ſo ſagen hört, daß er mit ihm gehen ſoll, und kratzt ſich hinter den Ohren, und wollte lange nicht mit der Sprache heraus, ſagt aber endlich: „Und warum ſoll ich mit euch gehen?— ſagt er.“ „O!— ſagt der Conſtable,— du weißt's nicht 'nmal? Ha, ha! du weißt's nicht'nmal? Thuſt ja gar gewaltig unſchuldig.“ — Rö —= 126 6G— „Und warum ſollt' ich nicht unſchuldig thun, der ich ſo unſchuldig bin, wie das neugetaufte Kind? Und wahr iſt's auch noch. Und wohin wollt ihr, daß ich mit euch gehen ſoll, wenn ich ſo frei ſeyn darf, zu fragen?“ „Und ſchrie Kishogue die erſten Worte ſchier trotzig, aber bei den letzteren ſiel ihm die Stimme gar kläg⸗ lich, heulte ſchier.“ „Und ſagt darauf der Conſtable ganz kurz: Zum Jack ſollſt du mit.“ „Zum ZJack ſoll ich?— heulte der Kishogue mehr und mehr.— Und warun ſoll ich zum Jack?“ „Juſt wegen dem Squire ſeinem Rothſchimmel, den du ihm vor drei Tagen aus ſeiner Wieſe geſtoh⸗ len,— ſagt der Conſtable.“ „Das iſt das Erſte, was ich höre,— ſagt der Kishogue.“ „Und, bei meiner Treue! es wird nicht das Letzte ſeyn, das du hörſt,— ſagt der Conſtable.“ „Aber, bei Jaſus!— ſagt der Kishogue,— es iſt doch nicht Mord oder Todtſchlag, weder Raub, noch Plünderung für einen Mann, ſein eigenes Stück Vieh heimzuführen.“ -* — 5 127 6— „Nein,— ſagt der Conſtable,— aber es iſt Ein⸗ bruch, eines Andern Roß aus ſeinem Gelände weg⸗ zukapern. Burglary, weißt du!“ „Aber, wenn ich nun ſage, es war ein Mißver⸗ ſtändniß.“ „Bei St. Patrick!— ſagt der Greifauf,— wird dich theuer zu ſtehen kommen, das Mißverſtändniß.“ „Herr Jaſus!— ſchrie Kishogue,— das iſt eine troſtloſe Ausſicht, aber es hilft nun'nmal alles Flen⸗ nen nicht, und ſo hol's der T— l! Will mit euch gehen.“ „Und wohl half alles Reden nicht, und hätte er eben ſo wohl den Mühlſteinen von Maemurdoch, Jigs aufpfeifen können, würde ſie eben ſo leicht zum Tanzen, als den Greifauf zur Vernunft gebracht haben, und war, bei St. Patrick! das Ende vom Liede, daß er zum Jack, oder, was daſſelbe ſagen will, ins Loch mußte.“ „Und lag er ſonach im Loche, und in der Sauce, wie Paddy Wards Spanferkel in Pfeffer und Eſſig, bis die Aſſizen kamen, was Kishogue gar nicht lieb war, denn war immer ein rühriger Burſche, dem's — 128 6— Blut wie Queckſilber in den Adern tanzte, und's Herz am rechten Flecke ſaß; war auch viel zu ſtolz, dem Könige da Verbindlichkeiten ſchuldig ſeyn zu wollen für Koſt und Quartier und Transportunkoſten nach — wer weiß in welch queeres Land;— zu geſchwei⸗ gen, daß für einen Jungen wie er, gewohnt, Tag und Nacht auf den Beinen zu ſeyn, und im Lande herum zu jagen, und zu froliken und zu kareſſtren, das Strecken und Recken auf dem hölzernen Sofa mit dem Strohkiſſen ſchon gar widerwärtig; obwohl, zur Ehre ſeiner Kameraden ſey es geſagt, ſte wieder ihr Aeußerſtes thaten, ſich's aus Leibeskräften ange⸗ legen ſeyn ließen, ihm ſein Logement angenehm zu machen; denn war gar mächtig gewaltig beliebt im Lande, und kamen des Morgens, Mittags und Abends, ſo daß der Schließer alle Hände voll zu thun hatte mit Aus⸗ und Einlaſſen und Auf⸗ und Zuriegeln. Kamen und gingen in einem fort, wie Peggy Milla⸗ gans Bettlaken.“ „Wohl kamen zuletzt auch die Aſſizen heran, und mit ihnen der Sherif, und die Richter, und die Zeu⸗ gen, Alle auf das heilige Buch geſchworen, nichts — — 0 129 G— als die Wahrheit zu ſagen, reine pure lautere Wahr⸗ heit. Und war denn der arme Kishogue der Aller⸗ erſte, der in die Pfanne kam, von wegen des Squire ſeinem Rothſchimmel, den er für ſeine Mähre ge⸗ nommen. Und ſollte es ſchier eine zu heiße Pfanne für ihn werden, denn hatten ſich hoch und theuer verſchworen, einmal ein Exempel zu ſtatuiren, und ſagten ihm, wie er vor die Gerichtsſchranken kam, er ſolle ſeine Hand aufheben.“ „Und hob er unerſchrocken ſeine Hand auch auf, und eine ſchönere, tüchtigere Hand gab's Euch nicht, noch eine kräftigere Fauſt, eine wahre Staatsfauſt, die auffallen und dreinſchlagen konnte, trotz'nem Schmiedehammer.— Ganz unerſchrocken hebt er ſie auf, aber wie er ſte ſo aufhebt, bemerkten die Leute, daß ſie zitterte, und nahmen das für ein böſes Zeichen, die Leute, das Zittern, ſahen ihm auch Alle an, daß ihm der Spaß nicht ſo ganz gefiel. Wem, der T—l! ſollte auch er gefallen?“ „Wohl, war Euch ein Männelein da in einem ſchwarzen Rockelor, und einer gepuderten Perücke und Brille, das hin und herſchnellte, und aufſchnellte, und ſeine Brille putzte, und dann einen Pack Ge⸗ —= 130 6— ſchriebenes vor ſich that, und daraus las und las, ſo daß Ihr geſchworen hättet, er würde alle Tage ſeines Lebens nicht fertig. Ging ihm vom Maule wie einer Klappermühle, und Alles, was er las, ging über den armen Kishogue her, wie wir ſpäter hörten, aber damals nicht verſtanden, was der ſchä⸗ bige kleine Wicht von Advokat Alles über ihn las, und die Lügen, die er heraus klapperte, worüber der arme Kishogue, der nicht die Hälfte davon gethan, ſchier in Angſt gerieth, und die Courage verlor, aber nach einer Weile wieder Muth faßte. Und wie der ſchäbige Knirps gar nicht aufhören will, ſo ſchreit er: „Und, bei Jaſus! Alles, was das kleine Perrücken⸗ männlein da ſagt, iſt erſtunken und erlogen, und wenn ich nur die Hälfte davon gethan habe, ſo will ich—⸗ „Stille im Gerichtshofe!— ſchreit der Weibel. Wollt' ihn ſo zum Schweigen bringen.“ „Bei Jaſus! iſt da keine Gerechtigkeit für einen armen Jungen!— ſchreit Kishogue;— Zeter, Mord und Todtſchlag!— ſchreit er;— ſoll eines Mannes Leben weggeſchworen und geplärrt und gekrächzt wer⸗ den auf dieſe Manier und Art und Weiſe, und darf er kein Wort dazu ſagen?“ — 131 6— „Halt's Maul!— ſchreit der Lordrichter.“ „Und mußte Kishogue richtig das Maul halten, bis das Perrückenmännlein Alles ausgeleſen, und als er endlich Alles ausgeleſen, wirft er das Geſchreibe Alles auf den Tiſch, und frägt Kishogue: „Schuldig, oder Nichtſchuldig?“ „Ich hab's nicht gethan,— ſchreit und heult Kis⸗ hogue.“ „Antworte, wie du geheißen wirſt,— ſagt der Brillenmann;— Schuldig, oder Nichtſchuldig? u „Aber es war ein Mißverſtändniß!— heult wie⸗ der Kishogue.“ „Hol dich der Henker! Kannſt du nicht Antwort geben, wie du geheißen wirſt?— ſagt der Lordrich⸗ ter;— Schuldig, oder Nichtſchuldig?“ „Nichtſchuldig!— ſagte endlich Kishogue.“ „Glaub' dir's nicht!— ſagte der Lordrichter.“ „Weiß es wohl, daß ihr's nicht glaubt,— ſchreit Kishogue;— ſeyd ja dafür bezahlt, die Leute zu hängen, und iſt es euer tägliches Brod, und je mehr ihr hängt, deſto größer euer Lohn.“ „Haſt ein bewegliches Züngelchen, Burſche!— ſagt der Lordrichter.“ —= 132 G— „Ahl bei Jaſus!— ſagt Kishogue;— werdet es bald unbeweglich machen, mein Züngelchen, ihr und der Galgenmann.“ „Und war bei St. Patrick nicht weit vom Ziele, der arme Kishogue; denn brachten ihn Euch doch ſo in die Klemme, daß er nicht mehr ſchwitzte, ſondern dampfte, und zuletzt das Maul gar nicht mehr auf⸗ zuthun wagte, einen ſolchen Schwarm von Zeugen ließen ſie auf ihn los, und ſchworen die Euch Stein und Bein auf ihn und ſein Leben, ſo daß er zuletzt ordentlich confus wurde, und ſchier nicht mehr wußte, ob er noch am Leben, oder ſchon am Galgen, ſo ſetzten ſie ihm zu mit Fragen und Gegenfragen, und Kreuz⸗ und Querfragen, und Examinationen und Gegen⸗ examinationen. Und, bei Jaſus! waren die querſten Examinationen, die je gehört worden, und die Zeu⸗ gen, ſie ſchwuren Euch, hätten Euch, bei meiner armen Seele! fauſtdicke Löcher in den funkelnagel⸗ neueſten Eiſentopf hinein geſchwworen. Nicht, daß Kishogues Freunde und Kameraden nicht auch ihre Schuldigkeit gethan— ei, ſtanden wie Männer, und ſchworen aus Leibeskräften und Stein und Bein, daß es eine wahre Freude zu hören, vermeinten auch, es 7 — 8 133 e— dahin zu bringen, daß ſie ein Alibi ausmachen könnten, wißt Ihr, ein Alibi, was ſagen will, daß Kishogue, wie das Mißverſtändniß vor ſich gegangen in der Nacht, ein Dutzend Meilen oder ein paar weiter weg geweſen, und nicht in des Squire und ſeines Roth⸗ ſchimmels Nachbarſchaft. Aber wollte Alles nichts helfen, und Richter und Geſchworne nichts davon hören, und wurde der arme Kishogue verurtheilt, gehangen zu werden, und ſetzte der Lordrichter ſeine ſchwarze Kappe auf, und ſprach gar viele und ſchöne und erbauliche Worte, und gab ihm gar heilſame Er⸗ mahnungen und gute Räthe. Und war nur ſchade, daß der arme Kishogue die guten Räthe und heilſa⸗ men Ermahnungen nicht früher erhalten, ſondern erſt, als es zu ſpät war. Und waren die letzten Worte des Richters: „Der Herr ſey deiner Seele gnädig! Amen.“ „Dank euch, Mylord!— ſagt Kishogue,— ob⸗ wohl es ſelten iſt, daß Glück und Segen nachkommt, wo euer Gebet und Amen voran gegangen.“ „Und ſicher und gewiß war der arme Kishogue verurtheilt, den nächſten Samſtag darauf ausgeführt * —= 134— und gehangen zu werden. Und den nächſten Samſtag ward er auch ausgeführt, um gehangen zu werden.“ „Waren aber die Straßen, durch die er mußte, ſo voll Menſchen, wie Ihr alle Tage Eures Lebens nicht geſchaut; hatten ihn gar ſo gern, alle Menſchen. War es aber damals die Mode, vor der Stadt gehan⸗ gen zu werden, ganz und gar nicht wie heut zu Tage, wo die Leute es viel bequemer haben, und geradezu vorm Fenſter ihres Armenſünderſtübchens aufgehan⸗ gen werden; aber wußte man halt in jener Zeit nichts von verfeinerten und humanen Gefühlen, und die Galgen comfortabel und bequem zu ſtellen und einzu⸗ richten, ſondern ſteckte die Leute in einen Karren, juſt wie Euer Pächter die Maſtſchweine, die er zu Markte fährt, und ging es ſo fort, Holter di polter di durch die ganze Stadt, dem Galgen zu, der immer eine geſtreckte halbe Meile vom Thoré weg lag.“ „Wohl, wie nun der Karren mit dem armen Kis⸗ hogue um die Ecke der Kreuzſtraße herum kommt, wo Wittib Hullagan ihre Pintenſchenke hatte,— ehe die ſchäbig räudigen Plärrer, die Methodiſten, ſie nieder⸗ —= 135 6— riſſen, und dafür ein geiſtliches Verſammlungshaus hinſtellten; hole ſte der Henker, die ſchäbigen, winſeln⸗ den Hunde, die allen Zeitvertreib verderben, wo ſie ſich nur immer einniſten!— Ja, das darf ich auch nicht ver⸗ geſſen, wenn immer der Karren mit der ganzen Pro⸗ zeſſton an die Ecke zu kommen pflegte, was geſchah anders, als die Prozeſſion hielt an, und heraus kam ein Fiedler, auf ſeiner Geige aufſpielend und die Pro⸗ zeſſton anführend, und die Wittib Hullagan mit einem tüchtigen Kruge Würzwein oder Punſch, zur Stär⸗ kung des armen Sünders, und dem, was ihm bevor⸗ ſtand; denn iſt ſo eine Spazierfahrt zum dreibeinigen Roß, wißt Ihr, eben nicht die plaiſirlichſte, ſelbſt wenn man für eine gerechte Sache ſtirbt, wie Oncle Meigs ſagte, als er gehangen wurde, weil er den Aeciſemann von Londonderry kalt gemacht.“— „Wohl denn, wißt Ihr, hielten alſo richtig immer an der Wittib Hullagans Pintenſchenke an, und das eine gute Weile, denn wollte man nicht dem in der Equipage die letzte Gottesgabe verkümmern durch all⸗ zugroße Eile, auch ihm eine gute Gelegenheit geben, ein Wort oder ſo mit trauten Freunden oder Freun⸗ dinnen im Vorbeigehen zu ſchwätzen; zu geſchweigen, —= 136 6— daß es gar erbaulich und troſtreich fürs Volk, zu ſchauen, wie einer der Seinigen ſtch letzt und geberdet, und ein armes Sündergeſicht ſchneidet.“— „Wohl, wie es nun ſchon zu gehen pflegt, und der Böſe zuweilen ſein Spiel treibt, ſo war an dieſem Samſtag, wie der Karren mit dem Kishogue vor der Pintenſchenke ankommt, kein Fiedler weder zu ſehen, noch zu hören. Kam Euch aber aufgezogen, der Kishogue, ſo muthig und tapfer, als ſäße er in My⸗ lord Lieutenants Staatswagen, und gar nicht bleich und niedergeſchlagen. Aber in der Sekunde, wo der Karren anhält, ſpringt er auf wie ein Bock, und brüllt Euch wie ein Stier, brüllt er: Schickt mir den Tom Riley. heraus; alſogleich ſchickt mir den Tom Riley heraus, daß er mir aufgeige, und das Herz kräftige, mit dem Stücke von den Buben von Mallow.“ „Denn war ein Mallowburſche, ſicher und gewiß, und gar ſtolz auf ſeinen Geburtsort.“ „Wohl, wie es nun der T— ſchon haben will, und er ſo nach einander wohl ein Dutzend Mal auf⸗ brüllt und wie raſend im Karren heraufſpringt, war Alles ſtill, kein Tom Riley zu ſehen, kein Tom Riley zu hören, und war die Urſache davon, daß er nicht — 137— da war, weil er toll und voll in einem Graben nicht weit von Blarneys lag.“ „War auf dem Heimwege von der Beicht, wißt Ihr, und hatte aus lauter Freude, daß ihm der Pfaffe ſeinen Sündenpack abgenommen, ſich etwas zu gut gethan, und war darüber in den Graben gefallen und eingeſchlafen, wißt Ihr.“ „Und wie nun Kishogue hört, daß er ſeinen Leib⸗ ſtück und Lied nicht haben kann, wird er Euch doch ſo todtenblaß und bleich, ſah Euch geradezu aus, als ob er ſchon am hölzernen Roſſe hinge, und ging es ihm ſo zu Herzen, daß er abſolut von gar nichts mehr hören, keinen Troſt mehr annehmen wollte, und geradezu nach dem Galgen verlangte, ſeiner Le⸗ bensqual mit einem Male ein Ende zu machen.“ „O! bringt mich fort, bringt mich fort la— ſchreit und heult er.— Will von nichts mehr wiſſen, will nichts mehr hören! O, bringt mich weg,— ſchreit er in Verzweiflung,— denn Tom Riley hat mich betrogen, hat verſprochen, mir aufzuſiedeln die Buben von Mallow, auf daß ich ſtürbe wie ein wackerer Bube von Mallow. O, bringt mich weg— weg— kann nicht ſterben wie ein wackerer Mallowbube!“— Das Cajütenbuch. II. 10 — 138 6— „O Herzensbübchen! Kishoguechen! Perlchen! Schätzchen!— ſchreit wieder die Wittib Hullagan! — o Schätzchen, Täubchen!— kreiſcht ſte,— nimm das Naſſe gleichwohl, o nimm es, und trink und letze dich, und laß dir Zeit, Püppchen, Schätzchen! — O Perlchen, Kishoguechen! trink' um der glorioſen Jungfrau Urſula und aller ihrer dreiunddreißigtauſend Jungfrauen willen!“ „War Euch nämlich eine gar fromme und gottes⸗ fürchtige Frau, die alte Wittib Hullagan, und in der katholiſchen Kirchengeſchichte ſchier ſo gut wie der Pfaffe bewandert, auch mächtig empfindſam, ſo daß ſie richtig immer mit dem armen Sünder zum Galgen ging, und das Trinken umſonſt hergab, und wäre er wildfremd geweſen. War es aber ein beſonderer Freund, dann mußte ſie immer zunächſt dem Galgen ſeyn, und ſeine Abfahrt mit anſehen. Ach, war Euch eine köſtliche Frau, die alte Hullagan, und hättet ſie hören ſollen, wie ſie jetzt ſchrie: Kishogue, mein Schäͤtzchen, mein Perlchen! o nimm doch das Naſſe!— und wie ſie ihm den vollen Krug zum Karren hinauf hielt.“ „Und war Euch ein ſo rundbauchig gewaltiger — 139 6— Krug, voll des köſtlichſt gewürzten Weines und Brannt⸗ weines, ein Lord hätte ihn trinken mögen!“ „Wollt' ihn aber nicht anrühren, der arme Kis⸗ hogue. Fort aus meinen Augen,— ſchreit er,— fort!— Mein Herz iſt betrübt bis in den Tod, denn Tom Riley hat mich betrogen, hat mir verſprochen, aufzufiedeln, auf daß ich fröhlich und tapfer ſtürbe, wie ein wahrer Mallowbube,— und kann nicht wie ein Mallowbube ſterben!— heult er gar kläglich;— und iſt mein Herz betrübt, ſchier zum Brechen, und will ſterben!— Und ſey verflucht der Tropfen, der über meine Zunge kommt, will keinen Johannistrunk, will ſterben!“ „Und war's ſicher und gewiß zum erſten Male in ſeinem Leben, daß Kishogue das Naſſe zurück ſtieß und verfluchte, worüber ſich alle Leute ſchier entſetzten, ſchüttelten auch die Köpfe darüber, und ſagten, daß es nun mit ihm gewiß Matthäi am letzten; ſoll ſo immer der Fall ſeyn.“ „Wohl, fort rollt und poltert der Karren mit Kis⸗ hogue— dem Galgen zu, und alle die Leute nach, aber ſtill und verſtimmt, wißt Ihr, weil Kishogue 10* —= 140 6— gar ſo wild und verzweifelt that, und von nichts mehr hören wollte, und nur antrieb, daß ſeinen Lei⸗ den ein Ende gemacht würde. Und kamen ſie auch nur zu bald am Galgen an, wo, wißt Ihr, ſie eben nicht mehr viel Federleſens mit'nem armen Teufel zu machen pflegen.“ „Aber winkt doch noch der Sherif dem Hängmanne, ſeinem Gehülfen, und fragt den Kishogue, ob er nicht ein Wort oder ſo verlieren wollte zur Erbauung der Leute, und ihrem Comfort, und ſeinem eigenen.“ „Schüttelt aber Kishogue abermals den Kopf, und heult: Fort, fort! Will nichts mehr ſehen, nichts mehr hören, denn Tom Riley hat mich betrogen; habe gehofft, wie ein fröhlicher Bube von Mallow zu ſterben, und iſt mein Herz betrübt bis in den Tod!“ „Und ſo ſagend und heulend ward er Euch ſo un⸗ geduldig nach der Hanfbraut!“ „War aber, die Wahrheit zu geſtehen, gar nicht ſchön von ihm, daß er ſich noch zu guter Letzt ſo un⸗ freundlich zeigte, ſeine Freunde um die Galgenpredigt brachte. Hielten es auch Viele für recht ſchäbig von ihm, denn hatten ſich gefreut, wißt Ihr, weil er juſt der Burſche war, ſeine Worte zu ſtellen trotz Einem, —“= 141— und kapital dazu.— Und die Pfenningsblättlein⸗ drucker, und die Balladenſänger und Verkäufer, die ſchon die Finger geſpitzt und die Federn eingetunkt, die ſchimpften Euch geradezu und laut, ſagten es auch frei heraus, es ſey gemein und ſchlecht von ihm, ſie um ihren ehrlich verdienten Pfennig zu bringen.“ „Aber meinten es doch wieder im Grunde nicht ſo böſe, denn wußten wohl, daß ſein Herz betrübt, von wegen des Streiches, den ihm Tom Riley geſpielt, und ſah er Euch auch jetzt ſo bleich aus, wie ſie die ſieben Sachen für ihn zurecht machten.— Waren ſeine letzten Worte: Schafft mich aus der Welt,— alſo⸗ gleich ſchafft mich aus der Welt, denn mein Herz iſt betrübt, weil Tom Riley mich betrogen in meiner letzten und liebſten Hoffnung, als fröhlicher Bube von Mallow zu ſterben!“ „Und kurz und gut, und eine lange Geſchichte nicht länger zu machen, ſo legten ſte denn die Dinge zu⸗ recht und thaten ihm, wie er es haben wollte, und als ſie ihm die Hanfbraut um den Hals gelegt, wartet er gar nicht lange, ſondern ſtößt die Leiter, auf der er ſteht, ſelbſt weg, und ſchnellt ſich hinüber in das jenſeitige Land.— Und hörtet einen Knack, ſaht —= 142 6— einen Hops, ein kurzes Baumeln, Zucken, und aus, Maus war's mit ihm,— und er im Himmel, oder ſonſt wo.“ „War aber mit dem rechten Fuße vorwärts ge⸗ ſchnellt, was, wie die Leute ſagen, immer ein Zeichen iſt, daß er in die ewige Glorie eingegangen. Und mag er wohl dahin eingegangen ſeyn, denn war Cuch ſicherlich ein gar fröhlich munterer Burſche, voll Teufelei, aber im Grunde herzensgut, wißt Ihr, nur ein bischen unbequem unſern alten Herren, und die, wißt Ihr, wenn ſte Einen auf die Muck nehmen, ſo entgeht er ihren Krallen nicht. Iſt nun ſchon ſo ein⸗ mal der Welt Lauf.“— „Wohl, wie er nun ſo hängt, und die Leute ihn alle anſchauen, und betrachten, was für ein tüchtig geſtreckter Leichnam er geworden iſt, was geſchieht? was glaubt Ihr wohl, daß geſchieht?“ „Juſt wie Alles aus, Maus mit ihm, läßt ſich draußen außer dem Ringe ein Schrei hören, und ein Reiter auf einem weißen Pferde kommt heran ge⸗ ſprengt, der, Ihr würdet geſchworen haben, die Lüfte ſpalten wollte, ſo flog er— gerade dem Galgen zu. Und wie er ſo an den Galgen zugeflogen kommt, ſehen —= 143 6— die Leute, daß das Roß ſchwarz iſt, aber ganz weiß vor lauter Schaum. War geritten, daß Mann und Pferd keinen Athem mehr im Leibe hatten, auch kein Sterbenswörtchen mehr hervorbringen konnten; ſo reißt denn der Mann, ſtatt aller Worte, ein Papier aus ſeiner Rocktaſche heraus, und wirft es dem Sherif zu. u „Und wurde Euch der Sherif doch ſo blaß, als er einen Blick aufs Papier warf, todtenblaß wurde er, konnte anfangs nicht reden, endlich aber ſchreit er: Haut ihn entzwei, haut ihn entzwei, ſag' ich, bei Jaſus! haut ihn entzwei augenblicklich!“ „Und hieben die Dragoner auch ſogleich drein, und hätten ihn auch bei einem Haar entzwei gehauen, — den Reiter nämlich, wenn er ſich nicht geduckt und vom Pferde geſprungen und hinter den Sherif ge⸗ flüchtet. Waren unſere echt Irländiſchen London⸗ derry⸗Dragoner.“ „Schreit aber der Sherif wie toll: Nein, den Gal⸗ genmann, den Gehängten, den Strick haut entzwei, ihr v— ten Schlingel, die ihr ſeyd, den ſollt ihr ent⸗ zwei hauen, und nicht den Pardonbringer!“ „Und hauten ſte ihn nun entzwei, den Strick näm⸗ —= 144 6— lich, war aber Senft nach dem Eſſen mit Kishogue, und Alles vorbei mit ihm, und er bei dieſer Zeit ſo mauſetodt und ſteif, hätte den beſten Thürpfoſten ab⸗ geben können, war todt wie ein geſalzener Häring.“ „O Unglück, Malefiz und Peſtilenz!— ſchreit der Sherif;— auch Peſt und Hungersnoth!— ſchreit er, und reißt ſich die Haare aus der Perrücke, und die Perrücke vom Kopfe;— o Malefiz, Peſtilenz! Wollte lieber Bierſuppe kochen, als das erfahren haben, den armen Kishogue da zu hängen, wenn ein Pardon für ihn da iſt. O Unglück, Peſtilenz! auch Peſt und Hungersnoth über dich, Kishogue! der du ſo mit Extrapoſt gehangen werden wollteſt!“— „O Zeter, Mord und Todtſchlag!— Millionen Zeter, Mord und Todtſchlag!— ſchreit die Wittib Hullagan;— o Kishogue!l unglückſeliger Kishogue! Was haſt du gethan, Unglückſeliger, der du meinen Punſch und Würzwein verſchmäht, den Johannis⸗ trunk verflucht!— O Jammer, Elend, Mord und Todtſchlag!— ſchreit ſte; Millionen Mord und Todt⸗ ſchlag! Hätteſt du nur einen Tropfen gekoſtet, nur einen Tropfen, hätteſt gewiß keinen Tropfen übrig —=9 145 6— gelaſſen, wäreſt ſelbſt übrig geblieben, am Leben ge⸗ blieben!— O unglückſeliger Kishogue! unglückſeliger Bube!“— „Unglückſeliger Kishogue!— ſchrieen nun die Einen.“ „Unglückſeliger Kishogue, der du deinen Johannis⸗ trunk verflucht und zurück gelaſſen!— die Andern.“ „Und iſt der Fluch über dich gekommen!— die Dritten.“ „Weil du den Johannistrunk verſchmäht und ver⸗ flucht!— die Vierten.“ „Und heulten und klagten ſie Alle, die Tauſende, ſo jämmerlich!— zum Gotterbarmen heulten ſte; denn war das erſte Mal ſeit Menſchengedenken, daß ein Ire den Johannistrunk oder irgend einen Trunk verſchmäht, und ſtand Allen vor Augen die furchtbare Strafe, welche auf ein ſolches Verſchmähen folgt.“ „Aber iſt auch ein furchtbares Ding,“ verſicherte der Irländer,„die Gottesgabe zu verfluchen; aber ganz und gar ſte zu verſchmähen und zurück zu laſſen, — 146— ſchier heidniſch und unchriſtlich ganz und gar! Und iſt's das erſte Mal und letzte Mal, daß's geſchehen iſt, und thut's Keiner mehr.“ „Und iſt ſeit dieſer Zeit in Mallow und London⸗ derry, und in Cork und Munſter, und in ganz Ir⸗ land der Fluch Kishogues, des verſchmähten Johannis⸗ trunkes ein grauſamer Fluch, und hütet ſich ein Ir⸗ länder, ihm zu verfallen. Amen.“— Und wie nun der Ire geendet, greifen Alle ſo un⸗ willkürlich mechaniſch, wie um den Fluch Kishogues abzuwehren, nach den mittlerweile gefüllten Punſch⸗ gläſern!— „Es war aber auch in dem Bruchſtücke etwas ſo eigenthümlich iriſch Wildes, die Phantaſie heißblutiger Southrons Ergreifendes! — 66=re Der Kapitän. Das Interregnum oder Money is power. „Bei meiner Seele! ein Meiſterſtück iriſcher Schil⸗ derung!“ brach endlich der oberſte Richter aus.„Nicht bald habe ich etwas gehört, das das wild Launige, deſperat Humoröſe des iriſchen Nationalcharakters, eine luſtige Verzweiflung inmitten des härteſten Druckes, ſo ſpringfedrig drollig, tragi⸗komiſch ge⸗ zeichnet hätte. Phelim, wo haſt Du die Geſchichte her? Sie iſt köſtlich!“ „Die kapitalſte Hanfbraut⸗Trauungsgeſchichte, die ich je gehört, Phelim!« „Kapital! wirklich kapital!“ fiel der General ein. „Und dann ſo vollkommen das Gegenſtück zu der des Texaſers!“ meinte Oberſt Cracker. —= 148 6— „Cracker! Cracker!¹ mahnte Oakley,„Ihr ſpringt mit dem Teraſer auf eine Weiſe um, die, beſorge ich, Euch ein Naſerupfen zuziehen wird. Was hat er Euch nur gethan?“ „Pooh! Gethan?— Wollte den ſehen, der Cracker etwas thun würde!— Iſt mir verdäͤchtig, ſein Geſicht mir fatal.“— „Sein Geſicht fatal?“ lachte Bentley kopfſchüttelnd. —„Es iſt das edelſte, heiterſte, männlichſte Geſicht, das Ihr ſehen möget, ein wahres Apollogeſtcht!“ „Der Himmel ſegne Eure Augen!“ lachte Cracker; „Phelims Geſticht iſt mir zehn Mal lieber.“ „Und ſeine Geſchichte,“ fiel Meadow ein,„zwanzig Mal.“) 1— „Er hat auf alle Fälle den Sieg davon getragen!“ rief ein Dritter. „Er hat, er hat!“ fielen Mehrere ein. „Auch im wichtigen Punkte der Moral,“ bekräftigte ein kleines Männchen mit gehäbigem Bauche, dicken öſtreichiſchen Lippen und ſalbungsreichen Blicken;„auch im Punkte der Moral,“ verſich rte er eifrig.„Finde ſie ſehr exceptionabel, die Moral des jungen Mannes, unmoraliſch dieſe Texaſer Tendenzen!“— 4 1„ j —= 149— „Und was ſagt Ihr zu all' den Geſchichten, Direk⸗ tor? a fragte, die unmoraliſchen Tendenzen überhörend, der General ſeinen Nebenmann, deſſen ſchwimmende Augen kopfſchüttelnd das Punſchglas betrachteten. „Hol' der Henker Irland und der T—l Texas! das ſag' ich, General! Wird uns unſern Cottonmarkt ganz verderben, dieſes Texas. Sag' Euch, furchtbarer Cotton, dieſer Texaſer, ominöſer Cotton, wahrer Sea Islands!“ Und wie der Mann mit dem ſcharf ſpeculirenden, aber jetzt etwas ſchwimmenden Auge blinzelt, und den Zeigefinger an die ſpitze Boſtoner Handelsnaſe legt, werden Alle auf einmal ſo aufmerkſam. Offenbar wirkten die Worte. „Bankdirektor!“ riefen ſie. „Furchtbarer Cotton! ominöſer!“ wiederholte wie ſchaudernd der Bankdirektor.„Ueberbietet, ſag' ich, den Sea Islands by a long chalk.“ „Bankdirektor!“ riefen ſie halb entſetzt. „Und dann keinen Tarif!*)— Denkt nur, keinen Tarif, Allianz mit Frankreich, nächſtens mit England. *) Eingangszoll. —= 150 6G— — Schaut Euch zu, wo Ihr mit Eurer Baumwolle bleibt;— ſag's Euch, ſchaut Euch zu!“— „Bankdirektor!“ ſchrieen ſie nun ganz entſetzt. „Hol' der Henker das ganze Texas!“ ſtöhnte der Bankdirektor. „Keinen Tarif!“ ſchrieen die Einen. „Allianz mit Frankreich!“ kreiſchten die Andern. „Unſer Cottonmarkt beim Henker!“ ſtöhnten die Dritten. „Hol' der Henker das ganze Texas!“ fielen ſie im Chorus ein. Zugleich ſchaute ſich doch wieder Einer um den An⸗ dern nach dem Texaſer um. Er war aber ſeit einer halben Stunde verſchwunden. „Aber wo iſt nur unſer pretiöſe Texaſer?“ rief, leichter Athem holend, Oberſt Cracker. „Gegangen, um ſeinem Bob die zweite Leichenpre⸗ digt zu halten!“ verſetzte lachend Meadow. „Oder für ihn zu beten!“ lachte wieder Cracker. „Queerer Burſche auf alle Fälle!“ hob wieder der Vorige an. —=⸗151 6— „Sehr queer!“ verſicherte der kleine Mann;„ſcheint den Bobs ſehr gewogen.“ „Fand das ſelbſt einigermaßen queer!“ bemerkte der General, ohne jedoch den kleinen Mann eines Blickes zu würdigen; er war nämlich bloß noch An⸗ fänger mit kaum zwanzig Schwarzen, hatte erſt ſeit Kurzem die Kanzel mit der Pflanzers⸗Cabotte ver⸗ tauſcht.„Fand das auch ſehr queer,“ bemerkte er, einen Quid nehmend.„Sagt' es ihm auch,— wißt Ihr, ſagt' ich ihm, daß ich ganz und gar nichts gegen Eure Geſchichte, was den Krieg und ſo weiter be⸗ trifft, einzuwenden habe, aber mit Eurem Bob laßt mich in Ruhe. 4 „Nun, was das wieder betrifft,“ lachte Oakley, „ſo habt Ihr, mit Erlaubniß zu ſagen, das nicht ge⸗ rade in ſo plain english geſagt, General! Auch zweifle ich, daß er es Euch ſo gutwillig hingenommen hätte, denn verſichere Euch, ſcheint mir nicht der Mann, eine Derbheit geduldig in den Sack zu ſtecken. Iſt auf alle Fälle ein Gentleman!“ „Gentleman! Gentleman!“ ſpottete Cracker.„Weiß nicht, Oakley, was Ihr an dem Burſchen ſo Genteeles findet, iſt ein queerer Burſche, ſage ich Euch.“ — 0 152 6— „Sehr queer!“ verſtcherte trocken Oberſt Bentley; „hat Euch tüchtige Queerhiebe verſetzt.“ „Dafür will ich ihn bei der Naſe zupfen, was gilt die Wette, ich zupfe ihn bei der Naſe?“ ſchrie Cracker.. „Kapitaler Burſche, der Cracker!“ ſchrieen die Einen. „Hat Spunk! Gibt eine glorioſe Frolic!“ die Anderen. „Was gilt's?“ ſchrie Cracker.„Tauſend gegen hundert!“ „Angenommen, die Wette!“ riefen wieder ein hal⸗ bes Dutzend Stimmen.„Angenommen!“ „Keine Sottiſe, Gentlemen!“ ſprachen die Oberſten Oakley und Bentley;„keine Sottiſe! Vergeſſet nicht, was Ihr Euch, was Ihr einem fremden Gentleman ſchuldig ſeyd!“ „Fremden Gentleman! fremden Gentleman!“ ſchrieen wieder Cracker und Meadow.„Behaupte, er iſt kein Gentleman. Kein Gentleman wird ſich mit Leuten wie Bob abgeben.“ „Solche abominable, antiſociale, antimoraliſche Grundſätze hegen und proklamiren,“ fiel die geiſtliche Kleinigkeit ein. — —=0 153 G— „Verräth auf alle Fälle eine ſchlechte Schule!“ ſchrie ein Dritter. „Schlechtere Geſellſchaft!“ fiel ein Vierter ein. „Wundere nur, wer ihn gebracht hat!“ „Wer hat ihn gebracht?“ ſchrie Meadow. „Wer?u überſchrie ihn Cracker. Und Alle ſchauten ſich an. „Wer hat ihn auf⸗ und eingeführt?“ ſchrie aber⸗ mals Meadow. „Weiß nicht!“ war die allgemeine Antwort. „Das iſt doch ſeltſam!“ bemerkte mit einigem Kopf⸗ ſchütteln der General.„Weiß Keiner, Gentlemen! wer ihn auf⸗ und eingeführt? Er muß doch eingeführt worden ſeyn? „Keiner weiß es!u kicherte Meadow. „Wirklich ſeltſam!“ bemerkt, den Kopf mehr und mehr ſchüttelnd, der General.„Fällt da mitten unter uns herein, nimmt das Wort, führt es den ganzen Abend hindurch auf eine Weiſe!“— „Eine recht impertinente Weiſe!« verſicherte Cracker. „Aber Ihr habt ihn ja aufgefordert, Gentlemen!— ihn dringend wiederholt aufgefordert!“ rief Oakley dazwiſchen. Das Cajütenbuch. II. 11 —= 154— „Gewiß!“ fielen Mehrere bei. „Aber Keiner weiß, wer ihn gebracht hat?“ be⸗ merkte wieder der General. „Vielleicht iſt er bei Kapitän Murky eingeführt?“ „So frage man Kaptän Murky!“ rief ſehr poſttiv der General.„Convenirt uns ganz und gar nicht, in ſeinem Dings von Hauſe da mit Subjekten zuſammen zu treffen, von denen man nicht weiß— „Woher ſie kommen,“ fiel wieder Cracker ein. „Oder wohin ſie gehen,“ fügte Meadow hinzu. „Und die ſolch' abominable, antiſociale, antimora⸗ liſche Grundſätze zu Tage fördern!“ ſeufzte ſalbungs⸗ voll der kleine Prediger Pflanzer. „Gentlemen!“ nahm Oakley das Wort, vich bin der Meinung, daß Ihr zu raſch vorgeht, daß Ihr beſſer einem Comité das Ganze zur Unterſuchung überlaßt. Ich ſchlage ein Comité vor. Vergeßt nicht, daß wir im Hauſe eines unſerer geachtetſten, wackerſten Nachbarn, Kaptän Murkys ſind, daß Ihr, die Ihr ſeine Gaſtfreundſchaft genießet, nicht das Recht habt— 4 „Der Meinung bin ich auch, wir haben nicht das — 0 155 6— Recht, Gäſte, die wir in ſeinem Hauſe vorfinden, nach Coventry zu ſenden;“ bemerkte Bentley. „Selbſt dann nicht, Oberſt Bentley,“ ſchrie Cracker, „wenn mehr als Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß wir einen ſogenannten Sporting⸗Gentleman unter uns haben?“ „Was meint Ihr damit?“ riefen Alle. „Nichts weiter,“ verſetzte Cracker, vals daß der Mann, der ſich hier für den Oberſten Morſe aus⸗ gibt, weder auf⸗, noch eingeführt iſt, daß er am St. Catharine zu uns ſtieß, auf eine Weiſe zu uns ſtieß, die wohl Verdacht erregen kann, daß er auf einem Pacer Parkers— in der größten Verwirrung kam, ſich auf allen Seiten umſchaute, bald vorwärts, bald rückwärts ritt, wie etwas ſuchend, offenbar in Angſt.“ „Sehr verdächtig das!“ verſicherte der General.„Auf einem Miethpferde!“ fügte er kopfſchüttelnd hinzu. „Sehr verdächtig!“ fiel Meadow ein.„Der Mann kam mir gleich verdächtig vor, und ganz wie Einer, mit dem es nicht ganz richtig, denn er ſchloß ſich im Pell Mell uns an;— ich weiß beſtimmt, daß er Kaptän Murky nicht aufgeführt worden.“ „Und ich ſage es Euch nochmals, er iſt ein Gentle⸗ 11* —=0 156 6G— man; nur ein Gentleman,— ein Mann von hoher Bildung kann ſprechen, wie er ſpricht!“ rief wieder Bentley. „Pooh! ein Mann von Bildung!“ ſpottete Cracker. „Unſere Sporting⸗Gentlemen ſind auch Männer von Bildung. Findet auf jedem unſerer Dampfſchiffe ein paar Gentlemen ſolcher Bildung. Gefällt mir der Gentleman nicht, der mit einem Bob ſympathiſtren kann.“ „Horribel das!“ ſtöhnte der kleine Prediger Pflanzer. „Gefällt mir auch nicht,“ verſicherte mit porten⸗ teuſer Stimme der General.„Gefällt mir auf alle Fälle nicht. Glaube, wir ſind ſowohl uns als un⸗ ſerem Freunde Murky ſchuldig, der Sache auf den Grund zu kommen.“— „Bin derſelben Meinung!“ fiel Oberſt Craker bei. „Auch ich ſtimme bei!“ ſchrie Meadow. „Und ich gleichfalls!" krächzte der Prediger Pflan⸗ zer.„Kam, wißt Ihr, vorgeſtern von Louisville herab,— ſag' Euch, waren da auf unſerm Dampfer vier Burſche, hättet ſie vom erſten Buck und Beau Broadways nicht unterſcheiden können, ſo artig, galant, —= 157— zuvorkommend thaten ſie, wußten ſte Euch ihre Worte zu ſetzen. Wer waren ſte? Sporting⸗Gentlemen. u „Aber daß nur die Kaptäns der Dampfſchiffe dieſe heilloſen Wüſtlinge zulaſſen!“ „Das zu verhüten iſt unmöglich, General 1 der⸗ ſicherte der Prediger Pflanzer;„denn nie findet ſich dieſelbe Sporting⸗Gentry ein zweites Mal auf dem⸗ ſelben Dampfſchiffe ein;— ſie wechſeln immer, was ſte leicht können, da ſte der Dampfſchiffe drei⸗ bis vierhundert auf dem Miſſiſippi haben. Und viele der Kaptäns ſind auch einverſtanden mit ihnen.“ „Eine furchtbare Bande!“ riefen Alle. „Gentlemen! es muß ausgemittelt werden!“ ent⸗ ſchied in letzter Inſtanz und mit wahrhaft diktatori⸗ ſcher Würde der General. „Es iſt von höchſter Wichtigkeit, daß ausgemittelt werde;— wir ſind es uns, wir ſind es Kaptän Murky ſchuldig, obwohl der gute Kaptän Murky— ⸗ „Es mit dem gentlemaniſchen Code eben nicht ſo genau zu nehmen ſcheint,“ fügte er etwas weniger laut und mehr herablaſſend hinzu;„aber wo iſt er?“ „Wo iſt er?“ riefen Alle. „Wo iſt er?“ ſchrieen ſie, als keine Antwort kam. —= 158 6— „Im Paradieſe!“ jubelte Phelim vom Ende des Saales herüber;„im Paradieſe, hinnies!“*) „Was ſagt der tolle Irländer?2u „Der tolle Irländer? Der tolle Irländer,“ gellte Phelim,„ſagt, daß Kaptän Murky im Paradieſe iſt.“ „Phelim, biſt Du toll?“ „Sag' Euch, onnurs**) und hinniers! iſt im Pa⸗ radieſe, jedes Bein von ſeiner Mutter Sohn!“ „Im Paradieſe!“ rief entrüſtet der General;„im Paradieſe, und läßt uns hier allein mit dem toll be⸗ nebelten Irländer, und iſt im Paradieſe? u „Wer wird nicht ins Paradies, wenn es bloß fünf Meilen weit iſt, hinnie?“ grinste wieder der tolle Irländer. „Gentlemen!“ rief entſchieden der General;„bin der Meinung, daß unſeres Bleibens hier nicht län⸗ ger, daß Selbſtachtung gebiete.— Finde es im höch⸗ ſten Grade geringſchätzig, beleidigend.“ „Unverzeihlich!“ fielen die Einen ein. „Strafwürdig!“ die Andern. *) Hinnies— ſtatt honnies— Zuckerſüße! Honige! *²) Yor onnur— your honour— Cure Ehre! Wohlehren! — — d 159 6— „Pſhaw!“ gähnte der Bankdirektor dazwiſchen; „was findet Ihr unverzeihlich, ſtrafwürdig? Daß er Euch ein Diner gab, zu dem Ihr Cuch ſelbſt einge⸗ laden,— ein fürſtliches Diner, Schildkrötenpaſteten, Champagner, Lafitte, und einen Madeira!“ „Kapitaler Madeira, pon my word!“ meinte doch wieder der General;„kapitaler! Governor Kirkbys braun geſiegelter löst ihm nicht die Schuhriemen auf, ſicher und gewiß nicht! Wißt Ihr, Bankdirektor, ob er ein fünf oder ſechs Dutzende ablaſſen würde?“ „Keinen Korkſtöpſel für Geld, General! aber zwanzig für Freunde. Iſt nicht der Mann, abzu⸗ laſſen.— Queerer Kauz, einſilbig, finſter, ſpar⸗ ſamer mit ſeinen Worten, als ſeinem Madeira. Habe noch nicht hundert Worte von ihm gehört, wohl aber hundert Bouteillen bei ihm getrunken. Auch ſein Lafitte— „Sehr queer!“ verſicherte der General. „Seyd ein Barbar, General, wenn Ihr den queer findet!“ verſetzte ärgerlich der Bankdirektor;„ein wahrer Barbar! Der beſte Lafitte, den Ihr am Miſ⸗ ſiſippi trinkt, kein beſſerer in la belle France, reell!“ betheuerte er, mit der Zunge ſchnalzend. —“= 160— „Köſtlich;“ bekräftigte unwillkürlich nachſchnalzend der General.„Aber ſagt mir nur, wie ſteht es eigent⸗ lich mit ihm, iſt er auch reſpektabel?— Habe mich da ein vier oder fünf Mal bei ihm diniren laſſen, wollte aber doch nicht, wißt Ihr? Sieht gar ſo queer in ſeinem Dings hier aus; wahres Ungeheuer von Balken und Brettern, dieſes Haus; wie ein alter Vierundſtebziger zuſammen gezimmert.“ „Nennt es deßhalb auch ſeine Cajüte, wißt Ihr?“ warf, an ſeinem Punſchkelche nippend, der Bank⸗ direktor hin. „Ja, aber wie ſteht es mit ihm? Soll, hörteich immer, ein armer Schlucker von Seekapitän geweſen ſeyn. Auf einmal kommt er, entrirt Geſchäfte, über⸗ nimmteine Pflanzung, die Zweimalhunderttauſend— „Bezahlt Vierzigtauſend baar, in den darauf fol⸗ genden drei Jahren Hundertundſechzigtauſend,“ fügte der Bankdirektor trocken hinzu. „Aber warum dieß alte Ungeheuer von Brettern und Balken, denn bloß die Kanonen und Segel feh⸗ len, um in die See zu ſtechen? u „Warum?“ meinte gemüthlich der Bankdirektor. „Kann nicht ſagen, warum; wahrſcheinlich darum, — 161— weil er ein queeres Seeungethüm iſt, vielleicht auch, weil die Affaire nicht viel koſtete, er das Holz in ſei⸗ nen Wäldern hatte, Baumeiſter ſelbſt war. Legte aber dafür ſein Geld in ſoliden Newyorker und Ohioer Sixpercents an. Sehr reſpektabel das wieder!“ ver⸗ ſicherte der Bankdirektor. „Ah!“ ſeufzte der General,„war geſcheidter als wir in dieſem Punkte, die Paläſte bauten.“ „Um die nun ſtatt der Edelhirſche— Schweine und Rinder wandeln,“ lachte naiv der Bankdirektor. „Hat ſeine zwei⸗ bis dreimalhunderttauſend Dollar in guten, ſoliden Newyorker und Ohioer Aktien. Groß das!“ betheuerte er. „Sehr groß!“ fiel andächtig der General ein. „Aber glaubt Ihr, daß er ſo viel?“ „Glaube ich? glaube ich? Ei, glaube ich, weil ich's weiß. Gingen Einpaarmalhunderttauſend durch meine Hand, ehe der v—te Duncan.— Fing aber noch zur rechten Zeit an, Anno fünfundzwanzig im November. Weiß es, als ob es heute wäre, hatte dann ſtatt ſteben— zehn fette Kühe.“ „Ja wohl, fette Kühe!— Sind nun mager gewor⸗ den!“ ſeufzte der General.„Je nun, ich bleibe.“ — 0 162 6— „Ich auch!“ meinte naiv der Bankdirektor. „Gentlemen!“ hob wieder der vortretende General in recht begütigendem Tone an,„iſt ein Mißverſtänd⸗ niß, wie mir der Bankdirektor hier ſo eben erklärt, keine Beleidigung von Seite Kaptän Murkys. Iſt zu erhaben über Beleidigung, zu groß, ein zu großer Mann Kaptän Murky!“ „Zu erhaben! zu groß! großer Mann! Mißver⸗ ſtändniß!“ rief bitter lachend der Oberſt Oakley. „Zu erhaben über Beleidigung! Bentley. Wir halten es aber für eine Beleidigung, Gäſte zu ver⸗ laſſen, ihnen den Rücken zu kehren. Dafür ſoll er zur Rechenſchaft gezogen werden. Wir erklären es für ungentlemaniſch.“ „Wir nicht!“ verſicherte eben ſo ſtolz der General. „Dann erfreut Ihr Euch eines obtuſern Ehrge⸗ fühls, als wir in Euch vermutheten, General,“ ent⸗ gegnete wieder gereizt Oakley. „Sir!“ rief drohend der General. „Sir!“ riefen noch drohender die Oberſten Oakley und Bentley. Der ganze Saal war jetzt in Aufruhr. „Sirs! Sirs! Hotheads! Hotspurs!“ ſchrie plötz⸗ —“= 163— lich, halb lachend, halb ärgerlich, eine Stimme, die einem Manne angehörte, der ſo eben und, wie es ſchien, in großer Aufregung eingerannt.„Was gibt es wieder mit Euch, Ihr heilloſen Beelzebubs? was treibt Ihr nun ſchon wieder? Iſt denn gar keine Ruhe mit Euch, immer nur Hagel und Donner, Blitze und zehntauſend Erdbeben? Seyd Ihr denn gerade des Teufels? einander ſchon wieder in den Haaren?“ Der Mann wagte viel, aber ſeine Popularität war offenbar größer, als das Wagniß, denn wie er nun ſchreiend, zankend, zugleich beweglich zwiſchen die gegen einander anrückenden militäriſchen Würdenträ⸗ ger einſprang, mit ungemeiner Bonhomie eine Hand links, die andere rechts erfaßte und drückte,— hatte ſein Weſen bei aller guten Laune wieder etwas ſo Imponirendes,— der General rechts und die Ober⸗ ſten links nahmen ſo freundlich herzlich die darge⸗ botene Rechte und Linke! Der Sturm war mit einem Male vorüber.— „Präſidentchen!“ rief der Erſtere. „Bankpräſtdent!“ die Letzteren. „Hol' der Henker Euer Präſidentchen, Euren Bank⸗ präſidenten, wenn Ihr ihm und Euch die Gurgeln —“= 164 6— abſchneidet!— Was iſt's Burnslow? was Bentley, Oakley?u „Pſhaw! was iſt's?“ verſetzte ſpröde Oakley; „Kaptän Murky läßt ſich herab, uns bei ſich diniren zu laſſen, und findet es dann genehm, uns den Rücken zu kehren, und General Burnslow— 4 „Wohl, und General Burnslow findet es genehm, es als keine Beleidigung anzuſehen;“ fügte ſtolz der General hinzu. „General Burnslow iſt für dieſes Mal der Ge⸗ ſcheidtere, und Ihr,“ lachte der Präſident,„Queer⸗ köpfe, Ihr würdet es, meiner Seele! für genehm fin⸗ den, unſerm Freunde Murky für ſein Diner eine Ku⸗ gel durch den Kopf zu jagen. Würdet Ihr nicht?“ „Er ſoll auf alle Fälle Rechenſchaft geben!“ rief Bentley. „Pſhaw! Pfhaw! Bentley, ſpannt die Saite nicht zu hoch, denn gebe Euch mein Wort, Kaptän Murky iſt nicht der Mann, Eure Muſik geduldig anzuhören, Euch dazu zu tanzen.“— „Er ſoll es nicht! er ſoll es nicht!“ riefen Bentley und Oakley zugleich;„wir hielten ihn immer für einen —= 165 6— Ehrenmann,— er hat Ehre im Leibe,— wird als Gentleman handeln.“ „Nennt das Ehre,“ rief lachend der Präſident, weinem Chrenmanne, den Ihr hoch achtet, eine Ku⸗ gel durch den Kopf zu ſchießen, um von ein paar Narren, die Ihr verachtet, Lob einzuernten? Geht zum Henker mit Eurem Ehren⸗Code lu „Aber Bankpräſidentchen,“ ſchrie bereits zum vierten Male der Bankdirektor und mit ihm ein paar Dutzend Andere,„was bringt Euch nur ſo ſpät herab? Warum kamt Ihr nicht früher?“ „Ahlu jubelte wieder das Bankpräſidentchen;„ah, was mich herab bringt? Bald hätte ich es vergeſſen. Was mich herab bringt?— Ueberraſchungen, Boys! bringen mich herab, köſtliche Ueberraſchungen.“ „Ueberraſchungen?“ riefen Alle. „Die glorioſeſten Ueberraſchungen, Boys!“ jubelte wieder der Bankpräſident.„Grüß' Euch Alle, Su⸗ preme Judge! Ihr auch da? auch Ihr, geiſtreicher, oder vielmehr geiſtlicher Sweety?u Alle lachten wieder laut. „Aber was bringt Euch? riefen ſte wieder unge⸗ duldig. — ⸗ 166— „Was mich bringt?“— Etwas, das ich Euch bringe, eine glorioſe Neuigkeit, eine herrliche, er⸗ quickende. Dachte ſchon um drei bei Euch am St. Catharine zu ſeyn, aber Ueberraſchungen, Boys! glorioſe Ueberraſchungen“ „Ueberraſchungen?“ riefen die Einen. „Präſidentchen!“ die Andern. „Ueberraſchungen, die mich überraſchten,“ froh⸗ lockte das Präſidentchen,„gerade wie ich meinen Pacer beſteigen wollte.— Zwei der herrlichſten Mag⸗ nolias Grandifloras, die je auf Miſſtſtppiboden ge⸗ wurzelt.“ „Präſidentchen! Präſidentchen!“ riefen jubelnd Alle. „Die mich überraſchten,“ ſchaltete der Präſident ein, ſich den Schweiß von der Stirn wiſchend,„gerade als ich herab zum Wettrennen, und dann mit Euch zu unſerm Freunde Murky wollte.“ „Auf Ehre!“ verſicherte er,„zwei köſtliche Blu⸗ men, die einem wohl das Herz hüpfen machen können. Freut Euch, Jungens, die Ihr nämlich noch Jungens ſeyd, freut Euch, zwei Helenen ſtatt einer ſind im Paradieſe eingekehrt.“ *— O 167 6— „Im Paradieſe?“ „Nun ja, im Paradieſe, meiner Villa, wißt Ihr; Kaptän Murkys Tochter, Miß Alexandrine, mit ihrer Freundin.“ „Miß Alexandrine!“ ſeufzte eine Stimme aus dem Hintergrunde des Saales hervor. „Da habt Ihr bereits einen Liebesſeufzer, andere werden wohl nachkommen, bürg' Euch dafür!“ lachte er wieder.. „Miß Alexandrine,“ fuhr er in ernſtem, achtungs⸗ vollem Tone fort,„mit ihrer Freundin, der Tochter des innigſten Freundes unſers Kaptän Murkys, Ge⸗ nerals,— wie heißt er nur?— berühmten Generals und General⸗Gouverneurs von ein halb Dutzend ſüd⸗ amerikaniſchen Staaten und vormaligen ſpaniſchen Vizekönigreichen.— Sind beide aus Frankreich, wo ſte erzogen wurden, angekommen.“ „Miß Alexandrine angekommen?“ riefen Alle. Und Alle verſtummten ſie und ſchauten ſich mit ſo ſeltſamen Blicken an. Sie ſchienen einander in der Seele leſen zu wollen! Es war etwas wie Eiferſucht, das ſich bereits verrieth. „Schaut Euch doch nicht ſo an, Jungens, als ob —= 168— Ihr einander ſchon wieder an die Krägen wolltet; brachte ſie Euch deßhalb nicht, die köſtliche Botſchaft. Nur keine Kämpfe, haben deren ohnedem genug. Take it cooly!“ rief lachend der Präſident. „Sind vorgeſtern zu Neworleans gelandet,“ fuhr er frohlockend fort,„geſtern von da abgegangen, heute Schlag drei Uhr im Paradieſe angekommen. Iſt nun ein wahres Paradies.“ „Im Paradieſe!“ ſeufzte es wieder aus dem Hinter⸗ grunde des Saales hervor. „Bin nur froh, daß das v—te gelbe Fieber nicht mehr zu fürchten— hat ſie wegen des heilloſen Fie⸗ bers, das ihm, Ihr wißt, Frau und vier Kinder ge⸗ koſtet, in Frankreich erziehen laſſen, ſie ſechs Jahre nicht geſehen. War aber rührend zu ſchauen, wie ſich die Beiden in die Arme flogen. Komme jetzt, ihn zu entſchuldigen, wenn es da noch einer Entſchul⸗ digung bedarf.“— Der gute Präſident war ganz weich geworden. „Bedarf keiner, iſt entſchuldigt!“ riefen Alle. „Vollkommen entſchuldigt!“ verſicherten zuvor⸗ kommend Oakley und Bentley;„und bitten Euch, —= 169— Präſtdent, einſtweilen ſtatt ſeiner, unſere Apologie anzunehmen. u „Seyd nicht entſchuldigt!“ gellte es wie raſend aus dem Hintergrunde des Saales hervor. „Verbieten es Euch, zu ſeufzen, wenn der Name einer Dame erwähnt wird, die ſo unendlich über Euch erhaben.“ „Was zum Henker haben wir denn da ſchon wie⸗ der? Iſt denn der T— l abermals los?u ſchrie das Präſidentchen, den Kreis der Freunde durchbrechend, und mit einer Haſt unter die Streitenden hineinſpren⸗ gend, die eine vollkommene Kenntniß unſeres Miſſt⸗ ſippicharakters verrieth. Auch ſtanden ſie ſich bereits gegenüber, gerüſtet wie Kampfhähne, Dolche und Kugeln aus den Augen ſprühend. „Ah, Cracker, Meadow, ſeyd Ihr's? Dachte ich's doch!— Wo irgend eine Teufelei im Zuge, ſeyd Ihr ſicher nicht weit!“—— „Keine Eurer Familiaritäten!“ ſprach Cracker vor⸗ nehm.„Seyd ſo gut, miſcht Euch nicht in Dinge, die Euch nichts angehen.“ „Betrifft gentlemaniſche Affairen, nicht Geldſäcke,“ Das Cajütenbuch. II. 12 —e 170— fügte mit eben ſo viel Würde als ſouverainer Ver⸗ achtung Meadow hinzu. „Dann ſind wir freilich nicht die Perſon, die da Sitz und Stimme hat,“ verſetzte lachend der Bank⸗ präſident;„da wir uns jedoch einſtweilen als den Herrn des Hauſes betrachten, müſſen wir ſchon ſo unbeſcheiden ſeyn, uns in Eure gentlemaniſchen Affai⸗ ren zu mengen.“ „Betrachtet Euch als Herrn von was Ihr wollt, nur nicht als den unſerer Affaire, oder es dürfte Euch ſchlimm gehen!“ rief ſtolz Cracker. „Auf die Gefahr hin, tapferer Oberſt, wollen wir es wagen, uns in Eure Affaire zu miſchen. Vorerſt erlaubt die Frage, um was ſich der Streit handelt?“ Es war aber jetzt etwas in dem Blicke des Mannes, das bei aller ſcherzhaften Laune doch wieder den tapfern Oberſten zu imponiren ſchien. „Wollen den Burſchen da für ſeine Vermeſſenheit züchtigen;“ ließ ſich Cracker herab, zu antworten. Der Burſche, wie er genannt wurde, unſer Teraſer, ſpielte ganz ruhig mit ſeiner Reitpeitſche, die er von Zeit zu Zeit hob. „Zweifle, daß der— Burſche Luſt dazu hat,“ ver⸗ —= 171— ſetzte mit ironiſchem Lächeln der Präſident,„ſcheint mir fremd hier, deßhalb den hohen Schwung, den unſer Miſſtſippi Ehrenreglement genommen, noch nicht zu kennen. Hat er denn gar ſo Schlimmes gethan?“ „Hat ſich in einer Geſellſchaft eingedrängt, in die er nicht gehört!“ ſchrie Meadow. „Bei der Erwähnung einer Dame geſeufzt, die un⸗ endlich über ihn erhaben iſt!“ Cracker. 4 „Was ſagt Ihr dazu, Fremdling? Bekennt Ihr Euch ſchuldig dieſer ſchweren Vergehungen?“ fragte mit komiſchem Schauder der Präſident. „Schuldig!“ verſetzte lächelnd der Fremde. „Da habt Ihr aber entſetzlich geſündigt,“ verſicherte ihn wieder der Präſtdent;„furchtbar! wißt Ihr das nicht? Ja, wie geſagt, Ihr kenntden ſublimen Schwung, den unſer gentlemaniſcher Point d'honneur genom⸗ men, noch nicht, Leben zwar in einem freien Lande, aber möchte Euch nicht rathen, zu ſeufzen, pon hon- nour nicht!“ „Sir!“ ſchrieen ungeduldig ein Dutzend Stimmen. „Wollen Euch erſuchen, Eure Hausherrſchaft nicht zu weit auszudehnen!“ rief Cracker. 12* — 172 6— „Die Parteien hier, inſofern ſie auf den Namen und Charakter eines Gentleman Anſpruch machen dürfen, ihre Affaire ausgleichen zu laſſen!“ wieder Bentley. „Das heißt, ſte Kugeln wechſeln machen!“ meinte ruhig der Bankpräſident.„Habt Ihr Luſi?“ wandte er ſich an den Fremdling. „Wenn es ſeyn muß, warum nicht; obwohl, auf⸗ richtig geſagt, ich eben keinen Grund ſehe, mich mit jedem Tollkopfe da herum zu ſchlagen.“ „Sir!“ ſchrie wüthend Cracker. „So Ihr ein Gentleman ſeyd, werdet Ihr wiſſen!“ Meadow „Stille, Cracker! Meadow! Verbitte mir dieſe Sprache hier, lege mein Veto ein.“ „Ihr legt Euer Veto ein?a ſchrieen entrüſtet Cracker und Meadow, und Bentley und Oakley. „Lege es ein!“ verſetzte der Bankpräſident, ruhig die Goldbüchſe aus der Taſche ziehend und den be⸗ liebten Dulcissimus twisted*) heraus nehmend. „Wer gibt Euch das Recht?“ ſchrieen nun Alle. *) Fein geſponnener, eigens präparirter Kautaback. — — 173 6— My money, Gentlemen!“ verſetzte der Bankprä⸗ ſident trocken;„my money,— money is power.“ „Euer Geld?“ ſchrieen ſie veräͤchtlich. „Ei, mein Geld,— Cracker und Meadow!“ wie⸗ derholte der Präſident, ruhig ein Stück vom Duleiſ⸗ ſimus löſend.„Bin ſo frei, Euch ins Gedächtniß zu⸗ rück zu rufen, daß Euch, Oberſt Cracker, unſer Caſ⸗ ſter vor ſechs Monaten, gerade drei Tage nach Eurem letzten Duelle,— eine ſehr häßliche Geſchichte, wißt Ihr,— zehntauſend Dollars, und Euch, Oberſt Meadow, fünßzehntauſend, unter der Bedingung aus⸗ bezahlt, daß Ihr Euch in kein Duell, was immer der Grund, Veranlaſſung, Vorwand,— einlaſſet, oder darin aſſiſtirt, ſecondirt, bis die ganze Summe auf Cent und Dollar ausbezahlt.“ „Präſident!“ ſchrie Oakley,„finde das ungenerös, ungentlemaniſch, einen Vertrag, zwiſchen vier oder ſechs Augen abgeſchloſſen, hier zu veröffentlichen“— „Sehr ungenerös!“ verſicherte Bentley. „Auf alle Fälle nicht ſchön!“ ein Dutzend Oberſten mehr. „Nehmt Euch zu viel mit Eurem Gelde heraus, Praͤſident! will mich bedünken,“ meinte der General; —= 174 6— „Miſſtſtppi⸗Gentlemen in einer Ehrenſache durch ſchnöde Geldrückſichten behindern zu wollen,“ fügte er ſehr mißbilligend hinzu. „Unverzeihlich das, General!“ meinte der Bank⸗ präſident ſelbſt. „Wollen dem aber ein Ende machen;— bürge für Cracker!“ rief Oakley. „Und ich für Meadow!“ ſchrie Bentley. „Bravo, Bentley! Oakley!“ riefen hochherzig die Einen. „Glorioſe Burſche!“ betheuerten die Andern. „Glorioſe!“ apoſtrophirte ſte der Bankpräſident. „Splendide,“ verſtcherte er, den Quid in den Mund ſchiebend;„herrliche Burſche! Hätte meiner Seele den Glauben nicht in Iſrael erwartet! Superbe Burſche, wahre Virginier!“ Und ſo rufend reichte er den Beiden entzückt die Hand. „Nehmt Ihr unſere Bürgſchaft an?“ fragten ſie zaudernd. „Stop my men!— Sachte, ſachte!“ meinte wieder kühl der Bankpräſident;„ſeyd edle Burſche, wahr⸗ haft glorioſe Burſche, ächtes Virginier Cavalierblut, — — 0 175 6— auch gute Bürgen, der eine dreimalhundert, der andere dreimalhundert und etwa fünfzigtauſend werth,— Dollars, natürlich.“— „Wozu dieſe Klaſſifikation?“ riefen wieder unge⸗ duldig die Beiden. „Will Euch gleich ſagen, warum,“ verſetzte trocken der Präſident.„Seyd Ehrenmänner, vollkommen re⸗ ſpektable Bürgen, kann aber— Eure Bürgſchaft nicht annehmen.“ „Ihr könnt nicht? Ihr könnt nicht?“ ſchrieen ſte nun wieder alle ſo entrüſtet! „Und warum könnt Ihr nicht?“ überſchrie ſie zor⸗ nig der General. „Das iſt reiner Deſpotismus!“ hoben wieder die Einen an. „Furchtbare Tyrannei!“ die Andern. „Entſetzliche Tyrannei! Unerträglich!“ fielen ſ ie alle im Chorus ein. „Aber,“ rief Oakley, ver muß,— wir bezahlen ihm ſeine fünfundzwanzigtauſend Dollars.“ „Und ſenden ihn dann nach Coventry,“ lachte Bentley. „Könnt nicht, könnt nicht,“ verſetzte der Bankprä⸗ t ——— V I ——— ———y — 176 6— ſident, ganz gemüthlich die tobenden Aufrührer über⸗ ſchauend;„könnt nicht,“ meinte er ſehr zufrieden; niſt ſehr rar jetzt baar Geld,— haben baar Geld gegeben,— Dollars. Seyd nicht im Stande, ſie auf⸗ zubringen, wenn wir unſer Veto einlegen.“ „Ihr ſeyd ein Deſpot!“ ſchrie wieder Oakley. „Ein Tyrann!“ Bentley und der General. „Ganz richtig,“ verſetzte lächelnd der Bankpräſident; nein furchtbarer Tyrann! Wußtet Ihr das nicht? bin ein Tyrann, ein Unmenſch, und Ihr ſeyd ſo human, liebenswürdig, glaubt gar nicht, wie liebenswürdig!“ „Unausſtehlich!“ riefen ſte wieder;„glauben, er treibt Scherz mit uns.“ „Behüte es! ohne Komplimente!“ lachte wieder der Bankpräſident;„will Euch nur ſagen, kommt mir juſt die Laune.“ „Wollen nichts von Euren Launen hören!² rief wieder ſtolz Bentley. „Kann nicht helfen, hab' ſie nun, dieſe Laune, weiß wohl, daß es eine üble Laune iſt; aber laßt mich, nun nicht anders, meine Laune. Wißt Ihr aber, daß das vorletzte Jahr über hundert Duelle, das letzte beinahe gleich viel vorgefallen?“ — 0 177 6— „Wohl, und was weiter? was geht das Euch an? „Nichts weiter, als daß durch dieſe zweihundert Duelle— zweihundert Hoffnungen, Erwartungen, Exiſtenzen, Freuden— von gerade zweihundert Vätern und Müttern, Geliebten geknickt,— zwei⸗ hundert Verzweiflungen, Troſtloſigkeiten dafür ein⸗ gekehrt.“ Er hielt inne. Alle ſchwiegen. „Unſere ganze bürgerliche Geſellſchaft aber vier⸗ hundert Jahre— in die Zeiten des einſtmaligen Fauſt⸗ rechtes zurückgerückt worden.“ Wieder ſchwiegen ſte. „Geſetze halfen nichts, Prediger halfen nichts, die Thränen der Geliebten— der Mütter— halfen nichts. Nichts half. u „Da thaten wir uns, einige Tyrannen, Deſpoten, zuſammen,“ fuhr der Bankpräſident im Stoccato⸗ Tone fort,„beſchloſſen, dem hochritterlichen Miſſiſippi⸗ treiben Einhalt zu thun.“ „Sehr tyranniſch fingen wir unſer Komplott an, bildeten nämlich einen deſpotiſchen Verein, der ſich verbindlich machte, Keinem mehr Geld zu kreditiren, — 0 178 6— der nicht ſein Ehrenwort gäbe, der ritterlichen Unter⸗ haltung, Duelliren genannt, für die Zeit hindurch zu entſagen, wo er uns ſchuldete.“— „War freilich ſehr tyranniſch von uns,“ fuhr im ſpielenden Tone der Präſident fort,„ſehr tyranniſch, einen ſo edlen Zeitvertreib verhindern zu wollen, aber ließen uns leider nicht in unſerer Tyrannei beirren. Und hatte dieſe Tyrannei die entſetzliche Folge, daß dieſes Jahr nicht mehr als fünfzig Duelle gefochten wurden, und zwar vierzig in den erſten ſechs Monaten, zehn in den letzten.“— „Brauchten aber in dieſen letzten ſechs Monaten mehrere unſerer chevalereskeſten, hochherzigſten Gentle⸗ men, wie zum Beiſpiel unſere tapferen Oberſten Cracker und Meadow,— Geld, und wieder Geld.“— „Creditirten ihnen, aber unter der Bedingung, und nach mündlich und ſchriftlich gegebenem Ehrenworte, binnen der Zeit, wo ſie uns ſchuldeten, kein Duell— was immer die Veranlaſſung— anzunehmen, oder zu befördern.“ „Bin nun leider Präſtdent dieſes deſpotiſchen, hart⸗ herzigen, tyranniſchen Vereines, Gentlemen!“ ſchloß mit einem recht fatalen Lächeln der Mann,„und kann —= 179 6— daher, ſo leid es mir thut, Eurem generöſen Drange nicht nachgeben.“— „Seyd ſehr brave, generöſe Burſche!“ hob er wie⸗ der an.“ „Und Ihr ein ſehr queerer Kauz!“ fiel ihm lachend der General ein, ſeine Hand erfaſſend.„Hol' Euch der T— l, Präſidentchen!“ „Verdammt queer!“ riefen, die Lippen beißend, Oakley und Bentley.„Hol Euch der T— l, Präſt⸗ dentchen!“ „Hol' ihn der Henker““ riefen lachend Alle;„er macht durch ſein Geld mit uns, was er will.“ „Money is power,— wißt Ihr das nicht?— Jef⸗ ferſon meinte: Knowledge is power,— heut zu Tage iſt's Money!“ meinte lachend das Präſidentchen. „Aber jetzt laßt uns doch auch den ſogenannten Burſchen näher beſichtigen,“ raunte kopfſchüttelnd das Präſidentchen dem General zu;„hätte uns da beinahe in eine Squandary mit unſern beſten Freunden ge⸗ bracht. Wollen ihm denn doch auch auf den Zahn fühlen. Auf alle Fälle ein queerer Burſche. Steht Euch da, beſchaut uns vierundzwanzig Miſſiſippi⸗ —=0 180 6— Gentlemen, die“— er blickte ſcharf und flüchtig über ſie hin—„ihre ſteben Millionen Dollarchen wiegen, — gerade als ob wir neugeworbene Rekruten wären. Queeres Chevalierchen!“ „Sehr queer!“ verſicherte der General. Und ſehr queer war er zu ſchauen, unſer Texaſer Chevalierchen, bald mit der Reitgerte ſpielend,— dann ſo verzückt lächelnd,— ſeufzend,— wieder mit weit aufgeriſſenen Augen dem kauſtiſchen Geldmanne horchend.— „Dürfen wir ſo frei ſeyn, zu fragen, wen die ſo⸗ genannte Cajüte unſeres Freundes Murky zu beſitzen das Glück hat?“ fragte mit zweideutigem Lächeln das Präſidentchen. „Glaube, habe es doch ſchon geſagt, mehr als ein Mal geſagt,“ verſetzte, wie aus einem Traume er⸗ wachend, das Chevalierchen;„nenne mich Oberſt Morſe von Texas.“— „Oberſt Morſe von Texas?“ lächelte das Präſt⸗ dentchen;„vermuthe, dann kennt Ihr einen gewiſſen Edward Morſe, der auch ſo etwas in Teras ſeyn ſoll?⸗ „Vermuthe,“ verſetzte wieder der Texaſer,„da ich das Glück oder Unglück habe, es ſelbſt zu ſeyn.“ — ⸗ 181 6— „Habt Ihr?“ lachte der Geldmann;„dann habt Ihr ja auch ein Onkelchen;— und was ſagte das Onkelchen,“ fragte er weiter,„als Ihr es zuletzt ſahet?" Der junge Mann ſchaute den Fragenden einen Au⸗ genblick erſtaunt an.— Die Frage war ſo queer! „Sir!“ ſtotterte er. „Was ſagte er, als Ihr ihn zuletzt ſahet?— Wo ſaht Ihr ihn zuletzt, das Unclechen?“ „Das Unclechen?“ rief der junge Mann, den Alten anſtarrend. Dieſer veränderte keine Miene. „Was ſagte er, als er Euch eine Note, glaube, es war eine hundert Dollars Note— „Eine hundert Dollars Note!“ rief der junge Mann.—„Meiner Seele! Ihr— a „Nun, ich?“ „Ihr ſeyd Uncle Duncan, oder der—. „Stop, Sir!“ rief abwehrend Uncle Duncan; „was ſagte er 2 „Er ſagte, er ſagte: Ned, take care ofthy money, — money is power! ſagte er.“ „Ah, Ned!“ rief jetzt der Unele;„biſt Ned, biſt — 0 182 6— Ned. Gentlemen! iſt Ned. Was meine Judith— wie die ſich freuen wird!— Willkommen, Ned!“ „Uncle Dan!“ rief überraſcht Ned. „Uncle Dan! Uncle Daniel in der Löwengrube!“ lachte dieſer;„und Du wußteſt nicht, daß ich hier bin?“ „Kein Wort, Unclechen!“ „Und kamſt doch her?“ fragte kopfſchüttelnd das Unclechen. Ned ſtockte verwirrt einen Augenblick, dann fiel er wie außer ſich dem Onkel in die Arme.—„Unclechen!“ „Stop, man!“ ſchrie das Unelechen:„halt, Mann! da ſteckt etwas dahinter, bringſt mir meine Tour in Unordnung. Biſt unter den Texaſer Freibeutern ge⸗ weſen, ſehe es wohl, haſt da das Ungeſtüme gelernt.“ „Gentlemen!“ wandte er ſich an die zweifelhaft den Kopf ſchüttelnden;„Gentlemen! habe das Vergnü⸗ gen, Euch meines Schwagers— Supreme Judge Morſes zu W—n Sohn— Oberſt Morſe aufzu⸗ führen.“ „Euren Neffen?“ riefen ſte verwundert. Die Ankündigung ſchien den Sturm weniger ſtillen, als eine neue Richtung geben zu wollen; denn es erhob —— —= 183 6— ſich ein zweifelhaftes Gemurmel, dem wieder ein ſtür⸗ miſcher Wortwechſel folgte.— Oakleys Stimme ließ ſich über alle hören. „Ihr ſeyd es Euch, uns, dem Gentleman ſchuldig, Abbitte zu thun, Cracker!“ „Die wir nicht zu leiſten gedenken,“ rief wieder Cracker;„der Zweifel in Bezug auf Oberſt Morſe iſt nicht gehoben.“ „Er iſt's, Ihr habt es mit mir zu thun, wenn Ihr nicht Genugthuung gebt!“ ſchrie wieder Oakley. „Und mit mir!“ Bentley. „Hang ye!“ ſchrie der Bankpräſident ärgerlich;„iſt denn der Satan gar nicht zu bändigen? Geht er noch immer umher, brüllend wie ein Löwe, ſuchend zu ver⸗ ſchlingen? Sage Euch, wer noch ein Wort von Ge⸗ nugthuung hören läßt, muß es mit mir aufneh⸗ men auf Lanze oder Piſtolen, Kanonen oder Kar⸗ tätſchen.“ „Mit Euch auf Lanze oder Piſtolen, Kanonen oder Kartätſchen?“ riefen lachend Alle. „By Jove! mit mir,“ lachte der Bankpräſident; noder glaubt Ihr's nicht? Fürchtet Euch nicht einmal vor mir? Sag' Euch, habe auch Pulver gerochen.“ —ÿ—ÿ:J—————— —— ———, ——— —= 184 6— „Ihr, Bankpräſidentchen?“ „Ei habe, auf Ehre! habez kein Scherz, Irrthum oder Zweifel. Habe Pulver, ganze Tonnen Pulver gerochen, Karthaunen⸗, Kartätſchen⸗ und Kanonen⸗, Bomben⸗ und Haubitzenhagel ausgehalten, ſelbſt gefeuert.“ „Aber nicht ſcharf geladen?“ „Scharf geladen, Boys!“ jubelte der Bankpräſident; „ſcharf geladen, ſo ſcharf, daß die Leute links und rechts wie Kornähren ſanken.“ „Das müßt Ihr erzählen!“ „Muß ich? muß ich? Wohl, wenn ich muß, ſo will ich; zuvor muß aber Friede und Eintracht ſeyn. Cracker und Meadow! die Hand zur Verſöhnung ge⸗ reicht!“— „Oberſt Cracker! Oberſt Meadow!“ rief es von allen Seiten. „Wir können unſere Zweifel nicht zurücknehmen,“ verſetzte Meadow; ndieſer Gentleman kann nicht Oberſt Morſe aus Texas ſeyn.“ „Was zum Teufel ſoll er denn ſeyn?“ rief der Bankpräſident. „Er kann General, aber nicht Oberſt ſeyn. Es gibt keinen Oberſt Morſe.“ — 0 185 6— „Das iſt wahr,“ verſetzte lächelnd der Texaſer, ndenn der Oberſt Morſe iſt General geworden.“ „Seyd Ihr's wirklich?“ rief überraſcht der General. „Bahl ſeit einem halben Jahre, hoffe jedoch, es wird in meinem halben Incognito keine Beleidigung liegen.“ „Aber Oberſt Cracker und Meadow hatten Recht, wenn ſte Dich für verdächtig hielten, Ned!“ ſchrie der Präſident;„Du warſt verdächtig, biſt es, der Abbitte zu leiſten hat.“ Die ich auch zu leiſten willig bin,“ verſetzte lachelnd der General, die Hand den Beiden entgegen ſtreckend. „Kurioſe Leute Ihr, punctilioſe Leute, meiner Seele!“ rief wieder der Präftdent;„ſeyd ärger, als die—“ „Nicht ärger als unſer Bankpräſident!“ riefen Cracker und Meadow. „Meiner Seele nicht!“ lachten Alle. „Ja, aber Eure Bomben und Kartätſchen!“ riefen wieder die Einen. „Und Kanonen und Karthaunen!“ die Andern. „Die erlaſſen wir Euch nicht!“ lachten Alle. „Wohl, ſo müſſen wir uns denn fügen,“ verſetzte mitlachend der Präſident.—„Phelim!“ wandte er ſich an dieſen,„biſt wieder einmal ſo benebelt, daß Du Das Cajütenbuch. II. 13 ——COCOC— 2—= 186 6— gar nicht ſiehſt, wie wir im Trockenen ſitzen; vermuthe auch, haſt den Auftrag Deines Herrn ganz vergeſſen, ihn bei den Gentlemen zu entſchuldigen.“ „Bei Jaſus! nicht vergeſſen,“ platzte der Irländer heraus; nnicht vergeſſen, bei St. Patrick! Ihnen ge⸗ ſagt, Hinnie! daß Kaptän Murky im Paradieſe.” „Wohl, jetzt geh, und ſey ein guter Burſche, und laſſe die Punſchbowle füllen. Wollen ſte bis an den Rand voll haben, und dann ſagen, wie es kam, daß wir Pulver gerochen. Schickt ſich gerade recht, die ſchönſte Gelegenheit—“ 3 „Bravo!“ riefen Alle. „Ja, wollen Euch ſagen, wie es kam, daß der Kap⸗ tän, oder vielmehr ein Kaptän und ich, Pulver gero⸗ chen, ſobald Phelim das Naſſe gebracht.“ Phelim und einige ſeiner ſchwarzen Helfershelfer brachten nun das Naſſe; die Gläͤſer wurden gefüllt, angeſtoßen.— Alee ſetzten ſich in geſpannt fröhlicher Erwartung.— — 9 187— Callao. 1825. — Der Präſident begann: „Es war im Märzmonat achtzehnhundertfünfund⸗ zwanzig, daß wir— mehrere Amerikaner und Britten, meiſtens Schiffskapitäne, vor dem franzöſiſchen Kaffee⸗ hauſe in Lima ſtanden, in einer Unterhaltung begrif⸗ fen, die, für mich wenigſtens— wahrlich eben nicht ſehr viel Unterhaltendes hatte.“ „Wenn ich Euch ſage, daß gerade zu dieſer Zeit Callao von den Patrioten zu Waſſer und zu Lande blockirt, und wir mit ſpaniſchen Gütern nach nieſer Feſtung beſtimmt waren, werdet Ihr Euch vorläufig eine Idee von der Kurzweiligkeit dieſer unſerer Unter⸗ haltung bilden können.“ „Wir waren nämlich im November des Jahres tauſendachthundertvierundzwanzig von Hauſe, das heißt Baltimore, nach— Havannah abgegangen, hatten da unſere Ladung gelöſcht, dafür eine andere, theils auf eigene— theils auf Rechnung der daſigen 13* — 188 6— Regierung eingenommen, und Havannah gerade am erſten Dezember, alſo acht Tage vor der berühmten Schlacht von Ayacucho, verlaſſen, deren Fama uns nun auch regelmäßig auf dem Fuße folgte, ſo daß wir ihr während unſerer Fahrt um den ſüdamerikaniſchen Continent herum richtig immer nur einige Tage den Vorſprung abgewannen, bis wir, auf der Höhe von Callao angekommen, von ihr und ihren erſchütternden Folgen erreicht wurden, als es umzulenken bereits zu ſpät war.“ „Wir konnten gar keinen Hehl daraus machen, daß wir nach Callao wollten; unſere Cargos, darunter Cigarren, zwanzigtauſend Dollars am Werthe, für die Feſtung beſtimmt, ſprachen zu laut; aber ich zweifle auch, daß, ſelbſt wenn wir es gekonnt hätten, mein Kapitän vom Verſuche, das Blockadegeſchwader zu durchbrechen, abzubringen geweſen wäre. Er hatte das Wageſtück vier Jahre früher, als die Flotte der Patrioten von Cochrane, berüchtigten Andenkens, kommandirt wurde, verſucht, und es war ihm gelun⸗ gen, was etwas ſagen will, wenn man Cochrane kennt;— und dann hatte er auch ſeine eigenen Yan⸗ —=0 189 6— kee⸗Notionen,— Notionen, die, wie Ihr wiſſet, ein⸗ mal in einem Yankeeſchädel fixirt, abſolut nicht mehr herauszubringen ſind. Dieſe Notionen calculirten, den Fall Callaos auf alle Art und Weiſe und es koſte was es wolle, aufzuhalten, ein Calculiren, das, ſo ſeltſam dieſes auch klingen mag, nicht bloß meinem Kapitän, ſondern auch übrigen Landsleuten gar ge⸗ waltig zuſetzte. Wirklich ſchien ihnen der Fall dieſer Feſtung mehr als ſelbſt die Condemnation ihrer Schiffe und Cargos am Herzen zu liegen.— Aber dieſe an Republikanern— und was mehr ſagen will, Ameri⸗ kanern ſo ſeltſam erſcheinende Sympathie zu Gunſten der Fortdauer einer deſpotiſchen Herrſchaft wird wie⸗ der ſehr begreiflich, wenn wir bedenken, daß mit dem Falle Callaos— des letzten feſten Haltes Spaniens in Südamerika— der Kampf auf dieſem Kontinente ſo gut als beendigt, unſer Handel durch die Pacifika⸗ tion nicht nur einen ſeiner einträglichſten, ſondern auch intereſſanteſten Zweige verlor. Ich ſage intereſ⸗ ſanteſten, denn es war gewiß bei Vielen weniger der Gewinn— obwohl dieſer einem Amerikaner nie gleich⸗ gültig iſt— als vielmehr der Reiz der tauſend mit dieſem Handel verbundenen Gefahren und Abenteuer, —“= 190 6— die ihn unſern Bürgern und Seeleuten ſo theuer ge⸗ macht. Auch hatten wir ihn bisher ausſchließend inne gehabt, dieſen gewinn⸗ und abenteuerlichen Han⸗ del, zuerſt weil wir die Nächſten, und dann, weil wir gerade im Beſitze der Artikel waren, die die Patrioten ſowohl als Spanier am meiſten bedurften. Wie es von geſcheidten Leuten zu erwarten ſtand, hatten wir dieſe Art Monopols noch auf eine Weiſe ausgebeutet, die eine Verlängerung des intereſſanten Status quo recht ſehr wünſchenswerth erſcheinen ließ. Wir hatten den Spaniern Mehl und Fleiſch zugeführt, wenn die Spanier am hungrigſten, und die Zufuhren mit größ⸗ tem Riſico und folglich Gewinn verbunden waren, und wieder den Patrioten, wenn dieſe nichts mehr zu nagen hatten. Während der Blockade waren natür⸗ lich die Spanier des Succurſes am meiſten bedürftig, und es ſchien um ſo billiger, ihnen dieſen zu bringen, als ſte ſehr gut bezahlten, und die Ladungen noch vor dem Thorſchluſſe an Mann zu bringen waren.“— „So war denn die Brigg Perſeverance, Kapitän Ready— Supercargo meine werthe Perſon— von den Patrioten— etwa vier bis fünf Meilen vor dem Eingange des Hafens lavirend,— oder vielmehr die —= 191 6— Gelegenheit zum Einſchlüpfen ablauernd,— ange⸗ halten, aufgebracht, und ſogleich auf eine Weiſe be⸗ handelt worden, die uns mehr als einen Fingerzeig gab, daß wir aus dieſer Falle wohl ſchwerlich ent⸗ ſchlüpfen dürften. Unſere perſönliche Habe ward uns zwar gelaſſen, wir aber ſogleich ans Land— und ſo weiter nach Lima gebracht worden. Von der Brigg ſowohl als dem Cargo hatten wir, ſeit wir ſte ver⸗ laſſen, nichts mehr gehört. In letzterem war ich einigermaßen ſtark intereſſtrt, inſofern darin mein ganzes Betriebskapital— die Früchte zehnjähriger Comptoirdienſte, ſtacken; auch der Kapitän war zu einem Fünftheile betheiligt, an der Brigg zur Hälfte.“ „Für einen angehenden Kaufmann aber iſt es wahrlich keine ſehr angenehme Empfindung, ſeine Hoffnungsbarke, und mit dieſer ſein ganzes in lang⸗ jährigem Dienſte zuſammengeſcharrtes, mühſam er⸗ rafftes, und ſo gleichſam in ſeine Eriſtenz verwachſenes — oder doch dieſe begründen ſollendes Anfangskapi⸗ tal— gleich beim erſten Auslaufen— es war meine erſte Unternehmungsreiſe— ſcheitern und ſich ſo auf der Sandbank zu ſehen, um ihn herum eine Rotte Haifiſche, die nach ihm und ſeinem zweiten Selbſt 24 — 192 6— ſchnappen. In der That kamen mir die Patrioten damals ſo ziemlich wie dieſe häßlichen Vielfraße vor, und oft fühlte ich, als ob ich im Schlunde eines dieſer Schnapphähne ſtäcke. Ich haßte ſie ſo herzlich, daß ich ſie alle erwürgen, ihnen mit Luſt hätte den Hals umdrehen können.“— „Nicht ſo wieder mein guter Kapitän. Er trug ſein Schickſal mit leichter Achſel, ſchnitzelte, die Gleichmuth ſelbſt, an ſeinem Stocke oder Stöckchen, und wenn ein ſolches gerade nicht vorhanden, an Tiſchen, Bän⸗ ken, Sophas, oder was ſich gerade vorfand, knirſchte allenfalls, wenn die Rede auf die Brigg kam, mit den Zähnen, fuhr aber dann um ſo eifriger zu ſchnei⸗ den und zu ſchnitzeln fort. Er war überhaupt ein nichts weniger als redſeliger Nann. Während un⸗ ſerer langen Seereiſe waren oft Wochen vergangen, während welcher er, die nöthigſten Befehle ausge⸗ nommen, keine Sylbe von ſich hören gelaſſen. Auch ſprach man ihn nicht gerne an, wenn man es vermei⸗ den konnte. Die eſſigſauren Züge, die dunkeln, in einer trüben Wolke ſchwimmenden, wie trunkenen Augen, die feſt zuſammen gekniffenen Lippen, die ge⸗ —= 193 runzelte Stirn, luden wenigſtens nicht ein. Er hatte beim erſten Anblicke etwas ſo zurückſtoßend Düſteres, als Einem beinahe Bedenken einflößte, ihn anzureden. Bei dem erſten Laute jedoch, den man von ihm hörte, ſchwanden Bedenken und Scheu. Ein unbeſchreiblicher Zauber lag in jedem ſeiner Worte, wie Muſik klang es von ſeinen Lippen, und ſelbſt, wenn ſich ſeine Stimme während eines heftigen Sturmes zum Ge⸗ brülle erhob, hatte ſie doch noch Wohllaut. Es war, als ob ſie beruhigend, ſchmeichelnd den Orkan beſänf⸗ tigen, einlullen wolle. Jedes Mal, wenn er ſprach, nahmen ſeine düſtern gekniffenen Züge dieſen ſanft wohlwollenden Ausdruck an; auch wenn er irgend eine Gefälligkeit erwies, dann wurde der Ausdruck dieſer Züge ſo klar, heiter, mit ſich und aller Welt zufrieden! Es lächelte ordentlich aus dem ſonſt ſo finſtern Geſichte;— man konnte dem Manne nicht mehr gram ſeyn, fühlte ſich unwiderſtehlich zu ihm hingezogen. Darum liebten ihn aber auch Alle, die ihn näher kannten, wie einen Bruder, und trotz Schweigſamkeit drängten ſich Alle in ſeine Geſellſchaft. Oft beſchwichtigte ſein bloßer Eintritt die heftigſten Streitigkeiten. Rauh, wie natürlich Kapitäne zu⸗ —=b 194 6— weilen zu ſeyn pflegen, weiß ich mich doch nie zu ent⸗ ſinnen, daß ihm Einer je ein rauhes oder rohes Wort geſagt hätte. In der That hatte er keinen Feind unter ſeinen Mitkapitänen, wohl aber Viele, die für ihn ihren letzten Dollar geopfert hätten.“— „Wir waren ſeit acht Jahren mit einander bekannt, und in ſo fern Freunde, als ein erſter Commis und Schiffskapitän, die in Dienſten eines und deſſelben Hauſes ſtehen, Freunde ſeyn können. Immer hatte ich ihn während dieſer Zeit als die Loyalität und Treue ſelbſt gekannt; doch haftete von früher her etwas wie ein dunkler Fleck auf ſeinem Seemannscharakter. Er war nämlich von dem Philadelphier Hauſe, dem er früher als Kapitän gedient, und das ihn ſehr jung und in wenigen Jahren vom Schiffsjungen zum Kapi⸗ tän befördert, plötzlich entlaſſen worden. Die Urſache ſeiner Ungnade war nicht genau bekannt geworden. Er ſollte ſich auf einer Rückfahrt von Havannah ein Vergehen zu Schulden haben kommen laſſen, das nicht bloß das Schiff, das er commandirte, ſondern auch die Conſignes ſehr ſtark compromittirte, ja ihm —=9 195 6— ſelbſt den Zutritt nach Havannah verſchloß. In der That durfte er ſechs oder ſteben Jahre nicht dahin.“— „So unbeſtimmt auch dieſe Anklagen, ſo brauche ich Ihnen doch kaum zu ſagen, daß ſie in Philadelphia hinreichend waren, ihm alle bedeutenden Häuſer um ſo mehr zu verſchließen, als er bei ſeinem zurückhal⸗ tenden Weſen ſich wieder um keinen Preis herabließ, irgend eine Aufklärung zu geben. Längere Zeit blie⸗ ben auch alle ſeine Verſuche, eine neue Anſtellung zu erlangen, fruchtlos; würden es auch, trotz ſeiner an⸗ erkannten Tüchtigkeit, wohl noch lange geblieben ſeyn, wenn nicht der durch die unermüdlichen Anſtrengungen Bolivars friſch angefachte Krieg dem ſüdamerikani⸗ ſchen Handel auch einen friſchen Aufſchwung gegeben, und ſo die in dieſem Handel betheiligten Häuſer ge⸗ zwungen hätte, bei der Auswahl ihrer Kapitäne ein Auge zuzudrücken. So wurde er, obgleich nicht ohne einiges Widerſtreben, von unſerer Firma als Kapitän angeſtellt. Und wohl mochten wir uns zu dieſer An⸗ ſtellung Glück wünſchen, denn wir verdankten ihr großentheils den Aufſchwung, den unſere Geſchäfte vor allen übrigen ſüdamerikaniſchen Häuſern Balti⸗ mores von dieſer Stunde an nahmen. Seine früheren — 0 196 6— Prinzipale, als ſie dieß ſahen, beeilten ſich zwar, ihm wieder Vorſchläge, und das ſehr annehmbare, zu machen, aber er lehnte ſie mit Unwillen ab. Auch war er nie dahin zu bringen, von dem Vorfalle oder Vergehen, der ſeinem Charakter als Kapitän einen ſo ſtarken Flecken angehängt, auch nur eine Sylbe zu erwähnen. Man bemerkte, wenn die Rede auf das erwähnte Haus kam, ein bitteres Hohnlächeln um ſeinen Mund ſpielen, zugleich aber wurde ſeine Miene ſo zurückſchreckend finſter, daß auch dem Neugierigſten die Luſt zu weiteren Fragen verging.“ „Dieſes dunkle Blatt in der Geſchichte des Mannes — verbunden mit ſeiner Schweigſamkeit und ſeinem düſtern, brütenden Weſen— verurſachten mir, ich muß aufrichtig geſtehen, während der Seereiſe oft ſelt⸗ ſam unheimliche Gedanken.“ „Doch war er wieder das Muſter eines Seemannes, ruhig, feſt, entſchieden, ſeine Matroſen mehr durch Winke, als Worte leitend. Auf der Brigg herrſchte die Stille einer Quäckerverſammlung, ſelbſt im höch⸗ ſten Zorne entfuhren ihm keine Flüche oder Schelt⸗ worte; aber die zuſammengekniffenen Lippen, die ge⸗ runzelte Stirn waren dann entſetzlich zu ſchauen! der —= 197— deſperateſte Matroſe kroch wie ein Hund vor dieſem Blicke weg. Jedoch hielten dieſe Gewitterwolken nie lange an, immer ſchwanden ſie wieder in die gewöhn⸗ liche düſtere Ruhe. Dieſe Ruhe habe ich ſelten an einem Manne ſo unerſchütterlich gefunden.— Wäh⸗ rend meiner achtjährigen Bekanntſchaft hatte ich ihn auch kein einziges Mal von Leidenſchaften hingeriſſen geſehen, die Gewitterwolke auf Stirn und Lippen ausgenommen, blieb er immer die perſonifizirte Ge⸗ laſſenheit, und ſelbſt jetzt, wo ſein ganzes mühſam erworbenes Haben auf dem Spiele ſtand, war auch nicht das leiſeſte Anzeichen von Ungeduld an ihm zu verſpüren. Wahr iſt's, er ſchnitt und ſchnitzelte zu⸗ weilen heftiger, denn gewöhnlich, aber das iſt ein Zeitvertreib, der, wie ſie wiſſen, national iſt, und in dem ihm meine uͤbrigen Landsleute nichts nachgaben.“ „Wahrlich! wir Amerikaner ſind nicht die Leute, uns durch irgend eine Squandary— eine Teufelei den Kopf verrücken zu laſſen, und wenn ihn ja Einer verliert, ſo ſetzen ihn die Andern durch ihren imper⸗ turbablen Gleichmuth gewiß wieder zurecht, voraus⸗ geſetzt, daß hinlänglich Dulcissimus twisted, Cigarren, — 0 198 6G— Federmeſſer, und Fülle von Stöcken, Bänken, Tiſchen, oder ſonſtigem ſchneidbaren Materiale vorhanden. Ihr hättet nur ſehen ſollen, mit welcher Luſt, welchem Eifer unſere Landsleute nicht nur Stöcke und Stöck⸗ chen zu Dutzenden, ſondern auch Tiſche, Seſſel, Sofa⸗ lehnen, kurz alle nur erreichbaren Meublen im Caffee⸗ hauſe zur Verzweiflung des Wirthes beſchnitten; je härter das Holz, deſto eifriger ihre Federmeſſer. Auch hatte Jeder fürſorglich ſein Schleifſteinchen, einen Zoll lang und breit, an dem er das ſtumpf gewordene Fe⸗ dermeſſer wieder ſchärfte: während wieder die vier Britten immer und ewig entweder brummten, ſich und die Patrioten in die Hölle verwünſchten, oder— be⸗ ſoffen. Widerwärtig rohere, brutalere, und doch wieder knechtiſcher geſtnnte Menſchen, als dieſe Brit⸗ ten, waren mir ſelten vorgekommen.— Nach ihrem Treiben hätte man glauben ſollen, das ganze pretiöſe alte England müſſe zu Grunde gehen, ſo ihren lumpi⸗ geen Cargos auch nur ein Haar gekrümmt würde. Ich hatte hier Gelegenheit, Vergleichungen anzuſtellen, und wahrlich, ſie ſielen nicht zum Vortheile John Bulls aus! Pſhaw! John Bull ſpottet über Bruder Jona⸗ thans Dollarſucht, und allerdings ſuchen wir die —=0 199 6— Dollars. Es iſt ein ſtarker Splitter in unſern Augen, dieſes immerwährende Dollarſuchen; nur ſteht John Bull, mit dem Balken in den ſeinigen, der Spott ſchlecht an. Gewiß ſuchen wir die Dollars, und ſind auch eifrig bemüht, ſie zu finden; aber wenn wir ſie wieder verlieren, reißen wir uns deßhalb doch nicht den Hals ab, wie John Bull. Ich kenne wenigſtens noch keinen reſpektablen Amerikaner, der ſich wegen Dollarverluſtes gehängt oder ertränkt hätte, wie es die Britten tagtäglich thun. Bei uns iſt aber auch, John Bull mag dagegen ſagen, was er will, der Mann noch etwas werth, apart von ſeinen Dollars, aber nicht bei ihm, wo er keinen Strohhalm mehr gilt, als ſeine Guineen. Darum iſt auch der echt engliſche Ausdruck: er iſt ſo und ſo viel werth, bei uns in den Seeſtädten ſtecken geblieben, im Lande hat er kein Glück gemacht. Gewiß hat der brittiſche Cha⸗ rakter brillante Züge von Gerechtigkeit, Männlichkeit, Seelengröße und Stärke, aber auch häßliche, und darunter eine Gier nach Geld und Gut, die ihm dieſe Dinge nicht mehr als Mittel, nein, als höchſte Lebens⸗ zwecke, ja als eine Art höherer Weſen betrachten läßt, die zu erlangen er auch das Deſperateſte nicht ſcheut. G * 1 —— — e 200— Der Britte dient des Goldes wegen Türken und Ju⸗ den, Karliſten und Chriſtinos, dem Himmel und der Hölle;— wir nicht, wir nur— der Freiheit! Er würde Euch das Goldſtück erbarmungslos und mit eiſernen Krallen aus den Eingeweiden heraus reißen! Gott gnade dem armen Wichte, den pennylos das großmüthige Großbritannien betritt! bei uns finden Hunderttauſende von europäiſcher Tyrannei Ausge⸗ ſtoßener noch immer einen Biſſen Brodes! Sagt, was Ihr wollt, im Charakter des Britten iſt ein Zug von gefühlloſer Härte, der noch immer an den nor⸗ wegiſchen und normanniſchen Seeräuber mahnt; und ſo ſehr er ſich auch in den acht oder neunhundert Jahren ſeines Auftretens auf der Weltbühne abpolirt, ganz verläugnet hat er ſich nie, dieſer Seeräuber⸗ charakter, wo er immer auftrat, ſey es in Europa oder in Aſten, in Oſt⸗ oder in Weſtindien.“ „Bravo!“ riefen Alle. „Doch wir wollen,“ fuhr der Präſident fort,„keine Phyſiognomie der brittiſchen Geſchichte, wir wollen bloß ein ſimples Bruchſtück aus unſerm und unſers Freundes Leben zum Beſten geben, und kehren daher wieder zu unſerm Caffeehauſe und unſern Quidkauen⸗ —“=201— den, Cigarrenrauchenden— vor Allem aber Stöcke und Stöckchen ſchnitzelnden Kapitänen— zurück. Der Wirth hatte endlich glücklich das Auskunſts⸗ mittel entdeckt, das, wie Ihr wißt, auch in unſern Gerichts⸗ und ſonſtigen Verſammlungsſälen mit er⸗ ſprießlichem Erfolge in Anwendung gebracht worden: Er hatte nämlich eine ganze Fuhre von Stöcken her⸗ beiſchaffen laſſen, mit denen er Tiſche und Seſſel, Sofas und Alles, was nur Federmeſſer fürchten mußte, belegte, ſo daß meine guten Landsleute bloß zuzugreifen brauchten, was ſie denn auch mit ſo vielem guten Willen thaten, daß Caffee⸗ und Billardſaal und der Vorhof mehr Schreiner⸗ oder Drechslerwerk⸗ ſtätten, als einem Caffeehauſe glichen.“ „Als geiſtige Würze zu dieſem intereſſanten Zeit⸗ vertreibe dienten allenfalls die ſogenannten Patrioten, die auf allen Plätzen, in allen Gaſſen umherſtanden und lagen, und uns vielen Spaß verurſachten. Es waren die zerlumpteſten Burſche, die ſich je Senores Soldados tituliren ließen,— wahre Carricaturen, wie ſie in ihrer funkelnagelneuen Freiheit umherſtolperten und wieder ſultansartig lagerten. Der Eine hatte eine ſpaniſche Jacke, die er zu Ayacucho erbeutet, der Das Cajütenbuch. II. 14 — e 202 6— Andere eine amerikaniſche, die er von irgend einem Matroſen erhandelt, ein Dritter hatte keine Jacke, aber dafür eine gekürzte Mönchskutte; ein Vierter einen Czako, an dem der Deckel fehlte, ein Fünfter paradirte barfuß in einer Mantille, ein Sechster ſtack in einem galonirten Sammetrocke, aus den Zeiten Philipps des Fünften her. Nur die ſogenannten Volontairs waren beſſer uniformirt; die Offtziere je⸗ doch hatten ſich ſeit der erwähnten Entſcheidungs⸗ ſchlacht auf das Pompöſeſte herausgeputzt, ihre Uni⸗ formen ſtrotzten von Golde, und es gab Lieutenants, die ſtatt zweier Epauletten deren ſechs und acht tru⸗ gen, vorne, hinten auf den Schultern, dem Rücken, und das keine kleinen, ſondern Generals⸗Epauletten. u „Wie wir alſo ſaßen und ſtanden— es war nach der Sieſta— ſchnitzelnd, rauchend, Quids kauend, und unſerm Witz, oder vielmehr Mißmuth, auf Koſten der Patrioten Luft machend,— ging eine der Seitenthüren des Caffeehauſes auf, und ein Offizier trat heraus, der uns denn doch eine etwas beſſere Idee von den guten Patrioten beibringen zu wollen ſchien. Es war ein Mann in den Dreißigen, ſehr —= 203 6— einfach, aber geſchmackvoll uniformirt und von jenem anſpruchslos einnehmenden Weſen, das decidirte Na⸗ turen ſo gerne zur Schau tragen und das gegen die kriegeriſche Haltung ſeines jüngern, viel reicher uni⸗ formirten Begleiters ſcharf abſtach, obwohl dieſer im Range unter ihm ſtehen mußte, denn er ging einen Schritt hinter ihm her. Wie er an uns vorbei kam, erwiederte er unſere Verbeugungen mit einem kurzen, aber ſehr verbindlichen Rucke an ſeinem dreieckigen Federhute, und war auf dem Punkte, an uns vor⸗ über zu eilen.“ „Mein guter Kapitän ſtand einige Schritte ſeit⸗ wärts, unverdroſſen an ſeinem zehnten oder zwölften Stocke ſchnitzelnd, als unſere Bewegungen ihn in dem Augenblicke aufſchauen machten, wo der Offizier an ihm vorüber ging. Dieſer ſtutzte, zuckte, firirte unſern Kapitän einige Sekunden, dann öffnete er die Arme, und mit freudeleuchtender Miene auf ihn zu⸗ ſpringend, drückte er ihn ſtürmiſch an die Bruſt.“ „Kapitän Ready!“ „Das iſt mein Name!— verſetzte ruhig der Ka⸗ pitän." „Kapitän Ready!— rief abermals der Offtzier.“ 14* —= 204 6— „Der gute Kapitän ſtutzte, fixirte ſeinerſeits den Offtzier, aber ſein zweifelhafter Blick verrieth noch immer kein Erkennen.“ „Kapitän Ready!— ruft der Offtzier heftig,— kennt ihr mich wirklich nicht mehr? u „Nein!— verſetzt der ihn noch immer zweifelhaft anſtarrende Kapitän.“ „Ihr kennt mich nicht?— Ihr kennt mich nicht? — rief beinahe vorwurfsvoll der Offtzier, ihm etwas in die Ohren wiſpernd.“ „Jetzt ſchaut ihn der Kapitän einen Augenblick ſtarr an, im nächſten werden ſeine Züge leuchtend vor Freude und Freundlichkeit, er erfaßt überraſcht die Hand des Patrioten.“ „Ungeſtüm reißt ihn dieſer wieder dem Caffeehauſe zu, in deſſen Innerem die Beiden verſchwinden.“ „Wir ſtanden unterdeſſen, mannigfaltigen Ver⸗ muthungen Raum gebend. Nach etwa einer Viertel⸗ ſtunde traten die Beiden wieder heraus; der Offtzier mit ſeinem reich uniformirten Begleiter gingen dem Regierungspalaſte zu, der Kapitän ſchloß ſich an uns an, dieſelbe imperturbable Ruhe, die er immer — e 205 e— war, auch ſogleich wieder zu Stock und Federmeſſer greifend. Auf unſere Fragen, wer der Offizier ſey, erfuhren wir bloß, daß er zum Belagerungsheere von Callao gehöre, und einſtmaliger Paſſagier des Ka⸗ pitäns geweſen.“— „Dieſer Beſcheid wollte mir denn doch nicht ganz genügen, denn ich hatte die ſämmtlichen Patrioten⸗ haufen in einen beinahe paniſchen Schrecken bei ſeiner Annäherung gerathen ſehen; auch ſchienen unſere eng⸗ liſchen Kapitäne etwas Näheres von ihm zu wiſſen; ſte kamen, trotz des dicken Nebels, in dem ſie ſchweb⸗ ten, gar ſo kriechend heran, ſpitzten Augen und Ohren gar ſo ſcharf, wurden auf einmal ſo freundlich! ſelbſt zu ihrem Grog, den ſte vor dem Hauſe tranken, luden ſte den guten Kapitän. Euer Britte iſt nie wider⸗ wärtiger, als wenn er freundlich, zutraulich wird; die Selbſtſucht, der kraſſeſte Eigennutz grinst dann ſo ekelhaft aus ſeinen harten, brutalen Roaſtbeef⸗ zügen heraus! Mein Kapitän wandte ihnen, wie ſte es verdienten, ohne ein Wort zu ſagen, den Rücken.“— „Was wieder meine Landsleute betrifft, ſo kennt Ihr unſere— nennt es, wie Ihr wollt— Delicateſſe, Inſouciance oder Apathie. Sie ſchienen mit der er⸗ —= 206 6— haltenen Auskunft vollkommen zufrieden.— Schiffs⸗ kapitäne, und zwar amerikaniſche mehr, als die jeder Nation,— ſie ſind gebildeter, beſſer unterrichtet, auch unſere Schiffe in der Regel beſſer gebaut und einge⸗ richtet,— verkehren nicht nur häufig mit den ver⸗ ſchiedenſten Perſonen und Charakteren, ſie haben auch vielfältige Gelegenheit, intereſſante Bekanntſchaften zu knüpfen, dieſen Bekanntſchaften— die nicht ſelten hoch über ihnen ſtehen— Dienſte und Gefälligkeiten zu erweiſen, die ſte in wahre Protektorbeziehungen bringen. In gewiſſer Hinſicht können unſere Schiffs⸗ kapitäne ganz füglich mit Schauſpielern verglichen werden, die auch in der einen ihrer Lebenshälften Rollen ſpielen, die es ihnen ſchwer werden dürfte, in der andern fortzuführen. Der Kapitän zur See iſt vom Kapitän zu Lande eine in der Regel himmelweit verſchiedene Perſon. Zur See ein halber, oder viel⸗ mehr ein ganzer König, der unumſchränkt herrſcht, deſſen leiſeſter Wink Befehl wird, der es ganz in ſei⸗ ner Gewalt hat, ſeinen Untergebenen nicht nur, ſon⸗ dern Schiffsgenoſſen überhaupt, den Aufenthalt zum Himmel oder zur Hölle umzuſchaffen, iſt er zu Lande wieder häufig eine ziemlich unbedeutende Perſon, die —= 207 6— es nicht einmal mit dem Commis ſeines Conſtgné verderben darf. Andererſeits wird wieder dem Paſſa⸗ gier ſeine Seereiſe nicht ſelten zur Epoche machenden Begebenheit, die ihm die Hauptperſon— den Kapi⸗ tän, oft das ganze Leben hindurch nicht vergeſſen läßt,— während dieſem wieder der einzelne Cajüten⸗ paſſagier längſt über den Hunderten, die nach ihm ſeinen Platz eingenommen, aus dem Gedächtniſſe ge⸗ ſchwunden. Unſern Seekapitänen war daher aus eigener Erfahrung ſowohl die überſtrömende Freude des Patrioten im Momente des Wiederſehens, als die verhältnißmäßig kühle Erwiederung von Seite des Kapitäns ſo ziemlich erklärlich. Es wurden einige Bemerkungen über ſüdamerikaniſchen Enthuſiasmus gewechſelt, mehrere analoge Fälle erzählt, und dann — fielen ſie alle wieder in ihr früheres Geleiſe zurück.“— „Am folgenden Morgen ſaßen wir gerade über unſerer Chokolade, als eine Ordonnanz, ſehr nett uniformirt, in die Verandah kam und nach Kapitän Ready fragte. Der Kapitän ſtand ganz gelaſſen — 208— auf, trat einige Schritte ſeitwärts, hörte, nicht ver⸗ droſſen, nicht unverdroſſen, die Ordonnanz an, und ſetzte ſich dann wieder ruhig zu ſeiner Chokolade, die er ganz behaglich ausſchlürfte, oder vielmehr ausaß; denn in Südamerika wird die Chokolade bekanntlich dick, wie Brei, aufgetragen. Erſt nach einer gerau⸗ men Weile fragte er mich, wie gelegentlich, ob ich nicht zu einem Ausfluge mit ihm Luſt hätte, der viel⸗ leicht ein paar Tage währen könnte.“ „Ich ließ mir das natürlich nicht zweimal ſagen, denn die Stunden hingen mir wie Blei an den Füßen; und ſo packten wir uns denn einen Anzug in unſere Sattelfelleiſen, nahmen unſere Fänger und Piſtolen, und verließen das Caffeehaus, vor dem wir zu meiner nicht geringen Ueberraſchung die berittene Ordonnanz mit zwei prachtvollen, ſuperb aufgezäumten Spaniern fanden.“— „Meine Neugierde war wieder ſtark erwacht, denn die Pferde waren die ſchönſten, die ich in Peru ge⸗ ſehen; aber mit allen meinen Fragen vermochte ich nicht mehr aus meinem ſchweigſamen Freunde heraus zu bringen, als daß unſer Ausflug zum Offizier von geſtern ginge, daß dieſer im Belagerungsheere ange⸗ —= 209 6— ſtellt, und einſt ſein Paſſagier geweſen,— wer er aber, und was er ſey, wiſſe er nicht. Damit mußte ich mich nun einſtweilen begnügen, obwohl die ver⸗ legen gewordene Miene des guten Kapitäns ein Meh⸗ reres hinter dem Buſche vermuthen ließ.“— „Als wir Lima etwa eine Meile im Rücken hatten, kam ein ſtarker Kanonendonner in der Richtung, die wir nahmen, herüber;— etwa eine Meile weiter ein Zug von Wagen und Karren, auf denen Verwundete nach Lima transportirt wurden.— Der Kanonen⸗ donner wurde ſtärker. Auch Haufen von Marodeurs, die durch Felder, Hecken und Gärten ſchwärmten, ließen ſich blicken, zogen ſich aber zurück, ſo wie ſte die Ordonnanz erkannten. Die Begierde, den Kriegs⸗ ſchauplatz recht bald zu ſehen, erwachte nun ſehr leb⸗ haft in mir.“ „Nicht, daß gerade ein beſonders kriegeriſch eiſen⸗ freſſeriſcher Appetit in mich gefahren wäre! Nein, von jenem ſogenannten chevaleresken, oder beſſer zu ſagen, tollen Geiſte, der ſo Manche plagt und treibt, ſich wie Narren in anderer Leute Streit zu mengen, und Fell und Knochen zu Markte zu bringen, habe —= 210— ich, dem Himmel ſey Dank, auch nicht das Leiſeſte je in mir verſpürt. Ich war immer ein Mann des Frie⸗ dens und Handels, der ſich weder um Patrioten, noch Spanier kümmerte, vorausgeſetzt, daß ſie ihm ſein Mehl und Salzfleiſch, vor Allem aber die Cigarren⸗ kiſten unangefochten ließen; aber in der Squandary, in der wir ſtacken, und immer und ewig von demſel⸗ ben horriblen Gedanken, ein Bettler zu ſeyn, ge⸗ martert, würden mir Seeräuber ſelbſt nicht unwill⸗ kommen geweſen ſeyn, wenn ich meine Galle und Verzweiflung an ihnen hätte auslaſſen können. Auch ſchien es mir wohl möglich, daß die Spanier aus der Feſtung ausfallen, und ihre und unſere Freunde in den ſtillen Ozean treiben könnten, ein Gedanke, der, trotz ſeiner Abſurdität, mir ſehr wahrſcheinlich wurde, obwohl ich mich hütete, ihn dem Kapitän mitzutheilen. 4 „Was nun dieſen betraf, ſo war er von Hauſe aus mit einer Stoa geſegnet, die ihn Pulver und Blei als ganz gleichgültige Dinge betrachten ließ. Er hatte während ſeines vierzehnjährigen Seelebens und ſeiner Ein⸗ und Ausfahrten aus den blockirten ſüdamerika⸗ niſchen Häfen, der Zwölf⸗ und Sechszehnpfünder ſo viele um die Ohren ſauſen gehört, auch der Strauße — 0 211— mit Piraten ſo tüchtige beſtanden, daß bei ihm von Furcht gar nicht mehr die Rede ſeyn konnte, und wenn er ja eine hatte, ſo war es die, von ſeinem feu⸗ rigen Spanier geworfen zu werden, auf dem er, wie alle unſere Seemänner,— ein herzlich ſchlechter Reiter, — herum baumelte, nicht unähnlich einem überlade⸗ nen Schoner, im Troge einer ſchweren und contrairen See. Doch kamen wir noch ſo ziemlich glücklich da⸗ von. 4— „Nachdem wir eine mäßige Anhöhe erreicht, er⸗ blickten wir auch links die braunen düſtern Baſtionen der Forts, rechts Bella Viſta, und darüber hinaus den ſogenannten ſtillen, aber in der That v—t ſtür⸗ miſchen Ozean.“ „Bella Viſta iſt eigentlich nur ein Dorf, aber die Gebäude ſind mehrentheils Villas, in denen die Großen Perus die Sommermonate zubringen, da der kühlen⸗ den Seeluft zu genießen. Obwohl ganz von den Kanonen der Feſtung beherrſcht, ſind Häuſer und Villas wieder ſo ſolid aufgeführt, daß der General en chef ſelbſt mit dem größten Theile des Belagerungs⸗ heeres da ſein Hauptquartier aufgeſchlagen.“ —= 212 6— „Die Ordonnanz wies uns, oder vielmehr dem Kapitän, der das Spaniſche geläufig ſprach, ſo eben die verſchiedenen Punkte, wo Batterien errichtet waren. Die letzte, die fertig geworden, aber ihr Feuer noch nicht eröffnet, lag keine dreihundert Schritte von der Feſtung, wurde aber noch durch vorſtehende Häuſer gedeckt, die jedoch, bereits unterminirt, nächſtens fallen ſollten.“— „Während die Ordonnanz die Batterien und den Gang der Belagerung, ſo viel ſie davon verſtand, beſchrieb, wurden unſere Pferde, und beſonders das des Kapitäns, das von einem Offtzier hohen Ran⸗ ges geritten worden ſeyn mußte,— denn es wollte immer nur vorwärts, ſehr unruhig, und da, wie be⸗ merkt, mein guter Kapitän wohl ein Schiff, aber kein Pferd zu regieren verſtand, verlor es endlich die Geduld, und brach mit ihm ſo wüthend aus, daß die unſrigen, wir mochten zurückhalten und bändigen ſo viel wir wollten, nachſtürmten, wohin? wußte der Himmel, wir nicht.“ „Wir kamen in einem Ozeane von Staub und Rauchwolken zur Erde, und umbrüllt von einem Ka⸗ — b 213— nonendonner, der dieſe aus ihren Grundfeſten reißen zu müſſen ſchien.“ „Unſere wild gewordenen Spanier hatten uns näm⸗ lich im Sturme dem Dorfe, und zwar gerade den der Feſtung zunächſt gelegenen Häuſern in dem Augen⸗ blicke zugeriſſen, wo dieſe mit einer dumpfen erder⸗ ſchütternden Exploſton zuſammen ſanken, und den die Batterie juſt abgewartet hatte, um ihr Feuer auf die Feſtung zu eröffnen. Daß dieſe nicht zauderte, den Gruß mit Prozenten zurück zu geben, brauche ich Euch wohl nicht zu ſagen; und da auch die übrigen Batterien einfielen, ſo war das ein Gedonner, ein Gehagel von Kanonen, Kartätſchen, Bomben und Haubitzen, als ob die Welt ganz und gar in Trüm⸗ mer gehen ſollte.⸗ „Die Pferde, mit uns zuſammen geſunken, hatten uns wie Mehlſäcke abgeworfen; die Ordonnanz war betäubt, ich halb todt, nur unſer Kapitän ſchien die Sache ganz in der Ordnung zu finden, arbeitete ſich ruhig unter ſeinem Spanier hervor, half mir und der der Sprache ganz beraubten Ordonnanz auf die Füße, und fragte dann ganz gelaſſen, wo nun der Offizier zu treffen wäre.“ — d 214 6— „Die Ruhe des Mannes war, um mich eines unſerer Lieblingsausdrücke zu bedienen, in der That conſtde⸗ rabel. Wohl an dreißig Kugeln waren in die Mauer, hinter der uns unſere Thiere glücklicher Weiſe abge⸗ worfen, eingeſchlagen,— Steine kollerten auf allen Seiten herab;— im Vorbeigehen ſey es bemerkt, das Bruchſtück war nicht mit Geld zu bezahlen, ohne daſſelbe wären wir hier wohl all unſerer Sorge und Verzweiflung wegen Cargo und Brigg ledig gewor⸗ den;— aber meinen guten Kapitän ſchien das Alles nichts anzugehen. Er war nur ungeduldig über die Rauch⸗ und Staubwolken, die aus den Batterien und den zuſammen geſtürzten Häuſern empor qualmten, und uns in eine wahre ägyptiſche Finſterniß verſetzten, fragte wohl ein Dutzend der hin⸗ und hereilenden Soldaten, keiner aber nahm ſich die Zeit, ihn anzu⸗ hören, wenn ſie auch hätten hören können.“— „Endlich hatten ſich wenigſtens die gröbſten Staub⸗ wolken verzogen, auch die perplexe Ordonnanz ſich einigermaßen orientirt, ſo deutete ſie denn auf la Batteria hin, der mich mein Freund auch ohne Wei⸗ teres zuzog. Wir hatten noch keine zwanzig Schritte gethan, als wir auch bereits auf eine Kanone ſtießen. —= 215 6— „Alles war da, wie Sie ſich leicht vorſtellen mögen, lebendig. Die Batterie zählte dreißig Vierundzwanzig⸗ und Sechsunddreißigpfünder, die mit einem Eifer, einem Muthe bedient wurden, der meine Erwartun⸗ gen von Patrioten⸗Bravour weit übertraf. In der That gab ſich zu viel Bravour unter den Leutchen kund. Sie tanzten mehr um die Kanonen herum, als ſie ſich bewegten, und das mit einer Todesver⸗ achtung in Miene und Geberden, die wie Trotz und Hohn ausſahen. Sie hielten es nicht einmal der Mühe werth, die Kanonen von den Embouchuren während des Ladens zurück zu ziehen, im Gegentheile, ſchoben dieſe noch immer hinaus, und luden lachend die Spanier ein, doch beſſer zu treffen.“ „Es war, wir dürfen dieß nicht vergeſſen, wenig über drei Monate nach dem glänzenden Siege von Ayacucho, einer der herrlichſten Waffenthaten, die wohl je gefochten wurden, und die denn begreiflicher Weiſe auch die Truppen des Belagerungsheeres auf eine Weiſe elektriſirte, daß ſte ordentlich dem Tode zutanzten,— ja die Glücklichen zu beneiden ſchienen, die eine Kugel vor ihren Augen wegnahm.”·— „So war von der Kanone, auf die wir zuerſt — 0 216 6— ſtießen, bereits die Hälfte der Mannſchaft wegge⸗ ſchoſſen; und wir waren kaum ein⸗ unß auf die Seite getreten,— der Kapitän mir winkend, mich zu ducken, — als eine Kugel dem Nächſten, der mir zur Seite ſtand, den Kopf mitnahm. Ich fühlte einen plötz⸗ lichen Luftſtoß, der mich erſtickt hätte, wäre ich glück⸗ licher Weiſe nicht ſeitwärts geſtanden;— zugleich ſchlug mir eine warme Maſſe ins Genick, Geſicht und auf den Kopf, die mich beinahe blind machte. Wie ich ſte von mir wiſche, ſehe ich den Mann kopflos zu meinen Füßen liegen. Das Grauſen, das mich über⸗ fiel, könnt Ihr Euch unmöglich vorſtellen! Es war zwar nicht das erſte Mal, daß ich ein Mitgeſchöpf fallen geſehen, aber wohl das erſte Mal, daß mir ſein Gehirn und Blut ins Geſicht ſpritzte. Mir wurde ſterbensübel, die Kniee ſchlotterten, das Blut ſchoß mir zum Herzen, der Kopf drehte ſich mir im Kreiſel, ich taumelte ohnmächtig an die Wand nieder.“— „Seltſam aber! der Nächſte, der fiel, brachte mich wieder zu mir.— Er wirkte bei weitem nicht mehr ſo erſchütternd auf mich ein; ein ſtarkes Herzklopfen über⸗ fiel mich zwar auch bei dieſem noch, einiger Schwin⸗ del, aber bereits um Vieles ſchwächer— der Dritte, —= 217 6— der bei der nächſten Kanone weggeſchoſſen wurde, noch ſchwächer, ſo daß mit jedem Falle meine Furcht ab⸗, mein paſſiver Muth zunahm, bis er endlich zu einer Art Zuverſicht wuchs, der, ſeltſam genug! etwas wie Schadenfreude beigemiſcht war. Wirklich fühlte ich bei jedem Falle ein Etwas, das mir wie eine Anwandlung von Schadenfreude vorkam, eine Art firer Idee, die zugleich in mir auftauchte, ein gewiſſer Fatalismus, der mir zuflüſterte, daß das Schickſal ſo und ſo Viele als Opfer erkoren, und daß mit Jedem, der fiele, auch meine Sicherheit zunähme, ich bald ganz geſichert ſeyn würde.“— „Der Menſch iſt doch ein ſeltſames Geſchöpf, ob von Natur gut oder böſe, will ich nicht entſcheiden, aber ich glaube, die beiden Prinzipe halten ſich ſo ziem⸗ lich die Wage, wenn nicht das letztere überwiegt.“— „Wunderbar jedoch! wie ſchnell ſelbſt der nichts weniger als geborne Eiſenfreſſer— denn der war ich, wie geſagt, nie— muthig werden kann. Die erſte Kugel, die den Nachbar trifft, raubt Sinne und Be⸗ wußtſeyn, aber die zweite ſchon nicht mehr in dem Grade, oft bringt ſie uns wieder zu Sinnen. Die Das Cajütenbuch. II. 15 — 218 6— dritte macht gleichgültig und die vierte ermuthigt, bis wir endlich eine Stunde darauf dem Tode ſo kühl in das Auge ſehen, als ob wir dazu geboren wären, was wir denn auch in That und Wahrheit ſind.— Eine halbe Stunde nach meinem Eintappen in die Batterie arbeitete ich an der Seite meines Kapitäns, zwar gebückt und geduckt, aber doch ſo ruhig, daß ich das Pfeifen der mir über den Kopf wegfliegenden Kugeln kaum mehr beachtete.“ „Wie ich jedoch— ein ſo ruhig friedliebender Bür⸗ ger, als je Hauptbuch führte,— zu dieſem Artillerie⸗ dienſte gebracht wurde, muß ich Euch doch noch eines Ausführlicheren berichten.“ „Mein guter Kapitän hatte mich nämlich kaum in die Ecke der Batterie geſchoben, mir bedeutend, den Kopf geduckt zu halten, als er ſich auch aufmachte, um in echter Yankeeweiſe das Terrain zu recognos⸗ eiren, was er denn auch in unvergleichlich kühl ruhi⸗ ger Faſhion that, hier einen Ruck gebend, dort einen nehmend, gerade als ob er da zu Hauſe wäre. Es war etwas ganz Charakteriſtiſches in dieſem ſeltſamen, neugierigen Herumſchlendern— Spekuliren. Erſt nachdem noch ein paar Artilleriſten ins Gras gebiſſen, — 219— ging er determinirter zu Werke, nahm dem Nächſten den Ladeſtock ab, und befahl, oder winkte vielmehr kurz gebietend einem Andern, die Kanone zurückſchie⸗ ben zu helfen. Die Leute gehorchten, ohne eine Miene zu verziehen. Das Stück wurde zurückgeſchoben, von ihm geladen, wieder vorgeſchoben, gerichtet und ab⸗ geſchoſſen. So beſtimmt decidirt war ſeine Art und Weiſe, daß Keiner ein Wort einzuwenden wagte; ohne daß er den Mund aufthat, Alle gehorchten. Hier hatte ich wirklich Gelegenheit, mit Händen zu greifen, was Zuverſicht und Selbſtbewußtſeyn zu be⸗ wirken im Stande ſind. Als wäre die Batterie ſeit Jahren unter ſeinem Befehle geſtanden, trat der gute Mann auf; Keiner ſchien auch nur den leiſeſten Zweifel in ſeine Autorität zu ſetzen. Auch die nächſten Ka⸗ nonen fügten ſich bald unter ſeine Befehle. Es lag wirklich etwas unabweisbat Unwiderſtehliches in dieſer ſeiner ruhigen Keckheit, Zuverſicht, das offenbar die ſchwächeren Geiſter alleſammt beugte. Er kam mir wie einer jener Hinterwäldler vor, die auch ganz sans ſagon ſich auf anderer Leute Land niederlaſſen, und da zu Hauſe machen, unbekümmert, ob es gefalle, oder nicht.“— 3 15* — o 220— „Dieſe von meinem Freunde geſpielte Commandan⸗ tenrolle war es nun auch eigentlich, die mich allmälig ermuthigte, kräftigte, und endlich trieb, gleichfalls thätig zu werden. Man kann denn gewiſſermaßen in einer ſolchen Lage nicht unthätig bleiben, ja der bloße Entſchluß ſchon verurſacht, daß Einem die Courage wächst, ſo daß ich endlich ſelbſt das Herz faßte, eine der Patronen aus dem Kaſten heraus zu langen; mich dabei freilich vorſichtiglich duckend, aber allmälig doch mehr und mehr den Kopf erhebend, bis ich ihn denn endlich ſo hoch trug, als Einer.“ „Bravo!“ riefen wieder Alle. „Seht Ihr, ſo habe ich mir im letzten Patrioten⸗ kampfe gewiſſermaßen Lorbeeren erworben.“— „Etwa eine Stunde hatten wir wie Roſſe gearbei⸗ tet,“ fuhr er fort,„als das Feuer allmälig ſchwächer zu werden ſchien. Die meiſten Kanonen waren un⸗ brauchbar geworden, bloß noch ein halbes Dutzend, und zwar die unter unſerm Kapitän ſtehenden, ſpiel⸗ ten noch fort, Dank ſeinem unerſchütterlichen Phlegma, das nach jedem Schuſſe immer erſt das Geſchützſtück abkühlen ließ, wozu ſich die Andern in ihrem Eifer — 221— nur wenig oder gar nicht die Zeit nahmen. Ueber⸗ haupt, muß ich bemerken, waren die Patrioten, trotz ihres fünfzehnjährigen harten Kämpfens mit den Spaniern, immer nur noch ſehr mittelmäßige Artille⸗ riſten, ſo wie denn die Artillerie überhaupt während dieſes verhängnißvollen Kampfes bei weitem nicht die Rolle geſpielt, die ihr in den Kriegen civiliſtrterer Nationen ſonſt zugewieſen iſt. Natürlich! Die Schlach⸗ ten waren mehrentheils bloß durch die Infanterie oder Cavallerie geſchlagen worden, und ſelbſt in der von Ayacucho, die das Schickſal des ganzen ſpaniſchen Continentes entſchied, waren auf beiden Seiten kaum ein halbes Dutzend leichter Geſchütze im Feuer. Die Beſchaffenheit des Landes, die ungeheuren Gebirge, Ströme, die Unfahrbarkeit ſelbſt der Ebenen— der Pampas,— ließen bei dem Mangel an Verbindungs⸗ ſtraßen, und den häufig forcirten Märſchen, die noth⸗ wendig waren, den Feind durch einen unvorherge⸗ ſehenen Schlag zu überraſchen,— die Anwendung dieſer ſchwer zu transportirenden Zerſtörungsmaſſe nur ſelten, und zwar viel ſeltener als in unſerem Re⸗ volutionskampfe zu. Auch bedingt bekanntlich der Artilleriedienſt, ſoll er ſich wirkſam erweiſen, einen Grad von mathematiſchem Wiſſen, den die Südameri⸗ kaner unter der elenden ſpaniſchen Regierung— die ihre ohnehin bornirten Geiſteskräfte noch dazu miß⸗ brauchte, ihre Völker ganz und gar zu verdummen, — unmöglich erlangen konnten. Unterdeſſen ver⸗ ringert dieſer Um⸗, oder vielmehr Uebelſtand keines⸗ wegs das Verdienſt der Patrioten, noch benimmt er dem Revolutionskampfe ſelbſt etwas von ſeiner unge⸗ heuren Wichtigkeit; im Gegentheile: ſo wie unſere Revolution, ohne Zweifel das wichtigſte Ereigniß des letztverfloſſenen Jahrhunderts, erſt eigentlich die Maſſen der Nationen— die Mittelklaſſen zum Bewußtſeyn ihrer Rechte, zur Mündigkeit brachte, ja die Haupt⸗ quelle ward, aus der die franzöſiſche, ſo wie alle übri⸗ gen Revolutionen floſſen, und viele, trotz aller Ge⸗ genbemühungen, noch immer fließen müſſen,— ſo muß auch der ſpaniſche Freiheitskampf, obwohl bloßes Corollarium des unſrigen, doch noch ſehr bedeutende Rückwirkungen ſowohl auf das Mutterland, als Eu⸗ ropa überhaupt erzeugen, obwohl dieſe wieder bei weitem nicht von ſo univerſellem Einfluſſe ſeyn dürf⸗ ten, wie die unſerer Revolution. Der ſpaniſch ſüd⸗ amerikaniſche Charakter und Continent ſind um Vieles —=0 223— unzugänglicher, abgeſchloſſener, zurückſtoßender; darum war auch in ihrem Revolutionskampfe von jenen Sympathien, die für uns in der ganzen civiliſirten Welt, und ſelbſt unter unſern Todfeinden, den Brit⸗ ten, erwachten, nur ſehr wenig zu ſpüren; vorzüglich wohl auch deßhalb, weil ihre Schilderhebung denn doch durch keine jener glorioſen Humanitätsſonnen verherrlicht wurden, die wie unſere Waſhingtons, Franklins, Jefferſons, gleich groß als Menſchen und Helden, Staatsmänner und Feldherren, Philoſophen und Bürger, die Guten und Edlen aller Nationen elektriſtrten, und wohl elektriſiren werden, ſo lange es Gute und Edle auf dieſer Erde gibt!“— „Doch, revenons à nos moutons, kehren wir zu unſerem Kapitän, der gerade geladen und gerichtet, um noch einmal abzufeuern, als— der Offizier von geſtern, von mehreren Adjutanten und Stabsoffizieren begleitet, an uns herantrat. Er war öfters in der Batterie geweſen, hatte ſich bei jeder Kanone aufge⸗ halten, bei der einen ermuntert, der andern getadelt, einer dritten ſelbſt Hand angelegt, bei der unſrigen war er immer vergnügt die Hände reibend ſtehen ge⸗ blieben. Auch jetzt that er es, und wie er, die Hände — e 224 G— ſo reibend, jeder Bewegung des Kapitäns aufmerkſam und bewundernd folgte, ſah ich wohl, daß er einer der Generale der Patriotenarmee ſeyn müſſe.“ „Der Kapitän ſchoß jetzt los, und wie der Rauch verflog, ſah man die gegenüber liegende Baſtion wan⸗ ken, und dann in den Feſtungsgraben ſinken. Der Fall wurde durch ein freudiges Hurrah begrüßt, zwan⸗ zig Offiziere ſprangen auf einmal vor; der Unſrige der Erſte.“ „Die Scene hättet Ihr nun ſehen ſollen!“— „Dem Kapitän an den Hals fliegen, ihn im Sturme umarmen, ihn eben ſo ſtürmiſch und im Fluge dem nächſten der Offiziere in die Arme werfen, dieſer einem Dritten, einem Vierten, das war das Werk eines Au⸗ genblicks. Wie ein Ball flog mein imperturbabler Capitano, und ſelbſt ich durch ihre Hände, wie ein Lauffeuer gingen wir herum. Sie waren wie toll, närriſch geworden, geradezu liebetoll, raſend. Die Kugeln ſchlugen noch immer links und rechts in die Batterie ein, eine riß auch einen armen Teufel von Ordonnanz mitten entzwei, aber das genirte ſie nicht, ihr Enthuſtasmus wurde immer wilder. Es war etwas ſo CExotiſches, ſo ſüdlich Tropiſches, wahrhaft — o 225 6— Südamerikaniſches in dieſem Impromptu! Ueber uns die pfeifenden Kugeln, unter uns der blutſchlüpfrige Boden, um uns Todte und Verwundete und Trümmer und Zerſtörung aller Art, und wir aus den Armen eines Schwarzbartes in die eines Andern fliegend! Mir verging Sehen und Hören, nur das lebendige Gefühl blieb mir, daß wir in Südamerika, in einem Patriotenlager waren. Dieſe Patrioten liebten ſo entſetzlich, überſtrömen ſo augenblicklich!— ſie kamen mir ordentlich furchtbar vor. Ich glaubte mich in irgend einem Moslemlager, in einer der tauſend und eine Nacht Szenen, die ich während meiner Fahrt ge⸗ leſen. Wie ich zur Beſtnnung kam, waren Alle ver⸗ ſchwunden“ „Kapitän, was war das? Ich begreife nicht!— redete ich den Freund an.“ „Ah, haben die Baſtion herabgeſchoſſen! haben, haben;— meinte mein Kapitän.“ „Ja, aber was wollten ſie nur? Ich glaube, die Leute hat der Sonnenſtich verrückt. Wo ſind ſie alle hin?" 1 „Wahrſcheinlich auf ihre Poſten!— verſetzte wie⸗ der mein unerſchütterlicher Kapitän, den Schweiß von —=0 226 6— der Stirn wiſchend und ſich zugleich anſchickend, die Batterie eines Nähern zu beſehen. Unſererſeits hatte nämlich das Feuer gänzlich aufgehört; auch das feind⸗ liche hatte nachgelaſſen, und ließ ſich nur noch in langen Zwiſchenräumen hören. Wir warteten einige Minuten, bis es gänzlich ſchwieg, und begannen dann, durch die Batterie zu ſtreifen. Sie bot, wie Ihr Euch leicht denken könnt, gerade keinen ſehr erquicklichen Anblick dar, es gehörten ſtarke Nerven dazu, hier Faſſung zu behalten. Wir ſchritten über zerſchoſſene Munitions⸗ kaſten, in denen, ſtatt der Kugeln, Hände, Füße, Rümpfe, zerſchmetterte Hirnſchädel lagen; auch die Erdwälle waren hie und da mit ſolchen grauſtgen Arabesken garnirt. Es konnte Einem übel werden! Und doch waren in der ganzen Batterie nicht über Hundert gefallen; aber Zwölf⸗ und Vierundzwanzig⸗ pfünder, mit Bomben und Haubitzen verſetzt, machen grauſig Werk, und die Batterie war auch nicht zum beſten angelegt. Die Patrioten ſtanden im Fortifica⸗ tionsweſen natürlich noch weiter als ſelbſt im Artille⸗ riedienſte zurück, und das feindliche Feuer hatte deßhalb bedeutenden Schaden gethan. Mehr denn die Hälfte der Kanonen waren unbrauchbar geworden, einige — o 227 e— zerſprungen, andern die Lafetten weggeſchoſſen. An⸗ dererſeits hatte unſer Feuer der Feſtung, ſo viel ſich jetzt abnehmen ließ, eben nicht ſehr großen Schaden zugefügt; die Baſtion war allerdings in Trümmern und bot eine Breſche dar, die ein tüchtiges Regiment, von einer gut bedienten Artillerie gehörig unterſtützt, wohl in die Feſtung bringen konnte; aber daran ſchien man— obwohl mit den brauchbaren Kanonen noch immer etwas zu machen geweſen wäre— nicht mehr zu denken. Der größte Theil der Offiziere hatte, offenbax mit dem Reſultate höchlich zufrieden, bereits die Batterie verlaſſen; die zurückgebliebenen waren bloß noch damit beſchäftigt, die Todten und Verwun⸗ deten wegſchaffen zu laſſen, ohne ſich weiter um Ka⸗ nonen, Lafetten, oder Batterie zu bekümmern. Selbſt mir, dem nichts weniger als Kriegsmanne, kam dieß denn doch ein bischen ſonderbar vor!— So gewaltige Anſtrengungen, ſo bedeutende Aufopferungen von Arbeit, Menſchenleben, und gleich darauf eine Unbe⸗ kümmertheit, ja Leichtſinn, der nichts weniger als klug oder millitäriſch ließ! Auch mein guter Kapitän ſchüt⸗ telte auf eine Weiſe den Kopf, die einige Unzufrie⸗ denheit— wenn nicht mit der Bravour unſerer neuen — 0 228 6— Alliirten, dieſe konnte unmöglich größer ſeyn,— doch mit ihrer Kriegsklugheit verrieth. Es war geradezu Leichtſinn, ja Indolenz, was hier zum Vorſchein kam! Aber ſo ſind ſie nun ſchon einmal, dieſe Südameri⸗ kaner, im Kriege ſo wie im Frieden heißblutig, ſtür⸗ miſch, der verzweifeltſten, der unerhörteſten Kämpfe, Anſtrengungen fähig! In ewigen Ertremen überfliegen ſtie Euch die Andes, ertragen Hunger und Durſt, Hitze und Kälte, überwinden Gefahren, gegen die Napoleons Zug nach Italien bloßes Kinderſpiel,— überraſchen den Feind, beſtegen, vernichten ihn; aber legen ſich dann, ſtatt ihren Sieg zu verfolgen, ruhig zu ihrer Sieſta, und laſſen ſich vom erſten beſten Nachzügler⸗ haufen wieder die Früchte ihres Sieges entreißen! Ein wahres Glück für ſie, daß ihre Feinde, die Spanier, mit denſelben liebenswürdigen Schwachheiten geſegnet waren. Wären ihre Gegner Amerikaner oder Britten geweſen, ihr Kampf dürfte wohl einen andern Aus⸗ gang genommen haben!“ „Wir hatten die Batterie beſichtigt, und waren gerade auf dem Punkte, ſie zu verlaſſen, um auch die übrigen zu ſehen, als unſere Ordonnanz gerannt kam —= 229 6— und uns die Weiſung brachte, ſogleich im Haupt⸗ quartier zu erſcheinen.“ „Wir gingen alſo dem Hauptquartier zu.“ „Auf dem Wege dahin ſahen wir die Eigenthüm⸗. lichkeiten der Patriotenkrieger noch etwas näher, denn da, wie ich oben bemerkt, ein großer Theil des Bela⸗ gerungsheeres theils in den Villas, theils in den Gärten lagerte und bivouakirte, hatten wir die ſchönſte Gelegenheit, ſie auf unſerm Spaziergange gewiſſer⸗ maßen im Negligé zu ſehen. Und ſchönere, kriegeri⸗ ſcher ausſehende Truppen verſichere ich nie geſehen zu haben, als dieſe Patrioten. Es waren nicht mehr die Marodeurs, die ſich zu Lima umhertrieben; im Gegen⸗ theile, ausgeſucht, trefflich und ſelbſt reich uniformirt, boten ſte Gruppen dar, die kein Maler ſchöner, pitto⸗ resker wünſchen konnte. Dieſe dunkel bronzirten Salvator Roſa Geſichter, mit ihren ſchwarzen Bärten, ihren ſchwärzeren, glühenden Augen! dieſe läßigen und doch wieder ſo decidirten, gleichſam a tempo Bewegungen! dieſes chevalereske Auftreten haben keine andern Truppen in dem Grade, ſelbſt die Krieger der franzöſiſchen Kaiſerzeit! Man muß ſte bivouakiren geſehen haben, es iſt das Male⸗ 5 h —— —= 230 6— riſchſte, was es geben kann! Der zerlumpteſte Patriot, der kaum ſeine Blößen decken kann, wirft ſich en héros zur Erde, wird wirklich pittoresk, wenn er ſich lagert! Er hat eine ſo eigene Art, ſeine Lumpen zu drappiren! — nichts Geſuchtes, Künſtliches, ein natürlich ange⸗ borener Takt! ein Ruck, und der zerlumpte Mantel fällt mit einer Grazie um ihn, die einem Andern kein Königsmantel verleihen, kein Schauſpieler bei uns erreichen könnte! Sie lieben aber auch das Liegen, und verliegen wohl weit den größeren Theil ihres Lebens, als ſie ſtehen oder ſitzen Könnten ſie liegend arbeiten, ich glaube, ſte würden auch etwas mehr ar⸗ beiten; aber da ſte ſtehen oder ſitzen müßten, taugen ſie dazu nur wenig, oder gar nicht. Das ſahen wir in der Art und Weiſe, wie ſie ihre Arbeiten trieben. Kaum Einer putzte ſeine Waffen, aber Mehrere muß⸗ ten denn doch kochen, waſchen; das thaten ſie, jedoch in einer Manier, die uns ſo queer erſchien, daß wir die Augen weit öffnend ſtehen blieben. Während zum Beiſpiel die Hände kochten oder wuſchen, ſchienen die übrigen Theile des Körpers, der Leib, die Füße, be⸗ ſonders aber der Kopf, weit erhaben über dieſe knech⸗ tiſchen Verrichtungen, nur widerſpenſtig gezwungen —= 231 6— ſich zum Bleiben zu verſtehen, mit einer Art Verach⸗ tung die Bewegungen der Hände zuzulaſſen. Sie waren wirklich drollig zu ſchauen, dieſe Patrioten, etwa wie ein brittiſch radikaler Lord Chamberlain, der ſeinem Souverain das Waſchbecken oder Hand⸗ tuch zu reichen bemüßigt, mit einer Art Hohn ſich dazu verſteht!“— „Sindkurioſe Leute, dieſe Patrioten, aber ihr Wahl⸗ ſpruch lautet auch: Kriegen, Liegen und Lieben.“— „Wir kamen endlich vor einer noblen Villa an, die der davor ſtehende Wachtpoſten als Hauptquartier des General en chef des Belagerungsheeres bezeichnete, drängten uns durch Haufen von Ordonnanzen, Adju⸗ tanten, Stabs⸗ und Oberofftziere, und wurden einer Art Mayordomo übergeben, der uns in ein Gemach zu ebener Erde führte, wo wir unſere Felleiſen fanden, die uns allerdings ſehr nöthig waren; denn berußt, geſchwärzt, blutig zerriſſen, ſahen wir mehr Banditen, als friedlich ruhigen Bürgern dieſer unſerer vereinten Staaten ähnlich.“ „Der Hausoffizier mahnte uns, mit unſerer Toi⸗ lette zu eilen, da aufgetragen werden ſollte, ſobald —= 232 0— Se. Excellenz der Kommandirende aus den Batterien zurückkommen würden.“— „Wir eilten demnach, und waren noch nicht ganz fertig, als der Hausmagnat abermals kam, uns vor Se. Excellenz zu bringen.“— „Wir traten in einen Saal, in dem wir eine ge⸗ deckte Tafel und wohl an die ſechzig Offiziere fanden, darunter auch diejenigen, mit denen wir bereits in der Batterie ſo ſtürmiſche Waſſenbrüderſchaft geſchloſſen. Ohne auch nur einen Augenblick auf unſern Empfang von Seite des Hausherrn,— hier natürlich keine ge⸗ ringere Perſon, als die Excellenz,— zu warten, ſprangen ſte mit einem Buen venido Capitanos auf uns zu, umarmten uns abermals, warfen uns dann ihren Mitoffizieren zu, gerade als ob kein Hausherr oder General en chef vorhanden geweſen wäre. Das wäre nun bei uns als eine Unmanier erſchienen, deren ſich kein Bootsmann, viel weniger ein Korps Offi⸗ ziere hätte zu Schulden kommen laſſen; hier fiel es jedoch nicht nur nicht auf, es erſchien ganz in der Ordnung.“ „Dieſe Südamerikaner haben wieder eine Art und — — o 233 6— Weiſe, ſolche Dinge zu thun, die eben, weil ſte, ohne berechnet zu ſeyn, rein dem Sturme der Empfindungen entſprudelt, nicht nur nichts Unſchickliches, Ungezoge⸗ nes, im Gegentheile einen liebenswürdig feurig cheva⸗ leresken sans façon Anſtrich hat und ihnen wieder ſehr gut zu ihren Flammenaugen, ihren brünetten Olivengeſichtern, ihren rabenſchwarzen Bärten läßt. In der Regel jedoch iſt der Südamerikaner nichts weniger als ſtürmiſch, oder muthwillig burſchikos; im Gegentheile, eher formell, ſolenn. Man ſieht es ihrem Weſen, allen ihren Bewegungen ab, daß ſie Abkömmlinge der gravitätiſch ſtolzen Spanier— ſich ihrer Abkunft von dieſen Spaniern vollkommen be⸗ wußt ſind; nicht der heutigen, von bigotten Pfaffen und Regenten debauchirten— nein der ritterlichen Spanier des fünfzehnten und ſechszehnten Jahrhun⸗ derts, an deren Thaten ſte ſich gerne ſpiegeln,— und an die ſie es lieben, ihre thatenreiche Epoche anzu⸗ knüpfen; wie alle jene Völker, die durch geiſtlichen oder weltlichen Deſpotismus, oder beide zugleich— aus einer geſchichtlich hohen Vorzeit in eine traurig tiefe Gegenwart herabgeſunken ſind« Das Cajütenbuch. II. 16 —= 234 6— „Der Zeitpunkt aber, in den unſere Bekanntſchaft mit ihnen fiel, war denn auch wohl geeignet, Gemü⸗ ther, von Natur ſo empfänglich für das Große und Hohe— enthuſiaſtiſch zu ſtimmen!“— „Es war ein Zeitpunkt, wie er glücklichen Nationen in ihrem Leben nur einmal, unglücklichen nie erſcheint, der Zeitpunkt der Befreiung von einem furchtbaren — Körper und Geiſt gleich erdrückenden— gefangen haltenden Joche!— Dieſer Zeitpunkt war aber dem ganzen ſpaniſchen Amerika wie ein Meteor gekommen. Der Kühnſte hatte noch nicht vier Monate vorher ge⸗ zweifelt, der Tapferſte verzweifelt.— Wie durch ein Wunder war, wo Niederlage gewiß ſchien, ein glän⸗ zender Sieg erfochten worden, ein Sieg, der die Nie⸗ derlage des Feindes auf allen Punkten ſo raſch, un⸗ aufhaltbar nach ſich zog, daß buchſtäblich das ganze ſpaniſche Südamerika in einem einzigen Siegesrauſch aufjauchzte! Was für unſer Land die Gefangenneh⸗ mung Lord Cornwallis, das war für Südamerika die Schlacht von Ayacucho! Das ganze ungeheure Land von Panama bis an den Amazonenſtrom er⸗ wachte durch dieſe zu neuem Leben, zu neuem Daſeyn! In der That, ein ganz neues Leben, Daſeyn, das man — 235 G— geſehen haben muß, um es zu begreifen! Oeffentliche und Privatfeindſchaften, Eiferſucht und Streit waren wie in Lethes Strome begraben; brüderlich umfingen ſich Millionen und abermals Millionen, reichten ſich über die Andes, die Cordilleras die Hand, um den gemeinſchaftlichen Feind vertreiben zu helfen; Colum⸗ bia eilte Peru zu Hülfe, Buenos Ayres den La Plata Staaten; überall die großartigſten Geſinnungen, die herrlichſten Thaten!“— „Wahrlich, ein großer Moment, ein herrlicher, für den Menſchenfreund, dem es vergönnt iſt, eine ſolche Wiedergeburt und Auferſtehung eines ganzen Volkes mit zu feiern! Es verſchwindet in ſolchem Momente alles Niedrige, Gemeine ſo gänzlich, die edelſten, die hochherzigſten Gefühle treten ſo ſtark, gewaltig her⸗ vor, treiben, drängen alles Unwürdige ſo tief in den Hintergrund zurück! Der elendeſte Sklave wird in ſolchen Momenten zum Helden!“ „Ich geſtehe Euch, mir erſchienen die Patrioten an dieſem Tage in einem Lichte, ſo glänzend, daß der Nimbus mich noch jetzt zu ihren Gunſten befangen hält.". „Nie glaubte ich, herrlichere Männer geſehen zu 16* — 0 236 0— haben, und ſie waren es auch in der That in dieſen Tagen! Aus den erſten Familien des Landes— viele Sproſſen geſchichtlicher Häuſer, hatten Alle in blutigen Schlachten gefochten, ſich Lorbeeren errungen, die ihnen um ſo ſchöner ließen, als das Bewußtſeyn, Großes geleiſtet zu haben, ihnen wieder eine unbeſchreiblich zartſinnige Beſcheidenheit verlieh.“ „Wohl zeigte ſich damals der ſüdamerikaniſche Cha⸗ rakter in ſeinem ſchönſten Lichte, und nie, weder früher noch ſpäter, hatte ich liebenswürdigere, ritterlichere, und doch wieder beſcheidenere, anmuthigere Helden geſehen. Seit dieſem Tage ſind mir die Südamerikaner theuer, und ich verzweifle nicht an einer glänzenden Zukunft, ſo traurig auch die Gegenwart ausſieht!“ „Die Tafel war, wie ſte ſich bei einem General en chef erwarten ließ, der eine Armee kommandirte, welche eine Hafenfeſtung belagerte. Die edelſten franzöſiſchen und ſpaniſchen Weine floſſen in Strömen, die ausge⸗ ſuchteſten Gerichte waren im Ueberfluſſe vorhanden, aber obwohl wir den Champagner aus Biergläſern tranken, war doch nicht die geringſte Spur von Trun⸗ kenheit zu bemerken.“ —= 237 6— „In dieſer Beziehung dürften wir von den Patrio⸗ ten noch Einiges zu lernen haben!“ „Der erſte Toaſt, der ausgebracht wurde, galt: Bolivar!“ „Der zweite: Sucre! „Der dritte: der Schlacht von Ayacucho!“ „Der vierte: der Verbrüderung Columbias und Perus!“ „Der fünfte: Hualero!“ „Das war alſo unſer Offizier von geſtern, wie wir jetzt erſt ausfanden, der General en chef des Belage⸗ rungsheeres.“— „Er ſtand auf, hob ſein Glas, und ſprach nicht ohne heftige Bewegung: „Senores! Amigos! Daß ſie ihren Waffenbruder in ihrer Mitte haben, daß er ſeine Dienſte, ſein Blut dem Vaterlande weihen darf, das verdanken ſie dieſem unſerm theuern alten Freunde und neuen Waffen⸗ bruder, den ich ihrer Freundſchaft und Bruderliebe als ſehr würdig empfehle!“ „Wie er jetzt den Kapitän zu ſich emporriß, ihm ſtürmiſch um den Hals flog, wie dem eiſernen, imper⸗ —= 238 6— turbablen Seemanne die Thränen in die Augen traten, er mit zitternden Lippen bloß die zwei Worte zu ſtam⸗ meln vermochte: „Amigo sempre!“ „Das mußte man geſehen haben.“ „Das ganze Offiziercorps umſchlang die Beiden.“ „Noch den folgenden Tag blieben wir im Lager, am nächſtfolgenden ritten wir nach Lima zurück, wo der Kapitän in die Wohnung ſeines Freundes, des Ge⸗ nerals ziehen mußte.“— „Von ſeiner Gattin, die ihrem Manne auch nach Lima gefolgt, ſo wie von dem General ſelbſt vernahm ich den Urſprung der ſeltenen Freundſchaft zwiſchen einem der ausgezeichnetſten Patriotenheerführer und meinem ſchweigſamen Brigg⸗Kapitän.“ „Es war der dunkle Fleck in ſeinem See⸗ mannscharakter.“ „Ich wünſchte, die Worte des edlen Ehepaares mit demſelben Feuer, derſelben edlen, glühend poetiſchen Sprache geben zu können, in der ſie mir gegeben waren!“ — e 239— Havannah. 1816. „Tauſendachthundertundſechszehn!— Tauſend⸗ achthundertundſechszehn!— Ja wohl wird Südame⸗ rika deiner gedenken in heiteren und trüben Tagen, denn du lehrteſt es zu Gott beten, indem du das Jam⸗ mermaß der Verzweiflung bis an den Rand füllteſt! Aber ſollten je unheilvolle Tage wieder hereinbrechen, ſo wirſt du auch als zwar düſter leuchtender, aber tröſtender Pharus vor ihm ſtehen, den Muthloſeſten, den Verzweifelndſten aufrichtend! denn der Gott, der Südamerika auf dieſe lange Nacht Tag werden ließ, wahrlich, er kann es nimmermehr verlaſſen!“ „Es war aber im Spätjahre— am 19. November dieſes für Südamerika ſo gräßlichen Jahres, mehrere Monate nach der unglückſeligen Schlacht von Cachiri, die mit den vorhergegangenen gleich unglücklichen von Puerta, Araguita, Alto de Tanumba, ſo entſetzliches Elend über einen halben Welttheil gebracht,— daß ein junger, dürftig gekleideter Mann ſeine Wohnung —= 240 6— in der Calzada de Guadalupe zu Havannah verließ, und ſich eiligen Schrittes dem Hafen zuſtahl.“ „Es war noch dunkel, die Sonne noch nicht aus dem atlantiſchen Ozean herauf geſtiegen, aber, ob⸗ wohl die Calzada mehrere Straßen von dem Hafen ablag, er auch fremd ſchien, ſchlüpfte er doch Gaſſen und Gäßchen mit jenem Inſtinkte hindurch, mit dem ein gejagtes Thier ſeinen Feinden zu entgehen ſucht. Als er dieſem endlich nahe gekommen, ſtahl ſich ein Zweiter gleich eilig hinter einem Lager von Caffee⸗ ſäcken und Rothholz hervor, fixirte ihn einen Augen⸗ blick ſcharf, und dann ſeine Hand ergreifend, zog er ihn dem ſo eben verlaſſenen Verſtecke wieder zu.“ „Hier hielten die Beiden, in ängſtlicher Erwartung leiſe einander zuflüſternd, mit den Augen in die trüben, dunklen Nebelſchichten hineinbohrend, in denen Stadt und Hafen und die Tauſende von Häuſern und Schif⸗ fen gehüllt lagen „Bei jedem Laute, der aus den Nebelſchichten her⸗ vordrang, ſchracken ſte zuſammen,— der erwachende Tag, wie er ſich allmälig im lauter werdenden Leben verkündigte, ſchien ſie mit Schrecken zu erfüllen, ihnen den Athem zu benehmen.“— —= 241— „Etwa eine halbe Viertelſtunde waren ſie ſo ge⸗ ſtanden, als regelmäßige Ruderſchläge das Heran⸗ nahen eines Bootes verkündeten, das auch wirklich bald darauf aus dem Nebelſchleier heraus— und dem Hafendamme zuſchoß. Noch ehe es an der ſteinernen Treppe hielt, deutete der eine der Männer auf den am Bootsruder ſitzenden, drückte dem andern die Hand, und verſchwand hinter Caffeeſäcken und Roth⸗ holze.“ „Im Boote waren drei Männer, offenbar See⸗ leute, von denen zwei Matroſen, der dritte ihr Offi⸗ zier ſchien. Er ſprach, als das Boot an der Treppe des Hafendammes hielt, einige Worte zu den Boots⸗ leuten, und ſtieg dann die Treppe hinauf. Noch einen Blick warf er dem wieder unter der Nebelſchicht ver⸗ ſchwindenden Boote nach, und dann wandte er ſich der Stadt zu.“— „Wenige Schritte brachten ihn dicht ans Rothholz⸗ lager, hinter welchem der Fremdling geborgen ſtand, der jetzt haſtig hervor— und auf ihn zutrat. Die erſte Bewegung des Seemannes war natürlich nach ſeiner Waffe, denn er war in Havannah, und der —= 242— Tag noch nicht angebrochen; ein zweiter Blick jedoch machte ihn den Dolch wieder ruhig in den Aermel zurückſchieben. Der junge Menſch ſchien nichts weni⸗ ger als meuchelmörderiſch geſtimmt. Seine Kleidung war abgetragen, ſelbſt geflickt, ſeine Miene verrieth Troſtloſigkeit, die Züge waren zwar jugendlich, ja edel, aber gramerfüllt.— Kummer und Entbehrun⸗ gen ſprachen aus ſeinem ganzen gebeugten Weſen, das aber urſprünglich ſehr viel Stolzes gehabt haben mochte. Mit bebender Stimme fragte er, ob er der Kapitän des Schoners von Philadelphia ſey, der nächſtens abzuſegeln im Begriffe ſtände.“ „Der Seemann ſchaute den jungen Menſchen einen Augenblick forſchend an, und verſetzte dann, er ſey Kapitän eines Schoners, der auf dem Punkte ſtehe, die Anker zu lichten.“ „Des jungen Mannes Augen blitzten. Mit zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwankendem Tone fragte er wieder, ob er nicht Paſſage für ſich, eine erwachſene Perſon und zwei Kinder finden könnte?“ „Abermals maß ihn der Seemann, und zwar ſchärfer. Der junge Menſch hatte ein Etwas, das Seekapitanen in der Regel nicht ſehr zu gefallen pflegt, —=d 243 6— etwas abenteuerlich Zerſtörtes, Zerriſſenes, abgeſehen von ſeiner Kleidung.— Beſcheiden, ja demüthig, wie ſeine Worte klangen, hatten ſie jenen gewiſſen, gebieteriſchen Nachhall, der ſeltſam, ja grell mit ſei⸗ ner ärmlichen Kleidung, ſeiner Aengſtlichkeit contra⸗ ſtirte. Während ihm die Lippen zitterten, blitzte wieder aus den Augen ein Muth, eine Unbändigkeit, die etwas Gewaltthätiges verriethen.“— „Der Seemann ſchüttelte den Kopf.“ „Der junge Menſch ſchnappte nach Athem, die Sprache ſchien ihm zu verſagen; er zog einen ziemlich oollen Beutel aus ſeinem Buſen.“ „Er wolle voraus bezahlen, Alles voraus be⸗ zahlen.“ „Der Kapitän ſtutzte. Der Widerſpruch zwiſchen dem vollen Beutel und dem kläglichen Aeußern war zu ſchreiend! Er ſchüttelte den Kopf ſtärker.“ „Jetzt ſtarrte ihn der junge Menſch mit einem Aus⸗ drucke ſo düſterer Verzweiflung an, die Lippen zuckten ihm ſo krampfhaft, der Athem ſtockte ſo gänzlich!“ „Der Kapitän wurde augenſcheinlich betroffen.“ „Junger Mann!— fragte er ſpaniſch,— was wollt —= 244— ihr eigentlich in Philadelphia, ihr ſeyd kein Handels⸗ mann?“ „Ich will nach Philadelphia,— würgte dieſer heraus;— will für die Paſſage bezahlen. Hier iſt Geld, hier iſt mein Paß; ihr ſeyd Kapitän, was wollt ihr mehr?“ „Die Worte waren ſo heftig geſprochen, die Züge des jungen Menſchen hatten einen ſo verzweifelnden, ſchmerzhaften Ausdruck angenommen, daß der Ka⸗ pitän immer mehr und mehr den Kopf ſchüttelte.“ „Er ſchaute ihn mit einem langen, durchbohrenden Blicke an, und war im Begriffe, zu gehen.“ „Der junge Mann ſchnappte nach Athem, hielt ihn mit krampfhaft zuckender Hand zurück.“ „Nehmt mich um Gotteswillen mit, und meine arme Frau, und meine armen Kinder, Kapitän!“ „Frau und Kinder?— ſprach plötzlich mit wei⸗ cherer Stimme der Kapitän;— habt ihr Weib und Kinder?“ „Weib und Kinder berühren die Eiſenſeele des Ame⸗ rikaners immer an der tiefſten, zarteſten Seite!“ „Weib und Kinder!— ſtöhnte in Verzweiflung der junge Menſch.“ — 245 6— „Ihr habt doch nichts verbrochen, wollt nicht etwa dem Geſetze entfliehen?— fragte wieder ſchärfer der Kapitän.“ „So möge mir Gott helfen, ich habe nichts ver⸗ brochen!— verſetzte, die Hand erhebend, der junge Mann. u „Einen Augenblick ſtand der Kapitän ſinnend, dann ſprach er: „In dieſem Falle will ich euch als Paſſagier mit⸗ nehmen. Behaltet euer Geld, bis ihr an Bord ſeyd. In einer Stunde längſtens gehe ich.“— „Der junge Menſch antwortete nicht, aber wie Einer, der wieder Hoffnung ſchöpft, eine entſetzliche Angſt überſtanden hat, holte er tiefen Athem, ſchaute den Kapitän, dann den Himmel an, und ſprang davon.¹ „Kapitän Ready, Meiſter des Schooners The speedy Tom, hatte ſeine Ladung gelöſcht, ſeine Ge⸗ ſchäfte abgethan, und würde auch bereits die Havan⸗ nah verlaſſen haben, wenn nicht ein ſtürmiſcher Nord⸗ weſter ihn zurückgehalten hätte. Dieſer jedoch hatte ſich an demſelben Morgen gelegt, und er wollte bloß —=0 246— noch einmal nach ſeinem Gaſthofe ſehen, um auch die etwas ſtark angelaufene Rechnung zu löſchen, noch ein und das andere Vergeſſene nachzuholen, und dann zurück zu kehren. Sein Schooner lag ganz ſegel⸗ fertig. Es war ein in Baltimore gebauter Schooner, womit ich Alles geſagt zu haben glaube,— eines jener Fahrzeuge, um die uns die Welt mit Recht be⸗ neidet, und um die wir auch wirklich zu beneiden wären, wenn es keine Squalls gäbe; aber dieſe Squalls qualificiren wieder die Baltimoretugenden, denn ſte ſchlagen Euch beinahe eben ſo leicht während eines ſolchen Windſtoßes um, als irgend eine lockere weibliche Tugend nur umſchlagen kann. Aber flüchtig ſtnd ſte, das muß man geſtehen; auch bieten ſie im geringſtmöglichen Raume wohl die größtmögliche Be⸗ quemlichkeit, ſo wie Leichtigkeit dar, vom Verdecke herab in die See zu kollern. Ich war einige Male nahe daran— und ein Mal auch darin; glücklicher Weiſe war gerade Windſtille, der Sturm vorüber. — Doch zu unſerm Speedy Tom zurück zu kehren, ſo konnten ſich in ſeiner Nußſchale von Cajüte vier bis fünf Perſonen ſo ziemlich behaglich einrichten, und daß ſie gerade keine anderen Paſſagiere hatte, —" 247 6— ſchien den jungen Kapitän willfährig geſtimmt zu haben, obwohl er ſich zu ſeiner verdächtigen Acqui⸗ ſttion eben nicht Glück wünſchen mochte. Unterdeſſen war die Aufnahme auf alle Fälle ſo ziemlich durch den Paß gerechtfertigt; zwar konnte dieſer auch falſch ſeyn, aber das ging nicht ihn, das ging die Hafen⸗ polizei an. Wollte er nach dem Lebenslaufe jedes ſeiner Paſſagiere inquiriren, konnte er eben ſo wohl ſeine Cajüte vernageln.— Dieſes mochten allenfalls die Gründe ſeyn, die den jungen Seemann bewogen, obwohl ihm die Heimlichkeit, die Angſt des Fremden offenbar nicht gefielen, er auch leicht in eine Colliſton mit den Hafenbehörden kommen konnte, für die ihm ſeine Schiffseigenthümer nur wenig danken würden. Doch er war jung, entſchloſſen, und obwohl ſeiner Pflicht als Kapitän haarſcharf getreu, doch auch wie⸗ der Menſch. Der blaſſe Fremdling ſchien eine Saite in ihm berührt zu haben, die ſtark vibrirte. Etwas ſprach zu ſeinen Gunſten; was es war, wußte er nicht, aber ſein tiefſtes Gemüth fühlte ſich von dieſer Stimme bewegt.“ „Ohne ſich übrigens den Kopf zu zerbrechen, nahm —" 248— er ſein Frühſtück ein, that noch ab, was abzuthun, und kehrte dann zu ſeinem Schooner zurück.“— „Wie er ſich die Strickleiter hinauf, auf das Ver⸗ deck ſchwang, kam ihm bereits der Fremde entgegen. In die Cajüte eingetreten, führte er ihm eine junge Dame auf, deren blaſſe Schönheit, verbunden mit dem höchſten Adel in Blick, Wort und Bewegung, wohl den ſeltſamſten Contraſt gegenüber dem halb⸗ zerlumpten jungen Menſchen darbot. Die Dame war mit ihren zwei ſeraphartigen Kindern zwar ein⸗ fach, aber in ſehr feine Stoffe gekleidet. Doch, auch hier zeigten ſich Widerſprüche. Auf einem der Koffer lag ein dürftiger Oberrock, den ſie ſo eben abgelegt haben mußte; die zwei Kinder hatten gleichfalls zwei ſolche ärmliche Hülſen abgelegt. Unſer Kapitän ſchüttelte etwas finſter den Kopf; die Grazie der Dame jedoch, der Flötenton, der ſo zitternd, ſo duld⸗ ſam ergeben aus der Bruſt heraufkam, durch die Perlenzähne, die ſchönen Lippen— ſo bittend klang, ſchien die Wolke, die ſich auf der Stirn des jungen Seemannes niedergelaſſen, wieder zu verſcheuchen.“— „Er lud ſie artig ein, ſich in der Cajüte zu Hauſe —= 249 6— zu machen, und beſtieg dann die Treppe zum Ver⸗ deck. „Wenige Minuten darauf verrieth das Heave- hoyeo der Matroſen, daß der Anker aufgezogen, und darauf das ſtärkere Schwanken, daß dieſer empor— und der Schooner in Bewegung ſey.“— „Die Sonne war aus dem Ozean herauf geſtiegen, aus dem zerſtiebenden Nebelſchleier traten im Hinter⸗ grunde die Häuſermaſſen der Havannah, im Vorder⸗ grunde die zahlloſen Schiffe,— und dann der düſtere Coloß des Molo hervor, deſſen drohenden Kanonen⸗ luken ſich der Schooner nun mehr und mehr näherte. In athemloſer Spannung, die ſtarren Blicke auf das Fort gerichtet, ſtanden die beiden Eheleute an der Cajütentreppe, mit der einen Hand das Seil der Treppe, mit der andern ſich umſchlungen haltend.“— „Auf dem Nordweſter war, wie gewöhnlich, eine kurze Windſtille mit leichten Windſtößen aus Südweſt eingetreten, die die Ausfahrt des Schooners bisher begünſtigt. Er ſtand jetzt dem Fort gegenüber.“ „Starr und athemlos, Todtenbläſſe auf den Ge⸗ Das Cajütenbuch. II. 17 —=9 250— ſichtern, hielten ſich noch immer die beiden Eheleute, in ſprachloſer Angſt den Molo anſtarrend. Es war da keine Bewegung zu verſpüren. Die Wachen gin⸗ gen ihren Automatenſchritt auf und ab Alles ſchien wie ausgeſtorben.“ „Aber jetzt öffnete ſich auf einmal ein Pförtchen zunächſt dem Damme,— ein Offizier trat eilig her⸗ aus,— ſechs Soldaten mit blitzenden Gewehren folgten. Vier Männer, die in einem Boote am Fuße der Dammtreppe lagen, ſprangen auf— die Sol⸗ daten ein; zugleich wurde dem Schooner ein Signal, zu halten, gegeben. Das Boot flog wie von Fittichen getragen auf dieſen zu.“ „Jesu Maria y Jose!— ſtöhnte die Dame;— Madre de Dio!— der Mann.“ 2 „Auf einen Wink des Kapitäns ſiel das große Segel. Ruhig, unbewegt ſchaute er dem heraneilen⸗ den Boote entgegen, aus dem eine Minute darauf der Offizier ſammt den Soldaten an Bord ſtieg.“— „Der Offizier war jung, aber ſeine Miene charak⸗ teriſtiſch ſpaniſch, ernſt und ſtreng. Mit kurzen Worten befahl er dem Kapitän, ſeine Schiffspapiere — 251— vorzuweiſen, ſeine Mannſchaft, ſo wie Paſſagiere vorzuführen.“— „Ehe der Kapitän ging, die erſten zu holen, be⸗ fahl er ſeinem Lieutenant, die Andern vorzurufen. Zurückgekehrt überreichte er, ohne ein Wort zu ſagen, dem Offizier die Papiere.“ „Dieſer überflog ſie, muſterte einen der Matroſen nach dem andern, ſchaute dann erwartend in der Rich⸗ tung hin, wo die Paſſagiere herkommen mußten,— Sie kamen, der junge Menſch ein Kind im Arme, die Frau das andere.“— „Ob er wiſſe,— donnerte der Offtzier plötzlich den Kapitän an,— daß er einen Staatsverbrecher an Bord ſeines Schooners habe? wie er ſich ſo etwas unterfangen könne?“ „Jesu Maria y Jose!— ſtöhnte abermals die Frau, und dann ſank ſte ohnmächtig zuſammen. „Eine tiefe Stille, die nur durch das Gekreiſch der Kinder unterbrochen wurde, trat ein. Soldaten und Matroſen ſchlugen erſchüttert die Augen zu Boden. — Der Offizier war vorgeſprungen, um dem jungen Staatsverbrecher beizuſtehen, der, das eine Kind in 17* — 252 6— ſeinem Arme, nur mit Mühe die ſinkende Frau mit dem andern aufzufangen und zu halten im Stande war. Nicht ohne Delikateſſe nahm er ihm die Kin⸗ der ab, es ſo dem Manne möglich machend, die Frau auf das Verdeck nieder zu laſſen.“ 4 „Ich bedaure, Sennor, aber ſie müſſen zurück.“ „Die Worte waren in einem bewegten, ja ehr⸗ furchtsvollen, aber beſtimmten Tone geſprochen, der junge Menſch jedoch hörte ſie nicht— wie ein Geiſtes⸗ abweſender kniete er neben der Frau, ihr die Schläfe reibend." „Der Kapitän nahm unterdeſſen ein Stück Kau⸗ taback, ſchnitt davon einen Quid ab, ſteckte ihn in den Mund, und eben ſo mechaniſch den Paß entfal⸗ tend, hielt er ihn dem Offizier hin, der aber unwillig den unempfindlichen Amerikaner zurück winkte, ſelbſt empört, wie es ſchien. Es war aber auch etwas Empörendes in dieſer Gefühlloſigkeit eines jungen kaum fünfundzwanzigjährigen Mannes! Freilich war er Kapitän im Dienſte eines Handelshauſes,— dem Alles daran gelegen ſeyn mußte, den Verdacht abzu⸗ wälzen, als ſtehe er im Einverſtändniſſe mit dem Flüchtlinge;— der Schooner lag keine fünfhundert —=0 253 6— Fuß von dem Fort, ein bloßer Wink des Offtziers, und er mußte zurück, um vielleicht einer ſcharfen Un⸗ terſuchung, einer ſchweren Strafe zu verfallen. Aber dieſe eiſige Ruhe bei einer ſo erſchütternden Scene, ſte verrieth doch ein gar zu fühlloſes Herz! die im⸗ paſſablen Züge ein für jedes edlere Gefühl erſtorbenes Gemüth!— Nicht doch! wir täuſchen uns. So haarſcharf ſich die gewöhnliche Seele in ihrem aͤußeren Spiegel, dem Geſichte, abzeichnet, die kräftige, ſtarke hat der Rinden, die den edlen Kern bedecken, viele und rauhe!— Ein leichtes, wie convulſtviſches Zucken begann jetzt in dem eiſernen Geſichte des Kapitäns zu ſpielen, das Keiner bemerkte, als ſein Lieutenant, der an ihn heran trat, und dem er einige Worte in die Ohren wiſperte. Dann ging er abermals auf den Offtzier zu, und lud ihn ein, einige Erfriſchun⸗ gen in der Cajüte zu nehmen. „Es iſt dieß, wie Ihr wiſſet, die gewöhnliche Cour⸗ toiſte, die Kapitäne viſttirenden Hafenoffizieren ſtets erweiſen, und die auch der Spanier annahm.“ „In der Cajüte ſchien unſer Kapitän mit einem Male ein ganz veränderter Mann geworden zu ſeyn. Mit einer Zuvorkommenheit, die Niemand bei ihm —= 254 6— geſucht hätte, und die auch gewiß Niemand ſo glück⸗ lich affichiren kann, als der Yankee, wenn es ihm darum zu thun iſt, einem guten Freunde Sawder, wie er zu ſagen pflegt, in die Augen zu ſtreuen, war er auf einmal die Beweglichkeit, die Bonhommie ſelbſt geworden.— Während der Stewart den Tiſch mit Boſton Crackers, Mandeln und Oliven beſetzte, ent⸗ korkte er eine Madeirabouteille, und war dabei zu⸗ gleich ſo ſehr befliſſen, dem Offizier ſeine Unſchuld an dem ganzen Vorfalle darzuſtellen, daß dieſer, der den Madeira verſucht, ihn tröſtend verſicherte, der Paß ſey zwar falſch— für einen Andern ausgeſtellt, aber er ſolle ſich beruhigen, der Madeira ſey ächt, der Staatsgefangene aber ein Mann von größter Wich⸗ tigkeit, den noch erwiſcht zu haben er ſich Glück wün⸗ ſchen dürfe." „Die Spanier lieben ein Glas Madeira, beſonders wenn rein ölichte Oliven die Grundlage bilden. Der Offizier ſchien ſich ganz behaglich in der Cajüte zu fühlen. Unterdeſſen befahl er doch, das Gepäck des Staatsgefangenen— und zwar unverzüglich, in das Boot iu bringen.“ —= 255 6— „Der Kapitän, nachdem er artig um Vergebung gebeten, ihn allein laſſen zu müſſen, eilte, dem Be⸗ fehle Folge zu leiſten.“— „Während er die Cajütentreppe hinaufſtieg, ſchwankte ihm der unglückliche Staatsgefangene entgegen.— Seine Geſichtsfarbe war blau geworden, wie die eines Gehängten, die Züge ins Gräßliche verzerrt; das eine Kind hielt ſich an ſeinem rechten Schenkel ge⸗ klammert, die Frau, mehr todt als lebendig, hing an ſeinem Nacken; die Dienerin, eine junge India⸗ nerin, trug das zweite noch ſäugende Kind.— Unſer Kapitän mochte bereits ſolcher Scenen mehrere in ſeinem bewegten Seeleben geſehen haben, aber dieſe hatte doch etwas Eigenthümliches, Erſchütterndes. Der ſtille Adel der Frau, die verzweifelnde Zerriſſen⸗ heit des Mannes, führten eine eigene Sprache, die wohl die ſtärkſten Nerven erſchüttern konnte. Wie er jetzt heranſchwankte, loderte ein ſo gräßliches Feuer in ſeinen Augen, die Geſichtsmuskeln, die Lippen zuckten ſo convulſtviſch! die Zähne klapperten ihm, als wäre er vom Fieberfroſte befallen; dazu haſchte und tappte er wie wahnſinnig unter ſeinen Rockärmel nach dem Griffe eines Dolches!“ —= 256 6— „Sie ſchien nicht mehr den Lebenden anzugehören, aber ſelbſt in ihrer erſtarrten Bewußtloſigkeit war ſie unſäglich reizend!“ „Der Kapitän erfaßte die Hand des Unglücklichen, und verſuchte ihn zu tröſten.“ „Hättet ihr mir doch nur einen Tag früher eure Lage entdeckt, ich würde für Hülfe geſorgt haben, denn Tyrannei iſt mir, ſo wie jedem Amerikaner, unter allen Umſtänden verhaßt; aber hier iſt Hülfe beinahe unmöglich, die Ordre des Offiziers beſtimmt; die Kanonen des Forts können uns in wenigen Se⸗ kunden in Grund bohren. Ich bedaure Euch, aber Hülfe, wie geſagt—“ „Der Unglückliche ließ ihn nicht ausreden. Er faßte ſeine Hand, preßte ſte wie ein Ertrinkender, ſtöhnte, verſuchte zu reden, vermochte es aber nicht. Endlich brachte er ſchluchzend und gebrochen heraus: „Hört, Kapitän, ich bin geborner Columbier, Of⸗ fizier in der Patriotenarmee, wurde kriegsgefangen in der unglücklichen Schlacht von Cachiri, von da mit meinen Unglücksgefährten nach der Havannah abge⸗ führt. Meiner Frau und Kindern wurde erlaubt, mir zu folgen, um— eine der erſten Familien Co⸗ 7 —0" 257 e— lumbiens ganz in Gewalt zu haben. Vier Monate lag ich in einem der entſetzlichſten Kerker, Seekrebſe und Ratten und giftiges Ungeziefer aller Art waren meine einzigen Geſellſchafter. Bloß meiner ſtarken Conſtitution verdanke ich es, daß ich noch lebe. Von ſiebenhundert meiner Unglücksgefährten ſind Alle, bis auf einige Wenige, Opfer der ſpaniſchen Grauſam⸗ keit geworden. Ein vollſtändiges Gerippe, holte man mich vor vierzehn Tagen aus meinem Kerker hervor, quartirte mich in die Stadt ein, um mich wieder zu einigen Kräften zu bringen, und dann— abermals lebendig einzumauern. Bereits iſt der Befehl gege⸗ ben, mich in die vorige grauſame Haft zurück zu brin⸗ gen. Daß ich in dieſer keine acht Tage mehr aus⸗ halten kann, davon bin ich ſo gewiß, als daß ein Gott im Himmel iſt.— Ein Freund, der ungeachtet der großen Gefahr, ſich unſerer Lage erbarmte, hat uns einen Paß und Geld verſchafft, mich an euch an⸗ gewieſen. Der Paß gehörte einem am gelben Fieber verſtorbenen Spanier; mit ihm und durch euch hoffte ich Rettung. In euch beruht meine, meiner armen Frau, meiner Kinder einzige Hoffnung, Leben oder Tod!— Gebt ihr mich auf, ſo iſt mir dieſer gewiß, —= 258— aber ich ſchwöre es euch: ehe ich mich zurück bringen und abermals einmauern laſſe zu Leiden, deren Gräß⸗ lichkeit ich nicht beſchreiben kann, bin ich feſt ent⸗ ſchloſſen zu ſterben. Nein, nun und nimmermehr laſſe ich mich zurückliefern in die Hand des entſetz⸗ lichen Spaniers“ „Armes Weib! arme Kinder! armes Vaterland!“ „Der Kapitän, ohne eine Miene zu verziehen, ſtand, an ſeinem Kautaback ſchneidend, fuhr dann mit der Hand über die Stirn, und trat raſch auf das Ver⸗ deck. Den Matroſen befahl er, die Koffer und Port⸗ manteaus der Familie auf das Verdeck,— aber nicht in das Boot zu bringen; dann prüfte er Himmel und Wetter, und wiſperte angelegentlich mit dem Lieute⸗ nant.— Noch raunte er dem Stewart zu, den Sol⸗ daten und Bootsleuten ein paar Bouteillen Num zu reichen, und ſtieg dann die Cajütentreppe hinab. Wie er dieſe betrat, murmelte er, ohne den Patrioten an⸗ zuſehen, die Worte: Vertraut auf ihn, der dann hilft, wenn die Noth am größten iſt!“ „Kaum hatte er dieſe Worte gemurmelt, als der Spanier aus der Cajüte heraus ſprang, und wie er — 0 259 e-— den Staatsgefangenen erblickte, dieſem finſter rief, ſogleich ins Boot hinab zu ſteigen. Aber der Kapi⸗ tän trat vor und bat, doch zu erlauben, daß ſein un⸗ glücklicher Paſſagier noch ein Glas— einen Valet⸗ trunk nähme. Er ſey Soldat, und er als Kapitän auch ein halber, und er ſey überzeugt, daß der tapfere und großmüthige Spanier, und jeder Spanier ſey tapfer und großmüthig, ihn nicht zwingen werde, einen Unglücklichen ungaſtlich von ſeinem Verdecke zu laſſen.“ „Der junge Offtzier war kein harter Mann, er nickte beifällig, trat ſelbſt zur Treppe, und die Hand bietend, geleitete er den Columbier dieſe herab in die Cajüte ein.“— „Die Beiden nahmen am kleinen Cajütentiſche Platz. Der Kapitän brachte eine friſche Bouteille, und zwar Peres, der denn ſo vortrefflich war, daß des Spaniers Augen beim erſten Glaſe bereits funkelten. Die Unterhaltung wurde, trotz der tödtlichen Span⸗ nung des Columbiers, immer lebhafter. Der Kapitän ſprach das Spaniſche geläufig, und überließ ſich einer Suada, die Niemand in dem trockenen, düſtern jungen —=d 260, Manne geſucht hätte. So verging eine Viertel⸗, vielleicht eine halbe Stunde.“— „Auf einmal erhielt der Schooner einen Stoß, der die Gläſer zum Schwanken und Fallen brachte.“ „Der Spanier ſprang zornig auf.“ „Kapitän, der Schooner ſegelt!“ „Ganz natürlich!— verſetzte ruhig der Kapitän; — Ihr werdet doch nicht erwarten, Senor, daß wir bei der herrlichſten Briſe, die je einem Schooner blies, ruhig liegen bleiben werden?“ „Ohne ein Wort zu erwiedern, ſprang der Offizier der Cajütenthür zu, die Treppe hinauf, warf einen Blick auf den Molo.“— „Das Fort lag gute zwei Meilen im Rücken. „Der Spanier wurde wüthend.“ „Soldaten!— ſchrie er,— ſogleich ergreift den Staatsgefangenen und Kapitän. Verrath iſt hier im Spiele. Ihr, Steuermann, wendet um!“ „Und Verrath war wirklich im Spiele, denn ſo verrätheriſch waren die Segel angezogen worden, daß weder die ruhig forttrinkenden Soldaten noch Boots⸗ leute es gemerkt hatten.— Erſt die Ankunft des Of⸗ ſiziers hatte ſte aufmerkſam gemacht.“ —:= 261 6— „Der Kapitän blieb jedoch ganz ruhig.“ „Verrath!— verſetzte er ernſt;— Gott ſey Dank, wir ſind Amerikaner, und haben alſo nichts zu verra⸗ then, keine Treue zu brechen; was aber dieſen Staats⸗ gefangenen betrifft, ſo bleibt er hier.“— „Hier?— ſchnaubte der Spanier.— Wir wollen euch zeigen, ihr verrätheriſcher—“ „Hier!— verſetzte ruhig der Kapitän.— Gebt euch keine unnöthige Mühe, Senor! Die Musketen eurer Soldaten ſind, wie ihr ſeht, in unſern Händen, — meine ſechs Matroſen mit Fängern und Piſtolen wohl verſehen.— Wir acht nehmen es ſehr gut mit euch zehn auf.— Bei der erſten Bewegung ſchießen wir euch nieder.“ „Der Offizier ward ſprachlos, wie er jetzt um ſich ſchaute.— Die Musketen ſeiner Soldaten lagen in einem Haufen, von zwei bewaffneten Matroſen be⸗ wacht.⸗ „Ihr würdet es wagen?— ſchrie er.— Der Zorn ließ ihn nicht ausreden.“— „Ich würde ohne Weiteres, hoffe aber, Ihr werdet mich nicht dazu zwingen; auch iſt es ganz und gar nicht vonnöthen. Ihr bleibt noch für einige wenige — e 262— Stunden mein Gaſt, und dann fahrt ihr in eurem tüchtigen Boote zurück, und habt gegen einen vielleicht monatlichen Arreſt das Bewußtſein, einen edlen Feind von Tod und Verzweiflung gerettet zu haben.“— „Alles das war ruhig, ernſt, aber zugleich auch ſo ſcharf und beſtimmt geſprochen, als den Spanier ailen machte.“— „Maestro! Maestro!— ſprach er,— ich hoffe, ihr treibt Scherz!“— 8 „Sind keine ſehr ſcherzhaften Leute, wir Ameri⸗ kaner— verſetzte gelaſſen der Kapitän.“ „Wißt ihr, daß ihr euch eines todeswürdigen Ver⸗ brechens ſchuldig macht?— ſchrie wieder der Spanier.“ „Wäre ich ein Spanier, ja, als Amerikaner nein; — verſetzte wieder ruhig der Kapitän, den Finger mit einem eigenthümlich launigen Rucke in einen Kübel Seewaſſers tunkend, den der Stewart ſo eben an der Schiffswand herauf gezogen.“ A „Wir ſind auf der See, auf amerikaniſcher See, und ihr wiſſet wohl, daß wir Amerikaner, auch auf dieſer die Herren— und zu ſtolz ſind, uns von irgend einer Nation, welche immer ſie ſey, Geſe etze vorſchreiben zu laſſen. Nehmt Verſtand an und ſeyd menſchlich! — 0 263 6— — fügte er freundlicher hinzu;— dieſer Patriot da hat nichts verbrochen, im Gegentheile ſeine Schuldig⸗ keit gethan,— gethan, was unſere Waſhingtons, Putnams, Greenes und Tauſende unſerer Revolu⸗ tionshelden auch thaten,— für ſein Vaterland— die Freiheit gefochten; und ihr, ſtatt ihn— den un⸗ glücklichen Gefangenen— menſchlich zu behandeln, habt ihn zur Leiche gemartert!— Seht ihn euch an, und ſagt, ob ich nicht härter alz Stein ſeyn müßte, wollte ich ihn abermals euren Klauen überliefern.— Er ſoll nicht zurück!« „Der Offizier knirſchte mit den Zähnen, gab aber die Hoffnung offenbar noch nicht auf. Zwar war an Widerſtand nicht zu denken, die Musketen ſeiner Leute waren in der Gewalt der Amerikaner, die, Piſtolen in den Händen und Fänger in den Zähnen, davor ſtanden. Die Soldaten ſelbſt ſchien der Rum nichts weniger als zum Fechten begeiſtert zu haben; die Bootsleute waren Neger, und alſo von Hauſe aus kampfunfähig;— aber mehrere Regierungs⸗ oder Revenue Cutters waren in nicht ſehr großer Ent⸗ fernung zu ſehen. Gelang es ihm, auch nur einem derſelben ein Zeichen zu geben, ſo mußte der Schooner —“=264 6— angehalten und aufgebracht werden.— Er ſah ängſt⸗ lich in der Richtung hin, in der ſo eben eine bewaffnete Sloop dem Hafen zuſchwankte.“— „Der Kapitän ſchien ſeine Gedanken zu errachen. 4— „Senor! wie geſagt, ihr müßt uns ſchon die Ehre anthun, noch ein leichtes Gabelfrühſtück mit uns zu nehmen. Das Mittagsmahl dürftet ihr wohl zur See zubringen, aber zum Souper mögt ihr wieder zu Hauſe ſeyn.“ „Und mit dieſen Worten reichte er ihm artig die Hand, die der Spanier, gute Miene zum böſen Spiel machend, wohl annehmen mußte, denn die Züge des Amerikaners hatten nun einen Ernſt angenommen, der verrieth, daß er in der That nichts weniger als ſcherzhaft aufgelegt ſey.“ „Die beiden Gatten aber ſtießen einen unartikulir⸗ ten Schrei aus, und dann ſanken ſie einander in die Arme. Zu reden, zu danken vermochten ſte nicht, das Herz war ihnen zu voll. Schluchzend hingen ſie ein⸗ ander am Halſe, ſich ſo krampfhaft umſchlingend, als wollten ſie ſich nimmermehr trennen laſſen, dann lach⸗ ten ſte wieder wie wahnſinnig auf— murmelten wie⸗ — —=265 8— der, ſtierten auf das gräßliche Havannah— den ent⸗ ſetzlichen Molo zurück!“— „Allmälig traten die endloſen Maſſen der Hafen⸗ ſtadt, das verworrene Chaos der Segel, Taue und Schiffe, der Molo ſelbſt in den Hintergrund, ein glän⸗ zend lichter Streifen begann zwiſchen ihnen und der Stadt ſich aufzurollen, anfangs nicht größer als ein lichtblaues Silberband, raſch jedoch in die Länge und Breite wachſend; Gatte und Gattin verfolgten in namenloſem Entzücken ſein ſchnelles Wachsthum. Wie ihr trunken verklärter Blick an dem zum Seeſpiegel gewordenen Streifen hing, ſchien es ihnen, als wüchſe er vom Himmel herab, als ſende ihn dieſer, begünſtige ihre Rettung!“ „Er begünſtigte ſte auch ſichtbar. Immer mehr ſchwanden Stadt und Hafen, bereits waren die Maſten der Schiffe nicht mehr ſichtbar, nur die Wimpel flat⸗ terten noch wie Seevögel am entfernten Horizont. Der Schooner flog vor der ſtärker werdenden ſüdweſtlichen Briſe ſeine zehn Knoten dahin.“ Das Cajütenbuch. II.* 18 —=0 266 6— „O dieſe Empfindungen, dieſe Gefühle!“— „Im Rauſche empfanden ſte keines der irdiſchen Bedürfniſſe, nicht Hunger, nicht Durſt. Erſt als die Stimme des Spaniers ſich auf der Cajütentreppe hören ließ, kamen ſie wieder zu ſich.“ „Das Gabelfrühſtück mochte ihm wohl ſehr gut gemundet haben, denn er war ungemein redſelig ge⸗ worden. Noch auf der Treppe verſicherte er lachend dem Kapitän, daß ihn der Ausflug freue, und das Vergnügen, die Bekanntſchaft eines Yankee⸗Ameri⸗ kaners gemacht zu haben, ihm theuer bleiben werde, da er ſie leicht mit ein paar Monat Arreſt im Staats⸗ gefängniſſe, vielleicht noch ſchwerer büßen dürfte;— dafür hoffe er jedoch, falls er einſt im wechſelnden Kriegsglück in eine ähnliche Lage gerathen ſollte, auch einen Yankee zu finden, ihm aus der Klemme zu helfen. „Frank und offen entgegnete ihm wieder der Ka⸗ pitän.— Wer ihn jetzt ſah, dieſen Kapitän, würde ihn nicht mehr erkannt haben. Die finſter impaſſab⸗ — o 257— len, ja feindſeligen Züge waren heiter geworden, hatten eine zuverſichtlich klare Faſſung angenommen, das Bewußtſein, die Welt mit einer edlen That be⸗ reichert zu haben, hatte ihn offenbar in ſeinen eige⸗ nen Augen gehoben. Wie er jetzt Arm in Arm mit dem Spanier auf das Verdeck herauf trat, er⸗ ſchien er dem Ehepaar mehr denn ſchön— ein Held, ein Gott!“ „Der Schooner war gute zwanzig Meilen von der Havannah, der Molo kaum mehr zu ſehen. Es war Zeit zu ſcheiden, denn eingeholt zu werden durfte er nicht mehr befürchten; längeres Zurückhalten aber konnte dem Offizier und ſeinen Leuten gefahrbringend werden. Er eilte, ihn und Soldaten ins Boot zu ſchaffen.“ „Ehe dieſer den Schooner verließ, umarmte er noch⸗ mals den Kapitän. Eine Minute darauf flog das Boot dem Hafen zu.“— „Der Schooner aber eilte auf den Fittichen der Windsbraut der Heimath zu, in der er nach eilf Ta⸗ gen anlangte. Die Gatten ſtiegen im Hauſe des Ka⸗ 18* —= 268 6— pitäns ab, deſſen liebliche junge Gattin— er war ſeit ſieben Jahren verheirathet— ſie wie alte Freunde aufnahm.“* „Eſtoval— ſo hieß der Columbier nach ſeinem Paſſe— und ſeine Gattin, nahmen die Einladung ihres Retters und Beſchützers um ſo lieber an, als ihr Auftreten unter eigenem Namen für ſie mit einiger Gefahr, für den Kapitän aber mit Unannehmlichkei⸗ ten verbunden ſeyn konnte. Philadelphia— eine von ruhigen, ehrſamen Quäkern, Gelehrten und Han⸗ delsleuten bewohnte kreuzbrave, aber etwas engherzige, ſpießbürgeriſche Stadt, von jeher Revolten und Re⸗ volutionen abhold— war begreiflicher Weiſe auch auf die Patrioten nie ſehr gut zu ſprechen geweſen, denn ſie hatte durch die häufigen Wechſel des Kriegs⸗ glücks bedeutende Einbußen, und zwar gerade durch ſie, erlitten.— Nun ſie auf allen Seiten unterlagen, kam auch die Verachtung hinzu,— nicht zu erwäͤhnen, daß die ſpaniſche Ambaſſade in der ariſtokratiſchen Clique der Stadt einen ſehr ſtarken Anhang hatte, der allerdings gefährlich werden konnte. Die Flücht⸗ * linge hielten es daher gerathen, ſich ſtill und incognito —=0 269 G— um ſo mehr zu verhalten, als auch ihre Geldreſourcen ſehr beſchränkt waren, der volle Beutel aufgeſpart werden mußte, um die Heimkehr möglich zu machen.“ „Dieſe erfolgte drei Monate darauf, wo ein Freund des Kapitäns es übernahm, die Familie nach Mar⸗ guerite zu bringen, damals dem Vereinigungspunkte der Patrioten, von wo aus ſie bekanntlich unter Boli⸗ var abermals ihre Operationen gegen die Spanier, und zwar mit glücklicherem Erfolge begannen.“ „Erſt auf der Heimreiſe ſiel es den beiden Gatten bei, daß ſie ja von ihrem Retter nicht einmal nach ihrem eigentlichen Namen befragt worden waren.— In der That hatte dieſer nie gefragt, und da ſte ſich immer nur bei ihrem Taufnamen genannt hatten, ſo waren ſie wirklich incognito geſchieden.“ „Dem Kapitän hatte unterdeſſen die gute Saat keine guten Früchte gebracht. Ja, wäre der Gerettete ein ſogenannter Loyaler, gleichviel ob Britte, Franzoſe oder Spanier, geweſen, die guten Philadelphier wür⸗ den in Ekſtaſe ausgebrochen ſeyn über die edle, ent⸗ ſchloſſene, ritterliche That: aber einen Rebellen, einen —= 270 6— Patrioten dem Geſetze, der wohlverdienten Strafe zu entziehen, und zugleich Schiff, Cargo, und was mehr, die Reſpectabilität des Hauſes, wie man es nannte, ſo bloß zu geben, das konnte nicht verziehen werden, verdiente Ahndung. Die Firma war zum Theile quäkeriſch, und quäkeriſch ahndete ſie auch.— Zwar unternahm ſie nichts öffentlich, aber ſie ſorgte um ſo mehr dafür, es nachzutragen, da auch die Conſignees in der Havannah einige Unannehmlichkeiten von der Geſchichte hatten. Der Kapitän wurde mit einem ſehr zweideutigen Wohlverhaltenszeugniſſe entlaſſen, und ſo ein Schatten auf ſeinen Charakter geworfen, der ihm wohl für immer geblieben ſeyn dürfte, wenn ihn nicht, wie geſagt, der Wechſel des Kriegsglücks wieder begünſtigt hätte. Aber doch hatte er lange zu kämpfen, ehe er den üblen Eindruck verwiſchte.“— „Jahre waren unterdeſſen verſtrichen. Columbia hatte ſeine Unabhängigkeit errungen, Bolivar ſeinen berühmten foreirten Marſch, der die Vereinigung der ſpaniſchen Streitkräfte verhindern ſollte, unternom⸗ men;— Hualero war von Caracas aus mit einem zweiten Heere nach Peru abgegangen. Aber während 8 —* — 0 271 6— er in Panama ein⸗ und das Cap Horn auf ſeinem Wege nach Lima umſchiffte, hatte Suere die Spanier bei Ayacucho angegriffen, geſchlagen und gefangen genommen, ſo die Unabhängigkeit Perus, und mit dieſer die des ganzen ſpaniſchen Amerika ſichernd So war denn kein Feind mehr vorhanden, als der in der Feſtung Callao eingeſchloſſene. Dieſe Feſtung, be⸗ kanntlich vier Jahre zuvor von Martin und Cochrane blockirt und erobert, war durch Verrätherei in die Hände der Spanier zurück gefallen, und General Hualero— nun mit ſeiner Armee im Hafen vor Lima angekommen— wurde ſie zu belagern beordert.“ „Eben hatte er ſie zu Lande eingeſchloſſen, als der Kapitän erſchien, um ihr Lebensmittel— und die einem Spanier ſo unentbehrlichen Cigarren zuzufüh⸗ ren. So brachte das Schickſal Schützling und Be⸗ ſchützer in wahrhaft gegenfüßleriſche Laune abermals zuſammen, den armſeligen Flüchtling als General en chef einer für Südamerika ſehr bedeutenden Armee, den NYankee als einen rath⸗, ſchiffloſen Kapitän.— Aber weder der Eine noch der Andere verleugnete ſeinen Charakter,— Beide bewieſen ſich gleich ehren⸗ haft. Der Patriot hatte im Stolze des über Tauſende 8 2 — —=0 272— Gebietenden— nicht den Wohlthäter vergeſſen, der Kapitän im Unglück— nicht den Mann. Noch immer ſtand er als Mann dem berühmten Heerführer gegen⸗ über, und auch kein Zug, keine Geberde, keine Be⸗ wegung verrieth, daß er aus ſeiner Rolle, oder viel⸗ mehr aus ſeiner Natur gefallen.— Für mich aber war es einer der erquicklichſten Momente, die beiden ſo verſchieden temperirten und doch in der Hauptſache ſo gleich geſtimmten Charaktere zu beobachten. Sie genoſſen ſich drei volle Wochen, nach Verlauf welcher ſie ſchieden.“— „Daß nun die Klemme, in der wir mit Cargo und Schiff ſtacken, einen ſehr brillanten Ausgang nahm, brauchte ich wohl kaum mehr zu ſagen. Noch waren wir nicht drei Tage in Lima, als der Kapitän Schiff und Cargo, mit Ausnahme des ſpaniſchen Eigenthums, zurück erhielt. Dieſes ward natürlich confiscirt und von der Regierung in Veſchlag genommen, aber der General en chef erſteigerte es, und präſentirte die ſämmtlichen Cigarrenkiſten dem Kapitän, während er zugleich eine Art Auction veranſtaltete, in der, wie Sie wohl denken mögen, dieſe köſtlichen Glimm⸗ — 273—— ſtengel auf eine brillante Weiſe losgeſchlagen wur⸗ den.“ „Der Kapitän erntete reine dreißigtauſend Dollars, die er in Gold mit nach Hauſe brachte. Die Brigg ſelbſt mit dem losgegebenen Cargo wurde von der Regierung für ihre Flotte angekauft. Wir verließen nach drei Wochen Lima in einer ganz andern Stim⸗ mung, als wir es betraten.— Nicht, daß mein guter Kapitän auch nur um ein Jota lauter oder fröhlicher geworden wäre, ſelbſt die noch immer reizende Gattin des Generals vermochte ihm kaum ein Lächeln abzu⸗ gewinnen, aber man achtete, liebte nun dieſe Finſter⸗ niß, dieſe gerunzelte Stirn, dieſe trüben Wolken; ſie waren bloß die Schleier, die den heitern Tag, den reinen Aether, den lautern, probehaltigen Geiſt ver⸗ hüllten. Wir hatten den reichen, köſtlichen Kern hinter der rauhen Schale gefunden.“— Der Präſident hatte geendet. Eine lange Pauſe trat ein. „Und dieſer Kapitän Ready? ſagt an, Praͤſtdent! —= 274— dieſer Kapitän Ready?“— brach endlich Oberſt Oakley aus. „Iſt ein Yankee!“ verſetzte ruhig der Präſident. „Duncan! Ihr ſeyd auch ſo ein halber Kishogue vor den iriſch ritterlichen Lords. Es iſt Kaptän Murky; iſt er's nicht?“ fiel General Burnslow ein. „Vielleicht iſt er's, Burnslow!“ warf Duncan hin. „Dann, Gentlemen!“ rief der General mit Em⸗ phaſe,„dann ſchlage ich vor, unſerm wackern Kapitän als Merkmal unſerer Achtung und Anerkennung— 4 „Und?“ ſchaltete ſpöttiſch der Präſident ein. „Macht mich nicht irre!“ rief ärgerlich der Gene⸗ ral;„als Merkmal unſerer Achtung und Aner⸗ kennung und unſerer Würdigung ſeines ritterlich ſee⸗ männiſchen Benehmens— ein öffentliches Diner zu votiren. „Mit vierundzwanzig Toaſten und Schüſſeln und halb ſo vielen Dutzend Bouteillen, nicht wahr?“ meinte trocken der Bankpräſident.„Proteſtire im Namen meines Freundes dagegen. Würde ſich wahr⸗ lich nicht zwei Mal bei Euch bedanken, wenn Ihr ihm da mit Euren Madeiras und Schildkrötenpaſteten und Eurer Würdigung und Anerkennung als postscript — o 275 6— kämet. Verdürbe ihm nur Euer Senf ſein Diner. Weiß ſich und ſeine That ſchon ſelbſt zu würdigen, zu fetiren, ſo wie denn ſolche Thaten auch ſich ſchon von ſelbſt genießen, fetiren; fetent getoaſtet aber allen ihren haut gout verlieren, ungenießbar werden.“ „Seyd ja auf einmal ein außerordentlicher Freund ſtiller, zarter Genüſſe geworden,“ ſpottete der General. „Hat aber Recht, General Burnslow! vollkommen Recht!“ nahm der Supreme Judge das Wort.„Glaube nicht, daß hier ein öffentliches Diner à propos wäre. Mir wenigſtens, wenn mir das Schickſal eine ſo herr⸗ liche Blüthe in meinem trocken juridiſch kriminaliſti⸗ ſchen Lebenskranz gewunden hätte, könnte nichts Aer⸗ geres begegnen, als eine ſolche Populariſtrung, oder vielmehr Theatraliſtrung.“ „Seyd denn doch über die Maßen zartfühlend, Ihr Yankees!“ ſpottete wieder der General. „Wie Ihr es nehmen wollt, General Burnslow!“ entgegnete halb im Scherz, halb im Ernſte der Su⸗ preme Judge.„Unſer Yankeethum iſt zwar ein trocke⸗ ner Boden, bringt aber doch ſo duftende Blüthen, ſo herrliche Früchte hervor, wie irgend einer. Es iſt in unſerm Yankeethum ein ſtiller, tiefer Sinn, den Ihr — 0 276— Southrons ein Brüten, Grübeln nennt, ein ewiges auf Dollars Spekuliren, weil unſere Stirn gerunzelt erſcheint. Und doch, wenn es zum Ausſchlage kommt, — ſag Euch,— will der chevaleresken That unſers theuren Murky nicht zu nahe treten, aber das getraue ich mir doch zu verbürgen, daß es unter unſern Yankee⸗ Kapitänen noch Hunderte gibt, die ſich keinen Augen⸗ blick bedenken würden, an ſeiner Stelle das Gleiche zu thun.“ „Ohne Zweifel!“ rief es von mehreren Seiten. „Allen Reſpekt vor der Yankee⸗Ritterlichkeit!“ lach⸗ ten wieder Andere. „Seyd doch ſo gut, laßt uns Southrons auch noch ein Bischen übrig!“ ſpotteten wieder Dritte. „Nicht nur das,“ meinte lachend der Präſident; „ſondern wir Yankees beugen uns auch Alle, nicht wahr, Judge! in tiefſter Demuth, anerkennen unſer Zurückſtehen, Euer Uebergewicht in dieſem Punkte, und zwar ſo vollkommen, daß ich moraliſch überzeugt bin, ein Southron im Falle unſers Kaptän Murky und vor dem Molo zu Havannah, würde nicht nur den Spanier mit ſeinen Musquetaires, ſondern auch den Molo mit ſeinen hundert Kanonen, wenn nicht — e 277— die Havannah ſelbſt, zum Kampfe herausgefordert haben.“ „Geht zum Henker!“ riefen lachend die Southrons. Der Präſident lachte herzlich mit. „Seyd und bleibt heißblütige, heißköpfige Sou⸗ throns!“ fuhr er in ſeiner kauſtiſch trockenen Manier fort;„ſeyd und bleibt Southrons, die, wenn ihrer vierundzwanzig zuſammen kommen, auch richtig ihre ſechs Erdbeben, zwölf Gewitter, vierundzwanzig Blitze und ſechsunddreißig Donnerſchläge mitbringen.“ „Geht zum T— l!“ lachten wieder Alle.„Gute Nacht! wollen gehen, ſonſt bekommen wir noch ein Dutzend Pillen mehr mit auf den Weg.“ „Gute Nacht!“ riefen ſie Alle. „Gute Nacht!“ rief ihnen lachend der Präſtdent nach, vund vergeßt nicht, daß Ihr heute über acht Tage meine Gäſte ſeyd.“ Sehr ſeltſam! „Da gehen ſie, die Sprudelköpfe!“ brummte er ihnen nach;„feurig wie kochende Vulkane, zündbar wie achtzehnjährige Cadixer Senoritas, großmüthig e 278 6— wie Eure Ritter von der Tafelrunde, und ſtolz wie Lucifers; aber überhaupt und insbeſondere die glo⸗ rioſeſten, nobelſten Burſche, die es geben kann. Soll mir nun John Bull in ſeinem alten ganzen England zwei Jungens aufweiſen wie dieſer Oakley und Bent⸗ ley!— Herrliche Jungens! Nur noch alle Viertel⸗ jahrhunderte einen Krieg von zwei bis drei Jahren, wie der von Anno zwölf, ihr Müthchen an John Bull zu kühlen, und ſie wären die erſten Gentlemen der Welt! ſo aber tritt ihr Uebermuth denn doch ein wenig zu ungeregelt läſtig bei jeder Gelegenheit her⸗ vor,— der lange Frieden thut ihnen und uns nicht gut. Ah, dieſer Oakley! Bin ordentlich verliebt in ihn; wollte, Alexandrine wäre es, oder in Bentley; weiß ſelbſt nicht, welchen von Beiden ich lieber habe. Wäre mir der kleine Finger von Oakley oder Bent⸗ ley lieber, als der ganze M—y. Gar ein ſüßes, ge⸗ ſchmiegeltes Fiſchbeinmännchen, dieſer M—y! Tän⸗ zelt um ſte herum, hängt an ihr wie eine Klette.“ „Er iſt des Todes, wenn er es wagt!“ unterbrach ihn hier eine heftige Stimme. „Was zum Henker! haben wir denn da ſchon wie⸗ der? Iſt denn heute gar keine Ruhe mehr? Immer —=279 6— nur Mord und Todtſchlag, und Kugeln und Piſtolen? — Wer, im Namen des geſunden Menſchenverſtandes! — Ned, biſt Du es? Um's Himmelswillen! was ſoll es nur wieder? Wer that Dir etwas, daß er gleich des Todes ſeyn ſoll?“ „Wer immer es wagt!“ verſetzte zornig Ned. „Wer immer es wagt?“ meinte verwundert der Onkel;„was wagt?“ „Seine Augen zu ihr zu erheben!“ „Zu ihr? zu welcher Ihr?“ fragte mit einer wah⸗ ren Schafsmiene der Onkel. „Bitt' Euch, Onkel, bitte Euch recht ſehr, nicht in dieſem Tone von einer Dame zu reden, von einer Dame. Sag' Euch, zerreißt mir ordentlich die Ohren, dieſer Mißton!“— „Mißton? zerreißt Dir die Ohren?“ unterbrach ihn der Onkel„Willſt Du wohl ſo gut ſeyn Ned,“ meinte er gähnend,„Deine Rede etwas weniger py⸗ thoniſch, orakulär einzurichten? Wen meinſt Du denn eigentlich mit Deiner Dame, Deinem Mißton?“ „Wen ich meine?“ rief heftig Ned;„wen ich meine?“ ſeufzte er verzückt;„wen meine ich, als die Herrliche, die Göttliche! Ah, Alexandrine!“ —= 280 6— „Alexandrine?“ rief der Uncle;„Alexandrine? Was von ihr? Wie kamſt Du auf ſie? Was weißt Du von ihr? Haſt ſie ja in Deinem Leben nicht ge⸗ ſehen, kennſt ſie nicht einmal?“ 1 „Ich ſte nicht kennen!“ rief der ſehr unwillige Ned; „ich ſie nicht kennen, die unvergleichlich Herrliche, in der mir erſt Licht und Leben— frohlockte er ſchwär⸗ meriſch. „Und ſo weiter!“ unterbrach ihn ſpöttiſch der— Onkel.„Würde Tropen und Figuren laſſen, wenn ich Du wäre, in ſchlichtem Engliſch oder Amerikaniſch reden, denn es iſt ſpät, oder vielmehr früh, und Zeit zum Schlafengehen. Du kennſt ſte alſo? Ah, ſie war es denn, ſie war es, der die Seufzer galten, die uns bei einem Haare einander auch in die Haare gebracht hätten? Und woher kennſt Du ſte, wenn ich zu fragen ſo frei ſeyn darf?“ „Ich habe die Ehre, Miß Alexandrine von Paris her zu kennen!“ verſetzte ehrerbietig der Neffe. „Von Paris?“ rief kopfſchüttelnd der Onkel; „von Paris? So warſt Du alſo in Paris? Aber ich dachte, Du hätteſt Dich die ganze Zeit in Teras umhergetrieben? Habe deßhalb auch nach Texas ge⸗ —— —= 281 6— ſchrieben, und durch Deinen Vater ſchreiben laſſen. Haſt Du unſere Briefe nicht erhalten?“ „Nein, ich war die letzten ſechs Monate von Hauſe abweſend, drei Monate in Aufträgen meines Landes und unſerer Regierung zu Paris.⸗ „Von Hauſe abweſend, drei Monote in Aufträgen Deines Landes in Paris?“ ſpottete der Uncle.„Und war unter den Aufträgen Deines pretiöſen Landes und Deiner pretiöſeren Regierung auch der— ich weiß in der That nicht, wie ich es nennen ſoll?“ „Nennt es, wie Ihr wollt, Onkel!“ fiel ihm ernſt beinahe ſtreng der Neffe ein.„Nennt es, wie Ihr wollt, nur nennt nichts, was dem Bevollmächtigten ſeiner Regierung zu hören nicht geziemt. Spottet, ſo viel Ihr wollt, nur ſpottet nicht über eine Regierung und Männer, deren hohen Geiſt Ihr nicht kennt, nicht zu ermeſſen im Stande ſeyd. Ueberlaßt das Euren geprieſenen Sprudelköpfen, wie Ihr ſie nennt, die ich aber mit Eurer Erlaubniß, etwa mit Aus⸗ nahme Oakleys, Bentleys und einiger Weniger, Hohl⸗ und Schafsköpfe nenne.— Ueberlaßt es ihnen, über Thaten und Männer zu ſpotten, die Achſel zu zucken, die uͤber ſie weit zu erhaben ſind, als daß ſie dieſe mit Das Cajütenbuch. II. 19 — o 282— Baumwollen und Sklaven angefüllten Gehirnſchädel zu würdigen fähig wären. Ueberlaßt es uns, uns und unſere Thaten vor der Welt zu rechtfertigen.“" Der junge Mann war, trotz der Mühe, die er ſich gab, gelaſſen zu bleiben, nicht wenig heftig geworden, nicht ſo der Onkel, der ganz ruhig erwiederte: „O, das thue ich ja! behüte mich der Himmel, Eurer Texaſer Ehre zu nahe zu treten!— Allen Re⸗ ſpekt vor Deinen Texaſer großen Geiſtern, Helden! Aber wollen für einſtweilen dieſe Helden und Geiſter bei Seite laſſen und zu Dingen übergehen, die uns näher liegen. Du haſt meine Frage nicht beantwortet.“ „Ich muß Euch erſuchen, mir die Beantwortung dieſer Frage zu erlaſſen, denn ſie iſt unzart!“ bedeu⸗ tete ihm der Neffe. „Auf alle Fälle iſt ſie es, aber das iſt nicht meine Schuld, finde ſicherlich keine ſehr große Zartheit darin — ſich in Liebesverhältniſſe mit der Tochter ohne Vorwiſſen des Vaters einzulaſſen!“— „Da haben wir wieder verſchiedene Anſichten, On⸗ kel!“ verſetzte eben ſo ſpöttiſch der Neffe.—„Ich wieder ſehe nichts Unzartes in einer Neigung— ja, wenn Ihr nichts dagegen habt, Liebe, wenn dieſe — e 283— Neigung Liebe— aber laßt uns ſchweigen, Onkel! ich ſehe, daß wir von ganz entgegengeſetzten Anſichten ausgehen. Wir Texaſer ſind weder Geldmänner, noch Onkels,— bloße Naturmenſchen,— aber menſch⸗ liche Menſchen.“ „Freut mich, das zu hören,“ ſpottete wieder der Onkel;„freut mich ſehr, zweifle auch nicht, daß Ihr menſchliche Menſchen ſeyd, Naturmenſchen, liberale Menſchen, ganz und gar nicht ſo engherzig, wie wir hier zu Lande. Habt es bereits bewieſen. Iſt aber nur fatal, mein lieber Texaſer General, daß Du jetzt in unſerm Lande biſt, wo wir leider ſo bornirte, un⸗ menſchliche Menſchen, Geldmänner und Uncles— das heißt, ganz und gar nicht geneigt ſind, uns unſere Töchter und Dollars ſo mir nichts, dir nichts weg⸗ kapern zu laſſen. Sind ſo unmenſchlich, auch ein Wörtchen dazu zu ſagen.“ „Mister Duncan!“ rief gereizt der Neffe. „Laß uns, wenn's beliebt, weniger militäriſch kate⸗ goriſch imperativ in unſerem Zweigeſpräche ſeyn,“ bedeutete ihm der Uncle;„denn Du weißt, daß ich mich nicht ſchieße, hilft alſo Dein tapferer Ton nichts. 19* — 5 284 6— Und dann iſt's ſpät, nahe an vier. Selbſt der Mond will zu Bette, ſteh nur.“ Er deutete bei dieſen Worten auf den Mond, der ſtch ſtark den weſtlichen Wäldern Louiſtanas zuneigte. „Ich habe,“ hob er etwas ernſter wieder an, neinige Urſache, zu fragen,— einiges Recht und Intereſſe, verſtehſt du?— da ich in Verhältniſſen zu dem Vater der Erkiesten Deines Herzens ſtehe, die ich nicht um zehn Söhne und zwanzig Neffen geſtört wiſſen wollte. Es iſt bei mir nicht bloß Delikateſſe, es iſt Pflicht, mußt Du wiſſen, mein liebwerther General!— Willſt Du daher ſo gefällig ſeyn, mir zuerſt zu ſagen, wo und wann Du Miß Alexandrine zuerſt kennen lernteſt?“ „Zu Paris im Salon unſers oder vielmehr Eures Geſandten, des General C— ß, gerade vor acht Wochen drei Tagen.“ „Sehr pünktlich, in der Zeitrechnung wenigſtens, das muß ich ſagen!“ ſpottete der Onkel.„Und ſaht Ihr Euch öfters.“ „Zwei Mal; das erſte Mal, als wir einander vom Miniſter⸗General aufgeführt wurden, und dann— dann— bei ihrem Abſchiedsbeſuche.“— „Und nicht öfter? Dann mußt Du Zeit und Gele⸗ ₰— — 285— genheit wahrlich als General wahrgenommen haben, — als eine Art Cäſar— Veni, Vidi, Vici.— Du ſtehſt, habe mein Salem Latein noch nicht ganz ver⸗ geſſen. Aber bei Euch Soldaten iſt ja love at first sight herkömmlich. Hoffe jedoch, die ſuͤßen Regun⸗ gen werden nicht gegenſeitig erwacht ſeyn? hoffe es um Alexandrinens willen;— aber kamet ihr während dieſes zweimaligen Zuſammentreffens doch bereits auf das ſüße Thema? Wäre das ja ſchnell!“ „Euer herzloſer Spott verdient eigentlich keine Ant⸗ wort,“ fiel ihm mit verbiſſenem Grimme der General ein,„aber ich will Euch antworten, weil, um es frei heraus zu ſagen, ich mich viel zu ſehr achte, als daß ich dem Schweſtermanne meiner theuren Mutter ſei⸗ nen ſchnöden und gefühlloſen Hohn zurückgeben könnte. Aber in der That, Mister Duncan, weiß ich nicht, was Euch berechtigt, in dieſem Tone zu mir zu ſpre⸗ chen? Ich glaube, unſere Unterhaltung dürfte hier am beſten abgebrochen werden.“ Und ſo ſagend trat er kurz und ſtolz zurück; der Onkel hielt ihn jedoch. „Will Euch ſagen, General,“ verſetzte dieſer ſchär⸗ fer,„will Euch ſagen, was mich berechtigt, in dieſem — b 286— Tone zu Euch zu ſprechen. Halte mich zu dieſem Tone berechtigt, nicht deßwegen, weil ich der Schwa⸗ ger Eures Vaters, ſondern weil ich der Freund, der Partner, ja gleichſam der Bruder des Mannes bin, deſſen Tochter in ihr väterliches Haus zu folgen, ich möchte ſagen zu verfolgen, Ihr ſo kühn ſeyd; weil ich dieſem Mann, dem edelſten, dem treuſten, zart⸗ fühlendſten Freunde, den ich auf der weiten Welt beſitze, um keinen Preis zu nahe treten ließe, nicht von meinem Vater, nicht von meinem Sohne zu nahe treten ließe, weil der bloße Schein einer Undelikateſſe Undankbarkeit wäre.— Undelikat aber würde es in hohem Grade ſeyn, Dein Liebesverhältniß zu ſeiner einzigen Tochter, mit der er wahrſcheinlich ganz andere Abſtchten hat, zu begünſtigen. Undelikat muß ich es nennen, General, ſich in einem Hauſe betreten zu laſſen, von dem Euch wahrer Zartſinn entfernt hal⸗ ten ſollte. Undelikat nenne ich, ſo mit der Liebe gleichſam zur Thüre, ins Haus hinein zu fallen, dieſe Liebe durch Ausrufungen, Seufzer, Streit zu procla⸗ miren.— Das nenne ich undelikat, General, und es empört mich, einen Neffen zu finden, ihn in einem Hauſe inſtallirt zu ſehen, in dem er Niemanden kennt; — 287 6— denn Du kannteſt Niemanden, wußteſt ja nicht ein⸗ mal, daß ich in Natchez— mit dem Vater der Tochter in freundſchaftlichen Beziehungen ſtehe!“— Des Generals Bruſt hob ſich während der Vor⸗ würfe des Uncles hörbar, die Zähne klapperten ihm. „Unele!“ brach er endlich in dumpfer Verzweif⸗ lung aus. „Sag' mir, wußteſt Du in der That nicht, daß ich mich in Natchez niedergelaſſen?“ „Ich hatte wohl gehört, daß Ihr Euch im Süd⸗ weſten aufhaltet— aber wo, wußte ich nicht!“ ſtam⸗ melte der Neffe. „Und biſt ihr doch gefolgt?“ „Ich würde ihr in die Hölle gefolgt ſeyn.“ „Sehr ſchmeichelhaft für ſie, nur nicht ganz ſo für uns. Sie hat Dir alſo Hoffnung gegeben,— denn ſonſt wäre ja Dein Folgen Verfolgen?“ „Hoffnung!“ murmelte der junge Mann;„Hoff⸗ nung!“ ſeufzte er.„Ah, Uncle! Ihr habt nie ge⸗ liebt; laßt uns ſchweigen!“ „Ja wohl, Ned, hab' ich geliebt,“ verſetzte haſtig und plötzlich weich der Uncle; nja wohl hab' ich ge⸗ liebt, und eben, weil ich geliebt habe, kommt mir — ⸗ 288 6— Dein Benehmen ſo gar unzart vor. Ließe ſich viel über das Capitel ſagen, könnte Dir Dein Vater ſagen.— Weißt freilich nichts davon, biſt ſeit zehn Jahren auf der Univerſttät und Abenteuern geweſen, — habe aber meine Judith treu, lange und zärtlich geliebt, ſchier um ſie wie Jakob um ſeine Rahel die⸗ nen müſſen. Wollte Deine Familie, beſonders Dein Vater, abſolut nichts von der Meſalliance mit dem Yankee⸗Commis, wieſie mich nannten, wiſſen. Mußten zuletzt noch nach Penſylvanien hinüber, uns da trauen laſſen, durfte ſich dann volle ſechs Jahre nicht im Hauſe ihrer Eltern blicken laſſen, die arme Judith. Hat viel gelitten, der Thränen bittere vergoſſen. Erſt als ich von Callao, wo mir und Murky der Glücks⸗ ſtern aufging, zurück kam, erſt da ſah man uns mit freundlicheren Augen an. Freilich wurden wir dann die beſten Freunde, ſind es noch, wünſchen die Bande noch enger zu knüpfen, haben Dir auch deßhalb nach Teras nachgeſchrieben, dachten, Du würdeſt, des ewi⸗ gen Herumziehens, Revolutionirens müde, Dich nach einem ruhigen Herde umſehen wollen. Dachten, Du und Eleanor— weißt ja, Dein kleines Weibchen —= 289— Eleanor,— ſollte es nicht ſagen, iſt meine Tochter, aber ein herziges Mädchen, die Eleanor!“. „Du haſt alſo unſere Briefe mit ihrem Bilde nicht erhalten?“ „Bild? Ich verſtehe Euch nicht!“ rief wie träu⸗ mend Ned. „Wohl, wohl! hoffe, werden uns noch verſtehen!“ meinte begütigend der Onkel.„Warſt immer ein Brauſewind, hoffe aber, wird Dir Eleanor ſchon den Kopf zurecht ſetzen!“ „Ich verſtehe Euch in der That nicht, Onkel!“ verſetzte dringlicher der Neffe;„ſo viel ich aber ver⸗ ſtehe, ſo muß ich— ſo ſchwer mir auch dieſes fällt — Nein, Onkel!— Um keinen Preis wollte ich Euch auch nur einen Augenblick täuſchen. Meinen herz⸗ lichen Dank für Eure gütigen Geſinnungen, aber— „Aber wenn Du Alexandrine bloß zwei Mal ſahſt, wenn ſie Dir keine Hoffnung gab,“ rief wieder unge⸗ duldig der Onkel;„was willſt Du nur? Oder hat ſie Dir doch Hoffnung, Aufmunterung gegeben?“ „Er hat nicht geliebt!“ murmelte Ned in ſich hin⸗ ein.„Was nennt er Aufmunterung, Hoffnung? Den ſeelenvollen Blick, der leuchtend, ſtrahlend, zün⸗ — 0 290 6— dend das himmliſche Antlitz— Euch ſelbſt verklärt, — wechſelſeitig in den Himmel verzückt, mit namen⸗ loſer Wonne durchzuckt,— nennt er das Hoffnung, Aufmunterung?— Vielleicht iſt's, vielleicht nicht! Seltſam bis jetzt leuchtete es mir, glänzend, ſtrah⸗ lend! auf einmal aber iſt mir's, als ob es ſchwände, das Ganze nichts als Täuſchung wäre! Täuſchung?“ fragte er ſich;„Täuſchung? Nein, es iſt nicht Täu⸗ ſchung,— ich habe ſie empfunden, tief empfunden, die ſelige, köſtliche Wonne!— Nur hätte ich ſie nicht ausſprechen— durch Sprache nicht entheiligen ſollen! Acht Wochen habe ich ſie in mir getragen, dieſe Blü⸗ then, dieſe Frühlingsſchauer, die meine Liebe befruch⸗ tet,— aber ausſprechen hätte ich ſte nicht ſollen!¹— Und wie der Neffe ſo geiſtesabweſend in ſich hinein murmelte, lauſchte der Unele ſo ängſtlich! Den Kopf vorgeſtreckt, hielt er das Ohr hin, um ja keines der Worte zu verlieren. „Hoffnung!“ murmelte wieder Ned, den Blick auf den Mond gerichtet, der jetzt die Spitzen der weſt⸗ lichen Wälder des jenſeitigen Louiſiana berührte; „Hoffnung! Vielleicht keine— aber— die Empfin⸗ — d 291 6— dung! die ſollen ſte mir nicht rauben, ich will zehren daran, ſchwelgen— alle Tage meines Lebens,— ich willlI, ich will! Ah, dieſe Empfindung! trieb ſie mich ihr nicht ſechstauſend Meilen nach, über Land und See nach? Fühlte ich, hörte ich, ſah ich etwas Anderes als Sie? Wie harmlos war ich, ehe ich ſie ſah, wie ganz anders Alles, ſeit ich ſie ſah!— Frankreich, Paris, Terxas ſelbſt iſt mir verhaßt, zum Ekel ge⸗ worden!— Wäre Texas— der Thron Frankreichs der Preis meines längeren Bleibens geweſen, ich hätte nicht bleiben können,— ihr nach, nach Havre müſſen!“ „Ned! Ned!“u rief ängſtlich der Onkel;„was ſoll das Alles? Du ſprichſt wie ein Geiſtesabweſender— mit wem ſprichſt du? Was ſagſt Du vom Throne Frankreichs? Havre?“ Ned fuhr wild auf.—„Was ich ſagte? Was ich ſagte?— Wer ſeyd Ihr?— Bah, Uncle Dan, es läßt ſich mit ihm nicht reden, er hat nie geliebt!“ „Und ich ſage Dir, ich habe,“ ſiel hitzig der Unele ein;„aber vernünftig, und nicht wie ein Fieberkran⸗ ker, Mondſüchtiger.“ „O, ſehr vernünftig, ſehr vernünftig!“ lachte Ned —=0 292 6— bitter.„Verſchont mich um Gotteswillen mit Eurer vernünftigen Liebe!“— „Wohl, will Dich verſchonen; aber was ſagteſt Du von Havre? Was iſt’'s mit Havre? Etwas Neues von Havre? Baumwolle vielleicht aufgeſchlagen?“ „Baumwolle aufgeſchlagen!“ rief Ned wild.„O Alexandrine!— Und dieſe Baumwollenſeelen ſind es, die über Dein und mein Schickſal entſcheiden ſollen?“— „Du wirſt mich noch böſe machen, Ned!“ grollte der Unele;„laß die Baumwollenſeelen, kennſt ſte nicht, und ſag', was es mit Havre iſt!“ „Mit Havre? mit Havre? Mußte ich nicht nach Havre?“ grollte wieder Ned. „Und warum mußteſt Du nach Havre?“ „Warum ich nach Havre mußte?u fuhr ungeduldig Ned auf.„Leuchtete mir nicht die Hoffnung, ſie würde ſich in einem Newyorker Packet einſchiffen? O, ſte ging in einen Neworleanſer Segler, auf dem mir Paſſage verweigert wurde!“ fügte er traurig hinzu. „Natürlich!a meinte wieder der Onkel 3 nder Neptun gehört ihrem Vater und mir, und der Kapitän war — 293 6— von uns angewieſen, keine Paſſagiere als Sie, Se⸗ norita Thereſta und ihr Gefolge aufzunehmen.“ „Und gehört M— y auch zu ihrem Gefolge?“ fragte bitter der Neffe;„O, hätte ich dieſen M—y nur er⸗ würgen können!“ „Danke ſchönſtens!“ ſpottete wieder der Uncle. „Steht ſein Vater ſeit mehr als zehn Jahren mit uns in freundſchaftlicher Verbindung, waren in Handels⸗ verhältniſſen, ehe er nach Paris überſtedelte. Doch weiter!“ „Weiter!“ ſtockte der Neffe.—„Weiter eilte ich auf dem Poland, deſſen Kapitän, dem wackern An⸗ thony, ich noch ein Plätzchen in ſeinem eigenen Staats⸗ zimmer abnöthigte. War das ganze Schiff voll. Aber ſegelten noch an demſelben Tage ab. Wäre nicht zurück geblieben, und wenn ich auf dem Ver⸗ decke hätte bleiben müſſen. Ah, begünſtigte der Him⸗ mel ſelbſt unſere Fahrt, waren am zwanzigſten Tage in Newyork.“— „Sehr gute Fahrt das, aber weiter!“ meinte der Onkel. „Den Tag nach meiner Ankunft in Newyork ſegelte das Neworleanſer Packet ab; ich beſtieg es,— am —= 294 6— achtzehnten darauf betrat ich das Levee von New⸗ orleans.“—. „Und da?a fragte der Uncle. „Wie ich den Fuß auf das Land ſetze,“ rief be⸗ geiſtert Ned,„war mir auf einmal ſo ſeltſam, ſo wohl und weh, ein ſo heiliger, frommer Schauer kam über mich!“ „Sehr begreiflich das in Neworleans. Iſt ein ſo frommer, heiliger Ort! Sehr begreiflich da die heili⸗ gen Schauer!“ „Ich fühlte ihre Nähe,“ fuhr, den Spott über⸗ hörend, Ned fort;„es war mir, als ob ihr füßer Athem mir entgegen wehte.— Und ſiehe da, wie ich berauſcht um mich ſchaue, kommt ſie mir entgegen, die ſchönſte im ſchönen Kranze!“ „Etwas weniger poetiſch, wenn Du ſo gut ſeyn willſt, Ned!“ meinte wieder der Uncle. „Sie kam auf den Fluß zu, in der Richtung, wo die Dampfſchiffe liegen. Wohl fünfhundert Schritte von mir ſchwebte ſie oberhalb vorbei, aber auf fünf⸗ tauſend hätte ich ſte erkannt.“ „Gehören dazu gute Augen, zweifle, ob indianiſche das leiſten würden.“ . V —— — o 295 6— „Das Auge der Liebe ſteht ſcharf!“ rief ſchwär⸗ meriſch Ned;„Ihr habt nie geliebt, Onkel! Genug, ſie war es, ſie ging mit mehreren Gentlemen uud Damen auf eines der Dampfſchiffe. Die Neger, die mit Koffer und Kiſten vor⸗ und nacheilten, ließen keinen Zweifel, ſie reiste ab.— Und es zog mich nun mit ſolcher unwiderſtehlichen Gewalt ihr nach! Ich vergaß Alles, Diener, Gepäck, Schiff,— Alles. Ich mußte ihr nach! Ich rannte das Levee hinan, der Stelle zu, wo ſie verſchwunden, über die Bretter, die zu den Dampfſchiffen lagen.“— „Aber es lagen ihrer mehr denn vierzig da,— eine ganze Flotte von Dampfern!“ ſeufzte er wieder im troſtloſen Tone.„Welches barg den köſtlichen Schatz? Von vielen tönten die Glocken zur Abfahrt. Ich ſpringe auf das erſte, ſtürze die Treppe in die Cajüte hinab, ſehe die Thür des Damenſalons offen— o Schmerz! ſie war nicht da. Wieder renne ich hinaus, ſpringe vom Schiffsgeländer weg auf das nächſte.“ „Hätteſt da leicht einen Fehlſprung thun können,“ meinte mißbilligend der Unele;„las erſt geſtern, wie ein Gentleman durch einen ſolchen Sprung in die Ewigkeit ſprang; fiel in den Miſſiſtppi.“ — 296 6— „Wie ich in die Cajüte dieſes Dampfers einſtürze, läutet die Schiffsglocke zum zweiten und letzten Male — die Thür der Damencajüte iſt aber geſchloſſen.— Das läßt mich vermuthen, daß ſie den köſtlichen Schatz berge. Während ich zu fragen, ungeduldig nach der Stewardeß renne, geräth der Dampfer in Bewegung, ſchwingt herum. Die Thüre geht auf, ach! mein Himmel war nicht da.“ „Ja, den wirſt Du freilich nicht auf unſern Miſſi⸗ ſtppidampfern finden!“ bemerkte wieder trocken der Uncle. „Er ward mir zur Hölle, zur wahren Holle,“ fuhr Ned auf;„aber Eines tröſtete mich, das Dampfſchiff, das ſte trug, ging, ſo wie das meinige, ſtromauf⸗ wärts. Wenn nur das meinige nicht hinten blieb, ich ſte nicht verlor!— Die Angſt, die mich jetzt be⸗ fiel, dieſe zu beſchreiben!— Ich fürchtete, wahn⸗ ſinnig zu werden. Endlich wettete ich hundert Dollars mit dem Kapitän, daß er hinter den ſechs Dampfern, die mit uns abfuhren, zurückbleiben würde. Er nahm zwei aus, mit den übrigen vier ging er ſie ein.“ „Sag' mir doch, wie heißt dieſer pretiöſe Kapitän? —;’’ ſ —= 297 6— wollen ihm das Handwerk bald legen!« fiel hier der Uncle ein. „Ah, er hielt ſich wacker, ſehr wacker, der Brave! einzig zwei der ſechs kamen uns vor, aber wir be⸗ hielten ſie doch im Auge, und ſie fuhren am folgenden Tage keine halbe Stunde vor uns im Hafen von Natchez ein.“ „Wie wir einfuhren, erſcheint auch, wie ein Stern am heitern Himmel, ſie— ſie, die mein Alles iſt und bleiben wird.— Sie verließ ſo eben den Dampfer, ſchwebte Unter⸗Natchez zu.— Unter⸗Natchez, dieſer Ort der Gräuel! erſchien mir in dem Augenblicke ein Himmel. O, was hätte ich darum gegeben, da zu ſeyn!“ „Ned! Ned!“ ſchaltete der Onkel ein,„biſt, trotz Deiner Generalſchaft, ein großer Narr!“ Ned fuhr— das Compliment überhörend— fort: „Aber eine lange, furchtbar lange Viertelſtunde verging, ehe es mir vergönnt war, den Boden zu be⸗ treten. Endlich, endlich! Noch war ſie zu ſehen, aber bereits oben auf der Höhe des Bluffs.“— „Ich rannte, ich flog. Ehe ich die Windungen der Anhöhe hinanrenne, iſt ſie verſchwunden. Alles, Das Cajütenbuch. II. 20 —= 298— was ich ſehe, iſt ein Wagen, der um die Ecke herum durch die Stadt rollt.“ „Weiter, weiter, Ned!“ gähnte der Uncle;„iſt Zeit zum Schlafengehen, vier Uhr!" „Ah, Uncle! Ihr habt nicht geliebt!“ ſeufzte Ned. „Laß mich zufrieden mit Deinem nicht geliebt haben; verrückt war ich nicht, ſo wie Du!— Man möchte aus der Haut fahren. Das gehört by Jove in den Kalender! Doch weiter, wie kamſt Du hieher?— „Wie ich hieher kam? wie ich hieher kam? Weiß ſelbſt nicht recht, wie ich hieher kam!“ verſetzte der Neffe.„Ja richtig, wie ich den Wagen fortrollen ſehe, ſpringe ich dem nächſten Gaſthofe zu, rufe nach dem Wirthe.“ „Paterſon? War bei mir,“ fiel der Uncle ein; „brachte mir die ſaubere Neuigkeit, ſchüttelte den Kopf. Und wohl mochte er; hält Dich für einen Verrückten, Abenteurer, oder gar Sporting⸗Gentleman, der Reiß⸗ aus genommen.“— „Sporting⸗Gentleman! Was iſt das?⸗ „Ein Spieler von Profeſſton, und Räuber und Mörder aus Liebhaberei oder bei Gelegenheit.— Hatten vor ein paar Jahren in Wallnuthill ein ganzes — — o 299 6— Neſt dieſer Gentry, bis wir ein halbes Dutzend häng⸗ ten und ſo Kehraus machten. Doch weiter, weiter! Was hatteſt, wollteſt Du mit Paterſon?“ „Ein Pferd, ein Pferd! mein Königreich, meinen Himmel für ein Pferd!“ „Läſtre nicht, junger Mann!“ fiel ſtreng der On⸗ kel ein. „Ein Pferd wollte ich!“ wiederholte dieſer;„und er ſchaut mich an, ſchüttelt den Kopf. Ich reiße meine Brieftaſche heraus, halte ihm einige Hundert⸗ Dollars⸗Noten vor die Naſe. Er ſchaut mich noch kopfſchüttelnder an, frägt nach meinem Namen, ich nenne mich.“ „War, wie geſagt, bei mir, denn kennen uns von Baltimore her.— Wunderte mich nicht wenig, wie er mir die Geſchichte erzählt, und daß der Verrückte oder ſonſt etwas— ſich für Oberſt Morſe von Texas ausgebe. War das auch eigentlich die Urſache, warum ich herab kam. Dachte mir wohl, daß da etwas Apartes im Spiele ſeyn müſſe, beſchrieb Dich als ſo ungeſtüm, drohend!“ „Wer wird nicht ungeſtüm ſeyn,“ fiel heftig der Neffe ein,„wenn der Himmel auf dem Wurfe ſteht? 20* — 300 6— Ich hätte den Publikaner erwürgen mögen, wie er kopfſchüttelnd, grinſend vor mir ſtand, mich von allen Seiten beſchaute. Ich frage, ob er nicht einen Wa⸗ gen geſehen?— Ja! ſagt er, fährt ſo eben die Süd⸗ ſtraße zum St. Catharine hinab.“ „Endlich iſt das Pferd geſattelt, ich ſpringe darauf, jage die Südſtraße hinab.— Eine halbe Meile vor mir ſehe ich richtig den Wagen. Ich ihm auf Leben und Tod nach. Er fährt aber raſend ſchnell.— Ein paar Meilen hatte ich zu jagen, ehe ich ihn erreiche. Wie ich ihn endlich erreiche, finde ich mich umringt von mehreren hundert Damen und Gentlemen zu Pferde und in Wagen. Ich war auf Curer Renn⸗ bahn, inmitten Eures Wettrennens.“ „Der St. Catharine⸗Rennbahn, wußteſt Du das nicht? Iſt die erſte Rennbahn am Miſſiſtppi, unſere Wettrennen die erſten im Süden.“ „Ich ſah es, aber auch, daß der Wagen ſte nicht enthielt. Die Damen, die ausgeſtiegen, waren mir fremd.“ 4 „Und wie kamſt Du hieher in Kapitän Murkys Cajüte?“ „Weiß es ſelbſt nicht recht, weiß nur, daß ich in — 301 6— der Eile— der Verwirrung, nach Kapitän Murky fragte, ſo erfuhr, daß ſeine Pflanzung in der Nähe — kaum drei Meilen von der Rennbahn abliege, daß mehrere Gentlemen ſich da das Rendezvous gegeben, zum Diner geladen hatten. Wurde verſichert, daß ich gleichfalls ſehr willkommen ſeyn würde; ja man drang in mich— den Unbekannten— mit zu kom⸗ men.— So kam ich denn, halb widerſtrebend, halb verlangend.“— „Wohl, wohl!“ ſprach nun um Vieles milder der Onkel;„das ſieht denn doch wieder ſo arg nicht aus, als ich befürchtete; iſt zwar mehr als Tollheit dabei, wahre Liebesraſerei, aber iſt Liebesraſerei von Amors Zeiten her blind, haſt folglich ein Privilegium. Das wollen wir Dir auch gerne ins Haben ſchreiben, nur mußt Du auch wieder das Sollen nicht vergeſſen.“ „Das Sollen?“ „Das Sollen, Ned! Das, was Du, ich will nicht ſagen, dem texaſiſchen General,— denn der wiegt bei uns, wie Du leicht begreifen magſt, nicht ſehr ſchwer, etwas Anderes wäre es, wenn Du amerika⸗ niſcher oder engliſcher General wäreſt,— aber was Du Dir als Gentleman ſchuldig biſt. Auch das — 302 6— dürfen wir nicht vergeſſen, Ned!“ mahnte der Onkel, „Dein Liebesrauſch war heftig, ſehr heftig, aber ſolche heftige Räuſche vergehen auch in der Regel wieder um ſo bälder.“ „Nie, nie!“ ſeufzte Ned. „Wollen ſehen, Ned!“ verſetzte der Onkel;„wollen jetzt ſchlafen gehen. Kannſt hier ſchlafen, obwohl ich es unter den Umſtänden lieber geſehen hätte, wenn Du im Gaſthofe geblieben wäreſt.“ „Ich fühle das Unzarte meines Hierbleibens,“ ver⸗ ſetzte Ned,„und darum— ⸗ „Ohne Zweifel liegt etwas Unzartes darin,“ meinte wieder der Onkel;„da es jedoch auf dieſe Art und Weiſe kam, hat es wieder etwas, ich möchte ſagen, Zartes.— Nur mußt Du bei Zeiten hinauf nach Natchez. Hier darf Dich Niemand finden; es ſäͤhe aus, wie abgekartetes Spiel.“ „Ich begreife!“ murmelte Ned. „Du kannſt ein paar Stunden ausſchlafen, aber dann mußt Du, wie geſagt, hinauf nach Natchez. Paterſon will ich ein paar Worte ſagen laſſen. Heute dürfte ich wohl wenig Zeit mehr haben, aber morgen wollen wir weiter von der Sache reden. Läßt ſich — 0 303 6—. noch Alles recht gut ausgleichen. Wirſt ſehen, wenn Du ausgeſchlafen, werden Dir die Dinge ganz anders erſcheinen.“ Ned ſchüttelte den Kopf. „Weiß nicht, Onkel! kam hieher mit ſo ſeltſam bewegtem, freudigem Herzen, ſo voll Hoffnung; aber nun— 4 „Wohl, und nun?" fragte der Onkel. „Aber nun fühle ich ſo troſtlos, ſo verzagt!“ mur⸗ melte Ned.„Nur Eines wünſchte ich von ihren Lippen zu hören, und dann—“ „Und dann?“ „Dann Himmel oder Hölle, Seligkeit oder Ver⸗ dammniß!“— „Sachte, ſachte, Mann! Laß vor Allem die Sie aus dem Spiele!“ mahnte wieder der Uncle.„Leben hier nicht in Texas, wo ſich Liebſchaften über Nacht abmachen, und zu Heirathen werden. Laſſen ſich nicht übers Knie brechen derlei Affairen, denn haben andere Leute auch noch ein Wörtchen darein zu reden, verſtehſt Du? Handelt ſich hier um eine Affaire von drei⸗ bis viermalhunderttauſend Dollars!“ „Wie meint Ihr das, Onkel?“ — 304 8— „Wie ich das meine? Sehr natürlich meine ich es. Sie bekommt zum wenigſten dreimalhunderttauſend Dollars mit, iſt ſein einziges Kind!“— „Aber Governor Caß ſagte mir, ſte ſey die Tochter eines unſerer Kauffahrer⸗Kapitäne!“ entgegnete be⸗ klommen Ned. „Wohl, und ſo iſt ſte.— Er war Kapitän, hat noch immer Antheil an einigen Schiffen, iſt aber ſeit mehr denn zehn Jahren auch Pflanzer.“— „O Schmerz!“ ſeufzte Ned. „War arm, ſo wie ich, ſteht aber jetzt, G—tt ſey DankV in ſeinen eigenen Schuhen, ſo wie ich.“ „Schmerz! Schmerz!“ ſeufzte Ned. „Kann ihr, ohne ſich zu entblößen,“ fuhr, das Schmerz, Schmerz überhörend, der Onkel fort,„drei⸗ malhunderttauſend Dollars mitgeben. Iſt in jeder Hinſicht eine der brillanteſten Partien, einer der glän⸗ zendſten Preiſe, der Manchem Herzklopfen verurſachen, Manchen magnetiſch anziehen— abſtoßen wird.— Zieht bereits von Paris an, iſt ihr M—y von Paris, von Neworleans B—s herauf gefolgt. Oakley und Bentley werden auch nicht ſäumen, ſich in die Schran⸗ ken zu ſtellen; ſind Beide jung, reich, aus den erſten —= 305 6— Familien. Welche Hoffnung haſt Du ſolchen Prä⸗ tendenten gegenüber?“ „Die Hoffnung,“ verſetzte mit Würde der Neffe, „daß Miß Alexandrine wenigſtens— den armen Texaſer General nicht nach dem ſchnöden Maßſtabe von dreihundert Sklaven und fuͤnfhundert Baum⸗ wollenballen meſſen wird.“— Dieletzten Worte waren wieder ſehr bitter geſprochen. „Sey vernünftig, Ned!“ mahnte der Uncle,„und nimm nicht als Beleidigung, wo keine gemeint iſt. Ich bin Dein Onkel, und halte es für Pflicht, Dir die Augen zu öffnen; willſt Du ſie aber mit Gewalt verſchließen, je nun, meinethalben; leben in einem freien Lande!“ Ned ſtierte den in den Wäldern Louiſianas ver⸗ ſunkenen Mond an. „Sie iſt Kapitän Murkys einziges Kind, ſeine Freude, ſein Troſt. Er hat keine Koſten geſpart, ihr die glänzendſte Erziehung zu geben, ſie für die höchſten Kreiſe der Geſellſchaft zu bilden. Kannſt Du nun wohl mit etwas wie geſundem Menſchenver⸗ ſtande erwarten, daß er ſie Dir da unter Deine Texas⸗ Freibeuter mitgeben werde?“ — 306— „Uncle!“ rief aufprallend Ned. „Nimm nur die Dinge, wie ſie ſind,“ mahnte wie⸗ der der Onkel;„täuſche Dich nicht, ſteh nicht bloß mit eigenen, ſondern auch fremden Augen, ſetze Dich in die Lage des Vaters. Was würdeſt Du als Vater ſagen, wenn Einer mit ſolchen Zumuthungen käme? Sie nach Texas ſenden, hieße ja gerade, die Perlen vor die Schweine werfen; er gibt ſte Dir gewiß nicht nach Texas mit, hier aber haſt Du kein Vermögen, denn Dein Vater lebt noch— und hat fünf Kinder; von Deinem Weibe aber wirſt Du Dich doch nicht ernäh⸗ ren laſſen wollen, dazu, hoffe ich, haſt Du zu viel Selbſtgefühl?“ „Ich habe mir in Texas ſo viel erworben, daß ich unabhängig, ja glänzend leben kann!“ verſetzte der General. „Ja, aber wird ſie Dir dahin folgen? Sie, die für die glänzenden Zirkel Waſhingtons, Newyorks oder Paris's gebildet iſt, ſie, die einen Baron M-— y, einen unſerer reichſten Louiſtanaſöhne, jede Stunde wählen kann?“ Der General ſtöhnte. „Nimm mir's nicht übel, Ned!“ fuhr dringlicher —= 307 e— der Onkel fort;„aber ich finde in Deiner Liebe, und noch mehr dem Ungeſtüm, dem Du Dich überlaſſen, etwas wahrhaft unliebſam Undelikates. Weil Du Dir in Texas gefällſt, ſoll ein zartes, im Luxus, in allen Bequemlichkeiten des Lebens auferzogenes Ge⸗ ſchöpf, das Du zwei Mal geſehen, Dir ohne Weiteres dahin in die Wildniß folgen!“ „Onkel!“ ſtöhnte Ned,„um Gotteswillen, Onkel! Ihr zerreißt mir das Herz!“ „Das will ich nicht, nur Dir die Augen öffnen, Dich zum Bewußtſeyn deſſen bringen, was Du Dir, dem Gegenſtande Deiner Liebe ſchuldig biſt.“ „Uncle!“ würgte mit hohler Stimme Ned heraus, „Ihr habt Recht, von dieſem Geſichtspunkte aus ſah ich nicht; jetzt ſehe ich, Ihr habt Recht!“ Und ſo ſagend, erfaßte er mit beiden Händen ſo krampfhaft die Säule der Gallerie. „Wohl, freut mich, wenn Du zur Beſinnung kommſt, einſtehſt, was Du Dir und Ihr ſchuldig biſt. Tröſte Dich aber, Liebe hat noch kein Herz, außer in Romanen, gebrochen. Gibt noch andere eben ſo ſchöne, reiche Mädchen. Eleanor, ſollte es nicht ſagen, aber ſie iſt ein braves, wackeres Mädchen;— und —= 308 6— haben uns— Dein Vater und ich, darauf verſeſſen, ein Paar aus Euch zu machen. Waret ſchon vor zehn Jahren einander beſtimmt, war ja immer Dein kleines Weib. Und ſie hat Dich, weiß es, gerne, würde Dir nach Teras folgen, wenn Du ja abſolut wieder dahin willſt.“ Der Neffe preßte die Säule der Gallerie krampf⸗ haft, gab aber keine Antwort. „Wenn DOu aber, wie wir hoffen, des ewigen Fech⸗ tens und Revolutionirens müde— und geſonnen biſt, ſolid zu werden, bekommt ſie einpaarmalhunderttau⸗ ſend Dollars, ſo daß Du mit Deiner Praxis als Iuriſt ſtandesmäßig leben kannſt. Wird hier zum Beiſpiel viel Geld von Juriſten gewonnen, bringt es ein guter Juriſt in fünf bis zehn Jahren zum Pflan⸗ zer. Haſt darum lauter junge Juriſten, ſelbſt unſere oberſten Richter, Kanzler ſind lauter junge Leute, aber, ſobald ſte ein fünfzig⸗, ſechzigtauſend Dollarchen geſammelt, werden ſte Pflanzer, ſo unſere Mediziner, Prediger.“ Der junge Mann gab noch immer keine Antwort. „Wollen das aber morgen oder übermorgen weiter beſprechen,„fuhr der Onkel fort; ngehſt jetzt auf ein — 0 309 6— vier, fünf Stunden zu Bette, und dann hinauf nach Natchez. Darf Dich Murky hier nicht treffen, Alexan⸗ drine ſchon gar nicht, ſähe das, weißt Du wohl, ſehr queer aus. Will's ihm aber ſagen, daß Du hier warſt. ¹ „Ziehen nächſtens herab, die Alexandrine und Seno⸗ rita Thereſta,“ hob er wieder an, nund ſo wie ſie ge⸗ zogen, ziehſt Du zu mir;— morgen.— Nächſte Woche erwarte ich Eleanor zurück.“— „Morgen,“ verſetzte plötzlich ſich aufrichtend Ned, „bin ich in Neworleans, nächſte Woche auf meinem Wege nach Frankreich.“ „Du wollteſt?“ rief erſchrocken der Onkel. „Ja, Onkel!“ ſprach mit hohler, aber feſter Stimme Ned;„Ihr habt mir die Augen geöffnet,— ich ſehe, fernere Schritte wären hier undelikat; denn nach Texas kann ſte mir nicht folgen, von Texas aber zu laſſen, wäre Charakterloſigkeit.— Mein Entſchluß iſt ge⸗ faßt. Das Herz wird mir bluten, blutet bereits, wird wahrſcheinlich verbluten, aber Ihr habt Recht. Rück⸗ ſichtslos, unzart darf, will ich nicht ſeyn, nicht einmal ſcheinen. O! es war," ſeufzte er, vein köſtlicher— köſtlicher Rauſch, Traum; aber!— Ah, Unele! Ihr —= 310 G— könnt das nicht fühlen, denn Ihr habt nie geliebt; doch danke ich Euch, daß Ihr mir die Augen geöffnet.“— „Herzlichen Dank,“ fuhr er mit brechender Stimme fort,„herzlichen Dank, auch für Eure gütige Ge⸗ ſtnnung, was Eleanor betrifft— die gute, liebe Eleanor!— Sie wird glücklich ſeyn, ich zweifle nicht. — Innigen Dank, Onkel! aber ich kann nicht! Liebe läßt ſich nicht wie Wechſel übertragen.— Ah, Uncle! der Kopf wird mir ſo ſchwindlich! iſt's das lange Nachtſchwärmen?“— Wie er ſo ſprach, taumelte er beſinnungslos an das Geländer der Gallerie an. „Ned, Ned!“ rief in großer Angſt der Uncle;„Ned, ums Himmelswillen, Ned! Faſſe Dich, ſey doch ein Mann! Es kann Alles noch gut werden. Komm, ich will Dich zu Bette bringen laſſen, ſelbſt bringen. Schlafe ein paar Stunden aus, und haſt Du ausge⸗ ſchlafen, ſo glaube mir— „Keinen Augenblick länger hier!“ fiel ihm Ned ein,„keinen Augenblick; mir iſt bereits leichter. Lebt wohl, Unele! Verzeiht, wenn ich Euch beleidigt. Wollt Ihr mir einen Gefallen thun, ſo laßt mein Pferd ſatteln.⸗ —. 5 — — 2 311 G— „Ned! Du wirſt doch nicht?“ rief der Onkel;„es wäre Wahnſinn!“ „Gott weiß, was es iſt!“ ſtöhnte Ned; naber ich ſage Euch, ich befürchte, wahnſinnig zu werden; Gott behüte mich davor! Laßt mich aber— laßt mir mein Pferd ſatteln; wenn Ihr es nicht thut, gehe ich zu Fuße. Fare well, Onkel!“ „Ned!“ ſchrie der Onkel außer ſich. Ned riß ſich mit Gewalt vom Onkel los. „Fare well, Onkel! Es muß geſchieden ſeyn!“ „Muß es?“ fragte eine dritte Stimme, und zugleich trat ein Mann vor, der den jungen General ſcharf in die Augen faßte. Dieſer ſtarrte ihn außer ſich an. „Ich bin Kapitän Murky,“ ſprach der Mann;„wer⸗ det Ihr auch meine Bitte zurückweiſen? Ich bitte Euch, zu bleiben." „Kapitän Murky!“ rief erſchüttert der Neffe. „Murky!“ ſchrie der Onkel;„Murky! Ihr ſeyd es? Ums Himmelswillen, was ſoll das? Wie kommt Ihr hieher?“ „Ah, Duncan! es iſt doch gut, daß mir in den Sinn —= 312 6— kam, ſogleich Vorbereitungen zu ihrem Empfange zu treffen!“ „Aber das Alles ließe ſich ja morgen thun! Murky, Murky! was ſicht Euch nur an?“ „Morgen wäre es zu ſpät, eine halbe Stunde ſpä⸗ ter wäre es ſchon zu ſpät geweſen. Duncan— Duncan! ſeyd Ihr denn immer noch ſo hart wie Eure Dollars?“ Der Vorwurf ſchien dem Onkel ſchwer aufs Herz zu fallen; er ſprang erſchüttert auf Murky zu. „Hart, ſagt Ihr, Murky, hart? War ich's Ned? Wohl!, ſo will ich nun weicher ſeyn, hörſt Du, Ned? will weicher ſeyn, denn Murky will es; aber bleibe, Ned, es wäre Wahnſinn!“ Ned ſtand, mit ſich kämpfend.„Wahnſinn!“ mur⸗ melte er;„Wahnſinn!— Und iſt's nicht Wahnſinn, zu bleiben, wenn Bleiben— 2u „Der Wahnſinn, der zwei Monate währt,“ ver⸗ ſetzte mild der Kapitän,„gibt ſchöne Hoffnung für's ganze Leben. Bleibt, General! Euer Wahnſinn iſt ein edler!“ —“0 313 6— Der General gab keine Antwort, aber krampfhaft drückte er die Hand des Kapitäns. Ein Morgen im Paradieſe. Ein entzückender Morgen! die Phantaſie kann ihn nicht ſchöner träumen!— Das lichtblaue Himmels⸗ gezelt, den jungen Frühling verkündend,— die Strah⸗ len der blaßgoldenen Sonne, mild koſend die friſchen Lüfte durchzitternd,— die Atmoſphäre wie erbebend unter dem Erguß dieſer himmliſchen Strahlen! Und dann die tiefen Schlagſchatten, und daneben die herr⸗ lichen Lichtſtröme der tauſend Blumen und Blüthen — und die duftenden Orangegrotten und Citronen⸗ gebüſche— und im Hintergrunde die königliche, ewig grünende Magnolie und die zierliche pride of China*) *) Pride of China, des Schattens und der Zierde wegen im Staate Miſſiſippi gepflanzt, gedeiht ſo außerordentlich, daß eine einzige Beere, den Winter hindurch mit Erde bedeckt, im Som⸗ mer zu einem vier bis fünf Fuß hohen Baume aufſchießt, in vier bis fünf Jahren zum ſtarken Baume wird, der ſeine Aeſte und Zweige über Häuſer hinbreitet. Das Cajütenbuch. II. 21 — 314— — und weiter rechts hin die einzelnen Zinnen und Kuppeln des ariſtokratiſchen Natchez, und tiefer herab die zerriſſenen grünen Wälle und Parapets des Forts Roſalie, und rings herum eine Flora und Blüthen und Düfte! Ein wahres Paradies, von einem der zartſtnnigſten Gemüther gehegt und gepflegt,— der Garten, als wäre er durch Regenbogenſtrahlen gezo⸗ gen,— die wunderliebliche Cottage wie in einem Blumenkelche gebettet! Blumen und Blüthen ranken die Gallerie,— die Mauer hinan, geleiten die Treppe, in den Saal, die Gemächer hinein!— Aus dieſen rief die bekannte, aber nicht mehr kauſtiſch klingende Stimme des Onkels heraus:„Ich kann ſie nirgends finden, ſte müſſen nach Natchez hineinge⸗ gangen ſeyn.“ Ein tiefer Seufzer antwortete von der Gallerie zurück. „O, ſie werden wohl nicht verloren gegangen ſeyn. Willſt Du nicht eintreten und ein Glas Rheinwein und Sodawaſſer nehmen?“. „Danke Euch, Onkel! Ich will lieber Euer Para⸗ dies beſehen.“ „Dann will ich Dein Wegweiſer ſeyn.“ — 9 315— Sie gingen— durch Anflüge von knospenden Chi⸗ nabäumen— und Lauben von Cap Jeſſamine und Laurea Mundi— und Gehäge der ſchottiſchen Roſe — und der nördlichen Flowerpot⸗Pflanze, und der zartblühenden Waſhitaweide und Theebäume, und Gruppen von Lilacs und Papaws und Magnolien. — Ein wunderliebliches Wäldchen von Orange⸗ und Citronenbäumen ſchloß das reizende Labyrinth. „Ein wahres Paradies, Onkel!“ ſprach der Neffe. „Iſt artig,“ verſetzte der Onkel;„Catharine hat Geſchmack bewieſen; hätteſt es aber vor zwei Jahren ſehen ſollen!“ „Erſt vor zwei Jahren habt Ihr es angelegt?“ „Angelegt iſt es ſchon länger, nur in ſchlechtem Geſchmack, auch war es vernachläſſigt.“ Hier ſchlug, aus dem Orange⸗ und Citronenwäld⸗ chen ſpringend, ein Windſpiel an, worauf der Onkel rief:„Da ſind ſie!“. Und jetzt hob ſich plötzlich die Bruſt des jungen Mannes, und erröthend und erblaſſend, und zitternd und zagend begann es ihm um die Augen ſo trübe zu werden! Es ſchien ſich Alles um ihn herum zu drehen, er nicht zu ſehen, nicht zu hören.. 21* —= 316 6— Zwei Perſonen waren aus dem Gebüſche getreten, ein altlicher Mann und eine junge Dame. Der Mann mochte ein Fünfziger, vielleicht älter ſeyn, denn die Haare waren ſtark ergraut, die Geſichtszüge noch ſtärker durchfurcht.— Dieſe Geſichtszüge fielen pein⸗ lich auf. Die finſter dunkeln, wie im Folterſchmerze aufwärts— und gegen einander gezwängten Augen, die hufeiſenartige tiefe Runzel über dem Naſenknor⸗ pel, die gekniffenen Lippen, verliehen ihm etwas ſo fatal Zerriſſenes, ſo daß man ſich wirklich mit einem Gefühl von Pein von dieſem wie gemarterten Geſichte abwandte. Ein grellerer und wieder lieblicherer Con⸗ traſt ließ ſich wohl nicht denken, als Er und— Sie! Als wäre ſie ſo eben dem ſchönſten der Blumenkelche entſtiegen, glänzte, blühte Alles im höchſten Liebes⸗ reize an ihr, die Züge von regelmäßiger Schönheit, die Augen von tief reiner Bläue, die Geſtalt von klaſſtſchem Ebenmaße.— Ein wahrer Genuß war es, in dieſes Geſicht zu ſchauen, denn beim erſten Blicke in dieſen Spiegel ſah man eine ſchöne, herr⸗ liche Seele. Es konnte nicht täuſchen, dieſes ideal⸗ ſchöne Geſicht! Zwar ſchien es etwas kalt zu ſeyn. Wirklich galt auch Alexandrine Murky für kalt;— — 317— wenigen jungen Damen waren während ihrer kurzen Erſcheinung in den Salons der Pariſer heau monde ſo zahlreiche Huldigungen zu Theil geworden,— ſpurlos waren ſie jedoch alle an ihr vorüber gegangen; aber Kälte ſprach doch nicht aus dieſen tiefblauen— von langen ſeidenen Wimpern beſchatteten Augen, eher inniges, tiefes, poetiſches Gefühl. Ah, ſte war eine jener ſeltenen Erſcheinungen, die mit einem feſten, ja energiſchen Sinne die zarteſte Gemüthlichkeit— mit einem heitern, klaren Verſtande jene zarte ſchmieg⸗ ſame Weiblichkeit paaren, die ſo unwiderſtehlich an⸗ ziehen, in Feſſeln ſchlagen! Ein Blick, ein Lächeln, und ihr ganzes Weſen leuchtete im roſigſten Sonnen⸗ ſchein auf, eine Bewegung, und man hätte anbetend vor ihr niederſinken mögen! Offenbar war ſie aber jetzt überraſcht; in dem erſten Momente zuckte, ſchrack ſie beinahe zuſammen, ſtarrte ihn erbleichend wie einen vom Himmel Gefallenen an; allmälig aber erholte ſie ſich, ein zartes Roth trat an die Stelle der Scheu, wurde zur holdeſten Ueberra⸗ ſchung. Sie ſprach jedoch nicht, auch er nicht; denn auch er war erbleicht, ſeine Bruſt hob ſich krampfhaft, — 0 318— bie Lippen zuckten ihm; ihr Erblaſſen ſchien ihm in die Seele hinein geſchnitten zu haben. Der Onkel unterbrach endlich die einigermaßen peinliche Pauſe. „Erlauben Sie, Miß Murky!“ ſprach er achtungs⸗ voll,„Ihnen meinen Neffen, General Morſe aufzu⸗ führen!u Jetzt ſchlug ſie die Augen auf. „Ich habe das Vergnügen, General Morſe be⸗ reits— 4 und dann ſtockte ſie ſo anmuthig! „Miß Murky war— u ſtockte wieder der General. Und jetzt wagte auch er, den Blick zu ihr zu er⸗ heben; abermals jedoch verſagte ihm die Sprache, und ſtatt zu reden, zupfte er an ſeiner Reitpeitſche. Und ſo ſtanden ſie wohl zwei Minuten verblüfft, die Augen zur Erde geſchlagen, wechſelsweiſe erröthend, erblaſſend, bis der Kapitän und Onkel, ſeitwärts tre⸗ tend, ſte allein ließen. Da erſt ſchienen ſich die erſtarrten Lippen zu löſen. „Ich hatte nicht gehofft— erwartet,“ verbeſſerte ſie ſich,„Sie hier am Miſſiſtppi zu ſehen, General Morſe!“ — 2 319 e— „Werden Sie meine Kühnheit verzeihen, theuerſte Miß Murky! daß ich es wagte—“ ſtammelte er. „Mister Duncan alſo Ihr Onkel?“ verſetzte ſie ausweichend;„nicht wahr, ein liebliches Plätzchen, ein wonniges, Sie ſehen es zum erſten Male?“ „Es iſt ein Paradies!“ ſprach er leiſe. „Im Lande der Blüthen und Blumen, wie Cha⸗ teaubriand ſo ſchön ſagt.“ „Ja, jetzt iſt's das Land der Blüthen und Blumen, jetzt, jetzt!“ ſtammelte er. „Ich habe der Gärten viele und ſchöne in Frank⸗ reich geſehen,“ hob ſie wieder nach einer kurzen Pauſe an,„aber keinen ſo wahrhaft genial— ſo heiter— ſo ganz im Einklange mit der Natur des Landes gleich⸗ ſam hervorgezauberten.“ „Und doch ſagt man, unſere Southrons haben keinen Sinn für Gartenkultur,“ bemerkte er etwas kühner. „Hier haben ſie aber den Gegenbeweis; wollen ſie ihn nicht näher ſehen?“ „Aber Alexandrine!“ mahnte der Vater herüber, „General Morſe iſt von der Cajüte heraufgekommen, —= 320 6— und alſo fünf Meilen geritten; vielleicht iſt er ermüdet, zieht es vor, einige Erfriſchungen zu nehmen.⸗ „O, was das betrifft, Kapitän Murky!“ verſetzte plötzlich lachend der General, nſo ſind wir in Texas gewohnt, größere Touren zu machen, ehe wir an Er⸗. friſchungen denken dürfen. Wenn Sie es erlauben, Kapitän Murky! wollen wir den Garten beſehen.“ Und wie er ſo ſprach, richtete er ſich auch bereits zuverſtchtlicher auf. Die Einrede des Kapitäns war für ihn ſehr à propos gekommen. „Dieſe herrlichen Blumenparterres und Kränze,“ hob ſte wieder an,„und dieſe Orangenwäldchen, wie viel reizender, natürlicher, als die künſtlichen Alleen und Parterres ſelbſt zu Verſailles!“ „Hier erſcheinen ſie wie der Hand der Natur ent⸗ ſproſſen,“ fiel er ein;„in Verſailles iſt's Kunſt, müh⸗ ſam erzwungene Kunſt, die überall hervortritt. Eine ſolche mühſame Kunſt aber hat wieder etwas Pein⸗ liches. Mir kommen da die in Reihe und Glied auf⸗ geſtellten Orangenpatriarchen wie eine Art vegetiren⸗ der Grenadiere oder Leibgardiſten vor, hier aber!— Wie lieblich, üppig hier dieſe Laurea Mundi und unſere Flowerpotpflanze,— im Norden und Frank⸗ — 0 321— reich verkümmern ſie in Fayencetöpfen, hier ſchießen ſie über zehn Fuß in die Höhe!“ „Und die Cape Jeſſamine,“ fiel ſte wieder ein,„wie herrlich, und die Althea!“ „Und der dunkelgrüne Lebensbaum!“ „Und,“ rief ſte vorſchwebend und ſich graziös her⸗ abneigend,„dieſe Amaryllis und die Purpur⸗Mag⸗ nolia!"¹ „Und die arabiſche Jeſſamine,“ fiel er, ihr zur Seite, ein,„und hier das Verbenum und die hehre Aloe!“ „Und da der breitblättrige Yarra!“— Und nach dieſem botaniſchen Erguß ſahen ſie ſich ſo traulich an! „Hier der ſeltene Guavabaum, von dem es nur einen im Staate geben ſoll, der Früchte bringt!“ hob ſie wieder an. „O, berühren Sie ihn,“ bat er,„auch dieſer wird Früchte bringen!“ „Glauben Sie?“ fragte ſte lächelnd;„ich znicht meine Hand iſt keine Feenhand!“ „Ja wohl iſt ſte es, ich fuͤhle ihren Zauber, fuhle ihn!“ ſeufzte er. —= 322 6— „Ah, ſiehe da, General Morſe kann auch ſchmei⸗ cheln. Haben Sie das in Texas, oder in Paris ge⸗ lernt?“ „Gelernt? Miß Murky!“ ſprach er im Tone des ſanfteſten Vorwurfes. „Kommt, Kinder!“ rief der Onkel herüber;„komm, Alexandrine!“ der Vater.„Setze doch den Hut auf!“ „Den Hut, Papa?“ lächelte— mit unnachahmli⸗ cher Grazie ein Tuch über das Köpfchen werfend— Alexandrine. Der General ſchaute ſie entzückt an. „Du ſiehſt wie unſere alte Joſepha aus!“ meinte der Papa. 1 „Und ich ſage nichts,“ flüſterte ihr der General zu, „ſonſt heiße ich abermals Schmeichler!“ „Dafür ſollen Sie eine ſchottiſche Roſe haben!“ erwiederte ſie mit holdem Lächeln.„Das haben wir in unſerem Lande vor dem belle France voraus, Roſen zu Ende Februars!“ „Müſſen ſie nicht im Paradieſe blühen, in der Nähe der Engel?“ „Ich nehme ſie wieder zurück!“ drohte ſie. —= 323 6— Der General haſchte aber nach ihr, und barg ſie im Buſen. Und jetzt waren ſie einander ſchon um Vieles näher gerückt; ſchon hatten, wie ſie durch Blumenbeete und Orangengrotten, Lilacs und die pride of China wan⸗ delten, ihre Blicke etwas Sicheres, Bewußtes, Heite⸗ res, Seliges, zwar die ſeinigen weniger, als die ihri⸗ gen.— Er ging noch immer wie träumend, ſeinen eigenen Augen nicht trauend; denn nach dieſer Stunde hatte er ſeit zwei Monaten gezittert, zwei Monate gehofft und gefürchtet, ſie hatte ihn wechſelsweiſe mit ſeligen Vorahnungen und düſterer Verzweiflung er⸗ füllt, denn fiel ſie unglücklich aus, dann war ſein Leben ohne Hoffnung, ohne Reiz, ein blankes graues Blatt, auf das ſich nichts mehr ſchreiben ließ. Und ihr erſter Blick, ihr Erbleichen drang ihm furchtbar in die Seele, machte ihm das Blut erſtarren, in den Adern ſtocken;— dann aber das Erröthen, das Lä⸗ cheln, und wie ihr Auge ſo ſeelenvoll auf ihm ruhte, gleichſam in dem ſeinigen rathend, leſend, was ihn wohl ſechstauſend Meilen hergebracht! Dieſer Blick, o er hatte wieder ſelige Hoffnung gegeben, ja wohl, —= 324— ſelige Hoffnung! Er ſchwamm jetzt in Seligkeit, wußte nicht, ob er wache, oder träume, ob er in Texas, Frankreich, oder am Miſſiſippi war. Die Nähe des kauſtiſchen, ſpöttiſchen Onkels, des finſtern Vaters hielten ihn allein zurück, er wäre ſonſt anbetend vor ihr auf die Kniee niedergefallen. Die Beiden waren jetzt heran getreten, ihn in die Cottage zum Luncheon einzuladen. Er verwünſchte Cottage und Luncheon. „Ich will aber keinen Luncheon!“ murmelte er halb trotzig.—. 2„O, gehen Sie, gehen Sie, General!“ lachte ſie; wes wird Ihnen gut thun. Papa zudem liebt das Luncheon!“— „Aber ich wollte lieber bleiben!⸗ „Dann müſſen Sie allein bleiben, denn auch ich will— gehen.“— Jetzt ſprang er freudig vor. — e 325 6— Selige Stunden. „Wir haben Geſchäfte in der Stadt, lieber Ned!* ſprach nach aufgehobenem Luncheon der Onkel,„und dürften wohl vor drei Uhr nicht zurück ſeyn; hofſent⸗ lich aber wirſt Du Dich nicht ſehr langweilen?“ Der Neffe murmelte etwas zwiſchen den Zähnen, allein Alexandrine war eingetreten, und über ihrem Anblick war der ewig ſpottende Onkel vergeſſen. Sie hatte ſich dem nachdenklich in der Fenſtervertiefung ſtehenden Vater genähert, und ſeine Hand ergriffen und geküßt. Wie er ihr das auf der Stirn geſchei⸗ telte Haar ſanft ſtreichelte, wurden die finſtern Züge doch in etwas heller, und wie ſie ſo heller wurden, trat auch die Familienähnlichkeit, trotz der auffallen⸗ den Verſchiedenheit der Geſichter, ſtark hervor. So finſter, menſchenfeindlich beinahe ſeine Züge, ſo hell ſonnig und von Zärtlichkeit überſtrömend wieder die ihrigen, ſo hatten ſie doch etwas gemeinſchaftlich. Es war die Tiefe des Gemüthes, die an Beiden gleich ſtark hervortrat. Aber ihm ſchien dieſe Gemüthstiefe — im Conflikte mit der böſen Welt in ſich ſelbſt zu⸗ rückgedrängt und gepreßt— etwas zwieſpaltig Zer⸗ —= 326— ſtörtes eingedrückt zu haben, während an ihr wieder die freundlicheren Berührungen derſelben Welt, wie die Schauer der durch Sonnenſtrahlen aufgehellten Aprilwolke, in lauter Regenbogenfarben wiederſchie⸗ nen.— Er mußte ihr ſo eben etwas Liebes geſagt haben, denn ſie lächelte mit naiver Schalkhaftigkeit und liſpelte: „Wenn er ſich unterhalten läßt, Vater! weißt Du, nicht gar zu langweilig iſt!“ ſprach ſie etwas lauter. Hier ſchien der General aus ſeinen Träumen auf⸗ zuwachen. Er ſah ſie mit leuchtenden Augen an. „Wo biſt Du, Ned, in Texas, oder in Frank⸗ reich?“ fragte wieder der ſpottende Onkel. „Wahrſcheinlich in beiden,“ antwortete, ſtatt Neds, die lachende Alexandrine;„im Paradieſe iſt er ſchwer⸗ lich, hat er es doch kaum eines Blickes gewürdigt!“ „Das kommt wahrſcheinlich daher, Miß Alexan⸗ drine! weil er ein lieberes Paradies vor Augen hat.“ „Jetzt iſt's Zeit, daß Sie gehen, Bankpräſidentchen! Wenn ſo perſonifizirte Hauptbücher, wie Sie, lieber Geldmann, zärtlich werden, iſt immer einige Gefahr. Kommen Sie, General! wir wollen Ihnen das Innere des Paradieſes zeigen.“ —= 327— Und graziös ihm zunickend, ſchwebte ſte voran, und er, wie elektriſtrt, ſchoß ihr nach. Es war zwar nicht viel zu zeigen, denn die Cottage enthielt, nebſt Drawing Room und Speiſeſaal, kaum ein Dutzend Zimmer und Cabinette, aber dieſe waren wirklich allerliebſt.— Wie alle unſere Geldmänner, deren Handelsſpecu⸗ lationen über die vier oder gar fünf Welttheile reichen, hatte auch unſer Bankpräſident dafür geſorgt, einige der Blüthen und Früchte dieſes Welthandels in ſei⸗ nem Paradieſe ſichtbar werden zu laſſen. Es waren chineſiſche Spielereien und oſtindiſche Tapeten, Dres⸗ dener und Sévreslampen, engliſche Seſſel und So⸗ phas, türkiſche Ottomanen und öſtreichiſche Muſtk⸗ ſchränke da. So war der Salon, von deſſen Decke eine Sévreslampe herabhing, ſehr reich an koſtbaren engliſchen Seſſeln und Sophas, Moſaiktiſchen und kunſtreich ausgelegten Schränken, der Speiſeſaal wie⸗ der klaſſiſch einfach nebſt dem Wiener Muſtkſchranke bloß mit Mittel⸗ und Seitentiſchen meublirt, aber dieſe letzteren mit einem koſtbar ſilbernen Tafelſervice beladen.— An den Speiſeſaal wieder ſtieß eine mit —=0 328— Jalouſten geſchloſſene Gallerie, die zum Conſerva⸗ torium diente, in dem einige hundert ſehr ſeltene Ge⸗ wächſe und Blumen im beſten Geſchmacke aufgeſtellt waren. Das Ganze endete in einem Cabinette, das ſelbſt einen Geldmann zur Weltweisheit geſtimmt haben könnte. Es war durch einen vorſpringenden runden, thurmartigen Erker gebildet, und einfach, aber ſehr niedlich, mit einer Ottomane, einem Mo⸗ ſaiktiſchchen, einem ſogenannten Sleepy Hollow, und einem Bücherſchranke meublirt. Die Ausſicht war entzückend, denn das Auge beherrſchte die Ebene auf Meilen herum. Nordwärts hatte man das in Blu⸗ men und Blüthen wie gebettete Natchez, weſtwärts hoben ſich die grünen, zerriſſenen Erdwälle und Pa⸗ rapets des Forts Roſalie in die Lüfte, weiter hinab ſah man durch die zum Theil noch blätterloſen Bäume einen Theil des Miſſiſippiſpiegels herüber glänzen. Von dieſem Fort lag eine halb vollendete Zeich⸗ nung auf dem Moſaiktiſchchen. „Iſt dieſes Plätzchen nicht allerliebſt?“ fragte ſie, eine der Gardinen aufziehend.— „Herrlich!“ verſetzte er. „Gewißlich lieblich!— Sehen Sie nur, wie wun⸗ —" 329 6— derlieblich Natchez von hier aus erſcheint,— und noch ſchöner das romantiſche Fort Roſalie! Es war ein ſehr glücklicher Gedanke von Catharine, dieſes Cabinet an ihrem Conſervatorium anzubringen. Sie muß einen ſehr reinen Geſchmack beſitzen? Wie ſehne ich mich, ſte wieder zu ſehen, ſie ſoll ſehr ſchön ſeyn?“ Des Generals Blicke ſchweiſten in der Ferne. „Sie wird mit ihrer Mutter in einigen Tagen er⸗ wartet, und da Ihr Onkel darauf beſteht, daß wir ihm unterdeſſen Haus halten, ſo müſſen wir uns wohl fügen,“ ſetzte ſte lächelnd hinzu,„obwohl ich mich ſehr nach meiner lieben Cajüte ſehne.“ „Sie iſt ein Paradies!“ „Nein, das iſt ſie nicht,“ lachte ſte; vim Gegen⸗ theile; aber ich würde ſie nicht ſo lieben, wenn ſie anders wäre. Meine ſüßeſten Kindesfreuden ſind ſo innig mit Allem da verwoben, um keinen Preis wollte ich ſie anders haben.“ Jetzt hing ſein Auge wieder in ſprachloſem Ent⸗ zücken auf ihr. „Hier habe ich mir,“ ſprach ſie wieder,„eine recht liebe Aufgabe geſetzt, das Fort Roſalie für meine Das Cajütenbuch. II. 22 — 330— Freundin Gabriele de Mont Briſſac aufzunehmen; ſie iſt jedoch etwas ſchwer, dieſe Aufgabe.“ „Aber genial aufgefaßt,“ rief er, das Blatt auf⸗ nehmend;„Standpunkt ſowohl als Vor⸗ und Hinter⸗ grund einzig. Eine herrliche Zeichnung— aber ein ſehr melancholiſches Sujet!“ „Sehr,“ verſetzte ſie;„aber ich liebe das Melan⸗ choliſche.“ „Sie? und ſind doch immer heiter?“ „Immer heiter.“ „Und doch lieben Sie das Melancholiſche?“ „Ja, wenn es von einem Chateaubriand darge⸗ ſtellt wird. Sie wiſſen, Fort Roſalie iſt der Schau⸗ platz ſeiner Natchez.“ „Es iſt viel Poetiſches in dieſem Romane, aber der Schauplatz iſt es doch noch mehr, und die ein⸗ fache Geſchichte noch weit mehr.“ „Kennen Sie ſie? u „Dr. Powell hat ſte ausgemittelt, ſo viel ſich näm⸗ lich aus den ſparſamen Quellen ausmitteln ließ. Es iſt das tragiſchſte Schickſal, das je über ein Volk hereinbrach.“ „O, erzählen Sie doch, ich will ſie als Text beilegen.“ —“= 331 6— „Thun Sie das nicht,“ bat er ſanft, die Franzoſen erſcheinen in dieſer Geſchichtsſkizze nichts weniger als vortheilhaft; der Zuſammenſtoß einer entmenſchten Civiliſation mit unverdorbener Natur tritt in ihr ſchauderhaft hervor.“ „Dann darf ich freilich nicht, denn Gabriele glüht für die Ehre und den Ruhm ihrer Nation, ſo wie ich für den der meinigen. Sind Sie ein guter Ameri⸗ kaner?“ fragte ſie lebhaft. „Ganz Amerikaner!“ verſetzte er feurig. „Aber,“ warf ſie forſchend ein,„ich höre, Sie wollen ſich trennen von uns— der Union?“ „Kann ſich trennen, was Natur und Blut und Er⸗ ziehung vereinen?“ „Sie ſagen recht. Ah, unſere Union— es iſt doch nur eine Union!“ „Nur eine Union!“ Nach dieſen Worten ſchauten ſie ſich voll Selbſt⸗ gefühl an; ſie hatten abermals eine Scheidewand niedergebrochen. Ihre Blicke hatten jetzt etwas hei⸗ miſch vaterländiſch Trauliches. Sie betrachteten ein⸗ ander, als wären ſie ſeit Jahren vertraut. „Jetzt,“ ſprach ſie im anmuthig geſchäftigen Tone, 22* — 8 332 6— nwill ich nur ein kurzes Viertelſtündchen meiner ſüßen Gabriele widmen, und Sie, nicht wahr, General, Sie leſen unterdeſſen, oder ſtudiren oder elaſſtficiren draußen Blumen?“ Ihre Worte klangen ſo lieblich, traulich, offen! „Lieber leſen!“ entgegnete er. „Warum lieber?“ „Dann darf ich in ihrer Nähe ſeyn.“ „Schon wieder eine Schmeichelei!“ „Schmeichelei?“ fragte er mit ſanfter, vorwurfs⸗ voller Stimme;—„Schmeichelei nennen Sie das, was mich ſechstauſend Meilen herzog, nachzog?— Ah!“ ſeufzte er,„nennen Sie es lieber Wahnſinn, denn meine Hoffnung— iſt ſie nicht Wahnſinn?“ Sie ſann einen Augenblick nach. „Wir wollen,“ rief ſte ausweichend,„jetzt fleißig ſeyn. Meine ſüße Gabriele ahnet etwas von einer Ueberraſchung, und Sie wiſſen, wenn eine Ueberra⸗ ſchung zu lange auf ſich warten läßt, iſt ſie keine Ueberraſchung mehr. Leſen Sie unterdeſſen Walter Scott, oder Bulwer. Seine Alice hat mich während der Ueberfahrt recht angeſprochen.“ — 333 6— „Auch ich habe ſie geleſen,“ fiel er ein;„wie ge⸗ fällt ſie Ihnen?“ „Einige Charaktere ſind ſehr zart gedacht, aber andere ſcheinen mir wieder affektirt, engliſch affektirt, was noch weniger gut läßt, als franzöſtſche Affek⸗ tation. Dann prunkt er auch gar zu viel mit ſeinem gelehrten Wiſſen.“ „Nur ſein Pelham iſt ganz gut, alle ſeine anderen Romane ſind es nur halb,“ fiel er wieder ein;„er prunkt, wie Sie ſagen, gar zu ſehr mit ſeinem Wiſſen, es überſehend, daß man bei einem Gentleman dieſes Wiſſen vorausſetzt. Er kommt mir beladen, bepackt mit lauter Gelehrſamkeit— erdrückt von ihr vor. Wie ganz anders Walter Scott, der ohnſtreitig eben ſo gelehrt, wenn nicht gelehrter war, der aber ſeine Gelehrſamkeit zu meiſtern verſtand!— Welcher ſeiner Romane gefällt Ihnen am beſten?“ „Die Braut von Lammermoor.“ „Ja, das iſt ſein Meiſterſtück, darin hat er eine poetiſche Tiefe entwickelt, wie ſte ſelbſt in Shakeſpeare nicht ſtärker hervortritt. Jeder ſeiner Charaktere iſt in dieſem Romane ein Meiſterſtück, ſelbſt die Leichen⸗ —= 334 6— weiber. Welch eine ſchauderhafte Unterhaltung, die dieſer Leichenweiber!“ „Schauderhaft!“ rief ſie. Er nahm jetzt den Roman auf, während ſie ſich in den Sleepy Hollow niederließ, und die Reißfeder er⸗ griff. Einige Minuten las er, aber dann ſchweiften ſeine Blicke wieder zu ihr hinüber, auch die ihrigen irrten vom Fort herüber auf die Ottomane. Zuletzt warf er den klaſſiſchen Roman ungeſtüm auf die Ottomane, trat auf den Zehenſpitzen hinter ihren Seſſel und ſchaute ihr über die Achſel in die Zeichnung. Jetzt war an kein Zeichnen mehr zu denken. Sie wandte graziös das Köpfchen, und dann begannen ſie zu plaudern; ſte von ihrer Kindheit, von ihrem theu⸗ ren Vater, von dem erzählend ihr die Thränen in die Augen traten, und dann wurde ſte wieder heiter, und erzählte von Thereſen, ihren Freundinnen in der Abtei. Und dann mußte er erzählen von ſeiner Kindheit, ſeinen Kriegsabenteuern. Und während er erzählte, horchte ſie und horchte, und ihre Blicke ruhten bald ängſtlich, wieder zärtlich, wieder hoffend, wieder ver⸗ trauend, ja ſtolz auf ihm. Das Weib liebt es, dem kräftigen Manne zuzu⸗ — 8 335 6— hören, ihr zartes, ſchmiegſames Gemüth windet ſich gern an ſeiner Kraft hinan, gleich der ſchwankenden Weinrebe, die ſich am kräftigen Eichenſtamme empor⸗ zieht. Sie horchte noch immer. Die Stunden waren ihnen wie Minuten verſtrichen. Der Kapitän, der Onkel waren zurückgekehrt— eingetreten. Der Ge⸗ neral erzählte fort, denn ſie hatten ihm gewinkt, fort⸗ zufahren. Endlich unterbrach ihn der Kapitän: „Es iſt dieſer, Ihr Bob, ein gräßlicher Charakter, und es jſt entſetzlich, wenn wir bedenken, daß unſere Ci⸗ viliſation ſolche Charaktere erzeugen kann; aber doch iſt es wieder wohlthuend, die Ableitungskanäle zu ſehen, die die Vorſehung unſerem Volke eröffnet. Wirklich tröſtet es mich wieder, wenn ich ſehe, wie ſelbſt ein ſo ſcheußliches Bruchſtück unſerer bürger⸗ lichen Geſellſchaft von der gütigen Vorſehung in eine noch unverkünſtelte Natur und Zuſtände geleitet, ge⸗ läutert und gebeſſert, ſegenbringend für die Menſch⸗ heit werden kann.“— „Und ich finde, theurer Murky,“ unterbrach ihn der Onkel,„daß unſere Gäſte jeden Augenblick kommen —=0 336 G— können, und daß wir alle zum Diner noch keine Toi⸗ lette gemacht haben. Darum wollen wir nun Bob Bob ſeyn laſſen, was meinſt Du?⸗ Der Kaptän nickte ſtumm, und Alle trennten ſich, um Toilette zu machen. Das Yiner. Die Tafelgeſellſchaft beſtand, nebſt den vier Freun⸗ den, bloß noch aus dem Bankdirektor— dem Beſitzer einer benachbarten Pflanzung— der früher Cor⸗ vetten⸗Kapitän geweſen, ſeit mehreren Jahren aber ſeine Commiſſton in die Hände des Staates zurück⸗ gegeben und dafür Pflanzer geworden, und ſeiner Frau. Die Wahl der Gäſte war ſonach eine recht glückliche, auch bewies ſie nebſtbei, daß Uncle Dan, trotz kalter Spottſucht, warm geliebt haben mußte, denn paſſender für Ned konnte er kaum gewählt haben: der Bankdirektor dachte an nichts als Madeiras und Lafittes, der Seekapitän war viel zu frank und frei, um second thoughts Raum zu geben, und ſo konnte er ungeſtört ſeines Glückes genießen, wenn ihn nur — 337 8— der Onkel in Ruhe ließ. Aber ſeit Kaptän Murky ſelbſt ſo entſchieden Partei für ihn genommen, war er auch ihm ſichtlich ans Herz gewachſen, obwohl er ſich auch jetzt nicht ganz überwinden konnte, dann und wann einen Seitenhieb auszutheilen: der Junge, wie er den Neffen nannte, benahm ſich für einen Ge⸗ neral denn doch gar zu queer, die Nachwehen des Sturmes, der ſeit zwei Monaten in ihm gehaust, ſchlugen noch gar zu ungeſtüm über Bord heran, was einem vernünftigen Mädchen, wie Alexandrine, denn doch unmöglich gefallen konnte. Vielleicht irrte er aber, der ſonſt ſo ſcharf ſehende Onkel, denn die zartfühlende Jungfrau weiß ſehr wohl zwiſchen angeborener— oder zur zweiten Natur ge⸗ wordener Leidenſchaftlichkeit, und wieder der zarten Aufgeregtheit eines ſonſt gelaſſen männlichen Sinnes zu unterſcheiden; und es war denn doch ein großer Unterſchied zwiſchen dem wilden Ungeſtüm eines tollen Brauſekopfes, und der intereſſanten Verkehrtheit unſers jungen Generals, der über dem Glück, an ihrer Seite zu ſitzen, ſo anmuthig ſich und Andere vergaß, daß er zu ſeiner Suppe Gabel und Meſſer nahm, mit denen er wahrſcheinlich eifrig zerlegt haben 5 —=0 338— würde, wenn ihm nicht Alexandrine den Löffel unter⸗ ſchoben hätte. Sie gerieth, die Wahrheit zu geſte⸗ hen, in einige Verlegenheit über dieſe ſeine Zerſtreuung, beſonders als ihr Vater ſein Glas hob, um mit ihm Madeira zu trinken, und er zum Senffläſchchen griff, aber dieſe Verlegenheit hatte etwas ſo eigenthümlich Süßes! Wie ihr ſeelenvoller Blick auf ihm haftete, ihn zu mahnen ſchien, ja doch keine Blöße mehr zu geben, wurde im holden Bewußtſeyn, ſelbſt eine Blöße gegeben zu haben, dieſer Blick ſo verwirrt, ſie ſchlug ſo erröthend die Augen auf den Teller! Er wußte offenbar nicht ſogleich, was das Ganze zu be⸗ deuten habe, aber allmälig begannen ihm doch die Augen zu leuchten, plötzlich wurde ſein ganzes Weſen ſo verklärt!— Er hätte vor ihr auf die Kniee nieder⸗ ſinken mögen. Der Corvetten⸗Kapitän erzählte unterdeſſen von einer Hirſchjagd, der er den Tag zuvor beigewohnt, und bei der ihm, dem abgehärteten Seemann und Jäger, etwas zugeſtoßen, das er kaum möglich ge⸗ dacht hätte. Hinter einem Baume aufgeſtellt, habe er, ſein Gewehr ſchußfertig im Arme, auf das Roth⸗ — o 339 6— wild gelauert, das lange auf ſich warten laſſen, end⸗ lich aber durch das Gebell der Hunde angekündigt, durch das Dickicht brach. Plötzlich ſah er jedoch, ſtatt eines Hirſches, deren zwei, und zwar den letzten in ungeheurem Satze auf ihn heranſpringen. So übermannend habe dieſer Anblick auf ihn eingewirkt, daß er, zitternd an allen Gliedern, nicht abzudrücken vermocht. Er wandte ſich hierauf mit der Frage an den Ge⸗ neral, ob Rothwild auch in Texas häufig ſey? „Sehr häufig!“ war die kurze Antwort. „Ob er ein Liebhaber von der Jagd ſey?“ „Nicht ſehr!“ verſetzte noch kürzer der General. „Schade!“ meinte der Seemann;„wir haben hier eine noch ziemlich gute Jagd, beſonders im nördlichen Theile des Staates, und ich würde es mir zum Ver⸗ gnügen rechnen— ℳ „Wenn Sie doch gehen ſollten,“ flüſterte ihm muthwillig Alexandrine zu,„ſo bitte ich, ja Papa und Ihren Onkel daheim zu laſſen. Auf alle Fälle iſt es bei der Geiſtesabweſenheit gewiſſer Leute räthlich.“ „Ich fühle berauſcht!“ murmelte er ihr, wie aus dem Schlafe erwachend, zu. — 5 340 6— „Der Onkel ſieht herüber!“ mahnte ſie. Die Drohung mit dem Onkel ſchien ihn wieder nüchtern zu ſtimmen, wenigſtens verſuchte er es, ſich zuſammen zu nehmen, der Unterhaltung Geſchmack abzugewinnen, was ihm unter andern Umſtänden nicht ſo leicht geworden ſeyn dürfte, denn ſte war einigermaßen trivial. Der Bankdirektor phantaſirte über das Thema einer neu erfundenen Auſternpaſtete, der die ſo weit und breit gerühmte Straßburger Gänſe⸗ leberpaſtete nicht die Schuhriemen aufzulöſen würdig ſeyn ſollte.— „Auſter⸗, Gänſeleberpaſteten und Schuhriemen!“ murmelte der General Alexandrinen zu;„welche in⸗ tereſſante Zuſammenſtellung!“ „Ich bin wieder eine ſo ganz gewöhnliche Seele,“ verſetzte ſie heiter, daß ich dieſe Zuſammenſtellung nicht ſo ganz unintereſſant finde, vorausgeſetzt, daß ſie Jemanden glücklich macht.“ Sie ſprach die Worte in nichts weniger als ver⸗ weiſendem, vielmehr einem gefälligen, anſpruchsloſen Tone, und in demſelben Tone ging ſie auch in die Unterhaltung ein, hörte die weitſchweifige Aufzählung der Ingredienzien einer ſolchen Auſternpaſtete mit — — 341 6— einer ſo ſichtlichen Theilnahme an, wußte mit ſo zarter Sympathie für die Schwachheit des alten Gourmand — ſeine Blößen zu decken, daß die triviale Unter⸗ haltung allmälig einen Reiz gewann, der ſie zuletzt brillant darſtellte. Es war ein ſo eigenthümlicher Zauber, den ſie Allem zu ertheilen wußte, die pro⸗ ſaiſchſte Unterhaltung bekam, ſo wie ſie nur mit einer Bemerkung daran Theil nahm, etwas von jener Geiſtesfriſche, Helle, in der ſich ihr eigenes Weſen ſo lauter und rein ſpiegelte. Sie ſchien in der That zum Repräſentiren wie ge⸗ boren, und es lag in der Art und Weiſe, wie ſie die Stuhlherrin repräſentirte, etwas ſo hinreißend Bril⸗ lantes! Und wenn dann ihr Blick auf dem Vater weilte, und ihm liebend in die Seele drang, trat auch wieder der ungeheure Reichthum dieſes Gemüthes ſo klar und deutlich hervor! Sie mußte ihn wohl über Alles lieben, dieſen Vater, er ihr Alles ſeyn, denn ihre Mutter war ihr bereits im achten Jahre geſtor⸗ ben, und ſie ſo ganz an den Vater angewieſen. Mit dieſem hatte ſie vier Jahre gelebt, ehe ſte noch nach Frankreich überging. So hatten ſich ihre Jugend⸗ verhältniſſe ſehr glücklich geſtellt.— Des Vaters —= 342 6— herrliches Bild, ſein hoher Lebensernſt, ſein für alles Edle glühender Eifer— in ihr jugendliches Gemüth verſenkt— war der leichte Sinn der Töchter Frank⸗ reichs nicht im Stande geweſen, die edle Amerikanerin zu ſehr zu verflüchtigen, nur die Friſche, die ſprudeln⸗ den Lebensgeiſter, die ſonnige Helle hauchte er ihr gleichſam an. Sie war wirklich ein ſeltenes Mädchen, und wie ſte ſich jetzt mit der Gattin des Kapitäns von der Tafel erhob, um in das Drawing room überzugehen, ward auf allen Geſichtern eine gewiſſe Leere, etwas wie Troſtloſigkeit bemerkbar, die beſonders an unſerm General kläglich hervortrat. Er ſtand auf, ſchwankte hin und her— in ſeiner Geiſtesabweſenheit würde er wahrſcheinlich zum Fenſter hinaus geſprungen ſeyn, wenn nicht der Onkel endlich von der Thür gewichen wäre. Es trieb ihn hinaus ins Freie, er mußte ſich ſammeln, denn zu heftig war der Sturm ſeiner Em⸗ pfindungen. Er fühlte wie berauſcht, das Blut ſtrömte ihm fieberiſch durch die Adern! Töne weckten ihn plötzlich aus ſeinen Phantaſteen. Er horchte. Nur Sie vermochte ſolche Töne hervorzu⸗ — 343 6— bringen. Er ſprang auf das Landhaus zu; in weni⸗ gen Sekunden ſtand er an ihrer Seite. Sie ſang mit Begleitung des Pianoforte das Lied: Tell me not of hoarded gold. „Wunderſchön!“ rief Er. „General Morſe! Sie ſtnd es?“ rief ſie überraſcht. „Ich bin es!“ „Ich glaubte Sie draußen in den Irrgängen herum⸗ ſchwärmend!“ „Ihre Stimme rief mich!“ „Lieben Sie Muſik?“ „Ueber Alles!“ „Singen Sie?“ „Ich brumme!“ Sie ſchlug Roſſinis Mohr von Venedig auf. Den gefangenen Mexikaner, der ihm Unterricht im Singen und der ſpaniſchen Guitarre gegeben, im Herzen ſeg⸗ nend, ſang er mit ihr. Seine ganze Seele lag in ſeinem Geſange— Alexandrine war verwirrt, die Frau des Kapitäns erhob ſich, ſah verlegen zum Fen⸗ ſter hinaus. Jetzt bat ſie ihn, etwas allein zu ſingen. —=3 44— Er ergriff die Guitarre und ſang: Deep in my soul that tender secret dwells, Lonely and lost to light for ever more— Save when to thine my heart responsive swells, Then trembles into silence as before, Then trembles into silence as before. There in its centre a sepulchral lamp, Burns ihe slow flame— eternal— but unseen— Which not the darkness of despair can damp, Though vain its ray— as it had never been. Remember me— Oh! pass not thou my grave, Without one thought, whose relics there reeline; The only pang my bosom dare not brave, Must be to find forgetfullness in thine. My fondest, faintest, lalest accents hear— Grief for the dead, not virtue can reprove; Then give me all I ever asked— a tear! The first— last— sole reward of so much love! 4 Sie erhob ſich mit abgewandtem Geſicht. Eine Thräne perlte ihr aus den ſchönen Augen. Der Abend. Endlich waren die Gäͤſte gegangen, und Er allein mit Alexandrinen. Allein mit Alexandrinen! Welch' —= 345 6— eine unausſprechliche Seligkeit lag nicht ſchon in dem bloßen Gedanken! Das höchſte Ziel ſeiner ſehnlichſten Wuüͤnſche, nach dem ihm Herz und Pulſe ſeit Monaten geſchlagen— eine Stunde, nein, keine Stunde, nur eine Minute, um ſich ihr zu Füßen zu werfen, ihr ſeine unſägliche Liebe zu bekennen— war endlich erlangt; — Vater und Onkel waren gleichfalls fort, die Freunde zur Gartenpforte, vielleicht weiter zu begleiten,— ſte Beide ganz allein, der Augenblick ſo günſtig! Der ſtille, üppig reiche, wie zur Liebe geſchaffene Saal, die dunkelhelle magiſche Beleuchtung, in der die klaſſtſchen Formen des herrlichen Weſens ſo zauberhaft hervor⸗ traten! Nie war ſie ihm ſo unſäglich reizend erſchienen. Welche unausſprechliche Grazie in jeder ihrer Bewe⸗ gungen, welche Muſik der Sprache, als ſie ihre Gäſte verabſchiedete, welche Würde und doch wieder Natür⸗ lichkeit, Anſpruchsloſigkeit! Es hatte ihn gedrängt— mehr als einmal getrieben, ſich trotz Marine⸗Kaptän und ſpottendem Onkel zu ihren Füßen zu werfen— kaum daß er im Stande geweſen, ſich zurückzuhalten. — Und jetzt!— Sein Herz pochte, ſein Gehirn brannte, ſein Blut kochte fieberiſch in den Adern, aber die Zunge klebte ihm wie am Gaumen, die Glieder Das Cajütenbuch. II. 3 23 —= 346 6— ſchienen ihm ihren Dienſt zu verſagen. Er verſuchte es, zu reden, ſich vor ihr auf die Kniee nieder zu werfen, es war ihm nicht möglich, es hielt ihn wie mit unſichtbaren Banden gefangen. Jede ſeiner Be⸗ wegungen war ſo ungelenk, gezwungen, eine Be⸗ klemmung über ihn gekommen, wie er ſie nie gefühlt, nicht im Getümmel der Schlacht, nicht im Gewirre der Pariſer Salons! Er vermochte es kaum, den Blick zu ihr zu erheben. Sie wieder ſchien ſeine ſeltſame Verwirrung nicht zu bemerken, war ſo unbefangen geſchäftig! Doch horchte ſie jetzt. Durch die theilweiſe offenen Fenſter rauſchte das Gemurmel der Wellen des Miſſiſtppi herüber, vom Springbrunnen vor der Villa klatſchten die nieder⸗ fallenden Waſſerſtrahlen herein. Sie trat zu einem der Fenſter, ſah wonnig hinaus, und wandte ſich dann zu ihm: „Haben Sie auch ſo herrliche Abende in Texas?u „Was ließe ſich mit einem ſolchen Abende ver⸗ gleichen!“ rief er. Und wie berauſcht von ihrem Anblicke an ihre Seite eilend, taumelte er wieder zurück, warf ſich auf eine — 347 6— Ottomane, ſtand wieder auf, näherte ſich ihr wieder! „Miß Alexandrine!“ rief er endlich. „General Morſe!“ antwortete ſie. „Ich bin— ich bin!“— „Was ſind Sie?“ „O ich fühle— ich wollte, daß—“ „Sehen Sie nur, Papa kommt, er wirft Kußhänd⸗ chen. Papa! wir kommen, Papa!“ „Nimm aber den Hut, Alexandrine!“ rief dieſer aus dem Garten herauf; ves iſt kühl.“ Den Hut nahm ſie nicht, aber dafür haſchte ſte ein Tuch von der Ottomane auf, das ſie mit ſo naiver Grazie um das idealiſche Köpfchen wand, daß er wie⸗ der entzückt ausrief: „O Alexandrine! Sie werden mich noch wahnſinnig machen!“ Sie hörte ihn aber nicht, ſondern griff nach dem Shawl und bat ihn zu kommen, um den Papa nicht warten zu laſſen. „Ein wunderlieblicher Abend! Noch funkelte tief im Weſten das Purpurroth der untergegangenen Sonne, 23* —= 348 6— das höher hinauf in das lichtere Carmoiſin verſchmel⸗ zend, zu beiden Seiten dunkelgrüne und goldgelbe und lichtblaue Delphine ſchwimmen ließ, waͤhrend hoch oben die lichtgeſprenkelten Wölkchen, gleich zahlloſen Mackarels, ſich in des Schöpfers unendlichem Luft⸗ meere herumtrieben. „Ein entzückender Abend!“ rief Alexandrine dem Papa zu. „Aber doch kühl, mein Kind!“ meinte der kopf⸗ ſchüttelnde Papa;„ich fühle wirklich kühl.“ „Nur eine Viertelſtunde!“ bat ſie. „Wohl, eine Viertelſtunde, aber nicht länger, denn die Nachtluft iſt gefährlich. Ich will Euch im Hauſe erwarten.“ „Papa!“ rief ſie,„wenn Du gehſt, dann gehen wir auch.“ Die Worte ſchienen dem General tief ins Herz zu ſchneiden; er zuckte zuſammen. „Wollt Ihr mich mit Gewalt hier haben? u fragte mild der Papa. „Papa!“ rief ſte vorwurfsvoll, beide Hände um ſeinen Hals ſchlingend. Er küßte ſie zärtlich auf Stirn und Wangen, wäh⸗ —=0 349 6— rend der arme General ſo beklommen zur Seite ſtand. Es war ihm wieder, als ob ſeine ſchönſten Hoffnungs⸗ ſtrahlen erbleichten: er fühlte ſo verlaſſen, überflüſſig! Aber jetzt wandte ſich der Vater zu ihm, und in demſelben Augenblicke reichte ihm die Tochter ſo trau⸗ lich den Arm, und dieſe ſtille Sprache that ſeinem Herzen wieder ſo wohl!— „Vater!“ flüſterte Alexandrine,„wie biſt Du ſo gut, ſo mild, Vater!“ „Gut können wir zu jeder Stunde unſers Lebens ſeyn, ſollten es wenigſtens ſeyn, mild aber können wir nicht immer ſeyn, dürfen es auch nicht immer ſeyn, liebes Kind! Zur milden Stimmung gehört die Abend⸗ ſtunde. Dieſe Abendſtunde, General!“ er wandte ſich jetzt zugleich an dieſen,„übte ſchon in meiner Kind⸗ heit einen ungemeinen Einfluß auf mich. Wenn ich den ganzen Tag hindurch hart war, oder es ſeyn mußte, zwang mich der Abend, weich zu werden. Schon als Matroſenjunge, umhergetost von Sturm und Wogen, wenn ich des Abends im Maſtkorbe der untergehenden Sonne nachſah, kamen mir beſſere Ge⸗ fühle, meine Mutter, unſer ſilbergrauer Prediger tra⸗ ten vor meine Phantaſte.“— —= 350 6— „Auch mir ging es ſo,« fiel andächtig der General ein;„es iſt die Stunde, in der ſich ſchützende Engel nähern; das ſündige Getriebe der Welt ruht, die Stimme der höheren tönt in uns wieder, durchdringt uns im Geſäuſel der Lüfte, im Gemurmel der Wogen.“ „Horch!“ rief hier Alexandrine. „Es iſt das Toſen der Miſſtſippiwogen,“ ſprach der Vater; nder Nebel ſenkt ſich, und mahnt uns, daß es Zeit iſt, unter Dach zu gehen.“ Sie gingen— Arm in Arm.— Im Saale ange⸗ kommen, nahmen ſte Platz auf zwei zuſammengerück⸗ ten Sophas. Der Kapitän war ſehr gütig, ſeine Sprache mild väterlich. Dieſe Sprache hatte etwas eigenthümlich Sanftes, der Ton ſeiner tiefen Baßſtimme etwas weiblich Melodiſches. Selten hatte er ſo viel wie an dieſem Abende geſprochen. Der General gewann offenbar eine Zuverſicht, die er zuvor nicht hatte. Vielleicht trug der Umſtand dazu bei, daß das Halb⸗ dunkel des Saales die peinlichen Züge des Vaters der Geliebten weniger deutlich erſcheinen ließ. Bisher wenigſtens war dem jungen Manne, ſo oft er in dieſes — 351— Geſicht geſehen, das Wort auf der Zunge kleben ge⸗ blieben. Jetzt ſprach er heiter, offen, ging vertraulich in ſeine Privatverhältniſſe ein; der Kapitän hörte ihn mit Theilnahme an. Die letzte Scheidewand, die etwa die Beiden noch trennte, brach ſichtbar nieder; ſie begannen ſich zu ſchätzen. Alexandrine lauſchte ſelig wie ein Kind. Oſſenbar erfüllte die Achtung, die die beiden Geliebten ſich zollten, ihr Herz mit Wonne.— Eine Stunde war ſo nach der andern verſtrichen; im anſtoßenden Speiſeſaale ward das leichte Nachteſſen aufgetragen. Die Diener meldeten, daß die Pferde geſattelt ſtänden, aber der Bankpräſident war noch immer nicht zurück. Der Kaptän begann etwas un⸗ ruhig über das lange Ausbleiben des Freundes zu werden. „Es iſt Zeit, daß ich gehe,“ ſprach er, ſich vom Sopha erhebend;„aber allein dürfen wir Dich doch auch nicht laſſen, Alexandrine?“ Das Herz des Generals ſchlug wieder höher bei dieſen Worten. Würde ihm das Glück ſo ſehr lächeln, mit der Angebeteten die Nacht unter einem Dache — 352 8— zuzubringen? Er zitterte vor dem wonnevollen Ge⸗ danken.— „O Du kannſt mich immer allein laſſen, Vater! wenn Du das allein nennſt, in einer Cottage zu ſeyn, in der fünfzehn dienſtbare Geiſter mit uns ſind. Ich kann ja bloß meine Betſt oder Margaret rufen.“— „Wie Du wilſſt, liebes Kind!u verſetzte gleichmüthig der Vater;„nur muß ich jetzt fort. Aber es könnte ja auch unſer Freund, der General, einſtweilen als Dein Beſchützer bei Dir bleiben? Ich finde ſchon den Weg allein nach der Cajüte zurück. „Um keinen Preis! um keinen Preis darfſt Du allein hinab. Nicht wahr, General! Sie laſſen Papa nicht allein zurück?“ „Es war etwas ängſtlich Heftiges, beinahe Wildes in ihrem Tone; dazu ſchaute ſte den General ſo er⸗ ſchrocken, ängſtlich an. „Sie werden doch Papa nicht allein gehen laſſen?“ fragte ſie wieder. „Um keinen Preis!“ rief er in ſchmerzlichem Tone; „um keinen Preis! Sie erlauben, Kaptän Murky!“ ſetzte er erblaſſend hinzu,„daß ich Sie nach Ihrer Pflanzung zurück begleite?“ —= 353 6— Jetzt lohnte ihn wieder ein herzlich ſeelenvoller Blick. Er aber ſchlug die Augen nieder. „Wir wollen,“ ſprach der Kaptän,„noch eine Vier⸗ telſtunde warten, vielleicht kommt Duncan.— Aber morgen, vergiß nicht, Alexandrine! mußt Du zeitlich in die Cajüte hinab, wenn Du Deine Zimmer einge⸗ richtet haben willſt, wie Du willſt, und nicht, wie andere Leute wollen.“ „Du kommſt aber doch, mich abzuholen, Papa?“ „Ich kann nicht, Alexandrine! aber General Morſe wird ſo gut ſeyn.“ „General Morſe?“ fragte überraſcht und ſanft er⸗ röthend Alexandrine. General Morſe aber faßte, noch mehr überraſcht, die Hand des Kaptäns, und drückte ſie an die Lippen. „Wohl, wenn ein General ſich ſo weit herablaſſen will, der Tochter eines armen See⸗Kapitäns dieſe Ehre zu erweiſen,“ ſprach ſte ſchalkhaft,„müſſen wir uns wohl fügen, nur ſind wir dann doch ſo frei, uns vorläufig auszubitten, Se. Tapferkeit mögen auch ein bischen amüſant ſeyn; heute wenigſtens, wo waren Sie? u „Im Paradieſe!“ ſprach der eintretende Onkel —=8 354 6— „O mein allerliebſtes Gold⸗, oder vielmehr Geld⸗ männchen!“ lachte ſie;„wiſſen Sie, daß ich Ihnen ein kleines Kapitel über Ihr langes Ausbleiben leſen muß?“ „Wenn Sie mir ein recht ſchönes leſen,“ lachte der Goldmann,„ſo verſpreche ich Ihnen dafür etwas.“ Er hielt einen Brief empor. „Ein Brief von Thereſen?“ „So iſt's, eine Epiſtel, oder vielmehr ein dicht be⸗ ſchriebener Bogen. Senorita Hualero ſchreibt mir, daß ſie erſt in acht Tagen zurückkommen werde. Es muß ihr bei unſern Louiſtana⸗Dons außerordentlich gut gefallen.“. „Nun gute Nacht, Papa! und auch Ihnen, tapfe⸗ rer General!“— Er haſchte nach ihrer Hand, ſie zu küſſen; ſte aber hatte bereits beide um den Hals des Vaters ge⸗ ſchlungen.— —=3 355— Die Fahrt und die Cajüte. Die Glocke hatte halb nach acht geſchlagen, als der General die Gallerie der Cottage betrat. Der Onkel war nicht mehr zu Hauſe, aber Miß Murky war es. Er ließ ſich anmelden, wurde angenommen und trat ein. Wie er die eine Salonthüre öffnete, ſchwebte ſie ihm durch die andere entgegen, heiter wie der junge Maitag, blühend wie die ſo eben entfaltete Roſe. „Sie ſind früh!“ ſprach ſte, ihm mit holder Freund⸗ lichkeit die Hand zum Willkommen reichend. Er ergriff ſte und drückte ſie entzückt an die Lippen. „Es iſt recht artig, daß Sie eilen, eine einſame Maid zu tröſten. Ich bin ganz verlaſſen, auch Ihr Onkel iſt bereits fort.“ Er ſtand in ihren Anblick wie verloren. So maje⸗ ſtätiſch und wieder kindlich graziös war ſie Königin und Kind zugleich! „Warum reden Sie nicht?“ fragte ſie mit einer Stimme, die wie Silberglöckchen tönte;„Sie ſind blaß, hatten Sie eine böſe Nacht?“ „Eine ſehr glückliche!“ „Wie ſo?“ —:= 356— „Ich verbrachte ſte in Ihrer Nähe.⸗ „Sie waren nicht in der Cajüte?“ riefen ſie be⸗ troffen. „Doch, doch. Ich begleitete nicht nur Kaptän Murky zur Cajüte, ſondern ging auch in mein Schlafzimmer, verſuchte es, zu ſchlafen. Wer hätte aber nach einem ſolchen Tage ſchlafen können! So warf ich mich denn auf's Pferd, um mein Paradies zu bewachen.“ „Ihren Onkel haben Sie ſich auf alle Fälle ver⸗ bunden; da wir denn aber doch nicht mehr in den ge⸗ fährlichen Zeiten leben, wo häßliche Rieſen arme Jungfrauen rauben, ſo hätten Sie ſchlafen ſollen. Papa wird erſchrocken ſeyn, wenn er Sie nicht ge⸗ funden hat.— Er hält viel auf Sie.“— „Worauf ich ſtolzer bin— ſtolzer! Die Achtung Kaptän Murkys iſt mir theurer, als die irgend eines Menſchen.“ „O, er iſt der beſte, der zärtlichſte Vater!“ „Der glücklichſte la „Es ſoll auch meine einzige Aufgabe ſeyn, ſo wie es gewiß meine heiligſte Pflicht iſt, ihn dazu zu ma⸗ chen!“ verſetzte ſie mit tiefer Rührung. —= 357 6— „Aber wir dürfen,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe wieder in etwas lebhafterem Tone fort,„ihn nicht zu lange auf uns warten laſſen. Ihr Verſchwinden wird ihn gewiß ängſtigen, denn die Nachtluft iſt hier zu Lande ſehr gefährlich. Sie haben doch gefrühſtückt? Nicht? Bless me! Welche Unvorſichtigkeit! Geſchwind müſſen Sie noch zuvor etwas nehmen.“ „Nein, nein, wir wollen fort!“ proteſtirte er. Es half jedoch nichts; ſie eilte zur Klingelſchnur, zog dieſe. „Eile, Betſi,“ rief ſie der eintretenden Kammerzofe entgegen,„und bringe heißes Waſſer zu Thee! oder ziehen Sie Caffee vor?⸗ „Was Sie wollen.“ 3 „Wir haben bereits gefrühſtückt. Ihr Onkel mußte zeitlich nach Natchez hinein, und ich wollte mich auch nicht unbereit finden laſſen. Sie ſehen, ich bin es nicht.“ „Betſt, biſt Du da?“ rief ſie geſchäftig der ein⸗ tretenden Kammerzofe entgegen.„Nun kommen Sie, der Thee wird Ihnen gewiß gut thun. Sie hätten nicht nachtſchwärmen ſollen. Thun Sie das ja nicht mehr, verſprechen Sie es.“ —= 358 6— „Ich verſpreche es. „Wohl, dafür ſollen Sie eine Taſſe Thee haben, oder vielmehr zwei;“a verhieß ſte drollig.„Zwei müſſen Sie mir nehmen.“ „Von Ihrer Hand nehme ich Alles.“ „Auch das Böſe?“ „Selbſt Gift.“ „O, Sie find gar zu gefügig. Zu gefügig aber müſſen Sie wieder nicht ſeyn. Sind Sie es?“ „Sind Sie es 2 u „Nicht immer,“ ſprach ſie, ſchalkhaft das Köpfchen wiegend; njetzt müſſen Sie es aber ſeyn, und die Taſſe austrinken, während ich auf einen Augenblick gehe, um meine Wagentoilette zu vollenden. Ich bin den Augenblick wieder da.“. „Vergeſſen Sie mir aber nicht, den Thee auszu⸗ trinken,“ rief ſie neckend noch in der Thüre;„wollen Sie?u „Ich muß ja.“ Sie verſchwand, und er, ihr nachſtarrend, vergaß richtig Thee und Verſprechen. „Haben Sie ausgetrunken?“ fragte ſie bei ihrem Eintritte lächelnd, mit dem Finger drohend. —= 359 6— „Die Taſſe, die von Miß Murky eingeſchenkt, iſt noch immer halb voll;“ plapperte die über ſein Still⸗ ſchweigen wahrſcheinlich etwas piquante Kammerzofe. „O der ewigen Zerſtreuung!“ ſchmollte ſie;„nun trinken Sie, und zur Strafe ſollten Sie eigentlich eine dritte nehmen.“ „Wer würde ſich dieſe Strafe nicht gefallen laſſen!“ lachte er, die Taſſe leerend und ihr dann überreichend. „Ruhig!“ mahnte ſie wieder matronlich, als er mit der Taſſe zugleich ihre Hand zu erfaſſen ſtrebte. „Ruhig, ſonſt verſchütten wir, und es iſt ein böſes Vorzeichen, zu verſchütten.“ „Sind Sie abergläubiſch?“ „Wie Sie fragen!“ verſetzte ſie lachend.„In der Abtei erzogen und nicht abergläubiſch ſeyn! Alle waren wir es, wahrſagten, ließen uns wahrſagen, Thereſia, Gabriele; ſo mußte ich mich denn wohl fügen, obwohl mein proteſtantiſcher Sinn ein bischen dagegen re⸗ bellirte.“ Sie war wieder ſo muthwillig! Betſt und Marga⸗ ret, die noch an Hut und Mantel, und Halskragen und Locken ordneten, hatten Mühe, ſie ruhig zu er⸗ halten.— Mit trunkenen Blicken hing er an ihr. —:= 360 6— „Nun wollen wir aber denn doch gehen, denn Papa wird warten, und wir dürfen ihn nicht warten laſſen. Aber austrinken müſſen Sie zuvor.“ „Muß ich?“ „Thun Sie es, der Thee heitert immer auf, und Sie bedürfen der Aufheiterung, denn einigermaßen kommen Sie mir vor, als ob—“ „Als ob? u „Sie nicht ganz bei Troſte wären!“ ſpottete ſte. Der Spott war aber wieder mit einem ſo ſchalkhaft zärtlichen Blicke gewürzt, daß er aufſprang und ihr wahrſcheinlich um den Hals gefallen ſeyn würde, wenn er ſich nicht noch zu rechter Zeit beſonnen hätte. „Sie werden mich noch um den Verſtand bringen la rief er wie außer ſich. „So?“ fragte ſie mit komiſchem Ernſte;—„So? Wirkt alſo meine Nähe ſo gefahrbringend, dann ſollte ich ja billig anſtehen, Ihnen im Wagen noch näher zu kommen. Und in der That, wenn Papa Sie mir nicht zum Beſchützer auf dieſer Fahrt gegeben hätte? Er hat Sie recht gerne, Papa.“ „Und ſeine Tochter?“ „Will ſehen, in wie weit Sie ſein Vertrauen recht⸗ —= 361— fertigen. Geben Sie aber Acht, mein tapferer Gene⸗ ral! die Pferde Ihres Onkels ſcheinen mir auch zur Schwärmerei geneigt, ein bischen wild.“ Das waren ſie nun in der That, aber es verſprach auch, den Reiz der Fahrt zu erhöhen. Eine ſolche Fahrt aber iſt überhaupt ſchon geeignet, Liebende in günſtige Beziehungen zu bringen. Bereits das Er⸗ faſſen der Zügel gibt dem Manne einen gewiſſen Halt, der, ſo ſchwankend er iſt, ihn ſchon zum Bewußtſeyn deſſen bringt, was er als Gentleman ſeiner Dame ſchuldig iſt, während ſie ſich wieder, im Gefühl des Schutzbedürfniſſes, näher an ihn anſchmiegt.— Der ſechsundzwanzigjährige General beſaß aber auch den ſeltenen Takt, ihr ſeinen Schutz auf die möglichſt zarte Weiſe angedeihen zu laſſen. Er wußte nicht bloß, wie jeder Gentleman, gut— er verſtand es auch, mit Gefühl— wenn wir ſo ſagen dürfen— zu fahren, mit jener gewiſſen hinreißenden Caprice, die, gleich⸗ ſam den Impulſen eines empfänglichen Gemüthes nachgebend, da raſch den Zügel ſchießen läßt, wo all⸗ tägliche Gegenſtände das Auge beleidigen, wieder läſſig weilt, wo intereſſante Punkte vortreten. Das Cajütenbuch. II. 24 —" 362— Die Umgebung von Natchez iſt reich an Abwechſe⸗ lungen. Nun grandios, ja ſublim durch ein Bruch⸗ ſtück des hehren Urwaldes oder den zeitweilig hervor⸗ tretenden Waſſerſpiegel des majeſtätiſchen Vaters der Ströme, in der nächſten Wendung wieder idylliſch durch eine deliziöſe Villa, die in Chinabäumen und Magnolien und Orangen, und Citronenbäumen Ver⸗ ſteckens zu ſpielen ſcheint, wird ſie plötzlich proſaiſch, ja gemein durch eine Cottonpflanzung, deren meilen⸗ weite Baumwollenſtauden mit den häßlichen Einfrie⸗ digungen wie ſpaniſche Reiter in die Augen ſtarren. — Sie flogen abwechſelnd durch Gaſſen von Cotton⸗ feldern, wieder weilten ſie im Schatten eines Frag⸗ mentes der Urwälder, bewunderten hier die ſeltene Färbung einer Blüthe, eines Blattes, dort die hun⸗ dertvierzig Fuß hohe Krone eines Cottonbaumes; dann tranken ihre Blicke aus dem goldglänzenden Spiegel des Miſſiſtppi, wieder weilte ihre Phantaſte bei den Bildern der edlen Natchez, deren einſtmalige Sitze am Catharinefluſſe ſie durchfuhren. Vor einer Villa hiel⸗ ten ſie, weil ſie Aehnlichkeit mit der ihrer Freundin Gabriele, vor einer andern, weil ſie ihn an ſeinen Landſitz in Texas, den er von einem edlen Spanier an — —= 363 6G— ſich gekauft, erinnerte. Während er ihr die Pracht der Baumgruppen, die milden Lüfte Texas, Sie ihm die Herrlichkeiten der Schweiz, des ſüdlichen Frank⸗ reichs ſchilderte, verrieth ſich in jedem Worte, jeder Bemerkung die edle männliche, die zart weibliche Seele, — der ſeltenſte Einklang. Sie ſchienen ſich die Ge⸗ danken von den Lippen zu nehmen. Nun ſcherzend, plaudernd, lachend, ſtand ihnen wieder im nächſten Augenblicke eine Thräne im Auge. Wie Kinder trie⸗ ben ſie es. Spielend, wie Kinder, kamen ſie an der langen Allee von Chinabäumen an, an der ſie vorbei⸗ gefahren ſeyn würden,— ſo hatten ſie in ihrem Glücke Alles um ſich her vergeſſen,— wenn nicht der Diener, der ſie zu Pferde begleitet, vor ihr gehalten hätte. Da erſt— als ſie einfuhren— kamen ſie zu ſich. Anfangs ließ er raſch die Allee hinein traben, dann langſamer, denn ſte war ſtill geworden. Eine Thräne perlte in den ſchönen Augen, wie das väterliche Haus vortrat. Sie hatte es zwar ſchon mehrere Male ſeit ihrer Zurückkunft geſehen, und zwar während der Abweſenheit des Gaſtes ihres Vaters, der wichtiger Geſchäfte halber und um ſeinen Dienern und Gepäcke nachzuſehen, in Neworleans geweſen— die Thränen⸗ 24* —“= 364 6— konnten alſo nicht die der Ueberraſchung ſeyn. Viel⸗ leicht galten ſie einer ſüßen Erinnerung, vielleicht einer ſonſtig wehmüthigen Empfindung, die ſie aber jeden⸗ falls ſtark zu ergreifen ſchien, denn ſie kamen zahl⸗ reicher; die Blicke, mit denen ſie das Vaterhaus be⸗ trachtete, waren die einer Scheidenden. Doch er⸗ mannte ſie ſich, und den wunderlieblichen Kopf ſchüt⸗ telnd, lächelte ſie in drolliger Wehmuth: 8 „Bin ich doch eigen, mich durch den Anblick unſers alten Hauſes, das ich doch erſt kürzlich geſehen, zu Thränen hinreißen zu laſſen!“ „Aber es iſt ein liebes, liebes Haus!“ ſprach ſie leiſe und weich. „Ein liebes, liebes Haus!“ fiel er zärtlich ein. „Ich würde mit Schmerzen daraus ſcheiden!“ „Würden Sie?“ fragte er beklommen. „Gewiß! es iſt mir ſehr theuer!“ „Es iſt ein Paradies!“— Das war es nun freilich nicht, eher glich es der alt⸗ teſtamentariſchen Arche, oder auch einem ſchwediſchen oder holländiſchen Vierundſiebziger,— denn wie ein ſolcher war es aus Balken und Brettern zuſammen — 365 6— gezimmert; auch die entſprechende Länge und Breite hatte es— hundertundſechzig bei ſechzig,— Schnabel ſpitz, Stirn rund, obwohl einige Divinationsgabe dazu gehörte, die Form, oder vielmehr Unform, aus⸗ zumitteln: das Thürmchen mit der Glocke ließ gar ſo queer, und mit den weitläufigen Gallerieen, die um das ganze Haus herumliefen, und durch das vor⸗ ſpringende Dach gebildet, ſtatt der Außenwände Ja⸗ louſten hatten,— über und über mit ſeltenen Schling⸗ pflanzen verwoben, glich es wieder mehr einem enormen vegetabiliſchen Auswuchſe, denn Arche, Vierundſieb⸗ ziger, oder Herrenhauſe.— Aber lieblich mußte es ſich, trotz Bizarrerie, in dieſen Räumen wohnen, vor⸗ ausgeſetzt, daß ein wenig aufgeräumt wurde; in eini⸗ gen Gallerieen— die weſtliche und ſüdliche waren geſchloſſen— ſah es ein bischen bunt aus. Alles lag und hing, und ſtand und lief hier durcheinander, Sattel und Zäume, und Jagdtaſchen und Jagdflinten, und Sporen und Brogans, und Mäntel und Capot⸗ ten, und Waſchtiſche und Becken, und Kannen und Hängematten. In einer dieſer letzteren wiegte ſich ein Trio von Katzen, während gleich darunter ein Eidevant Champagnerkorb ſtand, in dem ein halbes —=0 366 6— Dutzend junger Hunde winſelten.— Ein Paar nobler Racepferde ſtreckte die ſchlanken Hälſe über das Ge⸗ länder der Gallerie einem Armſeſſel zu, auf dem ſich eine gewaltige Zibetkatze philoſophiſchen Betrachtungen überließ, während ein paar Schritte weiter— Jagd⸗ hunde und Hühnerhunde, und Dachshunde und Newfoundlandhunde an einer Brut ſchwarzer Wech⸗ ſelbalge herumzerrten, die nach einander über einen Raſenplatz hergeſprungen kamen, auf dem noch einige Dutzende wie Fröſche auf allen Vieren ausgeſpreitet — wahrſcheinlich zum Trocknen in der Sonne lagen, nachdem ſie zuvor ihren Reinigungsprozeß ausge⸗ ſtanden. Dieſer Prozeß ging originell genug vor einer der größeren Hütten, die vermuthlich zum Spital diente, vor ſich. Vor der Hütte ſtanden zwei bejahrte Negerinnen, von denen die erſte, mit Bürſte bewaffnet, einen der ſchwarzen Schreihälſe nach dem andern aus dem Fenſter heraus holte und in die ihr zur Seite ſtehende Badewanne ganz wie ein Ferkel eintauchte, und nachdem ſie ihn tüchtig durchgerieben, an die zweite abtrat, die ihm denſelben Liebesdienſt mit einer Wolldecke anthat, worauf ſie ihn dann zum gänz⸗ lichen Abtrocknen in der Sonne auf den Raſen hin⸗ —= 367 6— breitete, von dem er ſchließlich in das Wollröckchen befördert wurde. Weiter zurück lagen die Wirthſchaftsgebäude, und an dieſe ſchloß ſich das in einem Walde von China⸗ bäumen begrabene Negerdorf an, das ſo ruhig da lag, daß es ſich bloß durch die bläulichen Rauchſäu⸗ len, die durch die blühenden Bäume emporkräuſelten, verrieth; aber ungemein lieblich ließ ſich aus den da⸗ hinter liegenden Cottonfeldern ein fröhlicher Geſang hören, deſſen munterer Schwung an die Matroſen mahnte, wenn ſie wohlgemuth die Anker lichten.— Das Ganze bot ein eigenthümliches Gemälde dar, bei dem offenbar ſeemänniſche Disziplin, vielleicht auch Laune, den Pinſel geführt haben mußte; aber neben den harten Strichen zogen ſich wieder ſo weiche, milde Züge durch das Gemälde hin, der Grundton erſchien ſo patriarchaliſch väterlich, daß man um keinen Preis einen Pinſelſtrich daraus vermißt haben würde!— „Ja, es iſt ein Paradies!“ rief in ſtillem Entzücken der General, der nun mit der reizenden Gebieterin vor dem Raſenplatze angekommen.„Es iſt weit mehr —= 368 6— Paradies, als das Uncle Duncans, es hat etwas ſo altteſtamentariſch Patriarchaliſches!“ „Es iſt natürlich,“ verſetzte ruhig Miß Murky, nund das ſpricht das Gemüth an. Es iſt wunder⸗ bar,“ fuhr ſie bewegter fort,„welch ein offenes, helles Auge Papa für das Natürliche, Wahre hat. Alles Unnatürliche, Unwahre widerſteht ihm.“ „Das iſt immer ſo bei wahrhaft edlen Menſchen. Dieſer Sinn unterſcheidet ſie von den herzloſen, die ſich jeder Form anſchmiegen.“— „Papa kann das nicht, und deßhalb ſteht er auch ſo einſam.“ „Nennen Sie das einſam ſtehen, Miß Murky, ge⸗ liebt zu ſeyn wie er? u „Er iſt innig geliebt von ſo Vielen, geachtet, ja verehrt von Mehreren, aber doch ſteht er einſam; a verſetzte ſie ſinnend. „Wiſſen Sie, Miß Murky,“ fiel er, der Unterhal⸗ tung zart eine andere Wendung gebend, ein,„was ich jetzt wünſchte?“ „Was? „Daß einige unſerer abolitioniſtiſchen franzöſiſchen — o 369— Freunde da wären, dieſes herrliche, patriarchaliſche Gemälde zu ſehen.“ „Warum?“ „Sie würden von ihren antiſklaviſchen, ich möchte ſagen antiſocialen Ideen zurückkommen.— Wie oft wurde mir nicht die Sklaverei, die empörende Behand⸗ lung unſerer Sklaven vorgeworfen!“ „Ich habe nie einen ſolchen Vorwurf gehört,“ ver⸗ ſetzte wieder ruhig Sie,„aber wenn ich auch hätte, er würde mich kaum bewogen haben, mir über dieſen Punkt den Kopf zu zerbrechen. Wir haben ſie ein⸗ mal, dieſe Sklaverei, und ſelbſt wenn ſie ein Uebel wäre, würde ich eher zu verſöhnen, zu vermitteln, als dagegen zu kämpfen ſuchen.“— Er ſchaute ſie erwartend an. „Uns Weibern ſteht das Ankämpfen gegen bürger⸗ liche oder politiſche Verhältniſſe nicht wohl an, unſere Rolle iſt eine verſöhnende.“ „Sie haben Recht!“ verſetzte er. Der Wagen hielt nun. Der General ſprang aus, und half ihr abſteigen. In dem Augenblicke gingen die Jalouſten der ſüdlichen Gallerie auf, und Kapitän — 370 6— Murky trat heraus. Wie die beiden Liebenden ihm entgegen eilten, die dargebotene Hand erfaßten, weil⸗ ten ſeine Blicke forſchend auf ihr. Die Spuren der Thränen waren nicht ganz verwiſcht. „Alexandrine!“ ſprach er in liebevollem, beſorgtem Tone. „Vater!“ erwiederte ſte etwas betroffen. Der Vater ſchaute noch einen Augenblick Sie, dann den General an. Die innige Harmonie, die zwiſchen Beiden aufleuchtete, ſchien ihn wieder zu beruhigen. „Meine theure Alexandrine! fühlſt Du ganz wohl — glücklich?⸗ „Ganz wohl und glücklich!“ verſetzte ſie, und aber⸗ mals perlte ihr eine Thräne aus den Augen. „Und Sie, General?“ Der General erfaßte die Hand des Kapitäns und drückte ſte an die Lippen. „Eigentlich, mein lieber General,“ ſprach nach einer kurzen Pauſe der Kapitän,„ſollte ich Sie ein bischen ausſchelten, wegen Ihrer geſtrigen oder heu⸗ tigen Deſertion.“ „Ich habe es ſchon gethan, Papa!“ — 371 6— Und ſie lächelte, während die Thräne noch perlte, entzückt den Vater, wieder den General an. „Du haſt recht gethan, Alexandrine! und mir die Mühe erſpart. Du weißt, ich thue es nicht gerne. Aber laſſen Sie ſich es geſagt ſeyn, thun Sie es nicht ein zweites Mal, unſere Nachtluft läßt nicht mit ſich ſcherzen.“ „Ich will es nicht mehr thun.“ Er nickte freundlich, und Arm in Arm gingen ſie der Gallerie zu, deren ſämmtliche Jalouſien mittlerweile aufgerollt waren. Dieſe bot freilich einen ganz andern Anblick dar, als die weſtliche und nördliche. Zwar war auch hierin noch nicht Alles in Ordnung; Blumentöpfe und Ot⸗ tomanen und Seſſel ſtanden noch nicht an ihrem rechten Platze, konnten aber leicht darauf gebracht werden. „Ich habe die Anordnung dieſer Gallerie ganz Dir überlaſſen wollen, ſo wie des Drawing room,“ hob wieder der Kapitän an.„Da hat Dir Freund Dun⸗ can die Anfänge zu einem kleinen Konſervatorium geſendet,“ fuhr er fort, auf mehrere Reihen von ſel⸗ tenen Pflanzen und Blumen in zierlichen Fayence⸗ töpfen deutend.„Biſt Du nicht froh?“ — 372 6— Sie hatte aber bereits die holden Kinder Floras begrüßt, war von Blume zu Blume geeilt. „Er iſt ein lieber, lieber Mann!“ rief ſte. „Ein ſehr guter Gedanke!“ fiel der General ein. „Das ſoll nun meine erſte Unterhaltung ſeyn,“ rief wieder Sie,„die Blumen und Pflanzen zu ordnen.“ „Darf ich helfen?“ fragte eifrig der General. „Wir wollen ſie zuſammen ordnen;“ beruhigte ſte ihn. „Zuvor mußt Du aber noch das Drawing room ſehen. Es ſind Leute da, die auf Deine Befehle harren.“ „Auf meine?“ rief ſie verwundert. „Auf weſſen ſonſt? Biſt Du nicht die Frau vom Hauſe, die Herrin, der wir uns alle fügen müſſen?“ „Wie Du nur ſo ſagen kannſt, Papa?⸗ „Ganz im Ernſte, Alexandrine! ſag' ich's, ganz im Ernſte!“ verſtcherte der Papa.„Aber jetzt, liebes Kind! ſchau einen Augenblick hinüber; auch in Dei⸗ nem Schlafkabinette iſt noch ein und das andere zu ordnen, und, wie geſagt, im Drawing room warten die Leute auf Dich.“ „Willſt Du nicht mitkommen, Papa, mich mit Deinem Rathe zu unterſtützen?“ —=373 6— „General Morſe wird ſo gut ſeyn,“ verſetzte freund⸗ lich der Vater;„ich will unterdeſſen in die Apotheke, um für Joſepha eine Arznei zu bereiten.*) Sie iſt krank.“ „Wie, die arme Joſepha krank?“ „Seit vorgeſtern,“ verſetzte der Vater; ves geht ihr aber beſſer, ich war ſo eben bei ihr. Ich wollte Dir geſtern nichts davon ſagen, ſte war ſchlimm daran. Ich würde ſie ſehr ungerne verlieren.“ „Darf ich mit Dir, ſie zu beſuchen?“ „Wenn Du willſt.“ „Und ich auch?a fragte der General. „Wenn Sie wollen.“ *) In der Regel haben Pflanzungen nicht nur Hausapo⸗ theken, ſondern die größern auch eigene Aerzte. Von den weniger bedeutenden vereinigen ſich gewöhnlich mehrere, um einen Arzt ausſchließlich für ſich und ihre Sklaven zu unterhalten. Daſſelbe iſt der Fall mit Predigern. Auf jeder größeren Pflanzung be⸗ findet ſich eine Hauskapelle, in der der Hausgottesdienſt gehalten wird. Wenn kein Prediger da iſt, verrichtet der Hausherr, im Fall er Mitglied der Episcopalkirche iſt, den Gottesdienſt. Auf den Pflanzungen, die ſich in der Nähe einer Stadt befinden, er⸗ halten die Neger an Sonntagen ihre Päſſe, um den Gottesdienſt in der Stadt zu beſuchen. Häufig tritt der Fall ein, daß Prediger zehn und zwanzig Meilen herbeigeſchafft werden, um die Leichen⸗ predigt für einen abgeſchiedenen Schwarzen zu halten. —= 374— Und während nun der Kaptän in die Hausapotheke ging, eilten die Beiden dem Drawing room zu. Zu⸗ vor warf ſie aber noch einen Blick in ihr Schlafkabinet, in das er jedoch, obwohl es an die Gallerie anſtieß, nicht zugelaſſen wurde. Dafür wies ſte ihn ins Dra- wing room, welches zwar urſprünglich ziemlich cajü⸗ tenmäßig ausgeſehen haben mußte, denn die Wände waren mit Louiſtana⸗Kirſchholze, die Dielen mit andern einheimiſchen Holzarten parquetirt, was aller⸗ dings ein etwas ſchweres, nordiſches Ausſehen ver⸗ lieh; aber ein Paar in die Balkenwände neu einge⸗ ſchnittene Flügelthüren, die in die Gallerie hinaus⸗ führten, verſprachen dieſem Uebelſtande recht gefällig abzuhelfen. Sie waren von ihr angegeben worden, und ſie war recht begierig, zu ſehen, wie ſich die be⸗ reits eingeſetzten Thürpfoſten ausnehmen würden.— Aber während ſie einen Blick in ihr Cabinet gewor⸗ fen, hatten Phelim und die ganze Schaar ſchwarzer und weißer Angehörigen ihre Anweſenheit ausge⸗ mittelt, und Alle kamen geſprungen, um die theure Miſſus zu ſehen. Phelim tanzte mit einem Rund⸗ ſprunge auf ſie zu, die Andern erfaßten— da er ihre beiden Hände bereits in Beſitz hatte,— ſie am — 0 375 G— Kleide, um dieſes wenigſtens zu küſſen. Es war ein Jubel, ein Frohlocken, dem man es wohl anſah, daß er aus dem Herzen kam. Sie wies keine der Huldi⸗ gungen, ſo ungeſtüm ſie auch waren, zurück, empfing alle mit hinreißender Güte; und doch war wieder etwas ſo wahrhaft Ladymäßiges in dieſer Güte, daß Schwarze und Weiße allmälig wieder zu ſich kamen, ja der rothnaſige Phelim dem General bei Jaſus und bei St. Patrick zuſchwor, ſie ſey die erſte Lady, und keine zweite gäbe es, weder in Irland, noch anderswo, und wer es nicht glaube, der ſolle— v—t ſeyn. Und jetzt wandte ſie ſich wieder, um den Arbeitern nachzuſehen, hier Winke zu geben, dort Zufriedenheit auszudrücken! Gerade hielt ſte mit ihrem Begleiter vor dem Fenſtergeſimſe, als der Kaptän eintrat. „Papa!“ rief ſie lebhaft,„höre nur, Du weißt, dieſe Arabesken hier wollte ich vergoldet haben, und ſtehe, wie jetzt der General einen Blick auf ſie wirft, findet er, daß ſte vergoldet ſeyn müſſen. Iſt das nicht artig 2 „Sehr artig!“ verſetzte gemüthlich der Kaptän. „Aber jetzt wollen wir zu Joſephen, wenn Ihr es zufrieden ſeyd.“ —=0 376 6— „Gewiß!“ fielen die Beiden ein. „Bei Jaſus! einen Augenblick Geduld, Hinnies!“ ſchrie hier Phelim;„Phöbe und Pſyche haben Kin⸗ derwäſche, will nur zuvor ſehen, ob ſie fertig ſind.“ „Sey ſo gut!“ ermunterte ſie ihn. Er ſprang fort, kam aber ſogleich mit der Nachricht zurück, daß ſte fertig, und der Weg nun offen ſey. Das Negerdorf war ein anderer reizender Zug in dieſem ſüdlichen Gemälde— der Hintergrund gleich⸗ ſam, der aber dem Vordergrunde erſt ſeine eigen⸗ thümlich patriarchaliſche Betonung verlieh. Es be⸗ ſtand aus zwei Reihen von Hütten; jede dieſer Hütten hatte einen Chinabaum vor der Thür, in deſſen Doppelgrün*) das Häuschen wie begraben lag. Die meiſten hatten, ſo wie das Herrenhaus, kleine Gal⸗ lerien, auf denen hie und da die Patriarchen des ſchwarzen Völkchens ſaßen, ihren bacca rauchend, *) Der Pride of China hat ein doppeltes Grün, ein lichtes und ein dunkles. Die Blätter, die ſich in Geſtalt winziger Pa⸗ raſole an den Zweigen anſetzen, wachſen nämlich den ganzen Sommer hindurch nach, und geben ſo dem ohnedem herrlichen Baunme eine eigenthümliche Friſche. — — 377 6— während die Mütterchen, ihnen vorplappernd, Ge⸗ müſe putzten, oder ſonſtige leichte Arbeiten verrichteten. So wie aber die Drei, gefolgt von Phelim und ſämmt⸗ lichen Kindern, am Eingange des Dorfes anlangten, erhoben ſich auch alle die Uncles und Aunties,*) warfen Pfeifen und Gemüſe weg, und brachen auf, um den lieben Maſſa und Miſſus zu begrüßen. Es war wirklich rührend zu ſchauen, mit welcher Haſt, welchem liebenden Verlangen die achtzig⸗ und neunzigjährigen Alten herbeitrippelten, und mit welcher Güte, Zärtlichkeit ſie alle empfing, dieſen ſtreichelte, jenen beſchenkte, einen Dritten tröſtete, einer Vierten abzuhelfen verſprach. Der Kaptän ſchien ganz ver⸗ geſſen, Keiner und Keine beachtete ihn. Sie ließen ihn ungehindert der Hütte Joſephens zugehen, in der er ſchon eine geraume Weile war, ehe Alexandrine ihn vermißte. Jetzt eilte ſie ihm mit ihrem Schatten, dem General, nach. *) Die Schwarzen beiderlei Geſchlechts unter vierzig Jahren werden durchgängig in den vereinten Staaten Boys, oder Girls, Buven, Mädchen, die Alten wieder Aunties, Uncles, Tantchen, Onkelchen angeredet, eine Anrede, die immer im zärtlich liebe⸗ vollen Tone gegeben und angenommen wird. Das Cajütenbuch. II. 2⁵ —= 378 6— Wie ſie in die Thüre eintrat, kreiſchte auch die Kranke vor Freude auf, und wollte ihre theure Miſſus, nur die theure Miſſus, die ſte als Kind gewiegt, auf den Armen getragen, nochmals in die Arme ſchließen. Man hat im Norden keinen Begriff von der Liebe und Zärtlichkeit, mit der unſere Schwarzen an ihren Herren und Frauen, dieſe wieder an ihren Angehöri⸗ gen hängen; es iſt wohl das liebevollſte Band, das Abhängige und Unabhängige heut zu Tage umſchließt, denn es iſt von Kindheit an in die Naturen eingewo⸗ ben. Hier allein herrſcht noch etwas von jenem alt⸗ teſtamentariſchen Verhältniſſe, das leider heut zu Tage verſchwunden, nur in den Lettern der heiligen Bücher noch— erſcheint. Der junge General fühlte ſo bewegt, daß er es nicht länger auszuhalten vermochte. Thränen kamen ihm in die Augen, er trat erſchüttert zurück, eilte, Thränen und ſich zu verbergen. Hinter der Hütte erhob ſich ſchützend eine pride of China, ihr blüthenreiches Gezweige über das Dach hinbreitend. Auf die Bank, die unter dem Baume angebracht war, warf er ſich hin, um über die Szenen —= 379— der letzten zwei Tage, ſein unſägliches Glück, den un⸗ endlichen Reichthum ihrer Güte, Milde, und was wir milk of human kindness nennen, ungeſtört Freuden⸗ thränen Lauf zu laſſen. Er wußte ſich nicht mehr zu faſſen, er mußte ſeinem vor Freude und Wehmuth gepreßten Herzen Luft machen. Er hielt ſich beide Hände vor das Geſicht, um ungehindert ausweinen zu können. Eine zarte dritte zog ihm dieſe weg. Sie, in ihrem ſchönſten Liebreize— Engel und Grazie zugleich, ſtand vor ihm, ſah ihn zärtlich an, ſprach aber nicht; nur ſchlug ihr Buſen bewegter. Unwillkürlich glitt er von der Bank herab auf die Kniee, die er umfaßte; aber eine Weile vermochte er kein Wort hervorzubringen. „Alexandrine!“ ſchluchzte er endlich;„Alexandrine! Herrliche! Engelgleiche! ich kann es nicht länger ver⸗ bergen, ich muß reden, es würde mich erwürgen. Seit ich Sie zum erſten Male in Paris ſah, ſeit dieſer Zeit öffneten ſich mir die Thore des Paradieſes.“ Sie ſprach nicht. „Ich liebe, ich liebte Sie beim erſten Anblick, jetzt, 25* jetzt bete ich Sie an. Ich kann nicht ohne Sie leben. Ich bin Ihrer nicht würdig, ich weiß es; aber, ſo helfe mir Gott! ich kann nicht ohne Sie ſeyn.“ Sie ließ ſich auf der Bank ihm zur Seite nieder, ſprach aber noch immer nicht, nur der Buſen hob ſich ſtärker. „Sie reden nicht? Sie ſchweigen? Sie verſtoßen mich?“ ſchluchzte er.„Hat Sie mein kühnes Ge⸗ ſtändniß beleidigt?“ Er ergriff die Hand, preßte ſie an die Lippen.— Wie er ſte ſo preßte, fühlte er den leiſen Wiederdruck. „Alexandrine!“ rief er plötzlich mit leuchtenden Augen. Sie ſchwieg noch immer; aber jetzt kam eine Thräne, eine zweite— dritte; der Engelskopf ſenkte ſich ihm auf Nacken und Bruſt. Er umſchlang ſie, wagten ſes, einen Kuß auf die Korallenlippen zu drücken. Sie hatte die Augen geſchloſſen, er fühlte aber den erwiedernden Druck der Lippen. Jetzt ſprang er auf, an ihre Seite. „Alexandrine!“ flehte er;„Alexandrine!“ „Edward!" verſetzte ſte. —= 381— „Wollen Sie, wollen Sie,“ flehte er,„mein ſeyn?“ „Dein ſeyn!“ flüſterte ſie. Eine Weile ſaßen ſie ſprachlos, im Gefühle ihres Glückes ſchauten ſie einander mit trunkenen, ſchwim⸗ menden Blicken an; dann erhoben ſie ſich, um den Vater zu ſuchen. Vas Paradies der Liebe. Und wie ſie ſich nun ſo eilig, haſtig um die Hütte herum der Thür zuzogen, und vor dieſer wieder wie zagend hielten, und mit klopfendem Herzen die Klinke zugleich erfaßten und dann wieder fahren ließen, und die Blicke ſcheu zur Erde ſenkten, dann abermals die Hände hoben und an den Drücker legten, wogte ihr der Buſen, zitterten ihm alle Glieder ſo fieberiſch! Sie waren zu ſchauen wie zwei Kinder, die ſo eben von einer verpönten Näſcherei verſcheucht, der Strafe entgegen rennen. Jetzt aber dem Impulſe, der ſie getrieben, nachge⸗ bend, legten ſie nochmals die Finger an die Klinke, drückten dieſe und die Thür auf, ſchauten in die Stube — 0 382— hinein. Kein Vater, kein Kaptän Murky war mehr da, die alte Joſepha ſchlummerte ruhig. Wie erleichtert ſchöpften ſte zugleich Athem, ſchau⸗ ten einander an, ihre Hände verſchlangen ſich.— „Edward!“ liſpelte ſie,„ſteh nur, wie Du jetzt wieder glühſt und wie bleich Du zuvor warſt*).⸗ „Und gerade ſo war es mit Dir, theure Alexandrinelu „Weißt Du?« liſpelte Alerandrine, nich fürchtete, in dieſem Augenblick Papa zu ſprechen.“ „Und ſo ich;“ verſetzte er. *) Es iſt wohl kaum nöthig, zu bemerken„daß der Genius der engliſchen Sprache kein Du oder Sie zuläßt, und daß der Verfaſſer, wenn er ſeine Perſonen ſich mit Du oder Sie anreden läßt, bloß dem der deutſchen Sprachweiſe huldigt.— Uebrigens weiß wieder jeder mit der engliſchen Sprache Vertraute, das heißt Gebildete,— und bloß Gebildeten ſind dieſe Bücher ver⸗ ſtändlich, den Ungebildeten oder Halbgebildeten werden ſie ſchwer⸗ lich befriedigen,— daß der Amerikaner ſo wie Britte in ſeine Abbreviaturen ſowohl als ſeine Sprachweiſe wieder einen Ton zu legen verſteht, der das Zutrauliche, Zärtliche, und wieder Ge⸗ meſſene oder Derbe eben ſo gut auszudrücken vermag, als das deutſche Du oder Sie. Hier ein Beiſpiel. So klingt es ganz anders, wenn man ſagt: you shall not do that— und ye s-hant do that, oder you shall not— und ye s'hant. Aus dem Er⸗ ſteren klingt gemeſſener Befehl heraus, aus dem Letzteren trau⸗ licher Scherz. — — 383 6— „Aber warum?“ fragte ſie naiv;„Papa iſt doch ſo gut, er liebt uns Beide ſo ſehr.“ „Glaubſt Du, Alexandrine?“ „O gewiß!“ „Ich weiß mich nicht zu faſſen, ich fühle wie im Traume. Zuweilen kommt es mir vor, als ob mein Glück noch immer nicht möglich, als ob das Ganze ein bloßer Traum wäre. 4 „Und ganz ſo fühle ich. Sieh nur, ich zittere an allen Gliedern.“ „Und ſo thue ich.“ „Was iſt das?“ fragte ſie naiv. „Liebe, Süße!“ „Es muß wohl Liebe ſeyn,“ ſprach ſie leiſe und verſchämt die Augen zu Boden ſchlagend, ndenn ich fühlte ſo nie zuvor.“ „Ah, Du liebteſt aber auch nicht wie ich. Seit ich Dich zuerſt ſah, war die Welt für mich keine Welt mehr, Du warſt mir die Welt. Sinne, Verſtand, Herz,— Alles war hin. Blind verließ ich Paris; ich ſah nichts, hörte nichts, dachte an nichts, als Dich.“— „Und ſo that ich, ich dachte an nichts, als— —" 384 6— „Dich.4— „Dich.“— „Aber ich liebte doch mehr!“ rief er zärtlich. „Nein, ich liebte mehr!“ wieder ſie. Und jetzt ſtritten ſte, wer mehr liebte, und er und wieder Sie wollte mehr geliebt haben, und er wies ihr nach, wie er mehr geliebt, und ſte wieder hörte ihn ſo entzückt an. „Mein Edward!“liſpelte ſie mt ihrer ſüßen Glocken⸗ ſtimme, die Augen verſchämt zu ihm aufſchlagend. „Meine Alexandrine!“ 4 „Ich fühle ſo glücklich! ſo glücklich! ich kann es nicht ausſprechen.“ „Und ſo kann ich nicht. Ich fühle, als ob das Herz mir zerſpringen müßte. Es droht mir zu zer⸗ ſpringen.“ „Gerade ſo iſt's mir; a liſpelte ſie wieder. „Ah, weißt Du noch, wie Du im Salon General Caß's neben dem beſternten Edelmanne ſtandeſt?“ „Es war der Marquis Mont Briſſac, der Vater Gabrielens; Du ſielſt ihm auf. Er fragte mich nach⸗ her, wer der ausgezeichnete junge Mann wäre. Und weißt Du, daß ich ihn recht lieb dafür hatte?" —= 385 6— „Ja, aber weißt Du, daß ich ſehr eiferſüchtig auf ihn war?“ verſetzte er wieder;„er ließ Dich ſo gar nicht aus den Augen.“ 3 „Natürlich, er war mein Cavalier, denn Marigny konnte nicht kommen.“ „Ja, aber er folgte Dir ſo ängſtlich auf allen Schritten.“ „That er's?“ lächelte ſte; vich bemerkte es nicht. Ich ſah nur die Comteſſe, die Dich ſo gar nicht aus den Augen ließ.“ „That ſte? Ich bemerkte es nicht, aber Marigny, der junge Marigny— o, ich war doch ſo wüthend auf ihn.“ „Warſt Du?“ lachte ſte wieder.„Der gute Ma⸗ rigny! Er iſt ſo furchtſam, ſeinen eigenen Schatten fürchtet er. Jede Welle, die über Bord ſchlug, machte ihn erbleichen. Er iſt doch gar zu furchtſam. Weißt Du, ich liebe Muth am Manne.“ „Und ich Zartheit am Werbe. Wer gleicht aber Dir an Zartheit, Schönheit, Seelengüte? Aber weißt Du, ich habe ſie recht gerne, dieſe altadeligen Franzoſen.“ —=o 386 6— „Auch ich,“ ſiel ſie ein,„und das iſt doch ſeltſam, ſie ſind doch ſo ſtreng royaliſtiſch.“ „Und wir ſtreng republikaniſch; aber die Extreme berühren ſich immer am liebſten.“ Und ohne es zu wiſſen, ſaßen ſie nun wieder auf „der heimlichen Holzbank hinter der Hütte unter dem Chinabaume. Redbirds und Mockingbirds jubelten oben in den Blüthen, aber ſie hörten ſie nicht, ſahen ſte nicht. Sie hatten nur Augen, Ohren für einander. „Alexandrine!“ hob er wieder an,„ich liebe Dich, liebe Dich ſo unendlich, ſo unſäglich.“ „Ah, Du kannſt nicht mehr lieben als ich;“ ver⸗ ſetzte ſie zärtlich. „Ja wohl! ja wohl!“ „Ja nein! ja nein!“ bejahte und verneinte ſie wieder. Und ſo ſtritten ſte ſich, wer mehr liebte, und ſagten ſich's zehn Mal, zwanzig Mal, fünfzig Mal. Jedes Mal hörten ſie es mit neuem Entzücken. Sie wur⸗ den zuletzt ſo muthwillig, ſie küßten ſich die Hände, die Fingerſpitzen. Er pries die Schönheit ihrer Hände, iſie wollte die ſeinigen ſchöner finden. Er verglich — b 387 6— ihre Augen mit dem tiefblauen Himmel, ſte die ſeini⸗ gen mit dem zarten Dufte des indianiſchen Sommers.— Sie ſprangen auf, um Papa zu ſuchen, vergaßen aber unter lauter Getändel den lieben Papa.— Sie waren durch das Negerdorf gegangen, ſte wußten es nicht,— vor dem Quartiere— wie das Herrenhaus genannt wird— vorbei gekommen, auch das wußten ſie nicht,— in den Garten getreten, den ſahen ſie nicht, denn er war, die Wahrheit zu geſtehen, mehr Wildniß als Garten; Phelim, unter deſſen Aufſicht er ſtand, hatte in einige der ſchönſten Parterres ſeine geliebten iriſchen Kartoffeln gepflanzt. Doch gab es noch einige ſchöne Partieen, ein Wäldchen von Oran⸗ gen⸗ und Citronenbäumen, Grotten mit Raſenbänken und andern Bänken. Auf eine derſelben ſetzten ſie ſich, um ſich abermals und abermals zu ſagen, wie unendlich ſie ſich liebten, und dann tanzten ſte wieder zugleich auf, um Blumen zu pflücken und ſich zu be⸗ ſchenken, und als er die Roſe, die ſie ihm den Tag zuvor geſchenkt, aus ſeinem Buſen und dem grünen Seidenpapier zog, in dem er ſie aufbewahrt, haſchte ſie darnach, und bat ihn, die verwelkte doch wegzu⸗ werfen; er aber verſicherte ſte, daß ſie, ſo lange er — 388— lebe, nicht von ſeinem Herzen kommen, in Gold ge⸗ faßt, zunächſt dieſem ihren Platz haben ſollte. Und ſte hüpfte nun wieder zu einem der Blumenbeete, und pflückte ihm einen Strauß, und er ihr einen, und dann ſetzten ſie ſich, und ſie bekränzte ihn, und er ſie. — Und während ſte ſich ſo bekränzten, mußte er ihr wieder erzählen aus ſeinem Leben, ſich ausfragen laſſen,— Liebe iſt argwöhniſch,— und darüber ver⸗ ging eine Stunde,— und eine zweite— dritte;— die Mittagsglocke läutete, ſie hörten ſte aber nicht, der Vater ſtand ihnen zur Seite, ſie ſahen ihn nicht.— 1 Auf ein Mal verfiel ſie in ein tiefes Sinnen. „Weißt Du, Edward!“ rief ſie plötzlich lebhaft, „heute kann ich nicht ins Paradies hinauf, unmöglich. — Ich weiß nicht, aber heute könnte ich Deinem ſpot⸗ tenden Onkel nicht unter das Auge treten. Du mußt heute allein hinauf, theurer Edward! ich kann nicht, ich muß mich faſſen; das Glück iſt zu groß!“ „Zu groß!“ rief er wie berauſcht;„aber warum muß ich,“ ſeine Stimme zitterte;„warum muß ich Dich verlaſſen?“ „O, Du mußt, thue es, ſüßer Edward!“ bat ſte, 2 — 0 389— ihn mit ihren ſchönſten Blumen bekränzend;„thue es. Ich will, ich muß mit Papa reden, mich ihm offenbaren, an ſeinem Buſen meine Freudenthränen weinen.“ „Aber wir wollten es ja zuſammen thun, wir wollten es ja ſchon thun.“ „Ja, aber weißt Du, ich war doch— ich fühlte ſo— ſo.— Es war doch gut, daß er nicht in Jo⸗ ſephens Hütte war; aber jetzt müſſen wir gleich zu ihm.“— „Gleich wollen wir!“ rief er etwas langſamer; aber wie er ſo rief, hielt er ſte wieder mit beiden Ar⸗ men umſchlungen, ließ ſie nicht vom Platze. „Wir müſſen, Edward! zu Papa; ſieh, der Papa iſt ſo wohlwollend, gut!“— „Gott ſegne ihn!“ ſprach gerührt Edward. „Gott ſegne ihn!“ fiel ſie ein. „Gott ſegne ihn!“ riefen ſte Beide, die Hände faltend. „Gott ſegne auch Euch, Kinder!“ ſprach hier mit einer Thräne im Auge der Papa;„Gott ſegne Euch und beſchütze Euch! Und liebt Euch, und bleibt Euch getreu!“— „Vater!“ riefen die Beiden zugleich, ſich vor dem Vater auf die Kniee werfend. „Kinder! rief der Vater, die Hände auf ſie legend, „Gott ſegne Euch, und liebt Euch, wie er alle ſeine Kinder liebt, und bleibt ſolche Kinder!“ Die Kinder ſchluchzten, der Vater hob ſie zu ſich empor, drückte ſie an ſeine Bruſt.— Weder heute, noch den folgenden Tag gingen ſie ins Paradies zurück; die Cajüte war ihnen zum Pa⸗ radieſe geworden. Druc der J. B. Metzler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. —————— „ 3 e —ͤͤͤͤͤſ“.* 1 2 8 4 5 L